Walter Scott's ſämmtliche W er k e. ——y; Neu überſetzt. Hundert und ſechsundfunfzigſtes Bändchen. Neue Folge. Sechstes Bändchen. —00000000— Das ſchöne Maͤdchen von Perth. Sechster Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag ſche Buchhandlung. 4 3 5 0. Das srhöne Mädehen von Pert h. Hiſtoriſch romantiſches Gemaͤlde von Sir Walter Scott. Aus dem Engliſchen. Sechster Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 8 1 8 0 Neunundzwanziſtes Kapitel. (Fortſetzung des im fuͤnften Tbeil abgebr. Kapitels.) Der Graf trat, des Prinzen Ruf zufolge, ein „Ich muß Euch beläſtigen, Mylord,“ ſagte Rothſay mit der würdevollen Artigkeit, die er ſo gut anzuneh⸗ men wußte, um Euch für Eure Gaſtfreundſchaft und gute Geſellſchaft zu danken. Ich kann ſie nicht länger genießen, da wichtige Geſchäfte mich nach Falkland rufen.“ „Mylord,“ erwiederte der Lord Großconnetable,„Euer Guaden erinnert ſich doch, daß Ihr unter meiner Ob⸗ hut ſteht?“. „Wie?— Obhut!— Bin ich ein Gefangener, ſo redet offen— wo nicht, ſo nehme ich mir die Freiheit, abzureiſen.“ 3 „Ich wünſchte, Mylord, Eure Hoheit bäte Seine Majeſtät um Erlaubniß zu dieſer Reiſe. Es wird dem König ſehr mißfallen.“ „Meint Ihr Mißfallen gegen Euch, Mylord, oder gegen mich 2,— „Ich habe bereits geſagt, daß Eure Hoheit unter meiner Obhut ſteht; aber wollt Ihr Euch davon be⸗ freien, ſo hab' ich keinen Befehl— Gott behüte mich — Euren Neigungen Zwang anzuthun. Ich kann Eure Hoheit nur um Enretwillen bitten,“— 2 6 „Meine Sachen verſteh' ich am beſten— guten Abend, Mylord.«. Der eigenſinnige Prinz ſtieg mit Dwin j S nd Ra⸗ morny in's Boot, und da er keine andere Dienerſchaft erwartete, ſtieß Eviot das Fahrzeng ab, das mit Hülfe von Segel, Ruder und Ebbe ſchnell den Tay hinunter⸗ fuhr. Eine Zeit lang blieb der Herzog von Nothſay ſtill und düſter, und ſeine Gefährten unterbrachen ſeine Ge⸗ danken nicht. Er hob endlich das Haupt und ſagte: Mein Vater liebt den Spaß, und wenn alles vorüber iſt, wird er die Sache nicht ernſthafter nehmen, als ſie verdient,— ein Jugendſtreich, den er anſehen wird, wie die andern. Dort, meine Herren, ſchaut das alte Schloß Kinfauns finſter auf den Tay hernnter. Nun, ſage mir, John Ramorny, wie fingſt du es an, das ſchöne Mädchen von Perth dem ſtierköpfigen Oberrich⸗ ter aus den Händen zu ſpielen; denn Errol ſagte mir von einem Gerücht, daß ſie unter ſeinem Schutz ſtehe.“ „Das war ſo, Mylord, aber nur bis ſie unter den Schutz der Herzogin— ich wollte ſagen, der Lady Marjory von Douglas treten könnte. Dieſer Ochſen⸗ kopf von Oberrichter, der nur ein Stück plumper Tap⸗ ferkeit iſt, hat eben auch einen Diener von einiger Schlaͤuheit und Klugheit, den er bei allen Geſchäften braucht, und deſſen Eingebungen er gewöhnlich für ſeine eignen Gedanken hält. Will ich mich eines Landbarons, ſo wende ich mich an einen ſolchen Bertrauten, welcher im gegenwärtigen Falle Kitt Henfhaw, ein alter Tay⸗ 1 7 ſchiffer iſt, der zu ſeiner Zeit bis nach Campvere ſe⸗ gelnd, bei Sir Patrick Charteris in der Achtung eines Mannes ſteht, der ferne Länder geſehen hat. Dieſen Agenten hab' ich auf meine Seite gebracht und durch ihn mehrere Entſchuldigungen für die verzögerte Ab⸗ reiſe Catharinens nach Falkland vorgebracht.“ „Aber zu welchem Zweck?“ „Ich weiß nicht, ob es klug iſt, Eurer Hoheit dieß zu ſagen, da Ihr vielleicht meine Abſicht mißbilligt— ich dachte, die Beamten des Ketzergerichts ſollten das ſchöne Mädchen zu Kinfauns finden, denn unſre Schön⸗ heit iſt eine eigenſinnige Abtrünnige von der Kirche, und ſo ſollte nur der Ritter ſeinen Theil an den Geld⸗ ſtrafen und Conſiscationen haben, welche verhängt wur⸗ den. Die Mönche hatten Luſt genug, an ihn zu kom⸗ men, weil er oft mit ihnen über den Palmzehenten ſtreitet. 1 „Aber warum wollteſt Du des Ritters Vermögen zu Grunde richten und das Mädchen ins Gefängniß brin⸗ gen?“ „Pah, Mylord Herzog!— Die Mönche verbrennen kein ſchönes Mädchen. Ein altes Weib wäre vielleicht in einiger Gefahr geweſen, und was den Lord Ober⸗ richter betrifft, wie ſie ihn nennen, hätte man ihm et⸗ liche fette Aecker abgezwickt, ſo wäre dieß eine Buße für die Beleidigung geweſen, die er mir in der St. Jo⸗ hanuskirche anthat.“. „Mich dünkt, John, das iſt elende Rache,“ ſagte Rothſay. * 8 „Beruhigt Euch Mylord. Wer ſich mit der Hand kein Recht ſchaffen kann, der muß den Kopf brauchen. — Gut, das unützte aber nicht, da der feine Douglas ſich zu Gunſten des zarten Gewiſſens erklärte, und der alte Henſhaw keine Einwürfe mehr gegen die Abfahrt des ſchönen Mädchens von Perth nach Falkland wußte, — nicht um die düſtre Geſellſchaft der Lady Macjory zu theilen, wie Sir Ptrick und ſie ſelbſt meinte, ſon⸗ dern um Eurer Hoheit die Langeweile zu vertreiben, wenn wir von der Jagd im Parke zurückkommen.“ Nach dieſer Antwort trat wieder eine lange Pauſe ein, in welcher der Prinz tief zu ſinnen ſchien. End⸗ lich begann er:„Ramorny, ich habe doch einen Scru⸗ pel in dieſer Sache, aber wenn ich Dir ihn nenne, wird der Teufel der Sophiſterei, mit dem Du beſeſ⸗ ſen biſt, mir ihn wegſtreiten, wie ſo viele andere. Dieß Maͤdchen iſt die ſchoͤnſte, die ich je ſah oder kannte, und ſie gefaͤllt mir um ſo mehr, da ſie einige Zuͤge von— Eliſabeth von Dunbar hat. Aber ſie, ich meine Catharinen, iſt verlobt und heirathet bald Heinrich den Waffenſchmied, einen unvergleichlichen Meeiſter ſeiner Kunſt und bis jetzt noch unbeſiegter Kriegsmann. Wenn ich dieſer Intrigue folge, thue ich einem guten Kerl viel Unrecht.“ „Eure Hoheit wird nicht erwarten, daß ich mich ſehr fuͤr Heinrich Smith verwende,“ ſagte Ramornp, auf ſeinen verwundeten Arm blickend. 1 »Bei St. Andreas mit ſeinem geſtuͤtzten Kreuz, Du ſprichſt zu viel von deinemngufall. Andere ſind 9 zufrieden, ihren Finger in jedermanns Schuͤſſel zu ſtecken, aber Du wirfſt deine ganze blutige Hand hinein. Es iſt geſchehen und wird nicht anders— laß' es vergeſſen ſeyn.“ »Aber, Mylord, Ihr ſpielt noch oͤfter darauf an, als ich,« erwiederte der Ritter,„zwar im Spott— waͤhrend ich— aber ich kann davon ſchweigen, wenn ich's auch nicht vergeſſen kann.« »Gut alſo, ich ſage Dir, daß ich einen Scrupel bei ddieſem Handel habe. Erinnerſt Du Dich, wie wir aus toller Luſtigkeit gingen, um den Pater Clemens predigen zu hoͤren, oder vielmehr, dieſe ſchoͤne Ketze⸗ rin zu ſehen, und er ſo ruͤhrend als ein Minſtrel davon ſprach, wie der reiche Mann dem armen ſein einziges Lamm wegnahm?«. „Etwas ſehr wichtiges, in der That,“« antwortete Sir John,„daß der aͤlteſte Sohn von dieſes. Kerls Weib den Prinzen von Schottland zum Vater hat! Wie mancher Graf wuͤrde ſich dieß Schickſal fuͤr ſeine ſchoͤne Graͤfin wuͤnſchen? und wie mancher, der das Gluͤck hat, ſchlaͤft darum um kein Haar ſchlimmer?⸗ »Und wenn ich wagen darf, zu ſprechen.“« fiel der Arzneikuͤnſtler ein,„ſo ſprachen die alten Geſetze Schottlands jedem Lehensherrn ein ſolches Recht auf ſeine weiblichen Vaſallen zu, wenn gleich Mangel an Muth und Geldgeiz zur Gewohnheit machten, es durch Geld abzuloͤſen.« „Ich brauche keinen Rechtsgrund, um artig gegen 10 ein huͤbſches Maͤdchen zu ſeyn; aber dieſe Catharine war immer kalt gegen mich,“ ſagte der Prinz. „Nun, Mylord,“ ſagte Ramorny,„wenn Ihr, jung, ſchoͤn und ein Fuͤrſt, Euch einem ſchoͤnen Maͤdchen nicht angenehm zu machen mißt, ſo hab' ich nichts mehr zu ſagen.“ „Und waͤre es nicht viel zu kuͤhn fuͤr mich wieder zu reden, ſo wollte ich ſagen,“ nahm Dwining das Wort,„daß ganz Perth weiß, wie wenig Gow Chrom des Maͤdchens Wahl, ſondern ihr nur von ihrem Va⸗ ter aufgezwungen war. Ich weiß gewiß, daß ſie ihn wiederholt ausſchlug.“ Nun, wenn Du uns das verſichern kannſt, ſo iſt der Fall ganz anders,“ ſagte Rothſay,„Vulcan war ſo gut ein Schmied, als Heinrich Wynd, und unſere Chroniken melden uns, was dabei herauskam.“ „Lang lebe Lady Venus und werde verehrt,“ ſagte 3 Sir John Namorny,„und Gluͤck dem tapfern Ritter Mars, der um ihre Goͤttinſchaft buhlt!« Das Geſpraͤch blieb eine Weile froͤhlich und heiter, aber Rothſay ließ dieſen Ton bald fallen.„Ich habe,“ ſagte er,„das Gefaͤngniß hinter mir, und doch will mein Muth nicht aufleben. Einige Muſik, die ſich ins Ohr ſtehle, aber nicht laut genug, uns die Au⸗ gen erheben zu machen, waͤre jetzt Goͤtterluſt.« Eure Gnaden braucht nur zu ſprechen, ſo ſind die Nymphen des Tay ſo guͤnſtig, als die Schoͤnen am Geſtade.— Horcht— es iſt eine Laute.“— 11 „Eine Laute!“ ſagte der Herzog von Rothſay hor⸗ chend,„ja, und herrlich geſpielt. Ich ſollte mich doch dieſes ſchmachtenden Lieds erinnern. Steuert gegen das Boot, aus dem die Muſik kommt.“ „Es iſt der alte Henſhaw,“ ſagte Ramorny,„der den Strom hinauf arbeitet.— He, Schiffer!« Der Bootsmann erwiederte den Gruß und legte ſich an die Barke des Prinzen. „Oho! meine alte Freundin!«c rief der Prinz aus, 4 als er Geſtalt und Kleidung der franzoͤſiſchen Saͤn⸗ ggerin Louiſe erkannte.„Ich denke, ich bin Dir noch etwas fuͤr Deinen Schrecken vom St. Valentinstag ſchuldig. Herein ins Boot mit Laute, Wachtelhund, Gepaͤck und Allem— ich will Dich bei einer Lady in Dienſt bringen, die ſelbſt Deinen Hund mit Capaunen und Canarienſekt fuͤttert.« „Eure Hoheit wird bedenken,« begann Ramorny. John. Ich bitte, ſey doch ſo hoͤflich, dieß auch zu be⸗ denken.«« „Wirklich in einer Lady Dienſt wollt Ihr mich bringen?« ſagte die Saͤngerin.„Und wo wohnt ſie?«⸗ „Zu Falkland,“ antwortete der Prinz. „O, ich habe von dieſer großen Dame gehoͤrt,« ſagte Louiſe,„und wollt Ihr mich in der That in die Dienſte Eurer koͤniglichen Gemahlin bringen?2« „Das will ich, auf Ehre— ſobald ich ſie dafuͤr anerkenne.— Hoͤrſt Du die Einſchraͤnkung, John,“⸗ fuuͤſterte er ſeitwaͤrts Ramorny zu. „Ich will nichts bedenken, als mein Vergnugen, 12 Die Leute, welche ſich in dem Boot befanden, faß⸗ ten die Nachricht auf, und ſchloſſen daraus, daß zwi⸗ ſchen dem koͤniglichen Paar eine Verſoͤhnung ſtatt fin⸗ den ſollte, weßwegen ſie Louiſen ermahnten, ihr Gluͤch zu benuͤtzen und ins Gefolge der Herzogin von Roth⸗ ſay zu treten. Einige boten ihr einen Lohn fuͤr die Uebung ihrer Talente. Waͤhrend dieſes Verzugs fluͤſterte Ramorny Dwi⸗ ning zu:„Mache ein Hinderniß, Schurke. Dieſe Zugabe iſt zu viel. Strenge deinen Witz an, indeß ich ein Wort mit Henſhaw ſpreche.“. „Wenn ich zu ſprechen wagen darf,« ſagte der Apotheker,„als ein Mann, der in Spanien und Ara⸗ bien ſtudirt hat, ſo moͤchte ich ſagen, Mylord, daß in j Edinburgh eine Seuche ausgebrochen iſt, und daß es viele Gefahr hat, dieſe Fremde in die Naͤhe Eurer Hoheit zu laſſen. „Ah, und was geht das Dich an,« war Rothſay's Antwort,„ob ich lieber durch die Peſt, als durch den Apotheker vergiftet werde? Mußt denn auch du noth⸗ wendig meinen Zorn reizen? Waͤhrend der Prinz auf dieſe Art Dwinings Vor⸗ ſtellungen zum Schweigen brachte, hatte Sir John Ramorny einen Augenblick ergriffen, um von Henſhaw zu hoͤren, daß die Entfernung der Herzogin von Roth⸗ ſay aus Falkland noch immer tiefes Geheimniß ſey⸗ und daß Catharine Glover dieſen Abend oder den folgenden Morgen in der Erwartung dort ankommen wuͤrde, unter den Schutz der edlen Lady zu treten, 4 13 Der Herzog von Rothſay, tief in Gedanken ver⸗ ſunken, nahm dieſe Meldung ſo kalt auf, daß ſich Ra⸗ morny Vorſtellungen erlaubte.„Dieß, Mylord,“«« ſagte er,„heißt das verzogene Gluͤckskind ſpielen. Ihr wunſcht Freiheit— ſie iſt da. Ihr verlangt nach Schoͤnheit— ſie erwartet Euch mit gerade ſo viel Verzug, um den Genuß noch koͤſtlicher zu machen. Selbſt Eure geringſten Wuͤnſche ſcheinen ein Geſetz fuür den Zufall; denn Ihr wollt Muſik hoͤren, waͤhrend ſie am fernſten ſcheint, und Laute und Geſang ſind zur Hand. Alles dieß, ſo gegeben, ſollte genoſſen werden, ſonſt ſind wir wie die Kinder, die das Spiel⸗ zeug zerbrechen und von ſich werfen, um das ſie ſich ſatt geweint haben.“ „Um Vergnuͤgen zu genießen, Ramerny,“ ſagte der Prinz,„muß man Schmerz empfunden haben, wie man faſtet, um Appetit zu bekommen. Wir, die wir Alles um den Preis eines Wunſches haben koͤnnen, freuen uns wenig, wenn wir es beſitzen. Siehſt du die dicke Wolke dort, die in Regen berſten will? Sie ſcheint mich zu erſticken— das Waſſer iſt truͤb und dunkel— das ufer hat ſeine ſchoͤne Geſtalt verloren.“ „Mylord, verzeiht Eurem Diener,“ ſagte Ramorny, „Ihr haͤngt einer maͤchtigen Einbildungskraft nach, wie ein ungeſchickter Reiter ein feuriges Roß ſich baumen laͤßt, bis es auf ſeinen Herrn zuruͤckfaͤllt und ihn erdruͤckt. Ich bitte Euch, rafft Euch aus dieſem Schlafe auf. Soll das Maͤdchen etwas ſingen?« 4 14 „»Ja, aber es muß melancholiſch feyn; alles Luſtige wuͤrde jetzt in meinem Ohr widerlich klingen.«⸗ Das Maͤdchen begann eine traurige Weiſe in nor⸗ maniſchem Franzoͤſiſch; die Worte, von denen das Folgende eine freie Ueberſetzung iſt, waren mit einem Ton begleitet, ſo melancholiſch, als ſie ſelbſt: Ja, ſeufze du, Noch einmal wende dein Geſicht Auf Strom und Land und Himmelslicht, Denn deines Lebens Faden bricht, Dir naht die Ruh.— So ruhe muͤd, 4 Indeß dein Puls noch klopfend ringt, Der Moͤnch die Meſſe murmelnd ſingt, Im Todtenton die Glocke klingt, Dein Leben flieht. Kurz iſt die Noth, Ein Bangen iſt's, das bebend ſteigt,. Ein Fieber, das dich kalt durchfleugt, 8 Und jedes Erdenuͤbel ſchweigt, Denn du biſt todt. Der Prinz ſagte nichts uͤber die Muſik, und das Maͤdchen begann auf Ramorny's Befehl von Zeit zu Zeit wieder zu ſingen, bis der Abend in Regen unter⸗ ging, der Anfangs mild und ſanft, bald aber in gro⸗ ßen Stroͤmen unter einem kalten Winde niedergoß. Der Prinz hatte weder Mantel noch Decken, ſchlug es duͤſter aus, als ihm Ramorny einen ſolchen anbot. „Es ſchickt ſich nicht fuͤr Rothſay, Eure abgelegten 15 Kleider zu tragen, Sir John— dieſem geſchmolzenen Schnee, den ich mir bis ins Mark dringen fuͤhle, ſetzte ich mich durch Eure Schuld aus. Warum woll⸗ tet Ihr das Boot abſtoßen laſſen, ehe meine Leute und meine Geraͤthe ankamen?« Ramorny verſuchte keine Entſchuldigung, denn er wußte, daß der Prinz in der Laune war, in der es angenehmer war, ſeine Beſchwerden zu behalten, als ſich mit irgend einer vernuͤnftigen Entſchuldigung den Mund ſtopfen zu laſſen. In truͤbem Schweigen oder unter unverhaltenem Aerger kamen ſie bei dem Fiſcher⸗ dorf Newburgh an. Die Geſellſchaft landete, und fand Roſſe bereit, die Ramorny laͤngſt fuͤr die Gelegen⸗ heit geruͤſtet hatte. Der Prinz ſpottete bitter uͤber ihre Geſtalt, und druͤckte dieſen Spott bald in offenen Worten, bald in Seitenhieben gegen Ramorny aus. Endlich ſtiegen ſie zu Pferde und ritten durch die finſtere Nacht und den fallenden Regen, indeß der Prinz immer mit raſt⸗ loſer Eile voranjagte. Die Saͤngerin, die auf ſeinen ausdruͤcklichen Befehl gleichfalls ein Pferd bekommen hatte, begleitete ſie und hielt, gluͤcklicherweiſe an ſtren⸗ ges Wetter und Strapatzen zu Fuß und zu Roß ge⸗ wohnt, die Anſtrengungen des naͤchtlichen Rittes ſo feſt als die Maͤnner aus. Ramorny war gendoͤthigt, ſich neben dem Prinzen zu halten, da er nicht wenig in Angſt war, dieſer moͤchte in ſeiner muͤrriſchen Laune ganz von ihnen wegreiten, in das Schloß irgend eines ergebenen Barons fliehen, und ſo der Schlinge ent⸗ 16 gehen, die ſie ihm gelegt hatten. Er litt daher an Leib und Seele unſaͤglich von der Reiſe.— Endlich nahm der Wald von Falkland ſie auf, und ein Blick des Mondes zeigte das dunkle und gewal⸗ tige Schloß, ein Eigenthum der Krone ſelbſt, obwohl damals an den Herzog von Albany geſchenkt. Auf ein gegebenes Zeichen ſiel die Zugbruͤcke. Fackeln glaͤnzten im Hof, Bedienten warteten auf, und der Prinz, den man vom Pferde half, wurde in ein Gemach gefuͤhrt, wo Ramorny und Dwining ihn bedienten und ihn baten, den Nath des Arztes anzunehmen. Der Herzog ſchlug es aus, befahl ſtolz, ſein Bett zu ruͤſten, und nachdem er eine Zeitlang in ſeinen naſſen Kleidern an einem großen Feuer geſtanden war, ver⸗ ließ er das Gemach, ohne von irgend Jemand Ab⸗ ſchied zu nehmen.. „Nun ſeht Ihr die muͤrriſche Laune des kindiſchen Knaben,« ſagte Ramorny zu Dwining,„koͤnnt Ihr Euch wundern, daß ein Diener, der ſo viel fuͤr ihn that, als ich, eines ſolchen Herrn muͤde iſt?«⸗ „Nein, wahrlich nicht,« ſagte Dwining,„dieß und die verſprochene Grafſchaft Lindores wuͤrde Jedermanns Frau erſchuͤttern.— Aber wollen wir dieſen Abend noch mit ihm anfangen? Er hat, wie Aug' und Wange Wahrheit ſagen, den Grund zu einem Fieber in ſich, das uns die Arbeit erleichtern wird, indeß ſie ein Werk der Natur ſcheint.«« „» Es iſt eine Gelegenbeit verloren,“ ſagte Ramorny, v„aber wir muͤſſen unſern Schlag verzoͤgern, bis er ———— dieſe Schoͤnbeit, Catharine Glover, geſehen hat. Sie mag nachher Zeugin ſeyn, daß ſie ihn kurz vorher ganz geſund und ſeiner Bewegungen maͤchtig ſah, ehe — Ihr verſteht mich?⸗ Dwining nickte bejahend und fuͤgte bei:„Es iſt keine Zeit verloren, denn es iſt leicht, eine Blume zu zerſtoͤren, die, weil ſie zu fruͤhe gebluͤht hat, er⸗ ſchoͤpft iſt.«« Dreißigſtes Kapitel. „Mit dem nächſten Morgen war die Stimmung des Herzogs von Rothſay verändert. Er klagte zwar noch über Schmerzen und Fieber, aber ſie ſchienen ihn eher zu reizen, als zu ſchwächen. Er war vertraulich gegen Ramorny, und ob er gleich über die vorige Nacht nichts ſagte, war es doch deutlich, daß er ſich an etwas er⸗ innerte, was er aus dem Gedächtniß ſeiner Begleiter zu verlöſchen wünſchte— die ſchlimme Laune, die er gezeigt hatte. Er war höflich gegen Jedermann und ſpaßte mit Ramorny über Eatharinens Ankunft:„Wie wird die ſchöne Spröde erſchrecken, wenn ſie ſich in einer Geſellſchaft von Männern ſieht, während ſie er⸗ wartet, unter die Hüte und Hauben von Dame Mae⸗ jory's Dienſtfrauen aufgenommen zu werden! Du ha doch nicht Viele vom zarten Geſchlecht unter deinem Haushalt, Ramorny? Walter Scott's Werke. 1568 Bochen. 2 — 18 „Nein, Niemand als die Sängerin und einige Haus⸗ mägde, die wir nicht entbehren können. Beilänfig, ſie fragte ängſtlich nach der Dame, in deren Dienſt Eure Hoheit ſie zu bringen verſprach.— Soll ich ſie ent⸗ laſſen, um ſelbſt nach Belieben für ſich zu jagen?“ „Keineswegs, ſie ſoll mir Catharine erheitern.— Und höre, wäre es nicht gut, das zümperliche Jüngfer⸗ chen mit einiger Mummerei zu empfangen?“ „Wie meint Ihr das, Mylord?2“ „Du biſt dumm, Menſch.— Wir wollen ſie nicht täuſchen, da ſie die Herzogin von Rothſay zu finden er⸗ wartet— ich will Herzog und Herzogin in einer Per⸗ fon ſeyn.“ 3 „Ich begreife immer noch nicht.“ „Niemand ſo dumm als ein Witzkopf,“ ſagte der Prinz, wenn er nicht gleich die Spur weg hat. Meine Herzogin, wie man ſie nennt, war in eben ſo großer Eile, von Falkkand wegzulaufen, als ich, dahin zu kom⸗ men. Beide haben wir unſer Gepäck zurückgelaſſen. Es iſt weibliches Lumpenwerk genug in der Garderobe, die an mein Schlafgemach ſtößt, um ein ganzes Carne⸗ val zu verſehen. Sieh, ich will die Lady Macjory ſpie⸗ len, mit einem Frauenſchleier und Weidenkranz auf dieſem Ruhbett liegend, um mich als Verlaßne zu be⸗ zeichnen; du wirſt für ihre Ehrendame aus Galloway, die Gräfin Hermigild, ſtarr und ſteif genug ausſehen und Dwinning ſoll die alte Hecate, ihre Amme, vor⸗ ſtellen— nur hat dieſe einen größern Bart auf der Oberlippe, als Dwining im ganzen Geſicht und von 19 Kopf bis zu Fuß. Er ſollte noch den Vorzug eines Bartes haben, um ſie gut zu ſpielen. Gib deine Kü⸗ chentrampeln und was du von ordentlichen Pagen haſt, um meine Kammerzofen zu machen.— Hörſt du?— ſogleich dran.“ Ramorny eilte ins Vorzimmer und theilte Dwining den Plan des Prinzen mit. „Sieh, wie du den Narren bei Laune hältſt,“ ſagte er,„mir iſts nicht darum zu thun, ihn viel zu ſehen, da ich weiß, was geſchieht.“ 1 „Ueberlaßt mir Alles, ſagte der Arzt, die Achſeln zuckend,„was iſt das für ein Schlächter, der dem Lamm die Kehle abſchneiden, aber ſein Blöcken nicht hören kann 2 „Ruhig, fürchte nichts für meine Feſtigkeit— ich kann nicht vergeſſen, daß er mich ſo gleichgültig ins Kloſter geſteckt hätte, als man den Schaft einer gebro⸗ chenen Lanze wegwirft. Geh'— aber halt— eh' du gehſt, dieſe kindiſche Mummerei zu beſorgen, muß et⸗ was geſchehen, um den Dummkopf Charteris zu täu⸗ ſchen. Wahrſcheinlich genug wird er, in der Meinung, die Herzogin von Rothſay ſey noch hier und Catharine Glover, ihre Dienerin, mit Anerbietung ſeiner Dienſte daher kommen, und zwar zu einer Zeit, da, wie ich dir kaum zu ſagen brauche, ſeine Gegenwart unbequem wäre.— Es iſt um ſo wahrſcheinlicher, da die Leute des eiſenköpſigen Ritters großer und zärtlicher Vorſorge für das Jüngferchen wärmere Namen geben. 8 2* „Mit dieſem einzigen Wink laßt mich gegen ihn ar⸗ beiten. Ich will ihm einen Brief ſenden, daß er für dieſen Monat ſich zu einer Reiſe in die Hölle ſo bereit hielte, als zu einer nach Falkland.— Könnt ihr mir den Namen des Beichtvaters der Herzogin ſagen?2 „Waltheof, ein Kapuziner. 5 „Gut, nun gehe ich.“ „In wenigen Minuten, denn er war ein Schreiber von ſeltener Behendigkeit, brachte Dwining einen Brief zu Stande, den er Ramorny einhändigte. „Das iſt vortrefflich und hätte dein Glück bei Roth⸗ ſay gemacht— ich glaube, ich wäre zu eiferſüchtig ge⸗ weſen, um dich in ſeine Dienſte zu bringen, außer jetzt, da ſeine Tage geſchloſſen ſind.“ „Lest ihn laut,“ ſagte Dwining,„daß wir ſehen, ob er gut weghüpft.“ Ramorny las wie folgt: „Auf Befehl unſrer hohen und mächtigen Fürſtin Macjory, Herzogin von Rothſay und ſo weiter, thun wir, Waltheof, unwürdiger Bruder des Ordens vom heiligen Franz, dir, Sir Patrick Charteris, Ritter von Kinfauns, zu wiſſen, daß Ihre Hoheit ſich ſehr über die Kühnheit wundert, mit der Ihr ein Mädchen zu Ihr geſchickt habt, über deren Ruf ſie nur ſchlimm ur⸗ theilen kann, daß ſie ohne Noth länger als eine Woche ohne weiblichen Umgang, als mit Bedienten auf einem Schloß gewohnt hat, von welchem unſchicklichen Be⸗ tragen das Gerücht durch Fife, Angus und Perthſhire gegangen iſt. Nichtsdeſtoweniger hat Ihre Hoheit in Betracht der neiſthlihen Schwachheit die Buhlerin 21 ¹ nicht mit Neſſeln peitſchen oder ſonſt harte Buße thun laſſen, ſondern da zwei gute Brüder aus dem Kloſter von Lindores, die Bäter Thickscull und Dundermore durch beſondern Befehl ins Hochland gerufen wurden, hat Ihre Hoheit ihrer Sorge das Mädchen Catharine übergeben, um ſie zu ihrem Vater zu führen, der, wie ſte hört, am Loch Tay ſich aufhält, unter deſſen Schutz ſie eine für ihre Fähigkeiten und Gewohnheiten geeig⸗ netere Lage finden wird, als im Schloß Falkland, ſo lang Ihre Hoheit, die Herzogin von Rothfay, darin wohnt. Sie hat den beſagten ehrwürdigen Brüdern aufgetragen, das Mädchen ſo zu behandeln, daß ſie zur Erkenntniß der Sünde der Unenthaltſamkeit komme und ſie empfiehlt dir Beichte und Reue. Unterzeichnet: Walthcof, auf Befehl einer hohen und mächtigen Prinzeſſin u. ſ. w. Als Ramorny geendet hatte, rief er aus:„Herrlich! herrlich! Dieſe unerwartete Weiſung wird Charteris toll machen! Er hat dieſer Lady lange eine Art von Huldigung gewidmet und ſich nun der Wolluſt verdäch⸗ tig zu finden, während er das volle Lob einer barm⸗ herzigen That erwartete, wird ihn ganz verwirren; und wie du ſagſt, es wird lange dauern, bis er hieher kommt, nach dem Jüngferchen zu ſehen, oder die Dame zu beehren.— Aber fort, zu deinem Maskenſpiel, wäh⸗ rend ich das rüſte, was dem Mas kenſpiel für immer ein Ende macht. 2 CEs war eine Stunde vor Mittag, als Catharine, 22 von dem alten Henſhaw und einem Diener des Rit⸗ ters von Kinfauns begleitet, vor dem Herrenſchloß Falkland ankam. Das große Banner, das darauf wehte, trug das Wappen von Rothſay, alle Diener, die erſchienen, trugen die Hausfarbe des Prinzen. Alles den allgemeinen Glauben beſtaͤrkend, daß die Herzogin noch da wohne. Catharinens Herz klopfte, denn ſie hatte gehoͤrt, die Herzogin habe ſo gut den Stolz, als den hohen Muth des Hauſes Douglas, und ſie war ungewiß uͤber die Art ihrer Aufnahme. Beim Eintritt ins Schloß bemerkte ſie, daß die Die⸗ nerſchaft kleiner war, als ſie erwartet hatte, aber da die Herzogin ganz zuruͤckgezogen lebte, ward ſie da⸗ durch wenig befremdet. In einer Art von Vorzim⸗ mer begegnete ihr ein kleines altes Weib, die vom Alter tief gebeugt ſchien und ſich auf einen Stab von Ebenholz ſtuͤtzte. „Wahrlich, du biſt willkommen, ſchoͤne Tochter,“ gruͤßte ſie Catharinen,„und zwar, wie ich ſagen darf, in einem Trauerhaus, und ich hoffe(hiebei gruͤßte ſie noch einmal), du wirſt meiner koͤſtlichen und koͤ⸗ niglichen Tochter, der Herzogin, ein Troſt ſeyn. Setze dich, mein Kind, bis ich ſehe, ob Mylady Zeit hat, dich zu empfangen. Ach, mein Kind, du biſt wahr⸗ lich ſehr ſchoͤn, wenn Unſre Frau dir eine Seele ge⸗ geben hat, die deinem Leibe gleicht.“ Sogleich kroch die vermummte Alte ins naͤchſte Gemach, wo ſie Roth⸗ ſay in ſeiner Maske und Ramorny im gewoͤhnlichen 23 Anzug traf, der ſich vom Antheil der Mummerei zu befreien gewußt hatte. „Du biſt ein koͤſtlicher Schuft, Sir Doctor,“ ſagte der Prinz,„bei meiner Ehre, ich glaube, du koͤnnteſt es uͤbers Herz bringen, das ganze Schauſpiel mit Liebhaberrollen und allem ſelbſt zu ſpielen.“ „Wenn es Eurer Hoheit Unruhe erſparte,“ ſagte der Apotheker mit ſeinem gewoͤhnlichen unterdruͤckten Lachen. „Nein, nein,“ ſagte Rothſay,„ich brauche deine Huͤlfe nicht— und ſage mir nur, wie ſeh' ich auf dieſem Lager aus— traͤge und damenhaft?“ „Geſicht und Mienen etwas zu fein fuͤr Lady Mar⸗ jory von Douglas, wenn es erlaubt iſt, dies zu ſagen,“ war des Arztes Antwort. „Fort, Schurke, und fuͤhre mir das ſchoͤne Eisſtuͤck herein— ſey ruhig, ſie ſoll mich nicht fuͤr weibiſch halten— und du, Ramorny, geh' auch.“ Als der Ritter das Gemach durch die eine Thuͤr verließ, fuͤhrte das vermeintliche alte Weib Catharine Glover durch die andere herein. Man hatte das Zimmer abſichtlich bis zur Daͤmmerung verdunkelt, daß Catharine ohne den geringſten Verdacht die weib⸗ liche Geſtalt auf dem Ruhebett erblickte. „Iſt dies das Maͤdchen?“ fragte Rothſays natuͤr⸗ lich zarte, nun aber abſichtlich wispernde Stimme.— „Laßt ſie hieher treten, Griſolde, und unſre Hand kuͤſſen.“ Die verkleidete Amme fuͤhrte das zitternde Maͤd⸗ 24 chen an die Seite des Bettes und hieß ſie nieder⸗ knieen. Catharine that dieß und kuͤßte mit vieler Ergebenheit und Einfalt die von einem Handſchuh bedeckte Hand, welche die vermummte Herzogin ihr bot. „Fuͤrchte nichts,“ ſagte dieſelbe muſikaliſche Stimme, „in mir ſiehſt du nur ein trauriges Beiſpiel von der Eitetkeit menſchlicher Groͤße— gluͤcklich die, mein Kind, die ihr Rang unter die Stuͤrme das Staates ſtellt.« 3 So ſprechend, ſchlug ſie die Arme um Catharinens Hals und zog ſie zu ſich, als wollte ſie ihr den Will⸗ kommkuß geben. Aber dieſer wurde mit einem Feuer gegeben, das ſo weit uͤber die Rolle der ſchoͤnen Be⸗ ſchuͤtzerin hinausging, daß Catharine, in der Mei⸗ nung, die Herzogin habe den Verſtand verloren, laut kreiſchte.„Still, Naͤrrchen! ich bins— Robert von Rothſay,“ ſagte der Prinz. Catharine ſah um ſich— die Amme war fort und als der Herzog ſeinen Schleier abriß, ſah ſie ſich in der Gewalt eines kecken, jungen Wuͤſtlings. „Nun ſey mit mir, Himmel!“ ſagte ſie,„und du wirſt es, wenn ich meiner ſelbſt nicht vergeſſe.“ Als dieſer Entſchluß ſich in ihrer Seele erhob, un⸗ terdruͤckte ſie ihre Luſt, zu kreiſchen und ſuchte, ſo viel als moͤglich, ihre Furcht zu verbergen. „Der Spaß hat ausgeſpielt,“ ſagte ſie mit ſo viel Feſtigkeit, als ſie annehmen konnte, darf ich Euere 25 Hoheit nun bitten, mich los zu kaſſen?“ denn Roth⸗ ſay hieſt noch immer ihren Arm feſt. Nein, ſchöne Gefangene, ſträubt Euch nicht— was fürch tet Ihr 2“ „Ich ſträube mich nicht, Mylord. Wenn es Euch gefällt, mich zurückzuhalten, will ich Euch nicht mit Gewalt zwingen, mich zu mißhandeln und Euch Schmerz zu erregen, ſobald Ihr denken köunt.“ „Die Verrätherin, du hielteſt mich Monate lang ge⸗ fangen„ ſagte der Prinz,„und willſt dich mir nicht auf einen Augenblicke ergeben 2* „Mylord, dieß wäre auf den Straßen von Perth artig geſagt, wo ich hören oder fliehen könnte— hier iſt es Tyrannei.“ „Und wenn ich dich gehen ließ, wohin würdeſt du fliehen?“ fragte Rothſay,„die Brücken ſind aufgezogen, die Fallgitter niedergelaſſen, und die Leute, welche mir folgen, ſind erſtaunlich taub gegen das Geſchrei eines blöden Mädchens. Sey daher nachgiebig, und du ſollſt erfahren, was es heißt, ſich einem Fürſten verbinden.“ „Laßt mich los, Mylord, und hört mich von Euch auf Euch ſelbſt mich berufen— von Rothſay auf den Prinzen von Schottland. Ich bin die Tochter eines niedern aber ehrlichen Bürgers; ich bin, wie ich wohl ſagen darf, die Braut eines tapfern und rechtlichen Mannes. Habe ich Eure Hoheit irgend zu dem auf⸗ gemuntert, was Ihr thatet, ſo geſchah es ohne Abſicht. Ich bitte Ench daher, Eure Gewalt über mich zu ver⸗ geſſen, und mich gehen zu laſſen. GEure Hoheit kann 26 von mir nichts erhalten, außer durch Mittel, die des Ritters und Mannes gleich unwerth ſind.“ „Ihr ſeyd kühn, Catharine,“ ſagte der Prinz,„aber weder als Ritter noch als Mann kann ich umhin, eine Aufforderung anzunehmen. Ich muß Euch lehren, wie gefährlich dergleichen iſt.“ Indeß er ſprach, verſuchte er wieder ſeine Arme um ſie zu ſchlagen, aber ſie entſchlüpfte ihm und fuhr in demſelben Tone entſchiedener Feſtigkeit fort: „Meine Kraft, Mylord, iſt ſo groß, um mich in ei⸗ nem ehrenfeſten Streit zu vertheidigen, als die Eure ſeyn kann, mich in der entehrendſten Abſicht anzugrei⸗ fen. Machet nicht Euch und mich ſchamroth, indem Ihr es zum Kampfe kommen laßt. Ihr könnt mich mit Schlägen betäuben, oder Hülfe herbeirufen, mich zu überwältigen, aber anders werdet Ihr Euren Zweck nicht erreichen.“ „Zu welch einem Thier willſt du mich machen!“ ſagte der Prinz.„Die Gewalt, die ich brauchen möchte, iſt keine andere, als die ein Mädchen entſchuldigt, wenn ſie ihrer Schwachheit nachgibt.“ Er ſetzte ſich etwas erſchüttert nieder. „So behaltet ſie,“ fuhr Catharine fort,„für Mäd⸗ chen, die eine ſolche Entſchuldigung wünſchen. Mein Widerſtand iſt der der entſchloſſenſten Seele, die je Ehrliebe und Furcht vor Schande begeiſterte. Ach, Mylord! würde es Euch gelingen, ſo würdet Ihr nur jedes Band zwiſchen mir und dem Leben zerreißen— wie zwiſchen Euch und der Ehre. Ich wurde falſch 27 hieher gelockt, durch welche Liſt, weiß ich nicht; aber müßte ich entehrt von hier weggehen, ſo wäre es, um jedem Lande in Europa den Zerſtörer meines Glücks anzuzeigen. Ich nähme den Wanderſtab in die Hand, und wo nur die Ritterlichkeit geehrt würde, oder Schottlands Namen gehört worden wäre, da würde ich den Erben von hundert Königen, den Sohn des gütigen Robert Stewart, den Nachkommen des Helden Bruce — einen falſchen, treuloſen Mann nennen, unwerth der Krone, die ihn erwartet, und der Sporen, die er trägt. Jede Dame im weiten Europa hielte Euren Namen für zu ſchlecht für ihren Mund— jeder würdige Ritter hielte Euch für einen verworfenen Elenden, der dem erſten Waffengelübde, dem Schutz der Frauen und der Vertheidigung des Schwachen untreu geworden.“ Rothſay nahm ſeinen Sitz wieder ein, und betrachtete ſte mit einer Miene, worin Zorn mit Bewunderung gemiſcht war.„Ihr vergeßt, mit wem Ihr ſprecht, Mädchen. Wißt, für die Auszeichnung, die ich Euch anbot, würden Hunderte, deren Schleppe zu tragen Ihr geboren ſeyd, dankbar ſeyn.“ „Noch einmal, Mylord, behaltet dieſe Gunſt für die, denen ſie ſchätzbar iſt; oder vielmehr, bewahret Eure Zeit und Geſundheit für andere und edlere Zwecke,— für die Vertheidigung Eures Landes und das Glück Eurer Unterthanen. Ach, Mylord! wie gern würde ein jauchzendes Volk Euch als ſeinen König empfangen! — Wie freudig würden ſie ſich um Euch ſammeln, wenn Ihr Verlangen zeigtet, ſie vor der Unterdrückung des 28 Mächtigen, der Gewaltthat des Geſetzloſen, der Ver⸗ führung des Laſterhaften und der Tyrannei des Heuch⸗ lers zu ſchützen!“ Der Herzog von Rothſay, deſſen beſſeres Gefühl ſo leicht erweckt wurde, als verſchwand, war durch die Begeiſterung des Mädchens gerührt:„Verzeiht, wenn ich Euch erſchreckt habe, Mädchen,“ ſagte er,„Ihr ſeyd zu edel, um das Spiel vorübergehender Leidenſchaft zu werden, wozu Ihr durch Irrthum beſtimmt waret, und ich hätte Euch, wäre auch Eure Geburt Eures edlen Geiſtes und Enrer großen Schönheit würdig, ich hätte Euch kein Herz zu geben; und nur Huldigung des Her⸗ zens darf um ein Mädchen werben, wie du biſte Aber meine Hoffnungen ſind verwelkt, Catharine— das ein⸗ zige Mädchen, das ich liebte, wurde mir durch den Willen der Staatskunſt entriſſen und mir ein Weib aufgedrungen, die ich immer verabſchenen müßte, und hätte ſie ſelbſt die ſanfte Milde, die allein ein Weib in meinen Augen liebenswürdig macht. Auch meine Geſundheit ſchwindet in der Jugend hin, und Alles, was mir übrig bleibt, iſt, ſo viel Blumen zu pflücken, als ich auf meinem kurzen Weg zum Grabe erlangen kann. Sieh meine ſchwindſüchtige Wange— fühle, wenn du willſt, meinen unterbrochenen Pulsſchlag, und bemitleide und entſchuldige mich, wenn ich, deſſen Rechte als Fürſt und Menſch man geraubt und mit Füßen ge⸗ treten hat, oft gleichgültig gegen die Rechte Anderer bin, und dem ſelbſtſüchtigen Verlangen nachgebe, dem flüchtigen Wunſch eines Angenblicks zu genügen.“. 1 29 „O Mylord!“ rief Catharine mit der Begeiſterung aus, die ihr eigen war—„ich will ſagen, mein theurer Lord— denn theuer muß der Erbe von Bruce jedem Kinde Schottlands ſeyn— laßt mich doch nicht ſolche Worte von Euch hören! Euer glorreicher Ahn trug Verbannung, Verfolgung, die Nacht des Hungers und den Tag des ungleichen Kampfs, um ſein Vaterland zu befreien— übt die nämliche Selbſtverläugnung, um Euch frei zu machen. Entreißt Euch denen, die ihren Weg zur Größe durch Nährung Eurer Laſter gebahnt finden. Mißtraut dem finſtern Ramorny!— Ihr kennt ihn nicht, das weiß ich!— Ihr könnt ihn nicht ken⸗ nen; aber der Elende, der die Tochter auf die Bahn der Schande drängen will, indem er das Leben des alten Vaters bedroht, iſt alles Schlechten fähig— alles fähig, was Verrath heißt!“ „Das that Ramorny?“ fragte der Prinz. „Er that es, Mylord, und kann es nicht läugnen.“ „Es ſoll unterſucht werden,“ antwortete der Herzog von Rothſay„ich habe aufgehört, ihn zu lieben; aber er hat viel um meinetwillen gelitten, und ich muß Sorge tragen, daß ſeine Dienſte ehrenvoll belohnt werden.“ „Seine Dienſte? O Mylord, wenn die Geſchichte Wahrheit ſagt, ſo zerſtörten ſolche Dienſte Troja, und gaben Spanien in die Hände der Ungläubigen.“ „Still, Mädchen; halte dich zurück, ich bitte dich,“ ſagte der Prinz aufſtehend,„unſer Geſpräch endet hier.“ „Noch ein Wort, Mylord Herzog von Rothſay,“ ſagte Catharine begeiſtert, und ihr Geſicht glich dem 30 eines warnenden Engels—„ich kann nicht ſagen, was mich antreibt, ſo kühn zu ſprechen; aber das Feuer brennt in mir und will herausſchlagen. Verlaßt das Schloß ohne eine Stunde Verzug! die Luft iſt Euch hier nicht heilſam. Entlaßt den Ramorny, ehe der Tag zehn Minuten älter iſt! ſeine Geſellſchaft iſt hüchſt ge⸗ fährlich.« „Welchen Grund haſt du, dieß zu ſagen?« „Keinen beſondern,“ war Catharinens Antwort, indeß ſie ſich über ihr raſches Feuer ſchämte,„keinen, außer vielleicht meine Furcht für Eure Sicherheit.“ „Eitle Furcht darf Bruce's Enkel nicht kennen.— He da, wer wartet draußen?“ Ramorny trat ein und verbeugte ſich tief vor dem Herzog und dem Mädchen, die er vielleicht als künf⸗ tige Favoritſultanin, und daher als berechtigt anſah, höfliche Aufwartung zu fordern. „Ramorny,“ ſagte der Prinz,„iſt unter der Diener⸗ ſchaft ein Weib von gutem Ruf, um dieſes Mädchen zu bedienen, bis wir ſie hinſenden können, wo ſie will?“ „Ich fürchte, wenn es Eurer Hoheit nicht mißfällt, die Wahrheit zu vernehmen,“ war die Antwort,„daß Eurer Gnaden Haushaltung nur wenig damit verſehen, und daß in der That die Sängerin noch die anſtän⸗ digſte iſt.“ „So laß ſie das Mädchen bedienen, wenn man 63 nicht beſſer haben kann.— Gedulde dich, mein Kind nur wenige Stunden.“ Catharine ging. 31 „Nun, Mylord, ſcheidet Ihr ſo bald von dem ſchönen Mädchen von Perth? das iſt nur die Grille des Sie⸗ gers.“ „Es iſt hier weder von Sieg, noch von Niederlage die Rede,“ entgegnete der Prinz trocken;„das Mäd⸗ chen liebt mich nicht; und ich liebe ſie nicht genug, um mich mit ihren Scrupeln zu quälen.“ „Der keuſche Malcolm, das Mädchen lebt in einem feiner Nachkommen wieder auf!“ ſagte Ramorny. „Begünſtigt mich, Sir, mit einiger Ruhe vor Eurem Witz, oder gebt ihm einen andern Lauf. Ich glaube, es iſt Mittag, und Ihr werdet mich verbinden, wenn Ihr die Tafel rüſten laßt.“ Ramorny verließ das Zimmer, aber Rothſay glaubte ein Lächeln auf ſeinem Geſicht zu entdecken, und der Gegenſtand des Spottes für dieſen Menſchen zu ſeyn, ſchmerzte ihn nicht wenig. Er lud jedoch den Ritter zur Tafel, und geſtattete ſelbſt Dwining dieſe Ehre. Die Unterhaltung war lebhaft und ausgelaſſen, ein Ton, den der Prinz aufmunterte, als wollte er damit ſeine ſittliche Strenge an dieſem Morgen gut machen, die Ramorny, der in alten Geſchichten beleſen war, die Keckheit hatte, mit Scipio's Enthalkiameeit zu ver⸗ gleichen. Das Mahl wurde troß der ſchwankenden Geſundheit des Herzogs in eitler Luſtigkeit weit über die Regeln der Mäßigkeit verlängert, und geſchah es nun wegen der bloßen Stärke des Weins, den er trauk, oder durch ſeine ſchwache Conſtitution, oder auch, was am wahr⸗ 32 ſcheinlichſten iſt, weil der letzte Wein, den er ſchluckte, von Dwining eine Beimiſchung erhielt, kurz, der Prinz fiel am Ende in einen tiefen Schlaf, aus dem es un⸗ möglich ſchien, ihn zu wecken. Sir John Ramorny und Dwining trugen ihn in ſein Gemach, ohne fremde Hülfe außer von Einer Perſon, die wir nachher nen⸗ nen werden. Den nächſten Morgen wurde ausgeſprengt, der Prinz leide an einer anſteckenden Krankheit, und damit ſie ſich nicht unter den Dienern verbreite, durfte Niemand ihn bedienen, als ſein ehemaliger Stallmeiſter, der Arzt Dwining und der Bediente, von dem oben die Rede war, einer von ihnen ſchien immer im Gemach zu blei⸗ ben, während die Andern im Verkehr mit dem Hauſe eine ſo ſtrenge Vorſicht gebrauchten, daß das Gerücht, er liege an einer ſchweren Seuche darnieder, erhalten wurde. Einunddreißigſtes Kapitel. Aber ganz anders war das Schickſal des mißleiteten Thronerben von Schottland geweſen, als es in der Stadt Falkland ausgeſtreut wurde. Sein ehrgeiziger Oheim hatte ſeinen Tod beſchloſſen, um die erſte und furchtbarſte Schranke zwiſchen ſeinem Hauſe und dem Thron zu entfernen. Jakob, der jüngere Sohn des 3³ Königs, war noch ein Knabe, der bei Gelegenheit leicht bei Seite geſchafft werden kounte. Ramorny's Abſich⸗ ten auf größere Macht, und die Rache, die er ſeit Kurzem gegen ſeinen Gebieter hegte, machte ihn zum bereitwilligen Werkzeug für Rothſay's Untergang. Dwining leitete dazu ſeine Geldſucht und natürliche Bosheit. Man beſchloß mit der berechnendſten Grau⸗ ſamkeit, alle Mittel zu vermeiden, die Zeichen gewaltſamen Todes hinterlaſſen würden, und das Leben durch Entzie⸗ hung jedes Heilmittels für einen ſchwachen und ange⸗ griffenen Körper von ſelbſt erlöſchen zu laſſen. Der Prinz von Schottland ſollte nicht ermordet werden, wie Ramoruy ſich bei einer andern Gelegenheit aus⸗ drückte,— er ſollte nur aufhören zu leben. Rothſay's Schlafgemach im Schloſſe Falkland war zur Ausführung des ſchauderhaften Planes ganz geeig⸗ net. Eine kleine, enge Wendeltreppe, von der man kaum etwas wußte, und die eine Fallthüre im Zimmer ſchloß, führte durch einen Gang, durch den der Lehns⸗ herr insgeheim und verkleidet die Bewohner dieſer furchtbaren Region beſuchen konnte, in die unterirdi⸗ ſchen Kerker des Schloſſes. Auf dieſer Treppe brachten die Verruchten den unempfindlichen Prinzen in den tief⸗ ſten Kerker des Schloſſes, ſo weit in den Eingeweiden der Erde, daß kein Geſchrei und Stöhnen vernommen werden konnte, indeß die Stärke der Thüre und der Schlöſſer, auch wenn der Eingang entdeckt worden wäre, lange Zeit der Gewalt getrotzt hätten. Bonthron, der nur zu dieſem Zweck vom Galgen gerettet wurde, war Waklter Scott's Werke. 1368 Boͤchen. 5 3 1 34 das thätige Werkzeug der unmenſchlichen Grauſamkeit Ramorny's gegen ſeinen verführten und verrathenen Herrn. 3 Dieſer Elende beſuchte den Kerker, als eben der tiefe Schlaf des Prinzen wich, und er zur Empfindung er⸗ wachend, ſich todteskalt, unfähig zur Bewegung und mit Feſſeln belaſtet fand, die ihm kaum geſtatteten, ſich von dem feuchten Stroh zu erheben, auf dem er lag. Sein erſter Gedanke war, er ſey in einem furcht⸗ baren Traum— ſein nächſter ließ ihn die Wahrheit dunkel ahnen. Er rief, lärmte, ſchrie endlich wie ra⸗ ſend— aber keine Hülfe kam, und blos das gewölbte Kerkerdach antwortete. Das Werkzeug der Hölle hörte dieſes Schreien der Verzweiflung, und berechnete es kalt gegen die Borwürfe und den Hohn, mit dem Rothſay ſeine ahnungsvolle Abneigung gegen ihn ausgedrückt hatte. Als der unglückliche Jüngling erſchöpft und hoffnungslos ſchwieg, beſchloß der Grauſame, ſich ſeinem Gefangenen zu zeigen. Die Schlöſſer raſſelten, und der Riegel fielz der Prinz ſtand auf, ſo weit es ſeine Ketten erlaubten — ein rother Lichtſtrahl, gegen den er die Augen ſchloß, ſtrömte durchs Gewölbe, und als er ſie wieder öffnete, ſah er die ſcheußliche Geſtalt eines Mannes, den er für todt halten mußte. Er ſank ſchaudernd zurück.„Ich bin verurtheilt und verdammt 1« rief er aus,„und der abſcheulichſte Teufel der Hölle wird geſandt, mich zu quälen?“ 3 „»Ich lebe, Mylord,“ ſagte Bonthron,„und daß auch 35 Ihr lebet und Euch des Lebens freuet, gefalle es Euch zu ſitzen, und Eure Speiſe zu eſſen.“ „Befreie mich von dieſen Eiſen,“ ſagte der Prinz— verlöſe mich aus dieſem Kerker— und ſo ſehr du ein Hund biſt, du ſollſt der reichſte Mann in Schottland ſeyn.“ „Gäbet Ihr mir das Gewicht Eurer Ketten in Gold, ſagte Bonthron,„ich wollte lieber das Eiſen an Euch ſehn, als ſelbſt den Schatz beſttzen!— Aber ſeht!— Ihr liebet ſonſt gute Speiſen— ſeht, wie ich für Euch ge⸗ ſorgt habe.“ Der Elende entfaltete ein Stück rohen Fells, mit dem er das Bündel bedeckt hatte, das er unter dem Arm trug, mit teufliſchen Lachen, und zeigte das Licht hin und herbewegend, dem unglücklichen Prinzen einen friſch abgehauenen Stierkopf; was in Schottland als ſicheres Zeichen des Todes galt. Er legte ihn auf den Fuß des Bettes oder vielmehr’ der Streu, worauf der Prinz lag.„Sey mäßig im Eſſen,“ ſagte er,„es wird wahrſcheinlich lange dauern, bis du wieder etwas bekommſt.“ „Sage mir nur etwas, Niedertraͤchtiger,“ fragte der Prinz,„weiß Ramorny um dieſe Behandlung.“ „Warum haͤtte er dich denn hieher gelockt? arme Schnepfe, du biſt gefangen!“ erwiederte der Moͤrder. Mit dieſen Worten ſchlug er die Thuͤre zu, die Riegel klirrten und der ungluͤckliche Prinz war der Einſamkeit, Finſterniß und Verzweiflung uͤberlaſſen. „O, mein Vater! mein prophetiſcher Vater!— Der 8* 56 Stab, auf den ich lehnte, iſt ein Speer geworden!“ — Wir wollen nicht bei den weiteren Stunden, ja Tagen köoͤrperlichen Kampfs und geiſtiger Verzweif⸗ ung uns aufhalten. Aber es war nicht des Himmels Wille, daß ein ſo großes Verbrechen ungeſtraft begangen werde. Catharinen Glover und der Saͤngerin, ob ſie gleich von den uͤbrigen Bewohnern des Schloſſes, die mit der Nachricht von des Prinzen Krankheit beſchaͤftigt ſchienen, vernachlaͤſſigt wurden, verſagte man die Er⸗ laubniß, das Schloß zu verlaſſen, ehe man wiſſe, wie dieſe ſchreckhafte Krankheit ſich ende, und ob ſie wirklich anſteckend ſey. Zum Umgang mit einander gezwungen, wurden die Maͤdchen ſich gegenſeitig Ge⸗ faͤhrtinnen, wo nicht Freundinnen, und die Ver⸗ bindung wurde noch etwas enger, als Catharine fand, daß es dieſelbe Saͤngerin war, wegen der Hein⸗ rich Wynd bei ihr in Ungnade fiel. Sie vernahm nun ſeine gaͤnzliche Unſchuld, und hoͤrte begeiſtert das Lob, das Louiſe auf ihren tapfern Beſchuͤtzer haͤufte. Auf der andern Seite verweilte die Saͤnge⸗ rin, welche Catharinens hoͤhern Rang und Charac⸗ ter wohl anerkannte, gern auf einem Gegenſtand, der ihr zu gefallen ſchien, und zeigte ihre Dankbar⸗ keit gegen den tapfern Waffenſchmied in der Wie⸗ derholung des kleinen Lieds:„Wie treu und kuͤhn,“ das lang ein Lieblingslied des ſchottiſchen Volkes war: 4 57 Wie treu und kuͤhn Die blaue Muͤtze ſchoͤn, Die Furcht und Luͤge nie geſehn! Sein Herz iſt ſeinem Worte treu Die Hand folgt ſeinem Schwerte frei— Europa durch, von Meer zu Meer Siehſt du den Blauhut nimmermehr! Wie Deutſchlands ſtolzer Kaͤmpe kriegt Und Frankreichs tapfrer Ritter fliegt In Schwert und Lanze nie beſiegt! Wie Englands Heldenſohn ſich regt Hoch ſchwingt die braune Axt und ſchlaͤgs In Frankreichs Anmuth, Englands Wehr Siehſt du den Blauhut nimmermehr! Kurz, ſo ſehr Louiſens verrufene Beſchaͤftigung un⸗ ter andern Umſtaͤnden ein Grund fuͤr Catharinen ge⸗ weſen waͤre, ihre Geſellſchaft nicht zu ſuchen, fand ſie doch in ihr, als ſie zuſammen gezwungen waren, eine demuͤthige und nachgiebige Geſellſchafterin. Sie lebten vier bis fuͤnf Tage ſo, und bereiteten ſich, um dem Angaffen, oder vielleicht auch der Unhoͤflichkeit der Bedienten zu entgehen, ihre Speiſe ſelbſt im Zimmer. Wenn es durchaus noͤthig war, mit den Leuten zu verkehren, ſo uͤbernahm Louiſe, die ſich mehr zu helfen wußte, durch Gewohnheit kecker und Catharinen zu Gefallen, das Geſchaͤft, vom Kuͤ⸗ chenmeiſter das Noͤthige zu ihrem kleinen Mahl zu 38 4 holen, und es mit der Gewandtheit ihres Landes zu bereiten. Die Saͤngerin war am ſechsten Tag in dieſer Abſicht weggegangen, kurz vor Mittag, und das Verlangen nach friſcher Luft, die Hoffnung, et⸗ was Salat oder Kuͤchenkraut, oder doch einige fruͤhe Blumen zu finden, um damit ihren Tiſch zu ſchmuͤ⸗ cken, hatte ſie in den Schloßgarten gelockt. Sie trat wieder in das Gemach, ſo blaß wie Aſche, und zit⸗ ternd wie Eſpenlaub. Ihr Schrecken ging ſogleich auf Catharinen uͤber, die kaum Worte fand, zu fra⸗ gen, welch' neues Ungluͤck vorgefallen ſey?— „Iſt der Herzog von Rothſay todt?“ „Nein, ſchlimmer! ſie laſſen ihn Hunger ſterben!“ „Du biſt wahnſinnig, Maͤdchen!« Nein, nein, nein, nein!« ſagte Louiſe faſt außer Athem, und die Worte ſo ſchnell herausſtoßend, daß Catharine ſie kaum verſtand.„Ich ſuchte Blumen auf Euern Tiſch, weil Ihr geſtern ſagtet, Ihr lie⸗ bet ſie— mein armer kleiner Hund, der ſich in ein Gebuͤſch von Eiben und Hollunder ſchlich, das aus einigen alten Ruinen nahe an der Schloßmauer wuchs, kam winſelnd und heulend zuruͤck— ich ſchlich mich hin, um zu ſehen, was die Urſche ſey; und o! ich hoͤrte das Stoͤhnen eines im Todeskampfe be⸗ griffenen Menſchen, aber ſo ſchwach, daß es aus der Tiefe der Erde ſelbſt heraus zu kommen ſchien. End⸗ lich merkte ich, daß es aus einer kleinen Mauerritze 1 hervorkam, die mit Epheu bedeckt war, und als ich 4 39 das Ohr genau an die Oeffnung legte, hoͤrte ich deutlich des Prinzen Stimme ſagen;„Nun kann's nicht mehr lange dauern,“ und denn verſank er in etwas, wie ein Gebet.“ „Gnädiger Himmel!— ſpracht Ihr mit ihm?“ „ch ſagte: ſeyd Ihr's Mylord? und die Antwort war:„„Wer ſpottet mich mit dieſem Namen?— Ich fragte ihn, ob ich ihm helfen könne, und er ant⸗ wortete mit einer Stimme, die ich nie vergeſſen werde: „„Speiſe! Speiſe! ich ſterbe Hungers! So kam ich hie⸗ her, es Euch zu ſagen.— Was iſt zu thun?— Sol⸗ len wir das Haus in Bewegung ſetzen?— „Ach! das würde ihm eher Untergang, als Hülfe bringen,“ ſagte Catharine. „Und was ſollen wir denn thun?« fragte Louiſe. 4„Ich weiß es noch nicht,“ war Cathaxinens Antwort, die bei plötzlichen Vorfällen beſonnen und entſchloſſen war, wenn ſie gleich in gewöhnlichen Umſtänden ihrer Gefährtin an Erfindungsgabe nachſtand.„Ich weiß es noch nicht— aber Etwas wollen wir thun, das Blut von Bruce darf nicht hülflos ſterben.“ Mit die⸗ ſen Worten ergriff ſie die kleine Schüſſel, worin ihre Speiſe enthalten, und das Fleiſch, wovon ſie bereitet war, wickelte einige dünne Kuchen, die ſie gebacken hatte, in die Falten ihres M antels, bat ihre Gefähr⸗ tin, ihr mit einem Gefäß Milch zu folgen, und eilte in den Garten. 1 „So, unſere ſchöne Veſtalin geht? ſagte der einzige Mani⸗ dem ſie begegnete und der ein Bedienter war⸗ aber Eatharine ging, ohne es zu bemerken und zu ant⸗ worten, vorüber, und erreichte ohne weitere Unterbre⸗ den kleinen Garten. Louiſe zeigte ihr einen Trümmerhaufen, der mit Ge⸗ ſtrippe bedeckt, der Schloßmauer nahe lag. Es war ohne Zweifel ein ehemaliger Vorſprung des Gebäudes, und die kleine Oeffnung des Gebäudes, die in den Ker⸗ ker ging, hatte ſich in demſelben geendet. Aber die Spalte wurde nach und nach größer, und ließ einen ſchwachen Lichtſtrahl hinein, der aber von denen nicht bemerkt werden konnte, die das Gewölbe mit Fackeln beſuchten.„Hier iſt Todesſtille,“ ſagte Catharine, nach⸗ dem ſie eine Weile aufmerkſam gelanſcht hatte.— „Himmel und Erde; er iſt todt.“ „Wir müſſen etwas wagen,“ flüſterte die Gefährtin „und ließ die Finger über die Sauten der Guitarre laufen. Ein Seufzer war die einzige Antwort aus der Tiefe des Kerkers. Catharine wagte zu ſprechen:„Ich bin hier, Mylord!— ich bin hier mit Speiſe und Trank.“ „Ha! Ramorny— der Spaß kommt zu ſpät— ich ſterbe,“ ſagte der Herzog. „Sein Kopf iſt verwirrt und kein Wunder,⸗ dachte Catharine,„aber ſo lang er Leben hat, iſt Hoffnung vorhanden.“— „Ich bins, Mylord, Catharine Glover— ich habe Speiſe, wenn ich ſte nur ſicher zu Euch bringen könnte.* „Gott ſegne Dich! ich glaubte, der Schmerz ſey vor⸗ 41 uber, aber es glüht wieder in mir, wenn ich von Speiſe reden höre.“ 1 „Die Speiſe iſt hier, aber wie, ach! wie ſoll ich ſie zu Euch bringen? Die Ritze iſt ſp eng, und die Mauer ſo dick. Doch es gibt ein Mittel— ich habe es. Schnell Louiſe, ſchneide mir einen Weidenzweig ab, den längſten, den Du finden kannſt.“ Die Sängerin gehorchte, und Catharine ſchnitt einen Spalt in die Spitze des Zweiges, und ließ daran mehrere Stücke Kuchen hinab, die ſie in die Brühe tauchten, damit ſte zugleich als Speiſe und Trank dienten. Der unglückliche junge Mann aß wenig und mit Mühe, aber er betete tauſend Segnungen auf das Haupt ſeiner Tröſterin herab.„Ich hatte Dich zur Sclavin meiner Laſter beſtimmt,“ ſagte er,„und doch ſuchſt Du mein Leben zu erhalten, aber geh' und rette Dich ſelbſt.“ „Ich will mit Speiſe zurückkehren, wenn ich Gele⸗ genheit finde,“ ſagte Catherine, als eben die Sängerin ſie am Aermel zupfte und bat, ſtille ſtehen zu bleiben. Beide verbargen ſich unter den Trümmern, und hörten die leiſen Stimmen Ramorny's und des Arztes. „Er iſt ſtärker, als ich dachte,“ ſagte der erſte in tiefem krächzendem Tone.„Wie lange hielt Dalwolſey aus, als der Ritter von Liddesdale ihn in ſein Schloß von Hermitage einkerkerte? »Vierzehn Tage,« antwortete Dwining,„aber er war ein ſtarker Mann, und hatte einige Hülfe durch das Korn, das aus einer Scheune über ſeinen Kerker her⸗ abfiel.“ d 42 „Wär' es nicht beſſer, die Sache ſchneller zu enden? „Der ſchwarze Donglas naht. Er iſt nicht in Albany's Geheimniß, und wird den Prinzen zu ſehen verlangen. Es muß Alles vorbei ſeyn, bis er kommt.“ Sie gingen in ihrem finſtern und unglückſchwangerrn Geſpräch vorüber. „Nun gewinnen wir das Schloß,“ ſagte Catharine zu ihrer Gefährtin, als ſie ſah, daß beide den Garten verlaſſen hatten.„Ich hatte für mich einen Plan zum Entkommen— ich will ihn zum Rettungsplan für den Prinzen machen. Die Viehmagd geht um Veſperzeit ins Schloß, und läßt gewöhnlich ihren Mantel am Eingange liegen, indeß ſie ihre Milch zum Küchenmei⸗ ſter trägt. Nimm du den Mantel, verhülle dich wohl damit, und gehe keck am Wächter vorbeiz er iſt um dieſe Stunde meiſt betrunken, und du wirſt, wie die Viehmagd, unangerufen durch Thor und Brücke kom⸗ men, wenn du dich nur keck benimmſt. Dann fort zum ſchwarzen Douglas, er iſt unſere nächſte und einzige Hülfe.“ „Aber,“ ſagte Louiſe,„iſt das nicht der furchtbare Lord, der mir Schande und Strafe drohte?“ „Glaube mir,“ entgegnete Catharine,„Leute, wie du oder ich, bleiben Douglas keine Stunde im Gedächt⸗ niß, weder in Gutem noch Böſen. Sag' ihm, daß ſein Eidam, der Prinz von Schottland, ſtirbt— durch Ver⸗ räther den Hungertod ſtirbt— im Schloſſe Falkland, und du wirſt dir nicht blos Verzeihung, ſondern auch Lohn verdienen.“ 43 „Ich will beinen Lohn,“ ſagte Louiſe,„die That wird ſelbſt lohnen. Aber mich dünkt, zu bleiben, iſt gefähr⸗ licher als zu gehen— laß alſo mich bleibeu und den Prinzen nähren und geh du, um Hülfe zu holen. Töd⸗ ten ſie mich vor deiner Rückkehr, ſo hinterlaſſe ich dir meine gute Leier und bitte dich, ſey barmherzig gegen meinen armen Charlot.“ „Nein, Louiſe, du biſt eine minder auffallende und erfahrene Reiſende als ich— geh— und findeſt du mich bei deiner Rückkehr todt, was leicht ſtatt finden kann, ſo gib meinem armen Vater dieſen Ring und eine Locke von meinem Haar und ſage, Catharine ſey geſtorben, um den Enkel von Bruce zu retten. Dieſe andere Locke gib Heinrich und ſage ihm, Catharine habe ſeiner bis zum letzten Augenblicke gedacht, und wenn ſte wegen des Blutes Anderer zu gewiſſenhaft gegen ihn geweſen ſey, ſo ſey dieß nicht geſchehen, weil ſie ihr eigenes geachtet habe.« 8 Sie ſchluchzten und fielen einander in die Arme; die Stunden bis zum Abend verfloſſen mit Berathungen über eine beſſere Art, den Gefangenen mit Nahrung zu verſehen und mit Verfertigung einer, aus ineinander geſchobenen hohlem Schilf zuſammengeſetzten Röhre, ver⸗ mittelſt der ſie ihm Getränke zuſchaffen wollen. Die Glocke der Dorfkirche zu-⸗Falkland läutete zur Veſper. Die Viehmagd oder Pachtfrau(Dey genannt) kam mit ihren Gefäſſen herein, um die Milch für die Haushal⸗ tung abzugeben, und Neuigkeiten zu erzählen und zu hören. Sie war kaum in die Küche getveten, als die 44 Saͤngerin ſich noch einmal in Catharinens Arme warf, ſie ihrer wandelloſen Treue verſicherte, und das Hünd⸗ chen unterm Arm, ſtill die Treppe hinunter ſchlich. Einen Augenblick ſpäter ſah die athemloſe Catharine ſie im Mantel der Pachtfrau, geſetzten Ganges über die Zugbrücke wandeln. „He!“ rief der Wächter,„Ihr kommt heute Abend bald zurück, May Bridget? Wenig Freude im Schloß — nicht wahr?— kranke Zeit, traurige Zeit.“ „Ich habe mein Kerbholz vergeſſen,“ ſagte die beſoa⸗ nene Franzöſin,„und bin ſo ſchnell zurück, als man einen Milcheimer ausſchöpft.“ Sie ging fort und ſchlug, das Dorf vermeidend, einen Fußpfad durch den Park ein. Catharine athmete nun frei, und daukte Gott, als ſie ſie in der Ferne ver⸗ ſchwinden ſah. Noch eine ängſtliche Stunde dauert⸗ es, bis man die Flucht der Sängerin entdeckte. Dieß geſchah, ſobald die Magd, die ſich eine Stunde zu einem Geſchäft genommen hatte, zu dem zehn Minuten hin⸗ reichten, zurückkehren wollte, und fand, daß Jemand ihren grauen Friesrock weggenommen hatte. Sogleich wurde geuaue Unterſuchung angeſtellt; endlich erinner⸗ ten ſich die Mägde der Sängerin, und wagten zu flü⸗ ſtern, dieſer könne es wohl eingefallen ſeyn, ein altes Kleid für ein neues auszutauſchen. Der Wächter wurde ſtreng befragt und gab an, er habe die Milchmagd gleich nach der Veſperglocke hinausgehen ſehen, und als dieſe ſelbſt es läugnete, ſagte er, ſo könne es Niemand als der Teufel geweſen ſeyn. 45 Als man jedoch die Saͤngerin nirgends fand, ließen ſich die wahren Umſtände leicht errathen, und der Haus⸗ hofmeiſter meldete Sir John Ramorny und Dwining, die man nun kaum noch getrennt ſah, die Flucht einer ihrer Gefangenen. Alles erweckt den Argwohn des Schuldbewußten. Sie ſahen einander mit unzufriedenen Geſichtern an, und begaben ſich ſofort miteinander in Catharinens niederes Gemach, um ſie wo möglich mit der Unterſuchung über Louiſens Verſchwinden zu über⸗ raſchen. „Wo iſt deine Gefährtin, Mädchen?“ fragte Ra⸗ morny im Tone rauhen Ernſtes. „Ich habe hier keine Gefährtin,« antwortete ſie. „Keine Ausflüchte,“ ſagte der Ritter,„wo iſt die Sängerin, die zuletzt mit Euch auf dieſem Zimmer wohnte?“ „Sie iſt fort, ſagt man mir, vor einer Stunde.“ „Und wohin?“ fragte Dwining. „Wie ſollt' ich wiſſen,“ antwortete Catharine,„wo⸗ hin es einer Pilgerin von Handwerk zu wandern beliebt? Sie war ohne Zweifel des einſamen Lebens müde, das von den Feſten und Tänzen, wohin ihr Gewerbe ſie führt, ſo verſchieden iſt. Sie iſt fort, und es iſt ein Wunder, daß ſie ſo lange blieb.“ „Dieß iſt Alles, was Ihr uns zu ſagen habt?“— „Alles, was ich Euch zu ſagen habe, Sir John,⸗ antwortete Catharine feſt,„und wenn der Prinz von Schottland ſelber fragt, weiß ich nichts weiter.“ „Es hat wenig Gefahr, damit, daß er Euch wieder 46 die Ehre gibt, Euch in Perſon zu ſprechen,“ ſagte Ra⸗ morny,„ſelbſt wenn Schottland dem Unglück entgeht, durch ſeinen Tod elend gemacht zu werden.“ „Iſt der Herzog von Rothſay ſo übel?“ fragte Ca⸗ tharine. „Keine Hülfe, als beim Himmel,“ ſagte Ramorny, aufwärts blickend. „So möge von da Hülfe tommen, wenn die menſch⸗ liche nichts nützt,“ erwiederte Catharine. „Amen!“ ſprach Ramorny, mit dem entſchiedenſten Ernſt, während Dwining ein Geſicht annahm, das der Wiederſchein dieſes Gefühls ſeyn ſollte, obgleich es ihm ein ſchmerzlicher Kampf ſchien, ſein höhniſches aber ſtil⸗ les Triumphgelächter zu unterdrücken, das beſonders durch alles Religiöſe erregt wurde. „Und es ſind Menſchen— ſterbliche Menſchen, keine eingefleiſchte Teufel, die ſo den Himmel anrufen, indeß ſie das Herzblut ihres unglücklichen Herrn tropfenweiſe verzehren!« murmelte Catharine, indeß ihre zwei In⸗ quiſitoren getänſcht hinausgingen—„warum ſchlaft der Donner?— Aber er wird bald rollen, und, o! möge er nicht blos ſtrafen, ſondern auch retten!“ Da die Stunde des Mittagmahls die einzige Zeit war, da Alles im Schloſſe ſich ſonſt beſchäftigte, ſo glaubte Catharine die beſte Gelegenheit zu haben, ſich mit der geringſten Gefahr der Beobachtung an die Mauerritze zu wagen. Während ſie auf die Stunde wartete, bemerkte ſie einige Bewegung im Schloſſe, das ſeit der Einzerkerung des Herzogs von Rothſay 47 ſtill wie das Grab geweſen war. Das Fallgitter wurde niedergelaſſen und aufgezogen, und unter das Krachen der Maſchine miſchte ſich Roſſegetrappel, und Bewaff⸗ nete auf dampfenden und ſchäumenden Pferden ritten ab und zu. Sie ſah auch von ihrem Fenſter, daß alle Bedienten, die ihr in die Augen ſielen, bewaffnet wa⸗ ren. Ob all dieſem klopfte ihr Herz hoch, denn es ließ das Nahen der Hülfe hoffen, und außerdem ließ das Getümmel den kleinen Garten einſamer als je. Endlich kam die Mittagsſtunde; ſie hatte Sorge ge⸗ tragen, unter dem Vorwand ihrer eigenen Bedürfniſſe, denen der Küchenmeiſter gerne zu genügen ſchien, ſich die Speiſeartikel zu verſchaffen, die ſich am leichteſten zu dem unglücklichen Gefangenen bringen ließen. Sie flüſterte, um ihm ihre Gegenwart kund zu thun.— Keine Antwont.— Sie ſprach lauter, aber Alles ſchwieg. „Er ſchläft,“— murmelte ſie halblaut und mit einem Schauder, dem ein Zuſammenfahren und ein Schrei ffolgte, hörte ſie eine Stimme hinter ſich antworten: „Ja, er ſchläft— aber für immer.“ Sie ſah um ſich— Sir John Ramorny ttand i in voller Rüſtung, aber mit aufgeſchlagenem Helmviſier und einem Geſichte hinter ihr, das mehr einem Manne glich, der zu ſterben, als der zu kämpfen im Begriffe iſt. Er ſprach mit ernſtem Tone, der zwiſchen dem des ruhigen Beobachters einer merkwürdigen Begebenheit, und dem des thätigen Theilnehmers an ihr, mitten inne lag. »Catharine,“ ſagte er,„es iſt Alles wahr, was ich 3 48 Euch ſage. Er iſt todt— Ihr habt Euer Beſtes an ihm gethan— Ihr könnt nichts mehr thun.* „Ich will es nicht— ich kann es nicht glauben,“ ſagte Catharine.„Der Himmel ſey mir gnädig! Es könnte einen an der Vorſehung zweifeln machen, wenn man denkt, es ſey ein ſo großes Verbrechen begangen worden.“* „Zweiflet nicht an der Vorſehung, Catharine, wenn ſte auch geduldet hat, daß der Verworfene durch ſeine eigenen Rathſchläge ſiel.— Folgt mir, ich habe Euch etwas zu ſagen, das Euch wichtig iſt. Ich ſage, folgt mir,“ fuhr er fort, als ſie zauderte,„wenn Ihr nicht lieber der Gnade des thieriſchen Bonthron, und des Arzneikünſtlers Henbane Dwining überlaſſen ſeyn wollt.“ „Ich will Euch folgen,“ ſagte Catharine,„Ihr könut mir nicht mehr thun, als Euch erlaubt iſt. Er führte ſie in das Schloß, und ſtieg Treppe um Treppe und Leiter um Leiter hinauf. Catharinens Entſchluß wankte.„Ich folge Euch nicht weiker,s« ſagte ſie,„wohin wollt Ihr mich führen?— Iſt's zum Tod, ſo kann ich hier ſterben?* „Nur auf die Zinnen des Schloſſes, Närrin,“ ſagte Ramorny, indem er eine verriegelte Thüre aufſtieß, die auf das Gewölbe des Schloßdaches ging, wo man ſo⸗ genannte Mangonels(Kriegsmaſchinen, mit denen man Pfeile oder Steine warf) und tüchtige Bogen rüſtete, und Steine zuſammenhäufte. Aber der Vertheidiger waren nicht mehr als zwanzig, und Catharine glaubte Zweifel und Unentſchloſſenheit unter ihnen zu ſehen. 49 „Catharine,“ ſagte Ramorny,„ich darf dieſe Stelle nicht verlaſſen, weil es meine Vertheidigung verlangt; aber ich kar hier ſo gut mit Euch reden, als ſonſt irgend wo.“ „Sprecht,“ antwortete Catharine,„ich bin bereit zu hören.“ „Ihr habt Euch ſelbſt, Catharine, in ein blutiges Geheimniß eingedrängt. Habt Ihr die Feſtigkeit, es zu bewahren?“ „Ich verſtehe Euch nicht, Sir John,“« erwiederte das Mädchen.. „Hört. Ich habe den Herzog von Rothſay, meinen ehemaligen Gebieter, getödtet— ermordet, wenn Ihr wollt. Der Lebensfunke, den Eure Gutmüthigkeit nähren wollte, war leicht erſtickt. Seine letzten Worte waren an ſeinen Vater gerichtet. Ihr ſeyd ohnmächtig. — Faßt Euch— Ihr habt noch mehr zu hören. Ihr kennt das Verbrechen, aber nicht die Beleidigung. Seht! 1 Dieſer Handſchuh iſt leer— ich verlor meine rechte Hand für ihn; und als ich nicht mehr im Stande war, ihm zu dienen, wurde ich wie ein abgelebter Hund weggeworfen, über meinen Verluſt geſpottet, und mir ein Kloſter ſtatt der Säle und Paläſte, in denen meine natürliche Sphäre war, empfohlen! Daran denket— bemitleidet mich und helft mir.“ „Wie könnt Ihr Hülfe von mir verlangen,“ ſagte das zitternde Mädchen,„ich kann weder Euren Verluſt erſetzen, noch Euer Verbrechen auslöſchen.“ „Du kannſt ſchweigen, Catharine, von dem, was du Walter Scott's Werke. 1508 Bochen. 4 — . 50 dort im Dickicht geſehen und gehört haſt. Es iſt nur⸗ eine kurze Vergeſſenheit, die ich von Dir verlange, denn Deinem Wort glaubt man, wie ich weiß, ob Du die Sache bekräftigſt oder leugneſt. Was Deine markt⸗ ſchreieriſche Gefährtin, die Ausländerin, betrifft, ſo wird ihr Wort Niemand einer Nadelſpitze werth halten. Willſt Du mir dieß zugeſtehen, ſo nehme ich Dein Ver⸗ ſprechen für meine Sicherheit und öffne den Aurücken⸗ den das Thor. Verſprichſt Du mir nicht Sicherheit, ſo vertheidige ich das Schloß bis Alle gefallen ſiud, und ſchleudere Dich rücklings von dieſen Zinnen. Ja ſieh nur hinab,— es iſt kein Sprung, den man ſo leicht verachtet. Sieben Treppen gingſt Du mit An⸗ ſtrengung und kurzem Athem herauf, aber Du ſollſt in kürzerer Zeit vom Giebel bis auf den Grund kom⸗ men, als Du einen Seufzer ausſtößeſt! Sprich das Wort, ſchönes Mädchen, denn Du redeſt mit einem Mann, der Dir nicht ſchaden will, aber feſt bei ſeinem Vorſatze beharrt.“ Catharine ſtand, von Schrecken erſtarrt und unfähig, einem ſo verzweifelt ſcheinenden Menſchen zu antwor⸗ ten; aber die Autwort wurde ihr durch Dwinings Heran⸗ kommen erſpart. Dieſer ſprach mit deuſelben demüthi⸗ gen Höflichkeiten, die ihm ſonſt eigen waren, und mit ſeiner gewöhnlichen unterdrückten Ironie, die ſeine Unterwürfigkeit Lügen ſtrafte.— „Ich thue Unrecht, edler Sir, mich Eurer Tapferkeit aufzudrängen, wenn Ihr mit einem ſchönen Mädchen 51 beſchäftigt ſeyd. Aber ich komme, um eine unbedeu⸗ tende Frage zu thun.“. »„Sprich, Quäler,« ſagte Ramorny,„üble Nachrichten ſind dir Kurzweil, ſelbſt wenn ſie dich angehen, wenn nur auch Andere darunter leiden. „Hm!— hi, hi! ich wollte nur wiſſen, ob Euere Herrlichkeit das ritterliche Geſchäft, das Schloß zu vertheidigen, mit Eurer einzigen Hand— ich bitte um Verzeihung— mit Euerem einzigen Arm, wollte ich ſagen, verſehen wollt? Es iſt des Frageus werth, denn ich bin bei der Vertheidigung zu nichts gut, außer wenn Ihr die Belagerer überreden könnt, Arznei zu neh⸗ men— hi, hi, hi! und Bonthron iſt ſo betrunken, als Bier und Branntwein ihn machen können— und ihr, er und ich ſind die ganze Beſatzung, die zum Wider⸗ ſtand geneigt iſt.“. »Wie!— Wollen die andern Hunde nicht fechten?“ fragte Namorny. 3 „Nie ſah ich Leute, die weniger Luſt zu der Sache zeigten,“ autwortete Dwining.—„Niemals. Aber da kommt ein Paar von ihnen. Venit extrema dies.— Hi, hi, hil« Eviot und ſein Gefährte kamen nun mit Mienen düſterer Entſchloſſenheit, wie Menſchen herbei, die der Macht, welcher ſie ſo lange gehorcht hatten, den Gehorſam aufzukündigen gedenken. „»Was gibts!“ ſagte Ramorny, ihnen entgegen tretend, »warum von Euern Poſten?— Warum habt Ihr die Warte verlaſſen, Eviot?— Und Ihr, anderer Burſche, trug ich Euch nicht auf, nach den Geſchoſſen zu ſehen?2⸗ 4 5² „Wir haben Euch etwas zu ſagen, Sir John Ra⸗ morny,“ antwortete Eviot.»Wir wollen nicht in dieſem Streit fechten.“ „Wie— meine eigenen Knappen wollen mich mei⸗ ſtern?“— ſagte Ramorny. „Wir waren Euere Knappen und Pagen, Mylord, ſo lange Ihr in des Herzogs von Rothſay Dienſten ſtandet— man ſagt, der Herzog lebe nicht mehr— wir verlangen die Wahrheit zu wiſſen.“ „Welcher Verraͤther wagt ſolche Luͤgen zu verbrei⸗ ten?“ fuhr Ramorny auf. „Alle, welche ausgegangen ſind, um den Park zu beſetzen, und ich ſelbſt unter andern, brachten dieſelbe Nachricht zuruͤck. Die Saͤngerin, die geſtern das Schloß verließ, hat uͤberall dieſes Geruͤcht verbreitet. Der Herzog von Rothſay ſey ermordet oder an der Pforte des Todes. Douglas ruͤckt mit ſtarker Macht auf uns los.“ „Und Ihr, Memmen, gebraucht ein eitles Geruͤcht, um Euern Herrn zu verlaſſen?“ ſagte Ramorny un⸗ willig. „Mylord,“ ſagte Eviot,„laß Buncle und mich den Herzog von Rothſay ſehen und ſeine perſoͤnlichen Be⸗ fehle empfangen, und wenn wir nicht zur Vertheidi⸗ gung des Schloſſes bis zum Tode fechten, ſo moͤge man mich an ſeinen hoͤchſten Thurm haͤngen. Iſt er aber an einer natuͤrlichen Krankheit geſtorben, ſo uͤbergeben wir das Schloß dem Graſen Douglas, der, wie man ſagt, des Koͤnigs Statthalter iſt.— Oder 5³ wenn— was der Himmel verhuͤte!— dem edeln Prinzen ſchlimm mitgeſpielt, wollen wir uns nicht in die Schuld verwickeln, die Waffen fuͤr den Moͤr⸗ der zu ergreifen, ſey er, wer er wolle.“ „Eviot,“ ſagte Ramorny, ſeinen verſtuͤmmelten Arm emporhebend,„waͤre dieſer Handſchuh nicht leer, du haͤtteſt nicht gelebt, um zwei Worte deiner Un⸗ verſchaͤmtheit zu ſprechen.“ „Es iſt wie es iſt“— erwiederte Eviot,„und wir thun nur unſre Pflicht. Ich bin Ench lange gefolgt, Mylord, aber hier halte ich die Zuͤgel an.“ „So lebe wohl und ein Fluch falle auf Euch Alle!« rief der erzuͤrnte Baron. Laßt mein Roß herfuͤh⸗ ren!!“* 4 „Unſere Tafperkeit iſt im Begriff, davon zu laufen,* fagte der Apotheker, der ſich an Catharinens Seite geſchlichen hatte, ehe ſie es gewahr wurde.„Catha⸗ rine, du biſt eine aberglaͤubiſche Naͤrrin, wie die meiſten Weiber; doch haſt du etwas Verſtand, und ich ſpreche mit dir, als Jemanden, der mehr ver⸗ ſteht, als die Buͤffel, die um uns herum weiden. Dieſe ſtolzen Barone, die nur ſo uͤber die Welt weg⸗ ſchreiten, was ſind ſie am Tage des Ungluͤcks?— Spreu vor dem Wind. Laßt ihre Schmiedhammer⸗ haͤnde oder ihre Saͤulenfuͤße Schaden nehmen, und bah!— die Ritter ſind fort— Herz und Muth iſt ihnen nichts, Kraft und Glieder Alles— gebt ihnen Thierſtaͤrke, was ſind ſie anders, als wuͤthende Stiere — nehmt dieſe weg und euer ritterlicher Held kriecht 54 auf dem Boden, wie ein lahmes Thier. Nicht ſo der Weiſe; o lang ein Koͤrnchen Verſtand meinem verwachſenen oder verſtuͤmmelten Koͤrper uͤbrig bleibt, ſoll ſein Geiſt ſo ſtark ſeyn, als je.— Catharine, dieſen Morgen ſann ich auf Euern Tod; aber mich duͤnkt, es freut mich jetzt, daß Ihr noch lebt, um zu erzaͤhlen, wie der arme Arzneikuͤnſtler, der Pillen⸗ vergolder, der Moͤrſerſtoßer, der Gifthaͤndler, in Ge⸗ ſellſchaft mit dem tapfern Ritter von Ramorny, je⸗ tzigen Baron und Grafen von Lindores, in der Hoff⸗ nung— Gott ſegne ſeine Herrlichkeit!— ſeinem Schickſal begegnet. „Alter Mann,“ ſagte Catharine,„biſt du in der That dem Tag deines verdienten Schickſals ſo nahe, ſo waͤren andre Gedanken heilſamer, als das eitle Geſchmät deiner leeren Weisheit.— Laß einen hei⸗ ligen Mann holen.“ „Ja,« ſagte Dwining poͤttiſch,„mich zu einem dicken Moͤnch fluͤchten, der— hi, hi, hi!— das bar⸗ bariſche Latein nicht verſteht, das er auswendig her⸗ plappert, das wuͤrde ein paſſender Rathgeber fuͤr ei⸗ nen Mann ſeyn, der in Spanien und Arabien ſtu⸗ dirt hat! Nein! Catharine, ich will mir einen Beicht⸗ varer waͤhlen, der lieblich anzuſehen iſt, und Ihr ſollt mit dieſem Amt beehrt werden.— Nun, ſeht dort ſeine Tapferkeit— ſeine Augbraunen tropfen von Feuchtigkeit, ſeine Lippen zittern vor Angſt; denn ſeine Tapferkeit— hi, hi, hi!— bittet ſeinen ehe⸗ maligen Bedienten um ſein Leben, und hat nicht Be⸗ — 5 82 55 redtſamkeit genug, um ſie zu uͤberreden, daß ſie ihn ſchluͤpfen laſſen. Sehet, wie die Fibern ſeines Ge⸗ ſichts arbeiten, indeß er die undankbaren Beſtien an⸗ fleht, die er mit Wohlthaten uͤberhaͤuft hat, ihm nur eine ſo kurze Lebensfriſt zu geben, als die Jagdhunde dem Haſen, wenn die Menſchen ihm wacker folgen. Seht auch die finſteren niedergeſchlagenen, huͤndiſchen Geſichter, mit denen die ſchurkiſchen Knechte, zwiſchen Furcht und Schande ſchwankend, ihrem Herrn dieſe elende Friſt verſagen. Solche Weſen hielten ſich fuͤr hoͤher, als ein Mann wie ich! und Ihr, thoͤrichtes Maͤdchen, denkt ſo gemein von Eurer Gottheit, daß ihr Elende wie ſie fuͤr das Werk der Allmacht haltet!“ „Nein, gottloſer Menſch, nein!“ ſagte Catharine warm,„der Gott, den ich anbete, ſchuf ſie mit der Faͤhigkeit, ihn zu kennen und anzubeten, ihre Mit⸗ geſchoͤpfe zu ſchuͤtzen und zu vertheidigen, Heiligkeit und Tugend auszuuͤben. Ihre eigenen Laſter und die Verſuchungen des Boͤſen haben ſie ſo gemacht, wie ſie jetzt ſind. Ol! nimm dieſe Lehre auf in dein Herz von Diamant! Der Himmel machte dich kluͤger, als deine Nebenmenſchen, gab dir Augen um in die Geheimniſſe der Natur zu ſehen, einen ſcharfen Ver⸗ ſtand und eine geſchickte Hand; aber dein Stolz hat alle dieſe ſchönen Gaben vergiftet und einen gottlo⸗ ſen Atheiſten aus einem Manne gemacht, der ein weiſer Chriſt ſeyn koͤnnte.“ „Atheiſt, ſagſt du,« antwortete Dwining;„viel⸗ leicht habe ich Zweifel uͤber dieſen Gegenſtand; aber 56 3 ſie werden bald geloͤst ſeyn. Dort koͤmmt er, der mich, wie tauſend Andere, dahin ſchickt, wo alle Ge⸗ heimniſſe ſich aufklaͤren.« 2 Catharine folgte dem Auge des Arztes zu den Wald⸗ oͤfnungen hinauf, und ſah eine Reiterſchaar in vol⸗ lem Gallopp dort her ſprengen. In der Mitte flat⸗ terte eine Fahne, die, vbgleich ihre Zeichen Cathari⸗ nen nicht ſichtbar waren, durch ein Gemurmel rings umher als die des ſchwarzen Douglas verkuͤndigt wurde. Sie hielten einen Pfeilſchuß vom Schloß, und ein Herold mit zwei Trompeter ritt an das Hauptportal, wo nach einem lauten ſchmetternden Trompetenſtoß er Einlaß verlangte fuͤr den hohen und gefuͤrchteten Archibald, Grafen von Douglas, Großſtatthalter des Koͤnigreichs, der jetziger Zeit mit der ganzen Gewalt ſeiner Majeſtaͤt ſelbſt handle; zugleich wurde allen Einwohnern des Schloſſes bei Strafe des Hochverraths befohlen, die Waffen nieder⸗ zulegen.— 3 „Hört ihr,“ ſagte Eviot zu Ramorny, der düſter und unentſchloſſen ſtehen blieb. ‚Wollt Ihr befehlen, das Schloß zu übergeben, oder muß ich.“ „Nein, Schurke, unterbrach ihn der Ritter,„bis ans Ende will ich befehlen. Oeffnet das Thor, laßt die Brücke fallen und übergebt das Schloß dem Dou⸗ glas.“ „Nun, das heiß' ich mir eine tapfere Ausübung des freien Willens,“ ſagte Dwining.„Gerade als ob die Stücke Erz, die vor einer Minute gekrächzt haben, ſich 7 57 anmaßten, die Töne ihr eigen zu nennen, die ein dicker Trompeter hinausgeblaſen hat.“ „Elender,“ ſagte Catharine, ventweder ſchweige, oder wende deine Gedanken auf die Ewigkeit, an deren Rand du ſtehſt.“ „Und was geht das dich an,“ antwortete Dwining. „Du kannſt nicht umhin, Mädchen, zu hören, was ich ſage und es wieder zu erzählen, weil dein Geſchlecht das nicht anders machen kann. Perth und ganz Schott⸗ land ſoll erfahren, was für einen Mann es an Henbome Dwining verloren hat.“ Das Waffengeklirr verkündigte, daß die Angekom⸗ menen abgeſtiegen waren, in das Schloß einzogen und die kleine Beſatzung entwaffneten. Graf Douglas ſelbſt erſchien in den Feſtungswerken mit wenigem Gefolge und befahl, Ramorny und Dwining in Verhaft zu neh⸗ men. Andere zogen den beſtürzten Bonthron aus einem Winkel hervor. „Dieſen Drei wurde die Wache des Prinzen während ſeiner angeblichen Krankheit allein anvertraut?“ ſagte Douglas, die Unterſuchung verfolgend, die er im Saal des Schloſfes begonnen hatte. „Sonſt ſah ihn Niemand,“ ſagte Eviot,„ob ich gleich meine Dienſte anbot.“ „Führt uns auf des Herzogs Zimmer und bringt die Gefangenen mit.— Auch ſollte ein Mädchen in dem Schloſſe ſeyn, wenn ſie nicht ermordet oder ver⸗ ſchwunden iſt— die Gefährtin der Sängerin, die die erſte Nachricht brachte,“ 58 „Sie iſt hier, Mylord,“ ſagte Eviot, Catharinen her⸗ einführend. Ihre Schönheit und Rührung machte ſelbſt auf den unempfindlichen Grafen einen Eindruck. „Fürchte nichts, Mädchen,“ begann er,„du haſt Lob und Dank verdient. Sage mir, was du dem Himmel beichten würdeſt, was du in dieſem Schloß geſehen haſt 2* Wenige Worte dienten Catharinen, um die ſchreck⸗ liche Geſchichte zu erzählen. „Es ſtimmt,“ fuhr Douglas fort,„mit der Meldung der Sängerin von Punkt zu Punkt überein.— Nun zeigt uns des Prinzen Gemach.“ Sie gingen nach dem Zimmer, das der unglückliche Herzog von Rothſay bewohnt haben ſollte, aber der Schlüſſel war nicht zu finden, und der Graf konnte nur durch Erbrechung der Thür Eintritt erhalten. Man fand die abgezehrten ſchmuzigen Reſte des Prin⸗ zen wie in Eile auf das Bett geworfen. Die Abſicht der Moͤrder war offenbar geweſen, den Leichnam ſo in Stand zu ſetzen, daß er einem laͤngſt Geſtorbenen aͤhnlich ſehe, aber ſie waren durch den Laͤrm, den Loui⸗ ſens Flucht veranlaßt hatte, geſtoͤrt worden. Doug⸗ las betrachtete den Leichnam des verfuͤhrten Juͤnglings, den ſeine wilden Leidenſchaften und Launen zu die⸗ ſein ungluͤcklichen und fruͤhzeitigen Ende gebracht hatte. „Ich hatte Velebigungen: zu richen⸗⸗ ſagte er, 59 „aber ein ſolcher Anblick verbannt jede zornige Er⸗ innerung. „Hi, hi!— es ſollte,« ſagte Dwining,„mehr zu Eurer Allmacht Vergnuͤgen eingerichtet werden. Aber Ihr kamt zu ploͤtzlich daher, und ſchnelle Meiſter thun ſchlechten Dienſt.“ Douglas ſchien nicht zu hoͤren, was ſein Gefange⸗ ner ſagte, ſo genau betrachtete er die blaſſen, abge⸗ zehrten Zuͤge und ſtarren Glieder des Leichnams. Catharine, von Krankheit und Ohnmacht uͤberwaͤltigt, erhielt endlich Erlaubniß, ſich von dem furchtbaren Anblick zuruͤckzuziehen und fand durch Verwirrung aller Art den Weg nach ihrem fruͤheren Gemach, wo Louiſe, die indeſſen zuruͤckgekehrt war, ſie in die Arme ſchloß. Douglas Nachforſchungen ſchritten vor. Man ſah, daß die todte Hand des Prinzen eine Haarlocke feſt⸗ hielt, die an Farbe und Grobheit Bonthrons kohl⸗ ſchwarzem Kraushaare glich. Auf dieſe Weiſe ſchien Nothſay's Toͤd, obwohl der Hunger das Werk ange⸗ fangen hatte, am Ende gewaltſam geweſen zu ſeyn. Die geheime Treppe des Kerkers, wozu die Schluͤſſel an des untergeordneten Moöoͤrders Guͤrtel gefunden wurden— die Lage des Gewoͤlbes, ſeine Verbindun⸗ gen mit der aͤußern Luftz vermittelſt der Mauerritze, das elende Strohlager mit den Feſſeln, die ſich noch vorfanden— Alles dieß beſtaͤtigte hinlaͤnglich die Erzaͤh ung Catharinens und der Saͤngerin. 3 „Wir zweifeln keinen Augenblick,“ ſagte Douglas 60 zu ſeinem nahen Verwandten, Lord Balveny, als ſie aus dem Kerker zuruͤckkehrten.„Fort mit den Moͤr⸗ dern! Haͤngt ſie an den Zinnen auf.“ „Aber, Mylord, eine Unterſuchung waͤre doch noͤ⸗ thig,“ erwiederte Balveny.. „Wozu,“ antwortete Douglas.„Ich habe ſie auf der That erwiſcht. Mein Anſehen wird die augen⸗ blickliche Hinrichtung erlauben. Aber halt— haben wir nicht einige Leute aus Jedwood in unſerer Truppe?“ „Genug, Turnbulls, Rutherfords, Ainslies u. ſ. w.“ ſagte Balveny. 3— „Ruft mir eine Anzahl von ihnen herein; es ſind Alles gute und treue Leute, außer daß ſie ein wenig zu ihrem Unterhalt ſtahlen. Laß du dieſe Galgenvoͤ⸗ gel aufknuͤpfen, waͤhrend ich einen Gerichtshof in der großen Halle verſammle, und wir wollen ſehen, ob die Geſchwornen oder der Profoß zuerſt fertig ſind, wir wollen einmal Jedwooder Gerechtigkeit halten.— Schnell haͤngen und langſam unterſuchen,“ „Aber halt, Mylord,“ ſagte Ramorny,„Eure Haſt koͤnnte Euch reuen.— Wollt Ihr mir ein Wort lins Ohr erlauben?“ „Nicht um die Welt,“ antwortete Douglas,„ſprich, was du zu ſagen haſt, vor allen, die hier ſind.“ „So wiſſet,“ ſagte Ramorny laut,„daß dieſer edle Graf Briefe vom Herzog von Albany und mir ſelbſt beſitzt, die ihm durch die Hand jenes feigen Verraͤ⸗ thers Buncle zugeſandt wurden.— Er laͤugne es, wenn er kann;— und welche die Entfernung des 61 Herzogs vom Hofe und ſeine Einſperrung in dieſes Schloß Falkland rathen.“ „„Aber kein Wort,“ antwortete Douglas ernſthaft laͤchelnd,„davon, daß er in einen Kerker geworfen, ausgehungert, erwuͤrgt werden ſollte.— Weg mit ben Elenden, Balveny, ſie beflecken Gottes Luft zu ang. Die Gefangenen wurden nach den Zinnen geſchleppt. Aber waͤhrend man die Mittel zur Hinrichtung ruͤ⸗ ſtete, zeigte der Apotheker ein ſo gluͤhendes Verlan⸗ gen, Catharinen noch einmal zu ſehen, und zwar, wie er ſagte, zum Heil ſeiner Seele, daß das Mädchen, in der Hoffnung, ſeine Stumpfheit habe ſich noch in der letzten Stunde geaͤndert, noch einmal hinauf ging, um eine Scene zu ſehen, vor der ihr Herz zu⸗ ruͤckſchauderte. Ein einziger Blick zeigte ihr Bonth⸗ ron in gaͤnzliche trunkene Gefuͤhlloſigkeit verſunken, Ramorny, ſeiner Ruͤſtung beraubt, und umſonſt be⸗ muͤht, ſeine Furcht zu verbergen; waͤhrend er mit einem Prieſter ſprach, um deſſen Huͤlfe er gebeten hatte, und Dwining als denſelben demuͤthigen, un⸗ terwuͤrfigen, kriechenden Burſchen, wie ſie ihn vor⸗ her geſehen hatte. Er hielt in der Hand eine kleine fälberne Feder, womit er auf einen Pergamentſtreif rieb. „Catharine,“ ſagte er,—„hi, hi, hi!— ich will mit dir uͤber die Natur meines Glaubens ſprechen.⸗ „Wenn du das willſt, warum Zeit mit mir verlie⸗ ren?— Sprich mit dieſem guten Vater.“ „Der gute Vater,“ ſagte Dwining,„iſt— hi, hi! — bereits ein Anbeter der Gottheit, der ich gedient habe. Ich ziehe es daher vor, dem Altar meines Goͤtzen eine neue Verehrerin in dir, Catharine, zu gewinnen. Dieſer Pergamentbrief wird dir den Weg an meine Kapelle zeigen, wo ich ſo oft in Ruhe au⸗ gebetet habe. Ich hinterlaſſe dir, als ein Vermaͤcht⸗ 62 1 niß die Goͤtzenbilder, die er enthaͤlt, bloß weil ich dich etwas weniger haſſe und verachte, als andere abge⸗ ſchmackte Elende, die ich bisher genoͤthigt war, Mit⸗ eſchoͤpfe zu nennen. Und nun fort, oder bleibe und e. ob das Ende des Quackſalbers ſein Leben Luͤgen raft.“ „Unſere Frau verrieth es,“ ſagte Catharine. „Nun,“ fuhr der Arzneikuͤnſtler fort,„ich habe Euch nur noch ein Wort zu ſagen und jenes Edelmanns Tapferkeit mag es hoͤren, wenn er will. Lord Balveny kam mit einigem Staunen herbei, denn die unerſchrockene Entſchoſſenheit eines Mannes, der nie ein Schwert ſchwang und keinen Panzer trug und von Perſon nur ein elender Zwerg war, ſchien ihm etwas, wie Zauberei zu ſeyn. „Ihr ſeht dieſes elende Werkzeug, ſagte der Ver⸗ brecher, die ſilberne Feder zeigend »„Gebt ihm weder Tinte noch Papier,“ ſprach Bal⸗ veny haſtig,„er wird einen Zauber aufſchreiben.“ „Nichts ſo, erlaube mir Eure Weisheit und Tapfer⸗ keit,— hi, hi, hil«— erwiederte Dwining, mit ſeinem gewoͤhnlichen Gluchzen, als er das Ende der Feder abſchraubte und daraus ein Stuͤckchen Schwamm, oder etwas der Art, nicht groͤßer als eine Erbſe, her⸗ vorzog.„Nun merkt!« fuhr der Gefangene fort und nahm es in den Mund. Die Wirkung war augen⸗ blicklich. Er lag als Leichnam vor ihnen, den verach⸗ tenden Spott noch immer in der Miene. Catharine floh mit einem Schrei und ſuchte, haſtig hinsbeklend, dem ſchrecklichen Anblick zu entgehen. dord Balveny war einige Augenblicke von Schrecken uͤberraſcht, und rief dann aus:„das muß Hererei ſeyn! Haͤngt ihn auf die Zinnen lebendig oder todt. Wenn ſein boͤſer Geiſt nur fuͤr eine Zeitlang ſich entfernt hat, ſo ſoll er wenigſtens in einen Leib mit verrenktem Hals zuruͤckkehren.⸗. ₰ A 63 Sein Befehl wurde befolgt, ſofort wurden auch Ra⸗ morny und Bonthron zur Hinrichtung abgefuͤhrt. Der Letzere wurde aufgeknuͤpft, ehe er ganz zu wiſſen ſchien, was eigentlich mit ihm vorgehen ſollte. Ra⸗ morny, todtenblaß, aber mit demſelben Stolz, der ſeinen Fall verurſacht hatte, berief ſich auf ſeine Rit⸗ terwuͤrde und, verlangte durchs Schwert, nicht durch den Strick zu ſterben. „Der Douglas aͤndert ſein Urtheil nie,“ erwiederte Balveny,„aber du ſollſt alle deine Rechte haben.— Schickt den Koch mit ſeinem Hackmeſſer her.⸗ Der Bediente, den man rief, erſchien ſogleich. „Warum zitterſt du, Burſche!“ fuhr ihn Balveny an,„hier, ſchlage dieſem Mann die vergoldeten Spo⸗ ren mit dem Hackmeſſer von den Ferſen— und nun, John Ramorny, biſt du kein Ritter mehr, ſondern ein Schurke— an den Strick mit ihm, Henker! haͤngt ihn zwiſchen ſeine Gefaͤhrten und hoͤher, als ſie, wenn's moͤglich iſt.“ Nach einer Viertelſtunde ging Balveny hinunter, um Douglas die Hinrichtung der Verbrecher zu melden. 3 „So dient alſo die Unterſuchung zu nichts mehr, ſagte der Graf.„Wie meint Ihr, liebe Geſchworne, nven. dieſe Leute des Hochverraths ſchuldig oder nicht?⸗ 4 5 „Schuldig!“ riefen die gehorſamen Richter mit erbaulicher Einſtimmigkeit,„wir brauchen keinen wei⸗ tern Beweis.* 4 „So laßt die Trompeten blaſen und zu Roſſe nun mit unſrem Gefolg, und jeder ſchweige uͤber das, was hier vorgefallen iſt, bis die Sachen dem Koͤnig vorgelegt ſind, was vor Beendigung des Kampfes am Palmſonntag nicht wohl geſchehen kann. Wahlt unſre Begleiter aus und ſagt jedem, der mitgeht oder zuruͤckbleibt, daß wer ſchwatzt, ſterben muß.“ 64 In wenigen Minuten war Douglas mit ſeinen auserleſenen Begleitern zu Roſſe. Eilboten wurden u ſeiner Tochter, der verwittweten Herzogin von Rothſay geſchickt, um ihr zu ſagen, daß ſie den Weg nach Perth uͤber die Kuͤſte von Lochleven nehme, ohne ſich Falkland zu naͤhern, und Catharine Glo⸗ ver nebſt der Saͤngerin, als Perſonen, deren Sicher⸗ heit er wuͤnſchte, ihrem Schutz zu empfehlen. Waͤhrend ſie durch den Forſt ritten, blickten ſie zuruͤck, und ſahen die drei Leichname, hoch ſchwebend wie Fahnen, die Mauern des alten Schloſſes ver⸗ dunkeln. „Die Hand iſt geſtraft, begann Douglas,„aber wer ſoll das Haupt verklagen, das die Handlung leitete!“ „Ihr meint den Herzog von Albany,“ fragte Bal⸗ veny. „Ja, Vetter, und wollte ich thun, was mein Herz gebietet, ich wuͤrde ihn des Mordes anklagen, den er ſicher veranſtaltet hat. Aber es iſt kein weiterer Beweis vorhanden, als ſtarker Verdacht, und Albany hat die zahlreichen Freunde des Hauſes Stewart an an ſich gekettet, denen freilich die Schwachheit des Koͤnigs und die unordentlichen Sitten Rothſay's kei⸗ nen andern Fuͤhrer uͤbrig ließen. Breche ich daher das Band, das ich ſeit Kurzem mit Albany geſchloſ⸗ ſen habe, ſo iſt die Folge ein Buͤrgerkrieg, das Ver⸗ derblichſte fuͤr das arme Schottland, ſo langes durch einen Einfall von der Thaͤtigkeit des Percy bedroht, und dieſer durch die Verraͤtherei des Grafen March gedeckt iſt. Nein, Balveny— die Strafe Albany's muß dem Himmel aufbehalten werden, der zu ſei⸗ ner Zeit Gericht uͤber ihn und ſein Haus halten ird.. —⅓—ℳ—* 65 4 Zweiunddreißigſtes Kapitel. — Wir muͤſſen nun unſern Leſer daran erinnern, daß Simon Glover und ſeine ſchöne Tochter ihre Wohnung eilig verließen, ohne daß ſie Zeit hatten, Heinrich Smith ihre Abreiſe oder die beunruhigende Urſache derſelben anzuzeigen. Als daher der Lie haber in der Curfew⸗ Straße am Morgen ihrer Flucht erſchien, empfing er ſtatt des herzlichen Willkomms des ehrlichen Bürgers und des halb fröhlichen, halb tadelnden Aprilgrußes, der ihm von Seiten der lieblichen Tochter verſprochen war, nun die niederſchlagende Nachricht, ſie ſey mit Hrei Vater, auf den Befehl eines Fremdlings, der ich ſorgfältig vermummt gehalten habe, frühe abgereist. Dieſem beliebte Dorothea, deren Talente für Erzählung von Unglücksfällen und Mittheilung ihrer Anſichten hierüber dem Leſer bekannt ſind, beizufügen, ſie zweifle nicht, daß ihr Herr und ihre junge Gebieterin ins Hochland gereist ſeyen, um einen Beſuch zu vermeiden, der ihnen ſeit ihrer Abreiſe von einigen Gerichtsdienern gemacht worden ſey, die im Namen eines vom König niedergeſetzten Gerichtshofs das Haus durchſucht, alle Plätze, von denen man dachte, ſie könnten Papiere ent⸗ halten, verſtegelt, und gerichtliche Vorladungen für Vater und Tochter hinterlaſſen haben, an einem be⸗ ſtimmten Tag, bei Strafe der Verbannung vor dem Gerichtshof zu erſcheinen. Alle dieſe ſchreckenden Neuig⸗ keiten bemühte ſich Dorothea in den dunkelſten Farben zu malen, und der einzige Troſt, den ſie dem geängſtig⸗ ten Liebhaber gab, war der, daß ſie ihm ſagte, ihr Herr habe ihr aufgetragen, ihm zu ſagen, er möchte ruhig in Perth bleiben, und er würde dald Neues von Walter Scott's Werke. 1568 Bochen.„ 5 66 ihnen hören. Dieß vereitelte Smith's erſten Entſchluß, ihnen ſogleich ins Hochland zu folgen, und an ihrem Schickſale, welches es auch ſey, Theil zu nehmen. Aber als er ſich ſeiner verſchiedenen Fehden mit meh⸗ reren aus dem Clan Quhele, und beſonders ſeiner per⸗ ſönlichen Feindſchaft mit Conachar erinnerte, der vor Kurzem den Oberbefehl übernommen hatte, konnte er nicht umhin, zu denken, ſein Eindringen in ihren Zu⸗ fluchtsort könnte eher die Sicherheit ſtören, die ſie ſonſt vielleicht genoſſen, als ihnen nützen. Simon'’s Freundſchaft mit dem Häuptling des Clans Quhele war ihm wohl bekannt, und er dachte mit Recht, der Hand⸗ ſchuhmacher würde dort einen Schutz finden, den ſeine eigene Ankunft nur ſtören könnte, da ſeine Hitze ihn zweifelsohne in einen Streit mit dem ganzen Stamm zorniger Hochländer verwickeln würde. Zugleich ſchlug ſein Herz vor Unwillen, wenn er dachte, daß Catharine nun ganz in der Gewalt des jungen Conachar ſey, der ganz ſicher ſein Nebenbuhler war, und nun ſo viele Mittel hatte, ſeine Bewerbung zu unterſtützen. Wie! wenn der junge Häuptling die Sicherheit des Baters von der Gunſt der Tochter abhängig machte. Er ſetzte kein Mißtrauen in Catharinens Liebe, aber ihre Denkart war ſo nneigennützig und ihre Anhänglichkeit an ihren Vater ſo zärtlich, daß, wenn ihre Liebe gegen ſeine Sicherheit oder vielleicht ſein Leben in die Wage ge⸗ legt würde, ein ſchwerer und ſchrecklicher Zweifel öb⸗ waltete, ob erſtere nicht zu leicht erfunden würde. Von Gedanken gequält, bei denen wir nicht verweilen dür⸗ fen, beſchloß er daher, zu Hauſe zu bleiben, ſeine Angſt, ſo gut als möglich zu unterdrücken, und die verſprochene Rachricht von dem Alten zu erwarten.. Sie kam, aber ſie beruhigte ihn nicht. Sir Patrick Charteris hatte ſein Verſprechen nicht vergeſſen, dem Waffenſchmied die Plane der Flüchtigen mitzutheilen. Aber unter dem Lärm, den die Truppenbewegungen ¹ 67 machten, hatte er ſich die Kunde ſelbſt nicht verſchaffen können. Er überließ daher ſeinem Geſchäftsträger Kitt Henſhaw die Sorge, ſie zu erhalten. Aber dieſer wür⸗ dige Mann war, wie der Leſer ſchon weiß, von Ra⸗ morny beſtochen, dem daran lag, Jedermann, beſonders aber einem ſo thätigen und kühnen Liebhaber, wie Hein⸗ rich, den wahren Aufenthalt Eatharinens zu verbergen. Henſhaw ſagte daher dem geängſteten Smith, ſein Freund, der Handſchuhmacher, ſey ſicher in den Hoch⸗ landen, und ob er gleich von Catharinen etwas zurück⸗ haltender ſprach, ſagte er doch wenig, was der Mei⸗ nung widerſprechen konnte, ſie theile, wie Simon, den Schutz des Clans Quhele. Aber er wiederholte im Namen Sir Patrick's die Verſicherung, daß Vater und Tochter ſich wohl befinden, und Heinrich ſein eigenes Intereſſe und ihre Sicherheit am beſten berathen würde, wenn er ruhig bliebe und den Lauf der Begebenheiten abwartete. 1 1 731. Mit angſtvollem Herzen beſchloß daher Heinrich Gow, ruhig zu bleiben, und beſchäftigte ſich mit Beendigung eines Panzers, der der härteſte und glätteſte ſeyn ſollte, den ſeine geſchickten Hände je verfertigt hatten. Die⸗ ſes Handwerksgeſchäft geſiel ihm beſſer, als irgend ein anderes, das er hätte treiben können, und diente ihm zur Entſchuldigung dafür, daß er ſich in ſeine Werk⸗ ſtätte einſchloß und die Geſellſchaft mied, in der täg⸗ lich eitle Gerüchte herumgingen, die ihn nur in Ver⸗ legenheit ſetzen und verwirren könnten. Er beſchloß auf Simons Achtung, auf die Trene ſeiner Tochter und die Freundſchaft des Oberrichters zu vertrauen, der ſeine Tapferkeit im Kampfe mit Bonthron ſo ſehr lobte, und von dem er glaubte, er würde ihn in dieſer äußer⸗ ſten Noth nicht verlaſſen. Die Zeit ging jedoch Tag für Tag hin, und erſt als der Palmſonntag nahe war, gedachte Sir Patrick Charteris, da er um einiger An⸗ ordnung wegen des bevorſtehenden Kampfes nach Perth 5* 1 68 geritten war, einen Beſuch bei dem Waffenſchmied don Wynd zu machen. Er trat mit einem ihm nicht gewöhnlichen mitleidi⸗ en Geſicht in ſeine Werkſtätte, woraus Heinrich den ugenblick ſchlimmer Neuigkeiten las. Der Schmied erſchrack, und der gehobene Hammer zögerte, auf das Tlühende Eiſen zu fallen, während der bewegte Arm, ler ihn ſchwang, ſtark wie ein Rieſenarm, ſo kraftlos wurde, daß Heinrich kaum im Stande war, den Ham⸗ mer auf den Boden zu ſtellen, ſtatt ihn fallen zu laſſen. „Mein armer Heinrich,“ ſagte er,„ich bringe Euch nur kalte Neuigkeiten— aber ſie ſind unſicher, und wenn ſie wahr ſind, ſo wird ſie ein tapferer Mann, wie du, nicht zu tief zu Herzen nehmen.“ „In Gottes Namen, Mylord,“ fragte Heinrich,„doch nicht? Schlimmes von Simon Glover oder ſeiner Toch⸗ ter?“ 4 „Von ihnen ſelbſt,“ antwortete Sir Patrick,„nicht, ſie ſind ſicher und wohl. Aber für dich, Heinrich, ſind meine Zeitungen kälter. Kitt Henſhaw wird dir ge⸗ ſagt haben, daß ich Catharine Glover unter ſicheren hutz im Hauſe einer vornehmen Dame, der Herzogin von Rothſay, bringen wollte. Aber ſie hat das Geſuch abgelehnt, und Catharine iſt zu ihrem Vater ins Hoch⸗ land geſchickt worden. Das Schlimmſte kommt jetzt noch. Du wirſt gehört haben, daß Gilchriſt Mac Jau todt und daß ſein Sohn Eachin, der in Perth als Lehr⸗ junge des alten Simon, unter dem Namen Conachar bekannt war, jetzt Häuptling des Clan Quhele iſt, und ich hörte von einem meiner Leute, es gehe unter den Mac Jan's ein ſtarkes Gerücht, der junge Häuptling ſuche die Hand Catharinen's zur Ehe. Meine Leute erfuhren dieß übrigens als ein Geheimniß, ſo lang ſte im Land von Breadalbane waren, um einige Rüſtungen zu dem Kampf zu machen. Die Sache iſt ungewiß, aber, Heiunrich, es hat eine Art von Wahrſcheinlichkeit.“ 69 „Sah Eunrer Herrlichkeit Dieuer Simon Glover und ſeine Tochter?“ fragte Heinrich, um Athem kämpfend und huſtend, um ſeine Bewegung dem Oberrichter zu verbergen. „Nein,“ antwortete Sir Patrick,„die Hochländer ſchienen eiferſüchtig, und erlaubten ihm nicht, mit dem Alten zu ſprechen, und er fürchtete ſich, ſie, durch die Bitte, Catharinen zu ſehen, aufmerkſam zu machen. Außerdem ſpricht er nicht Gäliſch, und der, von dem er die Nachricht erhielt, nicht viel Engliſch, und ſo kann ein Mißverſtändniß obwalten. Nichts deſto we⸗ niger geht ein ſolches Gerücht, und ich hielt es für's Beſte, es Euch zu ſagen. Aber. Ihr dürft Euch ver⸗ ſichern, daß die Hochzeit nicht ſtatt haben kann, ehe die Sache vom Palmſonntag vorüber iſt, und ich rathe Euch, keinen Schritt zu thun, bis wir die Umſtände näher erfahren, denn Gewißheit, auch die ſchmerzlichſte, iſt wünſchenswerth.— Geht auf's Rathhaus,“ fügte er nach einer Pauſe hinzu,„um über die Vorbereitung der Schranken auf der nördlichen Matte zu ſprechen. Ihr werdet dort willkommen ſeyn.“ 4* „Nein, Mylord.“ 7— 4 „Gut, Smith, ich ſehe aus Enrer kurzen Antwort, daß Ihr mit der Sache unzufrieden ſeyd, aber alle Weiber ſind Wetterhähne, das iſt wahr. Salomo und Andere haben das vor Euch erfahren.« 1 „Mit dieſen Worten ging Sir Patrick Charteris, überzeugt, er habe das Amt eines Tröſters aufs Beſte verſehen. Mit ganz andern Gefühlen betrachtete der unglück⸗ liche Liebhaber die Nachrichten und den tröſtenden Com⸗ mentar.. „Der Oberrichter,“ ſagte er bitter zu ſich ſelbſt,„iſt ein trefflicher Mannz; freilich, er hält ſeine Nitterwürde für ſo hoch, daß, wenn er Unſinn ſpricht, ein armer Mann es für Sinn halten ſoll, wie er abgeſtandenes 3 70 Bier loben muß, wenn es ihm in Seiner Herrlichkeit ſilberner Flaſche gegeben wird. Wie würde das Alles in andern Umſtänden ſo ganz anders lauten? Geſetzt, ich rollte den ſteilen Abhang des Corrichie Dhu herab, und ehe ich an den Felſenabſprung komme, begegnete mir Mylord Oberrichter und ruft:„Heinrich, dort iſt ein tiefer Abgrund, und es iſt mir leid, Euch ſagen zu müſſen, daß Ihr gerade hineinſtürzt. Aber ſeyd nicht niedergeſchlagen, der Himmel kann einen Stein oder Buſch geben, der Euch aufhält. Aber ich glaubte, es würde Euch tröſtlich ſeyn, das Schlimmſte zu wiſſen, was Ihr bald ſehen werdet. Ich weiß nicht, wie viel hundert Fuß tief der Abgrund iſt, aber Ihr könnt Euch davon überzeugen, ſobald Ihr drunten ſeyd, denn Ge⸗ wißheit iſt Gewißheit. Und hört, wann kommt Ihr zum Kegelſpiel?“ Und dieſes Geſchwätz ſtatt eines freundlichen Verſuchs, den Hals des armen Wichts zu retten! Wenn ich daran denke, könnte ich raſend wer⸗ den, meinen Hammer nehmen und rings umher Alles zuſammenſchlagen. Aber ich will ruhig ſeyn, und wenn dieſer hochländiſche Habicht, der ſich einen Falken nennt, auf eine Turteltaube ſtößt, ſoll er erfahren, ob ein Bürger von Perth den Bogen ſpannen kann oder nicht?“ Es war bereits der Donnerſtag vor dem erwarteten Palmſonntag, und die Ankunft beider Kämpferſchaaren wurde auf den folgenden Tag erwartet, um bis zum Samſtag zu ruhen, ſich zu erfriſchen und zum Streit zu rüſten. Einige von jeder Schaar wurden abgeord⸗ net, um Anweiſungen über die Lagerung des Haufens einzuholen, und was noch ſonſt von Befehlen nöthig war. Heinrich war daher nicht überraſcht, einen gro⸗ ßen, ſtarken Hochländer um die Gaſſe, in der er wohnte, in der Art ſchleichen zu ſehen, wie die Bewohner eines nden Landes die Eigenheiten eines gebildeten unter⸗ ſuchen. Des Waffenſchmieds Herz erhob ſich gegen die⸗ ſen Mann wegen ſeines Landes, gegen das unſer Bürger 71 von Perth ein natürliches Vorurtheil hegke, und be⸗ ſonders da er die Kleidung des Claus Quhele an ihm wahrnahm. Der in Silber gearbeitete Zweig von Ei⸗ chenblättern bezeichnete ihn als einen von der Leibwache des jungen Häuptlings, auf die man ſo großes Ver⸗ krauen ur die Entſcheidung ſetzte. Nachdem er dieß bemerkt hatte, zog ſich Heinrich in die Schmiede zurück, denn der Anblick des Mannes reizte ſeine Leidenſchaft; und da er wußte, daß die Hochländer zu einem öffent⸗ lichen Kampfe verpflichtet waren, und keine unterge⸗ ordnete Fehde ausmachen durften, beſchloß er, auch allen freundlichen Verkehr mit ihm zu meiden. Ju wenigen Augenblicken aber flog die Thür der Schmiede auf, und der Gäle trat mit flatterndem Tartan, was ſeine natürliche Größe noch erhöhte, und mit dem ſtol⸗ zen Schritt eines Mannes, der ſich höherer Würde bewußt iſt als Alle, die ihm begegnen, herein. Er ſah um ſich, und ſchien zu erwarten, daß man ihn höflich empfange und verwundert betrachte. Aber Hein⸗ rich war nicht geneigt, ſeiner Eitelkeit zu ſchmeicheln, und fuhr fort, eine Bruſtplatte zu hämmern, die auf dendlmbos lag, als wäre er des Gaſtes nicht gewahr worden.. » Seyd Ihr Gow Chrom(der krummbeinige Schmied),“ fragte der Hochländer. „Wer krummbeinig werden will, nennt mich ſo,“ ſagte Heinrich. 3 „Keine Beleidigung ſollte das ſeyn,“ fuhr der Hoch⸗ länder fort,„aber ſie*) ſelbſt kommt, um eine Rüſtung zu kaufen.“— „So mag ſie ſelbſt mit ihren bloßen Beinen wieder ſich fortſcheeren,“ antwortete Heinrich,„ich habe keine zu verkaufen.“ » Die Eigenheit der Hochlaͤnder, von ſich ſelbſt in der dritten weiblichen Perſon zu ſprechen. Anm. d. Ueb. 4 — 7 in der Laune, zu ſchwatzen.“ 7² „Wäre nicht in zwei Tagen Palmſonntag ſo würde ſie Euch ein anderes Lied ſingen lehren,“ fuhr der Gäle auf. „Und am heutigen Tag,“ ſagte Heinrich mit derſel⸗ ben verächtlichen Gleichgültigkeit,„bitte ich Euch, mir aus dem Licht zu gehen.“ „Ihr ſeyd ein unhöflicher Menſch, aber ſie ſelbſt iſt auch ür nan ord*) und ſie weiß, daß der Schmied feurig iſt, wenn das Eiſen glüht.“ „Wenn ſie ſelbſt ein Hammermann iſt, ſo kann ſie ihren Harniſch ſelber machen,“ antwortete Heinrich. „Und das würde ſie auch thun und Euch nicht darum anſprechen; aber man ſagt, Gow Chrom, Ihr ſinget und pfeifet Lieder über den Schwertern und Panzern, die Ihr macht, die ſolche Kraft haben, daß die Klingen Stahl durchhauen wie Papier, und Panzer und Har⸗ niſch Stahllanzen abdrehen, als wären es Nadeln.“ »Man ſagt Eurer Unwiſſenheit allen Unſinn, den Chriſtenmenſchen nicht glauben wollen. Ich pfeife bei meiner Arbeit, was mir einkommt, als ein ehrlicher Handwerksmann, meiſtens aber die Hochlandsweiſe, „Hinauf die Hochmannsſtufen«*). Mein Hammer geht von ſelbſt nach dieſer Weiſe.“ »Freund, es iſt umſonſt, das Roß zu ſpornen, wenn ſeine Füße gelähmt ſind,« ſagte der Hochländer ſtolz. „Sie kann jetzt nicht fechten, und es iſt nicht tapfer, ſie ſo zu reizen.“ »Bei Nagel und Hammer, da habt Ihr Recht,“ ſagte der Waffenſchmied in verändertem Tone,„aber ſags ſchnell, Freund, was wollt Ihr von mir? ich bin nicht *) Mann des Hammers, Schmied. Anm. d. Ueb. **) Hochmenn ſ. v. a. Galgen. Aum, d. Ueb. 753 „Einen Harniſch füͤr ihren Häuptling, Eachin Mac Jan,“ antwortete der Hochländer. „Ihr ſeyd ein Schmied, ſagt Ihr? verſteht Ihr dieß 2« fragte unſer Schmied, indem er den Harniſch, den er eben bearbeitet hatte, aus einer Kiſte hervor⸗ olte. 8 Der Gäle betrachtete ihn mit einer Bewunderung, die etwas Neid enthielt. Er beſah neugierig jeden Theil der Zuſammenfügung, und erklärte den Harniſch endlich für das beſte Waffenſtück, das er je geſehen habe. „Hundert Kühe und Ochſen, und ein guter Trieb Schafe würde ein zu leichtes Anerbieten ſeyn,“ ſagts der Gebirgsbewohner, um den Preis zu verſuchen,„aber ſie wird dir nicht weniger bieten, komme ſie dazu, wie ſie wolle.“* „Es iſt ein ſchönes Gebot,“ erwiederte Heinrich,„aber Gold und Gut bezahlt dieſe Rüſtung nicht. Ich will mein eigen Schwert an meinem eigenen Harniſch ver⸗ ſuchen, und ich gebe dieſen Waffenrock Niemand, als wer mir im guten Feld auf drei Hiebe und einen Stoß ſtehen will; und ich wünſchte, daß Euer Häuptling auf dieſe Bedingungen einginge.“ „Stehe! Mann— nimm einen Trunk und geh' 5u Bett,« ſagte der Hochländer höhniſch,„biſt du toll 2 Glanbſt du, der Häuptling des Clan Quhele werde ſich mit einem Stück Bürgerleib aus Perth, wie du, bal⸗ gen? Still, Mann, und höre. Sie ſelbſt will Euch mehr Fhre thun, als Eurem Geſchlecht gebuͤhret.— Sie will ſelbſt mit Euch um den ſchönen Harniſch fechten.“ „Sie muß zuerſt beweiſen, daß ſie mir gleich iſt,“ ſagte der Waffenſchmied mit ſpöttiſchem Lächeln.. „»Wie; ich einer von Eachins Leibwache, und Euch nicht gleich?“ 3. 4 „Ihr könnt mich verſuchen,“ war die Antwort. 74 „Ihr ſagt, Ihr ſeyd ein ür nan ord— wißt Ihr, wie man den Schmiedhammer wirft?“ „Fragt den Adler, ob er über den Ferragon fliegen kann?“ „Aber eh' Ihr mit mir kämpft, müßt Ihr einen Wurf mit einem meiner Leibwache verſuchen.— Hier Dunter, ſtelle dich für die Ehre von Perth!— und nun, Hochländer, hier ſteht eine Reihe Hämmer— nehmt, welchen Ihr wollt, und kommt in den Garten.“* Der Hochländer, der Norman nan Ord oder Norman vom Hammer hieß, zeigte ſeine Anſprüche auf dieſen Titel, indem er den größten Hammer ergriff, wobei Heinrich lächelte. Dunter, des Waffenſchmieds ſtarker Geſelle, that, was man einen Gewaltwurf nennt, aber der Hochländer holte mächtig aus, und warf zwei bis drei Fuß weiter. Hierauf ſah er Heinrich triumphirend an, der wieder mit einem Lächeln antwortete. „Wollt Ihr's beſſer machen?“ fragte der Gäle, un⸗ ſerm Schmied den Hammer bietend. 1 „Nicht mit dieſem Kinderſpielzeug,“ ſagte Heinrich, „das kaum ſchwer genng iſt, wider den Wind zu flie⸗ gen.— Jannicken, hole mir den Simſon; oder helfe einer von Euch dem Knaben, denn Simſon iſt etwas ſchwer.“ Der herbei gebrachte Hammer war noch ein halbmal ſo ſchwer, als der, den der Hochländer als den gewich⸗ tigſten gewählt hatte. Norman ſtaunte; aber er ward noch mehr überraſcht, als Heinrich ſeine Stellung nahm, das gewaltige Eiſen weit hinter die Hüfte ſchwang, und aus der Hand fahren ließ, als wäre es aus einer Wurfmaſchine geſchleudert worden. Die Luft pfiff und ſtöhnte, als die Maſſe hindurchflog. Endlich ſank ſie nieder, das Eiſen ſchlug einen Fuß tief in die Erde, einen Yard weit über Normans Wurf. Der Hochländer, beſiegt und gedemüthigt, ging nach der Stelle, wo die Waffe lag, hob ſie auf, wog ſie 75 erſtaunt in der Hand, und unterſuchte ſie genau, als wollte er darin mehr als einen gemeinen Hammer ent⸗ decken. Endlich gab er ſie mit traurigem Lächeln, die Achſeln zuckend und den Kopf ſchüttelnd, dem Eigen⸗ thümer zurück, als er fragte, ob er ſeinen Wurf nicht überbieten wolle 2 „Norman hat ſchon zu viel im Spiel verloren; ſie at ihren Namen Hammermann eingebüßt. Aber ar⸗ eitet ſie ſelbſt, Gow Chrom, mit dieſer Pferdelaſt Eiſen auf dem Ambos?“ m 1 „Das könnt Ihr ſehen, Bruder,« ſagte Heinrich, indem er ihn in die Schmiede führte,„Dunter,“ ſagte er,„ziehe mir die Stange aus dem Ofen;“ hierauf hob er den Simſon, wie der ungeheure Hammer hieß, und bog das Metall mit hundert Streichen von der Rechten zur Linken— bald mit der Rechten, bald mit der Linken, bald mit beiden Händen, mit ſo viel Kraft und Gewandtheit, daß er ein kleines, aber ſchönes Hufeiſen in der Hälfte der Zeit zu Stande brachte, die ein gewöhnlicher Schmied mit einem leichten Werk⸗ zeug gebraucht hätte. 4 „Oh! oh!« rief der Hochländer aus,„was wäret Ihr für ein Mann, um mit unſerm jungen Häuptling zu fechten, der weit über Eurem Stand iſt, und wärek Ihr auch der beſte Schmied, der je mit Wind und Feuer gearbeitet hat?“ „Hört!“ ſagte Heinrich,„Ihr ſcheint ein guter Burſche, und ich will Euch die Wahrheit ſagen. Euer Herr hat mich beleidigt, und ich gebe ihm dieſen Har⸗ niſch umſonſt, wenn ich dafür mit ihm kämpfen darf.* „»Ja, wenn er Euch beleidigt hat, muß er kämpfen,“ ſagte der Leibwächter.„Eine Beleidigung gegen Je⸗ manden nimmt die Adlerfeder von des Häuptlings Hut, und wäre er der erſte im Hochlande, und das iſt Eachin, er muß mit dem Beleidigten fechten, oder verliert eine Roſe aus ſeinem Kranz.« HiAhal— 76 „Wollt Ihr ihn nach dem Gefecht am Sonntag dazu bewegen?“ fragte der Waffenſchmied. 1 8O, ſie wird ihr Beſtes thun, wenn der Habicht nicht ihre Beine frißt, denn Ihr müßt wiſſen, Freund, daß Clan Chattans Klauen tief dringen.“ „Die Rüſtung gehört Eurem Häuptling auf dieſe Bedingung,“ ſprach Heinrich,„aber ich entehre ihn vor König und Hof, wenn er den Preis nicht bezahlt. „Keine Furcht, keine Furcht; ich führe ihn ſelbſt zum Kampf,“ antwortete Norman,„gewiß.“ 5 „Ihr werdet mir einen Gefallen thun, und daß Ihr Eures Verſprechens eingedenk ſeyd, ſchenke ich Euch dieſen Dolch. Seht— wenn Ihr ihn gut haltet und wiſchen Panzer und Halsring des Feindes ſtoßt, wird der Wundarzt überflüßig ſeyn.“ Der Hochländer war verſchwenderiſch mit Ausdrücken ſeines Dankes und nahm Abſchied.. »Ich habe ihm den beſten Ringpanzer gegeben, den ich je machte,“ ſagte der Waffenſchmied zu ſich ſelbſt, ſeine Freigebigkeit bereuend,„fün den armen Vortheil, daß er ſeinen Häuptling nur zum Kampfe ſtellt, und — dann ſey Catharine deſſen, der ſie tapfer gewinnt. Aber ich fürchte ſehr, der Junge wird ausweichen, wenn er nicht am Palmſonntage ſo viel Glück hat, daß es ihn verführt, ſich noch einmal zu verſuchen. Dazu iſt doch einige Hoffnung; denn ich habe wohl ſchon ehe einen jungen Burſchen geſehen, der ſchnell aufſchoß, und vom Zwerg zum Rieſentödter wurde.“ So erwartete Heinrich Smith mit wenig Hoffnung, aber der feſten Entſchloſſenheit, den Tag, der ſein Schickſal entſcheiden ſollte. Was ihn das Schlimmſte ahnen ließ, war das Stillſchweigen Glovers und ſeiner Tochter. Sie ſchämen ſich, dachte er, die Wahrheit zu geſtehen, deßwegen ſchweigen ſie. Am Freitag Mittag langten die Schaaren, welche die ſtreitenden Clans vorſtellten, an den verſchiedenen Punkten gn., wo ſie Erfriſchungen einnehmen ſollten. 77 Der Clan Quhele wurde in der reichen Abtei von Scone gaſtfreundlich geſpeist, während der Lord Ober⸗ richter ihre Nebenbuhler im Schloſſe Kinſauns bewir⸗ thete; die höchſte Sorgfalt wurde angewandt, um beide Parteien mit der pünktlichſten Aufmerkſamkeit zu be⸗ handeln und jede Klage über Parteilichkeit abzuſchnei⸗ den. Alle Punkte der Etiquette wurden indeß von dem Lord Großconnetable Grafen Errol, und dem Gra⸗ fen von Crawford abgemacht, indem der erſte für den Clan Chattan ſprach, waͤhrend der letzte Patron des Clans Quhele war. Boten gingen beſtändig von dem einen Grafen zum andern, und ſie hielten mehr als ſechs Zuſammenkünfte in dreißig Stunden, ehe das Ceremoniel ganz im Reinen war. Ueberdieß befahl, für den Fall des Wiederauflebens einer alten Fehde, weil zwiſchen den Bürgern und den Bergnachbarn viel Saamen dazu vorhanden war, ein öffentlicher Aufruf den Bürgern, ſich nicht weiter als auf eine halbe Meile Entfernung den Quartieren der Hochländer zu nahen, während auch den Kämpfern ver⸗ boten war, ohne beſondere Erlaubniß in die Nähe von Perth zu kommen. Truppen waren zur Vollziehung des Befehls aufgeſtellt, die ihre Pflicht ſo gewiſſenhaf thaten, daß ſte ſelbſt Simon Glover, einen ächten Bür⸗ ger von Perth, hinderten, in die Stadt zu kommen, weil er geſtand, mit Eachin Mae Jans Kämpfern an⸗ gelaugt zu ſeyn, und ein Plaid nach ihrem Muſter trug. Dieß machte es dem Handſchuhmacher unmög⸗ lich, Heinrich Wynd aufzuſuchen, und ihn von Allem, was ſeit ihrer Trennung vorging, genau zu unterrich⸗ ten. Hätte dieſes Geſpräch ſtatt gehabt, ſo würde die Cataſtrophe unſerer Erzählung einen ganz andern Gang genommen haben. Am Sonnabend Nachmittags traf noch Jemand ein, der die Stadt faſt eben ſo ſehr intereſſirte, als die Rüſtungen zum Kampfe. Es war der Graf von Don⸗ 78 glas, der nur mit dreißig Pferden, aber meiſt Rittern und Edelleuten vom höchſten Range durch die Stadt itt. Aller Augen folgten dieſem gefürchteten Grafen, wie man den Flug des Adlers durch die Wolken ver⸗ folgt, unfähig, den Lauf von Jupiters königlichem Vo⸗ gel zu erkennen, aber ſchweigend, aufmerkſam und ſo ernſt in der Betrachtung, als könnte man den Grund errathen, warum er am Firmamente dahineilt. Er ritt langſam durch die Stadt zum nördlichen Thore hinaus. Am Dominikanerkloſter ſtieg er ab, und verlangte den Herzog von Albany zu ſehen. Der Graf wurde ſogleich hineingeführt und vom Herzog auf eine Weiſe empfan⸗ een, die einnehmend und gefällig ſeyn ſollte, aber auf een erſten Anblick Verſtellung und Unruhe verrieth. Nach den erſten Begrüßungen begann der Graf mit roßem Ernſt:„Ich bringe Euch traurige Nachrichten. zuer Gnaden königlicher Neffe, der Herzog von Rothſay, iſt nicht mehr, und ich fürchte, er iſt durch ſchlechte Schliche umgekommen.« 4 „Schliche!“ fragte der Herzog verwirrt,„was für Schliche?— wer wagt, dem ſchottiſchen Thronerben etwas zu Leide zu thun?“ 4 1 „Es iſt nicht meine Sache, dieſe Zweifel zu löſen,“ erwiederte Douglas,—„aber man ſagt, der Adler ſey durch einen Pfeil getödtet worden, der aus ſeiner ei⸗ genen Schwinge gefiedert war, ein Keil aus ſeinem eigenen Holz habe den Eichenſtamm geſpalten.“ „Graf von Douglas,“ ſagte der Herzog von Albany, vich verſtehe mich nicht aufs Räthſellöſen.“ „Und ich gebe keine auf,“ entgegnete Douglas ſtolz. „Eure Gnaden wird das Nähere in dieſen leſenswerthen Papieren finden. Ich will eine halbe Stunde in den Kloſtergarten gehen, und dann wieder zu Euch kommen. ⸗ „Ihr geht nicht zum König, Mylord 2 8 „Nein,« antwortete Douglas,„Eure Gnaden wird auch der Meinung ſeyn, daß wir dieß große Familien⸗ 79 unglück vor unſerm König verbergen, bis das morgende Geſchäft vorüber iſt.“ „Ja wohl,“ ſagte der Herzog.„Hörte der König von dieſem Verluſt, ſo würde er nicht beim Kampfe zugegen ſeyn, und erſcheint er nicht in Perſon, ſo wür⸗ den ſie ſich weigern, zu fechten, und Alles wäre um⸗ ſonſt. Aber ich bitte, ſetzt Euch, Mylord, während ich dieſe traurige Papiere über den armen Rothſay leſe.“ Er ließ die Papiere durch die Hand laufen, indem er auf einige einen ſchnellen Blick warf und auf andern verweilte, als wäre ihr Inhalt von der höchſten Wich⸗ tigkeit. Als er faſt eine Viertelſtunde damit zugebracht hatte, erhob er die Augen, und ſagte ſehr ernſthaft: „Mylord, in dieſen höchſt traurigen Urkunden iſt we⸗ nigſtens das tröſtlich, daß ich nichts darin ſehen kann, was die Spaltungen im Staatsrath erneuern dürfte, die durch den letzken feierlichen Vertrag zwiſchen Eurer Herrlichkeit und mir beigelegt wurden. Mein unglück⸗ licher Neffe ſollte dieſem gemäß bei Seite gebracht werden, bis die Zeit ihm mehr Ernſt und Urtheilskraft äbe. Er iſt jetzt vom Schickſal entfernt, das unſerer Abſicht hierin zuvor kam, und ihre Ausführung unnö⸗ thig machte.“ „Wenn Euer Gnaden,“ erwiederte der Graf,„nichts, das gute Vernehmen zwiſchen uns, das Schottlands Glück und Ruhe fordert, Störendes findet, ſo bin ich nicht Feind meines Vaterlandes genug, um es zu ſuchen.⸗ „Ich verſtehe Euch, Mylord von Douglas,“ ſagte Albany ſchnell. Ihr urtheilt vorſchnell, ich würde mich von Eurer Herrlichkeit beleidigt fühlen, weil Ihr Enre Macht als Großſtatthalter gebrauchtet, und die elenden Mörder auf meinem Gebiete zu Falkland ſtraftet. Glaubt mir, ich bin im Gegentheil Eurer Herrlichkeit Dank ſchuldig, daß Ihr mir die Beſtrafung der Elen⸗ den abmahnt, da es mir das Herz gebrochen hätte, ſie nur zu ſehen. Das ſchottiſche Perlament wird ohne 80 Zweifel ihre gottesläſterliche That unterſuchen und glücklich bin ich, daß das Racheſchwert in der Hand eines ſo gewichtigen Mannes, wie Eure Herrlichkeit, war. Unſer Beſchluß ging, wie Eure Herrlichkeit ſich erinnern wird, nur bis zum Vorſchlag der Einſchrän⸗ kung meines unglücklichen Neffen, bis etliche Jahre ihn Klugheit gelehrt hatten?“ „ Dieß war allerdings Euer Gnaden Vorſchlag, ſo war er ausgedrückt,“ ſagte der Graf,„darauf kann ich mein Wort geben.“.. 1 „Nun denn, edler Graf, ſo können wir nicht getadelt werden, weil Schurken, um ihrer eigenen Abſichten willen, unſerer guten Abſicht ein blutiges Ziel geſetzt aben? „Das Parlament wird darüber nach ſeiner Weisheit ſprechen,“ ſprach Douglas,„mich wenigſtens ſpricht mein Gewiſſen frei.⸗. 1 „Und mich beruhigt das meinige,“ ſagte der Herzog feierlich.„Nun, Mylord, wie geht es aber mit der Bormundſchaft des Kuaben Jakob*), der ſeines Vaters irbe ſeyn wird?“. 3 „Darüber entſcheidet der König,“ antwortete Don⸗ glas ungeduldig, dem das Geſpräch zu lang wurde. Meinetwegen wohne er, wo er will, nur nicht zu Stirling, Donne oder Falkland.“ Mit dieſen Worten verließ er plötzlich das Gemach. „Er iſt fort,“ murmelte der liſtige Albany,„und er muß mein Verbündeter ſeyn— ob er ſich gleich geneigt füht, mein Todfeind zu werden. Hat nichts zu ſagen — Rothſay ſchläft bei ſeinen Vätern— Jakob wird bald folgen und dann— iſt eine Krone der Lohn mei⸗ ner Verlegenheiten.“ 1 *) Zweiter Sohn Noberts III., Bruder des ungtüͤckklichen Herzogs von Rothſay, nachher Koͤnig Jakob I. von Schottland. Anm. d. Herausg. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der Palmſonntag brach an. In einer früheren Zeit der chriſtlichen Kirche wäre der Gebrauch irgend eines Tags der Paſſſion zum Kampfe als eine des Kirchen⸗ banns würdige Entweihung hetrachtet worden. Die römiſche Kirche hatte, was ihr zur unendlichen Ehre gereicht, beſchloſſen, es ſolle zu der heiligen Oſterzeit, in der der Menſch aus ſeinem gefallenen Zuſtand er⸗ löst worden, das Kriegsſchwert in der Scheide ruhen und die zornigen Fürſten ſollten die Zeit achten, die man den„Gottesfrieden« nannte. Die wi de Heftigkeit der letzten Kriege zwiſchen Schottland und England hatte alle Beobachtung dieſes anſtändigen und frommen Gebrauches zerſtört. Sehr oft mißbrauchte eine Par⸗ thei die feierlichſten Gelegenheiten zu einem Angriff, weil ſie einander in frommer Pflichtübung und unvor⸗ bereitet zur Vertheidigung zu finden hofften. So war der Gottesſreede, den man ehemals der Zeit, in der er galt, angemeſſen fand, unterbrochen; und es war ſelbſt nicht ungebräuchlich, die heiligen Feſte der Kirche zur Entſcheidung der Kampfprobe zu wählen, mit der dieſe vorgehabte Schlacht einige Beharrlichkeit hatte. Bei der jetzigen Gelegenheit jedoch wurde alles Ge⸗ hörige mit der gewöhnlichen Feierlichkeit beobachtet und die Kämpfer ſelbſt nahmen daran Theil. Eibenzweige in den Händen, als die paſſendſten Stellvertreter der Palm⸗ zweige, zogen ſie ehrfurchtsvoll in das Dominikaner⸗ und Karthäuſerkloſter, um das Hochamt zu hören und ſich wenigſtens durch einen Anſchein von Frömmigkeit auf den blutigen Streit des Tags vorzubereiten. Es war daher wohl afiee ffords, 5 ſie während dieſes Walter Scott's Werke. 1508 yn. 6 3² Zugs einander nicht zu nahe kamen, daß eine Parthei die Sackpfeifen der andern hörte; denn ſicher war es, daß ſie, wie Streithähne, die einander ausfordernd an⸗ krähen, ſich geſucht und angegriffen hätten, ehe man auf den Kampfplatz kam.— Die Bürger von Perth drängten ſich, um den unge⸗ woͤhnlichen Aufzug zu ſehen, auf die Stratzen und in die Kirchen, wo die beiden Clans ihre Andacht verrich⸗ teten, um ihr Betragen zu ſehen und aus ihrem Aeuſ⸗ ſern die Wahrſcheinlichkeit des Sieges für die eine Parthei zu weiſſagen. Ihr Benehmen in der Kirche war, ſo ſelten ſie auch ſonſt ähnliche Plätze beſuchten, höchſt würdig, und es waren trotz ihrer wilden und unge⸗ bäudigten Natur doch wenige Hochländer, die Staunen oder Neugierde zeigten. Sie ſchienen es unter ihrer Würde zu achten, Verwunderung oder Ueberraſchung bei vielen Dingen zu äußern, die ſte wahrſcheinlich zum erſtenmal in ihrem Leben ſahen. Ueber den Ausgang des Kampfs wagten felbſt die geſchickteſten Richter nichts voraus zu ſagen; obwoht die Größe Torquil's und ſeiner acht rüſtigen Söhne einige, die ſich für gute Beurtheiler männlicher Mus⸗ teln und Sehnen halten zu dürfen glaubten, geneigt machte, dem Elan Quhele den Vortheil zuzuſprechen. Die Meinung des weiblichen Geſchlechts wurde haupt⸗ ſächlich durch die ſchöne Geſtalt, die edlen Züge und das ritterliche Benehmen Eachin Mae Jans beſtimmt. Mehr als Eine glaubte ſich ſeiner Züge zu erinnern; aber ſein glänzender Kriegsputz machte den niedrigen Lehrjungen des Handſchuhmachers, außer für Eine Per⸗ ſon, in dem jungen Häuptling unkenntlich. Dieſe Eine Perſon war, wie mau leicht errathen wird, der Waffenſchmied von Wynd, der in dem Haufen der erſte war, welcher ſich hergedrängt hatte, die tapfe⸗ ren Kämpfer des Clans Quhele zu ſehen. Mit ge⸗ miſchten Gefühlen von Unwillen, Eiferſucht und einer 8³3 Art von Bewunderung betrachtete er den Lehrjungen des Haudſchuhmachers, der ſeine gemeine Kleidung ab⸗ elegt hatte und als ein Häuptling glänzte, der durch dein ſchnelkes Auge und ritterliches Beuehmen, die edle Stirne und den ſtolzen Nacken, die glänzende Rüſtung und die wohlgebauten Glieder als ein Mann erſchien, der wohl verdiente, den erſten Rang unter Männern einzunehmen, die gewählt waren, zur Ehre ihres Stam⸗ mes zu leben oder zu ſterben. Der Schmied konnte es kaum glauben, daß er denſelben leidenſchaftlichen Kna⸗ ben ſah, den er von ſich geſtoßen hatte wie eine Weſpe, die ihn geſtochen und den er damals nur aus Mitleiden nicht zu Boden trat.. „Er ſieht doch wacker aus in meinem edeln Harniſch,“ murmelte Heinrich für ſich;„es iſt der beſte, den ich gemacht habe. Aber doch, wenn ich und er zuſammen ſtänden, wo keine Hand hülfe und kein Auge es ſähe, bei Allem, was Gefegnetes in diefer heiligen Kirche iſt, der gute Harniſch käme wieder an ſeinen Eigen⸗ thümer. Alles, was ich werth bin, wollte ich um drei oder vier ſchöne Hiebe auf ſeine Schulter geben, um mein beſtes Werk zu verderben; aber ſolches Glück wird mir nimmer zu Theil. Entkommt er aus dem Kampf, ſo iſt der Ruhm ſeines Muthes ſo gegründet, daß er es wohl verachten kann, ſein friſches Glück durch Zwei⸗ kampf mit einem armen Bürger wie ich in Gefahr zu ſetzen. Er wird mir einen Kämpfer ſtellen, und zwar meinen Zunftgenoſſen, den Hammerſchmied, wobei mein ganzer Gewinn ſeyn kann, einen hochländiſchen Ochſen vor den Kopf zu ſchlagen. Könnte ich nur Simon Glover ſehen!— Ich will in die andere Kirche eilen und ihn ſuchen, denn er muß jetzt wieder aus dem Hochland herunter ſeyn.“ 4 Die Verſammlung kam aus der Dominikanerkirche, als der Schmied dieſen Entſchluß faßte, den er ſchnell zu vollziehen ſuchte, indem er ſo ſchnell, als die Heilig⸗ 5 * 84 keit des Orts und der Gelegenheit es geſtattete, durch die Menge ſich drückte. Auf ſeinem Weg durchs Ge⸗ dränge kam er einmal ſo nahe an Eachin, daß ihre Augen ſich begegneten. Des Waffenſchmieds kühnes, braunes Geſicht färbte ſich wie das glühende Eiſen, das er bearbeitete und behielt einige Minuten lang ſeine dunkle Röthe. Eachins Züge glühten von der helleren Gluth des Zorns, und ein Blick voll feurigen Haſſes ſchoß aus ſeinen Augen. Aber der ſchnelle Blitz ſchwand in aſchgrauer Blaͤſſe dahin und er vermied ſogleich den ſteten, feindlichen Blick, der ihm begegnete. Torquil, deſſen Auge ſeinen Pflegohn nie verließ, ſah ſeine Bewegung und blickte aͤngſilich umher, die Urſache derſeiben zu entdecken. Aber Heinrich war bereits entfernt und eilte nach dem Carthaͤuſerkloſter. Auch hier war der Gortesdienſt zu Ende, und d die, welche vor Kurzem zum Andenken der großen Bege⸗ benbeit, welche Frieden auf Erden und den Menſchen⸗ kindern ein Wohlgefallen brachte, Palmen getragen hatten, ſtroͤmten auf den Kampfplat, theils in der Abſicht, ihren Mitgeſchoͤpfen das Leben zu nehmen oder es ſelbſt zu ver lieren, theil s den toͤdtlichen Kampf mit dem rohen Vergnuͤgen zu betrachten, das die Hei⸗ den an ihren Fechterſpielen fanden. 3 Das Volksgedrange war ſo groß, daß jeder Andere verzweifelt waͤre, ſich einen Weg durch daſſelbe zu bahnen. Aber die allgemeine Achtung gegen Heinrich von Wynd, als den Kaͤmpen von Perth, und die Ue⸗ berzeugung Aller, daß er wohl im Stande ſey, ſich mit Gewalt einen Weg zu bahnen, bewog Jedermann, ihm Raum zu machen, ſo daß er ganz nahe zu den Kriegern des Clans Chattan kam. Ihre Pfeifer gin⸗ gen an der Spitze ihres Zugs. Hierauf folgte das wohlbefannte Banner, die ſpringende Bergkatze zei⸗ gend, mit der geeigneten Warnung:»„Ruͤhre die Katze nicht ohne Pandſchuhe an.« Der Haͤuptling 85 folgte mit gezuͤcktem zweihaͤndigem Schwert, als wollte er das Emblem ſeines Stammes beſchuͤtzen. Er war ein Mann von mittlerer Statur, mehr als fuͤnfzig Jahre alt, der aber weder in Mienen, noch Wuchs irgend eine Abnahme oder ein Zeichen des Alters verrieth. Seine dunkelrothen krauſen Haare waren zum Theil mit grauen Locken gemiſcht, aber ſein Schritt und ſeine Bemegung waren ſo leicht im Tanz, auf der Jagd oder im Kampf, als waͤre er noch nicht uͤber das dreißigſte Jahr hinaus Aus ſeinem grauen Auge glaͤnzte ein wildes Feuer des Muthes mit Trotz verbunden, aber Weisheit und Erfahrung wohnte augenſcheinlich auf ſeiner Stirn, ſeinen Braunen und Lippen. Die erkohrnen Strei⸗ ter folgten ihm paarweiſe. Es war ein aͤngſtlicher Zug auf den Geſichtern von Vielen bemerkbar, denn ſie hatten dieſen Morgen die Abweſenheit eines Man⸗ nes aus der beſtimmten Zahl bemerkt, und in einem ſo verzweifelten Kampf ſchien dieſer Verluſt Allen bedeutend, außer dem hochſinnigen Haͤuptling Mac Gillie hättanach „Sage dem Sachſen nichts von ſeinem Ausbleiben,“ erwiederte dieſer kuͤhne Anfuͤhrer auf die Meldung die es Umſtandes.„Die falſchen Niederlaͤnderzungen könnten ſagen, es ſey einer vom Clan Chattan eine Memme geweſen und die Uebrigen haben vielleicht ſeine Flucht beguͤnſtigt, um einen Vorwand zu Ver⸗ meidung des Kampfes zu haben. Ich weiß, daß Ferquhad Day ſich in den Reihen zeigen wird, ehe wir zum Kampfe fertig ſind, oder wenn das nicht geſchieht, bin ich nicht Manns genug fuͤr zwei vom Clan Quhele? oder wuͤrden wir nicht lieber fuͤnfzehn gegen dreißig kaͤmpfen, als den Ruhm dieſes Tages aufgeben?“ Der Stamm nahm dieſe tapfere Rede ſeines Heer⸗ fuͤhrers mit Beifall auf, und doch wurden noch augſt⸗ 86 cke umhergeworfen, um die Ruͤckkehr des Entronnenen auszuſpaͤhen, und der Haͤuptling war vielleicht der Einzige in der entſchloſſenen Schaar, der ſich gar nicht um die Sache bekuͤmmerte. Sie zogen ſofort durch die Straßen, ohne weiter etwas von Ferquhard Day zu ſehen, der viele Mei⸗ len weit in den Vergen war und ſich durch gluͤckliche Liebe ſo viel als moͤglich fuͤr den Verluſt der Ehre entſchaͤdigte. Mac Gillie Chattanach zog voran und ſchien ſeine Abweſenheit nicht zu bemerken; er betrat die noͤrdliche Matte(North Inck) eine ſchoͤne Ebene ganz nahe an der Stadt, die zu den Waffenuͤbungen der Buͤrger eingerichtet war. Sie wird von der ei⸗ nen Seite von dem tiefen, ſchwellenden Tay beſpuͤlt. Hier war ein ſtarker Palliſadenzaun errichtet, der von drei Seiten einen Platz von hundert fuͤnfzig Yardis Laͤnge und vier und ſiebenzig Yardis Breite umſchloß. Die vierte Seite der Schranken hielt man durch den Fluß fuͤr hinlaͤnglich gedeckt. Ein Am⸗ phitheater fuͤr die Zuſchauer lief rings um die Schran⸗ ken, das einen großen Platz fuͤr Bewaffnete zu Roß und zu Fuß und fuͤr die gemeinen Zuſchauer frei ließ. Am Ende der Schranken war eine Reihe erhoͤhter Balcone fuͤr den Koͤnig und den Hof, ſo ſehr mit laͤndlichem Gitterwerk und Vergoldungen verziert, daß der Platz bis auf den heutigen Tag die goldene oder vergoldete Laube heißt. Die hochländiſchen Spielleute, die bisher die Schlacht⸗ lieder ihrer Clane hatten hören laſſen, ſchwiegen, dem gegebenen Befehl gemäß, als man auf der Matte ein⸗ zog. Zwei ſtattliche aber alte Krieger, jeder die Fahne ſeines Stammes tragend, ſchritten an die entgegenge⸗ ſetzten Seiten der Schranken, ſtießen die Banner in die Erde und rüſteten ſich, einem Gefecht zuzuſehen, woran ſie keinen Theil nehmen ſollten. Die Pfeifer, 87 die beim Kampf ebenfals neutral bleiben ſollten, ſtell⸗ ten ſich zu ihrem Brattachs. Die Menge enpfing beide Schaaren mit demſelben allgemeinen Jubel, womit ſie bei ähnlichen Gelegenhei⸗ ten die begrüßt, von denen ſie Ergötzlichkeit, vder wie man es nennt, Kurzweil erwarket. Die gewählten Kämpfer erwiederten den Gruß nicht, aber beide Par⸗ theien ſtellten ſich einander in den Schranken gegen⸗ über, nachdem ſie durch entgegengeſetzte Oeffnungen eingetreten waren. Eine ſtarke Wache beſetzte alle Zu⸗ gänge und der Lord Marſchall auf der einen, der Lord⸗ Großconnetable auf der andern Seite unterſuchte ſorg⸗ fältig jeden Einzelnen, ob er die gehörigen Waffen, nämlich Helm— Panzerhemd— zweihändiges Schwert und Dolch führte. Auch zählten ſie beide Schaaren; und groß war der Schrecken des Volks, als Graf Er⸗ rol die Hand emporhielt und rief:—„Ho!— der Kampf kann nicht Statt finden, denn dem Clan Chat⸗ tan fehlt ein Mann.“ „Was ſchadet das?“ antwortete der junge Graf von Crawford,„ſie hätten beſſer zählen ſollen, ehe ſie von Hauſe gingen.“. Der Lord Marſchall ſtimmte jedoch mit dem Connetable überein, daß der Kampf nicht ſtatt finden könne, bis die Ungleichheit gehoben ſey und es erhob ſich eine allgemeine Furcht in der verſammelten Menge, es möchte trotz allen Vorbereitungen doch kein Kampf vorfallen. Vou allen Anweſenden waren vielleicht nur zwei, die ſich über die Verzögerung des Kampfes freuten und dieſe waren der Häuptling des Clans Quhele und der weich⸗ müthige König Robert. Indeſſen traten beide Häupt⸗ linge, jeder von einem Freund und Rath begleitet, in die Mitte des Kampfplatzes, um nebſt dem Lord Mar⸗ ſchall, dem Lord Großconnetable, dem Grafen von Craw⸗ ford und Sir Patrick Charteris zu berathen, was zu thun ſey. Der Chef des Clans Chattan erklärte ſeine 88 Bereitwilligkeit und ſeinen Wunſch, ohne Rückſicht auf die Ungleichheit der Zahl ſogleich das Gefecht zu be⸗ ginnen. „Dazu,“«’ ſagte Torquil von der Eiche,„wird der Clan Auhele nimmermehr einwilligen. Ihr koͤnnt mit dem Schwert von uns keine Ehre erholen und ſucht nur eine Ausflucht, um, weun Ihr geſchlagen ſeyd, was, wie Ihr wohl wißt, geſchehen wird, ſagen zu koͤnnen, dieß ſey wegen der kleinen Zahl geſchehen. Aber ich mache einen Vorſchlag:— Ferquhard Day war der Juͤngſte Eurer Schaar, Eachin Mac Jan iſt es bei uns— wir wollen ihn gegen den Mann weg⸗ laſſen, der aus dem Kampf entflohen iſt.« „Ein hoͤchſt ungerechter und unbilliger Vorſchlag,« rief Toſhach Beg, der Secundant, wie er genannt werden koͤnnte, von Mac Gillie Chattanach aus,„das Leben des Haͤupilings iſt fuͤr den Clan das Athmen unſrer Naſe, und wir ſetzen unſern Chef keiner Ge⸗ kahr aus, die der Haͤuptling des Clans Quhele nicht theilt.⸗«. Torquil ſah mit tiefer Betruͤbniß ſeinen Plan ſchei⸗ tern, als dieſer Einwurf gegen Hectors Ruͤckzug aus dem Kampfe gemacht ward, und er ſann eben nach, wie er ihn unterſtuͤtzen ſollte, als Eachin ſich ſelbſt einmiſchte. Seine Furchtſamkeit war, was wohl zu merken iſt, nicht von der ſchmutzigen und ſelbſtſuͤchti⸗ gen Art, die diejenigen, welche von ihr angeſteckt ſind, ruhig der Schande ſich unterziehen laͤßt, ehe ſie ſich in Gefahr wagt. Er war im Gegentheil tapfern Geiſtes, aber durch koͤrperliche Anlagen feig, und die Schande, den Kampf zu meiden, war einen Augen⸗ blick maͤchtiger, als die Furcht, ſich zu ſtellen. „Ich will nichts von einem Plan hoͤren,“ ſagte er, „der mein Schwert waͤhrend dieſes glorreichen Tags in der Scheide laͤßt. Bin ich jung in den Waffen, 89 ſind Tapfere genug um mich, denen ich nachahmen, wenn auch nicht gleichen kann.“ Er ſprach dieſe Worte mit einem Stolz, der auf Torquil und vielleicht auf ihn ſelbſt Eindruck machte. „Nun, Gott ſegne ſein edles Herz!« ſagte der Pflegevater zu ſich ſelbſt,„ich wußte doch, der elende Zeuber muͤßte durchbrochen werden, und der feige Geiſt, der ihn beſaß, werde beim Ton der Pfeifen und beim erſten Wallen des Brattach fliehen.«⸗ „Hoͤrt mich, Lord Marſchall!« ſagte der Conne⸗ table.„Der Kampf kann nicht laͤnger verzoͤgert wer⸗ den, denn es geht dem Mittag zu. Laßt dem Haͤupt⸗ ling des Clans Chattan die noch uͤbrige halbe Stunde benutzen, um wo moͤglich einen Stellvertreter des Fluchtigen zu finden; wo nicht, ſo laßt ſie fechten, wie ſie ſtehen. „Ich bins zufrieden,« entgegnete der Marſchall, „aber da niemand von ſeinem Clan naͤher iſt, als fuͤnfzig Meilen, ſo ſehe ich nicht, wie Mac Gillie Chatanach einen Helfer finden ſoll?⸗⸗ „Das iſt ſeine Sache,« war des Großconnetables Antwort,„aber wenn er hohen Lohn bietet, ſo ſte⸗ hen genug tapfere Maͤnner um die Schranken, die gern ihre Glieder in den erwarteten Kampf ſtecken werden. Ich ſelbſt, erlaubte mir es Rang und Amt, wollte mit Vergnuͤgen unter dieſen wilden Burſchen kämpfen, und es mir zur Ehre rechnen.« Man theilte dieſen Beſchluß dem Hochlaͤnder mit, und der Haͤuptling des Clan Chattan antwortete: „Ihr habt unparteliſch und edel geurtheilt, Mylords, und ich halte mich fuͤr verpflichtet, Eurer Leitung zu folgen— Ruft alſo Herolde, wenn einer mit dem Clan Chatan die Ehre und den Wechſel des Tages theilen will, ſoll er ſogleich eine Goldkrone erhalten, und die Freiheit haben, bis zum Tode in meinen Reihen zu kaͤmpfeu.“ 90 „» Ihr ſeyd ein wenig karg mit Eurem Schaße, Haͤupiling,« ſagte der Graf Lord Marſchall,„eine Goldkrone iſt eine arme Zahlung fuͤr ein Geſecht, wie das bevorſtehende.« „ Gibt es einen Mann hier, der um Ehre ſicht, ſo iſt der Preis hoch genug,“ erwiederte Mac Gillie Chattanach,„und ich brauche den Dienſt eines Men⸗ ſchen nicht, der bloß um Gold ſein Schwert zieht Die Herolde traten vor, gingen halb in den Schran⸗ ken herum, und hielten von Zeit zu Zeit, um nach dem erhaltenen Befehl den Aufruf hoͤren zu laſſen, ohne daß irgend Jemand der ausgerufenen Werbung folgen zu wollen ſchien. Einige ſpotteten uͤber die Armuth der Hochlaͤnder, die einen ſo geringen Preis auf den verzweifelten Dienſt ſetzten. Andere waren erzuͤrnt, daß ſie das Blut der Buͤrger ſo niedrig an⸗ ſchlugen. Keiner zeigte die geringſte Neigung, das Anerbieten anzunehmen, bis der Laͤrm des Ausru⸗ fens Heinrich von Wynd erreichte, der, von Zeit zu Zeit mit dem Vogt Craigdallie ſprechend, oder viel⸗ mehr zerſtreut anhoͤrend, was ihm dieſer ſagte, vor den Schranken ſtand. „Ha! was ruft man aus?«« fragte er laut.„Ein freigebiges Anerbieten von Mac Gillie Chattanach,« antwortete der Greifwirth,„der dem eine Goldkrone verſpricht, der heute eine wilde Katze werden, und ſich in ſeinem Dienſt ein wenig todtſchlagen laſſen will. Das iſt Alles.« „Wie!« rief der Waffenſchmied haſtig aus,„ſuchen ſie einen Mann, der gegen den Clan Quhele kaͤmpft?. „Ja freilich,« entgeanete der Greif,„aber ich denke, ſie werden keinen ſolchen Narren in Perth finden.« Er hatte kaum geſprochen, ſo ſah er den Schmied mit einem Sprung uͤber die Pfaͤhle ſetzen, in den Schranken ſtehen und ſagen:„Hier bin ich, Sir He⸗ 94 rold, Heinrich von Wund, bereit, mit dem Clan Quhele zu kaͤmpfen.“ Ein Ruf der Verwunderung lief durch die Menge, waͤhrend die ernſten Buͤrger, die nicht den geringſten Grund fuͤr Heinrichs Benehmen zu finden wußten, ſchloſſen, er muſſe g ganz von Kampfluſt verruͤckt ſeyn. Beſonders der Oberrichter war unwillig. „Du biſt toll,« ſagte er,„Heinrich! Du haſt we⸗ der ein zweihaͤndiges Schwert, noch ein Panzerhemd.“ „„Wahrlich nein,« war die Antwort,„denn ich gab meinen Panzerrock, den ich fuͤr mich machte, jenem luſtigen Haͤuptling des Clan Quhele, der bald finden wird, mit welchen Hieben ich an meinem eigenen Halsringe raſte! Was das Schwert betrifft, ſo wird dieſe Knabenfuchtel gut genug ſeyn, bis ich ein ſchwe⸗ reres erwiſche.«⸗ 3 „Das darf nicht ſeyn,« fiel Errol ein.„Hoͤre, Waffenſchmied, bei St. Maria, Du ſollſt meinen mallaͤndiſchen Harniſch und mein gutes ſpaniſches Schwert haben.« „Ich danke Eurer graͤflichen Herrlichkeit, Sir Gll⸗ bert Hay; aber der Pruͤgel, mit dem Euer tapferer Ahn die Schlacht von Loncarty gewonnen hat, wuͤrde mir hinreichend ſeyn. Ich bin wenig an Schwert oder Harniſch gewohnt, die ich nicht gemacht habe, wefil ich nicht weiß, welche Hiebe der eine aushaͤlt, ohne zu brechen, oder das andere gibt, ohne abzuſpringen. Der Laͤrm hatte ſich indeſſen durch die Menge ver⸗ breitet und war bis in die Stadt gedrungen, der un⸗ erſchrockene Schmied werde ohne Ruͤſtung ſechten, als, gerade da die entſcheidende Stunde herankam, die gellende Stimme eines Weibes gehoͤrt wurde, das um Platz bei der Menge bat. Das Volk wich endlich ihrer Zudringlichkeit, und ſie trat, athemlos vor Eile, unter der Laſt eines Harniſches und großen zweihaͤn⸗ digen Schwertes heran. Man erkannte bald Olivier 9² Proudfute's Wittwe, und die Ruͤſtung, die ſte trug, war Heinrich Smiths eigene, die ihr Gatte an dem unſeligen Abend ſeiner Ermordung getragen, die na⸗ tuͤrlich mit dem Leichnam nach Hauſe gebracht worden war, und die nun, durch die Anſtrengungen der dank⸗ baren Wittwe, in dem Augenblick in die Schranken gebracht wurde, da ſo erprobte Waffen ſehr wichtig fuͤr ihren Beſitzer waren. Heinrich empfing mit Ver⸗ gnuͤgen die wohlbekannte Ruͤſtung und die Wittwe, nachdem ſie zitternd vor Haſt ſie ihm anlegen gehol⸗ fen, nahm mit den Worten Abſchied:„Gotrt mit dem Kaͤmpen der Waiſen und Ungluͤck allen, die wider ihn ſtehen!«« Voll Vertrauen, als er ſich in ſeiner wohlgepruͤften Ruͤſtung ſah, ſchuͤttelte ſich Heinrich, als wollte er den Panzer ſich anſetzen laſſen, zog das große Schlacht⸗ ſchwert, und ließ es, die Luft in Geſtalt eines Ach⸗ ters durchpfeifend, uͤber dem Kopfe mit ſolcher Leich⸗ tigkeit und Kraft blitzen, daß man ſah, wie maͤchtig und gewandt er die ſchwere Waffe zu fuͤhren wußte. Die Kaͤmpfer erhielten nun Befehl, in Ordnung um die Schranken zu ziehen, ſo jedoch, daß ſie einander nicht begegneten, und ſich, als ſie die goldne Laube voruͤbergingen, wo der Koͤnig ſaß, zu verbeugen. „Waͤhrend dieſes Zugs muſterten die Zuſchauer wie⸗ der umſtaͤndlich den Wuchs, die Glieder und Sehnen der beiden Parteien und ſuchten den Ausgang des Gefechtes muthmaßlich zu beſtimmen. Die Fehde eines Jahrhunderts mit allen Angriffen und Wiedervergel⸗ ungen war in der Bruſt eines jeden Kaͤmpfers zu⸗ ſammengedraͤngt. Ihre Mienen ſchienen zum wildeſten Ausdruck des Stolzes, Haſſes und des verzweifelten Entſchiuſſes⸗ bis auf's Aeußerſte zu kaͤmpfen, gebracht zu ſeyn. Die Zuſchauer murmelten in hoher Erwartung des blatigen Schauſpiels froͤhlichen Beiſall. Es wurden 4 93 auf den allgemeinen Ausgang des Kampfes und auf die Thaten einzelner Kaͤmpfer Wetten geboten und angenommen. Der helle, freie und ſtolze Blick Hein⸗ rich Smiths machte ihn zum Liebling aller Anweſeu⸗ den, und ungleiche Wetten wurden darauf eingegan⸗ gen, daß er drei Gegner toͤdten wuͤrde, ehe er ſelbſt fiele. Kaum war der Waffenſchmied zum Kampfe ge⸗ ruͤſtet, als der Befehl der Anfuͤhrer die Kaͤmpfer an jihre Pläͤtze ſtellte und in demſelben Augenblick hoͤrte er Simon Glovers Stimme aus dem Volk, das vor Erwartung ſchwieg, rufen:„Heinrich Smith, Hein⸗ rich Smith, welche Tollheit hat Dich ergriffen 24 „Ha, er will ſeinen jetzigen oder kuͤnftigen hoff⸗ nunasvollen Eidam aus den Haͤnden des Waffen⸗ ſchmieds retten,“ war Heinrichs erſter Gedanke; ſein zweiter, ſich umzuwenden und mit ihm zu ſprechen— und der dritte, er koͤnne unter keinem Vorwand ſeine Schaar verlaſſen, oder, ohne an ſeiner Ehre zu lei⸗ den, auch nur den Wunſch dlicken laſſen, das Gefecht aufzuſchieben. 3 Er wandte ſich daher zu dem Geſchaͤft, das die. Stunde gebot. Beide Parteien waren von ihren Heerſuͤhrern in drei Linien, jede zu zehn Mann, ge⸗ theilt. Sie ſtanden ſo nebeneinander, daß zwiſchen zweſen immer genng Raum blieb, um ein Schwert zu ſchwingen, deſſen Klinge, ohne den Griff, fuͤnf Fuß lang Far. Die zweite und dritte Reihe diente als Ruͤckhalt, wenn die erſte ungluͤcklich war. Rechts in der Schlachtordnung des Clan Quehle ſtand der Haͤupt⸗ ling Eachin Mac Jan, in der zweiten Linie zwiſchen zweien ſeiner Milchbruͤder. Vier von ihnen nahmen die rechte Seite der erſten Linie ein, indeß der Va⸗ ter und zwei andere Bruͤder den Ruͤcken des geliedten Chefs deckten. Torquil beſonders hielt ſich ganz nah an Eachin, um ihn zu decken. So ſtand dieſer mit⸗ ten unter den neun ſtaͤrkſten Männern ſeiner Schaat, 94 indem er vier treffliche Vertheidiger vor ſich, einen auf jeder Seite und drei hinter ſich hatte. Ganz auf dieſelbe Art war der Clan Chartan ge⸗ ſtellt, nur daß der Chef im Mittelpunkt der mittle⸗ ren Reihe, ſtatt auf der aͤußerſten Rechten ſtand. Dies bewog Heinrich Smith, der unter den beiden Schaaren nur Einen Feind ſah, und dieß war der ungluͤckliche Eachin, zu bitten, daß er in die erſte Li⸗ nie des linfen Fluͤgels von Clan Chattan geſtellt wuͤrde. Aber der Anfuͤhrer mißbilligte dieß, und nachdem er Heinrich erinnert hatte, daß er ihm Gehorſam ſchul⸗ dig ſey, weil er Sold von ihm erhalte, befahl er ihm, den Platz in der dritten Linie gerade hinter ihm felbſt einzunehmen, ein Ehrenplatz, den Heinrich, ſo ungern er ihn annahm, nicht ablehnen konnte. Als die Elans einander ſo gegenäber ſtanden, zeig⸗ ten ſie ihren Muth und ihre Kampllſt durch ein lau⸗ tes Geſchrei, das der Clan Quhele erhob, und Chat⸗ tan erwiedernd nachhallte, alle ſchwangen zugleich ihre Schwerter, und drohten einander, als wollten ſie die Einbildungskraft der Gegner beſiegen, ehe der wirkliche Kampf beaann. In bieſem wichrigen Augenblicke wurde Torquil, der nie fuͤr ſich ſelbſt aefuͤrchtet hatte, von Anaſt fuͤr ſeinen Pf geſohn ergriffen, aber durch den Anblick ſeiner Feſtigkeit wieder getroͤſtet, beſonders aber, als er ſah, daß die wenigen Worte, die er zu ſeinem Clane ſprach, kuͤhn und wohlberechner waren, um den Kampf zu beleben, weil ſie ſeinen Entſchluß aus⸗ druͤckten, ihr Schickſal in Sieg oder Tod zu theilen. Aber es war nicht Zeit, ferner zu beobachten. Die Trompeter des Koͤnigs bließen zum Angriff, die Sack⸗ pfeifen ließen ihre ſchmetternden, erhitzenden Toͤne ſchallen, und die Streiter, in regelmaͤßiger Ordnung fortſchreitend, und bis zum ſchnellen Lauf ihren Schritt beſchleunigend, trafen mitten im A naſipluns zuſam⸗ 12 95 men, wie ein wuͤthender Waldſtrom der heranbrau⸗ ſenden Meerfluth begegnet. Einige Augenblicke waren die erſten Linien, die mit den langen Schwertern aufeinander einhieben, im einzelnen Kampfe begriffen; aber die zweite und dritte Reihe kam, von Haß und Ruhmdurſt getrieben, auf beiden Seiten herbei, draͤngten ſich durch die Zwi⸗ ſchenraͤume, und machte die Scene zu einem laͤrmen⸗ den Chaos, uͤber dem die gewaltigen Schwerter ſtie⸗ gen und ſanken, einige immer blinfend, andere von Blut uͤberſtroͤmt; ſie ſchienen bei der ſeitſamen Schnelle, mit der ſie geſchwungen wurden, eher durch verwi⸗ ckelte Maſchinen in Bewegung geſetzt, als durch Men⸗ ſchenhaͤnde geſchwungen zu werden. Einige der Kaͤm⸗ pfer, die ſich zu ſehr zuſammengedraͤngt hatten, um dieſe großen Waffen zu gebrauchen, hatten bereits zu ihren Dolchen 8 Zufiucht genommen, und ſich be⸗ muͤht, ihren G Gegnern auf den Leib zu kommen. In⸗ deſſen floß eine Menge VBlut, und das Stoͤhnen der Fallenden begann ſich mit dem Geſchrei der Fechten⸗ den zu miſchen, das nach der bei den Hochlaͤndern zu allen Zeiten obwaltenden Sitte kaum ein Geſchrei, ſondern mehr ein gellendes Gekraͤnſch genannt wer⸗ den konnte. Die von den Zuſchauern, deren Aue Han ſolche Blutſcenen am beſten gewoͤhnt waren, wn ten jedoch keinen Vortheil auf irgend einer Seite ent⸗ decken. Der Kampf ſchwankte in der That in ver⸗ ſchiedenen Zwiſchenraͤumen vorwaͤrts und zuruͤck; aber es war nur augenblicklicher Sieg, den die Partei, die ihn gewann, faſt augenblicklich durch eine ahnliche Anſtrengung der andern wieder verlor. Die wilden Toͤne der Pfeifen wurden noch immer unter dem Tu⸗ multe gehoͤrt, und reizten die Wuth der Kaͤmpter. Auf einmal jedoch, und wie verabredeter Maßen bließen die Tonwerkzeuge zum Ruͤckzug. Es geſchah in traurigen Toͤnen, die ein Klagelied ſuͤr die Gefal⸗ 95 lenen anzuſtimmen ſchienen. Die beiden Partelen machten ſich von einander los, um einige Minuten Athem zu ſchoͤpfen. Die Zuſchauer betrachteten mit Vergnuͤgen die zerriſſenen Ruͤſtungen der Käͤmpfer, als ſie ſich aus dem Kampfe zuruͤckzogen; aber es war ihnen immer noch unmoͤglich, zu entſcheiden, wer den meiſten Verluſt erlitten hatte. Es ſchien, als habe der Clan Chattan weniger Leute verloren, als ſein Gegner; aber dagegen zeigten die blutigen Plaids und Waffenroͤcke ihrer Schaar(denn von beiden Sei⸗ ten hatten meyrcere die Mantel weggeworfen), mehr Verwundete als der Clan Quhele. Uugefaͤhr zwan⸗ zig von beiden Seiten lagen todt oder ſterbend auf dem Felde; abgehauene Arme und Beine, bis auf den Ruͤckarat geſpaltene Koͤpfe, tiefe Hiede durch die Schulter in die Bruſt zeigten auf einmal die Wuth des Kampfes, die Furchtbarkeit der gebrauchten Waffe, und die unſelige Staͤrke der Arme, die ſie fuͤhrten. Der Haͤuptling des Claus Chattan hatte den ent⸗ ſchloſſenſten Muth gezeizt und war leicht verwunder, Auch Eachin hatte, von ſeiner Leibwache umringt, tapfer gefochten. Sein Schwert war blutig; ſein Be⸗ nehmen kuͤhn und kriegeriſch, und er laͤchelte, als der alte Torquil ihn in die Arme ſchloß, und mit Lob und Segnungen uͤberhäufte. Die beiden Haͤuptlinge zogen, nachdem ſie ihre Leute etwa zehn Minuten hatten Athem ſchoͤpfen laß⸗ ſen, in ihren Linien, die um das Drittheil ihrer Anzahl vermindert waren, wieder einher. Sie waͤhi⸗ ten nun ihre Stellung dem Fluße naͤher als vorhin, da der vorige Kampfplatz mit Todten und Verwun⸗ deten bedeckt war. Einige der letztern ſah man von Zeit zu Zeit ſich erheben, um den Kampf ein wenig zu betrachten, zuruͤckſinken und meiſt an Blutverluſt durch die furchtbaren Wunden ſterben, die der Clay⸗ more ihnen geſchlagen hatte. 97 Heinrich Smith war durch ſeine niederlaͤndiſche Kleidung und dadurch leicht zu unterſcheiden, daß er an der Stelle blieb, wo man zuerſt gekaͤmpft hatte und wo er, auf ſein Schwert geſtuͤtzt, neben einem Leichnam ſtand, deſſen mit einer Muͤtze bedeckter Kopf durch die Gewalt des Hiebes, der ihn abgeſchlagen, zehn Yards weit von dem Rumpf geſchleudert war, und das Eichenlaub, die eigenthuͤmliche Auszeichnung der Leibwache Cachin's, trug. Seit er dieſen Mann erſchlug, hatte Heinrich keinen Hieb mehr gethan, ſondern ſich begnuͤgt, viele abzuwehren, die auf ihn gefuͤhrt wurden, und einige, die auf den Haͤuptling gezielt waren. Mac ölllie Chattanach erſchrack, als, nachdem er ſeinen Leuten das Zeichen zur Schlacht⸗ ordnung gegeden, dieſer maͤchtige Streiter fern von den Reihen blieb, und wenig geneigt ſchien, zu ihnen zu ſtoßen. „Was fehlt Dir, Mann?« rief der Haͤuptling, „kann ein ſo ſtarker Leib eine gemeine und feige Seele enthalten? Komm und halte Dich zum Streit.« „Ihr habt mich vorhin einen Miethling genannt, erwiederte Heinrich, auf den enthaupteten Leichnam deutend,„wenn ich das bin, ſo hab' ich fuͤr meinen Taglohn genug gethan.“ 3 4 „Wer mir dient, ohne Stunden zu zaͤhlen,“ ſagte der Häupküng⸗„dem danke ich, ohne den Lohn zu zaͤhlen.« „ Nun,“ ſagte der Waſſenſchmied,„ſo fechte ich als Freiwilliger, an dem Poſten, der mir am beſten gefaͤllt.« „Alles das, wie Ihr wollt,« entgegnete Mac Gillie Chattanach, der es fuͤr klug hielt, einem ſo viel ver⸗ ſprechenden Bundesgenoſſen nachzugeben. „» Schon genug,“« ſagte Heinrich, ſchulterte ſeine ge⸗ wichtige Waffe, trat ſchnell zu den uͤbrigen Streitern, Walter Scott's Werke. 1568 Bochen. 7 98 und ſtellte ſich dem Haͤuptling des Clans Quhele gegenuͤber. 38 Da zeigte Eachin zum erſtenmal einige Unſicherheit. Er hatte Heinrich lange als den beſten Kaͤmpfer be⸗ trachtet, den Perth und ſeine Umgegend in die Schran⸗ ken ſchicken koͤnnte. Sein Haß gegen den Nebenbuhler war mit der Erinnerung verbunden, wie leicht dieſer einmal, obgleich unbewaffner, ſeinen ploͤtzlichen, ver⸗ Zweifelten Angriff vereitelt hatte, und als er ihn die Augen auf ſich heften, und das blutige Schwert in der Hand, offenbar auf einen Zweikampf mit ihm ſinnen ſah, da fiel ſein Muth und ein Zittern ergriff ihn, das ſeinem Pflegevater nicht entging. 4 Es war ein Gluͤck fuͤr Eachin, daß Torquil durch ſein eigenes Temperament und durch den Character ſeiner Umgebungen unfaͤhig gemacht war, den Gedan⸗ ken zu faſſen, daß es einem ſeines Namens, oder wohl gar ſeinem Haͤuptling und Pflegeſohn an Muth fehle. Haͤtte er dieß gewußt, ſein Schmerz und ſeine Wuth haͤtten ihn zu dem Aeußerſten getrieben, Ea⸗ chin das Leben zu nehmen, um ihn vor Befleckung ſeiner Ehre zu wahren. Aber ſein Geiſt verſchmaͤhte den Gedanken, ſein Dault(Pflegeſohn) koͤnnte eine Memme ſeyn, weil es ihm unnatuͤrlich und entſetzlich ſchien. Daß er unter dem Einfluß eines Zaubers ſiehe, war eine Loͤſung des Raͤthſels, die der Aberglaube eingab, und fragte angſtlich fluͤſternd den Juͤngling: „Verdunkelt der Zauber deinen Geiſt, Eachin?e⸗ „Ja, ich Ungluͤcklicher,“ antwortete der arme Juͤng⸗ ling,„und dort ſteht der elende Zauberer.”⸗ „Was!“« rief Torquil aus,„und Du traͤgſt einen Harniſch von ſeiner Arbeit?— Norman, ungluͤckli⸗ cher Knabe, warum brachteſt Du dieſen verfluchten Panzer?., „Wenn mein Pfeil fehlgeſchoſſen iſt, kann ich nichts thun, als mein Leben ihm nachſchicken,“ autworiete 7 99 3 Norman⸗nan⸗Ord.„Steht feſt, Ihr ſollt mich den Zauber brechen ſehen.“ „Ja, ſteht feſt,« erwiederte Torquil,„es muß ein elender Zauberer ſeyn, aber mein eigen Ohr hat gehoͤrt und meine Zunge geſagt, ESachin ſoll geſund, frei, ohne Wunde den Kampf verlaſſen— laßt uns den ſaͤchſiſchen Hexenmeiſter ſehen, der das Luͤgen ſtraft. Er mag ein ſtarker Mann ſeyn, aber der ſchoͤne Eichenwald mag fallen, Stamm und Zweig,*) ehe er einen Finger an meinen Dault legt. Stellt Euch um ihn, meine Soͤhne— Bas air son Eachin!«« Torquihs Soͤhne riefen jubelnd die Worte nach, die ſo viel bedeuten als:„Sterbt ſuͤr Hector!« Von ihrer Ergebenheit ermuntert, faßte Eachin wieder Muth, und rief keck den Spiellenten zu: „Seid suas,« d. h.„ſpielt auf! Das wilde Schlachtlied ertoͤnte von Neuem; beide Schaaren naͤherten ſich einander langſamer, als das erſtemal, wie Gegner, die ihre beiderſeitige Tapfer⸗ keit achten. Heinrich von Wynd trat in ſeiner Un⸗ geduld, das Gefecht zu beginnen, vor den Clan Chat⸗. tan, und rief Eachin zum Kampfe; aber Norman ſprang vor, um ſeinen Milchbruder zu decken, und es entſtand eine allgemeine aber kurze Pauſe, als woll⸗ ten beide Partheien den Ausgang dieſes Zweikampfs als Vorbedeutung fuͤr den ganzen Kampf erwarten. Der Hochlaͤnder ruͤckte mit erhobenem Flamberg an, als wollte er eben den Hieb fuͤhren, aber als er eine Schwertlaͤnge noch von ſeinem Gegner entfernt war, warf er die lange, ſchwere Waffe von ſich, ſprang leicht uͤber des Waffenſchmieds Schwert, als dieſer nach ihm hieb, zog ſeinen Dolch, und da er Heinrich *.) Torquil von der Eiche und ſeine Soͤhne. Anmerk. d. Ueberſetzers. 7 100 ſo auf den Leib kam, ſtieß er ihm dieſe Waffe, ſein eigenes Geſchenk, ſeitwärts in den Hals, indem er den Stoß abwärks nach der Bruſt leukte, und rief laut: „Du haſt mich den Stoß gelehrt!“ Aber Heinrich trug ſeinen guten Panzer, der mit einer doppelten Lage gehärteken Stahls bedeckt war. Wäre er ſchlechter geſchützt geweſen, ſeine Kämpfe wären hier für immer zu Ende gegangen. Auch ſo wurde er leicht verwundet. „Du Narr!? gab er zur Antwort, indem er dem Hochländer mit dem Knauf ſeines Schlachtſchwerts einen Schlag beibrachte, daß dieſer zurücktaumelte.„Du haſt den Stoß gelernt, aber nicht das Ausbeugen;3 ſogleich führte er einen neuen Hieb auf den Gegner, der ihm durch den Helm den Schädel ſpaltete, und ſchritt über den Leichnam dem jungen Häuptling entgegen, der jetzt unbedeckt ſtand. Aber Torquil's helle Stimme don⸗ nerte:„Far eil air son Eachin!“(ein Anderer für Hector) und die zwei Brüder, die dem Chef zur Seite geſtanden waren, ſtürzten ſich auf Heinrich, holten beide zugleich aus und zwaungen ihn, ſich zu vertheidigen. „Vorwärts, Stamm der Tigerkatze!« rief Mac Gillie Chattanach,„rettet den tapfern Sachſen! laßt die Kerls Eure Knöchel fühlen!“ Bereits ſchwer verwundet, eilte der Häuptling ſelbſt dem Waffenſchmied zu Hülfe, und hieb einen der Leib⸗ wache nieder, von denen er angegriffen war. Heinrichs eignes gutes Schwert befreite ihn von dem andern. „BReist air son Eachin!“(Noch einmal für Hector!) rief der treue Pflegevater. „Bas air son Eachin!“(Sterbt für Hector!) ant⸗ worteten wieder zwei ſeiner ergebenen Söhne, und ſtell⸗ ten ſich der Wuth des Waffenſchmieds und derer, die ihm zu Hülfe kamen, entgegen; während Eachin, nach dem linken Flügel gewandt, minder furchtbare Gegner ſuchte, und wieder durch einen Aufſchwung von Tapfer⸗ keit die ſinkende Hoffnung ſeiner Schaar belebte. Die 101 beiden Söhne der Eiche, die dieſe Bewegung deckten, theilten das Schickſal ihrer Brüder, denn das Geſchrei des Häuptlings von Chattan hatte einige der Tapfer⸗ ſten auf dieſe Seite des Feldes gezogen. Torquil's Söhne fielen nicht ungerächt, ſondern ſie hinterließen furchtbare Zeichen ihrer Schwerter an den Leibern der Lebenden und Todten. Aber die Nothwendigkeit, ihre ausge⸗ zeichnetſten Krieger um den Häuptling zu ſtellen, war dem allgemeinen Ausgang des Kampfes nachtheilig, und ſo klein war nun die Zahl, die noch focht, daß man leicht ſah, der Elan Chattan habe noch fünfzehn Mann, zwar meiſt verwundet, der Clan Quhele aber nur zehn, wovon vier, worunter auch Torquil, die Leibwache des Anführers bildeten. Sie fochten und arbeiteten dem⸗ ungeachtet, und ihre Wuth ſchien mit dem Abnehmen ihrer Zahl zu wachſen. Heinrich Wynd, an mehreren Stellen verwundet, war noch immer bemüht, die Schaar kühner Herzen zu durchbrechen oder zu vernichten, die um den Gegenſtand ſeines Zornes focht. Aber immer wurde des Vaters Ruf:„Ein Anderer für Hector!*ο mit der tödtlichen Antwort erwiedert:„Sterbt für Hector!“ und der Kampf war, ſo klein die Zahl des Elans Quhele war, noch zweifelhaft. Nur gänzliche Ermüdung brachte eine neue Pauſe hervor. Der Clan Chattan hatte noch zwölf Kämpfer, wovon aber zwei oder drei kaum ſtehen konnten, ohne ſich auf die Schwerter zu ſtützen. Fünfe ſtanden auf der Seite der Gegner, darunter Torquil und ſein jüngſter Sohn, beide leicht verwundet. Eachin allein war bis jetzt, durch die Wachſamkeit, mit der alle gegen ihn geziel⸗ ten Hiebe aufgefangen wurden, noch unverletzt. Die Wuth beider Partheien war durch Erſchöpfung in fin⸗ ſtere Verzweiflung übergegangen. Sie wankten wie im Schlaf durch die Leichname der Erſchlagenen und ſtarr⸗ ten ſie an, als wollten ſie ihren Haß gegen die lebenden Feinde durch den Anblick der verlorenen Freunde be⸗ ehen. Das Volk ſah bald darauf die Ueberbleibſel von dem verzweifelten Kampfe ſich zuſammenziehen, um den Ver⸗ nichtungskampf am Ufer des Fluſſes zu erneuern, wo der Boden am wenigſten von Blut ſchlüpfrig und mit Leichnamen bedeckt war. „»Um Gottes willen, um des Mitleids willen, für das wir täglich beten,“ ſagte der gutherzige König zum Herzog von Albany,„laßk die Sache enden! Warum ſollen denn dieſe elende Ueberbleibſel der Menſchheit ihre Metzelei fortſetzen?— Gewiß ſind ſie jetzt ruhig, und nehmen den Frieden auf gemäßigte Bedingungen an.“ „Beruhigt Euch, mein Fürſt,“ erwiederte der Bru⸗ der.„Dieſe Männer ſind die Peſt des Niederlandes. Beide Häuptlinge leben noch— wenn ſie unbeſchädigt hingehen, iſt das ganze Tagwerk weggeworfen. Erin⸗ nert Euch Eures Verſprechens im Staatsrath, keinen Einhalt zu gebieten.“ „Ihr kreibt mich zu einem großen Verbrechen, Al⸗ bany, als König, der ſeine Unterthanen beſchützen, und als Chriſt, der ſeine Glaubensbrüder achten ſollte.“ „Ihr habt Unrecht, Mylord,“ wandte der Herzog ein,„dieß ſind keine liebenden Unterthanen, ſondern ungehorſame Rebellen, wie Mylord von Crawford Zeug⸗ niß geben kann, und noch weniger ſind ſie Chriſten, denn der Prior der Dominikaner wird an meiner Stelle bezeugen, daß ſie mehr als halbe Heiden ſind.« Der König ſeufzte tief.„Ihr müßt Eurem Wunſche genügen, und ſeyd zu klug, als daß ich mit Euch ſtrei⸗ ten möchte. Ich kann mich nur abwenden, und meine Augen vor dem Anblick eines Blutbads ſchließen, das mich krank macht. Aber ich weiß, daß Gott mich ſtra⸗ fen wird, daß ich dieſer Vergendung von Menſchenleben nur zuſehe.«— 3 „»Trompeter, blast,« vief Albauy,„ihre Wunden wer⸗ den ſtarr, wenn ſie länger zögern.“« Während dieß vorging, umarmte und ermunterte Torquil ſeinen jungen Häuptling. 10³ „Widerſteht nur noch einige Minnten dem Zauber! Seyd gutes Muths, ihr werdet ohne Narbe und Ritze, ohne Wunde und Schaden davonkommen, habt Muth!“ „Wie kann ich gutes Muths ſeyn,“ erwiederte Eachin, „da meine tapfern Verwandten einer nach dem andern zu meinen Füßen ſterben?— alle für mich ſterben, der ihre Liebe nicht im geringſten verdienen konnte 14 „Und wozu waren ſte geboren, als für ihren Häupt⸗ ling zu ſterben,“ ſagte Torquil ruhig.„Warum klagſt du, daß der Pfeil nicht wieder in den Köcher zurück⸗ kehrt, wenn er das Ziel trifft? Faſſe Muth,— Tor⸗ mot und ich ſind nur weuig beſchädigt, während die wilden Katzen ſich herumſchleppen, als wären ſie von den Dachshunden halb erwürgt— nur Einer ſteht noch wacker, und der Tag iſt unſer, wenn ihr auch allein am Leben bleibet.— Spielleute! den Schlachtgeſang!“ Die Pfeifer blieſen auf beiden Seiten zum Angriff, die Streiter miſchten ſich wieder im Kampf, zwar nicht mit derſelben Kraft, aber mit unverminderter Hart⸗ näckigkeit. Auch die ſtießen zu ihnen, welche neutral hätten bleiben ſollen, und die jetzt nicht mehr im Stande waren, dieß zu thun. Die zwei alten Krieger, welche die Fahnen trugen, waren nach und nach von den äuſ⸗. ſerſten Enden der Schranken vorgerückt, und näherten ſich jetzt dem Boden der Schlacht. Als ſie das Blut⸗ bad näher ſahen, wurden ſie auf beiden Seiten durch das Verlangen getrieben, ihre Brüder zu rächen, oder ſte nicht zu überleben. Sie griffen einander mit den Lauzen, an welche die Fahnen gebunden waren, wüthend au, kamen einander nach einigen tödtlichen Stößen auf den Leib, und wurden handgemein, immer ihre Fahnen tragend, bis ſie endlich in der Hitze des Kampfs zu⸗ ſammen in den Tay ſtürzten, wo ſie nach dem Treffen, jeder den Andern feſt in die Arme drückend, gefunden wurden. Die Wuth des Kampfes, der Wahnſinn ra⸗ ſender Verzweiflung ergriff ſofort die Spielleute. Die — 5 —j 104 beiden Pfeifer, die während des Kampfes ihr Aeußerſtes gethan hatten, den Muth ihrer Brüder aufrecht zu erhalten, ſahen jetzt den Streit aus Mangel an Men⸗ ſchen faſt geendigt. Sie warfen ihre Tonwerkzeuge weg, ſtürzten ſich mit ihren Dolchen verzweifelt auf einander los, und da jeder ſich mehr bemühte, ſeinen Gegner niederzuſtoßen, als ſich ſelbſt zu decken, ſo wurde der Pfeifer des Elans Quhele ſogleich getödtet, und der des Clans Chattan tödtlich verwundet. Der letz⸗ tere ergriff demungeachtet ſeine Pfeife, und die Weiſe des Clans ließ ihre ſchwindenden Töne über dem Elan Chattan vernehmen, ſo lange der ſterbende Spielmann noch Athem hatte. Das Inſtrument, das er gebrauchte, oder wenigſtens der Theil deſſelben, den man den Sän⸗ ger nannte, wird in der Famile eines hochländiſchen Häuptlings noch bis auf den heutigen Tag aufbewahrt und unter dem Namen Federan Dhu oder der ſchwarze Sänger ſehr in Ehren gehalten. ³) 3 Indeſſen war im letzten Angriff der junge Tormot, wie ſeine Brüder von ſeinem Vater Torquil der Be⸗ ſchützung ſeines Häuptlings geweiht, durch das ſcho⸗ nungsloſe Schwert des Waffenſchmieds tödtlich verwun⸗ det worden. Die zwei Andern, die vom Clan Quhele *) Der jetzige Clunie Mac Pherſon, Chef ſeines Clans, iſt im Beſitz dieſes alten Siegeszeichens vom North Inch. Die Tradition erzaͤhlt die Sache anders und zwar ſo: es ſey aus der Luft ein Saͤnger uͤber dem Elan Chattan erſchienen, habe wilde Weiſen gebla⸗ ſen und das Inſtrument aus der Hand fallen laſſen. Da ſie aus Glas beſtand, ſey ſie außer dem Saͤnger zerbrochen, der, wie gewoͤhnlich, aus lignum vita beſtand. Der Pfeifer von Mac Pherſon rettete das Stuͤck, und es wird vom Clau als ein Pfand ſeines Giuͤcks vetrachtet. 1— Anm. d. Her. 105 4 noch übrig geweſen waren, ſielen, und Torquil erzwang ſich mit ſeinem Pflegſohn und dem verwundeten Tormot den Rückzug vor acht bis zehn vom EClane Chattan, machte am Ufer des Fluſſes Halt, während ihre Feinde ſich anſtrengten, ſie zu bemeiſtern, ſo viel es ihre Wun⸗ den erlaubten. Torquil hatte eben die Stelle erreicht, wo er ſtehen wollte, als der Jüngling Tormot nieder⸗ fiel und ſtarb. Sein Tod entlockte ſeinem Vater den erſten und einzigen Seufzer, den er an dem ganzen entſcheidenden Tag hatte hören laſſen. „Mein Sohn Tormot,“ rief er,„mein jüngſter und liebſter! Aber ich rette Hector, ich rette Alles— nun, mein lieber Dault, ich habe für dich Alles gethan, was man kann, nur das letzte noch nicht. Laß mich dir dieſe unheilvolle Rüſtung abnehmen, und lege Tor⸗ mot'’s an! Sie iſt leicht und wird dir wohl paſſen. Während du dieß thuſt, will ich auf dieſe Krüppel ſtür⸗ zen und ihnen ſo viel als möglich Spiel machen. Ich glaube, ich werde nur wenig zu thun haben, denn ſie folgen einander wie lahme Ochſen. Endlich, Liebling meiner Seele, wenn ich unfähig bin, dich zu retten, ſo zeige ich dir, wie ein Mann ſterben muß.“ Während Torquil ſo ſprach, machte er den Harniſch des jungen Häuptlings in dem einfältigen Glauben los, er könne dadurch die Schlingen zerreißen, die Furcht und Zauberei um ſein Herz gelegt haben. „Mein Vater, mein Vater, ja mehr als Vater!“ ſagte der unglückliche Eachin—„bleibe bei mir!— an deiner Seite kann ich fechten bis zum Tod.“ „Es iſt unmöglich,“ ſagte Torquil,„ich will ſie hin⸗ dern, herbeizukommen, während du den Harniſch an⸗ ziehſt. Gott ſegne dich ewig, Geliebter meiner Seele!« Torquil von der Eiche ſchwang ſein Schwert und ſtürzte mit demſelben Kriegsgeſchrei, das ſo oft auf dieſem blutigen Felde erſcholl, Bas air son ELachin!— auf die Feinde ſos. Die Worte klangen dreimal in 106 ſeiner Donnerſtimme, und jedesmal, wenn er dieſen Kriegsruf hören ließ, ſtreckte er einen vom Clan Chat⸗ tenf nieder, wie er die Herankommenden nach einander raf.—. „Kämpfe, Habicht! wohlgeflogen, Falke!“ rief das Volk aus, als es Anſtrengungen ſah, die noch in der letzten Stunde das Schickſal des Tages zu verändern drohten. Plötzlich ſchwieg das Geſchrei, und es folgte darauf ein ſo furchtbares Schwerterklirren, als hätte der ganze Kampf ſich in der Perſon Heiurich Wynds und Torquil von der Eich erneuert. Sie hieben und ſtießen, als hätten ſie heute zum erſtenmal ihre Klingen gezogen, und ihre Hartnäckigkeit war gegenſeitig, denn Torquil erkannte den böſen Zauberer, der ſeinen lieben Sohn bezaubert hatte, und Heinrich ſah den Rieſen vor ſich, der während des ganzen Kampfes die Abſicht vereitelt hatte, um derentwillen allein er bei der Käm⸗ pferſchaar ſtand. Sie fochten mit einer Gleichheit, die vielleicht nicht ſtatt gefunden hätte, wäre nicht Heinrich, etwas ſtärker verwundet als ſein Gegner, einigermaßen ſeiner Behendigkeit beraubt geweſen. Indeſſen wurde Eachin, der ſich allein fand, nach einem unordentlichen und vergeblichen Verſuch, ſeines Milchbruders Harniſch anzulegen, durch Schaam und Verzweiflung beſeelt, und eilte vorwärts, um ſeinem Pflegevater in dem furchtbaren Kampfe zu helfen, ehe noch ein anderer vom Clan Chattan käme. Als er fünf Yards entfernt und ernſtlich entſchloſſen war, an dem ködtlichen Gefechte Theil zu nehmen, fiel ſein Pflegevater, vom Halsbein bis faſt in die Bruſt ge⸗ ſpalten, und murmelte mit dem letzten Athemzug Bas air son Eachin!— Der unglückliche Jüngling ſah den Fall ſeines letzten Freundes und in demſelben Augen⸗ blick den Todfeind, der ihn durch den ganzen Feldzug gejagt hatte, eine Schwertlänge von ſich, die ungeheure Waffe ſchwingend, mit der er ſich durch ſo viele Hin⸗ 1 107 derniſſe den Weg zu ſeinem Leben gehauen hatte. Vielleicht war dieß genug, um ſeine körperliche Schüch⸗ ternheit auf den höchſten Grad zu ſteigern, oder viel⸗ leicht erinnerte er ſich in demſelben Augenblick, daß er ohne Schutzwaffen war, und daß eine feindliche Linie, zwar verwundet und langſam, aber rach⸗ und blutdür⸗ ſtig herannahte. Genug, ſein Herz ermattete, ſeine Augen wurden dunkel, ſeine Ohren klangen, es ſchwin⸗ delte ihm,— alle andern Gedanken gingen in plötz⸗ licher Todesfurcht unter; er führte einen unwirkſamen Hieb auf Smith, und wich dem, der auf ihn gezielt wurde, durch Zurückſpringen aus, und ehe der erſtere ſeine Waffe wieder erheben konnte, hatte ſich Eachin in den Strom geſtürzt. Ein Schmachgeſchrei verfolgte ihn, als er hinüberſchwamm, obwohl vielleicht nicht ein Dutzend derer, die darein einſtimmten, in gleichen Um⸗ ſtänden es anders gemacht hätten. Heinrich ſaͤh dem Flüchtigen überraſcht und erſtaunt nach, aber er konnte die Folgen ſeiner Flucht nicht ſehen, weil ihn Erſchö⸗ pfung überfiel, ſobald der Zorn des Kampfes vorüber⸗ war. Er ſetzte ſich auf das graſige Ufer und ſuchte diejenigen ſeiner Wunden zu ſtillen, die am ſtärkſten. bluteten. Die Sieger wurden von allen Seiten begrüßt. Der Herzog von Albany und Andere kamen herab, um das Fald zu ſehen, und Heinrich Wynd wurde beſonders geehrt. 1 tn „Wenn du mir folgen willſt, guter Geſelle,“ ſagte Douglas,„will ich deine Ledergurt mit einem Ritter⸗ gürtel austauſchen und dein Bürgergut mit einem Land von hundert Pfund, um deinen Rang aufrecht zu er⸗ halten.“ „Ich danke Euch unterthänigſt, Mylord,“ ſagte der Schmied traurig,„aber ich habe ſchon genug Blut vergoſſen, und der Himmel hat mich durch Vereitlung des einzigen Zwecks, deſſen wegen ich mich in den Kampf einließ, geſtraft.“— 108 „Wie, Freund?“ fragte Douglas,„fochteſt du nicht für den Clan Chattan, und hat er nicht glorreich ge⸗ ſtegt? 33ch focht für meine eigene Hand,“ ſagte der Waf⸗ fenſchmied gleichgültig, und der Ausdruck iſt bis auf den heutigen Tag ſprichwörtlich in Schottland. Der gute König Robert kam nun auf ſeinem ſanften Zelter in die Schranken, um nach den Verwundeten ſehen zu laſſen. »Mylord von Douglas,“ ſagte er,„Ihr quält den Mann mit zeitlichen Dingen, während er kurze Zeit zur Betrachtung der geiſtlichen zu haben ſcheint. Hat er keine Freunde hier, die ihn dahin bringen, wo ſeine leiblichen Wunden und das Heil ſeiner Seele beſorgt werden?“« „Er hat ſo viele Freunde, als gute Leute in Perth ſind,“ autwortete Sir Patrick Charteris,„und ich achte mich für einen der nächſten.“ „Der Bauer riecht immer den Bauern,“ ſagte der ſtolze Douglas, ſein Pferd umwendend.„Das Aner⸗ bieten des Ritterſchlags mit Douglas Schwert hätte ihn von den Pforten des Todes zurückgerufen, wenn ein Tropfen edlen Bluts in ſeinem Leib gefloſſen wäre.“« Ohne den Spott des mächtigen Grafen zu achten, ſprang der Ritter von Kinfauns vom Pferde, um Hein⸗ rich in die Arme zu faſſen, da er ohnmächtig zurück⸗ ſank. Aber Simon Glover, der mit andern ange⸗ ſehenen Bürgern in die Schranken getreten war, kam ihm zuvor. „Heinrich, mein geliebter Sohn Heinrich,“ rief der Alte.„O was zog dich zu dieſem unſeligen Kampf! — Sterbend, ſprachlos?“ »Nein— nicht ſprachlos,“ ſprach Heinrich,—„Ca⸗ tharine—« Weiter konnte er nicht ausſprechen.— „Catharine iſt wohl, hoffe ich; und ſoll dein ſeyn— das heißt, wenn— 109 „Wenn ſie ſicher iſt, willſt du ſagen, Alter,“ fiel Douglas ein, der, obwohl durch Heinrichs Ablehnen ſeines Anerbietens etwas beleidigt, doch zu großmüthig war, um nicht an dem Theil zu nehmen, was vor⸗ ging.— „Sie iſt ſicher, wenn Douglas Banner ſie ſchützen kann— ſicher, und wird reich ſeyn. Douglas kann 4 denen Reichthum geben, die ihn mehr ſchätzen als die hre. „Für ihre Sicherheit, Mylord, laßt den innigen Dank und Segen eines Vaters den edlen Douglas begleiten, aber reich ſind wir genug— Gold kann mir meinen geliebten Sohn nicht wiedergeben.“ „Ein Wunder!“ rief der Graf—„ein Bauer lehnt den Adel ab,— ein Bürger verachtet Gold.“ „Mit Eurer Herrlichkeit Erlaubniß,“ ſagte Sir Pa⸗ trick,„ich, ein Ritter und Edler, erlaube mir zu be⸗ merken, daß ein tapferer Mann, wie Heinrich Wynd, Ehrentitel zurückweiſen— ein ſo rechtſchaffener Mann, wie dieſer verehrungswürdige Bürger, Gold ablehnen f. „Ihr habt Recht, Sir Patrick, für Eure Stadt zu ſprechen, und ich nehme es nicht übel,“ ſagte Douglas. „Ich dränge meine Geſchenke Niemanden auf— aber,“ fluͤſterte er Albany zu,„Euer Gnaden muß den König von dieſem blutigen Anblick entfernen, denn er muß heute Nacht noch das wiſſen, was, ſobald der Morgen graut, über ganz Schottland ſchallen wird. Dieſe Fehde iſt zu Ende. Aber es ſchmerzt mich, daß ſo mancher tapfere Schotte hier erſchlagen liegt, deſſen Schwert in der Schlacht für ſein Vaterland hätte ent⸗ ſcheidend werden können.“ König Robert wurde mit Mühe von dem Schlacht⸗ feld gebracht; Thränen liefen über ſeine alten Wangen und ſeinen weißen Bart, als er alle um ſich, Edle und Prieſter beſchwor, für den Leib und die Seele der we⸗ nigen lebenden Verwundeten Sorge zu tragen, und 11⁰ den Todten ein ehrenvolles Begräbniß zu verſchaffen. Die anweſenden Prieſter verſprachen Beides eifrig, und lösten ihr Wort treu und edel. So endigte dieſer berühmte Kampf; von vier und ſechszig tapfern Männern(die Spielleute und Fahnen⸗ träger eingeſchloſſen, die männlich auf das unſelige Feld geſchritten waren, lebten nur noch ſieben, welche in Sänften in einem von den Todten und Sterbenden um ſie nicht ſehr verſchiedenen Zuſtand, und in der tran⸗ rigen Proceſſion, die die Letztern vom Schauplatz des Kampfes trug, weggebracht wurden. Nur Eachin hatte ihn ohne Wunden und ohne Ehre verlaſſen. „Es iſt nur noch nöthig, zu ſagen, daß außer dem flüchtigen Häuptling kein Mann vom Clan Quhele den Kampf überlebte, und daß die Folge dieſer Niederlage die Auftöſung ſeiner Verbindung war. Die Clan's, aus denen er beſtand, ſind nur noch ein Gegenſtand der Vermuthungen der Alterthumsforſcher, denn ſeit dieſem verhängnißvollen Tage verſammelten ſie ſich nie mehr unter demſelben Banner. Der Clan Chattan dagegen fuhr fort, zu wachſen und zu blühen, und die beſten Familien im nördlichen Hochlande rühmen ſich ihrer Abſtammung von dem Geſchlecht der Bergkatze. 114 4 Vierunddreißigſtes Kapitel. Während der König langſam in das Kloſter zurück⸗ ritt, das er damals bewohnte, fragte Albany mit ver⸗ titteen Mienen und ſtotternder Stimme den Grafen Douglas:. „Will Eure Herrlichkeit, da Ihr die traurige Scene zu Falkland geſehen habt, nicht meinem unglücklichen Bruder die Nachricht mittheilen?“ „Nicht um ganz Schottland,“ antwortete Douglas. „Ich wollte lieber meine Bruſt auf Schußweite hun⸗ dert Bogenſchützen von Tynedale zum Ziel entblößen. Nein, bei St. Brigitte von Douglas! ich könnte nur ſagen, ich habe den unglücklichen Jüngling todt geſehen. Wie er zum Tode kam, kann Eure Gnaden vielleicht beſſer erklären. Wäre die Empörung des Grafen March und der engliſche Krieg nicht, ich würde meine eigene Meinung darüber ausſprechen.“ Mit dieſen Worten verbeugte ſich der Graf gegen den König, und ritt nach ſeiner eigenen Wohnung, indem er es Albany überließ, ſeine Erzählung ſo gut zu ma⸗ (chen, als er konnte, 112 „Die Empörung und der engliſche Krieg?« ſprach der Herzog zu ſich ſelbſt,—„ja, und dein eigenes In⸗ tereſſe, ſtolzer Graf, das du trotz deiner Herrſchſucht von dem meinigen nicht trennen darfſt. Gut, wenn das Geſchäft auf mich fällt, ſo muß und will ich mich ſeiner entledigen.« Er folgte dem König in ſein Gemach. Der König ſah ihn, nachdem er ſeinen gewöhnlichen Sitz einge⸗ nommen hatte, erſtaunt an. „Dein Geſicht iſt gräßlich, Robin„“ ſagtener.„Ich wollte, du fühlteſt tiefer, wenn Blut vergoſſen werden ſoll, weil die Folgen davon dich ſo heftig ergreifen. Und doch, Robin, liebe ich dich mehr, weil dein wilder Charakter manchmal ſelbſt durch deine feine Staats⸗ kunſt hindurchblickt.“ „Ich wünſchte zum Himmel, mein königlicher Bru⸗ der,“ ſagte Albany mit halb erſtickter Stimme,„das blutige Feld, das wir geſehen haben, wäre das Schlimm⸗ ſte, das wir heute ſehen und hören müſſen. Ich wollte wenig Kummer an die wilden Burſche vergeuden, die dort wie Aas aufgehäuft liegen, aber— ¾ hier hielt er inne. 1 „Wie!“ rief der König voll Schrecken aus—„welch neues Unglück?— Rothſay?— Es muß ſo ſeyn— es iſt Rothſay!— Sprich— welche neue Thorheit hat er begangen.— Welch neues Unheil 2 „Mylord— mein Fürſt— Thorheit und Unheil ſind für meinen unglücklichen Neffen zu Ende.“ „Er iſt todt!— Er iſt todt« ſchrie der tödtlich geängſtete Vater.„Albany, als dein Bruder beſchwöre ich dich, aber nein— ich bin nicht nehr dein Bruder! Als dein König, finſterer, verſchlag ner Mann, befehle ich dir, das Schlimmſte zu ſagen! Albany ſtotterte heraus,— pdas Einzelne iſt mir nur unvollkommen bekannt— aber gewiß iſt, daß mein „ N8 113 unglücklicher Neffe vorige Nacht an einer plötzlichen Krankheit ſtarb und in ſeinem Zimmer todt gefunden wurde,— ſo viel habe ich gehört.“ „O Rothſay!— O mein geliebter Robert!— Wollte Gott, ich wäre für dich geſtorben, mein Sohn,— mein Sohn!“ So ſprach mit den nachdrücklichen Worten der heili⸗ gen Schrift der hülfloſe beraubte Vater, ſeinen grauen Bart und weißes Haar ausraufend, während Albany, fprachlos vor Gewiſſeusbiſſen, nicht aaate, den Sturm ſeiner Schmerzen zu unterdrücken; aber des Königs Verzweiflung ging faſt in Wuth über, was ſeinem milden, ſchuͤchternen Charakter ſo ganz entgegen war, daß Albany's Gewiſſensbiſſe vor ſeiner Furcht ver⸗ ſtu nmten. „Und dieß iſt das Ende,“ ſagte der Koͤnig,„von Euren Sittenſpruͤchen und frommen Zuͤchtigungen!— Aber der thoͤrichte Vaker, der den Sohn in die Haͤnde derer gab, welche das unſchuldige Lamm auf die Schlachtbank fuͤhrten, iſt ein Koͤnig! und du ſollſt es auf Deine Koſten erfahren. Soll der Moͤrder vor ſeinem Bruder ſtehen, befleckt mit dem Blute von dieſes Bruders Sohn? Nein!— Heda! dort drauſ⸗ ſen! Mac Louis!— Brandane!— Verraͤtherei!— Mord!— ergreift die Waffen, wenn ihr Stuart liebt.*⸗ Mac Louis ſtuͤrzte mit mehreren Leibwaͤchtern in's Gemach. „Mord und Verrath!« rief der ungluͤckliche Koͤnig. „„Brandanen— Euer edler Prinz“— hier unterbrach Schmerz und Bewegung einen Augenblick den toͤdtli⸗ chen Befehl, den er geben wollte. Endlich nahm er ſeine abgeriſſene Rede wieder auf,—„ſogleich Art und Block in den Hof!— Verhaftet—« das Wort erſtickte ihm im Munde.— Walter Scott'’s Werke. 1368 Boͤchen. 8* 114 „Wen verhaften, mein edler Fuͤrſt?« fragte Mac Louis, der den Koͤnig von einer Leidenſchaft beſeelt ſah, wie ſie ſeinem gewoͤhnlichen ſanften Benehmen ganz widerſprach, und vermuthend, ſein Verſtand ſey durch die ungewoͤhnlichen Schrecken des Kampfes, den er geſehen, verwirrt worden, ſagte:„wen ſoll ich verhaften, meine Fuͤrſt? Hier iſt niemand, als Euer Guaden koͤniglicher Bruder von Albany 2 „Ganz richtig,“ ſagte der Koͤnig, deſſen kurzer Aufall rachſuͤchtiger Leidenſchaft ſchnell verſchwand. „Ganz richtig— niemand als meines Vaters Sohn — niemand als mein Bruder. O Gott! helfe mir die ſuͤndliche Leidenſchaft unterdruͤcken, die in dieſer Bruſt gluͤht— Sancta Maria, ora pro nobis lec Mac Louis warf einen Blick von Verwunderung auf den Herzog von Albany, der ſich bemuͤhte, ſeine Verwirrung unter einem Schein tiefen Mitgefuͤhls zu verbergen, und dem Offizier zumurmelte: „Das Ungluͤck iſt zu viel fuͤr ſeinen Verſtand.⸗ „»Welches Ungluͤck, erlaube mir Euer Gnaden 2 erwiederte Mac Louis,„ich habe von nichts gehoͤrt.«« „Wie!— Ihr habt nichts von dem Tode meines Neffen Rothſay gehoͤrt?« 3 „Der Herzog von Rothſay todt, Mylord von Al⸗ bany!“ rief der treue Brandane mit dem aͤußerſten Schauer und Erſtaunen aus:„wann, wie und wo? „ Vor zwei Tagen— wie iſt noch unbekannt— zu Falkland.“ 1 Mac Louis ſtarrte den Herzog einen Augenblick an; dann ſagte er mit funkelndem Auge und entſchloſ⸗ ſenem Blick zu dem Koͤnig, der tief in Andacht ver⸗ ſunken war:„mein Fuͤrſt! vor einigen Minuten ließt Ihr ein Wort— ein Wort— ungeſprochen. Laßt es uͤber Eure Lippen gehen, und Euer Wunſch iſt Geſetz fuͤr Eure Brandanen!le 4— 6 —— 115 „Ich betete vor Verſuchung, Mac Louis,« ſagte der Koͤnig mit gebrochenem Herzen,„und Ihr bringt ſie wieder zuruͤck. Wuͤrdet Ihr einen Raſenden mit einem bloßen Schwert bewaffnen?— Aber ach, Al⸗ bany! mein Freund, mein Bruder, mein geheimſter Rath!— wie konnteſt Du es uͤber dein Herz brin⸗ gen, das zu thun!«⸗ 1 Albany, der des Koͤnigs ſanftere Stimmung ſah, erwiederte mit mehr Feſtigkeit als zuvor:„mein Schloß iſt keine Schranke gegen die Macht des Todes — ich habe den ſchlechten Verdacht nicht verdient, den Eurer Majeſtaͤt Worte auf mich waͤlzen. Aber ich verzeihe dem Ungluͤck eines beraubten Vaters. Ich will bei Kreuz und Altar ſchwoͤren— bei meinem Antheil an der Erloͤſung— bei den Seelen unſrer koͤniglichen Eltern— 3 „Still, Robert!“ ſagte der Koͤnig,„fuͤgt nicht Meineid zum Morde hinzu.— Und geſchah dieſes Alles, um einen Schritt naͤher an Krone und Scepter zu ſtehen?— Nimm ſie lieber gleich, und moͤgeſt Du, wie ich, fuͤhlen, daß ſie von gluͤhendem Eiſen ſind! — O Rothſay, Rothſay, Du biſt wenigſtens dem Schickſal entgangen, Koͤnig zu ſeyn.« „Mein Fuͤrſt,« ſagte Mac Louis,„laßt mich Euch erinnern, daß Krone und Scepter von Schottland, wenn Eure Majeſtaͤt aufhoͤrt, ſie zu tragen, dem Prin⸗ zen Jakob angehoͤren, dem ſeines Bruders Rechte angehoͤren.(.. „Richtig, Mac Louis,“ ſagte der Koͤnig ſchnell, „und das arme Kind wird auch ſeines Bruders Ge⸗ fahren erben. Ich danke, Mac Louis, ich danke— Ihr habt mich erinnert, daß ich noch immer auf Er⸗ den wirke. Laß Deine Brandanen ſo ſchnell als moͤg⸗ lich unter die Waffen treten. Niemand begleite uns, 1 3* 446 als deſſen Treue Du kennſt, beſonders niemand, der mit dem Herzog von Albany im Verkehr ſtand— mit dieſem Mann, der ſich meinen Bruder nennt!— Laß ſogleich meine Saͤnfte ruͤſten. Wir wollen nach Dunbarton, Mac Louis, oder nach Bute. Abgruͤnde und Fluth und meiner Brandanen Herzen ſollen das Kind vertheidigen, bis wir Meere zwiſchen daſſelbe und eines grauſamen Bruders Ehrgeiz bringen koͤn⸗ nen.— Lebt wohl, Robert von Albany,— lebt wohl fuͤr immer, hartherziger Blutmenſch! Genießt ſo viel Macht, als Douglas Euch erlauben wird— aber ſucht nicht mein Angeſicht wieder zu ſehen, noch weniger meinem noch lebenden Kind zu nahen! denn in der Stunde, da Du dieß thuſt, haben meine Wachen Befehl, Dich mit den Partiſanen niederzuſtoßen!— Mac Louis, ſorgt, daß dieß befolgt werde.“ Der Herzog von Albany ging, ohne eine weitere Rechtfertigung oder Antwort zu verſuchen. Was jetzt noch folgt, iſt Geſchichte. Der Herzog von Albany bewog die bald darauf gehaltene Parla⸗ mentsverſammlung, ihn am Tod des Herzogs un⸗ ſchuldig zu erklaͤren, waͤhrend er zu derſelben Zeit ſein Schuldbewußtſeyn dadurch zeigte, daß er ſich Ab⸗ laß oder Verzeihung fuͤr dieſe Beleidigung geben ließ. Der ungluͤckliche alte Koͤnig verſchloß ſich in ſein Schloß Rothſay in Bute, um uͤber den verlorenen ohn zu trauern, und mit fieberhafter Angſt uͤber das Leben des noch Einzigen zu wachen. Als die beſte Maßregel fuͤr des jungen Jakobs Sicherheit, ſchickte er ihn nach Frankreich, um ihn am dortigen Hof erziehen zu laſſen. Aber das Fahrzeug, auf dem der Prinz von Schottland abſegelte, wurde von einem engliſchen Kreuzer genommen, und obgleich zwiſchen beiden Koͤnigreichen Friede war, hielt ihn doch Hein⸗ rich IV. unedler Weiſe gefangen. Dieſer letzte Schlag — 1 = 117 brach dem Koͤnig Robert III. gaͤnzlich das Herz. Die Rache folgte, wenn gleich mit langſamem Schritt der Verraͤtherei und Grauſamkeit ſeines Bruders. Ro⸗ bert von Albany's eigene graue Haare gingen zwar in Frieden zu Grabe, und er uͤbertrug dieſe ſchlecht erworbene Regentſchaft ſeinem Sohne Murdoch. Aber neunzehn Jahre nach dem Tod des alten Koͤnigs kehrte Jakob I. nach Schottland zuruͤck, und der Her⸗ zog Murdoch von Albany beſtieg, um ſeines Vaters und feine eigenen Sunden zu buͤßen, mit ſeinen Soͤh⸗ nen das Schaffot. Fuͤnfunddreißigſtes Kapitel. Wir kehren nun zu dem ſchoͤnen Maͤdchen von Perth zuruͤck, die von der furchtbaren Scene zu Falkland auf Befehl des Grafen Douglas unter den Schutz ſei⸗ ner Tochter, der jetzt verwittweten Herzogin von Roth⸗ ſay geſandt wurde. Die jetzige Wohnung dieſer Lady war ein frommes Haus, Campſie genannt, deſſen Ruinen noch jetzt eine ſchoͤne Lage am Tay einneh⸗ men. Es erhob ſich auf dem Gipfel eines abſchuͤſ⸗ ſigen Felſen, der an den koͤniglichen Strom hinab⸗ ſteigt, wo dieſer durch den Waſſerfall Campſie Linn beſonders merkwuͤrdig wird, und wo dieſer ſeine Waſ⸗ ſer toſend uͤber eine Reihe Baſaltfelſen hinabſtuͤrzt, die der Fluß auffaͤngt, wie ein Damm von Menſchen⸗ haͤnden gebaut. Von einer ſo romantiſchen Lage an⸗ gezogen, errichteten die Moͤnche der Abtei Cupar ein Gebaͤude an der Stelle, weihten ſie einem unbekann⸗ ten Heiligen, St. Hunnand, und hieher waren ſie gewohnt, zum Vergnuͤgen oder zu ſtiller Andacht ſich zuruͤck zu ziehen. Das Haus hatte der edlen Lady, die es jetzt bewohnte, bereitwillig ſeine Thore gedͤff⸗ net, da das Land von dem maͤchtigen Lord Drum⸗ mond, dem Verbuͤndeten des Douglas, abhing. 119 Hier wurden des Grafen Briefe der Herzogin von dem Fuͤhrer der Schutzwache uͤbergeben, die Cathari⸗ nen und die Saͤngerin nach Campſie gebracht hatte. So viel ſie auch Grund haben mochte, ſich uͤber Roth⸗ ſay zu beklagen, ſein furchtbares, unerwartetes Ende erſchuͤtterte die edle Lady tief, und ſie brachte die Racht groͤßtentheils im Gebet und damit zu, ihrem Schmerze nachzuhaͤngen. Am naͤchſten Morgen, welches der des merkwuͤrdi⸗ gen Palmſonntags war, rief ſie Catharinen und die Saͤngerin vor ſich. Der Muth beider Maͤdchen war durch das Schreckliche, worein ſie verwickelt geweſen waren, geſunken und erſchuͤttert, und das Aeuſſere der Herzogin Marjory war, wie das ihres Vaters, mehr geeignet, Scheu als Vertrauen einzufloͤßen. Sie ſprach trotz ihres Schmerzes freundlich, und erfuhr von ihnen Alles, was ſie in Bezug auf das Schickſal ihres verirrten, unbeſonnenen Gemahls zu erzaͤhlen hatten. Sie ſchien dankbar fuͤr Catharinens und der Saͤngerin gefahrvolle Bemuͤhungen, Rothſay von ſei⸗ nem entſetzlichen Schickſal zu retten. Sie lud ſie zur Theilnahme an ihrem Gebete ein, und um die Zeit des Mittagmahls bot ſie beiden ihre Hand zum Kuß, und entließ ſie zu ihrer eigenen Erholung mit der Verſſcherung ihres wirkſamen Schutzes, beſonders fuͤr Catharinen, der, ſagte ſie, den Schutz ihres Vaters einſchloͤße und eine Mauer um beide ſeyn wuͤrde, ſo lange ſie lebte. Sie verließen die verwittwete Prinzeſſin und theil⸗ ten mit ihren Haus⸗ und Hofdamen das Mahl, die alle in ihrer tiefen Trauer einen ſtolzen Ernſt zeig⸗ ten, der das leichte Herz der Franzoͤſin erkäͤltete, und ſelbſt dem ernſteren Character Catharina Glover ei⸗ nigen Zwang anlegte. Die Freundinnen, denn ſo duͤrfen wir ſie nennen, waren daher froh, der Ge⸗ 120 ſellſchaftgdieſer gebornen Edelfrauen zu entgehen, die le eine Bürgerstochter und reiſende Saͤngerin fuͤr echte Geſellſchaft hielten, und ſie gern weggehen ſahen, um in der Naͤhe des Kloſters zu luſtwandeln. Ein kleiner Garten mit ſeinen Gebuſchen und Frucht⸗ baͤumen erſtreckte ſich von einer Seite des Kloſters bis an den Abſturz, von dem er nur durch eine kleine Mauer getrennt war, die auf dem Rande des Felſens ſo niedrig ſtand, daß das Auge die Hoͤhe der K ippen wohl meſſen und die kaͤmpfenden Waſſer betraͤchten kente⸗ die uͤber die Felſen ſchaͤumten, drangen und tobten.— Das ſchoͤne Maͤdchen von Perth und ihre Geſpielin wandelten langſam einen Pfad hin, der der Bruſt⸗ wehr entlang lief und betrachteten die romantiſche Ausſicht, indem ſie davon ſprachen, was dieſe ſeyn muͤßte, wenn der Sommer die Baͤume mit Laub be⸗ kleidete. Sie ſahen einige Zeit in tiefem Stillſchwei⸗ gen hinaus. Endlich erhob ſich der freie und kuͤhne Geiſt der Saͤngerin uͤber die vergangenen und jetzi⸗ gen Umſtaͤnde.. „Laſten die Schauer von Falkland, ſchoͤnes Maͤdchen, noch immer auf Deinen Schwingen? Suche ſie zu vergeſſen, wie ich; wir koͤnnen nicht leicht des Lebens⸗ Pfade wandeln, wenn wir nicht die fallenden Regen⸗ tropfen vom Mantel ſchuͤtteln.“ „»Dieſe Schauer ſind unvergeßlich,“ erwiederte Ca⸗. tharine.„Aber mein Geiſt noch aͤngſtlich um meinen Vater, und ich denke daran, wie mancher tapfere Mann jetzt eben nur ſechs Meilen oder wenig weiter von uns, das Leben vexrlaſſen mag.“ „Ihr meinet den Kampf der Sechzig, von dem uns die Douglas'ſchen Reiter ſagten? Das waͤre ein Anblick fuͤr einen Saͤnger. Aber uͤber meine weibi⸗ ſchen Augen!— ſie koͤnnten keine gekrenzten Schwer⸗ 121 ter ſehen, ohne ſich zu ſchließen. Aber ſeht— dort feht hin, ſchoͤne Catharine, ſeht! dieſer fliegende Bote bringt gewiß Nachricht vom Kampfe.“ „Mich duͤnkt, ich kenne den wilden Renner,“ ſagte Catharine,—„aber wenn es der iſt, den ich meine, ſo verfolgen ihn ſeltſame Gedanken.“ Waͤhrend ſie ſprach, wandte der Eilende ſeinen Lauf nach dem Garten. Louiſens Huͤndchen ſprang ihm wuͤthend und bellend entgegen, kam aber gleich zu⸗ ruͤck, um ſich heulend hinter ſsiner Gebieterin zu verkriechen, denn ſelbſt ſtumme Thiere fuͤhlen es, wenn Menſchen von der wuͤthenden Kraft unwider⸗ ſtehlicher Leidenſchaft getrieben ſind, und fuͤrchten ſich, ihrem Laufe zu begegnen. Der Fluchtling ſruͤrzte in raſtloſer Eile in den Garten. Sein Kopf war un⸗ bedeckt, ſein Haar flatterte, ſein reicher Mantel und alle andern Kleider ſchienen vor Kurzem durchnaͤßt worden zu ſeyn. Seine ledernen Halbſtiefel waren zerriſſen und zerfezt, und ſeine Fuͤße bezeichneten den Raſen mit Blut. Sein Geſicht war wild, entſtellt und erhitzt, oder wie der ſchottiſche Ausdruck es be⸗ zeichnet, ſehr erhoben. „Conachar!“ rief Catharine aus, als er vorwaͤrts eilte und nicht zu ſehen ſchien, was dor ihm war, wie man von Haſen ſagt, die von den Jagdhunden heftig verfolgt werden. Aber er ſtand ploͤtzlich ſtill, als er ſeinen Namen hoͤrte. „Conachar“— ſagte Catharine—„oder vielmehr Eachin Mac Jan— was ſoll das? Hat der Clan Quhele eine Niederlage erlitten?“ „Ich habe die Namen gefuͤhrt, die dieſes Maͤd⸗ chen mir gibt,“ ſagte der Entflohene, nach kurzem Bedenken,„ja, ich hieß Conachar, als ich gluͤcklich, und Eachin, als ich maͤchtig war. Aber jetzt hab' ich keinen Namen, und es gibt keinen ſolchen Clan, wie 1²² Du ſagſt; und Du biſt ein thoͤrichtes Maͤdchen, von dem, was nicht iſt, zu dem zu reden, der auch nicht i. „Ach ungluͤcklicher— „„»Und warum denn ungluͤcklich?«— rief der Juͤng⸗ ling aus.„Ich bin ein Feigling und Schurke, hat nicht Schurkerei und Feigheit die Herrſchaft der Ele⸗ mente?— Hab' ich nicht dem Waſſer getrotzt, ohne daß es mich hinunterriß, und die Erde getreten, ohne daß ſie ſich aufthat, mich zu verſchlingen? Und ein Sterblicher ſollte ſich meinen Abſichten widerſetzen?« „»Ach, er iſt wahnſinnig!“ ſagte Catharine.„Ruft ſchnell um Huͤlfe. Er wird mich nicht beſchaͤdigen, aber ich fuͤrchte, er moͤchte ſich ſelbſt Leides thun. Seht, wie er in den tobenden Waſſerfall hinunter⸗ ſtarrt!“ Die Sängerin eilte, um den Befehl zu vollziehen, und Conachars halbraſender Geiſt wurde ruhiger, als ſie weg war.„Catharine“— begann er,„nun iſt ſie fort, ich will ſagen, ich kenne Dich— ich kenne Deine Liebe zum Frieden und Deinen Haß des Krieges. Aber höre— ich habe, lieber als ich auf meinen Feind hieb, alles aufgeopfert, was einem Menſchen das Teuerſte iſt— ich habe Ehre, Ruhm und Freunde verloren; und ſolche Freunde!(er hielt die Hand vors Geſicht). — O! ihre Liebe ging über Weiberliebe! Was ſoll ich meine Thränen verbergen?— Jedermann weiß meine Schande— Alles ſollte meinen Schmerz ſehen. Ja, Alle könnten ihn ſehen, aber wer würde mich bemit⸗ leiden?— Catharine, als ich wie ein Raſender das Thal herunter eilte, rief Mann und Weib Schmach über mich!— Der Bettler, dem ich ein Almoſen zuwarf, um einen Segen zu kaufen, warf es verächtlich und mit einem Fluche über den Feigling zurück! Jede Glocke tönte:„„Schande dem feigen Abtrünnigen!«« Die 123 Thiere brüllten und blöckten— die wilden Winde ſaus⸗ ten und heulten— die rauhen Waſſer tobten und braus⸗ ten—„„Schande dem Feigen!“— Die neun Treuen verfolgen mich immer, ſie rufen mit ſchwacher Stimme: „„Nur Einen Hieb, uns zu rächen, wir ſtarben alle für Dich Während der unglückliche Jüngling ſo im Wahnſinn ſprach, ward ein Rauſchen im Gebüſch gehort.„Es iſt nur ein Weg,“ rief er aus, und ſprang auf die Bruſt⸗ wehr, aber mit einem ängſtlichen Blick auf das Dickicht, durch das etliche Diener ſchlichen, um ihn zu fangen. Aber im Augenblick, da er eine menſchliche Geſtalt dar⸗ aus auftauchen ſah, ſchwang er ſeine Hände wild über das Haupt, und ſtürzte ſich mit dem Schrei:„Bas air Eachin!(ſterbe Hector!), hoch hinab in den tobenden Waſſerfall. Es iſt unnöthig, zu bemerken, daß Alles von einem ſolchen Falle in Stücke zerſchmettert werden mußte. Aber der Strom war angeſchwollen, und der Leichnam des unglücklichen Jünglings wurde nie geſehen. Die wechſelnde Sage hat die Geſchichte auf mehr als eine Art ergänzt. Nach der einen Erzählung ſagt man der junge Häuptling des Clan Quhele ſey weit unter Eampſie Linn ſicher ans Land geſchwommen, ſey troſt⸗ los in den Wüſten von Rannoch umhergeirrt, und dort dem Vater Clemens begegnet, der ſich in der Wildniß als Einſiedler, nach Art der alten Chaldäer niederge⸗ laſſen habe. Er bekehrte den reuigen, zerknirſchten EConachar, der mit ihm ſeine Zelle theilte, und in Ge⸗ bet und Entbehrungen lebte, bis der Tod beide nach einander wegraffte. 44 Eine andere, ſeltſame Legende ſagt, er ſey von den Daione⸗Shie oder Feeu dem Tode entriſſen worden, und wandere noch immer durch Wald und Forſt, wie ein alter Hochländer bewaffnet, aber das Schwert in 124 der linken Hand tragend. Das Geſpenſt erſcheint im⸗ mer in tiefer Trauer. Manchmal ſcheint es die Rei⸗ ſenden anzufallen, aber wenn ſie muthig widerſtehen, flieht es immer. Dieſe Sagen beruhen auf zwei Punc⸗ ten ſeiner Geſchichte— ſeiner erwieſenen Furchtſamkeit und ſeinem Selbſtmord; beides beiſpiellos in der Ge⸗ ſchichte eines hochländiſchen Häuptlings. Als Simon Glover, nachdem er geſehen hatte, daß ſein Freund Heinrich in ſeinem eigenen Hauſe in der Curfew Straße gehörig gepflegt wurde, am Abend zu Campſie Place ankam, fand er ſeine Tochter ſehr ſteber⸗ krank in Folge der Vorfälle, deren Augenzeugin ſie ſeit Kurzem gewefen war, und beſonders des unglücklichen Unterganges ihres Jugendfreundes. Die Liebe der Sän⸗ gerin gab ihr eine aufmerkſame, zärkliche Wärterin, ſo daß Glover ſagte, es ſollte nicht ſeine Schuld ſeyn, wenn ſie nie wieder eine Laute berührte, als zu ihrem eigenen Vergnügen. Es verging einige Zeit, ehe der Handſchuhmacher⸗ ſeiner Tochter von Heinrichs letzten Thaten und ſeinen Wunden zu ſagen wagte, und er brauchte gut den vor⸗ theilhaften Umſtand, daß ihr treuer Liebhaber Ehre und Geld ausſchlug, um kein eigentlicher Krieger in Douglas Gefolge zu werden. Catharine ſeufzte tief, und ſchüttelte den Kopf bei der Geſchichte des blutigen Palmſonntages auf dem Rorth Inch. Aber ſie hatte jetzt bedacht, daß man nicht leicht in Civiliſation und Verfeinerung über die Ideen ſeines Zeitalters ſteigt, und daß ein ſtarker, überſtrömender Muth, wie Hein⸗ rich Smiths, in den eiſernen Zeiten, worin ſie lebten, der Feigheit vorzuziehen ſey, die Conachars Tod her⸗ beigeführt hatte. Hatte ſie noch einige Zweifel, ſo wurden ſie durch Heinrichs Erklärungen, ſobald er ge⸗ nug hergeſtellt war, um ſeine Sache ſelbſt zu ſühren weggeräumt. 12⁵ „SIch ſollte mich ſchämen, Eatharine, daß ich ſage, daß der Gedanke an den Kampf mich krank macht. Das letzte Feld dort hatte Gemetzel genng, um einen Tieger zu befriedigen. Ich bin daher entſchloſſen, mein großes Schlachtſchwert aufzuhängen, und es nie wieder, als gegen die Feinde Schottlands zu zieheu.“ „Und wenn es Schottland verlangt,“ ſagte Catharine, „ſo ſchnalle ich Dir's ſelber um.“ 4 „Und, Eatharine,“ fiel der erfreute Glover ein, wir wollen reichlich Seelenmeſſen für die zahlen, welche von Heinrichs Schwert gefallen ſind, und das wird nicht blos Geſpenſterlärm verhüten, ſondern uns auch mit der Kirche befreunden.“ „Hiezu,“ ſagte Catharine,„können wir die Schätze des elenden Dwining brauchen. Er vermachte ſie mir, aber ich denke, Ihr wollt ſein ſchlechtes Blutgeld nicht mit Eurem ehrlichen Gewinn miſchen!*. „Eben ſo lieb wollte ich die Peſt in mein Haus bringen,“ war des Handſchuhmachers Antwort. Das Geld des ſchlechten Apothekers wurde unter die vier Kloͤſter vertheilt, und von da an war kein Hauch eines Zweifels an Glovers und ſeiner Tochter Rechtglaͤubigkeit mehr. Heinrich und Catharine wurden vier Monate nach der Schlacht auf dem North Inch getraut, und nie feierten die Zuͤnfte der Handſchuhmacher und Schmiede ſo luſtig ihren Schwerttanz, als bei der Hochzeit des tapferſten Buͤrgers, und des ſchoͤnſten Maͤdchens von Perth. Zehn Monde ſpaͤter fuͤllte ein ſchoͤnes Kind die wohldereitete Wiege, und wurde von Louiſen nach der Weiſe: Wie treu und kuͤhn Die blaue Muͤtze ſchoͤn⸗ 1 gewiegt. een 126 8. Man weiß noch die Namen des Taufpathen des Knaben, als:„Ein hoch und maͤchtiger Lord, Archi⸗ bald Graw von Douglas, ein edel und ernveſt Rit⸗ ter, Sir Patrick Charteris von Kinfauns und eine gnaͤdige Prinzeß Marjory, Wittib ſeiner erlauchten Hoheit Roberts, weiland Herzog von Rothſay.“ Un⸗ ter ſolchen Schutzpatronen erhebt ſich eine Familie ſchnell, und mehrere der achtungswerthen Haͤuſer Schott⸗ lands, beſonders in Perthfhire, und viele in Kunſt und Waffen ausgezeichnete Maͤnner erinnern ſich mit Stolz ihrer Abkunft von Gow Chrom und dem ſchoͤ⸗ nen Maͤdchen von Perth. In demſelben Verlag ſind erſchienen: Juſſuph Paſcha, 3 oder Geſchichte der an ſeinem vermeintlichen Todestage erfolgten Flucht Napoleons von Sanct Helena, dann * der geheimen Aufnahme des Exkaiſers am konſtantinopolitaniſchen Hofe, 1 ſeines Glaubensübertritts und fernern höchſt merkwür⸗ digen Schickſale zu Waſſer und zu Land. Hiſtoriſch⸗romantiſches Originalgemälde von 2. Adolph von Schaden. Mit Napoleons wohlgetroffenem Bildniſſe in tuͤrkiſchem Coſtuͤme. 3 Bände. gr. 12. elg. broſch. Der kaiſerliche Baſtard. 4 Aus den Memviren des Oberſten Duvar, natürlichem Sohne des Kaiſers Napoleon. Aus dem Franzoͤſiſchen. . Das ſchwarze Buch, 4 oder- die enthüllte geheime Polizez des franzoͤſiſchen Miniſteriums. Aus dem Franzöſiſchen. Zwei Theile. Die Verſchwoͤrung in Muͤnchen. Eine Gallerie der intereſſanteſten Liebſchaften galanter Herren und lüſter⸗ ner Damen, den Liebenden aus allen Ständen geöffnet von Friedr. Wilh. Bruckbräu. 2 Bde. gr. 12. eleg. broſch. Der ewige Jude. 3 Eine hiſtoriſche Novelle der Vorzeit. Herausgegeben von Ludwig Storch. Nach dem Engliſchen. Drei Theile. broſchirt. —— A 1 8 Fnſſfſſcfſſſſſinfnfffſiffffffſfſfſſſſſſnſſinnſſnhnnüſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18