Walter Scott“s ſaͤmmtliche ——— Neu überſetzt. Hundert und neunundfünfzigſtes Baͤndchen. Neue Folge. Neuntes Bändchen. —=0000000009Q— Karl der Rühne, oder: Die Tochter des Nebels. Dritter Theil. — Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1 8 3 0. Karl der Kühne, oder: Die Tochter des Nebels. Kiſtoriſche Novelle von Sir Walter Scott, Auns dem Engliſche n. Dvitter Theik. — .— v Stuttgar t, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 4 8 5 0. (Fortſetzung des zweiten Theiles.) „Um ſo ehrenvoller für den, welcher es zuerſt for⸗ dert. Ich Franz Steinernherz werde der erſte Edle meines Handwerks ſeyn, wenn ich noch einen Ritter des Reiches geliefert habe.“ »Du ſtandſt immer in meinem Dienſt, nicht wahr ²« „Bei welchem andern Herrn wäre meine Hand ſo beſtändig in der Uebung geblieben? Ich habe Eure Verdammungs⸗Urtheile vollzogen, ſeit ich im Stande bin, die Ruthe zu handhaben und mein treues Schwert zu führen. Wer kann ſagen, daß ich jemals einen zweiten Hieb zu thun genöthigt geweſen wäre? Triſtan de l'Hospital und ſeine berüchtigten Geſellen, Petit André und Trois⸗Eſchelles*), ſind, im Vergleich mit mir, nur Anfänger im edlen Waffenwerk, denn, meiner Treu, ich ſchäme mich, zum Strick mich herabzulaſſen: ſolche Thaten ſind eines Chriſten nicht würdig, der ſich zum Adel erheben will.“ „Du biſt ein Kerl, dem es an Geſchicklichkeit nicht fehlt, das muß ich geſtehen, allein es iſt nicht möglich, —— v *) Perſonen, die in Quentin Durthatz eine Rolle ſpielen. 1 6 wenigſtens hoffe ich's, daß ich, während das edle Blut ſelten wird im Lande, und übermüthige Bauern über Ritter und Barone herrſchen wollen, das Blut von ſo Vielen habe vergießen laſſen.“ „Ich will Euer Gnaden die, die ich geheilt habe, bei Namen und Titel aufzählen,“ ſagte Franz, zog eine Pergamentrolle hervor, und begann zu leſen: „ 14) Der Graf Wilhelm von Elvershoe: das war mein Probehieb. Ein ſchmucker junger Mamn, der xecht chriſtlich geſtorben iſt.“ „Ich erinnere mich, er hatte mit einer Dirne ge⸗ buhlt, die ich mir hielt.“ „Er ſtarb am St. Indastag im Jahr 1455. „Weiter.« „Ritter Julius von Stockenburg⸗ „Er hatte mir Vieh geraubt.“ „Ritter Ludwig von Rieſenfeld.“ „Der buhlte mit meinem Weibe.“ „Die drei Innker von Lämmerburg. Ihr habt dem Grafen in einem Tage alle ſeine Kinder genommen.“ „Und er mir meine Güter, und ſomit gleicht ſich die Rechnung aus. Du brauchſt nicht weiter zu leſen, ich zweifle nicht an der Genanigkeit Deines Regiſters, allein ich habe die drei Jungen nur für Eine Hinrichtung gezählt.“ „Da thun mir Euer Gnaden groß' Unrecht, es hat mich drei gute Hiebe mit meinem guten Blhiderte ge⸗ koſtet.“ .„85 ſeys denn, und ihre Seelen ruhen in Gott! —y— —y— 7 7 aber Dein Ehrgeiz muß ſich noch einige Zeit gedulden, Franz, denn heute gibt es nichts als ein Bischen Fol⸗ tern oder Henken, und dabei iſt keine Ehre einzulegen.“ „Um ſo ſchlimmer für mich, ich hatte mir ſchon ge⸗ dacht, Euer Gnaden werden mich heute zum Ritter ſchlagen. Und dann der Fall meines Schwerts.“ „Trink eine Flaſche Wein und vergiß Deine Träume.“ „Mit Verlaub, das darf ich nicht, wenn ich Vormit⸗ tags trinke, könnte meine Hand unſicher werden.“ „Fe nun, ſo ſchweig, und denk an Deine Pflicht.“ Der Scharfrichter nahm ſein Schwert, putzte die Klinge, und zog ſich dann in eine Ecke des Zimmers zurück, wo er, die Hände auf den Griff des Schwerts geſtützt, ſtehen blieb. In demfſelben Augenblicke kam Kilian mit ſechs Sol⸗ daten, welche die beiden Engländer brachten, denen man die Hände mit Stricken gebunden hatte. „Bringt mir einen Seſſel,“ ſprach der Statthalter, und ſetzte ſich mit ſtrengem Blick an den Tiſch, auf dem ein Schreibzeug ſtand. „Wer ſind die beiden Männer, Kilian, und warum ſind ſie gebunden?“ fragte er. „Euer Gnaden zu dienen,“ entgegnete Kilian mit unterwürfiger Miene und mit ganz anderem Tone, als Fer ſonſt ſprach, wenn er mit ſeinem Herrn allein war, „wir haben es für ſchicklich erachtet, daß die beiden Fremden nicht bewaffnet vor Euch erſcheinen, und da wir ihnen am Thore, wie es gebräuchlich iſt, die Waf⸗ fen abforderten, widerſetzte ſich der junge Menſch da⸗ 8 doch muß ich ſagen, daß er auf Geheiß ſeines Vaters nachgab.“. „Das iſt falſch!“ brauste Arthur auf, allein Phi⸗ lipſon bedeutete ihm zu ſchweigen, und er gehorchte ſogleich. „Edler Herr,“ ſprach ſein Vater,„wir ſind Fremde, und können daher die Geſetze nicht kennen, die hier gelten; wir ſind Engländer und alſo nicht gewohnt, perſönliche Beleidigungen zu dulden, und wir hoffen daher, daß Ihr uns entſchuldbar finder, wenn wir Euch ſagen, daß wir unverſehens, ohne zu wiſſen von wem, feſtgenommen wurden. Mein Sohn, ein junger, unbe⸗ ſonnener Menſch, legte die Hand an das Schwert, dachte aber, ſobald ich ihm ein Zeichen gab, nicht mehr daran, ſich zu vertheidigen, und zog es, weit entſernt davon, einen Streich damit zu führen, nicht einmal ganz aus der Scheide. Ich bin ein Kaufmann, ge⸗ wohnt, mich in die Geſetze und Gebräuche der Länder zu fügen, in denen ich mein Gewerbe treibe. Ich bin hier auf dem Gebiete des Herzogs von Burgund, und weiß, daß die Geſetze und Verordnungen nur gerecht und billig ſeyn können, er iſt der mächtige, treue Verbündete Englands, und unter dem Schatten ſeines Banners fürchte ich nichts.“ „Hm! hm!“« ſagte der Statthalter, durch die Kalt⸗ blütigkeit des Engländers etwas aus der Faſſung ge⸗ bracht,„das ſind ſchöne Worte, allein ſie können eine böſe That nicht rechtfertigen. Ihr habt gegen die Sol⸗ datem des Herzogs aufrühreriſch das Schwert gezogen.“ K „Das heißt eine ganz natürliche Handlung ſehr ſtrenge quslegen, edler Herr,“ erwiederte Philipſon, doch wenn Ihr ſtrenge ſeyn wollt, ſo darf dieß nur mit einer Geldbuße beſtraft werden, und wir ſind bereit, ſie zu zahlen, wenn Ihr ſie verlangt.“ »Meiner Seel,“ ſagte Kilian zu dem Scharfrichter, neben den er ſich, etwas abgeſondert von den Uebrigen, geſtellt hatte,„das iſt ein einfältiger Schöps, der frei⸗ willig ſein Fell zum Scheeren anbietet.“ „Ich zweiſle, ob er damit ſeinen Hals loskauft,« entgegnete Steinernherz,„denn ich habe dieſe Nacht geträumt, mein Herr habe mich zum Ritter geſchlagen, und der Fall meines Schwertes bedeutet, daß ich durch dieſen zum Adel gelangen ſoll. Er muß meinem Schwert beute noch etwas zu thun geben.“« »Wie, Du Narr! der Mann iſt kein Edler, nur ein Krämer, ein engliſcher Bürgersmann.“ »Du irrſt Dich, Du haſt noch nie Leute geſehen, die ſterben ſollen.« »„Meinſt Du? Bin ich nicht in fünf großen Schlach⸗ ten geweſen, die unzähligen kleineren Gefechte nicht zu rechnen?“ 5 „Da erprobt ſich der Muth nicht. Jeder wehrt ſich, wenn man ſo einander gegenüber ſteht. Das thun auch Hunde und Hahnen auf dem Düngerhaufen, aber den nenne ich wacker und edel, der Block und Schaffot, Pfaf⸗ fen und Scharfrichter anſieht, als wären ihm das höchſt gleichgültige Dinge, und der Mann hier iſt von dieſem Schlage.“ v 10 „Meinetwegen, Franz, allein der Mann hier hat ja nur unſern erlauchten Herrn vor Augen.“ „Wer den Ritter von Hagenbach ſieht, der ſieht auch, wenn er anders etwas Verſtand beſitzt, woran es denn hier nicht zu fehlen ſcheint, zugleich den Scharfrichter mit ſeinem Schwert. Ganz gewiß weiß das der Ge⸗ fangene wohl, und ſeine Ruhe dabei beweist, daß er von edlem Blute iſt, oder ich will nie zur Adelswürde ge⸗ langen.“ „Ich denke, unſer Herr werde darüber mit ihm in's Reine kommen; ſeht, er betrachtet ihn lächelnd.“ „Wenn das iſt, ſo will ich ein Schoͤps heißen mein Lebenlang, in ſeinem Blicke liegt etwas, das ſo gewiß auf Blut, als der Aufgang des großen Hundes auf Peſt deutet.“ 2 Während des Geſprächs der beiden Diener machte ihr Herr an die Gefangenen eine Menge verfänglicher Fra⸗ gen über ihre Geſchäfte in der Schweiz, ihre Verhältniſſe zu dem Landammann, und die Gründe, die ſie nach Bur⸗ gund führen. Philipſon hatte alle Punkte des Verhörs, bis auf den letzten, deutlich und beſtimmt beantwortet. Er gehe in Handelsangelegenheiten nach Burgund, ſagte er, ſeine Waaren ſtehen dem Statthalter zur Verfügung, er könne einen Theil davon nehmen, oder ſie ganz behal⸗ ten, je nachdem er es bei ſeinem Herrn verantworten zu können glaube. Sein Geſchäft mit dem Herzog aber ſey geheimer Art, es beziehe ſich auf beſondere Handels⸗ intereſſen, und es ſeyen dabei, außer ihm, noch andere Perſonen betheiligt. Er erklärte, er werde dieſe An⸗ 11 gelegenheiten nur dem Herzog allein mittheilen, und ſetzte mit feſtem Tone hinzu:„Wenn ihm oder ſeinem Sohne ſchlimme Behandlung wiederfahre, ſo werde des Herzogs ernſtliches Mißfallen die unvermeidliche Folge davon ſeyn. Seine Feſtigkeit ſetzte den Statthalter ſichtbar in große Verlegenheit, und er griff mehreremale zur Flaſche, bei der er ſich in ſchwierigen Fällen immer Raths er⸗ holte. Philipſon hatte ihm auf ſein Verlangen ein Ver⸗ zeichniß aller ſeiner Waaren übergeben, und dieſe hatten etwas ſo Verführeriſches, daß ſie der Statthalter ſchon mit den Augen zu verſchlingen ſchien. Nachdem er ei⸗ nige Zeit in tiefes Nachdenken verſunken war, erhob er das Haupt, und begann: „Ihr müßt wiſſen, Herr, daß der Herzog will, es ſollen keine Waaren aus der Schweiz durch ſein Gebiet gehen, nun aber habt Ihr nach Eurem eigenen Geſtänd⸗ niß einige Zeit dort zugebracht, und ſeyd in Begleitung ſolcher Leute, die ſich Schweizer Abgeordnete nennen, hieher gekommen; ich muß daher glauben, daß dieſe koſtbaren Waaren eher ihnen als Euch, armſeliger Wicht, gehören, und wollte ich eine Geldbuße verlangen, ſo wä⸗ ren 300 Goldſtücke für eine ſolche Frechheit nicht zuviel, dann könntet Ihr mit Euern übrigen Waaren ziehen, wohin Ihr wolltet, nur nicht ins Burgundiſche.“ „Gerade dahin geht der Zweck meiner Reiſe,“ agte Philipſon,„kann ich nicht zum Herzog kommen, ſo habe ich mich vergebens aufgemacht, und der Zorn des Her⸗ zogs wird auf diejenigen fallen, die mir ein Hinderniß 42 in den Weg gelegt haben, denn ich muß Euch ſagen, geſtrenger Herr, daß der Herzog bereits von meiner Reiſe unterrichtet iſt, und eine ſtrenge Unterſuchung anſtellen laſſen wird, wo und von wem ich aufgehalten worden bin.“ Der Statthalter ſchwieg wieder einige Zeit und ſann auf Mittel, ſeine Habſucht zu befriedigen, ohne ſein Leben zu gefährden; endlich hob er aufs Neue an: „Ihr erzählt Eure Geſchichte mit ſehr zuverläßigem Tone, Freund, allein der Befehl, keine Schweizer⸗Waa⸗ ren durchzulaſſen, bleibt deſſen ungeachtet; was wollt Ihr machen, wenn ich Euer Gepäck und Maulthier zum Pfande behalte2e „Ich kann mich Eurer Gewalt nicht widerſetzen, thut, was Ihr wollt, ich begebe mich dann zum Herzog, um ihm von der Sendung, mit der ich beauftragt bin, und meinem Verhalten Bericht zu erſtatten.“ „Und auch von dem meinigen, nicht wahr, das heißt, Ihr wollt mich bei dem Herzog anklagen, daß ich ſeine Befehle zu ſtreng vollzogen?“ „Bei meiner Ehre und meinem Leben, ich werde keine Beſchwerde führen. Laßt mir nur mein baares Geld, ohne das ich wohl nicht an den Hof des Herzogs reiſen könnte, und ich will nicht weiter an meine Waa⸗ ren denken.“ Der Statthalter ſchüttelte den Kopf mit einer Miene, die verrieth, daß er immer noch Aegwohn hege, und entgegnete: „Menſchen in Eurer Lage kann man kein Vertrauen 13 ſchenken, und man darf auch nicht erwarten, daß ſie es verdienen. In was beſtehen denn die Waaren, die Ihr dem Herzog eigenhändig übergeben wollt?“ „Sie liegen unter Siegel,“ antwortete der Engländer. „Ohne Zweifel ſind ſie von hohem Werthe?“ „Das kann ich nicht ſagen, der Herzog legt zwar einen hohen Werth darauf, allein Ihr wißt ja, daß große Herren oft Kleinigbeiten hoch achten.“ „Ihr tragt ſie bei Euch? Sehet Euch wohl vor, wie Ihr mir antwortet; die Werkzeuge, die Ihr hier er⸗ blickt, können Stumme reden machen, und es ſteht in meiner Macht, ſie an Euch zu verſuchen.“ „Wißt, daß ich den Muth habe, Eunre Foltern aus⸗ zuhalten,“ erwiederte Philipſon mit einer unerſchütter⸗ lichen Kaltblütigkeit, die er während des ganzen Ver⸗ hoͤrs gezeigt hatte. „Bedenkt, daß ich Euern Leib eben ſo durchwühlen kann, wie Eure Ballen und Felleiſen.“ „Ich weiß wohl, daß ich völlig in Eurer Gewalt bin, und damit Ihr gar keinen Vorwand habt, an einem friedſamen Reiſenden Gewaltthat zu üben, will Euch ſagen, daß ich das für den Herzog beſtimmte Paket in einer Taſche meines Oberkleids aüf t meiner Bruſt trage.“ „Reicht es mir.“ „Die Hände ſind mir durch die Ehre und Eure Stricke gebunden.“ „Entreiße es ihm, Kiian. wir wollen nach dem Inhalt ſehen.“ d 14 „Wenn mir Widerſtand möglich wäre,“ rief Phr⸗ lipſon,„ſo ſolltet Ihr mir eher das Herz ausreißen. Alle Anweſenden aber fordere ich zu Zeugen auf, daß das Siegel noch ganz und nunverſehrt iſt.“ Bei dieſen Worten warf er einen Blick auf die Sol⸗ daten, die ihn gebracht hatten, und an die der Statt⸗ halter nicht mehr dachte. „Wie, Hund!“ ſchrie Archibald zornig,„willſt Du meine Leute zur Meuterei aufreizen? Kilian, laß die Soldaten abtreten.“ Bei dieſen Worten barg er haſtig das ſorgfältig ver⸗ ſtegelte Paket unter ſeinen Schlafrock, die Soldaten entfernten ſich langſam, und ſahen rückwärts wie Kin⸗ der, die man von einem Puppenſpiele wegführt, ehe es zu Ende iſt.. „Nun, Kerl,“ fuhr Hagenbach fort,„ſind wir allein, wollt Ihr jetzt offener reden und mir ſagen, was das Paket enthält, und wer es Euch übergeben hat?“ „Wenn Eure ganze Beſatzung hier im Zimmer ver⸗ ſaͤmmelt wäre, ſo könnte ich Euch nur wiederholen, was ich bereits geſagt habe: den Inhalt des Pakets weiß ich nicht genau, die Perſon, die es mir übergeben hat, werde ich nicht nennen, alſo bin ich feſt ent⸗ ſchloſſen. a K. S „Euer Sohn iſt vielleicht gefälliger.« »Er kann Euch nicht ſagen, was er nicht weiß.“ „Die Folter macht Euch Beide vielleicht geſprächiger. Wir wollen mit dem jüngern Burſchen anfangen, Kilian, Du weißt, entſchloſſene Männer haben ſchon 15 den Muth verloren, wenn ſie die Glieder ihrer Kin⸗ der verrenken ſaßen, während ſie ſich das Fleiſch von den alten Knochen reißen ließen, ohne das Geſicht zu verziehen.“ „Ihr könnt es verſuchen,« ſagte Arthur,„der Him⸗ mel wird mir Kraft ſchenken, es zu ertragen.“ „Und mir Muth, es zu ſehen,“ ſetzte Philipſon hinzu. Während dieſer Zeit drehte der Statthalter das Paket nach allen Seiten und unterſuchte neugierig jede Falte mit geheimem Bedauern, daß das Siegel ſeine gierigen Augen verhinderte, den, wie er nicht zweifelte, darin enthaltenen Schatz zu ſehen. Endlich ließ er die Sol⸗ daten wieder rufen, und befahl ihnen, die Gefangenen wieder abzuführen, ſie abgeſondert zu verwahren, und ſie, beſonders den Vater, ſorgfältig zu bewachen. »Ich nehme Euch Alle zu Zeugen,“ vief Philipſon, trotz der drohenden Geberden Archibalds,„daß der Statthalter mir mit Gewalt ein Paket an ſeinen Fürſten und Herrn, den Herzog von Burgund, ent⸗ riſſen hat.“ Archibald ſchäumte vor Wuth:„Mußte ich es nicht wegnehmen?“ ſchrie er ſtammelnd.„Kann ein ver⸗ dächtiges Paket, bei einem Menſchen, der dieß noch mehr iſt, gefunden, nicht einen Anſchlag gegen das Leben unſers erlauchten Herrn enthalten? Haben wir doch ſchon von Giften reden gehört, die durch den Ge⸗ ruch wirken, und ſollen nun wir, gewiſſermaßen die Thorwächter der herzoglichen Beſitzungen, etwas in dieſe einlaſſen, wodurch Europa die Blume der Ritter⸗ 16 ſchaft, Burgund ſeinen Fürſten, Flandern ſeinen Vater verlieren könnte? Nein, Soldaten, führt die Beiden fort, werft ſie in die tiefſten Kerker, trennt ſie von einander und bewacht ſie ſtrenge, es iſt hier eine Ver⸗ rätherei im Spiele, woran die Berner und Solothurner Theil haben.“ In dieſem Tone fuhr er mit flammenden Wangen fort, bis man die Fußtritte und das Waffengeklirr der abgehenden Soldaten nicht mehr hörte. Dann wurde er bläſſer als gewöhnlich, zog die Braunen zuſammen, Unruhe runzelte ſeine Stirne und ſtöockend ſagte er endlich zu ſeinem Knappen:„Kilian, wir gehen auf einem ſchwankenden Brett, und haben unter unſeren Füßen einen tobenden Strom, was iſt zu thun?“ „Zum Henker! feſten, aber ſichern Schritts vorwärts,“ gab der Argliſtige zur Antwort.„Es iſt freilich ver⸗ dammt, daß die Soldaten das Paket geſehen, und ge⸗ hört haben, was der ſtarrköpfige Krämer geſchwatzt hat. Allein das Unglück iſt nun einmal geſchehen, und da man das Paket in Euren Händen geſehen hat, ſo wird man auch glauben, Ihr habt es geöffnet, ſelbſt wenn Ihr es mit unverſehrtem Siegel zurückgebt, wir wollen alſo zuerſt ſehen, was es enthält, ehe wir über den Inhalt verfügen; es muß etwas von großem Werthe ſeyn, weil der Kerl alle ſeine koſtbaren Waaren her⸗ geben wollte, wenn man ihm dieſes Paket ließe.“ „Es iſt möglich,“ verſetzte Archibald,„daß es Papiere enthält, die ſich auf Staatsangelegenheiten beziehen; ſolche Schreiben werden oft zwiſchen Richard von Eng⸗ land und unſerm Herrn, dem Herzog, gewechſelt.« 17 „Wenn es wichtige Papiere fuͤr unſern Herzog ſind, ſo koͤnnen wir ſie nach Dijon ſchicken, ſie ſind vielleicht von der Art, daß der Koͤnig von Frankreich ſie gerne mit Geld aufwiege.«⸗ Pfui, Kilian, meinſt Du, ich verkaufe die Geheim⸗ niſſe meines Herrn an den Koͤnig von Frankreich? Lieber wollt' ich meinen Kopf auf den Block legen.«« „Wirklich? Und doch macht Ihr Euch kein Gewiſſen daraus... Er hielt inne, aus Furcht, ſeinen Goͤnner zu belei⸗ digen, wenn er zu offen und zu verſtaͤndlich von ſei⸗ nen Handgriffen redete. „»Den Herzog zu pluͤndern, willſt Du ſagen, Du Unverſchaͤmter?«⸗ ergaͤnzte Archibald.„Da zeigt ſich wieder, wie gewoͤhnlich, Dein Unverſtand; ich nehme meinen Theil an der Beute, die auf Befehl des Her⸗ zogs den Fremden abgenommen wird, was nicht an⸗ ders als billig iſt; der Jagdhund und der Falke ma⸗ chen es eben ſo, wenn der Jaͤger nicht zu nahe iſt. Dieß gebuͤhrt meinem Range, und der Herzog, der mich hieher geſetzt hat, um ſeine Rache zu befriedi⸗ gen, und mein Vermoͤgen wieder herzuſtellen, macht ſeinem treuen Diener keinen Vorwurf denhalb. Und in der That bin ich im Gebiet von La Ferette ganz der Stellvertreter des Herzogs, oder ſo zu ſagen, ſein zweites Ich, ſomit will ich dieſes Paket öͤffnen, das an ihn, und eben darum auch an mich gerichtet iſt.«⸗ Nach dieſen Worten zerſchnitt er die Seidenfaͤden, Walter Scytt's Werke, 1598 Boͤchn. 22 18 nahm den atlaſſenen Umſchlag weg, und fand ein klei⸗ nes Buͤchschen von Pantoffelholz. „Der Inhalt muß von großem Werthe ſeyn,“ ſprach er,„denn er nimmt ſehr wenig Platz ein,« mit dieſen Worten druͤckte er an eine Feder und es zeigte ſich ein Halsband von Brillanten, die durch ihre Groͤße wie durch ihren Glanz merkwuͤrdig und, wie es ſchien, von außerordentlichem Werthe waren. Der ungewoͤhnliche Schimmer blendete die Augen des hab⸗ ſuͤchtigen Statthalters und ſeines Vertrauten ſo ſehr, daß die Freude einige Zeit ihre Zungen laͤhmte. „Alle Welt,«« jubelte Kilian,„der ſtarrkoͤpfige Alte hatte alle Gruͤnde ſich ſo ſehr zu ſtraͤuben, ich ſelbſt haͤtte mich einige Minuten foltern laſſen, ehe ich ei⸗ nen ſolchen Schmuck hergegeben, und nun erlaubt Eurem treuen Diener die Frage: wie Ihr die Beute nach den in Feſtungen uͤblichen. Regeln mit dem Her⸗ zog theilen wollt?« „Traun Kilian, wir denken uns die Stadt, als durch Sturm eingenommen, und in einer ſolchen nimmt, wie Du weißt, jeder, was er findet, ganz, ohne jedoch ſeinen treuen⸗ Diener zu vergeſſen. „Wie ich zum⸗ Beiſpiel bin,« ſchaltete Kiitan ein. „Und wie ich zum Beiſpiel,“ wiederholte eine an⸗ oexe Stimme, wie ein Echo, aus der dunkelſten Ecke⸗ des Zimmers. 2 „Tod und Teufel, es hat uns Jemand behorcht, ſchrie der Statthalter. zuſammenſchreckend, und fuhr mit der Hand an ſeinen Dolch.. * 3 19 „Nur ein treuer Diener, wie Euer Gnaden ſagten,« ſprach der Scharfrichter, langſam vortretend. „Elender, wie wagſt Du's, mich ſo zu belauern?« fuhr der Statthalter fort. „Seyd deßhalb ruhig,« fiel Kilian ein,„der ehr⸗ liche Franz hat keine Zunge zum Reden, und keine Ohren zum Hoͤren, als wie es Euer Gnaden gefaͤllt. Ueberdieß war es noͤthig, daß wir ihn in's Vertrauen zoͤgen, denn er muß die Kraͤmer aus der Welt ſchaf⸗ fen, und zwar unverzuͤglich.« „Wirklich!« ſprach Archibald,„ich hatte geglaubt, man koͤnne ſie laufen laſſen.«⸗ „Daß ſie dem Herzog von Burgund melden, auf welche Art der Statthalter in La Ferette, ſein Schatz⸗ meiſter von den erhobenen Zoͤllen und den eingezo⸗ genen Waaren Rechnung ablegt?⸗ „Du haſt Recht, Kilian, die Todten ſind ſtumm, und koͤnnen weder beichten noch anklagen. Scharf⸗ richter, Du mirſt ſie beſorgen⸗ „Recht gerne,“ verſetzte dieſer,„jedoch unter der Bedingung, daß mir, wenn die Hinrichtung insge⸗ heim geſchehen ſoll, das Recht, den Adelsbrief anzu⸗ ſprechen, ausdruͤcklich vorbehalten bleibt, und die Hin⸗ richtung in Bezug auf meine Rechte fuͤr eben ſo guͤl⸗ tig erklaͤrt wird, als waͤre ſie auf oͤffentlichem Platze geſchehen.« Hagenbach ſah ihn an, als verſtaͤnde er ihn nicht, und Klian erklaͤrte ihm, den Scharfrichter habe das 2* 20 feſte unerſchrockene Benehmen des Aelteren der Ge⸗ fangenen uͤberzeugt, daß er von edler Abkunft ſey, ynd ibe alfa durch ſeine Enthauptung das verſpro⸗ chene Recht zu Theil werde. „'öEr koͤnnte Recht haben,« ſagte Archibald,„denn hier iſt ein Stuͤck Pergament, auf dem der Ueberbrin⸗ ger des Schmucks dem Herzog empfohlen, und dieſer gebeten wird, das Geſchmeide als Unterpfand von einer ihm wohl bekannten Perſon anzunehmen, und dem Ueberbringer ſein voͤlliges Zutrauen zu ſchenken.“« „Von wem iſt das Schreiben unterzeichnet, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, zu fragen,“ hob Kilian wieder an. „Es hat keine Unterſchrift, und wahrſcheinlich ſoll das Halsband oder die Handſchrift dem Herzog ſa⸗ gen, wer der Schreiber iſt.“ Er warf bei dieſen Worten wieder einen Blick auf die Diamanten. Der Scharfrichter ſetzte den vertrau⸗ lichen Ton, den er den Statthalter gewiſſermaßen zu dulden gezwungen hatte, fort, und kam wieder auf ſein Lieblingsthema, wobei er behauptete, unmoͤglich koͤnnte man einem Menſchen von niedriger Herkunft einen ſo koſtbaren Schmuck anvertraut, und ihm ein Schreiben mit ſo ausgedehnter Vollmacht gegeben haben. „Du irrſt Dich, du Narr!« entgegnete Archibald, „die Koͤnige bedienen ſich heutzutage der gemeinſten Werkzeuge zu den wichtigſten Verrichtungen. Ludwig z. B. hat ſeinem Barbier und ſeinen Kammerdienern Auftraͤge gegeben, die ſonſt nur Herzoge und Pairs — 21 erhielten, und andere Fuͤrſten fangen an, bei der Wahl derer, denen ſie wichtige Geſchaͤfte anvertrauen wollen, mehr auf ihren Verſtand, als auf ihre Ab⸗ kunft Nuͤckſicht zu nehmen. Das entſchloſſene kuͤhne Ausſehen des Graukopfs iſt allen ſeinen Landsleuten eigen, und kein Zeichen eines hoͤhern Rangs. Doch ſey gutes Muths, du Erznarr, fertige die Kraͤmer ab, wir werden bald den Landammann von Unterwal⸗ den in unſere Haͤnde bekommen, der iſt aus freier Wahl ein Bauer, aber von edler Geburt, und ſein wohlverdienter Tod waſcht Dir die Schlacken ab, de⸗ ren Du los zu ſeyn wuͤnſcheſt.« „Wollt Ihr die Hinrichtung der Beiden nicht auf⸗ ſchieben laſſen, bis wir von den Schweizern, die wir naͤchſtens in unſere Gewalt bekommen werden, etwas Mehreres werden erfahren haben?« fragte Kilian. „Wie Du willſt,« verſetzte Hagenbach,„aber die Sache muß ein Ende nehmen, und ich will nichts mehr davon hoͤren.“ So ſuchte er dadurch, daß er die unmittelbare Voll⸗ ziehung ſeiner blutigen Befehle ſeinem Untergebenen auftrug, die innere Stimme zu uͤbertaͤuben, und das Gefuͤhl der Schande, das er auf ſich lud, zu unter⸗ druͤcken. 3 22 XIV. „Und unſere Ahnen ſind es, die „Fuͤr Menſchen ſchufen dieſe Kerkernacht.“ Altes Schauſpiel. — Der Kerker, in den man Arthur brachte, war ziem⸗ lich lang, aber ſchmal, finſter und in den Felſen ge⸗ hauen, auf dem der Thorthurm ſtand. Man hatte ihm eine kleine Lampe gegeben, die Bande aber nicht abgenommen, und als er etwas Waſſer verlangte, erwiederte ihm einer der Kriegsknechte:„Fuͤr die kurze Zeit, die ſein Leben noch dauern werde, koͤnne er den Durſt wobl ertragen.“ Bei dem ſchwachen Schein der Lampe war er an eine aus dem Felſen ge⸗ hauene Bank getreten, und als ſich ſeine Augen nach und nach an die Dunkelheit gewoͤhnt hatten, ſah er in dem Stein, der den Fußboden bildete, eine ziem⸗ lich breite Spalte von unregelmaͤßiger Form, die ven der Natur gebildet, und durch Menſchenhand erwei⸗ tert ſchien. Tief unten hoͤrte er ein Rauſchen, wie von unterirdiſchem Waſſer, das ſein Opfer zu fordern ſchien. Die Lage, in der er ſich befand, haͤtte ſelbſt den Entſchloſſenſten entmuthigt, und der Ungluͤckliche vermochte nicht den Thraͤnenſtrom zuruͤckzuhalten, der aus ſeinen Augen ſtuͤrzte, und den ſeine gebundenen Haͤnde nicht trocknen konnten. Zwar hatte er ſich in Gefahren, welche Seelenſtaͤrke zu uͤberwinden ver⸗ 23 mochte, immer unerſchrocken gezeigt, allein ſeine feu⸗ rige, empfaͤngliche Einbildungskraft zeigte ihm nun ſeine hoffnungsloſe Lage unter den fuͤrchterlichſten Bil⸗ dern. Indeſſen dachte er nicht ſowohl an ſich ſelbſt, als an ſeinen Vater, der gleichfalls in den Haͤnden der Fuͤhlloſen war, die ſich zum Morde entſchloſſen 3 hatten, um den Diebſtahl zu verhehlen. Endlich wurde ihm der Schmerz unertraͤglich, er ſtand auf, und ſtrengte alle ſeine Kraͤfte an, um ſeine Bande zu zer⸗ reiſſen, allein die Stricke waren zu ſtark, und nach mehreren Verſuchen, wobei jene beinahe ins Fleiſch einſchnitten, verlor er das Gleichgewicht, und fiel, nur zwei Schritte von dem Schlunde, ruͤcklings zu Boden; nur wenig fehite, ſo waͤre er in den Abgrund geſtuͤrzt, und ſein Kopf ſchlug an die niedere Rand⸗ leiſte, welche die Oeffnung theilweiſe umgab. Einige Zeit blieb er betaͤubt und unbeweglich liegen, und als er wieder zu ſich kam, war es voͤllig dunkel, denn im Fallen hatte er die Lampe umgeworfen und ausge⸗ loͤſcht. In dieſem Augenblicke hoͤrte er die Thuͤre ſeines Kerkers aufgehen, und rief:„Sie ſind da, die Moͤr⸗ der, barmherziger Gott, vergib mir meine Suͤnden!«« Er wandte die Augen gegen die Thuͤre; ein blen⸗ dender Glanz ſtrahlte ihm von dort entgegen, und ein Mann in ſchwarzem Kleide, in der einen Hand eine Fackel, in der andern einen Dolch, trat auf ihn zu. Waͤre er allein gekommen, ſo haͤtte der ungluͤckliche Gefangene ihn fuͤr den Moͤrder halten koͤnnen, der ſeinem Leben ein Ende machen ſollte, allein es be⸗ v. 24 gleitete ihn Jemand. Beim Fackelſchein ſah Arthur das weiße Kleid einer Frau und eine Geſtalt und Zuͤ⸗ ge, die ihm unvergeßlich waren, und ihm hier hoͤchſt unerwartet erſchienen. Sein Erſtaunen war ſo groß, daß er ſeine gefaͤhrliche Lage daruͤber vergaß. Iſt ſol⸗ ches denn moͤglich, fragte er ſich ſelbſt, beſitzt ſie wirk⸗ lich die Macht eines Elementargeiſtes, hat ſie dieſen ſchwarzen Daͤmon aus den Tiefen der Erde beſchwo⸗ ren, daß er ihr zu einer Befreiung behuͤlflich ſey? Seine Vermuthung ſchien ſich zu verwirklichen, denn der im ſchwarzen Kleide gab Annen, oder wenigſtens dem Weſen, das ihr voͤllig glich, die Fackel, beugte ſich uͤber den Gefangenen, und zerſchnitt ſeine Bande mit ſolcher Geſchwindigkeit, daß ſte abzufallen ſchienen, ſobald er ſie beruͤhrt hatte. Der erſte Verſuch Arthurs, ſich zu erheben, mißkang, beim zweiten unterſtuͤtzte ihn Anna's Hand, und dieſe Veruͤhrung wirkte maͤchtig auf ihn, denn in ſein Herz kehrte der Muth, Leben und Kraft in ſeine erſtarrten Glieder zuruͤck. Er wollte ihr ſeinen innigſten Dank bezengen, aber das Wort erſtarb ihm auf den Lippen, als der Raͤthſelhafte den Finger auf den Mund legte, zum Zeichen, daß er ſchweigen ſollte, und ihm zugleich bedeutete, ihr zu folgen. In ſtummem Erſtaunen gehorchte er. Nach⸗ dem ſie den Kerker verlaſſen hatten, kamen ſie durch mehrere verwickelte Gaͤnge, die theils in den Felſen gehauen, theils von großen Steinen aufgefuͤhrt wa⸗ ren, und warſcheinlich zu andern aͤhnlichen Gefaͤng⸗ niſſen fuͤhrten. 25 Der Gedanke, daß ſein Vater in einem ebenſo ſchauerlichen Kerker ſchmachten koͤnnte, wie der ſeinige geweſen war, hieß Arthur ſtehen bleiben, als ſie un⸗ ten an einer Wendeltreppe anlangten. „Theuerſte Anna,“ fluͤſterte er leiſe,„helft mir meinen Vater befreien, ich kann ihn hier nicht zu⸗ ruͤcklaſſen. Sie ſchuͤttelte mit der Miene der Ungeduld den Kopf, und winkte ihm, weiter zu gehen. „Wenn Eure Macht nicht ſo weit reicht, daß Ihr meinen Vater befreien koͤnnt, ſo will ich bleiben, um ihn zu retten, oder mit ihm zu ſterben.⸗ Sie ant⸗ wortete nicht, ihr Begleiter aber ſagte mit hohler Stimme, die ganz ſeinem Aeußeren entſprach: „Junger Menſch, ſchweig und folge meinem Rathe, dieß iſt das einzige Mittel, die Freiheit und das Le⸗ ben Deines Vaters zu ſichern.«⸗ Sie ſtiegen nun die Treppe hinauf, Anna voran. Arthur, der ihr folgte, konnte ſich des Gedankens nicht enthalten, von der leichten Geſtalt, die ihm voranſchwebte, gehe ein Theil des Lichtes aus, das die Fackel auf ihr weißes Gewand ſtrahlte. Doch blieb ihm nur kurze Zeit, uͤber ihre Erſcheinung und ihr Benehmen zu gruͤbeln, denn ſie eilte ſo ſchnell die Wendeltreppe hinan, daß ihr Arthur nicht auf dem Fuße folgen konnte, und als er oben ankam, ſah er ſie nicht mehr. Ob ſie wunderbar verſchwunden, oder in einen andern Gang getreten war, konnte er nicht⸗ entſcheiden.« 26 „Hier geht Euer Weg,“ ſagte ſein Fuͤhrer, loͤſchte ſeine Lampe, faßte Arthur am Arme, und ſuͤhrte ihn in einen dunkeln, ziemlich langen Gang. Arthur konnte ſich einer augenblicklichen Unruhe nicht entſchla⸗ gen, wenn er einen Blick auf das widrige Aeußere ſeines Fuͤhrers und den Dolch warf, den dieſer ihm ploͤtzlich ins Herz ſtoßen konnte, doch bei naͤherer Ueberlegung konnte er ihn keiner Verraͤtherei faͤhig glauben, weil er ihn in Anna's Geſellſchaft geſehen hatte, und bat ihm daher bei ſich den Argwohn ab, der ihn angewandelt hatte. Sein Begleiter ging mit großen Schritten, doch ohne das geringſte Geraͤuſch, voran, und fluͤſterte ihm zu, daſſelbe zu thun. „Hier iſt unſer Weg zu Ende,“ ſprach er endlich; bei dieſen Worten ging eine Thuͤre auf, und ſie tra⸗ ten in ein gothiſches Zimmer, das ringsumher Faͤ⸗ cher von Eichenholz mit Buͤchern und Handſchriften hatte. Die ploͤtzliche Tageshelle blendete Arthurs Au⸗ gen, und als er ſich umwandte, ſah er die Thuͤre nicht mehr, durch die ſie eingetreten waren. In ſei⸗ nem Befreier erkannte er nun einen Geiſtlichen, deſ⸗ ſen Zuͤge und Kleidung jetzt nicht mehr das Schauer⸗ liche hatten, das ihnen der Fackelſchein im finſteren Kerker verlieh. Arthur athmete freier, als erwachte er aus einem ſchweren Traume. Die aberglaͤubiſchen Vorſtellungen, welche der unerwartete Anblick Anna's in ſeiner Ein⸗ 27 bildungskraft hervorgerufen hatte, ſchwanden, und er ſagte zu ſeinem Befreier: „Damit ich weiß, wem ich meinen ſchuldigen Dank zu ſagen habe, erlaubt mir, ehrwuͤrdiger Pater, die Frage, ob Anna von Geierſtein... „Sprich von Dingen, welche die Deinigen ange⸗ hen,“ erwiederte der Prieſter ebenſo kurz als zuvor. „Haſt Du ſchon vergeſſen, in welcher Gefahr Dein Vater ſchwebt?“ „Beim Himmel, nein!« rief Arthur,„ſagt mir wie ich ihn befreien kann, und Ihr ſollt ſehen, was ein Sohn fuͤr ſeinen Vater zu thun vermag.“«« „Das iſt gut, denn es iſt nothwendig⸗“ ſprach der Prieſter,„lege dieſe Kleider an, und folge mir.“* Er reichte ihm bei dieſen Worten die Kutte und Kappe der Novizen, und fuhr fort:„Ziehe die Kappe uͤber Dein Geſicht, und antworte Niemanden, der Dir begegnet; ich will ſagen: Du habeſt das Geluͤbde des Schweigens gethan. Moͤge der Himmel dem ſchaͤndlichen Tyrannen vergeben, der uns zu dieſer Verſtellung noͤthigt! Gehe dicht hinter mir, und ſprich kein Wort.“ Der Prieſter von Sankt Paul, denn dieſer war es, ging nun voran, und Arthur folgte ihm Schritt fuͤr Schritt mit der demuͤthigen Miene eines Novizen. Sie traten aus dem Buͤcherſaale, gingen eine kleine Treppe hinab, und befanden ſich nun in einer Straße von La Ferette. Ein unwiderſtehliches Verlangen trieb Arthur, einen Blick ruͤckwaͤrts zu werfen, allein 28 kaum hatte er Zeit zu bemerken, daß das Haus, aus dem er kam, ein kleines gothiſches Gebaͤude war, das zwiſchen der Sanct Pauls⸗Kirche und dem groſ⸗ ſen Thorthurme lag. „Folge mir, Melchior,«I ſprach die tiefe Stimme des Prieſters, waͤhrend ſeine durchdringenden Augen mit einem Ausdruck auf ihm hafteten, der ihn ſogleich wieder an das Gefaͤhrliche ſeiner Lage erinnerte. Sie gingen weiter, ohne daß Jemand auf ſie ach⸗ tete, außer daß die Voruͤbergehenden den Geiſtlichen gruͤßten. Endlich lenkte dieſer ungefaͤhr in der Mitte der Stadt in ein gegen Norden fuͤhrendes Gaͤßchen ein, an deſſen Ende ſie eine Treppe hinanſtiegen; dieſe fuͤhrte auf den Wall, der nach gothiſcher Bau⸗ art auf allen acken Thuͤrme von verſchiedener Geſtakt und Größe hatte.—. Auf den Manern ſtanden Schildwachen, jedoch keine Soldaten von der Beſatzung, ſondern Buͤrger mit Schwertern und Piken. Der Erſte, an dem ſie vor⸗ uͤberkamen, fluͤſterte dem Pater zu:„Geht unſer Vor⸗ haben von Statten? „Ja,“ antwortete der Prieſter,„benedicte do- mino."“ „Deo gratias; erwiederte der Buͤrger, und fuhr fort auf dem Walle zu ſchildern. Die uͤbrigen Schild⸗ wachen ſchienen ihnen auszuweichen, denn als Arthur mit ſeinem Begleiter auf ſie zukam, verſchwanden ſie, oder traten auf die Seite, ohne ſie anzuſehen. End⸗ lich kamen ſie an einen alten Thurm, der ſich uͤber 29 die Mauer erhob, und eine Thuͤre gegen den Wall hatte; er ſtand in einer von den uͤbrigen Werken ab⸗ gelegenen Ecke, und war durch nichts gedeckt, inden⸗ ſen ſtand nicht einmal eine Schildwache anf dieſem wichtigen Poſten. „Nun hoͤre mich wohl,« hob der Prieſter wieder an,„denn das Leben Deines Vaters und vielleicht von vielen Andern haͤngt von Deiner Schnelligkeit ab, kannſt Du laufen und ſpringen?«⸗ „Ich fuͤhle keine Muͤdigkeit mehr, ſeyd Ihr mich in Freiheit geſetzt habt, ehrwuͤrdiger Vater, und kein Hirſch ſollte es mir bei ſolcher Gelegenheit an Schnel⸗ ligkeit zuvorthun.«— „Gib alſo wohl Acht: der Thurm hier, in den ich Dich einlaſſen werde, hat eine Treppe, die an ein Ausfallthor fuͤhrt. Es iſt von innen verrammelt, aber nicht geſchloſſen, und Du gelangſt durch daſſelbe in den Graben, der beinahe ganz trocken iſt; haſt Du dieſen durchſchritten, ſo biſt Du an dem aͤußern Walle, von wo aus Du die Schildwachen ſehen kannſt, ohne von ihnen bemerkt zu werden. Sprich nicht mit ihnen, und klettere, ſo gut Du kannſt, uͤber die Palliſaden; ich denke, Du koͤnneſt einen Wall erſteigen, der nicht vertheidigt iſt.« „Und was nun weiter? dieß alles iſt mir ein Leichtes.« „In einiger Entfernung wirſt Du ein kleines Ge⸗ hoͤlz oder vielmehr ein Gebuͤſch ſehen, dieſem eile zu, ſo ſchnell Du kannſt, wende Dich dann gegen Mor⸗ 30 gen, aber gib wohl Acht, daß Dich die Soldaten nicht ſehen, die auf dieſem Theil der Mauern Wache hal⸗ ten, denn ſonſt wuͤrde Dir ein Hagel von Pfeilen und eine Abtheilung Reiter nachgeſchickt, und ſie haben Augen wie ein Adler, der in weiter Ferne ſeine Beute erſpaͤht.“ „Sie ſollen mich nicht zu ſehen bekommen, ehr⸗ wuͤrdiger Vater. „Jenſeits des Gebuͤſches findeſt Du einen Fußpfad, der, unvermerkt von den Stadtmauern abfuͤhrend, mit der Straße von La Ferette nach Baſel ſich ver⸗ einigt; auf dieſem eile den Schweizern entgegen, ſage ihnen, daß die Stunden vom Leben Deines Vaters gezaͤhlt ſeyen, und ſie ſich beeilen muͤſſen, wenn ſie ihn retten wollen. Vergiß nicht, Rudolph Donner⸗ huͤgel zu ſagen, der Prieſter von Sanct Paul erwarte ihn an dem Ausfallthor an der Nordſeite, um ihm ſeinen Segen zu geben, haſt Du mich verſtanden?“ „Vollkommen.“ Der Prieſter ſchloß nun das Pfoͤrtchen auf, und trat mit Arthur ein, der ſchnell die Treppe hinab⸗ eilen wollte⸗ „Halt noch einen Augenblick,« rief ihm der Pater zu,„lege Deine Verkleidung ab, ſie wuͤrde Dich nur hindern.«. Schnell hatte Arthur die Kutte abgeworfen, und wollte wieder forteilen. „Nochz einen Augenblick,“ fuhr der Pater fort, 34 „das Mönchskleid könnte gegen uns zeugen, hilf mir mein Gewand ausziehen.“ So ſehr Arthur vor Ungeduld brannte, ſah er doch die Nothwendigkeit ein, ſeinem Führer zu gehorchen; der Alte zog ſein langes ſchwarzes Kleid aus, und ſtand nun in einem ſchwarzen Rocke vor ihm mit einem Gür⸗ tel von Büffelleder, an dem ein kurzes zweiſchneidiges Schwert hieng. „Gib mir jetzt das Novizenkleid,“ fuhr der Pater fort,„ich lege dann das meinige darüber an. Weil ich etwas an mir trage, das nach dem Welklichen riecht, ſo iſt es gut, wenn ich meine geiſtliche Kleidung verdopple.“ Bei dieſen Worten zuckte ein umheimliches Lächeln um ſeinen Mund, das noch mehr in Furcht ſetzen konnte, als das Runzeln der Stirne, das beſſer zu ſeinen Zügen paßte. „Was wartet denn der Thor noch,“ hob er nach einer Pauſe wieder an,„da doch Leben oder Tod von ſeiner Schnelligkeit abhängt?« Arthur wartete auf keine zweite Mahnung, zu ge⸗ hen, und eilte die Treppe hinab; das Thor war bald geöffnet, und ohne zu unterſuchen, wie tief der Gra⸗ ben ſeyn könnte, der eine grünliche, ſuͤmpfige Oberflä⸗ che hatte, oder den klebrigen Schlamm zu achten, in den er mit jedem Schritte ſank, watete er durch und gelangte an's jenſeitige Ufer, ohne von den zwei Bür⸗ gern bemerkt zu werden, die dort Wache hielten. Der Eine war in eine Chronik vertieft, der Andere ſchien 32 nach Fiſchen im Graben zu ſuchen, denn er hatte einen Korb bei ſich, der zur Aufnahme deſſen, was er etwa fienge, bereit ſchien. Sobald er ſah, daß er von dieſen Wachen nichts zu beſorgen habe, eilte Arthur an die Palliſaden, in der Hoffnung, ſich mit einem Sprung über dieſelben ſchwin⸗ gen zu können. Allein, entweder hatte er ſich zu viele Kraft zugetraut, oder war dieſe durch die Bande und den Fall, den er gethan, geſchwächt worden: er ſank wieder rückwärts und ſah, als er ſich wieder erhob, einen Soldaten in gelb und blauem Koller— Hagen⸗ bach's Farben, herbei rilen und den nachläßigen Schild⸗ wachen zurufen:„Auf, haltet den Flüchtling, oder Ihr ſeyd Beide des Todes!“. Der eine der Bürger, der mit Fiſchen beſchäftigt war, warf ſeine Angel weg, zog das Schwert und ſchritt bedächtlich auf Arthur los. Der Andere, der geleſen hatte, ſchlug ſchnell ſein Buch zu und rannte, ohne es zu wollen, dem Soldaten in den Weg, der, aus allen Kräften laufend, ihn ſo heftig anſtieß, daß Beide niederſtürzten; allein der Bürger, ein wohlbe⸗ leibter Mann, blieb unbeweglich auf dem Platze liegen, während der leichtere Soldat im Fall noch einige Schritte machte und in den Graben fiel, wo er ſich nun aus dem dichten Schlamme wieder herauszuarbeiten ſuchte. Während die beiden Bürger ihrem Kameraden zu Hülfe eilten, ſtrengte Arthur, durch die Gefahr, in der er war, geſpornt, noch einmal alle ſeine Kräfte an und ſchwang ſich über die Palliſaden, eilte dann .33 dem Gebüſche zu, das ihm der Geiſtliche bezeichnet hatte, und erreichte es, ohne auf den Mauern Lärm⸗ ruf gehört zu haben. Er ſah nun, daß ſeine Lage äuſ⸗ ſerſt gefährlich war, weil wenigſtens ein Soldat um ſeine Flucht wußte, und zu erwarten war, daß dieſer Anzeige davon machen würde, ſobald er ſich aus dem Graben herausgearbeitet hätte. Dieſer Gedanke beflü⸗ gelte ſeine Schritte, und in unglaublich kurzer Zeit erreichte er den Saum des Gehölzes, von wo aus er den Thorthurm und die Soldaten auf dem Walle ſehen konnte. Er barg ſich geſchickt hinter das niedrige Ge⸗ büſch, das ſeine Flucht noch verdeckte, damit jene ihn nicht ſehen könnten, und erwartete mit jedem Augen⸗ blick das Lärmhorn zu hören, und die Soldaten auf dem Walle zur Verfolgung ausrücken zu ſehen. Indeſ⸗ ſen geſchah keines von beiden, und den angegebenen Weg verfolgend, verlor er bald die Thürme von La Ferette aus dem Geſicht und kam auf die Heerſtraße. Auf dieſer war er noch nicht weit gegangen, als eine Staubwolke aufſtieg, durch die er Waffen blitzen ſah, und er ſchloß daraus, daß es der Vortrab der Schwei⸗ zer Abgeordneten ſey. Nach einigen Minuten hatte er die Truppe erreicht, die aus zehen Mann beſtand und Rudolph an ihrer Spitze hatte. Der Anblick des jungen Philipſon, der mit Koth und ſogar mit Blut bedeckt war,— denn er hatte ſich bei dem Fall im Kerker verletzt,— ſetzte die Schweizer in Erſtaunen, und ſie drängten ſich zu Walter Scott's Werke. 1598 Bochen. 3 34 ihm, um zu erfahren, was ihm begegnet ſey. Nur Rudolph zeigte weder Eifer noch Neugierde, und der ruhige Ausdruck ſeines Geſichtes veränderte ſich nicht im Geringſten. Arthur, der beinahe keinen Athem mehr hatte, ſagte ihm, daß ſein Vater ins Gefängniß geworfen und zum Tode verurtheilt worden ſey; dieß machte aber nicht den mindeſten Eindruck auf den Berner. „Das hättet Ihr Euch einbilden können,“ ſprach er kalt,„man hat Euch ja ge arnt. Es wäre ein Leich⸗ tes geweſen, dem Unglück vorzubeugen, aber es nun abzuwenden, iſt vielleicht nimmer möglich.“ „Freilich, freilich,“ rief Arthur die Hände ringend, „Ihr war't vorſichtig, und wir haben thöricht gehan⸗ delt. Aber ich beſchwöre Euch, denkt jetzt im Augen⸗ blick der höchſten Gefahr nicht an unſere Thorheiten, beweiſet den Muth und Edelſinn, den man an Euch rühmt, leiſtet uns Hülfe in unſerer furchtbaren Lage.“ „Aber wie, auf welche Weiſe?« warf Rudolph ein, der noch zu zögern ſchien.„Wir haben die Basler, die uns Beiſtand leiſten wollten, verabſchiedet, ſo viel Einfluß hat Euer Beiſpiel auf uns gehabt, jetzt ſind wir kaum noch zwanzig Mann, wie ſollen wir da eine feſte Stadt angreifen, deren Beſatzung uns an Zahl vielleicht ſechsmal überlegen und gut bewaffnet iſt?“ „Ihr habt Freunde in der Stadt,“ erwiederte Ar⸗ thur,„das weiß ich gewiß. Ein Wort in's Ohr: Der Prieſter von Sanct Paul läßt Euch durch mich ſagen, er erwarte Euch am Ausfallthore auf der Nordſeite, um Euch ſeinen Segen zu geben.“ —— —— — ——— 3 35 „Mag ſeyn,“ verſetzte Rudolph, und vereitelte Ar⸗ thurs Bemühung, ihn in ein geheimes Geſpräch zu ziehen, indem er ſo laut ſprach, daß es alle Umſtehen⸗ den hörten,„ich zweifle nicht daran, daß am Thore ein Prieſter auf mich wartet, um meine Beichte zu hören und mir die Abſolution zu geben, und hinterher muß ich dann meinen Kopf auf den Block legen. Ich werde meinen Hals nicht ſo bald in ſolche Gefahr brin⸗ gen. Ermorden ſie einen engliſchen Krämer, der ihnen nichts zu Leide gethan, was hat dann der junge Ber⸗ nerbär zu gewarten, der den Hagenbach ſeine Tatzen und Zähne ſchon hat fühlen laſſen?“ Bei dieſen Worten hob Arthur die gefalteten Hände gen Himmel, Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen, er ballte die Fauſt, knirſchte mit den Zähnen und wandte den Schweizern ſchnell den Rücken. „Was ſoll dieſer Zorn,“ fragte Rudolph,„wo wollt Ihr hin?“ „Meinen Vater retten oder mit ihm ſterben,“ ant⸗ wortete Arthur, und wollte ſchnellen Laufs nach La Ferette zurückkehren, als er ſich von einer kräftigen Hand, deren Druck jedoch etwas Freundſchaftliches hat⸗ te, am Arme feſtgehalten fühlte. „Wartet einen Augenblick bis ich meinen Knieriemen gebunden habe,“ ſagte Sigmund zu ihm,„dann gehe ich mit Euch, König Arthur.“ „Du,“ entgegnete Rudolph,„Du, einfältiger Bur⸗ ſche, und ohne meinen Befehl?“ 3* 56 „Hört, Better Rudolph,“ erwiederte Sigmund, und knüpfte ruhig ſein Strumpfband,„Ihr ſchwazt uns immer vor, wir ſeyen freie Schweizer, aber, was nützt denn die Freiheit, wenn man nicht thun kann, was man mag? Ihr ſeyd mein Hauptmann ſo lange ich will ſeht Ihr, aber keinen Augenblick länger. „Und warum willſt Du mich gerade jetzt verlaſſen, Du Narr?“ fragte der Berner. „Das will ich Euch ſagen,“ verſetzte Sigmund.„Es iſt nun beinahe ein Monat, daß ich mit Arthur jage, und ich habe ihn liebgewonnen, er hat mich noch nie einen Narren deßhalb geſcholten, weil es bei mir mit dem Denken etwas langſamer geht, als bei Andern, auch ſeinen Vater mag ich gerne leiden, er hat mir das Wehrgehänge hier und das Horn geſchenkt, das ihn gewiß manchen Batzen gekoſtet. Und der gute Alte ſitzt nun im Schlachthauſe des Fleiſchers, des Hagen⸗ bach! aber wir wollen ihn retten, Arthur, wenn Zwei dieß auszuführen im Stande ſind. Ihr ſollt mich käm⸗ pfen ſehen, ſo lange das Eiſen auf meiner Pike feſthält.“ Bei dieſen Worten ſchwang er ſeine gewichtige Par⸗ tiſane leicht, wie einen Weidenzweig. Er war zwar nicht ſo hoch gewachſen als ſeine Brüder, und weniger raſch und lebhaft, allein ſeine breiten Schultern und „ſeine kräftigen Muskeln machten ihn zu einem nicht zu verachtenden Kämpfer, und kam er einmal in's Feuer, ſo wurde es ſelbſt Rudolph ſchwer ihm zu widerſtehen. Der kräftige Ausdruck wahrer Empfindung macht immer Eindruck auf Gemüther, die von Natur edel 57 ſind. Mehrere von den jungen Leuten erklärten, Sig⸗ „mund habe Recht; habe ſich der Greis in Gefahr be⸗ geben, ſo ſey es geſchehen, weil er mehr an den gün⸗ ſtigen Erfolg ihrer Unterhandlungen, als an ſeine eigene Sicherheit gedacht, und ſich ihres Schutzes begeben habe, um ſie nicht in Streitigkeiten zu verwickeln. „Schweigt,“ ſchrie Rudolph, mit gebietendem Blicke umherſchauend,„und Ihr, Arthur, geht zum Land⸗ ammann, der nicht weit hinter uns iſt: Ihr wiſſet, er iſt unſer Oberhaupt und der aufrichtige Freund Eures Vaters; was er befiehlt, das werden wir be⸗ reitwillig vollziehen.“ Seine Gefährten billigten dieſen Rath, und Arthur ſah ſelbſt die Nothwendigkeit ein, ihn zu befolgen. Im feſten Vertrauen auf die Biederkeit des redlichen Arnold, eilte er daher dieſem entgegen, um ihm ſeine klägliche Geſchichte zu erzäͤhlen und ihn um Hülfe zu bitten. Von einer Anhöhe aus, die er nach einigen Minuten erreichte, ſay er den Landammann mit ſeinen Genoſſen und den Uebrigen vom Geleite, die ſich jetzt nicht mehr nach verſchiedenen Richtungen zerſtreuten, ſondern in guter Ordnung und auf jeden Angriff gefaßt, einige Schritte hinter den Abgeordneten herzogen. Hinten gingen die beiden Saumthiere mit dem Gepäck, und Arthur ſah auch die, auf welchem Anna mit ihrer Zofe die ganze Reiſe über geritten war. Sie trugen auch jetzt, wie gewöhnlich, zwei Frauen und ſo viel er un⸗ terſcheiden konnte, hatte die Vordere ganz Anna's 38 Tracht, vom grauen Schleier bis zu der Reiherfeder, die ſie ſeit ihrem Eintritt in das deutſche Reich der Landesſitte gemäß zum Zeichen ihrer edlen Abkunft und ihres höhern Rangs getragen hatte. Und doch ſah er vor einer halben Stunde erſt in ſeinem Gefäng⸗ niſſe in La Ferette dieſelben Züge, die ſich jetzt ſeinen Blicken unter ſo ganz anderen Verhältniſſen darboten. Ehe er jedoch Zeit hatte, weiter darüber nachzudenken, langte er bei dem Landammann und ſeinem Gefolge an. Auch hier erregte ſein Anblick und ſein Aeußeres großes Erſtaunen, der Landammann fragte ihn ſogleich nach der Urſache ſeines Erſcheinens und er erzählte kurz ſeine Gefangennahme und Befreiung durch den Prieſter, ohne jedoch deſſen Botſchaft an Rudolph und der Er⸗ ſcheinung zu erwähnen, in deren Begleitung Jener in ſeinen Kerker getreten war. In ſtummer Beſtürzung hörte der Landammann dieſe Nachricht an. Der ältere Philipſon hatte durch die Reinheit und Feſtigkeit ſeiner Grundſätze, ſo wie durch ſeine ausgebreiteten, tiefgehenden Kenntniſſe ſeine Ach⸗ tung gewonnen. Der letztere Vorzug ſtellte ihn in ſeinen Augen um ſo höher, weil er ſah, daß er ſelbſt manchmal falſch urtheilte, weil er die fremden Länder, ihre Sitten und den Zeitgeiſt nicht genügend kannte. „Laßt uns ſogleich weiter ziehen,“ ſprach er zu ſeinen Genoſſen,„und zwiſchen dem Tyrannen Hagenbach und unſerm edeln Freunde, deſſen Leben in Gefahr iſt, die Vermittler machen. Er muß uns anhören, denn ich weiß, daß ſein Herr, der Herzog, Philipſon an ſeinem — — 1 39 Hofe erwartet, der Alte hat mir dieß zu verſtehen ge⸗ geben, und Archibald wird es daher nicht wagen, uns zu reizen, da wir den Herzog leicht benachrichtigen könnten, wie ſehr ſein Statthalter in La Ferette ſeine Gewalt nicht nur gegen die Schweizer, ſondern ſogar in Angelegenheiten mißbraucht, die den Herzog perſön⸗ lich angehen.“ „Mit Verlaub, Herr Landammann,“ entgegneke der Bannerträger von Bern,„wir ſind von der Schweiz abgeordnet, um wegen der Ungerechtigkeiten, die dem Lande widerfahren ſind, Vorſtellungen zu machenz mengen wir uns aber in Streitſachen von Fremden, ſo wird es uns ſchwerer werden, die Abſtellung der Beſchwerden unſeres Landes auszuwirken. Auf der andern Seite muß, wenn der Herzog durch dieſe auf ſeinem Gebiet an engliſchen Kaufleuten begangene Ge⸗ waltthat den König von England gegen ſich aufbringen würde, dieſer Bruch ihn nöthigen, mit den Schweizer⸗ Kantonen einen für dieſe vortheilhaften Vertrag abzu⸗ ſchließen.“ Es lag eine ſo tiefe Politik in dieſer Anſicht, daß Zimmermann, der Solothurner Abgeordnete, ihr ſo⸗ gleich beitrat, und als weitern Grund beifügte: Arnold habe erſt vor einigen Stunden gegen ihn geäußert, die beiden Engländer haben ſich aus freiem Willen von der Geſellſchaft getrennt, um dieſe nicht in unange⸗ nehme Händel zu verwickeln.„Welchen Vortheil haben wir nun von dieſer Trennung,“ fuhr er fort,„»wenn wir um den Engländer uns kümmern ſollen, als wäre / 40 er unſer Reiſegefährte und unter unſern beſondern Schutz geſtellt?“ Deer Landammann ſah ſich durch den letztern Beweis ziemlich in Verlegenheit geſetzt, denn kurz zuvor hatte er Philipſons Edelmuth gelobt, der ſich lieber der Ge⸗ fahr ausſetzen, als den Gang ihrer Unterhandlungen ſchaden wollte, wenn er in ihrer Geſellſchaft bliebe; doch ſprach er nach einer Pauſe mit feſtem Tone: „Meine Brüder, ich habe einen Fehler begangen, da ich mit der weltlichen Politik mich brüſtete, in der ich Euch dieſen Morgen unterrichtete. Dieſer Mann iſt freilich nicht aus unſerm Lande, aber er iſt, wie wir, eines der Ebenbilder Gottes, und dieſes Namens um ſo würdiger, weil er ein Mann von Ehre iſt. Selbſt wenn wir ihn nur zufällig auf dem Wege träfen, könnten wir ihn nicht im Stiche laſſen, ohne Sünde und Schmach auf uns zu laden, um ſo weniger dürfen wir es jetzt, da er uns zu lieb ſich in Gefahr begeben hat. Laßt alſo den Muth nicht ſinken, wir folgen dem Willen Gottes, indem wir dem Bedrängten beiſtehen. Gelingt uns dieß auf gütlichem Wege, wie ich hoffe, ſo haben wir ohne große Mühe eine gute Handlung gethan, im andern Falle aber kann Gott der Sache der Menſchlichkeit durch eine Handvoll Leute den Sieg eben ſo gut zuwenden, als durch ein ganzes Heer.“ „Wenn das Eure Meinung iſt,“ erwiederte der Bannerträger,„ſo wird wohl jeder von uns bereit ſeyn, Euch zu unterſtützen. Ich ſelbſt habe gegen meine eigene Neigung geſprochen, da ich rieth, einen Bruch — 41 mit den Burgundern zu vermeiden, indeſſen muß ich als Soldat geſtehen, daß ich lieber auf offenem Felde gegen die Beſatzung, wäre ſie auch zweimal ſo ſtark, als ſie ſeyn ſoll, ſtreiten, als einen Sturm auf ihre Veſte unternehmen möchte.“ „Seyd ruhig,« ſprach der Landammann,„ich hoffe, wir werden in La Ferette einziehen und die Stadt wieder verlaſſen, ohne daß dem friedlichen Charakter, mit dem wir als Abgeordnete bekleidet ſind, Eintrag geſchieht.“ XV. ——„Es ſoll das Haupt des ſchuld'gen Sommerſet Auf dem Schaffotte fallen.“ 1 Dritter Theil Heinrich's des Sechsten. Auf der Spitze des Thurmes, der das öſtliche Thor der Stadt vertheidigte, ſtand der Statthalter von La Ferette, und ſeine Blicke richteten ſich nach der Straße, die nach Baſel führte, auf der er die Schweizer Ab⸗ geordneten mit ihrem Geleite in der Ferne heranziehen ſah. Sein Knappe Kilian meldete ihm, daß ſie Einlaß begehren.„Das ſoll ihnen gewährt ſeyn,“ erwiederte Archibald,„aber beim Teufel, wie ſie die Stadt wieder verlaſſen, das iſt eine andere wichtigere Frage.“ „Euer Gnaden wollen die Sache einen Augenblick 4² 4 in Erwägung ziehen,“ entgegnete Kilian,„bedenkt, daß die Schweizer im Kampf wahre Teufel ſind, und daß ſie uns zum Lohne des Siegs keine Beute laſſen, als etliche Kettlein von Kupfer oder ſchlechtem Silber; das Mark habt Ihr ihnen ſchon alles ausgeſogen und könn⸗ tet Euch an den Beinen die Zähne ausbeißen.“ „Du biſt ein Narr, Kilian,“ erwiederte Archibald, „und eine Memme obendrein, beim Anblick von zwanzig, höchſtens dreißig Partiſanen ziehſt Du die Hörner ein, wie eine Schnecke, die ein Kind mit den Fingern be⸗ rührt; die meinigen ſind ſo hart und feſt, wie die des Auerochſen, von dem ſo viel die Rede iſt. Laſſen wir die Schweizer Abgeordneten, wie ſie ſich nennen, frei durchziehen, ſo erzählen ſie dem Herzog ein Hiſtörchen von Kaufleuten, die mit koſtbaren Waaren für ihn ſich an feinen Hof begeben wollten. Karl muß ſich von den Geſandten eines Volks, das er haßt und verachtet, gelangweilt ſehen, und erfährt, daß ſein Statthalter in La Ferette ihnen den Durchzug geſtattet, und da⸗ gegen Leute feſtgenommen hat, die er zu ſehen gewünſcht hätte.“ „Ich ſehe nicht ein, wie ein Angriff auf die Geſand⸗ ten eine beſſere Entſchuldigung dafür abgeben ſoll, daß Ihr die Engländer geplündert habt.“ „Du ſiehſt es nicht, Kilian, weil Du ein blinder Maulwurf biſt. Wenn der Herzog von einem Gefechte zwiſchen meiner Beſatzung und den Schweizerbengeln, die er verachtet und haßt, reden hört, ſo kümmert er ſich nicht weiter um zwei Krämer, die im Handgemeng 43 geblieben ſind; jedenfalls aber bin ich, wenn nachher eine Unterſuchung angeſtellt werden ſollte, in einer Stunde auf dem Gebiete des deutſchen Reichs, wo mir meine reiche Beute gute Aufnahme ſichert.« „Ihr ſollet mich bis zum letzten Augenblick an Eurer Seite finden, und ſehen, daß ich wenigſtens keine Memme bin.“ „Ich habe Dich nie dafür gehalten, wenn es galt, drein zu ſchlagen, aber in Staatsangelegenheiten biſt du furchtſam und unentſchloſſen.— Leg' mir die Rü⸗ ſtung an, Kilian, und ſorge, daß ſie gut anpaßt, die Piken und Schwerter der Schweizer ſind traun keine Nadeln.“ 3 „Möge dieſer Waffengang Euch eben ſo viel Nutzen als Ehre bringen,“ ſprach Kilian, und legte ſeinem Herrn die vollſtändige Ritter⸗Rüſtung an.„Euer Ent⸗ ſchluß, die Schweizer anzugreifen, iſt alſo gefaßt,“ fuhr er fort,„was nehmt Ihr zum Vorwande?“ „Ueberlaß mir die Sorge, den zu finden oder zu ſchaffen, Du haſt blos Schönfeld und die Soldaten auf ihre Poſten zu ſtellen. Das Loſungswort iſt:„Bur⸗ gund und Rache.“ Sobald ich dieſes geſprochen, zeigen ſich die Soldaten, und wenn ich die Worte wie⸗ derholte, ſo fallen ſie über die Schweizer her. Zuvör⸗ derſt aber öffne dem Bauernvolk das Thor.“ Kilian grüßte ſeinen Herrn und ging. Die Schwei⸗ zer hatten ſchon mehreremale ihr Horn ertönen laſſen, denn ſie waren unzufrieden darüber, daß ſie gegen eine halbe Stunde, ohne Antwort zu erhalten, vor dem 44 Thore halten mußten. Endlich ging das Fallgitter auf, die Zugbrücke wurde niedergelaſſen und ſie ſahen Kilian in voller Rüſtung auf einem Zelter gegen ſie heranreiten. „Ihr müßt ſehr verwegen ſeyn, Ihr Herrn,“ rief er ihnen zu,„daß Ihr Euch mit bewaffneter Hand vor der Feſtung La Ferette zeigt, die dem hochedeln Herzog von Burgund und Lothringen von Rechtswegen ange⸗ hört, und in der Archibald von Hagenbach, Ritter des heiligen römiſchen Reichs, in ſeinem Namen befehligt.“ „Wir ſind,“ entgegnete der Landammann,„nicht in feindſeliger Abſicht hieher gekommen. Die Waffen füh⸗ ren wir, um uns auf unſerer weiten Reiſe gegen Ge⸗ fahren ſicher zu ſtellen, hätten wir aber feindliche Ab⸗ ſichten gehabt, ſo wären wir nicht in ſo geringer An⸗ zahl hieher gekommen.“ „Was iſt denn ſonſt Euer Begehr?“ fragte Kilian, der in Abweſenheit ſeines Herrn einen eben ſo gebiete⸗ riſchen, übermüthigen Ton anzunehmen pflegte, wie der Statthalter ſelbſt. „Wir ſind,“ antwortete der Landammann mit feſter, ruhiger Stimme und ſchien das anmaßende Weſen des Knappen gar nicht zu beachten,„wir ſind Abgeordnete der freien, verbündeten Cantone der Schweiz und der guten Stadt Solothurn, von unſerem Landtage beauf⸗ tragt, uns zu Seiner Hoheit dem Herzog von Burgund zu verfügen, um eine für ſein und unſer Land hoch⸗ wichtige Sache abzumachen und in der Hoffnung, einen ſichern, dauerhaften Frieden auf ehrenvolle, für beide 4⁵ Länder vortheilhafte Bedingungen zu ſchließen, wie auch um Streitigkeiten zu verhüten, die zu Blutver⸗ gießen führen könnten, wenn man ſich nicht bei Zeiten verſtändigt.“ „Zeigt mir Euer Beglaubigungsſchreiben.“ „Mit Verlaub, Herr, dazu iſt es Zeit genug, wenn wir vor Eurem Herrn, dem Statthalter, ſtehen.“ „Das heißt, der Eigenſinnige handelt nur nach ſei⸗ nem Kopfe. Recht gut, meine Herrn, indeſſen rathet Euch Kilian von Kersberg, daß es manchmal klüger iſt, umzukehren, als weiter zu gehen. Mein Herr und ſein Gebieter laſſen ſich nicht ſo leicht beſchwatzen, wie die Basler Kaufleute, an die Ihr Euern Käs verkauft. Geht wieder nach Hauſe, lieben Leute, der Weg ſteht Euch offen und ich rathe Euch zum Beſten.“ „Wir danken Euch dafür,“ verſetzte der Landammann, dem Bannerträger von Bern, der eben ſeinen Zorn guslaſſen wollte, in die Rede fallend.„Unſer Weg führt durch La Ferette und wir wollen daher durch die Stadt ziehen.“ „So kommt ins Teufels Namen,“ ſchrie Kilian, der gehofft hatte, ſie einzuſchüchtern und zur Rückkehr zu bewegen, nun aber ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht ſah. Ddie Schweizer zogen nun in die Stadt ein, wur⸗ den aber etwa vierzig Schritte vom Thore durch die Wagen aufgehalten, die der Statthalter in der Stra⸗ ße hatte zuſammenfahren laſſen; ſie ſtellten daher ihre kleine Truppe in drei Linien auf und nahmen 46 die beiden Frauen und die Abgeordneten in die Mitte. In dieſem Augenblicke kam ein Ritter in voller Ruͤ⸗ ſtung aus einem Pförtchen des Thorthurmes: ſein Helmviſir war aufgeſchlagen und mit ſtolzer, drohen⸗ der Miene ſchritt er an den Reihen der Schweizer voruͤber. „Wer ſeyd Ihr,“ rief er endlich,„daß Ihr mit den Waffen in der Hand in eine Stadt einzuziehen wagt, die zu Burgund gehoͤrt?“ 3 „Mit Verlaub, Herr Ritter,“ antwortete der Land⸗ ammann,„wir ſind mit friedlicher Sendung beauf⸗ tragt, wenn wir auch zu perſoͤnlicher Vertheidigung Waffen tragen. Wir ſind von den Staͤdten Bern und Solothurn und den Cantonen Uri, Schwiz und Unterwalden abgeſandt, um wichtige Angelegenheiten mit Seiner Hoheit dem Herzog von Burgund und Lothringen zu verhandeln.“ „Was fuͤr Staͤdte und Cantone?“ fragte der Statt⸗ halter weiter,„ſolche Namen habe ich nie unter denen der freien Staͤdte des deutſchen Reichs nennen hoͤren. Bern! Ha! Ha! Ha! und ſeit wenn iſt denn Bern eine freie Stadt geworden?“ „Seit dem 21. Junius 1359, dem Tage der Schlacht bei Laupen,“ gab der Landammann zur Antwort, „Schweig, elender Windbeutel,“ entgegnete Archi⸗ bald,„meinſt Du, ſolche Aufſchneidereien gelten hier fuͤr klingende Muͤnze? Wir haben wohl von etlichen Doͤrfern und Weilern reden gehoͤrt, die ſich gegen den Kaiſer aufgelehnt und durch Hinterhalt einige 47 Ritter und Edle, die der Herzog von Oeſterreich ge⸗ gen ſie ſchickte, erſchlagen haben, aber nie iſt uns der Gedanke in den Sinn gekommen, daß ſolche Ban⸗ den von Meuterern ſo uͤbermuͤthig waͤren, ſich freie Staaten zu nennen, und in ihrer Anmaßung mit dem maͤchtigen Herzog von Burgund in Unterhand⸗ lung treten wollten.“— „Erlaubt mir, Herr Ritter,“ verſetzte der Land⸗ ammann mit großer Kaltbluͤtigkeit,„Euch zu bemer⸗ ken, daß Eure eigenen Ritterſchaftsgeſetzte beſagen, wenn der Staͤrkere den Schwaͤchern ſchlaͤgt, der Edle dem Gemeinen eine Unbild anthue, ſo hebe dieß al⸗ len Unterſchied zwiſchen ihnen auf und der Beleidi⸗ ger ſey gehalten, dem Beſchaͤdigten Genugthuung zu geben, wie dieſer es verlangt.« „Begib dich nur wieder in dein Gebuͤrge, unge⸗ ſchliffener Graukopf,“ ſprach Hagenbach ſtolz,„laß Dir dort den Bart kaͤmmen, und Kaſtanien braten. Wie? wenn einige Ratten und Maͤuſe in den Mauern und hinter dem Getaͤfel unſerer Haͤuſer ſich verſteckt haben, ſollen wir ihnen geſtatten, mit ihrer widrigen Gegenwart uns zu behelligen und ſich vor uns das Anſehen von Freiheit und Unabhaͤngigkeit zu geben? Nein, lieber erdruͤcken wir ſie mit unſern beſporten Stiefeln.“ „Wir ſind nicht die Leute dazu, uns mit Fuͤßen treten zu laſſen,“ gab Arnold mit derſelben Ruhe zur Antwort;„die dieß verſuchten, haben an uns Steine gefunden, uͤber die ſie ſtrauchelten. Laßt dieſe * 48 dieſe hochfahrende Sprache, Herr Ritter, die nur zum Krieg fuͤhren kann, und hoͤret Worte des Frie⸗ dens. Setzt unſern Gefaͤhrten, den engliſchen Kauf⸗ mann Philipſon in Freiheit den Ihr dieſen Morgen widerrechtlich habt verhaften laſſen; er ſoll eine bil⸗ lige Summe zahlen, um ſich zu loͤſen und wir wol⸗ len dann dem Herzog, an den wir abgeordnet ſind, eine guͤnſtige Schilderung von ſeinem Statthalter machen.“ „Wollt Ihr ſo großmuͤthig ſeyn, wirklich!“ lachte Archibald hoͤhniſch.„Nun welche Buͤrgſchaft gebt Ihr mir, daß Ihr dieſe Guͤte fuͤr mich haben wollt?“ „Das Wort eines Mannes, der ſtets gehalten hat, was er verſprach,“ erwiederte der Landammann in ſeinem vorigen, ruhigen Tone. »Du Unverſchaͤmter;“ rief der Statthalter,„Du wagſt's, mir Bedingungen vorzuſchreiben? Mir Dein Wort als Buͤrgſchaft zwiſchen dem Herzog von Bur⸗ gund und Archibald von Hagenbach anzutragen? Wiſſe, daß Ihr nicht nach Burgund kommen ſollt, oder wenn je, in Ketten und den Strick um den Pals. Holla, Ho! Burgund und Rache!“ In demſelben Augenblicke zeigten ſich die Soldaten rings um den engen Raum, den die Schweizer ein⸗ nahmen. Auf den Bruſtwehren des Thurmes ſtand eine Reihe Bewaffneter und an den Thüren und Fenſtern der Haͤuſer erſchienen Krieger mit Flinten, Bogen und Armbruſten, und bereit zum Angriff. Dennoch wurde die kleine Truppe, von einem uͤber⸗ 49 legenen Feind umgeben, nicht muthlos, und ſtellte ſich zur Vertheidigung. Der Landammann begab ſich auf den Mittelpunkt und ſchickte ſich an, die Ver⸗ rammlung zu erſtürmen, die beiden andern Linien boten ſich den Ruͤcken, um den Eingang der Straße gegen die Soldaten zu vertheidigen, die aus den Haͤuſern andringen wuͤrden. Augenſcheinlich konnte das muthige Haͤuflein, ſelbſt von einer an Zahl fuͤnf⸗ mal uͤberlegenen Truppe nur mit Gewalt und Blut⸗ vergießen bezwungen werden. Archibald mochte dieß einſehen, und wahrſcheinlich zoͤgerte er deßhalb, das Zeichen zum Angriff zu geben. In dieſem Augenbick langte ein Soldat mit Koth uͤberzogen und beinahe außer Athem an, und mel⸗ dete dem Statthalter, die Buͤrger der Stadt haben ihn da er einen entflohenen Gefangenen feſtnehmen wollte, aufgehalten und beinahe im Graben ertränkt und eben fuͤhren ſie den Feind in die Stadt ein.“ „Kilian,“ gebot der Statthalter,„nimm vierzig Mann, eile mit ihnen an das Ausfallthor gegen Norden, und dort haut und ſtecht ihr von den Mau⸗ ern, wem ihr bewaffnet dort findet, Buͤrger oder Fremde; mit dem Bauernvolk hier werde ich unter⸗ deſſen fertig zu werden wiſſen.“ Allein ehe Kilian Zeit hatte, die Befehle ſeines Herrn zu vollziehen, hörte man von weitem lautes Geſchrei:„Baſel! Freiheit! Sieg!“ Bald darauf er⸗ ſchienen die jungen Basler, welche Rudolph benach⸗ Walter Scott's Werke. 1598 Bochn. 4 . 3 50 richtigt hatte, die Schweizer, die den Geſandten in geringer Entfernung folgten, um, wenn es noͤthig waͤre, zu Huͤlfe eilen zu koͤnnen, und endlich die Buͤrger von La Ferette, die, von dem Statthalter gezwungen, auf den Wällen Wache zu halten, dieſe Gelegenheit benützt hatten, ſich des Tyrannen zu entledigen, indem ſie den Baslern das Thor oͤffneten, durch welches Arthur entflohen war. Die Beſatzung, ſchon durch die Feſtigkeit der Schwei⸗ zer entmuthigt, die entſchloſſen ſchienen, der Ueber⸗ macht nicht zu weichen, kam durch dieſen unerwarte⸗ ten Ueberfall ganz aus der Faſſung. Die meiſten Soldaten machten ſich davon, und viele warfen ſich von den Mauern herab in den Graben, um ſo ſich zu retten. Kilian und einige, denen der Stolz zu fliehen verbot, und die Verzweiflung, um Gnade zu bitten, blieben nach wüthendem Kampfe auf dem Platze. Bei dieſer Verwirrung ließ der Landammann ſeine kleine Truppe unbeweglich ſtehen, und verbot jede Theilnahme am Gefecht, mit dem Befehl, ſich blos im Falle eines Angriffs zu vertheidigen. „Bleibt in den Reihen,“ rief er mit ſtarker Stimme, von der rechten Linie zur linken tretend.„Wo iſt Rudolph?“ Wehrt Euch des Lebens, aber toͤdtet Niemanden. Arthur, tretet nicht aus den Reihen, ſage ich.“ „Ich muß,“ erwiederte Arthur, der ſchon ſeinen Platz verlaſſen hatte,„ich muß meinen Vater in der . 51 Gefangenſchaft ſuchen, in der Verwirrung koͤnnte man ihn ermorden, waͤhrend ich hier muͤßig ſtehe.“ »Bei der heiligen Jungfrau zu Einſiedeln, Ihr habt Recht,“ ſagte Arnold,„wie habe ich doch mei⸗ nen geehrten Gaſt ſo vergeſſen koͤnnen! Ich will Euch ſuchen helfen, zumal, da das Getuͤmmel ſich zu Ende neigt. Herr Bannertraͤger und Ihr Zimmermann und Bonſtetten haltet Ordnung bei den Unſrigen, ſie ſollen keinen Theil an dem Gefecht nehmen, die Basler moͤgen, was ſie thun, verantworten, ich komme bald wieder.« Mit dieſen Worten folgte er Arthur, der ohne große Muͤhe die Treppe wieder fand, die zu den Ge⸗ fängniſſen fuͤhrte. Sie begegneten auf derſelben ei⸗ nem Mann von ſchlimmem Ausſehen in buͤffelleder⸗ nem Wammſe; ein Bund roſtiger Schluͤſſel hieng an ſeinem Guͤrtel. „Führe uns in das Gefängniß des engliſchen Kauf⸗ manns,“ rief ihm Arthur zu,„oder Du ſtirbſt von mei⸗ ner Hand!“ „Welchen von Beiden wollt Ihr ſehen, den Alten oder den Jungen?“ fragte Jener. „Den alten,“ antwortete Arthur,„ſein Sohn iſt ent⸗ flohen.“ „So tretet hier ein, Ihr Herren,« fuhr Jener fort, und ſchob einen ſchweren Riegel zurück, der eine dicke Thüre verſchloß. In einem Winkel des Kerkers ſaß der, den ſie ſuchten, auf dem Boden; ſie hoben ihn ſogleich auf, und ſchloſſen ihn in ihre Arme. 4* 52 „Mein theuerer Vater! mein geehrter Gaſt! wie iſt Euch 2 riefen ſie Beide zuſammen. 4„Mir iſt wohl, mein Sohn und mein geehrter Freund,“ antwortete Philipſon,„wenn Ihr, wie mich Eure Waf⸗ fen und Eure Mienen ſchließen laſſen, frei und als Sie⸗ ger hieher kommt, aber wehe mir, wenn Ihr meine Gefangenſchaft theilen ſollt.“ „»Fürchtet nichts,“ ſagte der Landammann,„wir wa⸗ ren in Gefahr, wurden aber auf merkwürdige Weiſe daraus befreit. Stützt Euch auf meinen Arm; in dem kalten feuchten Kerker ſind Euch die Glieder erſtarrt, laßt mich Euch daher an einen Ort führen, wo Euch beſſer werden wird.“ Er wurde durch ein plötzliches Geräuſch unterbrochen, das, wie Klirren von Eiſen klang, und von dem in der Stadt herrſchenden Getümmrl, das noch, wie fer⸗ nes Wogenrauſchen an ihr Ohr drang, ganz verſchieden war. „Beim heiligen Petrus!“ rief Arthur, der die Urſache V des Geräuſches ſogleich erkannt hatte,„der Schließer hat den Riegel vorgeſchoben, und die Thüre kann nur von außen geöffnet werden. Heda, Schurke! öffne die Thüre oder Du ſollſt mit Deinem Leben dafür büſſen.“ „»Wahrſcheinlich hört er Deine Drohungen nicht,⸗ ſprach ſein Vater,“ und dein Rufen dient zu nichts. 8 Aber wißt Ihr gewiß, daß die Schweizer im Beſitze der Stadt ſind 2⸗ „Wir ſind jetzt friedliche Bewohner derſelben,“ er⸗ 2 53 wiederte der Landammann, ohne daß jedoch ein Streich von uns geführt worden wäre.“ „In dieſem Falle,“ fuhr Philipſon fort,„werden Euch Eure Leute bald wieder finden. Mein Sohn und ich ſind nur armſelige Nullen, und unſere Abweſenheit könnte nicht auffallen, Ihr aber ſeyd eine zu wichtige Zahl, als daß man die Eurige nicht bemerken ſollte.“ »Ich hoffe, das werde der Fall ſeyn,“ verſetzte der Landammann,„mich dünkt aber, ich mache eine ziem⸗ lich alberne Figur, da ich hier, wie eine Katze, die im Speiſeſchrank den Rahm hat benaſchen wollen, einge⸗ ſchloſſen bin. Wißt Ihr kein Mittel, Arthur, den ei⸗ ſernen Riegel zu ſprengen?“ Arthur hatte bereits Thüre und Schloß ſorgfältig unterſucht, und erwiederte,„ſie müſſen ſich mit Geduld waffnen und warten bis ſie befreit würden.“ Arnold ſchien etwas empfindlich über die Nachläßig⸗ keit ſeiner Söhne und ihrer Gefährten, und ſagte: „Unſere jungen Leute benützen ohne Zweifel meine Ab⸗ weſenheit, um Ausſchweifungen zu begehen und zu plündern. Der liſtige Rudolph kümmert ſich wohl we⸗ nig darum, ob ich wieder zum Vorſchein komme, oder nicht; der Bannerträger und Bonſtetten, der ſich mei⸗ nen Freund nennt, haben mich alle verlaſſen, und wiſ⸗ ſen doch, daß das Leben des Gerinſten unter ihnen mir mehr gilt, als mein eigenes, Beim Himmel, mir ſcheint eine Liſt darunter zu ſtecken; wahrſcheinlich ha⸗ ben die Hitzköpfe ſich eines Mannes entledigen wollen, deſſen Grundſätze ihnen zu gerade und zu friedlich wa⸗ 87 54 ren, weil ſie nur von Krieg und Eroberungen träumen.“ Unterdeſſen hörte das Getümmel, das man bisher ge⸗ hört hatte, nach und nach auf, und es trat tiefe Stille ein. 4 „Was nun machen?« begann Arthur wieder,„ich hoffe, ſie werden die Ruhe benützen, um ihre Leute zu⸗ ſammen zu berufen, und ſehen, wer fehlt.« Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als ſie den Riegel wegſchieben hörten, worauf Jemand die Thüre halb öffnete, und dann ſo ſchnell die Treppe hinaufeilte daß die im Gefängniße ihren Befreier nicht ſehen konnten. „Ohne Zweifel iſt es der Kerkermeiſter,“ ſprach der Landammann,„der unſere Rache gefürchtet hat, wenn er uns länger in Haft ließe.“ Während dieſer Worte ſtiegen ſie die ſchmale Treppe hinan, und traten wieder auf die Straße, wo ein ſon⸗ derbares Schauſpiel ihrer wartete. Die Schweizer Ab⸗ geordneten mit ihrem Geleit ſtanden noch auf ihrem Platze, wo Hagenbach ſie hatte angreifen wollen; ei⸗ nige Soldaten, die die Waffen weggeworfen, hatten ſich aus Furcht vor den Bürgern mit geſenkten Häup⸗ tern hinter die kleine Truppe zurückgezogen; allein dieß war noch nicht Alles. Die Wagen, die man zuſammengefahren hatte, um die Straßen zu ſperren, dienten einem Gerüſt zur Un⸗ terlage, das man in der Eile aus Bretern gebaut hatte. Hier ſaß auf einem Stuhle ein hochgewachſener Mann, deſſen Kopf, Hals und Schultern entblößt, der übrige 5⁵ Leib aber mit einer vollſtändigen Rüſtung angethan war. Sein Geſicht war todtenblaß, auf den erſten Blick aber erkannte Arthur in ihm den grauſamen Statthalter, der auf den Stuhl gebunden zu ſeyn ſchien. Zu ſeiner Rechten ſtand der Prieſter von Sanct Paul, das Brevier in der Hand und Gebete ſprechend. Zu ſeiner Linken, doch mehr hinter ihm, ſah man einen ſtarken Mann in rothem Kleide, der beide Hände auf den Griff ſeines breiten Schwerts geſtützt hatte. In dem Au⸗ genblick, wo Arnold auf dem Platze ankam, und ehe er Zeit hatte, zu fragen, was dieſes bedeute, hob der Scharfrichter ſein Schwert, und ſchlug mit einem Hiebe Archibald der Kopf ab. Allgemeiner Beifall und Hän⸗ deklatſchen begleitete den geſchickten Hieb. Währeud aus den Adern des Rumpfes ſtromweiſe Blut floß, das die Sägeſpäne auf dem Schaffot einſogen, trat der Scharfrichter auf die vier Ecken des Gerüſtes, grüßte das Volk, das ihm aufs Neue zujauchzte, und ſprach: „Ritter, Edle, freie Herren und Bürger, ich bitte Euch mir zu bezeugen, daß das Urtheil nach dem Spruch vollzogen und der Kopf durch einen Hieb vom Rumpfe getrennt worden iſt.“ Neuer Beifall von allen Seiten;„es lebe unſer Scharfrichter Steinernherz, möge er noch manchen Ti⸗ rannen richten!“ „Edle Freunde,“ fuhr der Scharfrichter mit einer tiefen Verbeugung gegen die Bürger fort,„ich habe noch ein Wort zu ſagen, und werde es mit Stolz aus⸗ ſprechen:„Gott ſey der armen Seele, des tapfern, ed⸗ . 56 len Ritters, Archibald von Hagenbach, gnädig! er war der Patron meiner Jugend, mein Führer auf der Bahn der Ehre. Acht Stufen zur Freiheit und Ehre bin ich hinangeſtiegen, indem ich auf ein Geheiß acht Ed⸗ len und Rittern die Köpfe abgeſchlagen, und dadurch, daß ich nun auch den ſeinigen vom Rumpfe getrennt, bin ich auf die neunte getreten, die mich zum Ziele führt: zum Danke dafür werde ich für das Gold in dem Beutel hier, den er mir erſt vor einer Stunde geſchenkt hat, Meſſen für die Ruhe ſeiner Seele leſen laſſen. La Ferette hat einen Edlen verloren und da⸗ für einen andern erhalten. Unſere liebe Frau möge dem verſtorbenen Ritter Achibald von Hagenbach gnä⸗ dig ſeyn und die Erhebung des Franz Steinenherz von Blutacker, der jetzt von Rechtswegen ein freier Edler iſt, ſegnen und beſchützen.“ Bei dieſen Worten nahm er die blutbefleckt Feder von der Mütze des Enthaupteten und ſteckte ſie unter abermaligem Jauchzen der Menge auf die ſeinige. Endlich fand Arnold, den das Erſtaunen ſtumm ge⸗ macht hatte, die Sprache wieder und er rief unwillig: „Wer hat dieſe Hinrichtung befohlen?« Ein junger Mann in blauem, reich verzierten Kleide trat vor, und antwortete:„Die freien Bürger von Baſel ſind dem Beiſpiele gefolgt, das ihnen die Väter der Schweizerfreiheit gegeben, und dem grauſamen Ha⸗ geubach wurde mit demſelben Rechte der Tod. zuerkannt, wie dem Tyrannen Geßler. Wir haben geduldet, bis der Becher voll war, aber länger vermochten wir's nicht. 57 „Ich ſage nicht, daß er den Tod nicht verdient habe,a verſetzte der Landammann,„allein aus Rückſicht auf uns und Euch ſelbſt, hättet Ihr ihn am Leben laſſen können, bis man den Willen des Herzogs erfahren hätte.* „Was ſprecht Ihr da vom Herzog?“ rief derſelbe junge Mann(Lorenz Neipperg, den Arthur ſchon bei der geheimen Verſammlung der Basler geſehen hatte), wir ſind nicht ſeine Unterthanen. Der Kaiſer, unſer einziger, rechtmäßiger Oberherr, hatte nicht das Recht, ihm La Ferette, das Baſel zugehört, zum Schaden un⸗ ſerer freien Stadt, zum Pfande zu geben. Die Ein⸗ künfte hätte er ihm verſchreiben können, und durch die Erpreſſungen des Tyrannen, der ſo eben ſeine gerechte Strafe erlitten, iſt die Schuld doppelt bezahlt worden. Setzet Eure Reiſe nur fort, Herr Landammann; ge⸗ fällt Euch unſer Verfahren nicht, ſo klaget deßhalb bei dem Herzog von Burgund, thut Ihr dieß aber, ſo ſprecht Ihr zugleich dem das Urtheil, was Wilhelm Tell, Stauffacher, Fürſt und Melchthal, die Väter der Schweizerfreiheit, gethan.“ „Ihr habt Recht,« erwiederte Arnold,„aber der Zeitpunkt iſt übel gewählt. Geduld hätte allen Euren Leiden abgeholfen, die Niemand mehr ſchmerzten als mich; aber Ihr, junger Mann, habt die Beſcheidenheit vergeſſen, die Eurem Alter ziemt, und den Gehorſam, den Ihr Eurer Obrigkeit ſchuldig ſeyd. Wilhelm Tell und die Uebrigen, die Ihr genannt, waren Männer,. denen ihr Alter und Erfahrung Einſicht verliehen hatte, 58 ſie waren Gatten und Väter, und hatten das Recht, im Rath zu ſitzen, und die erſten zu ſeyn, wenn es zu handeln galt. Doch genug, ich überlaſſe es dem Nathe Eurer Stadt, was Ihr gethan, zu billigen oder zu tadeln. Aber warum habt Ihr, Bannerträger von Bern, und Ihr, Rudolph und Bonſtetten, den Unglück⸗ lichen nicht in Euren Schutz genommen? Ihr hättet dem Herzog dadurch bewieſen, daß es Verläumdung ſey, wenn man ſagte, wir ſuchen Gelegenheit zum Bruch mit ihm, und reizen ſeine Unterthanen zur Empörung.“ „So wahr ich lebe, Nachbar und Gevatter,“ ant⸗ wortete Bonſtetten,„ich wollte Work für Wort thun, was Ihr da geſagt habt, und dem Statthalter zu Hülfe eilen, da erinnerte mich Rudolph an Euren Befehl, kein Schweizer ſolle aus den Reihen treten, und die Basler mögen für das, was ſie thun, allein verant⸗ wortlich ſeyn. Wahrhaftig, dacht' ich da bei mir, mein Gevatter Arnold weiß beſſer, als wir, was zu thun iſt.“ „O! Rudolph, Rudolph,« klagte der Landammann, dieſen unzufrieden anblickend,„ſchämt Ihr Euch nicht, einen alten Mann ſo hintergangen zu haben?“ „Hintergangen! das iſt eine harte Beſchuldigung, Herr Landammann,“ ſprach Rudolph mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen, ehrerbietigen Tone,„doch von Euch kann ich Alles ertragen, nur muß ich ſagen, daß es mir als Mitglied der Abordnung Pflicht iſt, meine Meinung vorzutragen, beſonders in Eurer Abweſenheit.“ „Ihr macht immer ſchöne Worte, Rudolph,“ erwie⸗ 59 derte Arnold,„und ich hoffe, Eure Abſichten ſeyen eben ſo lauter; indeſſen gibt es Augenblicke, wo ich nicht umhin kann, daran zu zweifeln. Doch wollen wir nicht mit einander ſtreiten, und ich bitte Euch daher, meine Freunde, mir Eure Meinung zu ſagen. Wir wollen uns an den ſchicklichſten Ort dazu, in die Kirche be⸗ geben, dort zuerſt dem Himmel danken, daß er uns vor Mord behütet hat, und dann Rath halten, was weiter zu thun iſt.“ Rudolph, als der Jüngere, ließ die Uebrigen voran⸗ gehen und benützte dieſe Gelegenheit, Rüdigern zu win⸗ ken, und ihm ins Ohr zu ſagen: er ſolle die beiden Engländer entfernen.“ „Wende wo möglich gütliche Mittel an,“ ſprach er, „jedenfalls aber müſſen ſie auf der Stelle fort. Dein Vater iſt von den zwei Krämern wie behext, und hört nur auf ihren Rath. Du weißt aber, mein lieber Rüdiger, daß es ſolchen Leuten nicht zuſteht, freien Schweizern Geſetze vorzuſchreiben; ſorge daher, daß ſie ihre Siebenſachen, die man ihnen abgenommen hat, ſo⸗ bald als möglich wieder erhalten, und mache um's Himmelswillen, daß ſie fort kommen.“ Rüdiger winkte bejahend, und bot Philipſon ſeine Dienſte an, um ſeine Abreiſe zu erleichtern. Der vor⸗ ſichtige Kaufmann wünſchte ſelbſt, die Stadt zu ver⸗ laſſen, und wollte nur vorher das Büchschen von Pan⸗ toffelholz ſuchen, das ihm der Statthalter abgenommen hatte. Rüdiger ließ ſogleich eine genaue Nachforſchung anſtellen, die um ſo günſtigeren Erfolg hoffen ließ, 60 weil die Schweizer in ihrer Einfalt das Geſchmeide, wenn es einer etwa gefunden hatte, nicht in ſeinem wahren Werthe zu ſchätzen wußten, und es wurde deß⸗ wegen nicht nur der Leichnam des Statthalters, ſon⸗ dern auch diejenigen durchſucht, die bei der Hinrichtung in der Nähe geweſen waren, und die man als ſeine Vertrauten kannte. Arthur hätte ſich gerne einige Minuten abgebrochen, um Annen Lebewohl zu ſagen, allein ihr Schleier zeigte ſich nicht mehr in den Reihen der Schweizer, und er durfte daher mit Wahrſcheinlich keit annehmen, daß ſte ſich während der Verwirrung in eines der benachbarten Häuſer geflüchtet habe, denn die Krieger, die ſie um⸗ gaben, hatten ſich zerſtreut, theils um die Waaren zu ſuchen, die den Engländern abgenommen worden waren, theils um an den Vergnügungen der jungen Basler und der Bürger der Stadt Antheil zu nehmen. All⸗ gemein hieß es unter dieſen, La Ferette, das ſo lange für den Zügel der Eidgenoſſen, und eine Schranke ihres Handels gegolten hatte, ſollte eine Beſatzung erhalten, um ſie gegen die Bedrückungen des Herzogs von Bur⸗ gund und ſeiner Beamten zu ſchützen. Unmäßige Freude berrſchte in der ganzen Stadt, die Bürger ſtritten ſich darum, die Schweizer zu bewirthen, und dieſe benützten gerne die Gelegenheit. Bei dieſer Verwirrung konnte Arthur ſeinen Vater unmöglich verlaſſen, er blieb daher traurig und nieder⸗ geſchlagen bei ihm, und half ihm ihre Bollen wieder in Ordnung bringen und auf das Maulthier packen, 61 denn die Schweizer hatten ſie wieder gefunden, und dem rechtmäßigen Eigenthümer zuzuſtellen ſich beeilt, und nur mit Mühe konnte Philipſon, dem Hagenbach ſeine Börſe abnehmen zu laſſen vergeſſen hatte, ihnen Einiges zur Belohnung aufdringen. Es ſtand nicht lange an, ſo trat Rudolph auf Phi⸗ lipſon zu, und lud ihn ſehr höflich ein, ſich mit ihm zu den Abgeordneten zu verfügen;„die,“ ſagte er, „ſeinen Rath zu hören wünſchen, was bei der uner⸗ warteten Lage, in der ſie ſich befinden, zu thun ſey.“ »„Hab Acht auf unſere Angelegenheiten, Arthur, und gehe nicht von der Stelle,“ ſagte der Alte zu ſeinem Sohne,„vornämlich ſorge dafür, daß wir das verſiegelte Paket wieder erhalten: es iſt von der höchſten Wich⸗ tigkeit, daß es wieder zur Stelle geſchafft werde.“ Mit dieſen Worten folgte er Rudolph, der ihm in vertraulichem Tone zuflüſterte:„ich denke, ein kluger Mann, wie Ihr ſeyd, werde uns nicht rathen, uns jetzt zum Herzog von Burgund zu begeben, wo er über den Verluſt ſeiner Feſtung und die Hinrichtung ſeines Statt⸗ halters in Zorn gerathen muß. Wenigſtens werdet Jur wohl ſo klug ſeyn, uns nicht länger Geſellſchaft zu lei⸗ ſten, weil Ihr Euch nur dadurch der Gefahr ausſetzet, unſern Schiffbruch zu theilen.“ „Ich werde rathen, ſo gut ich's vermag, wenn ich von den nähern Umſtänden unterrichtet bin,“ erwie⸗ derte Philipſon, und Rudolph führte ihn mit einem halblauten Fluche in die Kirche. Die vier Abgeordneten hatten ſich in einer Lleinen 6² Kapelle der Kirche, die dem heiligen Märtyrer Magnus geweiht war, verſammelt; auch der Prieſter von Sanct Paul war zugegen, und ſchien lebhaften Antheil an der Berathung zu nehmen. Bei Philipſons Erſcheinen trat allgemeine Stille ein, worauf ihn der Landammann alſo anredete: „Signor Philipſon, wir halten Euch für einen Mann, der viel gereist iſt, und wie die Sitten fremder Länder, ſo auch den Charakter Karls von Burgund kennt. Es iſt Euch nicht unbekannt, daß wir ſehnlich wünſchen, mit dem Herzog Frieden zu halten, auch wißt Ihr, was heute vorgegangen iſt, und was man ihm wahrſcheinlich im ungünſtigſten Lichte vorſtellen wird. Rathet ihr uns nun, bei dieſen Umſtänden uns vor den Herzog zu be⸗ geben, oder meint Ihr, wir werden beſſer daran thun, in die Schweiz zurückzukehren, und uns zum Krieg gegen Burgund zu rüſten?“ 3 „Was haltet Ihr ſelbſt von der Sache 2 fragte der vorſichtige Engländer. „Wir ſind getheilter Meinung,« antwortete der Berner Abgeordnete.„Dreißig Jahre ſchon trage ich das Banner von Bern gegen ſeine Feinde, und möchte es nun lieber noch einmal gegen die Ritter vom Hen⸗ negau und von Lothringengtragen, als die unwürdige Behandlung dulden, deren wir uns am Hofe desg Her⸗ zogs zu verſehen haben.“ „Es hieße unſern Kopf in den Rachen des Loͤwen ſtecken, wenn wir vor ihm Lerſchienen,“ ſprach Zim⸗ mermann, der Solothurner Abgeordnete,„ich rathe zur Umkehr.“ „Wenn nur mein Leben auf dem Spiele ſtünde,“ ſagte Rudolph,„würde ich nicht für die Heimkehr ſtim⸗ men, aber der Landammann iſt der Vater der verei⸗ nigten Cantone, und es wäre daher Hochverrath, wenn ich ſein Leben gefährden ließe; mein Rath iſt, daß wir in die Schweiz zurückkehren, und der Bund ſich zur Gegenwehr rüſtet.“ „Ich bin ganz anderer Meinung,“ hob Arnold wie⸗ der an,„und werde es Keinem verzeihen, der aus wah⸗ rer oder vorgeblicher Freundſchaft, mein geringes Leben gegen den Vortheil der Cantone in die Wage legt. Ziehen wir weiter, ſo wagen wir unſern Kopf, nun ja, kehren wir aber um, ſo bringen wir unſer Land in Krieg mit einer der erſten Mächte Europa's. Ihr ſeyd tapfer im Kampfe, zeiget nun auch jetzt unerſchro⸗ nen Muth und laßt uns nicht anſtehen perſönlicher Ge⸗ fahr entgegen zu gehen, wenn wir dadurch dem Va⸗ terlande den Frieden erhalten können.“ „Ich denke und ſtimme, wie mein Nachbar und Ge⸗ vater Arnold,“ ſprach der Abgeordnete von Schwyz. „Ihr ſeht, wir ſind getheilter Meinung,“ fuhr der Landammann gegen Philipſon fort,„was iſt die Eurige.* „Zuerſt muß ich Euch fragen,“ verſetzte Philipſon, „welchen Antheil Ihr an der Eroberung der Stadt und der Hinrichtung des Statthalters genommen habt.“ „Ich betheure bei Gott,“ ſagte der Landammann, „daß ich bis auf den Augenblick, wo die Stadt ſo un⸗ 64 erwartet eingenommen wurde, nichts von dem Plane zum Angriff wußte.“ „Und ich,“ ſprach der Geiſtliche,„ſchwöre Euch Fremdling, bei meinem heiligen Orden, daß die Hin⸗ richtung des Statthalters Kraft eines Urtheils voll⸗ zogen wurde, welches die geeigneten Richter fällten die der Herzog von Burgund ſelbſt zu achten gehalten ſt. Die Schweizer Abgeordneten konnten die Vollziehung dieſes Spruchs weder beſchleunigen noch verzögern.“u“ „Wenn dem ſo iſt,“ fuhr Philipſon fort,„und Ihr beweiſen könnt, daß Ihr an den Vorfällen, die des Herzogs Zorn entflammen müſſen, nicht Theil genom⸗ men habt, ſo rathe ich Euch, Eure Reiſe fortzuſetzen: hr dürft überzeugt ſeyn, daß der Herzog Euch un⸗ partheiiſch anhören wird, und vielleicht wirkt Ihr eine günſtige Antwort aus. Ich kenne Karl, ſein Zorn wird, wenn er erfährt, was hier geſchehen iſt, keine Grenzen kennen, und ich zweifle nicht daran, daß er Euch als Urheber betrachten wird, allein, wenn Ihr bei genauerer Unterſuchung der Umſtände Euch zu recht⸗ fertigen vermögt, ſo wird das Gefühl ſeiner früheren Ungerechtigkeit die Schale auf Eure Seite neigen, und es iſt dann leicht möglich, daß er von übermäßiger Strenge zu außerordentlicher Nachſicht übergeht. Eure Sache aber muß mit Feſtigkeit vor dem Herzog geführt werden und von einem Manne, der beſſer als Ihr die Hofſprache kennt. Ich hätte Euch dieſen Freundes⸗ dienſt leiſten können, wenn mir nicht ein koſtbares 65⁵ Paket an den Herzog, das mir bei ihm zur Beglaubi⸗ gung dienen ſollte, geraubt worden wäre.“ „Ein ärmlicher Vorwand,“ flüſterte Rudolph dem Bannerträger ins Ohr,„um von uns für die Waaren, die ihm geſtohlen worden ſind, Entſchädigung zu er⸗ halten.“ Der Landammann ſelbſt mochte einen Augenblick die⸗ ſen Gedanken haben, denn er entgegnete:„Wir achten uns für gehalten, Euch, wenn unſere Mittel ausreichen, für den Verluſt zu entſchädigen, den Ihr, weil Ihr auf unſern Schutz zähltet, erlitten habt.“ »Und wir werden das,“ fiel Bonſtetten ein,„ſollte es uns auch zwanzig Zechinen koſten.“ 15 „Ich habe durchaus keine Anſprache an Entſchädi⸗ gung,“ fuhr Philipſon fort,„da ich mich von Euch trennte, ehe ich zu Schaden gekommen war, und der Verluſt ſchmerzt mich weniger wegen der Sache ſelbſt, ob ſie gleich von viel höherem Werthe war, als Ihr Euch vorſtellen könnt, als, weil ſie ein Erkennungs⸗ zeichen zwiſchen einer hohen Perſon und dem Herzog von Burgund ſeyn ſollte. Nun, da ſie mir geraubt worden, fürchte ich, daß mir Karl nicht das geringſte Vertrauen ſchenken wird.“ „Das wichtige Paket,“ ſagte der Landammann,„ſoll ſorgfältig geſucht und Euch wieder zugeſtellt werden. Keiner von uns Schweizern kennt den Werth ſeines Inhalts, und wenn es einem von unſern Leuten in die Hände gerathen iſt, ſo bringt er es Euch als Kleinig⸗ keit, die für ihn keine Bedeutung hat.“ Walter Scott's Werke. 1598 Bochen..5 66 Während er noch ſprach, wurde an die Thüre gepocht. Rudolph, der ihr zunächſt ſtand, ſprach mit denen draußen, und ſagte mit einem Lächeln, das er jedoch aus Furcht, Arnold zu beleidigen, ſogleich unterdrückte: »Es iſt Sigmund, ſoll ich ihn zu unſerer Berathung zulaſſen?“ »Was ſoll der Junge dabei?« erwiederte der Land⸗ ammann mit wehmüthigem Lächeln. „Erlaubt mir dennoch, ihn einzulaſſen,“ bat Phi⸗ lipſon,„er bringt uns vielleicht Neues. Ich habe be⸗ merkt, Herr Landammann, daß er zwar etwas langſam begreift, und ſich nicht recht auszudrücken weiß, aber doch manchmal glülkliche Gedanken hat, und feſt in ſeinen Grundſätzen iſt. Er öffnete daher Sigmund die Thüre, der, während ſein Vater fürchtete, ſeine Geiſtesarmuth möchte ſich hier öffentlich zeigen, mit zuverſichtlicher Miene ein⸗ trat, und ſtatt aller weiterer Erklärung Philipſon den Brillantenſchmuck überreichte. „Das hübſche Ding gehört Euch,“ ſprach er,„wenig⸗ ſtens hat mir Ener Sohn geſagt, es werde Euch große Freude machen, wenn Ihr es wieder erhaltet.“ „Ich danke Euch von ganzem Herzen,“ erwiederte Philipſon.„Dieſer Schmuck gehört allerdings mir, das heißt, das Paket, das ihn enthielt, wurde mir anvertraut, und er hat in dieſem Augenblicke für mich mehr Werth, als er eigentlich beſitzt, weil er mir bei der wichtigen Sendung, mit der ich beauftragt bin, zur Beglaubigung dient. Aber, ſagt mir, Freund,“ . 67 fuhr er gegen Sigmund fort,„wie war't Ihr ſo glück⸗ lich, das Verlorene, das wir bisher vergebens ſuchten, zu finden?“ „Es iſt eine kurze Geſchichte,« antwortete Sigmund. „Ich hatte mich ſo nahe als möglich ans Schaffot ge⸗ ſtellt, weil ich noch keine Hinrichtung geſehen hatte, da bemerkte ich, daß der Scharfrichter, der, nebenher geſagt, ſeine Sache verſteht, in dem Augenblick, wo er den Leichnam mit einem Tuch bedeckte, dieſem etwas aus der Taſche nahm, und in die ſeinige ſchob. Wie ich daher hörte, daß man eine Sache von Werth ver⸗ miſſe, ſuchte ich den Kerl auf, und erfuhr, er ſitze in einer Schenke, wo mehrere ſchlimm ausſehende Geſellen luſtig auf die Geſundheit des neugebackenen Edelherrn tranken. Ich trat mit der Partiſanne in der Hand mitten unter ſie, und forderte den Herrn Scharfrichter auf, herzugeben, was er genommen habe, wenn er nicht die Schwere meiner Waffe fühlen wolle. Er zögerte und wollte Streit anfangen, ich aber beſtand darauf, daß er es fürs Beſte hielt, mir das Paket zuzuſtellen, und ich hoffe, Signor Philipſon, Ihr werdet Alles darin finden, was man Euch genommen hat. Darauf verließ ich die Zecher, und.... und.... das iſt die ganze Geſchichte.“ „Ihr ſeyd ein wackerer Junge,“ ſprach Philipſon, „wem das Herz am rechten Fleck ſitzt, dem kann der Kopf nur ſelten einen Querſprung machen. Indeſſen ſoll die Kirche nicht verlieren, was ihr gebührt, und ehe ich die Stadt verlaſſe, will ich die. Meſſen bezah⸗ 3 68 len, die der Menſch für die Seele Archibalds, der ſo ſchnell von der Welt Abſchied nehmen mußte, leſen laſſen wollte.« Sigmund wollte antworten, allein Philipſon fürch⸗ tete, er möchte in ſeiner Einfalt etwas Ungeſchicktes ſagen, das die Freude des Landammanns trübte, und ſetzte ſchnell hinzu:„Nehmt jetzt dieſe Büchſe wieder, und bringt ſie meinem Sohne.“ Nach ſeiner Entfernung trat eine Pauſe ein, bis endlich der Landammann das Schweigen brach. „Signor Philipſon,“ ſagte er,„wir halten Euch durch das vorhin gemachte Anerbieten nicht gebunden, weil man oft meint, in einer gewiſſen Lage etwas thun zu können, wozu man ſich nachher, wenn man wirklich in dieſelbe gekommen iſt, unfähig findet; da Ihr nun aber ſo glücklich, und auf ſo unerwartete Weiſe wieder in den Beſitz des Vermißten gekommen ſeyd, das Euch, wie Ihr ſagt, bei dem Herzog zur Beglaubigung dienen ſoll, ſo frage ich Euch, ob Ihr unſere Sache bei ihm vermitteln zu können glaubt?“ Die Uebrigen neigten ſich alle nach vornen, um Phi⸗ lipſons Antwort beſſer zu hören, dieſer aber erwiederte: „Herr Landammann, ich habe in ſchwierigen Fällen noch nie ein Verſprechen gegeben, das ich nicht, wenn die Schwierigkeit gehoben war, bereitwillig gehalten hätte. Ihr ſagt, Ihr habt an dem Angriff auf La Ferette keinen Antheil genommen, und ich glaube Euch; auch habe die Hinrichtung des Hagenbach, ſagt Ihr, kraft eines Urtheilsſpruches ſtatt gefunden, auf den 69 Ihr keinen Einfluß gehabt, noch haben konntet. Setzt ein Protokoll über den ganzen Vorfall ſammt den Be⸗ weiſen auf; dieſes übergebt mir verſiegelt, und ſind die Thatſachen begründet, ſo gebe ich Euch mein Wort, als.... als ehrlicher Mann und freigeborner Eng⸗ länder, daß Euch der Herzog von Burgund nicht ge⸗ fangen halten und Euch keine perſönliche Unbilde an⸗ thun wird. Auch hoffe ich, Karl durch ſtarke dringende Gründe zu beweiſen, daß es zweckmäßig und edelmüthig von ihm gehandelt wäre, wenn er mit den Eidgenoſſen einen Freundſchafts⸗Vertrag abſchlöße. Es iſt möglich, daß mir das Letztere nicht gelingt, was mir ſehr leid thun ſollte, dagegen glaube ich Euch verbürgen zu kön⸗ nen, daß Ihr ohne Gefahr an den Hof des Herzogs gelangen und wieder in Frieden nach Hauſe ziehen könnt. Irre ich mich, ſo ſoll mein und meines einzigen geliebten Sohnes Leben für das zu große Vertrauen büßen, das ich in das Ehrgefühl und die Gerechtigkeit des Herzogs geſetzt.“ Die übrigen Abgeordneten ſahen ſchweigend den Land⸗ ammann an, Rudolph aber nahm das Wort und ſagte: „Sollen wir alſo unſer Leben und das noch theurere des geehrten Landammanns, auf das bloße Wort eines fremden Kaufmanns hin, aufs Spiel ſetzen? Wir alle kennen den Herzog und wiſſen, wie ſehr er unſer Va⸗ terland immer gehaßt hat. Meines Bedünkens ſollte der Engländer uns deutlicher darthun, auf was ſich ſeine Hoffnung, am Hofe des Burgunders etwas aus⸗ 70 richten zu können, ſtützt, wenn er will„ daß wir uns ihm ganz anvertrauen.“ „Das darf ich nicht, Rudolph,« entgegnete der Eng⸗ länder,„ich bin weit entfernt, in Eure Geheimniſſe eindringen zu wollen, die meinigen aber ſind heilig. Hätte ich nur meine eigene Sicherheit im Auge, ſo wäre es am klügſten, mich ſogleich von Euch zu trennen. Allein der Zweck Eurer Sendung iſt der Friede, Eure unmittelbare Rückkehr in die Schweiz müßte nach dem, was geſchehen iſt, nothwendig den Krieg herbeiführen, ich glaube aber, Euch beim Herzog eine Audienz aus⸗ wirken zu können, wo Ihr frei und ohne Gefahr mit ihm ſprechen möget, und wo es den Frieden der Chri⸗ ſtenheit gilt, bin ich bereit, allen Gefahren zu trotzen, die mich perſönlich betreffen.« „Genug, geehrter Gaſt,“« unterbrach ihn der Land⸗ ammann,„wir zweifeln nicht an Eurer Redlichkeit, die Euch deutlich auf die Stirne geſchrieben iſt, und wollen lieber, ſelbſt mit Lebensgefahr, an den Hof des despoti⸗ ſchen Herzogs ziehen, als der Sendung, womit das Va⸗ terland uns beauftragt hat, uns nicht entledigen. Nicht blos auf dem Schlacht feld ſchlägt der brave Mann ſein Leben in die Schanze, es gibt auch andere Gefahren, denen zu trotzen gleich ehrenvoll iſt, und wenn das Beſte des Vaterlands es fordert, daß wir ihnen begegnen, ſo wird wohl keiner von uns zaudern.“ Die übrigen Geſandten gaben durch Kopfnicken ihre Zuſtimmung, und es wurden nun Anſtalten zur Wei⸗ terreiſe getroffen. 71¹ XVI. Es zittert noch der letzte Strahl Der Abendſonne an den Klippen, Und zuͤchtig ſcheint von Rheines Stirn Die Abſchiedskuͤſſe ſie zu nippen. Southey. Die Abgeordneten folgten ganz dem Rathe Phi⸗ lipſons, der ihnen zuredete, ſo ſchnell als moͤglich zu reiſen, damit ſie die Erſten waͤren, die dem Herzog die Nachricht von den Vorfaͤllen in La Ferette hin⸗ terbrächten, und ſo allen unguͤnſtigen Geruͤchten, die man uͤber ſie verbreiten koͤnnte, zuvorkaͤmen. Auch rieth er ihnen, ihr Geleit zu verabſchieden, das Arg⸗ wohn und Mißtrauen erregen koͤnnte, und dennoch zu ſchwach waͤre, um ſie zu vertheidigen; dagegen ſollten ſie ſich in ſtarken Tagmärſchen und zu Pferde nach Dijon oder überhaupt an den Ort begeben, wo ſich der Herzog gerade aufhalte. Dieſer letztere Vor⸗ ſchlag aber fand bei Bonſtetten, ungeachtet der Land⸗ ammann ihn gut geheißen hatte, und jeuer ſonſt im⸗ mer das Echo von dieſem war, unüberwindlichen Wi⸗ derſtand, weil dieſer ſich unmoͤglich entſchließen konnte, ſich einem Pferde anzuvertrauen. Er ließ ſich durch⸗ aus nicht von ſeiner Abſicht abbringen, und man kam daher uͤberein, daß die Englaͤnder ſo ſchnell als moͤglich voran reiſen und Philipſon den Herzog von 7² dem Geſchehenen unterrichten ſollte; der Landam⸗ mann verſicherte ihn uͤberdieß, daß ein zuverlaͤſſiger Mann, deſſen Zeugniß nicht in Zweifel gezogen wer⸗ den koͤnnte, an den Herzog geſchickt werden ſollte, um dieſem die naͤheren Umſtaͤnde von des Statthal⸗ ters Tode mitzutheilen. „Ihr duͤrft auf meine Vermittlung rechnen,“ ſprach Philipſon,„ich werde thun, was ich vermag, und Niemand kann von Archibalds Grauſamkeit und un⸗ erſaͤttlicher Habſucht beſſer Zeugniß geben als ich, da ich ſo nahe daran war, ein Opfer derſelben zu wer⸗ den; allein von ſeiner Verurtheilung weiß ich nichts zu ſagen, und da der Herzog ohne Zweifel fragen wird, warum die Hinrichtung ſeines Statthalters vollzogen worden ſey, ohne daß man die Sache vor ſeinen Richterſtuhl gebracht habe, ſo iſt es von noͤ⸗ then, daß Ihr mir die Thatſachen, die Ihr deßhalb anzufuͤhren habt, mittheilt, oder wenigſtens ſo ſchnell als moͤglich die Angaben und Beweiſe uͤber dieſen wichtigen Punkt ihm zuſchickt.“ Sein Vorſchlag brachte den Landammann ſichtbar in Verlegenheit, und ſtockend erwiederte er, nachdem er ihn bei Seite gefuͤhrt:„Geheimniſſe, mein wer⸗ ther Freund, ſind im Allgemeinen wie die widrigen Nebel, welche die edelſten, erhabenſten Zuͤge der Na⸗ tur verſchleiern, und wie dieſe treten ſie uns oft, wenn wir es gerade am wenigſten wuͤnſchen, entge⸗ gen, und hindern uns, freimuͤthig und offen zu ſeyn. Ihr habt geſehen, wie Hagenbach zum Tode gebracht 7³ wurde, wir werden dem Herzog zu wiſſen thun, kraft welcher Gewalt es geſchah, dieß iſt Alles, was ich Euch im Augenblick uͤber die Sache ſagen kann, und erlaubt mir, hinzuzuſetzen, daß Ihr Euch um ſo we⸗ niger Ungelegenheit deßhalb zuziehen werdet, je we⸗ niger Ihr davon ſprecht.“ „Wie Ihr, Herr Landammann,“ verſetzte der Eng⸗ laͤnder,„haſſe auch ich Geheimniſſe, indeſſen vertraue ich ſo feſt auf Eure Biederkeit, daß ich Euch bei die⸗ ſen verwickelten, dunkeln Umſtaͤnden zum Fuͤhrer neh⸗ me, wie Ihr mich auch durch die Nebel und die Klippen Eures Heimathlandes geleitet habt. Erlaubt mir nur, Euch nochmal zu ſagen, daß die Aufſchluͤſſe, die Ihr Karl zu geben habt, deutlich und beſtimmt ſeyn und ihm ſchnell mitgetheilt werden muͤßen. Iſt dieß der Fall, ſo ſchmeichle ich mir, durch meine Verwendung beim Herzog Einiges fuͤr Euch thun zu koͤnnen. Nun aber muͤſſen wir uns trennen, um, hoffe ich, uns bald wieder zu ſehen.“ Philipſon kehrte nun zu Arthur zuruͤck, und be⸗ auftragte dieſen, Pferde zu miethen und einen Weg⸗ weiſer zu ſuchen, der ſie zum Herzog von Burgund geleitete. Auf wiederholte Anfragen bei mehreren Buͤrgern und Soldaten von der Beſatzung erfuhren ſie endlich, daß Karl ſeit einiger Zeit beſchaͤftigt ſey, von Lothringen Beſitz zu nehmen, und weil er dem Kaiſer von Deutſchland und dem Herzog von Oeſt⸗ reich keine ſehr freundſchaftlichen Abſichten zutraue, einen betraͤchtlichen Theil ſeines Heers bei Straß⸗ 74 burg zuſammengezogen habe, um jeden Verſuch die⸗ ſer beiden Fuͤrſten oder der freien Reichsſtaͤdte, ihn im Laufe ſeiner Eroberungen aufzuhalten, ſogleich vereiteln zu koͤnnen. Er verdiente damals den Bei⸗ namen: der Kuͤhne, weil er, von Feinden umgeben, wie ein edles, von den Jägern verfolgtes Wild, durch ſeine feſte, kuͤhne Stellung nicht nur die genannten Fuͤrſten und Staaten, ſondern auch den Koͤnig von Frankreich in Achtung erhielt, der eben ſo maͤchtig als er und ein viel gewandterer Staatsmann war. Die beiden Reiſenden brachen alſo nach dem Lager des Herzogs auf, und jeder war ſo ſehr in ſchwer⸗ muͤthige Gedanken vextieft, daß ſie ſich weniger mit einander unterhielten, als dieß bei ihren fruͤheren Reiſen der Fall geweſen war. Der Edelſinn Philip⸗ ſons, ſeine Achtung vor dem rechtſchaffenen Landam⸗ mann und Dankkarkeit für die genoſſene Gaſtfreund⸗ ſchaft ließen ihn ſeine Sache nicht von der der Ah⸗ geordneten trennen, bedachte er aber die Art und Wichtigkeit der perſoͤnlichen Angelegeuheit, die er mit dem ſtolzen, reizbaren Herzog abzumachen hatte, ſo konnte er nicht umhin, zu bedauern, daß die Um⸗ ſtaͤnde ihn mit Perſonen zuſammengefuͤhrt hatten, die der Herzog wahrſcheinlich nicht gerne bei ſich ſe⸗ hen wuͤrde. 1 Eben ſo unerfreulicher Art waren die Gedanken, welche Arthur beſchaͤftigten. Er war nun aufs Neue von ihr getrennt, der ſich beinahe gegen ſeinen Wil⸗ len ſeine Gedanken immer zuwandten, und dieſe 75 zweite Trennung hatte ſtatt gefunden, nachdem er ihr auf's Neue verpflichtet war, und ſeine feurige Einbildungskraft neuen Stoff erhalten hatte. Wie konnte er den Charakter Anna's, die er als zarte, ſittige Jungfrau kennen gelernt hatte, mit dem der Tochter eines Elementargeiſts vereinigen, der die Nacht wie der Tag war und ein undurchdringlicher Kerker ſich oͤffnete, wie die Pforten eines Tempels? Sollte er ſie nicht wiederſehen? Nicht aus ihrem ei⸗ genen Munde die Loͤſung dieſer Raͤthſel vernehmen? Wären die Reiſenden in der Stimmung geweſen, die Landſchaft, durch die ſie kamen, aufmerkſam zu betrach⸗ ten, ſo würden die Rheingegenden ihnen hohen Genuß verſchafft haben. Zwar iſt das Land auf dem linken Ufer des Fluſſes flach und einförmig, denn die Gebirgs⸗ kette im Elſaß liegt zu entfernt, um dem weiten Thale Wechſel und Mannigfaltigkeit zu verleihen, allein der herrliche Strom, der ungeſtüm ſeine Wogen hinwälzt und ſich ſchäumend an den Inſeln bricht, die ſeinem Laufe ſich entgegenſtellen, iſt an ſich eines der erhaben⸗ ſten Schauſpiele der Natur, und das rechte Ufer voll ſchöner Berge und Thäler, die unter dem Namen des Schwarzwalds bekannt ſind. Hier trieben auf unbe⸗ zwinglichen Burgen die Raubritter ihr Weſen und mach⸗ ten durch ihre Streifzüge die Gegend unſicher; das linke Ufer aber, das zum größten Theile unter der Herrſchaft des Herzogs von Burgund ſtand, war durch geregelte Behörden geſchützt, die zahlreiche Haufen von Söldnern nnter ſich hatten, welche Karl von ſeinen 76 Privateinkünften zahlte; denn wie ſein Nebenbuhler Ludwig und andere Fürſten dieſer Zeit hatte er einge⸗ ſehen, daß das Lehensweſen den Vaſallen einen Grad von Unabhängigkeit gab, der gefährlich werden konnte, und es ſchien ihm daher beſſer ein ſtehendes Heer von bezahlten Truppen zu halten. Italien lieferte die mei⸗ ſten dieſer Banden, die den Kern von Karls Heer, oder wenigſtens den Theil deſſelben bildeten, auf den er am meiſten Vertrauen ſetzte. Unſere Reiſenden ſetzten daher ihren Weg am Rhein hin ſicher fort, ſo weit ſich dieß in dieſen unruhigen Zeiten erwarten ließ. Endlich fragte Philipſon, nach⸗ dem er den von Arth gedungenen Führer einige Zeit prüfend betrachtet hatte, mit einem Mal ſeinen Sohn, wer dieſer Menſch ſey. Arthur erwiederte: er habe zu ſehr geeilt Jemanden zu finden, der den Weg gut kennte, als daß er Zeit gehabt hätte, genan zu fragen, wer er ſey und welches Gewerbe er treibe; ſeinem Aeußern nach aber halte er ihn für einen der Mönche, die das Land durchzogen, um Reliquien, Roſenkränze und Andachtsbilder zu ver⸗ kaufen, und nur bei den unteren Volksklaſfen, deren Aberglauben ſie oft zu Betrügereien mißbrauchten, in Achtung ſtanden. 4 Sein Anzug verrieth nicht ſowohl einen Bettelmönch, als einen frommen Laien oder Pilger, der zu den Grä⸗ bern der Heiligen wallfahrtete, Die Schlüſſel des hei⸗ ligen Petrus, von ſcharlachenem Tuche plump ausge⸗ ſchnitten, waren kreuzweiſe auf ſeinen Mantel geheftet. 77 Er ſchien wenigſtens fünfzig Jahre zu haben, war wohl gebaut, noch rüſtig für ſein Alter, und hatte ein Ge⸗ ſicht, das, ohne gerade abſtoßend zu ſeyn, doch auch durchaus nichts Anziehendes hatte. Der Ausdruck ſei⸗ ner Augen verrieth Schlauheit, und die Lebhaftigkeit ſeiner Bewegungen contraſtirte oft gegen das heilige Weſen, das er angenommen hatte. Dieſen Unterſchied zwiſchen Tracht und Geſichtsbildung fand man oft un⸗ ter Leuten ſeines Gewerbes, das Viele trieben, mehr um dem Müßiggang nachhängen zu können, als aus frommem Antrieb. „Wer ſeyd Ihr,“ fragte ihn Philipſon,„welchen Namen ſoll ich Euch geben, gährend wir zuſammen reiſen?« „Bruder Barthel,“ war des Führers Antwort,„ich könnte Bartholomäus ſagen; allein es ziemt einem ar⸗ men Laienbruder, wie ich bin, nicht, einen gelehrten Namen zu führen.“ „Und was iſt denn das Ziel Eurer Reiſe, Bruder Barthelz?“ „Daſſelbe, wie das der Enrigen, Herr, ich begleite Euch überall, wo meine Dienſte als Führer Euch von Nutzen ſeyn können, vorausgeſetzt, daß Ihr mir Zeit laſſet, an den heiligen Orten, durch die wir kommen, meine Andacht zu verrichten.“ „Eure Reiſe hat alſo kein beſtimmtes Ziel, noch einen dringenden Grund?“ „Ja, Herr, ich habe ein Gelübde gethan, vier Jahre lang von einem heiligen Orte zum andern zu pilgern, 78 doch bin ich nicht verpflichtet, ſie in einer gewiſſen Ordnung und nach der Reihe zu beſuchen.“ „Euer Gelübde hindert Euch alſo nicht, Euch an Reiſende als Wegweiſer zu verdingen?“ »Wenn ich neben der Andacht, die ich den Heiligen gelobt habe, Herren, die auf der Reiſe ſind und einen Führer brauchen, meine Dienſte widmen kann, ſo meine ich, beide Sachen laſſen ſich ſehr gut mit einan⸗ der vereinigen.“ „Beſonders, weil weltlicher Vortheil dieſe beiden Pflichten zuſammen kittet, wenn ſie auch ſonſt ſich nicht mit einander vertrügen.“ »Ihr beliebt ſo zu ſpeechen, Herr, allein Ihr könn⸗ tet, wenn Ihr wolltet, von mir etwas mehr Nutzen ziehen, als die bloße Kenntniß des Weges, den Ihr zu machen habt. Ich kann Euch Eure Neiſe erbauli⸗ cher machen, indem ich Euch die Legenden der Heiligen erzähle, deren Reliquien ich beſucht habe, und die wunderbaren Dinge, die ich auf meiner Reiſe geſehen und gehoͤrt, auch kann ich Euch Gelegenheit verſchaffen, von dem heiligen Vater Vergebung für Eure vergange⸗ nen Sünden und Ablaß für die künftigen zu erhalten.“ „Das mag Alles recht nützlich ſeyn, Bruder Barthel, allein, wenn ich von ſolchen Dingen ſprechen will, ſo wende ich mich an meinen Beichtiger, dem ich aus⸗ ſchließlich meine Gewiſſensſachen anvertraue, und der alſo im Stande ſeyn muß, mir vorzuſchreiben, was ich thun ſoll.“ 8 „Ich ſchmeichle mir dennoch, daß Ihr zu viel Reli⸗ 4 79 gion habt, und ein zu guter Katholik ſeyd, als daß Ihr an einem heiligen Orte gleichgültig vorübergehen ſolltet, zumal, da alle Menſchen, weß Standes und Gewerbes ſie ſeyen, den Heiligen verehren, der der beſondere Schutzpatron ihres Gewerbes iſt. Ich hoffe daher, daß Ihr als Kaufmann nicht an der Kapelle unſerer lieben Frau zur Fähre vorübergehen werdet, ohne dort das ſchickliche Gebet zu verrichten.“ „Ich habe noch nie von einer ſolchen Kapelle reden gehört, und da mein Geſchäft dringend iſt, ſo iſt es beſſer, in einem gelegenern Zeitpunkte dorthin zu wall⸗ fahrten, als jetzt meine Reiſe dadurch zu verzögern. Gefällt es Gott, ſo werde ich dieß auf eine Art thun, daß ich entſchuldbar bin, wenn ich dieſe Handlung der Frömmigkeit aufſchiebe, bis ich ſie mit mehr Muße thun kann.“ „Werdet mir nicht böſe, Herr, wenn ich Euch ſuge, daß Ihr in dieſem Stücke einem Thoren gleichet, der am Wege einen Schatz findet, aber ihn nicht aufſam⸗ melt, um ihn mit ſich zu nehmen, ſondern ein ande⸗ res Mal wieder kommen will, um ihn zu holen.“ Etwas erſtaunt über die Hartnäckigkeit dieſes Men⸗ ſchen wollte Philipſon ihm verdrüßlich antworten, wurde aber durch die Ankunft dreier Perſonen daran gehin⸗ dert, die bisher hinter ihnen gezogen waren, und in dieſem Augenblicke zu ihnen ſtießen. Die Erſte war eine Frau, ſehr zierlich gekleidet, auf einem ſpaniſchen Zelter, den ſie eben ſo geſchickt als aumuthig leitete. Auf ihrer rechten Hand ſaß ein Falke, ihren Kopf be⸗ 80 deckte eine Art Mütze, und wie es zu dieſer Zeit oft üblich war, trug ſie eine Maske von ſchwarzer Seide, die ihr ganzes Geſicht bedeckte. Allein ungeachtet die⸗ ſer Verhüllung klopfte Arthurs Herz gewaltig, als er ſie näher kommen ſah, denn gleich im erſten Augen⸗ bicke glaubte er Anna's herrliche Geſtalt ihn ihr zu erken⸗ nen. Ihr folgte eine Zofe und ein Falkner. Philipſon, deſſen Gedächtniß dießmal nicht ſo treu war wie das ſeines Sohnes, ſah in der ſchönen Fremden nur eine Dame von Raug, die ſich mit Jagen vergnügte, und da ſie im Vorübergehen eine leichte Verbeugung mit dem Kopfe machte, grüßte er ſie gleichfalls, und fragte ſie höflich, ob ſie dieſen Morgen eine gute Jagd gehabt. „Nicht ſehr,“ erwiederte die Dame,„ich mag zu nahe am Strome meinen Falken nicht ſteigen laſſen, aus Furcht, er möchte auf die andere Seite fliegen und ich ihn dann verlieren, allein ich hoffe, das Glück werde mir günſtiger ſeyn, wenn wir die Fähre, zu der es nicht mehr weit iſt, erreicht haben.“ »Da werdet Ihr,“ fiel Barthel ein,„in der Kapelle des Hauns die Meſſe hören, und den Himmel bitten, daß er Euch eine glückliche Jagd verleihe.“ „Es wäre unchriſtlich, ſo nahe an dem heiligen Ort vorüberzugehen, ohne dieſer Pflicht zu genügen.“ »Das ſagt' ich eben, edle Frau, denn Ihr müßt wiſſen, daß ich mich vergebens bemühe, den Herrn hier zu überzeugen, daß das Gelingen ſeiner Unternehmung 81 ganz von dem Segen unſerer lieben Frau zur Fähre abhängt. 6— „Der wackere Mann,“ ſprach die Dame in ernſtem, faſt ſtrengem Tone,„kennt alſo den Rhein nicht? Ich will ihm zeigen, wie wichtig es iſt, daß er Eurem Rathe folgt.“ Sie näherte ſich Arthur, und redete ihn ſchweizeriſch, denn bisher hatte ſte deutſch geſprochen, an. „Hört mich, ohne Erſtaunen zu zeigen,“ ſagte ſie, und ihre Stimme war ganz die Anna's,„Ihr ſeyd von Gefahren umſtellt, man kennt den Zweck Eurer Reiſe und es iſt ein Anſchlag auf Euer Leben gemacht worden. Setzet in der Fähre, die zur Kapelle gehört, gewöhnlich Hannſenfähre genannt, über den Fluß.« Der Wegweiſer war ihnen ſo nahe, daß ſie nichts weiter ſagen konnte, ohne von dieſem gehört zu wer⸗ den. In dieſem Augenblick flog ein Auerhahn aus dem Gebüſch, und die Dame ließ ihren Falken ſteigen. Wäh⸗ rend die Uebrigen ihre Aufmerkſamkeit ganz dieſem Gegenſtande zuwendeten, fuhr Anna fort:„Setzt über den Rhein in der Fähre, die Euch nach Kirchhof auf der anderen Seite des Fluſſes bringt; ſteigt im golde⸗ nen Vließ ab, dort findet Ihr einen Führer, der Euch nach Straßburg geleitet. Ich kann nicht länger bleiben.“ Bei dieſen Worten ſetzte ſie ſich wieder im Sattel zurecht, berührte mit den Zügeln leicht den Hals ihres Zelters und war bald den Blicken der Reiſenden ent⸗ ſchwunden. Walter Scott's Werke. 1598 Boͤchen. 6 8² Schweigend hielten ſie einige Minuten, während welcher Arthur darauf ſann, wie er ſeinem Vater die erhaltene Weiſung mittheilen ſollte, ohne den Verdacht ihres Führers rege zu machen, allein Philipſon brach ſelbſt das Schweigen und gebot dieſem, einige Schritte voranzugehen, weil er mit ſeinem Sohne allein zu ſprechen habe. Der Führer gehorchte, und um zu zei⸗ ven, daß er zu ſehr mit geiſtigen Dingen beſchäftigt ſey, als daß er an Irdiſches denken könne, ſtimmte er einen Pſalm zu Ehren des heiligen Wendelin an, aber mit ſo mißtönender Stimme, daß alle Vögel aus dem nahen Gebüſch erſchrocken aufflogen. Unterdeſſen hielt Philipſon mit Arthur folgendes Geſpräch: „Ich bin überzeugt,“ hob er an,„daß der Menſch da etwas gegen uns im Schilde führt, und glaube, daß wir ſeine Pläne dadurch am beſten vereiteln können, wenn wir hinſichtlich des zu nehmenden Weges unſerer eigenen Anſicht folgen. „Auch ich glaube, daß er ein Verräther iſt, denn die junge Dame hat mir zugeflüſtert, ſie rathe uns, den Weg nach Straßburg einzuſchlagen, und deßwegen nach dem Orte Kirchhof, auf der andern Seite des Fluſſes, überzuſetzen. „Biſt Du auch dieſer Meinung, Arthur?« „Ich wollte mein Leben dafür einſetzen, daß die Da⸗ me es redlich gemeint hat.“ „Wie, weil ſi' gut zu Pferde ſitzt, und hübſch ge⸗ wachſen iſt? Das läßt Dich wieder die Jugend ſpre⸗ chen, und doch bin auch ich bei aller Umſicht verſucht, . 83 Vertrauen in ſie zu ſetzen. Wenn unſer Geheimniß hier bekannt iſt, ſo mögen es freilich viele Leute für nothwendig halten, mich nicht zum Herzog von Bur⸗ gund gelangen zu laſſen, und ſich der gewaltſamſten MNitttel dazu bedienen. Du weißt, daß ich gerne mein Leben zum Opfer bringe, um mich des erhaltenen Auf⸗ trags zu entledigen; ich muß Dir daher ſagen, daß ich bisher aus dem ſehr natürlichen Verlangen, Dich bei mir zu behalten, nicht ſehr bemüht war, zum Ziele zu gelangen. Um an den Hof des Herzogs zu kommen, haben wir zwiſchen zwei Wegen zu wählen und beide ſind gefährlich: wir können unſerem Wegweiſer, deſſen Treue verdächtig iſt, folgen, oder auf die andere Seite des Rheins überſetzen und bei Straßburg wieder über den Fluß gehen. Vielleicht iſt Beides gleich gefähr⸗ lich, allein es iſt meine Pflicht, Dich auf das rechte Ufer überſetzen zu laſſen, während ich auf dem linken meine Reiſe fortſetze, weil es ſo eher möglich iſt den Zweck unſerer Reiſe zu erreichen, denn ſtößt dem Ei⸗ nen ein Unfall zu, ſo kann doch wenigſtens der Andere der wichtigen Sendung, mit der wir beauftragt ſind, ſich entledigen.“ »Ach, Vater, wie ſollte ich mich von Euch trennen können, und Euch ſo vielen Gefahren allein entgegen gehen ſehen? Mag uns begegnen, was da will, ſo ha⸗ ben wir doch wenigſtens, wenn wir beiſammen bleiben, den Troſt, das Ungemach mit einander zu tragen.“ »Mein lieber. Sohn, es bricht mir das Herz, daß . 6* 84 ich mich von Dir trennen ſoll, aber dieſelbe Pflicht, die uns dem Tode entgegen gehen heißt, gebietet uns auch, dem Zuge unſerer Herzen nicht zu folgen. Wir müſſen uns trennen.“ „Wenn das iſt,« entgegnete Arthur,„ſo geht we⸗ nigſtens Ihr über den Rhein, und laßt mich den Weg verfolgen, den wir zuſammen machen wollten.“ „Und warum ſollt' ich gerade dieſen Weg nehmen?“ „Weil ich mit meinem Leben dafür birge⸗ daß die Dame es redlich gemeint hat.“ „Woher doch dieſes Vertrauen? Soll ich es dayon herleiten, daß die Jugend überhaupt Allem Glauben ſchenkt, was ſchön und lieblich iſt, oder kennſt Du ſie ſchon vorher 2 „Es iſt ſchon lange her, daß wir nicht mehr i in Ge⸗ ſellſchaft von Rittern und Damen ſind, iſt es alſo nicht natürlich, daß wir Allem, was uns an die eh⸗ renvollen Bande des Ritterhums und edler Abkunft erinnert, durch unſer Gefühl getrieben, unſer Ver⸗ trauen ſchenken, das wir ſchlechten Menſchen, wie dem Marktſchreier hier, verweigern?“ „So mag der ſprechen, Arthur, der das Leben nur aus den Liedern und Sagen der Minſtrels kennt, ich aber ſage Dir, und Du wirſt finden, daß ich wahr geredet, daß an dem Tiſche unſeres ſchlichten Wirths, des Landammanns, mehr redliche, treue Herzen uns umgaben, als ein Fürſt an ſeinem ganzen Hofe aufzu⸗ weiſen hätte. Ach! der mannhafte Sinn der Redlich⸗ keit und der Geiſt der Ehre iſt aus den Herzen der . 85⁵ Ritter und Könige gewichen, wo ſie doch, wie ein kö⸗ niglicher Mund geſprochen, ihre beſtändige Wohnung hätten haben ſollen, wären ſie auch von der ganzen übri⸗ gen Erde verbannt.“ „Dennoch, Vater, beſchwöre ich Euch, mir meine Bitte zu gewähren: ich bin überzeugt, daß der Weg auf dem rechten Rheinufer der ſicherere iſt.“ „Und wenn dem ſo iſt,“ entgegnete ſein Vater mit dem Tone zarten Vorwurfs,„ſoll ich da ein Leben, das ſeinem Ende nahe ſteht, ſicher zu ſtellen ſuchen, und das Deinige gefährden, deſſen Lauf kaum begonnen hat? Neiun, mein Sohn, das thur ich nicht.“ „Ihr vergeßt, Vater, daß Euer Leben für die Aus⸗ führung des Planes, mit dem Ihr Euch ſchon ſo lange tragt, einen viel höhern Werth hat, als das meinige. Ich könnte mich des Auftrags nur ſehr unvollkommen entledigen, weil ich den Herzog nicht kenne und kein Beglaubigungs⸗Schreiben an ihn habe.“ „Du kannſt mich in meinem Entſchluſſe nicht wan⸗ kend machen, und Deine letzten Worte führen mich nur darauf, daß ich den Schmuck, der das Zeichen meiner Sendung iſt, Dir übergeben will. Gelangſt Du glück⸗ lich an den Hof oder ins Lager des Herzogs, ſo be⸗ darfſt Du dieſes Zeicheus, um Dir Glauben zu ver⸗ ſchaffen, ich dagegen kann andere Umſtände anführen, um meine Worte zu beglaubigen, wenn es dem Him⸗ mel gefiele, mich dieſe wichtige Sendung allein vollbrin⸗ r gen zu laſſen, wofür mich die heilige Jungfrau behüten wolle! Findeſt Du daher Gelegenheit, auf das andere 86 Ufer des Rheins überzuſetzen, ſo haſt Du Deinen Weg ſo einzurichten, daß Du bei Straßburg wieder über den Fluß kömmſt; dort frage im geflügelten Hirſch— eine Herberge, die Du leicht finden wirſt— nach mir, und weiß man Dir keine Kunde von mir zu geben, ſo verfüge Dich ſogleich zum Herzog und übergieb ihm dieſes Paket.“ Bei dieſen Worten ließ er ſeinem Sohn vorſichtig, damit der Führer es nicht bemerkte, das Büchschen mit dem Brillantſchmucke in die Hand gleiten. „Du weißt,“ fuhr er fort,„was Du weiter zu thun haſt, und ich beſchwöre Dich, laſſe Dich durch den Wunſch, zu erfahren, was aus mir geworden ſey, keinen Au⸗ genblick in Erfüllung Deiner Pflicht aufhalten. Und nun lebe wohl, mein geliebter Sohn, würde ich bis auf den Augenblick der Trennung warten, ſo hätte ich kei⸗ ne Zeit, dieß Wort zu Dir zu ſprechen, und nur Deine Augen allein ſollen die Thräne ſehen, die in den mei⸗ nigen quillt.“ Er trocknete die Thräne, die in ſein Auge getreten war, und, als hätte er gefürchtet, in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe wankend zu werden, wenn er ſich der väterlichen Zärtlichkeit hingebe, rief er den Führer und fragte ihn, ob ſie noch weit von der Kapelle des Hanns ſeyen. „Ungefähr eine Stunde,“ war deſſen Antwort. Philipſon fragte ihn hierauf weiter, was zu Erbauung dersKapelle Veranlaſſung gegeben habe, und Barthel erzählte ihm:„Ein alter Schiffsmann, Hanns geheiſ⸗ ſen, habe lange an dieſem Ort gewohnt, und ſich durch 87 Ueberfahrt der Reiſenden dürftigen Unterhalt erworben. Als ihm aber zwei Boote nach einander in den reißen⸗ den Wellen des Rheins untergingen, mochten ſich man⸗ che Reiſende ihm nicht mehr anvertrauen und ſein Ge⸗ werbe litt große Noth. Da wandte er als guter Ka⸗ tholik in ſeinem Unglück ſeinen Sinn der Religion zu. Er warf einen Rückblick auf ſein vergangenes Leben, und forſchte, durch welches Verbrechen er das Unglück verdient habe, das den Abend ſeiner Tage verdüſterte. Hauptſächlich lag es ihm ſchwer auf der Seele, daß er einſtmals, wo der Fluß hoch ging, ſich geweigert hatte, einen Diener des Herrn mit dem Mutter Gottes⸗Bilde über den Rhein nach Kirchhof zu führen. Zur Sühne für dieſes Vergehen unterwarf ſich Hans ſtrenger Buße, denn er warf ſich vor, daran gezweifelt zu haben, daß die Jungfrau den Prieſter mit dem Bilde und ihn be⸗ ſchützen könnte, und daß er einen großen Theil ſeiner Habe der Kirche vermachte, beweist die Aufrichtigkeit ſeiner Reue.“ „Während er ſo ein erbauliches Leben führte, fand er eines Tages am Rheinufer ein Mutter Gottes⸗Bild, das der Strom ausgeworfen hatte, und das ihm ganz dem zu gleichen ſchien, das der Sakriſtan von Kirchhof trug, als er ſich weigerte, ihn überzuführen. Er ſtellte es in ſeiner Hütte auf, und betete brünſtig vor dem⸗ ſelben zur heiligen Jungfrau, daß ſie ihm durch ein Zeichen verkündigen möchte, ob er die Ankunft ihres„ Bildes als Beweis anſehen dürfe, daß ſeine Sünden ihm vergeben ſeyen. Sein Gebet ward erhört, im — 88 Traume erſchien ihm die heilige Jungfrau und ſprach: „„Belial's⸗Menſchen haben meine Capelle in Kirchhof geplündert, niedergebrannt und mein heiliges Bild in den Rhein geworfen. Ich will nicht länger unter ſol⸗ chen Böſewichtern leben und bei Dir Wohnung machen, getreuer Knecht, um zu ſegnen das Land, in dem Du wohneſt und Dich und Dein ganzes Haus.« „Während ſie alſo ſprach, ſchien ſie das Waſſer, das noch in ihren Haaren hing, auszuwinden, und ihre ungeordnete Kleidung verrieth, daß ſie gegen die Wo⸗ gen gekämpft hätte. Des andern Morgens wurde be⸗ merkt, daß Kirchhof in einer der damals ſo häufigen Fehden mit Feuer und Schwert verheert, die Kirche niedergebrannt und der Schatz geraubt worden ſey.« »Weil ſich die Wahrheit ſeines Geſichtes auf eine ſo merkwürdige Weiſe erprobt hatte, gab Hanns ſein Hand⸗ werk völlig auf, machte ſeine Hütte zu einer Capelle und lebte hier als Einſiedler. Bald verbreitete ſich das Gerücht, daß dieſes Mutter Gottes⸗Bild Wunder wirke, und der Ort wurde berühmt weit und breit.“ So eben hatte Barthel ſeine Erzählung geendet, als die Reiſenden an dem Orte, von dem er erzählte, anlangten. XVII. Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſere Reben; Geſegnet ſey der Rhein! 8 Da wachſen ſie am Ufer hin, und eelarin t igs Uns dieſen Labewein. nhni, uh u. Tr inklied. Einige Hütten am Ufer, in deren Nähe Fiſcherbar⸗ ken vor Anker lagen, verriethen, daß der fromme Hanns in ſeinem Gewerbe als Fährmann nicht ohne Nachfol⸗ gerageblieben war. Der Rhein, der etwas weiter un⸗ ten durch eine Reihe kleiner Inſeln⸗ eingeengt war, hatte hier eine größere Breite, und ſein Lauf war we⸗ niger reiſſend, als weiter oben, ſo daß die Schiffer hier leichter überſetzen konnten. Auf dem jenſeitigen Ufer, aber weit unter den Schif⸗ ferhütten lag auf einer mit Bäumen und Gebüſch be⸗ wachſenen Anhöhe das Städtchen Kirchhof. Ein Boot konnte vom linken Ufer aus ſelbſt im günſtigſten Zeit⸗ punbte den tiefen, reißenden Strom nicht in gerader Linie durchſchneiden, und gelangte nur in ſchräger Rich⸗ tung nach Kirchhof, während es von hier aus günſti⸗ gen Wind und gute Ruderer haben mußte, um an die Kapelle zu kommen; die natürliche Folge davon war, daß hier Reiſende, die nach Deutſchland wollten, häu⸗ figer ſich über den Fluß ſetzen lieden⸗ als ſolche, die von dorther kamen. 90 Philipſon warf einen Blick umher, und ſagte dann mit feſtem Tone zu Arthur:„Gehe mein Sohn, und thue, was ich Dich geheißen.“ Das Herz voll Angſt, von kindlicher Liebe zerriſſen, gehorchte Arthur, und ging allein den Schifferhütten zu. „Will uns Euer Sohn verlaſſen?“ fragte der Führer. „Nur auf einen Augenblick, er hat die Schiffer Ei⸗ niges zu fragen.“ „Wenn's wegen des Weges iſt, ſo kann ich Euch beſſere Auskunft geben, als die unwiſſenden Leute, die kaum die Sprache verſtehen, die Ihr redet.“ „Wenn es eines Dollmetſchers dabei bedarf,“ ent⸗ gegnete Philipſon,„ſo werden wir Euch dazu gebrau⸗ chen, unterdeſſen führt mich in die Kapelle, wo mein Sohn ſpäter zu uns kommen wird.“« Langſam gingen ſie derſelben zu, und Beide ſaßen alle Augenblicke verſtohlen nach den Hütten, der Füh⸗ rer, um zu ſehen, ob der andere Reiſende ihnen nach⸗ käme, der Vater ungeduldig, auf dem breiten Strome ein Segel zu entdecken, das ſeinen Sohn an das ſichere Ufer brächte. Als Philipſon mit ſeinem Führer an der Kapelle an⸗ langte, benützte der Letztere das Schweigen ſeines Be⸗ gleiters mit lauter Stimme einige Verſe zum Lobe der heiligen Jungfrau und ihres treuen Dieners Hanns zu ſingen, worauf er begeiſtert ausrief: „Kommet hieher, die ihr Schiffbruch fürchtet, hier iſt der Hafen, wo ihr werdet ſicher ſeyn! Kommet hie⸗ her, die ihr dürſtet, hier iſt ein Brunnen der Gnade, 91 der Euch geöffnet iſt! Kommet hieher, die ihr ermüdet ſeyd durch lange Reiſen, hier werdet ihr Labſal ſinden!« In dieſem Tone hätte er fortgefahren, wenn ihn nicht Philipſon unterbrochen hätte. „Wäre Eure Andacht wahrhaftig,“ ſprach er,„ſo würde ſie nicht ſo viel Léärmen und Geräuſch machen, doch man ſoll, was an ſich gut iſt, thun, ſelbſt wenn ein Heuchler uns einladet. Laßt uns in die Kapelle treten, und den Himmel bitten, daß er unſere gefähr⸗ liche Reiſe glücklich zu Ende führe.“ „Ich wußte wohl,“ verſetzte der Laienbruder,„daß Ihr nicht an der Kapelle vorübergehen würdet, ohne die heilige Jungfrau zur Fähre um ihren Schutz an⸗ zuflehen. Wartet ein wenig, ich will den Prieſter holen, daß er eine Meſſe für uns leſe.“ Er konnte nicht weiter ſagen, denn mit einem Male ging die Thüre der Kapelle auf, und ein Geiſtlicher trat heraus, in welchem Philipſon ſogleich den Prieſter von Sanct Paul erkannte, den er in La Ferette ge⸗ ſehen hatte. Auch Bartel ſchien ihn zu kennen, denn der Fluß der heuchleriſchen Rede ſtockte augenblicklich, und er blieb, die Arme über die Bruſt gekreuzt, vor ihm ſtehen, als erwarte er ſein Todesurtheil. „Elender,“ ſprach der Prieſter mit ſtrengem Blicke, »„Du wagſt's, einen Fremdling an heilige Stätte zu führen, um ihn dann zu morden und zu berauben? Aber der Himmel vereitelt Deine Tücke. Hebe Dich weg, Böſewicht, und ſage Deinen Geſellen, die auf dem Wege hieher ſind, daß Deine Schurkerei zu nichts * 9² genützt hat, daß der unſchuldige Fremdling unter mei⸗ nem Schutze ſteht, unter meinem Schutze, ſage ich, und wer es wagt, ihm ein Leids zu thun, dafür büßen ſoll, wie Archibald von Hagenbach.“ Der Angeredete blieb unbeweglich, während der Prie⸗ ſter mit ebenſo gebieteriſchem, als drohendem Tone dieſe Worte ſprach, und als er ſchwieg, wandte er ohne Antwort um, und eilte mit ſchnellen Schritten davon. „Ihr, werther Herr,“ fuhr der Prieſter fort,„dürft zuverſichtlich in die Kapelle treten, und Euer Gebet ſprechen, das der Heuchler dazu benützen wollte, um Euch aufzuhalten, bis ſeine Genoſſen angelangt wären. Doch ſagt, warum ſeyd Ihr allein? Es iſt doch Eurem Sohne kein Unfall zugeſtoßen?“ „Wahrſcheinlich fährt er gerade über den Rhein,“ antwortete Philipſon,„weil wir auf dem jeuſeitigen Ufer wichtige Geſchäfte abzumachen haben.“ Während er noch ſprach, ſtieß ein leichtes Boot vom Ufer; einige Zeit mußte es der Gewalt des Stromes weichen, aber bald wurde ein Segel aufgeſpannt, und es ſteuerte nun in ſchräger Richtung dem jenſeitigen Ufer zu.. „Gott fey gelobt!« ſprach Philipſon, welcher wußte, daß das Boot ſeinen Sohn den Gefahren entführte, die ihn ſelbſt noch umgaben. „Amen!“ fügte der Prieſter ſeinem frommen Aus⸗ rufe bei,„Ihr habt guten Grund, dem Himmel zu danken.“. „Davon bin ich überzeugt,“ verſetzte Philipſon,„bon ₰ 3 3 Euch aber hoffe ich den Grund der Gefahr zu vernehmen, der ich ſo eben entgangen.« „Zeit und Ort geſtatten keine lange Erörterung,“ erwiederte der Prieſter,„ich will Euch daher blos ſagen, daß der ſchlechte Menſch von vorhin, durch ſeine Heu⸗ chelei, wie durch ſeine Verbrechen bekannt, gerade zu⸗ gegen war, wie Sigmund dem Scharfrichter den koſt⸗ baren Schmuck wieder abnahm. Dieſer Anblick reizte Barthel's Habſucht, und er erbot ſich, Euch nach Stras⸗ burg zu begleiten, in der Abſicht, Euch unterwegs auf⸗ zuhalten, bis er eine hinlängliche Anzahl ſeiner Genoſſen an ſich gezogen hätte, um jeden Widerſtand fruchtlos zu machen. Und nun, Herr, ehe Ihr Euch andern welt⸗ lichen Gedanken hingebt, tretet in die Kapelle, und laßt uns miteinander in demüthigem Gebet dem Allmächtigen für ſeinen Schutz danken.“ 44— Nachdem Philipſon ſich dieſer Pflicht entledigt hatte, ſagte er dem Prieſter, daß er nun ſeine Reiſe fortzuſetzen gedenke. „Weit entfernt,“ ſprach dieſer,„Euch an einem ſo gefährlichen Orte aufhalten zu wollen, werde ich Euch ſelbſt ein Stück weit begleiten, denn auch ich begebe mich zum Herzog von Burgund.“ 7 N „Ihr, ehrwürdiger Herr?2 rief Philipſon überraſcht. „Warum ſtaunt Ihr darüber? iſt es denn etwas ſd Ungewöhnliches, daß ein Mann von meinem Stande ſich an den Hof eines Fürſten begibt? Glaubt mir, es ſind deren nur allzu viele.“ »Ich wundere mich nicht wegen des Standes, ſon⸗ 94. dern wegen der Rolle, die Ihr bei der Hinrichtung des Statthalters von La Ferette geſpielt habt. Kennt Ihr den jähzornigen Herzog ſo wenig, daß Ihr meint, Ihr könnet ſicherer ſeinem Zorne trotzen, als einen ſchlafen⸗ den Löwen an der Mähne faſſen?“ 4 „Ich kenne ſeinen Charakter wohl, aber nicht um den Tod Hagenbachs zu entſchuldigen, begebe ich mich zu ihm, ſondern um ihn zu rechtfertigen. Der Herzog kann über ſeine Leibeigenen und Vaſallen nach Belieben das Todesurtheil ſprechen, mein Leben iſt aber durch einen Talisman geſchützt, gegen den alle ſeine Macht nichts vermag. Erlaubt mir dagegen, den Grund, den Ihr angeführt, gegen Euch ſelbſt zu gebrauchen; Ihr kennt den Herzog ſo gut als ich; Ihr waret vor Kurzem der Gaſt und Reiſegefährte von Leuten, deren Beſuch ihm höchſt unangenehm ſeyn wird, Ihr ſeyd wenigſtens dem Anſcheine nach in die Vorfälle in La Ferette ver⸗ wickelt, wie könnt Ihr alſo hoffen, ſeiner Rache zu ent⸗ gehen? Warum überliefert Ihr Euch freiwillig ſeiner Gewalt?« „Erlaubt, ehrwürdiger Bater, daß jeder von uns ſein Geheimniß bewahre, ohne das des Andern anzuta⸗ ſten. Es iſt wahr, ich habe keinen Talisman, der mich gegen den Zorn des Herzogs ſchützen könnte, allein frü⸗ her hatte ich mehrere Geſchäfte mit dem Herzog, ich darf ſogar ſagen, daß er mir einige Verbindlichkeit hat, und ich hoffe, nicht nur meine Angelegenheiten nach Wunſche auszurichten, ſondern auch meinem Freund, 95 dem Landammann durch meine Verwendung von eini⸗ gem Nutzen ſeyn zu können.“ „Wenn Ihr nun aber wirklich ein Kaufmann ſeyd, mit welchen Waaren handelt Ihr denn? habt Ihr ſonſt keine, als die Ihr bei Euch tragen könnt? Ich habe von einem Maulthier ſprechen gehört, das Euer Gepäck trüge; ſollte der⸗ Böſewicht es Euch geſtohlen haben?“ Dieſe Frage brachte Philipſon in einige Verlegen⸗ heit, denn beim Abſchied von ſeinem Sohne hatte er im Schmerze über die Trennung Arthur zu ſagen ver⸗ geſſen, ob er das Gepäck zurücklaſſen oder mit ſich neh⸗ men ſollte, er erwiederte daher ſtockend:„Ich glaube, es iſt in einer der Hütten, wenn es mein Sohn nicht mit ſich über den Rhein genommen hat.« „Das wollen wir bald ſehen,“« ſagte der Geiſtliche, rief dann Jemanden, und bald trat ein Novize aus der Sakriſtei der Kapelle, den er nach den Schifferhütten ſchickte, um über die Sache ins Reine zu kommen. Nach wenigen Minuten kehrte dieſer mit dem Saumthiere zurück, das Arthur, damit es ſeinem Vater nicht an dem Nöthigen gebräche, da gelaſſen hatte. Der Prie⸗ ſter betrachtete Philipſon aufmerkſam, während dieſer auf ſein Pferd ſtieg, und mit der einen Hand den Zü⸗ gel des Maulthiers ergreifend, von ihm ſcheiden wollte. „»Nun, ehrwürdiger Herr,« ſprach er,„will ich mich „von Euch beurlaubenz ich muß eilen, denn es wäre nicht klug, Nachts mit meinen Waaren zu reiſen, ſonſt würde ich gerne in Eurer angenehmen Geſellſchaft wei⸗ ter ziehen.“— 96 „Wenn Ihr das wollt,“ verſetzte der Prieſter,„ſo werde ich Euch keineswegs aufhalten, denn ich habe hier ein ſehr gutes Pferd, und Melchior, der ſonſt zu Fuße hätte gehen müſſen, kann ſich auf Euer Maul⸗ thier ſetzen. Weil es für Euch gefährlich wäre, bei Nacht zu reiſen, ſo mache ich Euch den Vorſchlag um ſo gerner, weil ich Euch in eine Herberge führen kann, die nur einige Stunden von hier entfernt iſt, und die wir noch bei Tage erreichen können. Gegen ein billi⸗ ges Zehrgeld findet Ihr dort ſicheres Nachtlager.“ Der Engländer zögerte. Er wünſchte durchaus nicht, einen neuen Reiſegefährten zu bekommen, denn, obgleich die Züge des Geiſtlichen für ſein Alter noch ſchön zwa⸗ ren, ſo hatte doch der ganze Ausdruck ſeines Geſichtes nichts Einnehmendes, im Gegentheil lag auf ſeiner ſtol⸗ zen Stirne eine finſtere Wolke, und der kalte Ausdrück ſeiner grauen Angen ließ auf Strenge, ſogar auf Härte ſchließen. Allein trotz dieſes abſtoßenden Aeuſſeren hatte er ihm durch die Entlarvung ſeines Führers ei⸗ nen weſentlichen Dienſt geleiſtet, und er war nicht ge⸗ wohntt, aus der Miene und dem Benehmen eines An⸗ dern ein Vorurtheil gegen dieſen zu ſchöpfen. Er dachte nur an ſein ſonderbares Geſchick, das es eihm nöthig machte, auf eine Art vor dem Herzog von Burgund zu erſcheinen, die ihm ſeine Gunſt gewänne, und ihm doch immer wieder Leute zuführte, die, wie ſich erwarten ließ, am Hofe Karls nicht gerne würden geſehen wer⸗ den, denn er konnte nicht zweifeln, daß der Geiſtliche ſich in demſelben Falle befinde. Indeſſen nahm er nach 3 97 einigem Beſinnen das Auerbieten des Prieſters höflich an, denn er ſah, daß ſein Pferd Futter und Ruhe nö⸗ thig habe, ehe er nach Straßburg käme. Leicht und gewandt ſchwang ſich der Prieſter auf ſein ruͤſtiges Pferd, und die Art, wie er es lenkte, verrieth weder Ungeſchicklichkeit, noch Furcht. Phi⸗ lipſon ſah ihn von Zeit zu Zeit an, als haͤtte er in ſeiner Seele leſen wollen, er aber erwiederte ſeine Blicke nur mit einem ſtolzen Lächeln, das Philip⸗ ſons Augen, die ſich noch vor Niemanden neigten, ebenſo ſtolz entgegneten. Endlich knuͤpfte jener das Geſpraͤch wieder an, indem er anhob:„Wir reiſen gleich zwei maͤchtigen Zauberern, deren jeder ſeine großen, geheimen Plane hat, ohne jedoch ſeinem Begleiter den Grund und Zweck ſeiner Reiſe mitzu⸗ theilen.“ „»Verzeiht, ehrwuͤrdiger Herr,“ verſetzte Philipſon, „ich habe Euch nicht um den Zweck Eurer Reiſe be⸗ fragt, den meinigen aber Euch nicht verhehlt, und ich wiederhole es Euch, daß ich mich an den Hof des Herzogs von Burgund begebe, und mein Zweck, wie der eines jeden andern Kaufmanns, der Wunſch iſt, meine Waaren vortheilhaft abzuſetzen.“ »Dieß ſcheint allerdings,“ fuhr der Geiſtliche fort, „bei der großen Beſorgtheit fuͤr Eure Waaren, die Ihr erſt vor einer halben Stunde an den Tag legtet, hoͤchſt wahrſcheinlich. Ihr wußtet ja nicht einmal, ob ſie Euer Sohn mitgenommen oder Euch zuruͤck⸗ Walter Scott's Werke. 1598 Boͤchen. 7 1 98 gelaſſen habe; iſt es bei den engliſchen Kaufleuten gewoͤhnlich, den Handel mit ſo wenig Sorgfalt zu betreiben?“: „Wenn ihr Leben in Gefahr iſt,« gab Philipſon zuruͤck,„achten ſie manchmal ihres Vermoͤgens nicht.“ „Gut,“ verſetzte der Prieſter, und verſank wieder in einſame Betrachtungen⸗ Endlich gelangten ſie in ein Dorf, und der Geiſt⸗ liche ſagte Philipſon, daß dieß der Ort ſey, wo er uͤbernachten wolle,„der Novize,“ ſetzte er hinzu,„wird Euch in die Herberge fuͤhren; ſie ſteht in gutem Rufe, und Ihr findet dort ſicheres Nachtlager. Ich habe einen Kranken im Dorfe zu beſuchen, der geiſt⸗ lichen Zuſpruchs bedarf, und werde Euch dieſen Abend oder vielleicht erſt morgen fruͤh wieder ſehen, in je⸗ dem Fall muß ich mich jetzt von Euch verabſchieden. Bei dieſen Worten hielt er ſein Pferd an. Der Novize geleitete Philipſon in die enge Straße des Dorfes, wo ſchon hin und wieder ein Licht durch die Fenſter ſchimmerte, und fuͤhrte ihn endlich durch ei⸗ nen gewoͤlbten Thorweg in einen großen Hof, wo mehrere Reiſewagen beiſammen ſtanden. Hier ſprang er von dem Maulthiere, gab die Zuͤgel deſſelben Phi⸗ lipſon in die Hand, und verſchwand in der Dunkel⸗ 2 heit, die jenen nur ein großes Gebaͤude in ſchlechtem Zuſtande erblicken ließ, deſſen Vorderſeite kein Licht erhellte, wiewohl er noch ſehen konnte, daß ſie viele⸗ ſchmale Fenſter hatte⸗. b 99 XVIII. Erſter Traͤger. Heda, Hausknecht!— Verdammt! Haſt Du keine Au⸗ gen im Kopfe? Hoͤrſt Du nicht? Ich will ein Schurke heißen, wenn's nicht eben ſo wohl gethan waͤre, Dir den Schaͤdel einzuſchlagen, als eine Flaſche zu leeren.— So komm' doch! Daß Du gehangen wuͤrdeſt! Gadshill. Gib mir Deine Laterne, ich bitte Dich⸗, daß ich mein Pferd in den Stall fuͤhre. Erſter Traͤger⸗ Nur gemach, wenn's beliebt, ich weiß einen Streich, der zweimal ſo viel werth iſt. 4 Gadsehilr. Ich bitre Dich, gib mir die Deinige. Zweiter Traͤger. Ja wann, kannſt Du's ſagen?— Jch ſoll Dir meine Laterne geben, ſagſt Dux Meiner Treu, ich will Dich zuvor haͤngen ſehen. Shakespeare. In beſſeren Herbergen Frankreichs fand man zu jener Zeit ſchon außer einem gefaͤlligen, dienſtferti⸗ gen Wirthe, beſondere Zimmer, wo die Reiſenden ſich umkleiden, waſchen, ſchlafen und ihr Gepaͤck ſicher aufbewahren konnten. In Beutſchland aben wußte man damals noch nichts nn folchem Luans und im 7* 100 Elſaß, wohin der freundliche Leſer uns begleitet hat, haͤtte man einen Reiſenden fuͤr einen Weichling ge⸗ halten, der mehr verlangt hätte, als was unumgaͤng⸗ lich nothwendig war. Als Philipſon ſah, daß Niemand vor die Thuͤre kam, fing er an, laut zu rufen, ſtieg endlich ab, und pochte aus Leibeskraͤften an die Thuͤre, ohne daß man im Mindeſten darauf geachtet haͤtte. Nach langem Warten zeigte ſich der Graukopf eines alten Dieners an einem Fenſterchen, und fragte ihn, was er wolle, aber in einem Tone, der mehr Unzufriedenheit uͤber die Stoͤrung, als Freude uͤber die Ankunft eines Gaſtes zu verrathen ſchien, woraus Vortheil zu zie⸗ hen waͤre. „Iſt dieſes Haus eine Herberge?“ fragte Philipſon. „Ja,“ antwortete jener, kurz abbrechend, und wollte ſich vom Fenſter entfernen, als Philipſon weiter fragte, ob er hier ein Nachtlager finden koͤnne. „Kommt herauf. erwiederte jener trocken. „Schickt Jemand herab, der mein Pferd beſorgt,« kuhr Philipſon fort. Dazu hat Niemand Zeit,“ entgegnete der Alte, „ſorgt ſelbſt dafuͤr, ſo gut Ihr koͤnnt.“ „Wo iſt der Stall?“ fragte der Englaͤnder weiter, deſſen Geduld zu ſchwinden anfing. Der Wortkarge zeigte mit dem Finger auf ein Ge⸗ baͤude, das man eher fuͤr einen Keller als einen Stall haͤtte halten koͤnnen, und ſchloß dann das Fenſter. Aus der Noth eine Tugend machend, fuͤhrte Philip⸗ 101— ſon ſein Pferd und das Saumthier dem bezeichneten Stalle zu, und ſah zu ſeiner Freude ein ſchwaches Licht durch die Thuͤrſpalten fallen. Er trat in ei⸗ nen gewoͤlbten Gang, wo man Krippen und Raufen angebracht hatte; er war ziemlich lang, und am an⸗ dern Ende deſſelben ſah er einige Leute beſchaͤftigt, ihre Pferde anzubinden, ſie zu ſtriegeln, und ihnen ihr Futter zu geben, das der Stallknecht reichte. Dieß war ein lahmer Alter, der weder Striegel noch Yeitſche anruͤhrte; er wog ſitzend das Heu dem Frem⸗ den zu, und maß den Haber ſo genau, daß er jedes Körnchen zu zaͤhlen ſchien. Bei dem Geraͤuſch, das der Englaͤnder mit ſeinen Thieren machte, ſah er ſich . Uicht einmal um, und ſchien noch weniger aufgelegt, dem Fremden beizuſtehen. Hin ſichtlich der Reinlichkeit hatte der Stall große Aehnlichkeit mit dem des Augias, deſſen ungeachtet aber theilten die Thiere des Englaͤnders keineswegs den Eckel ihres Herrn, ſondern liefen zwei leeren Plaͤtzen zu, eines von ihnen aber war kaum an dem ſeinigen angelangt, als ein Stalljunge ihm mit einer Reitgerte uͤber den Kopf ſchlug, mit den Worten: „Ich will Dich lehren, von einem Platz wegzubleiben, der fuͤr dus Pferd des Barons von Randelsheim aufbehalten iſt.“ Der Englaͤnder hatte alle Muͤhe, in dieſem Augen⸗ blicke die Herrſchaft uber ſich ſelbſt nicht zu verlie⸗ ren, doch bedachte er, wie ſchmaͤhlich es fuͤr ihn waͤre, mit einem ſolchen Menſchen, und wegen einer ſol⸗ 1⁰² 4 echen Sache Streit anzufangen, und fuͤhrte das ver⸗ triebene Thier an einen andern leeren Platz. Die Sorgfalt, mit der er ſeine Thiere behandelte, machte ſelbſt auf das eiſerne Herz des alten Stallknechts Eindruck, und er beeilte ſich, ihm Hafer, Heu und Stroh zu geben, jedoch zu einem ungeheuern Preiſe, den er ſich ſogleich bezahlen ließ, auch ging er bis an die Thure, und zeigte Philipſon, wo der Brun⸗ 1 nen ſey, aus dem dieſer jedoch ſich ſelbſt das Waſſer ſchoͤpfen mußte. Nachdem dieß geſchehen war, fragte der Englaͤnder den Alten, ob er ſeine Ballen ſicher im Stalle laſſen koͤnne. „Ihr koͤnnt ſie da laſſen, wenn Ihr wollt,“ er⸗ hielt er zur Antwort,„ſollen ſie aber ganz ſicher ſeyn, ſo thut Ihr am beſten, wenn Ihr ſie mit Euch nehmt.“— Nach dieſen wenigen Worten ſchloß der Alte den Mund, und war durch keine Frage mehr zu bewegen, ihn zu oͤffnen. Philipſon folgte dem gegebenen Rathe, und nahm ſein Gepaͤck mit ſich in die Herberge, was er auch die uͤbrigen Fremden thun ſah. Er trat in die Wirthsſtube, jwo in einem großen Ofen immer ein Feuer unterhalten wurde, um das ſich die Reiſenden jeden Alters und Standes verſammelten, und ihre Maͤntel umherhingen, um ſie zu trocknen, oder warm zu machen, auch ſah man ſie ſich hier waſchen, und ungeſcheut an⸗ und auskeiden. Ein ſolcher Anblick war dem Zartgefuͤhl des Englaͤnders zuwider, und 8 4103 er ſuchte daher den Wirth ſelbſt auf, um ſich von dieſem ein beſonderes Zimmer geben zu laſſen. Ein alter Diener, den er nach ſeinem Herrn fragte, zeigte ihm dieſen hinter dem großen Ofen, wo er in einer dunkeln, warmen Ecke ſaß. Es war ein kleiner Mann, aber ſtark von Gliedern, mit krummen Beinen und wichtiger Miene, im Geſicht und Benehmen aber unterſchied er ſich von den muntern, freundlichen Wirthen in Frankreich und England noch mehr“ als Philipſon bei aller ſeiner Erfahrung erwartet hatte. Seine Antworten waren kurz abgebrochen, ſeine Stir⸗ ne kraus und finſter, und ſein Ton und Beneh⸗ men hatten etwas eben ſo Hartes, als ſeine Worke, was man durch das folgende Geſpraͤch zwiſchen ihm und dem Englaͤnder beſtaͤrigt finden wird. „Ich bin muͤde, Herr Wirth,“ begann Philipſon ſo hoͤflich als moͤglich,„und mir iſt nicht ganz wohl darf ich Euch daher bitten, mir ein beſonderes Zim⸗ mer zu geben, und mir eine Flaſche Wein mit etwas Speiſe dorthin bringen zu laſſen?« »Das koͤnnt Ihr,“ gab der Wirth zur Antwort, aber mit einem Tone und einer Miene, die keines⸗ wegs zu ſeinen Worten paßte. „So laßt mich ſo bald als moͤglich in ein anderes Zimmer fuͤhren.“ „Nur gemach, ich habe Euch geſagt, Ihr koͤnnt da⸗ rum bitten, aber nicht, daß Ihr's erhalten ſolltet. Wenn Ihr anders bedient ſeyn wollt, als die Ueb⸗ rigen, ſo muͤßt Ihr anders wohin gehen.“ 104 „Ich will dieſen Abend nichts mehr eſſen, und den⸗ noch dafuͤr bezahlen, wenn Ihr mir ein beſonderes Zimmer gebt.“ „Es muß hier Jeder ſo gut wohnen, als Ihr, Herr, weil Jeder das Gleiche bezahlt. Wer in mein Haus kommt, muß mit den Andern eſſen, trinken und ſchlafen gehen, wenn die Gaͤſte zu trinken auf⸗ gehoͤrt haben.« „Das finde ich alles ganz billig,“ ſagte Philipſon mit demuͤthigem Tone, weil es laͤcherlich geweſen waͤre, Unmuth blicken zu laſſen,„und ich willl mich keines⸗ wegs ſtraͤuben, Eure Geſetze und Regeln zu beobach⸗ ten. Allein,“ fuhr er, die Boͤrſe ziehend, fort,„ein Kranker hat doch immer einiges Vorrecht, beſon ders wenn er's gerne bezahlt, und ich denke, Ihr koͤnnt in dieſem Falle etwas von Euren ſtrengen Regeln ab⸗ gehen.“ „Ich halte eine Herberge, Herr, kein Lazareth. Bleibt Ihr hier, ſo werdet Ihr ſo gut bedient, wie die Andern, wollt Ihr aber etwas Beſonderes haben, ſo muͤßt Ihr anders wohin gehen.“ So abgewieſen trat Philipſon zurück, um in der ge⸗ drängt vollen Wirthsſtube zu warten, bis das Eſſen aufgetragen würde. Einige von den Gäſten hatten ſich ermüdet niedergelegt, und ſchliefen, Andere unterhielten ſich von Tagesneuigkeiten, mehrere würfelten, oder ver⸗ trieben ſich die Zeit durch andere Spiele. Es waren Leute von verſchiedenen Ständen; Einzelne waren gut gekleidet, und ſchienen reich, während bei Andern Au⸗ 105⁵ zug und Beuehmen verrieth, daß ſie einer der unteren Klaſſen angehörten. Ein Bettelbruder, ein Menſch von heiterer Laune, näherte ſich Philipſon, und knüpfte ein Geſpräch mit ihm an. Der Engländer wußte wohl, daß er ſeine ei⸗ gentlichen Abſichten am beſten unter einem offenen, ge⸗ ſelligen Weſen verbergen konnte, er kam daher dem Bruder zutraulich entgegen, und ſprach mit ihm über die Lage Lothringens und die Theilnahme, die der Ver⸗ ſuch des Herzogs von Burgund, ſich dieſes Lehens zu bemächtigen, in Deutchland und Frankreich erregen müſſe. Er hörte blos die Meinung des Andern darü⸗ ber an, ohne ſeine eigene auszuſprechen, und hob dann von der Geographie des Landes, dem Handelsverkehr und der Verordnung zu reden an, wodurch dieſer be⸗ ſchränkt oder begünſtigt wurde. Während dieſes Geſprächs trat mit einemmale der Wirth in's Zimmer, ſtieg auf ein altes Faß, muſterte die Anweſenden, und befahl dann mit herriſchem Tone: „Die Thore geſchloſſen! zu Tiſche!« »„Gott ſey gelobt,“ ſprach der Bettelmönch,„unſer Wirth hat endlich die Hoffnung aufgegeben, heute noch weitere Gäſte ankommen zu ſehen, ſonſt hätte er uns unbarmherzig noch länger faſten laſſen. Ja, da bringt man das Tiſchtuch, das alte Thor iſt nun wohl verrie⸗ gelt, und wenn Jan Mengs dieſes einmal ſchließen läßt, ſo kann ein Reiſender daran klopfen, ſo laug er will, es wird ihm gewiß nicht auſgethan.“ 106 „Der Herr Mengs hält eine ſtrenge Hausordnung,« bemerkte der Engländer. „So ſtreug als der Herzog von Burgund,“ verſetzte der Bruder.„Nach 40 Uhr wird Niemand mehr ein⸗ gelaſſen, und wer innen iſt, muß bleiben, bis das Thor bei Tagesanbruch geöffnet wird. Bis dorthin gleicht das Haus einer belagerten Burg, deren Vogt Jan Mengs iſt.“ „Und wir ſind ſeine Gefangenen,“ ſagte Philipſon, „nun ja, ich laſſe mir's gefallen. Ein kluger Reiſen⸗ der muß ſich in die Zeit ſchicken, und ich hoffe, Herr Mengs werde uns gnädig behandeln.“ Keuchend und ſtöhnend verlängerte unterdeſſen der alte Diener, mittelſt einiger Bretter, den Tiſch, da⸗ mit alle Gäſte Platz hätten, und breitete ein Linnen⸗ tuch darüber, das nicht eben weiß und fein war. Nach⸗ dem dieß geſchehen war, erhielt Jeder ein hölzernes Teller, einen Löffel und ein Glas; das Meſſer führte Jeder ſelbſt bei ſich, und von Gabeln wußte man da⸗ mals noch nichts. Schon eine gute halbe Stunde ſaßen die Gäſte er⸗ wartungsvoll am Tiſche, da erſchien endlich der Alte mit einem großen Kruge Moſelwein, der ſo ſchwach und ſauer war, daß Philipſon nachdem er kaum davon gekoſtet, das Glas wieder miederſetzte. Der Wirth, der auf einem etwas höheren Stuhle oben am Tiſche ſaß, bemerkte dieß, und rief ihm zu:„Der Wein ſcheint Euch nicht zu munden, Herr?« 107 „Als Wein nicht,“ erwiederte Philipſon,„einen beſ⸗ ſern Eſſig aber habe ich noch ſelten getroffen.“ Dieſer Scherz ſetzte den Wirth in Wuth, und er ſchrie:„Wer ſeyd Ihr, Krämer, daß Ihr es wagt, an meinem Wein etwas auszuſetzen, da er doch ſchon von ſo vielen Prinzen und Herzogen, Grafen und Rit⸗ tern des heiligen römiſchen Reichs belobt worden, de⸗ nen Ihr nicht werth ſeyd, die Schuhriemen zu löſen? Hat nicht von dieſem Weine der Pfalzgraf von Nim⸗ merſatt ſechs Pinten getrunken auf dem Stuhl, wo ich gegenwärtig ſitze, ohne vom Platz zu gehen 2 „Das mag ſeyn, Herr Wirth, und der Fhrenwerthe Herr hätte meinetwegen das Doppelte trinken mögen.“ „Schweigt,“ rief der Wirth,„und thut mir und dem Wein, den Ihr geſcholten habt, ſogleich Abbitte, oder ich laſſe das Eſſen erſt um Mitternacht auftragen.“ Dieſe Drohung veranlaßte einen gewaltigen Lärm unter den Gäſten; alle erklärten, ſie ſeyen weit ent⸗ fernt, die ehrenrührige Meinung des Engländers zu theilen, und mehrere ſchlugen vor, der Wirth ſolle die⸗ ſen zur Strafe vor die Thüre werfen, und nicht die Andern für ſein Vergehen büßen laſſen; ſie verſicherten, der Wein ſey vortrefflich, und mehrere leerten zum Zei⸗ chen, daß ſie es aufrichtig meinen, ihre Gläſer. Wäh⸗ rend dieſer Vorſtellungen ſuchte der Bettelmönch, um den Streit zu beſchwichtigen, Philipſon zu bereden, daß er dem Wirth zu Willen wäre. „Meine werthen Freunde,“ ſprach Philipſon endlich, „es thut mir leid, daß ich unſern ehrenwerthen Wirth 108 beleidigt habe, und ich habe ſo wenig etwas gegen ſei— nen Wein vorzubringen, daß ich gerne noch einen Krug zahle, der unter die ehrſame Geſellſchaft vertheilt wer⸗ den ſoll, vorausgeſetzt, daß ich nichts davon trinken darf.“ Die letzten Worte ſprach er bei Seite, allein die ver⸗ zogenen Geſichter mehrerer Gäſte, die einen zärteren Gaumen hatten, ſagten ihm, daß ſie ſich, wie er, vor dem ſauren Getränke ſcheuten. Der Bettelmönch machte den Vorſchlag, der Kanf⸗ mann ſollte einen Krug von dem beſſeren Weine bezah⸗ len, den man nach Beendigung der Mahlzeit aufzuſetzen pflegte, und da der Wirth ebenſo gut dabei ſeine Rech⸗ nung fand wie die Gäſte, und Philipſon keine Einwen⸗ dung machte, ſo wurde der Vorſchlag allgemein ange⸗ nommen, und Mengs befahl das Eſſen aufzutragen. Der Wein, der zum Beſchluß des Mahles aufgeſetzt wurde, war ſo ſtark, daß Philipſon Waſſer verlangte, um es darunter zu miſchen. „Euch kann man nichts recht machen, Herr,« rief ihm der Wirth mit gerunzelter Stirne zu,„wenn Ihr den Wein bei mir zu ſtark findet, ſo braucht Ihr nur weniger zu trinken; es iſt uns gleichgültig, ob Ihr trinkt oder nicht, wenn Ihr nur für die Andern die Zeche zahlt.«⸗ Ein ſchallendes Gelächter beſchloß ſeine Rede. Phi⸗ lipſon wollte antworten, allein der Bruder zog ihn am Rocke, und beſchwor ihn, zu ſchweigen.„Ihr kennt die Sitte des Landes nicht,“ ſprach er,„Ihr ſeyd hier nicht 1 9 in einem engliſchen oder franzöſiſchen Gaſthaus, wo Jeder fordert, was er will, und nur bezahlt, was er verlangt hat. Bei uns gilt der Grundſatz der Gleich⸗ heit und Brüderlichkeit, Niemand fordert etwas für ſich allein, und Jeder ißt von den Speiſen, die der Wirth auftragen läßt. Mit der Zeche iſt es, wie mit dem Eſſen, jeder zahlt das Gleiche, ob er mehr oder weniger Wein getrunken hat.“ „Dieſe Sitte ſcheint mir nicht billig,“ meinte Phi⸗ lipſon,„doch ein Fremder darf ſich nicht zum Richter aufwerfen. Ihr ſagt alſo, Jedem werde die gleiche Zeche gemacht, wenn es zum Zahlen kommt?“ „Es iſt ſo Regel,“ erwiederte Jener,„einen armen Bruder unſeres Ordens etwa ausgenommen, den der heilige Franziskus in eine Herberge ſchickt, um guten Chriſten Gelegenheit zu verſchaffen, ſich eine Stufe zum Himmel zu verdienen, indem ſie ein Werk der Barmherzigkeit an ihm thun.“ Nachdem Bruder Gratian auf dieſe Art dem Eng⸗ länder die Landesgebräuche erklärt hatte, ſuchte er ſei⸗ ne Worte durch ſein Beiſpiel zu verſinnlichen, und that ſich unter den ſtärkſten Zechern hervor. Der gute Wein that bald ſeine gewöhnliche Wirkung. Der Wirth ſelbſt verlor etwas von ſeinem finſteren Ausſehen, und wie ein ekektriſcher Funken theilte ſich die Fröhlichkeit ſchnell einem Gaſt nach dem andern mit. Philipſon war ſtill und verſchloſſen, theils, weil er überhaupt kein Freund der Flaſche war, theils, weil er ſich mit Fremden in kein Geſpräch einlaſſen mochte. 110 Der Wirth bemerkte dieſes, und vom Wein aufgehei⸗ tert, fing er an ſeinen Witz gegen die Leute ſpielen zu laſſen, die Andern die Freude verderben, wodurch er offenbar auf den Engländer anſpielte. Dieſer ant⸗ wortete ruhig, er fühle wohl, daß er dieſen Abend nicht in eine fröhliche Geſellſchaft tauge, und wenn die Herren es erlauben, ſo werde er zu Bette gehen. Die⸗ ſer Vorſchlag, den man anderswo für ſehr billig und vernünftig gehalten hätte, galt hier für einen Hoch⸗ verrath an den Zechgeſetzen. 1 „Wer ſeyd Ihr,“ ſchrie der Wirth,„daß Ihr Euch herausnehmt, vom Tiſch aufzuſtehen, ehe die Zeche be⸗ zahlt iſt? Der Tenfel! wir ſind nicht die Leute dazu, uns ungeſtraft foppen zu laſſen. So mag's bei Euch zu Lande Brauch ſeyn, aber nicht bei Jan Mengs zum goldenen Vließ, ich dulde nicht, daß Einer meiner Gäſte zu Bette geht, ehe die Zeit, die Zeche zu zah⸗ len gekommen iſt, und mich und die ganze Geſellſchaft⸗ zum Beſten hat.. Philipſon blickte umher, um zu ſehen, was ſeine Tiſchgenoſſen dächten, er fand aber in ihren Augen nichts, was ihn ermuthigt hätte, ſie um ihr Urtheit zu befragen. Nur ſehr Wenige waren noch nüchteru, und die, die noch im Stande waren auf das, was um ſie her vorging, zu achten, waren alte Zecher, die die Meinung des Wirths theilten, und den Engländer für einen Schlaukopf anſahen, der aufbrechen wollte um nicht noch mehr bezahlen zu müſſen, Mengs hatte da⸗ her die ganze Geſellſchaft auf ſeiner Seite, als er ſeine —p 111 Rede alſo ſchloß:„Ja, Herr, Ihr könnt gehen, wenn Ihr wollt, aber meiner Seele, nicht in eine andere Herberge, ſondern in den Stall, wo Ihr auf der Streue ſchlafen könnt, ein ſolches Bett iſt gut genug für einen, der eine gute Geſellſchaft zuerſt verlaſſen will.“ „Ihr habt Recht, Herr Wirth,“ ſchrie ein reicher Regensburger Kaufmann dazwiſchen;„wir ſind immer noch ein halbes Dutzend, und wohl im Stande, die al⸗ ten, löblichen, deutſchen Bräuche aufrecht zu erhalten.“ »Erzürnt Euch nicht, mein Herr,“ ſagte Phitipſon, „Ihr ſollt haben, was Ihr wollt mit Euern drei Be⸗ gleitern, die der gute Wein Euch doppelt ſehen läßt, und wenn Ihr mir nicht erlaubt zu Bette zu gehen, ſo werdet Ihr's nicht übel nehmen, wenn ich auf mei⸗ nem Sitze einſchlafe.“ „Was haltet Ihr davon, Herr Wirth,“ fuhr der Regensburger fort.„Der Mann iſt trunken, wie Ihr ſeht, weil er nicht weiß, daß drei und eins ſechs ma⸗ chen, ich ſage alſo trunken, kann man ihn da auf dem Stuhle einſchlafen laſſen?« Philipſon benützte den Streit, der ſich darüber erhob, dazu, um ſich etwas zurückzuziehen, und wenn er nun⸗ auch nicht ſchlafen konnte, wie er es gewünſcht hatte, ſo war er doch den Blicken des Wirths nicht mehr ausgeſetzt, welcher Jedem ein finſteres Geſicht machte, der nicht häufig den Becher leerte. Seine Gedanken weilten an einem ganz andern Orte und auf Gegen⸗ ſtänden, die mit dem Geſpräche ſeiner Mitgäſte nicht⸗ 112 das Mindeſte gemein hatten, als er mit einem Male heftig an die Thüre pochen hörte. „Was iſt das,“ ſchrie Mengs mit flammendem Ge⸗ ſicht,„wer Teufels klopft zu ſolcher Stunde noch an der Thüre des Wirths zum goldenen Bließ, als waͤr' die Herberge ein verrufenes Haus? Sehe Jemand zum Fenſter hinaus, wer es iſt, Gottfried, oder Ihr, Timo⸗ theus, ſagt dem Unverſchämten, im goldenen Vließ werde Niemand zu ungebührlicher Zeit eingelaſſen.“ Die Fortſetzung folgt im vierten Theile.)