Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 4 den angenommen. 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl eträgt: für möochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 7. ¹. Oflensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ · 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Es haben Wort'⸗ und Zeichen Macht Ueber Geiſter in der Sternennacht; Doch moͤcht' ich kaum ihr Wagniß loben, Die ſolch⸗ gefährliche Kunſt erproben. Lied des letzten Minſtrel. Mit Stahlſtich. —=r o Stuttgart. Hoffmann'ſche Verlags⸗Bu chhandlung. 1851. Einleitung. Der Roman Waverley fand im Anfange, wie natürlich, nur langſam Eingang beim Publikum, erfreute ſich jedoch ſpäter einer ſo ſteigenden Theilnahme, daß ſich der Verfaſſer dadurch zu einem zweiten Verſuch aufgemuntert fühlte. Er ſah ſich nach einem Na⸗ men und einem Gegenſtand um,— und die Art und Weiſe, auf welche die Erzahlung entſtand, läßt ſich nicht beſſer erläutern, als durch Anführung der einfachen Geſchichte, auf welche ſich Guy Mannering urſprünglich gründet, mit welcher das Werk jedoch bei der weitern Ausarbeitung keine, auch nicht die entfernteſte Aehn⸗ lichkeit behalten hat. Die Geſchichte wurde mir zuerſt von einem alten Diener meines Vaters, einem trefflichen alten Hochländer, erzählt, der keinen Fehler hatte, außer daß er dem„Bergthau“ (Schnaps) den Vorzug vor allen minder kräftigen Flüſſigkeiten ein⸗ räumte. Er glaubte ſo feſt an die Geſchichte, wie an ſeine Glau⸗ bensartikel. Ein Mann von ernſtem und ältlichem Anſehn wurde,—(ſo erzählte der alte John Mac⸗Kinlay,) auf einer Reiſe in den wil⸗ dern Theilen von Galloway, von der Nacht überfallen. Mühſam Guy Mannering. I. 1. fand er den Weg nach einem Landſitze, wo man ihn mit all der Gaſtfreundlichkeit jener Zeit und Gegend bereitwillig aufnahm. Der Beſitzer des Hauſes, ein wohlhabender Gentleman, ward durch das achtunggebietende Aeußere ſeines Gaſtes in Verlegenheit geſetzt — 5 und entſchuldigte bei demſelben einen Grad von Verwirrung, der ſeine Aufnahme leider begleiten mußte und nicht beſeitigt werden konnte. Die Frau vom Hauſe war, wie er ſagte, auf ihr Zimmer gebannt und im Begriff, ihren Gemahl zum erſtenmal zum Vater zu machen, obwohl ſie bereits ſeit zehn Jahren verheirathet waren. Dieſes Umſtands wegen, ſagte der Laird, fürchte er, ſein Gaſt werde ſich ſcheinbar vernachläſſigt finden. „Keineswegs Sir,“ ſagte der Fremde;„meine wenigen Be⸗ dürfniſſe ſind leicht befriedigt, und ich glaube ſogar, die gegen⸗ wärtigen Umſtände werden mir Gelegenheit geben, Ihnen meine Dankbarkeit für Ihre Gaſtfreundſchaft zu bezeigen. Erlauben Sie mir nur die Bitte, daß mir genau die Minute der Geburt ge⸗ nannt werde; dann hoffe ich im Stande zu ſein, Sie von einigen 8 beſondern Umſtänden in Kenntniß zu ſetzen, welche in hohem Grade auf das künftige Schickſal des Kindes Einfluß haben dürften, wel⸗ 8 ches jetzt in dieſe geſchäftige und wechſelvolle Welt kommen ſoll. Ich will Ihnen nicht verbergen, daß ich die Bewegungen jener Himmelskörper zu deuten verſtehe, die auf das Geſchick der Sterb⸗ lichen ihren Einfluß üben. Es iſt dies eine Wiſſenſchaft, die ich nicht, gleich andern, die ſich Aſtrologen nennen, des Lohnes oder Gewinns wegen übe; denn ich habe ein hinreichendes Vermögen und wende die Kenntniß, die ich beſitze, nur zum Beſten derjenigen an, für die ich mich intereſſire.“ Der Laird verbeugte ſich achtungs⸗ voll und dankbar, und dem Fremden ward ein Zimmer überlaſſen, welches eine weite Ausſicht auf die Sternenregionen gewährte. Der Gaſt brachte einen Theil der Nacht damit zu, ſich von der Stellung der Himmelskörper zu verſichern und ihren wahrſchein⸗ — ————— lichen Einfluß zu berechnen; endlich veranlaßte ihn das Reſultat ſeiner Beobachtungen, den Vater zu rufen und dieſen aufs Feier⸗ lichſte zu beſchwören, er möchte durch die Hilfeleiſtenden die Ge⸗ burt, wenn es irgend möglich, verzögern laſſen und wär' es auch nur um fünf Minuten. Die Antwort erklärte dies für unmöglich, und faſt im nämlichen Augenblicke, als dies berichtet ward, wurde auch der Vater und ſein Gaſt mit der Geburt eines Knaben bekannt gemacht. Der Aſtrolog fand ſich am Morgen bei der Geſellſchaft ein, die zum Frühſtück beiſammen war, und ſeine Blicke waren ſo ernſt und unheilverkündend, daß ſie die Furcht des Vaters rege machten, welcher bisher höchſt erfreut darüber geweſen war, einen Erben für ſein altes Stammgut zu haben, welches außerdem auf einen Neben⸗ zweig der Familie übergehen mußte. Eilig zog er den Fremden in ein Nebenzimmer. „Ihre Blicke laſſen mich fürchten,“ ſagte der Vater,„daß Sie ſchlimme Zeitung in Bezug auf meinen kleinen Ankömmling zu berichten haben; vielleicht will Gott ſein Geſchenk wieder zurückfor⸗ dern, ehe der Knabe zum Manne gereift iſt, oder vielleicht iſt in des Schickſals Rathe beſchloſſen, daß er der Zärtlichkeit unwerth ſein ſoll, die wir natürlich unſerm jungen Sprößling widmen werden.“ „Weder das Eine, noch das Andre,“ antwortete der Fremde; „trügt mich nicht mein Urtheil ſehr, ſo wird das Kind die Jahre der unmündigkeit überleben, und an Charakter und Gemüth ſich ſo erweiſen, wie es ſeine Eltern nur wünſchen können. Aber bei all den glücklichen Verheißungen, die ſein Horoskop gibt, iſt doch ein ſchlimmer Einfluß ſtark vorwaltend, welcher ihn einer unver⸗ hofften und unglücklichen Prüfung zu unterwerfen droht, und zwar zu der Zeit, wo er das ein und zwanzigſte Jahr ſeines Alters erreicht; dieſe Periode wird, wie die Conſtellationen verkündigen, 1* v ——— die Kriſis ſeines Schickſals ſein. In welcher Geſtalt oder auf welche beſondere Veranlaſſung ihn jene Prüfung treffen wird, dies kann meine Kunſt nicht entdecken.“ „Ihre Wiſſenſchaft kann uns alſo gegen das angedrohte Uebel kein Schutzmittel gewähren!“ ſagte der beſorgte Vaten „Bitt' um Verzeihung,“ antwortete der Fremde,„ſie kann es. Der Einfluß der Conſtellationen iſt mächtig; aber Er, der die Himmel ſchuf, iſt mächtiger als alle, wenn ſeine Hilfe angerufen wird aufrichtig und wahrhaftig. Sie ſollten dieſen Knaben dem unmittelbaren Dienſte ſeines Schöpfers widmen, mit derſelben Sinnesreinheit, mit welcher Samuel von ſeinen Eltern dem Dienſte des Herrn im Tempel geweiht ward. Sie müſſen ihn als ein We⸗ ſen betrachten, das von der übrigen Welt geſchieden iſt. In der Kindheit und im Knabenalter müſſen Sie ihn nur von Frommen und Tugendhaften umgeben ſein laſſen und ihn mit der äußerſten Sorgfalt behüten, daß er nichts Verbrecheriſches hört und ſieht, weder in Wort, noch That. Er muß auf das Strengſte nach reli⸗ giöſen und ſittlichen Grundſätzen erzogen werden. Halten Sie ihn ferne von der Welt, damit er nicht an ihren Thorheiten oder gar an ihren Laſtern Theil nehmen lernt. Kurz, bewahren Sie ihn ſo viel als möglich vor aller Sünde, inſoweit dieſelbe nicht Adams gefallenem Geſchlecht an ſich ſchon zum großen Theil eigen iſt. Mit der Annäherung ſeines ein und zwanzigſten Geburtstages tritt die Kriſis ſeines Schickſals ein. Wenn er ſie überlebt, wird er glück⸗ ſelig auf Erden ſein, und ein Erwählter unter denen, die für den Himmel erleſen. Sollte es ſich jedoch anders geſtalten“— der Aſtrolog hielt inne und ſeufzte tief. „Sir,“ erwiederte der Vater, noch mehr beunruhigt als vorher,„Ihre Worte ſind ſo mild, ihr Rath ſo ernſtlich, daß ich Ihren Vorſchriften die genaueſte Aufmerkſamkeit widmen will; aber können Sie mir nicht in dieſer höchſt wichtigen Sache wei⸗ tere Hilfe leiſten! Glauben Sie, ich werde nicht undankbar ſein.”“ „Ich fordere und verdiene keinen Dank für eine gute Hand⸗ lung,“ ſagte der Fremde,„am wenigſten dafür, daß ich alles thue, was in meiner Macht liegt, um das unſchuldige Kind vor einem ſchrecklichen Schickſal zu bewahren, welches in letzter Nacht unter einer eigenthümlichen Planetenconjunction zur Welt kam. Hier iſt meine Addreſſe; Sie können mir von Zeit zu Zeit ſchreiben, welche Fortſchritte der Knabe in religiöſer Erkenntniß macht. Wenn er nach meinem Rathe erzogen iſt, ſo halte ich für das beſte, daß er in mein Haus kommt zu der Zeit, wo die verhängnißvolle und ent⸗ ſcheidende Periode herankommt, das heißt, bevor er ſein ein und zwanzigſtes Jahr erreicht hat. Senden Sie ihn mir ſodann, wie ich es wünſche, ſo hoffe ich in Demuth, daß Gott den Seinen ſchützen wird, wie hart auch die Prüfung ſein mag, welcher ſein Geſchick ihn unterwirft.“ Hierauf übergab er ſeinem Wirthe die Addreſſe, welche einen Landſitz in der Nähe einer Poſtſtadt des ſüdlichen England nannte, und ſagte ihm ein herzliches Lebewohl. Der geheimnißvolle Fremde ſchied, aber ſeine Worte hatten ſich der Seele des beſorgten Vaters eingeprägt. Er verlor ſeine Gattin, als der Knabe noch Kind war. Dieſen unfall hatte, glaub' ich, der Aſtrolog vorhergeſagt; und ſo wurde das Vertrauen, wel⸗ ches er, gleich den meiſten Menſchen jener Zeit, der Wiſſenſchaft be⸗ reitwillig geſchenkt hatte, nur noch mehr befeſtigt. Daher ward die äußerſte Sorgfalt darauf verwendet, den ſtrengen und faſt aſce⸗ tiſchen Erziehungsplan auszuführen, den der weiſe Mann ange⸗ geben. Einem Lehrer von den ſtrengſten Grundſätzen ward des Jünglings Erziehung anvertraut; er ward umgeben von Dienſt⸗ leuten, deren Rechtlichkeit erprobt war, und daneben über⸗ wachte und beaufſichtigte ihn der beſorgte Vater ſelbſt auf's Ge⸗ naueſte. Die Jahre der Kindheit und des Knabenalters vergingen auf eine Weiſe, wie es der Vater nur wünſchen konnte. Ein junger Nazarener hätte nicht ſtrenger erzogen werden können. Alles Ueble hielt man aus ſeinem Geſichtskreiſe fern— er hörte allein reine Worte, er ſah allein würdige Handlungen. Als der Knabe jedoch zum Jüngling zu reifen begann, ward dem aufmerkſamen Vater Urſache, ſich zu beunruhigen. Schatten von Schwermuth, die allmählig immer dunkler wurden, began⸗ nen des jungen Menſchen Gemüth zu umhüllen. Thränen, die ſcheinbar unwillkürlich floſſen, unterbrochener Schlaf, Wande⸗ rungen beim Mondſchein, und eine Melancholie, wofür ſich kein Grund angeben ließ, ſchien mit einemmal ſeine körperliche Geſund⸗ heit und die Feſtigkeit ſeines Gemüths zu bedrohen. Der Aſtrolog ward brieflich zu Rathe gezogen und ſandte die Antwort zurück, dieſer krampfhafte Gemüthszuſtand ſei nur der Anfang ſeiner Prü⸗ fung und der arme Jüngling werde ſich mehr und mehr harten Kämpfen mit dem Uebel, das ihn angreife, unterziehen müſſen. Es gab keine Hoffnung, dem entgegenzuwirken, außer inſofern er Beharrlichkeit im Studium der heiligen Schrift zeige.„Er leidet,“ fuhr der Brief jenes Weiſen fort,„weil jene Harpyen nun erwachen, die Leidenſchaften, die, wie bei andern, in ihm ſchlummerten, bis zu der Lebensperiode, welche er nun erreicht hat. Beſſer, weit beſſer, daß ſie ihn ſo vergeblich martern, als wenn er es bereuen müßte, ſie durch verbrecheriſche Schwachheit geſättigt zu haben.“ Die geiſtige Beſchaffenheit des jungen Mannes war ſo vortreff⸗ lich, daß er durch Vernunft und Religion die düſtern Anfälle, die zuweilen ſein Gemüth befielen, glücklich bekämpfte, und erſt beim Beginn ſeines ein und zwanzigſten Jahres nahmen dieſelben einen Charakter an, welcher ſeinen Vater vor den Folgen zittern ließ. Es ſchien als wolle die düſterſte und abſchreckendſte der geiſtigen 7 Krankheiten die Form religiöſer Verzweiflung annehmen. Noch immer war der Jüngling ſanft, gefällig, liebreich und ſeines Va⸗ ters Willen gehorſam; mit aller Macht leiſtete er den düſtern Ein⸗ gebungen Widerſtand, welche, wie es ſchien, ihm durch eine Ema⸗ nation des böſen Princips eingeflüſtert wurden, ihn, gleich Hiobs gottloſem Weibe, ermahnend, Gott zu ſegnen und zu ſterben. Die Zeit kam endlich heran, wo er die Reiſe(die damals noch für lang und gefährlich galt,) zum Hauſe ſeines frühzeitigen Freun⸗ des antreten ſollte, der ſeine Nativität berechnet hatte. Sein Weg führte ihn durch mehrere intereſſante Orte und er ward durch Un⸗ terhaltung des Reiſens mehr erfreut, als er es ſelbſt für möglich gehalten hatte. Er erreichte daher den Ort ſeiner Beſtimmung nicht eher, als um die Mittagszeit des Tages, der ſeinem Geburts⸗ tage vorherging. Es ſchien, als ſei er in einer ungewohnten freu⸗ digen Aufregung hinweggegangen, als wolle er gewiſſermaßen das⸗ jenige vergeſſen, was ihm ſein Vater in Bezug auf den Zweck ſeiner Reiſe mitgetheilt hatte. Endlich machte er vor einem anſehnlichen, aber einſamen alten Hauſe Halt, welches ihm als der Wohnſitz des Freundes ſeines Vaters bezeichnet war. Die Bedienten, welche ſein Pferd in Empfang nahmen, er⸗ zählten ihm, daß er bereits ſeit zwei Tagen erwartet worden ſei. Er ward in ein Studierzimmer geführt, wo ihn der Fremde, jetzt ein ehrwürdiger alter Mann, der ſeines Vaters Gaſt geweſen war, mit einem Schatten von Mißfallen und Ernſt im Geſicht, empfing. —„Junger Mann,“ ſagte er,„warum ſo langſam auf einer ſo wichtigen Reiſe!“—„Ich glaubte,“ erwiederte der Gaſt errö⸗ thend,„es ſei nichts Arges, wenn ich langſam reiſte und meine Wißbegier befriedigte, da ich eure Wohnung ja doch bis zu dieſem Tage erreichen konnte; denn ſo lautete meines Vaters Auftrag.“— „Es wäre zu tadeln,“ entgegnete der weiſe Mann,„daß du ge⸗ zögert haſt, denn die Strafe konnte dir auf dem Fuße folgen. In⸗ deß biſt du doch endlich gekommen und wir wollen das Beſte hoffen, obwohl das Verhängniß, welches dich bedroht, um ſo ſchrecklicher ſein wird, je weiter es hinausgeſchoben iſt. Zuerſt nimm diejeni⸗ gen Erfriſchungen zu dir, welche die Natur verlangt, um den Appetit zu befriedigen, nicht aber um der Unmäßigkeit zu fröhnen.“ Der alte Mann führte ihn in ein ſommerliches Wohngemach, wo ein frugales Mahl auf dem Tiſche bereit ſtand. Als ſie ſich da⸗ zu niederſetzten, geſellte ſich eine junge, etwa achtzehnjährige Dame zu ihnen, die ſo anmuthig war, daß ihr Anblick die Gefühle des jungen Fremden ganz von ſeinem eignen ſeltſamen und räthſel⸗ haften Geſchick abzog, und ſeine Aufmerkſamkeit nur auf das be⸗ ſchränkte, was ſie that oder ſagte. Sie ſprach wenig und es betraf nur ſehr ernſte Gegenſtände. Sie ſpielte nach ihres Vaters Verlan⸗ gen auf der Harfe, aber es waren Hymnen, womit ſie das Inſtru⸗ ment begleitete. Endlich verließ ſie auf ein Zeichen des Alten das Gemach, und beim Gehen warf ſie auf den jungen Fremden einen Blick unausſprechlicher Beſorgniß und Theilnahme. Der alte Mann nahm darauf den Jüngling mit ſich in ſein Studierzimmer und redete mit ihm über die wichtigſten Punkte der Religion, um ſich zu überzeugen, ob er ſeinen innern Glauben durch Gründe bewahrheiten könne. Während dieſer Prüfung fühlte der Jüngling, daß ihm unwillkürlich die Gedanken öfters auf andere Dinge ſchweiften und daß er über die ſchöne Erſcheinung nachſinnen mußte, welche das Mittagsmahl getheilt hatte. Der Blick des Aſtrologen ward dann jedesmal ernſt und er ſchüttelte mißbilligend ſein Haupt, wenn er dieſen Mangel an Aufmerkſamkeit bemerkte; im Ganzen indeß war er mit des Jünglings Antworten zufrieden. Nach Sonnenuntergang mußte der Jüngling ein Bad neh⸗ men, worauf er die Weiſung erhielt, ein Gewand anzulegen, dem ähnlich, wie es die Armenier tragen, ſein langes Haar kämmte er über die Schultern hinab, und Hals, Hände und Füße blieben un⸗ bekleidet. In dieſem Aufzuge ward er in ein abgelegenes Zimmer geführt, worin ſich nichts befand, ausgenommen eine Lampe, ein Stuhl und ein Tiſch, worauf eine Bibel lag.„Hier,“ ſagte der Aſtrolog,„muß ich dich allein laſſen, bis der kritiſche Theil deines Lebens verfloſſen iſt. Wofern du, eingedenk der großen Wahrhei⸗ ten, von denen wir ſprachen, die Angriffe zurückzutreiben ver⸗ magſt, die auf deinen Muth und deine Grundſätze geſchehen wer⸗ den, ſo haſt du nichts zu fürchten. Aber die Prüfung wird ſtreng und ſchwer ſein.“ Seine Züge nahmen jetzt eine pathetiſche Feier⸗ lichkeit an, die Thränen ſtanden ihm im Auge und ſeine Stimme bebte vor innerer Bewegung, als er ſagte:„Theures Kind, bei deſſen Ankunft in der Welt ich dieſe verhängnißvolle Prüfung vorausſah, möge dir Gott dabei gnädig Standhaftigkeit ver⸗ leihen.“ Der junge Mann war allein, und kaum ward er dies inne, als die Erinnerung an all ſeine Begehungs⸗ und unterlaſſungsſünden, durch die Gewiſſenhaftigkeit, mit welcher er erzogen war, noch weit ſchrecklicher gemacht, gleich einem Dämonenſchwarm ſein Gemüth beſtürmte und ihn, wie Furien mit glühenden Geiſeln, zur Verzweif⸗ lung treiben zu wollen ſchien. Während er dieſe ſchrecklichen Erin⸗ nerungen mit bangen Gefühlen, aber mit entſchloſſener Seele be⸗ kämpfte, ward er gewahr, daß ſeine Beweisgründe durch die Sophi⸗ ſterei eines Andern beantwortet wurden und daß der Streit nicht mehr bloß auf ſeine eignen Gedanken beſchränkt war. Der Urheber des Böſen war in leibhafter Geſtalt bei ihm im Gemach gegenwär⸗ tig, und, da er mächtig bei Geiſtern melancholiſchen Charakters iſt, ſtellte er ihm eifrig das Verzweifelte ſeines Zuſtandes vor und ſuchte ihn zum Selbſtmord zu drängen, welches das beſte Mittel ſei, ſeiner ſündigen Laufbahn ein Ende zu machen. Das Vergnügen, welches er daran gefunden hatte, ſeine Reiſe unnöthig zu verlängern, und v 10 die Aufmerkſamkeit, die er der Schönheit eines weiblichen Weſens widmete, während er doch ſeine Gedanken nur der religiöſen Unter⸗ haltung ihres Vaters hätte weihen ſollen,— dieſe beiden Vergehen wurden ihm als die ſchwärzeſten ſeiner Sünden dargeſtellt; und ſo ſah er ſich behandelt wie einer, der, weil er gegen das Licht geſündigt hat, eine Beute des Fürſten der Finſterniß werden muß. Als die verhängnißvolle und einflußreiche Stunde herannahte, begannen die Schrecken des häßlichen Anweſenden die ſterblichen Sinne des Opfers immer mehr zu verwirren, und das Gewebe der ſchändlichen Sophismen ward ſcheinbar immer verwickelter, zum wenigſtens für den Armen, den ſeine Maſchen umgarnten. Er war nicht im Stande die Gnadenverheißung zu erörtern, an welcher er doch immer feſthielt, oder den ſiegreichen Namen zu nennen, auf welchen er vertraute. Aber ſein Glaube verließ ihn nicht, obwohl er eine Zeitlang nicht mächtig war, ihn auszuſprechen.„Sage was Du willſt,“ ſo lautete ſeine Antwort gegen den Verſucher,„ich weiß, daß zwiſchen den beiden Schalen dieſes Buches viel enthalten iſt, was mich der Vergebung für meine Vergehen und der Erhaltung meiner Seele verſichern kann.“ Als er ſo ſprach, hörte man die Glocke ſchlagen, welche den Verlauf der verhängnißvollen Stunde ankündigte. Die Sprache und die intellectuelle Macht des Jüng⸗ lings war augenblicklich und vollkommen hergeſtellt; feurig begann er zu beten und ſprach in glühenden Worten ſein Vertrauen auf die Wahrheit und den Schöpfer aus. Der Dämon zog ſich heulend und in Verwirrung zurück, und der alte Mann wünſchte, indem er das Gemach betrat, weinend ſeinem Gaſte Glück zu dem Siege in dieſem verhängnißvollen Kampfe. Der junge Mann heirathete ſpäter die ſchöne Jungfrau, deren erſter Anblick einen ſo tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und beide erfreuten ſich bis an's Ende einer häuslichen Glückſeligkeit.— So endete John Mac Kinlays Sage. 11 Der Verfaſſer des Waverley war der Meinung, daß ſich eine intereſſante und vielleicht nicht unerbauliche Geſchichte aus den Le⸗ bensereigniſſen einer Perſon bilden laſſen möchte, deren Geſchick vorher beſtimmt war und deren Beſtrebungen zu gutem und tugend⸗ haftem Wandel immer durch die Dazwiſchenkunft eines übelwollen⸗ den Weſens vereitelt wurden, bis es zuletzt ſiegreich aus dem furcht⸗ baren Kampfe hervorging. Kurz, es ward ein Plan erſonnen, ähnlich dem jener ſinnreichen Geſchichte„Sintram und ſeine Ge⸗ fährten“ vom Baron de la Motte Fouqué, obwohl dieſe, wofern ſie damals ſchon exiſtirte, dem Verfaſſer nicht zu Geſicht gekommen war. Der vorläufige Plan des Ganzen läßt ſich in den drei oder vier erſten Kapiteln des Werkes erkennen; weitere Ueberlegung veran⸗ laßte jedoch den Verfaſſer die urſprüngliche Abſicht bei Seite zu ſetzen. Er erkannte bei reiferer Ueberlegung, daß die Aſtrologie, obwohl ihr Einfluß einſt ſelbſt von Baco anerkannt wurde, doch jetzt nicht mehr genügenden Glauben in den Gemüthern findet, als daß ſie die Hauptgrundlage eines Romanes bilden könnte. Ueber⸗ dies kam in Betracht, daß, um einem ſolchen Gegenſtande Genüge zu thun, nicht nur mehr Talent erforderlich wäre, als der Verfaſſer zu beſitzen glaubte, ſondern daß auch Doctrinen und Dis⸗ cuſſionen eingeflochten werden müßten, die für ſeine Abſicht und für den Charakter der Erzählung zu ernſter Natur geweſen wären. Indem er nun ſeinen Plan änderte, was während des Druckes ge⸗ ſchah, behielten die Anfangsbogen Spuren vom urſprünglichen Charakter der Geſchichte, welcher ſie nun freilich als eine nicht nothwendige und unnatürliche Zugabe angehängt ſind. Die Ur⸗ ſache dieſer Spuren, wenn ſie dem Leſer aufſtoßen, iſt ſonach nun erläutert und entſchuldigt. Es verdient hier bemerkt zu werden, daß die aſtrologiſchen Doctrinen, während ſie der allgemeinen Verachtung anheimfielen und durch verſchiedenartigen Aberglauben von gröberm und un⸗ 12 ——— ſchoͤnerem Charakter erſetzt wurden, in jüngern Tagen doch noch manche Gläubige für ſich behielten. Einer der merkwürdigſten Jünger dieſer vergeſſenen und ver⸗ achteten Wiſſenſchaft war ein nun verſtorbener Profeſſor der Ta⸗ ſchenſpielerkunſt. Man ſollte denken, daß eine Perſon dieſes Ge⸗ werbes, eben weil ſie die tauſend Wege kennt, wie ſich menſchliche Augen betrügen laſſen, weit weniger als Andere den abergläubi⸗ ſchen Phantaſien unterworfen ſein ſollte. Vielleicht verleitete die gewöhnliche Anwendung jener abſtruſen Calculationen, mit wel⸗ chen, auf eine für den Künſtler ſelbſt überraſchende Weiſe, viele Kar⸗ tenkunſtſtücke und dergleichen vollbracht werden, dieſen Herrn, die Combination der Geſtirne und Planeten zu ſtudiren, in der Hoff⸗ nung, prophetiſche Mittheilungen zu gewähren. Er brachte ein Schema ſeiner eigenen Nativität zuſammen, welches nach denjenigen Kunſtregeln berechnet war, die er aus den beſten aſtrologiſchen Schriftſtellern zu ſammeln vermochte. Was nun die Vergangenheit betraf, ſo fand er Alles mit dem überein⸗ ſtimmend, was ihn bisher betroffen hatte, aber in dem wichtigen Proſpekt des Zukünftigen zeigte ſich eine ſeltſame Schwierigkeit. Zwei Jahre waren es, für deren Verlauf er durchaus nicht zu erfor⸗ ſchen im Stande war, ob das Subject des Schema's darin todt oder lebend ſein werde. Beſorgt über einen ſo merkwürdigen um⸗ ſtand, gab er das Schema einem andern Aſtrologen, der auf gleiche Weiſe in die Klemme gerieth. Zu einer gewiſſen Zeit fand er den Gebornen oder das Subjekt mit Beſtimmtheit lebend, zu einem zweiten Zeitpunkte hingegen fand er, daß derſelbe ganz gewiß todt ſein werde; aber ein Zeitraum von zwei Jahren dehnte ſich zwi⸗ ſchen dieſen beiden Terminen, für welchen man keine Gewißheit in Bezug auf Tod oder Leben des betreffenden erlangen konnte. Der Aſtrolog bemerkte den ſeltſamen umſtand in ſeinem Tage⸗ buche und ſetzte ſeine öffentlichen Vorſtellungen in verſchiedenen 13 Theilen des Reichs fort, bis die Periode zu Ende ging, während welcher ſeine Lebensdauer mit Gewißheit als ungefährdet prophe⸗ zeit war. Endlich, während er eben vor einem zahlreichen Publi⸗ kum ſeine Taſchenſpielerkünſte trieb, verloren die Hände, deren Gewandtheit ſo oft den ſchärfſten Beobachter getäuſcht hatte, plötz⸗ lich ihre Kraft, die Karten entſanken denſelben, und er fiel vom Schlage getroffen nieder. In dieſem Zuſtande ſchmachtete der Künſtler zwei Jahr lang, nach deren Verlauf ihn endlich der Tod er⸗ löſte. Man ſagt, das Tagebuch dieſes modernen Aſtrologen werde bald der Oeffentlichkeit übergeben werden. Das Factum, wenn anders der Wahrheit getreu berichtet, iſt eine jener ſeltſam zutreffenden Erſcheinungen, welche zu Zeiten vorkommen und von der gewöhnlichen Erwartung völlig abwei⸗ chen; ohne ſolche Unregelmäßigkeiten würde jedoch das menſchliche Leben den Sterblichen, die in die Zukunft ſpähen, nicht den Ab⸗ grund undurchdringlicher Dunkelheit zeigen, den es ihnen nach des Schöpfers Willen bieten ſollte. Träfe jegliches Ding nach der ge⸗ wöhnlichen Folgereihe der Ereigniſſe zu, ſo würde die Zukunft den Regeln der Arithmetik unterworfen ſein, wie die Chancen des Spiels. Aber außerordentliche Ereigniſſe und wunderbare Schick⸗ ſalsfälle trotzen den Berechnungen des Menſchen und hüllen das, was die Zukunft bringen ſoll, in tiefes Dunkel. Der obigen Anekdote mag hier eine zweite noch neuere folgen. Der Verfaſſer ward neuerdings mit einem Briefe von einem Herrn beehrt, welcher tief in jene Myſterien eingeweiht iſt und es freund⸗ lich übernahm, die Nativität des Schreibers des Guy Mannering zu berechnen; Es war jedoch unmöglich die nöthigen Data zur Conſtruction eines Horoskopes zuſammenzubringen, wenn der be⸗ treffenden Perſon auch überhaupt daran gelegen hätte, weil alle die⸗ jenigen, welche allein Tag, Stunde und Minute hätten angeben können, längſt nicht mehr auf der Erde wandelten. v 14 Nachdem ſo eine Darſtellung der erſten Idee oder des rohen Umriſſes der Geſchichte gegeben iſt, welcher jedoch bald verworfen ward, ſo bleibt dem Autor, indem er den Plan der gegenwärtigen Ausgabe darlegt, nur noch eine Schilderung der Vorbilder zu den Charakteren in Guy Mannering übrig. Einige örtliche Verhältniſſe gaben dem Verfaſſer in ſeiner Ju⸗ gend Gelegenheit, von der herabgewürdigten Menſchenklaſſe, welche man Zigeuner nennt, ein Weniges zu ſehen und ſehr viel zu hören. Die Zigeuner ſind in den meiſten Fällen eine gemiſchte Race, her⸗ vorgangen von den alten Aegyptern, die in Europa zu Anfang des funfzehnten Jahrhunderts anlangten, und von Landſtreichern eu⸗ ropäiſchen Urſprungs. Diejenige Zigeunerin, nach welcher der Charakter der Meg Merrilies gezeichnet iſt, war um die Mitte des letzten Jahrhun⸗ derts wohlbekannt unter dem Namen Jean Gordon als Bewoh⸗ nerin des Dorfes Kirk Betholm, zwiſchen den Cheviotbergen an der engliſchen Gränze. Der Verfaſſer veröffentlichte eine Schilde⸗ rung dieſer merkwürdigen Perſon in einer frühern Nummer von Blackwoods Magazin, wie folgt: „Mein Vater erinnerte ſich noch der alten Jean Gordon von BYetholm, welche großes Anſehn unter ihrem Stamme beſaß. Sie war vollkommen eine Meg Merrilies und beſaß in derſelben Voll⸗ kommenheit die angeborne Tugend der Treue. Da ſie in dem Pacht⸗ hofe Lochſide bei Yetholm oft gaſtfreundlich aufgenommen worden war, ſo enthielt ſie ſich auch ſorgfältigjeder Veruntreuung am Eigen⸗ thume des Pächters. Aber ihre Söhne,(neun an der Zahl,) be⸗ ſaßen, wie es ſcheint, nicht denſelben Zartſinn, und ſtahlen ihrem freundlichen Wirth eine Zuchtſau. Jean kränkte ſich über dies un⸗ dankbare Benehmen und ſchämte ſich deſſelben ſo ſehr, daß ſie ſich mehrere Jahre hindurch von Lochſide fern hielt, „Es traf ſich im Laufe der Zeit, daß, in Folge einer pekuniären Verlegenheit, der Hauswirth von Lochſide genöthigt war, nach Newcaſtle zu gehn, um eine Summe zur Zahlung ſeiner Zinſen aufzunehmen. Er vollbrachte dies Geſchäft glücklich, als er aber durch die Cheviotberge zurückkehrte, ward er von der Nacht über⸗ fallen und verlor den Weg. 3 „Ein Licht, durch das Fenſter einer großen wüſtliegenden Scheune ſchimmernd, welche einſt zu dem Pachthofe gehörte, gelei⸗ tete ihn zu einem Obdach; als er an das Thor klopfte, ward es von Jean Gordon geöffnet. Ihre höchſt merkwürdige Geſtalt, denn ſie maß beinah ſechs Fuß, und ihre ebenſo merkwürdigen Züge und Gewänder, machten es unmöglich, ſie auch nur für einen Moment zu verkennen, obwohl ſie der Pachter ſeit mehrern Jahren nicht ge⸗ ſehn hatte. Jedoch mit einem ſolchen Charakter in ſolcher Abge⸗ ſchiedenheit zuſammenzutreffen, überdies wahrſcheinlich nicht weit vom Lagerplatz ihrer Horde, war eine traurige Ueberraſchung für den armen Mann, welcher ſeine Zinsgelder(deren Verluſt ihn rui⸗ nirt haben würde,) bei ſich trug. „Jean ſtieß ein lautes Freudengeſchrei der Wiedererkennung aus—„lieber Himmel! der gute Pächter von Lochſide! Steigt ab, denn ihr dürft dieſe Nacht nicht weiter gehen.“ Der Pachter ſah ſich genöthigt abzuſteigen und das Anerbieten der Zigeunerin in Be⸗ zug auf Abendeſſen und Nachtlager anzunehmen. Es befand ſich Fleiſch in Menge in der Scheune, mocht' es hergekommen ſein, woher es wollte, und es wurden Vorbereitungen zu einer reichlichen Mahlzeit getroffen, die, wie der Pachter zur noch größern Beſorg⸗ niß bemerkte, für zehn oder zwölf Gäſte berechnet war, alle wahr⸗ ſcheinlich gleichen Standes mit ſeiner Wirthin. 4„Jean ließ ihn über die Sache nicht in Zweifel. Sie erinnerte ihn an die Geſchichte von der geſtohlenen Sau, und erwähnte, wie peinlich und verletzend für ſie der Vorfall geweſen war. Sie be⸗ „ 16 — merkte, gleich andern Philoſophen, daß die Welt täglich ſchlechter werde; und, gleich andern Eltern, daß die Jungen nicht folgten und die Vorſchriften der alten Zigeunerin vernachläſſigten, welche ihnen bei ihren Freibeutereien Reſpekt vor dem Eigenthum ihrer Wohlthäter anempfahl. Das Ende von dem Allen war, daß ſie forſchte, ob der Pachter Geld bei ſich habe; und ferner, daß ſie bat oder befahl, er ſolle ſie zu ſeinem Schatzmeiſter machen, da die Jungen, ſo nannte ſie ihre Söhne, bald nach Hauſe kommen wür⸗ den. Der arme Pachter machte aus der Noth eine Tugend, er⸗ zählte ſeine Geſchichte und übergab ſein Geld der Obhut Jean's. Sie hieß ihn wenige Schillinge in ſeine Taſche ſtecken, indem ſie be⸗ merkte, es werde Verdacht erwecken, wenn man fände, daß er ganz geldlos reiſte. 3 „Nachdem dieſe Einrichtung getroffen war, legte ſich der Pachter auf eine aus Stroh und Kleidern bereitete Streue nieder, ohne jedoch, wie ſich leicht denken läßt, einzuſchlafen. „Um Mitternacht kehrte die Bande nach Hauſe, mit verſchie⸗ denen geſtohlenen Gegenſtänden verſehn, und ſchwatzte über ihre Verrichtungen in einer Sprache, die den Pachter zittern machte. Bald wurden ſie gewahr, daß ſie einen Gaſt hatten, und verlang⸗ ten von Jean zu wiſſen, wie ſie dazu gekommen ſei. „'s iſt ja der gute Pachter von Lochſide, der arme Mann,“ erwiederte Jean;„er iſt zu Newcaſtle geweſen, um Geld zu ſu⸗ chen, weil er ſeine Zinſen bezahlen wollte, der wackre Mann; aber nichts hat er bekommen können, und nun geht er nach Hauſe mit leerem Beutel und ſchwerem Herzen.“ „Kann wohl ſein, Jean,“ ſagte einer der Diebsgeſellen, „aber wir wollen doch ſeine Taſchen ein Bißchen anfühlen, um zu ſehn, ob ſeine Geſchichte wahr oder erlogen iſt.“ Jean eiferte und tobte nach Kräften gegen dieſen Bruch der Gaſtfreundſchaft, aber. ſie vermochte damit den gefaßten Beſchluß nicht zu ändern. Der ͤ A⏑ 17 Pachter vernahm bald ihr Flüſtern und die leiſen Tritte an der Seite ſeines Lagers, und merkte ebenſo, daß man ſeine Kleider durchſuchte. Als ſie das Geld fanden, welches er auf Jean Gor⸗ dons vorſichtigen Rath behalten hatte, hielten ſie Rath, ob ſie es nehmen ſollten oder nicht; die Geringfügigkeit der Summe jedoch, ſo wie Jean's heftige Gegenvorſtellungen beſtimmten ſie dahin, es nicht zu nehmen. Sie zechten und gingen zur Ruhe. Sobald der Morgen dämmerte weckte Jean ihren Gaſt, führte ſein Pferd, wel⸗ ches ſie wohl gepflegt hatte, herbei, und begleitete ihn über eine Stunde Wegs bis auf die Landſtraße nach Lochſide. Hier ſtellte ſie ihm ſein ganzes Eigenthum zurück und all ſeine ernſtlichſten Bitten konnten ſie nicht dahinbringen, eine einzige Guinee anzunehmen. „Von den ältern Leuten zu Jedbourgh iſt mir geſagt worden, daß alle Söhne Jeans an ein und demſelben Tage zum Tode verur⸗ theilt wurden. Es heißt, die Stimmen der Jury ſeien zu gleichen Theilen getheilt geweſen, plötzlich aber ſei ein Freund der Gerech⸗ tigkeit, der während der ganzen Verhandlung geſchlafen, erwacht und habe ſeine Stimme für die Verurtheilung gegeben, und zwar mit den emphatiſchen Worten:„hängt ſie all' auf!“ Einheit iſt in einer ſchottiſchen Jury nicht erforderlich, und folglich wurde das Schuldig erkannt. Jean war gegenwärtig und ſagte blos:„der Herr helfe dem Unſchuldigen an einem ſolchen Tage!“ Ihr eigner Tod war von umſtänden roher, gewaltthätiger Art begleitet, welches die arme Jean in vielfacher Hinſicht durchaus nicht verdiente. Un⸗ ter andern ſchlimmen oder guten Seiten, wie es der Leſer nennen will, hatte ſie auch die, eine beharrliche Anhängerin Jacobs zu ſein. Sie war zu Carlisle an einem Jahrmarktstage, kurz nach dem Jahre 1746, wo ſie, zum großen Mißfallen des Pöbels dieſer Stadt, ihr politiſches Glaubensbekenntniß laut werden ließ. Eif⸗ rig in ſeiner Loyalität, ſobald keine Gefahr dabei war, ganz im Verhältniß zu ſeiner Zahmheit, mit welcher er ſich im Jahr 1745 Guy Mannering. I. 2 „v den Hochländern ergeben hatte, verhängte der Pöbel über die arme Jean Gordon keine geringere Strafe, als die, im Fluſſe Eden er⸗ tränkt zu werden. Dieſe Operation erforderte einige Zeit, denn Jean war ein ſtarkes Weib und brachte, mit ihren Mördern rin⸗ gend, den Kopf oft über's Waſſer; und ſo oft ſie dabei zu Worte kommen konnte, fuhr ſie immer fort ihre ausgeſprochne Meinung zu bekräftigen. Als Kind und auf den Schauplätzen ihres Thuns und Treibens, hörte ich dieſe Geſchichte oft erzählen und weinte bitterlich um die arme Jean Gordon. „Bevor ich die Gränzzigeuner verlaſſe, kann ich noch erwäh⸗ nen, daß mein Großvater, als er über die Heide von Charterhouſe, damals ein weitläufiger Gemeindeplatz, ritt, plötzlich unter eine ſtarke Bande dieſer Leute gerieth, welche in einer, von Buſchwerk umgebenen Vertiefung der Heide ihr Gelag hielten. Sie fielen ſo⸗ gleich mit lautem Willkommen ſeinem Pferd in den Zügel und rie⸗ fen(er war nämlich den meiſten von ihnen bekannt,) daß ſie auf ſeine Koſten geſchmauſt hätten, und er müſſe nun anhalten und Theil an ihrer Freude nehmen. Mein Vorfahr war einigermaßen in Unruhe, denn er hatte, gleich dem Pächter von Lochſide, gerade mehr Geld bei ſich, als er in ſolcher Geſellſchaft daran wagen konnte. Da er jedoch von Natur ein kühner und beſonnener Mann war, ſo machte er die beſte Miene zu der Sache, und ſetzte ſich zu dem Mahle nieder, welches aus verſchiedenem Wildpret, Geflügel und dergleichen beſtand, wie es nur immer nach der Art dieſer Menſchen zuſammengeplündert ſein konnte. Die Mahlzeit war übrigens recht luſtig; aber mein Großvater erhielt von einem der ältern Zigeuner einen Wink, ſich zu entfernen, juſt da 3„Am tollſten Luſt und Freude ward,“ und indem er ſonach ſein Pferd beſtieg, nahm er von ſeinen Wirthen einen franzöſiſchen Abſchied, ohne jedoch die geringſte Verletzung 19 der Gaſtfreundſchaft zu erfahren. Ich glaube, Jean Gordon befand ſich bei dieſem Feſtmahle.“—(Blackwoods Magazin B. 1. S. 54.) Trotz des Unglücks, welches Jean's Nachkommenſchaft betraf, überlebte ſie eine Enkelin, die ich mich geſehn zu haben erinnere; das heißt, ſo wie Dr. Johnſon eine dunkle Erinnerung von der Kö⸗ nigin Anna, als einer ſtattlichen, ſchwarz gekleideten, mit Diaman⸗ ten geſchmückten Dame hatte, ſo weilt in meinem Gedächtniſſe noch die feierliche Erſcheinung einer Frau von mehr als weiblicher Höhe, gekleidet in ein rothes Gewand, die zuerſt meine Bekanntſchaft machte, indem ſie mir einen Apfel gab, die ich jedoch mit ebenſo viel ſcheuer Ehrfurcht betrachtete, wie der künftige Doctor, kirch⸗ liche Würdenträger und Tory, wozu ihn das Geſchick beſtimmt hatte, nur immer die Königin betrachten mochte. Ich denke, daß dieſes Weib die Madge Gordon war, von welcher eine treffende Schilderung in demſelben Artikel, der ihre Großmutter Jean beſchreibt, gegeben iſt, jedoch nicht von dem Schreiber dieſer Blätter:— „Die verſtorbene Madge Gordon galt zu dieſer Zeit als Köni⸗ gin der Yetholm Clans. Sie war wie wir glauben, eine Enkelin der berühmten Jean Gordon, und ſoll dieſer auch im Aeußern ſehr ähnlich geweſen ſein. Folgende Schilderung derſelben iſt dem Briefe eines Freundes entlehnt, der viele Jahre lang häufige und günſtige Gelegenheiten fand, die charakteriſtiſchen Beſonderheiten der Bet⸗ holm⸗Stämme zu beobachten.—„Madge Gordon ſtammte von mütterlicher Seite von den Faas, und war an einen gewiſſen Young verheirathet. Sie war eine merkwürdige Perſon— hatte etwas gebieteriſches, und maß beinah ſechs Fuß. Sie hatte eine große Adlernaſe,— durchdringende Augen, ſelbſt noch im hohen Alter— volles, reiches Haar, welches ihr, unter einer Zigeuner⸗ mütze von Stroh hervor, über die Schultern wallte— dabei trug ſie einen kurzen Rock von eigenthümlichem Schnitt, und einen Stab, 2* 20 der faſt ſo lang wie ſie ſelber war. Ich entſinne mich ihrer ſehr wohl;— jede Wocha beſuchte ſie eines Almoſens wegen meinen Va⸗ ter und ich, damals ein kleiner Knabe, betrachtete Madge mit ei⸗ nem nicht geringen Grade von Ehrfurcht und Scheu. Wenn ſie heftig ſprach,(ſie pflegte ſich ſehr laut zu beklagen,) ſo ſtampfte ſie mit ihrem Stab auf den Boden und nahm ſelbſt eine Stellung an, die man unmöglich mit Gleichgiltigkeit betrachten konnte. Sie pflegte zu ſagen, daß ſie aus den entfernteſten Theilen der Inſel Freunde, um ihre Beläſtigungen zu rächen, herbeibringen könne, während ſie ruhig in ihrer Hütte ſitzen bliebe; und häufig rühmte ſie ſich, es ſei eine Zeit geweſen, wo ſie noch größern Einfluß be⸗ ſeſſen habe, denn bei ihrer Hochzeit hätten ſich funfzig geſattelte Eſel befunden und ungeſattelte Eſel ohne Zahl. Wenn Jean Gor⸗ don das Vorbild des Charakters der Meg Merrilies war, ſo glaube ich, daß Madge dem unbekannten Verfaſſer zur Darſtellung ihrer Perſon geſeſſen haben muß.“—(Blackwood's Magazin, B. I. S. 56.) In wie weit der talentvolle Correſpondent Blackwood's Recht hatte, in wie weit er in ſeiner Vermuthung irrte, darüber vermag der Leſer ſelbſt zu urtheilen. Wir gehen nun zu einem Charakter ſehr verſchiedener Art, zu Dominie Simſon über; der Leſer kann ſich leicht denken, daß ein armer, beſcheidner, demüthiger Gelehrter, der ſich ſeine Bahn durch klaſſiſche Studien gebrochen, aber auf der Reiſe des Lebens unter den Wind gekommen iſt, keine ungewöhnliche Erſcheinung in einem Lande ſein kann, wo eine gewiſſe Portion von Gelehrſamkeit leicht von denen erworben werden kann, welche gern Hunger und Durſt leiden, um dafür in Beſitz des Griechiſchen und Lateiniſchen zu kommen. Aber es iſt ein weit beſtimmteres Vorbild des würdi⸗ gen Dominie vorhanden, nach welchem die Rolle gezeichnet iſt, welche Simſon in dem Romane ſpielt, ein Vorbild, welches, aus 21 gewiſſen beſondern Gründen, nur ganz im allgemeinen nachgezeich⸗ net werden mußte. Ein ſolcher Lehrer, wie Mr. Simſon vermuthlich geweſen, war wirklich Erzieher in der Familie eines ziemlich vermögenden Herrn. Die jungen Burſche, ſeine Zöglinge, wuchſen auf und gingen in die Welt, während der Lehrer fortwährend bei der Fami⸗ lie wohnte— kein ungewöhnliches Verhältniß in Schottland,(in frühern Tagen nämlich,) wo man Brod und Obdach den armen Freunden und Untergebenen immer bereitwillig gewährte. Des Lairds Vorfahren waren unbedachtſam und unklug geweſen, er ſelber war leidend und unglücklich. Der Tod raffte ſeine Söhne hinweg, deren Fortkommen im Leben ſein eignes Mißgeſchick hätte ausgleichen können. Schulden häuften, das Vermögen minderte ſich, bis der Ruin einbrach. Das Gut ward verkauft, und der alte Mann war eben im Begriff das Haus ſeiner Väter zu verlaſ⸗ ſen, um zu gehen— er wußte nicht wohin, als er, gleich einem alten Hausgeräth, welches, in ſeinem Winkel gelaſſen, noch eine Zeitlang hält, aber in Stücke bricht, wenn man es entfernen will, auf ſeiner eigenen Schwelle vom Schlage getroffen niederſank. Der Lehrer erwachte wie aus einem Traume. Er ſah, daß ſein Beſchützer todt war, und daß deſſen einziges noch übriges Kind, ein alterndes Frauenzimmer, die jetzt weder ſchön noch liebenswür⸗ dig erſchien, wenn ſie überhaupt je das Eine oder das Andere gewe⸗ ſen, das Unglück hatte eine Heimathloſe und aller Mittel beraubte Waiſe zu werden. Er redete ſie faſt mit den nämlichen Worten an, deren ſich Simſon gegen Miß Bertram bedient, und erklärte ſeinen Entſchluß, ſie nicht zu verlaſſen. Er nahm daher Zuflucht zu ſei⸗ nen Talenten, welche lange geſchlummert hatten, eröffnete eine kleine Schule, und unterſtützte ſeines Wohlthäters Tochter für den Reſt ihres Lebens, indem er ſie mit derſelben beſcheidenen Unter⸗ „ würfigkeit und ergebenen Aufmerkſamkeit behandelte, die er ihr in den Tagen des Glückes erwieſen hatte. Dies iſt der Umriß von Dominie Simſon's wirklicher Ge⸗ ſchichte, worein weder ein romanhafter Vorfall, noch eine ſentimen⸗ tale Leidenſchaft gewebt iſt; vielleicht wird aber die Gradheit und Einfachheit des Charakters, den ſie darſtellt, Theilnahme erwecken und das Auge des Leſers ebenſo unwiderſtehlich füllen, als wenn es einen erhabenen und feiner gebildeten Charakter beträfe. Dieſe einleitenden Bemerkungen über die Erzählung Guy Mannering und einige der darin vorkommenden Charaktere mögen in gegenwärtigem Falle den Verfaſſer wie den Leſer der Mühe über⸗ heben, eine lange Reihe vereinzelter Anmerkungen zu ſchreiben und zu leſen. Abbotsford, Jan. 1829. Erſtes Kapitel. Als er rings auf die traurige Gegend ſchaute und nichts ſah, als ſchwarze Felder und nackte Bäume, von Nebeln umdüſterte Hügel und überſchwemmte Flä⸗ chen, ſo mußte er ſich geſtehen, daß ſich Melancholie auf einige Zeit ſeiner bemächtigte und er ſich wohlbehalten nach Hauſe zurück wünſchte. Reiſen Will. Marvels. Es war im Anfang des Monats November 17—, als ein jun⸗ ger engliſcher Herr, der ſo eben die Univerſität Oxford verlaſſen hatte, die erlangte Freiheit dazu benutzte, einige Theile des nörd⸗ lichen England zu beſuchen, wobei er aus Neugier ſeine Tour bis an die nahe liegende Gränze des Schweſterlandes ausdehnte. Er hatte an dem Tage, mit welchem unſre Geſchichte beginnt, einige Kloſter⸗ ruinen in der Grafſchaft Dumfries beſucht und einen großen Theil des Tages darauf verwendet, von verſchiedenen Punkten Zeichnun⸗ gen davon aufzunehmen, ſo daß, als er ſein Pferd beſtieg um die Reiſe fortzuſetzen, das kurze und ſchattige Zwielicht der Jahreszeit ſchon eingebrochen war. Sein Weg zog ſich durch eine weite Strecke ſchwarzen Moorlandes, welches ſich meilenweit zu jeder Seite und 24 vor ihm ausbreitete. Kleine Erhöhungen erhoben ſich wie Inſeln über ſeiner Oberfläche, die hier und da ein Stück Kornfeld trug, welches ſelbſt in dieſer Jahreszeit noch grün war, und zuweilen auch eine Hütte oder ein Gehöft, beſchattet von einigen Weiden, und um⸗ geben von großen Fliederbüſchen. Dieſe inſelartigen Wohnungen ſtanden mit einander durch geſchlängelte Pfade, die durch das Moorland gingen, in Verbindung, welche blos für die Eingebornen gangbar waren. Die Landſtraße war indeß in ziemlich gutem Stande und ſicher, ſo daß die Ausſicht, von der Nacht überfallen zu werden, nicht von wirklicher Gefahr begleitet ſchien. Doch iſt es immer unbehaglich, allein und im Dunkeln durch eine unbekannte Gegend zu reiſen, und es gibt wenig Gelegenheiten des gewöhnlichen Lebens, wobei die Einbildungskraft ſich ſo erhitzt, wie es in einer Lage gleich der Mannerings der Fall war. Als das Licht ſchwächer und ſchwächer ward und der Moorbo⸗ den ſchwärzer und ſchwärzer erſchien, befragte unſer Reiſender jeden begegnenden Wandrer genauer, wie weit er noch bis zum Dorfe 5 Kippletringan habe, wo er die Nacht zuzubringen gedachte. Seine Fragen wurden gewöhnlich durch eine Gegenfrage beantwortet in Bezug auf den Ort, woher er kam. So lange das Tageslicht noch hinreichend war, um die Kleidung und den Anſtand eines Gentle⸗ man erkennen zu laſſen, wurden jene Gegenfragen gewöhnlich in Form einer Vorausſetzung geſtellt, z. B.:„Bei der alten Abtei von Heiligkreuz iſt der Herr geweſen? da kommen immer viel engliſche Gentlemen, um das Ding zu ſehn.“— Oder,„Der gnäd'ge Herr kommt gewiß von Pouderloupatshaus!“ Als aber nur noch die Stimme des Fragenden erkennbar war, ſo lautete die Antwort ge⸗ wöhnlich:„Woher kommt ihr noch ſo ſpät in der Nacht, wie's jetzt iſt?“ oder,„ihr ſeid gewiß nicht hier zu Hauſe, Freund!“ die Antworten, wenn ſie erlangt wurden, waren aber weder ſehr über⸗ einſtimmend unter einander, noch genau in der Nachricht, welche ſie 25 gaben. Anfangs war Kippletringan„einen Katzenſprung“ ent⸗ fernt; ſodann ward der Katzenſprung genauer beſchrieben als„etwa anderthalb Stunden“ dann verminderten ſich die anderthalb Stun⸗ den in„ein halb Stündchen“ dann erweiterte ſich dies wieder in „zwei Stunden und was darüber;“ und endlich ward Guy Man⸗ nering von einer weiblichen Stimme, nachdem ſie ein ſchreiendes Kind, welches die Sprecherin auf dem Arme trug, beruhigt hatte, die Verſicherung gegeben,„es ſei noch eine derbe, mühſelige Strecke bis Kippletringan und für Fußgänger ein beſchwerlicher Weg.“ Der arme Klepper, den Mannering ritt, war wahrſcheinlich ganz der Meinung des Weibes in Bezug auf den ſchlechten Weg; denn er begann ſehr träge zu gehn, beantwortete jede Anwendung des Sporns mit einem Seufzer und ſtolperte über jeden Stein, der in ſeinem Wege lag, und es waren ihrer nicht wenige. Mannering ward nun ungeduldig. Das Erſcheinen einiger ſchimmernden Lichter flößte ihm die trügeriſche Hoffnung ein, daß das Ziel ſeiner Reiſe nahe ſei; als er jedoch näher kam, ſchwand ſeine Täuſchung, indem er fand, daß der Lichtſchimmer aus einem jener Landhöfe kam, welche hier und da die Oberfläche des ausgedehnten Moorlandes ſchmückten. Um ſeine Verwirrung vollſtändig zu ma⸗ chen, kam er endlich an eine Stelle, wo ſich die Straße in zwei theilte. Wäre es hell genug geweſen, um die Reſte eines Wegweiſers, der dort ſtand, zu Rathe zu ziehn, ſo würde dies doch wenig geholfen haben, da, nach der guten Gewohnheit Nordenglands, die Inſchrift kurz nach der Errichtung ausgelöſcht worden war. Unſer Aben⸗ teurer ward daher, gleich einem irrenden Ritter der Vorzeit, genö⸗ thigt, der Klugheit ſeines Roſſes zu vertrauen, welches ohne Zögern den Pfad zur Linken wählte, und mit etwas lebhafterem Schritt als zuvor vorwärts zu ſchreiten ſchien, wodurch es zugleich die Hoffnung erweckte, daß es wiſſe, ſein Nachtquartier ſei in der Nähe. Dieſe Hoffnung erfüllte ſich indeß nicht ſo ſchnell, und Mannering, deſſen v Ungeduld jede Meile als drei erſcheinen ließ, begann zu glauben, daß ſich Kippletringan vor ihm in dem Verhältniß entferne, als er vorwärts ritt. Der Himmel war jetzt ſehr bewölkt, obwohl die Sterne von Zeit zu Zeit einen ungewiſſen Lichtſchimmer liehen. Bisher war das Schweigen ringsum durch nichts unterbrochen worden, außer durch den dumpfen Ruf des Sumpfſtiers, einer Art großer Rohrdommel, und durch das Wehen des Windes, der über das dürre Moorland hinſtrich. Dazu kam nun noch das ferne Toſen des Meeres, dem ſich, wie es ſchien, der Wandrer jetzt ſchnell näherte. Dieſer Umſtand diente nicht dazu, ſein Herz leicht zu machen. Viele der Straßen dieſes Landes gehen dem Seegeſtade entlang und ſind daher der Fluth unterworfen, die ſich zu bedeutender Höhe erhebt und mit rei⸗ ßender Schnelligkeit anwächſt. Andre ſind mit Kanälen und klei⸗ nen Buchten durchſchnitten, die man nur zur Zeit der Ebbe hier paſ⸗ ſiren kann. Keiner dieſer umſtände konnte zu einer dunkeln Nacht, für ein ermüdetes Pferd und einen Reiſenden, der den Weg nicht kennt, paſſen. Mannering beſchloß daher, an dem erſten be⸗ wohnten, wenn auch noch ſo armſeligen, Orte Halt zu machen, den er erreichen würde, wenn er nicht einen Führer zu dem heilloſen Dorfe Kippletringan erlangen könnte. Eine elende Hütte gab ihm Gelegenheit, ſeinen Vorſatz auszu⸗ führen. Mit nicht geringer Schwierigkeit machte er die Thür ausfindig, und klopfte einige Zeit, ohne eine andre Antwort zu er⸗ halten, als ein Duett zwiſchen einer weiblichen Perſon und einem Kettenhund, welcher bellte, als wollte er ſich das Herz aus dem Leibe bellen, während jene im Chorus mit kreiſchte. Allmählig gewannen die menſchlichen Töne die Oberhand; da aber das zornige Gebell des Hundes in demſelben Augenblick in ein Geheul überging, ſo bleibt wahrſcheinlich, daß ihn etwas mehr als gute Lungenkraft beſiegte und beſchwichtigte. 27 „Daß der Teubel dich Schreihals!“ dies waren die erſten articulirten Worte,„ſoll ich vor deinem Gekläff nicht hören, was der Mann draußen will?“ „Bin ich weit von Kippletringan, gute Frau!“ „Von Kippletringan!!!“ rief die Frau im Tone des höchſten Erſtaunens, den wir nur ſchwach durch drei Ausrufungszeichen aus⸗ drücken können;„Du meine Güte! da hättet ihr euch rechts halten müſſen, wenn ihr nach Kippletringan wollt— da müßt ihr zurück bis zur Höhe und dann immer im Hohlweg fort, bis ihr nach Bal⸗ lenloan kommt, und hernach”“— „Das bin ich nicht im Stande, gute Frau! Mein Pferd iſt ſchon ganz entkräftet— könnt ihr mir nicht ein Nachtquartier geben?“ „Das kann ich wirklich nicht— ich bin ein einſames Weib, denn der Jacob iſt mit den Jahrkälbern nach Drumshourloch und ich darf die Thür um alle Welt nicht ſo nem Springinsfeld öffnen.“ „Aber was ſoll ich dann anfangen, gute Frau? Ich kann doch hier nicht die Nacht durch auf offner Straße ſchlafen.“ „Ja, da weiß ich keinen andern Rath, außer ihr geht nach dem Hofe drüben. Sie nehmen euch da gewiß auf, mögt ihr vornehm ſein oder ſimpel.“ „Simpel genug, daß ich zu ſolcher Zeit der Nacht hier wan⸗ dere,“ dachte Mannering, der die Bedeutung jener Redensart nicht kannte;„aber wie ſoll ich nach dem Hofe kommen, wie ihr es nennt!“ „Ihr müßt euch beim Kreuzwege rechts halten, und dann immer entlang”“— „ O, wenn ihr mir wieder mit rechts und links kommt, ſo bin ich verloren!— Iſt niemand da, der mich zu jenem Hofe führen könnte! ich will ihn gut bezahlen.“ 28 Das Wort bezahlen wirkte wie ein Zauberſpruch.„Hans, du Schlingel,“ rief die Stimme drinnen,„liegſt Du da und ſchnarchſt, und ein junger Gentleman ſucht den Weg nach dem Hofe! Steh' auf, fauler Hans und weiſ' ihm den Weg durch den Moor.— Er ſoll euch den Weg zeigen, Sir, und ihr werdet ganz ſicher guten Empfang finden; denn ſie weiſen nie jemand von der Thür. Und ihr werdet, denk' ich, juſt zur rechten Zeit kommen, denn des Lairds Diener— das heißt nicht gerade der Kammerdiener, aber der Reit⸗ knecht oder ſo etwas— der ritt heut Abend, um die Wehmutter zu holen, und er hielt nur an, und trank zwei Krüge Dünnbier leer, um uns zu erzählen, daß die gnäd'ge Frau der Niederkunft gewärtig wäre.“ „Vielleicht,“ ſagte Mannering,„dürfte ihnen zu ſolcher Zeit die Ankunft eines Fremden läſtig fallen.“ „Ei, darum ſeid nur nicht beſorgt; ihr Haus iſt weit zur Gnüge, und Kindtaufzeit iſt luſtige Zeit.“ Währenddem hatte Hans ſeinen Weg durch all die Irrgänge eines zerriſſenen Kittels und eines noch zerriſſenern Paars Hoſen gefunden, und ſprang hervor, ein großer weißköpfiger, barfüßiger, ſtämmiger Junge von zwölf Jahren, wie er nun beim Schimmer eines Binſenlichtes erſchien, welches ſeine halbnackte Mutter auf eine ſolche Weiſe hielt, daß ſie den Fremden betrachten konnte, ohne ſich ſelbſt dem Auge deſſelben allzuſehr darzuſtellen. Hans bewegte ſich vom Ende des Hauſes weſtwärts, Mannerings Pferd am Zaum führend, welches er mit Geſchick auf dem kleinen Pfade hinleitete, der ſich längs dem ſchrecklichen Moorgrunde hinzog, deſſen Nähe ſich dem Fremden durch mehr als einen Sinn kundthat. Der Füh⸗ rer zerrte ſodann den müden Klepper auf einem holperigen, ſteinigen Fahrwege weiter, ferner über ein gepflügtes Feld, darauf brach er eine Lücke, wie er es nannte, durch eine Lehmwand, und zog das nicht widerſtrebende Thier durch die Breſche, während ein gutes Stück — N —-Z— 29 dieſes Mauerwerks polternd nachſtürzte. Endlich geleitete er durch ein Pförtchen in Etwas, was ungefähr wie ein Baumgang ausſah, obwohl viele der Bäume gefällt waren. Das Brauſen des Meeres erſcholl jetzt nah und deutlich, und der Mond, der ſich zu zeigen be⸗ gann, beſchien ein mit Thürmen verſehenes und ſcheinbar in Trüm⸗ mern zerfallenes Gebäude von beträchtlichem Umfang. Mannering heftete ſein Auge mit troſtloſen Gefühlen auf daſſelbe. „Ei, mein kleiner Mann,“ ſagte er,„das iſt eine Ruine, aber kein Haus!“. „Ja, aber die Lairds lebten ſeit Menſchengedenken da— das iſt der alte Stammſitz Ellangowan; drin ſoll es auch nicht richtig mit Geſpenſtern ſein— aber ihr braucht euch nicht zu fürchten— ich habe nie ſo was geſehen, und hier ſind wir ſchon an dem Thor zum neuen Haus.“ Demnach ließ man die Ruinen zur Rechten und nach wenigen Schritten gelangte der Reiſende vor die Fronte eines modernen Hauſes von mäßiger Größe, an deſſen Thür der Führer mit Heftig⸗ keit klopfte. Dem erſcheinenden Diener berichtete Mannering ſeine Umſtände, und der Herr vom Hauſe, der die Erzählung aus ſeinem Wohnzimmer angehört hatte, trat jetzt herzu und bewillkommnete den Fremden gaſtfreundlich in Ellangowan. Der, durch eine halbe Krone glücklich gemachte, Knabe ward nach ſeiner Hütte entlaſſen, das müde Roß ward zum Stall geführt, und Mannering ſelbſt be⸗ fand ſich nach wenigen Minuten bei einem comfortablen Abendeſſen, Ha ihm der Ritt in kühler Nacht einen tüchtigen Appetit gegeben atte. Zweites Kapitel. ——— Schlich zu mir heran Und ſchnitt vom beſten Theile meines Landes znen großen Halbmond, ein gewaltig Stück ab. Heinrich IV. Theil J. Die Geſellſchaft m Wohnzimmer zu Ellangowan beſtand aus dem Laird und einer Perſon, die dem Aeußern nach der Dorfſchul⸗ meiſter oder vielleicht der Subſtitut des Pfarrers ſein konnte; ſein Anzug war zu ſchäbig, als daß er der Pfarrer ſelbſt hätte ſein kön⸗ nen, zumal da er eben beim Laird zu Beſuch war. Der Laird war einer von jenen Edelleuten vom zweiten Rang, wie man ſie häufig auf Landſitzen findet. Fielding beſchrieb eine Klaſſe derſelben als keras consumere nati; aber die Liebe zur Jagd zeigt doch eine gewiſſe Lebhaftigkeit des Geiſtes an, die Mr. Bertram verlaſſen hatte, wofern er ſie überhaupt jemals beſaß. Eine gut⸗ müthige Sorgloſigkeit bildete den einzigen auffälligen Ausdruck ſei⸗ ner Züge, die indeß ziemlich einnehmend waren. In der That, ſeine Phyſiognomie kündete die Leere des Characters an, die durch ſein ganzes Leben ging. Ich will den Leſer einen Blick auf ſeinen Zu⸗ ſtand und ſeine Unterhaltungsweiſe thun laſſen, bevor er eine lange 31 Vorleſung an Mannering beendet hat, betreffend die Zweckmäßigkeit und den Nutzen, den es hat, wenn man ſeine Steigbügel mit Stroh⸗ wiſchen umwickelt, ſobald man an einem kühlen Abende reiten muß. Gottfried Bertram von Ellangowan erbte einen großen Stammbaum und eine kleine Einnahme, wie ſo manche Lairds jener Periode. Das Regiſter ſeiner Ahnen ſtieg ſo hoch hinauf, daß es ſich in die barbariſchen Zeiten heidniſcher Unabhängigkeit verlor; und ſo trug ſein Stammbaum, außer den Chriſten⸗ und Kreuzfahrerna⸗ men Gottfried, Gilbert, Dennis und Roland, ohne Ende, auch noch heidniſche Früchte dunklerer Zeiten, Arth's, und Knarth's, und Dona⸗ gild's, und Hanlon's. Wirklich waren ſie früher die ſtürmiſchen Ge⸗ bieter eines wüſten, aber ausgedehnten Beſitzthums geweſen, ſo wie die Häupter eines zahlreichen Stammes, genannt Mac⸗Dingawain, obwohl ſie ſpäter den normanniſchen Namen Bertram führten. Sie hatten Krieg gemacht, Rebellionen angeſtiftet, waren geſchlagen, geköpft und gehängt worden, wie es ſich für eine Familie von Be⸗ deutung im Laufe vieler Jahrhunderte ziemt. Allmählig hatten ſie mehr und mehr Gebiet in der Welt verloren und, während ſie früher die Häupter von Verrath und verrätheriſchen Verſchwörungen ge⸗ weſen, waren die Bertram'so der Mac⸗Dingawaies von Ellangowan zu untergeordneten Mitverſchwornen herabgeſunken. Am unheil⸗ vollſten ward dieſe Rolle für ſie im ſiebzehnten Jahrhundert, wo ihnen der böſe Feind einen Geiſt des Widerſpruchs einflößte, welcher ſie in förmlichen Streit mit den herrſchenden Mächten verwickelte. Sie handelten ganz anders als der berühmte Vikar von Bray und hielten ſich ſo hartnäckig zu der ſchwächern Seite, wie jener würdige Geiſtliche zur ſtärkern. Und wirklich ward ihnen, gleich ihm, ihr Lohn. Allan Bertram von Ellangowan, welcher blühete tempore Caroli primi, war, wie mein Gewährsmann, Sir Robert Douglas, „ 32. in ſeiner„Schottiſchen Baronie,“(ſiehe den Artikel Ellangowan,) ſagt,„ein ſtandhafter Loyaliſt und voll Eifers für die Sache Sr. geheiligten Majeſtät, für welche er ſich mit dem großen Marquis von Montroſe und andern wahrhaft eifrigen und ehrenhaften Pa⸗ trioten verband, und überdies brachte er der Sache große Opfer. Die Ehre der Ritterwürde war ihm von Sr. geheiligten Majeſtät verliehen worden, und 1642 ward er vom Parlamente als Uebelge⸗ ſinnter mit Sequeſter belegt, ſo wie ſpäter abermals, im Jahr 1648, als Neuerungsſüchtiger.“— Dieſe beiden ganz verſchiedenen Benennungen, Uebelgeſinnter und Neuerungsſüchtiger(in Glau⸗ bensſachen,) koſteten dem armen Sir Allan die eine Hälfte ſeines Familiengutes. Sein Sohn Dennis Bertram heirathete die Tochter eines vornehmen Fanatikers, welcher eine Stelle im Staatsrath hatte, und rettete durch dieſe Verbindung die Reſte ſeines Familien⸗ eigenthums. Leider aber geſchah es, daß er ſich eben ſo ſehr in die Grundſätze wie in die Reize ſeiner Gemahlin verliebte, und der oben⸗ genannte Autor charakteriſirt ihn folgendermaßen:„Er war ein Mann von vorzüglichem Talent und Entſchloſſenheit, und aus die⸗ ſem Grunde ward er auch von den weſtlichen Grafſchaften zum Mit⸗ gliede des Ausſchuſſes von Edeln und Herren gewählt, welcher ihre Beſchwerden, in Betreff des Einfalles der Hochländer im Jahr 1678, dem geheimen Rathe Karls II. vorlegen ſollte.“ Wegen die⸗ ſes patriotiſchen Werkes verfiel er in eine Geldbuße, und um dieſe zu bezahlen, mußte er die übrige Hälfte ſeines väterlichen Erbes verpfänden. Dieſer Verluſt hätte durch ſtrenge Sparſamkeit erſetzt werden können, doch als Argyles Aufruhr zum Ausbruch kam, kam Denis Bertram wieder bei der Regierung in Verdacht und wurde nach Schloß Dunnotar an der Küſte des Mearns geſchickt, wo er den Hals brach, indem er verſuchte, aus der unterirdiſchen Wohnung, Whigs Halle genannt, wo er mit achtzig ſeiner Genoſſen ſaß, zu⸗ entfliehen. Der Pfandinhaber trat daher den Beſitz an und ſchnitt, 33 wie ſich Heißſporn ausdrückt,„heranſchleichend,“ ein zweites großes Stück vom Familieneigenthum los. Donohoe Bertram, mit einem etwas irländiſch klingenden Namen und mit etwas irländiſchem Charakter, erbte nun das ver⸗ minderte Beſitzthum von Ellangowan. Er wies den ehrwürdigen Aaron Macbriar, ſeiner Mutter Kaplan, zur Thür hinaus,(man ſagt, ſie wären um die Gunſt einer Viehmagd in Streit gerathen,) betrank ſich täglich in Geſundheiten auf den König, den Staats⸗ rath und die Biſchöffe, hielt Orgien mit dem Laird von Lagg, Theophilus Oglethorpe und Sir James Turner, und nahm end⸗ lich ſeinen Grauſchimmel und verband ſich mit Clavers zu Killie⸗ krankie. Im Gefecht bei Dunkeld, 1689, ward er von einem Cameronier mit einem ſilbernen Knopf todt geſchoſſen(weil man ihn gegen Blei und Stahl mit Hilfe des Böſen für feſt hielt,) und ſein Grab heißt noch jetzt des„Gottloſen Lairds Lager“. 4 Sein Sohn Lewis beſaß mehr Klugheit, als ſonſt der Familie eigen geweſen zu ſein ſcheint. Er hielt das geringe Eigenthum wohl zu Rathe, was ihm noch geblieben; denn Donohoe's Ausſchwei⸗ fungen, ſo wie neue Geldbußen und Confiscirungen hatten wieder einen Theil des Vermögens geraubt. Und obwohl auch er dem Verhängniſſe nicht entging, welches die Lairds von Ellangowan verleitete, ſich in politiſche Händel zu miſchen, ſo war er doch klug genug, eh' er mit Lord Kenmore im Jahr 1715 auszog, ſein Ver⸗ mögen Vormündern zu übergeben, um Bußen und Geldſtrafen auszuweichen, im Fall daß der Graf Mar mit Einrichtung der proteſtantiſchen Thronfolge nicht zu Stande käme. Aber, Scylla und Charybdis— wie die Weiſen ſagten! er rettete ſein Vermögen blos auf Koſten eines Proceſſes, welcher das Familieneigenthum wieder ſchmälerte. Er war indeß ein Mann von Entſchloſſenheit. Er verkaufte einen Theil ſeiner Ländereien, und zog aus dem alten Schloſſe, worin die Familie in ihren beſchränkten Umſtänden,(ſo Guy Mannering. I. 3 v 34 ſagte ein alter Pächter,) gleich der Maus untereiner Falle lebte. Indem er einen Theil dieſer ehrwürdigen Ruinen niederriß baute er mit den Steinen ein ſchmales Haus drei Stockwerk hoch, mit einer Fronte gleich einer Grenadiermütze, die gerade in der Mitte ein rundes Fen⸗ ſter hatte, gleich dem einzelnen Auge eines Cyklopen; ſodann zwei Fenſter an jeder Seite und eine Thür in der Mitte, welche zu einem Geſellſchaftszimmer und Nebengemach, mit allen Arten von Zwie⸗ lichtern erfüllt, führte. Dies war das neue Schloß Ellangowan, wo wir unſern Helden, vielleicht beſſer unterhalten als unſere Leſer, zurückließen, und dort⸗ hin zog ſich dieſer Lewis Bertram zurück, voll von Plänen, wie er das Glück ſeiner Familie herſtellen könne. Er übernahm ſelbſt einige Ländereien, pachtete einige von benachbarten Eigenthümern, kaufte und verkaufte hochländiſches Rindvieh und ſpaniſche Schafe, ritt auf Jahrmärkte und Kirchmeſſen, ſchloß ſchwierige Käufe ab, und fügte ſich der Nothwendigkeit, ſo weit es nur möglich. Aber was er im Geldkaſten ſammelte, verlor er an der Ehre, denn dergleichen landmänniſche und merkantiliſche Geſchäfte wurden von den be⸗ nachbarten Lairds ſcheel angeſehn, welche an nichts dachten, als an Hahngefechte, Jagden, Wettrennen und zur Abwechſelung etwa an ein verzweifeltes Duell. Die Geſchäfte, denen er nachging, thaten, ihrer Meinung nach, der Würde von Ellangowans altem Adel Ab⸗ bruch, und er ſah ſich genöthigt, ſich allmählig ihrer Geſellſchaft zu entfremden und zu dem Range eines adeligen Pächters herabzuſin⸗ ken, welches damals für einen ſehr zweideutigen Charakter galt. Inmitten dieſer Pläne forderte der Tod ſeinen Tribut, und Gott⸗ fried Bertram, der gegenwärtige Beſitzer, ſein einziger Sohn, erbte die kärglichen Reſte eines großen Beſitzthums. Das Gefahrvolle bei den Speculationen des Vaters ward nun bald ſichtbar. Da die Geſchäfte ſeiner perſönlichen und thätigen Oberaufſicht ermangelten, ſchlugen ſie entweder fehl, oder erſchienen 3⁵ unſicher und mit Gefahr verknüpft. Ohne nur einen Funken der Thatkraft zu beſitzen, die ſolchen Unfällen entweder vorbeugt oder ſie überwindet, ſetzte Gottfried ſein Vertrauen auf die Thätigkeit Anderer. Er hielt weder Jäger, noch Hunde, noch andere Präli⸗ minarien des Untergangs; doch hielt er, wie ſeine Nachbarn wohl bemerkt hatten, einen Geſchäftsführer, der ebenſogut für ſeinen Ruin ſorgte. Unter dieſes Herren Aufſicht wurden kleine Schulden groß, Zinſen wurden auf Kapitale gehäuft, einlösbare Pfänder wurden erblich, und die Maſſe der Gerichtskoſten wuchs bedeutend; Ellangowan beſaß ſo wenig den Geiſt eines Proceßſüchtigen, daß er in zwei Fällen verurtheilt ward, die Koſten eines langwierigen Rechtshandels zu zahlen, obwohl er nie zuvor gehört hatte, daß der⸗ gleichen bei den Gerichten im Gange ſei. Unterdeſſen ſagten die Nachbarn ſeinen endlichen Untergang voraus. Die von höherm Range betrachteten ihn ſchon mit einiger Schadenfreude als einen heruntergekommenen Standesgenoſſen. Die niedern Klaſſen, die nichts Beneidenswerthes in ſeiner Lage bemerkten, ſchenkten ſeinen Verlegenheiten ein größeres Mitleid. Er galt ſogar als eine Art von Günſtling unter ihnen, und bei Vertheilung von Gemeindeplä⸗ tzen, oder wenn über Krebsfang und Wilddieberei verhandelt wurde, oder bei ähnlichen Gelegenheiten, wenn ſie ſich von dem Adel bedrückt glaubten, pflegten ſie zu einander zu ſagen:„Ja, wenn Ellango⸗ wan, der brave Mann, noch das wäre, was einſt ſeine Vorfahren waren, er würde nicht dulden, daß man das arme Volk ſo mit Füßen träte.“ Indeß hinderte ſie dieſe gute Geſinnung keineswegs, ihn bei allen möglichen Gelegenheiten zu bevortheilen, ſie trieben ihr Vieh in ſein Gehege, ſtahlen ſein Holz, ſchoſſen ſein Wild, und ſo weiter, „denn der Laird, der brave Mann, wird ja das nicht merken,— er macht nie Aufhebens davon, was ein armer Kerl thut.“— Krä⸗ mer, Zigeuner, Keſſelflicker, Landſtreicher aller Art hauſten in ſeinen Wirthſchaftsgebäuden, oder herbergten in ſeiner Küche; und der 3* „ 36 Laird, der„kein durchtriebner Burſch,“ aber ein gemüthlicher Klatſchgevatter war, gleich den meiſten ſchwachen Menſchen, fand ſeine Gaſtfreundſchaft durch das Vergnügen belohnt, jene nach den Neuigkeiten der Landſchaft ausforſchen zu können. Ein Umſtand verzögerte Ellangowans Lauf auf der Heerſtraße zum Untergang. Dies war ſeine Verheirathung mit einer Dame, welche ungefähr viertauſend Pfund Vermögen beſaß. Niemand in der Nachbarſchaft konnte begreifen, warum ſie ihn heirathete und ihres Geldes theilhaft machte, wenn es nicht darum geſchah, weil er ſchlank und hübſch gewachſen war, angenehme Züge, ein freundliches Benehmen und die vollkommenſte Gutmüthigkeit beſaß. Dazu mochte noch kommen, daß ſie ſelbſt in dem bedenklichen Alter von acht und zwanzig ſtand, und keine nahen Verwandten hatte, die ihre Handlungen oder ihre Wahl leiten konnten. Es geſchah dieſer Dame wegen(die ſich zum erſten mal nach ihrer Verheirathung in den Wochen befand,) daß der ſchnelle Bote, deſſen die alte Dame in der Hütte erwähnte, gerade in der Nacht, wo Mannering ankam, nach Kippletringan abgefertigt wurde. Nachdem wir ſo viel von dem Laird ſelbſt geſagt haben, bleibt noch übrig, daß wir den Leſer einigermaßen mit ſeinem Gefährten bekannt machen. Dies war Abel Simſon, den man auch gewöhn⸗ lich, weil er ſich den Geſchäften eines Pädagogen gewidmet hatte, Dominie Simſon nannte. Er war von niedrer Herkunft, hatte aber ſchon von der Wiege an einen ſolchen Ernſt des Charakters an den Tag gelegt, daß ſeine armen Eltern dadurch zu der Hoffnung ermuthigt wurden, ihr Goldſöhnchen werde, wie ſie ſich ausdrückten, „einſt mit dem Kopfe noch auf der Kanzel herumwackeln.“ In der ehrgeizigen Erwartung ſolch einer Erhöhung ſparten und darbten ſie, ſtanden früh auf und legten ſich ſpät nieder, aßen trocken Brod und tranken kalt Waſſer, um ihrem Abel die Mittel zum Studieren 37 zu ſichern. Unterdeſſen machten ihn ſeine große, unſchöne Geſtalt, ſeine ſchweigſamen und gravitätiſchen Manieren, die groteske Weiſe, wie er ſeine Glieder bewegte und die Geſichter, die er ſchnitt, wenn er ſeine Aufgabe herſagte, zum Gelächter aller ſeiner Schul⸗ kameraden. Dieſelben Eigenſchaften ſicherten ihm auf der hohen Schule zu Glasgow in reichem Maaße dieſelbe Art von Berühmtheit. Die Hälfte des jugendlichen Pöbels„aus den Höfen“ pflegte ſich regelmäßig zu verſammeln, um Dominie Simſon zu ſehn(denn die⸗ ſen Ehrentitel hatte er bereits erlangt,) wie er die Treppe von der griechiſchen Klaſſe herabſtieg, mit ſeinem Lexicon unter dem Arm, die langen, mißgeſtalten Beine ſpreizend, mit denen er linkiſch im Takt mit ſeinen ungeheuren Schulterblättern blieb, welche den ab⸗ getragenen, fadenſcheinigen ſchwarzen Rock, ſeine beſtändige und einzige Tracht, bald herauf, bald herab drückten. Wenn er ſprach, ſo waren die Anſtrengungen des Profeſſors(obwohl er Profeſſor der Gottesgelahrtheit war) durchaus nicht fähig, das unauslöſchliche Ge⸗ lächter der Commilitonen zu zügeln, ja bisweilen vermochte der Profeſſor ſein eigenes nicht zu unterdrücken. Das lange hagere Geſicht, die glotzenden Augen, die ungeheure Unterkinnlade, deren Oeffnen und Schließen keineswegs Akt eines freien Willens zu ſein ſchien, ſondern wie durch eine im innern Menſchen angebrachte Ma⸗ ſchinerie ſank und ſtieg,— die rauhe und mißtönende Stimme und die eulenartigen Töne, zu welchem ſie ſich erhob, wenn er aufgefor⸗ dert ward, deutlicher zu ſprechen,— Alles dies, ſammt dem abge⸗ ſchabten Rock und zerriſſenen Schuhen, die ſeit Juvenals Zeiten Gegenſtände der Neckerei an armen Gelehrten waren, bot ſtets neuen Stoff zur Beluſtigung dar. Man kannte keinen Fall, wo ſich Simſon über dieſe üble Behandlung empfindlich gezeigt, oder den mindeſten Verſuch, ſie ſeinen Quälern zu vergelten, gemacht hätte. Er ſchlich ſich auf den geheimſten Wegen, die er entdecken konnte, aus dem Collegium, und verbarg ſich in ſeine elende Woh⸗ 38 nung, wo er, für achtzehn Pence die Woche, die Wohlthat eines Strohſacks genoß, und wenn ſeine Wirthin bei guter Laune war, ſeinen Studien auch wohl bei ihrem Feuer obliegen durfte. Bei all dieſem Mißgeſchick erwarb er ſich gute Kenntniß des Griechiſchen und Lateiniſchen und machte ſich auch ziemlich bekannt mit den übri⸗ gen Zweigen des Wiſſens. Im Laufe der Zeit erhielt Abel Simſon, als Kandidat der Theologie, die Erlaubniß zu predigen. Doch, ach! theils ſeiner eignen Schüchternheit wegen, theils der großen Lachluſt wegen, welche die Verſammlung bei ſeinem erſten Auftritt befiel, fühlte er ſich gänzlich unfähig, in der beabſichtigten Rede fortzufahren, ſtot⸗ terte, räusperte ſich, rollte die Augen abſcheulich hin und her, bis die Verſammlung glaubte, ſie würden ihm aus dem Kopfe fahren, dann ſchlug er die Bibel zu, ſtolperte die Kanzelſtufen hinab, faſt über die alten Weiber fallend, die dort gewöhnlich ihren Platz hat⸗ ten, und ſeit dieſer Zeit hieß er nicht anders, als der ſteckengebliebene Kandidat. Und ſo begab er ſich nach ſeiner Heimat, mit vernichte⸗ ten Hoffnungen und Plänen, zurück, um die Armuth ſeiner Aeltern zu theilen. Da er weder Freund noch Vertrauten, ja nicht einmal einen Bekannten hatte, ſo war niemand im Stande zu beobachten, wie Dominie Simſon ein Mißgeſchick ertrug, welches dem ganzen Orte eine Woche lang Stoff zu Scherzen gab. Wir würden nicht zu Ende kommen, wenn wir die unzähligen. Späße, die bei der Ge⸗ legenheit zum Vorſchein kamen, alle erwähnen wollten, von einer Ballade, genannt Simſon's Räthſel, die ein junger Philolog in Folge des Vorfalls ſchrieb, bis zu der ſchalkhaften Hoffnung des Pfarrers, daß der Flüchtling nicht, gleich ſeinem gewaltigen Na⸗ mensvetter, die Thürflügel des Collegiums mit ſich genommen ha⸗ ben möge. 1 Allem Anſchein nach blieb der Gleichmuth Simſons unerſchüt⸗ tert. Er ſuchte ſeine Eltern durch Stundengeben zu unterſtützen, 39 und bald hatte er Schüler in Menge, aber ſehr geringe Einnahme. Er lehrte die Söhne der Pächter für ſo viel, als ihnen zu geben be⸗ liebte, und die Armen für nichts; und zur Schande der erſtern ſei es geſagt, daß der Lohn des Lehrers nie dem eines geſchickten Acker⸗ knechts gleichkam. Er ſchrieb indeß eine gute Hand und vermehrte ſeine geringe Einnahme ein wenig dadurch, daß er Rechnungen co⸗ pirte und Briefe für Ellangowan ſchrieb. Nach und nach gewöhnte ſich der Laird, welcher der größern Geſellſchaft ſehr entfremdet war, ganz beſonders an die des Abel Simſon. Von unterhaltung war allerdings nicht die Rede, aber der„Dominie“ war ein guter Zu⸗ hörer und wußte das Feuer geſchickt anzuſchüren. Er verſuchte ſich ſogar im Lichterputzen, aber nicht mit Erfolg, und verließ dieſen Ehrenpoſten der Höflichkeit, nachdem er das Zimmer zweimal in totale Finſterniß verſetzt hatte. So waren ſeine Artigkeiten darauf beſchränkt, daß er ſein Bierglas genau im nämlichen Augenblick mit dem Laird ergriff und am Schluſſe der langen und weitſchweifigen Erzählungen Ellangowans ein dumpfes Beifallsgemurmel hören ließ. Bei einer ſolchen Gelegenheit war es, wo er Mannering zum erſtenmal ſeine lange, hagere, linkiſche und knochige Figur zeigte, gekleidet in einen abgetragnen ſchwarzen Rock, während ein buntes, nicht allzu reinliches Halstuch ſeinen ſehnigen, dürren Hals umfing. Außerdem trug er graue Beinkleider, dunkelblaue Strümpfe, bena⸗ gelte Schuh und kleine kupferne Schnallen. So ſtellten wir in der Kürze das Leben und die umſtände der beiden Perſonen dar, in deren Geſellſchaft ſich Mannering nun be⸗ haglich befand. Drittes Kapitel. Extheilt nicht jeder Zeit Geſchichte Von Wahrſagungen uns Berichte, Wie jegliche Begebenheit Von Aſtrologen ward prophezeit, Von Chaldäern, kundig ihres Fachs, Und ſolchen, die ſchrieben Almanachs? Hudibras. Die Umſtände der Dame vom Hauſe wurden Mannering er⸗ klärt, erſtlich als eine Entſchuldigung dafür, daß ſie nicht er⸗ ſchien den Gaſt zu bewillkommnen, ſo wie für die Mängel an ſeiner Bewirthung, welche ihre Aufmerkſamkeit ſonſt verbeſſert haben würde, und ſodann auch als Rechtfertigung des umſtandes, daß man ihm eine Flaſche guten Weines mehr aufnöthigte. „Ich kann nicht wohl ſchlafen,“ ſagte der Laird mit dem be⸗ ſorglichen Ausdrucke eines Vaters unter ſolchen Verhältniſſen,„bis ich höre, daß⸗Alles vorbei iſt— und wenn Sie, Sir, nicht allzu⸗ ſchläfrig ſind und mir und dem geiſtlichen Herrn die Ehre erweiſen wollen, mit uns aufzubleiben, ſo denk“ ich, wir werden Sie nicht allzulange aufhalten. Luckie Howatſon iſt ſehr flink;— da war'ne Dirne einmal in ſolchen umſtänden— ſie lebte hier in der Nähe— 41 Sie brauchen nicht mit dem Kopfe zu ſchütteln und zu ſeufzen, Do⸗ minie—'s iſt gewiß, ſie hat die Kirchgebühren bezahlt, wie ſich's gehört, und was kann ein Menſch mehr verlangen!— ſie iſt ſeit⸗ dem doch unter die Haube gekommen, und der Mann, der ſie hei⸗ rathete, kümmerte ſich nicht im Geringſten um das vorige kleine Mißgeſchick.— Sie leben an der Seeküſte, Mr. Mannering, bei Annan, und ein anſtändigeres, ordentlicheres Paar kann man nicht wünſchen, und dabei haben ſie ſechs Jungen, ſo munter und friſch wie die Fiſche im Waſſer; und der kleine artige Gottfried, (das iſt der älteſte, der ſo zu ſagen wider willen angekommen,) der iſt am Bord eines Zollſchiffes— ich habe ſelbſt einen Vetter am Bord eines Zollſchiffs— das iſt der Commiſſär Bertram; er er⸗ warb ſeine Commiſſärſtelle in dem großen Streit um die Grafſchaft, wovon Sie gehört haben müſſen, denn die Sache kam vor's Haus der Gemeinen,—— nun ſollte ich da für den Laird von Balrud⸗ dery geſtimmt haben; doch mein Vater, müſſen Sie wiſſen, hing dem König Jacob an, er zog mit Kenmore aus, und ſo legte er den Eid nie ab; ich weiß nicht recht zu ſagen, wie es kam, aber ſie ließen mich von der Liſte, wiewohl mein Geſchäftsträger einge⸗ tragen ward,— doch, um zurückzukommen auf das, was ich von der Dirne ſagte, Luckie Howatſon iſt ſo gewandt“—— Hier ward die unzuſammenhängende und weitſchweifige Rede des Lairds durch eine Stimme unterbrochen, welche ſich auf der Treppe von der Speiſekammer herauf näherte, und laut ſang. Die hohen Töne waren zu gellend für einen Mann, die tiefen ſchienen dagegen viel zu tief für ein Weib. Die Worte, ſo weit ſie Manne⸗ ring unterſcheiden konnte, lauteten etwa ſo: „Gut iſt, was da kommt, zuletzt; Ob die Frau geneſen jetzt? Ob es Knab', ob Maͤgdlein ſei, Sprechen wir's Gebet dabei.“ 42 „'s iſt Meg Merrilies, die Zigeunerin, ſo wahr ich ein armer Sünder!“ ſagte Mr. Bertram. Simſon ſeufzte tief, ſchlug die gekreuzten Beine auseinander, zog ſeinen krummen, erſt ausge⸗ ſtreckten Fuß ein und brachte ihn in perpendiculäre Lage, während er nun das andre Bein darüber legte, und blies abſatzweiſe dicke Tabakswolken von ſich.„Was gibt's zu ſtöhnen, Dominie! Ich glaube ſicher, Meg's Geſang bedeutet nichts Uebles.“ „Auch nichts Gutes,“ antwortete Dominie Simſon, mit einer Stimme, deren monotone Rauheit der Unbeholfenheit ſeiner Figur entſprach. Es waren die erſten Worte, die Mannering von ihm hörte; und da er mit einiger Neugier darauf gewartet hatte, daß dies eſſende, trinkende, ſich bewegende und rauchende Automat auch Worte von ſich geben möchte, ſo ergötzte er ſich höchlich an den rauhen, hölzernen Tönen, die es ausſtieß. Aber in dieſem Augen⸗ blick öffnete ſich die Thür und Meg Merrilies trat ein. Mannering ward von ihrem Anblick überraſcht. Sie war volle ſechs Fuß hoch, trug einen Mannsrock über ihrer übrigen Kleidung, hatte einen Schleedornknittel in der Hand und ſchien nach all ihren Kleidungsſtücken, mit Ausnahme der unterröcke, eher ein männliches, als ein weibliches Weſen. Ihre dunkeln Locken ſtarrten gleich den Schlangen des Gorgonenhaupts unter einer altmodiſchen Mütze, Fallhut genannt, hervor, und erhöhten den ſonderbaren Ausdruck ihrer harten verwitterten Züge, die ſie zum Theil bedeckten, während das wilde Rollen ihres Auges wirk⸗ lichen oder erkünſtelten Wahnſinn anzeigte. 3 „Ei, Ellangowan,“ ſagte ſie,„war das auch recht, daß ihr die Dame zu Bett brachtet, während ich auf dem Jahrmarkt zu Drumshourloch war, und kein Wort davon wußte oder träum⸗ te! Wer ſollte die Kobolde abhalten, ſagt mir! Ja, und die Alpe und Druden von dem hübſchen Jungen, er ſei geſegnet, ab⸗ wehren! Ja, und wer ſollte St. Colme's Spruch für das Kind „ 43 beten?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann ſie zu ſingen: „Klee, Johanniskrant und Dill Hindern, was die Hexe will; Jedem Heil, der faſten mag Streng auf St. Andreastag. Heilge Mutter und Kind, St. Colme und die Katz, St. Michael und ſein Speer dazu Halten das Haus vor'm Teufel in Ruh.“ Dieſen Spruch ſang ſie nach einer wilden Weiſe mit hoher und gellender Stimme, und nachdem ſie drei Sprünge mit ſolcher Kraft und Behendigkeit gethan hatte, daß ſie dabei faſt die Decke des Zimmers berührte, ſagte ſie:„Und nun, Laird, werdet ihr mir wohl ein Glas Branntwein bringen laſſen?“ „Das ſollſt du haben, Meg— ſetz' dich dort an die Thür, und erzähl uns, was du Neues auf dem Jahrmarkt zu Drumshourloch gehört haſt.“ „Wirklich, Laird, ihr und eures gleichen ſollte da geweſen ſein; denn hübſchere Dirnen gab's da die Menge, aber niemand, der ihnen Handgeld geben mochte.“ „Wohl, Meg, und wie viel Zigeunerinnen ſind gefangen ge⸗ ſetzt worden?“ „Nur drei, Laird, denn mehr waren nicht beim Jahrmarkt, außer mir; aber ich gab bei Zeiten Ferſengeld, denn mit dem Ge⸗ richtsvolk iſt nicht gut auskommen. Nun hat auch Dunbog den Red Rotten und John Young aus ſeinem Gebiete gewieſen— die Peſt über ihn! er iſt kein Edelmann, kein Tropfen edles Blut in ihm; was ſchadet's ihm, wenn zwei arme Menſchen Obdach in ſei⸗ nem weiten Hauſe haben oder ein Stück Holz nehmen, um ihr arm⸗ ſelig Rebhuhn dabei zu kochen! Doch, ſei es immerhin ſo— wir 44 werden's erleben, daß ihm einmal früh vor Tagesanbruch der rothe Hahn ums Dach fliegt.“ „Still, Meg, ſtill! ſtill! das ſind verfängliche Reden!“ „Was meint ſie damit!“ ſagte Mannering in leiſem Tone zu Simſon. 1 „Feuer anlegen,“ antwortete der lakoniſche Gelehrte. „Wer oder was iſt ſie, ich bitte Sie!“ „Hure, Diebin, Hexe, Zigeunerin,“ antwortete Simſon auf gleiche Weiſe. 1 „Fürwahr, Laird,“ fuhr Meg während dieſer Zwiſchenrede fort,„nur ſolchen, wie Ihr ſeid, kann man ſein Herz öffnen; Ihr ſeid ein ächter Edelmann, wie eure Familie edel war, von vielen hundert Jahren her; aber ihr jagt auch nicht armes Volk aus eurem Gebiet, und durch die unſern ko mmt euch auch nichts abhan⸗ den, und hättet ihr ſo viel Kapaunen auf dem Hof, als Blätter am Baum.— und nun mag jemand von euch ſeine Uhr zur Hand nehmen und mir genau die Minute der Stunde angeben, wann der Junker geboren wird, damit ich ſein Schickſal ſage.“ „Ei, Meg, diesmal werden wir eures Beiſtandes nicht be⸗ dürfen, denn hier iſt ein Student aus Orford, der verſteht es beſ⸗ ſer als ihr, wie man das Schickſal verkündigt— er lieſt es aus den Sternen.“ „Allerdings, Sir,“ ſagte Mannering, der in die gutmü⸗ thige Laune ſeines Wirths einging.„Ich werde ſeine Nativität ſtellen nach den Regeln der Triplicität, wie es von Pythagoras, Hippokrates, Diocles und Avicenna empfohlen wird. Oder ich will ab hora questionis beginnen, wie es Haly, Meſſahala, Gan⸗ wehis und Guido Bonatus empfehlen.“ unter die Eigenſchaften Simſons, welche ihn der Gunſt des Mr. Bertram vorzüglich empfahlen, gehörte die, daß er auch nie den plumpſten Verſuch, ihn zu necken, merkte, ſo daß der Laird, 45 deſſen beſcheidne Anſtrengungen, ſpaßhaft zu ſein, ſich hauptſäch⸗ lich auf dasjenige beſchränkten, was damals Fopperei hieß, jetzt aber Myſtification genannt wird, den beſtmöglichſten Gegenſtand des Witzes an dem argloſen Kandidaten hatte. In der That, nie lachte er, oder ſtimmte in das Gelächter ein, welches ſeine eigne Einfalt erregte— ja, man ſagt, er habe überhaupt nur ein einzi⸗ gesmal in ſeinem ganzen Leben gelacht, und bei dieſer denkwürdi⸗ gen Gelegenheit kam ſeine Wirthin zur Unzeit nieder, theils vor Erſtaunen über das Ereigniß an ſich, und theils aus Schreck über die häßlichen Grimaſſen, welche dies ungewöhnliche Gelächter be⸗ gleiteten. Die einzige Wirkung, welche die Entdeckung ſolcher Neckereien auf ſeine ernſte Perſönlichkeit hervorbrachten, war ein nothgedrungener Ausruf, wie:„wunderbar!“ oder:„ſehr witzig!“ den er ſtets langſam ausſprach, ohne daß ſich ein Musket ſeines Geſichts dabei bewegte. Bei gegenwärtiger Gelegenheit heftete er ſein Auge ſtarr und geiſterhaft auf den jungen Aſtrologen und ſchien noch in Zweifel, ob er deſſen Antwort richtig verſtanden habe. „Ich fürchte, mein Herr,“ ſagte Mannering, ſich an ihn wendend,„ihr ſeid eine von jenen unglücklichen Perſonen, welche, da ihr Auge zu trübe iſt, um die Sternſphären zu durchdringen und darin die Beſchlüſſe des Himmels aus der Ferne zu erkennen, ihr Herz aus Vorurtheil und Irrthum jeder Ueberzeugung verſchloſ⸗ ſen haben.“ „Allerdings,“ ſagte Simſon,„bin ich mit Sir Iſaak New⸗ ton, weiland Münzmeiſter ſeiner Majeſtät, der Meinung, daß die(vorgebliche) Wiſſenſchaft der Aſtrologie in jeder Hinſicht eitel, frivol und unbefriedigend iſt.“ Und hier ſchwieg das Orakel ſeines Kinnbackens. „Wirklich,“ fuhr der Reiſende fort,„ich bin bekümmert, einen ſo gelehrten und würdigen Herrn von ſolcher Verblendung 46 und Täuſchung befangen zu ſehn. Wollen Sie den kurzen, moder⸗ nen und, ſo zu ſagen, allgewöhnlichen Namen Iſaak Newton, den ſo gewichtigen und klanghaften Autoritäten eines Dariot, Bo⸗ natus, Ptolomäus, Haly, Etzler, Dieterich, Naibob, Harfurt, Zael, Taustettor, Agrippa, Duretus, Maginus, Origen und Argol gegenüberſtellen? Vereinigen ſich nicht Chriſten und Hei⸗ den, Türken und Juden, Dichter und Philoſophen, um den Ein⸗ fluß der Geſtirne anzuerkennen!“ „Communis error— es iſt ein allgemeiner Irrthum,“ ant⸗ wortete der unbeugſame Dominie Simſon. „Nicht doch,“ erwiederte der junge Engländer;„es iſt ein allgemeiner und wohlbegründeter Glaube.“ „Es iſt ein Mittel für Betrüger, Schelme und Gauner,“ ſagte Simſon. „Abusus non tollit usum. Der Mißbrauch einer Sache thut der rechtmäßigen Anwendung derſelben keinen Eintrag.“ Während dieſes Geſprächs glich Ellangowan ungefähr einer Schnepfe, die ſich in ihrer eigenen Schlinge gefangen hat. Er wandte ſein Geſicht abwechſelnd von ſeinem der Sprecher zum an⸗ dern, und aus dem Ernſte, womit Mannering ſeinen Gegner be⸗ kämpfte, ſo wie aus der Gelehrſamkeit, womit er den Streit führte, begann er faſt zu glauben, daß es ernſtlich damit gemeint ſei. Was Meg betrifft, ſo heftete ſie ihren wilden Blick auf den Aſtrologen, indem ſie durch einen Wortſchwall, der noch myſteriö⸗ ſer klang als ihr eigner, überwältigt ward. 3 Mannering verfolgte ſeinen Vortheil und durchlief alle ſchwie⸗ rigen Kunſtausdrücke, die ihm ſein treues Gedächtniß nur immer eingab und mit welchen er, durch Umſtände, die wir ſpäter er⸗ wähnen wollen, ſchon ſeit früher Jugend vertraut geweſen war. Zeichen und Planeten, im geſechſten, gevierten oder gedritten Schein, verbunden, oder entgegengeſetzt; himmliſche Häuſer mit 47 ihren Hörnern, Stunden und Minuten; Almuten, Almochoden, Anahibazon, Katahibazon; tauſend Ausdrücke, von gleichem Klang und gleicher Bedeutung, ſtrömten haufenweiſe auf den un⸗ empfindlichen Gelehrten, deſſen verſtockte Ungläubigkeit ihn aus dem Bereiche dieſes erbarmenloſen Sturms in Sicherheit brachte. Endlich unterbrach dies Geſprach die freudige Nachricht, daß die Dame des Hauſes ihren Gemahl mit einem ſchönen Knaben be⸗ ſchenkt habe und ſich ſelber(verſteht ſich ſo wohl befinde, als die Umſtände erwarten ließen. Mr. Bertram eilte zum Zimmer ſeiner Gemahlin, Meg Merrilies ſtieg zur Küche hinab um ſich ihren Antheil an dem Bier und dem großen Käſe zu ſichern, welche beide nach alter Sitte in vorzüglicher Qualität für ſolche Gelegen⸗ heit bereitgehalten und genoſſen wurden; und Mannering, welcher nach ſeiner Uhr ſah und mit großer Genauigkeit Stunde und Mi⸗ nute der Geburt anmerkte, bat mit geziemender Gravität den ge⸗ lehrten Simſon, ihn an einen Ort zu bringen, wo er eine freie Ausſicht nach den Himmelskörpern haben könne. Der Schulmeiſter erhob ſich ohne weitere Antwort und öffnete eine, halb aus Glasfenſtern beſtehende Thür, welche nach einem altmodiſchen Terraſſengang führte, der ſich hinter dem neuen Hauſe befand und mit der Erhöhung, auf welcher die Ruinen des alten Schloſſes lagen, in Verbindung ſtand. Der Wind hatte ſich er⸗ hoben und die Wolken verſcheucht, welche ihn zuvor verdunkelt hatten. Der Vollmond ſtand hoch und all die kleinern Lichter des Himmels ſtrahlten in unumwölktem Glanze. Ihr Licht machte für Mannering eine Scene ſichtbar, von deren Anblick er im höchſten Grade überraſcht war. Wir bemerkten, daß ſich unſrer Wandrer während des letzten Theils ſeiner Reiſe der Seeküſte näherte, ohne genau zu wiſſen, wie weit er noch davon entfernt ſei. Jetzt entdeckte er, daß die Ruinen von Ellangowan auf einem Vorgebirge gelegen waren, oder viel⸗ 48 mehr auf einem Felſenvorſprung, welcher die eine Seite einer klei⸗ nen, ruhigen Bucht am Strande bildete. Die neue Wohnung lag tiefer, obwohl ſie ſich dicht an die alte anſchloß, und der Grund hinter derſelben ſenkte ſich ſeewärts, durch einen ſanft erhabenen grünen Abhang, der ſich durch natürliche Terraſſen in kleine Ebe⸗ nen abtheilte, auf welchen einige alte Bäume ſtanden, bis er ſich in dem weißen Meerſande verlor. Die andere Seite der Bucht, welche dem alten Schloß gegenüber lag, war ein abhängiges man⸗ nichfach geſtaltetes Vorgebirge, meiſt mit Buſchholz bedeckt, wel⸗ ches an dieſer geſegneten Küſte faſt bis an die Waſſerzeichen wuchs. Eine Fiſcherhütte guckte zwiſchen den Bäumen hervor. Selbſt zu dieſer ſtillen Nachtſtunde bewegten ſich Lichter am Strande, wahr⸗ ſcheinlich wegen der Ausladung eines Schmuglers von der Inſel Man, welcher in dieſer Bucht vor Anker lag. Als das Licht hin⸗ ter der Glasthür des Hauſes von dort bemerkt ward, rief man vom Schiffe aus denen am Strande laut zu:„Vorgeſehn! Lichter weg!“ worauf die Lichter alsbald verſchwanden. Es war eine Stunde nach Mitternacht, und die Ausſicht ringsum höchſt anmuthig. Die alten grauen Thürme der Ruine, theils noch ganz, theils zertrümmert, hier die von der Zeit ver⸗ witterten Steine zeigend, dort theilweis mit Efeu überwachſen, ſtreckten ſich auf dem düſtern Felſen empor, welcher ſich, von Man⸗ nerings Standpunkt aus zur Rechten, erhob. Vor ihm lag die ruhige Bucht, deren mäßige Wellen, im Mondſtrahl flimmernd und funkelnd, über ihre Oberfläche dahinrollten, bis ſie ſich an dem ſilbernen Sandgeſtade mit ſanftem, murmelndem Schlage brachen. Zur Linken trat die Waldung nahe zum Meere, indem ſie im Mond⸗ licht auf dem wellenförmigen und vielgeſtaltigen Boden wogte, und jene Mannichfaltigkeit von Licht und Schatten, ſo wie die anziehende Abwechſelung von Dickicht und offnen Waldſtellen zeigte, worauf das Auge ſo gern ruht, bezaubert von dem, was es ſieht, und doch 49 auch begierig, noch tiefer in die Labyrinthe der waldigen Scenerie einzudringen. Droben rollten die Planeten, jeder durch ſeinen eigenthümlichen klaren Lichtkreis von den untergeordneten oder fer⸗ nern Sternen unterſchieden. So ſeltſam vermag ein Phantaſiege⸗ bild ſelbſt diejenigen zu täuſchen, deren Willkür es erſt hervorrief, daß Mannering, während er auf jene glänzenden Lichtkörper ſchaute, faſt geneigt war, an den Einfluß zu glauben, den ihnen der Aberglaube über menſchliche Schickſale einräumte. Aber Man⸗ nering war ein jugendlich Liebender und ſtand vielleicht unter dem Einfluſſe von Empfindungen, welche ein neuerer Dichter ſo herrlich ausſpricht: Die heitre Welt der Wunder iſt's allein, Die dem entzückten Herzen Antwort gibt, Die ihre ew'gen Räume mir eröffnet, Mir tauſend Zweige reich entgegenſtreckt, Worauf der trunkne Geiſt ſich ſelig wiegt. Die Fabel iſt der Liebe Heimatwelt: Gern wohnt ſie unter Feen, Talismanen, Glaubt gern an Götter, weil ſie göttlich iſt, Die alten Fabelweſen ſind nicht mehr, Das reizende Geſchlecht iſt ausgewandert; Doch eine Sprache braucht das Herz, es bringt Der alte Trieb die alten Namen wieder, Und an dem Sternenhimmel gehn ſie jetzt, Die ſonſt im Leben freundlich mitgewandelt: Dort winken ſie dem Liebenden herab, Und jedes Große bringt uns Jupiter Noch dieſen Tag, und Venus jedes Schöne. Solche Träumereien wichen bald andern.„Ach!“ ſagte er leiſe,„mein guter alter Vormund, der ſo tief in die Streitigkeit zwiſchen Heydon und Chambers über Aſtrologie einzugehen pflegte, er würde dieſe Scene mit andern Augen betrachtet haben; er würde ſich ernſtlich bemüht haben, aus der gegenſeitigen Stellung dieſer Guy Mannering. I. 4 50 Lichtkörper ihren wahrſcheinlichen Einfluß auf das Schickſal des neugeborenen Kindes zu entdecken, als ob der Lauf oder die Licht⸗ emanationen der Geſtirne die göttlichen Rathſchlüſſe vereiteln könn⸗ ten, oder ihnen wenigſtens gleich ſtänden. Nun, Friede ſei mit ihm! Er brachte mir genug von der Wiſſenſchaft bei, um ein Sche⸗ ma der Nativität zu Stande zu bringen, und daher will ich ſogleich an's Werk gehn.“ So ſagend, und nachdem er den Stand der Hauptplaneten aufgezeichnet hatte, kehrte Guy Mannering nach dem Hauſe zurück. Der Laird begegnete ihm im Wohnzimmer, und indem er ihm ſehr freudig die Nachricht gab, daß der Knabe ein hübſches, geſundes kleines Bürſchchen ſei, ſchien er ganz in der Stimmung, ihm noch fernere Beweiſe der Gaſtfreundſchaft aufzu⸗ nöthigen. Indeß gab er Mannerings Klage über Müdigkeit Ge⸗ hör und überließ ihn, nachdem er ihn zu ſeinem Schlafgemach ge⸗ leitet, für dieſen Abend der Ruhe. Viertes Kapitel. Der Glaube an Sterndeuterei war um die Mitte des ſiebzehn⸗ ten Jahrhunderts faſt allgemein, doch begann er gegen das Ende dieſes Zeitraums ſchwankend und zweifelhaft zu werden, und zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts gerieth die Kunſt gänzlich in Verruf und ward allgemein verlacht. Doch behielt ſie noch immer ſo manche Parteigänger, ſelbſt in den Sitzen der Gelehrſamkeit. Ernſte und gelehrte Männer verließen ungern jene Berechnungen, welche frühzeitig Hauptgegenſtände ihrer Studien geweſen waren, und fühlten ein Widerſtreben, von der herrſchenden Höhe herabzu⸗ ſteigen, wohin ſie die vermeinte Gabe, die Zukunft mittelſt himm⸗ liſcher Einflüſſe und Conjuncturen zu befragen und zu durchſchauen, weit über die übrige Menſchheit erhoben hatte. Unter denen, welche dieſem eingebildeten Vorrecht mit vollem Glauben anhingen, befand ſich ein alter Geiſtlicher, von welchem Mannering erzogen ward. Er verdarb ſeine Augen durch Beob⸗ achtung der Sterne, und ſein Gehirn durch Berechnung ihrer ver⸗ ſchiedenen Stellungen. Sein Mündel nahm in früher Jugend na⸗ türlich einen Theil dieſes Enthuſiasmus an, und war eine Zeitlang eifrig bemüht, ſich zum Meiſter in dem kunſtgerechten Verfahren 4* bei aſtrologiſchen Forſchungen zu machen; ſo daß, bevor er ſich von der Albernheit dieſer Kunſt überzeugte, ihm ſelbſt William Lilly „eine ſeltene Faſſungskraft und ein durchdringendes Urtheil in Lö⸗ ſung jeder die Nativität betreffenden Frage“ würde zugeſtanden haben. Im gegenwärtigen Falle ſtand er ſo früh des Morgens auf, als es die Kürze des Tages geſtattete, und begann die Nativität des jungen Erben von Ellangowan zu berechnen. Er unternahm das Geſchäft secundum artem, theils um ſein Anſehen zu behaupten, theils aus einer gewiſſen Neugier, um zu erfahren, ob er die ein⸗ gebildete Wiſſenſchaft noch im Gedächtniß habe und üben könne. Er ſtellte daher ſein Schema oder ſeine Figur des Himmels auf, welche in zwölf Häuſer getheilt war, ſtellte die Planeten gehörig hinein und berichtigte ihren Stand ſodann nach Stunde und Au⸗ genblick der Geburt. Ohne unſre Leſer mit den allgemeinen Andeu⸗ tungen zu beläſtigen, welche eine kunſtgerechte Aſtrologie aus die⸗ ſen Umſtänden gefolgert hätte, ſei nur geſagt, daß ſich eine Andeu⸗ tung aus dem Ganzen ergab, welche die Aufmerkſamkeit unſers Aſtrologen ganz beſonders auf ſich zog. Mars, der in der Höhe des zwölften Hauſes herrſchte, drohte dem Neugebornen Gefangenſchaft, oder plötzlichen und gewaltſamen Tod, und indem Mannering ſeine Zuflucht zu jenen Regeln nahm, wodurch ſich die Wahrſager von der Heftigkeit einer ſo ſchlimmen Laufbahn überzeugen und beleh⸗ ren, bemerkte er aus dem Erfolg, daß drei Perioden in dieſem Falle beſonders gefährlich ſein würden, das fünfte, das zehnte und das einundzwanzigſte Jahr des Neugebornen. Bemerkenswerth iſt, daß Mannering ſchon vorher einmal ein ähnliches Narrenſpiel, auf die Bitte der Sophie Wellwood, der jungen Dame, zu welcher er eine Zuneigung hegte, unternahm und daß damals eine ähnliche Planetenverbindung dieſe Dame mit Tod oder Gefangenſchaft in ihrem neun und dreißigſten Jahre bedrohte. 53 Sie zählte damals achtzehn Jahr, ſo daß dem Stand der Geſtirne zufolge das nämliche Jahr auch ihr mit demſelben Mißgeſchick drohte, welches dem Kinde prophezeit war, das in dieſer Nacht das Licht der Welt erblickte. Betroffen von dieſer Uebereinſtimmung, wiederholte Mannering ſeine Berechnungen; der Erfolg beſtätigte das bereits Verkündigte noch mehr, bis endlich der nämliche Mo⸗ nat und derſelbe Tag des Monats für beide als gefährlich bezeichnet erſchien. Man wird leicht glauben, daß wir, indem wir dieſes Umſtands erwähnen, auf die ſo erlangte Kunde kein Gewicht legen. Aber es kommt oft vor, und ſo groß iſt unſre angeborne Liebe zum Wunder⸗ baren, daß wir uns freiwillig Mühe geben, unſer beſſeres Urtheil zu betrügen. Ob das Zuſammentreffen, deſſen ich gedachte, wirk⸗ lich einer jener ſonderbaren Fälle war, die ſich bisweilen gegen alle natürliche Erwartung zutragen; aber ob Mannering, durch das arithmetiſche Labyrinth und die tolle Kunſtſprache der Aſtrologie verwirrt, ohne Bewußtſein zweimal demſelben Knäuel gefolgt war, um aus den Irrgängen zu gelangen; oder ob ſeine Einbil⸗ dungskraft, verführt durch einen Punkt ſcheinbarer Uebereinſtim⸗ mung, noch dazu beitrug, die Aehnlichkeit zwiſchen beiden Berech⸗ nungen weit genauer darzuſtellen, als es ſonſt der Fall geweſen ſein würde, das Alles läßt ſich ſchwer errathen; aber der Eindruck, den der umſtand, daß die Reſultate ſo genau übereinſtimmten, auf ſein Gemüth hervorbrachte, war lebhaft und unauslöſchlich. Er konnte nicht umhin über ein ſo ſonderbares und unerwarte⸗ tes Zuſammentreffen Staunen zu empfinden.„Iſt der Teufel im Spiele, um ſich für unſre Tändelei mit einer Kunſt zu rächen, welche, wie man ſagt, zauberiſchen Urſprungs iſt! Oder iſt es möglich, wie Bacon und Sir Thomas Browne zugibt, daß etwas Wahres an einer vernünftig und nach Regeln geübten Aſtrologie iſt, und daß der Einfluß der Sterne nicht geläugnet werden kann, 54 wenn man auch der Betrüger wegen, welche vorgeblich die Kunſt üben, dieſe einigermaßen im Verdacht haben mag?“— Er über⸗ legte nicht lange, um dieſe Meinung als phantaſtiſch aufzugeben, da ſie nur von jenen gelehrten Männern aus dem Grunde in Auf⸗ nahme gebracht worden war, weil ſie nicht wagen durften, auf ein⸗ mal all die Vorurtheile ihrer Zeit umzuſtoßen, oder auch, weil ſie ſelbſt nicht ganz frei von jenem anſteckenden Einfluſſe eines herr⸗ ſchenden Aberglaubens waren. Der Erfolg ſeiner Berechnungen in dieſen beiden Fällen ließ jedoch einen ſo unangenehmen Eindruck in ſeinem Geiſte zurück, daß er, gleich Prospero, ſeiner Kunſt ent⸗ ſagte, und ſich entſchloß, nie wieder, weder in Ernſt noch in Scherz, die Aſtrologie auszuüben. Lange überlegte er, was er dem Laird in Bezug auf das Ho⸗ roskop ſeines Erſtgebornen ſagen ſolle; endlich aber beſchloß er, ihm zwar den Erfolg ſeiner Berechnungen offen zu berichten, zu⸗ gleich ihn aber auch mit der Unzuverläſſigkeit der Kunſtregeln, nach denen er verfahren war, bekannt zu machen. Mit dieſem Entſchluß ging er hinaus nach der Terraſſe. War der Anblick der umgebungen Ellangowans bei Mondlicht angenehm geweſen, ſo verloren ſie keine ihrer Schönheiten im Lichte der Morgenſonne. Das Land lachte unter ihrem Einfluſſe ſelbſt im Monat November. Ein ſteiler, doch regelmäßiger Fußſteg führte von der Terraſſe aufwärts nach einer benachbarten Anhöhe, und leitete Mannering vor die Fronte des alten Schloſſes. Dieſes be⸗ ſtand aus zwei maſſiven runden Thürmen, welche tief und düſter aus den äußerſten Winkeln einer umgebenden Schutzmauer hervor⸗ ragten, durch welche ſie verbunden waren und ſo den Eingang be⸗ ſchützten, der ſich in Form eines erhabenen Bogens inmitten der Mauer befand und nach dem innern Schloßhof führte. Die in Stein gehauenen Familienwappen prangten düſter über dem Thor⸗ weg, und das Portal zeigte noch die vom Bauherrn angebrachten 5⁵ Fugen, um das Fallgatter nieder, und die Zugbrücke emporziehen zu können. Ein plumpes Thor, aus jungen Baumſtämmen zu⸗ ſammengenagelt, ſchützte jetzt allein noch dieſen einſt furchtbaren Eingang. Die Esplanade vor der Fronte des Schloſſes beherrſchte eine herrliche Ausſicht. Die traurige Scene der Zerſtörung, durch welche am vorigen Abend Mannering's Weg gegangen war, ward hier durch Höhen dem Blicke entzogen, und die Landſchaft zeigte einen anmuthigen Wechſel von Hügel und Thal, durchſchnitten von einem Fluſſe, welcher an manchen Punkten ſichtbar, an andern aber, wo er zwi⸗ ſchen tiefen und waldigen Ufern hinwallte, verborgen war. Die Spitze eines Kirchthurms und der Anblick einiger Häuſer zeig⸗ ten daß an der Stelle wo ſich der Strom ins Meer ergoß, ein Dörſchen lag. Die Thäler ſchienen gut angebaut zu ſein und waren überall mit kleinen Zäunen befriedigt, worin ſich die abge⸗ theilten Felder am Abhange der Hügel hinlagerten; zuweilen liefen auch wohl, wie in ſchlängelnden Linien geführt, zwiſchen Hecken kleine Pfade nach den Höhen. Ueber dieſen lagen wieder grüne Weideplätze, die hauptſächlich mit ganzen Heerden von Hornvieh, was damals den Hauptreichthum dieſes Landes ausmachte, ange⸗ füllt waren, deren entferntes Gebrüll die Landſchaft auf nicht un⸗ angenehme Weiſe belebte. Je entlegner die Hügel waren, um ſo düſterer war ihr Charakter, in noch weiterer Ferne erhoben ſie ſich zu blauen Bergen mit Heidekraut bedeckt, die wie eine dem Hori⸗ zont vorgezogne Decke der angebauten Landſchaft eine ſcharf abge⸗ meſſene Gränze anwieſen, und zu gleicher Zeit die angenehme Vor⸗ ſtellung einer gänzlichen Abgeſchiedenheit von der Welt in der Seele des Reiſenden, der ſich in dies einſame Thal verirrte, erwecken mußten. Die Seeküſte, welche Mannering nun in ihrem ganzen Umfang erblickte, war an Mannichfaltigkeit und Schönheit dem Binnenlande völlig gleich. An manchen Stellen erhob ſich dieſelbe 56 mit ſteilen Felſen, die häufig mit den Ruinen alter Gebäude, Thürme oder Warten gekrönt waren, welche der Tradition nach einander entgegengeſtellt waren, damit ſie einander bei Einfällen oder bür⸗ gerlichen Kriegen die Signale zu gemeinſamem Schutz und Trutz mittheilen konnten. Das Schloß Ellangowan war bei weitem die ausgedehnteſte und wichtigſte unter dieſen Ruinen, und beſtätigte durch Größe und Lage das Uebergewicht, welches ihre Burgherrn unter den Häuptern und Edeln der Nachbarſchaft, wie die Sage ging, einſt beſeſſen hatten; an andern Orten beſchrieb das von klei⸗ nen Buchten durchſchnittene Ufer angenehmere Gruppen, beſonders wo ſich das Land allmählig abſenkte oder mit waldbedeckten Vorge⸗ birgen in die See hinauserſtreckte. Ein ſo völlig verſchiedenes Schauſpiel von dem, was die Ein⸗ drücke der letzten Nachtreiſe Guy Mannering hatten erwarten laſſen, hatte auch entſprechende Wirkung auf ſein Gemüth. Unter ſich ſah er das neue Haus; ein nach den Regeln der Baukunſt allerdings unge⸗ ſchicktes Gebäude, aber ſchön gelegen und mit ſonnigen, freund⸗ lichen umgebungen umgränzt.—„Wie glücklich,“ dachte der Rei⸗ ſende,„möchte das Leben eines Mannes in ſolcher Abgeſchiedenheit dahin fließen! Zur einen Seite die erhabenen Trümmer vergange⸗ ner Menſchengröße, mit dem heimlichen Bewußtſein des Familien⸗ ſtolzes, den ſie einflößen; auf der andern Geſchmack und Bequem⸗ lichkeit genug, um jeden mäßigen Erdenwunſch zu befriedigen. und alsdann mit dir hier vereint, Sophie!”“—— Wir wollen den wachen Traum eines Liebenden nicht weiter ver⸗ folgen. Mannering blieb eine Minute lang mit untergeſchlagenen Armen ſtehn, und wandte ſich dann nach dem verfallenen Schloſſe. Als er durch den Thorweg eintrat, fand er, daß die rohe Pracht des innern Hofes der äußern Größe ganz entſprechend war. An der einen Seite lief eine Reihe hoher und breiter Fenſter, durch aus⸗ gehauene Pfeiler von Stein abgetheilt, welche einſt die große Halle 57 des Schloſſes erleuchtet hatten; an der andern Seite befanden ſich mehrere Gebäude, die zwar an Höhe und Jahrzahl verſchieden, aber doch ſo untereinander verbunden waren, daß ſie auf das Auge einen allgemeinen und gleichförmigen Eindruck, von der Fronte be⸗ trachtet, gewährten. Die Thüren und Fenſter waren mit erhabe⸗ ner Arbeit geſchmückt, welche rohe Proben von Bildhauerei und Zeichenkunſt damaliger Zeit enthielt; theils ganz, theils in Stücke zerbrochen; theils mit Efeu und Schlingpflanzen überdeckt, die üppig zwiſchen den Trümmern hervorwucherten. Das Ende des Hofes, welches dem Eingange gerade gegenüberſtand, ſchloß ſich in früherer Zeit gleichfalls mit einer Reihe von Gebäuden. Dieſer Theil des Schloſſes war jedoch verfallener, als alle übrigen, und zwar, wie man ſagte, in Folge eines Bombardements von Seiten der Schiffe des Parlaments unter Deane, während des langen Bür⸗ gerkrieges, und daher zeigte der Bau hier eine ſolche Spalte, daß Mannering durch dieſelbe nicht nur die offene See, ſondern auch das kleine bewaffnete Fahrzeug eines Schmugglers, das mitten in der Bucht vor Anker lag, beobachten konnte. Während ſein Auge noch die Ruinen ringsum betrachtete, hörte er aus dem Innern eines Gemaches zur Linken die Stimme der Zigeunerin, die er am vori⸗ Abend zuerſt geſehn hatte. Er entdeckte bald eine Oeffnung, durch die er ſie genauer beobachten konnte, ohne ſelbſt geſehn zu werden; er konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, daß ihre Geſtalt, ihre Beſchäftigung und ihre Stellung zuſammen genau den Eindruck einer Sybille der Vorzeit hervorbrachten. Sie ſaß auf einem zerbrochenen Eckſtein im Winkel eines ge⸗ pflaſterten Gemachs, wovon ſie einen Theil rein gefegt hatte, um ſich für die Kreiſe ihrer Spindel eine ebene Bahn zu verſchaffen. Ein ſtarker Sonnenſtrahl fiel durch ein hohes, enges Fenſter auf ihre phantaſtiſche Kleidung und Geſichtszüge, und gab zugleich für ihre Beſchäftigung das nöthige Licht, während der übrige Theil des 58 Aufenthaltsortes völlig finſter blieb. Gekleidet in einen Rock, worin ſich die Nationaltracht des ſchottiſchen Volks mit einem An⸗ flug morgenländiſcher Kleidung gemiſcht zu haben ſchien, ſpann ſie einen Faden, den ſie aus Wolle von dreierlei Farben, ſchwarz, weiß und grau, zwiſchen den Fingern hervorzog, mit Hilfe jenes alter⸗ thümlichen Hausfrauengeräthes, welches jetzt faſt ganz vom Lande verbannt iſt, nämlich des Rockens und der Spindel. Während ſie ſpann ſang ſie etwas, was beinah wie ein Zauberſpruch klang. Nachdem Mannering umſonſt verſucht hatte, ſich der Wonte ihres Liedes genau zu bemächtigen, verſuchte er ſpäter folgende Umſchrei⸗ bung deſſen, was ihm, nach wenigen unverſtändlichen Phraſen, der allgemeine Inhalt zu ſein ſchien: —— Drehe, winde! ſo, von je, Miſchten ſich auch Freud' und Weh, Furcht und Hoffen, Ruh und Streben, Als Geſpinnſt im Menſchenleben. Während das Geweb ſich ſpinnt, Und des Kindes Sein beginnt, Sieht man in des Zwielichts Walten, Schreiten mächtige Geſtalten! Thorheit, Leidenſchaft, und Qual, Die verdrängt der Freude Strahl; Zweifel, Argwohn, banges Beben, Sind's, die dort im Tanze ſchweben. Wachſend bald, und bald vergehend, Schnell ſich, gleich der Spindel, drehend;— Winde, drehe! ſo von je Miſcht ſich Menſchenluſt und Weh. Bevor noch unſer Ueberſetzer, oder vielmehr unſer freier Nach⸗ ahmer, dieſe Stanzen in ſeinem Kopfe geordnet hatte, und wäh⸗ rend er noch an dem Reime auf vergehend ſchmiedete, war das Werk der Sybille vollendet und ihre Wolle verſponnen. Sie nahm 59 nun die mit ihrer Arbeit beladene Spindel, wickelte den Faden nach und nach ab, und maß denſelben, indem ſie ihn über ihren Ellbo⸗ gen warf und jedesmal mit der Schnur zwiſchen ihrem Zeigefinger und Daumen hindurch fuhr. Als ſie es ausgemeſſen hatte, mur⸗ melte ſie vor ſich hin:—„Die Zahl wär das, aber doch noch nicht voll— dreimal der Jahre zwanzig und zehn, aber dreimal gebro⸗ chen und dreimal wieder vereint: er wird ein glücklicher Burſch, wenn er's aushält.“ Unſer Held war im Begriff die Prophetin anzureden, als eine Stimme, rauh wie die Wellen, mit deren Getöſe ſie ſich miſchte, zweimal Holla rief und dann mit ſteigender Ungeduld wiederholte: „Meg, Meg Merrilies!— Zigeunerin— Hexe— tauſend Teufel!“ „Ich komme, ich komme, Hauptmann,“ antwortete Meg; und binnen zwei Augenblicken zeigte ſich der Befehlshaber, der ſie anredete, in dem zerfallnen Theile der Ruinen. Er war dem Anſchein nach ein Seefahrer, faſt unter Mittel⸗ größe und mit einem Geſicht, das durch tauſend Kämpfe mit dem Nordoſtwind gebräunt war. Sein Körperbau war erſtaunlich muskulös, ſtark und ſtämmig, ſo daß es ſchien, als ob ein weit größerer Mann in jedem nahen perſönlichen Kampfe mit ihm den Kürzern ziehen müßte. Seine Züge waren hart, und, was noch ſchlimmer, ſein Geſicht hatte nichts von der Harmloſigkeit, der ſorgloſen fröhlichen Luſtigkeit und der müßigen Neugier eines See⸗ mannes, der ſich auf dem Lande befindet. Dieſe Eigenſchaften ſind es vielleicht mehr, als irgend etwas anderes, was unſere Seeleute ſo beliebt im Volke macht, und hieraus erklärt ſich auch die allge⸗ meine Zuneigung, mit der ihnen die Geſellſchaft überall entgegen⸗ kommt. Ihre Tapferkeit, ihr Heldenmuth, ihre Kühnheit, ſind Eigenſchaften, die Ehrfurcht gebieten, und die vielleicht ſogar dem friedlichen Landbewohner in ihrer Gegenwart ein demüthigendes Gefühl geben; aber Ehrfurcht und Demuth erniedrigen und ſind 60 keine Empfindungen, welche eine vertraute Zuneigung zu dem Gegenſtande, der ſie erweckt, einflößen. umgekehrt mäßigt die kindiſche Fröhlichkeit, der jauchzende Uebermuth, der gedankenloſe Jubel eines Seefahrers, der ſich am Geſtade luſtig ergeht, gewiſſer⸗ maßen die furchtbaren Seiten ſeines Charakters. Nichts von alle dem zeigte ſich in dieſes Mannes Angeſicht, deſſen von Natur dü⸗ ſtere Geſichtszüge, die in jeder Hinſicht und unter jedem Ausdruck abſchreckend und zurückſtoßend eeſcheinen mußten, ein mißvergnüg⸗ tes, ja wildes Stirnrunzeln nur noch auffallender machte.„Wo ſeid ihr, Teufelsweib?“ ſagte er, mit einem etwas fremdklingen⸗ den Accent, obwohl er vollkommen gut engliſch ſprach.„Donner und Blitz! wir warten hier ſeit einer halben Stunde,— Komm, ſegne das gute Schiff und die Reiſe, und dann geh zum Satan, Hexe!“ In dieſem Augenblick bemerkte er Mannering, der in der Stel⸗ lung, die er eingenommen hatte, um die Geſänge der Meg Merri⸗ lies zu belauſchen, ganz ausſah wie jemand, der ſich zu verbergen ſtrebt, indem er zur Hälfte von dem Pfeiler, hinter welchem er ſtand, verdeckt war. Der Hauptmann, denn ſo nannte er ſich, ſchwieg plötzlich und betroffen und fuhr mit der Rechten in ſeinen Buſen zwiſchen Rock und Weſte, als wolle er eine Waffe hervorzie⸗ hen.„Ei, Brüderchen, ihr ſcheint hier auf der Lauer zu ſte⸗ hen, he?“ Ehe Mannering, etwas betroffen durch des Mannes Geberde und unverſchämte Sprache, noch eine Antwort gab, tauchte die Zi⸗ geunerin aus ihrem Gewölbe hervor und trat zu dem Fremden. Er befragte ſie mit gedämpfter Stimme, indem er auf Mannering blickte:„Ein Schuft von Aufpaſſer, he!“ Sie antwortete in dem nämlichen leiſen Tone, indem ſie ſich der Sprache ihres Stammes bediente:„Redet nicht ſo unhöflich, das iſt ein Herr aus dem Hauſe unten.“ 61 Des Mannes umwölktes Geſicht klärte ſich auf.„Einen guten Morgen für euch, Sir; ich höre, ihr ſeid ein Gaſt meines Freun⸗ des Mr. Bertram— ich bitte um Verzeihung, aber ich hielt euch für einen andern.“ 1 Mannering antwortete:„und ihr, Sir, ſeid der Herr jenes Fahrzeugs in der Bucht, wie ich vermuthe?“ „Ja wohl, Sir; ich bin Capitain Dirk Hatteraick von der Jungfrau Hagenslaapen, wohlbekannt an dieſer Küſte; ich ſchäme mich weder meines Namens noch meines Schiffes,— nein, auch ebenſo wenig meiner Ladung.“ „Ich darf wohl ſagen, ihr habt auch keinen Grund dazu, Sir.“. „Tauſend Donner— nein; ich mache ſchöne Handelsge⸗ ſchäfte— friſch geladen dort bei Douglas auf der Inſel Man— fei⸗ nen Cognak— ächten Heyſan und Souchong— Niederländer Spitzen, wenn ihr dergleichen braucht— herrlichen Cognak— Wir brachten letzte Nacht hundert Fäſſer an's Land.“ „Wirklich, Sir, ich bin nur ein Reiſender, und weiß für den Augenblick von alle dem keinen Gebrauch zu machen.“ „Nun gut, Sir, guten Morgen, wir haben Geſchäfte— oder wollt ihr mit an Bord gehen und einen Schnaps nehmen? auch eine Büchſe Thee könnt ihr erhalten— Dirk Hatteraik weiß wohl höflich zu ſein.“ Es war ein ſolches Gemiſch von unverſchämtheit, Kühnheit und argwöhniſcher Furcht in dieſem Manne, welches einen unaus⸗ ſprechlich widerlichen Eindruck hervorbrachte. Seine Manieren waren ganz die eines Schurken, der ſich des Verdachtes, den ſein Charakter erwecken muß, bewußt iſt, und der ſich gleichwohl be⸗ müht, denſelben durch die Affectation einer harmloſen und kühnen Vertraulichkeit zu bannen. Mannering lehnte die gebotenen Artig⸗ keiten kurz ab; und nach einem rauhen„Guten Morgen,“ zog ſich Hatteraik mit der Zigeunerin nach jenem Theile der Ruinen zurück, wo er zuerſt erſchienen war. Ein ſchmaler Fußſteg ging von dort aus zum Geſtade hinab, urſprünglich wahrſcheinlich zur Bequem⸗ lichkeit der Garniſon während einer Belagerung angelegt. Auf dieſer Stiege begab ſich das Paar, welches ebenſo liebenswürdig durch ſein Aeußeres, als durch ſein Gewerbe war, nach dem Strande hinunter. Der ſogenannte Capitain beſtieg ein kleines Boot, mit welchem zwei Leute dort auf ihn gewartet zu haben ſchienen, die Zigeunerin aber blieb am Strande, indem ſie recitirte oder ſang und zugleich heftig geſtikulirte. Fünftes Kapitel. — Ihr habt auf meinem Herrenſitz geweidet: Entwaldet meinen Wald; gofällt mein Holz; Mein Hauskleid durch mein Feuſter mir entriſſen; Zerſtört mein Wappen, mir kein Zeichen laſſend, Als Menſchenachtung und mein Lebensblut, Um mich der Welt als Edelmann zu zeigen. Richard II. Nachdem das Boot, welches den würdigen Kapitain an Bord ſeines Fahrzeugs brachte, dahin gelangt war, erhoben ſich die Segel und das Schiff begann ſeinen Lauf. Mit drei Schüſſen begrüßte es das alte Haus Ellangowan, und dann flog es eilend vor dem Winde hin, welcher vom Strande blies, indem alle Segel beigeſetzt waren. „SJa, ja,“ ſagte der Laird, welcher Mannering ſeit einiger Zeit geſucht und jetzt gefunden hatte,„dort gehen ſie— dort gehen ſie hin, die Freihändler— dort geht Kapitain Dirk Hatterraick, und die Jungfrau Hagenslaapen, halb Manländer, halb Holländer, oder halb Teufel! Leg aus den Bogſpriet, auf das Hauptſegel, Ober⸗ und Unterſegel, da fliegt es alles miteinander, folge wer kann! Jener Kerl, Mr. Mannering, iſt der Schrecken aller Zollbe⸗ 64 amten; ſie können nichts mit ihm anfangen; er packt ſie oder ver⸗ jagt ſie;— und, da wir von Acciſe reden, ich komme, um euch zum Frühſtück zu holen: und ihr werdet einen Thee haben, der“—— Hierbei bemerkte Mannering, daß ſich in der Ideenbildung des würdigen Mr. Bertram ein Gedanke gar wunderbar an den andern knüpfte, „Wie Zufall reiht des Orientes Perlen;“ und deßhalb, ehe der Strom ſeiner Gedanken noch weiter von dem letzten Punkte ſchweifte, führte er ihn dahin zurück, indem er ihm einige Fragen in Bezug auf Dirk Hatteraick vorlegte. „O, er iſt ein— eine gute Art von Teufelskerl— Niemand wird ihm etwas anhaben— Schmuggler, wenn ſeine Büchſen im Ballaſt ſtecken— Pirat, wenn er ſie am gehörigen Orte hält. Er hatt' unter dem Acciſevolk ſchon mehr Unheil angerichtet, als der ärgſte Schuft, der je von Ramſay kam.“ „Aber, mein guter Sir, wenn ſein Charakter von der Art iſt, ſo wundert es mich, daß er Schutz und Aufmunterung an dieſer Küſte findet.“ „Ei, Mr. Mannering, die Leute wollen Branntwein und Thee haben, und davon kommt nichts ins Land, außer auf dieſem Wege — und dann iſt da auch ſchnell abgerechnet, mag es ein Fäßchen ſein, oder ein Dutzend Pfund, das man an der Stallthür niedergelegt fin⸗ det; während man zu Weihnacht von Duncan Robb, dem Krämer in Kippletringan ewiglange Rechnungen bekommt, weil der immer Summen auftreiben muß und baar Geld nöthig hat. Der Hatte⸗ raick aber nimmt Holz, oder er nimmt Getreide, oder was ſonſt bei der Hand iſt. Ich kann euch davon eine gute Geſchichte erzählen. Da war hier ein Laird— nämlich Macſie von Gudgeonford,— der hatt' eine große Anzahl von Zinshühnern— Hühner, die als eine Art Abgabe gezahlt werden— freilich ſind ſie auch ſchlecht genug gefüttert; Luckie Finniſton ſchickte noch in letzter Woche drei her⸗ auf, es war eine Schmach, ſie nur anzuſehn, und doch hat das Weib einen Ueberfluß an Futter; freilich, ihr Mann, das muß wahr ſein, Duncan Finniſton,— der nämlich ſchon geſtorben iſt—(wir müſ⸗ ſen alle ſterben, Mr. Mannering, das bleibt immer wahr,)— und da wir juſt davon reden, ſo laßt uns lieber gehörig noch leben, denn hier ſteht das Frühſtück auf dem Tiſche, und Herr Simſon wird gleich das Gebet ſprechen.“ Simſon ſprach alsbald ein Tiſchgebet, das an Länge alle übri⸗ gen Reden übertraf, welche Mannering bis jetzt von ihm gehört hatte. Der Thee, der natürlich von dem edeln Capitain Hatteraick herrührte, ward als vortrefflich geprieſen. Dennoch deutete Man⸗ nering, wiewohl auf möglichſt zarte Weiſe, darauf hin, wie gewagt es ſei, ſolche verzweifelte Charaktere aufzunehmen:„Wäre es auch nur aus Pflichtgefühl gegen die Zollbehörde, ſo würde ich doch vor⸗ ausſetzen”“—— „Ach, das Zollgeſindel“’—(Mr. Bertram vermochte ſich nicht zu einer allgemeinen oder abſtrakten Idee zu erheben, und daher per⸗ ſonificirte ſich ſein Begriff vom Zollweſen in den Commiſſionären, Controlleuren und Zollreitern, die er zufällig kannte)—„das Zoll⸗ geſindel mag ſich ſelber ſcharf umſehen— es braucht ihm niemand zu helfen— überdies haben ſie Soldaten zu ihrem Beiſtande— und was Pflicht und Recht betrifft— da werdet ihr erſtaunt ſein, zu hö⸗ ren, Mr. Mannering,— aber ich bin nicht einmal Friedensrichter.“ Mannering nahm die erwartete erſtaunte Miene an, dachte aber im Innern, daß die ehrwürdige Bank eben keinen großen Ver⸗ kluſt erleide, indem ſie den Beiſtand ſeines gutmüthigen Wirths ent⸗ behre. Mr. Bertram hatte jetzt einen der wenigen Gegenſtände, die ihn verdrießlich machten, berührt, und er verfolgte denſelben mit ziemlichem Nachdruck. „Nein, Sir,— der Name Gottfrieds von Ellangowan befindet ſich nicht auf der letzten Liſte der Friedensrichter, obwohl kaum ein Guy Mannering. IL. 5 66 Kerl im Lande exiſtiren wird, der, mag er noch ſo wenig Land beſi⸗ tzen, nicht zu den Vierteljahrſitzungen ritte, und das F. R. unter ſeinen Namen ſchriebe. Ich kenn' ihn wohl, dem ich das verdanke — Sir Thomas Kittlecourt, der mir andeutete, er werde gegen mich ſein, wenn er bei der letzten Wahl meine Stimme nicht hätte; und weil ich nun lieber mein eigen Blut und dritten Vetter, den Laird von Balruddery vorzog, ſo wuͤßten ſie mich von der Liſte auszu⸗ ſchließen; und wie es nun zu einer neuen Ernennung von Friedens⸗ richtern kommt, da fehle ich dabei! Und ſie behaupten, es ſei deswe⸗ gen geſchehn, weil ich dem Conſtabel David Mac⸗Guffog ganz und gar freie Hand in Ausſtellung von Vollmachten gelaſſen hätte, als ob ich eine Naſe von Wachs hätte, die jeder beliebig drehen kann; o, der groben Unwahrheit! Ich habe überhaupt in meinem ganzen Leben nur ſieben Vollmachten ausgeſtellt, und Simſon hat ſie alle geſchrieben— und wäre nicht der heilloſe Handel mit Sandy Mac⸗ Gruthar geweſen, den die Conſtabels zwei oder drei Tage dort im alten Schloſſe hielten, bis ſie ihn mit guter Gelegenheit an das Obergericht abſchicken konnten— und die Sache hat mir Geld ge⸗ nug gekoſtet.— Aber ich weiß wohl, wo Sir Thomas hinaus will — es war ganz genau ebenſo mit dem Kirchſtuhl von Kilmagirdle — hatt' ich nicht eher das Recht den Kirchſitz der Kanzel gegenüber zu haben, als Mac⸗Croßkie von Creochſtone, der Sohn des Deacon Mac⸗Croßkie, des Parchentwebers!”“ Mannering gab in Hinſicht dieſer verſchiedenen Klagen dem Laird vollkommen Recht. „und dann, Mr. Mannering, gehört auch hieher noch die Ge⸗ ſchichte von dem Fahrweg und dem Teichgraben— ich weiß wohl, Sir Thomas ſteckte dahinter, und ich ſagte es dem Gerichtſchreiber geradezu, daß ich den Teufel dahinter merkte, mocht' er's nehmen wie er wollte.— Würde ein Gentleman, oder nur ein etwas gent⸗ lemaniſcher Menſch, würde der wohl mir nichts dir nichts einen 67 Fahrweg mitten durch einen Teichgraben führen und dabei, wie mein Geſchäftsführer bemerkte, ganzer zwei Ruthen von guter Moorlandweide wegnehmen!— Und dann war auch noch die Geſchichte mit dem Steuereinnehmer“—— „Gewiß, Sir, iſt es hart, wenn ihr in einem Lande ſolche Ver⸗ nachläſſigung erfahrt, wo, nach dem Umfange ihres Edelſitzes zu urtheilen, eure Vorfahren ſo einflußreich waren.“ „Sehr wahr, Mr. Mannering— ich bin ein ſchlichter Mann und mache mir nichts aus ſolchen Dingen; und ich kann ſagen, daß ich mir überhaupt wenig Gedanken damit mache; aber ich wollte, ihr hättet meines Vaters Erzählungen von den alten Gefechten der Mac⸗Dingawaies hören können— das ſind nämlich die jetzigen Bertrams— mit den Irländern und Hochländern, die mit ihren Streitwagen von Ilay und Cantire hieherkamen— und dann, wie ſie nach dem heiligen Lande zogen— nämlich nach Jeruſalem und Jericho, mit ihrem ganzen Heerbann— ſie hätten beſſer gethan, nach Jamaica zu gehn, wie Sir Thomas Kittlecourts Oheim— und wie ſie dann Reliquien heimbrachten, gleich denen, welche die Katholiſchen haben, und eine Fahne, die drüben im Schuppen hängt — wären es lieber Fäſſer mit Muscavade und Rum geweſen, dabei hätte die Familie mehr Vortheil gehabt!— aber es iſt auch gar kein Vergleich zwiſchen dem alten Herrenhof zu Kittlecourt und dem Schloß Ellangowan— ich zweifele, ob der Hof von Kittlecourt vierzig Fuß in der Fronte— aber ihr eßt ja gar nicht, Mr. Manne⸗ ring; ihr laßt ja das Frühſtück ſtehen; erlaubt mir, euch dieſen Lachs zu empfehlen— John Hay war's, der ihn fing, am Sonn⸗ abend vor drei Wochen, ſtromabwärts unter Hempſeeds Fort“— u. ſ. w. u. ſ. w. 3— Der Laird, der aus Aerger eine Zeitlang bei ein und demſelben Gegenſtande beharrt hatte, verfiel nun wieder in ſeinen gewöhnli⸗ chen nach allen Seiten abſchweifenden Styl, und gab damit Mr. 5* 68 Mannering hinlänglichen Anlaß, über das Nachtheilige einer Lage Betrachtungen anzuſtellen, die ihm noch vor kaum einer Stunde ſo neidenswerth ſchien. Hier war ein Landedelmann, deſſen ſchätzens⸗ wertheſter Vorzug ſeine große Gutmüthigkeit ſchien, und der ſich deſſenungeachtet heimlich abzehrte, und gegen andre Menſchen ſol⸗ cher Dinge wegen murrte, die, auf der Wagſchale des allgemeinen menſchlichen Elends richtig gewogen, kaum das Gewicht eines Staubkorns hatten. So iſt es jedoch, und eine ſo gleichmäßige Vertheilung der Erdengüter hat die Vorſehung angeordnet. Faſt alle diejenigen, die außerhalb der Straße wohnen, wo große Schläge des Schickſals den Menſchen erwarten, erhalten Anweiſungen auf eine Menge kleiner Unannchmlichkeiten, die wenigſtens alle darin übereinkommen, daß ſie die Heiterkeit der Seele ſtören; und jeder, Leſer wird bemerkt haben, daß weder natürliche Apathie noch ange⸗ nommene philoſophiſche Ruhe einen Landedelmann unempfindlich gegen die Unannehmlichkeiten machen kann, die ihm bei Wahlen, Vierteljahrſitzungen und vormundſchaftlichen Terminen begegnen können. Voll Neugier, die Landesſitte kennen zu lernen, nützte Mr. Mannering den Vortheil, den ihm eine Pauſe in des guten Mr. Bertram Erzählung bot, um zu erforſchen, wozu Capitain Hatte⸗ raick das Zigeunerweib ſo eifrig aufgeſucht habe. „O, wahrſcheinlich nur um über ſein Schiff den Segen zu ſpre⸗ chen. Ihr müßt wiſſen, Mr. Mannering, daß dieſe freien Handels⸗ leute, die das Geſetz Schmuggler nennt, keine Religion haben und ſich daher nur mit Aberglauben behelfen; und ſie haben man herlei Bann⸗ und Zauberſprüche und Unſinn.“—— „Eitelkeit und Thorheit!“ ſagte Simſon:„es iſt ein purer Verkehr mit dem böſen Feinde. Zauberſprüche, Amulete und Bann⸗ formeln kommen von ihm— Pfeile aus Apollyons Köcherſtammend.“ „69 „Haltet Ruhe, Simſon— ihr müßt doch immer plaudern“— (übrigens waren es die erſten Worte, die der arme Mann dieſen Morgen geſprochen hatte, mit Ausnahme des Gebets vor und nach dem Eſſen.)—„Mr. Mannering kann vor euch nicht zu Worte kommen! und alſo, Mr. Mannering, da wir von Aſtronomie, Zau⸗ berei u. dergl. ſprechen, ſeid ihr ſo gut geweſen, an das zu denken, wovon wir in letzter Nacht ſprachen!“ „Ich fange an, Mr. Bertram, mit ihrem würdigen Freunde hier zu glauben, daß ich mit ſpitzigen Dingen geſcherztthabe; und obwohl weder Sie noch ich, noch ſonſt eine vernünftige Seele den Vorausſagungen der Aſtrologie Glauben ſchenken ſollte, ſo hat es ſich dennoch zuweilen zugetragen, daß im Scherz unternommene Nachforſchungen über die Zukunft ſehr unangenehme und ernſte Wirkungen, ſowohl für den Charakter als die Handlungen der dabei betheiligten Perſonen, als Reſultate herbeiführten. Daher bitte ich wirklich, mir die Beantwortung ihrer Frage zu erlaſſen.“ Es war leicht vorauszuſehen, daß dieſe ausweichende Antwort des Lairds Neugierde nur noch höher ſpannen würde. Deſſen unge⸗ achtet war Mannering im Innern feſt entſchloſſen, das Kind nicht den falſchen Einwirkungen auszuſetzen, die daraus entſtehn konnten, wenn man daſſelbe mit vorgefaßter Meinung als den Gegenſtand einer unglücklichen Prophezeiung betrachtete. Er legte daher das Papier in die Hände des Herrn Bertram, forderte ihn aber zugleich auf, das Siegel daran fünf Jahre lang unerbrochen zu laſſen, und daſſelbe nicht eher zu öffnen, bis der Monat November zu Ende ſei. Nach Verlauf dieſes Datum ertheilte er ihm Freiheit, die Schrift näher zu unterſuchen, indem er vorausſetzte, ſobald nur die erſte ver⸗ hängnißvolle Periode glücklich vorüberſei, werde man auch dem übri⸗ gen Inhalt keinen unbedingten Glauben ſchenken. Dies verſprach auch Mr. Bertram gern, und um ſich ſeiner Treue zu verſichern, deutete Mannering auf Unglücksfälle hin, die eintreten würden, 70 wofern man dieſe Verpflichtungen vernachläſſigte. Der Reſt des Tages, den Mannering auf Mr. Bertrams Einladung zu Ellango⸗ wan zubrachte, verging, ohne daß ſich ſonſt etwas Merkwürdiges ereignete. Am Morgen darauf beſtieg unſer Reiſender ſein Roß, ſagte dem gaſtfreundlichen Wirth und ſeinem geiſtlichen Beiſtande ein höfliches Lebewohl, wiederholte ſeine Wünſche für das Wohl der Familie, und indem er ſodann den Kopf ſeines Pferdes gegen Eng⸗ land wandte, verſchwand er aus dem Geſicht der Bewohner von Ellangowan. Ebenſo muß er aus dem unſerer Leſer verſchwinden, denn es iſt eine andere und ſpätere Periode ſeines Lebens, welche mit gegenwärtiger Erzählung im Zuſammenhange ſteht. Sechſtes Kapitel. ——— Zunächſt: Gerechtigkeit. Mit ſtattlich rundem Banch und wohlgenährt, Mit ſtrengem Blick und äußerſt würd'gem Bart, Voll weiſer Sprüch', und neuerer Exempel: So ſpielt er ſeine Rolle.—— Sobald Mrs. Bertram von Ellangowan fähig war, die Neuigkeiten anzuhören, die ſich während ihrer Entbindung zuge⸗ tragen hatten, erklang ihr Zimmer von aller Art von Gevatterge⸗ ſchwätz in Bezug auf den hübſchen jungen Studenten aus Oxford, welcher aus den Sternen dem jungen Laird viel Glück geweiſſagt hatte,„Segen und Heil ſeinem holden Geſicht.“— Geſtalt, Sprache und Benehmen des Fremden wurden ſodann gehörig ge⸗ ſchildert. Sein Pferd, Zaum, Sattel, Steigbügel blieben auch nicht unerwähnt. Alles dies machte einen tiefen Eindruck auf Mrs. Bertrams Gemüth, denn die gute Dame beſaß einen tüchtigen Vor⸗ rath von Aberglauben.. Ihr erſtes Geſchäft, ſobald ſie fähig war etwas zu verrichten, beſtand darin, ein kleines Sammetbeutelchen zur Aufnahme des Horoscop's zu verfertigen, welches ſie von ihrem Gemahl erhalten 72 hatte. Es zuckte ihr in den Fingern, das Siegel zu erbrechen, aber der Aberglaube war ſtärker als die Neugierde, und ſie beſaß Feſtigkeit genug, es in vollkommener Integrität in zwei Perga⸗ mentſtreifchen zu legen, welche ſie ringsum zunähte, damit es ſich nicht abſcheuern möchte. Das Ganze ward dann in den vorbe⸗ ſagten Sammetbeutel gelegt, und hing als ein Amulet um des Kindes Hals, wo es die Mutter ſo lange hängen laſſen wollte, bis die Zeit gekommen wäre, wo ſie ihre Neugierde auf rechtmäßige Weiſe befriedigen könnte. Der Vater war gleichfalls entſchloſſen, das Seine bei dem Kinde zu thun, indem er für eine gute Erziehung ſorgte; und in der Vorausſetzung, daß dieſe mit dem erſten Beginn der Vernunft⸗ entwickelung anfangen müßte, ward Dominie Simſon leicht dazu vermocht, ſein öffentliches Geſchäft als Schulmeiſter des Kirchſpiels aufzugeben, ſeinen beſtändigen Wohnſitz auf dem Edelhofe aufzu⸗ ſchlagen und für einen Gehalt, welcher ſelbſt zu jener Zeit den Lohn eines Bedienten nicht völlig aufwog, dem künftigen Laird von El⸗ langowan alle die Gelehrſamkeit einzuflößen, die er beſaß, ſo wie all die Anmuth und die Talente, die er— in Wahrheit nicht be⸗ ſaß, deren Mangel er jedoch niemals entdeckt hatte. Bei dieſer Einrichtung fand der Laird auch noch ſeinen beſondern Vortheil, indem er ſich die beſtändige Wohlthat eines geduldigen Zuhörers ſicherte, dem er, waren ſie allein, ſeine langen Geſchichten erzäh⸗ len konnte, und auf deſſen Koſten er, wenn Geſellſchaft da war, ſeine ſchlauen Witze äußern durfte.— Etwa vier Jahre nach dieſer Zeit entſtand eine große Bewe⸗ gung in der Grafſchaft, worin Ellangowan liegt. Diejenigen, welche auf die Zeichen der Zeit achteten, waren längſt der Meinung geweſen, daß bald ein Miniſterwechſel ſtattfin⸗ den werde. Endlich, nach einem gehörigen Zeitraum voll Furcht, Hoffnung und Verzug, voll Gerüchte„ die wohlbegründet und 73 ſchlechtbegründet und auch gar nicht begründet waren; nachdem ſo manche Klubs einen Staatsmann hatten leben laſſen, während an⸗ dere riefen: nieder mit ihm! nachdem Reitens und Rennens und Poſtfahrens, nachdem des Sendens von Addreſſen und Gegen⸗ addreſſen, des Anerbietens von Blut und Vermögen genug vorge⸗ kommen war, da endlich fiel der Streich wirklich; die gegenwär⸗ tige Regierung ward aufgelöſt und das Parlament, wie ſich von ſelber verſteht, ebenfalls aufgelöſt. Sir Thomas Kittlecourt, gleich andern Parlamentsgliedern in derſelben Lage, begab ſich eiligſt nach ſeiner Grafſchaft, fand aber nur eine gleichgiltige Aufnahme. Er galt für einen Anhänger der alten Regierung, und die Freunde der neuen hatten ſich bereits einen tüchtigern Stellvertreter in der Perſon des John Featherhead Esg. erleſen, der die beſten Hunde und Renner in der ganzen Graf⸗ ſchaft hielt. Unter andern, die ſich zur Fahne des Aufruhrs ſchaar⸗ ten, war auch Gilbert Gloſſin, Schreiber in——, Geſchäftsfüh⸗ rer des Laird von Ellangowan. Dieſer würdige Gentleman hatte entweder in irgend einer Sache eine abſchlägige Antwort vom alten Parlamentsmitgliede erhalten, oder er hatte, was ebenſo wahrſcheinlich iſt, alles erhalten, worauf er nur den entfernteſten Anſpruch machen konnte, und hatte nun nur noch auf einer andern Seite neuen Vortheil zu erwarten. Mr. Gloſſin beſaß ſchon eine Stimme, die auf Ellangowans Beſitzthum ruhte; und nun war er entſchloſſen, daß ſein Patron auch eine haben ſolle, da er keinen Zweifel hatte, auf weſſen Seite ſich Mr. Bertram in dieſem Streite ſchlagen würde. Leicht wußte er Ellangowan zu überreden, daß es ſein Anſehn ſehr heben werde, wenn er an der Spitze einer mög⸗ lichſt ſtarken Partei hierbei aufträte; ſo begab er ſich unmittelbar an's Werk, indem er ſich, auf die, jedem ſchottiſchen Anwalt be⸗ kannte Weiſe, dadurch Stimmen verſchaffte, daß er die Oberherr⸗ lichkeit dieſer alten und einſt mächtigen Baronie in lauter Unterab⸗ 74 theilungen zerſplitterte. Dieſelbe war von ſolcher Ausdehnung, daß, wenn man hier etwas wegnahm und beſchnitt, dort etwas zuſetzte und anflickte, und dabei auch Oberlords für alle Güter, die Bertram von der Krone beſaß, ernannte, man ſicherlich am Tage der Entſcheidung an der Spitze von zehn ſo wackern Perga⸗ mentmännern auftreten konnte, als nur je ihren Eid auf Treu' und Vermögen abgelegt hatten. Dieſe gewaltige Verſtärkung gab am Tage des zweifelhaften Kampfes den Ausſchlag. Der Principal und ſein Geſchäftsführer theilten die Ehre; der Lohn fiel ausſchließ⸗ lich dem letztern zu. Mr. Gilbert Gloſſin ward Schreiber des Friedensgerichts und Gottfried Bertram ſah ſeinen Namen, gleich nach der Sitzung des Parlaments, dem Verzeichniß des neuen Aus⸗ ſchuſſes von Friedensrichtern eingereiht. Dies war das Höchſte, was Mr. Bertrams Ehrgeiz erſtrebt hatte; nicht etwa, daß ihm das Beſchwerliche und die Verant⸗ wortlichkeit in dieſem Amte beſonders zuſagte, er meinte vielmehr nur, es ſei eine Würde, die ihm von Rechtswegen gebühre, und die ihm nur durch Bosheit bisher vorenthalten worden ſei. Es gibt aber ein altes und wahres ſchottiſches Sprichwort:„dem Narren gib kein ſcharfes Schwert in die Hand“. Mr. Bertram war kaum in Beſitz der richterlichen Würde, die er ſo ſehr gewünſcht hatte, als er auch begann, ſie mit mehr Strenge als Gnade geltend zu machen, ſo daß er all die Erwartungen, die man von ſeiner Gut⸗ müthigkeit bisher gehegt hatte, Lügen ſtrafte. Wir laſen einmal von einem Friedensrichter, der, nachdem er zu dieſer Würde ge⸗ langt war, an einen Buchhändler einen Brief ſchrieb, worin er die Statuten ſeines neuen Amtes nach folgender Orthographie ver⸗ langte:„Belieben mir zu ſenten die Anweißung bedreffend einem Friedensrichter.“ Ohne Zweifel wird dieſer gelehrte Gentleman, wenn er die Anweißung erhalten hat, mit gutem Erfolg das Schwarze weiß und das Weiße ſchwarz gemacht haben. Mr. Ber⸗ 7⁵ tram war in der engliſchen Grammatik nicht ſo ganz fremd, wie ſein würdiger Vorgänger, aber gewiß konnte jener Friedens⸗ richter mit ſeiner„Weißung“ nicht unvorſichtiger gewirthſchaftet haben. 3 Er betrachtete im vollen Ernſt das ihm anvertraute Amt als ein Zeichen der perſönlichen Gunſt ſeines Fürſten, indem er vergaß, daß er früher die Entbehrung eines ſolchen Vorrechts, welches bei denen von ſeinem Range ſo gewöhnlich war, für ein Werk bloßer Kabale gehalten hatte. Er befahl ſeinem treuen Gehilfen, Abel Simſon, die Amtsertheilung laut vorzuleſen, und bei den erſten Worten,„Es hat dem König gefallen, zu verordnen,“ rief er „gefallen!“ und dabei gab er ſich dem Gefühle eines dankbaren Entzückens hin.„Der edle Herry! ſicherlich kann es ihm nicht mehr gefallen, als mir ſelber.“ Daher ließ er, weil er ſeine Dankbarkeit nicht auf bloße Ge⸗ fühle oder leere Worte beſchränken wollte, dem neuen Amtseifer vollen Lauf, und bemühte ſich die Anerkennung der ihm erwieſenen Ehre durch eine unermüdliche Thätigkeit in ſeinen Amtsgeſchäften an den Tag zu legen. Man ſagt, neue Beſen kehren gut, und ich ſelbſt kann bezeugen, daß bei der Ankunft eines neuen Dienſtmäd⸗ chens die alten, eingewohnten Hausſpinnen, die während der friedlichen Herrſchaft der Vorgängerin die untern Fächer meiner Bücherbrete(hauptſächlich angefüllt mit juriſtiſchen und theologi⸗ ſchen Sachen,) überſponnen hatten, ſich eilig vor den plötzlichen Einfällen der neuen Miethstruppen zurückziehen. Ebenſo begann der Laird von Ellangowan unbarmherzig ſeine Verbeſſerungen auf Ko⸗ ſten verſchiedener wohleingerichteter und eingewohnter Gauner und Diebe, welche ein halbes Jahrhundert hindurch ſeine Nachbarn ge⸗ weſen waren. Er brachte ſeine Wunder wie ein zweiter Herzog Humphrey zu Stande, und mit Hilfe des vermögenden Büttel⸗ ſtockes lehrte er Lahme gehen, Blinde ſehen und vom Schlage Ge⸗ 76 troffene arbeiten. Er entdeckte Wilddiebe, Krebsſammler, Obſt⸗ ſtehler und Taubenſchützen; und dafür ward ihm zum Lohne der Beifall ſeiner Collegen und der Ruhm einer thätigen Magiſtrats⸗ perſon. All dieſem Guten war aber auch die gehörige Portion von Bö⸗ ſem beigemiſcht. Auch eine alte Unbill, die zur Gewohnheit einge⸗ wurzelt iſt, ſollte man nicht ohne einige Vorſicht beſeitigen. Der Eifer unſers würdigen Freundes brachte nun viele Perſonen in große Bedrängniß, deren Neigung zu Müßiggang und Bettelei ſeine eigene Trägheit ſo lange genährt hatte, bis jene Neigungen zur zweiten Natur geworden waren, oder bis die wirkliche Unfä⸗ higkeit dieſer Leute zur Arbeit ſie(nach ihrer eigenen Redeweiſe) der Milde aller wohldenkenden Chriſten würdig gemacht hatte. Der von Alters her bekannte Bettler, der ſeit mehr als zwanzig Jah⸗ ren ſeine regelmäßige Runde in der Nachbarſchaft gemacht hatte, wo man ihn eher als armen Freund, denn als einen Gegenſtand der Wohlthätigkeit betrachtete, ward in ein benachbartes Arbeits⸗ haus geſandt. Das gebrechliche Weib, welches auf einer Trag⸗ bahre rings durch das Kirchſpiel reiſte, wo es von Haus zu Haus circulirte gleich einem falſchen Schilling, den jeder gern ſo ſchnell als möglich ſeinem Nachbar überläßt; ſie, die ſo laut, oder noch lauter nach ihren Trägern zu rufen pflegte, als ein Reiſender nach den Poſtpferden, auch ſie theilte daſſelbe unſelige Loos. Der taube Hans, der, halb Schelm halb Dummkopf, den größten Theil des Jahrhunderts hindurch für jedes neuheranwachſende Ge⸗ ſchlecht der Dorfkinder ein Gegenſtand des Scherzes geweſen war, ward in das Correctionshaus der Grafſchaft geſchafft, wo er, ab⸗ geſchloſſen von freier Luft und Sonnenſchein, den einzigen Gütern, die er zu genießen vermochte, dahinſiechte, bis er nach ſechs Mo⸗ naten ſtarb. Der alte Seemann, der ſo lange die rußigen Schorn⸗ ſteine von jeder Küche in der Gegend fröhlich hatte wiederhallen laſ⸗ 77 ſen, indem er vom Capitain Ward, oder vom kühnen Ad⸗ miral Benbow ſang, ward einzig und allein aus dem Grunde aus der Gegend gewieſen, weil ſeine Sprache etwas von iriſchem Accent an ſich hatte. Sogar die jährlichen Runden des Hauſirers ſchaffte der Friedensrichter ab, und zwar aus übereiltem Eifer für die Verwaltung der Landpolizei. Dieſe Dinge geſchahen nicht ohne Aufſehn und Tadel zu erre⸗ gen. Wir ſind nicht aus Holz und Stein gemacht, und die Gegen⸗ ſtände, die mit unſern Herzen und Gewohnheiten zuſammenhän⸗ gen, können nicht, wie die Rinde vom Baume, losgeriſſen wer⸗ den, ohne daß wir ſie vermiſſen. Die Frau Pächterin entbehrte die gewohnten Neuigkeiten, vielleicht auch die Selbſtzufriedenheit, die ſie empfunden hatte, während ſie dem Bettler, der die Neuig⸗ keiten brachte, das Almoſen in Geſtalt einer handvoll Hafergrütze gab. Der Hüttenbewohner empfand die Unbehaglichkeit, welche durch Unterbrechung des Kleinhandels, den die wandernden Krä⸗ mer trieben, entſtand. Die Kinder vermißten Zuckerpflaumen und Spielzeug; die jungen Weiber entbehrten Nadeln, Bänder, Kämme und Lieder, und die alten konnten nun nicht mehr Eier für Salz, Docht und Schnupftabak vertauſchen. All dieſe Umſtände brachten den geſchäftigen Laird von Ellangowan in Mißcredit, welcher um ſo allgemeiner war, je größer ſeine frühere Popularität geweſen. Selbſt ſein Geſchlechtsregiſter mußte gegen ihn zeugen. Man meinte:„Das kommt gar nicht in Betracht, was die von Greenſide, oder Burnville, oder Viewforth thun möchten, die wären ja Fremdlinge in dieſer Gegend; aber Ellangowan! ein Mann, der ſeit den grauen Mönchszeiten und lange vorher hier einheimiſch geweſen— wenn der die Armuth auf ſolche Weiſe drük⸗ ken will!— Sie hießen ſeinen Großvater den gottloſen Laird; aber wenn er auch ſchlimm genug war, und mit ſeiner luſtigen Geſell⸗ ſchaft mehr als zuviel trank, ſo hätte er ſich doch niemals benom⸗ 78 men! Nein, nein, damals ſah man weit und breit die Eſſe auf dem alten Schloſſe wie ein Schmelzofen rauchen, und da ſättigte ſich an den Ueberbleibſeln auf dem Hofe und am Thor ſo viel armes Volk, als Edle in der Halle waren. Und die Dame, ſie kam in jeder Chriſtnacht und gab jedem armen Menſchen zwölf Silber⸗ pfennige zu Ehren der zwölf Apoſtel. Sie nennen das jetzt lieber Papiſterei, aber ich dächte, das vornehme Volk könnte ſich an den Papiſten ein Beiſpiel nehmen. Sie wiſſen aber den armen Leuten auf andre Art zu helfen, am Sonntag werfen ſie ein Sechspence⸗ ſtück in den Klingelbeutel und die ſechs Tage der Woche ſchinden und plagen ſie das arme Volk auf erbärmliche Weiſe.“ So ſprachen ſich die Politiker beim Zweipfennigkrug in jedem Bierhauſe drei Meilen in der Runde um Ellangowan aus, denn ſo groß war ungefähr der Durchmeſſer des Kreiſes, in welchem unſer Freund Gottfried Bertram Esq. F. R. ſein Licht leuchten laſſen konnte. Noch mehr Stoff ward den böſen Zungen dadurch gege⸗ ben, daß eine Zigeunercolonie verbannt wurde, wovon unſere Le⸗ ſer bereits ein Mitglied kennen gelernt haben, und die ſeit langen Jahren auf dem Gebiete von Ellangowan ihren Hauptſitz gehabt hatte. Siebentes Kapitel. Wohlan, ihr Fürſten aus dem Lumpenreiche, Ihr vom Geblüt! Schnapphahn mein edler Ritter;— Was euer Nam'’ und Titel immer ſei: Falſchpaß und Schufterle, Tollkopf und Hehler, Barfuß und Gauner, hört, ich ruf' euch alle.— Die Bettlerſchenke. Obwohl der Charakter jener Zigeunerſtämme, welche früher faſt alle Nationen Europa's überſchwemmten und die in gewiſſem Maaße noch als beſonderes Volk unter ihnen beſtehen, allgemein bekannt iſt, ſo wird mir der Leſer doch verzeihn, wenn ich einige Worte über ihre Lage in Schottland ſage. Es iſt wohlbekannt, daß in einer frühern Periode die Zigeuner von einem der ſchottiſchen Monarchen als ein beſonderes und unab⸗ hängiges Geſchlecht anerkannt wurden, daß ſie aber durch ein ſpä⸗ teres Geſetz in minder günſtige Stellung kamen, weil dadurch der Charakter der Zigeuner in der Rechtswage mit dem gemeiner und gewöhnlicher Diebe gleichgeſtellt und auch denſelben Strafen unter⸗ worfen wurde. Trotz der Strenge dieſer und anderer Statuten ge⸗ dieh die Brüderſchaft unter den Bedrängniſſen des Landes und er⸗ 80 hielt großen Zuwachs durch diejenigen, welche Hungersnoth, Un⸗ terdrückung oder das Schwert des Kriegs der gewöhnlichen Mittel des Unterhalts beraubt hatte. Durch dieſe Vermiſchung verloren ſie in bedeutendem Grade ihren urſprünglichen Nationalcharakter und wurden zu einer gemiſchten Race, die alle Faulheit und Diebs⸗ gewohnheiten ihrer orientaliſchen Vorfahren mit einer Wildheit vereinigte, welche ſie wahrſcheinlich von den Männern, die aus Norden zu ihrer Bande geſtoßen waren, ererbt hatte. Sie ſtreif⸗ ten in verſchiedenen Horden umher, und beobachteten dabei unter ſich Geſetze, nach denen jeder Stamm auf das ihm angewieſene Ge⸗ biet beſchränkt wurde. Der geringſte Einfall über die Gränzen eines andern Stammes führte verzweifelte Scharmützel herbei, in denen oft viel Blut vergoſſen ward. Der patriotiſche Fletcher von Saltoun entwarf vor etwa hun⸗ dert Jahren ein Gemälde dieſer Banditen, über welches meine Le⸗ ſer erſtaunen werden. 4 „Es gibt heut zu Tage in Schottland(ungerechnet eine große Menge armer Familien, welche aus den Kirchenbüchſen unterſtützt werden, und andere, die wegen ſchlechter Nahrung in mancherlei Krankheiten verfallen) zweihunderttauſend Leute, die von Thür zu Thür bettlen. Dieſe Menſchen bringen nicht nur durchaus keinen Vortheil, ſondern ſind auch für ein ſo armes Land eine drückende Laſt. Und obwohl ihre Zahl jetzt vielleicht doppelt ſo groß iſt als früher, wovon die Noth dieſer Zeit der Grund iſt, ſo gab es doch jeder Zeit hunderttauſend ſolcher Bagabunden, die ohne irgend eine Achtung oder Unterwürfigkeit in Bezug auf die Landesgeſetze, ja ſelbſt auf die der Gottheit und Natur, dahin lebten; Lrrr, Keine Obrigkeit konnte unter hundert Fällen nur von einem dieſer Elenden erfahren, auf welche Weiſe ſie ſtarben, oder ob ſie jemals getauft waren. Viele Mordthaten ſind unter ihnen entdeckt worden, und ſie ſind nicht allein eine unausſprechliche Plage für arme Pächter, 81 (die, wenn ſie nicht an einem Tage an vielleicht vierzig ſolcher Schurken Brod oder andere Lebensmittel geben, ſicher auf Miß⸗ handlungen von denſelben rechnen dürfen,) ſondern ſie berauben auch arme Leute, deren Wohnungen abgelegen und ohne Nachbar⸗ ſchaft daſtehen. In fruchtbaren Jahren verſammeln ſich viele Tau⸗ ſende von ihnen in den Gebirgen, wo ſie viele Tage lang ſchmauſen und ſchwelgen; und bei Dorfhochzeiten, Jahrmärkten, Begräbniſ⸗ ſen und andern ähnlichen öffentlichen Gelegenheiten, ſieht man ſie, beides, Männer und Weiber, beſtändig trinken, fluchen, läſtern und miteinander fechten.“ 1 Trotz des kläglichen Gemäldes, welches dieſe Stelle gewährt, und wofür ſelbſt Fletcher, dieſer energiſche und beredte Freund der Freiheit, kein anderes Beſſerungsmittel ſah, als die Einführung einer häuslichen Sklaverei, haben doch die Fortſchritte der Zeit, die Vermehrung der Unterhaltsmittel und die Macht der Geſetze dies ſchreckliche Uebel allmählig auf engere Gränzen beſchränkt. Die Stämme von Zigeunern, Gauklern und Wahrſagern,— denn unter all dieſen Benennungen kannte man jene Banditen,— ver⸗ minderten ſich an Zahl und viele wurden völlig ausgerottet. Doch blieb noch immer eine hinreichende Anzahl übrig, um gelegentlich Unruhen und beſtändige Quälereien zu veranlaſſen. Einige rohe Handwerke blieben dieſen Landſtreichern gänzlich überlaſſen, vor⸗ züglich die Kunſt Holzteller und Hornlöffel zu machen, ſo wie das ganze Geheimniß des Keſſelflickens. Damit verbanden ſie einen kleinen Handel mit groben Sorten irdenen Geſchirrs. Darin be⸗ ſtanden ihre ſichtbaren Unterhaltsmittel. Jeder Stamm hatte ge⸗ wöhnlich einen beſtimmten Platz für Zuſammenkünfte, wo ſie ge⸗ legentlich eintrafen und den ſie als Hauptquartier betrachteten, weßhalb ſie ſich auch in ſeiner Nachbarſchaft des Stehlens enthiel⸗ ten. Viele beſchäftigten ſich mit Erfolg mit Muſik, und der belieb⸗ teſte Fiedler oder Pfeifer einer Gegend fand ſich oft in einem Zigeu⸗ Guy Mannering. 1. 6 82 nerflecken. Sie verſtanden alle jene altmodiſchen Künſte, wie Ot⸗ ternfang, Fiſchen, oder Wildpretaufſuchen. Sie zogen die beſten und kühnſten Spürhunde und handelten zuweilen damit. Im Winter wahrſagten die Weiber, die Männer zeigten Taſchenſpie⸗ lerſtückchen; und dieſe Unterhaltungen halfen oft einen langweili⸗ gen und ſtürmiſchen Abend im Kreiſe der Pachterſtube vertreiben. Die Wildheit ihres Charakters und der unbezähmbare Stolz, wo⸗ mit ſie alle regelmäßige Arbeit verachteten, gebot eine gewiſſe ehr⸗ fürchtige Scheu, welche nicht durch die Betrachtung vermindert wurde, daß dieſe Landſtreicher ein rachſüchtiges Geſchlecht wären, welches ſich weder durch Furcht noch durch Gewiſſen im Zaum hal⸗ ten ließ, ſondern an allen denen, die es in irgend einem Falle belei⸗ digt hatten, ſicher eine verzweifelte Rache ausübte. Kurz, dieſe Stämme waren die Parias von Schottland, die gleich wilden Indianern mitten unter europäiſchen Niederlaſſungen lebten, und gleich ihnen eine richtigere Schätzung erfuhren, wenn man ſie nach ihren eigenen Sitten und Meinungen beurtheilte, als wenn man ſie als Mitglieder des civiliſirten Theils der Geſellſchaft beurtheilen wollte. Einige Horden von ihnen ſind noch übrig, beſonders in ſolchen Gegenden, die eine ſchnelle Flucht in ein wüſtes Land oder unter eine andere Gerichtsbarkeit geſtatten. Auch ſind die Züge ih⸗ res Charakters noch nicht ſehr gemildert. Ihre Zahl indeß iſt ſo be⸗ deutend verringert, daß, ſtatt Hunderttauſend, wie Fletcher an⸗ gab, jetzt vielleicht unmöglich wäre, fünfhundert in ganz Schott⸗ land zuſammenzubringen. Ein Stamm dieſer Landſtreicher, zu welchem Meg Merrilies gehörte, hatte ſich lange Zeit ſo feſt, als ſeine Sitten dies geſtatte⸗ ten, in einem Thal im Gebiete Ellangowans aufgehalten. Dort hatten ſie einige wenige Hütten errichtet, die ſie ihre„Stadt der Zuflucht“ nannten, und wo, wenn ſie nicht gerade auf Streifzü⸗ gen begriffen waren, ſie ſo ungeſtörte Herberge fanden, wie die 83³ Krähen, die in den alten Eſchen ringsumher ihre Neſter hatten. Sie hatten ſo lange daſelbſt gehauſt, daß man ſie gewiſſermaßen als Eigenthümer dieſer elenden Obdächer, wo ſie wohnten, anſah. Dieſen Schutz vergalten ſie dem Laird vormals, wie man erzählte, durch Kriegsdienſte, und vielleicht noch häufiger durch Einfälle und Plünderungen im Gebiete benachbarter Barone, mit denen der ihrige gerade in Fehde war. In neuern Zeiten nahmen dieſe Dienſte einen friedlichern Charakter an. Die Weiber ſpannen Handſchuh für die Edelfrau und ſtrickten Stiefelſtrümpfe für den Laird, welche jährlich zu Weihnacht mit vieler Förmlichkeit überreicht wurden. Die bejahrten Sybillen ſegneten das Brautbett des Lairds, wenn er heirathete, und die Wiege ſeines neugeborenen Erben. Die Män⸗ ner ſtellten das zerbrochene Porzellan der Dame her und waren dem Herrn bei Jagdpartien behilflich, nahmen ſeinen Hunden den Wurm und verſchnitten ſeinen jungen Dächſen die Ohren. Die Kinder ſammelten Nüſſe im Walde, Preißelsbeeren im. Gebirg und Schwämme auf den Weiden, um ſie als Tribut auf den Edelhof zu bringen. Dieſe freiwilligen Dienſtleiſtungen und die Anerkennung der Abhängigkeit, wurden bei manchen Gelegenheiten durch Schutz vergolten, bei andern durch Nachſicht, zuweilen auch wohl durch eine Spende verdorbner Lebensmittel, Bier, Branntwein, ſobald nämlich die Umſtände Beweiſe eines beſondern Edelmuths erforder⸗ ten; und dieſe gegenſeitige Erzeigung von Liebesdienſten, welche ſeit mindeſtens zwei Jahrhunderten ſtatt fand, machte die Bewoh⸗ ner von Derncleugh zu einer Art privilegirter Inſaſſen auf Ellan⸗ gowans Gebiete.„Die Schelme,“ waren des Lairds„vorzüglich gute Freunde;“ und er würde es für eine Hintanſetzung gehalten haben, wenn ſein Anſehn ſie nicht zuweilen gegen die Landesgeſetze und die Ortsobrigkeit zu ſchützen vermocht hätte. Doch löſte ſich dieſer freundliche Verein bald auf. 6* 84 Die Gemeinde von Derncleugh, die ſich um keine andern Schufte als um die ihrigen bekümmerte, ließ ſich die Strenge des Friedensrichters in ſeinem Verfahren gegen andre Landſtreicher we⸗ nig zu Herzen gehen. Sie zweifelten gar nicht, daß er entſchloſſen ſei, keine Bettler oder Gauner im Lande zu dulden, außer denen, die auf ſeinem eignen Grund und Boden wohnten und ihr Gewerbe kraft ſeiner beſondern Erlaubniß trieben, mochte ſie ſtillſchweigend oder ausdrücklich ertheilt ſein. Auch Mr. Bertram beeilte ſich nicht zu ſehr ſeine neue Würde auf Koſten dieſer alten Anſiedler geltend zu machen. Aber die umſtände riſſen ihn mit ſich fort. Bei den vierteljährigen Sitzungen wurde es unſerm neuen Friedensrichter von einem Herrn der Gegenpartei in der grafſchaft⸗ lichen Politik öffentlich vorgerückt, daß während er großen Eifer für die öffentliche Polizei affektire und viel auf den Ruf einer thäti⸗ gen Magiſtratsperſon zu halten ſchiene, er gleichwohl eine Horde der größten Schufte in der Gegend hege und denſelben geſtatte eine Meile von Ellangowan ihren Wohnſitz zu haben. Dagegen ließ ſich nichts erwiedern, denn die Thatſache war offenbar und wohlbe⸗ kannt. Der Laird verſchluckte den Biſſen ſo gut er konnte, und auf ſeinem Heimwege unterhielt er ſich mit Anſchlägen über die leichteſte Methode, wie er ſich von dieſen Landſtreichern befreien könne, die einen Flecken auf ſeinen guten Ruf als Magiſtratsperſon brachten. Eben als er entſchloſſen war, die erſte Gelegenheit zum Streit mit den Parias von Derncleugh zu ergreifen, bot ſich von ſelbſt die Herausforderung dar. 4 Seit unſers Freundes Beförderung zum Erhalter des Frie⸗ dens, hatte er es ſich angelegen ſein laſſen, das Thor des Haupt⸗ eingangs, das früher nur an einer Angel hing und zu allen Zeiten gaſtfreundlich offen ſtand— hatte er es, ſag' ich, ſich angelegen ſein laſſen, dies Thor neu einhängen und zugleich hübſch anſtrei⸗ chen zu laſſen. Auch hatte er mit Pfälen, die ſorgfältig mit Dor⸗ nen umwickelt waren, in der nahen Hecke gewiſſe Oeffnungen ge⸗ ſchloſſen, durch welche die Zigeunerknaben in die Anlagen zu klet⸗ tern pflegten, um Vogelneſter auszunehmen, durch welche die Ael⸗ teſten im Dorfe ſich ihren Weg verkürzten und welche die Burſchen und Dirnen zu ihren abendlichen Rendezvous benutzten,— und al⸗ les dies ohne jemand zu nahe zu treten, oder erſt um Erlaubniß zu fragen. Aber dieſe Halcyoniſchen Tage ſollten nun ein Ende haben, und eine drohende Inſchrift an der einen Seite des Thors verkün⸗ kündigte„Unumgängliche Strafe von Amtswegen“(der Maler hatte buchſtabirt„unvergängliche“—„'un vaut bien Pautre) allen und jeden, die bei Ueberſteigung dieſes Zauns betroffen wur⸗ den. Auf der andern Seite war, der Gleichförmigkeit wegen, eine warnende Orohung angebracht, welche Selbſtſchüſſe und Fußan⸗ geln verhieß, die von ſo fürchterlicher Gewalt wären, daß ſie, wie die Rubrik mit einem bedeutſamen Nota bene ſagte,„ſelbſt ein Pferdebein brechen würden, wenn ein Menſch hineingehen ſollte.“ Trotz dieſer Drohungen ritten ſechs wohlgewachſene Zigeuner⸗ knaben und Dirnen auf dem neuen Thore, und flochten Mayblu⸗ menſträuschen, die ſie offenbar erſt in dem verbotenen Bezirke ge⸗ pflückt hatten. Mit ſo viel Zorn als er fähig war zu fühlen, oder vielleicht nur zu zeigen, befahl ihnen der Laird herabzuſteigen; ſie ſchenkten ſeinem Gebote keine Aufmerkſamkeit; er begann nun einen nach dem andern herunterzuziehen; ſie widerſtanden, inſofern ſich jeder kleine ſonnverbrannte Burſch ſo ſchwer als möglich machte und dann eben ſo ſchnell wieder hinaufkletterte, als er heraufgekom⸗ men war. Der Laird rief nun einen von ſeiner Dienerſchaft zum Bei⸗ ſtande herbei, einen mürriſchen Kerl, der ſogleich ſeine Reitpeitſche zur Hand nahm. Wenige Hiebe verjagten den Schwarm; und ſo begann zuerſt der Friedensbruch zwiſchen dem Hauſe Ellangowan und den Zigeunern von Derncleugh. 86 Letztere konnten es eine Zeitlang gar nicht glauben, daß der Krieg ernſtlich ſei, bis ſie fanden, daß ihre Kinder derb gepeitſcht wurden, wenn ſie beim Zaunüberklettern betroffen waren, daß der Flurſchütz ihre Eſel pfändete, wenn ſich dieſe in die Pflanzungen des Lairds verliefen, oder auch nur der Landſtraßenſeite zugewandt, dem warnenden Fußangelmandat entgegen, graſen wollten; daß der Kirchſpielaufſeher endlich begann neugierige Erkundigungen einzuziehn, über die Art, wie ſie ihren Unterhalt erhielten, und ſich zugleich ſehr erſtaunt zeigte, daß Männer den ganzen Tag in den Hütten ſchliefen und den größten Theil der Nacht außen wären. Als die Sachen ſo weit gekommen waren, machten ſich die Zi⸗ geuner kein Gewiſſen mehr daraus, ihre Zuflucht zu Repreſſalien zu nehmen. Ellangowan's Hühnerſtälle wurden geplündert, ſeine Leinwand vom Bleichplatz geſtohlen, ſeine Fiſche entwendet, ſeine Hunde weggenommen und ſeine jungen Bäume umgehauen oder be⸗ ſchält. Mancher kleine Schaden ward angerichtet und oft nur aus Schadenfreude. Andrerſeits wurden Vollmachten ausgeſtellt, ohne Erbarmen zu verfolgen, zu forſchen, einzufangen und aufzugrei⸗ fen; und trotz aller Gewandtheit konnten einige der Zigeuner dieſen Gefahren nicht entgehen. Einer von ihnen, ein trotziger junger Kerl, der zuweilen an die See fiſchen gegangen war, ward einem Capitain überantwortet, der eben damit beſchäftigt war, Leute zum Seedienſt zu preſſen; zwei Kinder wurden wacker gepeitſcht und eine Zigeunermatrone kam ins Zuchthaus. Indeſſen trafen die Zigeuner noch immer keine Anſtalt, die Stätte zu verlaſſen, wo ſie ſo lange gewohnt hatten, und Mr. Bertram konnte es nicht über ſich gewinnen, ſie ihrer alten„Stadt der Zuflucht,“ zu berauben; ſo ſetzte ſich der kleine Krieg, deſſen wir gedachten, mehrere Monate fort, ohne daß die Feindſeligkei⸗ ten auf beiden Seiten vermehrt oder vermindert worden wären. Achtes Kapitel. Ein rother Indier, an Ontario's Seite, Erzogen auf der Panterhaut zum Streite, Sieht alſo ſchwinden ſein Geſchlecht mit Gram, Seitdem der Weißen Dorf zum Vorſchein kam; Er läßt des Heimatwaldes trautes Haus, Er läßt Ohio's lautes Fluthgebraus, Bis, zürnend fliehend, er ſich Stätten naht, Wo nie ein Fuß gefallnes Laub betrat, Wo Dämmerung zum Sie ſich erkoren Den ſtillen Wald, ſeitdem die Zeit geboren. Scenen der Kindheit. Indem wir ſo den Urſprung und Fortgang des ſchottiſchen Bettlerkriegs darſtellen, dürfen wir nicht vergeſſen zu erwähnen, daß Jahre vorübergerollt waren, und daß der kleine Harry Ber⸗ tram, eines der kühnſten und lebhafteſten Kinder, die ſich je ein Schwert und eine Grenadiermütze aus Binſen machten, ſich nun der fünften Wiederkehr ſeines Geburtstages näherte. Die Verwe⸗ genheit ſeines Charakters, die ſich früh entwickelte, machte ihn be⸗ reits zu einem kleinen Abenteurer. Er war wohlbekannt mit je⸗ dem Pfade in den umgebungen von Ellangowan, und vermochte 88 in ſeiner gebrochenen Redeweiſe anzugeben, auf welchen Rainen die ſchönſten Blumen wuchſen und welche Büſche die reifſten Nüſſe trugen. Er erſchreckte ſeine Begleiter oft durch ſein Klettern auf den Ruinen des alten Schloſſes und hatte ſchon mehr als einmal eine verſtohlene Excurſion nach dem Zigeunerdorfe unternommen. Bei dieſen Gelegenheiten ward er gewöhnlich durch Meg Mer⸗ rilies zurückgebracht, die, obwohl ſie nicht vermocht werden konn⸗ te, das Schloß Ellangowan wieder zu betreten„ nachdem ihr Neffe gepreßt worden war, dennoch ihr Rachegefühl nicht auf das Kind ausdehnen zu wollen ſchien. Im Gegentheil ſuchte ſie dem⸗ ſelben oft auf ſeinen Spaziergängen zu begegnen, ſang ihm dann ein Zigeunerlied, ließ ihn auf ihrem Eſel reiten, und ſteckte ihm ein Stück gebackenen Ingwer oder einen rothbäckigen Apfel in die Taſche. Die alte Familienanhänglichkeit dieſer Alten, die ſich jetzt vertrieben und verſtoßen ſah, ſchien ſich darüber zu freuen, daß ſie jetzt wieder einen Gegenſtand beſaß, dem ſie ſich völlig zuwenden könne. Sie prophezeite wohl hundert Mal,„daß der junge Mr. Harry der Stolz der Familie ſein würde, und die alte Eiche hätte keinen ſo hübſchen Sproß gehabt ſeit dem Tode des Arthur Mac⸗ Dingawaie, der in der Schlacht der blutigen Bay getödtet ward; was den jetzigen Stamm aber betreffe, der ſei nur ſchlechtes Brenn⸗ holz.“ Bei einer Gelegenheit, als das Kind krank war, lag ſie die ganze Nacht unter dem Fenſter, während ſie einen Reim ſang, der ihrer Meinung nach das Fieber vertreiben ſollte; und auf keine Weiſe ließ ſie ſich überreden, in das Haus zu treten, oder den er⸗ wählten Poſten zu verlaſſen, bis ſie erfuhr, daß die Kriſis vor⸗ über ſei. Die Neigung dieſes Weibes fing an Verdacht zu erregen, zwar nicht beim Laird, der nie voreilig einen ſchlimmen Argwohn faßte, wohl aber bei ſeiner Frau, die eine ſchwache Geſundheit und einen beſchränkten Geiſt beſaß. Sie war jetzt in einer zweiten Schwan⸗ 89 gerſchaft weit vorgerückt, und da ſie deßhalb das Haus ſelbſt nicht verlaſſen konnte, die Frau aber, welche Harry wartete, jung und leichtſinnig war, ſo bat ſie Dominie Simſon das Amt zu über⸗ nehmen, und den Knaben auf ſeinen Streifereien zu beobachten, ſobald er ſonſt keine Begleitung hatte. Simſon liebte ſeinen jun⸗ gen Pflegbefohlnen und war entzückt, ihn in ſeiner Gelehrſamkeit bereits glücklich ſo weit gebracht zu haben, daß er dreiſilbige Wör⸗ ter buchſtabiren konnte. Der Gedanke, daß das gelehrte Wunder⸗ kind von Zigeunern, wie ein zweiter Adam Smith, entführt wer⸗ den ſollte, war unerträglich; daher übernahm er das Amt, ob⸗ wohl es ſeiner gewohnten Lebensweiſe ganz entgegen war, ſehr be⸗ reitwillig, und man konnte ihn oft umherwandeln ſehen, wie er eine mathematiſche Aufgabe im Kopfe, das Auge aber auf ein fünf⸗ jähriges Kind gerichtet hatte, deſſen Streifzüge ihn in hundert lächerliche Situationen brachten. Zweimal wurde der Lehrer von einer wilden Kuh gejagt, einmal fiel er in den Bach, weil er den hineingelegten Stein verfehlte, und ein andres Mal gerieth er bis an die Hüften in den Sumpf von Lochend, weil er verſuchte, eine Waſſerlilie für den jungen Laird zu pflücken. Die Dorf⸗ matronen, die Simſon bei letzterer Gelegenheit retteten, waren der Meinung,„der Laird könnte die Aufſicht über den Klei⸗ nen ebenſo gut einer Vogelſcheuche anvertrauen;“ aber der gute Schulmeiſter trug all ſein Unglück mit Gravität und unerſchütter⸗ licher Gemüthsruhe.„Wun⸗der⸗bar!“ war der einzige Aus⸗ ruf, den alles Mißgeſchick dem geduldigen Manne entlocken konnte. Der Laird hatte zu dieſer Zeit beſchloſſen, die Bettler von Derncleugh mit Stumpf und Stiel auszurotten. Die alten Die⸗ ner ſchüttelten die Köpfe bei dieſem Vorſchlag und ſelbſt Simſon wagte eine indirekte Gegenvorſtellung. Da ſie indeß in dem Orakel⸗ ſpruche beſtand:„Ne moveas Camerinam,“ ſo vermochte weder die Anſpielung, noch die Sprache, in welcher ſie ausgedrückt ward, 90 eine erbauliche Wirkung auf Mr. Bertram hervorzubringen, und das gerichtliche Verfahren gegen die Zigeuner hatte ſeinen Fort⸗ gang. Jede Thür im Dörfchen ward vom Gerichtsdiener mit Kreide bezeichnet, als förmliches Warnungszeichen, daß man ſich zum nächſten Termin zu entfernen habe. Dennoch zeigte ſich noch immer nichts von Unterwürfigkeit und Nachgibigkeit. Endlich kam der Termin, der unſelige Martinstag, heran, und man traf wirklich Anſtalten, die Leute gewaltſam herauszuwerfen. Eine bedeutende Schaar von Gerichtsdienern, zahlreich genug, um jeden Widerſtand vergebens zu machen, forderte die Bewohner auf, am Nachmittag aufzubrechen; und da man nicht gehorchte, ſo be⸗ gannen die Gerichtsdiener, ihrer Vollmacht gemäß, die Dächer abzu⸗ decken und die elenden Thüren und Fenſter loszureißen,— ein ſum⸗ mariſches und ſehr wirkſames Verfahren bei der Herauswerfung, welches noch in einigen entlegenen Theilen Schottlands geübt wird, wenn ſich ein Pächter widerſpenſtig bezeigt. Eine Zeitlang betrachteten die Zigeuner das Zerſtörungswerk in finſterm Schwei⸗ gen und Unthätigkeit! dann begannen ſie ihre Eſel zu ſatteln und zu beladen und machten Anſtalt von hinnen zu gehen. Damit war man bald fertig, da alle die Sitten wandernder Tartaren hatten; und ſo begannen ſie ihre Reiſe, um ſich einen neuen Wohnſitz zu ſuchen, wo der Gutsherr noch mildere Geſinnungen hegte. Eine Beklommenheit des Gefühls hatte Ellangowan abgehal⸗ ten, in Perſon zuzuſehn, wie ſeine Unterthanen vertrieben wurden. Er überließ den praktiſchen Theil dieſer Angelegenheit den Gerichts⸗ dienern, die unter der unmittelbaren Leitung Frank Kennedy's, eines Oberaufſehers oder reitenden Zollbeamten, ſtanden, der erſt neulich bekannt auf dem Schloſſe geworden war und von dem wir im nächſten Kapitel mehr ſagen werden. Mr. Bertram ſelbſt be⸗ nutzte dieſen Tag, um bei einem entfernten Freunde einen Beſuch zu machen. Dennoch fügte es ſich bei all ſeiner Vorſicht, daß er 91 ſeinen ehemaligen Unterthanen, als ſie von ſeinem Gebiete weg⸗ zogen, begegnen mußte. Es war in einem Hohlweg, der hart am Rand einer ſteilen Anhöhe, wo die Gränze des Gebiets von Ellangowan war, aus⸗ lief, daß der Zigeunerzug ſeinem vorigen Herrn plötzlich begegnete. Vier oder fünf Männer bildeten den Vorpoſten, gehüllt in lange flatternde Gewänder, welche ihre ſchlanken Glieder verbargen, ſo wie die großen niedergekrämpten, tief in die Stirn gedrückten Hüte ihre wilden Mienen, düſter glühenden Augen und ſonnver⸗ brannten Geſichter zum Theil dem Blick entzogen. Zwei von ihnen waren mit Jagdflinten verſehn, einer hielt ein bseites entblößtes Schwert in der Hand und alle übrigen führten den hochländiſchen Dolch, obwohl ſie dieſe Waffe nicht offen oder prahleriſch zur Schau trugen. Dem Hauptzug folgte eine Karawane beladener Eſel und kleiner Karren, worauf ſich derjenige Theil der verbann⸗ ten Geſellſchaft befand, der alterſchwach oder noch ganz jung war. Bejahrten Frauen in rothen Gewändern und Strohhüten, ſo wie ſchon halb erwachſenen Kindern, mit bloßem Kopf, barfüßig und halbnackt, war die Sorge für dieſe kleine Karawane anvertraut. Die Straße war eng und lief zwiſchen zwei Reihen zerbrochener Sandbänke hin. Bertrams Diener ritt voraus, ſchwang mit wich⸗ tiger Miene ſeine Peitſche und erinnerte die Zugführer ihren Vorge⸗ ſetzten Platz zu machen. Man beachtete ſeine Erinnerung nicht. Nun rief er den Männern, die gelaſſen dahin zogen, zu:„Haltet eure Beſtien an, und macht Platz, damit der Laird vorüber kann.“ „Er ſoll ſeinen Theil an der Straße haben,“ antwortete ein Zigeuner unter ſeinem niedergekrämpten, breitrandigen Hute her⸗ vor, ohne ſein Geſicht zu erheben,„und mehr ſoll er nicht haben; die Landſtraße ſteht unſern Eſeln ſo gut offen, als ſeinem Pferde.“ Da der Ton des Mannes finſter, ja faſt drohend war, ſo hielt es Mr. Bertram fürs Beſte, ſeine Würde in der Taſche zu behal⸗ 92 ten und an dem Zuge ganz ruhig auf dem Raume vorüberzureiten, den ſie ihm zu ſeiner Bequemlichkeit geſtatten wollten, und der freilich nicht breit war. Um ſeine Empfindlichkeit über den Man⸗ gel an Achtung, womit man ihn behandelte, unter einem Anſchein von Gleichgiltigkeit zu verbergen, redete er einen der Männer an, welcher ohne irgend einen Gruß ſoeben wie an einem ganz Fremden bei ihm vorüberritt,—„Giles Baillie,“ ſagte er,„habt ihr gehört, ob es eurem Sohn Gabriel wohlgeht!“(die Frage be⸗ zog ſich auf den jungen Mann, der zum Matroſen gepreßt worden war.) 6 „Hätte ich etwas vom Gegentheil gehört,“ ſagte der alte Mann, indem er ſein ernſtes und drohendes Geſicht erhob,„ſo ſolltet ihr auch davon gehört haben.“ Mit dieſen Worten zog er ſeines Wegs, ohne eine weitere Frage abzuwarten.*) Nachdem ſich der Laird mühſam durch einen Haufen bekannter Geſichter hin⸗ durch gearbeitet hatte, die ihm bei allen frühern Gelegenheiten, wenn er nahte, eine Ehrfurcht bewieſen hatten, wie ſie einem hö⸗ hern Weſen gebührt, jetzt aber nur Haß und Verachtung zeigten, da konnte er, nachdem er aus dem Gedränge war, nicht umhin, ſein Pferd umzuwenden, und zu beobachten, wie ſie ihren Marſch fortſetzten. Die Gruppe würde einen vortrefflichen Gegenſtand für Calotte's Pinſel abgegeben haben. Der Vortrab hatte bereits ein kleines ſtruppiges Dickicht erreicht, welches am Fuße des Hü⸗ gels lag und welches allmählig den Zug verbarg, bis auch die letz⸗ ten Nachzügler verſchwanden. Seine Empfindungen waren bitter genug. Allerdings war das Volk, welches er ſo ſtreng aus dem alten Zufluchtsorte vertrie⸗ ben hatte, müßig und laſterhaft; aber hatte er ſich Mühe gegeben, es zu beſſern! Ihr Charakter war jetzt nicht ſchlimmer, als er *) Dieſe Anekdote iſt buchſtäblich wahr. 93 es damals war, wo man ihnen geſtattete, ſich als eine Art von Unterthanen ſeiner Familie zu betrachten; und war es billig, daß allein der Umſtand, daß er jetzt zu einer Magiſtratsperſon gewor⸗ den war, mit einemmal ſein Betragen gegen ſie ſo ſehr verwan⸗ delte! Einige Beſſerungsmittel hätten mindeſtens verſucht wer⸗ den ſollen, ehe man ſieben Familien auf einmal in die weite Welt ſchickte, und ſie ſo gewiſſermaßen der Schranke beraubte, welche ſie wenigſtens vor größern Verbrechen zurückhielt. Auch ein na⸗ türliches Mitleid bewegte ihn, als er von ſo vielen bekannten und vertrauten Geſichtern ſcheiden mußte; für dies Gefühl war Ber⸗ tram vorzüglich empfänglich, und zwar ſeiner beſchränkten Gei⸗ ſtesfähigkeiten wegen, die ihre Unterhaltung meiſt in den kleinern Gegenſtänden ſeiner umgebung ſuchten. Als er im Begriff war, ſein Pferd wieder zu wenden und ſeine Reiſe fortzuſetzen, trat plötz⸗ lich Meg Merrilies, die hinter dem Zuge zurückgeblieben war, vor ihn. Sie ſtand auf einer jener hohen, ſteilen Wände, welche, wie oben erwähnt ward, die Straße einſchloſſen; ſo daß ſie beträcht⸗ lich höher als Ellangowan ſtand, obwohl dieſer zu Pferde war, und ihre hohe Figur, welcher der klare blaue Himmel zum Hinter⸗ grund diente, erſchien auf dieſe Weiſe von faſt übernatürlicher Größe. Wir bemerkten ſchon, daß in ihrer Kleidung, oder viel⸗ mehr in der Weiſe, wie ſie dieſelbe trug, etwas Fremdartiges lag, welches ſie vielleicht künſtlich annahm, um die Wirkung ihrer Zauberformeln und Vorherſagungen zu erhöhen, oder auch wohl nur um die durch die Tradition bekannte Tracht ihrer Vorfahren zu bewahren. Im gegenwärtigen Falle hatte ſie ein großes Stück ro⸗ thes Tuch in Form eines Turbans um ihr Haupt gewickelt, unter dem ihr dunkles Auge mit ungewöhnlichem Glanze hervorleuchtete. Ihr langes, geringeltes ſchwarzes Haar fiel in phantaſtiſchen Locken aus den Falten dieſes ſonderbaren Kopfputzes herab. Ihre 94 Haltung war die einer in Verzückung begriffenen Sybille, und in der rechten Hand ſtreckte ſie einen jungen Baumzweig aus, der eben erſt gebrochen zu ſein ſchien. „Ich will verdammt ſein,“ ſagte der Stallknecht,„wenn ſie den jungen Eſchenzweig nicht im Dukitpark abgeſchnitten hat!“ — Der Laird gab keine Antwort, ſondern fuhr fort, auf die Ge⸗ ſtalt zu blicken, die ihm ſo über ſeinem Pfade ſchwebte. „Reitet eure Straße,“ ſagte die Zigeunerin,„reitet eure Straße, Laird von Ellangowan— reitet eure Straße, Gottfried Bertram!— Heute habt ihr ſieben rauchende Herde ausgelöſcht— ſeht zu, ob das Feuer in eurem eignen Gemach dafür um ſo lichter brennen wird. Ihr habt von ſieben Häuſern das Dach losgeriſſen— ſeht, ob euer eigner Dachſtuhl um ſo feſter ſtehn wird.— Ihr mögt euer Vieh in die Hütten von Derneleugh ſtellen— ſeht zu, daß der Haſe ſein Lager nicht auf Ellangowan's Herdſteinen nimmt.— Reitet eures Wegs, Gottfried Bertram— was ſtarrt ihr unſerm Volke nach?— Es ſind dreißig Herzen dort, die lieber ſich ihr Brod verſagt hätten, eh' ihr eure Leckerbiſſen hättet entbehren ſol⸗ len, die ihr Herzblut eher gegeben hätten, eh' ihr euch in den Fin⸗ ger hättet ritzen ſollen. Ja— dreißig ſind dort, vom alten hundert⸗ jährigen Weibe bis zum Kinde, das in letzter Woche geboren ward, die ihr aus ihrer Lagerſtatt verjagt habt, daß ſie mit Krähen und Raben in der wüſten Haide ſchlafen müſſen!— Reitet eures Wegs, Ellangowan.— Unſre Kinder hängen auf unſerm müden Rücken— ſeht zu, daß eure Wiege daheim deſto beſſer bereitet iſt— nicht etwa, daß ich dem kleinen Harry Böſes wünſchte, oder dem Kinde, das noch geboren werden ſoll— Gott behüte mich davor— und ermache ſie milder gegen die Armen, und mache ſie zu beſſern Leuten, als ihr Vater iſt!— und nun, reitet nur eures Wegs; denn dieſes waren die letzten Worte, die ihr je von Meg Merrilies hören wer⸗ 9⁵ det, und dies iſt das letzte Reis, das ich je aus den ſchönen Wäl⸗ dern Ellangowans ſchnitt.“ So ſagend zerbrach ſie den Zweig, den ſie in der Hand hielt und warf ihn auf die Straße. Margarete von Anjou, als ſie ihren triumphirenden Feinden ihren Fluch gab, konnte ſich nicht mit einer Miene ſtolzerer Verachtung von ihnen wenden. Der Laird war im Begriff zu ſprechen und ſteckte die Hand in die Taſche, um eine halbe Krone herauszulangen; die Zigeunerin wartete weder ſeine Antwort, noch ſein Geſchenk ab, ſondern ſchritt den Hügel hinab, um die Karawane einzuholen. Ellangowan ritt gedankenvoll nach Hauſe; und merkwürdig war es, daß er dieſer Zuſammenkunft gegen niemand in der Familie erwähnte. Der Stallknecht war nicht ſo zurückhaltend, er erzählte die Geſchichte der Länge nach dem ganzen Küchenpublikum, und beſchloß ſie endlich, indem er ſchwur, daß,„wenn der Teufel je aus dem Munde eines Weibes geſprochen habe, ſo ſei es an dieſem verwünſchten Tage durch den Mund der Meg Merrilies geſchehn.“ Neuntes Kapitel. Während der Periode, wo Mr. Bertram ſein obrigkeitliches Amt verſah, vergaß er auch das Zollweſen nicht. Das Schmugg⸗ len, wozu die Inſel Man damals vorzüglich gute Gelegenheit bot, ward faſt allgemein an der ganzen Südweſtküſte Schottlands getrie⸗ ben. Faſt die ganze niedere Volksklaſſe war mit dergleichen Kunſt⸗ griffen vertraut; die Vornehmern waren nachſichtig und die Zollbe⸗ amten wurden häufig an der Ausübung ihrer Pflichten durch dieje⸗ nigen gehindert, welche ſie dabei hätten unterſtützen ſollen. Zu dieſer Zeit war ein gewiſſer Frank Kennedy, deſſen wir bereits in unſerer Erzählung gedachten, als Zollreiter und Aufſeher in dieſem Theile des Landes angeſtellt; er war ein entſchloſſener, thätiger Mann, der ſchon viele und bedeutende Konterbande eingezogen hatte, und deßhalb auch bedeutend von denen gehaßt wurde, welche bei dem freien Handel, wie man das Treiben jener Abenteurer nannte, intereſſirt waren. Dieſe Perſon war der natürliche Sohn eines Mannes von Stande; dieſem Umſtande, ſo wie ſeinem fröhlichen, geſelligen Charakter und ſeinem Reichthum an luſtigen Liedern, verdankte er es, daß er Zutritt in den adeligen Geſellſchaften der Ge⸗ 97 gend hatte und Mitglied in verſchiedenen Clubs war, die ſich mit gymnaſtiſchen Uebungen, worin er beſonders erfahren, beſchäftigten. In Ellangowan befand ſich Kennedy häufig und war daſelbſt ſtets ein angenehmer Gaſt. Seine Lebhaftigkeit befreite Mr. Ber⸗ tram von der Mühe des Nachdenkens und von der Anſtrengung, die es ihn koſtete, eine Mittheilung ſeiner Gedanken im Einzelnen durchzuführen; während die kühnen und gefahrvollen Unterneh⸗ mungen, die jener in ſeiner Amtsverwaltung verrichtet hatte, eine treffliche unterhaltung gewährten. Dieſe Zollamtsabenteuer liebte der Laird von Ellangowan überhaupt ſehr, und das Vergnügen, wel⸗ ches ihm Kennedy's Geſellſchaft bereitete, war ein trefflicher Grund, den Erzähler in der Ausübung ſeiner nicht neidenswerthen und ge⸗ fährlichen Amtspflicht zu unterſtützen und aufzumuntern. „Frank Kennedy,“ ſagte er,„wäre ein Edelmann, wenngleich von der linken Seite des Ehebetts— er wäre mit der Familie El⸗ langowan durch das Haus von Glengubble verwandt. Der letzte Laird von Glengubble würde das Vermögen auf die Ellangowans vererbt haben; aber da er zufällig nach Harrigate gegangen, ſei er dort der Miß Johanne Hadaway begegnet— beiläufig, der grüne Drache ſei der beſte Gaſthof von den beiden zu Harrigate— was aber Frank Kennedy betreffe, der ſei in gewiſſer Hinſicht doch ein Edelmann und es wär' eine Schande, wollte man ihn nicht gegen das Schmugglervolk unterſtützen.“ Nachdem dies Bündniß zwiſchen der geſetzgebenden und der vollſtreckenden Macht geſchloſſen war, begab es ſich, daß Kapitain Dirk Hatteraick eine Ladung von Spirituoſen und anderer Kontre⸗ bande nicht weit von Ellangowan an's Land gebracht hatte, und im Vertrauen auf die Gleichgiltigkeit, mit welcher der Laird früher ähnliche Beeinträchtigungen des Geſetzes betrachtete, ließ er es ſich keineswegs angelegen ſein, die Sache jetzt zu verheimlichen oder zu beſchleunigen. Die Folge davon war, daß Mr. Frank Kennedy, Guy Mannering. I. 7 98 verſehn mit einer Vollmacht von Ellangowan und unterſtützt durch einige von des Lairds Leuten, welche die Gegend kannten, ſo wie durch eine Militairabtheilung, ſich über die Fäſſer, Ballen und Ki⸗ ſten hermachte und nach einem verzweifelten Kampfe, worin ſchwere Wunden gegeben und empfangen wurden, ſo glücklich war, ſich der Sachen zu bemächtigen und ſie im Triumph nach dem nächſten Zoll⸗ hauſe zu ſchaffen. Dirk Hatteraick gelobte auf holländiſch, deutſch und engliſch eine ſchwere und volle Rache, beides, an dem Zöllner ſo wie an deſſen Helfershelfern; und alle, die ihn kannten, meinten, daß er wahrſcheinlich ſein Wort halten werde. Einige Tage nach dem Abzuge des Zigeunerſtammes fragte Mr. Bertram ſeine Gemahlin des Morgens beim Frühſtück, ob heute nicht des kleinen Harry Geburtstag ſei! „Genau fünf Jahr alt, an dieſem glücklichen Tage,“ antwor⸗ tete die Lady;„daher dürfen wir in des engliſchen Gentlemans Pa⸗ pier ſehen.“ Mr. Bertram zeigte gern ſeine Autoritat in Kleinigkeiten. „Nein, meine Liebe, nicht eher als Morgen. Als ich das letzte Mal bei den Vierteljahrſitzungen war, ſagte uns der Sheriff, daß dies— daß dies inceptus— kurz, du verſtehſt kein Latein, aber es ſoll ſo viel heißen, als: ein Termintag beginnt nicht eher, als bis er zu Ende iſt.“ „Das klingt wie dummes Zeug, mein Lieber.“ „Mag ſein, meine Liebe; deswegen kann es aber immer ein recht gutes Geſetz ſein. Ganz gewiß, da ich einmal von Terminen rede, ich wünſche, wie Frank Kennedy ſagt, daß der Pfingſttag ein⸗ mal den Martinstag todtſchlüge und für den Mord gehangen würde — denn da hab' ich eben einen Brief bekommen wegen der Intereſſen der Jenny Cairns, und noch kein Teufel von Pächter iſt mit ſeinen Zinſen auf's Schloß gekommen,— und wird auch vor Lichtmeß kei⸗ ner kommen;— doch, da ich von Frank Kennedy ſprach, ich glaube 99 wohl, er wird heute hier ſein, denn er war heute nach Wigton, um ein königliches Schiff, das in der Bay liegt, vor Dirk Hatteraicks Fahrzeug zu warnen, das wieder an der Küſte iſt, und heute wird er wohl zurückkommen; darum wollen wir eine Flaſche Claret mit ihm auf des kleinen Harry's Geſundheit trinken.“ „Ich wollte,“ erwiederte die Lady,„Frank Kennedy ließe den Dirk Hatteraick laufen. Warum braucht er ſich mehr Geſchäfte aufzuladen, als andre Leute! Kann er nicht ſein Lied ſingen, ſein Glas trinken und ſeinen Gehalt beziehn, wie Einnehmer Snail, der wackere Mann, der Niemand etwas zu Leide thut! und ich wundere mich über dich, daß du dich mit darein miſchſt und mengſt— hat⸗ ten wir je nöthig, wegen Thee und Rum nach Boroughtown zu ſchicken, ſo lange Dirk Hatteraick unangefochten in die Bay kam?“ „Mrs. Bertram, du verſtehſt nichts von dieſen Sachen. Meinſt du, es ſtehe einer obrigkeitlichen Perſon an, ihr eigen Haus zu einer Niederlage für Schmugglergüter zu machen! Frank Ken⸗ nedy kann dir die Strafen im Geſetzbuch zeigen, und du weißt ſel⸗ ber, daß ſie all ihre Schmuggelgüter im alten Schloß von Ellango⸗ wan niederzulegen gewohnt waren.“ „O, guter Mr. Bertram, was ſchadet es denn auch, wenn ſie in den Gewölben des alten Schloſſes ihre Rumfäßchen bis zu gün⸗ ſtiger Gelegenheit niederlegen! Ich weiß recht gut, daß du dich darum gar nicht zu bekümmern brauchſt. Und welchen Schaden bringt es denn dem König, wenn die Lairds hier ihren Schluck da⸗ von trinken, und die Ladies ihren Thee davon haben, zu einem mäßi⸗ gen Preiſe!— Es iſt eine Schande, ſolch hohe Taxen darauf zu legen!— und ſtanden mir nicht die flandriſchen Hauben und Spi⸗ tzen beſſer, die mir Dirk Hatteraick ſo von Antwerpen ſchickte! Ich kann lange warten, ehe mir der König oder Frank Kennedy ſo was ſchickt. Und daß du auch noch mit den Zigeunern Streit anfangen 7* 100 mußteſt! Ich erwarte jeden Tag zu hören, daß die Scheunen in Flammen ſtehn.“ „Ich ſage dir noch einmal, meine Liebe, du verſtehſt nichts von dieſen Dingen— und da ſprengt ſo eben Frank Kennedy zum Thor herein.“ „Schon gut! ſchon gut! Ellangowan,“ ſagte die Lady, indem ſie ihre Stimme erhob, während der Laird das Zimmer verließ,„ich wünſche nur, daß du ſelbſt mehr davon verſtehen magſt!“ Dieſem ehelichen Zwiegeſpräch entfloh der Laird mit Freuden, um ſeinen treuen Freund, Mr. Kennedy, zu begrüßen, welcher in großer Aufregung ankam.„Bei eurem Leben, Ellangowan,“ ſagte er,„geht hinauf ins alte Schloß! ihr werdet den alten Fuchs Dirk Hatteraick ſehen, und ſeiner Majeſtät Hunde, die ihn hetzen.“ So ſagend warf er ſeines Pferdes Zaum einem Knaben zu, und rannte die Anhöhe zum alten Schloß empor, während ihm der Laird und verſchiedene Andere aus dem Hauſe folgten, welche durch das Schie⸗ ßen, welches man jetzt deutlich von der See hörte, aufgeſchreckt waren. Als ſie den Theil der Ruinen erreichten, welcher die ausgedehn⸗ teſte Ausſicht geſtattete, ſahen ſie ein Fahrzeug, welches, alle Segel beigeſetzt, vor der Bay ſichtbar war und von einer Kriegsſchaluppe hart verfolgt ward. Letztere feuerte ſtark auf das verfolgte Schiff, welches indeß das Feuer eifrig erwiederte.„Sie haben die rechte Schußweite noch nicht,“ rief Kennedy jubelnd,„aber ſie werden bald dichter hinterdrein ſein.—— Daß ihn der Teufel, er wirft ſeine Ladung aus! Ich ſehe den ſchönen Branntwein über Bord fliegen, Faß um Faß!— daß iſt ein verdammt unhöflicher Patron, der Mr. Hatteraick, und das werd' ich ihm ſchon noch einzutränken wiſſen.— Jetzt, jetzt! ſie gewinnen ihnen den Wind ab!— So iſt's recht!— hört ihr wohl! hört ihr!? friſch, meine Hunde!l friſch daran!— hört ihr wohl!“ * 101 „Ich glaube,“ ſagte der alte Gärtner zu einer von den Mäg⸗ den,„der Zöllner hat ſeinen letzten Tanz!“ ein Sprichwort, womit das gemeine Volk jene heftige Aufregung bezeichnet, welche für ein Anzeichen des Todes gehalten wird. Unterdeſſen ward die Jagd fortgeſetzt. Der Schmuggler, wel⸗ cher mit großer Gewandtheit ſteuerte und jedes Schifferkunſtſtück anwendete, um zu entkommen, war ſchon im Begriff, das Vorge⸗ birg, welches er erreicht hatte, und welches die äußerſte Landſpitze an der linken Seite der Bucht bildete, zu umſegeln, als eine Kugel die Raa traf, daß das Hauptſegel auf's Verdeck fiel. Die Folge dieſes Vorfalls ſchien unvermeidlich, konnte jedoch von den Zuſchau⸗ ern nicht geſehen werden; denn das Fahrzeug, welches ſoeben das Vorgebirg umſegelt hatte, verlor ſeinen Curs und ward durch jene Höhen dem Blicke entzogen. Die Schaluppe ſetzte alle Segel zur Verfolgung bei, aber da ſie ſich zu nahe am Cap gehalten hatte, war ſie, aus Furcht am Ufer zu ſtranden, genöthigt, abzulenken und eine Strecke in der Bucht zurück zu gehen, um das gehörige Fahrwaſſer zum Umſegeln des Vorgebirgs zu gewinnen. „Sie werden's verlieren, beim Henker, Ladung und Schiff, eines oder beides,“ ſagte Kennedy;„ich muß nach der Spitze von Warroch reiten(ſo hieß das ofterwähnte Vorgebirg,) und ihnen ein Zeichen geben, wie ſie ſich auf der andern Seite zu wenden haben. Adieu auf eine Stunde, Ellangowan— ſetzt die Punſchbowle zu⸗ recht und ſorgt für Zitronen. Ich ſtehe für den Rum, ſobald ich zurückkomme, und dann wollen wir des jungen Lairds Geſundheit in einer Bowle trinken, ſo groß, daß unſere Zollſchaluppe darin ſchwimmen könnte.“ Mit dieſen Worten beſtieg er ſein Pferd und ſprengte davon. 5 Etwa eine Meile vom Hauſe und am Rande der Waldung, die, wie wir ſagten, das Vorgebirge bedeckte, welches ſich mit der ſoge⸗ 102 nannten Spitze von Warroch endigte, begegnete Kennedy dem jun⸗ gen Harry Bertram in Begleitung ſeines Lehrers Simſon. Er hatte dem Kinde oft einen Ritt auf ſeinem Pferde verſprochen und war überhaupt von demſelben gern geſehn, weil er zu ſeiner Unter⸗ haltung ſang, tanzte und Späße machte. Kaum ritt er den Weg hinan, als ihn der Knabe laut an ſein Verſprechen erinnerte; Ken⸗ nedy, welcher dabei nichts gefährliches ſah und auch den Lehrer zu necken wünſchte, in deſſen Geſicht er eine Gegenvorſtellung las, hob Harry vom Boden auf, ſetzte ihn vor ſich hin und ritt weiter. Sim⸗ ſon's„Auf alle Fälle, Maſter Kennedy“— wurde bereits vom Huf⸗ ſchlag des Pferdes übertäubt. Der Pädagog überlegte einen Au⸗ genblick, ob er ihm nachgehen ſolle; da jedoch Kennedy ein Mann war, der das volle Vertrauen der Familie genoß, und er ſich ſelber gleichwohl nicht gern mit ihm befaßte,„da derſelbe weltlichen und närriſchen Späßen ergeben war,“ ſo ſetzteeer ſeinen eigenen Weg in ſeinem gewohnten Schritte fort, bis er das Schloß Ellangowan erreichte. Die Zuſchauer beobachteten von den zerfallenen Mauern des Schloſſes aus noch immer die Kriegsſchaluppe, welche endlich, jedoch nicht ohne beträchtlichen Zeitverluſt, Fahrwaſſer genug fand um die Spitze von Warroch zu umſegeln und nun dem Auge durch das waldige Vorgebirg entzogen ward. Einige Zeit nachher vernahm man in ziemlicher Entfernung Kanonendonner und darauf, nach einer Pauſe eine noch lautere Exploſion, als ob ein Fahrzeug in die Luft geſprengt ſei, und eine Dampfwolke erhob ſich über den Bäu⸗ men, und zog am blauen Himmel empor. Alle zerſtreuten ſich nun, um an ihre verſchiedenen Geſchäfte zu gehen, indeß ſie mancherlei Vermuthungen über das Geſchick des Schmugglers äußerten; die Mehrzahl aber beharrte dabei, daß das Fahrzeug unfehlbar genom⸗ men werden würde, wofern es nicht bereits in Grund gebohrt ſei. 103 „Es iſt faſt Mittagszeit, mein Lieber,“ ſagte Mrs. Bertram zu ihrem Gemahl,„wird es noch lange dauern, bis Mr. Kennedy zurückkommt!“ „SIch erwarte ihn jeden Augenblick, meine Liebe,“ ſagte der Laird;„vielleicht bringt er einige Officiere von der Schaluppe mit.“ „Lieber Himmel, Bertram! warum haſt du mir dies nicht eher geſagt, damit wir den großen runden Tiſch hätten beſorgen können!— was wir ihnen nun vorſetzen können, das wird wenig Köſtliches für ſie ſein, und, um die Wahrheit zu ſagen, ein gutes Rindfleiſch iſt der beſte Theil unſers Mittagseſſens— und dann hätt' ich auch gern ein ander Kleid angezogen und für dich würde ein weißes Halstuch auch nicht überflüſſig ſein— Aber du haſt nur deine Freude an Ueberraſchen und Ueberrumpeln— ich kann nicht lange mehr eine ſolche Behandlung ertragen— nun, wenn man jemand nicht mehr hat, dann vermißt man ihn erſt.“ „Pfuil! pfui! der Henker hole das Rindfleiſch und das Kleid und den runden Tiſch und das Halstuch!— wir werden ohne dies auskommen.— Wo iſt der Dominie, John!(dies ſagte er zu einem Diener, der mit Tiſchdecken beſchäftigt war,)— wo iſt der Simſon und der kleine Harry!’"”“ „Mr. Simſon iſt ſeit länger als zwei Stunden zu Hauſe ge⸗ weſen, aber ich glaube, Mr. Harry iſt nicht mit ihm gekommen.“ „Nicht heimgekommen mit ihm!“ ſagte die Lady;„Sagt Mr. Simſon, er ſoll ohne Verzug hieher kommen.“ „Mr. Simſon,“ ſagte ſie, als derſelbe eintrat,„iſt es nicht das Allerunerhörteſte auf dieſer weiten Welt, daß ihr, der ihr hier freie Station, Bett, Tiſch und Wäſche habt, und zwölf Pfund Sterling obendrein im Jahre, und das blos und einzig, um auf den Knaben zu ſehn, daß ihr ihn zwei Stunden aus den Augen laſſen könnt?“ Simſon verbeugte ſich tief, wie zur Bejahung, bei jeder Pauſe, welche die zornige Dame bei Aufzählung der einzelnen Vortheile 104 ſeiner Lage machte, um ihrer Rede dadurch größeres Gewicht zu ge⸗ ben; und darauf erzählte er in Worten, die wir aus Mitleid mit ihm hier nicht wiederholen wollen, daß Mr. Francis Kennedy von freien Stücken die Aufſicht über Maſter Harry übernommen habe, trotz aller Gegenvorſtellungen von ſeiner Seite.“ „Ich bin dem Mr. Francis Kennedy gar nicht ſehr dankbar für ſeine Mühe,“ ſagte die Dame verdrießlich;„geſetzt, er läßt den Knaben vom Pferde fallen, daß er lahm wird!— oder geſetzt, eine von den Kanonenkugeln trifft auf's Land und tödtet ihn!— oder geſetzt“—— „„Oder geſetzt, meine Liebe,“ ſagte Ellangowan,„und das iſt noch viel wahrſcheinlicher als Alles andere, ſie ſind an Bord der Schaluppe oder der Prieſe gegangen, und kommen ſoeben mit der Fluth um die Landſpitze geſegelt?“ „Und dann ſind ſie vielleicht gar ertrunken,“ ſagte die Lady. „Wirklich,“ ſagte Simſon,„ich glaubte, Mr. Kennedy ſei ſeit einer Stunde zurückgekehrt— ich glaubte mit Sicherheit den Huf⸗ ſchlag ſeines Roſſes vernommen zu haben.“ „Das,“ ſagte John grinſend,„war Grizzel, die die Kuh aus dem Gehege jagte.“ Simſon ward roth bis unter die Augen— nicht des empfan⸗ genen Hohnes wegen, den er nie gefühlt haben würde, der ihn zum wenigſtens nie verletzt hätte: ſondern wegen eines Gedankens, der ihm plötzlich beifiel.„Ich bin in einem Irrthum geweſen,“ ſagte er;„ich hätte auf alle Fälle auf das Kind warten ſollen.“ So ſa⸗ gend ergriff er ſeinen ſchwerfälligen Stock und den Hut und eilte hinweg nach dem Warrochholze, und zwar ſchneller als er jemals vorher oder nachher gegangen war. Der Laird blieb einige Zeit zurück, indem er mit der Lady noch über die Sache ſtritt. Endlich ſah er die Kriegsſchaluppe wieder erſcheinen; aber, ohne ſich dem Strande zu nähern, zog ſie ſich mit 10⁵ Kraft aller Segel weſtwärts und war bald aus dem Geſichtskreiſe verſchwunden. Das ängſtliche und beſorgte Weſen der Lady war man ſchon zu gewohnt, als daß ihre Befürchtungen bei ihrem Herrn und Gemahl ein Gewicht hätten haben ſollen; aber als ſich nun Be⸗ ſtürzung und Beſorgniß unter den Dienſtleuten zeigte, ward auch er unruhig, und vorzüglich, als man ihn aus dem Zimmer rief und heimlich die Kunde ertheilte, daß Mr. Kennedy's Pferd allein zur Stallthür gekommen ſei, und zwar mit umgedrehtem Sattel, der ihm am Bauche hing und mit zerbrochenem Gebiß; ferner, daß ein Landmann im Vorübergehen gemeldet habe,„an der andern Seite der Spitze von Warroch brenne ein Schmugglerſchiff lichterloh wie ein Ofen, und obwohl er(der Landmann) durch das Holz gekommen ſei, habe er doch nichts von Kennedy oder dem jungen Laird gehört. oder geſehn, blos der Schulmeiſter Simſon laufen draußen umher wie ein Toller, um jene zu ſuchen.“ Alles war nun in Aufruhr zu Ellangowan. Der Laird und ſeine Dienſtleute, Männer und Weiber, eilten zum Holze nach War⸗ roch. Die Pächter und Häusler aus der Nachbarſchaft liehen ihren Beiſtand, theils aus Theilnahme, theils aus Neugier. Boote wur⸗ den bemannt, um den Strand zu durchforſchen, der ſich, an der an⸗ dern Seite der Landſpitze, in hohen und zackigen Klippen erhob. Man hegte eine unbeſtimmte Beſorgniß, die jedoch zu ſchrecklich war, um ausgeſprochen zu werden, daß nämlich das Kind von einer dieſer Klippen geſtürzt ſein könnte. Der Tag begann ſich zu neigen, als die Suchenden das Gehölz betraten und ſich auf verſchiedenen Wegen zerſtreuten, um nach dem Knaben und ſeinem Begleiter zu forſchen. Der dunkelnde Himmel und der rauhe Hauch des Novemberwinds, der durch die kahlen Bäume ſtrich, das Raſcheln des welken Laubes, welches den Boden bedeckte, der wiederholte Zuruf der verſchiedenen Betheilig⸗ ten, der oft ertönte und die zerſtreuten zuſammenführte, in der Er⸗ 106 wartung, den geſuchten Gegenſtand zu finden, dies Alles verlieh der Scene eine ſchauerliche Erhabenheit. Endlich, nach einer genauen und fruchtloſen Durchforſchung des Holzes, vereinigten ſich ſämmtliche Suchende, um ihre Bemer⸗ kungen miteinander zu vergleichen. Die Angſt des Vaters wuchs und konnte ſich nicht mehr verbergen, aber kaum kam ſie der Ban⸗ gigkeit des Lehrers gleich.„Wollte Gott, ich wäre für ihn geſtor⸗ ben!“ wiederholte der gute Menſch in Tönen der tiefſten Trauer. Die weniger bei der Sache Intereſſirten erſchöpften ſich in tumultua⸗ riſchem Streite über all die möglichen Fälle. Jeder gab ſeine Mei⸗ nung zum Beſten, und jeder ward alsbald durch die Muthmaßung eines andern widerlegt. Einige meinten, die Gegenſtände ihres Forſchens wären an Bord der Schaluppe gegangen; einige glaub⸗ ten, ſie wären nach einem anderthalb Stunden entfernten Dorfe ge⸗ gangen; noch andre flüſterten, ſie könnten am Bord des Schmugg⸗ lerſchiffs geweſen ſein, von welchem die Fluth jetzt einige Balken und Planken an den Strand trie 1 In dieſem Augenblick hörte man einen Schrei vom Geſtade her, ſo laut, ſo gellend, ſo durchdringend, ſo verſchieden von jedem Ton, der an dieſem Tage durch die Wälder gehört worden war, daß niemand einen Augenblick anſtand zu glauben, es ſtünden Nachrich⸗ ten, und zwar Nachrichten von ſchrecklicher Bedeutung bevor. Alle eilten nach der Stelle hin, und indem ſie ſich ohne Bedenken auf Pfade wagten, die ſie zu andrer Zeit nur ſchaudernd betrachtet ha⸗ ben würden, ſtiegen ſie gegen eine Felsſchlucht hinab, wo bereits die Mannſchaft eines Bootes gelandet war.„Hier, ihr Herrn!— hier!— dieſen Weg, um Gottes Willen!— dieſen Weg!“ ging das wiederholte Geſchrei. Ellangowan brach ſich Bahn durch das Gedränge, welches ſich bereits auf dem unſeligen Orte verſammelt hatte, und betrachtete den Gegenſtand ihres Schreckens. Es war der todte Körper Kennedy's. Beim erſten Anblick ſchien er durch 107 einen Sturz von dem Felſen umgekommen zu ſein, welcher ſich über dem Orte, wo er lag, wohl hundert Fuß ſenkrecht über dem Strande erhob. Der Leichnam lag zur Hälfte im Waſſer; die wachſende Fluth, welche ihm den Arm erhob und die Kleider bewegte, hatte ihm aus der Ferne den Anſchein gegeben, als bewege er ſich von ſelbſt, ſo daß diejenigen, die den Körper zuerſt entdeckten, geglaubt hatten, er lebe noch. Aber jeder Funke des Lebens war längſt erloſchen. „Mein Sohn! mein Sohn!“ rief der entſetzte Vater,„wo kann er ſein!“— Ein Outzend Leute öffnete den Mund, um Hoff⸗ nungen auszuſprechen, die keiner fühlte. Endlich erwähnte einer —— die Zigeuner! Im Augenblick hatte Ellangowan die Klippen wieder erſtiegen, ſchwang ſich auf das erſte Pferd, welches er fand, und ritt in toller Haſt nach den Hütten von Derncleugh. Alles war dunkel und öde; und als er abſtieg, um genaue Nachforſchung zu halten, ſtolperte er über Ueberreſte von Geräthſchaften, die man aus den Hütten geworfen hatte, ſo wie über das zerbrochene Holzwerk der Dächer, die man auf ſeinem Befehl eingeriſſen hatte. In dieſem Augenblicke fiel ihm die Prophezeiung oder der Fluch der Meg Merrilies ſchwer auf's Herz.„Ihr habt die Dachung von ſieben Hütten geriſſen,— ſeht zu, ob der Dachſtuhl eures eigenen Hauſes um ſo feſter ſteht!“ 4 „Gib mir,“ rief er,„gib mir mein Kind wieder! bring mir meinen Sohn zurück und alles ſoll vergeben und vergeſſen ſein!“ Als er dieſe Worte in einer Art von Wahnſinn ausſtieß, fiel ihm ein Lichtſchimmer aus einer der verſtümmelten Hütten in's Auge— es war die, in welcher Meg Merrilies früher wohnte. Das Licht, welches von einem Feuer auszugehen ſchien, ſchimmerte nicht blos durch das Fenſter, ſondern auch durch das Gebälk der Hütte, wo das Dach abgeriſſen worden war. Er flog zu dem Orte hin. Verzweiflung gab dem armen Vater die Kraft von zehn Männern; er ſtürzte mit ſolcher Heftigkeit gegen 108 die Thür, daß dieſe ſeinem Gewicht und ſeiner Kraft nachgab. Die Hütte warleer, trug aber Zeichen, daß ſie jüngſt bewohnt geweſen — da war Feuer auf dem Herde, ein Keſſel und einige Vorbereitun⸗ gen zur Mahlzeit. Als er ſich eifrig nach etwas umſah, was die Hoffnung beſtärken könne, daß ſein Kind, wenn auch in der Gewalt fremder Leute, noch lebe, trat ein Mann in die Hütte. Es war ſein alter Gärtner.„O Sir!“ ſagte der alte Mann, „ſolch eine Nacht wie die glaubte ich nie erleben zu müſſen!— Ihr ſollt ſogleich zum Schloſſe kommen!“ „Iſt mein Knabe gefunden! Lebt er! Habt ihr Harry Bert⸗ ram gefunden! Andreas, habt ihr Harry Bertram gefunden?“ „Nein, Sir; aber”— „Dann iſt er entführt! Ich weiß es gewiß, Andreas! ſo gewiß, als mein Fuß die Erde berührt! Sie hat ihn geſtohlen— und ich⸗ werde nimmer von dieſem Platze weichen, bis ich Nachricht von mei⸗ nem Kinde habe!“ 3 „Ach, ihr ſollt aber nach Hauſe kommen, Sir! Ihr ſollt nach Hauſe kommen!— Wir haben nach dem Sheriff geſchickt, und wir wollen hier eine Nachtwache herſtellen, im Fall die Zigeuner wieder⸗ kämen; aber ihr, ihr follt nach Hauſe kommen, Sir,— denn die gnädige Frau liegt auf den Tod nieder.“ Bertram heftete ſeinen Blick ſtarr und ſeelenlos auf den Boten, der dieſe klägliche Neuigkeit berichtete; und indem er die Worte wie⸗ derholte,„auf den Tod darnieder!“ gleich als ob er ihre Bedeutung nicht begriffe, ließ er ſich von dem alten Manne willenlos nach dem Pferde hinziehen. Während dem Heimritt ſagte er blos,„Weib und Kind, beide— Mutter und Sohn— o, das iſt allzuhart!“ Es iſt unnütz, bei der Scene des Krankenbetts, die ihn erwar⸗ tete, zu verweilen. Die Nachricht von Kennedy's Geſchick war zu Ellangowan ſchnell und unvorſichtig berichtet worden, und zwar mit dem Zuſatz, daß er ohne Zweifel den jungen Laird mit ſich über 109 die Klippe geriſſen habe, wo denn die Fluth des Kindes Körper hin⸗ weggeſchwemmt hätte, denn das arme Geſchöpf ſei ja leicht und werde wohl auf offner See draußen treiben. Mrs. Bertram hörte dieſe Nachrichten; ſie war bereits weit in ihrer Schwangerſchaft vorgerückt; die Wehen ſtellten ſich plötzlich ein, und ehe Ellangowan ſeine zerrütteten Geiſteskräfte wieder ſam⸗ meln konnte, um das Traurige ſeiner Lage in ſeinem ganzen umfange nur zu begreifen, war er Vater eines Mädchens und Wittwer. Zehntes Kapitel. Doch ſieh, ſchwarz iſt ſein Antlitz und voll Blut; Sein Aug' iſt weiter offen, als im Leben, So geiſterartig ſtarr, wie ein Gehenkter; Sein Haar geſträubt, die Naſenköcher offen, Die Hand geſpreitzt, wie wenn er haſcht' und griffe Noch nach dem Leben, das man ihm entriß. Heinrich IV. Erſter Theil. Der Sheriff der Grafſchaft langte zu Ellangowan am nächſten Morgen bei Tagesanbruch an. Dieſer obrigkeitlichen Perſon der Provinz ertheilt das Geſetz Schottlands eine richterliche Gewalt von beträchtlichem Umfang; es überträgt ihm die Unterſuchung al⸗ ler Verbrechen, die in ſeinem Gerichtsbezirk begangen werden, die Anhaltung und Verhaftung verdächtiger Perſonen, und derglei⸗ chen mehr. Der Herr, welcher dieſes Amt in der Grafſchaft** zur Zeit dieſer Kataſtrophe verwaltete, war von guter Herkunft und Erzie⸗ hung; und obwohl ſeinen Manieren etwas pedantiſches und amts⸗ mäßiges anhing, ſo erfreute er ſich doch einer allgemeinen Achtung als thätige und einſichtsvolle Magiſtratsperſon. Sein erſtes Ge⸗ 111 ſchäft war, alle Zeugen zu befragen, deren Ausſage irgend Licht auf das geheimnißvolle Ereigniß werfen konnte; ſodann das ſchrift⸗ liche Protokoll aufzunehmen, procès-verbal, wie der Kunſtaus⸗ druck lautet, welches die ſchottiſche Rechtspflege der Auklage des Coroners gleichſtellt. Unter des Sheriffs genauer und geſchickter Forſchung kamen viele umſtände zum Vorſchein, welche unverträg⸗ lich mit der urſprünglichen Meinung ſchienen, daß Kennedy zufäl⸗ lig von den Klippen gefallen ſei. Wir theilen in der Kürze einige Einzelheiten hiervon mit. Man hatte den Körper in einer benachbarten Fiſcherhütte nie⸗ dergelegt, ohne daß man die Lage, in der er gefunden ward, abge⸗ ändert hätte. Dieſen Umſtand unterwarf der Sheriff zuerſt ſeiner Prüfung. Obwohl furchtbar zerquetſcht und verſtümmelt durch den Fall von einer ſolchen Höhe, zeigte der Leichnam auch noch ei⸗ nen tiefen Schnitt am Kopfe, welcher, nach der Meinung eines er⸗ fahrenen Wundarztes, durch ein Schwert oder einen Säbel beige⸗ bracht worden ſein mußte. Die Erfahrung dieſes Herrn entdeckte noch andere verdächtige Merkmale. Das Geſicht war ſehr ſchwarz geworden, die Augen herausgetreten und die Adern des Halſes ge⸗ ſchwollen. Ein buntes Tuch, welches der unglückliche Mann um den Hals trug, befand ſich nicht in der gewöhnlichen Lage, es war ſehr locker umgelegt, der Knoten an unrechter Stelle und ſehr ſcharf zugezogen. Auch die Falten waren ſehr zuſammengedrückt, wie wenn das Tuch zum Mittel gedient hätte, den Entſeelten zu er⸗ greifen und vielleicht nach dem Abgrunde hinzuſchleppen. Uebrigens fand man die Börſe des armen Kennedy unberührt, und was noch außerordentlicher ſchien, die Piſtolen, die er gewöhn⸗ lich bei ſich führte, ſobald er einem gefährlichen Abenteuer entgegen⸗ ging, befanden ſich noch geladen in ſeinen Taſchen. Dies erſchien ganz beſonders ſeltſam, denn er war gekannt und gefürchtet von den Schmugglern als ein Mann, der eben ſo furchtlos als ge⸗ 112 wandt in der Führung ſeiner Waffen war, wovon er ſchon viele deutliche Beweiſe abgegeben hatte. Der Sheriff forſchte, ob Ken⸗ nedy nicht auch gewohnt war, andre Waffen bei ſich zu führen. Die meiſten von Bertrams Dienern erinnerten ſich, daß er gewöhn⸗ lich einen couteau de chasse oder Hirſchfänger trug, daß man je⸗ doch beim Leichnam keinen gefunden habe; auch konnten diejenigen, die ihn am Morgen dieſes unglücklichen Tages geſehn hatten, nicht beſtimmt angeben, ob er jene Waffe geführt habe, oder nicht. Der Leichnam gewährte keine weiteren Indicien in Bezug auf das Schickſal Kennedy's; denn waren auch die Kleider in großer unordnung und die Glieder ſchrecklich zerſchellt, ſo erſchien doch das eine als die wahrſcheinliche, das andre als die gewiſſe Folge eines ſolchen Sturzes. Die Hände des Verſchiedenen waren krampfhaft zuſammengezogen, und voll Raſen und Erde; doch auch dies ſchien von unentſchiedener Bedeutung. Der Sheriff ging nun zu dem Platze über, wo der Leichnam zuerſt entdeckt worden war, und ließ diejenigen, die ihn gefunden hatten, auf Ort und Stelle eine genaue und ſpecielle Beſchreibung der Art und Weiſe geben, wie er dagelegen hatte. Ein großes Felsſtück ſchien den Fall des Opfers von der Klippe oben begleitet zu haben oder ihm gefolgt zu ſein. Die Maſſe deſſelben war ſo ſo⸗ lid und compakt, daß es gefallen war, ohne ſich bedeutend zu zer⸗ ſplittern; dadurch ward der Sheriff in den Stand geſetzt, erſt durch Meſſung das Gewicht zu ſchätzen und ſodann dem äußern Anſehn nach zu beſtimmen, mit welchem Theile es auf der Klippe feſtgeſeſ⸗ ſen haben möge, von welcher es geſtürzt war. Dies ward mit Leichtigkeit von dem rauhen Anſehn des Steines, wo er der Luft ausgeſetzt geweſen, entdeckt. Sodann erſtieg man die Klippe und beſichtigte den Ort, von welchem das Bruchſtück hinabgefallen war. Nach dem Anſehn des Felſens ſchien es offenbar, daß das bloße Ge⸗ wicht eines einzigen Mannes, der auf dem vorſpringenden Theile 113 des Bruchſtücks ſtand, vorausgeſetzt daß ſich dies in ſeiner natür⸗ lichen Lage befand, daſſelbe nicht aus dem Gleichgewichte hätte bringen und mit ſich ſelbſt von der Klippe hinunter ſtürzen können. Zu gleicher Zeit aber ſchien der Stein ſo locker gelegen zu haben, daß die Anwendung eines Hebels oder die vereinte Kraft von drei oder vier Männern ihn leicht aus ſeiner Lage gebracht haben konnte. Der kurze Raſen am Rande des Abhangs war ſehr zertreten, als wär' er durch die Ferſen von Männern zerſtampft wurden, die in tödtlichem Kampfe oder in einer äußerſt heftigen Anſtrengung be⸗ griffen geweſen. Spuren derſelben Art, nur weniger ſichtbar, führten den umſichtigen Forſcher zum Rande des Buſchholzes, wel⸗ ches an dieſem Orte vom ufer bis gegen den Gipfel des Abhanges emporſtieg. Mit Geduld und Beharrlichkeit verfolgten ſie dieſe Merkmale bis in den dickſten Theil des Gehölzes, eine Richtung, die kein Menſch freiwillig eingeſchlagen haben würde, außer des Verſtecks wegen. Hier fanden ſie Schritt für Schritt deutliche Spuren von Gewaltthätigkeit und Kampf. Kleine Zweige waren losgeriſſen, als wären ſie von einem widerſtrebenden Unglücklichen erfaßt wor⸗ den, der gewaltſam fortgeſchleppt wurde; wo der Boden nur eini⸗ germaßen weich und ſumpfig war, zeigte er die Spur menſchlicher Füße; auch befanden ſich Spuren daſelbſt, welche denen von Men⸗ ſchenblut glichen. Nach alledem war gewiß, daß mehrere Perſo⸗ nen ſich hier zwiſchen Eichen, Haſelbüſchen und dem Unterholz, welches damit gemiſcht war, einen Weg erzwungen hatten; und an einigen Stellen fanden ſich Spuren, als ob ein Getreideſack, ein todter Körper oder ſonſt etwas ſchweres und derbes am Boden hin⸗ geſchleppt worden ſei. In einem Theil des Dickichts befand ſich ein kleiner Sumpf, deſſen Grund ſich thonig und weißlich zeigte, wahr⸗ ſcheinlich weil er mit Mergel vermiſcht war. Kennedy's Kleid zeigte auf dem Rücken Flecken von der nämlichen Farbe. Guy Mannering. I. 8 114 Endlich, etwa eine halbe Viertelſtunde von dem Rande des ver⸗ hängnißvollen Abhanges, führten dieſelben Zeichen zu einem ſchma⸗ len offenen Platz, wo der Boden ſehr zerſtampft und mit Blut be⸗ fleckt war, obwohl man nachher viel welkes Laub auf den Ort ge⸗ ſtreut und andre Mittel in der Haſt angewandt hatte, um jene zu verlöſchen, welche offenbar von einem verzweifelten Kampfe her⸗ zurühren ſchienen. Auf der einen Seite dieſer offenen Waldſtelle, fand man das entblößte Jagdmeſſer des Schlachtopfers, welches ins Dickicht geworfen worden zu ſein ſchien; an der andern Seite aber Gehäng und Scheide, welche mit mehr Sorgfalt und Vorſicht verſteckt worden zu ſein ſchienen. Der Sheriff verordnete, das man die Fußtapfen, welche die⸗ ſen Ort bezeichneten, auf's ſorgfältigſte maß und unterſuchte. Ei⸗ nige paßten genau zu dem Fuß des unglücklichen Kennedy, einige ſchienen größer, andere wieder kleiner, im allgemeinen ergab ſich, daß mindeſtens vier oder fünf Menſchen gegen jenen geweſen waren. Ueberdies bemerkte man hier, und zwar nur hier, die Fußtapfen eines Kindes, und da man ſonſt nirgends dergleichen fand, und die ſcharfen Pferdetrappen durch den Warrochwald ſich ununterbro⸗ chen bis zu dieſem Ort hinzogen, ſo war der Gedanke gar nicht un⸗ natürlich, daß der Knabe während des Kampfes in dieſer Richtung entkommen ſein könnte. Da man jedoch nichts von ihm gehört hatte, ſo konnte der Sheriff nach ſorgfältiger Vergleichung aller geſammelten Nachrichten die Meinung nicht unterdrücken, der Ver⸗ ſchiedene ſei meuchleriſch aus einem Hinterhalt überfallen worden, und die Mörder, wer ſie auch geweſen ſeien, hätten ſich der Perſon des Kindes, Harry Bertram's, bemächtigt. Man gab ſich nun alle Mühe die Verbrecher zu entdecken. Lange ſchwankte der Verdacht zwiſchen den Schmugglern und den Zigeunern. Das Schickſal des Schiffes des Dirk Hatteraick unter⸗ lag keinen Zweifel. Zwei Männer von der entgegengeſetzten Seite der Warrochbay(ſo wird der offene Zugang von der Südſeite der Warrochſpitze genannt,) wollten, wiewohl in großer Entfernung, das Schmugglerſchiff geſehn haben, wie es oſtwärts trieb, nach⸗ dem es die Landſpitze umſegelt hatte, und ſich dabei, ſo weit ſie nach ſeinen Manövern urtheilen konnten, in einem ſchlimmen Zu⸗ ſtande befand. Kurz nachher bemerkten ſie, daß es ſank, rauchte und endlich in Brand gerieth. Es brannte, wie ſich einer von ih⸗ nen ausdrückte, lichterloh, als ſie ein königliches Schiff gewahr⸗ ten, das mit aufgeſteckten Flaggen hinter dem Kap herauf ihnen zu Geſicht kam. Das Geſchütz des brennenden Fahrzeugs ging von ſelbſt los, wie es vom Feuer erreicht ward, und endlich ſahen ſie es mit großer Exploſion auffliegen. Die Kriegsſchaluppe hielt ſich in⸗ deß ihrer Sicherheit wegen entfernt; ſie lavirte eine Zeitlang, ſteuerte aber nach erfolgter Exploſion mit allen Segeln ſüdwärts. Beſorgt forſchte der Sheriff weiter bei dieſen Männern, ob das Fahrzeug nicht einige Böte verlaſſen hätten. Sie konnten das nicht ſagen, denn ſie hatten keine geſehn; doch konnten dieſelben in einer Richtung abgefahren ſein, daß ſich das brennende Fahrzeug und die dicke Rauchwolke zwiſchen ſie und die Beobachtenden legte. Daß das zerſtörte Schiff jenes des Dirk Hatteraick war, be⸗ zweifelte Niemand. Sein Fahrzeug war an der Küſte wohlbe⸗ kannt, und man hatte es gerade zu dieſer Zeit erwartet. Ein Brief vom Befehlshaber der königlichen Schaluppe, an welchen ſich der Sheriff gewandt hatte, ſetzte die Sache außer Zweifel. Durch die⸗ ſen erhielt er nämlich einen förmlichen Auszug aus den Schiffspa⸗ pieren über Alles, was an dem Tage vorgegangen war, woraus man erſah, daß ſie heute Jagd auf ein Schmuggler⸗Schiff, deſſen Herr Dirk Hatteraick, gemacht, und zwar nach Angabe und Auf⸗ forderung des Francis Kennedy, Sr. Majeſtät Zollbeamten; fer⸗ ner daß Kennedy ſich am Strande auf die Lauer gelegt, im Fall Dirk Hatteraik, der als ein verzweifelter Geſell bekannt und ſchon 8* 116 mehrmals für vogelfrei erklärt worden war, verſuchen ſollte, ſeine Schaluppe auf den Strand zu treiben. Ungefähr um neun Uhr Vormittags hätten ſie auch glücklich ein Segel entdeckt, was der Be⸗ ſchreibung nach das des Dirk Hatteraik war; ſie machten Jagd dar⸗ auf, und nachdem ſie mehrmals die Signale wiederholt, daß es ſeine Flagge zeigen möge, feuerten ſie gegen daſſelbe. Der Schmuggler zeigte nun die Hamburger Flagge und erwiederte das Feuer; drei Stunden lang zog er ſich fechtend zurück, bis in dem Augenblick, wo er um die Warrochſpitze ſegelte, ein Schuß, wie ſie bemerkten, das Hauptſegel des Schmugglers herunterriß, wo⸗ durch das Fahrzeug untauglich wurde. Eine Zeitlang vermochten ſie nicht dieſen glücklichen Umſtand zu benutzen, weil ſie ſich bei uUmſegelung der Landſpitze zu nahe am Ufer gehalten hatten. Nach zwei Wendungen gelang ihnen dies jedoch; aber ſie bemerkten auch nun, daß der Schmuggler bereits im Feuer ſtand und wahr⸗ ſcheinlich von der Mannſchaft verlaſſen war. Da das Feuer einige Branntweinfäſſer ergriff, die man nebſt andern brennbaren Waa⸗ ren wahrſcheinlich abſichtlich auf's Verdeck geſtellt hatte, ſo loderten die Flammen ſo heftig, daß kein Boot dem Schiffe zu nahen wagen durfte, beſonders da auch die Stücke, welche die Hitze entzündete, ſich nacheinander entluden. Der Kapitain der Kriegsſchluppe war keinen Augenblick in Zweifel, daß die Mannſchaft ſelbſt Feuer im Schiffe angelegt und ſodann ſich in den Böten gerettet habe. Unter dieſen umſtänden ſchien es dem Befehlshaber der königlichen Scha⸗ luppe, des„Hayfiſches,“ am angemeſſenſten, ſeinen Curs direkt nach der Inſel Man zu richten, und zwar in der Abſicht, den Schmugglern ihren Rückzug dorthin abzuſchneiden, da dieſelben, konnten ſie ſich auch einige Tage in den Wäldern verbergen, doch wahrſcheinlich bei erſter Gelegenheit die Rückkehr nach ihrer alten dortigen Freiſtätte verſuchen würden. Jedoch ward, wie oben ge⸗ meldet, nichts wieder von ihnen geſehn. 117 Dies war der Bericht, den William Pritchard, Capitain der königlichen Kriegsſchaluppe, der Haifiſch, ertheilte, und welcher damit ſchloß, daß man ſehr bedauere, nicht ſo glücklich geweſen zu ſein, dieſe Schurken perſönlich bekämpfen zu können, welche un⸗ verſchämt genug geweſen wären, auf Sr. Majeſtät Flagge zu feuern. Zugleich war noch die Verſicherung beigefügt, daß, ſollte er bei einer ähnlichen Kreuzfahrt einſt auf Dirk Hatteraik ſtoßen, er nicht verfehlen werde, demſelben mit den Kanonen ſeines Hinter⸗ bords Alles, was zwiſchen ihnen vorgefallen, zu vergelten. Da es nun ziemlich gewiß ſchien, daß die Leute am Bord des Schmugglers entkommen wären, ſo konnte ihnen auch leicht Ken⸗ nedy's Tod angerechnet werden, ſobald ſie im Walde mit ihm zu⸗ ſammentrafen und ſie durch den Verluſt ihres Schiffes, den er ver⸗ urſachen half, ergrimmt waren. Und es war nicht unwahrſchein⸗ lich, daß von ſolch rohen Menſchen, beſonders wenn ſie durch die umſtände zur Verzweiflung gebracht waren, ſelbſt die Ermordung eines Kindes, gegen deſſen Vater Dirk Hatteraik ſo heftige Dro⸗ hungen ausgeſtoßen hatte, keineswegs als ein verabſcheuungswer⸗ thes Verbrechen angeſehen werden mochte. Gegen dieſe Hypotheſe ward eingewendet, daß eine Mann⸗ ſchaft von funfzehn oder zwanzig Menſchen nicht am ufer hätte ver⸗ borgen bleiben können, da unmittelbar nach Zerſtörung ihres Schiffes eine ſo ſcharfe Nachſuchung nach ihnen ſtattgefunden hatte; und wofern ſie ſich auch in der Waldung verſteckt hätten, ſo mußten doch wenigſtens ihre Boote am Strande geſehn worden ſein;— un⸗ ter ſo bedenklichen Umſtänden aber, wo jeder Rückzug höchſt ſchwie⸗ rig, wo nicht unmöglich für ſie ſcheinen mußte, könne man nicht denken, daß ſich Alle aus bloßer Rachſucht zu einem unnützen Morde vereinigt haben ſollten. Diejenigen, welche dieſer Meinung wa⸗ ren, vermutheten, daß entweder die Böte des Schmugglerſchiffes in See geſtochen ſeien, ohne von denen bemerkt zu werden, die all' 118 ihre Aufmerkſamkeit auf das brennende Schiff richteten und darnach gafften, wodurch jene allerdings einen ſichern Vorſprung vor der Schaluppe, bevor dieſe um die Landſpitze legte, gewinnen konn⸗ ten; oder auch, daß die Schiffsmannſchaft durch das Unbrauchbar⸗ werden ihrer Böte oder deren Verbrennung, während der Hayfiſch ſie verfolgte, zu dem feſten Entſchluß gekommen ſei, ſich mit dem Schiffe in die Luft zu ſprengen. Was dieſem vermutheten Akt der Verzweiflung einige Wahrſcheinlichkeit lieh, war, daß weder Dirk Hatteraick, noch einer ſeiner Schiffsgenoſſen, ſämmtlich wohlbe⸗ kannte Schleichhändler, wieder auf dieſer Küſte geſehn wurden, und daß man auch, trotz der genaueſten Nachforſchung, auf der Inſel Man nichts von ihnen hörte. Andrerſeits kam blos der todte Körper eines Seemanns, wahrſcheinlich durch einen Kanonenſchuß getödtet, an den Strand. Alles was man thun konnte war daher nur, daß man Namen und äußere Geſtalt der Perſonen aufzeich⸗ nete, die zur Schiffsmannſchaft gehört hatten„ und für die Ergrei⸗ fung eines jeden von ihnen einen Preis ausſetzte; und dieſen für jede Perſon, außer den Mörder ſelbſt, welche ein genügendes Zeug⸗ niß, um den Mörder des Franz Kennedy zu überführen, ablegen könnte. Eine andre Meinung, die gleichfalls durch gute Gründe unter⸗ ſtützt ward, ſuchte das furchtbare Verbrechen den letzten Bewoh⸗ nern von Derncleugh aufzubürden. Man wußte, daß ſie durch das Benehmen des Lairds von Ellangowan gegen ſie höͤchlich er⸗ zürnt waren und mancherlei Drohungen ausgeſtoßen hatten, deren Erfüllung ſie jedermann für fähig hielt. Kinderraub war ein Ver⸗ brechen, welches mit ihren Gewohnheiten mehr als mit denen der Schmuggler übereinſtimmte und des Knaben damaliger Beſchützer konnte bei einem Verſuche, ihn zu retten, gefallen ſein. Ueberdies erinnerte man ſich, daß ſich Kennedy bei der gewaltſamen Vertrei⸗ bung dieſer Leute von Derncleugh von wenigen Tagen ſehr thätig 119 gezeigt hatte, und daß bei dieſer merkwürdigen Gelegenheit zwi⸗ ſchen ihm und einem der älteſten Zigeuner eine harte und drohende Sprache geführt worden war. Der Sheriff vernahm auch die Ausſagen des unglücklichen Va⸗ ters und ſeines Dieners über das, was bei ihrem Zuſammentreffen mit der Zigeunerkarawane, als dieſe von Ellangowan wegzog, vorgefallen war. Die Reden der Meg Merrilies ſchienen beſonders verdächtig. Es lag darin, wie der Beamte in ſeiner Juriſten⸗ ſprache bemerkte, ein damnum minatum, ein als Vergeltung ange⸗ drohter Schade, und ein malum secutum, ein Uebel, welches, wie es vorausgeſagt ward, kurz nachher eintraf. Ein junges Weib, die an dem verhängnißvollen Tage Nüſſe im Warrochholze geſammelt hatte, behauptete ſteif und feſt, wiewohl ſie keinen Eid deßhalb ablegen wollte, daß ſie Meg Merrilies, oder wenigſtens ein an Größe und Anſehn derſelben merkwürdig ähnliches Weib, plötzlich aus einem Gebüſch habe treten ſehen— ſie erklärte, jene beim Namen angerufen zu haben; da ſich jedoch die Geſtalt ohne zu antworten abgewendet habe, ſo ſei ſie in Ungewißheit geblieben, oh es die Zigeunerin oder deren Geſpenſt geweſen ſei; daher habe ſie ſich auch geſcheut, einer Perſon näher zu treten, die man, nach der gewöhnlichen Redeweiſe, nicht für geheuer hielt. Dieſe vage Ge⸗ ſchichte ward einigermaßen durch den Umſtand unterſtützt, daß man am nämlichen Abend in der verlaſſenen Hütte der Zigeunerin Feuer gefunden hatte. Dieſen Umſtand bezeugte Ellangowan und deſſen Gärtner. Doch ſchien es ungereimt, zu vermuthen, daß dies Weib, wofern es zu dem Verbrechen geholfen hätte, am näm⸗ lichen Abend zu dem Orte zurückgekehrt ſein ſollte, wo man ſie vor allen am erſten ſuchen mußte. Meg Merrilies ward indeſſen eingezogen und verhört. Sie lãugnete hartnäckig, am Todestage Kennedy's zu Derncleugh oder im Warrochsholze geweſen zu ſein; und auch mehrere ihres Stam⸗ 120 mes beſchwuren es, daß ſie ihre Niederlaſſung nicht verlaſſen habe, welche ſich in einem Thale, etwa fünf Stunden von Ellangowan befand. Ihren Schwüren war in der That wenig zu trauen; aber konnte man unter dieſen Umſtänden ein anderes Zeugniß erlangen? Eine einzige merkwürdige Thatſache ging aus ihrem Verhöre her⸗ vor. Ihr Arm war durch den Schnitt einer ſcharfen Waffe leicht verwundet, und mit einem Taſchentuche Harry Bertrams verbun⸗ den. Aber der Häuptling der Horde bekannte, er hätte ſie am nämlichen Tage mit ſeinem Dolche gezüchtigt— ſie ſelber und an⸗ dere ſagten daſſelbe von ihrer Wunde aus; und was das Taſchen⸗ tuch betraf, ſo erklärte ſich dies leicht aus der Menge von Linnen, welche während der letzten Monate ihres Aufenthalts zu Ellango⸗ wan geſtohlen worden war, ohne daß man Meg ein ſchlimmeres Verbrechen aufzubürden brauchte. Man bemerkte bei ihrem Verhör, daß ſie die Fragen, die ſich auf den Tod Kennedy's, oder des Zöllners, wie ſie ihn nannte, bezogen, mit Gleichgiltigkeit behandelte; ſtarken und leidenſchaft⸗ lichen Unwillen und Verachtung druckte ſie jedoch aus, da man ſie für fähig hielt, dem kleinen Harry Bertram etwas zu Leide gethan zu haben. Man hielt ſie lange in Haft, in der Hoffnung, daß man etwas entdecken werde, was Licht auf dieſen blutigen und dunklen Vorgang werfen könnte. Nichts zeigte ſich jedoch und Meg ward endlich in Freiheit geſetzt, jedoch mit der Sentenz, daß ſie als Landſtreicherin, gemeine Diebin und unordentliche Perſon aus der Grafſchaft weichen ſolle. Keine Spur von dem Knaben vermochte man zu entdecken, und ſo gerieth endlich die Geſchichte, nachdem ſie erſt viel Lärmen erregt hatte, allmählig als unerklärlich in Ver⸗ geſſenheit und pflanzte ihr Andenken höchſtens durch die Benen⸗ nung, der Zöllnerſprun g, fort, welche man allgemein der Klippe beilegte, von welcher der unglückliche Mann gefallen oder geſtürzt worden war. Elftes Kapitel. Die Zeit als Chorus, tritt auf. Ich— manchem lieb; doch Freud' und Schreck für Böſe Wie Gute; die ich Irrthum ſchaff' und löſe— Ich will, weil Zeit ich heiße, jetzt die Schwingen, Gebrauchen. Legt es mir vor allen Dingen, Und meinem Flug, nicht als Verbrechen aus, Schlüpf' über ſechzehn Jahr ich ſchnell hinaus, Den weiten Abgrund liegen laſſend.— Wintermährchen. unſre Erzählung iſt nun im Begriff einen weiten Sprung zu machen und damit einen Zeitraum von faſt ſiebzehn Jahren zu übergehen, während deſſen ſich nichts von beſonderer Wichtigkeit in Bezug auf die Geſchichte, die wir erzählen wollen, ereignete. Die Kluft iſt allerdings groß; doch wenn des Leſers Erfahrung im Leben ihn fähig macht, auf einen Zeitraum von gleicher Länge zu⸗ rückzublicken, ſo wird ihm dieſer Raum in der Erinnerung kaum länger vorkommen, als die Zeit, die er bedarf, um dieſe Blätter umzuſchlagen. Es geſchah im Monat November, etwa ſiebzehn Jahre nach der im letzten Kapitel erzählten Kataſtrophe, daß während einer kalten und ſtürmiſchen Nacht eine geſellige Gruppe ſich dicht um das Küchenfeuer in dem kleinen aber behaglichen Wirthshauſe zu Kip⸗ pletringan, welches Mrs. Mac⸗ Candliſh in dieſem Dorfe verwal⸗ tete, verſammelt hatte. Die Unterhaltung, welche hier ſtattfand, wird mich der Mühe überheben, die wenigen Ereigniſſe zu berich⸗ ten, welche ſich während jenes Zwiſchenraums in unſerer Geſchichte zutrugen, und mit denen der Leſer doch nothwendig bekannt wer⸗ den muß.. Mrs. Mac⸗Candliſh, die in einem behaglichen, mit ſchwar⸗ zem Leder überzogenen Lehnſtuhl thronte, labte ſich und einige Gevatterinnen aus der Nachbarſchaft mit einer Taſſe ächten Thee's und hatte zu gleicher Zeit ein wachſames Auge auf ihre Dienſtleute, welche in Verrichtung ihrer mannichfachen Obliegenheiten und Aufträge ab⸗ und zugingen. Der Küſter und Vorſänger des Kirch⸗ ſpiels erquickte ſich in einiger Entfernung von jenen an ſeiner ſonn⸗ abendlichen Abendpfeife und verſüßte ſich die angenehme Räuche⸗ rung durch ein gelegentliches Schlückchen Grog. Almoſenpfleger Bearcliff, ein Mann von großem Gewicht im Dorfe, vereinigte die Behaglichkeiten beider Parteien— er hatte ſeine Pfeife und ſeine Theetaſſe, und zwar die letztere mit etwas Rum gewürzt. Ein Paar Bauerleute ſaßen etwas abſeits und tranken ihren Zweipfen⸗ nigkrug Bier. „Iſt auch wirklich das Zimmer bereit für ſie, und brennt das Feuer hell und raucht das Kamin nicht?“ ſagte die Wirthin zu einer Magd. 3 Die Antwort war bejahend.—„Man dürfte auf keine Weiſe unhöflich gegen ſie ſein; zumal in ihrem bedrängten Zuſtande,“ ſagte ſie, ſich an den Almoſenpfleger wendend. „Gewißlich nicht, Mrs. Mac⸗ Candliſh, gewißlich nicht. Sie könnten wirklich Alles mögliche aus meinem Laden verlangen, möcht“ es ſieben, acht oder zehn Pfund betragen, ich gäb es ihnen auf Borg, ſo bereitwillig als dem erſten in der Grafſchaft.— Kommen ſie in der alten Kutſche?“ „Wohl auf keinen Fall,“ ſagte der Vorſänger;„denn Miß Bertram kommt jedesmal auf dem weißen Pferdchen zur Kirche— und eine fleißige Kirchgängerin iſt ſie— und eine Luſt iſt's, das liebe junge Ding die Pſalmen ſingen zu hören.“ „Ja, und der junge Laird von Hazlewood reitet nach der Pre⸗ digt den halben Weg mit ihr heim,“ ſagte eine der Gevatterinnen aus der Geſellſchaft;„mich wundert, wie der alte Hazlewood das leidet.“ „Ich weiß nicht, wie er es jetzt dulden kann, antwortete eine andre der Theetrinkerinnen;„aber es gab eine Zeit, wo Ellango⸗ wan es ſchwerlich geduldet haben würde, daß ſeine Tochter ſich mit dem jungen Hazlewood unterhielt.“ „Ja, es gab eine Zeit,“ antwortete die erſte mit einigem Nachdruck. „Ich weiß gewiß, Nachbarin Ovens,“ ſagte die Wirthin,„daß die Hazlewoods von Hazlewood, obwohl ſie eine recht gute alte Familie in der Grafſchaft ſind, doch nimmermehr, wäre die letzte Mandel Jahr nicht geweſen, daran gedacht haben würden, ſich zu den Ellangowans zu erheben. Ei, Beſte, die Bertrams ſind die alten Dingawaies von alter Zeit her— es gibt ein Lied von ihrer einem, der eine Tochter des Königs von Man heirathete; es fängt an, Herr Bertram zog wohl über die Haid, Zum Weib ſich zu holen die ſchönſte Maid— Mr. Skreigh wird uns wohl die Ballade ſingen.“ „Werthe Frau,“ ſagte Skreigh, mit gewichtiger Miene und indem er ſein Reſtchen Grog mit großer Feierlichkeit ſchlürfte, „unſre Talente ſind uns zu anderm Gebrauch verliehen, als um alte weltliche Lieder ſo kurz vor Sonntag abzuſingen.“ „Ei, ei, Mr. Skreigh, es wäͤre nicht das erſte Mal, daß ich euch ſo am Sonnabend ein altes Ritterlied ſingen hörte.— Was aber die Kutſche betrifft, Herr Almoſenpfleger, ſo iſt die nicht aus dem Schuppen gekommen ſeit Mrs. Bertram ſtarb, und das wer⸗ den ſechzehn oder ſiebzehn Jahr her ſein— Jock Jabos iſt mit einer Kutſche von mir fort, um ſie zu holen;— mich wundert, daß er noch nicht zurück iſt.'s iſt pechfinſtre Nacht— aber es ſind auf der Straße keine gefährlichen Stellen, bis auf zwei, und die Brücke bei Warroch iſt ſicher genug, wenn er ſich nur gehörig rechts hält. Aber da iſt dann die Stelle von Heavieſide⸗Brae, das iſt ein wah⸗ res Mordloch für alle Poſtpferde— aber Jock kennt die Straße gut genug.“ Man hörte ein ſtarkes Pochen an der Thür. „Das ſind ſie nicht. Ich höre kein Wagenraſſeln.— Griz⸗ zel, du Faulpelz, geh' nach der Thüre.“ „'s iſt ein einzelner Herr,“ meinte Grizzel endlich,„ſoll ich ihm denn das Gaſtzimmer aufſchließen?“ „ Ei Grizzel, faule Dirne, ſo ſpute dich doch; es wird ein engliſcher Reiter ſein. In ſo ſpäter Nacht und ohne Bedienten zu kommen!— Hat der Knecht das Pferd abgenommen!— Gleich mach' ein Bißchen Feuer in der rothen Stube.“ „Ich wünſche, Madame,“ ſagte der Reiſende, indem er in die Küche trat,„ ihr erlaubtet, daß ich mich hier wärme, denn die Nacht iſt ſehr kalt.“ Sein Aeußeres, ſeine Stimme und ſein Benehmen brachte ſo⸗ gleich einen günſtigen Eindruck hervor. Er war von hübſcher, großer, ſchmächtiger Geſtalt, ſchwarz gekleidet, wie man ſah, ſobald er ſein Reitkleid abgelegt hatte; ſein Alter mochte zwiſchen vierzig und fünfzig ſein; ſeine Geſichtszüge waren ernſt und inter⸗ 125 eſſant und ſein Weſen hatte etwas militäriſches. Sein Auftreten und ſeine Reden bekundeten in jeder Hinſicht den Gentleman. Lange Gewohnheit hatte der Mrs. Mac⸗Candliſh einen feinen Takt gege⸗ ben, um den Stand ihrer Gäſte zu errathen und ihren Empfang darnach einzurichten:— Gebührend redet jeden Gaſt ſie an, Nach Würden wird ein jeglicher empfah'n, Voll Achtung, freundlich, höflich, fein und ſacht, „Euer Gnaden Dienerin;— Meiſter Schmied, gut Nacht!“ Bei gegenwärtiger Gelegenheit war ſie äußerſt höflich, und verſchwenderiſch mit Entſchuldigungen. Der Fremde bat, man möge ſein Pferd gehörig verſorgen— ſie ging ſelbſt hinaus, um den Hausknecht zu ſchelten. „Nie war noch ein hübſcher Stück Pferdefleiſch in unſerm Stalle“— ſagte der Menſch, und dieſe Nachricht ſteigerte der Wir⸗ thin Reſpekt vor dem Reiter. Als ſie bei ihrer Rückkehr fand, daß es der Fremde ablehnte in ein anderes Zimmer zu gehen,(welches allerdings, wie ſie zugab, nur kalt und rauchig ſein würde, ſo lange das Feuer noch nicht hell brenne,) ſo hieß ſie den Gaſt freundlich neben dem Feuer Platz nehmen und bot ihm an Erfriſchungen dar, was ihr Haus vermochte. „Eine Taſſe Thee, Madam, wenn ihr ſo gut ſein wollt.“ Mrs. Mac⸗Candliſh fuhr geſchäftig hin und her, verſtärkte ihren Theekeſſel mit friſchem Heiſan, und fuhr fort, ihre Amts⸗ pflichten höchſt anmuthig zu erfüllen.„Wir haben ein recht net⸗ tes Zimmer, Sir, ganz angenehm eingerichtet für Standesperſo⸗ nen; aber für dieſe Nacht iſt es bereits einem Gentleman und ſeiner Tochter verſprochen, die im Begriff ſind, dieſen Theil des Landes zu verlaſſen— eine meiner Kutſchen iſt fort nach ihnen, und muß gleich zurück kommen— es geht ihnen nicht ganz ſo wohl in der Welt, wie früher; aber es geht mit uns allen bald hoch und bald 126 tief in dieſem Leben, wie Ew. Gnaden wohl wiſſen werden— aber iſt auch der Tabaksgeruch Ew. Gnaden nicht unangenehm?“ „Keineswegs, Madam; ich bin ein alter Soldat und derglei⸗ chen völlig gewohnt.— Werdet ihr mir erlauben, einige Fragen über eine Familie hier in der Nähe zu thun?“ Jetzt hörte man Wagengeraſſel, und die Wirthin eilte zur Thür um die erwarteten Gäſte zu empfangen; im Augenblick jedoch kehrte ſie in Begleitung des Poſtillons zurück.„Nein, ſie kön⸗ nen nun auf keinen Fall kommen,— das ſteht ſchlimm mit dem Laird.“ „Ja, Goͤtt helf ihnen,“ ſagte die Wirthin,„morgen iſt der Termin— der allerletzte Tag, da ſie im Hauſe bleiben können— Alles wird genommen.“ „Ja, aber ſie können auf keinen Fall kommen, ſag' ich euch— Mr. Bertram kann nicht von der Stelle.“ „Wie, Mr. Bertram!“ ſagte der Fremde,„ hoffentlich be⸗ trifft es nicht Mr. Bertram von Ellangowan!’"“ „Juſt denſelben, Sir; und wenn ihr ein Freund von ihm ſeid, ſo kommt ihr gerade zur Zeit, wo es zur Neige mit ihm geht.“ „Ich bin viele Jahre außer Landes geweſen— iſt ſeine Ge⸗ ſundheit ſo ſehr zerrüttet?“ „Ja, und ſeine Angelegenheiten obendrein,“ ſagte der Almo⸗ ſenpfleger;„die Gläubiger haben die Güter in Beſitz genommen, die verkauft werden ſollen. Und Einer der Alles bei ihm galt— ich nenne keinen Namen, aber Mrs. Mac⸗Candliſh weiß, wen ich meine—(die Wirthin wiegte bedeutſam das Haupt,)— der ſetzt ihm jetzt am ärgſten zu. Ich habe ſelber einen kleinen Anſpruch, aber lieber wollte ich ihn ganz einbüßen, als den alten Mann aus dem Hauſe treiben, und zwar gerade, da er dem Tode nahe iſt.“ 127 „Ja,“ ſagte der Küſter,„dem Gloſſin liegt viel daran, ſich den alten Laird vom Halſe zu ſchaffen und den Verkauf zu beſchleu⸗ nigen, aus Furcht, der männliche Erbe möchte ihm noch in den Weg treten; denn ich habe ſagen hören, wenn ein männlicher Erbe da wäre, könnten ſie das Gut wegen der Schulden des alten Ellan⸗ gowan nicht verkaufen.“ „Ich weiß, daß ihm vor vielen Jahren ein Sohn geboren ward,“ ſagte der Fremde;„er iſt geſtorben, wie es ſcheint!“ „Kein Menſch weiß das zu ſagen,“ antwortete der Küſter ge⸗ heimnißvoll. „Tod!“ ſagte der Almoſenpfleger,„ich ſtehe dafür, er iſt ſeit lange todt; man hat in den zwanzig Jahren und länger nichts von ihm gehört.“ „Ach, zwanzig Jahre ſind das noch nicht,“ ſagte die Wir⸗ thin;„gerade ſiebzehn ſind es zu Ende dieſes Monats; es erregte einen gewaltigen Lärm in der Gegend— das Kind verſchwand am nämlichen Tage, wo der Zollaufſeher Kennedy um's Leben kam.— Wenn ihr lange in der Gegend bekannt ſeid, ſo werden Ew. Gna⸗ den auch den Zollaufſeher Frank Kennedy gekannt haben. Er war ein herzensguter Mann und war in Geſellſchaft der beſten Herren in der Grafſchaft, und auch in unſerm Hauſe trieb er ſo manchen Spaß. Ich war damals jung, Sir, und hatte nur erſt den Mac⸗ Candliſh geheirathet, der nun auch todt iſt“—(ein Seufzer)— „und manchen Spaß hab' ich damals mit dem Zollaufſeher gehabt. Er war ein ſchlauer Fuchs— o, und wie wußte er den Schmugg⸗ lern oft einen Biſſen wegzuſchnappen! aber er war zu wagehalſig. — Und nun ſeht, Sir, damals lag eine königliche Schaluppe un⸗ ten in der Wigtonbay, und Frank Kennedy läßt ſie Jagd auf Dirk Hatteraicks Fahrzeug machen— Ihr beſinnt euch doch noch auf Dirk Hatteraick, Herr Almoſenpfleger! Ich denke ja, ihr habt auch euer Geſchäftchen mit ihm gehabt—(der Almoſenpfleger nickt 128 auf gewiſſe Weiſe mit dem Kopfe und läßt ein„hm“ hören.) Er war ein kühner Burſch, und vertheidigte ſein Schiff, bis es in die Luft flog; und Frank Kennedy war der erſte Mann am Bord ge⸗ weſen, und ſo flog er eine Viertelmeile weit mit fort und fiel ins Waſſer unter'm Felſen an der Warrochſpitze, den man nun den Zöllnerſprung nennt bis heutigen Tag.“ „Und Mr. Bertram's Kind,“ ſagte der Fremde,„was hat dies mit dem Allen zu ſchaffen?“ „Ja, Sir, der Junge machte ſich gern mit dem Zollaufſeher zu thun; und man meint allgemein, er ſei mit ihm an Bord des Schiffs gegangen, wie denn die Jungens immer voran ſind, wo es Unheil geben kann.“ „Nein, nein, ſagte der Almoſenpfleger,„ihr ſeid da nicht im Reinen, Luckie— denn der junge Laird ward von einem lieder⸗ lichen Zigeunerweib mitgenommen, welches man Meg Merrilies nannte,— ich kann mich wohl auf ihr Geſicht beſinnen,— und ſie that es aus Rache, weil ihr Ellangowan in Kippletringan den Staubbeſen geben ließ, nachdem ſie einen ſilbernen Löffel geſtohlen hatte.“ „Bitt' um Vergebung, Almoſenpfleger,“ ſagte der Küſter, ihr ſeid eben ſo im Irrthum, wie die Frau Wirthin.“ „und welche Edition beſitzt ihr von der Geſchichte, Sir?“ ſagte der Fremde, indem er ſich mit Intereſſe an jenen wandte. „Das läßt ſich nicht ſo geradezu erzählen,“ ſagte der Vorſän⸗ ger ſehr feierlich. Als man jedoch in ihn drang, zu ſprechen, präludirte er mit zwei oder drei ſtarken Zügen aus ſeiner Tabakspfeife, und aus dem wolkigen Heiligthum, welches er um ſich verbreitete, ertheilte er folgende Legende, nachdem er ſeine Stimme erſt durch einige hm! hm! in Stand geſetzt; und ſo ahmte er nun, ſo genau als mög⸗ lich die Beredtſamkeit nach, welche allwöchentlich über ſeinem Haupte von der Kanzel herabdonnerte. „Was wir jetzo bedenken wollen, meine Brüder,— hm, hm— ich will ſagen, meine lieben Freunde,— geſchah nicht in einem Winkel, und mag allen Hexenadvokaten„Atheiſten und Irrgläu⸗ bigen aller Art als eine Lehre dienen.— Ihr müßt wiſſen, daß der edle Laird von Ellangowan nicht ſo eifrig, wie es ſich geziemt hätte, damit war, ſein Land von Hexen zu ſäubern(in Betracht des Wor⸗ tes, das da geſagt iſt:„du ſollſt keine Zauberin leben laſſen“;) auch nahm er es nicht gebührend ſtreng mit denen, welche Kobolde hatten, welche Wahrſagerei und dergleichen trieben, wie es bei den Aegyptiern(ſo pflegen ſich dieſe Leute zu nennen) und andern heilloſen Banden in unſerm Lande üblich iſt. Nun war der Laird drei Jahre verheirathet, ohne einen Erben zu haben— man hielt dies für ein Strafgericht, weil er, wie es hieß, verbotenen Um⸗ gang mit der Meg Merrilies pflog, die in den beiden Graf⸗ ſchaften Galloway und Dumfries als die berüchtigtſte Hexe be⸗ kannt war.“ „Daran mag wohl etwas Wahres ſein,“ ſagte Mrs. Mac⸗ Candliſh;„ich weiß ſelber, daß er ihr zwei Gläſer Schnaps in dieſem Hauſe einſchenken ließ.“ „Freilich wohl, Wertheſte, und das bekräftigt nur noch meine Rede.— Endlich war denn die Lady guter Hoffnung, und in der Nacht, wo ſie niederkommen ſollte, da kommt an die Thür des Hauſes,(an den Hof von Ellangowan, wie man es nennt,) ein ſteinalter, ſeltſam gekleideter Mann, und bittet um Quartier. Kopf, Beine und Arme waren nackt, obwohl es gerade im Winter war, und ſein eisgrauer Bart hing ihm dreiviertel Elle lang über die Bruſt herab. Gut, er ward eingelaſſen. Als nun die Lady niederkam, da forſchte er genau nach der Minute der Geburt, und darauf ging er hinaus und befragte die Sterne. Als er zurückkam Guy Mannering. I. 9 „ meldete er dem Laird, daß dem böſen Feind Macht gegeben ſei uͤber das Knäblein, ſo in dieſer Nacht geboren; und er möchte das Kind ja auf den Wegen der Frömmigkeit erziehen und ihm einen guten Lehrer an die Seite geben, der mit und für den Knaben unabläſſig betete. Und darauf verſchwand der alte Mann und keine Seele hat ihn in dieſem Lande jemals wieder geſehn.“ „Nun, damit iſt es denn doch nicht ganz richtig,“ ſagte der Poſtillon, der in ehrerbietiger Entfernung der Unterhaltung zu⸗ hörte;„Bitte Mr. Skreigh und die Geſellſchaft um Verzeihung, — aber in des Mannes Geſicht war nicht ſo viel Haar zu ſehn, als in dem des Küſters ſelber; und er hatte ein Paar gute Stiefeln, wie ſie je ein Mann an den Beinen trug, und Handſchuh oben⸗ drein;— und auf Stiefeln mußt' ich mich verſtehn, ſollt' ich meinen.“ „Still, Jock,“ ſagte die Wirthin. „Nun, und was wißt ihr denn von der Geſchichte, Freund Jabos!“ ſagte der Vorſänger mit geringſchätzigem Blicke. „Nun, jedenfalls iſt es etwas, Mr. Skreigh— ich wohnte dazumal kaum einen Steinwurf weit vom Schloß Ellangowan; da kam nun in der Nacht, wo der junge Laird geboren ward, ein Mann an unſre Thür, und meine Mutter ſchickte mich, der ich ein flinker Burſch war, hinaus, um dem Fremden den Weg zum Schloßthor zu zeigen; wäre er nun ſo ein Hexenmeiſter geweſen, ſo hätt' er ſich ja wohl von ſelber hinfinden können,— er war ein junges, wohlgebautes und gutgekleidetes Kerlchen und ſah wie ein Engländer aus. Und ich ſag' euch, ſein Hut, ſeine Stiefeln und Handſchuh waren ſo gut, wie ſie nur je ein Gentleman trägt. Aller⸗ dings warf er einen furchtſamen Blick auf das alte Schloß— und mit der Wahrſagerei hat er ſich auch befaßt— ich habe wohl davon gehört; aber was ſein Verſchwinden betrifft, da hielt ich ihm ſel⸗ ber den Steigbügel, als er fortritt, und er gab mir eine hübſche halbe Krone— er ritt eine Miethkracke, die Souple Sam hieß— ſie gehörte dem George zu Dumfries— es war ein Teufelsvieh und hatte den Spath— ich habe das Beeſt vorher und auch nachher gar oft geſehn.“ 3 „Gut, gut, Jock,“ antworte Mr. Skreigh mit mildem feier⸗ lichem Tone,„unſre Berichte differiren keineswegs in den Haupt⸗ ſachen; aber ich wußte nicht, daß ihr den Mann geſehn hattet.— So ſeht nun, meine Freunde, nachdem der Wahrſager dem Kna⸗ ben Böſes prophezeit hatte, gab ihm ſein Vater einen frommen Gottes gelehrten bei, der Tag und Nacht um ihn war.“ .„Ja, das war der Mann, den man nur Dominie Simſon nannte,“ ſagte der Poſtillon. „'s iſt eben nicht viel an ihm,“ bemerkte der Almoſenpfleger; „ich habe gehört, daß er nie fünf Worte in einer Predigt zuſammen⸗ bringen konnte, ſeitdem er Kandidat geworden.“ „Nun freilich,“ ſagte der Vorſänger mit einer Bewegung der Hand, als ſei er begierig, ſelbſt wieder das Wort zu gewinnen; „er war alſo Tag und Nacht um den jungen Laird. Da begab es ſich, als der Knabe grade fünf Jahre alt war und der Laird zur Einſicht ſeiner Fehler kam, daß er beſchloß, jene Zigeuner von ſei⸗ nem Grund und Boden zu jagen; dies ſetzte er auch ins Werk, und Frank Kennedy, ein rauher, kurz angebundner Patron, ward ab⸗ geſchickt, um ſie auszutreiben. Er fluchte und verwünſchte ſie, und ſie thaten ihm zur Vergeltung daſſelbe; und Meg Merrilies, die vom Feinde der Menſchheit die meiſte Macht erhalten hatte, verſchwor ſich, daß ſie ihn, beides an Leib und Seele, ehe drei Tage vergehn würden, in ihrer Gewalt haben wolle. Und ich hab' es von ſicherer Hand, von einem Manne, der ſelber dabei war, nämlich John Wilſon, des Lairds Reitknecht, daß Meg dem Laird erſchien, als er von Singleſide übers Feld heimritt, und ihn mit alle dem bedrohte, was nachher die Familie wirklich betroffen 9* hat; aber ob es Meg ſelber, oder ein Geſpenſt war, welches ihr glich, denn ſie erſchien in ganz übermenſchlicher Größe, das wußte John nicht genau zu ſagen.“ „Jawohl,“ ſagte der Poſtillon,„daran kann wohl etwas ſein— ich weiß nichts dagegen zu ſagen, denn ich war damals nicht in der Gegend; aber John Wilſon iſt freilich ein Prahlhans und iſt dabei furchtſamer als ein Haſe.“ „und wie lautet das Ende von all dieſen Dingen?“ ſagte der Fremde mit einiger Ungeduld. „Der Ausgang und das Ende davon war, Sir,“ ſagte der Vorſänger,„daß, während alle zuſchauten, wie ein Königsſchiff auf einen Schmuggler Jagd machte, dieſer Kennedy plötzlich ohne einen denkbaren Grund von ihnen fortrannte— Seile oder Taue hielten ihn freilich nicht zurück— und nach dem Warrochholze hin⸗ ſauſte, ſo ſchnell, als ihn ſein Thier tragen konnte; unterwegs trifft er den jungen Laird mit ſeinem Hofmeiſter, er nimmt den Knaben zu ſich auf's Pferd und ſchwört, wenn er behept ſei, ſo ſolle der Knabe daſſelbe Schickſal theilen; der Lehrer folgt ſo ſchnell er kann, und zwar beinah ſo ſchnell als ſie ſelber, denn er war au⸗ ßerordentlich gut zu Fuße— da ſah er Meg, oder den Teufel, ihren Herrn, in ihrer Geſtalt, plötzlich aus dem Boden erſcheinen und den Knaben aus dem Arme des Zöllners reißen— dieſer ſetzte ſich zur Wehr und zog ſein Schwert— denn ihr wißt, ein behexter Mann und ein Hengſt fürchtet ſich vor dem Teufel nicht.“ „Ich glaube, das iſt ſehr wahr,“ ſagte der Poſtillon. „So, Sir, packte ſie ihn und warf ihn wie einen Stein über die Klippen von Warroch, wo er am Abend gefunden ward— aber was aus dem Kinde ward, das kann ich freilich nicht ſagen. Aber unſer damaliger Geiſtlicher, der nun auch an einem beſſern Orte iſt, war der Meinung, der Knabe könne vielleicht nur auf eine Zeitlang nach dem Feenlande gebracht worden ſein.“ Der Fremde hatte bei einigen Stellen diefer Erzählung leiſe gelächelt, aber eh' er antworten konnte, hörte man den Hufſchlag eines Pferdes, und ein flinker, hübſch gekleideter Bedienter, mit eeiner Kokarde am Hute, ſtürmte in die Küche mit den Worten: „Macht ein Bißchen Platz, liebe Leute;“ als er jedoch den Frem⸗ den bemerkte, ward er alsbald zum höfllichen und beſcheidenen Be⸗ dienten, ſein Hut ſank vom Kopfe herunter, und er legte einen Brief in die Hände ſeines Herrn.„Die Familie zu Ellangowan, Sir, befindet ſich in großer Trauer, und iſt nicht im Stande, Be⸗ ſuche anzunehmen.“ „Ich weiß es,“ erwiederte ſein Herr.„Und wenn ihr mir jetzt erlauben wollt, Madam, das erwähnte Zimmer einzunehmen, da die erwarteten Gäſte doch nicht kommen“—— „Sogleich, Sir,“ ſagte Mrs. Mac⸗Candliſh und beeilte ſich, auf dem Wege vorzuleuchten und zwar mit all der geräuſch⸗ vollen Geſchäftigkeit, welche alle Wirthinnen bei ſolcher Gelegen⸗ heit gern entfalten. „Junger Menſch,“ ſagte der Almoſenpfleger zum Bedienten, indem er ein Glas füllte,„ihr werdet hier ſo etwas nach eurem Ritte wohl nicht ſtehen laſſen.“ „Ei, bei Leibe nicht, Sir— Dank euch— auf eure Geſund⸗ heit, Sir.“ „Und wer iſt wohl euer Herr, Freund?“ „Wer, der Gentleman, der hier war! das iſt der berühmte Oberſt Mannering, Sir, aus Oſtindien.“ „Wie, von dem wir in den Zeitungen leſen?“ „Jawohl, ganz derſelbe. Er war es, der Cuddieburn ent⸗ ſetzte, und Chingalore vertheidigte, und den großen Mahratten⸗ häuptling, Ram Jolli Bundleman, ſchlug— ich hab' ihn faſt auf all ſeinen Feldzügen begleitet.“ 134 „Gott ſei uns gnädig,“ ſagte die Wirthin,„ich muß ihn doch fragen, was er zum Abendeſſen wünſcht— daß ich ihn auch hier niederſetzen laſſen konnte!“ 3 „O, das hat er ſo ſehr gern, Mutter;— ihr habt nie einen einfachern Mann in eurem ganzen Leben geſehn, als unſern alten Oberſt; und doch hat er auch manchmal den Teufel im Leibe.“ Da der Reſt der Abendunterhaltung in den untern Räumen wenig anziehendes hatte, ſo werden wir, mit des Leſers Erlaub⸗ niß, hinauf in das Gaſtzimmer ſteigen. Zwölftes Kapite — Ehre!— ſte iſt nur ein Götzenbild, Errichtet gegen Gott, der gab Geſetze, Und der befohlen hat: Du ſolſſt nicht tödten; Wir müſſen aber, denn die Ehre will's! Kann wohl ein edler Mann die eigne fürchten, Kann eines andern Ehr' er wohl verletzen? Die Furcht vor niedrerſchlechter That iſt Muth; Ward uns ſie angethan, ſte zu verzeihn Iſt gleichfalls Muth—— Ben Jonſon. Der Oberſt ging gedankenvoll im Zimmer auf und ab, als die dienſtfertige Wirthin wieder eintrat um ſeine Befehle zu hören. Nachdem er dieſe auf eine Weiſe ertheilt hatte, die er für die annehm⸗ lichſte in dieſem Hauſe hielt, bat er die Frau, einen Augenblick zu verweilen. „Ich denke,“ ſagte er,„Madam, wofern ich die guten Leute recht verſtand, Mr. Bertram verlor ſeinen Sohn im fünften Jahre! „Ja, Sir, das hat ſeine volle Richtigkeit, obwohl über die Art und Weiſe viel müßiges Geſchwätz gemacht wird, denn die Geſchichte iſt nun lange her und ein jeder erzählt ſie auf ſeine eigne Manier. Aber 136 verloren ging der Knabe im fünften Jahre, wie Ew. Gnaden ſagten, Herr Oberſt; und da die Neuigkeit der Lady, die damals mit einem Kinde ging, unvorſichtig berichtet ward, ſo ſtarb auch ſie in derſelben Nacht— und der Laird war ſeit jenem Tage ganz verwandelt, und kümmerte ſich um nichts mehr, was um ihn her vorging— als ſeine Tochter, Miß Lucy, groß ward, ſuchte ſie zwar wieder Ordnung im Hauſe zu machen— aber was konnte denn das arme Ding thun?— ſo werden ſie nun von Haus und Hof getrieben.“ „Könnt ihr euch beſinnen, Madam, um welche Zeit des Jahres das Kind verloren ging?“ Die Wirthin antwortete nach einigem Nachdenken:„es war ganz die jetzige Jahreszeit,“ und vermittelſt einiger beſondern Umſtände beſann ſie ſich endlich noch ziemlich ge⸗ nau, daß die Begebenheit im Anfang des November, 17— geſchah. Der Fremde ging ſchweigend einigemal im Zimmer auf und ab, gab jedoch der Wirthin ein Zeichen, noch zu bleiben. „Hab' ich recht gehört,“ ſagte er,„daß Ellangowans Vermö⸗ gen verkauft werden ſoll!“ „Verkauft!— Morgen ſoll es an den Meiſtbietenden losge⸗ ſchlagen werden— das heißt, nicht Morgen, Gott verzeih' mir's, denn da haben wir Sonntag, ſondern auf den Montag, als dem nächſten Wochentage; und alle bewegliche Habe wird auch zugleich mit dem Gute drangegeben— Alle Welt iſt der Meinung, daß man gerade jetzt die Sache ſchändlicherweiſe betrieben habe, zu einer Zeit, wo des langen amerikaniſchen Kriegs wegen ſo wenig Geld unter den Leuten in Schottland iſt, daß man das Land am Ende ſelber kaufen könnte— hole der Teufel das ſchlechte Volk, daß ich ſo ſage!“— der guten Dame Zorn war bei der erwähnten Ungerech⸗ tigkeit rege geworden. „Und wo wird der Verkauf ſtatt finden!?“ „Auf dem Grundſtück, wie die Bekanntmachung ſagt— und das, Ew. Gnaden, iſt doch das Haus Ellangowan, wenn ich es recht verſtehe.“ „Und bei wem iſt der Plan des Ganzen, das Verzeichniß des Inventariums und der Zinſen einzuſehn?“ „Das hat ein ſehr anſtändiger Mann, Sir; der Unterrichter der Grafſchaft, der vom Gerichtshof bevollmächtigt iſt. Er iſt jetzt gerade in der Stadt, wenn Ew. Gnaden ihn etwa zu ſehen wün⸗ ſchen; und von dem verlornen Kinde kann er euch mehr als irgend jemand ſagen, denn der Sheriff,(das iſt eben ſein Principal,) gab ſich viele Mühe, hinter die Wahrheit der Sache zu kommen, ſo viel ich gehört habe.“ „Und dieſer Herr heißt“—— „Mac⸗Morlan, Sir,— er iſt ein Mann von gutem Ruf und Anſehn.“ „Laßt ihm meinen Empfehl— des Oberſt Mannering Empfehl ſagen, und es würde mir Vergnügen machen, wenn er mich beehren und mit mir zu Abend ſpeiſen wollte, und die bewußten Papiere mitbrächte— und ich bitte, Madam, daß ihr ſonſt niemand etwas hiervon ſagt.“ „Ich, Sir? kein Wort werd' ich ſagen— ich wollte Ew. Gna⸗ den“(eine Verbeugung)„oder ſonſt ein edler Herr, der für ſein Va⸗ terland gefochten hat”“(noch eine Verbeugung)„bekäme das Land, da es die alte Familie ja doch verlaſſen muß“(ein Seufzer)„ſtatt daß es der Schuft Gloſſin an ſich reißt, der ſich durch das Verderben ſeines beſten Freundes erheben will— und da ich eben daran denke, will ich gleich in meinen Hut und die Ueberſchuh ſchlüpfen, und ſelbſt zu Mr. Mac⸗Morlan gehn— er iſt jetzt eben zu Hauſe—'s iſt nur ein Schritt hinüber.“ 138 „Thut das, meine freundliche Wirthin, und nehmt meinen Dank zuvor— und ſagt meinem Diener, daß er indeß mein Port⸗ folio hieher bringt.”“ Binnen zwei Minuten ſaß Oberſt Mannering ruhig vor ſeinen Schreibereien. Wir haben das Vorrecht, ihm beim Schreiben über die Schulter zu ſehn, und wir theilen unſre Entdeckungen gern unſern Leſern mit. Der Brief war an Arthur Mervyn, Esq. von Mervynhall, Llanbraithwaite, Weſtmoreland, gerichtet. Er ent⸗ hielt Nachrichten über des Schreibers letzte Reiſe ſeit ihrer Tren⸗ nung, und fuhr dann fort wie folgt: 3 „Und warum willſt du mir nun noch immer meine Melancholie zum Vorwurf machen, Mervyn?— Meinſt du, daß nach Verlauf von fünf und zwanzig Jahren, in denen ich Schlachten, Wunden, Gefangenſchaft und Mißgeſchick jeder Art erlebte, ich noch derſelbe lebhafte, tollkühne Guy Mannering ſein kann, der mit dir den Skiddaw erſtieg oder auf Croßfell Haſelhühner ſchoß! Daß du, im Schooß des häuslichen Glücks zurückgeblieben, nur wenig Veränderung er⸗ fuhrſt; daß dein Schritt noch ſo leicht und deine Phantaſie noch ſo voll jugendlichen Sonnenſcheins iſt, das ſcheint mir eine glückliche Folge von deinem Charakter und deinem Geſundheitszuſtand zu ſein, die beide, im Verein mit einem zufriednen Gemüth, dich auf dem ebenen Strome der Zeit hinabtragen. Aber meine Laufbahn ging an Klippen, Zweifeln und Irrthümern vorüber! von Kindheit an war ich ein Ball des Zufalls, und wehte mich auch oft ein gün⸗ ſtiger Wind in einen Hafen, ſo war es doch ſelten der, den der Steuermann erreichen wollte. Erlaube,(ich verſpreche gedrängte Kürze) erlaube, daß ich hier die ſeltſamen und widrigen Schickſale meiner Jugend und das Mißgeſchick meines Mannesalters ins Ge⸗ dächtniß zurückrufe.. „Die frühern, wirſt du ſagen, hatten eben nichts Abſchreckendes. Es war nicht Alles zum Beſten, doch war Alles erträglich. Mein Vater, der älteſte Sohn einer alten doch zurückgekommenen Familie, überließ mich mit wenig mehr, als dem Namen des Erſten unſers Hauſes, dem Schutze ſeiner glücklichern Brüder. Sie liebten mich ſo ſehr, daß ſie faſt über mich in Streit geriethen. Mein Oheim, der Biſchoff, wünſchte mich im geiſtlichen Stande zu ſehn und verhieß mir eine Pfründe— mein Oheim der Kaufmann wollte mich in einem Comptoir ſehen und ſchlug mir vor, mich bei dem Hauſe Man⸗ nering und Marſhall, Lombardſtreet, zu betheiligen— ſo, zwiſchen dieſen zwei Stühlen, oder vielmehr zwiſchen den beiden weichen, be⸗ haglichen, wohlgepolſterten Sitzen der Gottesgelahrtheit und des Handels, ſchlüpfte meine unglückliche Perſon hindurch und ſetzte ſich auf einen Dragonerſattel. Nun wünſchte mich der Biſchoff wieder mit der Nichte und Erbin des Dekans von Lincoln zu verheirathen; und mein Oheim, der Aldermann, ſchlug mir die einzige Tochter des alten Sloethorn, des großen Weinhändlers, vor, der reich genug war, um mit Goldſtücken Anſchlagen zu ſpielen und Haar⸗ wickel aus Banknoten zu machen— und ich zog auch jetzt meinen Hals aus beiden Schlingen und heirathete— die arme Sophie Wellwood. „Ou winſt ſagen, meine militäriſche Laufbahn in Indien, als ich meinem Regimente dorthin folgte, müßte mir doch einige Zufrie⸗ denheit gegeben haben; und ſo iſt es allerdings. Du wirſt dich auch erin⸗ nern, daß ich, als ich die Hoffnungen meiner Vormünder täuſchte, mir keineswegs ihr Mißfallen zuzog— daß mir der Biſchoff bei ſeinem Tode ſeinen Segen, ſeine handſchriftlichen Predigten und ein merkwürdiges Portefeuille, enthaltend die Bildniſſe aller berühm⸗ ten Gottesgelahrten der engliſchen Kirche, hinterließ; und daß mein Oheim Sir Paul Mannering mich zum einzigen Erben ſeines gro⸗ ßen Vermögens einſetzte. Doch daran lag mir wenig. Ich ſagte dir, daß ich etwas auf dem Herzen hätte, was ich wohl mit mir ins Grab nehmen würde, etwas, das mir mein Leben beſtändig verbit⸗ terte. Ich will dir die Sache genauer mittheilen, als ich es im Stande war, da ich mich unter deinem gaſtfreundlichen Dache be⸗ fand. Du wirſt die Geſchichte oft erwähnen hören, und vielleicht mit fremdartigen, grundloſen Nebenumſtänden. Ich will es da⸗ her ausſprechen; und ſodann ſoll das Ereigniß ſelbſt, ſo wie die ſchwermüthigen Empfindungen, die es mir erweckt, nie wieder Ge⸗ genſtand unſerer Geſpräche ſein. „Sophia, wie du wohl weißt, folgte mir nach Indien. Sie war eben ſo ſchuldloſen als heitern Sinnes; aber, zum Unglück für uns beide, auch eben ſo heiter als ſchuldlos. Meine eignen Ma⸗ nieren, die ich unter nun verlaſſenen Studien und einem einſamen Leben angenommen hatte, ſtimmten nicht recht mit meiner Stel⸗ lung als Befehlshaber eines Regiments in einem Lande überein, wo allgemeine Gaſtfreundſchaft von jedem Anſiedler, der Anſpruch auf den Titel eines Mannes von Stande macht, gewährt und erwartet wird. In einem Augenblicke beſonderer Verlegenheit,(du weißt, wie ſchwer es uns zuweilen fiel, weiße Geſichter zu erhalten, um unſere Schlachtlinien zu ordnen,) trat ein junger Mann, Namens Browmn, als Freiwilliger zu unſerm Regiment, und da ihm der Soldatenſtand mehr als ſeine frühere Beſchäftigung, der Handel, zuſagte, ſo blieb er als Kadet bei uns. Ich will meinem unglück⸗ lichen Opfer Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Er betrug ſich bei jeder Gelegenheit ſo brav, daß ihm ſchon im Voraus die erſte offene Offizierſtelle zugedacht wurde. Eine entfernte Expedition hielt mich einige Wochen abweſend; als ich zurückkam fand ich dieſen jungen Menſchen ganz als Freund des Hauſes und als gewöhnlichen Begleiter meiner Frau und Tochter. Dieſe Einrichtung mißfiel mir in mancher Hinſicht, obwohl ſich gegen ſeinen Charakter und ſein Be⸗ kragen nichts einwenden ließ. Doch würde ich mich mit ſeiner Ver⸗ traulichkeit in meiner Familie leicht verſöhnt haben, wären die Einflüſterungen eines Andern nicht geweſen! Wenn du(ich wage das Buch nie zu öffnen) das Schauſpiel Othello leſen wirſt, ſo haſt du einen Begriff von dem, was folgt— ich meine die Beweggrün⸗ de, die mich leiteten,— meine Handlungen, dem Himmel ſei Dank! waren minder tadelnswerth. Ein andrer Kadet ſtrebte gleichfalls nach der vacanten Stelle. Er lenkte meine Aufmerkſam⸗ keit auf das buhleriſche Benehmen(wie er mich es zu nennen verlei⸗ tete) welches wechſelſeitig zwiſchen meiner Frau und jenem jungen Manne ſtattfand. Sophia war tugendhaft, aber ſtolz auf ihre Tugend; und, gereizt durch meine Eiferſucht, war ſie ſo unklug, eine Vertraulichkeit zu pflegen und zu ermuntern, die ich, wie ſie ſah, mit Mißbilligung und Argwohn betrachtete. Zwiſchen Brown und mir beſtand eine Art innerer Abneigung. Er gab ſich einige⸗ mal Mühe, mein Vorurtheil zu beſeitigen; aber da ich einmal ein⸗ genommen gegen ihn war, legte ich ſeinem Betragen falſche Motive unter. Da er ſich, und zwar mit Verachtung, zurückgewieſen ſah, ſo ließ er ab; und da er ohne Familie und Freunde war, ſo war er natürlich um ſo aufmerkſamer auf das Betragen eines Mannes, der beide beſaß. „Es iſt ſeltſam, mit welcher Qual ich dieſen Brief ſchreibe. Trotzdem fühl' ich mich geneigt, dies Geſchäft zu verlängern, gleich als ob ich dadurch die Kataſtrophe ungeſchehn machen könnte, welche mein Leben ſo lange verbittert hat. Aber— es muß erzählt wer⸗ den, und ich will es kurz erzählen. „Meine Frau, obwohl nicht mehr jung, war noch immer ſehr hübſch, und— laß mich dies zu meiner eigenen Rechtfertigung ſa⸗ gen— ſie ſah es gern, wenn man ſie dafür hielt;— ich wiederhole, was ich ſchon ſagte— mit einem Wort, an ihrer Tugend zweifelte ich durchaus nicht; angereizt jedoch durch Archer's liſtige Einflüſte⸗ rungen glaubte ich, ſie kümmere ſich wenig um den Frieden meines Herzens und der junge Mann, Brown, zolle ihr ſeine Aufmerkſam⸗ keiten mir zum Trotz und um mich damit herauszufordern. Er be⸗ trachtete mich ſeinerſeits vielleicht als einen tyranniſchen ariſtokra⸗ tiſchen Mann, der ſeinen Rang in der Geſellſchaft und in der Armee dazu benutzte, denjenigen, welche die umſtände unter ihn geſtellt hatten, das Leben zu verbittern. Und wenn er meine thörichte Eiferſucht entdeckte, ſo fand er wahrſcheinlich, indem er ſich an dieſer wunden Stelle meines Charakters rieb, darin eine Befriedi⸗ gung ſeiner Rachluſt für die kleinen Demüthigungen, denen ich ihn oft bloszuſtellen vermochte. Ein ſcharfſichtiger Freund gab indeß ſeinen Aufmerkſamkeiten eine harmloſere oder doch minder beleidi⸗ gende Deutung, indem er erklärte, ſie gälten meiner Tochter Ju⸗ lia, und er bringe ſie nur auf indirekte Weiſe dar, um den Einfluß der Mutter für ſich zu gewinnen. Auch dies war eben nicht ſchmei⸗ chelhaft oder angenehm von Seiten eines niedern und namenloſen jungen Mannes. Aber dieſe Thorheit würde mich nicht ſo be⸗ leidigt haben, wie jene ungleich größere Anmaßung, die ich arg⸗ wohnte. Beleidigt war ich indeß, und zwar in tödtlichem Grade. „Der kleinſte Funke kann eine Flamme entzünden, wenn das Material offen daliegt. Ich habe die nächſte Veranlaſſung des Streites gänzlich vergeſſen, aber es war eine Kleinigkeit, die am Spieltiſch vorkam und erſt einen Wortwechſel und ſodann eine Aus⸗ forderung mit ſich brachte. Wir trafen uns am nächſten Morgen au⸗ ßerhalb der Mauer und der Esplanade des Forts, welches ich damals an den Gränzen unſerer Niederlaſſung befehligte. Dieſe Einrichtung war für Browns Sicherheit getroffen, wofern er davon gekommen wäre. Ich wünſche beinah, dies wäre der Fall geweſen, wenn auch auf meine Koſten, aber er fiel beim erſten Schuſſe. Wir eilten, ihm beizuſtehn; aber einige jener Luties, eine Art eingeborner Meuchelmörder, welche ſtets auf Beute lauern, überfielen uns. Archer und ich gewannen mit Mühe unſre Pferde und erkämpften erſt nach einem harten Gefecht unſern Weg, wobei jener eine höchſt gefährliche Wunde empfing. Um das Unglück dieſes traurigen Ta⸗ 143 ges voll zu machen, wurde meine Frau, welche die Abſicht ahnte, mit welcher ich das Fort verließ und daher Befehl gegeben hatte, daß ihr Palanquin uns folgen ſolle, von einer andern Schaar die⸗ ſer Räuber beunruhigt und beinah gefangen. Eine Abtheilung unſ⸗ rer Reiterei rettete ſie zwar ſchnell; doch kann ich mir ſelbſt nicht ausreden, daß die Vorfälle dieſes verhängnißvollen Morgens ihre ohnehin zarte Geſundheit ernſtlich erſchütterten. Das Bekenntniß Archers, der ſich dem Tode nahe glaubte, daß er einige Umſtände erfunden und aus eigennützigen Abſichten andern die ſchlimmſte Deutung gegeben habe; deßgleichen die völlige Aufklärung und wechſelſeitige Vergebung, welche dies zwiſchen uns veranlaßte, konnte den Fortſchritt ihrer Krankheit nicht mehr hemmen. Sie ſtarb etwa acht Monate nach dieſer Begebenheit und hinterließ mir nur das Mädchen, welches Mrs. Mervyn vor der Hand unter ihre gütige Obhut genommen hat. Auch Julia war von ſchwacher Ge⸗ ſundheit, ſo daß ich mich veranlaßt fühlte, meine Befehlshaber⸗ ſtelle niederzulegen und nach Europa zurückzukehren, wo ihre hei⸗ matliche Luft, die Zeit, und die Neuheit des umgebenden Schau⸗ platzes beitrugen, ihre Niedergeſchlagenheit zu bannen und ihre Geſundheit herzuſtellen. „Nun du meine Geſchichte kennſt, wirſt du mich nicht weiter nach dem Grunde meiner Schwermuth fragen, ſondern mir geſtat⸗ ten, mich derſelben nach Bedürfniß hinzugeben. Gewiß enthält das oben erzählte genug, um den Becher zu verbittern, wo nicht zu vergiften, welchen mir, wie du oft erwähnteſt, Glück und Ruhm lieh, um meine einſamern Jahre daran zu erlaben. „Ich könnte noch Umſtände anführen, die unſer alter Lehrer als Beiſpiele vom Vorhandenſein unglücklicher Tage darge⸗ ſtellt haben würde,— du würdeſt lachen, wenn ich ſolcher Einzel⸗ heiten erwähnte, zumal da du weißt, daß ich ſelber nicht daran glaube. Seit ich jedoch das Haus betreten habe, aus welchem ich 144 jetzt ſchreibe, habe ich ein ſo ſeltſames Zuſammentreffen erfahren, das, wofern es ſich nur einigermaßen bewährt, uns künftig gewiß zum Gegenſtande merkwürdiger Unterhaltungen dienen wird. Doch will ich dich jetzt damit verſchonen, da ich eine Perſon erwarte, mit welcher ich über den Ankauf eines jetzt hier feilgebotenen Grund⸗ ſtücks ſprechen will. Es iſt ein Ort, für den ich eine närriſche Vorliebe habe, und ich hoffe, mein Kauf ſoll auch denen willkom⸗ men ſein, die den Beſitz aufgeben, da ein Plan geſchmiedet iſt, den⸗ ſelben unter dem Werthe zu verkaufen. Meine ehrerbietigen Em⸗ pfehle an Mrs. Mervyn, und obwohl du ſtolz darauf biſt, ein ſo lebhafter junger Gentleman zu ſein, ſo will ich dir doch den Auftrag anvertrauen, Julien für mich zu küſſen.— Adieu, lieber Mer⸗ vyn.— Wie immer der deinige „Guy Mannering.“ Mr. Mac⸗Morlan trat jetzt ins Zimmer. Der wohlbekannte Charakter des Oberſt Mannering ſtimmte ſogleich dieſen Gentle⸗ man, der ein einſichtsvoller und rechtlicher Mann war, offen und vertrauensvoll gegen ihn zu ſein. Er erklärte die Vortheile und Nachtheile des Eigenthums.„Es kann,“ ſagte er,„wenigſtens zum größern Theile, nur auf männliche Erben übergehen, und der Käufer würde das Recht haben, einen bedeutenden Theil des Prei⸗ ſes in ſeinen Händen zu behalten, für den Fall nämlich, daß, bin⸗ nen einem beſtimmten Zeitraume, das verſchwundene Kind wieder erſchiene.“ „Zu welchem Zwecke beſchleunigt man dann den Verkauf ſo eifrig?“ ſagte Mannering. Mac⸗Morlan lächelte.„Ganz wahrſcheinlich,“ ſagte er, „um die baren Zinſen vom Kapital zu bekommen, ſtatt der ſchlecht⸗ bezahlten Renten eines Gutes in ſo üblem Zuſtande; hauptſächlich aber, wie man glaubt, um den Wünſchen und Erwartungen eines wahrſcheinlichen Käufers zu entſprechen, welcher der Hauptgläu⸗ biger geworden iſt, nachdem er ſich früher in die Angelegenheiten durch Mittel, die er ſelbſt am beſten kennen wird, mit Gewalt ein⸗ gemiſcht hatte; nun glaubt man, daß dieſer es ſehr bequem finden werde, das Beſitzthum zu kaufen, ohne den Preis zu zahlen.“ Mannering berieth ſich mit Mr. Mac⸗Morlan über die Schritte, durch die man dieſem gewiſſenloſen Vorhaben begegnen könne. Sodann ſprachen ſie lange über das ſeltſame Verſchwinden Harey Bertrams an ſeinem fünften Geburtstage, wodurch Man⸗ nerings zufällige Vorherſagung, deren er ſich, wie man denken kann, nicht ſehr rühmte, in Erfüllung ging. Mr. Mac⸗Morlan war noch nicht im Amte, als jene Begebenheit ſtattfand; aber er war wohlbekannt mit allen umſtänden, und verſprach, daß unſer Held alles genau vom Sheriff ſelbſt erfahren ſolle, wenn er ſich, wie jetzt ſeine Abſicht, in dieſem Theile Schottlands niederlaſſen würde. Mit dieſer Zuſicherung ſchieden ſie, wohl zufrieden mit einander, wie mit der Unterhaltung des Abends. Am folgenden Sonntage wohnte Mannering dem Gottesdienſt in der Kirche bei. Niemand von der Familie Ellangowan war an⸗ weſend, und ſonach verſtand es ſich von ſelbſt, daß der alte Laird ſich eher ſchlimmer als beſſer befinde. Jock Jabos ward noch ein⸗ mal zu ihm geſchickt und kehrte nochmals ohne Beſcheid zurück; je⸗ doch hoffte Miß Bertram, daß er ſich am nächſten Tage beſſer be⸗ finden werde. Guy Mannering. I. Dreizehntes Kapitel. Sie ſagten mir, Kraft richterlichen Spruchs Wär' ihnen Vollmacht, all' dein Gut zu nehmen— Da ſtand ein Schuft mit widrigem Geſicht, Womit das Silberzeug er muſterte, Das zum Verkaufe hochgehäuft hier ſtand;— Ein andrer Schurke trieb unzarten Scherz Mit deinem Unglück; in Beſitz nahm er Manch altes Erbſtück, das dein Haus geziert. Otway. Früh am nächſten Morgen beſtieg Mannering ſein Pferd und ſchlug, begleitet von ſeinem Diener, den Weg nach Ellangowan ein. Er brauchte nicht nach der Straße zu fragen. Eine Verſteigerung auf dem Lande iſt eine Art von Volksfeſt und Luſtbarkeit, und Leute jeden Standes ſtrömten von allen Seiten dorthin. Nach einem angenehmen Ritt von etwa einer Stunde traten die alter Thürme der Ruine in der Landſchaft hervor. Der Ge⸗ danke, mit wie andern Gefühlen er ſie vor ſo vielen Jahren aus dem Geſicht verloren hatte, beſchäftigte die Seele des Reiſenden. Die Landſchaft war dieſelbe; aber wie hatten ſich die Gefühle, Hoffnun⸗ gen, und Erwartungen des Beſchauers umgeſtaltet! damals wa⸗ ren ihm Leben und Liebe neu und vergoldeten alles vor ihm mit ih⸗ ren Strahlen. Und nun, getäuſcht in der Liebe, geſättigt an Ruhm und Allem, was die Welt Glück nennt, während ſein Herz durch bittere Empfindungen der Reue gequält ward, nun beſtand ſeine beſte Hoffnung darin, ein Aſyl zu finden, wo er die Schwer⸗ muth nähren könnte, die ihn bis zum Grabe begleiten ſollte.„Aber warum ſollte ein Individuum trauern über die Hinfälligkeit ſeiner Hoffnungen und die Eitelkeit ſeiner Pläne? Die Häuptlinge der Vorzeit, welche jene ungeheuren und ſtarken Thürme errichteten, um ihr Geſchlecht und den Sitz ihrer Macht damit zu ſchützen, konnten ſie träumen daß ein Tag kommen werde, wo der letzte ih⸗ rer Nachkommen als unſteter Flüchtiger aus ſeinen Beſitzungen vertrieben werden würde! die Sonne wird ebenſo ſchön auf dieſe Ruinen ſcheinen, mag ſie nun ein Fremder beſitzen, oder ein ſchmutziger und niedriger Geſetzverdreher, als ſie damals ſchien, wo die Banner des erſten Gründers von ihren Zinnen wehten.“ Mit dieſen Betrachtungen gelangte Mannering zum Thore des Hauſes, welches an dieſem Tage für Alle offen ſtand. Er trat mit Andern ein, welche die Gemächer durchwandelten, theils um Ge⸗ genſtände des Kaufs auszuſuchen, theils nur um ihre Neugier zu befriedigen. Eine ſolche Scene hat, ſelbſt unter den günſtigſten Umſtänden, etwas Trauriges. Der verworrene Zuſtand des Haus⸗ geräths, welches von ſeiner Stelle gerückt iſt, damit es die Käufer bequem beſchauen und fortſchaffen können, iſt unangenehm für das Auge. Jene Gegenſtände, die, gehörig und ſchicklich geordnet, anſtändig und hübſch ausſehen, haben dann ein ſchlechtes, ärm⸗ liches Anſehn; und die Gemächer, Alles deſſen beraubt, was ſie bequem und behaglich macht, gewähren einen Anblick des Verfalls und der Verwüſtung. Widerlich iſt es auch, die Scenen häuslicher Geſelligkeit und Abgeſchiedenheit der gaffenden Neugier und Ge⸗ meinheit blosgeſtellt zu ſehn; die Ausdrücke roher Speculation zu 10* zu hören, die brutalen Scherze der Menge über Gewohnheiteu und Geräthe, die ihr fremd ſind,— all den tollen Uebermuth zu betrach⸗ ten, welchen der Whisky erregt, der in Schottland ſtets bei ſol⸗ chen Gelegenheiten reichlich fließt. Alles dies zeigt gewöhnlich eine ſolche Scene, wie ſie Ellangowan jetzt bot; aber das moraliſche Gefühl wurde um ſo peinlicher dadurch verletzt, da dies Alles in dieſem Falle den gänzlichen Ruin eines alten und ehrwürdigen Hauſes anzeigte. Es währte einige Zeit, bevor Oberſt Mannering jemand fin⸗ den konnte, der geneigt war, ſeine wiederholten Fragen in Bezug auf Ellangowan ſelbſt zu beantworten. Endlich erzählte ihm eine alte Magd, die, während ſie ſprach, ihre Schürze vor die Augen drückte,„der Laird ſei etwas beſſer und man hoffe, er werde fähig ſein, heute das Haus zu verlaſſen. Miß Lucy erwarte jeden Au⸗ genblick die Kutſche, und da der Tag für dieſe Jahrszeit ſchön ſei, ſo hätte man den Herrn in ſeinem Lehnſtuhl auf den Raſenplatz vorm alten Schloſſe getragen, um dieſem Lärmen aus dem Wege zu kommen.“ Oberſt Mannering begab ſich dorthin und erblickte bald die kleine Gruppe, welche aus vier Perſonen beſtand. Der Zugang war abhängig und dadurch gewann er Zeit ſie zu beobach⸗ ten, während er ſich näherte, und zu überlegen, wie er ſie am paſ⸗ ſendſten anreden könne. Mr. Bertram, gichtkrank und faſt gar nicht im Stande ſich zu bewegen, ſaß in ſeinem Lehnſtuhl, auf dem Kopfe die Nachtmütze, in einen weiten Kamelotrock gehüllt und die Füße mit Tüchern um⸗ wickelt. Hinter ihm, die Hände über dem Stock gekreuzt, auf den er ſich ſtützte, ſtand Domine Sampſon, den Mannering ſogleich wieder erkannte. Die Zeit hatte ihn nicht verändert, außer daß ſein ſchwarzer Rock mehr bräunlich und ſeine bleichen Wangen ein⸗ gefallener ſchienen, als da ihn Mannering zum letztenmale ſah. An der einen Seite des alten Mannes ſtand eine ſylphengleiche Ge⸗ 149 ſtalt— eine junge etwa ſiebzehnjährige Dame, welche der Oberſt für die Tochter hielt. Sie blickte von Zeit zu Zeit ängſtlich nach dem Schloßeingang, als erwartete ſie den Wagen, und zugleich war ſie immer beſchäftigt, die Tücher zurecht zu rücken, um ihren Vater vor der Kälte zu ſchützen, oder Fragen zu beantworten, die er auf ziemlich ungeduldige, übellauniſche Weiſe an ſie richtete. Sie wagte kaum auf das Schloß zu blicken, obwohl das Geſumm der verſammelten Menge ihre Aufmerkſamkeit wohl dorthin lenken mußte. Die vierte Perſon der Gruppe war ein hübſcher, anſtän⸗ diger junger Mann, der Miß Bertram's Sorgfalt für die Ruhe und Bequemlichkeit ihres Vaters zu theilen ſchien. Dieſer junge Mann war der Erſte, der Oberſt Mannering be⸗ merkte und ihm auch ſogleich entgegen eilte, als wolle er aus Zart⸗ gefühl verhindern, daß er ſich der betrübten Gruppe nähere. Man⸗ nering hemmte ſogleich ſeine Schritte und gab ſeine Erklärung. „Er ſei,“ ſagte er,„ein Fremder, dem ſich Mr. Bertram früher einmal höflich und gaſtfreundlich erwieſen habe; er würde ſich zu einer Zeit der Trauer nicht bei ihm eingedrängt haben, wenn es nicht auch zugleich eine Zeit der Verlaſſenheit zu ſein ſchiene; er wünſche nur diejenigen Dienſte anzubieten, die er Mr. Bertram und der jungen Lady zu erweiſen im Stande wäre.“ Darauf blieb er in kleiner Entfernung von dem Lehnſtuhle ſte⸗ hen. Sein alter Bekannter ſchaute mit erloſchenem Auge auf ihn, welches kein Zeichen der Wiedererkennung ankündigte— der Domi⸗ nie ſchien allzutief in Trauer verſunken, um überhaupt ſeine Anwe⸗ ſenheit zu bemerken. Der junge Mann ſprach leiſe mit Miß Ber⸗ tram, welche ſich ſchüchtern nahte und Oberſt Mannering für ſeine Güte dankte;„nur fürchte ich,“ ſagte ſie, indem Thränen aus ih⸗ ren Augen ſtürzten,„mein Vater wird nicht im Stande ſein, ſich Ihrer erinnern zu können.“ 150 Darauf trat ſie, begleitet vom Oberſt Mannering, nach dem Lehnſtuhle hin.—„Vater,“ ſagte ſie,„hier iſt Mr. Mannering, ein alter Freund, der ſich nach deinem Befinden erkundigen will.““ „Er iſt herzlich willkommen,“ ſagte der alte Mann, indem er ſich im Stuhle erhob und eine Verbeugung zu machen verſuchte, während ein Schimmer gaſtfreundlicher Selbſtzufriedenheit über ſeine erloſchenen Züge glitt;„aber Lucy, liebes Kind, laß uns ins Haus hinabgehen, du wirſt doch den Herrn nicht hier in der Kälte aufhalten.— Dominie, nehmt den Schlüſſel zum Weinkel⸗ ler. Mr.—— der Herr wird gewiß nach ſeinem Ritt eine Erfri⸗ ſchung annehmen.“ Mannering war unausſprechlich gerührt durch den Kontraſt, welcher zwiſchen dieſer Aufnahme und der frühern ſtattfand, wo er von derſelben Perſon begrüßt wurde, als er das letzte Mal hieher kam. Er konnte ſeine Thränen nicht zurückhalten und ſeine ſicht⸗ bare Rührung erwarb ihm ſogleich das Vertrauen der freundloſen jungen Dame. „Ach!“ ſagte ſie,„ſelbſt für einen Fremden iſt dies betrü⸗ bend; aber es iſt vielleicht ſo für meinen armen Vater beſſer, als wenn er alles wüßte und fühlen könnte.“ Ein Livreebedienter kam jetzt den Pfad herauf und ſprach leiſe zu dem jungen Herrn:—„Mr. Charles, Mylady vermißt Sie dort unten mit Schmerzen, Sie ſollen für ſie auf das ſchwarze Ebenholzſchränkchen bieten; und Lady Jean Devorgoil iſt auch bei ihr— Sie ſollten ſogleich kommen.“ „Sag ihnen, du hätteſt mich nicht gefunden, Tom; oder, halt— ſag', ich beſähe die Pferde.“ „Nein, nein,“ ſagte Lucy Bertram mit Ernſt;„wenn Sie das Elend dieſer ſchlimmen Stunde nicht ſteigern wollen, ſo gehen 151 Sie ſogleich zur Geſellſchaft.— Dieſer Herr hat gewiß die Güte, uns nach den Wagen zu begleiten.“ 4 „Keine Frage, Fräulein,“ ſagte Mannering,„Ihr junger Freund darf auf meine Aufmerkſamkeit rechnen.“ „So leben Sie wohl,“ ſagte der junge Hazlewood, und flü⸗ ſterte ihr noch ein Wort ins Ohr— dann ging er eiligſt die Terraſſe hinab, als fürchte er durch Langſamgehn in ſeinem Entſchluſſe wan⸗ kend zu werden. „Wohin geht Charles Hazlewood ſo ſchnell?“ ſagte der Kranke, welcher ſeine Gegenwart und ſeine Aufmerkſamkeiten ge⸗ wohnt zu ſein ſchien;„wohin geht Charles Hazlewood ſo ſchnell!— was führt ihn jetzt fort?“ „Er wird bald zurückkehren,“ ſagte Lucy ſanft. Jetzt hörte man Stimmen von den Ruinen her. Der Leſer wird ſich erinnern, daß ein Verbindungsweg zwiſchen dem Schloß und dem Strande war, auf welchem die Sprechenden herangeſtie⸗ gen waren. „Ja, da gibt es Muſcheln und Schalen in Menge zum Kalk⸗ brennen, wie Sie bemerkten— und wenn Einer ein neues Haus bauen will, was wohl nöthig ſein mag, ſo gibt es auch hier die Fülle guter behauener Steine um dies alte Teufelsgefängniß herum’“—— „Guter Gott! ſagte Miß Bertram haſtig zu Simſon;„dies iſt des ſchändlichen Gloſſin Stimme! Wenn ihn mein Vater ſieht, wird er den Tod davon haben!“ Simſon drehte ſich um und ſeine ſteife Geſtalt ſchritt hinweg, um dem Advokaten entgegenzutreten, gerade als dieſer unter dem Portal der Ruine erſchien.„Entweicht!“ ſagte er—„ent⸗ weicht! wollt ihr morden und Beſitz nehmen zugleich!“ „Schon gut, Maſter Dominie Simſon,“ antwortete Gloſſin mit Unverſchämtheit,„könnt ihr nicht auf der Kanzel predigen, ſo wollen wir hier auch keine Predigt haben. Wir gehen hier nach Recht und Geſetz, mein guter Freund; das Predigerhandwerk wol⸗ len wir euch überlaſſen.“ Die bloße Erwähnung des Namens dieſes Mannes war in der letzten Zeit für den unglücklichen Kranken höchſt erſchütternd gewe⸗ ſen. Der Klang ſeiner Stimme brachte auch, jetzt augenblicklich ſeine Wirkung hervor. Mr. Bertram ſtand ohne Beiſtand auf und wandte ſich um nach ihm hin; die Starrheit ſeiner Züge bildete da⸗ bei einen ſeltſamen Kontraſt mit der Heftigkeit ſeiner Ausdrücke.— „Aus meinen Augen, du Natter!— du erfrorne Natter, die ich wärmte, bis ſie mich ſtach!— Fürchteſt du nicht, daß die Mauern der Wohnung meiner Väter über dich ſtürzen und dir Glied und Gebein zermalmen?— Fürchteſt du nicht, daß die Schwellen des Thors von Ellangowan auseinanderbrechen und dich in den Ab⸗ grund ſinken laſſen!— Warſt du nicht freundlos, obdachlos, ohn' einen Heller, als ich dir die Hand reichte! und vertreibſt du nun nicht mich,— mich und dies unſchuldige Mädchen— freund⸗ los, obdachlos und ohne Habe, aus dem Hauſe, das uns und die unſern ſeit tauſend Jahren beherbergt hat!“ Wäre Gloſſin allein geweſen, ſo würde er wahrſcheinlich hin⸗ weggeſchlichen ſein; der Gedanke aber, daß ein Fremder zugegen war, abgeſehn von der Perſon die ihn begleitete,(eine Art von Feldmeſſer,) beſtimmte ihn, ſeine Zuflucht zur Unverſchämtheit zu nehmen. Dies war indeß, ſelbſt für ſeine Frechheit, faſt zu ſchwie⸗ rig—„Sir— Sir— Mr. Bertram— Sir, Sie ſollten mich nicht tadeln, ſondern Ihre eigne unklugheit, Sir“—— Der Unwille Mannerings ſtieg aufs Höchſte.„Sir,“ ſagte er zu Gloſſin,„ohne mich weiter in dieſe Streitſache miſchen zu 153 wollen, muß ich Ihnen bemerken, daß Sie Ort, Zeit und Umge⸗ bung ſehr unſchicklich gewählt haben. Und Sie werden mich ver⸗ binden, wenn Sie ſich ohne weiteres entfernen.“ Gloſſin, ein großer, ſtarker, muskulöſer Mann, ſchien Wil⸗ lens, ſich lieber gegen einen Fremden, dem er zu imponiren hoffte, zu wenden, als ſeine ſchlechte Sache gegen den beleidigten Gönner zu verfechten:—„Ich weiß nicht, wer Sie ſind, Sir,“ ſagte er, und ich werde keinem Menſchen geſtatten, ſich ſo verdammte Frei⸗ heiten gegen mich heraus zu nehmen.“ Mannering war von Natur hitzig— ſeine Augen ſprühten dü⸗ ſter— er biß ſich ſo ſtark auf die Unterlippe, daß ſie blutete, und trat nah auf Gloſſin hinzu—„Seht, Sir,“ ſagte er,„daß Sie mich nicht kennen, darauf kommt wenig an. Ich kenne Sie; und wenn Sie ſich nicht ſogleich ohne noch ein Wort zu verlieren von dieſer Höhe hier entfernen, ſo laß ich Sie, ſo wahr Gott lebt, vom Gipfel bis an den Fuß der Felſen nur einen einzigen Schritt thun!“. Der gebieteriſche Ton gerechten Zornes brachte den Kumpan alsbald zum Schweigen.— Er zögerte, drehte ſich langſam auf der Ferſe herum, und indem er etwas zwiſchen den Zähnen murmelte, „daß er die Dame nur nicht gern beunruhigen wolle,“ befreite er ſie von ſeiner verhaßten Geſellſchaft. Mrs. Mac⸗Candliſhs Poſtillon, welcher zeitig genug gekom⸗ men war, um zu hören, was vorging, ſagte laut:„Wär' er nicht ſeiner Wege gegangen, ich wollte dem ſchmutzigen Schuft ſo gern, als nur je einer Flaſche, den Hals gebrochen haben.“ Sodann trat er vor, um zu melden, daß ſein Geſchirr für den Kranken und deſſen Tochter in Bereitſchaft ſtehe. 3 Aber dies war nicht mehr von Nöthen. Mr. Bertrams ent⸗ kräfteter Körper war durch dieſe letzte Anſtrengung heftigen Zornes 154 gänzlich erſchöpft worden, und als er wieder in ſeinen Stuhl zu⸗ rückſank, hauchte er faſt ohne eine Zuckung oder einen Seufzer ſein Leben aus. So wenig Veränderung brachte das Erlöſchen des Lebensfunkens in ſeinem Aeußern hervor, daß das Angſtgeſchrei ſeiner Tochter, als ſie ſein Auge gebrochen ſah und ſeinen Puls er⸗ ſtarrt fühlte, zuerſt den umſtehenden ſeinen Tod verkündigte. Vierzehntes Kapitel. Die Uhr ſchlägt Eins.— Wir achten nicht der Zeit, Als bis ſie fort. Drum gab der Menſch auch weislich Ihr eine Zung';— als ob ein Engel ſpräche, Lauſch' ich dem feierlichen Klang.—— Young. Die Moral, welche der Dichter hier ſehr ſinnreich von der nothwendigen Zeitmeſſung ableitet, läßt ſich ſehr wohl anwenden auf unſre Empfindungen hinſichtlich des Zeitabſchnittes, aus wel⸗ chem unſer Leben beſteht. Wir beobachten den Bejahrten, den Schwachen, ſo wie denjenigen, der in Geſchäften, die von drohen⸗ der Gefahr begleitet ſind, gleichſam zitternd am Rande des Unter⸗ gangs ſchwebt, aber wir ſchöpfen keine Belehrung aus ſeiner pre⸗ kären Lage, bis ihn ſein Schickſal ereilt. Dann, auf einen Augen⸗ blick mindeſtens, Fährt unſer Hoffen, Fürchten, Erſchreckt empor und blickt vom ſchmalen Rand Des Lebens dann— wohin?— zum weiten Abgrund, Zur dunklen Ewigkeit,— die uns erwartet!— Die Menge der verſammelten Gaffer und Müßiggänger war ihrer beabſichtigten unterhaltung oder, wie ſie es nannten, ihrem 156 Geſchäfte gefolgt, welches ſie hierher führte, ohne auf die Empfin⸗ dungen derjenigen Rückſicht zu nehmen, welche bei dieſer Gelegen⸗ heit leiden mußten. Es wußten in der That wenige etwas von der Familie. Der Vater war bei einſamem Leben, Mißgeſchick und Gebrechlichkeit ſeit einer Reihe von Jahren der Aufmerkſamkeit ſei⸗ ner Zeitgenoſſen entzogen worden— die Tochter hatten ſie nie ge⸗ kannt. Als ſich aber allgemein das Gerücht verbreitete, dem un⸗ glücklichen Bertram ſei unter der Anſtrengung, das Haus ſeiner Väter zu verlaſſen, das Herz gebrochen, da ſtrömte plötzlich die Fluth des Mitgefühls gleich dem Quell, den des Propheten Stab aus dem Felſen rief. Man gedachte voll Ehrfurcht der alten Abkunſt und Unbeſcholtenheit der Familie. Vor allem wurde die heilige Achtung, die man dem Unglück ſchuldig iſt und die in Schottland ſelten ihren Zoll umſonſt fordert, jetzt in Anſpruch genommen und empfangen. Mr. Mac⸗Morlan machte ſchnell bekannt, er wolle den wei⸗ tern Fortgang der Verſteigerung des Grundſtücks und des übrigen Eigenthums aufſchieben, und die junge Lady im Beſitz des Hau⸗ ſes laſſen, damit ſie Zeit gewänne, ſich mit ihren Freunden zu be⸗ berathen und das Begräbniß ihres Vaters zu beſorgen. Gloſſin hatte ſich einige Minuten dem allgemeinen Ausdrucke des Mitgefühls gebeugt; endlich aber machte ihn die Bemerkung kühn, daß ſich ihm kein Zeichen des allgemeinen Unwillens in den Weg ſtellte. Er war demnach ſo frech, den Fortgang der Verſtei⸗ gerung zu verlangen. „Ich will den Aufſchub auf mich nehmen,“ ſagte der Abgeord⸗ nete des Sheriffs,„und will auch für die Folgen verantwortlich ſein. Desgleichen werde ich es gebührend zur Kenntniß bringen, wenn in der Sache fortgefahren werden ſoll. Es liegt im Intereſſe aller Betheiligten, daß der höchſtmögliche Preis für das Grund⸗ ſtück erlangt werde, und unter dieſen jetzigen Umſtänden wäre we⸗ 157 nig zu erwarten— ich werde die Verantwortlichkeit ſelbſt über⸗ nehmen.“ Gloſſin verließ das Zimmer und das Haus eilig und heimlich; und wahrſcheinlich war es für ihn gut, daß er dies that, denn un⸗ ſer Freund Jock Jabos war bereits damit beſchäftigt, eine zahl⸗ reiche Schaar barfüßiger Burſche zu überreden, daß ſie ihn aus dem Gute hinaus prügeln ſollten. Einige der Zimmer wurden ſchnell für die Aufnahme der jun⸗ gen Lady und des Leichnams ihres Vaters in Stand geſetzt. Man⸗ nering ſah ein, daß ſeine fernere Einmiſchung jetzt unnütz ſei und falſch gedeutet werden könnte. Er bemerkte auch, daß einige mit Ellangowan verwandte Familien, die in der That ihren hauptſäch⸗ lichen Adelsanſpruch von dieſer Verwandſchaft herleiteten, jetzt ge⸗ neigt waren, ihren Stammbäumen einen Tribut zu geben, zu welchem ſie das Mißgeſchick ihres vermeintlichen Verwandten nie vermocht hatte; daß ferner um die Ehre des Vorrangs bei der Be⸗ gräbnißfeier des todten Gottfried Bertram(ebenſo wie man um Homers Geburtsort ſtritt,) jetzt ſieben Herren von Rang und Ver⸗ mögen ſtritten, deren keiner ihm ein Aſyl geboten haben würde, ſo lange er lebte. Mannering entſchloß ſich daher, weil ſeine Gegen⸗ wart ganz unnütz war, eine kleine Reiſe von vierzehn Tagen zu machen; mit Ablauf dieſer Friſt ſollte nämlich die Verſteigerung des Gutes Ellangowan ihren Fortgang haben. Eh' er jedoch ſchied, verſchaffte er ſich noch eine Zuſammen⸗ kunft mit dem Dominie. Der arme Mann erſchien, nachdem ihm geſagt war, ein Gentleman verlange ihn zu ſprechen, mit dem Ausdrucke einiger Verwunderung in ſeinen eingefallnen Zügen, welche der neue Schmerz nur noch grämlicher gemacht hatte. Er machte vor Mannering mehrere tiefe Verbeugungen und wartete dann, kerzengerade ſtehend, geduldig auf die Mittheilung ſeines Verlangens. 158 „Sie werden wahrſcheinlich nicht errathen können, Mr. Sim⸗ ſon,“ ſagte Mannering,„was ein Fremder Ihnen zu ſagen haben kann!“ „Wofern es ein Geſuch wäre, daß ich es übernehmen möchte, einen Jüngling in ſchönen Wiſſenſchaften und klaſſiſcher Gelehrſam⸗ keit zu unterweiſen— ach, ich kann nicht— ich kann nicht— ich habe noch ein anderes Werk zu vollbringen.“ „Nein, Mr. Simſon, meine Wünſche verſteigen ſich nicht ſo hoch. Ich habe keinen Sohn, und meine einzige Tochter würden Sie wahrſcheinlich nicht zu Ihrem Zögling haben wollen.“ „Aufrichtig zu ſprechen, nein,“ erwiederte der einfältige Simſon.„Trotzdem war ich es, welcher Miß Lucy in allen nütz⸗ lichen Kenntniſſen unterwies,— die Haushälterin unterrichtete ſie in den nichtsnützigen Fertigkeiten des Nähens und Zuſchneidens.“ „Gut, Sir;“ antwortete Mannering,„von Miß Lucy wollt' ich eben ſprechen— Sie erinnern ſich wahrſcheinlich meiner nicht mehr!“ Simſon, deſſen Geiſt nie recht anweſend war, erinnerte ſich weder des Sterndeuters verfloſſener Jahre, noch ſelbſt des Frem⸗ den, welcher ſeinen Gönner gegen Gloſſin in Schutz genommen hatte, ſo ſehr hatte ſeines Freundes plötzlicher Tod ſeine Gedanken umnebelt. „Nun gut, das thut nichts zur Sache,“ fuhr der Oberſt fort; „ich bin ein alter Bekannter des ſeligen Mr. Bertram, und bin fähig und bereit ſeiner Tochter in ihrer gegenwärtigen Lage beizu⸗ ſtehn. Ueberdies hab' ich im Sinne, das Gut zu kaufen, und da⸗ her muß ich wünſchen, daß Alles im Hauſe in guter Ordnung bleibt; wollen Sie die Güte haben, dieſe kleine Summe zu den gewöhnli⸗ chen Hausausgaben zu verwenden?“— Er legte dabei eine Börſe mit etwas Gold in Simſons Hand. „Er⸗ſtaun-lich!“ rief Dominie Simſon.„Aber wenn Ew. Gnaden verziehn wollten“— „Unmöglich, Sir— unmöglich,“ ſagte Mannering, indem er ſich ſchnell entfernte. 3 „Er⸗ſtaun-lich!“ rief Simſon wieder, indem er jenem, ſtets die Börſe in der ausgeſtreckten Hand haltend, bis an die Treppe folgte.„Aber was dieſes geprägte Gold anlangt“—— Mannering eilte möglichſt ſchnell die Stufen hinab. „Er⸗ſtaun-lich!“ rief Dominie Simſon, indem er jetzt unter der Hausthür ſtand, zum Drittenmal.„Aber was dieſe Münze anlangt“—— Aber Mannering ſaß nun zu Pferde und konnte nichts mehr hören. Simſon, der noch nie, weder für ſich ſelbſt noch für Andre, nur den vierten Theil dieſer Summe in Händen gehabt hatte, ob⸗ wohl es höchſtens zwanzig Guineen waren,„pflog Rath,“ wie er ſich ausdrückte,„wie er ſich in Bezug auf das edle Gold zu beneh⸗ men habe,“ welches ihm anvertraut war. Glücklicherweiſe fand er einen uneigennützigen Rathgeber in Mac⸗Morlan, der ihm die geeigneteſte Art und Weiſe andeutete, wie er es zu Miß Bertrams Bequemlichkeit verwenden könne, was doch ohne Zweifel auch die Abſicht des Gebers geweſen ſei. Viele der benachbarten Edelleute zeigten ſich nun wirklich ſehr eifrig, der Miß Bertram gaſtfreundliche und höfliche Anerbietun⸗ gen zu machen. Sie empfand aber einen natürlichen Widerwillen, ſich für die erſte Zeit bei irgend einer Familie aufzuhalten, wo ſie mehr ein Gegenſtand der Gnade als der Gaſtfreundſchaft ſein mußte; ſie beſchloß daher, die Meinung und den Rath der nächſten weiblichen Verwandten ihres Vaters, der Mrs. Margarete Ber⸗ tram von Singleſide, abzuwarten, einer unvermählten alten Dame, welcher ſie eine Schilderung ihrer gegenwärtigen betrübten Lage brieflich mittheilte. 160 Das Begräbniß des Mr. Bertram ging in anſtändiger Stille vor ſich, und die unglückliche junge Dame konnte ſich nun ſelbſt als einſtweilige Mietherin des Hauſes betrachten, worin ſie geboren war und wo ihre Geduld und mildernde Fürſorge die Wiege des abnehmenden Alters gepflegt hatte. Ihre Unterredungen mit Mr. Mac⸗Morlan ermuthigten ſie zu der Hoffnung, daß ſie dieſes Aſyls nicht plötzlich oder unfreundlich beraubt werden würde; aber das Schickſal hatte es anders beſchloſſen. Zwei Tage vor dem zum Verkauf der Ländereien und Güter von Ellangowan anberaumten Tage erwartete Mac⸗Morlan ſtündlich das Erſcheinen des Oberſten Mannering oder wenigſtens einen Brief deſſelben, der ihm eine Vollmacht überbrächte. Nichts langte jedoch an. Mr. Mac⸗Morlan wachte ſehr früh auf; er begab ſich ſogleich nach dem Poſtamt,— aber es war kein Brief für ihn da. Er ſuchte ſich ſelbſt zu überreden, daß er Oberſt Man⸗ nering beim Frühſtück ſehn werde, und empfahl ſeiner Frau, ihr beſtes Porzellan aufzuſetzen und ſich ſelbſt gehörig vorzubereiten. Aber die Vorbereitungen waren umſonſt.„Hätt' ich das voraus⸗ ſehn können,“ ſagte er,„ich würde Schottland die Kreuz und Quer durchreiſt haben, bis ich jemand gefunden hätte, der den Gloſſin überbieten könnte.“— Ach! ſolche Betrachtungen kamen zu ſpät. Die feſtgeſetzte Stunde kam heran; die Betheiligten ver⸗ ſammelten ſich in der Maurerloge zu Kippletringan, welche als Ort der Verſteigerung beſtimmt war. Mac⸗Morlan verwendete ſo viel Zeit auf die Präliminarien, als der Anſtand nur immer erlaubte, und verlas die Kaufartikel langſam, als ob er ſein eig⸗ nes Todesurtheil geleſen hätte. Jedesmal, wenn die Thür des Zimmers ſich öffnete, wendete er das Auge dorthin, während ſeine Hoffnung ſchwächer und ſchwächer ward. Er lauſchte bei jedem Geräuſch auf der Straße, und gab ſich Mühe, den Schall von Hufen oder Rädern darin zu unterſcheiden. Alles war umſonſt. Ein lichter Gedanke ſtieg dann noch in ihm auf, daß nämlich Oberſt Mannering eine andre Perſon mit der Sache beauftragt ha⸗ ben könne— an den Mangel an Zutrauen zu ihm ſelber, den ein ſol⸗ ches Verfahren vorausſetzen ließ, dachte er keinen Augenblick. Aber auch dieſe Hoffnung war grundlos. Nach einer feierlichen Pauſe that Mr. Gloſſin ſein Gebot, und zwar den Tarationspreis, auf die Ländereien und die Baronie von Ellangowan. Keine Er⸗ wiederung erfolgte, kein Mitbewerber erſchien; ſo, nach Ver⸗ lauf des üblichen Zwiſchenraums, den der Ablauf einer Sanduhr beſtimmte, und während deſſen der Käufer die erforderliche Sicher⸗ heit gewährte, war Mr. Morlan genöthigt, nach dem Kunſtaus⸗ drucke zu„erklären, daß der Kauf rechtmäßig abgeſchloſſen ſei und daß beſagter Gilbert Gloſſin als Käufer beſagter Ländereien und Güter die Vorhand habe.“ Der wackere Beamte lehnte es ab, an dem ſplendiden Gaſtmahl Theil zu nehmen, womit Gilbert Gloſſin, nunmehr Esq. von Ellangowan, die übrige Geſellſchaft bewirthete; er ging vielmehr in hohem Grade erbittert nach Hauſe, wo er ſeinem Unmuth durch Klagen über den Wankelmuth und die Launen der indiſchen Mabobs Luft machte, die nie wüßten, was ſie kaum vor wenigen Tagen erſt noch beſchloſſen hätten. Der Zufall nahm großmüthig jeden Tadel endlich auf ſich, und ſetzte dem Un⸗ willen Mac⸗Morlans plötzlich Gränzen. Etwa ſechs Uhr Abends langte ein Bote an, der nach Aus⸗ ſage des Dienſtmädchens„ganz außerordentlich betrunken“ war, und ein Paket vom Oberſt Mannering mitbrachte, welches vier Tage früher datirt war, und zwar von einem etwa zwanzig Mei⸗ len entfernten Orte; es enthielt Vollmacht für Mac⸗Morlan, oder Jeden andern, den dieſer beauftragen würde, den Kauf abzuſchlie⸗ ßen, nebſt der Nachricht, daß eine wichtige Familienangelegenheit den Oberſt nach Weſtmoreland rufe, wo jeder Brief unter der Ad⸗ Guy Mannering. I. 11 162 dreſſe des Arthur Mervyn, Esg. auf Mervynhall, ſicher an ihn gelangen werde. Mac⸗Morlan warf im Uebermaße ſeines Zorns der unſchuldi⸗ gen Magd die Vollmacht an den Kopf, und ließ ſich nur mit Schwierigkeit abhalten, den ſchurkiſchen Boten auszupeitſchen, durch deſſen Trägheit und Trunkenheit dieſe Vereitelung veranlaßt worden war. 1 Fünfzehntes Kapitel. Mein Gold iſt fort, mein Geld iſt hin, So muß mein Land nun auch daran. Gib mir dein Gold, lieber John von Scales, Mein Land ſollſt du dafür empfahn. Und John war gern zum Handel bereit, Und John gab Geld ihm auf die Hand; Doch für jeglich Pfund, das John ihm gab, Nahm er ſich wahrlich dreifach Land. Erbe von Linne. Der John unſerer Erzählung war ein weit ſchlauerer Burſch als ſein Vorbild. Er ſuchte ſich zum Erben von Linne zu machen ohne ſich mit der unangenehmen Ceremonie, das„gute rothe Gold zu erlegen,“ erſt zu befaſſen. Miß Bertram hörte kaum die pein⸗ liche und jetzt faſt unerwartete Nachricht, als ſie ſogleich in den be⸗ reits begonnenen Vorbereitungen zur Räumung des Hauſes fort⸗ fuhr. Mr. Mac⸗Morlan ſtand ihr darin bei, und bot ihr ſo drin⸗ geud und freundlich die Gaſtfreundſchaft und den Schutz ſeines Hauſes an, bis ſie eine Antwort von ihrer Verwandten empfangen haben, oder ſelbſt im Stande ſein würde, einen beſtimmten Lebens⸗ 11* 164 plan zu bilden, daß ſie fühlte, es werde unhöflich ſein, eine ſo ernſt⸗ lich gemeinte Einladung zurückzuweiſen. Mrs. Mac⸗Morlan war eine gebildete Dame und durch Geburt und Benehmen ganz geeig⸗ net dieſen Gaſt zu empfangen und der Miß Bertram den Aufenthalt in ihrem Hauſe angenehm zu machen. Eine Heimat und eine gaſt⸗ liche Aufnahme waren ihr daher geſichert und ſie ging mit leichterem Herzen daran, den wenigen Dienſtleuten ihres Vaters ihren Lohn zu zahlen und ihre Abſchiedsgrüße zu empfangen. Wo auf beiden Seiten ſchätzenswerthe Eigenſchaften vorhanden ſind, iſt dies Werk ſtets rührend— die gegenwärtigen Umſtände ließen es doppelt ſo ſein. Alle empfingen ihr Gebührendes, und ſelbſt etwas mehr, und mit Dank und Segenswünſchen, welche einige mit Thränen begleiteten, nahmen ſie von ihrer jungen Gebie⸗ terin Abſchied. Es blieben im Zimmer nur zurück, Mr. Mac⸗ Morlan, der im Begriff war den Gaſt nach ſeiner Wohnung zu be⸗ gleiten, Dominie Simſon und Miß Bertram.„Und nun,“ ſagte das arme Mädchen,„muß ich einem meiner älteſten und beſten Freunde Lebewohl ſagen.— Gott ſegne Sie, Mr. Simſon, und ver⸗ gelt' Ihnen all die freundliche unterweiſung ihrer armen Schülerin, ſo wie Ihre Freundſchaft gegen ihn, der geſchieden iſt— ich hoffe oft von Ihnen zu hören.“ Sie ließ ein Papier, einige Goldſtücke enthaltend, in ſeine Hand gleiten, und ſtand auf, als wolle ſie das Zimmer verlaſſen. Auch Dominie Simſon erhob ſich, aber nur, um ſtarr vor äußerſtem Erſtaunen ſtehen zu bleiben. Der Gedanke von Miß Lucy zu ſcheiden war ſeinem ſchlichten Verſtande nie beigekommen.— Er legte das Geld auf den Tiſch.„Sicherlich iſt es unangemeſſen,“ ſagte Mac⸗Morlan, der ihn mißverſtand,„aber die umſtände“— Mr. Simſon machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand.—„Es iſt nicht um des Gewinnes willen— aber daß ich, der ich ſeit länger als zwanzig Jahren ihres Vaters Brod aß und 165 aus ſcinem Becher trank— zu denken, daß ich ſie verlaſſen— in Betrübniß und Schmerz verlaſſen ſoll— Nein, Miß Lucy, daran ſollten Sie nimmer denken! Sie würden ihres Vaters armen Hund nicht fortjagen wollen, und mit mir ſollten ſie härter verfahren! Nein, Miß Lucy Bertram, ſo lang' ich lebe, trenn' ich mich von Ih⸗ nen nicht. Ich will nicht zur Laſt fallen— ich habe ſchon nachge⸗ dacht, wie ich das verhüten will. Aber ich ſage, wie Ruth einſt zu Nämi:„Sprich mir nicht, daß ich dich verlaſſen oder von dir ſchei⸗ den ſolle; denn wohin du gehſt, will ich gehn, und wo du wohneſt, da will ich wohnen; dein Volk ſoll mein Volk, und dein Gott mein Gott ſein. Wo du ſtirbſt, will ich ſterben und will daſelbſt begraben ſein. Der Herr thue mir dies und das, der Tod allein muß mich und dich ſcheiden.“ Während dieſer Rede, der längſten, die man je von Dominie Simſon gehört hatte, entſtrömten dem Auge des tiefgerührten Men⸗ ſchen Thränen und weder Lucy noch Mac⸗Morlan konnten dieſem unerwarteten Ausbruch des Gefühles und der Anhänglichkeit ihre Theilnahme verſagen.„Mr. Simſon, ſagte Mac⸗Morlan, nach⸗ dem er wechſelsweiſe zu ſeiner Tabaksdoſe und dem Taſchentuche ſeine Zuflucht genommen hatte,„mein Haus iſt groß genug und wenn Sie dort ein Bett annehmen wollen, ſo lange uns Miß Ber⸗ tram mit ihrer Gegenwart beehrt, ſo werd ich mich ſelbſt ſehr glücklich ſchätzen und meinem Hauſe wird eine Gunſt widerfahren, indem es einen Mann von Ihrem Werthe und Ihrer Treue aufnimmt.“ Und ſodann, als wolle er auf zarte Weiſe jedem Einwenden von Seiten Miß Bertram's begegnen, indem ſie dieſen unerwarteten Begleiter mitbrächte, fügte er hinzu:„In meinem Geſchäfte kann ich häufig einen beſſern Rechenmeiſter brauchen, als ich ihn jetzt unter meinen Schreibern habe, und ich werde froh ſein, wenn ich in dieſer Hinſicht bisweilen meine Zuflucht zu Ihnen nehmen kann.“ 166 „Sehr gern, ſehr gern,“ ſagte Simſon eifrig;„ich verſtehe die doppelte Buchhaltung nach italieniſcher Methode.“ Unſer Poſtillon hatte ſich in das Zimmer gedrängt, um ſein Geſchirr anzukündigen; Er wartete, ſelbſt unbemerkt, während die⸗ ſes außerordentlichen Auftritts, und verſicherte dann der Mrs. Mac⸗Candliſh, daß er in ſeinem Leben nichts ſo Rührendes mit an⸗ geſehn habe,„der Tod der grauen Mähre, der armen Lieſe, ſei gar nichts dagegen geweſen.“ Dieſer geringfügige umſtand war für den Dominie von wichtigen Folgen. Die Gäſte wurden von Mrs. Mac⸗Morlan freundlich bewill⸗ kommt; ihr, ſo wie den andern, deutete Mr. Mac⸗Morlan an, daß er Dominie Simſons Beiſtand angenommen habe, um einige ver⸗ wickelte Rechnungen zu löſen; ſo lange dies Geſchäft währe, würde er, der Bequemlichkeit wegen, in ſeinem Hauſe wohnen. Mr. Mac⸗ Morlan's Weltkenntniß rieth ihm, der Sache dieſen Anſtrich zu ge⸗ ben, denn er ſah ein, daß, wie ehrenvoll Simſon's treue Anhänglich⸗ keit ſowohl für ſein eignes Herz, als für die Familie Ellangowan ſein möchte, ſein Aeußeres ihn doch gar nicht zu einem Ritter für Damen geeignet machte, ſondern ihn vielmehr als Zugabe einer ſchönen jungen ſiebzehnjährigen Dame nur lächerlich erſcheinen ließ. Dominie Simſon unterzog ſich mit großem Eifer den Verrich⸗ tungen, die ihm Mr. Mac⸗Morlan anvertraute; aber man bemerkte bald, daß er zu einer gewiſſen Stunde nach dem Frühſtück regelmä⸗ ßig verſchwand und erſt zur Zeit des Mittageſſens wiederkehrte. Den Abend brachte er unter Amtsarbeiten zu. Am Sonnabend erſchien er mit triumphirender Miene vor Mac⸗ Morlan, und legte zwei Goldſtücke auf den Tiſch.„Wozu das, Dominie!“ ſagte Mac⸗Morlan.— „Erſtens, um Sie für meine Beläſtigung zu entſchädigen, werther Sir— und das Uebrige zum Gebrauch der Miß Lucy Bertram.“ 167 „Aber, Mr. Simſon, Ihre Arbeiten in meinem Geſchäft ma⸗ chen mich mehr als bezahlt— ich bin Ihr Schuldner, beſter Freund.“ „Dann mag alles,“ ſagte Simſon, indem er eine abwehrende Bewegung mit der Hand machte,„ſür Miß Lucy Bertram verwen⸗ det werden.“ „Gut; dies Geld jedoch, Mr. Simſon“— „Iſt ehrlich verdient, Mr. Mac⸗Morlanz; es iſt das anſtändige Honorar von einem jungen Herrn, den ich die Sprachen lehre; ich leſe täglich drei Stunden mit ihm.“ Einige weitere Fragen entlockten dem Dominie das Geſtändniß, daß dieſer freigebige Schüler der junge Hazlewood ſei, und daß dieſer ſeinen Lehrer täglich im Hauſe der Mrs. Mac⸗Candliſh treffe, deren Schilderung von Simſon's uneigennütziger Anhänglichkeit zu der jungen Lady ihm dieſen unermüdlichen und freigebigen Schüler verſchafft hatte. Mac⸗Morlan war ſehr erſtaunt, als er dies hörte. Dominie Simſon war ohne Zweifel ein guter Lehrer und ein trefflicher Mann, und die Klaſſiker waren unſtreitig ſehr leſenswerth; daß jedoch ein junger zwanzigjähriger Mann täglich in der Woche mehr als drei Stunden weit und zurück reiten ſolle, um dies dreiſtündige téte-à- téte zu halten, dies ſchien ein zu großer Eifer für die Literatur, als daß er ihn hätte für glaublich halten können. Wenig Kunſt war nothwendig, um den Dominie noch weiter auszuforſchen, denn des ehrlichen Mannes Kopf vermochte nur immer die geradeſten und ſchlichteſten Ideen zu capiren.„Weiß Miß Bertram von Ihrer Beſchäftigung, mein Freund?“— „Allerdings noch nicht— Mr. Charles befahl mir, es geheim zu halten, weil ſie ſonſt Bedenken tragen möchte, die kleine daraus erwachſende Beiſteuer anzunehmen; indeß,“ fuhr er fort,„würde es nicht möglich ſein, es lange zu verbergen, da Mr. Charles die Abſicht hat, gelegentlich ſeine Lectionen hier im Hauſe zu nehmen.“ „O, das wird er thun!“ ſagte Mac⸗Morlan;„Ja, ja, ich verſtehe das beſſer.— Und ich bitte Sie, Mr. Simſon, werden dieſe drei Stunden einzig mit Erklären und Ueberſetzen hingebracht.“ „Natürlicherweiſe nicht— wir halten auch Zwiegeſpräche, um das Studium angenehm zu machen— neque semper arcum tendit Apollo.“ Der Ausforſcher lockte aus dem Gallowayiſchen Phöbus ferner heraus, um was ſich ihre Unterhaltung hauptſächlich drehe. „Um unſere frühern Zuſammenkünfte zu Ellangowan— und wirklich, oft genug, denk' ich, unterhalten wir uns auch von Lucy Bertram— denn Mr. Charles gleicht in dieſem Falle mir außeror⸗ dentlich, Mr. Mac⸗Morlan. Fang' ich einmal von ihr zu reden an, ſo weiß ich kein Ende zu finden— und ich kann ſagen,“(mit ſcherzhaftem Tone,)„ſie ſtiehlt uns die Hälfte unſerer Lectionen.“ Oho! dachte Mac⸗Morlan, pfeift der Wind daher! ich habe ſchon ſo etwas davon gehört. Er begann nun zu überlegen, welches Verhalten für ſeinen Schützling, und auch ſelbſt für ſich, das ſicherſte hierbei ſein möge; denn der alte Mr. Hazlewood war mächtig, reich, ehrgeizig und rachgierig; und bei einer Verbindung, die ſein Sohn eingehen möchte, kam es ihm vorzüglich auf Vermögen und Titel an. Da Mac⸗Morlan die beſte Meinung von ſeines Gaſtes Scharfſinn und Klugheit hatte, ſo beſchloß er endlich, eine Gelegenheit wahrzunehmen, wo er mit ihr allein ſein würde, um ihr die Sache als Gerücht vom Hörenſagen mitzutheilen. Er that dies auf ſo natürliche Weiſe, als er vermochte;—„Gewiß freuen Sie ſich auch über das gute Glück Ihres Freundes Mr. Simſon, Miß Bertram; er hat einen Schüler erworben, der ihm zwei Guineen für zwölf Lectionen im Grie⸗ chiſchen und Lateiniſchen zahlt.“ „Wirklich!— ich bin eben ſo erfreut, als erſtaunt— wer mag der Freigebige ſein?— iſt Oberſt Mannering zurückgekehrt!“ „Nein, nein, nicht Oberſt Mannering; aber was meinen Sie zu Ihrem Bekannten, Mr. Charles Hazlewood!— Er gedenkt ſeine Lectionen hier zu nehmen— ich denke, wir ſollten gefällig gegemihn ſein.“ Lucy erröthete tief.„um des Himmels willen, nein, Mr. Mac⸗ Morlan— laſſen Sie das nicht geſchehn— Charles Hazlewood hat um deſſen willen bereits genug Unannehmlichkeiten gehabt.“ „Der Klaſſiker wegen, liebe Lucy!“ er ſchien ſie abſichtlich falſch zu verſtehen;—„die meiſten der jungen Herrn haben der⸗ gleichen eine Zeitlang beſchwerlich gefunden, das iſt wahr; aber ſeine derzeitigen Studien ſind freiwillig.“ Miß Bertram ließ die Unterhaltung fallen, und ihr Wirth be⸗ mühte ſich nicht, ſie wieder aufzunehmen, denn Lucy ſchien bei dieſer Nachricht in Nachdenken zu verſinken und damit beſchäftigt, im Stillen einen Entſchluß zu faſſen. Am nächſten Tage nahm Miß Bertram Gelegenheit mit Mr. Simſon zu ſprechen. Indem ſie auf die freundlichſte Weiſe ihren Dank für ſeine uneigennützige Zuneigung, ſo wie ihre Freude über ſeine gute Einnahme ausdrückte, deutete ſie ihm zugleich an, daß die Weiſe, in welcher er jetzt Charles Hazlewoods Studien leite, für den Schüler unbequem ſein müſſe, und daß er daher, ſo lange er dieſe Verpflichtung auf ſich habe, lieber eine Zeitlang von ihr ſcheiden möge, um entweder bei ſeinem Schüler unmittelbar, oder doch mög⸗ lichſt nahe bei demſelben zu wohnen. Simſon weigerte ſich, wie ſie erwartet hatte, dieſem Vorſchlage nur einen Augenblick Gehör zu geben— er wolle ſie nicht verlaſſen, und wenn er auch Lehrer des Prinzen von Wales werden ſollte.„Ich ſehe jedoch,“ fügte er hin⸗ zu,„daß Sie zu ſtolz ſind, mein Einkommen zu theilen; und viel⸗ leicht falle ich ihnen auch zur Laſt.“ 170 „Gewiß nicht— Sie waren meines Vaters alter, faſt einziger Freund— ich bin nicht ſtolz— Gott weiß, daß ich keinen Grund dazu habe— Sie werden thun, was ſie in allen andern Dingen fürs Beſte halten; aber den Gefallen erweiſen Sie mir, Charles Hazle⸗ wood zu ſagen, daß Sie mit mir von ſeinen Studien geſprochen ha⸗ ben, und daß ich der Meinung geweſen ſei, es wäre unſtatthaft, ſie in dies Haus zu verlegen und gar nicht daran zu denken.“ Dominie Simſon verließ ſie höchſt niedergeſchlagen und als ſie die Thür geſchloſſen hatte, konnte er nicht umhin, Virgils„varium et mutabile“ vor ſich hin zu murmeln. Am nächſten Tage erſchien er mit trübſeligem Geſicht und übergab Miß Bertram einen Brief. —„Mr. Hazlewood,“ ſagte er,„will ſeine Stunden aufgeben, wiewohl er großmüthig dem pecuniären Verluſt auf meiner Seite vorgebeugt hat— aber wie will er ſeinen eignen Verluſt in der Wiſ⸗ ſenſchaft gut machen, die er unter méiner Leitung erworben haben würde! Selbſt was nur dies eine Fach, das Schreiben, anlangt, ſo hat er eine Stunde zugebracht, eh' er mit dieſem kurzen Briefchen zu Stande kam, und dabei hat er viele Federſpulen und gutes weißes Papier zu Grunde gerichtet— Binnen drei Wochen würd' ich ihn eine feſte, fließende, deutliche und lesbare Handſchrift gelehrt haben — er ſollte ein Kalligraph geworden ſein— aber Gottes Wille geſchehe!“. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen, worin ſich Hazlewood ſchwer beklagte und gegen Miß Bertram's Grauſamkeit murrte, die ſich nicht allein weigere, ihn zu ſehn, ſondern auch nicht einmal ge⸗ ſtatte, daß er ſich auf ganz indirekte Weiſe nach ihrem Wohlſein erkundige und ihr ſeine Dienſte weihe. Der Schluß aber beſtand aus Verſicherungen, daß ihre Strenge vergeblich, und daß nichts die Treue Charles Hazlewood's zu erſchüttern im Stande ſei. Mittelſt der thätigen Verwendung der Mrs. Mac⸗Candliſh erlangte Simſon einige andre Schüler— dem Stande nach jedoch ſehr verſchieden von Charles Hazlewood— deren Lectionen freilich im Verhältniß ſehr uneinträglich waren. Indeß erwarb er doch immer etwas, und es war ein Triumph ſeines Herzens, den Gewinn wöchentlich zu Mac⸗Morlan zu bringen, nachdem er nur ein Weni⸗ ges zum Beſten ſeiner Schnupftabaksdoſe und Rauchtabaksbüchſe abgezogen hatte. Hier müſſen wir Kippletringan verlaſſen, um nach unſerm Helden zu ſehn, damit unſre Leſer nicht fürchten, ihn noch einmal auf ein Vierteljahrhundert aus den Augen zu verlieren. Sechzehntes Kapitel. Ach, Polly iſt ein Wildfang doch, hört nicht was wir ihr ſagen; Mich wundert, wie ſich nur ein Menſch noch kann mit Töchtern plagen; Sind ausſtaffirt aufs Beſte ſie, ward Geld und Müh verwendet, Da werfen ſie ſich ſelber weg, und Alles iſt verſchwendet. Bettleroper. Nach Mr. Bertrams Tode hatte Mannering eine kleine Reiſe unternommen, mit dem Vorſatze, ehe der Verkauf des Gutes ſtatt⸗ fände wieder in die Nähe Ellangowans zurückzukehren. Er begab ſich daher nach Edinburgh und andern Gegenden, und als er auf der Rückkehr nach dem ſüdweſtlichen Theile Schottlands, wo der Schauplatz unſerer Erzählung gelegen iſt, begriffen war, empfing er in einer etwa zwanzig Meilen von Kippletringan gelegenen Poſtſtadt, wohin auf ſein Erſuchen ſein Freund Mr. Mervyn et⸗ waige Briefe zu addreſſiren hatte, von dieſem Herrn ein Schreiben, welches nicht die angenehmſten Nachrichten enthielt. Wir haben uns bereits das Vorrecht eingeräumt, die Geheimniſſe dieſes Herrn zu theilen, und daher ſoll der Leſer ſogleich einen Auszug aus jenem Briefe haben. „Ich bitte um Verzeihung, theuerſter Freund, daß ich dir die Qual verurſachte und dich zwang, ſolch ſchmerzliche Wunden auf⸗ 173 zureißen, wie ſie dein letzter Brief ſchilderte. Ich hörte bereits, obwohl es vielleicht ein Irrthum iſt, daß Mr. Browns Aufmerk⸗ ſamkeiten der Miß Mannering galten. Doch wie dem auch ſei, ſo ließ ſich auf keine Weiſe vermuthen, daß bei deiner Stellung ſeine Kühnheit unbemerkt und ungezüchtigt bleiben konnte. Weiſe Män⸗ ner ſagen, daß wir der bürgerlichen Geſellſchaft unſre natürlichen Rechte der Selbſtvertheidigung nur unter der Bedingung opfern, daß uns das Geſetz Schutz verleihe. Wo der Preis nicht gezahlt werden kann, da muß auch das Opfer wegfallen. Es wird zum Beiſpiel Niemand läugnen, daß ich berechtigt bin, meine Börſe und Perſon gegen einen Straßenräuber zu vertheidigen, und zwar auf dieſelbe Weiſe, als wenn ich ein wilder Indianer wäre, der weder Geſetz noch Obrigkeit anerkennt. Die Frage um Wider⸗ ſtand oder Unterwerfung muß nach Mitteln und Lage beſtimmt wer⸗ den. Unterwürfe ich mich jedoch, obwohl bewaffnet und von glei⸗ cher Stärke der Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit eines Men⸗ ſchen, möcht' er hoch oder niedrig ſein, ſo würde man dies ſchwer⸗ lich meinem religiöſen oder moraliſchen Gefühle beimeſſen, außer etwa, wenn ich ein Quäker wäre. Ein Angriff auf meine Ehre ſcheint mir eben ſo wichtig. Die Ehrenverletzung, wie geringfü⸗ gig ſie auch an und für ſich ſei, iſt doch in jeder Hinſicht im Le⸗ ben von weit ſchwerern Folgen, als ein Unrecht, welches mir ein Straßenräuber zufügen kann, und den beleidigten Theil zufrieden⸗ zuſtellen ſteht weit weniger in der Macht der öffentlichen Obrigkeit, oder es liegt vielmehr gänzlich außer ihrem Bereich. Wenn ein Menſch ſich erfrecht den Arthur Mervyn des Inhalts ſeiner Börſe zu berauben, während der beſagte Mervyn keine Mittel zu Ver⸗ theidigung, oder nicht Geſchick und Muth, ſie anzuwenden beſitzt, ſo werden ihm die Aſſiſen zu Lancaſter oder Carlisle dadurch Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie den Räuber aufknüpfen;— wer wird aber behaupten, daß ich verpflichtet ſei, auf dieſe Gerech⸗ 174 tigkeit zu warten und mich der Plünderung vorläufig zu unterwer⸗ fen, wenn ich Mittel und Muth habe, um mein Eigenthum zu ſchützen! Wenn mir jedoch ein Schimpf widerfährt, deſſen ruhiges Ertragen meinen Charakter bei Männern von Ehre für immer mit Schmach bedecken müßte, und wofür die zwölf Richter Englands ſammt dem Kanzler obendrein mir keine Entſchädigung gewähren können: durch welche Vorſchriften des Geſetzes oder der Vernunft ſollte ich dann abgeſchreckt werden, dasjenige zu ſchützen, was je⸗ dem Manne von Ehre ſo unendlich theurer ſein muß und iſt, als ſein ganzes Vermögen! Vom religiöſen Geſichtspunkte in dieſer Sache will ich nicht ſprechen, als bis ich einen ehrwürdigen Geiſt⸗ lichen finde, der Selbſtvertheidigung, betreffe ſie Leben oder Ver⸗ mögen, als Verbrechen verdammt. Wird ſie in Bezug auf Eigen⸗ thum überhaupt geſtattet, ſo glaube ich, daß wenig Unterſchied zu machen ſei zwiſchen der Vertheidigung der Perſon und des Eigen⸗ thums und zwiſchen der Beſchützung der Ehre. Daß letztere von Perſonen höhern Ranges angegriffen werden kann, welche vielleicht an Sitten rein und am Charakter unbeſcholten ſind, kann meinem Rechte der Selbſtvertheidigung keinen Eintrag thun. Es kann mir ſchmerzlich ſein, daß mich Umſtände mit einer ſolchen Perſon in Streit verwickelten; aber ich würde denſelben Schmerz empfinden, wenn ein edelſinniger Feind im Nationalkampfe unter meinem Schwerte fällt. Ich werde indeß dieſe ſpitzfindigen unterſuchungen verlaſſen, und will nur noch bemerken, daß alles was ich hier ſchrieb, weder dem Raufbold, noch dem angreifenden Theil in ei⸗ ner Ehrenſache das Wort reden ſoll. Ich wollte blos den entſchul⸗ digen, der zum Kampfe durch eine derartige Beleidigung gezwun⸗ gen wird, die, wenn er ſie ruhig ertrüge, ſeinen Rang und ſeine Achtung in der Geſellſchaft für immer vernichten würde. „Es thut mir leid, daß du dich in Schottland niederzulaſſen gedenkſt; doch bin ich auch froh darüber, da die Entfernung nicht 175 unermeßlich iſt, und der Breitengrad günſtig für uns. Von De⸗ vonſhire nach Weſtmoreland zu gehen, könnte einem Oſtindier Schauder erwecken; aber von Galloway oder Dumfries⸗Shire zu uns zukommen, heißt ſchon der Sonne um einen(wenn auch nur kurzen) Schritt näher treten. Wenn übrigens, wie ich vermuthe, der beabſichtigte Kauf mit dem alten Geiſterſchloß im Zuſammen⸗ hang ſteht, wo du auf jener Reiſe vor zwanzig Jahren den Aſtro⸗ logen ſpielteſt, ſo hab' ich dich jenen Schauplatz zu oft mit komi⸗ ſcher Begeiſterung ſchildern hören, als daß ich hoffen könnte, dir den Kauf auszureden. Ich hoffe jedoch auch, daß der gaſtfreund⸗ liche geſchwätzige Laird noch nicht auf den Strand gelaufen, und daß auch ſein Kaplan, durch deſſen Schilderung du uns ſo oft zu lachen machteſt, noch in rerum natura vorhanden iſt. „Hier, lieber Mannering, wünſchte ich ſchließen zu können, denn es fällt mir außerordentlich ſchwer, den Reſt meiner Geſchichte zu erzählen; obwohl ich dich im voraus davon verſichern kann, daß von Seiten meines derzeitigen Mündels, Julia Mannering, nicht die geringſte vorſätzliche Unziemlichkeit vorgefallen iſt. Aber ich muß meinen ehemaligen Schulſpitznamen, Hans Geradezu, auch diesmal bewähren. Mit einem Wort alſo, hier haſt du die ganze Sache. „Deine Tochter hat viel von dem romantiſchen Zuge deines eignen Charakters, nebſt einer kleinen Neigung, ſich gern bewun⸗ dern zu laſſen, welche alle hübſchen Frauen theilen. Ueberdies wird ſie, allem Anſchein nach, deine Erbin ſein; ein geringfügi⸗ ger Umſtand für diejenigen, die Julien mit meinen Augen betrach⸗ ten, aber eine gewaltige Lockſpeiſe für jeden Argliſtigen und Un⸗ würdigen. Du weißt, wie oft ich mit ihr über ihre ſanfte Schwer⸗ muth ſcherzte, über ihre einſamen Morgenſpaziergänge, wo jeder⸗ mann noch ſchläft, über ihre Mondſcheinpartien, wo ſchon alle zu Bett ſind, oder was daſſelbe iſt, am Spieltiſch ſitzen. Der Vor⸗ 176 fall, der hier folgt, überſchreitet vielleicht nicht die Gränzen eines Scherzes, aber ich ſähe doch lieber, der Scherz rührte von dir her, als von mir. „Zwei oder dreimal während der letzten vierzehn Tage hörte ich ſpät in der Nacht, oder auch ſehr früh am Morgen, auf einem Flageolet die Hindumelodie ſpielen, die deine Tochter ſo gern hat. Eine Zeitlang glaubte ich, daß etwa ein muſikaliſcher Bedienter, der ſeine Kunſtliebe bei Tage unterdrücken mußte, die ſtille Nacht⸗ ſtunde wählte, um die Töne nachzuahmen, die er erlauſcht hatte, während er im Vorzimmer aufwartete. In der letzten Nacht je⸗ doch, wo ich noch ſpät in meinem Studierzimmer ſaß, welches ſich unmittelbar unter Miß Mannerings Gemach befindet, hörte ich zu meinem Erſtaunen nicht allein das Flageolet genau, ſondern über⸗ zeugte mich auch, daß es vom See unter dem Fenſter herauftönte. Begierig zu erfahren, wer uns zu ſo ungewöhnlicher Stunde die Serenade brächte, ſchlich ich leiſe zu meinem Fenſter. Aber es wa⸗ ren außer mir auch andre Lauſcher vorhanden. Du erinnerſt dich, daß Miß Mannering das Zimmer vorzog, weil es einen Balkon vorm Fenſter nach dem See zu hatte. Nun wohl! ich hörte, wie ſich ihr Fenſter öffnete, und wie ihre eigne Stimme mit einer Per⸗ ſon Unterhaltung pflog, welche von unten antwortete. Dies iſt keineswegs„Viel Lärmen um Nichts;“ ich konnte ihre Stimme nicht verkennen, ihre ſanften, ſchmeichelnden Töne— und, um die Wahrheit zu ſagen, die Laute von unten ſprachen auch die zärt⸗ lichſte Leidenſchaft aus— den Inhalt aber konnt ich nicht verſtehn. Ich öffnete mein Fenſter, um etwas mehr von dieſem ſpaniſchen Rendezvous zu hören, als ein bloßes Gemurmel; obwohl ich indeß höchſt vorſichtig war, ſchreckte das Geräuſch doch die Sprechenden auf; das Fenſter der jungen Dame ſchloß ſich im Augenblick. Das Geräuſch zweier Ruder im Waſſer verkündigte den Rückzug des männlichen Theilnehmers am Geſpräch. Ich ſah wirklich ſeinen Kahn, den er mit großer Schnelligkeit und Gewandtheit regierte, üͤber den See hinfliegen wie ein Boot mit zwölf Rudern. Am nächſten Morgen examinirte ich einige meiner Dienſtleute ganz wie zufällig, und ſo erfuhr ich daß der Wildhüter, während er ſeine Runden machte, zweimal den Kahn mit einer einzelnen Perſon un⸗ ter dem Hauſe geſehn und auch das Flageolet gehört hatte. Ich mochte keine weitern Forſchungen der Art anſtellen, weil ich fürch⸗ tete, Julien in der Meinung derjenigen herabzuſetzen, bei denen ich mich ihretwillen befragte. Am nächſten Morgen ließ ich beim Frühſtück gelegentlich eine Andeutung über die abendliche Serenade fallen, und ich kann dir ſagen, Julie wurde bald roth, bald bleich. Ich gab der Sache ſogleich eine ſolche Wendung, daß ihr meine Be⸗ merkung ganz zufällig erſcheinen mußte. Seitdem laß ich in mei⸗ nem Bibliothekzimmer ein Nachtlicht brennen und das Fenſter offen ſtehen, um unſern nächtlichen Gaſt dadurch zurückzuſchrecken; auch habe ich gegen die einſamen Spaziergänge die Strenge des einbre⸗ chenden Winters und die rauhen Nebel als Vorwand gebraucht. Miß Mannering ſtimmte ſo duldſam bei, wie es gar nicht mit ih⸗ rem Charakter übereinſtimmend iſt, und dieſe Nachgiebigkeit, um die völlige Wahrheit zu geſtehen, iſt ein Zug, der mir bei der An⸗ gelegenheit am wenigſten gefällt. Julie hat zu viel vom Charakter ihres lieben Vaters, um ſich in einer ihrer Launen beſchränken zu laſſen, wenn ſie nicht hier durch das ſchelmiſche Bewußtſein zum Andershandeln verleitet würde, daß es klug ſei, jeden Streit in der Sache zu vermeiden. „Dies war meine Erzählung und du wirſt ſelbſt urtheilen, was du zu thun haſt. Ich habe die Sache gegen meine Frau nicht erwähnt, die, als treuer Anwalt der Schwachheiten ihres Ge⸗ ſchlechts, gewiß dagegen proteſtirt haben würde, dich mit dieſen Umſtänden bekannt zu machen; ſie hätte es ſich im Gegentheil vor⸗ genommen, ihre eigne Beredſamkeit an Miß Mannering zu üben; Guy Mannering. I. 12 178 und dieſes Talent, wie mächtig es auch mir, ſeinem rechtmäßigen Gegenſtand, gegenüber ſein mag, möchte doch, wie ich fürchte, im angeführten Falle mehr Uebel als Gutes angeſtiftet haben. Viel⸗ leicht wirſt auch du es am klügſten finden, jeden Vorwurf zu ſparen und dich zu ſtellen, als wüßteſt du nichts von dem Geſchichtchen. Julie gleicht ſehr einem gewiſſen Freunde von mir; ſie hat eine be⸗ wegliche und lebhafte Einbildungskraft und ein reizbares Gefühl, wodurch ſie leicht ſowohl das Gute als Schlimme, was ihr im Le⸗ ben begegnet, übertreibt. Sie iſt indeß ein reizendes Mädchen, und eben ſo edel und hochſinnig, als ſie liebenswürdig iſt. Ich gab ihr den Kuß, den du ſchickteſt, mit ganzem Herzen, und zum Danke ſchlug ſie mich derb auf die Finger. Kehre ja ſo bald als möglich zurück. Unterdeſſen verlaſſe dich auf die Sorgfalt deines treuen „Arthur Mervyn.“ „N. S. Du wirſt natürlich gern wiſſen wollen, ob ich irgend eine Ahnung habe, wer der nächtliche Muſikant ſein könne. Ich habe wirklich keine. Es lebt kein junger Herr in dieſer Gegend, welcher an Rang und Vermögen der Miß Julie gleich käme, um eine ſolche Rolle ſpielen zu können. An der andern Seite des See's, faſt Mervynhall gegenübergelegen, iſt eine verwünſchte Kuchen⸗ und Kaffeeſchenke, ein Verſammlungsort von luſtwandelnden Herrn aller Art: Dichter, Schauſpieler, Maler, Muſiker, die dahin kom⸗ men um zu ſchwärmen, zu deklamiren, und zu raſen, unſrer ma⸗ leriſchen Gegend wegen. Dieſe büßt ſtark für ihre Schönheiten, weil ſie das Mittel ſind, dieſen Narrenſchwarm herbeizuziehen. Wäre jedoch Julie meine Tochter, ſo würde ich von dergleichen Kerls am meiſten für ſie fürchten. Sie hat ein edles, romantiſch⸗ fühlendes Herz, und ſchreibt an eine Freundin jede Woche einen fechs Bogen langen Brief; und dabei iſt eine ſchlimme Sache, ei⸗ nen Gegenſtand entbehren zu müſſen, woran ſich das Gefühl oder die Feder üben kann. Noch einmal, lebe wohl. Hätte ich die Sache ernſter behandelt, als ich es that, ſo könnte ich dein Gefühl verletzt haben; hätte ich ſie ganz äherjegu⸗ ſo hätte ich meinem ei⸗ genen nicht genug gethan.“ Die Folge dieſes Briefs war, daß Oberſt Mannering, nach⸗ dem er den treuloſen Boten mit nöthiger Vollmacht für den Ankauf des Gutes Ellangowan an Mr. Mac⸗Morlan abgefertigt hatte, ſein Roß eine ſüdlichere Richtung einſchlagen ließ und weder ruhte noch raſtete, bis er in der Behauſung ſeines Freundes Mr. Mer⸗ vyn am ufer eines der Seen von Weſtmoreland anlangte. Siebzehntes Kapitel. „Der Himmel lehrt ſchreiben zum Troſt in Bedrängniß Das Mädchen trotz Vormund, den Freund im Gefängniß, Den Autor auch, welcher Perſonen uns bringt, Die die eigne Geſchichte zu ſchreiben er zwingt.“ Nach Pope. Als Mannering nach England zuruckkehrte, war ſein erſtes Geſchäft, ſeine Tochter in ein weibliches Erziehungsinſtitut von Ruf zu bringen. Da er jedoch fand, daß ihre Fortſchritte in den Fertigkeiten, die er ihr anzueignen wünſchte, nicht ſo ſchnell wa⸗ ren, als ſeine Ungeduld erwartete, ſo nahm er Miß Mannering am Schluſſe des erſten Vierteljahrs wieder aus dieſer Uuterrichts⸗ anſtalt zurück. Sie hatte auf dieſe Weiſe nur eben noch Zeit, eine ewige Freundſchaft mit Miß Matilde Marchmont zu ſchließen, einer jun⸗ gen Dame von ihrem Alter, welches etwa achtzehn Jahr ſein mochte. Für ihr treues Auge waren jene furchtbar dicken Briefe beſtimmt, welche auf den Schwingen der Poſt von Mervyn⸗Hall anlangten, ſo lange Miß Mannering dort als Gaſt weilte. Einige kurze Aus⸗ züge aus jenen Briefen werden nothwendig ſein, um unſre Erzäh⸗ lung verſtändlicher zu machen. Erſter Auszug. „Ach, meine theuerſte Matilde, welch' eine Geſchichte hab' ich dir zu erzählen! Das Unglück hat deiner armen Freundin von der Wiege an ſein Siegel aufgedrückt. Daß wir ſo geringfügiger Dinge wegen getrennt werden mußten— ein grammatiſcher Fehler in meiner italieniſchen Arbeit und drei falſche Noten in einer von Paeſiello's Sonaten. Aber es iſt das ein Charakterzug meines Vaters; ich weiß unmöglich zu ſagen, ob ich ihn mehr liebe, be⸗ wundere, oder fürchte. Sein Glück im Leben und im Kriege— ſeine Gewohnheit, jedes Hinderniß, ſelbſt wo es unüberſteiglich ſchien, durch die Energie ſeiner Anſtrengungen zu bewältigen— alles dies hat ſeinem Charakter etwas Haſtiges und Gebieteriſches gegeben, welches weder Widerſpruch duldet, noch Nachſicht mit den Schwächen Anderer geſtattet. Denn er ſelber iſt äußerſt talent⸗ voll. Du mußt wiſſen, daß ein Gerücht exiſtirte, welches durch geheimnißvolle Worte, die meine arme Mutter fallen ließ, zum Theil beſtätigt wurde,— daß er nämlich noch andre Wiſſenſchaften beſitze, welche jetzt der Welt verloren wären und die den Beſitzer fähig machten, die dunkeln und ſchattigen Formen künftiger Ereig⸗ niſſe herauf zu beſchwören. Muß nicht die bloße Idee einer ſol⸗ chen Macht, ja, ſchon das hohe Talent und die überlegene Ein⸗ ſicht, welche die Welt fälſchlich mit jener Macht verwechſelt— muß dies, theure Matilde, nicht dem Beſitzer ſchon eine geheim⸗ nißvolle Hoheit leihen! Du wirſt dies romantiſche Ueberſpannt⸗ heit nennen; aber bedenke, daß ich in dem Lande der Talismane und Zauberformeln geboren bin, und daß ich als Kind durch Mär⸗ chen eingelullt wurde, deren ihr euch nur mittelſt der ſchwülſtigen Spielerei einer franzöſiſchen Ueberſetzung erfreuen könnt. O Ma⸗ tilde, ich wollte, du hätteſt die dunkeln Geſichter meiner indiſchen Wärterinnen ſehen können, wie ſie ſich in ernſter Andacht bei den magiſchen Erzählungen gruppirten, welche, halb Poeſie, halb Proſa, von den Lippen des Erzählers floſſen! Kein Wunder, daß europäiſche Erzählungen mir kalt und trocken erſcheinen, nachdem ich die wunderbaren Wirkungen morgenländiſcher Geſchichten auf die Zuhörer ſelbſt erfahren habe.“ Zweiter Auszug. „Theure Matilde, du kennſt die Geheimniſſe meines Herzens, du weißt mit welchen Gefühlen ich an Brown denke. Ich will nicht ſagen, daß ich nur ſein Andenken heilig halte. Denn ich bin über⸗ zeugt, er lebt und iſt treu. Seine Huldigungen, die er mir brachte, wurden von meiner geſchiedenen Mutter begünſtigt; vielleicht un⸗ vorſichtig begünſtigt, da ſie die Vorurtheile meines Vaters in Be⸗ zug auf Rang und Herkunft hätte erwägen ſollen. Aber ich, da⸗ mals faſt noch ein Kind, konnte ja doch nicht klüger ſein als ſie, unter deren Obhut mich die Natur geſtellt hatte. Meinen Vater, den ſeine militäriſchen Dienſtpflichten faſt beſtändig beſchäftigten, ſah ich nur ſelten und man lehrte mich ihn mehr mit Ehrfurcht, als mit Vertrauen zu betrachten. Wollte der Himmel, es wäre anders geweſen! Es würde dann für uns Alle bis dieſen Tag ſich beſſer geſtaltet haben!“ Dritter Auszug. „Du fragſt mich, warum ich meinen Vater nicht bekannt da⸗ mit mache, daß Brown noch lebt, daß er wenigſtens die Wunde überlebt hat, die er in dem unſeligen Duell empfing; und daß er meiner Mutter geſchrieben hatte, indem er ſeine völlige Geneſung und ſeine Hoffnung ankündigte, bald aus der Gefangenſchaft zu entfliehen. Ein Soldat, der in ſeinem Kriegshandwerk oft Men⸗ ſchen erſchlug, fühlt wahrſcheinlich keine Unruhe, wenn er an die 183 vermeinte Kataſtrophe denkt, die mich faſt in Stein verwandelte. Und wenn ich ihm jenen Brief zeigte, würde dies nicht zur Folge haben, daß Brown, der noch lebte und mit Hartnäckigkeit dieſel⸗ ben Anſprüche geltend machte, um derenwillen mein Vater früher ihm nach dem Leben trachtete, ein weit furchtbarerer Störer von Oberſt Mannerings Gemüthsruhe ſein würde, als wenn dieſer ihn im Grabe vermuthet! Wenn er den Händen jener Räuber entkommt, ſo wird er gewiß bald in England ſein, und dann iſt immer noch Zeit, zu überlegen, wie ſein Leben vor meinem Vater zu verheim⸗ lichen iſt— Aber wenn nun meine feſte und vertrauende Hoffnung mich täuſchte, was hälfe es dann, ein Geheimniß preisgegeben zu haben, mit welchem ſo ſchmerzliche Erinnerungen verknüpft ſind!— Meine theure Mutter fürchtete ſo ſehr, daß es bekannt werden könne, daß ſie, glaub' ich, meinen Vater argwöhnen ließ, Browns Aufmerkſamkeiten wären an ſie gerichtet, um ihn nur den wirkli⸗ chen Gegenſtand derſelben nicht errathen zu laſſen; und o, Ma⸗ tilde, welche Achtung ich auch dem Andenken einer verſtorbenen Mutter ſchuldig bin, ſo muß ich doch auch dem lebenden Vater Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen. Ich kann die zweideutige Politik, mit der ſie gegen meinen Vater handelte, nur als unbillig gegen ihn und als höchſt gefährlich für beide verwerfen.— Aber Friede ſei mit ihrer Aſche! ihre Handlungen wurden mehr von ihrem Herzen, als von ihrem Kopfe gelenkt; und ſollte ihre Tochter, die all' ihre Schwachheit erbte, die erſte ſein, welche den Schleier von ihren Mängeln zieht!“ Vierter Auszug. „Mervyn⸗Hall. „Wenn Indien das Land des Zaubers iſt, ſo iſt dies, theuerſte Matilde, das Land der Romantik. Die Scenerie iſt von der Art, 184 wie ſie die Natur in ihrer erhabenſten Laune hervorbringt;— brau⸗ ſende Katarakte— Berge, deren verwitterte Häupter bis zum Himmel ragen— Seen, die, in ſchattigen Thälern mannichfach ausgedehnt, bei jeder ihrer Wendungen zu immer romantiſchern Stellen führen— Felſen, welche die Wolken des Himmels küſſen. Hier all die Wildniß des Salvator, und dort all das Feenhafte des Claude Lorrain. Ich bin glücklich, wenigſtens einen Gegenſtand gefunden zu haben, bei dem mein Vater meinen Enthuſiasmus thei⸗ len kann. Ein Bewunderer der Natur, beides als Künſtler und Dichter, habe ich das höchſte Vergnügen aus den Bemerkungen geſchöpft, mit denen er den Charakter und die Wirkungen der glän⸗ zenden Proben ihrer Macht erläutert. Ich wollte, er ließe ſich in dieſem bezaubernden Lande nieder. Aber ſeine Abſichten gehen wei⸗ ter nach Norden, und er iſt jetzt auf einer Tour nach Schottland be⸗ griffen, um ſich nach einem Landſitz; wie ich glaube, umzuſehn, den er ankaufen will. Er liebt, ſo viel ich mich von früher her er⸗ innere, jenes Land beſonders. Demnach, meine theuerſte Ma⸗ tilde, muß ich, um eine Heimat mein zu nennen, noch weiter von dir entfernt werden— und o, wie ſehr wird es mich freuen, wenn ich ſagen kann, komm, Matilde, und ſei der Gaſt deiner treuen Julie! „Ich bin jetzt Hausgenoſſin von Mr. und Mrs. Mervyn, der alten Freunde meines Vaters. Die letztere iſt eine recht gute Frau, würdevoll und wirthſchaftlich zugleich; was aber ſonſtige Bildung und Phantaſie betrifft,— lieber Himmel, beſte Matilde, da könnte deine Freundin ebenſo gut Sympathie bei Mrs. Superklug ſuchen; du ſiehſt, daß ich die Beinamen in eurer Schule nicht vergeſſen habe. Mervyn iſt ganz und gar verſchieden von meinem Vater, aber er iſt unterhaltend und gutmüthig. Er iſt dick und gutgelaunt, mit gro⸗ ßer Schlauheit begabt und nicht ohne Humor; da er vermuthlich in der Jugend hübſch geweſen iſt, ſo macht er immer noch Anſpruch, 185 für einen beau garcon zu gelten, und ebenſo ſpielt er den eifrigen Freund der Landwirthſchaft. Ich finde Vergnügen daran, mit ihm die Gipfel der Höhen zu erklettern, oder an den Fuß der Waſ⸗ ſerfälle zu gehen, und zu Vergeltung ſehe ich mich genöthigt, ſeine Rüben, ſeinen Lucernerklee und ſein Timotheusgras zu bewundern. Ich glaube, er hält mich für ein einfältiges romantiſch überſpann⸗ tes Mädchen, mit etwas(das Wort fällt mir ſchwer niederzuſchrei⸗ ben) Schönheit und leidlicher Gutmüthigkeit; und ich glaube, daß der Herr die weibliche Außenſeite ſo ziemlich gut zu beurtheilen ver⸗ ſteht, hoffe aber keineswegs, daß er auch meine Gefühle zu durch⸗ ſchauen vermag. So ſcherzt er und führt mich bei der Hand, wäh⸗ rend er neben mir herhumpelt(denn der arme Mann leidet an der Gicht,) und erzählt Geſchichten aus der vornehmen Welt, von wel⸗ cher er viel geſehn hat; und ich lauſche, lächle und blicke ſo artig, zufrieden und auch ſo einfältig als möglich dazu; ſo vertragen wir uns recht gut. „Doch ach! meine theuerſte Matilde, wie langweilig würde mir die Zeit verſtreichen, ſelbſt in dieſem romantiſchen Paradieſe, welches von einem Paare bewohnt wird, welches gar nicht mit den Umgebungen im Einklang ſteht, wenn du mir nicht ſo treulich auf all meine unintereſſanten Plaudereien antworteteſt? Bitte, ver⸗ ſäume ja nicht, mir mindeſtens dreimal jede Woche zu ſchreiben— Dir kann es ja nie an Stoff fehlen.) Fünfter Auszug. „Wie ſoll ich mittheilen, was ich dir jetzt zu erzählen habe!— Hand und Herz bebt mir ſo ſehr, daß ich faſt nicht im Stande bin, zu ſchreiben!— Sagte ich nicht, daß er lebte! ſagte ich nicht, ich wolle nicht verzweifeln? Wie konnteſt du meinen, theure Ma⸗ tilde, daß meine Gefühle, da ich ſo jung von ihm getrennt worden war, mehr in meiner glüͤhenden Phantaſie, als in meinem Herzen ihren Grund hätten!— O, ich wußte wohl, daß ſie ächt waren, ſo trügeriſch auch die Eingebungen unſers Herzens oft ſein mögen. — Doch zu meiner Erzählung— ſie ſei, Freundin, ebenſo das heiligſte Pfand unſrer Freundſchaft, wie es das aufrichtigſte iſt. „Wir gehen hier zeitig ſchlafen, zeitiger, als mein Herz mit ſeiner Sorgenlaſt ſich der Ruhe hingeben kann. Ich nehme daher gewöhnlich noch einige Stunden lang zu einem Buche meine Zu⸗ flucht, nachdem ich mich auf mein Zimmer zurückgezogen habe, welches ſich, wie ich dir wohl ſchon ſagte, nach einem kleinen Bal⸗ kon öffnet, deſſen Ausſicht auf den ſchönen See geht; auch von die⸗ ſem verſuchte ich dir ja ſchon eine einfache Skizze zu geben. Mervyn⸗ Hall, zum Theil ein ſehr altes Gebäude und urſprünglich als feſter Ort erbaut, liegt am Rande des Sees. Ein Stein, den man vom vorſpringenden Balkon hinabfallen läßt, fällt in das Waſſer, wel⸗ ches tief genug iſt, um ein Boot zu tragen. Ich hatte mein Fen⸗ ſter halb offen gelaſſen, um, eh' ich zu Bett ging, meiner Ge⸗ wohnheit nach, noch den Mondenſchimmer auf dem See zu betrach⸗ ten. Lebhaft gedachte ich jener ſchönen Scene im Kaufmann von Venedig, wo zwei Liebende, die Stille einer Sommernacht ſchil⸗ dernd, wechſelſeitig die Reize derſelben erheben, und ſo war ich verloren in Gedanken und Empfindungen, die jene Schilderung erweckte, als ich vom See her den Klang eines Flageolets vernahm. Ich ſagte dir bereits, daß dies Brown's Lieblingsinſtrument war. Wer konnte es in einer Nacht ſpielen, die, obwohl ſtill und heiter, doch zu kalt und zu ſpät im Jahre war, um einen Wandrer nur zum Vergnügen hieher einzuladen! Ich ging näher zum Fenſter und lauſchte mit athemloſer Aufmerkſamkeit. Die Töne ſchwiegen jetzt — begannen dann wieder— ſchwiegen aufs Neue und erreichten aufs Neue mein Ohr, immer näher und näher kommend. Endlich unterſchied ich deutlich die Melodie jenes Hinduliedchens, das du 187 mein Lieblingsſtuͤckchen nannteſt— Ich ſagte dir, wer es mich ge⸗ lehrt hatte— das Inſtrument, die Melodie, alles war ſein eigen! — war es irdiſche Muſik, oder Töne, die der Wind hertrug, um mir ſeinen Tod anzudeuten!— „Es währte einige Zeit, eh' ich den Muth hatte, den Balkon zu betreten— nichts würde mich überhaupt dazu haben ermuthi⸗ gen können, außer die feſte Ueberzeugung, daß er noch lebte, und daß wir uns wiederſehn ſollten— nur dieſe Ueberzeugung lieh mir Kühnheit und ich wagte mich, wiewohl klopfenden Herzens, zum Fenſter. Ich gewahrte einen kleinen Nachen mit einer einzigen Perſon— o Matilde, er ſelbſt war es!— Ich erkannte ſeine Ge⸗ ſtalt nach ſo langer Trennung und trotz der ſchattigen Nacht doch ſo vollkommen, als wären wir geſtern erſt von einander geſchieden und begegneten uns nun im hellen Sonnenſchein! Er lenkte ſein Boot unter den Balkon und redete mich an; kaum wußte ich, was er ſagte, oder was ich erwiederte. Wirklich, das Weinen erſtickte faſt meine Stimme, aber es waren Freudenthränen. Das Gebell eines Hundes in einiger Entfernung ſtörte uns und wir ſchieden, aber nicht ohne daß er mir zuvor das Verſprechen entlockt hätte, ihn am nämlichen Ort und zur nämlichen Stunde heut' Abend wie⸗ der zu erwarten. „Doch wohin ſoll dies Alles führen!— Kann ich dieſe Frage beantworten! Ich vermag es nicht.— Der Himmel, der ihn vom Tode rettete und aus Gefangenſchaft befreite; der auch meinen Va⸗ ter an der Ermordung desjenigen hinderte, der ihm nicht die gering⸗ ſte Beleidigung zugefügt hatte, derſelbe Himmel wird auch mich aus dieſem Labyrinthe führen. Mir genügt der feſte Vorſatz, daß Matilde nie ihrer Freundin wegen, mein Vater nie ſeiner Tochter wegen, und mein Geliebter nie ihretwillen erröthen ſoll, welcher er ſeine Zuneigung geſchenkt hat. Achtzehntes Kapitel. Vom Fenſter aus mit einem Mann ſprechen!— ſchöne Geſchichten! Viel Lärmen um Nichts. Wir müſſen mit unſern Auszügen aus Miß Mannerings Brie⸗ fen fortfahren, welche ihren natürlichen Verſtand, ihre Grundſätze und Gefühle klar darſtellen, Eigenſchaften, denen eine unvollkom⸗ mene Erziehung und die Thorheit einer im Irrthum befangenen Mutter Eintrag that, welche ihren Gemahl im Herzen ſo lange einen Tyrannen nannte, bis ſie ihn als ſolchen fürchtete, und welche Romane las, bis ſie ſich in die darin vorkommenden Intri⸗ guen ſo verliebte, bis ſie die Leitung einer kleinen Familiennovelle ſelbſt übernahm und ihre Tochter, ein ſechzehnjähriges Mädchen, zur Heldin derſelben machte. Sie unterhielt ſich mit kleinlicher Geheimnißkrämerei und Intrigue und zitterte doch vor dem Unwil⸗ len, den dieſe kindiſchen Manöver in ihres Gemahls Gemüth erreg⸗ ten. Auf dieſe Weiſe bildete ſie ſich oft einen kleinen Plan nur zum Vergnügen oder vielleicht aus Liebe zum Widerſpruch, verwickelte ſich tiefer hinein, als ſie ſelbſt wußte, ſuchte ſich durch neue Kunſt⸗ griffe frei zu machen oder ihren Fehler durch Verſtellung zu verber⸗ gen, verwirrte ſich in den Maſchen ihres eignen Gewebes und ſah ſich, aus Furcht vor Entdeckung, genöthigt, mit ihren Machinatio⸗ nen fortzufahren, zu denen ſie anfangs aus bloßem Muthwillen ihre Zuflucht genommen hatte. Zum Glück beſaß der junge Mann, den ſie ſo unvorſichtig in ihre vertraute Geſellſchaft gezogen und ermuntert hatte, Neigung zu ihrer Tochter zu faſſen, einen Fond von Grundſätzen und edlem Stolz, welcher ihn zu einem ſicherern Vertrauten machte, als Mrs. Mannering hoffen oder erwarten durfte. Nur ſeine unbe⸗ kannte Herkunft konnte ihm zum Vorwurf gemacht werden; in je⸗ der andern Hinſicht „Ward er mit edeln Gaben doch geboren, Für Tugend und für hohen Ruhm erkoren; Schon früh ward ihm vorausgeſagt von Allen Die ſtolze Laufbahn, die er werde wallen.“ Aber es ließ ſich nicht erwarten, daß er der Lockung widerſte⸗ hen werde, die ihm Miß Mannerings Unklugheit in den Weg warf, oder daß er nicht Neigung zu einer jungen Dame faſſen ſollte, deren Schönheit und Charakter ſeine Leidenſchaft ſelbſt an andern Orten gerechtfertigt haben würde, wo man dieſen Eigenſchaften häufiger begegnet, als in einer entlegenen Feſtung der indiſchen Colonien. Die Scenen, welche folgten, ſind in Mannerings Briefe an Mr. Mervyn beſchrieben worden, und es hieße die Geduld unſerer Leſer mißbrauchen, wenn wir uns auf eine noch weitläufigere Schilde⸗ rung einlaſſen wollten. Wir fahren daher mit den verſprochenen Auszügen aus Miß Mannerings Briefen an ihre Freundin fort. Sechſter Auszug. Ich habe ihn wieder geſehn, Matilde— zweimal geſehn. Ich habe alle Gruͤnde erſchöpft, um ihn zu überzeugen, daß dieſe ge⸗ * 190 heime Unterhaltnng für uns beide gefahrvoll ſei— ich drang ſogar in ihn, ſein Glück zu ſuchen, ohne weiter auf mich Rückſicht zu nehmen, und den Frieden meines Herzens für hinlänglich geſichert durch das Bewußtſein zu halten, daß er nicht unter meines Vaters Waffe gefallen ſei. Er antwortet— aber wie könnt' ich Alles, was er antwortete, einzeln berichten! Er beruft ſich, wie auf ein Recht, auf jene Hoffnungen, die ihm meine Mutter zu nähren ge⸗ ſtattete, und wollte mich zu der Tollheit einer Verbindung ohne meines Vaters Billigung überreden. Dazu jedoch, Matilde, werde ich nicht überredet werden. Ich habe all den rebelliſchen Gefühlen, die in mir ſeinen Vorſchlag unterſtützen wollten, widerſtanden, und habe ſie bewältigt; aber wie ſoll ich mich aus dieſem unſeligen Labyrinthe befreien, in welches Schickſal und Thorheit uns beide geführt haben! „Ich habe ſo lange daran gedacht, Matilde, daß mir der Kopf ſchwindelt— ich weiß keinen beſſern Plan zu finden, als daß ich meinem Vater Alles offen bekenne. Er verdient das, denn ſeine Freundlichkeit gegen mich iſt unwandelbar; auch glaube ich ſo⸗ viel an ſeinem Charakter, ſeit ich ihn genauer ſtudirte, entdeckt zu haben, daß er hauptſächlich nur dann in Zorn geräth, wo er Täu⸗ ſchung oder Betrug argwohnt; in dieſer Hinſicht iſt ſein Charakter vielleicht früher am meiſten von derjenigen Perſon mißverſtanden worden, die ihm am theuerſten war. Es liegt auch etwas Schwär⸗ meriſches in ſeinem Gemüthe, und oft ſah ich, daß ihm die Erzäh⸗ lung einer edeln Handlung, einer heldenmüthigen That oder einer tugendhaften Selbſtverläugnung Thränen entlockte, welche er bei einer gewöhnlichen Leidensgeſchichte nicht vergoß.⸗ Brown behaup⸗ tet jedoch, daß er gegen ihn perſönlich feindſelig geſinnt ſei.— Und ſeine niedrige Herkunft— die würde allerdings ein Stein des Anſtoßes ſein. O, Matilde, ich hoffe, daß keiner deiner Vorfah⸗ rer bei Poitiers und Agincourt mitgefochten hat! Hegte mein 191 Vater nicht eine ſo hohe Verehrung für das Andenken des alten Sir Miles Mannering, ich würde bei meinem Geſtändniſſe nicht halb ſo zittern, als es nun geſchehen wird.“ Siebenter Auszug. „Soeben hab' ich deinen Brief empfangen— deinen höchſt willkommenen Brief!— Dank, meine theuerſte Freundin, für dein Mitgefühl und deine Rathſchläge— ich kann ſie blos mit unbe⸗ ſchränktem Vertrauen erwiedern. „Du fragſt mich nach Browns Herkunft und warum dieſe meinem Vater ſo mißfällig ſei. Seine Geſchichte iſt ſchnell erzählt. Er ſtammt aus Schottland, aber da er früh verwaiſt war, ſo über⸗ nahm eine verwandte Familie in Holland ſeine Erziehung. Er ward zum Kaufmann erzogen und kam früh nach einer unſerer oſt⸗ indiſchen Kolonien, wo ſein Vormund einen Geſchäftsfreund hatte. Der letztere war jedoch geſtorben, als er in Indien ankam und es blieb ihm nichts übrig, als das Amt eines Schreibers in einem Handelshauſe zu übernehmen. Der Ausbruch des Krieges und die Verlegenheit, in die er uns anfangs verſetzte, gab allen jungen Leuten, welche zu dieſer Lebensweiſe Luſt hatten, Gelegenheit, in die Armee zu treten; und Brown, deſſen Anlagen ihn zur militä⸗ riſchen Laufbahn vorzüglich geeignet machten, war der erſte, der den Weg des Reichthums verließ um den des Ruhms zu betreten. Der Reſt ſeiner Geſchichte iſt dir wohlbekannt; aber ſtelle dir den Zorn meines Vaters vor, welcher den Handel verachtet,(obwohl der beſte Theil ſeines Vermögens durch dieſe anſtändige Beſchäfti⸗ gung von meinem Großoheim erworben ward,) und einen beſondern Widerwillen gegen die Holländer hat; denke dir, auf welche Weiſe 19²2 er den Heirathsantrag für ſein eignes Kind von Vanbeeſt Brown, erzogen aus Gnade von dem Hauſe Vanbeeſt und Vanbruggen, an⸗ hören würde! O Matilde, es wird nie geſchehn— und wirklich, ſo kindiſch bin ich, daß ich kaum umhin kann, mit ſeinen ariſto⸗ kratiſchen Gefühlen zu ſympathiſiren. Mrs. Vanbeeſt Brown! der Name hat freilich wenig empfehlendes.— Was für Kinder ſind wir doch!“ 3 Achter Auszug. „Nun iſt Alles vorbei, Matilde!— Ich werde nimmermehr den Muth haben, meinem Vater zu bekennen— ja, ich fürchte ſo⸗ gar ſehr, daß er mein Geheimniß bereits von jemand anderm ge⸗ hört hat, und dadurch wäre das Verdienſt meiner freien Mitthei⸗ lung gänzlich vernichtet und jeder Strahl von Hoffnung zerſtört, den ich damit zu verbinden wagte. Geſtern Nachts kam Brown wie gewöhnlich, und ſein Flageolet auf dem See verkündigte ſeine Annäherung. Wir hatten ausgemacht, daß er jedesmal von die⸗ ſem Zeichen Gebrauch machen ſolle. Dieſe romantiſchen Seen locken zahlloſe Beſucher herbei, welche ihrem Enthuſiasmus dafür nachgeben, indem ſie dieſe Scenerie zu allen Stunden beſuchen, und wir hofften, daß Brown, wenn er aus dem Hauſe bemerkt würde, für einen jener Naturbewunderer gelten werde, der dem Drange ſeines Gefühles mittelſt der Muſik Luft machte. Dieſe Töne konnten auch mir zur Entſchuldigung dienen, wenn man mich auf dem Balkon beobachtete. In letzter Nacht jedoch, als ich eifrig auf dem Entſchluſſe beharrte, meinem Vater ein offenes Bekennt⸗ niß abzulegen, welches er mir ernſtlich auszureden ſtrebte, hörten wir das Fenſter in Mr. Mervyns Bibliothek, die ſich unter meinem Zimmer befindet, leiſe öffnen. Ich gab Brown ein Zeichen, ſich 3 1 193 zurückzuziehen und trat ſelber ſogleich zurück, mit einiger Hoffnung, daß man unſere Zuſammenkunft nicht bemerkt haben möge. „Doch ach, Matilde, dieſe Hoffnung ſchwand alsbald, als ich Mr. Mervyns Geſicht am andern Morgen beim Frühſtück beobach⸗ tete. Sein Blick war ſo herausfordernd klug und ſelbſtvertrauens⸗ voll, daß ich, hätte ich nur gedurft, weit zorniger, als je zuvor in meinem Lehen, hätte ſein können. Aber ich mußte gute Miene zum böſen Spiel machen und meine Spaziergänge ſind nun auf die Gränzen ſeiner Beſitzung beſchränkt, wo der gute Herr an meiner Seite ohne Beſchwerde mitgehen kann. Ein oder zweimal ertappte ich ihn auf dem Verſuche, meine Gedanken zu ergründen und den Ausdruck meines Geſichts zu beobachten. Er hat mehr als einmal von dem Flageolet geredet und zu verſchiedenen Malen ließ er Lob⸗ ſprüche über die Wachſamkeit und Wildheit ſeiner Hunde und über die Regelmäßigkeit hören, mit welcher der Wächter ſeine Runden mit geladener Büchſe macht. Er gedachte auch der Fuchseiſen und Selbſtſchüſſe. Ungern möchte ich meines Vaters altem Freunde in ſeinem eigenen Hauſe Trotz bieten; aber mich verlangt, ihm zu zei⸗ gen, daß ich meines Vaters Tochter bin, und davon wird ſich Mr. Mervyn gewiß überzeugen, wenn ich ihm erſt einmal offen und un⸗ verholen auf all jene indirekten Winke antworte. Eines weiß ich gewiß, und dafür bin ich ihm dankbar— er hat Mrs. Mervyn nichts geſagt. Gott ſteh' mir bei, ich würde ſonſt Vorleſungen ge⸗ hört haben über die Gefahren der Liebe und der nächtlichen Seeluft, über das Gefährliche, was Schnupfen und Glücksritter mit ſich führen, über den Nutzen der Molkenkur und verſchloſſener Fenſter! Ich kann mir nicht helfen, Matilde, ich muß ſcherzen, obwohl mein Herz ſchwer genug iſt. Was Brown zu thun gedenkt, kann ich nicht errathen. Indeß vermuthe ich, die Furcht vor Entdeckung hält ihn von ſeinen Nachtbeſuchen zurück. Er wohnt in einem Gaſthaus am entgegengeſetzten Ufer des Sees, und zwar, wie er Guy Mannering. I. 13 194 mir ſagt, unter dem Namen Dawſon,— er wählt garſtige Namen, das muß man geſtehn. Die Armee hat er, glaub' ich, noch nicht verlaſſen, aber von ſeinen derzeitigen Ausſichten ſagt er nichts. Um meine Beſorgniß noch zu ſteigern, iſt mein Vater plötzlich zurückgekehrt, und zwar in ſehr übler Stimmung. Wie ich aus einem lebhaften Geſpräch zwiſchen unſrer guten Wirthin und ihrer Schaffnerin hörte, ſo hatte jene ihn unter einer Woche nicht zu ſe⸗ hen erwartet; ſein Freund Mr. Mervyn ſchien mir aber gar nicht durch ſeine Ankunft überraſcht zu ſein. Er benahm ſich gegen mich äußerſt kalt und zurückhaltend— und das genügte, um all den Muth zu dämpfen, mit dem ich entſchloſſen war, mich ſeiner Groß⸗ muth in die Arme zu werfen. Er legt ſeinen Mißmuth und ſein verſtimmtes Weſen dem Verluſt eines Ankaufes zur Laſt, den er im Südweſten Schottlands zu unternehmen gedachte und an dem ſein Herz hing; ich glaube indeß nicht, daß ſein Gleichmuth ſo leicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. Sein erſter Ausflug geſchah mit Mr. Mervyns Boot über den See hinüber nach dem erwähnten Gaſthauſe. Du kannſt dir die Todesangſt denken, mit welcher ich ſeine Rückkehr erwartete— hätte er Brown wieder er⸗ kannt, welche Folgen konnte dies haben! Er kehrte indeß zurück, ohne dem Anſchein nach irgend eine Entdeckung gemacht zu haben. Ich vernehme, daß er nun in, Folge ſeines vereitelten Wunſches, ein Haus in der Nähe deſſelben Ellangowan zu miethen gedenkt, von welchem ich ſo viel zu hoͤren verurtheilt bin— er ſcheint der Meinung zu ſein, daß jenes Gut, welches er zu beſitzen wünſchte, bald wieder verkäuflich ſein werde. Ich will dieſen Brief nicht eher abſenden, als bis ich genaueres über ſeine Abſichten gehört habe.“ „Ich habe nun eine Unterredung mit meinem Vater gehabt, wobei er mir ſo viel Vertrauen bewies, als er mir vermuthlich 195 überhaupt beweiſen will. Er forderte mich heute nach dem Früh⸗ ſtück auf, mit ihm in die Bibliothek zu gehen; die Kniee, Matilde, bebten mir, und es iſt keine Uebertreibung, wenn ich ſage, daß ich ihm kaum nach jenem Zimmer zu folgen vermochte. Ich fürchtete mich und wußte nicht wovor— von Kindheit hatte ich ja Alles vor ſeinem Stirnrunzeln zittern ſehn. Er hieß mich niederſetzen, und nie gehorchte ich einem Befehle ſo bereitwillig, denn ich vermochte wirklich kaum zu ſtehn. Er ſelbſt ging im Zimmer auf und ab. Du haſt meinen Vater geſehn und ich beſinne mich, daß dir ſeine ſo ausdrucksvollen Züge auffielen. Seine Augen ſind von Natur ziemlich lichtfarben, aber Aufregung oder Zorn gibt ihnen einen düſterern und feurigern Glanz; er hat auch eine gewiſſe Gewohn⸗ heit die Lippen zuſammenzuziehen, wenn er ſehr aufgeregt iſt, und dies deutet den Kampf an, der zwiſchen ſeiner natürlichen Hitze und ſeiner kräftigen Selbſtbeherrſchung ſtattfindet. Dies war das erſte mal, daß wir ſeit ſeiner Rückkehr aus Schottland allein waren, und als er durch jene Zeichen ſeine innere Bewegung verrieth, zwei⸗ felte ich kaum, daß er im Begriff ſei, auf den gefürchteten Gegen⸗ ſtand einzugehen. „Zu meinem unausſprechlichen Troſte fand ich, daß ich mich irrte und daß, was er auch immer von Mr. Mervyns Argwohn und Entdeckungen wiſſen mochte, er doch nicht willens ſei, mit mir über dieſe Sache zu ſprechen. Feig, wie ich war, fühlte ich mich nun unendlich erleichtert, obwohl, wenn er wirklich den Gerüchten die ihm zu Gehör gekommen, nachgeforſcht hätte, die Wirklichkeit nichts gegen das geweſen ſein würde, was ſein Argwohn ihm ein⸗ geben mochte. Obwohl jedoch mein Muth wuchs, als ich mich ſo unerwartet von dem Gefürchteten frei ſah, hatte ich doch nicht den Muth, ſelbſt das Geſpräch zu beginnen, ſondern wartete ſchwie⸗ gend ſeiner Befehle. 13*½ 196 „Julia,“ ſagte er,„mein Anwalt ſchreibt mir aus Schott⸗ land, daß er ein Haus für mich gemiethet hat, anſtändig ausge⸗ ſtattet und mit aller nöthigen Bequemlichkeit für meinen Haushalt verſehn— es liegt anderthalb Stunden von dem Beſitzthum, das ich zu kaufen gedachte.“— Darauf ſchwieg er und ſchien meine Ant⸗ wort zu erwarten. „Welcher Ort dir als Aufenthalt bequem ſcheint, Vater, muß auch mir ganz angenehm ſein.“ „Hm!— Ich denke indeß nicht, Julia, daß du während des Winters ganz allein in dieſem Hauſe wohnen wirſt.“ „Mr. und Mrs. Mervyn“— dachte ich im Stillen.„Jede Geſellſchaft, welche dir angenehm iſt,“ antwortete ich laut. „O, du haſt etwas zuviel von jener allgemeinen höflichen Un⸗ terwürfigkeit; wo es wahr gemeint iſt, mag dergleichen gut ſein, aber das beſtändige Wiederholen der bloßen Redensart ruft mir die ewigen knechtiſchen Begrüßungen unſerer ſchwarzen Untergebe⸗ nen in Indien ins Gedächtniß. Kurz, Julie, ich weiß, daß du die Geſellſchaft liebſt, und ich gedenke eine junge Dame, die Toch⸗ ter eines verſtorbenen Freundes, einzuladen, einige Monate bei uns zu wohnen. „Nur keine Gouvernante, um des Himmels Willen, Vater!“ rief ich Arme, indem die Furcht in dieſem Augenblicke gänzlich die Klugheit überflügelte. „Nein, keine Gouvernante, Miß Mannering,“ erwiederte der Oberſt etwas ſtreng,„ſondern eine junge Dame, an deren trefflichem Beiſpiel, da ſie in der Schule des Mißgeſchicks erzogen iſt, du hoffentlich lernen wirſt, deine eigne Hofmeiſterin zu ſein.“ „Hier eine Antwort zu geben, war zu gefährlich, und daher entſtand eine Pauſe. „Iſt die junge Dame eine Schottländerin, Vater?“ „SJa“— war die ziemlich trockne Antwort. 197 „Hat ſie viel vom ſchottiſchen Accent, Vater!“ „Viel vom Teufel!“ antwortete mein Vater haſtig;„meinſt du ich kümmere mich um a's und aa's, um i's und ee's?— Ich ſage dir Julie, ich meine es ernſtlich in dieſer Sache. Du haſt einen Hang für Freundſchaften, das heißt, dich in Vertraulichkeiten ein⸗ zulaſſen, die du mit jenem Namen belegſt—(war das nicht ſehr hart geſagt, Matilde!)— nun wünſche ich dir Gelegenheit zu ge⸗ ben, wenigſtens eine würdige Freundin zu erwerben, und daher bin ich entſchloſſen, dieſe junge Dame einige Monate als Familien⸗ glied anzuſehn, und ich erwarte, daß du ihr die Aufmerkſamkeit erweiſeſt, die man dem Mißgeſchick und der Tugend ſchuldig iſt.“ „Gewiß, Vater.— Hat meine künftige Freundin rothes Haar!“ „Er warf mir einen ſeiner ſtrengen Blicke zu; du wirſt viel⸗ leicht ſagen, ich hätte das verdient; aber ich glaube, der Teufel legt mir bei ſolchen Gelegenheiten die Fragen in den Mund. „Sie übertrifft dich, mein Kind, im Aeußern ſo ſehr, wie an Klugheit und Liebe für ihre Freunde.“ „Ach, Vater, du meinſt doch nicht, daß ſie ſich dadurch bei mir empfiehlt, wenn ſie mich ſo übertrifft!— Nun, Vater, ich ſehe, du willſt dies Alles zu ernſtlich nehmen; wer die junge Dame auch ſein mag, ſo ſoll ſie, von dir empfohlen, ganz gewiß keinen Grund haben, ſich über Mangel an Höflichkeit von meiner Seite zu beklagen.“— Nach einer Pauſe fragte ich weiter:„Hat ſie einen Bedienten? denn es liegt mir doch ob, für ihre Bequemlichkeit zu ſorgen, falls ſie noch keine Bedienung hätte.“ „Nein— nein— nicht einen eigentlichen Bedienten— der Kaplan, der früher bei ihrem Vater lebte, iſt ein recht guter Menſch, und ich bin Willens, ihm Platz in meinem Hauſe zu gönnen.“ „Ein Kaplan, Vater! Gott ſchütz' uns!“ 198 „Ja, Miß Mannering, ein Kaplan; iſt dies Wort ſo unerhört neu! Hatten wir nicht in unſrer indiſchen Niederlaſſung einen Kaplan! „Ja, Vater, aber damals warſt du auch Kommandant.“ „Das will ich denn auch jetzt ſein, Miß Mannering,— zum wenigſtens in meinem eigenen Hauſe.“ „Ohne Widerrede, Vater— aber wird er unſern Gottesdienſt auch ſtreng nach der engliſchen Kirche halten?“ „Die anſcheinende Einfalt, womit ich dieſe Frage that, über⸗ wand ſeinen Ernſt.“„Ach, Julie, du biſt ein böſes Kind, aber ich gewinne nichts dabei, wenn ich dich ſchelte.— Was die beiden Fremden betrifft, ſo wirſt du die junge Dame gewiß nur lieben kön⸗ nen; und die Perſon, die ich in Ermangelung eines beſſern Aus⸗ drucks Kaplan nannte, iſt ein ehrenwerther, wenn auch etwas lä⸗ cherlicher Mann, der nie merken wird, daß du ihn auslachſt, wofern du nur nicht allzulaut lachſt.“ „Lieber Vater, dieſe Seite ſeines Charakters gefällt mir ſehr. — Doch bitte, iſt das Haus, wohin wir gehen, ſo angenehm gele⸗ gen, wie dies hier?“ „Vielleicht nicht ganz nach deinem Geſchmack— dort iſt kein See unterm Fenſter, und du wirſt dich in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt ſehn, alle Muſik nur innerhalb des Hauſes zu vernehmen.“ „Dieſer letzte coup de main endigte unſer ſcharfes Witzgefecht, denn du kannſt glauben, Matilde, daß mir der Muth darauf zu antworten fehlte. „Dennoch war, wie dir aus dieſem Geſpräch klar ſein wird, mein Muth wieder unerwartet ſtark geworden. Brown lebt, iſt frei und in England! Verlegenheiten und Angſt kann und muß ich wohl erdulden. Wir reiſen in zwei Tagen nach unſrer neuen Woh⸗ nung. Ich werde nicht ermangeln, dich wiſſen zu laſſen, wie mir jene ſchottiſchen Hausgenoſſen gefallen, die mir(ich habe nur zu — 199 viel Grund dies zu glauben,) mein Vater als ein Paar ehrbare Spione ins Haus zu legen denkt; eine Art von weiblichem Ro⸗ ſenkranz, nebſt einem ehrwürdigen Güldenſtern, der eine im ſchottiſchen Röckchen, der andre im Prieſtergewand. Welch ein Kontraſt zu der Geſellſchaft, die ich mir gern ſelbſt verſchafft hätte! Ich will gleich nach meiner Ankunft auf dem neuen Wohnort ſchrei⸗ ben, und meine theure Matilde bekannt machen mit den fernern Schickſalen ihrer Julia Mannering.“ Neunzehntes Kapitel. Von ſteilen Hügeln rings umgeben, Wo Eich' und Buche ſich erheben, Durch deren ſchattig grüne Hallen Des ſtolzen Fluſſes Fluthen wallen,— So lockſt du, ſüßes Tuskulan, Durch ſchlichte, ſtille Schönheit an!— Warton. Woodbourne, die Wohnung, welche Mannering durch Mr. Mac⸗Morlans Vermittelung auf einige Monate gemiethet hatte, war ein geräumiges bequemes Haus, dicht am Fuße eines bewalde⸗ ten Hügels gelegen, welcher das Haus gegen Nord und Oſt ſchirmte; die Vorderſeite überſah eine kleine Ebene, begränzt durch einen Hain alter Bäume; jenſeits lag einiges Ackerland, welches ſich am Fluß entlang breitete, den man aus den Fenſtern des Hauſes erblickte. Ein hübſcher, obwohl altmodiſcher Garten, ein wohlverſorgtes Tau⸗ benhaus und der Beſitz von ſoviel Land, als zur Bequemlichkeit des Haushalts erforderlich war, machte den Ort in jeder Hinſicht, wie die Avertiſſements gewöhnlich ſagen,„paſſend für den Gebrauch einer anſtändigen Familie.“ 201 Hier alſo war Mannering entſchloſſen, ſeinen Wanderſtab we⸗ nigſtens eine Zeit lang ruhen zu laſſen. Obwohl ein Oſtindier, liebte er es doch nicht, mit Reichthum zu prahlen. In der That, er war zu ſtolz, um eitel ſein zu können. Deshalb beſchloß er, ſich auf dem Fuß eines wohlhabenden Landedelmanns einzurichten, ohne ſich oder ſeiner Familie jenes Gepränge zu geſtatten, welches damals als Kennzeichen eines Nabob galt. Er hatte noch immer den Ankauf von Ellangowan im Auge, welches, nach Mac⸗Morlan's Anſicht, Mr. Gloſſin bald wieder zu veräußern genöthigt ſein würde, da ihm einige der Gläubiger das Recht beſtritten, einen ſo großen Theil der Kaufſumme in Händen zu behalten, während er zur baaren Zahlungwahrſcheinlichnicht fähig ſei. In dieſem Falle, verſicherte Mac⸗Morlan, werde er den Beſitz bereitwillig abtreten, wenn ihm nur etwas über den Verkaufspreis geboten würde. Es mag ſeltſam ſcheinen, daß Mannering einen Ort ſo ſehr liebte, den er früher nur einmal geſehn hatte und zwar nur kurze Zeit. Aber die Umſtände, welche damals ſtattfanden, hatten ſich ſeiner Einbildungskraft tief eingeprägt. Es ſchien ein Geſchick zu walten, welches die merkwürdigen Vorgänge ſeiner eig⸗ nen Familiengeſchichte mit jener der Bewohner von Ellangowan in Zuſammenhang brachte, und er fühlte ein geheimnißvolles Verlangen, die Terraſſe ſein eigen zu nennen, von welcher aus er im Buche des Himmels eine Prophezeiung geleſen hatte, die an der Perſon des jungen Erben dieſer Familie bereits in Erfüllung gegangen war und genau mit einer andern im Zuſammenhang ſtand, welche ſich in ſeiner eignen Familie erfüllt hatte. Ueberdies konnte er, da einmal dieſer Gedanke ſich ſeiner bemächtigt hatte, nicht ohne großen Wider⸗ willen denſelben bekämpft ſehen, und zwar von einem Kerl wie Gloſſin. So kam der Stolz ſeiner Laune zu Hilfe, und beide ver⸗ einigten ſich, um den Ankauf des Gutes womöglich noch zu bewerk⸗ ſtelligen. 202 Laſſen wir Mannering Gerechtigkeit wiederfahren. Der Wunſch, jemandem in Bedrängniß beizuſtehen, hatte auch Theil an ſeinem Entſchluſſe. Er hatte den Vortheil erwogen, den Julie von Miß Lucy Bertram's Geſellſchaft haben könne, auf deren richtigen Verſtand und geſundes Urtheil ſo ſicher zu vertrauen war. Dieſer Gedanke wurde noch beſtärkt, als ihm Mac⸗Morlan unter dem feier⸗ lichen Siegel der Verſchwiegenheit ihr ganzes Benehmen gegen den jungen Hazlewood mitgetheilt hatte. Wollte er ihr vorſchlagen, ein Glied ſeiner Familic, fern vom Schauplatze ihrer Kindheit und den Wenigen, die ſie Freunde nannte, zu werden, ſo würde dies we⸗ niger zartſinnig geweſen ſein; aber zu Woodbourne konnte ſie ohne Schwierigkeit auf eine Zeitlang als Gaſt eingeführt werden, ohne zu der Stellung einer gemeinen Geſellſchafterin herabgeſetzt zu werden. Etwas zögernd nahm Lucy Bertram die Einladung an, einige Wochen bei Miß Mannering zu wohnen. Sie fühlte nur zu wohl, wie ſehr auch des Oberſts Zartgefühl die Wahrheit verhüllen mochte, daß ſein Hauptbeweggrund dabei das großmüthige Verlan⸗ gen war, ihr ſeine Unterſtützung und ſeinen Schutz angedeihn zu laſſen, deſſen Einfluß in der Nachbarſchaft durch ſeine hohen Verbin⸗ dungen und ſeinen noch höhern Rang natürlich noch vermehrt wurde. um dieſelbe Zeit empfing das verwaiſte Mädchen einen Brief von Mrs. Bertram, der Verwandten, an die ſie geſchrieben hatte, deſſen Inhalt kalt und troſtlos genug war. Es lag allerdings eine kleine Summe Geld darin, zugleich aber von dem Rathe begleitet, ja recht ſparſam zu ſein; die Verwandte ſchlug dabei vor, Miß Bertram möge ſich bei einer ruhigen Familie, entweder zu Kipple⸗ tringan oder in der Nähe, in die Koſt verdingen, und obwohl ihr eignes Einkommen gar gering wäre, ſo wolle ſie doch ihre Verwandte nicht darben ſehn. Miß Bertram ließ einige ſehr natürliche Thrä⸗ nen auf dieſe kaltherzige Epiſtel fallen; denn zur Zeit, da ihre Mut⸗ 203 ter noch lebte, war jene gute Lady faſt drei Jahr lang Gaſt zu Ellan⸗ gowan geweſen, und nur, als ſie ein Vermögen von jährlich 400 Pfund Zinſen erbte, hatte ſie dem gaſtfreundlichen Hauſe Lebewohl geſagt, welches wohl ſonſt die Ehre gehabt haben würde, ihr bis zum Tode ſeines Eigenthümers Schutz zu leihen. Luey fühlte ſich ſtark geneigt, die ſchmutzige Spende zurückzuſchicken, welche gewiß nur mit einem harten Kampfe mit ihrem Geize der alten Dame ent⸗ riſſen worden war. Nach reiflicher Ueberlegung begnügte ſie ſich indeß, zu ſchreiben, daß ſie das Ueberſandte als Darlehn betrachte, welches ſie bald zurückzuzahlen hoffe; zugleich benachrichtigte ſie ihre Verwandte von der Einladung, die ſie vom Oberſt und der Miß Mannering erhalten hatte. Diesmal kam die Antwort mit umge⸗ hender Poſt; ſo ſehr beſorgt war Mrs. Bertram, daß ein leichtſin⸗ niges Zartgefühl oder ähnliches dummes Zeug, wie ſie ſich aus⸗ drückte, ihre Nichte verleiten möchte, ein ſo günſtiges Anerbieten zurückzuweiſen und damit zugleich ihren Verwandten wieder eine Bürde aufzuladen. Lucy hatte daher nun keine Wahl übrig, wo⸗ fern ſie nicht den ehrenwerthen Mac⸗Morlan's weiter zur Laſt fallen wollte, welche viel zu freigebig waren, um reich ſein zu können. Jene übrige Sippſchaft, die anfangs um die Gunſt ihrer Geſellſchaft wetteiferte, hatte ſich neuerdings, theils ſtillſchweigend, theils mit Aeußerungen des Unwillens, daß ſie Mac⸗Morlan's Einladung der ihrigen vorgezogen, gänzlich von ihr entfernt. Das Schickſal des Dominie Simſon würde beklagenswerth geweſen ſein, hätte es von einem andern als Mannering abgehangen, welcher ein Bewunderer der Originalität war; eine Trennung von Lucy Bertram hätte ihm gewiß das Herz gebrochen. Mac⸗Morlan hatte von des Mannes Verfahren gegen die Tochter ſeines Wohl⸗ thäters eine genaue Schilderung gegeben. Als Antwort legte Mannering die Frage vor, ob Simſon noch immer die bewunderns⸗ werthe Tugend der Schweigſamkeit beſitze, durch die er ſich ſo merk⸗ 204 würdig zu Ellangowan auszeichnete. Mac⸗Morlan bejahte dies. „Laſſen Sie Simſon wiſſen,“ hieß es in des Oberſts nächſtem Briefe, „daß ich ſeinen Beiſtand brauchen werde, um meines Oheims, des Biſchoffs Bibliothek in Ordnung zu bringen, die ich zur See an Ort und Stelle ſchaffen laſſe. Auch werde ich ihn brauchen, um einige Papiere zu copiren und zu ordnen. Stellen Sie ihm ſeinen Gehalt im Voraus feſt, wie es Ihnen paſſend ſcheint. Der gute Mann ſoll anſtändig gekleidet werden, und ſeine junge Lady nach Woodbourne begleiten.“ Der wackere Mac⸗Morlan empfing dieſen Auftrag mit großer Freude, erwog jedoch hin und her, wie ſich der Punkt ausführen laſſen werde, der des würdigen Dominie neue Kleidung betraf. Er betrachtete dieſen mit forſchendem Blick und es war nur allzudeutlich, daß ſein gegenwärtiger Anzug täglich in beklagenswerthern Zuſtand gerieth. Ihm Geld zu geben, mit der Aufforderung, zu gehen und ſich ſelber auszuſtatten, dies hieß nur, ihm die Mittel geben, ſich lächerlich zu machen. Denn wenn Mr. Simſon ein ſo ſeltenes Er⸗ eigniß vorkam, wie der Ankauf neuer Kleidungsſtücke iſt, ſo zogen die Ergänzungen ſeiner Garderobe, die er nach eignem Geſchmack gewählt hatte, gewöhnlich alle Knaben des Ortes Tage lang hinter ihm drein. Wollte man andrerſeits einen Schneider bringen, um ihm das Maaß nehmen, und ihm dann, gleich einem Schulknaben, die Kleider ins Haus ſchicken zu laſſen, ſo mußte ihn das jedenfalls verletzen. Endlich beſchloß Mac⸗Morlan, Miß Bertram zu Rathe zu ziehn und ſie um ihre Vermittelung zu bitten. Sie verſicherte, daß, obwohl ſie ſich nicht getraue, eines Gentlemans Garderobe in Stand zu fetzen, doch nichts leichter ſei, als die des⸗ Dominie in Ord⸗ nung zu bringen. 5 „Wenn mein armer Vater zu Ellangowan,“ ſagte ſie,„fuͤr nö⸗ thig fand, ein Kleidungsſtück des Dominie zu erneuern, ſo ließ er einen Diener bei Nacht in das Zimmer deſſelben gehen, denn er 205 ſchlief ſo feſt wie ein Murmelthier; der Diener mußte das alte Kleid wegnehmen und das neue zurücklaſſen; auch konnte man durchaus nicht bemerken, daß ſich der Dominie nur im Geringſten der Ver⸗ wandlung bewußt ſei, die bei ſolchen Gelegenheiten mit ihm vorge⸗ gangen war.“ Mac⸗Morlan beſtellte, Miß Bertram's Rathe gemäß, einen geſchickten Kleiderkünſtler, der, nachdem er den Dominie aufmerk⸗ ſam betrachtet hatte, das Werk übernahm, ihm zwei Anzüge zu fer⸗ tigen, nämlich einen ſchwarzen, und einen rabengrauen; auch ſollten beide gehörig paſſen, zum wenigſten ſo gut(dies verſprach der Künſtler) als es bei einem Manne von ſo außergewöhnlichem Baue in der Macht irdiſcher Nadeln und Scheeren läge. Als dieſer kunſt⸗ reiche Biedermann ſein Werk vollbracht und die Kleider zur Stelle geliefert hatte, nahm Mac⸗Morlan, entſchloſſen, ſeinen Vorſatz all⸗ mählig ins Werk zu ſetzen, am nämlichen Abend ein ſehr wichtiges Stück der Kleidung weg und legte an deſſen Stelle das entſprechende neue. Als er ſah, daß dies ohne bemerkt zu werden hinging, ſo wagte er ſich zunächſt an die Weſte und ſchließlich an den Rock. Als er völlig metamorphoſirt und zum erſtenmal in ſeinem Leben anſtän⸗ dig gekleidet auftrat, bemerkte man, daß der Dominie ein unbe⸗ ſtimmtes und verworrenes Bewußtſein von der Verwandlung ſeines äußern Menſchen zu haben ſchien. Sobald ſie dieſen zweifelhaften Ausdruck auf ſeinem Geſichte erſcheinen ſahen, begleitet von einem Blicke, welcher ſich bald auf den Rockärmel heftete, bald wieder auf die Kniee ſeiner Hoſen, wo er wahrſcheinlich einige antike Nätherei vermißte, die, mit blauem Zwirn auf ſchwarzem Grund ausgeführt, einigermaßen wie eine Stickerei ausſah,— ſobald ſie jenes Mienen⸗ ſpiel bemerkten, lenkten ſie ſtets ſogleich ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Gegenſtand, bis ſeine Kleider vermöge der Gewohnheit ihm gehörig auf den Leib paßten. Die einzige Bemerkung, die er je über die Sache hören ließ, war, daß„die Luft von Kippletringan den Kleiderſtoffen zuträglich zu ſein ſcheine, denn ſein Kleid dünke ihn faſt noch ſo neu, als am erſten Tage, wo er es anlegte, und dies war damals, als er ins Eramen ging, um Kandidat des Predigt⸗ amts zu werden.“ Als der Dominie zum erſtenmal von des Oberſt Mannering liberalem Vorſchlag hörte, warf er einen eiferſüchtigen und zweifel⸗ haften Blick auf Miß Bertram, als argwohne er, daß der Plan ihre Trennung bezwecke; als ſich jedoch Mac⸗Morlan becilte, ihm zu eröffnen, daß auch ſie eine Zeit lang Gaſt zu Woodbourne ſein werde, ſchlug er ſeine gewaltigen Hände zuſammen und ließ zugleich ein ſo ungeheures Lachen erſchallen, wie das des Afriten im Märchen vom Kalifen Vathek geweſen ſein mag. Nach dieſer ungewöhnli⸗ chen Andeutung der Zufriedenheit, blieb er bei Allem was weiter vor⸗ ging ganz ruhig und paſſiv. Es war feſtgeſetzt worden, daß Mr. und Mrs. Mac⸗Morlan einige Tage vor Mannering's Ankunft Beſitz von dem Hauſe neh⸗ men ſollten, theils um Alles gehörig in Ordnung zu bringen, theils um die Ueberſiedelung der Miß Bertram aus ihrer Familie nach dem neuen Wohnort ſo bequem und mit ſo viel Zartgefühl als mög⸗ lich zu bewerkſtelligen. Demnach war zu Anfang des December die Geſellſchaft zu Woodbourne eingetroffen. Zwanzigſtes Kapitel. 3 Ein rieſenhaftes Genie, geſchickt, es mit ganzen Bibliotheken aufzunehmen. Boswell's Lehen Johnſon's. Der Tag kam heran, an welchem man den Oberſt und Miß Mannering zu Woodbourne erwartete. Die Stunde rückte immer näher herbei und jeder in dem kleinen Kreiſe der jetzigen Bewohner des Hauſes hatte ſeinen beſondern Gegenſtand, der ihn unruhig machte. Mac⸗Morlan wünſchte natürlich, ſich den Schutz und die Gewohnheit einer ſo reichen und Einfluß übenden Perſon wie Mannering zu verſchaffen. Seine Menſchenkenntniß hatte ihn ſchon gelehrt, daß Mannering, wie edelmüthig und wohlwollend er auch war, doch die Schwäche beſaß, bei all ſeinen Aufträgen die genaueſte und pünktlichſte Ausführung zu verlangen. Er marterte daher ſein Gedächtniß, ob auch nichts verſäumt, ſondern Alles nach des Oberſts Wünſchen und Weiſungen geordnet ſei, und in dieſer unruhigen Stimmung unterſuchte er das Haus mehr als einmal vom Boden bis zum Stalle. Mrs. Mac⸗Morlan bewegte ſich in einem engern Kreiſe und erwog den Zuſtand des Eßzimmers, der Geſindeſtube und der Küche. Sie war nur beſorgt, das Eſſen 208 möchte verderben und ihre Geſchicklichkeit als Hausfrau in Mißkre⸗ dit bringen. Selbſt die gewöhnliche Geduld des Dominie war ſo geſtört, daß er zweimal zum Fenſter ging, welches nach dem Thor⸗ weg ſah, und zweimal ausrief:„Warum zögern die Räder ihres Wagens?“ Lucy, die ſich unter Allen am ruhigſten verhielt, hatte ihre beſondern melancholiſchen Gedanken. Sie ſollte ſich nun der Fürſorge, ja, faſt der Gnade von Fremden überlaſſen, mit deren Charakter, wie liebenswürdig er ſich bisher auch gezeigt hatte, ſie doch nur unvollkommen bekannt war. So gingen die Augenblicke des Verzugs immer ängſtlicher und banger an ihr vorüber. Endlich hörte man Pferdegetrappel und Wagenraſſeln. Die Diener, die bereits angelangt waren, eilten nach dem Vorſaal, um ihre Herrſchaft zu empfangen, und zwar mit einer Wichtigkeit und einem Dienſteifer, welcher für Lucy, die an die Geſellſchaft und die Sitte der Großen nicht gewöhnt war, etwas beunruhigen⸗ des hatte. Mac⸗Morlan ging zur Thür, um die Herrſchaft des Hauſes zu begrüßen und nach wenigen Augenblicken befand ſich die⸗ ſelbe im Geſellſchaftszimmer. Mannering, der wie gewöhnlich zu Pferde gereiſt war, trat, ſeine Tochter am Arm führend, herein. Sie war von Mittel⸗ größe, oder eher darunter, aber ſehr zierlich gebaut; ſie hatte ſtechende dunkele Augen und reiches ſchwarzes Haar, welches gut zu der Lebendigkeit und Klugheit ihrer Züge paßte, worin etwas Stolz, etwas Schüchternheit, viel Schlauheit und humoriſtiſcher Spott lag.„Ich werde ſie nicht lieben,“ dachte Lucy Bertram nach dem erſten Blicke;„und dennoch glaub' ich, ich werd/ es,“ dachte ſie nach dem zweiten. Miß Mannering war bis zum Kinn wegen der Strenge der Jahrzeit eingehüllt; der Oberſt trug ſeinen Militairrock. Er ver⸗ beugte ſich vor Mrs. Mac⸗Morlan, welches auch ſeine Tochter mit modiſcher Zierlichkeit that, wiewohl nicht ſo tief, daß ſie ſich Unbequemlichkeit dadurch verurſacht hätte. Der Oberſt führte ſo⸗ dann ſeine Tochter zu Miß Bertram, und indem er die Hand der letztern nahm, ſagte er mit großer Freundlichkeit und faſt väterli⸗ cher Zärtlichkeit:„Julie, dies iſt die junge Dame, die, wie ich hoffe, von unſern Freunden dahin vermocht ſein wird, unſer Haus mit einem langen Beſuche zu beehren. Es wird mich in der That ſehr freuen, wenn du Woodbourne für Miß Bertram ſo angenehm machen kannſt, wie Ellangowan für mich war, als ich zum erſten⸗ mal als Reiſender in dieſe Gegend kam.“ Die junge Lady verbeugte ſich artig und ergriff die Hand ihrer neuen Freundin. Mannering wandte ſein Auge nun auf den Do⸗ minie, welcher, ſeit ſeinem Eintritt ins Zimmer, Bücklinge ge⸗ macht, die Beine geſpreizt, und ſeinen Rücken in ſo regelmäßigen Krümmungen bewegt hatte, wie ein Automat, welches mit derſel⸗ ben Bewegung fortfährt, bis es der Künſtler anhält.„Mein lieber Freund, Mr. Simſon,“— ſagte Mannering, ihn ſeiner Tochter vorſtellend und zugleich einen tadelnden Blick auf das Mädchen werfend, wiewohl er ſelbſt einige Neigung zum Lachen empfand, welches jene kaum zu unterdrücken vermochte;—„dieſer Gentle⸗ man, Julie, wird meine Bücher in Ordnung bringen, ſobald ſie angekommen ſind, und ich hoffe großen Vortheil von ſeiner ausge⸗ breiteten Gelehrſamkeit zu ziehen.“ „Gewiß, wir ſind dieſem Gentleman verpflichtet, Vater, und nie— um mich einer diplomatiſchen Ausdrucksweiſe zu bedie⸗ nen— nie werde ich die außerordentlich huldvolle Miene vergeſſen, mit welcher er uns zu empfangen geruhte.— Indeß, Miß Ber⸗ tram,“ fuhr ſie ſchnell fort, als ſie ſah, wie ſich ihres Vaters Brauen verfinſterten,„wir haben eine beträchtliche Reiſe zurück⸗ gelegt,— werden Sie mir erlauben, mich bis zum Mittageſſen zu⸗ rückzuziehen?“ Guy Mannering. I. 14 210 Dieſe Bemerkung führte die ganze Geſellſchaft auseinander; nur der Dominie, der keine Idee von An⸗ oder Umkleiden hatte, außer früh beim Aufſtehen oder Abends beim Niederlegen, blieb in ſeiner Ruhe und käuete an einer mathematiſchen Aufgabe, bis ſich die Geſellſchaft wieder im Saale verſammelte, um ſich nach dem Speiſezimmer zu begeben. Als der Tag zu Ende ging, nahm Mannering eine Gelegen⸗ heit wahr, um noch einen Augenblick mit ſeiner Tochter allein zu ſprechen. „Wie gefallen dir unſre Gäſte, Julie?“ „O, Miß Bertram ungemein— aber der Geiſtliche iſt ein ori⸗ gineller Mann— den wird wirklich kein menſchliches Weſen anſehn können, lieber Vater, ohne zu lachen.“ „So lang er unter meinem Dach iſt, Julie, muß das jeder lernen.“. „Lieber Himmel, Vater, ſelbſt die Bedienten konnten nicht ernſthaft bleiben.“ „Dann mögen ſie meine Livree ablegen,“ ſagte der Oberſt, „und nach Gefallen lachen. Mr. Simſon iſt ein Mann, den ich ſeines ſchlichten und wohlwollenden Charakters wegen ſchätze.“ „O, davon bin ich überzeugt und von ſeinem Edelmuthe oben⸗ drein,“ ſagte das muthwillige Dämchen;„denn er kann keinen Löffel Suppe zum Munde bringen, ohne jedem, der neben ihm ſitzt, etwas davon mitzutheilen.“. „Julie, du biſt unverbeſſerlich; erinnere dich jedoch, daß ich erwarte, daß du deine Luſt an dieſem Gegenſtande gehörig im Zaume hältſt, um weder das Gefühl dieſes würdigen Mannes, noch das der Miß Bertram zu verletzen, welche auf ſeine Rechnung wohl empfindlicher ſein möchte, als er ſelber. Und nun gute Nacht, liebes Kind; und, wenn auch Mr. Simſon freilich kein Erwählter der Grazien iſt, ſo bedenke, daß viele Dinge in dieſer 211 Welt weit mehr belacht zu werden verdienen, als jede Unbeholfen⸗ heit des Benehmens oder Einfalt des Charakters.“ Nach einigen Tagen verließen Mr. und Mrs. Mac⸗Morlan Woodbourne, nachdem ſie ihrem frühern Gaſte zärtlich Lebewohl geſagt hatten. Der Haushalt war nun in der neuen Wohnung völlig eingerichtet. Die jungen Damen theilten ihre Studien und ihre Unterhaltung miteinander. Oberſt Mannering war angenehm überraſcht, als er fand, daß Miß Bertram des Franzöſiſchen und Italieniſchen wohl kundig war,— Dank dem Fleiße des Dominie Simſon, der ſich im Stillen ebenſowohl mit den meiſten neuen, wie mit den alten Sprachen bekannt gemacht hatte. Von Muſik verſtand ſie wenig oder nichts, aber ihre neue Freundin übernahm es, ihr Unterricht zu geben; dafür lernte ſie von Lucy die Gewohn⸗ heit, zu Fuße ſpazieren zu gehen, zu reiten und den nöthigen Muth, der rauhen Jahrszeit zu trotzen. Mannering bemühte ſich, ihnen zur Abendunterhaltung ſolche Bücher zu verſchaffen, welche neben dem Unterhaltenden auch ſolide Belehrung geben, und während er ihnen mit Gefühl und Geſchick vorlas, verſtrichen die Winter⸗ nächte ſehr angenehm. Wo ſo viel Anziehendes war, mußte ſich bald Geſellſchaft ein⸗ finden. Die meiſten der benachbarten Familien beſuchten Oberſt Mannering, und er konnte bald diejenigen unter ihnen wählen, die ſeinem Geſchmack und ſeinen Gewohnheiten am meiſten zuſagten. Charles Hazlewood ſtand beſonders hoch in ſeiner Gunſt und war, nicht ohne Zuſtimmung und Billigung ſeiner Aeltern, ein häufiger Gaſt; man kann nicht wiſſen, meinten ſie, was aus ſeinen fortgeſetz⸗ ten Aufmerkſamkeiten entſtehen kann, und die ſchöne Miß Man⸗ nering von hoher Abkunft, mit indiſchem Reichthum, iſt wohl werth, um ein Auge auf ſie zu haben. Durch eine ſolche Ausſicht verblendet, erwogen ſie nie die Gefahr, die ſchon einmal ihre Be⸗ ſorgniß rege gemacht hatte, daß ſeine jugendliche und unüberlegte . 14* Einbil dungskraft ihm eine Neigung zu der unbemittelten Lucy Bertram einflößen könnte, welche nichts auf der Welt hatte, was ſie empfehlen konnte, außer ein hübſches Geſicht, gute Herkunft und einen äußerſt liebenswürdigen Charakter. Mannering war vorſichtiger. Er betrachtete ſich ſelbſt als Miß Bertrams Vor⸗ ſtand, ſo legte er dieſem Umgange doch allmählig ſolche Beſchrän⸗ rung zu verhindern, bis der junge Mann etwas mehr vom Leben und von der Welt geſehn, und das Alter erreicht haben würde, wo er als berechtigt gelten konnte, der Angelegenheit zu faſſen, bei welcher ſein Glück ſo ſehr bethei⸗ ligt war. Während Alles dies die Aufmerkſamkeit der übrigen Mitglie⸗ der der Familie zu Woodbourne in Anſpruch nahm, war Domi⸗ nie Simſon mit Leib und Seele beſchäftigt, des verſtorbenen Biſchoffs Bibliothek zu ordnen, welche von Liverpool zur See ab⸗ geſendet war und nun in dreißig oder vierzig Karren aus dem See⸗ hafen herbeigeſchafft wurde, in welchem ſie an's Land gebracht war. Simſons Freude, als er den gewichtigen Inhalt jener Kiſten be⸗ trachtete, die auf den Dielen des großen Zimmers aufgeſtellt waren, und die er in die Schränke bringen ſollte, iſt über alle Beſchreibung. Er grinzte wie ein Oger, ſchwang ſeine Arme gleich Windmühl⸗ flügeln und jauchzte:„ Wun⸗der⸗bar!“ bis die Decke des Ge⸗ machs vor ſeinem Entzücken dröhnte.„Er hatte nie,“ wie er ſagte,„ſo viele Bücher beiſammen geſehn, außer in der Univer⸗ ſitätsbibliothek;“ und nun erhob ihn ſeine Würde und ſeine Freude, indem er Verwalter dieſer Sammlung war, in ſeiner eignen Mei⸗ nung faſt bis zum Range des akademiſchen Bibliothekars, den er 213 ſtets als den größten und glücklichſten Mann auf Gottes Erdboden betrachtet hatte. Auch wurde ſein Entzücken nicht durch eine ha⸗ ſtige Unterſuchung des Inhalts dieſer Bände vermindert. Einige ſchönwiſſenſchaftliche, Gedichte, Schauſpiele oder Memoiren ſtieß er allerdings unwillig bei Seite, begleitet von einem„Pfui!“ oder „leichtfertig Zeug!“ der größere und gewichtigere Theil der Samm⸗ lung jedoch war von ganz anderm Charakter. Der verſtorbene Prälat, ein Gottesgelehrter nach altem und tiefgelehrtem Schlag, hatte ſeine Schränke mit Bänden belaſtet, welche die alten und ehr⸗ würdigen Attribute trugen, welche ein neuerer Dichter ſo glücklich ſchildert: Die Schal' aus Holz, mit Leder nett umſchloſſen, Die großen Klammern, aus Metall gegoſſen, Der rothe Schnitt, die enggedruckten Spalten, Die ſchon ſeit Jahren niemand mocht' entfalten, Der ſtarrgewölbte Rücken, wo voll Pracht In bleichem Golde noch der Titel lacht. Theologiſche Bücher, religiöſe Streitſchriften, Commentare und Polyglotten, Ausgaben der Kirchenväter, Predigten, deren jede allein ſo ſtark als zehn kurze moderne Reden, wiſſenſchaftliche Werke alter und neuer Zeit, klaſſiſche Autoren in den beſten und ſeltenſten Editionen; dergleichen war's, woraus des ſeligen Bi⸗ ſchoffs Bibliothek beſtand, und über dergleichen glitt Simſons Blick voll Entzücken hin. Er trug Alles in ſeiner beſtmöglichen Handſchrift in den Katalog ein, indem er jeden Buchſtaben ſo ſchön malte, wie ein Verliebter am Valentinstag ſchreibt, und je⸗ des Werk ſtellte er in das beſtimmte Fach, und zwar mit all der Ehrfurcht, welche ich von einer Dame einer alten Porzellantaſſe ſchenken ſah. Bei all dieſem Eifer ging ſeine Arbeit langſam vor⸗ wärts. Oft öffnete er mitten auf der Bücherleiter einen Band, ſtieß auf eine intereſſante Stelle, und fuhr, ohne der unbequemen 214 Lage zu denken, ſo lange mit der bezaubernden Lectuͤre fort, bis ihn der Bediente am Rock zupfte und meldete, daß man ihn bei Tiſche erwarte. Dann eilte er zum Speiſezimmer, ſtopfte ſein Eſſen in ſeine geräumige Kehle hinunter, und zwar in drei Zoll ſtarken Biſ⸗ ſen, antwortete mit Ja und Nein auf's Gerathewohl, was man ihn auch immer fragen mochte, und ſtürzte ſodann wieder nach der Bibliothek zurück, ſobald er die Serviette abgelegt hatte oder auch wohl dieſelbe noch, wie ein Lätzchen, am Halſe tragend— „Wie ſelig ſo die Tage Von Thalaba entflohen!“— und nachdem wir ſo die Hauptcharaktere unſerer Erzählung in einer Lage gelaſſen haben, die behaglich genug für ſie ſelber, aber natürlich ganz unintereſſant für den Leſer iſt, nehmen wir die Geſchichte einer Perſon wieder auf, welche bis jetzt faſt nur mit Namen erwähnt worden iſt, und die gleichwohl all die Theilnahme in Anſpruch nimmt, welche ungewißheit des Schickſals und Miß⸗ geſchick erregen können. Ende des erſten Theiles. Erſtes Kapitel. Wie ſagſt du, Weiſer! daß der Liebe Macht Des Schickſals ärgſte Tücken kühn verlacht? Daß Würdiges ſich Würdigem verbindet, Und Geiſtesſtolz zu Ahnenſtolz ſich findet? Crabbe. V. Brown— ich will dieſen dreimal unſeligen Namen nicht in ſeiner ganzen Länge geben— war von Kindheit an ein Spielball des Schickſals geweſen; aber die Natur hatte ihm jene Elaſticität des Geiſtes gegeben, welche nach dem Drucke nur um ſo höher ſtei⸗ gen läßt. Seine Geſtalt war groß, männlich, gewandt und ſeine Geſichtszüge entſprachen ſeiner übrigen Perſönlichkeit; denn waren ſie auch keineswegs regelmäßig zu nennen, ſo lag doch der Ausdruck . der Klugheit und Herzensgüte darin; wenn er ſprach, oder ſich in beſonders lebhafter Stimmung befand, erſchien er ſtets höchſt inter⸗ eſſant. Sein Benehmen verrieth den militäriſchen Beruf, den er freiwillig erwählt hatte und in welchem er jetzt bis zum Rang eines Hauptmanns geſtiegen war; der Nachfolger des Oberſt Man⸗ nering hatte ſich nämlich bemüht, die Ungerechtigkeit, welche Brown durch jenes Herrn Vorurtheil erfahren hatte, wieder aus⸗ Guy Mannering. II. 1 zugleichen. Dies jedoch, ſo wie ſeine Befreiung aus der Gefan⸗ genſchaft, fand erſt ſtatt, nachdem Mannering Indien verlaſſen hatte. Brown folgte kurz nachher, indem ſein Regiment in die Heimat gerufen ward. Sein erſtes Geſchäft war, ſich nach der Familie Mannering zu erkundigen, und da er bald erfuhr, daß ſie ihren Weg nördlich genommen hatten, folgte er ihnen mit dem Vorſatze, ſeine Bewerbungen um Julien fortzuſetzen. Ihrem Vater glaubte er keine Rückſichten ſchuldig zu ſein; denn, unbe⸗ kannt mit dem Gifte des Argwohns, welches man dem Oberſt ein⸗ geflößt hatte, betrachtete er denſelben nur als tyranniſchen Ariſto⸗ kraten, der ſeine Gewalt als Befehlshaber dazu mißbrauchte, um ihn des wohlverdienten Vorzugs zu berauben, und der ihn über⸗ dies zu perſönlichem Kampfe aus keinem beſſern Grund zwang, als weil er einer hübſchen jungen Dame Artigkeiten erwies, die ihr ſelbſt angenehm und von ihrer Mutter überdies gebilligt und geſtat⸗ tet waren. Deßhalb war er entſchloſſen, keine abſchlägige Ant⸗ wort anzunehmen, außer von der jungen Dame ſelbſt, indem er ſeine ſchmerzliche Wunde und Gefangenſchaft als direkte Beleidi⸗ gungen von Seiten des Vaters betrachtete, wodurch er ſich aller weitern Rückſichten gegen denſelben überhoben fühlte. Wie weit ſein Plan gediehen war, als Mr. Mervyn ſeinen nächtlichen Beſuch entdeckte, davon ſind unſre Leſer bereits unterrichtet. In Folge dieſes unangenehmen Begegniſſes entfernte ſich Hauptmann Brown aus dem Wirthshauſe, wo er unter dem Na⸗ men Dawſon gewohnt hatte, ſo daß Oberſt Mannerings Verſuche, ihn zu entdecken und auszuſpüren, vergeblich waren. Doch war er entſchloſſen, ſich durch keine Schwierigkeit von ſeinem Vorhaben abſchrecken zu laſſen, ſo lange ihm Julie noch einen Strahl der Hoffnung ließ. Die Theilnahme, die er ſich in ihrem Buſen er⸗ weckt hatte, war zu ſtark, als daß ſie ihm dieſelbe hätte verbergen können, und mit all dem Muthe romantiſcher Ritterlichkeit nahm er ſich vor, beharrlich zu ſein. Doch wir glauben, es werde dem Leſer angenehm ſein, ſeine Denkweiſe und ſeine Abſichten aus ſei⸗ nen eignen Mittheilungen kennen zu lernen, die er an ſeinen ver⸗ trauten Freund, Hauptmann Oelaſerre, einen vornehmen Schwei⸗ zer, richtete, welcher in ſeinem Regimente eine Compagnie hatte. Auszug. „Laß mich bald von dir hören, lieber Delaſerre.— Bedenke, daß ich nichts von den Angelegenheiten unſers Regiments erfahren kann, als durch deine freundliche Vermittelung, und doch verlangt mich, zu wiſſen, was aus dem Kriegsgericht zu Ayro geworden iſt und ob Elliot die Majorität für ſich hat; desgleichen, wie die Rekrutirung vor ſich geht, und wie den jungen Offizieren ihr Tiſch gefällt. Nach unſerm alten Freund, dem Oberſt⸗Lieutenant, brauch' ich nicht zu fragen; ich ſah ihn, als ich durch Nottingham reiſte, glücklich im Schooße ſeiner Familie. Welch ein Glück, Philipp, iſt es für uns arme Teufel, noch ſolch einen kleinen Ruhe⸗ platz zwiſchen dem Felde und dem Grabe zu haben, wenn wir der Krankheit, dem Schwerte, dem Blei und den Folgen eines harten Kriegerlebens entgangen ſind! Ein ausgedienter alter Soldat iſt immer ein würdiger und geachteter Charakter. Er murrt dann und wann ein Wenig, aber dann iſter auch wohl dazu berechtigt— wollte ein Advocat, ein Arzt oder ein Geiſtlicher ein Klagelied über Unglück und Vernachläſſigung anſtimmen, ſo würden ihm alsbald hundert Zungen ſeine eigene Unſchicklichkeit als Grund vorwerfen. Aber dem ſtupideſten Veteran, der je ſeine zehnmal erzählte Geſchichte von einer Belagerung oder Schlacht herſtammelte, hört man mit Theilnahme und Ehrfurcht zu, wenn er ſeine dünnen Locken ſchüt⸗ telt und unwillig von den Knaben ſchwatzt, die ihm vorgeſetzt ſind. Und du und ich, Delaſerre, die wir beide Fremde ſind— denn ich 1* 4 muß mich ja doch auch dafür halten, obwohl ich eigentlich ein Schotte bin, weil die Engländer, könnt' ich meine Abkunft be⸗ weiſen, mich kaum als Landsmann anerkennen würden— wir kön⸗ nen ſtolz darauf ſein, daß wir unſre Beförderung erfochten haben, und durch das Schwert gewannen, was wir auf andere Weiſe nicht erlangen konnten, da uns das Geld dazu fehlte. Die Engländer ſind ein kluges Volk. Während ſie ſich ſelbſt loben und ſich den An⸗ ſchein geben, als ſchätzten ſie alle andre Völker gering, laſſen ſie uns zum Glück Hinterthüren offen, durch welche wir von der Natur weniger begünſtigten Fremden einen Theil ihrer Vortheile erlangen können. Und ſo gleichen ſie in mancher Hinſicht einem prahleriſchen Gaſtwirth, welcher den Werth und Wohlgeſchmack ſeines ſechsjäh⸗ rigen Schöpſes lobt, während es ihn doch freut, allen in der Ge⸗ ſellſchaft davon mittheilen zu köͤnnen. Kurz, du, den ſeine ſtolze Familie, und ich, den ſein hartes Geſchick zum Krieger Fortunens machte, wir haben doch ſtets die angenehme Erinnerung, daß, wo uns im britiſchen Dienſte Hemmniſſe begegnen, nur der Mangel des Geldes daran ſchuld war, indem wir den Zoll am Schlagbaum nicht entrichten konnten; nicht aber, als hätten wir überhaupt die Straße nicht bereiſen dürfen. Kannſt du daher den kleinen Wei⸗ ſchel bereden, einer der Unſern zu werden, ſo laß ihn in Gottes Namen die Fähndrichsſtelle kaufen, ſich gut aufführen, ſeine Pflicht thun und ſeine weitere Beförderung dem Schickſal über⸗ laſſen. „Und nun wirſt du, wie ich hoffe, höchſt begierig ſein, das Ende meines Romans zu erfahren. Ich erzählte dir, daß ich es für gut fand, mit Dudley, einem jungen engliſchen Künſtler, mit dem ich bekannt geworden, eine Fußreiſe von einigen Tagen in die Berge von Weſtmoreland zu unternehmen. Es iſt dieſer Dudley ein recht hübſcher Burſch, mußt du wiſſen, Delaſerre— er malt erträglich, zeichnet ſchön, unterhält ſich gut und ſpielt die Flöte 5 —— 5 —— 5 zum Bezaubern; und obwohl er auf dieſe Weiſe gar wohl berechtigt wäre den Genialen zu ſpielen, ſo iſt er doch wirklich ein beſcheidner, anſpruchloſer junger Mann. Als wir von unſrer kleinen Reiſe zu⸗ rückkehrten, erfuhr ich, daß der Feind recognoscirt hatte. Mr. Mervyns Boot hatte den See gekreuzt, wie mir der Wirth ſagte, und der Squire ſelbſt nebſt einem Gaſte war darin geweſen. „Wie ſah der Mann aus, Herr Wirth! „Nun, es war ein finſterer, militäriſch ausſehender Mann, den ſie Oberſt nannten— Squire Mervyn verhörte mich ſo genau, als ſtänd' ich vor den Aſſiſen— aber ich war nicht ſo dumm, Mr. Dawſon“—(wie ich dir ſagte, war dies mein angenommener Name)—„aber ich ſagte ihm nichts von Ihren Streifereien und Nachtſpazierfahrten auf dem See— ich gewiß nicht— ich mache keinen Spaß, aber ich verderb' auch keinen— und der Squire Mer⸗ vyn, das iſt nun ein Griesgram— er wird ſchon wild, wenn meine Gäſte nur an ſeinem Hauſe landen, und das iſt doch als vierte Sta⸗ tion auf der Karte verzeichnet. Nein, nein, will er was wiſſen, ſo mag er's ſelbſt ausſpioniren, bei Joe Hodges erfährt er nichts.“—— „Du ſiehſt wohl, daß mir hier nichts weiter übrig blieb, als des ehrlichen Joe Hodges Rechnung zu bezahlen und Abſchied zu nehmen, wofern ich es nicht vorziehn wollte, ihn zum Vertrauten zu machen, aber dafür ſpürte ich keine Neigung in mir. Ueberdieß erfuhr ich, der ci- devant Oberſt ſei im vollen Rückzuge nach Schottland begriffen und nehme die arme Julie mit ſich hinweg. Ich vernehme von denen, welche ſein ſchweres Gepäck beſorgen, daß er ſein Winterquartier auf einem Orte nimmt, welcher Wood⸗ bourne heißt, in—— ſhire in Schottland. Er wird jetzt gehörig auf der Hut ſein, und ſo muß ich ihn jetzt ohne einen neuen An⸗ griff ziehn laſſen. Aber dann, mein guter Oberſt, dem ich ſo viel Dank ſchuldig bin, ſorge gehörig für deine Vertheidigung. „In Wahrheit, Delaſerre, ich glaube oft, daß der Geiſt des Widerſpruchs auch ein Wenig den Eifer in meiner Beſtrebung un⸗ terſtützen hilft. Ich denke, ich würde den ſtolzen höhniſchen Mann lieber in die Nothwendigkeit verſetzen, ſeine Tochter Mrs. Brown nennen zu müſſen, als daß ich ſie mit ſeiner vollen Zuſtimmung und mit des Königs Erlaubniß, Titel und Wappen Mannerings zu führen, heirathete, wenn ich auch ſein ganzes Vermögen zu⸗ gleich mit erhalten ſollte. Ein einziger Umſtand iſt vorhanden, der mich ein wenig bange macht— Julie iſt jung und ſchwärmeriſch. Ich möchte ſie nicht gern zu einem Schritte treiben, den ſie in rei⸗ fern Jahren bereuen könnte, gewiß nicht;— eben ſo wenig möchte ich, daß ſie mir, und wär' es nur mit einem Blicke, vorwärfe, ihr Glück zerſtört zu haben— und noch weit weniger möcht' ich ihr Grund geben, zu ſagen,(wie es manche gegen ihren Gemahl zu thun pflegen,)„hätt' ich Zeit zur Ueberlegung gehabt, ſo würd' ich klüger und beſſer gehandelt haben.“ Nein, Delaſerre— dies darf nicht geſchehn. Dieſe Ausſicht laſtet ſchwer auf mir, weil ich weiß, daß ein Mädchen in Julias Lage keine beſtimmte und⸗genaue Idee von dem Werthe des Opfers hat, welches ſie bringt. Sie kennt Schwierigkeiten nur dem Namen nach; und wenn ſie an Liebe und eine Hütte denkt, ſo iſt dies die romantiſche Hütte eines Luſtparkes, wie ſie nur in poetiſchen Schilderungen oder im Park eines Gentle⸗ mans von zwölftauſend Pfund Einkünfte exiſtirt. Sie würde ſchlecht vorbereitet ſein auf die Entbehrungen einer wirklichen Schweizerhütte, wovon wir ſo oft ſprachen, und auf die Schwie⸗ rigkeiten, die uns ſchon umringen würden, bevor wir noch jenen Hafen erreichten. Dieſer Punkt muß gehörig erörtert werden. Obwohl Juliens Schönheit und zärtliche Neigung einen ewig un⸗ auslöſchlichen Eindruck auf mein Herz gemacht haben, ſo muß ich doch überzeugt ſein, daß ſie die Vortheile, die ſie vergeſſen will, ge⸗ hörig würdigen kann, ehe ſie dieſelben meinetwegen opfert. 7 „Bin ich zu ſtolz, Delaſerre, wenn ich glaube, daß ſelbſt dieſe Prüfung günſtig für meine Wünſche beſtanden werden wird? — Bin ich zu eitel, wenn ich annehme, daß die wenigen perſön⸗ lichen Eigenſchaften, die ich beſitze, verbunden mit ſehr mäßigen Mitteln zum Unterhalt, und ſodann der Entſchluß, mein Leben ih⸗ rem Glücke zu weihen, daß dies ſie für die Opfer entſchädigen kann, die ſie mir bringen ſoll! Oder wird ein unterſchied in der Klei⸗ dung, der Bedienung, der vornehmen Lebensweiſe, wie man die Freiheit heißt, nach Belieben die Orte zu beſtimmen, wo man Un⸗ terhaltung ſuchen will— wird alles dies in ihrer Meinung durch die Ausſicht auf häusliches Glück und den Austauſch unwandelba⸗ rer liebender Neigung aufgewogen werden? Ich ſage nichts von ihrem Vater;— ſeine guten und ſchlimmen Eigenſchaften ſind ſo ſeltſam vermiſcht, daß die erſtern durch die letztern neutraliſirt werden; und das, was ſie als Tochter ungern miſſen würde, iſt mit dem, was ſie leichten Herzens verlaſſen könnte, ſo in eins ver⸗ ſchmolzen, daß die Trennung des Vaters und Kindes ein Umſtand iſt, auf den ich in dieſem merkwürdigen Falle wenig Gewicht lege. Unterdeſſen halt' ich meinen Muth aufrecht, ſo gut ich's vermag. Ich habe zu viel Beſchwerden und Mißlichkeiten erfahren, als daß ich voreilig auf glücklichen Erfolg rechnen ſollte, und ebenſo hab' ich zu oft wunderbare Hilfe gefunden, als daß ich muthlos ſein ſollte. „Ich wollte du ſäheſt dies Land. Die Scenerie würde dich gewiß erfreuen. Wenigſtens ruft ſie mir oft deine glühenden Schil⸗ derungen deiner eignen Heimat ins Gedächtniß. Für mich hat ſie großentheils den Reiz der Neuheit. Von den ſchottiſchen Bergen habe ich, obwohl man mich oft verſicherte, ich ſei dort geboren, nur eine unbeſtimmte Idee. Meine Erinnerung weilt wirklich faſt nur bei der weiten Oede, die ſich meiner jugendlichen Phantaſie einprägte, als ich die Ebenen der Inſel Zeeland überſchaute, ich be⸗ ſinne mich ſaſt auf nichts, was jenem Eindrucke vorausging; nur aus dem damaligen Staunen und einigen dunkeln frühern Erinne⸗ rungen weiß ich, daß ich in einer frühern Zeit mit Höhen und Fel⸗ ſen vertraut war, und dieſe(obwohl mir nur mittelſt des Kon⸗ traſtes erinnerlich, ſo wie durch das Gefühl des Oeden, welches ich empfand, als ich zuerſt auf die leere, platte Fläche ringsum ſah,) müſſen wohl einen unvertilgbaren Eindruck in meiner kind⸗ lichen Einbildungskraft zurückgelaſſen haben. Als wir zum erſten⸗ mal den berühmten Bergpaß im Lande Myſore beſtiegen, und die meiſten andern nur Ehrfurcht und Staunen über die Hoheit und Größe der Scenerie empfanden, theilte ich, ſoviel ich mich ent⸗ ſinne, vielmehr deine und Camerons Gefühle, deren Bewunde⸗ rung ſolch wilder Felspartien mit heimatlicher Liebe gemiſcht war, die bei mir aus einer Ideenverbindung aus früherer Zeit entſprang. Trotz meiner holländiſchen Erziehung erſcheint mir ein blauer Berg wie ein Freund, und ein rauſchender Bergſtrom gemahnt mich wie der Sang einer Amme, der mich in der Kindheit beruhigte. Nie machten Seen und Berge einen ſo lebhaften Eindruck auf mich, als in dieſem Lande, und nichts thut mir ſo leid, als daß dich die Pflicht verhindert, an meinen häufigen Excurſionen in dieſen Thä⸗ lern Theil zu nehmen. Einige Zeichnungen habe ich verſucht, aber ich bringe nichts Gutes zu Stande— Dudley hingegen zeichnet herrlich, mit treffender, zauberiſch wirkender Gewandtheit, wäh⸗ rend ich mich abmühe, dies zu ſchwerfällig, jenes zu leicht auf⸗ nehme, und am Ende nur eine häßliche Karrikatur zu Wege bringe. Ich muß mich an das Flageolet halten, denn Muſik iſt die einzige der Künſte, welche mich als den Ihrigen anerken⸗ nen will. 3 „Weißt du ſchon, daß Oberſt Mannering auch ein Zeichner iſt?— wohl nicht, denn er verſchmähte es, ſeine Fertigkeiten vor den Augen eines Untergebenen zu entfalten. Er zeichnet übrigens — 9 ſchön. Nachdem er und Julie Mervyn⸗Hall verlaſſen hatten, ward Dudley dorthin berufen. Der Squire wünſcht, wie es ſcheint, eine Reihe von Zeichnungen vervollſtändigt zu ſehen, wovon Mannering die erſten vier vollendet hatte, als ihn ſeine eilige Ab⸗ reiſe in der Arbeit unterbrach. Dudley ſagt, er habe ſelten etwas ſo meiſterhaftes und doch zugleich ſo einfaches geſehn; und jedem Blatte iſt überdies eine kurze poetiſche Schilderung beigefügt. Iſt Saul, wirſt du ſagen, unter den Propheten!— Oberſt Manne⸗ ring macht Verſe!— Gewiß hat ſich dieſer Mann all die Mühe ge⸗ geben, ſeine Fertigkeiten zu verbergen, die ſich Andre geben, ſie an den Tag zu legen. Wie zurückhaltend und ungeſellig erſchien er unter uns— wie wenig geneigt, ſich in eine Unterhaltung einzulaſ⸗ ſen, die allgemeines Intereſſe erregen konnte!— Und dann ſeine Zuneigung zu dem unwürdigen Archer, der in jeder Beziehung ſo tief unter ihm ſtand; und dies nur, weil er der Bruder des Vis⸗ count Archerfield, eines armen ſchottiſchen Barons, war! Ich glaube, daß Archer, wenn er die Wunden aus der Affaire bei Cud⸗ dyboram länger überlebt hätte, etwas erzählt haben würde, was das Widerſprechende im Charakter dieſes ſonderbaren Mannes auf⸗ geklärt hätte. Er wiederholte mir mehr als einmal:„ich habe et⸗ was zu ſagen, was Ihre harte Meinung von unſerm ehemaligen Oberſten ändern wird!“ Aber der Tod kam zu ſchnell, und wenn er mir eine Genugthuung ſchuldig war, wie einige ſeiner Aus⸗ drücke anzudeuten ſchienen, ſo ſtarb er, bevor er ſie gewähren konnte. „Ich beabſichtige noch eine weitere Excurſion durch dies Land, ſo lange dies ſchöne Froſtwetter anhält, und Dudley, der faſt ein ſo guter Fußgänger iſt wie ich ſelbſt, wird mich ein Stück Weges begleiten. Wir trennen uns an der Gränze von Cumberland, wo er nach ſeiner Wohnung in Marybone, drei Treppen hoch, zurückkehren muß, um dem obzuliegen, was er den handwerksmä⸗ ßigen Theil ſeiner Kunſt nennt. Es kann, ſagt er, kein ſo großer Unterſchied zwiſchen zwei verſchiedenen Lebensweiſen ſein, als zwi⸗ ſchen derjenigen, wo der begeiſterte Künſtler die Gegenſtände ſeiner Zeichnungen verſucht, und jener, wo er nothgedrungen ſein Port⸗ folio durchblättern muß, um den Inhalt der anmaßenden Fühllo⸗ ſigkeit oder der noch anmaßendern Kritik modiſcher Kunſtfreunde vorzulegen.„Während des ſommerlichen Theils meines Jahres,“ ſagt Dudley,„bin ich ſo frei wie ein wilder Indianer, und ge⸗ nieße meine Freiheit in den großartigſten Scenen der Natur; aber während meines Winters und Frühlings bin ich nicht nur einge⸗ engt, gefangen und beſchränkt in meinem elenden Stübchen, ſon⸗ dern auch dazu verdammt, mich auf unerträgliche Weiſe den Lau⸗ nen Anderer und einer nichtsſagenden Geſellſchaft zu fügen, als ob ich im buchſtäblichen Sinne ein Galeerenſklav wäre.“ Ich habe ihm deine Bekanntſchaft verſprochen, Delaſerre; du wirſt dich an ſeinen Kunſtproben erfreuen, und er ſich an deiner ſchweizeriſchen Leidenſchaft für Berge und Waſſerfälle. „Man ſagt mir, daß ich aus der Gegend, wo ich Dudleys Geſellſchaft verliere, leicht nach Schottland gelangen kann, indem ich eine wilde Gegend im obern Theile Cumberlands durchkreuze; dieſer Richtung werd' ich folgen, um dem Oberſt Zeit zu laſſen, ſein Lager zu befeſtigen, eh' ich ſeine Richtung recognoscire.— Adieu, Delaſerre— ich werde ſchwerlich noch einmal Gelegenheit zum Schreiben finden, eh' ich Schottland erreiche.“ 3 Zweites Kapitel. Wohlan! auf allen Straßen zieh, Wohlan! weit in der Runde; Ein luſtig Herz ermüdet nie, Ein Tropf in einer Stunde. Wintermärchen. Der Leſer möge ſich einen hellen froſtigen Novembermorgen vorſtellen, als Schauplatz eine offene Heide, welche zum Hinter⸗ grunde jene hohe Gebirgskette hat, in welcher der Skiddaw und Saddleback hervorragen; ferner möge er auf dem blinden Wege hinausſehen, worunter ich den Pfad verſtehe, welcher durch die Fuß⸗ tritte des Wanderers nur ſo leicht angedeutet iſt, daß er ſich allein durch etwas lichteres Grün von der dunklern Heide ringsum unter⸗ ſcheidet und überhaupt blos aus der Ferne für das Auge ſichtbar iſt, während er verſchwindet, wo ihn der Fuß wirklich beſchreitet— auf dieſem ſchwachbezeichneten Pfade nähert ſich der Gegenſtand unſerer jetzigen Erzählung. Sein feſter Gang, ſeine aufrechte, freie Haltung haben etwas Militäriſches, welches mit ſeinem ſtattlichen Wuchſe und der ſechs Fuß hohen Geſtalt wohl im Einklange ſteht. Seine Kleidung iſt ſo ſchlicht und einfach, daß ſich daraus nicht auf ſeinen Rang ſchließen läßt— es könnte die eines vornehmen Mannes ſein, der auf dieſe Weiſe zu ſeinem Vergnügen reiſt, oder die einer Perſon niedern Standes, für welche ſie die gewöhnliche und geeignete Tracht wäre. Nichts kann geringer und einfacher ſein als ſein Reiſegepäck. Ein Band von Shakespeare in jeder Taſche, ein kleines Bündel mit weniger Wäſche zum Wechſeln über der Schulter, ein Eichenſtock in der Hand,— dies zuſammengenommen macht die Bequemlichkeiten unſrers Fußwanderers aus, und in dieſem Aufzuge ſtellen wir ihn unſern Leſern vor.. Brown hatte dieſen Morgen von ſeinem Freunde Dudley Ab⸗ ſchied genommen und ſeinen einſamen Weg nach Schottland ange⸗ treten. Die erſte Meile legte er in etwas melancholiſcher Stimmung zurück, weil er die Geſellſchaft entbehrte, an die er ſich in der letzten Zeit gewöhnt hatte. Aber dieſer ungewöhnliche Trübſinn wich bald ſeiner natürlichen heitern Laune, welche durch die Bewegung und die kräftige Einwirkung der froſtigen Luft neu geweckt wurde. Er pfiff im Gehn, nicht„aus Mangel an Gedanken,“ ſondern um dem Drange der Gefühle, die er auf andre Weiſe nicht ausdrücken konnte, Luft zu machen. Für jeden Bauer, dem er begegnete, hatte er einen freundlichen Gruß oder einen fröhlichen Scherz; die biedern Cum⸗ berländer grinzten freundlich, während ſie vorübergingen und ſag⸗ ten:„das iſt'n luſtiger Patron, Gott ſegn' ihn!“ und die Bauer⸗ dirne ſchaute noch mehr als einmal nach der athletiſchen Geſtalt zu⸗ rück, welche recht gut zu der freien und ſchlichten Anrede des Frem⸗ den paßte. Ein munterer Dachshund, ſein beſtändiger Gefährte, der mit ſeinem Herrn im Frohſinn wetteiferte, rannte luſtig auf der Heide umher, kam zurück, um an jenem emporzuſpringen und ihm die Verſicherung zu geben, daß er das Vergnügen der Reiſe theile. Dr. Johnſon meinte, daß das Leben wenig Beſſeres zu bieten hätte, als die Aufregung, in die man geriethe, wenn man ſchnell in einer Poſtchaiſe dahin rollte; wer aber in der Jugend das ſelbſtſtändige und unabhängige Gefühl eines rüſtigen Fußgängers in intereſſanter Gegend empfunden hat, und zwar bei ſchönem Wetter, der wird da⸗ für halten, daß ſich der Geſchmack des großen Moraliſten ſehr wohl⸗ feil habe befriedigen laſſen. Was Brown noch beſonders vermocht hatte, dieſen ungewöhn⸗ lichen Weg durch die öſtlichen Wildniſſe Cumberlands nach Schott⸗ land zu wählen, war der Wunſch, die Ueberreſte der berühmten rö⸗ miſchen Mauer zu ſehn, welche in dieſer Richtung weit ſichtbarer ſind, als an andern Punkten. Seine Erziehung war unvollkommen und oberflächlich geweſen, aber weder die geſchäftigen Scenen, von denen er umgeben war, noch die Vergnügungen der Jugend, noch ſeine eignen prekären Verhältniſſe, hatten ihn abgehalten, ſich eine geiſtige Ausbildung zu verſchaffen.—„Und dies iſt alſo die römiſche Mauer,“ rief er, eine Höhe erſteigend, welche den Lauf dieſes be⸗ rühmten Werkes des Alterthums beherrſchte:„Welch ein Volk! deſſen Arbeiten, ſelbſt an dieſem äußerſten Ende ſeines Reiches, ſol⸗ chen Raum einnahmen und ſo großartig ausgeführt wurden! In ſpäterer Zeit, wenn die Kriegskunſt ſich wieder verändert haben wird, wie wenige Spuren werden dann von den Arbeiten eines Vauban und Coehorn übrig ſein, während die Trümmer der Bau⸗ ten dieſes wunderbaren Volkes ſelbſt dann noch das Intereſſe und Staunen der Nachwelt erregen werden! Ihre Fortificationen, ihre Waſſerleitungen, ihre Theater, all' ihre öffentlichen Werke tragen den ernſten, gediegenen, majeſtätiſchen Character ihrer Sprache; während unſre modernen Arbeiten, wie unſre modernen Sprachen nur aus den Trümmern jener zuſammengeflickt erſcheinen.“ Nach dieſen Betrachtungen fühlte er, daß er hungrig war und verfolgte ſeinen Weg nach einem kleinen Wirthshaus, wo er ſich zu erfriſchen beſchloß. 14 Das Bierhaus, denn weiter war es nichts, lag in einem Thal⸗ grunde, durch welchen ein kleiner Bach rieſelte. Das Haus ward von einem großen Eſchenbaum beſchattet, an welchen eine Lehmhütte, die als Stall diente, angebaut war. In dieſer Hütte ſtand ein ge⸗ ſatteltes Pferd, welches eben mit ſeiner Mahlzeit beſchäftigt war. Die Hütten in dieſem Theile Cumberlands theilen das rohe Aeußere, welches die ſchottiſchen charakteriſirt. Das Aeußere des Hauſes ließ wenig vom Inneren hoffen, obwohl ein prahleriſches Schild, wo ein Bierkrug ſich freiwillig in ein Trinkglas ergoß, und ein hierogly⸗ phiſches Gekritzel darunter das Verſprechen auszudrücken verſuchte, daß hier„Gute Bedienung für Mann und Roß“ zu finden ſei. Brown war kein eigenſinniger Reiſender— er hielt an und betrat die Schenke. Das erſte was ſein Auge in der Küche erblickte, war ein großer rüſtiger Landmann, in einem weiten Reitrock gehüllt, der Eigenthü⸗ mer des Pferdes, welches im Stalle ſtand; er war beſchäftigt, einige große Schnitte gekochten Rindfleiſches zu verarbeiten und warf da⸗ bei von Zeit zu Zeit einen Blick durch's Fenſter, um zu ſehen, wie es ſeinem Roſſe draußen ſchmecke. Ein großer Bierkrug hatte neben ſeinem Teller Poſto gefaßt, und er ſprach ihm von Zeit zu Zeit tüch⸗ tig zu. Die gute Frau vom Hauſe war mit Backen beſchäftigt. Das Feuer brannte, wie gewöhnlich in dieſer Gegend, auf einem ſtei⸗ nernen Herde, in der Mitte eines ungeheuren Kamines, welcher mit zwei Bänken verſehen war. Auf einer derſelben ſaß eine außeror⸗ dentlich hochgewachſene Frau, gehüllt in einen rothen Mantel und mit einer gekrämpten Mütze auf dem Kopfe; übrigens war ihr Aeußeres das einer Keſſelflickerfrau oder Bettlerin. Sie war eifrig mit einer kurzen ſchwarzen Tabakspfeife beſchäftigt. Als Brown etwas zu eſſen verlangte, wiſchte die Wirthin mit ihrer mehligen Schürze eine Ecke des Tiſches ab, legte einen hölzer⸗ nen Teller, Meſſer und Gabel vor den Reiſenden und empfahl ihm, 15 Mr. Dinmonts gutem Beiſpiel zu folgen, indem ſie auf das Rindfleiſch deutete; ſchließlich füllte ſie ihm noch einen Krug mit ihrem Haus⸗ gebräu. Brown verlor keine Zeit, ſich des Fleiſches und Biers zu bedienen. EineZeitlang war ſein Tiſchgenoſſe und er zu ſehr beſchäf⸗ tigt, um Notiz von einander nehmen zu können, außer etwa durch ein freundliches Nicken, ſobald der eine oder andre den Bierkrug er⸗ hob. Endlich, als unſer Fußgänger anfing, dem kleinen Wasp etwas zu rechte zu machen, nahm der ſchottiſche Pächter, denn ein ſolcher war Mr. Dinmont, Gelegenheit, die Unterhaltung ein⸗ zuleiten. „Ein hübſcher Dachs, Sir— und gewiß gut zur Jagd— das heißt wenn er gut dreſſirt iſt, denn darauf kommt doch alles an.“ „Freilich, Sir,“ ſagte Brown,„ſeine Erziehung iſt etwas vernachläſſigt worden. Seine Haupttugend beſteht darin, daß er ein guter Geſellſchafter iſt.“ „Wirklich, Sir! das iſt Schade, bitt' um Verzeihung— das iſt ſehr Schade— Vieh oder Menſch, Erziehung ſollte nie fehlen. Ich habe ſechs Dachſe zu Hauſe, ungerechnet zwei Paar Jagdhunde, fünf Windſpiele und noch mehrere andre Köter. Da iſt der alte Pepper und der alte Muſtard, der junge Pepper und der junge Mu⸗ ſtard, und der kleine Pepper und der kleine Muſtard— die hab' ich alle regelrecht dreſſirt, erſt auf Kaninchen, dann auf Wieſel u. dergl., und endlich auf Füchſ' und Dächſe— und nun fürchten ſie ſich vor nichts, was ihnen mit haarigem Fell begegnet.“ „Ich glaub' es wohl, Sir, ſie ſind gut dreſſirt— aber bei einer ſo großen Hundezahl ſcheinen Sie mir doch eine ſehr beſchränkte Zahl von Namen dafür zu haben!“ „O, das iſt ſo meine Art, um die Race genau zu merken und rein zu halten— der Herzog ſelber hat ſchon bis nach Charleshope geſchickt, um einen von Dinmonts Pepper⸗ oder Muſtarddächſen zu bekommen— Ja, er ſchickte den Förſter Tam Hudſon; da gab es 16 eine Hetzerei mit den Füchſen und Mardern, wir haben ſeitdem nichts ähnliches erlebt! Wahrlich, das war eine Nacht!“ „Vermuthlich haben Sie hier viel Wild?“ „Viel, Herr! Ich glaube, es gibt mehr Haſen als Schaafe auf meinen Feldern; und was die Haſel⸗ und Feldhühner betrifft, die liegen ſo dicht, wie die Tauben im Taubenſchlag— Schoſſen Sie ſchon einmal einen Birkhahn, Herr?“ „Wahrhaftig, ich hatte noch nicht einmal das Vergnügen, einen zu ſehn, außer im Muſeum zu Keswick.“ „Da haben wir's— ich konnte das an der ſüdländiſchen Sprache merken—'s iſt recht närriſch, daß es ſo wenige unter den engliſchen Leuten gibt, die hieher kommen, welche einen Birkhahn geſehn haben!— Hören Sie an— Sie ſcheinen ein wackrer Burſch, und wenn Sie bei mir vorſprechen wollen, bei Dandy Dinmont zu Charleshope— da ſollen Sie einen Birkhahn ſehn, einen Birkhahn ſchießen und obendrein einen Birkhahn eſſen, Herr!“ „Ei, das Eſſen ſoll die Hauptſache ſein, gewiß, Sir; ich werde mich glücklich ſchätzen, wenn ich Zeit haben werde, Ihrer Einladung zu folgen.“ „Zeit! Können Sie nicht gleich mit mir nach Hauſe gehen! Wie reiſen Sie!“ „Zu Fuße, Sir; und wenn das hübſche Pferd im Stall das Ihre iſt, ſo würd' es unmöglich für mich ſein, Schritt mit Ihnen zu halten.“ „Ja freilich, Sie müßten denn ſieben Stunden Wegs in einer machen können. Aber Sie können doch vor Nacht bis Riccarton kom⸗ men, und dort iſt ein Wirthshaus— oder wenn Sie lieber bei Jockey Grieve auf der Heide bleiben wollen, der würde Sie recht gern aufnehmen; und ich reite ohnedies vorbei und trink' ein Gläs⸗ chen mit ihm an der Thüre, da kann ich ihm gleich ſagen, daß Sie kommen wollen— oder halt! gute Frau, könnt' ihr dem Gentleman 17 man hier nicht euren Gaul borgen, ich werd' ihn morgen früh wie⸗ der mit dem Knecht zurückſchicken.“ Der Gaul war auf's Feld gelaſſen und war ſchwer zu fangen— „Na, da hilft nun nichts, aber kommen Sie morgen auf jeden Fall. — Uund nun, Frau Wirthin, muß ich zureiten, damit ich vor Dun⸗ kelwerden zur Furth bin, denn eure Heide hier iſt nicht geheuer, ihr wißt ſchon.“ „Pfui, Mr. Dinmont, das iſt nicht hübſch, die Gegend in ſchlechten Ruf zu bringen— ˙s iſt doch niemand in der Heide beun⸗ ruhigt worden, ſeit Sawny Culloch vor zwei Jahren, worauf Rowley Overdees und Jock Penny zu Carlisle aufgehangen wurden. Kein Menſch lebt in Beweaſtle, der jetzt ſo was thun möchte— wir ſind jetzt ein ehrliches Volk hier.“ 5 „Ei, Tib, das wird ſo ſein, wenn der Teufel blind iſt— aber ſein Auge iſt noch recht gut. Seht an, Wirthin, ich habe die meiſten Orte von Galloway und Dumfries⸗ſhire beſucht, war in der Runde überall bei Carlisle und auf dem Jahrmarkte zu Staneshiebank; ſollt ich nun nach alledem noch ſo nah von Hauſe geplündert werden, das wär doch übel— drum will ich mich lieber bei Zeiten auf den Weg machen.“ „Wart Ihr in Dumfries und Galloway! ſagte die alte Dame, die rauchend am Herde ſaß und bis jetzt kein Wort geſprochen hatte.“ „Freilich war ich da, gute Frau, und müde genug hat mich die Partie gemacht.“ „Dann iſt euch vielleicht ein Ortbekannt, der Ellangowan heißt?“ „Ellangowan, das gehörte Mr. Bertram— Ich kenne den Ort recht gut. Der Laird iſt vor etwa vierzehn Tagen geſtorben, wie ich hörte.“ „Geſtorben!“— ſagte die alte Frau, indem ſie ihre Pfeife fallen ließ, aufſtand und vom Kamine vorwärts kam,—„Geſtor⸗ ben!— wißt ihr das gewiß!“ Guy Mannering. II. „Ganz ſicher,“ ſagte Dinmont,„denn der Vorfall machte nicht geringen Lärm in der Grafſchaft. Er ſtarb gerade, als ſein Eigen⸗ thum verſteigert werden ſollte; dadurch wurde die Verſteigerung aufgeſchoben und viele Leute waren vergeblich gekommen. Es hieß, er wäre der letzte einer alten Familie und viele bedauerten ihn ſehr— freilich wird das adlige Blut jetzt ſeltner in Schottland, denn je.“ „Todt!“ wiederholte die alte Frau, welche unſre Leſer bereits als ihre alte Bekannte Meg Merrilies erkannt haben—„Todt! das gleicht vieles aus. Und ihr ſagtet, er ſtarb ohn' einen Erben?“ „Jawohl, Frau, und ebendarum iſt das Vermögen verkauft; denn es hieß, man hätt' es nicht verkaufen können, ſobald ein männ⸗ licher Erbe dageweſen wäre.“ „Verkauft!“ wiederholte die Zigeunerin in einem Tone, der faſt wie ein Schrei klang;„und wer wagte Ellangowan zu kaufen, der nicht von Bertram's Blute war!— und wer war im Stande zu ſagen, ob nicht der hübſche Junker zurückkehren werde, um ſein Erbe in Anſpruch zu nehmen?— wer durfte das Gut und das Schloß Ellangowan kaufen? „Ja, Frau, es war einer von den Federhelden, der kaufte Alles — Gloſſin, glaub' ich, heißt er.“ „Gloſſin— Gibbin Gloſſin!— den hab' ich ja wohl hundert⸗ mal in meinem Korbe getragen, denn ſeine Mutter war um kein Haar vornehmer, als ich ſelber— er wagt es, die Baronie Ellangowan zu kaufen!— Gott ſei mit uns— es iſt eine ſchreckliche Welt!— ich hab' ihm Böſes gewünſcht, aber ſolch ein Unglück nimmermehr — o, es ſchmerzt mich, nur daran zu denken!“— Sie ſchwieg einen Augenblick, widerſetzte ſich jedoch mit der Hand immer dem Weg⸗ gange des Pächters, der bei jeder Frage im Begriff war, ihr den Rü⸗ cken zu wenden, aber jedesmal gutmüthig ſtehn blieb, indem er die tiefe Theilnahme bemerkte, welche ſeine Antworten zu erregen ſchienen. 19 „Davon wird man ſehn und hören— Erd' und Meer werden nicht länger Frieden halten!— Könnt ihr mir ſagen, ob derſelbe Mann jetzt noch Sheriff der Grafſchaft iſt, der es vor einigen Jahren war!?“ „Nein, es heißt, er ſei nach Edinburgh gekommen— aber mei⸗ ner Seel, Frau, ich muß nun reiten.“ Sie folgte ihm zu ſeinem Pferde, und während er den Sattelgurt anzog, das Felleiſen zurecht⸗ legte und den Zaum umhing, bedrängte ſie ihn fortwährend mit Fragen über Mr. Bertram's Tod und das Schickſal ſeiner Tochter; darüber konnte ſie indeß von dem ehrlichen Pächter nicht viel er⸗ fahren. „Saht ihr jemals einen Ort, der Derncleugh heißt, etwa ein halb Stündchen vom Schloß Ellangowan?“ „Ja wohl ſah ich dergleichen, Frau— das Neſt ſieht wild ge⸗ nug aus, verfallene Hütten ohne Dach— ich ſah den Ort, als ich mit einem, der dort pachten wollte, durch den Grund ritt.“ „War einſt ein angenehmer Ort!“ ſagte Meg, zu ſich ſelber ſprechend—„habt ihr nicht einen alten Weidenbaum dort bemerkt, der faſt ganz umgebrochen iſt, aber doch noch in der Erde wurzelt und grüne Zweige treibt— manchen Tag hab ich dort meinen Strumpf geſtrickt, habe manchen Tag unter dem Baume geſeſſen.“ „Der Teufel muß in dem Weibe ſitzen, mit ihren Weiden und ihren Ellangowan's— Gott befohlen, Weib, laß mich gehen— hier iſt ein Sechspenceſtück, kauf' dir dafür ein halb Maaß, ſtatt von Ge⸗ ſchichten aus alter Zeit zu ſchwatzen.“ „Dank euch, Herr— und nun ihr auf meine Fragen geantwor⸗ tet habt, ohne zu forſchen, weßhalb ich ſie that, ſo will ich euch auch einen guten Rath geben, aber ihr dürft weiter nicht nach dem Grunde fragen. Tib Mumps wird gleich mit ihrem Abſchiedstranke her⸗ auskommen— Sie wird euch fragen, ob ihr über Willie's Heide oder über Conscowthart⸗Moor gehen werdet— ſagt ihr, was ihr 2* 20 wollt, aber ſeht euch vor“(hier ſprach ſie leiſe und mit Nachdruck,) „daß ihr den Weg nicht geht, den ihr angegeben habt.“ Der Pachter verſprach lachend, Folge zu leiſten und die Zigeunerin zog ſich zurück. „Werden Sie den Rath befolgen?“ ſagte Brown, welcher der Unterhaltung aufmerkſam zugehört hatte. „Das werd' ich nicht— die ſchmutzige Hexe! Nein, da würd' ich lieber mit Tib Mumps von meinem Wege reden, als mit ihr— wiewohl der Tib Mumps nicht viel mehr zu trauen iſt, und wirklich möcht' ich euch rathen, in dem Hauſe nicht über Nacht zu bleiben.“ Einen Augenblick nachher erſchien Tib, die Wirthin, mit ihrem Abſchiedskruge, welchem zugeſprochen ward. Darauf forſchte ſie, wie Meg vorausgeſagt hatte, ob er über die Höhe, oder durch das Moorland gehen werde. Er antwortete„durch das letztere,“ und nachdem er Brown gegrüßt und wiederholt hatte,„er rechne darauf, ihn, ſpäteſtens Morgen, zu Charlieshope zu ſehn,“ ritt er in ſchnel⸗ lem Trabe davon. 3 Drittes Kapitel. Galgen und Todtſchlag ſind zu mächtig auf der Heerſtraße. Wintermärchen. Der Wink des gaſtfreundlichen Pächters ging bei Brown nicht verloren. Während er jedoch ſeine Rechnung bezahlte, konnte er ſich nicht enthalten, ſein Auge feſt auf Meg Merrilies zu heften. Sie war in jeder Hinſicht dieſelbe hexenartige Figur, als welche wir ſie zuerſt in Ellangowan einführten. Die Zeit hatte ihre Ra⸗ benlocken grau gefärbt und ihre wilden Züge runzelig gemacht, aber ihre Höhe war noch eben ſo aufrecht und ihre Beweglichkeit noch dieſelbe. Es zeigte ſich an dieſem Weibe, wie an andern ihres Gleichen, daß ein thätiges, wenn gleich nicht arbeitſames, Leben ihren Gliedern und ihrer Geſtalt vollkommene Geſchmeidigkeit lieh, ſo daß alle ihre Stellungen, die ſie ganz natürlich annahm, frei, ungezwungen und maleriſch waren. Jetzt ſtand ſie am Fenſter der Hütte, ſo daß ſich ihre männliche Statur vortheilhaft zeigte, da⸗ bei war ihr Kopf etwas rückwärts gebeugt, ſo daß die große Mütze, welche ihr Geſicht beſchattete, ſie nicht hindern konnte, beſtändig auf Brown zu ſtarren. Bei jeder Geberde, die er machte, bei je⸗ 22 dem Ton, den er von ſich gab, ſchien ſie auf eine ganz ſeltſame Weiſe bewegt zu werden. Er ſeinerſeits war überraſcht, als er fand, daß er nicht ohne eine gewiſſe Gemüthsbewegung auf dieſe ſonderbare Geſtalt blicken konnte.„Habe ich von ſolch einer Ge⸗ ſtalt geträumt?“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„oder ruft mir dies wilde und ſonderbare Weib nur eine jener ſeltſamen Figuren in die Erin⸗ nerung, die ich in unſern indiſchen Pagoden ſah!“ Während er ſich mit ſolchen Betrachtungen trug und die Wir⸗ thin beſchäftigt war, Silbergeld zuſammen zu ſuchen, um eine halbe Guinee zu wechſeln, trat die Zigeunerin plötzlich zwei Schritte vorwärts und ergriff Browns Hand. Er erwartete na⸗ türlich, ſie ihre Kunſt im Handwahrſagen an den Tag legen zu ſehn, aber ſie ſchien von andern Gefühlen bewegt zu ſein. „Sagt mir,“ rief ſie,„ſagt mir, im Namen Gottes, jun⸗ ger Mann, wie iſt euer Name, und woher kommt ihr?“ „Mein Name iſt Brown, Mutter, und ich komme aus Oſt⸗ indien.“ „Aus Oſtindien!“ rief ſie ſeufzend und ſeine Hand fallen laſ⸗ ſend;„dann iſt es unmöglich— ich bin ſo eine alte Närrin, daß mir Alles, was ich ſehe, das zu ſein ſcheint, was ich gern ſehn möchte. Aber Oſtindien! das kann nicht ſein— Wohlan, ſeid wer ihr wollt, ihr habt ein Geſicht und eine Stimme, die mich im Geiſte in alte Zeiten verſetzt.— Lebtwohl— beeilt eure Reiſe, und wenn ihr je⸗ mand von unſern Leuten begegnet, ſo laßt ſie in Ruh und miſcht euch in nichts, und ſie werden euch kein Leid thun.“ Brown, der unterdeſſen ſein einzelnes Geld empfangen hatte, drückte ihr einen Schilling in die Hand, ſagte ſeiner Wirthin Lebe⸗ wohl, und, den Weg einſchlagend, den auch der Pächter vorher gegangen war, ſchritt er rüſtig vorwärts, mit dem Vortheil, von den friſchen Hufſpuren vom Roſſe des Vorgängers geleitet zu wer⸗ den. Meg Merrilies ſah ihm eine Zeitlang nach und murmelte dann vor ſich hin:„ich muß den Burſchen wiederſehen— und ich kann auch nach Ellangowan zurückgehen.— Der Laird iſt todt— wohlan, Tod zahlt die Schulden— er war einſt ein freundlicher Mann.— Der Sherif iſt verſetzt, und ich kann mich wieder dort aufhalten— ich wage dabei nicht mehr, eingeſperrt zu werden.— Ja, ich muß das ſchöne Ellangowan noch einmal ſehen, eh' ich ſterbe.“ Browu ſchritt indeſſen ſchnell nordwärts über die Moorgegend hin, die wüſte Heide von Cumberland genannt. Er kam an einem einſamen Hauſe vorüber, nach welchem auch der Reiter abgelenkt zu haben ſchien, denn die Fußtapfen des Roſſes waren in dieſer Richtung ſichtbar. Ein Stückchen weiter ſchien er wieder auf die Landſtraße zurückgekehrt zu ſein. Mr. Dinmont hatte wahrſchein⸗ lich, ſei es in Geſchäften oder zum Vergnügen, dort eingeſpro⸗ chen;— ich wollte, dachte Brown, der gute Pächter hätte hier auf mich gewartet; es wäre mir nicht unlieb, wenn ich ihm einige Fra⸗ gen über den Weg vorlegen könnte, welcher immer wilder und wil⸗ der zu werden ſcheint. Wirklich hatte die Natur, gleich als hätte ſie dieſen Strich der Gegend zur Barriere zwiſchen zwei feindlichen Völkern machen wollen, derſelben einen wilden und öden Charakter geliehen. Die Hügel ſind weder hoch noch felſig, aber das Land beſteht nur aus Heide und Sumpf; die Wohnungen ſind ärmlich und elend und fin⸗ den ſich nur in weiten Zwiſchenräumen. In ihrer unmittelbaren Nähe zeigt ſich im allgemeinen einiger Anbau; aber einige halbaus⸗ gewachſene Füllen, die an den Hinterfüßen zuſammengebunden ſind, um dadurch die Mühe der Einfriedigungen zu erſparen, ſchweifen umher und zeigen an, daß des Pächters Hauptnahrungs⸗ zweig die Pferdezucht iſt. Die Leute ſind auch von roherm und un⸗ gaſtfreundlicherm Schlage, als man ſie ſonſt in Cumberland findet, was theils von ihren angebornen Sitten herrühren mag, theils von ihrer Vermiſchung mit Landſtreichern und Verbrechern, die in dieſer wilden Gegend Zuflucht vor der Gerechtigkeit ſuchen. Die Bewohner jener Diſtrikte waren in früherer Zeit ſo ſehr Gegen⸗ ſtände des Argwohns und Mißfallens ihrer gebildetern Nachbarn, daß in der Gemeine von Neweaſtle ein Geſetz beſtand, oder wohl noch beſteht, welches jedem freien Manne dieſer Stadt verbot, aus einigen gewiſſen Thälern dieſer Gegend einen Lehrling aufzuneh⸗ men. Ein Sprichwort ſagt,„Gib einem Hund einen ſchlechten Namen und häng' ihn;“ und man kann dazu ſetzen, wenn du ei⸗ nem Menſchen oder einer Klaſſe von Menſchen einen ſchlechten Na⸗ men gibſt, ſo werden ſie gewiß etwas thun, was den Galgen ver⸗ dient. Brown hatte von dergleichen etwas gehört, und ſein Arg⸗ wohn war geſtiegen nach dem Geſpräche zwiſchen der Wirthin, Dinmont und der Zigeunerin; aber ſein Gemüth war von Natur furchtlos, er hatte nichts bei ſich, was einen Räuber reizen konnte und überdies hoffte er noch vor Nacht durch die Heide zu kommen. Im letzten Punkte indeß ſollte er ſich getäuſcht ſehen. Der Weg verlängerte ſich über Vermuthen und der Horizont begann ſich zu verfinſtern, gerade als er ein ausgedehntes Stück Moorland betrat. Sorgfältig und bedachtſam ſeine Schritte prüfend, ging der junge Offizier nun auf einem Pfade hin, welcher bald zwiſchen zwei Wänden von lockerer Moorerde hinlief, bald durch ſchmale aber tiefe Gräben gekreuzt ward, welche mit einem Gemiſch von Schlamm und Waſſer gefüllt waren; ebenſo erſchwerten den Weg Haufen von Sand und Steinen, welche zuſammengeſchwemmt wa⸗ ren, wann Quellen und Gießbäche von den benachbarten Hügeln den Moorgrund in der Tiefe überflutheten. Er begann zu beden⸗ ken, wie ſich ein Reiter auf ſo unebenem Boden ſeinen Weg bahnen könne; die Spuren der Hufe waren indeß noch immer ſichtbar; er meinte ſogar ihren Schall in einiger Entfernung zu hören, und überzeugt, daß Mr. Dinmont's Fortkommen im Moorland lang⸗ ſamer als ſein eigenes ſein müſſe, beſchloß er ſeine Schritte zu be⸗ ſchleunigen und jenen womöglich einzuholen, um Vortheil von ſei⸗ ner Kenntniß der Gegend zu ziehen. In dieſem Augenblick ſprang ſein kleiner Dachs vorwärts und fing wüthend zu bellen an. Brown beſchleunigte ſeine Schritte, und indem er den Gipfel einer kleinen Anhöhe erreichte, ſah er den Gegenſtand, welcher den Hund unruhig machte. In einem Hohlweg, etwa einen Büchſen⸗ ſchuß weiter unten, war ein Mann, den er leicht als Dinmont wieder erkannte, in verzweifeltem Kampfe mit zwei andern begrif⸗ fen. Er war abgeſtiegen und vertheidigte ſich ſo gut er konnte mit dem ſchweren Ende ſeiner Peitſche. Unſer Reiſender eilte zu ſeinem Beiſtande vorwärts; aber eh' er ſo weit kam, hatte den Pächter ein Schlag zur Erde geſtreckt, und einer der Räuber gab ihm, um den Sieg ſicher zu machen, noch einige unbarmherzige Schläge über den Kopf. Der andre Schurke beeilte ſich, Brown in den Weg zu treten und rief ſeinem Kameraden zu, herbei zu kommen,„denn der Eine hätte ſchon genug,“ das hieß wahrſcheinlich, Wider⸗ ſtand und Klage wären bei ihm vorbei. Der eine Schurke war mit einem Hirſchfänger bewaffnet, der andre mit einem Knittel; aber die Straße iſt ſehr eng, dachte Brown, Feuergewehr haben ſie nicht, und ſonach kann ich's ſchon mit ihnen aufnehmen.— Sie trafen aufeinander und zwar mit den mörderlichſten Drohungen von Seiten der Räuber. Indeß fanden ſie bald, daß ihr neuer Gegner eben ſo ſtark als entſchloſſen war, und nachdem ſie einige Hiebe gewechſelt hatten, rief ihm der Eine zu:„Geh deiner Naſe nach über die Heide, in's Teufels Namen, denn ſie hat ſich hier in nichts zu miſchen.“ Brown verwarf dieſen Friedensantrag, der den unglücklichen Mann, den ſie plündern, wo nicht gar morden wollten, ihrer Gnade Preis gegeben hätte; das Gefecht hatte kaum von neuem be⸗ 26 gonnen, als Dinmont unerwartet ſeiner Sinne, ſeiner Füße und ſeiner Waffe mächtig wurde und zum Schauplatz des Kampfes eilte. Da er ſchon ein tüchtiger Gegner geweſen war, als er überraſcht ward und allein ſtand, ſo warteten es die Schurken nicht ab, daß er ſeine Kraft mit der eines Mannes verbände, der es ihnen beiden ſchon gleich gethan hatte, ſondern ſie flohen quer übers Moor ſo ſchnell ſie ihre Füße tragen konnten; Wasp verfolgte ſie noch, der ſich überhaupt während des Gefechts rühmlich betragen hatte, in⸗ dem er des Feindes Ferſen angriff und mehrmals eine momentane Diverſion zu Gunſten ſeines Herrn hervorbrachte. „Der Teufel! aber Ihren Hund werden die Kerls nicht los, Sir.“ Dies waren die erſten Worte, die der luſtige Pächter hören ließ, als er mit blutigem Kopfe herzukam und ſeinen Befreier ſammt deſſen kleinem Begleiter wieder erkannte. „Ich hoffe, Sir, Sie ſind nicht gefährlich verwundet?“ „O, das will nicht viel ſagen— mein Kopf verträgt ſchon ei⸗ nen derben Puff— obwohl ich den Schuften nicht dafür danke, um ſo mehr aber Ihnen. Aber nun, Landsmann, mögen Sie mir mein Pferd fangen helfen, und ſich dann hinter mich ſetzen, denn wir können nur drauf los reiten, ehe die ganze Zigeunerbande herabkommt— die Sippſchaft wird wohl nicht weit ſein.“ Der Klepper ließ ſich glücklicherweiſe leicht fangen, und Brown ſuchte ſich zu entſchuldigen, weil er fürchtete, das Thier möchte überladen werden. „Das will gar nichts ſagen, Herr,“ antwortete der Eigen⸗ thümer,„Dumple könnte ſechs Mann tragen, wenn ſein Rücken nur lang genug wäre— aber um des Himmels willen ſchnell! auf⸗ geſtiegen! denn ich ſehe dort einiges Volk über die Heide kommen, und es möchte nicht gut ſein, das Geſindel hier zu erwarten.“ Brown ſah ein, daß dies Erſcheinen von fünf oder ſechs Mann, mit denen die andern Schurken Gemeinſchaft zu haben ſchienen, und V 27 die quer über das Moorland herzu kamen, alle Ceremonien über⸗ flüſſig machen müſſe. Er beſtieg daher Dumple hinter Dinmont und das kleine muthige Thier flog mit den beiden großen, ſtarken Männern hinweg, als wären es ſechsjährige Kinder geweſen. Der Reiter, dem die Pfade dieſer Wildniß genau bekannt ſchienen, trieb raſch vorwärts, indem er mit vieler Geſchicklichkeit die ſicherſten Wege ausſuchte, wobei er denn auch von der Klugheit ſeines Klep⸗ pers unterſtützt ward, welcher nie verfehlte, die ſchwierigen Stel⸗ len immer genau an dem Flecke und auf die Weiſe zu überſchreiten, wornach ſie am ſicherſten zu paſſiren waren. Aber trotz dieſer Vor⸗ theile war die Straße doch zu uneben, und ſie kamen zu oft ver⸗ ſchiedener Hinderniſſe wegen von der geraden Richtung ab, daß ſie den Verfolgern keinen großen Vorſprung abgewinnen konnten. „Wenn wir nur erſt Witherſhins Bruch hinter uns haben,“ ſagte der unerſchrockene Schotte zu ſeinem Gefährten,„dann iſt die Straße bei weitem beſſer und wir werden ihnen ſchnell aus dem Ge⸗ ſichte kommen.“ Bald erreichten ſie den erwähnten Ort; es war ein enger Ka⸗ nal, worin ein unbedeutendes ſchlammiges Waſſer mehr hinſickerte, als floß, welches mit glänzenden grünen Sumpfpflanzen überdeckt war. Dinmont lenkte ſein Pferd nach einer Uebergangsſtelle, wo das Waſſer etwas lebhafter auf härterm Boden zu fließen ſchien; aber Dumple ſtutzte vor dem vorgeſchlagenen Uebergangspunkte zu⸗ rück, ſenkte ſeinen Kopf, als wolle er den Sumpf genauer in Au⸗ genſchein nehmen, dabei ſtemmte er die Vorderfüße feſt vor ſich hin und ſtand ſo unbeweglich, wie ein ſteinernes Bild. „Thäten wir nicht beſſer,“ ſagte Brown,„wenn wir abſtie⸗ gen und ihn ſeinem Schickſal überließen— oder können Sie ihn nicht zwingen durch das Waſſer zu gehen?“— „Nein, nein,“ entgegnete der Steuermann,„wir können dem Dumple nicht zuwiderhandeln— er hat mehr Verſtand, als mancher Chriſtenmenſch.“ So ſagend gab er die Zügel nach und ſchüttelte ſie ſanft.„Nun wohlan, Burſche, wähle den Weg ſel⸗ ber— laß ſehen, wo du uns durchbringen willſt.“ Dumple, der nun freien Willen hatte, trabte raſch nach einer andern Stelle des Sumpfes, die, wie Brown meinte, viel ungün⸗ ſtiger ſchien; der Scharfſinn der die Erfahrung des Thieres em⸗ pfahl ſie jedoch als die ſicherere von den beiden, es ſtieg hinein und erreichte ohne große Schwierigkeit die entgegengeſetzte Seite. „Ich bin froh, daß wir aus dem Moorgrund ſind,“ ſagte Dinmont,„denn da gibt's mehr Ställe für Pferde, als Abſteig⸗ quartiere für Menſchen— wir kommen zum Glück nun auf den Jungfernweg, wo es beſſer gehen wird.“ Schnell erreichten ſie auch eine Art holpriger Heerſtraße, das Ueberbleibſel einer alten römiſchen Straße, welche dieſe wilden Gegenden genau in nördli⸗ cher Richtung durchſchneidet. Hier legten ſie in einer Stunde über zwei Meilen zurück, indem Dumple keine andre Raſt verlangte, als die nöthig war, um ſeinen Paß mit Trab zu vertauſchen.„Ich könnt' ihn wohl behender gehn laſſen,“ ſagte ſein Herr,„aber wir ſind zwei langbeinige Burſche hintereinander, und würden dem armen Oumple zu ſehr zur Laſt fallen— er hatte ſeinesgleichen heute nicht auf dem Jahrmarkt zu Staneshiebank.“ Brown ſtimmte gern damit überein, daß man das Pferd ſcho⸗ nen müſſe, und überdies bemerkte er, da man nun weit aus dem Bereich der Schurken wäre, ſo würd' es beſſer ſein, wenn Mr. Dinmont ein Taſchentuch um ſeinen Kopf bände, damit die Froſt⸗ luft nicht nachtheilig auf die Wunde wirke. „Was ſollte das helfen!“ antwortete der abgehärtete Päch⸗ ter;„das beſte iſt die Blutrinde auf der Wunde zu laſſen— das erſpart Pflaſter, Landsmann.“ Brown, der in ſeinem kriegeriſchen Beruf wohl manch derben Hieb hatte austheilen ſehn, konnte nicht umhin, zu bemerken,„er 29 hätte nie ſo bedeutende Streiche mit ſo ſichtlichem Gleichmuth em⸗ pfangen ſehn.“ „Ach, was bedeutet das, Freund— ich würde nie um ſo'ne Kleinigkeit viel Geſchrei machen— aber in fünf Minuten ſind wir nun in Schottland, und Sie gehn mit mir bis nach Charlieshope, das iſt ausgemacht.“ Brown nahm bereitwillig das gaſtfreundliche Erbieten an. Die Nacht brach eben ein, als ſie einen anmuthigen Fluß erblickten, der ſich durch eine grüne Landſchaft wand. Die Berge waren be⸗ wachſener und weniger wild, als jene, durch welche Brown neuer⸗ dings gewandert war, und ihre graſigen Abhänge ſenkten ſich an dem Flußufer nieder. Sie waren nicht von gebietender Höhe oder von romantiſcher Geſtaltung, auch zeigten ihre ſanftſchwellenden Höhen nicht Felſen noch Waldung. Aber der Anblick ringsum war wild, einſam, anmuthig ländlich. Keine Einfriedigungen, keine Straßen, wenig Ackerland— es ſchien eine Gegend, die ein Patriarch zur Weide ſeiner Heerden gewählt haben möͤchte. Hier und da zeigten die Reſte eines verfallenen Thurmes, daß das Land einſt ganz andere Weſen beherbergt hatte, als ſeine jetzigen Bewohner waren; jene Freibeuter nämlich, die in den Kriegen zwiſchen England und Schottland ihr Weſen trieben. Den Weg nach einer wohlbekannten Furth hinabſteigend, ging Dumple über den kleinen Fluß, und ſodann trabte er mit ſchnelle⸗ rem Schritte etwa eine halbe Stunde Wegs am ufer hin, bis er ſich einigen niedrigen, ſtrohgedeckten Häuſern näherte, die mit ih⸗ ren Ecken ſo gegen einander ſtanden, als wollten ſie aller Symmetrie Hohn ſprechen. Dies waren die Wirthſchaftsgebäude von Char⸗ lieshope, oder, in der Landesſprache,„der Flecken.“ Ein höchſt wüthendes Gebell erhob ſich bei ihrer Annäherung, herrührend von den drei Geſchlechtern Muſtard und Pepper und einer unbenamten Anzahl Aliirter. Der Pachter ließ ſeine wohlbekannte Stimme weidlich hören, um Ordnung herzuſtellen— die Thür öffnete ſich, und eine halbgekleidete Schafmelkerin, die dies verrichtet hatte, ſchloß ſie den Ankommenden ſogleich wieder vor der Naſe, um in's Haus zurückzurennen und zu rufen:„Miſtreß, Miſtreß,'s iſt der Herr, und noch ein andrer Mann mit ihm.“ Der ſeiner Laſt entle⸗ digte Dumple wandelte nach ſeiner eigenen Stallthür und wieherte dort um Einlaß, worauf ſeine Bekannten im Innern die vertrau⸗ ten Töne erwiederten. Unter dieſem Lärmen ſuchte Brown ſeinen Wasp vor den andern Hunden zu ſichern, welche, was die Hitze betraf, mehr ihren eigenen Namen, als dem gaſtfreundlichen Ge⸗ müth ihres Herrn entſprechend, ſehr geneigt waren, den Ankömm⸗ ling rauh zu behandeln. In Zeit von einer Minute ward Dumple von einem rüſtigen Knecht des Geſchirrs entledigt und in den Stall geführt, während Mrs. Dinmont, eine muntere hübſche Frau, ihren Mann mit un⸗ gekünſtelter Freude bewillkommte.„Ei, ihr Herrn! aber du biſt doch recht lange außen geweſen, lieber Mann!“ Viertes Kapitel. Der Liddellſtrom, bis jetzt(es weiht' allein Der liebekranke Hirt ihm ſeine Lieder,) Nicht durch Geſang gefeiert— fluthet gleich So rein kein Strom zum Meer. Die Heilkunſt. Die gegenwärtigen Pächter des ſüdlichen Schottland ſind weit gebildeter als ihre Väter, und die Sitten, die ich jetzt ſchildern will, ſind entweder ganz verſchwunden, oder doch ſehr verändert. Ohne ihre ländliche Sitteneinfachheit verloren zu haben, betreiben ſie Künſte, welche der frühern Generation unbekannt waren, und zwar nicht nur zur Verbeſſerung ihrer Feldgüter, ſondern auch überhaupt zur Beförderung aller Bequemlichkeiten des Lebens. Ihre Häuſer ſind weit wohnlicher, ihre Sitten und Gewohnheiten ſo ge⸗ ſtaltet, daß ſie beſſer Schritt halten mit denen der civiliſirten Welt, und der edelſte Luxusartikel, die Wiſſenſchaft, hat zwiſchen ihren Bergen während der letzten dreißig Jahre viel Boden gewonnen, während das Tief ins Glas gucken,“ früher ihre größte Schwach⸗ heit, mehr und mehr vertrieben wurde: und indeß ihre bie⸗ dere, unbeſchränkte Gaſtfreundſchaft dieſelbe blieb, ſo ver⸗ 32 feinerte ſie ſich gleichwohl und das Ausſchweifende dabei wurde gezügelt. „Der Teufel ſitzt in dem Weibe,“ ſagte Dandy Dinmont, ſeine umarmende Gattin abſchüttelnd, wiewohl ſanft und mit einem zärtlichen Blicke—„der Teufel muß in dir ſitzen Ailie— ſiehſt du den fremden Gentleman nicht?“ Ailie wandte ſich um, und ſuchte ſich zu entſchuldigen.„Wirk⸗ lich, es freute mich recht ſehr, den Herrn zu erblicken, der— Aber lieber Himmel! wo iſt das Blut her!“— Man befand ſich näm⸗ lich jetzt in dem kleinen Wohnzimmer und der Schein des Lichtes zeigte die Blutflecke, welche Dinmonts verwundeter Kopf ebenſo ſehr den Kleidern ſeines Gefährten, als ſeinen eigenen mitgetheilt hatte.„Dandy, du haſt wieder mit einem von den Roßkämmen gefochten! Ach, Mann! du, ein verheiratheter Mann, mit einer ſo hübſchen Familie, wie die unſre, du ſollteſt beſſer wiſſen, was eines Vaters Leben in der Welt werth iſt.“— Die Thränen ſtanden der guten Frau im Auge, während ſie ſprach. „Still! ſtill! liebe Frau,“ ſagte der Gemahl, indem er ihr einen Kuß gab, der weit mehr von Zärtlichkeit, als von bloßer Ceremonie hatte;„diesmal iſt die Sache ganz anders— da iſt ein Gentleman, der wird dir erzählen, daß, gerade als ich an die Schenke zu Courie Lowthers gekommen war, einen Branntwein getrunken hatte und eben auf dem Moor weiter ritt, um ſo bald wie möglich heim zu ſein, daß, ſag' ich, eben da zwei Strauch⸗ diebe aus der Torfgrube ſprangen, eh ich mir's verſah, mich nie⸗ derwarfen und mir hart genug zuſetzten, wiewohl ſie meine Peit⸗ ſche gehörig ſchmeckten— und wirklich, Weib, wäre dieſer wackere Gentleman nicht gekommen, ſo hätte ich mehr Löcher, als gut iſt, in den Kopf gekriegt, und mehr Silber hätt' ich verloren, als ich dranzuſetzen habe; darum magſt du ihm nur immer danken, nächſt Gott.“ Während er dies ſagte, zog er aus der Seitentaſche ein 1 „ — 33 großes in Leder gebundenes Taſchenbuch und gab es ſeiner Frau um es zu verſchließen. „Gott ſegne den Gentleman, ja, das wünſch' ich von ganzem Herzen— aber was können wir für ihn thun, als daß wir ihm Speiſe und Obdach geben, was wir doch auch dem ärmſten Men⸗ ſchenkinde von der Welt nicht verweigern würden? Wenn es nicht“ (ihr Blick richtete ſich hier auf das Taſchenbuch, aber mit einem Ausdrucke, welcher das feinſte Zartgefühl an den Tag legte,)„wenn es nicht einen andern Weg gibt“—— Brown erkannte und ſchätzte dieſe Miſchung von Einfalt und dankbarem Edelmuth, welcher den geraden Weg einſchlug um ſich auszudrücken und doch dabei mit ſo viel Zartſinn verfuhr;— er ſah ein, daß ihn ſeine eigne Klei⸗ dung, die überhaupt nur ſchlicht, jetzt aber zerriſſen und mit Blut befleckt war, mindeſtens zu einem Gegenſtande des Mitleids, oder vielleicht gar der Mildthätigkeit machen mußte. Er eilte daher, zu ſagen, ſein Name ſei Brown, Capitain im**Cavallerieregi⸗ ment, der zum Vergnügen und zu Fuße reiſe, ſowohl der Bequem⸗ lichkeit als der Sparſamkeit wegen; darauf bat er ſeine freundliche Wirthin, nach den Wunden ihres Gatten zu ſehn, welcher ihm nicht erlaubt hatte, den Zuſtand ſeiner Verletzungen zu unterſuchen. Mrs. Dinmont war an ihres Gatten zerſchlagene Köpfe mehr ge⸗ wöhnt, als an die Gegenwart eines Dragonercapitains. Sie ſchielte daher nach einem nicht ganz reinen Tiſchtuch und ſann einige Minuten über ihr aufzutiſchendes Abendeſſen nach, bevor ſie, ihren Gatten auf die Schulter klopfend, dieſen bat, ſich niederzuſetzen, indem ſie ihn einen„„ hartköpfigen Springinsfeld“ hieß,„der noch über ſich und andre Leute das größte Unheil bringen werde.“ Dandy Dinmont führte erſt einige Bocksſprünge aus und tanzte einige ſchottiſche Touren, um ſeines Weibes Aengſtlichkeit damit zu bannen, eh' er ſich niederſetzte und ſeine runde ſchwarze Kanonenkugel, nämlich ſeinen Kopf, ihrer Beſichtigung überließ; Guy Mannering. II. 3 34 Brown gedachte dabei, daß er den Regimentsfeldſcher weit ernſter auf viel geringere Verletzungen hatte blicken ſehen. Die gute Frau zeigte indeß einige Kenntniß der Chirurgie— ſie ſchnitt mit ihrer Scheere die blutigen Locken weg, die ſo ſteif und zuſammengeklebt waren, daß ſie ihren Operationen im Wege ſtanden, darauf legte ſie etwas Linnen auf die Wunde, welches mit einem Wundbalſam beſtrichen war, der im ganzen Thale als Univerſalmittel galt, (denn die Jahrmarktnächte boten reiche Gelegenheit, in dergleichen Erfahrung zu ſammeln;) ſodann befeſtigte ſie ihr Pflaſter mit einer Binde und zog, trotz alles Widerſtrebens des Patienten, über das Ganze eine Nachtmütze, um jeglich Ding am rechten Platze zu be⸗ wahren. Einige Contuſionen an Stirn und Schultern wuſch ſie mit Brantwein, welches der Patient aber nicht eher geſtattete, als bis von der Medicin ſeinem Munde ein reichlicher Zoll gezahlt war. Mrs. Dinmont bot nun mit einfältiger Freundlichkeit auch Brown ihren Beiſtand an. Er verſicherte ihr, daß er weiter nichts bedürfe, als ein Waſch⸗ becken und ein Handtuch. „Ach, und daran ſollt' ich doch eher gedacht haben,“ ſagte ſie:„und ich dachte auch wohl dran, aber ich durfte die Thür nicht aufmachen, denn die armen Schelme, die Jungen, ſind alle drau⸗ ßen und brennen vor Begierde, ihren Vater zu ſehn.“ Dies erklärte das laute Trommeln und Wehklagen vor der Thür des kleinen Gemachs, worüber Brown einigermaßen erſtaunt ge⸗ weſen war, obwohl ſeine freundliche Wirthin weiter nichts dagegen that, als daß ſie den Riegel vorſchob, ſobald das Lärmen begann. Als ſie aber die Thür öffnete, um Waſchbecken und Handtuch zu ſuchen,(denn es kam ihr nicht in den Sinn, dem Gaſt ein beſon⸗ deres Zimmer anzuweiſen,) da ſtrömte eine Fluth weißköpfiger Kin⸗ der herein, einige vom Stall, wo ſie Dumple geſehn und ihn mit einem Theil ihres Vesperbrodes Willkommen geboten hatten; an⸗ 3⁵ — dere aus der Küche, wo ſie den Märchen und Balladen der alten Elsbeth gelauſcht hatten; und das jüngſte, halbnackte, aus dem Bette— alle wollten durchaus den Vater ſehen und forſchen, was er ihnen von den verſchiedenen Jahrmärkten, die er auf ſeiner Reiſe beſucht, mitgebracht hätte. Unſer Ritter vom zerſchlagenen Kopf küßte und herzte eins nach dem andern, und vertheilte Pfeifchen, Pfennigtrompeten, Pfefferkuchen; als dann endlich der Tumult der Freude zu arg wurde, rief er ſeinem Gaſte zu—„das iſt alles der Mutter Schuld, Capitain— ſie läßt den Jungens allen Willen.“ „Ich! du lieber Gott,“ ſagte Ailie, welche ſoeben mit dem Waſchbecken und Handtuch eintrat,„was kann ich anders thun? — Die armen Geſchöpfe, ſie haben ja außerdem kein Vergnügen!“ Dinmont ſtrengte ſich nun an und ſäuberte durch Zureden, Dro⸗ hen und Schelten das Gemach von all den Zudringlichen, mit Aus⸗ nahme eines Knaben und eines Mädchens— der beiden älteſten, die ſich, wie er bemerkte, etwas verſtändiger zu benehmen wußten. Aus dem nämlichen Grunde, aber mit weniger Ceremonie wurden alle Hunde ausgeſtoßen, mit Ausnahme der ehrwürdigen Patriar⸗ chen, des alten Muſtard und des alten Pepper[Senf und Pfef⸗ fer], denen häufige Züchtigung und jahrelange Erfahrung ſo viel von geſelliger Duldſamkeit eingeflößt hatte, daß ſie, nach wechſel⸗ ſeitigen Erklärungen und Auseinanderſetzungen, welche ſich durch ein gewiſſes: Knurren kund thaten, dem Wasp, der ſich bisher nur Die Geſchäftigkeit der Miſtreß(ſo hieß ſie in der Küche, wäh⸗ rend ſie im Wohnzimmer meiſtens die„Mutter“ war) hatte bereits über das Schickſal zweier Hühner entſchieden, die, weil zu anderer 3*. 36 Bereitung die Zeit fehlte, bald bratend, oder wie es Mrs. Dinmont nannte, röſtend, auf dem Heerde erſchienen. Ein großes Stück kalte Rindskeule, Eier, Butter, Kuchen und Gerſtengebäck in Menge machte das Mahl aus, welches mit ſelbſtgebrautem Bier von vorzüglicher Güte und mit einer Korbflaſche voll Brantwein hinabgeſpült ward. Wenige Soldaten würden nach einem harten Tagemarſch und einem Gefecht obendrein ein ſolches Mahl ver⸗ ſchmähen; auch Brown erwies all dieſen Gegenſtänden große Ehre. Die Hausfrau half theils ſelbſt die Reſte des Abendeſſens wegräumen, theils ließ ſie dies einem ſtarken Dienſtmädchen, mit Backen, ſo roth wie ihr Kopftuch, thun, und zugleich befahl ſie der Dirne, Zucker und heißes Waſſer herbeizubringen; dies vergaß dieſe Jungfrau beinah, und zwar aus übergroßer Neugier, mit welcher ſie hier einen wirklichen und lebendigen Capitain anſtarrte; Brown benutzte indeß die Gelegenheit, ſeinen Wirth zu fragen, ob er es nicht bereue, den Wink der Zigeunerin vernachläſſigt zu haben. „Wer kann ihnen traun?“ antwortete er;„die Zigeuner ſind Teufelskerle;— ich wäre vielleicht dem einen aus dem Wege gegan⸗ gen, um einem andern zu begegnen. Aber ich will das nicht gerade behaupten; denn ſo oft das alte Weib nach Charlieshope kam, hatte ſie immer eine Flaſche Branntwein und ein Pfund Tabak, um den Winter durch zu rauchen. Sie ſind ein Teufelsvolk, wie mein al⸗ ter Vater immer ſagte— ſchlimm ſind ſie, wo ſie ſchlimm behandelt werden. Ueberhaupt aber gibt es ebenſo gut gute, als böſe Zi⸗ geuner.“ Dies und manches andere kurzweilige Geſpräch diente als „Stiefelknecht“, um einen zweiten Krug Bier und eine zweite Herzſtärkuug(ſo nannte Dinmont das Getränk,) aus Rum und Waſſer an die beſte Stelle zu bringen. Darauf aber lehnte Brown alles weitere Zechen für dieſen Abend beſtimmt ab, indem er ſeine eigene Müdigkeit und die Anſtrengung des Gefechtes vorſchützte,— 37 denn er wußte wohl, daß es nichts geholfen haben würde, wenn er ſeinen Wirth auf die Gefahr aufmerkſam gemacht hätte, die das Zechen bei einer offenen Wunde haben konnte. Ein ſehr kleines Schlafgemach mit einem ſehr ſaubern Bette empfing den Reiſenden; die Ueberzüge rechtfertigten vollkommen die gutmüthige Prahlerei der Wirthin,„daß ſie ſo gut wären, als er ſie nur irgendwo finden könnte, denn ſie wären mit dem Waſſer aus dem Feenborn gewa⸗ ſchen, auf der Elfenwieſe gebleicht und von Nelly und ihr ſelber ge⸗ nähet; und was könnte ein Weib, und wär' ſie auch eine Königin, mehr dazu thun!“ Sie wetteiferten in der That mit dem Schnee an Weiße, und hatten überdies einen angenehmen Duft vom Bleichorte her behalten. Der kleine Wasp legte ſich, nachdem er ſeines Herren Hand, als wolle er um Erlaubniß bitten, geleckt hatte, auf die Bettdecke zu ſeinen Füßen; bald wurden des Reiſenden Sinne von ſüßer Vergeſ⸗ ſenheit umfangen. Fünftes Kapitel. —— Gebt, Britten, Raum Der wilden Jagdluſt, daß ſie ohn' Erbarmen Den nächt'gen Räuber eurer Heerden hetze. Iſt er aus ſeinem Felsverſteck getrieben, Laßt ihn den Donner eurer Jagd verfolgen. Thomſon's Jahreszeiten. Brown erwachte ſehr früh am Morgen und ging aus, um ſei⸗ nes neuen Freundes Wirthſchaft zu betrachten. Alles ſah roh und* vernachläſſigt aus in der Nähe des Hauſes;— ein elender Garten war hier, wo man ſich nicht die Mühe genommen hatte, die Umge⸗ F bung trocken und erfreulich zu machen, und gänzlich fehlten all jene kleinen zierlichen Einrichtungen, die ſo angenehm ins Auge fallen, wenn man einen engliſchen Pachthof betrachtet. Trotzdem waren Anzeichen genug vorhanden, daß dies nur von Mangelan Geſchmack, oder von Unwiſſenheit herrührte, keineswegs aber von Armuth oder der Nachläſſigkeit, welche jene begleitet. Im Gegentheil, ein treff⸗ licher Kuhſtall, mit guten Milchkühen angefüllt, ein anderer mit zehn jungen Ochſen der beſten Zucht, ein dritter Stall, mit zwei Geſpann tüchtiger Pferde, ein flinkes, fleißiges Hausgeſinde, dem 39 Anſchein nach ganz zufrieden mit ſeinem Looſe— mit einem Wort, ein Anſehn reichen, obwohl etwas ſchmutzigen Ueberfluſſes zeigte den wohlhabenden Pächter an. Das Haus lag auf einer ſanften Anhöhe über dem Ufer des Fluſſes, wodurch die Bewohner von dem Kothe befreit wurden, welcher ſich außerdem wohl ringsum geſammelt ha⸗ ben möchte. In geringer Entfernung befand ſich die ganze Schaar der Kinder, mit Steinen ſpielend und Häuſer bauend am Stamm eines großen alten Eichbaums, der Charlie⸗Buſch hieß, weil der Sage nach ehemals ein Freibeuter dieſes Namens den Ort bewohnt hatte. Zwiſchen dem Pachthof und der Hügelweide lag ein tiefer Moraſt, welcher ſonſt zum Schutze einer Burg gedient hatte, wovon keine Spuren mehr übrig waren, die jedoch von dem nämlichen ta⸗ pfern Helden bewohnt worden ſein ſollte, deſſen wir ſchon gedachten. Brown gab ſich Mühe, mit den Kindern Bekanntſchaft zu machen, aber die Rangen entflohen ihm wie Queckſilber— obwohl die beiden älteſten lauſchend ſtehn blieben, nachdem ſie ſich ein gehöriges Stück entfernt hatten. Der Reiſende wandte ſeine Schritte dann nach dem Hügel und ging über den erwähnten Sumpf auf einer Reihe einge⸗ legter Steine, die weder beſonders breit noch feſt waren. Er war noch nicht weit am Hügel drüben empor geſtiegen, als ihm ein her⸗ abſteigender Mann begegnete. Er erkannte bald ſeinen wackern Wirth, obwohl ein grauer Schäfermantel die Stelle des geſtrigen Reiſerocks eingenommen hatte, während eine Mütze, mit wildem Katzenfell verbrämt, ſeinen verbundenen Kopf bequemer bedeckte, als es ein Hut gethan haben würde. Als er ſich im Morgennebel näherte, konnte Brown, der die Männer nach Muskeln und Sehnen zu beurtheilen gewohnt war, nicht umhin, ſeine Länge, die Breite ſeiner Schultern und ſeinen feſten Schritt zu bewundern. Dinmont machte im Innern Brown das nämliche Kompliment, weil er ſeine athletiſche Geſtalt jetzt mit etwas mehr Muße betrachtete, als es früher geſchehn war. Nach 40 der gewöhnlichen Morgenbegrüßung fragte der Gaſt, ob ſein Wirth etwa nachtheilige Folgen vom Angriffe der letzten Nacht ſpüre. „SIch hatte das faſt vergeſſen,“ ſagte der wackere Gränzbewoh⸗ ner;„aber nun denk' ich, da ich friſch und munter bin: wenn wir beide uns beim Witherſhins Latch befänden, jeder einen guten Ei⸗ chenknittel in der Hand, da wollten wir nicht wanken und weichen, und wenn auch ein halb Dutzend jener Schnapphähne kämen.“ „Aber Sie thäten wohl gut, werther Herr,“ ſagte Brown, „wenn Sie ein oder zwei Stunden länger ruhten, nachdem Sie ſo ſchwere Contuſionen empfangen haben.“ „Confuſionen!“ erwiederte der Pachter lachend;„Lord, Ca⸗ pitain, meinen Kopf macht nichts confuß— ich ſprang einmal auf und legte die Hunde auf den Fuchs, nachdem ich von der Höhe der Chriſtenbury⸗Klippe geſtürzt war, und das hätte denn doch eines Chriſtenmenſchen Kopf noch am erſten verwirren können z nein, mich verwirrt nichts, es müßte denn ſein, daß ich zur unrechten Zeit einen Schluck zu viel tränke. Ueberdies mußt' ich heute die Runde machen und zuſehen wie es mit den Heerden ſteht— denn das Geſinde vernach⸗ läſſigt alles, ſobald man den Rücken wendet, und denkt dann nur an Tanz, Jahrmarkt und ſolche Poſſen. Und eben hab' ich Tam von Todſhaw und noch einige von den Nachbarn an der Waſſerſeite ge⸗ troffen; ſie haben dieſen Morgen eine Fuchsjagd vor,— wollen Sie mitgehn! Ich will ihnen Dumple geben, und werde ſelber die Stute reiten.“ „Ich fürchte nur, ich muß mich dieſen Morgen verabſchieden, Mr. Dinmont,“ erwiederte Brown. „Da müßte der Teufel drin ſitzen,“ rief der Pächter—„ich laſſe Sie durchaus nicht unter vierzehn Tagen fort— nein, nein; man trifft ſolche Freunde, wie Sie, nicht jede Nacht in einem Bew⸗ caſtle⸗Moorgrund.“ 4 —— 41 Brown hatte ſich keinen eiligen Reiſeplan vorgeſchrieben; er nahm daher bereitwillig die herzliche Einladung an, indem er ver⸗ ſprach, eine Woche zu Charlieshope zu bleiben. Als ſie nach dem Hauſe zurückgekehrt waren, wo die Hausfrau ein reichliches Frühſtück beſorgte, vernahm dieſe die Nachricht von der beabſichtigten Fuchsjagd zwar nicht eben billigend, jedoch ohne Unruhe oder Ueberraſchung.„Dandy! du bleibſt ewig der Alte, — nichts wird dich warnen, bis man dich einmal mit zerbrochenen Füßen heimbringt.“ „Ach, was!“ antwortete Dandy,“ du weißt ja ſelber, daß mir noch niemals was zugeſtoßen iſt.“ So ſagend, ermahnte er zugleich Brown, ſein Frühſtück zu be⸗ ſchleunigen, da„der Froſt nachgelaſſen habe und die Spur dieſen Morgen trefflich liegen müſſe.“ Sie eilten daher dem Otternanſtand hinauf, indem der Pächter den Weg zeigte. Bald ließen ſie das kleine Thal hinter ſich und ge⸗ riethen zwiſchen Berge, die ziemlich ſteil waren. Die Abhänge zeig⸗ ten oft Gräben, durch welche zur Winterzeit oder nach ſtarkem Re⸗ gen die Gießbäche mit großer Heftigkeit niederrauſchten. Einige Nebelſchleier wogten an den Bergſpitzen hin; es waren Reſte der Morgenwolken, denn der Froſt hatte einem gelinden Thauwetter Platz gemacht. Durch dieſe flockigen Nebelhüllen ſah man unzäh⸗ lige temporäre kleine Bäche an den Seiten der Berge herniederrie⸗ ſeln, gleich Silberdrähten. Auf ſchmalen ſogenannten„Schaaf⸗ treppchen“ entlang der Bergabhänge, auf welchen Dinmont mit furchtloſer Ruhe dahin ging, kamen ſie endlich dem Schauplatze der Jagd näher und ſahen nun auch andere Männer, ſowohl zu Roß als zu Fuß, welche dem Orte des Rendezvous zueilten. Brown konnte nicht begreifen, wie eine Fuchsjagd zwiſchen Hügeln ſtattfin⸗ den ſolle, wo höchſtens ein, an den Boden gewöhntes Pferd ſicher auftreten könnte, wo aber der Reiter, der nur einen Fuß breit vom gehörigen Pfade wich, in Gefahr kam, in den Abgrund zu ſtürzen. Dieſe Verwunderung ward nicht vermindert, als er den Schauplatz der Handlung erreichte. Sie waren allmählig ſehr hoch geſtiegen und befanden ſich nun auf einem Bergrande, welcher über einem ſehr tiefen, aber äußerſt engen Thale hing. Hier hatten ſich die Jäger verſammelt, und zwar mit einem Apparate, der einen an gefährlichere Jagden ge⸗ wöhnten Jäger in Staunen geſetzt haben würde; denn da der Ge⸗ genſtand die Beſeitigung eines ſchädlichen und verderblichen Thie⸗ res, ſo wie auch überhaupt das Vergnügen der Jagd war, ſo ward dem armen Reinecke weit weniger Spielraum gegeben, als wenn man ihn durch eine offene Gegend verfolgt hätte. Die Feſtigkeit ſeiner Wohnung jedoch und die Natur des Bodens, wovon jene von allen Seiten umgeben war, entſchädigte ihn für die Unhöflichkeit ſeiner Verfolger. Die Seiten des Thales waren gebrochene Erd⸗ wände und verwittertes Felsgeſtein, welches zu dem kleinen Fluß, der ſich unten durchwand, hinabrollte, und hier und da nur einigem Buſchholz oder Diſtelſtauden Nahrung gewährte. An den Flanken dieſer Schlucht, die, wie wir ſagten, ſehr ſchmal aber von bedeu⸗ tender Tiefe war, reiheten ſich die Jäger zu Fuß und zu Roß; faſt jeder Pächter hatte zum wenigſten ein Paar großer und muthiger Windhunde bei ſich, die ſonſt in dieſer Gegend häufig waren, nun aber an Größe ſehr abgenommen hatten, weil ſie mit gemeinen Racen gekreuzt waren. Der Jäger, eine Art Provinzialbeamter des Diſtriktes, der eine gewiſſe Abgabe an Mehl erhält und außerdem einen beſtimmten Preis für jeden Fuchs, den er tödtet, befand ſich bereits im Grunde des Thales, deſſen Echo laut vom Gebell von zwei oder drei Paar Jagdhunden hallte. Dachshunde, einſchließlich der ganzen Generation von Muſtard und Pepper, wurden gleichfalls bereit gehalten, nachdem ſie unter der Aufſicht eines Schäfers herbei⸗ geſchafft worden waren. Spitze und alle andern Arten von gemei⸗ 43 nerer Gattung machten den Chorus der Hunde vollſtändig. Die Zuſchauer am Rande der Schlucht oder des Thales hielten ihre Windhunde in Bereitſchaft, um ſie ſogleich auf den Fuchs loszulaſ⸗ ſen, ſobald die Thätigkeit der Geſellſchaft in der Tiefe ihn einmal aus ſeinem Verſteck getrieben haben würde. Dies Schauſpiel, obwohl für das Auge eines kunſtgerechten Jägers nicht eben erfreulich, hatte doch einen gewiſſen Reiz. Die ſchwanken Geſtalten am Bergrande, die den Himmel zu ihrem Hin⸗ tergrunde hatten, ſchienen in der Luft zu ſchweben. Die Hunde, voll ungeduld über ihren Zwang und in Aufruhr gebracht durch das Gebell unten, ſprangen hin und her und zerrten an der Leine, welche ſie hinderte, ſich mit ihren Kameraden zu vereinen. Sah man ab⸗ wärts, ſo bot ſich ein ebenſo überraſchender Anblick. Die dünnen Nebel waren noch nicht völlig zerſtreut im Thale, ſo daß das Auge über ihrem Schleier oft umherirrte, um die Bewegungen der Jäger unten zu entdecken. Zuweilen machte ein Lufthauch die Scene ſicht⸗ bar, und es ſchimmerte dann der bläuliche Bach herauf, wie er ſich durch ſein rauhes und einſames Thal in Krümmungen hinwand. Dann konnte man auch die Schäfer ſehen, die mit ihrer furchtloſen Gewandtheit von einem gefährlichen Punkte zum andern ſprangen und die Hunde auf die richtige Spur brachten; das Ganze aber ward durch die Tiefe und die Entfernung ſo verkleinert, daß die Ge⸗ ſtalten nur wie Zwerge erſchienen. Wieder ſchloß ſich dann der Nebel über ihnen und die einzigen Anzeichen von ihren fortwähren⸗ den Anſtrengungen blieben das Halloh der Menſchen und das Gebell der Hunde, welches wie aus den Eingeweiden der Erde emporſtieg. Als der Fuchs, ſo von einem Schlupfwinkel zum andern verfolgt, endlich genöthigt war, das Thal zu verlaſſen, um einen entlege⸗ nern Zufluchtsort zu ſuchen, ließen diejenigen, die von der Höhe ſeine Bewegungen beobachteten, ihre Windhunde los, welche, an Schnel⸗ 44 ligkeit den Fuchs übertreffend, an Wildheit und Muth aber ihm gleich, bald dem Leben des Räubers ein Ende machten. Auf dieſe Weiſe, ohne daß man die gewöhnlichen und ſchick⸗ lichen Jagdregeln beobachtete, jedenfalls aber eben ſo ſehr zur Zu⸗ friedenheit der Zwei⸗ und Vierfüßler, als wenn man alle Kunſtre⸗ geln gehörig befolgt hätte, wurden an dieſem thatenreichen Morgen vier Füchſe getödtet; ſelbſt Brown, der doch die fürſtlichen Jagden Indiens geſehn hatte und mit dem Nabob von Arcot auf einem Ele⸗ phanten zur Tigerjagd geritten war, bekannte, daß ihm eine treff⸗ liche Morgenunterhaltung geworden ſei. Als die Jagd für dieſen Tag beendigt war, begaben ſich die meiſten der Jäger, der gewohn⸗ ten Gaſtfreundſchaft dieſer Gegend gemäß, zum Mittagseſſen nach Charlieshope. Während der Heimkehr ritt Brown eine Strecke neben dem Jagdbeamten und legte ihm einige Fragen vor, die ſich auf die Art und Weiſe, wie er ſein Amt verwaltete, bezogen. Der Mann ließ eine gewiſſe Scheu blicken, ſeinem Blicke zu begegnen, und zugleich merkte man ihm an, daß er ſich gern von Brown's Begleitung und unterhaltung befreit geſehn hätte, wofür dieſer ſich freilich keinen Grund denken konnte. Er war ein hagerer, finſterer, aber gewand⸗ ter Menſch, und ſein Körperbau war wohlgeeignet für das rauhe Gewerbe, welches er übte. Aber ſein Geſicht hatte nicht die Offenheit eines muntern Jägers; er blickte niederwärts, war verlegen, und vermied die Blicke derjenigen, welche ihn feſt in's Auge faßten. Nach einigen unbedeutenden Bemerkungen über das Glück des Ta⸗ ges, gab ihm Brown ein kleines Geſchenk und ritt wieder zu ſeinem Wirthe. Die Hausfrau hatte daheim alles zu ihrem Empfange bereitet— Herde und Hühnerhof hatte ſeinen Tribut zum Mahle geliefert und die freundliche und herzliche Bewillkommnung entſchä⸗ digte für alles, was hier an Eleganz und modiſchem Weſen fehlte. Sechſtes Kapitel. Elliots und Armſtrongs kamen zuſammen, Das war wohl eine tapfre Schaar! Ballade von Johnnie Armſtrong. Ohne die Beſchäftigungen der beiden nächſten Tage näher zu erörtern, die nicht intereſſant genug ſind, um den Leſer damit aufzu⸗ halten, da ſie nur aus den gewöhnlichen ländlichen Unterhaltun⸗ gen, dem Schießen und Jagen beſtanden, gehen wir lieber zu einer Eigenthümlichkeit Schottlands über, nämlich dem dort üblichen Lachsfang. Dieſe Jagd, wobei der Fiſch mit wiederhakigen Speeren verfolgt und gefangen wird, oder auch mit einer Art langſchaftigem Dreizack, wird an der Mündung des Esk ſehr geübt, ſo wie auch auf andern Lachsflüſſen Schottlands. Dieſe Jagd findet bei Tage und bei Nacht ſtatt, am gewöhnlichſten aber in letzterer, wo man den Fiſch mittelſt Fackeln entdeckt, oder mit Feuerbecken, welche mit den Reſten der Theertonnen gefüllt ſind und ein ſtarkes, wie⸗ wohl auf einen Punkt beſchränktes Licht über das Waſſer ergießen. Bei gegenwärtiger Gelegenheit ſchiffte ſich der vornehmſte Theil der Geſellſchaft in einem gebrechlichen Boote auf einer Stelle des Fluſ⸗ ſes ein, wo dieſer durch den Zwang eines Mühlwehrs ungewöhnlich breit und tief war, während andere, gleich den alten Bachanten in ihren Freudenſprüngen, an den Ufern hinrannten, ihre Fackeln und Speere ſchwangen und den Lachs verfolgten; mancher dieſer Fiſche ſuchte im Strome zu entkommen, während andre, unter Baumwurzeln, Steine und Klippen flüchtend, ſich vor den Nach⸗ forſchungen der Fiſcher zu verbergen ſuchten. Die Geſellſchaft im Boote entdeckte dieſelben jedoch mittelſt der geringſten Zeichen; das Glänzen einer Floßfeder, das Aufſteigen einer Luftblaſe war ſchon hinreichend, um dieſen gewandten Jägern anzudeuten, welche Rich⸗ tung ſie ihrer Waffe zu geben hätten. Dies Schauſpiel war äußerſt anziehend für diejenigen, die daran gewöhnt waren; da aber Brown im Gebrauche des Wurf⸗ ſpeers nicht geübt war, ermüdeten ihn die Anſtrengungen bald, die keinen andern Erfolg für ihn hatten, als daß er ſeine Waffen gegen den Felſengrund des Fluſſes ſchleuderte, welchem er oft, ſtatt des Lachſes, ſeinen Stoß ertheilte. Auch war es für ihn nichts weniger als erfreuend,(obwohl er ſeine Gefühle, die doch niemand verſtanden hätte, verbarg,) daß er den Todeskampf der ſterbenden Lachſe ſo nahe mit anſehen mußte, wie ſie zappelnd im Boote um⸗ her lagen, welches ſie mit ihrem Blute färbten. Er ließ ſich daher an's Ufer ſetzen und hier gewährte ihm das Schauſpiel, von der Höhe des ſteilen Geſtades betrachtet, weit mehr Vergnügen. Oft dachte er an ſeinen Freund Dudley, den Künſtler, wenn er den Effect der dunkelrothen Gluth von dem romantiſchen ufer, unter dem das Boot hinglitt, beobachtete. Jetzt verkleinerte ſich das Licht zu einem fernen Sterne, der auf dem Gewäſſer ſich flimmernd zu ſpiegeln ſchien, denjenigen gleich, die nach den Sagen des Landes der Waſſernix ſehen läßt, um das Waſſergrab ſeines Opfers zu bezeichnen. Dann kam es wieder näher, immer glän⸗ zender und breiter werdend, bis die große flackernde Flamme ufer, Felſen und Bäume im Vorübergehen ſichtbar machte, ſie mit dem 47 eigenthümlichen düſterrothen Lichte färbend, bis ſie alles wieder der Dunkelheit oder dem bleichen Mondlichte überließ, während ſie zurückwich. Bei demſelben Lichte ſah man nun auch die Geſtal⸗ ten im Boote, bald ihre Waffen in die Höhe haltend, bald zum Wurfe ausholend, dann wieder aufrecht ſtehend und von dem näm⸗ lichen rothen Glühn übergoſſen, in einer Farbe, die ſich wohl für die Regionen der Hölle ſchicken mochte. Nachdem ſich Brown eine Zeitlang an dieſen Wirkungen des Lichtes und Schattens ergötzt hatte, ſchlenderte er heimwärts nach dem Pächterhauſe und betrachtete unterwegs die mit der Jagd be⸗ ſchäftigten Perſonen, von denen immer drei zuſammenhielten, in⸗ dem einer die Fackel hielt, während die andern mit ihren Speeren beim Scheine des Lichtes ihre Beute zu fangen ſuchten. Er bemerkte untern andern einen Mann, welcher mit einem ſehr großen Lachs, den er geſpießt hatte, kämpfte, ohne im Stande zu ſein, den Fang völlig aus dem Waſſer zu ziehen; Brown trat dicht an's Ufer, um den Erfolg ſeiner Anſtrengungen zu beobachten. Der Mann, der in dieſem Falle die Fackel hielt, war jener angeſtellte Jäger, deſſen finſteres Benehmen Brown bereits mit Verwunderung bemerkt hatte.—„Hieher, Sir! hieher! Schaun Sie dieſen Burſchen! eine Seite hat er, wie'ne Sau!“— So riefen die Gehilfen, als ſie ſahen, daß ſich Brown näherte. „Faß' ihn gut, Mann! den Spieß eingebohrt! o, du haſt nicht den Muth einer Katze!“— So lautete der Rath, die Auf⸗ munterung und das Verlangen derjenigen, die am Ufer ſtanden; derjenige, dem der Zuruf galt und der mit dem Lachſe beſchäftigt war, ſtand bis zum Gürtel im Waſſer, zwiſchen dem zerbrochenen Eiſe, und hatte ſo mit der Kraft des Fiſches und der Stärke des Stromes zu kämpfen, daß er zweifelhaft war, auf welche Weiſe er ſich ſeines Fanges vergewiſſern könnte. Als Brown an den Rand des Ufers kam, rief er:„Halten Sie die Fackel hoch, Freund Jä⸗ 48 ger!“ denn er hatte die düſtern Züge bereits bei dem grellen Fackel⸗ lichte erkannt. Kaum jedoch hörte der Kerl ſeine Stimme und ſah, oder vermuthete vielmehr, es ſei Brown, der ſich nähere, ſo ließ er die Leuchte, ſtatt ſie näher zu halten, wie durch Zufall ins Waſ⸗ ſer fallen. „Den Teufel hat der Gabriel!“ ſagte der Mann mit dem Speer, als der Ueberreſt des brennenden Holzes, halb flackernd, halb glimmend, bald aber ganz erlöſchend, den Strom hinab flu⸗ thete—„der Teufel muß in dem Menſchen ſitzen!— ohne das Licht werd' ich des Lachſes nimmermehr Herr— und was für ein Vieh iſt es! hätt' ich ihn nur oben, ſolch ein Leckerbiſſen iſt noch niemals geräuchert worden.“— Einige Leute ſprangen ins Waſſer, um ih⸗ ren Beiſtand zu leihen und der Fiſch, der, wie ſich ſpäter auswies, faſt dreißig Pfund wog, ward in Sicherheit gebracht. Das Benehmen des Jägers ſetzte Brown in Erſtaunen, obwohl er ſich nicht beſinnen konnte, ihn früher geſehn zu haben, und eben⸗ ſo wenig vermochte er ſich zu erklären, warum dieſer Mann, was doch offenbar der Fall war, ſeine Beobachtung ſcheuen möchte. Konnte es einer der Strauchdiebe ſein, mit denen er vor wenigen Tagen zuſammengerathen war!— dieſe Vermuthung war nicht ganz unwahrſcheinlich, aber doch nicht erwieſen richtig, weil er jener Leute Geſtalt und Geſichter nicht genau genug hatte beobach⸗ ten können. Die Schurken trugen die Hüte weit über's Geſicht herabgezogen und hatten weite Kittel an, und ihre Geſtalt und Größe hatte keineswegs ſo viel ausgezeichnetes, daß ſie zu einem Unterſcheidungszeichen hätte dienen können. Er beſchloß, mit ſei⸗ nem Wirthe Dinmont über die Sache zu reden, hielt aber aus ſehr natürlichen Gründen für's Beſte, die Erörterung auf ein kühles Morgenſtündchen zu verſchieben. Die Jäger kehrten mit Fiſchen beladen heim, nachdem ſie an hundert Lachſe während dieſer Jagd getödtet hatten. Die beſten 49 las man für die vornehmſten Pächter aus, die übrigen wurden un⸗ ter deren Schäfer, Häusler, Untergebene und andere untergeord⸗ nete Perſonen vertheilt. Dieſe Fiſche, im Rauch ihrer Hütten ge⸗ trocknet, bildeten eine ſchmackhafte Zugabe zu den Kartoffel⸗ und Zwiebelgerichten, woraus ihre Nahrung während des Winters hauptſächlich beſteht. Ebenſo fand auch eine freigebige Verthei⸗ lung von Bier und Branntwein unter dieſe Leute ſtatt, nebſt einem ſogenannten Fiſchkeſſel, das heißt zwei oder drei Lachſe, die in ei⸗ nem Keſſel zum Abendeſſen gekocht werden. Brown begleitete ſei⸗ nen muntern Wirth und die übrigen ſeiner Freunde in die geräu⸗ mige und dampfende Küche, wo dies wohlſchmeckende Mahl auf einem eichenen Tiſche duftete, daß Johnnie Armſtrong und ſeine luſtigen Genoſſen daran hätten bankettiren können. Alles war lu⸗ ſtig und aufgeräumt, Späße, lautes Gelächter und Neckereien folgten unausgeſetzt auf einander. Unſer Reiſender ſchaute ſich eif⸗ rig nach dem finſtern Geſicht unſers Fuchsjägers um; aber nirgends war es zu ſehn. Endlich wagte er eine Frage in Bezug auf denſelben.„Das war ein recht ungeſchickter Streich, meine Freunde, als einer von euch ſeine Fackel ins Waſſer fallen ließ, während ſein Gefährte mit dem großen Fiſch kämpfte.“ „Ungeſchickt!“ erwiederte ein Schäfer, indem er ſich gegen Brown wandte,(es war derſelbe rüſtige junge Mann, der den Lachs geſpießt hatte,)„er hätte ſeine Tracht Hiebe dafür verdient— das Licht auszulöſchen, während der Fiſch gerade am Haken hing!— Ich weiß ganz gewiß, der Gabriel ließ die Fackel abſichtlich ins Waſſer fallen— er kann's nicht mit anſehn, daß ein Andrer etwas beſſer macht als er.“ „Ja,“ ſagte ein anderer,„er wird ſich heute wohl ſchämen, ſonſt wäre er gewiß hier— Gabriel hat den Lachs eben ſo lieb, wie irgend einer von uns.“ Guy Mannering. II. 4 50 „Iſt er aus dieſer Gegend!“ ſagte Brown. „Nein, er iſt erſt ſeit kurzem im Amte; aber ein tüchtiger Jä⸗ ger iſt er— er iſt unten aus der Gegend von Dumfries her.“ „Und wie heißt er?“ „Gabriel.“ „Gabriel und wie weiter?“ „Das weiß der Himmel; wir kümmern uns nicht um die Fa⸗ miliennamen der Leute, wenn wir nur den Clan wiſſen.“ „Sir,“ ſagte ein alter Schäfer, aufſtehend und ſehr langſam ſprechend,„die Leute hier ſind Armſtrongs und Elliots, und der⸗ gleichen— zwei oder drei Namen ſind Alles— und daher führen der Unterſcheidung wegen die Lairds und Pächter die Namen ihrer Wohnorte, als zum Beiſpiel, Tam o' Todſhaw, Will o'the Flat, Hobbie o' Sorbietres, und unſer guter Herr hier, o' the Charlies⸗ hope.— Was nun die geringern Leute anlangt, ſo kennt man die immer an ihren Spitznamen, wie z. B. Faſelhans, oder man nennt ſie auch nach ihrem Gewerbe, wie etwa dieſen Gabriel, der nur der Jäger⸗Gabbie genannt wird. Er iſt nicht lang hier geweſen, Sir, und ich glaube nicht, daß irgend jemand noch einen andern Namen von ihm weiß. Aber's iſt unrecht, ihm hinterm Rücken Böſes nachzuſagen, denn er iſt ein tüchtiger Fuchsjäger, wenn er auch nicht eben ſo geſchickt mit dem Wurfſpeer umzugehen weiß, wie dieſe Leute hier.“ Nachdem die Unterhaltung noch einige Zeit ſo fortgeſetzt wor⸗ den war, zogen ſich die vornehmern Jäger zurück, um den Abend auf ihre eigene Weiſe zu beſchließen und die andern, ungeſtört durch ihre Gegenwart, ihrer Luſt zu überlaſſen. Der Abend verging gleich allen, die Brown zu Charlieshope zugebracht hatte, in un⸗ ſchuldiger Freude beim gemüthlichen Gelage. Das letztere hätte 6 wohl leicht in Schwelgerei ausarten können, wenn die guten Wei⸗ ber nicht geweſen wären; es hatten ſich nämlich verſchiedene benach⸗ barte Miſtreſſes(eine Benennung, die hier von weit beſſerer Be⸗ deutung, als in unſern vornehmern Kreiſen!) zu Charlieshope verſammelt, um den Hergängen dieſes denkwürdigen Abends bei⸗ zuwohnen. Da ſie fanden, daß die Punſchbowle ſo oft angefüllt ward, daß zu fürchten war, man werde ihre anmuthige Anweſen⸗ heit bald ganz vergeſſen, ſo griffen ſie die Schwärmer muthig an, und zwar mit unſerer guten Miſtriß Ailie an der Spitze, und ſchnell ward Bachus von der Venus beſiegt. Die Fiedler und Pfeifer tra⸗ ten auf und ſo verging mit Tanzen der beſte Theil der Nacht. Am nächſten Tage ward mit einer Otterjagd und am darauf⸗ folgenden mit einer Dachshetze die Zeit angenehm vertrieben.— Ich hoffe, unſer Reiſender werde nicht in des Leſers Achtung ſinken, ſelbſt wofern letzterer ein Jäger wäre, wenn ich berichte, daß er bei letzterer Gelegenheit, nachdem der junge Pepper ein Vorderbein verloren hatte und Muſtard der Zweite faſt erwürgt worden war, als eine beſondere und perſönliche Gunſt von Mr. Dinmont erbat, man möchte dem armen Dachs, der ſich ſo ritterlich vertheidigt hatte, ohne weitere Beläſtigung den Rückzug geſtatten. Der Pachter, der dies Geſuch, wär' es von einer andern Per⸗ ſon ausgegangen, wahrſcheinlich mit Verachtung abgewieſen haben würde, begnügte ſich in dieſem Falle damit, ſeine höchſte Verwun⸗ derung an den Tag zu legen.—„Gut,“ ſagte er,„es mag ſein, wenn's auch wunderlich genug iſt!— aber weil der Herr ſeine Par⸗ tei nimmt, ſo ſoll ihm nimmermehr ein Leid geſchehn— wir wollen ihn merken und er ſoll des Capitains Dachs heißen— mich freut es, wenn ich Ihnen gefällig ſein kann— aber lieber Himmel, wie kann ſich einer auch um einen Dachs Sorge machen!“ Nachdem eine Woche unter ländlichen Vergnügungen, erhöht durch die freundliche Aufmerkſamkeit von Seiten des wackern Wirths, vergangen war, ſagte Brown den Ufern des Liddell und der Gaſtfreundſchaft zu Charlieshope Lebewohl. Die Kinder, de⸗ 4* 52 ren Vertrauter und Liebling er nun geworden war, brachen in ein einſtimmiges Geheul aus bei ſeinem Abſchiede und er mußte ihnen zwanzig Mal verſprechen, bald zurückzukehren und ihnen all' ihre Lieblingsſtückchen auf dem Flageolet vorzuſpielen, bis ſie dieſelben auswendig wüßten.—„Komm wieder Capitain,“ ſagte ein klei⸗ ner munterer Burſch,„und Jenny ſoll auch deine Frau werden.“ Jenny war etwa elf Jahr alt— ſie lief hinweg und verſteckte ſich hinter ihrer Mutter. „Capitain, komm wieder,“ ſagte ein kleines rundes ſechs⸗ jähriges Mädchen, indem es den Mund zu einem Kuſſe bot,„dann will ich auch ſelber deine Frau ſein.“ Sie müßten von härterm Stoffe ſein, als ich, dachte Brown, die von ſo vielen freundlichen Herzen mit Gleichgiltigkeit ſcheiden könnten.— Auch die gute Hausfrau reichte dem ſcheidenden Gaſte ſittig und mit jener freundlichen Einfalt, welche der guten alten Zeit angehört, die Wange dar.—„Wir können nur wenig thun,“ ſagte ſie,„freilich äußerſt wenig— jedoch, wenn es irgend et⸗ was gäbe“— „Nun, meine theure Mrs. Dinmont, Sie ermuntern mich, eine Bitte zu wagen— hätten Sie wohl die Güte, mir ein ſolches graues Gewand zu verfertigen, wie Ihr Mann eines trägt?!“ Er hatte Sitten und Sprache des Landes während ſeines kurzen Aufenthaltes zur Gnüge kennen gelernt, um ſicher zu ſein, daß ſein Geſuch nur Freude bereiten werde. „O, wir müßten ja übel daran ſein,“ ſagte die Hausfrau freudig,„wenn wir das nicht verſchaffen könnten, und zwar ſo gut, als es nur je zu haben war. Ich will morgen mit John Good⸗ ſhire, dem Weber in Caſtletown, ſprechen. Glückliche Reiſe, Sir! Geh' es Ihnen ſo gut, als Sie es allen andern wünſchen mögen!“ Ich darf nicht zu erwähnen vergeſſen, daß unſer Reiſender ſei⸗ nen treuen Gefährten Wasp auf einige Zeit als Gaſt zu Charlies⸗ hope zurückließ. Er ſah ein, daß das Thier ein ſtörender Beglei⸗ ter ſein könne, ſobald er ſich in einer Lage befand, wo Vorſicht und Verborgenheit nothwendig ſein würde. Er ward daher der Sorge des älteſten Knaben anvertraut, welcher, nach den Worten eines alten Liedes, „Sein Theil am Tiſch, ſein Theil am Bett,“ verſpräch, ſo wie auch, daß er nicht bei jenen gefährlichen Jagder⸗ götzlichkeiten betheiligt werden ſollte, bei denen das Geſchlecht Mu⸗ ſtards und Peppers ſo häufig Verſtümmelungen ausgeſetzt war. Brown trat nun ſeine Reiſe an, nachdem er von ſeinem treuen klei⸗ nen Geſellſchafter Abſchied genommen hatte. Es beſteht ein ſeltſames Vorurtheil in jener Gebirgsgegend zu Gunſten des Reitens. Jeder Pächter reitet gut, und reitet über⸗ haupt den ganzen Tag. Wahrſcheinlich führte die Ausdehnung ihrer weitläufigen Weideplätze und die Nothwendigkeit, dieſelben ſchnell zu beaufſichtigen, zuerſt dieſe Gewohnheit ein; ein ſehr eifri⸗ ger Alterthümler könnte ſie vielleicht auch aus den Zeiten des Liedes vom letzten Minſtrel herleiten, wo ſich zwanzigtauſend Reiter beim Scheine der Feuerzeichen verſammelten. Die Wahrheit bleibt in⸗ deß ſtehen: ſie ſind gern zu Pferde und laſſen ſich ſchwer davon überzeugen, daß jemand auch aus andern Gründen zu Fuß gehen könne, außer des Anſtandes oder der Armuth wegen. Demnach beſtand Dinmont darauf, daß ſein Gaſt ein Pferd beſtieg, und be⸗ gleitete denſelben auch ſelbſt zu Pferde bis zur nächſten Stadt in Dumfriesſhire, wohin er ſein Gepäck beſtellt hatte und von wo er ſeine Reiſe nach Woodbourne, dem Wohnſitze der Julie Manne⸗ ring, weiter fortſetzen wollte. Unterwegs befragte Brown ſeinen Begleiter über den Charak⸗ ter des Fuchsjägers, konnte jedoch nicht viel erfahren, da dieſer ſein Amt angetreten hatte, während Dinmont die Runde auf den hochländiſchen Jahrmärkten machte.„Er iſt freilich wohl ſo ein 54 landläuferiſcher Kerl, und mag ſicherlich Zigeunerblut in den Adern haben— aber einer von den Strauchdieben, die wir auf der Heide ſahen, iſt er ganz gewiß nicht— die will ich wohl erkennen, wenn ich ſie wieder ſehe. Es gibt wohl auch manche brave Leute unter den Zigeunern, das iſt nicht zu läugnen; ſollt' ich je das alte baum⸗ lange Weibsbild wiederſehn, ſo ſoll ſie einen Schilling zu Tabak haben— ich bin überzeugt, ſie hat es gut mir mit gemeint.“ Als ſie endlich im Begriff waren zu ſcheiden, hielt ihn der gute Pächter noch lange bei der Hand, bis er zuletzt ſagte:„Capitain; die Wolle war dies Jahr gut im Werthe und ſie hat den ganzen Pachtzins hergegeben; ſobald nun Ailie ihr neues Kleid und auch die Jungen das ihrige haben, da wiſſen wir nicht, was wir mit dem übrigen Geld anfangen ſollen— nun dacht ich daran, es lie⸗ ber in ſichere Hand niederzulegen, ſtatt blos auf Zucker und Brannt⸗ wein zu wenden— ich habe gehört, ihr Herrn von der Armee könn⸗ tet euch ſelber manchmal eine Stufe höher kaufen, und wenn Ihnen ein oder zweihundert für dieſen Fall nützlich ſein könnten, nun, da würde mir Ihre Handſchrift ſo lieb ſein, wie das Geld ſelber, und Sie könnten es ganz nach eigner Bequemlichkeit zurückzahlen— mir würde ein großer Gefallen damit geſchehn”“.— Brown, der das Zartgefühl völlig verſtand, welches ſich den Anſchein zu geben ſuchte, als erweiſe es ſich ſelber eine Gunſt, während es dem An⸗ dern eine Verbindlichkeit auflegte, dankte ſeinem wackern Freunde ſehr herzlich und gab ihm die Verſicherung, er werde ohne Beden⸗ ken ſeine Börſe in Anſpruch nehmen, ſobald ihm die Umſtände Ge⸗ legenheit dazu bieten ſollten. Und ſo ſchieden ſie unter Verſicherung wechſelſeitiger Hochachtung. Siebentes Kapitel. So wahr du auf des Himmels Gnade hoffſt, Leg' mich auf mein Geſicht, auf daß ich ſterbe. Joanna Baillie. Unſer Reiſender miethete eine Poſtchaiſe in dem Orte, wo er ſich von Dinmont trennte, um nach Kippletringan zu reiſen, und dort ſich nach dem Zuſtande der Familie zu Woodbourne zu erkun⸗ digen, bevor er es wagte, ſeine Anweſenheit in der Gegend Miß Mannering wiſſen zu laſſen. Die Station war über neun Stunden lang und die Straße lief mitten durch das Land. Um die Unan⸗ nehmlichkeit der Reiſe noch zu erhöhen, begann ein dichtes Schnee⸗ geſtöber zu fallen. Der Poſtillon ſetzte die Fahrt indeß getroſt meh⸗ rere Stunden fort, ohne Zweifel oder Bedenklichkeit blicken zu laſ⸗ ſen. Erſt als die Nacht völlig einbrach, ließ er ſeine Beſorgniß merken, daß er den rechten Weg verfehlt haben möchte. Der ſich mehr und mehr häufende Schnee machte dieſe Erklärung noch beun⸗ ruhigender; denn da er dem Burſchen in's Geſicht fiel und alles in der Runde weiß machte, ſo mußte er ihn nicht allein in ſeiner Kennt⸗ niß der Gegend irre machen, ſondern ließ auch die Ausſicht, den rechten Weg wieder zu finden, noch unwahrſcheinlicher werden. Endlich ſtieg Brown aus und ſchaute ringsum, natürlich, wie man denken kann, in keiner beſſern Hoffnung, als um ein Haus zu ent⸗ decken, wo man Erkundigung einziehen könnte. Aber es zeigte ſich keines— er konnte demnach dem Burſchen keinen andern Rath geben, als immer drauflos zu fahren. Die Straße, auf welcher ſie ſich befanden, lief durch Anpflanzungen von beträchtlicher Aus⸗ dehnung und Tiefe, und der Reiſende vermuthete daher, es müſſe in der Nähe ein Herrenhaus liegen. Endlich, nachdem man ſich mühſam noch eine halbe Stunde fortgeholfen hatte, hielt der Poſtil⸗ lon und meldete, ſeine Pferde würden keinen Schritt weiter fort können;„indeß hab' ich dort,“ ſagte er,„ein Licht zwiſchen den Bäumen geſehn, welches von einem Hauſe kommen muß; es bleibt nichts übrig, als dort nach dem Wege zu fragen.“ Er ſtieg darauf ab, ſchwerfällig genug in ſeinen langen Rock gehüllt und mit einem Paar Stiefeln verſehen, die an Dicke mit dem ſiebenfachen Schilde des Ajax hätten wetteifern können. Als er in dieſer Verhüllung auf ſeiner Entdeckungsreiſe fortſtolperte, ſtieg Brown's Ungeduld auf's höchſte, ſo daß er aus dem Wagen ſprang, und den Burſchen blei⸗ ben hieß, wo er war, nämlich bei den Pferden, während er ſelber nach dem Hauſe gehen wollte. Dieſem Befehle gehorchte der Kut⸗ ſcher freudig. Unſer Reiſender arbeitete ſich an der Seite des Zaunes hin, durch welchen das Licht ſchimmerte, um eine Weiſe ausfindig zu machen, wie er ſich in dieſer Richtung nähern könnte, und nach⸗ dem er eine Strecke vorwärts gegangen war, fand er eine Oeffnung in der Hecke und einen Fußpfad, welcher nach der, hier ſehr weit⸗ läufigen, Anpflanzung führte. Auf dieſem Wege hoffte er nach dem Lichte zu gelangen, welches der Gegenſtand ſeines Forſchens war; aber als Brown in dieſer Richtung vorwärtsſchritt, verlor ſich der Schimmer bald zwiſchen den Bäumen gänzlich. Der Pfad, welcher anfangs breit ſchien und wohl bezeichnet durch die Oeffnung im Gehölze, durch welches er ſich wand, war nun ſchwerer zu un⸗ 57 terſcheiden, obwohl die Weiße des Schnees einiges Licht gewährte, um die Forſchung zu unterſtützen. Indem er ſeinen Weg ſoviel als möglich durch die lichtern Stellen des Holzes wählte, ſchritt er faſt eine halbe Stunde vorwärts, ohne das Licht, oder irgend etwas einer menſchlichen Wohnung Aehnliches zu erblicken. Noch immer hielt er es indeß für's Beſte, in dieſer Richtung zu beharren. Sicher⸗ lich war es ein Licht in der Hütte eines Waldwächters geweſen, denn es ſchien zu feſt auf der gleichen Stelle, als daß es ein Irrlicht hätte ſoin können. Der Boden ward endlich uneben, ſenkte ſich jäh, und obwohl Brown bemerkte, daß er ſich noch auf demjenigen fortbewegte, was zum wenigſten einmal ein Pfad geweſen war, ſo war derſelbe doch jetzt ſehr ungleich, und da der Schnee die Löcher und Unebenheiten verbarg, ſo kam der Reiſende einige Mal zu Falle. Er fing jetzt an, auf die Rückkehr zu denken, zumal da der Schnee, den ſeine Ungeduld bisher nicht beachtet hatte, immer dich⸗ ter und dichter fiel. um jedoch noch eine letzte Anſtrengung zu machen, ging er noch eine kleine Strecke vorwärts, und plötzlich ſah er, zu ſeinem großen Vergnügen, das Licht in geringer Entfernung ſchimmern, und zwar dem Anſchein nach, auf gleicher Höhe mit ihm. Bald fand er, daß das letztere Täuſchung war, denn der Boden ſenkte ſich ſo ſchnell abwärts, daß wohl eine tiefe Schlucht oder irgend ein Graben zwiſchen ihm und dem Gegenſtande ſeines Forſchens ſein mußte. Indem er alle Vorſicht anwandte, um ſicher aufzutreten, ſtieg er immer weiter hinab, bis er den Grund eines ſehr ſteilen und engen Thales erreichte, durch welches ſich ein kleines Bächlein wand, deſſen Lauf jetzt vom Schnee faſt ganz verborgen war. Er fand ſich nun mitten unter Ruinen verfallener Hütten, deren ſchwarze Gie⸗ bel, noch unterſcheidbarer gemacht durch den Kontraſt mit der wei⸗ ßen Schneefläche, von welcher ſie ſich erhoben, noch da ſtanden. Die Seitenwände waren im Laufe der Zeit längſt gefallen und leg⸗ 58 ten nun, als formloſe, mit Schnee bedeckte Trümmerhaufen, un⸗ ſerm Reiſenden große Hinderniſſe in den Weg. Noch immer ſetzte er indeß ſeinen Weg fort, ging über den Bach, und ſtieg endlich, mit eben ſo mühſamen als gefährlichen Anſtrengungen, am ent⸗ gegengeſetzten, rauhen Ufer empor, bis er auf gleiche Höhe mit dem Gebäude kam, von welchem der Strahl ausging. Es war, zumal bei ſo unvollkommenem Lichte, ſchwierig, die Beſchaffenheit dieſes Gebäudes zu erkennen; es ſchien jedoch ein vier⸗ eckiger Bau von geringem Umfang, deſſen oberer Theil gänzlich verfallen war. In frühern Zeiten war es vielleicht das Wohnhaus eines geringern Eigenthümers geweſen, oder hatte auch wohl einem bedeutendern im Falle der Noth als feſtes und verborgenes Aſyl ge⸗ dient. Aber nur das untere Gewölbe war übrig geblieben, deſſen Bogen im jetzigen Zuſtande des Gebäͤudes das Dach bildete. Brown näherte ſich zuerſt dem Orte, von welchem das Licht ausging; es war dies eine lange, ſchmale Lücke oder Schießſcharte, wie man ſie gewöhnlich in alten Schlöſſern findet. Von Neugier angetrieben, das Innere dieſes ſeltſamen Ortes zu prüfen, bevor er einträte, ſchaute Brown durch dieſe Oeffnung. Ein Schauplatz größern Verfalles ließ ſich nicht denken. Ein Feuer brannte auf dem Boden, deſſen Rauch durch das Gemach wirbelte und dann durch ein Loch oben in der Wölbung ſeinen Ausweg ſuchte. Die Wände, bei die⸗ ſem rauchigen Lichte betrachtet, hatten das rohe und wüſte Anſehn eines ſeit mindeſtens drei Jahrhunderten zerſtörten Gebäudes. Einige Kiſten und Gefäße lagen unordentlich umher. Hauptſäch⸗ lich aber beſchäftigten die Bewohner Browns Aufmerkſamkeit. Auf einem Strohlager, mit einem Betttuch überdeckt, ruhte eine Ge⸗ ſtalt, ſo ſtill, daß Brown ſie für eine Leiche gehalten haben würde, hätten ihr nicht die gewöhnlichen Grabgewänder gefehlt. Bei ſchär⸗ ferer Betrachtung erkannte er, daß die Geſtalt nur auf dem Punkte war, zur Leiche zu werden, denn er vernahm einen oder zwei jener 59 leiſen, tiefen und ſchweren Seufzer, welche der Auflöſung vorher⸗ gehen, wann das Leben dem Leibe zu entfliehen ſtrebt. Eine weib⸗ liche Geſtalt, in ein langes Gewand gekleidet, ſaß auf einem Stein neben dieſem elenden Lager; ihre Ellbogen ruhten auf ihren Knieen, und ihr Geſicht, abgewandt von dem Licht einer eiſernen Lampe an ihrer Seite, war über das der ſterbenden Perſon gebeugt. Sie be⸗ netzte den Mund derſelben von Zeit zu Zeit mit einer Flüſſigkeit, und ſang in Zwiſchenräumen, in leiſer, monotoner Weiſe, eines jener Gebete, oder vielmehr jener Zauberſprüche, die in einigen Theilen Schottlands und im nördlichen England vom gemeinen und unwiſſenden Volke angewandt werden, um dem ſcheidenden Geiſte den Abſchied zu erleichtern, wie etwa das Meßglöckchen in der katholiſchen Zeit. Sie begleitete dieſe düſtern Töne mit einer wiegenden Bewegung des Körpers, als ob dieſer damit den Takt mit ihrem Liede halten ſolle. Die Worte lauteten etwa ſo:— Matt und müde, willſt du doch Ringen mit dem Staube noch? Wirf von dir des Leibes Joch,— Horch! die Sterbeſänge! Fort dein irdiſches Gewand! Heil'ge reichen dir die Hand, Leitend dich zu ſchönerm Land,— Horch! der Glocke Klänge! Fürchte nicht des Winters Graus, Fürchte nicht des Sturms Gebraus; Bald ruhſt du im Grabeshaus, Und in Schlaf ſinkſt du, woraus Nie du wirſt erwachen. Spute, ſpute dich, zu gehn, Denn die Friſt kann nicht beſtehn,— Laß den letzten Hauch entwehn,— Tag wird bald erwachen. 60 Die Sängerin hielt inne, und einige tiefe und hohle Seufzer antworteten auf ihr Lied, welche dem letzten Todeskampfe des Sterbenden vorauszugehen ſchienen.„Es will nicht gehen,“ mur⸗ melte ſie darauf für ſich,—„er kann nicht hinweg, mit dem was er auf dem Herzen hat— hier drückt es ihn— Himmel kann's nicht verſtecken, Erde mag es nicht decken; ich muß die Thür öffnen.“ Sie ſtand auf und bewegte ſich nach der Thür, wobei ſie ſich ſorgfältig hütete, das Haupt zurück zu wenden, und nachdem ſie einige Riegel aufgeſchoben,(denn wie elend der Ort auch ausſah, war doch die Thür vorſichtig geſchloſſen,) öffnete ſie, indem ſie ſagte: „Offne Thür, ende hie, Komm Tod, Leben flieh.“ Brown, der währenddem ſeinen Standpunkt verlaſſen hatte, ſtand vor ihr als ſie die Thür öffnete. Sie wich betroffen einen Schritt zurück und er trat ein, indem er, mit unerfreulichem Staunen, daſſelbe Zigeunerweib erkannte, welches er in Bew⸗ caſtle getroffen hatte. Auch ſie erkannte ihn ſogleich, und ihre Hal⸗ tung, ihre Geſtalt und die Beſorgniß in ihren Mienen lieferten zu⸗ ſammen ganz das Bild der wohlwollenden Ogreſſe in einem Feen⸗ märchen, welche den Fremden warnt, das gefährliche Schloß ihres Gemahls nicht zu betreten. Ihre erſten Worte waren ſodann, wäh⸗ rend ſie die Hände gleichſam verweiſend empor hielt:„Sagt' ich euch nicht, ihr ſolltet nichts thun, euch in nichts miſchen!— Hü⸗ tet euch vorm rothen Zeichen!*) Ihr ſeid in ein unheilvolles *) Ein Hieb, den ein Friedensſtifter ertheilt, indem er ſich zwiſchen zwei Streitende drängt; es iſt ſprichwörtlich der gefährlichſte Schlag, den ein Menſch erhalten kann.— Haus gekommen.“ So ſagend erhob ſie die Lampe und ließ ihr Licht auf den ſterbenden Mann fallen, deſſen rohe und harte Züge jetzt vom letzten Todeskrampfe verzerrt wurden. Ein leinenes, um ſein Haupt gewundenes Tuch war mit Blut befleckt, welches eben⸗ falls das Betttuch und Stroh beſudelt hatte. Es war keine natür⸗ liche Krankheit, an welcher der Unglückliche litt. Brown ſchau⸗ derte vor dieſem ſchrecklichen Anblick zurück und rief, gegen die Zi⸗ geunerin gewendet:„unglückliches Weib, wer hat dies gethan?“ „Die dazu befugt waren,“ antwortete Meg Merrilies, wäh⸗ rend ſie mit ſorgſamem und ſcharfem Blicke die Züge des ſterbenden Mannes beobachtete.—„Er hat einen ſchweren Kampf gehabt— aber nun iſt's vorbei— ich wußte, daß es vorüber ſein würde, ſo⸗ bald ihr eintratet.— Das war der Todesſeufzer— er iſt todt.“ Ein Geräuſch hörte man in der Ferne, wie von Stimmen. „Sie kommen,“ ſagte ſie zu Brown;„ihr ſeid ein verlorner Mann und hättet ihr ſo viele Leben, als Haare.“ Brown ſchaute ſich eifrig nach einer Vertheidigungswaffe um: doch war keine zu ſehen. Er eilte daher nach der Thür, in der Abſicht, ſich unter den Bäumen zu verbergen und ſich durch Flucht von dem Orte zu retten, den er für eine Mörderhöhle hielt; aber Merrilies hielt ihn mit männlicher Kraft zurück.„Bleibt hier,“ ſagte ſie, ſeid ſtill, und ihr werdet ſicher ſein— miſcht euch in nichts, was auch vor⸗ geht, und es ſoll euch nichts geſchehen.“ Brown gedachte in dieſer verzweifelten Lage des frühern Ra⸗ thes dieſer Frau, und konnte nur Sicherheit hoffen, indem er ihr gehorchte. Sie ließ ihn unter einen Haufen Stroh kriechen, an der entgegengeſetzten Seite des Gemaches, dem Leichnam gegen⸗ über, deckte ihn ſorgfältig zu und warf noch einige alte Säcke, die in der Nähe lagen, darüber. Begierig, zu beobachten, was vorgehen würde, richtete es Brown möglichſt leiſe ſo ein, daß er unter ſeinem Verſteck hervorgucken konnte, und ſo erwartete er 62 klopfenden Herzens den Ausgang dieſes ſeltſamen und unerfreulichen Abenteuers. Die alte Zigeunerin beſchäftigte ſich indeſſen mit dem Leichnam, rückte ſeine Glieder zurecht und legte die Arme gerade an ſeiner Seite.„Dies macht ſich am beſten,“ murmelte ſie,„eh' er ſteif iſt.“ Auf des Todten Bruſt ſetzte ſie einen mit Salz be⸗ ſtreuten Teller, ſetzte ein Licht zu Häupten und ein anderes zu Fü⸗ ßen des Todten nieder, und zündete beide an. Darauf begann ſie ihren Geſang wieder und erwartete jene, deren Stimmen man von draußen gehört hatte. Brown war Soldat und hatte ſeinen Muth als ſolcher be⸗ währt; aber er war auch ein Menſch, und in dieſem Augenblicke ward ſein Muth ſo vollſtändig von ſeiner Furcht überwältigt, daß ihm der kalte Schweiß aus allen Poren brach. Der Gedanke, aus ſeinem elenden Verſteck durch Böſewichter hervorgezogen zu werden, deren Handwerk nächtlicher Mord war, ohne Waffen, oder die geringſten Vertheigungsmittel zu haben, außer Bitten, die ſie nur verhöhnen würden, oder Hilferuf, welcher kein Ohr als ihr eigenes erreichen würde— dann der Gedanke, daß ſeine Sicherheit von dem zweideutigen Mitleid einer Gehilfin dieſer Schelme abhänge, deren tägliche Beſchäftigung mit Raub und Be⸗ trug ſie auch gegen jedes menſchliche Gefühl verhärtet haben mußte — all dieſe bittern Empfindungen laſteten ſchwer auf ihm. Er be⸗ mühte ſich, in ihrem verwitterten und finſtern Geſicht, während der Lampenſchein auf ihre Züge fiel, etwas zu leſen, was ihm jenes mitleidige Gefühl verſprechen könnte, welches Frauen, ſelbſt im Zuſtande der größten Ausartung, ſelten ganz verläugnen können. An dieſem Weibe ließ ſich kein ſolcher Zug der Menſchlichkeit ent⸗ decken. Die Theilnahme, welcher Art ſie auch war, die ſie zu ſei⸗ nen Gunſten hegte, rührte nicht vom Mitleid her, ſondern von an⸗ dern verborgenen und wahrſcheinlich launenhaften Gefühlen, die er nicht zu deuten vermochte. Vielleicht beruhte Alles auf einer 63 eingebildeten Aehnlichkeit, ſo wie Lady Macbeth den ſchlafen⸗ den Monarchen mit ihrem Vater ähnlich fand. Dergleichen Gedan⸗ ken kreuzten in raſcher Aufeinanderfolge Browns Gemüth, wäh⸗ rend er aus ſeinem Verſteck die außerordentliche Perſon betrachtete. Indeſſen langte die Bande noch nicht an, und er war faſt im Be⸗ griff ſeinen urſprünglichen Plan, aus der Höhle zu entfliehen, wie⸗ der aufzunehmen, während er zugleich im Stillen ſeine Unent⸗ ſchloſſenheit verwünſchte, in Folge deren er hieher gebannt war, wo er weder Raum zum Widerſtand, noch zur Flucht hatte. Meg Merrilies ſchien gleichfalls eifrig zu harren. Sie lauſchte bei jedem Tone, der ſich um die alten Mauern hören ließ. Dann wendete ſie ſich wieder zu dem Leichnam, und fand etwas an ſeiner Lage zu ordnen oder zu ändern.„'s iſt eine hübſche Leiche,“ mur⸗ melte ſie für ſich,„und iſt wohl werth, gehörig geſchmückt zu wer⸗ den.“— In dieſer traurigen Beſchäftigung ſchien ſie eine Art von berufsmäßigem Vergnügen zu finden, indem ſie ſorgfältig alle ein⸗ zelnen Kleinigkeiten beobachtete, ganz mit dem Geſchick und den Gefühlen einer Eingeweihten. Ein langer dunkelfarbiger Schiffer⸗ mantel, den ſie aus einem Winkel ſchleppte, ward als Leichentuch gebraucht; das Geſicht ließ ſie entblößt, nachdem ſie Mund und Augen geſchloſſen hatte, und den Kragen des Mantels legte ſie ſo, daß der blutige Verband verborgen ward, um dem Leichnam, wie ſie ſich ausdrückte,„ein anſtändigeres Anſehn zu geben.“ Plötzlich traten drei oder vier Männer, in Weſen und Klei⸗ dung vollkommene Raubgeſellen, in die Hütte.„Meg, du Sa⸗ tansſtück, wie kannſt du die Thür offen laſſen?“ ſo lautete der erſte Gruß der Ankömmlinge. „Und wer hörte je, daß man eine Thür verriegelt ließ, wäh⸗ rend ein Menſch im Sterben lag?— Meint ihr, der Geiſt hätte durch Riegel und Pfoſten, wie die dort, gehen können?“ „Iſt er alſo todt?“ ſagte einer, indem er an die Seite des Lagers ging, um den Leichnam zu ſehen. „Ja, ja, todt genug“ ſagte ein anderer—„aber hier iſt was zu einer fröhlichen Todtenwache.“ Mit dieſen Worten holte er ein Fäßchen Branntwein aus einer Ecke, während Meg eilte, Pfeifen und Tabak zurecht zu machen. Aus der Thätigkeit, mit welcher ſie das Geſchäft unternahm, ſchöpfte Brown wieder Hoffnung, in Bezug auf ihre redliche Ge⸗ ſinnung gegen den Gaſt. Es war deutlich, daß ſie die Schurken nur mit ihrem Gelage gehörig zu beſchäftigen wünſchte, damit keine Entdeckung ſtattfinden möchte, wenn ſich etwa einer zufällig der Stelle näherte, wo Brown verborgen lag. Achtes Kapitel. Nicht Herd noch Scheuer iſt uns nun, Nicht Hof noch Haus zu Theil, Kein freundlich Weib, uns angetraut, 3 Zu fördern unſer Heil. In Höhlen ruhn bei Tage wir, Die Nacht iſt unſer Tag; Genießt ſie, luſt'ge Männer ihr, So gut als jeder mag! Joanna Baillie. Brown vermochte nun ſeine Feinde zu zählen— es waren ihrer fünf; zwei von ihnen waren ſtarke Männer, die entweder wirkliche Seeleute waren, oder Landſtreicher, die dieſen Charakter nur ange⸗ nommen hatten; die andern drei, ein alter Mann und zwei junge Burſche, waren ſchmächtiger gebaut und ſchienen, ihres ſchwarzen Haars und ihrer dunkeln Geſichtsfarbe wegen, zu Meg's Stamme zu gehören. Sie ließen den Becher, aus welchem ſie ihren Brannt⸗ wein tranken, im Kreiſe herumgehen.„Dies auf ſeine glückliche Reiſe!“ ſagte einer der Seeleute, indem er trank;„'s iſt freilich eine trübe Nacht, um den Himmel ſuchen zu wollen!“ Guy Mannering. II. 5 66 Wir laſſen hier mancherlei Flüche weg, womit dieſe biedern Gentlemen ihre Unterhaltung ausſchmückten, und behalten nur die⸗ jenigen Redensarten bei, welche minder verletzend ſind. „Er fragt nicht mehr nach Wind und Wetter— er hat Zeit ſeines Lebens manchen Nordoſt ausgehalten.“ „Den letzten hielt er geſtern aus,“ ſagte ein zweiter Räuber; „und nun mag die alte Meg um guten Wind für ihn beten, ſie hat dergleichen ja ſchon früher oft gethan.“ „Ich will um keinen für ihn beten,“ ſagte Meg,„ebenſowenig als für dich, du räudiger Hund. Die Zeiten haben ſich ſehr geän⸗ dert, ſeit ich eine junge Dirne war. Damals gab es Männer, da fochten ſie mit einander im offenen Felde, und lauerten nicht als Mörder bei Nacht. Und die Vornehmen waren mild geſinnt und gaben einem armen Zigeuner gern Wein und Brod; es war aber auch nicht einer unter uns, vom Johnnie Faa, dem Hauptmann, bis zum kleinen Chriſtie im Korbe, der ihnen das geringſte wegge⸗ nommen hätte. Aber ihr habt die guten alten Regeln verlaſſen, und darum iſt's kein Wunder, daß Halseiſen und Ketten oft um euch raſſeln. Ja, ihr ſeid anders geworden— ihr könnt eines braven Mannes Fleiſch eſſen, ſeinen Trank trinken und auf dem Stroh in ſei⸗ ner Scheune ſchlafen, und darnach könnt ihr ihm das Haus anſtecken und ihm die Kehl' abſchneiden für ſeine Mühe! Blut klebt auch an euren Händen, ihr Hunde— mehr als je in ehrlichem Kampfe floß. Seht zu, wie ihr ſterben werdet— der da trieb's lang', eh' er ſter⸗ ben konnte— er rang und kämpfte und konnte weder ſterben noch leben;— aber ihr— die halbe Grafſchaft wird zuſehn, wenn ihr am Galgenholz hängt.“ Die Geſellſchaft ließ bei Meg's Prophezeiung ein lautes Ge⸗ lächter erſchallen. „ Warum biſt du hieher zurückgekommen, Alte!“ ſagte einer von den Zigeunern.„Konnteſt du nicht bleiben wo du warſt, und den Cumberländern wahrſagen?— Geh' hinaus und ſtell' dich auf die Lauer, du alter Satan, und ſieh zu, daß uns Niemand auf die Spur kommt; das iſt Alles, wozu du jetzt noch gut biſt.“ „Das iſt es, wozu ich jetzt noch gut bin?“ ſagte die erzurnte Matrone.„Zu mehr als dem war ich gut in dem großen Gefecht zwiſchen unſern Leuten und Patrico Salmons; hätt' ich nicht mit dieſen Fäuſten hier geholfen,(dabei hielt ſie beide Hände empor,) ſo würde dich Jean Baillie erdroſſelt haben, du großmäuliges Haſen⸗ herz!“ Ein zweites Gelächter erhob ſich hier auf Koſten des Helden, welcher den Beiſtand dieſer Amazone erhalten hatte. „Hier, Mutter,“ ſagte einer von den Seefahrern,„hier iſt ein gutes Glas für dich, kümmert euch nicht um die alten Ge⸗ ſchichten.“ Meg trank den Branntwein und indem ſie ſich von der weitern Unterhaltung zurückzog, ſetzte ſie ſich auf eine ſolche Weiſe vor dem Orte, wo Brown verborgen lag, nieder, daß nicht leicht jemand die⸗ ſer Stelle nahen konnte, ohne daß ſie zuvor aufſtand. Die Männer zeigten indeß keine Neigung, ſie zu ſtören. Sie ſetzten ſich dicht um das Feuer und hielten geheimen Rath mit einander; der leiſe Ton, in welchem ſie ſprachen und die Diebs⸗ ſprache, deren ſie ſich bedienten, verhinderte Brown, etwas von ihrer Unterhaltung zu verſtehen. So viel begriff er im Allgemei⸗ nen, daß ſie gegen eine gewiſſe Perſon einen großen Unwillen aus⸗ ſprachen.„Er ſoll ſein Theil haben,“ ſagte einer, und flüſterte dann ſeinen Kameraden etwas ſehr leiſe in's Ohr. „Ich mag damit nichts zu thun haben,“ ſagte der andere. „Biſt du haſenherzig geworden, Jack! „Nein, wahrlich, nicht mehr als du ſelbſt— aber gleichwohl möcht' ich nicht,— es war etwas Aehnliches, was vor fünfzehn oder 5* 68 zwanzig Jahren den ganzen Handel verdarb— du haſt doch von dem Sprung gehört?“ „Ich habe von ihm“(hier deutete er mit einem Kopfnicken auf den Todten,)„die Geſchichte erzählen hören. Beim Teufel, wie pflegte er zu lachen, wenn er uns zeigte, wie er ihn von der Klippe ſtieß!“ „Gut; aber das legte doch eine Zeit lang den Handel in Ket⸗ ten,“ ſagte Jack. „Wie ging das zu?“ fragte der Andere. „Ei,“ erwiederte Jack,„das Volk wurde aufſtützig, es wurde ſo mancher verhaftet”“— „Schon gut,“ ſagte der andere;„wir ſollten dem Kerl wohl einmal einige dieſer Burſche hier auf den Hals ſchicken, um ihn nach Gebühr zu tractiren.“ „Aber die alte Meg ſchläft nun,“ ſagte ein andrer;„ſie wird ſchwachköpfig und fürchtet ſich vor ihrem eignen Schatten. Sie wird noch alte Geſchichten ausplaudern, wenn wir nicht ſehr auf der Hut ſind.“ „Seid unbeſorgt,“ ſagte der alte Zigeuner;„Meg iſt von ächter Zigeunerabkunft; ſie iſt gewiß die letzte von uns allen, die ſich in Furcht jagen läßt— aber freilich hat ſie oft wunderliche Ma⸗ nieren und braucht wunderliche Worte.“ Auf dieſe Weiſe ſetzten ſie die Unterhaltung in einem dunkeln, unverſtändlichen Dialekte fort, der zum Theil mit bedeutſamen Winken und Zeichen ergänzt wurde, aber den betreffenden Gegen⸗ ſtand gleichwohl nie beſtimmt oder in klaren Worten ausdrückte. Als endlich einer von ihnen bemerkte, daß Meg noch feſt ſchlief oder wenigſtens zu ſchlafen ſchien, befahl er einem der Burſchen,„den ſchwarzen Peter hereinzubringen, damit man ihn öffnen könne.“ Der Knabe ging nach der Thuͤr und brachte einen Mantelſack herein, den Brown ſogleich für den ſeinigen erkannte. Seine Gedanken wandten ſich alsbald auf den unglücklichen Burſchen, den er bei dem Wagen gelaſſen hatte. Hatten ihn die Schurken ermordet! dieſe Ungewißheit war es, die ſein Gemüth ſchrecklich belaſtete. Seine angſtvolle Aufmerkſamkeit ſteigerte ſich und während die Räuber ſeine Wäſche und Kleidungsſtücke nach einander hervorzogen und bewunderten, lauſchte er ängſtlich nach einer Andeutung, die ihm das Schickſal das Poſtillons anzeigen konnte. Aber die Schurken waren zu ſehr über ihre Beute erfreut, und zu ſehr mit der Prüfung des Gefundenen beſchäftigt, als daß ſie ſich ausführlich über die Art und Weiſe, wie ſie dazu gekommen, hätten beſprechen ſollen. Der Mantelſack enthielt Verſchiedenes zur Kleidung gehörige, ein Paar Piſtolen, eine lederne Taſche mit einigen Papieren, etwas Geld u. ſ. w. Zu jeder andern Zeit würde es Brown außerordentlich ge⸗ reizt haben, zu ſehen, auf welche unceremoniöſe Weiſe die Diebe ſein Eigenthum theilten und ſich noch auf Koſten des Beſitzers luſtig machten. Aber dieſer Augenblick war zu gefahrvoll, als daß er noch andere Gedanken, außer dem an Selbſterhaltung, zugelaſſen hätte. 3 Nachdem ſie den Mantelſack gehörig durchforſcht und ſeinen Inhalt genau getheilt hatten, ſchritten ſie zu dem weit ernſtern Ge⸗ ſchäfte des Trinkens, wobei ſie den größten Theil der Nacht zu⸗ brachten. Brown hegte einige Zeit die Hoffnung, ſie möchten ſo viel trinken, daß ſie von Sinnen kämen, wo dann ſeine Flucht leicht zu bewerkſtelligen geweſen wäre. Ihr gefährliches Geſchäft jedoch verlangte Vorſichtsmaßregeln, die mit ſolcher unbeſchränkter unmä⸗ ßigkeit gar nicht vereinbar waren. Drei von ihnen legten ſich zur Ruhe, während der Vierte wachte. Nach einer zweiſtündigen Wache wurde er von einem andern abgelöſt. Als die zweite Wache vorüber war, weckte die Schildwache alle, welche nun, zu Brown's unausſprechlichem Troſte, Vorbereitungen zum Abzug zu machen begannen, indem ſie die verſchiedenen Gegenſtände zuſammenpack⸗ ten, die ſich ein jeder zugeeignet hatte. Indeß war noch immer eini⸗ ges zu thun übrig. Zwei von ihnen brachten, nachdem ſie zu Brown's großer Beunruhigung eine Zeitlang umhergeſucht hatten, ein Grabſcheit und eine Schaufel zum Vorſchein, ein anderer holte eine Spitzhacke hinter dem Stroh hervor, worauf der Todte lag. Mit dieſen Werkzeugen verließen ihrer zwei die Hütte, und die übri⸗ gen drei, unter denen ſich die Seeleute, zwei ſehr ſtarke Männer, befanden, blieben noch als Beſatzung zurück. Nach Verlauf einer halben Stunde kam einer von den Fortge⸗ gangenen zurück, und flüſterte mit den Andern. Sie wickelten den Leichnam in den Schiffermantel, welcher als Leichentuch gedient hatte, und trugen den Todten ſo hinaus. Gleich nachher erwachte die alte Sy⸗ bille aus ihrem wirklichen oder erkünſtelten Schlummer. Zuerſt ging ſie nach der Thür, als wolle ſie den völligen Abſchied ihrer Hausge⸗ noſſen beobachten; ſodann kehrte ſie zurück und befahl Brown in leiſem und halbunterdrücktem Tone, ihr ſogleich zu folgen. Er ge⸗ horchte; als er jedoch die Hütte verließ, hätt' er ſich gern wieder in Beſitz ſeines Geldes oder wenigſtens ſeiner Papiere geſetzt, aber dies verhinderte ſie auf ſehr gebieteriſche Weiſe. Es fiel ihm alsbald bei, daß der Verdacht, dasjenige, was er wieder zu beſitzen wünſchte, entfernt zu haben, auf dies Weib fallen würde, welchem er doch aller Wahrſcheinlichkeit nach ſein Leben verdankte. Er ließ daher ſogleich von ſeinem Verſuche ab, und begnügte ſich damit, eine Waffe zu ergreifen, welche einer der Räuber zur Seite unter das Stroh geworfen hatte. Auf ſeinen Füßen ſtehend und im Beſitz die⸗ ſer Waffe, dünkteer ſich bereits halb befreit von den Gefahren, die ihn umringten. Indeß fühlte er ſich noch immer ſteif und unbeholfen, ſo⸗ wohl von der Kälte, als von der unbequemen und unveränderten Lage, worin er die ganze Nacht zugebracht hatte. Als er aber der Zigeu⸗ nerin aus der Thür der Hütte folgte, gab die friſche Morgenluft 71 und die Bewegung des Gehens ſeinem Blute und ſeinen Gliedern neues Leben.. Das matte Licht eines Wintermorgens ward durch den Schnee heller gemacht, welcher ringsum lag und durch den ſtrengen Froſt ſchimmernd geworden war. Brown überſchaute ſchnell die umlie⸗ gende Landſchaft, damit er den Ort einſt wiedererkennen könnte. Der kleine Thurm, von dem nur ein einziges Gewölbe übrig war(daſ⸗ ſelbe, worin Brown dieſe denkwürdige Nacht zugebracht hatte,) hing auf der Spitze eines vorragenden Felſens, der über dem kleinen Bache hing. Er war nur auf einer Seite zugänglich, und zwar von dem Graben, oder der Schlucht unten. Auf den andern drei Seiten war das ufer ſteil, ſo daß Brown am vorigen Abend mehr als einer Gefahr entgangen war; denn wenn er verſucht hätte, rings um das Gebäude zu gehen, was anfangs ſein Wille war, ſo würde er ſich völlig zerſchmettert haben. Das Thal war ſo eng, daß ſich an eini⸗ gen Stellen oben die Bäume von beiden Seiten berührten. Sie waren jetzt mit Schnee, ſtatt mit Laub beladen, und bildeten ſo eine Art eiſigen Baldachins über dem Bache in der Tiefe, welcher ſich nur durch ſeine dunklere Färbung unterſchied, während er ſeines Weges durch die Schneekränze leiſe hinſickerte. An einer Stelle, wo das Thal etwas weiter war und ein Stückchen ebenen Landes zwiſchen ſeinen Seitenwänden und dem Bachufer ließ, lagen die Ruinen des Dörfchens, in welches Brown am vorigen Abend gera⸗ then war. Die zerfallenden Giebel, deren innere Seiten mit Torf⸗ ruß überfirnißt waren, ſahen jetzt noch ſchwärzer aus, da ſie mit den Schneerinden im Contraſt ſtanden, welche der Wind gegen ſie getrieben hatte, ſo wie mit der weißen Fläche ringsum. Brown konnte jetzt auf dieſe winterliche, traurige Scene nur einen flüchtigen Blick werfen, denn ſeine Führerin, die nur einen Augenblick angehalten hatte, als wolle ſie ihm ſeine Neugier befrie⸗ digen laſſen, ging jetzt ſchnell vor ihm auf dem Pfade hin, der in das Thal niederführte. Er bemerkte, indem ſich einiger Argwohn bei ihm regte, daß ſie einen Weg wählte, worauf ſchon Spuren von Tritten ſichtbar waren, welche allem Vermuthen nach von den Räu⸗ bern herrührten, die in jenem Gewölbe die Nacht zugebracht hatten. Ein kurzes Nachdenken beſeitigte indeß ſeinen Argwohn. Es ließ ſich nicht glauben, daß das Weib, welches ihn, wo er ganz unver⸗ theidigt war, vor ihrer Bande geſchützt hatte, ihre vermeintliche Verrätherei auf den Zeitpunkt verſchoben haben ſollte, wo er be⸗ waffnet war und ſich überdies im Freien befand, wo ſich ihm weit beſſere Gelegenheit zur Vertheidigung oder Flucht bot. Daher folgte er ſeiner Führerin vertrauensvoll und ſchweigend. Sie überſchrit⸗ ten den Bach an derſelben Stelle, wo er offenbar auch von denen überſchritten worden, die vor ihnen hier gegangen waren. Die Fußtapfen gingen weiter durch das zerſtörte Dörfchen, von da ab⸗ wärts im Thale, welches ſich wieder zu einer Schlucht verengte, nachdem man über den offenen Platz der Ruinen hinweg war. Aber die Zigeunerin folgte hier jener Spur nicht weiter, ſie wandte ſich ſeitwärts und ging auf einem ſehr rauhen und unebenen Pfade voran, welcher über dem Ufer, das über jenem Dörfchen hing, hinführte. Obwohl an manchen Stellen der Schnee den Fußſteg verbarg und das Auftreten ungewiß und unſicher machte, ſo ſchritt Meg doch mit feſtem und ſicherm Schritte vorwärts und zeigte dadurch, wie gut ſie mit dem eingeſchlagenen Wege bekannt war. Endlich erreichten ſie den Gipfel der Thalwand; aber dies geſchah auf einem ſo ſteilen und vielfach gewundenen Pfade, daß Brown, obwohl überzeugt, es ſei derſelbe, auf dem er in voriger Nacht herabgeſtiegen war, ſich doch im hohen Grade verwundern mußte, wie er dies Werk habe verrichten können, ohne den Hals zu brechen. Oben breitete ſich das Land zu einer Seite offen und frei etwa eine Stunde weit hinaus, zur andern Seite befanden ſich dichte Anpflanzungen von beträcht⸗ lichem umfange. 73³ Meg ging indeß immer noch am Rande der Thalſchlucht voran, aus welcher ſie herauf geſtiegen waren, bis man in der Tiefe Gemur⸗ mel mehrerer Stimmen vernahm. Sie deutete jetzt auf eine dichte Baumpflanzung in einiger Entfernung.—„Die Straße nach Kippletringan,“ ſagte ſie,„befindet ſich an der andern Seite jenes Geheges— Sputet euch ſo viel als möglich; es liegt mehr an eurem Leben, als an dem anderer Leute.— Aber ihr habt Alles verloren — Wartet.“— Sie krabbelte in einer ungeheuren Taſche herum, und brachte endlich einen großen Geldbeutel hervor—„Viele Wohl⸗ that hat euer Haus der Meg und den Ihrigen erwieſen— und ſie hat lange gelebt, um doch nun nur in geringem Grade Vergeltung bieten zu können;“— damit legte ſie ihm den Geldbeutel in die Hand. Das Weib iſt wahnſinnig, dachte Brown; aber es war keine Zeit übrig, darüber zu ſtreiten, denn die Stimmen, die man aus der Thalſchlucht vernommen hatte, rührten wahrſcheinlich von den Räubern her.„Wie ſoll ich dies Geld zurückzahlen,“ ſagte er, „oder wie die Freundlichkeit vergelten, die du mir erwieſen haſt!“ „Zweierlei hab' ich zu bitten,“ ſagte die Sybille, leiſe und ha⸗ ſtig ſprechend;„erſtens, daß ihr nie von dem ſprechen wollt, was ihr in letzter Nacht geſehen habt; und zweitens, daß ihr dieſe Ge⸗ gend nicht verlaſſen wollt, ohne mich wiedergeſehn zu haben, daß ihr auch im Wirthshauſe Nachricht für mich laßt, wo man euch fin⸗ den kann; ferner, daß ihr, ſobald ich euch rufen werde, ſei es in Kirche oder Markt, bei Hochzeit oder Begräbniß, Sonntags oder Sonnabends, zur Mahlzeit oder am Faſttag, daß ihr dann Alles verlaßt und mit mir kommt.“ „Nun, das wird euch aber wenig nützen, Mutter.“ „Aber euch wird es gut ſein, und das will ich eben haben— ich bin nicht toll, obwohl ich genug erlebte, um es werden zu kön⸗ nen— ich bin nicht toll, nicht ſchwachköpfig oder trunken— ich 74 weiß, was ich verlange und ich weiß, daß es der Wille Gottes war, euch in ſeltſamen Gefahren zu ſchützen, und daß ich das Werkzeug ſein ſoll, euch wieder in eurer Väter Erbe einzuſetzen.— Daher gebt mir jenes Verſprechen, und gedenkt, daß ihr in dieſer Nacht mir euer Leben verdankt habt.“ Ihre Rede klingt allerdings verwirrt, dachte Brown— und doch iſt dies mehr das Verwirrte einer kräftigen Natur, als eines Wahnſinnigen. „Gut, Mutter, da du eine ſo geringe und unbedeutende Gunſt verlangſt, ſo geb' ich dir mein Verſprechen. Zum wenigſten will ich mir die Gelegenheit verſchaffen, dir dein Geld mit Zinſen zu er⸗ ſtatten. Du biſt ein wunderlicher Gläubiger, das iſt wahr, jedoch—“ „Nun denn, hinweg, hinweg!“ ſagte ſie, mit der Hand zum Fortgehen winkend.„Denkt nicht an das Geld—'s iſt euer Ei⸗ genthum; aber denkt eures Verſprechens und wagt nicht, mir zu folgen oder mir nachzuſehen.“ So ſagend eilte ſie thalabwärts, und ſtieg mit großer Behendigkeit in die Tiefe, während Eiszapfen und Schneeflocken über ihr niederſchauerten, als ſie verſchwand. Trotz ihres Verbots bemühte ſich Brown doch, einen Punkt des Thalrandes zu erreichen, von wo er, ungeſehn, in das Thal niederſchauen könnte; und mit einiger Schwierigkeit(denn es ver⸗ ſteht ſich, daß die größte Vorſicht nöthig war,) gelang ihm dies. Der Ort, den er in dieſer Abſicht betrat, war die Spitze eines vor⸗ ſpringenden Felſens, welcher jäh zwiſchen den Bäumen emporſtieg. Indem er auf den Schnee niederkniete und den Kopf vorſichtig vor⸗ ſtreckte, konnte er beobachten, was im Grunde des Thales vorging. Er ſah, wie er erwartet hatte, ſeine Gefährten von vergangener Nacht, zu denen ſich jetzt noch einige andere geſellt hatten. Sie hatten am Fuße des Felſens den Schnee hinweggeräumt und ein tie⸗ fes Loch gemacht, welches zu einem Grabe dienen ſollte. Um dieſes herum ſtanden ſie nun und legten etwas in einen Schiffermantel —--—- —--—- 7⁵ gewickeltes hinein, welches Brown alsbald für den Körper des Man⸗ nes hielt, den er hatte ſterben ſehen. Sodann ſtanden ſie eine halbe Minute in Schweigen, als ob ſie von Trauer über den Verluſt ihres Kameraden ergriffen wären. War letzteres wirklich der Fall, ſo überließen ſie ſich doch dieſem Gefühle nicht lange, denn alle Hände waren alsbald damit beſchäftigt, das Grab zu füllen; Brown, wel⸗ cher einſah, daß dies Werk bald beendet ſein würde, hielt für's Beſte, dem Winke der Zigeunerin zu folgen und ſo ſchnell als möglich zu laufen, bis er jene ſchützende Anpflanzung erreichte. Sobald er unter den Bäumen angelangt war, dachte er vor allem an die Börſe der Zigeunerin. Er hatte ſie ohne Bedenken an⸗ genommen, wiewohl mit einem Gefühle von Selbſterniedrigung, welches durch den Charakter der Perſon erweckt wurde, die ihm die Gefälligkeit erwies. Gleichwohl rettete ihn dieſelbe von einer ern⸗ ſten, obwohl nur momentanen Verlegenheit. Sein Geld, mit Ausnahme weniger Schillinge, befand ſich in ſeinem Mantelſack, und dieſer war im Beſitz der Freunde Meg's. Es erforderte einige Zeit, wenn er an ſeinen Geſchäftsträger ſchreiben, oder wenn er ſich an ſeinen guten Wirth zu Charlieshope wenden wollte, der ihn je⸗ denfalls gern unterſtützt haben würde. Bis dahin war er nun ent⸗ ſchloſſen, ſich der Gabe Meg's zu bedienen, indem er hoffte, es werde ſich bald die Gelegenheit bieten, wo er es ihr mit Erkenntlich⸗ keit zurückerſtatten könnte.„Es kann nur eine kleine Summe ſein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und ich denke wohl, ein Theil meiner Banknoten wird die gute Dame hinlänglich entſchädigen.“ Mit ſolchen Gedanken öffnete er den Lederbeutel, worin er höch⸗ ſtens drei oder vier Guineen zu finden erwartete. Aber wie ſtaunte er bei der Entdeckung, daß er, außer einer beträchtlichen Menge von Goldſtücken verſchiedenen Gepräges, deren Werth ſich wohl auf hundert Pfund belaufen mochte, auch noch verſchiedene koſtbare Ringe und Juwelen enthielt, deren Werth ſich, ſo weit er ihn in der Eile zu ſchätzen vermochte, ſehr hoch belief. Brown war zugleich erſtaunt und verlegen durch die Umſtände, in denen er ſich jetzt befand; er war im Beſitz eines Vermögens, wel⸗ ches ſein eigenes bei weitem überſtieg, welches aber aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach auf die nämliche ſchmachvolle Weiſe erworben worden war, auf welche man ihn des ſeinigen beraubt hatte. Sein erſter Gedanke war, ſich nach dem nächſten Friedensrichter zu erkundigen und in deſſen Hände den Schatz niederzulegen, den er auf ſo uner⸗ wartete Weiſe erhalten hatte; zugleich wollte er ſeine eigene merk⸗ würdige Geſchichte dort melden. Nach kurzer Ueberlegung fanden ſich jedoch mancherlei Einwürfe gegen jenes Verfahren. Erſtlich mußte er alsdann ſein Gelübde der Verſchwiegenheit brechen, während er zugleich die Sicherheit, vielleicht das Leben, deſſelben Weibes gefährdete, die ihr eigenes daran gewagt hatte, ihn zu ſchützen, und die ihn freiwillig mit dieſem Schatze beſchenkt hatte,— ihre Großmuth mußte ſo das Mittel ihres Untergangs werden. Daran ließ ſich nicht weiter denken. Ueberdies war er ein Fremder und, wenigſtens für eine gewiſſe Zeit, nicht mit den Mitteln verſehn, ſei⸗ nen eigenen Stand und ſeine Glaubwürdigkeit einer ſtumpfſinnigen und hartnäckigen obrigkeitlichen Perſon auf dem Lande genügend zu beweiſen.„Ich will die Sache reiflicher überdenken,“ ſagte er; „vielleicht liegt ein Regiment in jenem Städtchen, und dann wird meine Kenntniß des Dienſtes und meine Bekanntſchaft mit vielen Offizieren der Armee meinen Stand und Charakter gehörig darthun, während ihn ein bürgerlicher Richter doch nicht genügend beurthei⸗ len könnte. Auch würde ich dann den Beiſtand des commandiren⸗ den Offiziers erhalten, um dieſem unglücklichen wahnſinnigen Weibe eine möglichſt ſchonende Behandlung zu verſchaffen. Iſt doch ihr Irrthum oder ihr Vorurtheil von ſo glücklichen Folgen für mich ge⸗ weſen! Eine bürgerliche Gerichtsperſon würde ſich für verpflichtet 77 halten, ſogleich einen Verhaftsbefehl gegen ſie und die Ihrigen aus⸗ zufertigen, und die Folgen ihrer Gefangennehmung liegen klar genug am Tage— Nein, ſie hat ſich ehrenhaft gegen mich benom⸗ men, und wenn ſie auch der Satan ſelbſt wäre, ich will ehrenhaft gegen ſie ſein;— Sie ſoll das Vorrecht eines Kriegsgerichts genie⸗ ßen, wo alles, was die Ehre betrifft, die Strenge des Geſetzes mil⸗ dern kann. Ueberdies werd' ich ſie wohl in dieſem Orte ſehen, Kipple— Couple— wie nannte ſie es doch!— dann kann ich ihre Gefälligkeit vergelten, und auch das Geſetz mag alsdann walten, wenn dies auf glimpfliche Weiſe geſchehen kann. Unterdeſſen muß freilich ich, der die Ehre hat, im Dienſte ſeiner Majeſtät zu ſtehen, die ſchlimme Rolle eines Menſchen ſpielen, welcher geſtohlenes Gut angenommen hat.“ Mit dieſen Gedanken nahm Brown einige Guineen vom Schatze der Zigeunerin, um damit ſeine augenblicklichen Bedürfniſſe zu beſtreiten, und indem er das Uebrige wohlverwahrt in der Börſe ruhen ließ, faßte er den Entſchluß, dieſelbe nicht wieder zu öffnen, bis er ſie entweder der Geberin zurückſtellen, oder ſie in die Hände eines öffentlichen Beamten niederlegen könnte. Was die mitge⸗ nommene Waffe betraf, ſo war ſein erſter Gedanke, ſie in der Baum⸗ pflanzung zu laſſen. Da er aber die Gefahr, dieſen Schuften wieder begegnen zu können, überlegte, ſo konnte er ſich nicht ent⸗ ſchließen, die Waffe abzulegen. Seine Reiſekleidung, obwohl ganz ſchlicht, hatte doch einen ſo militäriſchen Schnitt, daß eine derartige Waffe recht wohl dazu paßte. Und wenn auch die Gewohnheit des Degentragens bei nicht uniformirten Perſonen bereits aus der Mode war, ſo war ſie doch nicht ſo gänzlich vergeſſen, daß ſie bei demjeni⸗ gen, der ihr noch huldigte, beſonders auffällig hätte ſein ſollen. In⸗ dem er daher die Vertheidigungswaffe behielt und den Beutel der Zigeunerin in der Taſche verbarg, ſchritt unſer Reiſender rüſtig durch das Gehölz, um die bezeichnete Straße aufzuſuchen. Neuntes Kapitel. Freundſchaft der Schulzeit, Kindesalters Unſchuld! Wie zwei kunſtreiche Götter, Hermia, ſchufen Wir eine Blume da mit unſern Nadeln, Auf einem Sitz, nach einem Muſter ſtickend, Und dazu ſangen beide wir ein Lied, Als wären unſre Hände, Stimmen, Herzen Ganz innig eins. Sommernachtstraum. Julia Mannering an Matilde Marchmont. „Wie vermagſt du mir, theuerſte Matilde, Nachläſſigkeit in der Freundſchaft oder Schwanken in meiner Zuneigung vorzuwer⸗ fen! iſt mir es möglich zu vergeſſen, daß du die Erwählte meines Herzens biſt, in deren treuen Buſen ich jedes Gefühl niederlegte, welches deine arme Julie ſich nur ſelbſt zu bekennen wagte! Glei⸗ ches Unrecht thuſt du mir durch den Vorwurf, daß ich deine Freund⸗ ſchaft für die der Lucie Bertram aufgegeben hätte. Ich verſichere dir, ſie beſitzt nicht die Eigenſchaften, die ich vom Herzen einer Freundin verlange. Sie iſt allerdings ein liebenswürdiges Mäd⸗ chen und gefällt mir ſehr; auch muß ich geſtehn, daß unſere Vor⸗ mittags⸗ und Abendbeſchäftigungen mir weniger Zeit für den 79 Gebrauch meiner Feder ließen, als die beabſichtigte Regelmäßigkeit unſerer Correſpondenz verlangt. Elegante Bildung und Fertig⸗ keiten hat ſie nicht; doch verſteht ſie das Franzöſiſche und Italieni⸗ ſche, welches ſie von dem ſeltſamſten Ungeheuer erlernte, das man nur ſehen kann; mein Vater hat dies Weſen als eine Art von Bi⸗ bliothekar angeſtellt und protegirt dieſen Mann, wie mir ſcheint, um der Meinung der Welt Trotz zu bieten. Oberſt Mannering ſcheint es ſich zum Grundſatze gemacht zu haben, nicht zu dulden, daß man etwas für lächerlich halte, ſo lang es auf irgend eine Weiſe mit ihm in Verbindung ſteht. Ich erinnere mich, daß er einſt in Indien irgendwo einen kleinen häßlichen Hund aufgeleſen hatte, ein Thier mit krummen Beinen, langem Rücken und großen Häng⸗ ohren. Es beliebte ihm, dieſe garſtige Creatur zu ſeinem Liebling zu machen, allem guten Geſchmack zum Trotz; auch entſinne ich mich eines Falles, wo er Brown den Vorwurf der Unhöflichkeit machte, weil dieſer die krummen Beine und hängenden Ohren Bin⸗ go's ſtark getadelt hatte. Auf mein Wort, Matilde, ich glaube, ſeine hohe Meinung von dieſem ſteifſten aller Pedanten beruht auf einem ähnlichen Grundſatze. Er läßt dies Geſchöpf mit am Tiſche ſitzen, wo es ein Tiſchgebet hören läßt, welches ganz wie das Ge⸗ ſchrei jenes Mannes auf dem Markte klingt, der Makrelen auszu⸗ rufen pflegte; ſeine Speiſe ſchafft der Menſch haufenweiſe die Kehle hinab, wie etwa ein Tagelöhner ſeinen Sandkarren vollſchaufelt, und dabei ſcheint er nicht das mindeſte Bewußtſein von dem zu ha⸗ ben, was er hinunterſchlingt,— ſodann läßt er wieder eine Anzahl unnatürlicher Töne hören, welche als Dankgebet gelten, ſtürzt aus dem Zimmer und vergräbt ſich unter einen Haufen wurmſtichi⸗ ger Folianten, die eben ſo ungeſchlacht ſind als er ſelbſt! Ich würde dies Geſchöpf noch ſo ziemlich ertragen können, hätt' ich nur jemand, der mit mir darüber lachte; ſobald ich aber nur den leiſeſten Scherz über dieſen Abel Simſon(das iſt des ſchrecklichen Mannes ſchrecklicher Name,) ausſprechen will, macht Lucie Ber⸗ tram alsbald ein ſo weinerliches Geſicht, daß es mir allen Muth zum Fortfahren raubt, und mein Vater runzelt die Stirn, ſein Auge ſprüht Feuer, er beißt die Lippen zuſammen und ſagt iigend etwas, was für mein Gefühl hart und unerträglich iſt. 7 Indeß wollte ich nicht von dieſem Geſchöpf mit dir pprechen; ich wollte nur erwähnen, daß er, der in den neuern wie in den alten Sprachen vollkommen bewandert iſt, Lucie Bertram in den er⸗ ſtern gehörig unterrichtet hat; ſie hat es, wie ich glaube, übrigens nur ihrem eignen geſunden Verſtande und ihrer Beharrlichkeit zu danken, daß ſie ſich das Griechiſche, Lateiniſche(und das Hebräi⸗ ſche obendrein) nicht auch zu eigen gemacht hat. Somit beſitzt ſie wirklich einen reichen Schatz von Kenntniſſen und ich kann dir ſa⸗ gen, daß ich täglich darüber erſtaune, wie gut ſie ſich durch Erin⸗ nerung und Betrachtung des früher Geleſenen zu unterhalten weiß. Wir leſen jeden Morgen gemeinſam, und ich beginne weit mehr Gefallen am Italieniſchen zu finden, als da mich das phantaſtiſche Geſchöpf Cicipici ermüdete;— Cicipici uß nämlich ſein Name buchſtabirt werden, und nicht Chichipichi— du ſiehſt, daß ich an Gelehrſamkeit zunehme. „Aber vielleicht liebe ich Miß Bertram mehr um der Talente willen, die ihr fehlen, als der Kenntniſſe wegen, die ſie beſitzt. Sie verſteht gar nichts von Muſik, und vom Tanze nichts weiter, als was hier bei den gemeinſten Bauern gewöhnlich iſt, die, bei⸗ läufig geſagt, dem Tanze mit vielem Eifer und Feuer huldigen. In dieſen Dingen trete ich nun als Lehrerin auf und ſie nimmt meinen Unterricht auf dem Klavier ſehr dankbar an; ich habe ſie ſogar einige von La Pique's Pas gelehrt, und du weißt ja, daß er mich für eine vielverſprechende Schülerin hielt. „Abends lieſt der Vater oft vor, und gewiß, ich habe noch von Niemand poetiſche Stücke beſſer leſen hören— er macht es kei⸗ 81 neswegs wie der Deklamator, welcher ein Mittelding zwiſchen Leſen und Handlung gibt, mit den Augen ſtarrt, die Stirn run⸗ zelt, das Geſicht verzieht und ſich geberdet, als ſtänd' er in vollem Koſtüm auf der Bühne. Meines Vaters Manier iſt ganz anders; er lieſt wie ein anſtändiger Mann, welcher durch Gefühl, Geſchmack und Biegſamkeit der Stimme eine Wirkung hervorbringt, nicht aber durch Bewegungen und Mummerei. Lucy Bertram reitet ſehr gut, und ich kann ſie jetzt zu Pferde begleiten, da mich ihr Beiſpiel ermuthigt hat. Trotz des rauhen Wetters gehen wir auch viel ſpazieren.— So bleibt mir denn freilich zum Schreiben nicht ſo viel Zeit, als ich ſonſt darauf verwandte. „Ueberdies, meine Liebe, muß ich mich wirklich des Entſchul⸗ digungsgrundes aller thörichten Correſpondenten bedienen: daß ich nichts zu ſagen habe. Meine Hoffnungen, Befürchtungen und Beſorgniſſe hinſichtlich Browns ſind jetzt minder anziehend, ſeit ich weiß, daß er frei und geſund iſt. Uebrigens muß ich geſtehen, daß mir der junge Herr während dieſer Zeit wohl eine Nachricht von ſei⸗ nem Thun und Treiben hätte geben können. Unſer Umgang mag wohl unbeſonnen ſein, aber es wäre eben nicht ſchmeichelhaft für mich, wenn Mr. Vanbeeſt Brown zuerſt dieſe Entdeckung machen und deßhalb unſer Verhältniß aufgeben ſollte. Er kann gewiß ſein, daß wir in dieſem Falle nicht ſehr verſchiedener Meinung ſein wür⸗ den, denn zuweilen kam es mir ſchon vor, als habe ich in dieſer An⸗ gelegenheit äußerſt thöricht gehandelt. Indeß habe ich eine ſo gute Meinung von dem armen Brown, daß ich glaube, ſeinem Schwei⸗ gen liege gewiß nur etwas Außerordentliches zum Grunde. „Um wieder auf Lucy Bertram zu kommen— Nein, meine theuerſte Matilde, ſie kann nie, nie deine Nebenbuhlerin bei mir werden, und all deine liebende Eiferſucht in dieſer Hinſicht iſt alſo ohne Grund. Sie iſt allerdings ein recht artiges, hübſches, ge⸗ fühlvolles und liebreiches Mädchen, und ich glaube, es wird wenig Guy Mannering. II. 6 82 Perſonen geben, zu deren tröſtender Freundſchaft ich lieber meine Zuflucht nehmen möchte, wenn ich von dem, was man gewöhnlich unglück nennt, bedroht würde. Dies begegnet einem nun aber ſo ſelten im Leben und man bedarf eine Freundin, die uns bei dem eingebildeten Uebel Troſt ſchenkt, gleich als ob es wirkliches wäre. Der Himmel weiß es, und auch du, theuerſte Matilde, daß jene Herzensbekümmerniſſe ebenſowohl den Balſam des Mitgefühls und liebender Zuneigung verlangen, als die Uebel von ſtrengerm und entſchiedenerem Charakter. Nun beſitzt aber Lucy Bertram nichts von jenem lindernden Mitgefühl, gar nichts, meine theuerſte Matilde. Wenn ich das Fieber hätte, ſo würde ſie mich Nacht für Nacht mit der unermüdlichſten Geduld pflegen; für das Fieber des Herzens jedoch, welches meine Matilde ſo oft beſänftigte, hat ſie nicht mehr Mitgefühl, als ihr alter Lehrer. Am meiſten auffällig iſt mir indeß der umſtand, daß dies ſeltſame Dämchen in der That ſelber einen Geliebten hat, und daß ihre wechſelſeitige Neigung (denn für gegenſeitig halte ich ſie,) gar viel des Verwickelten und Romantiſchen hat. Du mußt wiſſen, daß ſie einſt eine reiche Erbin war; die Verſchwendung ihres Vaters aber und die Schurkerei eines ſchändlichen Menſchen, auf den er traute, haben ſie arm ge⸗ macht. Einer der hübſcheſten jungen Herren der ganzen Umgegend hat ſie lieb gewonnen; da er jedoch Erbe eines großen Vermögens iſt, ſo weiſt ſie ſeine Bewerbungen unter dem Vorwande ihrer Ar⸗ muth immer zurück. „Aber bei all dieſer Mäßigung, Selbſtverläugnung, Beſchei⸗ denheit u. ſ. w. iſt Lucy doch ein ſchlaues Mädchen— ich bin gewiß, ſie liebt den jungen Hazlewood, und eben ſo gewiß bin ich, daß er etwas davon weiß und ſie wahrſcheinlich zum Geſtändniß bringen würde, wenn mein Vater oder ſie ihm nur eine Gelegenheit dazu geſtattete. Aber du mußt wiſſen, daß Oberſt Mannering immer ſelbſt der Miß Bertram jene Aufmerkſamkeiten erzeigt, welche 83³ einem jungen Herrn in Hazlewoods Lage die beſten indirekten Ge⸗ legenheiten zu geben pflegen. Ich wünſche nur, daß ſich mein gu⸗ ter Papa in Acht nimmt, um ſich nicht die gewöhnliche Strafe für Einmiſchung in fremde Angelegenheiten zuzuziehen. Ich verſichere dich, wenn ich Hazlewood wäre, ich würde ſeine Complimente, ſeine Verbeugungen, dies Mantel⸗ und Shawlumhängen und dies Armgeben mit nicht geringem Argwohn betrachten; und wirklich thut dies Hazlewood in manchem launiſchen Augenblicke, wie ich glaube. Stelle dir vor, welche einfältige Rolle bei ſolchen Gele⸗ genheiten dann deine arme Julie ſpielen muß! Hier iſt mein Vater, der bei meiner Freundin den Angenehmen ſpielt; dort iſt der junge Hazlewood, der jedes ihrer Worte und jede Bewegung ihrer Augen bewacht; und ich habe nicht die armſelige Genugthuung, irgend ein menſchliches Weſen zu intereſſiren— nicht einmal das geiſtliche Ungethüm, denn das ſitzt da mit offenem Munde und großen glotzen⸗ den Augen, gleich einer Statue, und ſtarrt bewundernd Meß Baartram an. „Alles dies macht mich zuweilen ein Bißchen nervenkrank und zuweilen auch ein Bißchen mißlauniſch und boshaft. Ich war neu⸗ lich gegen meinen Vater und die Liebenden ſo gereizt, daß ich, da ich mich von ihrer Geſellſchaft und Unterhaltung gänzlich vernachläſ⸗ ſigt ſah, einen Angriff auf Hazlewood unternahm, dem er, ohne un⸗ höflich zu ſcheinen, nicht leicht ausweichen konnte. Er ward allmäh⸗ lig warm in ſeiner Vertheidigung. Du kannſt glauben, Matilde, daß er ein eben ſo artiger als hübſcher junger Mann iſt, und er war mir bisher noch nie in ſo vortheilhaftem Lichte erſchienen. Aber mitten in unſerer lebhaften Unterhaltung drang plötzlich ein leiſer Seufzer von Miß Lucy zu meinem gar nicht unzufriedenem Ohr. Ich war viel zu großmüthig, als daß ich meinen Sieg hätte weiter verfolgen ſollen, ſelbſt wenn ich den Vater nicht gefürchtet hätte. Zum Glück für mich war er gerade eifrig mit Schilderung der Ei⸗ 6* genheiten und Sitten eines gewiſſen indiſchen Volksſtammes be⸗ ſchäftigt, welcher tief im Innern des Landes wohnt, und er erläu⸗ terte ſeine Beſchreibung durch Zeichnungen, die er auf Miß Ber⸗ trams Stickmuſter machte, deren einige er durch ſeine Proben orientaliſcher Trachten gänzlich verdarb. Aber ich glaube, ſie dachte in dieſem Augenblicke ſo wenig an ihr eigenes Kleid, als an indiſche Turbane. Indeß war es immer gut für mich, daß er den Erfolg meines kleinen Manövers nicht bemerkte, denn er ſieht ſcharf wie ein Falke und iſt ein geſchworener Feind auch des leichte⸗ ſten Schattens von Coquetterie. „Nun, Matilde, Hazlewood vernahm denſelben leiſen Seuf⸗ zer und bereute alsbald, ſeine momentanen Aufmerkſamkeiten gegen einen ſo unwürdigen Gegenſtand, wie deine Julie, verſchwendet zu haben; ſonach zog er ſich mit einem recht komiſchen Ausdrucke des Schuldbewußtſeins nach Lucy's Arbeitstiſche zurück. Er machte eine unbedeutende Bemerkung, und ihre Erwiederung war von der Art, daß nur das ſcharfe Ohr eines Liebenden oder ein ſo neu⸗ gieriges wie das meine etwas mehr Kälte und Trockenheit als ge⸗ wöhnlich darin unterſcheiden konnte. Aber der ſchuldbewußte Held fühlte den Vorwurf und blieb eingeſchüchtert ſtehen. Du wirſt zu⸗ geben, daß die Großmuth es mir zur Pflicht machte, als Vermitt⸗ lerin aufzutreten. Daher miſchte mich ich in die Unterhaltung, und zwar mit dem ruhigen Tone eines ziemlich gleichgiltigen und unbe⸗ theiligten Dritten; ich führte ſie wieder in ihr früheres bequemes Gleis der Unterhaltung und nachdem ich eine Zeitlang auf ſolche Weiſe ihr Geſpräch vermittelt hatte, ſetzte ich ſie zu einem tiefſinni⸗ gen Schachſpiele nieder; darauf ging ich hin, meinen Vater ein wenig zu necken, der noch immer mit ſeinen Zeichnungen beſchäf⸗ tigt war. Die Schachſpieler ſaßen nämlich nah am Kamin neben einem kleinen Arbeitstiſche, und mein Vater befand ſich etwas ent⸗ fernt davon vor einem Büchertiſche; das Zimmer iſt groß und alt⸗ 8⁵ modiſch, unregelmäßig und mit Tapeten behangen, welche Dinge darſtellen, die der Künſtler wohl ſchwerlich ſelber hätte erklären können. „Iſt das Schach ein unterhaltendes Spiel, Vater!“ „So ſagt man,“ antwortete er, ohne mich weiterer Aufmerk⸗ ſamkeit zu würdigen. „Ich ſollt' es auch denken, wenn ich die Aufmerkſamkeit beob⸗ achte, die ihm Mr. Hazlewood und Lucy ſchenken.“ „Er erhob ſchnell den Kopf und hielt den Pinſel einen Augen⸗ blick empor. Offenbar bemerkte er nichts, was ſeinen Argwohn rege machen konnte, denn er arbeitete alsbald ruhig weiter an den Falten eines Mahrattaturbans, als ich ihn mit der Frage unter⸗ brach:„Wie alt iſt Miß Bertram, Vater!“ „Wie kann ich's wiſſen! vermuthlich in deinem Alter.“ „Aelter, ſollt' ich denken, Vater. Du ſagſt mir immer, daß ſie ſich weit anſtändiger beim Theetiſch zu benehmen wiſſe; ei, Va⸗ ter, willſt du ihr nicht das Recht geben, ein für allemal da den Vorſitz zu führen!“ „Liebe Julie,“ erwiederte der Vater,„entweder biſt du eine vollkommene Thörin, oder du biſt weit geneigter, Unheil zu ſtiften, als ich es bisher von dir dachte.“ „O, theurer Vater! deute es ſo gut als möglich— aber ich möchte um alles in der Welt nicht für eine Thörin gelten.“ „Warum ſchwatzeſt du dann als eine ſolche!“ ſagte mein Vater. „Lieber Gott, Vater, ich weiß, daß es gar nicht ſo thöricht iſt, was ich eben ſagte— jedermann weiß, daß du ein ſehr hübſcher Mann biſt,“(ein Lächeln ward hier ſichtbar,)„das heißt für dein Alter“(der Schimmer trübte ſich hier,)„welches doch keineswegs vorgerückt iſt, und ich weiß in der That nicht, warum du nicht deiner Neigung folgen ſollteſt. Ich bin ein leichtſinniges Mädchen, 86 das weiß ich wohl und wenn dich eine ernſtere Gefährtin glücklicher machen könnte“— „Es lag eine Miſchung von Mißfallen und ernſter Zärtlich⸗ keit in meines Vaters Zügen, als er meine Hand jetzt nahm, und ſie drückten einen ſtrengen Vorwurf für den Scherz aus, den ich mit ſeinen Gefühlen getrieben hatte.„Julie,“ ſagte er,„ich ſehe deinem Muthwillen viel nach, weil ich in gewiſſer Hinſicht ſchuld daran bin, indem ich es vernachläſſigte, ſorgfältiger über deine Erziehung zu wachen. Aber ich möchte nicht, daß du dieſen Muth⸗ willen bei einem ſo zarten Gegenſtande allzu freien Spielraum lie⸗ ßeſt. Wenn du die Gefühle deines Vaters gegen das Andenken dei⸗ ner geſtorbenen Mutter nicht achteſt, ſo achte wenigſtens die heili⸗ gen Anſprüche des Unglücks; und bedenke, daß die leiſeſte Andeu⸗ tung eines ſolchen Scherzes, wenn ſie Miß Bertram's Ohr er⸗ reichte, dieſe veranlaſſen würde, ihr gegenwärtiges Aſil aufzuge⸗ ben und ohne Beſchützer hinaus in die Welt zu gehen, deren Härte ſie bereits ſo unfreundlich fühlen mußte.“ „Was konnte ich dazu ſagen, Matilde!— ich bat blos herz⸗ lich um Verzeihung und verſprach, künftig ein gutes Kind zu ſein. Und ſo ſtehe ich nun hier wieder allein, denn ich kann, ohne herz⸗ los zu erſcheinen, nun nicht mehr die arme Lucy durch Angriffe auf Hazlewood necken, obwohl ſie mir ſo wenig Vertraulichkeit ſchenkt; auch kann ich nach jener ernſten Standrede nicht mehr wagen, den zarten Punkt hinſichtlich meines Vaters zu erwähnen. So zünde ich nun kleine Röllchen von Papier an, und zeichne mit dem verkohl⸗ ten Ende Türkenköpfe auf Viſitenkarten— geſtern Abends gelang mir wirklich ein Hyder Aly trefflich— oder ich ſpiele auf dem heillo⸗ ſen Klavier, fange auch wohl ein ernſthaftes Buch am Ende an und leſe es rückwärts.— Wirklich macht mich allmählig Browns Stillſchweigen beſorgt. Hätte er das Land verlaſſen müſſen, ſo würde er mir gewiß davon geſchrieben haben. Könnte etwa mein 87 Vater ſeine Briefe aufgefangen haben? Aber nein; das wäre ganzge⸗ gen ſeine Grundſätze— ich glaube nicht, daß er einen Brief an mich heute Nacht öffnen würde, könnt er auch damit verhüten, daß ich morgen früh aus dem Fenſter ſpränge. Welch' ein Wort hab' ich da meiner Feder entſchlüpfen laſſen! ich ſollte mich deſſelben ſchämen, ſelbſt vor dir, Matilde, und obwohl es im Scherz geſagt ward. Aber ich brauche es nicht für verdienſtlich zu halten, daß ich handle, wie ich muß. Dieſer Mr. Vanbeeſt Brown iſt keineswegs ein ſo glühender Liebhaber, daß er den Gegenſtand ſeiner Neigung zu ſo unbedachten Schritten verleiten ſollte. Er gibt volle Zeit zum Ueberlegen und Nachdenken, das muß wahr ſein. Indeß will ich ihn nicht ungehört tadeln, und will auch nicht an der männlichen Feſtigkeit eines Charakters zweifeln, den ich ſo oft gegen dich erhoben habe. Wäre er fähig zu zweifeln, zu fürchten, oder nur im geringſten treulos zu ſein, ſo würde ich wenig zu klagen haben. „Du wirſt ſagen, warum ich, wenn ich ſo feſte und unwan⸗ delbare Beſtändigkeit von einem Geliebten erwarte, ſo ängſtlich be⸗ kümmert ſei, was Hazlewood thue, oder wem er ſeine Huldigun⸗ gen darbringe!— Ich lege mir ſelbſt dieſe Frage täglich hundert Mal vor, und erhalte immer nur die ſehr thörichte Antwort, daß man ſich nicht gern vernachläſſigt ſieht, wenn man auch zu einer ernſtlichen Untreue nicht ermuntern möchte. „Ich ſchreibe all dieſe Kleinigkeiten, weil du ſagſt, ſie unter⸗ halten dich, was ich freilich kaum begreifen kann. Ich erinnere mich, wie du bei unſern Reiſen in die Welt der Dichtung immer nur das Große und Romantiſche bewunderteſt— Erzählungen von Rittern, Zwergen, Rieſen, bedrängten Fräulein, Erſcheinungen, winkenden Geiſtern und blutigen Händen,— während mich nur die Verwickelungen des gemeinen Lebens intereſſirten, oder höch⸗ ſtens nur ſo viel Wunderbares, als die Thätigkeit eines morgen⸗ ländiſchen Genius oder einer gütigen Fee herbeiführen kann. Du hätteſt deine Lebensbahn gern über das weite Meer, durch ſeine Windſtillen, ſeine heulenden Stürme, ſeine Wirbelwinde, ſeine berghohen Wogen geführt; ich aber wäre mit meinem Nachen bei einem friſchen Winde gern in einen Landſee oder in eine ſtille Bucht eingelaufen, wo die Fahrt nur eben ſo ſchwierig geweſen wäre, daß ſie Reiz gehabt und einige Geſchicklichkeit verlangt, jedoch nicht Gefahr gedroht hätte. Du alſo, Matilde, ſollteſt meinen Vater bekommen haben, mit ſeinem Kriegsruhme und ſeinem Ahnenſtolze, ſeinem ritterlichen Ehrgefühle, ſeinen hohen Geiſtesgaben und ſei⸗ nen tiefſinnigen geheimnißvollen Forſchungen; deine Freundin würde Lucy Bertram geworden ſein, deren Ahnen in dieſem roman⸗ tiſchen Lande herrſchten,(mit Namen, die ſich eben ſo ſchwer mer⸗ ken, als ſie aller Orthographie Hohn ſprechen,) und deren Geburt, wie ich nur noch aus unbeſtimmten Nachrichten weiß, von höchſt ſeltſamen Umſtänden begleitet war; auch unſre, von Bergen um⸗ ringte Wohnung und unſre Spaziergänge zu unheimlichen Ruinen würden dir gefallen;— ich aber hätte ſtatt deſſen die Grotten, Wie⸗ ſen und Gebäude eures Parks erhalten, mit der guten, gelaſſenen und nachſichtigen Tante, ihre Kapelle am Morgen, ihr Schläfchen am Nachmittag, ihr Whiſt am Abend, nicht zu vergeſſen ihre runden Kutſchpferde und den noch runderen Kutſcher. Ueberſieh es aber nicht, daß Brown in dieſem Tauſche nicht mit eingeſchloſſen iſt— ſeine Gutmüthigkeit, ſeine lebhafte Unterhaltung und ſeine Munterkeit paſſen eben ſo gut zu meinem Lebensplane, als ſeine athletiſche Geſtalt, ſeine hübſchen Züge und ſein Muth mit Ritter⸗ lichkeit vereinbar ſein würden. Da wir alſo nicht Alles austau⸗ ſchen können, ſo werden wir, denk⸗ ich, wohl bleiben müſſen, wie wir ſind.“ Zehntes Kapitel. Ich biete eurer Ausforderung Trotz; wenn ihr ſo gröblich redet, werde ich meine Thore gegen euch be⸗ feſtigen— Seht ihr jenes Fenſter? Sturm,— darum kümmere ich mich nicht, da ich dem guten Herzog von Norfolk diene. Der luſtige Teufel von Edmonton. Julie Mannering an Matilde Marchmont. „Ich ſtehe vom Krankenbett auf, theuerſte Matilde, um dir die ſeltſamen und ſchrecklichen Auftritte zu ſchildern, welche ſich ſo⸗ eben ereignet haben. Ach! wir ſollten doch nicht über die Zukunft ſcherzen! Fröhlichen Muthes ſchloß ich meinen letzten Brief an dich, und dachte nicht daran, daß ich in wenigen Tagen, nachdem ich deinen Geſchmack am Düſterromantiſchen geſchildert, ſolche Ereig⸗ niſſe zu erzählen haben würde. Und es iſt etwas ganz anderes, theuerſte Matilde, Zeuge von Schreckensſcenen zu ſein oder ſie in der Beſchreibung zu betrachten: eben ſo verſchieden, als wenn man, am Rande eines Abgrundes ſchwebend, ſich an einem faſt entwur⸗ zelten Strauche hielte, oder denſelben Abgrund nur in der Land⸗ 90 ſchaft eines Salvator betrachtete. Aber ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen. „Der erſte Theil meiner Geſchichte iſt ſchrecklich genug, ob⸗ wohl er nichts hat, was mein Gefühl anſpricht. Du mußt wiſſen, daß dieſe Gegend ſehr günſtig für den Verkehr einer Schaar ver⸗ zweifelter Menſchen von der Inſel Man iſt, welche dieſer Küſte faſt gegenüber liegt. Dieſe Schleichhändler ſind zahlreich, entſchloſſen und furchtbar, und ſind zu verſchiedenen Malen das Schrecken der Nachbarſchaft geworden, wenn ſich jemand in ihren verbotenen Handel gemiſcht hatte. Die Ortsobrigkeiten ſcheuen ſich, theils aus Furchtſamkeit, theils aus ſchlechtern Beweggründen, gegen ſie aufzutreten, und ſo hat ſie Strafloſigkeit nur noch kühner und ver⸗ zweifelter gemacht. Mit all' dem hat mein Vater, ein Fremder und mit keiner amtlichen Würde verſehn, wie man denken ſollte nichts zu thun. Aber man muß bedenken, daß er, nach ſeinem eig⸗ nen Ausdrucke, geboren iſt, während der Mars regierte, und daß Kampf und Blutvergießen ihn ſelbſt in den ruhigſten und abgeſchie⸗ denſten Lagen aufzufinden wiſſen. „Um elf Uhr am letzten Dienſtag, Morgens, während Hazle⸗ wood und mein Vater im Begriff waren, nach einem anderthalb Stunden entfernten kleinen See zu ſpazieren, um wilde Enten zu ſchießen, und während Lucy und ich eben unſern Plan für die Ar⸗ beiten und Studien des Tages ordneten, wurden wir durch Pferde⸗ getrappel beunruhigt, welches ſich ſehr ſchnell näherte. Der Bo⸗ den war hart vom ſtrengen Froſte, wodurch der Hufſchlag lauter und ſchärfer wurde. Im Augenblick nachher erſchienen einige Män⸗ ner, bewaffnet und beritten, deren jeder ein bepacktes Handpferd führte, auf dem freien Raume vor dem Hauſe, und ohne auf dem Wege zu bleiben, der eine kleine Biegung macht, ſtürzten ſie gerade nach der Pforte des Hauſes zu. Ihr Aeußeres war im höchſten Grade verwirrt und in Unordnung und ſie blickten häufig zurück, 91 gleich Menſchen, die eine nahe und tödtliche Verfolgung fürchten. Mein Vater und Hazlewood eilten nach der Thüre, um zu fragen, wer ſie wären und was ſie beabſichtigten. Sie erklärten ſich für Zollbeamte, welche dieſe Pferde, beladen mit konterbanden Gegen⸗ ſtänden auf einem etwa anderthalb Stunden entfernten Orte aufge⸗ griffen hätten. Die Schmuggler hatten aber Verſtärkung erhalten und verfolgten ſie nun mit dem Vorſatze, die Güter zu befreien und die Beamten, die ihre Amtspflicht geübt hatten, zu tödten. Die Männer berichteten, daß ſie, da ihre Pferde beladen waren und die Verfolger ihnen immer näher kamen, nach Woodbourne ge⸗ flüchtet ſeien, weil ſie vermuthen könnten, daß mein Vater, der dem König gedient habe, den Dienern der Regierung ſeinen Schutz nicht verſagen würde, ſobald dieſe bei Verrichtung ihrer Amts⸗ pflicht mit Ermordung bedroht wären. „Mein Vater, für welchen, bei ſeiner Begeiſterung für mili⸗ täriſche Dienſttreue, ſelbſt ein Hund von Wichtigkeit ſein würde, ſobald er im Namen des Königs käme, gab alsbald Befehl, die Güter im Hauſe in Sicherheit zu bringen, die Diener zu bewaffnen und das Haus im Falle der Nothwendigkeit zu vertheidigen. Haz⸗ lewood ſtand ihm mit großem Eifer bei, und ſelbſt das wunderliche Geſchöpf, welches ſie Simſon nennen, ſtolperte aus ſeiner Höhle hervor und ergriff eine Jagdflinte, die mein Vater bei Seite gelegt und mit einer gezogenen Büchſe vertauſcht hatte, womit man in Indien Tieger und andere reißende Thiere ſchießt. Die Flinte ging in der ungeſchickten Hand des Gelehrten los und es fehlte wenig, ſo wäre einer von den Zollbeamten getroffen worden. Bei dieſer un⸗ erwarteten und unwillkürlichen Exploſion rief Simſon ſein„Wun⸗ derbar!“ aus, welches der gewöhnliche Laut des Staunens bei ihm iſt. Aber er ließ ſich durch niemand bewegen, die losgegangene Flinte abzugeben, und man überließ ſie ihm endlich, jedoch ohne ihn mit Schießmaterial zu verſorgen. Dies Alles(mit Ausnahme 1 4. des Lärmens bei dieſer Gelegenheit,) entging mir damals, wie du leicht glauben wirſt; aber als uns Hazlewood ſpäter den Auftritt ſchilderte, beluſtigte er uns nicht wenig mit des Gelehrten unge⸗ ſchickter, wenn auch eifriger, Tapferkeit. „Als mein Vater Alles gehörig in Vertheidigungsſtand geſetzt, und ſeine Leute mit ihren Feuergewehren an den Fenſtern aufgeſtellt hatte, wollte er uns in Sicherheit bringen,(in den Keller, glaub' ich;) aber wir gingen nicht von der Stelle. Obwohl auf den Tod erſchreckt, hatte ich doch zu viel von meines Vaters Muth, als daß ich der uns drohenden Gefahr nicht lieber offen ins Auge blicken wollte, ſtatt nur von fern ihre Wuth zu hören, ohne ihre Beſchaf⸗ fenheit und ihre Fortſchritte zu kennen. Lucy heftete, bleich wie ein Marmorbild, ihre Blicke auf Hazlewood, und ſchien ihn kaum zu hören, als er ſie bat, wenigſtens die Vorderſeite des Hauſes zu meiden. Allerdings war, ſo lange die Pforte nicht erſtürmt wurde, die Gefahr für uns nur gering; die Fenſter waren mit Kiſſen und Polſtern faſt ganz verſtopft und auch, was Simſon höchlich be⸗ klagte, mit Foliobänden, die man eilig aus der Bibliothek ge⸗ bracht hatte, indem man nur ſo viel Raum offen ließ, damit die Vertheidiger auf die Angreifenden feuern konnten. „Mein Vater war nun mit ſeinen Anordnungen zu Stande, und wir ſaßen in athemloſer Erwartung in dem verdunkelten Zim⸗ mer, während die Männer alle ſchweigend auf ihrem Poſten blie⸗ ben, wahrſcheinlich ängſtlich die nahende Gefahr erwägend. Mein Vater, der in ſolch einer Scene ganz heimiſch war, ging von einem zum andern und wiederholte ſeine Befehle, daß nämlich keiner eher feuern ſolle, als bis er das Zeichen dazu gäbe. Hazlewood, wel⸗ cher Muth aus ſeinem Auge zu ſchöpfen ſchien, machte ſeinen Adju⸗ tanten und entfaltete die größte Gewandtheit, indem er bald hier bald dort war, um die Anordnungen des Befehlshabers zur Aus⸗ 93 führung zu bringen. Unſre Macht mochte, mit Einſchluß der Fremden, etwa zwölf Mann ſtark ſein. „Endlich wurde das Schweigen dieſer fürchterlichen Periode der Erwartung durch ein Geräuſch unterbrochen, welches aus der Ferne dem Rauſchen eines Stromes glich; als es jedoch näher kam, unterſchieden wir das Getrappel einer Anzahl ſehr ſchnell heran⸗ ſprengender Pferde. Ich hatte mir ein Loch zum Durchſchauen ge⸗ macht, von wo ich den nahenden Feind beobachten konnte. Der Lärm wuchs und kam näher, und endlich ſprengten dreißig oder noch mehr Reiter auf einmal auf den Platz vor dem Hauſe. Noch nie ſah ich ſo ſchreckliche Räubergeſichter! Trotz der ſtrengen Kälte waren die meiſten halb nackt; ſie hatten ſeidene Tücher um den Kopf gewunden und waren mit Stutzbüchſen, Piſtolen und kur⸗ zen Säbeln bewaffnet. Nie in meinem Leben war ich, eines Krie⸗ gers Tochter und ſeit meiner Kindheit an den Anblick des Krieges gewöhnt, ſo erſchrocken, als bei dem Anblick dieſer fürchterlichen Menſchen. Ihre Pferde dampften von dem ſchnellen Ritte. Ein wüthendes Geſchrei erhob ſich, als ſie ſahen, daß ihnen ihre Beute entriſſen war. Eine kurze Stille folgte darauf und als ſie die Vor⸗ bereitungen zu ihrem Empfange bemerkten, ſchienen ſie Rath zu halten. Endlich kam einer, der das Geſicht mit Pulver geſchwärzt hatte, näher, ſteckte ein weißes Tuch auf ſeine Büchſe, und ver⸗ langte mit dem Oberſt Mannering zu ſprechen. Mein Vater öff⸗ nete, zu meinem größten Schrecken, ein Fenſter, in deſſen Nähe er ſtand, und erkundigte ſich nach ihrem Begehren.„Wir begehren unſre Güter, die uns jene Schurken geraubt haben,“ ſagte der Kerl;„und unſer Leutnant läßt durch mich ſagen, wenn die Güter ausgeliefert werden, ſo wollen wir abziehen und den Schuften nichts zu Leide thun, die ſie genommen haben; aber wo nicht, ſo wollen wir das Haus anzünden, und das Herzblut Aller vergießen, die darin ſind“— eine Drohung, die er mehrmals wiederholte, 94 begleitet mit einer Menge von Betheuerungen und Flüchen, wie ſie die Grauſamkeit nur erſinnen mochte. „und wer iſt euer Leutnant!“ fragte mein Vater. „Jener Gentleman auf dem Grauſchimmel,“ ſagte das Unge⸗ heuer,„der das rothe Tuch um den Kopf trägt.“ „Dann ſeid ſo gut, dem Gentleman zu ſagen, daß, wenn er und die Schurken, die bei ihm ſind, nicht im Augenblicke von dem Platze reiten, ich ohne Umſtände unter ſie feuern werde.“ So ſa⸗ gend ſchloß mein Vater das Fenſter und brach die Conferenz kurz ab. „Der Kerl war kaum wieder zu ſeiner Schaar gelangt, als ſie mit einem lauten Hurrah, oder vielmehr mit einem kanibali⸗ ſchen Geſchrei, gegen unſre Beſatzung feuerten. Alle Fenſterſchei⸗ ben flogen klirrend umher, aber die getroffenen Vorſichtsmaßregeln ſchützten die Beſatzung. Drei Ladungen wurden von dem Feinde abgefeuert, ohne daß ein Schuß aus dem Hauſe fiel. Als nun mein Vater bemerkte, daß die Männer Aexte und Brecheiſen zur Hand nahmen, wahrſcheinlich um die Hausthüre zu erſtürmen, rief er laut:„Niemand ſoll feuern, außer Hazlewood und ich— Hazlewood, zielen Sie auf den Abgeſandten.“ Er ſelbſt zielte nach dem Mann auf dem Grauſchimmel, welcher alsbald fiel. Haz⸗ lewood war eben ſo glücklich. Er traf den Sprecher, welcher ab⸗ geſtiegen war und ſich mit einer Axt in der Hand näherte. Der Fall dieſer beiden entmuthigte die Uebrigen, die ſchnell zu ihren Pferden eilten; und als noch einigemal auf ſie geſchoſſen war, mach⸗ ren ſie ſich davon und nahmen ihre getödteten oder verwundeten Ge⸗ fährten mit ſich. Wir konnten nicht bemerken, ob ſie noch weitern Verluſt erlitten. Gleich nach ihrer Flucht erſchien zu meiner großen Freude ein Haufen Soldaten, die auf die erſte Nachricht von dem vorgefallenen Gefechte herbeigeeilt waren und in die benachbarten Dörfer gelegt wurden. Einige von ihnen geleiteten die erſchrocke⸗ nen Zollbeamten mit den weggenommenen Gütern zu einem benach⸗ 95 barten Hafen, als einem Orte der Sicherheit, und auf mein drin⸗ gendes Bitten blieb eine Abtheilung derſelben dieſen und den folgen⸗ den Tag bei uns, um das Haus vor der Rache jener Räuber zu ſchützen. „Von der Art, theuerſte Matilde, war meine erſte Beängſti⸗ gung. Ich darf nicht vergeſſen, hinzuzufügen, daß die Räuber den Kerl mit dem geſchwärzten Geſichte in einer Hütte an der Land⸗ ſtraße zurückließen, wahrſcheinlich, weil er nicht weiter fortge⸗ ſchafft werden konnte. Eine halbe Stunde nachher ſtarb er. Bei der angeſtellten Unterſuchung hat ſich ergeben, daß es ein Land⸗ mann aus der Gegend war, ein berüchtigter Schmuggler. Wir empfingen viele Glückwünſche von den benachbarten Familien, und man war allgemein der Meinung, daß wenige Beiſpiele eines ähn⸗ lichen muthigen Widerſtandes die Verwegenheit jener Böſewichter dämpfen würden. Mein Vater theilte Belohnungen unter ſeine Dienſtleute aus, und erhob Hazlewoods Muth und Kaltblütigkeit ungemein. Auch Lucy und ich erhielten unſer Lob, weil wir uns ſtandhaft bewieſen und ihn nicht durch Geſchrei und Widerſpruch geſtört hätten. Was Simſon betrifft, ſo ergriff mein Vater hier die Gelegenheit, ihn um den Austauſch ihrer Tabaksdoſen zu bit⸗ ten. Der gute Mann war ſehr erfreut über dieſen Antrag und pries die Schönheit ſeiner neuen Doſe höchlich. Sie ſähe aus, ſagte er, wie ächtes Gold aus Ophir.— In der That wär' es ſon⸗ derbar, wenn ſie nicht ſo ausgeſehn hätte, denn ſie war von Gold. Aber, um gerecht gegen den wackern Mann zu ſein, ich glaube, er würde, wenn er ihren wirklichen Werth gekannt hätte, meines Vaters Güte nicht dankbarer empfunden haben, als jetzt, wo er ſie nur für vergoldet hält. Es hat ihm viel Mühe gekoſtet, die Fo⸗ lianten, die man zu Bollwerken gebraucht hatte, wieder in Ord⸗ nung zu bringen, Brüche und Ohren gleich zu machen und andere, bei der Belagerung verurſachte Beſchädigungen wieder zu heilen. Er legte uns einige Kugeln vor, die er aus den Büchern gezogen hatte, und wenn mir wohler zu Muthe wäre, ſo könnt' ich dir eine luſtige Beſchreibung von ſeinem Staunen über die Gleichgiltigkeit geben, mit welcher wir von den Wunden und Beſchädigungen er⸗ zählen hörten, welche Thomas von Aquino und der ehrwürdige Chryſoſtomus erlitten hatte. Aber ich bin jetzt nicht in dieſer Laune, und habe auch noch einen andern und mehr intereſſanten Vorfall mitzutheilen. Ich fühle mich indeß ſo erſchöpft von meiner gegen⸗ wärtigen Anſtrengung, daß ich die Feder bis morgen ruhen laſſen muß. Dennoch will ich dieſen Brief noch zurückbehalten, damit du nicht etwa Beſorgniß empfindeſt in Bezug auf deine „Julie Mannering.“ Elftes Kapitel. Hier iſt gut ſein! ——— Ihr kanntet dieſes wackre Werk? König Johann. Julie Mannering an Matilde Marchmont. „Ich nehme den abgebrochenen Faden meiner Erzählung von geſtern wieder auf, theuerſte Matilde. „Einige Tage ſprachen wir von nichts, als von unſerer Bela⸗ gerung und deren wahrſcheinlichen Folgen, und ſuchten meinen Vater zu überreden, nach Edinburg zu gehen, oder zum wenigſten nach Dumfries, wo doch ziemlich gute Geſellſchaft iſt, bis die Rachewuth dieſer Verbrecher abgekühlt ſein würde. Er antwortete mit großer Ruhe, er ſei nicht Willens, ſeines Wirthes Haus und ſein Eigenthum der Zerſtörung bloszuſtellen; man habe ihn immer für fähig gehalten, die nöthigen Maßregeln zur Sicherheit und zum Schutze der Seinigen zu nehmen, und er werde ruhig in Woodbourne bleiben, weil er glaube, daß der Empfang, den die Schurken gefunden hätten, ſie ſchwerlich zu einem zweiten Verſuche reizen würde; wollte er jedoch Beſorgniß verrathen, ſo würde er Guy Mannering. II. 7 98 gerade dadurch die Gefahr herbeiführen, welche wir fürchteten. Ermuthigt durch ſeine Gründe und die Gleichgiltigkeit, womit er von der beſorgten Gefahr ſprach, wurden wir ein wenig kühner und fingen unſre gewöhnlichen Spaziergänge wieder an. Doch mußten die Männer zuweilen ihre Flinten mitnehmen, wenn ſie uns begleiteten und ich bemerkte, daß mein Vater einige Nächte ſehr beſorgt war, das Haus wohl zu ſichern und ſeinen Dienſtleuten befahl, ihre Feuergewehre für den Fall der Nothwendigkeit in Be⸗ reitſchaft zu halten. „Aber drei Tage ſpäter ereignete ſich wieder etwas, was mich weit mehr als der Angriff der Schmuggler beunruhigte. „Ich erzählte dir, daß ſich ein kleiner See in einiger Entfer⸗ nung von Woodbourne befindet, wo die Herren zuweilen wildes Geflügel ſchießen. Ich äußerte beim Frühſtücke den Wunſch, den zugefrornen See, mit den Schlittſchuhläufern und Kräuſelſpielern zu ſehen. Der beſchneite Boden war ſo feſt gefroren und von den Neugierigen, die zu jenen Ergötzlichkeiten hinzogen, ſo hart getre⸗ ten, daß Lucy und ich glaubten, uns ſo weit wagen zu können. Hazlewood bot uns ſeine Begleitung an und wir machten aus, daß er ſeine Flinte mitnehmen ſollte. Er lachte anfangs über den Ge⸗ danken, traf jedoch, um unſre Beſorgniſſe zu entfernen, die Ver⸗ anſtaltung, daß ein Reitknecht, der auch gelegentlich das Amt eines Wildwächters verſah, uns mit ſeiner Flinte folgen ſollte. Was Oberſt Mannering betrifft, ſo liebt dieſer jenes Thun und Treiben der Menſchen auf dem Schnee gar nicht, außer wenn es etwa mili⸗ täriſche Manöver wären— er lehnte daher die Theilnahme am Spaziergange ab. „Wir brachen ungewöhnlich früh auf; es war ein ſchöner fri⸗ ſcher und heiterer Morgen, der unſer Gemüth wie unſre Nerven durch ſeine reine Winterluft ungemein ſtärkte. Unſer Weg zum See war ſehr angenehm, oder die Schwierigkeiten waren doch von 99 der Art, daß ſie uns beluſtigten; etwa nur ein ſchlüpfriger Abhang, ein gefrorner Teich, über welchen wir mußten und der Hazlewoods Beiſtand durchaus nothwendig machte. Ich glaube nicht, daß dieſe gelegentlichen Verlegenheiten für Lucy den Spaziergang un⸗ angenehmer machten. „Der Anblick des See's war außerordentlich ſchön. Eine Seite deſſelben wird von einem ſteilen Felſen begränzt, von welchem tau⸗ ſend ungeheure Eiszacken, in der Sonne ſchimmernd, herabhin⸗ gen; auf der andern Seite war ein kleiner Fichtenwald, deſſen dunkle Wipfel mit Schnee beladen waren. Auf der gefrornen Fläche des See's bewegten ſich zahlloſe Geſtalten; Einige flogen ſchnell wie Schwalben, Andere bewegten ſich anmuthig im Kreiſe, und wieder Andere nahmen eifrigen Antheil an einem minder leben⸗ * digen Zeitvertreihe, wo die Einwohner der benachbarten Dörfer um den Preis im Kräuſelſpielen ſtritten. Die Beſorgniß, welche Spieler und Zuſchauer ausdrückten, verrieth, daß man der Ehre des Sieges große Wichtigkeit beilegte. Wir gingen rings um den See, während uns beide Hazlewood, um uns zu unterſtützen, am Arm führte. Der gute Junge ſchwatzte ſo artig mit Jung und Alt und ſchien ſehr beliebt unter der verſammelten Volksmenge. End⸗ lich dachten wir an die Heimkehr. „Warum erwähn' ich alle dieſe Einzelheiten?— nicht, der Himmel weiß es, weil ich ſie jetzt für anziehend halte— aber weil ich, gleich einem Ertrinkenden, der einen dünnen Zweig ergreift, alles benutze, um den nachfolgenden, ſchrecklichen Theil meiner Er⸗ zählung aufzuſchieben. Aber ich muß Alles mittheilen— ich muß in dieſem herzzerreißenden Unglück wenigſtens eines Freundes Mit⸗ gefühl erwecken. „Wir kehrten auf einem Fußpfade heim, welcher durch einen jungen Föhrenwald führte. Lucy hatte Hazlewoods Arm verlaſſen, denn nur, wenn es die Nothwendigkeit durchaus verlangt, nimmt 7,* 100 ſie ſeinen Beiſtand an. Ich ſtützte mich noch auf ſeinen andern Arm. Lucy ging dicht hinter uns und der Reitknecht blieb unge⸗ fähr drei Schritte zurück. Jetzt bog ſich der Pfad; da ſtand plötz⸗ lich, als wäre er aus dem Boden geſtiegen, Brown vor uns. Er war ſehr einfach, ja grob gekleidet, und es war in ſeinem ganzen Weſen etwas Wildes und Unruhiges. Ich ſchrie laut, halb über⸗ raſcht, halb erſchrocken. Hazlewood mißdeutete die Regung, die ich verrieth, und da Brown ſich mir näherte, als ob er mit mir hätte ſprechen wollen, rief ihm jener herriſch zu, er ſolle zurücktre⸗ ten und mich nicht beunruhigen. Brown antwortete eben ſo ſtolz, er habe nicht nöthig, von ihm Belehrung zu empfangen, wie er ſich gegen Frauen zu betragen habe. Ich glaubte wirklich, daß Hazlewood, der den vorgefaßten Gedanken hatte, der Unbekannte gehöre zu den Schmugglern und hege böſe Abſichten, ihn nicht ganz verſtand. Er nahm dem Reitknechte, der in dieſem Augenblicke an unſrer Seite war, ungeſtüm das Gewehr ab, und, auf Brown anlegend, befahl er dieſem nochmals, ſich zu entfernen. Ich ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, der das unſelige Ereigniß nur be⸗ ſchleunigte. Als Brown ſich ſo bedroht ſah, ſprang er auf Hazle⸗ wood zu, rang mit ihm und hätte ihm beinah' das Gewehr ent⸗ wunden, da ging der Schuß im Kampfe los und fuhr in Hazle⸗ woods Schulter. Der Verwundete ſank auf der Stelle nieder. Ich ſah nichts mehr und ſchwankte ohnmächtig zurück. Wie Lucy mir nachher erzählt hat, blickte der unglückliche Thäter einen Augen⸗ blick auf das entſetzliche Schauſpiel, bis ihr Angſtgeſchrei die Leute auf dem See in Bewegung brachte, von denen einige herbeieilten. Brown ſprang über eine Hecke, welche den Fußpfad von dem Ge⸗ hölze trennte, und ſeitdem hat man nichts mehr von ihm gehört. Der Reitknecht verſuchte nicht, den Thäter aufzuhalten, oder ihn zu ergreifen, und was er den Leuten erzählte, die zu uns kamen, bewog dieſe eher, mich in's Leben zu rufen, als den Flüchtling zu verfolgen, der nach des Knechtes Beſchreibung ein Mann von furchtbarer Stärke und vollſtändig bewaffnet war. „Hazlewood ward nach Hauſe, das heißt nach Woodbourne, in Sicherheit gebracht— ich hoffe, ſeine Wunde ſei durchaus nicht gefähr⸗ lich, obwohl er ſehr leidet. Aber für Brown müſſen die Folgen ſehr un⸗ glücklich ſein. Er iſt ohnehin ſchon ein Gegenſtand der Erbitterung meines Vaters, und größere Gefahr drohen ihm nun die Verfol⸗ gungen der Gerechtigkeit und die Rache des alten Hazlewood, der Alles in Bewegung ſetzen will, den Thäter zu entdecken. Wie wird es ihm möglich ſein, der rachgierigen Thätigkeit ſeiner Verfolger zu entfliehen! Wie wird er ſich, wenn er gefangen wird, gegen die Strenge des Geſetzes vertheidigen können, die, wie ich höre, ſein Leben in Gefahr bringen könnte! und wie kann ich Mittel fin⸗ den, ihn vor der Gefahr zu warnen? Der armen Lucy ſchlecht ver⸗ hehlter Gram über die Wunde ihres Geliebten iſt ein zweiter Quell der Betrübniß für mich, und alles, was mich umgiebt, zeugt ſo gegen die Unbeſonnenheit, welche dieſes Unglück veranlaßte. „Zwei Tage lang war ich wirklich recht krank. Die Nach⸗ richt, daß Hazlewood ſich erhole und daß man die Perſon, die ihn geſchoſſen hatte, nirgends entdecken könne, daß man überhaupt nur wiſſe, ſie ſei von der Schmugglerbande— dies lieh mir einigen Troſt. Da der Verdacht und die Verfolgung gegen jene Leute ge⸗ richtet iſt, wird Brown um ſo leichter entfliehen können, und ich hoffe, er befindet ſich bereits in Sicherheit. Aber Soldaten zu Pferd und zu Fuß durchſtreifen die Gegend in allen Richtungen und ich werde durch tauſend verworrene und unbeſtimmte Gerüchte von Verhaftungen und Entdeckungen gemartert. „Unterdeſſen gewährt mir den größten Troſt Hazlewoods edel⸗ müthige Aufrichtigkeit, welcher bei der Erklärung beharrt, daß die Flinte während des Kampfes durch Zufall losgegangen ſei, was 102 auch immer die Abſicht des Unbekannten, der ihn verwundete, ge⸗ weſen ſein möge. Der Reitknecht hingegen behauptet, das Ge⸗ wehr ſei aus Hazlewoods Händen gewunden und mit Vorſatz gegen denſelben gerichtet worden. Lucy neigt ſich auch zu dieſer Meinung. Ich glaube nicht, daß beide abſichtlich übertreiben,— aber ſo trüg⸗ lich iſt nun einmal menſchliches Zeugniß! Gewiß, der unglückliche Schuß geſchah ohne alle Abſicht. Vielleicht würde es am beſten ſein, wenn ich Hazlewood das ganze Geheimniß anvertraute; aber er iſt noch ſo jung, und ich fühle die größte Abneigung, ihm meine Thorheit zu entdecken. Neulich wollte ich Lucy das Geheimniß ent⸗ hullen und fragte ſie, ob ſie ſich der Geſtalt und der Geſichtszüge des Mannes entſinne, der uns unglücklicherweiſe in den Weg ge⸗ kommen ſei; aber ſie machte eine ſo gräßliche Beſchreibung von dem Strauchdiebe, daß ich allen Muth und alle Luſt verlor, meine Zu⸗ neigung zu ihm zu geſtehen. In der That, Lucy hat ſich von ihrer vorgefaßten Meinung ſonderbar verblenden laſſen: es gibt wohl wenig ſchönere Männer, als der arme Brown. Ich hatte ihn ſeit langer Zeit nicht geſehn; aber ſelbſt bei ſeiner ſeltſamen, plötzlichen Erſcheinung, und trotz ſeines ſehr unvortheilhaften An⸗ zuges, habe ich doch bemerkt, daß ſeine Geſtalt anmuthiger gewor⸗ den iſt, und daß ſeine Züge einen edlern Ausdruck gewonnen haben. Werde ich ihm je wieder begegnen! Wer kann dieſe Frage beant⸗ worten!— Schreibe mir freundlich, meine theuerſte Matilde!— wann haſt du es je anders gethan?— aber ich wiederhole, ſchreibe mir bald und ſchreibe mir freundlich. Ich bin nicht in der Lage, Rath oder Vorwürfe benutzen zu können, und habe nicht frohen Muth genug, ſie durch Scherze abwehren zu können. Ich bin erſchrocken wie ein Kind, das im gedankenloſen Spiele irgend eine mächtige Maſchine in Bewegung geſetzt hat, und während es die rollenden Räder, die raſſelnden Ketten ſieht, über die furchtbare Kraft erſtaunt iſt, welche ſeine ſchwachen Hände 103 in Thätigkeit ſetzten, und zugleich vor den Folgen zittert, die es nun erwarten muß, ohne ſie abwenden zu können. 4 „SIch will nicht vergeſſen zu bemerken, daß mein Vater ſehr freundlich und zärtlich iſt. Die Angſt, die ich zu ertragen hatte, iſt eine hinlängliche Entſchuldigung für meine Nervenſchwäche. Meine Hoffnungiſt, Brown habe in England, oder in Irland, oder auch wohl auf der Inſel Man eine Zuflucht gefunden. In beiden Fällen kann er den Ausgang der Krankheit des Verwundeten in Sicherheit und Geduld erwarten, da die Verbindung jener Länder mit Schottland in Hinſicht auf die Gerechtigkeit(dem Himmel ſei Dankh) nicht eben ſehr innig iſt. Die Folgen ſeiner Verhaftung würden noch bis die⸗ ſen Augenblick ſchrecklich ſein. Ich bemühe mich, mein Gemüth durch allerlei Gründe gegen die Möglichkeit eines ſolchen Unglücks zu ſtärken. Ach! wie bald ſind Kummer und Furcht, eben ſo wirklich als ſtreng, auf die gleichmäßige und ruhige Lebensweiſe gefolgt, die ich noch neulich zu tadeln ſo ſehr geneigt war! Aber ich will dich nicht länger mit meinen Klagen beläſtigen. Adieu, theuer⸗ ſte Matilde! „Julie Mannering.“ Zwölftes Kapitel. Ein Menſch kann ſehen wie dieſe Welt beſtellt iſt auch ohne Angen.— Sieh mit deinen Ohren: Schau, wie jener Richter jenen einfältigen Dieb ſchmäht. Nun höre wohl— wechſele die Plätze; und, wie einer die Hand unmdreht, wer iſt der Richter, wer iſt der Dieb? König Lear. Zu denen, welchedeneifrigſten Antheil an den Bemühungen nah⸗ men, um die Perſon zu entdecken, welche den jungen Charles Hazlewood angefallen und verwundet hatte, gehörte Gilbert Gloſſin, Esquire, früher Schreiber in——, jetzt Laird von Ellangowan und einer von den würdigen Friedensrichtern der Grafſchaft——. Seine Beweggründe zu ſolcher Anſtrengung bei dieſer Gelegenheit waren manichfach; aber wir ſetzen voraus, daß unſre Leſer, nach dem was ſie bereits von dieſem Gentleman wiſſen, ſchwerlich an eine eif⸗ rige Liebe zur Gerechtigkeit bei ihm denken werden. Die Wahrheit war, daß ſich dieſer würdige Mann gar nicht ſo behaglich befand, als er erwartet hatte, nachdem ihn ſeine Schliche in Beſitz des Gutes Ellangowan geſetzt hatten. Die Betrachtungen, die er in ſeinen vier Pfählen anſtellte, wo ihn ſo mancherlei an alte 105 Zeiten erinnerte, waren nicht immer die ſelbſtgenügſamen Glück⸗ wünſche einer gelungenen Liſt. Wenn er um ſich blickte, bemerkte er nicht ohne Empfindlichkeit, daß ihn die Landedelleute mieden, zu welchen er ſich erhoben zu haben glaubte. Er war von ihren geſell⸗ ſchaftlichen Kreiſen ausgeſchloſſen, bei öffentlichen Zuſammenkünf⸗ ten war man ihm entgegen und ſah ihn mit Kälte und Verachtung an. Grundſätze und Vorurtheile vereinigten ſich, dieſe Abneigung zu erwecken, denn die Landedelleute verachteten ihn wegen ſeiner ge⸗ ringen Herkunft und haßten ihn wegen der Mittel, durch welche er ſein Vermögen erworben hatte. Bei der untern Volksklaſſe ſtand er in einem weit ſchlimmern Rufe. Man wollte ihm weder von ſei⸗ ner Herrſchaft den Namen Ellangowan geben, noch ihn Mr. Gloſſin nennen;— er hieß ſchlechtweg Gloſſin und ſeine Eitelkeit hielt ſo viel auf dieſe Kleinigkeit, daß er einſt einem Bettler eine halbe Krone gab, weil ihn dieſer, der um einen Penny bat, dabei dreimal Ellangowan genannt hatte. Er empfand dieſen Mangel öffentli⸗ cher Achtung noch tiefer, wenn er ſah, wie ſehr Mac⸗Morlan, bei weit geringern Vermögensumſtänden, von Reichen und Armen ge⸗ liebt und geachtet wurde, und wie er langſam aber ſicher den Grund zu einem anſtändigen Vermögen legte, indem er zugleich das Wohl⸗ wollen und die Achtung aller, die ihn kannten, behauptete. Während ſich Gloſſin im Innern über das ärgerte, was er nur die Vorurtheile des Landes nannte, war er doch zu klug, um ſich offen zu beklagen. Er fühlte es wohl, daß ſeine Erhebung zu neu war, um vergeſſen zu werden, und daß die Mittel, wodurch er ſie erlangt hatte, zu gehäſſig waren, als daß man ſie ihm hätte verge⸗ ben können. Die Zeit jedoch, dachte er, vermindert Wunder und verhüllt Vergehungen. Gewandt, wie einer ſein muß, der durch Erforſchung der ſchwachen Seiten der Menſchen ſein Glück gemacht hat, nahm er ſich vor, jede Gelegenheit zu ergreifen, ſich ſogar den⸗ jenigen nützlich zu machen, die ihn am wenigſten leiden konnten. 106 Er rechnete auf ſeine Geſchicklichkeit, auf die Streitſucht der Land⸗ edelleute, welchen der Rath eines ſchlauen Rechtsgelehrten oft un⸗ ſchätzbar ſein mußte, und auf tauſend andere Umſtände, die er mit Geduld und Klugheit zu ſeinem Vortheil benutzen zu können hoffte, und die ihn, wie er glaubte, bei ſeinen Nachbarn bald in ein gün⸗ ſtigeres Licht ſetzen und vielleicht zu der Würde erheben konnten, die einem ſchlauen und gewandten Geſchäftsmanne oft zu Theil wird, wenn derſelbe unter einer Gemeinſchaft von Landedelleuten das wird, was bei Burns heißt „Die Zunge der Trompete Aller.“ Der Angriff auf Oberſt Mannering's Haus und die Verwun⸗ dung Hazlewood's, ſchienen Gloſſin eine günſtige Gelegenheit, der ganzen Gegend zu beweiſen, welche wichtigen Dienſte ein thätiger Beamter leiſten könne, der mit den Geſetzen eben ſo bekannt ſei, als mit den Gängen und Gewohnheiten der Schmuggler. Die Erfah⸗ rungen der letztern Art hatte er ſich durch frühere vertraute Verbin⸗ dung mit einigen verwegenen Schleichhändlern erworben, deren Theilnehmer oder Rathgeber er geweſen war. Da jedoch dieſer Verkehr ſeit vielen Jahren nicht mehr beſtand, und jene Menſchen ihr gefährliches Gewerbe ſelten lange zu treiben vermochten, oder doch häufig von einem Schauplatze verdrängt wurden, ſo hatte er nicht die geringſte Beſorgniß, durch ſeine Nachforſchungen alte Freunde, die Vergeltung ausüben konnten, in Verlegenheit zu ſetzen. Es mußte ihm viel daran liegen, Mannering's Gunſt und Achtung zu erwerben, aber noch wichtiger war ihm die Gewogen⸗ heit des alten Hazlewood, der großen Anhang in der Grafſchaft hatte; und wenn es ihm gelang, die Schuldigen zu entdecken und der Strafe zu überliefern, ſo hatte er überdies die Genugthuung, Mac⸗ Morlan zu demüthigen und gewiſſermaßen auszuſtechen, dem, als Un⸗ terſheriff der Grafſchaft, dieſe Art der Nachforſchung eigentlich zukam, 107 und der in der öffentlichen Meinung gewiß bedeutend ſinken mußte, wenn die freiwilligen Bemühungen Gloſſin's glücklicher als ſeine eigenen waren. Von ſolchen Beweggründen angetrieben und mit den nöthigen Hilfsmitteln wohl vertraut, ſetzte Gloſſin Alles in Bewegung, um einige von der Bande, welche Woodbourne angegriffen hatten, und vorzüglich denjenigen, der Hazlewood verwundet hatte, zu entdecken und zu ergreifen. Er verhieß hohe Belohnungen, gab verſchiedene Anſchläge an die Hand und benutzte ſeinen Einfluß auf alte Bekannte, die den verbotenen Handel begünſtigten, indem er ihnen vorſtellte, daß es beſſer für ſie ſei, einige unbedeutende Menſchen aufzuopfern, als den gehäſſigen Vorwurf einer Theilnahme an einer ſo empören⸗ den That auf ſich zu laden. Alle ſeine Bemühungen waren anfangs fruchtlos. Das gemeine Volk begünſtigte oder fürchtete die Schleichhändler zu ſehr, als daß es Zeugniß gegen dieſelben hätte ablegen mögen. Endlich erhielt der geſchäftige Beamte die Nach⸗ richt, daß ein Mann, der demjenigen, von welchem Hazlewood an⸗ gefallen worden, nach der Beſchreibung ganz ähnlich geweſen ſei, am vorhergehenden Abend im Gaſthofe zu Kippletringan gewohnt habe. Dorthin ging Mr. Gloſſin ſogleich, um unſre alte Bekannte, Mrs. Mac⸗Candliſh, zu befragen. Der Leſer wird ſich erinnern, daß Mr. Gloſſin, nach der Re⸗ densart dieſer guten Frau, nicht hoch bei ihr angeſchrieben ſtand. Sie folgte ihm daher auf ſeinen Ruf langſam und widerſtrebend nach der Stube und begrüßte ihn hier beim Eintritte ſo kalt als mög⸗ lich. Darauf entſpann ſich folgendes Zwiegeſpräch: „Ein ſchöner friſcher Morgen, Mrs. Mac⸗ Candliſh.“ „Ja, Sir; der Morgen iſt gut genug,“ antwortete die Wir⸗ thin trocken. „Mrs. Mac⸗Candliſh, ich möchte gern wiſſen, ob die Richter noch wie gewöhnlich nach der Dienſtagſitzung hier ſpeiſen!?“ „Ich glaube— ich denke,'s iſt ſo— wie gewöhnlich’—(im Begriff das Gemach zu verlaſſen.) „Weilt einen Augenblick, Mrs. Mac⸗Candliſh— ei, ihr habt ja ungeheure Eile, liebe Freundin!— ich dächte, ein Mit⸗ tagsclubb hier, einmal in jedem Monat, wär' eine recht hübſche Sache.“ „Gewiß, Sir; ein Clubb von achtbaren Herrn.“ „Freilich, freilich,“ ſagte Gloſſin;„ich meine Landeigenthü⸗ mer und Herren von Gewicht in der Grafſchaft; ich hätte wohl Luſt, ſo etwas zu Stande zu bringen.“ Der kurze trockene Huſten, mit dem Mrs. Mac⸗Candliſh die⸗ ſen Vorſchlag aufnahm, zeigte keineswegs Mißfallen über einen der⸗ artigen Antrag im Allgemeinen an„drückte aber doch einen Zweifel aus, ob die Sache unter den Auſpicien des Herrn, der ſie vorſchlug, auch glücklichen Fortgang haben könnte. Es war kein vernei⸗ nender Huſten, aber ein zweifelvoller, und dies fühlte Gloſſin recht wohl; aber es war nicht an ihm, ſich empfindlich zu zeigen. „Iſt guter Verkehr auf der Landſtraße geweſen, Mrs. Mac⸗ Candliſh! ohne Zweifel viel Einkehr hier!“ „O, ſo ziemlich, Sir,— aber ich glaube, man wird mich am Schenktiſch vermiſſen.“ „Nein, nein; weilt einen Augenblick, ihr könnt doch wohl einem alten Kunden gefällig ſein!— Bitte, entſinnt ihr euch eines vorzüglich hoch gewachſenen jungen Mannes, der in voriger Woche eine Nacht in eurem Hauſe wohnte?“ „Ach, Sir, das wird ſchwer ſein, zu ſagen— ich ſehe nie dar⸗ auf, ob meine Gäſte lang oder kurz ſind, wenn ſie nur eine lange Rechnung machen.“. „Und thun ſie es nicht, ſo könnt ihr das für ſie thun, nicht wahr, Mrs. Mac⸗Candliſh!— Ha ha ha!— Aber der junge Mann, nach dem ich frage, war ſechs Fuß hoch, trug einen dunkeln 109 Rock mit Metallknöpfen, hatte lichtbraunes, ungepudertes Haar, blaue Augen, gerade Naſe, reiſete zu Fuß, hatte weder Diener noch Gepäck— Gewiß erinnert ihr euch, einen ſolchen Reiſenden geſehn zu haben?“ „Wirklich, Herr,“ antwortete Mrs. Mac⸗Candliſh,„ich kann mein Gedächtniß nicht mit dergleichen Dingen beläſtigen— in dieſem Hauſe gibt es wahrhaftig mehr zu thun, als nach dem Haar, der Naſe und den Augen den Fremden zu ſehn.“ „Dann, Mrs. Mac⸗Candliſh, muß ich euch in ſchlichten Worten ſagen, daß ſich dieſe Perſon eines Verbrechens verdächtig gemacht hat; und nur in Folge dieſes Verdachts ziehe ich, als Ma⸗ giſtratsperſon, Erkundigung bei euch ein,— weigert ihr euch, meine Fragen zu beantworten, ſo wird es zum Eide kommen müſſen.“ „Aber, Sir, ich darf nicht ſchwören*)— wir pflegen zu der Antiburgher Verſammlung zu gehen—'s iſt wahr, zu Bailie Mac⸗Candliſh's Lebzeiten(Gott hab' ihn ſelig,) gingen wir zum Presbyterianer— aber nachdem er zu einem beſſern Platz, als Kippletringan, gerufen ward, bin ich wieder zum würdigen Mr. Mac⸗Grainer gegangen. und ſo ſeht ihr, Sir, ich kann nicht ſchwören, ohne den Geiſtlichen zu fragen— vorzüglich da es einen ſo armen jungen Menſchen betrifft, der fremd und freundlos durch das Land geht.“ „Ich werde vielleicht eure Skrupel beſeitigen, ohne Mr. Mac⸗ Grainer zu beläſtigen, wenn ich euch ſage, daß der Kerl, nach dem ich forſche, derſelbe Menſch iſt, welcher unſern jungen Freund Charles Hazlewood ſchoß.“ e.. 3 4 4; —) Einige der ſtrengen Diſſenters weigern ſich, vor einer weltlichen Obrigkeit einen Eid abzulegen. „Guter Gott! wer hätte ſo etwas von ihm denken können!— nein, wenn es wegen Schulden wäre, oder wegen Händeln mit dem Zöllnervolk, da ſollte kein Teufel Nelly Mac⸗Candliſhs Zunge zum Sprechen gegen ihn gezwungen haben. Aber wenn er wirklich den jungen Charles Hazlewood ſchoß— doch ich kann es nicht glauben, Mr. Gloſſin; das wird wohl nur ein Scherz ſein— ich kann es von einem ſo hübſchen Burſchen nicht glauben;— nein, nein,'s iſt ei⸗ ner von euren alten Späßen.— Ihr wollt nur einen Vorwand ha⸗ ben, um ihm auf die Spur zu kommen.“ „Ich ſehe, ihr habt kein Vertrauen zu mir, Mrs. Mac⸗ Candliſh; aber leſt dieſe Erklärungen, unterzeichnet von Perſo⸗ nen, die Zeugen des Verbrechens waren, und urtheilt ſelbſt, ob die Beſchreibung jenes Schurken auf euren Gaſt paßt.“ Er gab ihr die Papiere in die Hand, und ſie las dieſelben ſorg⸗ fältig durch, während ſie häufig ihre Brille abnahm, um einen Blick gen Himmel zu werfen oder auch wohl um eine Thräne abzu⸗ trocknen, denn der junge Hazlewood war ein beſonderer Günſtling der guten Dame.„Ja, ja,“ ſagte ſie, nachdem ſie ihre Prüfung beendigt hatte,„wenn es ſo iſt, ſo geb' ich ihn auf, den Schur⸗ ken— doch ach, irren iſt menſchlich; nimmer ſah ich ein beſſeres Geſicht, oder einen hübſchern, ſtattlichern Burſchen.— Ich hielt ihn für einen Gentleman, der ſich in einer Verlegenheit befände.— Aber ich geb' ihn auf, den Schurken!— Charles Hazlewood zu ſchießen— und in Gegenwart der jungen Ladies, die armen un⸗ ſchuldigen Weſen!— Ich geb' ihn auf!“ „So gebt ihr alſo zu, daß die Nacht vor der ſchlechten That eine ſolche Perſon hier wohnte!“ „Allerdings, Sir, und das ganze Haus hatt' ihn gern, er war ein ſo offener, unterhaltender junger Mann. Nicht etwa weil er freigebig geweſen wäre, denn er hatte nichts als einen Hammel⸗ ſchnitt und einen Krug Ale, und ein oder zwei Glas Wein— und 111 ich bat ihn noch, den Thee mit mir ſelber zu trinken, und hab' ihn nicht auf die Rechnung geſetzt; Abendeſſen nahm er gar nicht, denn er ſagte, er wäre die ganze vorige Nacht hindurch gereiſt; nun, wer weiß, wo er ſich da umhergetrieben haben mag.“ „Hörtet ihr vielleicht zufällig ſeinen Namen?“ „Ja wohl that ich das,“ ſagte die Wirthin, die nun eben ſo eifrig war, Mittheilung zu machen, als ſie zuvor verſchloſſen geweſen.„Er ſagte mir, ſein Name ſein Brown, und er berich⸗ tete auch, es ſei möglich, daß ein altes Weib, eine Art von Zigeu⸗ nerin, nach ihm fragen würde— ja, ja! ſagt mir eure Geſellſchaft, und ich ſag' euch, wer ihr ſeid. O, der Schurke!— Nun gut, Sir, als er am Morgen wegging, zahlte er ſeine Rechnung ganz ehrlich, und gab auch der Hausmagd etwas,— ganz gewiß, denn Grizy“— hier fand Gloſſin für nöthig, das gute Weib zu unter⸗ brechen und wieder auf die Hauptſache zurückzuführen. „Ferner ſagte er, wenn eine ſolche Perſon kommt und nach Mr. Browu fragt, ſo ſagt nur, ich ſei auf den Creeranſee gegan⸗ gen, um die Schlittſchuhläufer zu ſehn, und ich würde zum Mit⸗ tag zurück ſein.— Aber er ließ ſich nicht wieder ſehen— und doch wartete ich ſo zuverſichtlich auf ihn und hatte ihm ein Paar junge Hühner zugerichtet, was ich nicht für jeden gemeinen Mann thun würde, Mr. Gloſſin— Aber mir ahnte nicht, zu welchem Schlitt⸗ ſchuhlauf er gehn wollte— Mr. Hazlewood, das unſchuldige Lamm, zu ſchießen!“ Nachdem Mr. Gloſſin, als ein kluger Examinator, ſeiner Zeugin Zeit gelaſſen hatte, um ihrem Staunen und ihrem Unwil⸗ len gehörig Luft zu machen, begann er nun zu forſchen, ob die ver⸗ dächtige Perſon nicht Gepäck oder Papiere im Wirthshaus zurück⸗ gelaſſen hätte. „Freilich, er hat mir ein Päckchen, ein ganz kleines Päckchen aufzuheben gegeben; deßgleichen etwas Geld, um ihm ein halb Dutzend Hemden zu beſorgen, die ich nun ſchon in Arbeit gegeben habe— mag er zum Galgen drin fahren, der Schuft!“ Alsbald verlangte Mr. Gloſſin das Packet zu ſehn, aber hier machte unſre Wirthin eine bedenkliche Miene. „Sie wiſſe nicht— ſie wolle nicht ſagen, daß die Gerechtig⸗ keit nicht ihren Lauf haben ſolle— aber wenn ihr jemand etwas an⸗ vertraut habe, ſo ſei ſie denn doch verantwortlich dafür— aber ſie wolle den Almoſenpfleger Bearcliff rufen, und wenn Mr. Gloſſin ein Verzeichniß der Sachen aufſetzen und ihr in Bearcliffs Gegen⸗ wart einen Empfangſchein geben wolle— oder, noch beſſer, wenn alles verſiegelt und in Bearcliffs Hände niedergelegt würde, ſo wolle ſie beruhigt über die Sache ſein— wie es auch wäre, ſie wolle der Gerechtigkeit nicht in den Weg treten.“ Da Mrs. Mac⸗Candliſh's natürlicher Scharfſinn und ihr Argwohn unbeugſam waren, ſo ſchickte Gloſſin nach dem Almoſen⸗ pfleger Bearcliff, um ein Wort mit ihm„in Betreff des Schur⸗ ken, der Mr. Charles Hazlewood geſchoſſen,“ zu ſprechen. Bear⸗ cliff erſchien alsbald, und zwar ſo eilig, daß er ſich nicht Zeit ge⸗ nommen hatte, die kleine Stutzperücke gerade zu ſetzen, die er mit der Ladenmütze vertauſcht hatte, mit welcher er ſeinen Kunden ge⸗ wöhnlich aufwartete. Mrs. Mac⸗Candliſh brachte nun das Päck⸗ chen herbei, welches ihr Brown gegeben hatte, und man fand darin den Beutel der Zigeunerin. Als die Wirthin den Werth des manichfachen Inhalts bemerkte, freute ſie ſich doppelt ihrer Vor⸗ ſicht, die ſie angewandt hatte, ehe ſie die Sache Gloſſin übergeben; Gloſſin aber that mit dem Anſcheine uneigennütziger Aufrichtigkeit nun ſelbſt den Vorſchlag, die Habe des verdächtigen Fremden, nach genauer Aufzeichnung, einſtweilen der Obhut Bearcliffs zu über⸗ geben, bis dieſelbe an die höhere Behörde geſandt werden könnte. „Er möchte,“ bemerkte er,„nicht gern perſönlich für Gegenſtände verantwortlich ſein, die von ſo beträchtlichem Werthe ſchienen und zweifelsohne auf verbrecheriſche Weiſe erworben wären.“ Sodann unterſuchte er das Papier, worein der Beutel gewi⸗ ckelt geweſen war. Es war die Rückſeite eines Briefes, mit der Adreſſe, an V. Brown, Esquire; aber das Uebrige dieſer Adreſſe war weggeriſſen.— Die Wirthin— jetzt ebenſo begierig, Licht auf die Spur des entflohenen Verbrechers zu werfen, als ſie dieſelbe vorher zu verheimlichen wünſchte, denn der manichfache Inhalt des Beutels deutete an, daß nicht alles richtig ſein könne,— Mrs. Mac⸗Candliſh, ſag' ich, gab nun Mr. Gloſſin zu verſtehen, daß ihr Poſtillon und Knecht beide den Fremden an jenem Tage auf dem Eiſe geſehn hätten, als der junge Hazlewood verwundet worden war. Der alte Bekannte unſerer Leſer, Jock Jabos, ward zuerſt ver⸗ nommen, und geſtand offen, daß er auf dem Eiſe einen Fremden am nämlichen Morgen geſehn und geſprochen habe, der, wie er wüßte, am Abend zuvor im Wirthshauſe gewohnt hatte. „Um was drehte ſich eure Unterhaltung?“ fragte Gloſſin. „Drehte?— wir drehten uns gar nicht, wir gingen immer gradaus auf dem Eiſe.“ „Gut, aber wovon ſpracht ihr?“ „Nun, er fragte mich ſo, wie jeder Fremde fragt,“ ſagte der Poſtillon, der, wie es ſchien, jetzt von demſelben widerſpenſtigen und verſchloſſenen Geiſte beſeſſen war, welcher ſeine Gebieterin ver⸗ laſſen hatte. „Aber worüber!“ fragte Gloſſin. „Nun, über die Leute, die dort ihr Spiel trieben, über den alten Jock Stevenſon, der dabei war, und über die Damen und der⸗ gleichen.“ „Welche Damen! und was fragte er über dieſelben, Jock?“ ſagte der Forſcher. Guy Mannering. II. 8 „Welche Damen! Nun, es war Miß Julie Mannering und Miß Lucy Bertram, die ihr ja ſelber kennt, Mr. Gloſſin— ſie ſpa⸗ zierten mit dem jungen Laird von Hazlewood auf dem Eiſe.“ „und was ſagtet ihr ihm über dieſelben?“ forſchte Gloſſin. „Nun, daß Miß Lucy Bertram von Ellangowan ein großes Vermögen im Lande gehabt hätte, und daß Miß Julie Mannering den jungen Hazlewood heirathen ſollte— ſie hing ihm eben am Arme— Wir ſprachen ſo noch über mancherlei und ähnliches— er war ein recht offener Mann.“ „Gut, und was gab er denn zur Antwort!“ „Nun, er guckte ſtarr nach den jungen Damen und fragte, ob es gewiß ſei mit der Heirath zwiſchen Miß Mannering und dem jun⸗ gen Hazlewood; ich antwortete ihm, daß dies unumſtößlich gewiß ſei, und das konnt' ich auch wohl mit Recht behaupten— denn meine Muhme, Hannchen Clavers,(ſie iſt eine Verwandtin von eurer Muhme, Mr. Gloſſin, ihr müßt ſie ja kennen,) die iſt gut bekannt mit der Haushälterin in Woodbourne, und ſie hat mir mehr als einmal geſagt, daß nichts ſo gewiß ſein könnte, als jene Sache.“ „Und was ſagte der Fremde, als ihr ihm das alles erzählte ſprach Gloſſin. „Sagte!“ wiederholte der Poſtillon,„er ſagte gar nichts dazu— er ſtarrte ihnen nur nach, während ſie rings um den See auf dem Eiſe gingen, als hätt' er ſie verſchlingen wollen, und er wandte kein Auge von ihnen und ſprach kein Wort mehr, achtete auch nicht weiter auf das Spiel, obwohl man kein ſchöneres Kräu⸗ ſelſpiel ſehen konnte. Und er wandte den Rücken, ging vom See weg, auf dem Kirchenwege nach dem Föhrenwalde von Woodbourne, und wir haben nichts mehr von ihm geſehn.“ t? 74 115 „Aber denkt nur,“ ſagte Mrs. Mac⸗Candliſh,„welch' hartes Herz er haben mußte, daß er den armen jungen Herrn verwunden konnte, und das in Gegenwart der Dame, die er heirathen will!“ „O, Mrs. Mac⸗Candliſh,“ ſagte Gloſſin,„dergleichen Bei⸗ ſpiele finden ſich mehr— wahrſcheinlich ſuchte er die Rache da, wo ſie am tiefſten und ſüßeſten wäre.“ 3 „Gott erbarme ſich!“ ſagte Bearcliff,„wir ſind arme, ge⸗ brechliche Geſchöpfe, wo wir uns ſelber überlaſſen ſind!— ja, er vergaß, was geſagt iſt: die Rache iſt mein und ich will vergelten.“ „Jawohl, jawohl, ihr Herrn,“ ſagte Jabos, deſſen hartkö⸗ pfige und uncultivirte Schlauheit zuweit das Wild aufzutreiben ſchien, wo andre auf den Buſch ſchlagen—„ja, ja, ihr könnt euch doch wohl irren— ich mag nimmermehr glauben, daß ein Menſch ſich vornimmt, den andern mit deſſen eigner Flinte zu erſchießen. Seht, ich war Gehilfe des Förſters unten bei der Inſel, und ich wette drauf, der ſtärkſte Mann in ganz Schottland ſoll mir die Flinte nicht wegnehmen, eh' ich ihm nicht zuvor die Kugel durch den Leib gejagt habe, wiewohl ich nur ein ſchwaches Kerlchen bin, und zu nichts tauge, als auf einem Kutſchbocke zu ſitzen— nein, nein, kein lebendiger Menſch ſollte das wagen. Ich wollte meine beſten Bocksledernen dran wetten, die ich erſt neu beim Kirkeud⸗ bright⸗Jahrmarkt gekauft habe: es iſt gewiß blos ein Zufall gewe⸗ ſen. Aber wenn ihr mir nichts weiter zu ſagen habt, ſo will ich lieber gehn und meine Pferde füttern“— und ſomit ging er hinweg. Der Hausknecht, der ihn begleitet hatte, that die nämliche Aus⸗ ſage. Er und Mrs. Mac⸗Candliſh wurden dann noch einmal be⸗ fragt, ob Brown an dem unſeligen Morgen keine Waffen bei ſich getragen habe.„Keine,“ ſagten ſie,„außer einen gewöhnlichen kurzen Säbel oder Hirſchfänger an der Seite.“ „Nun,“ ſagte Beareliff, indem er Gloſſin's Rockknopf faßte, (denn bei Betrachtung dieſer verwickelten Angelegenheit hatte er 8* Gloſſin's neue Rangerhöhung ganz vergeſſen)—„dies ſieht noch merkwürdiger aus, Mr. Gilbert: denn es iſt doch gar nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß einer mit ſo geringen Mitteln einen Kampf anfangen ſollte.“ Gloſſin machte ſeinen Knopf von Bearcliff's Hand los, und ebenſo entzog er ſich, wiewohl nicht mit Unfreundlichkeit, jener Erörterung; denn es lag jetzt in ſeinem Intereſſe, bei allen Leuten in guter Meinung zu ſtehen. Er fragte nach den Preiſen von Thee und Zucker, und deutete an, daß er ſeinen Jahresbedarf einkaufen wolle; er beſtellte bei Mrs. Mac⸗Candliſh ein gutes Gaſtmahl für eine Geſellſchaft von fünf Freunden, die er nächſte Woche zum Mittageſſen in dem Wirthshauſe einladen wollte; und ſchließlich gab er noch dem Jock Jabos eine halbe Krone, der ſtatt des Haus⸗ knechts ſein Pferd gehalten hatte. „Nun,“ ſagte Bearcliff zu Mrs. Mac⸗Candliſh, als dieſe ihm am Schenktiſch ein Gläschen Bitteres gab,„der Teufel iſt nicht ſo böſe, wie man denkt. Es iſt erfreulich, wenn ein Herr den Angelegenheiten der Grafſchaft ſolche Aufmerkſamkeit ſchenkt, wie Mr. Gloſſin.“ „Ganz gewiß, Mr. Bearcliff,“ antwortete die Wirthin; „und doch wundert es mich, daß unſre Edelleute ihre Angelegenhei⸗ ten Seinesgleichen überlaſſen.— Aber freilich, Bearcliff, ſo lange das Geld gangbar iſt, dürfen die Leute nicht ſo genau auf ein Ding ſehen, worauf des Königs Kopf ſteht.“ „SIch denke, Gloſſin wird nur Unehre bei der Sache einlegen, Miſtreß,“ ſagte Jabos, als er neben dem Schenktiſche vorüber ging; „aber das hier iſt denn doch eine gute halbe Krone.“ Dreizehntes Kapitel. Ein Mann, der den Tod für nichts ſchreckli⸗ cheres anſteht, als den Schlaf eines Trunkenen; ſorglos, furchtlos, ſo in Bezug auf das Vergangene, wie auf das Gegenwärtige und Künftige. Maaß für Maaß. Gloſſin hatte ſich Alles ſorgfältig aufgemerkt, was er durch jene Nachforſchungen erfahren hatte. Es war dadurch für ihn frei⸗ lich wenig Licht auf die ganze Angelegenheit geworfen worden; aber der beſſer unterrichtete Leſer iſt mittelſt jener Unterſuchungen von Browns Verfahren unterrichtet worden, von dem Augenblicke, wo er nach Kippletringan ging, bis zu der Zeit, wo er, von Eifer⸗ ſucht gepeinigt, ſo raſch und unbedacht vor Julie Mannering trat, und den Zwiſt, der ſein Erſcheinen veranlaßte, faſt zu einem un⸗ glücklichen Schluſſe führte. Gloſſin ritt langſam zurück nach Ellangowan, erwägend, was er gehört hatte; und mehr und mehr kam er zu der Ueberzeugung, daß er eine günſtige Gelegenheit haben werde, ſich bei Hazlewood und Mannering in Gunſt zu ſetzen, wenn es ihm glücken ſollte, die geheimnißvolle Geſchichte aufzuklären. Er glaubte vielleicht auch, daß er, um nicht den Ruf eines ſcharfſinnigen Beamten auf's Spiel zu ſetzen, alles aufbieten müſſe um einen glücklichen Erfolg herbei⸗ zuführen. Als er von Kippletringan nach ſeiner Wohnung zurück⸗ kam, hörte er daher mit großer Freude die Dienſtleute haſtig verkün⸗ den,„daß Mac⸗Guffog, der Häſcher, und zwei oder drei Gehilfen einen Mann in der Küche hätten und auf Sr. Geſtrengen war⸗ teten.“ Er ſprang ſogleich vom Pferde und eilte in's Haus.„Schickt meinen Schreiber ſogleich hieher, ihr findet ihn bei der Arbeit im kleinen grünen Zimmer. Macht Alles zurecht in meiner Studier⸗ ſtube und rollt den großen ledernen Stuhl zum Schreibtiſch; ſetzt einen Stuhl für Mr. Scrow hin.— Scrow“(dies ſagte er zu dem Schreiber, als er das Empfangzimmer betrat,)„langt mir Sir Georg Mackenzie über Verbrechen herunter; ſchlagt die Stelle auf Vis publica et privata, und zeichnet die Seite, wo die Abhandlung„über das Tragen unerlaubter Waffen“ ſteht. und ſodann laßt den Gefangenen herbeibringen— ich hoffe, ich werde ihn gehörig ausforſchen— doch halt, erſt ſoll Mac⸗Guffog kommen.— Nun, Mac Guffog, wo fandet ihr dieſen Burſchen?“ Mac⸗Guffog, ein ſtämmiger, krummbeiniger Kerl, mit einem Hals, wie ein Stier, einem Geſicht, wie ein Feuerbrand, und furchtbar mit dem linken Auge ſchielend, begann, nach mancherlei ſeltſamen Verbeugungen vor dem Richter, ſeine Geſchichte zu er⸗ zählen, indem er dabei immer auf beſondere Weiſe mit dem Kopf nickte oder mit dem Auge winkte, woraus ſich auf eine vertraute Ideengemeinſchaft mit dem Erzähler und ſeinem Zuhörer ſchließen ließ.„Ew. Geſtrengen müſſen wiſſen, ich ging nach jenem Hauſe, wovon ihr ſpracht, und welches ſie inne hat, die ihr kennt, an der Seeſeite.— Nun fragte ſie, was ich vorhätte! ihr bringt gewiß etwas von Ellangowan?— Ei, ſagt ich, ihr kennt ja den Herrn von Ellangowan ſelber von frühern Zeiten“— „Schon gut,“ ſagte Gloſſin,„keine Weitläufigkeiten, er⸗ zählt das Weſentliche.“ „Nun gut, wir ſaßen bei einem Gläschen Branntwein, den ich mir hatte geben laſſen, bis er hereinkam.“ „Wer!“ „Er!“ dabei zeigte er mit rückwärtsgebogenem Daumen nach der Küche, wo der Gefangene bewahrt wurde.„Er hatte ſeinen Mantel um ſich gewickelt und ich vermuthete, daß er nicht waffen⸗ los wäre. Da dacht' ich, das Beſte wäre, ihn recht ſicher zu ma⸗ chen und fing ſo vertraut mit ihm zu ſchwatzen an, daß er glaubte ich wäre von der Inſel Man. Ich ſetzte mich zwiſchen ihn und ſie, damit ſie ihm keinen Wink geben ſollte. Als wir nun im beſten Trinken waren, wettete ich mit ihm, er könnte nicht, ohne abzu⸗ ſetzen, ein Quart Branntwein austrinken— darauf verſuchte er das— und im gleichen Augenblicke kamen Slounging Jock und Dick Spur'em herein, wir legten ihm die Ketten an und fingen ihn ſo ruhig wie ein Lamm;— nun hat er ſeinen Hieb ſchon wieder ausge⸗ ſchlafen und iſt ſo munter wie ein Maikäfer, um euch auf Alles Antwort geben zu können.“ Dieſe Erzählung, von einer Menge Geberden und Grimaſſen begleitet, ärntete am Schluſſe den Dank und das Lob, welches der Erzähler erwartete. „Hat er keine Waffen!“ fragte der Richter. „Ei wohl, die ſind nie ohne Dolche und Meſſer.“ „Etwa Papiere!“ „Dies Bündel,“ ſagte Mac⸗Guffog, inder er ein altes Ta⸗ ſchenbuch darreichte. „Geht nun hinunter, Mac⸗Guffog, und wartet.“ Der Ge⸗ richtsdiener verließ das Zimmer. Das Klirren von Eiſenketten ward unmittelbar nachher auf der Treppe gehört, und nach wenigen Minuten wurde ein gefeſſelter Mann hereingeführt. Er war dick, rüſtig und musculös, und ob⸗ wohl ſein ergrautes Haar ein ſchon vorgerücktes Alter andeutete, auch ſeine Statur keineswegs lang war, ſo ſchien er dennoch ein V Menſch, mit welchem wenige zu einem perſönlichen Kampfe geneigt ſein mochten. Seine groben und wilden Züge waren noch geröthet und auch ſeinem Auge ſah man noch die Spuren des Rauſches an, welcher ſeine Gefangenſchaft herbeigeführt hatte. Aber der, wenn auch kurze, Schlaf, den ihm Mac⸗Guffog vergönnt hatte, und noch mehr das Bewußtſein von ſeiner gefährlichen Lage, hatte ihm den vollen Gebrauch ſeiner Geiſteskräfte wiedergegeben. Der wür⸗ dige Richter und der nicht minder achtbare Gefangene blickten einan⸗ der eine Zeit lang ohne zu ſprechen feſt in's Auge. Gloſſin erkannte offenbar ſeinen Gefangenen wieder, ſchien aber in Verlegenheit zu ſein, wie er ſeine Unterſuchung einrichten ſolle. Endlich brach er das Schweigen.„Ach, Capitain, ihr ſeid's?— Ihr ſeid an die⸗ ſer Küſte ſeit vielen Jahren fremd geworden.“ „Fremd!“ erwiederte der Andere;„fremd genug, glaub' ich— denn hol' mich der Teufel, wenn ich ſchon einmal hier gewe⸗ ſen bin.“ „Damit kommt ihr nicht durch, Herr Capitain.“ „Damit muß ich durchkommen, Herr Richter— Sapper⸗ ment!“ „und wer wollt ihr denn jetzt ſein und wie ſoll man euch nen⸗ nen,“ ſagte Gloſſin,„bis ich einige andere Leute holen laſſe, die euer Gedächtniß auffriſchen werden in Betreff deſſen, was ihr ſeid oder zum wenigſten was ihr geweſen ſeid!“ „Was ich bin?— Donner und Blitz! ich bin Jans Janſon, von Kuxhaven— Was ſoll ich ſonſt ſein?“ Gloſſin nahm aus einem Kaſten in Zimmer ein Paar kleine Taſchenpiſtolen, die er mit auffallender Sorgfalt lud.„Ihr könnt abtreten,“ ſagte er zu ſeinem Schreiber,„und die Leute mit 121 euch nehmen, Scrow— aber bleibt in der Nähe, damit ihr hört, wenn ich rufe.“ 3 Der Schreiber hätte gern ſeinen Vorgeſetzten an die Gefahr er⸗ innert, mit einem ſo verzweifelten Menſchen allein zu bleiben, wenn dieſer gleich durch die Feſſeln ſo ziemlich zur unthätigkeit genöthigt war; aber Gloſſin winkte ihm ungeduldig zu, ſich zu entfernen. Als er hinausgegangen war, ging der Friedensrichter raſch einige⸗ mal auf und ab, rückte ſeinen Stuhl ſodann dem Gefangenen ge⸗ genüber, ſo daß er ihm vollkommen in's Geſicht ſchauen konnte, legte die Piſtolen vor ſich hin in Bereitſchaft, und ſagte mit feſter Stimme:„Ihr ſeid Dirk Hatteraick, nicht wahr!“ Der Gefangne wandte den Blick inſtinktmäßig nach der Thür, als wenn er einen Lauſcher fürchtete. Gloſſin ſtand auf, öffnete die Thür, ſo daß ſich der Gefangene von ſeinem Stuhl aus völlig überzeugen konnte, es ſei niemand in der Nähe; darauf ſchloß er die Thür wieder, nahm ſeinen Stuhl ein und wiederholte ſeine Frage:„Ihr ſeid Dirk Hatteraick, früher auf der Jungfrau Haa⸗ genslaapen, nicht wahr?“ „Tauſend Teufel!— und wenn ihr das wißt, warum fragt ihr mich!“ ſagte der Gefangene. „Weil ich erſtaunt bin, euch gerade an dem Orte zu ſehn, wo ihr am wenigſten ſein ſolltet, wenn euch eure Sicherheit lieb iſt,“ bemerkte Gloſſin kalt. „Der Teufel!— kein Menſch liebt ſeine eigene Sicherheit, der ſo zu mir ſpricht!“ 1 „Wie! unbewaffnet und in Feſſeln!— wohlgeſprochen, Ca⸗ pitain!“ erwiederte Gloſſin ironiſch.„Jedoch, Capitain, damit werdet ihr nichts ausrichten; ſchwerlich kommt ihr fort aus dieſem Lande, ohne über ein kleines Ereigniß Nachricht gegeben zu ha⸗ den⸗ welches vor einigen Jahren bei der Warrochſpitze ſtatt and.“ Hatteraicks Blicke wurden finſter wie Mitternacht. „Was mich betrifft,“ fuhr Gloſſin fort,„ſo habe ich keinen Vortheil davon, hart mit einem alten Bekannten zu verfahren— aber ich muß meine Pflicht thun— ich werde euch noch heute in einer Poſtkutſche nach Edinburg ſchicken.“ „Kreuz Donner! das werdet ihr doch nicht thun?“ ſagte Hatteraick in einem leiſern und demüthigern Tone;„ei, hattet ihr nicht die halbe Ladung in Wechſeln auf Vanbeeſt und Vanbrüggen erhalten?“ „Das iſt ſo lange her, Capitain Hatteraick,“ ſagte Gloſſin, „daß ich wirklich vergeſſen habe, welchen Lohn ich für meine Mühe erhielt.“. „Eure Mühe! für euer Schweigen, wollt ihr ſagen.“ „Es war eine Geſchäftsſache,“ ſagte Gloſſin,„und ich habe mich ſeit einiger Zeit von Geſchäften zurückgezogen.“ „Gut, aber ich habe eine Nachricht, die euch wohl veranlaſſen könnte, die alte Laufbahn wieder mit Eifer zu betreten,“ antwor⸗ tete Dirk Hatteraick.„Ja, Mann, ich wollt' euch, hol mich der Teufel, beſuchen, und euch etwas ſagen, was euch betrifft.“ „Von dem Knaben?“ ſagte Gloſſin unruhig. „Ja, Mynheer,“ erwiederte der Capitain kalt. „Er lebt nicht mehr, nicht wahr?“ „So lebendig iſt er, wie ihr oder ich,“ ſagte Hatteraick. „Guter Gott!— aber in Indien?“ rief Gloſſin. „Nein, tauſend Teufel, hier! hier an eurer verfluchten Kü⸗ ſte,“ beſtätigte der Gefangene. „Aber Hatteraick, dies,(wenn es nämlich wahr iſt, was ich nicht glaube,) dies wird uns beide ruiniren, denn er muß ſich wohl eurer Behandlung erinnern; und was mich betrifft— für mich wird es die ärgſten Folgen haben! Es wird uns beide ruiniren, ſag' ich euch.“ „Ich ſag' euch,“ bemerkte der Seemann,„es wird niemand außer euch ruiniren— denn ich bin es ſchon, und wennich nicht dies⸗ mal davon komme, ſo ſoll alles aus ſein.“ „Aber,“ ſagte der Richter unwillig,„was brachte euch denn an dieſe Küſte zurück, gleich einem Tollen!“ „Nun, Alles Geld war fort, das Haus war wankend, und ich dachte, die alte Geſchichte wäre mit Gras überwachſen und ver⸗ geſſen,“ antwortete der würdige Seemann. „Hm— was läßt ſich thun?“ ſagte Gloſſin beſorgt.„Ich wage nicht, euch loszulaſſen— aber ihr könnt das ja unterwegs zu Stande bringen— ja, gewiß— ein Wort dem Leutnant Brown,— und ich laſſe die Leute mit euch den Weg am Strande nehmen.“ „Nein, nein, das geht nicht— Brown iſt todt— erſchoſſen— der Teufel hat ihn geholt.“ „Todt!— Erſchoſſen!— bei Woodbourne, vermuthlich!“ erwiederte Gloſſin. „Ja, Mynheer.“ Gloſſin ſchwieg. Der Angſtſchweiß trat auf ſeine Stirn, während der rohe Unhold, der ihm gegenüberſaß, kaltblütig ſeinen Tabak kaute und dabei in den Kamin ſpuckte.„Es würde Unter⸗ gang, unumgänglichen Untergang bereiten,“ ſagte Gloſſin zu ſich ſelbſt, wenn der Erbe wieder erſchiene— und welche Folge würde dann der Verkehr mit dieſen Menſchen haben?— aber die Zeit iſt kurz, um Maßregeln zu ergreifen— hört an, Hatteraick; ich kann euch nicht in Freiheit ſetzen— aber ich kann euch in eine Lage brin⸗ gen, wo ihr euch ſelber frei machen könnt— einem alten Freunde ſteh' ich immer gern bei. Für heute werd' ich euch in dem alten Schloß einſperren, und den Wächtern geb' ich eine doppelte Por⸗ tion Grog. Mac⸗Guffog wird in die Schlinge fallen, in welcher er euch fing. Die Gitter am Fenſter des ſogenannten feſten Ge⸗ machs ſind in Stücke gebrochen, bis zum Boden außerhalb ſind es keine zwölf Fuß, und überdies liegt der Schnee hoch.“ „Aber das Eiſen!“ ſagte Hatteraick, auf ſeine Ketten blickend. „Hört nur,“ ſagte Gloſſin, indem er zu einem Schubfach ging und eine kleine Feile herausnahm,„hier iſt ein Freund für euch, und ihr kennt den Weg zur See, die Stufen hinab.„Hat⸗ teraick ſchüttelte ſeine Ketten ſo entzückt, als ob er ſchon frei gewe⸗ ſen wäre, und bemühte ſich, die gefeſſelte Hand dem Beſchützer zu reichen. Gloſſin legte den Finger auf den Mund, indem er einen bedeutſamen Blick nach der Thür warf, und dann fuhr er in ſeinen Weiſungen fort.„Wenn ihr frei ſeid, ſo wär' das Beſte, ihr ginget nach Derncleugh.“ „Donner! das Neſt iſt verwüſtet.“ „Der Teufel— nun gut, dann ſtehlt meinen Kahn, der in der Bucht liegt und macht euch fort. Aber bei der Warrochſpitze bleibt, bis ich zu euch komme!“ „Bei der Warrochſpitze!“ ſagte Hatteraick, während ſich ſeine Miene wieder verdunkelte;„wahrſcheinlich in der Höhle!— ich würde lieber ſonſtwo bleiben— es ſpuckt da!— Man ſagt, es geht dort ein gewiſſer JFemand um— Aber, Donner und Blitz! ich hab' ihn lebendig nie gefürchtet und will ihn todt nicht fürchten; ſtraf' mich die Hölle! man ſoll nie ſagen, daß Dirk Hatteraick einen Hund oder Teufel fürchtet!— Alſo ſoll ich euch erwarten, bis ich euch ſehe?“ „Ja,“ antwortete Gloſſin,„und nun muß ich die Leute her⸗ ein rufen.“— Dies that er alsbald. „Ich kann mit Capitain Janſon, wie er ſich nennt, nichts anfangen, Mac⸗Guffog; es iſt nun wohl zu ſpät, ihn nach dem Landgefängniß zu ſchaffen. Iſt nicht etwa ein feſter Raum im alten Schloſſe drüben?“ 125 „O ja, Sir; mein Oheim, der Conſtable hielt zu Ellango⸗ wans Zeiten einmal einen Mann drei Tage lang dort feſt. Aber es war ein gewaltiger Staub drin“— „Ich weiß das Alles; aber dieſe Perſon wird nicht lange dort bleiben— es iſt nur für eine Nacht, er ſoll nur bis auf weitere Un⸗ terſuchung dort bleiben. Davor befindet ſich ein kleines Gemach, dort könnt ihr euch ein Feuer machen, und ich werd' euch hinrei⸗ chende Mittel ſenden, um es euch behaglich zu machen. Aber ver⸗ wahrt die Thür, die den Gefangenen einſchließt, ja ſorgfältig; und hört, laßt ihn auch in dem feſten Gemache ein Feuer haben, die Jahrszeit verlangt das. Vielleicht wird er morgen früh beredſa⸗ mer ſein.“ Mit dieſen Weiſungen und mit einem reichlichen Vorrath von Speiſen und Branntwein entließ der Friedensrichter ſeine Leute, die während der Nacht im alten Schloſſe Wache halten ſollten; er hoffte und glaubte, daß ſie die Nacht weder mit Wachen noch Beten hinbringen würden. Es war nicht zu erwarten, daß Gloſſin in dieſer Nacht tief und feſt ſchlafen werde. Seine Lage war äußerſt gefährlich, denn die Pläne eines ſchurkiſchen Lebens ſchienen mit einemmal üͤber ihm zuſammenſtürzen zu wollen. Er legte ſich zur Ruhe, fand aber lange den Schlaf nicht auf ſeinem Kiſſen. Endlich entſchlief er, aber nur, um von ſeinem Wohlthäter zu träumen,— erſt, wie er ihn zuletzt geſehn hatte, mit der Bläſſe des Todes im Geſicht; dann ſah er ihn wieder in aller Friſche und Kraft der Jugend erſcheinen, um ihn aus dem Hauſe ſeiner Väter zu verjagen. Dann träumte er wieder, er käme, nachdem er lang' über eine wilde Haide gewan⸗ dert, endlich zu einem Wirthshaus, aus welchem das Getöſe eines wilden Gelags ſchallte; als er darauf eintrat, war die erſte Perſon, die er erblickte, Frank Kennedy, ganz zerſchmettert und blutig, wie er am Geſtade der Warrochſpitze gelegen hatte, aber mit einem 126 dampfenden Punſchglas in der Hand. Sodann verwandelte ſich die Seene in einen Kerker, wo er Dirk Hatteraick hörte, der, eben zum Tode verurtheilt, ſeine Verbrechen einem Geiſtlichen beich⸗ tete.—„Nachdem die blutige That vollbracht war,“ ſagte der arme Sünder,„zogen wir uns in eine nahe Höhle zurück, welche nur einem einzigen Menſchen in der Gegend bekannt war; wir ſtrit⸗ ten darüber, was mit dem Kinde zu thun ſei, und wir waren Wil⸗ lens, es den Zigeunern zu übergeben, als wir das Geſchrei der Verfolger hörten, die einander zuriefen. Nur ein einziger Mann kam in unſre Höhle— aber wir machten ihn zu unſerm Freunde, indem wir ihm die Hälfte des Werthes der geretteten Güter über⸗ ließen. Auf ſeinen Rath nahmen wir das Kind mit uns nach Hol⸗ land auf einem befreundeten Schiffe, welches uns in der folgenden Nacht von der Küſte abholte. Jener Mann war“— „Nein, ich läugne es!— ich war's nicht!“ ſagte Gloſſin mit ſtammelnder Stimme; und während er in ſeiner Todesangſt ſeine Verneinung beſtimmter auszudrücken ſuchte, erwachte er. Es war das Gewiſſen, welches ihm dieſe Bilder vor die Seele geführt hatte. Die Wahrheit war, daß er, der die Schliche der Schmuggler beſſer als jeder andere kannte, in der Zeit, wo die an⸗ dern in verſchiedenen Richtungen forſchten, direkt nach der Höhle gegangen war, und zwar noch bevor er den Mord Kennedy's erfah⸗ ren hatte, den er dort als Gefangenen zu finden erwartete. Er ge⸗ dachte den Vermittler zu machen, als er zu ihnen kam, fand ſie aber von Schrecken ergriffen, da die Wuth, die ſie zu dem Morde getrieben hatte, bei Allen, außer bei Hatteraick, zu Gewiſſens⸗ angſt und Furcht herabzuſinken begann. Gloſſin war damals arm und verſchuldet, aber er war bereits Bertrams Vertrauter; und bekannt mit dem lenkſamen Charakter deſſelben, fand er keine Schwierigkeit, ſich auf deſſen Koſten zu bereichern, wofern nur der männliche Erbe entfernt war, in welchem Falle das Vermögen un⸗ 127 beſchränktes Eigenthum des ſchwachen und verſchwenderiſchen Va⸗ ters ward. Gereizt durch den augenblicklichen Gewinn und die Ausſicht auf künftige Vortheile, nahm er die Beſtechung an, welche die erſchreckten Schmuggler anboten, und war nachgibig, oder munterte vielmehr auf, als ſie ihm die Abſicht mittheilten, das Kind ſeines Wohlthäters zu entführen, welches alt genug wäre, um das blutige Schauſpiel beſchreiben zu können. Gloſſin konnte ſein Gewiſſen blos dadurch beſchichtigen, daß die Verſuchung groß geweſen ſei, ihn plötzlich überraſcht, alle ſchon lange erſehnten Vor⸗ theile dargeboten und verſprochen habe, ihn aus der unglücklichen Lage zu retten, die ihn ſonſt bald erdrückt haben würde. Er ſuchte ſich überdies zu überreden, daß Selbſterhaltung ihm keine andre Wahl geſtatte. Er war gewiſſermaßen in der Gewalt der Räuber, und ſuchte ſein Gewiſſen durch den Vorwand zu übertäuben, daß, wenn er ihre Anträge abweiſen wolle, die Hilfe, welche er herbei⸗ rufen könne, zwar nicht ſehr entfernt ſei, aber doch nicht ſo ſchnell bereit ſein möchte, um ihn vor Leuten zu retten, die, bei geringerm Anlaß, ſo eben einen Mord begangen hatten. Gemartert von den bangen Gefühlen eines ſchuldigen Gewiſ⸗ ſens ſtand Gloſſin nun auf und blickte in die Nacht hinaus. Die Scene, die wir bereits im Anfang dieſes Buchs ſchilderten, war jetzt in das Schneegewand gehüllt und die ſchimmernde, obwohl öde, Weiße des Landes gab durch den Kontraſt dem Meere eine dü⸗ ſtere Färbung. Eine ſchneebedeckte Landſchaft, wenn ſie auch an und für ſich ſchön zu heißen verdient, hat, wegen des begleitenden Begriffs der Kälte und Unfruchtbarkeit und wegen der verhältniß⸗ mäßigen Leere, ein wildes, ſeltſames und troſtloſes Anſehn. Ge⸗ genſtände, uns wohlbekannt in ihrem gewöhnlichen Zuſtande, ſind dann entweder unſichtbar, oder ſo ſeltſam verwandelt und verhüllt, daß wir auf eine fremde Welt zu blicken meinen. Aber ſolche Ge⸗ danken waren es nicht, die die Seele dieſes ſchlechten Menſchen be⸗ ſchäftigten. Sein Blick ruhte auf den gigantiſchen und finſtern Umriſſen des alten Schloſſes, wo, in einem Eckthurm von unge⸗ heurem Umfang und Stärke, zwei Lichter ſchimmerten, eines aus dem Fenſter des feſten Gemachs, wo Hatteraick eingeſperrt war, das andere aus dem angränzenden Zimmer, welches die Wächter inne hatten.„Iſt er ſchon geflohen! oder wird er es im Stande ſein!— Sind dieſe Leute wachſam geweſen, was ſie ſonſt nie waren, um mein Verderben vollſtändig zu machen!— Wenn ihn der Morgen dort findet, ſo muß er dem Gefängniß übergeben werden; Mac⸗Morlan oder eine andere Perſon wird die Sache führen— er wird erkannt, überführt werden— und aus Nache wird er alles geſtehen! Während dieſe quälenden Gedanken ſchnell durch Gloſſins Seele einander folgten, bemerkte er, daß ſich eines der Lichter ver⸗ dunkelte, indem ſich ein dunkler Körper vor das Fenſter bewegt hatte. Welch ein ſpannender Moment!—„Er hat ſich von den Feſſeln befreit!— Er iſt mit den Stäben des Fenſters beſchäftigt— ſie ſind ſicher ganz morſch, ſie müſſen nachgeben— O Gott! Sie ſind nach außen gefallen, ich hörte ſie auf den Steinen klirren!— Der Lärm muß ſie nothwendig wecken— Der Teufel hole das hol⸗ ländiſche Ungeſchick!— Das Licht brennt wieder hell— ſie haben ihn vom Fenſter geriſſen, und binden ihn im Gemache!— Nein, er hat ſich nur einen Augenblick zurückgezogen, wegen des Lärms der gefallenen Stäbe— Er iſt wieder am Fenſter— und jetzt iſt das Licht ganz verdunkelt— Er iſt herausgekommen!“—— Ein dumpfer Schall, wie wenn ein Körper von der Höhe auf den Schnee fiele, verkündete, daß Hatteraick ſeine Flucht bewerk⸗ ſtelligt hatte, und kurz nachher ſah Gloſſin eine dunkle Geſtalt, wie ein Schatten, auf dem weißen Strande hinſchleichen und zu dem Orte gelangen, wo der Kahn lag. Neuer Grund zur Furcht! „Seine alleinige Kraft wird nicht hinreichen, ihn flott zu machen,“ ſagte Gloſſin zu ſich ſelbſt;„ich muß dem Schuft zu Hilfe kommen. 129 Aber nein! er iſt ſchon zu Stande damit, und jetzt, Gott ſei Dank, breitet ſich das Segel im Mondſchein— ja, jetzt hat er den Wind— Wollte der Himmel, es wär' ein Sturm, damit er auf dem Grunde verſänke!“ 5 Nach dieſem letzten herzlichen Wunſche fuhr er fort, die Fort⸗ ſchritte des Bootes, wie es nach der Warrochſpitze ſegelte, zu beob⸗ achten, bis er das dunkle Segel von den düſtern Wellen, über die es glitt, nicht mehr unterſcheiden konnte. Zufrieden, daß nun⸗ mehr die unmittelbare Gefahr beſeitigt war, begab er ſich mit etwas mehr Faſſung wieder auf ſein ſorgenſchweres Lager. Guy Mannering. II. Vierzehntes Kapitel. Was tröſteſt du mich nicht und hilfſt mir nicht Aus dieſer grauſen, blutbefleckten Höhle? Titus Andronicus. Groß war am nächſten Morgen die Unruhe und Verwirrung der Gerichtsdiener, als ſie die Flucht ihres Gefangenen merkten. Mac⸗Guffog erſchien vor Gloſſin mit einem von Branntwein und Furcht betäubten Kopfe und erhielt einen ernſten Verweis wegen Pflichtverletzung. Die Strafe ſchien der Friedensrichter nur vor großem Eifer, des Gefangnen wieder habhaft zu werden, zu unter⸗ laſſen, und die Häſcher, froh, ſeiner erzürnten und furchtbaren Perſon aus den Augen zu kommen, ließen ſich in jeder Richtung (mit Ausnahme der richtigen) ausſenden, um den Gefangenen wo⸗ möglich wieder zu bekommen. Gloſſin empfahl vorzüglich eine ſorgſame Durchforſchung der Ruinen von Derncleugh, welche ge⸗ legentlich bei Nacht allerlei Landſtreichern Zuflucht zu gewähren pflegten. Nachdem er ſo ſeine Myrmidonen in verſchiedenen Rich⸗ tungen zerſtreut, eilte er ſelber auf abgelegnen Pfaden durch das Warrochholz zu der verabredeten Zuſammenkunft mit Hatteraick, von dem er mit mehr Muße, als die geſtrige unterhaltung geſtat⸗ 131 tete, die uUmſtände zu erfahren hoffte, welche die Rückkehr des Er⸗ ben von Ellangowan nach ſeiner Heimath begleiteten. Mit Manövern, wie ſie ein Fuchs macht, wenn er die Hunde irre leiten will, bemühte ſich Gloſſin zu dem bezeichneten Orte auf eine Weiſe zu gelangen, daß keine beſtimmten Spuren von ſeinen Tritten bleiben möchten.„Wollte der Himmel, es fiele Schnee,“ ſagte er, aufwärts blickend,„damit er dieſe Tritte bedeckte. Wenn ſie einer der Gerichtsdiener entdeckte, er würde der Spur wie ein Bluthund folgen und uns überraſchen.— Ich muß nach dem Strande hinabgehen, und unter den Felſen hinwegzukriechen ſuchen.“ Er ſtieg daher mit einiger Schwierigkeit von den Klippen hin⸗ ab und arbeitete ſich zwiſchen den Felſen und der anwachſenden Fluth entlang hin; bald ſchaute er aufwärts, um zu ſehn, ob ſeine Bewegungen von den Felſen oben beobachtet würden, bald warf er einen beſorgten Blick nach der See, um zu ſehn, ob ſich etwa ein Boot zeige, von wo man ſeinen Gang bemerken könnte. Aber ſelbſt dieſe Empfindungen ſelbſtiſcher Beſorgniß traten eine Zeit lang in den Hintergrund, als Gloſſin an dem Orte vor⸗ überging, wo man Kennedy's Leichnam gefunden hatte. Er war durch das Felsſtück bezeichnet, welches mit oder hinter dem Körper von der Klippe geſtürzt war. Der Block war jetzt mit kleinen Mu⸗ ſchelthieren überzogen und von Meergras überwachſen; aber ſeine Geſtalt und Maſſe unterſchied ſich noch immer von den andern Stei⸗ nen, die hier zerſtreut lagen. Seine freiwilligen Gänge hatten Gloſſin, wie ſich leicht glauben läßt, nie zu dieſer Stätte geführt; da er ſich nun zum erſtenmal nach jener ſchrecklichen Kataſtrophe hier befand, ſo ſtand mit einemmal jene Scene mit all' ihren Schrecken wieder vor ihm. Er erinnerte ſich nun, wie er, als ſchuldbeladenes Weſen, aus dem nahen Verſteck herzuſchleichend, ſich mit Beſorgniß, aber auch mit Vorſicht, unter die erſchrockene 9* 132 Schaar gemiſcht hatte, welche den Leichnam umringte, fürchtend, daß ihn einer fragen möchte, von wannen er käme. Er erinnerte ſich, wie er mit quälender Bangigkeit den ſchrecklichen Anblick ver⸗ mieden habe. Das wilde Geſchrei ſeines Wohlthäters„Mein Kind! mein Kind!“ klang wieder in ſeinen Ohren.„Guter Gott!“ rief er,„iſt denn auch alles, was ich gewann, dieſen ſchrecklichen Augenblick werth, und die tauſend Beſorgniſſe und Befürchtungen, die mir ſeitdem das Leben verbitterten!— O, wie ſehr wünſch' ich, daß ich läge, wo der unglückliche Mann liegt, und daß er ſtatt meiner hier lebend und geſund ſtände!— Aber dieſe Klagen kommen alle zu ſpät.“ Indem er daher ſeine Gefühle unterdrückte, kam er vorwärts zu der Höhle,— welche dem Orte, wo man den Leichnam fand, ſo nahe war, daß die Schmuggler in ihrem Verſteck die verſchiedenen Vermuthungen der Anweſenden in Betreff des Schickſals ihres Opfers gehört haben konnten. Aber nichts konnte vollſtändiger ver⸗ borgen ſein, als der Zugang zu ihrem Aſyl. Die Oeffnung, kaum breiter als die eines Fuchsbaues, lag an der Vorderſeite der Klippe genau hinter einem ſchwarzen Felsſtück oder aufrechtſtehendem Steine, welcher ſie den Fremden eben ſo gut verbarg, als er für die, welche den Ort als Verſteck benutzten, ein Zeichen der Lage des letztern war. Der Raum zwiſchen dieſem Stein und der Klippe war außerordentlich ſchmal, und da er ſehr mit Sand und derglei⸗ chen umhäuft war, ſo hätte die genaueſte Forſchung den Zugang zur Höhle nicht entdecken können, wenn man nicht zuvor jene Sub⸗ ſtanzen, welche die Fluth hier angeſchwemmt, beſeitigt hätte. Um die Verborgenheit ſicherer zu machen, pflegten die Schleich⸗ händler, die den Ort beſuchten, nach ihrem Eintritt die Oeffnung mit welkem Seegras zu verſtopfen, welches ſie locker davor häuf⸗ ten, als wenn es die Wellen angeſpült hätten. Dirk Hatteraick hatte dieſe Vorſichtsmaßregel nicht vergeſſen. V V V 133 Gloſſin, obwohl ein kühner und dreiſterMann, fühlte doch ſein Herz ſchlagen und ſeine Knie beben, als er ſich zum Eintritt in dieſe Höhle heimlicher Vergehen anſchickte, um mit einem Schuft Conferenz zu halten, den er als einen der verzweifeltſten und rohe⸗ ſten Menſchen kannte.„Aber er hat kein Intereſſe, mir zu ſcha⸗ den,“ damit tröſtete er ſich. Er prüfte ſeine Taſchenpiſtolen jedoch, ehe er das Gras entfernte und eintrat, welches auf Händen und Knieen geſchah. Die Paſſage, anfangs niedrig und ſchmal, ſo daß ſie einem Menſchen nur in kriechender Lage den Zugang geſtat⸗ tete, erweiterte ſich einige Ellen nach innen zu einer hohen Wöl⸗ bung von beträchtlicher Weite. Der Boden, der allmählig auf⸗ ſtieg, war mit dem reinſten Sande bedeckt. Ehe noch Gloſſin auf den Füßen ſtand, heulte die rauhe aber gedämpfte Stimme durch die Höhlung hervor. „Hagel und Donner!— Biſt Du's!“ „Seid ihr im Finſtern?“ „Finſter! der Teufel! ja,“ ſagte Dirk Hatteraick;„woher ſollt' ich Licht haben?“ „Ich habe Licht mitgebracht;“ und darauf zog Gloſſin ein Feuerzeug hervor und zündete eine kleine Laterne an. „Ihr müßt auch Feuer anmachen, denn, hol' mich der Teu⸗ fel, ich bin ganz erfroren!“ „'s iſt freilich ein kalter Ort,“ ſagte Gloſſin, einige verwit⸗ terte Faßdauben und Holzſtücke ſammelnd, die vielleicht in der Höhle lagen, ſeit Hatteraick das letzte Mal hier geweſen war.“ „Kalt! Schneewaſſer und Hagel! ich konnte mich nur leben⸗ dig halten, indem ich auf und ab rannte in dieſem verfluchten Loche, und an die luſtigen Schmauſereien dachte, die wir darin hielten.“ . Die Flamme begann hell aufzuflackern, und Hatteraick bog ſein verbranntes Geſicht und ſtreckte ſeine harten, ſehnigen Hände darüber, und zwar mit einer Gier, die der eines verhungerten Ar⸗ 134 men glich, dem man plötzlich Speiſe vorſetzt. Das Licht machte ſeine wilden und harten Züge ſichtbar, und der Rauch, den er in ſeiner Erſtarrung faſt bis zum Erſticken auszuhalten ſchien, ſtieg, nachdem er um ſein Haupt gewirbelt, zu der dunkeln und rauhen Decke der Höhle, durch welche er mittelſt geheimer Spalten im Fel⸗ ſen einen Ausweg fand; wahrſcheinlich durch dieſelben Spalten, welche der Höhle zur Fluthzeit Luft zuführten, wo die Oeffnung nach der See mit Waſſer bedeckt war. „und nun hab' ich euch auch ein Frühſtück mitgebracht,“ ſagte Gloſſin, einige kalte Küche und eine Flaſche Branntwein zum Vorſchein bringend. Die letztere ergriff Hatteraick begierig und ſetzte ſie an den Mund; und nach einem derben Zuge rief er mit großem Entzücken:„Das ſchmeckt!— das iſt gut— das warmt die Eingeweide!“— dann ſang er das Bruchſtück eines deutſchen Liedes: „Saufen Bier und Branntewein, Schmeißen den Bauern die Fenſter ein: Ich bin liederlich, Du biſt liederlich— Sind wir nicht liederliche Leute!“ „Wohlgeſprochen, mein wackerer Capitain!“ rief Gloſſin, be⸗ müht, in denſelben luſtigen Ton einzuſtimmen: „Branntwein muß und Wein behagen, Und die Fenſter eingeſchlagen! Sind wilde Burſche, brave Kerls, Drei wilde Burſche doch; Du auf dem Land, ich auf dem Sand, Und Jack am Galgen hoch!“ „So geht's, mein Junge! nun, ihr ſeid ja nun wieder auf⸗ gelebt!— und nun laßt uns ein Bißchen von unſerm Geſchäfte ſchwatzen.“ 135 „Euer Geſchäft, wenn ihr's erlaubt,“ ſagte Hatteraick; „Hagel und Donner!— meins war abgemacht, ſo wie ich aus den Ketten war.“ „Geduld, mein guter Freund;— ich will euch überzeugen, daß unſre Vortheile gemeinſam ſind.“ Hatteraick antwortete nur mit einem kurzen, trockenen Hu⸗ ſten, und Gloſſin fuhr nach einer Pauſe fort. „Wie kam's, daß ihr den Knaben entwiſchen ließt!“ „Ei, Fluch und Hagelwetter! er ging mich gar nichts an. Leutnant Brown gab ihn ſeinem Vetter, in das Middelburger Haus Vanbeeſt und Vanbrüggen, und machte dem ſo was weiß, wie nan ihn in einem Scharmützel mit den Land⸗Buſchkleppern ge⸗ 3 fanger hätte— er gab ihn als Laufjungen hin. Ich ihn entwi⸗ ſchen laſſen!— ich habe mich nicht im mindeſten um den Racker be⸗ ſ kümmert.“ „Gut, und er ward alſo als Bedienter erzogen!“ „Nein, nein; der Junge gewann des alten Mannes Herz, der gab ihm ſeinen eignen Namen, erzog ihn im Geſchäft und chickt, ihn nach Indien— Er würde ihn, glaub' ich, hieher zurück geſandt haben, aber ſein Neffe machte ihm deutlich; daß es den freien Handel für manches Jahr aufheben würde, wenn der Junge wieder aach Schottland käme.“ „Neint ihr, der junge Mann wiſſe jetzt mehr von ſeiner 58 Herkunf!“ „Tufel,“ erwiederte Hatteraick,„wie kann ich denn ſagen, was er jtzt weiß? aber was er einmal weiß, vergißt er nicht ſo leicht. As er nur zehn Jahr alt war, überredete er einen andern Teufelsbuen aus England unſer Boot ſtehlen zu helfen, um da⸗ mit nach ſinem Heimatlande, wie er's nannte, zurückzukehren— daß ihn diePeſt! Ehe wir ihrer habhaft werden konnten, war der Nachen ſchorweit fort— im Meere wär' er verloren geweſen.“ „Wollte der Himmel, dies wäre geſchehn— das Boot mit ihm zugleich!“ rief Gloſſin. „Ei, ich war ſelber ſo böſe, Sapperment! daß ich ihm einen derben Stoß gab— aber der kleine Teufel ſchwamm wie eine Ente; ich ließ ihn wohl eine Meile ſchwimmen, um ihm Sitte zu lehren, und dann erſt nahm ich ihn wieder ein, als er zu ſinken begann.— Aber wahrlich, er wird euch nun hier plagen, da er wiedergekom⸗ men! Als er nur erſt ſo groß war, hatt' er ſchon einen Geiſt urd Muth wie Donner und Blitz.“ „Aber wie kam er von Indien zurück!“ „Ei, wie kann ich das wiſſen!— Das Haus dort war gffal⸗ len und dadurch erhielten auch wir in Middelburg einen Stoß, yenk⸗ ich— drum ſchickten ſie mich wieder aus, um zu ſehn, was etwa mit unſern alten Bekannten hier anzufangen wäre— dem wir glaubten, alte Geſchichten wären abgethan und vergeſſen. Wir hatten mit den beiden letzten Reiſen einen hübſchen Handel in Gang gebracht, aber der alberne hundsföttiſche Schelm, der Brovn, hat Alles wieder ſchlimm gemacht, wie ich vermuthe, weil er ſich von dem Oberſten erſchießen ließ.“ „Wart ihr denn nicht mit dort?“ „Sapperment, ihr ſeht, ich fürchte nichts— aber es var zu tief im Lande und da hätte man mich leicht ausſpüren können“ „Freilich. Aber um wieder auf den Junker zu kommen.“— „Ja, ja, Donner und Blitz! Er iſt euer Geſchäft“— ſagte der Capitain. „Wißt ihr denn wirklich, daß er in dieſem Lande iſt?“ „Nun, Gabriel hat ihn im Gebirge geſehn.“ „Gabriel! wer iſt das?“. „Ein Kerl von den Zigeunern, der vor etwa achtzhn Jahren zum Seedienſt gepreßt wurde. Er war es, der uns wante und die Nachricht brachte, daß der Haifiſch Jagd auf uns mach, am näm⸗ lichen Tage, wo Kennedy umkam; er berichtete, daß Kennedy die Anzeige von uns gemacht hatte. Die Zigeuner und Kennedy hatten ohnedies Zwiſt mit einander. Dieſer Gabriel ging im nämlichen Schiff mit eurem Junker nach Oſtindien, und kannte denſelben recht gut, Sapperment! obwohl der Andre ſich ſeiner nicht erinnerte. Gabriel wich ihm aus, weil er den Holländern gegen England ge⸗ dient hatte und obendrein Deſerteur war; er gab uns auch ſogleich die Nachricht, damit wir wiſſen möchten, er ſei hier— wiewohl uns das gar nichts angeht.“ „Nun denn, aufrichtig und mit nüchternem Ernſte geſprochen, iſt er in der That in dieſem Lande, Hatteraick!“ fragte Gloſſin. „Wetter und Donner, ja! Wofür haltet ihr mich!“ Für ein blutdürſtiges, furchtloſes Ungeheuer,— dachte Gloſ⸗ ſin im Stillen; laut aber ſagte er:„Und wer von euren Leuten war es, der den jungen Hazlewood ſchoß!“ „Sturm und Wetter!“ ſagte der Capitain,„haltet ihr uns für toll!— keiner der Unſern, Mann. Gott, das Land war ohnehin gegen uns erbittert, des dummen Streiches wegen, den Brown bei dem Hauſe Woodbourne beging.“ „Aber mir ward geſagt,“ antwortete Gloſſin,„Brown habe den Hazlewood geſchoſſen.“ „Nicht unſer Leutnant, verlaßt euch darauf; denn er lag ſchon ſechs Fuß tief zu Derncleugh den Tag vorher, eh' die Sache geſchah. — Tauſend Teufel! Menſch— meint ihr, er könne aus der Erde aufſtehen, um einen andern zu erſchießen?“ Hier begann Gloſſin in ſeinem Chaos von Ideen ein Licht auf⸗ zugehen.„Sagtet ihr nicht, daß der Junker, wie ihr ihn nennt, den Namen Brown führe!“ „Brown! Ja— Vanbeeſt Brown; der alte Vanbeeſt Brown, von unſerm Hauſe Vanbeeſt und Vanbrüggen, gab ihm ſeinen eig⸗ nen Namen— das hat ſeine Richtigkeit.“ 138 „Dann,“ ſagte Gloſſin, die Hände reibend,„iſt er es, der das Verbrechen beging, beim Himmel!“ „Und was geht uns das an?“ fragte Hatteraick. Gloſſin ſchwieg, und überdachte im Stillen eilig, aber geſchickt, ſeinen Plan, worauf er den Schmuggler mit einer vertraulichen Miene näher an ſich heranzog.„Ihr wißt, mein lieber Hatteraick, es iſt unſer Hauptgeſchäft, dieſen jungen Mann los zu werden.“ „Hm!“ antwortete Dirk Hatteraick. „Nicht,“ fuhr Gloſſin fort,„nicht, als ob ich ihm perſönli⸗ ches Leid zuzufügen wünſchte— wenn— wenn— wenn es ohne das geſchehn kann. Nun, er kann leicht verhaftet werden, einmal, weil er denſelben Namen mit eurem Leutnant führt, der in die Affaire bei Woodbourne verwickelt war, und dann, weil er auf den jungen Hazlewood ſchoß, um ihn zu tödten oder zu verwunden.“ „Ja, ja,“ ſagte Dirk Hatteraick;„aber was ſoll euch das nützen? Er wird wieder los kommen, ſobald er zeigt, daß er an⸗ dere Farben führt.“ „Wahr, mein lieber Dirk; wohl bemerkt, mein Freund Hat⸗ teraick! Aber es iſt doch Grund genug zu einer temporären Gefan⸗ genſchaft vorhanden, bis er ſeine Legitimationen von England oder ſonſtwoher beibringt, mein guter Freund! Ich kenne die Geſetze, Capitain Hatteraick! Und ich will es auf mich nehmen, auf mich, Gilbert Gloſſin von Ellangowan, Friedensrichter der Grafſchaft ——, ſeine Bürgſchaft zu verwerfen, brächte er auch die beſte im Lande,— nun, wo denkt ihr, daß ich ihn einkerkern werde?“ „Hagel und Wetter! was kümmert das micht „Halt, mein Freund— es muß euch bedeutend kümmern. Wißt ihr, das eure Güter, die weggenommen und nach Woodbourne gebracht wurden, nun im Zollhauſe zu Portanferry liegen!(Es iſt dies ein kleiner Fiſcherort.) Nun bringe ich dieſen Junker”“— 139 „Sobald ihr ihn haben werdet?“ „Ja, ja, wenn ich ihn haben werde; ich werde damit bald zu Stande kommen— ich will ihn in das Arbeitshaus bringen, wel⸗ ches, wie ihr wißt, neben dem Zollhauſe liegt.“ „Ja, das Arbeitshaus kenn' ich ſehr gut.“ „Ich werde dafür ſorgen, daß die Rothröcke im Lande zerſtreut ſein ſollen; ihr landet Nachts mit der Mannſchaft eures Fahrzeugs, nehmt eure Güter, und führt den Junker Brown mit euch davon. Wollt ihr das thun!“ „Ja, nach Holland führen wir ihn,“ ſagte der Capitain, „oder— nach Amerika!“ „Ja, ja, mein Freund.“ „Oder— nach Jericho.“ „Pfui! wo habt ihr nur eure Gedanken.“ „Ja; oder— ihn über Bord werfen!“ „Nein, ich rathe nicht zu Gewaltthat.“ „Nein, nein— ihr überlaßt das mir. Sturm und Wetter! ich kenn' euch von Alters her, Aber, hört an, was werde ich, Dirk Hatteraick, davon haben!“ „Ei, iſt es nicht euer Beſtes ſo gut, wie das meine?“ ſagte Gloſſin;„überdies hab' ich euch dieſen Morgen frei gemacht.“ „Ihr mich frei gemacht!— Donner und Teufel! ich machte mich ſelber frei.“ „Ei, wir wollen doch nicht ſcherzen;— Bedenkt, es iſt eure Angelegenheit ſo gut, als die meine.“ „Was ſchwatzt ihr von meiner Angelegenheit! waret ihr es nicht, der das ganze Vermögen des Junkers nahm! Dirk Hatte⸗ raick hat nie einen Batzen davon geſehn.“ „Still, ſtill,— ich ſag euch, der Gewinn ſoll gemeinſchaſtlich werden.“ 140 „Ei, wollt ihr mir die Hälfte des Gutes geben!“ „Was, das halbe Gut!— meint ihr, wir könnten zuſam⸗ men zu Ellangowan wohnen, und die Baronie gemeinſam haben!“ „Sturm und Wetter, nein! aber ihr könntet mir die Hälfte des Werthes geben, das halbe Geld. Mit euch leben! nein— ich habe ſelber ein Luſthaus zu Middelburg, und einen Blumengarten, wie der des Bürgermeiſters.“ „Ja, und einen hölzernen Löwen an der Thür, und eine ge⸗ malte Schildwache im Garten, mit einer Pfeife im Munde!— Doch, hört an, Hatteraick; was werden euch all' dieſe Tulpen, Blumengärten und Luſthäuſer in den Niederlanden nützen, wenn ihr hier in Schottland gehängt ſeid?“ Hatteraick's Züge verdunkelten ſich.„Der Teufel! gehängt!“ „Ja, gehängt, Mynheer Capitain. Der Teufel wird ſchwer⸗ lich den Dirk Hatteraick davor bewahren, als Mörder und Kinder⸗ dieb gehangen zu werden, ſobald der Junker von Ellangowan ſich in dieſem Lande niederläßt, und wenn der wackere Capitain etwa ertappt würde, während er ſeinen guten Schleichhandel wieder ein⸗ richtet. Und, ich will nichts behaupten,— aber man ſchwatzt jetzt viel vom Frieden, und die Generalſtaaten dürften euch wohl, den neuen Bundesgenoſſen zu Gefallen, ausliefern, ſelbſt wenn ihr euch im Vaterlande befändet.“ „Potz Hagel, Blitz und Donner! ich— ich glaube, ihr habt recht.“ „Nicht,“ ſagte Gloſſin, welcher merkte, daß er den erwünſch⸗ ten Eindruck hervorgebracht hatte,„nicht etwa, als ob ich unhöflich ſein möchte;“ dabei ließ er in Hatteraick's nicht widerſtrebende Hand eine Banknote von beträchtlichem Werthe gleiten. „Iſt das Alles!“ ſagte der Schmuggler;„ihr bekamt den Werth einer halben Ladung, nur daß ihr ſchweigen ſolltet, während ihr uns ſelber für unſer Beſtes ſorgen ließt.“ 141 „Aber, mein guter Freund, ihr vergeßt— in dieſem Falle ſollt ihr all' eure eignen Güter wieder erhalten.“ „Ja, indem wir all' unſre eignen Hälſe dranwagen— das könnten wir ohne euch thun.“ „Daran zweifle ich, Capitain Hatteraick,“ ſagte Gloſſin trocken,„weil ihr wahrſcheinlich ein Dutzend Rothröcke im Zoll⸗ hauſe finden würdet, die ich meinerſeits, wofern wir über die Sache einig werden, ſchon entfernen werde. Wohlan, ich will ſo freigebig ſein, als ich kann, aber ihr ſolltet auch ein Gewiſſen haben.“ „Nun, ſtrafe mich der Teufel!— das reizt mich mehr auf, als alles Uebrige!— Ihr raubt und ihr mordet, und ihr braucht mich zum Rauben und Morden, und ihr macht den Geldräuber und Kinderdieb, wie ihr's nennt, wohl ein Dutzend mal, und dann, Hagel und Sturmwind! wollt ihr mir auch noch von Gewiſſen reden!— Könnt ihr denn kein beſſeres Mittel erdenken, euch jenen unglücklichen Burſchen vom Halſe zu ſchaffen?“ „Nein, Mynheer; aber da ich ihn eurer Obhut übergebe.“— „Meiner Obhut— der Obhut von Eiſen und Pulver! und — wohlan, wenn es ſein muß, muß es ſein— aber ihr habt Ver⸗ ſtand genug, um zu wiſſen, was draus entſtehen kann.“ „O, mein lieber Freund, ich hoffe, es wird keine Strenge nöthig ſein,“ erwiederte Gloſſin. „Strenge!“ ſagte der Kerl, mit einer Art Seufzer,„ich wollte, ihr hättet geträumt wie ich, als ich zuerſt in dies Hundeloch kam, und auf dem dürren Seegras einzuſchlafen ſuchte.— Erſtlich war jener verdammte Kerl mit dem gebrochenen Rücken da, ſich ganz ſo geberdend, als da ich den Felsblock über ihn hinabrollte— ha, hal ihr hättet geſchworen, er liege auf der Stelle da, wo ihr ſteht, zuckend wie ein zertretener Froſch— und ſodann“— 142 „Nein, mein Freund,“ ſagte Gloſſin, ihn unterbrechend, „wozu ſoll dieſer unſinn!— Wenn ihr haſenherzig geworden ſeid, nun, ſo iſt das Spiel aus— aber mit uns beiden zugleich.“ „Haſenherzig!— nein. Ich habe nicht ſo lange gelebt, um zuletzt furchtſam zu werden,— mag nun der Teufel oder ein Menſch gegen mich kommen.“ „Nun gut; nehmt noch einen Schnaps zu euch— euer Herz iſt noch nicht erwärmt genug. Und nun ſagt mir, ſind einige eurer alten Kameraden mit da!“ „Nein— alle todt, erſchoſſen, gehängt, ertrunken, und ver⸗ dammt. Brown war der letzte— Alle todt, außer dem Zigeuner Gabriel, und der würde für eine Kleinigkeit gern daran gehen— oder er wird auch ſeiner ſelbſt willen ſchweigen— oder die alte Meg, ſeine Muhme, wird ihn ruhig halten.“ „Welche Meg!“ „Meg Merrilies, das alte Teufelsſtück von Zigeunerhexe.“ „Lebt ſie noch!“ „Ja.“ „und in dieſer Gegend!“ „Und in dieſer Gegend. Sie war mit zwei von meinen Leuten in Derncleugh, auch einige ihres eigenen Zigeunergeſindels waren dabei.“ „Das iſt wieder ein ſchlimmer Punkt, Capitain! Sie wird doch nicht plaudern, wie! „Sie nicht, ſie gewiß nicht— ſie ſchwur uns hoch und theuer, wenn wir dem Kinde kein Leid thäten, ſo wollte ſie nie ſagen, wie es dem Zöllner gegangen. Ja, ſeht, obwohl ich ihr in der Hitze einen Hieb mit meiner Klinge gab, und ihr den Arm verwundete, und obwohl ſie der Geſchichte wegen in eurem Burgflecken hernach lange gefangen ſaß:— der Teufel! die alte Meg war ſo treu wie Stahl.“ 143 „Nun, das iſt allerdings wahr,“ erwiederte Gloſſin.„Aber gleichwohl wäre es am Ende doch gut, wenn man ſie nach Zeeland, Hamburg oder— ſonſtwohin ſchaffen könnte.“ Hatteraick ſprang empor und ſtellte ſich kerzengerade auf, Gloſ⸗ ſin vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend.—„Ich ſehe zwar den Pferdefuß nicht,“ ſagte er,„und doch muß es der Teufel ſelber ſein!— Aber Meg Merrilies iſt noch vertrauter mit dem Kobold, als ihr— ja, und ich habe nie ſo böſes Wetter gehabt, als nachdem ich ihr Blut vergoſſen hatte. Nein, nein, mit ihr will ich nichts mehr zu thun haben— ſie iſt eine Teufelshexe— eine eingefleiſchte Teufelin— aber das iſt ihre Sache. Donnerwetter! ich will ganz und gar nichts mit ihr zu ſchaffen haben.— Was aber das andre anlangt— nun, wenn nur der Handel nichtleidet, ſo will ich euch bald von dem Junker befreien; laßt mich nur wiſſen, wenn ihr ihn habt.“ Mit kurzen und gedämpften Worten beſprachen die würdigen Geſellen ihr Unternehmen, und beſtimmten den Zufluchtsort, wo ſich Hatteraick finden laſſen ſollte. Das Verweilen ſeines Fahrzeugs an der Küſte fand keine Schwierigkeit, da zu dieſer Zeit keine könig⸗ lichen Schiffe gegenwärtig waren. Funfzehntes Kapitel. Ihr ſeid einer von denen, die Gott nicht die⸗ nen werden, wenn's auch der Teufel gebietet— Weil wir kommen, euch unſre Dienſte anzubieten, ſo haltet ihr uns für Schurken. Othello. Als Gloſſin nach Hauſe kam, fand er unter andern Papieren und Briefen, die an ihn geſendet waren, auch einen von beſonderer Wichtigkeit. Es war unterzeichnet von Mr. Protocol, einem Ad⸗ vocaten in Edinburg, und er ward darin angeredet als Geſchäfts⸗ führer des Gottfried Bertram, verſtorbenen Esq. von Ellangowan und deſſen Erben. Der Brief berichtete ihm den plötzlichen Tod der Mrs. Margarete Bertram von Singleſide, und erſuchte ihn, dies ſeine Clienten wiſſen zu laſſen, im Fall ſie es für gut finden ſollten, einen Bevollmächtigten bei Eröffnung des Nachlaſſes der. Verſtorbenen gegenwärtig ſein zu laſſen. Mr. Gloſſin begriff ſo⸗ gleich, daß der Briefſchreiber nicht von dem feindſeligen Verhält⸗ niſſe wußte, welches zwiſchen ihm, Gloſſin, und dem verſtorbenen Laird beſtanden hatte. Das Vermögen der verſtorbenen Dame mußte von Rechtswegen, wie er wohl wußte, auf⸗Lucy Bertram übergehen; aber es war tauſend gegen eins zu wetten, daß die Laune der alten Lady anders verfügt haben werde. Nachdem er alle möglichen Fälle und Wahrſcheinlichkeiten überdacht hatte, um ſich zu belehren, welcher perſönliche Vortheil ihm wohl bei der Angele⸗ genheit zu Theil werden könne, fand er doch zu ſeinem eignen Be⸗ ſten bei der Sache weiter nichts, außer, daß er ſich dabei jenes An⸗ ſehn erwerben könnte, deſſen Mangel er bereits erfahren hatte und wahrſcheinlich noch weit ſchmerzlicher zu fühlen haben konnte. Ich muß mir ſelber, dachte er, einen feſten Grund ſchaffen, damit, wenn Hatteraick's Plan fehlſchlagen ſollte, ich wenigſtens die gün⸗ ſtige Meinung für mich habe.— Ueberdies mochte er(damit wir ihm, ſo ſchlecht er auch war, doch Gerechtigkeit widerfahren laſſen,) einiges Verlangen fühlen, der Miß Bertram einigermaßen Vergü⸗ tung zu gewähren für das große Mißgeſchick, welches er ihrer Fa⸗ milie bereitet hatte— freilich nur, in ſo weit die Vergütung ſeinem eigenen Intereſſe nicht im Wege war. Er beſchloß daher, gleich am nächſten Morgen nach Woodbourne zu reiten. Nicht ohne Bedenken that er dieſen Schritt, indem er den na⸗ türlichen Widerwillen, dem Oberſt Mannering unter die Augen zu treten, empfand, den Betrug und Schurkerei ſtets vor einem Zu⸗ ſammentreffen mit Ehre und Rechtlichkeit hat. Doch ſetzte er großes Vertraun auf ſein eigenes savoir faire. Seine Talente wa⸗ ren bedeutend und keineswegs auf ſeinen Berufskreis beſchränkt. Er hatte mehrmals lange in England gelebt und ſein Benehmen war eben ſo frei von ländlicher Unbeholfenheit, als von berufs⸗ mäßiger Pedanterie; ſo unterſtützte ihn bedeutend ſeine gute Le⸗ bensart und ſeine Ueberredungsgabe, die er mit einer unerſchüt⸗ terlichen Frechheit verband, welche er als gerades Weſen und Sit⸗ teneinfalt darzuſtellen wußte. Im Vertrauen auf ſich ſelbſt er⸗ ſchien er daher zu Woodbourne, etwa zehn Uhr Morgens, und ward angemeldet als ein Herr, der Miß Bertram ſeine Aufwar⸗ tung zu machen wünſche. Guy Mannering. II. 146 Er nannte ſich nicht eher, als bis er an der Thür des Früh⸗ ſtückszimmers war, wo der Bediente, auf ſeinen Wunſch, laut ſagte:„Mr. Gloſſin wünſcht Miß Bertram ſeine Aufwartung zu machen.“ Lucy, an den letzten Auftritt im Leben ihres Vaters denkend, ward todtenblaß, und fiel faſt von ihrem Stuhle. Julie Mannering eilte ihr zu Hilfe und beide verließen das Gemach mit einander. Es blieben zurück Oberſt Mannering, Charles Hazle⸗ wood, mit dem Arm in der Binde, und Simſon, deſſen hageres Geſicht und große Augen den feindſeligſten Ausdruck annahmen, als er Gloſſin erkannte. Dieſer wackere Gentleman, obwohl etwas beſtürzt über den Eindruck ſeines erſten Erſcheinens, trat mit Selbſtvertrauen näher und hoffte, er komme doch den Damen nicht ſtörend. Oberſt Man⸗ nering bemerkte in ſehr klarer und beſtimmter Weiſe, daß er nicht wiſſe, was ihm die Ehre eines Beſuchs von Mr. Gloſſin verſchaffe. „Hm!l hm! ich nahm mir die Freiheit, Miß Bertram mei⸗ nen Beſuch zu machen, nämlich in Geſchäftsangelegenheiten.“ „Wenn die Sache Mr. Mac⸗Morlan, ihrem Geſchäftsführer, mitgetheilt werden kann, Sir, ſo glaub' ich, daß dies Miß Ber⸗ tram angenehmer ſein wird.“ „Bitt' um Verzeihung, Oberſt Mannering,“ ſagte Gloſſin, indem er vergebens einen ungezwungenen Ton des Geſprächs anzu⸗ nehmen bemüht war;„Sie ſind ein Weltmann— Sie wiſſen, es gibt Fälle, wo es für alle Parteien klüger iſt, unmittelbar mit ein⸗ ander zu verhandeln.“ „Nun,“ erwiederte Mannering mit einer abweiſenden Miene, „wenn ſich Mr. Gloſſin die Mühe nehmen will, die Sache brieflich darzuſtellen, ſo bürg' ich dafür, daß Miß Bertram derſelben alle Aufmerkſamkeit widmen wird.“ „Gewiß,“ ſagte Gloſſin betroffen;„aber es gibt Fälle, in denen einen Unterredung viva voce— hm!l ich begreife, ich weiß— 147 Oberſt Mannering hat einigen Vorurtheilen Naum gegeben, welche meinen Beſuch zudringlich ſcheinen laſſen; aber ich ſtell' es ſeinem geſunden Urtheil anheim, ob er mir Gehör verweigern ſoll, ohne den Zweck meines Beſuchs zu kennen, oder welche Folgen es für die junge Dame haben kann, die er mit ſeinem Schutze beehrt.“ „Sir, dies iſt ſicherlich meine Abſicht nicht,“ erwiederte der Oberſt.„Ich will Miß Bertram's Meinung über die Sache hö⸗ ren und Mr. Gloſſin damit bekannt machen, wofern er Zeit hat, die Antwort zu erwarten.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Gloſſin war noch ſtehend in der Mitte des Gemachs geblieben. Oberſt Mannering hatte nicht die leiſeſte Bewegung gemacht, ihn zum Sitzen einzuladen, und war auch ſelber während des kurzen Zwiegeſprächs ſtehen geblieben. Als er jedoch das Zimmer verließ, ergriff Gloſſin einen Stuhl und ſetzte ſich mit einer Miene darauf, welche zwiſchen Verlegenheit und Frechheit die Mitte hielt. Das Schweigen ſeiner Geſellſchafter fiel ihm ſehr unangenehm auf, und er beſchloß, es zu brechen. „Ein ſchöner Tag, Mr. Simſon.“ Der Gelehrte antwortete mit etwas, was halb wie ein beiſtim⸗ mendes Brummen, halb wie ein unwilliges Murren klang. „Sie kommen nie hinab, um Ihre alten Bekannten auf dem Gute Ellangowan zu ſehn, Mr. Simſon— Sie würden die meiſten derſelben noch ganz wie ſonſt finden. Ich habe zu viel Achtung vor dem ehemaligen Eigenthümer, als daß ich alte Einwohner ſtören ſollte, ſelbſt wo dies mit Vortheil geſchehn könnte. Ueberhaupt iſt das meine Art nicht— ich liebe dergleichen nicht zu thun— Mr. Simſon, die Schrift verdammt ja auch ganz beſonders diejenigen, welche die Armen bedrängen und Gränzſteine verrücken.“ „Und die das Gut der Waiſen verſchlingen,“ fügte der Ge⸗ lehrte bei.„Anathema! Maranatha!“ mit dieſem Ausruf ſtand . 10* ver auf, ergriffhden Folianten, worimemgeleſen hatte, machte rechts⸗ umi und maiſigirte⸗ mit den Schritten eines Wuahadiers aus dem dfuhdee 912e1J 15 G, imt e dun di 1 Mr. Gloſſin, der keineswegs außer Faffung war roder zum wenigſßrnr nicht ſo ſcheinen wollte, wandte ſich an den jungen Haz⸗ lewoodz, melcher ſſcheinbar eifvig in der Zeitung las.„„Was für Neuigkeiten; Siri Häzlewood erhob dan Blick, ſchaute nach je⸗ f nem hin und ſchob ihm das Papier zu wieutwaseinem Fremden im Kaffechaufe, dann ſtander auf und gingmach der Thüre. 9, Ich bitt' um Vergebung, Mr. Hazlewood— aber ich kann nicht umhin, Ihnen meine Fronde darüber zu bezeigen, daß Sießſo leicht das un⸗ iſelige Eneigniß überſtanden haben hi Dies ward duvch eine Art won Kopfnickens beantwortet, welches aber ſon geving und ſorſteif war, als man es’ nur denken kann. Doch ermuthigte es aunſern „Rechtsgelehrten, fontzufahren.„„Ich kann verſichern/ Mr. Hazle⸗ wood, daß wenig Leute ſolchen Antheil an der Sache genommen ghaben wie ich, fowohlchinſichtlich der Landeswohlfahrt, uls auch aus beſonderer Achtung gegen Ihre Familie) welche einen ſo hohen Rang unter uns behauptetzowirklich einen ſo hohen Rang, daß, da Mu. Featherhead nun alt wiud) es ſich wohl der Mühe Llohnen dürfte, wenn Sie ſich ein Wanig umſchauen wolltenich ſpreche als Freund, Mre Hazlowood, und als rin⸗Mannider allos, was die Wahlen babriſft) wohlh bmum undi nnſouue fobatd Sienmit aVeree,n 5 In He t zuag chan ne 1a, Sie nerzpihen,(Sin arban 10) 2ns keintländ Hmdhei mir Shr Beiſtans nützlich ſein könnte!““ Him 3513 t 617. .1E„Oydganz wohl hes iſt aeme Zeibgrnugy unb ich ſehe es gern wenn einciunger Herrninit dergleichen vorſichtig zu Werke geht. Aben ichtſprachvorhin von Fhren Wundk icheglaube dem Thäter auf der Spunlzu ſeinz wirklichtziemlichäuf der Spur— gund wenn ich den Menſthen nicht zur verdionten Stkafe ziehl” 0 t „Verzeihen Sie, Sir, ich bitte nochmalsz aber Ihr Eifey überſteigt meine Wünſche. Ich habe allon Grund;, zu glauben, daß die Verwundung zufällig war— gewiß geſchah ſienicht nut Ab⸗ ſicht. Wenn Sie jemand finden, der der uUndänkbärkeit und abs ſichtlichen Verrätherei ſchuldig iſt, ſo ſoll mein Jorn eoſeaun ſein, als der Ihrige.“ Dies war Hazlewoods Antwort. is ) Wieder abgewieſen, dachte Gloſſin; ich muß o,sgies 890 ſuchen.„Wohl wahr, Sir; ſehr edel geſprochen! 3 Ich wiſrde mit einem undankbaren Menſchen nicht mehr Erbarmen mrann. als u einer Schnepfe— Und da wir wieder auf die Jagd kom⸗ :“(dieſe Weiſe, die Unterhaltung zu wenden, hatte Gioſfin von en ſemnen ehemaligen Gebieter gelernt,)„ich ſehe Sie oft mit der Büchſe gehn, und ich hoffe, Sie werden bald wieder im Stande ſein, dieſes Vergnügen zu genießen. Wie ich bemerkt habe, be⸗ ſchränkten Sie ſich ſtets auf Ihr eignes Gebiet. Ich hoffe, mein theurer Herr, Sie werden kein Bedenken tragen, Ihre Beute auch auf dem Gebiet von Ellangowan zu verfolgen; ich glaube, die Schnepfen ſind dort häufiger, als hier, obwohl beide Arten vor⸗ züglich ſind.“ Dies Anerbieten veranlaßte nur eine kalte und gezwungene Verbeugung: Gloſſin war genöthigt zu ſchweigen, und fühlte ſich erſt beim Eintreten Oberſt Mannerings wieder etwas erleichtert. „Ich habe Sie lange aufgehalten, Sir, wie ich fürchte,“ ſagte er, Gloſſin anredend;„ich wollte Miß Bertram dahin ver⸗ mögen, daß ſie mit Ihnen ſpräche, denn nach meiner Meinung mußten Ihre Einwürfe der Nothwendigkeit weichen, welche ver⸗ langt, daß ſie perſönlich hört, was ſie wiſſen ſoll. Indeß finde ich, daß neuerdings eingetretene Umſtände, die ſich nicht leicht vergeſſen laſſen, ſie ſo ſehr abgeneigt gemacht haben, mit Mr. Gloſſin perſönlich zu ſprechen, daß es grauſam ſein würde, darauf 150 zu beſtehen; ſie hat mich beauftragt, Ihre Aufträge, Vorſchläge, oder was Sie ihr ſonſt zu ſagen wünſchen, zu empfangen.“ Hm! hm!l ich bedauere, Sir— bedauere ſehr, Oberſt Man⸗ nering, daß Miß Bertram glauben kann— daß ein Vorurtheil— kurz, daß— daß irgend etwas von meiner Seite“— „Sir,“ ſagte der unbeugſame Oberſt, wo keine Anklage ſtatt fand, ſind Entſchuldigungen und Erläuterungen unnütz. Tragen Sie Bedenken, mir, dem derzeitigen Vormund Miß Bertrams, die Umſtände mitzutheilen, welche ihr Wohl betreffen?“ „Durchaus nicht, Oberſt Mannering; ſie konnte keinen acht⸗ barern Freund wählen, auch keinen, dem ich mich offener mitzu⸗ theilen wünſchte.“ „Haben Sie die Güte, zur Sache zu kommen, Sir, wenn es Ihnen beliebt.“ „Nun, Sir, es ſpricht ſich nicht leicht auf einmal aus— doch, Mr. Hazlewood, Sie haben nicht nöthig, das Zimmer zu verlaſſen,— ich meine es ſo gut mit Miß Bertram, daß ich wollte, die ganze Welt hörte meinen Theil am Geſpräch.“ „Mein Freund Mr. Charles Hazlewood wird wahrſcheinlich nicht begierig ſein, Mr. Gloſſin, das mit anzuhören, was ihn nichts angeht— und jetzt, da er uns allein gelaſſen hat, laſſen Sie mich bitten, kurz und einfach in dem zu ſein, was Sie zu ſagen ha⸗ ben. Ich bin Soldat, Sir, und Formen und Einleitungen machen mich ungeduldig.„So ſagend, nahm er ſeinen Stuhl ein, und erwartete Mr. Gloſſin's Mittheilung. „Belieben Sie dieſen Brief anzuſehn,“ ſagte Gloſſin, Pro⸗ tocols Schreiben in Mannerings Hand legend, als zbelches der kür⸗ zeſte Weg war, ſeine Sache zu erklären. Der Oberſt las, und las es noch einmal, nachdem er den Namen des Schreibers in ſeinem Taſchenbuche bemerkt hatte. „Dies, Sir, ſcheint keiner langen Erläuterung zu bedürfen.— 151 Ich werde Sorge tragen, daß Miß Bertrams Vortheil erzielt wird.“ „Jedoch, Sir,— jedoch, Oberſt Mannering,“ fuhr Gloſſin fort,„es iſt noch ein anderer Umſtand vorhanden, den Niemand erläutern kann, als ich. Jene Dame— jene Mrs. Margarete Bertram hat, wie ich genau weiß, eine Verfügung hinſichtlich ih⸗ rer Angelegenheiten zu Gunſten der Miß Lucy Bertram gemacht, als ſie bei meinem alten Freunde., Mr. Bertram, zu Ellangowan wohnte. Der Dominie— ſo wurde der ſehr achtbare Mr. Simſon von meinem verſtorbenen Freunde immer genannt— dieſer und ich ſind Zeugen bei der Sache geweſen. Und ſie hatte volles Recht, damals eine ſolche Verfügung zu treffen, denn ſie war Erbin des Gutes Singleſide, obwohl eine ältere Schweſter eine Leibrente dar⸗ auf hatte. Der alte Singleſide hatte ein närriſches Teſtament ge⸗ macht, Sir; er machte die beiden Töchter feindſelig gegeneinander wie zwei Katzen, ha ha ha!“ „Ja, Sir,“ ſagte Mannering, ohne das leiſeſte Lächeln zu zeigen;„aber zur Sache. Sie ſagten, dieſe Dame hatte das Recht ihr Gut der Miß Bertram zu vermachen, und hat ſie dies gethan?“ „Allerdings, Oberſt,“ erwiederte Gloſſin.„Ich denke doch, ich verſtehe das Recht— ich bin viele Jahre damit beſchäftigt ge⸗ weſen, und obwohl ich mich nunmehr zur Ruhe geſetzt habe, ſo ver⸗ nachläſſigte ich deßhalb doch nicht diejenige Wiſſenſchaft, die, wie es heißt, beſſer als Haus und Hof iſt, die Rechtswiſſenſchaft, da ja auch ſchon der gemeine Reim ſagt, Schön iſt's fürwahr, Ein Gut gewinnen, das verloren war.“ Nein, nein, ich liebe das Landleben— ich habe nur noch ein Biß⸗ chen Rechtskunde, um meinen Freunden zu dienen.“ Gloſſin fuhr in dieſer Weiſe fort, weil er einen günſtigen Eindruck auf Mannering hervorgebracht zu haben meinte. Der 152 Oberſt hielt in der That dafür, daß dieſe umſtände eine wichtige Kriſis hinſichtlich der Glücksumſtände Miß Bertrams mit ſich füh⸗ ren könnten und beſchloß, daß dem ſeine ſtarke Neigung, Gloſſin aus der Thür oder dem Fenſter zu werfen, keinen Eintrag thun ſollte. Er legte ſeiner Leidenſchaft einen Zaum an und beſchloß, zum wenigſten mit Geduld, wenn auch ohne Freundlichkeit, bis an's Ende zuzuhören. Er ließ daher Mr. Gloſſin ſeine Lobſprüche auf ſich ſelbſt ungeſtört beenden, und ſodann fragte er ihn, ob er wiſſe, wo ſich die Urkunde befände! „SIch weiß— das heißt, ich glaube,— ich glaube ſie finden zu können— In ſolchen Fällen pflegen die Inhaber von dergleichen zuweilen Anſprüche zu machen.“ „Das ſoll uns nicht hinderlich ſein, Sir,“ ſagte der Oberſt, ſein Taſchenbuch zur Hand nehmend. „Aber, mein theurer Sir, ſie verſtehen mich ſo undeutlich— ich ſagte, manche Perſonen könnten ſolche Anſprüche ma⸗ chen— ich meine für die Koſten bei Fertigung der Urkunde, für die Mühe dabei u. ſ. w. Aber ich meinerſeits wünſche nur Miß Ber⸗ tram und ihre Freunde zu überzeugen, daß ich als Ehrenmann ge⸗ gen ſie handle. Hier iſt das Papier, Sir! Es würde mir ein Vergnügen gewährt haben, es der Miß Bertram perſönlich zu über⸗ reichen und ihr Glück zu den Ausſichten wünſchen zu können, die es eröffnet. Aber da ihr Vorurtheil hierin ſo unüberwindlich iſt, ſo bleibt mir nur übrig, es ihr mit meinen beſten Wünſchen durch Sie, Herr Oberſt, zu überſenden und zugleich ihr die Verſicherung zu geben, daß ich die urkunde gern mit meinem Zeugniſſe auf Ver⸗ langen unterſtützen werde. Ich habe die Ehre, Ihnen guten Mor⸗ gen zu wünſchen, Sir.“. Dieſe Abſchiedsrede ward ſo geſchickt angebracht und hatte ſo ſehr den Ton ſelbſtbewußter, ungerecht verdächtigter Rechtſchaffen⸗ heit, daß ſelbſt Oberſt Mannering in ſeiner ſchlechten Meinung wan⸗ —— 15³ kend wurde. Er folgte ihm einige Stufen hinab und nahm mit 3 mehr Höflichkeit(wiewohl immer noch kalt und förmlich) von ihm Abſchied, als er ihm während des Beſuchs bewieſen hatte. Gloſſin verließ das Haus, halb zufrieden mit dem zurückgelaſſenen Ein⸗ drucke, halb geärgert durch die ſtrenge Vorſicht und ſtolze Zurück⸗ haltung, womit man ihn empfangen hatte.„Oberſt Mannering hätte höflicher ſein können,“ ſagte er zu ſich ſelbſt—„nicht jeder⸗ mann vermag einen guten Wechſel von 400 Pfund jährlich einem blutarmen Mädchen zu bringen. Singleſide muß jetzt 400 Pfd. jährlich bringen— da iſt Reilageganbeg, Gillifidget, Loverleß, Liealone und Spinſter's Knowe— gute 400 Pfd. jährlich. Manche Leute würden an meiner Stelle ihr eigenes Beſte im Auge behalten haben— und doch, um die Wahrheit zu geſtehn, ſeh' ich, nach al⸗ ler Ueberlegung, nicht ein, wie das möglich wäre.“ Gloſſin war kaum aufgeſtiegen und davon geritten, als der Oberſt einen Reitknecht an Mac⸗Morlan abſchickte und dieſen, dem er die Urkunde übergab, befragte, ob ſie für ſeine Freundin Lucy Bertram erſprießlich ſein könne. Mac⸗Morlan durchlas das Pa⸗ pier mit Augen, die vor Freude leuchteten, und rief endlich:„Er⸗ ſprießlich!— Dies iſt völlig gewiß— Gloſſin hat das ganz gut gemacht;— aber“(ſein Geſicht verdunkelte ſich,)„die alte Schach⸗ tel, daß ich mich ſo ausdrücke, hat es freilich nach Belieben ändern können!“ „Ach! und wie können wir erfahren, ob ſie das gethan hat!“ „Es muß ein Bevollmächtigter für Miß Bertram zugegen ſein, wenn die Verlaſſenſchaft der Geſtorbenen eröffnet wird.“ „Können Sie das?“ ſagte der Oberſt. „Ich fürchte, ich kann es nicht,“ erwiederte Mac⸗Morlan, „ich werde bei unſerm Gerichtshofe beſchäftigt ſein.“ „Dann werd'ich ſelber gehn,“ ſagte der Oberſt;„ich will Mor⸗ gen reiſen. Simſon ſoll mich begleiten— er iſt Zeuge dieſer Ur⸗ kunde. Aber werde ich einen Anwalt nöthig haben?“ „Der Herr, welcher zuletzt Sheriff dieſer Grafſchaft war, ſteht im beſten Rufe als Rechtsgelehrter, ich werde Sie an ihn em⸗ pfehlen.“ „Was mir an Ihnen gefällt, Mac⸗Morlan,“ ſagte der Oberſt,„iſt, daß Sie immer gleich gerade auf die Sache losgehn. Geben Sie mir die Empfehlung ſogleich— ſollen wir der Miß Lucy davon ſagen, daß ſie Ausſicht hat, Erbin zu werden!“ „Allerdings, denn Sie müſſen Vollmacht von ihr haben, die ich ſogleich aufſetzen will. Ueberdies wird ſie verſtändig genug ſein, und das ganze nur als eine gute Ausſicht betrachten.“ Mac⸗Morlan urtheilte ganz richtig. Es ließ ſich aus Miß Bertrams Benehmen nicht erkennen, ob ſie allzufrohe Hoffnungen aus der ſo plötzlich gebotenen Ausſicht ſchöpfte. Allerdings befragte ſie im Laufe des Abends, ganz wie zufällig, Mac⸗Morlan, wie hoch ſich wohl das jährliche Einkommen Hazlewoods belaufen möge; aber ſollen wir daraus gleich den Schluß ziehen, daß ſie er⸗ wogen habe, ob eine Erbin von 400 Pfund jährlich eine paſſende Partie für den jungen Laird ſein könne! Sechzehntes Kapitel. Gebt mir ein Glas Sekt, damit meine Augen roth ausſehen— denn ich muß leidenſchaftlich reden, und ich will es ganz in König Cambyſes' Charakter thun. Heinrich IV. Theil. I. Mannering verlor, in Begleitung Simſons, mit ſeiner Reiſe nach Edinburg keine Zeit. Sie reiſten in des Oberſts Kutſche, welcher, wohlbekannt mit ſeines Gefährten abſtractem Weſen, dar⸗ auf bedacht war, den Gelehrten nicht aus den Augen zu laſſen; und am wenigſten mochte er ihn einem Pferderücken anvertrauen, wo aller Wahrſcheinlichkeit nach ein ſchmelmiſcher Stallknecht den Ge⸗ lehrten leicht dahin gebracht haben würde, mit dem Geſicht nach dem Schweife gewandt aufzuſteigen. Mit Hilfe eines Dieners, der zu Pferde folgte, brachte ihn der Oberſt daher ſicher in ein Wirths⸗ haus in Edinburg(Hotels gab es damals noch nicht,) und zwar ohne weitern Unfall, außer daß er ihn unterwegs zweimal verloren hatte. Bei der einen Gelegenheit ward er von Barnes, welcher ſein Weſen kannte, aufgefunden, gerade als er, nach einem ver⸗ trauten Geſpräch mit dem Schulmeiſter zu Mofeat, betreffend eine ſtreitige Stelle in Horazens ſiebenter Ode des zweiten Buchs, im 156 Begriff war, einen neuen gelehrten Streit zu beginnen, und zwar über die wahre Bedeutung des Wortes Malobathro in dieſem lyri⸗ riſchen Erguſſe. Seine zweite Flucht geſchah in der Abſicht, das Schlachtfeld von Rullion⸗green zu beſuchen, welches ihm als Pres⸗ byterianer ſehr theuer war. Als er für einen Augenblick aus dem Wagen geſtiegen war, ſah er, etwa eine halbe Stunde entfernt, das Grabmal der Erſchlagenen, und ward auf ſeinem Wege nach den Pentlandhügeln ebenfalls von Barnes eingefangen; bei beiden Gelegenheiten hatte er ſeinen Fround, Gönner und Reiſegefährten ſo vollkommen vergeſſen, als ob er ſich in Oſtindien befunden hätte. Als er erinnert wurde, daß Oberſt Mannering auf ihn warte, ließ er ſeinen gewöhnlichen Ausruf vernehmen:„Wunderbar!— ich hatte mich ganz vergeſſen,“ und mit dieſen Worten eilte er auf ſei⸗ nen Poſten zurück. Barnes wunderte ſich über die Geduld ſeines Herrn bei ſolchen Gelegenheiten, denn er wußte aus Erfahrung, wie wenig der Oberſt Vernachläſſigung oder Verzug leiden konnte; aber Simſon war in jeder Hinſicht eine bevorrechtete Perſon. Sein Gönner und er waren einander nie einen Augenblick im Wege, und ſie ſchienen wirklich zu Lebensgefährten beſtimmt zu ſein. Wenn Mannering irgend ein Buch brauchte, ſo konnte Simſon es brin⸗ gen; wenn er Rechnungen in Richtigkeit haben wollte, ſo war jenes Beiſtand alsbald da; war er bemüht ſich auf irgend eine Stelle in den Klaſſikern zu beſinnen, ſo bediente er ſich des Dominie als eines Wörterbuchs; und jederzeit war dieſe wandelnde Statue weder an⸗ maßend, wenn ſie bemerkt ward, noch mürriſch, wenn ſie ſich ſelbſt überlaſſen blieb. Für einen ſtolzen, verſchloſſenen, zurückhalten⸗ den Mann, und ein ſolcher war Mannering in vieler Hinſicht, hatte jene Art von lebendigem Catalog und beſeeltem Automat alle die Vortheile eines gelehrten Drehtiſches. Sobald ſie in Edinburg angelangt waren und ſich im George Inn nahe bei Briſto⸗port, damals in Beſitz des alten Cockburn, 157 (ich bin gern ausführlich,) eingerichtet hatten, ließ ſich der Oberſt vom Kellner einen Führer zu Mr. Pleydell, dem Advokaten, an den er einen Brief von Mac⸗Morlan hatte, beſtellen. Sodann empfahl er Barnes, ein Auge auf Simſon zu haben, und ging mit dem Führer fort, der ihn zu dem Rechtsgelehrten bringen ſollte. Jene Zeit ging dem Ende des amerikaniſchen Krieges kurz vor⸗ her. Das Verlangen nach Raum, freier Luft und Verſchönerung hatte damals in Schottlands Hauptſtadt noch keine beſondern Fort⸗ ſchritte gemacht. An der Südſeite der Stadt hatte man nur erſt einige Verſuche zu Verſchönerungen gemacht, und die Neuſtadt im Norden, die ſich ſeitdem ſo ſehr erweitert hat, war damals eben an⸗ gefangen worden. Aber der größere Theil der höhern Stände, und vorzüglich die Rechtsgelehrten, lebten noch immer in den düſtern Kerkern der Altſtadt. Die Sitten mancher alten Rechtsgelehrten hat⸗ ten auch noch keine Neuerung erfahren. Einige nahmhafte Advokaten ſahen noch immer ihre Clienten in Schencken, wie es vor fünfzig Jahren gewöhnlich war; und obwohl ihre Gewohnheiten von den jüngern Rechtskundigen bereits als altmodiſch angeſehen wurden, ſo wurde die Sitte, Wein und Schmauſerei mit ernſten Geſchäften zu miſchen, doch noch von den ältern Conſulenten geübt, welche den alten Weg liebten, entweder weil es eben ein ſolcher war, oder weil ſie ihn zu gut kannten, um einen andern einſchlagen zu mögen. Unter denen, welche die alte Zeit prieſen und mit gefliſſentlicher Hartnäckigkeit die Sitten einer frühern Generation beibehielten, war auch dieſer Paulus Pleydell, Esq., übrigens ein tüchtiger Ge⸗ lehrter, trefflicher Sachwalter und rechtlicher Mann. Unter der Leitung ſeines treuen Begleiters erreichte Oberſt Mannering, nachdem er einige dunkle Gäßchen durchſchritten hatte, endlich die Highſtreet, die damals von den Stimmen der Auſtern⸗ weiber und Paſtetenmänner wiederhallte; denn es hatte, wie ihn ſein Führer verſicherte, ſo eben„acht auf dem Thurme geſchlagen.“ Es war lange her, ſeit Mannering in den Straßen einer belebten Hauptſtadt geweſen war, welche, mit ihrem Lärmen und Toſen, ihrem Geräuſch des Handels, der Schwelgerei und des Uebermuthes, ihrem mannichfachen Schimmer und dem ewig wechſelnden Getriebe der tauſend Volksgruppen, vorzüglich bei Nacht ein Schauſpiel bietet, welches, wenn auch aus den gemeinſten Stoffen zuſammen⸗ geſetzt, wenn man ſie einzeln betrachtet, doch im Ganzen einen mächtigen Eindruck auf die Einbildungskraft übt. Die außeror⸗ dentliche Höhe der Häuſer war durch Lichter ſichtbar gemacht, welche, unregelmäßig der Fronte entlang ſchimmernd, ſo hoch zu den Gie⸗ beln emporſtiegen, daß ſie wie Sterne, am Himmel funkelnd, er⸗ ſchienen. Dieſer coup d'oeil, welcher in gewiſſem Grade noch exi⸗ ſtirt, war damals eindringlicher, weil die Häuſer zu beiden Seiten in ununterbrochener Reihe ſtanden, welche, nur da unterbrochen wo ſich die Northbridge mit der Hauptſtraße verbindet, einen groß⸗ artigen und gleichförmigen Platz bildete, der ſich von der Fronte der Luckenbooths bis Canongate erſtreckte, und in Breite und Länge mit der ungewöhnlichen Höhe der Gebäude zu beiden Seiten im Einklange ſtand. Mannering hatte zum Sehen und Bewundern wenig Zeit übrig. Sein Führer eilte mit ihm über dieſen merkwürdigen Schauplatz, und tauchte dann plötzlich mit ihm in ein ſehr abſchüſſig gepflaſtertes Gäßchen. Sich rechts wendend betraten ſie nun die Treppe eines Hauſes, deren Zuſtand, ſo weit er ſich überhaupt mit⸗ telſt eines der fünf Sinne beurtheilen ließ, Mannerings Geduld nicht wenig prüfte. Nachdem ſie vorſichtig bis zu einer beträchtli⸗ chen Höhe emporgeſtiegen waren, hörten ſie, noch zwei Treppen höher, ein ſchweres Klopfen an einer Thür. Die Thür öffnete ſich und unmittelbar darauf erſcholl das gellende Gebell eines Hundes, die ſcheltende Stimme eines Weibes, das Geſchrei einer beleidigten Katze und die rauhe Stimme eines Mannes, welcher mit ſehr gebie⸗ 159 teriſchem Tone rief,„Willſt du wohl, Muſtard! willſt du! nieder, Burſch, nieder!“ „Gott ſteh' uns bei!“ ſagte die weibliche Stimme,„wenn er unſre Katze erwürgt hätte, Mr. Pleydell hätte mir's nimmer ver⸗ geben!“ „Ei, was liegt an der Katze, er thut ihr nichts— Er iſt alſo nicht zu Hauſe, ſagt ihr!“ „Nein, Mr. Pleydell iſt Sonnabends nie zu treffen,“ ant⸗ wortete die weibliche Stimme. „und morgen iſt Sonntag,“ ſagte der Frager;„ich weiß da nicht, was zu thun iſt,“ Mittlerweile erſchien Mannering, und erblickte einen hochge⸗ wachſenen, kräftigen Landmann, gehüllt in ein pfeffer⸗ und ſalz⸗ farbiges Gewand, mit ungeheuren Metallknöpfen, glänzendem Hut und glänzenden Stiefeln und einer großen Reitpeitſche unter dem Arm, im Geſpräch mit einem Mädchen in Pantoffeln, welches die eine Hand am Thürſchloß hatte und in der andern eine Gelte mit weißer Tünche, in Waſſer aufgelöſt, hielt— ein Umſtand, wel⸗ cher in Edinburg den Samſtagabend andeutet. „Alſo iſt Mr. Pleydell nicht da, mein gutes Kind?“ ſagte Mannering. „Ja, Sir, da iſt er, aber er iſt nicht im Hauſe: Sonnabends iſt er immer außen.“ „Aber mein gutes Kind, ich bin ein Fremder und mein Ge⸗ ſchäft eilt— Willſt du mir ſagen, wo ich ihn finden kann?“ „Der Herr,“ ſagte der Führer,„wird jetzt wahrſcheinlich bei Clerihugh's ſein— Sie könnte euch das ſelber geſagt haben, aber ſie dachte, ihr wolltet ihn zu Hauſe ſprechen.“ „Nun gut, zeigt mir dieſe Schenke— ich hoffe, ich werde ihn ſprechen können, denn mein Geſchäft iſt von Wichtigkeit.“ „Ich weiß nicht, Sir,“ ſagte das Mädchen,„er läßt ſich Sonnabends nicht gern mit Geſchäften ſtören— aber gegen Fremde iſt er gern gefällig.“ „So will ich auch nach der Schenke gehn“— ſagte unſer Freund Dinmont,—„denn ich bin auch ein Fremder und mein Ge⸗ ſchäft iſt auch wichtig.“ „Nun,“ ſagte das Mädchen,„wenn er den Gentleman ſpricht, wird er auch den ſchlichten Mann da ſprechen— aber ſagt um's Himmels willen nicht, daß ich euch geſchickt habe.“ „Gut, ich bin ein ſchlichter Mann, das iſt wahr, aber ich bin nicht gekommen, um Einen ſeine Mühe umſonſt an mich wen⸗ den zu laſſen,“ ſagte der Pächter mit gerechtem Stolze und ſtol⸗ perte die Treppen hinab, gefolgt von Mannering und deſſen Füh⸗ rer. Mannering mußte nothwendig die entſchiedene Weiſe bewun⸗ dern, auf welche der Fremde, der voranſchritt, die Menge theilte, indem er, nur durch die Wucht und die Gewalt ſeiner Bewegung, trunkene wie nüchterne Perſonen zur Seite ſchob und ſo Bahn brach. „Er iſt ganz gewiß von Teviotdale,“ ſagte der Führer,„man er⸗ kennt es daran, daß er immer die Mitte der Straße hält— er wird nicht weit gehn, ohne mit jemand Händel zu bekommen.“ Dieſe Weiſſagung ging jedoch nicht in Erfüllung. Die, welche die ungeheure Wucht Dinmont's merkten, indem ſie ſeine Größe und Stärke betrachteten, hielten ihn offenbar für ein zu gewichti⸗ ges Metall, um ihn leicht überwältigen zu können, und ließen ihn daher ſeinen Weg ungehemmt verfolgen. In ſeine Fußtapfen tre⸗ tend folgte ihm Mannering, bis der Pächter anhielt und, ſich nach dem Führer umſehend, ſagte:„ich denke, hier wird es wohl ſein, Freund!“ „Ja,“ erwiederte Donald,„hier iſt es.“ Dinmont ſtieg getroſt hinab, wandte ſich dann nach einem dunkeln Gange, darauf nach einer dunkeln Treppe, und endlich — 161 zu einer offenen Thür. Während er laut nach dem Aufwärter pfiff, als wenn dieſer einer ſeiner Hunde geweſen wäre, ſah ſich Mannering um und konnte kaum begreifen, wie ein Gentleman von anſtändigem Beruf und guter Geſellſchaft einen ſolchen Schau⸗ platz für ſeine geſellige Unterhaltung zu wählen vermöchte. Abge⸗ ſehn von dem miſerabeln Eingang, ſchien das Haus ſelbſt morſch und halb verfallen. Die Stelle, auf welcher ſie ſtanden, hatte ein Fenſter, welches bei Tage ein ſchwaches Licht einließ, und zu allen Zeiten, vorzüglich aber des Abends, ein abſcheuliches Gemiſch von allerlei Gerüchen. Gegenüber dieſem Fenſter befand ſich zur andern Seite des Ganges ein gleiches, welches nach der Küche führte, die keine direkte Verbindung mit der freien Luft hatte, aber bei Tage ein ſo ungewiſſes, mattes Afterlicht empſing, wie es durch das gegenüberliegende, nach dem Gäßchen ſehende Fenſter möglich war. Jetzt war das Innere der Küche bei dem gewaltigen Feuer darinnen ſichtbar— eine Art von Pan⸗Dämonium, wo halb unbekleidete Männer und Weiber beſchäftigt waren mit Backen, Kochen, Auſternröſten oder mit der Bereitung von Hammelcote⸗ letten; die Herrin des Ortes, mit niedergetretenen Schuhen und verworrenem Haar, welches gleich dem der Megäre unter einer kleinen Haube hervorquoll, arbeitete und ſchalt, gab und empfing Befehle, und indem Alles ſogleich gehorchte, erſchien ſie als das regierende Zauberweib in dieſer düſtern und feurigen Höllenregion. Lautes und wiederholtes Gelächter, aus verſchiedenen Theilen des Hauſes ſchallend, bewies, daß ihre Bemühungen angenehm wa⸗ ren und von einem dankbaren Publikum anerkannt wurden. Mit einiger Schwierigkeit trieb man einen Kellner auf, der dem Oberſt Mannering und Dinmont das Zimmer zeigen ſollte, wo ihr Freund, der Rechtsgelehrte, ſein wöchentliches Feſt hielt. Die Scene, die ſich daſelbſt bot, und vorzüglich die Attitude des Guy Mannering. II. 11 162 Sachwalters ſelbſt, der die Hauptperſon war, ließ ſeine beiden Clienten höchlich erſtaunen. Mr. Pleydell war ein lebendiger, ſcharfblickender Mann, mit einer zu ſeinem Beruf paſſenden Schlauheit im Geſichte, auch hatte er überhaupt in ſeinem Benehmen etwas berufsmäßige Förmlich⸗ keit. Aber dieſe, ſo wie ſeine dreizöpfige Perücke und den ſchwar⸗ zen Rock, konnte er Sonnabends am Abend ablegen, wenn er von einer Geſellſchaft luſtiger Gefährten umringt war und ſich in ſeiner roſigen Laune befand. Dieſes Mal hatte das Gelag ſeit vier Uhr ge⸗ währt und endlich begann die Geſellſchaft, unter Leitung eines würdigen Vortrinkers, der die Späße und Feſte bereits mit drei Generationen gefeiert hatte, ſich mit dem alten und nun vergeſſe⸗ nen Spiele, High Jinks, zu unterhalten. Dies Spiel ward auf verſchiedene Weiſe geſpielt. Gewöhnlich würfelte die Geſell⸗ ſchaft und diejenigen, welche das Loos traf, mußten für eine be⸗ ſtimmte Zeit einen gewiſſen fingirten Charakter annehmen und be⸗ haupten, oder auch eine gewiſſe Anzahl ſpaßhafter Verſe in einer beſondern Ordnung herſagen. Wenn ſie den angenommenen Cha⸗ rakter vergaßen, oder wenn ſie ihr Gedächtniß beim Herſagen im Stiche ließ, fielen ſie in Strafe, welche darin beſtand, daß ſie ent⸗ weder einen vollen Humpen aufeinmal leeren, oder eine kleine Summe zur Zeche erlegen mußten. Mit dieſem Spiel war die heitere Geſellſchaft eifrig beſchäftigt, als Mannering in's Zim⸗ mer trat. Mr. Pleydell, der Sachwalter, war ſoeben zum Monarchen erwählt worden und thronte in einem Lehnſtuhle, der auf dem Eß⸗ tiſche ſtand; ſeine zerzauſte Perücke hing auf dem einen Ohr und ein Flaſchenunterſetzer war ſeine Krone; ſein Auge deutete frohe Laune und Genuß des ſüßen Weines an, während ihn ſein Hof ringsum mit Verſen anſang, die ungefähr wie der folgende klangen: —— —— 163 „Wo iſt Gerunto nun? Was ward aus ihm zuletzt? Weil er nicht ſchwimmen konnt', iſt er ertrunken jetzt.“ u. ſ. w. Von der Art, o Themis, waren ehemals die Scherze deiner ſchottiſchen Söhne! Dinmont war zuerſt in's Zimmer getreten. Einen Augenblick ſtand er von Staunen ergriffen,— und dann rief er:„Er iſt's, das iſt gewiß— aber dergleichen hab' ich doch noch in meinem Leben nie geſehn!“ Bei dem Rufe,„Mr. Dinmont und Oberſt Mannering wol⸗ len mit Ihnen ſprechen, Sir,“ wandte Pleydell ſein Haupt und erröthete ein wenig, als er die edle Geſtalt des Fremden aus Eng⸗ land ſah. Er war indeß der Meinung Falſtaffs:„Aus, ihr Schurken, ſpielt das Spiel aus!“ und hielt es weislich für's Beſte, völlig unbefangen zu ſcheinen.„Wo ſind unſre Leibwachen?“ rief dieſer zweite Juſtinian; ſeht ihr nicht einen fremden Ritter, aus fernen Landen kommend, an unſerm Hofe Holyrood anlan⸗ gen,— mit unſerm kühnen Knappen Andreas Dinmont, welcher die Aufſicht unſerer königlichen Heerden im Walde von Jedwood übernommen hat, wo, Dank unſerer königlichen Fürſorge in Ver⸗ waltung der Gerechtigkeit, ſie völlig ſicher weiden! Wo ſind unſere Herolde, wo unſer Lyon, unſer Marchmount, unſer Carrick und un⸗ ſer Snowdown? Laßt die Fremden an unſerer Tafel Platz nehmen und bewirthet ſie, wie es ſich für ihren Rang ziemt, und für die⸗ ſen unſern hohen Feſttag— morgen wollen wir ihre Botſchaf⸗ ten anhören.“ „Mit eurer Erlaubniß, mein Fürſt, morgen iſt Sonntag,“ ſagte einer aus der Geſellſchaft. „Sonntag iſt morgen! ſo wollen wir der Kirche kein Aerger⸗ niß geben— Zum Montag ſollen ſie Audienz haben.“ Mannering, der anfangs unſchlüſſig geweſen war, ob er vor⸗ treten oder ſich zurückziehen ſolle, entſchloß ſich jetzt für den Augen⸗ blick auf die Poſſe einzugehen, obwohl er innerlich auf Mac⸗Mor⸗ 11* lan zürnte, der ihm einen närriſchen Sonderling zum Sachwalter empfohlen hatte. Er näherte ſich daher mit drei tiefen Verbeugun⸗ gen und bat um Erlaubniß, ſein Beglaubigungsſchreiben zu den Füßen des ſchottiſchen Monarchen niederlegen zu dürfen, damit es derſelbe nach Bequemlichkeit leſen möge. Die Gravität, mit wel⸗ cher er ſich der Laune des Augenblicks fügte, und die tiefe und de⸗ müthige Verbeugung, mit welcher er zuerſt den Sitz ablehnte und dann annahm, den ihm der Ceremonienmeiſter präſentirte, verur⸗ ſachten einen dreimaligen Applaus. „Der Teufel hol' mich, wenn ſie nicht all zuſammen toll ſind!“ ſagte Dinmont, mit wenig Ceremonie einen Sitz unten an der Tafel einnehmend,„oder ſie haben vor der Zeit Feiertag ange⸗ fangen und ſind all' mit einander illuminirt.“ Ein volles Glas Claret ward Mannering gereicht, welcher es auf die Geſundheit des regierenden Fürſten trank.„Ihr ſeid, wie ich vermuthe,“ ſagte der Monarch,„der berühmte Miles Mannering, der ſich in den franzöſiſchen Kriegen ſo hervorthat, und könnt uns wohl belehren, ob die Gascognerweine in unſern nördlichen Reichen ihr Arom verlieren.“ Mannering, angenehm durch dieſe Anſpielung auf den Ruhm ſeines gefeierten Ahnen berührt, antwortete, indem er ſich blos als fernen Verwandten des berühmten Ritters vorſtellte und ſetzte noch hinzu,„daß ſeiner Meinung nach der Wein vortrefflich ſei.“ „Er iſt zu kalt für meinen Magen,“ ſagte Dinmont, das Glas niederſetzend,(aber erſt nachdem es leer.) „Wir wollen dieſen Umſtand verbeſſern,“ antwortete König Paulus, ſeines Namens der Erſte;„wir haben nicht vergeſſen, daß die nebelige und feuchte Luft unſers Thales Liddell zu ſtärkern Ge⸗ tränken geneigt macht.— Seneſchall, laßt unſern treuen Lehens⸗ mann einen Becher Branntwein haben; dies wird ihm dienli⸗ cher ſein.“ 165 — 3— „und nun,“ ſagte Mannering,„da wir uns in Ew. Maje⸗ ſtät fröhliche Einſamkeit eingedrängt haben, mögt ihr uns gnädigſt kund thun, wann ihr einem Fremden Audienz gewähren wollt, in Bezug auf die hochwichtigen Angelegenheiten, die ihn zu eurer nordiſchen Hauptſtadt geführt haben.“ Der Monarch öffnete Mac⸗Morlans Brief, und, denſelben ha⸗ ſtig durchfliegend, rief er mit ſeinem natürlichen Ton und Beneh⸗ men:„Lucy Bertram von Ellangowan, armes gutes Mädchen!“ „Strafe! Strafe!“ riefen ein Dutzend Stimmen;„Sr. Majeſtät haben ihren königlichen Charakter vergeſſen!“ „Gar nicht! gar nicht!“ erwiederte der König;„dieſer edle Ritter mag urtheilen. Darf ein Monarch nicht ein Mädchen nie⸗ dern Ranges lieben! Iſt nicht König Cophetua und das Bettler⸗ mädchen ein ſchlagendes Beiſpiel?“ „Handwerksmäßiger Ausdruck!— noch einmal Strafe,“ rief der tumultuariſche Adel. „Hatten nicht unſre königlichen Vorfahren,“ fuhr der Mo⸗ narch mit erhobener Stimme fort, um das Geſchrei der Mißver⸗ gnügten zu übertäuben,„hatten ſie nicht ihre Johanna Logies, ihre Beſſie Carmichaels, ihre Oliphants, ihre Sandilands und ihre Weirs? und will man uns nun daran hindern, wenn wir ein Mädchen mit unſrer Gunſt ehren wollen? Nun, ſo falle der Thron und die Herrſcherwürde vergehe! denn als ein zweiter Karl V. wol⸗ len wir abdanken und im Dunkel des Privatlebens jenes Vergnügen ſuchen, welches uns ein Thron verſagt.“ Mit dieſen Worten warf er ſeine Krone weg und ſprang von ſeinem erhabenen Sitze mit größerer Behendigkeit, als man von ſeinem Alter hätte erwarten ſollen; darauf beſtellte er Licht, ein Waſchbecken und Handtuch, und ein Glas Thee auf ein anderes Zimmer, und gab Mannering ein Zeichen, daß er ihn begleiten möge. In weniger als zwei Minuten wuſch er Geſicht und Hände, 166 ordnete ſeine Perücke vorm Spiegel und erſchien nun, zu Manne⸗ rings größtem Staunen, als ein ganz anderer Menſch, denn jener, den er im Augenblick vorher geſehn hatte. „Es gibt Leute,“ ſagte er,„Mr. Mannering, die man be⸗ obachten ſollte, wie ſie den Narren ſpielen— weil ſie entweder zu viel Bosheit, oder zu wenig Witz haben, wie der Dichter ſagt. Ich kann dem Oberſt Mannering kein beſſeres Kompliment machen, als wenn ich ihm zeige, daß ich mich nicht ſchäme, mich ihm vor⸗ zuſtellen— und wirklich glaube ich, daß ich dies heut Abend Ihnen bereits zur Gnüge bewieſen habe.— Aber was mag der große ſtarke Kerl wollen?“ Dinmont, der hinter Mannering ins Zimmer geſchlüpft war, begann mit Fußſcharren und Kratzen hinter dem Ohr.„Ich bin Dandy Dinmont, Sir, von Charlieshope— Ihr erinnert euch meiner!— Ihr habt einen großen Proceß für mich gewonnen.“ „Was für einen Proceß, närriſcher Menſch!“ ſagte der Sach⸗ walter,„meint ihr, ich kann an all' die Narren denken, die kom⸗ men, um mich zu plagen?“ „Gott, Sir, es war der große Proceß wegen der Weide von Langtae⸗head!“ ſagte der Pächter. „Nun, zum Henker, ich entſinne mich nicht; gebt mir das Memorial und kommt Montag um zehn Uhr zu mix,“ erwiederte der Rechtsgelehrte. „Aber, Sir, ich habe gar nichts Schriftliches.“ „Gar nichts, Mann?“ ſagte Pleydell. „Nein, Sir, nichts“ antwortete Dandy;„Ihr ſagtet ja, immer, Mr. Pleydell, erinnert euch nur, daß ihr uns Leute aus den Bergen unfre Sachen am liebſten mündlich vorbringen hörtet.“ „Der Kuckuk hole meine Zunge, wenn ſie das ſagte!“ ant⸗ wortete der Sachwalter,„meine Ohren müſſen jetzt dafür leiden.— 167 Wohlan, ſagt in zwei Worten, was ihr zu ſagen habt— ihr ſeht, der Gentleman wartet.“ „O, Sir, wenn der Gentleman Luſt hat, mag er ſeine Sache zuerſt anbringen; dem Dandy iſt das gleichviel.“ „Nun, ihr Narr,“ ſagte der Advokat,„begreift ihr nicht, daß dem Oberſt Mannering gar nichts an eurer Sache liegen kann, daß er aber deine großen Ohren durchaus nicht mit ſeinen Angele⸗ genheiten wird unterhalten wollen?“ „Wohlan, Sir, ganz nach eurem und ſeinem Belieben— So hirt denn meine Sache an,“ ſagte Dandy, ganz und gar nicht durch die rauhe Behandlung mißvergnügt gemacht.„Wir ſind wiederwegen der alten Gränzgeſchichten in Streit, Jock von Daw⸗ ſton Chugh und ich. Ich ſage, die Gränze fängt an auf der Spitze des Hütels, wo die Wetter⸗ und Waſſerſcheide iſt; aber Jock von Dawſton Cleugh widerſpricht mir und ſagt, ſie begänne bei der al⸗ ten Strche, die nach Keeldarward führt— und das macht nun einen Unrrſchied.“ „um was für einen Unterſchied macht es, Freund!“ ſagte Pleydell.„Wie viel Schaaſe laſſen ſich davon füttern!“ „O, iicht viel,“ ſagte Dandy, indem er ſich wieder hinter dem Ohr kritzte,—„das ſtreitige Stück liegt hoch und ungünſtig; es kann ein Schwein nähren, oder allenfalls zwei in einem guten Jahre.“ „und diſes Weideplatzes wegen, der im Jahr vielleicht fünf Schilling einbeingt, ſeid ihr bereit ein Paar hundert Pfund weg⸗ zuwerfen!“ „O, Sir, es iſt nicht des Werthes der Weide wegen,“ er⸗ wiederte Dinmat;„'s iſt nur des Rechtes wegen.“ „Mein guter Freund,“ ſagte Pleydell,„Gerechtigkeit, eben⸗ ſo wie Barmherzukeit, ſollte ſtets zu Hauſe beginnen. Laßt eurem 168 Weib und eurer Familie Gerechtigkeit widerfahren, und denkt nicht weiter an jene Sache.“ Dinmont zögerte noch, den Hut in der Hand drehend—„'s iſt nicht darum, Sir,— aber ich mag ihm nicht nachſtehen— er will 1 ein Paar Outzend Zeugen, oder noch mehr, für ſich beibringen— und ich bin gewiß, daß ebenſo viel für mich, als für ihn ſchwören werden, Leute, die immer in Charlieshope gelebt haben, und de nicht gern ſehen, wenn das Recht des Gutes beeinträchtigt wird.“ „Nun, Mann, wenn es eine Ehrenſache iſt,“ ſagte der Sech⸗ walter,„warum gleichen es die Herrn auf dem Lande dann nicht aus!“ „Ich weiß nicht, Sir,“(wieder hinterm Ohr kratzend,)„aber es hat ſich in der letzten Zeit keine Gelegenheit geboten, und die Lairds ſind eben nicht nachbarlich; Jock und ich, wir richtm bei ihnen nichts aus, was wir auch ſagen mögen’”— „Daß euch der Henker!“ rief Pleydell,—„warum nehnt ihr nicht tüchtige Knittel und fechtet die Sache aus!“ „Ach, Sir,“ antwortete der Pächter,„wir haben des ſchon dreimal verſucht— das heißt, zweimal auf dem Lande, ind ein⸗ mal auf dem Jahrmarkt zu Lockerby— aber ich weiß nicht, wie es iſt— wir verſtehn dergleichen beide gut und es konnte zu kaner Ent⸗ ſcheidung kommen.“ „Dann greift zu Schwertern, hol' euch der und ener! und thut, wie eure Väter vor euch thaten,“ ſagte der Rechtsgelehrte. „Ei, Sir, wenn ihr meint, daß das dem Geſetznicht zuwi⸗ der läuft,— dem Dandy wär' es eben auch recht.“ „Halt! halt!“ rief Pleydell,„das gibt ein Möverſtändniß, wie jenes mit Lord Soulis— Ich bitt' euch, Freund, verſteht mich recht; ich möchte nur gern, ihr bedächtet, wie kleillich und thö⸗ richt ein ſolcher Rechtsſtreit iſt, wie ihr ihn anſpinnen wollt.“ „So, Sir!“ ſagte Dandy im Tone der Enttäuſchung. „Alſo wollt ihr meine Sache nicht annehmen, wiel“ 169 „Ich! gewiß nicht— geht heim, geht heim, trinkt mit ein⸗ ander und vertragt euch.“ Dandy ſchien nur halbzufrieden und blieb noch ſtehen.—„Gibt es noch etwas, mein Freund?“ „Sir, nur noch etwas wegen der Erbſchaft jener Dame, die neulich geſtorben iſt, der alten Miß Margarete Bertram von Singleſide.“ „Ei, was habt ihr damit zu thun?“ ſagte der Sachwalter höchlich erſtaunt. „Nun, wir ſind nicht mit den Bertrams verwandt,“ ſagte Dandy,—„ſie waren große Leute und nicht unſers Gleichen— Aber Hanne Liltup, die war des alten Singleſide Haushälterin, und die Mutter der beiden jungen Ladies, die nun todt ſind. Die letzte von ihnen ſtarb in reifem Alter. Hanne Liltup ſtammte von Liddel und war nah genug mit uns verwandt, denn ſie war Ge⸗ ſchwiſterkind von meiner Mutter Stiefſchweſter. Sie ließ ſich mit Singleſide ein,(das iſt ſicher und gewiß,) als ſie ſeine Haushälterin war, und das war ein wahres Herzeleid für ihre ganze Freund⸗ ſchaft. Aber er ließ ſich mit ihr trauen, um der Kirche ihr Recht zu geben— und nun möcht' ich von euch wiſſen, ob ich nicht einen rechtlichen Anſpruch an die Erbſchaft habe!“ „Nicht den Schatten eines Anſpruchs⸗“ „Nun gut, das macht uns nicht ärmer,“ ſagte Dandy,— „aber ſie kann wohl an uns gedacht haben, wenn ſie ein Teſtament gemacht hat.— Wohlan, Sir, ich habe geſagt, was ich zu ſa⸗ gen hatte— ich wünſche euch nun eine gute Nacht, und“— hierbei ſteckte er die Hand in die Taſche. „Nein, nein, mein Freund; ich nehme niemals Gebühren in der Sonnabendnacht, oder von jemand, der nichts Schriftliches bringt. Und nun fort mit euch, Dandy.“ Und Dandy machte ſeine Verbeugung und ſchied alsbald. Siebzehntes Kapitel. Dies Poſſenſpiel hat weder Kunſt noch Leben, Die Phantaſie zu freun, das Herz zu heben. Trüb, doch nicht grauſend, traurig, doch gemein, Sieht man ſich lärmend Scen' an Scene reihn; Da iſt kein Gegenſtand zart oder tief, Nur alles kalt, bedeutungslos und ſchief. „Ew. Majeſtät,“ ſagte Mannering lachend,„haben dero Ab⸗ dankung durch einen Act der Gnade und Milde verherrlicht— Je⸗ ner Mann wird ſchwerlich⸗daran denken, das Recht weiter zu ver⸗ folgen.“ „O, da irren Sie ſehr,“ ſagte der erfahrene Rechtsgelehrte. „Es iſt nur der Unterſchied, daß ich meinen Clienten ſammt den Gebühren verloren habe. Er wird nicht eher ruhen, bis er jemand findet, der ihn ermuthigt, die Thorheit, die er ſich in den Kopf ge⸗ ſetzt hat, zu begehen. Nein! nein! ich habe nur eine andre ſchwache Seite meines Charakters gezeigt— in der Sonnabendnacht ſprech' ich immer die Wahrheit.“ „und bisweilen die ganze Woche hindurch, ſollt' ich meinen,“ ſagte Mannering, im gleichen Tone fortfahrend. 171 „Nun, ja; ſo weit es mein Beruf geſtattet. Ich bin, wie Hamlet ſagt, gleichgiltig ehrlich, wenn meine Clienten und deren Gegner mich nicht dazu anwenden, ihre doppelt abgezogenen Lü⸗ gen vor Gericht zu bringen. Aber oportet vivere! es iſt traurig genug.— Und nun zu unſerm Geſchäft. Es freut mich, daß Sie mein alter Freund Mac⸗Morlan zu mir geſchickt hat; er iſt ein thätiger, ehrlicher und einſichtsvoller Mann, lange ſchon Unter⸗ ſheriff der Grafſchaft— und er begleitet dies Amt noch immer. Er weiß, welche Achtung ich für die unglückliche Familie von Ellango⸗ wan und für die arme Lucy hege. Ich habe ſie ſeit ihrem zwölf⸗ ten Jahre nicht geſehn und damals war ſie ein ſüßes, artiges Kind, leider unter der Aufſicht eines recht thörichten Vaters. Aber meine Theilnahme für ſie ſchreibt ſich von früherher. Ich ward als Sheriff der Grafſchaft, Mr. Mannering, berufen, die nähern Umſtände eines Mordes zu erforſchen, welcher bei Ellangowan gerade am Tage der Geburt dieſes armen Kindes begangen worden war, und welcher, durch ein ſeltſames Zuſammentreffen, das ich nicht zu enträthſeln vermochte, den Tod oder das Abhandenkommen ih⸗ res einzigen Bruders, eines Knaben von etwa fünf Jahren herbei⸗ führte. Nein, Oberſt, nie werde ich das Elend des Hauſes Ellan⸗ gowan an jenem Morgen vergeſſen!— Der Vater halb wahnſin⸗ nig— die Mutter bei der Entbindung geſtorben— das hilfloſe Kind, das kaum eine Wärterin fand, wehklagend und weinend in einem Augenblicke ſolches Herzeleids. Wir Advokaten ſind nicht von Eiſen, Sir, oder von Erz, ſo wenig als ihr Kriegsmänner von Stahl. Wir ſtehn im Verkehr mit den Verbrechen und der Trübſal der bürgerlichen Geſellſchaft, wie ihr mit denen, die der Krieg mit ſich führt, und um in jedem Falle eure Pflicht zu thun, iſt ein Bißchen Gleichmuth vielleicht nothwendig— Aber der Teufel hole einen Krieger, deſſen Herz ſo hart ſein kann, wie ſein Schwert, und des Teufels Großmutter hole den Rechtsgelehrten, der ſein Herz mit Erz umgibt, ſtatt ſeine Stirne!— Aber ich komme ganz um meinen Sonnabend— wollen Sie die Güte haben und mir die Papiere anvertrauen, die ſich auf Miß Bertrams Angelegenheit beziehen!— und, bitte, morgen halten Sie eine Junggeſellen⸗ mahlzeit mit einem alten Rechtsgelehrten, ich beſtehe darauf, Punkt drei uhr— und Sie kommen ſchon eine Stunde früher.— Die alte Lady wird am Montag begraben; es iſt die Angelegenheit einer Verwaiſten, und wir wollen dem Sonntag eine Stunde ab⸗ borgen, um über die Sache zu ſprechen— obwohl ich fürchte, es werde ſich nichts thun laſſen, wofern ſie ihre frühere Anord⸗ nung verändert hat— aber vielleicht geſtaltet ſich die Sache günſti⸗ ger und wofern Miß Bertram darthun kann, daß ſie rechtmäßige Erbin iſt, und— „Doch, hören Sie! meine Unterthanen macht ihr Interregnum ungeduldig— ich lade Sie nicht ein, ſich zu uns zu geſellen, Oberſt; es hieße zuviel von Ihrer Gefälligkeit verlangt, da ſie den Tag nicht mit uns begonnen haben und allmählig von Weisheit zur Fröhlich⸗ keit und von Fröhlichkeit zur— zur— Ausgelaſſenheit übergegan⸗ gen ſind.— Gute Nacht— Heinrich, begleite Mr. Mannering nach ſeiner Wohnung— Herr Oberſt, ich erwarte Sie morgen nach zwei Uhr.“ Der Oberſt kehrte nach ſeinem Wirthshaus zurück, ebenſo er⸗ ſtaunt über die kindiſchen Spiele, mit denen er ſeinen gelehrten An⸗ walt beſchäftigt gefunden hatte, als über die Aufrichtigkeit und den geſunden Verſtand, den er bewies, als er aufgefordert wurde, einen Augenblick ſeinen Berufsgeſchäften zu widmen, und ebenſo über den herzlichen Ton, in welchem er von der freundloſen Waiſe ſprach. Am Morgen, als der Oberſt und ſein höchſt ruhiger und ſchweig⸗ ſamer Genoſſe, Dominie Simſon, eben ihr Frühſtück beendigten, welches Barnes zugerichtet und eingeſchenkt hatte, nachdem ſich der Dominie bei gleichem Verſuche verbrüht,— trat Mr. Pleydell plötz⸗ lich in's Zimmer. Eine ſauber aufgeputzte Stutzperücke, wo ein eifriger und ſorgſamer Friſeur jedes Härchen kunſtreich gepudert hatte; ein wohlgebürſteter ſchwarzer Anzug, ſehr glänzende Schuhe, goldene Schnallen; ferner ein mehr gemeſſenes und förmliches, als zudringliches Benehmen, welches aber deswegen keineswegs linkiſch war; ein Geſicht, deſſen ausdrucksvolle und etwas komiſche Züge in vollkommener Ruhe waren,— alles dies ſtellte ein Weſen dar, welches ganz verſchieden von dem drolligen Geiſte des geſtrigen Abends war. Der ſchlaue und durchdringende Feuerblick des Auges war das einzige hervorſtechende Merkmal, welches an den Mann des„Sonnabends“ erinnerte. „Ich komme,“ ſagte er mit feinem Anſtand,„meine königliche Autorität bei Ihnen ſowohl in geiſtlicher als weltlicher Hinſicht aus⸗ zuüben— kann ich Sie nach der Presbyterianerkirche begleiten, oder zum biſchöfflichen Gottesdienſte!— Tros Pyriusve, ein Rechtsgelehrter hat, wie Sie wiſſen, beide Religionen, oder viel⸗ mehr ſollte ich ſagen, beide Formen der Religion— oder kann ich Ihnen den Vormittag auf irgend eine andre Weiſe hinbringen hel⸗ fen! Sie werden meine altväteriſche Zudringlichkeit entſchuldigen — Ich ward zu einer Zeit geboren, wo ein Schotte für ungaſtfreund⸗ lich galt, ſobald er einen Gaſt einen Augenblick allein ließ, außer während der Zeit des Schlafes— aber ich hoffe, Sie werden mir es gleich ſagen, wenn ich ſtöre.“ „Durchaus nicht, mein theurer Sir,“ antwortete Oberſt Mannering;„es freut mich, daß ich mich Ihrer Führerſchaft über⸗ laſſen kann. Ich wünſche ſehr, einen Ihrer ſchottiſchen Prediger zu hören, deren Talente ihrer Heimat ſo viel Ehre gebracht haben— Ihren Blair, Ihren Robertſon, oder Ihren Henry; und ich nehme Ihr freundliches Anerbieten von ganzem Herzen an. Allein,“ hier zog er den Rechtsgelehrten ein wenig bei Seite, während er den Blick auf Simſon richtete,„mein würdiger und träumeriſcher Freund 174 dort iſt ein wenig unbehilflich und zerſtreut, und mein Diener, Bar⸗ nes, der gewöhnlich ſein Führer iſt, kann ihm hier nicht wohl Bei⸗ ſtand leiſten, zumal da er ſelber den Entſchluß ausgedrückt hat, nach einigen der abgelegenen Kirchen zu gehen.“ Des Rechtsgelehrten Auge heftete ſich auf Dominie Simſon. „Eine der Erhaltung würdige Merkwürdigkeit— und darum werd' ich Ihnen einen paſſenden Wächter dafür ausfindig machen. — Hört, Freund,“(zum Bedienten,)„geht zu Luckie Finlayſon's am Cowgate, und fragt nach Miles Macfin, dem Lohnbedienten; er wird um dieſe Zeit hier ſein, und ſagt ihm, ich wünſche ihn zu ſprechen.“ Die verlangte Perſon kam bald herbei.„Dieſes Mannes Ob⸗ hut will ich Ihren Freund vertrauen,“ ſagte Pleydell;„er wird ihn begleiten oder führen, wohin er nur immer gehen mag, gleich⸗ viel ob es nach Kirche oder Markt geht, nach Verſammlung oder Gerichtshof, oder wo irgend nur hin es ſei— und ſtets wird er ihn ſicher zurückbringen, zu welcher Stunde ihr es verlangen mögt; ſo kann denn Mr. Barnes beliebig ſeine Freiheit genießen.“ Alles dies war bald in Ordnung gebracht und der Oberſt über⸗ gab ſeinen Simſon der Sorgfalt dieſes Mannes, für die ganze Zeit, wo ſie in Edinburg verweilen würden. „und nun, Sir, gehen wir, wenn es Ihnen gefällig iſt, nach der Capucinerkirche, um dort unſern Hiſtoriker von Schottland, von dem Continent und von Amerika zu hören.“ Sie ſahen ſich indeß getäuſcht— er predigte an dieſem Morgen nicht.—„Nur ein wenig Geduld,“ ſagte der Sachwalter,„und wir werden nichts zu bereuen haben.“ Der College des Dr. Robertſon beſtieg die Kanzel*). Seine äußere Erſcheinung war nicht beſonders günſtig. Eine ſehr weiße *) Dies war der berühmte Dr. Erskine, ein ausgezeichneter Geiſt⸗ licher und vortrefflicher Menſch. 175 Geſichtsfarbe, die ſeltſam mit einer ſchwarzen völlig ungepuderten Perücke contraſtirte; eine enge Bruſt und gebeugte Haltung; Hände, welche, gleich Stützen an beiden Seiten der Kanzel aufge⸗ legt, eher zur Aufrechthaltung der Perſon nöthig ſchienen, als um die Geſticulation des Predigers zu vervollſtändigen,— dies und mehreres andere war es, was dem Fremden an ihm zuerſt auffiel. „Oer Prediger ſcheint nicht vortheilhaft ausgeſtattet,“ flüſterte Mannering ſeinem neuen Freunde zu. „Keine Beſorgniß, er iſt der Sohn eines trefflichen ſchottiſchen Rechtsgelehrten— er wird ſeiner Herkunft Ehre machen, ich ſtehe für ihn.“ Der Rechtsgelehrte prophezeite richtig. Man hörte einen Vor⸗ trag, reich an neuen, treffenden und unterhaltenden Anſichten über bibliſche Geſchichte— eine Predigt, worin der Calvanismus der ſchottiſchen Kirche wohl erläutert und unterſtützt ward; die Baſis jedoch machte ein geſundes Syſtem praktiſcher Moral aus, wodurch der Sünder weder unter der Hülle ſpeculativen Glaubens oder gemei⸗ ner Meinungen Schutz finden, noch den Fluthen des Unglaubens und des Abfalles überlaſſen werden ſollte. Etwas veraltet war der Kunſtgriff der Argumente und Metaphern, aber er diente nur dazu, dem Style der Beredſamkeit Klarheit zu geben. Die Predigt ward nicht geleſen— ein Streifchen Papier, enthaltend die Hauptpunkte des Ganzen, ward gelegentlich zur Hand genommen, und der Vor⸗ trag, welcher anfangs unvollkommen und ängſtlich erſchien, ward, als der Prediger in der Folge mehr ins Feuer kam, lebhaft und be⸗ ſtimmt. Obwohl nun die Abhandlung nicht als eine fehlerloſe Probe von Kanzelberedſamkeit gelten konnte, ſo hatte Mannering gleichwohl noch nie ſo viel gelehrten metaphyſiſchen Scharfſinn und ſoviel Energie der Argumente im Dienſte des Chriſtenthums anwen⸗ den hören. „So,“ ſagte er, als er aus der Kirche ging,„müſſen die Prediger geweſen ſein, deren bedeutenden, wenn auch zuweilen etwas roh gebildeten Talenten wir die Reformation verdanken.“ „und doch hat jener ehrwürdige Herr,“ ſagte Pleydell,„den ich ſeines Vaters und ſeiner ſelbſt willen liebe, nichts von jenem phariſäiſchen Stolze, welcher einigen der vormaligen Väter der cal⸗ viniſtiſchen Kirche Schottlands innewohnte. Sein College und er ſind verſchiedener Meinung hinſichtlich verſchiedener Punkte der Kirchendisciplin und in Bezug darauf ſind ſie auch Häupter verſchie⸗ dener Parteien in der Kirche; aber dabei behaupten ſie ſtets perſön⸗ liche Achtung gegen einander, laſſen nichts Böswilliges ihre wech⸗ ſelſeitige Oppoſition unterſtützen, und beide zeigen ſich ſtandhaft, feſt und ihrer Sache gewiß.“ „und was halten Sie von ihren verſchiedenen Anſichten, Mr. Pleydell?“ „Ei, Herr Oberſt, ich glaube, ein ſchlichter Mann kann in den Himmel kommen, ohne an all jene Einzelheiten zu denken— überdies, inter nos, ich bin ein Mitglied der leidenden und biſchöff⸗ lichen Kirche von Schottland— jetzt nur noch ein Schatten vom Schatten,— aber ich liebe es, da zu beten, wo meine Väter vor mir beteten, ohne deswegen ſchlecht von den Formen der Presbyteria⸗ ner zu denken, weil mich dieſe nicht auf gleiche Weiſe anſprechen.“ Mit dieſen Worten ſchieden ſie nun bis zur Zeit des Mittageſſens. Mannering dachte an den elenden Eingang zu des Rechtsge⸗ lehrten Wohnung, und hegte demnach nur ſehr beſcheidene Erwar⸗ tungen von der Bewirthung, die er empfangen ſollte. Bei Tages⸗ licht ſah jener Eingang noch ſchrecklicher aus, als am vorigen Abend. Die Häuſer an beiden Seiten des Gäßchens ſtanden einan⸗ der ſo nah, daß ſich die Nachbarn von beiden Seiten die Hände rei⸗ chen konnten, und hier und da war auch der Raum gänzliich geſchloſ⸗ ſen, indem hölzerne Gallerien von einem Haus zum andern liefen. 177 Die Treppe war nicht beſonders reinlich; und als Mannering das Haus betrat, fiel ihm die Engigkeit und das miſerable Anſehn der Hausflur vorzüglich auf. Aber das Bibliothekzimmer, nach wel⸗ chem er von einem ältlichen, ehrwürdig ausſehenden Diener geführt ward, bildete einen vollkommenen Gegenſatz zu all jenen wenig verſprechenden Aeußerlichkeiten. Es war ein geräumiges hübſches Gemach, mit den Portraits von einigen ſchottiſchen berühmten Charakteren, von Jamieſon, dem Caledoniſchen Vandyk, ge⸗ ſchmückt. Ringsum ſtanden die Bücher, die beſten Ausgaben der beſten Autoren, und vor allen eine vorzügliche Sammlung der Klaſſiker. „Dies,“ ſagte Pleydell,„iſt mein Handwerkszeug. Ein Rechtsgelehrter ohne Kenntniß der Geſchichte und Literatur iſt ein Handwerker, ein gemeiner Maurer; beſitzt er aber von jenen einige Kenntniß, ſo darf er ſich einen Baumeiſter nennen.“ Sehr ergötzte ſich Mannering durch die Ausſicht aus den Fen⸗ ſtern, welche den unvergleichlichen Proſpekt der Gegend zwiſchen Edinburg und der See gewährten; der Frith of Forth, mit ſeinen Eilanden, u. ſ. w. alles zeigte ſich hier und gegen Norden begränzte eine Hügelreihe den blauen Horizont. Nachdem ſich Mr. Pleydell an der Ueberraſchung ſeines Gaſtes zur Gnüge erfreut hatte, lenkte er deſſen Aufmerkſamkeit auf Miß Bertrams Angelegenheiten.„Ich hatte Hoffnung,“ ſagte er,„wie⸗ wohl nur ſehr ſchwache Hoffnung, einige Mittel entdeckt zu haben, um ihr unbeſtreitbares Recht auf das Gut Singleſide feſtzuſtellen; aber meine Bemühungen waren vergeblich. Die alte Lady war allerdings unbeſchränkte Eigenthümerin, und durfte mit vollem Rechte beliebig über ihr Gut verfügen. Alles, was uns zu hoffen bleibt, iſt, daß ſie der Teufel nicht verſucht haben möge, ihre frü⸗ here Verfügung umzuſtoßen; Sie müſſen des Fräuleins Leichen⸗ begängniß abwarten, wozu man ſie einladen wird, da ich dem Ge⸗ Guy Mannering. II. 12 178 ſchäftsführer der Verſtorbenen Nachricht gegeben habe, daß Sie als Bevollmächtigter von Seiten der Miß Lucy Bertram hier ſind. Ich werde Sie nachher in der Wohnung der Seligen treffen, und ein Auge darauf haben, daß bei Eröffnung des Nachlaſſes Alles in gehöriger Ordnung vorgehe. Die Alte hatte ein junges Mädchen bei ſich, eine verwaiſte Verwandte, die als ſklaviſche Geſellſchaf⸗ terin bei ihr lebte. Ich hoffe, ſie wird ſo viel Gewiſſen gehabt ha⸗ ben, dieſe ihre Untergebene für alle Härte und Mühe, die ſie zeitle⸗ bens bei ihr erdulden mußte, gebührend zu entſchädigen.“ Jetzt erſchienen drei Herren, die dem Fremden vorgeſtellt wur⸗ den. Es waren verſtändige, heitere und gebildete Männer, ſo daß der Tag ſehr angenehm verſtrich. Als Mannering am Abend wieder in ſeinem Gaſthofe ankam, fand er eine Einladungskarte zum Leichenbegängniß der Miß Margarete Bertram von Single⸗ ſide, welches um ein Uhr Nachmittags von ihrem eigenen Hauſe beginnen und zum Begräbnißplatz auf dem Capucinerkirchhof ge⸗ hen ſollte. Zur beſtimmten Stunde begab ſich Mannering nach einem klei⸗ nen Hauſe in der ſüdlichen Vorſtadt, wo er den Trauerplatz, wie gewöhnlich in Schottland, durch zwei Trauergeſtalten bezeichnet fand, angethan mit langen ſchwarzen Gewändern, weißen Krepp⸗ flören und Hutbändern, und Stäbe mit Trauerfahnen ähnlicher Art in den Händen haltend. Zwei andre Stumme, die nach ihren Geſichtern zu urtheilen, in großer Trübſal um des fremden Un⸗ glücks willen waren, führten ihn in das Speiſezimmer der Verſtor⸗ benen, wo die Geſellſchaft der Leidtragenden verſammelt war. In Schottland iſt die, jetzt in England außer Gebrauch ge⸗ kommene, Sitte, die Verwandten des Verſtorbenen zum Leichen⸗ begängniß einzuladen, noch allgemein beibehalten. Bei manchen Gelegenheiten hat dies eine ſonderbare und auffallende Wirkung; 179 aber es artet in bloß leere Form und in ein Poſſenſpiel aus in Fäl⸗ len, wo der Verſtorbene das unglück hatte, ungeliebt zu leben und unbeklagt zu ſterben. Die Begräbnißgebräuche der engliſchen Kirche, die ſo ſchön und ausdrucksvoll ſind, würden in ſolchen Fäl⸗ len die Aufmerkſamkeit feſſeln, die Gedanken und Gefühle der An⸗ weſenden ſammeln und ſie zur Andacht ſtimmen; in Schottland aber kann, wenn nicht wahres Gefühl die Leidtragenden erfüllt, nichts den Mangel erſetzen und den Geiſt erheben, ſo daß die Geſell⸗ ſchaft nur zu ſichtbar mit heuchleriſcher Anſtrengung den Zwang der Sitte erträgt. Margarete Bertram gehörte unglücklicher Weiſe zu denjenigen, die, ungeachtet mancher guten Eigenſchaften, den⸗ noch freundlos bleiben; ſie hatte keine nahen Verwandten, die aus natürlicher Neigung um ſie hätten trauern mögen, und ſo be⸗ merkte man bei ihrem Leichenbegängniß nur den äußern Anſtrich von Trauer. Mannering ſtand alſo mitten unter dieſer trauernden Geſell⸗ ſchaft von Vettern im dritten, vierten, fünften und ſechſten Grade, und ſuchte in ſeinem Geſichte die würdevolle Feierlichkeit darzule⸗ gen, welche ſeine ganze Umgebung blicken ließ; und er mühte ſich, ſo viel Theilnahme für Mrs. Margarete an den Tag zu legen, wie wenn die verſtorbene Dame von Singleſide ſeine eigne Schweſter oder Mutter geweſen wäre. Nach einer tiefen und ernſtfeierlichen Stille, begann die Geſellſchaft leiſe zu ſchwatzen, aber nur ganz heimlich flüſternd, als hätte man ſich im Zimmer eines Sterbenden befunden. „Unſre theure Freundin,“ ſagte ein ernſter Gentleman, kaum den Mund öffnend, weil er fürchtete, die nothwendige Feierlich⸗ keit ſeiner Züge zu zerſtören, und ganz leiſe zwiſchen den Lippen flüſternd, welche ſo wenig als möglich geöffnet wurden,—„unſre theure Freundin hat ein ſehr verſtändiges Leben geführt.“ 12* „Gewißlich,“ antwortete die angeredete Perſon mit halbge⸗ ſchloſſenen Augen;„die gute Mrs. Margarete lebte ſehr einge⸗ zogen.“ „Was Neues heut, Oberſt Mannering?“ ſagte einer der Herren, mit denen er am Tag zuvor geſpeiſt hatte, aber in einem ſo ernſten und würdevollen Tone, als hätt' er den Tod ſeiner gan⸗ zen Familie ankündigen wollen. „Nichts beſonders, glaub' ich, Sir,“ ſagte Mannering, und zwar ganz in dem Tone, der, wie er bemerkte, für das Haus der Trauer geeignet war. „Ich höre,“ fuhr der erſte Sprecher mit Nachdruck, und mit der Miene eines ganz wohl Unterrichteten, fort—„ich höre, es, iſt ein Teſtament vorhanden?“ „Und was wird die kleine Jenny Gibſon bekommen?“ „Ein hundert und bie alte Repetiruhr..“ „Das iſt aber auch blutwenig, armes Kind; ſie hat es doch ſehr lange mit der alten Dame ausgehalten.'s iſt aber auch ein ſchlimmes Ding, auf andrer Leute Tod warten.“ „Ich fürchte,“ ſagte der Politiker, der dicht neben Manne⸗ ring ſtand,„wir ſind mit unſerm alten Freunde Tipp und Saib noch nicht fertig— gewiß wird er der Compagnie noch viel zu ſchaf⸗ fen machen; und man ſagt mir, aber ſie werden das wohl ſchon wiſſen, daß die oſtindiſchen Papiere gar nicht ſteigen wollen.“ „Hoffentlich thun ſie es bald, Sir.“ „Mrs. Margarete,“ ſagte eine andere Perſon, ſich in die Un⸗ terhaltung miſchend,„hat einige indiſche Papiere, ich weiß das, denn ich holte die Intereſſen für ſie. Es würde nun für die Cura⸗ toren und Vermächtnißerben gut ſein, wenn ſie des Herrn Oberſt Rath erbäten, wenn und auf welche Weiſe ſich die Papiere am Be⸗ ſten in Geld verwandeln laſſen. Ich meinerſeits denke— aber hier kommt eben Mr. Mortcloke, der uns jetzt das Nähere ſagen wird.“ Mr. Mortcloke, der Leichenbitter that dies denn auch und zwar mit einem Geſicht von berufsmäßiger Länge und Feierlichkeit, indem er den Trägern des Bahrtuchs kleine Karten gab, welche ihre Plätze, die ſie beim Sarge einnehmen ſollten, beſtimmten. Da der Vorrang nach der Nähe des Verwandtſchaftgrades beſtimmt wird, ſo konnte der arme Mann, wie gut er ſich auch auf die Lei⸗ chenfeierlichkeiten verſtehen mochte, doch nicht vermeiden, hier und da einen Anſtoß zu geben. Mit Mrs. Bertram verwandt ſein, hieß mit den Ländereien von Singleſide verwandt ſein, und daher war jetzt jeder Verwandte ſehr eiferſüchtig auf die Nähe ſeines Ver⸗ wandtſchaftgrades. Einiges Murren vernahm man daher bei die⸗ ſer Gelegenheit, und unſer Freund Dinmont gab ſeinen Unwillen offener zu verſtehen, da er weder fähig war, ſein Mißvergnügen zu unterdrücken, noch auch den zur Feierlichkeit nothwendigen Ton zu treffen im Stande war.„Ich dächte doch, ihr hättet mir auch wohl ein Bein von ihr tragen laſſen können,“ vief er mit bedeutend lauterer Stimme, als es ſich eigentlich geziemen wollte;„Lieber Gott! wenn es nicht um des Gutes willen wäre, ſo würd' ich ſie wohl ganz allein tragen dürfen, ſo viele Vornehme jetzt auch hier ſein mögen.“ Einige Dutzend unwilliger und tadelnder Geſichter wandten ſich nach dem unerſchrockenen Landmann, der, nachdem er ſeinem Unmuthe Luft gemacht hatte, mit der übrigen Geſellſchaft trotzig die Treppe hinab ging, gänzlich den Tadel derjenigen verachtend, welche durch ſeine Bemerkungen beleidigt worden waren. Darauf ſetzte ſich der Leichenzug in Bewegung; voran Männer mit Stäben, an welchen Bänder von beſchmutztem weißem Flore weh⸗ ten, zu Ehren des wohlbewahrten jungfräulichen Rufes von Mrs. Margarete Bertram. Sechs magere Pferde, an ſich ſelbſt treffende Sinnbilder der Sterblichkeit, mit ſchwarzen Tüchern behangen 182 und mit Federbüſchen geſchmückt, die den Leichenwagen mit den Wappenbildern ſchleppten, ſchlichen langſam zu dem Begräbniß⸗ platze, geführt von einem Blödſinnigen, der mit umſchlägen und einer Halskrauſe von weißem Papiere jeden Leichenzug begleitete. Sechs Trauerwagen mit den Leidtragenden ſchloſſen die Reihe. Unterwegs ließ man den Zungen freien Lauf, und ſprach unge⸗ zwungen über den Betrag des Nachlaſſes und die muthmaßlichen Erben. Diejenigen aber, welche die erſten Anſprüche hatten, be⸗ obachteten ein kluges Schweigen, um nicht Hoffnungen auszu⸗ drücken, welche getäuſcht werden konnten, und der Geſchäftsfüh⸗ rer, der allein wußte, wie die Sachen ſtanden, machte eine geheim⸗ nißvoll wichtige Miene, als hätte er bei ſich beſchloſſen, die unge⸗ duldige Erwartung bis auf den letzten Augenblick zu ſpannen. Endlich langten ſie an der Kirchhofpforte an, und von da ka⸗ men ſie, zwiſchen einer Schaar von einigen Dutzend müßiger Wei⸗ ber, mit ihren Kindern auf dem Arme und begleitet von etlichen zwanzig größern Kindern, welche lärmend und ſchreiend neben der Proceſſion beiherliefen, zu dem Erbbegräbniſſe der Familie Sing⸗ leſide. Dies war ein viereckiger, eingeſchloſſener Raum, zur ei⸗ nen Seite bewacht von einem alten Engel ohne Naſe und mit nur noch einer einzigen Schwinge, welcher das Verdienſt hatte, ſeinen Poſten ein ganzes Jahrhundert hindurch behauptet zu haben, wäh⸗ rend ſein Kamerad, ein Cherub, welcher ihm gegenüber vormals Schildwache geſtanden hatte, zerbrochen unter Kletten, Schier⸗ ling und Neſſeln lag, welche ungeheuer üppig rings um des Mau⸗ ſoleums Wände wucherten. Eine moosbewachſene und faſt unles⸗ bar gewordene Inſchrift unterrichtete den Wandrer, daß im Jahr 1650 Capitain Andreas Bertram, der erſte des Namens von Sing⸗ leſide, entſproſſen aus dem alten und ehrenwerthen Hauſe Ellango⸗ wan, dieſes Denkmal für ſich und die Seinigen hatte errichten laſ⸗ ſen. Eine gehörige Anzahl von Senſen, Sanduhren, Todtenkö⸗ pfen und Gebeinen ſchmückte die folgende Probe von Leichenſtein⸗ poeſie zum Andenken des Stifters dieſes Mauſoleums: Nathaniels Herz, Bezaleels Hand, Wenn je ſie Einer hatt', So ſag' ich kühn, er hatte ſie, Der ruht an dieſer Statt. Hier alſo, in die tiefe, ſchwarze, fette Lehmerde, in die ihre Ahnen nunmehr verwandelt waren, legte man auch den Leib der Miß Margarete Bertram; und, gleich Soldaten, die von einem militäriſchen Leichenbegängniß zurückkehren, drängten die nächſten Verwandten, welche bei dem Teſtamente des Fräuleins betheiligt waren, die Führer der Kutſchen zu all' der Eile, deren dieſe fähig waren, um dem ferneren Verzuge der intereſſanten Entſcheidung endlich ein Ende zu machen. Achtzehntes Kapitel. Sterben und eine Schul', oder eine Katze beſchenken. Pope. Lucian erzählt eine Fabel von einer Schaar Affen, welche ein geſchickter Wärter gut abgerichtet hatte, ſo daß ſie eine Tragödie mit großem Beifall aufführten. Aber der Anſtand des ganzen Schauſpiels ward dabei aufeinmal vernichtet und die natürlichen Leidenſchaften der Schauſpieler arteten in einen höchſt unanſtändi⸗ gen und lebhaften Wetteifer aus, als ein Schalk eine Handvoll Nüſſe auf die Bühne warf; auf gleiche Weiſe erweckte die nahende Entſcheidung unter den Exſpektanten Gefühle von einem Charakter, welcher ganz verſchieden von jenem war, den ſie, unter der Aufſicht des Mr. Mortcloke, an den Tag zu legen bemüht geweſen waren. Dieſelben Augen, welche früher andächtig zum Himmel blickten, oder mit großer Demuth zur Erde geſenkt waren, ſchoſſen ihre Blicke nun ſcharf und gewandt auf alle Fächer, Schubladen, Ki⸗ ſten, Cabinette und all' die ſeltſamen Winkel, die die Behauſung eines alten jungfräulichen Fräuleins bieten mag. Aber ihr For⸗ ſchen frommte zu nichts; ſie fanden das Teſtament nicht, welches ſie ſo eifrig ſuchten. 185 Hier fand man eine Schuldverſchreibung von zwanzig Pfund, wobei bemerkt war, daß die fälligen Intereſſen am letzten Martins⸗ tage bezahlt worden; gewickelt war das Papier in ein neues Lied, gedichtet zu der alten Melodie„Ueber das Waſſer zu Charlie;“— dort fand ſich ein ſeltſamer Liebesbriefwechſel zwiſchen der Verſtor⸗ benen und einem gewiſſen Leutnant O'Kean von einem Infanterie⸗ regiment; mit dieſen Briefen zuſammengebunden war ein Doku⸗ ment, welches den Verwandten über die plötzliche Auflöſung einer ſo bedenklichen Verbindung vollen Aufſchluß gab, da es nämlich des Leutnants Schuldverſchreibung von zweihundert Pfund war, wor⸗ auf nie Intereſſen bezahlt worden zu ſein ſchienen. Andere ähn⸗ liche Papiere und Verſchreibungen in großer Menge und gezeichnet mit beſſern Namen(in kaufmänniſcher Bedeutung) als jener des ehrenwerthen und tapfern Kriegers, fanden ſich im Laufe der wei⸗ tern Nachforſchungen ebenfalls vor; überdies ein Behältniß mit Münzen von jeder Größe und Benennung, Stücke von zerbroche⸗ nem Gold und Silber, goldene Ohrringe, Gelenke von zerbroche⸗ nen Tabaksdoſen, Einfaſſungen von Brillen u. ſ. w. u. ſ. w. Im⸗ mer noch kam kein letzter Wille zum Vorſchein und Oberſt Manne⸗ ring begann größere Hoffnung zu ſchöpfen, daß die Verfügung, die er von Gloſſin erhalten hatte, die letzte Anordnung hinſichtlich der. Angelegenheiten der alten Dame enthalten werde. Aber ſein Freund Pleydell, der jetzt in das Zimmer trat, rieth ihm, dieſer Hoffnung nicht zu ſehr nach zu hängen. „Ich bin ſehr wohl mit dem Herrn bekannt,“ ſagte er,„wel⸗ cher die Unterſuchung leitet, und an ſeinem Benehmen errath' ich, daß er etwas mehr von der Sache weiß, als irgend einer von uns.“ Unterdeſſen, während die Unterſuchung fortſchreitet, wollen wir in der Kürze noch einen Blick auf einige in der Geſellſchaft werfen, welche am meiſten intereſſirt zu ſein ſchienen. Von Dinmont, der, mit ſeiner großen Reitpeitſche unter dem Arm, dem homme d'affaires mit ſeinem großen runden Geſicht über die Schulter ſieht, iſt weiter nichts zu ſagen von Nöthen. In ſeiner Nähe ſteht ein ältlicher, dünner Mann in einem ganz re⸗ gelrechten und zierlichen Traueranzuge; dieſer Herr iſt Mac⸗Cas⸗ quil, der, als ſehr entfernter Verwandter ſeine Erbſchaftsanſprüche blos darauf gründet, daß er mit der Verſtorbenen jeden Sonntag in einem Kirchenſtuhl geſeſſen und regelmäßig an jedem Sonnabend in den Abendſtunden„ Cribbage“ mit ihr geſpielt hat, aber ſtets mit großer Sorgfalt darauf achtend, daß er nie gewinnen möchte. Der andere ziemlich rauh ausſehende Mann, der ſein graues Haar in einem ledernen Haarbeutel trägt, iſt ein Tabakshändler, ein Verwandter von mütterlicher Seite, der bei dem Ausbruche des Krieges ſeine Waarenpreiſe für alle Kunden erhöhte, ausgenom⸗ men für Margarete Bertram, deren ſchildpattene Doſe wöchentlich mit dem beſten Rappee zu dem alten Preiſe gefüllt wurde, weil des Fräuleins Dienſtmädchen ſie jedesmal mit einer Empfehlung von Mrs. Bertram an ihren Vetter Mr. Quid überbrachte.— Jener junge Menſch, der nicht einmal ſo höflich geweſen iſt, ſeine großen Stiefeln und Lederhoſen wegzulaſſen, würde vielleicht höher als jeder Andere in der Gunſt der verſtorbenen Dame geſtanden haben, die gern auf hübſche junge Männer zu ſehen pflegte, wenn er nicht, wie man glaubte, ſein Glück dadurch verſcherzt hätte, daß er zu⸗ weilen ihre feierlichen Einladungen zum Thee vernachläſſigte, oder auch wohl zuweilen dahin kam, nachdem er in ſchlechter Geſellſchaft geweilt hatte, überdies zweimal ihrer Katze auf den Schwanz trat, und einmal ihren Papagei beleidigte. Für Mannering war die intereſſanteſte Perſon unter der gan⸗ zen Schaar das junge arme Mädchen, welches eine Art von demü⸗ thiger Geſellſchafterin der Verſtorbenen geweſen war, als ein Ge⸗ genſtand, an welchem jene zu jeder Zeit ihre ſchlechte Laune auslaſ⸗ ſen konnte. Die Lieblingsmagd der Verſtorbenen hatte ſie, nur der Form wegen, in das Zimmer gezogen, wo ſie ſich ſogleich in einen Winkel drückte, und mit Erſtaunen und Entſetzen zuſah, wie fremde zudringliche Hände jene Behältniſſe durchwühlten, auf welche ſie ſeit ihrer Kindheit nur mit ſcheuer Ehrfurcht geblickt hatte. Alle ſchauten mit ungünſtigem Auge auf das arme Mädchen, den ehrlichen Dinmont ausgenommen; die übrigen aber glaubten in ihr eine gefährliche Mitbewerberin zu erblicken, deren Anſprüche die Erbſchaft wenigſtens vermindern könnten. Aber gleichwohl war ſie die einzige Perſon unter allen Anweſenden, welche wirklich um die Verſtorbene Kummer zu empfinden ſchien. Mrs. Bertram war ihre Beſchützerin geweſen, wenn auch aus ſelbſtſüchtigen Be⸗ weggründen, und all die launiſche Tyrannei der alten Lady war in dem Augenblicke vergeſſen, wo die Thränen über die Wangen ihrer freundloſen Untergebenen floſſen. „Da gibt es Waſſer genug, Drumquag“(früherer Name des Mac⸗Casquil,) ſagte der Tabaksfabrikant zu ſeinem verarmten Nachbar,„genug, um die Leute darin zu baden.“ Mr. Mac⸗ Casquil antwortete nur durch ein Kopfnicken, denn in Gegenwart des Mr. Pleydell und Oberſt Mannering fühlte er ſeinen höhern Rang. „Sehr närriſch wär's, wenn kein letzter Wille da ſein ſollte, Freund,“ ſagte Dinmont, welcher ungeduldig zu werden begann, zu dem Geſchäftsführer. „Einen Augenblick Geduld, wenn es euch gefällig iſt— Sie war eine gute und umſichtige Frau, Mrs. Margarete Bertram— eine gute, umſichtige und verſtändige Frau, die wohl wußte, wie man Freunde und Vertraute zu wählen hat— ſie wird ihren letzten Willen und Teſtament, oder vielmehr ihre mortis causa Verfü⸗ gung in die Hände eines ſichern Freundes niedergelegt haben.“ 188 „Ganz ſicherlich und feſt glaub' ich,“ ſagte Pleydell flüſternd zu dem Oberſt,„er hat es in ſeiner eigenen Taſche;“— darauf re⸗ dete er den Mann des Rechtes an,„Wohlan, Sir, wir wollen die Sache kurz abmachen, mit Ihrer Erlaubniß; hier iſt eine Ver⸗ fügung über das Gut Singleſide, ausgefertigt vor einer Reihe von Jahren, zum Beſten der Miß Lucy Bertram von Ellango⸗ wan“—— die Geſellſchaft ſtarrte hier mit furchtſamen, wilden Blicken auf ihn.„Vermuthlich können ſie uns berichten, Mr. Protocol, ob ein ſpäteres Teſtament vorhanden iſt?“ „Erlauben Sie mir, Mr. Pleydell;“— mit dieſen Worten nahm jener die Urkunde aus der Hand des Rechtsgelehrten und ließ ſeinen Blick über den Inhalt gleiten. „Viel zu kalt,“ flüſterte Pleydell,„viel zu kalt— er hat noch eine andere Urkunde in der Taſche.“ „Warum zeigt er ſie dann nicht vor, daß ihn der Teufel!“ ſagte der militäriſche Herr, deſſen Geduld ſchon zu ſchwinden begann. „Ei, wie kann ich das wiſſen?“ antwortete der Rechtsge⸗ lehrte,—„warum tödtet eine Katze eine Maus nicht gleich, die ſie gefangen hat! es iſt meines Bedünkens nur das Bewußtſein der Obmacht und die Luſt am Quälen.— Wohlan, Mr. Protocol, was ſagen Sie zu dieſer Urkunde!?“ „Ei, Mr. Pleydell, die Urkunde iſt eine recht wohl abge⸗ faßte Urkunde, gehörig beglaubigt und nach geſetzlicher Vorſchrift bezeugt.“ „Aber widerrufen oder umgeſtoßen durch eine andere von ſpä⸗ terem Datum, die ſich in Ihrem Beſitz befindet, nicht ſo?“ ſagte der Rechtsgelehrte. „Etwas von der Art, allerdings, Mr. Pleydell,“ ſagte der Geſchäftsmann, ein Pack Schriften hervorziehend, das mit Bindfa⸗ den umwunden undan allen Ecken und Enden mit ſchwarzen Siegeln 189 verſehen war.„Jene Urkunde, Mr. Pleydell, welche ſie vorzei⸗ gen, iſt datirt vom erſten Juni, 17—; aber dieſe hier,“(die Sie⸗ gel brechend und das Document langſam entfaltend,)„iſt datirt vom 20.— nein, wie ich ſehe vom 21. April dieſes gegenwärtigen Jahres, alſo zehn Jahre ſpäter als jene.“ „Wahrlich,“ rief der Rechtsgelehrte,„gerade von demſelben Monate, in welchem Ellangowan's mißliche Lage allgemein be⸗ kannt zu werden begann. Aber laſſen Sie uns doch hören, was ſie verfügt hat.“ Mr. Protocoll begann demnach, nachdem er um Stille gebe⸗ ten, die Verfügung laut, in einem langſamen, feſten, geſchäfts⸗ mäßigem Tone, vorzuleſen. Die Gruppe der Umſtehenden, in deren Blicken Hoffnungen abwechſelnd erwachten und wieder erlo⸗ ſchen, und die all' ihre Faſſungskraft anſtrengten, um den Sinn des Teſtamentes durch den Nebel der Kunſtſprache, in welchen es eingehüllt war, gehörig zu verſtehen, hätte einen würdigen Gegen⸗ ſtand für Hogarth abgegeben. Das Teſtament war von ganz unerwartetem Inhalt. Es ver⸗ fügte über das Gut Singleſide, nebſt allem Zubehör, und mit In⸗ begriff der Ländereien von Loverleß, Liealone, Spinſter's Knowe, und der Himmel weiß was noch alles,„zu Gunſten des(hier ſank des Vorleſers Stimme zu einem ſanften und beſcheidenen Piano herab,) Peter Protocol, weil die Erblaſſerin das vollſte Vertrauen auf ſeiner Fähigkeit und Redlichkeit habe,“(dies ſind die nämlichen Worte, welche meine verſtorbene Freundin durchaus beigefügt wiſ⸗ ſen wollte.)„Aber nur als anvertrautes Gut,“(hier erhob der Leſer ſeine Stimme wieder, und die Geſichter vieler Zuhörer, welche vorher zu einer bedeutenden Länge gedehnt worden waren, verkürz⸗ ten ſich wieder ſehr,)„als anvertrautes Gut, und unter nachfol⸗ genden Bedingungen und Beſtimmungen.“ 190 In dieſen Bedingungen und Beſtimmungen lag aber gerade die Hauptſache. Die erſte derſelben wurde durch eine lange Vor⸗ rede eingeleitet, welche auseinanderſetzte, daß die Erblaſſerin in gerader Linie von dem alten Hauſe Ellangowan abſtamme, indem ihr Urgroßvater, Andreas Bertram, der Erſte von Singleſide ſe⸗ ligen Andenkens, der zweite Sohn des Allan Bertram, Barons von Ellangowan, geweſen ſei. Sodann ward beſtätigt, daß Henry Bertram, Sohn und Erbe des Godfrey Bertram, von Ellango⸗ wan, in der Kindheit ſeinen Eltern geſtohlen worden ſei; daß aber ſie, die Erblaſſerin, wohl verſichert ſei, er lebe noch in fremden Landen und würde durch des Himmels Fü⸗ gung wieder in das Erbe ſeiner Väter eingeſetzt wer⸗ den— in dieſem Falle aber ſolle der beſagte Peter Protocol gehal⸗ ten und verpflichtet ſein, wie er ſich ſelbſt bei Annahme gegenwär⸗ tiger Verfügung für verpflichtet und gebunden erkläre, ſich der be⸗ ſagten Güter von Singleſide und der übrigen dazu gehörigen Ge⸗ genſtände(nach Abzug einer Gratification für ſeine Mühe,) zu Gunſten des beſagten Henry Bertram, ſobald dieſer in ſeine Hei⸗ mat zurückkehren werde, zu entäußern. Während der Abweſen⸗ heit des jungen Bertram, oder wofern derſelbe vielleicht gar nicht nach Schottland zurückkehren ſollte, hatte Peter Protocol die Ein⸗ künfte des Gutes und den Ertrag des übrigen Vermögens, jedoch gleichfalls nach Abzug einer angemeſſenen Gratification für ihn, in gleichen Theilen an vier benannte milde Stiftungen zu verthei⸗ len. Die Verwaltung des Gutes, die Erhebung und Anlegung des baaren Vermögens, kurz, die volle Gewalt eines Eigenthümers, ward dem vertrauten Bevollmächtigten übertragen. Nur zwei Vermächtniſſe waren noch ausgeſetzt; eines von hundert Pfund ei⸗ ner Lieblingsmagd, ein zweites von gleichem Betrag für Janet Gibſon(welche nach Ausſage des Teſtaments durch der Erblaſſerin 191 Güte erzogen worden,) um dieſelbe dafür ein ehrbares Gewerbe er⸗ lernen zu laſſen. Ein derartiges Teſtament nennt man in Schottland eine Mor⸗ tification, und in einem großen Burgflecken,(Aberdeen, wenn ich mich recht erinnere,) heißt der Beamte, welcher ſolche Verfügungen zu beſorgen hat, der Maſter der Mortificationen. Man könnte vermuthen, dieſer Ausdruck rühre von der Wirkung her, welche ſolche Verfügungen gewöhnlich auf die Verwandten derjenigen äußeren, durch welche jene getroffen worden ſind. Bedeutend war allerdings die Kränkung und der Aerger, welcher die Verſammlung befiel, die im Beſuchzimmer der ſeligen Mrs. Margarete Bertram jener unerwarteten Entſcheidung über die Beſitzung Singleſide ge⸗ lauſcht hatte. Ein tiefes Schweigen herrſchte, nachdem das Do⸗ cument bis zu Ende vorgeleſen war. Mr. Pleydell nahm zuerſt wieder das Wort. Er bat, die Ur⸗ kunde durchſehen zu dürfen, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſie in gehöriger Weiſe aufgeſetzt und vollzogen ſei, wandte er ſich ohne jede weitere Bemerkung um und ſagte nur leiſe zu Manne⸗ ring:„Protocol iſt nicht ſchlimmer als andere Leute, wie ich glaube, aber das alte Fräulein hat Alles ſo eingerichtet, daß es ihm, wenn er nicht ein Schurke wird, wenigſtens nicht an Verſuchung dazu fehlen kann.“ „Ich glaube wirklich,“ ſagte Mr. Mac⸗Casquil von Drum⸗ quag, welcher, nachdem er die eine Hälfte ſeines Grolls hinunter⸗ geſchluckt hatte, entſchloſſen war, der andern Hälfte Luft zu ma⸗ chen,„ich glaube wirklich, daß dies ein ganz außerordentlicher Fall iſt! Ich möchte nun nur gern von Mr. Protocol wiſſen,— denn als einziger und unbeſchränkter Vertrauter muß dieſer doch bei der Gelegenheit zu Rathe gezogen worden ſein; ich möchte, ſag' ich, gern wiſſen, wie Mrs. Bertram im Stande ſein konnte, an die Exiſtenz dieſes Knaben zu glauben, der, wie alle Welt weiß, vor vielen Jahren ermordet worden iſt?“ „In der That, Sir,“ ſagte Mr. Protocol,„ich weiß nicht, wie es mir möglich ſein ſollte, ihre Beweggründe deutlicher zu er⸗ klären, als ſie es ſchon ſelber gethan hat. Unſere treffliche verſtor⸗ bene Freundin war ein gutes Weib, Sir— ein frommes Weib,— und ſie mochte wohl Gründe haben, an das Wohlbefinden jenes Knaben zu glauben, Gründe, die für uns nicht erkennbar ſind, Sir.“ „Ei,“ fiel der Tabaksfabrikant ein,„ich kenne die Gründe recht gut, auf welche ſie ihr Vertrauen ſetzte. Dort ſitzt Mrs. Re⸗ becka(die Magd,) die hat mir wohl hundert Mal in meinem ei⸗ genen Laden erzählt, es gäbe niemand, der darum wiſſe, wie die Lady ihren letzten Willen einrichten werde, denn eine alte Zigeu⸗ nerin zu Gilsland hätte ihr die Verſicherung gegeben, daß der Jun⸗ ker— Henry Bertram heißt er!— am Ende doch einſt wiederkeh⸗ ren werde. Könnt ihr das läugnen, Mrs. Rebecka? Freilich weiß ich wohl, daß ihr es rein vergeſſen habt, was ihr eurer Herrſchaft zu Gemüthe führen ſolltet, was ihr derſelben zu ſagen verſprachet, und wofür ich euch manche halbe Krone gegeben habe— Aber ihr werdet doch nun nicht verläugnen wollen, was ich jetzt ſage!“ „Ich weiß gar nichts davon,“ antwortete Rebecka, indem ſie feſt vor ſich hinblickte, ganz mit der Miene einer Perſon, welche nicht geneigt iſt, ſich an mehr zu erinnern, als an das, was ihr angenehm iſt. „Wohlgeſprochen, Rebecka! ihr ſeid mit eurem Theil zufrie⸗ den,“ ſetzte der Tabaksfabrikant noch hinzu. Jener junge Menſch, der bisher mit ſeiner Reitgerte an die Stiefeln geklopft hatte, ſaß jetzt da wie ein Kind, dem man ſeinen Brei genommen hat. Sein Murren indeß verſchloß er in ſein In⸗ neres oder machte ihm wenigſtens nur in abgebrochenen Sätzen Luft, 193 wie etwa:„was hab' ich nun davon, daß ich mich immer mit ihr plagte— bin ich doch, wahrlich, hieher gekommen, um Thee zu trinken, und verließ Geſellſchaften, die mir beſſer behagten; wahr⸗ haftig, ich hätte beſſer gethan, wegzubleiben— s iſt abſcheulich, keine hundert Pfund hat ſie mir gelaſſen!“ Mr. Protocol, welcher die gehäſſige Stimmung nicht gern in dieſem Augenblicke ſteigern wollte, verſprach, Alles gehörig in Ordnung bringen zu wollen und ſagte dann:„Wohlan, meine Herrn, ich denke wir haben jetzt hier nichts mehr zu thun— ich werde dafür ſorgen, daß ſchon morgen jeder der Herrn Gelegenheit habe, das Teſtament meiner trefflichen und würdigen Freundin hinſichtlich ſeines Inhalts zu prüfen und ſich nach Belieben einen Auszug davon zu nehmen.“ Jetzt begann er die Behältniſſe der Seligen mit größerer Eile zu ſchließen, als er ſie geöffnet hatte. „Mrs. Rebecka, ihr werdet ſo gut ſein, hier Alles in guter Ord⸗ nung zu halten, bis wir das Haus vermiethen können— es ward mir dieſen Morgen von jemand ein Antrag, wofern ich etwas der⸗ artiges finden ſollte.“ Unſer Freund Dinmont, der ſeine Hoffnungen ſo gut wie jeder andre gehabt hatte, hatte bisher mürriſch genug in dem Lehnſtuhle der verſtorbenen Lady geſeſſen, die ſich nicht wenig entſetzt haben würde, wofern ſie dieſes koloſſale Probeſtück eines Mannes in ih⸗ rem Lieblingſtuhle hätte ruhen ſehen. Seine Beſchäftigung hatte darin beſtanden, ſeine lange Peitſchenſchnur ſchneckenartig aufzu⸗ rollen und ſie dann auf der Mitte des Fußbodens wieder ſich wieder entwickeln zu laſſen. Die erſten Worte, die er endlich, nachdem alles entſchieden, ſagte, enthielten eine großmüthige Erklärung, von welcher er wahrſcheinlich ſelbſt nicht wußte, daß er ſie laut äußerte:—„Nun gut— Blut iſt dicker als Waſſer— ſie ſoll will⸗ kommen ſein bei den Käſen und Schinken.“ Als aber der Vertraute die obenerwähnten Abſchiedsworte zu den Trauernden ſagte und Guy Mannering. II. 13 davon ſprach, daß das Haus alsbald vermiethet werden ſollte, er⸗ hob ſich der ehrliche Dinmont auf ſeine Füße, und überraſchte die Geſellſchaft mit der ſchlichten Frage:„Und was ſoll dann aus dem armen Mädchen werden, der Jenny Gibſon! ſo viele von uns wollten mit der Familie verwandt ſein, als es ſich um die Erbſchaft handelte; und nun können wir für ſie denn doch auch etwas thun.“ Dieſer Vorſchlag ſchien die meiſten der Verſammelten zum ſo⸗ fortigen Abſchiede geneigt zu machen, obwohl ſie bei jener Aeuße⸗ rung Protocols noch gezögert hatten, als wenn ſie um das Grab ihrer vernichteten Hoffnungen geſtanden hätten. Drumquag ſagte, oder murmelte vielmehr etwas von„ſelbſt eine Familie haben,“ und aus dieſem Grunde nahm er, kraft ſeines adligen Blutes, den Vortritt und entfernte ſich ſo ſchnell als möglich. Der Tabaks⸗ händler trat auf und ließ die Aeußerung hören—„es iſt ja doch ſchon genug für ſie geſorgt; und Mr. Protocol iſt im Uebrigen die am meiſten geeignete Perſon, die Leitung des Mädchens zu über⸗ nehmen, da er das Legat auszuzahlen hat;“ nachdem er ſo ſeine Meinung in feſtem und entſchiedenem Tone dargelegt hatte, verließ er gleichfalls den Schauplatz. Der junge Menſch verſuchte einen plumpen und groben Scherz über die Andeutung der Mrs. Ber⸗ tram, daß das arme Mädchen ein ehrbares Gewerbe lernen ſolle; aber ein mißfälliger Blick aus Oberſt Mannerings finſterm Auge (auf welchen er, mit dem Tone einer guten Geſellſchaft völlig unbekannt, Beifall ſuchend geblickt hatte,) beſtimmte ihn ſchnell dahin, den unglücklichen Verſuch nicht zu erneuen. Er eilte ſo ſchnell als möglich die Treppe hinab. Protocol, der in der That ein gutmüthiger Menſch war, gab zunächſt die Abſicht zu verſtehen, einſtweilen die junge Dame bei ſich aufzunehmen, aber mit dem ſteten Vorbehalt, daß dieſes ſein Verfahren nur als ein Werk der Barmherzigkeit angeſehn werden ſolle; da erhob ſich aber Dinmont wieder, und, nachdem er ſeinen 195 weiten groben Ueberrock geſchüttelt hatte, wie etwa ein Neufound⸗ länder Hund ſein zottiges Fell ſchüttelt, wenn er aus dem Waſſer kommt, rief er:„Ei, der Teufel hol' mich, wenn ihr etwas mit ihr zu thun haben ſollt, Mr. Protocol, vorausgeſetzt, daß ſie Luſt hat, mit mir nach Hauſe zu gehen. Seht, Aillie und ich, wir kommen ganz gut mit einander aus, und ſie würde ſich bei uns auch gut genug befinden.— Jenny wird bei uns weiter gar nichts zu entbehren haben, als die feinen Manieren, und das Bücherle⸗ ſen und das zierliche Nähen— was ſie freilich bei einer ſo großen Dame, wie Lady Singleſide, lange genug getrieben hat; oder wenn ſie vielleicht von alle dem noch nichts verſteht, ſo wird ſie un⸗ ſern Jungen darum noch weit lieber ſein, darauf wett' ich. Ich will alles beſorgen, und was das Geld betrifft, die hundert Pfund, die mögt ihr in euren Händen behalten, Mr. Protocol, und ich werde ſchon ſelber noch etwas dazuthun, bis ſie einmal einen wackern tüchtigen Burſchen bei uns findet, der etwas braucht, um ſich eine Wirthſchaft einzurichten.— Nun, was ſagſt du dazu, Kind! du mußt freilich zu Pferde bei uns einziehen, denn eine Kutſche iſt noch nie durch Liddesdale gerollt:— und es wird mich auch recht freuen, wenn Mrs. Rebecka mit dir kommen will, Kind, um etliche Monate bei uns zu bleiben, ſo lange du noch fremd biſt.“ Während ſich Rebecka höflich verbeugte und die arme Waiſe auch dahin zu bringen ſuchte, ſich höflich zu verbeugen, ſtatt zu weinen, und während Dandy, nach ſeiner rohen Weiſe, Beiden Muth einſprach, nahm der alte Pleydell ſeine Zuflucht zur Schnupf⸗ tabaksdoſe.„Es iſt das für mich wie Speiſe und Trank, Oberſt,“ ſagte er, nachdem er ein wenig Faſſung gewonnen hatte,„wenn ich einen ſo ehrlichen Kerl ſehe— ich muß ihm auf ſeine eigne Weiſe eine Freude machen,— ich muß ihm helfen, ſich ſelber zu ruini⸗ ren— da iſt keine Rettung für ihn. Hier, ihr aus Liddesdale— Dandie— Charlieshope— wie nennt ihr euch doch!“ 13* Der Pächter wandte ſich um, unendlich erfreut, daß man ihn bemerkte, mochte es auch nur auf die angegebene Weiſe ſein; denn in ſeinem Herzen ehrte er, nächſt ſeinem eignen Oberherrn, einen Rechtsgelehrten vor Allen. „So wollt ihr wohl weiter nichts vornehmen, in Bezug auf die Sache wegen der Weideplätze!“ „Nein, nein, Sir— niemand verliert gern ſein Recht und läßt ſich darüber noch auslachen. Aber weil euch die Sache nicht angenehm ſcheint, oder weil ihr vielleicht der Freund der Gegen⸗ part ſeid, ſo muß ich zu einem andern Advokaten gehn.“ „Da, ſagt' ich es ihnen nicht, Oberſt Mannering!— Nun wohlan, Freund, wenn ihr durchaus ein Narr ſein müßt, ſo wol⸗ len wir wenigſtens dafür ſorgen, daß der Proceß möglichſt billig für euch ausfällt, und daß ihr auch wo möglich am Ende der Sieger ſeid. Schickt eure Papiere und ich werde dafür ſorgen, daß eure Sache gehörig geführt wird. Ich ſehe am Ende nicht ein, warum ihr nicht auch eure Proceſſe und eure Fehden vor den Gerichten ha⸗ ben ſolltet, ſo gut wie eure Vorfahren ihre Todtſchlägereien und brennenden Dörfer hatten.“ „Sehr natürlich, in der That, Sir. Wir wollten das alte Weſen genau eben ſo treiben, wär' es nicht um der Geſetze willen. Und da uns das Geſetz bindet, ſo ſoll uns auch das Geſetz löſen. Und wirklich hat auch ein Mann in unſrer Gegend erſt dann ein rechtes Anſehn, wenn er vor Gericht geſtanden hat.“ „Vortrefflich, mein Freund! Nun geht und ſchickt eure Pa⸗ piere.— Kommen Sie, Oberſt, wir haben hier nichts weiter zu thun.“ „Nun, wir wollen nun ſchon mit Jock von Dawſton Cleugh fertig werden!“ ſagte Dinmont, ſich voller Freude auf den Schen⸗ kel ſchlagend. Neunzehntes Kapitell. —— ich gehe jetzt zum Parlament; Habt irgend ein Geſchäft ihr etwa dort, Das ich beſorgen kann, ſeid kurz, laßt hören, Und zahlt mir die Gebühr. Der kleine Juriſt. „Werden Sie im Stande ſein, dieſes wackern Mannes Sache durchzuführen?“ ſagte Mannering. „Ei, das weiß ich nicht; wofern es ſich thun läßt, ſoll er über Jock Dawſton triumphiren; ich bin ihm einigermaßen verpflichtet. Es iſt der Fluch unſers Berufes, daß wir ſelten die beſſere Seite der menſchlichen Natur zu ſehen bekommen. Die Leute kommen zu uns mit jedem ſelbſtſüchtigen Gefühle, wie es eben friſch aufge⸗ reizt iſt; ſo mancher iſt ſchon zu mir gekommen, den ich im Anfang wohl gern aus der Thüre geworfen hätte, bis ich am Ende doch die Entdeckung machte, er thue, da er zornig und dabei natürlich ſehr unvernünftig ſei, nichts anderes, als was ich in ſeinem Falle auch gethan haben würde. In der civiliſirten Geſellſchaft iſt die Rechts⸗ pflege der Schornſtein, durch welchen aller Rauch, der im gan⸗ zen Hauſe zu circuliren pflegt und jedermanns Augen beläſtigt, ſei⸗ 198 nen Ausgang nimmt— kein Wunder alſo, wenn der Schornſtein zuweilen ſelbſt etwas rußig wird. Aber wir wollen Sorge dafür tragen, daß die Sache unſers Freundes vom Liddesdale gut geleitet und vertheidigt wird, damit ihm ſo alle unnöthigen Koſten erſpart werden— Er ſoll ſeinen Zankapfel zu einem wohlfeilen Preiſe haben.“ „Wollen Sie mir den Gefallen thun,“ ſagte Mannering, als V ſie ſchieden,„mit mir in meiner Wohnung zu ſpeiſen! Mein Wirth ſagt, er habe ein vortreffliches Rothwildpret und ausgezeichneten I Wein.“ „Wildpret— wie!“ antwortete der Rechtsgelehrte, fügte V jedoch ſogleich hinzu:„doch nein, es iſt unmöglich— ich werde in dieſen Tagen nicht die Ehre haben können. Montag, Dienſtag und Mittwoch ſind wir ganz und gar von Geſchäften in Anſpruch genommen— doch halt— es iſt kaltes Wetter, und wenn Sie die Stadt nicht verlaſſen, und das Wildpret ſich bis Donnerſtag hält“—— „So wollen Sie an dieſem Tage bei mir ſpeiſen?“ „Ganz beſtimmt.“ „Nun gut, ich dachte daran, eine Woche hier zu bleiben, und das ſoll auch geſchehn. Sollte ſich das Wildpret nicht halten, nun, ſo werden wir ſehn, was unſer Wirth ſonſt etwa für uns hat.“ „O, das Wildpret wird ſich halten,“ ſagte Pleydell;„und nun leben Sie wohl— ſehen Sie dieſe Briefe hier an und benutzen ſie dieſelben, wenn Ihnen die Adreſſen gefallen. Ich ſchrieb ſie die⸗ ſen Morgen für Sie— Leben Sie wohl, mein Schreiber erwartet mich jetzt, um mir einen verwünſchten Bericht zu erſtatten.“— Und hinweg wandelte Mr. Pleydell mit großer Behendigkeit, in⸗ dem er in ein Gewühl von Gäßchen und verſteckten Gängen tauchte, in der Abſicht, die Highſtreet zu erreichen und zwar auf ſolchen 1 199. Wegen, die, mit der gewöhnlichen Richtung verglichen, das waren, was die Magellanſtraße im Vergleich zu dem offeneren aber auch weitern Wege um das Cap Horn iſt. Als Mannering die Empfehlungsbriefe betrachtete, die ihm Pleydell in die Hand gelegt hatte, fand er zu ſeinem Vergnügen, daß ſie an einige der erſten gelehrten Perſonen Schottlands gerich⸗ tet waren.„An David Hume, Esq.“„An John Hume, Esgq.“ „An Or. Ferguſon.“„An Dr. Black.“„An Lord Kaimes.“ „An Mr. Hutton.“„An John Clerk, Esg. von Eldin.“„An Adam Smith, Esq.„An Or. Robertſon.“ „Wahrhaftig, mein rechtskundiger Freund hat eine gute Aus⸗ wahl von Bekanntſchaften— dies ſind wirklich ganz vortreffliche Namen— Ein Oſtindier muß ſeine Talente ein wenig zuſammen⸗ nehmen und ſeinen Geiſt in Ordnung bringen, eh' er in eine ſolche Geſellſchaft tritt.“ Mannering bediente ſich dieſer Empfehlungen mit Vergnügen, und wir bedauern ſehr, daß es nicht in unſerer Macht ſteht, dem Leſer einen Bericht von der Unterhaltung und Belehrung zu geben, welcher er theilhaft wurde, indem er in einen Kreis eingeführt ward, welcher nie für Fremde von Verſtand und Bildung geſchloſ⸗ ſen war und der vielleicht zu keiner Zeit ſeines Gleichen hatte, wenn man die Höhe und Manichfaltigkrit der Talente erwägt, die ſich hier auf einem Punkte vereinigt fanden. An dem folgenden Donnerſtage erſchien Mr. Pleydell in dem Gaſthauſe, wo Oberſt Mannering wohnte. Das Wildpret ward trefflich, der Wein ausgezeichnet gefunden; und der gelehrte Sach⸗ walter, ein entſchiedener Freund der Freuden der Tafel, erwies beiden vorzügliche Ehre. Indeß kann ich doch nicht beſtimmt ſa⸗ gen, ob ihn das gute Mahl mehr erfreute, oder die Gegenwart des gelehrten Simſon, mit welchem er, nach ſeiner witzigen Weiſe, ſowohl ſich, als einige Freunde, die der Oberſt mit zur Tafel ge⸗ 200 laden hatte, köſtlich zu unterhalten wußte. Die ernſte und laco⸗ niſche Einfalt der Antworten, die Simſon auf des Rechtsgelehrten verfängliche Fragen ertheilte, ſetzten die Gutmüthigkeit des Man⸗ nes in ein noch helleres Licht, als in welchem ſie Mannering bisher erſchienen war. Bei dieſer Gelegenheit kramte er eine ungeheure Maſſe von vielſeitiger und abſtruſer, wiewohl im Allgemeinen nutzloſer Gelehrſamkeit aus. Der Rechtsgelehrte verglich nachher ſeinen Geiſt mit der Vorrathskammer eines Trödlers, wo Güter al⸗ ler Art aufgehäuft ſind, aber ſo wirr durcheinander gelegt und in ſo gänzlich ordnungsloſem Zuſtande, daß der Eigenthümer nie einen Gegenſtand in dem Augenblicke finden kann, wo er ihn braucht. Der Advocat ſetzte die Thätigkeit des gelehrten Simſon aber auch in demſelben Grade in Bewegung, als er Unterhaltung für ſich daraus ſchöpfte. Sobald der Mann des Rechtes erſt in ſeine beſte Stimmung kam, und ſein natürlicher, ſchlauer und trockener Witz lebhafter und treffender wurde, ſo blickte der Dominie mit einem ähnlichen Staunen auf ihn, mit dem etwa ein zahmer Bär ſeinen künftigen Genoſſen, den Affen, bei ihrer beiderſeitigen erſten Begegnung betrachten mag. Pleydell fand ſeine Freude daran, bei der Unterhaltung Sätze aufzuſtellen, die Simſon unmöglich unbe⸗ ſtritten laſſen konnte; dann ſah er mit innigem Vergnügen zu, wie der ehrliche Mann mit gewaltiger Anſtrengung ſeine Gedanken zu einer Antwort ordnete, und ſeine ungelenken Kräfte aufbot, um das ſchwere Geſchütz ſeiner Gelehrſamkeit gegen irgend eine ketzeri⸗ ſche Behauptung aufzupflanzen; aber ſieh! ehe die Ladung abge⸗ feuert werden konnte, hatte gewöhnlich der gewandte Feind ſeine Stellung ſchon verlaſſen, und machte eine drohende Bewegung ge⸗ gen die Seiten oder den Rücken. Oft rief er dann:„Wunderbar!“ wennm er, im vollen Vertrauen auf den Sieg gegen den Feind mar⸗ ſchirend, das Feld bereits geräumt fand, und man kann denken, daß es ihm keine geringe Mühe koſtete, einen neuen Angriffsplan 201 zu bilden.„Er glich,“ ſagte der Oberſt,„einer indiſchen Armee von Eingebornen; furchtbar durch ihre gewaltige Anzahl und die Größe des Geſchützes, leicht jedoch in unverbeſſerliche Verwirrung zu bringen durch einen in die Flanken unternommenen Angriff.“— Obwohl nun Simſon im Ganzen durch dieſe geiſtigen Anſtrengun⸗ gen, die mit ungewöhnlicher Schnelligkeit und im Drange des Au⸗ genblicks ſtattfanden, ein wenig erſchöpft war, ſo hielt er dieſen Tag doch für einen der ſchönſten ſeines Lebens und erwähnte des Mr. Pleydell ſtets als einer ſehr gelehrten und witzigen Perſon. Allmählig empfahlen ſich die übrigen Anweſenden und ließen die drei Herren allein. Ihre Unterhaltung drehte ſich um die Ver⸗ fügungen der Mrs. Bertram.„Was mag wohl nur die alte Hexe bewogen haben,“ ſagte Pleydell,„der armen Lucy die Erbſchaft zu nehmen, unter dem Vorwande, ihr Vermögen einem Knaben zu laſſen, der ſchon ſo lange todt und verſchwunden iſt!— Ich bitte Sie um Verzeihung, Mr. Simſon; ich vergaß, wie ſehr Ih⸗ nen dieſer Vorfall zu Herzen geht— ich erinnere mich, auch Sie darum befragt zu haben; und noch nie iſt es mir ſonſt ſo ſchwer ge⸗ worden, nur drei zuſammenhängende Worte von jemand heraus⸗ zubringen— Was Sie auch von Ihren Pythagoräern, oder ihren ſchweigenden Braminen ſchwatzen, Oberſt,— ich ſag' Ihnen: die⸗ ſer gelehrte Herr übertrifft ſie alle an Schweigſamkeit— Aber die Worte des Weiſen ſind koſtbar, und dürfen nicht leichtſinnig weg⸗ geworfen werden.“ „Allerdings,“ ſagte Simſon, ſein blaugewürfeltes Schnupf⸗ tuch vom Auge nehmend,„war dies ein gar bitterer Tag für mich; und ein Tag des Grames, der ſchwer zu tragen war— aber Er gibt Kraft, welcher die Laſt auflegt.“ Oberſt Mannering ergriff dieſe Gelegenheit, Mr. Pleydell um Belehrung über die beſondern Umſtände zu bitten, welche mit dem Verluſte des Knaben im Zuſammenhange ſtanden; und der 202 Rechtsgelehrte, welcher gern über Gegenſtände der Criminalrechts⸗ pflege ſprach, vorzüglich wenn er dabei ſeine eigenen Erfahrungen anbringen konnte, berichtete der Länge nach alle einzelnen um⸗ ſtände.„Und was iſt nun Ihre Meinung über den Erfolg der gan⸗ zen Sache?“ „Nun, daß Kennedy ermordet war; dergleichen Fälle ſind von jeher an dieſer Küſte vorgekommen— Kämpfe der Schmuggler mit den Zollbeamten.“ „Und was vermuthen Sie wohl hinſichtlich des Schickſals des Knaben?“ „O, ohne Zweifel iſt er ebenfalls ermordet,“ antwortete Pleydell.„Er war alt genug, um erzählen zu können, was er geſehn hatte, und jene ruchloſen Schurken würden kein Bedenken getragen haben, einen zweiten bethlehemitiſchen Kindermord zu be⸗ gehen, ſobald dies ihr Intereſſe verlangt hätte.“ Der gelehrte Simſon ſeufzte tief und rief aus:„Un⸗ge⸗ heu⸗er!“ „Aber es war hei der Sache auch von Zigeunerinnen die Rede,“ ſagte Mannering,„und was jener gemein ausſehende Menſch nach dem Leichenbegängniß ſagte“— „Mrs. Bertram's Gedanke, daß das Kind noch lebe, gründete ſich auf die Ausſage einer Zigeunerin,“ ſagte Pleydell, die leiſe hingeworfene Andeutung auffaſſend—„Ich beneide Sie um die ſcharfe Beobachtungsgabe, Oberſt;— es iſt eine Schande für mich, daß ich nicht ſelber auf dieſen Punkt gekommen bin. Wir wollen dieſe Sache ſogleich weiter verfolgen— hört an,“(ſich an den Be⸗ dienten wendend,)„geht ſogleich zu Luckie Woods; an dieſem Orte werdet ihr meinen Schreiber Driver finden; er wird gerade jetzt High⸗Jinks ſpielen;(denn wir und unſere Amtsgenoſſen, Oberſt, ſind äußerſt regelmäßig in unſern Unregelmäßigkeiten!) ſagt ihm, 203 er ſolle ſogleich hieher kommen, und ich wollte ſeine Strafen ſchon bezahlen.“ „Wird er in ſeiner Rolle erſcheinen, wie!“ ſagte Man⸗ nering. „Ach, nichts mehr davon, mein Freund, wenn du mich liebſt,“ ſagte Pleydell.„Aber wir müſſen wo möglich einige Nachrichten aus dem Lande Aegypten haben. O, wenn ich nur das kleinſte Fädchen dieſes verwickelten Gewindes in Händen hätte, Sie ſollten ſehen, wie ich alles entwickeln würde!— Ich würde die Wahrheit aus Ihrer Böhmin, wie die Franzoſen ſie nennen, herausbringen, und zwar beſſer als ein Monitoire oder ein Plainte de Tournelle; ich verſtehe einen widerſpenſtigen Zeugen zur Vernunft zubringen.“ Während Mr. Pleydell ſo von ſeiner Kenntniß ſeines Faches ſprach, kehrte der Bediente mit Mr. Driver zurück; ſein Mund zeigte noch die Spuren des Mahles und des Trunkes, mit ſolcher Eile war er dem Befehle ſeines Vorgeſetzten gefolgt.—„Driver, Sie müſſen ſogleich gehen und das Frauenzimmer aufſuchen, wel⸗ ches bei der alten Mrs. Margarete Bertram als Magd diente. Suchen Sie überall nach ihr, wofern es aber nöthig iſt, daß Sie deßhalb Ihre Zuflucht zu Protocol oder Quid dem Tabakshändler, oder ſonſt jemand von jenen Leuten nehmen müſſen, ſo zeigen Sie ſich dort nicht ſelbſt, ſondern ſchicken Sie irgend ein Ihnen bekann⸗ tes Frauenzimmer— Sie wiſſen, denk' ich, ſchon genug, um Ihre Sache gut zu machen. Sobald Sie ſie gefunden haben, ſo ſuchen Sie ſie zu bewegen, morgen genau um acht Uhr zu mir zu kommen.“ „Welchen Grund ſoll ich ihr ſagen, um ſie zu bewegen!“ ſagte der Generaladjutant. „Was Ihnen gut dünkt,“ erwiederte der Rechtsgelehrte. „Glauben Sie, es ſei meine Sache, Lügen für Sie zu machen! 204 Aber ſorgen Sie dafür, daß ſie ſich um acht Uhr einſtellt, wie ich bereits ſagte.“ Der Schreiber lächelte, verbeugte ſich und ging. „Das iſt ein brauchbarer Menſch,“ ſagte der Advocat;„er kann meine Dictate drei Nächte in der Woche nachſchreiben ohne einzuſchla⸗ fen, oder, was daſſelbe iſt, er ſchreibt ebenſo gut und correkt wenn er ſchläft, als wenn er wacht. Und dann iſt er ein ſo feſter, beſtän⸗ diger Menſch— manche Seinesgleichen wechſeln immer ihre Bier⸗ häuſer, ſo daß ihnen immer zwanzig Leute auf den Ferſen ſitzen, gleich den barhäuptigen Hauptleuten, welche die Schenken von Eaſtcheap durchlaufen, um Sir John Falſtaff zu ſuchen. Aber dieſer hat immer ſeinen feſten Standpunkt— er hat ſeinen Winter⸗ ſitz beim Feuer und ſeinen Sommerſitz beim Fenſter, bei Luckie Woods, und ſeine Wanderungen reichen nur von einem dieſer Sitze zum andern; dort kann man ihn zu allen Zeiten finden, wenn man ihn braucht. Ich glaube wirklich, er legt ſeine Kleider nie ab und geht nie ſchlafen— ſein Bier muß ihm Alles erſetzen. Das iſt Al⸗ les für ihn, es iſt ſein Eſſen, Trinken, Kleiden, Bett, Tiſch und Waſchen.“ „und iſt er auch ſtets fähig, ſogleich an die Geſchäfte zu ge⸗ hen! ich ſollte des Gegentheils vermuthen, wenn ich ſein ſonſtiges Thun und Treiben erwäge.“ „O, das Trinken macht ihn nie unbrauchbar, Oberſt; er kann vier Stunden vorher ſchreiben, eh' er zu ſprechen im Stande iſt. Ich beſinne mich, daß ich einſt plötzlich zu einem wichtigen Geſchäfte gerufen ward. Ich war eben bei Tiſche geweſen, es war Sonnabend und ich hatte wenig Luſt, das Geſchäft zu beginnen— Indeß hatte man mich einmal geholt und wir ſaßen bei einander, bis ich einen tüchtigen Humpen Wein zu mir genommen hatte; da überredeten ſie mich, die Schrift aufzuſetzen. Wir hatten jetzt Dri⸗ ver aufzuſuchen, und zwei Männer hatten vollauf zu thun, um ihn — 20⁵ hereinzutragen, denn als man ihn gefunden hatte, war er zufäl⸗ lig gerade regungslos und ſprachlos. Aber kaum befand ſich die Feder zwiſchen ſeinen Fingern, kaum lag der weiße Bogen vor ihm und kaum vernahm er meine Stimme, als er ganz flink zu ſchrei⸗ ben begann— und nie, außer daß wir jemand haben mußten, der ihm die Feder eintauchte, weil er das Tintefaß nicht zu ſehen ver⸗ mochte, nie hab' ich ihn ſeine Sache hübſcher machen ſehn.“ „Aber wie ſah die Arbeit am nächſten Morgen aus?“ ſagte der Oberſt. „O, vortrefflich— keine drei Worte brauchten geändert zu werden; wir ſchickten die Sache ſogleich mit der Poſt ab. Aber werden Sie morgen zum Frühſtück bei mir ſein, um zuzuhören, wenn ich jenes Weib ausforſche!“ „Sie pflegen nur ſehr früh zu beginnen.“ „Es kann nicht ſpäter geſchehen. Wenn ich mich nicht am Orte meines Berufes, genau ſobald es neun ſchlägt, einfände, ſo würde ſich ein Gerücht verbreiten, daß mich der Schlag gerührt habe, und die Wirkungen davon würd' ich dann während der gan⸗ zen Sitzung empfinden müſſen.“ „Nun gut, ich werde mich anſtrengen, um bei Ihnen ſein zu können.“ Hier trennte ſich die Geſellſchaft für den Abend. Am Morgen erſchien Oberſt Mannering in des Rechtsgelehrten Wohnung, obwohl die rauhe Miene eines ſchottiſchen December⸗ morgens verwünſchend. Mr. Pleydell hatte Mrs. Rebecka bereits zur einen Seite ſeines Kamins placirt, hatte ihr eine Taſſe Choco⸗ lade verabreicht und war ſchon ſehr in die Unterhaltung mit ihr ver⸗ tieft.„O, nein, Mrs. Rebecka, ich geb' euch die Verſicherung, daß durchaus nichts gegen den letzten Willen eurer Gebieterin im 206 Werke iſt; und ich gebe euch mein Ehrenwort, daß euer Legat ganz ſicher und unverkümmert bleibt. Ihr habt es durch euer Betragen gegen eure Gebieterin verdient, und ich wünſchte nur, es betrüge zweimal ſo viel. „Freilich, Sir, iſt es unrecht, zu erwähnen, was jemand geſagt hat— Ihr hörtet, wie der ſchlechte Menſch Quid mir Dinge vorwarf, die ich mit ihm beſprochen haben ſollte; und nach dieſer Erfahrung muß ich wohl fürchten“— „Verlaßt euch darauf, meine gute Rebecka, mein Charakter, euer Alter und euer würdiges Anſehn ſind eine vollkommene Sicher⸗ heit für euch, und wenn ihr auch ſo offen und frei ſprächt, wie ein Liebesdichter.“ „Nun gut, wenn ihr meint, daß ich ſicher bin— die Geſchichte lautet ſo:— Es mag nun etwa ein Jahr, oder noch nicht einmal ſo lange her ſein, da ging meine Lady anf einige Zeit nach Gilsland, um ihr Gemüth ein wenig zu zerſtreuen. Man ſprach ſchon ganz unverholen von den mißlichen Umſtänden des Lairds von Ellango⸗ wan, und dies machte ſie ſehr niedergeſchlagen, denn ſie war ſtolz auf ihre Familie. Mit dem Laird war ſie zuweilen einig, zuwei⸗ len wieder nicht, aber in den letzten drei Jahren waren ſie völlig uneinig geworden. Der Laird wollte nämlich Geld von ihr borgen und dies konnte oder wollte ſie ihm nicht geben, weil ſie dachte, er werde es ihr doch nie zurückzahlen können. Da erzählte ihr jemand in der Geſellſchaft zu Gilsland(nachdem ſie ſchon gar nicht mehr zu⸗ ſammen kamen,) die Herrſchaft Ellangowan ſolle verkauft werden; und Ihr könnt glauben, daß ſie von dieſem Augenblicke an von Miß Lucy Bertram gar nichts mehr wiſſen wollte, denn viele Mal rief ſie mir wohl zu:„O Rebecka, Rebecka, wenn das unnütze Weſen, das Mädchen in Ellangowan, das ihren Vater nicht in Ordnung halten kann, doch lieber ein Junge wäre, dann könnte man das alte Erbe nicht verkaufen, wegen der Schulden des einfältigen Nar⸗ ren.— und auf dieſe Weiſe ſprach ſie nun in einem fort, daß ich der Sache am Ende ganz müde und überdrüßig wurde; ich mochte das arme Mädchen nicht mehr ſchelten hören, welches doch gewiß ein Junge geweſen ſein und das Erbe aufrecht gehalten haben würde, wofern dies nur auf ihren Willen angekommen wäre. Eines Tages, als ich mit ihr ſpazieren ging, ſah ſie einige hübſche Jungen in der Nähe von Gilsland— ſie gehörten einem gewiſſen Mac⸗Crosby— und da rief ſie nun aus: Iſt das nicht recht ſelt⸗ ſam, daß hier jeder arme Bauer einen Sohn und Erben hat, und das Haus Ellangowan iſt ohne männliche Nachkommenſchaft!— Nun ſtand eine Zigeunerin hinter uns und hörte das. Mir iſt in meinem ganzen Leben keine Frau vorgekommen, die ſo ſchrecklich ausſah.„Wer iſt es,“ ſagte ſie,„der zu ſagen wagt, das Haus Ellangowan ſolle ohne männliche Erben untergehen!“— Meine Lady ſchaute ſich um nach jener— denn ſie war dreiſt und hatte im⸗ mer eine Antwort bereit. Ich ſage es, ſprach ſie, und ich ſage es mit ſchwerem Herzen. Da ergriff die Zigeunerin ihre Hand und ſagte: Ich kenne euch recht gut, wenn ihr mich auch nicht kennt. Aber ſo gewiß die Sonne am Himmel ſcheint, ſo gewiß dies Waſſer ins Meer fließt, und ſo gewiß ein Auge iſt, das uns beide ſieht, und ein Ohr, das uns beide hört— Henry Bertram, der bei dem Warrochfelſen umgekommen ſein ſoll, iſt dort nicht geſtorben. Er hatte viel zu leiden, bis er ein und zwanzig Jahr zurückgelegt hatte, das wurde ihm lange zuvor geſagt; aber wenn ihr am Leben bleibt und ich es erlebe, ſo ſollt ihr hören von ihm dieſen Winter, ehe der Schnee zwei Tage auf den Feldern von Singleſide gelegen hat,— ich brauche euer Geld nicht,(ſagte ſie dann,) ihr möchtet ſonſt denken, ich wolle euch nur Poſſen erzählen— lebt wohl bis nach dem Martinstag;“— und mit dieſen Worten ließ ſie uns ſtehen. 208 „War ſie eine ſehr große Frau?“ fiel Mannering ein. „Hatte ſie ſchwarzes Haar, ſchwarze Augen und eine Narbe auf der Stirn?“ ſetzte der Rechtsgelehrte hinzu. „Sie war das größte Weib, welches ich jemals ſah, und ihr Haar war ſo ſchwarz wie Mitternacht, außer wo es grau war, und eine Narbe hatte ſie auf der Stirn, daß man wohl einen Finger hin⸗ einlegen konnte. Niemand, der ſie je ſah, wird ſie vergeſſen kön⸗ nen; und ich bin überzeugt, meine Herrſchaft hat nur auf das Wort jenes Zigeunerweibes ihr Teſtament gemacht, weil ſie die junge Lady von Ellangowan einmal nicht mehr leiden konnte; und ſie mochte ſie noch weniger leiden, als ſie ihr zwanzig Pfund hatte ſchicken müſſen— denn ſie ſagte: Miß Bertram, nicht damit zu⸗ frieden, daß ſie das Gut Ellangowan in fremde Hände muß gehen laſſen, weil ſie ein Mädchen und kein Knabe iſt, wird durch ihre Armuth auch noch für Singleſide eine Laſt und Schmach werden.— Aber ich hoffe, das Teſtament meiner Miſtreß iſt dennoch gut, denn es wäre hart, wenn ich mein Legat verlieren ſollte— ich diente für wenig Lohn.“ Der Rechtsgelehrte beſeitigte ihre Beſorgniſſe, fragte ſodann nach Jenny Gibſon und hörte, daß ſie Mr. Dinmonts Erbieten an⸗ genommen habe.„Ich habe daſſelbe gethan, da er ſo freundlich war, mich darum zu bitten,“ ſagte Mrs. Rebecka;„die Din⸗ monts ſind recht anſtändige Leute, obwohl meine Lady nicht gern von den Verwandten jener Seite viel hören mochte. Aber ſie hatte die Schinken, die Käſe und das Geflügel gern, was von Charlies⸗ hope geſchickt wurde, und ebenſo gern hatte ſie die Strümpfe und Handſchuhe von Lämmerwolle, die von dort kamen.“ Mr. Pleydell entließ jetzt Mrs. Rebecka. Als ſie gegangen war, ſagte der Rechtsgelehrte:„ich glaube die Zigeunerin zu kennen., „Eben wollt' ich daſſelbe ſagen,“ erwiederte Mannering. „und ihr Name,“ ſagte Pleydell— „Iſt Meg Merrilies,“ antwortete der Oberſt. „Wiſſen Sie das gewiß?“ ſagte der Sachwalter, mit dem Ausdrucke komiſchen Staunens ſeinen militäriſchen Freund an⸗ blickend. Mannering gab zur Antwort, daß er ein ſolches Weib ge⸗ kannt habe, als er vor zwanzig Jahren zu Ellangowan war: und ſodann machte er ſeinen gelehrten Freund mit all den merkwürdigen Umſtänden ſeines erſten dortigen Beſuches bekannt. Mr. Pleydell lauſchte mit großer Aufmerkſamkeit und erwie⸗ derte dann:„ich wünſchte mir Glück, in Ihrem Kaplan die Be⸗ kanntſchaft eines tiefſinnigen Theologen gemacht zu haben; aber ich erwartete in der That nicht, in ſeinem Gebieter einen Zögling von Albumazar oder Meſſahala gefunden zu haben. Ich glaube indeß, die Zigeunerin wird uns etwas mehr von der Sache ſagen können, als was ſie aus Sterndeuterei und Prophetengabe herlei⸗ tet— Ich hatte ſie einmal unter meinen Händen, vermochte aber wenig aus ihr herauszubringen; nun muß ich an Mac⸗Morlan ſchreiben, daß er Himmel und Erde rege mache, um ſie aufzufinden. Ich will gern nach—— ſhire kommen, um ſelbſt bei ihrem Ver⸗ höre helfen zu können— Ich gehöre noch zu dem daſigen Friedens⸗ richteramte, obwohl ich nicht mehr Sheriff bin. Nie in meinem Leben hat mir etwas mehr am Herzen gelegen, als die Entdeckung dieſes Mordes und das Schickſal des Kindes. Ich muß auch an den Sheriff von Rorburghſhire ſchreiben, und an einen thätigen Friedensrichter in Cumberland.“ Ich hoffe, Sie werden, wenn Sie in die Gegend kommen, Woodbourne zu Ihrem Hauptquartier machen?“ Guy Mannering. II. 14 210 „Gewiß; ich fürchtete ſchon, Sie wuͤrden mir das verwei⸗ gern— Aber wir müſſen nun zu unſerm Frühſtück, ſonſt werde ich mich verſpäten.“ Am folgenden Tage ſchieden die neuen Freunde, und der Oberſt langte bei ſeiner Familie an, ohne ein weiteres Abenteuer, das ſich zur Mittheilung eignen könnte, zu erleben. Ende des zweiten Theils. Erſtes Kapitel. Wird nie mir Ruh, beut keine Zuflucht ſich, Hetzt ſtets, dem Bluthund gleich, mein Elend mich? Darfſt, armer Jüngling, keinen Schutz du hoffen, Schutz vor dem Tod? Es ſteht das Land dir offen. Die guten Weiber. Unſere Erzählung führt uns jetzt auf einen Augenblick zu jener Zeit zuruͤck, wo der junge Hazlewood ſeine Wunde empfing. Dieſer Vorfall hatte kaum ſtattgefunden, als die möglichen Folgen für Miß Mannering und Brown des letztern Gemüth heftig beunruhig⸗ ten. Nach der Richtung des Gewehrlaufes in dem Momente, wo der Schuß losging, ließen ſich zwar keineswegs tödtliche Folgen befürchten; aber in einem fremden Lande und gänzlich von den Mitteln entblößt, um ſeinen Stand und Charakter beweiſen zu können, mußte er eine Verhaftung doch ſorgfältig zu vermeiden ſu⸗ chen. Er entſchloß ſich daher für den Augenblick nach der benach⸗ barten engliſchen Küſte zu fliehen und dort womöglich verborgen zu bleiben, bis er Briefe von ſeinen Freunden im Regiment und eine Geldſendung von ſeinem Geſchäftsführer erhalten würde; dann wollte er in ſeinem wahren Charakter auftreten und dem jungen Guy Mannering. III. 1 2 Hazlewood und deſſen Freunden jede Erklärung und Genugthuung gewähren, die ſie verlangen könnten. Mit dieſem Entſchluß wan⸗ derte er rüſtig vorwärts, nachdem er den Ort, wo das Ereigniß ſtattgefunden, verlaſſen hatte, und erreichte ohne irgend ein Aben⸗ teuer das Dorf, welches wir Portanferry genannt haben(der Leſer würde es indeß unter dieſem Namen vergebens auf der Landkarte ſuchen.) Ein großes offenes Boot wollte ſoeben das Ufer verlaſſen, um nach dem kleinen Seehafen von Allonby in Cumberland zu ſteuern. In dieſem Fahrzeug ſchiffte ſich Brown ein und beſchloß, jenen Ort zu ſeinem zeitweiligen Aufenthalt zu wählen, bis er Briefe und Geld aus England empfangen würde. Im Laufe der kurzen Reiſe knüpfte er mit dem Steuermann ein Geſpräch an, welcher der Eigenthümer des Bootes und ein fröhlicher alter Mann war, der auch gelegentlich am Schleichhan⸗ del Theil genommen hatte, wie die meiſten Fiſcher an dieſer Küſte. Nachdem ſie über gleichgiltige Dinge geſprochen hatten, bemühte ſich Brown, das Geſpräch auf die Familie Mannering zu lenken. Der Schiffer hatte von dem Angriffe auf das Haus zu Woodbourne gehört, mißbilligte jedoch das Verfahren der Schmuggler. „Wie ſich's trifft, ſo müſſen ſie's hinnehmen; zum Henker! Ihr Verfahren wird die ganze Gegend wider ſie aufhetzen. Nein, nein— als ich noch mit dabei war, ich wußte mit den Beamten beſſer auseinander zu kommen:— nahmen ſie hier ein Stück La⸗ dung,— nun gut, das war ihr Vortheil;— dort brachte dafür ein andrer die Güter glücklich durch, das war denn mein Vortheil. Nein, nein, eine Krähe ſollte der andern nie die Augen aushacken.“ „Und was meint ihr vom Oberſt Mannering!“ ſagte Brown. „Nun freilich, klug iſt es gar nicht von ihm, ſich in derglei⸗ chen zu miſchen; ich tadle ihn gar nicht, daß er das Leben der Zöll⸗ ner ſchützte, das war ganz recht; aber es paßte ſich nicht für einen Gentleman, um der armen Leute Theebüchſen und Branntwein⸗ 3 fäſſer zu fechten. Nun, er iſt einmal ein großer Mann und ein Officier, und die thun mit uns, was ihnen gut dünkt.“ „und ſeine Tochter,“ ſagte Brown mit klopfendem Herzen, „iſt im Begriff, in ein großes Haus zu heirathen, wie ich hörte!“ „Wie, in das Haus Hazlewood?“ ſagte der Steuermann. „Nein, nein, das iſt nur leeres Geſchwätz. Jeden Sonntag, re⸗ gelmäßig Jahr aus, Jahr ein, ritt der junge Mann mit der Toch⸗ ter des verſtorbenen Ellangowan nach Hauſe. Und meine Tochter Peggy, die in Woodbourne dient, ſagt, ſie wiſſe es ganz gewiß, daß der junge Hazlewood nicht an Miß Mannering denkt, ebenſo⸗ wenig als Ihr ſelber.“ 3 Bitter ſeine eigene voreilige Annahme des Gegentheils ta⸗ delnd, hörte Brown dennoch mit Vergnügen, daß das Mißtrauen hinſichtlich der Treue Juliens, welches er ſo vorſchnell gefaßt hatte, wahrſcheinlich völlig grundlos war. Und welche Meinung mußte ſie in der Zwiſchenzeit von ihm hegen! oder was ſollte ſie von einem Benehmen denken, welches ihn ganz unbekümmert um ihre Ge⸗ müthsruhe und um ihr beiderſeitiges Verhältniß erſcheinen ließ? des alten Mannes Verbindung mit der Familie zu Woodbourne ſchien einen ſichern Weg der Communication darzubieten, und die⸗ ſen beſchloß er zu benutzen. „Eure Tochter iſt Dienſtmädchen in Woodbourne?— Ich kannte Miß Mannering in Indien, und obwohl ich jetzt nur einen tiefern Rang im Leben behaupte, ſo habe ich doch viele Gründe, zu hoffen, ſie würde ſich mit Wohlwollen meiner erinnern. Ich hatte einen unglücklichen Zwiſt mit ihrem Vater, der mein Commandant war, und ich bin überzeugt, die junge Lady würde ſich gern Mühe geben, ihn mit mir zu verſöhnen. Vielleicht könnte eure Tochter einen darauf bezüglichen Brief der Lady übergeben, ohne jedoch zwiſchen ihrem Vater und ihr eine Mißhelligkeit zu verurſachen!“ 1* 4 Der alte Mann, der jede Art von Schmuggelei liebte, buͤrgte bereitwillig dafür, daß der Brief treulich und geheim beſtellt wer⸗ den ſolle; als ſie daher zu Allonby ankamen, ſchrieb Brown an Miß Mannering, gab die tiefſte Reue über das zu erkennen, was ſeine Raſchheit verurſacht, und beſchwur ſie, ihm eine Gelegenheit zu geben, wo er ſich vertheidigen und Verzeihung für ſeine Unhöf⸗ lichkeit erbitten könnte. Er hielt es nicht für rathſam, die Um⸗ ſtände einzeln anzuführen, die ihn irre geleitet hatten, und im Ganzen bemühte er ſich, ſo allgemeine Ausdrücke zu wählen, daß, wenn der Brief in unrechte Hände käme, es dennoch ſchwierig ſein ſollte, den wahren Inhalt zu verſtehen oder dem Schreiber auf die Spur zu kommen. Der alte Mann übernahm es, dieſen Brief treulich ſeiner Tochter in Woodbourne zu übergeben, und da ſeine Geſchäfto ihn ſelbſt oder ſein Boot bald wieder nach Allonby brin⸗ gen mußten, ſo verſprach er ferner, eine Antwort, die ihm die junge Dame anvertrauen würde, gehörig zu beſtellen. Nachdem nun unſer verfolgter Reiſender in Allonby gelandet war, ſuchte er ſich ſo einzurichten, wie es einerſeits ſeine derzeitige Armuth, und andrerſeits auch ſein Wunſch, ſo unbemerkt als möglich zu bleiben, erforderte. Er legte ſich daher den Namen und das Gewerbe ſeines Freundes Dudley bei, indem er den Pinſel hin⸗ länglich in der Gewalt hatte, um ſeinem Wirth in Allonby den an⸗ genommenen Charakter glaubwürdig erſcheinen zu laſſen. Er gab vor, ſein Gepäck von Wigton zu erwarten; und indem er ſich mög⸗ lichſt eingezogen in ſeiner Wohnung hielt, erwartete er die Beant⸗ wortung der Briefe, die er an Oelaſerre, an ſeinen Geſchäftsfüh⸗ rer und an ſeinen Oberſtleutnant geſandt hatte. Vom Geſchäfts⸗ führer verlangte er eine Geldſendung; Oelaſerre beſchwur er, ſich womöglich in Schottland zu ihm zu geſellen; und vom Oberſt⸗ leutnant verlangte er ein ſolches Zeugniß über ſeinen Rang und ſein Betragen im Regimente, daß er damit ſeinen Charakter als 5 Gentleman und Officier unwiderleglich darthun könne. Seine mißlichen pecuniären Verhältniſſe bedrängten ihn ſo ſehr, daß er deswegen an Dinmont ſchrieb und ein kleines Darlehen verlangte, indem er nicht zweifelte, daß er, bei der geringen Entfernung von etwa dreißig Stunden, bald eine günſtige Antwort auf ſein Geſuch erhalten werde, welches er nur deßwegen wage, weil er, kurz nach ihrer Trennung, beraubt worden ſei. Darauf erwartete er mit großer Ungeduld, wiewohl ohne bedeutende Beſorgniß, die Ant⸗ worten auf dieſe verſchiedenen Briefe. Es muß, zur Entſchuldigung ſeiner Correſpondenten, bemerkt werden, daß die Poſt damals weit ſaumſeliger war, als ſeit Mr. Palmers ſinnreicher Erſindung; und was insbeſondere den wackern Dinmont betrifft, ſo erhielt dieſer während eines Vierteljahrs ſel⸗ ten mehr als einen Brief,(außer während der Zeit, wo er in einen Proceß verwickelt war, wo er regelmäßig nach der Stadt zum Poſt⸗ amt ſchickte,) und ſeine Correſpondenz blieb gewöhnlich einige Mo⸗ nate an des Poſtmeiſters Fenſter ſtecken, zwiſchen Flugſchriften, Pfefferkuchen, Balladen und dergleichen Dingen, womit der be⸗ ſagte Poſtmeiſter Handel trieb. Ueberdies exiſtirte dort eine, noch nicht völlig abgekommene, Gewohnheit, einen Brief von einer Stadt zur andern, vielleicht bis zur Entfernung von fünfzehn Stunden, einen Umkreis von hundert Stunden machen zu laſſen, ehe er am Orte ſeiner Beſtimmung anlangte; daraus entſprang der mehrfache Vortheil, daß der Brief durchaus wohl ausgelüftet wurde, der Einnahme des Poſtamts noch einige Pence zufielen und daß die Geduld der Correſpondenten geübt wurde. Brown blieb, Dank jenen Umſtänden, ſo manchen Tag in Allonby ohne irgend eine Antwort, und ſein Geldvorrath, obwohl mit äußerſter Spar⸗ ſamkeit verwaltet, begann ſehr ſchwach zu werden, als er durch die Hände eines jungen Fiſchers folgenden Brief empfing:— „Ou haſt mit der grauſamſten Unvorſichtigkeit gehandelt; du haſt bewieſen, wie wenig ich deinen Verſicherungen trauen kann, daß mein Friede und mein Glück dir theuer wären; und deine Vor⸗ eiligkeit hat beinahe den Tod eines jungen höchſt ehrenwerthen Mannes veranlaßt. Muß ich noch mehr ſagen!— muß ich hinzu⸗ fügen, daß ich ſelbſt in Folge deiner Heftigkeit und deren Wirkun⸗ gen krank geworden bin! Und, ach! hab' ich erſt noch nöthig zu ſa⸗ gen, daß ich ängſtlich beſorgt an die Folgen dachte, die jener Vor⸗ fall leicht für dich haben konnte, obwohl du mir wenig Urſache zu ſolcher Theilnahme gegeben haſt? Der O. iſt auf mehrere Tage ver⸗ reiſt; Mr. H. iſt faſt ganz hergeſtellt; und ich habe Grund, zu glauben, daß der Tadel auf jemand anders gefallen iſt, als jener, der ihn verdient. Denke aber nicht daran, hieherzukommen. Un⸗ ſer Geſchick hat Ereigniſſe von einem Charakter zwiſchen uns ge⸗ worfen, welcher zu heftig und ſchrecklich iſt, als daß ich an die Er⸗ neuerung eines Einverſtändniſſes denken könnte, welches uns ſo oft mit einer furchtbaren Kataſtrophe bedrohte. Lebewohl, und glaube, daß niemand dein Glück aufrichtiger wünſchen kann, als „J. M./ Dieſer Brief enthielt jene Gattung von Rathſchlägen, die oft nur in der Abſicht ertheilt wird, um zu dem ganz entgegengeſetzten Schritte, ſtatt des anempfohlenen, zu veranlaſſen. Zum wenig⸗ ſten glaubte dies Brown, der alsbald den jungen Fiſcher fragte, ob er von Portanferry käme. „Ja,“ ſagte der Burſche;„ich bin der Sohn des alten Wil⸗ lie Johnſtone, und den Brief hat mir meine Schweſter gegeben, die in Woodbourne dient.“ „Mein guter Freund, wann fahrt ihr wieder ab?“ „Heut Abend zur Fluthzeit.“ 7 „Ich will mit euch zurückkehren; da ich aber nicht nach Por⸗ tanferry zu kommen wünſche, ſo wär' es mir lieb, wenn ihr mich ſonſt irgendwo an der Küſte ausſetzen könntet.“ „Das läßt ſich leicht thun,“ antwortete der Fiſcher. Obwohl der Preis für alle Lebensbedürfniſſe damals ſehr mäßig war, ſo machte dennoch die Zahlung für ſeine Wohnung, die Ko⸗ ſten für ſeinen ſonſtigen Unterhalt und für einen neuen Anzug, wel⸗ cher der Sicherheit ſo wie des Anſtandes wegen nothwendig war, die Ebbe in Browns Börſe faſt vollſtändig. Er ließ beim Poſtamt Anweiſung zurück, daß ſeine Briefe nach Kippletringan befördert werden möchten, wohin er gehen wollte um den Schatz in Anſpruch zu nehmen, den er den Händen der Mrs. Mac⸗ Candliſh anver⸗ traut hatte. Er fühlte auch, es werde ſeine Pflicht ſein, gleich nach Empfang der nöthigen Zeugniſſe ſeinen wahren Stand zu ent⸗ decken, und, als Officier in des Königs Dienſt, jede Erklärung zu geben und zu empfangen, welche zwiſchen ihm und Hazlewood nö⸗ thig ſein ſollte. Wenn er nicht ein ſehr querköpfiger Menſch iſt, dachte er, ſo muß er zugeben, daß meine Handlungsweiſe nur die nothwendige Folge ſeines hochfahrenden Benehmens geweſen iſt. Er ſchiffte ſich nun noch einmal ein auf den nämlichen Meerbu⸗ ſen, Solway Frith genannt. Der Wind war entgegen, begleitet von Regenſchauern, und ſie mußten, ohne von der Fluth ſehr un⸗ terſtützt zu werden, dagegen kämpfen. Das Boot war ſchwer mit Gütern beladen(zum Theil wahrſcheinlich Schmuggelgüter,) und ging ziemlich tief. Brown, der als Seemann erzogen war, lieh ſeinen kräftigen und wirkſamen Beiſtand beim Rudern und Steuern und ertheilte ſeinen Rath hinſichtlich der Lenkung des Fahrzeugs, welche um ſo ſchwieriger wurde, da ſich der Wind mehr und mehr erhob, und da die wilden Wogen dieſer Küſte, gegen die man kämpfen mußte, die Reiſe gefährlich machten. Endlich, nachdem man die ganze Nacht auf der See zugebracht hatte, erblickte man am Morgen eine ſchöne Bucht an der ſchottiſchen Küſte. Das Wet⸗ ter war jetzt freundlicher. Der Schnee, der ſchon ſeit einiger Zeit ſchmolz, war vor dem Thauwinde der letzten Nacht völlig ver⸗ ſchwunden. Die fernern Hügel hatten allerdings ihren Schnee⸗ mantel noch, aber die offene Gegend war gänzlich davon geſäubert, außer da, wo einzelne weiße Stellen andeuteten, daß er ungewöhn⸗ lich tief gelegen hatte. Selbſt in ihrer winterlichen Einkleidung bot die Küſte einen höchſt intereſſanten Anblick. Das Geſtade, mit ſeinen Einſchnitten, Einzahnungen, und Buchten, entſchwand zu beiden Seiten dem Blicke in manichfaltigen, anmuthigen Wel⸗ lenlinien, welchen das Auge ſo gern folgt. Und ebenſo manichfal⸗ tig ſtellte ſich das Geſtade in ſeinen Erhöhungen dar und in den viel⸗ fachen Geſtaltungen der Küſte; an einigen Stellen war die Bucht durch ſteile Klippen begränzt, an andern ſtieg das ſandige Geſtade ſanft zu ſchwellenden Hügeln empor. Gebäude verſchiedener Art waren von den winterlichen Sonnenſtrahlen eines Decembermor⸗ gens beglänzt, und die Wälder, obwohl jetzt laublos, hoben die Landſchaft und gaben ihr Manichfaltigkeit. Brown empfand jenes lebhafte und anregende Intereſſe, welches Geſchmack und Gemüth an den Schönheiten der Natur gewinnen, wenn ſich die letztern plötzlich nach dem Dunkel und dem Grauen einer nächtlichen Reiſe dem Auge eröffnen. Vielleicht— denn wer iſt im Stande, das räthſelhafte Gefühl zu erklären, welches den in Berggegenden Ge⸗ bornen an die heimatlichen Hügel feſſelt?— vielleicht miſchten ſich ſchlummernde Erinnerungen, deren Nachwirkung noch blieb, nach⸗ dem die erſte Urſache längſt vergeſſen, in die wonnigen Empfindun⸗ gen, womit er jene Landſchaft betrachtete. „Und wie,“ ſagte Brown zu dem Bootführer,„wie iſt der Name des ſchönen Vorgebirgs, welches ſich mit ſeinen ſteilen Wän⸗ den und waldigen Klippen dort in die See erſtreckt und die rechte Seite der Bucht bildet?“ 9 „Warrochſpitze,“ ſagte der Fiſcher. „und das alte Schloß, mein Freund, mit dem modernen Hauſe, welches daneben ſteht? Es ſcheint aus der Ferne ein ſehr großes Gebäude zu ſein.“ „Das iſt das alte Herrenhaus, Sir; und jenes iſt das neue, welches in der Tiefe liegt. Dort wollen wir euch an's Land ſetzen, wenn es euch recht iſt.“ „Gewiß iſt es mir recht. Ich muß jene Ruine beſuchen, eh' ich meine Reiſe fortſetze.“ „Ja,'s iſt ein närriſches altes Neſt,“ ſagte der Fiſcher; „und jener höchſte Thurm iſt ein Landzeichen auf der See ſchon bei Ramſay auf Man und beim Vorgebirg von Ayr. Vor langer Zeit gab es da ein großes Gefecht.“ Brown hätte ſich gern noch über manche Einzelheiten unter⸗ richten laſſen, aber ein Fiſcher iſt ſelten ein Antiquar. Des Boots⸗ führers Ortskenntniß beſchränkte ſich auf die bereits ertheilte Nach⸗ richt:„daß es ein großes Landzeichen ſei, und daß da vor langer Zeit ein großes Gefecht geweſen wäre.“ „Ich werde mehr davon hören,“ ſagte Brown zu ſich ſelbſt, „wenn ich an's Land gehe.“— Das Boot ſetzte ſeinen Lauf unter der Felſenklippe fort, auf welcher das Schloß ſtand; letzteres blickte finſter von ſeinem erhabenem felſigen Standpunkte auf die noch im⸗ mer unruhigen Wogen der Bucht unten.„Ich glaube,“ ſagte der Steuermann,„ihr werdet hier ganz bequem landen können. Es iſt ein Ort, wo ſie vor langer Zeit ihre Fahrzeuge anzulegen pflegten; aber das geſchieht jetzt nicht mehr, denn auf den ſchmalen Stufen oder über die Klippen laſſen ſich die Güter nicht gut trans⸗ portiren. Aber in mancher Mondnacht hab' ich dennoch auch Gü⸗ ter dort gelandet.“ Während er ſo ſprach, ſteuerte das Boot um eine Felſenſpitze und lenkte nach einen kleinen Hafen, zum Theil von der Natur ge⸗ bildet, zum Theil durch die unermüdliche Anſtrengung der ehema⸗ ligen Schloßbewohner, die, wie der Fiſcher bemerkte, dies für ſehr nöthig zum Schutz ihrer Boote gehalten hätten, obwohl der Ort keine bedeutenden Fahrzeuge aufnehmen konnte. Die beiden Felſen⸗ ſpitzen, welche den Eingang bildeten, traten einander ſo nahe, daß nur ein Boot auf einmal einlaufen konnte. An jeder Seite be⸗ fanden ſich noch zwei ungeheure eiſerne Ringe, welche feſt in den ſo⸗ liden Felſen gekittet waren. Durch dieſe ward, der Sage nach, bei Nacht eine gewaltige Kette gezogen, durch ein ungeheures Schloß geſichert, um den Hafen und die darin liegenden Fahrzeuge zu ſchützen. Aus einem vorſpringenden Felſen war, mit Hilfe des Meiſels und der Spitzhacke, eine Art Quay gebildet worden. Der Fels war von außerordentlicher Härte und das Werk ſo ſchwierig, daß, nach der Verſicherung des Fiſchers, ein dabei beſchäftigter Arbeiter Abends in ſeiner Mütze all die Steinchen hätte nach Hauſe tragen können, die er im Laufe des Tages von der Maſſe losgear⸗ beitet hatte. Dieſer kleine Strandweg ſtand in Verbindung mit einer roh gearbeiteten Treppe, welche vom alten Schloſſe herab⸗ führte. Zwiſchen dem Strandweg und der Bucht zwar auch ein Verbindungsweg vorhanden, welcher ziemlich unbequem über die Klippen ging. „Hier werdet ihr am beſten landen können,“ ſagte der Bur⸗ ſche,„denn am Shellicoatſtein geht die Brandung allzuhoch und ihr würdet da keinen trocknen Weg finden— Nein, nein!“(fuhr er fort, indem er ein kleines Geldgeſchenk ablehnte,)„ihr habt für eure Ueberfahrt gearbeitet, und noch dazu beſſer gearbeitet, als Einer von uns. Guten Tag, ich wünſch' euch glückliche Reiſe.“ So ſagend ſtieß er vom Lande, um ſeine Ladung an der gegen⸗ überliegenden Seite der Bucht zu landen; und Brown, mit einem kleinen Bündel in der Hand, welches die wenigen nöthigen Effek⸗ ten enthielt, die er in Allonby hätte kaufen müſſen, blieb zurück auf dem Felſen unterhalb der Ruine. und ſo näherte er ſich, unkundig und als ein Wildfremder; in umſtänden, die, wenn auch nicht hilflos, doch für den Augenblick ſehr bedrängt waren; ohne das Geſicht eines Freundes in einem Umkreiſe von mehr als funfzig Meilen zu wiſſen; eines ſchweren Verbrechens beſchuldigt und, was das allerſchlimmſte war, faſt ganz ohne Geld,— ſo näherte er ſich, ein fremder Wandrer, zum erſtenmale nach vielen Jahren den Ueberreſten des Schloſſes, wo ſeine Ahnen einſt faſt unumſchränkte Herrſcher geweſen waren. Zweites Kapitel. ——— Ja, ihr moosbewachſ'nen Mauern, Ihr unbeſchützten Thürme, wieder komm' ich Zu euch, allein beſchämt! Ach, wo ſind nun All' eure Siegeszeichen? die belebten Höfe, Die Schmauſereien, das Getöſe, welches Von meines Hauſes Größe ſprach und von der Ehrfurcht Der Ritter rings im Land? Die geheimnißvolle Mutter. Indem er durch eine Hinterpforte das Schloß Ellangowan be⸗ trat, welche noch Spuren zeigte, daß ſie einſt mit äußerſter Sorg⸗ falt verwahrt geweſen ſei, ging Brown(den wir, ſeitdem er den Fuß auf das Erbe ſeiner Väter ſetzte, von nun an bei ſeines Vaters Namen, Bertram, nennen wollen,) von einem zerſtörten Gemach zum andern, erſtaunt über die maſſenhafte Stärke einiger Theile ſo wie über die große Ausdehnung des Ganzen. In zweien dieſer Gemächer, die dicht nebeneinander lagen, fand er noch Spuren, die anzeigten, daß ſie neuerdings bewohnt geweſen ſein mußten. In einem kleinen Gemach fanden ſich leere Flaſchen, halbabgenagte des Gebäudes, über die rohe und ausdrucksvolle Pracht anderer, — 13 Knochen und vertrocknete Ueberreſte von Brod. Im anſtoßenden Gewölbe, welches durch eine, jetzt offen gelaſſene, ſtarke Thür ver⸗ wahrt ward, bemerkte er eine beträchtliche Menge Stroh, und in beiden Gemächern befanden ſich noch die friſchen Spuren von Feuer. Wie wenig konnte Bertram ahnen, daß ſo geringfügige Umſtände im dichten Zuſammenhange ſtanden mit Ereigniſſen, welche ſein Glück, ſeine Ehre, vielleicht ſein Leben betrafen! Nachdem er ſeine Neugierde durch einen flüchtigen Blick durch das Innere des Schloſſes befriedigt hatte, ging Bertram durch das große Thor, welches ſich nach dem Lande zu öffnete und blieb hier ſtehen um die herrliche Landſchaft, welche ſich darbot, zu betrach⸗ ten. Umſonſt bemühte er ſich, die Lage von Woodbourne zu ent⸗ decken, und nachdem er mit ziemlicher Sicherheit die von Kipple⸗ tringan erkannt hatte, wandte er ſich, um noch einen Abſchieds⸗ blick auf die herrlichen Ruinen zu werfen, die er eben beſucht hatte. Er bewunderte die gewaltige und maleriſche Wirkung der ſtarken runden Thürme, welche, zu den Seiten des Portales ſtehend, dem hohen finſtern Bogen, unter welchem das Thor ſich öffnete, noch mehr Tiefe und Hohheit gaben. Das aus Stein gehauene Wappen⸗ ſchild der alten Familie, drei Wolfsköpfe darſtellend, hing unter dem Helm und Helmbuſch; der letztere ſtellte einen liegenden, von einem Pfeil durchbohrten Wolf dar. Auf jeder Seite ſtand als Schildhalter ein lebensgroßer wilder Mann, in der Hand einen ent⸗ wurzelten Eichbaum haltend. Und die mächtigen Barone, denen dies Wappen gehörte:— dachte Bertram, den Gedanken nachhängend, die in ſolchen Sce⸗ nen gewöhnlich das Gemüth beſuchen,— ob ihre Nachkommen wohl noch im Beſitz der Güter ſind, welche ſie vor Zeiten ſo ſtark zu be⸗ feſtigen wußten? Oder ſind ſie hier und dorthin zerſtreut und wiſ⸗ ſen vielleicht nicht einmal etwas von dem Ruhm und der Macht ih⸗ rer Väter, während ihr Erbtheil ein fremdes Geſchlecht inne hat! 14 Warum, fuhr er fort, indem er dieſen Gedanken noch weiter nach⸗ hing, warum erweckt mancher Anblick Gedanken, die zu den Träu⸗ men früher dunkler Erinnerung zu gehören ſcheinen, und die mein alter Bramine Moonſhie für Erinnerungen aus einem frühern Da⸗ ſein gehalten haben würde! Sind es Traumbilder, die dunkel in unſerer Seele liegen, und durch den Anblick ſolcher Gegenſtände hervorgerufen werden, die mit den Geſtalten unſerer Einbildungs⸗ kraft verwandt ſind? Wie oft empfinden wir ſelbſt unter Menſchen, die wir vorher nie ſahen, ein geheimnißvolles, unerklärliches Ge⸗ fühl, welches uns zu ſagen ſcheint, daß dieſer Schauplatz, dieſer Sprecher, dieſer Gegenſtand des Geſprächs uns nicht völlig neu iſt; ja, es kommt uns vor, als ob wir die Unterhaltung, die noch nicht angeknüpft worden iſt, im Voraus errathen könnten! Es iſt mir genau ſo, während ich auf dieſe Trümmer blicke; ich kann mich nicht von dem Gedanken losreißen, daß dieſe gewaltigen Thürme, dieſes düſtere Thor, mit ſeinen tief gewölbten Bogen und ſeiner matten, vom jenſeitigen Hofe kommenden Beleuchtung, mir nicht ganz fremd ſind. Sollten ſie mir in der Kindheit befreundet gewe⸗ ſen ſein? und könnte ich in ihrer Nähe jene Freunde ſuchen, von denen mir aus der Kindheit noch eine liebevolle, wenn auch ſchwache Erinnerung geblieben iſt, und die ich frühzeitig gegen ſo ſtrenge Lehr⸗ meiſter vertauſchte! Aber Brown, der mich doch wohl nicht täu⸗ ſchen wollte, erzählte mir immer, ich ſei von der öſtlichen Küſte gebracht worden, nach einem Gefechte, worin mein Vater getödtet ward; und ich erinnere mich eines ſchrecklichen Kampfes, ſo daß ſeine Erzählung wohl richtig ſein muß.— Zufällig war der Ort, wo der junge Hazlewood ſtehen geblie⸗ ben war, um das Schloß beſſer zu überſehen, beinahe derſelbe Punkt, auf welchem ſein Vater geſtorben war. Er war durch eine große alte Eiche bezeichnet, die einzige auf dieſem freien Raume vor'm Schloß, welche, da hier die Herrn von Ellangowan früher b V 15 Gericht gehalten hatten, der Gerichtsbaum hieß. Es traf ſich, und dies Zuſammentreffen war merkwürdig, daß Gloſſin an dieſem Morgen gerade mit einer Perſon beſchäftigt war, die er über vor⸗ zunehmende Reparaturen und eine Erweiterung des Hauſes Ellan⸗ gowan zu Rathe zu ziehen pflegte; er hatte beſchloſſen, die Steine des verfallenen Schloſſes zum neuen Gebäude zu benutzen, weil er an den alten Reſten wenig Behagen fand, die ihn zu ſehr an die Größe der frühern Bewohner erinnerten. Deßhalb kam er herbei, begleitet von dem ſchon früher erwähnten Feldmeſſer, welcher im Nothfall auch die Stelle eines Architecten verſah. Im Entwurf von Plänen u. ſ. w. pflegte ſich Gloſſin auf ſeine eigene Geſchicklich⸗ keit zu verlaſſen. Bertram wandte ihnen gerade den Rücken zu, als ſie die Anhöhe heraufſtiegen, und überdies war er auch durch die Zweige des großen Baumes völlig verborgen, ſo daß Gloſſin die Gegenwart des Fremden nicht eher gewahrte, als bis er dicht bei ihm war. „Ja, Sir, ich hab' es ſchon oft zu Ihnen geſagt, das alte Schloß hat herrliche Bauſteine, und es würde für das Gut beſſer ſein, wenn das Neſt völlig niedergeriſſen wäre, da es ja doch nur eine Höhle für Schmuggler iſt.“ In dieſem Augenblick wandte ſich Bertram ſchnell nach Gloſſin um und ſagte, nur zwei Schritt von demſelben entfernt:„Wollen Sie das herrliche alte Schloß zerſtören, Sir?“ Sein Geſicht, ſeine Perſon, und ſeine Stimme waren ſo ge⸗ nau die ſeines Vaters in deſſen beſten Tagen, daß Gloſſin, jenen Ausruf vernehmend und eine ſo unverhoffte Erſcheinung in Geſtalt ſeines Wohlthäters erblickend, und zwar faſt auf derſelben Stelle, wo der letztere geſtorben war, beinah auf den Gedanken gerieth, das Grab habe ſeinen Todten wiedergegeben.— Er wankte einige Schritte rückwärts, wie wenn er eine plötzliche und tödtliche Wunde empfangen hätte, Indeß rief er augenblicklich ſeine Geiſtesgegen⸗ wart zurück, indem ihn der quälende Gedanke ergriff, daß er kei⸗ nen Bewohner einer andern Welt vor ſich habe, ſondern einen be⸗ leidigten Mann, den der geringſte Mangel an Gewandtheit auf ſeiner(Gloſſin's) Seite leicht zu der Bekanntſchaft mit ſeinen Rech⸗ ten führen und ihm die Mittel, letztere zu behaupten, geben konnte. Aber dieſe Gedanken waren durch den empfundenen Schreck ſo ver⸗ worren, daß ſeine erſte Frage ſeltſam genug klang. „Im Namen Gottes, wie kamen Sie hieher!“ ſagte Gloſſin. „Wie ich hieher kam?“ wiederholte Gloſſin, überraſcht durch das Feierliche der Anrede.„Ich landete vor einer Viertelſtunde in dem kleinen Hafen unter'm Schloſſe, und beabſichtigte, der Be⸗ trachtung dieſer ſchönen Ruinen einen Augenblick zu widmen. Ich hoffe, daß ich auf dieſe Weiſe nicht unhöflich eingedrungen bin?“ „Eingedrungen, Sir!?— nein, Sir,“ ſagte Gloſſin, wie⸗ der einigermaßen Athem ſchöpfend; darauf flüſterte er ſeinem Be⸗ gleiter einige Worte in's Ohr, welcher ihn alsbald verließ und nach dem Hauſe hinabſtieg.„Eingedrungen, Sir!— nein, Sir,— Sie, ſo gut als jeder Gentleman, ſind willkommen, wenn Sie Ihre Schauluſt befriedigen wollen.“ „Ich dank' Ihnen, Sir,“ ſagte Bertram.„Man nennt dies das alte Herrenhaus, wie ich hörte! „Ja, Sir; zur unterſcheidung von dem neuen, welches mein Haus iſt, dort unten.“ Es muß bemerkt werden, daß Gloſſin während des folgenden Geſprächs einerſeits begierig war, zu hören, welche örtliche Erin⸗ nerungen Bertram von dem Schauplatz ſeiner Kindheit behalten hatte, andrerſeits aber auch genöthigt war, in ſeinen Antworten äußerſt vorſichtig zu ſein, damit er nicht durch einen Namen, eine Redensart oder Anekdote den ſchlummernden Ideenkreis wieder er⸗ wecke oder unterſtütze. Er erduldete wirklich während des ganzen Auftrittes die ſo reichlich verdiente Todesangſt; aber ſein Stolz — 17 und ſein Intereſſe ermuthigten ihn, gleich der Tapferkeit eines nordamerikaniſchen Indianers, die Qualen auszuhalten, die mit einemmal das ſchuldbeladene Gewiſſen, Haß, Furcht und Argwohn über ihn verhängten. „Ich möchte den Namen wiſſen, Sie, ſagte Bertram,„den Namen der Familie, welcher dieß zerſtörte Schloß gehört.“ „Es iſt mein Eigenthum, Sir; mein Name iſt Gloſſin.“ „Gloſſin— Gloſſin?“ wiederholte Bertram, als ob die Ant⸗ wort etwas verſchieden von dem lautete, was er erwartet hatte; „ich bitt' um Verzeihung, Mr. Gloſſin; ichtwar etwas zerſtreut.— Darf ich fragen, ob Ihre Familie lange im Beſitz des Schloſſes war?“ „Es ward vor langer Zeit von einer Familie Namens Dinga⸗ waie erbaut, wie ich glaube,“ antwortete Gloſſin; er ließ, aus den ſehr natürlichen Gründen, den Namen Bertram weg, welcher jene Erinnerungen hätte erwecken können, die er ſo ſorgfältig im Schlummer zu erhalten wünſchte, und mit einer ausweichenden Antwort beſeitigte er die Frage in Betreff der Dauer ſeines eige⸗ nen Beſitzes. „Und wie leſen Sie das halberloſchene Motto, Sir,“ ſagte Bertram, welches ſich an dem Sims über dem Wappen befindet?“ „Ich— ich— ich weiß es wirklich nicht genau,“ erwiederte Gloſſin. „Ich glaube, es ſoll heißen: Unſer Rechtiſt unſre Macht.“ „Ich glaube, ſo ungefähr wird es heißen,“ ſagte Gloſſin. „Darf ich fragen, Sir,“ ſagte der Fremde,„ob dies der Wahlſpruch Ihrer Familie iſt!“ „Nein,— nein— nicht der unſre. Dies iſt, glaub' ich, das Motto der frühern Bewohner— meines— in der That, ich habe an Mr. Cumming beim Heroldsamt in Edinburg wegen des meini⸗ Guy Mannering. III. 2 18 gen geſchrieben. Er ſchreibt mir, die Gloſſines hätten vor Alters den Wahlſpruch geführt:„Wer's nimmt, macht's.“ „Wenn die Sache ungewiß iſt, Sir, und wofern ich bethei⸗ ligt wäre,“ ſagte Bertram,„ſo würde ich das alte Motto wählen, welches mir das beſſere von den beiden ſcheint.“ Gloſſin, deſſen Zunge jetzt kein Wort hervorzubringen ver⸗ mochte, antwortete nur durch ein Nicken. „Es iſt alt genug,“ ſagte Bertram, ſeinen Blick auf das Wappen und das Portal heftend, und theils Gloſſin anredend, theils nur laut denkend,—„unſer Gedächtniß ſpielt uns doch när⸗ riſche Poſſen. Die Laute einer alten Prophezeiung, eines Liedes, Reims, oder was es ſonſt ſein mag, kommen mir in der Erinne⸗ rung wieder, indem ich dies Motto höre— halt— es iſt ein ſelt⸗ ſam klingender Reim: „Das Dunkel werde Licht, Und das Unrecht werde Recht, 4 Wenn Bertrams Recht und Bertrams Macht Neu auf“— Ich kann mich auf die letzte Zeile nicht beſinnen—erwacht, ſo iſt der Reim, das weiß ich; aber ich kann mich des vorhergehenden Wortes nicht erinnern.“ „Zum Teufel dein Gedächtniß,“ murmelte Gloſſin,„du be⸗ ſinnſt dich ſchon auf mehr als zuviel!“ „Es hängen noch andere Reime mit dieſer Jugenderinnerung zuſammen,“ fuhr der junge Mann fort;„Bitte, Sir, gibt es in dieſer Gegend nicht vielleicht ein Volkslied, welches von einer Toch⸗ ter des Königs auf der Inſel Man ſpricht, wie jene von einem ſchottiſchen Ritter entführt ward?“ „Niemand iſt ſchlechter in alten Sagen bewandert, als ich,“ antwortete Gloſſin, 4 19 „Sch kannte ein ſolches Lied;“ ſagte Bertram,„von Anfang bis Ende wußt' ich es als Knabe zu ſingen. Sie müſſen wiſſen, daß ich Schottland, meine Heimat, ſehr jung verließ, und dieje⸗ nigen, die mich wegführten, unterdrückten jeden meiner Verſuche, meine Jugenderinnerungen zu bewahren; vermuthlich deswegen, weil ich den kindiſchen Wunſch nährte, ihrer Obhut zu entfliehen.“ „Sehr natürlich,“ ſagte Gloſſin, aber auf eine Weiſe, als ob ſeine äußerſten Anſtrengungen nicht im Stande wären, ſeinen Mund weiter als um einen Viertelzoll zu öffnen, ſo daß ſeine Aeuße⸗ rung nur wie eine Art Gemurmel erſchien, ſehr verſchieden von der vollen, kühnen und lauten Stimme, womit er gewöhnlich ſprach. Wirklich ſchien auch durch ſein ganzes Benehmen während dieſer Unterhaltung ſeine Kraft und Geſtalt zuſammenzuſchrumpfen, und abzunehmen; bald ſetzte er den einen Fuß vor, bald den andern, bald ſanken, bald hoben ſich ſeine Schultern, bald ſpielte er mit den Weſtenknöpfen, bald ſchlug er die Hände zuſammen,— kurz, er war das lebendige Bild eines gemeinen, kleinmüthigen Schur⸗ ken, der angſtvoll der Entdeckung entgegenſieht. Alles dies ent⸗ ging indeß Bertram völlig, da ſich dieſer zu ſehr dem Gange ſeiner eignen Gedanken überließ. Und obwohl er Gloſſin anredete, dachte er in der That doch ſo wenig an ihn, daß ihn jener gar nicht in ſeinen eignen Gefühlen und Erinnerungen unterbrechen konnte. „Ja,“ ſagte er,„ich bewahrte meine Mutterſprache unter den Seeleuten, von denen die meiſten engliſch ſprachen, und ſo oft ich mich in einen Winkel für mich allein zurückziehen konnte, pflegte ich das ganze Lied von Anfang bis zu Ende zu ſingen; jetzt hab⸗ ich es ganz vergeſſen— aber ich entſinne mich noch recht gut der Melodie, obwohl ich nicht errathen kann, was es iſt, das ſie mir jetzt ſo deutlich in's Gedächtniß ruft.“ Er zog ſein Flageolet aus der Taſche, und ſpielte eine einfache Weiſe. Wahrſcheinlich erweckte dieſe Melodie die gleichen Empfin⸗ 2* 20 dungen in einem Mädchen, welches bei einem Brunnen, der einſt das Schloß mit Waſſer verſorgt hatte und in der Mitte des Abhan⸗ ges lag, mit Leinwandbleichen beſchäftigt war. Sie begann als⸗ bald zu ſingen: „Sie ſprach: iſt dies der Strand des Forth, Sind das die Höhn von Dee, Der ſchöne Wald von Warroch dort? Wie gerne ſäh' ich ſie!“ „Beim Himmel,“ rief Bertram,„das iſt dieſelbe Ballade! Ich muß jene Worte von dem Mädchen lernen.“ „Verwünſcht!“ dachte Gloſſin; wenn ich hier nicht Einhalt thun kann, ſo wird Alles aus ſein. O, der Teufel hol' alle Bal⸗ laden, und Balladenmacher, und Balladenſinger! und das ver⸗ wünſchte Mädchen obendrein, mit ihrem Singſang!—„Sie wer⸗ den dazu zu andrer Zeit genug Gelegenheit haben,“ ſagte er laut; „für jetzt“—(er ſah ſoeben ſeinen Abgeſandten mit zwei oder drei Leuten die Anhöhe herauf kommen,)„für jetzt müſſen wir ein ernſte⸗ res Wort zuſammen reden.“ „Wie meinen Sie das, Sir!“ ſagte Bertram, indem er ſich raſch zu ihm wandte, weil ihm der Ton, deſſen ſich jener bediente, auffiel. „Nun, Sir, was das anlangt— ich glaube, Ihr Name iſt Brown!“ ſagte Gloſſin. „Und was ſoll's damit, Sir?“ Gloſſin warf einen Blick zurück, um zu ſehen, ob ſeine Hilfs⸗ truppen nahe genug wären; ſie kamen eilig herzu.„Vanbeeſt Brown! wenn ich nicht irre.“ „Und was ſoll's damit, Sir?“ ſagte Bertram mit wachſen⸗ dem Staunen und Mißfallen. „Nun, in dieſem Falle,“ ſagte Gloſſin, welcher bemerkte, daß ſeine Freunde jetzt die Anhöhe erſtiegen hatten und nahe genug 21 waren—„in dieſem Falle ſind Sie mein Gefangener, im Namen des Königs!“— dabei ſtreckte er zugleich die Hand nach Bertrams Kragen aus, während ihn zwei von den herzugekommenen Leuten bei den Armen ergriffen; er machte ſich indeß durch eine gewaltige Anſtrengung von ihren Händen los, wobei er den hartnäckigſten zu Boden warf; und indem er ſeinen Säbel zog, ſtellte er ſich zur Ver⸗ theidigung bereit, während jene, die ſeine Kraft gefühlt hatten, zurückwichen und ihn aus ſicherer Ferne anſtarrten.„Merkt wohl,“ rief er zu gleicher Zeit,„daß ich mich der königlichen Autorität durchaus nicht widerſetzen will; überzeugt mich, daß ihr eine obrig⸗ keitliche Vollmacht habt und zu dieſer Verhaftung berechtigt ſeid, dann will ich ruhig gehorchen; aber Keiner, dem ſein Leben lieb iſt, wage ſich mir zu nähern, bis ich weiß, um welches Verbrechen und auf weſſen Befehl ich verhaftet werde.“ Gloſſin ließ einen der Gerichtsdiener eine Vollmacht zur Ver⸗ haftung des Vanbeeſt Brown vorzeigen, welcher des Verbrechens angeklagt ward, abſichtlich und boshafter Weiſe auf Charles Haz⸗ lewood, Junker von Hazlewood, geſchoſſen zu haben, in der Ab⸗ ſicht, denſelben zu tödten; deßgleichen beſchuldigt anderer Verbre⸗ chen und Vergehungen, in Folge deren er verhaftet und zur Unter⸗ ſuchung an die nächſte Obrigkeit geliefert werden ſolle. Da die Vollmacht in gehöriger Form und das Factum auch nicht abzuläug⸗ nen war, ſo warf Brown ſeine Waffe weg, und übergab ſich den Gerichtsdienern, welche mit einem Eifer über ihn herfielen, der ebenſo groß als ihre frühere Zaghaftigkeit war. Sie wollten ihn feſſeln, um ſich ſelbſt zu ſichern, weil ſie ſeine Kraft und Gewandt⸗ heit empfunden hatten. Gloſſin aber ſchämte oder fürchtete ſich, ihm dieſe unnöthige Schmach zufügen zu laſſen und befahl, daß man den Gefangenen mit all dem Anſtande, ja mit all der Ehrer⸗ bietigkeit behandeln ſolle, welche mit der Sicherheit vereinbar ſei. Indem er ſich aber zugleich fürchtete, ihn in ſein eignes Haus füh⸗ 22 ren zu laſſen, wo noch manch' andre Gegenſtände Erinnerungen in ihm wecken konnten, und zugleich ängſtlich bemüht, ſein eignes Verfahren durch eines andern Autorität zu ſanctioniren und zu decken, befahl er, daß ſein Wagen bereit gehalten werde,(denn er hatte ſich kürzlich einen angeſchafft,) und in der Zwiſchenzeit ließ er dem Gefangenen und den Gerichtsdienern Erfriſchungen reichen; dieſe Perſonen waren in eins der Gemächer des alten Schloſſes ge⸗ wieſen, bis alles zur Ablieferung des Gefangenen an eine Obrig⸗ keit vorbereitet ſein würde. 6 Drittes Kapitel. —— So bringt die Zeugen— Du, Mann des Rechts, nimm deinen Plas hier ein, Und du, der ſein Genoſſe, ſetze dich An ſeiner Seite hin— König Lear. Während der Wagen zurecht gemacht wurde, hatte Gloſſin einen Brief zu ſchreiben, der ihm nicht wenig Zeit koſtete. Er war gerichtet an ſeinen Nachbar, wie er ihn gern nannte, Sir Robert Hazlewood von Hazlewood, das Haupt eines alten und mächti⸗ gen Hauſes in der Grafſchaft, welches, beim Verfall der Familie Ellangowan, allmählig viel von der letzteren Anſehn und Einfluß geerbt hatte. Das jetzige Oberhaupt der Familie war ein ältlicher Mann, der bis zur Uebertreibung in ſeine Familie verliebt war, welche ſich auf einen Sohn und eine Tochter beſchränkte, und dabei völlig gleichgiltig in Bezug auf das Schickſal der ganzen übrigen Menſchheit. Im übrigen war er ein ehrenwerther Mann, weil er den Tadel der Welt ſcheute, und auch wohl aus einem beſſern Be⸗ weggrunde. Er war ungemein befangen in Ahnenſtolz und einem hohen Gefühle von ſeiner Wichtigkeit, und dies war noch bedeutend dadurch geſteigert worden, daß er ſeit kurzem den Titel eines Baro⸗ 24 nets von Nova Scotia erlangt hatte; er haßte das Andenken des Hauſes Ellangowan, obwohl es jetzt ein bloßes Andenken war, weil der Sage nach ein Baron dieſes Geſchlechts den Stifter des Hauſes Hazlewood genöthigt hatte, ihm den Steigbügel zu halten, bis er im Sattel ſaß. Sein Benehmen war im Allgemeinen hoch⸗ trabend und wichtig thuend; er affectirte eine gewiſſe blühende Be⸗ redſamkeit, die freilich oft lächerlich wurde, weil er ſeine ſchwül⸗ ſtigen, prunkenden Phraſen, womit er ſeine Reden überlud, am unrechten Orte anwandte. An dieſen Mann ſchrieb nun Gloſſin in einem Style, wie er ſeiner Eitelkeit und ſeinem Familienſtolze am angenehmſten klingen mochte. Folgendes iſt die Form dieſes Schreibens: „Mr. Gilbert Gloſſin,“(gern hätte er„von Ellangowan“ hinzugefügt, aber die Klugheit verhütete dies und er unterdrückte die herrſchaftliche Benennung,)„Mr. Gilbert Gloſſin hat die Ehre, Sir Robert Hazlewood ſich ehrerbietigſt zu empfehlen und denſelben zu benachrichtigen, daß er dieſen Morgen glück⸗ lich genug geweſen iſt, ſich derjenigen Perſon, welche Mr. Charles Hazlewood verwundete, zu verſichern. Da es Sir Robert Hazlewood wahrſcheinlich vorziehen dürfte, die Unter⸗ ſuchung dieſes Verbrechers ſelbſt zu leiten, ſo wird Mr. G. Gloſſin den Menſchen nach dem Wirthshauſe in Kippletringan bringen laſ⸗ ſen, oder auch nach Hazlewood⸗Haus, jenachdem es Sir Robert Hazlewood belieben wird. Und mit Sir Robert Hazlewoods Er⸗ laubniß wird Mr. G. Gloſſin den Gefangenen zu einem dieſer Orte begleiten, ſammt den Beweiſen und Papieren, die er in Bezug auf dieſe mißliche Sache ſo glücklich war, zu ſammeln.“ Adreſſirt: „Sir Robert Hazlewood von Hazlewood, Bart. Hazlewood⸗Haus, u. ſ. w. „Elln. Gn. Dienſtag ꝛc.“ 25 Dieſes Schreiben ſchickte er durch einen reitenden Diener ab, und nachdem er dieſem Manne Eile empfohlen und einen Vorſprung gelaſſen hatte, hieß er zwei Gerichtsdiener in den Wagen zu Ber⸗ tram ſteigen; er ſelbſt ſtieg zu Pferde und begleitete ſie langſamen Schrittes bis zu der Stelle, wo ſich die Wege nach Kippletringan und Hazlewood⸗Haus trennten; hier erwartete er die Rückkehr ſei⸗ nes Boten, um nach der Antwort, welche der Baronet ſchicken würde, ſeinen weitern Weg beſtimmen zu können. Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte der Diener mit der unten folgenden Antwort zurück; dieſe Note war ſauber gefaltet, und mit Hazle⸗ woods Familienwappen geſiegelt. „Sir Robert Hazlewood von Hazlewood erwiedert Mr. G. Gloſſins werthe Zuſchrift und ſagt ihm ſeinen Dank für die Mühe, die er ſich in einer Sache gegeben hat, welche die Wohlfahrt der Fa⸗ milie Sir Roberts betrifft. Sir R. H. erſucht Mr. G. G., die Güte zu haben, den Gefangenen, ſammt den Beweiſen u. 1 w. deren er gedenkt, nach Hazlewood⸗Haus zur Unterſuchung zu brin⸗ gen. Nach vollendetem Geſchäft, vorausgeſetzt, daß Mr. G. G. nicht bereits anderweit einer Einladung folgt, bittet ihn Sir R. und Lady Hazlewood um ſeine Geſellſchaft beim Mittageſſen.“ „Mr. Gilbert Gloſſin, u. ſ. w. „Hazlewood⸗Haus Dienſtag.“ Sol dachte Mr. Gloſſin, einen Finger hätt' ich denn, und bald denk' ich auch die ganze Hand zu haben. Aber erſt muß ich mir den leidigen jungen Menſchen vom Halſe ſchaffen.— Ich denke doch den Sir Robert lenken zu können. Er iſt ſchwachſinnig und ehrſüchtig, und wird leicht geneigt ſein, meinen Eingebungen bei dieſer Rechtsſache zu folgen, ſo wie ſich das Anſehn zu geben, als beruhe alles auf ſeiner eigenen Einſicht und ſeinem Willen. So 26 werde ich den Vortheil haben, der wirkliche Richter zu ſein, ohne doch das Gehäſſige der Verantwortlichkeit auf mich zu laden.— Während er ſich an dieſen Hoffnungen und Erwartungen wei⸗ dete, näherte ſich der Wagen dem Sitze Hazlewoods durch eine ſchöne Allee alter Eichen, welche das alte kloſterähnliche Gebäude umgaben. Es war ein weitläufiger Bau, aus verſchiedenen Peri⸗ oden herrührend, und war wirklich einmal eine Abtei geweſen; nachdem dieſe, zur Zeit der Königin Maria, aufgehoben worden, hatte der erſte der Familie das Haus nebſt umliegenden Ländereien als Geſchenk von der Regierung erhalten. Es lag dieſes Haus an⸗ muthig in einem weitläufigen Parke, an dem ufer des Flüßchens, deſſen wir früher gedachten. Die ganze Umgebung hatte einen düſtern, feierlichen und faſt melancholiſchen Charakter, der gut zu der Bauart des Hauſes paßte. Alles ſchien in der höchſtmöglichen Ordnung gehalten zu werden und verkündigte den Reichthum und Rang des Eigenthümers. 3 Als Mr. Gloſſin's Wagen am Thore hielt, muſterte Sir Ro⸗ bert das neue Fuhrwerk vom Fenſter aus. Nach ſeinen ariſtokrati⸗ ſchen Gefühlen lag ein hoher Grad von Anmaßung in dieſem novus homo, dieſem Mr. Gilbert Gloſſin, früher Schreiber in——ſhire, der es wagte, ſich ein ſolches Geräth anzuſchaffen; aber ſein Zorn milderte ſich, als er bemerkte, daß das Wappenſchild am Kutſchen⸗ ſchlag nichts zeigte, als die einfachen Buchſtaben G. G. Dieſe ſcheinbare Beſcheidenheit rührte in der That nur von der Saum⸗ ſeligkeit des Mr. Cumming beim Heroldsamte her, welcher, jetzt ungemein durch einige Beſtellungen aus Nordamerika, aus Irland und Jamaika in Anſpruch genommen, langſamer als gewöhnlich geweſen war, dem neuen Laird von Ellangowan ein Wappen aus⸗ findig zu machen. Aber ſein Zögern gereichte Gloſſin in der Mei⸗ nung des ſtolzen Baronet zum Vortheil. V 27 Während die Gerichtsdiener ihren Gefangenen in einer Art von Bedientenſtube bewahrten, ward Mr. Gloſſin in das ſogenannte große Eichenzimmer geführt, ein langes Gemach, mit wohlgeglät⸗ tetem Täfelwerk ausgelegt, und geſchmückt mit den grimmigen Portraits der Ahnen Sir Hazlewoods. Der Gaſt, welcher ſeiner niedrigen Geburt kein inneres Bewußtſein von Werth gegenüber⸗ ſtellen konnte, fühlte ſeine Niedrigkeit und zeigte durch die Tiefe ſeiner Verbeugung und ſein knechtiſches Benehmen, daß der Laird von Ellangowan einſtweilen wieder zu der alten und demüthigen Stellung des ehemaligen Gerichtsſchreibers herabgeſunken war. Er⸗ hätte ſich in der That gern ſelbſt überredet, daß er dem Stolze des alten Baronet nur ſchmeichle, um ſich dadurch Vortheile zu ver⸗ ſchaffen; aber ſeine Gefühle waren gemiſchter Art und er empfand den Einfluß der nämlichen Vorurtheile, denen er zu ſchmeicheln glaubte. Der Baronet empfing den Gaſt mit dem herablaſſenden An⸗ ſtande, welcher ihm einerſeits ſeine eigene ungeheure Ueberlegenheit darthun, und andrerſeits die Großmuth und Höflichkeit zeigen ſollte, womit er jene aufzugeben und ſich zu einer Unterhaltung mit gemeinen, gewöhnlichen Menſchen herabzulaſſen wüßte. Er dankte Gloſſin für ſeine Aufmerkſamkeit in einer Angelegenheit, die den jungen Hazlewood ſo nahe beträfe, und auf ſeine Familienbil⸗ der deutend, bemerkte er mit gnädigem Lächeln:„Wirklich ſind dieſe ehrwürdigen Gentlemen, Mr. Gloſſin, ebenſo ſehr in dieſem Falle, als ich ſelber, verpflichtet für die Nühe, Beſchwerde, Sorg⸗ falt und Unruhe, die Sie zu ihrem Beſten ertragen und aufgewen⸗ det haben; ich zweifele nicht, daß ſie, wenn ſie fähig wären, ſelbſt zu reden, ſich mit mir, Sir, vereinigen würden, um Ihnen für die Anhänglichkeit zu danken, die Sie dem Hauſe Hazlewood bewie⸗ ſen, indem Sie Sorgfalt und Mühe aufwendeten, Sir, um dem 28 jungen Gentleman, der ihren Namen und ihr Geſchlecht fortflanzt, zu nützen.“ ir Dreimal verbeugte ſich Gloſſin und jedesmal noch tiefer als zuvor; erſtlich zu Ehren des Ritters, welcher aufrecht vor ihm ſtand, ſodann aus Reſpekt vor den ruhigen Perſonen, welche ge⸗ duldig an der Wand hingen, und drittens aus Ehrerbietung gegen den jungen Gentleman, der ihren Namen und ihr Geſchlecht fort⸗ pflanzen ſollte. Sir Robert war ganz zufrieden, mit der Huldi⸗ gung, die ihm hier dargebracht wurde und fuhr im Tone gnädiger Leutſeligkeit fort:„Und nun, Mr. Gloſſin, mein vorzüglich gu⸗ ter Freund, müſſen Sie mir geſtatten, daß ich mich Ihrer Rechts⸗ kenntniß bei unſerm Verfahren in dieſer Sache bediene. Ich bin nicht ſehr bewandert in den Geſchäften eines Friedensrichters; dieſe paſſen beſſer für andre Herren, deren häusliche und die Familie betreffende Angelegenheiten weniger beſtändige Aufſicht, Aufmerk⸗ ſamkeit und Sorgfalt verlangen, als die meinigen.“ Natürlich war all der geringe Beiſtand, den Mr. Gloſſin zu leiſten im Stande war, ganz zu Sir Robert Hazlewoods Dienſt; aber da Sir Robert Hazlewoos Name ſo rühmlich bekannt auch in der angegebnen Hinſicht war, ſo durfte der beſagte Mr. Gloſſin kaum hoffen, irgend nöthig oder nützlich ſein zu können. „Ei, mein guter Sir, Sie werden verſtehen, daß ich nur meine, ich ſei in der praktiſchen Kenntniß der Einzelheiten des rich⸗ terlichen Verfahrens etwas unkundig geworden. Ich ward aller⸗ dings für das Rechtsfach erzogen, und ich darf mich wohl rühmen, daß einmal eine Zeit war, wo ich einige Fortſchritte in dem ſpecu⸗ lativen, abſtrakten, überhaupt theoretiſchen Theile unſers Land⸗ rechts gemacht hatte; aber es gibt heut zu Tage wenig Gelegenheit für einen Mann von Familie und Vermögen als Rechtsgelehrter dahin zu gelangen, wohin die Abenteurer leicht kommen, die für den Pöbel ebenſo willig als für den erſten Edelmann im Lande eine 29 Sache übernehmen, und deßhalb ward mir der Geſchmack am Praktiſchen allerdings bald verleidet. Der erſte Fall, der mir übertragen ward, machte mich in der That ſchon ganz krank; es betraf einen Streit über Talg, Sir, zwiſchen einem Fleiſcher und einem Lichtzieher; und ich fand nun, daß man von mir erwartete, ich ſolle meinen Mund beläſtigen, nicht allein mit ihrendgemeinen Namen, ſondern auch mit all den Handwerksausdrücken, Phraſen und der gemeinen Redeweiſe ihrer ſchmutzigen Künſte. Auf meine Ehre, mein guter Sir, ſeitdem war ich nie mehr im Stande, den Geruch eines Talglichts zu ertragen.“ Nachdem Mr. Gloſſin, wie es erwartet zu ſein ſchien, die ge⸗ meine Anwendung, durch welche des Baronets Talente bei dieſer traurigen Gelegenheit herabgewürdigt worden, gebührend be⸗ dauert hatte, erbot er ſich, jetzt als Protocollant, Aſſeſſor, oder ſonſt auf möglichſt nützliche Weiſe dem Verhör beizuwohnen.„Ge⸗ wiß wird er in Allem leicht zu überführen ſein, und für's Erſte glaub' ich, daß gewiß keine Schwierigkeit hinſichtlich der Haupt⸗ thatſache vorkommen wird, daß der Verhaftete nämlich dieſelbe Perſon iſt, welche das heilloſe Gewehr entlud. Sollte er es läug⸗ nen, ſo wird vermuthlich Mr. Hazlewood gegen ihn zeugen können?“ „Der junge Hazlewood iſt heute nicht daheim, Mr. Gloſſin.“ „Aber wir können den Schwur des Dieners haben, der ihn begleitete,“ ſagte der gewandte Mr. Gloſſin;„ich glaube wirklich kaum, daß ſich die Thatſache beſtreiten laſſen werde. Beſorgter bin ich freilich, daß, in Folge der nur zu günſtigen und nachſichti⸗ gen Weiſe, auf welche, wie ich hörte, Mr. Hazlewood die Sache darzuſtellen beliebte, der Angriff als zufällig betrachtet werden möchte, und die Verletzung als abſichtslos, ſo daß der Kerl in Freiheit geſetzt werden kann, um nur noch mehr Unheil anzu⸗ richten.“ 30 „Ich habe nicht die Ehre, den Herrn zu kennen, welcher jetzt das Amt eines königlichen Anwalts verſieht,“ erwiederte Sir Ro⸗ bert gravitätiſch;„aber ich ſetze voraus, ja, ich glaube ganz ſicher⸗ lich, daß er das bloße Factum, den jungen Hazlewood von Hazle⸗ wood, wär' es auch nur aus Unvorſichtigkeit,(um die Sache in ihrem mildeſten und ſanfteſten und in ihrem günſtigſten und un⸗ wahrſcheinlichſten Lichte darzuſtellen,) daß er dies als ein Verbre⸗ chen betrachten wird, welches durch Gefangenſchaft zu leicht beſtraft ſein würde und vielmehr Deportation verdient.“ „In der That, Sir Robert,“ ſagte der Rechtsgelehrte bei⸗ pflichtend,„ich bin durchaus Ihrer Meinung; aber,— ich weiß nicht, wie es kommt,— ich bemerkte, daß die Edinburger Herren Rechtsgelehrten und ſelbſt die Beamten der Regierung ſich ſtreng auf eine ganz gleichmäßige Verwaltung der Geſetze legen, ohne Rückſicht auf Rang und Familie; und ſo fürcht' ich”“—— „Wie, Sir, ohne Rückſicht auf Rang und Familie! Sagen Sie, daß Leute von Geburt und gebildeter Erziehung ein ſolches Verfahren beobachten! Nein, Sir; wenn die Entwendung einer Kleinigkeit auf offener Straße nur eine Gaunerei genannt wird, aber Tempelraub heißt, wenn daſſelbe Verbrechen in der Kirche be⸗ gangen iſt, ſo ſollte, der richtigen Stufenfolge in der bürgerlichen Geſellſchaft gemäß, die Strafe für Beleidigung auch nach dem Range der Perſon, gegen welche ſie verübt ward, erhöht werden.“ Gloſſin verbeugte ſich tief bei dieſer gelehrten Erklärung, be⸗ merkte jedoch, daß im ſchlimmſten Falle und wofern jene verderb⸗ lichen Lehren, die er bereits andeutete, Geltung finden ſollten, „das Geſetz den Vanbeeſt Brown noch aus einem andern Grunde in Anſpruch nehmen werde.“ „Vanbeeſt Brown! iſt das des Menſchen Name? Guter Gott! der junge Hazlewood von Hazlewood mußte alſo ſein Leben in Ge⸗ fahr ſehen, mußte ſein rechtes Schlüſſelbein beträchtlich verletzen 31 laſſen, ſein Schulterblatt mußte ebenfalls gefährlich angegriffen werden, wie der Wundarzt der Familie ausdrücklich berichtete— und das Alles durch einen unbekannten Wicht, der ſich Vanbeeſt Brown nennt!“ „Allerdings, Sir Robert, iſt ſchon der Gedanke an eine ſolche Sache unerträglich; aber ich bitte tauſendmal um Verzeihung, daß ich noch einmal darauf zurückkomme; eine Perſon gleichen Namens gehört, wie aus dieſen Papieren hervorgeht,“(er zog Dirk Hatte⸗ raicks Taſchenbuch hervor,)„zu dem Schmugglerſchiffe, deſſen Mannſchaft Woodbourne anzugreifen wagte, und ich zweifle nicht, daß der Gefangene die nämliche Perſon ſei; Ihre ſcharfe Beobach⸗ tungsgabe wird indeſſen leicht Gewißheit verſchaffen können.“ „Der nämliche, mein guter Sir, es muß ſicherlich der näm⸗ liche ſein— es hieße ſelbſt gegen den gemeinſten Pöbel ungerecht ſein, wenn man annähme, daß ſich zwei unter demſelben fänden, die verdammt wären, einen ſo ohrenzerreißenden Namen, wie Vanbeeſt Brown zu führen.“ „Freilich, Sir Robert; ganz unbeſtreitbar; es läßt ſich daran nicht im mindeſten zweifeln. Aber Sie werden ferner bemerken, daß dieſer umſtand das verzweifelte Betragen des Menſchen erklärt. Sie werden den Beweggrund ſeines Verbrechens entdecken, Sir Robert; Sie, ſag' ich, werden ihn ohne Schwierigkeit entdecken, wenn Sie die Unterſuchung übernehmen; ich meines Theils kann nicht umhin zu argwohnen, daß nur Rache der Beweggrund war, Rache für die Tapferkeit, mit welcher Mr. Hazlewood, mit all dem Muthe ſeiner glorreichen Ahnen, das Haus zu Woodbourne gegen dieſen Schurken und ſeine ſchändlichen Gefährten vertheidigte.“ „Ich will das unterſuchen, mein guter Sir,“ ſagte der ge⸗ lehrte Baronet.„Doch ſelbſt jetzt ſchon wage ich die Vermuthung, daß ich die Auflöſung oder Erklärung dieſes Räthſels oder Geheim⸗ niſſes annehmen werde, die Sie einigermaßen angegeben haben. 32 Ja, Rache muß es ſein— und lieber Himmel! von wem, und ge⸗ gen wen! Gegen meinen Sohn Junker Hazlewood von Hazle⸗ wood gefaßt, gehegt und genährt, und zum Theil auch ausge⸗ führt, vollzogen und vollbracht durch die Hand eines Vanbeeſt Brown! Wahrhaftig, wir leben in ſchrecklichen Tagen— mein werther Nachbar,(dieſer Ausdruck deutete auf ein ſchnelles Zuneh⸗ men und Wachſen in des Baronets Gunſt hin,)— in Tagen, wo die mächtigſten Bollwerke der Geſellſchaft in ihrem Grunde erſchüt⸗ tert ſind, und jener Rang, der einſt ihre Zierde und ihr Schmuck war, mit den geringern Theilen des Gebäudes vermengt und unter⸗ miſcht iſt. O mein guter Mr. Gilbert Gloſſin, zu meiner Zeit war der Gebrauch von Schwertern und Piſtolen und andern ehrenvollen Waffen dem Adel allein vorbehalten; die Streitigkeiten des gemeinen Volkes aber wurden durch diejenigen Waffen entſchieden, welche die Natur ihm gegeben hat, oder mit Knitteln, die im erſten beſten Walde abgeſchnitten waren. Aber jetzt, Mr. Gloſſin, tritt des Bauers benagelter Schuh dem Hofmann auf die Zehen. Die Men⸗ ſchen niedern Standes haben ihre Streitigkeiten, Sir, und ihre Ehrenſachen, und ihre Rachbegierden obendrein, Gott ſei es ge⸗ klagt. Aber wohlan! die Zeit entflieht unnütz— laſſen Sie den Menſchen hereinbringen, dieſen Vanbeeſt Brown, damit wir we⸗ nigſtens für jetzt ſeiner los werden.“— Viertes Kapitel. ——— Die Beleidigung Ging von ihm aus, doch kehrte ſie zurück, Der ſchlecht entzündeten Petarde gleich, Die nach dem Buſen des Entzünders fliegt. Doch hoff ich, daß die Wunde nicht gefährlich, Er kann geneſen. Das ſchöne Wirthshausmädchen. Der Gefangene ward nun vor die beiden würdigen Gerichts⸗ beamten geführt. Gloſſin, theils von einigen Gewiſſensregun⸗ gen ergriffen, und theils auch weil er entſchloſſen war, dem adeli⸗ gen Amtsgenoſſen die ſichtbare Leitung der Unterſuchung zu über⸗ laſſen, blickte nieder auf den Tiſch, eifrig beſchäftigt, die Schrif⸗ ten, welche auf das Geſchäft Bezug hatten, zu leſen und zu ord⸗ nen, und warf nur von Zeit zu Zeit als Einhelfer ein geſchicktes Stichwort hin, wenn er ſah, daß der Vorgeſetzte, der ſcheinbar am thätigſten bei der Sache war, einen Wink nöthig hatte. Was Sir Robert Hazlewood betrifft, ſo ſuchte er den ſtrengen Ernſt des Richters mit der perſönlichen Würde, die dem Baronet einer alten Familie zukam, zu vereinigen. Guy Mannering. III. 3 0 „Laßt ihn dort an das untere Ende des Tiſches treten, Con⸗ ſtables.— Seid ſo gut und ſeht mir in das Geſicht, Sir, und be⸗ antwortet mit lauter Stimme die Fragen, die ich euch vorlegen werde.“ „Darf ich vor allen Dingen um Auskunft bitten, Sir, wer es iſt, der ſich bemüht, mir Fragen vorzulegen!“ ſagte der Ge⸗ fangene;„denn den wackern Herrn, die mich hieher brachten, war es nicht gefällig, mir irgend eine Nachricht über dieſen Punkt zu geben.“ „Erlaubt, Sir,“ antwortete Sir Robert,„was hat mein Name und mein Rang mit den Fragen zu thun, die ich an euch zu richten gedenke!“ „Vielleicht nichts, Sir,“ antwortete Bertram;„bedeuten⸗ den Einfluß aber wird es auf meine Neigung, jene Fragen zu be⸗ antworten, haben.“ „Nun gut, Sir, ſo mögt Ihr denn wiſſen, daß ihr vor Sir Robert Hazlewood von Hazlewood ſteht, und vor einem zweiten Friedensrichter dieſer Grafſchaft— das iſt Alles.“ Da dieſe Nachricht eine minder gewaltige Wirkung auf den Gefangenen hervorbrachte, als der Redner vorausgeſetzt hatte, ſo ſetzte Sir Robert ſein Verhör mit wachſendem Mißfallen an dem Gegenſtande deſſelben fort. „Iſt euer Name Vanbeeſt Brown, Sir!“ „Er iſt's,“ antwortete der Gefangene. „Richtig alſo;— und wie haben wir euch weiter zu nennen, Sir?“ fragte der Friedensrichter. „Capitain in Sr. Majeſtät—— Cavallerieregiment,“ ant⸗ wortete Bertram. Der Baronet hörte dieſe Ausſage mit Staunen; aber ſein Muth ſtärkte ſich neu durch einen zweifelvollen Blick Gloſſins, wel⸗ cher zugleich einen leiſen, pfeifenden Ton hören ließ, der Ueber⸗ — QQQ⏑Q—:—:—LQV—L—ꝛ—:—:—— raſchung und Verachtung ausdrückte.„Ich glaube, mein Freund,“ ſagte Sir Robert,„wir werden, ehe wir uns trennen, einen be⸗ ſcheidenern Titel für euch ausfindig machen.“ „Wenn Sie das thun, Sir,“ erwiederte der Gefangene, „ſo werde ich mich willig jeder Strafe unterwerfen, welche ſolch ein Betrug nur immer verdienen mag.“ „Gut, Sir, wir werden ſehn,“ fuhr Sir Robert fort. „Kennt ihr den jungen Hazlewood von Hazlewood?!“ „Ich ſah dieſen Herrn, der, wie ich hörte, dieſen Namen führt, nur ein einziges Mal, und ich bedauere, daß dies unter ſehr unerfreulichen Umſtänden geſchah.“ „Demnach erkennt ihr an,“ ſagte der Baronet,„daß ihr dem jungen Hazlewood von Hazlewood die Wunde beibrachtet, die ſein Leben in Gefahr ſetzte, das Schlüſſelbein ſeiner rechten Schulter be⸗ deutend verletzte und auch das Schulterblatt gefährlich berührte, wie der Hauswundarzt erklärt?“ „Nun, Sir,“ erwiederte Bertram;„ich kann nur ſagen, daß ich nicht weiß, wie groß der Schaden war, der dem jungen Herrn zugefügt ward, daß ich aber jedenfalls ſehr bekümmert darum bin. Ich begegnete ihm auf einem ſchmalen Pfade, wo er mit zwei Da⸗ men und einem Diener ging; und ehe ich noch vorübergehen oder ſie anreden konnte, nahm der junge Mann ſeinem Diener die Flinte weg, legte auf mich an und gebot mir mit dem hochfahrendſten Tone, mich ſofort zu entfernen. Ich war eben ſo wenig geneigt, ſeinem Befehle zu gehorchen, als ihn im Beſitze eines Gewehrs zu laſſen, deſſen er ſich ſo unvorſichtig bedienen zu wollen ſchien. Ich rang mit ihm, um ihn zu entwaffnen, und es war mir beinahe ge⸗ lungen, als die Flinte losging und zu meinem größten Leidweſen dem jungen Manne eine härtere Züchtigung gab, als ich wünſchte; aber es freut mich nun, zu hören, daß die Folgen nicht ſchlimmer ſind, als es ſeine grundloſe und thörichte Uebereilung verdiente.“ 3* 36 „und alſo, Sir,“ ſagte der Baronet mit dem Zorne der be⸗ leidigten Würde im Geſicht,—„Ihr, Sir, ihr gebt alſo zu, daß es euer Vorſatz war, Sir, und eure Abſicht, Sir, und der wahr⸗ hafte Zweck eures Angriffs, Sir, dem jungen Hazlewood von Hazlewood ſein Gewehr abzunehmen, Sir, oder ſeine Vogelflinte, oder ſeine Büchſe, wie es immer heißen mochte, und das auf Sr. Majeſtät offener Straße, Sir!— das reicht, denk' ich, hin, mein würdiger Nachbar! ich denke, er muß alsbald verhaftet werden!“ „Sie wiſſen am beſten zu urtheilen, Sir Robert,“ ſagte Gloſſin in ſeinem gefälligen Tone;„aber, wenn ich mir eine An⸗ deutung erlauben darf, es war auch noch etwas hinſichtlich der Schmuggler im Spiele.“ „Sehr wahr, guter Sir.— Ueberdies, Sir, ſeid ihr, der ihr euch Capitain in Sr. Majeſtät Dienſten nennt, nichts mehr und nichts weniger als ein ſchuftiger Genoſſe einer Schmuggler⸗ bande!“ „Wirklich, Sir,“ ſagte Bertram,„Sie ſind ein alter Herr und in einer ſehr feltſamen Taͤuſchung befangen,— außerdem würde ich meinem Unwillen gegen Sie freien Lauf laſſen.“ „Alter Herr, Sir! ſeltſame Täuſchung, Sir!“ ſagte Sir Robert, vor Zorn die Farbe wechſelnd.„Ich verſichere und er⸗ kläre—— Ei, Sir, habt ihr Briefe oder Papiere, die euren vor⸗ geblichen Stand, Rang und Beruf beweiſen können?“ „Gegenwärtig keine, Sir,“ antwortete Bertram;„aber nach einigen Poſttagen“— „und wie kommt es, Sir,“ fuhr der Baronet fort,„wie kommt es, wenn ihr Capitain in Sr. Majeſtät Dienſt ſeid, daß ihr ohne Empfehlungsbriefe hier in Schottland reiſt! ohne Gepäck, ohne irgend etwas, was euren vorgeblichen Rang, Stand und Beruf bezeichnen könnte, wie ich ſchon vorher ſagte?“ 37 „Sir,“ erwiederte der Gefangene,„ich hatte das Unglück, meiner Kleider und meines Gepäckes beraubt zu werden.“ „Ohol dann ſeid ihr der Herr, der eine Poſtchaiſe von—— nach Kippletringan nahm, den Poſtknecht auf offner Straße hal⸗ ten ließ, und zwei ſeiner Kameraden ſandte, um jenen zu prügeln und das Gepäck fortzuſchaffen!“ „Allerdings Sir, befand ich mich in einer ſolchen Poſtchaiſe; mußte aber ausſteigen, da ich mich verirrt hatte, und verlor den Weg vollends, während ich mich die Straße nach Kippletringan zu entdecken bemühte. Die Wirthin im Gaſthofe wird beſtätigen, daß bei meiner Ankunft am nächſten Tage meine erſte Frage den Poſt⸗ knecht betraf.“ „Dann erlaubt mir, zu fragen, wo Ihr die Nacht zubrach⸗ tet,— vermuthlich nicht im Schnee! ihr glaubt doch nicht, daß man das glauben, gelten laſſen und annehmen würde!“ „Ich bitte,“ antwortete Bertram, indem ſich ſeine Gedanken auf die Zigeunerin wandten und auf das Verſprechen, das er ihr gegeben hatte,„ich bitte, mir die Beantwortung dieſer Frage zu erlaſſen.“ „Das läßt ſich denken,“ ſagte Sir Robert.—„War't ihr nicht während jener Nacht in den Ruinen von Derncleugh?— in den Ruinen von Derncleugh, Sir!“ „Ich hab' Ihnen geſagt, daß ich dieſe Frage nicht zu beant⸗ worten gedenke;“ erwiederte Bertram. „Gut, Herr, ſo müßt ihr in Verhaft bleiben, Sir,“ ſagte Sir Robert,„und werdet in's Gefängniß geſchickt werden, das iſt Alles, Sir.— Habt die Güte dieſe Papiere anzuſehn; ſeid ihr der Vanbeeſt Brown, welcher hier erwähnt wird?“ Es muß bemerkt werden, daß Gloſſin unter die Papiere einige Schreiben gemiſcht hatte, welche wirklich Bertram gehörten und welche die Gerichtsdiener in dem alten Gewölbe, wo ſein Mantel⸗ ſack geplündert worden war, gefunden hatten. „Einige von dieſen Papieren,“ ſagte Bertram, indem er ſie durchſah,„gehören mein und befanden ſich in meiner Brieftaſche, als dieſe aus dem Poſtwagen geſtohlen ward. Ihr Inhalt iſt von geringem Werth, und wie ich ſehe hat man ſie ſorgfältig als ſolche ausgewählt, die über meinen Stand und Charakter nichts bewei⸗ ſen, während viele andere dies zur Gnüge gethan haben würden. Sie ſind mit Schiffs⸗Rechnungen und andern Papieren gemiſcht, welche wahrſcheinlich einer Perſon gleichen Namens gehören.“ „Und willſt du mich zu überreden ſuchen, Freund,“ ſagte Sir Robert,„daß zwei Perſonen zu gleicher Zeit in dieſer Gegend ſein ſollen, die beide den ganz ungewöhnlichen und häßlich klingen⸗ den Namen führen!“ „Ich ſehe in der That nicht ein, Sir, warum es nicht, ſo gut es da einen jungen und einen alten Hazlewood gibt, auch einen alten und einen jungen Vanbeeſt Brown geben ſollte. Und, um ernſtlich zu reden, ich ward in Holland erzogen, und ich weiß, daß dieſer Name, wie übel er auch immerlengliſchen Ohren“—— Gloſſin, welcher merkte, daß der Gefangene jetzt im Begriff war, auf gefährlichen Boden zu kommen, fiel in die Rede, wie⸗ wohl die Unterbrechung ganz unnöthig war, um nur die Aufmerk⸗ ſamkeit Sir Robert Hazlewoods anderswohin zu lenken; der letz⸗ tere ſaß ſprachlos und regungslos vor Empörung über die vermeſ⸗ ſene Vergleichung, welche Bertrams letzte Worte enthielten. Wirklich waren die Adern ſeines Geſichts geſchwollen, als ob ſie berſten wollten, und er ſaß da mit der zornigen und betroffenen Miene eines Mannes, dem eine tödtliche Beleidigung zugefügt ward, und zwar von einer Seite, welche er keiner Erwiederung würdig halten darf und kann. Während er mit gerunzelter Stirn und zornſprühendem Blicke ſeinen Athem feierlich und langſam ein⸗ * 39 zog und ebenſo wieder mit tiefer und feierlicher Anſtrengung von ſich hauchte, kam ihm Gloſſin zu Hilfe.„Ich ſollte mit aller Unter⸗ thänigkeit dafür halten, Sir Robert, daß dieſe Sache nun als ge⸗ ſchloſſen gelten könnte. Einer der Gerichtsdiener erbietet ſich,(ab⸗ geſehn von den bereits vorhandenen, entſcheidenden Beweiſen,) einen Eid abzulegen, daß das Schwert, deſſen der Gefangene die⸗ ſen Morgen beraubt ward,(beiläufig, weil er es brauchte, um ſich einer richterlichen Vollmacht zu widerſetzen,) daß dies eine Waffe ſei, die ihm in einem Kampf zwiſchen Gerichtsdienern und Schmugglern abgenommen ward, und zwar kurz vor der letztern Angriffe auf Woodbourne.— Und dennoch,“ ſetzte er hinzu, „möchte ich nicht, daß Sie in dieſer Hinſicht allzu raſch urtheilten; vielleicht kann uns der junge Mann erklären, wie er zu der Waffe kam.“ „Dieſe Frage, Sir,“ ſagte Bertram,„werde ich ebenfalls unbeantwortet laſſen.“ „Noch ein anderer umſtand verdient erörtert zu werden, wo⸗ fern es nämlich Sir Robert geſtatten will,“ bemerkte Gloſſin. „Dieſer Gefangene legte in die Hände der Mrs. Mac⸗Candliſh ein Päckchen nieder, welches verſchiedene Goldmünzen und andere werthvolle Gegenſtände enthält. Vielleicht, Sir Robert, halten Sie für gut, zu fragen, wie er zu einem Eigenthum ſo ſeltener Art kam?“ „Nun, Sir, Vanbeeſt Brown, Sir, ihr hört die Frage, Sir, die euch dieſer Herr vorlegt!“ „Ich habe beſondere Gründe, die Beantwortung dieſer Frage abzulehnen,“ antwortete Bertram. „Dann fürchte ich, Sir,“ ſagte Gloſſin, welcher die Sache nun zu dem Punkte geführt hatte, den er zu erreichen wünſchte, „daß uns unſre Pflicht in die Nothwendigkeit verſetzt, einen Ver⸗ haftsbefehl gegen euch auszufertigen.“ 40 „Nach Belieben, Sir,“ ſagte Bertram;„bedenkt indeß wohl, was ihr thut. Erinnert euch, daß ich mich als Capitain in Sr. Majeſtät—— Regiment nannte, daß ich ſo eben aus Indien zurückgekehrt bin, und alſo unmöglich in Verbindung mit jenen Schleichhändlern ſtehn kann, von denen ihr ſprecht; ferner, daß mein Oberſtleutnant jetzt in Nottingham iſt, und der Major, ſammt den Officieren meines Corps, zu Kingſton an der Themſe. Ich erkläre vor Ihnen beiden, mich jeder Schmach zu unterwerfen, wofern ich bis zur Rückkehr der Poſten von Nottingham und King⸗ ſton nicht im Stande bin, das Geſagte zu beweiſen. Oder ihr könnt an den Geſchäftsführer des Regiments ſchreiben, wenn es euch gefällig iſt, und“—— 4 „Das iſt Alles recht gut, Sir,“ ſagte Gloſſin, der zu fürch⸗ ten begann, daß die feſt und beſtimmt ausgeſprochene Forderung Bertram's einigen Eindruck auf Sir Robert machen möchte, der ſich zu Tode geſchämt haben würde, wenn er die Unſchicklichkeit, einen Reitercapitain in's Gefängniß zu ſchicken, begangen hätte— „Dies iſt Alles recht gut, Sir; aber befindet ſich nicht in der Nähe eine Perſon, auf die ihr euch berufen könntet?“— „Es ſind blos zwei Perſonen in dieſer Gegend, die etwas von mir wiſſen,“ erwiederte der Gefangene.„Die eine iſt ein ſchlich⸗ ter Landmann in Liddesdale, Namens Dinmont von Charlieshope; aber er weiß nichts weiter von mir, als was ich ihm ſagte, und wmas ich jetzt euch ſage.“ „Ei, das iſt nicht übel, Sir Robert!“ ſagte Gloſſin.„Ich glaube, er würde dieſen dickköpfigen Burſchen herbeibringen, um ſeine Leichtgläubigkeit zu beſchwören, Sir Robert, ha ha ha!“ „Und wer iſt euer andrer Zeuge, Freund!“ ſagte der Ba⸗ ronet.— „Ein Herr, den ich aus gewiſſen Privatgründen nur ſehr un⸗ gern nennen kann, unter deſſen Befehl ich jedoch einige Zeit in In⸗ 4 dien diente, und der auch zu ſehr Mann von Ehre iſt, als daß er meinem Charakter als Soldat und Gentleman ſein Zeugniß ver⸗ weigern könnte.“ „und wer iſt dieſer mannhafte Zeuge, bitte, Sir?“ ſagte Sir Robert,— ein Wachtmeiſter auf halbem Sold oder ein Feld⸗ webel, vermuthlich!“ „Oberſt Guy Mannering, früher beim—— Regiment, in welchem ich, wie ich ſagte, Capitain bin.“ Oberſt Guy Mannering!l dachte Gloſſin,— wer Teufel konnte das errathen? „Oberſt Guy Mannering!“ wiederholte der Baronet, be⸗ trächtlich in ſeiner Meinung erſchüttert.—„Mein guter Sir,“ (leiſe zu Gloſſin)—„der junge Mann mit dem ſchrecklich gemeinen Namen und ſo ſehr beſcheidenem Betragen, hat trotzdem etwas von dem Tone, den Manieren und dem Gefühl eines Gentleman, zum wenigſten Eines, der in guter Geſellſchaft gelebt hat— man ver⸗ gibt in Indien die Stellen leichthin, ſorglos und unaccurat— ich dächte, wir ließen die Sache lieber ruhn, bis Oberſt Mannering zurückkommt; er iſt, glaub' ich, jetzt in Edinburg.“ „Sie haben in jeder Hinſicht das beſte Urtheil, Sir Robert,“ antwortete Gloſſin,„in jeder möglichen Hinſicht. Ich wünſchte Ihnen nur bemerklich zu machen, daß wir ſchwerlich berechtigt ſind, dieſen Mann auf eine Verſicherung hin zu entlaſſen, die er nicht be⸗ weiſen kann, und daß wir uns ſchwerer Verantwortlichkeit aus⸗ ſetzen, wenn wir ihn in Privatgewahrſam behalten, ohne ihn dem öffentlichen Gefängniß zu übergeben. Indeß wiſſen Sie unſtreitig am beſten zu urtheilen, Sir Robert;— und ich wollte nur meiner⸗ ſeits bemerken, daß mir noch kürzlich ſtrenger Tadel ward, als ich eine Perſon an einem Orte bewahrte, der mir völlig ſicher ſchien und überdies von den Gerichtsdienern bewacht wurde. Der Mann entſprang, und ich zweifle nicht, daß mein eigener Ruf hinſichtlich 42 der Aufmerkſamkeit und Umſicht als Magiſtratsperſon einigerma⸗ ßen gelitten hat. Ich deute dies nur an— ich werde Ihnen in Allem gehorchen, Sir Robert, was Sie für rathſam halten.“ Gloſſin wußte aber recht gut, daß dieſer Wink völlig hinreichend ſein werde, um das Verfahren ſeines ſelbſtgenügſamen, aber nicht ſelbſtſtändigen Collegen zu entſcheiden. Der Baronet Robert Hazlewood ſchloß daher die Sache mit folgender Rede, die theils von der Vorausſetzung, daß der Gefangene wirklich ein Gentleman, theils von dem entgegengeſetzten Glauben, daß er ein Schurke und Meuchelmörder ſei, ausging. „Sir, Mr. Vanbeeſt Brown— ich würde euch Capitain Brown nennen, wenn irgend ein Grund, eine urſache oder Ver⸗ anlaſſung vorhanden wäre, zu der Vorausſetzung, daß ihr Capi⸗ tain ſeid, oder in dem höchſt achtbaren Regimente, welches ihr nanntet, oder in irgend einem andern königlichen Regimente, eine Officierſtelle beſitzt, worüber ich bis jetzt freilich keine beſtimmte, feſte und unveränderliche Erklärung oder Meinung habe abgeben wollen. Ich ſage daher, Sir Brown, wir haben beſchloſſen, daß in Erwägung der mißlichen Verhältniſſe, worin ihr euch zur Zeit befindet, da ihr beraubt worden ſeid, wie ihr ſagt, eine Be⸗ hauptung, worüber ich für jetzt meine Meinung noch nicht erklären will, und da ihr im Beſitze eines Schatzes von beträchtlichem Werthe ſeid, ſo wie eines Säbels mit meſſingenem Griffe, und über die Erwerbung dieſer genannten Gegenſtände keine Erklärung habt abgeben wollen— wir haben, ſag' ich, entſchieden, beſchloſ⸗ ſen und feſtgeſetzt, euch in's Gefängniß zu ſchicken, oder vielmehr euch ein Gemach daſelbſt anzuweiſen, damit ihr nach der Rückkehr des Oberſten Guy Mannering von Edinburg alsbald wieder zu er⸗ ſcheinen bereit ſeid.“ „Mit aller Ergebenheit, Sir Robert,“ ſagte Gloſſin,„er⸗ laube ich mir die Frage, ob Sie beabſichtigen, dieſen jungen Herrn 43 nach dem Landgefängniß zu ſenden? denn wofern dies nicht Ihre beſtimmte Abſicht iſt, nehm' ich mir die Freiheit, anzudeuten, daß es minder hart ſein würde, wenn man ihn nach dem Arbeitshaus bei Portanferry ſchickte, wo er, ohne den Blicken der Menge blos⸗ geſtellt zu werden, doch ſicher bewahrt wäre; und es iſt dieſe Ver⸗ meidung der öffentlichen Schauſtellung ein Umſtand, der wohl zu berückſichtigen iſt, für den Fall, daß ſeine Erzählung begründet wäre.“ „Ja, es iſt eine Militärwache in Portanferry zur Beſchützung der Güter im Zollhauſe; und überhaupt iſt jener Ort verhältniß⸗ mäßig ziemlich bequem, ſo daß wir alſo, wenn wir alles erwogen haben, dieſe Perſon gefangen ſetzen— ich wollte vielmehr ſagen, dieſe Perſon ermächtigen wollen, ſich im Arbeitshaus zu Portan⸗ ferry bewahren zu laſſen.“. Demnach ward der Verhaftsbefehl ausgefertigt und dem Ge⸗ fangenen angekündigt, daß er am nächſten Morgen nach jenem Gefängniß gebracht werden ſollte; denn Sir Robert mochte den Deckmantel der Nacht, wo der Gefangne leicht entfliehen konnte, nicht dazu benutzen. Bis zur Zeit der Abfahrt ſollte er im Schloß Hazlewood bewahrt werden. Es kann nicht ſo hart ſein, als meine Gefangenſchaft bei den Luties in Indien, dachte Bertram; und auch ſo lange kann es nicht währen. Aber der Teufel hole den alten gravitätiſchen Bur⸗ ſchen, ſammt ſeinem ſchlauen Genoſſen, der ihm ſtets zu Gefallen ſpricht,— ſie können nicht einmal eines ſchlichten Mannes Geſchichte verſtehn, wenn ſie ihnen erzählt wird. Inzwiſchen verabſchiedete ſich Gloſſin vom Baronet, indem er mit tauſend ehrerbietigen Verbeugungen und Entſchuldigungen die Einladung zum Mittageſſen ablehnte und die Hoffnung wagte, es werde ihm bei einer künftigen Gelegenheit vergönnt ſein, dem Ba⸗ 44 ronet, der Lady Hazlewood und dem jungen Mr. Hazlewood ſeine Ehrfurcht zu beweiſen. „Gewiß, Sir,“ ſagte der Baronet ſehr huldvoll.„Ich hoffe, unſre Familie ſetzte nie die Höflichkeit gegen unſre Nachbarn aus den Augen; und wenn ich beim Spazierritt dort vorüber⸗ komme, lieber Mr. Gloſſin, ſo will ich Sie davon überzeugen, in⸗ dem ich in Ihrem Hauſe ſo vertraut einſpreche, als es gebührlich iſt, das heißt, als gehofft oder erwartet werden kann.“ „und nun,“ ſagte Gloſſin zu ſich ſelbſt,„iſt Dirk Hatteraick und ſeine Leute aufzuſuchen,— die Wache zum Zollhauſe zu ent⸗ fernen— und dann der große Wurf zu wagen. Alles hängt von der Eile ab. Wie gut, daß ſich Mannering nach Edinburg bege⸗ ben hat! ſeine Bekanntſchaft mit dieſem jungen Manne müßte meine Gefahr ungemein ſteigern,“— hier ließ er ſein Pferd langſa⸗ mer gehen,—„Wie, wenn ich mich mit dem Erben zu vergleichen ſuchte! vielleicht ließe er ſich mit einer runden Summe abfinden, und ich könnte Hatteraick aufgeben— Aber nein, nein, nein! zu viele Augen ſind auf mich gerichtet, Hatteraick ſelbſt, der Zigeuner⸗ ſeefahrer, die alte Hexe— nein, nein! ich muß bei meinem ur⸗ ſprünglichen Plane bleiben.“ Mit dieſem Entſchluſſe drückte er dem Pferde die Sporen in die Seite und ritt im ſcharfen Trabe vorwärts um ſeine Pläne zur Ausführung zu bringen. Fünftes Kapitel. Ein Kerker iſt ein Sorgenhaus, Das nie Gedeihen gab; Ein Prüfſtein für die Freundſchaft ſſrs 8; Dem Lebenden ein Grab. Manchmal iſt es ein Ort des Rechts— Oft auch des Unrechts dann; Manchmal ein Ort für Schuft und Dieb,— Und für manch' wackern Mann. Inſchrift des Gefängniſſes in Edinburg. In der Frühe des folgenden Tages ward der Wagen, in wel⸗ chem Bertram nach Schloß Hazlewood gebracht worden war, wie⸗ der dazu benutzt, ihn, in Begleitung von zwei ſchweigſamen und mürriſchen Männern, nach dem Gefängniß zu Portanferry zu ſchaf⸗ fen. Dies Gebäude ſtand neben dem, zu jenem kleinen Seehafen gehörigen Zollhauſe, und beide lagen ſo dicht am Strande, daß ſie durch ein ſtarkes Bollwerk von großen Steinen gegen die Gewalt der Brandung, welche oft bis hieher reichte, geſchützt werden muß⸗ ten. Die Vorderſeite war von einer hohen Mauer umgeben, welche einen kleinen Hofraum bildete, worin die unglücklichen Bewohner des Hauſes dann und wann ſpazieren gehen und freie Luft genießen 46 durften. Das Gefängniß ward als Correctionshaus benutzt und zuweilen auch als Filial des Landesgefängniſſes, weil dieſes alt war und überdies für den Diſtrikt von Kippletringan eine unpaſ⸗ ſende Lage hatte. Mac⸗Guffog, der Gerichtsdiener, welcher Ber⸗ tram zuerſt ergriffen hatte und der ihn nun auch begleitete, war der Aufſeher dieſer angenehmen Wohnung. Er ließ den Wagen dicht an das äußere Thor fahren, und rief die Wächter herbei. Der Lärm, den er machte, brachte zwanzig oder dreißig zerlumpte Jun⸗ gen in Alarm, welche von ihren Schiffchen und Fregatten, die ſie auf den von der Fluth zurückgelaſſenen Meerwaſſerpfützen fahren ließen, wegliefen und eilig den Wagen umringten, um zu ſehen, welch' unglückliches Weſen in„Gloſſin's ſchöner neuer Kutſche“ nach dem Gefängniß gebracht würde. Das Thor des Hofes ward, nachdem all' die ſchweren Ketten und Riegel entfernt waren, von Mrs. Mac⸗Guffog geöffnet; ſie war ein furchtbares Weſen, ein ſtarkes und entſchloſſenes Weib, ſo daß ſie fähig war, Ordnung unter ihren verruchten Hausgenoſſen zu halten und die Disciplin des Hauſes zu bewahren, während ihr Gemahl abweſend war oder wenn er ein Gläschen über den Durſt getrunken hatte. Die brum⸗ mige Stimme dieſer Amazone, die an Härte mit der knarrenden Muſik ihrer Riegel und Ketten wetteiferte, zerſtreute das kleine Geſindel, welches ſich um die Schwelle gedrängt hatte, bald nach allen Richtungen, und ſie redete nun zunächſt ihren liebenswürdi⸗ gen Ehegenoſſen an:— „Sei flink und ſcharf, Mann, und gib den Burſchen heraus; kannſt du nicht!“ „Halt dein Maul in's Teufels Namen, du———,“ ant⸗ wortete der liebende Gatte und ſetzte noch einige Epitheta von ſehr energiſcher Art hinzu, deren Wiederholung wir indeß uns zu erlaſ⸗ ſen bitten, Sodann redete er Bertram an:— — d —n —— „Nun, wollt ihr herauskommen, mein hübſcher Burſch, oder ſollen wir euch helfen!“ Bertram ſtieg aus dem Wagen, und vom Conſtable beim Kra⸗ gen ergriffen, ſobald er auf dem Boden ſtand, ward er, obwohl er nicht den geringſten Widerſtand leiſtete, über die Schwelle ge⸗ zerrt, bei dem fortwährenden Gejauchze der kleinen Sansculotten, welche, ſo nahe es die Furcht vor Mrs. Mac⸗Guffog geſtattete, zuſahen. So wie ſein Fuß den fatalen Bezirk beſchritten hatte, legte die Pförtnerin ihre Ketten wieder vor, ſchloß ihre Riegel und zog einen ungeheuren Schlüſſel, nachdem ſie ihn mit beiden Hän⸗ den gedreht, aus dem Schloſſe, worauf ſie ihn in eine große roth⸗ tuchene Seitentaſche ſteckte. Bertram befand ſich jetzt in dem kleinen bereits erwähnten Hofe. Einige Gefangene ſchlenderten umher, und ſchienen ſchon durch den flüchtigen Blick erquickt zu ſein, den ihnen das offene Thor nach der andern Seite einer ſchmutzigen Straße vergönnt hatte. Auch kann dieſer Gedanke nicht überraſchend ſein, wenn man er⸗ wägt, daß, außer bei ſolchen Gelegenheiten, ihre Ausſicht auf die mit Eiſengittern verſehene Fronte ihres Kerkerhauſes, auf die ho⸗ hen und düſtern Mauern des Hofs, den Himmel oben und das Pflaſter unter ihren Füßen beſchränkt war; eine Einförmigkeit der umgebung, die nach des Dichters Worten„gleich einer Bürde auf dem müden Auge lag,“ und bei Einigen eine mürriſche und düſtre Miſanthropie genährt hatte, bei andern dagegen jene Ermattung des Herzens, welche den, der ohnehin lebendig in ein Grab ge⸗ mauert iſt, noch ein ſtilleres und abgeſchiedeneres Begräbniß wün⸗ ſchen läßt. Als ſie den Hof betreten hatten, vergönnte Mac⸗Guffog Ber⸗ tram eine kleine Pauſe, damit er einen Blick auf ſeine Leidensgefähr⸗ ten werfen könnte. Sein Auge ging im Kreiſe umher und ſah Ge⸗ ſichter, auf welche Schuld, Verzweifelung und gemeine Liederlich⸗ keit ihr Stempel gepräͤgt hatten; er erblickte den Gauner, den Dieb, den bankrutten Schuldner, Blödſinnige und Verrückte, welche ein ſchmutziger Geiſt der Sparſamkeit zuſammengeſchaart hatte, um dieſe häßliche Wohnung zu theilen:— und bei dieſem Anblicke beunruhigte der Gedanke ſein Gemüth unausſprechlich, daß er die Schmach erdulden ſolle, unter dieſer Geſellſchaft zu wei⸗ len, wär' es auch nur einen Augenblick. „Ich hoffe, Sir,“ ſagte er zu dem Aufſeher,„ihr werdet mir ein beſonderes Gemach anweiſen!“ „Und was hätt' ich denn davon?“ „Ei, Sir, ich kann hier nur ein Paar Tage bleiben, und es würde mir ſehr unangenehm ſein, mich unter eine Geſellſchaft mi⸗ ſchen zu müſſen, wie ich ſie hier ſehe.“ „und was geht mich das an?“ „Ei nun, Sir, um euch zum Herzen zu reden,“ ſagte Ber⸗ tram,„ich werde euch für die Gefälligkeit recht gern erkennt⸗ lich ſein.“ „Ja, aber wann, Capitain! wann und wie! das iſt die Frage, oder vielmehr die zwei Fragen,“ ſagte der Kerkermeiſter. „Wenn ich frei bin und meine Gelder aus England erhalte,“ antwortete der Gefangene. Mac⸗Guffog ſchüttelte ungläubig ſein Haupt. „Ei, Freund, ihr wollt doch nicht etwa glauben, ich ſei ein Uebelthäter?“ ſagte Bertram. 4 „Ei, ich weiß nicht,“ ſagte der Mann;„aber wenn ihr einer ſeid, ſo ſeid ihr kein arger, das liegt am Tage.“ „Und warum ſagt ihr, ich ſei kein arger?“ „Nun, weil nur ein einfältiger Gimpel ſich das Geld hätte nehmen laſſen, das ihr im Wirthshauſe ließt!“ ſagte der Gerichts⸗ beamte.„Der Teufel hole mich, aber ich würd' es ihnen ſchon aus den Zähnen geriſſen haben! Ihr durftet eigentlich nicht eures Gel⸗ V b V V V —,— 49 des beraubt und zum Gefängniß geſchickt werden, ohne einen Hel⸗ ler, um eure Gebühren zu zahlen; als Beweismittel hätten ſie die andern Sachen zurückbehalten können. Aber warum, zum Hen⸗ ker, fragtet ihr nicht nach den Guineen? und doch winkte und nickte ich die ganze Zeit, aber der Teufelskerl wollte nicht ein einzig Mal nach mir hinſehen!“ „Nun, Freund,“ erwiederte Bertram,„wenn ich Anſpruch machen kann, daß mir das Geld ausgeliefert werde, ſo will ich es fordern; und es iſt bedeutend mehr, als ihr nur immer verlan⸗ gen könnt.“ „Ich weiß davon ganz und gar nichts,“ ſagte Mac⸗Guffog; „aber ihr könnt lange genug hier ſitzen. Und das Creditgeben bei den Gebühren kommt denn doch ſehr in Betracht. Indeß, ich will es bei euch einmal darauf ankommen laſſen, wiewohl meine Frau meint, ich komme durch meine Gutmüthigkeit zu kurz; wenn ihr mir für meine Gebühren auf das Geld eine Anweiſung geben wollt— ich denke, Gloſſin wird mir's ſchon verſchaffen— ja, ja, er wird mir gern durchhelfen, und nachbarlich handeln—“ „Gut, Freund,“ erwiederte Bertram,„wenn ich nicht in ein Paar Tagen anderweit verſehn bin, ſollt ihr eine ſolche Anwei⸗ ſung haben.“ „Nun gut, dann ſollt ihr euch wie ein Prinz befinden,“ ſagte Mac⸗Guffog.„Aber merkt wohl auf, Freund, damit wir hin⸗ terdrein keine Streitigkeit haben,— ich will euch die Gebühren ſa⸗ gen, die ich jederzeit von eures Gleichen zu verlangen habe:— dreißig Schilling die Woche für Wohnung und eine Guinee Ein⸗ trittsgeld; eine halbe Guinee wöchentlich für ein einzelnes Bett,— und davon bekomm' ich nicht einmal Alles, denn ich muß eine halbe davon für Donald Laider ausgeben, der wegen Schafdiebſtahl hier iſt; der ſollte nämlich der Regel nach mit euch zuſammen ſchlafen; Guy Mannering. III. 4 50 nun braucht er aber reines Stroh und wird ein wenig Branntwein obendrein wollen. Sonach hab' ich gar nicht viel davon.“ „Gut, Freund, fahrt fort.“ „Was Eſſen und Trinken betrifft, da ſollt ihr vom Beſten ha⸗ ben und ich nehme nie mehr als zwanzig Procent über den Wirths⸗ hauspreis, wenn ich einem Gentleman gefällig bin— und das iſt wenig genug, für das hin und herſchicken, wobei das Mädchen die Schuh zerreißt. Und wenn ihr Luſt habt, ſo will ich mich Abends recht gern ſelber ein Bißchen zu euch ſetzen und euch bei einer Flaſche helfen.— Ich habe manches Glas mit Gloſſin getrunken, obwohl der jetzt Friedensrichter iſt. Und dann werdet ihr auch in dieſen kalten Nächten Feuer wollen, oder ihr werdet Licht brauchen, und das iſt ein koſtſpieliger Gegenſtand, denn es iſt gegen die Vorſchrift. Und nun hab'’ ich euch die Hauptgegenſtände genannt, und es wird außerdem nicht viel mehr ſein, obwohl noch einige beſondere Neben⸗ ſachen vorkommen können.“ „Gut, Freund, ich rechne auf eure Gewiſſenhaftigkeit, wenn ſo etwas vorkommen ſollte— ich muß mich auf euch verlaſſen.“ „Nein, nein, Sir,“ antwortete der vorſichtige Kerkermei⸗ ſter,„ſo dürft ihr mir nicht reden— ich zwinge euch zu gar nichts;— gefällt euch der Preis nicht, ſo braucht ihr die Sache nicht zu nehmen— ich zwinge niemand; ich wollt' euch nur erklä⸗ ren, was anſtändig iſt; wollt ihr aber lieber auf dem gewöhnlichen Fuße des Hauſes leben, ſo iſt mir's gleich;— ich will mich nur vor Unannehmlichkeit ſichern, das iſt Alles.“ „Nun, mein Freund, ich habe, wie ihr wohl von ſelber er⸗ rathet, keine Luſt, mit euch über eure Bedingungen zu ſtreiten,“ antwortete Bertram.„Komm, zeigt mir mein Gemach, ich möchte gern allein ſein.“ „Nun, ſo kommt nur mit, Capitain,“ ſagte der Menſch mit einer Geſichtsverzerrung, welche ein Lächeln bedeuten ſollte;„und — — O— —— 4 damit ihr ſeht, daß ich ein Gewiſſen habe, wie ihr's nennt, ſo will ich verdammt ſein, wenn ich euch mehr als ſechs Pence täglich für die Freiheit hier im Hofe zu ſpazieren, anrechne; und ihr dürft hier täglich faſt drei Stunden wandeln und könnt Ball ſpielen, oder was euch ſonſt beliebt.“ 4 Mit dieſer gütigen Verheißung brachte er Bertram in das Haus und führte ihn eine ſteile und ſchmale, ſteinerne Treppe empor, an deren Ende oben ſich eine ſtarke, über und über mit Eiſen be⸗ ſchlagene Thür befand. Durch dieſe Thür gelangte man auf einen ſchmalen Gang oder Galerie, wo ſich drei Zellen auf jeder Seite befanden, elende Gewölbe mit eiſernen Bettgeſtellen und Stroh⸗ ſäcken. Aber am Ende war noch ein kleines Gemach von anſtän⸗ digerm Anſehn, d. h., es hatte weniger das Anſehn eines Gefäng⸗ niſſes, da es,(bis auf das große Schloß und die Kette vor der Thür, ſo wie die gekreuzten, ſtarken Eiſenſtäbe am Fenſter,) eher des„ſchlechtſten Gaſthofs ſchlechteſtem Gemache“ glich. Es war für Gefangene beſtimmt, deren Geſundheitszuſtand einige Nach⸗ ſicht erforderte; und wirklich war Donald Laider, Bertrams be⸗ ſtimmter Genoſſe, ſoeben erſt aus einem der beiden Betten ge⸗ ſchleppt worden, die das Zimmer enthielt, um zu verſuchen, ob reines Stroh und Branntwein ſein Fieber nicht leichter zu heilen im Stande wäre. Dieſe Herauswerfung war durch die Kraft der Mrs. Mac⸗Guffog vollzogen worden, während ihr Gemahl mit Bertram im Hofe ſprach, denn die gute Dame hatte beſtimmt vor⸗ ausgeahnt, auf welche Weiſe die Verhandlung enden werde. Oſ⸗ fenbar hatte die Herauswerfung nicht ohne einige Kraftanſtrengung ſtattgefunden, denn ein Bettpfoſten an einem kleinen Himmelbett war niedergebrochen, ſo daß die Gardinen mitten in das kleine Zim⸗ mer herabhingen, gleich dem Banner eines Heerführers, welches i im Gewühl einer Schlacht halb geſunken iſt. 4*½ 52 „Alles ſoll in Ordnung kommen, Capitain,“ ſagte Mrs. Mac⸗Guffog, welche ihnen jetzt in das Gemach folgte; dann wandte ſie dem Gefangenen den Rücken und band, mit ſo viel Zart⸗ heit, als die Handlung überhaupt geſtattete, ihr Strumpfband vom Knie los, womit ſie den zerbrochenen Bettpfoſten wieder befe⸗ ſtigte; dann nahm ſie ſo viel Stecknadeln, als ihr Anzug nur ent⸗ behren konnte, und ordnete die Bettgardinen wieder zierlich. Fer⸗ ner ſchüttelte ſie das Bettzeug ein wenig, warf über das Ganze eine Decke, und verkündigte endlich, daß nun alles in Ordnung ſei. „Und das iſt euer Bett, Capitain,“ ſagte ſie, auf das plumpe, vierbeinige Geſtell zeigend, welches wegen der unebenen Dielen, die bedeutend geſunken waren,(das Haus, obwohl neu, war nach einem Contrakt erbaut worden,) nur auf drei Beinen ſtand, das vierte aber frei in der Luft hielt, als wolle es, gleich einem Ele⸗ phanten, damit ſtampfen—„das iſt euer Bett ſammt dem Weiß⸗ zeug; braucht ihr aber Tücher, oder Kiſſen, oder Handtücher und Tiſchtücher, ſo habt ihr mit mir darüber zu reden, denn der gute Mann verſteht davon nichts,“(Mac⸗Guffog hatte unterdeſſen das Zimmer verlaſſen, wahrſcheinlich um eine Berufung auf ſich zu vermeiden, die bei dieſer neuen Eröffnung ſtattfinden konnte,) „und er kann ſich nie um dergleichen Dinge bekümmern.“ „In Gottes Namen,“ ſagte Bertram,„laßt mich haben, was anſtändig iſt, und macht eure Forderung nach Belieben.“ „Gut, gut, das iſt alſo abgemacht; wir wollen euch nicht rupfen, wenn wir gleich ſo nah am Zollhaus wohnen. Und ich will gleich Feuer machen und Eſſen beſorgen; aber eure Mahlzeit wird heute nur gering ſein, denn wir erwarteten keinen anſtändigen und vornehmen Beſuch.“— Mit dieſen Worten holte Mrs. Mac⸗ Guffog ſchnell eine Pfanne mit glühenden Kohlen herbei und nach⸗ dem ſie den alten Roſt, der ſeit Monaten kein Feuer ſah, damit verſehn hatte, fuhr ſie fort, mit ungewaſchenen Händen das be⸗ 53 ſtellte Weißzeug zu ordnen(ach, wie verſchieden von jenem der Ailie Dinmont!) und indem ſie, nachdem ihr Werk vollbracht war, vor ſich hinmurmelte, ſchien ſie, in Folge einer eingewurzelten übeln Laune, ſelbſt dasjenige ungern zu geben, wofür ſie bezahlt werden ſollte. Endlich ſchied ſie jedoch und murmelte dabei noch zwiſchen den Zähnen,„daß ſie lieber mit allem Andern zu thun haben wolle, als mit ſo einem Herren, der ſo eigenſinnig in ſeinen Launen ſei.“ Nachdem ſie hinweggegangen war, hatte Bertram nur noch die Wahl, entweder ſich in ſeinem kleinen Zimmer durch Umherge⸗ hen Bewegung zu machen, oder auf die See zu ſchauen, ſo viel er nämlich davon überhaupt durch die engen Oeffnungen ſeines Fen⸗ ſters ſehen konnte, welches durch den Schmutz und die dichten Ei⸗ ſenſtäbe verfinſtert war; oder er konnte auch die Proben des rohen Witzes leſen, welche Verzweiflung auf die halbgeweißten Wände gekritzelt hatte. Dieſe Worte waren ſo untröſtlich, als die Aus⸗ ſicht in's Freie; das dumpfe Rauſchen der Fluth, welche jetzt zu⸗ rücktrat, und das gelegentliche Knarren einer auf⸗ oder zugehenden Thür, wobei man zugleich die raſſelnden Ketten und Ringel ver⸗ nahm, dies Alles vereinte ſich zu einem düſtern monotonen Ge⸗ räuſch. Zuweilen war auch die rauhe Stimme des Kerkermeiſters zu vernehmen, oder das noch grellere Organ ſeiner Ehegenoſſin, welches ſtets nur unzufrieden, zornig oder ärgerlich klang. Dann antwortete auch wohl der große Kettenhund im Hofe mit wüthen⸗ dem Gebell auf die Neckereien der müßigen Gefangenen, die ſich ein Vergnügen draus machten, ihn zu reizen. Endlich wurde dieſe langweilige Einſamkeit durch das Eintre⸗ ten einer ſchmutzigen Magd unterbrochen, welche Anſtalten zum Mittageſſen traf, indem ſie ein halbſchmutziges Tuch auf einen ganz ſchmutzigen Tiſch breitete. Meſſer und Gabel, die durch zu vieles reinigen nicht abgenutzt waren, lagen zur Seite eines zer⸗ 54 brochenen Tellers; ein beinah leerer Senftopf, der auf einer Seite des Tiſches ſtand, hatte zur Geſellſchaft auf der andern ein Salz⸗ faß, welches eine grauliche oder vielmehr ſchwärzliche Miſchung enthielt, beide Gefäße waren von Steingut und zeigten die Spu⸗ ren, daß ſie neuerdings benutzt worden. Kurz nachher erſchien dieſelbe Hebe wieder mit einem Teller voll Fleiſchſchnitte, die in der Bratpfanne bereitet waren und eine reichliche Quantität Fett als Zugabe hatten, welches in einem Ocean lauwarmen Waſſers ſchwamm. Nachdem ſie dieſem Fleiſchgericht ein grobes Brod bei⸗ gefügt hatte, verlangte ſie zu wiſſen, welches Getränk dem Herrn gefällig wäre. Bertram fand dies Alles gar nicht einladend, ließ ſich jedoch zur Verbeſſerung des Ganzen Wein geben, den er erträg⸗ lich fand, und mit Hilfe von etwas Käſe ſättigte er ſich hauptſäch⸗ lich durch das Brod. Als das Mahl beendigt war, erſchien die Dirne wieder und brachte ihres Gebieters Empfehlungen, welcher, wenn es dem Gentleman angenehm wäre, den Abend mit ihm zu⸗ bringen wollte. Bertram ließ ſich entſchuldigen und bat, ihn ſtatt der angebotenen freundlichen Geſellſchaft, mit Feder, Tinte, Pa⸗ pier und Licht zu verſorgen. Das Licht erſchien in Geſtalt einer langen zerbrochenen Talgkerze, die auf einem mit Talg beſudelten Leuchter prangte; was die Schreibmaterialien anlangt, ſo ward dem Gefangenen gemeldet, er ſolle ſie den nächſten Tag haben, wenn er ſie dann kaufen laſſen wolle. Bertram bat nun die Magd, ihm ein Buch zu verſchaffen, und unterſtützte ſein Geſuch durch ei⸗ nen Schilling; in Folge deſſen erſchien ſie, nach langer Abweſen⸗ heit, mit zwei Bänden des Tagebuchs von Newgaate, die ſie von Sam Silverquill, einem jungen Taugenichts, der wegen Fäl⸗ ſchung gefangen ſaß, entlehnt hatte. Nachdem ſie die Bücher auf den Tiſch gelegt, ging ſie ab und überließ Bertram den Studien, die nicht übel zu ſeiner jetzigen melancholiſchen Lage paßten. 4 V ——, Sechſtes Kapitel. Schleppt aber ſchmachvoll man dich dann Zu jenem Baum der Schande fort, So ſteht bei dir ein treuer Freund, Dein graus Geſchick zu theilen dort. Shenſtone. Vertieft in die traurigen Betrachtungen, die natürlich durch ſeine unerfreuliche Lectüre und troſtloſe Lage erweckt werden muß⸗ ten, fühlte ſich Bertram zum erſten Mal in ſeinem Leben klein⸗ müthig.„Ich habe mich in noch ſchlechtern Lagen befunden,“ ſagte er—„in gefährlichern auch, denn hier iſt keine Gefahr; ſchlechtere Ausſichten hatt' ich, denn meine gegenwärtige Gefan⸗ genſchaft kann nur kurz ſein; auch unbequemer befand ich mich, denn hier hab' ich doch Feuer, Nahrung, Obdach. Jedoch, in⸗ dem ich die blutigen Geſchichten von Verbrechen und Elend leſe, an einem Orte, der mit den durch ſie erweckten Gedanken ſo ſehr übereinſtimmt, und indem ich jenen traurigen Tönen lauſche, fühle ich mich ſtärker zur Schwermuth geneigt, denn je zuvor in meinem Leben. Aber ich will dieſer Neigung nicht nachgeben— fort, du Gedenkbuch von Schuld und Schande!“ ſagte er, indem er das 56 Buch auf das Bett warf;„ein ſchottiſches Gefängniß ſoll, zumal am erſten Tage, den Muth noch nicht beugen, welcher der Sonne des Aequators trotzte, und Mangel, Elend, Krankheit und Ge⸗ fangenſchaft in fremden Landen ertrug. Ich habe manchen harten Kampf mit der Dame Fortuna beſtanden, und ſie ſoll mich auch jetzt nicht ſchlagen, wo ich mir noch helfen kann.“ Indem er nun ſeinen Muth zuſammennahm, bemühte er ſich, ſeine Lage im günſtigſten Lichte zu erblicken. Delaſerre mußte bald in Schottland ſein, die Zeugniſſe ſeines kommandirenden Officiers mußten bald ankommen; ja, und ſollte er ſich auch zuerſt an Man⸗ nering wenden, wer konnte ſagen, ob die Folge nicht eine Verſöͤh⸗ nung zwiſchen ihnen ſein werde! Er hatte oft bemerkt, und erin⸗ nerte ſich deſſen nun, daß, wenn ſein ehemaliger Oberſt die Partei jemands nahm, dies nie halb geſchah, und daß er die Perſonen am meiſten zu lieben ſchien, denen er Verbindlichkeiten aufgelegt hatte. Von dieſem Gedanken kam er natürlich auf Julie; und ohne genau die Kluft zu erwägen, die ſich zwiſchen einem Glücksritter, der durch ihres Vaters Zeugniß aus dem Gefängniß zu kommen wünſchte, und zwiſchen ihr dehnte, welche die Erbin der Reichthü⸗ mer und Ausſichten dieſes Vaters war: baute er das hübſcheſte Schloß in die Wolken, und ſchmückte es mit all den Farben eines ſommerabendlichen Himmels, als ſeine Arbeit durch ein lautes Klopfen an das äußere Thor unterbrochen ward, worauf das Bel⸗ len jenes großen Kettenhundes antwortete, welcher im Hofe als Zugabe der Garniſon einquartiert war. Nach mancherlei Vorſichts⸗ maßregeln ward das Thor geöffnet und eine Perſon eingelaſſen. Nunmehr ward die Hausthür entriegelt, aufgeſchloſſen und entket⸗ tet, die Füße eines Hundes tappten eilig die Treppe empor und das Thier ließ ſich nun kratzend und winſelnd an der Thür des Zim⸗ mers hören. Darauf ließ ſich ein ſchwerer Tritt vernehmen und Mac⸗Guffogs Stimme rief, den Weg weiſend:„hierher, hier⸗ 42 — — V ¹ 57 her! verfehlt die Stufen nicht; das iſt das Zimmer.“— Bertrams Thür ward geöffnet, und zu ſeiner Ueberraſchung und Freude fuhr Wasp, ſein Dachs, in's Gemach, der ihn vor Entzücken aufzu⸗ freſſen drohte, und hinterdrein kam die kräftige Geſtalt ſeines Freundes von Charlieshope. „Eil! Ei!“ rief der ehrliche Pächter, als er einen Blick auf ſeines Freundes elende Wohnung, und jämmerliche Einrichtung warf—„Was iſt das! was iſt das!“ „Nur ein Schickſalsſtreich, mein guter Freund,“ ſagte Ber⸗ tram aufſtehend und ihm herzlich die Hand ſchüttelnd,„weiter iſt's nichts.“ „Aber was ſoll daraus werden!— oder was kann daraus werden?“ ſagte der wackere Dandie—„iſt's wegen Schulden, oder weßhalb ſonſt!“ „Ei,'s iſt nicht wegen Schulden,“ antwortete Bertram; „und wenn ihr Zeit habt, euch niederzuſetzen, ſo will ich euch er⸗ zählen, was ich ſelber von der Sache weiß.“ „Wenn ich Zeit habe!“ ſagte Dandie, mit einem Accent auf dem Worte, daß es wie Hohngelächter klang—„o! weßhalb, zum Henker! bin ich denn gekommen, Mann, als um zu ſehen, was es gibt! aber ihr werdet wohl etwas eſſen, hoff' ich?'s iſt ſchon ſpät— ich ſagte den Leuten im Wirthshaus, wo ich meinen Gaut ließ, ſie ſollten mir die Mahlzeit hieher ſchicken, und der Mac⸗Guffog iſt ſo gut, es einzulaſſen— das hab' ich ſchon aus⸗ gemacht.— Und nun laßt eure Geſchichte hören— Still, Wasp, Kerl! aber er iſt gar zu froh, euch zu ſehen, das arme Vieh!“ Bertrams Erzählung, die ſich auf das Ereigniß mit Hazle⸗ wood beſchränkte, und auf die Verwechſelung ſeiner eignen Perſon mit einem von den Schmugglern, der beim Angriffe auf Wood⸗ bourne thätig geweſen und zufällig denſelben Namen führte, war bald erzählt. Dinmont lauſchte ſehr aufmerkſam.„Nun ja,“ 58 — ſagte er,„das iſt denn doch in der That noch keine ſo verzweifelte Sache; der Burſche iſt ja ſchon wieder auf dem Wege der Beſſerung, und was wollen ein Paar Schrotkörner in der Schulter viel ſagen? hätt er ein Auge verloren, das wär' eine andere Sache. Ja, fruͤ⸗ her war hier der alte Sheriff Pleydell!— das war ein Mann für ſolche Sachen, und er wußte immer am beſten zu reden, daß ſein Wort durchging!“ „Aber nun ſagt mir, mein trefflicher Freund, wie ihr mich hier aufgefunden habt?“ „Ei, das ging närriſch genug zu,“ ſagte Dandie;„aber das will ich euch erzählen, wenn wir gegeſſen haben, denn es läßt ſich darüber nicht ſo gut reden, ſo lange das langbeinige Weibsbild noch immer ab und zu geht.“ Bertram's Neugier beruhigte ſich ein wenig beim Erſcheinen des Abendeſſens, welches ſein Freund beſtellt hatte, und das, ob⸗ wohl ſehr beſcheiden, doch die appetitliche Reinlichkeit hatte, welche der Kochkunſt der Mrs. Nac⸗ Guffog ſo ſehr fehlte. Auch Dinmont, welcher verſicherte, er ſei den ganzen Tag ſeit dem Frühſtück gerit⸗ ten, ohne etwas zu eſſen,„was der Rede werth ſei,“— und dies un⸗ bedeutende hatte in drei Pfund kalter Hammelkeule beſtanden, die er unterwegs zu Mittag eingenommen,— auch Dinmont, ſag' ich, fiel rüſtig über das gute Mahl her und ſprach, gleich Homers Hel⸗ den, nur wenig, ſo im Guten wie im Böſen, bis die Wuth des Hungers und Durſtes geſtillt war. Endlich, nach einem tüchtigen Trunk guten Bieres, ſagte er,„nun ja, das Huhn,“(dabei blickte er auf die kläglichen Ueberreſte deſſen, was einſt ein großer Vogel geweſen war,)„das war nicht ſchlecht, wenn man annimmt, daß es in der Stadt erzogen war; aber unſer Landfedervieh in Charlieshope iſt mir denn doch lieber— und ich bin froh, daß ihr nicht ſchon vorher um den Appetit gekommen waret, Capi⸗ tain.“ f —,— 59 „Nun wirklich, mein Mittagmahl war nicht ſo trefflich, Mr. Dinmont, daß es mir das Abendeſſen hätte verleiden können.“ „Das will ich wohl glauben,“ ſagte Dinmont;—„aber nun, mein Schatz, da ihr uns den Branntwein gebracht habt und das heiße Waſſer und den Zucker, und da alles in Ordnung iſt, ſo könnt ihr die Thür ſuchen, denn ſeht, wir haben jetzt mit einander allein zu reden.“ Dem zu Folge zog ſich das Mädchen zurück und ſchloß die Thür des Gemachs, vor welche ſie von außen einen gro⸗ ßen Riegel vorſichtig ſchob. Sobald ſie gegangen war, unterſuchte Dinmont Alles genau, ſah durch das Schlüſſelloch, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß kein Lauſcher vorhanden war, kam er zum Tiſche zurück; er ordnete Alles auf's Beſte, ſchürte das Feuer und begann ſodann ſeine Erzählung in einem leiſen, ernſten und wichtigen Tone, der ihm ſonſt nicht gewöhnlich war. „Seht, Capitain, ich war vor ein Paar Tagen in Edinburg, wohnte da dem Begräbniß einer Verwandten bei, die wir verloren hatten, und hätte auch eigentlich etwas für meinen Ritt haben ſol⸗ len; aber daraus wurde ganz und gar nichts, und wer kann da helfen? Ich hatte auch noch einen kleinen Rechtshandel außerdem, aber das gehört weiter nicht zu unſrer Sache. Kurz ich hatte meine Sachen in Ordnung gebracht und kam heim; am Morgen ging ich dann hinaus, um zu ſehen, wie's um die Heerden ſtände, und ich wollte zugleich auch nach der Höhe gehen, wo Jock von Dawſton und ich den Gränzſtreit haben.— Als ich nun hinauskam, ſah ich einen Mann, von dem ich wußte, daß er nicht zu unſern Heerden gehörte, und es fällt immer auf, wenn man da einen andern trifft. Wie ich zu ihm kam, ſah ich, daß es Gabriel, der Fuchsjäger, war. Ein wenig erſtaunt redete ich ihn nun an: Was thut ihr hier ohne eure Hunde, Mann! Sucht ihr den Fuchs ohne die 60 Hunde!— Nein, Freund, ſagte er, aber ich wollte eben euch ſehen. „Nun, ſagt' ich, ihr werdet wohl jetzt etwas nöthig haben, für den Winter etwa? 2 „Nein, nein, ſprach er, deßwegen ſuch' ich euch nicht; aber ihr nahmt doch viel Antheil an dem Capitain Brown, der hier bei euch war, nicht? „O, gewiß, Gabriel, ſagt' ich, und was gibt's mit ihm, Freund? „Er ſagte, es intereſſiren ſich noch mehr andre außer euch für ihn, und zwar Leute, denen ich zu gehorchen habe; und es iſt nicht mein eigner Wille, daß ich jetzt hier bin, um euch etwas von ihm zu ſagen, was euch nicht gefallen wird. „Wahrhaftig, ſagt' ich, nichts wird mir gefallen, was ihm nicht gefällt. „Nun, ſagt' er weiter, dann werdet ihr es gar nicht gern hö⸗ ren, daß er gleich in's Gefängniß nach Portanferry wird ſpazieren müſſen, wenn er ſich nicht in Acht nimmt, denn es iſt ein Verhafts⸗ befehl ausgefertigt, damit er gleich ergriffen werden kann, ſobald er über's Waſſer von Allonby kommt. Und nun, wenn ihr es gut mit ihm meint, ſo reitet hinab nach Portanferry, und laßt dabei auf des Kleppers Hufen kein Gras wachſen; und wenn ihr ihn im Gefängniß findet, ſo bleibt Tag und Nacht bei ihm, einige Tage lang, denn er wird Freunde brauchen, die Herz und Hand haben; und wenn ihr das verſäumt, ſo werdet ihr's nur einmal zu bereuen haben, denn die Gelegenheit kommt euch im Leben nicht wieder. „Aber, der Himmel behüt' uns, Mann, ſagt“ ich, woher wißt ihr das! Es iſt ein hübſcher Weg zwiſchen hier und Portanferry. „Das braucht euch nicht zu kümmern, ſagte er; die uns die Neuigkeit brachten, mußten Tag und Nacht reiten, und ihr mögt nur ſogleich aufſitzen, wenn ihr ein gutes Werk thun wollt. Wei⸗ 61 ter hab' ich euch nichts zu ſagen.— Damit ſetzte er ſich nieder und rutſchte in die Thalſchlucht hinunter, womit ich ihm mit dem Pferd nicht folgen konnte; ich ging heim nach Charlieshope, um meinem Weibe Alles zu ſagen, denn ich war ungewiß, was zu thun ſei. Es würde doch dumm ſein, dacht' ich, wenn ich mich von ſolch einem Landſtreicher bei der Naſe führen ließ. Aber, Himmel! was das gute Weib darum lamentirte: eine Schande, ſagte ſie, würd' es ſein, wenn euch ein Leid widerführe, während ich euch helfen könnte; und dann kam auch noch euer Brief, der Alles beſtätigte. So ging ich nun zu meinem Kaſten, und nahm ſo viel Banknoten heraus, als etwa nöthig ſein könnten und alle die Jungens liefen mit einander hin um den Gaul zu ſatteln. Zum Glück hatt' ich nach Edinburg das andre Vieh geritten und ſo war der Gaul Dumple friſch wie eine Roſe. So ging's fort, und Wasp mit mir, denn es war wirklich, als wüßt' er, wohin es gehen ſollte, das arme Vieh; und da bin ich nun, nachdem ich einen faſt dreißigſtündigen Weg gemacht habe. Aber die Hälfte davon iſt Wasp vor mir auf dem Sattel geritten, und das arme Vieh hielt ſich ſelber feſt, mocht es im Trab oder Gallop gehn.“ Bertram erkannte aus dieſer ſeltſamen Geſchichte, vorausge⸗ ſetzt, daß die Warnung Grund hatte, daß größere und drohendere Gefahr vorhanden war, als aus der Gefangenſchaft von wenigen Tagen entſtehn konnte. Ebenſo war es auch augenſcheinlich, daß ein unbekannter Freund zu ſeinem Beſten thätig ſei.„Sagtet ihr nicht,“ fragte er Dinmont,„daß jener Gabriel ein Zigeuner ſei?“ „Man glaubte das,“ ſagte Dinmont,„und dieſe Sache macht es allerdings wahrſcheinlich; denn ſie kennen all' ihre Schliche unter einander und wiſſen jeden zu finden; und ſo können ſie auch ihre Neuigkeiten blitzſchnell durch's Land gehen laſſen. Ich vergaß, cuch zu ſagen, daß nach dem alten Weibe Nachfrage geſchehn iſt, die wir in Beweaſtle ſahen; der Sheriff hat nach allen Richtungen Leute nach ihr ausgeſchickt und einen Lohn verſprochen, wenn ſie gebracht wird, fünfzig Pfund, glaub' ich; aber wenn man auch, wie ich hörte, Verhaftsbefehle nach ihr durch's ganze Land ausge⸗ ſchickt hat, ſo wird man ſie trotz all dem doch nicht fangen, ſo lange ſie ſelber keine Luſt hat.“ „Und wie kommt das?“ ſagte Bertram. „O, das weiß ich nicht;—'siſt wahrſcheinlich nur dummes Zeug, aber man ſagt, ſie habe den Farnſamen*) geſammelt, und könne beliebig durch jede Thür gehen, wie Jock der Rieſentödter in dem alten Liede, mit ſeinem Rocke der Finſterniß und ſeinen Schu⸗ hen der Schnelle. Sie iſt unter den Zigeunern eine Art Königin; ſie iſt über hundert Jahr alt, wie die Leute ſagen, und erinnert ſich noch recht gut der unruhigen Zeiten, wo die Stuarts verjagt wur⸗ den. Wenn ſie ſich ſelber nicht verſtecken kann, ſo kennt ſie doch diejenigen, die ſie gut genug verſtecken können, das könnt ihr glau⸗ ben. Ja, hätt' ich gewußt, es ſei Meg Merrilies, die wir jene Nacht in der Schenke trafen, ich hätte ihr doch etwas zukommen laſſen.”“ Mit großer Aufmerkſamkeit lauſchte Bertram dieſem Berichte, der in einigen Punkten ſo ſehr mit dem übereinſtimmte, was er ſel⸗ ber von der Zigeunerſibylle geſehn hatte. Nach einiger Ueberlegung kam er zu der Meinung, es könne kein Treubruch ſein, wenn er von dem, was er zu Derncleugh ſah, gegen eine Perſon etwas er⸗ wähnte, welche, wie Dinmont, ſo große Ehrfurcht vor Meg an den Tag legte. Er erzählte daher ſeine Geſchichte, wobei er oft durch Ausrufungen unterbrochen ward, wie:„ja, da ſeht ihr's ja!“ oder,„nun, zum Henker, da habt ihr's!“ Als unſer Liddesdaler Freund das Ganze bis zu Ende gehört hatte, ſchüttelte er ſeinen großen ſchwarzen Kopf—„Ja, es gibt *) welcher der Sage nach unſichtbar macht. 63 Böſe und Gute unter den Zigeunern, und wenn ſie mit dem Teufel Verkehr haben, ſo iſt das ihre Sache, nicht die unſre.— Ich weiß recht gut, was es mit dem Leichname für eine Bewandtniß hatte. Wenn einer von dieſen Schmugglerteufeln im Gefechte geblieben iſt, ſo ſchicken ſie nach einem Weibe wie Meg, und wäre ſie noch ſo fern, um den Leichnam zu ſchmücken; und das iſt Alles, das ſie von Be⸗ gräbnißgebräuchen wiſſen. Denn hernach ſenken ſie die Leiche in die Erde, wie einen Hund. Aber darauf ſehen ſie, daß ſie gerade geſtreckt werden, und daß ein altes Weib, wenn ſie ſterben, dabei iſt, um Gebete zu ſagen, oder Lieder und Zauberſprüche, wie ſie's nennen; darauf halten ſie, aber ſie denken nicht daran, einen Prie⸗ ſter kommen zu laſſen und mit dem zu beten. So halten ſie es von Alters her; und ich glaube, der todte Mann wird wohl einer von den Leuten geweſen ſein, die erſchoſſen wurden, als ſie Woodbourne verbrannten.“ „Aber, mein guter Freund, Woodbourne iſt nicht niederge⸗ brannt,“ ſagte Bertram. „Nun, deſto beſſer für die, die darin wohnen,“ antwortete der Pächter.„Aber man hat es bei uns erzählt, daß dort kein Stein auf dem andern geblieben ſei. Gefochten hat man dort ganz gewiß; es mochte wohl gut drunter und drüber gegangen ſein. Ihr könnt es auch glauben, wie ich ſchon ſagte, daß einer von den Leu⸗ ten dort getödtet worden iſt, und daß es auch die Zigeuner waren, die euer Felleiſen nahmen, als ſie den Wagen im Schnee ſteckend fanden— dergleichen laſſen ſie ſich nicht entgehen, und ſie ſchaffen es gern bei Seite, eh' einer die Hand umdreht.“ „Aber wenn das Weib als Fürſtin unter ihnen gilt, warum gab ſie mir dann nicht offenen Schutz und erſtattete mir mein Eigen⸗ thum zurück!“ „Ja, wer weiß das! Sie hat viel unter ihnen zu ſagen, aber dafür wollen die andern auch einmal ihren eignen Willen haben, 64 wenn die Verſuchung ſo groß iſt. Sodann ſind auch die Schmugg⸗ ler zu berückſichtigen, die immer bei ihnen ſind, dieſe kann Meg nicht ſo im Zaume halten; ſie halten immer zuſammen; ich habe gehört, die Zigeuner wüßten beſſer, wann die Schmuggler kom⸗ men und wo ſie landen, als die Kaufleute, die mit ihnen Verkehr haben. Und zu alledem kommt auch noch der Umſtand, daß ſie manchmal ein wenig wirr im Kopfe iſt, ſie hat einen überzähligen Sparren darin; auch ſagt man, ſie glaube ſteif und feſt an ihre Vorausſagungen und Wahrſagereien, mögen ſie nun wahr oder falſch ſein, und richte ſich ſelber oft nach ihren Prophezeiungen. So geht ſie z. B. nie den geraden Weg nach dem Brunnen.— Aber zum Teufel mit ſolchen Geſchichten, wie die eure iſt, mit todten Leuten, Verirren, und wer weiß was Alles noch dabei war; ich habe dergleichen immer nur aus Märchenbüchern gehört. Doch ſtill, ich höre den Aufſeher kommen.“ Wirklich unterbrach Mac⸗Guffog ihr Geſpräch durch das rauhe Geraſſel der Riegel und Eiſenſtangen und zeigte ſein aufge⸗ dunſenes Geſicht in der offenen Thür.„Kommt, Mr. Dinmont, wir haben euch zu Gefallen den Aufſchluß eine Stunde verſchoben; ihr müßt nach eurem Quartier.“ „Quartier, Mann? Ich will heut Nacht hier ſchlafen. Hier iſt noch ein Bett in des Capitains Zimmer.“ „s iſt unmöglich,“ antwortete der Kerkermeiſter. „Ich ſag' aber, es iſt möglich, und laſſe mich nicht anders überreden— da, trinkt einmal.“ Mac⸗Guffog trank und wiederholte dann ſeine Gegenrede. „iſt aber gegen die Regel, Sir; ihr habt keine Uebelthat be⸗ gangen.“ „Ich will euch den Hals brechen,“ ſagte der rüſtige Liddesda⸗ ler,„wenn ihr noch ein Wort davon ſagt, und das wird Uebelthat genug ſein, um mich hier zu einem Nachtquartier bei euch zu be⸗ rechtigen.“ „Aber ich ſag' euch, Mr. Dinmont,“ wiederholte der Kerker⸗ meiſter,„es iſt gegen die Regel und ich riskire meinen Poſten zu verlieren.“ „Nun, Mac⸗Guffog,“ ſagte Dandie,„ich habe nur zwei Worte zu ſagen. Ihr kennt mich gut genug, und ihr wißt, daß ich keinen Gefangnen losmachen will.“ „und wie kann ich das wiſſen!“ antwortete der Kerkermeiſter. „Gut, wenn ihr das nicht wißt,“ ſagte der entſchloſſene Pächter,„ſo wißt ihr was anderes; ihr wißt, daß euch oft eure Geſchäfte in unſre Gegend führen; laßt ihr mich nun ruhig hier beim Capitain übernachten, ſo will ich euch doppelte Gebühren für's Zimmer zahlen; und wenn ihr nichts davon ſagt, ſollt ihr den beſten Schafpelz, den ihr je in eurem Leben getragen, bekommen, ſobald ihr das erſte Mal wieder nach Liddesdale kommt.“ „Schon gut, Pächter,“ ſagte Mac⸗Guffog,„ein entſchloſſ⸗ ner Mann behauptet ſeinen Willen. Aber wenn mich die Gerichte deßwegen befragen, ſo weiß ich, wer für die Sache büßen wird;“ dieſe Bemerkung bekräftigte er noch mit einigen ſchweren Flüchen, und begab ſich ſodann, nachdem er die Thore des Zuchthauſes zuvor ſorgfältig unterſucht, zur Ruhe. Die Glocke auf dem Stadtthurm ſchlug neun, als jene Conferenz beendigt war. „Obwohl es noch früh iſt,“ ſagte der Pächter, der bemerkt hatte, daß ſein Freund etwas ermüdet war,„ſo denk' ich doch, wir legen uns lieber nieder, Capitain, wofern ihr nicht Luſt habt, noch eins zu trinken. Ihr ſeid freilich kein Flaſchenbrecher; aber ich bin's auch nicht, außer wenn ich mit den Nachbarn zuſammen⸗ komme, oder recht müde geworden bin.“ Bertram pflichtete dem Vorſchlage ſeines treuen Freundes be⸗ reitwillig bei; als er aber das Bett betrachtete, empfand er einen Guy Mannering. III. 5 66 Widerwillen, ſich ausgekleidet auf Mrs. Guffogs ſaubere Ueberzüge zu legen. „Ich bin wohl auch eurer Meinung, Capitain,“ ſagte Dan⸗ die.„Dies Bett ſieht wahrhaftig aus, als wären alle Steinkohlen⸗ gräber von Sanquhar miteinander drin geweſen. Aber durch mei⸗ nen dicken Rock kann wohl nichts dringen.“ So ſagend warf er ſich mit einer Gewalt auf das zerbrechliche Bett, daß es in allen Fugen krachte, und nach wenigen Minuten ließ er hörbare Zeichen eines feſten Schlafes vernehmen. Bertram warf Rock und Stiefeln ab und nahm das andre Bett ein. Das Seltſame ſeines Schickſals und die Geheimniſſe, die ihn zu umhüllen ſchienen, indem er zu⸗ gleich durch heimliche Feinde und Freunde verfolgt und beſchützt ſein mußte, welche beide einer Menſchenklaſſe angehörten, mit wel⸗ cher er früher in keinerlei Verbindung geſtanden,— dies Alles be⸗ ſchäftigte ſeine Gedanken noch eine Zeitlang. Die Müdigkeit ließ indeß auch ihn bald in Schlummerſinken, undes währte nicht lange, ſo ſchlief er ſo feſt wie ſein Gefährte. In dieſem behaglichen Zuſtande des Vergeſſens müſſen wir ihn laſſen, bis wir den Leſer mit einigen andern Umſtänden, die zu gleicher Zeit eintraten, bekannt gemacht haben. Siebentes Kapitel. ——— Sagt, von wem Habt ihr die wunderbare Kunde! Was Hemmt unſern Weg ihr hier auf öder Haide Mit ſo prophet'ſchem Gruß!—— Sprecht, ſag' ich euch. Macbeth. Am Abend des Tages, an welchem Bertrams Verhör ſtattge⸗ funden hatte, langte Oberſt Mannering von Edinburg wieder in Woodbourne an. Seine Familie fand er in der gewöhnlichen Stimmung, was wahrſcheinlich, hinſichtlich Juliens zum wenig⸗ ſtens, nicht der Fall geweſen ſein würde, wenn ihr die Kunde von Bertrams Verhaftung geworden wäre. Da aber, während des Oberſten Abweſenheit, die jungen Damen ſehr eingezogen lebten, ſo hatte die Nachricht von jenem Ereigniß zum Glück Woodbourne nicht erreicht. Ein Brief hatte Miß Bertram bereits mit der Ver⸗ eitelung jener Erwartungen bekannt gemacht, die man auf den Nachlaß ihrer Verwandten gehegt hatte. Welche Hoffnungen dieſe Nachricht auch immer vernichtet haben mochte, ſo hinderte ſie die Enttäuſchung doch nicht, im Verein mit ihrer Freundin den Ober⸗ 5* 68 ſten fröhlich zu empfangen, dem ſie auf dieſe Weiſe die Erkenntniß ſeiner väterlichen Liebe an den Tag zu legen bemüht war. Sie äußerte ihr Bedauern, daß er in einer ſolchen Jahreszeit ihretwegen eine ſo fruchtloſe Reiſe gemacht habe. „Für Sie war ſie freilich fruchtlos, meine Theure,“ ſagte der Oberſt,„und das beklag' ich am meiſten; ich meinerſeits habe aber einige ſchätzenswerthe Bekanntſchaften gemacht und meine Zeit in Edinburg ſo angenehm verlebt, daß in dieſer Hinſicht gar nichts zu bedauern iſt. Selbſt unſer Freund Simſon iſt als ein ganz andrer Mann zurückgekeyrt, weil er ſeinen Witz im Streite mit den tüchtigſten Geiſtern der nordiſchen Hauptſtadt geſchärft hat.“ „Allerdings,“ ſagte Simſon ſehr ſelbſtgefällig,„ich kämpfte und ward nicht überwunden, wiewohl mein Gegner äußerſt erfah⸗ ren in ſeiner Kunſt war.“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte Miß Mannering,„war der Streit etwas ermüdend, Mr. Simſon?“ „Sehr ermüdend, Lady— wiewohl ich meine Lenden gürtete und gegen ihn ſtritt.“ „Ich kann das bezeugen,“ ſagte der Oberſt;„ich ſah⸗ nie einen beſſer durchgefochtenen Kampf. Der Feind glich der Mahrattarei⸗ terei, er griff auf allen Seiten an und die Artillerie konnte wenig gegen ihn ausrichten; aber trotzdem blieb Mr. Simſon bei ſeinem Geſchütze und feuerte wacker, bald auf den Feind, bald auf den Staub, den jener erregt hatte. Aber wir dürfen über unſern Schlachten nicht die Nacht einbrechen laſſen; morgen werden wir alles beim Frühſtück haben.“ Am nächſten Morgen erſchien jedoch Simſon nicht beim Früh⸗ ſtück. Er war, wie ein Diener ſagte, ſchon ſehr früh ausgegangen. Man war ſo gewohnt an ihm, daß er ſeine Mahlzeiten vergaß, daß ſeine Abweſenheit die Familie nicht beunruhigte. Die Haushäl⸗ terin, eine ehrbare Presbyterianerin aus der g uten alten Zeit, V welche die größte Achtung vor Simſons geiſtlichem Stande hegte, nahm es bei ſolchen Gelegenheiten auf ſich, dafür zu ſorgen, daß er keinen Schaden von ſeiner Geiſtesabweſenheit hätte, und daher er⸗ wartete ſie ihn gewöhnlich bei ſeiner Rückkehr, um ihn an die irdi⸗ ſchen Bedürfniſſe zu erinnern. Selten verſäumte er jedoch zwei Mahlzeiten hintereinander, wie es diesmal der Fall war. Wir müſſen den Grund dieſes ungewöhnlichen Umſtandes erklären. Die Unterredung zwiſchen Mr. Pleydell und Mr. Mannering, betreffend den Verluſt Henry Bertrams, hatte all' die quälenden Empfindungen wieder erweckt, welche das Ereigniß in Simſons Gemüth einſt veranlaßte. Das zärtliche Herz des armen Mannes hatte ihm ſtets vorgeworfen, daß ſeine Nachläſſigkeit, indem er das Kind der Obhut Frank Kennedy's überließ, die nächſte Urſache zur Ermordung des einen und zum Verluſte des andern, ſo wie zum Tode der Mrs. Bertram und zum Ruin der Familie ſeines Wohlthäters geweſen ſei. Es war dies ein Gegenſtand, den er nie im Geſpräche berührte,(wenn ſeine Weiſe zu reden überhaupt je⸗ mals Geſpräch heißen konnte,) woran er aber ſehr oft im Stillen dachte. Jene Hoffnung, welche in Mrs. Bertram's letztem Willen ſo ſehr beſtätigt und beſtärkt wurde, hatte in Simſons Buſen ein ähnliches Gefühl erweckt, welches durch die Verachtung, womit Pleydell darüber ſprach, zu einer Art krankhafter Aengſtlichkeit aufgereizt ward.— Gewiß, dachte Simſon im Stillen, iſt er ein gelehrter Mann und in wichtigen Gegenſtänden des Rechts wohl er⸗ fahren; aber eben ſo beſitzt er auch eine humoriſtiſche Leichtfertig⸗ keit, während er im Geſpräch nicht ernſt genug iſt; und warum ſollte er nun ſo entſcheidend über die Hoffnung abſprechen können, welche die würdige Margarete Bertram von Singleſide ausge⸗ drückt hat?— Alles dies, ſag' ich, dachte Bertram im Stillen; denn hätte er das Ganze nur zur Hälfte ausſprechen ſollen, ſo würde er in 70 Folge einer ſo ungewöhnlichen fortgeſetzten Anſtrengung einen gan⸗ zen Monat lang außer Athem geweſen ſein. Das Reſultat jener Gedanken war der Entſchluß, den Schauplatz des Trauerſpiels an der Warrochſpitze zu beſuchen, wo er ſeit Jahren nicht geweſen war— das heißt, ſeit ſich das verhängnißvolle Ereigniß zugetra⸗ gen hatte. Der Weg war lang, denn die Warrochſpitze lag am entfernteſten Ende des Gebietes von Ellangowan, welches ſelbſt zwiſchen jenem Punkte und Woodbourne gelegen war. Ueberdieß verlief ſich der gelehrte Mann mehr als einmal und kam zu Bächen, welche das Schneewaſſer zu reißenden Bergſtrömen angeſchwellt hatte, deren ſich der wackere Simſon nur als kleiner rieſelnder Bächlein aus der Zeit des Sommers erinnerte. Endlich erreichte er indeß die Waldung, die er zum Ziel ſeiner Excurſion erwählt hatte, und durchſtrich ſie mit Sorgfalt, indem er ſein verwirrtes Gemüth mit unnützen Anſtrengungen, ſich jedes Umſtandes der Kataſtrophe zu erinnern, betäubte. Man wird leicht einſehn, daß der Einfluß der Oertlichkeit und der damit ver⸗ bundenen Gedanken nicht im Stande war, andere Folgerungen zu erwecken, als jene, welche unter dem Drange der Ereigniſſe ſelbſt entſtanden waren.„Mit manchem ſchweren Seufzer und manchem Ach“ trat der arme Dominie daher den Rückweg ſeiner Pilger⸗ ſchaft an und wandelte nach Woodbourne hin. Dabei plagte ſich zuweilen ſein angegriffener Geiſt mit einer Frage, die ihm durch einen ungewöhnlich ſtarken Hunger aufgedrängt wurde, nämlich, ob er dieſen Morgen gefrühſtückt habe, oder nicht!— In dieſem wunderlichen Gemüthszuſtande, wo er bald an den Verluſt des Kindes dachte, bald wieder unwillkürlich genöthigt war, über Braten, Brod und Butter nachzuſinnen,— während dieſes Zuſtan⸗ des geſchah es, daß ihn ſein Weg, welcher verſchieden von jenem war, den er am Morgen genommen, bei dem kleinen verfalle⸗ nen Thurme, oder vielmehr bei der Spur eines verfallenen Thur⸗ 3 7¹ mes vorüberfuͤhrte, welchen die Landleute Kaim von Derncleugh nannten. 5 Der Leſer wird ſich der früher gegebenen Schilderung dieſer Ruine erinnern, als des Gewölbes, wo der junge Bertram unter den Auſpicien der Meg Merrilies, Zeuge des Todes von Hatteraicks Leutnant war. Die Landesſage fügte dem natürlichen Grauen, welches die Lage dieſes Ortes ohnehin erweckte, noch geſpenſtiſche Schreckniſſe bei, welche von den Zigeunern, die ſo lange in der Nähe wohnten, wahrſcheinlich erfunden waren, oder zum wenig⸗ ſten zu ihrem eignen Vortheil benutzt wurden. Es ward erzählt, daß zu der Zeit der ſchottiſchen unabhängigkeit ein gewiſſer Hanlon Mac⸗Dingawaie, Bruder des regierenden Häuptlings, Knarth Mac⸗Dingawaie, ſeinen Bruder und Fürſten ermordet habe, um die Herrſcherwürde ſeines unmündigen Neffen zu uſurpiren; daß er aber, verfolgt von den treuen Verbündeten und Anhängern des Hauſes, welche ſich der Sache ihres rechtmäßigen Erben annah⸗ men, genöthigt worden ſei, ſich mit wenigen Genoſſen, die er in ſein Verbrechen verwickelt hatte, in den unbezwinglichen Kaim von Derncleugh zurückzuziehen, wo er ſich vertheidigte, bis faſt alle vom Hunger aufgerieben waren; ſie hatten alsdann Feuer ange⸗ legt, ſo daß er und der kleine Reſt der Beſatzung durch ihre eignen Schwerter ſielen, um nur nicht in die Hände ihrer erbitterten Feinde zu gerathen. Dieſe Trauerſage, die hinſichtlich der rohen Zeiten, in welche ſie fiel, wohl einen wahren Grund haben konnte, war noch mit vielen abergläubiſchen und diaboliſchen Märchen be⸗ reichert, ſo daß die meiſten Bauern der Umgegend, wenn ſie von der Nacht überfallen wurden, gewiß lieber noch einen weiten Um⸗ weg machten, ehe ſie an dieſen unheimlichen Mauern vorübergin⸗ gen. Das Licht, welches man oft um den Thurm bemerkte, wenn ihn jene geſetzloſen Charaktere, die ihn häufig beſuchten, zu einem Rendezvous benutzten, ward unter Autorität jener Hexengeſchich⸗ 72 ten auf eine Weiſezerklärt, die eben ſo paſſend für die geheimen Be⸗ ſucher, als befriedigend für das Pubikum war. Man muß geſtehen, daß unſer Freund Simſon, obwohl ein tiefer Gelehrter und Naturkundiger, es doch nicht ſo weit in der Philoſophie gebracht hatte, um an Hexerei oder Geſpenſtern zu zweifeln. Geboren zu einer Zeit, wo ein Zweifel an dem Vorhan⸗ denſein der Hexen ſchon für eine Billigung ihrer hölliſchen Künſte angeſehn wurde, war dem guten Simſon der Glaube an ſolche Märchen geradezu als ein Artikel ſeines religioſen Glaubens einge⸗ prägt worden, und es wäre vielleicht mit gleicher Schwierigkeit verbunden geweſen, ihn zum Zweifel an dem einen, wie an dem andern zu verleiten. Mit ſolchen Gefühlen und an einem trüben, nebeligen Tage, der ſich bereits zu neigen begann, ging Simſon am Derncleughthurme nicht ohne Empfindungen heimlichen Schauders vorüber. Wie groß war dann ſein Staunen, als, wie er an der Thuͤr vorüberging,— derſelben Thür, die der Sage nachz einer der frü⸗ hern Lairds von Ellangowan hatte anlegen laſſen, um verwegene Fremde von den Gefahren des unheimlichen Gewölbes abzuhal⸗ ten,— derſelben Thür, von welcher man glaubte, ſie ſei ſtets ge⸗ ſchloſſen und deren Schlüſſel ſtets im Pfarrhauſe niedergelegt ſein ſollte,— als ſich dieſe nämliche Thür plötzlich öffnete und Meg Merrilies' Geſtalt, die wohlbekannte, wiewohl ſeit vielen Jahren nicht geſehene, mit einemmal vor den Augen des erſtarrten Dominie ſtand! Sie ſtand unmittelbar vor ihm im Pfade, den ſie ihm ſo durchaus vertrat, daß er ihr unmöglich ausweichen konnte, außer wenn er ihr den Rücken zuwenden wollte, woran ihn freilich ſeine Mannheit nicht einmal denken ließ. „Ich wußte, daß ihr hier ſein würdet,“ ſagte ſie mit ihrer rauhen und hohlen Stimme:„ich weiß, was ihr ſucht; aber ihr ſollt meinem Geheiße fogn.“ 73 v „Hebe dich von mir,“ ſagte der entſetzte Dominie—„Ent⸗ weich!— Conjuro te, scelestissima— nequissima— spurcissima — iniquissima— atque miserrima— conjuro te! 1!— Meg behauptete ihren Stand trotz dieſer ſchrecklichen Ladung von Superlativen, welche Simſon aus tiefſter Kehle heraufholte und mit Donnerſtimme gegen ſie ſchleuderte.„Iſt der Kerl taub,“ ſagte ſie,„mit ſeinem Geſchrei!“ „Conjuro,“ fuhr der Dominie fort,„abjuro, contestor, ut- que viriliter impero tibi!“ „Was in's Teufels Namen, fürchtet ihr denn, mit eurem wälſchen Geſchnatter, das einen Hund toll machen könnte! Hört, ihr Narr, was ich euch ſagen will, oder ihr werdet es bereuen, ſo lang' ein Knochen in cuch noch an dem andern hängt!— Sagt dem Oberſt Mannering, daß ich weiß, er ſuche mich. Er weiß, und ich weiß, daß das Blut abgewiſcht und der Verlorne gefunden wer⸗ den wird, und Daß Bertram's Recht und Bertram's Macht Neu auf Ellangowans Höh' erwacht. Hier, da iſt ein Brief für ihn; ich wollt' ihn auf anderm Wege ſchicken— ich ſelber kann nicht ſchreiben; aber ich hab' ihrer mehr, die für mich leſen und ſchreiben, reiten und laufen werden. Sagt ihm, es ſei jetzt die Zeit gekommen, und alles iſt erlitten, und das Rad dreht ſich. Heißt ihn nach den Sternen ſehn, wie er vordem nach ihnen ſah.— Wollt ihr das Alles!“ „ Allerdings,“ ſagte der Dominie,„bin ich zweifelhaft— denn, Weib, deine Worte machen mich beſtürzt und mein Fleiſch erbebt, wenn ich dich höre.“ „Meine Worte thun dir nichts Uebles, aber ſie können viel Gutes thun.“. 74 „Entweich! ich will nichts Gutes, das durch unrechte Mittel kommt.“ „Narr der du biſt—“ ſagte Meg, mit unwilligem Zürnen gegen ihn tretend, wobei ihre dunkeln Augen gleich Flammen unter den geſenkten Brauen hervorleuchteten,—„Narr! wenn ich euch ein Leid thun wollte, könnt' ich euch nicht über die Klippe ſtürzen, und würden die Menſchen mehr von eurem Ende wiſſen, als von dem Frank Kennedy's! Hört ihr mich wohl, ihr Thor?“ „Im Namen aller guten Geiſter,“ ſagte der Dominie, ſeinen langen, großknöpfigen Spazierſtock wie einen Spieß gegen die vermeinte Hexe richtend,—„im Namen aller guten Geiſter, bleibe mir ferne! Greif' mich nicht an, Weib, ſteh' ferne— auf deine eigne Gefahr— ſteh' ab, ſag' ich— ich bin ſtark, ſieh, ich will Widerſtand leiſten!“— Hier ward ſeine Rede ſchnell abgebrochen, denn Meg, mit übernatürlicher Stärke gerüſtet,(ſo verſicherte Simſon,) ergriff ihn, als er wieder eine Bewegung mit dem Stock gegen ſie machte, und zog ihn in das Gewölbe,„ſo leicht,“ ſagte er,„als ich einen Folianten tragen kann.“ „Niedergeſetzt,“ ſagte ſie, den halberwürgten Redner auf ei⸗ nen zerbrochnen Stuhl niederdrückend,—„Niedergeſetzt hier, und ſammelt eure Geiſter und euren Verſtand, ihr ſchwarzer Kirchen⸗ popanz— ſeid ihr ſatt oder hungrig?“ „Hungrig— nach Allem, außer der Sünde,“ antwortete der Dominie, der jetzt ſeine Stimme wieder gewann, jedoch, da er fand, daß alle ſeine Beſchwörungsformeln nur dazu dienten, die unbeugſame Hexe noch mehr zu reizen, es für das Beſte hielt, ſich gefällig und unterwürfig zu zeigen, und die heilſamen Beſchwörun⸗ gen nur im Innern zu wiederholen, die er nicht mehr laut auszu⸗ ſprechen wagte. Da aber des Gelehrten Kopf nicht im Stande war, zwei Gedankenreihen auf einmal zu faſſen, ſo geſchah es, daß zuweilen ein Ton aus dem geiſtigen Selbſtgeſpräche laut zum Vor⸗ 82 . ſchein kam und ſich mit den ausgeſprochenen Worten auf eine recht luſtige Weiſe miſchte, vorzüglich, weil der arme Mann nach jedem entſchlüpften Laute der Art ängſtlich zuſammenfuhr, da er vor der Wirkung zitterte, die derſelbe auf die reizbaren Gefühle der Hexe hervorbringen möchte. Meg ging unterdeſſen zu einem großen ſchwarzen Keſſel, der auf dem Boden über einem Feuer kochte, und als ſie den Deckel hob, ergoß ſich ein Duft durch das Gewölbe, der, wenn man den Dün⸗ ſten eines Hexenkeſſels überhaupt trauen durfte, weit beſſere Dinge verſprach, als das Höllengebräu, welches man ſolchen Gefäßen ge⸗ wöhnlich zuſchreibt. Es war in der That der angenehme Geruch eines Gemenges von Rebhühnern, Haſen, und verſchiedenem wil⸗ den Geflügel, die in einer Maſſe von Kartoffeln mit Zwiebeln und Knoblauch ſchmorten; und nach der Größe des Keſſels zu ſchließen, ſchien das Gericht für wenigſtens ein Dutzend Leute berechnet zu ſein.„Ihr habt alſo heute noch nichts gegeſſen?“ ſagte Meg, während ſie eine reichliche Portion jener Maſſe auf einen braunen Teller that und das Gericht reichlich mit Pfeffer und Salz beſtreute. „Nichts,“ antwortete der Gelehrte,—„sCelestissima!— das heißt— Frau Wirthin!“ „Nun,“ ſagte ſie, ihm den Teller vorſetzend„hier iſt etwas, was euer Herz wärmen wird.“ „Mich hungert nicht,— maleſica— das heißt— Mrs. Mer⸗ rilies!“ Denn er ſagte im Stillen:„es duftet ſüß, iſt aber von ei⸗ ner Canidia oder Ericthoe gekocht worden.“ „Wenn ihr nicht den Augenblick eßt und vernünftig werdet, bei dem Brod und dem Salz! ſo will ich's euch mit dem Löffel hin⸗ unterſtopfen, ſo ſchartig er iſt, ihr mögt wollen oder nicht. Beiß zu, Sünder, und verſchling's!“ Simſon hatte, in der Furcht vor Eidechſenaugen, Froſchze⸗ hen, Tigereingeweiden und dergleichen Leckerbiſſen, beſchloſſen, ſich 76 ſeine Hartnäckigkeit, denn der Mund begann ihm ſchon zu wäſſern und die Drohungen der Hexe entſchieden ihn vollends, zuzulangen. Hunger und Furcht ſind treffliche Caſuiſten. „Saul,“ ſagte der Hunger,„ſpeiſte mit der Hexe von En⸗ dor.“—„und das Salz,“ ſetzte die Furcht hinzu,„welches ſie auf das Eſſen ſtreute, zeigte deutlich, daß es kein ſchwarzkünſtleriſches Mahl iſt, wobei dieſe Würze nie vorkommt.“—„und überdies,“ ſagte der Hunger, nachdem der erſte Löffel hinab war,„überdies iſt es nahrhaftes und erquickendes Fleiſch.“ „Das Eſſen ſchmeckt euch?“ ſagte die Wirthin. „Ja,“ antwortete Simſon,„und ich danke dir— scelera- tissima— das heißt— Mrs. Margaret.“ „Gut, eßt euch ſatt; aber wenn ihr wüßtet, woher wir's ha⸗ ben, ſo würd' es euch nicht ſo gut ſchmecken.“ Simſon ließ den Löffel ſinken, als er ihn eben mit voller Ladung zum Munde führen wollte.„Es hat ſo manche Wache bei Mondenlicht gekoſtet, um den ganzen Kram zuſammenzubringen,“ fuhr Meg fort,—„die Leute, die das Mahl eſſen ſollen, dachten wenig an eure Jagd⸗ geſetze.“ „Iſt das Alles?“ dachte Simſon, den Löffel wieder aufhe⸗ bend uns wacker drauf los arbeitend; aus dieſem Grunde will ich nicht um das Eſſen kommen. 3 „Nun, habt ihr Luſt zu einem Trunk?“ „SIch habe,“ ſagte Simſon,—„conjuro te— das heißt, ich dank’ euch herzlich,“ denn er dachte im Stillen, hab' ich A geſagt, kann ich auch B ſagen; und ſo trank er der Hexe Geſundheit in ei⸗ nem Glas Branntwein. Als er auf dieſe Weiſe Meg's Mahlzeit die Krone aufgeſetzt hatte, fühlte er ſich, wie er ſagte,„mächtig erhoben und fürchtete kein Uebel mehr, das ihn befallen könnte.“ nicht daran zu wagen; aber der Ouft des Gerichts beſiegte ſchnell 77 „Werdet ihr nun an meinen Auftrag denken?“ ſagte Meg Merrilies;„ich ſeh' es euch an den Augen an, daß ihr jetzt ein andrer Mann ſeid, denn da ihr hereinkamt.“ „Ich will's, Mrs. Margaret,“ antwortete Simſon mit ſeſter Stimme;„ich will ihm den verſiegelten Brief bringen und will dazufügen, was euch mündlich zu ſagen beliebt.“ „Nun, dann will ich's kurz machen,“ ſagte Meg.„Sag' ihm, er ſolle gewißlich dieſe Nacht nach den Sternen ſehn, und das thun, was ich in dieſem Briefe begehre, ſo wahr als er wünſcht, Daß Bertrams Recht und Bertrams Macht Neu auf Ellangowan's Höh erwacht. Ich hab' ihn zweimal geſehn, als er mich nicht ſah; ich weiß, wann er zuerſt in dies Land kam, und ich weiß, was ihn wieder zuruͤck gebracht hat. Auf denn, zur Thür! ihr ſeid ſchon zu lange hier— folgt mir.“ Simſon folgte der Sibylle, die ihn wohl eine Viertelſtunde weit durch den Wald führte, auf einem kürzern Wege, als er ſelbſt gefunden haben würde; ſodann kamen ſie auf die Haide und Meg ging immer mit großen Schritten voran, bis ſie den Gipfel eines kleinen Hügels erreichten, welcher ſich oberhalb der Straße erhob. „Hier,“ ſagte ſie,„hier ſteht ſtill. Seht, wie die ſinkende Sonne durch jenes Gewölk bricht, was den Himmel den ganzen Tag lang dunkel machte. Seht, wohin der erſte Strahl des Lichtes fällt—'s iſt auf Donagilds runden Thurm, den älte⸗ ſten Thurm, in Schloß Ellangowan— das geſchieht nicht ohne Grund!— Seht, wie er ſeewärts fällt, nach jenem Schiff in der Bucht— das iſt auch nicht ohne Grund!— Hier an die⸗ ſem ſelbigen Orte ſtand ich,“ ſagte ſie, ſich aufrichtend und in ihrer ganzen ungewöhnlichen Länge zeigend, während ſie zugleich den nervigen Arm mit geballter Hand ausſtreckte,„hier ſtand ich, als ich dem letzten Laird von Ellangowan verkündete, was ſeinem Hauſe widerfahren werde— und iſt dies zu Grunde gegangen? nein— es wird ſich wieder erheben!— Und hier, wo ich den Frie⸗ denszweig über ihm zerbrach, ſteh' ich wieder, um Gottes Segen und Heil für den jungen Erben von Ellangowan zu erflehn, der bald wieder zu den Seinigen kommen wird; und der beſte Laird wird er ſein, den Ellangowan ſeit dreihundert Jahren geſehn hat.— Ich werde das vielleicht nicht erleben; aber manch“ geſegnetes Auge wird es ſehn, wenn das meine auch geſchloſſen iſt. Und nun, Abel Simſon, wenn ihr je das Haus Ellangowan liebtet, eilt mit mei⸗ ner Botſchaft zu dem engliſchen Oberſten, als wenn Leben und Tod von eurer Eile abhinge!“ So ſagend wandte ſie plötzlich dem erſtaunten Simſon den Rücken und erreichte mit ſchnellen und langen Schritten das Dun⸗ kel des Waldes, aus welchem ſie da gekommen war, wo er ſich am weiteſten auf dieſe Haide erſtreckte. Simſon ſtarrte ihr einen Au⸗ genblick im größten Staunen nach; dann aber gehorchte er ihrer Weiſung, in für ihn ungewöhnlich eiligem Schritte gen Wood⸗ bourne laufend, während er dreimal ausrief:„wunderbar! wun⸗ derbar! wun⸗der⸗bar!“ —— Achtes Kapitel. ——— Es ift nicht Tollheit, Was ich geſagt; ſtellt mich nur auf die Probe, So wiederhol ich's Wort für Wort; die Tollheit Spräch' nicht genau daſſelbe. Hamlet. Als Mr. Simſon mit verſtörtem Blicke durch das Vorhaus ging, eilte Mrs. Allan, die gute Haushälterin, die mit der ehrer⸗ bietigen Achtung, welche man in Schottland der Geiſtlichkeit zu zollen pflegt, ſeiner Rückkehr geharrt hatte, alsbald herbei, um ihn zu empfangen.„Was hat das zu bedeuten, Mr. Simſon, das iſt ja ſchlimmer als jemals!— Ihr werdet euch mit ſo langem Faſten wirklich noch Schaden thun— nichts iſt dem Magen ſo ſchädlich, Mr. Simſon; wenn ihr nur einige Tropfen Pfeffermünz⸗ waſſer in die Taſche ſtecken wolltet, oder Barnes ſollte euch ein But⸗ terbrod ſchneiden.“ 3 „Weich' von mir!“ ſagte Simſon, indem er noch immer ſein Zuſammentreffen mit Meg im Sinne hatte, und ging vorwärts nach dem Geſellſchaftszimmer. „Nein, geht nicht hinein, ſchon ſeit einer Stunde iſt abgetra⸗ gen und der Oberſt ſitzt beim Weine; aber kommt in meine Stube, 80 ich habe noch einen guten Biſſen für euch, der gleich bereitet ſein wird.“ „Exorciso tel“ ſagte Simſon,—„das heißt, ich habe ge⸗ geſſen.“ „Gegeſſen!'s iſt unmöglich; wo könnt ihr gegeſſen haben, der ihr nirgends einkehrt?“ „Mit Beelzebub aß ich, glaub' ich,“ ſagte der Geiſtliche. „Nu, dann iſt er gewiß behext,“ ſagte die Haushälterin, in⸗ dem ſie ihn gehen ließ;„er iſt behext, oder taub, und der Oberſt mag ſehn, wie er mit ihm fertig wird— Lieber Gott! daß die Ge⸗ lehrſamkeit einen Menſchen ſo weit bringen kann!'siſt traurig!“ Mit dieſem Ausrufe zog ſie ſich in ihr eignes Revier zurück. Der Gegenſtand ihres Mitleids hatte unterdeſſen das Speiſe⸗ zimmer betreten, wo ſein Erſcheinen ſehr überraſchte. Er war ſchmutzig bis an die Schultern und die natürliche Bläſſe ſeines Ge⸗ ſichts war doppelt ſo leichenhaft als gewöhntich durch S chrecken, Er⸗ müdung und Geiſtesverwirrung.„Was, um des Himmels wil⸗ len, ſoll das bedeuten, Mr. Simſon!“ ſagte Mannering, welcher benterkke, daß Miß Bertram ſehr beſorgt auf ihren einfältigen aber treuen Freund blickte. „Exorciso,“— ſagte der Gelehrte. „Wie, Freund!“ erwiederte der erſtaunte Oberſt. „Bitt' um Verzeihung, verehrter Sir! aber mein Ver⸗ ſtand“— „Iſt ſpazieren gegangen, ſcheint mir's— bitte, Mr. Sim⸗ ſon, ſammeln Sie ſich und laſſen Sie mich wiſſen, was das Alles bedeuten ſoll.“ Simſon war im Begriff zu antworten, da er aber fand, daß ihm ſeine lateiniſchen Beſchwörungsformeln nochi immer unwillkür⸗ lich auf die Zunge kamen, ſo ließ er weislich von dem Verſuche ab, und legte den Brief, den er von der Zigeunerin empfangen, in 81 Mannering's Hände, welcher das Siegel erbrach und mit Erſtau⸗ nen las.„Dies ſcheint ein Scherz zu ſein,“ ſagte er,„und zwar ein ſehr dummer.“ 3 „Es kam von keiner ſpaßhaften Perſon,“ ſagte Mr. Simſon. „Von wem kam es denn!“ fragte Mannering. Der Gelehrte, der oft viel Zartſinn in Fällen bewies, bei de⸗ nen Miß Bertram betheiligt war, erinnerte ſich der peinlichen Um⸗ ſtände, die mit Meg Merrilies verbunden waren, blickte auf die jungen Damen, und ſchwieg.„Wir werden ſogleich beim Thee wieder bei euch ſein, Julie,“ ſagte der Oberſt;„wie ich ſehe, wünſcht Mr. Simſon mit mir allein zu ſprechen.— und nun, da ſie fort ſind, Mr. Simſon, ſo erklärt mir, in des Himmels Namen, was dies Alles ſoll!“ „ Es kann wohl eine Botſchaft vom Himmel ſein,“ ſagte der Gelehrte,„aber Beelzebubs Poſtmeiſterin hat ſie gebracht. Es war nämlich die Hexe, Meg Merrilies, die ſchon ſeit zwanzig Jahren als Kupplerin, Diebin, Hexe und Zigeunerin in einer Theertonne hatte verbrannt werden ſollen.“ „Wiſſen Sie gewiß, daß ſie es war?“ ſagte der Oberſt mit lebhafter Theilnahme. 3 „Gewiß, verehrter Sir?— in der That, ihresgleichen iſt nicht zu vergeſſen— man ſieht dieſelbe nirgends ein zweites Mal.“ Der Oberſt ſchritt haſtig im Zimmer auf und ab, indem er im Stillen nachſann.„Leute ausſchicken und ſie ergreifen laſſen— aber es iſt zu weit, um zu Mac⸗Morlan zu ſchicken, und Sir Ro⸗ bert Hazlewood iſt ein hochtrabender Narr; überdies fände man ſie vielleicht nicht an jenem Orte, und dann könnte ſie auch ebenſo hart⸗ näckig ſchweigen, wie ſchon früher.— Nein, und ſollt' ich auch deßwegen ein Narr heißen, ich will den Schritt nicht verſäumen, den ſie mir räth. Viele ihrer Art fangen als Betrüger an, und en⸗ den als Schwärmer, oder ſie ſchweben auch wohl zwiſchen beiden Guy Mannering. III. 6 82 unbeſtimmt in der Mitte, ohne genau zu wiſſen, wenn ſie ſich ſel⸗ ber täuſchen, oder wenn ſie andre betrügen— Wohlan, was ich zu thun habe, iſt wenigſtens einfach; und wenn meine Bemühungen fruchtlos ſind, ſo ſoll nicht zu großes Vertrauen auf meine eigne Weisheit daran ſchuld ſein.“ Mit dieſem Entſchluß klingelte er, und ließ Barnes nach ſei⸗ nem Studierzimmer kommen. Er ertheilte ihm hier Befehle, mit deren Erfolg der Leſer ſpäter bekannt gemacht werden ſoll. Wir müſſen jetzt ein andres Abenteuer berichten, welches gleichfalls in die Geſchichte dieſes merkwürdigen Tages verwebt iſt. Charles Hazlewood hatte während des Oberſt's Abweſenheit in Woodbourne keinen Beſuch zu machen gewagt. Mannering's ganzes Benehmen hatte ihm allerdings die Meinung eingeflößt, daß dieſem dergleichen Beſuche unangenehm ſein würden z und die Ueber⸗ legenheit, die der glückliche Krieger und gebildete Mann über des jun⸗ gen Mannes Betragen erlangt hatte, war ſo groß, daß es letzterer in keiner Hinſicht gewagt haben würde, jenen zu bekeidigen. In des Oberſt Mannering's Betragen ſah er, oder glaubte er eine Billi⸗ gung ſeiner Neigung zu Miß Bertram zu ſehen. Aber noch deutli⸗ cher ſah er dann auch das Unſchickliche eines jeden Verſuchs zu einem geheimen vertrauten Verſtändniß ein, welches ſeine Eltern ſchwer⸗ lich gebilligt haben würden, und er achtete dieſe Schranke zwiſchen ihm und ihr ſowohl um Mannering's willen ſelbſt, als auch weil derſelbe der edle und eifrige Beſchützer Miß Bertram's war.„Nein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich will Lucy's gegenwärtiges Aſil nicht ge⸗ fährden, ſo lange ich ihr keine eigne Heimat bieten kann.“ Mit dieſem männlichen Entſchluſſe, dem er treu blieb, obwohl ſein Pferd, aus Gewohnheit, den Kopf immer nach dem Wege gen Woodbourne wandte und obwohl er ſelbſt täglich zweimal nahe vor⸗ über ritt, widerſtand Charles Hazlewood einer ſtarken Neigung, hinabzureiten, nur um zu fragen, wie ſich die Damen befänden — V V 83 und ob er ihnen während Oberſt Mannering's Abweſenheit irgend einen Dienſt leiſten könne. Bei der zweiten Gelegenheit fühlte er indeß die Verſuchung ſo ſtark, daß er beſchloß, ſich derſelben nicht ein drittes Mal auszuſetzen; und indem er ſich begnügte, Hoffnungen gen Woodbourne zu ſenden und Erkundigungen über daſſelbe einzu⸗ ziehen, beſchloß er, einer fern wohnenden Familie einen lang ver⸗ ſprochenen Beſuch zu machen, und zu rechter Zeit zurückzukehren, um einer der erſten Beſucher Mannering's ſein zu können, die die⸗ ſem zu ſeiner gkücklichen Rückkunft von der fernen und gefährlichen Reiſe nach Edinburg gratuliren würden. Er ſtattete daher ſeinen Beſuch ab, und da er alles ſo eingerichtet hatte, daß er wenige Stunden nach des Oberſten Ankunft von derſelben benachrichtigt ſein konnte, entſchloß er ſich endlich, von ſeinen Freunden, bei de⸗ nen er die Zwiſchenzeit zugebracht hatte, Abſchied zu nehmen, in der Abſicht, zum Mittageſſen in Woodbourne zu ſein, wo er ſich immer ſo heimiſch befand; und dies(denn er dachte an die Sache mit weit mehr Wichtigkeit, als nothwendig war,) dies mußte, wie er ſich ſchmeichelte, ſeine Lebensart als ſehr einfach, natürlich und gefällig erſcheinen laſſen. Das Schickſal aber, worüber die Liebenden ſo viele Klagen hören laſſen, war Charles Hazlewood in dieſem Falle ungünſtig. Der Beſchlag ſeines Pferdes mußte geſchärft werden, dies verlangte das froſtige Wetter ausdrücklich. Die Dame vom Hauſe, wo er zu Beſuch war, blieb gern ſehr lang' in ihrem Zimmer, ſo daß es ſpät zum Frühſtücken kam. Deßgleichen beſtand ſein Freund dar⸗ auf, ihm die Jungen zu zeigen, die ſein Lieblingswachtelhund die⸗ ſen Morgen geworfen hatte. Die Farben hatten einige Zweifel, wer der Vater ſei, rege gemacht; und dieſe Frage über rechtmäßige Abſtammung war von Wichtigkeit, ſo daß Hazlewoods Meinung zwiſchen ſeinem Freund und deſſen Stallknecht entſcheiden ſollte; denn dieſe Entſcheidung mußte beſtimmen, welche von den Jungen 6* 84 erſäuft und welche aufgezogen werden ſollten. Ueberdies verzögerte der Laird ſelbſt unſers jungen Liebenden Abſchied um eine beträcht⸗ liche Zeit, indem er ſich mit weitſchweifiger Beredtſamkeit bemühte, dem Sir Robert Hazlewood durch deſſen Sohn ſeine eignen beſon⸗ dern Ideen über eine Straße mitzutheilen, welche durch das beider⸗ ſeitige Gebiet angelegt werden ſollte. Es ſpricht nicht ſehr für die Faſſungskraft unſers jungen Liebenden, daß er, nachdem die Sache zehnmal wiederholt worden war, noch immer den Vortheil nicht einſehen konnte, der durch die vorgeſchlagene Straße über Lang⸗ hirſt, Windy⸗knowe, Goodhouſepark, Hailziecroft und bei Si⸗ mon's Pool über den Fluß nach Kippletringan erlangt werden würde; ebenſo wenig vermochte er die noch minder rathſame Linie zu beurtheilen, die der engliſche Feldmeſſer angedeutet hatte, und die mitten durch die Anlagen bei Hazlewood gehen ſollte, die dann vom Hauſe ſelbſt getrennt wurden, während zugleich das Abge⸗ ſonderte und Angenehme des ganzen Grundſtücks vernichtet werden mußte.. Kurz, der Rathgeber,(dem ſehr viel daran lag, daß der Weg einem ſeiner eignen Pachthöfe möglichſt nahe gebaut werde,) konnte es durchaus nicht dahin bringen, des jungen Hazlewood's Aufmerk⸗ ſamkeit zu feſſeln, bis er endlich zufällig erwähnte, die vorgeſchla⸗ gene Richtung werde durch den„Menſchen, den Gloſſin,“ begün⸗ ſtigt, welcher ſich gern ein Uebergewicht in der Grafſchaft anmaßen wolle. Plötzlich ward der junge Hazlewood aufmerkſam und theil⸗ nehmend, und nachdem er ſich zur Gnüge unterrichtet hatte, welche die von Gloſſin unterſtützte Richtung ſei, verſprach er ſeinem Freunde, es ſolle ſeine Schuld nicht ſein, wenn ſein Vater nicht eine andere begünſtigen werde. Aber dieſe mannichfachen Unter⸗ brechungen nahmen den ganzen Morgen in Anſpruch. Hazlewood kam erſt drei Stunden ſpäter, als er beabſichtigt hatte, zu Pferde, und während er Damen, Hunde, Junge und dergleichen ſammt 8⁵. und ſonders verwünſchte, ſah er die Zeit bereits verſtrichen, wo er ſchicklicher Weiſe die Familie in Woodbourne noch beſuchen konnte. Er war daher bereits an dem Seitenwege, der dorthin führte, vorübergeritten, mit Intereſſe nur die blaue Rauchſäule betrach⸗ tend, die an dem bleichen, winterlichen Abendhimmel von jenem Hauſe emporwirbelte, als er plötzlich Simſon zu erblicken glaubte, der auf einem Fußpfade durch den Wald ging. Hazlewood rief ihm. nach, aber vergebens; denn der wackere Mann, der für äußere Eindrücke überhaupt nicht beſonders empfänglich war, hatte ſich. eben erſt von Meg Merrilies getrennt, und war viel zu tief in Ge⸗ danken über ihre Weiſſagungen verſunken, als daß er auf Hazle⸗ woods Ruf hätte antworten ſollen. Dieſer war daher genöthigt, ihn gehen zu laſſen, ohne nach der Geſundheit der jungen Damen zu forſchen oder eine andere Frage vorzulegen, worauf dann viel⸗ leicht eine Antwort ertheilt worden wäre, die auch der Miß Ber⸗ tram Namen enthalten hätte. Aller Grund zur Eile war nun ver⸗ ſchwunden, er legte dem Pferde die Zügel auf den Hals und ließ das Thier langſam einen ſandigen Weg hinan ſteigen, der zwiſchen zwei hohen Erdwänden emporging und endlich auf der beträchtli⸗ chen Höhe eine ausgedehnte Ausſicht über das benachbarte Land darbot. Hazlewood blieb indeſſen völlig theilnahmlos bei dieſem An⸗ blicke, obwohl dieſer die Empfehlung für ſich hatte, daß der größte Theil des überſchauten Landes dem Vater des jungen Hazlewood gehörte und daß letzterer einſt nothwendig der Beſitzer werden mußte; er wandte vielmehr das Haupt rückwärts nach den Schorr⸗ ſteinen von Woodbourne, obwohl bei jedem Schritte ſeines Pferdes, ſo wie die Entfernung größer ward, ſich jener Anblick mehr und mehr ſeinem Auge entzog. Aus dem Sinnen, in welches er ver⸗ ſunken war, ward er endlich plötzlich durch eine Stimme aufgeſtört, die zu rauh für eine weibliche, zu gellend für eine männliche war:— „Was hält euch ſo lange auf der Straße zurück!— Sollen andre euer Werk thun?“. Er blickte auf; die Sprecherin war ſehr groß, hatte ein wei⸗ tes Tuch um den Kopf gewunden, unter welchem graues Haar her⸗ abflatterte, trug ein langes rothes Gewand und in der Hand einen Stab, mit einer Art Lanzenſpitze verſehn— kurz, es war Meg Merrilies. Hazlewood hatte dieſe merkwürdige Geſtalt früher noch nie geſehn; er zog bei ihrem Anblick erſtaunt die Zügel ſeines Pferdes an und hielt ſtill.„Ich denke,“ fuhr ſie fort,„alle, die am Schickſale des Hauſes Ellangowan Theil genommen haben, ſoll⸗ ten dieſe Nacht nicht ſchlafen; drei Menſchen haben nach euch ge⸗ ſucht, und ihr geht heim, um in eurem Bett zu ſchlafen— meint ihr, wenn der Bruder gefallen, könne es der Schweſter wohl gehn? Nein, nein!“ „Ich verſtehe euch nicht, gute Frau,“ ſagte Hazlewood; „ſprecht ihr von Miß——, ich meine von irgend Jemand aus der ehemaligen Familie Ellangowan, ſo ſagt mir, was ich für ihn thun kann.“ „Von der ehemaligen Familie Ellangowan?“ antwortete ſie mit großer Heftigkeit;„von der ſehemaligen Familie Ellangowan! und wann war je, oder wann wird je eine Familie Ellangowan ſein, die nicht den edeln Namen Bertram führt?“ „Aber was meint ihr eigentlich, gute Frau!“ „Ich bin keine gute Frau— das ganze Land weiß, daß ich ſchlecht genug bin, und die Andern, wie ich ſelber, mögen traurig genug ſein, daß ich nicht beſſer bin. Aber ich kann thun, was gute Weiber nicht können und nicht dürfen. Ich kann thun, was ihnen das Blut erſtarren würde, die im Hauſe aufgewachſen ſind und nichts weiter lernten, als ihren Kindern die Köpfe verbinden und ſie in der Wiege ſchaukeln. Hört mich— man hat die Wache aus 87 dem Zollhanſe bei Portanferry gezogen und ſie iſt auf eures Vaters Befehl nach Schloß Hazlewood gelegt worden, weil er meint, ſein Haus werde dieſe Nacht von den Schmugglern angegriffen werden; — kein Menſch denkt daran, ſein Haus anzufallen; er hat gutes Blut und edles Blut— ich ſpreche wenig von ihm um ſeiner ſelbſt willen, denn niemand hat etwas Uebles gegen ihn im Sinne. Sen⸗ det die Reiter auf ihren Poſten zurück, und zwar ſtill und ruhig— dort werden ſie dieſe Nacht vollauf Arbeit haben— ganz gewiß— die Flinten werden blitzen und die Schwerter werden glänzen im Mondenlicht.“ „Guter Gott! was meint ihr?“ ſagte der junge Hazlewood; „eure Worte und euer Benehmen würden mich überreden, daß ihr toll ſeid, wäre nicht eine ſo ſeltſame Uebereinſtimmung in Allem was ihr ſagt.“ „Ich bin nicht toll!“ rief die Zigeunerin;„man hat mich ge⸗ fangen geſetzt als eine Tolle— gegeiſelt als eine Tolle— verbannt als eine Tolle— aber ich bin nicht toll. Hört, Charles Hazle⸗ wood von Hazlewood: ſeid ihr böſe gegen den geſinnt, der euch ver⸗ wundete?“ „Nein, Frau, das verhüte Gott; mein Arm iſt geheilt und ich habe ſtets geſagt, daß der Schuß nur zufällig geſchah. Ich würde mich freuen, wenn ich das dem jungen Manne ſelbſt ſagen könnte.“ 4 „Dann thut, was ich euch heiße,“ antwortete Meg Merri⸗ lies,„und ihr werdet ihm mehr Gutes thun, als er euch je Uebles that; denn wenn es nach ſeinen Widerſachern ginge, ſo würde er vor'm Morgen eine blutige Leiche, oder doch ein verbannter Mann ſein— aber es iſt Einer über uns Alle,— Thut, wie ich euch heiße; ſendet die Soldaten nach Portanferry zurück. Dem Schloß Hazlewood droht ſo wenig ein Unheil, als dem ärmſten Hauſe im 88 Lande.“ Mit dieſen Worten verſchwand ſie ſo ſchnell wie ge⸗ wöhnlich.. Stets machte das Aeußere dieſes Weibes und die Miſchung von Wahnſinn und Begeiſterung in ihrem Benehmen den ſtärkſten Ein⸗ druck auf diejenigen, die ſie anredete. Ihre Worte, obwohl wild, waren zu ſchlicht und verſtändlich für wirkliche Tollheit, und dann gleichwohl auch zu heftig und übertrieben für beſonnene, nüchterne Mittheilung. Sie ſchien unter dem Einfluſſe einer Einbildungs⸗ kraft zu handeln, die eher zu ſtark aufgeregt als zerrüttet war; und es iſt wunderbar, wie lebhaft dieſer Unterſchied in ſolchen Fällen das Gemüth des Zuhörers ergreift. Daher rührte auch die Auf⸗ merkſamkeit, womit ihre ſeltſamen und geheimnißvollen Winke ge⸗ wöhnlich gehört und befolgt wurden. Zum wenigſten iſt gewiß, daß ihr plötzliches Erſcheinen und ihr gebieteriſcher Ton auf den jungen Hazlewood einen ſtarken Eindruck machte. Schnell ritt er nach Hazlewood hin. Es war bereits, noch ehe er das Haus er⸗ reichte, dunkel geworden und bei ſeiner Ankunft ſah er eine Beſtäti⸗ gung deſſen, was die Sibylle angedeutet hatte. Dreißig Oragonerpferde ſtanden unter einem Schuppen mit zuſammengebundenen Zäumen. Orei oder vier Soldaten ſtanden als Wache dabei, während ſie vor dem Hauſe mitt ihren langen Säbeln und ſchwerfälligen Stiefeln auf und nieder gingen. Hazlewood fragte einen Officier, woher die Soldaten gekommen? „Von Portanferry.“ „Und blieb keine Wache dort zurück.“ „Neinz; ſie ſind auf Befehl Sir Robert Hazlewoods zur Ver⸗ theidigung ſeines Hauſes hieher gelegt worden, weil die Schmugg⸗ ler mit einem Ueberfall drohen.“ Charles Hazlewood ſuchte ſogleich ſeinen Vater auf, und nach⸗ dem er ihn begrüßt hatte, verlangte er zu wiſſen, weßhalb er die Militärbedeckung für nöthig gehalten habe, Sir Robert gab ſeinem 89 Sohne zur Antwort, daß nach den Berichten, Zeitungen und An⸗ deuturgen, die ihm mitgetheilt und vorgelegt worden ſeien, für ihn aller Grund zu dem Glauben und der Ueberzeugung vorhanden wäre, daß in dieſer Nacht gegen Hazlewood ein gewaltſamer An⸗ griff zerſucht und ausgeführt werden werde von einer Bande Schmüggler, Zigeuner und anderer Landſtreicher. „ind was, theurer Vater,“ ſagte der Sohn,„ſollte die Wuth ſolcher Leute gegen uns gerade mehr als gegen jedes andre Haus in Lande lenken!“ 3. „Lielmehr ſollt' ich denken, vermuthen und der Meinung ſein, mein Leber,“ antwortete Sir Robert,„mit aller Achtung vor curer Veisheit und Erfahrung, daß bei ſolchen Gelegenheiten und Zeiten ich die Rache ſolcher Perſonen gegen die wichtigſten und durch Dang, Geburt, Talente und Stellung ausgezeichneteſten richtet ind lenkt, welche gegen jener Menſchen ungeſetzliche, üble und verbeecheriſche Handlungen und Thaten aufgetreten ſind und dieſelbigen gehindert oder vereitelt haben.“ Deer junge Hazlewood, der ſeines Vaters Schwäche kannte, ſagte, ſein Ueberraſchung habe nicht den Grund, welchen Sir Ro⸗ bert anzurehmen ſcheine; aber er wundere ſich nur, daß jene Men⸗ ſchen dara denken ſollten, ein Schloß anzugreifen, wo ſich ſo zahl⸗ reiche Diererſchaft befände, und wo die durch Lärmzeichen herbeige⸗ rufenen Hnterſaſſen einen ſtarken Beiſtand gewähren könnten; er ſetzte noch hinzu, man werde es ſeinem Vater wahrſcheinlich ſehr verargen, daß er die Soldaten von ihrem Dienſt im Zollhauſe ab⸗ gerufen hwe, um ſein Schloß zu beſchützen, als ob dieſes durch ſeine Bewonner nicht ſtark genug wäre, um ſich bei einer ſo ge⸗ wöhnlichen Gelegenheit ſelbſt vertheidigen zu können. Er deutete auch an, deß, wofern ſich die getroffene Vorſichtsmaͤßregel als un⸗ nütz erweiſn würde, die Feinde des Hauſes kein Ende in ihren Spöttereienfinden dürften. 90 Sir Robert war von dieſer Bemerkung ziemlich beſtürzt, denn er haßte und fürchtete, gleich den meiſten Schwachköpfen, das Lä⸗ cherlichwerden ungemein. Er ſammelte ſich, und blickte mi prah⸗ lender Verlegenheit vor ſich hin, als wollte er ſich das Anehn ge⸗ ben, daß er die Meinung des Publicums vermahte, die er in Wahr⸗ heit gleichwohl äußerſt ſcheute. „Ich ſollte wirklich glauben,“ ſagte er,„daß die Beleidi⸗ gung, welche bereits gegen mein Haus in deiner Perſon zerichtet ward, der du der nächſte Erbe und Vertreter des Hauſes iiſt, ſo⸗ bald ich ſterbe— ich ſollte, ſag' ich, denken und glauben, faß mich dies hinlänglich in den Augen des achtbarſten und zahleichſten Theiles des Publicums dafür rechtfertigen müßte, daß ih ſolche Vorſichtsmaßregeln ergreife, welche darauf berechnet ſild, eine Wiederholung ſolcher Gewalt zu hindern und zu vereiteln.“ „Wirklich, Vater,“ ſagte Charles,„ich muß an das erin⸗ nern, was ich ſchon zuvor oft ſagte, daß ich nämlich goviß weiß, die Entladung des Gewehrs ſei zufällig geſchehen.“ „Mein Lieber, ſie geſchah nicht zufällig,“ ſagte der Vater un⸗ willig;„aber ihr müßt ja natürlich klüger als eure Elern ſein.“ „In der That, Vater,“ erwiederte der junge Kazlewood, „in einer Sache, die mich ſelber ſo genau betrifft“—— „Sie betrifft dich nur ſehr beiläufig— das heißt, ſie betrifft dich nicht, als einen leichtſinnigen jungen Mann, der ſch ein Ver⸗ gnügen daraus macht, ſeinem Vater zu widerſprechen; aber ſie be⸗ trifft das Land, Freund; und die Grafſchaft, Freuns; und das Publicum, Freund; und das Königreich Schottland, nſofern das Intereſſe der Familie Hazlewood, mein Lieber, berachtheiligt, verletzt und gefährdet iſt mit, in dir und durch dich, Freund.— Und der Kerl ſitzt in ſicherer Hut und Mr. Gloſſin meint“”“— „Mr. Gloſſin, Vater?“ 91 „Ja, Freund, der Gentleman, der Ellangowan gekauft hat — du weißt doch wahrſcheinlich, wen ich meine!“ „Ja, Vater,“ antwortete der junge Mann;„aber kaum hätt' ich erwarten dürfen, von euch eine ſolche Autorität citiren zu hören. Nun, dieſer Menſch— alle Welt kennt ihn als einen ſchmutzigen, gemeinen, tückiſchen Mann, und ich halte ihn für den ſchlechteſten. Und du ſelbſt, mein theurer Vater— wenn haſt du ſelbſt in deinem Leben je zuvor einen ſolchen Menſchen Gentleman genannt?“ „Nun, Charles, ich meinte Gentleman nicht in dem genauen Sinn und in der beſchränkten, eigentlichen und reinen Bedeutung, worauf ſich urſprünglich ohne allen Zweifel der Ausdruck von Rechtswegen beſchränkt; aber ich brauchte das Wort nur bezugs⸗ weiſe, inſofern es etwas bezeichnet, was ſich aus eigner Kraft ge⸗ bildet und erhoben hat— kurz, als das, was einen anſtändigen, wohlhabenden und geachteten Mann bezeichnet.“ „Erlaube mir zu fragen, Vater,“ ſagte Hazlewood,„ob auf dieſes Mannes Befehl die Wache aus Portanferry gezogen ward!”“ „Freund,“ erwiederte der Baronet,„ich beſorge nicht, daß ſich Mr. Gloſſin anmaßen würde Befehle zu geben, oder auch nur ungefragt eine Meinung zu äußern, in einer Angelegenheit, wobei das Haus Hazlewood und das Haus von Hazlewood— das heißt, dieſes Wohnhaus meiner Familie, und ſodann bildlich, metapho⸗ riſch und paraboliſch, die Familie ſelbſt— ich ſage alſo, wobei das Haus von Hazlewood oder das[Haus Hazlewood ſo unmittelbar betheiligt iſt.“ „Ich vermuthe indeß, Vater,“ ſagte der Sohn,„dieſer Gloſſin beſtärkte den Vorſatz!“ „Freund,“ erwiederte der Vater,„ich hielt es für ſchicklich, recht und geeignet, ihn, als die nächſte Magiſtratsperſon zu Ra⸗ the zu ziehn, ſobald das Gerücht von dem beabſichtigten Ueberfall mein Ohr erreichte; und obwohl er es, aus Ergebenheit und Ehr⸗ furcht, in Rückſicht auf unſere gegenſeitigen Verhältniſſe, ablehnte, ſelbſt an dem Befehle Theil zu nehmen, ſo billigte er doch meine An⸗ ſtalten ganz und gar.“ In dieſem Augenblicke hörte man den Hufſchlag eines Roſſes, welches ſehr eilig durch's Thor kam. In wenigen Minuten öffnete ſich die Thür und Mr. Mac⸗Morlan trat ein.„Es thut mir ſehr leid, wenn ich zudringlich erſcheine, Sir Robert, aber”“—— „O, Mr. Mac⸗Morlan,“ ſagte Sir Robert mit huldreichem bewillkommnendem Lächeln,„durchaus nicht zudringlich, Sir; Ihre Stellung als Subſtitut des Sheriffs macht es Ihnen ja zur Pflicht, über den Frieden der Grafſchaft zu wachen,(und Sie füh⸗ len ſich ohne Zweifel ganz beſonders berufen, das Haus Hazlewood zu ſchützen,) Sie haben ein anerkanntes, zugeſtandenes und unbe⸗ ſtreitbares Recht, Sir, das Haus des erſten Gentleman in Schott⸗ land uneingeladen zu betreten— da ſtets zu vermuthen iſt, daß Sie die Pflicht Ihres Amtes dahin ruft.“ „In der That, es iſt meine Amtspflicht,“ ſagte Mac⸗Mor⸗ lan, welcher ungeduldig die Gelegenheit, zu ſprechen, erwartete, „die mich zudringlich ſein läßt.“ „Nicht zudringlich!“ wiederholte der Baronet, gnädig mit der Hand eine Verneinung andeutend. „Aber erlauben Sie mir zu ſagen, Sir Robert,“ ſagte der Unterſheriff,„daß ich nicht in der Abſicht, hier zu bleiben, gekom⸗ men bin, ſondern um dieſe Soldaten nach Portanferry zurückzurufen und Ihnen die Verſicherung zu geben, daß ich für die Sicherheit Ihres Hauſes bürge.“ „Die Wache von Hazlewood zu nehmen!“ rief der Eigenthü⸗ mer des Hauſes mit einer Miſchung von Mißvergnügen und Stau⸗ nen.„Und Sie werden verantwortlich dafür ſein! und bitte, wer 93 ſind Sie, Sir, daß ich Ihre Bürgſchaft, Caution und Pfand, ſei es amtlich oder perſönlich, für die Sicherheit des Hauſes Hazle⸗ wood nehmen ſollte!— Ich denke, Sir, und glaube, Sir, und bin der Meinung, Sir, daß, wenn irgend eines von dieſen Fami⸗ lienbildern verletzt, zerſtört oder beſchädigt wäre, daß es mir ſchwer fallen ſollte, den Verluſt mittelſt der Bürgſchaft gut zu ma⸗ chen, die Sie mir ſo verbindlich anbieten.“ „In dieſem Falle ſollte mir das ſehr leid thun, Sir Robert,“ antwortete der offene Mac⸗Morlan;„aber ich kann glauben, daß ich mir das quälende Gefühl erſparen werde, durch meine Schuld einen ſo unerſetzlichen Verluſt veranlaßt zu haben, da ich Ihnen verſichern kann, es werde durchaus kein Angriff auf Hazlewood ſtatt finden; vielmehr iſt mir eine Nachricht zugekommen, welche mich argwohnen läßt, man habe jenes Gerücht nur in der Abſicht ausgeſprengt, um die Entfernung der Soldaten von Portanferry zu bewirken. Und mit dieſem feſten Glauben und dieſer Ueberzeu⸗ gung muß ich mein obrigkeitliches Anſehn als Sheriff und Chef der Polizei anwenden, um die ganze Schaar, oder wenigſtens den größten Theil der Soldaten wieder zurück gehn zu laſſen. Ich be⸗ dauere ſehr, daß durch meine zufällige Abweſenheit ſchon viel Ver⸗ zug ſtattgefunden hat, und wir erreichen nun Portanferry vielleicht erſt, wenn es zu ſpät iſt.“ Da Mr. Mac⸗Morlan die erſte Magiſtratsperſon war und ſeinen Entſchluß, auf jene Weiſe zu handeln, ſo beſtinamt aus⸗ drückte, ſo konnte der Baronet, höchlich beleidigt, nur ſagen: „ganz gut, Sir, ganz gut. Gewiß, Sir, nehmen Sie alle mit fort— ich wünſche keineswegs, daß einer hier bleibe, Sir. Wir können uns ſelbſt beſchützen, Sir. Aber Sie werden die Güte ha⸗ ben, zu bemerken, Sir, daß Sie auf Ihre eigne Verantwortung handeln, Sir, und auf Ihre Gefahr, Sir, wenn dem Hauſe 94 Hazlewood, Sir, oder deſſen Bewohnern, oder dem Hausrath und den Gemälden etwas zuſtoßen ſollte, Sir.“ „Ich handle nach meinem beſten Urtheil und meiner beſten Einſicht, Sir Robert,“ ſagte Mac⸗Morlan,„und ich muß Sie bitten, dies zu glauben und mir daher zu verzeihen. Ich bitte Sie, zu bemerken, daß keine Zeit zu Ceremonien iſt— es iſt bereits ſehr ſpät.“ Aber Sir Robert, ohne ſeine Entſchuldigungen einer Beach⸗ tung zu würdigen, beſchäftigte ſich auf ſehr pomphafte Weiſe mit der Bewaffnung und Rüſtung ſeiner Bedienten. Charles Hazle⸗ wood wünſchte das Militär zu begleiten, welches im Begriff war, nach Portanferry abzugehen, und jetzt eben zuſammenberufen ward und aufſaß unter der Leitung Mr. Mac⸗ Morlan's, des civilobrig⸗ keitlichen Beamten. Aber es würde für ſeinen Vater beleidigend und peinigend geweſen ſein, wenn er ihn in einem Momente verlaſ⸗ ſen hätte, wo er ſich und ſein Haus in Gefahr glaubte. Der junge Hazlewood ſchaute daher, mit unterdrücktem Bedauern und Mißfal⸗ len, aus einem Fenſter, bis er den Offſicier zum Abmarſch com⸗ mandiren hörte.— Die ganze Reiterſchaar trabte ſodann ſo raſch vorwärts, daß ſie ſchnell unter den Bäumen verſchwand und der Schlag der Hufe bald in der Ferne verhallte. Neuntes Kapitel. „ Mit Pflugſchar und mit Hämmern brachen Wir alle Riegel, Schlag auf Schlag, Bis wir zum innern Kerker kamen, Wo Willie o' Kinmont drinnen lag. 4 Alte Ballade. Wir kehren nach Portanferry, und zu Bertram und ſeinem edelmüthigen Freunde zurück, die wir als ſehr unſchuldige Bewoh⸗ ner eines für die Schuld erbauten Ortes verließen. Der Schlaf des Pächters war ſo feſt als nur möglich. Bertram's erſter tiefer Schlaf aber war ſchon lange vor Mit⸗ ternacht vorüber und er vermochte ſich nicht wieder in den Zuſtand des ſüßen Vergeſſens zu verſenken. Der unruhige und unbehagliche Zuſtand ſeines Gemüthes ward noch erhöht durch Fieberſchauer, welche er hauptſächlich der dicken und eingeſchloſſenen Luft des klei⸗ nen Gemachs, in welchem er ſchlief, verdankte. Nachdem er eine Zeit lang das bange und drückende Gefühl, welches eine ſolche At⸗ moſphäre erzeugt, ertragen hatte, erhob er ſich, um ein Fenſter des Gemaches zu öffnen und ſo friſche Luft einzulaſſen. Ach! der erſte Verſuch erinnerte ihn, daß er im Kerker war, und daß, da 96 das Haus der Sicherheit, nicht der Bequemlichkeit wegen erbaut war, den armen Bewohnern kein Mittel zu Gebote ſtand, um ſich friſche Luft zu verſchaffen. Nach dieſem vergeblichen Verſuche blieb er eine Weile an dem nicht zu öffnenden Fenſter ſtehen. Der kleine Wasp, obwohl noch ermüdet von der Reiſe des vorhergehenden Tages, kroch aus dem Bette zu ſeinem Herrn hin, rieb ſein ſcheckiges Fell an deſſen Beinen, und drückte durch Knurren die Freude aus, daß er wieder mit ihm vereinigt ſei. In dieſer Geſellſchaft, und harrend, daß das fie⸗ beriſche Gefühl, welches jetzt ſein Blut erregte, einem Verlangen nach Wärme und Schlaf weichen ſollte, blieb Bertram noch eine Zeit lang, auf die See hinausſchauend, ſtehen. Die Fluth hatte ihre Höhe faſt erreicht und ſchlug rauh und ganz nahe an die Grundmauer des Gebäudes. Dann und wann erreichte auch eine große Welle das Bollwerk, welches das Haus beſchützte, und brach ſich hier mit größerer Gewalt und heftigerem Toſen, als jene, die ſich nur auf dem Sande brachen. Weit draußen, unter dem unbeſtimmten Schimmer eines trüben und oft umwölkten Mondes, rollte der Ocean ſein Gewimmel unzähliger Wellen bunt und kraus durcheinander. „Ein wildes und düſteres Schauſpiel,“ ſagte Bertram zu ſich ſelber,„gleich den wirren Wogen, die mich von Kindheit an in der Welt umhergeworfen haben. Wann wird dieſe Ungewißheit auf⸗ hören und wann endlich wird mir geſtattet ſein, mich nach einer ruhigen Heimath umzuſehen, wo ich in Stille und ohne Furcht und Verwirrung jene Künſte des Friedens pflegen kann, denen ich bis⸗ her immer zu entſagen gezwungen war? Das Ohr der Phantaſie, ſagt man, vermag die Stimme der Seejungfrauen und Tritonen durch das Wogengetöſe des Oceans zu vernehmen; das möcht' ich auch können, und eine Sirene oder Proteus ſollte aus jenen Wellen ſteigen, um mir das ſeltſame Labyrinth des Schickſals zu enträth⸗ 97 ſeln, welches mich ſo dicht umgarnt hat!— Glücklicher Freund,“ ſagte er, nach dem Bett ſchauend, wo Dinmont ſeine gewichtige Perſon niedergelegt hatte,„deine Sorgen beſchränken ſich auf den engen Kreis einer geſunden und nährenden Beſchäftigung! Du kannſt ſie nach Belieben bei Seite legen und dich der tiefen Ruhe des Leibes und der Seele freuen, welche eine kräftige Arbeit dir be⸗ reitet hat!“ In dieſem Augenblicke wurden ſeine Betrachtungen durch den kleinen Wasp unterbrochen, welcher, während er gegen das Fen⸗ ſter zu ſpringen ſuchte, heftig zu knurren und zu bellen begann. Dies Geräuſch erreichte Dinmont's Ohr, aber ohne die Täuſchung zu vernichten, welche ihn aus dieſem elenden Gemach in die freie Luft ſeiner eignen grünen Hügel verſetzt hatte.„He, Yarrow, Burſch— hier! hier!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen, wahr⸗ ſcheinlich ſeinen Schäferhund rufend, um ihn gegen einige fremde Eindringlinge auf der Weide zu hetzen. Das fortgeſetzte Gebell des Dachshundes ward durch das zornige lautere Bellen des Ketten⸗ hunds im Hofe beantwortet, welcher lange ſtill geweſen war, mit Ausnahme eines kurzen und tiefen Knurrens, welches er hören ließ, wenn der Mond plöͤtzlich zwiſchen den Wolken hervorbrach. Jetzt ward ſein Lärmen anhaltend und heftig und ſchien durch eine Un⸗ ruhe erregt, welche ihm das Bellen Wasp's verurſachte, welcher ihn zuerſt unruhig gemacht hatte und den ſein Herr mit großer Mühe inſoweit beruhigt hatte, daß er ſich nun mit einem eelſone aber zornigen Knurren begnügte. Endlich entdeckte Bertram, deſſen Aufmerkſamkeit nun völlig rege war, ein Boot auf der See und hörte auch deutlich den Schall von Rudern und menſchlichen Stimmen, die ſich mit dem Getöſe der Wogen miſchten. Einige von der Nacht überfallene Fiſcher, dachte er, oder vielleicht auch einige der kühnen Schleichhändler von der Inſel Man. Gewiß ſind ſie ſehr verwegen, daß ſie ſich ſo nah Guy Mannering. III. 7 98 an's Zollhaus wagen, wo ſicherlich Schildwachen ſein müſſen. Das Fahrzeug iſt groß, wie ein langes Boot, und mit Leuten erfüllt; vielleicht gehört es dem Zollamte. Bertram ward in der letztern Meinung beſtärkt, als er ſah, daß das Boot nach einem kleinen Damm ſteuerte, welcher ſich hinter dem Zollhauſe in's Meer er⸗ ſtreckte; einer nach dem andern ſprang an's Land und die verſam⸗ melte Schaar, etwa zwanzig an der Zahl, ſchlich leiſe ein enges Gäßchen empor, welches das Zollhaus vom Zuchthauſe trennte; ſo verſchwanden ſie ihm aus dem Geſicht, indem ſie nur zwei zurück⸗ ließen, die das Boot bewachen ſollten. Das Geräuſch der Ruder und ſodann der gedämpfte Klang ih⸗ rer Stimmen, hatte den Zorn der wackern Schildwache im Hofe er⸗ regt, die nun ihre tiefe Stimme zu einem ſo furchtbaren und anhal⸗ tendem Geheul erhob, daß ihr roher Herr davon erwachte, der an Wildheit dem Hunde nahe verwandt war. Sein Ruf aus einem Fenſter:„was ſoll's, Tearum, was gibt's, Burſch! ſtill, hol' dich der Teufel, ſtill!“ vermochte Tearum's lautes Toben nicht zu beruhigen, und dadurch ward ſein Herr zum Theil verhindert, die wilden Stimmen zu vernehmen, welche der trotzige Hauswächter eben erwiederte. Aber die Ehegenoſſin des zweibeinigen Cerberus, war mit ſchärfern Ohren begabt, als ihr Gemahl. Alsbald war ſie auch am Fenſter;„Dummkopf, geh' hinunter und laß den Hund los,“ ſagte ſie,„ſie machen Jagd auf das Thor des Zoll⸗ hauſes, und der alte Narr in Hazlewood hat die Wache weggeholt. Aber du haſt auch nicht mehr Herz als eine Katze.“ Und hinab ſprang die Amazone, um das Werk ſelber zu vollbringen, wäh⸗ rend ihr Gemahl, beſorgter um Inſurrection im Innern des Hau⸗ ſes, als um einen Sturm von außen, von Zelle zu Zelle ging, um zu ſehn, daß ein jeder ſorgfältig verwahrt ſei. Jene Klänge, die wir dem Leſer zuletzt ſchilderten, hatten ih⸗ ren Urſprung vor der Fronte des Hauſes und wurden von Bertram 99 nur unvollkommen gehört, weil ſein Zimmer, wie wir bereits be⸗ merkten, von dem hintern Theile des Gebäudes nach der See ſchaute. Indeß vernahm er ein Treiben und Lärmen im Hauſe, welches nicht der ſtarren Einſamkeit eines Gefangenhauſes um die Stunde der Mitternacht angemeſſen ſchien, und da zugleich in die⸗ ſer ſpäten ſtillen Stunde ein Boot bewaffneter Leute angekommen war, ſo ließ ſich nur vermuthen, daß etwas außerordentliches vor⸗ gehen ſolle. In dieſem Glauben ſchüttelte er Dinmont bei der Schulter—„Heda!— ja!— Ach, Ailie,'s iſt noch nicht Aufſte⸗ hens Zeit,“ ächzte der ſchlafende Mann aus dem Gebirge. Hefti⸗ ger geſchüttelt indeß, raffte er ſich empor, ſchüttelte den Kopf und fragte,„Im Namen Gottes, was gibt's?“ 1„Das kann ich euch nicht ſagen,“ erwiederte Bertram;„aber entweder iſt Feuer im Hauſe, oder es geht ſonſt etwas außerordent⸗ liches vor. Riecht ihr nicht vielleicht etwas von Feuer? Hört ihr den heftigen Lärm nicht, das Zuſchlagen von Thüren im Hauſe, und die rauhen Stimmen, das Gemurmel und ferne Geſchrei von draußen? Auf mein Wort, ich glaube, es geht etwas ganz außerordentliches vor— Steht auf, um des Himmels willen, und laßt uns auf un⸗ ſerer Hut fein.“ Bei dem Gedanken an Gefahr erhob ſich Dinmont ſo furchtlos und unerſchrocken, wie etwa einer ſeiner Vorfahren gethan haben mochte, wenn das Sturmfeuer angezündet war.„Zum Henker, Capitain, das iſt ein närriſcher Ort! Am Tage wollen ſie euch nicht 'raus laſſen, und bei Nacht wollen ſie euch nicht ſchlafen laſſen. Teufel, das brächte mich in vierzehn Tagen um. Aber, Gott ſteh' uns bei, was für ein Gepolter machen ſie jetzt!— Zum Hen⸗ ker, ich wollte, wir hätten Licht.— Wasp— Wasp, ſtill, Thier⸗ chen— ſtill, mein gutes Vieh, und laß uns hören, was ſie ma⸗ chen.— Der Teufel ſitzt in dir, wirſt du ſtill ſein?“ 7* Sie durchſuchten vergebens die Kohlen nach einem Funken, um ihr Licht anzuzünden, während der Lärm immer forttobte. Din⸗ mont nahm nun ſeine Zuflucht zum Fenſter—„Gott ſteh' uns bei, Capitain! kommt hieher.— Henker! ſie haben das Zollhaus er⸗ brochen!“ Bertram eilte zum Fenſter und ſah deutlich eine Bunte Schaar von Schmugglern und mancherlei ähnlichem Geſindel; einige tru⸗ gen brennende Fackeln, andere ſchafften Ballen und Fäſſer das Gäß⸗ chen hinab nach dem Boote, welches am Strande lag und jetzt noch von einigen Fiſcherbooten umringt war. Jedes derſelben wurde beladen, und einige befanden ſich bereits auf der See draußen. „Dies erklärt ſich von ſelbſt,“ ſagte Bertram;„aber ich fürchte, daß noch etwas Schlimmeres vorgegangen iſt. Bemerkt ihr nicht einen ſtarken rauchigen Geruch, oder täuſcht mich meine Einbil⸗ dung nur!“ „Einbildung!“ antwortete Dinmont,„das riecht ja wie ein Schmelzofen. Zum Henker, wenn ſie das Zollhaus verbren⸗ nen, ſo wird es hier auch fangen und wir werden wie eine Theer⸗ tonne ſammt und ſonders verbrennen.—'s wäre doch erbärmlich, wenn Einer mir nichts, dir nichts, bei lebendigem Leibe verbren⸗ nen ſollte, gleich als wär' man ein Hexenmeiſter geweſen!— Mac⸗ Guffog, hört ihr!“— Oabei erhob er ſeine Stimme ſo viel als möglich;„wenn ihr einen heilen Knochen in eurer Haut behalten. wollt, ſo ſchließt auf, Menſch! ſchließt auf!“ Das Feuer begann ſich jetzt zu erheben und dicke Rauchwolken wogten am Fenſter vorüber, an welchem Bectram und Dinmont ſtanden. Zuweilen, je nachdem ſich der Wind wandte, verbarg der dunkle Rauchſchleier jeden Gegenſtand vor ihren Augen; zuwei⸗ len erhellte eine rothe Gluth Land und See, und fiel grell auf die düſtern und trotzigen Geſtalten, die, mit roher Behendigkeit, mit der Ladung der Boote beſchäftigt waren. Das Feuer errang end⸗ lich den Sieg völlig, und wallte in großen Flammen aus jedem Fenſter des brennenden Gebäudes, während gewaltige Brände, aus entzündeten Waaren beſtehend, vom Winde nach dem benach⸗ barten Gefängniß getrieben wurden, und eine dunkle Rauchdecke über der ganzen Umgebung hing. Das Geſchrei eines wüthenden Pöbels wiederhallte fern und nah; denn zu den ſiegreichen Schmugglern hatte ſich all' das Geſindel aus der kleinen Stadt und der Nachbarſchaft geſellt, und war, trotz der ſpäten Stunde, in völliger Bewegung; einige aus Intereſſe am Schleichhandel, die meiſten aber nur aus der Liebe zu Verwirrung und Tumult, die je⸗ der gemeinen Bevölkerung natürlich iſt. Bertram begann jetzt für ſein und des Begleiters Geſchick ernſt⸗ lich beſorgt zu werden. Es war kein Lärm mehr im Hauſe; der Kerkermeiſter ſchien von ſeinem Poſten geflohen zu ſein, während er das Gefängniß mit ſeinen unglücklichen Bewohnern der Gnade des Brandes überlaſſen hatte, welcher ſich gegenidas Gebäude wälzte. unterdeſſen hörte man einen neuen und heftigen Angriff auf das äußere Thor des Zuchthauſes, welches, mit großen Hämmern und ähnlichen Inſtrumenten bearbeitet, bald überwältigt wurde. Der Gefangenwärter, der eben ſo feig als prahleriſch war, hatte mit ſeinem noch bösartigern Weibe die Flucht ergriffen; die Dienſtleute hatten bereitwillig die Schlüſſel hergegeben. Die befreiten Gefan⸗ genen, ihre Befreiung mit dem wildeſten Freudengeſchrei feiernd, miſchten ſich unter den Pöbel, der ihnen die Freiheit gegeben hatte. Während nun Alles in Verwirrung war, eilten einige der vor⸗ züglichſten Schmuggler, mit Fackeln verſehn und mit Säbeln und Piſtolen bewaffnet, nach Bertram's Gemache.—„Der Teufel!“ ſagte der Anführer,„hier ſind wir recht!“— Zwei von ihnen er⸗ griffen Bertram; einer aber flüſterte ihm zu,„leiſtet keinen Wi⸗ derſtand bis ihr auf der Straße ſeid.“ Dieſelbe Perſon nahm auch 102 den Augenblick wahr, zu Dinmont leiſe zu ſagen,„folgt eurem Freunde und helft, wenn ihr ſeht, daß es Zeit iſt.“ In der Haſt des Augenblicks gehorchte Dinmont und folgte un⸗ mittelbar. Die beiden Schmuggler ſchleppten Bertram den Gang entlang, die Treppe hinab über den Hof, den jetzt die Feuersbrunſt erhellte, und auf die enge Straße, nach welcher ſich das Thor öff⸗ nete, und wo in der Verwirrung die Schaar nothwendig etwas von einander getrennt wurde. Ein haſtiges Geräuſch, wie wenn eine Reiterſchaar anſprengte, ſchien die Unruhe zu vermehren.„Ha⸗ gel und Wetter, was iſt das?“ ſagte der Führer,„haltet zuſam⸗ men, Kinder, ſeht auf den Gefangenen.“— Aber trotz dieſer Er⸗ mahnung waren die beiden, welche Bertram führten, die letzten im Zuge.] An der Spitze deſſelben hörte man jetzt Kampfgeſchrei. Das Gedränge ward heftig, während einige bemüht waren, ſich zu ver⸗ theidigen, andere, zu entfliehen; es wurde gefeuert, und die blitzen⸗ den Säbel der Dragoner begannen über den Köpfen der Meuterer zu leuchten.„Jetzt,“ ſagte die leiſe mahnende Stimme des Man⸗ nes, welcher Bertram's linken Arm hielt und ſchon vorher zu ihm geſprochen hatte,„jetzt werft den Kerl von euch und folgt mir.“ Bertram riß ſich mit einer plötzlichen und wirkſamen Kraftan⸗ ſtrengung leicht von der Hand des Mannes los, der ihn auf der rechten Seite beim Kragen gefaßt hatte. Der Menſch griff nach ſeiner Piſtole, ward aber zu Boden geſtreckt durch Dinmont's Fauſt⸗ ſchlag, welchen ſelbſt ein Stier ſchwerlich ohne gleichen Erfolg em⸗ pfangen haben würde.„Folgt mir raſch,“ ſagte der freundliche Führer, indem er ein ſehr enges und ſchmutziges Gäßchen betrat, welches von der Hauptſtraße führte. Niemand verſuchte eine Verfolgung. Die Aufmerkſamkeit der Schmuggler war auf andere und ſehr unangenehme Weiſe durch das plötzliche Erſcheinen Mac⸗Morlan's und der Reiterabtheilung in 103 Anſpruch genommen. Die laute männliche Stimme des Beamten verkündete laut die Aufruhracte und ermahnte„Alle geſetzwidrig Verſammelten, ſich zu zerſtreuen.“— Gewiß hätte die Ankunft der Reiter genügt, um den Angriff der Schmuggler zu hindern, hätte Mac⸗Morlan nicht unterwegs eine falſche Nachricht erhalten, welche ihn zu dem Glauben führte, die Schleichhändler wollten in der Bucht bei Ellangowan landen. Faſt zwei Stunden waren in Folge dieſes falſchen Berichtes verloren gegangen, welchen man ohne Liebloſigkeit wohl auch Gloſſin zuſchreiben kann, dem ſo viel an dem guten Erfolg des kühnen Angriffs dieſer Nacht liegen mußte. So legte er dies Hinderniß Mac⸗Morlan in den Weg, nachdem er erfuhr, die Reiterabtheilung habe Hazlewood verlaſſen, eine Nachricht, welche ein ſo ängſtlich beſorgtes Ohr, wie das ſeine, bald erreichen mußte. unterdeſſen folgte Bertram ſeinem Führer, und Dinmont blieb desgleichen bei ihnen. Das Geſchrei des Pöbels, das Pferde⸗ getrappel, und die Piſtolenſchüſſe hörten ſie in der Ferne immer ſchwächer; am Ende des engen Gäßchens fanden ſie eine Poſtchaiſe mit vier Pferden.„Seid ihr hier, in Gottes Namen?“ ſagte der Führer zu dem Poſtknecht bei den vordern Pferden. „Ei, freilich bin ich's,“ antwortete Jock Jabos,„und ich wollte, ich wäre lieber ſonſtwo.“ „So öffnet den Wagen— Ihr, Gentlemen, ſteigt ein— ihr werdet bald in Sicherheit ſein— und“(zu Bertram)„erin⸗ nert euch des Verſprechens, welches ihr der Zigeunerin gabt!“ Bertram, entſchloſſen, einer Perſon zu gehorchen, die ihm ſo⸗ eben einen ſo bedeutenden Dienſt geleiſtet hatte, ſtieg der Weiſung gemäß in den Wagen. Dinmont folgte; Wasp, der ihnen ſtets nahe geblieben war, ſprang zu gleicher Zeit mit hinein, und der Wagen fuhr ſchnell von dannen.„Meiner Treu,“ ſagte Din⸗ mont,„das iſt die allernärriſchſte Geſchichte!— Zum Henker, ich 104 hoffe ſie worden nichts Arges mit uns im Sinne haben— und was mag aus meinem Gaul geworden ſein!— Ich wollte lieber auf ſei⸗ nem Rücken ſein, als in des Herzogs Kutſche, Gott ſegn' ihn!“ Bertram bemerkte, daß ſie nicht lange ſo ſchnell fahren könn⸗ ten, ohne Pferde zu wechſeln, und daher wollten ſie im erſten Wirthshauſe, wo man halten würde, darauf beſtehen, daß man das Tageslicht dort erwarte, oder ſie wenigſtens mit dem Zweck und Ziel ihrer Reiſe bekannt mache; da könnte Mr. Dinmont auch hinſichtlich ſeines treuen Pferdes eine Anweiſung ertheilen, welches ſich wahrſcheinlich ſicher in dem Stalle befand, wo er es gelaſſen hatte.—„Jawohl, ſo ſei es,— zum Henker! wären wir nur ein⸗ mal erſt aus dieſem abſcheulichen Kaſten, ſo ſollt' es ihnen ſchwer fallen, uns einen andern Weg zu führen, als den wir ſelber ge⸗ hen wollen.“ Als er ſo ſprach, nahm der Wagen eine plötzliche Wendung und ſie erblickten durch das offene Fenſter in einiger Entfernung den Flecken noch immer vom Feuer hell beleuchtet; es hatte dies ein Vorrathshaus erreicht, worin Spirituoſen niedergelegt waren, und erhob ſich nun hoch in die Luft, als eine flackernde Säule ſchim⸗ mernden Lichtes. Sie behielten nicht viel Zeit, dies Schauſpiel zu bewundern, denn eine neue Wendung der Straße führte ſie in eine ſchmale Gaſſe, zu beiden Seiten von Anpflanzungen einge⸗ ſchloſſen, zwiſchen denen der Wagen bei faſt vollkommener Finſter⸗ niß, aber mit fortwährender Schnelligkeit hinrollte. Zehntes Kapitel. Bei Sang und Scherz entflohn die Stunden, Das Ale mußt' immer und immer munden. Tam o' Shanter. Wir müſſen nun nach Woodbourne zurückkehren, welches wir, wie man ſich erinnern wird, gerade verließen, nachdem der Oberſt ſeinem vertrauten Diener einige Aufträge ertheilt hatte. Als er zurückkehrte, wurden die Damen, zu denen er ſich im Wohnzim⸗ mer geſellte, höchlich betroffen durch ſein zerſtreutes Weſen und den gedankenſchweren, beſorgten Ausdruck in ſeinen Zügen. Manne⸗ ring war indeß nicht der Mann, der ſich, ſelbſt von denen, die er am meiſten liebte, nach der Urſache der Gemüthsbewegung fragen ließ, welche durch jenen Ausdruck verrathen wurde. Die Thee⸗ ſtunde kam heran und die Geſellſchaft genoß jene Erfriſchung ſchwei⸗ gend, als ein Wagen gegen das Hausthor fuhr und die Klingel die. Ankunft eines Gaſtes verkündigte.„Gewiß,“ ſagte Mannering, „iſt es noch um einige Stunden zu früh.“ 4 Eine kurze Pauſe entſtand, als Barnes, die Thüre des Saals öffnend, Mr. Pleydell anmeldete. Der Rechtsgelehrte trat ein, deſſen ſorgfältig gebürſtetes ſchwarzes Kleid und wohlgepuderte 106 Perücke im Verein mit ſeinen Spitzenmanſchetten, braunſeidenen Strümpfen, ſehr glänzenden Schuhen und goldenen Schnallen, die große Mühe anzeigte, welche der alte Herr darauf verwendet hatte, um ſeine Perſon für Damengeſellſchaft gehörig vorzubereiten. Mit einem herzlichen Händeſchütteln ward er von Mannering bewill⸗ kommt.„Gerade der Mann, den ich in dieſem Augenblicke zu ſehn wünſchte!“ „Ja,“ ſagte der Rechtsgelehrte,„ich ſagte Ihnen, ich würde die erſte Gelegenheit ergreifen; ſo wagte ich nun, den Gerichtshof zu verlaſſen, und zwar auf eine Woche, gerade während der Sitzungszeit— kein geringes Opfer— aber ich glaubte hier nützlich ſein zu können und habe überdies jetzt einige Beweismittel hier auf⸗ zuſuchen. Aber wollen Sie mich den jungen Damen nicht vorſtel⸗ len!— Ach! eine von ihnen ſollte ich ſogleich erkannt haben, we⸗ gen der Familienähnlichkeit! Miß Lucy Bertram, meine Theuer⸗ ſte, ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen.“— Er umfaßte ſie mit den Armen und gab ihr einen Kuß auf beide Wangen, was Lucy mit ſchüchternem Erröthen geſtattete. „„ On n'arréte pas dans un si beau chemin, fuhr der muntere alte Herr fort, und als ihm der Oberſt Julien vorſtellte, nahm er ſich auf deren ſchönen Wangen dieſelbe Freiheit. Julie lachte, errö⸗ thete und entzog ſich ſeiner Umarmung.„Ich flehe tauſendmal um Verzeihung,“ ſagte der Rechtsgelehrte mit einer Verbeugung, die nichts von berufsmäßiger Steifheit hatte;„Alter und alte Sitten geben Vorrechte, und ich kann wirklich kaum ſagen, ob ich es jetzt mehr bedauere, ſie alle ſchon allzu ſehr in Anſpruch nehmen zu dür⸗ feu, oder ob ich froh bin, daß mir ſo angenehme Gelegenheit wird, ſie in Anwendung bringen zu können.“ „Wirklich, Sir,“ ſagte Miß Mannering lachend,„wenn Sie ſo ſchmeichelhafte Entſchuldigungen hören laſſen, ſo müſſen wir V V 107 wirklich Bedenken tragen, ob wir Ihnen erlauben dürfen, unter den angeführten Eigenſchaften Schutz zu ſuchen.“ „Gewiß, Julie,“ ſagte der Oberſt,„du haſt vollkommen Recht; mein gelehrter Freund iſt eine gefährliche Perſon; wäh⸗ rend der letzten Zeit, wo ich das Vergnügen hatte, ihn zu ſehn, be⸗ fand er ſich allein mit einer ſchönen Dame, die ihm acht Uhr Mor⸗ gens ein téte-à-tete gewährte.“ „Aber, Oberſt,“ ſagte der Rechtsgelehrte,„Sie ſollten hin⸗ zufügen, daß ich mehr meiner Chokolade, als meiner Liebenswür⸗ digkeit eine ſo ausgezeichnete Gunſt verdankte, die mir von einer ſo verſtändigen Perſon erwieſen ward, wie Mrs. Rebecka.“ „und das erinnert mich, Mr. Pleydell,“ ſagte Julie,„Ih⸗ nen Thee anzubieten— vorausgeſetzt, daß Sie bereits zu Mittag geſpeiſt haben.“ „Alles von Ihrer Hand, Miß Mannering,“ antwortete der galante Juriſt;„Ich habe geſpeiſt— das heißt, ſo gut man in einem ſchottiſchen Wirthshaus ſpeiſen kann.“ „Das iſt mittelmäßig genug,“ ſagte der Oberſt, nach der Klingelſchnur greifend;„erlauben Sie mir, Ihnen etwas kommen zu laſſen.“ „Nun, um die Wahrheit zu ſagen,“ erwiederte Mr. Pleydell, „ich möchte lieber nichts; ich habe in dieſer Angelegenheit bereits Erkundigungen eingezogen, denn Sie müſſen wiſſen, daß ich einen Augenblick unten verweilte, um meine Reiſegamaſchen abzulegen, die um eine Welt zu weit ſind für meine eingeſchrumpften Beine,“ (dabei warf er einen ſelbſtgefälligen Blick hinab auf Glieder, die für ſein Alter ſtattlich genug waren,)„und dabei gerieth ich in ein Geſpräch mit Ihrem Barnes, und einer ſehr verſtändigen Perſon, die wahrſcheinlich die Haushälterin war; und wir machten unter uns aus— tota re perspecta— ich bitte Miß Mannering für mein Latein um Verzeihung— wir machten aus, daß die alte Dame Ih⸗ 108 rem leichten Abendeſſen als gediegenere Erfriſchung ein Gericht Wildenten beifügen ſollte. Ich theilte ihr(ſtets mit geziemender Beſcheidenheit) meine unmaßgeblichen Gedanken über die Sauce mit, welche mit ihren eignen genau übereinſtimmten; und wenn Sie es erlauben, möcht' ich nun lieber warten, bis das Genannte fertig iſt, eh' ich etwas Anderes zu mir nehme.“ „Und wir wollen die gewöhnliche Stunde unſerer Abendmahl⸗ zeit diesmal nicht erwarten,“ ſagte der Oberſt. „Von Herzen gern,“ ſagte Pleydell,„vorausgeſetzt, daß ich die Geſellſchaft der Damen keinen Augenblick früher verliere. Ich halt' es mit meinem alten Freunde Burnet; ich liebe die coena, das Abendeſſen der Alten, das fröhliche Mahl und geſellige Glas, welches aus unſerer Seele die Spinneweben hinwegſpült, welche uns Geſchäfte und Mißmuth den Tag über da hinein geſponnen haben.“ Die Lebhaftigkeit, welche Mr. Pleydell's Blick und Benehmen zeigte, die Behaglichkeit, mit welcher er ſich ſo vertraut über ſeine kleinen epicuräiſchen Bedürfniſſe ausſprach, ergötzte die Damen, beſonders aber Miß Mannering, welche dem Rechtsgelehrten ſo⸗ gleich eine ſehr ſchmeichelhafte Aufmerkſamkeit ſchenkte; und wäh⸗ rend der Theeſtunde wurden von beiden Seiten mehr Artigkeiten geſagt, als wir zu wiederholen im Stande ſind. Sobald dies vorüber war, führte Mannering den Gelehrten in ein kleines Studierzimmer neben dieſem Saal, wo man, nach der Sitte des Hauſes, Abends ſtets Licht und ein geheiztes Kamin fand. „Ich ſehe,“ ſagt Mr. Pleydell,„daß Sie etwas in Bezug auf Ellangowan zu ſagen haben— iſt es etwas irdiſches oder himm⸗ liſches! Was ſagt mein militäriſcher Albumazar! haben Sie den Gang des Zukünftigen berechnet! haben Sie Ihre Ephemeriden, Ihre Almochoden oder Almuten zu Rath gezogen!“ 109 „Nein, in Wahrheit,“ erwiederte Mannering,„Sie ſind der einzige Ptolomäus, dem ich mich bei gegenwärtiger Gelegen⸗ heit mittheilen will— als ein zweiter Prospero habe ich meinen Stab zerbrochen und mein Buch in bodenloſe Meerestiefe verſenkt. Aber trotzdem hab' ich wichtige Neuigkeiten. Meg Merrilies, unſre ägyptiſche Sibylle, iſt dem Simſon heute erſchienen und hat, wie ich vermuthe, den ehrlichen Mann nicht wenig erſchreckt.“ „Wirklich!“ „Ja, und ſie hat mir die Ehre angethan, eine Correſpondenz mit mir zu eröffnen, in der Vermuthung, ich ſei noch ebenſo ſehr in aſtrologiſche Geheimniſſe vertieft, als bei unſerm erſten Zuſam⸗ mentreffen. Hier iſt ihr Schreiben, welches mir der Dominie über⸗ brachte.“ Pleydell ſetzte ſeine Brille auf.„Ein ſchlechtes, kritzliches Geſchreibſel, fürwahr— es ſind Uncialbuchſtaben von einer ge⸗ waltigen Größe, gerade und ſenkrecht ſind ſie, wie die Rippen eines gebratenen Spanferkels— ich kann es kaum herausbringen.“ „Leſen Sie laut,“ ſagte Mannering. „Ich will's verſuchen,“ antwortete der Juriſt.—„Ihr ſeid ein guter Sucher, aber ein ſchechter Finder; Ihr wolltet gern ein fallendes Haus unterſtützen, hattet aber eine frohe Ahnung, es werde wieder erſtehen. Leihet eure Hand dem Werke, das nah iſt, wie Ihr euer Auge dem Schickſal geliehen habt, das fern war. Haltet einen Wagen bereit heut' Nacht, um zehn Uhr, am Ende des Hohlwegs bei Portanferry, und laßt darin die Leute nach Woodbourne bringen, die fra⸗ gen werden, ob ſie da ſind„in Gottes Namen.— „Halt, hier kommt Poeſie:— 1¹⁰ „Das Dunkel werde Licht, Und das Unrecht werde Recht, Wann Bertram's Recht und Bertram's Macht Neu auf Ellangowan's Höh⸗ erwacht.“ „Wirklich, ein höchſt myſtiſcher Brief, und was das poetiſche da⸗ bei betrifft, das iſt in der That der cumäiſchen Sibyllle würdig.— Und was haben Sie gethan?“ „Nun,“ ſagte Mannering mit einigem Widerſtreben,„ich mußte ja wohl die Gelegenheit ergreifen, um Licht auf dieſe Sache zu werfen. Das Weib iſt vielleicht verrückt und dieſe Reden rühren vielleicht blos von Viſionen ihrer Einbildungskraft her;— aber Sie waren der Meinung, daß ſie mehr von der ſeltſamen Geſchichte wiſſe, als ſie je ſagte.“ „und alſo,“ ſagte Pleydell,„ſandten Sie einen Wagen nach dem genannten Orte?“ „Sie werden mich auslachen, wenn ich geſtehe, daß ich's that,“ ſagte der Oberſt. „Wer, ich?“ erwiederte der Advokat.„Nein, in der That, ich glaube, es war das klügſte, was Sie thun konnten.“ „Ja,“ antwortete Mannering, froh, dem gefürchteten Aus⸗ lachen entgangen zu ſein;„Sie wiſſen, das Schlimmſte dabei kann nur der Fahrlohn ſein— ich ſchickte eine Poſtchaiſe mit Vieren von Kippletringan ab, ſammt ſolchen Anweiſungen, wie ſie der Brief verlangt— die Pferde werden lange in der Kälte ſtehen müſ⸗ ſen heute Nacht, wofern unſre Nachricht grundlos war.“ „Ja, aber ich glaube, ſie wird ſich anders erweiſen,“ ſagte der Rechtsgelehrte.„Dies Weib hat ihre Rolle ſo lange geſpielt, bis ſie dieſelbe für ächt hielt; oder, wenn ſie eine ausgelernte Be⸗ trügerin iſt, ohne die geringſte Selbſttäuſchung bei ihrer Schelme⸗ rei, ſo hält ſie ſich vielleicht immer für verpflichtet, im Geiſte ih⸗ rer Rolle zu handeln— ſo viel weiß ich, ich vermochte mit Hilfe der 141 gewöhnlichen Ausforſchungsmittel nichts aus ihr herauszubringen; und das klügſte, was wir thun können, iſt, ihr eine Gelegenheit zu geben, die Entdeckung nach ihrem eigenen Gutdünken zu machen. Und haben Sie mir nun noch ein Mehreres zu ſagen, oder werden wir zu den Damen gehen!“ „Mein Gemüth iſt ungewöhnlich aufgeregt,“ antwortete der Oberſt,„und— aber ich habe wirklich weiter nichts zu ſagen— ich werde nur die Minuten zählen, bis der Wagen kommt; aber ich darf von Ihnen nicht verlangen, daß Sie meine Unruhe theilen.“ „Nun, vielleicht nicht— aber Gewohnheit thut Alles,“ ſagte der erfahrenere Rechtsgelehrte,—„ich bin allerdings ſehr geſpannt, aber ich hoffe doch die Zwiſchenzeit überleben zu können, wenn uns die Damen ein Wenig mit Muſik unterhalten wollen.“ „Auch die wilden Enten werden dabei gute Dienſte thun?“ bemerkte Mannering. 3 „Gewiß, Oberſt; eines Juriſten unruhe wegen der Entſchei⸗ dung einer beſonders wichtigen Sache, hat noch ſelten ſeinen Schlaf oder ſeine Verdauung geſtört. Und trotzdem werde ich doch ſehr begierig auf das Raſſeln des zurückkehrenden Wagens warten.“ So ſagend ſtand er auf und ging wieder nach dem anſtoßenden Zimmer, wo Miß Mannering auf ſeine Bitte ihren Platz am Klavier nahm. Lucy Bertram, die ihre heimatlichen Melodien ſehr anmuthvoll ſang, ward von ihrer Freundin auf dem Inſtru⸗ ment begleitet, und Julie trug ſodann einige von Scarlatti's So⸗ naten glänzend vor. Der alte Advokat, der ein wenig auf dem Violoncell kratzte und Mitglied des Concerts der Gentlemen in Edinburg war, war ſo zufrieden mit dieſer Abendunterhaltung, daß er vielleicht gar nicht mehr an die wilden Enten dachte, als Barnes der Geſellſchaft berichtete, daß die Abendtafel bereit ſei. „Sagt Mrs. Allan, ſie möge noch etwas in Bereitſchaft hal⸗ ten,“ ſagte der Oberſt—ich erwarte— das heißt, ich hoffe— daß vielleicht heute Nacht noch Geſellſchaft hier ſein wird; bleibt mit den Leuten auf und ſchließt das obere Hofthor nicht eher, bis ich es verlange.“ „Gott, Vater,“ ſagte Julie,„wen könnt ihr heute noch erwarten?“ „Ei, einige Perſonen, die mir fremd ſind und etwa über ein Geſchäft mit mir reden wollen,“ antwortete ihr Vater, nicht ohne Verlegenheit, denn eine getäuſchte Erwartung, die ihn in ein lä⸗ cherliches Licht ſetzen konnte, würde ihm ſehr unlieb geweſen ſein; „es iſt ganz ungewiß.“ „Nun, wir werden ihnen die Störung unſerer Geſellſchaft nicht verzeihen,“ ſagte Julie,„außer wenn ſie ſo gute Laune und ſo offene Herzen mitbringen, wie mein Freund und Bewunderer (als ſolcher erklärte er ſich ſelbſt,) Mr. Pleydell.“ „O, Miß Julie,“ ſagte Pleydell, ihr äußerſt höflich den Arm bietend um ſie in's Speiſezimmer zu führen,„es gab eine Zeit— als ich von Utrecht zurückkehrte, im Jahr 1738— „Bitte, ſprechen Sie nicht davon,“ antwortete die junge Dame—, wir lieben Sie weit mehr ſo, wie Sie ſind— Utrecht, um Gottes willen! zum Glück ſcheint es mir, daß ſie all' die fol⸗ genden Jahre dazu angewendet haben, um die Folgen Ihrer hol⸗ ländiſchen Bildung vollſtändig los zu werden.“ „O, verzeihen Sie, Miß Mannering,“ ſagte der Advokat; „die Holländer ſind hinſichtlich der Höflichkeit weit gebildetere Leute, als ihre flüchtigen Nachbarn zugeben wollen. Sie ſind in ihren Artigkeiten pünktlich wie eine Uhr. „Das würde mich langweilen,“ ſagte Julie. „Unerſchütterlich in ihrer guten Laune.“ 8 „Immer ſchlimmer,“ ſagte die junge Dame. 113 „und wenn dann auch,“ ſagte der alte beau gargon,„Ihr Anbeter ſechsmal drei hundert fünf und ſechzig Tage Ihnen den Pelzkragen um den Hals gelegt und die Feuerkieke unter die Füße geſtellt, im Winter Ihren kleinen Schlitten über das Eis, im Sommer Ihr Cabriolet durch den Staub gelenkt hat: doch können Sie ihn dann mit einemmal, ohne Grund oder Entſchuldigung, am zweitauſend einhundert und neunzigſten Tage entlaſſen,(denn ſo viel wird ungefähr, nach meiner eiligen Berechnung und ohne die Schaltjahre zu berückſichtigen, der Zeitraum der angenommenen Anbetung betragen,) und dabei werden Ihre zärtlichen Gefühle nicht die geringſte unruhe nöthig haben wegen der Folgen in Bezug auf Mynheer.“ 4 „Nun,“ erwiederte Julie,„das letzte iſt wirklich eine hollän⸗ diſche Empfehlung— Kryſtall und Herzen würden all ihren Werth in der Welt verlieren, wenn ſie nicht zerbrechlich wären.“ „Auf ſolche Weiſe, Miß Mannering, iſt es ebenſo ſchwer ein Herz zu finden, welches bricht, als ein Glas, welches nicht bricht; und aus dieſem Grunde möchte ich den Werth meines eignen erhe⸗ ben:— wenn ich nicht ſähe, daß Mr. Simſon's Augen geſchloſſen und ſeine Hände ſeit einiger Zeit gefaltet ſind, indem er nur das Ende unſerer Conferenz erwartet, um das Tiſchgebet zu beginnen— und, um die Wahrheit zu geſtehn, das Anſehn der wilden Enten iſt ſehr appetitlich.“ So ſagend ſetzte ſich der würdige Rechtsge⸗ lehrte an den Tiſch, und legte für einige Zeit ſeine Galanterie bei Seite, um den guten Dingen, die ſich vor ihm befanden, Ehre an⸗ zuthun. Er ließ eine Zeit lang weiter nichts hören, außer eine Be⸗ merkung, daß die Enten auf vorzügliche Art gebraten wären und daß Mrs. Allan's Sauce über alles Lob erhaben ſei.. „SIch ſehe,“ ſagte Miß Mannering,„daß ich in Mr. Pley⸗ dell's Gunſt eine furchtbare Rivalin habe, und zwar gleich am erſten Abend, wo er mir ſeine Bewunderung erklärte.“ Guy Mannering. III. 8 114 „Verzeihen Sie, meine Schönſte,“ antwortete der Advokat, „nur Ihre Strenge war es, die mich zu der unſchicklichkeit verlei⸗ tete, in Ihrer Gegenwart ein gutes Abendeſſen einzunehmen; wie könnte ich Ihr Zürnen ertragen, ohne meine Kraft anzufriſchen? Aus demſelben und keinem andern Grunde bitt' ich um Erlaubniß, Wein mit Ihnen zu trinken.“ „Dies iſt wahrſcheinlich gleichfalls Utrechter Sitte, Mr. Pleydell?“ „Um Vergebung, Fräulein,“ antwortete der Advokat;„ſelbſt die Franzoſen, die Vorbilder in Allem was artig heißt, nennen ihre Speiſewirthe restaurateurs, was ohne Zweifel eine Anſpie⸗ lung auf den Troſt enthält, den ſie den verzweifelnden Liebhabern gewähren, welche durch die Härte ihrer Angebeteten darniederge⸗ beugt ſind. Mein eigner Fall verlangt ſo viel Troſt, daß ich Sie um den andern Flüget dort bitten muß, Mr. Simſon, obwohl ich ſodann auch noch Miß Bertram um ein Paſtetchen erſuchen werde; — Bitte, Sir, reißen Sie den Flügel blos ab, ſtatt ihn loszu⸗ ſchneiden— Mr. Barnes wird Ihnen helfen, Mr. Simſon,— Dank Ihnen, Sir— und, Mr. Barnes, ein Glas Ale, bitte.“ Während der alte Herr, mit Miß Mannering's lebhafter Mun⸗ terkeit ſehr zufrieden, zu ihrer und ſeiner eigenen Unterhaltung lu⸗ ſtig fortfuhr, begann die Ungeduld des Oberſt Mannering auf's Höchſte zu ſteigen. Er lehnte es ab, ſich an den Tiſch zu ſetzen, un⸗ ter dem Vorwand, daß er nie zu Abend eſſe; er ſchritt mit haſtigen und ungeduldigen Schritten im Zimmer hin und her, bald einen Blick durch's Fenſter werfend, um auf den dunkeln Hof zu ſchauen, bald nach dem fernen Geräuſch des nahenden Wagens lauſchend. Endlich verließ er, im Gefühle unbezwinglicher Ungeduld, das Zimmer, nahm Hut und Mantel und ging hinunter nach dem äu⸗ ßern Eingange, als ob er ſo die Ankunft deſſen, was er zu ſehen verlangte, beſchleunigen könnte,„Ich wünſchte wirklich,“ ſagte —— 115 Miß Bertram,„daß ſich der Oberſt in der Nacht nicht hinaus⸗ wagte. Sie hörten gewiß ſchon, Mr. Pleydell, was für einen Schrecken wir hier gehabt haben.“ „Ach, mit den Schmugglern?“ erwiederte der Advokat— „die ſind alte Freunde von mir. Ich habe vor langer Zeit einige von ihnen beſtraft, als ich Sheriff dieſer Grafſchaft war. 77 „und ſodann die Unruhe, die wir unmittelbar nachher hat⸗ ten,“ ſetzte Miß Bertram hinzu,„als ſich einer jener Böſewichter zu rachen ſuchte.“ „Als der junge Hazlewood verwundet ward— auch davon hab' ich gehört.“ „Stellen Sie ſich vor, werther Mr. Pleydell,“ fuhr Lucy⸗ fort,„wie ſehr Miß Mannering und ich erſchrecken mußten, als ein Schurke, ebenſo furchtbar durch ſeine bedeutende Stärke, als durch die Wildheit ſeines Geſichts, auf uns losſtürzte!“ „Sie müſſen wiſſen, Mr. Pleydell,“ ſagte Julie, unfähig ihren Unwillen über dieſe ſchnöde Schilderung ihres Geliebten zu unterdrücken,„daß der junge Hazlewood in den Augen der Damen dieſer Gegend ſo hübſch iſt, daß ſie jeden, der ſich ihm nähert, zu⸗ rückſtoßend finden.“ Oho! dachte Pleydell, der ſchon ſeines Berufs n wegen Stim⸗ men und Geberden beobachtete, hier iſt etwas zwiſchen meinen jun⸗ gen Freundinnen nicht ganz richtig.—„Nun, Miß Mannering, ich habe den jungen Hazlewood ſeit ſeiner Knabenzeit nicht geſehn, und die Damen mögen daher vollkommen Recht haben; aber trotz Ihres Spottes kann ich Ihnen verſichern, daß Sie nach Holland gehen müſſen, wenn Sie hübſche Männer ſehen wollen; der artigſte Burſch, den ich je ſah, war ein Holländer, trotz ſeines barbariſchen Namens, Vanboſt, oder Vanbuſter oder ſo ähnlich. Er wird nun freilich nicht ganz ſo hübſch ſein können.“ 8* 116 Jetzt war es an Julien, bei der Bemerkung ihres gelehrten Bewunderers ein wenig aus der Faſſung zu kommen, aber in die⸗ ſem Moment trat der Oberſt wieder in's Zimmer.„Ich kann noch nichts von ihnen bemerken,“ ſagte er;„indeß wollen wir noch beiſammen bleiben— Wo iſt Dominie Simſon?“ „Hier, geehrter Sir.“ „Was iſt das für ein Buch, welches Sie in der Hand haben, Mr. Simſon?“ „Es iſt der gelehrte De Lyra, Sir— ich wollte Mr. Pleydell um ſein Urtheil über eine ſtreitige Stelle bitten, wofern es ihm be⸗ lieben ſollte.“ „Jetzt bin ich wirklich nicht aufgelegt, Mr. Simſon,“ ant⸗ wortete Pleydell;„hier ſeh' ich Stoff, der mich mehr anzieht— ich verzweifele noch nicht, die beiden jungen Damen zu einem Lied⸗ chen mit mir zu bewegen, wobei ich mich für meine Perſon erkühnen werde, den Baß zu übernehmen. Zum Henker mit De Lyra, Freund; bewahren Sie ihn für eine paſſendere Gelegenheit.“ Der abgewieſene Dominie ſchloß ſein Buch und wunderte ſich im Stillen nicht wenig, wie ein ſo gelehrter Mann ſich mit ſo fri⸗ volen Tändeleien befaſſen könne. Der Advokat aber, gleichgiltig gegen den hohen Ruf der Gelehrſamkeit, den er durch Poſſen herab⸗ würdigte, füllte ſich ein großes Glas Burgunder, und nachdem er mit einer Stimme, die gar nicht angenehm klang, die Weiſe ange⸗ geben hatte, ermuthigte er die Damen, mit ihm anzuſtimmen „Wir ſind drei arme Schiffersleut',“ und zu allgemeinem Ergötzen führte er ſeine eigne Partie dabei aus. „Werden eure Roſen nicht durch zu ſpätes Aufbleiben welken, meine jungen Damen!“ ſagte der Oberſt. „Ei, gar nicht, Vater,“ antwortete Julie;„Dein Freund, Mr. Pleydell, droht, morgen ein Schüler Simſon's zu werden, und daher müſſen wir den Abend mit ihm noch möglichſt genießen.“ 117 Dies führte zu einem zweiten muſtkaliſchen Verſuch, und die⸗ ſer zu einem anmuthigen Geſpräch. Endlich, als der einſame Klang der erſten Stunde längſt im ſchwarzen Ohre der Nacht ver⸗ klungen war und der folgende Stundenſchlag ſich bereits näherte, ſah Mannering, den ſeine Ungeduld längſt bis zur Verzweiflung gemartert hatte, nach ſeiner uhr und ſagte,„wir wollen ſie nicht weiter erwarten“— doch im nämlichen Augenblick— aber was nun folgt, verlangt ein beſonderes Kapitel. Elftes Kapitel. Richter. Ja, dies beſtätigt wirklich jeden Umſtand, Den die Zigennerin genannt!——— Du biſt nicht Waiſe, biſt nicht ohne Freunde— Ich bin dein Vater, hier iſt deine Mutter, Dein Oheim dort— hier ſteht dein Vetter, jene Sind deine nächſten Anverwandten! 2 Der Kritiker. Als Mannering ſeine Uhr wieder einſteckte, hörte er ein fernes und hohles Geräuſch.„'s iſt gewiß ein Wagen— nein, es iſt nur das Sauſen des Windes zwiſchen den unbelaubten Bäumen. Kom⸗ men Sie an's Fenſter, Mr. Pleydell.“ Der Advokat, der, mit ſeinem großen ſeidenen Taſchentuch in der Hand, ſich mit Julien über einen Gegenſtand beſprach, den er für intereſſant hielt, folgte dennoch dem Rufe, nachdem er zuvor ſein Taſchentuch, aus Furcht vor der kalten Luft, um den Hals gebunden hatte. Das Raſſeln von Rädern ward nun ſehr deutlich, und Pleydell rannte, als ob er all ſeine Neugier bis zu dieſem Augenblick verſpart hätte, hinaus nach der Vorhalle. Der Oberſt ſchellte nach Barnes, um ihm zu ſagen, daß die im Wagen ankommenden Perſonen in ein beſonderes ———ᷓ——;— 119 Zimmer gewieſen werden ſollten, da man überhaupt noch ungewiß war, wer ſie ſein möchten. Eh' jedoch ſeine Abſicht ausgeführt werden konnte, hielt der Wagen bereits vor der Thür. Einen Au⸗ genblick ſpäter rief Mr. Pleydell:„hier iſt wahrhaftig unſer Lid⸗ desdaler Freund, nebſt einem jungen Menſchen von gleichem Kali⸗ ber.“ Dinmont hörte kaum dieſe Stimme, als er jenen auch als⸗ bald mit Staunen und Freude erkannte.„O, wenn ihr es ſeid, Sir, dann werden wir's ſo gut haben, als es nur immer mög⸗ lich iſt.“ Während aber der Pächter ſtehn blieb, um ſeine Verbeugung zu machen, trat Bertram, geblendet von dem plötzlichen Lichtſchim⸗ mer und durch die Umſtände ſeiner Lage verwirrt, faſt bewußtlos durch die offene Thür des Geſellſchaftszimmers und vor das Ge⸗ ſicht des Oberſten, welcher im Begriff war, herauszutreten. Das ſtarke Licht des Zimmers ließ keinen Zweifel über ſeine Perſon übrig; und er ſelber war eben ſo betroffen über den Anblick derjenigen, de⸗ nen er ſich ſo unerwartet vorſtellte, als ſie es über ſeine unverhoffte Erſcheinung waren. Man muß ſich erinnern, daß jede der anwe⸗ ſenden Perſonen ihre beſondern Gründe hatte, mit Schrecken auf das zu ſehen, was ſie beim erſten Anblicke für eine geſpenſtiſche Er⸗ ſcheinung halten mußte. Mannering ſah den Mann vor ſich, den er in Indien getödtet zu haben glaubte; Julie erblickte ihren Ge⸗ liebten in einer eigenthümlichen und gefährlichen Lage; und Lucy Bertram erkannte ſogleich den Menſchen, der nach dem jungen Hazlewood geſchoſſen hatte. Bertram, der das ſtarre und regungs⸗ loſe Staunen des Oberſten für Mißfallen über ſein Eindringen aus⸗ legte, beeilte ſich, zu erklären, daß es unfreiwillig geſchehn ſei, weil er, ohne zu wiſſen wohin man ihn brächte, hieher geführt worden ſei. „Mr. Brown, glaub' ich!“ ſagte Oberſt Mannering. 120 „Ja, Sir,“ erwiederte der junge Mann beſcheiden,„der nämliche, den Sie in Indien kannten; und der zu hoffen wagt, daß das, was Sie damals in Indien von ihm wußten, nicht ſeiner Bitte hinderlich ſein werde, der Bitte, daß Sie ihm ihr Zeugniß hinſichtlich ſeines Charakters, als Gentleman und Mann von Ehre, ſchenken. „Mr. Brown— ich war ſelten— nie— ſo ſehr überraſcht— gewiß, Sir, was auch zwiſchen uns vorgefallen iſt, Sie haben das Recht, ein günſtiges Zeugniß von mir zu verlangen.“ In dieſem kritiſchen Augenblick traten der Rechtsgelehrte und Dinmont ein. Der erſtere ſah mit Erſtaunen, wie ſich der Oberſt eben von ſeiner erſten Ueberraſchung erholte, wie Lucy Bertram im Begriff war, vor Schrecken ohnmächtig zu werden und wie Miß Julie Mannering mit Zweifel und Beſorgniß kämpfte, welche ſie vergebens zu verbergen oder zu unterdrücken bemüht war.„Was ſoll dies Alles bedeuten!“ ſagte er;„hat dieſer junge Menſch das Gorgonenhaupt in ſeiner Hand mitgebracht?— laßt mich ihn be⸗ trachten.— Beim Himmel!“ murmelte er für ſich,„das wahre Ebenbild des alten Ellangowan!— Ja, dieſelbe männliche Geſtalt und hübſchen Züge, aber mit weit mehr Verſtand im Geſicht— Ja!— die Hexe hat ihr Wort gehalten.“ Dann fuhr er ſogleich, zu Lucy tretend, fort:„Sehen ſie dieſen Mann an, Miß Ber⸗ tram, meine Liebe! haben Sie nie einen geſehn, der ihm ähnlich war!“ Lucy hatte nur einen Blick auf dieſen Gegenſtand des Schre⸗ ckens gewagt, wobei ſie indeß ſogleich, an der ausgezeichneten Größe und Geſtalt, den vermeintlichen Mörder des jungen Hazle⸗ wood wieder erkannte; eine Ueberzeugung, die natürlich einen gün⸗ ſtigern Ideengang nicht aufkommen ließ, welcher vielleicht durch ei⸗ nen genauern Blick verurſacht worden wäre.—„Fragen Sie mich nicht um ihn, Sir,“ ſagte ſie, ihre Augen abwendend;„ſenden V —— 121 Sie ihn fort, um's Himmels willen! ſonſt werden wir all' er⸗ mordet.“ „Ermordet! wo iſt die Waffe!“ ſagte der Advokat mit ſeini⸗ ger unruhe;„doch, dummes Zeug! wir ſind drei Männer ohne die Diener, und hier iſt der wackere Liddesdaler, der allein ein halb Dutzend gilt— wir haben die major vis auf unſerer Seite— indeß, hier, mein Freund Dandie, Davie, oder wie nennt ihr euch! hal⸗ tet euch zwiſchen dem Menſchen und uns, damit wir die Damen ſchützen können.“ „Herr Gott! Mr. Pleydell,“ ſagte der erſtaunte Pächter, „das iſt ja Capitain Brown, kennt ihr denn den Capitain nicht!“ „Nun, wenn er ein Freund von euch iſt, ſo ſind wir ſicher genug,“ antwortete Pleydell;„aber bleibt nur in ſeiner Nähe.“ Alles dies geſchah mit ſolcher Schnelligkeit, daß es vorüber war, ehe ſich Simſon von ſeiner Geiſteszerſtreuung erholt und das Buch geſchloſſen hatte, welches er eifrig in einem Winkel ſtudierte. Indem er nun um die Fremden zu beſichtigen, vortrat, rief er, Bertram gewahrend, plötzlich aus:„wenn das Grab Todte wie⸗ dergeben kann, ſo iſt dies mein theurer und verehrter Herr!“ „Alſo haben wir Recht, beim Himmell ich wußte, daß ich Recht hatte,“ ſagte der Advokat;„er iſt das wahre Ebenbild ſei⸗ nes Vaters.— Nun Oberſt, woran denken Sie denn, daß Sie Ih⸗ ren Gaſt nicht willkommen heißen! Ich denke,— ich glaube— ich bin überzeugt— ich ſah nie ſolche Aehnlichkeit!— Aber Geduld— Dominie, ſagen Sie kein Wort.— Setzen Sie ſich, junger Herr.“ „Ich bitt' um Verzeihung, Sir; ich bin, wie ich ſehe, in Oberſt Mannering's Hauſe— daher möcht' ich vor Allem wiſſen, ob mein zufälliges Erſcheinen hier Anſtoß gibt, oder ob ich will⸗ kommen bin?“ Mannering zwang ſich, zu ſprechen.„Willkommen? ganz gewiß, vorzüglich, wenn Sie mir zeigen, wie ich Ihnen dienen 122 kann. Ich glaube einiges Unrecht gegen Sie gut machen zu müſ⸗ ſen— oft hab' ich das vermuthet; aber Ihr plötzliches und uner⸗ wartetes Erſcheinen, verbunden mit ſchmerzlichen Erinnerungen, hinderte mich, ſogleich zu ſagen, was ich jetzt ſage: daß, was mir auch immer die Ehre dieſes Beſuches bringt, derſelbe ein angeneh⸗ mer iſt.“ Bertram verbeugte ſich mit zurückhaltender doch höflicher An⸗ erkennung vor dem zwar auch höflichen, aber ernſten Mannering. „Julie, meine Liebe, du thäteſt beſſer, dich zurückzuziehen. Mr. Brown, Sie werden meine Tochter entſchuldigen; es ſind Umſtände, welche in der Erinnerung ihr Gemüth ſchmerzlich be⸗ rühren.“ Miß Mannering erhob ſich und ging. Als ſie jedoch an Ber⸗ tram vorüber kam, konnte ſie die Worte nicht unterdrücken:„Un⸗ beſonnener! ein zweites Mal!“ aber ſie ſprach dies ſo leiſe, daß nur er es verſtand. Miß Bertram begleitete ihre Freundin, ſehr erſtaunt, aber ohne einen zweiten Blick auf den Gegenſtand ihres Schreckens zu wagen. Sie ſah ein, daß ein Mißverſtändniß im Spiele war, und mochte dies nicht gern dadurch ſteigern, daß ſie den Fremden als einen Meuchelmörder bezeichnete. Sie ſah, daß der Oberſt ihn kannte und als Gentleman empfing; ſicherlich war er entweder gar nicht jene verdächtige Perſon, oder Hazlewood hatte Recht, daß der Schuß nur zufällig geſchehen ſei. Die zurückbleibende Geſellſchaft würde keine üble Gruppe für einen geſchickten Maler abgegeben haben. Jeder war zu ſehr in ſei⸗ nen eignen Empfindungen befangen, um die der andern beobachten zu können. Bertram fand ſich höchſt unerwartet in dem Hauſe ei⸗ nes Mannes, den er einerſeits als perſönlichen Feind zu haſſen, andrerſeits als den Vater Juliens zu achten geneigt war; in Man⸗ nering kämpfte das lebhafte Gefühl für Höflichkeit und Gaſtfreund⸗ ſchaft und ſeine Freude, ſich von der Schuld, ein Menſchenleben im 123 Privatkampfe vernichtet zu haben, befreit zu ſehn, mit den frühern Empfindungen des Mißfallens und Vorurtheils, welche in ſeinem ſtolzen Gemüthe beim Anblicke des Gegenſtandes wieder erwachten, gegen den er ſie genährt hatte; Simſon, ſeine bebenden Glieder unterſtützend, indem er ſich an der Stuhllehne hielt, heftete ſeine Augen auf Bertram mit einem ſtarren Ausdrucke nervöſer Anſpan⸗ nung, die ſein ganzes Geſicht verzerrte; Dinmont, in ſein weites langhaariges Ueberkleid gewickelt, und einem großen, aufrecht auf den Hinterbeinen ſtehenden Bäre gleichend, ſtarrte die ganze Umge⸗ bung mit großen runden Augen an, welche ſein Staunen kund thaten.. Der Rechtsgelehrte allein war in ſeinem Elemente, ſchlau, gewandt und thätig; ſchnell berechnete er die Ausſicht eines glän⸗ zenden Erfolgs in einem eltſamen, wichtigen und geheimnißvollen Proceſſe, und kein junger Monarch, von Hoffnungen durchglüht und an der Spitze einer ſtattlichen Armee, konnte größere Freude empfinden, wenn er ſeinen erſten Feldzug unternahm. Er zeigte ſich äußerſt geſchäftig und energiſch und übernahm allein die Ent⸗ wickelung der ganzen Sache. „Wohlan, meine Herrn, ſetzen Sie ſich; dies gehört Alles in mein Revier: ich muß Alles für Sie in Ordnung bringen. Setzen Sie ſich, lieber Oberſt, und laſſen Sie mich machen; ſetzen Sie ſich, Mr. Brown, aut quocunque alio nomine vocaris— Dominie, nehmen Sie Platz; und hier iſt ein Stuhl, wackrer Liddesdaler.“ „Ich weiß nicht, Mr. Pleydell,“ ſagte Dinmont, auf ſein abgeſchabtes Kleid blickend, ſo wie auf das ſtattliche Geräth im Zimmer,„vielleicht hätt' ich beſſer gethan, ſonſt wohin zu gehn, bis ihr mit euren Geſchichten fertig ſeid— ich bin nicht ſo ganz ge⸗ eignet“— Der Oberſt, der jetzt Dandie wieder erkannte, ging ſogleich zu ihm hin und hieß ihn herzlich willkommen; er verſicherte, nach dem, was er in Edinburg von ihm geſehn, ſei er überzeugt, ſein grober Rock und ſeine dickſohligen Stiefeln würden ein königliches Zimmer ehren. „Nein, nein, Oberſt, wir ſind nur ſchlichtes Landvolk; aber gewiß würd' ich gern von etwas Gutem hören, was dem Capitain begegnet iſt; und gewiß iſt auch, daß Alles gut gehen wird, wenn Mr. Pleydell die Sache angreift“ „Ganz recht, Dandie— das war wie ein Hochlandsorakel ge⸗ ſprochen— und nun bitt' ich um Schweigen.— Gut, ſo ſäßen denn nunmehr Alle; zuvor ein Glas Wein, eh' ich regelrecht zu katechi⸗ ſiren beginne. uUnd nun,“(ſich an Bertram wendend,)„mein junger Freund, wiſſen Sie, wer oder was Sie ſind!“ Trotz ſeiner Verlegenheit konnte der Katechumene nicht umhin, über dieſen Anfang zu lachen, und er antwortete:„Wirklich, Sir, früher glaubt' ich, das zu wiſſen; aber ich geſtehe, daß mich neuere Umſtände etwas ungewiß gemacht haben.“ „Dann ſagen Sie uns, was Sie früher ſelbſt glaubten.“ „Nun, ich war gewohnt mich für Vanbeeſt Brown zu halten und mich ſo zu nennen, welcher als Freiwilliger unter Oberſt Man⸗ nering diente, als er das—— Regiment befehligte; und in jener Eigenſchaft war ich ihm auch nicht unbekannt.“ „Hierin,“ ſagte der Oberſt,„kann ich die Identität des Mr. Brownu beglaubigen; und hinzufügen kann ich noch, was ſeine Be⸗ ſcheidenheit wohl vergeſſen hat, daß er ſich als ein junger Mann von Talent und Muth auszeichnete.“ „Um ſo beſſer, theurer Sir,“ ſagte Mr. Pleydell;„aber das „ ſind nur allgemeine Berichte— Mr. Brown muß uns ſagen, wo er geboren ward.“ „In Schottland, glaub“ ich, aber der Ort iſt ungewiß.“ „Wo erzogen?“* „In Holland, mit Gewißheit.“ — 125⁵ „Iſt Ihnen nichts aus Ihrem frühern Leben erinnerlich, eh Sie Schottland verließen?“ „Sehr wenig; doch ein ſtarkes Gefühl iſt mir geblieben, viel⸗ leicht der ſpätern harten Behandlung wegen um ſo tiefer eingeprägt, daß ich während meiner Kindheit der Gegenſtand großer Sorgfalt und Zärtlichkeit war. Ich habe eine unbeſtimmte Erinnerung von einem gutmüthig ausſehenden Manne, den ich Papa zu nennen pflegte, und von einer Dame, die oft kränklich war, und, wie ich glaube, meine Mutter geweſen ſein muß; aber dieſe Erinnerungen ſind unvollkommen und wirr. Auch entſinne ich mich eines großen, hagern, ſanftmüthigen Mannes, welcher ſchwarz gekleidet war, mich die Buchſtaben lehrte und mit mir ſpazieren ging;— und ge⸗ rade in der letzten Zeit, glaub' ich“—— Hier konnte ſich der Dominie nicht länger halten. Während jedes jener Worte immer deutlicher bewies, daß ſeines Wohlthäters Kind vor ihm ſtand, hatte er mit äußerſter Mühe ſeine Bewegung zu unterdrücken geſucht; als ſich aber die Jugenderinnerungen Ber⸗ tram's auf ſeinen Lehrer und deſſen Lehren bezogen, da war er ge⸗ zwungen, ſeinen Empfindungen Raum zu geben. Haſtig erhob er ſich von ſeinem Stuhle, und mit gefalteten Händen, bebenden Knieen und überſtrömenden Augen rief er laut:„Harry Ber⸗ tram!— Sieh mich an— war ich nicht der Mann?“ „Ja!“ ſagte Bertram, von ſeinem Sitz emporfahrend, als waͤr' es plötzlich hell in ſeiner Seele geworden,—„Ja— das war mein Name!— und das iſt die Stimme und die Geſtalt meines ſanften alten Lehrers!“ Stürmiſch umarmte ihn der Dominie, druͤckte ihn in krampf⸗ haftem Entzücken tauſendmal an ſeinen Buſen, und dabei zitterte ſein ganzer Körper, ſein Athem war kurz, bis er endlich, nach der ausdrucksvollen Redeweiſe der Schrift, ſeine Stimme erhob und laut weinte. Oberſt Mannering hatte ſein Taſchentuch zu Hilfe genommen; auch Pleydell verzog das Geſicht und wiſchte ſeine Brillengläſer ab; und der ehrliche Dinmont rief, nachdem er ſeiner Bewegung zweimal durch lautes Schluchzen Luft gemacht hatte: „der Teufel ſitzt in dem Manne! er hat mich verführt, zu thun, was ich nicht that, ſeit meine alte Mutter ſtarb.“ „Nun wohl,“ ſagte der Advokat endlich,„Stille im Ge⸗ richtshof!— Wir haben vollauf zu thun; wir dürfen keine Zeit ver⸗ lieren, um uns vollſtändig zu unterrichten— denn ſo viel weiß ich, es kann vor Fagesanbruch noch etwas zu thun geben.“ „SIch will ein Pferd ſatteln laſſen, wenn Sie das wollen,“ ſagte der Oberſt. „Nein, nein, es hat ſchon Zeit— Zeit genug— nun aber, Dominie, hab' ich Ihnen Zeit genug vergönnt, Ihre Gefühle ge⸗ hen zu laſſen. Jetzt zur Ordnung— Sie müſſen mich in meiner Unterſuchung fortfahren laſſen.“ Der Oominie war gewohnt, jedem zu gehorchen, der ihm Be⸗ fehle ertheilen mochte; er ſank in ſeinen Stuhl zurück, breitete ſein ſcheckiges Taſchentuch über's Geſicht, welches vermuthlich als der Schleier des griechiſchen Malers dienen ſollte, und, nach ſeinen ge⸗ falteten Händen zu ſehließen, ſchien er eine Zeit lang mit Dankgebe⸗ ten beſchäftigt zu ſein. Dann erhob er ſeine Augen über die Ver⸗ hüllung, als wolle er ſich überzeugen, daß die erfreuliche Erſchei⸗ nung nicht in Luft zerfloſſen ſei— dann ſenkte er ſie wieder, um die innerlichen frommen Betrachtungen fortzuſetzen, bis er ſich genö⸗ thigt fühlte, dem Advokaten Aufmerkſamkeit zu ſchenken, deſſen Fragen ſeine Theilnahme in Anſpruch nahmen. „Und nun,“ ſagte Mr. Pleydell, nachdem er noch verſchie⸗ dene ſpeciellere Fragen über jene Jugenderinnerungen gethan hatte,—„nun, Mr. Bertram, denn ich denke, wir müſſen Sie von jetzt an bei Ihrem eigenen wirklichen Namen nennen, nun wer⸗ den Sie die Güte haben, uns jeden einzelnen Umſtand wiſſen zu 127 laſſen, deſſen Sie ſich in Bezug auf die Art und Weiſe entſinnen, auf welche Sie Schottland verließen.“ „Wirklich, Sir, ich muß geſtehen, daß, obwohl im Allge⸗ meinen das Schreckliche jenes Tages meinem Gedächtniſſe feſt einge⸗ prägt iſt, doch der Schrecken ſelbſt, der das Allgemeine darin be⸗ feſtigte, die Einzelheiten großentheils verwiſcht und verwirrt hat. Ich erinnere mich indeß, daß ich irgendwo ſpazieren ging, in einem Wald, glaub' ich“— „O ja, es war im Warrochwald, mein Theurer,“ ſagte der Dominie. „Still, Mr. Simſon,“ ſagte der Advokat. „Ja, es war in einem Wald,“ fuhr Bertram fort, während längſt entſchwundene oder verworrene Ideem ſich in der erwachenden Erinnerung von ſelbſt wieder ordneten;„und es war auch jemand bei mir— dieſer würdige und liebevolle Herr, glaub' ich.“ „O, ja, ja, Harry, Gott ſegne dich— ich war es felbſt.“ „Sein Sie ſtill, Dominie,“ ſagte Pleydell,„und thun Sie der Ueberzeugung keinen Eintrag.— Und nun?“ ſetzte er gegen Bertram hinzu. „und nun, Sir,“ fuhr Bertram fort,„gerade wie es im Traume oft ſchnell mit uns wechſelt, nun glaubte ich, vor meinem Begleiter auf einem Pferde zu ſitzen.“ „Nein, nein,“ rief Simſon,„nie ſetzte ich meine Glieder, geſchweige die deinen, in ſolche Gefahr.“ 8 „Auf mein Wort, das iſt unerträglich!— Sehen Sie, Do⸗ minie, wenn Sie noch ein Wort reden, eh' ich Ihnen Erlaubniß gebe, ſo leſ' ich drei Bannſprüche aus dem Buche der ſchwarzen Künſte, ſchwinge zu dreien Malen den Stab um mein Haupt, ver⸗ nichte all' den Lauber dieſer Nacht und laſſe den Harry Bertram wieder zum Vanbeeſt Brown verden.“ „Geehrter und würdiger Sir,“ ſtöhnte der Dominie,„ich bitte demüthig um Verzeihung— es war nur verbum volans.“ „Gut, nolens volens, Sie müſſen Ihr Maul halten,“ ſagte Pleydell. „Bitte, ſtill, Mr. Simſon,“ ſagte der Oberſt;„es iſt höchſt wichtig für Ihren wiedergefundenen Freund, daß Sie Mr. Pleydell ſeine Fragen fortſetzen laſſen.“ „Ich bin ſtumm,“ ſprach der eingeſchüchterte Simſon. „Plötzlich,“ fuhr Bertram fort,„ſprangen einige Männer auf uns los und wir wurden vom Pferde geriſſen. Ich beſinne mich hierbei nur auf wenig ſonſt, außer daß ich während eines verzwei⸗ felten Kampfes zu entfliehen ſuchte und in die Hände eines ſehr großen Weibes gerieth, welches aus dem Gebüſch erſchien, und mich eine Zeit lang ſchützte— Alles Uebrige iſt Verwirrung und Furcht— nur noch eine dunkle Erinnerung von einem Meeres⸗ ſtrand, einer Höhle und einem ſtarken Getränk, welches mich auf einige Zeit in Schlaf lullte. Kurz, mein Gedächtniß hat hier eine völlig leere Stelle, bis zur Zeit, wo ich mich meiner als eines übelbehandelten und halbverhungerten Schiffsjungen erinnere, ſo⸗ dann als eines Schulknaben in Holland, unter dem Schutz eines alten Kaufmanns, der mich aus einer Vorliebe zu ſich genom⸗ men hatte.“ „Und welche Nachricht,“ ſagte Mr. Pleydell,„gab Ihnen ihr Erzieher von Ihrem Herkommen?“ „Eine ſehr dürftige,“ antwortete Bertram,„ſo wie das Ge⸗ heiß, nicht weiter zu fragen. Man gab mir zu verſtehen, mein Vater ſei in den Schleichhandel, der an der Oſtküſte Schottlands getrieben wird, verwickelt geweſen und in einem Gefecht mit den Zollbeamten getödtet worden; ferner daß ſeine Handelsfreunde in Holland damals an jener Küſte ein Fahrzeug hatten, von deſſen Mannſchaft einige jener Affaire beiwohnten, welche mich, nachdem 129 Alles vorbei, fanden und aus Mitleid mit ſich nahmen, weil ich nach meines Vaters Tod völlig verlaſſen war. Als ich älter ward, ſchien mir vieles in dieſer Erzählung meinen eignen Erinnerungen, zu widerſprechen, aber was konnte ich thun? Ich hatte keine Mit⸗ tel, um meine Zweifel aufzuklären, und keinen einzigen Freund, dem ich ſie hätte mittheilen können. Der Reſt meiner Geſchichte iſt dem Oberſt Mannering bekannt: ich ging nach Indien, um in ei⸗ nem holländiſchen Hauſe Handlungsdiener zu werden; die Geſchäfte dieſes Hauſes verwirrten ſich— ich wählte ſelbſt den Soldatenſtand, dem ich auch, wie ich hoffe, keine Schande gemacht habe.“ „DOu biſt ein wackrer junger Burſche, ich will dafür bürgen,“ ſagte Pleydell;—„und da Sie ſo lang' eines Vaters ermangelt haben, ſo wünſche ich von Herzen, ich könnte ſelber die Vaterſchaft in Anſpruch nehmen. Aber jener Vorfall mit dem jungen Hazle⸗ wood“— „War reiner Zufall,“ ſagte Bertram.„Ich machte eine Vergnügungsreiſe in Schottland, und, nachdem ich eine Woche bei meinem Freunde Dinmont gewohnt hatte, mit dem ich ſo glücklich war bekannt zu werden,“— „Es war mein Glück,“ ſagte Dinmont;„zum Henker, mein Hirnkaſten wäre von zwei Strauchdieben eingeſchlagen worden, wenn er nicht dazu gekommen wäre.“ „Kurz nachher trennten wir uns bei dem Städtchen——, ich verlor mein Gepäck durch Diebe, und es geſchah während meines Aufenthalts zu Kippletringan, daß ich dem jungen Gentleman be⸗ gegnete. Als ich nahe hinzu kam und Miß Mannering, die ich in Indien gekannt hatte, grüßen wollte, befahl mir Mr. Hazle⸗ wood, da mein Aufzug allerdings damals nicht ſehr glänzend war, ſehr hochfahrend, zurückzutreten, und gab ſo Gelegenheit zu dem Streit, in welchem ich das Unglück hatte, ihn zufällig zu ver⸗ Guy Mannering. III. 9 130 wunden.— Und nun, Sir, da ich all' Ihre Fragen beantwor⸗ tet habe”—— „Nein, nein, noch nicht alle,“ ſagte Pleydell, ſchlau win⸗ kend;„es ſind noch einige Fragen übrig, die ich auf Morgen ver⸗ ſchieben will; denn es iſt, denk' ich, Zeit, die Sitzung für dieſe Nacht, oder vielmehr für dieſen Morgen, aufzuheben.“ „Nun gut,“ ſagte der junge Mann,„um die Phraſe anders zu wenden: nachdem ich alle Fragen beantwortet habe, die Sie mir dieſe Nacht vorlegten, ſo werden Sie wohl die Güte haben mir zu ſagen, wer Sie ſind, der ſie meinen Angelegenheiten ſo große Theil⸗ nahme beweiſen, und wofür Sie mich halten, da meine Ankunft ſo große Bewegung verurſacht hat!“ „Nun, Sir, was mich betrifft,“ antwortete der Rechtsge⸗ lehrte,„ich bin Paulus Pleydell, Advokat aus Edinburg; und was Sie betrifft, ſo iſt es nicht leicht, mit Beſtimmtheit zu ſagen, wer Sie gegenwärtig ſind; aber binnen kurzen hoffe ich Sie zu be⸗ grüßen mit dem Titel Henry Bertram, Esq., Stammhalter einer der älteſten Familien Schottlands und Erbe der Beſitzung Ellango⸗ wan— Ja,“ fuhr er fort, die Augen ſchließend und für ſich ſpre⸗ chend,„wir müſſen ſeinen Vater übergehen und ihn als Erben ſei⸗ nes Großvaters Lewis betrachten— der war der einzige kluge Mann dieſer Familie, von dem ich je gehört habe.“ 3 Alle waren jetzt aufgeſtanden, um ſich nach ihren Zimmern zu begeben, als Oberſt Mannering zu Bertram trat, welcher erſtaunt über des Advokaten Worte da ſtand.„Ich freue mich herzlich,“ ſagte er,„über die Ausſichten, die Ihnen das Schickſal eröffnet hat. Ich war ein früher Freund Ihres Vaters, und befand mich gerade ſo unerwartet im Hauſe Ellangowan, wie Sie jetzt in dem meinigen, in derſelben Nacht, wo Sie geboren wurden. Es war mir davon nichts bekannt, als— aber ich hoffe, alle Unfreundlich⸗ keit wird zwiſchen uns vergeſſen ſein. Glauben Sie, Ihr Erſchei⸗ nen hier, als Mr. Brown, lebend und geſund, hat mich von quä⸗ lenden Empfindungen befreit; und Ihr Anſpruch auf den Namen eines alten Freundes macht Ihre Gegenwart, als Mr. Bertram, doppelt willkommen.“ „und meine Eltern!“ ſagte Bertram. „Beide ſind nicht mehr— das Familieneigenthum iſt verkauft worden, kann aber, hoff' ich, wieder erlangt werden. Was im⸗ mer nöthig ſein mag, Ihre Anſprüche geltend zu machen, ich werde mich glücklich ſchätzen, ſie zu unterſtützen.“ „Nun, das mögen Sie nur Alles mir überlaſſen,“ ſagte der Advokat;„das iſt mein Beruf, ich werde ſchon Geld drausmachen.“ „Ich weiß wohl, es ſchickt ſich nicht für meines Gleichen,“ ſagte Dinmont,„zu euch Edelleuten zu reden, aber wenn Geld in des Capitains Sache helfen kann, und es heißt ja, kein Prozeß geht ohne Geld’— „Ausgenommen am Samſtag⸗Abend„“ ſagte Pleydell. „Ja, aber wenn Ihr die Gebühren nicht nehmen wollt, ſo ſollt Ihr auch die Sache nicht haben, und ich komme nie wieder Sonnabends zu Euch— ich wollte aber nur ſagen, daß eine Summe Geld in dem Tabaksbeutel*) ſteckt, welches dem Capitain gehört, denn wir haben es für ihn abgezählt, Ailie und ich.“ „Nein, nein, Liddesdaler— nicht nöthig, nicht nöthig— behaltet euer Geld um euer Gut zu verſorgen.“ „Mein Gut verſorgen? Mr. Pleydell, ihr mögt wohl recht vielerlei verſtehn, aber ihr verſteht nichts von dem Gute Charlies⸗ hope— das iſt ſchon ſo gut verſehn, daß wir jedes Jahr wohl ſechshundert Pfund draus nehmen, für Fleiſch und Felle zuſam⸗ men gewiß.“ „Könnt ihr nicht ein zweites in Pacht nehmen?“ *) Gelegentlich als Börſe benutzt. 9* 13²2 „Ich wüßte nicht— der Gutsherr gibt nicht gern Ländereien her, und die alten Pächter mag er nicht vertreiben; und dann iſt's auch nicht meine Sache, hinzugehen und die Nachbarn im Pacht⸗ zins zu überbieten.“. „Wie, auch nicht den Nachbar zu Dawſton— Teufelſtein— oder wie der Ort hieß!“ „Wie, den Jock von Dawſton? ach nein— er iſt ein Trotz⸗ kopf und fängt arge Geſchichten wegen der Gränzen an, und wir ſind deßwegen ſchon oft zuſammengekommen— aber der Teufel hole mich, wenn ich dem Jock von Dawſton Unrecht thue.“ „Du biſt ein wackrer Kerl,“ ſagte der Rechtsgelehrte;„ Geh' nun zu Bett. Du wirſt beſſer ſchlafen, dafür ſteh' ich, als man⸗ cher Mann, der einen verbrämten Rock auszieht und eine geſtickte Nachtmütze aufſetzt.— Oberſt, ich ſehe, Sie ſind mit unſerm En- fant trouvé beſchäftigt. Aber Barnes ſoll mich um ſieben Uhr Morgens wecken, denn mein Bedienter iſt ein verſchlafener Kerl; und gewiß hat mein Schreiber, Driver, Clarence's Schickſal er⸗ fahren, und hat ſich während dieſer Zeit in Ihrem Ale ertränkt. Mes. Allan verſprach nämlich ihn zu pflegen und ſie wird bald ſe⸗ hen, was er darunter verſteht. Gute Nacht, Oberſt— gute Nacht, Dominie Simſon— gute Nacht, Dinmont— Gute Nacht endlich dem wiedergefundenen Stammhalter der Bertrams, der Mac⸗ Dingawaies, der Knarths, der Arths, der Godfreys, der Den⸗ niſes und der Rolands, und(der letzte und liebſte Titel,) dem Erben der Ländereien und der Baronie von Ellangowan, nach dem Vermächtniß des Lewis Bertram, Esg., deſſen Nachfolger Sie ſind.“ So ſagend ergriff der alte Herr ſein Licht und verließ das Zim⸗ mer; und die Geſellſchaft trennte ſich, nachdem Simſon noch einmal ſeinen„kleinen Harry Bertram,“ wie er den jungen, ſechs Fuß hohen Krieger noch immer nannte, geherzt und umarmt hatte. V Zwölftes Kapitel. ——— Meine Phantaſie Hat niemand lieb, als Bertram nur allein; Es iſt um mich geſchehn; ach, todt iſt Alles, Wenn Bertram fort iſt.—— Ende gut, Alles gut. Zu der Stunde, die er am vorigen Abend bezeichnet hatte, ſaß der unermüdliche Juriſt bei einem guten Feuer und zwei Wachs⸗ kerzen, eine Sammetmütze auf dem Kopfe und in einen warmen ſeidenen Schlafrock gehüllt, geſchäftig ſeine Memoranda hinſicht⸗ lich der Beweismittel und Andeutungen ordnend, welche den Mord des Frank Kennedy betrafen. Ein Bote war auch ſogleich an Mac⸗ Morlan geſchickt worden, um deſſen Gegenwart in Woodbourne, wichtiger Geſchäfte wegen, ſo ſchnell als möglich gebeten ward. Dinmont, ermüdet von den Erlebniſſen des vorigen Abends, und die Einrichtung in Woodbourne vorzüglicher als jene des Mac⸗ Guffog findend, beeilte ſich gar nicht aufzuſtehen. Die Ungeduld Bertram's würde dieſen wohl früher in Bewegung geſetzt haben, aber Oberſt Mannering hatte die Abſicht blicken laſſen, ihn an die⸗ ſem Morgen auf ſeinem Zimmer zu beſuchen, und er mochte es da⸗ her nicht verlaſſen. Vor dieſer Zuſammenkunft hatte er ſich geklei⸗ det, da ihn Barnes, auf Befehl ſeines Herrn, mit Wäſche u. ſ. w. verſehn hatte, und nun wartete er mit Spannung auf den verheiße⸗ nen Beſuch ſeines Wirthes. Bald verkündigte ein leiſes Pochen den Oberſten, mit welchem Bertram eine lange und befriedigende Unterredung hielt. Jeder verbarg jedoch dem Andern einen Umſtand. Mannering vermochte ſich nicht zu überwinden, von der aſtrologiſchen Weiſſagung zu re⸗ den; und Bertram ſchwieg, aus leicht begreiflichen Gründen, von ſeiner Liebe zu Julie. In jeder andern Hinſicht war das Geſpräch auf beiden Seiten offen und angenehm und hatte endlich, was den Oberſten betraf, ſogar etwas herzliches. Bertram maß ſein Be⸗ tragen ſorgfältig nach dem ſeines Wirthes, und nahm die darge⸗ botene Freundlichkeit vielmehr mit Dankbarkeit und Vergnügen an, als daß er ſie mit Eifer geſucht hätte. Miß Bertram befand ſich im Geſellſchaftszimmer, als Simſon mit freudeſtrahlendem Geſicht herein ſtolperte; dieſer Umſtand war ſo ungewöhnlich bei ihm, daß Lucy anfangs glaubte, es habe ihm jemand irgend eine Lüge aufgeheftet, die ihn in ſolches Entzücken verſetze. Nachdem er eine Zeitlang dageſeſſen hatte, und zwar mit rollenden Augen und offenem Munde, gleich dem an Merlin's gro⸗ ßem Holzkopfe, begann er endlich:—„und was denken Sie von ihm, Miß Lucy!“ „Von wem, Mr. Simſon!“ ſagte die junge Dame. „Von Harr— nein— von dem, den Sie kennen?“ fragte der Dominie wieder. 4 „Den ich kenne?“ erwiederte Lucy, durchaus nicht begrei⸗ fend, was er meinte. „Ja, von dem Fremden, der, wie Sie wiſſen, geſtern Abend in der Poſtkutſche kam— der nach dem jungen Hazlewood ſchoß— 13⁵ ha, ha, ho!“ ſo ſagte der Dominie, mit einem Lachen, das wie ein Gewieher klang. „Wirklich, Mr. Simſon,“ ſagte ſeine Schülerin,„Sie ha⸗ ben ſich einen ſeltſamen Gegenſtand zur Beluſtigung gewählt— ich denke nichts von dem Manne, ich hoffe blos, daß der Anfall ein zu⸗ fälliger war und daß wir keine Wiederholung deſſelben fürchten müſſen.“ 4 „Zufällig! ho, ho, ha!“ wieherte Simſon wieder. „In der That, Mr. Simſon,“ ſagte Lucy ein wenig gereizt, „Sie ſind dieſen Morgen ungewöhnlich luſtig.“ „Ja, das bin ich gewißlich! ha, ha, hol ſehr ſpaßhaft— ho, ho, ha!“ „So ungewöhnlich ſpaßhaft, mein lieber Sir,“ fuhr die junge Dame fort,„daß ich wohl eher den Grund Ihrer Luſtigkeit kennen möchte, als mich blos mit ihren Wirkungen zu unter⸗ halten.“ „Sollen ihn kennen, Miß Lucy,“ erwiederte der arme Abel— „erinnern Sie ſich Ihres Bruders!“ „Guter Gott! wie können Sie mich fragen!— niemand weiß beſſer, als Sie, daß er am Tage meiner Geburt verloren ging.“ „Sehr wahr, ſehr wahr,“ antwortete der Dominie, traurig bei dieſer Erinnerung;„ich war außerordentlich vergeßlich— ja, ja— zu wahr— Aber Sie erinnern ſich Ihres würdigen Vaters?“ „Wie könnten Sie daran zweifeln, Mr. Simſon! es iſt ja erſt wenig Wochen her“— „Wahr, wahr— ja, zu wahr,“ erwiederte der Dominie, während ſein ungeheures Lachen zu einem leiſen Kichern herab⸗ ſank,—„ich werde bei dieſer Erinnerung nicht weiter ſpaßhaft ſein— aber ſehen Sie den jungen Mann an!“ * Bertram trat in dieſem Augenblick in's Zimmer.„Ja, be⸗ trachten Sie ihn wohl— er iſt Ihres Vaters lebendiges Ebenbild; und da euch Gott eurer theuren Eltern beraubt hat— O, meine Kinder, liebt einander!“ „Es iſt in der That meines Vaters Geſicht und Geſtalt,“ ſagte Lucy erbleichend; Bertram eilte, ſie zu unterſtützen— der Domi⸗ nie wollte ihr Waſſer in's Geſicht ſpritzen,(welches er in der Eile aus der kochenden Theekanne nahm,) als zum Glück ſich ihre Wan⸗ gen wieder rötheten, und ſie ſo vor der Anwendung jenes übeln Heilmittels geſchützt ward.„Ich beſchwöre Sie, mir zu ſagen, Mr. Simſon,“ ſagte ſie, mit ſchwankender aber feierlicher Stimme, „ob dies mein Bruder iſt?“. „Er iſt's— er iſt's!— Miß Lucy,'s iſt der kleine Harry Ber⸗ tram, ſo gewiß, als Gottes Sonne am Himmel ſteht!“ „und das iſt meine Schweſter!“ ſagte Bertram, all den Ge⸗ fühlen brüderlicher Liebe Raum gebend, die ſo lange in ihm ge⸗ ſchlummert hatte, weil der Gegenſtand fehlte, dem er ſie zuwenden konnte. „Sie iſt's— ſie iſt's!— es iſt Miß Lucy Bertram,“ rief Simſon,„die Sie, durch meine geringe Hilfe, vollkommen finden werden in der Sprache Frankreichs, Italiens und ſelbſt Spaniens — ſie lieſt und ſchreibt ihre Mutterſprache vollkommen, verſteht Arithmetik, ſo wie doppelte und einfache Buchhaltung— ich ſchweige von ihren Talenten im Zuſchneiden, Nähen, Haushalten, welches, um jedem ſein Recht zu laſſen, ſie nicht von mir erlernte, ſondern von der Haushälterin— auch maße ich mir nicht ihre Bil⸗ dung auf Saiteninſtrumenten an, denn dieſe hat ſie durch den Un⸗ terricht einer ehrbaren, jungen, tugendſamen, beſcheidenen und ſehr witzigen Dame,— Miß Julie Mannering— in bedeutendem Maße erworben— Suum cuique tribuito.“ 137 „Alſo du biſt die Einzige,“ ſagte Bertram zu ſeiner Schwe⸗ ſter,„die mir übrig gebliebrn iſt!— In letzter Nacht, oder viel⸗ mehr an dieſem Morgen, gab mir Oberſt Mannering eine Schilde⸗ rung unſers Familenunglücks, aber er ſagte mir nicht, daß ich meine Schweſter hier finden würde.“ „Das,“ ſagte Lucy,„ überließ er dieſem Herrn, einem der ſanfteſten und treueſten Freunde, welcher meines Vaters lange Krankheit linderte, bei ſeinem Ende gegenwärtig war, und, unter dem härteſten Geſchick, nie ſeine verwaiſte Tochter verlaſſen wollte.“ „Gott ſegne ihn dafür!“ ſagte Bertram, Simſons Hand drückend,„er verdient die Liebe, mit welcher ich ſtets ſelbſt den ſchwachen Schatten ſeines Andenkens ehrte, welches mir aus der Kindheit geblieben.“ „und Gott ſegne euch beide, meine theuren Kinder,“ ſagte Simſon;„wär' es nicht euretwillen geweſen, ſo würd' ich gern (hätt' es dem Himmel gefallen,) mein Haupt zur Seite meines Wohlthäters zur Ruhe gelegt haben.“ „Aber ich hoffe,“ ſagte Bertram,„ich hoffe mit Zuverſicht, wir werden noch Alle beſſere Tage ſehen. All' unſer Leid ſoll gut gemacht werden, da mir der Himmel Mittel und Freunde ſendet, um mein Recht zu behaupten.“ „Freunde fürwahr!“ wiederholte Simſon,„und geſandt, wie Sie richtig ſagen, von Ihm, den ich Sie früh als den Quell alles Guten betrachten lehrte. Da iſt der berühmte Oberſt Manne⸗ ring aus Oſtindien, ein Mann des Krieges von Jugend auf, aber nicht deſtoweniger ein Mann von großer Gelehrſamkeit, wenn man ſeine geringe Gelegenheit, ſich Gelehrſamkeit zu ſammeln, erwägt; und ferner iſt da der berühmte Advokat Pleydell, ebenfalls ein ſehr gelehrter Mann, nur daß er ſich zu geringfügigem Tand herabläßt; und dann iſt da Mr. Andrew Dinmont, der meines Wiſſens zwar 138 keine tiefe Gelehrſamkeit beſitzt, der aber, gleich den alten Patri⸗ archen, kundig iſt deſſen, was Heerden und Viehzucht betrifft— Schließlich bin ich ſelbſt noch da, der die treffliche Gelegenheit Ge⸗ lehrſamkeit zu ſammeln(die ihm in reicherm Maaße geboten ward, als den vorbeſagten ſchätzbaren Perſonen,) nicht, wenn ich ſelber ſo ſprechen darf, vernachläſſigt hat, inſofern nämlich meine armen Fähigkeiten mich in Stand ſetzten, jene zu nützen. Gewiß iſt, klei⸗ ner Harry, daß wir ſchleunig unſre Studien wieder beginnen müſ⸗ ſen. Ich will von der Grundlage beginnen— Ja, ich will Ihre Erziehung von unten auf anfangen, von der wahren Kenntniß der engliſchen Grammatik bis zu jener der hebräiſchen und chaldäiſchen Sprache.“ Der Leſer wird bemerken, daß Simſon bei dieſer Gelegenheit weit verſchwenderiſcher mit Worten war, als er ſich bisher damit gezeigt hatte. Der Grund war, daß er beim Wiederfinden ſeines Zöglings, ſich ſogleich im Geiſte in die Zeit ihres frühern Beiſam⸗ menſeins zurückverſetzte, und in ſeiner Ideenverwirrung fühlte er nun das ſtärkſte Verlangen, den Buchſtabierunterricht mit dem jungen Bertram wieder anzufangen. Dies war um ſo ſpaßhafter, da er ſich gegen Luey nicht ein ſolches Lehreranſehn gab. Aber ſie war unter ſeinen Augen groß geworden und hatte ſich allmählig ſei⸗ ner Leitungentzogen durch Zunahme an Jahren und Kenntniſſen, ſo wie durch die ſtille Ueberzeugung, wie ſehr er ſelber an feinen Sit⸗ ten unter ihr ſtehe: ſo betrachtete er nun Harry als auf demſelben Punkte ſtehend, wo er ihn verlaſſen hatte. Dieſes Gefühl der wie⸗ derkehrenden Autorität verleitete ihn zu dem, was bei ihm Wort⸗ reichthum war; und wie man ſelten mehr als gewöhnlich ſpricht, ohne ſich Blößen zu geben, ſo gab er denen, die er anredete, deut⸗ lich zu verſtehn, daß er zwar den Meinungen und Befehlen aller derjenigen, mit denen er zuſammenkäme, ſich nachgibig unter⸗ werfe, aber dabei immer die innere Ueberzeugung hege, er ſtehe im — 139 Punkte der Ge⸗lehr⸗ſam⸗keit(ſo ſprach er das Wort gewöhnlich aus,) unendlich höher, als jene alle miteinander. Diesmal fiel dieſe Andeutung jedoch auf taube Ohren, denn Bruder und Schwe⸗ ſter waren zu ſehr mit Fragen und Antworten über ihre frühern Schickſale beſchäftigt, als daß ſie dem würdigen Dominie hätten Aufmerkſamkeit ſchenken können. Als Oberſt Mannering Bertram verließ, ging er nach Juliens Zimmer, und ſchickte deren Mädchen fort.„Mein lieber Vater,“ ſagte ſie, als er eintrat,„du haſt unſre letzte Nachtwache vergeſ⸗ ſen, und haſt mir kaum Zeit gelaſſen, das Haar zu kämmen, ob⸗ wohl du geſehn haben mußt, wie ſehr ſie mir bei all den verſchiede⸗ nen Wundern, die ſtatt fanden, zu Berge ſtanden.“ „Jetzt will ich nur mit dem Innern deines Kopfes zu thun ha⸗ ben, Julie; binnen wenig Minuten will ich die Außenſeite der Sorgfalt deiner Mrs. Mincing wieder überlaſſen.“ „Himmel, lieber Vater,“ erwiederte Miß Mannering,„be⸗ denke, wie verwirrt all meine Gedanken ſind, und du meinſt ſie in wenig Minuten auszukämmen! Wenn Mrs. Mincing dies in ih⸗ rem Fache thun wollte, ſie würde mir das Haar zur Hälfte aus⸗ raufen.“ 1 „Wohlan, ſage mir,“ fuhr der Oberſt fort,„wo die Ver⸗ wirrung liegt, ich werde verſuchen, ſie mit gebührender Behutſam⸗ keit auseinander zu wickeln.“ „O, überall,“ ſagte die junge Dame,—„das ganze iſt ein wilder Traum.“ 8* „Gut, ich will ihn zu enträthſeln ſuchen.“— Er gab eine kurze Skizze von dem Schickſal und den Ausſichten Bertram's, und Julie hörte mit einer Theilnahme zu, die ſie umſonſt zu verbergen ſuchte—„Nun,“ ſchloß der Vater,„ſind jetzt deine Gedanken über dieſen Gegenſtand klarer?“ „Verworrener denn je, lieber Vater,“ ſagte Julie.—„Hier kommt dieſer junge Mann aus Indien, nachdem man ihn todt glaubte, gleich Aboulfouaris, dem großen Reiſenden, zu ſeiner Schweſter Canzade und ſeinem verſtändigen Bruder Hour. Ich irre mich, glaub' ich, in der Geſchichte— Canzade war ſeine Frau— aber Lucy mag die eine vorſtellen und der Dominie den andern. und dann erſcheint dieſer muntere, tolle ſchottiſche Advokat, wie ein Pantomimiker am Ende einer Tragödie— Und ſodann, wie ergötzlich wird es ſein, wenn Lucy ihr Vermögen wieder bekommt!“ „Nun, ich denke,“ ſagte der Oberſt,„der geheimnißvollſte Theil der ganzen Sache iſt, daß Miß Julie Mannering, die ihres Vaters Beſorgniß über das Schickſal dieſes jungen Mannes, Brown, oder Bertram, wie wir ihn jetzt zu nennen haben, kennen mußte,— daß Julie ihn bei dem Vorfall mit Hazlewood getroffen haben ſollte, ohne doch jemals ein Wort gegen ihren Vater davon zu erwähnen, ja daß ſie es vielmehr duldete, als man dieſen jungen Herrn als eine verdächtige Perſon und als Meuchelmörder verfolgte.“ Julie, die ſchnell ihren ganzen Muth zuſammengenommen hatte, um die Unterredung mit ihrem Vater zu beſtehen, war nun unfähig, über ſich ſelbſt zu ſcherzen; ſchweigend ſenkte ſie den Kopf, nachdem ſie umſonſt verſucht hatte, abzuläugnen, daß ſie damals Brown wieder erkannt habe. „Keine Antwort!— nun, Julie,“ fuhr der Vater, ernſt aber ſanft fort,„erlaube mir zu fragen, ob dies das einzige Mal war, daß du Brown ſeit ſeiner Rückkehr aus Indien geſehen haſt? — Noch keine Antwort. Natürlich muß ich dann vermuthen, daß es nicht das erſte Mal war— Noch keine Erwiederung. Julie Mannering, wirſt du ſo gut ſein, mir zu antworten! War er der junge Mann, der unter dein Fenſter kam, und ſich mit dir während deines Aufhalts in Mervyn⸗hall unterhielt? Julie— ich befehle— ich bitte dich, aufrichtig zu ſein.“ 141 Miß Mannering erhob ihr Haupt.„Ich war, Vater— ich glaube— ich bin es noch— ſehr thöricht; es iſt vielleicht ſehr hart für mich, daß ich dieſem Herrn, der, obwohl nicht ganz die Ur⸗ ſache, doch der Mitſchuldige meiner Thorheit war, in deiner Ge⸗ genwart begegnen muß.“— Hier hielt ſie wieder inne. „Alſo ſeh' ich,“ ſagte Mannering,„daß er der Urheber der Serenade in Mervynhall war!“ In der Art dieſer Frage lag etwas, was Julien wieder etwas mehr Muth einflößte—„Er war es allerdings, Vater; und that ich auch ſehr Unrecht, wie ich oft dachte, ſo hab' ich doch eine Ent⸗ ſchuldigung.“ „und wie lautet die!“ antwortete der Oberſt ſchnell und et⸗ was ſtreng. „Ich wage nicht, ſie zu nennen, Vater— aber”— Sie öff⸗ nete ein Käſtchen und legte ihm einige Briefe in die Hand—„ich will dir dies geben, damit du ſiehſt, durch wen dieſes Einverſtänd⸗ niß ſich entſpann, und wer dazu aufmunterte.“ Mannering trat mit den Papieren an's Fenſter— ſein Stolz verbot ihm, ſich weiter zurückzuziehen—er überblickte einige Stellen der Briefe mit unſtetem Auge und bewegtem Gemüth— ſeine⸗Cha⸗ rakterſtärke kam ihm indeß bei Zeiten zu Hilfe: die Philoſophie der Stoiker, die, aus Stolz erwachſen, doch häufig Früchte der Tu⸗ gend trägt. Er wandte ſich wieder an ſeine Tochter, mit ſo feſter Miene, als ihm ſeine Gefühle anzunehmen geſtatteten. „So weit ich nach einem flüchtigen Blick in dieſe Briefe urthei⸗ len kann, Julie, enthalten ſie eine große Entſchuldigung— du haſt wenigſtens einem von deinen Eltern gehorcht. Laß uns ein ſchotti⸗ ſches Sprichwort annehmen, welches der Dominie neulich an⸗ führte:„Laßt geſchehn ſein, was geſchehn, und was kommt, wird glücklich gehn.“— Ich will dir nie den frühern Mangel an Ver⸗ trauen zum Vorwurf machen— beurtheile künftig meine Abſichten 142 nach meinen Handlungen, die dir bisher gewiß keinen Grund zur Klage gaben. Bewahre dieſe Briefe— ſie waren nie für mein Auge beſtimmt, und ich möchte nicht gern mehr davon leſen, als ich ſchon, auf deinen Wunſch und zu deiner Rechtfertigung, las. Und nun, ſind wir Freunde! oder vielmehr, verſtehſt du mich?“ „O, mein theurer, edler Vater,“ ſagte Julie, ſich in ſeine Arme werfend,„wie konnte ich dich jemals einen Augenblick miß⸗ verſtehen!“ „Nichts mehr davon, Julie,“ ſagte der Oberſt;„wir waren beide zu tadeln. Wer zu ſtolz iſt, die Liebe und das Vertrauen zu fordern, worauf er auch ohne Bitten Anſpruch machen kann, wird ſich oft täuſchen und verdient das vielleicht. Es iſt genug, daß ein ſo theures und ſo tief beklagtes Glied meiner Familie in's Grab ſin⸗ ken mußte, ohne mich zu kennen; laß mich nicht auch das Vertrauen eines Kindes verlieren, welches mich lieben muß, wenn es ſich ſel⸗ ber wahrhaft liebt.“ „O, keine Beſorgniß— keine Furcht!“ antwortete Julie; „laß mich nur deine und meine Billigung haben, und keine Regel, die du mir vorſchreibſt, kann ſo ſchwer ſein, daß ich ſie nicht be⸗ folgen ſollte.“ „Wohlan, meine Liebe,“ ſagte er, ſie auf die Stirn küſſend, „ich denke, es wird nichts gar zu heroiſches von dir gefordert wer⸗ den. Was die Bewerbungen dieſes jungen Herrn betrifft, ſo er⸗ warte ich erſtlich, daß alle geheime Correſpondenz— die kein jun⸗ ges Mädchen einen Augenblick unterhalten kann, ohne ſich in ihren eigenen Augen, wie in denen ihres Geliebten, zu erniedrigen,— ich verlange, ſag' ich, daß heimliche Correſpondenz jeder Art auf⸗ gegeben werde, und daß du Mr. Bertram hinſichtlich des Grundes an mich weiſeſt. Du wirſt natürlich auch die Urſache davon wiſſen wollen. Erſtlich wünſche ich den Charakter dieſes jungen Herrn genauer zu beobachten, als es die Umſtände, und auch vielleicht 143 meine Vorurtheile mir früher geſtatteten— auch möchte ich gern ſeinen Rang beſtätigt ſehen. Nicht als ob ich um die Wiedererlan⸗ gung des Gutes Ellangowan beſorgt wäre, obwohl ein ſolcher Ge⸗ genſtand nirgends, außer in Romanen für gleichgiltig gehalten wird; aber gewiß iſt Henry Bertram, Erbe von Ellangowan, mag er das Vermögen ſeiner Ahnen beſitzen oder nicht, eine ganz andere Perſon, als Vanbeeſt Brown, Niemands Sohn. Seine Ahnen, wie mir Mr. Pleydell ſagt, ſind in der Geſchichte, indem ſie den Bannern ihrer Fürſten folgten, ausgezeichnet, während die unſern bei Creſſy und Poitiers fochten. Kurz, ich gebe und verſage meine Billigung nicht, aber ich erwarte, daß du ehemalige Fehler gut machſt; und da du nun leider nur noch zu einem deiner Eltern deine Zuflucht nehmen kannſt, ſo wirſt du dadurch deine Kindespflicht erfüllen, daß du das Vertrauen in mich ſetzeſt, welches mein Wunſch, dich glücklich zu machen, als eine kindliche Schuld von dir zu for⸗ dern hat,“ Der erſte Theil dieſer Rede bewegte Julien nicht wenig; das in Vergleich geſtellte Verdienſt der Ahnen Bertram's und Manne⸗ ring's erregte ein heimliches Lächeln, aber der Schluß war von der Art, daß er ein Herz beſonders rühren mußte, welches für edelſin⸗ nige Gefühle ſo empfänglich war.„Nein,“ mein theurer Vater,“ ſagte ſie, ihm die Hand reichend,„nimm die Verſicherung, daß du von dieſem Augenblick an die erſte Perſon ſein ſollſt, die ich über Alles um Rath fragen werde, was Brown— ich wollte ſagen Ber⸗ tram— betrifft, ſo wie mich ſelbſt; und nichts ſoll von mir unter⸗ nommen werden, außer was du weißt und billigſt. Darf ich fra⸗ gen— ob Mr. Bertram ein Gaſt in Woodbourne bleiben wird!“ „Gewiß,“ ſagte der Oberſt,„ſo lange es ſeine Angelegenheiten räthlich machen.“ „Dann aber, Vater, wenn du erwägſt, was bereits geſchehn iſt, wirſt du einſehn, daß er einen Grund für meine Zurückhaltung 144 erwarten wird— ich denke, es wird die Aufmunterung ſein, die er vielleicht von mir erhalten zu haben glaubt.“ „Ich erwarte, Julie,“ ſagte Mannering,„daß er mein Haus achten, daß er die Dienſte erwägen wird, die ich ihm zu lei⸗ ſten wünſche,— und ſo wird er ſich gewiß nicht auf eine Weiſe be⸗ tragen, worüber ich mich mit Grund beklagen könnte; und ich erwarte von dir, daß du ihm bemerklich machſt, was ſich für euch beide ziemt.“. „Ich verſtehe dich nun, Vater, und werde dir unbedingt ge⸗ horchen.“ „Ich danke dir, liebes Kind; meine Sorge“(hier küßte er ſie,)„gilt nur dir.— Nun wiſche dieſe Zeugen des Vorgefallenen von deinen Augen, und komm zum Frühſtück.“ Dreizehntes Kapitel. Und, Sheriff, ich geb' euch mein Wort darauf, Daß morgen ich zur Mittagszeit ihn ſende, Daß er dir Rede ſtehet, oder ſonſt jemand, Für Alles, deſſen er beſchuldigt iſt. Erſter Theil Heinrich's WV. Als die verſchiedenen Nebenſcenen unter den einzelnen Mit⸗ gliedern der Familie in Woodbourne ſtattgefunden hatten, wie wir ſie im vorigen Kapitel beſchrieben, verſammelten ſich endlich Alle beim Frühſtück, mit Ausnahme Dandie's, welchem ſowohl die Speiſen, als auch die Geſellſchaft beſſer behagte, die er bei Mrs. Allan fand, wo er ſeine Taſſe Thee mit zwei Löffeln Cognac genoß, ſo wie mehrere Schnitte von einem gewaltig großen Stück Rind⸗ fleiſch. Er konnte zweimal ſo viel eſſen und auch zweimal ſo viel reden mit Barnes und jener guten Dame, als mit den vornehmen Leuten im Geſellſchaftszimmer. Wirklich war auch das Mahl die⸗ ſer weniger bedeutenden Geſellſchaft bei weitem fröhlicher, als das in dem höhern Kreiſe, wo bei den meiſten Mitgliedern Verlegen⸗ heit und Zurückhaltung ſichtbar war. Julie wagte nicht ihre Stimme zu erheben, um Bertram zu fragen, ob er noch eine Taſſe Guy Mannering. III. 10 146 Thee wolle. Bertram fühlte ſich verlegen, während er ſeinen Zwie⸗ back und Thee vor Mannering's Augen genoß. Lucy, während ſie ſich den zärtlichſten Empfindungen für den wiedergefundenen Bru⸗ der hingab, begann zugleich an den Streit zwiſchen ihm und Haz⸗ lewood zu denken. Mannering empfand die peinliche Unruhe, die einem ſtolzen Gemüthe ſo natürlich iſt, wenn es ſeine unbedeutend⸗ ſten Handlungen für einen Augenblick der aufmerkſamen Beobach⸗ tung Anderer unterworfen glaubt. Der Rechtsgelehrte hatte, wäh⸗ rend er ämſig ſeine Brodſchnitte mit Butter ſtrich, ein ungewöhn⸗ lich gravitätiſches Anſehn, welches wahrſcheinlich eine Folge ſeiner ernſten Morgenarbeiten war. Was Simſon betrifft, ſo war deſſen Gemüthszuſtand ein begeiſterter!— Er ſah Bertram an— er ſah Lucy an— er wimmerte, winſelte, lächelte und beging allerlei Verſtöße gegen die herrſchende Sitte— er ſchüttete die ganze Rahmkanne(kein unglücklicher Mißgriff,) auf den Teller mit Sup⸗ pe, welche ſein gewöhnliches Frühſtück ausmachte— goß den Reſt der Flüſſigkeit in die Zuckerſchale ſtatt in die Spülkanne, und ſchloß damit, daß er den alten Plato, des Oberſts Lieblingshund, mit heißer Brühe überſchüttete; Plato aber empfing die Libation mit einem Geheul, welches ſeiner Philoſophie wenig zur Ehre ge⸗ reichte. Des Oberſts Gleichmuth ward durch den letztern Fall faſt er⸗ ſchüttert.„Auf mein Wort, lieber Freund, Mr. Simſon, Sie vergeſſen den Unterſchied zwiſchen Plato und Zenokrates.“. „Der erſte war der Urheber der Akademiker, der letztere der der Stoiker,“ ſagte der Dominie, etwas verletzt durch den ſchlim⸗ men Argwohn. „Ja, mein Lieber, es war aber Zenokrates, nicht Plato, wel⸗ cher läugnete, daß Schmerz ein Uebel ſei..“ „Ich ſollte denken,“ ſagte Pleydell,„dieſer ſehr achtbare Vier⸗ fuß, der ſo eben auf drei von ſeinen vier Beinen aus dem Zimmer hinkt, gehörte vielmehr der cyniſchen Schule an.“ „Sehr wohl bemerkt— aber hier kommt eine Antwort von Mac⸗Morlan.“ Sie war ungünſtig. Mrs. Mac⸗Morlan ließ ſich beſtens empfehlen, und ihr Gemahl war durch einige ſtörende Vorfälle zu⸗ rückgehalten, die am vorigen Abend zu Portanferry ſtattgefunden hatten und ſeine Unterſuchung nothwendig machten. „Was iſt nun zu thun, Mr. Pleydell?“ ſagte der Oberſt. „Nun ich wünſchte freilich, wir hätten Mac⸗Morlan ſpre⸗ chen können,“ ſagte der Advokat,„er iſt ein einſichtiger Menſch und hätte überdies nach meinem Rathe gehandelt. Aber das ſoll uns nicht kümmern. Unſer Freund hier muß sui juris werden— er iſt jetzt ein entflohner Gefangner; das Geſetz hat eine Art von Anſpruch auf ihn; er muß vor allem rectus in curia werden, das iſt das Erſte. Deßhalb, Oberſt, werd' ich Sie in Ihrem Wagen nach Hazlewood begleiten. Die Entfernung iſt nicht groß; wir wollen unſre Bürgſchaft anbieten; und ich denke dem Mr—— o, er entſchuldige mich,— dem Sir Robert Hazlewood leicht die Noth⸗ wendigkeit zeigen zu können, daß er dieſe Bürgſchaft annehmen muß.“ „Von ganzem Herzen,“ ſagte der Oberſt; darauf klingelte er und ertheilte die nöthigen Aufträge.„und was wird nächſtdem zu thun ſein?“ 3 „Wir müſſen auf Mac⸗Morlan warten und uns nach meh⸗ rern Beweiſen umſehn.“ „Beweiſe!“ ſagte der Oberſt,„die Sache iſt ſo klar wie die Sonne— hier iſt Mr. Simſon, und Miß Bertram, und Sie ſelbſt, die alle in dieſem jungen Herrn ſeines Vaters Ebenbild er⸗ kennen; und er ſelber erinnert ſich aller der beſondern Umſtände, die 10* 148 ſeinem Abſchiede von der Heimat vorhergingen— wird noch mehr zur Ueberzeugung erfordert?“ „Für die moraliſche Ueberzeugung vielleicht nichts weiter,“ ſagte der erfahrene Rechtsgelehrte,„aber für den geſetzlichen Be⸗ weis noch viel. Mr. Bertram's Erinnerungen ſind nur ſeine eig⸗ nen Erinnerungen, und darum können ſie nicht zu ſeinen Gunſten entſcheiden; Miß Bertram, der gelehrte Mr. Simſon und ich, wir Alle können nur ſagen, was jeder, der den ſeligen Ellangowan kannte, beſtätigen wird, daß dieſer Herr ſein vollkommenes Eben⸗ bild iſt. Aber das wird ihn noch nicht zu Ellangowan'’s Sohne machen und ihm das Erbe geben.“ „Und was iſt nun zu thun?“ ſagte der Oberſt.. „Wir müſſen verſuchen,“ antwortete der Gelehrte,„ob wir aus Holland einen Beweis erlangen können, von den Perſonen, bei denen unſer junger Freund erzogen ward.— Dann kann ſie frei⸗ lich die Furcht, wegen des ermordeten Zollbeamten zur Verantwor⸗ kung gezogen zu werden, ſchweigen laſſen; oder wenn ſie auch re⸗ den, ſo gelten ſie nur für Fremde oder für recht⸗ und geſetzloſe Schmuggler. Kurz, ich ſehe mancherlei Bedenkliches.“ „Mit Erlaubniß, ſehr gelehrter und geehrter Sir,“ ſagte der Dominie,„ich hoffe, daß Er, der den kleinen Harry Bertram ſeinen Freunden wiedergegeben hat, ſein eigenes Werk nicht unvoll⸗ endet laſſen werde.“. „Das hoff' ich auch, Mo Simſon,“ ſagte Pleydell,„aber wir müſſen die Mittel nützen; und ich fürchte, es wird ſchwieriger für uns ſein, ſie herbeizuſchaffen, als ich vorher dachte.— Aber ein feiges Herz gewann nie eine ſchöne Braut— und überdies“ (leiſe zu Miß Mannering, während ſich Bertram mit ſeiner Schwe⸗ ſter unterhielt,)„überdies haben Sie hier eine Rechtfertigung Hol⸗ lands! welche artigen Burſche muß nicht Leyden und Utrecht aus⸗ ſenden, wenn ein ſo feiner und hübſcher junger Mann aus den un⸗ bedeutenden Schulen Middelburgs hervorging!“ 8 „Mag wahr ſein,“ ſagte der Dominie, der auf das Lob der holländiſchen Schule eiferſüchtig war,—„mag wahr ſein, Mr. Pleydell, aber ich muß Ihnen bemerklich machen, daß ich ſelber den Grund zu ſeiner Bildung legte.“ „Richtig, mein theurer Simſon,“ antwortete der Advokat, „das hat ihm auch unſtreitig den feinen Anſtand verliehen— aber eben fährt unſer Wagen vor, Oberſt. Adieu, ihr jungen Leute. Miß Julie, bewahren Sie Ihr Herz, bis ich wieder da bin— laſſen Sie nichts gegen mein Recht geſchehn, während ich bin non volens agere.“— Ihr Empfang bei Hazlewood war kälter und förmlicher als gewöhnlich; denn im Allgemeinen bezeigte der Baronet dem Oberſt Mannering große Achtung, und Mr. Pleydell, ein Mann von gu⸗ ter Familie und allgemein geachtet, war Sir Robert's alter Freund. Aber diesmal war ſein Benehmen trocken und verlegen. „Er würde gern,“ ſagte er,„die Bürgſchaft annehmen, trotzdem, daß die Beleidigung gerichtet, unternommen und vollbracht wor⸗ den ſei gegen den jungen Hazlewood von Hazlewood; aber der junge Mann habe ſich ſelbſt einen falſchen Charakter beigelegt, und ſei überhaupt ein Menſch, den man der Geſellſchaft nicht frei und ledig übergeben könne; und daher“—— „Ich hoffe, Sir Robert Hazlewood,“ ſagte der Oberſt,„Sie werden an meinem Worte nicht zweifeln wollen, wenn ich verſichere, daß er als Kadet unter mir in Indien diente!“ „Keineswegs und auf keine Weiſe. Aber Sie nennen ihn Ka⸗ . det; nun, er ſagt, verſichert und behauptet, er ſei Capitain in Ihrem Regiment.“ „Man hat ihn befördert, ſeit ich das Commando niederlegte.“ „Aber Sie müſſen doch von ihm gehört haben!“ 150 „Nein. Ich zog mich, aus Familienrückſichten, aus Indien zurück, und habe mich ſeitdem nicht um Neuigkeiten des Regiments bekümmert; der Name Brown iſt überhaupt ſo gewöhnlich, daß ich jene Beförderung ſelbſt in den Zeitungen geſehn haben könnte, ohne darauf zu achten. Aber in wenigen Tagen werden Briefe von ſei⸗ nen Vorgeſetzten anlangen.“ „Aber man ſagt und verſichert uns, Mr. Pleydell,“ antwor⸗ tete Sir Robert, noch immer zögernd,„daß er den Namen Brown nicht zu behalten gedenkt, ſondern er will, unter dem Namen Ber⸗ tram, Anſprüche auf das Gut Ellangowan machen.“ „So, wer ſagt das!“ fragte der Advokat. „Oder,“ fragte der Oberſt,„wenn auch jemand ſo ſagt, gibt dies ein Recht, ihn im Gefängniß zu halten?“ „Still, Oberſt,“ ſagte der Rechtsgelehrte;„ich bin über⸗ zeugt, daß Sie ihn eben ſo wenig, als ich ſelber, beſchützen möch⸗ ten, wenn er ſich als Betrüger auswieſe— und, wir ſprechen unter Freunden, wer hat Ihnen dieſe Nachricht gegeben, Sir Ro⸗ bert?“ „Nun, eine Perſon, Mr. Pleydell,“ antwortete der Baro⸗ net,„welcher vorzüglich daran liegt, dieſe Sache bis auf den Grund zu unterſuchen, zu erforſchen und aufzuklären— Sie wer⸗ den entſchuldigen, daß ich mich nicht deutlicher ausſpreche.“ „Gewiß,“ erwiederte Pleydell,—„und was ſagt dieſer Mann!“ „Er ſagt, es gehe unter Keſſelflickern, Zigeunern und anderm müßigen Volk ein Gerücht, daß ein Plan, wie der erwähnte, im Werke ſei, und daß dieſer junge Mann, welcher ein natürlicher Sohn des verſtorbenen Ellangowan iſt, den Betrüger ſpielen werde, indem er ſeine große Familienähnlichkeit zu Hilfe nimmt.“ „Und war ein ſolcher natuͤrlicher Sohn vorhanden, Sir Ro⸗ bert!“ forſchte der Rechtsgelehrte. „O, gewiß, davon bin ich ſelbſt genau unterrichtet. Ellan⸗ gowan hatte ihn als Kajütenjungen an Bord einer Kriegsſchaluppe, die der Zollbehörde gehörte, gethan; er hatte dort ſelbſt einen Ver⸗ wandten, den verſtorbenen Commiſſionär Bertram.“ „Gut, Sir Robert,“ ſagte der Advokat, indem er dem un⸗ geduldigen Oberſten das Wort aus dem Munde nahm,„Sie haben mir etwas Neues geſagt; ich werde das unterſuchen, und wenn ich es beſtätigt finde, ſo wird weder Oberſt Mannering noch ich dieſem jungen Manne weitern Schutz ertheilen. Unterdeſſen aber, da wir bereit ſind, ihn zu ſtellen, damit er ſich gegen alle Beſchwerden über ihn verantworte, kann ich Ihnen die Verſicherung geben, daß Sie ſehr ungeſetzmäßig handeln und ſchwere Verantwortlichkeit auf ſich laden würden, wenn Sie unſre Bürgſchaft nicht an⸗ nähmen.“ „Nun, Mr. Pleydell,“ ſagte Sir Robert, welcher wußte, in welchem Anſehn des Rechtsgelehrten Meinung ſtand,„da Sie es am beſten wiſſen müſſen, und da Sie verſprechen, dieſen jungen Mann aufzugeben“— „Wenn er ſich als Betrüger ausweiſt,“ erwiederte der Advo⸗ kat mit einigem Nachdruck. „Allerdings— unter dieſer Bedingung will ich Ihre Bürg⸗ ſchaft annehmen; obwohl ich geſtehn muß, daß mir ein geneigter, wohlgeſinnter und freundlicher Nachbar, der ſelbſt die Rechte kennt, heute Morgen einen Wink oder eine Warnung gab, dies zu unter⸗ laſſen. Er war's, von dem ich erfuhr, dieſer junge Mann ſei be⸗ freit und davon gekommen, oder habe vielmehr das Gefängniß er⸗ brochen.— Aber wer wird den Bürgſchein ausfertigen?“ „Senden Sie,“ ſagte der Advokat, indem er ſelber die Klin⸗ gel zog,„zu meinem Schreiber, Mr. Driver— es wird mir kei⸗ nen Abbruch thun, wenn ich das Nöthige ſelber dictire.“— Dies ward geſchrieben und unterzeichnet, und nachdem Sir Robert ſelbſt . 152 einen Entlaſſungsſchein für Brown unterzeichnet hatte, nahmen die Gäſte Abſchied. Jeder drückte ſich in eine beſondere Ecke des Poſtwagens und ſagte eine Zeit lang nichts. Der Oberſt brach zuerſt das Schwei⸗ gen:„So wollen Sie alſo dieſen armen jungen Burſchen bei erſter Gelegenheit aufgeben!“ „Wer, ich!“ erwiederte der Rechtsgelehrte;„ich will kein Haar auf ſeinem Haupte aufgeben und ſollte ich deßhalb zu den äu⸗ ßerſten Mitteln ſchreiten— aber was wäre dabei herausgekommen, wenn wir über Rechtsſachen mit dieſem alten Eſel ſtreiten wollten? Viel beſſer, wenn er nun ſeinem Gewährsmann, Gloſſin, berich⸗ tet, wir hätten uns gleichgiltig oder lau in der Sache bewieſen. Ueberdies wünſchte ich auch einen Blick über des Feindes Stellung zu gewinnen.“ „Wirklich!“ rief der Oberſt.„Alſo gibt es in Rechten ſo gut Kriegsliſten, wie im Felde. Nun, und was halten Sie von ihrer Schlachtordnung?“ 1 „Sie iſt ſinnreich,“ ſagte Mr. Pleydell,„aber ich glaube de⸗ ſperat— ſie ſind allzu liſtig; das iſt ein gewöhnlicher Fehler in ſol⸗ chen Fällen.“ Während dieſes Geſprächs rollte der Wagen raſch nach Wood⸗ bourne hin, ohne daß dabei etwas Bemerkenswerthes vorgefallen wäre, außer daß ſie dem jungen Hazlewood begegneten, dem der Oberſt die überraſchende Geſchichte von Bertram's Wiedererſchei⸗ nen mittheilte, die er mit großem Vergnügen anhörte. Er ritt ih⸗ nen darauf voraus, um Miß Bertram zu einem ſo glücklichen und unerwarteten Ereigniſſe zu gratuliren. Wir kehren zu der Geſellſchaft in Woodbourne zurück. Nach dem Weggange Mannering's bezog ſich die Unterhaltung haupt⸗ ſächlich auf die Schickſale der Familie Ellangowan, ihre Güter, und ihre frühere Macht.„Alſo unter den Thürmen meines väter⸗ V 8 ’ 153³3 lichen Schloſſes war es,“ ſagte Bertram,„wo ich vor einigen Ta⸗ gen landete, und zwar unter umſtänden, die denen eines Landſtrei⸗ chers ähnlich waren! Die verwitterten Thürme und düſtern Wöl⸗ bungen erweckten ſelbſt da ſchon Gedanken in mir, die mein Gemüth tief berührten, und Erinnerungen, die ich ſelbſt nicht zu deuten vermochte. Ich will ſie nun noch einmal mit andern Gefühlen be⸗ ſuchen, und auch, ſo hoff⸗ ich, mit beſſern Hoffnungen.“ „Geh' jetzt nicht dorthin,“ ſagte ſeine Schweſter.„Das Haus unſrer Ahnen iſt jetzt die Wohnung eines Elenden, der eben ſo hin⸗ terliſtig als gefährlich iſt, und deſſen ſchurkiſche Kunſtgriffe unſers unglücklichen Vaters Ruin herbeiführten und ſein Herz brachen.“ „Ou ſteigerſt meine Begierde,“ erwiederte der Bruder,„dem ungeheuer entgegenzutreten und zwar in ſeiner eignen Höhle. Ich glaube ihn ſchon geſehn zu haben.“ „Aber Sie müſſen erwägen,“ ſagte Julie,„daß Sie der Ob⸗ hut Lucy's und meiner übergeben, und daß Sie uns für all Ihre Bewegungen verantwortlich ſind— Bedenken Sie, daß ich nicht umſonſt zwölf Stunden lang die Dame eines Rechtsgelehrten ge⸗ weſen ſein mag, und überdies verſichere ich, daß es Wahnſinn ſein würde, jetzt nach Ellangowan zu gehn.— Das Aeußerſte, was ich Ihnen erlauben kann, iſt, daß wir zuſammen bis an's Ende der Allee vor Woodbourne ſpazieren, und von da dürfen Sie viel⸗ leicht noch in unſrer Geſellſchaft bis auf die nächſte Anhöhe gehen, wo ſich Ihre Augen an dem fernen Anblick jener düſtern Thürme erfreuen können, welche ihre Phantaſie ſo ſtark anziehen.“ Die Geſellſchaft brach alsbald auf; und die Damen begaben ſich, nachdem ſie ihre Mäntel umgenommen, unter Capitain Ber⸗ tram's Geleit auf den vorgeſchlagenen Weg. Es war ein ange⸗ nehmer Wintermorgen, und der kühle Hauch diente nur dazu, die ſchönen Wandlerinnen zu erfriſchen, nicht aber zu erſtarren. Ein geheimes, aber doch anerkanntes Band der Freundſchaft umſchlang 154 die beiden Damen; und Bertram, bald auf die intereſſanten Be⸗ richte über ſeine eigne Familie lauſchend, bald ſeine Abenteuer in Europa und Indien mittheilend, vergalt ſo zugleich das Vergnü⸗ gen, welches ihm gewährt ward. Lucy war ſtolz auf ihren Bru⸗ der, ſowohl der kühnen und männlichen Gedanken wegen, die er ausſprach, als auch der Gefahren willen, die ihm begegnet waren und denen er mit ſo viel Muth ſiegreich entgangen war. Und wäh⸗ rend Julie ihres Vaters Worte erwog, konnte ſie nicht umhin, Hoff⸗ nungen zu nähren, daß der ungebundne Geiſt, welcher ihrem Va⸗ ter an dem niedrigen und gemeinen Brown als Anmaßung erſchie⸗ nen war, an dem edlen Erben von Ellangowan für ritterlichen Muth und adliges Betragen gelten werde.. Sie erreichten endlich die kleine Anhöhe auf dem höchſten Punkte dieſes Diſtriktes, Gibbie's⸗Knowe genannt— ein Ort, deſſen wir in dieſer Geſchichte wohl ſchon, als an der Gränze des Gebietes El⸗ langowan liegend, erwähnt haben. Er beherrſchte eine manich⸗ fache Ausſicht über Hügel und Thal, mit Waldung eingefaßt, de⸗ ren nackte Zweige in dieſer Jahreszeit die bleiche Farbe der Land⸗ ſchaft durch eine dunkle Purpurtinte hoben, während an andern Punkten die Ausſicht ſchärfer durch künſtliche Anpflanzungen be⸗ gränzt war, wo die ſchottiſchen Fichten ihr dunkles Grün in man⸗ nichfachen Schattirungen entfalteten. Etwa anderthalb Stunden entfernt lag die Bucht von Ellangowan, deren Wellen unter dem Einfluſſe des Weſtwindes kräuſelten. Die Thürme des zerſtörten Schloſſes, die erhaben über jeden Gegenſtand der Umgebung rag⸗ ten, färbten ſich heller im Strahle der winterlichen Sonne. „Dort,“ ſagte Lucy Bertram, indem ſie in die Ferne deutete, „dort iſt der Sitz unſrer Ahnen. Gott weiß es, mein theurer Bruder, ich begehre für dich nicht die ausgedehnte Macht, welche die Herren jener Ruinen ſo lange beſeſſen, und zuweilen übel ange⸗ wendet haben ſollen. Aber,— o, daß ich dich im Beſitze eines ſol⸗ 155 chen Theils von ihren Gütern ſehen möchte, der dir eine anſtändige unabhängigkeit geben und dich in Stand ſetzen würde, deinen Schutz jenen alten und verlaſſenen Angehörigen unſers Hauſes zu gewähren, welche unſers armen Vaters Tod“— „Gewiß, meine theuerſte Lucy,“ ſagte der junge Erbe von Ellangowan; und ich hoffe, mit des Himmels Beiſtand, der mich ſo weit geleitet hat, und mit dem dieſer guten Freunde, deren edle Herzen mir ſo viel Theilnahme beweiſen, daß eine ſolche Wendung meiner harten Schickſale nicht unwahrſcheinlich ſei.— Aber, als Krieger muß ich mit einigem Intereſſe auf das Zuſammenhalten je⸗ nes erſchütterten Baues ſehen; und wenn jener Schurke, der ihn untergräbt, da er jetzt im Beſitz iſt, ein Steinchen daran zu ver⸗ rücken wagt“— Hier ward er durch Dinmont unterbrochen, welcher ihnen eilig auf der Straße nachgelaufen kam, und zwar ungeſehn, bis er ganz nahe bei der Geſellſchaft war:„Capitain, Capitain! Ihr werdet geſucht— Ihr werdet geſucht von ihr, die ihr kennt.“ und unmittelbar darauf ſtieg Meg Merrilies, wie aus der Erde emportauchend, aus dem Hohlweg herauf und ſtand vor ih⸗ nen.„Ich ſuchte euch im Hauſe,“ ſagte ſie,„und fand nur ihn,“ (auf Dinmont deutend,)„aber ihr ſeid recht und ich war unrecht. Hier ſollten wir uns treffen, auf dem nämlichen Ort, wo meine Augen euren Vater zuletzt ſahen. Gedenkt eures Verſprechens und folgt mir.“ Vierzehntes Kapitel. Und wie das Weib, nach beſter Art, Den Gruß vor'm König ſpricht: Der König Arthur, tief erſtaunt, Erwiedert ihr ihn nicht. „Und wer biſt du,“ ſo ſpricht das Weib, „Daß du nicht ſprichſt mit mir? Sir, leicht wohl heil' ich deinen Schmerz, Schein' ich auch häßlich dir.“ Die Heirath Sir Gawaine's. Die feenhafte Braut Sir Gawain's war, während ſie unter dem Einfluſſe des Zaubers ihrer böſen Stiefmutter ſtand, wahr⸗ ſcheinlich ältern Anſehens und weit häßlicher, als Meg Merrilies; aber ich zweifle, ob ſie die wilde Erhabenheit beſaß, welche eine auf⸗ gereizte Einbildungskraft den Zügen der letztern, markirt und aus⸗ drucksvoll in ihrem eigenthümlichen Charakter, ſo wie den Bewe⸗ gungen einer Geſtalt mittheilte, welche, wenn man ihre ſechs Fuß erwägt, gigantiſch heißen konnte. Daher bebten auch die Ritter der Tafelrunde vor der Erſcheinung der, zwiſchen„einer Eiche und einer grünen Stechpalme“ poſtirten, häßlichen Dame nicht mit größerm Entſetzen zurück, als Lucy Bertram und Julie Manne⸗ 157 ring jetzt vor der Geſtalt dieſer galwegiſchen Sibylle auf dem Ge⸗ biete von Ellangowan. „um Gottes willen,“ ſagte Julie, ihre Börſe ziehend,„gebt dieſem ſchrecklichen Weibe etwas, und heißt es fortgehen.“ „Ich kann nicht,“ ſagte Bertram;„ich darf ſie nicht belei⸗ digen.“ „Was hält euch hier zurück?“ ſagte Meg, die harten und rauhen Töne ihrer hohlen Stimme erhebend;„warum folg ihr nicht!— Muß eure Stunde euch zweimal rufen?— Gedenkt ihr eures Schwur's?— Sei es in Kirche oder Markt, bei Hochzeit oder Begräbniß“— und in drohender Stellung hielt ſie ihren hagern Zeigfinger empor. Bertram wandte ſich gegen ſeine erſchrockenen Begleiterinnen. „Entſchuldigen Sie mich für einen Augenblick; ein Verſprechen verpflichtet mich, dieſem Weibe zu folgen.“ „Gott im Himmel! einem tollen Weibe verpflichtet?“ ſagte Julie.. „Oder einer Zigeunerin, die ihre Bande im Holze bereit hat, dich zu ermorden?“ ſagte Lucy. „Das war nicht geſprochen wie ein Kind von Ellangowan,“ ſagte Meg zürnend zu Miß Lucy.„Nur die Uebelthäter fürchten Uebel.“ „Kurz, ich muß gehen,“ ſagte Bertram,„es iſt durchaus nothwendig; wartet fünf Minuten auf mich auf dieſer Stelle.“ „Fünf Minuten!“ ſagte die Zigeunerin,„fünf Stunden⸗ werden euch nicht hieher zurückbringen.“ „Hören Sie das?“ ſagte Julie;„um Gottes willen, gehen Sie nicht!“ „Ich muß— ich muß— Mr. Dinmont wird Sie auf dem Rückwege begleiten.“ 158 „Nein,“ ſagte Meg,„er muß mit euch kommen; deswegen iſt er hier. Er ſoll mit Herz und Hand Theil nehmen; und das kann er ſehr wohl, denn ſeine Rettung hätt' euch theuer zu ſtehn kommen können.“ „Freilich, Luckie, das iſt ſehr wahr,“ ſagte der wackere Päch⸗ ter;„und eh' ich von des Capitains Seite weiche, will ich beigen daß ich das nicht vergeſſen habe.“ „O, ja,“ riefen beide Damen zugleich,„Mr. Dinmont ma mit Ihnen gehen, wenn Sie einmal dieſem ſeltſamen Rufe folgen müſſen.“ „In der That, ich muß,“ antwortete Bertram,„aber Sie ſehen, daß ich guten Schutz habe— Adieu auf kurze Zeit; gehen Sie möglichſt ſchnell nach Hauſe.“ Er drückte ſeiner Schweſter die Hand, und nahm durch einen Blick noch zärtlichern Abſchied von Julien. Faſt betäubt von Ue⸗ berraſchung und Furcht, beobachteten die jungen Damen mit be⸗ ſorgten Blicken den Weg, den Bertram, ſein Gefährte und die außerordentliche Führerin einſchlugen. Ihre hohe Geſtalt bewegte ſich über die winterliche Haide mit Schritten, ſo ſchnell, ſo groß und ſo feſt, daß ſie eher hin zu gleiten, als zu wandeln ſchien. Bertram und Dinmont, beide große Männer, kamen ihr ſcheinbar kaum an Höhe gleich, weil ihr längeres Gewand und ihr hoher Kopfputz ſie noch größer erſcheinen ließen. Sie ſchritt quer über die Haide, ohne ſich ſeitwärts nach dem geſchlängelten Pfade zu wen⸗ den, auf welchem die Wandrer die Unebenheiten und die kleinen Bäche umgingen, welche hier in verſchiedenen Richtungen das Land durchſchnitten. So entſchwanden die kleiner werdenden Geſtalten oft dem Auge, wenn ſie in eine Vertiefung tauchten, und wurden wieder ſichtbar, wenn ſie wieder aus derſelben emporſtiegen. Es lag etwas grauenvolles und geiſterhaftes in dem raſchen und ſchnur⸗ geraden Laufe, den ſie verfolgte, gleichgiltig gegen die Hinderniſſe, 159 die einen Reiſenden gewöhnlich vom geraden Wege ablenken. Ihr Weg war ſo direkt und ward von ihr faſt ſo ſchnell verfolgt, wie der eines Vogels in der Luft. Endlich erreichten ſie jenes wilde Buſchholz, welches ſich von den Gränzen der Gemeindeweide bis nach der Gegend von Derncleugh erſtreckte, und dort wurden ſie nun dem Auge völlig entrückt. „Das iſt doch außerordentlich,“ ſagte nach einer Pauſe Lucy, indem ſie ſich an ihre Begleiterin wandte;„was kann er mit der al⸗ ten Hexe zu thun haben!“ 8 „Es iſt grauenvoll,“ antwortete Julie,„und erinnert mich an die Märchen von Unholdinnen, Hexen und böſen Geiſtern, die ich in Indien hörte. Man glaubt dort an einen Augenzauber, wo⸗ durch diejenigen, die ihn beſitzen, den Willen und die Bewegungen ihrer Opfer lenken. Was kann Ihr Bruder mit dem ſchrecklichen Weibe gemein haben, daß er uns, wider unſern Willen, verläßt, um ihren Befehlen zu folgen!“ „Wir dürfen ihn wenigſtens für ſicher halten,“ ſagte Luey; „denn nimmer würde ſie dieſen redlichen Dinmont, von deſſen Stärke, Muth und Treue Henry ſo viel ſprach, auffordern, einem Werke beizuwohnen, welches der Perſon ſeines Freundes nachthei⸗ lig ſein ſollte. Und nun wollen wir nach dem Hauſe zurückkehren, bis der Oberſt heim kommt— vielleicht wird Bertram eher zurück ſein; übrigens wird der Oberſt am beſten wiſſen, was zu thun iſt.“ Eine ſtützte ſich auf der andern Arm, und ſo erreichten ſie, ob⸗ wohl wankenden Schrittes und von Furcht erfüllt, das Ende der Allee vor Woodbourne, als ſie plötzlich Pferdegetrappel hinter ſich hörten. Sie blieben ſtehn, denn ihre Ohren lauſchten wachſam auf jeden Ton, und erblickten zu ihrem großen Vergnügen den jun⸗ gen Hazlewood.„Der Oberſt wird ſogleich hier ſein,“ ſagte er; „ich ritt voran, um mich Miß Bertram zu empfehlen, mit den aufrichtigſten Glückwünſchen bei dem erfreulichen Ereigniß, welches in ihrer Familie ſtattgefunden hat. Mich verlangt, dem Capitain Bertram vorgeſtellt zu werden, um ihm für die wohlverdiente Lehre zu danken, die er meiner Voreiligkeit und Unart ertheilte.“ „Er hat uns ſo eben verlaſſen,“ ſagte Lucy,„und zwar auf eine Weiſe, die uns Grauen erweckte.“ In dieſem Augenblick fuhr des Oberſten Wagen heran, und hielt, als man die Damen erblickte, worauf Mannering und ſein gelehrter Freund ausſtiegen, um ſich zu jenen zu geſellen. Sie er⸗ fuhren alsbald den neuen Grund zur Unruhe. „Schon wieder Meg Merrilies!“ ſagte der Oberſt;„ſie iſt gewiß ein geheimnißvolles und räthſelhaftes Weſen; aber ich glaube, ſie hat Bertram etwas mitzutheilen, wovon wir nichts wiſſen ſollen.“ „Der Teufel hole das alte Weib,“ ſagte der Advokat;„wird ſie nie die Sachen ihren eignen Gang gehn laſſen, prout de lege, ſondern muß ſtets ihre Hand dabei im Spiele haben!— dann fürchte ich, nach der eingeſchlagenen Richtung, daß ſie nach Ellan⸗ gowan gehen— der Schurke Gloſſin hat uns gezeigt, über welche Böſewichter er zu gebieten hat. Hoffentlich iſt der ehrliche Liddes⸗ daler eine genügende Schutzwache.“ „Mit Ihrer Erlaubniß,“ ſagte Hazlewood,„würde ich mit Vergnügen nach derſelben Richtung reiten, die jene einſchlugen. Ich bin ſo gut in der Gegend bekannt, daß ſchwerlich ein Angriff in meiner Gegenwart unternommen werden dürfte, und ich werde ſolche Vorſichtsmaßregeln treffen, daß es nicht ſcheint, als be⸗ obachte ich Meg, oder wolle ihre Mittheilungen belauſchen.“ „Auf mein Wort,“ ſagte Pleydell, doch ſo, daß ihn der junge Mann nicht hörte,„der junge Hazlewood, den ich vor wenig Jah⸗ ren noch mit einem Milchgeſicht und der Büchertaſche kannte, wird ein ſtattlicher Burſch. Ich bin mehr um einen neuen Verſuch geſetz⸗ mäßiger Unterdrückung, als offene Gewalt beſorgt, und dieſes jungen 161 Mannes Gegenwart wird überhaupt ſowohl Gloſſin, als ſeine Ge⸗ hilfen abſchrecken.— Alſo nur immer fort, junger Mann, ſo ſchnell als möglich; Sie werden ſie etwa bei Derncleugh, oder wahrſchein⸗ lich im Warrochwalde finden.“ Hazlewood wandte ſein Pferd.„Kommen Sie zum Mittag⸗ eſſen zu uns, Hazlewood,“ rief der Oberſt. Jener nickte, ſpornte ſein Pferd und gallopirte davon. Wir kehren nun zu Bertram und Dinmont zurück, welche noch immer ihrer geheimnißvollen Führerin durch Wald und Ge⸗ ſtruͤpp folgten: zwiſchen der offenen Haide und dem zerſtörten Dorfe Derncleugh. Während ſie den Weg zeigte, ſchaute ſie nie nach den Nachfolgenden zurück, außer um ſie wegen Saumſeligkeit zu ſchelten, obwohl ihnen der Schweiß, trotz der kalten Jahrszeit, von der Stirn rann. Zuweilen ſprach ſie auch mit ſich ſelbſt in abge⸗ brochenen Sätzen.„Das alte Haus ſoll wieder gebaut werden— der Eckſtein werde gelegt— und hab' ich ihn nicht gewarnt!— Ich ſagte ihm, ich ſei geboren das zu thun, und wär' auch meines Va⸗ ters Kopf das einzige Hinderniß geweſen. Man verurtheilte mich— in Kerker und Gefängniß blieb ich meinem Vorſatz treu;— ich ward verbannt— ich blieb ihm treu in einem unfreundlichen Lande;— ich ward gepeitſcht— ich ward gebrannt— Mein Vorſatz lag tiefer, als Geiſel und rothglühendes Eiſen reichen konnten— und nun iſt die Stunde gekommen.“ „Capitain,“ ſagte Dinmont halb flüſternd,„ich hoffe, ſie führt nichts Böſes im Schilde! Ihre Worte ſcheinen nicht in Got⸗ tes Namen geſprochen, oder ſo wie bei andern Leuten. Zum Hen⸗ ker auch, man erzählt bei uns wohl, daß es ſolche Weſen wirk⸗ lich gibt.“ „Fürchtet nichts, mein Freund,“ flüſterte Bertram dagegen, Guy Mannering. III. 3 11 162 „Fürchten! mich kümmert der Satan nicht,“ ſagte der wackere Pächter,„Mag ſie Hexe oder Teufel ſein, das iſt dem Dandie Dinmont Alles gleich.“ „Haltet Ruhe, Pächter,“ ſagte Meg, ernſt über ihre Schulter blickend;„meint ihr, dies ſei für euch Zeit und Ort zu ſprechen?“ „Aber, liebe Freundin,“ ſagte Bertram,„da ich keinen Zweifel über eure Treue und Freundſchaft hege, die ich ſchon er⸗ probt habe, ſo ſolltet ihr dagegen auch mir einiges Vertrauen ſchenken— Ich möchte wiſſen, wohin ihr uns führt.“ „Darauf gibt es nur eine Antwort, Henry Bertram,“ ſagte die Sibylle. Ich ſchwur, meine Zunge ſollt' es nimmer ſagen, aber ich gebot meinem Finger nicht, es nie zu zeigen. Geht vor⸗ wärts und ſucht euer Glück, oder kehrt zurück und verliert es— das iſt Alles, was ich zu ſagen habe.“ „Alſo geht voran,“ antwortete Bertram;„ich will nicht weiter fragen.“ Sie ſtiegen an der nämlichen Stelle in's Thal, an welcher früher Meg von Bertram geſchieden war. Sie hielt einen Augen⸗ blick unter dem ſteilen Felſen ſtill, wo er Zeuge jenes Begräbniſſes geweſen war und ſtampfte auf den Boden, welcher trotz all' der Sorgfalt, die man angewandt hatte, Spuren von kürzlicher Auf⸗ wühlung zeigte.„Hier ruht einer,“ ſagte ſie,„vielleicht wird er bald Nachbarn haben.“ Sodann ging ſie am Bache hin, bis ſie in das zerſtörte Dörf⸗ chen kam, wo ſie mit einem Blicke der innigſten, tiefſten Rührung vor einem der noch aufrecht ſtehenden Giebel ſtill hielt und in einem minder abgebrochenen, aber noch immer feierlichen Tone ſagte: „Seht Ihr dies ſchwarze verfallne Stück einer Hütte!— da hat mein Keſſel vierzig Jahre gekocht— da hab' ich zwölf ſtattliche Söhne und Töchter geboren— wo ſind ſie nun?— wo iſt das Laub, das auf jener alten Eſche am Martinstag war! der Weſtwind hat 163 es geſtreift— und auch ich bin entblättert.— Seht ihr jenen Wei⸗ denbaum!—'s iſt jetzt nur noch ein geſchwärzter Stumpf— dar⸗ unter hab' ich manchen ſchönen Sommernachmittag geſeſſen, wenn er ſeine ſchönen Zweige über das kräuſelnde Waſſer hängen ließ.— Ich ſaß dort, und“(ihre Stimme erhebend,)„hielt euch auf meinem Knie, Henry Bertram, und ſang euch Lieder von den alten Baro⸗ nen und ihren blutigen Kriegen— der Baum wird nie wieder grün ſein, und Meg Merrilies wird nie wieder Lieder ſingen, weder heitre noch traurige. Aber ihr werdet ſie nicht vergeſſen, ihr wer⸗ det ihretwillen die alten Wände wieder aufrichten laſſen!— Und laßt jemand hier wohnen, der fromm iſt, und Jene aus einer an⸗ dern Welt achtet und fürchtet— denn wenn je die Todten wieder unter die Lebendigen kommen, ſo will ich in dieſem Thale manche Nacht geſehn ſein, nachdem dieſe Gebeine Staub geworden ſind.“ Die Miſchung von Wahnſinn und wildem Pathos, womit ſie dieſe letzten Worte ſprach, indem ſie den rechten Arm nackt aus⸗ ſtreckte, den Linken herabhängen ließ und unter den dunkelrothen Falten ihres Mantels verhüllte, dies dürfte ſelbſt für unſre Sid⸗ dons einen würdigen Gegenſtand dargeboten haben.„Und nun,“ ſagte ſie, ſogleich den kurzen, ernſten und haſtigen Ton, der ihr ge⸗ wöhnlich eigen war, wieder annehmend—„nun zu unſerm Werk, zu unſerm Werk!“ Nun führte ſie die Begleiter nach dem Vorgebirg empor, wo der Kaim von Oerncleugh lag, zog einen großen Schlüſſel aus der Taſche und öffnete die Thür. Das Innere dieſes Ortes war in beſ⸗ ſerer Ordnung, als früher.„Ich habe gehörig aufgeräumt,“ ſagte ſie;„ich könnte wohl hier vor Nacht noch ausgeſtreckt liegen.— Es werden wenige, wenige bei Meg's Todtenwache ſein, denn viele unſrer Leute werden tadeln, was ich gethan habe und thun will.“ Sie deutete nach einem Tiſch, worauf einige kalte Küche be⸗ findlich war, und zwar ziorlicher angeordnet, als man nach Meg's 11* Gewohnheiten hätte erwarten ſollen.„Eßt,“ ſagte ſie,„eßt; ihr werdet es dieſe Nacht noch nöthig haben.“ Bertram aß aus Gefälligkeit einige Biſſen; und Dinmont, deſ⸗ ſen Appetit weder durch Abenteuer, Furcht, noch durch das Mor⸗ geneſſen geſchwächt war, zeigte ſich wie gewöhnlich, wenn es eine Mahlzeit galt. Darauf reichte ſie jedem ein Glas Branntwein, welches Bertram verdünnt, Dinmont aber rein trank. „Wollt ihr nicht ſelbſt etwas zu euch nehmen, Luckie?“ ſagte Dinmont. „Ich werd' es nicht brauchen,“ erwiederte die geheimnißvolle Wirthin.„und nun,“ ſagte ſie,„ſollt ihr Waffen haben— ſollt nicht mit unbewehrter Hand gehen— aber braucht ſie nicht vor⸗ ſchnell— nehmt gefangen, aber ſchont das Leben— laßt das Recht walten— er ſoll ſprechen, eh' er ſtirbt.“ „Wer ſoll gefangen werden! wer ſoll ſprechen!“ ſagte Bertram erſtaunt, indem er ein Paar dargebotene Piſtolen nahm, welche er geladen und in gutem Stande fand. „Die Steine ſind gut,“ ſagte ſie,„und das Pulver trocken— ich kenne dergleichen wohl.“ Darauf bewaffnete ſie, ohne jene Fragen zu beantworten, Dinmont ebenfalls mit einer großen Piſtole, und überließ beiden, ſich Stöcke aus einem Bündel ſehr verdächtig ausſehender Knittel zu wählen, die ſie aus einem Winkel herbeibrachte. Bertram nahm einen guten Stab und Dandie waͤhlte eine Keule, die ſelbſt für Her⸗ kules gut genug geweſen ſein möchte. Darauf verließen ſie mit ein⸗ ander die Höhle und Bertram benutzte dabei eine Gelegenheit, Din⸗ mont zuzuflüſtern:„es iſt etwas unerklärliches in all' dieſen Din⸗ gen— aber wir müſſen dieſe Waffen nicht brauchen, außer wenn es die Nothwendigkeit und ein rechtmäßiger Fall erfordert— handelt ganz nach meinem Beiſpiele.“ Dinmont antwortete mit einem ſchlauen Winke, und ſo fuhren ſie fort über Bach und Steg, über Stock und Stein, den Fußta⸗ pfen ihrer Führerin zu folgen. Sie geleitete ſie nach dem Warroch⸗ walde, auf demſelben Wege, den der verſtorbene Ellangowan nach Derncleugh hin geritten war, als er ſein Kind an jenem unſeligen Abende ſuchte, wo Kennedy ermordet ward. 4 Als Meg Merrilies dieſen Wald erreicht hatte, durch welchen der winterliche Seewind jetzt rauh und rauſchend pfiff, ſchien ſie ei⸗ nen Augenblick deßwegen inne zu halten, um ſich auf den Weg zu beſinnen.„Wir können den nächſten Weg gehn,“ ſagte ſie und fuhr fort vorwärts zu ſchreiten, aber mehr im Zickzack und nicht mehr in ſo ſteter, direkter Richtung, wie früher. Endlich braͤchte ſie ſie aus dem Labyrinthe des Waldes nach einem kleinen offenen Platze, etwa den vierten Theil eines Morgen umfaſſend; er war von Bäumen und Büſchen eingeſchloſſen, die ſeine wilde und unre⸗ gelmäßige Begränzung bildeten. Selbſt im Winter war dies ein geſchützter und traulich abgeſchiedener Ort; aber wenn er im Früh⸗ lingsgrün prangte, wo die Erde all' ihre wilden Blumen hervor⸗ bringt, wo die Zweige ihre blüthenſchweren Aeſte breiten und die Hängebirken, die hoch über das Unterholz ragten, ihre langen und belaubten Zweige herniederwehen laſſen, um die Sonnenſtrahlen abzuhalten, dann mußte es gewiß ein paſſender Ort für einen jun⸗ gen Dichter ſein, um ſein erſtes Sonett zu ſchaffen, oder für ein Paar Liebende, um einander die erſten ſüßen Geſtändniſſe zu ma⸗ chen. Jetzt erweckte der Ort freilich ganz andre Betrachtungen. Bertram's Miene ward, nachdem er umher geblickt, düſter und unruhig. Meg ſah ihn, nachdem ſie für ſich geflüſtert hatte,„das iſt der Ort,“ mit einem ſchrecklichen Seitenblick an,—„Erinnert ihr euch daran!“ „Ja,“ antwortete Bertram,„ vollkommen.„ 166 „Ja,“ fuhr ſeine Führerin fort,„auf dieſem ſelbigen Ort fiel der Mann vom Pferde— ich ſtand im nämlichen Augenblick dort hinter dem Hollunderbuſch. Er kämpfte ſehr, ſehr, und er rief ſehr um Erbarmen— aber er befand ſich in deren Händen, die jenes Wort nie kannten!— Nun will ich euch den Weg weiter zei⸗ gen— als ihr ihn das letzte Mal zurücklegtet, lagt ihr in dieſen Armen.“ Sie führte ſie nun auf einem langen und gewundenen Pfade hin, der meiſt mit Buſchholz überwachſen war, bis ſie ſich, ohne merklich bergab geſtiegen zu ſein, plötzlich am Seeſtrande fanden. Meg wandelte ſehr ſchnell voran zwiſchen Brandung und Felſen, bis ſie zu einem merkwürdigen Felſenfragment kamen, das von dem übrigen Geſtein abgeſondert lag.„Hier,“ ſagte ſie mit leiſem und kaum hörbarem Flüſtern,„hier ward der Leichnam gefunden.“ „Und die Höhle,“ ſagte Bertram im nämlichen Tone,„iſt dicht dabei— führt ihr uns dahin?“ „Ja, ſagte die Zigeunerin mit entſchiedenem Tone.„Faßt beide Muth im Herzen— folgt mir, wenn ich hineinkrieche— ich habe das Brennholz ſo gelegt, daß es euch verbirgt. Bleibt ver⸗ ſteckt dahinter, bis ich ſage: die Stunde und der Mann ſind beide gekommen; dann fallt über ihn her, ergreift ſeine Arme und bindet ihn, bis ihm das Blut aus den Spitzen der Fin⸗ ger ſpritzt.“ „Ich will's, bei meiner Seele,“ ſagte Henry,„wenn es der Mann iſt, den ich vermuthe— Janſen!“ 4 „Ja, Janſen, Hatteraick, und noch zwanzig andre Namen ſind ſein.“ „Dinmont, jetzt müßt ihr mir beiſtehn,“ ſagte Bertram, „denn dieſer Kerl iſt ein Teufel.“ „Zweifelt nicht an mir,“ ſagte der rüſtige Landmann—„aber gern möcht' ich erſt ein Gebet verrichten, eh' ich der Hexe nachkrieche 167 in die Höhle, die ſie öffnet— es wäre doch ein arges Ding, die ſchöne Sonne und die freie Luft zu verlaſſen, und ermordet zu wer⸗ den, gleich einem Fuchs unter der Erde, in einem Kerker, wie der hier. Aber meiner Treu, es müſſen tüchtige Dachshunde ſein, die Dandie würgen wollen; und, wie geſagt, der Teufel hol' mich, wenn ich euch verlaſſe.“ Dies ward mit ſo leiſer Stimme als mög⸗ lich geſprochen. Der Eingang war nun offen. Meg kroch auf Händen und Knieen hinein, Bertram folgte, und Dinmont, nach⸗ dem er dem Tageslicht noch einen bekümmerten Blick geſchenkt, da er deſſen Herrlichkeit jetzt verließ, bildete den Nachtrab. Funfzehntes Kapitel. —— So ſtirb, Prophet! in deiner Rede; Dazu war ich beſtimmt vor allen Andern. Heinrich IV. Theil III. Der Fortgang des Pächters, der, wie wir ſagten, der letzte von der Geſellſchaft war, ward ſchrecklich durch eine Hand ge⸗ hemmt, welche ſein Bein ergriff, während er ſeine Glieder in Schweigen und Unruhe hinter ſich drein ſchleppte, in dieſem niedern und ſchmalen Eingange zu dem unterirdiſchen Orte. Das ſtählerne Herz des kühnen Landmanns wäre beinah' geſunken und nur mit Mühe unterdrückte er einen Schrei, welcher, bei der ſchutzloſen Lage, in der man ſich jetzt befand, leicht Allen das Leben hätte ko⸗ ſten können. Er begnügte ſich indeß damit, ſeinen Fuß von dem Griffe des unerwarteten Nachfolgers loszumachen.„Seid ſtill,“ ſagte hinter ihm eine beruhigende Stimme;„ich bin ein Freund— Charles Hazlewood.“ Dieſe Worte wurden äußerſt leiſe geſprochen, aber ſie erzeug⸗ ten doch Schall genug, um Meg Merrilies beſtürzt zu machen, welche den Zug führte, und die, bereits an dem Ort angelangt, wo ſich die Höhle erweiterte, ſchon auf den Füßen ſtand. Sie be⸗ 4 1 169 gann, als wollte ſie ein lauſchendes Ohr betäuben, zu murmeln und laut zu ſingen, und machte zugleich Geräuſch unter dem Reiß⸗ holz, welches jetzt in der Höhle angehäuft war.— „Hier, tolles Teufelskind,“ rief Dirk Hatteraick's rauhe Stimme aus dem Innern ſeiner Höhle;„was machſt du dort?!“ „Lege das Reißig zurecht, daß es den kalten Wind von euch abhält, ihr verzweifelter Taugenichts— ihr befindet euch allzu wohl; es wird bald anders ſein.“ „Habt ihr mir den Branntwein gebracht, und was Neues von meinen Leuten?“ ſagte Dirk Hatteraick. „Da iſt die Flaſche für euch. Eure Leute— zerſtreut— ent⸗ laufen— oder zuſammengehauen von den Rothröcken.“ „Der Teufel!— das iſt mir eine heilloſe Küſte.“ „Ihr könnt noch mehr Grund haben, ſo zu ſagen.“ Während dieſes Geſprächs hatten Bertram und Dinmont das Innere der Höhle gewonnen und ſich aufrecht geſtellt. Das einzige Licht, welches die rauhen und düſtern Wände erhellte, kam von einem zu Kohle verbrannten Holzhaufen auf einem eiſernen Roſte, wie man ihn Nachts beim Lachsfange anwendete. Auf dieſe rothe Gluth warf Hatteraick von Zeit zu Zeit eine Handvoll Zweige oder geſpaltenes Holz; aber ſelbſt dies gewährte beim Aufflackern nicht genug Licht für die weite Höhle; und da deren Hauptbewohner zu der Seite des Roſtes lag, die am weiteſten vom Eingange entfernt war, ſo war es nicht, leicht für ihn, die in jener Richtung befind⸗ lichen Gegenſtände genau zu unterſcheiden. Die Eindringenden, deren Zahl nun unverhofft auf rei geſtiegen war, ſtanden daher hinter den locker gehäuften Reiſern ohne große Gefahr, entdeckt zu werden. Dinmont hatte Verſtand genug, Hazlewood mit einer Hand ſo lange zurückzuhalten, bis er Bertram zugeflüſtert hatte:„ein Freund— Junker Hazlewood.“ Es war nicht die Zeit, ſie einander vorzuſtellen, und alle ſtanden ſo ſtill, wie die Felſen umher, aber im Dunkeln hinter dem Holzhaufen, den man wahrſcheinlich an dieſer Stelle gehäuft hatte, um den kalten Seewind abzuhalten, ohne doch der Luft den Zutritt gänzlich zu verſperren. Die Zweige waren ſo locker über einander gelegt, daß man, gegen den glühenden Roſt hindurchblickend, ſehen konnte, was in der Nähe vorging, obwohl eine weit ſtärkere Be⸗ leuchtung die Perſonen im Hintergrunde der Höhle nicht fähig ge⸗ macht haben würde, die Stellung der Lauſchenden zu entdecken. Die Scene gewährte, auch abgeſehn von dem beſondern mora⸗ liſchen Intereſſe und der perſönlichen Gefahr, die damit verbunden, ſchon durch die Wirkung des Lichtes und Schattens auf die unge⸗ wöhnlichen Gegenſtände, einen vorzüglich ſchauerlichen Anblick. Die dunkelrothe Gluth auf dem Roſte erhob ſich von Zeit zu Zeit zu einer mehr oder minder düſter leuchtenden Flamme, je nachdem das Holz, womit Oirk Hatteraick ſein Feuer nährte, ſich beſſer oder ſchlechter dazu eignete. Jetzt erhob ſich eine düſtere Rauchwolke zu der Decke der Höhle, jetzt wieder fuhr eine unſichere und matte Flamme dazwiſchen empor, die flackernd durch die Rauchſäule wirbelte, und plötzlich durch etwas dürres Reiſig heller und lebhaf⸗ ter gemacht wurde, oder auch durch einige Kienſpähne, die dann alsbald den Rauch in Gluth verwandelten. Bei ſolch' unbeſtimm⸗ ter Beleuchtung vermochten ſie mehr oder minder deutlich Hatte⸗ raick's Geſtalt zu ſehen, deſſen wildes und roh gebildetes Geſicht, jetzt noch wilder gemacht durch die umſtände ſeiner Lage und ſeinen düſtern Gemüthszuſtand, recht wohl zu dem rauhen und unebenen Gewölbe paßte, welches ſich in einem rohen Bogen um und über ihm hob. Die Geſtalt der Meg Merrilies, die ſich bei ihm zu ſchaffen machte und bald im Lichte ſtand, bald von Rauch oder Fin⸗ ſterniß theilweiſe verſteckt war, bildete einen ſeltſamen Kontraſt zu der ſitzenden Figur Hatteraick's, wenn er ſich über die Gluth beugte 171 und, ſeiner beſtimmten Situation wegen, dem Zuſchauer ſtets ſicht⸗ bar blieb, während die weibliche Figur immer in Bewegung war, und, gleich einem Geſpenſt, verſchwand und wieder erſchien. Bertram fühlte beim Anblicke Hatteraick's ſein Blut kochen. Er erinnerte ſich ſeiner recht gut unter dem Namen Janſen, den der Schmuggler nach dem Tode Kennedy's angenommen hatte; desgleichen erinnerte er ſich, daß dieſer Janſen und ſein Unterſchif⸗ fer Brown, derſelbe der bei Woodbourne erſchoſſen ward, die här⸗ teſten Tyrannen ſeiner Kindheit geweſen waren. Bertram erkannte ferner, indem er ſeine eigenen unvollkommenen Erinnerungen durch die Erzählungen Mannering's und Pleydell's ergänzte, daß dieſer Mann der Rädelsführer bei jener Gewaltthat geweſen war, die ihn von Familie und Heimat fortriß und ſo vielem Mißgeſchick und Ge⸗ fahren ausſetzte. Tauſend aufregende Gedanken erhoben ſich in ſei⸗ nem Buſen; kaum konnte er ſich enthalten, auf Hatteraick loszu⸗ ſtürzen und ihm die Hirnſchale einzuſchlagen. Dies würde für jetzt ein unſicheres Unternehmen geweſen ſein. Die Flamme, während ſie ſtieg und ſank und den ſtarken, musculb⸗ ſen und breitſchulterigen Bau des Schurken darſtellte, beleuchtete auch zugleich zwei Paar Piſtolen in ſeinem Gürtel, ſo wie den Griff ſeines Säbels; es war kein Zweifel, daß ſeine Verzweiflung ſeine Stärke und ſeine Widerſtandsmittel bedeutend erhöhen werde. Beides war in der That nicht hinreichend, der Macht zweier ſolchen Männer die Spitze zu bieten, wie Bertram und ſein Freund Din⸗ mont waren, nicht zu rechnen ihren unerwarteten Helfer Hazle⸗ wood, welcher ohne Waffen und überhaupt minder ſtark war; aber Bertram fühlte nach kurzer Ueberlegung, daß es ihm weder zur Ehre noch zum Ruhme gereichen werde, wenn er dem Henker im Amte vorgreifen wolle, und zugleich erwog er, wie wichtig es ſei, Hat⸗ teraick lebendig zu fangen. Er unterdrückte daher ſeinen Zorn, und erwartete, was zwiſchen dem Schurken und der Zigeunerin vor⸗ gehen würde.— „Und wie ſteht's nun um euch?“ ſagte die rauhe und unmelodi⸗ ſche Stimme ſeiner Pflegerin;„Sagt' ich nicht, es werde über euch kommen— und zwar in der nämlichen Höhle, wo ihr nach der That herbergtet!“ „Wetter und Sturm, ihr Hexe!“ erwiederte Hatteraick,„be⸗ haltet eure Teufelsreden, bis man ſie verlangt. Habt ihr Gloſſin geſehn?“ „Nein,“ erwiederte Meg Merrilies:„ihr habt euren Schlag verfehlt, ihr Blutvergießer! und ihr habt nichts vom Verſucher zu erwarten.“ „Hagel!“ rief der Schurke,„hätt' ich ihn nur bei der Gur⸗ gel!— und was hab' ich nun zu thun?“ „Thun?“ antwortete die Zigeunerin;„Sterben wie ein Mann, oder gehängt werden, wie ein Hund!“ „Gehängt, ihr Satanshexe!— der Hanf iſt nicht geſäet, woran ich hangen ſoll.“ „Iſt geſät, und iſt gewachſen, und iſt gehechelt, und iſt ge⸗ ſponnen. Sagt' ich euch nicht, als ihr den Knaben Harry Ber⸗ tram, trotz meiner Bitten, wegnahmet,— ſagt' ich euch nicht, er würde kommen, wenn er bis zum einundzwanzigſten Jahre ſein Schickſal in fremden Landen erduldet hätte!— Sagt' ich nicht, das alte Feuer würde bis auf einen Funken niederbrennen, aber wieder auflodern?“ „Freilich, Mutter, ſo ſagtet ihr,“ ſagte Hatteraick mit einer Stimme, die etwas nach Verzweiflung klang;„und, Donner und Blitz! ich glaube, ihr habt wahr geſprochen— dieſer Junker von Ellangowan iſt mir mein Lebenlang ein Stein des Anſtoßes gewe⸗ ſen! Und nun iſt durch Gloſſin's verfluchte Ränke meine Mann⸗ ſchaft zuſammengehauen, meine Boote zerſtört, und das Schiff wahrſcheinlich genommen— es waren nicht Männer genug am Bord geblieben, um es zu regieren, viel weniger, um zu fechten— ein Boot hätt' es nehmen können. Und was ſoll ich den Eigenthü⸗ mern ſagen?— Hagel und Sturm! Ich werde mich nie wieder nach Vlieſſingen zurück wagen.“ „Ihr werdet's nicht nöthig haben,“ ſagte die Zigeunerin. „Was thuſt du dort,“ ſagte jener,„und warum ſagſt du ſo? Während dieſes Geſprächs häufte Meg einigen Flachs locker zuſammen. Eh' ſie jene Frage beantwortete, ließ ſie einen Brand auf den Flachs fallen, den ſie vorher mit etwas Branntwein ge⸗ tränkt hatte:— denn augenblicklich fing er Feuer und erhob ſich in einer wallenden und blendend glänzenden Lichtpyramide bis zur höchſten Stelle des Gewölbes. Während ſie emporſtieg⸗ beant⸗ wortete Meg des Schurken Frage mit feſter und ſtarker Stimme:— „Weil die Stunde gekommen iſt und der Mann.“ Bei dem verabredeten Zeichen ſprangen Bertram und Din⸗ mont über das Reißholz und ſtürzten über Hatteraick her. Hazle⸗ wood, unbekannt mit ihrem Angriffsplane, that dies einen Augen⸗ blick ſpäter. Der Schurke, der ſogleich ſah, er ſei verrathen, wandte zuerſt ſeine Rache auf Meg Merrilies, nach welcher er ein Piſtol abfeuerte. Sie fiel, mit einem durchdringenden und furcht⸗ baren Schrei, halb der Wehruf des Schmerzes, halb der Schall des Lachens, wenn dies ſeine höchſte und erſtickendſte Höhe erreicht. „Ich wußte, es würde ſo kommen,“ ſagte ſie.— Bertram glitt in der Eile auf dem unebenen Fels aus, welcher den Boden der Höhle bildete; ein glücklicher Fall, denn Hatteraick's zweite Kugel pfiff über ihm hin, und es war ſo gut gezielt worden, daß ſie ihm, hätt' er aufrecht geſtanden, nothwendig in's Gehirn hätte fliegen müſſen. Ehe der Schmuggler ein anderes Piſtol zie⸗ hen konnte, war Dinmont ſchon dicht bei ihm, und bemühte ſich mit gewaltiger Anſtrengung, ihm die Waffen zu entwinden. Aber 174 ſo groß war des Böſewichts perſönliche Stärke, welche noch durch die Verzweiflung vermehrt ward, daß er, trotz der Rieſenſtärke, womit der Pächter ihn gepackt hielt, dennoch Dinmont durch den brennenden Flachs ſchleppte, und auch beinah' ein andres Piſtol gezogen haben würde, welches wahrſcheinlich dem ehrlichen Land⸗ manne übel bekommen wäre, hätten dem letztern nicht Bertram und Hazlewood Beiſtand geleiſtet. Sie warfen daher endlich mit gemeinſamer Kraft und großer Anſtrengung Hatteraick zu Boden, entwaffneten und banden ihn. Dieſer Kampf, obwohl er in der Erzählung einige Zeit koſtet, geſchah doch in weniger als einer Minute. Als er gehörig geknebelt war, lag der Schurke, nach einigen verzweifelten und faſt krampfhaften Bewegungen, vollkom⸗ men ſtill und ſchweigend.„Er hat ſich gehörig gehalten,“ ſagte Dinmont;„nun, deßwegen gefällt er mir nicht ſchlechter.“ Dieſe Bemerkung machte der wackere Dandie, während er den brennenden Flachs von ſeinem groben Rock und zottigen ſchwarzen Haar ſchüttelte, welches in dem Kampfe ziemlich verſengt worden war.„Er iſt nun ruhig,“ ſagte Bertram;„Bleibt bei ihm und erlaubt ihm nicht, ſich zu rühren, bis ich geſehn habe, ob das arme Weib lebendig oder todt iſt.“ Mit Hazlewood's Beiſtand hob er Meg Merrilies auf. „Ich wußte, es würde ſo kommen,“ murmelte ſie,„und ge⸗ rade ſo ſollt' es auch kommen.“ Die Kugel war unter der Kehle in die Bruſt gedrungen. Es blutete äußerlich nicht ſehr; aber Bertram, gewöhnt, Schußwun⸗ den zu ſehn, hielt dies für ſo ſchlimmer.„Guter Gott! was ſol⸗ len wir für dies arme Weib thun?“ ſagte er zu Hazlewood,— denn natürlich konnten beide hier nicht an anderweitige Erklärun⸗ gen denken. „Ich habe mein Pferd oben im Wald angebunden,“ ſagte Hazlewood.„Ich habe Sie die zwei Stunden lang beobachtet— ich will fort reiten und einige zuverkäſſige Gehitfen ſuchen. Unter⸗ deſſen wird das Beſte ſein, Sie vertheidigen den Eingang der Höhle gegen jeden, bis ich zurückkehre.“ Er eilte hinweg. Bertram, nachdem er Meg Merrilies Wunde, ſo gut er konnte, verbunden hatte, nahm ſeinen Poſten, mit einem geſpannten Piſtol in der Hand, nah' am Eingange der Höhle; Dinmont fuhr fort, Hatte⸗ raick zu bewachen. Eine Todtenſtille herrſchte in der Höhle, nur unterbrochen durch das leiſe und gedämpfte Stöhnen der verwunde⸗ ten Frau, und durch die rauhen Athemzüge des Gefangenen. 1 Sechzehntes Kapitel. Ob du, verführt und falſch geleitet, Auch lang gereiſt und lang geirrt, Dein Gott hat dich doch ſtets geleitet, Und ſtets ſah er, was dich verwirrt. Der Gerichtsſaal. Nach Verlauf von beinahe drei Viertelſtunden, welche die Un⸗ ſicherheit und Gefahr ihrer Lage wohl dreißigmal ſo lang erſcheinen ließen, hörte man endlich die Stimme des jungen Hazlewood von draußen.„Hier bin ich,“ rief er,„mit hinreichender Geſell⸗ ſchaft.“ „So kommen Sie herein,“ antwortete Bertram, ſehr froh, von ſeinem Poſten abgelöſt zu werden. Darauf trat Hazlewood ein, in Begleitung einiger Landleute, deren einer Diener des Frie⸗ densgerichts war. Sie hoben Hatteraick empor und trugen ihn auf ihren Armen, ſo weit dies die enge Wölbung des Eingangs geſtat⸗ tete; ſodann legten ſie ihn auf den Rücken und ſchleppten ihn weiter, ſo gut ſie konnten, denn kein Zureden konnte ihn dazu bewegen, die Abführung durch ſeinen eignen Beiſtand zu erleichtern. Er lag ſo ſtumm und unthätig in ihren Händen, wie ein Leichnam, unfähig, 177 ihrem Werke zu widerſtehen, aber es eben ſo wenig unterſtützend. Als er an das Tageslicht geſchleppt und zwiſchen drei oder vier Männern aufrecht auf ſeine Füße geſtellt war,(denn es waren noch einige Leute außen geblieben,) ſchien er durch den plötzlichen Wechſel nach der Finſterniß ſeiner Höhle betäubt und geblendet. Während andre die Entfernung der Meg Merrilies übernahmen, verſuchten diejenigen, die bei Hatteraick blieben, dieſen auf ein Felſenſtück niederzuſetzen, welches dicht bei der Stelle lag, welche die hohe Fluth bezeichnete. Ein heftiges Schaudern machte ſeine eiſenfeſte Geſtalt einen Augenblick erzittern, während er ſich der Abſicht jener Leute widerſetzte.„Nicht dort— Hagel!— ihr wollt mich doch nicht dort ſitzen laſſen?“ Dies waren die einzigen Worte, die er ſprach; aber der Sinn derſelben und der Ton tiefen Grauens, in welchem er ſie äußerte, zeigte an, was in ſeinem Gemüthe vorging. Als Meg Merrilies ebenfalls aus der Höhle gebracht war, was mit all' der Sorgfalt geſchah, welche die Umſtände geſtatteten, be⸗ rathſchlagte man, wohin ſie zu bringen ſei. Hazlewood hatte nach einem Wundarzt geſchickt, und ſchlug vor, man ſolle ſie unterdeſſen zur nächſten Hütte bringen. Aber die Verwundete rief mit großem Ernſt:„Nein, nein, nein! zum Kaim von Derncleugh— zum Kaim von Derncleugh— der Geiſt wird vom Leibe nicht frei, au⸗ ßer dort.“. „Man muß ihr nachgeben, denk ich,“ ſagte Bertram;„ihre verwirrte Phantaſie wird ſonſt das Wundfieber verſchlimmern.“ Sie trugen ſie daher nach jenem Gewölbe. Unterwegs ſchien ihr Geiſt mehr bei der eben erlebten Scene zu weilen, als bei dem nahen Tode.„Orei waren da gegen ihn— ich brachte die zwei— aber wer war der dritte! War er ſelber es, der wiederkam, um ſeine Rache ſelber zu vollbringen?“ Guy Mannering. III. 42 Es war offenbar, daß das Erſcheinen Hazlewood's, deſſen Perſon zu erkennen ihr Hatteraick's Angriff nicht geſtattete, einen ſtarken Eindruck auf ihre Einbildungskraft hervorgebracht hatte. Sie kam oft wieder darauf zurück. Hazlewood erklärte Bertram ſeine unerwartete Ankunft und berichtete, daß er ſie, nach Manne⸗ ring's Andeutung, einige Zeit im Geſicht behalten habe; daß er, ihr Verſchwinden in der Höhle beobachtend, nachgekrochen ſei, um ihnen ſeine Gegenwart anzukündigen, als ſeine Hand im Finſtern Dinmont's Bein ergriffen habe, wodurch faſt eine Kataſtrophe her⸗ beigeführt worden ſei, welche nur die Geiſtesgegenwart und der Muth des kühnen Landmanns abwendete. Als die Zigeunerin bei dem Thurme anlangte, gab ſie den Schlüſſel her; und als man eintrat und im Begriff war, ſie auf das Bett zu legen, ſagte ſie, mit ängſtlich beſorgter Stimme: „Nein, nein! nicht ſo, die Füße nach Morgen;“ und ſie ſchien zufrieden, als man ihr dieſe Lage gegeben, und ſie gleich einem Leichnam hingelegt hatte. „Iſt kein Geiſtlicher in der Nähe,“ ſagte Bertram,„um dieſer unglücklichen Frau beizuſtehn!“ Ein Herr, der Pfarrer des Kirchſpiels, der Hazlewood's Leh⸗ rer geweſen war, hatte, gleich vielen andern, das Gerücht ver⸗ nommen, daß der Mörder Kennedy's auf der nämlichen Stelle ge⸗ fangen worden ſei, wo er vor vielen Jahren die That verübte, und daß das Weib tödtlich verwundet worden. Aus Neugier, oder viel⸗ mehr in dem Gefühle, daß ihn ſeine Amtspflicht zu Scenen der Trübſal rufe, war dieſer Herr zum Thurme von Oerncleugh ge⸗ kommen, wo er ſich nun vorſtellte. Zu gleicher Zeit kam der Wund⸗ arzt an, und wollte die Wunde unterſuchen; aber Meg wies die Hilfe von Beiden zurück.„Was Menſchen thun können, kann weder meinen Körper heilen, noch meine Seele retten. Laßt mich ſprechen, was ich zu ſagen habe, und dann mögt ihr euren Willen 179 haben; ich werd' es nicht hindenn.— Aber wo iſt Henry Ber⸗ tram?“— Die Umſtehenden, denen dieſer Name lange fremd ge⸗ weſen war, ſtarrten einander an.„Ja!“ ſagte ſie, mit ſtärkerer und rauherer Stimme,„ich ſagte, Henry Bertram von El⸗ langowan. Tretet aus dem Lichte, und laßt mich ihn ſehen.“ Alle Augen richteten ſich auf Bertram, der ſich dem elenden Lager näherte. Die verwundete Frau nahm ihn bei der Hand. „Seht ihn an,“ ſagte ſie,„wer von euch je ſeinen Vater oder ſeinen Großvater ſah, und bezeugt, daß er ihr lebendiges Ebenbild iſt.“ Ein Gemurmel lief durch die Menge— die Aehnlichkeit war zu überraſchend, als daß ſie geläugnet werden konnte.„Und nun hört mich— und laßt jenen Mann,“(ſie deutete auf Hatteraick, der in einiger Entfernung zwiſchen ſeinen Wächtern ſaß,)„laßt ihn abläugnen, was ich ſage, wenn er's kann. Das iſt Henry Bertram, Sohn des Godfrey Bertram, einſt Herr von Ellangowan; dieſer junge Mann iſt daſſelbe Kind, welches Dirk Hatteraick von der Warrochſpitze an dem Tage entführte, wo er den Zöllner mor⸗ dete. Ich war dort gleich einem irren Geiſte— denn mich ver⸗ langte, den Wald zu ſehn, ehe wir die Gegend verließen. Ich ret⸗ tete des Knaben Leben, und ich bat inſtändig, daß ſie ihn mir über⸗ laſſen möchten. Aber ſie trugen ihn hinweg und er iſt lange Zeit: über'm Meer geweſen; und nun kommt er, ſein Erbe zu nehmen, und was ſollt' ihm widerſtehen!— Ich ſchwur, das Geheimniß zu bewahren, bis er ein und zwanzig Jahr alt ſei— ich wußte, daß ihn dreimal ſein Schickſal treffen mußte, bis dieſer Tag kam— ich hielt den Schwur, den ich ihnen leiſtete— aber mir ſelbſt that ich ein zweites Gelübde, daß ich ihn, wenn ich den Tag ſeiner Rück⸗ kehr erlebte, in ſeiges Vaters Erbe einſetzen wollte, ſollt' auch jeder Schritt über einen Todten gehn. Ich hab’ auch dieſen Eid gehalk⸗ ten, ich ſelbſt werde ein Schritt ſein— hier“(ſie zeigt auf Hat⸗ 125* 180 teraick,)„wird bald ein zweiter ſein, und noch einige werden folgen.“ Der Geiſtliche bemerkte jetzt, wie Schade es ſei, daß dieſe Ausſage nicht gehörig aufgezeichnet und niedergeſchrieben worden wäre, und der Wundarzt hielt es für dringend nothwendig, end⸗ lich die Wunde zu unterſuchen, ſtatt die Frau durch Fragen zu er⸗ ſchöpfen. Als ſie ſah, daß man Hatteraick entfernte, um das Ge⸗ mach dem Wundarzt ungeſtört zu ſeinen Operationen zu überlaſſen, rief ſie laut, indem ſie ſich zugleich ſelbſt auf dem Lager emporrich⸗ tete:„Dirk Hatteraick, wagt ihr, mit meinem Blut an euren Händen, ein Wort von dem zu läugnen, was mein entfliehender Athem kund gab!“— Er blickte ſie mit dem Ausdrucke roher, boshafter Verſtocktheit an, bewegte ſeine Lippen, ſprach aber kein Wort.„So lebt wohl!“ ſagte ſie,„und Gott vergeb' euch,— eure Hand hat meine Ausſage beſiegelt.— Als ich unter den Men⸗ ſchen lebte, war ich die wahnſinnige Zigeunerin, die gepeitſcht, verbannt und gebrandmarkt wurde— die von Thür zu Thür bet⸗ telte, und wie ein räudiger Hund von Dorf zu Dorf gejagt wurde — wer würde da ihre Erzählung beachtet haben?— aber jetzt bin ich ein ſterbendes Weib, und meine Worte werden nicht auf die Erde fallen, die bald mein Blut bedecken wird!“ Hier ſchwieg ſie, und alle verließen das Gemach, mit Aus⸗ nahme des Wundarztes und einiger Weiber. Nach kurzer Prüfung ſchüttelte er den Kopf und überließ ſeine Stelle neben der Sterben⸗ den dem Geiſtlichen. Ein Wagen, welcher leer nach Kippletringan zurückkehrte, war auf der Straße von einem Gerichtsbeamten angehalten wor⸗ den, damit man Hatteraick darin zum Gefängniß bringen könnte. Als der Kutſcher vernahm, was zu Oerncleugh vorging, überließ er ſeine Pferde der Aufſicht eines müßigen Knaben, da er mehr Ver⸗ trauen in die Jahre und das gute Benehmen der Pferde ſetzte, als 181 auf den Hüter derſelben; und darauf eilte er fort um zu ſehen,„was für ein Spaß dort vorgehe.“ Er langte bei der Schaar der Bauern und übrigen Umſtehenden, deren Zahl ſich immer vermehrte, gerade in dem Augenblicke an, als ſie Hatteraick's rauhe Züge lange genug angeſtaunt hatten, und nun ihre Aufmerkſamkeit auf Bertram rich⸗ teten. Faſt Alle, beſonders die bejahrten Leute, welche Ellango⸗ wan in ſeinen beſſern Tagen geſehen hatten, fühlten und beſtätig⸗ ten das, was Meg Merrilies ausſagte. Aber die Schotten ſind vorſichtige Leute; ſie bedachten, daß ein Andrer im Beſitz des Erbes war und daher drückten ſie nur leiſe flüſternd ihre Empfindungen ge⸗ geneinander aus. Unſer Freund, Jock Jabos, der Poſtknecht, erzwang ſich ſeinen Weg mitten durch den gedrängten Kreis; aber kaum warf er einen Blick auf Bertram, als er erſtaunt zurückfuhr und mit feierlicher Stimme rief:„Wahrlich, der alte Ellango⸗ wan, von den Todten aufgeſtanden!“ Dieſe offene Kundgebung eines freien Zeugniſſes war eben der fehlende Funke, der dem allgemeinen Gefühl nun Feuer geben ſollte und dieſes machte ſich in drei ſehr beſtimmt ausgeſprochenen Ausru⸗ fungen Luft:—„Bertram lebe hoch!“—„Lang lebe der Erbe von Ellangowan!“—„Gott gebe ihm ſein Gut und laſſ ihn un⸗ ter uns leben, wie ſeine Vorfahren gethan haben!“ „Ich bin ſiebzig Jahr auf dem Gute geweſen,“ ſagte eine Perſon. „Ich und die Meinigen ſieben und ſiebzig,“ ſagte ein Andrer; „ich muß ja wohl das Geſicht eines Bertram genau kennen.“ „Ich und die Meinigen waren ſeit drei hundert Jahren hier,“ ſagte ein andrer alter Mann,„und ſollt ich meine letzte Kuh ver⸗ kaufen, ich muß dem jungen Laird noch ſein Recht erlangen ſehn!“ Die Weiber, die ſich immer des Wunderbaren freuen, und das zumal dann, wenn ein hübſcher junger Mann Gegenſtand der Er⸗ zählung iſt, vermehrten das allgemeine Jubelgeſchrei durch ihr gel⸗ lenden Stimmen.„Segen über ihn!— er iſt das wahre Ebenbild ſeines Vaters!“— „Ach, daß ſeine arme Mutter, die aus Gram und Beſorgniß um ihn ſtarb, nicht dieſen Tag erlebt hat!“ riefen einige weibliche Stimmen. 4 „Aber wir wollen ihm zu dem Seinigen helfen,“ riefen an⸗ dere;„und ehe Gloſſin das Gut Ellangowan behauptet, wollen wir ihn mit unſern Nägeln herauskratzen!“ Andere drängten ſich um Dinmont, der nicht faul war, zu ſagen, was er von ſeinem Freunde wußte, und auch ſtolz auf die Ehre war, zu ſeiner Entdeckung beigetragen zu haben. Da er mehrere der anweſenden vornehmern Pächter kannte, ſo ſteigerte ſein vielgeltendes Zeugniß die allgemeine Begeiſterung bedeutend. Kurz, es war einer von den Augenblicken tiefer Rührung, wo der Froſt des ſchottiſchen Volks wie eine Schneedecke hinwegſchmilzt, daß dann die fluthenden Bäche Damm und Oeich durchbrechen. Das plötzliche Jubelgeſchrei unterbrach die Gebete des Geiſt⸗ lichen; und Meg, die in einer krampfhaften Betäubung lag, wie ſie der Endſchaft vorauszugehen pflegt, fuhr plötzlich empor:— „Hört ihr's nicht?— hört ihr's nicht?— er wird anerkannt!— er wird anerkannt! das mußt' ich erleben.— Ich bin ein ſündiges Weib; aber wenn mein Fluch das Unheil brachte, ſo hat es mein Segen gehoben! Und ich möchte nun wohl gern noch mehr geſagt haben. Aber es kann nicht ſein. Halt“— fuhr ſie fort, ihr Haupt nach dem Lichtſchimmer richtend, welcher durch den ſchmalen Spalt brach, der als Fenſter diente,„iſt er nicht dort!— Geht aus dem Lichte, und laßt mich ihn noch einmal ſehen. Aber es ruht nun Finſterniß auf meinen Augen,“ ſagte ſie, zurückſinkend, nachdem ſie ſtarr in den leeren Raum geblickt hatte—„'siſt nun vorbei, Hauch muß fliehn, Tod erſchien!“ 183 und auf ihr Strohlager zurückſinkend, verſchied ſie ohne einen Seufzer. Der Geiſtliche und der Wundarzt zeichneten ſorgfältig Ales auf, was ſie geſagt hatte, indem ſie tief bedauerten, ſie nicht umſtändlicher befragt zu haben; aber beide blieben mora⸗ liſchüberzeugt von der Wahrheit ihrer Eröffnungen. Hazlewood war der erſte, welcher Bertram zu der neuen Aus⸗ ſicht, ſeinen Namen und Rang in der Geſellſchaft hergeſtellt zu ſehen, Glück wünſchte. Die umſtehenden Leute, welche nun von Jock Ja⸗ bos hörten, Bertram ſei die Perſon, die ihn verwundet hatte, wa⸗ ren von ſeiner Großmuth überraſcht und riefen auch ſeinen Namen, während ſie Bertram jubelnd nannten. Einige fragten jedoch den Poſtknecht, warum er Bertram nicht erkannt habe, als er ihn vor kurzem zu Kippletringan ſah? darauf gab er die ſehr natürliche Antwort:„Ei, dachte ich denn damals an Ellangowan!— als ſich aber jetzt das Geſchrei erhob, der junge Laird ſei gefunden, da fiel mir ſogleich die Aehnlichkeit auf— man kann ſich in ihm nicht irren, wenn man ihn nur anſieht.“ Die Hartnäckigkeit Hatteraick's war während des letzten Theils dieſer Scene doch etwas erſchüttert. Man ſah, wie er die Augen niederſchlug— wie er die gebundenen Hände zu heben ſuchte, um den Hut tiefer in's Geſicht zu ziehen— und wie er unruhig und ungeduldig nach der Straße blickte, als erwarte er den Wagen, der ihn von dieſem Orte bringen ſollte. Endlich ließ ihn Hazlewood, beſorgt, daß ſich die Volkswuth gegen den Gefangenen wenden möchte, in der Poſtkutſche nach Kippletringan bringen, um ihn Mac⸗Morlan zur Verfügung zu ſtellen; zugleich ſandte er an dieſen Herrn einen Boten ab, um ihn von dem Vorgefallenen zu unter⸗ richten.„und nun,“ ſagte er zu Bertram,„würde ich glücklich ſein, wenn Sie mich nach Hazlewood begleiten wollten; da dies aber jetzt nicht ſo annehmlich ſein dürfte, als es hoffentlich in weni⸗ gen Tagen ſein wird, ſo müſſen Sie mir erlauben, mit Ihnen nach 184 5 Woodbourne zurückzukehren. Sie ſind aber zu Fuße.“—„O, wenn der junge Laird mein Pferd nehmen wollte!“—„Oder mei⸗ nes,“—„Oder meines,“ riefen ein halb Dutzend Stimmen— „Oder meines; er kann damit drei Meilen die Stunde ohne Peit⸗ ſche und Sporn traben, und es gehört dem jungen Laird von dieſem Augenblick, als Herrengebühr, wie man es von jeher nannte.— Bertram nahm das Pferd endlich als Lehen, und ſagte der verſam⸗ melten Menge ſeinen Dank für ihre guten Wünſche, worauf wieder mit Jubelgeſchrei geantwortet wurde. Während der glückliche Eigenthümer einen Burſchen anwies, „den neuen Sattel zu holen,“ ein Andrer,„das Thier ein Biß⸗ chen glatt zu bürſten,“ ein Dritter,„hinunter zu laufen und Dan Dunkieſon's ſtählerne Steigbügel zu borgen,“ wobei er zugleich ſein Bedauern ausdrückte,„daß da keine Zeit übrig ſei, das Vieh zu füttern, damit der junge Laird ſeine Kraft deſto beſſer kennen lernen möchte,“— ging Bertram, den Geiſtlichen am Arm neh⸗ mend, in das Gewölbe, und ſchloß die Thür hinter ſich zu. Schwei⸗ gend ſchaute er einige Minuten auf Meg Merrilies Körper, der vor ihm lag, mit den Zügen, noch markirter durch den Tod, aber noch immer den ernſten, kräftigen Charakter verrathend, mit dem ſie im Leben ihre Herrſchaft als wilde Herrin des geſetzloſen Volkes be⸗ hauptet hatte, unter welchem ſie geboren war. Der junge Krieger trocknete die Thränen, die ihm unwillkürlich in's Auge drangen, als er die Reſte derjenigen ſah, die als Opfer ihrer Treue gegen ihn und ſeine Familie geſtorben war. Darauf ergriff er des Geiſt⸗ lichen Hand und fragte feierlich, ob ſie fähig geweſen ſei, ſei⸗ nen Gebeten die Aufmerkſamkeit zu ſchenken, die einem Sterben⸗ den zieme. „Werther Herr,“ ſagte der gute Pfarrer,„ich hoffe, dies arme Weib hatte noch Beſinnung genug, um den Inhalt meiner Gebete zu fühlen und Theil daran zu nehmen. Aber wir wellen beſcheiden 185 hoffen, daß wir nach der Gelegenheit, die wir zu religiöſem und 1 ſittlichem Unterricht hatten, gerichtet werden. Sie mußte gewiſſer⸗ maßen als eine unbelehrte Heidin im Schooße eines chriſtlichen Lan⸗ des angeſehn werden; auch müſſen wir uns erinnern, daß die Feh⸗ ler und Laſter ihres in Unwiſſenheit zugebrachten Lebens durch Bei⸗ ſpiele von uneigennütziger Treue, welche ſie faſt mit Heldenmuth bewahrte, ausgeglichen wurden. Ihm, der allein unſre Fehler und Irrthümer gegen unſer Streben nach Tugend abwägen kann, empfehlen wir ſie mit Ehrfurcht, aber nicht ohne Hoffnung.“ „Darf ich bitten,“ ſagte Vertram,„daß Sie jede anſtän⸗ dige Form beim Begräbniß dieſes armen Weibes geſtatten werden? Ich habe noch eine Baarſchaft, die ihr gehört, in meinen Händen, — auf alle Fälle werde ich für die Koſten verantwortlich ſein— zu Woodbourne bin ich zu finden“— Dinmont, den einer ſeiner Bekannten mit einem Pferde ver⸗ ſehn hatte, rief jetzt laut, daß Alles zu ihrer Rückkehr in Bereit⸗ ſchaft ſei; nachdem Bertram und Hazlewood die Menge, die jetzt auf einige hundert geſtiegen war, ernſtlich ermahnt hatten, in ihrer Freu⸗ de gute Ordnung zu halten, weil die geringſten Uebertretungen zum Nachtheil des jungen Laird ausgelegt werden könnten, wie ſie ihn nannten, nahmen beide nunmehr Abſchied, von dem Geſchrei der Menge begleitet. Als ſie bei den zerſtörten Hütten von Derncleugh vorüberrit⸗ ten, ſagte Dinmont:„Gewiß, Capitain, wenn ihr zu dem euri⸗ gen kommt, vergeßt ihr ſicher nicht, hier ein Häuschen zu bauen; ich würde es wirklich ſelber thun, wenn's nicht in beſſern Händen wäre.— Freilich möcht' ich nicht ſelber drin wohnen, nach dem was ſie ſagte; aber wahrhaftig, die alte Elsbeth wollt' ich hinein⸗ ſetzen, die Todtengräberwittwe— ihres Gleichen iſt vertraut mit Gräbern und Geiſtern und ſolchen Geſchichten.“ 186 Nach einem kurzen aber ſcharfen Ritte langten ſie in Wood⸗ bourne an. Die Nachricht von ihrem Unternehmen war bereits weit und breit bekannt und alle Einwohner der Nachbarſchaft empfingen ſie auf dem freien Platze bei Woodbourne mit glückwün⸗ ſchendem Zuruf.„Daß du mich noch lebendig ſiehſt,“ ſagte Ber⸗ tram zu Lucy, die ihm zuerſt entgegen eilte, obwohl ihr Juliens Blicke noch zuvorkamen,„das verdankſt du nur dieſen guten Freunden.“ Mit einem Erröthen, welches zugleich Vergnügen, Dankbar⸗ keit und Verlegenheit ausdrückte, verbeugte ſich Lucy gegen Hazle⸗ wood, Dinmont aber reichte ſie unbefangen die Hand. Der ehrliche Pächter nahm ſich im Uebermaaß ſeiner Freude größere Freiheit, als die dargebotene Hand gewähren ſollte, denn er drückte feinen Dank auf der Lady Lippen, war jedoch ſogleich über ſein unzartes Beneh⸗ men ſelber betroffen.„Um's Himmels willen, Lady, ich bitt' um Verzeihung,“ ſagte er;„ich vergaß, daß ihr keines von meinen Kindern ſeid— der Capitain iſt aber ſo leutſelig, man vergißt bei ihm, wer man iſt.“ Jetzt kam der alte Pleydell herbei.„Ei, wenn Sporteln wie dieſe gezahlt werden“— ſagte er—— „Halt, halt, Mr. Pleydell,“ ſagte Julie,„Sie haben Ihre Gebühren voraus— gedenken Sie der letzten Nacht.“ „Nun, ich bekenne den Vorſchuß,“ ſagte der Advokat;„aber ich werde doppelte Gebühren zu verlangen haben, von Miß Ber⸗ tram und von Ihnen, wenn ich morgen das Verhör Dirk Hatte⸗ raick's beendigt haben werde— den will ich ſchon lenkſam machen! — Sie werden es ſehen, Oberſt, und Sie, meine ſpröden Damen, ſollen es hören, wenn Sie es nicht ſehen mögen.“ „Ja, wenn wir nämlich Luſt haben, darauf zu hören,“ ſagte Julie, 187 4 „Ja, und zwei gegen eins iſt zu wetten,“ ſagte Pleydell, „daß Sie keine Luſt haben werden? ſo denken Sie vermuthlich. Aber Ihre Neugierde lehrt Sie ſchon, die Ohren dann und wann zu brauchen.“— „Ich erkläre,“ antwortete die muntere Julie,„daß ſolche zudringliche Herrchen, wie Sie, uns wohl bisweilen den Gebrauch unſerer Finger lehren können.“ „Die bewahren Sie für das Klavier, meine Theure,“ ſagte der Rechtsgelehrte.„Das iſt beſſer für uns Alle.“ Während dieſes ſcherzhaften Geſchwätzes ſtellte Oberſt Man⸗ nering Bertram einen einfach und gutmüthig ausſehenden Mann vor, welcher grauen Rock und Weſte, Lederhoſen und Stiefeln trug. „Dies, mein lieber Sir, iſt Nr. Mac⸗Morlan.“ „Welchem,“ ſagte Bertram, ihn herzlich umarmend,„meine Schweſter eine Heimat verdankte, als ſie von all ihren natürlichen Freunden und Verwandten verlaſſen war.“ Jetzt drängte ſich der Dominie vor, lachte ſeltſam, ließ einen diaboliſchen Laut hören, indem er zu pfeifen verſuchte, und rannte endlich, da er ſeine Gefühle nicht zu überwältigen wußte, hinweg, um ſich durch Weinen zu erleichtern.. Wir wollen nicht verſuchen die Herzensfreude und Heiterkeit dieſes glücklichen Abends zu ſchildern. Siebzehntes Kapitel. —— Gleich dem boshaften Affen, Der grinſend ſich bei ſeinem Raub entdeckt ſieht, Erſcheint der ſchlaue Mann, deß Schurkerei Nun offen liegt am Tag!— Graf Baſil. Früh am folgenden Morgen war in Woodbourne alles in Be⸗ wegung, um dem Verhör in Kippletringan beizuwohnen. Mr. Pleydell ward, theils weil er ſchon früher hinſichtlich Kennedy's Ermordung Nachforſchungen angeſtellt, theils aus Achtung vor ſeiner vorzüglichen Gewandtheit, von Mr. Mao⸗Morlan, Sir Robert Hazlewood und einem andern anweſenden Friedensrichter eingeladen, das Amt eines Präſidenten zu übernehmen und das Verhör zu leiten. Auch Oberſt Mannering war zur Theilnahme aufgefordert worden. Pleydell vernahm und befragte die frühern Zeugen noch einmal. Sodann hörte er die Berichte des Geiſtlichen und des Wundarztes hinſichtlich der Erklärung der ſterbenden Meg Merrilies. Sie er⸗ klärten, daß ſie ſich beſtimmt, ausdrücklich und wiederholt als Au⸗ genzeugin beim Tode Kennedy's durch Hatteraick's und einiger ſei⸗ 189 —— 83 ner Gefährten Hände, erklärt habe; daß ihre Gegenwart zufällig ſtattgefunden; daß ſie glaubte, es habe jene Männer, als ſie Ken⸗ nedy begegneten, ihre Rachluſt zum Vollbringen des Verbrechens vermocht, weil ſie durch ſeine Vermittelung ihr Fahrzeug verloren hatten; daß ſie ſagte, es ſei noch ein Zeuge des Mordes, der jedoch ſeine Theilnahme verweigert habe, am Leben,— ihr Neffe nämlich, Gabriel Faa; und ſie hatte auch noch eine Perſon, die nach, nicht vor der That hinzukam, nennen wollen, als ihre Kraft ſie verlaſ⸗ ſen hatte. Sie vergaßen auch nicht Meg Merrilies Erklärung zu erwähnen, daß ſie das Kind gerettet habe, bis es ihr von den Schmugglern entriſſen worden ſei, um es nach Holland zu füh⸗ ren.— All' dieſe Einzelheiten wurden ſorgfältig zu Papiere ge⸗ bracht. Darauf ward Dirk Hatteraick in Feſſeln hereingeführt; man hatte ihn, ſeiner frühern Flucht wegen, um ſo ſicherer und ſtrenger bewacht. Er ward nach ſeinem Namen befragt; er antwortete nicht;— nach ſeinem Gewerbe; er blieb ſchweigend; verſchiedene andere Fragen legte man ihm vor, aber auf keine derſelben erwie⸗ derte er etwas. Pleydell wiſchte die Gläſer ſeiner Brille und be⸗ trachtete den Gefangenen ſehr aufmerkſam.„Der Kerl ſieht trotzig genug aus,“ flüſterte er Mannering zu;„aber, um mit Dog⸗ berry zu reden, ich will ihn ſchon weidlich bearbeiten.— Ruft So⸗ les herein— Soles den Schuhmacher.— Soles, erinnert ihr euch, einige Fußtapfen, im Warrochholze in den Schlamm gedrückt, am 17. Nov. 17— auf meinen Befehl gemeſſen zu haben!“ Soles er⸗ innerte ſich des Umſtandes vollkommen.„Seht dies Papier an, iſt dies eure Bemerkung des Maaßes?“— Soles erkannte die Aechtheit der Aufzeichnung.—„Nun, hier ſtehn ein Paar Schuh auf dem Tiſche; meßt ſie, und ſeht, ob ſie mit einer der hier von euch aufgezeichneten Spuren übereinſtimmen.“ Der Schuhmacher 190 gehorchte und erklärte,„daß ſie genau den größten jener Fußtapfen entſprächen.“ „Wir werden ſehn,“ ſagte der Advokat leiſe zu Mannering, „daß dieſe Schuh, die wir in den Ruinen von Derncleugh fanden, Browu gehörten, jenem Kerl, den ſie bei Woodbourne erſchoſſen.— Nun, Soles, meßt dieſes Gefangenen Füße auf das Genaueſte.“ Mannering beobachtete Hatteraick ſcharf und bemerkte ein ſichtbares Zittern.„Entſpricht dieſes Maaß einer der Fußſpuren!“ Der Mann ſah auf das Papier, dann auf ſein genommenes Maaß, und erkannte das frühere in dem gegenwärtig erhaltenen. „Es ſtimmt,“ ſagte er,„um ein Haar breit mit einer jener Fuß⸗ ſpuren überein.“ Hier verließ Hatteraick ſeine Beſonnenheit—„der Teufel!“ rief er,„wie konnten dort Spuren auf dem Boden ſein, es war ja ein Froſt, ſo hart wie nur einer ſein kann.“ „Am Abend allerdings, Capitain Hatteraick,“ ſagte Pleydell, „aber nicht am Vormittag— wollt ihr ſo gut ſein, mir zu ſagen, wo ihr euch an jenem Tage befandet, deſſen ihr euch ſo genau erinnert! Hatteraick fühlte ſein Verſehen und beharrte wieder in hart⸗ näckigem Schweigen—„Aber ſeine Bemerkung darf nicht vargeſſän werden,“ ſagte Pleydell zum Schreiber. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Ehür, und zum Staunen der meiſten Anweſenden trat Gloſſin herein. Dieſer würdige Gent⸗ leman hatte, mittelſt eines ſorgfältigen Forſchens, in Erfahrung⸗ gebracht, ſein Name ſei bei den Eröffnungen der ſterbenden Meg Merrilies nicht genannt worden, gewiß nicht, weil ſie ihm geneigt war, ſondern weil keine regelmäßige Unterſuchung ſtattfand und ſie vom Tod übereilt wurde. Er hielt ſich daher vor jeder Ausſage ſicher, außer vor einer ſolchen, die von Hatteraick ausgehen möchte; um dies zu verhindern, beſchloß er, ein kühnes Geſicht zu zeigen —— und ſich beim Verhör zu ſeinen gerichtlichen Amtsbrüdern zu geſel⸗ len.— Ich werde, dachte er, im Stande ſein, dein Schurken fühl⸗ bar zu machen, daß ſeine Sicherheit dadurch bedingt iſt, daß er mein Beſtes ſo gut wie das ſeine im Auge behält; und meine Ge⸗ genwart wird überhaupt ein Beweis meines guten Gewiſſens ſein. Sollte ich das Gut verlieren müſſen, nun, dann müßt' ich's frei⸗ lich⸗— aber ich hoffe, es ſoll beſſer kommen. Er trat ein mit einer tiefen Verbeugung vor Sir Robert Haz⸗ lewood. Sir Robert, welcher ſchon den Argwohn gefaßt hatte, er ſei von ſeinem plebejiſchen Nachbar genarrt worden, dankte blos mit einem ſteifen Kopfnicken, nahm eine Prieſe Tabak und ſah nach einer andern Richtung. „Mr. Corſand,“ ſagte Gloſſin zu dem andern Friedensrich⸗ ter,„Ihr ergebener Diener.“ 1 „Ergebener Diener, Mr. Gloſſin,“ antwortete Mr. Corſand trocken, indem er ſeine Mienen regis adexemplar, das heißt, nach der Weiſe des Baronets, richtete. „Mac⸗Morlan, mein würdiger Freund,“ fuhr Gloſſin fort, „wie geht's Ihnen— immer beſchäftigt!“ „Hm,“ ſagte der ehrliche Mac⸗Morlan, die Begrüßung ſehr gleichgiltig aufnehmend.—„Oberſt Mannering“(mit tiefer Ver⸗ beugung, die nur nachläſſig erwiedert ward,)„und Mr. Pleydell,“ (eine zweite tiefe Verbeugung,)„ich wagte Ihren Beiſtand kaum für Herrn auf dem Lande zu dieſer Zeit der Sitzungen zu hoffen.“ Pleydell nahm eine Prieſe und ſah ihn mit eben ſo ſchlauem als ſarkaſtiſchem Blicke an—„Ich will ihn,“ ſagte er leiſe zu Manne⸗ ring,„den Werth jener alten Regel lehren, Ne accesseris in con- silium antequam voceris.“ „Aber vielleicht komm' ich ungelegen, meine Herrn?“ ſagte Gloſſin, dem der kalte Empfang natürlich nicht entgehen konnte.— „Iſt es eine öffentliche Sitzung!“ 192 „Ich meinerſeits,“ ſagte Mr. Pleydell,„bin ſo weit ent⸗ fernt, Ihr Erſcheinen für ungelegen zu halten, Mr. Gloſſin, daß ich vielmehr erfreuter denn jemals bin, Sie zu ſehen; zumal da ich denke, wir würden im Laufe des Tages noch Gelegenheit gehabt haben, Sie um Ihre Gegenwart zu bitten.“ „Gut, meine Herrn,“ ſagte Gloſſin, indem er ſeinen Stuhl an den Tiſch zog und unter den Papieren umher zu ſtöbern be⸗ gann—„Wo ſind wir! wie weit ſind wir gekommen? wo ſind die Ausſagen?“ „Gebt mir all' dieſe Papiere,“ ſagte Mr. Pleydell zum Schreiber;—„ich habe ſo meine eigenſinnige Weiſe, meine Docu⸗ mente zu ordnen, Mr. Gloſſin; wenn ſie jemand anders in die Hände nimmt, verwirren ſie ſich für mich— aber ich werde Anlaß haben, Ihren Beiſtand in Anſpruch zu nehmen.“ Gloſſin, auf dieſe Weiſe zur Unthätigkeit verwieſen, warf ei⸗ nen heimlichen Blick auf Hatteraick, konnte aber in dieſem düſtern Geſicht weiter nichts leſen, als Bosheit und Haß gegen alle Anwe⸗ ſenden.„Aber, meine Herrn,“ ſagte Gloſſin,„iſt es auch billig, dieſen armen Mann ſo mit Eiſen belaſtet zu halten, da er doch blos zum Verhör geſtellt worden iſt?“ Dies ſollte eine Art von freundſchaftlichem Wink für den Ge⸗ fangenen ſein. „Er iſt zuvor einmal entflohen,“ ſagte Mac⸗Morlan trocken und Gioſſin ſchwieg. Jetzt ward Bertram eingeführt und zu Gloſſin's großer Ver⸗ wirrung von allen Anweſenden auf die freundlichſte Weiſe gegrüßt, ſogar von Sir Robert Hazlewood. Er berichtete ſeine Jugenderin⸗ nerungen ſo aufrichtig und mit ſo gewähltem Ausdrucke, daß dies ſchon für die Wahrheit des Geſagten ſprach.„Dies ſcheint keine Criminalunterſuchung zu ſein,“ ſagte Gloſſin, aufſtehend;„und da Ihnen bekannt ſein muß, meine Herrn, welchen Einfluß dieſes 193 jungen Mannes vorgebliche Verwandtſchaft auf mein Vermögen haben kann, ſo bitte ich, mich entfernen zu dürfen.“ „Nein, mein guter Sir, ſagte Mr. Pleydell,„wir können Sie keineswegs entbehren ber warum nennen Sie dieſes jungen Mannes Anſprüche vo— Ich will ihre Gegengründe nicht ausforſchen, wenn Sis ll hen haben, aber“— „Mr. Pleydell,“ erwiederte Gloſſin,„ich bin ſtets geneigt, offen zu handeln, und dieſe Sache glaube ich ſchnell erläutern zu können.— Dieſer junge Menſch, den ich für einen natürlichen Sohn des verſtorbenen Ellangowan halte, ging vor einigen Wo⸗ chen unter verſchiedenen Namen im Lande umher und ſtand dabei im Verkehr mit einem ſchlechten, alten tollen Weibe,— die, wie ich höre, jetzt in einem Kampf erſchoſſen ward, und mit andern Keſſel⸗ flickern, Zigeunern und ähnlichen Perſonen, ſo wie mit einem großen rohen Pächter aus Liddesdale; mit dieſen Geſindel hetzte er die Unterthanen gegen ihre Gutsherrn, und, wie Sir Robert Haz⸗ lewood von Hazlewood weiß— „Ich muß Sie unterbrechen, Mr. Gloſſin,“ ſagte Pleydell,— „wofür hielten Sie dieſen jungen Mann!“ „Ei, ich ſage,“ erwiederte Gloſſin,„und ich glaube dieſer Herr(auf Hatteraick blickend,) weiß es, daß der junge Mann ein natürlicher Sohn des verſtorbenen Ellangowan iſt, geboren von einer Dirne Namens Janet Lightoheel, die ſpäter an den Schiffs⸗ bauer Hewit, der in der Nähe von Allan lebte, verheirathet ward. Sein Name iſt Godfrey Bertram Hewit, und unter dieſem Namen kam er auf das königliche Zollſchiff Caroline.“ 3 „So?“ ſagte Pleydell,„dieſe Geſchichte klingt ſehr wayr⸗ ſcheinlich!— aber, um uns nicht bei einer Verſchiedenheit der Au⸗ gen, der Geſichtsfarbe u. ſ. w. aufzuhalten,— ſeid ſo gut und tre⸗ tet vor, Freund.“— Ein junger Scemann trat vor.——„Hier,“ fuhr der Rechtsgelehrte fort,„hier iſt der Wahre! hier iſt Godfrey Guy Mannering. III. 13 * 194 Bertram Hewit, geſtern Abend von Antigua, via Liverpool, an⸗ gelangt, unterſchiffer auf einem Weſtindienfahrer, und auf gutem Weg, glücklich durch die Welt zu kommen, obwohl er etwas unre⸗ gelmäßig hineinkam.“ Während die andern Richter einige Worte mit dieſem jun⸗ gen Manne ſprachen, nahm Pleydell unter den Papieren Hat⸗ teraick's alte Brieftaſche hervor. Ein eigenthümlicher Blick von des Schmugglers Auge flößte dem ſchlauen Juriſten den Gedanken ein, daß hier etwas intereſſantes zu finden ſein müſſe. Er fuhr da⸗ her fort, die Papiere zu unterſuchen, wobei er die Brieftaſche wie⸗ der auf den Tiſch legte, ſogleich aber bemerkte, daß dieſer Umſtand des Gefangenen Intereſſe an der Forſchung ſinken ließ. Es muß noch irgend etwas in dem Buche ſein, dachte Pleydell; er griff wieder nach der Brieftaſche, und entdeckte bei genauer Unterſuchung einen Schlitz zwiſchen Pappe und Leder, aus welchem er drei Papierſtrei⸗ fen zog. Pleydell wandte ſich nun an Gloſſin und bat ihn, zu ſa⸗ gen, ob er zugegen geweſen ſei, als man Kennedy's Körper und das Kind ſeines Gebieters ſuchte, an dem Tage, wo beide ver⸗ ſchwanden. 5 „Ich war nicht— das heißt— ich war“— antwortete der vom Gewiſſen getroffene Gloſſin. „Aber merkwürdig iſt es,“ ſagte der Advokat,„daß Sie, der mit der Familie Ellangowan in ſo genauer Verbindung ſtand, meines Wiſſens nicht vernommen wurden, ja, nicht einmal vor mix erſchienen, als die Unterſuchung ſtattfand.“ „ Ein wichtiges Geſchäft,“ antwortete Gloſſin,„rief mich am Morgen nach dem traurigen Ereigniß nach London.“ „Dieſe Antwort iſt genau aufzuzeichnen,“ ſagte Pleydell zum Schreiber.—„Ich vermuthe jenes Geſchäft beſtand darin, Mr. Gloſſin, dieſe drei Wechſel zu verkaufen, gezogen von Ihnen auf die Herren Vanbeeſt und Vanbruggen und acceptirt von einem ge⸗ 4 wiſſen Dirk Hatteraick, in jener Namen, gerade am Tage des Mor⸗ des. Ich wünſche Ihnen Glück, daß ſie in Ordnung gegangen ſind, wie ich vermuthe. Ich glaube, es war wenig Ausſicht dazu vorhanden.“ Gloſſin verlor die Faſſung.„Dieſe Documente,“ fuhr Mr. Pleydell fort,„beſtätigen die Nachricht, die über Ihr Benehmen bei jener Gelegenheit ein Mann, Namens Gabriel Faa, gab, den wir jetzt in Gewahrſam haben, und welcher Zeuge von Allem war, was zwiſchen Ihnen und dieſem würdigen Gefangenen vorging— haben Sie irgend eine Erklärung zu geben!?“ „Mr. Pleydell,“ ſagte Gloſſin, indem er ſich ſchnell faßte, „ich vermuthe, daß Sie, wenn Sie mein Rathgeber wären, mir nicht rathen würden, im Drange des Augenblicks auf eine Anklage zu antworten, welche der ſchlechteſte von allen Menſchen durch ei⸗ nen Meineid beſtätigen zu wollen ſcheint.“ „Mein Rath,“ ſagte der Advokat,„würde durch meine Mei⸗ nung von Ihrer Schuld oder Unſchuld beſtimmt werden. In Ih⸗ rem Falle glaube ich an das rathſamſte zu denken; aber Sie ſehen wohl ſelbſt ein, daß Sie verhaftet werden müſſen?“ „Verhaftet! weßhalb, Sir!“ erwiederte Gloſſin.„Auf die Beſchuldigung eines Mordes!“ „Nein; blos als Rathgeber und Theilnehmer bei Entführung eines Kindes.“ „Das iſt ein bürgſchaftsfähiges Vergehn.“ „Entſchuldigen Sie,“ ſagte Pleydell,„es iſt ein plagium und plagium iſt ein ſchweres Verbrechen.“ „Verzeihn Sie, Mr. Pleydell; es iſt nur ein Fall da, ich meine den mit Torrence und Waldie. Dieſe waren, wie ſie wiſſen, Leichenräuberinnen, die einigen jungen Aerzten den Körper eines Kindes verſprochen hatten. Um jenen Herrn ihr Wort zu halten und deren Abendvorleſung für die Studenten nicht zu hindern, ſtahlen ſie ein lebendig Kind, mordeten es, und verkauften den 13* 196 Körper für drei Schilling und ſechs Pence. Sie wurden gehängt, aber nur des Mordes wegen, nicht wegen des plagium.— Sie ſind hier ein wenig zu weit gegangen.“ „Wohl, Sir; inzwiſchen muß Sie Mr. Mac⸗Morlan dem Landgefängniß übergeben, falls dieſer junge Mann dieſelbe Ge⸗ ſchichte wiederholt. Gerichtsdiener, führt Mr. Gloſſin und Hat⸗ teraick ab, und bewahrt ſie in verſchiedenen Gemächern.“ Gabriel, der Zigeuner, ward hereingeführt, und gab ei eine genaue Schilderung ſeiner Flucht von Capitain Pritchard's Fahr⸗ zeug und wie er ſich bei jenem Vorgange zu den Schmugglern ge⸗ ſellt habe; er berichtete umſtändlich, wie Dirk Hatteraick Feuer in ſeinem Schiff angelegt habe, als er es untauglich fand, und wie er unter der Rauchwolke mit ſeiner Mannſchaft entkam; ferner, wie man noch ſo viel Güter als möglich in jene Höhle rettete, wo man bis zum Einbruch der Nacht zu liegen beſchloß. Hatteraick ſelbſt, ſein Unterſchiffer Vanbeeſt Brown und drei andre, worunter auch der Berichterſtatter, gingen nach der angränzenden Waldung, um ſich mit einigen ihrer Freunde in der Nachbarſchaft zu beſprechen. Sie überfielen Kennedy plötzlich, und Hatteraick und Brown, ah⸗ nend daß er der Urheber ihres Unglücks war, beſchloſſen ihn zu morden. Er erklärte, daß er geſehn habe, wie ſie gewaltſame Hand an den Zollbeamten legten, und ihn durch den Wald ſchlepp⸗ ten, er ſelber habe jedoch an dem Angriffe nicht Theil genommen, auch ſeinem Ende nicht beigewohnt. Auf einem andern Wege war er nach der Höhle zurückgekehrt, wo er wieder mit Hatteraick und ſeinen Genoſſen zuſammentraf; der Capitain hatte eben die Erzäh⸗ lung begonnen, wie er und Brown ein großes Felsſtück hinabge⸗ ſtürzt hatten, wo Kennedy ſtöhnend am Strande lag, als plötzlich Gloſſin unter ihnen erſchien. Dem ganzen Vorgange, wo Hat⸗ teraick Gloſſin's Schweigen erkaufte, wohnte Gabriel bei. Was den jungen Bertram betraf, ſo waren ſeine Berichte vollſtändig, 197 bis er nach Indien ging, wo er ihn aus dem Geſichte verlor, und erſt im Liddesdale wieder unerwartet mit ihm zuſammen kam. Gabriel Faa erklärte ferner, daß er von dieſem Vorfalle ſogleich ſeine Verwandte Meg Merrilies, und Dirk Hatteraick, den er an der Küſte wußte, benachrichtigt habe; der Bericht an den letztern habe ihm jedoch das Mißfallen ſeiner Verwandten zugezogen. Er bemerkte noch, jene Frau habe ſogleich erklärt, ſie wolle Alles thun, was in ihrer Macht ſtände, um dem jungen Ellangowan zu ſeinem Rechte zu helfen, und ſollte ſie auch Hatteraick deshalb anklagen; überdies hatten ihr viele ihrer Leute beigeſtanden, weil ſie glaub⸗ ten, ſie erhalte übernatürliche Eingebungen. In gleicher Abſicht gab ſie, wie er meinte, Bertram den Schatz des Stammes, den ſie in Verwahrung hatte. Drei oder vier Zigeuner miſchten ſich auf Meg Merrilies ausdrücklichen Befehl unter die Menge, als das Zollhaus angegriffen ward, um Bertram zu befreien, was Gabriel ſelber vollbrachte. Die Achtung, welche Meg unter ihrem Stamme genoß, war, wie er ſagte, ſo groß, daß Alle ihren Befehlen blind⸗ lings gehorchten, auf weiteres Fragen ſetzte der Zeuge noch hinzu, ſeine Verwandte habe immer geſagt, Harry Bertram trage dasje⸗ nige an einer Schnur am Halſe, was ſeine Geburt beſtätige. Ein Zauber ſei es, ſagte ſie, den ein Orforder Gelehrter für ihn gemacht, und ſie wußte den Schmugglern die Meinung einzuflößen, daß es den Untergang des Schiffs nach ſich ziehen werde, wenn ſie den Knaben dieſes Amulets beraubten. Bertram brachte hier einen kleinen Sammtbeutel zum Vor⸗ ſchein, den er von früheſter Kindheit, nach ſeiner Erklärung, mit ſich getragen hatte und den er ſtets bewahrte, anfänglich aus aber⸗ gläubiſcher Ehrfurcht und ſpäter in der Hoffnung, daß er einſt da⸗ zu dienen möchte, ſeine Herkunft zu entdecken. Als man den Beutel öffnete, kam eine blauſeidene Hülle zum Vorſchein, aus welcher man ein Horoskop hervorzog. Als Oberſt Mannering dies Papier betrachtete, geſtand er ſogleich zu, daß es ſein eignes Werk ſei, und es gebe den kräftigſten und genügendſten Beweis, daß der Be⸗ ſitzer nothwendig der junge Erbe von Ellangowan ſein müſſe; Mannering berichtete, wie er in dieſem Lande zuerſt als Aſtrolog aufgetreten ſei. „und nun,“ ſagte Pleydell,„ſind Verhaftsbefehle für Gloſ⸗ ſin und Hatteraick auszufertigen, bis zur rechtlichen Erledigung. Doch,“ ſagte er,„ich bin beſorgt um Gloſſin.“ „Nun, ich glaube,“ ſagte Mannering,„er verdient von den beiden bei weitem am wenigſten Mitleiden. Der Andere iſt ein kühner Menſch, obwohl hart wie ein Kieſel.“ „Sehr natürlich, Oberſt,“ ſagte der Advokat,„daß Sie Ihre Theilnahme dem Räuber ſchenken und ich meine dem Schelm— das iſt Geſchmack des Berufs— aber ich kann Ihnen ſagen, Gloſ⸗ ſin würde ein trefflicher Juriſt geworden ſein, hätte er nicht für die ſchurkiſche Seite des Berufs zu ſtarke Neigung gehabt.“ „Die Läſterung würde ſagen,“ bemerkte Mannering,„deß⸗ wegen wär' er wohl kein ſchlechterer Juriſt geweſen.“ „Die Läſterung würde dann lügen,“ erwiederte Pleydell, „wie ſie gewöhnlich thut. Das Recht gleicht dem Opium; es iſt weit leichter, es als Quackſalber zu brauchen, als ſeine rechte An⸗ wendung als Arzt kennen zu lernen.“ Achtzehntes Kapitel. Nicht leben können und nicht ſterben— O, wie hart! Ihm nach, ihr Leute, ſchleppt ihn nach dem Kerker! Maaß für Maaß. Das öffentliche Gefängniß der Grafſchaft—— ſhire war eines jener alterthümlichen Kerkerhäuſer, welche Schottland bis in die neueſte Zeit verunzierten. Als die Gefangenen mit ihrer Wache dort ankamen, ward Hatteraick, deſſen Wildheit und Stärke wohlbekannt war, in die ſogenannte Armefünderſtube gelegt. Dies war ein geräumiges Gemach im höchſten Theile des Gebäudes. Ein runder Eiſenſtab, von der Stärke eines Mannesarmes überm Ellbogen, ging horizontal quer durch das Gemach, etwa ſechs Zoll hoch über dem Boden, und ſeine beiden Enden waren gehörig in der Mauer befeſtigt. Hatteraick's Knöͤchel waren mit Fußeiſen verſehn, welche durch eine etwa vier Fuß lange Kette verbunden waren. An dieſer Kette befand ſich ein großer ſtarker Eiſenring, welcher um den be⸗ ſchriebenen Stab gelegt war. So konnte der Gefangene dem Stabe entlang von einer Seite des Zimmers zur andern gehen, konnte aber in anderer Richtung ſich nicht weiter vom Stabe entfernen, 200 als es die unbedeutende Länge der Kette geſtattete. Waren die Füße eines Gefangenen auf ſolche Art geſichert, ſo nahm der Auf⸗ ſeher ihm die Handſchellen ab, ſo daß ſeine Perſon mit Ausnahme der Füße völlig frei war. Ein Bett war dicht zur Seite des Sta⸗ 4 bes niedergelegt, ſo daß ſich der gefeſſelte Gefangne nach Gefallen niederlegen konnte, obwohl immer auf die angegebene Art an der Eiſenſtange befeſtigt. Hatteraick hatte noch nicht lange in dieſem Gefängniß geſeſſen, als Gloſſin in dem nämlichen Hauſe anlangte. Aus Rückſicht auf ſeinen Stand und ſeine Bildung ward er nicht gefeſſelt, ſondern in ein anſtändiges Gemach, unter Aufſicht Mac⸗Guffog's, gebracht; der letztere war, ſeitdem der Pöbel das Zuchthaus bei Portanferry zerſtört hatte, hier als Unterkerkermeiſter angeſtellt. Als Gloſſin in dieſem Gemach eingeſchloſſen war und Einſamkeit und Muße hatte, um alle Verhältniſſe, die ihm widrig oder günſtig waren, zu berechnen, ſo mußte er ſich geſtehn, daß er ein dersweiftltes Spiel ſpiele. „Das Gut iſt verloren,“ ſagte er,„da hilft nichts; Pleydell und Mac⸗Morlan werden meinen Antheil auf eine unbedeutende Kleinigkeit reduciren. Mein Charakter— aber wenn ich Freiheit und Leben behalte, ſo will ich ſchon Geld gewinnen, um Alles gut zu machen. Vom Morde des Zöllners wußt' ich nichts, bis der Schurke die That verübt hatte, und wenn ich auch einigen Vortheil von dem Schleichhandel zog, ſo iſt dies noch kein Hauptverbrechen. Aber die Entführung des Knaben,— da werden ſie mir härter auf den Leib rücken. Laß ſehen.— Dieſer Bertram war damals ein Kind— ſein Zeugniß reicht nicht aus— der andere Kerl iſt ein Ausreißer, ein Zigeuner und ein Ehrloſer— Meg Merrilies, möge ſie verdammt ſein, iſt todt. Jene heilloſen Wechſel! Hatteraick brachte ſie wahr⸗ ſcheinlich mit, um mir zu drohen oder Geld von mir zu erpreſſen. Ich muß dieſen Schurken wo möglich ſehen; ich muß ihn zur 201 Standhaftigkeit ermahnen; muß ihn überreden, der Sache ein an⸗ deres Anſehn zu geben.“ Indem ſein Geiſt über Pläne künftigen Betrugs ſann, um da⸗ mit frühere Schurkerei zu verhüllen, verging auf ſolche Weiſe die Zeit bis zum Abendeſſen. Mac⸗Guffog wartete bei dieſer Gelegen⸗ heit auf. Er war, wie wir wiſſen, der alte und vertraute Be⸗ kannte des Gefangenen, der jetzt unter ſeiner Obhut ſtand. Nach⸗ dem Gloſſin ihm ein Glas Branntwein gegeben und ſeine Geſin⸗ nung durch einige Worte geprüft hatte, legte er ihm die Bitte vor, zu einer Zuſammenkunft mit Dirk Hatteraick behilflich zu ſein. „unmöglich! durchaus unmöglich! es iſt gegen die ausdrücklichen Befehle Mac⸗Morlan's und der Hauptmann“(ſo heißt der Ober⸗ kerkermeiſter eines Landesgefängniſſes in Schottland,)„würd' es mir nimmer vergeben.“ „Aber woher ſollt' er es erfahren?“ ſagte Gloſſin, indem er ein Paar Guineen in Mac⸗Guffog's Hand gleiten ließ. Der Schließer wog das Gold und blickte Gloſſin ſcharf an:— „Ja, ja, Mr. Gloſſin, ihr kennt die Wege dieſes Ortes nur zu gut.— Nun, zur Schließzeit will ich wieder kommen und euch zu ihm hinauf führen— aber ihr müßt die Nacht über bei ihm bleiben, denn ich muß dem Hauptmann die Schlüſſel für die Nacht auslie⸗ fern und kann euch erſt am Morgen wieder herauslaſſen— dann will ich die Gemächer eine halbe Stunde früher als gewöhnlich be⸗ ſuchen, und ihr könnt herausgehen und hübſch in eurem eignen Stübchen ſein, wenn der Hauptmann ſeine Runde macht.“ Als es vom benachbarten Kirchthurm zehn geſchlagen hatte, kam Mac⸗Guffog, mit einer kleinen trüben Laterne verſehn. Leiſe ſagte er zu Gloſſin:„Zieht eure Schuh aus und folgt mir.“— Als Gloſſin aus der Thür getreten war, rief Mac⸗Guffog, als re⸗ dete er zu einem Gefangenen drinnen, noch laut:„Gute Nacht, Sir;“ darauf ſchloß er die Thür und zwar ſo geräuſchvoll als möglich. Nun führte er Gloſſin eine ſteile und ſchmale Treppe em⸗ por, auf welcher man zur Thür der Armenſünderſtube gelangte. Er entriegelte ſie und ſchloß auf, und indem er Gloſſin die Laterne gab, machte er dieſem ein Zeichen, einzutreten, und ſchloß darauf die Thür hinter ihm mit derſelben affectirten Genauigkeit. In dem weiten dunkeln Gemach, in welches er nun eingeführt war, vermochte Gloſſin bei ſeinem ſchwachen Lichte anfangs nichts zu erkennen. Endlich konnte er undeutlich das Lager unterſcheiden, welches am Boden zur Seite der großen Eiſenſtange befindlich war und worauf die Geſtalt eines Mannes ruhte. Gloſſin näherte ſich ihm.„Dirk Hatteraick!“ „Donner und Hagel!'s iſt ſeine Stimme“ ſagte der Gefan⸗ gene, ſich aufrecht ſetzend und mit den Ketten klirrend,„dann iſt mein Traum wahr geweſen!— Geht und laßt mich allein— das iſt für euch das Beſte.“ 4 „Wie! mein guter Freund,“ ſagte Gloſſin,„kann wirklich die Ausſicht auf eine Gefangenſchaft von wenigen Wochen euren Muth niederbeugen?“ „Ja!“ antwortete der Schurke mürriſch,„weil ich blos durch einen Strick daraus erlöſt werden werde!— laßt mich al⸗ lein— geht an euer Geſchäft und nehmt mir das Licht vom Ge⸗ ſichte weg!“ „Pfui! mein theurer Dirk, fürchtet nichts,“ ſagte Gloſſin— „ich habe einen herrlichen Plan, um Alles gut zu machen.“ „Zu allen Teufeln mit euren Plänen!“ erwiederte ſein Kum⸗ pan,„ihr habt mich um mein Schiff, meine Ladung, mein Leben gebracht mit euren Plänen; und dieſen Augenblick träumt' ich, Meg Merrilies ſchleppe euch am Haar hieher, und gäbe mir das lange Meſſer, welches ſie zu tragen pflegte— ihr wißt nicht, was ſie ſagte. Sturm und Wetter! ihr thut klug, wenn ihr mich nicht in Verſuchung führt!“ 203 „Aber, Hatteraick, mein guter Freund, ſteht nur auf und redet mit mir,“ ſagte Gloſſin. „SIch mag nicht!“ antwortete der Barbar barſch—„ihr habt all das Unheil angerichtet; ihr wolltet nicht, daß Meg den Knaben behielt; ſie würde ihn zurückgebracht haben, nachdem er Alles ver⸗ geſſen hatte.“ 3 „Ei, Hatteraick, ihr überlaßt euch Grübeleien.“ „Wetter! wollt ihr läugnen, daß die ganze verfluchte Ge⸗ ſchichte zu Portanferry, wo Schiff und Mannſchaft verloren ging, auf euren Rath und zu eurem Vortheil vor ſich ging?“ „Aber die Güter— wie ihr wißt“— „Verflucht ſei'n die Güter!“ ſagte der Schmuggler,„wir könnten mehr bekommen haben; aber der Teufel! das Schiff und die herrlichen Burſche zu verlieren, und mein eignes Leben, eines feigen Schurken wegen, der immer ſeine eignen ſchlechten Streiche durch andrer Leute Hände ausrichten läßt! Redet mich nicht mehr an— ich bin gefährlich.“ „Aber, Dirk— aber, Hatteraick, hört nur ein Paar Worte.“ „GHagel! nein.“ „Nur ein Wort.“ „Tauſend Donner!— nein!“ „Steht wenigſtens auf, ſtarrköpfiges, holländiſches Vieh!“ ſagte Gloſſin, der die Faſſung verlor und Hatteraick mit dem Fuße ſtieß. 3 „Blitz und Donnerwetter!“ ſagte Hatteraick, aufſpringend und jenen anpackend;„ihr wollt es alſo haben?“ 5 Gloſſin leiſtete Widerſtand und rang mit ihm, aber, weil e von der Wuth des Angriffs überraſcht war, mit ſo wenig Erfolg, daß er unter Hatteraick fiel, wobei er ſich rückwärts mit dem Nacken heftig auf die Eiſenſtange ſchlug. Beide fuhren fort auf Tod und Leben zu ringen. Das Gemach, welches unmittelbar unter der Armeſünderſtube lag, war Gloſſin's Gefängniß und alſo jetzt leer; aber die Bewohner des zweiten Zimmer's unten bemerkten die Er⸗ ſchütterung, welche Gloſſin's ſchwerer Fall hervorbrachte, und hörten auch ein Geräuſch, wie wenn jemand ränge und ſtöhnte. Aber alle dergleichen Töne des Schreckens waren an dieſem Orte zu gewöhnlich, um beſondre Theilnahme oder Neugier zu erwecken. Am Morgen, getreu ſeinem Verſprechen, kam Mac⸗Guffog— „Mr. Gloſſin,“ ſagte er flüſternd. „Ruft lauter,“ antwortete Dirk Hatteraick. „Mr. Gloſſin, um Gottes willen, kommt fort!“ „Ohne Beiſtand wird er das ſchwerlich thun,“ ſagte Hat⸗ teraick. „Was gibt es da oben, Mac⸗Guffog!“ rief der Hauptmann von unten. „Kommt fort, um Gottes willen, Mr. Gloſſin!“ wieder⸗ holte der Schließer.. In dieſem Augenblicke kam der Oberkerkermeiſter mit einem Lichte. Groß war ſein Erſtaunen und ſein Entſetzen, als er Gloſ⸗ ſin's Körper quer über dem Eiſenſtabe liegen ſah, und zwar auf eine Weiſe, die ſogleich anzeigte, er ſei todt. Hatteraick lag, einen Schritt von ſeinem Opfer, ruhig auf dem Lager. Als man Gloſ⸗ ſin aufhob, fand man, er müſſe ſeit einigen Stunden todt ſein. Sein Körper zeigte die deutlichen Spuren eines gewaltſamen To⸗ des. Das Rückgrat hatte an der Stelle, wo es ſich mit dem Schä⸗ del verbindet, ſchon durch ſeinen erſten Fall ſchwere Verletzung em⸗ pfangen. An der Kehle zeigten ſich Spuren von Erdroſſelung, und auch ſein ſchwarzgewordenes Geſicht deutete dies an. Der Kopf war rückwärts über die Schulter gewandt, als ob der Hals mit verzweifelter Anſtrengung umgedreht worden wäre. So ſchien es alſo, daß ſein Gegner des Unglücklichen Kehle mit tödtlichem Griffe gefaßt und nicht eher losgelaſſen hatte, als bis alles Leben 205 entflohen war. Die Laterne, zermalmt und in Stücke zerbrochen, lag neben dem Leichnam. 9 Mac⸗Morlan befand ſich in der Stadt und kam ſogleich, um den Leichnam zu unterſuchen.„Wer brachte Gloſſin hieher?“ fragte er Hatteraick. „Der Teufel!“ antwortete der Schurke. „und was machtet ihr mit ihm?“ „Ich ſchickt' ihn vor mir zur Hölle,“ erwiederte das Unge⸗ heuer. „Elender,“ ſagte Mac⸗Morlan,„ihr habt einem Leben, wel⸗ ches ohne eine einzige gute That verfloß, durch den Mord eures eignen unglücklichen Mitſchuldigen die Krone aufgeſetzt?“ „Gute That!“ rief der Gefangene;„Donner! ich war ſtets meinen Schiffsherren treu— berechnete die Ladung ſtets bis auf den letzten Pfennig. Hört! laßt mich Feder und Tinte haben, und ich will einen Bericht über das Ganze an unſer Haus ſchreiben; und laßt mich ein Paar Stunden allein, wollt ihr!— und laßt dies Stück Aas wegnehmen, Donnerwetter!“ Mac⸗Morlan hielt es für's Beſte, ihm ſeinen Willen zu thun; er ward mit Schreibmaterialien verſehn und allein gelaſſen. Als man die Thür wieder öffnete, fand man, daß dieſer entſchloſſene Schurke der Gerechtigkeit vorgegriffen hatte. Er hatte eine Schnur aus dem Bette genommen und an einen Knochen, den Ueberreſt ſei⸗ nes geſtrigen Mittageſſens, befeſtigt. Dieſen hatte er in den Spalt zwiſchen Steinen der Mauer eingeklemmt, ſo hoch er an derſelben reichen konnte, wenn er auf der Eiſenſtange ſtand. Nachdem er die Schlinge bereitet hatte, war er entſchloſſen genug, ſeinen Kör⸗ per zu ſenken, als wollte er auf die Knie fallen, und in dieſer Stel⸗ lung zu bleiben, bis keine Entſchloſſenheit mehr nöthig war. Der Brief, den er an ſeine Herren geſchrieben, betraf zwar hauptſäch⸗ lich Handelsgeſchäfte, enthielt aber doch ſo manah Anſpielung auf den Junker von Ellangowan, wie er ihn nannte, und gewährte völlige Beſtätigung Alles deſſen, was Meg Merrilies und ihr Neffe berichtet hatten. Indem wir von jenen beiden Etenden ſcheiden, ſei nur noch hinzugefügt, daß Mac⸗Guffog ſeines Amtes entſetzt wurde, ob⸗ wohl er die Erklärung gab,(die er durch einen Eid bekräftigen wollte,) daß er Gloſſin ſicher in ſeiner eignen Zelle am Abend vorher eingeſchloſſen habe, ehe er todt in Hatteraick's Gemach gefunden ward. Seine Geſchichte fand indeß Glauben bei dem würdigen Mr. Skriegh und andern Freunden des Wunderbaren, welche ſteif und feſt behaupteten, der Feind der Menſchheit habe jene beiden Böſewichter in jener Nacht auf übernatürliche Weiſe zuſammenge⸗ bracht, auf daß ſie den Kelch ihrer Schuld voll machen, und durch Mord und Selbſtmord ihren Lohn empfangen möchten. Neunzehntes Kapitel. Den Schluß zu ziehn— das Ende von Allem. Dean Swift. Da Gloſſin ohne Erben ſtarb und ohne die Kaufſumme gezahlt zu haben, ſo ward die Herrſchaft Ellangowan wieder den Händen der Gläubiger Mr. Godfrey Bertram's übergeben, von denen in⸗ b deß die meiſten ihren Anſpruch aufgeben mußten, ſobald Henry Bertram als Erbe auftreten wollte. Dieſer junge Herr vertraute ſeine Angelegenheiten Mr. Pleydell und Mr. Mac⸗Morlan an, V jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß, und ſollte er ſelbſt wieder nach Indien gehen müſſen, jede Schuld, die wirklich von ſeinem Vater zu fordern wäre, bezahlt werden ſollte. Mannering, der dieſe Erklärung hörte, drückte ihm freundlich die Hand, und von dieſem Augenblick herrſchte ein vollkommenes Einverſtändniß zwiſchen ihnen. Der baare Nachlaß der Miß Margarete Bertram, und die freigebige Unterſtützung des Oberſten, ſetzte den Erben leicht in Stand, die rechtmäßigen Anſprüche der Gläubiger ſeines Vaters zu befriedigen, während der Fleiß und Eifer ſeiner Rechtsfreunde, 208 vorzüglich in Gloſſin's Rechnungen, ſo manche Uebertreibung ent⸗ deckte, wodurch der Geſammtbetrag bedeutend vermindert wurde. unter dieſen Umſtänden zögerten die Gläubiger nicht, Bertram's Recht anzuerkennen und ihm das Haus und Eigenthum ſeiner Ah⸗ nen zu übergeben. Die ganze Geſellſchaft ging von Woodbourne nach Ellangowan, um das Gut in Beſitz zu nehmen, was unter dem freudigen Zuruf der Pächter und der ganzen Nachbarſchaft ſtatt⸗ fand; und ſo eifrig wünſchte Oberſt Mannering über die Ausfüh⸗ rung einiger Pläne, die er Bertram empfohlen hatte, die Aufſicht zu führen, daß er mit ſeiner Familie von Woodbourne nach Ellan⸗ gowan zog, obwohl letzteres jetzt weit weniger Bequemlichkeit darbot. Des armen Dominie Kopf war faſt ganz verwirrt vor Freude, daß er nach ſeiner alten Wohnung zurückkehren durfte. Er eilte die Treppe empor, indem er drei Stufen auf einmal nahm, nach einem kleinen elenden Stübchen, in frühern Zeiten ſeine Zelle und ſein Schlafgemach, welches ſein weit beſſeres Zimmer zu Woodbourne ihn nie hatte vergeſſen laſſen. Hier befiel plötzlich ein trüber Ge⸗ danke den ehrlichen Mann— die Bücher!— Drei Zimmer in Ellan⸗ gowan reichten nicht hin, ſie zu faſſen. Während er ſich noch mit dieſem Gedanken trug, ward er plötzlich zu Mannering gerufen, um dieſem einige Verhältniſſe berechnen zu helfen, die ſich auf ein neues und ſtattliches Haus bezogen, welches neben dem neuen Her⸗ renhauſe in Ellangowan erbaut werden ſollte, und zwar in einem Style, welcher den großartigen Ruinen in der Nähe entſpräche. unter den verſchiedenen Räumen auf dem Plane bemerkte Simſon einen, welcher die Bibliothek genannt war; und dicht daneben befand ſich ein niedliches Zimmer, mit der Benennung, Mr. Sim⸗ ſon's Stube.—„Wunderbar! wunderbar! wun⸗der⸗bar!“ rief der entzückte Dominie. 209 Mr. Pleydell hatte die Geſellſchaft auf einige Zeit verlaſſen; zur Zeit ſeiner Weihnachtsferien kehrte er jedoch, ſeinem Verſprechen gemäß, zurück. Er kam in Ellangowan an, als Alle, bis auf den Oberſten, abweſend waren; dieſer war mit Plänen von Gebäuden und Gartenanlagen beſchäftigt, worin er vorzüglich geſchickt war und viel Vergnügen fand. „Aha!“ ſagte der Advokat,„Sie ſind hier! Wo ſind die Da⸗ men! wo iſt die ſchöne Julie!“— „Sie iſt ſpazieren gegangen mit dem jungen Hazlewood, Ber⸗ tram und Capitain Delaſerre, einem Freunde Bertram's, der jetzt bei uns wohnt. Sie ſind im Begriff den Plan zu einem Häuschen in Derncleugh zu machen. Nun, ſind Sie mit ihrer Rechtsſache gut zu Ende gekommen?“ „Ganz leicht,“ antwortete der Rechtsgelehrte;„er iſt vor den Gerichtsfrohnen als Erbe beſtätigt worden.“ „Gerichtsfrohne! wer ſind ſie?“ „Ei, eine Art gerichtlicher Saturnalien. Sie müſſen wiſſen, daß eines der Erforderniſſe, um ein Gerichtsfrohn oder Diener un⸗ ſers höchſten Gerichtshofes zu ſein, darin beſteht, daß ſie Leute ohne Kenntniſſe ſein müſſen.“ „Nun?“ „unſre ſchottiſche Geſetzgebung hat, wie ich des Scherzes we⸗ gen vermuthe, dieſe unwiſſenden Männer zu einem beſondern Ge⸗ richtshof vereinigt, um über Angelegenheiten zu entſcheiden, welche Verwandtſchaft und Herkunft betreffen, ſo wie dieſe Angelegenheit Bertram's, wobei oft ſehr verwickelte und feine Fragen zu beant⸗ worten ſind.“ 1 „Dieſe Einrichtung hat der Teufel gerathen; mir ſcheint das doch höchſt widerſinnig.“ „O, wir haben ein praktiſches Gegenmittel wider die theore⸗ tiſche Albernheit. Einige der Richter wohnen ſolchen Angelegen⸗ Guy Mannering. III. 14 210 heiten, als Rathgeber und Aſſeſſoren ihrer eignen Thürhüter, bei. Aber Sie wiſſen ja, was Cujacius ſagt: Multa sunt in morihus dis- sentanea, multa sine ratione. Indeß hat dieſer ſaturnaliſche Ge⸗ richtshof unſer Geſchäft abgemacht; und nachher hatten wir herrli⸗ ches Gelag bei Walkers. Mac⸗Morlan wird ſtaunen, wenn er die Rechnung ſieht.“ „Ohne Sorgen,“ ſagte der Oberſt,„wir werdenes auf uns nehmen und verſprechen obendrein noch eine Bewirthung bei unſerer Freundin Mrs. Mac⸗Candliſh.“ „und machen Jock Jabos zu ihrem Stallmeiſter!“ erwiederte der Advokat. „Das könnte geſchehn.“ „Und wo iſt Dandie; der wackere Herr von Liddesdale!“ fragte Pleydell. „Nach ſeinen Bergen heimgekehrt; aber er hat Julien ver⸗ ſprochen, im Sommer mit ſeinem Weibe und ich weiß nicht wie viel Kindern einen Beſuch zu machen.“ „O, die krausköpfigen Schelme! ich muß dann auch kommen, und Blindekuh und Verſtecken mit ihnen ſpielen.— Aber was be⸗ deutet das Alles?“ fuhr Pleydell fort, die Pläne zur Hand neh⸗ mend;—„Thurm in der Mitte, nach dem Muſter des Adler⸗ thurms zu Caernavon— corps de logis— der Teufel!— Flügel— Flügel! ei, das Haus wird die Herrſchaft Ellangowan auf ſeinen Rückem nehmen und damit fortfliegen!“ „Nun, ſo müſſen wir einige Beutel voll Rupien als Ballaſt hineinlegen,“ erwiederte der Oberſt. „Aha!l pfeift der Wind daher! Dann glaub' ich gar, der junge Burſch fiſcht mie meine angebetete Julie weg!“ „Allerdings, Mr. Pleydell.“ „Dieſe Schelme, die post-nati, laufen doch uns, die wir aus der alten Schule ſind, immer den Rang ab,“ ſagte Pleydell. — „Aber ſie wird doch wohl ihre Neigung zu mir auf Lucy über⸗ tragen?“ „In der That, ich fürchte, Sie ſind auch auf dieſer Seite be⸗ droht,“ ſagte der Oberſt. „Wirklich!“ „Sir Robert Hazlewood,“ ſagte Mannering,„war hier zu Beſuch bei Bertram, indem er dachte, vermuthete und der Mei⸗ nung war“— „O, Himmel! Bitte, verſchonen Sie mich mit des würdigen Baronets Phraſen!“ „Wohlan, Sir,“ fuhr Mannering fort,„um es kurz zu machen,— er glaubte, da das Gut Singleſide genau zwiſchen zwei von ſeinen Pachthöfen läge, und mehr als zwei Stunden von El⸗ langowan entfernt ſei, ſo könnte vielleicht ein Verkauf, ein Tauſch, oder ſonſt eine Uebereinkunft zur wechſelſeitigen Bequemlichkeit bei⸗ der Parteien ſtattfinden.“ „Gut, und Bertram“— „Nun, Bertram erwiederte, er halte die erſte Verfügung der Mrs. Margarete Bertram für die, den Verhältniſſen ſeiner Familie angemeſſenſte Einrichtung, und daher ſei das Gut Singleſide Ei⸗ genthum ſeiner Schweſter.“ „Der Schelm!“ ſagte Pleydell, ſeine Brille abwiſchend,„er wird mir das Herz ſtehlen, wie er mir ſchon die Geliebte geſtohlen hat— Et puis?“ 4 „Und ſodann entfernte ſich Sir Robert mit vielen huldreichen Worten; vorige Woche aber zog er wieder mit Heeresmacht in's Feld, mit ſeiner Kutſche und ſechs Pferden, ſeiner geſtickten Schar⸗ lachweſte, der beſten Perücke— Alles ſehr großartig.“ „Und was hatte er zu verkünden?“ „Nun, er ſchwatzte äußerſt umſtändlich von einer Zuneigung des Charles Hazlewood zu Miß Bertram.“ 14* 212 „So, ſo; er reſpektirte den kleinen Gott Cupido, als er ihn auf der Zinne von Singleſide ſitzen ſah. Und die arme Julie ſoll bei dem alten Narren und ſeinem Weibe, bei dem Ritter im Unterrock, wohnen!“ „Nein— wir richteten das anders ein. Singleſide wird für die jungen Leute eingerichtet und ſoll künftig Ober⸗Hazlewood heißen.“ „Und gedenken Sie immer in Woodbourne zubleiben, Oberſt!“ „Nur, ſo lange dieſe Pläne noch nicht vollendet ſind. Sehn Sie, hier iſt der Plan zu meiner Behauſung, ganz paſſend einge⸗ richtet, um einſam und mürriſch ſein zu können, wenn ich dazu Luſt bekomme.“ „und da ſie auch, wie ich ſehe, nah am Eingang zum alten Schloß gelegen iſt, ſo können Sie Donagild's Thurm zur nächtlichen Betrachtung der Himmelskörper einrichten! Bravo, Oberſt!“ „Nein, nein, mein lieber Pleydell! Hier endigt der Aſtrolog.“ Ende des dritten und letzten Theils. —Q·ᷓyᷓqqʒʒᷓʒᷓʒᷓ́ᷓ́ᷓ Druck von Bernh. Tauchnitz jun. in Leipzig. —:;—-õõ—õ———— + —. ſſſſiiſſſſſſiſſſſſfiſnſiſſſſſſiniſſ 9 11 12 13 ſinſiſſſſſiſſſſſſiſiſſſſſnſnnſſänſinniſnniin 14 15 16 1 8 1 7 1 9 3 X„ “ 8