Walter Scott's ſämmtliche e r ke. —— Neu überſetzt. Hundert und ſechzigſtes Bändchen. Neue Folge. Zehntes Bändchen. ——090800899— KRarl der KRühne, oder: Die Tochter des Nebels. Vierter Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1 8 3 0. Karl der Kühne, Die Tochter des Nebels. Hiſtoriſche Novelle von Sir Walter Scott. —: G— Aus dem Engliſchen. Vierrer Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 183 0. (Forkſetzung des dritten Theiles.) Sie gingen Beide, kamen aber bald wieder, und mel⸗ deten ihrem Herrn: der Fremde weigere ſich hartnäckig zu gehen, ohne vorher den Wirth ſelbſt geſprochen zu haben. Dieſer gerieth dadurch nur noch mehr in Zorn, ſtand auf, ergriff einen tüchtigen Stock, und eilte da⸗ mit an das Fenſter, das auf die Straße ſah. Unter⸗ deſſen ſahen die Gäſte einander an, ſagten ſich einige Worte ins Ohr, und erwarteten jeden Augenblick einen donnernden Ausbruch ſeines Zornes. Allein kaum hatte Mengs einige unverſtändliche Worte mit dem Fremden gewechſelt, ſo hörte die Geſellſchaft zu ihrem großen Erſtaunen das Thor aufſchließen, und mehrere Perſonen die Treppe heraufkommen. Endlich erſchien der Wirth wieder in der Stube und bat die Gäſte mit linkiſcher Höflichkeit, einem ehrenwerthen Reiſenden Platz zu machen, der ſo ſpät noch angekommen ſey. Ihm folgte ein hochgewachſener Mann in einem Reiſemantel, und nachdem er dieſen abgelegt, erkannte Philipſon in ihm ſeinen Reifegefährten, den Prieſter von Sanct Paul. Daß der ſonſt nicht ſehr gefällige Wirth ſich geg einen Geiſtlichen ſo höflich zeigte; war etwas Natür⸗ liches, um ſo mehr aber fiel Philipſon die Wirkung auf, welche die Ankunft dieſes unerwarteten Gaſtes hervorbrachte. Dieſer nahm ohne weitere Umſtände den Ehrenplatz ein, wo vorher der reiche Regensburger ſaß, und muſterte mit kaltem, eiſigem Blicke die Ge⸗ ſellſchaft, wobei er in der Seele eines Jeden zu leſen ſchien, ohne ihn jedoch längerer Aufmerkſamkeit zu würdigen. Auch auf Philipſon fiel ſein Blick, es lag aber nichts darinnen, das verrathen hätte, daß er ihn kennen wollte. Bei all ſeiner Kaltblütigkeit war der Engländer doch in einiger Verlegenheit, als die Augen des Prieſters auf ihm hafteten, und er fühlte ſich er⸗ leichtert, als ſie auf ſeinen Nachbar übergingen. Das lärmende Geſchrei und Gelächter hatte in dem Augen⸗ blicke aufgehört, wo der Geiſtliche in die Stube trat, und einige Verſuche, die Fröhlichkeit wieder herzuſtel⸗ len, ſcheiterten von ſelbſt. Es war, als ſey der fröh⸗ liche Schmaus in ein Leichenmahl, die Gäſte in ein Trauergeleite verwandelt. Ein kleiner Mann, ein Schneider aus Augsburg, wie man nachher erfuhr, forderte, jedoch mit furchtſamer Stimme, den Bruder Gratian auf, weiter zu ſingen, allein dieſer ſenkte den Kopf und ſchüttelte ihn mit ſo wehmüthigem Ausſehen, daß der Schneider erſchrack, als wäre er bei einem Diebſtahl ertappt worden. Kurz, es trat tiefe Stille ein und die Gäſte ſaßen in banger Erwartung, ſo daß ſie, als die Dorfglocke um ein Uhr geläutet wurde, zufammen ſchracken, als wäre dieß das Zeichen eines entſtandenen Brandes. Der Geiſtliche, der in der Eile 7 einige Speiſen zu ſich genommen hatte, ſchien das Läu⸗ ten für ein Zeichen zu halten, die Tafel aufzuheben, und ſprach: „Wir haben jetzt leibliche Speiſe zu uns genommen, nun aber wollen wir Gott bitten, daß er uns ein ſeli⸗ ges Ende verleihe, denn der Tod folgt auf das Leben ſo gewiß, als die Nacht auf den Tag, wiewohl wir weder Ort, noch Stunde wiſſen, da wir ſterben werden.“ Alle Gäſte entblösten ſich das Haupt, wie durch eine inſtinktmäßige Bewegung, während er ein feierliches, lateiniſches Gebet ſprach. Als er geendigt hatte, neig⸗ ten Alle das Haupt noch tiefer, als zuvor, und als ſie wieder aufſahen, hatte der Prieſter mit dem Wirth, der ihn wahrſcheinlich in ein Schlafzimmer führte, be⸗ reits die Stube verlaſſen. Nachdem er hinausgegangen war, fingen Einzelne wieder an, einander zu winken, und ſich leiſe einige Worte zuzuflüſtern, aber Niemand wagte es, laut zu ſprechen und Philipſon konnte nichts deutlich verſtehen. Leiſe fragte er den Bruder Gratian, neben dem er ſaß, ob der Geiſtliche nicht der Prieſter von Sanct Paul in der Grenzſtadt La Ferette⸗ ſey. „Wenn Ihr wißt, wer er iſt, warum fragt Ihr mich dann?“ gab Gratian zurück, und Ton und Miene be⸗ wieſen, daß der Weindunſt, der ihm in den Kopf ge⸗ ſtiegen, mit einem Male verſchwunden war. „Weil ich wiſſen möchte,“ fuhr Philipſon fort,„durch welchen Zauber er die fröhlichen Zecher auf einmal ernſt und nüchtern gemacht hat, daß ſie ſtumm ſind, wie Karthähſer⸗Mönche.“. „Freund!“ verſetzte der Bruder,„Ihr ſeht mir aus, als früget Ihr nach Dingen, die Ihr ſchon wißt, allein ich gehöre nicht zu den dummen Vögeln, die ſich durch Lockſpeiſe fangen laſſen; wenn Ihr den Prieſter kennt, ſo müßt Ihr auch wiſſen, warum man vor ihm erſchrickt: eher dürfte man ſich in der heiligen Kapelle zu Loretto einen Scherz erlauben, als vor dem.“ Mit dieſen Worten rückte er von Philipſon weg, als fürchtete er, das Geſpräch möchte noch länger dauern. In dieſem Augenblick trat der Wirth wieder ein, und befahl Gottfried, den Schlaftrunk zu bringen. Dieß war ein gebranntes Getränk mit Gewürz und ſelbſt Philipſon mußte geſtehen, daß er nie etwas Beſſeres getrunken. Unterdeſſen bemerkte Mengs mit etwas mehr Höflichkeit, als bisher gegen ſeine Gäſte, er hoffe, ſie ſeyen mit der Bewirthung zufrieden, während der alte Diener die Rechnung mit Kreide auf eine hölzerne Tafel ſchrieb, die Summe unter die Zahl der Gäſte gleich vertheilte, und dann Jedem das Seinige abzu⸗ fordern begann. Als der Teller, auf den das Geld gelegt wurde, in die Nähe des Bruder Gratian kam, ging in deſſen Geſicht auf einmal eine Veränderung vor. Er warf einen kläglichen Blick auf Philipſon, als dem Einzigen, von dem er eine milde Gabe hoffen konnte, und dieſer bezahlte des Bettelmönchs und ſeine eigene Zeche, ſo wenig es dieſer durch ſein Mißtrauen verdient hatte. Bruder Gratian überhäufte ihn mit Dankſa⸗ gungen in gutem Deutſch und ſchlechtem Latein, der Wirth ließ ihm aber keine Zeit, damit zu Ende zu 9 kommen, indem er mit einem Licht in der Hand Phi⸗ lipſon ſagte, daß er ihn in ſein Schlafzimmer führen wolle, und fo gefällig war, ſein Gepäck ſeloſt zu tragen. „Ihr macht Euch zu viele Mühe, Herr Wirth,“ ſprach der Engländer, erſtaunt über dieſe etwas ſchnelle Veränderung. „Für einen Gaſt, den mir der ehrwürdige Prieſter von Sanct Paul empfohlen, kann ich nicht zu viel thun,“ verſetzte Mengs, und ſchloß die Thüre eines kleinen Schlafgemachs auf, wo Alles zum Empfang des Gaſtes bereit war.— „Ihr könnt hier,“ fuhr er fort,„ſchlafen, ſo lange Ihr mögt, und in meinem Hauſe bleiben, ſo lange es Euch gefällt; der Schlüſſel hier ſichert Eure Waaren gegen Diebe und Räuber. Ich thue das nicht einem Jeden, denn wenn ich jedem meiner Gäſte ein beſon⸗ deres Bett gäbe, ſo würden ſie anch beſonders ſpeiſen wollen, und dann wäre es aus mit unſern guten, alten, deutſchen Bräuchen.“ Er legte die Ballen auf den Boden und ſchien gehen zu wollen, als er noch einmal umkehrte und ſich wegen ſeines unhöflichen Benehmens zu entſchuldigen anhob. „Ich hoffe, daß Ihr nicht böſe auf mich ſeyd, geehr⸗ ter Gaſt; eher möchtet Ihr einen Bären von unſern Bergen herabkommen und Sprünge machen ſehen wie ein Affe, als daß wir alten, deutſchen Wirthe ſo ſchön thun, als wie die in Frankreich oder Italien; allein ich bitte Euch, zu bemerken, daß unſere Zechen billig „v 10 ſind, wenn wir auch keine Bücklinge und Geſichter ſchneiden.“ Dieſe Worte ſchienen ſeine ganze Beredtſamkeit er⸗ ſchöpft zu haben, denn er wandte ſich ſchnell um und verließ das Zimmer. So entging Philipſon zum zwei⸗ tenmal die Gelegenheit zu fragen, wer der Geiſtliche ſey, der auf alle die, die in ſeine Nähe kamen, ſo gro⸗ ßen Einfluß übte. Im Grunde verlangte ihn nicht ſehr, die Unterhaltung mit ſeinem Wirth fortzuſetzen, obgleich dieſer ſein abſtoßendes Weſen ziemlich abgelegt hatte, und doch hätte er gewünſcht, zu erfahren, wer der Mann ſey, der nur ein Wort zu ſprechen brauchte, um Meuchelmörder zu entwaffnen und einen groben deutſchen Wirth höflich zu machen. Unter dieſen Ge⸗ danken entkleidete er ſich, und ſuchte das Lager und die Ruhe zu finden, deren er nach dieſem Tage voll Mühe und Gefahren ſo ſehr bedurfte. 3 XIX. Macbethy. Sagt, ihr ſchwarze, naͤchtliche Zauberinnen, was macht ihr? Die Hexen. Es hat keinen Namen! 4 Shakespeare. Er lag ſchon über eine Stunde im Bette, und noch hatte ihn der Schlaf noch nicht heimgeſucht, als er fühlte, daß der Boden unter ihm wich und er mit 11 ſeinem Lager, ohne zu wiſſen, wohin niederſank. Er hörte dumpf Seiler und Rollen ſchwirren, und indem er umhertaſtete, gewahrte er, daß das Bett auf einer Fallthiere ſtand, die man in die Zimmer oder Gewölbe unten niederlaſſen konnte. 1 Ire Sn Bei dieſer Entdeckung fühlte er ſich von einem Granen angewandelt, welches ſeine Lage rechtfertigte, denn konnte er hoffen, daß ein ſo ſonderbar begonnenes Aben⸗ theuer einen günſtigen Ausgang nehmen würde? In⸗ deſſen verlor er keineswegs Beſonnenheit und Geiſtes⸗ gegenwark. Er wurde vorſichtig niedergelaſſen, und hielt ſich bereit, aufzuſpringen, und ſich zur Wehre zu ſetzen, ſobald er wieder auf feſtem Grund wäre: Ob⸗ gleich ſchon in höherem Alter, beſaß er doch immer noch große Körperkraft und Gewandtheit, und war entſchloſſen, wenn man ihm nicht zuvorkäme, woran jedoch kaum gezweifelt werden konnte, ſich nachdrücklich zu vertheidigen. Sobald er unten anlangte, legten zwei Männer, die ſeiner gewartet hatten, Hand au ihn, hielten ihn mit Gewalt auf dem Lager feſt, und banden ihm die Arme, ſo daß er ſich ruhig verhalten und erwarten mußte, welchen Ausgang das Abentheuer nehmen würde. Er konnte nur den Kopf von der einen Seite nach der andern drehen und ſah zu ſeiner Freude endlich Lichter ſchimmern, die aber in weiter Ferne zu ſeyn ſchienen. Die ungeregelte Weiſe, in welcher dieſe zerſtreuten Lichter näher kamen, indem ſie bald eine gerade Linie bildeten, bald einander durchkreuzten, ließ ſchließen, 12 daß das unterirdiſche Gewölbe, in welchem ſie ſich zeig⸗ ten, von beträchtlichem Umfange ſeyn müſſe. Auch ihre Anzahl wuchs, und als ſie ſich näher vereinigten, konnte Philipſon bemerken, daß es Fackeln waren, welche Männer, wie Leidtragende bei einem Leichenbegängniß in ſchwarzen Mäntelu gehüllt, trugen; die Kappen hat⸗ ten ſie übers Geſicht gezogen, ſo daß ihre Züge un⸗ kenntlich waren. Sie maßen vorfichtig einen Theil des Zimmers ab und ſangen dabei in der altdeutſchen Sprache ein Lied, das Philipſon nicht verſtand, das aber etwa alſo lautete: Die Ihr ſchlichtet Streit und Klage, Bringt das Maaß, die Schnur und Wage⸗ Baut den Altar, grabt den Graben, Buut ſoll er zum Opfer haben; Meſſet dann genau ſechs Ellen, So viel ſoll die Richtbank zaͤhlen. Von dem Sitz der Richter ſcheide Den Beklagten gleiche Weite, Abendwaͤrts ſein bleich Geſicht, Oſtwaͤrts ſcheue das Gericht— Bruͤder ſprecht, Ihr habt's geſehen⸗ Ob nach Fng und Bvauch geſchehen? Ein tiefer Chor ſchien auf dieſe Frage zu antworten; er wurde von vielerlei Stimmen geſungen, theils von einzetnen der bereits im Gewölbe Verſammelten, theils. von Andern in den Gängen außen, die mit denſelben in Verbindung ſtanden, und deren es ſehr viele ſeyn mußten. Die Worte, die ſie ſangen, lanteten alſo: 13³ Leib und Leben, Blut und Bein Setzen wir zux Buͤrgſchaft ein, Daß nach Fug und Brauch geſchehen. Nun fuhren die Uebrigen, wie zuvor, ihr Lied zu linden fort: Wie weit die Nacht?— wirft fruͤhen Schein Das Morgenroth ſchon uͤber'n Rhein? Welch Klaͤnge ſeinem Rauſchen ſich vermaͤhlen! Sind's Voͤglein, die die ſaͤumige Sonne ſchmaͤlen? Drum Bruͤder, raſch Euch aufgemacht! Antwortet wahr: wie weit die Nacht? Die Antwort wurde weniger laut als das erſtemal gegeben, und es ſchien, daß die, von welchen ſie kam, viel entfernter waren, als zuvor, doch hörte man deut⸗ lich die Worte: Die Nacht iſt alt; auf breiter Bruſt des Rhein Glaͤnzt noch der muͤden Sterne matter Schein; Es will in Oſten noch nicht tagen, Nur eine Stimme fluͤſtert auf der Fluth: Die Sterne droben fordern Blut um Blut, 's iſt Zeit zu folgen, ſonder Zagen. Der Chor erwiederte durch viele Stimmen vermehrt: Auf denn! geht der Tag zur Ruhe, Des Gerichtes Morgen graut. Darum auf! ſchlaftrunkne Augen Nimmermehr dem Naͤcher taugen⸗ Iſt die Nacht doch ſeine Braut. Die Weiſe des Lieds ließ Philipſon bald erathen, 3 daß er unter den eingeweihten oder weiſen Männern ſey, Namen, womit man die berühmten Schöffen des 14 heimlichen Gerichtes bezeichnete, welches um dieſe Zeit noch in Schwaben, Franken und andern Theilen des öſtlichen Deutſchlands beſtand, die, vielleicht wegen der häufigen Hinrichtungen, welche jene unſichtbaren Rich⸗ ter vollziehen ließen, das rothe Land hießen. Philipſon hatte oft ſagen gehört, daß ein Freigraf, das heißt, eines der Häupter des heiligen Gerichts, manchmal ſogar auf dem linken Rheinufer Sitzungen halte, wiewohl Karl ſi ch Mühe gab, den Verſamm⸗ lungsort zu entdecken, und die Macht der geheimen Richter zu zerſtören, ſo weit dieß möglich wäre, ohne ihren Dolchen ſich auszuſetzen, denn die Furcht vor die⸗ ſen hatte ſchon lange die deutſchen Fürſten und ſelbſt die Kaiſer abgehalten, dieſe Verbindungen aufzuheben. Philipſon hatte nun einen Faden um in das Geheimniß einzudringen, das über dem Benehmen des Prieſters von Sankt Paul lag. Dachte er ſich ihn als eines der Häupter des geheimen Bundes, ſo ließe ſich leicht er⸗ klären, daß er Selbſtvertrauen genug beſaß, um Hagen⸗ bachs Hinrichtung vor dem Herzoge ſelbſt rechtfertigen zu wollen, daß ſein Erſcheinen den Bruder Barthel ſo ſehr erſchreckte, weil er dieſen auf der Stelle zu rich⸗ ten Gewalt hatte, und daß er bei ſeiner Ankunft in der Herberge alle Gäſte in Furcht ſetzte, denn Alles, was auf jenes Gericht Bezug hatte, wurde zwar ge⸗ heim gehalten, wie noch heut zu Tage die Freimaurerei, allein doch bezeichnete man in der Stille gewiſſe Per⸗ ſonen als Eingeweihte. Wer für einen Solchen galt, war für Jeden Gegenſtand der Furcht und des Haſſes, 15 ſtand aber dabei in hoher Achtung. Sprach man mit einem Solchen, ſo mußte man beſonders jede Frage vermeiden, welche auch nur die mindeſte Andeutung enthielt, daß man ihn für ein Mitglied des geheimen Gerichtes halte, und man durfte überzeugt ſeyn, ſich durch ſolche Neugierde in's Unglück zu bringen. Philipſon ſuchte nun nach den beſten Mitteln, die ihm drohende Gefahr abzuwenden, während ihm die Geſtalten, die er in der Ferne ſah, mehr vom Fieber⸗ wahn hervorgerufen, als der Wirklichkeit angehörend erſchienen. Endlich ſammelten ſie ſich in der Mitte des Saales, wo ſie ſich zuerſt gezeigt hatten, und ſchienen ſich hier zu ordnen; Pechfackeln wurden nach und nach in großer Menge angezündet, und die Scene trat deutlich und beſtimmt hervor. In der Mitte ſtand ein Altar, der Mittelpunkt, wie es ſchien, auf den ſich Aller Augen richteten, und hinter demſelben ſtanden in gleichlaufenden Reihen, zwei mit ſchwarzem Tuch überdeckte Bänke. Auf jedem derſelben ſaß eine gewiſſe Anzahl Perſonen, die Richter, wie es ſchien, auf dem vorderen aber waremes wenigere, auch bekleideten ſte dem Anſcheine nach einen höheren Rang Es waren lauter angeſehene Männer, höhere Geiſtliche, Ritter und Edle, und ungeachtet des Anſcheins von Gleichheit, war doch ihre Meinung und Zeugniß von bedeutendem Gewichte. Man nannte ſie Freiritter und Freigrafen, die Uebrigen Freie und Bürger. Außer dieſen beiden Klaſſen ſtanden noch viele Perſonen um⸗ her, welche die verſchiedenen Eingänge bewachten, oder 16 ſich hinter die Bänke ſtellten, um die Befehle der Obe⸗ ren zu vollziehen. Sie waren auch Mitglieder, im Allgemeinen Schöppen genannt, und mußten ſchwören, die geſprochenen Urtheile ſelbſt an ihren nächſten Ver⸗ wandten und beſten Freunden zu vollziehen. Nachdem das Gericht verſammelt war, wurde ein zuſammengelegter Strick und ein bloßes Schwert, die bekannten Sinnbilder der Macht des Behmgerichts, auf den Altar gelegt, hiexauf erhob ſich der Stuhlherr, der auf der erſten Bank in der Mitte ſaß, legte die Hand auf dieſe Sinnbilder und ſprach laut die Eidesformel, welche die übrigen Ritter und Schöppen mit lauter Stimme nachſprachen: „Ich ſchwöre bei der heiligen Dreieinigkeit, ohne Un⸗ terlaß mitzuwirken in Allem, was die heilige Vehme betrifft, und ihre Lehren und Einrichtungen zu perthei⸗ digen gegen Vater und Mutter, Bruder und Schwe⸗ ſter, Weib und Kinder, gegen Feuer, Erde, Luft und Waſſer, gegen Alles, was die Sonne beſcheint und der Thau befeuchtet, gegen Alles, was geſchaffen iſt, im Himmel, auf Erden und im Waſſer. Ich ſchwöre, dem Gericht Alles zu melden, was ich weiß oder von glaub⸗ würdigen Zeugen vernommen, und was nach den Geſe⸗ ten der heiligen Vehme Rüge oder Strafe verdient, nichts zu verhehlen und zu verbergen, was ich weiß, weder aus Liebe noch aus Freundſchaft, weder um Gold noch um Silber, noch um Edelſteine, keine Gemeinſchaft zu haben mit ſolchen, über die das Gericht das Urtheil geſprochen, keinem Angeklagten zu verſtehen zu geben, 47 daß er in Gefahr iſt, ihm nicht zur Flucht zu rathen, noch dazu behülflich zu ſeyn, keinem Angeklagten Klei⸗ dung, noch Speiſe, noch Schutz zu geben, ſelbſt wenn mein Vater um ein Glas Waſſer mich bäte in der größten Hitze des Sommers, oder mein Bruder, daß er an meinem Heerd ſich wärmen dürfe in der kälteſten Winternacht. Außerdem gelobe und verſpreche ich, dieſe heilige Verſammlung zu ehren und ihre Befehle ſchnell und treu zu vollziehen. Zu Zeugen deß nehme ich Gott und die heiligen Evangeliſten.“ 1 „Nach dieſem Eide wandte ſich der Stuhlherr an die Berſammlung und fragte, warum das Strick⸗Kind*) gebunden vor ihnen erſchtenen ſey. Alsbald erhob ſich Einer von der zweiten Bank und erklärte ſich, mit einer Stimme, die Philipſon zu kennen ſchien, für den Ankläger. „Führt den Gefangenen vor,“ fuhr der Stuhlherr fort;„man bewache ihn ſorgfältig, behandle ihn aber nicht mit einer Strenge, die ſeine Aufmerkſamkeit ab⸗ zieht und ihn hindert, zu hören und zu antworten.“ Sechs von den Umſtehenden ſchoben nun die Fall⸗ thüre, auf der ſich Philipſon mit ſeinem Bette befand, nach vornen und blieben am Fuße des Altares ſtehen. Jeder zog ſeinen Dolch. Zwei lösten die Bande des Engländers und ſagten ihm mit leiſer Stimme, daß er *) So hieß jeder vor dieſem Gericht Angeklagte. Der Verfaſſer. Walter Scort's Werke. 1608 Boͤchn. 2 I 18 bei dem mindeſten Verſuche ſich zu widerſetzen, oder zu entfliehen, niedergeſtochen würde. „Steht auf,“ ſprach der Stuhlherr weiter,„ver⸗ nehmt die Anklage gegen Euch und glaubt, daß Ihr in uns eben ſo gerechte, als unbeugſame Richter finden werdet.“ Philipſon richtete ſich auf und hatte nun den Stuhl⸗ herrn und das furchtbare Gericht vor ſich, aber dennoch verlor ſein unerſchrockenes Gemüth ſeine Ruhe nicht; nicht einmal ſeine Augenlieder zuckten und ſein Herz ſchlug nicht ſchneller, ſo gefährlich auch die Lage war, in der er ſich befand. Der Stuhlherr fragte ihn nach ſeinem Namen, Va⸗ terland und Gewerbe. „Ich heiße John Philipſon,“ antwortete er,„bin ein Engländer von Geburt und ein Kaufmann.“ „Habt Ihr nie einen andern Namen geführt und ein anderes Gewerbe getrieben?“ „Ich bin Soldat geweſen und führte damals, wie viele Andere einen Namen, unter dem ich im Heere bekannt war.“ „War war dieß für ein Name?“ „Ich habe ihn abgelegt mit den Waffen, und will nicht mehr unter demſelben bekannt ſeyn, übrigens habe ich ihn an keinem Orte geführt, wo Euer Arm hinreicht.“. „Wißt Ihr, vor wem Ihr ſteht?“ „Ich kann es wenigſtens vermuthen.“ 19 „Was vermuthet Ihr? ſagt uns, wer wir ſind, und warum Ihr vor uns ſteht.“ „Ich glaube, ich ſtehe vor den Unbekannten oder dem geheimen Vehmgericht.“ „Dann wißt Ihr, daß Ihr ſicherer wäret, wenn Ihr an den Haaren über dem Abgrund bei Schaffhauſen aufgehängt wäret. Was habt Ihr gethan, um ein ſol⸗ ches Schickſal zu verdienen?“. „Dieſe Frage mögen die beantworten, die mich hie⸗ her geführt haben,“ erwiederte Philipſon ſo kaltblütig als zuvor. „Sprich, Aukläger,“ fuhr der Stuhlherr fort,„ſprich gegen die vier Wände vor den freien Richtern und dem Geladenen, der ſein Verbrechen läugnet oder verhehlt, und beweiſe die Wahrheit Deiner Anklage“ „Dieſer Fremde,“ ſprach der Ankläger, viſt unter einem falſchen Namen und unter dem Vorwande, ein Gewerbe zu treiben, das nicht das ſeinige iſt, in das heilige Gebiet des rothen Landes hier eingedrungen. Als er noch öſtlich von den Alpen war, hat er von dem heili⸗ gen Gericht mehreremal verächtlich geſprochen, und er⸗ klärt, wenn er Herzog von Burgund wäre, ſo würde er es nicht bis in ſein Gebiet ſich erſtrecken laſſen. Außerdem klage ich ihn an, daß er die Abſicht ausge⸗ ſprochen, an den Hof des Herzogs von Burgund zu gehen, um dieſen zu beſtimmen, die Verſammlungen der Vehme in ſeinen Staaten zu verbieten, und die Mit⸗ glieder derſelben als Räuber und Mörder zu ſtrafen.“ „v 2* 3 20 „Das iſt eine ſchwere Anklage, Bruder,“ verſetzte der Stuhlherr, als der Ankläger geendigt hatte,„wie willſt Du ſie beweiſen?“ „Gemäß den geheimen Geſetzen, die nur Eingeweihte hören dürfen.“ „Gut, aber ich frage Dich noch einmal, welches ſind dieſe Beweiſe? Du ſprichſt vor heiligen, geweih⸗ ten Ohren.“ „Ich beweiſe meine Anklage durch das Geſtändniß des Beklagten ſelbſt, und durch meinen Schwur auf die heiligen Zeichen des heimlichen Gerichts.“ „Dieſer Beweis iſt geſetzlich,“ ſprach einer der Rich⸗ ter auf der vordern Bank,„und zum Fortbeſtande des Gerichts, das wir zu erhalten feierlich geſchworen ha⸗ ben, iſt es nöthig, daß ſolche Verbrechen nicht unge⸗ ſtraft bleiben. Karl von Burgund hat ſchon Fremde genug in ſeinem Heere, das er leicht gegen das heilige Gericht berufen kann, und beſonders Engländer, die hartnäckig an ihren Gebräuchen hängen, nnd die ande⸗ rer Länder verwerfen. Dieſem Geiſt des Wiederſpruchs muß ein Ende gemacht werden, und wenn bewieſen iſt, daß der Angeklagte zu denen gehört, die ſolche Anſich⸗ ten nähren und verbreiten, ſo muß Schwert und Strick gegen ihn gehandhabt werden, das iſt meine Meinung.“ Ein allgemeines Gemurmel ſchien zu billigen, was der Redner geſprochen hatte, denn Alle wußten ſehr gut, daß die Macht des Gerichts mehr von dem Glau⸗ ben, es ſey tief gewurzelt, als von Achtung für daſſel⸗ be abhieng, allein Philipſon antwortete mit Feſtigkeit: 21 „Meine Herren, Bürger oder wie Ihr ſonſt genannt werdet, wißt, daß ich mich ſchon in ebenſo großer Ge⸗ fahr wie heute befunden, und ihr niemals den Rücken gewendet habe, um ſie zu vermeiden. Auf die Anklage antworte ich, daß ich ein Engländer bin, und gewöhnt, bei Tageslicht unparteiiſche Gerechtigkeit zu üben und zu erfahren; indeſſen bin ich ein Reiſender, und weiß, daß ein ſolcher nicht das Recht hat, an Geſetzen und Gebräuchen anderer Länder etwas auszuſetzen, welche nicht denen des ſeinigen gleichen. Allein dieß gilt nur in den Ländern, wo die Geſetze, von denen man ſpricht, in voller Kraft und Wirkſamkeit ſind. Man beſchul⸗ digt mich, ich habe in Turin oder an einem andern Orte des nördlichen Italiens über das Gericht, vor dem ich ſtehe, mich nachtheilig geäußert. Ich läugne nicht, daß ich etwas der Art geſprochen, allein es geſchah in Folge einer Frage, auf die mich zwei Gäſte, die mit mir zu Tiſche ſaßen, zu antworten gleichſam nöthigten. Erſt auf dringende Aufforderung ſprach ich meine Mei⸗ nung aus.“ „Und war dieſe,“ fragte der Stuhlherr,»günſtig oder ungünſtig für das Vehmgericht? Sprecht die Wahrheit, bedenkt, daß das Leben kurz iſt, und ewig das Gericht.“ 3 „Ich möchte mein Leben nicht durch eine Lüge erkau⸗ fen; meine Meinung war folgende: Kein gerichtliches Verfahren und keine Geſetze können gerecht und lobens⸗ würdig ſeyn, wenn ſie nur durch eine geheime Verbin⸗ dung wirken; Gerechtigkeit artet, wenn ſie aufhört 22 öffentlich zu ſeyn, in Haß und Rache aus. Ein Ver⸗ fahren, von dem Eure eigenen Rechtsgelehrten geſagt haben: 3 „Non socer a genero, non hospes ab hospite tutus,“ iſt zu ſehr gegen die Geſetze der Natur, als daß es ſich mit der Religion vereinigen ließe.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo erhob ſich unter den Richtern ein Gemurmelz per läſtert die heilige Vehme,“ hieß es,„ſein Mund verſtumme auf ewig,“ „Höret mich,“ fuhr der Engländer fort,„wie Ihr ſelbſt einſt gehört zu werden wünſchen werdet; ich habe geſagt, daß dieß meine Anſicht war, ſie iſt es noch, und ich werde ſie behaupten, ſelbſt wenn die Spitze dieſes Schwertes mir auf die Bruſt geſetzt und der Strick mir um den Hals gelegt würde. Daß ich aber in einem Lande, wo die Vehme als Nationalgericht eingeführt iſt, gegen ſie geſprochen habe, läugne ich förmlich, und ebenſo, daß ich zu dem Herzog von Bur⸗ gund reiſen wolle, um eine Verſchwörung zu Aufhe⸗ bung dieſes Gerichts einzuleiten; ich habe nie etwas der Art geſagt, nicht einmal daran gedacht.“ „Ankläger,“ fuhr der Stuhlherr fort,„Du haſt den Beklagten gehört, was antworteſt Du?“ Er hat den erſten Theil der Anklage zugeſtanden, ſeine gottloſe Zunge hat unſer herliges Gericht gelä⸗ ſtert, wofür er verdient, daß ſie ihm ausgeriſſen werde. Die Wahrheit der weitern Anklage will ich nach un⸗ ſern Gebräuchen und Geſetzen durch einen Schwur be⸗ weiſen.“ 23 „Wenn eine Anklage nicht auf genügende Gründe geſtützt iſt,“ fiel der Engländer ein,„ſo läßt man vor Gericht den Angeklagten ſchwören, nicht den Anklager.“ „Fremdling,“ fuhr der Stuhlherr fort,„wir haben Dir erlaubt, Dich länger und weitläufiger zu ver⸗ theidigen, als unſere gewöhnlichen Formen geſtatten. Wiſſe, daß das Recht, unter den ehrwürdigen Rich⸗ tern zu ſitzen, dem, der es genießt, einen heiligen Cha⸗ rakter ertheilt. Selbſt die Erklärung des Kaiſers hätte bei uns weniger Gewicht, als die des geringſten Die⸗ ners des Gerichts. Der Eid des Anklägers wird nur durch den eines höhern Mitglieds deſſelben ungültig.“ „Wenn das iſt,“ ſprach der Engländer in feierlichem Tone,„ſo ſey Gott mir gnädig. Dich aber, der Du den Vorſitz führſt bei dieſer furchtbaren Verſammlung, beſchwöre ich, zu erklären, ob Du mich deſſen für ſchul⸗ dig hältſt, weſſen mich der freche Verläumder anklagt; ich beſchwöre Dich bei Deinem heiligen Charakter, bei Deinem Namen.....“ „Stille,“ unterbrach ihn der Stuhlherr,„der Name, unter dem wir in der Welt bekannt ſind, darf, wo wir richten, nicht genannt werden.“ Er wandte ſich nun gegen den Gefangenen und die Verſammlung und fuhr fort:„Zum Zeugen aufgeru⸗ fen, erkläre ich, daß der erſte Theil der Anklage gegen Dich, Du habeſt außerhalb des rothen Landes Dir un⸗ bedachtſame Aeußerungen gegen das Vehmgericht erlaubt wahr iſt, aber ich glaube bei meiner Seele und bezeuge bei meiner Ehre, daß das Uebrige falſch und unglaub⸗ 24 lich iſt, und ſchwöre dieß auf das Schwert und den Strick. Brüder, welches Urtheil fällt Ihr in dieſer Sache?“ Einer der Richter auf der erſten Bank, den ſeine Stimme und Haltung für älter anſehen ließen, als die zwei Andern, die ſchon geſprochen, erhob ſich und ſprach mit zitternder Stimme:„Der Angeklagte iſt überführt worden, daß er thörichter Vermeſſenheit ſchuldig ſey, allein ſeine Worte ſprach er zu Ohren, die unſere hei⸗ ligen Geſetze nicht kannten. Dagegen iſt er durch ein unverwerfliches Zeugniß von der andern Anklage frei ge⸗ ſprochen. Er hat ſich alſo nur der Thorheit, keines Verbrechens ſchuldig gemacht, und da die heiligen Ge⸗ ſetze der Vehme keine andere Straͤfe kennen, als den Tod, ſo ſchlage ich vor, daß der Angnklagte, nachdem er einen geziemenden Verweis erhalten, der Geſellſchaft wieder zurückgegeben werde.“ Strick⸗Kind,“ hob der Stuhlherr wieder an,„Du haſt das Urtheil gehört, das Dich freiſpricht, wünſcheſt Du aber einmal in Frieden zu ſterben, ſo befolge den Rath, den ich Dir gebe. Betrachte Alles, was dieſe Nacht geſchehen iſt, als ein Geheimniß, das weder Vater noch Mutter, weder Gattin noch Kin⸗ dern durch Worte oder Schrift oder andere Zeichen mitgetheilt werden darf, gehorche dieſem Befehle und Dein Leben iſt ſicher; glaube aber nie, Du ſeyeſt auſ⸗ ſerhalb des Bereichs der Richter und Diener der heili⸗ gen Vehme. Wäreſt Du auch tauſend Meilen von dem rothen Lande, ſo bekreuzige Dich jedesmal, wenn 25 Du nur an das heilige Gericht denkſt, und verſchließe Deine Gedanken in Deinem Buſen, denn der Rächer könnte neben Dir ſtehen und Du kämeſt um in Deinem thörichten Dünkel. Gehe, ſey vorſichtig und die Furcht vor der heiligen Vehme ſey Dir ſtets vor Augen.“ Bei dieſen Worten erloſchen ziſchend die Lichter, Phi⸗ lipſon ſah ſich aufs Neue unter den Händen der Diener der Vehme; ſie legten ihn ſanft wieder auf ſein Bett und ſchoben es an den vorigen Ort, er hörte wieder die Seiler und Rollen und fühlte ſich in die Höhe gezogen. Ein leichter Stoß verrieth ihm, daß er wieder in dem Zimmer ſey, in das ihn der Wirth Abends geführt hatte. Er überdachte das Geſchehene und dankte dem Him⸗ für die Errettung aus ſo großer Gefahr. Endlich ſiegte die Müdigkeit und er ſank in tiefen Schlaf, den wir ihn genießen laſſen, um zu ſeinem Sohne zurückzukehren. Von Rebenhuͤgeln iſt's umſchloſſen, Und traurig ſchau'n hinab in's Thal Gebroch'ne Burgen nackt und kahl, Von nebelgrauem Duft umfloſſen. ſeine Rolle als Kaufmann durchzuführen. am rechten Ufer des Fluſſes hin fort. Welch' reiche Gaben hat mit voller Hand Dem ſtolzen Sohne die Natur geſpendet! Wohin Harold entzuͤckt die Blicke wendet, Sieht er in weitem Thal ein fruchtbar Land; Childe⸗Harold. Bei der Trennung von ſeinem Vater, die, wie er hoffte, nur von kurzer Dauer ſeyn würde, nahm Arthur nur das Nöthigſte, etwas Wäſche und einige Geldſtücke mit ſich und ließ das Maulthier mit dem übrigen Ge⸗ päck zurück, weil er dachte, ſein Vater brauche es, um fahrt ging glücklich von Statten, und ehe er das jen⸗ ſeitige Ufer verließ, ſah er ſeinen Vater mit zwei Män⸗ nern zu Pferd den Weg von der Kapelle herkommen. Bei dieſer Vermehrung der Reiſegeſellſchaft, meinte er, müſſe ſein Vater ſicherer reiſen, er beſchloß daher, in Kirchhof nicht zu halten und ſeinen Weg in der Rich⸗ tung gegen Straßburg fortzuſetzen, bis die Dunkelheit ihn nöthigte, in einem der Dörfer auf dem rechten Rhein⸗Ufer zu halten. Nachdem er einige Erfriſchun⸗ gen zu ſich genommen und ſein Pferd einige Zeit hatte ausruhen laſſen, ſetzte er ſeinen Weg ohne Zeitverluſt 27 Er ſchwelgte im Anblick der herrlichen Landſchaft, obgleich der Tag ſich zu neigen begann und ihn er⸗ innerte, eine Herberge fuͤr die Nacht zu ſuchen. Er ritt in ein herr iches Halbrund ein, das mit Baͤu⸗ men bewachſen war, deren Schatten die zarten Pflan⸗ zen gegen die Hitze des Tages ſchuͤtzte. Ein großer Fluß ſtroͤmte daneben dem Rheine zu; eine Stunde von da aufwaͤrts beſchrieb er einen Halbkreis um eine ſteile Anhoͤhe, auf der ein Schloß mit ſeinen gothiſchen Thuͤrmen ſich erhob. Ein Theil der Ge⸗ gend war mit Getreide eingeſaͤet, das man bereits eingeheimst hatte, die gelben Stoppeln aber bildeten einen angenehmen Wechſel mit dem Gruͤn der Wie⸗ ſen und den ſchon roͤthlich werdenden Blaͤttern der hohen Eichen, die ihre Aeſte weithin uͤber den Platz ausreckten. Ein junger Mann in aͤndlicher Klei⸗ dung war beſchaͤftigt, mit Huͤlfe eines abgerichteten Wachtelhundes eine Kitte Rebhuͤhner zu fangen, waͤh⸗ rend ein Maͤdchen, das mehr im Dienſte einer Fa⸗ milie von Rang, als ein bloßes Landmaͤdchen zu ſeyn ſchien, auf dem Stamm eines umgeſtuͤrzten Baumes ſaß, und ihm zuſah. Der Hund, der die Rebhuͤhner in das Netz zu treiben hatte, wurde bei der Annaͤherung des Reiſenden unruhig, und es war jeden Augenblick zu erwarten, daß er durch Bellen die Voͤgel aufſcheuchen moͤchte, als das Maͤdchen auf Arthur zuging und ihn hoͤflich bat, ſich etwas weiter entfernt zu halten, damit ihr Jagdvergnuͤgen nicht geſtoͤrt wuͤrde. 13 Gern erfuͤllte Arthur ihre Bitte und ſagte:„Ich will mich entfernen, ſchoͤnes Maͤdchen, ſo weit Ihr wollt, aber erlaubt mir dagegen, zu fragen, ob in der Naͤhe nicht ein Kloſter, ein Schloß oder eine Her⸗ berge iſt, wo ein Fremder, der ſich verſpaͤtet hat und muͤde iſt, Nachtlager finden koͤnnte?“ Das Maͤdchen, deſſen Geſicht er bisher noch nicht deutlich geſehen hatte, erwiederte mit unterdruͤckter Lachluſt und auf die fernen Thuͤrme deutend:„Meint Ihr, das Schloß dort habe kein Plaͤtzchen, wo man einen Fremden unterbringen koͤnnte?« „Platz wohl genug,“ verſetzte Arthur,„aber viel⸗ leicht fehlt es an gutem Willen.“ „Ich ſelbſt,“ fuhr das Maͤdchen fort,„gehoͤre zu den Burgleuten, die Ihr ſo ſehr zu fuͤrchten ſcheint und ſtehe Euch dafuͤr, daß Ihr dort Aufnahme fin⸗ den werdet; da Ihr aber eine ſo feindſelige Sprache fuͤhrt, ſo muß ich nach Kriegsbrauch mein Viſir nie⸗ derlaſſen.“ Bei dieſen Worten barg ſie ihr Geſicht unter ei⸗ ner ſogenannten Reitmaske, wie ſie die Frauen je⸗ ner Zeit bei Ausgaͤngen zu tragen pflegten, um ihr Geſicht gegen die Sonne zu ſchuͤtzen oder ſich neu⸗ gierigen Blicken zu entziehen. Allein ehe ſie damit fertig wurde, hatte Arthur das freundliche Geſicht Annettens entdeckt, die, obgleich nur eine Zofe von Anna, doch im Hanſe des Landammann viel galt. Sie war eine muntere Dirne, nicht an Rangunter⸗ ſchied gewoͤhnt, auf den die ſchlichten Schweizer we⸗ 29 nig achteten und lachte und ſcherzte mit den jungen Leuten von Arnolds Familie— eine Vertraulichkeit, die vielleicht in andern Laͤndern gefaͤhrlich geweſen waͤre, hier aber bei der Einfalt der Sitten und bei Annettens Charakter nicht ausarten konnte, und im⸗ mer auf dem geraden Wege der Unſchuld und Ehre blieb. Arthur ſelbſt hatte Annetten viele Aufmerkſamkeit bewieſen, weil er bei den Empfindungen, die er ge⸗ gen ihre Gebieterin hegte, natuͤrlich auch die Gunſt der Zofe zu gewinnen ſuchte. Dieß wurde dem huͤb⸗ ſchen, jungen Mann leicht, zumal, da er ihr freige⸗ big kleine Geſchenke an Putzwaaren machte, die ſie auszuſchlagen nicht uͤber ſich vermochte.* Die Gewißheit, daß er in Anna's Naͤhe war, und wahrſcheinlich die Nacht unter einem Dache mit ihr zubringen ſollte, trieb Arthur das Blut ſchneller durch die Adern. Seit er uͤber den Rhein gegangen, hatte er ſich zwar einigemal der Hoffnung hingegeben, ſie wieder zu ſehen, die einen ſo tiefen Eindruck auf ſeine Einbildungskraft gemacht hatte, allein ſein Ver⸗ ſtand hatte ihm eben ſo oft geſagt, wie ſchwankend dieſe Hoffnung ſey, und jetzt uberlief es ihn kalt bei dem Gedanken, daß dem Wiederſehen nur der Schmerz ewiger Trennung folgen koͤnne. Doch uͤberließ er ſich ſchon im Voraus dem Genuſſe, den er ſich ver⸗ ſprach, ohne viel an die Dauer und die Folgen deſſel⸗ ben zu denken. Um aber zu hoͤren, in welchen Ver⸗ haͤltniſſen ſich Anna befinde, beſchloß er, die muntere 30 Annette nicht merken zu laſſen, daß er ſie kannte, bis ſie ſelbſt die Maske fallen ließe, Waͤhrend ihm dieſe Gedanken ſchnell durch den Sinn gingen, hieß Annette den jungen Menſchen ſein Netz fallen laſſen und ſagte ihm, er ſolle zwei der fetteſten Rebhuͤhner nehmen und ſie in die Kuͤche tragen, die uͤbrigen aber fliegen laſſen. »„Ich muß fuͤr das Abendeſſen ſorgen,“ bemerkte ſte gegen den Fremden,„da ich unerwartete Geſell⸗ ſchaft nach Hauſe bringe.“ Arthur aͤußerte, er hoffe, ſeine Ankunft im Schloſſe werde den Bewohnern deſ⸗ ſelben keine Ungelegenheit verurſachen, und ihre Ant⸗ wort beruhigte ihn voͤllig hieruͤber, „„Ich moͤchte Eurer Gebieterin nicht die geringſte Unruhe machen,“ fuhr er fort. »Seht da,“ rief Annette,„ich habe noch kein Woͤrt⸗ chen von einem Herrn oder einer Gebieterin geſagt, und der verirrte Wandersmann da denkt ſchon in ſeinem Sinn, er komme zu einer ſchoͤnen Dame!“ „Wie,“ verſetzte Arthur etwas verlegen, ſich ſo ver⸗ rathen zu haben,„ſagtet Ihr mir nicht, Ihr dienet auf dem Schloſſe? Ich dachte, ein Mädchen könne nur einer Frau dienen; doch ſagt mir, ich bitte Euch, wie heißt das Schloß?“ „Arnheim,“ erwiederte Annette. »Eure Beſatzung muß ſtark ſeyn,“ fuhr Arthur fort, „wenn Ihr die Thürme und Mauern alle beſetzen könnt.“ „Ich muß geſtehen, daß es uns ſehr daran fehlt. 31 Wir halten uns gegenwärtig im Schloſſe eigentlich verſteckt, doch iſt es durch die Gerüchte, die über das⸗ ſelbe im Umlauf ſind, zur Genüge geſichert.“ „Und Ihr wagt es dennoch, dort zu wohnen?“ fragte Arthur, und gedachte deſſen, was ihm Rudolph von den Baronen von Arnheim und dem Aufhören der männlichen Linie erzählt hatte. „Vielleicht,“ entgegnete Annette,„ſind wir mit der Urſache jener Gerüchte zu bekannt, als daß ſie Eindruck auf uns machen konnten, vielleicht haben wir beſondere Mittel, dem zu trotzen, wovor Andere ſich fürchten, vielleicht auch, und dieſe Vermuthung iſt nicht die un⸗ wahrſcheinlichſte, bleibt uns kein anderer Zufluchtsort. Ihr ſeyd, wie es ſcheint, gegenwärtig in demſelhen Falle, denn die Sonne zieht ihre Strahlen nach und nach von den fernen Bergen zurück, und wenn Ihr nicht auf Arnheim bleiben wollt, ſo habt Ihr vielleicht noch manche Stunde zu machen, bis Ihr ſicheres Ob⸗ dach findet.“ Mit dieſen Worten trennte ſie ſich von Arthur, und ſchlug mit dem Vogelſteller, der ihr folgte, einen ſehr ſteilen, aber kurzen Fußpfad ein, der in gerader Linie an das Schloß führte, nachdem ſie den Fremden auf einen breiteren Weg gewieſen hatte, der zwar weiter, aber bequemer eben dahin führte. Bald hielt er vor der Südſeite des Schloſſes Arn⸗ heim, das noch viel größer war, als er es ſich nach Rudolphs Beſchreibung und nach dem Anblick aus der Ferne gedacht haͤtte. Es war zu verſchiedenen Zeiten 32 gebant worden, und ein beträchtlicher Theil deſſelben war nicht ſowohl im gothiſchen, als in dem ſogenannten ſarazeniſchen Style aufgeführt, mit Thürmen, Kuppeln und andern Verzierungen. Das Schloß ſah öde und verlaſſen aus, allein Rudolph war nicht gehörig unter⸗ richtet, wenn er ſagte, es liege in Trümmern, im Ge⸗ gentheile war es ſorgfältig erhalten, und der Kaiſer, an den es zurückgefallen war, hatte es ausbeſſern laſ⸗ ſen, ungeachtet er keine Beſatzung darein legte. Die Gerüchte, die unter dem Volke in der Umgegend im Umlauf waren, machten, daß Niemand in dem gefürch⸗ teten Schloſſe übernachten wollte, doch beſuchte es von Zeit zu Zeit ein von dem Kaiſer dazu aufgeſtellter Beollmächtigter, der ſich durch den Genuß der das Schloß umgebenden Güter für ſeine Mühe zu entſchä⸗ digen wußte. Vor Kurzem war er wieder weggezogen, und die Baronin von Arnheim wohnte nun in der ver⸗ laſſenen Burg ihrer Ahnen. Annette ließ dem Reiſenden keine Zeit, das Aeußere des Schloſſes genauer zu beſichtigen, und die Sinnbilder und Sprüche zu betrachten, die auf verſchiedene Weiſe die Anhänglichkeit der Erbauer an die Wiſſenſchaften des Morgenlandes andeuteten. Ehe er Zeit hatte, ſich weiter umzuſehen, rief ſie ihn an einen vorſpringenden Winkel der Mauer, wo ein langes Brett über einen trockenen Graben an ein Fenſter führte, an dem ſie ſtand. „Ihr habt ſchon vergeſſen, was Ihr in der Schweiz 33 gelernt,“ ſagte ſie, als ſie ſah, daß Arthur etwas furchtſam über die ſchwanke Brücke ging. Der Gedanke, daß Anna ihn beobachten könnte, gab Arthur die nöthige Faſſung, und er ſchritt eben ſo kaltblütig über das Brett, wie einſt über die gefähr⸗ lichere Brücke beim Schloſſe Geierſtein. Sobald er durch das Fenſter eingeſtiegen war, zog Annette die Maske ab und hieß ihn willkommen in Deutſchland bei alten Freunden mit neuen Namen. „Anna von Geierſtein,“ fuhr ſie fort,„iſt nicht mehr, Ihr findet ſtatt ihrer die Baronin von Arnheim, die ihr völlig gleich ſieht, und ich, im Schweizerlande An⸗ nette Beilchen, die Magd eines Mädchens, das nicht viel höher geachtet war als ich, bin nun die Kammer⸗ frau der Baronin.“ 1 »Wenn Ihr das ſeyd,“ ſagte Arthur,„ſo ſagt der Baronin, wie ſie jetzt heißt, daß ich auf das Schloß gekommen ſey, ohne etwas von ihrer Anweſenheit zu wiſſen.“ »Nein, nein!« entgegnete ſie lachend,„ich weiß beſ⸗ ſer, was ich zu ſagen habe, Ihr ſeyd nicht der erſte Hauſirer, der die Gunſt einer vornehmen Frau gewon⸗ nen hat; aber da darf man nicht ſo ſchüchtern und ſcheu ſeyn. Ich will ihr vog Liebe vorſprechen, die der Rhein nicht zu löſchen vermöge, und die Euch hie⸗ her getrieben habe.“ „Aber Annette, Annette!“ »Pfui doch, kürzt den Namen ab, ruft Anne, Anne, und Ihr dürft eher Antwort erwarten.“ Walter Scort's Werke. 1608 Boͤchn. 5 34. Mit dieſen Worten enteilte die Flüchtige, vergnügt über den Gedanken, zwei Liebende zuſammen geführt zu haben. Sie ſtieg eine ſchmale Wendelt reppe hinan, die in ein Gemach führte, wo ihre Gebieterin ſaß, und rief mit weit offenem Munde:„Anna von Gei..... ich wollte ſagen, gnädiges Fräulein, ſie ſind da! ſie ſind da!“ „Die Philipſons?“ entgegnete Anna, kaum athmend bei dieſer Frage. „Ja— nein, doch ja, denn der Beſte von ihnen iſt gekommen, und das iſt Arthur.“ „Was ſagſt du Mädcheun, iſt Signor Philipſon nicht bei ſeinem Sohne?“ „Wahrhaftig nein, auch habe ich nicht daran gedacht, nach ihm zu fragen. Er war mein Freund nicht, und auch ſonſt Niemands außer dem Landammann; die zwei paßten zuſammen mit ihren Sprüchen und gerunzelten Stirnen.“ „Was haſt du gethan, albernes Mädchen?“ ſchalt Anya,„habe ich Dich nicht geheiſſen Beide hieher zu bringen? Und nun führſt du den jungen Mann allein hieher, wo wir beinahe völlig allein ſind! Was muß er von mir denken?“ „Was hätte ich anders thun ſollen,“ entgegnete An⸗ nete,„er war allein, hätte ich ihn da ins Dorf gehen laſſen ſollen, daß ihn des Rheingrafen Lanzknechte er⸗ ſchlagen hätten? Die nehmen Alles, was ihnen in die Klauen fällt, und wie hätte er durch die Gegend kom⸗ men können, die voll umherziehender Soldaten, Raub⸗ A 35 ritter und beutelluſtigen Italiener iſt, die der Fahne des Herzogs von Burgund zueilen.“ „Schweig Mädchen, und laſſe uns darauf denken, was zu thun iſt. Um unſerer und ſeiner ſelbſt Willen muß der unglückliche junge Mann das Schloß ſogleich wieder verlaſſen.“ „Die Botſchaft müßt Ihr ihm ſelbſt überbringen, Anna, ich wollte ſagen, edles Fräulein; einer Dame von hohe Geburt mag es wohl anſtehen, ſolche Botz ſchaft zu ſenden, aber kein Schweizermädchen verſteyt ſich dazu, ſie zu überbringen. Keine Thorheiten mehr! bedenkt, wenn Ihr eine geborne Baronin von Arnheim ſeyd, ſo ſeyd Ihr in den Schweizerbergen erzogen wor⸗ den, Jund müßt Euch daher als eine ehrbare, wohlge⸗ artete Jungfrau benehmen.“ „In welchen Stücken denn wirfſt Du mir Thorheit vor, Fräulein Altklug?“ 8 »„Ach, nun regt ſich Euer edles Blut in den Adern! Beſtunt Euch, edles Fräulein, daß, als ich unſere ſchö⸗ nen Berge verließ und die friſche Luft, die dort weht, um in dieſes Land der Sclaven und Knechte zu ziehen, zwiſchen uns verabredet wurde, ich ſollte mich ſo frei gegen Euch ausſprechen dürfen, wie damals, wo wir noch ein Lagern theilten.“ „So ſprich,“ ſagte Anna ſich abwendend,„aber hüte Dich etwas zu ſagen, das nicht für meine Ohren taugt.“ „Ich will ſagen, was Natur und geſunder Verſtand mir eingeben, und wenn Eure edle Ohren mich nicht 3 8.. 3 3.* 36 hören und verſtehen, ſo liegt der Fehler an ihnen, nicht an mir. Seht, Ihr habt den jungen Mann zweimal aus großer Gefahr errettet, das einemal bei dem Fels⸗ ſturze, das anderemal heute, wo ſein Leben bedroht war. Er iſt ein hübſcher junger Mann, wohl gemacht, und im Beſitze alles deſſen, was man braucht, um Frauengunſt zu gewinnen. Ehe Ihr ihn ſaht, mißfielen Euch die Schweizerburſche nicht, Ihr tanztet und ſcherztet mit ihnen, und wie Ihr wohl wißt, hättet Ihr im ganzen Cantone die Wahl gehabt; hätte man Euch ein Bischen gedrängt, ich glaube Ihr hättet den Rudolph zum Sponſen genommen.“ „Niemals, niemals!“ rief Anna. 9 „Sprecht nicht ſo beſtimmt, Fräulein. Hätte er ſich zuerſt dem Ohm empfohlen, ſo hätte er, denke ich, in einem glücklichen Augenblicke die Nichte heimgeführt. Aber ſeit wir den jungen Engländer kennen gelernt ha⸗ ben, fehlte nicht viel, daß Ihr alle junge Leute, die Ihr doch vorher wohl leiden mochtet, gering ſchätztet, ich möchte beinahe ſagen, haßtet.“ 81 „Und Dich haſſe und verabſcheue ich noch mehr als ſie, wenn Du Dein Geſpräch nicht bald aufgibſt. „Langſam, edles Fräulein, ſo kommt man am wei⸗ teſten. Aus allem dem geht hervor, daß Ihr den jun⸗ gen Mann liebt, und wem dieß wunderſam vorkommt, der mag Euch Unrecht geben. Meines Erachtens aber läßt ſich vieles anführen, um Euch zu rechtfertigen, nichts aber, das gegen Euch wäre.“ „Was, einfältiges Mädchen! Geburt und Rang, mei⸗ 37. nes Vaters Wille, und vor Allem mein jungfräulicher Stolz verbieten mir, einen Mann zu lieben, der keine Neigung zu mir fühlt, und vielleicht durch den Schein gegen mich eingenommen iſt.“ öine herrliche Predigt,“ ſpottete Anne,„doch will ich jeden Punkt derſelben ſo deutlich erklären, wie Pa⸗ ter Franziskus ſeine Textesworte. Eure Abkunft iſt ein Hirngeſpinſt, auf das Ihr erſt ſeit einigen Tagen Werth legt, indem, ſeit Ihr den Fuß auf deutſchen Boden geſetzt, ein giftiges Kräutlein, genannt Ahnenſtolz, in Eurem Herzen zu keimen angefangen hat. Seht dieſe Thorheit ebenſo an, wie Ihr ſie anſahet ſo lang Ihr noch auf dem Geierſtein waret, und dieſes Vorurtheil wird ſchwinden. Wir kommen nun an ein weiteres Kapitel. Philipſon's Vater, ein freiſinniger Mann, wird doch ſeinem Sohne ſo viel mitgeben, daß er ſich in unſern Bergen ankaufen kann, und Holz dürft Ihr ja nur fällen, und Land habt Ihr auch genug zu be⸗ bauen, denn Ihr habt Anſprache an einen Theil der Herrſchaft Geierſtein, und gerne wird Euch Euer Ohm denſelben abtreten. Ihr könnt das Hausweſen beſorgen, „Arthur ſagen, fiſchen, pflügen, eggen und ſchneiden.“ Anna ſchüttelte den Kopf, als traute ſie Arthur keine große Geſchicklichkeit in den letztern Geſchäften zu. „Nun ja, er kann es noch lernen,“ fuhr Annette fort,„Sigmund hilft ihm gerne, und der iſt ein wah⸗ res Roß im Arbeiten, auch weiß ich noch Jemanden, der— „Von dir gerüe geſehen wird;“ ſiel Anna ein. 38 „Freilich,'s iſt mein Ludwig; mein Herz wird nie ſo falſch ſeyn, ſeinen Auserwählten zu verläugnen.“ „Aber wozu ſoll das Alles führen?“ fragte Anna ungeduldig. 4 „Zu etwas ganz Einfachem, denke ich,“ gab Annette zurück.„Prieſter und Gebetbuch ſind nicht weit, ſprecht Euch gegen Euren Geliebten aus, oder hört von ihm ſeine Geſinnung, gebt Euch die Hand, kehrt ruhig als Mann und Weib nach Geierſtein zurück, und bringt dort Eure Sachen in Ordnung, bis Euer Ohm zurück⸗ kehrt. So würde es eine ſchlichte Schweizerin machen..“ „Und ihrem Vater das Herz brechen, warf Anna mit einem Seufzer ein. 3 „Sein Herz iſt härter als Ihr glaubt. Nachdem er ſo lange Zeit ohne Euch gelebt hat, wird es ihm leich⸗ ker werden, Eurer vollends zu entbehren, als Euch, in ſeine Plane einzugehen, und die Gattin eines erlauch⸗ ten Grafen zu werden wie der Hagenbach war, den wir ein ſo erbauliches Ende nehmen ſahen, zum war⸗ nenden Beiſpiel für alle Raubritter am Rheine.“ „Dein Plan taugt nichts, Annette, er iſt nur der kindiſche Traum eines Mädchens, das von der Welt nichts weiß, als was ſie hörte, während ſie ihre Kühe molk. Bedenke, daß mein Oheim ſehr ſtrenge Begriffe von kindlichem Gehorſam hat, und ich alles bei ihm verlieren würde, wenn ich gegen den Willen meines Vaters handelte. Warum anders bin ich hier, warum hat er die Vormundſchaft über mich aufgegeben? War⸗ um mußte ich Gewohnheiten ablegen, die mir theuer ge⸗ 39 worden ſind, und die Sitten eines fremden Volkes an⸗ nehmen, die mir nicht gefallen wollen?“ „Euer Oheim,“ ſagte Annette feſt:„iſt Landam⸗ mann des Cantons Unterwalden; er achtet ſeine Frei⸗ heit, und hat geſchworen, ſeine Geſetze aufrecht zu er⸗ halten, und wenn Ihr, eine Eingebürgerte, den Schutz derſelben anſprecht, ſo kann er Euch ihn nicht verweigern.“ „Auch dann,“ erwiederte Anna,„würde ich ſeine Achtung und mehr als väterliche Liebe verlieren, doch genug davon. Wenn ich auch den jungen Mann lieben könnte, und ich will nicht läugnen, daß er ſo liebens⸗ würdig iſt als Deine Partheilichkeit ihn ſchildert, ſo hat er—“ ſie hielt hier einen Augenblick inne,„ſo hat Rer nie ein Wort zu mir von ſolchen Dingen geſprochen.« „Iſt es möglich?“ rief Annette.„Ich habe mich nie in Euer Vertrauen eingedrängt, aber ich glaubte, Ihr müßtet bei Eurer gegenſeitigen Zuneigung Eure Herzen ſchon einander geöffnet haben, iſt es möglich— man hat von ſolchen Dingen, ſelbſt in unſerem Kanton ſchon ſpre⸗ chen gehört— iſt es möglich, daß er ſo ſchändliche Ab⸗ ſichten hegen ſolle, wie Martin von Breiſach, der Ade⸗ len von Sundgau liebte, ſie verführte— es iſt wahr, ſo unglaublich es ſcheint,— dann ſich davon machte, und ſich überall ſeiner ſchlechten That rühmte, bis ihr Vetter Raimund ihm anf offener Straße den Schädel einſchlug, und ſo auf ewig den Mund ſtopfte? Bei der heiligen Jungfrau zu Einſiedeln! könnte ich glauben, daß der Engländer auf ſolche Treuloſigkeit ſinne, ſo v — 40 zerſägte ich das Bret, daß er mit ſeinem falſchen Her⸗ zen in die Tiefe ſtürzte.“ *F Während ſie alſo ſprach, flammten ihre Augen, und mit Widerſtreben hörte ſie auf Anna, die den ungün⸗ ſtigen Eindruck ihrer letzten Worte wieder zu verwi⸗ ſchen ſuchte. „Bei meiner Seele,“ ſagte ſie,„Du thuſt Arthur ſchreiendes Unrecht durch ſolchen Argwohn. Sein Be⸗ nehmen gegen mich war immer offen und redlich, er zeigte ſich wie ein Freund gegen die Freundin, ein Bru⸗ der gegen die Schweſter; in Allem was er that und ſprach hätte er nicht mehr Achtung, Zuneigung und Biederkeit beweiſen können. Bei unſerem häufigen Zu⸗ ſammenſeyn ſchien er mich gerne zu ſehen und mir gut zu ſeyn! wäre ich geneigt geweſen, und ich war es manchmal vielleicht nur zu ſehr, ihn geduldig anzuhö⸗ ren, vielleicht......„ Sie legte hier die Hand über ihre Augen, aber Thränen träufelten durch ihre zarten Finger,—„aber er hat nie von Liebe zu mir geſprochen, und wenn er wirklich ſolche hegt, ſo hat ihn ein unüber⸗ ſteigliches Hinderniß abgehalten, ſie mir zu geſtehen.“ „Ein Hinderniß?« fragte Annette,„ja freilich, knä⸗ biſche Schüchternheit, einfältige Vorſtellungen von Eu⸗ rer hohen Geburt, zu weit getriebene Beſcheidenheit, die ihm die leichte Eisdecke von einem Frühlingsfroſt als undurchdringlich erſcheinen läßt. Einige ermuthi⸗ gende Worte genügen, dieſen falſchen Glauben zu ent⸗ fernen, und dieſe Mühe will ich übernehmen, um Euch liebes Fräulein, das Rothwerden zu erſparen.“ 41 „Nein, nein, um's Himmels willen nicht,« erwie⸗ derte Anna der Vertrauten,„Du weißt nicht, welche Hinderniſſe ihn von der Erklärung abhalten können, zu der Du ihn veranlaſſen willſt. Höre mich: durch meine frühere Erziehung und die Belehrung meines Oheims bin ich mehr mit den Sitten fremder Völker bekannt gewordeu, als dieß ſonſt auf dem ſtillen, einſamen Geierſtein möglich geweſen wäre. Ich bin überzeugt, daß die beiden Philipſons einem weit höheren Stande angehören, als ſie vorgeben. Der Vater iſt ein Mann von tiefem Scharfblick und hoher Einſicht, und die Geſchenke, die er ausgetheilt hat, überſteigen bei Wei⸗ tem das Vermögen eines gewöhnlichen Kaufmanns.“ „Da habt Ihr Recht, die ſilberne Kette, die er mir gab, iſt zehn Kronen werth, und das Kreuz, das ich von Arthur erhielt, noch weit mehr. In allen Kanto⸗ nen zuſammen findet man ſolche Leute nicht. Aber was iſt's dann? ſie ſind reich, Ihr ſeyd es auch, um ſo beſſer.“ „Ach, Annette! ſie ſind nicht nur reich, ſondern auch von hoher Geburt, denn ich habe oft bemerkt, wie ſo⸗ gar der Vater ſich mit verächtlicher Miene von einem Geſpräche mit Rudolph oder einem Andern, der ihn in Streit zu ziehen ſuchte, los machte, und wenn ſie es dem Sohn zu bunt machten mit ihrem Scherze, ſo flammte ſein Auge, ſeine Wange färbte ſich, und nur ein Blick von ſeinem Vater vermochte ihn, eine unfreundliche Antwort, die ihm auf den Lippen ſaß, zu unterdrücken.“ „Ihr habt ſie in der Nähe beobachten können, und 4² das Alles mag wahr ſeyn, aber ich bemerkte es nicht. Doch, was liegt daran? Wenn Arthur in ſeinem Lande einen ſchönen Namen führt, ſeyd Ihr ſelbſt nicht Ba⸗ ronin von Arnheim? Ich will es offen geſtehen, daß dieſer Titel Werth hat, wenn er den Weg zu einer Verbindung erleichtert, die, wie ich glaube, Euer Glück gründen muß, ich hoffe es wenigſtens, ſouſt würde ich ſie nicht zu fördern ſuchen.“ „Ich glaube Dir, meine getreue Annette, aber im Zuſtande natürlicher Freiheit erzogen, kaunſt Du den Zwang nicht begreifen, ja Dir nicht einmal denken, den dieſe vergoldete Kette des Rangs und Adels denen au⸗ ferlegt, die ſie tragen. In jedem Lande ſind Männer von Rang an gewiſſe Pflichten gebunden; dieſe können ihnen verbieten, ſich in einem fremden Lande zu ver⸗ mählen, und führen oft zu Verbindungen, wobei das Herz nicht befragt wird, und die man oft ſchon auf⸗ denkt, wenn die, die ſie ſchließen ſollen, noch in der Wiege liegen. Wer weiß, ob nicht ein gleiches Hin⸗ derniß in dem Falle obwaltet, wovon wir ſprechen! Solche Verbindungen ſind oft Werk der Politik, und wenn das Iutereſſe Englands Philipſon beſtimmt hätte, ein ſolches Verſprechen zu geben, ſo würde Arthur eher vor Gram ſterben, und das Herz einer Andern brechen laſſen, als daß er das von ſeinem Vater gege⸗ bene Wort nicht hielte.“ „Um ſo mehr Schande für die, die ſolche Verbin⸗ dungen für ihre Kinder ſchließen. Die Freiheit in England wird ſo hoch gerühmt, wenn man aber dort 43. Jünglingen und Jungfrauen das natürliche Recht ent⸗ zieht, Hand und Herz nach ihrem Willen zu verſchen⸗ ken, ſo wollte ich lieber in Deutchland leibeigen ſeyn, Nun Fräulein, Ihr ſeyd ſonſt ſo weiſe, ſagt an, was iſt zu thun? Gott weiß es, ich habe den jungen Mann hieher gebracht, in der Hoffnung, Euer Zuſammenſeyn würde einen glücklichen Ausgang haben, aber freilich könnt Ihr nicht heirathen, wenn er nicht um Euch freit. Aber eine andere Frage iſt, ob wir ihn wieder fortſchicken ſollen, daß er von den Knechten des Rhein⸗ grafen erſchlagen wird, und doch weiß ich nicht, wie wir ſeiner auf andere Art los werden können.“ »„So laß ihn durch Wilhelm bedienen, und ſorge, daß ihm nichts abgeht, es iſt am Beſten, wenn wir uns gar nicht ſehen.“ „Gut, aber was ſoll ich ihm von Euch ſagen? zum Unglück habe ich ihm geſagt, daß Ihr hier ſeydl“ „Wie unbeſonnen! doch, warum ſoll ich Dich ſchel⸗ ten, da ich mir denſelben Vorwurf zu machen habe? Ich ließ meine Einbildungskraft ſich zu viel mit dieſem jungen Mann und ſeinen Vorzügen beſchäftigen, aber ich will Dir zeigen, daß ich über dieſe Thorheit erha⸗ ben bin, und in meinem eigenen Fehler keinen Grund ſuche, die Pflichten der Gaſtfreundſchaft zu umgehen. Laß ein Mahl bereiten, Annette, Du ſollſt mit uns eſſen und ſehen, daß ich mich benehme, wie es einem deutſchen Edelfräulein und einem Schweizermädchen ziemt. Zuerſt aber gib mir ein Licht und friſches Waſ⸗ ſer, denn ich muß meine Augen waſchen, die ſonſt zu 44 Verräthern an mir würden, und meinen Anzug in Ord⸗ nung bringen.“ 0 Annette fand in dieſer Erklärung reichlichen Stoff zur Verwunderung, denn bei ihren einfachen Begriffen von Liebe hatte ſie ſich gedacht, die beiden Liebenden würden die erſte Gelegenheit, die ihnen die Entfernung ihrer Vormünder darbot, benützen, und ſich auf immer verbinden, und ſie hatte ſich ſchon einen kleinen Neben⸗ plan ausgedacht, wie ſie mit ihrem Ludwig bei dem jun⸗ gen Paare wohnen und ihm dienen wollte. Durch die Einwürfe ihrer Gebieterin zum Schweigen gebracht, aber nicht zufrieden geſtellt, ſprach ſie im Hinausgehen vor ſich hin:„das, was ſie von ihrem Anzug geſagt hat, iſt das einzige vernünftige Wort, das ich von ihr gehört habe. Gefällt es Gott, ſo komme ich im Au⸗ geublicke wieder, ihr zu helfen; meine Gebieterin an⸗ kleiden, iſt bei meinen Geſchäften als Kammermädchen das Einzige, an dem ich Gefallen finde; es iſt ſo na⸗ türlich für ein Mädchen, ein anderes zu ſchmücken, wir lernen dadurch, uns ein andersmal ſelbſt zu putzen.“ Mit dieſer klugen Bemerkung eilte ſie die Treppe hinab. 45⁵ XXI. Genug! mir eckelt vor dem Maskenſpiel. „Setzt Euch, ich bitte.“ Mit gebeugtem Knie Spricyt er's; der Hoͤfling drauf entgegnet Mit tiefem Buͤckling:„Herr, vor Euch? Ja, auf den Boden.“— Weg damit! Birgt unter ſolcher Larve ſich der Stolz, So mag er kaum dem Bettler ziemen⸗ 3 4 Altes Schauſpiet. Treppe auf, Treppe ab flog Annette in dem be⸗ wohnbarek Theile des Schloſſes. Ihre Sorgfalt ver⸗ gaß nichts: ſie ſteckte das Koͤpfchen in den Stall, um ſich zu verſichern, daß Wilhelm Arthurs Pferd rich⸗ tig beſorge, erſchien einen Augenblick in der Kuͤche, um zu ſehen, ob die alte Marthe die Rebhuͤhner zu gehoͤriger Zeit auf den Tiſch liefern werde, holte einige Flaſchen Rheinwein aus dem Keller, und trat dann in das Zimmer, wo ſie Arthur gelaſſen hatte, den ſie verſicherte, daß er ihre Gebieterin bald ſehen ſollte, die zwar unwohl ſey, aber es nicht uͤber ſich vermoͤge, nicht herabzukommen, um nanh dem wer⸗ then Gaſte zu ſehen. 4 Arthur erroͤthete bei dieſen Worteny und gefiel Annetten ſo ſehr, daß ſie im Weitergehen zu ſich ſagte: wenn die Liebe es nicht dahin bringt, daß die Beiden trotz der Hinderniſſe, die ſich ihnen in den 46 Weg ſtellen, ein Paar werden, ſo glaube ich nicht, daß es eine wahrhaftige Liebe auf Erden gibt, und wenn es auch Ludwig ſagte.“ Als ſie wieder auf Annen's Zimmer kam, fand ſie zu ihrem Erſtaunen, daß dieſe, ſtatt ihren Schmuck anzulegen, das einfache weiße Kleid angezogen hatte, das ſie an dem Tage trug, wo Arthur nach Geier⸗ ſtein kam, ſchnell aber wurde ihr die Bedeutung klar, und ſie rief:„Ihr habt Recht, es iſt am Beſten, wenn Ihr als freimuͤthiges Schweizermaͤdchen ihm entgegentretet.“ „Und doch,“ erwiederte Anna laͤchelnd,„muß ich mich ihm zugleich in gewiſſer Beziehung als die Toch⸗ ter meines Vaters zeigen; hilf mir dieſe Schmuckna⸗ del auf das Band ſtecken, das meine Haare umſchließt.« Es war ein Buſch aus zwei Geierfedern beſtehend, die ein Opal zuſammenhielt, deſſen Farbe mit dem darauf fallenden Lichte wechſelte, desgleichen Annette in ihrem Leben noch nicht geſehen hatte. „Nun Fräulein,“ ſagte ſie,„wenn Ihr das huͤbſche Ding da wirklich als Zeichen Eures Ranges tragt, ſo iſt es das Einzige, um das ich Euch beneiden moͤchte, denn es glitzert und wechſelt alle Augenblicke wunder⸗ bar die Farbe, wie unſere Wangen, wenn wir in auf⸗ geregter Stimmung ſind.“ „Ach Annette,“ verſetzte das Fraͤulein, und fuhr mit der Hand uͤber die Augen,„von allem Schmuck, das die Frauen meines Hauſes beſaßen, iſt dieſes Geſchmeide ihnen am verderblichſten geworden.“ 47 „Warum tragt Ihr es dann,“ fragte Annette,„und warum gerade heute?« »Weil es mich am Beſten an meine Pflichten ge⸗ gen meinen Vater und meine Familie erinnert. Und nun Mädchen bedenke, daß Du bei uns zu Tiſche ſitzen ſollſt, und das Zimmer nicht verlaſſen darfſt; Du brauchſt nicht ab⸗ und zuzulaufen, Wilhelm wird ſchon fuͤr die Tafel ſorgen.« „So gefaͤllt mir's, und Wilhelm bedient uns ſo gut, daß es eine Freude iſt, ihm zuzuſehen; indeſſen iſt mir's hin und wieder, als waͤre ich nicht mehr Annette, ſondern nur ihr Bildniß, da ich weder auf⸗ ſtehen, noch mich legen, oder umherlaufen kann, ohne gegen eine Eurer Sittenregeln zu verſtoßen. Bei Euch iſt das nicht ſo, weil Euch die Hofſitte etwas Gewoͤhnliches iſt.“ Nicht ſo ganz, als Du zu glauben ſcheinſt, aber der Zwang, den ſie auflegt, ſcheint mir laͤſtiger 5n freier Luft als im Zimmer. 4 „Ach, das iſt wahr— das Tanzen! nach dem darf man ſich wohl zuruͤckſehnen.“ „Was mir noch mehr am Herzen liegt, Annette, iſt, daß ich/ ots beſtimmt ſagen kann, ob ich Recht oder Unrecht w ue, den jungen Mann zu ſehen, wie⸗ wohl es das Letztemal ſeyn muß. Wenn mein Va⸗ ter oder Schreckenwald zuruͤckkehrte.— „Euer Vater iſt zu ſehr in ſeine geheimen Plane vertieft, und an den Blocksberg gezogen, wo die 48 Hexen ihren Feiertag halten, oder macht er eine Jagd⸗ parthie mit den wilden Jaͤgern.“ „Pfui, Annette, wie wagſt Du's ſo von meinem Vater zu ſprechen?“. „Ich kenne ihn von Perſon nur ſehr wenig, und Ihr ſelbſt nicht viel beſſer; wie ſollte das falſch ſeyn was alle Leute ſagen“ „Was meinſt Du damit? was ſagen die Leute?« „Der Graf ſey ein Zauberer, Eure Großmutter ſey ein Irrwiſch geweſen, und der alte Schreckenwald ein eingefleiſchter Teufel; das Letztere iſt wenigſtens wahr, was auch an dem Uebrigen ſey.& „Wo iſt er gegenwaͤrtig?« „Er iſt in's Dorf hinabgegangen, um des Rhein⸗ grafen Leute unterzubringen, und ſie wo moͤglich einigermaßen in Ordnung zu halten, denn die Lanz⸗ knechte ſind unzufrieden, daß man ihnen den ver⸗ ſprochenen Sold nicht ausbezahlt hat, und da find ſie wie gereizte Baͤren.“ Sen „So wollen wir hinabgehen, Annette, es iſt viel⸗ leicht auf lange Zeit der letzte Abend, den wir hier in Freiheit zubringen.“ Es ware ſchwer, die Verlegenheit zu ſchildern mit welcher Arthur und Anng einander begegneten. Beim gegenſeitigen Gruße ſchlugen ſie nicht einmal die Augen auf, und ſprachen nur unverſtaͤndliche Worte; hohe Roͤthe faͤrbte Beider Wangen, waͤhrend Annette, an freiere, offenere Sitten gewoͤhnt, uͤber den unna⸗ turlichen Zwang erſtaunte, den ſie ſich auflegten. 49 4 „Woher doch dieſe Veraͤnderung? fragte ſie ſich, als Arthur mit tiefer Verbeugung dem Fraͤulein die Hand reichte, um ſie in's Speiſezimmer zu fuͤhren; „ſie waren doch auf dem Geierſtein wie andere Bur⸗ ſche und Maͤdchen, nur daß Anna weit ſchoͤner war, und nun ſchreiten ſie ſo abgemeſſen einher, und be⸗ handeln einander mit ſo vielen Umſtaͤnden, als waͤre er der Landammann von unterwalden und ſie die erſte Dame von Bern. Das mag Alles recht ſchoͤn ſeyn, aber ſo macht es mein Ludwig nicht, wenn wir koſen.“ Waͤhrend das Fraͤulein es für noͤthig hielt, den ſtrengſten Anſtand zu beobachten, um Arthurs Auf⸗ nahme bei ſich zu rechtfertigen, ſuchte er durch ehrer⸗ bietiges Benehmen zu zeigen, daß er unfaͤhig ſey, die Guͤte zu mißbrauchen, mit der ſie ihn behandelte. Sie ſetzten ſich ſo weit von einander, als nur immer die ſtrengſte Tugend fordern konnte. Wilhelm be⸗ diente ſie flink und gewandt, und Annette, die ſo gut, als ſie konnte, nachzuahmen ſuchte, was ſie jene thun ſah, benahm ſich, wie man es von dem Kam⸗ mermaͤdchen einer Baronin erwarten konnte; doch machte ſie einige Mißgriffe, weil ſie ſich mehreremale vergaß, und ſelbſt aufſtehen wollte, um zu holen, was ſie doch nur zu verlangen brauchte. Ihre Un⸗ achtſamkeit hatte indeſſen eine gute Wirkung, indem ſie den beiden Andern Stoff zur Unterhaltung gab, und ihre Verlegenheit minderte. Annette bemerkte es bald, daß ſie von jenen belacht Walter Scott's Werke. 1608 Boͤchen. 4 — 2— 50 wurde, und halb beleidigt dadurch, halb froh, daß ſie Veranlaſſung fand, ihre Gedanken auszuſprechen, hob ſie an: »„Ihr habt Euch Beide auf meine Koſten unterhal⸗ ten, und nun lacht Ihr uͤber mich, weil ich Euch mit Namen nenne, die Euch die heilige Kirche bei Eurer Taufe gegeben hat, und Euch mit Du anrede, deſſen ich mich im Gebet doch ſelbſt gegen die Gott⸗ heit bediene. Aber trotz Eures neu gelernten Firle⸗ fanzes muß ich Euch ſagen, daß Ihr zwei Kinder ſeyd, die nicht wiſſen, was ſie wollen, und den ein⸗ zigen Augenblick, der Euch vergoͤnnt iſt, Euer Gluͤck zu ſichern, mit Scherzen vergeudet. Zieht nicht die Stirne ſo in Falten, gnaͤdiges Fraͤulein, ich habe den Berg Pilatus oft genng geſehen, um eine finſtere Stirne nicht zu fuͤrchten.“ „Schweig, Annette,“ befahl ihre Gebieterin,„oder verlaß das Zimmer.“ „Meint ich es nicht beſſer mit Euch, als mit mir ſelbſt,« entgegnete die Beharrliche, ohne ſich einſchüch⸗ tern zu laſſen,„ſo ginge ich auf der Stelle nicht nur aus dem Zimmer, ſondern auch aus dem Schloſſe, und ließe Euch hier haushalten mit Eurem liebwer⸗ then Vogt, dem Schreckenwald.“ »Wenn nicht aus Freundſchaft, ſo ſchweige wenig⸗ ſtens aus Scham oder Mitleiden, Annette, oder ver⸗ laſſe das Zimmer.“ „Mein Pfeil iſt abgeſchloſſen, doch habe ich nur auf das hingewieſen, was an dem Abend ſchon, wo der V V — 51 Bogen von Buttisholz geſpannt wurde, alle Welt ſich ins Ohr ſagte. Ihr wißt von der alten Prophezei⸗ hung....„ 4 „Schweige ums Himmels willen,“ fiel Anna ein, „oder ich muß gehen.“ »Wenn Ihr ginget,« fuhr Annette mit verändertem Tone fort, als hätte ſie gefürchtet, jene möchte ſich wirklich entfernen, ſo weiß ich Niemand, der Eunch folgen könnte. Ihr müßt wiſſen, Herr Arthur, daß meine Gebieterin kein Mädchen von Fleiſch und Blut, ſondern ein Weſen höherer Art zur Kammerfrau haben ſollte. Es meinen viele Leute, ſie ſtehe mit dem Feeu⸗ geſchlecht in Verbindung, und dieß mache ſie furchtſa⸗ mer, als andere Töchter dieſer Welt.“ Gerne benützte Anna dieſe Gelegenheit, das Ge präch auf gleichgültige Gegenſtände zu lenken, und ſagte: „Ihr müßt geſtehen, Siguor Arthur, daß Ihr einen ſonderbaren Begriff von mir bekamt, als Ihr mich die letzte Nacht auf der Brücke in Grafsluſt an Euch vor⸗ übergehen ſahet.« Die Erinnerung an alle die Umſtände, die ihn damals ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt hatten, wirkte ſo ſtark auf Arthurs Geiſt, daß es einiger Zeit bedurfte, bis er antworten konnte, und auch da noch ſtotterte er blos einige Worte ohne Zuſammenhang:„es iſt wahr, ich habe ſagen gehört:.... das heißt, Rudolph hat mir erzählt.... „Huale pief Annette,„wenn Ihr von Nudolph über die Sache belehrt ſeyd, ſo habr Ihr das Schlmmſte 5² gehört, was man von meiner Gebieterin und ihrer Familie ſagen kann. Der gehört zu den klugen Leu⸗ ten, die an den Waaren, welche ſie kaufen wollen, allerlei auszuſetzen wiſſen, um Andern die Luſt zu be⸗ nehmen; ja, der wird Euch ſchöne Mährchen von der Großmutter des Fräuleins erzählt haben, und wahr⸗ haftig, ich möchte behaupten, daß die Umſtände der Sache in Euren Augen einen Schein von Wirklich⸗ Feit..... 4 „Im Gegentheile, Annette,“ unterbrach ſie Arthur, „was ich von Eurer Gebieterin Auſſerordentliches und Unbegreifliches ſagen hörte, habe ich immer für grund⸗ loſes Gerede gehalten.“ 3 3 „ Doch nicht ſo ganz, meine ich,« entgegnete Annette, ohne auf die Winke ihrer Gebieterin zu achten,„und ich habe ſtarken Verdacht, daß es mir viel ſchwerer geworden wäre, Euch auf das Schloß zu bringen, wenn Ihr gewußt hättet, daß hier der Feuergeiſt, wie man ihre Großmutter nennt, umgehe, nichts zu ſagen von dem Grauen, das Euch bei dem Gedanken angewandelt hätte, die Enkelin jener Feye wiederzuſehen.“ »Ich gebiete Dir noch einmal zu ſchweigen,“ unter⸗ brach ſie das Fräulein;„weil der Zufall dieſes Zuſam⸗ mentreffen veranlaßt hat, ſo will ich die Gelegenheit nicht unbenützt laſſen, unſern Freund über die unge⸗ reimten Gerüchte zu enttäuſchen, die er wenigſtens mit Erſtaunen, wenn auch nicht mit völligem Unglauben vernommen haben wird. Es iſt wahr,“ fuhr ſie gegen Arthur fort,„daß der Baron von Arnheim, mein 55 Großvater von mütterlicher Seite, in den geheimen Wiſſenſchaften ſehr erfahren war; auch führte er den Vorſitz bei einem Gerichte, von dem Ihr vielleicht ſchon gehört habt, und das die heilige Vehme heißt. Eines Abends kam ein Fremder, von den Dienern dieſes Ge⸗ richts verfolgt, an das Schloß meines Großvaters und bat, die Rechte der Gaſtfreundſchaft anſprechend, um ſeinen Schutz. Der Baron, der in ihm einen Adept entdeckte, bewilligte ſein Geſuch und bürgte dafür, daß er in einem Jahr und einem Tage— eine Friſt, die er zu fordern das Recht gehabt zu haben ſcheint— wegen der gegen ihn erhobenen Klage Rede ſtehen werde. Dieſe ganze Zeit über arbeiteten ſie mit ein⸗ ander und trieben ihre Forſchungen nach den Geheim⸗ niſſen der Natur ſo weit, als dem Menſchen möglich iſt. Beim Herannahen des verhängnißvollen Tages, an welchem der Fremde ſich von ſeinem Wirthe trennen ſollte, bat er dieſen um Erlaubniß, ſeine Tochter aufs Schloß kommen laſſen zu dürfen, um ihr auf ewig Lebe⸗ wohl zu ſagen. Sie wurde heimlich eingelaſſen, und nachdem ſie einige Tage auf dem Schloſſe zugebracht, ſchlug der Baron ihrem Vater, deſſen Schickſal ſehr ungewiß ſchien, vor, ihr eine Freiſtätte bei ſich zu ge⸗ währen, in der Hoffnung, mit ihrer Hülfe neue Fort⸗ ſchritte in den Sprachen und Wiſſenſchaften des Mor⸗ genlandes zu machen. Daniſchmend willigte darein und verließ das Schloß, um ſich vor dem Vehmgericht zu ſtellen, das in Fulda ſeine Sitzungen hielt. Sein wei⸗ teres Schickſal iſt unbekannt, vielleicht wurde er durch 54 das Zeugniß des Barons von Arnheim gerettet, viel⸗ leicht auch fiel er unter den Dolchen der heimlichen Richter. „Die ſchöne Perſerin wurde die Gattin ihres Be⸗ ſchützers. Mit ihren vielen Tugenden und Vorzügen verband ſie den Fehler der Unbeſonnenheit: ſie benützte ihre fremde Tracht und Sitte, ihre wunderbare Schön⸗ heit und ihre unerreichte Behendigkeit, deutſche Edel⸗ frauen in Erſtaunen zu ſetzen, die, wenn ſie ſie perſiſch und arabiſch ſprechen hörten, ſchon glaubten, ſie ſtehe mit der höheren Welt in Verbindung. Ihre Einbil⸗ dungskraft war lebhaft und phantaſtiſch, und gerne ver⸗ ſetzte ſie ſich in Lagen, welche jene ungereimten Ver⸗ muthungen zu beſtätigen ſchienen. Während ſie aber den Umlauf der wunderſamſten Mährchen beförderte, hatte ſie mit den Damen ihres Standes Streitigkeiten wegen des Vorrangs, auf welchen die Frauen in Weſt⸗ phalen zu jeder Zeit einen hohen Werth gelegt haben. Dieß koſtete ihr das Leben, denn am Tage, wo meine Mutter getauft wurde, ſtarb ſie plötzlich, während eine glänzende Geſellſchaft in der Schloßkapelle verſammelt war, um der feierlichen Handlung anzuwohnen. Man glaubt, daß ſie von der Baronin von Steinfeld ver⸗ giftet wurde, mit der ſie einen heftigen Streit gehabt, hauptſächlich deßwegen, weil ſie für die Gräfin Wald⸗ ſtetten, ihre Freundin und Geſellſchafterin, Partei er⸗ griff.« „Aber der Opal, das Waſſer, das ihr der Baron auf die Stirne ſprengte?“ warf Arthur ein. — 53 „Ach!“ fuhr Anna fort,„ich ſehe, Ihr wünſcht die wahre Geſchichte meiner Familie zu erfahren, von der man Euch bisher nur Mährchen erzählt hat. Es war ſehr natürlich, daß man der Baronin, als ſie ohn⸗ mächtig wurde, Waſſer ins Geſicht ſprengte, daß aber der Opal in dieſem Augenblick ſeinen Glanz verlor, habe ich gleichfalls ſagen gehört, indeſſen ſoll dieß eine Eigenſchaft deſſelben ſeyn, die ſich äußert, ſobald man ihm Gift nahe bringt. Der Streit mit der Baronin von Steinfeld rührte zum Theile daher, daß dieſe be⸗ hauptete, die ſchöne Perſerin dürfe den Edelſtein nicht tragen, den einer meiner Ahnen dem Sultan von Tra⸗ pezunt auf dem Schlachtfeld abgenommen hatte. Die Volksſage vermengte dieſe Umſtände miteinander, und ſo wurden die Thatſachen zu einem Feyenmährchen umgeſtaltet.“ „Allein Ihr habt mir noch nichts geſagt von... „Von was?“ „Von Eurer Erſcheinung in der letzten Nacht.“ „Iſt es möglich, daß ein Mann wie Ihr die Erklä⸗ rung, die ich Euch zu geben habe, nicht ſelbſt ſollts errathen können? Mein Vater hat, wie Ihr wißt, bei den Unruhen im Lande eine nicht unbedeutende Rolle geſpielt und ſich den Haß mehrerer Mächtigen zuge⸗ zogen, er muß daher alle ſeine Bewegungen geheim halten und darf ſich ohne dringende Noth nicht be⸗ merkbar machen. Ueberdieß mochte er ſeinem Bruder, dem Landammann, nicht gegenübertreten; er ließ mir daher bei unſexem Eintritt in Deutſchland zu wiſſen 56 thun, ich ſollte mich bei dem erſten Zeichen, das ich erhalten würde— ein kleines, ehernes Kruzifix, das meiner Mutter gehört hatte— zu ihm begeben. Auf meinem Zimmer in Grafsluſt fand ich daſſelbe mit einem Briefe von meinem Vater, worin er mir einen geheimen Ausgang angab; dieſer war dem Anſcheine nach feſt mit Steinen verrammelt, man konnte ſie aber leicht wegräumen. Ich ſolite durch denſelben ans Schloß⸗ thor zu kommen ſuchen und von da in den Wald gehen, um dort meinen Vater zu treffen.“ „Fürwahr ein gefährliches Abentheuer,“ bemerkte Arthur. „Ich erſchrack heftig,« fuhr ſie fort,„als ich den Brief durchlas, der mich heimlich meinen gütigen Oheim verlaſſen und einem mir uubekannten Orte mich entgegen gehen hieß, allein ich mußte gehorchen. Ein Gang um Nitternacht in den Umgebungen ei⸗ nes Ortes, wo ich Schutz zu finden gewiß ſeyn durf⸗ te, war fuͤr mich ein Kleines, allein die Maßregel daß man Schildwachen an's Thor geſtellt hatte, ſtoͤrte meine Plane, und ich mußte einige meiner Vettern in's Vertrauen ziehen, die mir verſprachen, mich un⸗ angehalten hin und her gehen zu laſſen. Ihr kennt ſie: ſie haben ein vortreffliches Herz, aber ihre Ein⸗ ſicht iſt beſchraͤnkt, und Zartgefuͤhl iſt ihnen eben ſo fremd, wie— gewiſſen andern Leuten.“ Sie warf einen Blick auf Annetten, und ſuhr dann fort:„Sie verlangten von mir, ich ſollte mein Vorhaben vor Sigmund geheim halten, und da ſie ſich immer auf — — 57 Koſten des einfaͤltigen, aber gutmuͤthigen Jungen zu lachen machen, ſo beſtanden ſie darauf, ich ſollte ſo an ihm voruͤber gehen, daß er mich fuͤr ein Ge⸗ ſpenſt halte. um mir ihre Verſchwiegenheit zu ſichern, mußte ich in alle ihre Forderungen eingehen, allein wie groß war mein Erſtaunen, als ich wider Erwar⸗ ten ſtatt Sigmunds Euch auf der Bruͤcke Wache ſte⸗ hen ſah! Ich will Euch nicht fragen, was Ihr in dieſem Augenblicke gedacht haben moͤget.“ „Thoͤrichte Gedanken fuhren mir durch den Sinn,“ verſetzte Arthur,„ſonſt haͤtte ich Euch mein Geleite angeboten. Mein Schwert...“ „Ich haͤtte Euern Schutz nicht annehmen koͤnnen,“ fuhr Anna ruhig fort,„denn der Zweck meines Gan⸗ ges ſollte voͤllig geheim bleiben. Ich traf meinen Vater: eine Unterredung mit Rudolph hatte ihn be⸗ ſtimmt, ſeinen fruͤheren Entſchluß, mich noch dieſe Nacht mit ſich zu nehmen, wieder aufzugeben, indeſ⸗ ſen eilte ich dieſen Morgen in der Fruͤhe zu ihm, waͤhrend Annette meine Rolle ſpielte, und meinen Platz im Geſolge der Schweizer⸗Abgeordneten ein⸗ nahm, weil mein Vater nicht wiſſen laſſen wollte, wann und mit wem ich meinen Oheim und ſein Ge⸗ leite verlaſſen habe, Ich brauche Euch nicht zu ſa⸗ gen, daß ich Euch im Kerker beſuchte.“ „Und daß Ihr mir das Leben gerettet, die Frei⸗ heit wieder gegeben habt,“ fuͤgte Arthur bei. „Fragt mich nicht nach dem Grunde meines Schwei⸗ gens; ich handelte dabei nach dem Befehle Ande⸗ 58 rer, nicht nach meinem eigenen Willen. Man be⸗ guͤnſtigte Eure Flucht, um zwiſchen den Schweizern außerhalb der Stadt und den Soldaten in derſelben eine Verbindung zu unterhalten. Nach Eurer Ab⸗ reiſe von La Ferette erfuhr ich von Sigmund, daß mehrere Raͤnber Euch und Euren Vater verfolgen, um Ench auszupluͤndern; mein Vater hatte mich in Stand geſetzt, Anna von Geierſtein in ein deutſches Edelfraͤulein umzuwandeln, und ich machte mich ſo⸗ gleich auf dem Weg, um Euch einen Wink zu geben, der Euch aus der Gefahr retten konnte.“ „Aber mein Vater?“ fragte Arthur. „Ich habe allen Grund zu hoffen, daß er in Sicher⸗ heit ſey. Außer mir wuͤnſchten noch Andere, nament⸗ lich Sigmund, ihn wie Ench zu ſchuͤtzen. Nun aber, da Ihr die Loͤſung der Naͤthſel vernommen habt, iſt es Zeit, daß wir ſcheiden— und auf immer.“ „Scheiden und auf immer,“ wiederholte Arthur mit einer Stimme wie ein verklingendes Echo. „Das Schickſal will es ſo. Fragt Euch ſelbſt, ob es nicht Enre Pflicht gebietet. Mit Tagesanbruch zieht Ihr gen Straßburg und— wir werden uns nicht wie⸗ derſehen.“ Im Feuer der Leidenſchaft warf ſich Arthur Anna zu Füßen, deren zitternde Stimme bei den letzten Wor⸗ ten deutlich die Empfindungen verrieth, die ihr Inneres bewegten. Sie ſuchte mit den Augen Annette, allein dieſe war verſchwunden. „Stehet auf,“ ſagte ſie endlich.„Ihr dürft Euch ei⸗ 59 nem Gefühle nicht hingeben, das für uns Beide trau⸗ rige Folgen haben könnte.“ „Höret mich, ehe ich Euch Lebewohl ſage auf ewig; hört man ja doch auch den Beklagten, ſo ſchlimm ſeine Sache iſt. Ich bin Ritter, und Sohn und Erbe eines Grafen, deſſen Name in England und Frankreich und überall, wo die Tapferkeit geehrt wird, bekannt iſt.“ „Ach!“ ſprach ſie mit ſchwacher Stimme,„ſchon lange ahnte ich, was Ihr mir ſagt, doch ſtehet auf, ich bitte Euch.“ „Erſt, wenn Ihr mich gehört habt,“ fuhr Arthur fort, ihre zitternde Hand ergreifend, die ſie ihm ohne Sträuben überließ.„Höret mich,“ ſprach er mit dem Feuer der erſten Liebe,„mein Vater und ich ſind mit einer ſehr gefährlichen Sendung beauftragt, deren Er⸗ folg ſehr zweifelhaft iſt. Schlägt ſie günſtig aus, ſo werdet Ihr mich bei meinem wahren Namen nennen hören; falle ich, ſo weinet mir eine Thräne nach. Ent⸗ komme ich der Gefahr, ſo habe ich noch ein Pferd, eine Lanze und ein Schwert, und Ihr ſollt rühmlich von mir reden hören.“ „Stehet auf,“ wiederholte ſie und ihre Thränen flo⸗ ßen,„ich habe genug gehört, Euch weiter ein Ohr lei⸗ hen, hieße Wahnſinn und könnte Euch und mir verderb⸗ lich werden.“ „Nur noch ein Wort: ſo lange ich lebe, wird mein Herz für Euch ſchlagen, ſo lange mein Arm nicht er⸗ lahmt, wird er bereit ſeyn, Euch zu ſchützen.“ In dieſem Augenblicke ſtürzte Annette in's Zimmer 60 mit dem Rufe:„Fort, fort, Schreckenwald iſt aus dem Dorfe zurück und kommt, glaube ich, hieher!“« Arthur war ſogleich aufgeſprungen und ſagte:„Wenn Eurer Gebieterin Gefahr droht, Annette, ſo ſteht Ihr we⸗ nigſtens ein treuer Freund zur Seite.“ Mit unruhigen Blicken ſah Annette das Fräulein an, und fuhr dann fort:„Bedenkt doch, Schreckenwald, der Vogt Eures Vaters— ſein Vertrauter! ich kann Ar⸗ thur irgendwo verſtecken.“ Anna hatte ſchon ihre Faſſung wieder gewonnen und erwiederte ruhig und mit Würde:„Ich habe nichts ge⸗ than, weßwegen mein Veter mir zürnen könnte. Wenn Schreckenwald meines Vaters Vogt iſt, ſo iſt er mein Untergebener und ich brauche keinen Gaſt vor ihm zu verſtecken. Setzt Euch,“ fuhr ſie gegen Arthur fort, wir wollen ihn hier empfangen. Er ſoll ſogleich hieher kom⸗ men, Annette, und uns die Neuigkeiten, die er bringt, mittheilen, aber ſage ihm, er ſolle nicht vergeſſen, daß er ſeine Gebieterin vor ſich hat. Arthur ſetzte ſich wieder, noch ſtolzer auf die Wahl, die er getroffen, weil das Mädchen ſeines Herzens ſo edel und unerſchrocken ſich zeigte, Annette aber fand in der Feſtigkeit ihrer Gebieterin Ermuthigung, klatſchte im Hinausgehen in die Hände und ſagte für ſich:„es iſt doch etwas, Baronin zu ſeyn, wenn man ſeine Würde ſo zu behaupten weiß. Wie hat mich doch der grobe Vogt ſo erſchrecken können?“ 61 XXII. —— Dinge, die Um Mitternacht zu thun bei Geiſterſpuck, Sind andrer Art und wunderſamer, Als die das Licht nicht ſcheuen. 1 Shakeſpeare. Ungeduldig ſahen die Beiden dem Erſcheinen des Vogts entgegen. Arthur durch die Feſtigkeit, welche Anna gezeigt hatte, geſchmeichelt und ermuthigt, über⸗ dachte ſchnell, welche Rolle er hier zu ſpielen habe, und beſchloß klüglich, keinen thätigen Antheil an dem Geſpräch zu nehmen, bis er aus Anna's Benehmen er⸗ ſehen könnte, ob ihr dieß angenehm wäre. Er ſetzte ſich daher in einiger Entfernung von ihr an den Tiſch, und ſuchte die lebhafte Unruhe in ſeinem Innern unter dem Scheine der Ehrerbietung zu verbergen. Anna zeigte eine ruhige Würde, nahm eine weibliche Arbeit zur Hand und erwartete ſo den angekündigten Beſuch. Bald hörte man haſtige Tritte auf der Treppe, die Thüre ging auf und Schreckenwald trat in's Zimmer. Er war ein hochgewachſener, wohlgemachter Mann von kriegeriſchem Ausſehen. Sein Anzug, ähnlich dem, wel⸗ chen damals in Deutſchland Perſonen von höherem Ran⸗ ge trugen, war aufgeſchlitzt und mehr verziert, als dieß in Frankreich und England der Fall zu ſeyn pflegte. Die Falkenfeder, die er, der allgemeinen Sitte gemäß⸗ 62 auf der Mütze trug, ſtack in einer goldenen Agraffe; ſein Wamms war von Büffelleder und auf allen Nah⸗ ten mit Borten beſetzt, über die Bruſt hing eine gol⸗ dene Kette zum Zeichen ſeines Rangs unter den Die⸗ nern des Barons. Er trat haſtig und mit unzufriede⸗ ner, geſchäftiger Miene ein, und hob in ziemlich der⸗ ben Tone an:„Wie, Fräulein, was ſoll das heißen? ſo ſpät noch Fremde auf dem Schloſſe?« Ungeachtet der langen Abweſenheit von ihrem Ge⸗ burtslande konnte Anna dennoch ſehr gut ſeine Sitten und Gebräuche, und wußte wie ſehr die Edeln ihre Untergebenen ihr Anſehen fühlen ließen. „Ihr ſeyd ein Lehensmann von Arnheim, Schrecken⸗ wald, und wagt es, mit trotziger Miene und bedecktem Kopfe vor der Gebieterin des Schloſſes zu erſcheinen? Bedenkt, wer Ihr ſeyd, und wenn Ihr mich für Eure Dreiſtigkeit um Verzeihung gebeten, ſo könnt Ihr vor⸗ bringen, was Ihr mir zu ſagen habt.“ Schreckenwalds Hand fuhr wider ſeinen Willen an ſeine Mütze und entblößte ſeine ſtolze Stirne.„Verzeiht, edles Fräulein,« fuhr er nun in milderem Tone fort, „wenn ich in der Eile etwas derb geſprochen. Diee Soldaten des Rheingrafen haben ſich empört, das Ban⸗ ner ihres Herrn zerriſſen und ſich um eine Fahne ver⸗ ſammelt, die ſie das Feldzeichen des heiligen Niklas nennen, mit der Erklärung, ſie wolle Friede halten mit Gott, die Welt aber bekriegen. Das Schloß hier kann ihnen nicht entgehen, denn ſie ſagen, das Erſte⸗ was ſie zu thun haben ſey, daß ſie ſich eines feſten — 63 Platzes bemächtigen, um ſich hier zu halten; Ihr müßt alſo mit Tagesanbruch das Schloß verlaſſen. Gegen⸗ wärtig haben ſie noch mit den Weinfäſſern der Leute im Dorf zu thun, wenn ſie aber morgen erwachen, ſo ziehen ſie ohne Zweifel hieher und Ihr könntet dann dieſen Leuten in die Hände fallen, die ſich⸗ wenig um Eure Anſprüche bekümmern würden.“ „Iſt es deun nicht möglich, ihnen Widerſtand zu lei⸗ ſten 2 fragte Anna,„das⸗ Schloß iſt feſt, und ich möchte die Wohnung meiner Väter nicht verlaſſen, ohne feine Bertheidigung zu verſuchen.“ „Es bedarf 500 Mann,“ verſetzte Schreckenwald, „um die Thürme und Mauern zu beſetzen, und ich wüßte nicht, wie nur zwanzig zuſammen zu bringen wären. Nun da Ihr die Sache wißt, möchte ich Euch bitten, den Frmden zu verabſchieden; ich will ihm den kürze⸗ ſten Weg aus dem Schloſſe zeigen, denn bei unſerer gefährlichen Lage können wir blos an unſere eigene Si⸗ cheit denken.“ „Und wohin wollt Ihr gehen?“ fragte das Fräulein mit gebieteriſcher Miene, der ſich Schreckenwald nur ungern fügte. „Ich gedenke nach Straßburg zu gehen, das heißt, wenn es Euch genehm iſt; ich hoffe, wir können durch⸗ kommen, ohne von den Meutevern bemerkt zu werden, und ſtoßen wir auf einen Haufen derſelben, ſo wird es uns wohl nicht ſchwer werden, uns Bahn zu hauen.“ „Aber warum wählt Ihr gerade Straßburg?“ 64 „Weil ich glaube, wir werden dort Euern Vater, den edeln Grafen Albert von Geierſtein finden.“ „Gut,“ verſetzte das Fräulein.„Ihr, Signor Phi⸗ lipſon, habt, meine ich, davon geſprochen, daß Ihr auch nach Straßburg geht; wenn es Euch genehm iſt, ſo könnt Ihr unter dem Schutze meines Geleites dort⸗ hin gelangen.“ Freudig nahm Arthur dieſes Erbieten an, durch das er Gelegenheit erhielt, länger in Anna's Geſellſchaft zu ſeyn, und ihr vielleicht, wie ihm ſeine lebhafte Ein⸗ bildungskraft vorſpiegelte, auf dem gefährlichen Wege einen wichtigen Dienſt zu leiſten. Schreckenwald wollte Gegenvorſtellungen machen, Anna unterbrach ihn aber mit den Worten:„Nehmt Ench Zeit zum Verſchnau⸗ fen, Schreckenwald, damit Ihr Euch deutlicher und mehr mit dem geziemenden Reſpekte ausdrücken könnt.“ Der Uebermüthige brummte einen Fluch in den Bart, und erwiederte mit gezwungener Höflichkeit:„Erlaubt mir, Euch bemerklich zu machen, daß wir bei unſerer Lage nur für Euch beſorgt ſeyn können. Wir werden Wenige genug ſeyn Euch zu vertheigen, und ich kann nicht zugeben, daß ein Fremder mit uns reiſe.“ „Wenn ich glaubte,“ entgeanete Arthur,„daß das Fräulein durch meine Gegenwart gefährdet werden könnte, ſo vermöchte mich nichts auf der Welt, ihr ver⸗ bindliches Erbieten anzunehmen, aber ich bin weder ein Weib, noch ein Kind, ſondern ein vollkräftiger Mann, und bereit Eure Gebieterin zu ſchützen, wie ich's vermag. 65 „Dürften wir auch an Eurem Muthe und an Eurer Geſchicklichkeit nicht zweifeln, junger Mann, wer bürgt uns für Eure Treue?« »Daran zu zweifeln,“ entgegnete Arthur,„möchte an jedem andern Orte, als hier, gefährlich ſeyn.“ Um den Streit, der auszubrechen drohte, zu hindern, trat Anna in's Mittel und ſagte:„Da wir ſo frühe aufbrechen ſollen, ſo iſt es Zeit, zur Ruhe zu gehen, doch müſſen wir im Falle eines Angriffs auf unſerer Hut ſeyn. Ich verſehe mich zu Euch, Schreckenwald, daß Ihr Wachen ausſtellt, Ihr habt wenigſtens Leute genug dazu. Und merkt's Euch, es iſt mein Wille und Befehl, daß der Fremde dieſe Nacht hier bleibt, und morgen mit uns weiter reist. Ich habe Gelegen⸗ heit gehabt ihn und ſeinen Vater kennen zu lernen, da ſie einige Zeit bei meinem Oheim, dem Landammann, zubrachten. Auf dem Wege werdet Ihr Euch zu ihm halten, und ich befehle Euch, ſo höflich gegen ihn zu ſeyn, als Euer rauhes Weſen Euch geſtattet.“ Mit einem bitteren Blicke, in welchem ſich Ingrimm, gedemüthigter Stolz und gezwungener Gehorſam aus⸗ ſprachen, befolgte Schreckenwald den Befehl und führte Arthur in ein anſtändiges Gemach mit einem Bette, das dieſem nach den Beſchwerden des Tages keineswegs unerwünſcht war. So ungeduldig Arthur dem nächſten Tag entgegen ſah, ſank er doch ermüdet in einen tiefen Schlaf, und erſt als der Morgen graute weckte ihn Schreckenwalds Walter Scott's Werke. 1608 Bochen. 5 66 Stimme, der ihm zurief:„Auf, Herr Engländer, wenn Ihr ſo dienſtfertig ſeyn wollt, wie Ihr Euch gerühmt habt. Wir ſöllten: ſchon im Sattel ſitzen und warten nicht auf die Trägen.“ In einem Augenblick war Arthur angekleidet, wo⸗ bei er nicht vergaß ſein⸗Panzerhemd anzulegen und die⸗ jenigen Waffen zu wählen, die ihm zu der Rolle, wel⸗ che er ſpieten wollte, die. tauglichſten ſchienen. Dann⸗ eilte er in den Stall, um ſein Pferd zu ſatteln, wie er aber durch die Gänge des Erdgeſchoßes ging, um in den Schloßhof zu treten, hörte er Annette ihm leiſe zurufen:„Hieher, Signor Philipſon, ich habe etwas⸗ mit Euch zu reden.“ Zugleich winkte ſie ihm in ein Zimmerchen, wo er nun mit ihr allein war. „Seyd Ihr nicht darüber erſtaunt„ fuhr ſie fort, „wie mein Fräulein den Schreckenwald ſo zahm gemacht hat, der durch ſeine finſtern Blicke und durch ſeine rau⸗ hen Worte Jedermann ſonſt in Furcht erhält? Es muß dieß angeboren ſeyn, denn geſtern Abend verſuchte ich gleichfalls, eine gebietende Miene anzunehmen, aber der grobe Menſch drohte mir, mich aus dem Fenſter zu wer⸗ fen. Doch ich plaudere hier, ſtatt Euch zu ſagen, daß mein Fräulein Euch einen Augenblick zu ſprechen wünſcht, ehe wir zu Pferde ſteigen.“ „Das Fräulein,“ rief Arthur zurückfalrend,„war⸗ um habt Ihr alſo die Zeit vergendet, und mir das nicht bälder geſagt?*. „Weil ich Euch hier nur aufhalten ſollte, bis ſie käine, und— da iſt ſie.“ 67 Anna trat in Reiſekleidern ein. Annette wollte das⸗ Zimmer verlaſſen, ihre Gebieterin befahl ihr aber be⸗ ſtimmt, zu bleiben.„Ich bin überzengt,“ fuhr ſie fort, „Ihr, Signor Philipſon, werdet es mir nicht ungün⸗ ſtig auslegen, daß ich Euch auf meinem Schloſſe behiekt und Euch erlaubte, mich auf dem gefährlichen Wege nach Straßburg zu begleiten. Am Thore der Stadt trennen wir uns; mit dieſem Augenblicke hört jeder Verkehr zwiſchen uns auf, und wir dürfen alsdann nur an einander denken, wie an einen Freund, den uns der Tod geraubt.“ „Es gibt Erinnerungen,“ ſagte Arthur im Tone der Leidenſchaft,„die unſerem Herzen theurer ſind, als der Gedanke an die Entſchlafenen.“ „Kein Woͤrt mehr in dieſem Toue,“ fuhr das Fräu⸗ lein fort.„Jede Täuſchung muß mit der Nacht auf⸗ hören, und mit dem Morgen die Vernunft erwachen. Noch ein Wort: ſprecht auf dem Wege nicht mit mir, Ihr könntet mich dadurch unangenehmen Vermuthungen blosſtellen, und Euch ſelbſt in Gefahr bringen. Lebt. wohl, unſer Geleite iſt zum Aufbruch gerüſtet.« Sie verließ das Zimmer, wo Arthur tiefem Schmerze⸗ hingegeben blieb. Die Geduld, er konnte ſagen, die Güte, womit Anna am Abend zuvor das Geſtändniß ſeiner Liebe angehört hatte, ließen ihn die Zurückhal⸗ tung nicht erwarten, die ſie jetzt gegen ihn zeigte. Er warf einen ſchmerzlichen Blick auf Anunetten, die noch im Zimmer geblieben war, fand aber keinen Troſt in 5. ⸗ „ 68 ihren Augen, denn ſie ſchien ebenſo außer Faſſung, wie er ſelbſt. „Ich kann nicht begreifen, was ihr begegnet iſt,« ſprach ſie;„ſie behandelt mich noch ebenſo gütig wie zuvor, gegen jede andere Perſon aber ſpielt ſie ganz die Gräfin. Und nun fängt ſie gar an, ihr eigenes Gefühl, das ſo natürlich iſt, unterdrücken zu wollen! Wenn das zum großen Tone gehört, ſo will ich lieber ein armes Schweizermädchen bleiben, ich bin dann we⸗ nigſtens Herrin meiner ſelbſt, und kann mit meinem Ludwig plaudern, wenn ich will, ſo weit Religion und Züchtigkeit dieß geſtatten. Doch ſeyd unbeſorgt, Ar⸗ thur, wenn ſie ſo grauſam iſt, Euch vergeſſen zu wol⸗ len, ſo könnt Ihr auf eine Freundin zählen, die, ſo lange ſie eine Zunge hat und das Fräulein Ohren, ihr dieß unmöglich machen wird.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich, nachdem ſie Arthur einen Weg gezeigt hatte, durch den er in den Hof gelangen konnte. Er fand hier ſein Pferd nebſt ꝛwanzig andern geſattelt und aufgezäumt. Zwölf von ihnen trugen eine Schutzrüſtung und waren für ebenſo viele Gewappnete beſtimmt, welche Dienſtmannen von dem Hauſe Arnheim und von dem Vogt aufgeboten waren. Zwei Zelter, durch ihr ſchönes Geſchirr ausge⸗ zeichnet, harrten Anna's und ihrer Dienerin; die übri⸗ gen Pferde gehörten den Knechten. Auf ein gegebenes Zeichen ergriffen die Reiſigen ihre Lanzen, und ſtellten ſich neben ihre Pferde, wo ſie warteten, bis das Fräu⸗ lein mit ihrer Dienerin zu Pferde geſtiegen war, dann 69 ſchwangen ſie ſich in den Sattel, und ritten langſam und vorſichtig weiter. Schreckenwald war vornen, an ſeiner Seite Arthur, Anna mit ihrer Dienerin ritt in der Mitte, und einige erfahrene Dienſtmänner bildeten den Nachzug, mit dem Befehl, die geeigneten Maß⸗ regeln zu treffen, daß man gegen jeden Ueberfall geſi⸗ chert wäre. Das Erſte, was Arthur auf dem Marſche auffiel, war, daß die Hufen der Pferde nicht den gewöhnlichen ſcharfen Ton von ſich gaben, als es aber heller wurde, bemerkte er, daß man den Pferden die Füße mit Linnen um⸗ wunden hatte, um jedes Geräuſch zu vermeiden. So ritten ſie den gewundenen Weg hinab, der von dem Schloſſe in das benachbarte Dorf führte, wo die auf⸗ rühreriſchen Soldaten des Rheingrafen lagen. Vor dem Dorfe ließ Schreckenwald halten, und ritt dann vorſich⸗ tig mit Arthur voran. Tiefe Stille herrſchte in den verlaſſenen Straßen, hin und wieder ſah man einen Soldaten, der als Wache ausgeſtellt ſchien, aber alle waren tief eingeſchlafen. „Die Hunde!“ ſprach Schreckenwald,„wie gut ſie Wache halten, und wie ich ſie wecken wollte, wenn ich nicht das Fräulein zu ſchützen hätte!— Bleibt hier, Fremdling, ich will zurückreiten, damit die Uebrigen nachkommen, es iſt durchaus keine Gefahr vorhanden.“ Mit dieſen Worten verließ er Arthur, der ſich, von Räubern umgeben, die das Bellen eines Hundes wecken konnte, keineswegs wohl fühlte. Doch kam Schrecken⸗ wald nach einigen Minuten mit dem übrigen Zuge nach⸗ 70 aund ſie gelangten glücklich an das andere Ende des Dorfes; allein hier lag neben der trunkenen Schildwa⸗ che ein großer Hund, der, als die Truppe herankam, kein Geheul erhob, welches die Siebenſchläfer hätte we⸗ cken können. Der Soldat nahm ſeine Büchſe und ſchoß, ohne zu wiſſen warum und auf wen; die Kugel traf jedoch Arthurs Pferd, dieſes ſtürzte; und die Schild⸗ wache eilte auf den Reiter los, um ihn zu tödten, oder gefangen zu nehmen. „Vorwärts, Männer von Arnheim!“ gebot Schre⸗ ckenwald, bringt Eure Gebieterin in Sicherheit!“ „Haltet, ich befehle es, eilt dem Fremden zu Hülfe,“ rief Anna ihrer Umgebung zu,„ich gehe keinen Schritt weiter, bis er gerettet iſt.“ Schreckenwald hatte ſeinem Pferde ſchon die Sporen gegeben, um zu fliehen, als er aber ſah, daß Anna ihm nicht folgen wollte, kehrte er um, nahm ein ge⸗ ſatteltes Pferd, das angebunden war, warf Arthur die Zügel zu, und drängte ſich zwiſchen den Engländer und den Soldaten, ſo daß dieſer ihn loslaſſen mußte. In einem Augenblicke hatte ſich Arthur in den Sattel geſchwungen, ergriff eine Streitaxt, die an dem Sat⸗ telbogen ſeines Pferdes hieng, und ſchlug damit den Soldaten, der auf's Neue auf ihn losging, zu Boden. Die ganze Truppe ſetzte ſich nun in Galopp, denn es wurde ſchon laut im Dorfe, und man ſah mehrere Sol⸗ daten aus den Häuſern kommen und ihren Pferden zu⸗ eilen. Auf einer Anhöhe hielt Schreckenwald, um nach dem Feinde zu ſehen, in der Straße herrſchte große 77 Verwirrung, doch ſchien man nicht geneigt, ſie zu ver⸗ folgen, und ſie ſetzten daher ihren Weg am Fluß hin⸗ fort. Nach zweiſtündigem Marſche hatte Schreckenwald wieder ſo viel Vertrauen gewonnen, daß er hinter ei⸗ nem Gehölze halten ließ, damit die Pferde und Rei⸗ ter ausruhen, und von den mitgeonmmenen Mundvor⸗ räthen ſich gütlich thun könnten. Nach einem kurzen Geſpräche mit dem Fräulein kehrte er zu ſeinem Be⸗ gleiter zurück, und lud dieſen zur Theilnahme an ſei⸗ nem Mahle ein, das nicht viel beſſer war, als das der übrigen Reiter, nur daß er eine Flaſche beſſeren Wein vorzuſetzen hatte. 3 „Geſundheit, Bruder!“ ſprach er;„Ihr werdet ge⸗ ſtehen muͤſſen, daß ich vor zwei Stunden, wo wir durch das Dorf Arnheim ritten, mich als wackern Kamera⸗ den gegen Euch erzeigt habe.« „Ich werde das nie laͤugnen, Herr Vogt,“ erwie⸗ derte Arthur,„und danke Euch fuͤr Eure zeitige Huͤlfe, denn es gilt mir gleichviel, ob Ihr ſie mir auf Be⸗ fehl Eures Fraͤuleins, oder aus eigenem Antrieb ge⸗ leiſtet.“ „Ho! hol Freund!« lachte Schreckenwald, Ihr ſeyd ein Philoſoph und koͤnnt ſolche feine Unterſcheidungen machen, waͤhrend Euer Pferd ſich uͤber Euch waͤlzt, und ein Baͤrenhaͤuter Euch das Schwert an die Kehle ſetzt. Nun gut, da Ihr dieß herausgefunden habt, ſo moͤget Ihr auch wiſſen, daß ich mir wenig daraus gemacht haͤtte, lieber ein Dutzend ſolche unbaͤrtige Ge⸗ 72 ſichter, wie das Eurige, drauf gehen zu laſſen, als daß das Fraulein in die geringſte Gefahr gekommen waͤre.“ „Die Anſicht, die Ihr da ausſprecht, iſt richtig und zu loben, wiewohl Ihr ſie etwas feiner haͤttet aus⸗ druͤcken koͤnnen.“. Er ſprach dieſe Worte, durch Schreckenwalds Ueber⸗ muth aufgebracht, mit etwas erhobener Stimme; dieß wurde bemerkt, und im naͤchſten Augenblicke ſtand An⸗ nette vor ihnen mit dem Befehl von ihrer Gebieterin, ſie ſollten leiſer ſprechen oder ſchweigen. „Sagt Eurem Fraͤulein, ich werde verſtummen,“ erwiederte Arthur. „Das Fraͤulein,“ fuhr Annette fort,„meint, Stille ſey nothwendig fuͤr unſere Sicherheit, denn es waͤre gefaͤhrlich, die Aufmerkſamkeit der Voruͤberziehenden auf die kleine fluͤchtige Truppe zu lenken. Das Fraͤu⸗ lein wuͤnſcht daher, daß Ihr Eure Zaͤhne ſo ſchnell als moͤglich arbeiten, Eure Zungen dagegen ruhen laſſen ſollt, bis wir an ſicherem Orte ſind.“ „Das Fraͤulein,“ bemerkte Schreckenwald,„hat ho⸗ hen Verſtand und ein witziges Kammermaͤdchen. Ich trinke ein Glas Ruͤdesheimer auf ihren Scharfſinn und auf Deinen heitern Sinn, Annette; wirſt Du mir Be⸗ ſcheid thun in dieſem edeln Tranke?«⸗ „Pfui! Ihr garſtiger Mann! habt Ihr je geſehen, daß ein zuͤchtiges Maͤdchen vor Tiſche Wein getrunken haͤtte? 73 „Gut, ſo ſollſt Du nichts von dem koͤſtlichen Weine bekommen, und magſt mit ſaurem Moſt Dich begnuͤgen.“ Nach kurzer Friſt brach die Truppe wieder auf, und es ging nun ſo ſchnell vorwaͤrts, daß ſie lange vor Mit⸗ tag in der ſtark befeſtigten Stadt Kehl auf dem rechten Ufer des Rheins, Straßburg gegenuͤber anlangten. Gluͤcklich ſetzten ſie auf das andere Ufer uͤber, wo Anna, ſey es, weil ſie beſorgte, Arthur moͤchte vergeſſen, daß ſie ſich hier trennen muͤſſen, oder, weil ſie glaubte, im Augenblicke des Scheidens noch einige Worte mit ihm ſprechen zu duͤrfen,— ehe ſie wieder zu Pferde ſtieg, auf Arthur zuging, der nur zu gut wußte, was ſie ihm ſagen wollte. „Ich muß Euch nun Lebewohl ſagen, Fremdling,⸗ ſprach ſie,„doch zuvor laßt mich fragen, ob Ihr wißt, wo Ihr Euren Vater zu ſuchen habt?“« „In einer Herberge, genannt zum fliegenden Hirſch,“ antwortete Arthur mit niedergeſchlagenem Tone,„aber ich weiß nicht, in welchem Theile der großen Stadt ſie liegt.« „Kennt Ihr die Herberge, Schreckenwald 2« „Ich, Fräulein? nein! ich bin in Straßburg und mit ſeinen Schenken nicht bekannt, und bei den meiſten unſerer Leute wird wohl daſſelbe der Fall ſeyn.“ „Ihr ſprecht doch wenigſtens deutſch,“ fuhr die Ba⸗ ronin trocken fort,„und könnt leichter darnach fragen, als ein Fremder. Darum geht und vergeßt nicht, daß Menſchlichkeit gegen einen Fremden eine heilige Pflicht iſt.“„ 7³⁴ Mit einem Achſelzucken, das verrieth, daß ihm diefer Auftrag gar nicht angenehm war, entfernte ſich Schre⸗ ckenwald, und Anna benützte ſeine Abweſenheit, Arthur heimlich zuzuflüſtern:„Lebt wohl! Lebt wohl! nehmt dieſes Zeichen der Freundſchaft und tragt es mir zu liebe. Möchtet Ihr glücklich werden.“ Sie ſchob ihm mit ihren zarten Fingern ein kleines Päckchen in die Hände; er wollte ihr danken, aber ſte war ſchon einige Schritte entfernt, und Schreckenwald, der wieder an ſeiner Seite Platz genommen hatte, rief ihm mit ſeinem gewoͤhnlichen rauhen Tone zu:„Kommt, ich habe die Herberge, die Ihr ſucht, gefunden, und keine Zeit, lange den Wegweiſer zu machen.“ Mit dieſen Worten ritt er voran, und Arthur folgte ihm ſchweigend bis an den Punkt, wo eine breite Straße die, in welcher ſie von dem Fluſſe herkamen, gerade durchſchnitt. „Dort iſt der fliegende Hirſch,“ ſagte Schreckenwald, anf einen großen Schild deutend, der an einem ſtarken Balken befeſtigt, beinahe über die ganze Breite der Straße hin ſich erſtreckte.„Bei dieſem Wegweiſer, denke ich, könnt Ihr nicht mehr fehl gehen.“ Mit dieſen Worten warf er ſein Pferd herum, und kehrte ohne weiteren Abſchied zu ſeiner Truppe zurück. Auch Arthurs Blicke hafteten noch einige Zeit auf dieſer, alsbald gedachte er aber ſeines Vaters, gab ſeinem müden Pferde die Sporen, und hielt bald vor dem fliegenden Hirſch. 75 XXIII. —— Einſt in goldnen Tagen War ich des ſchoͤnen Albion Koͤnigin, Doch dieſen Namen hat das Schickſal mir Entriſſen, und mich in den Staub gebeugt. Shakespeare. In der Herberge zum gliegenden Hirſch in Straßburg fanden es die Reiſenden gewöhnlich nicht bequemer, als in andern Gaſthäuſern des deutſchen Reiches, doch Arthurs Eigenſchaften, Jugend und gutes Ausſehen, die ſelten oder nie ihre Wirkung auf das ſchöne Ge⸗ ſchlecht verfehlen, gewannen ihm die Aufmerkſamkeit der Wirthstochter, einer blühenden Dirne mit blauen Augen und zarter, weißer Haut. Sie zeigte ſich un⸗ gemein gefällig gegen den Fremden, und kam nicht nur in den Hof herab, um ihm den Stall zu zeigen, ſon⸗ dern ſagte ihm auch, als er unach ſeinem Vater fragte, es ſey ein Reiſender, der ſeiner Beſchreibung gleiche, am Abend zuvor hier abgeſtiegen, und habe geäußert, daß er hier einen jungen Mann, ſeinen Reiſegefährten, erwarte. „Ich will ihn Euch herſchicken, ſchöner Herr,“ ſetzte die Kleine mit freundlichem Lächeln hinzu, und hielt Wort, denn bald trat Philipſon in den Stall und ſchloß ſeinen Sohn in die Arme. „Mein Sohn, mein geliebter Sohu,“ rief er, und 76 ſein gewöhnlicher ruhiger Gleichmuth wich dem Drange des natürlichen Gefühles,„Du biſt mir zu jeder Zeit willkommen, doppelt aber in einem Augenblicke der Unruhe und Gefahr und noch mehr in einem Zeitpunkte, wo ſich unſer Schickſal entſcheiden muß: in einigen Stunden erfahre ich, was wir von dem Herzog von Burgund zu gewarten haben. Haſt Du den Schmuck?« Arthur zog das Paket aus dem Buſen und ſagte: v»es iſt, ſeit Ihr es nicht mehr geſehen, mit mir in große Gefahr gekommen. Die vorige Nacht wurde ich gaſtlich in einem Schloſſe aufgenommen und dieſen Morgen empörte ſich in der Nachbarſchaft ein Haufen Lanzknechte, weil ſie ihren Sold nicht erhielten. Die Bewohner des Schloſſes nahmen die Flucht, und wie wir bei Tagesanbruch an den Meuterern vorüber ka⸗ men, ſchoß einer derſelben mein Pferd nieder und ich mußte dafür den ſchweren Flamänder hier nehmen.“ »Unſer Weg iſt ſehr gefahrvoll,« erwiederte Philip⸗ ſon,„und auch ich bin in einer Herberge, wo ich die vorige Nacht zubrachte, in große Noth gekommen, je⸗ doch wurde mir kein Leid angethan. Von hier aus gehe ich unter ſicherem Geleite ins Lager des Herzogs bei Dijon und hoffe dieſen Abend bei ihm Audienz zu erhalten. Schlägt unſere letzte Hoffnung fehl, ſo be⸗ geben wir uns nach Marſeille, ſchiffen uns dort nach Candia oder Rhodus ein„und weihen unſer Leben der Vertheidigung unſeres Glaubens, weil wir nicht mehr für England ſtreiten können.“ Stumm vernahm Arthur dieſe Worte, die einen 77 tiefen Eindruck auf ſein Herz machten. Eben fingen die Glocken des Domes zu läuten an, und erinnerten Philipſon an die Pflicht, die Meſſe zu hören; ſein Sohn begleitete ihn. Als ſie an die Domkirche kamen, ſahen ſie ſich den Weg, wie dieß in katholiſchen Ländern gewöhnlich der Fall iſt, durch eine Menge Bettler beiderlei Geſchlechts verſpexrt, die ſich an dem Portale verſammelt hatten, um den Gläubigen Gelegenheit zu geben, Barmherzigkeit zu üben. Ein große Frau, die auf der letzten Stufe nahe am Eingange ſtand, ſtreckte gegen Philipſon die Hand aus, und dieſer reichte ihr wegen ihres auffallenden Aeußern, ſtatt, wie den Ueb⸗ rigen eine Kupfermünze, ein Silberſtück. 2 „Ein Wunder,“ ſagte jene auf engliſch, aber ſo, daß nur er es hören ſollte, wiewohl auch Arthur ihre Worte verſtand,„ja, ein Wunder iſts, daß ein Engländer noch ein Silberſtück beſitzt, und es dem Armen geben kann.“ Arthur bemerkte, daß ſein Vater bei dem Ton dieſer Stimme zuſammenfuhr, und auch ihm ſchienen dieſe Worte keine gewöhnliche Bettlerin zu verrathen. In⸗ deſſen trat ſein Vater, nachdem er einen Blick auf die Frau geworfen, in die Kirche, und ſeine Aufmerkſamkeit wendete ſich bald der Meſſe zu, die ein Geiſtlicher in der dem heiligen Georg geweihten Kapelle in einem Flügel des weitläufigen Gebäudes las. Nach Beendi⸗ gung derſelben entfernten ſich die Meiſten wieder, um in einer andern Kapelle zu beten oder ihren Geſchäften nachzugehen, die große Frau dagegen blieb vor dem Altare auf den Knieen liegen, und zu ſeinem Erſtaunen 78 bemerkte Arthur, daß ſein Vater, die Blicke auf jene geheftet, deren Geſicht ein großer Schleier verhüllte, das Gleiche that. Er könnte ſich durchaus keinen Grund denken, der ſeinen Vater dazu beſtimmen möchte; nur das wußte er, daß das Mißtrauen in Frankreich, Italien und Flandern ſo groß war, daß die mit wich⸗ tigen Sendungen Beauftragten ſich in mancher lei Ver⸗ kleidungen in die Länder einſchleichen mußten, wo ihre Dienſte nöthig waren. Jusbeſondere war Ludwig der Eilfte dafür bekaunt, daß er ſeine geheimen Abgeſandten unter der Maske von Bettelmönchen, Minneſängern, Zigeunern und dergleichen zu verſtecken pffegte⸗ Arthur hielt es daher für nicht unwahrſcheinlich, daß dieſe Frau, wie ſein Vater und er, etwas mehr wäre, als ihre Kleidung vermuthen ließe, und beſchloß, das Benehmen ſeines Vaters genau zu beobachten, um das ſeinige darnach einzurichten. Endlich verkündigte eine Grocke, daß an dem Hauptaltare Hochamt gehalten wer⸗ den ſollte, und die Uebrigen, die noch in der Kapelle geblieben waren, entfernten ſich alle, bis auf die beiden Philipſons und die Frau, die immer noch auf den Knieen lag. Endlich erhob ſie ſich und ging auf Philipſon zu, der die Arme über die Buuſt gekreuzt und mit geſenk⸗ tem Haupte, in einer demüthigen, ehrerbietigen Stim⸗ mung, wie ſie ſein Sohn ihn noch nie hatte annehmen ſehen, zu erwarten ſchien, was ſie ihm zu ſagen habe. Bier Lampen, vor dem Schrein des Heiligen brennend, warfen einen düſteren Schein auf ſeine Rüſtung und ſein Pferd, von dem herab er mit der Lanze den niederge⸗ 79 worfenen Drachen durchſtach, deſſen ausgereckte Fluͤgel und gewundenen Hals ihr Licht theilweiſe beſchien. Die übrige Kapelle war ſchwach von der herbſtlichen Sonne beleuchtet, welche kaum durch die bemalten Fenſter zu dringen vermochte. Das Licht fiel düſter und matt, von den verſchiedenen Farben umfloſſen, auf die ſtatt⸗ liche, doch etwas gebeugte Frauengeſtalt, auf ſeinen trübſinnigen Vater und ihn ſelbſt, der mit dem Feuer der Jugend außerordentliche Folgen von einer ſolchen Zuſammenkunft ſich verſprach. Endlich trat die Frau auf dieſelbe Seite des Schrei⸗ nes, wo Arthur und ſein Vater ſtanden, um deutlicher gehört zu werden, ohne daß ſie den feierlichen Ton, in dem ſie geſprochen hatte, zu ändern brauchte. „Verehrt Ihr hier,“ fragte ſie,„den heiligen Georg von Burgund, oder den heiligen Georg des heitern Eng⸗ lands, die Blume der Ritterſchaft?“ „Ich diene,“ antwortete Pilipſon, die Hände andäch⸗ tig vor die Bruſt gefaltet, dem Heiligen, dem die Ka⸗ pelle hier geweiht iſt, und dem Gott, bei dem er, hoffe ich, Fürbitte für mich einlegen wird, hier, wie in mei⸗ nem Geburtslande.“ „Wie? auch Ihr,“ fuhr die Frau fort, auch Ihr, der Ihr zu dem Spiegel der Ritterſchaft gerechnet wurdet, könnt vergeſſen, daß Ihr in der königlichen Kapelle zu Windſor gebetet— daß Ihr dort mit dem Ordensband umwundene Kuie gebeugt habt, und Könige und Für⸗ ſten neben Euch knieten— Ihr könnt dieß vergeſſen und⸗ in einer fremden Kapelle beten, ohne daß der Gedanke 80⁰0 Euch ſtört, was Ihr geweſen— beten wie ein armer Landmann um Brod und Leben auf jeglichen Tag?« „Verehrteſte Frau,“ erwiederte Philipſon, in meinen ſtolzeſten Stunden war ich vor dem Weſen, dem ich meine Gebete vortrug, nur wie ein Wurm im Staube— in ſeinem Auge bin ich jetzt weder mehr, noch weniger entwürdigt, wie vielleicht in der Meinung meiner Mitmenſchen.“ »Wie kannſt Du ſo denken?“ fuhr jene fort,„und doch, wohl Dir, daß Du's kannſt. Aber wie wenig haſt Du verloren, im Vergleich mit mir!« Sie legte die Hand an die Stirne und ſchien einen Augenblick in traurigen Erinnerungen verloren. Ar⸗ thur trat näher an ſeinen Vater und fragte im Tone nicht zu unterdrückender Theilnahme:„Vater, wer iſt dieſe Frau? Iſt es meine Mutter 2“ „Nein, mein Sohn,“ antwortete Philipſon,„ich bitte Dich bei Allem, was Dir heilig iſt, zu ſchweigen.“ Aber jene hörte die Frage und die Antwort, ſo leiſe beide geflüſtert wurden, und fagte:„Ja, junger Mann, ich bin, oder vielmehr, ich war Eure Mutter, die Mutter, die Beſchützerin aller Edeln in England— ich bin Margarethe von Anjou.“ Arthur ſank auf die Kniee vor der hehren Frau, der Wittwe Heinrichs VI., die ſo lange und unter ſo verzweifelten Umſtaͤnden durch unerſchrockenen Muth und tiefe Politik die wankende Sache ihres ſchwachen Gatten aufrecht erhielt, und wenn ſie auch manchmal den Sieg zu grauſamer Rache mißbrauchte, dieß durch 8¹1 die unbeugſame Entſchloſſenheit, womit ſie die furcht⸗ barſten Stuͤrme des ungluͤcks ertrug, einigermaßen wieder vergeſſen machte. Arthur war in eifriger An⸗ haͤnglichkeit an das nun entthronte Haus Lancaſter er⸗ zogen worden, zu deſſen ausgezeichnetſten Stuͤtzen ſein Vater gehoͤrte, und ſeine fruͤheſten Waffenthaten hatte er, zwar ungluͤcklich, aber nicht unruͤhmlich in ihrem Dienſte ausgefuͤhrt. Mit einer Begeiſterung, die ſeine Jugend und Erziehung rechtfertigten, warf er in demſelben Augenblicke ſeine Muͤtze zu Boden, und kniete vor ſeiner ungluͤcklichen Fuͤrſtin nieder. Margaretha ſchlug den Schleier zuruͤck, welcher ihre edlen, majeſtaͤtiſchen Zuͤge verhuͤllte, die, obgle ich Stroͤme von Thraͤnen ihre Wangen gefurcht, Sorge, getaͤuſchte Hoffnung, hauslicher Kummer, das Feuer ihrer Augen gedaͤmpft, und die auf ihrer Stirne woh⸗ nende Hoheit verwiſcht hatten, ſelbſt jetzt noch die Spuren der Schoͤnheit verriethen, die einſt in Europa fuͤr einzig gegolten hatte. Die Unempfindlichkeit, welche eine Reihe von Leiden und Ungluͤck wie eine eiſige Rinde um das Herz der ungluͤcklichen Fuͤrſtin gelegt hatte, thaute auf bei dem Anblick der Begei⸗ ſterung des ſcooͤnen Junglings. Sie reichte ihm eine Hand, die er mit Thraͤnen und Kiſſen bedeckte, mit der andern ſtreichelte ſie mit muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit feine krauſen Locken, und ſuchte ihn aufzurichten. Sein Vater ſchloß unterdeſſen die Thuͤre der Ka⸗ pelle und lehnte ſich an dieſelbe, damit kein Fremder dieſe Scene ſtoͤren koͤnnte. Walter Scott's Werke. 160s Bochn. 6 82 „Und Du, ſchoͤner Juͤngling,« fuhr Margaretha mit einem Tone fort, worin weibliche Zartheit mit dem angebornen Stolze und der ruhigen, durch ihre viele Leiden erworbenen Gleichguͤltigkeit ſtritten,„Du biſt alſo der letzte Sproͤßling des edeln Stammes, von dem ſo viele ſchoͤne Zweige fuͤr unſere ungluͤck⸗ liche Sache gefallen ſind. Ach! was kann ich fuͤr Dich thun? Nicht einmal einen Segen hat Margare⸗ tha zu geben! So grauſam iſt ihr Schickſal, daß ihr Segen zum Fluch wird, und ſie darf Dich nur anbli⸗ cken und Dir Gluͤck wuͤnſchen, um Dir ſchnelles und ſicheres Verderben zu bereiten. Ich— ich war der Giftbaum, der die ſchoͤnen Pflanzen vernichtete, die um mich her wuchſen; allen meinen Freunden habe ich den Tod gebracht, ich ſelbſt aber kann ihn nicht finden!« „Edle, koͤnigliche Frau,“ verſetzte Philipſon,„laßt jetzt Euern Muth nicht ſinken, der ſo vieles Ungluͤck ertragen, jetzt, wo es voruͤber iſt, und wir hoffen duͤr⸗ fen, daß fuͤr Euch und Eugland beſſere Tage kommen werden. „Für England! fuͤr mich, edler Graf!« entgegnete die Gebeugte,„faͤnde mich auch die Sonne des naͤch⸗ ſten Tages auf dem Throne von England, wer koͤnnte mir wieder geben, was ich verloren? Nicht ſpreche ich von Reichthum und Macht, ſie haben kein Gewicht in der Wagſchaale, nicht von den vielen edlen Freun⸗ den, die fuͤr mich und die Meinigen gefallen ſind, nicht von den Sommerſets, Percys, Staffords, Clif⸗ 83 fords,— ſie haben in den Jahrbuͤchern ihres Landes ihre Stelle gefunden— nicht von meinem Gatten, der fromme Dulder iſt nun ein Heiliger im Himmel, aber mein Sohn, mein Eduard— kann ich den Juͤng⸗ ling hier anſehen, ohne zu gedenken, daß Eure Gat⸗ tin und ich in derſelben Nacht ſie geboren? Wie oft ſprachen wir von dem einſtigen Schickſal der Knaben und uͤberredeten uns, daß daſſelbe Geſtirn, unter dem ſie geboren wurden, einen wohlthaͤtigen Einfluß auf ihr Leben uͤben wuͤrde, bis ſie in reichem Maße Gluͤck und Ehre erndeten! Ach, Euer Arthur lebt, aber mein Eduard ruht im blutigem Grabe!“«. Sie barg ihr Geſicht in ihren Schleier und ſchluchzte, allein Philipſon, oder der verbannte Graf von Or⸗ ford, wie wir ihn jetzt nennen wollen, der ſich durch ſeine treue Anhaͤnglichkeit an das Haus Lancaſter aus⸗ zeichnete, ſuchte zu hindern, daß ſie ſich ihrer Schwä⸗ che hingebe, und erwiederte:„des Lebens Reiſe iſt ein kurzer Wintertag und geht ihrem Ende zu, ob wir ihre Dauer nuͤtzen oder nicht. Meine Koͤnigin iſt, hoffe ich, ſo weit Meiſterin ihrer ſelbſt, daß der Schmerz uͤber die Vergangenheit ſie nicht hindert, die Gegenwart zu benuͤtzen. Ich bin hier auf Euren Be⸗ fehl, bald werde ich den Herzog von Burgund ſehen, und finde ich ihn geneigt, in unſere Vorſchlaͤge ein⸗ zugehen, ſo wird unſere Trauer in Freude verwandelt werden. Dabei muͤſſen wir aber die Gelegenheit eben⸗ ſo ſchnell als eifrig ergreifen, darum hohe Frau, laßt 6* * 84 mich wiſſen, warum Ihr verkleidet hieher gekommen ſeyd. Gewiß war's nicht einzig, um den Juͤngling zu beweinen, daß die hochherzige Koͤnigin Margare⸗ tha Ihres Vaters Hof verließ, und ſich in gemeine Tracht huͤllte, um nicht ohne Gefahr hieher zu kom⸗ men.“ „Ihr ſpottet meiner, Orford,“ erwiederte die un⸗ gluͤckliche Koͤnigin,„oder betruͤgt Ihr Euch ſelbſt, wenn Ihr glaubt, noch die Margaretha vor Euch zu haben, die kein Wort ſprach ohne Vorbedacht und bei der unbedeutendſten Handlung durch einen beſtimm⸗ ten Beweggrund ſich leiten ließ. Ach! jene Feſtig⸗ keit und Beſonnenheit ſind dahin, Schmerz und Kum⸗ mer machen mir den Ort verhaßt, wo ich bin, und treiben mich unwiderſtehlich weiter. Freilich lebt' ich ſicher am Hofe meines Vaters, aber kann dieß ein Geiſt, wie der meinige ertragen, kann eine Frau, die das ſchoͤnſte Koͤnigreich Europas und ſo viele edle Freunde verloren hat, eine kinderloſe Wittwe, uͤber welche der Himmel die Schaale ſeines Zornes ergoſ⸗ ſen— kann ſie zur Geſellſchaft eines ſchwachen Grei⸗ ſes ſich herablaſſen, der in Liedern und Saitenſpiel fuͤr Alles, was die Armuth erniedrigendes hat, ja 1 ſelbſt fuͤr das Laͤcherliche und Veraͤchtliche derſelben, Troſt findet?« 3 „ Koͤnigliche Herrin!“« entgegnete Oxford,„tadelt nicht den guten Koͤnig René darum, daß er, vom Schickſal verfolgt, eine gemeinere Quelle des Troſtes fuͤr ſich gefunden hat, die Euer ſtolzer Geiſt Euch 8⁵ verſchmaͤhen laͤßt, Ein Wettſtreit unter ſeinen Saͤn⸗ gern hat fuͤr ihn ſo viel Reiz, als ritterlicher Kampf, und ein Blumenkranz von ſeinen Barden gwunden, und durch ihre Lieder verherrlicht, iſt ihm vollwich⸗ tige Entſchaͤdigung fuͤr die Kronen von Jeruſalem, Neapel und den beiden Sicilien, die er nur dem Na⸗ men nach beſitzt.« „Sprecht mir nicht von dem mitleidswerthen Grei⸗ ſen,“ entgegnete Margaretha,„der ſelbſt unter den Haß ſeiner erbittertſten Feinde herabgeſunken iſt, und nie eines Weiteren, als der Verachtung, werth gehalten wurde. Ich ſage Euch, edler Graf, daß mich der ge⸗ zwungene Aufenthalt in Aix in dem ärmlichen Kreiſe, den er ſeinen Hof nennt, beinahe zum Wahnſinn ge⸗ bracht hat. Nein, Oxford, wenn die letzte Hoffnung, die das unbeſtändige Glück mir zu bieten ſcheint, unter⸗ geht, ſo begrabe ich mich in das unbekannteſte Kloſter in den Pyrenäen, um wenigſtens die kindiſche Fröhlich⸗ keit meines Vaters nicht wiederſehen zu dürfen. Doch, ich habe Wichtigeres Euch zu ſagen, und von Euch zu vernehmen: was bringt Ihr mir aus Italien? will der Herzog von Mailand uns mit Rath oder mit Geld un⸗ terſtützen?“ „Mit Rath recht gerne, königliche Frau, doch weiß ich nicht, ob er Euch gefallen wird, denn er empfiehlt uns, in unſere traurigen Schickſale uns zu fügen, und in den Willen der Vorſehung uns zu ergeben.“ „Der argliſtige Italiener; Galeaſſo will alſo nichts . v 86 von ſeinen Schätzen hergeben, um eine Freundin zu unterſtützen, der er ſo oft Treue geſchworen?« „Nicht einmal die Diamanten, die ich in ſeine Hände niederlegen wollte, konnten ihn beſtimmen, uns mit Geld zu unterſtützen. Indeſſen hat er mir erwiedert, wenn Karl von Burgund ernſtlich uns beiſtehen wolle, ſo werde er aus Achtung für dieſen großen Fürſten, und aus Theilnahme an dem Unglücke Eurer Majeſtät für Euch thun, was der erſchöpfte Zuſtand ſeiner Fi⸗ nanzen und die Lage ſeiner Unterthanen geſtatte.“ „Der doppelzüngige Heuchler! Wenn alſo die Hülfe des Herzogs von Burgund uns hoffen läßt, das Unſrige wieder zu gewinnen, dann will er uns ſchnödes Geld geben, damit wir die Gleichgültigkeit vergeſſen, womit er uns im Unglück behandelt hat!— Doch nun von Karl. Ich habe mich hieher gewagt, um Euch zu ſa⸗ gen, was ich erfahren habe, und das Ergebniß der von Euch gethanen Schritte zu vernehmen. Vertraute ſor⸗ gen daß unſere Zuſammenkunft geheim bleibt; in einem Kloſter, eine Stunde von hier, harrt meiner ein klei⸗ nes Gefolge. Eure Ankunft hat der treue Lambert erkundet, und ich bin gekommen, Eure Hoffnungen und Beſorgniſſe zu vernehmen, und Euch die meinigen mit⸗ zutheilen.“ „Ich habe den Herzog noch nicht geſehen. Ihr kennt ſeinen Charakter, er iſt ein herrſchſüchtiger, ſtolzer, ungeſtümmer Mann; kann er ſich in die ruhige, be⸗ dachtſame Politik finden, welche die Umſtände nöthig machen, ſo wird ihm, wie ich nicht zweifle, Ludwig, 87 ſein geſchworenen Feind, und ſelbſt ſein ehrgeiziger Schwager Eduard, alle Gerechtigkeit wiederfahren laſ⸗ ſen. Gibt er ſich aber ſeinem aufbrauſenden Jähzorne hin, ſo kann er mit den Schweizern, einem armen’“, aber unerſchrockenen Volke, in Streit gerathen, und dann würde er in einen gefährlichen Kampf verwickelt, wobei er Alles auf's Spiel ſetzt, ohne den mindeſten Vortheil hoffen zu dürfen.“ „Dem Thronräuber Eduard wird er ſich gewiß nicht anvertrauen, da dieſer den auffallendſten Beweis von Verrath gegen ihn gibt.“ „Wie ſo Madame? ich weiß doch nichts von dem, was Ihr hier meint.“ „Wie, Graf! aus meinem Munde erſt erfahrt Ihr daß Eduard von York mit einem Heere über die See gekommen iſt, wie ſelbſt mein Schwiegervater Heinrich der v. keines von Frankreich nach Italien geführt!“ „Ich habe davon gehört, daß man ihn erwarte, und ſah voraus, daß das Ergebniß davon für unſere Sache verderblich ſeyn werde.“ „Ja, Eduard iſt gelandet. Der verrätheriſche Thron⸗ räuber hat Lndwig aufgefordert, ihm die Krone Frank⸗ reichs, als ſein rechtmäßiges Eigenthum zurück zu ge⸗ ben, die meinem unglücklichen Gatten, als er noch in der Wiege lag, aufgeſetzt wurde.“ „Es iſt alſo entſchieden— die Engländer ſind in Frankreich,“ erwiederte der Graf im Ton der lebhaf⸗ teſten Unruhe.„Und wen führt Eduard mit ſich auf ſeinem Zuge?c.* . 88 „Die erbittertſten Feinde unſeres Hauſes und un⸗ ſerer Sache: den ehrloſen, wortbruͤchigen Verraͤther Georg, den er Herzog von Clarence nennt, den blut⸗ duͤrſtigen Richard, den ausſchweifenden Haſtings, Ho⸗ ward, Stanley; kurz die Haͤupter der Verraͤther, die ich nicht nennen moͤchte, außer, wenn mein Fluch ſie von der Erde tilgen koͤnnte.« »Ruͤſtet ſich der Herzog von Burgund, zu ihnen zu ſtoßen, und gegen den Koͤnig von Frankreich gemein⸗ ſchafttiche Sache mit ihnen zu machen?« „Den geheimen Nachrichten zufolge, die ich erhal⸗ ten habe, und die das Geruͤcht beſtaͤtigt, wird dieß nicht geſchehen.«« „Dafuͤr ſeyen die Heligen geprieſen! Eduard von York iſt,— denn ich laſſe ſelbſt dem Feind Gerech⸗ tigkeit wiederfahren, ein kuͤhner, unerſchrockener Feld⸗ herr, aber doch ſteht er weit unter Eduard dem III., dem heldenmuͤthigen, ſchwarzen Prinzen, und Hein⸗ rich dem V. von Lancaſter, unter dem ich mir die Sporen verdiente, und an deſſen Haus mich ſchon die Erinnerung an ſeinen Ruhm gekettet haͤtte, wenn mich auch mein Eid an Abfall haͤtte denken laſſen. Eduard will alſo, ohne die Huͤlfe Burgunds, auf die er gerechnet, den Krieg mit Ludwig auskaͤmpfen. Ludwig iſt zwar kein Held, aber ein vorſichtiger, er⸗ fahrener Feldherr, und in unſerer politiſchen Zeit vielleicht mehr zu fuͤrchten, als ſelbſt Carl der Große, wenn er von ſeinem Roland und ſeinen Palatinen umgeben, die Oriflamme erhoͤbe. Er wird keine 89 Schlachten wagen, wie die bei Crocy, Peitier und Agincourt. Haben wir tauſend wackere Lanzentraͤger und zwanzigtauſend Kronen von Burgund, ſo koͤnnen wir Eduard England entreißen, waͤhrend er in einem langwierigen Kriege die Normandie und Guyenne wieder zu erobern ſucht. Doch was thut gegenwaͤrtig der Herzog von Burgund? „Er bedroht Deutſchland, und ſeine Truppen durch⸗ ziehen Lothringen, deſſen Hauptſtaͤdte und feſte Schloͤſ⸗ ſer er beſetzt.« an „Wo iſt Ferrand von Vaudemont? Ein unterneh⸗ mender, muthiger, junger Mann, wie man ſagt, der von Seite ſeiner Mutter, Yolande von Anjou, Eu⸗ rer Schweſter, Anſpruͤche auf Lothringen macht.«« „»„Er iſt nach Deutſchland oder in die Schweiz ge⸗ flohen.«⸗„aati „Der Herzog darf ſich vor ihm huͤten; denn findet der Vertriebene in Deutſchland Anhang, und verbin⸗ det er ſich mit den tapfern Schweizern, ſo kann Karl in ihm einen furchtbareren Feind finden, als er glaubt. Alle unſere Staͤrke beruht gegenwaͤrtig auf der des Herzogs, und erſchoͤpft er ſie durch fruchtloſe An⸗ ſtrengungen, ſo ſinken mit ſeiner Macht unſere Hoff⸗ nungen, ſelbſt wenn er den feſten Willen haͤtte, uns zu unterſtuͤtzen. Meine Freunde in England ſind entſchloſſen, keine Bewegung zu machen, wenn ſie nicht von Burgund mit Geld und Mannſchaft unter⸗ ſtuͤtzt werden.« „» Dieß iſt ein Grund zur Beſorgniß, Graf, aber 90 noch nicht der dringendſte. Noch weit mehr fuͤrchte ich die Politik Ludwigs, der, wenn ich meine Kund⸗ ſchafter nicht groͤblich hintergangen haben, bereits heimlich Eduard den Frieden, einen ſiebenjaͤhrigen Waffenſtillſtand und eine betraͤchtliche Summe ange⸗ boten hat, die ihn in Stand ſetzen wird, England dem Hauſe York zu ſichern.“ „Unmoͤglich, Madame,“ entgegnete Orford,„kein Engländer würde an der Spitze eines ſolchen Heeres ſchmaͤhlich von Frankreich abziehen, ohne mit mann⸗ haftem Sinne wenigſtens einen Verſuch zu machen, die verlorenen Provinzen wieder zu gewinnen.“ „So wuͤrde ein rechtmaͤßiger Prinz denken,“ ſagte Margaretha,„der treue. anhaͤngliche Unterthanen zu Hauſe gelaſſen haͤtte, nicht aber dieſer Eduard, der ſich Plantagenet ſchelten laͤßt, und deſſen Sinn ſo niedrig iſt, als ſeine Abkunft, da ſein wahrer Vater ein gewiſſer Blackburn, Bogenſchuͤtze von Middleham ſeyn ſoll, und er, wenn auch kein Varſtard, doch ein Thronraͤuber iſt*-). Nein, ſolche Geſinnung kann er nicht hegen, jedes Luͤftchen, das von England heruͤ⸗ berweht, bringt ihm die Furcht vor dem Abfalle ſei⸗ ner Unterthanen, uͤber die er ſich die Herrſchaft an⸗ gemaßt hat, er ſchlaͤft nicht im Frieden, bis er nach England zuruͤckgekehrt iſt mit ſeinen Anhaͤngern, die *) Die Parthei des Hauſes Lancaſter nannte Eduard einen Baſtard, ohne jedoch dieſe Beſchuldigung be⸗ gruͤnden zu koͤnnen. Der Verf. * 4 91 ihm ſeine geſtohlene Krone bewachen helfen muͤſſen. Mit Ludwig faͤngt er keinen Krieg an, denn dieſer wird nicht zoͤgern, ſeinem Stolze zu ſchmeicheln, und ſeine Habſucht mit Gold zu befriedigen, und ich fuͤrchte ſehr, wir werden bald vernehmen, daß das engliſche Heer wieder aus Frankreich abgezogen mit dem eit⸗ len Ruhme, in den Provinzen, die einſt England an⸗ gehoͤrten, die Fahnen aufgepflanzt zu haben.“ »Um ſo mehr muß uns daran liegen, den Herzog von Burgund zur Entſcheidung zu draͤngen,« erwie⸗ derte Orford,„und ich eile daher nach Dijon, um die Sache zu betreiben. Ein Heer, wie das Eduards iſt, braucht mehrere Wochen zur Ueberfahrt, und es iſt daher wahrſcheinlich, daß es in Frankreich uͤber⸗ wintern muß, ſelbſt wenn ein Waffenſtillſtand mit Lud⸗ wig abgeſchloſſen wuͤrde. Mit tauſend Lanzentraͤgern aus dem oͤſtlichen Flandern bin ich bald im Norden, wo wir viele Freunde haben, und uͤberdieß von Schott⸗ land uns Huͤlfe zugeſagt iſt. Die weſtlichen Graf⸗ ſchaften empoͤren ſich auf das erſte Zeichen— es wird ſich ein Clifford finden, wenn auch die Nebel des Gebirges ihn Richards Häſchern verborgen haben. Die Walliſer ſtehen auf, wenn ſie den Namen Tudor hoͤren, die rothe Roſe, erhebt ihr Haupt wieder, und uͤberall hoͤrt man:„Es lebe Koͤnig Heinrich!⸗ „Ach,“ entgegnete die Königin,„er iſt nicht mein Gatte, nicht mein Freund, nur der Sohn meiner Schwiegermutter und eines weiſen Häuptlings, ein kalter, liſtiger Mann, wie man ſagt. Doch es ſey— 92 Sehe ich nur das Haus Lancaſter ſiegen, und Rache nehmen an York, ſo will ich zufrieden ſterben.“ „Ihr genehmigt es alſo, daß ich dem Herzog von Burgund die in Eurem letzten Briefe enthaltenen Vor⸗ ſchläge mache, um ihn für unſere Sache zu gewinnen? Hört er von dem beabſichtigten Waffenſtillſtand zwiſchen Frankreich und England, ſo wird ihm dieß ein ſchärferer Sporn ſeyn, als Alles, was ich zu ſagen habe.“ „»Verſprecht ihm dennoch Alles,« verſetzte die Köni⸗ gin,„ich kenne ihn von Grund aus, er hat keinen an⸗ dern Zweck, als ſeine Herrſchaft nach allen Richtungen auszudehnen. Darum hat er ſich Gelderns bemächtigt, darum beſetzt er Lothringen, und darum beneidet er meinen Vater um ſein geringes Beſitzthum in der Pro⸗ vence. Nach einer ſolchen Gebietsvermehrung gedenkt er den Herzogshut mit einer Königskrone zu vertau⸗ ſchen. Sagt ihm, Margaretha könne ihn dabei unter⸗ ſtützen, ſagt ihm, mein Vater wolle die gegen die Be⸗ ſetzung Lothringens gethane Einſprache nicht annehmen, und mit meiner ganzen Zuſtimmung Karl als Erbe der Provence anerkennen. Sagt ihm, der Greis wolle ihm ſeine Beſitzungen an dem Tag abtreten, wo das fland⸗ riſche Heer ſich nach England einſchiffe, wenn er ihm nur ſo viel Einkünfte übrig läßt, daß er eine Truppe Harfenſpieler und Tänzer halten kann: René kennt keine weitern Bedürfniſſe mehr auf der Welt. Der Meinigen ſind noch wenigere: Rache an dem Hauſe York und baldiger Tod. Für das Geld, deſſen wir 93 bedürfen, habt Ihr Juwelen zu verpfänden, und für die übrigen Bedingungen bürgt Ihr auf Verlangen. 4 „Ich kann auſſer Eurem königlichen Wort noch meine ritterliche Ehre dafür einſetzen, und verlangt man mehr, ſo bleibt mein Sohn als Geiſel in den Händen des Herzogs.“ „O nein, nein!“ rief Margaretha, von einem zarten Gefühle angewandelt, das die wiederholten Schläge des Schickſals nicht zu erſticken vermocht hatten,„ſetzt nicht das Leben des edlen, jungen Mannes aufs Spiel, bedenkt, daß er der letzte Sprößling des treuen Hauſes de Vere iſt, und verwickelt das arme Kind nicht in den Streit, der ſeinem Hauſe ſo verderblich geworden. Laßt ihn mit mir ziehen, ich will ihn wenigſtens gegen Gefahr ſchützen, ſo lange ich lebe, und dafür ſorgen, daß kein Mangel ihn drückt, wenn ich nicht mehr bin.“ „Verzeiht, Madame,“ entgegnete Oxford, mit der ihm eigenen Feſtigkeit,„mein Sohn iſt ein de Vere, wie Ihr zu erinnern die Güte hattet, vielleicht beſtimmt, der Letzte ſeines Namens zu ſeyn. Aber fällt er, ſo muß es ehrenvoll geſchehen. Welchen Gefahren auch ſeine Pflicht ihn entgegenführt, dem Schwert oder der Lanze, dem Beil oder dem Galgen, er muß ihnen kühn begegnen, um ſeine Treue zu beweiſen. Seine Ahnen Baben ihm den Weg gebahnt, den er zu gehen hat.“ „Ihr habt wahr geſprochen,“ verſetzte die unglückli⸗ che Königin, mit wildem Blick die Arme erhebend, „Alles muß untergehen, was dem Hauſe Lancaſter ge⸗ dient hat, was Margarethen treu und ihr theuer war! 94 Allgemein muß die Vernichtung ſeyn, und der Jüng⸗ ling mit dem Greiſe fallen, kein Lamm der zerſtreuten Heerde darf entkommen.“ „Um Gottes willen, Madame, beruhigt Euch,“ rief Oxford,„ich höre an die Thüre der Kapelle klopfen.“ „Es iſt das Zeichen des Scheidens,“ verſetzte die Königin, ſich faſſend,„fürchtet nichts, edler Graf, ich bin nicht oft, wie vorhin, denn ſelten nur ſehe ich Freunde, deren Geſicht und Stimme die Ruhe meiner Verzweiflung ſtören. Laß dieſe Reliquie Dir um den Hals hängen, und fürchte nicht ſchlimmen Einfluß von ihr, wenn Du ſie auch von der Hand einer Unglücklichen empfängſt. Sie hat meinem Gatten gehört, und iſt durch manches Gebet, durch manche Thräne geheiligt und geſegnet. Am Morgen des Tages, wo die furcht⸗ bare Schlacht bei Tewkesbury geſchlagen wurde, wollte ich ſie meinem Eduard umhängen, aber er wappnete ſich frühe, ritt, ohne mich geſehen zu haben, auf's Schlachtfeld, und mein Wunſch blieb unerfüllt.“ Mit dieſen Worten hängte ſie Arthur eine goldene Kette um, an welcher ein kleines goldenes Cruzifix koſt⸗ bar, aber roh gearbeitet, befeſtigt war, das der Sage nach Eduard dem Beichtiger gehört hatte. In dieſem Augenblick ward nochmals an die Thüre gepocht. „Wir dürfen nicht länger zögern,“ fuhr Margaretha fort,„wir wollen uns daher trennen, Ihr geht nach Dijon, ich nach Aix mit meinem Kummer. Lebt wohl, vielleicht ſehen wir uns in beſſerer Zeit wieder. Doch, wie kann ich ſolches hoffen? Ebenſo ſprach ich am Mor⸗ 9⁵ gen vor der Schlacht von Saint Alban und der noch blntigeren bei Tewkesbury, und was war das Ende? Aber die Hoffnung iſt eine Pflanze, die nur mit dem Leben aus einem edlen Herzen ausgeriſſen wird.“ Mit dieſen Worten ſchritt ſie hinaus, und verlor ſich unter der gemiſchten Menge, welche Andacht oder Neugierde in der Kirche feſthielt. Der Graf von Oxford und ſein Sohn, auf welche die unerwartete Zuſammenkunft tiefen Eindruck gemacht hatte, kehrten in ihre Herberge zurück, wo ſie einen Herold fanden, der die Farben des Herzogs von Bur⸗ gund trug, und ihnen ſagte, wenn ſie die engliſchen Kaufleute ſeyen, welche koſtbare Waaren an den her⸗ zoglichen Hof überbringen, ſo habe er Befehl ſie dort⸗ hin zu geleiten. Sie verließen mit ihm Straßburg, allein die Bewegungen des Herzogs waren ſo ungewiß, und die Hinderniſſe, die ſich ihnen in dem von Trup⸗ pen durchzogenen Lande entgegenſtellten, ſo mannigfal⸗ tig, daß ſie erſt am Abend des zweiten Tages die Ebene bei Dijon erreichten, auf welcher die Truppenmacht Karls, wenigſtens dem größten Theile nach, lagerte. 96 XXIV. So ſprach der Herzog— Shakespeare. So ſehr auch der ältere der beiden Reiſenden an kriegeriſche Pracht gewöhnt war, ſo blendete ihn doch der Anblick des reichen, glänzenden Lagers der Bur⸗ gunder, worin Karl, der reichſte Fürſt Europa's, un⸗ ter den Mauern von Dijon mit verſchwenderiſcher Pracht ſeine Schätze und ſeine Macht entfaltete. Die Zelte der niederſten Offiziere waren von Seide und Sammt, während die der Edeln und der Heerführer aus Gold⸗ und Silberſtoffen beſtanden. Die Reiter und Fußgänger, welche Wache hielten, trugen koſtbare, ſchim⸗ mernde Rüſtungen. An dem Eingange des Lagers war ein Geſchützpark aufgefahren, und Philipſon erkannte in dem Befehls haber deſſelben Heinrich Colvin, einen Engländer von geringer Herkunft, der ſich jedoch durch ſeine Geſchicklichkeit im Richten jener furchtbaren Feu⸗ erſchlünde auszeichnete, deren man ſich ſeit Kurzem im Kriege bediente. Die Fahnen⸗ und Wappen⸗Schilde der Ritter und Edeln hiengen vor ihren Zelten; ſie ſelbſt ſaßen halb bewaffnet vor denſelben, und ſahen den Kriegern zu, die ſich mit Ringen und andern kriegeri⸗ ſchen Uebungen die Zeit verkürzten. An Pflöcke angebunden ſtanden lange Reihen herrli⸗ cher Pferde, die ungeduldig den Boden ſcharrten. In 97 fröhlichen Gruppen ſammelten ſich die Krieger um Min⸗ neſänger und herumziehende Muſikanten, oder ſaßen zechend vor den Marketenderzelten; Andere liefen mü⸗ ßig umher, und ſahen ungeduldig der ſinkenden Sonne nach. Zwiſchen dieſen Gruppen hin gelangten die Reiſenden an das Zelt des Herzogs, vor welchem die große reich⸗ geſtickte Fahne mit ſeinem Wappen im Abendwinde flatterte. Der Herold gab ſich Einigen vom Gefolge des Herzogs zu erkennen, und die Engländer wurden höflich empfangen, jedoch ſo, daß es kein Aufſehen gabz man führte ſie in ein Zelt in der Nähe, das, wie es⸗ hieß, für ſie beſtimmt war, brachte ihr Gepäcke eben⸗ dahin, und ſetzte ihnen Erfriſchungen vor. »Weil im Lager Soldaten von verſchiedenen Ländern ſind,“ ſagte der Diener,„denen man nicht geradezu trauen darfe, ſo hat der Herzog befohlen, es ſoll zur Schonung Eurer Waaren eine Wache vor dieſes Zelt geſtellt werden, haltet Euch indeſſen bereit, vor Seiner Hoheit zu erſcheinen, denn Ihr werdet bald gerufen werden.“ Wirklich erhielt Philipſon nach wenigen Augenblicken Befehl, vor den Herzog zu kommen. Man führte ihn durch eine Hinterthüre in denjenigen Theil des Zeltes, der, durch Bretter und Vorhänge von dem übrigen geſchieden, Karls Kabinet bildete. Die Einfachheit des Geräths und der unſcheinbare Anzug des Herzogs bil⸗ deten einen auffallenden Contraſt mit dem glänzenden Wantr Scott's Werke. 1608 Boͤchn. 7 98 Aeuſſern des Zeltes, denn Karl, der ſich in dieſem Punkte, wie in manchen andern, keineswegs gleich blieb, zeichnete ſich während des Kriegs durch grobe Tracht, nicht ſelten auch durch Gemeinheit des Beneh⸗ mens aus, das mehr einen derben Lanzknecht, als einen Fürſten in ihm hätte erwarten laſſen, während er es zu gleicher Zeit gerne ſah, wenn ſeine Hofleute und Vaſallen in koſtbarer Pracht erſchienen, als wäre es ein Vorrecht des Herrſchers, in Kleidung und Beneh⸗ men ſich keinen Zwang auflegen zu dürfen. Dennoch aber wußte er ſehr gut, wie er ſich zu kleiden und zu benehmen habe, wenn er ſich das Anſehen von Hoheit geben wollte. 3 Auf ſeinem Putztiſch lagen Bürſten und Kämme mit deutlichen Spuren vieljähriger Dienſte, abgetragene Hüte und Wämſer, Ledergurten und Anderes dieſer Art durcheinander; darunter, wie zufällig hingeworfen, der große Diamant, Sanci genannt, die drei Rubinen oder die drei Brüder von Antwerpen, ein anderer ſchö⸗ ner Diamant, die Lanze von Flandern geheißen, und noch mehrere ebenſo koſtbare als ſeltene Steine. Dieſe ſeltſame Miſchung hatte einige Aehnlichkeit mit dem Charakter des Herzogs, der Grauſamkeit mit Gerechtigkeit, Edelmuth mit niedriger Denkart, Spar⸗ amkeit mit Verſchwendung, und Freigebigkeit mit Hab⸗ ſucht verband, und ſich in nichts gleich blieb, als in der Beharrlichkeit, mit der er jeden einmal gefaßten Plan verfolgte, mochten die Umſtände ſeyn, welche ſie 99 wollten, und noch ſo viele Gefahren ſich ihm entge⸗ genſtellen.. Als der Engländer eintrat, rief ihm der Herzog zu: »„Seyd willkommen, Herr Philipſon, der Ihr von einer Nation ſeyd, bei welcher die Kaufleute Fürſten und Große ſind. Was für neue Waaren bringt Ihr, um unſern Beutel zu fegen? Beim heiligen Georg, Ihr Krämer ſeyd abgefeimte Leute.“ „Ich bringe dießmal keine neue Waaren, Euer Ho⸗ heit,“ war Philipſons Antwort,„ſondern habe bloß die Waaren bei mir, die ich Euch das Letztemal gezeigt, und die ich Euch nun noch einmal vorlege, in der Hoff⸗ nung, daß Euer Hoheit mehr Gefallen daran finden, als damals.“ »Nun gut, Herr— Philipville heißt Ihr, glaube ich, Ihr ſeyd ein ſehr einfältiger Mann oder Ihr hal⸗ tet mich für einen dummen Kunden, wenn Ihr mich durch den Anblick der Waaren, die ich ſchon zurückge⸗ wieſen habe, noch einmal in Verſuchung führen zu kön⸗ nen glaubt. Wechſel und Neues ſind die Seele des Handels. Eure Waaren von Lancaſter ſind einmal an der Zeit geweſen, ich habe davon gekauft wie ein Au⸗ derer, und ſie wohl theuer genug bezahlt, gegenwärtig aber ſind die von York in der Mode.“ „Für den Pöbel wohl,“ entgegnete Oxfort,„aber für Seelen, wie die Eurige, ſind Ehre und Biederkeit Kleinode, deren Werth keinem Wechſel unterliegt. „Es mag ſeyn, Herr Graf,“ verſetzte der Herzog, 2* 100 vdaß ich vor dieſen Tugenden aus der alten Zeit ins⸗ geheim noch Achtung hege, wie könnte ich ſonſt Euch, der ſie immer in ſolchem Grade beſeſſen iſt, ſo ſehr ſchätzen? Allein ich befinde mich in einer peinlichen La⸗ ge, und machte ich in dieſem entſcheidenden Augenblick einen falſchen Tritt, ſo könnte ich den Zweck verfehlen, dem ich mein ganzes Leben gewidmet habe. Gebt wohl Acht: Euer alter Gegner Blackburn, den Einige Eduard von York und von Londou nennen, iſt mit einer Ladung Bogen und Lanzen, wie man ſie ſeit der Zeit des Kö⸗ nigs Arthur in Frankreich nicht geſehen hat, dort an⸗ gelangt, und hat mir angetragen, ſein Handelscumpan zu werden. Um deutlicher zu reden, ſo hat er mir vorgeſchlagen, gemeinſchaftliche Sache mit ihm zu ma⸗ chen, um Ludwig, den alten Fuchs aus ſeinem Bau zu jagen, und ſein Fell an die Stallthüre zu nageln, mit einem Wort, der König von England hat mich aufge⸗ fordert, mich mit ihm gegen meinen liſtigſten, erbit⸗ tertſten Feind zu verbinden, das Joch der Lehenspflich⸗ tigkeit abzuwerfen, und mich zu einem ſelbſtſtändigen Fürſten zu erheben. Wie könnt Ihr glauben, edler Graf, ich vermöge dieſer verführeriſchen Verſuchung zu widerſtehen?“ 4 „Die Frage müßt Ihr einem Eurer Räthe vorkegen,“ erwiederte Orford,„ſie ſchließt den Untergang meiner Sache in ſich, und meine Meinung kann daher nicht unbefangen ſeyn.“— „Deſſen ungeachtet,« ſagte Karl„»frage ich Euch als einen Mann von Ehre, was Ihr gegen den Vor⸗ 101. ſchlag, der mir gemacht worden iſt, einzuwenden habt? Sprecht offen und frei, wie ich, Eure Meinung aus.* „Ich weiß, es liegt in Euer Hoheit Weſen, an der Leichtigkeit der Ausführung eines von Euch oinmal ge⸗ faßten Planes nicht zu zweifeln, allein wenn auch dieſe Denkart eines Fürſten würdig iſt, und in einzelnen Fällen das Gelingen einer Unternehmung herbeiführen mag, ſo gibt es doch wieder andere, bei denen eine ſolche Beharrlichkeit zum Verderben gereichen kann. Betrachtet einmal das engliſche Heer näher: Der Win⸗ ter iſt vor der Thüre, wo ſoll es Unterkunft finden, wie verpflegt, von wem beſoldet werden? Iſt Eure Ho⸗. heit geneigt, die Mühe und Koſten auf ſich zu nehmen, es ſo in Stand zu halten, daß es mit dem Frühjahr in's Feld ziehen kann? denn ich kann Euch verſichern, ein engliſches Heer war nie zum Kriegsdienſt brauchbar, als wenn es hinlängliche Zeit vom Vaterland entfernt war, um ſich an die Pflicht des Krieges zu gewöhnen. Ich geſtehe, daß die Engländer die beſten Soldaten von der Welt geben, aber ſie ſind es noch nicht, und Euer Hoheit müſſen erſt das Lehrgeld bezahlen.“ „Meinetwegen,“ verſetzte Karl,„ich denke, die Nie⸗ derlande werden ſie ſchon auf einige Wochen verſeheu können, und an Offizieren, die ſie zum Kriegsdienſt abrichten, ſo wie an Profoſen, um den Geiſt der Wi⸗ derſpenſtigkeit zu beugen, ſoll es nicht fehlen.“ „Was iſt aber die Folge davon?“ fuhr der Graf fort;„Ihr rückt auf Paris los, verhelft dem Thron⸗ räuber Eduard zu einer weiteren Krone, erobert ihm 1⁰² die Beſitzungen, die England in Frankreich beſeſſen, die Normandie, Main, Anjou, Gascogne, und ſichert ihm noch überdieß die andern Theile des Königreichs zu. Aber könnt Ihr dieſem Eduard vertrauen, wenn Ihr ſo ſeine Macht befeſtigt habt, und er viel ſtärker geworden iſt, als Ludwig, den Ihr vereinigt geſtürzt habt?“ „Beim heiligen Georg, ich will es Euch nicht ver⸗ hehlen, daß ich über dieſen Punkt Zweifel hege, die mich beunruhigen. Eduard iſt zwar mein Schwager, allein ich bin nicht gewohnt, mich hinter die Schürze meiner Frau zu verſtecken.“. „Und die Erfahrung hat ſchon oft bewieſen, wie wenig Familien⸗Bündniſſe von grobem Treubruch ab⸗ hielten.“ „Ihr habt Recht, Graf, Clarence hat ſeinen Schwie⸗ gervater verrathen, Ludwig ſeinen Bruder vergiftet. Verwandtenliebe! Pah! die mag bei einem Privatmann hinter'm Ofen warm ſitzen, aber man findet ſie nicht auf dem Schlachtfeld, noch an Fürſtenhöfen, wo ein kälterer Wind geht. Nein, meine Verbindung mit Eduard würde mir in Zeiten der Noth wenig nützen, und auf ſeine Unterſtützung zählen, hieße ebenſo viel, als ein unbändiges Pferd an einem Strumpfband leiten wollen. Doch was iſt's? Er bekriegt Ludwig; mir gilt es gleich wer Sieger bleibt, ich kann nur dabei gewinnen, wenn ſie ſich gegenſeitig ſchwächen. Mit dem Frühling rücke ich mit einer, ihren beiden Heeren 10³ überlegenen Macht in's Feld und dann Glück auf, Burgund!“ „Wenn Euner Hoheit in der Zwiſchenzeit unſere Sa⸗ che nur einigermaßen unterſtützen, ſo würde eine mäßige Summe Geldes und ein nicht großer Haufen Lanzen⸗ träger, die Ruhm und Reichthum dabei gewinnen könn⸗ ten, hinreichen, den vertriebenen Erben des Hauſes Lancaſter wieder im Beſitz der ihm rechtmäßig ange⸗ ſtammten Herrſchaft bringen.“— „Ei ſeht, Herr Graf!« verſetzte der Herzog,„das heiß ich deutlich reden, allein wir haben zum Theil mit eigenen Augen ſo mannigfaltigen Glückswechſel zwiſchen den Häuſern York und Lancaſter geſehen, daß wir nicht recht wiſſen, auf welcher Seite das Recht iſt. Die vielen außerordentlichen Umwälzungen in England haben uns wirklich Schwindel gemacht.“ „Ein Beweis, Hoheit, daß dieſe Veränderungen noch nicht zu Ende ſind, und durch Eure edelmüthige Hü fe der guten Sache der Sieg zugewendet werden kann.“ „Wie, ich ſoll meiner Baſe, Margaretha von Anjou, meinen Arm leihen, um den Bruder meiner Gemahlin zu entthronen? Freilich hat er es nicht um mich ver⸗ dient, daß ich viele Rückſicht auf ihn nehme, da er und ſeine übermüthigen Edlen mich mit Vorſtellungen und ſelbſt mit Drohungen beſtürmt haben: ich ſoll meine eigenen Angelegenheiten alle liegen laſſen, und Eduard auf ſeinem abentheuerlichen Zuge gegen Frankreich be⸗ gleiten. Ich ziehe gegen Ludwig, wenn mir's gut dünkt, und nicht bälder, und beim heiligen Georg! ein. lage Euch, Graf, wenn wir noch unverſuchte Rüſtungen 10⁴ Inſelkönig und ſeine Edlen ſollen Karl von Burgund keine Geſetze vorſchreiben. Ihr Engländer von beiden Parkheien habt eine hohe Meinung von Euch, wenn Ihr glaubt, die Angelegenheiten Eurer Narreninſel ſeyen der ganzen Welt ebenſo wichtig als Euch. Aber weder York, noch Lancaſter, weder Schwager Blackburn, noch Baſe Margarethe ſollen mich verleiten. Mit leeren Händen lockt man den Falken vergebens.“ Oxford, der den Charakter des Herzogs von Grund aus kannte, ließ ihn ſeine Erbitterung über den Ge⸗ danken, daß ihm Jemand ſollte vorſchreiben wollen, was er zu thun habe, völlig ausſprechen, und erwie⸗ derte, als Karl endlich ſchwieg, mit ruhigem Tone: „Muß ich den edeln Herzog von Burgund, den Spiegel der Ritterſchaft, ſagen hören, daß er ſich nicht bewogen gefunden, eine Unternehmung zu theilen, die den Zweck hat, einer unglücklichen Fürſtin Recht zu ſchaffen, ein nigliches Haus aus dem Staube zu erheben? Iſt hier nicht unvergängliche Ehre zu gewinnen, wird des Gerichtes donnernde Poſaune nicht laut den Namen des Fürſten verkünden, der in einem entarteten Zeit⸗ alter die Pflichten eines hochherzigen Ritters mit denen des Herrſchers vereinte——* Der Herzog unterbrach ihn und ſagte, ihm auf die Schulter klopfend:„Und König René's fünfhundert Fiedler würden ihre lärmenden Geigen zu meinem Lobe anſtimmen, und Renè ſelbſt ihnen zuhören und ſprechen: „„Brav gefochten, Herzog— brav geſpielt!“« Ich 105 trügen, wären Worte, als: Ruhm, Ehre, Frauenliebe u. ſ. w. paſſende Wahlſprüche auf unſere blanken Schilde und hinlänglicher Grund, ein Paar Lanzen zu brechen; ja, und auf der Stechbahn würde ich, wie es einem Ritter ziemt, ob ſolchem Streit noch jetzt mein Leben wagen, wiewohl ich für dieſe Thorheiten beinahe ſchou zu alt bin. Allein, wenn wir harte Thaler auszahlen, und ein ſtarkes Geſchwader in die See gehen laſſen ſollen, ſo müſſen wir unſern Unterthanen dafür, daß wir ſie in Krieg verwickeln, einen triftigen Grund an⸗ geben können, einen Zweck, der das allgemeine Beſte oder, was daſſelbe iſt, unſer eigenes Intereſſe fördert. So gehts in der Welt, Herr Graf, und Euch die Wahrheit zu fagen, ich gedenke es auch ſo zu halten.“ „Da ſey Gott für, Herr Herzog, daß ich Euch ver⸗ leiten wollte, anders zu handeln, als ſich mit dem Wohl Eurer Unterthanen, das heißt, wie Euer Hoheit ſich richtig ausgedrückt haben, mit der Vergrößerung Eurer Macht und Herrſchaft verträgt. Das Geld begehren wir nicht als Geſchenk, ſondern als Anlehen, und Mar⸗ garethe will dieſe Juwelen, deren Werth Ihr kennt, bei Euch verpfänden, bis ſie die Summe, um die ſie Euch in ihrer Noth anſpricht, wieder erſtatten kann.“ „Ha! ha! ha!“ lachte der Herzog,„meint unſere Baſe, wir ſollen auf Pfänder leihen, und mit ihr ſchachern wie ein Trödel⸗Jude? Indeſſen können wir die Diamanten vielleicht brauchen, Graf, denn wenn ich mich entſchlöße, in Eure Vorſchläge einzugehen, ſo könnte es geſchehen, daß ich ſelbſt borgen müßte, um 106 meiner Baſe auszuhelfen. Ich habe mich an meine Stände gewendet, die gegenwärtig verſammelt ſind, und erwarte von ihnen die Bewilligung einer bedeu⸗ tenden Summe, doch hat es unruhige Köpfe unter ih⸗ nen, und ſie ſpielen vielleicht die Kargen. Legt das Geſchmeide unterdeſſen auf den Tiſch. Gut, geſetzt nun, ich habe bei dieſem tollen Streich keinen Geldverluſt zu beſorgen, ſo unternimmt ein Fürſt keinen Krieg, ohne einen Vortheil dabei vorauszuſehen.“ „Höret mich, edler Herr. Ihr habt natürlich den Zweck, die großen Beſitzungen Eures Vaters mit de⸗ nen, die Ihr Euch durch Waffengewalt erworben habt, zu einem feſten Herzogthum zu vereinigen—— »Nennt es ein Königreich,“ ſchaltete Karl ein,„das Wort taugt beſſer.“ 1 „Zu einem Königreich alſo, deſſen Krone ſo ſtattlich auf Eurem Haupte ſitzen ſoll, als die von Frankreich auf dem Eures jetzigen Lehensherrn.“ „Es bedarf keines großen Scharfſinns dazu, um zu errathen, daß dieß meine Abſicht iſt; warum wäre ich auch ſonſt hier mit Helm und Schwert? Warum an⸗ ders bemächtigen ſich meine Truppen der feſten Plätze in Lothringen, und treiben den Bettler de Vandemont vor ſich her, der die Unverſchämtheit hat, es als ein Erbe anzuſprechen? Ja, Freund, die Vergrößerung Burgunds iſt es, wofür ſein Herzog kämpfen wird, ſo lange er den Fuß im Steigbügel halten kann.“ „Meint Ihr aber nicht,“ erwiederte der Graf,— vum frei vom Herzen weg zu ſprechen,— meint Ihr . 107. nicht, daß auf der Karte hier gegen die ſüdliche Grenze hin etwas abzuändern wäre 2*⁶ „Ich kann mir nicht denken, was Ihr meint,“ ver⸗ ſetzte der Herzog, mit einem Blick auf eine Karte des Herzogthums und ſeiner übrigen Beſitzungen, auf welche der Graf gedeutet hatte, und heftete dann ſein großes, ſcharfes Auge auf ihn. „Ich meinte,“ fuhr jener fort,„für einen ſo mäch⸗ tigen Fürſten, wie Ihr ſeyd, wäre nur das Meer ein ſicherer Nachbar. Seht, hier liegt die Provence zwi⸗ ſchen Euch und dem Mittelmeere, mit ihrem ſtattlichen Häfen und fruchtbaren Gefilden und Rebenhügeln. Wie wäre es, wenn auch ſie die Grenzen Eures Gebiets umſchlößen, daß Ihr mit der einen Hand an die Küſte des Mittelmeeres reichtet, mit der andern an die Nordſee?“ 4 „Die Provence, ſagt Ihr?“ erwiederte der Herzog lebhaft;„ja, ſie iſt mein Gedanke ſelbſt im Traume, und keine Orange kann ich riechen, ohne daß ſie an die duftenden Wälder und Haine, an die Oliven, Ci⸗ tronen und Granaten dieſes ſchönen Landes mich erin⸗ nert. Aber worauf ſoll ich Anſprüche daran gründen? Es wäre ſchimpflich, René, den harmloſen Alten zu vertreiben, zumal da er mir nahe verwandt iſt; dabei iſt er Ludwigs Ohm, und hat wahrſcheinlich dieſen, mit Uebergehung ſeiner Tochter Margarethe, zu ſeinem Erben eingeſetzt.“ „Ihr ſelbſt, Hohfit, könnt gegründetere Anſprache 108 daran machen,“ verſetzte der Graf,„wenn Ihr Mar⸗ garethen den begehrten Beiſtand leiſten wollt.“ „»Nehmet, was Ihr verlangt,« erwiederte Karl mit hochſchlagendem Herzen und die Farbe wechſelnd,„nehmt das Doppelte an Mannſchaft und Geld. Gebet mir nur einen Anſpruch an die Provence, und wäre er auch ſo ſchwach wie ein Haar Eurer Königin Margarethe, ich werde draus ein ſtarkes Tau zu drehen wiſſen. Doch— ich bin ein Thor, daß ich einen Träumer an⸗ höre, der nichts dabei zu verlieren hat, wenn er An⸗ dern die abentheuerlichſten Hoffnungen vorhält.“ „Ich bin nicht gewohnt, alſo zu handeln, Herr Her⸗ zog,“ gab der Graf zurück.„Hört mich: René iſt altersſchwach, und verlangt nach Ruhe; weil er aber zu arm iſt, um die ſeinem Rang zukommende Würde zu behaupten, und zu gutmüthig oder zu ſchwach, ſei⸗ nen Unterthanen neue Laſten aufzubürden, ſo will er ſeine Herrſchaft niederlegen—— „Niederlegen! Ihr nehmt mir den Athem, Graf; und was ſagt die ſtolze, ehrgeizige Margaretha dazu? Willigt ſie in dieſen demuͤthigenden Schritt?e „Der Hoffnung, das Haus Lancaſter in England ſiegen zu ſehen, wuͤrde ſie nicht nur alle ihre Be⸗ ſitzungen, ſondern ſelbſt ihr Leben zum Opfer brin⸗ gen. Und in der That iſt dieſes nicht ſo groß, als es ſcheint; den wenn René ſtirbt, ſo ſpricht der Koͤ⸗ nig von Frankreich die Provence als ein Mannslehen an, und es findet ſich Niemand, der Margaretha's 109 Recht auf ihr Erbe, ſo gegruͤndet es ſeyn mag Guͤl⸗ tigkeit verſchaffen koͤnnte.“ „Es iſt unantaſtbar,“ verſetzte Karl,„und ich werde keinen Eingriff in daſſelbe dulden, wenn es auf meine Perſon uͤbertragen wird. Um des allgemeinen Be⸗ ſten willen muß es Grundſatz bleiben, daß man kei⸗ nes der großen Lehen an die Krone Frankreich zu⸗ ruͤckfallen laͤßt, am wenigſten, ſo lange ſie der ver⸗ ſchlagene, argliſtige Ludwig traͤgt. Die Provence mit Burgund vereinigt— die Nordſee und das Mittel⸗ meer meiner Herrſchaft Grenzen! Orford— Ihr ſeyd mein guter Engel!«. „Ewr. Hoheit wollen jedoch bedenken, daß Koͤnig René ein anſtaͤndiges Auskommen geſichert werden muß.“ „Freilich, freilich; er ſoll Fiedler und Barden voll⸗ auf haben, die ihm vom Morgen bis Abend ſpielen und ſingen, und einen Hof von Troubadours, und Koͤnig der Minne ſeyn. Auch fuͤr Margarethe ſoll eine anſtaͤndige Summe ausgeſetzt werden, wie Ihr es ſelbſt verlangen moͤgt.“ „Der letztere Punkt iſt leicht abzumachen. Gelingt. unſere Unternehmung, ſo braucht Margarethe keinen Unterſtuͤtung von Burgund mehr, und ſchlaͤgt ſte fehl, ſo geht ſie in ein Kloſter, und wird dort Eure Guͤte wohl nicht mehr lange in Anſpruch nehmen.⸗ „Nun ja; aber die Aebtiſſin des Kloſters, in wel⸗ ches Margarethe von Anjou geht, bekommt eine nn⸗ gelehrige Schuͤlerin an ihr. Ich kenne ſie, Herr Graf, 110 und will unſer Geſpraͤch nicht durch Zweifel daran hinausziehen, ob ſie ihren Vater vermoͤgen koͤnne, ſeine Beſitzungen demjenigen abzutreten, den ſie ihm bezeichnet. Sie iſt wie meine Dogge Gorgo, die je⸗ den Hund, der mit ihr an der Koppel läuft, zu ge⸗ hen zwingt, wohin ſie will, oder erwuͤrgt, wenn er ſich ſtraͤubt. So hat ſie es ihrem einfaͤltigen Gemahl gemacht, und ich weiß, daß ihr Vater, ein Narr an⸗ derer Art, ebenſo lenkſam ſeyn muß. In mir haͤtte ſie, denk' ich, ihren Meiſter gefunden, doch ſchmerzt mich der Nacken ſchon bei dem Gedanken, welche Kaͤmpfe ich um die Herrſchaft zu beſtehen gehabt haͤtte. — Ihr ſeht ernſt, weil ich uͤber den hartnaͤckigen Sinn meiner ungluͤcklichen Baſe ſcherze.“ „Herr Herzog,“ verſetzte Orford,„welche Maͤngel auch meine Gebieterin an ſich haben mag, ſo iſt ſie jetzt in Truͤbſal, beinahe in Verzweiflung, und da⸗ rum dennoch meine Fuͤrſtin und Ewr. Hoheit Baſe.“ „Genug, Herr Graf,“ fiel der Herzog ein,„ſpre⸗ chen wir ernſtlich. Geſetzt auch, René laſſe ſich zur Abdankung beſtimmen, ſo wird es ſchwer werden, Ludwig zu vermoͤgen, daß er die Sache aus einem eben ſo guͤnſtigen Geſichtspunkt anſieht, als wir. Er wird uns entgegen halten, die Grafſchaft Provence ſey ein Mannslehen, und weder René's Entſagung, noch die Zuſtimmung ſeiner Tochter koͤnne verhindern, daß es an die Krone Frankreich zuruͤckfalle, weil der Koͤnig von Sicilien, wie ſich René nennt, keinen maͤnnlichen Erben hat.“ 111 „Die Frage, Herr Herzog, hat das Schwert zu entſcheiden, und Ihr habt ja in Sachen, die bei Wei⸗ tem nicht ſo wichtig waren, Ludwig ſchon mit Gluͤck widerſtanden. Wenn Ihr den jungen Grafen von Richmond in Stand ſetzt, ſeine Unternehmung gluͤck⸗ lich auszufuͤhren, ſo ſollen Euch dreitauſend engliſche Bogenſchuͤtzen als Unterſtuͤtzung zukommen, und muͤßte ich ſelbſt, in Ermanglung eines Beſſeren, ſie Euch zufuͤhren.“ „kin nicht zu verachtendes Huͤlfsheer,“ ſprach der Herzog,„das durch Eure letztere Zuſage noch mehr Werth erhaͤlt. Ihr waͤret mir willkommen, edler Graf, und kaͤmet Ihr nur mit dem Schwert an der Seite und einem einzigen Diener; denn ich kenne Euren Muth und Eure Ein ſicht. Doch kommen wir auf unſere Angelegenheit zuruͤck. Verbannte, ſelbſt die weiſeſten, haben das Vorrecht, Verſprechungen zu machen, aber nicht ſelten— verzeiht, edler Graf — taͤuſchen ſie ſich ſelbſt wie ihre Freunde. Was habt ihr zu hoffen, daß ihr mich draͤngt, auf das ſtuͤrmi⸗ ſche, truͤgliche Meer eurer Buͤrgerkriege mich zu wa⸗ gen 24 Der Graf zog ein Papier hervor, und ſetzte dem Herzog den Plan der Unternehmung auseinander, die durch einen Aufſtand der Anhaͤnger des Hauſes Lancaſter unterſtuͤtzt werden ſollte, und aͤußerſt kuͤhn und verwegen, jedoch ſo gut entworfen und ſo in einander greifend war, daß ſie in jener unruhigen Zeit und unter der Leitung des im Kriege wie in 11² der Staatskunſt erfahrenen Orford einen guͤnſtigen Erfolg mit Wahrſcheinlichkeit hoffen ließ. Während der Herzog den Plan erwog, der ſo viel Anziehendes für ihn hatte, weil er ganz ſeinem Sinne zuſagte, und ihm Gelegenheit verſchaffte, für die ihm von ſeinem Schwager, Eduard IV., zugefügten Beleidi⸗ gungen Rache zu nehmen, und die Provence zu erwer⸗ ben, ermangelte der Graf nicht, ihn auf die Nothwen⸗ digkeit aufmerkſam zu machen, keinen Augenblick zu verlieren, „Die Ausführung dieſes Planes,“ ſprach er, verfor⸗ „dert die größte Eile. Wenn wir zu ſiegen hoffen wol⸗ len, ſo muß ich mit Euren Hülfstruppen in England ſeyn, ehe Eduard von York mitsſeinem Heer aus Fran⸗ kreich zurück iſt.“ „Da er einmal hier iſt,“ verſetzte der Herzog,„ſo wird er mit der Rückkehr nicht ſehr eilen. Er trifft in Frankreich ſchwarzaugige Dirnen und rothen Wein und Schwager Blackburn läßt ſich von ſolchen ſüßen Sachen nicht ſobald abbringen.“ Die Fortſetzung folgt im fünften Theile.)