Walter Scott's ſämmtliche W er f e,. —— Neu überſetzt. Hundert und zweiundſechzigſtes Baͤndchen. Neue Folge. Zwoͤlftes Bändchen. —= 6000008809— KRarl der Rühne, oder: Die Tochter des Nebels. Sechster Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag' ſche Buchhandlung. r 183 0. Karl der Kühne, oder: Die Tochter des Nebels. Hiſtoriſche Novelle von Sir Walter Scott. — O-— Aus dem Engliſchen. Sechster Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. v 1 83 0. (Fortſetzung des fuͤnſten Theiles.) —— Nach einem Ritt von einer Stunde erreichten ſie Aix, und Arthur verfügte ſich ungeſäumt zum König René, der ihn freundlich aufnahm, ſowohl wegen der Briefe vom Herzog von Burgund, als weil er ein Eng⸗ länder und treuer Unterthan der unglücklichen Mar⸗ garethe war. Leicht verzieh ihm der gute Herr die Ungefälligkeit, mit der ex ſich Tags zuvor ſo ſchuell entfernt hatte, und Arthur ſah bald, daß er, wenn er ſich wegen des gemachten Fehlers entſchuldigte, ſich nur der Gefahr eines Rückfalls ausſetzte, denn nur dadurch, daß er das Geſpräch auf Margarethen leitete, konnte er den König davon abhalten, ihm ſeine Gedichte vorzuleſen, und Weiſen zu ſpielen, die er ſelbſt verfaßt hatte. Arthur war einigemal verſucht geweſen, zu zweifeln, daß die Königin wirklich ſo viele Gewalt über ihren Vater beſitze, als ſie ſagte: als er ihn aber per⸗ ſönlich kennen lernte, wurde er überzeugt, daß ihre hö⸗ here Geiſteskraft und ihre Leidenſchaftlichkeit den ſchwa⸗ chen Vater mit Stolz, Liebe und Furcht zugleich er⸗ füllte, und ſo ihr unumſchränkte Gewalt über ihn gab. Ungeachtet ſie ihn erſt vor wenigen Tagen auf eine ſo unkindliche Weiſe verlaſſen hatte, war Reye doch „v 6 höchlich erfreut, als er hörte, daß ſie bald zurückkehren würde. Mit kindiſcher Ungeduld ſah er ihrer Ankunft entgegen, und nur mit Mühe ließ er ſich von dem Vorhaben, ſie als Palemon an der Spitze einer Schaar Nymphen und Hirten zu empfangen, durch die Vorſtel⸗ lungen des alten Seneſchall abbringen, daß die Köni⸗ gin noch zu ſehr mit religiöſen Gedanken beſchäftigt ſeyn werde, als daß ein ſolches weltliches Schauſpiel einen angenehmen Eindruck auf ſie machen könnte. So wurde Margarethe einem Empfange überhoben, der ſie vielleicht auf's Neue erbittert, und zur Aähtteßu in's Kloſter veranlaßt hätte. Während ihrer Abweſenheit wurde am Hofe d Zeit mit Spiele und Vergnügungen aller Art hingebracht. Man turnirte auf der Stechbahn mit ſtumpfen Vanzen, hielt Ringelrennen, und zog auf die Jagdz Abends unterhielt man ſich mit Tanz und Muſik. 127 am Arthur mußte ſich geſtehen, daß ihn früher ein ſol⸗ ches Leben ſehr glücklich gemacht haben würde; aber die letzten Monate hatten ſeinen Verſtand⸗ und ſeine Leidenſchaften gereift. Er war jetzt in die ernſten Pflichten des Lebens eingeweiht, und betrachtete die Vergnügungen gewiſſermaßen mit Verachtung,; ſo daß die heitere Jugend am Hofe ihn den tiefſinnigen Denker nannte, ohne ihm, wie man ſich denken kann; damit eine Schmeichelei ſagen zu wollen. 1t 1319 G; Am vierten Tage brachte ein Bote die Nachricht, daß die Königin Margarethe vor Mittag in Aix anlangen werde, um in dem Pallaſt ihres Vaters wieder ihre 7 Wohnung zu nehmen. Der gute Rens ſchien jetzt, je näher dieſer Augenblick kam, vor der Zuſammenkunft mit ſeiner Tochter ſich ebenſo zu fürchten, wie er ſie vorher gewünſcht hatte, und theilte allen ſeinen Um⸗ gebungen ſeine Unruhe mit. Er quälte ſeinen Haus⸗ hofmeiſter und ſeine Köche, diejenigen Speiſen zu wäh⸗ len, die Margarethens Beifall gefunden hatten, und ſeine Harfenſpieler, diejenigen Weiſen„ die ſie gerne gehört habe, und als einer von ihnen ſo kühn war, zu erwiedern, daß dieß, ſo viel er bemerkt habe, bei kei⸗ ner der Fall geweſen ſey, drohte er, ihn fortzujagen, weil er ungebührlich von dem Geſchmack ſeiner Tochter geſprochen. 4 Er befahl, das Mahl auf eilf und ein halb Uhr fer⸗ tig zu halten, und lief dann mit umgebundenem Tel⸗ lertuche von Fenſter zu Fenſter, jeden mit der Frage beläſtigend, ob er die Königin noch nicht kommen ſehe. In dem Augenblicke, wo es zwölf Uhr ſchlug, ritt die Königin mit einem kleinen, meiſtens aus Engländern beſtehenden Gefolge, das, wie ſie, Trauerkleidung trug, in Aix ein. An der Spitze ſeines Hofes zog ihr Rens entgegen. So ſtolz Margarethe war, und ſo ſehr ſie alles Lächerliche haßte, wünſchte ſie doch den begange⸗ nen Fehler wieder gut zu machen, ſtieg von ihrem Zelter und bat, vor René ſich auf ein Knie niederlaſ⸗ ſend, dieſen um Vergebung und um ſeinen Segen. „Meinen Segen haſt Du, meine leidende Taube,“ ſprach der König,„und um Vergebung brauchſt Du mich nicht zu bitten, da⸗Du mich nie grkränkt haſt, v 8 ſeit Gott Dich mir geſchenkt hat. Stehe auf— ſtehe auf, ſag ich; an mir iſt's, Dich um Verzeihung zu bitten. Freilich ſprach ich in meiner Unwiſſenheit zu mir ſelbſt, ich habe etwas Schönes erdacht, aber es war Dir unangenehm; es iſt alſo an mir, um Ver⸗ zeihung zu bitten.« Mit dieſen Worten ſank er auf die Kniee, und das Volk, dem alles Auffallende will⸗ kommen iſt, rief lärmend ſeinen Beifall. Margarethe, die alles Lächerliche haßte, und fühlte, daß ihre gegenwärtige Lage, wenigſtens bei ihrer Oef⸗ fentlichkeit, es ſey, winkte Arthur, den ſie im Gefolge des Königs bemerkte, zu ſich, erhob ſich, von ihm un⸗ terſtützt und flüſterte ihm engliſch zu:„Welchen Hei⸗ ligen ſoll ich anrufen, mir die Geduld zu verleihen, der ich ſo ſehr bedarf?2“ „Um Gotteswillen, Madame, behaltet Eure Gei⸗ ſtesgegenwart und Faſſung,“ erwiederte Arthur, mehr verlegen über den Dienſt, den er geleiſtet, als dadurch geehrt, denn er fühlte, wie die Königin vor Unmuth und Ungeduld zitterte. Endlich ſetzten ſie ſich wieder gegen den Pallaſt in Bewegung, Vater und Tochter Arm in Arm, was Margarethen deßwegen ſehr angenehm war, weil der Erguß ſeiner Zärtlichkeit jetzt wenigſtens keine Zeugen mehr hatte. Ebenſo geduldig ertrug ſie die läſtige Aufmerkſamkeit, die er ihr an der Tafel widmete, ſprach mit einigen ſeiner angeſehenſten Hofleute, fragte nach andert, und lenkte das Geſpräch auf ſeinen Lieblings⸗ gegenſtand, Dichtkunſt, Malerei und Muſik, ſo daß — 9 der gute König über die ungewohnte Artigkeit ſeiner Tochter nicht weniger erfreut war, als ein Liebender, wenn nach jahrelangem, ſchüchternem Bewerben das eiſige Herz der Geliebten endlich aufthaut. Es wurde der ſtolzen Margarethe nicht leicht dieſe Rolle zu ſpie⸗ len, doch ſah ſie keine andere Wahl, als, nachdem ſie ſchon ſo Vieles für die Möglichkeit einer Unterneh⸗ mung gegen England verſucht hatte, noch den Schwä⸗ chen ihres Baters zu huldigen, um die zum erwünſch⸗ ten Ziele führende Abtretung ſeiner Beſitzungen von ihm auszuwirken. Zwiſchen dem Mahle und dem darauf folgenden Ball ſuchte die Königin eine Gelegenheit, mit Arthur zu ſprechen. „Schlimme Neuigkeiten, Herr Rath„*⁴ ſprach ſte zu ihm,„der Karmeliter iſt nach dem Gottesdienſt nicht wieder ins Kloſter zurückgekehrt. Wahrſcheinlich ſchloß er aus der Eile, mit der Ihr zurückgekehrt, man habe Verdacht auf ihn, und verließ das Kloſter.“ „So müſſen die Schritte, die Euer Majeſtät zu thun beſchloſſen haben, beſchleunigt werden,“ erwiederte Arthur. „Ich will morgen mit meinem Vater reden. Indeſ⸗ ſen nehmt Theil an den Vergnügungen des Abends, denn für Euch ſind ſie das. Euch, Fräulein von Bois⸗ gelin, will ich den Ritter für den Abend beigeſellen.“ Die ſchöne, ſchwarzängige Provencalin verbeugte ſich mit dem geziemenden Anſtande und warf einen Blick der Billigung auf den hübſchen jungen Mann, ſetzte v 10 aber, vor dem„tiefſinnigen Denker“ ſich fürchtend, oder im Zweifel über ſeinen Rang, hinzu:„wenn meine Mutter es erlaubt.“ „Eure Mutter, Fräulein,“ verſetzte die Königin, „wird, hoffe ich, an einem Kavalier nichts auszuſetzen haben, den Euch Margarethe von Anjou beigeſellt. Glückliche Jugend,“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu, als das ſchöne Paar ſich unter die Tanzenden miſchte,„glück⸗ liche Ingend, die ſelbſt auf dem rauheſten Pfade Blu⸗ men pflücken kann! alithi aber hielt ſich den ganzen Abend ſo wohl, ß die ſchöne Gräfin nur bedauerte, daß der hübſche 3 dena Mann in den balten Schranken der Höflichkeit blieb, welche die Negeln der feineren Umgangsſitte mefchrlrn 1 11 11976 XXXI. 2 Ich bin entſchloſſen, „Von miv zu thun den koͤniglichen Prunk, In Niedrigkeit die Hoheit zu verkehren, 24 9 Bum Untexthan die ſtolze Majeſtaͤt. ie 3 ee⸗, Shakespeare. — Eine Scene ernſterer Art eröffnete den nächſten Tag. König René hatte nicht vergeſſen, den Plan zu den Vergnügungen des Tages zu entwerfen, als Margare⸗ the ſich zu feinem großen Mißvergnügen Gehör bei 41 ihm erbat, um wichtige Angelegenheiten zu beſprechen; denn Alles, was Geſchäfte hieß, wast rimat in der innerſten Seele zuwider. „Was willſt Du, liebes Kind? 24* feagte ze,„Geld? Du ſollſt haben, was vorrächig iſt— freilich iſt die Kaſſe ziemlich leer, doch es iſt ja ein Theil der Ein⸗ künfte: eingegangen— 10,000 Kronen. Wie viel willſt Du davon? die Hälfte? ☚ drei Bienteine oder das Ganze? es ſteht Dir Alles zu Gebotionn „Ach nein, Vater,“ erwiederte Margarethe,„nicht meine Angelegenheiten, ſondern die. Eurigen wüsſſchte ich mit Euch zu beſprechen.“ 1 „Wenn es das iſt.,“sderſetzte René, zſo kann⸗ ichis auf ein andermal verſchioben, auf einen trüben Regen⸗ tag, der ſonſt zu nichts tangt. Sieh, meine Liebe, nie Jäger ſſind alle ſchon bereit— unſere Pferde wie⸗ hern und ſcharren,—adie Herren und Damen ſitzen ſchon im Sattel mit dem Falken auf der Hand,— die Hunde zerren an der Koppel. Es wäre Sünde, bei ſoegutem Wind und Wettu den iebrichem Morgen zu verderben.“dsnms zcsLaßt ſie ihren Bepgnü gene nachziehen 9n encgeglbte Margarethe,„die Sache; die ich Euch mitzutheilen habe, betrifft Ehre und Leben.“ „Ich habe aber einen Wettſtreit zwiſchen Calezon und Johann von Acqua-Mortis, den zwei gefeiertſten Tronbadours, anzuhören, und darüber zu entſcheiden.*. „Verſchiebt das bis morgen,“ erwiederte Margare⸗ A) 11 Aun G( 44 3 v 12 the,„und widmet jetzt⸗ Dichtigeren Mägelegenßeiten einige Stunden.“ ⸗ 593 „Wenn Du's ausdrücklich veprangſhe liebes Kind, ſo kann ich Dir's freilich nicht abſchlagen,“ verſetzte René, und gab wider ſeinen Willen der Geſellſchaft Befehl, ohne ihn auf die Jagd zu ziehen. Sträubend ließ er ſich in ein beſonderes Kabinet führen, in deſſen Vor⸗ zimmer Margarethe ihren Geheimſchreiber Mordaunt und Arthur beorderte, mit dem Befeble⸗ Niemanden einzulaſſen. „Mich meinetmnegen fuhr der gutmüthige Greis fort,„magſt Du einſchließen, weil es ſeyn muß, aber warum Mordaunt abhalten, bei dieſem ſchönen⸗ Mor⸗ gen ſich zu ergehen, und Arthur, das Vergnügen der Uebrigen zu theilen? Sie heißen ihn zway tiefſinnig, aber ich verſichere Dich, er zeigte ſich geſtern Abend beim Tanze mit der Gräfin von Boisgelin ſo leicht⸗ füßig, als Einer.“ „Sie ſind aus einem Lande,“ erwieberte Margarethe⸗ „wo die Männer von Jugend auf daran gewöhnt wer⸗ den, die Pflicht dem Vergnügen vorzuziehen.“ In das Kabinet geführt, warf der König, nicht ohne inneres Grauen, einen Blick auf den ebenholze⸗ nen, mit Silber eingelegten Schreibtiſch, und über⸗ dachte mit ſchmerzlichem Gefühl, wie oft er würde gähnen müſſen, bis er mit dem Inhalt deſſelben be⸗ kannt gemacht wäre. Dieſer war jedoch von der Art, daß er ſeine Aufmerkſamkeit, freilich auf eine nicht gn⸗ genehme Weiſe, in Anſpruch nahm. 1³ Seine Tochter legte ihm eine kurze, deutliche Ueber⸗ ſicht der Schulden vor, wofür verſchiedene Theile ſeiner Beſitzungen veypfändet waren, und zeigte ihm eine ge⸗ naue Berechnung der beveutenden Summen, deren ſchleunige Rückzahlung verlangt wurde, ohne daß man ſte durch Anweiſungen oder baares Geld abzutragen vermochte. Auf jede Forderung von 6, 7— 8,000 Du⸗ katen erwiederte der König, er habe 10,000 Kronen in ſeinem Schatze, und ließ ſich erſt nach langem Wi⸗ derſpruch überzeugen, daß mit jener Summe eine dreiſ⸗ ſt igmal größere Schuld nicht getilgt werden könne. „Wenn das iſt,“ ſagte er ungeduldig,„warum nicht diejenigen zahlen, die am meiſten drängen, und die An⸗ dern warten laſſen, bis weitere Summen eingehen 2 „Dieſes Auskunftsmittel iſt bereits zu oft angewen⸗ det worden,“ verſetzte die Königin,„und unſere Ehre fordert, Gläubiger zu befriedigen, die, um Euch zu unterſtützen, ihr Alles hingegeben haben.“ „Aber ſind wir denn nicht König beider Sieilien, von Neapel, Arragonien und Jeruſalem?“ fragte René, „ſoll der Monarch dieſer ſchönen Länder um ein Paar Säcke lumpiger Dukaten willen ſich plagen laſſen wie ein bankbrüchiger Pächter?“ „Ihr ſeyd freilich Monarch dieſer Reiche,„4 verſete Margarethe,„aber wie ich Euch wohl nicht zu erin⸗ nern brauche, nicht anders, als ich Königin von Eng⸗ land bin, wo ich keine Spanne Landes beſitze, und kei⸗ nen Pfennig Einkünfte habe. Ihr habt keine Beſitzun⸗ gen, die etwas abwerfen⸗ als die hier mit genauer 14 Angabe deſſen, was ſie einbringen, verzeichneten; und dieſe reichen, wie Ihr ſeht, bei Weitem nicht zu ei⸗ nem anſtaͤndigen Auskommen fuͤr Euch und zu Be⸗ zahlung der bedeutenden Summen an Eure vielen Glaͤubigenet— in „Es iſt grauſam, mich ſo zu Prungen Margarethe. Was ſoll ich thun? Wenn ich arm bin, ſo iſt's nicht meine Schuld. Gerne wollt; ich die Schulden zahlen, von denen Du ſprichſt, wenn ich Mittel dazu wuͤßte.“ „Ich will ſie Euch angeben, Vater. Begebt Euch der nutzloſen Wuͤrde, die bei den damit verknuͤpften Anſpruͤchen nur dazu dient, Euer Ungluͤck lächerlich zu machen. Entſagt Eurem Recht als Landesherr, und das Einkommen, das nicht hinreicht, die Koſten Eures aͤrmlichen Hofſtaͤates zu decken, wird Euch in Stand ſetzen, als ſchlichter Baron in behaglichem Wohlſtande Eure Lieblingsneigungen zu befriedigen.“ „Du ſprichſt albern, Margarethe,“ verſetzte René, etwas unwillig. WDie Bande, die einen Koͤnig an ſein Volk knuͤpfen, koͤnnen von beiden Theilen nicht geloͤst werden, ohne Verſuͤndigung. Meine unter⸗ thanen ſind meine Heerde, ich bin ihr Hirte; ſie ſind vom Himmel meiner Führung anvertraut, und ich darf der Pflicht, ſie zu ſchuͤtzen, mich nicht entziehen.“ „Waͤrt Ihr im Stande, es zu thun,“ erwiederte die Koͤnigin,„ſo wuͤrde Margarethe Euch rathen, bis in den Tod zu kaͤmpfen. Aber legt Eure Ruͤ⸗ ſtung an, die Ihr ſo lange nicht mehr getragen, be⸗ ſteigt Euer Schlachtroß, erhebt das Kriegsgeſchrei, 1⁵ und Ihr werdet ſehen, ob auch nur hundert Maͤnner ſich um Eure Fahnen ſammlen. Eure Veſten ſind in den Haͤnden von Fremden; Ihr habt kein Heer; Eure Vaſallen moͤgen wohl guten Willen haben, aber es fehlt Ihnen an der noͤthigen Kriegserfahrung und Zucht: ſo iſt Eure Herrſchaft nur ein Gerippe, das Frankreich oder Burgund umſtuͤrzen kann, ſobald es einer dieſer Mächte beliebt, den Arm darnach auszu⸗ recken. K Thraͤnen traͤufelten dem Greiſen uͤber die Wangen, als dieſe unerfreuliche Ausſicht vor Ihm entfaltet wurde, und er konnte nicht umhin, ſeine voͤllige Un⸗ macht zu geſtehen und zuzugeben, daß er oft ſchon an die Nothwendigkeit gedacht habe, mit einem ſei⸗ ner maͤchtigen Nachbarn wegen Abtretung keiner Be⸗ ſitzungen zu unterhandeln. „Nur die Ruͤckſicht auf Dich, Margarethe,“ fuhr er fort,„ſo hart und grauſam Du biſt, hat mich bisher abgehalten, einen Schritt zu thun, der mir zwar ſchwer fiele, aber wahrſcheinlich meinen Vor⸗ theil am beſten foͤrderte. Aber ich harte gedaͤcht, der gegenwaͤrtige Zuſtand der Dinge ſollte dauern ſo lange ich noch lebe, und Du werdeſt bei den Gaben, die Dir der Himmel verliehen, Mittel finden, dem Ungluͤck zu begegnen, dem ich nicht anders entgehen kann, als daß ich des Sebaukenb darau mich ent⸗ ſchlage. 8 3 Iub 781 „Wenn Ihr im Ernſte von meinem Iutereſſe re⸗ det,“ verſetzte Margarethe,„ſo wißt, daß Ihr durch r 16 Abtretung der Provence den theuerſten und beinahe einzigen Wunſch meines Herzens erfuͤllet, aber Gott ſey mein Zeuge, daß ich Euch eben ſo um Euret als um meinetwillen dazu beſtimmen moͤchte.“ „Genug mein Kind; gib mir die Entſagungs⸗Ur⸗ kunde, daß ich ſie unterzeichne: ich ſehe, Du haſt ſie ſchon fertig: wir wollen unterzeichnen, und dann der Jagd folgen. Freilich iſt es ein Unglück, aber was haͤlfe es, ſo wir hinſaͤßen und daruͤber weinten.“ „Fragt Ihr nicht,“ ſagte Margarethe, uͤber ſeine Gleichguͤltigkeit erſtaunt, Zwem Ihr Eunre⸗ Beſipun⸗ gen abtretet?“ 1 „Was liegt daran,“ erwiebertr der Konig,„wenn ſie nicht mehr mir gehoͤren? Sie kommen entweder an Karl von Burgund, oder an meinen Neffen Lud⸗ wig— beide maͤchtige und kluge Fuͤrſten. Gott gebe, daß mein armes Volk keine Urſache hat, ſich den al⸗ ten Mann zuruͤck zu wuͤnſchen, deſſen einzige Freude es war, es gluͤcklich und froh zu ſehen.“ „An den Burgunder tretet Ihr die Provence ab,⸗ ſagte Margarethe. 1 „Ich haͤtte ihm den Vorzug gegeben,“ verſetzke Rens; ver iſt ſtolz, aber nicht boͤswillig. Nur noch ein Wort: ſind die Gerechtſame und Freiheiten mes⸗ nes Volks gehoͤrig ſicher geſtellt 26, u „Voͤllig,“ erwiederte die Konigin,„und aucht fuͤr Euer anſtaͤndiges Auskommen iſt geſorgt. Ich habe die Bedingungen hieruͤber nicht uͤbergangen, unge⸗ 1 17 achtet ich, was die Geldangelegenheit betrifft, auf Karls Großmuth haͤtte vertrauen duͤrfen.“ „Ich frage nicht wegen meiner— mit der Harfe und dem Pinſel wird René der Troubadour ſo gluͤck⸗ lich ſeyn, als René der Koͤnig.« Nachdem er ſo geſprochen, pfiff er den Schluß des letztgedichteten Liedes, und unterzeichnete die Abtre⸗ tung ſeiner noch uͤbrigen Beſitzungen, ohne den Hand⸗ ſchuh abzuziehen, oder auch nur die Urkunde zu leſen. „Was iſt das?“ fragte er, mit einem Blick auf ein anderes, kleineres Stuͤck Pergament.„Mein Vetter Karl ſoll beide Sicilien, Katalonien, Neapel und Jeruſalem ſammt dem Reſt der Provence bekom⸗ men? Meines Beduͤnkens haͤtte man Anſtands hal⸗ ber zu einer ſo bedeutenden Abtretung wenigſtens ein groͤßeres Stuͤck Pergament waͤhlen ſollen.“ „Dieſe Urkunde,“ entgegnete Margarethe, erklaͤrt nur die verwegenen Verſuche Ferrand's von Vaude⸗ mont in Lothringen fuͤr kraftlos, und entſagt allem Streit daruͤber mit Karl von Burgund.“ Dießmal hatte ſich Margarethe im Vertrauen auf ihres Vaters Lenkſamkeit verrechnet. René ſchrack zuſammen, ſeine Wangen faͤrbten ſich dunkel, und ſtammelnd vor Wuth unterbrach er ſie:„Du ſagſt nur, wo es ſich um die Sache meines Enkels, des Sohns meiner theuren Yolande, und ſeiner rechtmaͤ⸗ ßigen Anſpruͤche an das Erbe ſeiner Mutter handelt! Margarethe, ich ſchaͤme mich fuͤr Dich. Dein Stolz Walter Scott's Wexke. 16as Boͤchen. 2 18 iſt ein Deckmantel fuͤr Deine boͤſe Geſinnung; aber was iſt ein Stolz, der ſich erniedrigt, eine entehrende Handlung zu begehen? Ich ſoll mein eigen Fleiſch und Blut im Stich laſſen, ja verlaͤugnen, weil der Juͤngling als wackrer Kaͤmpfer bereit iſt, ſein Recht mit dem Schwert zu verfechten? Ich verdiente, daß Spottlieder auf mich geſungen wuͤrden, gaͤbe ich Dei⸗ nem Verlangen Gehoͤr.“ Der unerwartete Widerſpruch des Greiſen hatte Margarethen beinahe alle Faſſung geraubt. Doch ver⸗ ſuchte ſie, ihm zu zeigen, daß ſeine Ehre keineswegs darunter leide, wenn er einen kuͤhnen Abenteurer nicht unterſtuͤtze, deſſen Recht in jedem Falle nur durch unbedeutende Geldzuſchuͤſſe, die er unter der Hand von Frankreich beziehe, und durch Raͤuberban⸗ den aufrecht erhalten werde, welche die Grenzen aller benachbarten Laͤnder unſicher machen. Ehe aber René antworten konnte, ließen ſich ungewoͤhnlich laute Stimmen im Vorzimmer vernehmen; die Thuͤre wurde aufgeſtoßen, und herein ſtürmte ein gewapp⸗ neter Ritter, mit Staub bedeckt, und ſein ganzes Weſen verrieth, daß er einen weiten Weg gemacht. „Hier bin ich, Vater meiner Mutter,“ ſprach er, „ſeht, Euer Enkel, Ferrand von Vaudemont, der Sohn Eurer Yolande kniet vor Euch, und bittet um Euren Segen.“ „Nimm ihn hin,⸗ erwiederte Rens,„und moͤge er Dir Gluͤck bringen, tapfrer Juͤngling, Ebenbild Dei⸗ 19 ner frommen Mutter— mein Segen, meine Wuͤnſche und meine Hoffnungen begleiten Dich. „Und Ihr, ſchoͤne Muhme von England,“ fuhr der junge Ritter, gegen Margarethen gewendet, fort, „wollt Ihr, ſelbſt von Verraͤthern vertrieben, nicht der Sache eines Verwandten Euch annehmen, der das Aeuſſerſte wagt fuͤr ſein Erbe?“ „Ich wuͤnſche Euch alles Gute, Neffe,“ gab die Koͤnigin zuruͤck,„obgleich mir Eure Zuͤge fremd ſind. Aber dem alten Manne hier zu rathen, Eure Sache, die jedem Vernuͤnftigen als verzweifelt erſcheinen muß, zu unterſtuͤtzen, waͤre frevelnder Wahnſinn.“ „Meine Sache iſt alſo ſo verzweifelt?“ verſetzte Ferrand,„verzeiht, ich wußte es nicht. Und meine Ruhme Margarethe ſpricht alſo, deren Geiſtesſtaͤrke das Haus Lancaſter ſo lange erhielt, da der Muth ihrer Krieger durch Niederlagen gebrochen war? Was wuͤrdet Ihr geſagt haben, wenn meine Mutter Yo⸗ lande faͤhig geweſen waͤre, Eurem Vater zu rathen, Euren Gemahl Eduard im Stiche zu laſſen, wenn ihn der Himmel gluͤcklich die Provence haͤtte erreichen laſſen?« „Eduard,“ entgegnete Margarethe unter Thraͤnen, „war nicht faͤhig, ſeine Freunde aufzufordern, ſie ſoll⸗ ten eine unrettbare Sache unterſtuͤtzen, und doch hat⸗ ten maͤchtige Fuͤrſten und Pairs dafuͤr geſtritten!“ „Aber der Himmel gab ihr ſeinen Segen nicht,“ ſprach Vaudemont. 2*⁵ 20 „Die Eurige,“ fuhr Margarethe fort,„hat nur deutſche Raubritter, Glückspilze aus den Städten am Rhein, und Landleute von den verbündeten Kantonen zu Anhängern.“ „Aber Gott iſt mit ihnen,“ erwiederte Vande⸗ mont.„Wißt ſtolze Frau, daß ich gekommen bin, Eu⸗ ven verrätheriſchen Umtrieben ein Ende zu machen, nicht als Abentheurer, ſondern als Sieger von einem bluti⸗ gen Schlachtfeld, auf dem der Himmel den Stolz des Tyrannen von Burgund gebrochen hat.“ „Das iſt falſch!“ entgegnete die Königin erſchreckend; „ich glaube es nicht.“ „Es iſt wahr,“ fuhr Vaudemont fort,„ſo wahr, als der Himmel ſich über uns wölbt.— Vier Tage ſind es, ſeit ich das Schlachtfeld bei Granſon verlaſſen, das die Söldner des Burgunders mit ihren Leichen decken. Seine Reichthümer, ſeine Juwelen, ſein Silberzeug, ſind eine Beute der Schweizer geworden, die den Werth kaum zu ſchätzen wiſſen. Kennt Ihr dieß, Königin?“ fuhr er fort, ihr den wohlbekannten Juwel zeigend, welcher das Ordensband des Herzogs zierte;„meint Ihr nicht, der Löwe ſey ſtark im Gedränge geweſen, daß er ſolche Siegeszeichen im Stiche ließ?« Betäubt blickte Margarethe auf das Zeichen, das des Herzogs Niederlage und die Vernichtung ihrer letzten Hoffnungen beurkundete. Ihr Vater dagegen war er⸗ freut über den Heldenmuth des jungen Kriegers, eine Eigenſchaft, die er, ſeine Tochter Margarethe ausgenom⸗ men, in ſeiner Familie ſchon erlöſchen ſehen zu müſſen, 21 gefürchtet hatte. Den Jüngling, der ſich ſo vielen Ge⸗ fahren blos ſtellte, um Ruhm zu gewinnen, beinahe ebenſo ſehr bewundernd, als die Dichter, welche der Helden Ruhm durch unſterbliche Lieder verherrlichten, drückte er ſeinen Enkel ans Herz, und verſicherte ihn, daß er, René, zehntauſend Kronen beſitze, die ihm theil⸗ weiſe oder ganz zu Dienſten ſtehen, wodurch er die Wahrheit deſſen bekundete, was man von ihm zu ſagen pflegte, daß er nämlich nicht zwei Gedanken zu gleicher Zeit zu faſſen im Stande ſey. Wir kehren nun zu Arthur zurück, der, ſowie der Königin Geheimſchreiber Mordaunt, nicht wenig er⸗ ſtaunt war, als der Graf von Vaudemont, der ſich Herzog von Lothringen nannte, von einem hochgewach⸗ ſenen, kräftigen Schweizer mit gewichtiger Hellebarde gefolgt, ins Vorzimmer trat, wo ſie Wache hielten. Der Prinz nannte ihm ſeinen Namen, und Arthur glaubte ſich nicht befugt, ihm den Eintritt zu ſeinem Großvater und ſeiner Muhme zu verweigern, beſonders da, wie voraus zu ſehen war, Widerſpruch einen Streit veranlaßt haben würde. In dem ſtämmigen Hellebar⸗ dier, der ſo klug war, im Vorzimmer zu bleiben, er⸗ kannte Arthur zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen Sigmund, der, nachdem er ihn einige Zeit mit großen Augen angeſehen, mit einem lauten Freudenruf auf ihn zueilte, und ihm ſagte, wie ſehr es ihn freue, ihn hier zu treffen, weil er ihm wichtige Nachrichten mit⸗ zutheilen habe. Es wurde Sigmund immer ſchwer, ſeine Gedanken zu ordnen; jetzt waren ſie durch die 22 Freude über den Sieg ſeiner Landsleute über den Her⸗ zog von Burgund völlig verwirrt, und verwundert ver⸗ nahm Arthur ſeine ungeordnete aber getreue Erzäh⸗ lung. „Seht, König Arthur,“ ſprach er,„der Herzog war mit ſeinem gewaltigen Heere bis Granſon gekommen, das am großen See bei Neufchatel liegt. Hier befan⸗ den ſich 5— 600 Eidgenoſſen, und hielten ſich, bis der Mundvorrath ausging; dann mußten ſie die Stadt, wie Ihr denken könnt, übergeben. Aber wenn auch der Hunger ein ſchlimmer Gaſt iſt, hätten ſie ihn doch lieber noch einen Tag oder zwei ertragen, denn der Fleiſcher Karl ließ ſie alle zuſammen an den Bäumen vor der Stadt aufhängen, und auf das, ſeht Ihr, ver⸗ gieng ihnen der Appetit. Indeſſen war auf unſern Bergen Alles in Bewegung, und wer ein Schwert oder eine Lanze hatte, waffnete ſich damit. In Neufchatel ſammelten wir uns, und einige Deutſche ſtießen dort zu unſerm Haufen mit dem Herzog von Lothringen. Ha, König Arthur, das iſt ein Anführer! wir meinen alle, er ſtehe nur dem Rudolph nach. Ihr habt ihn ſo eben geſehen: der vorhin in dieſes Zimmer gieng, wars; auch habt Ihr ihn früher einmal geſehen— es war der blaue Ritter von Baſel, aber wir nannten ihn da⸗ mals Lorenz, denn Rudolph ſagte, mein Vater dürfe nichts von ſeiner Anweſenheit erfahren, und ich wußte damals ſelbſt nicht, wer es eigentlich war. Wie wir nun nach Neufchatel kamen, waren wir ein ziemlich ſtarker Haufen, ungefähr 15000 rüſtige Eidgenoſſen, . 23 und wenigſtens noch 5000 Deutſche und Lothringer. Wir hörten, daß der Burgunder 60,000 Mann im Felde habe, zugleich aber auch, daß er unſere Brüder aufge⸗ hängt wie Hunde, und unter uns— ich meine die Eid⸗ genoſſen,— war Keiner, der zurück blieb, wo es galt, ſie zu rächen. Ich wollte, Ihr hättet das Geſchrei der 15,000 Schweizer gehört, wie ſie gegen die Henker ih⸗ rer Brüder geführt zu werden verlangten! Mein Vater ſelbſt, der wie Ihr wißt, gewöhnlich für den Frieden ſo eingenommen iſt, gab jetzt das erſte Zeichen zur Schlacht. So zogen wir, als der Morgen graute, au dem See hinab gen Granſon, Thränen in den Augen, in der Hand die Waffen, und entſchloſſen, den Tod zu holen oder Rache. Wir kamen an einem Hohlweg zwi⸗ ſchen Vieux⸗Moreux und dem See; auf der Ebene zwi⸗ ſchen dem Berg und dem See hielten Reiter, und ein ſtarker Haufen Fußvolk am Berge. Der Herzog von Lothringen mit den Seinigen griff die Reiter an, wir erſtiegen den Berg, um das Fußvolk zu vertreiben. Dieß war das Werk eines Augenblicks. Jeder von uns war auf den Felſen wie zu Hauſe, des Herzogs Leute aber wußten ſich nicht zu helfen, wie Ihr, Arthur, da Ihr auf den Geierſtein kamt. Aber hier waren keine freundliche Dirnen, ſie hinabzugeleiten; nein— Picken, Partiſanen und Hellebarden ſtießen ſte von den Höhen. Die Reiter, von den Lothringern gedrängt, flohen, als ſie uns in iyrer Flanke ſahen, ſo weit ihre Pferde ſie trugen. Nun vereinigten wir uns wieder auf der Ebene, in buon campagna, wie die Wälſchen ſagen, „v 24. wo die Berge ſich weiter vom See weg ziehen. Aber ſeht, kaum hatten wir unſere Reihen geordnet, ſo hör⸗ ten wir einen Lärm von Inſtrumenten, Pferdegetrab, und ein Geſchrei von Männern, als hielten alle Krie⸗ ger und Barden von Frankreich und Deutſchland einen Wettſtreit. Darauf wälzte ſich eine ungeheure Staub⸗ wolke gegen uns, und es wurde uns klar, daß wir ſie⸗ gen müſſen oder ſterben, denn Karl zog heran mit ſei⸗ nem ganzen Heere, ſeine Vorhut zu unterſtützen. Ein Windſtoß von den Bergen her warf die Wolke ausein⸗ ander, denn ſie hatten Halt gemacht, um ſich zur Schlacht zu ordnen. Ihr hättet zehn Jahre Eures Lebens darum gegeben, Arthur, dieß Schauſpiel nur zu ſehen! Tauſende von Pferden waren zu ſchauen, in völ⸗ liger Rüſtung, die in der Sonne flimmerten, und viele Ritter mit goldnen und ſilbernen Kronen auf den Hel⸗ men, und dichte Maſſen von Lanzenträgern zu Fuß, und Kanonen, wie ſie's heißen. Ich wußte nicht, was für Dinger das waren, die ſie mit Ochſen heranführten, und vor ihren Reihen aufſtellten, aber bald ſollt' ich's erfahren. Wir waren im Viereck aufgeſtellt, und ehe wir vorwärts ſtürmten, mußten wir nach dem alten frommen Brauch niederknieen und zu Gott beten und unſrer Liebenfrau und den Heiligen, und nach⸗ her erfuhren wir, Karl in ſeinem Dünkel habe ge⸗ meint, wir flehen um Gnade. Ha! ha! ha! ein köſtlicher Spaß! Wenn mein Vater einmal vor ihm kniete, ſo geſchah's chriſtlichem Blut und dem Frie⸗ den zu Liebe, aber auf dem Schlachtfeld wäre Ar⸗ 25 nold Biedermann nimmermehr gekniet vor ihm und ſeiner ganzen Ritterſchaft, wäre er auch allein mit ſeinen Söhnen ihm gegenüber geſtanden. Nun alſo — Karl, der meinte, wir bitten um Gnade, wollte uns zeigen, daß er unerbittlich ſey und rief:„Feuert mit den Kanonen auf die feigen Knechte; andere Gnade haben ſie von uns nicht zu gewarten!“ Und bum— bum— bum— krachte es von den Stücken wie Donner und Blitz, und ſie thaten einigen Scha⸗ den, doch nicht ſehr vielen, weil wir knieten, und die Heiligen, die wir angerufen, die ſchweren Kugeln über unſere Häupter weg fliegen ließen. Jetzt gab man uns das Zeichen, aufzuſtehen und anzugreifen, und ich verſichere Euch, es war Keiner ſäumig. Je⸗ der fühlte ſeine Kraft verzehnfacht. Meine Helle⸗ barde iſt kein Spielzeug,— Ihr könnt ſie hier ver⸗ ſuchen, wenn Ihr ſie vergeſſen habt— und doch zitterte ſie wie ein dünner Weidenſtab. Wir rückten vor; da ſchwiegen plötzlich die Kanonen, und die Erde erbebte aufs Neue: es waren die Gewappneten, die gegen uns anſprengten. Unſere Anführer aber verſtanden ihre Sache, denn ſie waren nicht das erſte Mal dabei: ſie hießen das erſte Glied niederknieen, das zweite ſich dicht anſchließen, und die Speere vorhalten wie eine eiſerne Mauer. So kamen ſie heran, und die Lanzen zerſplit⸗ terten, daß die Weiber in Unterwalden ein ganzes Jahr davon hätten Feuer anmachen können. Nieder ſtürzten die gewappneten Roſſe und die Ritter, und die Banner und Bannerträger, und die bekränzten Helme, und von 4 26 den Geſtürzten enkrann keiner. In Unordnung zogen ſie ſich zurück, und ſammelten ſich zu einem neuen An⸗ griff, als der Herzog Ferrand mit ſeinen Reitern auf ſie eindrang und wir nachrückten, ihn zu unterſtützen. Das Fußvolk hielt kaum Stand, als es die Reiter ſo ſchlimm wegkommen ſah. Da hättet Ihr den Staub ſehen ſollen, und das Fallen der Hiebe hören! Auf mein Wort, ich ſchämte mich beinahe, mit meiner Hellebarde um mich zu ſchlagen und zu ſtoßen, weil die Leute gar nicht an Widerſtand dachten. Viele Hunderte wurden erſchlagen, und das ganze Heer floh in wilder Unord⸗ nung.“ „Mein Vater!— mein Vater!“ klagte Arthur; „was war ſein Schickſal?“ 3 „Er entkam glücklich,« verſetzte Sigmund,„er floh mit Karl.“ „Es muß viel Blut gefloſſen ſeyn, ehe er ſich zur Flucht wandte,“ ſprach Arthur weiter. „Er hat keinen Antheil am Kampf genommen,“ er⸗ wiederte Sigmund,„und Gefangene ſagen, das ſey gut für uns geweſen, denn er ſey ein Mann von hoher Einſicht und wacker im Felde. Daß er geflohen, iſt keine Schande, denn man muß wohl rückwärts bei einer ſolchen Gelegenheit, wenn man nicht vorwärts kann.“ Hier unterbrach Mordaunt ihr Geſpräch mit den Worten:„Stille, der König und die Königin kom⸗ men!“ „Was ſoll ich thun?2 fragte Sigmund etwas ver⸗ 27 blüfft.„Vor dem Herzog von Lothringen brauche ich mich nicht zu ſchenen, aber was habe ich zu thun, wenn der König und die Königin kommen?“ „Ihr ſteht auf, nehmt die Mütze ab und ſchweigt.“ Sigmund befolgte die Weiſung, während René Arm in Arm mit ſeinem Enkel heraustrat; Margarethe folgte, und Unmuth und Kummer war auf ihrer Stirne zu leſen. Sie winkte Arthur im Vorübergehen und ſagte zu ihm:„Verſichert Euch von der Wahrheit der unerwarteten Nachrichten, und hinterbringt mir das Nähere. Mordaunt führt Euch zu mir.“ Nun warf ſie einen Blick auf den Schweizer, und erwiederte höflich ſeinen linkiſchen Gruß, worauf ſle das Zimmer verließen, René, um mit ſeinem Enkel der Jags nachzueilen, und Margarethe, um in ihrem Zimmer die Beſtätigung der ſchlimmen Nachrichten abzuwarten. Sobald ſie hinausgegangen waren, hob Sigmund wieder an:„Das iſt alſo ein König und eine Königin! Peſt! der König gleicht ziemlich Jacomo, dem alten Fiedler, der uns zu ſpielen pflegte, wenn er auf ſeinen Fahrten nach Geierſtein kam. Die Königin aber iſt eine ſtattliche Frau; die erſte Kuh der Heerde, die, mit Blumenkränzen geſchmückt, den andern vorangeht, kann nicht ſtolzer einherſchreiten. Und wie ſchnell Ihr auf ſie zugingt, und mit ihr ſprachet! Ich hätte das nicht ſo zierlich zu thun gewußt. Es ſcheint, Ihr ha⸗ bet gelernt, was an Höfen Sitte iſt.“— v 4 28 „Laßt das jetzt, Sigmund,“ unterbrach ihn Arthur, „und erzählt mir noch mehr von der Schlacht.“ „Bei der heil. Jungfrau!“ verſetzte Sigmund,„ich muß zuvor etwas zu eſſen und zu trinken haben, wenn Ihr es mir hier verſchaffen könnt.“ „Das ſollt Ihr haben, Sigmund,“ erwiederte Arthur, und ließ durch Mordaunt in ein entlegenes Zimmer Erfriſchungen und Wein beſorgen, welchem Sigmund nicht wenig zuſprach. Als er ſich mit Arthur und ei⸗ nigen Flaſchen köſtlichen Weines allein ſah, fuhr er zu erzählen fort: „Nun ja— wo blieben wir? richtig, wie wir das Fußvolk durchbrachen;— es ſammelte ſich nicht wieder und gerieth in immer größere Verwirrung, und wir hätten die Hälfte davon erſchlagen können, wenn wir nicht gehalten hätten, um des Herzogs Lager zu durch⸗ ſuchen. Gütiger Himmel! was gab es da zu ſehen! Jedes Zelt war voll koſtbarer Kleider, ſchimmernder Rüſtungen und großer Platten und Flaſchen von Silber, wie Einige ſagten; aber ich wußte, daß es in der gan⸗ zen Welt nicht ſo viel Silber gebe, und daß ſie nur von gut polirtem Zinn ſeyn können. Schaaren von Troßbuben, Lakayen in geſtickten Kleidern und Edel⸗ knaben liefen umher, und hübſche Dirnen zu Tauſenden. Alle mit einander ergaben ſie ſich an die Sieger, aber ich kann Euch verſichern, daß mein Vater dort ſtrenge war gegen jeden, der das Kriegsrecht mißbrauchte. Doch einige unſerer jungen Leute achteten ſeiner nicht, bis er ſie mit dem Schaft ſeiner Hellebarde Gehorſam 29— lehrte. Da gab es herrliche Beute, Arthur, denn die Deutſchen und Franzoſen, die bei uns waren, nahmen, was ſie fanden, und etliche unſerer Leute folgten ihrem Beiſpiel— ſo etwas iſt anſteckend. So kam ich in Karls eigenes Zelt, in welches Rudolph und einige ſeiner Leute Niemanden einlaſſen wollten, wahrſcheinlich um die Beute für ſich allein zu haben; aber weder er noch ein anderer Berner wagte es, mir den Weg zu vertreten; ſo kam ich hinein, und ſah ſie zinnerne Tel⸗ ler, ſo ſpiegelblank wie Silber, in Kiſten und Truhen packen. Ich drängte mich durch ſie ins innere Zelt, wo Karls Bett ſtand,— ich muß es ihm nachrühmen, es war das einzig harte im ganzen Lager, und ſchöne, funkelnde Steine lagen umher unter Handſchuhen, Stie⸗ feln, Kämmen und ſolchem Kram. Da dachte ich an Euern Vater und an Euch, und wie ich ſo umher ſah, erblickt' ich meinen alten Freund hier,“(er zog bei dieſen Worten den Schmuck der Königin Margarethe hervor)„den ich kannte, weil ich ihn dem Scharfrichter in La Ferette abgenommen hatte. Hoho! Kamerad, rief ich, darfſt nicht länger Burgunder ſeyn, ſondern mußt zurückwandern zu meinen Freunden.“— „Der Schmuck iſt von unſchätzbarem Werthe,“ fiel Arthur ein,„und gehört weder mir noch meinem Va⸗ ter, ſondern der Königin, die Ihr vorhin ſahet.“ „Er muß ihr herrlich ſtehen,“ verſetzte Sigmund. „Wäre ſie nur etliche Dutzend Jahre jünger, ſie gäbe ein wackeres Weib für einen Schweizer Landwirth; v — 30 ich ſtehe dafür, ſie hielte das Hausweſen in guter Ordnung.“ „Sie wird Euch reichlich dafür belohnen, daß Ihr den Schmuck wieder gebracht habt,“ erwiederte Arthur, und konnte ſich des Lächelns nicht enthalten bei dem Gedanken, die ſtolze Margarethe ſollte die Frau eines Schweizer Hirten werden. „Wie?— belohnen!“ fragte Sigmund.„Vergeßt nicht, daß ich Sigmund Biedermann bin, der Sohn des Landammann von Unterwalden— kein gemeiner Lanzknecht, der ſich für einen Dienſt der Höflichkeit mit Geld bezahlen läßt. Sie ſoll mir ein freundlich Wort des Dankes ſagen, oder einen Kuß geben, ſo bin ich wohl zufrieden.“ 8 Abermals lächelnd über ſeines Freundes Einfalt leukte nun Arthur das Geſpräch wieder auf die Schlacht, undgerfuhr, daß die Niederlage der herzoglichen Trup⸗ pen auf der Flucht nicht ſo groß war, als man erwar⸗ tet hätte. „Viele entkamen zu Pferde,“ ſagte Sigmund,»und unſere deutſchen Reiter warfen ſich auf die Beute, ſtatt ihnen nachzuſetzen. Und die Wahrheit zu geſtehen, ſo hielt Karls Lager uns ſelbſt in der Verfolgung auf; wären wir aber eine halbe Stunde weiter vorgerückt, wo unſere Freunde noch an den Bäumen hängend zu ſehen waren, ſo hätte ſich kein Eidgenoſſe im Nachſetzen irre machen laſſen.“ 3 „Und was iſt aus dem Herzog geworden?“ „Karl hat ſich nach Burgund zurückgezogen wie ein 310 Eber, der, vom Jagdſpieß verwundet, nur noch wüthen⸗ der iſt; aber er ſoll niedergeſchlagen ſeyn und ſchwer⸗ müthig. Andere ſagen, er habe ſein zerſtreutes Heer und neue Streitkräfte geſammelt, und von ſeinen Un⸗ terthanen Geld erpreßt, ſo daß wir uns eines zweiten Angriffs zu verſehen haben. Doch nach einem ſolchen Siege wird die ganze Schweiz uns unterſtützen.“ „»Und main. Vater iſt bei ihm?“ fragte Arthur. „Freilich, und hat Alles verſucht,, um mit meinem Vater den Frieden zu unterhandeln. Das wird ihm aber wohl nicht gelingen. Karl iſt toller als je, und unſere Leute ſind ſtolz auf ihren Sieg, wozu ſie ein Recht haben. Deſſen ungeachtet predigt mein Vater beſtändig, ſolche Siege und große Reichthümer verderben unſere alten Sitten, und der Landmann werde den Pflug verlaſſen, um Soldat zu werden. Er weiß viel darüber zu ſagen, aber mein Verſtand kann nicht begreifen, warum Geld, gut Eſſen und Trinken und ſchöne Kleider ſo viel Schaden thun ſollten, und Leute, die viel klüͤger ſind als ich, meinen's auch.— Eure Geſundheit! Freund Arthur.— Ein köſtlicher Wein!— „Was führt Euch und den Prinzen Ferrand ſo eilig hieher?« fragte Arthur weiter. „Traun, Ihr ſelbſt ſeyd die Urſache unſerer Reiſe.“ „Ich? wie ſollte das ſeyn?“ „Es heißt, Ihr und die Königin Margarethe wollen den alten René bewegen, ſeine Beſitzungen an Karl abzutreten, und des Prinzen Ferrand's Anſprüche an Lothringen für kraftlos zu erklären. Darum hat der „v 3² Herzog von Lothringen einen Mann abgeſandt, den Ihr wohl kennt,— d. h. nicht ihn, aber mehrere von ſeiner Familie, und er kennt Euch beſſer, als Ihr glaubt— um Euer Vorhaben zu hintertreiben und zu verhüten, daß Karl die Provence bekommt.“ „Auf mein Wort Sigmund, ich verſtehe Euch nicht.“ „Ich habe nun einmal das Unglück! Zu Hauſe ſagen ſie alle, ich verſtehe nichts, und bald mivtvein auch heißen, ich wiſſe mich Niemanden verſtändlich zu ma⸗ chen. Doch— mit klaren Worten geſprochen, ich meine meinen Ohm, den Grafen Albert von Geierſtein, wie er ſich nennt.— G „Anna's Vater?“ fiel Arthur ein. „Eben der. Ich wußte wohl, daß ich ein Mittel finden würde, ihn Euch kenntlich zu machen.“ „Aber ich habe ihn noch nie geſehen.“ „Ei freilich habt Ihr das— Er iſt ein gewandter Mann, und kennt anderer Leute Angelegenheiten beſ⸗ ſer, als ſie ſelbſt. Ha! nicht umſonſt hat er die Toch⸗ ter eines Salamanders zum Weibe genommen!“ „Pfui, Sigmund, wie könnt Ihr ſolchen Unſinn glauben?“ „Rndolph ſagte mir, Ihr ſeyd in jener Nacht in Grafsluſt ebenſo erſchrocken wie ich.“ „Um ſo thörichter war ich!“ „Weiter! Mein Ohm hat etliche alte Zauberbücher aus dem Schloß Arnheim, und kann ſich, wie es heißt, mit der Schnelligkeit eines Geiſtes von einem Ort zum andern verſetzen. Aber bei allem dem, und obgleich ihn 33 höhere Mächte unterſtützen ſollen, will ihm doch nichts zum Glück ausſchlagen, denn er iſt immer in Noth und Gefahr.“ „Ich weiß nur ſehr Weniges von ſeinem Leben,“ ſagte Arthur, ſein Verlangen, noch mehr zu erfahren ſo gut als möglich verbergend;„ich habe blos gehört er habe die Schweiz verlaſſen, und ſey an des Kaiſers Hof gegangen.“ „Ja,“ fuhr Sigmund fort,„und vermählte ſich mit dem Fräulein von Arnheim, ſpäter aber zog er ſich die Ungnade des Kaiſers und des Herzogs von Oeſtreich zu. Es heißt, in Rom ſey nicht gut wohnen, wenn man Streit habe mit dem Pabſt, darum hielt es mein Ohm für's Beſte, über den Rhein zu gehen, und ſich an Karls Hof zu verfügen, der gerne Edelleute aus allen Ländern aufnahm, wenn ſie nur wohlklingende Namen hatten, als da ſind Graf, Marquis und der⸗ gleichen. So fand mein Oheim freundliche Aufnahme, aber ſeit etlichen Jahren iſt die Freundſchaft zu Ende gegangen. Mein Oheim erlangte großes Anſehen bei gewiſſen geheimen Geſellſchaften, der Herzog ſah dieß aber ungerne, und ſetzte ihm ſo hart zu, daß er die Tonſur nehmen mußte, um den Kopf nicht zu verlie⸗ ren. Deſſen ungeachtet aber war er ſo thätig, wie zuvor, und ungeachtet ihn der Herzog wieder frei ließ, ſo legte er dieſem doch ſo viele Schwierigkeiten in den Weg, daß jedermann glaubte, er harre nur einer Ge⸗ legenheit, ihn greifen und hinrichten zu laſſen. Aber Walter Scott's Werke. 1628 Boͤchen. 3 7. — 34 mein Ohm behauptet, er fürchte Karl nicht, im Ge⸗ gentheile müße dieſer, obgleich Herzog, ſich vor ihm hüten. Ihr wißt, wie kühn er in La Ferette ſeine Rolle ſpielte.“ „Beim heiligen Georg von Windſor!“ rief Arthur, „er der Prieſter von St. Paul?“ »Ho ho! nun verſteht Ihr mich. Nun ja, er nahm es auf ſich, daß Karl ihn wegen ſeines Antheils au Hagenbach's Hinrichtung zu ſtrafen nicht wagen würde, und ſo geſchah es auch, ungeachtet der Graf unter den Staͤnden von Burgund Sitz und Stimme hatte, und ſie, ſo viel er vermochte, aufmunterte, Karl die ver⸗ langte Geldbewilligung zu verweigern. Als aber der Krrieg mit den Schweizern ausbrach, fah mein Ohm, daß der geiſtliche Rock ihn nicht länger ſchützen würde, und der Herzog ihn eines Einverſtändniſſes mit ſeinem Bruder und ſeinen Landsleuten beſchuldigen wollte; daher erſchien er plötzlich in Ferrand's Lager bei Neuf⸗ chatel, und ſchickte einen Boten an Karl, durch den er ihm den Gehorſam aufſagen ließ.“ „Eine ſeltſame Geſchichte,“ verſetzte Arthur,„und zugleich ein Beweis, wie thätig und gewandt dieſer Mann ſeyn muß.“ „O, Ihr könnt die ganze Welt durchſuchen, und findet keinen Zweiten, wie mein Ohm. Zu dem weiß er Alles; ſo hat er auch dem Herzog Ferrand geſagt, weßhalb Ihr hier ſeyd, und erbot ſich, gewiſſere Nach⸗ richten zu bringen,— ja, und ungeachtet er unſer Lager erſt fünf bis ſechs Tage vor der Schlacht verließ, 35 und der Weg von Neufchatel bis Aix über 100 Stun⸗ den beträgt, trafen wir ihn doch bereits auf dem Rückwege.— 3 „Ihr traft ihn!“ fiel Arthur ein,„wen? den Prie⸗ ſter von St. Paul?“ „Eben den,“ antwortete Sigmund,„aber er war als Karmeliter gekleidet.“ „Als Karmeliter!“ wiederholte Arthur, dem plötzlich ein Strahl des Verſtändniſſes aufging,„und ich war ſo blind, daß ich ihn der Königin empfahl! Ich erin⸗ nere mich ſehr gut, daß er ſein Geſicht mit der Kapuze bedeckte,— ich Thor, daß ich in eine ſo grob gelegte Schlinge ging!— Doch iſt's vielleicht eben ſo gut, daß die Verhandlung abgebrochen wurde, denn wäre ſie auch nach Wuͤnſch beendigt worden, ſo hätte dieſe furchtbare Niederlage alle unſere Plane vernichten müſſen.“ Mordaunt trat bei dieſen Worten ein, und berief Arthur zur Königin. Ein düſteres Zimmer, deſſen Fenſter auf die Ruinen eines römiſchen Gebäudes ſahen, hatte ſich Margarethe zur Wohnung gewählt. Sie empfing Arthur mit einer Güte, die um ſo mehr er⸗ griff, weil ſie aus einem ſtolzen, hochfahrenden Herzen kam, das vielfaches Unglück erfahren und ſchmerzlich empfunden hatte. „Armer Arthur!« ſprach ſie,„Euer Leben beginnt, wie das Eures Vaters zu endigen droht, mit der frucht⸗ loſen Mühe, ein ſinkendes Schiff zu retten. Das Waſſer G 3* r. 36 dringt zu ſchnell durch den Leck ein, als daß menſchli⸗ che Kraft es meiſtern könnte. Alles— Alles ſcheitert, wenn unſere unglückliche Sache damit in Verbindung kömmt,— die Stärke verkehrt ſich in Schwäche, Weis⸗ heit in Thorheit, Tapferkeit in Feigheit. Der Herzog von Burgund, bisher ſlegreich bei allen ſeinen kühnen Unternehmungen, braucht nur den flüchtigen Gedanken zu hegen, das Haus Lancaſter zu unterſtützen, und ſiehe, ſein Schwert wird gebrochen von einem Häuflein Landleute, und ſein wohlgeübtes Heer, für das ſchönſte in Europa gehalten, zerſtäubt wie Spreu vor dem Winde, und gemeine Miethlinge und Hirten theilen die Beute!— Was habt Ihr Weiteres von der uner⸗ hörten Geſchichte vernommen?“ „Nicht viel, Madame, das Ihr nicht ſchon wüßtet. Das Schlimmſte an der Sache iſt, daß das Burgun⸗ diſche Heer mit ſchimpflicher Feigheit focht, und die Schlacht völlig verlor, da es doch alle Vortheile auf ſeiner Seite hatte— das Beſte, daß es nicht ſowohl vernichtet, als zerſtreut wurde, daß der Herzog ſelbſt entkam, und jetzt im oberen Burgund ſeine Streit⸗ kräfte wieder ſammelt.“ „Um eine neue Niederlage zu erleiden, oder ſich in einen langen zweifelhaften Kampf zu verwickeln, der fuͤr ſeinen Ruhm eben ſo nachtheilig iſt.— Wo iſt Euer Vater?“ „Beim Herzog, Madame, ſoviel ich weiß,“ ant⸗ wortete Arthur. „Kehrt zu ihm zuruͤck, und bringt ihm den Auf⸗ 37 trag von mir, fuͤr ſich ſelbſt beſorgt zu ſeyn, und ſich nicht laͤnger mit meinen Angelegenheiten Muͤhe zu machen. Dieſer letzte Schlag hat mich niederge⸗ ſchmettert— ich bin ohne Verbuͤndete, ohne Freund, ohne Geld...“ „Nein, Madame,“ erwiederte Arthur, ein gluͤck⸗ licher Zufall hat dieſes unſchaͤtzbare Ueberbleibſel Eu⸗ res Reichthums Euer Hoheit wieder zugefuͤhrt.“ Mit dieſen Worten uͤberreichte er ihr den koſtbaren Schmuck, und erzaͤhlte ihr, wie er wieder in ſeine Haͤnde ge⸗ kommen. „Ich freue mich dieſes Zufalls,« ſprach die Koͤni⸗ gin,„weil ich dadurch in Stand geſetzt werde, we⸗ nigſtens der Pflicht der Dankbarkeit zu genuͤgen. Bringt dieſen Schmuck Eurem Vater, ſagt ihm, daß ich meine Plane aufgegeben, und daß mein Herz, das ſo lange der Hoffnung ſich hingab, nun endlich gebrochen ſey. Sagt ihm, die Edelſteine ſeyen ſein eigen; ſie ſind nur ein geringer Erſatz fuͤr die Graf⸗ ſchaft, die er um meinetwillen verlor.« „Koͤnigliche Frau,“ entgegnete der Juͤngling,„ſeyd verſichert, mein Vater wuͤrde lieber als gemeiner Reiter dienen, denn Euch in Eurem Ungluͤck zur Laſt fallen.“ „Er hat bisher meinen Befehlen Folge geleiſtet,“ verſetzte Margarethe,„und dieß iſt der letzte, den er von mir empfängt. Iſt er zu reich oder zu ſtolz, ein Geſchenk von ſeiner Koͤnigin anzunehmen, ſo findet v- 38 er genug ungluͤckliche Anhaͤnger unſers Hauſes, die aͤrmer ſind, oder weniger bedenklich.“ „Ich habe Euch noch einen Umſtand mitzutheilen,“ ſagte Arthur, und erzaͤhlte die Geſchichte vom Grafen Albert von Geierſtein und ſeiner Verkappung als Karmelitermoͤnch. „Seyd Ihr ſo toͤricht,“ fragte die Koͤnigin,„zu glauben, dieſer Mann werde von hoͤheren Maͤchten bei ſeinen ehrgeizigen Planen und ſeinen ſchnellen Reiſen unterſtuͤtzt?« „Nein Madame, aber man ſagt ſich in die Ohren der Graf Albert, oder der Prieſter von St. Paul, ſey eines der Haͤupter der geheimen Geſellſchaften in Deutſchland, die ſelbſt von Fuͤrſten gefuͤrchtet werden.“ Mag er ein Zauberer ſeyn, oder zu dieſen Meuch⸗ lern gehoͤren,“ erwiederte die Koͤnigin,„ſo danke ich ihm, daß er mich von meinem Vorhaben abhielt, meinen greiſen Vater zur Abtretung der Provence zu bewegen, wodurch Rensé, ſo wie die Sachen jetzt ſtehen, ſeine Beſitzungen verloren hätte, ohne daß dadurch unſere Unternehmung gegen England gefoͤr⸗ dert worden waͤre.— Noch einmal: mit Tagesan⸗ bruch macht Euch auf den Ruͤckweg, und ſagt Eurem Vater, er ſoll fuͤr ſich ſelbſt ſorgen, ohne weiter an mich zu denken. Die Bretagne, wo der Erbe des Hau⸗ ſes Lancaſter ſich aufhaͤlt, iſt die ſicherſte Freiſtaͤtte fuͤr die wackerſten ſeiner Anhaͤnger. Doch— ich hoͤre die Jagd zuruͤckkommen, und der bloͤdſinnige Alte, der wichtigſten Ereigniſſe dieſe Tages nicht mehr ge⸗ 39 denkend, ſteigt pfeifend die Treppe herauf. Wir tren⸗ nen uns bald, und dieß wird, denke ich, eine Er⸗ leichterung fuͤr ihn ſeyn. Ruͤſtet Euch zum Banket und dem Tanze, zum laͤrmenden Unſinn, vor Allem aber macht Euch bereit, mit dem Grauen des Tages Aix zu verlaſſen.“ Von der Koͤnigin entlaſſen, gab Arthur zuerſt Thiébault die Weiſung, alle Anſtalten zur Abreiſe zu treffen, und bereitete ſich dann auf den feſtlichen Abend vor. So Wenige auch darum wußten, wie ſtoͤrend die Ankunft des Herzogs von Lothringen und die von ihm mitgebrachten Nachrichten in die Plane Marga⸗ rethens eingriefen, ſo war doch allgemein bekannt, daß die Königin und ſeine Mutter Yolande nie in gutem Vernehmen mit einander geſtanden waren, und ſo ſah ſich der Prinz am Hofe ſeines Großvaters an der Spitze einer zahlreichen Parthei, der das ſtolze Weſen ſeiner Muhme mißfiel, und ihre Schwermuth, ſo wie ihre Verachtung gegen den freien und heitern am Hofe herrſchenden Ton nicht zuſagen wollte. Ueberdieß war Ferrand ein junger hübſcher Mann, und kam eben als Sieger von einem Schlachtfelde, wo er mit Ruhm ge⸗ fochten, und unüberſteiglich ſcheinende Hinderniſſe über⸗ wunden hatte. Daß er Aller Blicke auf ſich zog, und Arthur, als Anhänger der verhaßten Königin, völlig in Schatten trat, war daher eine nothwendige Folge des Verhältniſſes, in welchem er zu dieſer ſtand. Was aber Arthür's Eigenliebe am empfindlichſten wehe that⸗ „r 8 40 war, daß auf den einfältigen Sigmund der Glanz des Herzogs von Lothringen zurück ſtrahlte; denn dieſer ſtellte anweſenden Damen den tapfern jungen Schwei⸗ zer als Grafen von Geierſtein vor: auch hatte er für ihn einen zu ſeiner Rolle paſſenden Anzug beſorgt. Eine Zeitlang hat alles Neue einen Reiz, wenn es ſich auch durch nichts ſonſt empfehlen kann. Man kannte die Schweizer wenig, ſprach aber viel von ihnen, und es war eine Empfehlung, von dieſem Lande zu ſeyn. Sigmunds Benehmen hatte etwas Plumpes, es war eine Miſchung von Tölpelei und Rohheit, und dieß galt jetzt für Ungezwungenheit. Er ſprach ſchlecht franzö⸗ ſiſch, und noch ſchlechter italieniſch— dadurch erhielt Alles, was er ſagte, etwas Naives. Seine Beine wa⸗ ren plump und dick, beim Tanzen ſprang und trampelte er wie ein junger Elephant, und doch zog man ihn dem hübſchen gewandten Engländer vor, ſogar die ſchwarz⸗ äugige Gräfin, in deren Gunſt Arthur am Abend zu⸗ vor einige Fortſchritte gemacht hatte. Doch verſchaffte ihm der Abend eine kleine Rache. Es gibt gewiſſe Kunſtwerke, deren Mangel man erſt entdeckt, wenn ſie in ein zu ſtarkes Licht geſetzt werden, und dieß war auch bei Sigmund der Fall. Die ſcharf⸗ ſichtigen Provencalen entdeckten bald, wie verſtandes⸗ arm und gutmüthig er war, und beluſtigten ſich auf ſeine Koſten durch fein verſteckten Spott. Ihre Scherze würden wahrſcheinlich derber geworden ſeyn, wenn nicht Sigmund ſeine Hellebarde mit in den Tanzſaal gebracht hätte, deren Größe und Schwere nichts Gutes erwar⸗ 41 ten ließ, wenn er merkte, daß er die Zielſcheibe ihres Witzes war. Indeſſen begegnete Sigmund dieſen Abend kein weiteres Unglück, als daß er bei einem gewaltigen Satze mit ſeiner ganzen Schwere auf das niedliche Füß⸗ chen ſeiner Tänzerin trat, und dieſes beinahe zer⸗ quetſchte. 4 Arthur hatte bisher vermieden, nach Margarethe hinzuſehen, urs nicht durch ſeinen Blick ihre Gedanken von der genommenen Richtung abzulenken. Aber es lag etwas ſo Komiſches in den linkiſchen Geberden, womit der unbeholfene Schweizer ſein Bedauern ausdrückte, und in dem Schmerz der erzürnten Schönen, daß er ſich nicht enthalten konnte, einen Blick nach dem Orte zu werfen, wo der Thronſeſſel der Königin ſtand, um zu ſehen, ob ſie das Vorgefallene bemerkt habe. Mar⸗ garethens Haupt war nach vorn herabgeſunken, ihre Augen waren halb geſchloſſen, ihre Züge entſtellt, ihre Hände krampfhaft in einander gedrückt. Der Kammer⸗ frau, die hinter ihr ſtand, einer tauben, kurzſichtigen Matrone, war ihre Stellung nicht aufgefallen, weil die Königin bei Feſtlichkeiten am Hofe gewöhnlich zerſtreut und in Gedanken verloren war. Als aber Arthur be⸗ ſorgt hinter den Seſſel trat, und ſie auf ihre Gebie⸗ terin aufmerkſam machte, rief ſie, nachdem ſie ſie wohl unterſucht hatte:„Gott im Himmel! die Königin iſt todt!« Es war wirklich ſo; wie ſie ſelbſt vorausgeſagt, war mit dem letzten Schimmer der Hoffnung auch der Le⸗ bensfunke dieſes ſtolzen, ehrgeizigen Gemüthes erloſchen. — 2 XXXII. Durch der Glocken ehr'nen Mund Thut den Sturz der Groͤße kund; Endlich brach das muͤde Herz, Und voruͤber iſt der Schmerz. Altes Lied. Der Schrecken und die Bewegung, welche das un⸗ vermuthete traurige Ereigniß unter den Hofdamen ver⸗ anlaßt hatte, war nun vorüber, und man hörte die leiſeren Klagelaute der wenigen Engländer, die im Dienſte der verſtorbenen Königin geweſen waren, und das laute Weinen des alten Rens, deſſen Schmerz ſich ebenſo heftig äußerte, als er von kurzer Dauer war. Nachdem die Aerzte eine lange aber fruchtloſe Bera⸗ thung gehalten hatten, wurde der königliche Leichnam dem Prieſter von St. Sauveur, der Hauptkirche in Aix, übergeben.. Bei Eröffnung der Papiere der Königin ergab ſich, daß ihr durch Veräußerung von Schmuckſachen und ſparſame Lebensart möglich geworden war, den Eng⸗ ländern in ihrem Dienſte ein anſtändiges Auskommen zu ſichern. Ihr Diamantenhalbsband ſollte ihrem letzten Willen zu Folge in den Händen Philipſons oder ſeines Sohnes bleiben, um damit die bewußten Abſichten durchzuſetzen, oder wenn dieß nicht möglich ſeyn ſollte, zu ihrem eigenen Gebrauch und Nutzen. Die Beſorgung 43 der Leichenfeierlichkeiten übertrug ſie Arthur, mit dem ausdrücklichen Verlangen, daß die in England üblichen Formen dabei beobachtet werden ſollten. Dieſe letzte Verfügung war in einem Zuſatze, am Tage ihres To⸗ des geſchrieben, enthalten. Ohne Zeitverluſt ſchickte Arthur Thiébault an ſeinen Vater mit einem Briefe, worin er ihm Alles, was ſich ſeit ſeiner Ankunft in Aix begeben hatte, und na⸗ mentlich Margarethens Tod, mittheilte, und ihn um weitere Verhaltungsmaßregeln bat, weil ihn die Zu⸗ rüſtungen zu dem Leichenbegängniſſe noch längere Zeit in Aix feſthalten würden. René ertrug den Schlag, der ihn durch den Tod ſeiner Tochter betroffen hatte, ſo leicht, daß er ſchon zwei Tage darauf mit der Anordnung des Leichenzuges und Dichtung eines Liedes ſich beſchäftigte, das nach einer von ihm geſetzten Weiſe zu Ehre der Verſtorbenen geſungen werden ſollte, die er mit den Göttinnen der Mythologie, mit Judith, Debora und andern heiligen Frauen verglich. Sobald der erſte Ausbruch des Schmer⸗ zes vorüber war, drang ſich René der Gedanke auf, daß durch Margarethens Tod ein politiſcher Knoten, den zu löſen ihm ſchwer geworden wäre, zerſchnitten wurde, und er nun offen die Partei ſeines Enkels ergreifen, und ihn unterſtützen konnte, ſo weit es ſeine geringen Mittel erlaubten. Nachdem Ferrand den Segen ſeines Großvaters mit einer für ſeine Angelegenheiten nicht unbedeutenden Geldſumme empfangen hatte, kehrte er 44 zu ſeinen Truppen zurück, und mit ihm Sigmund, nach herzlichem Abſchiede von Arthur. Der kleine Hof in Aix war nun der Trauer hinge⸗ geben. König René, für welchen feierliches Gepränge, bei freudigen oder traurigen Veranlaſſungen, immer eine Sache von hoher Wichtigkeit war, hätte gerne den Reſt ſeiner Einkünfte zum Leichenbegängniß ſeiner Tochter hingegeben, wenn ihn nicht ſeine Räthe, und die Vorſtellungen Arthurs davon abgehalten hätten, der, nach der Verordnung der Verſtorbenen darauf be⸗ ſtand, daß lächerlicher Prunk, den ſie bei ihren Leb⸗ zeiten gehaßt, auch jetzt vermieden würde. So wurde das Leichenbegängniß, nachdem man mehrere Tage mit öffentlichem Gebet zugebracht hatte, mit der dem Ran⸗ ge der Verſtorbenen angemeſſenen Pracht gefeiert. Als der Trauerzug unter dem Geläute der Glocken in den Dom gelangte, ſchloß ſich dem Zuge ein Frem⸗ der, in Trauerkleidern nach engliſcher Tracht, aun. Es war der Graf von Oxford, der gekommen war, um die irdiſchen Ueberreſte der königlichen Frau, für die er ſo Vieles Ferhan und gelitten, zur Ruheſtätte zu geleiten. Die letzten Töne des feierlichen Todtenamtes waren verhallt, und das Leichengefolge hatte ſich größtentheils entfernt, nur Oxford und ſein Sohn ſtanden noch in ſtummem Schmerz am Sarge ihrer Königin. Da nah⸗ ten die Prieſter, um die Hülle des kühnen, raſtloſen Geiſtes ins Grabgewölbe zu tragen, wo in langer Reihe ihre Ahnen ruhten. Als ihr Geſang verſtummt war 45 und der Schimmer ihrer Fackeln verſchwunden, nahm der Graf ſeinen Sohn am Arme, und führte ihn ſchwei⸗ gend in einen kleinen Hof hinter dem Gebäude, wo ſie nun allein waren. Einige Minuten ſchwiegen ſie, denn Beide, beſonders der Vater, waren tief ergriffen. End⸗ lich hob der Graf an:„Alſo ſo mußteſt Du enden, kö⸗ nigliche Frau! Hier ſinken mit Dir alle Entwürfe ins Nichts zurück, für die wir unſer Leben einſetzten! Das entſchloſſene Herz hat aufgehört zu ſchlagen, der kühne Geiſt iſt dahin, und was nützt's, daß die Glieder noch Leben und Bewegung haben? Möge der Himmel Dir deine Tugenden vergelten, Deine Verirrungen vergeben! Beide gehörten dem Range an, den Du begleiteteſt, und haſt Du auch im Glücke die Segel zu hoch geſpannt, ſo wußteſt Du dagegen den Stürmen des Unglücks kühn zu trotzen, und mit Entſchloſſenheit ſie zu tragen.— Der Knoten hat ſich gelöst, mein Sohn, unſere Rol⸗ len ſind zu Ende.“ „So wollen wir gegen die Ungläubigen kämpfen, Va⸗ ter,“ ſagte Arthur mit einem kaum hörbaren Seufzer. „Nein,“ verſetzte der Graf, vich muß zuvor wiſſen, ob Heinrich von Richmond, der Erbe des Hauſes Lan⸗ eaſter, meiner Dienſte nicht bedarf. Mit dieſem Schmuch, der, wie Du mir ſchriebſt, auf ſo ſeltſame Weiſe ver⸗ loren und wieder gefunden wurde, kann ich ihn viel⸗ leicht auf eine Art unterſtützen, die mehr Werth für ihn hat, als unſere beiderſeitigen Dienſte. Ins Lager des Herzogs von Burgund aber kehre ich nicht zurück, denn von ihm iſt keine Hülfe zu hoffen. „v 46 „Iſt es möglich, daß eine einzige Schlacht die Macht eines ſo angeſehenen Fürſten gebrochen haben ſoll?« fragte Arthur. „Keineswegs,“ erwiederte ſein Vater,„der Verluſt bei Granſon war groß, dabei aber doch bei den Mit⸗ teln, welche das Herzogthum beſitzt, nicht ſehr fühlbar. Aber Karls Muth, wenigſtens ſeine kluge Vorſicht, ſind der Erbitterung über eine Niederlage gewichen, die er durch Feinde erlitt, welche er verachtete, und durch einige Haufen ſeiner Gewappneten vertilgen zu können glaubte. Dabei iſt er trotziger und eigenmäch⸗ tiger geworden, als jemals, hört nur diejenigen an, die ihm ſchmeicheln, und wie man mit allem Grund glauben darf, verrathen, und hegt Verdacht gegen die Wenigen, die ihm heilſamen Rath ertheilen. Ich ſelbſt habe ſein Mißtrauen emgfunden. Du weißt, ich wei⸗ gerte mich, gegen die Schweizer, deren Gaſtfreundſchaft ich genoſſen, die Waffen zu tragen, und er ſah hierin keinen Grund, warum ich ihn nicht auf dem Marſche begleiten ſollte. Seit der Niederlage bei Granſon habe ich eine auffallende, plötzliche Veränderung bemerkt, die in den Einflüſterungen des Grafen Campo⸗ Baſſo und großentheils auch in dem beileidigten Stolze des Her⸗ zogs ihren Grund haben mag, der es nicht gerne ſehen mochte, daß ein Unbefangener in meiner Lage und mit meinen Grundſätzen Zeuge des ſeinen Waffen angethanen Schimpfes ſeyn ſollte. Er ſprach in meiner Gegenwart von lauen Freunden, die neutral bleiben wollen, und ſagte, wer nicht für ihn ſey, der ſey wider ihn, ſo daß 2 47 nur die Befehle Margarethens und die Intereſſen des Hauſes Lancaſter mich noch im Lager des Herzogs feſt⸗ hielten. Nun iſt das vorüber: meine königliche Gebie⸗ terin bedarf meiner geringen Dienſte nicht mehr. Der Herzog kann unſere Sache nicht unterſtützen, und könnte er's auch, ſo ſteht es nicht mehr in unſerer Macht, die Bedingung zu erfüllen, an welche er das Verſprech en der Hülfsleiſtung geknüpft hat. Mit Margarethe von Anjou ſind die Mittel, ſeine Abſichten auf die Pro⸗ vence zu unterſtützen, zu Grabe gegangen.“ „Was gedenkt Ihr nun weiter zu thun?“ fragte Ar⸗ thur. 8 „Ich will,“ verſetzte Oxford,„am Hofe Reneés's blei⸗ ben, bis ich Nachrichten vom Grafen Richemond erhalte. Zwar weiß ich wohl, daß Verbannte am Hofe eines fremden Fürſten ſelten willkommen ſind, allein ich war ja ein treuer Anhänger ſeiner Tochter, und begehre von ihm weder Unterſtützung, noch Auszeichnung; er wird mir daher, denke ich, die Erlaubniß nicht verweigern, innerhalb ſeines Gebietes zu leben, bis ich weiß, wohin Schickſal oder Pflicht mich rufen.“ „Ihr dürft deſſen verſichert ſeyn,“ ſagte Arthur. „Renè iſt niedriger und unedler Denkart unfähig, und würde, wenn er die kleinlichen Vergnügungen, an de⸗ nen er hängt, ebenſo verachtete, als er Unehre verab⸗ ſcheut, eine ausgezeichnete Stelle unter den Fürſten Europas verdienen.“ Dieſer Abrede gemäß, ſtellte Arthur ſeinen Vater an René's Hofe vox, und unterrichtete den König insge⸗ r 48 2 heim, daß er ein Mann von Rang und ein ausgezeich⸗ neter Anhänger des Hauſes Lancaſter ſey. Dem guten König wäre freilich ein Gaſt von heiterem Tempera⸗ ment angenehmer geweſen, als der ernſte Staatsmann und Krieger. Der Graf wußte dieß, und beläſtigte nur ſelten ſeinen gütigen, freundlichen Wirth durch ſeine Gegenwart. Er fand jedoch Gelegenheit, dem König einen wichtigen Dienſt zu leiſten, indem er einen Ver⸗ trag zwiſchen ihm und ſeinem Neffen Ludwig von Frank⸗ reich zu Stande brachte. René trat an dieſen die Provence ab, indem die Nothwendigkeit dieſer Maß⸗ regel ſelbſt ihm einleuchtend geworden, und jeder Ge⸗ danke an eine Abtretung zu Gunſten Karls von Bur⸗ gund mit dem Tode der Königin Margarethe aufgehört hatte. Die Geſchäftserfahrung des Grafen, der bei⸗ nahe allein mit der Ausführung dieſer wichtigen, ge⸗ heimen Maßregel beauftragt war, leiſtete René ſehr ſchätzbare Dienſte, indem er dadurch jeder Geldverlegen⸗ heit überhoben und in Stand geſetzt wurde, den Abend ſeines Lebens in ſorgloſer Ruhe hinzubringen. Ludwig ermangelte nicht, den Grafen für ſich zu gewinnen, indem er ihm in der Ferne die Hoffnung zeigte, die Anhänger des Hauſes Lancaſter zu unterſtützen. Es wurden wirklich deßwegen Unterhandlungen angeknüpft, und dieſe Angelegenheiten, welche den Grafen mit ſei⸗ nem Sohne zweimal nach Paris riefen, beſchäftigten ſie während der erſten Hälfte des Jahres 1476. Unterdeſſen dauerte der Krieg des Herzogs von Bur⸗ gund mit den Schweizerkantonen und dem Grafen Fer⸗ 49 8 rand von Lothringen mit erneuerter Wuth fort. Gegen die Mitte des Sommers hatte Karl ein neues Heer von mehr als 60,000 Mann mit 150 Kanonen geſam⸗ melt, um einen Einfall in die Schweiz zu machen. Die Schweizer dagegen, die ſich jetzt für beinahe un⸗ überwindlich hielten, brachten mit leichter Mühe 50,000 Mann auf die Beine, und riefen ihre Verbündeten, die freien Städte am Rhein, zu Hülfe, die eine ſtarke Reiterſchaar zu ihnen ſtoßen ließen. Die erſten Ver⸗ ſuche Karls fielen glücklich aus. Er überſchwemmte mit ſeinen Truppen das Waadtland, und eroberte die meiſten Plätze wieder, die er nach der Schlacht bei Granſon verloren hatte, ſtatt aber zu verſuchen, ſich eine wohlvertheidigte Gränze zu ſichern, oder, was noch klüger geweſen wäre, mit ſeinen furchtbaren Nach⸗ barn auf billige Bedingungen Frieden zu ſchließen, nahm er den Plan wieder auf, ins Herz der Alpen einzudringen, und die Schweizer in ihren Gebirgsfeſten zu züchtigen, da ihn doch die Erfahrung hätte belehren ſollen, wie gefährlich, ja wie verzweifelt ein ſolches Unternehmen ſey. Als daher Oxrfort und ſein Sohn im Sommer nach Air zurückkamen, erfuhren ſie, daß Karl bis Murten, am See gleiches Namens und am Eingange der Schweiz gelegen, vorgerückt ſey, wo der Ritter Adrian von Bubenberg, ein ergrauter Kriegs⸗ mann aus Bern befehligte, und ſich, im Vertrauen auf die nahe Hülfe, hartnäckig vertheidigte. Dem Grafen ahnte beim Empfang dieſer Nachrichten nichts Walter Scott's Werke. 1628 Boͤchn. 4 50 Gutes für ſeinen ehemaligen Waffengefährten, und wirklich verbreitete ſich in der letzten Woche des Ju⸗ nius das unverbürgte Gerücht von einer zweiten Nie⸗ derlage der Burgunder, aber mit ſolchen Uebertreibun⸗ gen, daß Oxford es wenigſtens dem größten Theile nach für blos erdichtet hielt. XXXIII. Und kam des Feindes Heeresmacht Und trug den Sieg davon? Traun, heiß und blutig war die Schlacht, Daß Darwent iſt gefloh'n.. Der Schaͤfer von Ettrick. Kein Schlaf kam in die Augen des Grafen und ſeines Sohnes, denn ungeachtet es für ihre eignen Angele⸗ genheiten oder die ihres Vaterlandes jetzt nicht mehr von Wichtigkeit ſeyn konnte, ob der Herzog von Bur⸗ gund ſiegte oder geſchlageu wurde, ſo nahm Oxford doch immer noch Antheil an dem Schickſal ſeines frü⸗ heren Waffengefährten, und ſein Sohn, der mit dem Feuer der Jugend ſtets nach Neuem verlangte, ſah in jedem merkwürdigen Ereigniſſe, das die Welt bewegke, ein Mittel emporzukommen und ſich auszuzeichnen. Arthur war aufgeſtanden, und gerade im Begriffe ſich anzukleiden, als er den Hufſchlag eines Pferdes 51 vernahm, und kaum war er ans Fenſter getreten, als er mit dem Rufe:„Nachrichten vom Heere!« auf die Straße hinab eilte, wo ein Kriegsmann, der allem Anſcheine nach ſcharf geritten war, nach den Philipſons fragte. Leicht erkannte er in ihm Colvin, der das Geſchütz beim burgundiſchen Heere befehligte. Sein ver⸗ ſtörter Blick verrieth Niedergeſchlagenheit, ſein unor⸗ dentlicher Anzug, und die zerbrochene, blutige Rüſtung ließ vermuthen, daß er von einem Schlachtfelde komme, und ſein Pferd war ſo erſchöpft, daß es ſich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Der Zuſtand des Rei⸗ ters war nicht viel beſſer; als er abſtieg um Arthur zu grüßen, ſchwankte er ſo ſehr, daß er, wenn ihm dieſer nicht ſogleich beigeſprungen wäre, gefallen ſeyn würde. Sein gläſernes Auge ſchien die Sehkraft ver⸗ loren zu haben, nur mit Mühe bewegten ſich ſeine Füße, und mit halb erſtickter Stimme ſtammelte er,„'s iſt nur Ermüdung— Mangel an Ruhe und Nahrung.“ Arthur führte ihn ins Haus, und es wurden ihm Erfriſchungen vorgeſetzt, aber er nahm nichts an, als eine Flaſche Wein, und nachdem er dieſen gekoſtet, ſetzte er das Glas nieder, warf einen traurigen Blick auf den Graf und ſagte:„der Herzog von Burgund!“ „Erſchlagen?“ rief der Graf;„ich hoffe nicht.“ „Ihm wäre beſſer, er wäre es,“ erwiederte Colvin; „aber er hat Schmach erlitten vor dem Tode.“ „Alſo geſchlagen?“ fragte Oxford. „So vollſtändig und furchtbar, daß alle Niederla⸗ 4*½ „v 5² gen, die ich bisher geſehen, nichts zu nennen ſind ge⸗ gen dieſe.“ „Aber wie? und wo?“ fragte der Graf wieder;„ihr waret an Zahl überlegen, wie wir hörten,“ „Wenigſtens zwei gegen einen,“ verſetzte Colvin, „und wenn ich Euch jetzt die Schlacht erzähle, ſo möcht' ich mir mit den Zähnen das Fleiſch vom Leibe reißen, daß ich Euch ſo Schimpfliches zu ſagen habe. Ungefähr eine Woche lagen wir vor der kleinen Stadt Murten, oder wie ſie ſonſt heißt. Der Commandant, einer von den trotzigen Berner Bauren, hielt Stand gegen uns; er wollte uns nicht einmal die Ehre anthun, die Thore zu ſchließen, und als wir die Stadt aufforderten, er⸗ hielten wir zur Antwort, wir ſollen nur einziehen, wenn wir wollen, wir werden nach Gebühr empfangen werden. Ich wollte verſuchen, ihn durch einige Sal⸗ ven des Geſchützes zur Vernunft zu bringen, aber der Herzog war zu erzürnt, um auf guten Rath zu hören. Von dem ſchwarzen Verräther Campo⸗Baſſo aufgereizt, hielt er's für beſſer, mit ſeiner ganzen Macht gegen das Städtlein Sturm zu laufen, das ich leicht hätte zuſammen ſchießen können, das aber zu ſtark war, als daß es mit Schwertern und Lanzen eingenommen wer⸗ den konnte. Wir wurden mit großem Verluſt zurück⸗ geſchlagen, und Muthloſigkeit bemächtigte ſich des Hee⸗ res. Jetzt ſiengen wir an, regelmäßiger zu Werk zu gehen, und meine Batterien würden die tollen Schwei⸗ zer bald zur Vernunft gebracht haben, denn Mauern und Waͤlle ſtürzten ein vor den Kugeln meiner wackern 5³ Kanoniere, und wir ſelbſt waren durch Verſchanzungen gegen das feindliche Heer gedeckt, das zum Entſatz her⸗ anziehen wollte. Aber am Abend des 20. dieſes Mo⸗ nats erfuhren wir, daß die Feinde ganz in der Nähe ſeyen, und nur ſeinem kühnen Geiſte folgend, verließ Karl unſere feſte Stellung, um ihnen entgegen zu rü⸗ cken. Auf ſeinen Befehl, aber gegen meinen Willen, begleitete ich ihn mit zwanzig Stücken und den Beſten meiner Leute. Am nächſten Morgen brachen wir auf, und waren noch nicht weit vorgerückt, als wir auf dem Berge einen Wald von Lanzen, Hellebarden und zwei⸗ händige Schwerter blitzen ſahen. Dazu brach ein Ge⸗ witter mit der ganzen Wuth dieſes ſtürmiſchen Klimas aus, und entlud ſich über beide Heere, that aber dem unſrigen mehr Schaden, weil unſere Truppen, vornehm⸗ lich die Italiener, gegen den Regen, der praſſelnd fiel, empfindlicher waren, und die Bäche, zu Strömen an⸗ geſchwollen, Unordnung in unſere Reihen brachten. Jetzt fand es der Herzog nothwendig, ſeinen Plau wie⸗ der aufzugeben; er ritt zu mir heran und befahl mir, den Rückzug, den er anordnete, mit dem Geſchütz zu decken, mit dem Verſprechen, mich mit den Gewappne⸗ ten zu unterſtützen. Allein die rückgängige Bewegung gab dem ohnedieß kühnen Feind neuen Muth. Die Reihen der Schweizer warfen ſich mit einem Male auf die Kniee— ich habe darüber gelacht, werd' es aber nie wieder thun. Als ſie nach fünf Minuten wieder aufſprangen, und unter Hörnerklang und mit Kriegs⸗ geſchrei ſchnell heran zogen, ſiehe, da thaten ſich die v 54 Wolken auseinander, und die Sonne beſtrahlte die Eid⸗ genoſſen, aber auf unſern Schaaren lag noch dos Dun⸗ kel des Gewitters. Meine Leute wurden muthlos. Das Heer hinter ihnen zog ſich zurück, und im Sonnenſtrahl glänzten die Banner und Waffen der Schweizer, deren es noch einmal ſo viel zu ſeyn ſchienen, als zuvor. Ich ermahnte die Meinigen Stand zu halten, aber dabei verſündigte ich mich ſchwer durch Gedanken und Worte. „Haltet feſt, wackere Kanoniere,“ ſprach ich,„ſie ſol⸗ len bald lauteren Donner vernehmen, und verderbliche⸗ ren Blitz ſehen, als ihr Gebet beſchworen!“ Meine Leute erhoben ein Freudengeſchrei,— aber es war ein ſfündlicher Gedanke— ein frevelndes Wort, und Uebles deſſen Folge. Wir richteten unſere Stücke gegen die anziehenden Maſſen, feuerten ſie ab, und ehe ſich der Rauch verzog, ſah ich viele Männer und Fahnen ſin⸗ ken. Aber ehe die Kanonen wieder geladen waren, ſtürzten ſie auf uns los, Reiter und Fußvolk, Greiſe und Jungen, Ritter und Knechte, ihres Lebens nicht achtend. Meine wackern Kameraden wurden niederge⸗ hauen und zertreten, und ich glaube, es wurde kein Stück zum zweiten Male abgefeuert.“ „»uUnd der Herzog?“ fragte der Graf;„unterſtützte er Euch nicht?“. 4 „Freilich that er's, an der Spitze ſeiner Leibwache; aber tauſend italieniſche Söldner gingen davon, und ließen ſich nicht wieder ſehen. Auch war der an ſich ſchmale Paß durch das Geſchütz verſperrt, und auf der einen Seite von felſigen Bergen umgeben, auf der an⸗ 55⁵ dern ſtieß er an einen tiefen See, ſo daß die Reiterei ſich nicht entwickeln konnte. Trotz des Herzogs äußer⸗ ſter Anſtrengung und der Tapferkeit ſeiner Flamänder wurde Alles in Unordnung zurückgeſchlagen. Ich war zu Fuß, und focht ſo gut ich konnte, ohne Hoffnung und Wunſch mein Leben zu retten, als ich die Kanonen nehmen und meine Getreuen erſchlagen ſah. Da gewahrte ich, daß der Herzog ſtark im Gedränge war, nahm mein Pferd von dem Pagen, der es hielt— auch Du biſt verloren, armer Waiſe!— und half dem Herrn de la Croye und Andern, den Herzog befreien. Unſer Rückzug wurde jetzt zur vollſtändigen Flucht, und als wir an unſere Verſchanzungen kamen, wehten von die⸗ ſen die Banner der Schweizer, denn ein ſtarker Hauſe war auf geheimen Pfaden herangerückt, und hatte, durch einen Ausfall Bubenbergs aus der Stadt kräftig unterſtützt, unſer Lager angegriffen.— Ich habe Euch noch Weiteres zu ſagen, da ich aber Tag und Nacht geritten bin, um Euch dieſe ſchlimmen Zeitungen zu bringen, ſo klebt mir die Zunge am Gaumen, und ich kann nicht weiter reden. Wer nicht niedergemacht wurde, wandte ſich zur ſchimpflichen Flucht. Ich ſelbſt muß geſtehen, daß ich mir ruchloſes Selbſtvertrauen, über⸗ müthige Verachtung Anderer und Gottes⸗Läſterung vor⸗ zuwerfen habe. Aber das Mönchskleid ſoll meine Schande decken, und die vielen Sünden meines wüſten Lebens ſühnen.“ 1 Nur mit Mühe war der entmuthigte Kriegsmann zu bewegen, Speiſe und einen einſchläfernden Trank „ 56: zu nehmen, welchen der Leibarzt René's verordnete, um ihn vor Geiſtesverwirrung zu ſchützen. Der Graf entließ die Diener, und blieb mit ſeinem Sohne an Colvin's Bette. Ungeachtet er den Trank genommen, wurde er doch lange nicht ruhig. Sein plötzliches Zu⸗ ſammenfahren, der Schweiß, der ihm auf der Stirne ſtand, das Verzerren ſeiner Geſichtsmuskeln, und das krampfhafte Zucken ſeiner Glieder verrieth, daß ihn ſeine Träume wieder in die Schlacht geführt hatten. Dieß dauerte mehrere Stunden; erſt gegen Mittag ſtegte die Ermüdung und der Trank über den aufge⸗ regten Zuſtand der Nerven, und der Kranke fiel in ei⸗ nen tiefen, ruhigen Schlaf, der bis zum Abend fort⸗ dauerte. Gegen Sonnenuntergang erwachte er, und nachdem er gefragt, bei wem und wo er war, nahm er Erfriſchungen zu ſich, und erzählte, ohne zu wiſſen, daß er es bereits gethan, noch einmal alle einzelnen Umſtände der Schlacht bei Murten. „Man wird das Richtige ziemlich getroffen haben,“ ſagte er,„wenn man annimmt, daß des Herzogs Heer zur Hälfte erſchlagen oder in den See geſprengt wurde. Die, welche entkamen, ſind nach allen Seiten zerſtreut und können nicht mehr zuſammengebracht werden. Eine ſo vollſtändige, unwiederbringliche Niederlage habe ich noch nie geſehen. Wir flohen wie Schafe, ohne an Widerſtand zu denken.“ „Und der Herzog?« fragte der Graf. „»Wir zogen ihn mit uns,“ verſetzte Colvin,„mehr aus Inſtinkt, als aus Anhänglichkeit, wie man aus 57 einem brennenden Haus das Koſtbarſte rettet, ohne zu wiſſen, was man thut. Ritter und Knechte, Offiziere und Soldaten flohen in wilder Unordnung, und jeder Stoß in das Horn Uri's in unſerm Rücken gab uns neue Flügel.“ „Und der Herzog?“ wiederholte Oxford. „Anfangs widerſetzte er ſich uns, und wollte ſich wieder gegen den Feind wenden, als aber die Flucht allgemein wurde, ſprengte er mit uns weiter, ohne ein Wort zu reden, ohne einen Befehl zu ertheilen. Als wir aber den ganzen Tag geritten waren, ohne daß wir auf alle unſere Fragen auch nur ein Wort zur Antwort bekommen konnte, als er ſich weigerte, Speiſe zu genießen, und in ſtumme, düſtere Verzweiflung ver⸗ ſank, hielten wir Rath, was zu thun ſey, und allge⸗ mein kamen wir überein, ich ſollte zu Euch eilen, und Euch bitten, Ihr möchtet mit mir an den Ort, wohin er ſich zurückgezogen hat, gehen, und Euren Einfluß aufbieten, um ihn aus ſeinem Stumpfſinne zu wecken, der ſonſt ſein Leben endet.“ „Welches Mittel hätte ich dagegen?« erpſederke Or⸗ ford.„Ihr wißt, wie er meinen Rath in den Wind ſchlug, durch deſſen Befolgung er meine Intereſſen wie die ſeinigen gefördert hätte, und daß mein Leben nicht ſicher war unter den Verräthern, die den Herzog um⸗ gaben, und Einfluß auf ihn hatten.“ „Allerdings,“ verſetzte Colvin,„aber ich weiß auch, daß er früher Euer Waffengefährte war, und ich brauche den edlen Grafen von Orford nicht erſt zu lehren, was „ 58 die Geſetze des Ritterthums gebieten. Für Eure Si⸗ cherheit wird jeder Mann von Ehre im Lager ſich gerne verbürgen.“ „Das kümmert mich am wenigſten,“ entgegnete Ox⸗ ford gleichgültig,„und wenn meine Gegenwart dem Herzog von Nutzen ſeyn kann, wenn ich glauben könnte, daß er ſie wünſche—“ 5 „Es iſt ſo, Herr Graf,“ fiel der treue Kriegsmann ein, und Thränen ſtanden ihm in den Augen.„Wir hörten ihn Euren Namen nennen, als entſchlüpfte ihm das Wort in einem ſchweren Traume.“ „Wenn dieß der Fall iſt, ſo eile ich zu ihm,“ ſagte Oxford.„Wir wollen ſogleich aufbrechen. Wo gedachte er ſein Hauptquartier aufzuſchlagen?“ „Er hat hierüber, ſo wie über andere Punkte nichts beſtimmt; Herr von Contay aber nannte La Riviere, bei Salins in Oberburgund, als den Ort, wohin er ſich zurückziehen werde.“ „So will ich dahin mit meinem Sohne eilen. Ihr aber, Colvin, würdet die durch Eure gottloſen Reden begangene Sünden dadurch nicht wieder gut machen, wenn Ihr Euren großmüthigen Herrn in dem Augen⸗ blicke verließet, wo er Eurer am meiſten bedarf, und Feigheit wäre es, wenn Ihr Euch in ein Kloſter be⸗ gäbet, da Ihr in der Welt noch ſo viele Pflichten zu erfüllen habt.“ „Ihr habt Recht,“ verſetzte Colvin,„verließe ich den Herzog jetzt, ſo hätte er vielleicht nicht einen Einzigen, der eine Kanone gehörig richten könnte. Euer Anblick 59 kann nicht anders als günſtig auf ihn wirken, denn er hat auch in mir die alte Luſt am Kriegshandwerk wie⸗ der geweckt. Wenn Ihr Eure Reiſe bis Morgen ver⸗ ſchieben könnt, ſo bringe ich unterdeſſen meine geiſt⸗ lichen Angelegenheiten in Ordnung, und werde dann wieder ſo weit hergeſtellt ſeyn, daß ich Euch nach La Rivieère geleiten kann. Ans Kloſter will ich denken, wenn ich den bei Murten verlorenen guten Namen wieder gewonnen habe. Für die Seelen meiner un⸗ glücklichen Kanoniere aber will ich Meſſen leſen laſſen, und das nicht wenige.“ 5 Colvins Vorſchlag wurde angenommen, und Oxford brachte mit ſeinem Sohne und Thiébault den Tag mit Zurüſtungen zur Abreiſe hin, nachdem er ſich bei René verabſchiedet hatte, der ſich ungerne von ihnen zu tren⸗ nen ſchien. Des andern Tages brachen ſie auf, und durchzogen die zwiſchen Aix und La Rivière gelegenen Theile der Provence, der Dauphiné und Franche⸗Comté; aber bei der großen Entfernung und der Beſchwerlich⸗ keit des Wegs waren ſie über 14 Tage auf der Reiſe, und erſt zu Anfang des Monats Julins langten ſie in Oberburgund auf dem Schloſſe La Rivière an. Dieſes war von vielen Zelten umgeben, die ohne Ordnung und gar nicht nach der ſonſt in Karls Lager üblichen Weiſe aufgeſchlagen waren. Des Herzogs Anweſenheit aber verrieth ſeine große Fahne, die mit ihren reichverzier⸗ ten Feldern von den Zinnen des Schloſſes wehte. Die Wache trat ins Gewehr, um die Fremden zu empfan⸗ gen, dieß geſchah aber ſo unordentlich, daß der Graf „ 60 einen fragenden Blick auf Colvin warf. Dieſer zuckte die Achſeln und ſchwieg. Nachdem Colvin dem Herrn von Contay ſeine und des Grafen Ankunft hatte melden laſſen, erſchien dieſer ſogleich, und bezeugte große Freude darüber. „Wir ſind gerade verſammelt,“ ſagte er,„um Rath zu halten, und Ihr, Herr Graf, könnt uns dabei ſehr wichtige Dienſte leiſten. Die Herren de la Croye, de Craon, Rubempré und Andere beſchäftigen ſich eben mit den zu Vertheidigung des Landes zu treffenden Maßregeln.“ 4 Sie alle bezeugten große Freude über die Ankunft des Grafen, und ſagten ihm, daß ſie in der letzten Zeit ſeiner Anweſenheit im Lager ihn nur darum nicht mit Auszeichnung behandelt haben, weil ſie wußten, daß er unerkannt zu bleiben wünſchte. „Der Herzog,“ ſagte de Eraon,„hat zweimal nach Euch gefragt, und beide Male bei Eurem angenom⸗ menen Namen Philipſon.“ „Das wundert mich nicht, Herr von Craon,“ erwie⸗ derte Orford.„Der Urſprung dieſes Namens ſchreibt ſich von früherer Zeit her, wo ich während meiner er⸗ ſten Verbannung hier war. Es hieß damals, wir ver⸗ triebenen Edelleute müßten andere Namen annehmen, und Herzog Philipp ſagte, weil ich der Waffenbruder ſeines Sohnes Karl ſey, ſo ſoll ich nach ihm Philipſon heißen. Zum Andenken an den gütigen Fürſten legte ich mir dieſen Namen bei, als die Noth wirklich kam, und daraus, daß der Herzog ſich deſſelben bediente, um 61 mich zu bezeichnen, erſehe ich, daß er nnſrer früheren Freundſchaft gedenkt. Wie befindet er ſich?“ Die Ritter ſahen einander an, und ſchwiegen. „Wie ein vom Blitze Getroffener,“ nahm endlich Con⸗ tay das Wort.„Ihr, Herr von d'Argentin könnt den Grafen am beſten von dem Zuſtande nnſeres Herrn unterrichten.“ „Er iſt wie wahnſinnig, ſagte d'Argentin.„Seit der Schlacht bei Granſon hat er, meines Bedünkens, den geſunden Verſtand nicht mehr gezeigt wie früher. Doch war er nach derſelben launiſch, unbillig, und nahm je⸗ den Rath den man ihm gab, unwillig auf, als hätte man ihn dadurch beleidigen wollen; auch rügte er ſtreng jede Unterlaſſung der förmlichen Hofſitte, die er für Geringſchätzung hielt. Jetzt aber iſt eine völlige Ver⸗ änderung mit ihm vorgegangen, und dieſer zweite Schlag ſcheint ihn betäubt, und die heftigſten Leidenſchaften, die der erſte in Thätigkeit ſetzte, unterdrückt zu haben. Er iſt ſtumm, wie ein Karthäuſer, ſucht die Einſam⸗ keit wie ein Klausner, und nimmt an nichts Antheil, am wenigſten an der Heerführung. Auf ſeinen Anzug hielt er viel, wie Ihr wißt, ſo daß er ſogar in ſeiner Nachläßigkeit, die er nicht ſelten darin zeigte, etwas ſuchte. Aber auch darin trefft Ihr ihn jetzt verändert; er läßt ſich die Haare nicht ordnen, die Nägel nicht beſchneiden; er achtet gar nicht ob man Ehrerbietung gegen ihn bezeugt oder nicht, nimmt wenig Nahrung zu ſich, trinkt ſtarke Weine, ohne daß ſie ihn jedoch aufzuregen ſcheinen, und will von Kriegs⸗ und Staats⸗ 62 Angelegenheiten ſo wenig hören, als von Jagd und an⸗ derer Kurzweil. Denkt Euch einen Einſiedler, aus ſeiner Klauſe auf einen Thron geſetzt, und Ihr habt das treue Bild des einſt ſo ſtolzen, thätigen Karl.“ „Eure Worte kommen aus tief verwundetem Gemüth, Herr d'Argentin,“ verſetzte Oxford.„Meint Ihr, ich dürfe jetzt vor dem Herzog erſcheinen?“ „Ich will ſehen,“ erwiederte Contay, und verließ das Zimmer. Bald kehrte er wieder, und winkte dem Gra⸗ fen, ihm zu folgen. In einem Gemache ſaß der unglückliche Karl in ei⸗ nem breiten Armſeſſel, die Beine nachläßig auf einen Schemel ausgeſtreckt, aber ſo verändert, daß der Graf ſeinen Geiſt zu ſehen glaubte. Sein langes Haar, das unordentlich herabfiel, und ſich in den Bart verwickelt⸗ der verſtörte Blick der hohlen Augen, die eingefallene Bruſt, und die hervorſtehenden Schultern gaben ihm das Anſehen eines Todten, und ſein Kleid— ein leicht umgeworfener Mantel, erhöhte noch ſeine Aehnlichkeit mit einem Geſpenſt im Leichentuche. Contay nannte des Grafen Namen, aber der Herzog ſah ihn mit glanz⸗ loſem Auge an, und gab ihm keine Antwort. „Sprecht mit ihm, wackrer Oxford,“ flüſterte Con⸗ tay dieſem zu;„s' iſt noch ſchlimmer mit ihm, als ſonſt, aber vielleicht kennt er Eure Stimme.“ So lange der Herzog auf dem Gipfel ſeiner Macht ſtand, war der Graf nicht mit ſo aufrichtiger Ehrer⸗ bietung vor ihm gekniet, wie er es jetzt that. Er ach⸗ tete in ihm nicht nur den gebengten Freund, ſondern — 63 auch den gedemüthigten Fürſten, dem ein Blitz das Ge⸗ bäude ſeiner kühnen Hoffnungen niedergeſchmettert hatte. Eine Thräne die auf ſeine Hand fiel, ſchien des Her⸗ zogs Aufmerkſamkeit rege zu machen, denn er ſah ge⸗ gen den Grafen auf, und ſagte:„Oxford— Philipſon — mein alter, mein einziger Freund, haſt Du mi 3 h aufgefunden in dieſem Schlupfwinkel der Schande und des Elends?2“ „Ich bin nicht Euer einziger Freund, Herr;“ ent⸗ gegnete Oxford.„Viele anhängliche Freunde hat Euch der Himmel unter Euren treuen Unterthanen gegeben; aber, obgleich ein Fremder, ſtehe ich doch keinem nach in der Achtung, die ich Euer Hoheit im Glücke gezollt, und bin gekommen, Euch im Unglücke aufs Neue der⸗ ſelben zu verſichern.“ „Unglück!« wiederholte der Herzog;„ja unerträgli⸗ ches Unglück! Ich war einſt Karl von Burgund, genannt der Kühne— nun bin ich zweimal geſchlagen von dem Abſchaum deutſcher Bauern, meine Fahnen wurden ge⸗ nommen, meine Gewappneten in die Flucht geſchlagen, mein Lager zweimal geplündert, ich ſelbſt gejagt wie ein edles Wild!— Alle Mächte der Hölle hätten nicht mehr Schmach auf das Haupt eines Fürſten laden können.“ „Im Gegentheile Herr,“ entgegnete Oxford,„es iſt eine Prüfung des Himmels, die Geduld und Seelen⸗ ſtärke fordert; er tapferſte und beſte Ritter kann bü⸗ gellos werden, aber nur der iſt feig, der im Sande liegen bleibt, wenn er aus dem Sattel geworfen wurde.« 8 64 „Hah! feig, ſagſt Du?“ rief der Herzog, und ein Funke ſeines alten Geiſtes erwachte in ihm bei dem Vorwurf,„verlaßt mich Herr und kommt nicht wieder, bis Ihr gerufen werdet.“ 3 „Ich hoffe,“ verſetzte ruhig der Graf,„dieß werde geſchehen, ſobald Ihr augekleidet und geruͤſtet ſeyd, Eure Vaſallen und Freunde auf eine Eurer und ih⸗ rer wuͤrdigen Weiſe zu empfangen.“. „Was wollt Ihr damit ſagen, Herr Graf? Ihr ſprecht ungebuͤhrlich.“. 3 „Wenn das iſt, Herr, ſo haben die Umſtaͤnde mich die Lebensart vergeſſen laſſen. Gefallene Groͤße kann ich bedauern, nicht aber den ehren, der ſich ſelbſt ent⸗ ehrt, indem er wie ein ſchwacher Knabe unter den Schlaͤgen des Mißgeſchicks ſich beugt.« „Und wer bin ich, daß Ihr alſo mit mir ſprecht?⸗ rief Karl mit dem angebornen, trotzigen Stolze auf⸗ ſpringend,„ſeyd Ihr nicht ein elender Verbannter und wagt es alle Achtung gegen mich ſo aus den Augen zu ſetzen?“ „Ja,“ erwiederte Orford,„ich bin, wie Ihr ſagt, ein Geaͤchteter, und ich ſchaͤme mich deſſen nicht weil unerſchuͤtterliche Treue gegen meinen Koͤnig und ſeine Nachfolger mir dieſe Lage zugezogen haben. Kann ich aber den Herzog von Burgund in einem finſtern Einſiedler wieder finden, deſſen Wache ein ungeord⸗ neter Soldatenhaufe iſt, nur ſeinen Freunden furcht⸗ bar, deſſen Raͤthe in Verwirrung ſind, weil er nicht Theil nimmt an ihren Berathungen, der, wie ein ge⸗ — 65 luͤhmter Wolf in ſeiner Hoͤhle, in einem finſtern Schloſſe verſteckt liegt, deſſen Thore beim erſten Rufe der Hoͤrner ſich oͤffneten, weil Niemand da iſt ſie zu vertheidigen, der kein ritterlich Schwert traͤgt, ſei⸗ nen Leib zu ſchuͤtzen, und nicht fallen kann, wie ein zum Tode geiagter Hirſch, ſondern ſich erſticken laſſen will wie ein Fuchs!« „Tod und Teufel, luͤgneriſcher Verraͤther!“ don⸗ nerte der Herzog mit einem Blick an ſeine Seite, wo er keine Waffe gewahrte,„es iſt gut fuͤr Dich, daß ich kein Schwert habe, ſonſt wuͤrde Dein Uebermuth nicht ungeſtraft bleiben.— Tretet vor, Contay und wider⸗ legt den Verlaͤumder; ſagt, ſind meine Soldaten in Ordnung und halten ſie gute Mannszucht?“ „Herr,“ antwortete Eontay, trotz ſeines Muthes zitternd vor Karls raſender Wuth,„Ihr habt noch viele Soldaten unter Euren Befehlen, aber es herrſcht nicht die ſonſtige Ordnung unter ihnen.“— „Ich ſehe es— ich ſehe es—“ verſetzte der Her⸗ zog,„traͤge und ſchlechte Raͤthe ſeyd Ihr alle. Wo⸗ zu ſeyd Ihr denn nuͤtze, Herr von Contay, Ihr und die Andern, die Ihr ſo ſchoͤne Beſitzungen von mir zu Lehen tragt, wenn ich meine kranken Glieder und mein halb gebrochenes Herz nicht zur Ruhe legen darf, ohne daß unter meinen Truppen ſchaͤndliche Un⸗ ordnung einreißt, die mich dem Spott ledes bettel haften Fremden blos ſtellt.“ „Herr,“ erwiederte Contay mit mehr Feſtigteit, Walter Scott's Werke. 1628 Boͤchen. 5 *. r .66 „wir haben gethan, was wir konnten. Aber Ihr habt die Anfuͤhrer Eurer Miethtruppen gewoͤhnt, nur von Euch ſelbſt Befehle anzunehmen. Auch verlangen ſie Jaut ihren Sold und Euer Schatzmeiſter weigert ſich, ihn ohne Euern Vefehl unshipahlen. weil! es ihm den Kopf koſten koͤnnte.“ Der Herzog lachte bitter, aber man Ffah, daß ihm die Antwort nicht mißfiel. „Ha, ha,« ſagte er,„nur Karl von Burgund kann ſeine wilden Pferde reiten, und ſeine unbändigen Soldaͤten im Zaume halten, Hoͤrt Contay: Morgen werde ich ausreiten, um die Truppen zu muſtern, die vorgefallenen unordnungen will ich hingehen laf⸗ ſen, auch der Sold ſoll ausbezahlt werden, aber wehe Jedem, der wieder ein Aergerniß gibt! Meine Kam⸗ merdiener ſollen mir paſſende K Kleider und meine Waf⸗ fen bringen. Ich habe eine Lehre erhalten,“ ſetzte er mit einem finſtern Blick auf Orford hinzu,„und will nicht wieder beleidigt werden, ohne die Mittel zu beſitzen, ſogleich Rache zu nehmen. Geht nun Beide; Ihr, Contay, ſchickt den Schatzmeiſter hieher mit ſei⸗ ner Rechnung, und wehe ihm, wenn ich etwas daran auszuſetzen ſinde! Geht, ſage ich, und ſchickt ihn her.“ Als ſie ſich entfernten, rief der Herzog ploͤtzlich: „Herr Graͤf, ein Wort! Wo habt Ihr die Medizin ſtudirt? Auf Eurer beruͤhmten univerſitaͤt, denk ich. Eure Kunſt hat Wunder gethan, Doktoͤr Philipſon, aber ſie haͤtte Euch das Leben koſten koͤnnen.“ —— *4½ 67 „Ich habe mein Leben ſtets gering geachtet,“ ver⸗ ſetzte Orford,„wenn es galt, einem Freunde zu helfen.“ „Ihr ſeyd ein wahrer Freund,“ ſagte Karl,„und ein unerſchrockener. Aber geht, mein Geiſt wurde gewaltig aufgeregt, und Ihr habt mich auf eine ſchwere Probe geſetzt. Morgen ſprechen wir uns weiter, fuͤr jetzt nehmt meine Verzeihung und die Verſicherung meiner Achtung.“ Der Graf kehrte nun in den Berathungsſaal zu⸗ ruͤck, wo die Burgundiſchen Edeln, durch Contay von dem Vorgefallenen unterrichtet, ihn dankend und gluͤck⸗ wuͤnſchend umringten. Es erfolgte hierauf eine all⸗ gemeine Bewegung und nach allen Richtungen hin wurden Befehle entſendet. Die Offiziere, die ihre Pflicht vernachlaͤßigt hatten, trafen ſchnell Anſtalten, die gemachten Fehler zu verdecken oder zu verbeſſern. So entſtand ein allgemeiner Laͤrm im Lager, aber es war der der Freude: denn die Soldaten lieben es immer, wenn ſie im Stand erhalten werden, ihren Dienſt gehoͤrig zu thun, und wenn ihnen auch Unge⸗ bundenheit und Unthaͤtigkeit einen Augenblick gefallen, ſo ſind ſie ihnen doch in die Laͤnge nicht ſo angenehm, als ſtrenge Mannszucht, und Ausſicht auf ernſtere Beſchaͤftigung. Der Schatzmeiſter, der zu ſeinem Gluͤcke ein ver⸗ ſtaͤndiger, in ſeinem Amte genauer Mann war, kam nach zweiſtuͤndiger, geheimer Unterredung mit dem Herzog verwundert wieder aus deſſen Zimmer und 5* 8„v 68 ſagte: Karl habe in den Tagen ſeines hoͤchſten Gluͤcks in⸗Finanzangelegenheiten keinen ſolchen Scharfblick ent⸗ wickelt, wie heute, ungeachtet er am Morgen noch voͤl⸗ lig untauglich zu dieſem Geſchaͤft geſchienen. Man ſchrieb dieſe guͤnſtige Veraͤnderung allgemein der An⸗ weſenheit des Grafen von Orford zu, deſſen zeitiger Vorwurf den Herzog aus ſeinem duͤſteren Truͤbſinn geriſſen hatte. Am folgenden Tage muſterte Karl die Truppen mit ſeinem gewoͤhnlichen Scharfblicke, ordnete neue Aus⸗ hebungen an, traf verſchiedene Verfuͤgungen mit ſei⸗ nen Streitkraͤften und verbeſſerte die gemachten Feh⸗ ler durch ſtrenge Verordnungen, die durch verdiente Strafen, groͤßtentheils an Campo⸗Baſſo's Soͤldnern vollzogen, noch mehr eingeſchaͤrft wurden; auch den Sold ließ er ausbezahlen, um ſie noch mehr an ihre Fahnen zu ketten. 4 Nach einer Beſprechung mit ſeinen Raͤthen verſtand er ſich uͤberdieß dazu, die Staͤnde ſeiner Provinzen einzuberufen, mehrere Beſchwerden abzuſtellen, und ſeinen Unterthanen Einiges, was er bisher verweigert hatte, zu bewilligen, um die durch ſeine unvorſichtige Raſchheit verlorene Liebe ſeines Volkes wieder zu ge⸗ winnen. 69 XXXIV. ——— Die Waffe hier Soll einen Feldherrn in dem eignen Zelt, Auf ſeinem Thron den Fuͤrſten treffen, am Altar Im Meßgewande den Praͤlaten.— Altes Schauſpiel. Große Thätigkeit herrſchte von nun an am Hofe und im Lager des Herzogs von Burgund. Es wurden Geld⸗ ſummen zuſammengebracht, Soldaten ausgehoben, und man wartete nur auf Nachrichten von den Bewegungen der Alpgenoſſen, um ins Feld zu rücken. Allein, wenn auch Karl dem äußeren Anſcheine nach ſo thätig war, wie zuvor, ſo meinten doch die, welche näher um ſeine Perſon waren, er entwickle nicht mehr den geſunden Verſtand und die Geiſteskraft, die man, ehe dieſe Un⸗ fälle ihn betrafen, an ihm bewundert hatte. Er hatte noch Anwandlungen finſterer Schwermuth, wie einſt Saul, und war wüthend, wenn man ihn daraus weckte. Selbſt der Graf von Oxford ſchien die Gewalt, die er anfangs über ihn geübt, verloren zu haben, und wenn auch Karl im Allgemeinen ſich dankbar gegen ihn zeigte, ſo ſchien ihn doch der Gedanke zu demüthigen, daß er ihn in ſeiner Ohnmacht geſehen hatte; er fürchtete ſo⸗ gar, men möchte glauben, er handle nach den Einge⸗ bungen des Grafen, und verwarf daher oft ſeinen Rath, nur um ſeine Selbſtſtändigkeit zu zeigen. v 70. In dieſer eigenſinnigen Laune wurde der Herzog durch Campo⸗Baſſo erhalten. Der tückiſche Verräther ſah die Macht ſeines Herrn wanken und beſchloß, als Hebel an ſeinem Sturze zu dienen, um dann Anſprache an die Beute zu haben. Er betrachtete Oxford als einen der treueſten und beſten Freund des Herzogs; er glaubte in ſeinen Blicken zu leſen, daß er ſeine verrätheriſchen Abſichten durchſchaue, und haßte ihn daher ebenſo, als er ihn fürchtete. Um aber in ſeinen eigenen Augen ſeine ſchändliche Treuloſigkeit zu beſchönigen, ſtellte er ſich wegen der Beſtrafung einiger ſeiner Söldner äuſ⸗ ſerſt aufgebracht gegen den Herzog. Er glaubte, jene Strafe ſey auf den Rath Oxfords erfolgt, und vermu⸗ thete, dieſe Maßregel ſey in der Hoffnung getroffen worden, zu entdecken, daß die Italiener nicht blos für eigene Rechnung, ſondern auch für ihren Befehlshaber geplündert haben. Er hüätte leicht Mittel gefunden, Oxford aus dem Wege zu räumen, wenn der Graf nicht ſelbſt für nöthig erachtet hätte, auf ſeiner Huth zu ſeyn, und überdieß wachten die Herren von Flan⸗ dern und Burgund, die ihn um derſelben Gründe wil⸗ len liebten, wegen deren ſie den Italiener verabſcheu⸗ ten, mit einer Sorgfalt über ihn, von der er ſelbſt nichts wußte, die aber ſehr viel dazu beitrug, ſein Le⸗ ben zu erhalten. Ferrand von Lothringen würde wohl ſeinen Sieg nicht ſo lange unbenützt gelaſſen haben, wenn nicht die ver⸗ bündeten Schweizer, die den Kern ſeines Heeres bilde⸗ 71 ten, darauf beſtanden wären, daß die erſten Kriegs⸗ operationen in Savoyen und im Waadtlande ſtatt ha⸗ ben ſollten, wo die Burgunder mehrere feſte Plätze beſetzt hielten, die, wenn ſie auch keinen Entſatz er⸗ hielten, nicht leicht eingenommen werden konnten. Da die Schweizer überdieß, wie die meiſten Soldaten jener Zeit, eine Art Miliz waren, ſo kehrten ſie nach Hauſe zurück, um die Erndte einzuſammeln, und ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Ferrand konnte daher, ſo ſehr er vor Verlangen brannte die errungenen Vortheile zu verfolgen, erſt im Dezember 1476 weitere Bewe⸗ gungen machen. In der Zwiſchenzeit verlegte der Her⸗ zog von Burgund ſeine Truppen, damit ſie dem Lande weniger läſtig fielen, an verſchiedene Orte ſeines Ge⸗ bietes, und vernachläßigte nichts, um die neu ausgeho⸗ benen gehörig einzuüben. Wärerer ſich ſelbſt überlaſſen geweſen, ſo würde er ſeine Streitkräfte ſchnell geſam⸗ welt haben und aufs Neue in die Schweiz eingefallen ſeyn, aber, wenn er auch bei dem Gedanken an⸗ Gran⸗ ſon und Murten in Wuth gerieth, ſo war doch der dort exlittene Verluſt) zu neu, um einen ſolchen Blan des Feldzugs zu geſtatten. So ging die Zeit hin, und es war aeſchon tief im De⸗ zember, als eines Morgens, während der Herzog ſeine Räthe um ſich verſammelt hatte, Campo⸗Baſſo plötzlich mit einem vor Freude ſtrahlenden Geſicht eintrat, deſ⸗ ſen Ausdruck ganz verſchieden war von dem kalten, ab⸗ gemeſſenen Lächeln, das buſt leine Arbbiihteit bezeich⸗ v 72 nete.„Guantes,« ⁸) rief er,„Guantes, Euer Hoheit, für die gute Nachricht, die ich Euch bringe.“ in „Was bringt uns denn das Glück?“ fragte der Her⸗ zog,„mich dünkt, es hat den Weg zu uns vergeſſen.“ „Es iſt wieder gekommen, Euer Hoheit, mit ſeinem Füllhorn voll der köſtlichſten Gaben und bereit, ſeine Früchte, Blumen und Schätze über den ihrer wärdig⸗ ſten Fürſten Eunropa's auszugießen.“ „Was ſoll das Alles?“ fragte der Herzog,„Rathſot ſind für Kinder.“ „Der wahnſinnige Ferrand, der ſich Herzog von Lothringen nennt, iſt an der Spitze eines unordentlichen cheu Haufens Taugenichtſe, wie er ſelbſt, von den Ber⸗ gen herabgekommen, und was meint Ihr? Ha! Ha! Ha! er iſt in Lothringen eingefallen, und hat Naney genommen, Ha! Ha! Ha! ⸗ 145430 Anf mein Wort, Herr Graf, za ſagte Contay, er⸗ ſtaunt über die fröhliche Laune, mit welcher der Ita⸗ liener von einer ſo wichtigen Sache ſprach,„ich habe noch nicht oft einen Narren ſo luſtig über einen ſchlech⸗ ten Scherz lachen geſehen, als Euch über den Verluſt der Hauptſtadt berjeniom Provinz, 6 welche wir kämpfen.“ „Ich lache von Lanzen unngeben 2 derſeßte Campo⸗ Baſſo,„wie ein Streitroß⸗ wiehert, wenn die didper N ») Ein ſpaniſches Wort, das woͤrtlich Handſchuhe be⸗ deutet, und deſſen man ſich gegen Niedere im Sinne von Trinkgeldern bedient. 7³3 4 ten erklingen. Ich lache über die Vernichtung des Feindes und die Vertheilung der Beute, ich lache— 8 „Ihr lacht,“ unterbrach ihn Contay ungeduldig, „wenn Ihr die Freude allein für Euch habt, wie Ihr nach unſeren Niederlagen bei Granſon und Murten gethan.“ „Still,« gebot der Herzog,„der Graf von Campo⸗ Baſſo hat die Sache gerade ſo angeſehen, wie ich. Der Abentheurer wagt ſich aus ſeinen ſchützenden Bergen hervor, und des Himmels Fluch treffe mich, wenn ich nicht den Schwur halte, daß auf dem nächſten Schlacht⸗ felde, wo wir uns treffen, einer von uns fallen ſoll! Wir ſind jetzt in der letzten Woche des alten Jahres, und vor dem Dreikönigstag ſoll ſich entſcheiden, wer von uns das Feld behält.— Zu den Waffen meine Herren, das Lager ſoll ſogleich abgebrochen werden, und unſere Truppen ſich gegen Lothringen in Bewegung ſe⸗ tzen. Die leichten italieniſchen und albaneſiſchen Reiter ſammt den Stradioken ſchickt voran, um das Land zu durchſtreifen. Ihr, Orford, werdet doch dießmal die Waffen tragen?“. 2 Allerdinas,“ verfetzte der Graf,„ich eſſe ja Euer Hoheit Brod, und greift ein Feind Euch an, ſo erfor⸗ dert es meine Ehre für Euch zu ſtreiten, als wäre ich Euer geborner Unterthan. Wenn Jhr's erlaubt, will ich einen Herold mit einem Briefe an meinen freund⸗ lichen Wirth, den Landammann von Unterwalden ſchi⸗ cken, um ihm meinen Entſchluß mitzutheilen.“ Nachdem der Herzog die Erlaubniß hiezu gegeben „r hatte, wurde ſogleich ein Herold abgeſchickt, der nach wenig Stunden zurückkehrte, ſo nahe ſtanden ſich die Heere. Er brachte einen Brief vom Landammann, der in höflichem, und ſogar freundſchaftlichem Tone bedauerte, daß er in die Nothwendigkeit verſetzt ſey, gegen ſeinen ehemaligen Gaſt die Waffen zu tragen, den er ſeiner perſönlichen Achtung verſicherte; zugleich brachte er Grüße von, Arnolds Söhnen au Arthur, und einen Brief. an ebendenſelben, der folgendermaßen lautete: „Rudolph, Donnerhügel, wünſcht dem Kaufmann Ar⸗ thur Philipſon Gelegenheit zu geben, den Handel vol⸗ leuds abz: iſchließen, mit welchem Beide in dem Schloß⸗ hofe von Geierſtein nicht zum Schluſſe gekommen ſind⸗ Dieß wü ünſcht er um ſo mehr, weil er weiß, daß beſag⸗ ter Arthur ihm in den Weg getreten iſt, und ihm die Liebe eines Fräuleins geſtyhlen hat, dem er, Philipſon, uur ein gewöhnlicher Bekannter iſt und ſeyn kann, Er wird Philipſon wiſſen laſſen, wo ſie auf neutralem Bo⸗ den mit gleichen Waffen einander treffen können. Un⸗ terdeſſen wird er bei Scharmützeln ſo oft als möͤglich in den erſten Reihen ſeyn.“ „Hoch ſchlug, Arthurs Herz, als er⸗ dieſe Ausforderung las, deren Ton Rudolphs Gemüthszuſtaud verrieth, und zur Genüge bewies, daß er ſeine Plane auf Anng auf⸗ gegeben habe, und glaube, ſie habe dem jungen Brit⸗ ten ihre Liebe geſchenkt. Arthur fand Mittel Rudolph eine Antwort zu ſchicken, worin er ihn verſicherte, daß er gerne ſeiner Aufforderung, vor der Linie oder an einem andern Oute, Genüge leiſten werde. 75 Unterdeſſen waren die Heere einander ſehr nahe ge⸗ rückt, und zwiſchen den leichten Truppen fielen hin und wieder Gefechte vor. Die Stradioten, eine Art Rei⸗ terei aus dem Venetianiſchen, ähnlich der Türkiſchen, wurden von Seite des burgundiſchen Heeres gewöhnlich zu dieſen Kämpfen gebraucht, wofür ſie, wenn man ſich auf ſie verlaſſen konnte, ganz vorzüglich paßten. Der Graf von Oxford bemerkte, daß dieſe Leute, die unter Campo⸗Baſſo's Oberbefehl ſtanden, immer die Nachricht brachten, der Feind ſey in Unordnnug und in vollem Rückzug begriffen. Ebenſo erfuhr man durch ſie, daß verſchiedene Perſonen, die der Herzog perſön⸗ lich haßte, und die er beſonders in ſeine Gewalt zu bekommen wünſchte, nach Nancy geflohen ſeyen. Dieß reizte Karl noch mehr, die Stadt wieder zu nehmen, und ſein Verlangen wurde unwiderſtehlich, als er erfuhr, daß Ferrand, auf die Nachricht von ſeinem Anzuge, mit ſeinen Verbündeten, den Schweizern, einen Ort in der Nähe, St. Nicolas genannt, beſetzt habe. Die Mehr⸗ zahl ſeiner Räthe, ſo wie auch der Graf von Oxford, widerriethen dem Herzog, eine Feſtung zu belagern, während ein thätiger Feind in der Nähe ſey und ſie entſetzen könne. Sie ſtellten ihm die Schwäche ſeines Heeres, die Strenge der Jahrszeit und die Schwierig⸗ keit vor Mundvorrath zu bekommen, und riethen, er ſolle, da er den Feind zum Nückzug genöthigt habe, die weitern entſcheidenden Operationen auf den Frühling verſchieben. Karl verſuchte Anfangs dieſe Gründe zu widerlegen, als aber ſeine Räthe ihn erinnerten, daß v 76 er ſich und ſein Heer in dieſelbe Lage bringe, wie bei Granſon und Murten, ſchäumte er vor Wuth, und vermaß ſich hoch und theuer, daß Nancy vor dem Drei⸗ königstag in ſeinen Händen ſeyn müße. Sein Heer bezog daher eine ſtarke Stellung vor Nancy, die durch ein Flußbett und 50 Kanonen unter Colvins Leitung gedeckt war.) 3 Nachdem der Herzog durch dieſen Plan des Feldzugs ſeinem unbeugſamen Sinne Genüge gethan hatte, ſchien er dem Rath ſeiner Freunde, für die Sicherheit ſeiner Perſon beſorgt zu ſeyn, mehr zu folgen, und erlaubte, daß der Graf Oxford mit ſeinem Sohne und einigen Dienern von erprobter Treue außer der gewöhnlichen Wache in ſeinem Zelte ſchlafen ſollte. Es war drei Tage vor dem Chriſtfeſte, daß der Her⸗ zog ſich vor Naney lagerte, und in derſelben Nacht entſtand ein Lärm, welcher die Beſorgniſſe für ſein Le⸗ ben zu rechtfertigen ſchien. Es war Mitternacht, und im herzoglichen Zelte lagen Alle in tiefem Schlaf, als mit einem Male der Ruf:„Verrätherei!“ ſich ver⸗ nehmen ließ. Der Graf von Oxford zog ſein Schwert, nahm ein auf dem Tiſche brennendes Licht, und ſtürzte in des Herzogs Gemach, der völlig entkleidet war, aber das Schwert in der Hand hielt, und mit dieſem ſo wüthend um ſich hieb, daß der Graf ſelbſt ſich kaum ſeiner Streiche erwehren konnte. Als der Herzog wiee der ruhiger geworden war, und ſich von ſeinen Freun⸗ den umgeben ſah, unterrichtete er ſie zornig, daß die Diener des heimlichen Gerichts, trotz der getroffenen 3 77 Vorſichtsmaßregeln, Mittel gefunden haben, in ſein Zimmer zu kommen, und ihm bei Todesſtrafe zu gebie⸗ ten, in der Nacht des Chriſtfeſts vor der heiligen Behme zu erſcheinen. Mit Erſtaunen vernahmen die Umſtehenden dieſe Er⸗ zählung, und einige wußten nicht, ob ſie ſie für Wirk⸗ lichkeit anſehen ſollten, oder blos für einen Traum der reizbaren Phantaſie des Herzogs. Allein man fand die Vorladung wie gewöhnlich auf Pergament geſchrieben, mit drei Kreuzen unterzeichnet und mit einem Dolche auf den Nachttiſch angeheftet. Auch war ein Spahn aus dem letzten geſchnitten. Aufmerkſam las Oxford die Ladung; ſie nannte wie gewöhnlich einen Ort, wo ſich der Herzog unbewaffnet und allein einfinden, und von wo aus er vor das Gericht geführt werden ſollte. „Ich weiß, aus welchem Köcher dieſer Pfeil kömmt,“ ſprach Karl, nachdem er das Pergament einige Zeit be⸗ trachtet hatte. Der entartete Albert von Geierſtein, der abtrünnige Prieſter und Zauberer, hat mir das ge⸗ than. Wir haben gehört, er ſey unter der Rotte von Mördern und Geächteten, die des alten Fiedlers Enkel zuſammengerafft hat. Aber beim heiligen Georg von Burgund! weder die Mönchskappe noch der Helm ſoll ihn nach ſolchem Schimpfe ſicher ſtellen. Der Ritter⸗ würde will ich ihn entſetzen, an dem höchſten Thurme in Nancy ihn aufhängen laſſen, und ſeine Tochter ſoll zwiſchen dem gemeinſten Troßknecht in meinem Heere und dem Kloſter der Büßerinnen wählen⸗“ „Es wäre beſſer,“ ſagte Contay,„Ihr verſchwieget, v 78 was Ihr vorhabt, da es, aus dieſer letzten Erſcheinung zu ſchließen, möglich wäre, daß mehr Zeugen Euch um⸗ geben, als Ihr glaubt.“ Wsatei Karl beachtete dieſen Wink, und ſchwieg, oder ſprach wenigſtens ſeine Drohungen und Verwünſchungen nur in den Bart, während die ſtrengſten Unterſuchungen angeſtellt wurden, wer der Ruheſtörer geweſen ſey. Allein Alles war vergebens. Eine Abtheilung treuer Burgunder wurde in der Chriſtnacht an den in der Vorladung genannten Ort— die Bereinigung von vier Kreuzwegen— geſchickt, um jeden, deſſen ſie habhaft werden könnten, feſtzunehmen; aber es zeigten ſich keine verdächtigen Perſonen. Deſſen ungeachtet hielt der Herzog immer noch den Grafen Albert von Geier⸗ ſtein für den Thäter; er ſetzte einen Preis auf ſeinen Kopf, und Campo⸗Baſſo, immer gewohnt ſeinem Herrn zu ſchmeicheln, verſprach, ſeine Italiener ſollten den Verhaßten lebendig vder todt in ſeine Hände liefern. Aber Colvin, Contay und Andere lachten in der Stille über des Italieners Verſprechungen, und Arthur, den des Herzogs Drohungen nicht wenig um Annen und ihretwillen auch um ihren BVaker beſorgt gemacht hat⸗ ten, athmete wieder leichter, als er hörte, wie wenig ſich die Erfüllung derſelben erwarten laſſe. Am zweiten Tage nach dieſem Lärm wünſchte Oxford das Lager Ferrands zu beſichtigen, weil er zweifelte, ob die Stärke und Stellung ſeines Heeres richtig an⸗ gegeben worden ſſey. Er erhielt des Herzogs Erlaubniß dazu, lund dieſer ſcheukte zugleich ihm und ſeinem 79 Sohne zwei herrliche Renner, die er ſelbſt ſehr hoch hielt. Campo⸗Baſſo, von des Herzogs Willen unkerrichtet, bezeugte eine große Freude darüber, daß ihn ein ſo erfahrener Mann wie Oxford begleiten ſollte, und wählte hundert ſeiner beſten Stradioten zu dem Zuge aus. Am Eingang in einen Hohlweg erklärte Campb⸗ Baſſo dem Grafen, an andern Ende deſſelben könne man die ganze feindliche Stellung überſehen, worauf mehrere Stradioten voraneilten; die bald wieder zurückkamen, und ſich in ihrer Sprache mit ihrem Anführer beſpra⸗ chen, der nun dem Grafen ſagte, der Weg ſey frei⸗ und ihn zur Begleitung einkud. Sie ritten durch den Hohlweg ohne einen Feind zu ſehen, und Arthur, der mit einigen Stradioten vorangeeilt war, ſah wirklich auf der von Campo⸗ Baſſo bezeichneten Stelle das Lager Ferrands; zu gkeicher Zeit aber kam ein Haufen Reiter ſchnell gegen die Schlucht angeſprengt. Auf die große Schnelligkeit ſeines Pferdes ſich verlaſſend, wandte er nicht ſogleich um, ſondern muſterte genauer das Lager, während die Stradioten, ohne ſeinen Befehl zu erwar⸗ ten, davon jagten, wie ſie es immer zu thun pflegten, wenn ſie von einem überlegenen Feind angegriffen wurden. Unterdeſſen bemerkte Arthur, daß der Ritter an der Spitze der Schwadron, auf einem ſtatklichen Roſſe, unter dem der Boden zitterte, in ſeinem Schilde den Bären von Bern führte, und auch ſonſt große Aehn⸗ lichkeit mit der kräftigen Geſtalt Rudolphs hatte. Er wurde vollends überzeugt, daß er es wirklich ſey, als v 8⁰ er ſeine Truypen halten ließ, und allein mit eingeleg⸗ ter Lanze langſam auf ihn zuritt. Eine ſolche Ausfor⸗ derung in dieſem Angenblicke anzunehmen, war gefähr⸗ lich, aber ihr auszuweichen, ſchimpflich, und während Arthur's Herz höher ſchlug bei dem Gedanken, einen übermüthigen Nebenbuhler zu züchtigen, war es ihm erwünſcht, daß er bei dieſer Art des Kampfs durch ſeine Erfahrung, die er im Turniere erlangt, einen Vortheil vor dem Schweizer voraus hatte.“ nan Mit vorgehaltenen Schilden rannten ſie gegen ein⸗ ander. Rudolphs Lanze glitt an Arthurs Helme ab, die des Letztern aber, gerade auf die Bruſt ſeines Geg⸗ ners gerichtet, drang nicht nur durch den Schild, ſon⸗ dern auch durch den Harniſch und das Panzerhemd, und wurde nur erſt durch das Rückenſtück aufgehalten. Ru⸗ dolph ſank vom Pferde, wälzte ſich einige male auf dem Boden, den er im Todeskampf mit den Händen auf⸗ wühlte, und blieb todt auf dem Platze. 15 f Unter den Reitern, die Rudolph angeführt hatte, erhob ſich ein wüthendes Geſchrei, und viele legten ſchon die Lanze ein, um ihn zu rächen, aber Ferrand von Lothringen, der ſelbſt unter ihnen war, befahl ihnen, den Sieger nur gefangen zu nehmen, ohne ihm ein Leid zuzufügen. Dieß geſchah, denn Arthur ſah ſich den Rückzug abgeſchnitten, und Widerſtand würe Tollkühnheit geweſen. G Als er vor Ferrand geführt wurde, ſchlug er das Helmgitter auf und ſagte:„Iſt's recht, Herr, einen Ritter zum Gefangenen zu machen, weil er ſeine Pflicht 81 gethan und die Ausforderung eines perſönlichen Fein⸗ des angenommen hat?“ „Beklagt Euch nicht, Herr von Oxford, ehe Euch Unrecht geſchehen iſt,“ entgegnete Ferrand.„Ihr ſeyd frei, Herr Ritter. Euer Vater und Ihr waret treue Anhänger meiner Muhme Margarethe, und ungeachtet ſie meine Feindin war, ehre ich doch Eure Treue gegen ſie, und gebe Euch, aus Achtung vor ihr, und meinem Großvater zu Gefallen, bei dem Ihr etwas gegolten habt, die Freiheit. Aber ich muß auch dafür ſorgen, daß Ihr ſicher ins Lager des Burgunders gelangt. Auf dieſer Seite des Berges ſind treue, redliche Männer, drüben Verräther und Mörder. Ihr, Herr Graf, wer⸗ det, denk' ich, gerne unſern Gefangenen geleiten.“ Der Ritter, an den Ferrand ſich mit dieſen Worten wendete, ein hoher, ſtattlicher Mann, machte ſich be⸗ reit, Arthur zu begleiten, der dem Herzog für ſein ritterlich Benehmen herzlich dankte. „Lebt wohl, Herr Arthur de Vere,“ ſagte Ferrand. „Ihr habt einen wackern Kämpen, und mir einen brauch⸗ baren, treuen Freund erſchlagen. Aber es geſchah in ehrlichem Kampfe, mit gleichen Waffen, und vor der Linie, und dem, der den Streit geſucht, iſt ſein Recht geſchehen.“ Arthur verbeugte ſich tief; Ferrand erwiederte den Gruß, und ſie ritten dem Lager des Burgunders zu. Sie waren noch nicht weit gekommen, als der Fremde anhob:„Wir ſind ſchon einmal mit einander gereist, Walter Scott's Werke, 1628 Boͤchen. 6 v 8² junger Mann, aber Ihr ſcheint mich nicht mehr zu kennen.“ „Arthur ſah den Ritter an, und als er bemerkte, daß ſein Helmſchmuck die Form eines Geiers hatte, ſtiegen allerlei Vermuthungen in ihm auf, die zur Gewißheit wurden, als der Ritter den Helmſturz aufſchlug, und er die finſtern, ernſten Züge des Prieſters von St. Paul erblickte. „Graf Albert von Geierſtein!“ rief er erſtaunt. „Derſelbe,“ verſetzte der Graf,„nur habt Ihr ihn in anderer Tracht geſehen. Tyrannei aber treibt jeden zu den Waffen, und ſo habe auch ich ſie nach langer Ruhe auf Befehl meiner Obern wieder ergriffen. Ein Krieg wider Grauſamkeit und Unterdrückung iſt heilig wie ein Kreuzzug nach Paläſtina, wo auch, Prieſter Waffen tragen.“ „Ich muß Euch bitten, Herr Graf,“ fiel Arthur haſtig ein,„ins Lager des Herzogs von Lothringen zurückzukehren. Ihr ſeyd hier in Gefahr, und weder Stärke noch Muth vermöchten Euch zu retten. Karl hat einen Preis auf Euern Kopf geſetzt, und Stradio⸗ ten und leichte italieniſche Reiter durchſchwärmen die Gegend zwiſchen hier und Nancy.“ „Ich fürchte ſie nicht,“ entgegnete der Graf.„Nach⸗ dem ich ſo lange in einer vielbewegten Welt gelebt, wird mir doch nicht das Loos aufbehalten ſeyn, von o gemeiner Hand zu fallen; überdieß ſeyd Ihr bei mir, und ich habe geſehen, daß Ihr's verſteht.“. „Zu Eurer Vextheidigung, Herr,“ verſetzte Arthur, 83 3 der in ſeinem Begleiter nur Anna's Vater ſah,„würde ich thun was in meinen Kräften ſteht.“ „Wie? junger Mann,“ erwiederte der Graf, mit dem ihm eigenen höhniſchen Lächeln,„Ihr wollt den Feind des Herrn, unter deſſen Fahne Ihr kämpft, ge⸗ gen ſeine Kriegsleute vertheidigen?“ Arthur war etwas verlegen über dieſe ſeinem Aner⸗ bieten gegebene Wendung, doch faßte er ſich ſchnell wie⸗ der und entgegnete:„Ihr habt Euch in Gefahr bege⸗ ben, um mich gegen Leute von Eurer Partei zu ſchü⸗ tzen, ich bin alſo verpflichtet, Euch den gleichen Dienſt zu leiſten.“ „Ihr habt glücklich geantwortet,“ verſetzte der Graf, „doch mein ich, dem kleinen blinden Schelm, von dem die Troubadours und Barden ſo viel zu ſingen wiſſen, hätt' ich wohl hauptſächlich Eure Bereitwilligkeit zu verdanken.“ Er ließ Arthur, der wieder nicht wenig in Verlegen⸗ heit kam, keine Zeit zu antworten, ſondern fuhr fort: „Eure Lanze, junger Mann, hat heute den Schweizern und dem Herzog Ferrand einen ſchlimmen Dienſt ge⸗ than, indem Ihr ihren wackerſten Kämpen erſchlagen. Für mich aber iſt Rudolphs Tod ein willkammnes Er⸗ eigniß. Im Vertrauen auf die Wichtigkeit ſeiner Dien⸗ ſte war er ungeſtümm in den Herzog Ferrand gedrun⸗ gen, bei mir für ihn um die Hand meiner Tochter zu werben, und der Herzog ſelbſt, der Sohn einer Prin⸗ zeſſin, erröthete nicht, mich aufzufordern, die Letzt: 6: 84 meines Stammes— denn meines Bruders Soͤhne ſind entartet,— einem anmaßenden Menſchen zu ge⸗ ben, deſſen Ohm im Hauſe meines Schwiegervaters Knecht war.“ „Freilich eine ungleiche Heirath,“ warf Arthur ein. „So lange ich lebte,“ fuhr der Graf fort,„haͤtte eine ſolche Verbindung nicht ſtatt finden duͤrfen, und haͤtte ich auch durch Ermordung der Braut und des Braͤutigams die Ehre meines Hauſes retten muͤſſen. Aber wenn ich nicht mehr bin— und meine Tage, meine Stunden ſind gezaͤhlt,— was haͤtte einen drei⸗ ſten Freier, durch des Herzogs Gunſt, den allgemei⸗ nen Beifall ſeines Landes, vielleicht auch durch die Vorliebe meines Bruders Arnold nnterſtuͤtzt, abge⸗ halten, trotz des Widerſtands des Maͤdchens ſeinen Zweck durchzuſetzen?“ „Rudolph iſt todt,“ erwiederte Arthur,„und ver⸗ gebe ihm der Himmel ſeine Schuld! Aber lebte er noch, und freite um Anna, ſo ſollte er finden, daß er zuvor einen Kampf ausfechten muͤßte——« „Der bereits entſchieden iſt,“ unterbrach ihn der Graf.„Meine Tochter hat mir geſagt, was zwiſchen Euch und ihr vorgegangen iſt. Eure Geſinnung und Euer Benehmen ſind des edlen Hauſes wuͤrdig, von dem Ihr ſtammt, und das ſich, wie ich weiß, unter die beruͤhmteſten Europa's zaͤhlen darf. Ihr habt zwar Eure Guͤter vorloren, aber bei meiner Tochter iſt daſ⸗ ſelbe der Fall, den Antheil ausgenommen, den ihr — 8⁵ mein Bruder von dem vaͤterlichen Erbe vielleicht ab⸗ tritt. Wollt Ihr bis auf beſſere Tage dieſes Wenige mit ihr theilen(vorausgeſetzt, daß Euer Vater ſeine Einwilligung gibt, denn mein Kind ſoll ſich in kein Haus eindraͤngen) ſo hat meine Tochter meine Zu⸗ ſtimmung und meinen Segen. Mein Bruder wird dieſe Wahl billigen; denn er iſt zwar abgeſtumpft fuͤr ritterliche Ehre, aber er liebt ſeine Nichte, und iſt Euer und Eures Vaters Freund. Was ſagt Ihr dazu, junger Mann? wollt Ihr eine arme Graͤfin zur Le⸗ bensgefaͤhrtin nehmen? Ich glaube, ja ich weiſſage— denn ich ſtehe ſo nahe am Rande des Grabes, daß ich jenſeits deſſelben ſchauen zu koͤnnen meine— daß einſt, nachdem ich lange ſchon mein ſtuͤrmevolles Leben ge⸗ endet, ein neuer Glanz die Namen De Vere und Geier⸗ ſtein uͤberſtrahlen wird.“ 4 Arthur ſprang vom Pferde, ergriff des Grafen Hand, und wollte ſich in Worten des Dankes ergießen, als der Graf ihm zu ſchweigen gebot. „Wir muͤſſen uns bald trennen,“ ſagte er;„die Zeit iſt kurz, der Ort gefaͤhrlich. Ihr ſeyd fuͤr mich, auf⸗ richtig geſprochen, weniger als nichts. Waͤre mir nur einer meiner ehrgeizigen Plane gelungen, ſo haͤtt' ich den Sohn eines verbannten Grafen nicht zum Eidam erkoren. Steigt wieder zu Pferd; Dank klingt nicht angenehm, wenn man ihn nicht verdient hat.“ Arthur gehorchte, und gab nun ſeinem Entzuͤcken eine annehmlichere Form, indem er zu ſchildern ver⸗ v . 1 86 ſuchte, wie er durch ſeine Liebe zu Anna, und die Be⸗ muͤhung ſie gluͤcklich zu machen, ihren Vater ſeinen Dank zu bezeugen ſtreben werde, und als er ſah, daß der Graf ſeine Schilderung von ihrem kuͤnftigen Le⸗ ben gerne anhoͤrte, rief er aus:„Uud wolltet Ihr, Herr, der Schoͤpfer dieſes Gluͤcks, nicht Zeuge deſſel⸗ ben ſeyn und es theilen? Glaubt mir, es ſoll uns angelegen ſeyn, die harten Schlaͤge des Schickſals, die Euch betroffen haben, zu mildern, und bluͤhen uns beſſere Tage, ſo werden wir unſer Gluͤck doppelt genie⸗ ßen, wenn Ihr es theilet.“— „Laßt das,“ entgegnete der Graf.„Ich weiß, daß mein Stuͤndlein nahe iſt. Hoͤrt und zittert: der Her⸗ zog von Burgund iſt zum Tode verurtheilt, und die unſichtbaren Richter, die im Geheimen richten und im Geheimen raͤchen, wie die Gottheit, haben Strick und Dolch in meine Hand gegeben.“ „O, werft pon Euch dieſe ſchimpflichen Zeichen!“ rief Arthur begeiſtert;„ſie moͤgen Moͤrdern ſolchen Dienſt auftragen, damit nicht der edle Name Geierſtein durch ſolche That befleckt werde.“ 8 „Still, thoͤrichter Knabe,“ entgegnete der Graf.„Der Eid, der mich bindet, iſt hoͤher, als die Wolken, die dort ziehen, und feſter, als der Berge Grund. Glaubt nicht, daß ich meuchlings ihn morden will, wiewohl ich des Herzogs eignes Beiſpiel für mich haͤtte. Auch ſend' ich keine erkauften Moͤrder aus, wie die gemei⸗ nen Stradioten ſind, ihm nach dem Leben zu ſtellen⸗ . 87 ohne das meinige zu gefaͤhrden, noch laſſe ich ſeine Tochter zwiſchen ſchimpflicher Ehe und entehrender Entſagung wählen. Nein, Arthur, ich ſuche Karl auf, feſt entſchloſſen, dem Feind das Leben zu nehmen, ſollt fes auch das meinige koſten.“ „Ich beſchwöre Euch, davon zu ſchweigen,“ ſagte Ar⸗ thur beſorgt.„Bedenkt, daß ich gegenwärtig dem Für⸗ ſten diene, dem Eure Drohungen gelten—“ „Und daß Ihr verpflichtet ſeyd,“ fiel der Graf ein, „ihn von dem, was ich Euch ſage, zu unterrichten. Das wünſche ich eben, und ungeachtet er bereits einer La⸗ dung des heimlichen Gerichts nicht Folge geleiſtet hat, freue ich mich doch der Gelegenheit, ihm eine perſön⸗ liche Ausforderung zu ſchicken. Sagt Carl von Burgund, daß er Unrecht gehandelt habe an dem Grafen von Geierſtein. Wer an ſeiner Ehre angegriffen iſt, für den verliert das Leben allen Werth, und er wird Herr von dem ſeines Feindes. Sagt ihm, er ſolle ſich wohl hüten vor mir, denn ſieht er die Sonne zweimahl auf⸗ gehen in dem neuen Jahre, ſo iſt Albert von Geierſtein meineidig.— Und nun lebt wohl; ich ſehe eine Truppe mit der burgundiſchen Fahne näher kommen, und Ihr ſeyd alſo in Sicherheit.“ Mit dieſen Worten warf er ſein Pferd herum, und ſprengte davon. 88 XXXV. Schwach ertoͤnt des Kampfes Laͤrm, Hergetragen von den Winden; Krieg und Schrecken flohn voran, Ließen Tod und Wunden hinten. Mickle. Um den Rückzug des Grafen zu decken, ritt Arthur den Burgundern entgegen, an deren Spitze er Contay erblickte. „Willkommen! willkommen!“ rief ihm dieſer entge⸗ gen, ſchnell auf ihn zu reitend.„Der Herzog von Bur⸗ gund hält nicht weit von hier mit einer Truppe Rei⸗ ter, um uns den Rücken zu decken. Erſt vor einer hal⸗ ben Stunde kam Cuer Vater ins Lager zurückgeſprengt, mit der Nachricht, Ihr ſeyd durch Verrätherei der Stradioten in einen Hinterhalt gelockt und gefangen genommen worden. Er hat Campo⸗Baſſo des Ver⸗ raths beſchuldigt und ihn zum Kampf gefordert, wo⸗ anf Beide unt er Aufſicht des Großmarſchalls ins La⸗ ger geſchickt wurden, um zu verhüten, daß ſie nicht ſo⸗ gleich an einander geriethen, wiewohl der Italiener keine große Luſt dazu bezeugte. Der Herzog hat ſelbſt ihre Fehdehandſchuhe aufgenommen, und am Dreikönigs⸗ tage ſollen ſie den Strauß ausfechten.“ „Ich fürchte, Manche von denen, die dieſen Tag er⸗ warten, werden ihn nicht mehr ſehen,“ ſagte Arthur, 89 „kommt es aber zum Kampf, ſo will ich ihn auskäm⸗ pfen, wenn mein Vater es geſtattet. 44 Er folgte nun Contay, und bald ſtießen ſie zu einem ſtärkeren Reiterhaufen mit des Herzogs Banner. Man führte ihn ſogleich vor Karl, der ungerne, wie es ſchien, Arthur die Beſchuldigung ſeines Vaters gegen den ita⸗ lieniſchen Grafen, für den er ſo ſehr eingenommen war, unterſtützen hörte. Als er aber verſichert wurde, daß die Stradioten durch den Hohlweg geritten waren, und ihren Führer in dem Augenblicke von dem hier verſteck⸗ ten Hinterhalt benachrichtigt hatten, wo dieſer Arthur aufmunterte, weiter vorzudringen, ſchüttelte er den Kopf, zog ſeine buſchigen Braunen zuſammen, und ſprach wie für ſich:„Vielleicht Erbitterung gegen Oxford; die Italieuer ſind rachſüchtig.“ Darauf erhob er das Hauß⸗ und gebot Arthur, fortzufahren. Mit Entzücken hörte er Rudolphs Tod, naßm eine ſchwere, goldene Kette von ſeinem Halſe, und hängte ſle Arthur um. „Ihr habt mehr gethan, junger Mann, als wir Euch lohnen können,“ ſprach er.„Das war der größte Bär unter ihnen, die Andern ſind gegen ihn nur kleine Ir⸗ gen. Daß der Thor meinte, ſeine grobe Hand könne eine Lanze führen! Recht brav, wackrer Junge— wie war's weiter? wie kamt Ihr davon? durch eine Kriegs⸗ liſt wabrſcheinliche „Verzeiht, Herr,« erwiederte Arthur,„ihr Führer, Ferrand, nahm mich in Schutz, indem er mein Zuſam⸗ 5 9⁰ mentreffen als ehrlichen Zweikampf anſah, und mich mit Pferd und Waffen wieder ziehen ließ.“ „Hm!“ ſagte Karl, deſſen üble Laune wiederkehrte, „der abenteuerliche Prinz ſpielt den Großmüthigen— hm! es gehört zu ſeiner Rolle, aber ich werde mein Verfahren nicht darnach einrichten. Erzählt weiter, Herr Arthur de Vere.« S Als Arthur gehorchte und ihm ſagte, wie und unter welchen Umſtänden ſich Graf Albert von Geierſtein ihm zu erkennen gegeben habe, ſah ihn der Herzog mit funkelnden Augen an und unterbrach ihn mit der Frage: Und Ihr ſtießt ihm den Dolch ins Herz, nicht wahr?“ „Nein, Herr Herzog; wir waren gegenſeitlg verpflich⸗ tet, einander zu ſchützen.“« „Aber Ihr wußtet doch, daß er mein Todfeind iſt! Geht, Eure laue Gleichgültigkeit ſchmälert Eure Ver⸗ dienſte, und daß Ihr den Geierſtein entkommen ließet, wiegt Rudolphs Tod auf.“« „Das mag ſeyn, Herr Herzog,“ entgegnete Arthur kühn.„Es iſt mir nicht um Euer Lob zu thun, noch ſcheue ich Euren Tadel. Perſönliche Beweggründe be⸗ ſtimmten mich, ſo zu handeln, wie ich gethan; Don⸗ nerhügel war mein Feind, und dem Grafen bin ich verpflichtet.“ Die burgundiſchen Edeln, die den Herzog umgaben, ſahen zitternd den Folgen dieſer kühnen Sprache ent⸗ gegen. Allein Karl blickte um ſich und ſagte lachend: „Hört Ihr den jungen engliſchen Hahn, ihr Herrn? 9¹ welches Lied wird der einſt anſtimmen, da er jetzt ſchon ſo wacker kräht vor einem Fürſten!“. Von verſchiedenen Richtungen kamen nun Reiter her⸗ bei, und berichteten, daß der Herzog Ferrand ſich mit ſeiner Truppe in ſein Lager zurückgezogen habe, und die Gegend von Feinden frei ſey. 3 „So wollen auch wir umkehren,“ ſagte Karl, denn heute gibt's keine Lanzen zu brechen. Ihr, Arthur, folgt mir..— Als ſie in des Herzogs Zelt gekommen waren, nahm Karl Arthur aufs Neue ins Verhör, wobei dieſer nichts von Anna und ihres Vaters Abſichten mit ihm ſagte, weil er glaubte, daß Karl dabei nicht betheiligt ſey, da⸗ gegen die Drohungen, die der Graf ausgeſtoßen hatte, ihm offen mittheilte. Der Herzog hörte ihn mit mehr Mäßigung an, und als er die Worte des Grafen ver⸗ nahm, daß der, für den das Leben allen Werth verlo⸗ ren habe, Herr von dem ſeines Feindes ſey, ſagte er: „Es gibt ein andres Leben, wo der meuchlings Gemor⸗ dete und ſein Mörder nach Verdienſt werden gerichtet werden.“ Darauf nahm er ein goldenes Kreuz aus dem Buſen, küßte es andächtig, und ſagte:„Auf dieſes ſetze ich meine Zuverſicht. Falte ich, ſo werde ich in der an⸗ dern Welt Vergebung finden.— He da, Herr Mar⸗ ſchall! Führt die Gefangeunen her.“ Der Gerufene trat mit dem Grafen von Oxford ein, und berichtete, ſein andrer Gefangener, Campo⸗Baſſo, habe ſo dringend gebeten, in dem ihm anuvertrauten 92 Theile des Lagers Schildwachen kausſtellen zu dürfen, daß er es für Pflicht gehalten habe, ihn zu entlaſſen. „Es iſt gut,“ ſagte der Herzog, ohne weitere Bemer⸗ kung, und fuhr dann gegen den Grafen gewendet fort: »„Ich würde Euch Euren Sohn vorgeſtellt haben, Herr Graf, wenn Ihr ihn nicht bereits in die Arme geſchloſ⸗ ſen hättet. Er hat ſich Ehre und Ruhm geholt, und mir einen wichtigen Dienſt geleiſtet. Wir ſind jetzt in einer Zeit des Jahres, wo gute Menſchen ihren Fein⸗ den vergeben, ich weiß nicht warum— ich eignete mich nicht dazu, nach ſolchen Dingen viel zu fragen— aber ich fühle ein unwiederſtehliches Verlangen, den Kampf zwiſchen Euch und Campo⸗Baſſo zu hindern. Verſöh⸗ net Euch, um meinetwillen, und nehmt den Fehdehand⸗ ſchuh zurück, damit ich dieſes Jahr— vielleicht das letzte meines Lebens— mit einer Handlung des Frie⸗ dens beſchließe.“ 8 „Herr Herzog,“ verſetzte Orford,„Ihr fordert ein Geringes von mir, da es ja eine chriſtliche Pflicht iſt, die ich erfuͤllen ſoll. Ich war erbittert uͤber den Ver⸗ luſt meines Sohnes; nun habe ich ihn wieder, wofür ich dem Himmel und Euer Hoheit danke. Campo⸗ Baſſp's Freund zu werden iſt mir nicht moͤglich; Treue und Verrath, Wahrheit und Falſchheit taugen nicht zuſammen. Aber der Italiener ſoll mir ſeyn, wie zuvor, d. h. Nichts. Ich gebe Euch mein Wort: nimmt er ſeinen Handſchuh zuruͤck, ſo will ich's auch thun. John de Vere braucht nicht zu beſorgen, die Welt werde glauben, er fuͤrchte Campo⸗Baſſo.“ 9³ Der Herzog dankte ihm aufrichtig, und behielt die Offiziere bis an den Abend in ſeinem Zelte. Sein Benehmen ſchien Arthur leutſeliger, als bisher, und erinnerte ſeinen Vater an fruͤhere Tage, wo ſie ihren Freundſchaftsbund ſchloſſen, ehe unumſchraͤnkte Gewalt und graͤnzenloſes Gluͤck Karls ungeſtuͤmmem, aber nicht unedlen Sinn eine andere Richtung gegeben hat⸗ ten. Der Herzog ließ Speiſen und Wein unter die Soldaten vertheilen, erkundigte ſich genau, ob ſie gut unterbracht ſeyen, und fragte nach den Verwunde⸗ ten und Kranken. Er erhielt auf Alles dieß unbe⸗ friedigende Antwort, und ſagte leiſe zu einigen ſei⸗ ner Raͤthe:„Waͤren wir nicht durch unſern Schwur gebunden, ſo verſchöben wir unſer Vorhaben bis auf den Fruͤhling, wo unſere Soldaten weniger zu leiden haͤtten.“ Sonſt zeigte ſich in dem Benehmen des Herzogs nichts Auffallendes, außer daß er mehrere Male nach Campo Baſſo fragte, bis man ihm endlich ſagte, er ſey unwohl, der Arzt habe Ruhe verordnet, weßwe⸗ gen er zu Bette gegangen ſey, um bei Tagesanbruch wieder zum Dienſt tauglich zu ſeyn. Der Herzog bemerkte nichts uͤber die Entſchuldigung, die er als Ausrede von dem Italiener betrachtete, um nicht mit Orford zuſammenzukommen, und ent⸗ ließ ſeine Gaͤſte eine Stunde vor Mitternacht. Als Orford und ſein Sohn wieder in ihrem Zelte angelangt waren, verfiel der Graf in tiefes Sinnen, das gegen zehn Minuten dauerte. Endlich fuhr er v 3 94 auf und ſagte:„Gieb Thiébault und Deinen Leuten Befehl, ſie ſollen bei Tagesanbruch oder noch vorher unſere Pferde vor dem Felt bereit halten; auch waͤre es gut, wenn Du unſern Nachbar Colvin baͤteſt, uns zu begleiten. Ich will bei Tagesaubruch die Vorpo⸗ ſten beſichtigen.“ „Ihr habt Euch ſchnell entſchloffen, Vater,“ verſetzte Arthur. „Und doch kommt es vielleicht zu ſpaͤt,“ gab der Graf zuruͤck.„Waͤre es Mondſchein, ſo wuͤrde ich dieſe Nacht noch die Runde machen.“ „Es iſt ſtockfinſter,“ ſagte Arthur,„aber warum ſeyd Ihr gerade heute ſo beſorgt?“ „Du haͤltſt mich vielleicht fuͤr aberglaͤubiſch, aber meine Amme, Martha, aus dem noͤrdlichen England, pflegte zu ſagen, eine ploͤtzliche, ohne Urſache einge⸗ tretene Veraͤnderung in dem Weſen eines Menſchen bedeute einen baldigen Wechſel ſeiner Gluͤckslage. Dieſe Worte der Alten haben ſich mir ſo lebhaft aufgedraͤngt, daß ich entſchloſſen bin, ehe der Morgen graut, mit eignen Augen zu ſehen, ob unſere Wachen ihre Pflicht thun.“ 2 Arthur beſorgte das Nothwendige bei Colvin und Thiébault, und dann legten ſie ſich zur Ruhe. Es war vor Tagesanbruch an dem durch die ihn bezeichnenden Ereigniſſe ewig denkwuͤrdigen erſten Januar von 1477, daß die beiden Orford und Colvin, nur von Thiébault und zwei andern Dienern beglei⸗ tet, die Runde um das Lager zu machen begannen. 95 Es war ein kalter Morgen, und der Boden theilweiſe mit Schuee bedeckt, der an einigen Stellen geſchmol⸗ zen, und dann durch die in der Nacht eingetretene Kaͤlte zu Eis gefroren war. Anfangs trafen ſie die Schildwachen auf ihren Po⸗ ſten; aber wie groß war ihr Erſtaunen und ihre Be⸗ ſtuͤrzung, als ſie an den Theil des Lagers kamen, das am Tage zuvor Campo⸗Baſſo mit ſeinen Italie⸗ nern, ungefahr 2000 Mann, beſetzt hatte! Sie hör⸗ ten keinen Anruf, kein Pferd wiehern,— nirgends war eine Wache zu ſehen. Sie durchſuchten mehrere Selte und Feldhuͤtten— ſie waren leer. »Wir wollen in's Lager zuruͤckeilen, um dort Laͤrm zu machen,“ ſagte der Graf von Orford,„hier iſt eine Verraͤtherei im Spiele,“ 3 „»Nein, Heyr Graf,“ entgegnete Colvin,„wir wol⸗ len nicht unvollſtaͤndige Kunde zuruͤckbringen. Ich habe 600 Schritte von hier eine Batterie, welche den Zugang zu dieſem Hohlwege deckt; wir wollen ſehen, ob meine Teutſchen auf ihrem Poſten ſind; ich wollte ſchwoͤren, wir finden ſie dort. Die Batterie beherrſcht einen engen Paß, durch den allein man zuͤm Lager gelangen kann, und wenn meine Leute ihre Pflicht thun, ſo will ich mein Leben einſetzen, daß wir den Paß halten, bis Ihr vom Hauptheer Unterſtuͤtzung bringt.“ 3 „Alſo vorwärts, in Gottes Namen!“ ſagte der raf, und ſie ritten nun, mit Gefahr, jeden Augen⸗ blick zu ſtuͤrzen, uͤber den unebenen, eiſigen Boden e v 96 3 hin. Der bleiche Mondſchein und das Dämmerlicht des Morgens ließen ſie erkennen, daß die Kanonen an ihrem Platze ſtanden, aber keine Schildwache war zu ſehen. „Die Schurken köoͤnnen nicht davon gegangen ſeyn,« rief Colvin beſtuͤrzt;„ha! ich ſehe Licht in einem Zelt. O! des unſeligen Weins! Die Erbſuͤnde der Trun⸗ kenheit hat ſie uͤbermannt; aber ich will die Saͤufer bald aufjagen.“ Er ſprang vom Pferde, und ſtuͤrzte in das Zelt, von dem das Licht herkam. Die Kanoniere lagen ausgeſtreckt am Boden, die Becher und Flaſchen rings⸗ umher, und alle waren ſo betrunken, daß Colvin durch Befehl und Drohungen nur einige Wenige aufzuwe⸗ cken vermochte, die inſtinktartig ihm gehorchten und taumelnd der Batterie zuſchwankten. Ein dumpfes Getoͤſe, aͤhnlich dem Marſch einer heranziehenden Truppe, ſcholl in dieſem Augenblick von dem Paſſe unten herauf. „Es iſt das Donnern einer fernen Lawine,“ agte Arthur. „Ja, einer Lawine von Schweizern,“ rief Colvin, „O, der betrunkenen Schurken! Die Kanonen ſind ſcharf geladen und gut gerichtet; die Ladung wuͤrde ſie zuſammenſchmettern, und waͤren es Teufel, und dann kaͤme das ganze Lager ſchnell in Bewegung— aber ach! die Burſche ſind alle betrunken!« „Laßt ſie,“ ſagte der Graf; pich und mein Sohn 97 wollen Lunten nehmen, und einmal Kanoniere ſeyn!“ 2 Sie ſtiegen ab, ließen durch Thiebault und die Die⸗ ner ihre Pferde halten, und nahmen den betaͤubten Maͤnnern, von denen nur drei nuͤchtern genug waren, um neben ihren Stuͤcken zu ſtehen, einige Lunten aus der Hand. „Bravo« rief der unerſchrockene Colvin;„von ſo edlen Haͤnden ſind meine Stuͤcke noch nie bedient wor⸗ den. Und nun, Kameraden— verzeiht, meine Herrn, die Zeit erlaubt keine weitern Umſtaͤnde—, und ihr, Trunkenbolde, gebt Acht; feuert erſt, wenn ich Be⸗ fehl dazu gebe. Und waͤren die Rippen aller Schwei⸗ zer ſo hart, wie ihre Felsgebirge, ſo ſollten ſie erfah⸗ ren, wie Colvin ſeine Stuͤcke laͤdt.« Sie ſtanden ſtill und unbeweglich, jeder bei ſeiner Kanone. Das Getoͤſe kam naͤher und naͤher, bis das Zwielicht eine geſchloſſene Truppe Maͤnner mit lan⸗ gen Speeren, Streitaͤxten und andern Waffen zeigte, uͤber welchen mehrere Banner flatterten. Colvin ließ ſie bis auf fuͤnfundzwanzig Schritte herankommen, und commandirte dann:„Feuer!“ aber nur ſeine Kanone gieng los; von den uͤbrigen flackerte blos ein ſchwaches Feuer an dem Zuͤndloch noch, denn ſie waren von den Italienern, die Reißaus genommen hatten, vernagelt worden. Waͤren ſie alle im gehoͤri⸗ gen Stande geweſen, ſo wuͤrden Colvin's Worte wahr⸗ ſcheinlich in Erfuͤllung gegangen ſeyn, denn der ein⸗ Walter Scott's Werke, 1628 Bochen. 7 v 98 zige Schuß hatte eine furchtbare Wirkung, und machte eine große Luͤcke unter den Schweizern, deren Fuͤhrer mit der Fahne niederſank. „Haltet Stand!“ rief Colvin,„und helft mir, wo moͤglich, wieder laden.“ Dazu wurde ihm indeſſen keine Zeit gelaſſen. Eine ſtattliche Geſtalt, hoch uͤber die Andern emporragend, nahm die Fahne wieder auf, und rief mit donnern⸗ der Stimme:„Wie, ihr Maͤnner? ihr habt bei Mur⸗ ten und Granſon mitgefochten, und erſchreckt vor ei⸗ nem einzigen Stuͤcke? Bern— Uri— Schwiz— vor⸗ waͤrts; Unterwalden, hier iſt euer Banner. Erhebt das Kriegsgeſchrei, laßt die Hoͤrner erſchallen! ihr Maͤnner von Unterwalden, folgt eurem Landammann!« Wie die Wellen des empoͤrten Meeres ſtuͤrmten ſie heran, mit betaͤubendem Geſchrei, in unaufhaltſa⸗ mem Laufe. Colvin, bemuͤht, wieder zu laden, wurde niedergeſchlagen, und die beiden Orford vor der an⸗ dringenden Menge niedergeworfen, deren Dichtigkeit machte, daß keiner der auf ſie gerichteten Schlaͤge traf. Arthur rettete ſich unter die Kanone, bei der er ſtand; ſein Vater aber war weniger gluͤcklich; er wurde mit Fuͤßen getreten, und haͤtte hier den Tod gefunden, wenn ſeine gute Ruͤſtung ihn nicht geſchuͤtzt haͤtte. Wenigſtens 4000 Mann ſtark waͤlzte ſich der Strom mit furchtbarem Siegesgeſchrei dem Lager zu, aus dem bald Stoͤhnen und Laͤrmruf heraufſcholl. Ein heller, rother Schein, der ſich hinter den An⸗ 99 ſtuͤrmenden erhob, und das bloße Licht des Winter⸗ morgens uͤberglaͤnzte, rief Arthur ſeine Lage wieder in's Bewußtſeyn. Das Lager hinter ihm ſtand in Flammen, und es ertoͤnte von dorther laͤrmendes Ge⸗ ſchrei, wie von einer erſtuͤrmten Stadt. Er ſprang auf, und ſah ſich nach ſeinem Vater um, der bewußt⸗ los nicht weit von ihm lag, jedoch, als er ihm den Helm geoͤffnet hatte, wieder Lebenszeichen von ſich gab „Die Pferde! die Pferde!“ rief Arthur;„wo ſeyd Ihr, Thiébault?“ „Hier, Herr!“ erwiederte der Treue, der ſich mit den Pferden in ein Dickicht gerettet hatte, das ihre Feinde vermieden, damit nicht Unordnung in ihre Reihen kaͤme. „Wo iſt der tapfere Colvin?“ fragte der Graf;„gebt ihm ein Pferd, ich will ihn nicht im Stiche laſſen.“ „Er hat ausgekaͤmpft, Herr,“ verſetzte Thiébault, „und wird kein Pferd mehr beſteigen.“ Der Graf blickte um ſich, und ſah Colvin, den Lad⸗ ſtock noch in der Hand, mit geſpaltenem Kopfe vor der Mündung der Kanone liegen. „Wohin wenden wir uns nun?“ fragte Arthur. „Wir eilen zum Herzog,“ erwiederte Orford,„an einem Tage wie der heutige will ich ihn nicht ver⸗ laſſen 3 „Mit Verlaub,“ ſagte Thiébault, vich habe den Her⸗ zog, von etwa zehen ſeiner Leibwache begleitet, durch 7*. . 1⁰⁰ das Flußbett hier nordwaͤrts reiten ſehen, und glaube, Euch der Spur nach fuͤhren zu koͤnnen.“ „Wenn das iſt,“ verſetzte der Graf,„ſo wollen wir aufſitzen, und ihm folgen. Das Lager iſt von ver⸗ ſchiedenen Seiten auf einmal angegriffen worden, und Alles muß verloren ſeyn, da er geflohen iſt.“ Mit Muͤhe hoben ſie den Grafen auf ſein Pferd, und ritten ſo ſchnell, als ſeine wiederkehrenden Kraͤfte geſtatteten, nach der von Thiébault angegebenen Rich⸗ tung hin. Die uͤbrigen Diener waren verſprengt oder erſchlagen. 4 Sie ſahen einigemal nach dem Lager zuruͤck, das jetzt in ein Feuermeer verwandelt war, deſſen heller roͤthlicher Schein ihnen die Spuren von Karls Pferde zeigte.. Ungefähr eine halbe Stunde vom Lager, von woher ſie noch Getümmel, mit dem Schall der Glocken in Nancy vermiſcht, vernahmen, erreichten ſie einen halb eingefrornen Sumpf, an welchem mehrere Leichnahme lagen. Unter dieſen erkannten ſie den Karls von Bur⸗ gund, der, wie die übrigen, beraubt war, und mehrere Wunden von verſchiedenen Waffen hatte. Er hatte das Schwert noch in der Hand, und der unloe Ausdruck, der in der Schlacht ſein Geſicht belebte, war noch in den erſtarrten Zügen zu ſehen. Dicht hinter ihm lag der Leichnam des Grafen von Geierſtein, und nicht weit davon der ſeines treuen Dieners Schreckenwald. Beide trugen die Kleidnag von des Herzogs Leibwache, die ſie 101 wahrſcheinlich gewählt hatten, um den Spruch des heim⸗ lichen Gerichts zu vollziehen. Man glaubt, einige von den Leuten des Verräthers Campo⸗Baſſo haben an dem Gefecht, in dem der Herzog ſiel, Theil genommen, denn man fand ſechs oder ſieben von ihnen, und eben ſo viele von der herzoglichen Leibwache nicht weit davon. Der Graf von Oxpford ſtieg ab, und unterſuchte den Leichnam ſeines ehemaligen Waffenbruders; als er ſich aber dem Schmerz über dieſes Beiſpiel gefallner menſch⸗ licher Größe hingeben wollte, rief Thiébault, der auf dem Weg, den ſie gekommen waren, Wache hielt:„Zu Pferde, Herr! es iſt jetzt nicht Zeit, die Todten zu be⸗ trauern, wir werden Mühe haben, die Lebenden zu ret⸗ ten; die Schweizer ſind uns auf den Ferſen.“ „Flieht, wackrer Kamerad,“ entgegnete der Graf,„und auch Du, Arthur, rette Dein junges Leben für glück⸗ lichere Tage. Ich kann und will nicht weiter fliehen Ich ergebe mich an die Nachſetzenden; geben ſie mir Gnade, ſo iſt's gut, wo nicht, ſo lebt einer über uns, bei dem ich ſie finden werde.“ „Ich fliehe nicht,“ ſagte Arthur;„ich will bleiben, und Eurer Schickſal theilen.“ „Auch ich bleibe,“ ſprach Thiébault;„die Schweizer halten's ehrlich im Kriege, wenn ihr Blut nicht durch zu großen Widerſtand erhitzt iſt, und das iſt hente nicht der Fall geweſen.“ Die Schweizer, die herankamen, waren junge Keuk. aus Unterwalden, an ihrer Spitze Sigmund und ſein — v 10⁰² Bruder Ernſt. Sigmund gab ihnen gerne Pardon, und leiſtete ſo Arthur zum dritten Male einen wichti⸗ gen Dienſt. „Ich will Euch mit zu meinem Vater nehmen,“ ſprach er;„der wird eine große Freude haben, wenn er Euch ſieht; nur trauert er gegenwärtig um meinen Bruder Rüdiger, der von dem Kanonenſchuß getroffen wurde. Die andern Stücke konnten nicht losgehen, und Campo⸗Baſſo hatte Colvins Kläffern den Mund geſtopft, ſonſt wär' es noch Manchem von uns ergan⸗ gen, wie Rüdiger'n. Colvin ſelbſt aber iſt erſchlagen.“* „Campo⸗Baſſo war mit Euch einverſtanden?“ fragte Arthur. „Nicht mit uns— wir lieben ſolche Geſellen nicht — ſondern zwiſchen dem Italiener und dem Herzog Ferrand fand ein Einverſtändniß ſtatt, ſo daß er, nach⸗ dem er die Kanonen vernagelt, und die Deutſchen trun⸗ ken gemacht hatte, mit 1500 Reitern zu uns ins Lager kam, und uns ſeinen Beiſtand anbot. Aber mein Vater ſagte:„Nein, nein, Verräther dürfen nicht in unſern Reihen fechten,“ und ſo ſchlug er ſich zum Herzog Fer⸗ rand, mit dem er das Lager von der entgegengeſetzten Seite angriff, wo er unter dem Vorgeben, er komme von der Runde, ſich leicht Einlaß verſchaffte.“ „Der Verräther hat ſein Netz recht fein zu ſpinnen gewußt,“« ſagte Arthur. „Ja wohl,“ erwiederte Sigmund.„»Wie es heißt, kann der Herzog kein Heer mehr ins Feld führen.“ — — 103— „Nimmermehr,“ ſagte Oxford,„denn er liegt todt vor Euch.“ Sigmund trat erſchrocken zurück, denn der gefeierte Name Karls des Kühnen hatte ihm eine Achtung, ſo⸗ gar Furcht eingeflößt, deren er ſich nicht zu erwehren vermochte, und kaum konnte er glauben, daß der blu⸗ tige Leichnam, der hier vor ihm lag, der einſt ſo gefürch⸗ tete Mann geweſen war. Aber Schmerz miſchte ſich in ſein Erſtaunen, als er den Leichnam ſeines Oheims, des Grafen von Geierſtein erblickte. „Ach, mein Ohm,“ klagte er,„mein unglücklicher Ohm! hat all Eure Größe und Weisheit Euch ſolchen Tod gebracht?— Kommt, dieſe Nachricht muß ich ſchnell meinem Vater bringen; ſein Schmerz wird frei⸗ lich dadurch noch mehr geſteigert werden, doch iſt das zein Troſt, daß er und mein Ohm ſich nie mit einan⸗ der vertrugen.“ Sie halfen dem Grafen nicht ohne Mühe wieder auf ſein Pferd, und wollten weiter reiten, als Oxford ſagte: „Stellt eine Wache hieher, damit den Leichen nicht weiter Unehre wiederfährt, und ſie nach Gebühr be⸗ ſtattet werden können.“. „Bei der heiligen Jungfrau zu Einſiedeln,“ verſetzte Sigmund,„ich danke Euch, daß Ihr mich daran erin⸗ nert. Ja, wir wollen für meinen unglücklichen Ohm thun, was die Kirche vermag; denn ich hoffe, er habe ſeine Seele nicht zuvor dem Satanas verkauft. Ich wollte, wir hätten einen Prieſter bei uns, der bei der 104 Leiche bliebe; doch liegt nichts daran, denn man hat noch nie gehört, daß der Teufel um die Stunde des Frühſtücks erſchienen wäre.“ N Sie ritten nun dem Hauptquartier des Landammanns zu, an einem Schauſpiele vorüber, das Arthur und ſelbſt ſein Vater, ſo ſehr er an die Schrecken des Kriegs gewöhnt war, nicht ohne Schauder anſehen konnten. Allein Sigmund, der neben Arthur ging, lenkte ſeine Aufmerkſamkeit auf einen anziehendern Gegenſtand, ſo daß er nach und nach die Umgebungen vergaß. „Habt Ihr noch weitere Geſchäfte in Burgund, da jetzt der Herzog nicht mehr iſt?“ fragte er. „Das kommt auf meinen Vater an,“ antwortete Arthur,„aber ich glaübe, wir ſind zu Ende. Die Her⸗ zogin von Burgund iſt eine Schweſter Eduards von York und ſomit eine Todfeindin des Hauſes Lancaſter und ſeiner treuen Anhänger, die Klugheit fordert alſo, daß wir einen Ort verlaſſen, wohin ihre Macht reicht.“ „Wenn das iſt,“ ſagte Sigmund,„ſo paßt mein Plan recht gut. Ihr geht mit uns auf den Geierſtein zurück, und ſchlagt dort Eure Wohnung auf; Euer Vater iſt der Bruder des meinigen, und ein beſſerer als Ohm Albert, den er ſelten ſah, wogegen er mit Eurem Vater von Morgen bis in die Nacht ſich unter⸗ halten und uns die Geſchäfte überlaſſen kann. Und Ihr, Arthur, ſeyd dann unſer Bruder ſtatt des armen Rü⸗ diger. Freilich war der mein leiblicher Bruder, was Ihr nicht ſeyn könnt, doch hatte ich ihn nicht ſo lieb 105 als Euch, weil er nicht ſo gutherzig war, wie Ihr. Baſe Anna iſt jetzt auf dem Geierſtein unter meines Vater Vormundſchaft, und Ihr wißt, König Arthur, wir nannten ſie immer die Königin.“ „Eine große Thorheit,“ verſetzte Arthur. „Aber ebenſo wahr,“ entgegnete Sigmund,„denn ſeht, ich erzählte Annen gern von der Jagd und der⸗ gleichen, aber ſte hörte nicht darauf, bis ich von König Arthur zu ſprechen anfteng, und dann ſaß ſie ſo ſtille wie eine Henne, die ihre Küchlein unter den Flügeln hat, und über ſich den Habicht kreiſen ſieht. Da jetzt Rudolph todt iſt, ſo könnt Ihr meine Baſe heirathen, es wird Euch Niemand in den Weg treten.“ Arthur erröthete freudig unter ſeinem Helme und erwiederte ſo gleichgültig, als es ihm möglich war, „Ihr vergeßt, daß man mich in Eurem Lande wegen „Rudolphs Tod ſcheel anſehen würde.“ „Durchaus nicht,“ entgegnete Sigmund,„wir tra⸗ gen nicht nach, was im ehrlichen Kampfe geſchehen iſt. Es iſt gerade, wie wenn Ihr ihn im Kampfſpiele über⸗ wunden hättet, nur daß ſich dieſes Spiel nicht wie⸗ derholen läßt.“ Unnter dieſem Gefpräche ritten ſie in Nancy ein, wo die Fenſter mit Teppichen behängt, und die Straßen mit fröhlich lärmenden Menſchen gefüllt waren, die der Sieg von der, Furcht vor Karls Rache befreit hatte. Der Landammann empſteng die Gefangenen ſehr gü⸗ tig, und verſicherte ſie ſeines Schutzes und ſeiner Freund⸗ 10⁰⁶ ſchaft. Den Tod ſeines Sohnes Rüdiger ſchien er mit Ergebung zu tragen.„Es ſey’ beſſer,“ ſagte er,„daß ſein Sohn in der Schlacht gefallen ſey, als wenn er am Leben geblieben und der alten Sitteneinfalt untreu geworden wäre. Das Gold des gefallenen Herzogs,« ſetzte er hinzu,„werde den Sitten der Schweizer un⸗ erſäglicheren Schaden thun, als ſein Schwert ihren Leibern.“ Den Tod ſeines Bruders vernahm er ohne ſichtbare Ueberraſchung, aber ſehr ergriffen, und äußerte: ſein Bruder habe ihm zu wiſſen gethan, daß er eine ſehr gefährliche Unternehmung, bei der er wahrſchein⸗ lich umkommen werde, vorhabe, und ihn gebeten, ſeine Tochter in Schutz zu nehmen. Hierauf fragte er den Grafen von Oxford:„Was er jetzt zu thun gedenke, und ob er ihm in nichts behülflich ſeyn könne.“ „Ich will mich in die Bretagne zurückziehen,“ ver⸗ ſebte der Graf,„wo meine Gattin lebt, ſeit die Schlacht bei Tewkesbury uns aus England vertrieben hat.“ »Thut nicht alſo,« entgegnete der Landammann, „ſondern kommt mit Eurer Gemahlin nach Geierſtein, wo Ihr, wenn ſie ſich, wie Ihr, an unſere Sitten und unſere Lebensart gewöhnen kann, brüderliche Aufnahme findet, und weder Verrath noch Verſchwörung Euch umgibt. Bedenkt, der Herzog von Bretagne iſt ein ſchwacher Fürſt, und läßt ſich ganz von ſeinem verdor⸗ benen Günſtling, Peter Landais beherrſchen. Er iſt fähig, das Blut wackerer Männer zu verkaufen, und Ihr wißt, daß in Frankreich und Burgund Leute ſind, die nach dem Eurigen dürſten.“« 107 Der Graf dankte ihm für dieſen Vorſchlag und er⸗ klärte ſich bereit, ihn anzunehmen, wenn ihn Heinrich von Lancaſter, Graf von Richmond, den er nun als ſeinen Fürſten betrachtete, gut heißen würde. Wir eilen zum Schluſſe. Ungefähr drei Monate nach der Schlacht bei Nancy kam der verbannte Graf von Oxford mit ſeiner Gemahlin, und den Ueberreſten ſei⸗ nes früheren Reichthums unter dem Namen Philipſon auf den Geierſtein. Hier ließ er ſich eine bequeme Woh⸗ nung einrichten, und erhielt auf des Landammanns Verwendung das Bürgerrecht. Ein heiliges Band ei⸗ nigte bald Annen und Arthur, und Annette mit ihrem Ludwig wohnte bei dem jungen Paare, um die Ge⸗ ſchäfte des Haushalts zu beſorgen, denn Arthur zog die Jagd immer noch der Landwirthſchaft vor, und konnte ſeiner Neigung nachhängen, da er bei ſeinen mäf⸗ ſigen Einkünften in dieſem Lande beinahe für reich galk. So hatten die Verbannten fünf Jahre in der Schweiz gelebt, als 1482 der Landammann den Tod des Gerech⸗ ten ſtarb, allgemein betrauert, als ein Muſter der ta⸗ pfern und weiſen Häupter, die vor ihm im Frieden die Schweizer regiert und in die Schlacht geführt hatten. In demſelben Jahre verlor der Graf ſeine Gemahlin. Um dieſe Zeit aber fieng der Stern des Hauſes Lan⸗ caſter wieder zu glänzen an, und rief den verbannten Grafen mit ſeinem Sohne aus ihrer Verborgenheit. Margarethens Halsſchmuck erhielt die Beſtimmung, die ſie ihm gegeben, und verſchaffte die nöthigen Summen, 108 um das Heer aufzubringen, das bald darauf die be⸗ rühmte Schlacht bei Bosworth ſchlug, in welcher die Waffen Oxfords und ſeines Sohnes nicht wenig dazu beitrugen, Heinrich VII. den Sieg zuzuwenden. Dieß endete das Schickſal Arthurs und ſeiner Gemahlin: ſie ſchenkten Annetten und ihrem Gatten ihr Gut, und begaben ſich an den engliſchen Hof, wo Annas Schön⸗ heit dieſelbe Bewunderung fand, wie früher in der ländlichen Hütte. Empfehlenswerthe VBNAAGS-VWSANKRN der Fr. Brodhag'’schen Buchhandlung. 00000000000000060600000000000000 Mittheilungen aus den geheimen Memoiren einer deutſchen Saͤngerin. Ein Spiegel wunderſamer Liebesabentheuer der denkwürdigſten Per⸗ ſonen unſerer Zeit, in Wien, Mailand, Rom, Neapel, Madrid, Liſſabon, Paris, London, Petersburg und Berlin, zum Ergötzen aller Freunde reizender Theaterdamen aufgeſtellt. von Friedrich Wilhelm Bruckbraͤu. Zwei Baͤnde. gr. 12. Elegant brochirt. Geheime Liebſchaften von Pariſer Hofdamen. Herausgegeben von Friedr. Wilh. Bruckbraͤn. gr. 8. elegant broſchirt. 4 Aus dem Leben und den Memoiren eines ehemaligen Galeerenſclaven(Vidocq) welcher, nachdem er Komödiant, Soldat, Seeoffizier, Räuber, Spieler, Schleichhändler, Galeerenſclave war, endlich Chef der Pariſer Geheimen⸗Polizei unter Napoleon ſowohl, als unter den Bourbonen bis zum Jahre 1827 wurde. Aus dem Franzoſichen. Acht Baͤnde. gr. 8. broſchirt. ——ꝛᷣ ᷣᷣᷣᷣↄ-ↄ Der Leibpage der Koͤnigin Marie Antoinette. Ein Beitrag zur Chronique scandaleuse am Hofe Ludwig XVI. Nach dem Franzoͤſichen herausgegeben von Friedr. Wilhelm Bruckbraͤu. 3 Bde. gr. 12. geheftet. Die Jeſuiten und die Revolution. Auch unter dem Titel: Memoiren eines jungen Jeſuiten oder die Verſchwoͤrung von Montrouge. Durch Thatſachen enthüllt vom Abbé Marret de la Roche⸗Arnaud. Aus dem Franzoſiſchen. 8. Z i l a. . Romantiſches Gemälde aus der Geſchichte von Jeruſalem. Nach dem Engliſchen des Verfaſſers von Brambletye⸗Houſe ꝛc. 3 bearbeitet von A. Ludewig. Vier Theile. Der todte Efel und di e gaillotinirte Fran. Ein Charaktergemaͤlde. Aus dem Franzoͤſiſchen. gr. 12. 2 Theile in einem Band. A d e li n e, oder Erziehung durch Welt und Schickſal. 9 Roman in vier Büchern. ſſſüüſännſänſffſffſſſfſſff 8 9 10 11 12