N Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 5 Wet.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Nevelmeer, das um die Gretſcher wogt Die hoch empor die grauen Haͤupter heben, Der dichten Wolken weißer Mantel, gleich Des Oceanes ſchaumigem Gewand, Wenn ſich's bei Sturmesnahn in Falten legt, — Mirr ſchwindelt: 7 Manfred. Beinahe vier Jahrhunderte ſind verfloſſen, ſeit die Ereigniſſe, welche den Gegenſtand des vorliegenden Werkes ausmachen, ſich zugetragen haben. Die zu Grund gelegten geſchichtlichen Urkunden waren lange in der vortrefflichen Bibliothek in Sanct Gallen auf⸗ bewahrt, wurden aber mit den meiſten literariſchen Schaͤtzen dieſes Kloſters bei der Pluͤnderung deſſelben durch die franzoͤſiſchen Revolutionsheere vernichtet. Der Zeitpunkt dieſer Ereigniſſe fuͤhrt uns in die Mitte des fuͤnfzehnten Jahrhunderts, jene wichtige Epoche zuruͤck, wo das Ritterthum noch einen Schatten des fruͤhern Glanzes behauptete, der bald ganz verſchwin⸗ den follte, in einigen Laͤndern durch die Gruͤndung freier Einrichtungen, in andern durch die der will⸗ kuͤhrlichen Gewalt, wodurch die Vermittlung jener Richter, deren Anſehen einzig auf ihr Schwert ſich ſtuͤtzte, unnoͤthig wurde. Bei der allgemeinen Aufklaͤrung, die ſich ſeit Kur⸗ zem in Europa verbreitete, hatten mehrere Laͤnder, wie Frankreich, Burgund, Italien und ganz beſonders Oeſtreich, den Charakter eines Volkes kennen gelernt, deſſen Vorhandenſeyn ſie bisher kaum geahnt. Wohl wußten die Bewohner der von der langen Alpenkette umſchloſſenen Laͤnder, daß in wilden abgelegenen Thaͤ⸗ lern hinter den rieſigen Bergen ein Geſchlecht von Jaͤgern und Hirten haußte, Menſchen, die in dem Urzuſtande der Einfalt lebend, durch muͤhſame Arbeit dem Boben die Mittel des Unterhalts abgenommen, das Wild auf die unzugaͤnglichſten Hoͤhen durch die dichteſten Fichtenwaͤlder verfolgten, und ihre Heerden uberall hingeleiteten, wo ſie einiges Futter fanden, ſelbſt in die Naͤhe der ewigen Schneemaſſen. Allein das Vorhandenſeyn eines ſolchen Volkes oder viel⸗ mehr einer gewiſſen Anzahl von Menſchen, die bei gleichem Berufe in gleicher Armuth lebten, hatte den reichen maͤchtigen Fuͤrſten der angrenzenden Laͤn⸗ der ebenſo unwichtig geſchienen, als ſtattliche, auf fruchtbaren Auen weidende Heerden darauf achten, daß einzelne wilde Ziegen auf den umliegenden Fel⸗ fen ſich duͤrftiges Futter holen. Gegen die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts aindeſſen fing dieſes Gebirgsvolk die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen an, als das Geruͤcht von mehreren enden Treffen ſprach, — * worin die deutſchen Rit⸗ ——, 8 — 7 ter, die unter ihren Vaſallen auf den Alpen Empoͤ⸗ rungen daͤmpfen wollten, mehrere blutige Niederla⸗ gen erlitten hatten, ungeachtet in Zahl, Kriegszucht und Bewaffnung der Vortheil auf ihrer Seite war. Man ſtaunte, daß die Reiterei, der Kern der damali⸗ gen Heere, durch Fußgaͤnger in Unordnung gebracht, und Krieger, ganz in Stahl gewappnet, von Maͤn⸗ nern geſchlagen worden, die keine Schutzruͤſtung trugen, und zum Angriffe nur unregelmaͤßig mit Pi⸗ ken, Hellebarden und Knitteln bewaffnet waren. Haupt⸗ ſaͤchlich aber galt es gleichſam fuͤr ein Wunder, daß Ritter und Edle von Landleuten und Hirten uͤber⸗ wunden worden. Aber die wiederholten Siege, welche die Schweizer bei Laupen, bei Sempach und auf an⸗ dern weniger bekannten Schlachtfeldern erfochten, wie⸗ ſen deutlich darauf hin, daß in den Gauen Helvetiens ein neuer Grundſatz buͤrgerlicher Verfaſſung und krie⸗ geriſcher Bewegungen in's Leben getreten war. So ſehr indeſſen die entſcheidenden Siege, welche die Freiheit der Schweizer⸗Cantone ſicherten, ſowie die Entſchloſſenheit und Klugheit, womit die Glieder dieſer Verbuͤndung ſich gegen die gewaltigen Anſtren⸗ gungen Oeſtreichs behaupteten, ihren Ruhm in allen angrenzenden Laͤndern verbreitet hatten, und ſo innig ſie ſich der durch jene Siege gewonnenen Staͤrke be⸗ wußt waren, ſo behielten ſie dennoch bis zur Mitte des fuͤnfzehnten Jahrhunderts und ſelbſt noch laͤnger, groͤßtentheils die Weisheit, Maͤßigung und Einfalt ihrer althergebrachten Sitten bei. Selbſt diejenigen, 3 8 denen waͤhrend des Kriegs der Oberbefehl uͤber die Schaaren des Freiſtaats anvertraut war, pflegten wie⸗ der zum Hirtenſtabe zu greifen, wenn die Waffen ruhten: wie die roͤmiſchen Feldherrn traten ſie in die Reihen ihrer Mitbuͤrger zuruͤck, und waren ihnen wieder voͤllig gleich, wenn ſie von der Stufe herab⸗ ſtiegen, auf welche ihre ausgezeichneten Talente und die Stimme des Vaterlands ſie erhoben hatten. Dieſe Cantone nun ſind der Schauplatz unſerer Geſchichte, welche mit dem Herbſt des Jahres 1474 beginnt. Zwei Reiſende, vom denen der eine laͤngſt uͤber den Fruͤhling des Lebens hinaus war, der andere 22 bis 25 Jahre haben mochte, hatten die Nacht in Luzern, der Hauptſtadt des Cantons gleichen Na⸗ mens, zugebracht, die aͤuſſerſt maleriſch am Vierwald⸗ ſtaͤdterſee liegt. Tracht und Benehmen ließen Han⸗ delsleute erſten Ranges in ihnen vermuthen, und waͤhrend ſie zu Fuß gingen, eine Art zu reiſen, welche die Beſchaffenheit des Landes als die bequemſte dar⸗ ſtellte, beg leitete ſie ein ruͤſtiger Burſche von der Seite der Alpen, welche gegen Italien hinliegt, mit einem Saumthiere, auf das er ſich zuweilen ſetzte, das er aber meiſtens am Zuͤgel nach ſich fuͤhrte. Die Reiſenden waren Leute von gutem Ausſehen, wie man ſie nicht fehr haͤufig trifft, und ſchienen durch nahe Verwandtſchaft mit einander verbunden. Wahr⸗ — ſcheinlich waren ſis Vater und Sohn, denn in der — —————— — 9 kleinen Herberge, wo ſie die vorige Nacht zubrachten, hatte die große Ehrerbietung des Juͤngeren gegen den Aeltexen die Aufmerkſamkeit der Eingebornen erregt, die, wie alle fern von der Welt Lebenden, um ſo neu⸗ gieriger waren, je weniger ſie Mittel beſaßen, ihre Begierde zu befriedigen. Sie bemerkten gleichfalls, daß die Fremden, unter dem Vorwande, daß ſie Eile haben, ſich weigerten, ihre Ballen zu oͤffnen und mit den Luzernern in Handel zu treten, wobei ſie uͤber⸗ dieß aͤuſſerten, ſie fuͤhren keine Waaren bei ſich, die ihnen genehm waͤren. Die Frauen der Stadt wa⸗ ren mit der Zuruͤckhaltung der fremden Handelsleute um ſo weniger zufrieden, als man ihnen zu verſte⸗ hen gegeben hatte, der wahre Grund davon ſey der, daß ihre Waaren zu koſtbar waͤren, als daß ſie in dieſen Bergen Kaͤufer faͤnden; denn durch die Ge⸗ ſchwaͤtzigkeit ihres Begleiters hatte verlautet, daß ſie in Venedig geweſen, und dort viele koſtbare Waaren, die von Indien und Egypten gekommen, aufgekauft haben. Die Schweizer Schoͤnen hatten ſeit Kurzem die Entdeckung gemacht, daß die reichen Stoffe und koſtbaren Steine huͤbſch anzuſchauen ſeyen, und, ob⸗ gleich ohne Hoffnung, ſich ſolchen Schmuck verſchaffen zu koͤnnen, empfanden ſie doch das ſehr natuͤrliche Verlangen, den reichen Waarenvorrath zu ſehen und die ſeltenen Sachen zu befuͤhlen, und um ſo groͤßer war nun ihr Mißvergnuͤgen, daß ihnen dieſer Genuß nicht zu Theil wurde. Auſſerdem war aufgefallen, daß die Fremden, ob 410 gleich ſie hoͤflich waren, ſich doch nicht ſo eifrig be⸗ muͤht zeigten, zu gefallen, wie die hauſirenden Kraͤmer aus der Lombardei und Savoyen, die von Zeit zu Zeit in's Gebirge kamen, und hier haͤufiger ſich ein⸗ fanden, ſeitdem die Fruͤchte des Sieges den Schwei⸗ zern einigen Reichthum verſchafft, und ſie neue Be⸗ duͤrfniſſe gelehrt hatten. Dieſe Leute waren hoͤflich und zuvorkommend, wie ihr Gewerbe es forderte, den neuen Gaͤſten dagegen ſchien gar nichts daran zu liegen, ob ſie ihre Waagren hier mit Vortheil ab⸗ ſetzen konnten oder nicht. Die Neugierde war uͤberdieß noch durch den Um⸗ ſtand vege gemacht worden, daß ſie eine Sprache mit⸗ einander redeten, die beſtimmt weder teutſch, noch franzoͤſiſch, noch italieniſch war, und nach der Aus⸗ ſage eines alten Knechts in der Herberge, der fruͤher bis nach Paris gekommsn war, engliſch ſeyn ſollte. Alles, was man von den Englaͤndern wußte, be⸗ ſchraͤnkte ſich auf ſehr Weniges. Sie ſeyen, hieß es, ein wildes Inſelvolk, das ſchon ſeit Jahrhunderten mit den Franzoſen in Fehde liege, und wovon ein zahlreicher Haufen fruͤher in die Waldkantone einge⸗ fallen ſey, aber in dem Thale bei Rußwil eine voͤllige Niederlage erlitten habe, wie ſich deſſen alte Leute in Luzern, auf welche dieſe Ueberlieferung von ihren Vaͤ⸗ tern gekommen war, noch⸗wohl erinnerten. Der Burſche, der die Fremden begleitete, war, wie man bald bemerkte, ein Graubuͤndtner, und diente ih⸗ nen zum Fuͤhrer, ſo weit es ſeine Kenntniß vom — 11 Gebirbe zulleß. Wie er ſagte, hatten ſte im Sinne, nach Baſel zu gehen, ſchienen aber auf abgelegenen, wenig beſuchten Wegen dorthin gelangen zu wollen. Die angefuͤhrten Umſtaͤnde erhoͤhten noch das allge⸗ meine Verlangen, die Fremden naͤher kennen zu ler⸗ nen und ihre Waaren zu muſtern. Indeſſen wurde nicht eine Balle geoͤffnet, die Reiſenden verließen am andern Morgen Luzern und ſetzten ihre beſchwerliche Reiſe fort, weil ſie lieber den laͤngern und weniger bequemen Weg durch die friedlichen Cantone der Schweiz machen, als ſich den Gewaltthaͤtigkeiten der deutſchen Raubritter ausſetzen wollten, die ſich un⸗ abhaͤngig gemacht hatten, nach Gefallen umherzogen, und mit dem Uebermuthe, der untergeordneten Ge⸗ walthabern eigen iſt, alle diejenigen brandſchatzten, die auf eine Meile weit an ihrem Gebiete voruͤber⸗ kamen. Nachdem die Reiſenden Luzern verlaſſen hatten, ſetzten ſie ihren Weg einige Stunden lang gluͤcklich fort. Obgleich ſchroff und beſchwerlich, wurde der Weg dennoch anziehend durch die herrlichen Naturer⸗ ſcheinungen, wie ſie kein anderes Land, auſſer der Schweiz, aufzuweiſen hat, wo neben den Felsſchluch⸗ ten, den gruͤnen Thaͤlern, den ſpiegelnden Seen und den wildbrauſenden Gießbaͤchen noch die Gletſcher in ihrer furchtbaren Groͤße und Herrlichkeit ſich er⸗ heben. * In jenen Zeiten machten die Schoͤnheiten und Er⸗ habenheiten einer Landſchaft noch wenigen Eindruck 4² auf das Gemuͤth der Reiſenden, wie der Eingebor⸗ nen. So großartig dieſe Gegenſtaͤnde waren, ſo hat⸗ ten ſie doch fuͤr die Letzteren nichts Neues, ihre taͤgliche Beſchaͤftigung hatte ſie daran gewoͤhnt; jene fuͤhlten ſich, wenn ſie durch eine wilde Gegend zo⸗ gen, mehr von Grauen angewandelt, als daß ſie fuͤr die Schoͤnheiten derſelben ein Auge gehabt haͤt⸗ ten, und beeilten ſich mehr, wohlbehalten an einen Ort zu gelangen, wo ſie Nachtlager zu halten ge⸗ dachten, als erhabene Naturſcenen, die ſich ihren Blicken darboten, zu bewundern, ehe ſie die Herberge gewonnen hatten. Indeſſen ſahen ſich unſre Rei⸗ ſenden im Weitergehen unwillkuͤhrlich von dem Cha⸗ rakter der ſie umgebenden Landſchaft lebhaft angezo⸗ gen. Ihr Weg zog ſich am Geſtade des See's hin, und lief bald uͤber ebenen Grund, bald erhob er ſich zu bedeutender Hoͤhe an dem angrenzenden Berge, und ſchlaͤngelte ſich laͤngs jaͤhen Abſtuͤrzen am Rande ſenkrecht aufſtrebenden Felſen. Hin und wieder bot er eine gefaͤlligere Ausſicht dar, Huͤgel mit köͤſt⸗ lichem Gruͤn bedeckt, tiefe heimliche Thaͤler, Trif⸗ ten und bebautes Land, dann ein Doͤrſchen von hoͤl⸗ zernen Sennhuͤtten mit dem Kirchlein und Thurme, und wieder Gaͤrten und Rebenhuͤgel und dazwiſchen ein ſchlängelnder Bach, der dem See zueilte. „Der Bach dort, Arthur,“ hob der Aeltere der 2 zwei Reiſenden an, welche beide zu gleicher Zeit ſte⸗ hen geblieben waren, um die vor ihnen liegende — r 13 Landſchaft zu beſchauen,„der Bach gleicht dem Leben des Rechtſchaffenen und Gluͤcklichen.“ „Und der Waldſtrom,“ fragte Arthur,„der ſich von jenem fernen Berge ſtuͤrzt, und deſſen Lauf der Streif von weißem Schaum bezeichnet, wem gleicht der?“ „Dem Leben eines wackern, aber ungluͤcklichen Man⸗ nes,“ war des Vaters Antwort. „Ich halte es mit dem Strom,“ fuhr Arthur fort, „ein ungeſtuͤmmer Lauf, den keine menſchliche Macht aufzuhalten vermag, ob auch kurz, doch ruhmvoll!« „Das ſpricht die Jugend aus dir,“ entgegnete ſein Vater,„aber ich weiſ, daß dieſer Gedanke in deinem Gemuͤth ſo tief gewurzelt iſt, daß nur die grauſame Hand des Ungluͤcks ihn ausreißen kann.“ „Die Wurzeln halten noch feſt in meinem Herzen,« entgegnete der Juͤngling,„und doch duͤnkt mich, das Ungluͤck habe ſchon mit Macht daran geruͤttelt.« „Du ſprichſt von Dingen, mein Sohn, die du nicht verſtehſt,“ ſprach der Alte.„Wiſſe, ſo lange man nicht uͤber die Mitte des Lebens hinaus iſt, weiß man das wahre Gluͤck von Ungluͤck wenig zu unterſcheiden, oder vielmehr man ſucht als Gunſt des Gluͤcks, was man als Zeichen ſeines Zuͤrnens betrachten ſolle. Siehe dort unten den Berg, deſſen ſchroffer Scheidel ein Diadem von Wolken traͤgt, die bald ſich heben, bald ſich ſenken, wie der Sonnen⸗ ſtrahl ſie trifft, der ſie nicht zu zerſtreuen vermag. 44 Ein Kind koͤnnte glauben, es ſey eine Siegerkrone— ein Mann erblickt darin die Anzeichen eines Sturmes.“ Arthur folgte der Richtung der Augen ſeines Va⸗ ters, die an dem finſtern, ſchwarzen Gipfel des Bergs Pilatus hingen. „Iſt denn der Nebel, der über jenem Berge liegt, ein ſo ſchlimmes Vorzeichen?“ fragte er nach einer Pauſe.„ „Frage nur Antonio, der wird dir davon zu erzäh⸗ len wiſſen.“ 4 6 Arthur wandte ſich nun an den jungen Schweizer, der ſie begleitete, und fragte ihn nach dem Namen des dunkeln Berges, der von dieſer Seite aus alle andere in der Nähe von Luzern zu beherrſchen ſcheint. Der Führer bekreuzte ſich andächtig, und erzählte die unter dem Volke umlaufende Sage, daß jener Statthalter Judäas an dieſem Orke ſein gottloſes Leben geendigt habe, indem er, nachdem er mehrere Jahre in den abgelegenen⸗ Schluchten dieſes Bergs, der noch ſeinen Namen führt, zugebracht, mehr durch Ver⸗ zweiflung getrieben, als aus Reue ſich in den unheim⸗ lichen See geſtürzt habe, der auf der Spitze deſſelben liegt. Ob das Waſſer den Verruchten wieder ausge⸗ worfen habe, oder ob ſein Körper ertrunken ſey, und ſein Geiſt nun an dem Orte umgehe, wo der Selbſt⸗ mord vollbracht ward, wußte Antonio nicht zu entſchei⸗ den. Aber oft, ſetzte er hinzu, ſehe man eine menſch⸗ liche Geſtalt aus dem Waſſer aufſteigen, und die Ge⸗ berde des Händewaſchens nachen. Wenn dieß geſchehe, 15 ziehen ſich dichte Nebelmaſſen um den hölliſchen See, (ſo hieß er früher), hüllen dann den obern Theil des Berges in Finſterniß, und verkündigen ein Gewitter oder einen Orkan, der nie lange aushleibe. Der böſe Geiſt ſey ſo erzürnt über die Kühnheit von Fremden, die den Berg zu erſteigen wagten, um den Schauplatz ſeiner Strafe zu betrachten, daß die Obern bei ſchwe⸗ ver Strafe Jedermann verboten haben, dem Verg Pi⸗ latus nahe zu kommen. Antonio machte wieder das Zeichen des Kreuzes, als er ſeine Erzählung ſchloß, und ſeine Begleiter ahmten dieſe fromme Geberde nach, denn fie waren zu gute Katholiken, um die Wahrheit diefer Geſchichte zu bezweifeln. „Wie der verdammte Heide uns zu drohen ſcheint!« hob Arthur wieder an, während ſchwarze Wolken über der Spitze des Pilatus ſich zuſammengezogen.„Weiche von hinnen, wir trotzen dir, Sünder.“ Ein Wind, der ſich bälder hören ließ, als er fühl⸗ bar wurde, fieng an, einem ſterbenden Löwen gleich zu brüllen, Fals hätte der Geiſt des beſtraften Verbrechers die verwegene Herausforderung des jungen Britten an⸗ genommen. An den vauhen Seiten des Berges herab zogen ſich ſchwere Dünſte, die, über ſeine Schluchten ſich hinwegwälzend, den Lavaſtrömen glichen, die ein Vulkan auswirft. Die nackten Felſen am Rande die⸗ ſer Schluchten erhoben ihre grauen Häupter über den Nebel, der wie ein Meer ſie umwogte, und im Wider⸗ ſpiel mit dieſer finſtern drohlichen?Scene erglänzte die 46 weiter entfernte Gebirgskette des Rigi in den farbigen Strahlen der Herbſtſonne. Während die Reiſenden dieſes ergreifende Schauſpiel betrachteten, das einen Kampf zwiſchen den Mächten des Lichts und der Finſterniß zu bedeuten ſchien, rieth ihnen ihr Führer in ſeiner aus italieniſch und deutſch gemiſchten Sprache, ihre Schritte zu verdoppeln. Das Dorf, wohin er ſie führen wollte, liege noch weit ent⸗ fernt, der Weg ſey ſchlecht, und ſchwer zu finden, und wenn der böſe Geiſt, ſetzte er mit einem ſcheuen Blick auf den Pilatus und ſich nochmals bekreuzigend hinzu, das Thal in Finſterniß hülle, ſo werde der Weg ge⸗ fährlich, und er wiſſe nicht, ob er ihn dann finden würde. Auf dieſe Nachricht zogen die Reiſenden ihre Mäntel höher herauf, drückten mit entſchloſſener Miene die Mützen tiefer in's Geſicht, zogen den breiten Gür⸗ tel, der, ſtatt einer Agraffe, den Mantel hielt, zuſam⸗ men, und ſetzten nun, jeder einen mit Eiſen beſchlagenen Stab in der Hand, deren man ſich auf Gebirgsfährten bedient, rüſtig ausſchreitend ihre Reiſe fort. Mit jedem Schritte ſchien die Scene zu wechſeln. Jeder Berg bot, als wäre ſeine unveränderliche Geſtalt ebenſo wandelbar geweſen, wie die Wolken, deren Um⸗ riſſe beſtändig wechſeln, einen verſchiedenen Anblick dar, je nachdem die Fremden ſich bewegten, und der Nebel, der langſam ſich herabſenkte, ihnen die Felſen und Thäler enthüllte, oder in ſeinen duftigen Mantel barg⸗ Ihr Weg, der nirgends gerade fortlief, ſondern nur ein ſchmaler Fußſteig war, welcher ſich durch die Krüm⸗ 17 mungen des Thales und oft an Felſen hinaufwand, mehrte noch den Wechſel, und die Reiſenden wußten zuletzt gar nicht mehr, welche Richtung ſie zu verfolgen haben. „Ich wollte,“ hob der Aeltere wieder an,„wir hät⸗ ten eine ſolche Nadel, deren Spitze, wie die Seeleute ſagen, immer gegen Norden ſieht, und ſie in den Stand ſetzt, auf offenem Meere ihren Weg zu finden, wenn weder Sonne, noch Mond, noch Sterne ſcheinen, und kein Zeichen, weder auf der Erde, noch am Himmel, ihnen die Richtung angibt, die ſie zu nehmen haben.“ „Sie würde uns wohl in dieſen Bergen wenig nü⸗ tzen,“ erwiederte der Jüngere,„denn wenn auch die wunderbare Nadel auf einer platten Fläche, wie das Meer iſt, ihre Spitze immer gegen Norden kehrt, ſo würde ſie doch hier nicht dieſelbe Kraft behalten, wo dieſe gewaltigen Gebirgsmaſſen ſich wie Mauern zwi⸗ ſchen dem Stahle, aus dem ſie beſteht, und dem Gegen⸗ ſtande, der ſie hineinzieht, aufthürmen.“ „Unſer Führer,“ ſprach der Vater,„iſt ſeit er das Thal verlaſſen, wo er ſeine Heimath hat, mehr und mehr verdutzt geworden, und ich fürchte, daß er uns eben ſo wenig nützt, als wie du meinſt, die Magnet⸗ nadel.— Meint Ihr,“ fuhr er in gebrochenem Italie⸗ niſch ſich zu Antonio wendend fort,„wir ſeyen auf dem rechten Wege?“ „»Wenn's der Wille des heiligen Antonio iſt,“ er⸗ wiederte der Führer, ſichtbar zu verlegen, um gerade⸗ aus zu antworten. 4 Walter Scott's Werke. 1578 Bochen. 3 2 18 „Und das Waſſer, das man am Fuße des großen ſchwarzen Berges dort durch den Nebel ſchimmern ſieht — gehört es noch zu dem See, an dem Luzern liegt, oder ſind wir an einen andern gekommen, ſeit wir über den letzten Berg geſtiegen?“ Darauf wußte Antoniv nichts zu antworten, als, ſie müſſen noch in der Nähe des See's bei Luzern ſeyn, und er glaube, was man da unten ſehe, ſey eine gegen dieſe Seite auslaufende Bucht deſſelben, beſtimmt wiſſe er es jedoch nicht zu ſagen. 3 „Hund von Italiener,“ rief der Jüngere von den Reiſenden,„du verdienſt, in die Tiefe dort geſtürzt zu werden, weil du ein Geſchäft übernommen haſt, dem du eben ſo wenig gewachſen biſt, als du uns zur Se⸗ ligkeit zu führen vermöchteſt.“ „Friede, Arthur,“ unterbrach ihn ſein Vater,„wenn du den Menſchen erſchreckſt, ſo läuft er davon und wir verlieren dann vollends den geringen Vortheil, den uns ſeine Kenntniß des Orts etwa verſchaffen kann. Brauchſt du gegen ihn den Stock, ſo bedient er ſich gegen dich des Meſſers; denn die Lombarden ſind rachſüchtig, kurz du würdeſt auf jede Weiſe unſere Verlegenheit nur er⸗ höhen, ſtatt uns daraus zu ziehen.— Höre, mein Sohn,“ fuhr er, wieder zum Führer ſich wendend, fort,„fürchte nichts von dem jungen Brauſekopf, ich werde nicht dulden, daß er dir das geringſte Leid zu⸗ 4 5 fügt. Kannſt du mir die Dörfer nennen, durch die 4 wir heute kommen müſſen?“— Durch den liebreichen Ton des Alten wieder ermuthigt, —————— uͤAs 19 nannte der Führer, den die Drohungen Arthurs etwas erſchreckt hatten, in ſeiner verdorbenen Sprache mehrere Namen, worin die Kehllaute des Teutſchen eine ſelt⸗ ſame Miſchung mit dem weichen Accente des Italieni⸗ ſchen bildeten, die aber dem Alten völlig unverſtändlich blieben, ſo daß er jenem endlich zurief:„Geht nur voran, im Namen unſerer lieben Fran und des heiligen Antonio, wenn der Letztere bei euch den Vorzug hat, denn ich ſehe, wir verlieren nur Zeit damit, wenn wir uns einander verſtändlich machen wollen.“ Sie ſetzten ſich nunmehr wieder in Marſch, wie zu⸗ vor, nur mit dem Unterſchiede, daß der Führer, der das Maulthier am Zügel leitete, jetzt voranging, wäh⸗ rend er ihnen bisher gefolgt war und von hinten die zu nehmende Richtung angegeben hatte. Indeſſen zogen ſich die Wolken dichter über ihren Häuptern zu⸗ ſammen und der Nebel, der anfangs nur ein leichter Dunſt geweſen war, fing an, wie ein feiner Regen oder wie Thautropfen auf ihre Mäntel zu fallen. Auf den fernen Bergen ließen ſich Töne wie Seufzer vernehmen, denen ähnlich, wodurch der böſe Geiſt auf dem Berge Pilatus das Ungewitter anzukündigen ſchien. Der Füh⸗ rer mahnte nochmals ſeine Begleiter, ihre Schritte zu verdoppeln, hinderte ſie aber ſelbſt daran durch ſein eigenes Zögern und ſeine Unentſchloſſenheit. Nachdem ſie ſo einige Stunden, die wegen der Un⸗ gewißheit doppelt ermüdend waren, zurückgelegt hat⸗ ten, fanden ſie ſich endlich auf einem ſehr ſchmalen Fußſteige auf der Spitze eines ſenkrecht abſteigenden 2* 20 Berges, an deſſen Fuß das Waſſer ſich ausbreitete, das ſie ſchimmern ſahen, ſo oft ein Windſtoß den Ne⸗ bel auseinander trieb; ob es aber der See war, von deſſen Ufern ſie dieſen Morgen auszogen, oder ein an⸗ deres Waſſer dieſer Art, ob ein Fluß oder ein Wald⸗ ſtrom, konnten ſie nicht unterſcheiden. Nur das wuß⸗ ten ſie beſtimmt, daß ſie in keinem Falle an einer ſol⸗ chen Stelle am Ufer des Sees bei Luzern waren, wo dieſer ſeine gewöhnliche Breite hat; denn bei den ein⸗ zelnen Windſtößen ſahen ſie das jenſeitige Ufer, da es aber jedesmal nur ein Augenblick war, ſo wußten ſie nicht, wie weit es entfernt liege, wiewohl es nahe genug war, daß man große Felſen dort ſehen konnte, die mit Fichten bewachſen waren. 3 Bisher war der Weg, obgleich ſteil und rauh, ziem⸗ lich deutlich durch Spuren angegeben worden, welche verriethen, daß Reiſende zu Fuß und zu Pferde ihn ſchon gemacht hatten. Aber in dem Augenblicke, wo Antonio mit ſeinem Maulthiere auf der Spitze einer vorſpringenden Anhöhe angelangt war, blieb er plötz⸗ lich ſtehen und rief den Namen ſeines Schutzheiligen. Arthur glaubte zu bemerken, das Thier theile den Schrecken ſeines Führers, denn es trat einen Schritt zurück, ſpreizte die Vorderfüße auseinander und nahm eine Stellung an, welche Furcht und zugleich Ent⸗ ſchloſſenheit verrieth, nicht weiter zu gehen. Er ver⸗ doppelte daher ſeine Schritte, nicht blos aus Neu⸗ gierde, ſondern um die Gefahr, wenn eine ſolche vor⸗ handen wäre, zu beſtehen, ehe ſein Vater ſie theilen — 24 könnte. Bald fand er ſich neben Antonio auf der Spitze des Felſens, wo der Pfad plößlich zu endigen ſchien und ein Abgrund vor ihm lag, deſſen Tiefe der Nebel nicht ganz erkennen ließ, die aber gewiß mehr als 300 Fuß betrug. Die Beſtürzung, die ſich auf den Geſichtern der Rei⸗ ſenden ausdrückte, verrieth ihre Verlegenheit bei dieſem unerwarteten, und wie es ſchien, unüberſteiglichen Hin⸗ derniſſe. Die Züge des Aeltern, der bald nachher auch anlangte, gaben ſeinen Begleitern weder Troſt noch Hoffnung; wie ſie, ſtarrte er in den Abgrund, der, von Nebel überdeckt, ſich zu ſeinen Füßen öffnete, und ließ dann vergebens ſeine Blicke umherſchweifen, um die Fortſetzung des Fußpfads zu ſuchen, der urſprünglich nicht angelegt ſeyn konnte, um hier zu endigen. Wäh⸗ rend ſie ſo unſchlüſſig ſtanden, indem der Sohn verge⸗ bens einen Ausweg ſuchte, und der Vater vorſchlagen wollte, auf demſelben Weg, den ſie gekommen, zurück⸗ zukehren, ließ ſich im Thale unten das Rauſchen des Windes ſtärker als zuvor vernehmen. Sie kannten die Gefahr, in der ſie ſchwebten, wenn der Wind ſie in der Stellung erfaßte, und klammerten ſich daher an Strauchwerk, oder an eine Felsſpitze an, und ſelbſt das Maulthier ſchien ſich feſter auf ſeine Beine zu ſtellen, um dem Orkan widerſtehen zu können. Dieſer brach bald mit ſolcher Wuth aus, daß die Reiſenden meinten, der Felſen zittere unter ihren Füßen, und hätten ſie nicht jene Vorſichtsmaßregeln getroffen, ſo wären ſie wie dürres Laub davon geführt worden, Da indeſſen 22 dieſer heftige Windſtoß den Nebelſchleier, den die frü⸗ heren nur auf einen Augenblick lüfteten, mehrere Mi⸗ nuten lang völlig gehoben hatte, ſo erkannten ſie die Urſache, warum ihr Weg unterbrochen worden war.— Mit ſchnellem, aber ſicherem Blick gewahrte Arthur, daß der Fußſteig, der ſie auf die Felſenſpitze geführt hatte, früher in derſelben Richtung auf einer Erdſchicht weiter lief, welche über ſchroffen Felſen lag. Allein durch eine gewaltige Erſchütterung, wie ſie in dieſen wilden Gegenden nicht ſelten iſt, hatte ſich die Erde mit dem Buſchwerke und allen auf ihr wachſenden Bäu⸗ men von den Felſen losgeriſſen und war in den Abgrund und in den unten fließenden Strom geſtürzt, wofür ſie jetzt den vermeintlichen See erkannten. Die unmittelbare Urſache dieſes Sturzes konnte ein Erdbeben geweſen ſeyn, eine Erſcheinung, die in dieſem Lande nicht ſelten iſt. Da, wo die Erdſchicht früher gelegen war, zeigten ſich noch einige Bäume, die eine wagerechte Stellung erhalten hatten, andere waren im Falle zerſchmettert worden und mehrere hingen mit ihren Wipfeln in dem Fluſſe. Die Felſen dahinter, gleich dem Geripp eines rieſigen Ungeheuers, bildeten die Wand einer furchtbaren Tiefe, die einen um ſo traurigeren Anblick gewährte, weil die Natur noch keine Zeit gehabt hatte, neue Keime der Vegetation zu legen. Außer dieſem Zeichen, welche bewieſen, daß dieſe Zer⸗ ſtörung erſt vor Kurzem geſchehen war, bemerkte Ar⸗ thur jenſeits des Fluſſes ein viereckigtes Gebäude von beträchtlicher Höhe, das ſich, wie die Ruinen eines go 23— thiſchen Thurmes, aus einem Fichtenwalde erhob. Er machte Antonio darauf aufmerkſam und fragte ihn, ob er den Ort kenne; denn er dachte mit Recht, daß die eigenthümliche Lage des Gebäudes dieſes, wenn man es einmal geſehen, nicht wieder vergeſſen laſſe. Antonio erkannte es ſogleich, und erwiederte mit froher Miene, der Ort heiße Geierſtein; er erkenne ihn nicht nur an dem Thurme, ſondern auch an der Spitze eines großen Felſens in der Nähe, auf welche früher einmal ein Lämmergeier, einer der größten Raubvögel, das Kind eines der Burgherrn getragen hatte. Während Antonio von dem Gelübde erzählte, das der Ritter vom Geier⸗ ſtein der heiligen Jungfrau zu Einſiedlen gethan, ver⸗ ſchwanden die Felſen, das Schloß, die Wälder und die Berge vor ihren Augen und wurden aufs Neue vom Nebel verhüllt. Als er aber ſeine Erzählung mit dem Wunder ſchloß, wodurch das Kind wieder in die Arme ſeines Vaters kam, rief er plötzlich:„Seht euch vor, der Sturm, der Sturm!« In demſelben Augenblicke warf der Wind den Nebel wieder auseinander und ſie hatten nun das furchtbare große Schauſpiel zum zwei⸗ tenmal vor Augen. »Ja,“ ſprach Antonio mit triumphirender Miene, als der Wind ſich wieder gelegt hatte,„der alte Pon⸗ tius hört nicht gern von unſerer lieben Frau zu Ein⸗ ſledeln ſprechen, aber ſie ſchützt gegen ihn die, ſo ihr vertrauen, Ave Maria!“ „Der Thurm dort ſcheint unbewohnt,“ ſagte Arthur, 24 „ich ſehe keinen Rauch und die Zinnen der Mauern ſind verfallen.“ „Schon lange Zeit wohnt Niemand dort,“ verſetzte Antonio,„aber dennoch wollte ich, ich wäre dort. Der brave Arnold Biedermann, Landamman des Kantons Unterwalden, wohnt nicht weit davon und ich verſichere euch, bei dem ſteht dem Fremden ſtets das Beſte zu Dienſt, was er in Keller und Speiſekammer hat.« „Ich habe ſchon von ihm reden gehört,“ ſagte der Aeltere der Reiſenden, welchen Antonio Signor Phi⸗ lipſon nannte,„es iſt ein rechtſchaffener, gaſtfreier Mann und verdient das Anſehen, in dem er bei ſeinen Mitbürgern ſteht.“ „Da habt Ihr wahr geſprochen, Signor,“ erwiederte der Führer,„und ich wollte, wir könnten ſeine Be⸗ hauſung gewinnen, wo Ihr gewiß gute Aufnahme fän⸗ det, und wegen der Weiterreiſe das Nöthige über den Weg erfahren könntet. Aber wie wir zum Geierſtein gelangen könnten, ohne die Flügel eines Geiers, das iſt eine ſchwer zu löſende Frage.“ Arthur antwortete darauf mit einem kühnen Vor⸗ ſchlag, den wir dem nächſten Abſchnitte vorbehalten. 25 I. Es dunkelt,— Halte dich an mir.— Hieher den Fuß.— Nun hier.— Mit feſter Hand Ergreife das Gebuͤſch.— Nicht allzuraſch! Muth!— Sruͤtze dich auf dieſen Stab.— Reich' mir die Hand.— Gut.— Sey verſichert, In einer Stunde ſind wir an der Huͤtte.— Lord Byron.(Manfred.) K Nachdem Arthur ſich ſo genau, als es die trübe tmosphäre geſtattete, in der Gegend umgeſehen hatte, hob er wieder an:„In jedem andern Lande dürfte man glauben, daß das Ungewitter nun bald zu Ende ſey, aber verwegen wäre es, beſtimmen zu wollen, weſſen man ſich in dieſen wilden Gegenden zu verſehen hat. Wenn Pilatus umgehender Geiſt wirklich auf den Flü⸗ geln des Sturmwinds einherfährt, ſo ſcheint das Rau⸗ ſchen, das ſich nur noch von ferne hören läßt, anzuzei⸗ gen, daß er an den Ort ſeiner Strafe zurückkehrt. Der Fußpfad iſt mit dem Grunde, auf dem er hinlief, ver⸗ ſchwunden, aber in der Tiefe dieſes Abgrunds ſehe ich die Fortſetzung deſſelben und wie ein Kreideſtreifen zieht er ſich zwiſchen den Erd⸗ und Steinmaſſen hin. Wenn Ihr es erlauben wollt, Vater, ſo wollte ich an dieſem Felſen hinabklimmen, bis ich die Wohnung, wovon Antonio ſpricht, vor mir habe. Iſt ſie wirklich vor⸗ handen, ſo muß es auch ein Mittel geben, zu ihr zu 26 gelangen, und finde ich den Weg nicht, ſo kann ich wenigſteus denen, die in der Nähe des Geierſteins woh⸗ nen, ein Zeichen geben und von ihnen einen Führer be⸗ kommen.“ 4 „Ich kann meine Zuſtimmung nicht dazu geben, daß du dich einer ſolchen Gefahr ausſetzeſt,“ entgegnete ſein Vater,„der Burſche hier ſoll es verſuchen, wenn er kann und will, er iſt im Gebirge geboren, und ich werde ihn reich dafür belohnen.“ Allein Antonio ſträubte ſich hartnäckig gegen dieſen Vorſchlag.„Wohl bin ich im Gebirge geboren,“ war ſeine Antwort,„aber ich bin kein Gemſenjäger, auch habe ich keine Flügel, die mich von Fels zu Fels trü⸗ gen, wie einen Vogel, und das Leben gilt mehr, als alles Gold der Welt.“ 3 „Gott verhüte,“ ſagte Philipſon,„daß ich Euch ver⸗ leiten wollte, das Eine dem Andern gleich zu achten. Gehe alſo du, mein Sohn, ich folge dir.“ „Bleibet hier, mein Vater„ rief Arthur,„es iſt genug, daß einer von uns das Leben wagt, und nach den Regeln der Klugheit, wie nach der Natur muß das meinige, als das minder koſtbare, zuerſt in die Schanze geſchlagen werden.“ „Nein, mein Sohn,“ erwiederte jener in entſchloſ⸗ ſenem Tone,„manchen Verluſt habe ich ertragen, den deinigen zu überleben, vermöchte ich nicht.“ „Ohne Furcht beginne ich den Verſuch, wenn Ihr mir erlaubt, allein zu gehen, aber mir ſinkt der Muth, das Wagniß zu beſtehen, wenn Ihr darauf beharrt, es . 27 theilen zu wollen. Während ich einen Schritt vorwärts machte, müßte ich immer zurückblicken, ob Ihr mir nachkömmt. Bedenkt überdieß, mein Vater, daß an meinem Leben wenig liegt, aber habt Ihr alle Folgen überdacht, die Euer Fall haben würde, wenn Euer Fuß ausglitte oder Eure Hand ſchwach würde?« „Du haſt Recht, mein Sohn, es gibt Bande, die mich an das Leben feſſelten, ſelbſt wenn ich in dir mein Theuerſtes verlieren ſollte. Die heilige Jungfrau und ihr Ritter mögen dich ſegnen und beſchützen, mein Sohn, dein Fuß iſt jung und kräftig deine Hand, nicht vergebens haſt du den Plynlimmon*) erſtiegen. Sey kühn, aber vorſichtig; vergiß nicht, daß ein Mann lebt, den, wenn er dich verliert, nur eine Pflicht noch an die Erde feſſelt, und der, wenn er ſie erfüllt hat, unge⸗ ſäumt dir folgen wird.“ Arthur ſchickte ſich nun zu ſeiner Fahrt an, legte den ſchweren Mantel ab und es zeigten ſich nun ſeine wohlgeformten Glieder in einem eng anliegenden grauen Koller. Dem Vater ſchwand die mühſam errungene Faſſung, als ſein Sohn ſich gegen ihn wandte, um von ihm Abſchied zu nehmen, er verweigerte ihm nochmals die Erlaubniß, den Verſuch zu wagen, und befahl ihm in gebieteriſchem Tone, bei ihm zu bleiben. Allein Ar⸗ thur hatte, ohne auf das Verbot zu hören, bereits die gefährliche Unternehmung begonnen. Von der Spitze —Q——O—Q—Q—Q—Q—Q.ꝑ— “) Dieſer Berg, auch Snowdon genannt, iſt der hoͤchſte Punkt der Gebirgskette in Wallis. 4 des Felſens aus konnte er, an den Zweigen einer alten Eſche ſich haltend, die aus einer Felſenſpalte hervor⸗ wuchs, auf einen ſchmalen Vorſprung am Rande des Abgrunds gelangen und hoffte auf demſelben weiter klettern zu können, bis man ihn von der Wohnung aus, von der Antonio geſprochen, ſehen oder hören konnte. Die Ausführung dieſes kühnen Vorhabens war ſo gefährlich, daß ſelbſt der bezahlte Führer kaum zu athmen wagte, wenn er hinſah. Der Felſenvorſprung, auf dem er weiter klimmte, ſchien in der Entfernung ſo ſchmal, daß er dem Auge entſchwand, während er das Geſicht, bald gegen den Felſen, bald zum Himmel, aber nie gegen die Tiefe gewendet, damit er keinen Schwindel bekäme, ſeinen Weg fortſetzte, oder vielmehr wie ein Inſekt an einer ſenkrechten Mauer hinzukriechen ſchien. Bitter bereute es jetzt der troſtloſe Vater, daß er nicht auf ſeinem Vorſatze beſtanden hatte, in die Herberge, wo ſie übernachtet, zurückzukehren, ſo wenig dieß in ihren Reiſeplan taugte und ſo gefährlich es geweſen wäre; er hätte alsdann doch wenigſtens das Schickſal des zärtlich geliebten Sohnes getheilt. Indeſſen hatte Arthur allen ſeinen Muth zuſammen⸗ genommen, um den gefährlichen Gang zu vollenden. Er ſuchte ſeiner lebhaften Einbildungskraft Feſſeln an⸗ zulegen, und ſich jedes Gedankens an Furcht zu ent⸗ ſchlagen, die eine wirkliche Gefahr nur vergrößert. „Der Felſen⸗Vorſprung,“ ſprach er bei ſich,„iſt ſchmal, aber immerhin breit genug, daß ich darauf weiter gehen kann; die Felsſpitzen und Spalten ſind klein, und 29 ſtehen weit von einander ab, aber die Einen gewähren meinen Füßen einen Standpunkt, und an den Andern kann ich mich mit den Händen halten, wie an einem Geländer. Mein Leben hängt daher ganz von mir ſelbſt ab; wenn ich feſt und entſchloſſen vorwärts gehe, ſo kann es mir gleich gelten, ob ich auf ebener Erde bin oder über einem Abgrunde ſchwebe.« So die Größe und Wirklichkeit der Gefahr ermeſ⸗ ſend, und durch den Gedanken ermuthigt, daß es nicht das erſtemal war, daß er an Felſen hinkletterte, ſetzte der wackere junge Mann Schritt für Schritt ſeinen gefährlichen Weg fort, mit einer Vorſicht und Geiſtes⸗ gegenwart, die ihn nur allein vor dem gewiſſen Tode bewahren konnten. Endlich gelangte er an einen Ort, wo ein Vorſprung die Ecke des Felſens bildete, bis. wohin er, von ſeinem früheren Standpunkte aus, hatte ſehen können. Dieß war alſo der entſcheidende Punkt, aber auch der gefährlichſte Augenblick. Der Vorſprung lief in einer Breite von 6 Fuß über dem Strome hin, den Arthur in einer Tiefe von 50 Klaftern mit dem Getöſe unterirdiſchen Donners rauſchen hörte. Mit der größten Vorſicht unterſuchte er die Stelle, und da er Kräuter, Gebüſch, und ſelbſt einige verkrüppelte Bäume darauf bemerkte, ſo ſchloß er, daß ſich der Ein⸗ ſturz nicht weiter als bis hieher erſtreckt habe, und er jenſeits die Fortſetzung des durch irgend eine Erſchüt⸗ terung theilweiſe zerſtͤrten Weges finden könnte. Al⸗ lein der Vorſprung war ſo beſchaffen, daß man nicht unter demſelben wegklettern oder ihn umgehen konnte, 30 und da er ſich mehrere Fuß über Arthurs Standpunkt erhob, ſo war es nicht leicht, ihn zu erklimmen. In⸗ deſſen entſchloß er ſich doch zu dem Letztern, da dieß das einzige Mittel war, das letzte Hinderniß ſeiner Entdeckungsreiſe zu überwinden. Dicht daneben wuchs ein Baum, auf dieſen ſtieg er, und ſchwang ſich mit Hülfe der Zweige auf den Vorſprung. Aber kaum hatte er den Fuß darauf geſetzt, kaum hatte er zwiſchen Wäldern und Felſen die Ruinen von Geierſtein, und hinter dieſen einen Rauch aufſteigen geſehen, der die Nähe einer Wohnung verrieth, als er zu ſeinem äußer⸗ ſten Schrecken gewahrte, daß der Felsblock unter ſeinen Füßen wich, und ſich nach und nach gegen vorn neigte. Weil er nur auf einer Seite mit dem Berge zuſammen⸗ hing, hatte er dem Erdbeben, das den Umgebungen eine andere Geſtalt gab, widerſtanden, aber das Gleich⸗ gewicht war geſtört, und die Körperſchwere des jungen Mannes hob es vollends auf. In dieſem entſcheidenden Augenblicke ſchwang ſich Arthur, von dem Inſtinkte getrieben, der jedes Mittel zur Rettung ergreifen läßt, wieder auf den Baum und wandte den Kopf zurück, denn eine unwiderſtehliche Gewalt drängte ihn, den Sturz dieſer Steinmaſſe mit den Augen zu verfolgen. Dieſe ſchwankte noch einige Sekunden, und wäre ſie ſeitwärts gefallen, ſo hätte ſie den Baum zerſchmettert und den kühnen jungen Mann erdrückt, oder ihn mit ſich in die Tiefe hinab⸗ geriſſen. Nach einem Augenblicke furchtbarer Unge⸗ wißheit ſiel das Felsſtück vermoͤge der Schwerkraft nach =— ͤ 34. vornen. Im Sturze zerdrückte es das Geſträuch und die Bäume, die es auf ſeinem Wege fand, und ſtürzte endlich mit einem Getöſe, wie wenn 100 Kanonen zu⸗ gleich gelöst würden„ in den Strom. Von Berg zu Berg, von Fels zu Fels tönte es wieder, bis es an den mit ewigem Schnee bedeckten Spitzen verhallte. Man denke ſich die Lage des unglücklichen Vaters, der die gewaltige Maſſe fallen ſah, ohne zu wiſſen, ob ſte ſeinen Sohn mit ſich hinabgeriſſen habe. Er eilte an den Rand des Abſturzes, um Arthur nachzueilen, und als ihn Antonio mit den Armen umſchlang, um ihn zurückzuhalten, wandte er ſich mit der Wuth einer Bärin, der man die Jungen geraubt hat, gegen ihn und rief: „Laß mich, Elender, oder du ſtirbſt auf der Stelle lu „Ach, entgegnete Antonio, indem er ſich vor ihm auf die Kniee warf,„auch ich habe einen Vater!« Dieſe Anſprache an das natürliche Gefühl drang Phi⸗ lipſon in die Seele, er ließ ihn los, hob Augen und Hände gen Himmel„ und rief im Tone der höchſten Angſt, doch nicht ohne fromme Ergebung:„dein Wille geſchehe! er war meine letzte Hoffnung, ich habe ihn heiß geliebt, denn er verdiente es, und nun ſehe ich Raubvögel über dem Thale kreiſen, die von ſeinen Ueberreſten ſich das Futter holen werden! Aber ich will ihn noch einmal ſehen„ fuhr der gebeugte Vater fort, während Geyer über ſeinem Haupte hinflogen,„ich will meinen Arthur noch ſehen, ehe die Adler und Wölfe ihn zerfleiſchen. Laßt mich, bleibt hier, und folgt mir mit den Augen; finde ich den Tod, was das wahr⸗ ——— 32 ſcheinlichere iſt, ſo nehmt die verſtegelten Papiere, die Ihr in meinem Felleiſen finden werdet, und überliefert ſie ſo ſchleunig als möglich an ihre Adreſſe. In meiner Börſe iſt noch hinreichend Geld, um mich mit meinem unglücklichen Sohne beſtatten, und für die Ruhe mei⸗ ner und ſeiner Seele Meſſen leſen zu laſſen, und auſſer⸗ dem wird Euch noch reicher Lohn für die Reiſe bleiben.“ Der ehrliche Schweizer, der bei beſchränktem Ver⸗ ſtande doch von Natur gutherzig war, vergoß Thränen, während der Fremde alſo ſprach. Da er indeſſen fürch⸗ tete, ihn aufzubringen, wenn er ſich aufs Neue ſeinem Vorhaben widerſetzte, oder auch nur Vorſtellungen da⸗ gegen machte, ſo ließ er es ſchweigend geſchehen, daß er ſich anſchickte, in den Abgrund hinabzuſteigen, um das Schickſal ſeines unglücklichen Sohnes zu theilen. Da ließen ſich plötzlich von der Ecke her, wo die Stein⸗ maſſe ſich losgeriſſen hatte, die rauhen lang gehaltenen Töne eines Horns vernehmen, das in alter Zeit bei den Gebirgsbewohnern zu kriegeriſcher Muſik gebraucht wurde. „Hört, Signor, hört,“ rief Antonio,„das iſt ein Wahrzeichen vom Geyerſtein, in einem Augenblicke wird man uns zu Hülfe kommen, und uns den ſicherſten Weg zeigen, Euern Sohn zu ſuchen. Und ſeht, ſeht, der Baum, deſſen grüne Zweige man durch den Nebel ſchim⸗ mern ſieht, beim heiligen Antonio, ich ſehe dort etwas Weißes— gerade hinter dem Ort, wo das Felsſtück ſich losgeriſſen hat.« Der Vater ſuchte ſeine Blicke auf den bezeichneten — Ort zu heften, aber ſeine Augen füllten ſich mit Thrä⸗ 33 3 mnen, und er konnte den Gegenſtand, auf den ihn ſein Führer aufmerkſam machte, nicht erkennen. „Es iſt Alles vergebens,“ ſagte er, ſich mit der Hand die Augen wiſchend,„ich werde nichts mehr von ihm ſehen, als den entfeelten Leichnam.“ „»Nein, Ihr werdet ihn geſund wieder fehen, der heilige Antonio will es ſo. Bleibt! ſeht Ihr nicht, wie das weiße Tuch ſich bewegt? „Ein Stück ſeiner Kleidung, das an ſein unglückliches Schickſal erinnert! Nein, meine Augen ſehen ihn nicht, ſie haben den Sturz meines Hauſes geſehen. O, daß die Geyer, die in dieſen Bergen niſten, ſie aus ihren Höhlen gehackt hätten!« „Aber ſo ſeht doch hin! das Tuch hängt nicht am Gebüſche, ſondern, wie ich deutlich ſehe, an einem Sta⸗ be, der hin und her bewegt wird, Euer Sohn gibt Euch damit ein Zeichen, daß er in Sicherheit iſt.“ „»Und wenn dieß wahr iſt,“ ſprach Philipfon, die Hände faltend,„ſo ſeyen geſegnet die Angen, die es ſehen, geſegnet die Zunge, die das Wort geſprochen! Wenn wir meinen Sohn wieder finden, ſo ſoll der heu⸗ tige Tag auch für dich, Antonio, ein freudiger werden. „Ich verlange nichts weiter von Euch, als daß Ihr geduldig wartet, und Ener Ohr nicht gutem Rathe verſchließt, dann bin ich für meine Dienſte hinlänglich belohnt. Es würde einem ehrlichen Burſchen keine Ehre einbringen, wenn er Leute um ihres Eigenſinns willen umkommen ließe, denn im Grunde fällt auf den Führer Walter Scott's Werke. 1528 Boͤchen. 3 34 immer die Schuld zurück, wie wenn es ihm möglich geweſen wäre, den alten Pontius zu hindern, die Ne⸗ bel von ſeiner Stirne zu ſchütteln, die Erde von einem Felſen in die Tiefe zu ſtürzen, einen jungen Hitzkopf, über einem Vorſprung wegzulaufen, der nicht breiter iſt, als eine Meſſerklinge, und Narren, die ihre grauen. Haare klüger hätten machen ſollen, den Dalc zu⸗ zie⸗ hen, wie ein Raufbold.“ So ſchwatzte der Führer was ihm in den Sinn um, und hätte noch lange in demſelben Tone fortfahren kön⸗ nen, denn Philipſon höͤrte nicht auf ihn. Alle ſeine Gedanken waren auf den Gegenſtand gerichtet, der nach Antonio's Meinung ein Zeichen von ſeinem Sohneſſeyn ſollte, daß er in Sicherheit ſey. Endlich ſah er das weiße Tuch flattern, und überzeugte ſich, daß die Be⸗ wegung deſſelben nur von einer menſchlichen Hand her⸗ rühren könne. Eben ſo ſchnell der Hoffnung, als zuvor der Verzweiflung ſich hingebend, wollte er auf's Neue ſeinem Sohne nacheilen, um ihn wo möglich zu unter⸗ ſtützen, ließ ſich aber doch endlich durch Antonio's wie⸗ derholte Bitten und Vorſtellungen bewegen, ſich in Geduld zu faſſen. „Seyd Ihr, was man ſeyn muß, um auf einem ſot⸗ chen Felſen ſicher zu laufen,“ ſprach dieſer,„könnt Ihr Euer Credo und Ave beten, ohne ein Wort zu fehlen und auszulaſſen? denn unſere Alten ſagen, wer dieß nicht könne, der käme zwanzigmal um, wenn er auch zwanzig Leben zu verlieren hätte. Iſt Eue Auge hell, Ener Fuß feſt? mir ſcheint, jenes fiegaguber wie eine 35 Quelle, und dieſer zittere wie die Eſpenblätter über Eurem Haupte. Darum bleibt ruhig hier, bis Ihr Leute kommen ſeht, die beſſer als Ihr und ich, Eurem Sohne Hülfe zu leiſten im Stande ſind. Aus dem Tone des Horns zu ſchließen, kommt er von dem wackern Arnold Biedermann; er hat die Gefahr Eures Sohnes geſehen, und trifft nun Anſtalten ihn und uns in Si⸗ cherheit zu bringen. Es gibt Fälle, wo die Hülfe eines Fremden, der die Gegend kennt, mehr von Nutzen iſt, als die von drei Brüdern, die ſich nicht zurecht zu fiu⸗ den wiſſen.“ Allein, wenn das Horn wirklich ein Zeichen gegeben hat, wie kommt es, daß Arthur nicht darauf ant⸗ wortete?“ „Und wenn dieß auch, wie ſich vermuthen läßt, ger ſchehen iſt, wie hätten wir es hören können? Bei dem Brauſen des Windes und des Waldſtroms haben wir das Horn ſelbſt nur wie eine Hirten⸗Schalmey gehört, wie hätte da der Ruf von einem Menſchen an unſer Ohr gelangen ſollen 24 8 „Mich dünkt jedoch, ich höre durch den Aufruhr der Elemente etwas, das einer menſchlichen Stimme gleicht, aber es iſt nicht die Arthurs.“ „Das glaube ich wohl, denn es iſt eine weihliche Stimme. Die Dirnen pflegen auf dieſe Weiſe„ ſelbſt während eines Sturms oder Gewitters, von einem Fel⸗ ſen zum andern mit einander zu ſprechen, und wenn ſte auch eine Stunde weit von einander entfernt ſind⸗ 4 5* 36 „Gokt fey gedankt für die Hülfe, die ſeine Vorſehung uns ſendet, ich hoffe, wir werden dieſen unruhigen Tag noch glücklich ſich endigen ſehen.“ Er verſuchte nun mit aller Anſtrengung ſeiner Lunge zu rufen, da er aber nicht wußte, wie man ſich in dieſen Gebirgsgegenden verſtändlich macht, ſo reichte ſeine Stimme nicht fünfzig Schritte weit, und verhallte mit dem Brüllen der Wogen und dem Nauſchen des Windes. Antonio lächelte über den fruchtloſen Verſuch, erhob dann gleichfalls ſeine Stimme und ließ einen durchdringenden, lang gehaltenen Ruf vernehmen, der, ohne wie es ſchien, ſo viel Anſtrengung zu koſten, wie den Engländer der ſeinige, ſehr deutlich war, und weil er mit dem Getöſe der Wellen und des Windes nichts gemein, hatte, auf eine beträchtliche Weite gehört wer⸗ den konnte. Andere ähnliche Stimmen antworteten aus der Ferne und goßen näherkommend neue Hoffnung in Philipſons von banger Beſorgniß bewegtes Herz. Sprach die Angſt des Vaters innige Theilnahme an, ſo befand ſich ſein Sohn in dieſem Augenblicke in einer äußerſt gefährlichen Lage. Wir haben bereits geſagt, daß er anfangs mit der zu einem ſolchen Gange, wo Alles auf die Feſtigkeit der Muskeln ankam, unum⸗ gänglich nothwendigen Kaltblütigkeit und unerſchütter⸗ lichen Entſchloſſenheit an dem ſchmalen Felsvorſprung hinglitt; aber der Vorfall, der ihn zum Halten nö⸗ thigte, war ſo erſchütternd, daß er ihn mit einem Male die ganze Bitterkeit eines plötzlichen, gräßlichen, und wie es ihm ſchien, unvermeidlichen Todes empfin⸗ 1 4 37 den ließ. Der Schrecken wirkte auf ſeine Sinne wie auf ſeinen Geiſt, denn er ſah tauſend Farben vor ſei⸗ nen Augen ſchwimmen, der Kopf ſchwindelte ihm, und ſeine Glieder, die ihm bisher ſo treffliche Dienſte ge⸗ leiſtet, verfagten ihm den Gehorſam, ſeine Arme und Hände umklammerten bald die Zweige des Baumes mit krampfhafter' Feſtigkeit, bald zitterten ſie, wie wenn ſte aus ihren Gelenken wären, und ließen ihn fürchten, daß er ſich in ſeiner Stellung nicht werde halten können. Ein an ſich unbedeutender Umſtand vermehrte noch ſeine Beklemmung. Schaaren von Eulen, Fledermäu⸗ fen und andern Nachtvögeln hatten ſich, durch das Ge⸗ töſe erſchreckt, das der Sturz des Felsblocks verurſachte, in die Lüfte erhoben und waren dann wieder ins Ge⸗ büſch und in die Felsſpalten zurückgekehrt, wo ſte den Tag über ſich verborgen hielten. Unter dieſen Vögeln befand ſich auch ein Lämmergeyer, ein Vogel, der noch größer und gefräßiger iſt, als der Adler, und den Ar⸗ thur bisher noch nie in der Nähe geſehen hatte. Wie die meiſten Raubvögel zieht ſich auch dieſer, wenn er geſättigt iſt, an einen unzugänglichen Ort zurück, und bleibt dort unbeweglich, bis die Verdauung vvrüber iſt, worauf dann mit dem Hunger der Trieb nach Thätig⸗ keit wieder erwacht. In einer ſolchen Ruhe geſtört, war ein Geyer dieſer Art aufgeflogen, hatte in der Luft einen großen Kreis beſchrieben und ſich dann auf einer Feisſpitze, nur zwei Klafter von dem Baume, wo ſich Arthur in einer ſo gefährlichen Lage befand, nie⸗ dergelaſſen. Obgleich noch in einem Zuſtande der Be⸗ 3 38 täubung, ſchien der Geyer, weil Arthur ſich nicht be⸗ wegte, ihn für todt oder wenigſtens dem Tode nahe zu halten, und ſah ihn ſtarr an, ohne alle Zeichen der Furcht, welche gewöhnlich ſelbſt die wildeſten Thiere in der Nähe des Menſchen an den Tag legen. Während Arthur ſich des plötzlichen Schreckens zu entſchlagen ſuchte, den ihm der Sturz des Felſens ver⸗ urſacht hatte, ſchlug er die Angen auf, um langſam und vorſichtig umher zu blicken, und begegnete denen des gefräßigen Raubvogels, der ſich durch ſeinen nack⸗ ten Kopf und Hals, ſeine mit einem braungelben Ringe umgebenen Augen und ſeine mehr horizontale als ge⸗ rade Stellung von den edeln Formen und dem kühnen Blick des Adlers unterſcheidet, wie der Wolf im ma⸗ jeſtätiſchen Anſehen tief unter dem Löwen ſteht. Wie durch einen Zauber gebannt, hafteten Arthurs Augen feſt auf dem nichts Gutes weiſſagenden Vogel, ohne daß es ihm möglich geweſen wäre, ſie abzuwen⸗ den. Die Furcht vor eingebildeter und wirklicher Ge⸗ fahr laſtete ſchwer auf ſeinem ſchon durch ſeine Lage beklommenen Gemüthe. Warum faßte ihn der Raub⸗ vogel ſo feſt ins Auge, mit vorwärts geneigtem Kör⸗ per, als ſey er bereit, ſich auf ihn zu ſtürzen? War dieſer Lämmergeyer der Geiſt des Orts, der ſeinen Namen trug, und wollte er ſich an dem Anblick eines Fremdlings weiden, den er in ſein Gebiet gelockt, und der nun unrettbar verloren ſchien? Oder war es ein gewöhnlicher Geyer, den ſein Inſtinkt ahnen ließ, daß der Verwegene bald ihm zur Beute werden ſollte? V 39 Sollte er ſeinen Schnabel und ſeine Klauen fühlen, ehe ſein Herz aufgehört hätte zu ſchlagen? Hatte er ſchon die Würde der meunſchlichen Geſtalt verloren, welche allen untergeordneten Geſchöpfen eine fehrfürchtige Scheue vor dem Weſen einflößt, welches das Ebenbild des Schäufaui an ſich trägt. Solche Beſorgniſſe gaben, mehr als Gründe der Ber⸗ mehe Arthurs Geiſt wieder einige Spannkraft, und zes gelang ihm endlich durch Bewegungen mit ſeinem Taſchentuche den Gegner von dem Ort, wo er ſaß, zu vertreiben. Jetzt mehr Herr ſeiner Gedanken, ſuchte Arthur, der von ſeinem Standpunkte aus einen Theil der Felsplatte, woner ſeinen Vater gelaſſen hatte, ſehen konnte, dieſen von ſeiner Lage zu unterrichten, indem er ſein Taſchentuch ſo hoch als möglich flattern ließ. „Wierſein Bater hörte auchter, nur in geringerer Ent⸗ fernung, die Töne des Horns, die ihm nahe Hülfe zu verkünden ſchienen; er antwortete ihnen durch Rufen und weitere Bewegungen mit dem Tuche, um denen, die ihm zu Hülfe kommen wollten, den Ort anzuzeigen, gegen den ſie ſich zu richten haben; dann nahm er ſeine „Geiſteskräfte, die ihn beinahe verlaſſen hatten, wieder Aufanumtn und diurhit, ſen Herh dlch dfinunue neu zu beleben. 21 1 it 3 a decfdem er ſich als Frowuner Katholik dem Schute der heiligen Jungfrau empfohlen hatte, wendete er, obwohl noch jede Nerve von dem Schreck ihm bebte, und ſein Herz ſogewaltig pochte, daß es ihm die Bruſt zzu zerſprengen drohte, Gedanken und Sinne darauf⸗ 40 wie er ſich vetten möchte; aber wie er um ſich ſchaute, ward's ihm mehr und mehr fühlbar, wie ſehr die kor⸗ perlichen Verletzungen und die Angſt bei der beſtande⸗ nen Gefahr ihn geſchwächt hatten. Mit aller Anſtren⸗ gung vermochte er es doch nicht, ſein ſchwindelndes, unſtätes Auge auf die Umgebungen zu richten, es ſchweifte wie trunken umher, bis die Landſchaft ſich mit ihm im Kreiſe drehte, und ein buntes Gewirr von Waldung und hohen Felsklippen, die ſich zwiſchen ihm und dem verfallenen Geyerſtein aufthürmten, ſich ſo ungeordnet an ihm vorüber drängte, daß nur das Be⸗ wußtſeyn, ein ſolcher Gedanke ſey nur Eingebung des krankhaft aufgeregten Geiſtes, ihn abhielt, ſich vom Baume zu werfen und den wilden Reigen mitzutanzen, dem ſeine erhitzte Einbildungskraft Bewegung verliehen. „Der Himmel möge mich in ſeinen Schutz nehmen! ſprach der unglückliche junge Mann, und ſchloß die Au⸗ gen, in der Hoffnung, wenn er den Blick von dem Furchtbaren abzöge, auch die Bilder ſeiner nur allzu⸗ thätigen Phantaſie zu verdrängen;„die Sinne ſchwin⸗ den mir.“ 19 hir nz(hit 311 u3 15 „Noch deutlichere Zeichen uͤberzeugten ihn hievon, als eine weibliche Stimme in ſehr hohen, aber über⸗ aus wohllautenden Toͤnen, aus nicht großer Entfer⸗ nung ihm zu rufen ſchien. Er ſchlug die Augen wie⸗ der auf, erhob das Haupt, und ſah gegen den Ort, woher die Toͤne zu kommen ſchienen, zweifelnd, ob ſie nicht blos ſeine erhitzte Einbildungskraft geſchaffen habe, und die Erſcheinung, die er dort erblickte, haͤtte 41 ihn beinahe in dem Glauben deſtaͤrkt, daß ſein Geiß zerruͤttet ſey, und ſeine Sinne ihn taͤuſchen. Auf der Spiße eines pyramidenfoͤrmigen Felſens, der tief aus dem Thale unten aufſtieg, ſtand eine weibliche Geſtalt, ſo vom Nebel umſchleiert, daß nur die Umriſſe ſichtbar waren. Das Geſicht zum Himmel gerichtet, trug mehr die unbeſtimmten Zuͤge eines Geiſtes, als einer Sterblichen, denn ihre Geſtalt ſchien eben ſs leicht und luftig als die Wolke, die um den Felſen lagerte. Arthur glaubte anfangs, die Jung⸗ frau habe ſein Gebet erhoͤrt, und ſey ſelbſt niederge⸗ ſtiegen ihn zu retten; ſchon wollte er ſein Ave Marka ſprechen, als die Stimme ihm nochmals rief, mit dem den Bewohnern dieſer Gebirge eigenthuͤmlichen gellen⸗ den Tone, wodurch ſie von einer Bergſpitze zur an⸗ dern, uͤber tiefe, breite Thalſchluchteu ſich 9 eiu⸗ ander verſtaͤndigen. Waͤhrend er uͤberlegte, wie er die unermaetete Er⸗ ſcheinung anreden ſollte, verſchwand dieſe von ihrem bisherigen Standpunkte, wurde aber bald wieder auf der Klippe ſichtbar, von welcher der Baum vorſprang, auf den ſich Arthur rettete. Ihr Aeußeres, wie ihre Tracht uͤberzeugten ihn jetzt, daß es ein Maͤdchen vom Gebirge ſey, vertraut mit diefen gefährlichen Pfaden. Ske war ſchoͤn zu nennen, und ſah ihn mit einem aus Mitleid und Staunen gemiſchten Ausdruck an. „Fremdling,“« begann ſie endlich,„wer ſeyd Ihr und woher fuͤhrt Euch der Weg 2e⸗ „ Sch hin ein Fremdling, Jungfrau, wie Ihr mich 42 rrichtig nennt,“ erwiederte der junge Mann, und erhe ſich, ſo weit er vermochte,„Dieſen Morgen bin ich aus Luzern gezogen mit meinem Vater und einem Fuͤhrer; nicht drei Feldwegs von hier verließ ich ſie. Wolltet Ihr mir nicht den Dienſt thun, edle Jung⸗ frau, ihnen zu bedeuten, daß ich in Sicherheit bin denn. ich weiß, mein Vater wird wegen meiner in Verzweiflung ſeyn.« ns Recht gern lee verſetzte die Snokran„aber ich denke, mein Oheim oder meiner Verwandten etliche werden ſie ſchon gefunden haben, und ihnen ſicheres Geleit geben. Kann ich Euch nicht helfen?— ſeyd „Ihr verwundet?—habt Ihr Euch verletzt? der Sturz zeines Felſens erſchreckte uns,— ja, und Sor Arunten liegt er, ein gewaltiges Stuͤckh⸗e mom ane „Waͤhrend dieſer Worte trat ſie ſo welte an den Rand des Abgrundes vor, und blickte ſo frei und feſt in die Tiefe, daß das Mitgefuͤhl, welches in ſolchem „Falle den Zuſchauer immer ergreift, Arthurs vorigen Schwindel wieder zuruͤckrief, und er mit ſchwachem „Stöͤhnen in ſeine fruͤhere gebuͤckte Stellung zuruͤckſank. „»Fſt Euch nicht wohl? fuhr die Jungfrau fort, als ſie ihn erbleichen ſahz lnump zunde raien Chalt Dhr Schaden genommen 2 c ie mn umee e „ Es ſind nur einige Quetſehungen von weng e⸗ lang/ edle Jungfrau, aber mir ſchwindelt, und es greift mir an's Herz, fehe in Eng ſo nahe am Rande des Abgrundes. m 3 1„ Iſt dus Alles 284— 3ameterh: 4³— »»wißt, Fremdling, daß ich an meines Oheims Heerd nicht ſicherer ſtehe, als ich ſchon auf Hoͤhen geſtanden, gegen welche die hier ein Kinderſprung iſt. Auch Ihr, Fremdling, ſolltet, wenn Ihr den Abſturz herange⸗ klommen ſeyd, wie mich die Spuren verrathen laſſen, von ſolcher Schwaͤche frei ſeyn, denn wohl duͤrft Ihr Euch einen Steiger nennen.«« „»Vorher mag ich's geweſen ſeyn,“ entgegnete Ar⸗ thug, aber ich denke, in Zukunſt. dieſenn Namen nict wieder zu verdienen.« „Seyd nicht verzagt,« frrach jene weiter,„daß Euch voruͤbergehender Schwindel angewandelt; der nicht ſelten Auge und Sinn des Kuͤhnſten und Erfah⸗ renſten umſchleiert. Steigt auf den Stamm des Bau⸗ mes, und ruͤckt dem Felſen naͤher, aus dem er her⸗ vorwaͤchst. Merkt Euch die Stelle wohlz habt Ihr den untern Theil des Stammes erreicht, ſo iſt's Euch ein Leichtes mit einenn kuͤhnen Schritt auf den feſten Felsgrund zu treten, auf dem ich ſtehe, und was Ihrꝛ alsdann noch zu befahren habt, iſt Spielwerk fuͤr einen jungen Mann, der geſunde Glieder hat, und. dem s an Muth nicht gebricht.«« 33 „Meine Glieder ſind freilich geſund, 8c verſetzte Arthur,„aber mit Erroͤthen denke ich daran, wie ſehr mein Muth geſunken iſt. Doch will ich Eure Theil⸗ nahme an einem ungluͤcklichen Wanderer nicht dadurch verſcherzen, daß ich laͤnger zaghaften Gefuͤhlen mich hingebe, die mir bis heute fremd waren. ⸗ Sie ſah aͤngſtlich und mit vieler Theilnahme nach 85 44 ihm hin, als er, vorſichtig auf dem Baumſtamme ſich zerhebend, welcher beinahe wagrecht vom Felſen ab⸗ ſtand, und, wie er ſeine Stellung veraͤnderte, zu ſchwanken ſchien, endlich aufrecht ſtand, ſo daß er auf ebenem Boden mit einem weiten Schritt an den Ort hatte gelangen koͤnnen, wo das Maͤdchen ſtand. Allein ſtatt ebenen, feſten Grundes war hier eine finſtere Tieſe zu uͤberſchreiten, und unten brauste ſchaͤumend ein Waldſtrom. Arthur's Kniee ſchlugen an einander, ſeine Fuͤße wurden wie Blei, und ſchienen ihm den Dienſt zu verſagen, und ſtaͤrker als je aͤußerte das ꝛentkraͤftende Gefuͤhl ſeine Macht uͤber ihn, das Keiner vergeſſen kann, den es in gleicher gefaͤhrlicher Lage angewandelt hat, und welches Andere, denen es fremd geblieben, nur mit Muͤhe zu begreifen vermuͤgen. 0 Das Muͤdchen bemerkte, was in ihm vorging, und ſah die wahrſcheinliche Folge davon voraus. Um ſeinen Muth wieder zu beleben, ſprang ſie leicht von dem Felſen auf den Baumſtamm, und in demſelben Angen⸗ blick zuruͤck auf den Felſen, reichte dem Fremden die Hand, und ſagte:„Mein Arm iſt zwar nur ein ſchwa⸗ ches Gelaͤnder, doch tretet nur entſchloſſen vorwaͤrts, und Ihr werdet finden, daß es ſo ſicher und feſt iſt, als die Zinnen von Bern.« Doch jetzt uͤberwog bei Arthur Schaam die Furcht ſo ſehr, daß er den Bei⸗ ſtand ablehnte, den er nicht haͤtte annehmen koͤnnen, ohne ſich vor ſich ſelbſt erniedrigt zu fuͤhlen, ſich ein Herz faßte, und gluͤcklich den furchtbaren Schritt that, der ihn auf den Felſen brachte, wo das Maͤdchen ſtand. 45 s war natuͤrlich ſein Erſtes, daß er ihre Hand ergriff, und zum Zeichen ſeiner Dankbarkeit und Ach⸗ tung an die Lippen druͤckte, und ſie konnte ihn nicht davon abhalten, ohne eine Sproͤdigkeit auzunehmen, die ihrem Weſen fremd war, und umſtaͤndliche Er⸗ oͤrterungen uͤber eine Sache von Belang herbeizufuͤh⸗ ren, welche ſich durchaus nicht fuͤr den Ort, wo ſie ſich befanden, geeignet haͤtten. 8 8 7 III. Verflucht ſey Gold und Silber, deſſen Reiz In ferne Lande treibt die Luͤſternen. Des Friedens Lilien glaͤnzen ſchimmernder Als Silber, was iſt ohne Leben— Gold? Und doch lockt uns durch oͤder Steppen Sand Gewinnſucht in der Staͤdte bunt Gewuͤhl. Haſſan, der Kameeltreiber. — Beide, Arthur und Anna, fuͤhlten ſich in einiger Verlegenheit, er, weil er fuͤrchtete, in den Augen ſeiner Retterin fuͤr feig zu gelten, und ſie, weil ſie ſich ſo ſchnell dem jungen Mann ſo nahe ſah, dem ſie das Leben gerettet hatte. „ Jetzt,« hob Arthur endlich wieder an,„ muß ich zu meinem Vater wieder zuruͤckkehren. Das Leben, das ich Eurer Hülfe verdanke, hat fuͤr mich keinen 7 46 Werth, wenn ihr mir nicht erlaubt, zu ihm zu ellen, und auch ihm Huͤlfe zu bringen.«⸗ Er wurde hier durch die Toͤne eines zweiten Horns unterbrochen, die von dem Orte herzukommen ſchienen, wo er ſeinen Vater mit dem Fuͤhrer zuruͤckgelaſſen hatte. Allein die Felsplatte, die er von dem Baume aus nur theilweiſe geſehen hatte, war von ſeinem jetzi⸗ gen Standpunkte aus ganz unſichtbar geworden. „Es waͤre mir ein Leichtes,« ſagte Anna,„ auf den Baumſtamm hinuͤberzutreten, und von dort hin⸗ abzuſehen, ob ich Eure Freunde nicht entdecken koͤnnte, aber ich habe die Gewißheit, daß ſie bereits beſſere Fuͤhrer haben, als wir Beide ihnen ſeyn koͤnnten, denn die Toͤne dieſes Horns verrathen mir, daß mein Oheim oder einige meiner juͤngern Verwandten bei ihnen angelangt ſind. Jetzt ſind ſie auf dem Wege zum Geier⸗ ſtein, und wenn Ihr wollt, ſo fuͤhre ich Euch dorthin, denn Ihr duͤrft verſichert ſeyn, daß mein Oheim Euch heute nicht weiter ziehen laͤßt, und es waͤre nur Zeit⸗ verluſt, wenn wir Eure Freunde aufſuchen wollten, die von dem Orte aus, wo Ihr ſie gelaſſen habt, lange vor uns auf dem Geierſtein ankommen muͤſſen. Folgt mir alſo, oder ich muß glauben, Ihr ſeyd meiner Fuͤhrung ſchon muͤden* »Glaubt eher, ich ſey des Lebens uͤberdruͤſſig, das Ihr mir gerettet habt,« entgegnete Arthur, und ſchickte ſich an, ihr zu folgen. Zugleich warf er einen genaue⸗ ren Blick auf die Tracht, den Wuchs und die Zuͤge ſeiner Begleiterin, wodurch er ſich in ſeiner Ueberzeu⸗ 47 gung beſtaͤrkte. Ihr Oberkleid war weder anliegend genug, um ihre Formen auszudruͤcken, noch auch ſo weit, daß es ſie in ihren Bewegungen gehindert haͤtte, wenn ſie auf Felſen umherkletterte! es lag uͤber einem Unterkleide von anderer Farbe, und reichte ihr bis an die Kniee herab, deren unterer Theil in ſeiner ſchoͤnen Form ſi chtbar war. Ihren Leib umſchloß ein ſeidener Guͤrtel von verſchiedenen Farben, der mit Goldſchnuͤ⸗ ren geſtickt war; das Kleid, vornen offen, ließ einen berrlich geformten, blendend weißen Hals ſehen, und geſtattete dem Blicke ſich noch etwas tiefer zu ſenken. Die Farbe ihres Geſichts war durch die Luft und die Sonne etwas gebraͤunt, doch nicht ſo, daß es ihrer Schoͤnheit Eintrag gethan haͤtte. Ihr langes blondes Haar fiel in reichem Gelock uͤber ihre Schlaͤfen, und in ihren blauen Augen, wie in ihren ſchoͤnen Zuͤgen ſprach ſich Sanftheit, Vertrauen und Entſchloſſenheit, und ein Gemuͤth aus, zu tugendhaft, um Boͤſes zu argwohnen, und zu edel, um es zu fuͤrchten. Auf ihren Haaren, die natuͤrliche Zierde der Schoͤnheit, ſaß ein Haͤubchen, das ſeiner Form nach weniger dazu beſtimmt war ihren Kopf zu ſchuͤtzen, als ihren Geſchmack zu zeigen. Nach der Sitte des Landes hatte ſie ſich noch mit einer Reiherfeder und einer kleinen goldenen Kette geſchmuͤckt, die vier⸗ bis fuͤnfmal um die Haube lief, und deren beide Enden an ein breites Medaillon von demſelben Metalle befeſtigt waren. Ihr ſchlanker Leib war hoch gewachſen, und alle um⸗ riſſe ihrer Formen gaben ihr, ohne etwas Maͤnnliches 48 zu haben, mehr bas Ausſehen einer Minerva, als einer junoniſchen Schoͤnheit, oder einer wolluͤſtigen Venus. Die edle Stirne, die gelenken, wohlgeformten Glie⸗ der, der feſte und doch leichte Gang, ihre jungfraͤu⸗ liche Sittſamkeit, und beſonders ihre offene freie Miene vollendeten ihre Reize. Der Weg, auf dem ihr der junge Britte weiter folgte, war ſteil und uneben, jedoch keineswegs gefaͤhrlich, beſonders im Vergleich mit dem Gange an dem Felſen hin. Es war wirklich die Fortſetzung des durch die Erderſchuͤtterung theilweiſe zerſtoͤrten Fußpfades. Durch 8 daſſelbe Erdbeben war er zwar an mehrexen Stellen beſchaͤdigt, jedoch ſchon wieder einigermaßen ausgebeſ⸗ ſert und gangbar gemacht worden. Arthur erfuhr von ſeiner Fuͤhrerin, daß der Weg jetzt weiter auslaufe, um ſich mit demjenigen zu vereinigen, den er dieſen Morgen mit ſeinen Gefaͤhrten gekommen war, ſo daß ſte, wenn ſie bei dem Vereinigungspunkt des alten und des neuen Pfades eingelenkt haͤtten, nicht in ſol⸗ che Gefahr gekommen waͤren. Der Fußſteig fuͤhrte ſie von dem Waldſtrome ab, doch hoͤrten ſie noch ſein unterirdiſches Getoͤſe; ploͤtz⸗ lich aber wandte ſich der Weg in rechtem Winkel, und fuͤhrte nun in gerader Linie gegen das alte Schloß, und ſie hatten nun eines der herrlichſten, erhabenſten Schauſpiele, wie ſie das Gebirg darbietet, vor Augen. Das alte Schloß Geyerſtein, obgleich weder groß⸗ noch durch Verzierungen der Baukunſt ausgezeichnet, erhielt ein furchtbar erhabenes Anſehen durch ſeine 49 Lage an dem jenſeitigen Ufer des Stromes, der an der Ecke des Felſens, auf welchem die Ruinen liegen, aus einer Hoͤhe von ungefaͤhr 100 Fuß ſich in ein Becken ſtuͤrzt, das er ſich unten nach und nach in den Granit gegeben hat. Seinen ſchaͤumenden Wellen gegenuͤber erhob ſich das alte Schloß, das ſo nahe an den Rand des Felſens gebaut war, daß die Strebepfeiler mit demſelben verwachſen ſchienen, und ſich, wie er, in ſenk⸗ rechter Linie erhoben. Nach der zu jener Zeit in ganz Europa uͤblichen Sitte bildete der Haupttheil des Ge⸗ baͤudes ein maſſives Viereck, deſſen jetzt verfallene Spitze Thuͤrme von verſchiedener Form und Hoͤhe hatte; die einen waren rund, die andern eckigt, mehrere eingeſtuͤrzt, einige noch ziemlich gut erhalten, wodurch die Anſicht des Gebaͤudes in der Ferne etwas Mannig⸗ faltiges erhielt. Ein vorſpringendes Thor, zu dem man auf einer Treppe gelangte, hatte früher auf eine Bruͤcke geführt, über die man auf die andere Seite des Stromes kam. Ein einziger Bogen, von großen Steinen aufgeführt, ſtand noch, und zeigte ſich gerade vor dem Waſſerfall über dem Strome. Ehemals hatte dieſer Bogen eine hölzerne Zugbrücke getragen, die ſo lange und ſchwer war, daß ſie, wenn ſie niedergelaſſen wurde, nothwen⸗ dig auf einem feſten Grunde ruhen mußte. Freilich entſtand dadurch die Unbequemlichkeit, daß man, ſelbſt wenn die Brücke aufgezogen war, auf den Steinen zur Seite an das Schloßthor gelangen konnte. Da aber dieſer Gang nur 18 Zoll breit war, und der kühne Walter Scott's Werke. 1578 Boͤchen. 4 50 Feind, der darüber zu ſetzen wagte, dadurch nur erſt an das Thor gelangte, das durch ein Fallgitter ver⸗ theidigt wurde, und zu beiden Seiten Thürme und Wälle hatte, von wo aus man ihn mit Steinen und Pfeilen empfangen, und geſchmolzenes Blei oder ſieden⸗ des Waſſer auf ihn heraͤbgießen konnte, ſo betrachtete man die Möglichkeit dieſes Verſuches als der Sicherheit des Schloſſes keineswegs nachtheilig. Zu der Zeit, von der wir hier reden, lag das Schloß ganz in Ruinen, und der gewölbte Gang, unker wel⸗ chem das Thor angebracht geweſen war, diente mit dem ſchmalen Bogen, der die beiden Ufer des Fluſſes noch miteinander vereinigte, den Bewohnern der Um⸗ gegend, die durch Gewohnheit mit den Gefahren eines ſolchen Weges vertraut geworden waren, als Verbin⸗ dungsmittel. Während des kurzen Weges hatte Arthur die ihm eigene Elaſticität des Körpers und Geiſtes wieder ge⸗ wonnen. Freilich war er ſeiner Führerin nicht ganz ruhig gefolgt, während ſie leicht über den ſchmalen Pfad hinſchritt, den die Dünſte des nahen Waſſerfalls immer ſchlüpfrig erhielten; nicht ohne innere Angſt vollendete er den gefährlichen Gang ſo nahe an dem Waſſerfalle, deſſen betäubendes Getöſe ihm in die Ohren rauſchte, während er ſich von dieſer Seite abwandte, um nicht auf's Neue Schwindel zu bekommen, wenn er das Waſſer von der Spitze des Felſens in die uner⸗ meßlich ſcheinende Tiefe ſtürzen ſähe. Allein ungeachtet ſeiner inneren Bewegung hielt ihn die natürlich e Scham 51 Furcht blicken zu laſſen, während ein Mädchen ſich ſo ruhig zeigte, und der Wunſch, ſich bei ſeiner Führerin wieder in Anſehen zu ſetzen, ab, ſich den Empfindungen wieder hinzugeben, die ihm vorhin allen Muth geraubt hatten. Mit feſtem Schritt, aber vorſichtig auf ſeinen Stab geſtützt, folgte er der leicht voran ſchwebenden Schweizerin über den ſchwindlichen Pfad in das Thor⸗ gewölbe, die ebenſo verfallene Treppe hinan. Sie befanden ſich nun auf einem mit Trümmern be⸗ deckten Raume, der früher einen Hof vor dem Schloß gebildet hatte. Schnell ſchritten ſie an dieſen Ruinen vorüber, welche die Natur mitleidig mit Moos, Epheu und andern Schlingpflanzen überdeckt hatte, und traten durch das Hauptthor auf einen von der Natur mit ihren herrlichſten Reizen geſchmückten Ort. Das Schloß erhob ſich auch von dieſer Seite weit über die Umgegend, allein während gegen den Strom hin der Fels ſenkrecht aufſtieg, war hier der Abſturz zu größerer Sicherheit des Gebäudes, wie eine Bruſt⸗ wehr der neueren Befeſtigungskunſt, ſchräg abgeflacht. Der Boden war mit jungen Bäumen und Gebüſch be⸗ wachſen, aus denen das Schloß als eine ſchöne Ruine ſich erhob. Darüber dehnte ſich eine Fläche von mehr als 100 Morgen, von Felſen und Bergen unſchloſſen, in deren Mitte fruchtbares Land lag, dem die Natur ein milderes Ausſehen verliehen hatte. Der Hauptgegenſtand, der in dieſem Bereiche lag, war ein großes Haus, das ohne alle Rückſicht auf Ebenmaaß von Holz aufgeführt war, aber durch den 4* 4. 5² Rauch, der daraus aufſtieg, wie durch die Zahl und Größe der es umgebenden Gebäude jeder Art, und die umliegenden wohlgebauten Häuſer errieth, daß hier die Wohnung, wenn nicht der Pracht, doch des beſchei⸗ denen Wohlſtandes ſey. Gegen Mittag lag ein Garten mit Obſtbäumen„ Gruppen von Nuß⸗ und Caſtanien⸗ bäumen wuchſen majeſtätiſch nebeneinander, und ein ziemlich großer Weinberg bewieß, daß die Rebe hier mit Erfolg gepflegt wurde, eine zu jener Zeit in die⸗ ſem Lande nicht ſehr gewöhnliche Erſcheinung. Auf reichen Triften weideten Heerden des herrlichſten Viehs, die man von den gebirgigeren Gegenden, wo ſie den Sommer über blieben, zurückgetrieben hatte, damit ſie während der Herbſtſtürme mehr in Sicherheit wären. Durch dieſes von Bergen umſchloſſene Paradies ſchlän⸗ gelte ſich ein kleiner Bach, der nach vielen Krümmun⸗ gen, gleich als hätte er nur ungerne den friedlichen Ort verlaſſen, mit dem wilden Strome ſich vereinigte, der den Fuß des Schloſſes beſpülte. 3 So ſehr Arthur nach ſeinem Vater verlangte, konnte er doch nicht umhin, einige Augenblicke ſtehen zu blei⸗ ben, ſo ſehr war er überraſcht, im Schooſe einer ſolchen Schreckensſcene ſo viele ländliche Schönheiten zu finden, und er warf einen Blick nach dem Schloſſe und dem ſchroffen Felſen, der ihm den Namen gegeben hatte, zurück, um ſich zu verſichern, daß er wirklich noch in der Nähe der öden Wildniß ſey, wo er ſo viele Ge⸗ fah ren beſtanden. Indeſſen waren die Gränzen des bebauten Landes ſo beſchränkt, daß es kaum dieſes Rück⸗ — 53 blicks bedurfte, um ihn zu überzeugen, daß diefer Ort, den menſchlicher Fleiß der wilden Natur abgewonnen hatte, rückſichtlich ſeines Umfangs in ſehr untergeord⸗ neten Verhältniſſen zu ſeinen rauhen Umgebungen ſtand. Hier bildeten hohe Berge Mauern von Felſen, dort waren ſie mit Fichtenwäldern bewachſen, deren Urſprung ſich in die graue Vorzeit verlor. Ueber der Höhe, auf der das Schloß lag, zeigte ſich ein gewaltiger Gletſcher von der Sonne beleuchtet, und noch höher unter dem flimmernden Spiegel dieſes Eismeers erhoben ſich in ſtiller Majeſtät die Spitzen der mit ewigem Schnee bedeckten Berge. Nur kurze Zeit widmete Arthur dieſem Schauſpiel, denn auf einem ſanft erſteigenden Grasplatze vor dem Hauſe ſah er fünf bis ſechs Männer, in deren erſtem er an ſeinem Gang, ſeiner Kleidung und der Form ſeiner Mütze leicht ſeinen Vater erkannte. Schnell folgte er daher ſeiner Führerin den ſteilen Hügel hinab, auf dem das alte Schloß lag; ſie näherten ſich der Gruppe, und Philipſon eilte mit verdoppelten Schritten ſeinem Sohne entgegen. Ihm folgte ein Mann von vorgerücktem Alter und beinahe rieſtgem Wuchſe, den ſein ſchlichtes und zugleich majeſtätiſches Aeuſſere als würdigen Landsmann von Wilhelm Tell, Stauffacher, Winkelried und andern berühmten Schweizern bezeich⸗ nete, die mit entſchloſſenem Muth und ſtarkem Arm im vorigen Jahrhundert ihre Freiheit und ihre Unabhän⸗ gigkeit glücklich gegen zahlloſe Heere vertheidigt hatten. Aus Zartgefühl und um dem Vater und Sohn bei 54 ihrem Wiederſehen, das Beide tief ergreifen mußte, käſtigen Zwang vor Zeugen zu erſparen, bedeutete der Landammann denen, die ihm folgten— wie es ſchien, lauter junge Leute— zurückzubleiben, ſie hielten daher und ließen ſich von Antonio die Abentheuer der Frem⸗ den erzählen. Anna hatte kaum Zeit, Arthur zu ſagen, der Greis ſey ihr Oheim, Arnold Biedermann, und die jungen Leute ihre Verwandten, als der Landammann und Philipſon herankamen. Mit demſelben Zartgefühle führte Arnold ſeine Nichte auf die Seite, behielt aber, während er ſie über ihren Gang befragte, Vater und Sohn im Auge, ſo weit dieß die Höflichkeit geſtattete. Das Wiederſehen zwiſchen Beiden geſtaltete ſich indeſſen ganz anders, als er erwartet hatte. Wir haben den ältern Philipſon bereits als einen ſehr zärtlichen Vater geſchildert, bereit, dem Tode entgegen zu gehen, ſo lange er fürchtete, ſeinen Sohn verloren zu haben; es ließ ſich daher erwarten, daß Vater und Sohn einander in die Arme eilen würden. Allein, wie ein großer Theil ſeiner Landsleute, barg Philipſon lebhafte tief⸗ gehende Empfindungen hinter. ſcheinbarer Kälte, und hätte es für Schwäche gehalten, ſich dem Zuge des hier ſo natürlichen Freudegefühls ohne Rückhalt zu überlaſſen. Er war in ſeiner Jugend ein wohlgebilde⸗ ter Mann geweſen, und ſein Geſicht, das noch jetzt für ſchön gelten konnte, hatte einen Ausdruck, der verrieth, daß er nicht ſehr geneigt war, ſeinen Leiden⸗ ſchaften nachzugeben, oder bei Andern allzu große Zu⸗ verſicht zu wecken. Er hatte, als er ſeinen Sohn ge⸗ 55 wahr wurde, in Folge des natürlichen Verlangens bald das ihm zu ſeyn, ſeine Schritte verdoppelt, ging aber, als er näher kam, langſamer, und redete ihn endlich mehr im Tone des Vorwurfs als der Liebe mit den Worten an: „Die Heiligen mögen dir den Kummer perzeihen, Arthur, den du mir heute gemacht haſt.“ „Amen,“ erwiederte der Jüngling,„ich bedarf der Vergebung, wenn ich Euch Herzeleid gemacht habe, glaubt indeſſen, daß ich mit beſtem Willen gehandelt habe.“ „Es iſt ein Glück, daß dir dabei nichts Schlimmeres begegnet iſt.« „Das dank ich der Jungfrau hier,“ erwiederte Ar⸗ thur mit dem Tone geduldigen Gehorſams, und deutete auf Anna, die in einiger Entfernung von ihnen ſtand, um, wie es ſchien, die Vorwürfe nicht zu hören, die ſie für unverdient halten mochte. „Ich werde ihr meinen Dank dafür abſtatten, ſobald ich weiß, in welcher Art ich dieß zu thun habe; aber haͤltſt du es für ehrenvoll und ſchicklich, daß du von einem Weibe Hülfe empfangen, die dem ſchwächeren Geſchlechte zu gewähren des Mannes Pflicht iſt?“ Arthur ſenkte das Haupt, und hohe Röthe färbte ſeine Wangen. Arnold bemerkte es, trat, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen, zu ihnen, und miſchte ſich in das Geſpräch. „ Junger Mann,“ begann er,„erröthet nicht darüber, daß Ihr von einer Tochter von Unterwalden Hülfe 56 empfangen habt. Wißt, daß wir die Freiheit unſeres Landes der Weisheit und dem feſten Muthe aller ſeiner Kinder, ſeiner Töchter wie ſeiner Söhne zu verdanken haben. Und Euch, Fremdling, der Ihr, wie es ſcheint, viele Jahre und Länder geſehen habt, muß es ſich durch viele Beiſpiele erprobt haben, daß der Stärkſte oft durch den Beiſtand des Schwächſten, der Stolzeſte durch die Hülfe des Demüthigſten gerettet wird.“ „Ich habe wenigſtens gelernt,“ erwiederte der Eng⸗ länder,„nicht ohne Noth mit dem Wirthe zu ſtreiten, bei dem ich ſo gütige Aufnahme fand.“ Er warf nun noch einen Blick auf ſeinen Sohn, aus dem die innigſte Liebe zu ſprechen ſchien, und nahm auf dem Rückweg nach dem Hauſe das mit ſeinem Wirthe angeknüpfte, durch Arthur's Ankunft unterbrochene Geſpräch wieder auf. Arthur hatte unterdeſſen Muße, das Ausſehen und die Züge ihres Wirths zu muſtern, deren männlicher Ausdruck eine Miſchung von patriarchaliſcher Einfalt und Würde war. Seine Kleidung unterſchied ſich, hin⸗ ſichtlich ihrer Form, nicht ſehr von der bereits beſchrie⸗ benen ſeiner Nichte. Sie beſtand in einem Rocke un⸗ gefähr von der Form unſerer Hemden, der nur auf der Bruſt offen war, ſein Ueberkleid aber war viel kürzer, als das Annens, und reichte ihm nicht weit über die Lenden herab, während ſeine Stiefeln über das Knie heraufgingen. Eine Mütze von Marderfell mit einem ſilbernen Medaillon war der einzige Schmuck, den er an ſich trug. Ein breiter Gürtel von Büffel⸗ 57 leder, der ſeinen Leib umſchloß, wurde durch eine kupferne Schnalle zuſammengehalten. Indeſſen hätten ſeine Züge und ſein Wuchs überall Achtung geboten, beſonders in dieſen kriegeriſchen Zeiten, wo man die Menſchen nach ihrer Körperkraft beurtheilte. Bei einem ungewöhnlich hohen Wuchſe hatte er ſtarke Gliedmaßen, breite Schul⸗ tern und kräftig hervortretende Muskeln. Wer aber ſein Geſicht genauer betrachtete, fand in ſeinen geiſt⸗ vollen Zügen, auf ſeiner offenen Stirne, in ſeinen gro⸗ ßen blauen Augen und der Entſchloſſenheit, die aus ihnen ſprach, etwas Majeſtätiſches. Er war von meh⸗ reren ſeiner Söhne und jüngeren Verwandten umgeben, die ihm alle mit großer Achtung begegneten, welche er als gebührenden Tribut annahm. Während Arnold neben dem älteren Philipſon her⸗ ging und ſich mit ihm unterhielt, ſchienen die jungen Leute Arthur näher zu muſtern und thaten von Zeit zu Zeit halbleiſe eine Frage an Annen. Dieſe antwor⸗ tete ihnen kurz und mit dem Tone der Ungeduld, dieß erhöhte aber nur ihre fröhe Laune, der ſie ſich ohne Zwang überließen, ſo daß der junge Engländer nicht umhin konnte, zu glauben, ſie lachen auf ſeine Koſten. Das Gefühl, ein Gegenſtand des Spotts zu ſeyn, hat immer etwas Unangenehmes, wird aber für einen jun⸗ gen Mann in Gegenwart der Frauen noch drückender. Indeſſen fand Arthur einigen Troſt in dem Gedanken, daß ſeine ſchöne Führerin an den Scherzen der jungen Leute keinen Gefallen zu finden und durch Miene und 5 f 58 Worte ihr unhöfliches Benehmen zu rügen ſchien, doch fürchtete er, es geſchehe blos aus Mitleiden. „Auch ſie muß mich verachten,“ dachte er;„nur die Höflichkeit, welche dieſe ungeſchlachten Jungen nicht kennen, läßt ſie ihre Verachtung hinter Mitleid ver⸗ ſtecken. Sie kann mich nur nach dem beurtheilen, was ſie geſehen hat, kennte ſie mich aber beſſer, ſo würde ſie mich vielleicht in ihrer Achtung höher ſtellen.“ An Arnolds Hauſe angelangt, wurden die Fremden in ein Zimmer geführt, das zugleich zum Speiſeſaale und zum Geſellſchaftszimmer diente und wo ein reich⸗ liches, aber einfaches Mahl bereitet war. An den Wän⸗ den umher hingen Waffen zur Jagd und Geräthe zum Feldbau. Philipſons Blicke aber hefteten ſich auf einen ledernen Panzer, eine lange gewichtige Hellebarde und ein zweihändiges Schwert, die als Siegeszeich en hier zu prangen ſchienen. Daneben war ein Helm mit einem Viſier zu ſehen, wie ihn die Ritter und Gewaffneten trugen; er war jedoch nicht blank polirt, ſondern mit Staub bedeckt. Der goldene Kranz, der in Form einer Krone darum geſchlungen war, verrieth edle Abkunft und hohen Rang, und der Geier darauf erweckte man⸗ nigfache Vermuthungen bei dem ältern Fremden, der die Geſchichte des Schweizeraufſtandes ziemlich genau kannte und nicht daran zweifelte, daß dieſes Waffen⸗ ſtück ein Siegeszeichen aus dem Kriege ſey, der zwi⸗ ſchen den Gebirgsbewohnern und ihrem ehemaligen Lehensherrn geführt wurde. Die Einladung zum Mahle unterbrach den Gedanken⸗ —— 59 gang des Engländers, und eine zahlreiche Geſellſchaft, ohne Unterſchied aus allen denen beſtehend, die unter Biedermanns Dache wohnten, ſetzte ſich um den Tiſch, der mit Wildpret, Fiſchen, Käſe und verſchiedenen Milchſpeiſen reichlich beſetzt war. Der Landammann machte den Wirth mit ſchlichter, offener Gaſtlichkeit, und die Fremden bewieſen durch ihren Appetit, daß ſie mit der Aufnahme, die ſie gefunden, höchlich zufrieden waren. Während des Mahles unterhielt er ſich mit dem Aeltern ſeiner Gäſte; die jungen Leute und das Geſinde aßen beſcheiden und ſchwiegen. Ehe das Mahl zu Ende war, ſah man Jemand an dem großen Fenſter, welches das Zimmer beleuchtete, vorübergehen, was große Bewegung unter die jüngern Tiſchgenoſſen brachte. „Wer ging hier vorüber?“ fragte Biedermann die, welche dem Fenſter gegenüber ſaßen. „Es iſt unſer Better, Rudolph von Donnerhügel,“ gab einer von Arnolds Söhnen zur Antwort. Dieſe Nachricht erregte große Freude unter den jun⸗ gen Leuten und beſonders bei den Söhnen des Landam⸗ manns, der mit ernſtem ruhigem Tone fortfuhr:„Euer „Vetter iſt willkommen, ſagt ihm das und führt ihn herein.“ Maehrere ſeiner Söhne erhoben ſich alsbald, um den neuen Gaſt zu empfangen, der einige Zeit darauf ein⸗ trat. Es war ein junger Mann von ſtattlichem Wuchſe, ſehr wohl gebildet und von lebhaftem Ausſehen; ſeine Haare, die in Locken herabfielen, waren dunkelbraun, ſein Bart ſchwärzlich, jene aber ſo dicht, daß ſeine 60 Mütze zu klein ſchien, dieſe zu bedecken und er ſie da⸗ her auf der Seite trug. Seine Kleidung war in Form und Schnitt die nämliche, wie die Arnolds, nur von viel feinerem Tuche und reich geziert. Einer ſeiner Aermel war dunkelgrün, mit Borten beſetzt und in Silber geſtickt, die übrige Kleidung ſcharlachroth. In dem Gürtel, der ſein Oberkleid feſthielt, ſtack ein Dolch mit ſilbernem Griffe, und, um das Zierliche ſeines An⸗ zugs zu vollenden, trug er Stiefeln, die nach der Sitte des Mittelalters aufgeſchlagen waren. An einer gol⸗ denen Kette um den Hals hing ein großes Schauſtück von demſelben Metalle. Im Augenblicke umringten Biedermanns Söhne den jungen Mann, als wäre er das Vorbild, nach welchem die Schweizerjugend ſich bilden und deſſen Gang, Hal⸗ kung und Anſichten Jeder annehmen müßte, der die gerade herrſchende Sitte befolgen wollte. Arthur glaubte jedoch zu bemerken, daß zwei von der Geſellſchaft ihn mit weniger Zeichen der Achtung empfingen, wenigſtens war der Ton, womit Arnold den jungen Berner— denn dieſem Canton gehörte Rudolph an— willkom⸗ men hieß, ziemlich lau. Jener zog ein verſiegeltes Schreiben aus dem Buſen und überreichte es mit einer tiefen Verbeugung dem Landammann, in der Erwartung, dieſer werde, nachdem er den Inhalt geleſen, einige Worte mit ihm darüber wechſeln, allein der Altvater lud ihn blos ein, ſich zu ſetzen und ihr Mahl zu theilen, und Rudolph nahm neben Anna einen Platz ein, den ihm einer von Arnolds 61 Söhnen mit zuvorkommender Höflichkeit abtrat. Ar⸗ thur glaubte ferner zu bemerken, daß der neu Ange⸗ kommene mit auffallender Kälte von Annen behandelt wurde, der er ſeine Huldigungen darzubringen ſich be⸗ eilte. Er ſah, wie Rudolph, mit einem Blicke auf ihn, ihr leiſe einige Worte zuflüſterte; ſie antwortete ganz kurz, einer von Biedermann’'s Söhnen aber, der zur andern Seite neben ihm ſaß, ſchien mittheilſamer, denn die beiden Leute lachten miteinander, worüber Anm unwillig erröthete. Unterdeſſen verlangte der Hausherr Wein und forderte die beiden Fremden auf, ihm Beſcheid zu thun, indem er Jedem von ihnen, ſo wie auch Rudolph einen hohen ahornen Becher bringen ließ.„Ihr, Vetter,“ ſagbe er zu dem Tapferen,„ſeyd freilich gewohnt, einen beß⸗ ſeren Wein zu trinken, als wie man ihn hier von halb⸗ reifen Trauben gewinnt. Könnt Ihr es glauben,“ fuhr er gegen Philipſon fort,„es gibt Bürger in Bern, die ihren Wein aus Frankreich und Deutſchland beziehen* „Mein Verwandter mißbilligt es,“ ſprach Rudolph, vallein man hat nicht überall Weinberge wie auf dem Geierſtein, der Alles hervorbringt, was Herz und Auge wuͤnſchen mögen.“ Bei dieſen Worten warf er einen Blick auf ſeine ſchöne Nachbarin, welche dieſe Schmei⸗ cheleisnicht verſtehen zu wollen ſchien.»Unſere reichen Bürger,“ fuhr er fort,„die etliche Thaler zu viel ha⸗ ben, glauben keine große Sünde zu begehen, wenn ſie fle gegen beſſern Wein umſetzen, als der iſt, den unſere Berge erzeugen. Wir werden ſparſamer ſeyn, wenn wir 2 62 4 einmal Tonnen Burgunderwein zu unſerer Verfügung haben, die uns nur die Mühe des Fortbringens koſten.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Vetter Rudolph?« fragte Arnold. 3 „Mich dünkt,“ antwortete der Berner,„das Schrei⸗ ben müſſe Euch davon unterrichtet haben, daß unſere Tagſatzung wahrſcheinlich an Burgund den Krieg er⸗ klären wird.“ „Ha!“ rief Arnold,„Ihr kennt alſo den Inhalt des Schreibens? abermals ein Beweis, wie fehr ſich in Bern und bei unſern Verfammlungen die Zeiten geändert haben. Sind denn die Greiſe ausgeſtorben, daß man junge Leute in den Rath beruft, denen noch nicht ein⸗ mal der Bart gewachſen iſt?“ „Der Rath von Bern und die Tagſatzung der Eid⸗ genoſſen,“ entgegnete Rudolph etwas verwirrt,„thei⸗ len den jungen Männern ihre Beſchlüſſe mit, weil dieſe ſie in Vollziehung zu ſetzen haben. Das Haupt, das überlegt, darf wohl dem Arm, der drein ſchlägt, ſein Vertrauen ſchenken.“ „Aber erſt, wenn der Zeitpunkt zum Dreinſchlagen gekommen iſt,“ erwiederte Arnold mit ſtrengem Tone. „Ziemt es auch einem Mitgliede des Rathes, vor Frauen und Fremden ohne Rückhalt von Staatsangelegenheiten zu ſprechen? Geht, Rudolph, und auch ihr, Jungen, und macht euch mit Uebungen zu ſchaffen, die eurem Alter anſtehen, damit ihr lernet, was dem Vaterlande von Nutzen ſeyn kann, ſtatt über Maßregeln abzuſprechen, die es nehmen zu müſſen glaubt. Euch gilt das nicht, 65 junger Mann,“ fuhr er, mit einem Blick auf Arthur, fort, der aufgeſtanden war,„Ihr ſeyd nicht daran ge⸗ wöhnt, auf den Bergen umherzuziehen und bedürft der Ruhe.“ „Wollet erlauben, daß ich Euch widerſpreche,“ ſagte der ältere Philipſon,„wir Engländer meinen, wenn man durch Bewegung irgend einer Art müde iſt, ſo ſey eine andere das beſte Mittel zur Erholung; hat man ſich z. B. müde gelaufen, ſo ruht man beſſer aus, wenn man ſich zu Pferd ſetzt, als auf einem Flaum⸗ bette. Wenn es Euren Söhnen und Verwandten ge⸗ nehm iſt, ſo wird mein Sohn an ihren Leibesübungen Antheil nehmen.“ „Er wird etwas unabgeſchliffene Geſellen unter ihnen finden,“ verſetzte Arnold,„doch, wie Ihr wollt.“ Die jungen Leute verließen nun das Haus und be⸗ gaben ſich auf den Grasplatz vor demſelden. Anna und einige Franen vom Hauſe ſetzten ſich auf eine Bank, um zu entſcheiden, wer der Sieger ſey, und die beiden Alten, die zurückgeblieben waren, hörten bald den Lärm und das Lachen der Jünglinge bei ihren Kampfſpieten. Der Hausherr nahm die Flaſche wieder, füllte den Be⸗ cher ſeines Wirths, goß den Reſt in den ſeinigen und hob dann wieder an:„In dem Alter, mein werther Gaſt, wo das Blut kälter wird und die Leidenſchaften ſich nicht ſo leicht aufregen laſſen, belebt der Wein, mäßig genoſſen, die Einbildung und macht die Glieder gelenkſam. Indeſſen möchte ich faſt wünſchen, Noah hätte keine Reben gepflanzt, weil ich ſeit mehreren ⸗ 61 Jahren ſehen muß, daß meine Mitbürger ſich, wie die Deutſchen, dem Trunk ergeben, und zwar ſo ſehr, daß ſte, wie Schweine unfähig ſind, zu handeln und zu denken.* „Ich habe auch bemerkt, daß dieſes Laſter in Eurem Lande mehr um ſich greift, wo man es, wie ich gehört, vor hundert Jahren gar nicht kannte.“ „Man kannte es nicht, weil man bei uns ſehr wenig Wein erzeugte und aus andern Ländern keinen ein⸗ führte; denn Niemand hatte die Mittel, etwas zu kau⸗ fen, was unſere Thäler nicht hervorbringen. Allein unſere Siege haben uns Ruhm und Reichthümer ver⸗ ſchafft, und, meines Bedünkens wenigſtens, hätten wir uns wohl dabei befunden, wenn wir nicht zugleich die Freiheit erlangt hätten. Indeſſen iſt es nicht zu ver⸗ achten, daß der Handelsverkehr unſern abgelegenen Bergen hie und da einen verſtändigen Reiſenden zu⸗ führt, wie Ihr ſeyd, mein werther Gaſt; denn ich ſehe es zwar ungerne, daß man an dem Flitterkram, den Ihr Kaufleute zu uns bringt, immer mehr Gefallen findet, merke aber, daß ſchlichte Bergbewohner, wie wir, durch die Unterhalkung mit Leuten, wie Ihr ſeyd, mehr Weltkenntniß gewinnen, als ſie durch ſich ſelbſt es ver⸗ möchten.— Ihr geht nach Baſel, ſagt Ihr, und von da in das Lager des Herzogs von Burgund?“ „Ja, mein geehrter Wirth, vorausgeſetzt, daß ich die Reiſe mit Sicherheit machen kann.“ „Ihr habt dabei gar keine Gefahr zu befuͤrchten, wenn Ihr einige Tage hier verweilen wollt; denn nach Ver⸗ ünß dieſer Friſt mache ich ſelbſt dieſez Reiſe mit einem 65. Geleite, das genügenden Schutz gewährt. Ihr werdet in mir einen eben ſo ſichern, als treuen Führer finden und mir Manches von andern Ländern zu erzählen wiſſen, wovon ich noch nicht gehörig unterrichtet bin; wollt Ihr ſo?* »„Der Vorſchlag iſt zu vortheilhaft für mich, als daß ich ihn ablehnen ſollte; aber darf ich Euch um den Grund Eurer Reiſe fragen?“ „Ich habe ſo eben den jungen Mann geſcholten, daß er unüberlegt und vor dem ganzen Geſinde von Staats⸗ angelegenheiten geſprochen, allein es wäre zwecklos, ei⸗ nem klugen Manne, wie Ihr ſeyd, die erhaltenen Nach⸗ richten und den Grund meiner Reiſe verhehlen zu wol⸗ len, überdieß würde das Gerücht Euch bald davon in Kenntniß ſetzen. Ihr habt ohne Zweifel ſchon von dem gegenſeitigen Haß zwiſchen Ludwig dem Eilften, König von Frankreich, und Karl, Herzog von Burgund, den man uur den Kühnen nennt, ſprechen gehört, und da Ihr, wie ich aus Euren Reden gemerkt, in beiden Län⸗ dern ſchon geweſen ſeyd, ſo kennt Ihr wohl die ver⸗ ſchiedenen Intereſſen, die, außer dem perſönlichen Haß der beiden Herrſcher, unverſöhnliche Feindſchaft zwiſchen beiden ſtiften. Ludwig, der an Gewandtheit und Ver⸗ ſchlagenheit in der ganzen Welt ſeinesgleichen nicht hat, bietet allen ſeinen Einfluß auf, um die Berner zum Krieg gegen den Herzog zu beſtimmen. Auf der an⸗ dern Seite treibt Karl, wie gewöhnlich, ſein Weſen, gerade, wie Ludwig es wollte. Uuſere Nachbarn und Verbündeten in Bern beſchränken ſich nicht, wie wir Walter Scott's Werke. 1578 Boͤchn. 5 66 in den Waldcantonen, auf Viehzucht und Ackerbau, ſendern treiben bedentenden Handel, den der Herzog von Burgund ſchon vielfach durch Gewaltthaten ſeiner Beamten in den Grenzſtädten beeinträchtigt hat, wo⸗ von Ihr gewiß auch ſchon gehört habt.“ „Allerdings, man klagt allgemein über ihre Bedru⸗ ckungen.“ 4 „Ihr begreift alſo leicht, daß, durch einen dieſer Herrſcher aufgebracht und aufgereizt gegen den andern, Bern und die Städtecantone, deren Abgeordunete we⸗ gen ihres größern Reichthums und ihrer feinern Sit⸗ ten bei unſerer Bundesverſammlung immer mehr zzu ſagen haben, als die Unſrigen von den Waldeantonen, zum Kriege geneigt ſind, der bisher unſerem Frei⸗ ſtaat immer Neichthum und Bergrößerung zugebracht hat.“— 3 „Ja, mein geehrter Wirth, und ſetzt hinzu: auch neuen Ruhm,“ ſagte Philipſon, ihn begeiſtert unterbre⸗ chend,„es wundert mich nicht, daß die tapfern Jüng⸗ linge Eurer Cantone nach neuen Kriegen verlaugen, da ihre früheren Siege ſo glänzend waren.“ 8 „»Ihr ſeyd kein vorſtchtiger Kaufmann, werther Freund, wenn Ihr das Gelingen einer gewagten Unternehmung. als Aufmunterung zu einer neuen betrachtet. Wir wol⸗ ten einen beſſeren Gebrauch von unſeren früheren Sie⸗ gen machen. Gott hat unſere Waffen geſegnet, da wir für unſere Freiheit ſtritten, aber wird er es auch thun, wenn wir aus Eroberungsſucht, ader im Solde van Fraukreich Krieg beginnen. ²“ 67 „Ihr habt Recht, daran zu zweifeln,“ erwiederte Philipſon mit ruhigerem Tone,„aber ſetzt den Fall, Ihr zieht das Schwerdt, um den Bedrückungen des Herzogs von Burgund ein Ende zu machen.“ „Hört mich, werther Freund: es kann geſchehen, daß wir von den Waldkantonen die Handels⸗Angele⸗ genheiten, worauf die Bürger von Bern ſo viel Gewicht legen, für geringfügig halten; indeſſen werden wir un⸗ ſere Nachbarn und Verbündete in der gerechten Streit⸗ ſache nicht verlaſſen, und es iſt bereits die Anordnung getroffen, daß Abgeordnete an den Herzog von Bur⸗ gund geſchickt werden ſollen, um Genugthuung zu ver⸗ laugen. Die allgemeine Bundesverſammlung in Bern vertangt, ich ſolle bei dieſer Geſandtſchaft ſeyn und dieß iſt der Grund der Reiſe, wozu ich mir Eure Be⸗ gleitung erbitte. „Es wird mir ein großes Vergnügen ſeyn, in Eurer Geſellſchaft zu reiſen, aber wahrlich, Eurer Haltung und Eurem Wuchſe nach könnte man Euch eher für den Ueberbringer einer Herausforderung, als für einen Friedensboten halten.“ „Und ich möchte behaupten, Eure Reden und An⸗ ſichten riechen mehr nach dem Schwerdt, als nach dem Ellenmaße.“ „Ich habe die Waffen haudhaben gelernt, ehe ich zur Elle griff,“ verſetzte Philipſon lächelnd,„und es iſt mög⸗ lich, daß ich an dem alten Handwerk noch jetzt mehr Gefallen finde, als die Klugheit geſtattet« „Eben das meinte ich. Aber Ihr babt wahrſchein⸗ 68 lich unter den Fahnen Eures Vaterlandes gegen Fremde und Feinde Eures Volks gekämpft, und ich geſtehe, daß der Krieg in dieſem Falle etwas hat, das die Seele erhebt und die Drangſale vergeſſen läßt, welche er hier und dort Weſen bereitet, die nach dem Bilde Gottes geſchaffen ſind. Aber der Krieg, an dem ich Theil nahm, hatte nicht dieſen edlen Zweck, es war die ſchändliche Zürcherfehde, wo Schweizer gegen ihre eigenen Lands⸗ leute die Waffen kehrten. Die Erinnerungen an Eure Kriege mahnen Euch wohl nicht an ſolche Greuel.“ Der Engländer ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken und legte eine Hand an die Stirne; man ſah es ihm an, daß düſtere Gedanken plötzlich in ihm aufſtiegen. „Ach!“ ſprach er nach einer Pauſe,„ich verdiene es, daß die Wunde mich ſchmerzt, die mir Eure Worte ſchlagen. Welches Volk kann die Leiden Englands, wenn es nicht ähnliche erduldet, in ihrem ganzen Um⸗ fange ermeſſen! welche Augen vermöchten dieß, ohne geſehen zu haben, wie der Streit zweier erbitterter Parteien das Land zerriß, wie in jeder Provinz Schlach⸗ ten geſchlagen wurden, Leichname die Felder bedeckten und das Blut in Strömen von den Schaffotten floß! Selbſt in Eure friedlichen Thäler muß die Kunde von den Bürgerkriegen in England gedrungen ſeyn.“ „Ich glaube gehört zu haben, daß England während langwieriger blutiger Bürgerkriege, die um der Farbe einer Roſe willen geführt wurden, ſeine Beſitzungen in Frankreich verloren hat, aber ſie ſind nun beendigt.“ „Gegenwärtig ſcheint es ſo,“ verſetzte Philipſon. 69 Während er ſprach, wurde an die Thüre gepocht. „Herein!« ſprach der Hausherr, und Anna trat mit der ehrerbietigen Miene ein, womit in dieſem Hirten⸗ laude die Jugend ſtets dem Alter begegnet. IV. Wie er wendet den Bogen!— Ob er wohl irgendwo einen andern Beſchauet ihm aͤhnlich?— Iſt er der Kunſt vielleicht, ſolch⸗ Waffen zu fertigen, Meiſter?— . Oder gedenkt er zu ſtehlen den herrlichen?— Odyſſee. Mitt der halb ſchuͤchternen, halb wichtigen Miene, die einer jungen Hausfrau ſo gut ſteht, wenn ſie auf die ſchweren Pflichten, die ihr obliegen, ſtolz iſt und ſich zugleich ihnen wohlgewachſen fuͤhlt, naͤherte ſich Anna ihrem Oheim und ſagte ihm einige Worte in's Ohr. „Und können die jungen Brauſewinde ihr Geſuch nicht ſelbſt beſtellen? Was wollen ſie denn, daß ſie's nicht wagen, darum zu bitten, und Dich an ihrer Statt ſchicken? Waͤre es etwas Vernuͤnftiges geweſen, haͤtte ich vierzig Stimmen mir auf einmal in die Ohren ſchreien hoͤren, ſo beſcheiden iſt bei uns heut zu Tage die Jugend.“ Anna beugte ſich aufs Neue herab, und fluͤſterte ihm noch einige Worte zu, waͤh⸗ rend er freundlich mit der Hand durch ihre Locken fuhr. „Den Bogen von Buttisholz, meine Liebe!“ rief er erſtaunt,„ſie ſind doch gewiß nicht ſtaͤrker gewor⸗ den, als ſie im vorigen Jahre waren, und damals 70 war Keiner von ihnen im Stande, ihn zu ſpannen. Uebrigens haͤngt er mit den drei Pfeilen dort an der Wand. Und welcher Kaͤmpe will ſich denn an dieſen Verſuch wagen 2 „Der junge Fremde, mein Oheim; weil er es mei⸗ nen Vettern im Laufen, Springen und Sypeerſchleu⸗ dern nicht zuvor thun kann, ſo hat er ſie nun aufs Reiten und Bogenſchießen herausgefordert.“ „Reiten waͤre ſchwer an einem Orte, wo es keine Pferde gibt, und wo ſich in keinem Falle ein ſchickli⸗ cher Boden dazu finden ließe; an einem Bogeil aber ſoll es nicht fehlen, bringe ihn den jungen Leuten mit den drei Pfeilen und ſage ihnen, daß, wer ihn ſpannt, mehr vermoͤge, als Wilhelm Tell und der veruͤhmte Stauffacher. 8 Waͤhrend Anna den Bogen von der Wand herab⸗ nahm, bemerkte Philipſon gegen ſeinen Wirth, wenn die Barden ſeines Landes ein ſo reizendes Kind in ſolchem Geſchaͤfte beſingen, ſo geben ſie ihr immer nur den Bogen des kleinen blinden Liebesgottes in die Hand. „Laſſen wir das,“ ſagte Arnold ſchnell, jedoch halb laͤchelnd,„wir ſind mit Barden und Minneſaͤngern uͤberſchwemmt worden, ſeit dieſe Landlaͤufer merkten, daß einiges Geld bei uns zu holen ſey. Eine Toch⸗ ter der Schweiz darf nur heimathliche Lieder und den froͤhlichen Kuhreigen ſingen, wenn die Heerden „auf die Berge ziehen und wieder heimkehren.“ Waͤhrend er ſprach, hatte Anna einen ungewoͤhn⸗ 71 lich ſtarken Bogen von mehr als ſechs Fuß Laͤnge und drei halb ſo lange Pfeile von der Wand herab⸗ genommen. Philipſon verlangte die Waffen zu ſe⸗ hen, und unterſuchte ſie ſorgfaͤltig. Es iſt ein vor⸗ trefflicher Bogen von Tarus,“ ſagte er dann,„und ich muß mich darauf verſtehen; denn ich habe zu mei⸗ ner Zeit mehr als einen der Art gehandhabt. In Arthurs Alter haͤtte ich den Bogen ſo leicht geſpannt, wie ein Kind einen Weidenzweig biegt.“ „Wir ſind zu alt, um uns zu bruͤſten, wie junge Leute,“ ſprach Arnold, mit einem Blick auf ſeinen Gaſt, der ihn der Großſprecherei zu beſchuldigen ſchien. „Bringe dieſen Bogen Deinen Vettern, Anna, und uage ihnen, wer dieſen Bogen ſpanne, habe Arnold Biedermann uͤberwunden.“ Bei dieſen Worten hafteten ſeine Augen an dem hagern, aber nervigten Koͤrper des Englaͤnders und muſterten dann ſeine fleiſchigen, kraͤftigen Gliedet. „Ihr muͤßt bedenken, mein geehrter Wirth,“ ſagte Philipſon,„daß es bei Handhabung der Waffen nicht ſowohl auf Staͤrke, als auf Gewandtheit und Leich⸗ tigkeit der Haͤnde ankommt. Was mich am meiſten wundert, iſt, hier einen Bogen von Matthias von Doncaſter zu ſehen, der vor mehr als hundert Jah⸗ ren lebte und als Waffenſchmied durch die Haͤrte des Holzes und die Staͤrke, die er ſeinen Arbeiten gab⸗ beruͤhmt war; ein engliſcher Bogenſchuͤtze iſt heutzu⸗ tage kaum im Stande, einen Bogen von ihm zu handhaben. 72 „Woher wißt Ihr den Namen des Meiſters?“ „Ich erſehe ihn an dem Zeichen, das er auf alle ſeine Waffen ſetzte, und an den Anfangsbuchſtaben, die ich auf dem Bogen geleſen. Es wundert mich ſehr, hier eine ſolche Waffe, und noch ſo gut erhalten, zu finden.“ „Der Bogen iſt gehoͤrig gewichst, eingeolt, und in gutem Stande erhalten worden, weil er zur Er⸗ innerung an einen denkwurdigen Sieg aufbewahrt wird. Ihr werdet wohl die Geſchichte dieſer Schlacht nicht hoͤren wollen, denn ſie fiel fuͤr Euer Land un⸗ gluͤcklich aus.“ „Mein Land,“ fprach der Englaͤnder mit ruhiger Miene,„hat ſo viele Siege errungen, daß ſeine Kin⸗ der nicht erroͤthen duͤrfen, wenn ſie von einer Nieder⸗ lage ſprechen hoͤren. Doch wußte ich bisher nicht, daß die Englaͤnder ſchon mit den Schweizern Krieg ge⸗ fuͤhrt haben.« „Als Nation gerade nicht, zur Zeit meines Groß⸗ vaters aber geſchah es, daß ein ſtarker Heerhaufen, beinahe von allen Laͤndern zuſammengeleſen, haupt⸗ ſaͤchlich aber aus Englaͤndern, Normannen und Gas⸗ coniern beſtehend, ſich im Aargau und den benach⸗ barten Cantonen ausbreitete. Ihr Anfuͤhrer war ein beruͤhmter Kriegsmann, Enguerrand von Couci ge⸗ nannt, der an den Herzog von Oeſterreich einige Nuͤckforderungen zu haben behauptete, und, um ſie geltend zu machen, ohne Unterſchied das oͤſterreichiſche Gebiet, ſo wie das unſeres Landes perheerte. Seine 75 Krieger waren Söͤldner, nannten ſich Freiſchaar, ſchie⸗ nen keinem Lande anzugehoͤren, und zeigten ſich ebenſo tapfer im Kampfe, als grauſam bei der Pluͤnderung. Weil die Kriege zwiſchen Frankreich und England einige Zeit aufgehoͤrt hatten, war ein großer Theil dieſer Banden unbeſchaͤftigt, und weil der Krieg ihr Handwerk war, ſo brachten ſie ihn in unſere Thaͤler. Die Luft ſchien zu flammen von dem Glanze ihrer Ruſtungen, und die Sonne ward verdunkelt von der Menge ihrer Pfeile. Sie thaten uns viel Schaden, und wir verloren mehr als eine Schlacht, endlich aber trafen wir ſie bei Buttisholz, und das Blut vieler edler Ritter floß mit dem ihrer Roſſe; der Huͤgel, der ihre Gebeine deckt, heißt noch heutzutage das Grab der Englaͤnder.“ Philipſon ſchwieg einige Zeit, und erwiederte dann: „Sie moͤgen ruhen in Frieden! wenn ſie Unrecht gethan, ſo haben ſie es mit ihrem Leben gebuͤßt, und ein ſtaͤrkeres Loͤſegeld kann man von einem Sterblichen nicht verkangen; der Himmel vergebe ihnen.“ „Amen!“ ſprach der Landammann,„ſo wie allen wackern Maͤnnern. Mein Vater war bei dieſer Schlacht, und hat redlich mitgeſtritten, und ſeit der Zeit wurde der Bogen ſorgfaͤltig in unſerer Familie aufbewahrt. Man hat eine Weiſſeagung daruͤber, ſie verdient je⸗ doch nicht, daß man davon redet. Philipſon wollte weiter fragen, wurde gber durch 74 einen lauten Ruf des Erſtaunens, der von auſſen kam, unterbrochen. „Ich muß nachſehen, was die tollen Jungen trei⸗ ben,“ ſagte Arnold,„ſonſt wagten es hier zu Lande die jungen Leuten nicht, ſich uͤber etwas auszuſpre⸗ chen, ehe die Stimme der Alten ſich hatte verneh⸗ men laſſen, aber heutzutage iſt es anders geworden.“ Er trat aus dem Hauſe, von ſeinem Gaſte beglei⸗ tet. Die, welche den Spielen angewohnt hatten, ſchrieen und ſtritten mit einander, waͤhrend Arthur einige Schritte von den Uebrigen mit gleichguͤltiger Miene auf den abgeſpannten Bogen ſich ſtuͤtzte. Als der Landammann ſich zeigte, wurde es wieder ſtille. „Was ſoll das ungewoͤhnliche Geſchrei bedeuten?“ fragte er mit einer Stimme, die jeder ehrerbietig anzuhoͤren gewohnt war.„Ruͤdiger,“ fuhr er zu dem Aelteſten feiner Soͤhne gewandt fort,„hat der junge Fremde den Bogen geſpannt?“ „Ja, Vater,“ antwortete Ruͤdiger,„und er hat das Ziel getroffen. Solche drei Schuͤffe hat ſelbſt Wilhelm Tell nicht gethan.“ „Zufall, reiner Zufall,“ ſchrie Rudolph dazwiſchen. „Keine menſchliche Kraft haͤtte das auszurichten ver⸗ mocht, um ſo weniger alſo der ſchwaͤchliche Herr, der in andern Stuͤcken es uns nicht gleich gethan hat. ⸗ „Was geſchah denn?« fragte der Landammann wei⸗ ter,„ſprecht nicht Alle auf einmal! Du Anna, biſt 75 kluͤger und vernuͤnftiger, als die Burſche, ſage mir, was iſt geſchehen?“. Sie ſchien erwas verwirrt, und ſchlug die Augen nieder, antwortete jedoch mit Ruhe:„das Ziel war wie gewoͤhnlich, eine Taube, auf eine Stange gebun⸗ den. Mit Ausnahme des Fremden hatten Alle mit Bogen und Armbruſt auf die Taube geſchoſſen, ohne ſie zu treffen. Wie ich den Bogen von Buttisholz brachte, bot ich ihn zuerſt meinen Vettern an, aber keiner wollte ihn nehmen, und ſie ſagten alle, was Ihr nicht vermocht habet, das gehe gewiß auch uͤber ihre Kraͤfte.“ „Das war wohl geſprochen, aber hat der Fremde den Bogen geſpannt?« S „Ja, Oheim, zuvor aber ſchrieb er einige Worte auf ein Stuͤck Papier, und ſchob es mir in die Hand.“* „Und er hat den Bogen geſpannt, und das Ziel getroffen?“ „Ja, nachdem er vorher die Stange um 150 Schritte weiter hinausgeſteckt hatte.“ „Sonderbar! das iſt das Doppelte der gewoͤhnlichen Entfernung.“ „Nun ſpannte er den Bogen, und ſchoß drei Pfeile, die er in ſeinen Gurt geſteckt hatte, nach einander mit unglaublicher Schnelligkeit ab. Der erſte ſpal⸗ tete die Stange, der zweite zerriß die Schnur, und der dritte toͤdtete die Taube, die davon fliegen wollte. „v „Bei der heiligen Maria zu Einſſedeln,“ ſprach der 76 Landammann, in deſſen Zuͤgen ſich die größte Ueber⸗ raſchung ausdruͤckte,„nenn Deine Augen dieß geſe⸗ hen haben, ſo haben ſie geſchaut, was bichen Anechirt war in unſern Cantonen.“ „Ich buͤrge dafuͤr,“ rief Rudolph wieder mit ſict⸗ barem Verdruſſe,„daß es der bloße Zufall war, wenn nicht Taͤuſchung und Zauberei mitunter laͤuft.“ „Und Du, Arthur,“ ſagte Philipſon laͤchelud, „was ſagſt Du dazu, war es Zufall oder Geſchicklich⸗ keit?* n „⸗Ich brauche Euch nicht zu ſagen, mein Vater, daß der Schuß, den ich gethan, fuͤr einen engliſchen Bo⸗ genſchuͤtzen etwas Gewöhnliches iſt, und dem unwiſ⸗ ſenden, ſtolzen, jungen Herrn ſtehe ich nicht Rede; unſerem geehrten Wirth aber und ſeiner Familie will ich antworten. Der junge Herr wirft mir vor, ich habe nur die Augen getäuſcht, oder das Ziel durch Zufall getroffen. Was aber die Taͤuſchung betrifft, ſo iſt die Stange geſpalten, die Schnur zerriſſen und die Taube gstroffen; man kann ſie ſehen und befuͤhlen. Wenn ſodann das ſchoͤne Fraͤulein von Geierſtein die Zeilen auf dem Papiere leſen will, das ich ihr in die Hand gab, ſo werdet Ihr Euch uberzengen, daß ich, ehe ich den Bogen ſpannte, die drei Puufte bezeichnet hatte, die ich treffen wollte.“ „Zeige mir das papier, 5 dichte,« ſagte der Land⸗ ammann, das wird dem Streit ein Ende machen.“ „Mit Verlaub, g9 gehrter Herr,“ erwiederte Arthur, 77 „es ſind nur einige ſchlechte Verſe, die bloß vor den Augen einer Dame Gnade finden können.“ „Wollet erlauben,“ verſetzte der Landammann,„was vor die Augen meiner Nichte kommt, darf auch mir durch die Ohren gehen.“ Mit dieſen Worten nahm er das Papier, das ihm Anna erroͤthend hinreichte. Die Schrift war ſo ſchoͤn, daß er verwundert aus⸗ rief:„Kein Geiſtlicher in St. Gallen haͤtte ſchoͤner geſchrieben! Es iſt ſonderbar, daß die Hand, die den Bogen ſo geſchickt führt, auch ſo gut zu ſchrei⸗ ben weiß. Ha! wahrhaftig Verſe; wie! haben wir Minneſaͤnger, als Handwerksleute verkleidet, vor uns?“ Er las: Der Schuͤtze hat, wenn Stange, Schnur und Taub' er trifft, Das Wort geldst, das er verpfaͤndet, Doch ſichrer noch, als ſeine Kunſt, verwundet Ein Pfeil von ſolchem Aug verſendet. 4 „Das ſind herrliche Verſe, junger Herr,“ fuhr er kopfſchͤttelnd fort,„und wohl geeignet, einfaͤltigen Maͤdchen den Kopf zu verruͤcken. Sucht Euch nicht zu entſchuldigen, es iſt dieß Sitte in Eurem Lande, und wir wiſſen ſie hier zu wuͤrdigen.“ Ohne wei⸗ ter dieſen Gegenſtand zu beruͤhren, der den Dich⸗ ter⸗ wie die Schoͤne, welcher die Zeilen galten, in Verlegenheit igebracht hatte, fuhr er mit ernſtem Tone fort:„Jetzt, Rudolph, muͤßt Ihr geſtehen, daß der Fremde die drei Punkte, die er getroffen hat, ſich wirklich zum Ziele ſetzte.“ 2 Grasplatze, wo bald wieder laͤrmende Froͤhlichkeit 78 Daß er ſie getroffen hat, iſt augenſcheinlich,“ er⸗ wiederte Rudolph,„aber welches Mittel er dazu an⸗ gewendet hat, das ſcheint mir zweifelhaft, wenn es wahr iſt, daß es Zauberei und Schwarzkunſt gibt.“ „Pfui, Rudolph,“ rief der Landammann, iſt es möglich, daß Verdruß und Neid ſolchen Einfluß uͤben können auf einen ſo wackern Mann, wie Ihr ſeyd, der meinen Soͤhnen ein Muſter der Maͤßigung, Klug⸗ heit und Gerechtigkeit, wie des Muthes und der Ge⸗ ſchicklichkeit ſeyn ſollte.⸗ Dieſer Vorwurf machte den Getadelten erroͤthen, und er verſuchte keine weitere Erwiederung. „Setzt Eure Spiele fort bis Sonnenuntergang, meine Kinder,“ ſprach Arnold weiter,„unterdeſſen will ich mit meinem werthen Freunde luſtwandeln gehen, denn der freundliche Abend laͤdt dazu ein.“ „Ihr wuͤrdet mich verbinden,“ ſagte Philipſon, „wenn Ihr mich an die Ruinen des alten Schloſſes fuͤhren wollet, das nahe am Waſſerfalle liegt; ein ſolcher Anblick hat etwas melancholiſch Erhabenes, das uns die Leiden unſerer Zeit leicht ertragen lehrt, indem er uns zeigt, daß unſere Ahnen, die vielleicht weiſer oder maͤchtiger waren, auch wie wir, Kummer und Gram erfahren haben.“ „Recht gerne, werther Freund,“ verſetzte ſein Wirty; „auch haben wir auf dem Wege Zeit, Dinge zu be⸗ ſprechen, die ich Euch mitzutheilen fuͤr gut finde.“ Langſam entfernten ſich die beiden Greiſe von dem w. 79 herrſchte. Arthur, zufrieden mit dem Siege, den er im Bogenſchießen davongetragen, vergaß, daß er in den ubrigen Leibesuͤbungen nicht ſo gluͤcklich geweſen war, ſtrengte ſich auf's Neue an, und ge⸗ wann ſich Beifall. Die jungen Leute, die geneigt ge⸗ weſen waren, ihn zu belachen, fanden ihn nun ach⸗ tungswerth, waͤhrend Rudolph mit Mißvergnuͤgen ſah, daß er in der Meinung ſeiner Vettern und viel⸗ leicht gar ſeiner Baſe einen Nebenbuhler habe. Es ſchmerzte den ſtolzen Juͤngling, daß der Landammann ihn getadelt, daß er bei ſeinen Gefaͤhrten, die ihn immer als Vorbild betrachtet hatten, nicht mehr in derſelben Achtung ſtand, und was ſein Gemuͤth mit Zorn erfuͤllte, war de Gedanke, daß ein Fremder, ohne Namen und Ruf, ihm dieß gethan. In dieſer gereizten Stimmung trat er auf den jungen Englaͤn⸗ der zu, ſchlug ihn mit ſchweizeriſcher Treuherzigkeit auf die Schulter, und ſagte:„Ernſt's Pfeil hat die Luft durchſchnitten, wie ein Falke, der auf ſeine Beute ſturzt,“ ſetzte aber leiſer hinzu:„handelt Ihr Kaufleute auch mit Blechhandſchuhen, verkauft Ihr ſie einzeln, oder muß man ein ganzes Paar nehmen?“ „Ich verkaufe keinen Haudſchuh,“ erwiederte Ar⸗ thur, der ihn ſogleich verſtand, und den ſchon die veraͤchtlichen Blicke des Berners waͤhrend des Eſſens, noch mehr aber ſeine Behauptung, daß er durch Zu⸗ fall oder Zauberei das Ziel getroffen, aufgebracht hat⸗ ten, vich verkaufe keinen Handſchuh, ſtehe aber nie⸗ mals an, einen einzutauſchen.“ 80 „Ich ſehe, daß Ihr mich verſteht,“ verſetzte Ru⸗ dolph,„aber ſeht nach den Spielenden hin, waͤhrend ich mit Euch rede, ſonſt merken ſie, wovon wir ſpre⸗ chen: Ihr habt einen helleren Kopf, als ich erwar⸗ tete, doch, wenn wir unſere Handſchuhe wechſeln, wie ſirdee jeder den ſeinigen wieder?“ Mit ſeiner guten Klinge l“ „In der Ruͤſtung, oder ſo, wie wir jetzt ſi ſind 2 25 „So, wie wir jetzt ſind; ich erſcheine ohne Ruͤ⸗ ſtung, blos mit meinem Schwert, und glaube, es werde mir genugen; beſtimmt Ort und Stunde.“ „Der Ort— der Hof des alten Schloſſes Geyer⸗ ſtein, die Stunde— morgen fruͤh bei Sonnenauf⸗ gang, doch man beobachtet uns: ich habe die Wette verloren,“ ſetzte er laut mit gleichguͤltigem Tone hin⸗ zu,„denn Ulrich hat weiter geworfen als Ernſt. Hier iſt mein Handſchuh zum Zeichen, daß ich die Flaſche Wein nicht vergeſſen werde.“ „Und hier der meinige, zum Zeichen, daß ich ſie gerne mit Euch trinken will.“ 81 F. — Ich war deren einer, Die Wald und Au und Feld nur lieben, Des ſchlichten Landmanns Leben, ſeine Tracht, Sein laͤndlich Haus, von Neid nicht heimgeſucht, Wo Frieden herrſcht und die Zufriedenheit, Die ſelten wohnt in goldenen Pallaͤſten. Ungen. Unter Geſprächen über die politiſchen Verhältniſſe Frankreichs, Englands und Burgunds, näherten ſich unterdeſſen der Landamman und Philipſon dem Ziele ihres Weges, Ihre Unterhaltung nahm eine andere Nichtung, als ſie in den Hof des alten Schloſſes traten. »„Dieſe Wohnung,“ ſagte Philipſon,„muß zu ihrer Zeit ſehr feſt geweſen ſeyn.“« Und das Geſchlecht, dem ſie gehörte,« gab Arnold zur Antwort,„war ſtolz und mächtig; die Geſchichte der Grafen von Geyerſtein geht bis auf die Zeiten des alten Helvetien zurück, und, wie es heißt, ſtraften ihre Thaten, ihre edle Geburt, nicht Lügen. Aber alle irdiſche Größe nimmt ein Ende. Freie Menſchen wan⸗ deln jetzt über die Trümmer des Schloſſes, bei deſſen Anblick die Leibeigenen, in der weiteſten Entfernung ſogar, ihre Mützen abnehmen mußten, wenn ſie nicht als übermüthige Empörer geſtraft werden wollten.“ Walter Scott's Werke. 1578 Bochn. 6 82 „Ich ſehe auf einem Steine des Thurmes hier einen Geyer auf einem Felſen eingegraben, wahrſcheinlich der ſinnbildliche Ausdruck des Namens Geyerſtein.“ „Ja, es iſt das alte Wappen der Familie und be⸗ deutet, wie ihr ſagt, den Namen des Schloſſes, wel⸗ chen auch die Ritter führten, die es ſo lange bewohn⸗ teu.« „In dem Speiſeſaale habe ich einen Helm mit dem⸗ ſelben Schmucke bemerkt. Ohne Zweifel iſt es ein Zei⸗ chen der Erinnerung an einen von den Schweizer⸗Land⸗ leuten über die Herrn von Geyerſtein errungenen Sieg, wie Ihr den engliſchen Bogen zum Andenken au die Schlacht bei Buttisholz aufbewahrt.“ 1 „Ich kann mir denken, werther Herr, daß Ihr bei den Vorurtheilen, die Ihr durch Eure Erziehung ein⸗ geſogen habt, dieſen zweiten Sieg in eben ſo ungünſti⸗ gem Lichte betrachten würdet, als den Erſten. Es iſt doch ſonderbar, daß die Achtung vor höherem Rauge, ſelbſt bei ſolchen, die keinen Anſpruch daran haben, ſo tief gewurzelt iſt. Doch klärt Enre Stirne auf, ge⸗ ehrter Gaſt, und ſeyd verſichert, daß zwar mauches Schloß von ſtolzen Baronen durch die gerechte Sache des Volks geplündert und zerſtört wurde, als die Schweiz das Joch der Lehensherrſchaft abſchüttelte, daß aber der Geyerſtein dieſes Schickſal nicht theilte. Das Blut der alten Burgherrn rollt noch in den Adern ih⸗ res Enkels, dem die Herrſchaft gehört.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, ſeyd nicht Ihr der Be⸗ ſitzer? 83 „Ihr meynt wohl, weil ich, wie die andern Hirten dieſes Landes lebe, ein graues Kleid trage, zu dem die Wolle in meinem Hauſe geſponnen wurde, und ſelbſt den Pflug führe, könne ich nicht von einem alten edlen Geſchlechte ſtammen? Man findet in der Schweiz viele Landleute von edler Abkunft, und es giebt keinen älteren Adel, als der iſt, von dem man in meinem Geburts⸗ lande noch Ueberreſte findet; aber ſie haben freiwillig allem drückenden ihrer lehensherrlichen Gewalt entſagt, und werden nicht mehr als Wölfe unter einer Heerde, ſondern als treue Hunde geachtet, die zur Zeit des Frie⸗ dens über ſie wachen, und bereit ſind, ſie zu vertheidigen, wenn ein Angriff droht.“ »Allein, ſprach der Engländer, der ſich noch nicht au den Gedanken gewöhnen konnte, daß ſein Wirth, an dem er nichts bemerkte, wodurch er ſich von einem ſchlich⸗ ten Landmann unterſchieden hätte, von hoher Geburt ſeyn ſollte;„Ihr führt ja den Namen Eurer Ahnen nicht; ſie heißen, ſagt Ihr: Grafen von Geyerſtein und Ihr?“ „Arnold Biedermann, Euch zu dienen; aber wißt, wenn Euch das Vergnügen macht, und mich in Euren Augen höher ſtellt, daß ich nur den alten Helm, den Ihr geſehen habt, aufzuſetzen, oder, ohne mir ſo viele Mühe zu machen, eine Falkenfeder auf meine Mütze zu ſtecken brauche, um mich Arnold, Grafen von Geyer⸗ ſtein nennen zu können, ohne daß mich einer deſſen Lü⸗ gen ſtrafen dürfte; würde es ſich indeſſen ſchicken, daß der Herr Graf ſeine Heerde auf die Weide treibe, und könnte der hochgeborne, mächtige Herr von Eeyerſtein. 6 3 84 ohne ſeiner Würde etwas zu vergeben, ſeine Felder be⸗ ſäen und erndten? Dieſe Fragen müßten zuvor ent⸗ ſchieden ſeyn; ich ſehe, Ihr ſeyd erſtauut, mich entar⸗ tet zu finden, und ich will Euch daher kurz die Lage meiner Familie mittheilen. „Meine hohen mächtigen Ahnen beſaßen die Herr⸗ ſchaft Geyerſtein, die zu jener Zeit ſehr ausgedehnt war, und haußten hier, wie andere Lehensherrn, d. h. ſie ſchützten manchmal ihre Vaſallen, waren aber noch öfter ihre Unterdrücker. Mein Großvater, Heinrich von Geyerſtein, ſchloß ſich nicht nur den Eidgenoſſen an, um den Enguerrand von Couci zurückzuſchlagen, wie ich Euch ſchon geſagt, ſondern als der Krieg mit Oe⸗ ſterreich wieder ausbrach und viele Edle zum Heere des Kaiſers Leopold ſtießen, kämpfte er in den erſten Reihen des Bundes und trug durch ſeine Tapferkeit und Erfahrung Vieles zu dem entſcheidenden Siege bei Sempach bei, wo Leopold das Leben verlor und mit ihm die Blüthe der öſterreichiſchen Ritterſchaft fiel. Mein Vater, der Graf Willibald, that es ihm nach, aus Neigung, wie aus Klugheit. Er verband ſich enge mit Unterwalden und zeichnete ſich ſo ſehr aus, daß er zum Landammann erwählt wurde. Er hatte zwei Söhne, ich bin der Aeltere, der zweite heißt Albert. Weil er ſich mit einer doppelten Würde bekleidet glaubte, ſo wünſchte er,— was wohl nicht ſehr weiſe war, wenn ich mir erlauben darf, die Abſicht eines Vaters, der nicht mehr iſt, zu tadeln,— daß einer ſeiner Söhne ihm in der Herrſchaft Geyerſtein folgte, der andere den 85 weniger glänzenden, obgleich meines Erachtens eben ſo ehrenvollen Rang eines freien Bürgers von Unterwal⸗ den einnehme und unter ſeinesgleichen im Kanton das durch die Verdienſte des Vaters erworbene Anſehen be⸗ hauptete. Albert war erſt zwölf Jahre alt, als mein Vater uns auf einer kurzen Reiſe durch Deutſchland mit ſich nahm, wo das Gepränge und die Hofſitten, die wir ſahen, auf das Gemüth meines Bruders und auf das meinige einen verſchiedenartigen Eindruck machten. Was Albert das Höchſte irdiſchen Glanzes dünkte, er⸗ ſchien mir nur als widriges zu Schau tragen läſtiger, unnützer Förmlichkeiten. Als unſer Vater in der Folge uns ſeine Abſichten mittheilte, beſtimmte er mir, als dem Erſtgebornen, die anſehnliche Herrſchaft Geyerſtein mit Ausſchluß eines kleinen, aber fruchtbaren Gutes das genügte, um meinen Bruder zu einem der wohl⸗ habendſten Bürger unſeres Kantons zu machen, wo man reich zu ſeyn glaubt, wenn man ſein anſtändiges Auskommen hat. Albert ſtürzten die Thränen aus den Augen„„mein Bruder alſo,““ rief er,„„ſoll ein edler Graf ſeyn, von ſeinen Vaſallen geachtet, und ein zahl⸗ reiches Gefolge um ſich haben, und ich ſoll als ein ärm⸗ licher Bauer unter den graubärtigen Hirten von Un⸗ terwalden leben! Nein, mein Vater, ich ehre Euern Willen, aber meine Rechte bringe ich nicht zum Opfer; Geyerſtein iſt ein Reichslehen, und nach den Geſetzen kann ich einen gleichen Theil der Herrſchaft anſprechen. Ich bin nicht minder, als mein Bruder, Graf von Geyerſtein, und wende mich lieber an den Kaiſer, gls 86 daß ich des Rangs und der Gerechtſame verluſtig gehe, die meine Ahnen auf mich vererbt haben.“« Darüber gerieth mein Vater in gewaltigen Zorn und erwiederte: „„Gehe, ſtolzer Knabe, und laß dir von einem fremden Fürſten gegen den Willen deines Baters Recht ſpre⸗ chen, gieb dem Feinde deines Landes einen Vorwand, ſich in ſeine inneren Angelegenheiten einzumiſchen, gehe, aber erſcheine nie wieder vor mir und fürchte meinen ewigen Fluch. Gℳ „Albert wollte eben ſo heftig antworten, als ich ihn beſchwor, zu ſchweigen, und mich reden zu laſſen.„„Ich habe immer die Berge mehr geliebt, als die Ebenen,“« ſagte ich nun zu meinem Vater,„„das Reiten gefällt mir weniger, als das Gehen, ich bin ſtolzer darauf, un⸗ ſern Hirten den Preiß im Spiele abzugewinnen, als mit Edlen in die Schranken zu treten, ein Tanz in unſerm Dorfe macht mir mehr Vergnügen, als alle die glänzenden Feſte in Deutſchland, und wenn ihr mir hundertfältigen Gram und Kummer erſparen wollt, ſo erlaubt mir, daß ich freier Bürger von Unterwalden werde, und mein Bruder die Grafenkrone von Geyer⸗ ſtein trage, und die damit verknüpften Würden genieße.«« »Nach einigem Widerſpruch fügte ſich mein Vater endlich in meinen Vorſchlag, um ſeinen Lieblingsplan ausführen zu können. Mein Bruder wurde zum Er⸗ ben ſeines Ranges und Herrſchaft erklärt; ich nahm Beſitz von den fruchtbaren Feldern und Wieſen, in deren Mitte mein Haus ſteht, und meine Nachbarn nennen mich Arnold Biedermann.“ 87 „Ich kenne Niemanden, der ein größeres Recht hätte, dieſen Namen zu führen,“ ſprach der Engländer, und ich muß geſtehen, daß ich eine Handlungsweiſe lobens⸗ würdig finde, die ich nachzuahmen nicht die Kraft hätte, doch fahret in der Geſchichte Eurer Familie fort, wenn Euch das Weiter⸗Erzählen nicht läſtig iſt.“ „Ich habe nur noch Weniges beizufügen. Mein Vater ſtarb kurze Zeit darauf, nachdem er ſeine An⸗ gelegenheiten geordnet hatte. Mein Bruder hatte noch andere Beſitzungen in Schwaben und Weſtphalen und kam daher ſelten auf das Schloß ſeiner Väter, auf dem er einen Vogt beſtellte, welcher ſich den Vaſallen meiner Familie ſo verhaßt machte, daß man ihn, hätte ihn nicht meine Nähe geſchützt, aus ſeinem Geyerneſte geriſſen und ohne Umſtände gleich einem dieſer Raub⸗ vögel behandelt hätte. Die Wahrheit zu ſagen, ſchaff⸗ ten die Beſuche, die mein Bruder von Zeit zu Zeit auf dem Geyerſtein machte, ſeinen Baſallen wenig Er⸗ leichterung und er erwarb ſich daher auch ihre Zunei⸗ gung nicht. Er ſah und hörte nur durch die Augen und Ohren ſeines, eben ſo eigennützigen, als grauſamen Vogts, Ital Schreckenwald. Meinen Rath und meine Vorſtellungen hörte er nicht einmal an, und ob er mir gleich immer eine kreundliche Miene zeigte, ſo glaube ich doch, daß er mich immer für einen ungebildeten Bauern ohne Seelenadel hielt, der ſeine hohe Geburt entehrt habe, um ſich gemeinen Neigungen hinzugeben. Bei jeder Gelegenheit ſprach er ſeine Verachtung gegen die Vorurtheile ſeiner Landsleute aus, und beſonders 88— dadurch, daß er beſtändig eine Pfauenfeder trug und ſeinen Leuten daſſelbe zu thun befahl, ungeachtet dieß das Zeichen des Hauſes Oeſterreich war, welches hier zu Lande ſo ſehr verabſcheut wird, daß ſchon Mancher nur deßwegen, daß er es trug, das Leben verloren hat. Indeſſen hatte ich Bertha, die jetzt eine Heilige im Himmel iſt, zum Weibe genommen, nnd ſie ſchenkte mir ſechs Söhne, von denen fünf heute an meinem Tiſche ſaßen. Auch Albert vermählte ſich mit einer vornehmen Frau aus Weſtphalen, aber ſeine Ehe war nicht ſo geſegnet, und ihm wurde nur eine Tochter, Anna, geboren. Nun kam der Krieg zwiſchen Zürch und den Waldkantonen, in welchem viel Blut vergoſſen wurde, und wo unſere Brüder in Zürch ſo unklug wa⸗ ren, ſich mit Oeſtreich zu verbinden. Der Kaiſer bot Alles auf, um die ihm durch die Uneinigkeit der Schweizer dargebotene guͤnſtige Gelegenheit zu nuͤtzen, und ſuchte alle, uͤber die er etwas vermochte, zu ge⸗ winnen. Nur zu gut gelang ihm dieß bei meinem Bru⸗ der. Albert ſchlug ſich nicht nur zu dem Kaiſer, ſon⸗ dern nahm auch eine Truppe oͤſtreichiſcher Soldaten in ſeine Feſtung Geierſtein, mit welchen der ſchaͤndli⸗ che Schreckenwald die ganze Umgegend, mit Ausnah⸗ me meines kleinen Erbgutes, verheerte.« „Das war eine peinliche Lage fuͤr Euch, geehrter Herr, denn Ihr mußtet fuͤr Euer Land, oder Euren Bruder Parthei ergreifen. ⸗ „Mein Entſchluß war bald gefaßt. Mein Bruder befand ſich bei dem kaiſerlichen Heere, und ich war 89 alſo nicht in die Nothwendigkeit verſeht, mit den Waffen in der Hand ihm gegenuͤber zu ſtehen, ſon⸗ dern ich bekriegte die Raͤuber, mit denen Schrecken⸗ wald das Schloß meines Vaters gefuͤllt hatte. Nicht immer war mir das Gluͤck dabei guͤnſtig; der Vogt verbrannte waͤhrend meiner Abweſenheit mein Haus, und toͤdtete meinen juͤngſten Sohn, der die vaͤterliche Wohnung vertheidigte, meine Guͤter wurden verheert, meine Heerden weggetrieben; endlich aber erſtuͤrmte ich mit einem Haufen Landleute von Unterwalden das Schloß. Der Bund bot es mir zum Eigenthum an, allein ich wollte die Sache, fuͤr welche ich die Waffen ergriffen hatte, nicht dadurch ſchaͤnden, daß ich mich auf Koſten meines Bruders bereichert haͤtte; uͤberdieß waͤre es fuͤr mich druͤckend geweſen, in einer Feſtung zu wohnen, da ich ſchon ſo viele Jahre ein laͤndliches Leben gewohnt war. Ich lehnte alſo dieſen Antrag ab, das Schloß wurde auf Befehl des Cantons zer⸗ ſtoͤrt, und, wenn ich bedenke, zu welchen Zwecken es ſo oft gedient hatte, ſo ſehe ich es gerner in ſeinen Ruinen, als fruͤher in ſeiner Pracht.“ „»„Ich verſtehe und ehre Eure Gefuͤhle, aber noch⸗ mals muß ich geſtehen, das Pllichtgefuͤhl haͤtte mich wohl nicht vermocht, ſo ſehr uͤber die Familienbande wegzuſehen. Und was ſagte Euer Bruder zu Eurer patriotiſchen Handlungsweiſe 2« „»Wie er es erfuhr, gerieth er in heftigen Zorn, weil er wahrſcheinlich glaubte, ich habe ſein Schloß blos in der Abſicht genommen, mich dadurch zu berei⸗ 90 chern; er ſchwor ſogar, daß er mich nicht mehr als Bruder betrachte, daß er mich in den Schlachten auf⸗ ſuchen werde, und ich von ſeiner Hand fallen ſolle. Dem Treffen bei Freienbach wohnten wir Beide an, her konnte aber ſeinen rachſuͤchtigen Plan nicht ausfuͤh⸗ ren, denn er wurde gleich anfangs durch einen Pfeil verwundet, und mußte vom Kampfplatze getragen wer⸗ den. Ich war gleichfalls bei dem blutigen Treffen am Berge Herzel und bei der Eapelle St. Jacob, das unſere Bruͤder in Zuͤrich zur Vernunft brachte, und Oeſtreich nöthigte, aberinals mit uns Frieden zu ſchlieſ⸗ ſen. Nach dieſem dreizehnjaͤhrigen Kriege ſprach die Bundesverſammlung das Urtheil lebenslaͤnglicher Ver⸗ bannung uͤber meinen Bruder aus, und alle ſeine Guͤter waͤren eingezogen worden, wenn man nicht auf mich Ruͤckſicht nehmen zu muͤſſen geglaubt haͤtte. Der Graf antwortete, als man ihm dieſes Urtheil eroͤff⸗ nete, mit krotziger Miene. Ein beſonderer Umſtand aber hat vor nicht langer Zeit bewieſen, daß er noch an ſein Heimathland anhaͤnglich ſey, und ungeachtet ſeiner Erbitterung gegen mich, meiner wahren Liebe zu ihm Gerechtigkeit wiederfahren laſſe.« „»Ich wollte dafuͤr buͤrgen, daß das huͤbſche Kind, Eure Nichte, dabei im Spiele iſt.« 4 „Ihr habt recht geſehen. Wir hatten, wiewohl nicht ſehr umſtaͤndlich— denn, wie Ihr wißt, haben wir nur wenig Verkehr mit andern Laͤndern— erfah⸗ ren, daß mein Bruder am kaiſerlichen Hofe ſehr in Gunſt ſtehe, ſpaͤter aber kam uns die Nachricht zu, 91 daß er dort verdaͤchtig geworden, und, wie dieß an Fürſtenhoͤfen ſo oft vorkommt, verbannt worden ſey⸗ Kurz daranf, es ſind jetzt, glaube ich, ſieben Jahre her, kam ich von der Jagd jenſeits des Stromes, und ging uͤber den Hof des alten Schloſſes, um nach Hauſe zuruͤckzukehren, als ich eine Stimme mir zurufen hoͤrte: „Mein Oheim, erbarmt Euch meiner!“ Ich wandte mich um, und ſah ein Maͤdchen von ungefaͤhr zehn Jahren zwiſchen den Ruinen hervorkommen; es naͤ⸗ herte ſich mir ſchuͤchtern, warf ſich mir zu Fuͤßen und ſagte mit gefalteten Haͤndchen und Todtenblaͤſſe auf dem Geſicht:„Mein Oheim, ſchonet mein Leben le⸗ „Bin ich Dein Oheim, Mädchen?“ fragte ich;„wenn ich es bin, warum fürchteſt Du mich?“ „Weil Du das Haupt der böſen Männer biſt, die ſich eine Freunde daraus machen, edles Blut zu ver⸗ gießen,“ antwortete ſie mir mit überraſchender Herz⸗ haftigkeit. „Wie heißt Du?“ fragte ich weiter,„und wer hat Dich hieher geführt, damit Du ſeheſt, ob Dein Oheim dieſem unvortheilhaften Gemälde gleiche?“ „Ital Schreckenwald hat mich hieher geführt,“ ev⸗ wiederte ſie, meine Frage nur halb verſtehend. „Ital Schreckenwald,“ wiederholte ich außer mir, als ich den Namen eines Böſewichts nennen hörte, den ich zu verabſcheuen ſo viel Gründe hatte. Eine Stimme ans den Ruinen hervor, gleich dem dumpfen Echo in einem Grabgewölbe, antwortete: Ital Schreckenwald, und der Elende trat aus einem Winkel hervor, ohne 9² auf die Gefahr zu achten, in die er ſich dadurch begab. Ich hatte einen ſpitzig mit Eiſen beſchlagenen Stab in der Hand, was ſollte ich thun? Was hättet Ihr in meinem Falle gethan?“ „Ich hätte ihm den Schädel zerſchmettert, als wäre er von Glas geweſen,“« rief der Engländer mit hefti⸗ ger Stimme. „Ich war auf dem Punkte, es zu thun, aber er war unbewaffnet, mein Bruder hatte ihn an mich geſendet, und ich konnte alſo meine Rache nicht an ihm üben. Sein unerſchrockenes, kühnes Benehmen trug auch dazu bei, ihn zu retten.“ „Der Vaſalle des hochmächtigen Grafen von Geier⸗ ſtein,“ ſprach der Unverſchämte,„vernehme die Befehle ſeines Herrn, und trage Sorge ihnen nachzukommen; nehmt die Mütze ab und höret, es ſpricht zwar nur meine Stimme, aber es ſind die Worte des edlen Grafen.“ „Gott und die Menſchen wiſſen, ob ich meinem Bru⸗ der Achtung ſchuldig bin,“ erwiederte ich,„und es iſt ſchon viel, wenn ich, aus Rückſicht gegen ihn, ſeinen Boten nicht wohlyerdientermaßen behandle; vollendet, was Ihr mir zu ſagen habt, und befreit mich von Eu⸗ rer verhaßten Gegenwart.“ „Albert, Graf von Geierſtein, Dein Herr und der meinige,“ fuhr Schreckenwald fort,„ſchickt Dir, weil er mit Kriegen und andern wichtigen Angelegenheiten zu thun hat, ſeine Tochter, die Gräfin Anna von Geierſtein, und will ſie aus beſonderer Gunſt Deiner Obhut anvertrauen, bis er es für geeignet erachtet, ſie 93³ von Dir zurückzufordern. Er will, daß Du zu ihrer Pflege die Einkünfte des Schloſſes verwendeſt, das Du ihm gewaltſam entriſſen haſt.“ „Schreckenwald,“ entgegnete ich,„ich will mich nicht herablaſſen, Euch zu fragen: ob es meines Bruders Wille war, daß Ihr mich alſo anredet, oder ob es blos Eingebung Eurer Unverſchämtheit iſt; ich will Euch nur ſagen, daß ich, wenn die Verhältniſſe meine Nichte ihres natürlichen Beſchützers beraubt haben, es ihr an nichts fehlen laſſen werde. Die zum Geierſtein gehöri⸗ gen Güter ſind von Staatswegen eingezogen, das Schloß, wie Ihr ſeht, zerſtört worden und Eure Schandthaten ſind Schuld, daß das Haus meiner Väter in dieſem Zuſtande der Verheerung ſich befindet. Aber an dem Ort, wo ich wohne, wird Anna eine Freiſtätte finden, und ich werde ſie behandeln, als wäre ſie meine Toch⸗ ter. Und jetzt, da Ihr Euch Eures Auftrags entledigt habt, geht, wenn Euch das Leben lieb iſt, denn es iſt gefährlich, mit dem Vater zu ſprechen, wenn man ſich die Hände mit des Sohnes Blut beſudelt hat.“ „Lebt wohl, Graf von der Egge und vom Pfluge!“ entgegnete der Unverſchämte,„lebt wohl, edler Kum⸗ pan gemeinen Bürgerpacks.“ Mit dieſen Worten verſchwand er und mit ihm die ſtarke Verſuchung, ſein Blut auf dem Schauplatze ſei⸗ ner Greuelthaten zu vergießen. „Ich führte meine Nichte in mein Haus und über⸗ zeugte ſie bald, daß ich es redlich mit ihr meinte. Ich gewöhnte ſie, wie wenn ſie meine Tochter geweſen wäre, 94 an alle Leibesbewegungen, die in unſern Bergen ge⸗ wöhnlich ſind, und ſie thut es in dieſer Beziehung allen Mädchen der Gegend zuvor. Von Zeit zu Zeit aber ſteht man Funken eines Geiſtes und Muthes, verbunden mit einem Zartgefühl, bei ihr hervorſprühen, die, wie ich geſtehen muß, bei den ſchlichten Bewohnern dieſer wilden Berge nicht getroffen werden, und eine edlere Abkunft, eine feinere Erziehung verrathen. Dieſe Ei⸗ genſchaften ſind ſo glücklich mit Einfalt und Herzens⸗ güte vereinigt, daß Anna mit Recht für die Zierde des Cantons gilt, und ich zweifle nicht, daß, wenn ſie einen threr würdigen Gatten wählen wollte, ihr ein beträcht⸗ licher Theil der Güter, die ihrem Bater gehört haben, als Mitgift herausgegeben würde; denn es iſt bei uns nicht Sitte, die Kinder für die Vergehen ihrer Eltern büßen zu laßſen.“ »„Ich habe Grund,“ warf der Engländer ein,„meine Stimme mit denen zu vereinigen, die Eure ſchöne Nichte loben, und ich kann mir denken, daß es Euer Wunſch iſt, ſie möchte eine Heirath ſchließen, wie ihre Geburt und ihre Ausſichten ſie erheiſchen.“ „Oft ſchon hat dieſer Gedanke mich beſchäftigt; der junge Rudolph von Donnerhügel iſt ein wackerer Mann und ſteht bei ſeinen Mitbürgern in Achtung, allein er iſt zu ehrgeizig, als daß ich wünſchen könnte, meine Nichte möchte ihn zum Lebensgefährten erwählen. Mebri⸗ gens werde ich aller Sorge in dieſer Beziehung wahr⸗ ſcheinlich auf eine unangenehme Weiſe enthoben; deun mein Bruder, der ſieben Jahre lang Annen vergeſſen 95 zu haben ſchien, ſchreibt mir in einem Briefe, den ich kürzlich von ihm erhalten habe, ich ſolle ſie ihm zurück⸗ ſchicken. Ihr könnt leſen, werther Herr, denn Euer Beruf fordert dieß; hier habt Ihr den Brief. Der Ton iſt zwar kalt, aber nicht ſo unverſchämt, wie die nicht fehr brüderliche Bolſchaff durch Schreckenwald. Leſ't laut, ich bitte Euch.“ Der Ens länder las wie folgt: An den Grafen Arnold von Geierſtein, genauut Arnold Biedermann. „Ich danke Dir, mein Bruder, für die Sorgfalt, womit Du meine Tochter verpflegt, und gegen Gefah⸗ ren und Mangel ſicher geſtellt haſt. Ich bitte Dich, ſie mir jetzt zurückzuſchicken; ich hoffe, ſie mit Tugen den, die einer Frau in allen Verhältniſſen wohl anſte⸗ hen, ausgeſtattet und bereit zu finden, die ländlichen Schweizerſitten zu vergeſſen und ſich zu einem Fräulein von Rang zu bilden.“ „Lebe wohl, nochmals Dank für Deine Sorgfalt, die ich lohnen würde, wenn es in meiner Macht ſtünde, aber Du bedarfſt nichts, was ich geben könnte, weil Du dem Range, für den Du geboren biſt, entſagt und Dich an einem Orte niedergelaſſen haſt, von wo aus Du die Stürme weit über Deinem Haupt hinwegzie⸗ hen ſlehſt. Dein Bruder Geienſtein.“ 96 »Ich ſehe,“ ſetzte Philipſon hinzu,„daß er Euch in einer Nachſchrift bittet, ſeine Tochter an den Hof des Herzogs von Burgund zu ſeuden. Im Ganzen ſcheint mir dieſes Schreiben einen übermüthigen Mann zu ver⸗ rathen, der zwiſchen dem Andenken an alte Feindſchaft und Erkenntlichkeit für kürzlich geleiſtete Dienſte ſchwankt. Die Worte ſeines Boten waren die eines unverſchämten Untergebenen, der unter dem Vorwande, auf Befehl ſeines Herrn zu handeln, ſeiner Galle Luft machen wollte.«⸗ „Ich theile Eure Meinung.“ „Und habt Ihr nun im Sinn, das liebreizende Mäd⸗ chen einem, wie es ſcheint, eigenſinnigen Vater zurück⸗ zugeben, ohne daß Ihr wißt, in welcher Lage er ſich befindet, und ob er die Mittel beſitzt, für ihren Unter⸗ halt zu ſorgen.« „Das Band, das den Vater an das Kind knüpft,« antwortete lebhaft der Landammann,„iſt das erſte und heiligſte von allen, die das menſchliche Geſchlecht kennt. Die Schwierigkeit, meine Nichte dieſe Reiſe ohne Ge⸗ fahr machen zu laſſen, iſt der einzige Grund, der mich bisher gehindert hat, dem Wunſche meines Bruders nachzukommen; da ich nun aber wahrſcheinlich ſelbſt an Karls Hof gehe, ſo ſoll Anna mich dorthin begleiten. Von meinem Bruder, den ich ſchon viele Jahre nicht geſehen habe, werde ich erfahren, welche Plane er mit. ſeiner Tochter hat, und vielleicht kann ich ihn beſtim⸗ men, daß er ſie noch länger meiner Pflege anvertraut. Und nun, mein Herr, da ich Euch meine Familienan⸗ gelegenheiten, vielleicht weitläufiger, als es nothwen⸗ 97 dig geweſen wäre, mitgetheilt, bitte ich Euch, als einen verſtändigen Mann, darauf zu achten, was ich Euch noch zu ſagen habe. Ihr wißt, daß junge Leute beider Geſchlechter geyne. mit einander plaudern und ſcherzen, und daß daraus oft. eine ernſte Neigung entſteht, die man Liebe nennt. Ich hoffe, daß Ihr, wenn wir zu⸗ ſammen reiſen, Eurem Sohne die nöthigen Weiſungen „gebt, daß Anna von Geierſtein nicht der Gegenſtand ſeiner Gedanken und Wünſche werden kann.“ Der Engländer erröthete, aus Zorn oder von einem andern Gefühle bewegt, und erwiederte heftig: vich habe nicht um Eure Geſellſchaft gebeten, Herr Land⸗ ammann, Ihr ſelbſt habt ſie mir angetragen. Haben aber mein Sohn und ich ſeitdem durch irgend etwas Euer Mißtrauen erregt, ſo reiſen wir ſehr gerne allein.“ „Erzürnt Euch nicht, geehrter Gaſt, wir Schweizer ſind nicht leicht argwöniſch, uͤnd, um es nicht zu wer⸗ den, ſprechen wir von Umſtänden, die etwa Argwohn erregen können, freimüthiger, als man in gebildeteren, feingeſitteteren Ländern zu thun pflegt. Ich will Euch die Wahrheit ſagen, wenn ſte auch im Ohre des Va⸗ ters nicht angenehm klingen mag: Als ich Euch vor⸗ ſchlug, die Reiſe mit mir zu machen, hielt ich Euren Sohn für einen ſtillen, ſchlichten Jungen, der zu be⸗ ſcheiden wäre, die Achtung und Liebe eines Mädchens zu gewinnen; aber er hat ſich unter ganz anderen Zü⸗ gen gezeigt, die ein weibliches Herz anziehen müſſen. Ihr werdet nun ſelbſt einſehen, daß mein Bruder, der Walter Scott's Werke. 1578 Boͤchen. 2 98 es mir nicht verzeiht, daß ich die Freiheit eines Schwei⸗ zerbürgers der knechtiſchen, demüthigenden Lage eines deutſchen Hofmanns vorgezogen habe, es ſehr erniedri⸗ gend finden würde, wenn ſeine Tochter der Gegenſtand der Wünſche eines Mannes würde, der nicht aus edlem Blut entſproſſen wäre, oder, wie er ſich ausdrücken würde, ſich zu einem Gewerbe herabgewürdigt hätte. Wenn Euer Sohn Annen liebte, ſo würde er ſich nur Gefahren ausſetzen und dürfte gewiß ſeyn, abgewieſen zu werden. Jetzt wißt Ihr Alles, und ich frage Euch nun, ob wir zuſammen reiſen wollen?« „Wie es Euch gefällt, Herr Landammann,“ antwor⸗ tete Philipſon mit gleichgültigem Tone.„Ich habe Euch nichts zu ſagen, als daß die Neigung, von der Ihr ſprecht, eben ſo ſehr meinen Wünſchen zuwider wäre, als denen Eures Bruders und den Eurigen. Mein Sohn hat Pflichten zu erfüllen, die ihm keineswegs ge⸗ ſtatten, ſich in eine Schweizerin oder Deutſche, von ſo hohem Range ſie auch wäre, zu verlieben. Ueberdieß iſt er ein folgſamer Sohn, und ich werde ein wachſa⸗ mes Auge auf ihn haben.“ „»Genug, werther Freund, genug!« ſagte der Land⸗ ammann,„bei dieſen Verhältniſſen reiſen wir zuſam⸗ men, und es freut mich, daß ich meinen erſten Plan ausführen kann, denn Eure Unterhaltung gefällt mir⸗ und ich kann Manches daraus lernen.“ Um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, fragte er nun ſeinen Gaſt: ob er glaube, daß das zwi⸗ ſchen England und dem Herzog von Burgund geſchlof⸗ 99 ſene Bündniß von Dauer ſeyn werde.„Wir hören,“ ſetzte er hinzu,„viel von dem ungeheuern Heere ſpre⸗ chen, womit König Eduard die Provinzen wieder ero⸗ bern will, die einſt England in Frankreich beſeſſen hat.“ „Ich weiß wohl,“ antwortete Philipſon,„daß mei⸗ nen Landsleuten nichts ſo ſehr willkommen wäre, als ein Einfall in Frankreich, und ein Verſuch, die Nor⸗ mandie, die Provinz Maine und Gasconien, die ehmals der Krone England gehörten, wieder zu gewinnen. Allein ich zweifle ſehr, ob der wohllüſtige Thronräuber, der ſich den Titel König anmaßt, bei einer ſolchen Un⸗ ternehmung auf den Beiſtand des Himmels rechnen kann. Eduard IV. iſt allerdings tapfer, er hat bisher alles Schlachten, die er lieferte, gewonnen, und ihre Anzahl iſt nicht unbedeutend. Aber ſeit er auf bluti⸗ gem Wege den Zweck ſeines ehrſüchtigen Strebens er⸗ reicht hat, fröhnte er ſinnlichen Genüſſen, und ich glaube, daß ſelbſt die Möglichkeit, die ſchönen Beſitzun⸗ gen, welche England während der durch ſein ehrgeizi⸗ ges Haus erregten Bürgerkriege verloren hat, wieder zu gewinnen, kein genügender Reiz wäre, um ihn zu beſtimmen, ſein weiches Lager in London zu verlaſſen, und dem Klange der Kriegstrompete nach Frankreich zu folgen.“ 8 »„Deſto beſſer fuͤr uns, wenn dem ſo iſt,“ verſetzte der Ladammann,„denn wenn England und Burgund Frankreich zerſtückelten, wie dieß zur Zeit unſerer Vä⸗ ter beinahe geſchehen iſt, ſo hätte der Herzog Karl 7 &— 10⁰0 alle Muße an unſerem Bund Rache zu nehmen, wor⸗ nach er ſchon ſo lang dürſtet.« Während dieſes Geſprächs kamen ſie auf den Gras⸗ platz vor dem Hauſe zurück, wo nun an die Stelle der Leibesübungen ein Tanz getreten war, an welchem die jungen Leute beiderlei Geſchlechts, Theil nahmen. Anna und Arthur führten den Reigen, etwas ſehr Natür⸗ liches, weil er ein Fremder und ſie die Wirthin war; indeſſen warfen der Landammann und Philipſon einan⸗ der einen Blick zu, als hätte dieſer Umſtand ſie an Rihr voriges Geſpräch erinnert. Anna benützte die erſte Pauſe, um ſich von dem Tanze zurückzuziehen, näherte ſich ihrem Oheim, führte ihn bei Seite und ſprach leiſe mit ihm. Philipſon be⸗ merkte, daß er ſie ernſt und aufmerkſam anhörte, und durch ein Nicken mit dem Kopfe ihr zu verſprechen ſchien, das, was ſie ihm geſagt hatte, in Ueberlegung zu ziehen. Bald darauf wurde die Familie zum Abendeſſen ge⸗ rufen, deſſen Hauptbeſtandtheile vortreffliche Fiſche aus den nahen Seen und Flüſſen waren. Am Schluſſe deſſel⸗ ben kreiste ein Becher mit dem ſogenannten Schlaf⸗ trunk um die Tafel. Der Hansherr trank zuerſt daraus, dann nippte ſeine Nichte daran, hierauf reichte man ihn den beiden Fremden und die Uebrigen leerten ihn vollends; alsdann führte man die Fremden in ihr Zim⸗ mer, wo Philipſon und Arthur ein Bett miteinander theilten, und bald in die Arme des Schlummers ſanken. 401 VI. Wie auch der Elemente Aufruhr tobe, Der Menſch iſt ſchrecklicher in ſeinem Zorn. Frenaud. Der ältere der beiden Reiſenden ſchlief, ungeachtet er noch ein rüſtiger Mann und an Beſchwerden gewohnt war, länger als er ſonſt pflegte, ſein Sohn, Arthur, aber erwachte ehe noch die Nacht zu Ende war. Der Kampf, den er mit dem kühnen Berner zu beſtehen hatte, durfte nach den Anſichten jener Zeit nicht aufgeſchoben werden. Er ſtand daher ſo leiſe als möglich auf, um ſeinen Vater nicht zu wecken, und, nachdem er ſeine gute Klinge umgegürtet, ging er auf den Grasplatz vor dem Hauſe. 1 4 Es war ein ſchöner Herbſtmorgen, die Sonne r thete mit ihren erſten Strahlen die Spitze des rieſigſten Ko⸗ loſſen der Alpen⸗Titanen, während die Niederung noch im Schatten lag, von einer leichten Reifdecke überklei⸗ det. Allein Arthur achtete nicht auf die reizende Land⸗ ſchaft, ſchloß ſein Wehrgehäng feſter an ſich, und ſchritt dem Ort der Zuſammenkunft zu. Es war Sitte in dieſem kriegeriſchen Zeitalter, eine angenommene Herausforderung als heilige Verbindlich⸗ keit anzuſehen, die allen früher übernommenen vorging. v 102 Arthur eilte daher über die Felder, welche die Woh⸗ nung des Landammanns von dem alten Geierſtein trenn⸗ ten, dem Hofe zu, und beinahe in demſelben Augen⸗ blicke zeigte ſich ſein Gegner von rieſigem Wuchſe, wel⸗ cher in der Dämmerung noch höher und kräftiger ſchien, als Abends zuvor, auf dem ſteinernen Bogen, der über den Strom führte. ADer Berner trug ei mächtiges Schwert, deſſen Klinge 5 Fuß lang war, und das man ein zweihändi⸗ ges nannte, weil es mit beiden Händen zugleich ge⸗ führt wurde. Man bediente ſich derſelben in der Schweiz beinahe allgemein, denn außerdem, daß nur mit ihnen die Rüſtung deutſcher Ritter durchgehauen werden konnte, eigneten ſie ſich auch am beſten zu Vertheidi⸗ gung der Gebirgspäſſe, und die Kraft und Gewandt⸗ heit derer, die ſie trugen, geſtattete dieſen, ſie trotz der Schwere und Länge mit Vortheil zu handhaben. Ein ſolches Schwert hatte Rudolph umgehängt, ſo daß die Spitze ihm bis an die Ferſen reichte, und der Griff über ſeine linke Schulter heraufging; ein zweites trug er in der Hand. „Du biſt puͤnktlich,« ſchrie er Arthur mit einer Stimme zu, die ſich deutlich durch das betaͤubende Getoͤſe des Waſſerfalls vernehmen ließ;„ich dachte mir, Du werdeſt kein zweihaͤndiges Schwert mitbrin⸗ gen, und habe daher das meines Vetters Ernſt fuͤr Dich mitgenommen.⸗ Bei dieſen Worten warf er Arthur das Schwert, das er in der Hand hielt, die Spitze gegen ihn gerichtet, zu, und fuhr dann fort: 103 „mache dieſer Klinge keine Unehre, Fremdling, Ernſt wuͤrde mir es nie verzeihen, willſt Du aber lieber die meinige, ſo haſt Du die Wahl.« Nicht ohne Erſtaunen betrachtete der Englaͤnder die Waffe, deren er ſich nicht zu bedienen wußte, und erwiederte:„In allen Laͤndern, wo man die Geſetze der Ehre kennt, hat der Herausgeforderte die Waffen zu waͤhlen.“ „Wer auf einem Schweizerberge kaͤmpft, muß Schweizerwaffen haben,«I entgegnete Rudolph,„meinſt Du, unſere Haͤnde ſeyen dazu geſchaffen, ein Meſſer⸗ lein zum Federſchneiden zu handhaben?« s»„Und die unſrigen ſind nicht gewohnt Senſen zu fuͤhren,« ſprach Arthur, warf einen Blick auf das ungeheure Schwert, und murmelte zwiſchen den Zaͤh⸗ nen:„Usum non habeo; ich weiß dieſe Waffe nicht zu fuͤhren.“ „»Reut Dich der eingegangene Handel?“ ſchrie der Schweizer,„wenn das iſt, ſo geſtehe Deine Feigheit, und mache Dich fort von hier, ohne etwas zu fuͤrch⸗ ten, ſprich offen, ſtatt Latein zu welſchen, wie ein geſchorner Moͤnch.« „„Nein, Uebermuͤthiger,« verſetzte der Englaͤnder, vich verlange keine Gnade von Dir, ich dachte nur an einen Kampf zwiſchen einem Hirtenjuͤngling und einem Rieſen, worin Gott dem Schwaͤcheren den Sieg verlieh. Ich kaͤmpfe ſo, wie Du mich ſiehſt, mein Schwert wird mir auch hier, wie ſchon oft geſchehen, ausreichen.« 10⁰4— „Es ſey,«c erwiederte der Schweizer,„aber Du haſt nicht das Recht, mir einen Vorwurf zu machen, denn ich habe Dir gleiche Waffe angeboten. Und nun hoͤre: Unſer Kampf geht auf Leben und Tod, das Rauſchen des Stromes drunten iſt das Todtengelaͤute fuͤr einen von uns Zweien. Lange hat er kein Waffen⸗ getoͤſe mehr gehoͤrt, betrachte ihn wohl, denn, wenn Du faͤllſt, ſo werfe ich Deinen Leichnam in ſeine Wogen.« „Und wenn ich Sieger bin, ſtolzer Schweizer,« verſetzte Arthur,„ſo laſſe ich Dich in der Kirche zu Einſiedeln beſtatten, und Meſſen leſen fuͤr die Ruhe Deiner Seele; Dein Schwert ſoll uͤber Deinem Grabe haͤngen, und eine Inſchrift den Voruͤbergehenden ſa⸗ gen: Hier ruht ein Berner Baͤr, den der Englaͤnder Arthur getoͤdtet.« „Es fehlt in der Schweiz nicht an Bergen,« ſagte Rudolph veraͤchtlich,„aber Du findeſt keinen Stein, auf den Du dieſe Inſchrift graben koͤnnteſt; bereite Dich zum Kampfe.« Arthur warf einen ruhigen uͤberlegenden Blick auf den Ort, der zum Kampfplatz dienen ſollte, ſtellte ſich mitten in den Hof, wo keine Truͤmmer lagen, warf den Mantel ab, und zog ſein Schwert. Rudolph hatte anfangs geglaubt, ſein Gegner ſey ein Weichling, den er mit dem erſten Schlage ſeines furchtbaren Schwertes niederſtrecken koͤnnte, allein die feſte gut gewaͤhlte Stellung Arthurs zeigte ihm nun, uuß ſeine ſchwere Waffe ihn in Nachtheil bringen 1⁰⁵ koͤnnte, wenn er niſt alle Uebereilung vermiede, die dem entſchloſſenen, vorſichtigen Feinde eine guͤnſtige Gelegenheit darbieten koͤnnte. Er zog ſein langes Schwert uͤber ſeine linke Schulter aus der Scheide, wozu er einiger Zeit bedurfte, welche Arthur ſehr zu ſeinem Vortheile haͤtte nuͤtzen koͤnnen, wenn das Ehr⸗ gefuͤhl ihm geſtattet haͤtte, den Angriff zu beginnen, ehe ſein Feind im Vertheidigungszuſtand war. Der Englaͤnder blieb ruhig in ſeiner Stellung, bis der Schweizer ſeine Klinge in der Sonne funkeln ließ, und mehreremale ſchwang, um ihr Gewicht und die Leichtigkeit zu zeigen, mit der er ſie handhabte, dann ſtellte er ſich auf Degenlaͤnge ſeinem Feinde gegenuͤber, ſein Schwert in beiden Haͤnden haltend, die Spitze nach oben gerichtet; Arthur dagegen hielt das ſeinige in horizontaler Richtung und in gleicher Hoͤhe mit ſeinem Kopf, ſo, daß er einen gegen ihn gefuͤhrten Hieb auffangen, oder ſelbſt ausfallen und ſtechen oder hauen konnte. 3 „ Beginne einmal,“ hob der Schweizer wieder an, nachdem ſie ungefaͤhr eine Minuer einander ſo gegen⸗ üͤber geſtanden waren. „Das laͤngere Schwert hat den erſten Hieb,« ent⸗ gegnete Arthur. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als Ru⸗ dolph's Schwert ſich erhob, und mit außerordentlicher Geſchwindigkeit niederſchlug. Es waͤre unmoͤglich ge⸗ weſen, den furchtbaren Hieb der gewichtigen Klinge aufzufangen, durch welchen Rudolph den Kampf mit 106 einemmale zu beendigen hoffte, allein Arthur hatte nicht vergebens auf ſein ſcharfes Auge und die Ge⸗ wandtheit ſeiner Glieder gerechnet. Ehe noch die Klinge niederſchlug, entging er durch einen leichten Seiten⸗ ſprung dem furchtbaren Hiebe, und ehe der Schweizer Zeit hatte das Schwert wieder zu erheben, verwun⸗ dete er ihn, jedoch nur ganz leicht, am linken Arme. Ergrimmt uͤber dieſe Wunde, erhob Rudolph ſein Schwert zum zweitenmale, und hieb und ſtach ſo kraͤf⸗ tig und ſchnell um ſich, daß Arthur alle ſeine Gewandt⸗ heit aufbieten mußte, um den Streichen auszuweichen, deren jeder gewaltig genug ſchien, um einen Felſen zu ſpalten. Er mußte bald auf die Seite, bald ruͤck⸗ waͤrts weichen, und ſich einigemale hinter Ruinen ſtellen, indeſſen aber erwartete er kaltblutig, bis die Kraft ſeines wuͤthenden Feindes ſich erſchoͤpfte, oder ein unvorſichtig gefuͤhrter Hieb ihm Gelegenheit ver⸗ ſchaffte, ihn mit Vortheil anzugreifen. Dieſe Gele⸗ genheit blieb nicht aus, denn bei einem wuͤthenden Streiche ſtieß der Schweizer an einen Stein, und er⸗ hielt, ehe er Zeit batte wieder die gehoͤrige Stellung anzunehmen, einen furchtbaren Schlag auf den K Kopf, der gefaͤhrliche Folgen haͤtte haben koͤnnen, wenn ſeine 1 Muͤtze nicht mit gutem Stahle gefuͤttert geweſen; er wurde daher nicht verwundet, und erneuerte den Kampf mit derſelben Wuth, wiewohl Arthur zu bemerken glaubte, daß er ſchwerer athmete, und ſeine Hiebe vorſichtiger fuͤhrte. So kaͤmpften ſie mit gleichem Gluͤcke, als eine tiefe 107 Stimme durch das Waffengeklirr und das Bruͤllen des Stromes mit gebietendem Tone rief:„Nieder mit den Waffen!« Im Augenblicke ſenkten die beiden Kaͤmpfer ihre Schwerter, Beide froh uͤber dieſe Unterbrechung des Kampfs, der ſonſt wahrſcheinlich nur mit dem Tode des Einen von ihnen geendet haͤtte. Sie wandten den Kopf nach der Seite, woher die Stimme gekom⸗ men war, und ſahen den Landammann mit finſterer Miene auf ſie zukommen. „Wie,“' rief er,„ihr ſeyd die Gaͤſte Arnold Bie⸗ dermanns, und entehrt ſein Haus mit einer Gewalt⸗ that, die ſich eher fuͤr Woͤlfe ſchickte, als fuͤr Weſen, die der Schoͤpfer nach ſeinem Bilde geſchaffen, und denen er eine unſterbliche Seele gegeben hat, die ſie durch Reue und Buße retten ſollen lee „Was ſoll dieſe Tollheit, Arthur,« hob nun auch Philipſon an, der mit dem Landammann gekommen war,„ſcheinen Dir die Pflichten, die Du zu erfuͤk⸗ len haſt, ſo leicht und unwichtig, daß Du Muße fiu⸗ deſt, Dich mit dem erſten beſten Prahler zu ſchlagen 2⸗ Die beiden Juͤnglinge ſtanden, jeder auf ſein Schwert geſtuͤtzt, einander gegenuͤber, ſich mit wechſelſeitigen Blicken muſternd. „Rudolph,« fuhr der Landammann fort,„gebt mir Euer Schwert, mir, dem Herrn dieſes Bodens, Eu⸗ rem Familien⸗Oberhaupt und dem erſten Richter des Cantons.« 3 3 „And, was noch mehr iſt,« autwortete Nudolph 108 ehrerbietig,„Euch, dem Arnold Biedermann, auf deſſen Befehl die Bewohner dieſer Berge das Schwert ziehen oder in die Scheide ſtecken.“ Mit dieſen Wor⸗ ten uͤberreichte er ſein Schwert dem Landammann. „Auf mein Wort,“ fuhr dieſer fort,„es iſt das naͤmliche, mit dem Euer Vater ſo glorreich kaͤmpfte bei Sempach, an der Seite des tapfern Winkelried, s iſt eine Schande, daß Ihr es gegen einen Fremden gezogen habt, der bei uns Gaſtrecht genießt; und Ihr, junger Mann,“ fuhr er gegen Arthur gewendet fort, allein Philipſon unterbrach ihn mit den Worten: „Mein Sohn, reiche dem Landammann Dein Schwert.* „Das iſt nicht noͤthig,« antwortete Arthur,„denn ich betrachte unſere Streitſache als beendigt. Der tapfere junge Mann da hat mich, glaube ich, hieher berufen, um meinen Muth zu pruͤfen; ich laſſe ſeiner Tapferkeit und Gewandtheit volle Gerechtigkeit wie⸗ derfahren, und ſchmeichle mir, daß er nichts zu ſagen hat, was mich erroͤthen machen koͤnnte, der Kampf hat, denke ich, lange genug gedauert.«⸗ „Fuͤr mich nur zu lange,“« ſagte Rudolph mit treu⸗ berzigem Tone,„der gruͤne Aermel meines Kleids, deſſen Farbe ich aus Vorliebe zu den Waldkantonen gewaͤhlt habe, iſt ſo roth geworden, als haͤtte ihn ein flandriſcher Faͤrber unter den Haͤnden gehabt, doch ich verzeihe von ganzem Herzen dem Fremden, der dieſe Veraͤnderung bewirkte, er hat mir eine Lehre gegeben, die ich nicht ſo bald vergeſſen werde. Haͤt⸗ ten die Englaͤnder alle Eurem Gaſt geglichen⸗ Herr 10⁰9 Landammann, ſo wäre wohl der Hügel bei Buttisholz nicht ſo hoch geworden.“ „Better Rudolph,“ verſetzte der Landammann, deſſen Stirne ſich bei dieſen Worten wieder glättete,„ich abe Euch immer für ebenſo edelmüthig gehalten, als Ihr ein Brauſekopf ſeyd, der gerne Streit anfängt, und Ihr, mein Gaſt, könnt darauf zählen, daß, wenn ein Schweizer einmal ſagt, eine Fehde ſey zu Ende, dieſe nicht wieder ſich erneuert: wohlan, gebt Euch die Hände, meine Kinder, und vergeßt den thörichten Streit.« „Hier meine Hand, wackerer Fremdling,“ ſprach Ru⸗ dolph,„Ihr habt mir eine Lektion im Fechten gegeben, nach dem Frühmahl gehen wir, wenns Euch beliebt, in den Wald, und dort will ich Euch jagen lehren.“* Mit der Zutraulichkeit der Jugend nahm Arthur den Vorſchlag an, und auf dem Rückweg nach Hauſe plauderten ſie ſo herzlich über die Jagd, als wären ſte üinmer die beſten Freunde geweſen. 2 „Ich bin immer geneigt,“ fuhr der Landamman fort, die ungeſtümme Hitze unſerer jungen Leute zu verzei⸗ hen, wenn ſie offen und redlich ſich ausſöhnen, und das Herz auf den Lippen haben, wie ein wahrer Schweizer ſoll.“ „Deſſen ungeachtet, ⸗ ſagte Philipſon,„hätten die thörichten Jungen ſchlimme Arbeit liefern können, wenn Ihr nicht ihre Verabredung erfahren und mich mitge⸗ nommen hättet, um ihr Vorhaben zu hindern! Darf ich Euch fragen, wie Ihr Kenntniß davon erhieltet.“* 41⁰ »„Durch die Fee in meinem Hauſe, die zum Glück meiner Familie geboren ſcheint,“ war des Landammanns Antwort,„d. h. durch meine Nichte, welche die Beiden thre Handſchuhe wechſeln geſehen, und die Worte Geier⸗ ſtein und Sonnenaufgang gehört hatte. Ach! mein Herr, man hat beinen Begriff von der Scharfſichtigkeit eines Weibes; es wäre lange angeſtanden, bis einer meiner Söhne ſo etwas vermuthet hätte.“ 4 „Sie beobachtet uns, glaube ich, von dieſer Anhöhe ans,“ ſagte Philipſon, ves ſcheint aber, ſie wolle un⸗ bemerkt bleiben.“ 4 „Ja,“ verſetzte der Landammann,„ſie will ſich ver⸗ ſichern, ob kein Unglück geſchehen iſt, und ich wollte wetten, das einfältige Kind ſchämt ſich, daß es eine ſolche Theilnahme gezeigt, die doch in dieſem Falle ſo lobenswerth iſt.“ 3 „Es wäre mir ſehr angenehm, wenn ich in Eurer Gegenwart dem ſchönen Kinde danken könnte, dem ich ſo viele Verpflichtungen habe,s fuhr der Engländer fort. „Der gegenwärtige Augenblick eignet ſich am beſten dazu,“ entgegnete der Landammann, und rief Anng's Namen mit dem durchdringenden Tone, deſſen wir ſchon früher gedachten. Anna hatte ſich auf einer etwas entfernt liegenden Anhöhe hinter ein Gebüſch geſtellt, und wohl verſteckt geglaubt; ſie zitterte, als ſie die Stimme ihres Oheims börte, fügte ſich aber ſogleich ſeinem Befehle, und eilte, die beiden jungen Männer, die voranſchritten, amge⸗ hend, dem Landammann und Philipſon zu. 111 »Mein werther Freund wünſcht dich zu ſprechen, Anna,“ ſagte Arnold zu ſeiner Nichte nach dem Mor⸗ gengruße, denn ſie hatten ſich heute noch nicht geſehen. Ihre Wangen und ſelbſt ihre Stirne färbte eine hohe Röthe, während Philipſon mit einer Zierlichkeit, die über ſeinen Stand zu gehen ſchien, alſo zu ihr ſprach: „Es geſchieht uns Kaufleuten manchmal, daß wir nicht im Stande ſind, unſere Schulden ſogleich zu bezahlen, mit Recht aber halten wir den für niederträchtig, der ſie nicht anerkennt. Empfangt daher den Dank eines Vaters, deſſem Sohne Euer Muth geſtern das Leben rettete, und den Ihr ſo eben durch Eure kluge Vorſicht aus großer Gefahr befreit habt. Nehmt dieſe Ohrge⸗ hänge von mir an,“ ſetzte er hinzu, und überreichte ihr ein Schmuckkäſtchen, das er öffnete, v„es ſind freilich nur Perlen, doch wurden ſle für würdig erachtet, die Ohren einer Gräfin zu ſchmücken, und...... 4. „ Und folglich,« unterbrach ihn der Landammann, veignen ſle ſich nicht für ein Mädchen aus dem Kanton Unrerwalden, denn etwas Anderes iſt meine Nichte nicht, ſo lange ſie auf unſern Bergen wohnt. Es ſcheint mir, Herr Philipſon, daß Ihr hier ohne Vorbedacht gehandelt habt, denn man muß ſeine Geſchenke dem Range derer, für die ſie beſtimmt ſind, aupaſſen, über⸗ dieß ſolltet Ihr als Kaufmann bedacht haben, daß der Gewinn um ſo kleiner iſt, je größere Geſcheuke man macht.“ „Verzeiht, geehrter Herr,« erwiederte der Engländer, vich habe wenigſtens das tiefe Gefühl der Dankbarkeit, 142 die mich beſeelt, dabei zu Rathe gezogen, und unter den Sachen, die zu meiner freien Verfügung ſtehen, dasjenige gewählt, wodurch ich meine Erkenntlichkeit am beſten ausdrücken zu können glaubte. Ich ſchmeichle mir, Ihr werdet, da Ihr bisher ſo gütig gegen mich geweſen, Eurer Nichte erlauben, das Geſchenk anzu⸗ nehmen, das wenigſtens dem Range, zu dem ihre Ge⸗ burt ſie berechtigt, angemeſſen iſt. Ihr würdet mich falſch beurtheilen, wenn Ihr glaubtet, ich ſey fähig, Euch zu beleidigen oder mir ſelbſt zu ſchaden.“ Der Landammann nahm nun das Schmuckkäſtchen aus ſeinen Händen und ſagte:„ich bin immer ein Feind des koſtbaren Geſchmeides geweſen, das uns mit jedem Tage mehr und mehr von der Einfalt unſerer Väter entfernt, und doch,“ ſetzte er freundlich lächelnd hinzu, und hielt eines der Ohrgehänge an die Wange ſeiner Nichte,„läßt ihr dieſer Schmuck ſehr gut, und ein Mädchen findet, wie man ſagt, an ſolchem Krame mehr Gefallen, als ein graubärtiger Alter begreifen kann. Ich überlaſſe es daher ganz deiner eigenen Einſicht, Anna, zu entſcheiden, ob du das koſtbare Geſchenk un⸗ ſeres werthen Freundes annehmen und tragen darfſt.« „Da Ihr mir in dieſem Stücke ganz freie Wahl laſ⸗ ſet, lieber Oheim,“ verſetzte Anna erröthend,„ſo will ich unſern geehrten Gaſt nicht dadurch kränken, daß ich ſeine Gabe ausſchlage, jedoch mit ſeiner und Enrer Erlaubniß dieſe koſtbaren Ohrgehänge der heiligen Jungfrau zu Einſiedeln weihen, zum Zeichen unſers Dankes, den ſie uns geſtern bei dem furchtbaren Sturme und heute bei Schlichtung des Streites verliehen.“ 6 113 „»Bei der heiligen Jungfrau, das iſt ein vernünftig Wort,“ rief der Landamman,„doch ſey ruhig, Anna, du ſollſt bei der nächſten Schafſchur eine Halsſchnur von Agat erhalten, wenn wir die Wolle gut verkaufen.“ . VII. Schlaͤgſt Du die Hand aus, die Dir Frieden bent, Verdienſt Du jeglich Ungemach des Krieges; Und wenn Du Freundſchaft kalt zuruͤckgewieſen, Haſt Du als Feind des Friedens Dich bewieſen. Taſſo. Das Vertrauen zwiſchen dem Landammann und Philipſon ſchien in der kurzen Zeit bis zu ihrer Ab⸗ reiſe an den Hof Karls von Burgund immer mehr zu ſteigen. Von dem Zuſtand Europa's uͤberhaupt und dem des Schweizerlandes war bereits die Rede, um aber unſere Geſchichte verſtaͤndlicher zu machen, wird ein kurzer Abriß hier an ſeiner Stelle ſeyn. Waͤhrend der Woche, welche die Reiſenden bei'm Landammann zubrachten, wurden mehrere Bundes⸗ verſammlungen der Staͤdte und Waldcantone gehal⸗ ten. Die erſteren, unzufrieden mit den von dem Her⸗ zog von Burgund und auf ihren Handel gelegten Steuern, welche durch die Gewaltthaten der zu Ein⸗ treibung derſelben aufgeſtellten Beamten noch druͤ⸗ ckender wurden, verlangten den Krieg, der ihnen bisher immer Sieg und Reichthuͤmer gebracht hatte. Mehrere von ihnen wurden unter der Hand auch von Ludwig XI. aufgeſtiftet, der weder Gold noch Um⸗ triebe ſparte, um einen Bpuch zwiſchen den tapfern Walter Scott's Werke. 1328 Bdchn. 8 zogs von Burgund und die Beihuͤlfe einer großen 114 Eidgenoſſen und ſeinem furchtbaren Feinde, Karl dem Kuͤhnen, herbeizufuͤhren. Auf der andern Seite ſchien es mancherlei Gruͤnde wegen nicht im Vortheil der Schweiz, ſich mit einem der reichſten, maͤchtigſten und beharrlichſten Fuͤrſten Europa's in Krieg einzulaſſen. Taͤglich hoͤrte man die Nachricht ſich beſtaͤtigen, daß Eduard IV., Koͤnig von England, ein enges Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß mit dem Herzog von Burgund geſchloſſen habe, und ſeine Anſpruͤche an die Provinzen Farankreichs, die ſeine Ahnen ſo lange beſeſſen hatten, geltend zu ma⸗ chen geſonnen ſey. Man wußte allgemein, daß ganz England den Verluſt dieſer Provinzen als einen Fle⸗ cken der Nationalehre betrachtete, und daß nicht nur der Adel, der ſeine bedeutende Beſitzungen in der Normandie, Gascognien, Maine und Anjou verloren hatte, ſondern uͤberhaupt alle, die das Waffenhand⸗ werk trieben, und gewohnt waren, ſich guf Koſten Frankreichs zu bereichern, und Lorbeern zu ſammeln, ſehnlich verlangten, in's Feld zu ziehen. Die neueſten, zuverlaͤßigſten Nachrichten lauteten dahin, daß der Koͤnig von England im Begriff ſtehe, mit einem zahlreicheren, beſſer eingeuͤbten Heere, als die bisherigen geweſen waren, in Perſon in Frank⸗ reich einzufallen, was um ſo leichter war, weil er Calais inne hatte; daß alle Anſtalten dazu getroffen ſeyen, daß man Eduards Ankunft mit jedem Augen⸗ blick erwarte, und die kraͤftige Mitwirkung des Her⸗ 115 Anzahl mißzufriedener Edlen in den Provinzen, die fruͤher unter engliſcher Herſchaft geſtanden waren, hoffen laſſe, daß dieſer Krieg fuͤr Ludwig Xl., unge⸗ achtet ſeiner klugen Vorſicht und großer Macht, ver⸗ derblich ausfallen werde. Jetzt, wo Karl dieſes Buͤndniß gegen ſeinen furcht⸗ baren Feind und Nachbar ſchloß, haͤtte ihn kluge Po⸗ litik beſtimmen ſollen, jede Veranlaſfung zum Zwiſt mit den ſchweizeriſchen Eidgenoſſen zu vermeiden, einem armen, aber kriegeriſchen Volke, das durch mehrfache Siege belehrt war, daß ſeine unerſchrocke⸗ uen Heerhaufen zu Fuß im Falle der Noth ſelbſt mit Vortheil gegen die Bluͤthe der Ritterſchaft Stand halten koͤnnten, die man bisher als den Kern euro⸗ paͤiſcher Heere betrachtet hatte. Allein die Schritte Karls gegen den liſtigſten, kluͤgſten Monarchen ſeiner Zeit waren immer mehr Eingebung ſeiner Leiden⸗ ſchaften als uͤberlegter Beruͤckſichtigung der Umſtaͤnde, in denen er ſich befand. Stolz und herrſchfuͤchtig, obgleich nicht ohne Edelmuth und Ehrgefuͤhl, ver⸗ achtete und haßte er den Bund der Hirten und Land⸗ leute mit einigen Staͤdten, deren Haupterwerbszweig der Handel war, und ſtatt den Schweizerkantonen Ju ſchmeicheln, wie ſein gewandterer Feind that, oͤder ihnen wenigſtens keinen ſcheinbaren Vorwand zum Streit zu geben, ließ er ſeine Gelegenheit un⸗ benuͤtzt, ſeine Verachtung gegen ihr neuerdings er⸗ worbenes Anſehen an den Tag zu legen, und ſeinen 8* 116 geheimen Wunſch hervortreten zu laſſen, die vielen von ihnen erſchlagenen Edlen zu raͤchen. Seine Beſitzungen im Elſaß ſetzten ihn in Stand, den Schweizer⸗Bund ſeine Unzufriedenheit fuͤhlen zu laſſen. Die kleine Stadt und Feſtung La⸗Ferette, 40 Stunden von Baſel, war der Durchgangspunkt des Handels von Bern und Solothurn, der zwei an⸗ geſehenſten Staͤdte des Bundes. Hier ſtellte der Her⸗ zog einen Commandanken auf, der zugleich Verwalter der oͤffentlichen Einkuͤnfte war, und zur Geißel ſeiner freien Nachbarn geboren ſchien. Archibald von Hagenbach, ſo hieß er, war ein ed⸗ ler Teutſcher, deſſen Beſitzungen in Schwaben lagen, und galt allgemein fuͤr einen der Wildeſten und Grauſamſten unter den ſogenannten Raubrittern und Raubgrafen. Weil ſie ihre Beſitzungen von dem hei⸗ ligen, roͤmiſchen Reich zu Lehen trugen, ſo uͤbten ſie in ihrem Gebiete, das oft kaum eine Quadratmeile betrug, eine ebenſo unumſchraͤnkte Herrſchaft, als groͤßere regierende Fuͤrſten in Teutſchland. Sie er⸗ hoben von Fremden Abgaben, ließen in's Gefaͤngniß werfen, richteten und verurtheilten Jeden, der auf threm Gebiet ein Verbrechen begangen haben ſollte. Um ihre oberherrlichen Recht beſſer zu uͤben, befeh⸗ deten ſie einander, fuͤhrten Krieg mit den freien Reichsſtaͤdten und pluͤnderten ſchonungslos die Ca⸗ ravanen oder langen Wagenzuͤge, mittelſt deren im Innern von Deutſchland der Handel getrieben wurde. Nach einer Reihe von Gewaltthaten war Archi⸗ 117 bald, einer von denen, welche das ſogenannte Fauſt⸗ recht in ſeiner groͤßten Ausdehnung geubt hatten, genoͤthigt worden, obgleich ſchon in vorgeruͤcktem Al⸗ ter, ein Land zu verlaſſen, wo er ſeines Lebens nicht mehr ſicher war, und in die Dienſte des Herzogs von Burgund getreten, der ihn gerne aufnahm, weil er ein Mann von hoher Geburt und erprobter Ta⸗ pferkeit war, wohl noch mehr aber, weil er uͤberzeugt ſeyn durfte, in ihm einen willigen Diener zu Aus⸗ fuͤhrung ſeiner ſtrengen Befehle zu finden. Die Abgeordneten von Bern und Solothurn be⸗ ſchwerten ſich bitter uͤber die von Archibald erlittenen Bedruͤckungen. Die auf die Waaren, welche durch den Bezirk von La Ferette kamen, gelegten Zoͤlle wa⸗ ren willkuͤrlich erhoͤht worden, und die Kaufleute die nicht ſogleich das Geforderte bezahlten, zogen ſich da⸗ durch Gefaͤngnißſtrafe und ſogar koͤrperliche Zuͤcht i⸗ gung zu. Die deutſchen Handelsſtaͤdte beſchwerten ſich bei dem Herzog uͤber die Ungerechtigkeiten des von Hagenbach, und baten, ihn zu entſetzen, allein der Herzog achtete nicht auf ihre Klagen. Der Schwei⸗ zerbund dagegen nahm einen hoͤhern Ton an und verlangte, daß der Commandant von La Ferette we⸗ gen Verletzung des Vöͤlkerrechts gerichtet werde; ihr Verlangen blieb aber eben ſo unbeachtet. 5 Endlich beſchloß die Bundesverſammlung, eine foͤrm⸗ liche Geſandtſchaft an den Herzog abzuſchicken. Ei⸗ nige dieſer Abgeordneten theilten die ruhigen ver⸗ ſtaͤndigen Anſichten Arnolds in der Hoffnung, dieſer 118 Schritt werde Karl uͤber die ſtrafbare Ungerechtigkeit ſeines Statthalters die Augen oͤffnen; Andere, die keine ſo friedlichen Abſichten hatten, wollten durch dieſe kraͤftige Vorſtellung den Krieg herbeifuͤhren. Arnold war entſchieden fuͤr den Frieden, ſo weit ſich dieſer mit der Unabhaͤngigkeit ſeines Landes und der Ehre des Bundes vertrug; Arthur entdeckte aber bald, daß der Landammann von der ganzen Familie der Einzige war, der dieſe gemaͤßigten Anſichten heg⸗ te. Seine Soͤhne waren durch die hinreißende Be⸗ redtſamkeit und den unwiederſtehlichen Einfluß Ru⸗ dolphs gewommen worden, der durch mehrfache Be⸗ weiſe perſoͤnlicher Tapferkeit und durch die Achtung, die man den von ſeinen Ahnen geleiſteten Dienſten zollte, bei dem Rathe des Cantons ein Anſehen er⸗ langt hatte, in welchem ſonſt Maͤnner ſeines Alters hier nicht ſtanden. Arthur, den die jungen Leute gerne als Gefaͤhrten auf der Jagd und bei ihren an⸗ deren Vergnuͤgungen um ſich ſahen, hoͤrte von nichts Anderem, als von der Ausſicht auf Krieg und der Hoffnung ſprechen, reiche Beute und neue Lorbeern zu ſammeln. Die Thaten ihrer Voreltern im Kampfe gegen die Deutſchen hatten die wunderbaren Siege der Fabel verwirklicht, und weil das neue Geſchlecht eben ſo kraͤftig und tapfer war, ſo hoffte es eben ſo gluͤcklich zu ſeyn. Den Statthalter in La Ferette hießen ſie den Kettenhund des Herzogs von Burgund und erklaͤrten offen, wenn ſein Herr ſeinen Bedruͤ⸗ ckungen nicht ſogleich Einhalt thue, und er ſelbſt ſich 119 nicht von den Grenzen der Schweiz zuruͤckziehe, ſo ſolle er erfahren, daß ſeine Feſtung ihn nicht vor dem Zorn der Buͤrger von Bern und Solothurn ſchuͤ⸗ tzen koͤnne. Arthur unterrichtete ſeinen Vater von dem Ver⸗ langen der Juͤnglinge nach Krieg, und dieſer war einen Augenblick unſchluͤſſig, ob er nicht lieber trotz der ihn erwartenden Unannehmlichkeiten und Gefah⸗ ren mit ſeinem Sohn allein reiſen, als ſich der Ge⸗ fahr ausſetzen ſollte, wenn ſie uͤber die Grenzen ge⸗ kommen waͤren, durch dieſe wilden Soͤhne des Ge⸗ birgs in Streitigkeiten verwickelt zu werden, was dem Zweck ſeiner Reiſe geradezu zuwieder geweſen waͤre. Da jedoch Arnold bei ſeiner Familie und auch bei allen ſeinen Landsleuten in Achtung ſtand, ſo glaubte er, ſein Einfluß werde hinreichen, um die aufbrauſende Hitze ſeiner Begleiter zu zuͤgeln, bis die wichtige Frage uͤber Krieg oder Frieden eutſchie⸗ den waͤre, vornehmlich aber, bis ſie bei dem Herzog von Burgund eine Audienz erhalten und ſich ihres Auftrags entledigt haͤtten. War dieß geſchehen, ſo konnte er ſich von ihnen trennen und dann nicht mehr als fuͤr ihre weiteren Schritte verantwortlich angeſe⸗ hen werden.: So verfloſſen ungefaͤhr zehn Tage, worauf ſich die Abgeordneten endlich auf dem Geierſtein verſammel⸗ ten, von wo aus ſie zuſammen abreiſen wollten. Es waren, außer Rudolyh und dem Landammann, noch drei Andere. Der Eine von ihnen war, wie Arnold, 120 Gutsbeſitzer und trug die Kleidung eines ſchlichten Hir⸗ ten, erhielt aber ein ſtattliches Anſehen durch ſeinen ſchönen, langen Silberbart; er hieß Nikolas Bonſtetten. Melchior Sturmthal, Bannerträger von Bern, ein Mann von mittlerem Alter und kapferer Krieger, voll⸗ endete mit Adam Zimmermann, Bürger von Solothurn, der ſchon hoch bei Jahren war, die Zahl der Abgeord⸗ neten. Jeder von ihnen hatte ſeine beſte Kleidung angelegt, allein wenn gleich Arnolds ſtrenger Blick an zwei ſil⸗ bernen Gürtelſchnallen und einer Kette von demſelben Metall, welche die Bruſt des Solothurners zierte, et⸗ was auszuſetzen hatte, ſo hatte dennoch die Geſandt⸗ ſchaft als Abordnung eines mächtigen, ſtegreichen Vol⸗ kes, wofüy die Schweizer damals angeſehen werden mußten, ſehr patriarchaliſches Anſehen. Die Ab⸗ geordneten reisten zu Fuß, mit dem mit Eiſen beſchla⸗ genen Stabe in der Hand, gleich Pilgern, die an einen heiligen Ort wallfahrten; zwei Maulthiere, mit ihrem wenigen Gepäck beladen, wurden von zwei jungen Leu⸗ ten, Söhnen oder Vettern von einem der Geſandten, geführt, die auf dieſe Art einen Theil der jenſeits ihrer Berge liegenden Welt ſehen durften. 3 So klein indeſſen ihr Gefolge war, ſo erlaubten ihnen doch die gefährlichen Zeitumſtände und die jenſeits ihres Gebiets herrſchenden Unruhen bei der Wichtigkeit der Sendung, womit ſie beauftragt waren, nicht, ohne Bedeckung zu reiſen. Schon die Wölfe, die beim Her⸗ annahen des Winters oft von den Bergen herabkommen 121 und truppenweiſe in die Dörfer einfallen, die keine Mauern haben, beſtimmten zu dieſer Vorſichtsmaßregel, und die vielen Ausreißer von den Truppen verſchiedener Mächte, die an den Gränzen des Elſaßes und Denutſch⸗ lands Räuberbanden gebildet hatten, machten ſte uner⸗ läßlich.. Zwanzig aus den verſchiedenen Cantonen der Schweiz erleſene Jünglinge, unter denen ſich Rüdiger, Ernſt und Sigmund, die drei älteſten Söhne Arnolds, befan⸗ den, bildeten das Geleite der Geſandtſchaft. Indeſſen zogen ſie nicht in kriegeriſcher Ordnung, ſondern theil⸗ ten ſich in Parthieen zu fünf bis ſechs. Der langſame Gaug der Geſandten ließ den rüſtigen, jungen Män⸗ nern, welche große Hunde bei ſich hatten, hinlänglich Zeit, Wölfe und Bären zu tödten und mauchmal eine Gemſe auf die Felſen zu verfolgen, wobei ſie zugleich ſorgfältig die Orte durchſuchten, wo ein Hinterhalt verſteckt liegen konnte, und ſo wirkſamer für die Sicher⸗ heit der ihrem Schutze Anvertrauten ſorgten, als wenn ſie ihnen Schritt für Schritt gefolgt wären. Ein be⸗ ſonderer Ton aus dem Horne, von dem wir früher ſchon ſprachen, war das verabredete Zeichen zur Vereinigung, wenn Gefahr drohte. Rudolph, viel jünger als ſeine Amtsgenoſſen, übernahm die Anführung des Zugs, den er gewöhnlich auf der Jagd begleitete. Alle waren gut bewaffnet und trugen zweihändige Schwerter, lange Partiſanen, Wurfſpieße, Bogen, Armbrüſte und kurze Hirſchfänger. Die ſchwereren Waffen, die im Gehen gehindert hätten, hatten ſie beim Gepäck gelaſſen. 1²² Arthur zog natürlicherweiſe die Geſellſchaft und die Vergnügungen der jungen Leute der ernſten Unterhal⸗ tung und dem langſamen Schritt der Geſandten vor, ſo ſehr er auch verſucht war, den Nachzügler zu machen, denn Anna, von einer Schweizerin in ihren Dienſten begleitet, war gleichfalls von der Geſellſchaft. Die beiden Mädchen ſaßen auf Eſeln, die den be⸗ packten Maulthieren kaum nachzukommen vermochten, und wahrſcheinlich würde Arthur zur Erwiederung der wichtigen Dienſte, die ihm Auna geleiſtet, ihr im Ver⸗ lauf der Reiſe von Zeit zu Zeit ſeinen Beiſtand ange⸗ boten und im Geſpräche mit ihr Schutz gegen die Lange⸗ weile geſucht haben; allein er wagte es nicht, ihr jen kleiuen Dienſte zu leiſten, welche die Sitte des Landes nicht zu geſtatten ſchien, indem er bemerkte, daß keiner ihrer Vettern, nicht einmal Rudolph, der doch bisher keine Gelegenheit verſäumt hatte, ſich in den Augen ſeiner ſchönen Baſe geltend zu machen, ſich um ſie be⸗ mühte. Ueberdieß ſah er ein, daß er, wenn er ſich dem Zuge ſeiner Gefühle hingebe, das ernſtliche Mißfallen ſeines Vaters und wahrſcheinlich auch des Landammanns ſich zuziehen würde, der ſie ſo gaſtfreundlich aufgenom⸗ men hatte und in deſſen Geſellſchaft ſie nun die Reiſe, gegen alle Gefahr ſicher geſtellt, fortſetzen konnten. Er nahm daher an den Bergnügungen der jungen Leute Theil, und benützte blos die Zeit, wenn Halt gemacht wurde, um Annen Zeichen ſeiner Aufmerkſamkeit zu geben, die Niemanden auffallen konnten. Nachdem er ſeinen Ruf als Jäger begründet hatte, blieb er manch⸗ 128 mal, ſelbſt während die Uebrigen ein Wild verfolgten, zurück, und kam auf einem Wege nach, von dem aus er Anna's Schleier im Winde flattern und die Umriſſe der zierlichen Formen, die er verhüllte, ſehen konnte. Seine Gefährten legten ihm dieſes Zurückbleiben, das ſie der Gleichgültigkeit gegen die gefahrloſe Jagd zu⸗ ſchrieben, nicht ungünſtig aus, denn wenn es darauf ankam, einen Bären, einen Wolf oder ein anderes Raubthier zu verfolgen, ſo griff Keiner von der Ge⸗ ſellſchaft, ſelbſt Rudolph nicht, ſo ſchleunig zu den Waf⸗ fen, wie Arthur. Gedanken ernſthafterer Art beſchäftigten unterdeſſen ſeinen Vater. Er beſaß, wie der aufmerkſame Leſer bereits bemerkt hat, eine ausgebreitete Kenntniß der Welt, in welcher er eine ganz andere Rolle geſpielt hatte, als ſeine jetzige war. Erinnerungen aus frühe⸗ rer Zeit erwachten in ihm: das Bellen der Hunde, das an den Bergen und in den dichten Wäldern wie⸗ derhallte, der Anblick der Jäger, die das Wild auf ſchroffe, unzugänglich ſcheinende Felſen verfolgten, der Klang der Schweizerhörner, die von Berg zu Berg wiedertönten,— dieß Alles hakte ihn ſchon einigemale in Verſuchung geſetzt, an dem edeln, obgleich gefäh⸗⸗ lichen Vergnügen Theil zu nehmen, das damals in den meiſten Ländern Europa's nach dem Kriege für die ernſteſte Beſchäftigung galt. Doch war dieſes Ver⸗ langen nur vorübergehend, und mit höherer Theilnahme ſuchte er in die Sitten und Anſichten ſeiner Reiſege⸗ fährten einzudringen. 124 Sie hatten alle die gerade, offene Einfalt, welche Arnold charakteriſirte, wenn gleich Keiner ſeinen tief⸗ gehenden Scharfblick beſaß. Von der politiſchen Lage ihres Landes ſprachen ſie ohne Rückhalt, und wie es ſchien, durften die jungen Leute, mit Ausnahme Ru⸗ dolphs, nur deßwegen nicht an ihren Berathungen Theil nehmen, damit der Geiſt der Unterordnung und des Gehorſams bei ihnen erhalten würde, nicht, weil man genöthigt geweſen wäre, ein Geheimniß vor ihnen zu haben. Sie ſprachen in Gegenwart Philipſon's offen von den Forderungen des Herzogs von Burgund, den Mitteln ihres Landes, ſeine Unabhängigkeit zu erhalten, und dem feſten Entſchluſſe des Schweizerbundes, lieber den Streitkräften der ganzen Welt zu trotzen, als ſich die geringſte Unbilde gefallen zu laſſen. In andern Beziehungen waren ihre Anſichten weiſe und gemäßigt, wenn ſchon der Bannerträger von Bern und der ſtatt⸗ liche Solothurner die Folgen eines Krieges aus einem weniger ernſthaften Geſichtspunkte zu betrachten ſchie⸗ nen, als der vorſichtige Landammann und Bonſtetten, der alle ſeine Anſichten theilte. Freilich berührten ſie nicht ſelten Gegenſtände, wel⸗ che für ihren Reiſegefährten wenig Anziehendes hatten, und ſich auf Handel, Ackerbau und Viehzucht bezogen, allein immer erinnerte wieder ein wohlbekannter Ort an eine Schlacht, in der wenigſtens Einer von ihnen mitgefochten; Kriegsthaten, wovon in andern Ländern nur Ritter und Knappen, welche dabei eine Rolle ge⸗ ſpielt hatten, oder Gelehrte zu erzählen wußten, die 123 ſich mit ihrer Aufzeichnung beſchäftigten, wurden hier gerne von Männern beſprochen, die ihre friedliche Be⸗ ſchäftigung unendlich weit von dem Waffenhandwerk zu entfernen ſchien. Dieß erinnerte den Engländer an die alten Römer, die ſo oft den Pflug mit dem Schwerte vertauſchten, und er machte den Landammann auf die Aehnlichkeit beider Völker aufmerkſam. Dieſer war durch die ſeinem Lande angethane Ehre geſchmeichelt, erwiederte aber:„Möge der Himmel die ſchlichten Tu⸗ genden der Römer unter uns erhalten und uns vor ihrer Eroberungsſucht und ihrem leidenſchaftlichen Ver⸗ langen nach Ueppigkeit und Wolluſt bewahren.“ Wegen der Langſamkeit, mit der die Reiſenden fürbaß zogen und verſchiedener anderer Urſachen übernachteten ſie zweimal auf dem Wege, ehe ſie nach Baſel kamen. In den verſchiedenen kleinen Dörfern, wo ſie herberg⸗ ten, wurden ſie mit der größten Achtung und Gaſt⸗ freundſchaft aufgenommen, und ihre Ankunft war überall das Zeichen zu einem kleinen Feſte, das ihnen die ange⸗ ſehenen Einwohner gaben. Am dritten Tage kamen ſie endlich der Nähe von Baſel an, damals eine der größten Städte des ſüd⸗ weſtlichen Deutſchlands, wo ſie die Nacht zubringen wollten, in der Hoffnung, hier eine freundſchaftliche Aufnahme zu finden, ungeachtet die Stadt noch nicht zu dem Schweizerbunde gehörte, indem ſie erſt unge⸗ fähr dreißig Jahre ſpäter(1504) demſelben beitrat, ſondern eine freie Reichsſtadt, jedoch mit Bern, Solo⸗ thurn, Luzern und andern Städten der Schweiz durch 126 gegenſeitiges Intereſſe und fortwährende Verbindungen verknüpft war. Der Zweck der Geſandſchaft war, wo möglich einen Frieden zu unterhandeln, der für Baſel eben ſo vortheilhaft werden ſollte, als für die Schweiz ſelbſt, indem die Stadt zwiſchen dem Gebiet der beiden kriegführenden Mächte lag. Die Augen der beiden Engländer durch den fort⸗ währenden Anblick des wilden Gebirges ermüdet, ruh⸗ ten nun wohlgefällig auf einer Gegend, deren Ober⸗ fläche zwar auch noch uneben und bergigt, jedoch mit Fruchtfeldern und Reben bebaut war. Der Rhein wälzte ſeine grünlichen Wogen durch das Gefilde und theilte Baſel in zwei Theile. Auf der Südſeite der Stadt zeigte ſich die berühmte Domkirche mit der präch⸗ tigen Terraſſe gegenüber und verrieth den Reiſenden, daß ſie nun einem Lande nahten, wo die Werke von Menſchenhand unter den Gebilden der Natur hervor⸗ traten, und nicht, wie in den Gegenden, durch die ſie bisher gekommen waren, unter den gewaltigen Gebirgs⸗ maſſen ſich verlieren. Die Geſandten waren noch eine Stunde von den Thoren der Stadt, als ſie Einem vom Rathe in Be⸗ gleitung einiger Bürger begegneten; ſie ſaßen auf Manl⸗ thieren, deren ſammtene Satteldecken auf den Reichthum und den Rang der Reiter ſchließen ließen. Achtungsvoll grüßten ſie den Landammann und ſeine Begleiter, die nichts Anderes erwarteten, als eine gaſtliche Einladung in die Stadt zu vernehmen; es erfolgte indeſſen gerade das Gegentheil. Der Basler Abgeordnete begann zö⸗ 127 gernd, faſt mit verlegener Miene, ſeine Rede, nud man ſah es ihm wohl an, daß er den Auftrag, deſſen er ſich zu entledigen hatte, keineswegs für den ehrenvoll⸗ ſten hielt. Er ſprach zuerſt von dem brüderlichen Ver⸗ bältniß der Stadt zu dem Schweizerbunde, ſchloß aber mit der Ankündigung, daß man wegen gewiſſer, drin⸗ gender Gründe, die ihnen bei Muße befriedigens dar⸗ gelegt werden ſollten, ihnen für dieſe Nacht keine Her⸗ berge in der Stadt ſelbſt geben könne. Mit vielem Intereſſe bemerkte Phitipſon, welche Wirkung dieſe höchſt unerwartete Ankündigung auf die einzelnen Geſandten machte. Rudolph ſchien weniger überraſcht als die Uebrigen, ſchwieg jedoch und ſchien mehr ihre Geſinnungen erforſchen, als die ſeinigen aus⸗ drücken zu wollen, und es war dieß nicht das erſtemal, daß der Engländer bemerkte, wie der kühne, heftige junge Mann der angebornen, aufbrauſenden Hitze ſeines Weſens Zwang anthun konnte, wenn ſeine Abſichten es heiſchten. Die Stirne des Banuerträgertz von Bern verdüſterte ſich, das Geſicht des Solothurners röthete ſich gleich dem Vollmond, Bonſtetten betrachtete den Landammann mit unruhiger Miene, und dieſer ſelbſt ſchien mehr aufgeregt, als ſein ſonſtiges Weſen erwar⸗ ten ließ. Endlich antwortete er dem Basler Abge⸗ ordneten: „Ihr bringt uns da eine ſeltſame Botſchaft von den Bürgern in Baſel, die wir immer als Freunde behan⸗ delt haben und die es noch ſeyn wollen. Gaſtliche Auf⸗ nahme in ihren Häuſern haben die Bewohner eines 8 128 Landes denen eines andern befreundeten zu verweigern nicht das Recht.«⸗ „Es geſchieht auch gegen unſern Willen, geehrter Landammann,“ erwiederte der Abgeordnete,„die Bür⸗ ger von Baſel wünſchten nicht nur Euch und Eure Amtsgenoſſen, ſondern auch Euer Geleite mit den Saumthieren gaſtlich aufzunehmen, aber die Hände ſind uns gebunden.“ 4 »Und von wem?“ ſchrie zornig der Bannerträger von Bern,„hat der Kaiſer Sigmund an deni Beiſpiele ſeiner Vorfahren ſo wenig gelernt?«— „Der Kaiſer,“, unterbrach ihn der Basler, viſt ein friedliebender, gütiger Fürſt, wie er es immer geweſen, aber burgundiſche Truppen ſind kürzlich im Sundgau vorgerückt, und es ſind uns von dem Grafen Archibald von Hagenbach Botſchaften zugekommen.“ Die Fortſetzung folgt im zweiten Theile.)