Walter Scott's ſämmtliche W erke. ————;—— Neu überſetzt. Hundert und einundſechzigſtes Baͤndchen. Neue Folge. Eilftes Bändchen. -=000000006— Karl der Rühne, oder: Die Tochter des Nebels. Fuͤnfter Theil. — Stuttgart, Fr. Brodhag ſche Buchhandlung. 1830. Karl der Kühne, oder: Wie Tochter des Nebels. Kiſtoriſche Novelle von Sir Walter Scott. — O— Aus dem Engliſchen. Fuͤnfter Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1830. (Fortſetzung des vierten Theiles.) Ich will mich über meinen Feind wahr ausſprechen, Herr Herzog. Eduard iſt träge und wollüſtig, wenn Alles um ihn her ruhig iſt, aber ſobald er den Sporn der Noth fühlt, wird er ſo feurig wie ein wohlgenähr⸗ tes Roß. Auf der andern Seite iſt Ludwig, dem es ſelten an den Mitteln gebricht, zu ſeinem Zweck zu ge⸗ langen, entſchloſſen, Alles anzuwenden, um ihn zur Heimkehr zu bewegen, und ſomit, edler Herr, iſt Eile die Seele der ganzen Unternehmung.“ „Eile!— ich ſelbſt gehe mit Euch, um die Einſchif⸗ fung zu ſehen, und tapfre, erprobte Krieger ſollt Ihr haben, wie man ſie nirgends trifft als in Artois und im Hennegau.“* „Verzeiht, Hoheit, die Ungeduld eines Unglücklichen der am Ertrinken iſt, und nach Hülfe ruft; wann zie⸗ hen wir an die Küſte von Flandern, um dieſen wichti⸗ gen Schritt zu thun?“ „Je nun— in vierzehn Tagen, vielleicht in einer Woche ſchon, mit einem Wort, ſobald ich eine Bande Diebe und Räuber gehörig gezüchtigt habe, die, wie der Schaum im Keſſeb, immer in die Höhe ſteigt, ſich 6 auf den Alpen gelagert hat, und von dort aus durch Schleichhandel und Räubereien aller Art unſere Gren⸗ zen beunruhigt.“— „Ewr. Hoheit ſprechen von den ſchweizeriſchen Eid⸗ genoſſen?“ f „Ja, ſo heißt ſich das Bauernvolk. Freigelaſſene Knechte von Oeſtreich ſind's, die, gle reißen.“ „Auf dem Rückwege aus Italien kam ich durch ihr Land, und hörte da, die Kantone wollen Abgeordnete an Ewr. Hoheit ſchicken, um den Frieden zu unter⸗ handeln.“ „Frieden!— Das Benehmen ihrer Geſandten paßt nicht ſehr dazu! Einen Aufſtand der Bürger in La Fe⸗ rette, der erſten Feſtung, durch die ſie kamen, benü⸗ tzend, haben ſie die Stadt erſtürmt, Archibald von Ha⸗ genbach, der dort in meinem Namen befehligte, ergrif⸗ fen, und ihn auf dem Marktplatze hingerichtet. Ein ſolcher Schimpf muß beſtraft werden, und wenn Ihr mich nicht ſo aufgebracht ſeht, wie ich es wohl ſeyn ſollte, ſo iſt es blos darum, weil ich vereits Befehl ge⸗ geben habe, die Niederträchtigen, die ſich Geſandte nen⸗ nen, aufzuknüpfen.“ „Um Gotteswillen, edler Herr,« rief Oxford, ſich dem Herzog zu Füßen werfend,„um Eurer ſelbſt und des Friedens der Chriſtenheit willen nehmt dieſen Be⸗ fehl zurück) wenn Ihr ihn wirklich gegeben!« — — 7 „Warum ſo leidenſchaftlich?“ fragte Karl;„was liegt Euch an dem Leben dieſer Leute? vielleicht, daß ein Krieg Eure Unternehmung um etliche Tage hin⸗ ausſchiebt!“ „Sie ſcheitern machen kann, ja muß,“ entgegnete der Graf.„Hört mich, Herr Herzog: ich habe dieſe Männer einige Zeit auf ihrer Reiſe begleitet——“ „Ihr!“ fiel der Herzog ein,„Ihr ein Gefährte des lumpigen Bauernpacks! Das Unglück hat den Stolz der engliſchen Edeln tief gebeugt, daß ſie ſich ſolche Genoſſen wählenc „Der Zufall führte mich zu ihnen„« verſetzte der Graf.„Einige von ihnen ſind von edlem Blute, und ich glaube, mich für ihre friedlichen Abſichten verbür⸗ gen zu dürfen.“ „Auf Ehre, Herr Graf,“ ſagte Karl,„Ihr thut ih⸗ nen und mir viel Ehre an, wenn Ihr vermittelnd zwi⸗ ſchen mir und die Schweizer tretet! Ich muß Euch ſa⸗ gen, daß es Herablaſſung von mir iſt, wenn ich, aus Rückſicht auf alte Freundſchaft, Euch erlaube, mir Eure eigenen Angelegenheiten vorzutragen; mit Eurer Mei⸗ nung von Dingen aber, wobei Ihr nicht unmittelbar betheiligt ſeyd, könntet Ihr mich, wie mir däucht, ver⸗ ſchonen.“ 3 „Herr Herzog,“ erwiederte Orford,„ich bin Eurer Fahne nach Paris gefolgt, und habe das Glück gehabt, CEuch in der Schlacht bei Mont LHery zu retten, wo Ihr von franzöſiſchen Gewaffneten umringt wart... 64 „Wir haben es nicht vergeſſen,“ unterbrach ihn Karl; 8 „und als Zeichen davon mag es Euch dienen, daß wir ſo lange Eure Vertheidigung der Elenden angehört, die wir dem Galgen, den ſie verdient, entziehen ſollen, weil ſie die Reiſekumpanen des Grafen von Oxford ge⸗ weſen!“ „Nein, Herr Herzog; ich bitte blos deßwegen um ihr Leben, weil ſie in friedlicher Abſicht kommen, und wenigſtens die Häupter derſelben, keinen Theil an dem Verbrechen haben, das Ihr ihnen zur Laſt legt.“ In großer Bewegung maß Karl mit ungleichen Schritten das Zimmer; ſeine dichten Braunen verdeck⸗ ten beinahe die Augen, er hatte die Hände geballt, ſeine Zähne knirſchten. Endlich ſchien er zu einem Entſchluſſe gekemmen zu ſeyn, und läutete mit einem ſilbernen Glöckchen, das auf dem Tiſche ſtand. „Contay,“ fragte er den eintretenden Kämmerling, „ſind die Schweizer ſchon hingerichtet?“ „Nein, Euer Hoheit, aber der Henker wartet nur, bis der Prieſter ihre Beichte gehört hat.« „Sie ſollen am Leben bleiben; wir wollen morgen hören, was ſie zur Vertheidigung ihres Benehmens Contay verbeugte ſich und ging, worauf der Herzog ſich wieder mit ruhigem Blick zum Grafen wandte, und mit einer unbeſchreiblichen Miſchung von Stolz, Vertraulichkeit und ſelbſt Güte fortfuhr:„Wir ſind und überdieß deren ſechs für eines; ich achte daher nicht mehr darauf, wenn Ihr wieder davon anhebt, 9 wie mein Pferd bei Mont L Hery geſtürzt, und was Ihr mir dabei gethan. Die meiſten Fürſten haſſen ins⸗ geheim diejenigen, die ihnen ſolche Dienſte geleiſtet— anders ich— ich mag es nur nicht gerne haben, daß man mich daran erinnert. Wahrlich, es hat mich ent⸗ ſetziice Mühe gekoſtet, den feſten Entſchluß zu wider⸗ rufen. He da! wer hat den Dienſt? Bringt mir zu trinken.“ Ein Diener trat ein mit einer ſilbernen Flaſche, die, ſtatt Weins, einen Gerſtentrank mit aromatiſchen Kräu⸗ tern enthielt. „Mein Temperament iſt ſo hitzig und ungeſtümm,“ fuhr der Herzog fort,„daß die Aerzte mir gerathen haben, keinen Wein zu trinken. Ihr dagegen, Herr Graf, ſeyd an keine ſolche Verordnung gebunden. Geht wieder ins Zelt Eures Landsmanns Colvin, des Generals unſrer Artillerie. Wir befehlen Euch ſeiner Obhut und Gaſtfreundſchaft bis morgen, wo wir viel zu thun be⸗ kommen, denn ich erwarte Antwort von den in Dijon verſammelten Ständen, und habe außerdem(was ich Euch verdanke) die Schweizer⸗Abgeordnete, wie ſie ſich nennen, anzuhören. Doch genng davon! Gute Nacht! Gegen Colvin könnt Ihr Euch offen ausſprechen; er iſt, wie Ihr, ein Anhänger des Hauſes Lancaſter. Aber hört! kein Wort von der Provence— nicht einmal im Schlafe!— Contay, führt den Herrn in Colvin's Zelt; er weiß ſchon meine weitern Befehle.“ „Euer Hoheit,“ erwiederte Contay,„ich habe den Sohn des edeln Herrn bei Colvin gelaſſen.“ 10 „Wie? Euern Sohn, Dyford? Ihr habt ihn bei Euch? warum ſagtet Ihr mir nichts davon? Iſt ex ein würdiger Zweig des alten Stammes?“ 2 „Ich bin ſtolz darauf es glauben zu dürfen, Herr Herzog; er war mein treuer Gefährte auf meinen ge⸗ fahrvollen Wanderungen.“ 3 „Ihr Glücklicher!“ ſprach der Herzog mit einem Seufzer.„Ihr hab einen Sohn, der Eure Armuth und Trübſal theilt,— ich habe keinen, der meine Größe mit mir theilte, und mein Erbe wäre.. „Doch ward Euch eine Tochter geſchenkt, edler Herr,«* verſetzte Oxford,„und Ihr dürft hoffen, daß ſie einſt einem wächtigen Fürſten ſich vermähle, der die Stütze Eures Hauſes ſey. „Nimmermehr, beim heiligen Georg!« rief der Her⸗ zog kurz abbrechend, mit entſchiednem Tone.„Ich will keinen Eidam, der der Tochter Bett zum Schrittſtein zu des Vaters Krone mache.— Ich habe offener gegen Euch geſprochen, Graf, als ich ſonſt pflege, vielleicht offner, als ich geſollt, aber es gibt Männer, die ich meines Vertrauens werth achte, und Ihr gehört zu ihnen, de Vere.“ Orford verbeugte ſich, und wollte gehen, aber der Herzog rief ihn zurück. „Noch ein Wort, Graf,“ ſagte er;„die Abtretung der Provence iſt noch nicht genug: René und Marga⸗ retha müſſen auch dem Schwindelkopf, dem Ferrand de Vaudemont entſagen, der durch ſeine Mutter Yolande —— —— 11 Uuſprüche auf Lothringen haben will, und dort tolle Umtriebe macht... i „Herr Herzog,“ verſetzte Oxford,„Ferrand iſt der Enkel König René's, und Margarethens Neffe, in⸗ deſſen——“ tate „Indeſſen müſſen ſeine vorgeblichen Anſprüche an Lothringen, für völlig ungültig erklärt werden. Ihr ſprecht von Verwandtenliebe, und drängt mich doch meinen eigenen Schwager zu bekriegen!“ „Die beſte Entſchuldigung für René, wenn er ſeinen Enkel im Stich läßt,“ erwiederte Oxford, iſt die, daß er gar nicht im Stande iſt, ihn zu unterſtützen. Ich will ihm die von Euch gemachte Bedingung mittheilen, ſo hart ſie iſt.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zelt. XXV. 8—— Ich danke Euer Hoheit unterthaͤnig, Und freu mich der Gelegenheit, die Spreu Vom Korn zu ſondern. Shakespeare. Das den beiden Engländern zugewieſene Zelt gehoͤrte Colvin, dem engliſchen Offizier, den der Herzog von Burgund gegen reichen Lohn zum Führer ſeines Geſchü⸗ tzes beſtellt hatte. Auf des Letztern beſonderm Befehl empfing er den Grafen von Oxford mit der ſeinem Range 42 gebührenden Achtung. Er wax felbſt ein Anhänger des Hauſes Lancaſter geweſen, und daher zum Voraus für den Grafen als einen der wenigen ausgezeichneten Män⸗ ner eingenommen, die er perſönlich gekannt, und die jenem Hauſe während der langen Reihe von Unfällen, die es völlig geſtürzt zu haben ſchieuen, unwandelbar treu geblieben waren. Dem Grafen wurde ein Mahl vorgeſetzt, und Colvin vergaß dabei nicht, durch Wort und That den guten Burgunderwein zu beloben, deſſen ſich der Herzog ſelbſt enthalten müſſe. 3 „Seine Hoheit beweist dadurch,“ ſprach Colvin,„daß er Herr ſeiner ſelbſt iſt; denn unter uns geſagt, er iſt zu hitzig, als daß er die Wallungen ertragen könnte, die dieſer Labewein in's Blut macht, und darum be⸗ ſchränkt er ſich klüglich auf ſolche Getränke„ die ſein feuriges Temperament abkühlen.“ „Ich kann mir's denken,“ verſetzte der Graf.„Wie ich den edeln Herzog kennen lernte„— er war damals noch Graf von Charolais,— war ſein Charakter, ob⸗ gleich ſchon heftig genug, doch ruhig zu nennen im Ver⸗ gleich mit ſeinem jetzigen Ungeſtümm, das beim ge⸗ ringſten Widerſpruch aufbraust. Es iſt dieß die Folge ſeines ununterbrochnen Glückslaufes. Er hat ſich durch eigenen Muth, und unter Begünſtigung äußerer Um⸗ ſtände, aus der Reihe der lehenspflichtigen Fürſten zu dem Range eines der mächtigſten Selbſtherrſcher Euro⸗ pas emporgeſchwungen. Doch hoffe ich, die Züge von Edelmuth, welche damals feine eigenmächtigen Hand⸗ lungen begleiteten, ſeyen jetzt nicht feltener geworden.“ 13 „Er verdient in dieſem Stücke alles Lob,“ erwie⸗ derte der Glücksritter, der Edelmuth nur in dem be⸗ ſchränkten Sinne von Freigebigkeit verſtand,„der Her⸗ zog iſt ein edler, gütiger Herr.4 S 3SHs. „Männer, die auhänglich und treu im Dienſte ſind, wie Ihr, Colvin, verdienen's, daß er ſie freigebig lohne. Doch— ich bemerke eine Veränderung bei Eurem Heere. Ich kenne die Banner der meiſten alten Häuſer in Burgund— wie kommt's, daß ich ſo wenige von ihnen im Lager hier bemerke? Wohl ſehe ich, wie ſonſt, Fah⸗ nen, Standarten und Wappenſchilde, aber ſo viele Jahre ich ſchon mit dem Adel Frankreichs und Flanderns be⸗ kannt bin, kenne ich doch dieſe Wappen nicht.“* „Edler Graf,“ verſetzte Colvin, ves ſteht einem Manne, der des Herzogs Brod ißt, nicht wohl an, das, was er thut, zu bekritteln; indeſſen muß man ſagen, daß er in der letzten Zeit zu viel auf Mieth⸗ truppen vertraut. Er hält es für beſſer, ſtarke Haufen deutſcher und wälſcher Lanzknechte in Sold zu nehmen, als den Rittern und Knappen zu vertrauen, die ihm dienſtoflichtig ſind. Von ſeinen Unterthanen verlangt er blos Geld, um die Söldner zu bezahlen. Die Deut⸗ ſchen ſind brave Kerls, ſo lange ſie regelmäßig beſoldet werden, aber der Himmel bewahre mich vor den Ita⸗ lienern und ihrem Anführer, dem Campo⸗Baſſo, der um ein gut Stück Geld den Herzog verkaufte, wie ein Schaaf zur Schlachtbank.“ „Deukt Ihr ſo ſchlimm von ihm?“ fragte der Graf. „So ſchlimm,“ antwortete Colvin,„daß ich glaube, 14 ſein Herz und ſeine Hand ſeyen zu jeglicher ſchwarzen That fähig, die ſich erdenken und ausführen läßt. Es iſt etwas Peinliches, Herr Graf, für einen ehrlichen Mann, wie ich bin, in einem Heere zu dienen, wo ſolche Schurken den Oberbefehl haben. Aber was kann ich machen, wenn ich nicht von Neuem Gelegenheit finde, im Vaterland das Waffenhandwerk zu treiben? Doch hoff' ich immer noch, es werde dem gütigen Him⸗ mel gefallen, in unſerem lieben England die Bürger⸗ kriege wieder anzufachen, wo man in ehrlichem Kampfe focht, und nichts von Verrath hörte. Orford gab ſeinem Wirth zu verſtehen, daß ſein frommer Wunſch, als Kriegsmann im Vaterland zu leben und zu ſterben, bald in Erfüllung gehen könnte. Indeſſen bäte er ihn, daß er ihm des andern Tages frühe einen Paß und ſicheres Geleite für ſeinen Sohn beſorgen möchte, den er in Eile nach Nancy zum König René verſenden müſſe. „»Wie?“ entgegnete Colvin,„will der junge Graf ſich zum Meiſter machen laſſen am Hofe der Liebe? Denn auſſer Minne und Sang wird nichts getrieben in König René's Hauptſtadt.* 19 „Es gelüſtet ihn darnach nicht,“ verſetzte Oxford, „aber die Königin Margarethe iſt am Hofe ihres Va⸗ ters, und es ziemt dem Jungen, daß er ihr die Hand küſſe.. 1 r.. iut „Ich verſtehe,“ ſagte der Kriegsmann,„der Winter iſt zwar vor der Thür', doch deuk' ich, die rothe Roſe ſoll mit dem Frühling blühen.“ 15 Mit dieſen Worten führte er den Grafen in den für ihn beſtimmten Theil des Zeltes, wo auch fün Arthur ein Lager bereitet war, und verließ ſie daun mit der Verſicherung, daß mit Tagesanbruch Pferde und treue Diener bereit ſeyn ſollten, um Arthur nach Nancy zu Schit it n⸗ geleiten. 4 „Wir müſſen uns nun noch einmal trennen,“ fuhr der Graf gegen Arthur fort.„Bei der Unſickerheit im Lande wage ich es nicht, Dir einen Brief an Mar⸗ garethe mitzugeben, aber ſage ihr, ich habe den Herzog zwar erpicht auf eigenen Vortheil, doch nicht abgeneigt gefunden, in ihre Plane einzugehen, und ich zweifle nicht daran, daß er uns die verlangte Unterſtützung bewilligen werde, aber blos unter der Bedingung, daß ſte und ihr Vater ihren Anſprüchen zu Gunſten ſeiner entſagen. Ich würde ihr nie gerathen haben, der un⸗ gewiſſen Hoffnung, das Haus York zu ſtürzen, ein ſol⸗ ches Opfer zu bringen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß der König von Frankreich und der Herzog von Burgund wie raubluſtige Geier die Provence umſchwär⸗ men, und bereit ſind, ſabald ihr Vater todt iſt, ſich auf die Herrſchaft zu werfen, die ſie dem Lebenden nur ungern noch laſſen. Ein Vergleich mit dem Herzog kann daher dieſen zu thätiger Mitwirkung bei unſerer Unternehmung gegen Eduard beſtimmen, während auf der andern Seite, wenn unſere edle Herrin nicht in des Herzogs Forderungen willigt, die Grechtigkeit ihrer Sache ihre angeſtammten Anſprüche auf die Beſitzungen ihres Vaters nicht ſicherer ſtellt. Bitte daher Mar⸗ 16 garethen, daß ſie, wenn ſie ihren Sinn nicht geändert hat, ihren Vater zu einer förmlichen Abtretung ſeiner Herrſchaft an den Herzog von Burgund beſtimme. Die zu Beſtreitung der Bedürfniſſe des Königs und ihrer eigenen, nöthigen Einkünfte werden nach ihrem Wunſche ausgeworfen werden; oder kann man die Sache ganz unberührt laſſen, denn die Großmuth des Herzogs wird es ihnen nicht an anſtändigem Auskommen fehlen laſſen. Ich fürchte nur, Karl möchte ſich—— „In einen albernen Streich einlaſſen, den ſeine Ehre und die Sicherſtellung ſeiner Beſitzungen fordert,“ ſprach eine Stimme außerhalb des Zeltes,„und ſich mehr ſeinen eigenen Angelegenheiten als den unſerigen widmen; nicht wahr, Herr Graf?“ In dieſem Augenblicke wurde der Zeltvorhang auf⸗ gehoben, und es trat ein Mann ein, in dem Oxford, ob er gleich Koller und Mütze eines gemeinen Soldaten von der Leibwache der Wallonen trug, doch ſogleich die harten Züge des Herzogs von Burgund erkannte, deſ⸗ ſen ſcharfe Augen unter dem Pelz und Federbuſch hey⸗ vorblitzten. Arthur, der den Herzog noch nie geſehen hatte, er⸗ ſchrack bei dem Eintritt des Fremden, und legte die Hand an den Dolch; auf ein Zeichen ſeines Vaters aber ließ er den Arm wieder ſinken, und ſah erſtaunt, mit welcher Ehrerbietung der Graf den vorgeblichen Soldaten empfing. Die erſten Worte, die gewechſelt wurden, lösten ihm das Räthſel. »Wenn Ihr Euch ſo vermummt habt, Herr Herzog,“ 17 hob der Graf an,„um meine Treue zu erproben, ſo iſt es überflüſſig.“ „Geſteht es nur, Graf,“ erwiederte der Herzog, ich bin ein höflicher Kundſchafter, denn ich habe aufgehört, den Horcher zu machen, wo ich gerade vermuthen durfte, Ihr werdet etwas ſagen, was mich in Harniſch bringen könnte.“ „Auf mein Ritterwort, edler Herr, wäret Ihr hin⸗ ter dem Vorhang geblieben, ſo hättet Ihr nur daſſelbe gehört, was ich auch in Eurer Gegenwart zu ſagen mich nicht ſcheue, wenn ich mich vielleicht auch etwas freier ausgedrückt hätte.“ „So ſprecht Eure Meinung aus, wie's Euch gefällt. Wer ſagt, Karl von Burgund habe den Rath eines wohlmeinenden Freundes jemals übel aufgenommen, der lügt in ſeinen Hals.“ „Ich würde geſagt haben,“ fuhr der Graf fort,„daß Margarethe von Anjou hauptſächlich zu fürchten habe, der Herzog von Burgund möchte in dem Augenblicke, wo er ſich rüſte, die Provence für ſich zu gewinnen, und ihr ſeinen mächtigen Beiſtand leihe, um ihre Rechte geltend zu machen, von dieſen wichtigen Angelegenhei⸗ ten ſich durch das unbeſonnene Verlangen abbringen laſſen, für eingebildete Beleidigungen Rache zu nehmen, die ihm, wie er meint, von den Schweizern angethan worden, wobei er keinen wichtigen Vortheil erringen, oder Ruhm ärndten kann, ſondern im Gegentheile Bei⸗ des zu verlieren Gefahr lauft. Dieſe Männer wohnen zwiſchen Felſen und Einöden die beinahe unzugängli 1 u Walter Scott's Werke. 1618 Bochen. aunngich 48 ſind, und nähren ſich ſo kümmerlich, daß der ärmſte Euer Unterthanen bei ſolcher Lebensart Hunger ſtürbe. Sie ſind von Natur zu Vertheidigung ihrer Gebirgs⸗ feſten geſchaffen,— darum laßt Euch nicht mit ihnen ein, ſondern verfolgt einen höhern, wichtigern Zweck, ohne ein Horniſſenneſt in Aufruhr zu bringen, deren Stiche Euch in Wahnſinn bringen könnten. Der Herzog hatte Geduld verſprochen, und mühte ſich, Wort zu halten, aber die aufgeſchwollenen Mus⸗ keln ſeines Geſtchtes und ſeine funkelnden Augen ver⸗ riethen, wie ſchwer es ihm wurde, ſeinen Zorn zu meiſtern. „Ihr ſeyd übel berichtet, Herr Graf,“ entgegnete er, „dieſe Männer ſind nicht die friedſamen Hirten und Landleute, für die Ihr ſie haltet. Wären ſie es, ſo könnte ich ſie vielleicht verachten. Aber aufgeblaſen über einige Niederlagen, die ſie den trägen, langſamen Oeſtreichern beigebracht, haben ſie alle Achtung vor ihrem Oberherrn aus den Augen geſetzt, wollen unab⸗ hängig ſeyn, ſchließen Bündniſſe, machen Einfälle, er⸗ ſtürmen Städte und laſſen Männer von edler Geburt hinrichten— ganz nach Belieben.— Ihr erſtaunt, Graf, und ſeht aus, als verſtündet Ihr mich nicht. Um Euer kaltes Blut aufzuregen, und Euch gegen das Gebirgsvolk zu ſtimmen, wie ich es bin, ſag' ich Euch, daß die Schweizer für den an ihr. Land gränzenden Theil meiner Beſitzungen wahre Schotten ſind,— arm, ſtolz, wild, leicht beleidigt, weil ſie beim Krieg ihre Rechnung finden, ſchwer zu beſänftigen, weil ſie rach⸗ — — 8 19 ſüchtig ſind, immer bereit, den günſtigen Zeitpunkt zu benützen, und den Nachbar anzugreifen, wenn ihn andere Angelegenheiten in Anſpruch nehmen. Ebenſo unruhdge, treuloſe, hartnäckige Feinde, wie die Schotten gegen die Engländer, ſind die Schweizer gegen Burgund und ſeine Verbündeten. Was meint Ihr nun? Kann ich an eine andere wichtige Unternehmung denken, be⸗ vor ich den Stolz eines ſolchen Volkes gebrochen? Es bedarf dazu nur kurzer Zeit. Mit eiſerner Hand will ich die Igel im Gebirge faſſen.“ „Dann habt Ihr leichtere Arbeit mit ihnen, Herr Herzog,“ verſetzte Oxford,„als unſere Könige mit Schottland. Die Kriege mit dieſem Volke ſind ſo langwierig und blutig geweſen, daß die Klügeren be⸗ dauern, daß man ſie je begonnen.“ „Nein,“ fuhr der Herzog fort,„ich will den Schotten nicht die Unehre anthun, ſie in allen Stücken dem gro⸗ ben Schweizervolk zu vergleichen. Unter den Schotten gibt es Männer von edler Abkunft und hohem Muthe, die Schweizer aber ſind bloßes Bauernvolk, und die wenigen, die ſich hoher Geburt rühmen können, müſſen ſie hinter Gemeinheit in Tracht und Benehmen ver⸗ ſtecken. Sie werden wohl kaum, denke ich, gegen einen Angriff meiner Reiter Stand halten. „Wenn die Reiter einen ſchicklichen Platz zum An griff finden, nicht aber——* „Um Eure Anſtände zu beſeitigen,“ unteibrach ihn der Herzog,„ſo wißt, daß dieſes Volk durch Schutz und Beiſtand die gefährlichſten Verſchwörungen innerhalh . 2*. 20 meines Gebietes fördert. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß mein Statthalter Archibald von Hagenbach ermor⸗ det wurde, nachdem Eure harmloſen Schweizer die Stadt La Ferette durch Verrath eingenommen hatten. Und hier iſt ein Schreiben,— ſeht her,— das mir mel⸗ det, jener mein Diener ſey kraft eines Spruchs des Vehmgerichts, einer Bande geheimer Mörder, die ich nie in meinem Gebiete dulden werde, zum Tode ge⸗ bracht worden. Ha! könnt' ich ſie in meine Gewalt bekommen, die Finſterlinge, ſie ſollten erfahren, was eines Edlen Leben werth iſt. Da lest, was mir die Unverſchämten ſchreiben.“ Die Schrift beſagte, mit Angabe des Tags und der Jahrszahl, daß Archibald von Hagenbach wegen Grau⸗ ſamkeit und Gewaltthat von der heiligen Vehme zum Tode verurtheilt, und von ihren Dienern, die nur ihr verantwortlich ſeyen, hingerichtet worden. Sie war mit rother Dinte unterzeichnet, und hatte das Siegel des geheimen Gerichts,— Strick und Dolch. „Dieſes Schreiben ſtack an einem Dolch auf meinem Tiſche,“ fuhr der Herzog fort,— einer von den Streichen, wodurch ſie ihr Mordhandwerk ins Geheime ziehen.“ Der Gedanke an die Gefahr, die er in der Herberge zum goldnen Vließ beſtanden, und an die weitreichende Macht des geheimen Bundes machte ſelbſt den wackern Grafen unwillkührlich ſchandern, und er erwiederte: „Um aller Heiligen willen, edler Herr, hütet Euch, von den Schrecklichen zu reden, deren Diener über, unter und um uns ſind. Niemand iſt, ſo ſehr er ſich 1 8 21 auch wahre, ſeines Lebens ſicher, wenn ein Anderer ihm darnach trachtet, der ſein eigenes nicht hoch an⸗ ſchlägt. Ihr ſeyd von Deutſchen, Italienern und an⸗ dern Fremden umgeben— wie Viele von ihnen mögen dem geheimen Bunde verpflichtet ſeyn, der ſie allen andern geſelligen Banden entzogen, und unwiderruflich an ſich gekettet hat! Bedenkt die Lage, in der ſich Euer Thron befindet, mag er auch in allem Schimmer der Macht glänzen, und auf einer feſten, ſeiner wür⸗ digen Grundlage ruhen. Als Freund Eures Hauſes muß ich Euch— und wären es auch meine letzten Worte — ſagen, daß die Schweizer über Eurem Haupte ſchwe⸗ ben gleich einer Lawine, und jener geheime Bund den Boden uutergräbt, auf dem Ihr ſtehet, gleich den er⸗ ſten Stößen eines Erdbebens. Beſchwört den Kampf nicht herauf, und der Schnee wird ruhig auf den Berg⸗ ſpitzen bleiben, und die Gährung der unterirdiſchen Dünſte wird aufhören. Aber ein Wort der Drohung, ein Blick der Verachtung kann den Ausbruch jener Stürme herbeiführen.“ „Eure Worte verrathen mehr Furcht vor den halb⸗ nackten Horden und den nächtlichen Meuchlern, als Ihr ſonſt vor wirklicher Gefahr gezeigt. Doch will ich Euern Muth nicht verwerfen: ich will die Schweizer⸗Abgeord⸗ neten geduldig anhören, und, wenn ich's vermag, die Verachtung gegen ſie nicht blicken laſſen, mit der ich ihren Uebermuth, als unabhängige Staaten unterhan⸗ deln zu wollen, zu betrachten nicht umhin kann. Dem Treiben des geheimen Gerichts will ich ſchweigend zu⸗ 22 ſehen, bis mir die Zeit die Mittel an die Hand gibt, in Verbindung mit dem Kaiſer und den Reichsfürſten ſie mit einem Male aus allen ihren Schlupfwinkeln zu jagen. Sprecht, Graf, ob ich recht geredet? 4 „Ihr hättet's denken mögen, aber unvorſichtig iſt's, daß Ihr's geſprochen. Ein Wort, von einem Verrä⸗ ther gehört, kann Euch Tod und Verderben bringen.“ „Ich habe keine Verräther um mich, Graf. Glaubt ich aber, daß welche in meinem Lager wären, ſo wollt ich lieber ſogleich von ihrer Hand fallen, als in beſtän⸗ diger Furcht und Ungewißheit leben.« „Alte Diener Euer Hoheit ſprechen nicht günſtig von dem Grafen von Campo⸗Baſſo, der in ſo hohem Grade Euer Vertrauen genießt. „Freilich,« verſetzte der Herzog mit Ruhe,„wird's dem einmüthigen Haſſe der Uebrigen leicht, den treu⸗ ſten Diener eines Fürſten zu verläumden. Ich ſtehe dafür, Euer ſtarrköpfiger Landsmann Colvin hat den Grafen bei Euch angeſchwärzt, wie's auch die Andern machen, weil er mir jeden Uebelſtand ſogleich ungeſchent mittheilt. Und dann ſind ſeine Anſichten ſo ganz mit den meinigen übereinſtimmend, daß ich ihn kaum ver⸗ mögen kann, über etwas, das er beſſer verſteht, ſich weitläufiger auszuſprechen, wenn wir über einen Punkt nicht ganz einer Meinung zu ſeyn ſcheinen. Denkt Euch dazu ein edles, anſprechendes Aeußere, einen hei⸗ tern Sinn, Geſchicklichkeit im Waffenhandwerk und in den feinern Künſten bes Friedens— und Campo⸗Baſſo 235 ſteht vor Euch. Iſt das nicht ein Edelſtein für's Ka⸗ binet eines Fürſten 2* „Gerade die Eigenſchaften, die zum Günſtling erfor⸗ dert werden,“ gab der Graf zur Antwort;„doch möch⸗ ten ſie ſich nicht für einen treuen Rathgeber eignen.“ „Argwöhniſcher Thor!e entgegnete der Herzog, muß ich Euch denn das Geheimniß vertrauen, das mich an Campo⸗Baſſo kettet, um Euch von dem ungegründeten Berdacht zu heilen, den ſo unbedacht zu faſſen Ihr auf Euern Krämerfahrten gelernt haben moͤgt.“ „Wenn Euer Hoheit mich mit Eurem Vertrauen beehren,“ verſetzte Oxford,„ſo kann ich nur erwiedern, daß ich durch Treue mich deſſelben würdig zeigen werde.“ „So wißt denn, Mißtrauiſcher, daß mein guter Freund und Bruder, Ludwig von Frankreich, mir durch keine geringere Perſon, als ſeinen berühmten Barbier, Olivier der Teufel, geheime Botſchaft hat zugeben laſſen, daß Campo⸗Baſſo ſich erboten habe, mich gegen eine gewiſſe Summe lebendig oder todt ihm in die Hände zu liefern.— Ihr erſchreckt?“ „Und mit Grund, wenn ich bedenke, wie Eure Ho⸗ heit leicht bewaffnet und mit kleinem Gefolge auszu⸗ reiten pflegt, um die Borpoſten zu beſichtigen, und wie leicht daher ein ſolches verrätheriſches Vorhaben ausgeführt werden könnte.“ „Pah!« entgegnete der Herzog,„Ihr ſeht die Ge⸗ fahr für wirklich an, dagegen aber iſt nichts gewiſſer, als daß mein Vetter, wenn ihm ein ſolcher Antrag gemacht worden wäre, wich zuletzt gewarnt hätte, auf 24 meiner Hut zu ſeyn. Nein— er weiß, welchen Werth ich auf Campo⸗Baſſo's Dienſte lege, und hat geglaubt, durch dieſe Nachricht mir ihn entziehen zu können.“ „Und doch, Herr Herzog, fuhr der Graf fort,„möchte ich Euch rathen, die Rüſtung nicht ohne Noth abzu⸗ legen, und nicht ohne Geleit Eurer treuen Wallonen auszureiten.“ »Meint Ihr, ich ſolle mich in dem ſchweren Panzer von der Sonne braten laſſen? Doch— Scherz bei Seite, ich will mich in Acht nehmen. Ihr, junger Mann, könnt meine Baſe, Margaretha von Anjou, verſichern, daß ich ihre Angelegenheiten zu den meini⸗ gen machen wolle; vergeßt aber nicht, daß die Ge⸗ heimniſſe des Fürſten für die Vertrauten gefährlich ſind, wenn ſie ſie verrathen, ihr Glück aber begrün⸗ den, wenn ſie ſie treu bewahren. Ihr ſollt dieß er⸗ fahren, wenn Ihr mir die Entſagungsurkunde, von der Euer Vater geſprochen, aus Nancy bringt. Gute Nacht! Lebt wohl!« »Du haſt hier,« fuhr der Graf gegen ſeinen Sohn fort, als der Herzog ſich entfernt hatte,„die Umriſſe des außerordentlichen Mannes, von ihm ſelbſt gezeich⸗ net. Es iſt leicht, ſeinen Ehrgeiz und ſeine Herrſch⸗ ſucht zu wecken, aber beinahe unmöglich, ihn auf dem geraden Wege feſtzuhalten, der ihn am beſten zum Ziele führen könnte. Er iſt dem angehenden Schützen zu vergleichen, deſſen Blick eine Schwalbe in dem Augen⸗ blick, wo er den Bogen ſpannt, vom Ziele ablenkt. Jetzt argwöhniſch ohne Grund und ungerecht,— Jetzt 25 ohne Rückhalt verſchwenderiſch mit ſeinem Vertrauen, iſt er bald der Gegner des Hauſes Lancaſter und im Bunde mit ſeinen Todtfeinden, bald ſeine einzige Hoff⸗ nung und Stütze. Gott möge es zum Beſten lenken! Es iſt peinlich, einem Spiele zuzuſehen, wo man weiß, wie es gewonnen werden könnte, und doch durch die Laune der Andern verhindert iſt, zu ſpielen, wie es ſeyn ſollte. Wichtige Intereſſen hängen von dem Ent⸗ ſchluſſe ab, den Karl morgen faſſen wird, aber wie wenig beſitze ich die Macht, ihn zu derjenigen Hand⸗ lungsweiſe zu beſtimmen, welche ſeine Sicherheit und unſer Vortheil fordert!— Gute Nacht, mein Sohn; laß uns die Zukunft der Fürſorge des Himmels an⸗ heimſtellen.“ 26 XXVI. Zu linde war ich, und mein Blut zu kuͤhl, Daß es ob ſolchem Schimpf nicht aufgebraust; Das habt ihr euch gemerkt, und drum mißbraucht Ihr groͤblich meine Guͤte. Shakespeare. — Die erſten Strahlen des Fruͤhroths faͤrbten den oͤſtlichen Himmel, als Colvin eintrat, ſeine Gäſte zu wecken. Ein Diener folgte ihm mit Gepaͤck, das er niederlegte, und entfernte ſich dann wieder. 3 „Seine Hoheit,“ begann Colvin,„ſchickt dem jun⸗ gen Grafen vier ruͤſtige Kriegsleute zur Bedeckung einen vollen Beutel mit Gold zu Beſtreitung ſeiner Ausgaben in Air, nebſt einem Beglaubigungsſchreiben an Koͤnig René und zwei Ehrenkleidern, um bei Feierlichkeiten mit der ſeinem Range geziemenden Tracht erſcheinen zu koͤnnen. Habt Ihr weitere An⸗ gelegenheiten in der Provence zu beſtellen, ſo wuͤnſcht Seine Hoheit, daß Ihr ſie umſichtig und geheim be⸗ treibt. Der Herzog laͤßt Euch zwei Pferde zuſtellen, einen Zelter zur Reiſe, und ein flandriſches Streit⸗ roß fuͤr den Fall der Noth. Es wird paſſend ſeyn, daß Ihr Euch umkleidet, und einen Eurem Range mehr zuſagenden Anzug waͤhlt. Eure Begleiter wiſ⸗ ſen den Weg, und ſind ermaͤchtigt, im Nothfalle je⸗ 27 den treuen Burgunder im Namen des Herzogs auf⸗ zufordern, Euch beizuſpringen. Ich habe nur noch hinzuzuſetzen, daß ſich von Eurer Reiſe ein um ſo guͤnſtigerer Erfolg erwarten laͤßt, je baͤlder Ihr Euch auf den Weg macht.“ „Ich bin bexeit, aufzuſteigen, ſobald ich mich um⸗ gekleidet habe,“ erwiederte Arthur. „Und ich,“ ſagte ſein Vater,„will ihn nicht auf⸗ halten, den erhaltenen Auftrag auszufuͤhren. Wir . haben einander nichts zu ſagen, als: Gott ſey mit Dir! Wer weiß, wann und wo wir uns wieder ſe⸗ hen?“ „Das haͤngt wohl,“ verſetzte Colvin,„von den Be⸗ wegungen des Herzogs ab, die, wie es ſcheint, noch nicht entſchieden ſind; ſeine Hoheit wuͤnſcht aber, daß Ihr bei ihm bleibt, edler Graf, bis die Ange⸗ legenheiten, die Euch hieher gefuͤhrt haben, zur Ent⸗ ſcheidung gebracht ſind. Wenn Euer Sohn fort iſt, habe ich Euch noch Weiteres insgeheim zu ſagen.“ Arthur war unterdeſſen in eine dunkle Ecke des Zeltes getreten, und hatte dort die ſchlichte Kauf⸗ mannstracht mit einem zierlichen Reitkleide vertauſcht. Mit einer natuͤrlichen Empfindung der Luſt legte er die ſeiner edlen Abkunft angemeſſene Kleidung an aber freudiger noch war das Hochgefuͤhl, mit dem er ſchnell und ſo gehem als moͤglich eine kleine, zierlich gearbeitete goldene Kette, die ihm Anna bei'm Ab⸗ ſchiede zugeſteckt, umſchlgng, und unter dem Kragen und den Falten ſeines Kollers verbarg. Die beiden 28 Enden waren an ein Goldplaͤttchen befeſtigt, worauf mit einer Nadel oder einer Meſſerſpitze in deutlicher aber kleiner Schrift die Worte ſtanden: Lebe wohl auf ewigl und auf der Ruͤckſeite: Gedenke mein! — A. von G. Arthur barg dieſes Liebespfand ſo in ſeinem Buſen, daß die letzteren Worte unmittelbar auf ſeinem Herzen ruhten, und nachdem er ſeinen Anzug vollendet hatte, kniete er vor ſeinem Vater nieder, um dieſen um ſeinen Segen und ſeine wei⸗ teren Auftraͤge nach Aix zu bitten. Schluchzend ſegnete ihn der Graf, und fluͤſterte ihm dann gefaßter zu:„Wenn Du mir die noͤthigen Papiere bringen kannſt, ſo findeſt Du mich in der Naͤhe des Herzogs.“. Schweigend traten ſie aus dem Zelte, und fanden vor demſelben die vier burgundiſchen Reiter, hochge⸗ wachſene, ruͤſtig ausſehende Maͤnner, die ſchon auf⸗ geſtiegen waren, und zwei geſattelte Pferde hielten. Einer von ihnen fuͤhrte ein Saumroß nach, das die noͤthige Kleidung fuͤr Arthur trug; zugleich ſteckte Colvin dem Letzteren eine ſchwere Goldboͤrſe zu. „Auf Thiebault,“ fuhr er, auf den Aelteſten der Reiter deutend fort,„koͤnnt Ihr Euch voͤllig verlaſ⸗ ſen; ich buͤrge fuͤr ſeine Einſicht und Treue. Die drei Andern ſind auserleſene Leute, die wacker Stand halten, wenn's zum Kampf kommt.“« Mit einem dem jungen Ritter, der ſchon viele Monden kein feuriges Roß mehr unter ſich gehabt „hatte, ſehr natuͤrlichen Gefuͤhle der Luſt ſchwang ſich 8 3 29 Arthur in den Sattel. Da trat ſein Vater noch ein⸗ mal zu ihm, und fluͤſterte ihm, waͤhrend er ſich vom Pferde herabbeugte, in's Ohr:„Wenn Du einen Brief von mir erhaͤltſt, ſo halte Dich ſeines Inhalts erſt dann voͤllig verſichert, wenn Du ihn in's Feuer geworfen.“. Arthur nickte bejahend, und gab dem älteren Kriegs⸗ mann das Zeichen zum Aufbruch, und nachdem er ſei⸗ nem Vater und Colvin den letzten Abſchiedsgruß zuge⸗ winkt, ritten ſie ſchnell durch das Lager. Wie ein Träumender folgte der Graf ſeinem Sohn mit den Augen, und nur erſt Colvin weckte ihn aus ſeinem Sinnen, mit den Worten:„Es wundert mich nicht, edler Graf, daß Ihr dem Junken ſo bekümmert nachſeht;'s iſt ein ſtattlicher junger Mann, der des Vaters ſorgliche Liebe wohl verdient, und wir leben in einer falſchen, blutigen Zeit.“ „Ich nehme Gott und die heilige Jungfrau zu Zeu⸗ gen,“ erwiederte der Graf,„daß mein Schmerz— meine Beſorgniß nicht meinem Sohne allein gilt, aber hart iſt's, den letzten Einſatz bei einem ſo gefährlichen Spiele zu wagen. Doch— welche Befehle bringt Ihr mir vom Herzog?“ 3 „Seine Hoheit,“ verſetzte Colvin,„wollen nach dem Frühſtück ausreiten. Der Herzog ſchickt Euch Kleider, die zwar Eurem Range nicht angemeſſen, doch anſtän⸗ diger ſind, als Eure jetzigen, und wünſcht, daß Ihr Eure Rolle als reiſender Kaufmann beibehaltet, und ihn nach Dijon begleitet, wo er die Antwort der burgundiſchen 30 Stände auf die ihnen zur Berathung vorgelegten An⸗ gelegenheiten vernehmen, und hierauf den Schweizer⸗ Abgeordneten öffentliche Audienz ertheilen will. Er hat mich beauftragt, Euch einen paſſenden Platz anzu⸗ weiſen, von wo aus Ihr beide Ceremonien bequem ſehen könnt, die, wie er meint, für Euch als Fremden an⸗ ziehend ſeyn dürften. Doch er hat Euch dieß wahr⸗ ſcheinlich ſchon ſelbſt geſagt, denn ich meine, ihn geſtern Abend verkleidet geſehen zu haben. Nein— ſeht mich nicht ſo befremdet an— der Herzog ſpielt dieſe Rolle zu oft, als daß es insgeheim geſchehen könnte. Jeder Troßbube kennt ihn, wenn er durch die Zelte der Sol⸗ daten geht, und die Marketenderweiber heißen ihn den Spion. Wüßte blos der ehrliche Heinrich Colvin dar⸗ um, ſo ſollte es nicht über ſeine Lippen kommen, aber es iſt zu allgemein bekannt, weil es zu offen getrieben wird. Kommt, edler Herr, zum Frühſtück.« Nach der Sitte der Zeit wurde ein reichliches Früh⸗ mahl aufgetragen, und es läßt ſich leicht denken, daß es einem begünſtigten Offizier des Herzogs von Bur⸗ gund nicht an den Mitteln gebrach, einen Gaſt von ſo hohem Range gebührend zu bewirthen. Ehe das Mahl beendigt war, verkündigte Trompetengeſchmetter, daß der Herzog mit ſeinem Gefolge im Begriff ſey, zu Pferde zu ſteigen. Philipſon, wie er ſich immer noch nannte, wurde auf Befehl des Herzogs ein ſtattliches Roß vor⸗ geführt; mit ſeinem Wirthe miſchte er ſich unter die glänzende Verſammlung, die ſich vor dem Zelte des Herzogs zu bilden begann. Bald trat dieſer ſelbſt her⸗ 31 an, in der prächtigen Ordenstracht der Niter gam 3 goldenen Vließ, ein Orden, den ſein Vater Philipp ge⸗ ſtiftet hatte, und deſſen Beſchützer und Haupt er ſelbſt 2 war. Mehrere ſeiner Hofleute waren ebenſo gekleidet, und ſtellten mit ihren Dienern einen ſolchen Reichthum und ſolche Pracht zur Schau, daß ſie die allgemeine Behauptung rechtfertigten, der Herzog von Burgund halte den glänzendſten Hof in der Chriſtenheit. Die Leibdiener erſchienen in der ihrem Rang angemeſſenen Ordnung, ſo wie die Wappenherolde, deren grotesk reiche Kleidung wunderbar abſtach gegen die Meßge⸗ wänder der Geiſtlichen, und die ſchimmernden Rüſtun⸗ gen der Ritter und Kronvaſallen. Zu den Letztern, die je nach der Art des Dienſtes, den ſie zu bekleiden hatten, verſchieden gerüſtet waren, geſellte ſich Oxford, in einem ſchlichten Kleide, das dem ihm umgebenden Glanze ent⸗ ſprach, ohne jedoch die Aufmerkfamkeit beſonders auf ihn zu ziehen. Er hatte Colvin zur Seite, und ſeine hohe, kräftige Geſtalt, und ſeine ſcharf ausgedrückten Züge bildeten einen ſtarken Gegenſatz gegen das gleich⸗. gültige Geſicht des ſtämmigen Glücksritters. In ſtattlichem Zuge, den zweihundert auserleſene Arkebuſiere und ebenſo viele Gewappnete zu Pferd ſchlo⸗ ßen, ritt der Herzog mit ſeinem Gefolge gegen Dijon damals die Hauptſtadt von Burgund. Sie hatte hohe Mauern und breite Gräben, die ihr Waſſer von dem kleinen Fluße Ouche, und einen anderen, Suzon ge⸗ nannt, erhielten. Vier verſchanzte Thore mit den nöthi⸗ gen Auſſenwerken und Zugbrücken führten in die Stadt. 32 Die Zahl der Thürme, die ſich hoch über die Mauer erhoben, und ſie in verſchiedenen Winkeln vertheidigten, war drei und dreißig, und die Mauern ſelbſt, an den meiſten Stellen über dreißig Fuß hoch, waren aus be⸗ hauenen Quadern aufgeführt, und ſehr dick. Hügel mit Reben bepflanzt umzogen die ſchöne Stadt, über deren Mauern die Zinnen vieler ſtattlichen Gebäude, ſo wie die Kuppeln prächtiger Kirchen und reicher Klöſter ſich erhoben, und die Macht des Hauſes Burgund beurkun⸗ deten. 8 Auf die Aufforderungen der Trompeter, die den Zug eröffneten, wurde die Zugbrücke am St. Nicolasthor niedergelaſſen, das Fallgitter aufgezogen, und unter dem Freudenruf des Volkes ritt Karl auf einem milch⸗ weißen Pferde, von ſechs Edelknaben unter vierzehu Jahren begleitet, deren jeder eine vergoldete Partiſane trug, mit ſeinem Gefolge in die Stadt ein, deren Häu⸗ ſer mit Teppichen verziert waren. Die Verehrung, mit der man immer noch ſeines Vaters gedachte, und die lange Zeit den ungünſtigen Eindruck zurückhielt, den mehrere willkührliche Handlungen Karls auf das Volk gemacht hatten, mochte nicht wenig zu der all⸗ gemeinen Freude beitragen, mit der er empfangen murde. Der Zug hielt vor einem großen gothiſchen Ge⸗ baͤude in der Mitte der Stadt, damals der herzog⸗ liche Pallaſt geheißen, an deſſen Stufen der Maire von Dijon in Begleitung ſeiner Amtsgenoſſen und von hundert ruͤſtigen Buͤrgern gefolgt, die in ſchwarzen Sammt gekleidet, und mit Picken bewaffnet waren, 33 Karl erwartete. Er kniete nieder, um dem Herzog den Steigbugel zu kuͤſſen, und in dem Augenblicke, wo Karl vom Pferde ſtieg, fingen alle Glocken der Stadt zumal zu laͤuten an. So bewillkommt trat der Herzog in den großen Saal, in deſſen oberem Ende ein Thron fuͤr ihn errichtet war; fuͤr die hoͤ⸗ heren Staatsbeamten und Kronvaſallen hatte man Sitze angebracht, und hinter dieſen ſtanden Baͤnke fuͤr die üͤbrigen minder bedeutenden Perſonen. Zu einem von dieſen fuͤhrte Colvin den Grafen von Or⸗ ford, jedoch auf einen Platz, wo er die ganze Ver⸗ fammlung uͤberſehen konnte, und den Herzog ſelbſt vor ſich hatte, und Karl, der mit ſchnellem, durch⸗ dringendem Blick die Reihen muſterte, ſchien durch eine kaum merkliche Beugung des Kopfes ſeine Zu⸗ friedenheit mit dieſer Anordnung auszudruͤcken. Nachdem ſich der Herzog mit ſeinem Gefolge ge⸗ ſetzt hatte, trat den Maire nochmals demuͤthig vor, kniete auf die unterſte Stufe des Thrones und bat den Herzog um Erlaubniß, die Anhänglichkeit der Buͤrger an ſeine Perſon ausdruͤcken zu duͤrfen, zu deren Beweis er ihm einen ſilbernen Becher, mit Goldſtuͤcken gefuͤllt, im Namen der Stadtgemeinde von Dijon uͤberreichte. Karl, der ſich die feinere Umgangsſitte nie zu ei⸗ gen gemacht hatte, antwortete kurz mit einer von Natur rauhen, mißtrauenden Stimme:„Alles zu Walter Scott's Werke. 1618 Boͤchn. 3 ſeiner Zeit, Herr Maire. Laßt uns zuerſt vernehmen, was die Staͤnde von Burgund uns zu ſagen haben, dann wollen wir auch die Bürger von Dijon an⸗ hoͤren.“ Der Maire ſtand auf, und trat mit dem Becher Zuruͤck, nicht wenig erſtaunt und betroffen, daß deſ⸗ ſen Inhalt ihm nicht ſogleich williges Gehoͤr ver⸗ ſchafft hatte. „Ich erwartete,“ ſprach Karl weiter,„um dieſe Stunde hier die Staͤnde unſeres Herzogthums oder eine Abordnung von ihnen mit einer Antwort auf die Botſchaft zu finden, die wir ihnen vor drei Ta⸗ gen durch unſern Kanzler zugeſendet. Iſt Niemand von ihnen anweſend?“ 4 Der Maire erwiederte endlich, weil Niemand ant⸗ wortete:„Die Staͤnde⸗Mitglieder halten ſchon den ganzen Morgen geheime Berathung, und werden ohne Zweifel Seiner Hoheit ſogleich aufwarten, ſo⸗ bald ſie vernehmen, daß der Herzog die Stadt mit ſeiner Gegenwart beehrt habe.“ „Geht,“ rief der Herzog dem Herold des goldnen Vließordens zu,„und meldet den Herren, daß wir das Ergebniß ihrer Berathung zu wiſſen wuͤnſchen, und ſie uns nicht lange warten laſſen ſollen. Sprecht deutlich mit ihnen oder Ihr habt es mit mir zu thun.“. Waͤhrend der Herold ſich ſeines Auftrags entledigt, erinnern wir unſere Leſer, daß im Mittelalter die Verfaſſung aller Laͤnder Europas, wo das Lehenweſen 35 3 „herrſchte, einen glühenden Geiſt der Freiheit wehte, nur war der Fehler dabei der, daß die Vorrechte, für welche die angeſehenen Vaſallen ſtritten, ſich nicht auf die untern Stände erſtreckten, und denen keinen Schutz gewährten, die deſſelben am meiſten bedurften. Die zwei erſten Stände, Adel und Geiſtlichkeit, genoſſen hohe, wichtige Vorrechte, und ſelbſt der dritte, die „Bürger, hatten das beſondere Recht, daß keine neuen „Steuern und ſonſtige Auflagen ausgeſchrieben werden durften, außer nach zuvor geſchehener Einwilligung von ihrer Seite. 17z Noch war den Burgundern das Andenken an den „ Herzog Philipp heilig; denn zwanzig Jahre lang hatte dieſer weiſe Fürſt ſeinen Rang unter den Herrſchern Europas mit Würde behauptet, und einen anſehnlichen Schatz geſammelt, ohne die Einkünfte zu erhöhen, die er von ſeinen wohlhabenden Unterthanen bezog. Die kühnen Entwürfe und übermäßigen Ausgaben Karls aber hatten bei den Ständen bereits Unzufriedenheit erregt, und das gute Vernehmen zwiſchen dem Fürſten und ſeinen Unterthanen begann bereits Argwohn und Mißtrauen auf der einen, und übermüthiger Gering⸗ ſchätzung auf der andern Seite Platz zu machen. Die Stände waren in der letzten Zeit noch ſchwieriger ge⸗ worden, denn ſie hatten mehrere Kriege mißbilligt, die der Herzog ohne Noth angefangen; und die zahlreichen Werbungen von Miethtruppen ließen fürchten, er möchte zuletzt die von ſeinen Unterthanen bewilligten Summen „v 5* 136 zu ungebührlicher Ausdehnung ſeiner Herrſcherrechte und zu Vernichtung der Gerechtſame und Freiheiten des Volks mißbrauchen. mnein i ne Auf der andern Seite jedoch⸗ habke das beſtändige Gelingen der gewagteſten, ſchwierigſten Unternehmungen dem Herzog Achtung vor ſeinem offenen, freimüthigen Charakter erworben, und Furcht vor ſeinem beharrli⸗ chen Sinne erzeugt, der ſelten Vorſtellungen anhöpte, und nie Widerſpruch duldete. Man hatte vorausgeſe⸗ hen, daß ſich unter den Ständen dießmal ein ſtarker Widerſpruch gegen die von dem Herzog vorgeſchlagene neue Beſteurung erheben würde, und dem Ergebniß ihrer Berathung ſahen daher die Räthe Kals mit großer Unruhe, er ſelbſt mit Ungeduld enkgegen. Nach Verfluß von ungefähr 10 Minuten trat der Kanzler von Burgund, der Erz⸗Biſchof von Vienne und ein Prälat von hohem Rang war, mit ſeinem Ge⸗ folge in den Saal. An dem herzoglichen Throne blieb er ſtehen, und bat ſeinen Gebieter in geheimer⸗ Audienz die Antwort ſeiner Stände zu vernehmen, wöbei er/ ihm zu verſtehen gab, daß dieſelbe Prleueßt hach ſei⸗ nem Wunſche ausgefallen ſey. „Beim heiligen Georg von Burgund, Herr Erz⸗Bi⸗ ſchof,“ entgegnete der Herzog laut mit ſtrengem Tone, „wir ſind kein Fürſt von ſo niedrigem Sinne, daß wir die finſteren Blicke einer unzufriedenen Parthei fürchten ſollten. Wenn die Stände von Burgund ſchnöden, pflichtvergeſſenen Beſcheid auf unſere väterliche Botſchaft geben, ſo ſoll er vor verſammeltem Hofe ausgeſprochen 37⁸ werden, damit das Volk richten könne zwiſchen ſeinem Herzog und den kleinen ränkeſüchtigen Seelen, die un⸗ ſere Macht ſchmälern wollen. achle: 13 Der Kanzler verbengten ſich tief, und ſetzte ſich, und der Grafhvon Orford bemerkte, daß die Meiſten von der Verſammlung, die der Herzog nicht gerade im Auge hatte, lich leiſe ihre Bemerkungen mittheilten. Un⸗ mittelbar darauf trat der Herold vom goldnen Vließ, der den Ceremonienmeiſter machte, an der Hyitze einer⸗ Abordnung der Stände wieder ein, die aus zwölf; Mit⸗ gliedern, vieren von jedem Stande, zuſammengeſetzt war, und dem Herzog die Antwort der Verſammlung überbringen ſollte. 5 2A mr Karl erhob ſich einer alten Sitte gemäß, vom Thro⸗ ne, nahm den Federhut ab, und ſagte: „Gruß und Willkommen meinen lieben Getreuen.“ Zu gleicher Zeit ſtanden alle ihn umgebenden Hofleute auf, und entblösten das Haupt, und die Ständemit⸗ glieder ließen ſich auf ein Knie nieder, wobei die vier Geiſtlichen, unter welchen Oxford den Prieſter von St. Paul erkannte, der Perſon des Herzogs am nächſten waren; die zweite Reihe bildeten die Edeln, und hin⸗ ten knieten die vier Bürger.— „Edler Herzog,“ ſprach der Prieſter von St. Paul, „gefällt es Euch, die Antwort Eurer treuen Stände durch die Stimme eines einzigen Mitglieds, das im Namen Aller ſpricht, zu vernehmen, oder von dreien zu hören, deren Jeder die Meinung ſeines Standes vorträgt?“ 8 38 „Wie Ihr wollt,“ gab der Herzog zur Antwort. „So ſollen alſo,“ fuhr der Prieſter von St. Paul fort, vein Geiſtlicher, ein Edler und ein freier Bür⸗ ger Eure Hoheit nach einander aureden, denn wir ſind zwar im Allgemeinen einverſtanden, wofür Gotk ge⸗ dankt ſey, der Brüder in Eintracht unter einander wohnen läßt; es hat jedoch ein jeder Stand ſeine be⸗ ſonderen Gründe, die ihn zu ber allgemeinen Anſicht hingeleitet haben.“, „Wir wollen Euch nach eiiander anhören, erwiederte Karl, ſetzte den Hut wieder auf, und warf ſich nach⸗ läßig in ſeinen Seſſel zurück; die Edeln unter der Ver⸗ ſammlung bedeckten ſich gleichfalls. Nachdem der Herzog ſich wieder geſetzt hatte, ſtan⸗ den die Abgeordneten wieder auf, und der Prieſter von St. Paul trat vor und redete ihn alſo an: „Edler Herzog, Eure treue Geiſtlichkeit hat den An⸗ trag Eurer Hoheit, zum Behufe eines Kriegs mit den verbündeten Schweizer⸗Kantonen das Volk zu beſteuern, in Erwägung gezogen. Dieſer Krieg, edler Herr, er⸗ ſcheint Eurer Geiſtlichkeit ungerecht von Seiten Eurer Hoheit, und ſie kann nicht hoffen, daß Gott die Waf⸗ fen derer, die in dieſen Kampf ziehen werden, ſegnen werde. Sie hat ſich daher genöthigt geſehen, Euer Hoheit Antrag zu verwerfen.“ Mit finſterem Ausdruck hafteten des Herzogs Agen auf dem Ueberbringer der unangenehmen Botſchaft. Er ſchüttelte den Kopf mit einem ſtrengen, drohenden 39 Blicke, der ſeinen an ſich harten Zügen einen eigen⸗ thümlichen Ausdruck verlieh. „Ihr habt geſprochen, Herr Prieſter,“ war die ein⸗ zige Antwort, deren er ihn würdigte. Einer der vier Edlen, der Herr von Myrebeau, nahm nun das Wort, und ſagte: „Euer Hoheit haben von Ihren getreuen Edlen die Zuſtimmung zu neuer Auflage in ganz Burgund ver⸗ langt, damit zur Unterhaltung der Kriege des Staats weitere Miethtruppen gedungen werden können. Die Schwerter der Burgunder Edeln, Ritter und Herrn ſind Eurer Hoheit immer zu Befehl geſtanden, wie unſere Ahnen die ihrigen bereitwillig für Eure Vor⸗ gänger zogen. Bei jedem gerechten Kriege, den Euer Hoheit führt, wollen wir mehr leiſten und wackerer kämpfen als gedungene Söldner aus Frankreich, Deutſch⸗ land und Italien, aber nie werden wir unſere Zuſtim⸗ mung geben, daß das Volk beſteuert werde, um Mieth⸗ truppen für den Dienſt zu beſolden, der unſer Stolz und unſer ausſchließliches Vorrecht iſt.“ „Ihr habt geſprochen, Herr von Myrebeau,“ waren wieder die einzigen Worte, die der Herzog zur Ant⸗ wort gab. Er ſprach ſie langſam und bedächtlich, als hätte er befürchtet, es möchte ihm in der Leidenſchaft ein unüberlegtes Wort entfahren. Oxford glaubte be⸗ merkt zu haben, daß er, ehe er ſprach, einen Blick auf ihn warf, als hätte das Bewußtſeyn ſeiner Gegenwart noch weiter dazu mitgewirkt, den Ausbruch ſeines Zorns zu verhüten.„Gebe der Himmel,“ ſprach er bei ſich 40 ſelbſt,„daß dieſer Widerſpruch die gehörige Wirkung thut, und den Herzog beſtimmt, ſeinen unüberlegten, gewagten und unnützen Plan wieder aufzugeben.“ Unterdeſſen winkte der Herzog dem Abgeordneten des dritten Standes, und auf dieſen ſtummen Befehl trat Martin Block, ein reicher Fleiſcher aus Dijon, vor. Er ſprach: 5 „Edler Herr, unſere Väter waren die treuen Unter⸗ thanen Eurer Vorgänger, wir ſind ebenſo gegen Euch geſinnt, und unſere Kinder werden es gegen Eure Nachfolger ſeyn. Die Anforderung aber, die Euer Kanz⸗ ler an uns gemacht hat, iſt von der Art, daß unſere Ahnen ein ſolches Geſuch nie bewilligt hätten, und daß auch wir und alle Stände Burgunds bis au's Ende der Welt daſſelbe thun werden. Miit ungeduldigem Schweigen hatte Karl die Anrede der beiden erſten Sprecher angehört, aber die derbe, kühne Antwort des dritten Standes war mehr, als er ertragen konnte: er überließ ſich ganz der Heftigkeit ſeines Temperaments, ſtampfte auf den Boden, daß der Thronſeſſel zitterte und der hochgewölbte Saal da⸗ von wiederhallte, und überhäufte den dreiſten Bürger mit Schmähungen.„Gemeiner Knecht,“ donnerte er, „ſoll ich auch Dein Klaglied vernehmen? Die Edeln mögen es mit Recht fordern, ſprechen zu dürfen, denn ſie wiſſen die Waffen zu führen, und die Geiſtlichen mö⸗ gen ihre Zungen brauchen, denn das iſt ihres Amtes, aber Du, der nie anders Blut vergoſſen, als das von Ochſen, die noch dummer ſind als Du ſelbſt.— Du 41 kommſt hieher mit deinesgleichen, um an eines Fürſten Throne zu blöcken? Wiſſe Thor, daß man Stiere,nur um ſie zu opfern, in den Tempel bringk, und Fleiſcher und andere Handwerker blos darum vor ihren Fürſten erſcheinen dürfen, damit ſie die Ehre haben, von ihren Schätzen die Bedürfniſſe des Staats zu beſtreiten.“ Ein unzufriedenes Murren, das ſelbſt die Furcht vor des Herzogs Zorn nicht zu unterdrücken vermochte, lief bei dieſen Worten durch die Verſaͤmmlung, und der Fleiſcher, ein kecker Plebejer, erwiederte ohne viele Um⸗ ſtände:„Unſere Beutel, Herr Herzog, gehören uns, und wir laſſen Euer Hoheit nicht darein greifen, wenn wir nicht mit dem Zweck zufrieden ſind, wozu das Geld verwendet werden ſoll, auch wiſſen wir Gut und Blut gegen fremde Räuber zu ſichern.“ Karl war im Begriſſ, den Abgeordneten verhaften zu laſſen, doch ein Blick auf den Grafen von Oxford, deſſen Gegenwart ihm wider Willen einigen Zwang auflegte, brachte ihn wieder davon ab, aber nur um eine andere Unbeſonnenheit zu begehen. mn „Ich ſehe,“ ſprach er gegen die Abgeordneten ge⸗ wendet,„daß Ihr Euch alle verbunden habt, um meine Plane zu vereiteln, und ohne Zweifel mir alle Gewalt der Landeshoheit zu entziehen, bis auf das Recht, eine Krone zu tragen, während die Stände meines Reichs ſich in die wirkliche Gewalt theilen. Aber Ihr ſollt erfahren, daß Ihr es mit Karl von Burgund zu thun habt, einem Fürſten, der, wenn er ſich auch herabge⸗ laſſen, Euch zu Rath zu ziehen, dennoch im Stande iſt, . 4² ohne die Hülfe ſeiner Edeln Schlachten zu ſchlagen, ohne Unterſtützung von ſeinen ſchmutzigen Bürgern die Koſten zu tragen und vielleicht den Weg zum Himmel zu finden, ohne den Beiſtand einer undankbaren Geiſt⸗ lichkeit. Allen, die hier verſammelt ſind, will ich zei⸗ gen, wie wenig die übermüthige Antwort auf die Bot⸗ ſchaft, mit der ich Euch beehrte, meinen Sinn geändert hat.— Herold! laßt die Abgeordneten der verbündeten Städte und Cantone der Schweiz, wie ſie ſich nennen, vor uns erſcheinen.“. Opford und alle die, welchen des Herzogs Wohl wirk⸗ lich am Herzen lag, vernahmen mit der lebhafteſten Unruhe ſeinen Entſchluß, den Schweizer⸗Abgeordneten, gegen die er zum Voraus eingenommen war, in einem Augenblicke Audienz zu ertheilen, wo er durch die ab⸗ ſchlägliche Antwort ſeiner Stände im höchſten Grade aufgebracht war, denn ſie wußten, daß Hinderniſſe, die er in ſeinem Zorne fand, dem Felſen im Bett eines Stromes zu vergleichen waren, die ſeinen Lauf nicht zu hemmen vermögen, und an denen ſich ſchäumend und tobend ſeine Wogen brechen. Alle fahen, daß die Würfel lagen, aber die Folgen zu berechnen, dazu war eines Jeden Blick zu kurz. Oxford beſonders ſah wohl, daß die Ausführung ſeines Plans zu einer Landung in England durch die kühne Hartnäckigkeit des Herzogs hauptſächlich gefährdet wurde, aber nicht von ferne ahnte er, daß das Leben Karls ſelbſt und die Unabhän⸗ gigkeit Burgunds als eines ſelbſtſtändigen Reiches in derſelben Wagſchale lagen. 4³ XXVII. Fuͤrwahr, ein trotzig, ungeſtuͤmm Verfahren, Uns auszufordern!. 5 Shakespeare. — 364 81 2 1 1 Nun endlich wurden die Thuͤren des Saal's den Schweizer⸗Abgeordneten geoͤffnet, die ſchon eine Stunde vor dem Pallaſte gewartet hatten, ohne daß man ſie im mindeſten mit der, den Geſandten eines fremden Staates gebuͤhrenden Achtung behandelt haͤtte. Und in der That diente ihre unſchein bare Kleidung, im auffallenden Gegenſatze gegen die glaͤnzende von Gold und Silber ſtarrende Verſammlung, zu Beſtaͤtigung des Glaubens, daß ſie gekommen ſeyen, um in tief⸗ ſter Demuth eine Bitte vorzutragen. Orford jedoch, der das Benehmen ſeiner fruͤheren Reiſegefaͤhrten aufmerkſam beobachtete, bewerkte auch jetzt noch die Feſtigkeit und Ruhe an ihnen, wodurch ſie ſich fruͤher auszeichneten. Rudolph hatte noch ſei⸗ nen kuͤhnen, ſtolzen Blick; der Bannertraͤger den ruhigen Gleichmuth, der ihn mit anſcheinender Theil⸗ nahmloſigkeit ſeine uUmgebungen anſehen ließ; der Solothurner ſeine wichtige Miene, und keiner von den Dreien ſchien im Geringſten auf den ſie umge⸗ benden Glanz zu achten. Der Landammann aber, auf welchen Orford hauptſaͤchlich ſeine Aufmerkſamkeit rich⸗ tete, war, wie es ſchien, tief von dem Bewußtſeyn 44 der gefaͤhrlichen Lage ſeines Vaterlandes ergriffen, indem die ſchnoͤde Aufnahme ihn fuͤrchten ließ, daß der Krieg unvermeidlich. ſey, und er zugleich als auf⸗ richtiger Vaterlandsfreund die traurigen Folgen er⸗ wog, welche eine Niederlage fuͤr ſeine Freiheit, ſo wie der Sieg, durch Einfuͤhrung von fremdem Lurus, und die ihn begleitenden Uebet hi die Sitteneinfalt ha⸗ ben koͤnnte Mit den Anſichten Aruolds vertraut, konnie Ox⸗ ford ſich ſein duͤſteres Ausſehen wohl erklaͤren, waͤh⸗ rend Bonſtetten, weniger faͤhig, die Gefuͤhle des Freundes zu verſtehen, ihn mit dem Ausdrucke an⸗ ſah, welchen man im Geſicht eines treuen Hundes bemerkt, der mit ſeinem Herrn trauert, ohne die Ur⸗ ſache ſeines Kummers zu wiſſen. Ungefaͤhr fuͤnf Minuten lang blieb er ſtill, worauf der Herzog mit dem harten, ſtolzen Tone, den er ſei⸗ nem Renge angemeſſen glauben mochte, und der we⸗ nigſtens ganz ſeinen Charakter ausdruͤckte, das Wort nahm, und ſagte:„Ihr Leute aus Bern, Schwyz, oder woher Ihr ſonſt ſeyn moͤgt, wißt, daß wir Euch als Empoͤrer gegen Euren rechtmaͤßigen Oberherrn keiner Audienz gewuͤrdigt haben wuͤrden, wenn ſich nicht ein geachteter Freund, der ſich in Euren Ber⸗ gen aufgehalten, und den Ihr unter dem Namen Philipſon kennt, ein reiſender Kaufmann, der koſtbare Waaren an unſern Hof M rinachte, fuͤr Euch ver⸗ wendet haͤtte. Auf ſeine Bitte haben wir, ſtatt Euch nach Verdienſt an den Galgen us aͤufs Rath beför⸗ 45 dern zu laſſen, geruht, Euch vor verſammeltem Hofe vor uns zu berufen, um zu vernehmen, welche Ent⸗ iſchuldigung Ihr vorzubringen habt; daß Ihr unſere Stadt La Ferette hinterliſtig erſtuͤrmt, viele unſerer „Unterthanen erſchlagen, und den edlen Ritter Archi⸗ bald von Hagenbach kaltbluͤtig habt hinrichten laſſen. Sprecht, wenn Ihr etwas zu Vertheidigung Eurer Verraͤtherei ſagen koͤnnt, oder bittet um unverdiente Gnade, damit Ihr der gerechten Strafe entgeht.“ Der Landammann ſchien antworten zu wollen, aber Rudolph uͤberhob⸗ ihn dieſer Muͤhe mit der ihm eigenen Kuͤhnheit, trat mit unerſchrockenem Blick vor den ſtolzen Herzog, und erwiederte:„Wir ſind nicht (hieher gekommen, unſere Ehre und die Wuͤrde des freien Volkes, deſſen Abgeordnete wir ſind, dadurch zu verunglimpfen, daß wir uns zu Verbrechen be⸗ kennen, die wir nicht begangen haben. Wenn Ihr uns Empoͤrer nennt, ſo muͤßt Ihr bedenken, daß eine lange Reihe von Siegen, deren Geſchichte mit dem edelſten Blut Oeſtreichs verzeichnet iſt, unſerem Bunde die Freiheit wieder gegeben hat, deren uns ungerechte Zwingherrſchaft vergebens zu berauben ſuchte. Während Oeſtreichs Herzoge uns gerechte, gütige Für⸗ ſten waren, dienten wir ihnen mit unſerm Leben, da ſie aber hart und grauſam wurden, machten wir uns un⸗ abhängig. Haben ſie auch ktetwas von üns zu fordern, ſo werden die Enkel eines Tell, Fürſt und Stanffacher ſo bereit ſeyn, ihre Freiheiten zu vertheidigen, als ihre Väter, ſte zu erringen. Eure Hoheit,— wenn Ihr ſo heißt,— hat ſich in einen Streit zwiſchen uns un Oeſtreich nicht zu mengen. Was Eure Drohungen mit Galgen und Rad anlangt, ſo ſind wir wehrloſe Män⸗ ner, und Ihr könnt nach Belieben mit uns verfahren, aber wir wiſſen zu ſterben, und unſere Landsleute wer⸗ den uns zu rächen wiſſen.“ In ſeinem Zorn würde der Herzog Befehl gegeben haben, die Abgeordneten feſt zu nehmen, und zur Hin⸗ richtung zu führen, aber ſein Kanzler erhob ſich, Kraft des durch ſein Amt ihm zuſtehenden Rechtes, nahm mit tiefer Verbeugung gegen den Herzog den Hut ab, und bat ihn um Erlaubniß, dem ſtolzen jungen Manne, der den Sinn der von Seiner Hoheit geſprochenen Worte ſo ſehr mißverſtanden habe, antworten zu dürfen. Karl, der ſelbſt fühlen mochte, daß er im Augenblicke zu aufgebracht ſey, um ruhig entſcheiden zu können, legte ſich in ſeinen Thronſeſſel zurück, und winkte ſei⸗ nem Kanzler mit ſinſterem Blick die Gewährung ſeiner Bitte zu. „Junger Mann,“ begann dieſer,„Ihr habt den hohen mächtigen Fürſten, vor dem Ihr ſtehet, mißverſtanden. Wir ſind nicht berufen, uns in einen Streit darüber einzulaſſen, welche Rechte Oeſtreich an die empörten Dörfer habe, die ſich gegen ihren rechtmäßigen Herrn aufgelehnt, ſondern Seine Hoheit verlangt von Euch darauf Antwort, warum Ihr in der Eigenſchaft von Geſandten in unſer friedliches Land den Krieg gebracht, eine Feſtung erſtürmt, die Beſatzung niedergemacht, und ihren Befehlshaber, einen edlen Ritter, getödtet V V V 47 habt? Dieſe Handlungen alle ſind gegen das Völker⸗ recht, und verdienen die Strafe, womit Ihr mit Recht bedroht worden ſeyd, die Euch aber, wie ich hoffe, un⸗ ſer gnädiger Fürſt erlaſſen wird, wenn Ihr einen ge⸗ nügenden Grund für dieſen kecken Uebermuth angebt, und hinlängliche Genugthuung für eine ſolche Unbilde verſprecht.“ „Ihr ſeyd ein Geiſtlicher, ehrwürdiger Herr,“ ant⸗ wortete Rudolph,„iſt aber ein Kriegsmann unter die⸗ ſer Verſammlung, der Eure Beſchuldigung unterſtützen will, ſo fordere ich ihn zum Kampfe Mann gegen Mann. Wir haben Laferette nicht erſtürmt, ſondern wurden friedlich in die Stadt eingelaſſen, dann aber ſogleich von den Soldaten Hagenbachs umringt, mit der augenſcheinlichen Abſicht, uns anzugreifen und zu erſchlagen. In dieſem Augenblicke empörten ſich die Einwohner der Stadt, und wurden, glaube ich, von Nachbarn unterſtützt, welche die übermüthigen Bedrück⸗ ungen des verhaßten Hagenbach nicht länger zu ertra⸗ gen vermochten. Wir haben ihnen keinen Beiſtand ge⸗ leiſtet, und man wird wohl auch nicht erwarten, daß wir Leute hätten unterſtützen ſollen, die das Schlimmſte gegen nns im Sinne hatten, aber keine Lanze und kein Schwert von uns und den Unſrigen wurde mit burgun⸗ diſchem Blute gefärbt. Archibald von Hagenbach ſtarb auf dem Schaffot, Kraft des Urtheils eines Gerichts, das in ganz Weſtphalen und in den dazu gehörigen Ländern auf dieſer Seite des Rheines, als rechtmäßig anerkannt iſt. Ich bin nicht verpflichtet, das Verfah⸗ 48 ren deſſelben zu rechtfertigen, aber ich erkläre, daß der Herzog vollgültige Beweiſe dieſes Spruchs erhalten; und daß Hagenbach durch Grauſamkeit und ſchändlichen Mißbrauch ſeiner Gewalt den Tod verdient hat, will ich gegen männiglich mit den Waffen behaupten: hier liegt mein Handſchuh.“ Bei dieſen Worten warf er ſtolz den rechten Hand⸗ ſchuh auf den Boden. Der kriegeriſche Geiſt jener Zeit, und vielleicht auch der Wunſch, des Herzogs Gunſt zu gewinnen, verurſachte eine allgemeine Bewegung unter den jüngeren Rittern, und in einem Augenblicke lagen ſechs bis acht Handſchuhe neben dem des Ausfor⸗ derers. „Ich nehme ſie alle auf,“ ſprach der kühne Schwei⸗ zer, ſie aufſammelnd,„noch mehr ihr Herrn, einen Handſchuh für jeden Finger! Kommt heran, einer nach dem andern— ehrlichen Kampf, gerechte Kampfrichter, zweihändige Schwerter, und ich will einem Duzend von Euch nicht weichen.“ „Haltet ein, Edle,“ rief der Herzog, durch dieſen Eifer geſchmeichelt,„haltet ein, ich befehle es Euch Herold, nehmt die Handſchuhe auf, und gebt ſie ihren Eignern zurück. Gott und der heilige Georg verhüten, daß wir das Leben des geringſten unſerer Edlen gegen einen gemeinen Schweizer wagen ſollten, der noch kein Pferd beſtiegen hat, und nichts von ritterlicher Sitte weiß.— Ihr, junger Laffe, tragt Eure Prahlereien anders wohin zu Markte, denn hier könnte man Euch nur den Richtplatz zu den Schranken, zum EGegner den 49 Henker anweiſen. Iſt unter Euch, Ihr Herren, die Ihr dieſen Prahler das Wort habt führen laſſen, und dadurch zu beweiſen ſcheint, daß die Geſetze der Natur, wie die des geſelligen Lebens bei Euch in Abgang ge⸗ kommen ſind, und die Jugend dem reiferen Alter vor⸗ geht, wie die Bauren dem Adel, iſt unter Euch Grau⸗ bärten, frage ich, Niemand, der Eure Sache in Aus⸗ drücken vortragen könnte, welche für die Ohren eines Fürſten taugen?« »Gott wolle verhüten,« verſetzte der Landammann vortrettend, und gebot Rudolph Schweigen, der eben eine trotzige Antwort geben wollte;„Gott wolle ver⸗ hüten, daß wir uns nicht auf unziemliche Art vor Euver Hoheit auszudrücken vermöchten, da wir die Sprache der Wahrheit, des Friedens und der Gerechtigkeit zu reden haben; im Gegentheile, wenn demüthiges Weſen Euch heſtimmt, uns günſtiger anzuhören, ſo bin ich be⸗ reit, mich lieber zu demüthigen, als daß Ihr uns ganz abweist. Ich kann jedoch mit Wahrheit ſagen, daß ich, wenn ich auch bisher aus freier Wahl als Landwirth und Jäger auf den Bergen von Unterwalden! gelebt habe, und dort zu ſterben entſchloſſen bin, doch Kraft meiner Geburt das angeſtammte Recht anſprechen kann, vor Herzogen und Königen, und vor dem Kaiſer ſelbſt zu reden. Es iſt Keiner in dieſer erlauchten Verſamm⸗ lung, Herr Herzog, deſſen Blut aus reinerer Quelle wäre, als das von Geierſtein.“ »Wir haben von Euch gehoͤrt,“ verſetzte der Her⸗ zeg,„man heißt Euch den Bauergrafen. Eure Ge⸗ Walter Scott's Werke. 1618 Bdchn. 4 50 burt gereicht Euch zur Schande, oder Eurer Mutter, wenn etwa Euer Vater einen huͤbſchen Ackerknecht hatte, werth, einem Menſchen das Leben zu geben, der ſich freiwillig zum Leibeigenen gemacht hat.“ „Nicht zum Leibeigenen, geſtrenger Herr,“ entgeg⸗ nete der Landammann,„ſondern ein freier Mann, der weder Andere unterdruͤcken, noch ſich ſelbſt mei-ef ſtern laſſen will. Mein Vater war von edler Ge⸗ burt, und meine Mutter eine Frau von fleckenloſem Rufe, doch ſoll mich Euer Spott nicht abhalten, ruhig der Sendung mich zu entledigen, mit der ich von meinen Mitbuͤrgern beauftragt bin. Die Bewohner der rauhen, unfruchtbaren Alpen⸗Gegenden wuͤnſchen mit allen ihren Nachbarn Frieden zu halten und bei ihrer Verfaſſung, die ſie als ihrer Lage und Sitten am angemeſſenſten gewaͤhlt haben, zu verbleiben, ohne die Freiheit anderer Staaten anzutaſten. Vornaͤm⸗ lich wuͤnſchen ſie in Frieden und Eintracht zu leben mit dem fuͤrſtlichen Hauſe Burgund, deſſen Gebiet das ihrige auf ſo vielen Punkten beruͤhrt. Sie wuͤn⸗ ſchen dieß, edler Herr, und ſie wollen ſogar darum bitten. Man hat uns halsſtarrige, unbeugſame Men⸗ ſchen genannt, die kein Geſetz anerkennen, und Alf⸗ ruhr und Empoͤrung beguͤnſtigen: zum Beweiſe des Gegentheils will ich, der ich noch vor Niemand als 1 vor Gott, gekniet, vor Euch ein Knie beugen, als vor einem fuͤrſtlichen Herrn bei verſammeltem Hofe, wo er das Recht hat, von ſeinen Unterthanen Ehr⸗ furcht als Pflicht, von Fremden als Hoͤflichkeit zu 51 fordern. Kein falſcher Stolz,« fuhr der edle Greis fort, und Thraͤnen traten ihm in's Auge, als er ſich auf ein Knie niederließ,„ſoll mich abhalten, mich 4 ſelbſt zu erniedrigen, wenn dem Frieden, der Gott 1 ſo wohlgefaͤllig und den Menſchen ein ſo unſchaͤtzba⸗ res Gut iſt, Gefahr droht.“. p Die ganze Verſammlung und der Herzog ſelbſt, wurden von dem edeln Benehmen des wackern Grei⸗ ſes ergriffen, das augenſcheinlich, weder aus niedri⸗ ger Denkart, noch aus Furcht hervorging. „Stehet auf,« ſprach Karl,„wenn wir etwas ge⸗ ſagt haben, was Euer Selbſtgefuͤhl beleidigen konnte, ſo widerrufen wir es hier oͤffentlich, wie wir es ge⸗ 5 ſprochen und ſind bereit, Euch als wirkliche Abgeſand⸗ ten anzuhoͤren.“ »Dafuͤr danke ich Euch, edler Herr, und der heu⸗ tige Tag ſoll mir geſegnet ſeyn, wenn ich Worte finden kann, die der Sache werth ſind, welche ich zu fuͤhren habe. Ein Papier, das Euer Hoheit zuge⸗ ſtellt worden, enthaͤlt eine Aufzaͤhlung der vielen Unbilden, die wir von Euren Dienern und denen Romonts, Grafen von Savoyen, Eures Verbuͤndeten und Raths erfahren haben. Graf Romont hat be⸗ reits erfahren, mit wem er es zu thun hat, bisher ber haben wir noch keine Maßregeln ergriffen, um die Stoͤrungen unſeres Handels durch diejenigen zu aͤchen, die Euer Hoheit Gewalt dazu mißbrauchen, Lanudsleute pon uns anzuhalten, ihnen ihr Waaren 4* 5² abzunehmen, ſie einzukerkern, und ſogar ihnen das Leben zu nehmen. An dem Gefecht in La⸗Ferette wa⸗ ren wir weder Schuld noch Theilnehmer, und doch kann eine freie Nation die Wiederholung ſolchen Un⸗ rechts nicht dulden, und wir ſind entſchloſſen, frei und unabhaͤngig zu leben, oder im Kampf fuͤr unſere Rechte zu fallen. Was iſt dann die Folge, wenn Eure Hoheit die Vorſchlaͤge nicht anhoͤrt, die ich zu machen beauftragt bin? Der Krieg, und zwar ein Vernichtungskrieg, denn ſo lange einer unſeres Bun⸗ des die Lanze zu ſchwingen vermag, wird, wenn die⸗ ſer unſelige Streit einmal beginnt, Krieg ſeyn zwi⸗ ſchen Euren maͤchtigen, furchtbaren Staaten und un⸗ ſern armen Kantonen. Und was kann der edle Her⸗ zog von Burgung durch einen ſolchen Kampf gewin⸗ nen? Etwa reiche Beute? Ach, edler Herr! an den Zuͤgeln der Pferde von Eurer Leibwache iſt mehr Gold und Silber, als in dem oͤffentlichen Schatze, oder bei den einzelnen Maͤnnern unſeres Bundes zu fin⸗ den waͤre. Oder trachtet Ihr nach Ruhm und Ehre? Durch einen Sieg mit einem zahlreichen Heere in Eiſen gekleideter Maͤnner uͤber wenige zerſtreute Haͤuf⸗ chen von Landleuten und Hirten erfochten, iſt we⸗ nig Ruhm zu gewinnen. Wenn aber, was alle Chri⸗ ſten glauben, und was die Erinnerung an dasjenige⸗, das zur Zeit unſerer Vaͤter geſchah, meine Mitbuͤ⸗ ger zuverſichtlich hoffen laͤßt, der Herr der Heerſchaa⸗ ren die Wagſchale des geringeren ſchlechter bewaffne⸗ ten Haͤufleins ſinken laſſen ſollte, ſo moͤget Ihr ſelbſt 53 entſcheiden, was dann aus Eurem Ruhme wuͤrde. Wollt Ihr die Zahl Eurer Unterthanen und Euer Gebiet vergroͤßern, indem Ihr Eure Nachbarn im Gebirge bekriegt? Wißt, daß Ihr zwar, wenn es ſo Gottes Wille iſt, unſere rauhen, ſchroffen Berge ein⸗ nehmen koͤnnet, aber wie unſere Vaͤter, werden wir uns dann in wildere entlegenere Einoͤden zuruͤckziehen, und nachdem wir den auſſerſten Widerſtand geleiſtet, in den Schnee uunſerer Gletſcher uns begraben. Ja, lieber wollen wir uns Weiber, Männer und Kinder vernichten, als daß ein freier Schweizer einen fremden Herrn anerkenne.“. Die Rede des Landammanns machte ſichtbaren Ein⸗ druck auf die Verſammlung. Der Herzog bemerkte es, und wurde dadurch noch mehr in ſeinem ange⸗ bornen Starrſinne beſtaͤrkt. Seine Stirne verfinſterte ſich, und er fiel dem Greiſen als er fortfahren wollte, in die Rede:„Ihr urtheilt falſch, Herr Graf, Herr Landammann oder wie Ihr Euch heißet, wenn Ihr glaubt, wir bekriegen Euch, um Beute zu machen, oder aus Verlangen nach Ruhm. Wir wiſſen wohl, daß dabei weder Nutzen uoch Ehre zu gewinnen iſt; aber Fuͤrſten, denen der Himmel die Macht verliehen hat, muͤſſen eine Naͤuberbande ausrotten, wenn es auch keine Ehre bringt, die Schwerter mit ihnen zu meſſen, und eine Heerde Woͤlfe jagen wir bis zum Tode, wenn auch ihr Fleiſch nur Aas und ihr Fell zu nichts nuͤtze iſt.«„ Der Landammann ſchuͤttelte ſein graues Haupt, 54 und erwiederte beinahe laͤchelnd:„ 3c bin ein aͤlte⸗ rer Waidmann, als Shr⸗ Herr Herzog, vielleicht auch ein erfahrenerer. Der kuͤhnſte Jaͤger treibt den Wolf nicht bis in ſeine Hoͤhle. Ich habe Euer Ho⸗ heit geſagt, wie wenig durch einen Krieg mit ent⸗ ſchloſſenen, verzweifelten Maͤnnern zu gewinnen, und welchen großen Verluſt ſelbſt Ihr, ſo maͤchtig Ihr ſeyd, dabei zu fuͤrchten habt. Laßt mich nun Euch ſagen, was wir zu thun bereit ſind, um uns wahren dauernden Frieden mit unſerem maͤchtigen Nachbar zu ſichern. Eure Hoheit iſt gegenwaͤrtig beſchaͤftigt, Lothringen zu beſetzen, und bei Eurem unternehmen⸗ den Geiſte laͤßt ſich erwarten, daß ſich die Grenzen Eures Gebiets noch bis an die Kuͤſten des Mittel⸗ meers ausdehnen werden. Seyd unſer Freund und aufrichtiger Verbuͤndeter und unſere Berge, von Sieg⸗ vertrauten Kriegern bewacht, werden Euch zur Vor⸗ mauer gegen Deutſchland und Italien dienen. Um Euretwillen wollen wir Frieden mit dem Grafen von Savoyen machen, und ihm unter Bedingungen, die Ihr ſelbſt fuͤr billig erachten werdet, das eroberte Land zuruͤckgeben. Die Beſchwerden, die wir gegen Eure Grenzbeamten zu fuͤhren haͤtten, ſollen auf ſich beruhen, wenn wir die Verſicherung erhalten, daß wir in Zukunft mit ſolchen Unbilden verſchont blei⸗ ben. Endlich aber wollen wir dreitauſend junge Maͤn⸗ ner Eurer Hoheit zu Huͤlfe ſenden, wenn Ihr ge⸗ gen Ludwig von Frankreich oder den Kaiſer von Oeſt⸗ reich Krieg zu fuͤhren habt. Es ſind— mit Stolz 5⁵ darf ich es ſagen— andere Maͤnner, als der Ab⸗ ſchaum von Deutſchland und Italien, der ſich zu Soͤldnerbanden vereinigt, und wenn der Himmel Eure Hoheit beſtimmt, dieſen Vorſchlag anzunehmen, ſo habt Ihr unter Euren Truppen eine Schaar von Maͤnnern, die eher alle zuſammen mit ihren Leibern das Schlachtfeld decken, als daß einer die Euch ge⸗ ſchworene Treue braͤche.“ Ein Maun von bräunlichem Geſicht, aber hoch und ſchön gewachſen, in reich verzierter Rüſtung, ſprang bei dieſen Worten mit allen Zeichen unwiderſtehlicher Wuth von ſeinem Sitze auf. Es war der Graf von Campo⸗ Baſſo, Befehlshaber von Karls italieniſchen Miethtrup⸗ pen, der, wie wir bereits angedeutet haben, viel über den Herzog vermochte, indem er ſich den Anſichten und Vorurtheilen ſeines Gebieters zu fügen, und ihm ſchein⸗ bare Gründe für die Hartnäckigkeit, mit der er ſeine Plane verfolgte, aufzuführen wußte. „Eure Hoheit müſſen mich entſchuldigen,“ ſprach er, „wenn ich das Wort nehme, um meine und meiner Tapfern Ehre zu vertheidigen, die von Italien meiner Fahne gefolgt ſind, um dem tapferſten Fürſten der Chriſtenheit zu dienen. Die ehrenrührigen Worte des grauhaarigen Schurken hätte ich mögen gleichgültig an⸗ hören, denn ſie beſchimpfen einen Ritter und Edlen ſo wenig als das Bellen eines Hundes, aber auf ſeinen Autrag, ſeine Meutererbanden mit Eurer Hoheit Trup⸗ pen zu vereinigen, muß ich ihm erwiedern, daß in mei⸗ nen Reihen kein Troß bube in ſolcher Geſellſchaft fechten 56 möchte, und ich ſelbſt, ſo viele Bande der Dankbarkeit mich auch an Euch ketten, könnte mich nicht entſchlie⸗ ßeu, mit ſolchen Leuten Kameradſchaft zu halten. Ich würde meine Fahne zuſammenrollen, und mit, meinen fünftauſend Männern weiter ziehen, nicht, um einen edleren Herrn zu ſuchen, denn die Erde trägt keinen ſolchen, ſondern zu einem Heere, wo wir nicht unſerer Waffengefährten uns zu ſchämen brauchten.“ „Schweigt, Campo⸗Vaſſo,“ ſiel der Herzog ein,„und ſeyd verſichert, daß Ihr einem Fürſten dient, der Eu⸗ ren Werth zu wohl kennt, als daß er Euch gegen un⸗ zuverläßige Leute vertauſchen ſollte, die wir bisher nur als unruhige, böswillige Nachbarn kennen gelernt haben.«) Er wendete ſich nun gegen Arnold, und fuhr mit kaltem, ſtrengem Tone fort:„Wir haben Euch ruhig angehört, Herr Landammann, obgleich Eure Hände in das Blut unſeres Dieners, des Ritters Archibald von Hagenbach getaucht ſind, denn auch angenommen, daß er auf Befehl eines ſchändlichen Bundes gemohe wor⸗ den, der beim heiligen Georg! ſo lange wir leben und regieren, ſein giftiges Haupt auf dieſer Seite des Rheins nicht erheben ſoll, ſo iſt doch ebenſo gewiß, und Ihr habt es nicht geläugnet, daß Ihr bewaffnet bei der That waret, und durch Eure Gegenwart die Mörder ermuthigtet. Kehrt in Eure Berge zurück, und dankt dem Himmel, daß wir Euch das Leben ſchenken. Sagt denen, die Euch ſenden, daß ich ſchleunig in ihr Gebiet einrücken werde. Wenn eine Abordnung Eurer ange⸗ 57 ſehenſten Bürger, einen Strick um den Hals, eine Fa⸗ ckel in der Linken und das Schwert an der Spitze in der Rechten haltend vor mir erſcheint, ſo kann ſie er⸗ fahren, auf welche Bedingungen ich Euch den Frieden bewillige.“ „Dann fahre hin Frieden, und ſey willkommen, Krieg!“ ſprach der Landammann,„und ſein Fluch falle auf das Haupt derer, die bntigen Streit lieber wollen, als Frieden und Eintracht. Mit den Schwertern wol⸗ len wir Euch eutgegenziehen auf unſere Grenzen, und ihre Spitzen ſollen gegen Euch gekehrt ſeyn. Karl von Burgund, Flandern und Lothringen, Herr von ſieben Herzogthümern und ſlebenzehn Grafſchaften, ich ſage Euch auf, und erkläre Euch den Krieg im Namen der verbündeten Kantone. Hier iſt mein Beglaubigungs⸗ ſchreiben.“ 3 „Leſ't es nicht,« rief der ſtolze Herzog dem Herold zu, der das Papier aus Arnolds Händen nahm.„Der Henker ſoll es an einem Pferdeſ ſchweif durch die Straſ⸗ ſen ziehen, und an den Galgen nageln, um zu zeigen, wofür wir diejenigen halten, die es geſandt haben. Ihr aber,“ wandte er ſich gegen die Schweizer,„lauft ſo ſchnell, als Eure Füße vermögen, Euren Bergen zu; wenn wir uns wieder treffen, ſollt Ihr erfahren, wen Ihr beleidigt habt.— Man führe unſer Pferd dor— die Verſammltung iſt aufgehoben.“. Zährend des allgemeinen Aufbruchs näherte ſich der Maire von Dijon noch einmal dem Herzog, und drückte ſchüchtern den Wunſch aus, daß Seine Hoheit geruhen 58 möchte, bei dem von den Behörden der Stadt dem Her⸗ zog bereiteten Mahle zu erſcheinen. 5 2 „Nein, beim heiligen Georg, Herxr Maire,“ entgeg⸗ nete Karl mit einem durchbohrenden Blick, in welchem ſich Unwille und Verachtung ausſprachen,„das Früh⸗ ſtück, das Ihr uns vorgeſetzt, hat uns nicht ſo behagt, daß wir auch das Mittagsmahl in unſerer guten Stadt Dijon einnehmen möchten.“— Mit dieſen Worten kehrte er ihm den Rücken, ſtieg auf's Pferd, und ritt, in lebhaftem Geſpräch mit dem Grafen von Campo⸗Baſſo begriffen, in's Lager zurück. »Ich würde Euch ein Mahl vorſetzen laſſen,“ ſprach Colvin zu Oxford, als ſie vor ſeinem Zelte abſtiegen, vaber ich weiß zum Voraus, daß Ihr vor den Herzog berufen werdet, ehe Ihr einen Biſſen zum Munde führen könnt, denn es iſt Karls Weiſe, wenn er ſich auf böſen Weg begeben hat, mit ſeinen Freunden und Räthen ſo lange zu ſtreiten, bis er ihnen bewieſen hat, er ſey der rechte. Den geſchmeidigen Italiener bekehrt er jedesmal zu ſeiner Anſicht.“ 1 Colvin's Vorausſagung ging bald in Erfüllung, denn unmittelbar darauf berief ein Edelknabe Philipſon vor den Herzog. Ohne einen Angenblick zu warten, ergoß ſich Karl in einen Strom von Schmähungen gegen die Stände ſeines Herzogthums, daß ſie ihm die geringe Summe nicht bewilligt haben, und erörterte dann in langer Rede die Nothwendigkeit, die Frechheit der Schweizer zu beſtrafen.„Und auch Ihr, Oxrford,“ ſchloß⸗ er,„ſeyd thöricht genug mich in einen Krieg mit Eng⸗ 59 land zu verwickeln, und verleiten zu wollen, Truppen über's Meer zu ſchicken, da ich doch an meinen eigenen Grenzen ſolche trotzige Meuterer zu züchtigen habe.“ Als er endlich ſchwieg, ſtellte ihm der Graf ehrer⸗ bietig aber dringend die Gefahr vor, der er ſich durch den Krieg mit einem Volke ausſetze, das zwar arm, aber wegen ſeiner Kriegszucht und ſeines Muthes ge⸗ fürchtet ſey, zumal, da ſein Nebenbuhler, Ludwig von Frankreich, die Feinde des Herzogs unter der Hand unterſtützen, wo nicht offen ſich mit ihnen verbinden würde. Allein in dieſer Beztehung fand er Karls Ent⸗ ſchluß unerſchütterlich. 8 „Man ſoll nicht ſagen,“ entgegnete er,„daß ich Dro⸗ hungen ausgeſtoßen, ohne ſie zu verwirklichen. Das Bauernvolk hat mir den Krieg erklärt, und es ſoll er⸗ fahren, welchen Fürſten es unüberlegt gereizt hat. In⸗ deſſen gebe ich Euren Plan nicht auf, Herr Graf. Könnt Ihr die Abtretung der Provence an mich auswirken, und den alten René vermögen, ſeinen Enkel Ferrand von Vaudemont und Lothringen zu enterben, ſo will ich es für der Mühe werth halten, Euch gegen meinen Schwager Blackburn zu unterſtützen, der ſeine Beſitzun⸗ gen in England verlieren kann, während er ſich in Frankreich den Wein munden läßt. Werdet nicht un⸗ geduldig, daß ich nicht im Augenblick Truppen über's Meer ſenden kann. Der Zug gegen Neufchatel, der nächſte Punkt, glaube ich, wo ich die Bauern finden kann, iſt nur ein keichter Morgenritt. Ich hoffe, Ihr werdet uns begleiten, alter Kamerad, denn ich möchte 60 ſehen, ob Ihr auf den Bergen nicht verlernt habt, Euch feſt im Sattel zu halten, und die Lanze zu führen.“ „Ich werde Eurer Hoheit folgen,“ ſprach der Graf, „wie es meine Pllicht iſt, denn alle meine Schritte hängen von Eurem Belieben ab; aber ich führe die Waffen nicht gegen die Schweizer, deren Gaſtfreund⸗ ſchaft ich genoſſen, es ſey denn zu perſönlicher Ver⸗ theidigung.“ „Nun gut, es mag ſeyn,« erwiederte der Herzog, „wir haben dann an Euch wenigſteus einen erfahrenen Richter, der entſcheiden mag, wer am beſten ſeine Pflicht thut gegen die Tölpel vom Gebirge.“ Bei dieſen Worten wurde an den Eingang des Zel⸗ tes gepocht, und gleich darauf trat der Kanzler haſtig und mit wichtiger Miene ein.. „Neuigkeiten von Frankreich und England,“ ſprach er, und ſchwieg dann, als er den Fremden bemerkte, mit einem Blicke auf den Herzog. „Das hier iſt ein treuer Freund, Herr Biſchof,“ ſagte der Herzog,„Ihr könnt vor ihm Eure Neuig⸗ keiten mittheilen.“ „Sie werden bald allgemein bekannt ſeyn,“ verſetzte der Kanzler.„Ludwig und Eduard haben ſich völlig mit einander verſtändigt.“ Der Herzog und der Graf traten beſtürzt zurück. „Ich erwarkete es,“ hob der Herzog wieder an,„aber nicht ſo bald.“ „Die beiden Könige haben ſich getroffen,“ fuhr der Kanzler fort. 61 „Wie— auf dem Schlachtfelde?“ fragte Oxford ſich vergeſſend.. 4 3 Der Kanzleer war erſtaunt, doch, da der Herzog eine Antwort zu erwarten ſchien, ſo erwiederte er:„Nein, Herr, nicht auf dem Schlachtfelde, ſondern in friedli⸗ cher Zuſammenkunft.“« „Das muß ſehenswerth geweſen ſeyn,« ſprach der Herzog,„wie Ludwig, der alte Fuchs, und mein Schwa⸗ ger Black— Eduard, wollte ich ſagen, zuſammen kamen. Wo war es denn?« »Auf der Seinebrücke bei Pequigny.“« „Ich wollte, Ihr wäret dabei geweſen,“ wandte ſich. der Herzog gegen Orford,„und hättet zwei gute Hiebe geführt mit der Streitaxt, den einen für England, den andern für Burgund. Bei einer ähnlichen Zuſammen⸗ kunft wurde mein Großvater auf der Yonne⸗Brücke bei Montereau menchlings erſchlagen.“ »Um einem ſolchen Falle vorzubeugen,“ ſagte der Kanzler,„war ein ſtarkes Schutzgatter, ähnlich den Käfigen, in die man wilde Thiere ſperrt, mitten auf der Brücke angebracht, ſo daß ſie ſich nicht einmal die Hände reichen konnten.“ 2 Ha! ha! ha! beim heiligen Georg, wieder ein Pröb⸗ chen von Ludwigs Liſt und Mißtrauen, denn der Eng⸗ länder weiß ſo wenig etwas von Furcht, als von ſeiner Politik. Doch— wohin ſind ſie übereingekommen? Wo wird das engliſche Heer überwintern? Welche Städte, Feſtungen und Schlöſſer tritt Ludwig zum Unterpfand oder auf immer ab?« 6²2 „Gar keine, Euer Hoheit,“ verſetzte der Kanzler. „Die Engländer kehren nach Hauſe zurück, ſobald die nöthigen Transportſchiffe aufgebracht ſind, und um ſie deſto ſchneller fortzuſchaffen, wird es Ludwig an nichts fehlen laſſen.“ „Und was ſind die Bedingungen, durch melchr Lud⸗ wig den ihm ſo nötyigen Frieden erkauft hat?“ „Schöne Worte, Geſchenke und einige hundert Ton⸗ nen Wein.“ „Wein!“ rief der Herzog,„habt Ihr je ſolches ge⸗ hört, Herr Philipſon 2. Traun, Eure Landsleute ſind nicht viel beſſer als Eſau, der ſein Erſtgeburtsrecht verkaufte um ein Linſengericht. Ich muß geſtehen, ich habe noch keinen Engländer geſehen, der mit trockenen Lippen einen Handel abgeſchloſſen hätte.“ „Ich kann dieſe Nachricht kaum glauben,“ ſprach der Graf.„»Wenn ſich auch Eduard dazu verſtände, mit ſeinen 50,000 Engländern unverrichteter Dinge wieder umzukehren, ſo ſind in ſeinem Lager ſtolze Edle und muthige Krieger genug, um ſich dieſem ſchimpflichen Vorhaben zu widerſetzen.“ „Ludwigs Geld,“ antwortete der Kanzler,„hat zu edeln Händen ſeinen Weg gefunden, und der franzöſiſche Wein den engliſchen Soldaten die Kehle verſtopft; der Lärmen und die Unordnung waren gränzenlos, und einmal war Amiens, wo Ludwig ſelbſt ſein Hoflager hielt, ſo überfüllt von trunkenen engliſchen Bogen⸗ ſchützen, daß die Perſon des Königs von Fraubreich beinahe in ihrer Gewalt war. Ihr Nationalſtolz ging — 63 im Weine unter, und die, welche ſich noch halten und die klugen Politiker ſpielen wollten, ſagen, da ſie im Einverſtändniß mit dem Herzog von Burgund nach Frankreich gekommen ſeyen, und dieſer mit ſeinen Truppen nicht zu ihnen geſtoßen wäre, ſo ſey es in Betracht der Jahrszeit und der Unmöglichkeit, Winter⸗ quartiere zu bekvmmen, der Klugheit am angemeſſeu⸗ ſten, ſich von Frankreich eine Kriegsſteuer zahlen zu laſſen, und ſiegreich nach Hauſe zurückzukehren.“ in „Und Ludwig,“ fiel Oxford ein,„in Stand zu ſetzen, Burgund ungeſtört mit ſeiner ganzen Macht anzu⸗ greifen!“. „Das nicht, Freund Philipſon,“ erwiederte Karl; „wißt, daß zwiſchen Burgund und Frankreich ein Waf⸗ fenſtillſtand auf die Dauer von ſieben Jahren abge⸗ ſchloſſen iſt, und wäre dieſer Vertrag nicht beſiegelt, ſo hätten wir wahrſcheinlich Mittel ſinden können, die Uebereinkunft zwiſchen Ludwig und Eduard zu ſtören, wenn wir auch das gefräßige Inſelvolk den Winter durch auf unſere Koſten mit Fleiſch und Bier hätten verſorgen müſſen.— Ihr könnt uns nun verlaſſen, Herr Kanzler, aber bleibt in der Nähe, damit Ihr ſo⸗ gleich erſcheinen könnt, wenn man Euch ruft.“ Nachdem der Kanzler das Zelt verlaſſen hatte, trat der Herzog, der mit ſeinem rauhen, heftigen Weſen viele Güte und angebornen Edelmuth verband, auf den Grafen zu, der da ſtand, als wäre ein Blitz vor ſeinen Füßen niedergefahren. „Armer Graf, Ihr ſeyd beſtürzt über dieſe Nachricht, 64 die einen verderblichen Einfluß auf den Plan haben muß, den Ihr ſo treu im Herzen bewahrt. Ich wollte um Enretwillen, ich hätte die Engländer etwas länger in Fraukreich aufhalten können, aber hätte ich dieß verſucht, ſo wäre der Waffenſtillſtand mit Ludwig auf⸗ gehoben, und ich natürlich außer Stand geſetzt worden, die Schweizer zu züchtigen, und eine Ausrüſtung nach England zu ſenden. So wie die Sachen jetzt ſtehen, gebt mir nur eine Woche, um die Aelpler zu ſtrafen, und dann ſoll Euch eine ſtärkere Truppenmacht zu Eurer Unternehmung zu Gebot ſtehen, als Eure Be⸗ ſcheidenheit Euch fordern ließ. Unterdeſſen will ich ſorgen, daß Blackburn mit ſeinen Schützen von Flan⸗ dern kein Transportſchiff erhält. Ermuthigt Euch— Ihr ſollt lange vor ihnen in England ſeyn; noch ein⸗ mal, verlaßt Euch auf meine Hülfe— natürlich muß die Abtretung der Provence zuerſt in Richtigkeit gebracht ſeyn. Die Diamanten unſerer Baſe Margarethe müf⸗ ſen uns einige Zeit bleiben, und vielleicht werden ſie mit einigen der unſerigen dazu dienen, die gefangenen Goldfüchſe unſerer flandriſchen Wucherer zu befreien, die ſelbſt ihrem Fürſten nur gegen hinlängliche Sicher⸗ heit borgen.“ „Ach, edler Herr,“ verſetzte niedergeſchlagen der Graf, „es wäre undaukbar, wenn ich an der Redlichkeit En⸗ rer Abſichten zweifeln wollte. Aber wer kann die Wech⸗ ſelfälle des Krieges berechnen, beſonders wenn die Zeit zu augenblicklicher Entſcheidung drängt? Ihr habt mich mit Eurem Vertrauen beehrt, ſchenkt es mir in noch 65 höherem Maaße: ich will mich auf's Pferd werfen und dem Landammann nacheilen, wenn er bereits fort iſt; ich zweifle nicht, mit ihm dahin übereinkommen zu kön⸗ nen, daß Eure Gegner gegen Oſten und Süden ſicher ſind, dann könnt Ihr ungeſtört Eure Plane mit Lothrin⸗ gen und der Provence ausführen.“ „»Sprecht mir davon nicht,“ erwiederte der Herzog mit ſcharfem Tone;„Ihr vergeßt Euch und mich, wenn Ihr glaubt, daß ein Fürſt, der ſeinem Volke das Wort gegeben, es zurücknehmen könne, wie ein Krämer, der mit ſeinen Waaren marktet. Seyd ruhig, wir unter⸗ ſtützen Euch, aber wann und wie, das bleibe unſerer eigenen Einſicht überlaſſen. Doch da wir Antheil neh⸗ men an dem Schickſal unſerer unglücklichen Baſe, und Euer Freund ſind, ſo wollen wir nicht zögern. Unſer Heer hat Befehl, dieſen Abend noch gegen Neufchatel aufzubrechen, und dort ſollen die übermüthigen Schwei⸗ zer die Schärfe des Schwerts fühlen, das ſie aus der Scheide gelockt haben.“ Drford ſeufzte tief, ohne jedoch weitere Vorſtellungen zu verſuchen, was klug von ihm gehandelt war, weil er dadurch nur wahrſcheinlich Karl noch mehr gereizt hätte, und er gewiß ſeyn durfte, ihn nicht im minde⸗ ſten von ſeinem Entſchluſſe abbringen zu können. Er beurlaubte ſich daher beim Herzog, und kehrte zu Colvin zurück, den er mit den Anſtalten zur Abreiſe und zur Fortbringung des Geſchützes beſchäftigt fand, welche wegen der Unbeholfenheit der Stücke und der Schlech⸗ tigkeit der Wege damals ſehr ſchwierig war. Walter Scott's Werke. 1618 Boͤchen. 66—. Colvin empfieng ihn ſehr erfreut, wünſchte ſich Glück zu der ausgezeichneten Ehre, während des Feldzugs ſeine Geſellſchaft zu genießen, und ſagte ihm, daß er auf be⸗ ſondern Befehl des Herzogs die nöthigen Anſtalten ge⸗ troffen habe, daß es ihm an nicht gebreche, ohne daß er die angenvmmene Rolle niederzulegen brauchte. XXVIII. Ein heitrer Greis war er, des Alters Schnee Deckt ihm das Haupt, doch nicht durchkaͤltend. Selbſt an des Lebens Abend Frohſinn ſchuf Ihm eine Welt voll reicher Farben, 4 Der Sonne gleich, die mit dem letzten Strahl 1 Die eis'gen Gletſcher roſig uͤberhaucht. Altes Schauſpiel. 1 ingens, das von dem Heere des V drüherſchwemmt, und zugleich von hurzhſtreift wurde, die im Namen Vandemont, wie ſie vorgaben, kam Thiebault auch auf die Troubabours zu ſprech ein der Provenze eigenthümtiches Geſchlecht von Dich⸗ teru und weit verſchieden von den Minneſaͤngern der * 4 4 67 das Feld hielten, oder feſte Schlöſſer beſetzten,, machte das Reiſen ſo gefährlich, daß man oft von der Straße abtenken, und Umwege machen mußte, um unerfreuli⸗ cher Begegnung auszuweichen. 20 Hnha Arthur hatte durch traurige Erfahrungen gelernt, fremden Wegweiſern nicht zu trauen, fand ſich jedoch in Verfolg der gefährlichen Reiſe beſtimmt ſeinen jetzi⸗ gen Führer Thiébault mit mehr Vertrauen zu behan⸗ deln. Er war ein geborner Provengale, mit den We⸗ gen, die ſie nahmen, genau bekannt, und ſo viel Arthur bemerken konnte, treu in Dienſten. Kluge Vorſicht, durch ſeine Reiſen erworben, und die Rolle als Kauf⸗ mann, die er immer noch beibehielt, beſtimmten ihn, das ſtolze Weſen abzulegen, das Ritter und Edle ſonſt gegen Perſonen niedrigen Rangs zeigten, beſonders da er mit Recht vermuthete, daß vertraulicher Umgang mit dieſem Manne, der höhere Talente zu beſitzen ſchien, ihn in Stand ſetzen konnte, zu erforſchen, wie er gegen ihn geſinnt ſey. Auf dieſe Art wurde er auch näher mit der Provinz bekannt, der ſie ſich näherten, Thie⸗ bault wußte nicht blos den Namen und die Geſchichte der Schlöſſer zu erzählen, an denen ſte vorüber kamen, ſondern auch die edlen Ritter und Barone zu nennen, denen ſie gehörten, oder die ſle früher beſeſſen hatten, und ihre Thaten gegen die Sarazenen am heiligen Grabe aufzuführen. Im Verlaufe ſolcher Erzählungen ubadours zu ſprechen, 5 68 Normandie und der angränzenden Provinzen Frankreichs mit deren Liedern und Erzählungen Arthur, wie die meiſten edlen Jünglinge ſeines Landes, durch die zahl⸗ reichen Ueberſetzungen ihrer Werke völlig bekannt war. Thiébault waynſtolz darauf, daß ſein Größdater, zwar niedrig von Geburt, aber ausgezeichnet durch Geiſtes⸗ gaben zu dieſen begeiſterten Sängern gehört hatte, de⸗ ren onmauf die Sitten ihrer Zeit und ihres Landes ſo großen Einfluß übten. Dabei war jedoch zu bedau⸗ ern, daß die Dichtungen der Troubadonrs, indem ſie einen ſchwärmeriſchen Geiſt der Galanterie als die erſte Pflicht des Lebens einſchärften, nur zu oft dazu dien⸗ ten, das Herz zu verweichlichen und zu verführen. Auf das Letztere wurde Arthurs Aufmerkſambeit durch ein Lied hingeleitet, das Thiébault ſang, und das einen Troubadour, Wilhelm Gabeſtaing, zum Gegenſtand hatte der eine ſchöne Edelfrau, Margarethe, die Gemahlin des Baron Raimund von Rouſſillon, liebte. Der ei⸗ ferſüchtige Gatte erhielt Beweiſe ſeiner Schande, und nachdem er Gabeſtaing ermordet, rieß er ihm das Herz aus, ließ es zu bereiten, ſeiner Gemahlin auf⸗ tragen, und ſagte ihr nachher, was ſie gegeſſen. Sie erwiederte, da ſie ſo koſtbare Speiſe zu ſich genommen, ſo ſolle keine gröbere Nahrung mehr über ihre Lippen kommen, beharrte auf ihrem Entſchluſſe, und ſtarb ſo den Hungertod. Der Troubadour, der dieſe tragiſche Geſchichte verherrlichte, hatte in ſeiner Dichtung viele Kunſt entfaltet, gleitete über die Verirrung der Lieben⸗ den, als über ein unabwendbares Geſchick, weg, ſchil⸗ 91 1ℳ 69 dn. 1 3 derte mit rührenden Farben ihr trauriges Schickſal, und erzählte, die blinde Wuth des Gatten mit dichteriſchem Feuer verwünſchend, wie die kühnen Ritter des ſüdlichen Frankreichs des Barons Schloß erſtürmt, den Grau⸗ ſamen getödtet, und keinen Stein auf dem andern ge⸗ laſſen haben. Nicht ohne Theilnahme hörte Arthur dieſe tragiſche Geſchichte erzählen, die ihm ſogar einige Thrä⸗ nen entlockte, aber derſelben weiter nachdenkend, trock⸗ nete er ſich die Augen und ſagte, nicht ohne Strenge in ſeinem Ton:„Singt mir keine ſolche Lieder mehr, Thisbaultz ich habe meinen Bater ſagen gehört, nichts ſey geeigneter den chriſtlichen Sinn zu verderben, als dem Laſter das Mitleid zollen, das nur der Tugend gebührt. Der Baron Raimund iſt ein Ungeheuer, aber die Schuld der unglücklichen Liebenden war nicht min⸗ der groß. Indem man ſchlechten Handlungen ſchöne Namen gibt, werden diejenigen, die vor dem nackten Laſter zurückſchauderten, verführt, ſte unter der Larve der Tugend zu üben.“ 12 Dn es 24 »Ich bitte Euch, zu beachten, Signor;“ erwiederte Thiébault,„daß dieſes Lied fuͤr ein Meiſterwerk der froͤhlichen Kunſt gilt. Pfui, Ihr ſeyd noch zu jung, um ein ſo ſtrenger Sittenrichter zu ſeyn. Was wer⸗ det Ihr thun, wenn Ihr einmal graue Haare habt, daehe jetzt ſchon ſo ſtreng ſeyd, wo ſie kaum braun ind?“. and ils biſt 829 „Ein Haupt, das in der Jugend Thorheit anhort, verdient ſelten Achtung im Alter,“ entgeg nete Arthur. »Ich will nicht daruͤber mit Euch ſtreiten, Sig⸗ 70 nor,“ verſetzte Thisbault,„ich meine nur, wie jeder wahre Sohn des Ritterthums und Sangs, daß ein Ritter ohne Lieb dem Firmament gleicht ohne Sterne.“ »Wohl weiß ich das,« erwiederte Arthur,„aber beſſer iſts im Dunkel zu bleiben, als einem truͤgeri⸗ ſchen Lichte zu folgen, das in des Laſters Abgrund fuͤhrt.« »„Ihr moͤgt Recht haben, Herr,“ antwortete ſein Führer.„Es iſt wahr, daß wir, ſelbſt hier in der Provence, uͤber Sachen der Minne, ihre Schwierig⸗ keiten und Verwirrungen nicht mehr ſo gut zu ent⸗ ſcheiden wiſſen, ſeit die Troubadour's nicht mehr ſo geachtet ſind, wie ſonſt, und der Minnehof auf⸗ gehoͤrt hat, feine Sitzungen zu halten. Aber ſeit einiger Zeit ſind Koͤnige und Herzoge, ſtatt die er⸗ ſten und treuſten Vaſallen der Minne zu feyn, Scla⸗ ven der Selbſtſucht geworden. Statt durch Lanzen⸗ brechen in den Schranken die Herzen zu gewinnen, brechen ſie ſie durch die grauſamſten Bedruͤckungen, ſtatt die Gunſt der Frauen zu gewinnen, und ein Lächeln von ihnen fuͤr ſuͤßen Lohn zu halten, ſinnen ſie darauf, wie ſie ihren Nachbarn Schloͤſſer, Staͤdte und Provinzen entreißen moͤgen. Aber hoch lebe der gute, ehrwuͤrdige Koͤnig René! So lange ihm nur ein Morgen Landes bleibt, werden tapfere Rit⸗ ter an ſeinem Hofe ſich verſammeln, die nur nach Waffenruhm ſtreben, treue Liebende, vom Geſchick verfolgt, und Saͤnger und Harfenſpieler, welche Liebe und Tapferkeit zu verherrlichen wiſſen.“ 1 71 Arthur, der naͤher uͤber dieſen Fuͤrſten unterrich⸗ tet zu ſeyn wuͤnſchte, vermochte den geſpraͤchigen Pro⸗ vengalen leicht, ſich über den Charakter ſeines Lan⸗ desherrn zu verbreiten, den er als gerecht, mild und freigebig, und als großen Freund der Jagd, noch mehr aber der Dichtkunſt und Muſik bezeichnete, der, mehr als ſeine Einkuͤnfte betragen, an fahrende Rit⸗ ter und wandernde Muſikbanden verſchenke, deren ſich an ſeinem kleinen gaſtlichen Hofe immer eine Menge einfinden. 1 1 Von koͤniglichem Blute entſproſſen, hatte René zu keiner Zeit ſeine Anſpruͤche an das Leben guͤltig zu machen gewußt Von den Reichen, an die er ein Recht hatte, war ihm nur die Grafſchaft Pro⸗ vence geblieben, ein ſchoͤnes freundliches Land, aber bedeutend geſchmaͤlert, indem theils Frankreich durch Geldvorſchuͤſſe Anſpruͤche an verſchiedene Theile des Gebiets erworben hatte, theils der Herzog von Bur⸗ gund, der René zum Gefangenen gemacht hatte, zum Unterpfand fuͤr das Loͤſegeld mehrere Staͤdte beſetzt hielt. In ſeiner Jugend hatte er mehrere Kriegs⸗ zuͤge unternommen, in der Hoffnung, einen Theils des Gebiets, deſſen Herr er hieß, wieder zu erobern, allein das Gluͤck laͤchelte ihm nicht, und wie es ſcheint, ſah er zuletzt ein, daß die Gabe, kriegeri⸗ ſches Verdienſt bewundernd zu verherrlichen, weit entfernt iſt von dem wirklichen Beſitz jener Eigen⸗ ſchaft. René war ein Fuͤrſt von ſehr mittelmaͤßigem Verſtande, aber ein leidenſchaftlicher Liebhaber der 72 ſchoͤnen Künſte, und beſaß eine ruhige Gutmuͤthig⸗ keit, die ihn nie gegen das Geſchick klagen ließ, wo ein Anderer von lebhafterem Sinne in Verzweiflung geſtorben waͤre. Dieſes ſanfte, frohe, unbekuͤmmerte Temperament erhielt René frei von den Leidenſchaß ten, die das Leben verbittern, und verſchaffte ihm ein geſundes, heiteres Alter. Selbſt der Verluſt von Gliedern ſeiner Familie, der oft Maͤnner nie⸗ derſchmettert, welche gegen alle andere Schlaͤge des Schickſals Stand gehalten haben, machten keinen tiefen Eindruck auf ſein Gemuͤth. Die meiſten ſei⸗ ner Kinder ſtarben fruͤhe, ohne daß er es ſich ſehr zu Herzen genommen haͤtte. Die Vermaͤhlung ſeiner Tochter Margarethe mit dem maͤchtigen Heinrich von England galt fuͤr eine Verbindung, welche die Hoff⸗ nung des Koͤnigs der Troubadours weit uͤberſtieg, aber, ſtatt daß davon ein Glanz auf ihn zuruͤckge⸗ ſtrahlt waͤre, wurde er in das Ungluͤck ſeiner Toch⸗ ter verwickelt, und mehreremale genoͤthigt, ſich zu entbloͤßen, um das Loͤſegeld fuͤr ſie zu zahlen. Es mag ſeyn, daß dem Greiſen dieſe Verluſte nicht ſo ſchwer fielen, als die Nothwendigkeit, Margarethen an ſeinen Hof gufzunehmen. Erbittert uͤber den Ver⸗ luſt ihrer Reiche und Freunde paßte die ſtolze, lei⸗ das Hoflager des heite⸗ „ deſſen Neigungen ihr ſeinen leichten Sinn der in ſo kleinlichter Beſchaͤf⸗ denſchaftliche Frau nicht an ren, gutmuͤthigen Monarchen veraͤchtlich waren, und dem ſie nicht verzeihen konnte, tigung Troſt fand. 73 Ein anderer Umſtand war ihm noch unangenehmer, Yolande, eine Tochter von ſeiner erſten Gemahlin Iſa⸗ bella, hatte ihre Anſprüche an das Herzogthum Lothrin⸗ gen auf ihren Sohn Ferrand, Graf von Vaudemont übertragen,— ein feuriger, muthiger Jüngling, der gerade mit dem, wie es ſchien, verzweifelten Unter⸗ nehmen umging, ſeine Anſprüche gegen den Herzog von Burgund zu behaupten, der mit wenigerem Recht, aber größerer Macht das reiche Herzogthum beſetzte, welches er als Mannslehen zurückforderte. Dabei wußte der unglückliche René, daß ſein Neffe, Ludwig von Frankreich, und ſein Vetter, der Herzog von Burgund, um den Theil der Provence, der noch in ſeinem Beſitze war, insgeheim ſich ſtritten, und er es nur ihrer Ei⸗ ferſucht auf einander zu danken hatte, daß ihm nicht auch dieſes letzte Ueberbleibſel ſeines Gebiets entriſſen wurde. Bei all dieſem Unglücke jedoch gab Renèé Feſt⸗ mahle, tanzte, ſang, dichtete, zeichnete und malte mit einer nicht gewöhnlichen Geſchicklichkeit, und ſuch⸗ te, ſo viel er vermochte, Frohſinn und heitere Laune unter ſeinen Unterthanen zu erhalten, weil er ihnen keinen dauernden Wohlſtand ſichern konnte. Daher nannte man ihn nie anders, als den guten König René,— ein Name, der ſich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, und auf den er ſich durch die Eigen⸗ ſchaften ſeines Herzens, wenn auch nicht durch die ſei⸗ nes Geiſtes, ein Recht erwarb. Während Arthur von ſeinem Führer mit René's Charakter bekannt gemacht wurde, kamen ſie über die 74 Grenzen ſeines Gebietes. Es war ſpät im Herbſte, und gerade in der Zeit, wo die ſüdöſtlichen Gegenden Frankreichs ſich am wenigſten vortheilhaft darſtellen. Das Laubwerk der Olivenbäume iſt dann verwelkt, und da ſie hier die vorherrſchenden ſind, und dem verbraun⸗ ten Boden ſelbſt an Farbe gleichen, ſo erhält die Land⸗ ſchaft dadurch ein mattes, dürres Anſehen. Doch gab es in bergigten Gegenden, wo viele grüne Bäume ſtan⸗ den, einzelne Strecken, die angenehmer ins Auge fielen; im Allgemeinen aber bot die Landſchaft einen eigen⸗ thümlichen Anblick dar.— Ueberall fanden die Reiſenden Spuren von des Kö⸗ nigs beſonderem Charakter. In der Provence, als dem⸗ jenigen Theile Galliens, der zuerſt von den Römern Geſittung erhielt, und noch länger der Sitz der grie⸗ chiſchen Niederlaſſung war, welche Marſeille gründete, zeigen ſich noch mehr Ueberreſte der Baukunſt des Al⸗ terthums, als— Italien und Griechenland ausgenom⸗ men,— in jedem andern Lande Europa's. Von ſeinem guten Geſchmacke geleitet, hatte René verſchiedene An⸗ ordnungen zur Erhaltung dieſer Denkmäler des Alter⸗ thums getroffen. Von den Triumphbogen und Tempeln ließ er die armſeligen Hütten, die in der Nähe ange⸗ baut waren, wegräumen, marmorne Brunnen mit Oli⸗ ven⸗ und Orangebäumen umgeben, und auch die Am⸗ phitheater mit ihren rieſigen Säulen dem Verfalle zu entreiſſen, ließ er ſich eine angelegentliche Sorge ſeyn. Auch eine Veränderung der Sitten war beim Ein⸗ tritt von Burgund und Lothringen her, wo im geſelli⸗ 7⁵ gen Verkehr noch deutſche Derbheit ſich ausſprach, in die Provence, zu bemerken, wo der Einfluß eines hei⸗ tern Klimas und einer wohllautenden Sprache, in Ver⸗ bindung mit dem romantiſchen Geſchmack des greiſen Herrſchers und dem allgemein verbreiteten Sinn für Muſik und Dichtkunſt eine Verfeinerung der Sikten herbeigeführt hatte, die an Ziererei gränzte. Was aber Arthur am meiſten auffiel war, daß er in dieſem fried⸗ lichen Lande nirgends bewaffnete Männer und Krieger erblickte. In England ging Niemand aus ohne Bogen, Schwert und Schild; in Frankreich trugen ſelbſt die Ackerknechte beim Pflügen eine Rüſtung; in Deutſch⸗ land konnte man keine Stunde Wegs gehen, ohne daß man Staubwolken aufſteigen, und wallende Büſche und blitzende Waffen daraus hervorblinken ſah. Selbſt in der Schweiz trug der Landmann, wenn er nur einige Stunden Wegs zu machen hatte, immer ſeine Helle⸗ barde und ſein zweihändiges Schwert. Aber in der Provence ſchien Alles ruhig und friedlich, als wäre die Wuth der Leidenſchaften vor den fröhlichen Weiſen ver⸗ ſtummt, die überall durch das Land ertönten. Hin und wieder zog ein Reiter die Straße, den die Harfe am Sattel, oder von einem Diener getragen, als Trou⸗ badour bezeichnete, und das kurze Schwert, das ihm an der Seite hing, diente mehr zum Schmuck als zum Gebrauche. „Der Frieden,“ ſprach Arthur um ſich blickend,„iſt ein unſchätzbares Gut; aber leicht wird es denen ent⸗ riſſen, die nicht mit gerüſtet ſind.« Der Anblick der alten, merkwürdigen Stadt Aix, wo König Rens ſein Hoflager hielt, lenkte Arthur's Aufmerkſamkeit von ſeinen allgemeinen Betrachtungen auf die beſondere Sendung, mit der er beauftragt war. Er fragte Thiébault, ob er Befehl habe, ihn jetzt zu verlaſſen, wo er glücklich an's Ziel ſeiner Reiſe gelangt ſey. „Ich bin angewieſen,“ war deſſen Antwort,„in Aix zu bleiben, ſo lange Euer Aufenthalt dort dauert, und die Männer hier in Bereitſchaft zu halten, daß Ihr ſie als Boten oder zum Geleite brauchen könnt, wenn's nöthig iſt. Wenn Ihr's erlaubt, ſo will ich eine Her⸗ berge für ſie beſorgen, und dann an einem Ort, den Ihr beſtimmen mögt, mich wieder einfinden, um Eure weiteren Befehle zu vernehmen. Ich will mich für dieſe Zeit bei Euch beurlauben, weil ich ſehe, daß Ihr allein zu ſeyn wünſchet.“— „Ich muß unverzüglich an Hof gehen,“ verſetzte Ar⸗ thur.„Wartet in einer halben Stunde bei dem Brun⸗ nen dort auf mich, von dem ein Waſſerſtrahl, in Dampf gehüllt, in die Höhe ſpringt.« »Der Dampf,“ erwiederte der Provencale,„rührt daher, daß es eine warme Quelle iſt, und der kalte Herbſtmorgen macht den Dunſt ſichtbarer, als gewöhn⸗ lich.— Sucht Ihr aber den guten König René, ſo findet Ihr ihn jetzt in ſeinem Kamine luſtwandelnd. Ihr dürft ihm ohne Furcht nahen, er iſt ein gütiger, 76 1 Herz und Arm es zu vertheidigen 77 freundlicher Herr, beſonders gegen ſchmucke Fremde wie Ihr, Signor.« Inh Jehün „Aber ſeine Diener,“ warf Arthur ein,„werden mich nicht in den Saal einlaſſen.“ 8 at »„In den Saal!« wiederholte Thiébault,— vwelchen Saal?« 66 „König René's, mein ich. Wenn er in einem Ka⸗ mine ſich ergeht, ſo kann es nur in dem ſeines Saales geſchehen, und ein ſtattlicher Kamin muß es ſeyn, daß er dazu Raum darin hat.“ „Ihr habt mich nicht verſtanden,“ fuhr jener lachend fort.„Was wir König René's Kamin nennen, iſt die ſchmale Bruſtwehr dort; ſie läuft zwiſchen den beiden. Thürmen hin„ und iſt gegen Süden frei, auf den übri⸗ gen Seiten aber geſchützt. Dort luſtwandelt er gerne an kühlen Morgen, wie der heutige, und ſonnt ſich; ſeine poetiſche Ader werde dadurch genährt, ſagt er. Wenn Ihr ihm Euch nähert, ſo wird er gerne mit Euch ſprechen, wenn er nicht gerade mit einer Dich⸗ tung beſchäftigt iſt.“ Arthur konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, wenn er ſich den achtzigjährigen König dachte, der, von Unglück gebeugt und von Gefahren umlagert, auf einer offenen Bruſtwehr ſich erging, und im Angeſichte ſei⸗ ner Unterthanen zu dichten vermochte. „Wenn Ihr hier einige Schritte weiter geht,“ ſagte Thiébault,„ſo könnt Ihr den König ſehen, und ab⸗ nehmen, ob Ihr ihm jetzt gelegen kommt, oder nicht. v 78 Ich will unſere Leute unterbringen, und bei dem Brun⸗ nen auf dem Corſo Eurer Befehle gewärtig ſeyn.“ Arthur fand gegen dieſen Vorſchlag nichts einzuwen⸗ den, und freute ſich der Gelegenheit, Rensée ſehen zu können, ehe er noch vor ihm erſchiene. 9 XXIX. Ja, er iſt es, mit dem Lorbeerkranz, Apollo's und des Schweſternbundes Werk, Von Jovis Blitzen unverſengt. Er hat— Von ſich gelegt den ſchweren Helm von Stahl, Mit dem noch laͤſtigeren Diadem;. Und mit dem laub'gen Kranz die Stirn geſchmnuͤckt, ne Iſt er der Minne und des Sanges Fuͤrſt. Vorſichtig dem ſogenannten Kamine oder Lieblings⸗ ſpaziergang des Königs ſich nähernd, konnte Arthur ſeine Perſon genau betrachten. Er ſah einen alten Mann mit weißen Locken und langem Bart, aber ſeine Wangen trugen eine friſche, rothe Farbe, und ſein Au⸗ soge war ſehr belebt. Sein Anzug war prachtvoll, und ſchien für ſeine Jahre beinahe nicht mehr zu paſſen, und in ſeinem Gange, der nicht nur feſt, ſondern auch rüſtig war, ſprach ſich, während er den kurzen, bedeckten Weg durchſchritt, jugendliche Kraft aus, die anoch in dem Greiſe lebte. Er⸗ trug ſeine Schreibtafel und einen Griffel in der Hand, und ſchien, ganz in mGedanken verloren, nicht zu wiſſen, daß mehrere Per⸗ ſonen von der Straße unten ihn beobachteten. 79 Von dieſen ſchienen Einige, aus ihrer Tracht und Weiſe zu ſchließen, gleichfalls Troubadours zu ſeyn, deun in der Hand hielten ſie Leyern verſchiedener Art, kleine Harfen, und Andeves, was ihre Kunſt verrieth. Sie hatten ſich hier aufgeſtellt, und ſchienen ihren Für⸗ ſten zu beobachten und ſich ihre Bemerkungen über ſein Sinnen aufzuzeichnen. Andere Vorübergehende, die ernſtere Geſchäfte hatten, ſahen zum König als zu einer alltäglichen Erſcheinung auf, nahmen aber jedesmal die Mützen ab, und drückten durch geziemende Verbeu⸗ gung Achtung und Anhänglichkeit an ſeine Perſon aus, welche durch Herzlichkeit zu erſetzen ſchien, was ihr an Unterwürfigkeit abging. René nahm indeſſen nicht wahr, daß die 2 welche ſtehen blieben, ihn beobachteten, noch bemerkte er den Gruß der Vorübergehenden, ſondern ſein Geiſt ſchien völlig damit beſchäftigt, ein ſchwieriges Werke in Dichtkunſt oder Muſik zu Tage zu bringen. Er ging ſchnell oder langſam, wie es der Verlauf der Dich⸗ tung mit ſich brachte; manchmal blieb er ſtehen, um Chnell in ſeine Schreibtafel etwas zu⸗ bemerken, was ihm des Aufzeichnens werth ſchien; oft verlöſchte er wieder, was er geſchrieben hatte, und warf den Grif⸗ fel, wie in Verzweiflung, weg. Ein ſchöner Edel⸗ knabe, ſein einziger Diener, hob ihn dann wieder auf, und nahm ehrerbietig die erſte ſchickliche Gele⸗ genheit wahr, ihn dem König wieder zu veichen Er trug eine Fiedel, auf welcher er, auf ein Zeichen von ſeinem Gedieter, hin und wieder einige Accorde ſpielte, 3 30 welche der Greis bald mit ruhiger, freundlicher Miene, bald mit finſterer Stirn anhörte. Einige Male wurde er ſo ſehr begeiſtert, daß er hüpfte und tanzte mit ei⸗ ner Rüſtigkeit, welche ſeine Jahre nicht erwarten lie⸗ ßen; dann waren ſeine Bewegungen wieder äußerſt langſam, und er blieb in tiefes, ernſtes Sinnen verlo⸗ ren ſtehen. Fiel ſein Blick zufällig auf die Gruppe, die ihn beobachtete, und ihn ſogar mit einem Murmeln des Beifalls zu begrüßen wagte, ſo nickte er ihr nur wohlwollend und freundlich zu, und ebenſo erwiederte er die Begrüßung der Vorübergehenden, wenn ſeine Arbeit ihm geſtattete, ſie zu bemerken. Endlich fiel des Königs Blick auf Arthur, den ſeine ſtill beobachtende Stellung und ſeine hervorſtechenden Züge als Fremden bezeichneten. René winkte ſeinem Pagen, der, nachdem er leiſe die Befehle ſeines Ge⸗ bieters empfangen, von der Bruſtwehr auf die breitere Bettung unten, die für Jedermann zugänglich war, hinabeilte, und Arthur höflich ſich nähernd, dieſen von des Königs Wunſch, ihn zu ſprechen, unterrichtete. Dem jungen Britten blieb nichts Anderes übrig, als dieſer Aufforderung Genüge zu leiſten und im Gehen zu er⸗ wägen, wie er gegen einen Fürſten von ſo ganz eigen⸗ thümlicher Art ſich nehmen ſollte. Als er vor den König trat, redete ihn dieſer mit höflichem Tone, aber nicht ohne Würde, an, und Ar⸗ thur fühlte ſich in ſeiner Gegenwart mehr von Ach⸗ tung durchdrungen, als ihm die Vorſtellung von ſeinem Chaxrakter eingeflößt hatte. 1 81 „»Euer Aeußeres, ſchöner Herr,“ pob René an,„ver⸗ räth, daß Ihr ein Fremdling ſeyd in dieſem Lande Welchen Namen führt Ihr, und welchem Geſchäft dan⸗ ken wir das Vergnügen, Euch an unſerem Hofe zu ſehen 24 8 7 3. Arthur antwortete nicht ſogleich, und der gute Alte fuhr, blöder Furchtſamkeit dieß zuſchreibend, in ermu⸗ thigendem Tone fort:„Beſcheidenheit ſteht der Jugend wohl an; Ihr ſeyd wohl ein Neuling in der edeln, heitern Wiſſenſchaft des Geſangs und Saitenſpiels, hieher gelockt durch die günſtige Aufnahme, welche die Jünger dieſer Künſte bei mir finden, in welchen wir, gedankt ſey's der heiligen Jungfrau, nicht unbedeutende Fortſchritte, wie man uns ſagt, gemacht haben.« »Ich habe keinen Anſpruch an die Ehre, ein Trou⸗ badour zu ſeyn,“ antwortete Arthur. »„Ich glaub' es Euch,“ verſetzte der König;„denn Eure Sprache klingt normänniſch⸗franzöſtſch, wie es in England und bei andern Völkern geſprochen wird, wo ſich der Geſchmack noch nicht verfeinert hat. Doch Ihr ſeyd vielleicht ein Barde aus dem Lande jenſeits der Alpen. Seyd verſichert, daß wir ihre Leiſtungen nicht verachten, denn mit Vergnügen und zu unſerer Belehrung haben wir manche ihrer kühnen, wilden Romanzen vernommen, die, wenn auch roh in Erfin⸗ dung und Sprache und daher weit unter den zierlichen Dichtungen unſerer Troubadours, doch in ihren kräf⸗ tigen Weiſen etwas haben, das hin und wieder das Herz anregt, wie Trompetenklang.“ Walter Scott's Werke. 1618 Boͤchn. 6 8² „Ich habe die Wahrheit von Euer Hoheit Bemer⸗ kung gefühlt, da ich die Lieder meiner Heimath hörte,“ ſagte Arthur,„aber mir gebricht es an Geſchicklichkeit, wie an Muth, nachzuahmen, was ich bewundere. Ich komme aus Italien her.“ „So ſeyd Ihr vielleicht ein Maler,“ fuhr Renè fort, „eine Kunſt, die ſich ans Auge wendet, wie Dichtung und Muſik ans Ohr, und bei uns faſt ebenſo in Ach⸗ tung ſteht. Seyd Ihr ein Meiſter der Kunſt, ſo ſeyd Ihr zu einem Fürſten gekommen, der ſie liebt, wie das ſchöne Land, in der ſie geübt wird.“ „Mit einem Worte, Sir, ich bin ein Engländer und meine Hand iſt zu hart geworden durch Führung des Schwerts und der Lanze, als daß ich die Harfe ſpielen oder den Pinſel führen könnte.“ „Ein Engländer?“ fragte René mit auffallend käl⸗ terem Tone,„und was führt Euch hieher? England und ich ſtehen ſchon lange nicht in freundſchaftlichem Vernehmen.“ „Eben darum bin ich hier,“ verſetzte Arthur,„ich komme, Euer Hoheit Tochter, der Prinzeſſin Marga⸗ rethe von Anjou, meine Huldigung zu bringen, die ich und viele Britten noch als unſere Königin achten, wenn auch Verräther ihr dieſen Titel entriſſen haben.“ „Ach, guter Jüngling,“ erwiederte René,„ich muß Euch bedauern, ſo ſehr ich Eure Treue und Anhäng⸗ lichkeit ehre. Wäre Margarethe meinem Rathe ge⸗ folgt, ſo hätte ſie lange ſchon Anſprüche aufgegeben, 83 welche die Edelſten und Tapferſten ihrer Anhänger in Tod und Verderben geſtürzt haben.“ Er ſchien noch mehr ſagen zu wollen, hielt aber inne; nach einer Pauſe fuhr er fort:„Geh' in meinen Pal⸗ laſt und frage nach dem Seneſchall, Hugo von Saint⸗ Cyr, er wird Dich zu Margarethen führen, wenn es ihr Wille iſt, Dich zu ſehen. Im andern Falle komm⸗ in meinen Pallaſt zurück, guter Jüngling, und Du ſollſt gaſtlich bewirthet werden, denn ein König, der Dicht⸗ kunſt, Muſik und Malerei liebt, achtet immer auch Ehre, Tugend und Treue, und ich leſe es in Deinem Geſichte, daß Du dieſe Eigenſchaften beſitzeſt, und glaube gerne, daß Du in friedlicherer Zeit zur Meiſter⸗ ſchaft in der heiteren Wiſſenſchaft gelangen kannſt. Wenn aber Dein Herz dem Schönheitsſinne nicht ver⸗ ſchloſſen iſt, ſo wird es hüpfen in Dir beim Anblick meines Pallaſtes, deſſen majeſtätiſche Pracht einer feh⸗ lerloſen Frauengeſtalt oder den künſtlichen und doch einfach ſcheinenden Weiſen, die wir eben gedichtet, zu vergleichen iſt.“. Er ſchien Willens, zur Harfe zu greifen und das Lied, das er gedichtet, zu ſpielen, aber Arthur empfand das peinliche Gefühl der Schaam, das den Gutherzigen ergreift, wenn er Andere, im Glauben, ſie erregen Bewunderung, während ſie ſich doch lächerlich machen, wichtig thun ſieht, und beurlaubte ſich daher ohne viele Umſtände von dem König von Neapel, den beiden Si⸗ zilien und von Jeruſalem. Dieſer ſah ihm, erſtaunt über dieſen Mangel an Lebensart, hach, ſchrieb ihn 84 jedoch der Erziehung des jungen Mannes in dem ab⸗ geſchloſſenen Inſellande zu und fuhr dann wieder fort zu ſpielen. „SDer alte Thor!“ ſprach Arthur bei ſich ſelbſt,„ſeine Tochter iſt entthront, ſeine Beſitzungen ſind zerſtückelt, ſein Stamm iſt dem Erlöſchen nahe, ſein Enkel wird von einem Zufluchtsort zum andern getrieben und des mütterlichen Erbes beraubt, und er kann Gefallen fin⸗ den an ſolchen Poſſen! Da ich ſeinen langen weißen Bart ſah, hielt ich ihn Nikolas Bonſtetten gleich, aber der ehrliche Schweizer iſt ein Salomo im Vergleich mit dieſem.“ 4 Unter dieſen Gedanken gelangte Arthur an den Platz, den er Thiébault zur Zuſammenkunft bezeichnet hatte, und fand dieſen bereits am Orte. Nachdem er ſeinen Herrn verſichert hatte, daß die Kriegsleute mit ihren Pferden untergebracht nnd jeden Augenblick ſeines Be⸗ fehls gewärtig ſeyen, führte er ihn an René's Pallaſt, der durch ſeine eigenthümliche, ſchöne Bauart das Lob verdiente, welches der König ihm geſpendet hatte. Die Vorderſeite beſtand aus drei Thürmen von römiſcher Bauart, von denen zwei die Erker des Pallaſtes bil⸗ deten, und der dritte als Mauſoleum von den übrigen Gebäuden abgeſondert war. Dieſer letztere war in den ſchönſten Verhältniſſen aufgeführt: der untere Theil, viereckigt gebaut, diente dem oberen gleichſam zum Fußgeſtelle, der ringförmig von maſſiven Granitſäulen umgeben war. Die beiden andern Thürme auf den Ecken waren rund und gleichfalls mit Säulen und einer 8⁵ doppelten Fenſterreihe geziert. Von dieſen Ueberreſten aus den Römerzeiten, deren Gründung eine angebrachke Aufſchrift ins fünfte Jahrhundert verlegte, und mit denſelben verbunden erhob ſich der alte Pallaſt der Grafen von der Provence, einige Jahrhunderte ſpäter in reichem gothiſchem Geſchmack aufgeführt, ohne daß dadurch die Einheit mit der regelmäßigeren Bauart der Herren der Welt geſtört worden wäre. Arthur empfand wirklich eine Anwandlung des Ge⸗ fühls, von dem der König geſprochen hatte, und be⸗ trachtete ſtaunend das immer offene Portal des Palla⸗ ſtes, in welchen Leute jeden Standes freien Zutritt zu haben ſchienen. Nachdem er einige Minuten geſchaut hatte, ſtieg er die Stufen zu dem Säulengang hinan, und fragte einen alten wohlbeleibten Thürſteher nach dem ihm vom König bezeichneten Seneſchall. Dieſer wieß den Fremden mit großer Höflichkeit an einen Edelknaben, welcher ihn in ein Zimmer führte, wo er einen älteren Kämmerling von höherem Range fand, mit einem freundlichen Geſichte, hellen, ruhigen Augen und einer Stirne, die, offen und heiter, verrieth, daß der Seneſchall ſich den Gleichmuth ſeines königlichen Herrn zu eigen gemacht hatte. Er kannte Arthur nach den erſten Worten, die dieſer an ihn richtete. „Ihr ſprecht das Normänniſch⸗Franzöſiſche, ſchöner Herr, habt ein helleres Haar und ein weißeres Geſicht, als die Eingevornen dieſes Landes, fragt nach der Kö⸗ nigin Margaretha— an allem dieſem erkenne ich den Engländer. Ihre Majeſtät befindet ſich gegenwärtig 86 kraft eines Gelübdes in dem Kloſter Monte⸗Sainte⸗ Victoire, und wenn Ihr Arthur Philipſon heißet, ſo habe ich den Auftrag, Euch auf der Stelle, das heißt, wenn Ihr gefrühſtückt habt, zu ihr zu führen.“ Arthur wollte Vorſtellungen machen, aber der Sene⸗ ſchall ließ ihm keine Zeit dazu, und ſagte:„Ein gutes Mahl hat nie geſchadet— es iſt ungeſund für junge Leute, mit leerem Magen einen weiten Weg zu ma⸗ chen; ich eſſe ſelbſt ein wenig mit Euch, und thue Euch Beſcheid mit einem Glaſe guten Weins.“ Mit einer Schnelligkeit, welche bewieß, wie ſehr Gaſtfreiheit hier geübt werde, war der Tiſch mit aus⸗ geſuchten Speiſen beſetzt, und der Seneſchall machte den fröhlichen Wirth unter vielfachen, jedoch unnöthi⸗ gen Entſchuldigungen, daß er ſelbſt nicht beſſer mit ſeinem Beiſpiele vorangehe, weil er an der königlichen Tafel vorzuſchneiden habe, und der König nicht ver⸗ gnügt ſey, als wenn er ihn wacker zugreifen ſehe. »Ihr aber, ſchöner Herr,« ſetzte er hinzu, veſſet nach Gefallen, weil Ihr vielleicht vor Abend nichts mehr zu ſpeiſen bekommt, denn die Königin nimmt ihr Un⸗ glück ſo zu Herzen, daß Seufzer ihre Nahrung ſind, und Thränen ihr Getränke, wie der Pſalmiſt ſagt. Doch Ihr werdet wohl Pferde nöthig haben für Euch und Eure Leute, um nach dem Kloſter zu kommen, das drei Stunden von Aix entfernt iſt?“ Arthur erwiederte, daß ein Führer zu Pferde ſeiner warte, und wollte ſich beurlauben; der Seneſchall aber, dem eine goldene Kette über den runden, wohlgenähr⸗ 87. ten Leib hing, begleitete ihn bis an das Thor, wo Thiébault mit friſchen Pferden aus dem Königlichen Marſtalle hielt. „Sie ſind Euer von dem Augenblicke an, wo Ihr den Fuß in den Steigbügel ſetzt,“ ſprach der Seneſchall, „der gute König René nimmt nie ein Pferd zurück, das er einem Gaſte geliehen, und dieß mag ein Grund ſeyn, warum Seine Majeſtät und wir von ſeinem Hof⸗ haushalt oft zu Fuße gehen müſſen.“ Mit dieſen Worten verabſchiedete er ſich von Arthur, der ſich nun auf den Weg machte, um die Königin Margarethe in dem berühmten Kloſter Monte⸗Sainte⸗ Victoire aufzuſuchen. Er fragte ſeinen Führer, in welcher Richtung dieſes liege, und dieſer wieß. mit triumphirender Miene auf einen über 3000 Fuß hohen Berg, der in der Ferne mit ſeiner kühn anſtrebenden, ſchroffen Spitze ſich erhob. Thiébault ſprach von dem⸗ ſelben mit ungewöhnlichem Feuer, wodurch Arthur auf den Glauben geführt wurde, daß ſein Begleiter nicht verſäumt habe, des Königs verſchwenderiſche Gaſtfreund⸗ ſchaft zu nützen. In langer Rede verbreitete er ſich über den Ruhm des Bergs und des Kloſters. Ihr Name, ſagte er, leite ſich von einem großen Siege her, den ein römiſcher Feldherr, Cajo Mario geheißen, über zwei große Heerhaufen Sarazenen mit welſchen Namen (wahrſcheinlich die CEimbern und Teutonen) erfochten, wofür derſelbe der heiligen Jungfrau zu Ehren ein Kloſter auf dem Berge zu bauen gelobt habe. „Dort,« fuhr er fort,„war das Lager der Sara⸗ v 88 zenen, aus welchem, als die Schlacht entſchieden war, ihre Weiber mit furchtbarem Geheul, fliegenden Haa⸗ ren und den Geberden des Wahnſinns hervorgeſtürzt ſeyen, und eine Zeitlang die Flucht der Männer auf⸗ gehalten haben.« Auch den Fluß zeigte er, zu welchem der römiſche Feldherr mit überlegener Taktik den Bar⸗ baren, welche er Sarazenen nannte, den Zugang abge⸗ ſchnitten hatte, und deſſen Wellen ſie mit ihrem Blute färbten. Als er ſah, daß Arthur ihn gerne anhörte, ritt er, nachdem er ſeinen Gegenſtand erſchöpft hatte, näher an ſeines Gebieters Seite und fragte ihn leiſe: ob er den Grund kenne oder zu wiſſen wünſche, welcher Margarethen beſtimmt habe, Aix zu verlaſſen, und ſich in das Kloſter Sainte⸗Victoire zurückzuziehen? „Um ein Gelübde zu erfüllen,« antwortete Arthur, „alle Welt weiß das.“ 4 „Ganz Aix aber weiß das Gegentheil,“« verſetzte Thiébault,„und ich wollte Euch die Wahrheit ſagen, wenn ich wüßte, daß ich Euch dadurch nicht beleidigte.« „Die Wahrheit kann einen Vernünftigen nicht be⸗ leidigen, wenn ſie mit denjenigen Ausdrücken vorge⸗ tragen wird, in welchen vor einem Engländer von der Königin Margarethe geſprochen werden muß.“ „Ich habe nichts zuͤr Unehre der erlauchten Königin zu ſagen, deren alleiniges Unglück dar iſt, daß ſie wie ihr königlicher Vater mehr Titel als Städte hat. Auſ⸗ ſerdem weiß ich wohl, daß ihr Engländer, ſo frei ihr euch über eure Fürſten auslaſſet, doch nicht duldet, daß ein Fremder unehrerbietig von ihnen redet.“ 89 „So ſprecht,« verſetzte Arthur. „Ihr müßt wiſſen,« hob Thiébault zu erzählen an, „daß der gute Konig René, dem das ſchwermüthige Weſen ſeiner Tochter tief zu Herzen ging, Alles an⸗ wandte, um ſie aufzuheitern. Er gab Feſte aller Art, und verſammelte Harfenſpieler und Troubadours, deren Muſik und Lieder einen Todtkranken zur Freude hät⸗ ten ſtimmen können. Das ganze Land ertönte von Luſt und Freude, und wollte die Königin allein ausgehen, um ihrem Trübſinn nachzuhängen, ſo begegnete ſie auf Veranſtaltung ihres Baters immer einer fröhlichen Gruppe, die ſie alsbald umringte, und ihren finſteren Geiſt durch heiteren Zeitvertreib zu bannen ſuchte. Aber die ſchwermüthige Königin ließ ſich dadurch nicht zer⸗ ſtreuen, und ſchloß ſich zuletzt in ihre Zimmer ein, wo ſie nicht einmal ihren königlichen Vater ſehen wollte, weil er gewöhnlich Leute mit ſich brachte, die durch⸗ ihre Kunſt, wie er meinte, ihren Gram beſchwichtigen ſollten. Sie ſchien mit Widerwillen die Harfenſpieler zu hören, und auf keinen zu achten, als auf einen um⸗ herziehenden Engländer, der ein trauriges Lied ſang, worüber ſie in einen Strom von Toränen ausbrach, und darauf ſchenkte ſie ihm eine Kette von hohem Werth. Darum wollte ſie, wie ich Euch ſchon geſagt habe, ſelbſt ihren königlichen Vater nimmer ſehen, als wenn er⸗ allein kam, und dazu hatte er den Muth nicht.“ „Das glaub ich wohl,“ ſagte Arthur;„beim weißen Schwan! mich wundert, daß das Faſtnachtsſpiel ſie nicht zum Wahnſinn trieb.« 90 „Es hat wirklich etwas der Art gegeben,“ fuhr Thiébault fort,„und ich will Euch erzählen, Signor, wie's zuging. Ihr müßt wiſſen, daß der gute König Renèé Alles verſuchte, damit der böſe Geiſt der Schwer⸗ muth von ſeiner Tochter wiche. Ferner müßt Ihr wiſ⸗ ſen, daß der König, erfahren in der Kunſt der Trou⸗ badours und Jongleurs, beſondere Geſchicklichkeit in Anordnung von Umzügen und ſonſtigen geiſtlichen Schau⸗ ſpielen beſitzt, welche die heilige Kirche aufführen läßt, zu erfreuen die Herzen aller Gläubigen. Gewiß iſt, daß es in Anordnung des Zuges am Frohnleichnamsfeſt noch Keiner dem Könige gleich gethan, und die Weiſe, nach welcher die Teufel den König Herodes geißeln, iſt von ihm gedichtet. Ebenſo hat ſeine Majeſtät eine ganz neue Muſik für das Palmfeſt geſetzt, kurz— der König zeigt eine glückliche Anordnungsgabe bei den Feſtlichkeiten, die den Weg der Erbauung mit Blu⸗ men beſtreuen, und die Gläubigen unter Geſang und Tanz zum Himmel führen. „In dieſer Gattung ſich ſtark fühlend, beſchloß der gute König, ſeine ganze Kraft aufzubieten, um den Trübſinn der Königin zu verſcheuchen, der ſich Allen, die in ihre Nähe kamen, mittheilte. Er begab ſich vor nicht langer Zeit, daß die Königin einige Tage,— ich weiß nicht wohin, oder warum„— verreiste, wr⸗ durch der König Zeit erhielt, ſeine Zurüſtungen zu treffen. Als nun ſeine Tochter zurückkam, vermochte er ſie durch dringende Bitten, einem feierlichen Zuge in die Hauptkirche zu Aix anzuwohnen. Unbekannt —— 9¹1 mit dem Plane ihres Vaters, legte ſie Feierkleider an, aber ſobald ſie auf den freien Piatz vor dem Pallaſte kam, umringten ſie mehr als hundert Masken, als Türken, Juden, Saracenen, Mauren, und ich weiß nicht was Alles gekleidet, um ihr als Königin von Saba zu huldigen, und ordneten ſich unter wunderli⸗ cher Muſik zu ſchnurrigem Geberdentanze. Durch den Lärm betäubt und unwillig über dieſe Zudringlichkeit, wollte die Königin in den Pallaſt zurückkehren, allein auf Befehl des Königs waren die Thore hinter ihr ge⸗ ſchloſſen worden, und ihr von dieſer Seite der Rück⸗ zug abgeſchnitten. Sie ſuchte daher durch Zeichen und Worte den Lärm zu beſchwichtigen, allein die Masken antworteten der erhaltenen Weiſung gemäß, bloß mit Geſang, Saitenſpiel und Freudenruf.“ „Ich wollte,“ unterbrach ihn Arthur,„es wären einige Dutzend engliſche Landleute mit ihren Stöcken dabei geweſen, um die lärmenden Schreier Achtung vor einer Frau zu lehren, welche die Krone von Eng⸗ land getragen.“ „All dieſer Lärm,“ fuhr Thiébault fort,„war ſanfte Muſik zu nennen gegen das Getümmel, das ſich erhob, als der gute Rens ſelbſt erſchien in der Rolle des Kö⸗ nigs Salomo—. „Mit dem er unter allen Fürſten am wenigſten Aehn⸗ lichkeit hat,« fiel Arthur ein. „Er näherte ſich der Königin, um ſie zu bewillkomm⸗ nen, und wie mich Leute, die dabei geweſen, verſichert haben, hätten die Geberden und Sprünge, die er da⸗ „v 92 bei machte, einen Todten erwecken können. Unter Anderm trug er einen Stab, in der Form einer Nar⸗ renkolbe.— 4 „Ein ſehr paſſender Scepter für einen. n ſolchen Für⸗ ſten,“ ſchaltete Arthur ein. „Oben,“ erzählte Thiébault weiter,„war ein Mo⸗ dell des Tempels in Jeruſalem, zierlich aus Pappe ge⸗ arbeitet und vergoldet, angebracht. Dieſen führte er mit vieler Anmuth, und vergnügte jeden Zuſchauer durch ſeine drolligen Bewegungen, nur die Königin nicht. Dieſe ſchien, je mehr er tanzte und ſprang, um ſo wüthender zu werden, und als er ſich ihr endlich naäherte, um ſie zu dem Zuge zu führen, rieß ſie ihm, wie von Wahnſinn ergriffen, den Stab aus der Hand, warf ihn gewaltig zu Boden, und eilte durch die Men⸗ ge, die wie vor einer entſprungnen Tigerin auseinan⸗ der ſtob, den königlichen Ställen zu. Ehe die geſtörte Ordnung wieder hergeſtellt werden konnte, ſah man die Königin zu Pferde, von einigen Engländern aus ihrem Gefolge begleitet, zurückkommen. Sie bahnte ſich einen Weg durch die Menge, brauſte, ohne auf ſich und Andere zu achten, wie ein Sturmwind durch die Straßen, und hielt erſt, als ſie auf dem Berge St. Victoire anlangte. Hier wurde ſie in das Kloſter aufgenommen, wo ſie bisher geblieben iſt, und daß ſie ein Gelübde gethan, iſt bloß ein Vorwand, um den Streit zwiſchen ihr und ihrem Vater zu verdecken.“ »Wie lange mag es ſeyn, daß dieß geſchehen iſt? fragte Arthur. 93 „Es ſind erſt drei Tage her, ſeit Margarethe auf die beſchriebene Weiſe Air verlaſſen hat.— Doch weiter koͤnnen wir nun nicht zu Pferde kommen. Seht, dort erhebt ſich das Kloſter zwiſchen den zwei gewaltigen Felſen, welche die Spitze des Berges bil⸗ den. Um hinauf zu kommen, muͤßt Ihr auf dieſem ſchmalen Fußſteig weiter gehen, der, um die Felſen ſich windend, an die Pforte des Kloſters auf der Spitze des Berges fuͤhrt.« „Und wo bleibt Ihr mit den Pferden?“ „Wir gehen in die Herberge, welche die guten Vaͤ⸗ ter am Fuße des Berges fuͤr fremde Pilgrime ein⸗ gerichtet haben, denn weither kommen Wallfahrer, das Kloſter heimzuſuchen.— Seyd unbekuͤmmert we⸗ gen meiner— ich komme bald unter Dach; dort im Weſten aber ſteigen drohende Wolken auf, die Euch Ungelegenheit machen koͤnnten, wenn Ihr das Kloſter nicht zeitig erreicht. Ihr muͤßt wacker ausſchreiten, wie ein Gemſenjaͤger, wollt Ihr in einer Stunde dort⸗ hin gelangen.“ Arthur ſah um ſich, und erblickte wirklich eine Wol⸗ kenmaſſe in der Ferne, die den klaren, heiteren Tag bald zu truͤben drohten. Er wandte ſich daher gegen den ſteilen, felſigen Pfad, der oft beinahe ſenkrechte Felſen hinanſtieg, bald um dieſelben ſich windend, durch dichtes Gebuͤſch aufwaͤrts fuͤhrte. Dieſer Hin⸗ derniſſe, waren ſo viele, daß er erſt nach Verfluß ei⸗ ner guten Stunde vor dem Kloſter auf der Spitze des Berges anlangte., 94 Wir haben bereits geſagt, daß der Kamm des Ber⸗ ges, aus einem nackten Felſen beſtehend, durch eine Schlucht in zwei Spitzen getheilt wurde, zwiſchen welchen das Kloſter lag. Die Vorderſeite deſſelben war im altgothiſchen Style aufgefuͤhrt, und entſprach in dieſer Beziehung dem wilden Ausſehen der nackten Felſen, die es umſchloſſen. Nur auf einer Seite war ein kleiner freier Platz, wo die Vaͤter, nachdem ſie mit vieler Muͤhe Erde herbeigeſchafft, einen Garten angelegt hatten. Nachdem Arthur eine Glocke angezogen hatte, er⸗ ſchien ein Laienbruder welchem er ſich als einen eng⸗ liſchen Kaufmann, Philipſon geheiſſen, zu erkennen gab, der der Koͤnigin Margarethe aufzuwarten wuͤn⸗ ſche. Der Pfoͤrtner empfing ihn ſehr ehrerbietig, und fuͤhrte ihn in ein Sprachzimmer, das, gegen Aix hin gelegen, eine weite, herrliche Anſicht auf die ſuͤdlichen und weſtlichen Theile der Provence ge⸗ waͤhrte. In dieſer Richtung war Arthur an den Berg gelangt, der gewundene Pfad aber hatte ihn im Kreiſe um denſelben gefuͤhrt. Ein Balkon, der die hier kaum vier bis fuͤnf Ellen von einander entfernten Felsſpitzen verband, lief vorn an dem Gebaͤude hin, und durch eine Fenſterthuͤre auf dieſen tretend, ſah Arthur, daß die Bruſtmauer uͤber einem Abgrunde ſich erhob, der zum wenigſten 500 Fuß Tiefe hatte. Erſtaunt und betroffen uͤber dieſe ſchwindliche Hoͤhe, wandte Arthur die Blicke ab, um die ferne Landſchaft zu bwunderu, die theilweiſe pon der ſinkenden Sonne 9⁵ beleuchtet war. In gluͤhrothem Schimmer erglaͤnz⸗ ten Thaͤler und Huͤgel, Ebenen und Waͤlder, Staͤdte mit ihren Thuͤrmen, und Schloͤſſer auf ſteilen Hoͤhen, die zwiſchen Baͤumen ſich erhoben, oder an Seen und Fluͤſſen lagen, deren Naͤhe man des heiſſen Klima wegen gewaͤhlt hatte. Der ubrige Theil der Landſchaft war von den her⸗ anziehenden Wolken verhuͤllt, welche die Sonne zu verfinſtern drohten. Wilde Toͤne, gleich wimmerndem Geheul, von dem durch die vielen Schluchten des Bergs ſauſenden Winde, hervorgebracht, vermehrten das Furchtbare der Scene, und ſchienen einen nahen⸗ den Sturm zu verkuͤnden, wiewohl die Luft unge⸗ woͤhnlich ruhig war. Arthur war ſo ſehr ergriffen von dieſem Schauſpiel, daß er beinahe das wichtige Geſchaͤft, das ihn hieher gefuͤhrt, vergeſſen haͤtte, als mit einem Male Marga⸗ rethe von Anjou vor ihm ſtand, die, weil ſie ihn nicht im Sprachzimmer gefunden hatte, auf den Bal⸗ kon getreten war, um ihn deſto baͤlder zu ſehen. Die Koͤnigin war ſchwarz gekleidet, und ohne allen Schmuck, bis auf eine ſchmale goldene Binde, die ihre langen, durch Alter und Ungluͤck zum Theil ge⸗ bleichten Locken feſthielt. An dieſer war eine ſchwarze Feder mit einer rothen Roſe befeſtigt, die ihr der Pater Gaͤrtner dieſen Morgen als Zeichen des Hau⸗ ſes ihres Gatten uͤberreicht hatte. Gram und Kum⸗ mer war auf ihrer Stirne und in allen ihren Zuͤgen zu leſen. Einem andern Boten wuͤrde ſie wahrſchein⸗ 96 lich einen ſcharfen Verweis gegeben haben, daß er ihres Eintritts nicht gewärtig geweſen, aber Arthur hatte an Alter und Geſichtsbildung Aehnlichkeit mit ihrem geliebten Sohne, den ſie verloren; ſie hatte ſeine Mutter beinahe ſchweſterlich geliebt, und em⸗ pfand daſſelbe Gefuͤhl muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit, das ſie bei dem erſten Zuſammentreffen im Dome in Straßburg angewandelt hatte. Sie hob ihn auf, als er ſich vor ihr auf ein Knie niederließ, redete ihn freundlich an, und forderte ihn auf, ihr mitzutheilen, was ihm ſein Vater aufgetragen, und was er ſonſt bei ſeinem kurzen Aufenthalte in Dijon erfahren habe. „Welche Richtung hat Karls Heer genommen 2 fragte ſie endlich.. „So viel mir ſein Geſchuͤtzmeiſter zu verſtehen— gab,«antwortete Arthur,„wendet es ſich gegen den See bei Neuſchatel, wo er die Schweizen anzugreifen gedenkt.“ „Der ſtarrſinnige Thor!“ ſagte Margarethe; per gleicht dem Wahnſinnigen, der einen Berg erſteigt, um dem Regen halbwegs entgegen zu gehen.— Euer Vater,“ fuhr ſie fort, vraͤth mir alſo, die letzten Reſte des einſt ſo ausgedehnten Gebiets unſres koͤnig⸗ lichen Hauſes hinzugeben, und um einige tauſend Kronen und die aͤrmliche Unterſtuͤtzung von einigen hundert Lanzentraͤgern das Letzte unſeres Erbes an unſern ſtolzen, ſelbſtſuͤchtigen Vetter von Burgund zu uͤberlaſſen, der Alles was wir beſitzen, fuͤr ſich 97 hegehrt, und dafuͤr ſo wenig Huͤlfe leiſtet, oder blos verſpricht.“ „Ich hätte mich des von meinem Vater erhaltnen Auftrags nicht gehörig entledigt,“ verſetzte Arthur, „wenn ich Euer Hoheit glauben gemacht haͤtte, er em⸗ pfehle ein ſolches Opfer. Innig iſt er von der uner⸗ ſättlichen Herrſchſucht des Herzogs überzeugt; indeſſen glaubt er, die Provenze müſſe nach Renés Tode oder bälder noch, in die Hände Karls oder Ludwigs von Frank⸗ reich kommen, ſo ſehr Ihr Euch dagegen ſträuben mögt, und als Ritter und Kriegsmann verſpricht er ſich viel davon, wenn er die Mittel zu einer Unternehmung ge⸗ gen England in die Hände bekömmt. Die Enkſcheidung aber muß er Eurer Hoheit überlaſſen.“ „Die Erwägung dieſer wichtigen Frage treibt mich beinahe zum Wahnſinn,“ ſeufzte die Königin, und ſank auf eine ſteinerne Bank, nicht achtend des Sturms, der heulend ſich erhob, als wären alle Winde losgelaſ⸗ ſen, und ſtritten um die Meiſterſchaft. Ueber der Tiefe wirbelte der aufgeregte Staub, und die Wolkenmaſſen, die über ihre Häupter hinzogen, goßen einen Platzregen herab, der praſſelnd niederrauſchte. Die Bank, auf wel⸗ cher Margarethe ſaß, war ziemlich gegen das Ungewit⸗ ter geſchützt, aber die Windſtöße, deren Richtung un⸗ aufhörlich wechſelte, warf oft ihre aufgelösten Haare durcheinander, und Arthur, von Schrecken und Beſorg⸗ niß ergriffen, bat ſie dringend, im Junern des Kloſters Schutz gegen den Sturm zu ſuchen. „Nein,“ entgegnete ſie feſt,„die Wände haben Ohren, Walter Scott's Werke. 1618 Bochn. 7 98 und wenn auch die Mönche der Welt abgeſagt haben, ſo ſind ſie dennoch begierig, zu erfahren, was auſſerhab ihrer Zellen vorgeht. Hier müßt Ihr hören, was ich Euch zu ſagen habe; als Soldat müßt Ihr gegen Wind und Wetter abgehärtet ſeyn, und mich kümmert der Kampf der Elemente wenig, nachdem ich ſo oft unter Trompetengeſchmetter und Waffengeklirr Rath gehalten. Ich ſage Euch, Arthur, wie ich's Eurem Vater und— meinem Sohne ſagen würde, wenn der Himmel der Unglücklichſten der Frauen dieſen Troſt gelaſſen hätte—« Sie hielt inne, und fuhr nach einer Pauſe fort: »„Ich ſage Euch, wie ich meinem geliebten Eduard es geſagt hätte, daß Margarethe, deren Entſchlüſſe einſt feſt und unerſchütterlich waren, wie dieſe Felſen, nun ungewiß iſt und ſchwankend, wie die Wolken, das Spiel des Windes. In der Freude des Wiederſehens ſagt' ich Eurem Vater von den Opfern, die ich bringen wolle, um Karl von Burgund zur Theilnahme an der ruhm⸗ vollen, von dem treuen Oxford ihm vorgelegten Unter⸗ nehmung zu bewegen. Aber ſeitdem habe ich Urſache erhalten, die Sache freier zu erwägen. Meine Wie⸗ dervereinigung mit meinem betagten Vater hat— be⸗ ſchämt geſtehe ich's,— zur Folge gehabt, daß ich ihn im Angeſichte ſeines Volks beleidigte. Unſere Charal⸗ tere ſind einander geradezu entgegen geſetzt, mit Hohn und Verachtung wies ich den Troſt zurück, den er aus übergroßer Zärtlichkeit mir bereiten wollte, und der ei⸗ teln Thorheiten müde, wodurch er die Schwermuth — 99 der entthronten Königin, der verwaisten Gattin und ach! der kinderloſen Mutter— heilen zu können glaubte, zog ich mich hieher zurück, um ferne zu ſeyn von der lärmenden Fröhlichkeit, die meinem Kummer einen neuen Stachel gab. Aber ſo ſanft und mild iſt Renés Gemüth, daß ſelbſt mein unkindliches Benehmen mei⸗ nen Einfluß auf ihn nicht mindert, und hätte mir Euer Vater melden laſſen, der Herzog von Burgund wolle als Ritter und Fürſt offen und herzlich an dem vorge⸗ legten Plane Theil nehmen, ſo hätte ich's vielleicht über mich vermocht, die Abtretung des Gebiets, die ſeine kalte, ehrſüchtige Politik verlangt, auszuwirken, um die Hülfe zu gewinnen, deren Leiſtung er nun auſſchiebt, bis er ſeinem ſtolzen Sinn durch Bekriegung ſeiner Nachbarn Genüge geleiſtet. Seit ich hier bin, und Ruhe und Einſamkeit mir Zeit zum Nachdenken geben, habe ich mein tadelnswerthes Benehmen gegen den Greiſen, und das Unrecht erwogen, das ich ihm zu thun im Begriff war. Mein Vater— ich muß ihm Gerech⸗ tigkeit wiederfahren laſſen,— iſt auch der Vater ſeines Volkes. Es hat bisher unter ſeinen Reben und Fei⸗ genbäumen gewohnt, in unrühmlichem Wohlſeyn vielleicht aber frei von Bedrückung und Zwang, und ſein Glück war das ſeines guten Königs. Darf ich dieß Alles än⸗ dern?— Darf ich dazu mitwirken, dieſes genügſame Volk an einen gewaltthätigen, herrſchſüchtigen Fürſten zu bringen?— Würde ich nicht meinem armen alten Vater das Herz brechen, wenn ich ihn beſtimmen könnte, nach meinem Willen zu thun? Dieſe Fragen ſind es, 7* 10⁰ die ich nicht ohne Beben mir vorlege. Und ſoll ich— auf der andern Seite— die Bemühungen Eures Va⸗ ters nutzlos machen, ſeine Hoffnungen täuſchen, und die einzige Gelegenheit verlieren, Rache zu nehmen an den blutigen Verräthern von York, und das Haus Lanca⸗ ſter wieder auf den Thron zu heben? Die Scene um uns her iſt nicht ſo aufgeregt von dem Ungewitter, als mein Gemüth von Zweifel und Ungewißheit!“. „Ach!“ erwiederte Arthur,„ich bin zu jung und unerfahren, um Euer Majeſtaͤt in einem ſo wichtigen Falle zu rathen; ich wollte, mein Pater waͤre ſelbſt hier.“ „Ich weiß, was er mir ſagen wuͤrde,“ verſetzte die Koͤnigin;„aber ich habe das Vertrauen auf menſch⸗ lichen Rath aufgegeben— anderen ſucht' ich, aber er ward mir nicht. Ja, Arthur, das Ungluͤck hat Mar⸗ garethen aberglaͤubiſch gemacht. Wißt, unter dieſen Felſen, und unter den Grundfeſten des Kloſters be⸗ findet ſich eine Hoͤhle, in die man durch einen gehei⸗ men, wohlverwahrten Eingang, weſtlich von der Bergſpitze, gelangt, und die gegen Suͤden eine Oeff⸗ nung hat, durch welche man die Landſchaft, wie von dem Balkone hier, uͤberſieht. In der Mitte iſt ein von der Natur gegrabener Brunnen von unergruͤnde⸗ ter Tiefe, und wirft man einen Stein hinab, ſo hoͤrt man ihn au die Seiten anprallen, bis ſich das Ge⸗ toͤſe des Fallens in ſchwaches Klingen verliert, gleich fernem Gelaͤute. Das gemeine Volk nennt dieſen Ab⸗ grund Lou Garagoule, und die Sagen den Klo⸗ 10⁰¹ ſterbruͤder knuͤpfen wunderſame Erinnerungen an dieſen Grauen erregenden Ort. Goͤteerſpruͤche, heißt es, wurden hier in heidniſcher Zeit von unterirdiſchen Stimmen ertheilt, die aus der Tiefe kamen, und hier ſoll der roͤmiſche Feldherr in ſeltſamen Toͤnen die Verheißung des Siegs erhalten haben, von dem der Berg den Namen fuͤhrt. Noch ſoll man hier ſich Raths erholen koͤnnen nach Vollbringung wunderlicher Ge⸗ braͤuche, die eine Miſchung von heidniſchen und chriſt⸗ lichen Ceremonien ſind. Die Aebte des Kloſters ha⸗ ben es fuͤr Suͤnde erklaͤrt, dieß zu thun; da ſie aber durch Schenkungen an die Kirche, durch Meſſen und Bußuͤbungen wieder gefühnt werden kann, ſo oͤffnen die gefaͤlligen Vaͤter manchmal ſolchen die Thuͤre, die mit verwegener Neugierde, durch welche Mittel es ſey, den Schleier der Zukunft luͤften wollen. Auch ich habe den Verſuch gemacht, und komme ſo eben aus der Hoͤhle, wo ich, den vorgeſchriebenen Gebraͤu⸗ chen gemaͤß, ſechs Stunden am Rande des Abgrun⸗ des verweilte— ein Grauen erregender Ort, gegen welchen das Ungewitter ein angenehmes Schauſpiel zu nennen iſt.« Sie hielt inne, und Arthur, von dieſer Erzaͤhlung um ſo mehr ergriffen, weil ſie ihn an ſeinen Kerker in La Ferette erinnerte, fragte beſorgt, ob ſie Ant⸗ wort erhalten habe. „Nein,“« erwiederte die ungluͤckliche Fuͤrſtin.„Die Geiſter des Lou Garagoule ſind taub gegen die Bit⸗ ten aner Ungluͤcklichen, der auch von Menſchen Rath 1⁰² und VBeiſtand verſagt wird. Die Umſtaͤnde meines Vaters hindern mich, ſogleich einen feſten Entſchluß zu faſſen. Handelte es ſich nur um meine eignen Anſpruͤche an dieſes Saͤngervolk, ſo gaͤbe ich ſie ge⸗ gen die Hoffnung, einmal noch nach England den Fuß zu ſetzen, willig hin, wie ich dieß eitle Sinnbild des koͤniglichen Rangs, den ich verloren, den Winden uͤberlaſſe.« Bei dieſen Worten nahm ſie die ſchwarze Feder und die Roſe aus ihren Haaren, und warf ſie mit wilder Geberde vom Balkone. Der Wind faßte ſie, und entfuͤhrte die Feder ſchnell den Blicken; aber waͤhrend Arthur ſie unwillkuͤhrlich mit den Augen ver⸗ verfolgte, warf ein entgegengeſetzter Windſtoß die Roſe gegen ſeine Bruſt zuruͤck, ſo daß es ihm leicht war, ſie zu faſſen. „Gluͤck zu! koͤnigliche Herrin,« rief er, ihr die deu⸗ tungsvolle Blume zuruͤckgebend,„der Sturm bringt das Zeichen des Hauſes Lancaſter der rechtmaͤßigen Beſitzerin wieder.«. „Ich nehme die Vorbedeutung an,« ſprach Mar⸗ garetbe,„aber ſie gilt Euch, edler Juͤngling, nicht mir. Margarethens Sinnbild iſt die Feder, die da⸗ von getragen wurde in weite Oede. Meine Augen werden die Wiedereinſetzung des Hauſes Lancaſter nimmer ſchauen; Ihr aber werdet ſie vollbringen, und unſre rothe Roſe noch tiefer ins Blut der Tyrannen und Verraͤther tauchen helfen. Doch ich empfinde Schwindel, und mir iſt unwohl— Morgen ſollt Ihr 1⁰³— eine andre Margarethe ſehen— und bis dahin, lebt wohl.“ Es war Zeit zu gehen, denn wilder heulte der Sturm, praſſelnder ſtroͤmte der Regen. Als ſie wie⸗ der in's Sprechzimmer traten, klatſchte die Koͤnigin in die Haͤnde, und zwei Dienerinnen erſchienen. „Thut dem Abt zu wiſſen,“ ſagte ſie zu dieſen: „es ſey unſer Wille, daß der Fremde hier, ein geehr⸗ ter Freund von uns, beherbergt werde.— Auf Wie⸗ derſehen, junger Herr.“« Schon war die Ruhe in ihre Zuͤge zuruͤck gekehrt, und mit Hoheit reichte ſie Arthur ihre Hand, die er ehrerbietig kuͤßte. Nachdem ſie das Zimmer verlaſſen hatte, trat der Abt ein, und vollzog puͤnktlich der Koͤnigin Befehle. 104 XXX. —— Beduͤrft ihr eines Manns, Der mit der Welt vertraut und ihrem Treiben? Hier habt Ihr ihn nach Wunſch— er iſt ein Moͤnch. Der Welt und ihren Werken ſagt er ab, Doch um ſo beſſer kennt er ſie, zumal Die ſchlimmre Seite, denn— er iſt ein Moͤnch. Altes Schauſpiel. Kaum graute der Morgen, ſo wurde Arthur durch ein lautes Pochen an die Kloſterpforte geweckt, und bald darauf trat der Pfoͤrtner in die, ihm zum Nacht⸗ lager angewieſene Zelle mit der Nachricht: ein Bru⸗ der ihres Ordens uͤberbringe ihm ein Schreiben von ſeinem Vater. Er ſprang auf, kleidete ſich ſchnell an, und wurde in das Sprechzimmer gefuͤhrt, wo er einen Karmelitermoͤnch fand. „Ich komme weit her,« hob dieſer an,„Euch die⸗ ſen Brief zu bringen, weil ich Eurem Vater verſpro⸗ chen, ihn ungeſaͤumt zu uͤberliefern. In der letzten Nacht, waͤhrend des Ungewitters, kam ich nach Aix, und da ich im Pallaſt erfuhr, Ihr ſeyet hieher ge⸗ ritten, ſo warf ich mich, ſobald der Sturm nachließ, wieder aufs Pferd, und da bin ich nun.«« Ich danke Euch, Pater,« erwiederte Arthur,„und koͤnnt' ich Euch durch eine kleine Schenkung an Euer Kloſter für Eure Muͤhe entſchaͤdigen—⸗. 103 „Keineswegs,“ unterbrach ihn der Mönch,„ich über⸗ nahm den Auftrag aus Freundſchaft für Euren Vater, und überdieß führten mich eigene Geſchäfte hieher. Für die Koſten meiner langen Reiſe iſt hinlänglich geſorgt. Doch lest Euren Brief; ich kann Eure weitern Fragen mit Muße beantworten.“ Arthur trat in eine Fenſtervertiefung und las: Mein Sohn! „Ich thue Dir zu wiſſen, daß der Zuſtand des Lan⸗ des für Reiſende ſehr gefährlich iſt. Der Herzog hat die Städte Brie und Granſon eingenommen, und die 500 Mann ſtarke Beſatzung über die Klinge ſpringen laſſen. Die Eidgenoſſen aber rücken mit großer Heeres⸗ macht heran, und Gott wird für das Recht entſcheiden. Es geht ſcharf zu in dieſem Kriege, und wird kein Pardon gegeben von beiden Seiten; darum iſt für Leute unſeres Gewerbes keine Sicherheit, bis etwas Entſchei⸗ dendes geſchehen. Indeſſen kannſt Du die verwittwete Frau verſichern, daß unſer Geſchäftsfreund immer noch Luſt hat, die Waaren, ſo ſie beſitzt, zu kaufen, aber nicht wohl im Stande iſt, ſie zu bezahlen, bevor ſeine jetzigen, dringenden Angelegenheiten abgemacht ſind, doch hoff' ich, es werde dieß bald genug geſchehen, daß wir das vortheilhafte Unternehmen, das ich mit unſe⸗ rer Freundin beſprochen, zeitig beginnen können. Ein Bruder, der in die Provence reist, überbringt Dir die⸗ v 106 ſen Brief, und ich hoffe, er werde Dir richtig zukom⸗ men. Dem Ueberbringer darfſt Du Dich vertrauen. „Dein liebender Vater „John Philipſon.“ Leicht verſtand Arthur den letzten Theil des Briefes, und war froh, daß er ihn in einem ſo entſcheidenden Zeitpunkt erhalten hatte. Er fragte den Carmeliter nach der Stärke des herzoglichen Heeres, und dieſer gab ſie auf 60,000 Mann an, während die Eidgenoſſen, wie er ſagte, trotz aller Anſtrengungen, bis jetzt noch nicht einmal ein Drittheil dieſer Zahl zuſammen zu bringen vermocht haben. Der junge Ferrand von Vande⸗ mont ſey bei ihrem Heere, und habe, wie man glaube, von Frankreich insgeheim Unterſtützung erhalten; da er aber in den Waffen nicht ſehr erfahren ſey und nur wenige Anhänger habe, ſo nütze der leere Titel General, den er führe, den Schweizern nicht viel. So war, nach des Mönchs Ausſage, die Wahrſcheinlichkeit des Siegs ganz auf Karls Seite, und weil Arthur hierin die einzige Möglichkeit für das Gelingen der Pläne ſeines Vaters ſah, ſo fand er ſich dadurch nicht wenig aufgeheitert. Doch hatte er keine Zeit, weitere Fragen zu machen, denn in dieſem Augenblicke trat die Köni⸗ gin ins Zimmer, und mit tiefer Verbengung entfernte üi der Karmeliter. Die Bläſſe ihres Geſichts verrieth noch die Anſtren⸗ gung von geſtern, als ſie aber freundlich Arthurs Mor⸗ gengruß erwiederte, war ihre Stimme feſt, ihr Auge 107 klar.„Ihr ſeht mich,“ begann ſie,„nicht, wie ich Euch verließ, ſondern entſchloſſen, was ich thun will. Ich bin überzeugt, daß Reué, wenn er nicht freiwillig dem Throne entſagt, deſſelben mit Gewalt beraubt werden wird, wobei ſogar ſein Leben in Gefahr kommen kann. Wir wollen daher unverzüglich Hand ans Werk legen. Das Schlimmſte an der Sache iſt, daß ich das Kloſter nicht verlaſſen kann, ohne für den Beſuch des Gara⸗ goule die nöthige Bußübungen vollbracht zu haben, ohne die ich keine wahre Chriſtin wäre. Wenn Ihr nach Aix zurückkommt, fragt im Pallaſt nach meinem Geheimſchreiber, bei dem Euch dieſe Zeilen zur Beglau⸗ bigung dienen werden. Ehe dieſer Ausweg zur Hoff⸗ nung ſich mir eröffnete, habe ich verſucht, mir eine genaue Einſicht in René's Lage zu verſchaſſen, und alle dazu nöthigen Papiere geſammelt. Sagt ihm, er ſolle mir die kleine mit Silber eingelegte Kapſel wohlver⸗ ſiegelt durch einen Vertrauten ſchicken. Stunden der Buße für begangene Fehler werden am beſten zu Ver⸗ meidung anderer benützt, und der Inhalt jener Papiere wird mich belehren, ob ich bei dieſer wichtigen Sache die Intereſſen meines Vaters meinen gewagten Hoff⸗ nungen opfern darf. Doch deßhalb bin ich ſchon ziem⸗ lich im Gewiſſen. Ich kann die Entſagungs⸗ und Ab⸗ tretungsurkunde hier ausfertigen laſſen, und die Aus⸗ führung beſorgen, wenn ich nach Aix zurückkomme, was geſchehen wird, ſobald meine Bußübungen zu Ende ſind.“ „Und dieſer Brief Madame,“ ſprach Arthur,„wird 108 Euch unterrichten, welche Ereigniſſe im Werden ſind, und wie wichtig es iſt, die Gelegenheit zu nützen. Setzet mich nur in Beſitz dieſer wichtigen Urkunden, und ich will Tag und Nacht reiten, bis ich des Her⸗ zogs Lager erreiche. Wahrſcheinlich treffe ich ihn als Sieger, und in einer Stimmung, welche ihm nicht ge⸗ ſtattet, ſeiner königlichen Baſe, die ihm Alles überläßt, etwas abzuſchlagen. Wir müſſen in dieſem entſcheiden⸗ den Augenblicke Unterſtützung erhalten, wie ſie feiner Macht würdig iſt, und bald werden wir ſehen, ob der wollüſtige Eduard von York, der wilde Richard, der treuloſe Clarence hinfort Herren von England ſeyn werden, oder einem rechtmäßigern, edlern Fürſten wei⸗ chen müſſen. Alles aber, königliche Frau, hängt davon ab, daß wir mit Schnelligkeit zu Werke gehen.“ „Allerdings— doch einige Tagen können und müſ⸗ ſen zwiſchen Karl und ſeinen Segnern entſcheiden, und ehe wir ein ſo großes Opfer bringen, wird es gut ſeyn, uns zu verſichern, daß der, dem es gilt, im Stande iſt, uns zu unterſtützen. Die vielfältigen, traurigen Er⸗ fahrungen meines Lebens haben mich gelehrt, daß man keinen Feind verachten darf. Doch will ich mich be⸗ eilen, und hoffe, wir werden in der Zwiſchenzeit gün⸗ ſtige Nachrichten von Neufchatel erhalten.“ „Aber wer ſoll die wichtigen Urkunden aufſetzen?“ fragte Arthur. Margarethe ſann einige Augenblicke und erwiederte: „Der Pater Guardian iſt gefällig, und wie ich glaube, treu; doch möcht' ich nicht gerne einem dieſer Mönche 1⁰9 mich anvertrauen. Halt— Euer Vater ſagt, der Kar⸗ meliter, der den Brief brachte, verdiene Zutrauen: er ſoll das Geſchäft übernehmen; er iſt ein Fremder, und wird um ein Stück Geld verſchwiegen ſeyn.— Lebt wohl, Arthur De Verre. Mein Vater wird Euch gaſt⸗ freundlich aufnehmen. Erhaltet Ihr weitere Nachrich⸗ ten, ſo theilet ſie mir ſogleich mit, und wenn ich Euch weitere Weiſungen zu geben habe, ſo ſollt Ihr von mir hören. Lebt wohl.“ Schneller, als er am Tage zuvor heraufgeſtiegen war, eilte Arthur den Berg hinab. Der Himmel war völlig heiter, und die herrliche Ve⸗ getation, die in dieſem Lande nie ganz ſchlummert, bot einen köſtlichen Anblick dar. Seine Gedanken ſchweif⸗ ten von den Spitzen des Mont⸗Sainte⸗Victoire hinüber zu den Schweizergebirgen, und ſeine Phantaſie führte ihn in die Zeit zurück, wo er nicht einſam durch eine ſolche Landſchaft wanderte, ſondern eine Geſtalt an ſeiner Seite ging, deren einfach ſchöne Züge ihm un⸗ vergeßlich waren. Dieſe Gedanken beſchäftigten ihn ausſchließend, und der Wahrheit zur Ehre müſſen wir ſagen, daß ſie ihn die von ſeinem Vater erhaltene Warnung, er ſollte ſich des Inhalts ſeiner Briefe erſt verſichert halten, wenn er ſie ans Feuer gehalten, völlig vergeſſen ließen. Das Erſte, was ihn wieder daran erinnerte, war ein Kohlbecken in der Küche der Herberge unten, wo er Thiébault mit ſeinen Pferden fand. Es war dieß ſeit dem Empfange des Briefs von ſeinem Vater das „v 110 erſte Mal, daß er Feuer ſah, und dieſer Umſtand er⸗ innerte ihn natürlich an jene räthſelhafte Warnung. Wie groß war ſein Erſtaunen, als er, das Papier ans Feuer haltend, in einer wichtigen Stelle des Briefs ein neues Wort erſcheinen ſah, ſo daß der Schluß nun ſo lautete: dem Ueberbringer darfſt Du Dich nicht vertrauen. Beſchämt und zugleich von Beſorgniß erfüllt, glaubte er nichts Beſſeres thun zu können, als ſogleich ins Kloſter zurückzukehren, und der Königin dieſe Entde⸗ ckung mitzutheilen, in der Hoffnung, er würde noch zeitig genug dort anlangen, um zu verhüten, daß dem Karmeliter nichts vertraut würde. Ueber ſich ſelbſt aufgebracht und bemüht, ſeinen Feh⸗ ler wieder gut zu machen, eilte er den ſteilen Berg hinan, gelangte nach 40 Minuten auf die Spitze, und trat erſchöpft und athemlos vor die Königin, die über ſeinen Zuſtand und ſeine ſchnelle Rückkehr nicht wenig erſtaunt war. „Traut dem Karmeliter nicht,“ rief er,„Ihr ſeyd verrathen, edle Königin, und das durch meine Nach⸗ läßigkeit. Hier iſt mein Dolch,— laßt ihn mir durch die Bruſt ſtoßen!“. Margarethe verlangte nähere Erklärung, und ſagte dann:„Es iſt ein unglücklicher Zufall, aber Euer Vater hätte ſich deutlicher ausdrücken ſollen. Ich habe mit dem Karmeliter bereits über die Urkunden geſprochen, und ihn beauftragt, ſie abzufaſſen; er hat mich nur verlaſſen, um dem Chor anzuwohnen. Er weiß alſo 111 Alles, und die Sache läßt ſich nicht mehr ändern; doch kann ich den Pater Guardian leicht beſtimmen, den Mönch ſo lange im Kloſter aufzuhalten, bis uns nichts mehr an ſeiner Verſchwiegenheit liegt. So ſichern wir das Geheimniß am beſten, und wollen Sorge tra⸗ gen, daß er für die Unannehmlichkeit ſeiner Haft ent⸗ ſchädigt wird. Indeſſen ſetzt Euch, Arthur, und macht es Euch bequem, Ihr ſeyd wohl erſchöpft durch das ſchnelle Laufen.“ Arthur gehorchte, und ließ ſich auf einen Seſſel nie⸗ der, denn die Eile, mit der er zurückgekehrt war, hatte ihn ſo erſchöpft, daß er ſich kaum mehr auf den Bei⸗ nen halten konnte.“ „Träfe ich den falſchen Mönch,“ ſprach er,„ich woſlte ein Mittel ſinden, ihn ſtumm zu machen.“ „Ueberlaßt das lieber mir,“ verſetzte die Königin, vich verbiete Euch, mit ihm Euch zu befaſſen; nun kein Wort mehr davon. Es freut mich, daß ich Euch die heilige Reliquie, die ich Euch gab, um den Hals tra⸗ gen ſehe. Aber was für ein Kettlein tragt Ihr dane⸗ ben? Doch ich brauche das nicht zu fragen: die hohe Röthe Eurer Wangen ſagt mir, daß es ein Liebes⸗ pfand iſt. Armes Kind! haſt Du nicht ſchon genug an dem Unglück Deines Landes zu tragen, mußt Du auch die Laſt eignen Kummers Dir aufbürden? Einſt hätte Margarethe von Anjou Deine Liebe unterſtützen können, jetzt aber vermag ſie nur zum Unglück, nicht zum Wohle ihrer Freunde beizutragen.— Iſt die Dame ſchön, Arthur— iſt ſie tugendſam— von edler Geburt?— 11² und liebt ſie Euch?“ Sie heftete einen durchdringen⸗ den Blick auf ihn, und fuhr fort:„Ihr würdet auf Alles„Ja“ antworten, wenn die Blödigkeit es geſtat⸗ tete. So erwiedert ihre Liebe, wackerer Junge, denn die Liebe iſt die Mutter edler Thaten.— Und nun geht, edler Jüngling; nur in Herzen, wie das Eurige lebt die alte Ritterlichkeit; geht, und einer Königin Lob erfülle Euch mit Verlangen nach Ehre und Ruhm. In drei Tagen ſehen wir uns in Aix wieder.“ Lebhaft ergriffen von der herablaſſenden Güte der Königin verließ ſie Arthur, ſtieg den Berg wieder hinab, und fand in der Herberge ſeinen Knappen, der nicht wenig erſtaunt war, als er ſeinen Herrn ſo ſchleu⸗ nig wieder umkehren ſah. Arthur ſchützte vor, er habe ſeine Börſe im Kloſter vergeſſen, und Thiébault erwie⸗ derte:„Da wundert mich's nimmer, daß Ihr ſo ſehr geeilt ſeyd, wiewohl ich noch Niemanden, als etwa Ziegen, denen der Wolf auf den Ferſen war, nur halb ſo ſchnell über den Felſen klettern geſehen habe.“« SDie Fortſetzung folgt im ſechsten Theile.)