4— Walter Scott's ſämmtliche N W e[r Neu überſetzt. Hundert und fünfundfünfzigſtes Bändchen. Neue Folge. Fuͤnftes Bändchen. 00000000— Das ſchöne Mädchen von Perth. Fuͤnfter Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag ſche Buchhandlung. 1 8 3 0. . pp———d—··—— Das sehöne Mädehen von Perth. Hiſtoriſch romantiſches Gemaͤlde von Sir Walter Scott. Aus dem Engliſchen. Fuͤnfter Tyheil. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. — 1 3 3 0. Zweiundzwanziſtes Kapitel. (Fortſetzung des im vierten Theil abgebr. Kapitels.) »Du mußt nicht von einer ſolchen Feierlichkeit weg⸗ bleiben wollen, Sohn Heinrich,“ war ſein Rath.„Sir Patrick Charteris iſt ſelbſt dabei und das iſt eine gute Gelegenheit, dir ſeine Gunſt zu gewinnen. Vielleicht traͤgt er dir eine neue Ruͤſtung auf und ich hoͤrte den wuͤrdigen Vogt Craigdallie ſelbſt von Ausruͤſtung der Ruͤſtkammer der Stadt ſprechen.— Du darfſt den wuͤrdigen Handel nicht vergeſſen, da du jetzt eine Fa⸗ milie zu verſorgen haſt.“ „O, ſtill, Vater Glover,“ erwiederte der traurige Sieger,„es fehlt mir nicht an Kunden und ihr wißt, Katharine wird ſich uͤber meine Abweſenheit wundern und allerlei Geſchwaͤtz von Freunden und dergleichen hoͤren muͤſſen.⸗ „Fuͤrchte das nicht,“ ſagte Glover,„ſondern geh als gehorſamer Buͤrger wohin deine Obern dich rufen. Es wird freilich einige Unruhe abſetzen bis du uͤber dieſen Zweikampf mit Katharinen deinen Frieden machſt; denn ſie haͤlt ſich in ſolchen Dingen fuͤr kluͤ⸗ ger, als Koͤnig und Staatsrath, Kirche und Geiſtliche, Oberrichter und Voͤgte. Aber ich will den Streit ſelbſt fuͤhren und ſo fuͤr dich arbeiten, daß, wenn ſie 6 dich auch morgen etwas geaͤrgert empfaͤngt, dies in Thraͤnen und Laͤcheln wegſchmelzen ſoll, wie ein April⸗ morgen, der mit mildem Regen anfaͤngt, Alſo fort jetzt, mein Sohn und morgen halte dich gut nach der Fruͤhmeſſe.“ Der Waffenſchmied ſah ſich wiewohl ungern, genoͤ⸗ thigt, den Gruͤnden ſeines kuͤnftigen Schwiegervaters nachzugeben und einmal entſchloſſen, die ihm von den Vaͤtern der Stadt dargebotene Ehre anzunehmen, machte er ſich aus dem Haufen los und eilte nach Hauſe, um ſeine beſte Kleidung anzulegen und begab ſich in derſelben ſogleich aufs Rathhaus, wo die ſchwere eichene Tafel unter den gewaltigen Schuͤſſeln auser⸗ leſenen Salms aus dem Tay und vortrefflichen See⸗ fiſche aus Dundee ſich zu beugen ſchien, Leckerbiſſen, welche die Faſtenzeit erlaubte und wobei es weder an Wein, noch Bier, noch an Meth fehlte, um ſie hinun⸗ terzuſpuͤlen, Die Waits oder Muſikan ten der Stadt ſpielten waͤhrend des Mahls und waͤhrend der Pau⸗ ſen ihrer Muſik erzaͤhlte einer von ihnen mit großem Nachdruck die lange, poetiſche Geſchichte von der Schlacht Blackearnſide, geſchlagen von Sir William Wallace und ſeinem furchtbaren Feldherrn und Freund Tho⸗ mas von Longueville gegen den engliſchen General Seward, eine allen Gaͤſten ganz bekannte Begebenheit, der ſie aber doch, nachſichtiger, als ihre Enkel zuhoͤr⸗ ten, wie wenn ſie allen Reiz der Neuheit gehabt haͤtte. Es lag ohne Zweifel ein enh iment fuͤr die Ahnen „* —— —,. 7 des Ritters von Kinfauns und andrer Perthiſcher Familien in den Stellen, bei denen ſich ein lauter Beifallruf erhob, indeß man ſich maͤchtig zutrank auf das Gedaͤchtniß der Helden, die dem Kaͤmpfer von Schottland zur Seite geſtanden waren. Heinrich Wynds Geſundheit wurde mit wiederholtem Jubel ausgebracht und der Oberrichter verkuͤndete oͤffentlich, die Obrigkeit wuͤrde daruͤber berathen, wie ſie ihm am beſten ein ausgezeichnetes Vorrecht oder ehrenvollen Lohn geben koͤnnen, um zu zeigen, wie hoch ſeine Mitbuͤrger ſeine muthvollen Thaten ſchaͤtzten.“ „Nein, nehmt es nicht ſo, mit Erlaubniß Eurer Eh⸗ ren.“ ſagte der Waffenſchmied mit gewöhnlicher Herz⸗ lichkeit,„ſonſt könnte man ſagen, die Tapferkeit müſſe ſelten ſeyn in Perth, wenn man einen Mann belohne, der ſich für das Recht einer armen Wittwe ſchlug. Es ſind gewiß viele Dutzend wackere Bürger in Perth, die das Tagewerk ſo gut oder beſſer, als ich, gethan hätten. Denn, wahrlich, ich hätte jenen Helm zerſchmettern ſollen, wie einen irdenen Topf und es wäre auch ge⸗ wiß geſchehen, wäre es nicht einer geweſen, den ich ſelbſt für Sir John Ramorny härtete. Aber wenn der Stadt mein Dienſt irgend eines Lohns werth iſt, ſo halte ich ihn für weit mehr, als abgetragen, durch jede Hülfe, die aus dem Gemeingut zum Unterhalt der Wittwe Magdalene und ihrer armen Waiſen gegeben wird.“ „Das kann geſchehen,“ ſagte Sir Patrik,„und doch wird die ſchöne Stadt noch reich genug bleiben, ihre 8 Schulden an Heinrich Wynd zu zahlen, den jeder von uns beſſer kennt, als er ſelbſt, da ihn eine unnütze Zart⸗ heit, die man ſonſt Beſcheidenheit nennt, verblendet— und iſt die Stadt zu arm dazu, ſo wird der Oberrich⸗ ter ſeinen Theil tragen. Die goldnen Engel*) des Räu⸗ bers ſind noch nicht alle weggeflogen.« Die Becher gingen hierauf in die Runde unter den Namen des Troſttrunks für die Wittwe und dann auf das glückliche Gedächtniß des ermordeten Olivier, der nun ſo wacker gerächt ſey. Kurz, es war ein ſo fröhliches Mahl, daß alle ſagten, es habe nichts dazu gefehlt, es vollkommen zu machen, als die Gegenwart des Strumpfwebers ſelbſt, deſſen Unfall der Grund der Zuſammenkunft war und der ſonſt der ſtehende Spaßmacher bei ſolchen feſtlichen Verſammlungen war. Hätte er dabei ſeyn können, bemerbte der Vogt Craisdallie trocken, er hätte ſich gewiß den Ausgang des Kampfes zugeſchrieben und ſich gerühmt, der Rä⸗ cher ſeines eigenen Todes zu ſeyn. Beim Klang der Veſperglocke brach die Geſellſchaft auf. Einige der ernſteren gingen zum Abendgebet, wo ſie mit halbgeſchloſſenen Augen und glänzenden Geſich⸗ tern, einen höchſt rechtgläubigen und erbaulichen Theil einer Faſtengeſellſchaft bildeten, andre nach Hauſe, um dort in ihrem Familienkreis von dem Kampf und demGaſt⸗ — *) Engel oder Engekot, eine Goldmuͤnze, zehn Schik⸗ linge im Werth. Anm. d. Ueb. 9 mahl zu erzählen; einige aber ohne Zweifel zu der ausgelaſ⸗ ſenen Freiheit einer Schenke, deren Thüre die Faſten⸗ zeit nicht ſo feſt ſchloß, als die Kirche verlangte. Hein⸗ rich kehrte, warm vom guten Wein und vom Beifall ſeiner Mitbürger in den Wynd zurück und ſchlief ein, um von vollkommenem Glück und Katharine Glover zu träumen. Wir haben ſchon bemerkt, daß ſich nach Entſcheidung des Kampfes die Zuſchauer in zwei Haufen theilten. Während nun die Achtbarern den Sieger in fröhlichem Zuge begleiteten, erwartete die Mehrzahl, oder was man den Pöbel nennt, den beſiegten und verurtheilten Bonthron, der nach einer andern Seite und zu einer ganz andern Abſicht, weggeführt wurde. Was man immer zwiſchen dem Auziehenden eines Trauerhauſes und eines Gaſtmahls unter andern Umſtänden für eine Vergleichung anſtellen mag, es iſt doch leicht: zu erra⸗ then, was mehr Zuſchauer herbeilockt, wenn es ſich fragt ob wir Zeugen fremden Elends ſeyn oder einem Mahl zuſehen wollen, woran wir nicht Theil nehmen. Dieſer Wahrheit gemäß begleitete bei weitem der größere Theil der Einwohner von Perth den Karren, worauf der Verbrecher zur Hinrichtung gefüht wurde. Ein Moͤnch ſaß neben dem Moͤrder auf dem Kar⸗ ren, dem dieſer ſich nicht bedachte, dieſelbe Luͤge, welche er auf dem Kampfplatz ausgeſprochen hatte und die den Herzog von Rothſay als Urheber des Mordan⸗ ſchlags anklagte, deſſen Opfer der ungluͤckliche Muͤtzen⸗ haͤndler geworden war, unter dem Siegel der Beichte 10 anzuvertrauen. Dieſelbe Verlaͤumdung ſtreute er un⸗ ter dem Haufen aus, indem er mit ſchamloſer Frech⸗ heit denen, die dem Karren am naͤchſten waren, ver⸗ ſicherte, er verdanke ſeinen Tod der Bereitwilligkeit. mit der er die Befehle des Herzogs von Rothſay er⸗ fuͤllt habe. Eine Zeitlang wiederholte er finſter und huͤndiſch dieſe Worte, wie einer, der einen Auftrag ausrichtet, oder wie ein Bettler, der ſeinen Worten durch Wiederholung Glauben verſchaffen will, waͤhrend er uͤberzeugt iſt, daß ſie ihn nicht verdienen. Aber als er die Augen erhob und in der Ferne die dunkle Geſtalt des Galgens, wenigſtens vierzig Fuß hoch, nebſt der Leiter und dem unſeligen Strick, horizon⸗ tal aufſteigen ſah, wurde er ploͤtzlich ſtill und der Moͤnch bemerkte, daß er ſehr zitterte. „Sey ruhig, mein Sohn,“ ſagte der gute Prieſter, „du haſt die Wahrheit bekannt und Abſolution be⸗ kommen, Deine Reue wird wegen deiner Aufrich⸗ tigkeit angenommen werden und wenn du auch blu⸗ tige Haͤnde und ein grauſames Herz gehabt haſt, wirſt du doch zu rechter Zeit durch das Gebet der Kirche von der Strafe des Fegfeuers befreit werden.“ Dieſe Verſicherungen dienten mehr dazu, die Angſt des Verbrechers zu mehren, als zu mindern, der von Zweifeln ergriffen wurde, ob die zu ſeiner Rettung vom Tode genommenen Maasregeln auch wirkſam ſeyn wuͤrden und von dem Verdacht, es moͤchte kein Grund vorhanden ſeyn, ſie zu ſeinen Gunſten zu ge⸗ brauchen, denn er kannte ſeinen Gebieter genug, um 3 11 zu wiſſen, wie gleichguͤltig er jemand hinopfern koͤnne, der ſpaͤter ein ſo gefaͤhrliches Zeugniß gegen ihn ab⸗ legen koͤnnte. Sein Schickſal war jedoch beſiegelt und es war kein Entkommen moͤglich. Man naͤherte ſich langſam dem graͤßlichen Baum, der am Flußufer errichtet war. ungefaͤhr eine halbe Meile von der Stadtmauer; ein Ort, der deswegen gewaͤhlt ward, weil da der Leich⸗ nam des Elenden, den Raben zum Fraß ausgehaͤngt, nach allen Richtungen geſehen werden konnte. Hier uͤbergab der Prieſter Bonthron dem Henker, der ihm die Leiter hinauf half und allem Anſchein nach mit ihm nach der gewohnten, geſetzlichen Form verfuhr. Er ſchien eine Minute zu zappeln, aber bald hing er ſtill und entſeelt. Der Henker verkuͤndigte, nach⸗ dem er pflichgemaͤß laͤnger als eine halbe Stunde ge⸗ wartet hatte, bis der letzte Lebensfunke erloſch, den Bewundrern ſolcher Schauſpiele, es koͤnne, weil die Eiſen zum beſtaͤndigen Aufhaͤngen des Leichnams nicht bei der Haud ſeyen, die Schlußceremonie, naͤmlich die Ausweidung und beſtaͤndige Aufhaͤngung deſſelben erſt um Sonnenaufgang des naͤchſten Morgens vor⸗ genommen werden. Trotz der fruͤhen Stunde, die er genannt hatte, erhielt Meiſter Smothwell doch eine anſehnliche Zu⸗ ſchauerſchaft aus dem Poͤbel, um auf dem Hinrich⸗ tungsplatz das letzte Verfahren der Gerechtigkeit mit ihrem Opfer zu ſehen. Aber groß war das Erſtau⸗ nen und der Zorn dieſer Liebhaber, als ſie den Leich⸗ —y — 12² nam nicht mehr am Galgen fanden. Sie waren je⸗ doch nicht lang in Verlegenheit, ſein Verſchwinden ſich zu deuten. Bonthron war im Gefolge eines Barons, deſſen Guter in Fife lagen und ſelbſt ein Eingeborner dieſer Provinz geweſen. Was war na⸗ tuͤrlicher, als daß etliche Leute aus Fife, deren Boote faſt beſtaͤndig den Fluß befuhren, den Leichnam ihres Landsmanns heimlich vom Platz der oͤffentlichen Schande nahmen? Das Volk ließ ſeine Wuth gegen Smother⸗ well aus, weil er ſein Geſchaͤft nicht am vorigen Tage beendigt hatte und haͤtte er ſich nicht mit ſei⸗ nem Gehuͤlfen in einem Boot uͤber den Tay geret⸗ tet, ſo waͤren ſie in Gefahr geweſen, geſteinigt zu werden. Dieſe Begebenheit war zu ſehr im Geiſte des Zeitalters, um verwunderlich zu ſeyn. Ihre wahre Urſache werden wir im naͤchſten Kapitel er⸗ klaͤren. 13 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die Begebenheiten einer Erzaͤhlung dieſer Art muſ⸗ ſen aneinander geknuͤpft werden, wie der Bart des Schluͤſſels genau auf das Schloß paſſen muß, zu dem er gehoͤrt. Auch der nachſichtige Leſer wird ſich nicht fuͤr verbunden halten, mit der bloßen Thatſache ſich zu begnuͤgen, daß dieſes oder jenes geſchehen ſey, das heißt, um allgemeiner zu ſprechen, Alles, was er im gewoͤhnlichen Leben um ſich vorgehen ſieht; ſondern er wuͤnſcht, da er zur Ergoͤtzung liest, die inneren Triebfedern zu kennen, die den Lauf der Begeben⸗ heiren bedingen. Dieß iſt eine gegruͤndete und ver⸗ nuͤnftige Neugierde; denn Jedermann hat das Recht, den Mechanismus ſeiner Uhr zu oͤffnen und zu unter⸗ ſuchen, da ſie zu ſeinem eigenen Gebrauch zuſammen⸗ geſetzt iſt, wenn er gleich in das Innere der Stadtuhr, welche zu allgemeinem Gebrauche auf dem Thurme aufgeſtellt iſt, nicht dringen darf. Es waͤre daher unhoͤflich, meine Leſer in Betreff der Werkzeuge in Zweifel zu laſſen, die den Moͤrder Bonthron vom Galgen befreiten; eine Begebenheit, die einige Buͤrger von Perth dem boͤſen Feinde ſelbſt zuſchrieben, waͤhrend andere ſich damit begnuͤgten, ſie auf Rechnung des natuͤrlichen Mißfallens der Lands⸗ leute Bonthron's aus Fife zu ſetzen, da ſie ihn am 44 Ufer als ein fuͤr ihre Provinz ſchmaͤhliches Schauſpiel haͤngen ſahen. Um Mitternacht, nach dem Tag der Hinrichtung gingen, als die Bewohner von Perth tief in Schlaf begraben lagen, drei Maͤnner, in Maͤnteln gehuͤllt, und eine truͤbe Laterne tragend, die Alleen eines Gar⸗ tens hinab, die vom Hauſe des Sir John Ramorny zu den Ufern des Tay fuͤhrten, wo ein kleines Boot an einem Landungsplatz oder einem kleinen vorſprin⸗ genden Damm lag. Der Wind heulte tief und me⸗ lancholiſch durch die blaͤtterloſen Geſtruͤppe und Straͤu⸗ che; und ein blaſſer Mond watete, wie man es in Schottland nennt, unter gehaͤuften Wolken, die Regen zu drohen ſchienen. Die drei Maͤnner beſtiegen das Boot mit großen Vorſicht, um der Beobachtung zu entgehen. Einer von ihnen war ein großer, ſtarker Mann; ein anderer kurz und gebeugt; der dritte von mittlerem Wuchs, und augenſcheinlich juͤnger als ſeine Gefaͤhrten, ſchnell und gewandt. So viel ließ das unvollkommene Licht entdecken. Sie ſetzten ſich in das Boot und ſtießen vom Damm ab. „Wir muͤſſen es mit dem Strome laſſen, bis wir durch die Brucke gekommen ſind, wo die Buͤrger noch Wache halten; und Ihr wißt das Spruͤchwort— ein Pfeil von Perth hat einen guten Flug,“ ſagte der Juͤngſte aus der Geſellſchaft, der das Geſchaͤft des Steuermanns uͤbernahm und das Boot vom Damm ſtieß; waͤhrend die andern die umwickelten Ruder er⸗ griffen und mit aller Vorſicht fortſteuerten, bis ſie 15 die Mitte des Fluſſes erreichten; dann ließen ſie von ihren Anſtrengungen ab, legten ſich auf die Ruder und uͤberließen es dem Steuermann, in der Mitte zu halten. Auf dieſe Weiſe kamen ſie unbemerkt, oder ohne Aufſehen zu erregen, durch die ſtattlichen gothiſchen Bogen der alten Bruͤcke, die unter der prachtliebenden Herrſchaft des Robert Bruce im Jahr 1329 errichtet und durch eine Ueberſchwemmung im Jahr 1624 fort⸗ geriſſen wurde. Obgleich ſie die Stimmen einer Buͤr⸗ gerwacht boͤrten, welche ſeit den Unruhen naͤchtlich dieſen wichtigen Platz inne hatten, ſo wurden ſie doch nicht angerufen; und als ſie ſo weit den Strom hinab waren, daß die naͤchtlichen Wachen ſie nicht mehr höͤ⸗ ren konnten, fingen ſie jedoch mit Vorſicht an zu ru⸗ deln und in leiſem Tone zu ſprechen. „Ihr habt ein neues Geſchaͤft gefunden, Kamerad, ſeit ich Euch verließ,“ ſagte einer der Ruderer zu dem andern.„Ich verließ Euch bei der Heilung eines kranken Ritters, und finde Euch nun im Geſchaͤft, einen todten Leichnam vom Galgen zu holen.“ „Einen lebendigen Leichnam, wenn es Eurer Sauire⸗ ſchaft gefaͤllt, Maſter Buncle; oder meine Liſt hat ihr Ziel verfehlt.“ „So hab' ich gehoͤrt, Meiſter Topfgucker; aber er⸗ laube mir Eure Gelahrtheit, wenn Ihr mir nicht Euern Kniff erzaͤhlt, ſo bin ich ſo frei, an ſeinem Er⸗ folg zu zweifeln.« „Ein ganz einfaches Spiel, Maſter Buncle, das 3 16 wahrſcheinlich dem ſcharfſinnigſten Geiſte Eurer Tapfer⸗ keit nicht gefallen wird. Nun, die Sache iſt die: Dieß Aufhaͤngen des menſchlichen Koͤrpers, welches der Poͤ⸗ bel Aufknuͤpfen nennt, bewirkt den Tod durch Apo⸗ plerie,— das heißt, weil das Blut durch das Zu⸗ ſammendruͤcken der Adern gehindert iſt, ins Herz zu⸗ ruͤckzukehren, ſo ſtroͤmt es ins Gehirn, und der Menſch ſtirbt. Auch die Lunge, was noch außerdem Urſache der Zerſtoͤrung iſt, erhaͤlt nicht mehr den noͤthigen Unterhalt von Lebensluft, was daher kommt, daß man den Strick um die Bruſt bindet; und ſo ſtirbt der Patient.“« s⸗Das ſehe ich wohl ein— aber wie iſt dieß zu— hindern, Herr Mediciner?“« ſagte der dritte, der Niemand anders als Ramorny's Page Eviot war. „Ei nun,“ erwiederte Dwining,„haͤngt mir den Patienten ſo auf, daß die Schlagadern nicht zuſam⸗ mengedruͤckt werden, und das Blut kommt nicht ins Gehirn, und die Apoplexie findet nicht ſtatt; und wiederum, wenn er nicht um die Bruſt gebunden iſt; ſo wird die Lunge mit Luft verſehen, haͤnge der Menſch in der Luft oder ſtehe auf feſtem Boden.« „Alles dieß begreife ich,« ſagte Eviot,„aber wie dieſe Vorſichtsmaßregeln mit der Vollſtreckung eines Todesurtheils ſich raͤumen laſſen, das kann mein dummes Gehirn nicht faſſen.“ „Ach! guter Junge, deine Tapferkeit hat einen ſchoͤ⸗ nen Verſtand zu Grunde gerichtet. Haͤtteſt du mit mir ſtudirt, du wuͤrdeſt noch ſchwierigere Dinge ge⸗ 17 lernt haben. Aber das iſt mein Kniff. Ich verſchaffte mir einige Baͤnder aus demſelben Stoff, wie Eurer jungen Tapferkeit Roßgurten, und trug beſondere Sorge, daß ſie von einer Art waren, die, wenn ſie angezogen wird, ſich nicht zuſammendreht; denn das wuͤrde meinen Verſuch verderben. Eine Schleife von dieſer Gurt wird unter jeden Fuß gezogen und lauft auf jeder Seite an dem Bein herauf bis zu einem Guͤrtel, woran ſie befeſtigt iſt; dieſe Guͤrtel ſind durch verſchiedene Stricke die Bruſt und den Nuͤcken hinab verbunden, um das Gewicht zu theilen, und da ſind noch beſondere Mittel vorhanden, dem Patienten es zu erleichtern; doch die Hauptſache iſt dieß: die Stricke oder Baͤnder ſind an ein ſtaͤhlernes Halsband befe⸗ ſtigt, das nach außen gekruͤmmt iſt und etliche Haken hat, damit der Strick, den der freundliche Nachrichter um dieſen Theil der Maſchine legt, ſtatt ihn an den bloßen Hals des Patienten zu legen, deſto ſicherer ſey. Wird ſo der Dulder von der Leiter geworfen, ſo findet er ſich nicht an ſeinem Hals, wenn es Euch gefällt, ſondern an einem ſtaͤhlernen Ring aufgehaͤngt, der die Schlingen hält, in welchen ſeine Fuͤße ſtehen, und auf welchen ſein Gewicht eigentlich ruht, das je⸗ doch durch aͤhnliche Unterſtuͤtzungen unter jedem Arm vermindert wird. Da nun ſo weder Ader noch Luft⸗ roͤhre zuſammengepreßt iſt, ſo wird der Menſch ſo frei athmen, und ſein Blut, die Furcht und Neuheit der Lage ausgenommen, ſo gemaͤßigt fließen, als das Walter Scott's Werke. 1558 Bdchen. 2 18 Eurer Tapferkeit, wenn Ihr in Euren Steigbügeln ſteht, um ein Schlachtfeld zu beſuchen.“ „Bei meiner Ehre, ein niedlicher und ſeltener Au⸗ ſchlag!“ ſagte Bunele. 4 „Nicht wahr?“ fuhr der Arzt fort,„und wohl werth⸗ von ſo hochſtrebenden Geiſtern, wie Eure Tapferkeiten ſind, gekannt zu werden, da man nicht wiſſen kann, zu welcher Höhe Sir John Ramorny's Zöglinge erhoben werden; und ſteht es ſo, daß man von ihnen nothwen⸗ dig an einen Strick herabſtéeigen muß, dann werdet Ihr meine Zurüſtung für paſſender finden, als das gewöhn⸗ liche Verfahren. Freilich müßt Ihr auch ein Wamms mit hohem Kragen haben, um den Stahlring zu ver⸗ bergen, und anßerdem einen bonus socius wie Smo⸗ therwell, um den Fangſtrick anzulegen.“ „Elender Giftmäkler,“ ſagte Eviot,„Männer unſerer Art ſterben auf dem Schlachtfeld!« „Ich will mir indeſſen die Lection merken,“ erwie⸗ derte Buncle,„im Fall einer Verlegenheit.— Aber welch eine Nacht muß der gehängte Bluthund Bon⸗ thron gehabt haben, wenn er zu der Muſik ſeiner Feſ⸗ ſeln mitten in der Luft tanzt, während der Nachtwind ihn hin und her ſchleudert.“ „Es wäre ein gutes Werk, ihn hängen zu laſſen,“ ſagte Eviot,„denn ſeine Grlöſung vom Galgen wird ihn nur zu neuem Mord aufmuntern. Er kennt nur zwei Elemente— Rauſch und Mord.“ „Vielleicht wäre Sir John Ramorny Eurer Meinung geweſen,“ ſagte Dwining,„aber dann hätte man dem 19 Schurken zuerſt die Zunge ausſchneiden müſſen, daß er nicht ſeltſame Geſchichten von der luftigen Höhe herab erzählte. Und es gibt andere Gründe, die Eure Tapfer⸗ keiten nicht zu wiſſen brauchen. In der That, ich ſelbſt bin edelmüthig gegen ihn, denn der Junge iſt ſo feſt gebaut aks das Edinburgher Schloß, und ſeine Anatomie würde jeder anderen im chirurgiſchen Saal zu Padua gleich gekommen ſeyn.— Aber ſagt mir, Maſter Buncle, welche Neuigkeiten bringt Ihr von dem derben Dou⸗ glas 2. „Das mögen andere wiſſen,“ ſagte Buncle.„Ich bin der dumme Eſel, der die Botſchaft bringt, und nichts von ihrem Inhalt weiß. Um ſo ſicherer vielleicht für mich. Ich brachte dem Douglas Briefe von dem Herzog von Albany und von Sir John Ramorny, und er blickte ſinſter wie ein Nordſturm, als er ſie erbrach. Ich brachte ihnen Antworten von dem Grafen, auf welche ſie lächelten, wie die Sonne, wenn der Sommerſturm zu Ende geht. Geht zu Eurem Tagebuch, Arzt, und beſchwört die Bedentung davon herauf.“ „Ich glaube, das ließe ſich ohne viel Aufwand von Witz finden,“ ſagte der Arzt;„doch ich ſehe dort im bkaſſen Mond unſern Lebendigtodten.— Würde er ei⸗ nem Wanderer zukrächzen, ſo wäre das eine ſeltſame Unterbrechung einer Nachtreiſe, von der Spitze eines ſolchen Galgens herab begrüßt zu werden.— Hört, mich dünkt, ich höre ſeine Seufzer unter dem Pfeifen des Windes und dem Raſſeln der Ketten. So— ſanft und ſtill— macht das Boot mit dem Haken feſt— 2* 20 und nimmt das Käſtchen mit meinen Sachen heraus— es wäre gut, wir hätten ein wenig Feuer, doch das Licht würde uns bemerklich machen. Vorwärts, tapfere Männer, tretet leiſe auf, denn es geht an den Fuß des Galgen.— Folgt mit der Laterne— ich glaube, man hat die Leiter da gelaſſen.“ Als ſie zum Galgen kamen, hörten ſie deutlich leiſe Seufzer. Dwining wagte etliche Male ſtill zu huſten, um ein Zeichen zu geben; da er aber keine Antwort erhielt, ſagte er zu ſeinem Gefährten:„Beeilt Euch; denn unſer Freund muß in den letzten Zügen liegen, da er auf das Zeichen, das die Ankunft der Hülfe ver⸗ kündet, keine Antwort gibt.— Kommt, laßt uns an⸗ greifen. Ich will zuerſt die Leiter hinauf und den Strick abſchneiden. Folgt Ihr nacheinander und haltet den Leichnam feſt, daß er nicht fällt, wenn die Schlinge los iſt. Greift ihn feſt, die Bänder werden Euch dazu helfen. Denkt, daß er, wenn er auch heute Nacht die Eule ſpielt, doch keine Flügel hat, und vom Stricke fallen, könnte ſo gefährlich ſeyn, als in ihn hineinfallen.“ Mit dieſen Worten ſtieg er auf die Leiter, und nach⸗ dem er ſich verſichert hatte, daß die Kriegsleute, die ihm folgten, den Leichnam feſthielten, ſchnitt er den Strick ab und half ſodann die faſt lebloſe Geſtalt des Berbrechers aufrecht halten. 8 Durch geſchickte Anwendung von Kraft und Gewandt⸗ heit kam der Leichnam Bonthron's glücklich auf den Boden, und da er ſchwache, aber gewiſſe Lebenszeichen von ſich gab, wurde er an das Geſtade getragen, wo 21 die Geſellſchaft, vom Ufer gedeckt, der Beobachtung am beſten entgehen konnte. Indeſſen beſchäftigte ſich der Arzt mit den nöthigen Mitteln, ihn ins Leben zurück⸗ zurufen, die er ſorglich mit ſich genommen hatte. In dieſer Abſicht befreite er zuerſt den Geneſenen von den Feſſeln, die der Scharfrichter abſichtlich nicht ver⸗ ſchloſſen hatte, und zugleich nahm er ihm die verwickelten Bänder und Stricke ab, an welchen er aufgehängt war. Es dauerte einige Zeit, bis Dwinings Bemühungen glückten; denn trotz der Kunſt, mit der er ſeine Ma⸗ ſchine zuſammengefügt war, hatten die Stricke, die den Körper tragen ſollten, ſich ſo beträchtlich zuſammenge⸗ zogen, daß die Empfindung des Erſtickens äußerſt ſchmerz⸗ lich würde. Aber die Geſchicklichkeit des Arztes ſiegte über alle Hinderniſſe; und Bonthron gab, nachdem er genießt und mit einigen kurzen Zuckungen ſich ausge⸗ ſtreckt hatte, entſchiedene Lebenszeichen von ſich; denn er ergriff die Hand des Arztes, der ihm eben ſtarke Waſſer auf Bruſt und Hals träufelte, und nahm, die Flaſche an die Lippen haltend, faſt mit Gewalt einen beträchtlichen Schluck von ihrem Inhalt. „Es iſt doppelt abgezogener Spiritus,“ ſagte der er⸗ ſtaunte Arzt,„und würde einem Audern den Hals auf⸗ ſchwellen und den Magen verbrennen. Aber dieß auſ⸗ ſerordentliche Thier iſt allen andern menſchlichen Ge⸗ ſchöpfen ſo ungleich, daß ich mich nicht wundere, wenn es ihn zum vollen Beſitz des Verſtandes bringt.“ Bonthron richtet ſich auf, ſtarrte ſitzend umher und zeigte einiges Bewußtſeyn vom Leben. 22² „Wein— Wein!“ waren die erſten Worte, die er von ſich gab. Der Arzt gab ihm einige Tropfen Arzneiwein mit Waſſer vermiſcht. Er ſtieß ſie zurück mit dem ſchmäh⸗ lichen Beiworte:„Hundsgoſſe,“ und wiederholte die Worte—„Wein— Wein.“ „Nimin es zu dir, ins Teufels Namen,“ ſagte der Arzt,„denn Niemand als er kann deine Natur ver⸗ ſtehen.“ Ein Trank, lang und tief genug, um den Verſtand anderer Leute zu verwirren, war das wirkſamſte Mit⸗ tel, Bonthron den ſeinigen vollkommen wieder zu ge⸗ ben; ob er gleich keine Erinnerung von dem Vorgefal⸗ lenen hatte, und in ſeiner kurzen und finſtern Weiſe fragte, warum er ans Ufer in dieſer Nachtzeit gebracht worden ſey. „Wieder eine Tollheit von dem wilden Prinzen, um mich zu erſäufen, wie er vorher that.— Potz Nägel und Blut, aber ich will—« „Halt dein Maul,“ unterbrach ihn Eviot,„und ſey dankbar, ich bitte dich, wenn noch etwas von Dankbar⸗ keit in dir iſt, daß dein Leichnam nicht eine Krähen⸗ ſpeiſe iſt und deine Seele an einem Ort, wo das Waſ⸗ ſer zu ſelten iſt, um dich unterzutauchen.“ „Ich fange an mich zu beſinnen,“ ſagte der Schurke, zog die Flaſche an den Mund, begrüßte ſie mit einem langen und herzlichen Kuß, ſetzte ſie leer auf den Bo⸗ den, ließ den Kopf auf die Bruſt ſenken, und ſchien ſeine verwirrten Erinnerungen in Muße ſammeln zu wollen. 3 23 „Wir können den Ausgang ſeines Nachſinnens nicht abwarten,“ ſagte Dwining,„beſſer er ſchläft vorher.— Auf, Sir! Ihr habt einige Stunden die Luft gexitten — verſucht, ob Ihr auf dem Waſſer nicht beſſer fort⸗ kommt.— Eure Tapferkeiten müſſen mir eine Hand leihen. Ich kann dieſe Maſſe nicht länger haben, als ich einen erſchlagenen Ochſen in meinen Armen lüpfen werde.“ „Bleib auf deinen Füßen, Bonthron, da wir dich einmal darauf geſtellt haben,“ ſagte Eviot. „Ich kann nicht,“ antwortete der Kranke.„Jeder Blutstropfen ſticht in meinen Adern wie Nadelſpitzen, und meine Kniee weigern ſich, ihre Laſt zu tragen. Was kann dieß Alles bedeuten? das iſt eine Schurkerei von dir, du Hundearzt!“ „Ja, ja, ſo iſt es, ehrlicher Bonthron,“ ſagte Dwi⸗ ning,„eine Schurkerei, für die du mir danken wirſt, wenn du ſie erfährſt. Inzwiſchen ſtrecke dich im Hin⸗ terhalt des Boots nieder, und laß mich dieſen Mantel um dich werfen.“ Bonthron wurde ſofort in das Boot gebracht und ſo geſchickt niedergelegt, als es auging. Er erwiederte ihre Bemühungen mit einigen Schmä⸗ hungen, die dem Brummen eines Bären glichen, der ein beſonderes angenehmes Futter hat. „ und nun, Buncle,“ ſagte der Arzt,„Eure tapfere Sauireſchaft kennt Ihren Auftrag. Ihr bringt dieſe luſtige Ladung nach Newburgh, wo Ihr mit ihm ver⸗ fahrt, wie Ihr wißt; hier ſind die Feſſeln und Bänder, die Zeichen ſeiner Gefangenſchaft und Befreiung. Bin⸗ 24 det ſie zuſammen und werft ſie in den tiefſten Pfuhl, über den Ihr fahrt; denn fände man ſie bei Euch, ſie würden Geſchichten gegen uns erzählen. Dieſer leiſe leichte Windhauch von Weſten wird Euch geſtatten, ein Segel zu gebrauchen, ſobald es Tag wird und Ihr müde ſeyd, zu rudern.— Eure andere Tapferkeit, Ma⸗ ſter Page Eviot, muß ſich begnügen, mit mir zu Fuß nach Perth zurückzukehren, denn hier trennt ſich unſre ſchöne Geſellſchaft.— Nimm die Laterne mit dir, Buncle, denn dn wirſt ſie beſfer brauchen als wir, und ſieh, daß du mir meine Flaſche zurückſendeſt.“ Als die Fußgänger nach Perth zurückkehrten, drückte Eviot ſeinen Glauben aus, daß Bonthron's Verſtand ſchwerlich den Schlag verſchmerzen würde, den ihm der Schrecken beigebracht hatte, und der alle ſeine Geiſtes⸗ kräfte, namentlich ſein Gedächtniß, verwirrt zu⸗ haben ſchien. „Durchaus nicht, wenn es Eurer Pagenſchaft gefältt, 4 ſagte der Arzt.„Bonthrons Verſtand hat einen ſoli⸗ den Charakter— er wird nur hin und her ſchwanken, wie ein Pendel, das in Bewegung geſetzt iſt, und dann in ſeinem gehörigen Schwerpunkt ruhen. Das Gedächt⸗ niß iſt von allen unſern Geiſteskräften diejenige, die am leichteſten aufgehoben wird. Ein ſchwerer Rauſch oder geſunder Schlaf zerſtört es gleich, und doch kehrt es zurück, wenn der Trunkenbold nüchtern wird, oder der Schläfer erwacht. Der Schrecken bringt bisweilen ähnliche Wirkungen hervor. Ich kannte einen Verbre⸗ cher zu Paris, der zum Tod am Strick verurtheilt war, 25 und demnach das Todesurtheil erhielt. Er zeigte keine beſondere Furcht auf dem Schaffot, ſondern ſprach und betrug ſich wie andere Leute in ähnlichem Zuſtande. Der Zufall that für ihn, was ein kleiner witziger Kniff für unſern liebenswürdigen Freund, von dem wir uns eben trennten, gethan hat. Er wurde von der Leiter herabgeworfen und ſeinen Freunden gegeben, ehe ſein Leben erloſchen war, und ich hatte das Glück, ihn wie⸗ der herzuſteilen. Aber obgleich er ſonſt wieder geſund wurde, erinnerte er ſich doch ſeines Leidens und Todes⸗ urtheils nur wenig. Von ſeiner Beichte am Morgen der Hinrichtung— hi hi hi!—(wie er gewöhnlich kicherte)— wußte er kein Wort mehr. Er wußte nicht mehr, wie er das Gefängniß verließ— nichts mehr von dem Greveplatz, wo er hingerichtet wurde— nichts von den frommen Reden, mit welchen er— hi hi!— ſo viele gute Chriſten erbaute— hi hi hi! nichts von dem Hinaufſteigen auf den unſeligen Baum, noch wie er den unſeligen Strick nahm; von Allem hattte mein Auferſtandener nicht die geringſte Erinnerung.— Aber hier ſind wir an dem Punkt, wo wir uns trennen müſ⸗ ſen; denn die Wache darf uns nicht beiſammen finden; auch wäre es gut, wenn wir durch verſchiedene Thore in die Stadt gingen. Mein Handwerk geſtattet mir, zu allen Zeiten zu kommen und zu gehen. Eure tapfere Pagenſchaft wird ſich darüber erklären, wie ſie es für hinreichend hält.“ „Mein Wille wird eine hinreichende Entſchuldigung ſeyn, wenn ich gefragt werde,“ ſagte der ſtolze junge 26 Mann.„Doch ſuche ich wo möglich Unterbrechnng z8 vermeiden. Der Mond iſt ganz verdunkelt, und die Straße ſo ſchwarz wie ein Wolfsrachen.“ „Fort,“ ſagte der Arzt,„kümmere ſich Eure Tapfer⸗ keit nicht darnm; wir werden noch dunklere Pinde be⸗ treten, eh' es lang dauert.“ Ohne nach dem Sinn dieſer Unheil weiſſagenden Worte zu fragen, ja im Stolz und der Gleichgültigkeit ſeiner Natur ſie kaum hörend, trennte ſich Ramorny's Page von ſeinem witzigen und gefährlichen Gefährten, und jeder nahm ſeinen eigenen Weg. 27 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Der wahren Liebe Bahn iſt ſelten ſanft.“ Seine ahnungsvolle Angſt hatte unſern Waffen⸗ ſchmied nicht irre gefuͤhrt. Als der gute Handſchuh⸗ macher nach der Entſcheidung des Gottesgerichts von ſeinem kuͤnftigen Schwiegerſohne ſchied, fand er, wie er erwartete, ſeine Tochter in keiner guͤnſtigen Stim⸗ mung gegen ihren Liebhaber. Aber wenn er gleich bemerkte, daß ſeine Tochter kalt, zuruͤckhaltend, ge⸗ ſammelt war, ihre toͤdtliche Leidenſchaft weggeworfen hatte, und mit gleichguͤltiger, aber offenbarer Verach⸗ tung der glaͤnzendſten Beſchreibung, die er ihr von dem Kampf auf dem Kirſchnerhof machte, zuhoͤrte; ſo war er doch entſchloſſen, ihrem veraͤnderten Beneh⸗ men nicht die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſodann von ihrer Heirath mit Heinrich als von ei⸗ ner Sache zu ſprechen, die natuͤrlich ſtatt finden wuͤrde. Endlich da ſie, wie bei einer fruͤheren Gelegenbeit, zu bemerken begann, daß ihre Neigung zu dem Waf⸗ fenſchmied nicht uͤber die Graͤnzen der Freundſchaft gehe,— daß ſie entſchloſſen ſey, nie zu heirathen, — daß das vermeintliche Gottesgericht eine Verſpot⸗ tung des goͤttlichens Willens und der menſchlichen 28 Geſetze ſey,— wurde der Handſchuhmacher nicht un⸗ gewoͤhnlich zornig. „Ich kann deine Gedanken nicht leſen, Maͤdchen; bilde mir auch nicht ein, zu errathen, aus welch ver⸗ fluchter Taͤuſchung es kommt, daß du einen erklaͤrten Liebhaber kuͤßſt, und dich von ihm kuͤſſen laͤßſt,— daß du in ſein Haus laͤufſt, wenn das Geruͤcht, von ſeinem Tode ſpricht, und dich in ſeine Arme wirfſt, wenn du ihn allein findeſt.— Alles dies ſteht einem Maͤdchen ſehr wohl an, die bereit iſt, den ihrigen in einer von ihrem Vater gebilligten Parthie zu gehor⸗ chen; aber ſolche Zeichen der Vertraulichkeit, einem Manne geſchenkt, den ein junges Maͤdchen nicht ach⸗ ten kann, und entſchloſſen iſt, nicht zu heirathen, ſind unſchicklich und unweiblich. Dyu biſt bereits mit deinen Gunſtbezeugungen gegen Heinrich Smith ver⸗ ſchwenderiſcher geweſen als deine Mutter, Gott ſegne ſie, gegen mich war, ehe ich ſie heirathete. Ich ſage dir, Catharine, dieſes Spiel mit der Liebe eines ehr⸗ lichen Mannes iſt etwas, das ich weder dulden kann, noch will, noch darf. Ich habe meine Zuſtimmung zu der Heirath gegeben, und ich beſtehe darauf, daß ſie ſogleich ſtatt finde, und daß du morgen Heinrich Wynd als einen Mann empfaͤngſt, deſſen Braut du in Kurzem werden ſollſt.“ 1 »Eine Macht, die ſtaͤrker iſt, als die Eurige, Vater, wird nein ſagen,“ entgegnete Catharine. „Ich will es darauf wagen: meine Macht iſt eine 4 29 geſetzliche, die eines Vaters uͤber ein Kind, und ein verirrtes Kind,“ antwortete der Vater.„Gott und Menſchen erkennen meine Gewalt an.“ „Dann helfe uns der Himmel!“ ſagte Catherine; „denn wenn Ihr auf Eurem Beſchluß beharrt, ſo ſind wir verloren.“ „Wir koͤnnen keine Huͤlfe vom Himmel erwarten,“ ſagte der Handſchuhmacher,„wenn wir unklug han⸗ deln. Ich bin gelehrt genug, das zu wiſſen; und daß bein grundloſer Widerſtand gegen meinen Willen eine Suͤnde iſt, wird dich jeder Prieſter lehren. Ja, noch mehr als dieß, du haſt von der heiligen Berufung auf Gott im Gotteskampf herabwuͤrdigend geſprochen. Nimm dich in Acht denn die heilige Kirche wacht uͤber ihre Schaafheerde, und wird Ketzerei mit Feuer und Stahl ausxotten; ſo viel ſag' ich dir!“ Catharine ließ einen unterdruͤckten Ausruf hoͤren; und verſprach, indem ſie ſich kaum zwang, eine gefaßte Miene zu behalten, ihrem Vater, daß ſie, wenn er ihr jede weitere Eroͤrterung der Sache bis morgen fruͤh erſparen wolle, ſich entſchließen wuͤrde, ihm dann alle ihre Gedanken daruͤber zu eroͤffnen. Mit dieſem Verſprechen mußte Simon Glover ſich begnuͤgen, obgleich er die verſprochene Erklaͤrung aͤu⸗ ßerſt fuͤrchtete. Es konnte nicht Leichtſinn oder Cha⸗ rakterſchwaͤche ſeyn, was ſeine Tochter bewog, ſo an⸗ ſcheinend unbeſtaͤndig gegen den Mann ſeiner Wahl zu handeln, den ſie noch vor Kurzem ſo unzweideu⸗ tig auch fuͤr den Mann der ihrigen erklaͤrt hatte. 30 Welche aͤußere Macht ſtark genug ſeyn konnte, ihre ſo beſtimmt ausgeſprochenen Entſchluͤſſe innerhalb vier⸗ undzwanzig Stunden zu veraͤndern, war ihm ein voͤlliges Geheimniß. „»ber ich will ſo hartnaͤckig ſeyn, als ſie es immer nur kann,“ dachte der Handſchuhmacher,„und ſie wird entweder Heinrich Smith ohne weiteren Ver⸗ zug heirathen, oder der alte Simon Glover wird ei⸗ nen vortrefflichen Grund zum Gegentheil haben.« Die Sache wurde an dieſem Tag nicht weiter be⸗ ſprochen; aber fruͤh am folgenden Morgen mit Son⸗ nenaufgang kniete Catharine vor dem Bett, in wel⸗ chem ihr Vater noch ſchlummerte. Ihr Herz klopfte, als wollte es zerſpringen, und ihre Thraͤnen fielen haͤufig auf ihres Vaters Angeſicht. Der gute alte Mann erwachte, ſah auf, druͤckte die Stirne ſeines Kindes an ſich, und kuͤßte ſie liebevoll. „Ich verſtehe dich, Kaͤthchen,“ ſagte er,„du kommſt um zu beichten, und willſt einer ſchweren Buße durch Aufrichtigkeit entgehen.“ Catharine ſchwieg einen Augenblick. »Ich brauche Euch nicht zu fragen, mein Vater, ob Ihr Euch des Karthaͤuſermoͤnchs, ſeiner Predigten und ſeines Unterrichts noch erinnert, bei welchem Ihr Euch ſo oft einfandet, daß es Euch nicht unbe⸗ kannt ſeyn kann, wie man Euch einen ſeiner Beke hr⸗ ten nannte, und auch mir mit groͤßerem Rechte die⸗ ſen Namen gab.“ 34 „Ich weiß Beides,“ ſagte der alte Mann, indem er ſich auf den Ellbogen erhob;„aber ich fordere das elende Geruͤcht heraus, mir zu beweiſen, daß ich je ſeine ketzeriſchen Anſichten annahm, obgleich ich ihn gern von der Verderbniß der Kirche, der ſchlechten Herrſchaft der Edlen, und der ſchmaͤhlichen Unwiſſen⸗ heit der Armen ſprechen hoͤrte, wenn er bewieß, wie es mir ſchien, daß die ganze Tugend unſres Staats, ſeine Kraft und Ehre unter der Buͤrgerſchaft der beſ⸗ ſern Klaſſe liege, was ich als eine gute, der Stadt vortheilhafte Lehre annahm. Und wenn er nicht die rechte Lehre predigte, warum ließen es ihm ſeine Obern im Karthaͤuſerkloſter zu? Wenn die Hirten den Wolf in Schafskleidern in die Heerde werfen, ſo koͤnnen ſie die Schaafe nicht tadeln, wenn ſie zerriſſen werden.“* „Sie duldeten ſeine Predigten, ja, ſie munterten ihn dazu auf,“ ſagte Catharine,„ſo lang die Laſter der Lalen, die Anmaßungen der Vornehmen, und die Unterdruͤckung der Armen die Gegenſtaͤnde ſeines Tadels waren, und ſie freuten ſich uͤber das Volk, das, zu der Karthaͤuſerkirche ſich draͤngend, alle ande⸗ ren Kloͤſter verließ. Aber die Heuchler,— denn das ſind ſie— verbanden ſich mit den andern Bruͤder⸗ ſchaften zur Anklage ihres Predigers Clemens, als er von der Schilderung der Verbrechen des Staats auf die Darſtellung des Stolzes, der Unwiſſenheit und der Schwelgerei der Geiſtlichen ſelbſt uͤberging, und 52 von ihrem Durſt nach Gewalt, ihrer angemaßten Macht uͤber das Gewiſſen der Menſchen und ihrem Verlangen nach Vermehrung des weltlichen Reich⸗ thums ſprach.“ „Um Gotteswillen, Catharine,“ ſagte der Vater, „ſprich doch leiſe; deine Stimme erhebt ſich, und deine Sprache wird bitter,— deine Augen funkeln. Dieſem Eifer fuͤr das, was dich nicht mehr als An⸗ dere angeht, haſt du es zuzuſchreiben, daß boshafte Menſchen dir den verhaßten und gefaͤhrlichen Namen einer Ketzerin geben.“ „Ihr wißt, ich ſpreche nur, was wahr iſt,« ſagte Catharine,„und was Ihr ſelbſt oft zugeſtanden habt.“ „Bei Nadel und Bocksfell, nein!« antwortete der Handſchuhmacher haſtig;„ich ſoll zugeſtanden haben, was mich Leib und Leben, Land und Gut koſten kann? Denn eine volle Commiſſion iſt nieder geſetzt worden, die Ketzer zu fahen und zu unterſuchen, denen alle die letzten Aufſtaͤnde und Zwiſtigkeiten zur Laſt ge⸗ legt werden; darum ſind wenig Worte die beſten, Maͤdchen. Ich halte es immer mit dem alten Saͤnger: „Das Wort iſt Knecht, der Gedanke frei, „Orum Schweigen dir gerathen ſey.“ „Der Rath kommt zu ſpaͤt, Vater,« antwortete Catharine, auf einen Stuhl neben ihres Vaters Bett niederſinkend.„Die Worte ſind geſprochen und ge⸗ hoͤrt, und Simon Glover, Burger in Perth, iſt an⸗ geklagt, daß er unehrerbietig von den Lehren der hei⸗ ligen Kirche geſprochen habe.“— 33 „So wahr ich von Meſſer und Nadel lebe,“ fiel Simon ein,„das iſt eine Luͤge! Ich war nie ſo thö⸗ richt, von etwas zu ſprechen, was ich nicht verſtand.“ »Er habe die Geſalbten der Kirche gelaͤſtert, die Kloſter⸗ und Welt⸗Geiſtliche,“ fuhr Catharine fort. Ja, ich will's nicht laͤugnen,“ ſagte der Handſchuh⸗ macher,„ein unnuͤtzes Wort mag ich bei'm Bier, oder einer guten Flaſche Wein, oder in ſicherer Geſellſchaft geſprochen haben: aber ſonſt lauft meine Zunge nicht fort, meinen Kopf in Gefahr zu bringen.“ „Das meynt Ihr, mein theuerſter Vater, aber Euer leichteſtes Wort iſt erſpaͤht, Eure wohlmeynendſte Rede verdreht, und Ihr ſeyd als grober Spoͤtter ge⸗ gen Kirche und Geiſtliche verrufen, der bei luͤderlichen und ſchlechten Leuten gegen ſie ſpricht, wie bei dem ermordeten Olivier Proudfute, Heinrich Smith von Wynd, und Andern, und der die Lehren des Vaters Clemens empfiehlt, den ſie auf ſieben Hauptketzereien anklagen, und mit Stab und Speer aufſuchen, um ihn zu Tode zu martern.— Doch das,“ ſagte Catha⸗ rine, niederknieend, und mit dem Blick einer jener Heiligen, welche die Katholiken der ſchoͤnen Kunſt ge⸗ ſchenkt haben, himmelwaͤrts ſchauend,„das werden ſie nie thun. Er iſt dem Netz des Vogelſtellers entgan⸗ gen, und, Dank dem Himmel, es geſchah durch mich. 6 »Durch dich, Maͤdchen— du biſt toll,“ ſagte der er⸗ ſtaunte Handſchuhmacher. ſch Ich will es nicht laͤugnen, weſſen ich mich ruͤhme,“ alter Scott's Werke. 1558 Bochn. 3 34 antwortete Catharine;„es geſchah durch mich, daß Conachar mit einer Anzahl Maͤnner hieherkam, und der alte Mann, der nun weit uͤber der hochlaͤndiſchen Graͤnze iſt⸗ weggefuͤhrt wurde.« O mein vorſchnelles— mein ungluͤckliches Kind!« ſagte Glover,„haſt du es gewagt, einem der Ketzerei Angeklagten zur Flucht zu helfen, und die bewaffneten Hochlaͤnder zur Einmiſchung in die Rechtsverwaltung der Stadt zu rufen? Ach! du haſt gegen die Geſetze der Kirche und des Reichs gefrevelt. Was— was wird aus uns werden, wenn dieß bekannt wird!« „Es iſt bekannt, theurer Vater,“ ſagte das Maͤdchen ſtandhaft;„ſelbſt denen bekannt, die die ſtrengſten Raͤcher der That ſeyn werden.“ „Das muß irgend eine eitle Einbildung ſeyn, Ca⸗ tharine, oder ein Streich von jenen fuchsſchwaͤnzigen Prieſtern und Nonnen; es ſtimmt nicht zu deiner kuͤrzlichen lieben Willigkeit, Heinrich Smith zu hei⸗ rathen.« »Ach! theuerſter Vater, erinnert Euch der ſchreck⸗ lichen Ueberraſchung, die mir die Kunde von ſeinem Tod verurſachte, und des freudigen Erſtaunens, als ich ihn lebend fand; und Ihr werdet Euch nicht wun⸗ dern, wenn ich unter Eurem Schutze mir mehr zu ſa⸗ gen erlaubte, als die Ueberlegung rechtfertigte. Aber damals wußte ich noch nicht das Schlimmſte, und hielt die Gefahr fuͤr uͤbertrieben. Ach ich wurde ge⸗ ſtern ſchrecklich enttaͤuſcht, als die Aebtiſſinn ſelbſt h⸗ 35 her kam, und mit ihr der Dominikaner. Sie zeigten mir den ſchriftlichen Auftrag, mit dem großen Sie⸗ gel von Schottland, Ketzerei auszuforſchen und zu beſtrafen; ſie zeigten mir euren und meinen Namen in der Liſte verdaͤchtiger Perſonen; und unter Thraͤ⸗ nen, wirklich unter Thraͤnen beſchwor mich die Aeb⸗ tiſſinn, vor einem furchtbaren Schickſal durch ſchnelle Flucht in das Kloſter mich zu retten; und der Moͤnch verpfaͤndet ſein Wort, daß Ihr, wenn ich einwillige, nicht belaͤſtigt werdet.“ „Der Teufel hole dieſe Krokodile!“ ſagte der Hand⸗ ſchuhmacher. „Ach!“ entgegnete Catharine,„Klagen oder Zorn werden uns wenig helfen; aber Ihr ſeht, ich habe wirklich Grund fuͤr meinen Schrecken.“ „Schrecken! nenn' es voͤlligen Untergang.— Ach, du ungluͤckliches Kind, wo war deine Klugheit, als⸗ dn in eine ſolche Falle rannteſt?« „Hoͤrt mich, Vater,“ ſagte Catharine;„es iſt nur Eine Art der Rettung moͤglich, die, welche ich oͤfters vorgeſchlagen habe, und wozu ich Euch vergebens um Erlaubniß bat.“ „Ich verſtehe dich— das Kloſter,“ ſagte der Va⸗ ter.„Aber Catharine, welche Aebtiſſinn oder Prio⸗ rin wuͤrde wagen?“ „Das will ich Euch darlegen, Vater, und zugleich die Umſtaͤnde zeigen, welche mich ſo unbeſtaͤndig er⸗ ſcheinen laſen, daß es mir Euren und Anderer Tadel 5* 36 zuzog. Unſer Beichtiger, der alte Vater Franciscus, den ich vom Dominikanerkloſter auf Euren Befehl waͤhlte.« *„Ja, wahrhaftig,“« fiel der Handſchuhmacher ein; und ich rieth und empfahl ihn dir, um das Geruͤcht wegzunehmen, daß dein Gewiſſen ganz unter der Lei⸗ tung des Vaters Clemens ſtehe.“ „Gut, dieſer Vater Franciscus iſt oft in mich ge⸗ drungen und hat mich genothigt, uͤber Dinge mit ihm zu ſprechen, von denen er uͤber den Karthaͤuſer⸗ prediger etwas zu erfahren glaubte. Der Himmel vergebe mir meine Blindheit! Ich fiel in die Schlinge, ſprach frei, und da er ſanft in mich drang, wie einer der gern uͤberzeugt ſeyn wollte, vertheidigte ich warm, was ich demuͤthig glaubte. Der Beichtiger zeigte nicht ſein wahres Geſicht, und verrieth nicht ſeine geheime Abſicht, bis er Alles wußte, was ich ihm zu erzaͤhlen hatte. Er bedrohte mich dann mit der zeit⸗ lichen Beſtrafung und ewiger Verdammniß. Haͤtten ſeine Drohungen nur mich beruͤhrt, ſo waͤre ich ſtand⸗ haft geblieben; denn ihre Grauſamkeit auf Erden koͤnnte ich ertragen, und an ihre Macht uͤber dieſes Leben hinaus glaube ich nicht.“ »Um's Himmels willen!“ ſagte der Handſchuhmacher, der faſt außer ſich kam, als er mit jedem Worte die wachſende Gefahr ſeiner Tochter erkannte,„huͤte dich, die heilige Kirche zu ſchmaͤhen, deren Arme ſo ge⸗ ſchickt ſind zu treffen, als ihre Ohren ſcharf zu hoͤren.“ »Fuͤr mich, ſagte das Maͤdchen von Perth, gen Him⸗ 57 mel ſehend,„wuͤrden die Schrecken der gedrohten Anklage von geringem Gewicht ſeyn. Aber als ſie davon ſprachen, dich in die Sache zu verwickeln, da muß ich geſtehen, daß ich zitterte und zu unterhan⸗ deln wuͤnſchte. Der Aebtiſſinn Martha, im Frauen⸗ kloſter zu Elcho, die eine Baſe von meiner Mutter war, erzaͤhlte ich mein Ungluͤck, und ſie gab mir das Verſprechen, daß ſie mich aufnehmen wollte, wenn ich weltlicher Liebe und Heiraths⸗Gedanken entſagen, und den Scheiler in ihrer Schweſterſchaft nehmen wuͤrde. Sie ſprach ohne Zweifel uͤber den Gegenſtand mit dem Dominikaner Franciscus, und beide ſangen daſſelbe Lied:„„Bleib in der Welt, ſagten ſie, und dein Vater und du werden als Ketzer eingezogen werden— nimm den Schleier, und die Irrthuͤmer werden vergeben und vergeſſen ſeyn.“« Sie ſprachen ſelbſt nicht von einem Widerruf der irrigen Lehren; Alles wuͤrde ſtill ſeyn, wenn ich nur in das Kloſter traͤte.“ „Ich zweifle nicht— nein,“ ſagte Simon;„der alte Glover wird fuͤr reich gehalten, und ſein Geld wurde ſeiner Tochter ins Kloſter zu Elcho folgen, das ausgenommen, was die Dominikaner als ihr Ei⸗ genthum anſprechen. So, das war dein Beruf zum Schleier— das deine Einwendungen gegen Heinrich Smith?“ „In der That, Vater, es wurde von allen Seiten auf mich gedrungen, und ich ſelbſt war der Sache nicht ſehr entgegen. Sir John Ramorny drohte mir 38 mit der maͤchtigen Rache des jungen Prinzen, wenn ich fortfuͤhre, ſeine gottloſen Bewerbungen abzuweiſen — und was den armen Heinrich betrifft, ſo habe ich erſt vor Kurzem zu meinem Erſtaunen entdeckt,— daß— daß ich ſeine Tugenden mehr liebe, als ſeine Fehler mißbillige. Ach! dieſe Entdeckung hat meinen Abſchied von der Welt ſchwieriger gemacht, als da ich nur dich beklagen zu duͤrfen geglaubt hatte.“ Sie ſtuͤtzte das Haupt auf die Hand, und weinte bitterlich. „Lauter Tollheit!“ ſagte der Handſchuhmacher.„Nie iſt die Noth ſo dringend, daß ein weiſer Mann nicht Rath finden koͤnnte, wenn er Herz genug hat, darauf auszugehen. Hier war nie das Land, oder das Volk, uͤber das Prieſter im Namen Roms herrſchen konnten, ohne ihre Gewalt eingeſchraͤnkt zu ſehen. Wenn ſie jeden ehrlichen Buͤrger ſtrafen duͤrfen, der ſagt, daß die Moͤnche Gold lieben, und daß das Leben etlicher von ihnen der Lehren, die ſie predigen, Schande macht, ſo wuͤrde es wahrlich Stephan Smotherwell nicht an Geſchaͤft fehlen,— und wenn alle thoͤrichten Maͤdchen von der Welt ſich abſondern wollten, weil ſie den Irr⸗ lehren eines beliebten Predigermoͤnchs folgen, ſo muͤß⸗ ten ſie die Nonnenkloͤſter erweitern, und die Schwe⸗ ſtern auf leichtere Bedingungen aufnehmen. Unſre Rechte ſind von unſern guten alten Fuͤrſten oft gegen den Pabſt ſelbſt vertheidigt worden; und wenn er ſich anmaßte, in die weltlichen Regierung ſich zu miſchen, ſo fehlte es nicht an einem ſchottiſchen Parlament, —— 39 das ihm ſeine Pflicht in einem Briefe vorhielt, den man mit Gold haͤtte ſchreiben duͤrſen. Ich habe den Brief ſelbſt geſehen, und ob ich ihn gleich nicht leſen⸗ konnte, ſo machte mir doch der Anblick der Siegel der hochwuͤrdigen Praͤlaten, der edeln und treuen Baro⸗ nen, die daran hingen, das Herz vor Freude huͤpfen. Du haͤtteſt mir dieß Geheimniß nicht vorenthalten ſollen, mein Kind; doch es iſt nicht Zeit, dir deinen Fehler vorzuruͤcken. Geh' hinunter, hole mir etwas zu eſſen. Ich will mich ſogleich zu Pferd ſetzen, und zu unſrem Lord Oberrichter reiten, und ſeinen Rath ſuchen; und wie ich glaube, ſeinen Schutz nebſt dem anderer treuherziger ſchottiſcher Edlen, die einen ehr⸗ lichen Mann um eines unnuͤtzen Wortes nicht nieder⸗ treten laſſen.“ „Ach, mein Vater,“ ſagte Catharine,„dieſes Unge⸗ ſtuͤm war es, was ich fuͤrchtete. Ich wußte, daß Ihr, wenn ich es Euch klagte, ploͤtzlich Feuer und Flamme werden wuͤrdet, als ob die Religion, die uns vom Vater zum Frieden geſchenkt iſt, nur dazu da waͤre, die Mutter der Zwietracht zu ſeyn— deßwegen koͤnnte ich jetzt— ſelbſt jetzt— die Welt aufgeben, und mich mit meinem Kummer zu den Schweſtern von Elcho zuruͤckziehen, wenn Ihr mich allein das Opfer ſeyn laſſen wolltet. Nur Vater— troͤſtet den armen Hein⸗ rich, wenn wir auf immer getrennt ſind— und laßt ihn nicht— laßt ihn nicht allzu hart von mir denken — ſagt ihm, Catharine werde ihn nie mehr mit ih⸗ 40 rem Tadel quaͤlen, aber auch nie ihn in ihrem Gebete vpergeſſen.“ 1 »Das Maͤdchen hat eine Zunge, die einen Sarace⸗ nen zu Thraͤnen braͤchte,« ſagte ihr Vater, deſſen Ge⸗ fuͤhl mit dem ſeiner Tochter zuſammenſtimmte.„Aber ich werde nie dem Complott nachgeben, das die Nonne und der Prieſter angezettelt haben, um mich meines einzigen Kindes zu berauben.— Geh' Maͤdchen, daß ich mich anziehe; und ſey bereit, mir in Allem zu gehorchen, was ich zu deiner Sicherheit zu empfehlen habe. Packe einige Kleider zuſammen, und was du von Werth haſt— auch nimm den Schluͤſſel zu mei⸗ ner eiſernen Buͤchſe, die mir Heinrich Smith gab, und theile das Gold, das du darin findeſt, in zwei Portionen,— ſtecke die Eine in eine Boͤrſe fuͤr dich und die andere in den ausgenaͤhten Guͤrtel, den ich mir zum Reiſen machte. Damit ſind wir verſorgt, wenn das Schickſal uns treunen ſollte; dann moͤge Gott geben, daß der Wirbelwind das alte Laub nehme, und das gruͤne ſchone! Laß ſosleich mein Roß ſatteln, und den weißen Zelter, den ich geſtern fuͤr dich kaufte, in der Hoffnung, dich nach der St. Johann's⸗Kirche mit Maͤdchen und Frauen als eine ſo luſtige Braut reiten zu ſehen, wie noch keine uͤber die heilige Schwelle ging. Aber das Geſchwaͤtz nuͤtzt nichts.— Geh', und gedenke, daß die Heiligen denen helfen, die ſich ſelbſt helfen wollen. Kein Wort mehr— fort, ſag' ich,— nur jetzt keinen Eigenſinn. Der Steuermann laͤßt nur bei ruhigem Wetter den Seejungen mit dem Ru⸗ 41 der ſpielen; aber bei meiner Seele, wenn der Wind heult und die Wellen ſteigen, ſteht er ſelbſt am Ru⸗ der. Fort; keine Antwort.“ Catharina verließ das Zimmer, um, ſo gut ſie konnte, die Befehle ihres Vaters zu vollziehen, der aus mil⸗ der Gemuͤthsart, und wie es ſchien, zaͤrtlicher Anhaͤng⸗ lichkeit an ſein Kind ſie oft, ſich und ihn leiten und fuͤhren ließ; der aber, wie ſie wußte, kindliche Unter⸗ wuͤrfigkeit unter das natuͤrliche Anſehen mit gehoͤri⸗ ger Strenge verlangte, wenn die Umſtaͤnde thaͤtige Ausuͤbung der haͤuslichen Zucht zu fordern ſchienen. Waͤhrend die ſchoͤne Catharine damit beſchaͤftigt war, ihres Vaters Forderungen zu erfuͤllen, und der gute edle Glover ſich haſtig ankleidete, wie einer, der im Begriff war, wegzureiſen, wurde ein Pferdegetrampel in der engen Straße gehoͤrt. Der Reiter war in den Reitmantel gehuͤllt, den Kragen aufgeſchlagen, als wollte er den untern Theil des Geſichts verbergen, und die Muͤtze uͤber die Stirne gezogen, indeß eine große Feder das Geſicht von oben verdeckte. Er ſprang vom Pferde, und Dorothy hatte kaum Zeit, auf ſeine Frage Antwort zu geben, ob der Handſchuhmacher in ſeinem Zimmer ſey, ehe der Fremde die Treppe beſtie⸗ gen hatte, und in das Schlafgemach getreten war. Simon, erſtaunt und erſchreckt, und in der Stimmung, in dieſem fruͤhen Beſuch einen Gerichtsdiener oder Hatſchier zu ſehen der ihn und ſeine Tochter feſtneh⸗ men wolle, war ſehr erfreut, in dem Fremden, als er die Muͤtze abnahm, und den Mantelkragen vom Ge⸗ 4² ſicht zuruͤckſchlug, den ritterlichen Oberrichter der ſchoͤ⸗ nen Stadt zu erkennen, deſſen Beſuch zu jeder Zeit eine ungewoͤhnliche Gunſt war, aber zu ſolcher Stunde etwas Wunderbares, und, mit den Zeitumſtaͤnden ver⸗ knuͤpft, ſelbſt etwas Schreckendes hatte. „Sir Patrick Charteris?“— ſagte der Handſchuh⸗ macher,—„dieſe hohe Ehre Eurem geringen Die⸗ ner.“— „Still!« erwiederte der Ritter,„es iſt keine Zeit zu unnuͤtzen Hoͤflichkeiten. Ich komme hieher, weil ein Mann in gefaͤhrlichen Umſtaͤnden am ſicherſten ſein eigener Page iſt, und ich kann nicht laͤnger blei⸗ ben, als dich zu bitten, guter Glover, daß du flieheſt, weil heute im Staatsrath Verhaftsbefehle gegen dich und deine Tochter, unter dem Vorwand der Ketzerei, gegeben werden; und Verzug wuͤrde Euch Eure Frei⸗ heit gewiß, und vielleicht Euer Leben koſten.“ „Ich habe ſo etwas gehoͤrt,« ſagte der Handſchuh⸗ macher;„und war eben im Begriff, nach Kinfauns zu reiten, um meine Unſchuld in dieſer ſchmaͤhlichen Sache darzulegen, Eure Hoheit um Rath zu fragen, und Euren Schutz anzuflehen.“ „Deine Unſchuld, Freund Simon, wird dir vor ein⸗ genommenen Richtern wenig helfen; mein Rath iſt mit Einem Wort Flucht und Erwartung beſſerer Zeiten. Was meinen Schutz betrifft, ſo müſſen wir warten, bis die Fluth abnimmt, ehe er dir irgend etwas helfen kann. Aber wenn du einige Tage oder Wochen verborgen bleiben kannſt, ſo zweifle ich kaum daran, daß die Pfaf⸗ . 43 fen, welche, in einer Hof⸗Intrigue mit dem Herzog von Albany begriffen, und den Verfall der reinen katholi⸗ ſchen Lehre als den einzigen Grund des gegenwärtigen Staatsunglücks angeben, für jetzt wenigſtens eine un⸗ widerſtehliche Gewalt über den König haben, werden nachgeben müſſen. Indeſſen wiſſe, daß König Robert nicht nur dieſen allgemeinen Befehl zur Unterſuchung der Ketzerei bekraͤftigt, ſondern auch die paͤbſtliche Er⸗ nennung Robert Werdlaw's zum Erzbiſchof von St. Andrews und Primas won Schottland beſtaͤtigt hat, und ſo Rom die Freiheiten und Vorrechte der ſchot⸗ tiſchen Kirche uͤberlaßt, die ſeine Vorfahren ſeit Malcolm Canmore's Zeit ſo kuͤhn vertheidigt haben. Seine tapfern Vaͤter wuͤrden eher einen Bund mit dem Teufel unterſchrieben, als in einer ſolchen Sache den Anſpruͤchen Roms nachgegeben haben.“ „Ach, und welche Hülfe.“ „Keine, alter Mann, als bei einer plötzlichen Verände⸗ rung am Hof,“ ſagte Sir Patrick.„Der König iſt nur wie ein Spiegel, der, kein eigenes Licht beſitzend, mit glei⸗ cher Bereitwilligkeit Alles zurückwirft, was eben vor ihm ſteht. Jetzt, obgleich der Douglas mit Albany ſich verbunden hat, iſt doch der Graf den hohen Anſprüchen dieſer herrſchwüthigen Prieſter ungünſtig, undllieg mit ihnen wegen der Erpreſſungen im Streit, die ſein Ge⸗ folge an dem Abt von Arbroath verübt hat. Er wird mit großer Mannſchaft zurückkommen, denn das Gericht ſagt, der Graf von March ſey vor ihm geflohen. Kehrt er zurück, ſo iſt die Welt verändert, denn ſeine Gegen⸗ 44 wart wird Albany im Zaum halten; beſonders ſind viele Edle, und ich ſelbſt, wie ich Euch im Vertrauen ſage, entſchloſſen, ſich mit ihm zur Vertheidigung des allge⸗ meinen Rechts zu verbinden. Deine Verbannung wird daher mit ſeiner Rückkehr an den Hof enden. Du haſt nur einen augenblicklichen Zufluchtsort zu ſuchen.“ „Dieſerwegen, Mylord,“ ſagte der Handſchuhmacher, „kann ich nichts verlieren, da ich gerechten Anſpruch auf den Schutz des hochländiſchen Häuptlings, Gilchriſt Mac Jan, Anführers des Clan Pusele, habe.“ „Ja, wenn du ſeinen Mantel zu faſſen kriegſt, ſo brauchſt du ſonſt keine Hülfe— weder Pfaff noch Laie im Niederland findet freien Lauf über die hochländiſche Gränze.“— „Aber mein Kind, edler Sir— meine Catharine?“ ſagte der Handſchuhmacher. „Nimm ſie mit dir, Mann. Der Gradankuchen wird ihre weißen Zähne ſchön halten, die Ziegenmilch wird ihr das Blut wieder in die Wangen ſchießen laſſen, das der Schrecken verbaunt hat; und auch das ſchöne Mädchen von Perth wird ſanft genug auf einem Bett von hochländiſchem Farrenkraut ſchlafen.“ „Nicht dieſer eitlen Rückſichten wegen, Mylord, bin ich in Zweifel,“ ſagte Glover.„Catharine iſt die Toch⸗ ter eines einfachen Bürgers, und kennt keine Wahl in Speiſe und Wohnung. Aber Mae Jan's Sohn war vor einigen Jahren Gaſt in meinem Hauſe, und ich muß ſa⸗ gen, daß ich bemerkte, wie er meine Tochter,(die ſo gut als eine verlobte Braut iſt) auf eine Weiſe anſah, 45 die, wenn ich mich gleich in meinem Hauſe wenig darum bekümmere, in einer hochländiſchen Schlucht, wo ich keinen Freund und viele Conachar habe, mich Folgen fürchten ließe.“ Der ritterliche Oberrichter antwortete durch ein ſtar⸗ kes Pfeifen.—„Whew! whew!*— Nun, in dieſem Fall rathe ich dir, ſie in das Nonnenkloſter zu Elcho zu ſchicken, wo die Aebtiſſin, wenn ich nicht irre, verwandt mit Euch iſt. In der That, ſie ſagte es ſelbſt, und fügte hinzu, daß ſie ihre Baſe liebe, nebſt Allem, was zu dir gehört, Simon.“ „Wirklich, Mylord, ich glaube, daß die Aebtiſſin ſo viele Rückſicht für mich hätte, daß ſie gern meine Tochter in Verwahrung nähme, und all mein Hab und Gut in ihre Schweſterſchaft aufnähme. Ja, ihre Liebe iſt etwas feſthaltender Art, und würde das Anver⸗ traute nicht gerne fabren laſſen, weder das Mädchen noch ihre Ausſteuer.“ „Whew! whew!“ pfiff der Ritter wieder.„Bei dem Thane's⸗Kreuz, Mann, der Knäul iſt ſchwer zu winden. Doch ſoll man nicht ſagen, daß das ſchönſte Mädchen der ſchönen Stadt wie eine Henne in den Hühnerkorb geſperrt wurde, und zwar wenn ſie im Begriff iſt, den kräftigen Bürger Heinrich Wynd zu heirathen. Das ſoll man nicht ſagen, ſo lang ich Degen und Sporen trage, und Oberrichter von Perth heiße.“ *) Dey ganz eigenthuͤmliche pfeifende Ton des Eng⸗ laͤnders:„whs.“ 8 1 Anm. d. Ueb. 46 „Aber, was mach ich, Mylord?“ fragte Glover. „Wir müſſen unfern Theil an der Sache nehmen. Kommt, ſteigt plötzlich mit Eurer Tochter zu Roß. Ihr ſollt mit mir reiten, nnd wir wollen ſehen, wer Euch etwas zu Leide thut. Der Befehl iſt noch nicht gegen dich ausgehängt, und wenn ſie einen Gerichts⸗ diener nach Kienfauns ſchicken, ohne einen Verhaftsbe⸗ fehl von des Königs eigener Hand, ſo ſchwör' ich, bei des rothen Räubers Seele, er ſoll ſein Papier mit Wachs und Schaafleder auffreſſen! Zu Pferd, zu Pferd! und,“ ſich an Catharine wendend, die eben herein trat, „Ihr auch, hübſches Mädchen, „Zu Roß, Ihr ſeyd in ſichrer Hut; „Wer Charters traut, der reitet gut.“ In einigen Minuten ſaßen Vater und Tochter zu Pferde, und hielten ſich einen Pfeilſchuß von dem Ober⸗ richter, der es ſo angeordnet hatte, damit es nicht ſcheine, als wären ſie von Einer Geſellſchaft. Sie rit⸗ ten in mäßiger Eile durch das öſtliche Thor, und dann ging es ziemlich ſchnell fort, bis ſie von der Stadt aus nicht mehr geſehen werden konnten. Sir Patrick folgte langſam; aber nachdem er der Wache aus dem Geſicht war, ſpornte er ſeinen Renner, und war bald bei Glo⸗ und Catharine, worauf er ein Geſpräch begann, das auf einige frühere Vorgänge unſrer Geſchichte Licht wirft. V 47 Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. „Ich habe einen Weg ausgefunden,“ ſagte der gut⸗ müthige Oberrichter,„Euch Beide auf einige Wochen vor der Bosheit Eurer Feinde zu ſichern, da ich nicht zweifle, die Hofwelt in Kurzem verändert zu ſehen. Aber um beſſer zu urtheilen, was zu thun ſey, ſagt mir frei, Simon, von welcher Art Eure Verbindung mit Gilchriſt Mac Jan iſt, die Euch ein ſo unbeſchränk⸗ tes Vertrauen in ihn ſetzen läßt. Ihr ſeyd ein ſchar⸗ fer Beobachter der Stadtgeſetze, und wißt die ſchweren Strafen, welche ſie gegen Bürger ausſprechen, welche Verkehr und Verbindung mit den hochländiſchen Clan's haben.“ „Ja wohl, Mylord; aber es wird Euch auch bekannt ſeyn, daß unſre Zunft, welche in Fellen von Rindvieh, Hirſchen und jeder andern Art von Pelzthieren arbeitet ein Vorrecht hat, und mit den Hochländern verkehren darf, welche uns am leichteſten die Mittel verſchaffen können, unſer Handwerk zum Vortheil der Stadt fort⸗ zuführen. So habe ich viele Geſchäfte mit dieſen Leu⸗ ten gehabt, und ich kann es bei meiner Seligkeit ver⸗ ſichern, daß Ihr nirgends gerechtere und ehrlichere Han⸗ delsleute findet, bei welchen ein Mann leichter einen ehrlichen Pfenning erobern könnte. Ich habe zu mei⸗ ner Zeit verſchiedene weite Reiſen in's Hochland ge⸗ 48 macht, nur auf das Wort ihrer Häuptlinge, und nie traf ich ein ihrem Worte treueres Volk, wenn man es einmal dazu bringen kann, es für einen zu verpfänden. Und was den hochländiſchen Häuptling Gilchriſt Mac Jan betrifft, ſo habe ich nie einen Mann geſehen, der, außer daß er ſchnell zum Mord und Feuer ſprühend ge⸗ gen die iſt, mit welchen er in tödtlicher Fehde ſteht, einen gerechteren und aufrichtigeren Pfad ginge.“ „Das iſt mehr, als ich je gehört habe,“ ſagte Sir Patrick Charteris.„Doch ich habe auch etwas von den hochländiſchen Landſtürmern vernommen.“ „Sie zeigen gegen ihre Freunde eine andere und ſehr verſchiedene Gunſt von der gegen ihre Feinde, wie Eure Herrlichkeit gleich ſehen wird,“ ſagte der Handſchuh⸗ macher.„Doch mag das ſeyn, wie es will, ich habe in einer wichtigen Sache Gilchriſt Mac Jan einen Dienſt geleiſtet. Es iſt jetzt ungefähr achtzehn Jahre her, daß der Clan Quhele und der Clan Chattan in Fehde ſtanden, wie ſie überhaupt ſelten Frieden haben, und der erſtere eine Niederlage erhielt, die beinahe die Fa⸗ milie ſeines Häuptlings Mac Jan ausrottete. Sie⸗ ben ſeiner Söhne fielen in und nach der Schlacht, er ſelbſt mußte fliehen, und ſein Schloß wurde weggenom⸗ men und den Flammen übergeben. Seine Gattin, die gerade nahe an der Geburt war, floh in den Wald, von einer treuen Dienerin und ſeiner Tochter begleitet. Hier gebar ſie in Kummer und Elend einen Knaben; und da der elende Zuſtand der Mutter ſie unfähig gemacht hatte, das Kind zu ſäugen, ſo wurde es mit der Milch 1 ——O—— . 49 eines Rehes ernaͤhrt, das der Jaͤger, der ſie beglei⸗ tete, in einer Schlinge lebendig gefangen hatte. Nicht lange darauf ſchlug Mar Jan in einer zweiten Schlacht dieſer Clans ſeine Feinde und nahm das verlorne Land wieder in Beſitz. Mit unerwartetem Entzuͤcken fand er Gattin und Kind noch am Leben, von denen er nichts mehr als die gebleichten Beine zu ſehen gehofft hatte, von welchen Woͤlfe und wilde Katzen das Fleiſch gefreſſen haͤtten.““ „Aber ein ſtarkes und uͤbermaͤchtiges Vorurtheil, wie es oft bei dieſem wilden Volke unterhalten wird, hinderte den Haͤuptling, das volle Gluͤck zu genießen, ſeinen einzigen Sohn ſicher wieder gefunden zu haben. Eine alte Prophezeihung war unter ihnen im Schwung, daß die Macht des Stamms durch einen unter einem Hollunderbuſch gebornen und von einem weißen Rehe geſaͤugten Knaben fallen wuͤrde; der Umſtand traf zum Ungluͤck fuͤr den Haͤuptling genau mit der Ge⸗ burt des einzigen Kindes zuſammen, das ihm uͤbrig blieb, und die Aelteſten des Clans forderten von ihm, daß der Knabe entweder ſogleich ermordet, oder wenigſtens aus dem Gebiete des Stammes entfernt und in Dunkelheit aufgezogen werde. Gilchriſt Mac Jan mußte nachgeben, und da er letzteren Vorſchlag waͤhlte, wurde das Kind unter dem Namen Conachar in mein Haus gebracht, mit dem Vorſatz, wie man Anfangs wollte, ihm alle Kunde zu verbergen wer und 3 woher er ſey, oder welche Anſpruͤche auf Macht er uͤber ein Walter Scott's Werke, 1558 Boͤchen. 4 50 zahlreiches und kriegeriſches Volk habe. Aber wie die Jahre umrollten, wurden die Aelteſten des Stam⸗ mes, die ſo viel Anſehen geuͤbt hatten, durch den Tod weggerafft, oder durch Alter unfaͤhig ge⸗ macht, in die oͤffentlichen Angelegenheiten ſich zu mi⸗ ſchen; auf der andern Seite wuchs der Einfluß Gil⸗ chriſt Mac Jan's durch ſeine gluͤcklichen Kaͤmpfe ge⸗ gen den Clan Chattan, in welcher er die Gleichheit zwiſchen den beiden ſtreitenden Buͤndniſſen, wie ſie vor der ungluͤcklichen Niederlage, von der ich Eurer Herrlichkeit erzaͤhlt, beſtand, wiederherſtellte. Als er ſo feſt ſaß, wuͤnſchte er natuͤrlich, ſeinen einzigen Sohn an ſeine Bruſt und in ſein Haus zuruͤckzubrin⸗ gen; deßwegen ließ er mich den jungen Conachar, wie man ihn nannte, mehr als einmal in's Hochland ſchicken. Er war ein Juͤngling, ganz dazu gemacht, durch Geſtalt und edles Benehmen das Herz eines Vaters zu gewinnen. Endlich errieth, wie ich glaube, der Junge das Geheimniß ſeiner Geburt, oder wurde es ihm ſonſt mitgetheilt; und der Widerwille, den der ſtolze hochlaͤndiſche Kerl immer vor meinem ehr⸗ lichen Handwerk gezeigt hatte, wurde ſichtbarer; ſo daß ich nicht einmal wagte, meinen Stab uͤber ſeinen Ruͤcken zu legen, aus Furcht, er moͤchte mich mit ei⸗ nem Dolchſtich als gaͤliſche Antwort auf eine ſaͤchſiſche Bemerkung empfangen. Dann wuͤnſchte ich ihn los zu ſeyn, um ſo mehr, da er ſo viel Ergebung gegen Catharine zeigte, die ſich in der That vorſetzte, den 8 Aethiopier zu waſchen, und einem wilden Hochlaͤnder 51 Milde und Sitten zu lehren. Sie weiß ſelbſt, wie es endete.“ 3 „Ja, mein Vater,“ ſagte Catharine,„es war wirk⸗ lich Barmherzigkeit, ich wollte den Brand aus dem Feuer reißen.“ „Aber wenig Klugheit,“ erwiederte ihr Vater,„deine eigenen Finger dabei verbrennen zu wollen.— Was ſagt Mylord zu der Sache?* „Mylord mag das ſchoͤne Maͤdchen von Perth nicht beleidigen,“ ſagte Sir Patrick:„und kennt wohl die Reinheit und Aufrichtigkeit ihres Herzens. Und doch muß ich nothwendig ſagen: waͤre dieſer Pflegling des Reh's runzlig, hager, querleibig und rothhaarig ge⸗ weſen, wie ich einige Hochlaͤnder kannte, ſo wuͤrde ich zweifeln, ob das ſchoͤne Maͤdchen von Perth ſo vie⸗ len Eifer auf ſeine Bekehrung verwandt haͤtte; und waͤre Catharine ſo alt, runzlig und von Jahren ge⸗ beugt geweſen, wie das alte Weib, das mir dieſen Morgen die Thuͤre oͤffnete, ſo wuͤrde ich meine golde⸗ nen Sporen gegen ein Paar hochlaͤndiſche Holzſchuhe wetten, daß dieſer wilde Rehbock ihren Lectionen nicht laͤnger zugehoͤrt haͤtte.— Ihr lacht, Glover, und Catharine wird roth vor Zorn. Laßt es hinge⸗ hen, das iſt ſo der Weg der Welt.“ „Der Weg, auf welchem Weltmenſchen ihre Nach⸗ barn beurtheilen, Mylord,“ antwortete Catharine, et⸗ was geärgert. „Nun, ſchöne Heilige, verzeiht einen Spaß,“ ſagte 4* . 5³ der Ritter,„und du, Simon, erzähle uns, wie die Ge⸗ ſchichte endete— natürlich mit Conachar's Flucht ins Hochland.“ „Mit ſeiner Rückkehr dahin,“ ſagte der Handſchuh⸗ macher. Vor einigen Jahren ſtrich ein Kerl, eine Art von Bote, um Perth, der unter verſchiedenen Vor⸗ wänden ab⸗ und zuging, aber in der That die Verbin⸗ dung zwiſchen Gilchriſt Mae Jan und ſeinem Sohne, dem jungen Evnachar, der nun Hector hieß, nuterhielt. Von dieſem Burſchen erfuhr ich im Allgemeinen, daß die Verbannung des Dault an Neigh Dheil, oder des Pflegekinds der weißen Kuh, von dem Stamm wieder in Berathſchlagung gezogen ſey. Sein Pflegevater, Torquil von der Eiche, der alte Jäger, erſchien mit acht Söhnen, den ſchönſten Männern des Clans, und forderte die Aufhebung des Verbannungsurtheils. Er ſprach mit um ſo größerem Anſehen, da man ihn für einen Taishatar oder einen Seher hielt, und glaubte, er ſtehe mit der unſichtbaren Welt in Verbindung. Er verſicherte, er habe eine Zauberformel, Tin⸗Egan ge⸗ nannt, ausgeſprochen und einen Teufel eitirt, dem er das Geſtändniß abnöthigte, daß Conachar, nun Eachin oder Hector Maec Jan genannt, der einzige Mann ſey, der in dem bevorſtehenden Treffen zwiſchen den beiden feindlichen Clans ohne Blut und Flecken wegkommen würde. Daraus bewies Torquil von der Eiche, daß die Gegenwart des vom Schickſal beſtimmten Mannes nothwendig ſey, den Sieg zu ſichern.„„So gewiß weiß ich das, ſetzte der Jäger hinzu, daß, wenn Eachin 53 nicht an ſeinem Platze unter den Reihen des Clan Qu⸗ hele kämpft, weder ich, ſein Pflegevater, noch einer von meinen acht Söhnen eine Waffe in dem Streit erhebt.“* „Dieſe Rede wurde mit viel Bewegung aufgenommen; denn der Abfall der neun Männer, die die ſtärkſten des Stammes ſind, wäre ein ernſtlicher Schlag, beſon⸗ ders wenn der Kampf, wie das Gerücht geht, von einer kleinen Anzahl auf jeder Seite entſchieden werden ſoll. Der alte Aberglauben, in Betreff des Pflegeſohns des weißen Rehes, wurde von einem neuen Vorurtheil überwogen, und der Vater ergriff die Gelegenheit, dem Clan ſeinen lang verborgenen Sohn vorzuſtellen; ſein jugendliches, aber ſchönes und belebtes Geſicht, ſein ſtolzes Benehmen und ſeine behenden Glieder erregten die Aufmerkſamkeit der Clanulente, die ihn als den Er⸗ ben und Abkömmling ihres Häuptlings, itrotz des un⸗ glücklichen Vorzeichens, das ſeine Geburt und Säugung begleitete, empfingen.“ 3 „Aus die er Erzählung, Mylord,“ fuhr Simon Glo⸗ ver fort,„kann Eure Herrlichkeit leicht ſehen, warum ich mich einer guten Aufnahme unter dem Clan Quhele ſicher glaube; und Ihr werdet auch Grund zu urtheilen haben, daß es voreilig von mir wäre, Catharine dorthin zu bringen. Und dieß, edler Lord, iſt meine ſchwerſte Sorge.“ 3 „Wir werden dieſe Laſt abnehmen,“ ſagte Sir Pa⸗ trick, ich will für dich und dieſes Fräulein Gefahr auf mich nehmen. Meine Verbindung mit dem Douglas 54. gibt mir einigen Einfluß bei Marjory, der Herzogin von Rothſay, ſeiner Tochter, der vernachläßigten Gattin unſers eigenſinnigen Prinzen. Verlaſſe dich darauf, guter Glover, daß unter ihrem Schutz deine Tochter ſo ſicher ſeyn wird, als in einem verſchanzten Schloß. Die Herzogin wohnt gegenwärtig zu Falkland, einem Schloß, das ihr der Herzog von Albany, dem es gehört, zu ihrer Bequemlichkeit geliehen hat. Ich kann Euch kein Vergnügen verſprechen, ſchönes Mädchen, denn die Herzogin Marjory von Rothſay iſt eine unglückliche und daher mürriſche, ſtolze und übermüthige Frau, die ſich des Mangels an anziehenden Eigenſchaften bewußt, und daher eiferſüchtig auf alle Mädchen iſt, die dieſe beſitzen. Aber ſie iſt ihrem Worte treu, hat einen edlen Muth und würde den Pabſt oder Prälaten in den Schloßgraben werfen laſſen, wenn er eine Perſon unter ihrem Schutze in Verhaft nehmen wollte. Ihr werdet daher ganz ſicher ſeyn, obgleich ein wenig Troſt bedürfen.“ „Ich habe nichts weiter anzuſprechen,“ ſagte Catha⸗ rine,„und fühle tief die Güte, die mir einen ſo ehren⸗ vollen Schutz ſichern will. Iſt ſie ſtolz, ſo will ich mich erinnern, daß ſie eine Douglas iſt und das Recht hat, ſo ſtolz als irgend eine Sterbliche zu ſeyn— iſt ſie mürriſch, ſo will ich bedenken, daß ſie unglücklich iſt— und iſt ſie unvernünftig launenhaft, ſo will ich nicht vergeſſen, daß ſie mich ſchützt. Bekümmert Euch nicht länger um mich, Mylord, wenn Ihr mich unter den Schutz der edeln Lady gebracht habt.— Aber mein — 55⁵ armer Vater, dem wilden und gefährlichen Volk aus⸗ geſetzt!* 3 „Denke nicht daran, Catharine,“ ſagte der Hand⸗ ſchuhmacher,„ich bin ſo vertraut mit Holzſchuhen und Farrenkraut, als hätte ich ſelbſt getragen. Ich fürchte nur, die entſcheidende Schlacht möchte vorfallen, ehe ich dieſes Land verlaſſe; und ich, wenn der Clan Quhele verliert, durch den Ruin meines Beſchützers leiden.“ „Dafür müſſen wir ſorgen,“ ſagte Sir Patrick,„ver⸗ laßt Euch darauf, daß ich für Eure Sicherheit ſorgen werde.— Aber welche Partei meint Ihr, wird den Sieg gewinnen?“ „Frei geſagt, Mylord Oberrichter, ich glaube, der Clan Chattan wird unterliegen; die neun Kinder des Jägers bilden beinahe ein Drittel von den Leuten; die den Häuptling des Clan Quhele umringen, und ſind furchtbare Krieger.“ 1 „Und dein Lehrjunge, denkſt du, er werde ſtehen?“ „Er iſt heiß wie Feuer, Sir Patrick,“ antwortete der Handſchuhmacher,„aber auch ſo unbeſtändig wie Waſſer. Demungeachtet wird er, wenn er durchkommt, einſt ein tapferer Mann ſeyn.“ „Aber für jetzt hat er noch Milch von dem weißen Reh auf den Lippen hängen; nicht wahr, Simon?“ „Exr hat wenig Erfahrung, Mylord“ ſagte der Hand⸗ ſchuhmacher,„und ich brauche einem geehrten Krieger, wie Ihr, nicht zu ſagen, daß wir mit der Gefahr ver⸗ traut ſeyn müſſen, um mit ihr wie mit einer Geliebten ſchwatzen zu können.“ 56 Während dieſer Unterhaltung kamen ſie ſchnell in das Kloſter zu Kinfauns, wo es nach einer kurzen Er⸗ friſchung nothwendig war, daß Vater und Tochter ſich trennten, um ihre gehörigen Zufluchtsörter zu ſuchen. Dann zum erſten Male ließ Catharine, als ſie ſah, daß ihres Vaters Beſorgniß um ſie alle Erinnerungen an ſeinen Freund unterdrückt hatte, wie im Traume den Namen„Heinrich Gow“ hören. „Recht, ganz recht,“ fuhr ihr Vater fort;„wir müſſen ihm unſere Abſichten melden.“ „Ueberlaßt das mir,“ ſagte Sir Patrick,„ich kraue keinem Boten, will auch keinen Brief an ihn ſchicken, denn ſchriebe ich auch einen, ſo würde er ihn ſchwerlich leſen können. Er wird indeſſen Angſt haben, aber ich will morgen bei Zeiten nach Perth reiten und ihm Eure Plane mittheilen.“ Die Zeit der Trennung nahte nun. Es way ein bitterer Augenblick; aber der männliche Charakter des alten Bürgers, und die fromme Ergebung Catharinens in den Willen der Vorſehung machte ihn leichter, als man hätte erwarten ſollen. Der gute Ritter drang, wiewohl auf die freundlichſte Weiſe, auf die Abreiſe; und ging ſelbſt ſo weit, ihm ein Anlehen von einigen Goldſtücken anzubieten, was zu einer Zeit, wo das Geld ſo ſelten war, als das non plus ultra der Achtung angeſehen werden konnte. Der Handſchuhmacher verſicherte ihn jedoch, daß er reichlich verſehen ſey, und reiste in nord⸗ weſtlicher Richtung ab. Der gaſtliche Schutz Sir Pa⸗ trick Charteri's wurde ſeinem ſchönen Gaſt nicht min⸗ — 57 der gezeigt. Sie wurde der Vorſorge einer Hausmei⸗ ſterin, die das Hausweſen des guten Ritters beſorgte, übergeben, und war genöthigt, mehrere Tage in Kin⸗ fauns zu bleiben, weil der Fährmann von Tay, Kift Stenshaw, der ſie überführen ſollte, und auf den der Oberrichter viel Vertrauen ſetzte, Hinderniſſe und Zö⸗ gerung verurſachte. So wurden Vater und Kind getrennt, in einem Au⸗ genblicke großer Gefahr und Noth, welche durch Um⸗ ſtände, die ſie jetzt noch nicht kannten und die jede Wahrſcheinlichkeit von einer Sicherheit, die ihnen übrig blieb, zu vermindern ſchienen, ſehr vermehrt wurde. 58 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Dieß that der Auguſtiner.“—„That er's?“ ſagt ex. „So mag er's auch fuͤr mich hinwieder thun. Pope's Prolog zu Chaucer's Canterbury Tales. Wir werden dem Lauf unſerer Geſchichte am beſten folgen, wenn wix Simon Glover begleiten. Es iſt nicht unſere Abſicht, genau die Gränzangabe der beiden ſtreitenden Clans feſtzuſetzen, beſonders da ſie von den Geſchichtſchreibern, die von dieſer merkwürdigen Fehde Nachricht hinterlaſſen haben, nicht beſtimmt angedeutet ſind. Es genüge daher, wenn wir ſagen, daß das Ge⸗ biet des Clans Chattan ſich weit hin erſtreckte, Caith⸗ neß und Sutherland umfaßte und zum unumſchränkten Häuptling den mächtigen Grafen der letztgenannten Landſchaft, welche damals Mohr ar chat hieß, hatte. Im Allgemeinen gehörten die Keiths, die Sinclairs, die Guns und andere mächtige Familien und Clans zu dem Bündniß. Dieſe jedoch waren nicht in den gegen⸗ wärtigen Streit verwickelt, welcher ſich auf den Theil des Clans Chattan beſchränkte, der die weiten Berg⸗ länder von Perth⸗ſhire und Inverneß⸗ſhire, einen großen Theil des ſogenannten nordöſtlichen Hochlandes, um⸗ faßte. Es iſt wohl bekannt, daß zwei große Clans, von denen man ohne Zweifel weiß, daß ſie zu dem Clan 59 Chattan gehörten, die Mac Pherſons und die Mac Intoſhes, noch bis heute ſich darüber ſtreiten, welcher ihrer Häuptlinge an der Spitze dieſer Badenocherlinie des großen Bündniſſes ſtand, und beide nahmen in ſpé⸗ tern Zeiten den Namen Häuptlinge von Clan Chattan an. Non nostrum est.— Aber auf jeden Fall muß Badenoch der Mittelpunkt des Bündniſſes geweſen ſeyn, ſo weit es in die von uns behandelte Fehde verwickelt war. Von dem Gegenbündniß des Clan Quhele, oder wie ihn ſpätere Schriftſteller nennen, des Clan Kay, haben wir noch weniger beſtimmte Nachricht, aus Gründen, die in der Folge ſich zeigen werden. Buchanan und Schriftſteller nach ihm haben ihn daher mit dem zahl⸗ reichen und mächtigen Geſchlecht des Mac Kay für eines und daſſelbe gehalten. Geſchieht dieß aus guten Gründen, woran man zweifeln darf, ſo müſſen die Mae Kays ihre Wohnſitze unter der Regierung Roberts II. verändert haben, da ſie jetzt als Clan in den äußerſten nördlichen Theilen von Schottland is den Gegenden des Roß⸗ und Sutherland gefunden werden. Wir können daher in der Geographie unſerer Erzählung nicht ſo genau ſeyn, als wir wünſchen. Genug, der Handſchuh⸗ macher reiste in nordweſtlicher Richtung eine Tagreiſe gegen das Land Breadalbane, von wo aus er das Schloß zu erreichen hoffte, wo Gilchriſt Mae Jan, der Häupt⸗ ling des Clan Quhele und der Vater ſeines Zöglings Conachar, mit barbariſch prächtiger Dienerſchaft gewöhn⸗ lich wohnte, und einem Ceremoniel, das zu ſeinen ſtol⸗ zen Anſprüchen paßte. 60 Wir brauchen uns nicht damit aufzuhalten, das An⸗ ſtrengende und Schreckhafte einer ſolchen Reiſe zu be⸗ ſchreiben, wo der Weg unter Wüſten und Bergen hin⸗ lief, bald gähe Abgründe hinanſteigend, bald in unzu⸗ gängliche Moräſte ſinkend, und oft von großen Wald⸗ bächen und ſelbſt Strömen unterbrochen. Aber alle dieſe Gefahren hatte Simon Glover ſchon vorher, um ehr⸗ lichen Gewinn zu ſuchen, beſtanden, und ſcheute oder fürchtete ſie jetzt wohl um ſo weniger, da ſeine Frei⸗ heit, ja ſein Leben im Spiele ſtand. Die Gefahr, welche die kriegeriſchen und ungebildeten Bewohner dieſer Wildniſſe drohten, würde jedem Andern mindeſtens ſo furchtbar als die des Weges erſchienen ſeyn. Aber Simon's Kenntniß der Sitten und der Sprache des Volkes ſicherte ihn auch in dieſem Punkt. Ein An⸗ ſpruch auf die Gaſtfreundſchaft des wildeſten Gälen war nie erfolglos, und der Kerl, der unter andern Umſtän⸗ den einen Menſchen um die ſilberne Schnalle ſeines Mantels ermordet hätte, würde ſich ſelbſt einer Mahl⸗ zeit beraubt haben, um den Reiſenden, der an der Thüre ſeiner Hütte um Gaſtfreundſchaft bat, zu erquicken. Die Reiſekunſt war, ſo zutrauensvoll und unverthei⸗ digt als möglich zu erſcheinen; deßwegen trug der Handſchuhmacher durchaus keine Waffen, reiste ohne den mindeſten Anſchein von Vorſicht, und hatte ſich nur zu hüten, nichts, was die Begierde aufregen könnte, zu zeigen. Eine andere Regel, deren Beobachtung er für klug hielt, war, mit jedem Wanderer, der ihm be⸗ gegnete, Gemeinſchaft zu vermeiden, außer ſo weit es 61 den Wechſel der gewöhnlichen Höflichkeiten im Grüßen betraf, die die Hochländer ſelten unterlaſſen. Aber auch für dieſe vorübergehenden Grüße boten ſich nur wenige Gelegenheiten dar. Das immer einſame Land ſchien jetzt ganz verlaſſen, und ſelbſt in den kleinen Straths oder Thälern, welche er durchzuziehen Gele⸗ genheit hatte, waren die Dörfer leer, und die Einwoh⸗ ner hatten ſich in Wälder und Höhlen zurückgezogen. Dieß war leicht zu erklären, wenn man die bevorſte⸗ henden Gefahren einer Fehde erwog, die nach der Er⸗ wartung Aller das allgemeinſte Signal zu Plünderung und Raub, das je das unglückliche Laud verwüſtet hatte, werden mußte. Simon fing an, über dieſen Zuſtand der Verödung erſchreckt zu werden. Er hatte nur einmal Halt ge⸗ macht, ſeit er Kinfauns verließ, um ſeinem Thier ei⸗ nige Ruhe zu geben, und nun ſing er an, beſorgt zu werden, wie er die Nacht zubringen ſollte. Er hatte darauf gerechnet, in der Hütte eines alten Bekaunten Zu übernachten, den man Niel Booſhalloch(Kuhhirte) nannte, weil er zahlreiche Biehheerden, die dem Häupt⸗ ling des Clan Quhele gehörten, hütete, wozu er ein Gut an den Ufern des Tay, nicht weit von der Stelle, wo der Fluß den See deſſelben Namens verläßt, inne hatte. Von dieſem alten Wirth und Freund, mit wel⸗ chem er manchen Handel um Felle und Pelzwerk ge⸗ ſchloſſen hatte, hoffte der alte Handſchuhmacher den gegenwärtigen Zuſtand des Landes, die Erwartung übet Krieg und Frieden, und die beſten Maßregeln zu ſein er 62 Sicherheit zu erfahren. Man muß ſich erinnern, daß die Nachricht des zur Verminderung der Ausdehnung der Fehde eingegangenen Kampfrertrags Känig Robert erſt den Tag vorher, ehe der Handſchuhmacher Perth verließ, mikgetheilt worden war und ſodann einige Zeit nachher bekannt gemacht wurde. „Wenn Niel Booſhalloch, wie die andern, ſeine Woh⸗ nung verlaſſen hat, ſo bin ich gut angekommen,“ dachte Simon,„da mir nicht nur der Vortheil ſeines guten Raths, ſondern auch ſeine Fürſprache bei Gilchriſt Mac Jan fehlt, und was noch mehr iſt, ein Nachtlager und ein Abendeſſen.“ Mit dieſen Gedanken erreichte er den Gipfel eines ſchwellenden Raſenhügels und ſah den prächtigen Loch Tay hinter ihm liegen, eine ungeheure polirte Silber⸗ platte, welche die dunkeln Heideberge und blätterloſen Eichengebüſche wie ein mit Arabesken gezierter Rahmen zu einem prächtigen Spiegel umgab. Simon Glover war zu jeder Zeit, und beſonders jetzt, gleichgültig für Naturſchönheit; und der Theil der herrlichen Landſchaft, auf den er ſein Auge wandte, war die Ecke oder der Vorſprung von Wieſenland, wo der Fluß Tay, in ſtolzer Fülle von ſeinem väterlichen See hervorrauſchend und nun ein ungefähr eine Meile breites Thal im Bogen ſich wälzend, ſeinen großen Lauf ſüdoſtwärts beginnt, wie ein Eroberer und Geſetzgeber, um ferne Lande zu unterjochen und zu bereichern. Auf der einſamen Stelle, welche reizend zwiſchen See, Berg und Strom liegt, erhob ſich ſpäter das lehensherrliche 5* 63 Schloß von Ballough, an deſſen Stelle in unſerer Zeit der prächtige Palaſt des Grafen von Breadalbane trat. Aber die Eampbells hatten ſich noch nicht, ob ſie gleich bereits in Argyle⸗ſhire große Macht beſaßen, oſt⸗ wärts bis zum Loch Tay ausgedehnt, deſſen Ufer ent⸗ weder rechtlich oder durch Verjährung damals der Clan Quhele beſaß, der ſeine auserleſenſten Heerden darauf weiden ließ. In dieſem Thal alſo, zwiſchen dem Fluß und dem See, unter ausgedehnten Wäldern von Eichen, Haſelgebüſchen, Eſchen und Lerchenbäumen, erhob ſich die niedrige Hütte Niel Booſhalloch's, eines bäuriſchen Eumäus, deſſen gaſtlicher Schornſtein reichlichen Rauch ausgoß, zur großen Beruhigung Simon Glovers, indem er ſonſt genöthigt geweſen wäre, nicht zu ſeinem größ⸗ ten Vergnügen die Nacht unter freiem Himmel zuzu⸗ bringen. Er erreichte die Thüre der Hütte, pfiff, ſchrie und ließ ſeine Ankunft wiſſen. Da erhob ſich ein Gebell von Hunden und Rüden, und ſogleich trat der Herr der Hütte heraus. Auf ſeiner Stirne zeigte ſich viel Beſorgniß und er ſchien auf den Anblick Simon Glo⸗ vers zu erſchrecken, obgleich der Hirte beides, ſo gut er konnte, verbarg; denn nichts galt in dieſer Gegend für unhöflicher, als wenn der Wirth in Blick oder Miene etwas entſchlüpfen ließ, was den Beſuch zu dem Gedanken verleiten konnte, daß ſeine Ankunft unange⸗ nehm oder auch nur unerwartet ſey. Das Pferd des Reiſenden wurde in einen Stall gebracht, der beinahe zu niedrig war, um es zu faſſen, und der Handſchuh⸗ 6 8 macher ſelbſt wurde in das Haus Booſhalloch's geführt, wo ihm, nach der Sitte der Gegend, Brod und Käſe vorgeſetzt wurde, während man nährendere Speiſe be⸗ reitete. Simon, der alle ihre Gewohnheiten verſtand, wollte die offenbaren Zeichen von Traurigkeit auf der Stirne ſeines Gaſtwirths und ſeiner Familie nicht be⸗ merken, bis er der Form wegen etwas gegeſſen hatte, worauf er die allgemeine Frage machte, was es Neues in der Gegend gebe? „So wenig Gutes als je,“ ſagte der Hirte,»unſer Vater iſt nicht mehr.«“ „Wie?“ ſagte Simon ſehr erſtaunt, viſt der Häupt⸗ ling des Clan Quhele todt?“ „Der Häuptling des Elan Quhele ſtirbt nie,« ant⸗ wortete Booſhalloch,„aber Gilchriſt Mac Jan ſtarb vor zwanzig Stunden, und ſein Sohn, Eachin Mac Jan, iſt nun Häuptling.“ „Was, Eachin— Conachar— mein Lehrjunge?“* „So wenig von dieſem Umſtand als möglich, Bruder Simon,“ ſagte der Hirte.„Ihr erinnert Euch, Freund, daß Eure Zunft, welche gut iſt, um in der lieblichen Stadt Perth zu leben, etwas zu gemein ausſieht, um an dem Ufer des Ben Lawers und an den Ufern des Loch Tay geſchätzt zu werden. Wir haben nicht ein⸗ mal ein gäliſches Wort, um den Namen eines Hand⸗ chuhmachers zu bezeichnen.“ „Es wäre auch ſeltſam, wenn Ihr eins hättet, Freund Niel,“ ſagte Simon trocken,„da Ihr ſo wenig Hand⸗ ſchuhe zu ſehen bekommt. Ich glaube, es gibt keinen 85⁵ einzigen im ganzen Clan Quhele, außer denen, die ich Gilchriſt Mac Jan, dem Gott gnädig ſey, ſcheukte, und die er für eine köſtliche Gabe hielt. Sein Tod ſchmerzt mich tief; deun ich kam in wichtigen Geſchäf⸗ ten zu ihm.“ „Ihr thut beſſer daran, den Kopf des Kleppers mit Tagesanbruch ſüdlich zu wenden,“ ſagte der Hirte. „Das Begräbniß findet ſogleich Statt, und zwar mit weuig Ceremonie; denn am nächſten Sonntag muß von Clan Quhele und Clan Chattau durch dreißig Kämpfer auf jeder Seite eine Schlacht gekämpft werden, und wir haben kurze Zeit, die Todten zu beklagen oder die Lebenden zu ehren.“ „Aber meine Geſchäfte ſind ſo dringend, daß ich noth⸗ .. wendig den jungen Häuptling ſehen muß, wenn auch nur auf eine Viertelſtunde,“ ſagte der Handſchuhmacher. „Höre, Freund,“ erwiederte ſein Wirth,„ich denke, dein Geſchäft iſt, entweder Geld zu holen, oder einen Handel zu ſchließen. Nun, wenn der Häuptling dir etwas für Erziehung oder Anderes ſchuldig iſt, ſo bitte ihn nicht darum zu einer Zeit, wo er aller Schätze des Stammes zu prächtigen Waffeurüſtungen und Kleidun⸗ gen für ſeine Mitkämpfer benöthigt iſt; denn wir müſ⸗ ſen dieſen ſtolzen Bergkatzen ſo begegnen, daß ſie ſehen, wie hoch wir über ihnen ſtehen. Aber wenn du kommſt, um Handel mit uns zu ſchließen, ſo iſt deine Zeit noch ſchlimmer gewählt. Du weißt, daß du bereits von vie⸗ len unſeres Stammes beneidet wirſt, weil du den jun⸗ gen Häupkling erzogen haſt, ein Geſchäft, das gewöhn⸗ lich den Beſten des Claus übertragen wird.“ „Aber, bei der heil. Maria, Mann!“ rief der Hand⸗ ſchuhmacher aus;„man ſollte ſich erinnern, daß mir das Geſchäft nicht als eine Gunſt übertragen wurde, um die ich buhlte, ſondern daß ich es ungern und ge⸗ beten, mit großem Widerſtreben annahm. Euer Cona⸗ Walter Scott's Werke. 1558 Bochen. 5— 66 char, oder Hector, wie Ihr ihn nennt, hat mir Reyfelle für viele ſchottiſche Pfunde verderbt.“ „Nun, da habt Ihr wieder ein Wort geſprochen,“ ſagte Booſhalloch,„das Euch Euer Leben koſten könnte; — eine Anſpietung auf Fell und Pelz, oder auf Hirſche und Rehe, kann Euch in dieſe Gefähr bringen. Der Häuptling iſt jung, und eiferſüchtig auf ſeinen, Rang— niemand kennt den Grund beſſer als du, Freund Gloͤver⸗ Er wünſcht natürlich, daß Alles, was ſich auf den Widerſpruch gegen ſeine Erbfolge und auf ſeine Verban⸗ nung bezieht, gänzlich vergeſſen werde; und wird den⸗ nicht lieben, der das Gedächtniß ſeiner Leute zu etwas zurückruft, oder ſein eigenes zurückzwingt, deſſen beide: mit Widerwillen gedenkem Denke, wie ſie in ſolcher Zeit auff den alten Glover von Perth ſehen werden, bei dem der Häuptliug ſo lange Lehrjunge wart— Nun, nun, alter Freund, Ihr habt Euch hierin geirrt. Ihr ſeyd. zu eilig, die aufgehende Sonne anzubeten, während ihre Strahlen noch am Horizont ſtehen. Komm⸗ wenn ſie höher am Himmel hinangeklommen iſt, und du ſollſt deinen Theil ihrer Mittagswärme haben.“ „Niel Böofhalloch,“ ſagte der Handſchuhmacher,„wir ſind alte Freunde, wie du ſagſt; und da ich dich für treu halte, ſpreche ich frei mit dir, obgleich der Iuhalt. meiner Rede zu andern deines Clans geſprochen, mir⸗ gefährlich werden könnte. Du denkſt, ich komme, dei⸗ nen jungen Häuptling zu benützen, und es iſt natürlich, daß du ſo denkſt. Aber in meinen alten Tagen ver⸗ laſſe ich nicht meine Kaminecke in Curfew Street, mich an den Strahlen der glänzendſten Sonne zu wärmen,, die je über hochländiſches Heidekraut ſchien. Die Sache iſt die: ich komme in Noth hieher— meine Feinde ha⸗ Ben ſich über mich geſetzt, und mich wegen Verbrechen angeklagt, deren ich ſelbſt in Gedanken nicht ſchuldig: bin. Demungeachtet iſt wahrſcheinlich das Urtheil ge⸗ gem mich ausgeſywochen, und ich habe nur die Wahl, 67 zu fliehen, oder zu bleiben und zu ſterben. Ich komme nun zu Eurem Häuptling, der bei mir in ſeiner Noth⸗ Zuflucht fand, und von meinem Brod aß, und aus meinem Becher trank. Ich verlange Zuflucht von ihm, die ich, wie ich hoſſe, nur auf kurze Zeit brauche.“ „Das macht die Sache anders,“ erwiederte der Hirte; „ſo daß ich, wenn du um Mitternacht vor Mac Jan Thor kömmſt, und den Kopf des Königs von Schott⸗ land in der Hand trügeſt, und von tauſend⸗Maͤm auf Blutrache verfolgt wäreſt, es nicht. für ſeine Ehre hal⸗ ten würde, weun er dir Schutz verſagte. Und was deine Schuld vder Unſchuld betrifft, ſo gehört dieß nicht zur Sachfe,— ja, er müßte dich noch mehr ſchü⸗ tzen, wenn du ſchuldig wäreſt; denn dann würden deine Noͤth und ſeine Gefahr größer. Ich muß vor Allem zu ihm, daß keine vorſchnelle Zunge deine Ankunft melde, und den Grund derſelben nicht ſage.« „Es thut mir leid, dich: zu bekäſtigen,“ ſagt der Handſchuhmacher;„aber wo liegt der Häuptling?«. „Er wohnt ungefähr ehn Meilen von hier, mit dem Leichenbegängniß und den Vorbereitungen zum Kampf,— den Tod zum Grab, und den Lebenden zur⸗ Schlacht zu führen, beſchäftigt. 8 „Das iſt ein langer Weg, und nimmt Euch die ganze Nacht weg, bis Ihr zurückkommt,“ ſagte der Hand⸗ ſchuhmacher;„und ich bin überzeugt, daß Conachar, wenn er weiß, wer ich bin—«. „»Vergeßt den Conachar,“ ſagte der Hirte, ſeinen Finger auf die Lippen legend.„Und was die zehn Meilen betrifft, ſo ſind ſie nur ein hochländiſcher Sprung, wenn man eine Botſchaft zwiſchen ſeinem Freund und ſeinem Häuptling hinträgt.“ Mit dieſen Worten: übergab der behende Hirte den Reiſenden ſeinem älteſten Sohne und ſeiner Tochter zur Beſorgung, und verließ zwei Stunden vor Mitter⸗ nacht ſein Haus, wohin er lang vor Sonnenaufgang 5* 68 wieder zurückkehrte. Er ſtörte ſeinen müden Gaſt nicht, ſondern meldete ihm erſt mit dem kommenden Morgen, daß das Leichenbegängniß des verſtorbenen Häuptlings an dieſem Tage Statt finden und daß Eachin Mae Jan, obgleich er ihn als einen Sachſen nicht zum Begraͤbniß einladen dürfe, ihn doch bei dem nachſolgenden Gaſtmahl mit Vergnügen aufnehmen werde.“ „Seinem Willen muß ich gehorchen,“ ſagte der Hand⸗ ſchuhmacher, über das veränderte Verhältniß zwiſchen ihm und ſeinem vorherigen Lehrjungen halb lachend. „Der Mann iſt nun Herr, und ich hoffe, er wird ſich erinnern, daß ich, als die Sachen anders unter uns ſtanden, mein Anſehen nicht tyranniſch gebrauchte.“ „Still davon, Freund le rief Booſhalloch;„je weni⸗ ger Ihr hievon ſagt, deſto beſſer. Ihr werdet finden, daß Ihr Eachin ein recht willkommener Gaſt ſeyd, und der Teufel hole den, der dich in ſeinen Gränzen zu ſtören wagt. Aber lebt wohl; denn es geziemet mir, zu dem Leichenbegängniß des beſten Häuptlings, den je der Elan hatte, und des weiſeſten Fürſten, der je den ſchönen Zweig(Myrthenzweig) auf ſeine Mütze ſteckte, zu gehen. Lebt wohl indeſſen, und wenn Ihr auf den Gipfel des Tom⸗an⸗Lonach hinter dem Hauſe ſteigen wollet, ſo würdet Ihr etwas Schönes ſehen, und einen Coronach(Todtengeſang) hören, der die Spitze des Ben Lawers erreicht. In drei Stunden erwartet Euch ein Boot, in einer kleinen Bay, eine halbe Meile weſtwärts vom Ausfluß des Tay.“ Mit dieſen Worten verabſchiedete er ſich, von ſeinen drei Söhnen begleitet, um das Boot zu bemannen, in welchem die uüͤbrigen Leidtragenden und ſeine beiden Töchter ſich anſchloſſen, deren Stimmen man zur Tod⸗ tenklage brauchte, die bei einer allgemeinen Trauer ge⸗ fungen oder vielmehr gekrächzt wurde. Als Simon Glover ſich allein befand, begab er ſich in den Stall, um nach ſeinem Thier zu ſehen, das er 69 mit Graddan oder Brod aus geſchrotener Gerſte wohl verſehen fand. Dieſe Güte verſtand er wohl; denn er wußte, daß die Familie wahrſcheinlich wenig von dieſem Leckerbiſſen für ſich übrig hatte, bis die nächſte Erndte dürftigen Vorrath einbrächte. Mit Viehfutter waren ſie wohl verſehen, und der See gab ihnen Ueberfluß an Fiſchen für ihre Faſtenſpeiſe, welche ſie nicht ſtreng hielten; aber Brod war ein ſehr ſeltener Artikel im Hochland. Die Moore lieferten weiches Heu, zwar nicht vom beſten; aber die ſchottiſchen Pferde waren, wie ihre Reiter, an harte Koſt gewöhnt. Gauntlet (Handſchuh), denn dieß war der Name des Zelters, hatte den Stall voll getrockneten Farrenkrauts zur Streu, und war ſonſt ſo gut verſehen, als es hochläͤn⸗ diſche Gaſtfreundſchaft leiſten konnte. „Simon Glover, feinen eigenen ſchmerzlichen Gedanken überlaſſen, blieb, nachdem er das Befinden ſeines ſtum⸗ men Reiſegefährten geſehen, nichts übrig, als dem Rath des Hirten zu folgen, und einen Berg, Tom⸗an⸗Lonach, oder Berg der Eibenbäume genannt, hinanzuſteigen, von wo aus er den weiten See, den die Anhöhe von einer ſchönen Seite aus beherrſchte, überſchauen konnte. Einige bejahrte und zerſtreute Eibenbäume rechtfertig⸗ ten noch immer dem ſwöͤnen grünen Hügel ſeinen Na⸗ men. Aber eine weit größere Anzahl war in der krie⸗ geriſchen Zeit als Opfer dem allgemeinen Verlangen nach Bogenſtäben gefallen; denn der Bogen war die gewöhnlichſte Waffe der Bergbewohner, obgleich ihre Bogen, wie ihre Pfeile, an Geſtalt und Form, beſon⸗ ders an Wirkſamkeit, denen des luſtigen Englands weit nachſtanden. Die noch übrigen ſchwarzen und zerſtreu⸗ ten einzelnen Eiben glichen den Reſten eines geſpreng⸗ ten Heeres, die in Unordnung einen vortheilhaften Po⸗ ſten einnehmen, mit dem feſten Vorſatz, bis auf den letzten Blutstropfen zu bleiben. Hinter dieſer Anhöhe, aber losgeriſſen von ihr, erhob ſich ein höherer Hügel, 4 70 zum Theil mit Geſtrüpp bedeckt, zum Theil in Weide⸗ triften ſich öffnend, wo das umherirrende Vieh unter den Quellen und Sümpfen, von denen friſches Gras eben aufkeimte, dürftige Nahrung fand. Die entgegengeſetzte oder nördliche Küſte des See's Pot eine Ausſicht dar, die weit mehr der von den Alpen aus glich, als die Küſte, auf welcher der Handſchuh⸗ macher ſtand. Wälder und ⸗Geſträuche ſtiegen an den Seiten der Berge hinauf, und verſchwanden unter den Wendungen, die die Schluchtenzbildeten, welche ſie von einander trennten; aber weit über dieſe Zeichen eines erträglichen natürlichen Bodens erhoben ſich die dunk⸗ len und bloßen Berghäupter ſelbſt, in der ſchwarzgranen Oede der Jahreszeit. Einige waren ſpitzig, andere breitkämmig, andere ffelſig und zabſchüſſig, noch andere von zarteren Umriſ⸗ ſen; und der Elan der Titanen ſchien von ſeinen eige⸗ nen Häuptlingen beherrſcht zu ſeyn— dem finſteren Berg Ben Lawers und dem ſtolzeren Ben Mohr, die hoch über die übrigen emporragten, und deren Gipfel einen blendenden Schneehelm weit in den Sommer her⸗ ein, und bisweilen das ganze Jahr hindurch tragen. Doch zeigten die Gränzen ieſer wilden Waldungen, wo die Berge zu dem See ſich hinabſenkten, ſelbſt in jener frühen Zeit viele Spuren menſchlicher Wohnung. Dörfer zeigten ſich, beſonders an dem nördlichen See⸗ ufer, halb in den kleinen Schluchten verborgen, aus deuen zinsbare Flüſſe in den Loch Tay ſtrömten, die, wie Manches auf Erden, von Weitem eeinen ſchönen Anblick darboten, in der Nähe aber wegen des eckel⸗ haften Mangels der Bedürfniſſe, die ſelbſt in den indi⸗ ſchen Wigwams zu treffen ſind, widerlich und häßlich zeyſchienen. Sie waren von einem Geſchlecht bewohnt, das weder den Boden anbaute, noch eum die Genüſſe, die der ⸗Gewerbfleiß verſchafft, ſich bekümmerte. Die Weiber, die ſonſt mit Liebe und zarter Achtung be⸗ 74 handelt wurden, verrichteten alle durchaus nothwendi⸗ gen häuslichen Arbeiten. Die Männer übten, außer dem widerwilligen Gebrauch eines ſſchlechtgeformten Pflugs, oder noch gewöhnlicher eines Spatens, mit dem ſte murrend und als mit einer Sache umgingen, die weit unter ihnen ſtehe, kein anderes Geſchäft, als das Hüten ihrer ſchwarzen Rindviehheerden, in welchen ihr Reichthum beſtand. Sonſt jagten, fiſchten oder ſtreiften ſie immer, während der kurzen Friedenszeit, zum Zeit⸗ vertreib; plünderten mit frecher Zügelloſigkeit und foch⸗ ten mit ſtolzer Erbitterung zur Zeit des Kriegs, der, ſey er nun öffentliche oder rivat⸗Fehde, von größerer oder geringerer Ausdehnung, das eigentliche Geſchäft ihres Lebens ausmachte, und das einzige war, das ſie ihrer würdig erachtete.. Der prächtige Buſen des Sees ſelbſt war mit Ver⸗ znügen anzuſchauen. Seine beträchtliche Breite nebſt Mnam Ausgang in einen vollen und ſchönen Strom wurde noch maleriſcher durch eines jener Eilande, die oft glücklich in den ſchottiſchen Seen angebracht ſind. Die Ruinen auf dieſer Iuſel, die beinahe formlos und mit Holz überwachſen ſind, erhoben ſich zu der Zeit, von der wir ſprechen, zu den Thürmen und Zinnen einer Abtei, wo die Reſte der Sibylle, der Tochter Heinrichs 1. von England und der Gemahlin Alexan⸗ ders 1. von Schottland ruhten. Dieſer heilige Platz wurde genug in Ehren gehalten, um der Ruheplatz der Reſte des Häuptlings vom Clan Quhele zu ſeyn, we⸗ nigſtens bis die Entfernung der Gefahr, die jetzt ſo nahe drohte, es erlauben würde, ſeinen Leichnam in ein ausgezeichnetes Kloſter im Norden zu bringen, wo er zuletzt bei ſeinen Ahnen ruhen ſollte. Eine Anzahl Boote ſtieß von verſchiedenen Punkten der nahen und entfernteren Küſte ab; viele entfalteten Trauerflaggen, und andere hatten mehrere Pfeifer bei ſich, die von Zeit zu Zeit gellende, traurige und wim⸗ 73 mernde Töne hervorbrachten, und dem Handſchuhmacher anzeigten, daß jetzt die Feierlichkeit vor ſich gehe. Dieſe Jammertöne waren nur das Vorſpiek der Inſtrumente für die allgemeine Klage, die ſogleich erhoben werden ollte. Ein ferner Ton wurde weit über den See, wie es ſchien, aus den entfernten Schluchten gehört, gus wel⸗ chen der Dochart und Lochy ihre Waſſer in den Loch Tay bringen. An einem wilden unzugänglichen Platz, wo in ſpäterer Zeit die Campbells ihre ſtarke Feſtung Finlayrigg bauten, that der gefürchtete Häuptling des Elan Quhele ſeinen letzten Athemzug; und um dem Leichenbegängniß die gehörige Feierlichkeit zu geben, ſollte jetzt ſeinem Leichnam den Loch hinab auf das zu ſeinem einſtweiligen Ruheplatz beſtimmte Eiland gebracht werden. Die Leichenflotte, von des Häuptlings Barke, auf welcher eine ungehenre ſchwarze Fahne wallte, ge⸗ führt, hatte mehr als zwei Drittel des Weges gemacht, ehe man von der Anhöhe, auf welcher Simon Glover ſtand, die Feierlichkeit überſehen konnte. Sobald der entfernte Klageton des Coronach, der von den Leuten auf der Leichenbarke ausging, gehört wurde, ſchwiegen auf einmal alke geringeren Wehklagen, wie der Rabe zu krächzen und der Habicht zu pfeifen aufhört, wenn das Geſchrei des Adlers gehört wird. Die Boote, welche auf dem See wie eine Heerde Waſſervögel zer⸗ ſtreut umhergefahren waren, zogen ſich nun mit einer Art von Ordnung zuſammen, damit die Leichenflottille vorwärts gehe und ſie ſelbſt an ihre gehörigen Plätze kämen. Indeſſen wurde der durchdringende Ton der Kriegspfeifen lauter und lauter, und das Geſchrei von den zahlloſen Booten, die demjenigen folgten, aus dem das ſchwarze Banner des Häuptlings wehte, erhob ſich in wilder Vereinigung zu dem Tom⸗an⸗Lonach, auf dem Glover das Schauſpiel betrachtete. Die Galeere, welche voranzog, trug auf dem Hinterheil ein Gerüſt, worauf 73. in weiße Leinwand gewickelt, das Geſicht bloß, der Leichnam des geſtorbenen Häuptlings ausgeſtellt war. Sein Sohn und die nächſten Verwandten befanden ſich auf dem Fahrzeug, während eine große Menge Boote jeder Art, ſo viel ihrer auf dem Loch Tay ſelbſt, oder auf Landwegen vom Loch Earn oder ſonſt woher zu⸗ ſammengebracht werden konnten, zum Theil ſchwach gebaute Gefäſſe, hintennach folgten. Es waren ſelbſt Eurraphs*) hier, aus Ochſenhäuten beſtehend, die man nach Art der alten Britten über Weidenſtämme ſpannte; einige vertrauten ſich ſogar Flößen, die man aus dem nächſten dem beſten Holz ſo leicht zuſammengefügt hatte, daß es wahrſcheinlich wurde, es dürften, ehe die Reiſe vollendet ſey, einige der Clanlente des Verſtorbenen ihren Häuptling in die Geiſterwelt begleiten. Als die Hauptfloktille der kleineren Gruppe von Boy⸗ ten, die ſich am Ende des Sees geſammelt hatten, und von dem kleinen Eiland abfuhren, zu Geſicht kam, ſo begrüßten ſie einander mit einem lauten und allge⸗ meinen Geſchrei, das in einem ſo ſeltſam verlängerten Tonfall ausbrach, daß nicht nur das Wild vier Meilen umher aus den Höhlen floh, und entfernte Schlupf⸗ winkel in den Bergen ſuchte, ſondern auch die an die Menſchenſtimme gewohnten Hausthiere allen paniſchen Schrecken erfuhren, den das Männergeſchrei auf wil⸗ dere Stämme macht, und wie dieſe von ihrer Waide in Moräſte und Gebüſche flohen. Durch ſolche Töne aus den Klöſtern aufgerufen, fin⸗ gen die Mönche, die das kleine Eiland bewohnten, an, aus ihrem niedrigen Portal zu gehen, mit Kreuz und Fahne und ſo viel kirchlicher Pracht, als ſie zu zeigen im Stande waren; die Glocken, deren das Gebäude drei beſaß, tönten zugleich über den langen See das **) Eine eigene Art von Kaͤhnen. Anm. d. Ueb. 3 7⁴. Todtengekäute, welches zu den Ohren der nun ſtill ge⸗ wordenen Menge kam, vermiſcht mit dem feierlichen Geſang der katholiſchen Kirche, der von den Mönchen in Proceſſion vorgenommen wurde. Verſchiedene Cere⸗ monien wurden vorgenommen, während die Verwandten des Verblichenen den Leichnam ans Land trugen, auf keine hiezu geweihte Bank legten und um ihn her den Deaſil*) machten. Als der Leichnam aufgehoben wurde, um in die Kirche getragen zu werden, buach ein neues Geſchrei von der verſammelten Menge aus, in welchem die tiefe Stimme der Kläger und das gellende Klagen der Weiber mit der zitternden Stimme des Greiſen und dem ſtammelnden Geſchrei der Kinder ſich verbaud. Der Coronach wurde wieder zum letztenmale gekrächzt, als der Leichnam in das Innere der Kirche gebracht murde, wo nur die nächſten Verwandten des Verbliche⸗ znen und die ausgezeichnetſten Führer des Clan eintreten durften. Das letzte Wehgeſchrei war ſo ſchrecklich laut und von ſo viel hundert Echo's beantwortet, daß der Bürger von Perth unwillkührlich ſeine Hände zu den Ohren erhyb, um einen ſo durchdringenden Schaͤll ab⸗ zuhalten, oder wenigſtens dumpfer zu machen. Er be⸗ hielt dieſe Stellung, während Habichte, Eulen und an⸗ dere Vögel, durch das wilde Geſchrei geſtört, anfingen, ſich in ihre Schlupfwinkel zu ſetzen, als er beim Weg⸗ Pehen ſeiner Hand eine Stimme nahe bei ihm ſagen hörte: 1 *) Eine ſehr alte Gewohnheit, welche darin beſteht, daß man dreimal um den Koͤrver des Todten oder Lebendigen herumgeht, und Segen auf ihn herab⸗ ruft. Der Deaſil muß ſonnenwegs, d. y. von der Nechten zur Linken gebildet werden. Wenn einer verflucht wird, ſo bewegt ſich die Geſellſchaft wider die Sonne(widderſins) d. h. von der Linken zur Rechten. Anm. d. Verf. 75 „Haltet Ihr dieß, Simon⸗Gloyer, für den Geſang der Reue und des Lobes, mit welchem man einen armen verlornen Mann, der aus einer Staubhürte geworfen wurde, vor ſeinen Schöpfer bringen ſollte?“ 3 Der Handſchuhmacher drehte ſich um und erkannte leicht den alten Maßzn, der mit einem weißen langen Bart neben ihm ſtand, an dem klaren ſanften Auge und den wohlwollenden Geſichtszügen den Karthäuſer⸗ Mönch, Vater Clemens, der keine Mönchskleider mehr trug, ſondern in einen Friesmantel gehüllt war und eine hochländiſche Kappe auf dem Kopfe hatte. Man mag daran denken, daß der Handſchuhmacher dieſen Mann mit einem Gefühl anſah, das mit Achtung und Unwillen gemiſcht war— Achtung, die ſein Ver⸗ ſtand der Perſon in dem Charakter des Mönchs nicht abſprechen konnte, und Unwillen, der aus den beſon⸗ dern Lehren des Vater Clemens, welche die Urſache der Verbannung ſeiner Tochter und ſeines eignen Elends wurden, hervorging. Er erwiederte daher nicht mit Gefühlen reiner Zufriedenheit den Gruß des Vaters, und ſagte auf die wiederhölte Frage, was er von dem Leichenbegängniß halte, das auf eine ſo wilde Art voll⸗ zogen werde— 227 „Ich weiß nicht, guter Vater; aber dieſe Leute thun ihre Pflicht an dem verſtorbenen Häuptling nach der Gewohnheit ihrer Vorfahren. Sie wollen den Schmerz über den Verluſt ihres Freundes ausdrücken und ihr Gebet zum Himmel für ihn erheben, und was mit gu⸗ tem Willen geſchieht, muß, meines Erachtens, günſtig aufgenommen werden. Wäre es anders geweſen, ſo wären ſie, dünkt mich, vordem zu etwas Beſſerem er⸗ leuchtet worden. „Du täuſcheſt dich,“ antwortete der Mönch.„Gokt hat uns Allen ſein Licht geſandt, wiewohl in verſchie⸗ denen Abſtufungen; aber der Menſch ſchließt hartnäckig ſeine Augen und zieht Finſterniß vor. Dieſe nachtbe⸗ 76 deckten Leute miſchen in die Feierlichkeiten der römi⸗ ſchen Kipche die alten heidniſchen Ceremonien ihrer Väter, und vereinigen ſo mit den Abſcheulichkeiten ei⸗ ner durch Reichthum und Macht verdorbenen Kirche die grauſamen und blutigen Gebräuche des rohen Hei⸗ denthums.“ 4 4 „Vater,“ ſagte Simon ſchnell,„mich dünkt, Ihr wä⸗ ret nützlicher in jener Kapelle, wenn Ihr Euren Brü⸗ dern bei ihren geiſtlichen Pflichten hälfet, als daß Ihr den Glauben eines niedrigen, wiewohl unwiſſenden Chri⸗ ſten, wie ich bin, ſtöret und wankend machet.“ „Und warum, guter Bruder, ſagſt du, daß ich deine Glaubensgrundſätze erſchüttere? antwortete Clemens. „So wahr mir der Himmel helfe, wäre mein Herzblut nöthig, um irgend eine Seele an die heilige Religion, die ſie bekennt, zu knüpfen, ich würde es frei um ihrer willen hingeben.“ „Eure Rede iſt ſchön, Vater, ich geſtehe es,“ ſagte der Handſchuhmacher,„aber wenn ich die Lehren nach den Früchten beurtheile, ſo hat mich der Himmel durch die Hand der Kirche gezüchtigt, dafür, daß ich Euch Gehör gab. Ehe ich Euch hörte, hatte es meine Beich⸗ tiger wenig bekümmert, wenn ich eine luſtige Geſchichte beim Bier erzählte, ſelbſt wenn ein Mönch oder eine Nonne der Gegenſtand war. Als ich einmal Vater Hubert einen beſſern Haſen als Seelenjäger nannte, ſo beichtete ich bei dem Pfarrer Weinſauf, welcher lachte und mich eine Rechnung zur Buße bezahlen ließ — oder wenn ich ſagte, der Pfarrer Weinſauf ſey ſei⸗ nem Becher treuer als ſeinem Breve, ſo beichtete ich beim Pfarrer Hubert, und ein neuer Falkenhandſchuh machte Alles wieder gut; ſo lebte ich, mein Gewiſſen und Mutter Kirche in Friede, Freundſchaft und gegen⸗ ſeitiger Verträglichkeit miteinander. Aber ſeit ich Euch dehön habe, Vater Clemens, iſt dieſe angenehme Ver⸗ indung in Stücke gebrochen, und nichts donnert in 77 mein Ohr, als Fegfeuer in jener und Feuer und Schei⸗ terhaufen in dieſer Welt. Darum geht weg von mir, Vater Clemens, oder ſprecht mit ſolchen, die Eure Lehre verſtehen können. Ich habe nicht das Herz, ein Märtyrer zu werden, und habe nie in meinem Leben Muth genug gehabt, ein Licht mit den Fingern zu putzen, und die Wahrheit zu ſagen, ich bin geſonnen, nach Perth zurückzugehen, beim geiſtlichen Gerichtshof mir Verzeihung auszuwirken, meinen Scheiterhaufen zum Zeichen des Widerrufs an den Fuß des Galgens zu tragen, und mir den Namen eines guten Katholiken wieder zu erkaufen, wäre es auch um den Preis des ganzen weltlichen Reichthums, der mir übrig blieb.“ „Ihr ſeyd zornig, mein theuerſter Bruder,“ ſagte Clemens,„und es reuen Euch die guten Gedanken, die Ihr einſt hattet, wegen einer kleinen weltlichen Gefahr und eines kleinen weltlichen Verluſtes.“ „Ihr habt gut reden, Vater Elemens,„denn ich glaube, Ihr habt längſt die Guͤter und den Reichthum der Welt aufgegeben und ſeyd gerüſtet, Euer Leben, wenn es gefordert wird, der Lehre, die Ihr predigt und huaubt, aufzuopfern. Ihr ſeyd ſo geneigt, das Pechhemd anzulegen und die Schwefelmütze aufzuſetzen, als ein nackter Mann, ins Bett zu gehen, und es könnte ſcheinen, die Ceremonie ſey Euch nicht viel mehr zu⸗ wider; aber ich habe noch Etwas, was mir anklebt. Mein Reichthum iſt noch mein, und ich danke dem Himmel, daß es zu einem anſtändigen Auskommen reicht— mein Leben dazu iſt das eines geſunden alten Mannes von ſechszig, der ſich nicht beeilt, es zu Ende zu bringen— und wäre ich ſo arm als Hiob, und ſtände am Rand des Grabes, müßte ich nicht noch an meiner Tochter hängen, der Eure Lehren bereits ſo theuer zu ſtehen gekommen ſind?“ „Deine Tochter, Freund Simon,“ ſagte der Carmelite, „kagn man mit Recht einen Engel auf Erden nennen.“ 78 „Ja, und weil ſie Euren Lehren zuhörte, Vater ⸗ wird ſie bald ein Engel im Himmel genannt, und dort⸗ hin in einem Feuerwagen gebracht werden.“ „Nun, guter Bruder,“ ſagte Clemens,„höre auf, ich bitte dich, von dem zu ſprechen, was du wenig ver⸗ ſtehſt. Da es Zeitverluſt iſt, dir das Licht zu zeigen, gegen das du dich wehrſt, ſo höre nur, was ich über deine Tochter zu ſagen habe, deren zeitliches Glück, ſo wenig ich es auch gegen⸗ das ewige in die Wage lege, mir doch, ſo weit es erlaubt iſt, ſo ſehr am Herzen: liegt, als ihrem Vater.« Dem alten Manne ſtanden bei dieſen Worten die Thränen in den Augen, und Simon Glover war etwas erweicht, indem er ihn wieder anredete. „Man ſollte dich, Vater Clemens, für den freund⸗ lichſten, und liebenswürdigſten Mann haltens⸗ wie kommt es denn, daß deinen Schritten allgemeines Mißfallen folgt, wo du immer ſie hinwendeſt? Ich wollte mein⸗ Leben darauf wetten, du haſt jenes Dutzend armer Mön⸗ che in ihrem waſſerumgebenen Käfig beleidigt, und ſie haben dir die Theilnahme an dem Leichenbegängniß un⸗ terſagt? 1 6 .„Ganz richtig,“ ſagte der Karthaͤuſer, und ich zweifle, ob ihre Bosheit mich in dieſem Lande bleiben laͤßt. Ich ſprach nur einige Worte von dem Aber⸗ glauben und der Thorheit, die Kirche des heiligen Fillian zu beſuchen, einen Dieb durch ſeine Glocken. zu entdecken— wahnſinnige Kranke in ſeinem Waſſer zu baden, um ihre Geiſtesſchwaͤche zu heilen— und ſieh! die Verfolger haben mich aus ihrer Gemein⸗ ſchaft geſtoßen, wie ſie mich bald aus dem. Leben ſto⸗ ßen werden“ „Da. ſeht Ihr,“ ſagté der Handſchuhmacher,„was daraus wird, wenn einer keine Warnung annehmen will! Gut! Vater Clemens, man wird mich nicht fortjagen, außer ich bin in Eurer Geſellſchaft. Darum —— 79 bitte ich dich, ſprich, was du von meiner Tochter zu ſägen haſt, und laß uns weniger Nachbarn ſeyn, als wir geweſen ſind.“ „Folgendes, Bruder Simon, habe ich dir mitzu⸗ theilen Der junge Haͤuptling, der von Stolz uͤber ſeine Macht und Ehre aufgeblaſen iſt, liebt etwas Beſſeres als dieſes Alles, und das iſt deine Tochter.⸗ „Wie, Conachar!“ rief Simon aus.„Mein abge⸗ fäͤllener Lehrjunge blickt zu meiner Tochter auf!« „Ach!« ſagte Elmens,„unſer weltlicher Stolz ſitzt fo eng, als der Epheu an der Mauer haͤngt, und kann nicht abgetrennt werden!— Zu deiner Tochter au fblicken, guter Simon? Ach, nein!— Der Haͤupt⸗ ling des Clan Quhele in ſeiner Groͤße, deren Erhö⸗ hung er erwartet, ſchaut nieder zu der Tochter eines Buͤrgers von Perth, und glaubt ſich dadurch herab⸗ zuwuͤrdigen. Aber um ſeinen unheiligen Ausdruck zu gebrauchen, Catharine iſt ihm theurer, als das Leben hier, und der Himmel dort— er kann nicht ohne ſie en.““ „Dann mag er ſterben, wenn er will,“ ſagte Si⸗ mon Glover,„denn ſie iſt einem ehrlichen Buͤrger von Perth verlobt, und ich wuͤrde mein Wort nicht bre⸗ chen, um meine Tochter zur Braut des Prinzen von Schottland zu machen.“ „Ich dachte mir dieſe Antwort,“ entgegnete der Monch;„ich wuͤnſchte, wertheſter Freund, du koͤnn⸗ teſt in deine geiſtlichen Angelegenheiten nur einen Theil des kuͤhnen und entſchloſſenen Muthes tragen, mit dem du deine weltlichen Sachen lenkſt.“ „Still— ſtill, Vater Clemens!“ antwortete der Handſchuhmacher;„wenn du auf den Artikel zu ſpre⸗ chen kommſt, ſo riechen deine Worte nach brennendem Pech, und das iſt kein Geruch fuͤr mich. Was Catha⸗ rine betrifft, ſo muß ich mich, ſo gut ich kann, betra⸗ gen, um dem jungen Herrſcher nicht zu mißfallen; 80 aber gut iſt es fuͤr mich, daß ſie weit außer ſeinem Bereich iſt.«— „Sie muß entfernt ſeyn,“ ſagte der Carmelite.„Und nun, Bruder Simon, da Ihr es fuͤr gefaͤhrlich haltet, zu mir und meinen Meinungen Euch zu bekennen, ſo muß ich allein mit meiner Lehre hinwandeln, und den Gefahren, die ſie mir zuzieht. Aber ſollte Euer Auge, weniger als jetzt, durch weltliche Furcht und Hoffnung verblendet, je wieder einen Blick auf den zuruͤckwerfen, der bald Euch entriſſen werden wird, ſo denke daran, daß Elemens Blair durch nichts als ſein tiefes Gefuͤhl von der Wahrheit und Wichtigkeit der Lehre, die er vortrug, dazu gebracht werden konnte, dem Stolz der Maͤchtigen und Verhaͤrteten entgegen⸗ — zugehen, ja ihn herauszufordern, den Eiferſuͤchtigen „ und Furchtſamen aufzuſchrecken, in der Welt umher⸗ zugehen, an der er keinen Theil hatte, und fuͤr wahn⸗ ſinnig gehalten zu werden, weil er, wo moͤglich, Gott Seelen gewinnen wollte. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich Alles, was recht iſt, thun will, um die Liebe und das Gefuͤhl meiner Mitmenſchen zu gewin⸗ nen! Es iſt keine leichte Sache, von dem Wuͤrdigen als ein Angeſteckter vermieden, von den Phariſaͤern des Tags als ein Unglaubiger verfolgt, mit Abſcheu und Verachtung von dem Pöbel, der mich fuͤr einen Wahnſinnigen hält, deſſen ungluͤcklichen Ausgang er erwartet, angeſehen zu werden. Aber mögen auch alle dieſe Uebel hundertfach vermerht werden, das Feuer in mir darf nicht erloͤſchen, und die Stimme, die mich ſprechen heißt, muß Gehorſam finden. Wehe mir, wenn ich nicht das Evangelium predige, ſelbſt wenni es am Ende auf dem Scheiterhaufen predigen ollte! „So ſprach dieſer kuͤhne Zeuge; einer von denen, die der Himmel von Zeit zu Zeit aufruft, eine Erſchei⸗ nung des reinen Chriſtenthums von der Zeit der 8¹— Apoſtel bis dahin, wo die Reformation, durch die Buchdruckertunſt beguͤnſtigt, in vollem Glanze aus⸗ brach, unter den unwiſſendſten Zeitaltern zu bewah⸗ ren, und den naͤchſten Jahrhunderten zu uͤberliefern. Die ſelbſtſuͤchtige Klugheit des Handſchuhmachers wurde vor ſeinen Augen enthuͤllt, und er fuͤhlte ſich veraͤchtlich, als er den Carmeliten von ihm in aller Heiligkeit der Entſagung ſich wenden ſah. Es wollte ſogar der Gedanke in ihm aufkommen, dem Beiſpiel des Predigers der Menſchenliebe und des uneigen⸗ nuͤtzigen Eifers zu folgen; aber dieſer Gedanke glaͤnzte wie ein ſchneller Blitz durch ein ſchwarzes Gewoͤlke, wo nichts iſt, das den Strahl auffaßte; und er ſtieg langſam in einer andern Richtung als der Karthaͤuſer den Huͤgel hinab, ihn und ſeine Lehren vergeſſend, und in angſtlichen Sorgen uͤber ſein und ſeines Kin⸗ des Schickſal begraben. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Als das Leichenbegaͤngniß voruͤber war, ruͤſtete ſich dieſelbe Flotille, die in feierlichem und traurigem Pomp den See hinabgefahren war, mit entfalteten Bannern, und jeder Art von Luſt und Freude zuruͤck⸗ zukehren; denn man hatte nur kurze Zeit, um Feſte zu feiern, da der ſchreckliche Kampf zwiſchen dem Clan Quhele und ihren furchtbaren Gegnern ſo nahe war. Man hatte daher beſtimmt, daß das Leichenfeſt mit den der Einweihung des jungen Haͤuptlings verbun⸗ den werden ſollte. Gegen dieſe Anordnung gab es manche Einwen⸗ dungen, weil ſie eine uͤble Vorbedeutung enthielt. Aber auf der andern Seite empfahl ſie ſich wieder durch die Gewohnheiten der Hochlaͤnder, feierliche Walter Scott's Werke. 1558 Bochen. 6 — ʒ— 83 vollſtaͤndig bewaffnet, in der Bluͤthe der Jugend, Schoͤnheit und Kraft, an der naͤmlichen Stelle, wo kaum vorher ſeines Vaters Leichnam ausgeſtreckt lag, und umgeben von triumphirenden Freunden, wie die⸗ ſer von verzweifelnden Leidtragenden. Ein Boot hielt ganz nahe an dem Ehrenſchiff der Flotille. Torquil von der Eiche, ein grauer Nieſe, war Steuermann, und ſeine acht Soͤhne, die alle groͤßer als ein gewoͤhn⸗ licher Mann waren, fuͤhrten die Ruder. Wie ein ge⸗ waltiger und beliebter Wolfshund, von der Kuppel geloͤst und um ſeinen guͤtigen Herrn herumſpringend, fuhr das Boot der Milchbruͤder bald auf der einen, bald auf der andern Seite von des Haͤuptlings Barke vorbei, und ruderte um ſie herum, im Uebermaß der Freude; wodurch zugleich die Bruͤder, mit der eifer⸗ uͤchtigen Wachſamkeit des genannten Thiers, fuͤr je⸗ des andere Boot der Flotille es gefaͤhrlich machten, ſo nahe als ſie zu kommen, weil es ſonſt in Gefahr kam, durch ihre heftigen und raſtloſen Manduvres in Grund gebohrt zu werden. Zu einem hohen Rang im Clan durch die Erbfolge ihres Milchbruders im Commando des Clan Quhele erhoben, bezeugten, ſie durch jene laͤrmende und beinahe ſchreckliche Weiſe ih⸗ en beſönbert Antheil an dem Triumph ihres Haͤupt⸗ ings. Weit hinten und mit ganz anderu Gefuͤhlen, we⸗ nigſtens auf der Seite eines Mitglieds, kam das kleine Bovt, in welchem Simon Glover von dem Booſhalloch und einem ſeiner Soͤhne begleitet fuhr. „»Wenn wir an das Ende des Sees kommen ſollen,“ ſagte Simon zu ſeinem Freund,„ſo werden wir kaum in einigen Stunden dort ſeyn.“ Aber waͤhrend er ſprach, legte die Mannſchaft aus dem Boot der Milchbruͤder oder Leichtach, auf ein Signal von der Galeere des Haͤuptlings, die Ruder 4 6*. 84 3 an, bis das Boot des Booſhalloch heraufkam, und in⸗ dem ſie einen Strick von Fellen an Bord warfen, welchen Niel an das Vordertheil des Schiffs befeſtigte, ſtreckten ſie ſich wieder zum Rudern; und ungeachtet ſie das kleine Boot im Schlepptau hatten, fuhren ſie doch durch den See faſt mit derſelben Schnelligkeit, wie vorher. Das Schiff wurde mit eiiner Behendig⸗ keit fortgetrieben, die es unter das Waſſer ſtoßen, oder das Vordertheil von den uͤbrigen Balken tren⸗ nen zu muͤſſen ſchien. Simon Glover ſah mit Aengſtlichkeit die raſtloſe Wuth ihres Laufs, und daß das Vordertheil des Schiffs manchmal nur einige Zolle von der Waſſerflaͤche war; und obgleich ihn ſein Freund Niel Boofhalloch verſi⸗ cherte, daß Alles zu ſeiner beſondern Ehre geſchehe, ſo wuͤnſchte er doch herz ich, die Reiſe gluͤcklich geen⸗ det zu ſehen. Dieß geſchah, und viel baͤlder, als er erwartete; denn der Platz des Feſtes war keine vier Meilen von der Begraͤbnißinſel entfernt, welche ſo gewaͤhlt wurde, daß ſie zu des Haͤuptlings Reiſe, die nach Suͤdoſten ging, ſobald das Banquet geſchloſſen war paßte.. Eine Bay auf der Suͤdſeite des Loch Fay bot eine ſchoͤne Bank von funkelnden Sand dar, an welcher man mit Leichtigkeit landen konnte, und eine trockene Wieſe, mit Raſen bedeckt, fuͤr die Jahreszeit noch ſehr gruͤn, hinter welcher und um welche hohe mit Gebuͤſch begraͤnzte Huͤgel hinanſtiegen, und auf den man die verſchwenderiſchen Vorbereitungen bemerkte, die zum Mahle gemacht waren.. Die Hochlaͤnder, wohl bekannt als ruͤſtige Zimmer⸗ leute, hatten einen langen Speiſeſaal aus Waldholz gebaut, der zweihundert Perſonen faſſen konnte, in⸗ deß eine Anzahl kleinerer Huͤtten umher fuͤr Schlaf⸗ zimmer beſtimmt ſchien. Die Pfoſten, Kuppeln und Sparren des ſchnellgebauten Saales waren aus Berg⸗ 85 ſichten, die ihre Rinde noch trugen. Das Getaͤfel der Seiten war von Planken oder Balken deſſelben Materials, von laubigen Zweigen oder Tannen und anderer immergruͤnen Baͤume, die der benachbarte Forſt darbot, durchzogen, waͤhrend die Huͤgel eine Menge Heidekraut hergegeben hatten, um das Dach zu bilden. In dieſen Waldpallaſt waren die einfluß⸗ reichſten Perſonen eingeladen, um das hohe Feſt zu feiern. Andere weniger bedeutende ſollten in langen Schoppen ſpeiſen, die mit weit weniger Sorgfalt ge⸗ baut waren; und Tafeln von Raſen oder rauhen Brettern, die in der freien Luft ſtanden, wur⸗ den der zahlloſen Menge angewieſen. In eini⸗ ger Entfernung ſah man Haͤfen von Kohlen oder brennendem Holz, um welche zahlloſe Koͤche arbeiteten, laͤrmten und ſich tummelten, wie eben ſo viele Teu⸗ fel, die in ihrem natuͤrlichen Elemente ſind. Gru⸗ ben, die in den Huͤgel eingegraben und von heißen Steinen umgeben waren, dienten dazu, eine unge⸗ heure Anzahl von Rindfleiſch, Hammeln, und Wild⸗ prett zu braten— an hoͤlzernen Spießen waren Schaafe und Gemſen aufgeſteckt, die ganz geroͤſtet wurden; andere wurden in Stuͤcke geſchnitten und in Keſſel geworfen, die aus Thierhaͤuten gemacht, ſchnell zu⸗ ſammengenaͤht und mit Waſſer gefuͤllt waren; indeß eine große Anzahl Hechte, Forellen, Salme und Schare mit mehr Umſtaͤnden in gluͤhender Aſche gebraten wurden. Der Handſchuhmacher hatte viele hochlaͤndi⸗ ſche Gaſtmaͤhler geſehen, aber nie eines, bei welchem die Zuruͤſtungen eine ſo barbariſche Verſchwendung zeigten. Er hatte indeſſen wenig Zeit, die Scene um ſich her 49 bewundern; denn als ſie landeten, bemerkte der— woſhallvch mit einiger Verlegenheit, daß, da ſie nicht zu der Tafel des Dais geladen waren, wie er erwartet zu haben ſchien, ſie am beſten thun würden, einen Platz 86 in den niedern Hütten und Buden ſich zu ſichern; als er aber in dieſer Richtung vorging, wurde er von einem der Leibwächter, der Ceremonienmeiſter zu ſeyn ſchien, aufgehalten, um ſich etwas in's Ohr flüſtern zu laſſen. „Ich dachte es,“ ſagte der Hirte, ſehr befriedigt,„ich dachte, daß weder der Fremde, noch der Mann von meinem Amte von der hohen Tafel weggelaſſen würde.“ Sie wurden hierauf in das weite Gemach geführt, in welchem lange Reihen von Tafeln faſt ganz von Gäſten beſetzt waren, indeß die Bedienten reichen, aber rohen Vorrath für die Mahlzeit ihnen auftrugen. Der junge Häuptling, der wohl den Handſchuhmacher und den Hirten hereintreten ſah, grüßte keinen perſönlich, und ihre Plätze wurden ihnen in einer enkfernten Ecke an⸗ gewieſen, weit unter dem Salzfaß,(einer großen, alten ilberſchüſſehhl, dem einzigen Gegenſtand von Werth, den die Tafel zeigte, und der von dem Clan wie eine Art Palladium betrachtet und nur bei den feierlichſten Gelegenheiten, wie die jetzige, aufgeſtellt wurde. Der Booſhalloch, etwas unzufrieden, flüſterte, als er Platz nahm, Simon zu:—„die Zeiten haben ſich ge⸗ ändert. Sein Vater, Ruhe ſeiner Seele, würde mit uns beiden geſprochen haben; aber das ſind ſchlechte Sitten, die er unter euch Saſſenachs im Niederlande gelernt hat.“ Der Handſchuhmacher hielt es nicht für nöthig, auf dieſe Bemerkung zu antworten, und gab deswegen auf die immergrünen Zweige, und beſonders auf die Felle und andere Zierrathen Acht, mit welchen das Innere des Zimmers geſchmückt war. Der anſehnlichſte Theil dieſer Zierrathen war eine Anzahl holländiſcher Waf⸗ fenröcke, mit ſtählernen Helmen, Streitäxten und zwei⸗ händigen Schwertern, die am äußeren Theil des Zim⸗ mers, nebſt hoch und reich mit getriebener Arbeit ge⸗ zierten Schilden umherhingen. Jedes Panzerhemd hing über einer wohlgeputzten Hirſchhaut, welche die Rü⸗ ſtung vortheilhaft zeigte, und ſie vor dem Rauch ſchützte. 87 „Das,“ flüſterte der Booſhalloch,„ſind die Waffen der gewählten Kämpfer des Clan Quhele. Es ſind neun und zwanzig an der Zahl, wie Ihr ſeht, Eachin ſelbſt iſt der dreißigſte, und trägt ſein Rüſtzeug heute, ſonſt wären es dreißig. Und er hat nach Allem keinen ſo guten Harniſch bekommen, als er am Palmſonntag tragen würde. Dieſe neun Harniſche von ſolcher Größe ſind für den Leichtach, von welchen man ſo viel erwartet.“ „Und dieſe ſchönen Hirſchhäute,“ ſagte Simon, in welchem der Geiſt ſeines Handwerks bei dem Anblick dieſer Güter, in welchen er handelte, erwachte,„glaubt Ihr, der Häuptling werde geneigt ſeyn, ſie zu verkau⸗ fen?— man verlangt ſie für die Wämſer, welche die Ritter unter der Rüſtung tragen.“ „Bat ich Euch nicht,“ ſagte Niel Booſhalloch,„daß Ihr über dieſen Gegenſtand ſchweigen ſollt?“« „Ich ſpreche von den Rüſtungen,“ ſagte Simon,„darf ich fragen, ob eine von ihnen durch unſern berühmten Waffenſchmied aus Perth, mit Namen Heinrich von Wynd, verfertigt wurde?“ „Du biſt noch unglücklicher als vorher,“ ſagte Niel, der Name dieſes Mannes iſt Eachin wie ein Wirbel⸗ wind auf dem See; doch Niemand weiß warum.“ Ich kann es errathen, dachte unſer Handſchuhmacher, ſprach aber den Gedanken nicht aus; und nachdem er zweimal auf unangenehme Gegenſtände der Unterhal⸗ tung gerathen war, fing er an, wie die andern um ihn her, ſeine Aufmerkſamkeit auf die Speiſe zu richten, ohne etwas Anderes aufzubringen. Wir haben ſo viel von den Zurüſtungen geſprochen, um den Leſer zu dem Schluß zu führen, daß das Feſt, was die Beſchaffenheit der Speiſe betraf, von der ro⸗ eeſten Art war, indem es hauptſächlich aus großen leiſchſtücken beſtand, die ohne Rückſicht auf die Faſten⸗ zeit verzehrt wurden, obgleich einige Mönche aus dem Kloſter der Inſel die Tafel durch ihre Gegenwart be⸗ 88 ehrten und heiligten. Die Schlüſſeln waren von Holz, eben ſo die mit Reifen umgebenen Kelche oder Becher, aus welchen die Gäſte ihr Getränk und die Fleiſchbrühe, die man für etwas Leckerhaftes hielt, tranken. Es waren auch verſchiedene Milchſpeiſen da, die man hoch⸗ 4 achtete und aus ähnlichen Gefäßen aß. Brod war der ſeltenſte Artikel bei der Mahlzeit; aber der Handſchuh⸗— macher und ſein Wirth wurden mit einigen dünnen Stückchen, die beſonders zu ihrem Gebrauch gegeben wurden, verſehen. Beim Eſſen, wie es durch ganz Bri⸗ tannien der Fall war, gebrauchten die Gäſte ihre Meſ⸗ ſer, die man Skeres nannte, oder die großen Dolche, Dirks genannt, ohne ſich durch den Gedanken ſtören zu laſſen, daß ſie vielleicht zu einem ganz andern oder unglücklichen Gebrauch dienen können. An dem obern Ende der Tafel ſtand ein leerer Stuhl, etliche Treppen über dem Boden erhöht. Er war mit Stechpalmzweigen und Epheu bedeckt; und ein Schwert in der Scheide nebſt einem zuſammengefalteten Banner war dagegen gelehnt. Dieß war der Sitz des verſtor⸗ benen Häuptlings geweſen, und wurde ihm zu Ehren leer gelaſſen. Eachin nahm einen niedrigern Sitz zur Rechten des Ehrenplatzes ein. Der Leſer würde ſich bedeutend irren, wenn er dieſe Beſchreibung durch die Vorſtellung vervollſtändigen wollte, die Gäſte haben ſich wie eine Heerde hungriger Wölfe betragen und ſich auf eine ihnen ſeltene Speiſe losgeſtürzt. Im Gegentheil betrugen ſich die Clanleute Quhele's mit der Art höflicher Zurückhaltung und Auf⸗ merkſamkeit gegen die Bedürfniſſe anderer, welche oft bei den Urvölkern, beſonders ſolchen, die ſtets bewaffnet ſind, angetroffen wird, weil eine allgemeine Beobachtung der Regeln der Höflichkeit nothwendig iſt, um Streit, Blutvergießen und Mord zu verhindern. Die Gäſte nahmen die Plätze ein, die von Torquil von der Eiche der als Marichal Taeh, d. h. Tafelmeiſter auftrat, 2 89 durch die Berührung mit einem weißen Stab, ohne ein Wort zu ſprechen, ihnen angewieſen wurden. Als ſo die Geſellſchaft in Ordnung ſaß, wartete man ge⸗ duldig auf den angewieſenen Speiſetheil, der von dem Leichtach unter ſie vertheilt wurde; die tapferſten Män⸗ ner oder ausgezeichnetſten Krieger des Stamms wurden doppelt verſehen, was man emphotiſch Bieyfir oder den Antheil eines Mannes nannte. Als die Tafelmei⸗ ſter Jedermann bedient ſahen, nahmen ſie ſelbſt ihre Plätze beim Gaſtmahl ein, und wurden mit einer dieſer größeren Portionen verſehen. In die Nähe jedes Man⸗ nes wurde Waſſer geſtellt, und eine Hand voll weiches Moos diente zur Serviette, ſo daß die Hände wie bei einem Oſtermahl ſo oft gewaſchen wurden, als die Ge⸗ rüchte wechſelten. Zur Ergötzung ſang der Barde das Lob des verſtorbenen Häuptlings, und drückte das Ver⸗ trauen des Clans auf die aufblühenden Tugenden ſeines Nachfolgers aus. Der Seanachin ſagte die Genealogie des Stammes her, die ſie bis zum Geſchlecht der Dal⸗ riad's hinaufleiteten; die Harfner ſpielten im Saale, während die Kriegspfeifen die Menge draußen ergötzten. Das Geſpräch der Gäſte war ernſthaft, ſtill und höflich — kein Scherz ging über die Gränzen eines milden Spaßes, der nur ein augenblickliches Lächeln hervorzu⸗ bringen berechnet war. Da waren keine erhobenen Stimmen, kein Streit; und Simon Glover hatte bei einem Zunfteſſen hundertmal mehr Lärm gehört, als bei dieſer Gelegenheit zweihundert wilde Hochländer erregten. Shibſt das Getränk ſchien die Geſellſchaft nicht über denſelben Ton anſtändigen Ernſtes zu ſteigern. Es war von verſchiedener Art— Wein erſchien ſehr wenig und wurde nur den vornehmen Gäſten gereicht, unter welchen Simon Glover wieder ſich befand. Der Wein und die zwei Weizenbrode waren in der That die ein⸗ zigen Zeichen von Aufmerkſamkeit, welche er während 90 des Feſtes erhielk; aber Niel Booſhalloch, eiferſüchtig auf die Ehre der Gaſtfreundſchaft ſeines Herrn, unter⸗ ließ nicht, ſie als Beweiſe hoher Auszeichnung zu rüh⸗ men. Gebrannte Waſſer, die man ſpäter ſo allgemein im Hochland gebrauchte, waren vergleichungsweiſe da⸗ mals unbekannt. Der Usquebaugh ging in geringer Menge herum, und wurde durch eine Abkochung von Safran und anderer Kräuter noch reizender gemacht, ſo daß er mehr einem mediciniſchen Trank als einem Getränke für die Mahlzeit glich. Cider und Meth ſah man ebenfalls, aber Bier, das in großer Menge dazu gebraut war, und ohne alle Einſchränkung um⸗ herfloß, war das allgemeine Getränk und wurde mit einer Mäßigung getrunken, die unter den neuern Hoch⸗ ländern weit weniger bekannt iſt. Ein Becher auf das Andenken des verſtorbenen Häuptlings war der erſte Toaſt, der feierlich nach vollendeter Mahlzeit ausge⸗ bracht wurde; und ein tiefes Gemurmel von Segens⸗ wünſchen wurde von der Geſellſchaft gehört, während nur die Mönche ihre vereinigten Stimmen erhoben und requiem aeternam dona ſangen. Ein ungewöhnliches Stillſchweigen folgte, wie wenn etwas Außerordent⸗ liches erwartet würde, als Eachin mit kühnem und männlichem, jedoch beſcheidenem Anſtand ſich erhob, den leeren Sitz oder Thron beſtieg, und mit Würde und Feſtigkeit ſagte: „Dieſen Sitz und meines Vaters Erbe ſpreche ich als mein Recht an— ſo ſey mir Gott und St. Barr gnaͤdig!“ „Wie wollt Ihr Eures Vaters Kinder beherrſchen 2 ſagte ein alter Mann, der Oheim des Verſtorbenen. „Ich will ſie mit meines Vaters Schwert verthei⸗ digen und ihnen Gerechtigkeit unter meines Vaters Banner austheilen.« 4 Der alte Mann entbloͤßte mit zitternder Hand die gewichtige Waffe, hielt ſie an der Klinge und bot den 91 Griff dem jungen Haͤuptling an; zugleich entfaltete Torquil von der Eiche die Fahne des Stamms und ließ ſie einigemal uͤber Eachin's Kopf flattern, der mit beſonderer Anmuth und Fertigkeit den großen Claymore wie zu ihrer Vertheidigung ſchwang. Die Gaͤſte erhoben ein gellendes Geſchrei, um ihre Bei⸗ ſtimmung zu der Wahl des patriarchaliſchen Haͤupt⸗ lings, deren ihre Anhaͤnglichkeit anſprach, zu bezeu⸗ gen, und kein Anweſender war geneigt, vor dem ſchoͤ⸗ nen und behenden Juͤngling an die traurigen Weis⸗ ſagungen zu erinnern. Als er in flammender Ruͤ⸗ ſtung, auf das lange Schwert geſtuͤtzt, und durch wuͤr⸗ dige Bewegungen den Zuruf, der die Luft innen, auſſen und rings umher durchbrach, anerkennend da⸗ ſtand, war Simon Glover verſucht, zu zweifeln, ob dieſe majeſtaͤtiſche Geſtalt derſelbe Junge ſey, den er oft mit wenig Umſtaͤnden behandelt hatte, und fing an, die Folgen davon einigermaßen zu fuͤrchten. Ein lauter Geſang aller Saͤnger folgte dem Zuruf, und Fels und Wald hallten von Harfen und Pfeifen wie⸗ der, wie kurz vorher von Jammer und Wehgeſchrei. Es wuͤrde ermuͤden, dem Einweihungsfeſt weiter zu folgen, oder die Trinkſpruͤche ins Einzelne zu er⸗ zaͤhlen, die auf die Geſundheit fruͤherer Helden des Clans und beſonders der neunundzwanzig tapfern Maͤnner ausgerufen wurden, die in dem nahen Kampf unter dem Auge und der Leitung ihres jungen Haͤupt⸗ lings fechten ſollten. Die Saͤnger nahmen den in alten Zeiten mit ihrer Kunſt verbundenen propheti⸗ ſchen Charakter an, und wagten den ausgezeichnetſten Sieg zuzuſichern, und die Wuth vorauszuſagen, mit welcher der blaue Falke, das Zeichen des Clan Quhele, die Bergkatze, das wohlbekannte Wappen des Clan Chattan, in Stuͤcke zerreißen wuͤrde. Der Sonnenuntergang nahte, als ein Becher, der Gnadenbecher genannt, aus Eichenholz verfertigt und 92 in Silber eingefaßt, als Zeichen der Aufhebung des Mahls herumgegeben wurde, ob es gleich jedem frei⸗ geſtellt wurde, ob er noch laͤnger zechen wollte, ehe er ſich in eine der aͤußern Huͤtten zuruͤckzog. Simon Glover wurde vom Booſhalloch in eine kleine Huͤtte gefuͤhrt, die fuͤr einen Einzelnen eingerichtet ſchien, und ein Bett von Heidekraut und Moos enthielt, ſo gut es die Jahreszeit erlaubte; ein reicher Ueberfluß⸗ von Leckerbiſſen, die das vollbrachte Gaſtmahl darbot, zeigte, daß alle Sorgfalt fuͤr Bequemlichkeit des Be⸗ wohners gebraucht worden war. „ Verlaßt dieſe Hutte nicht,« ſagte der Booſhalloch, indem er von ſeinem Freund und Schuͤtzling Abſchied nahm;„dieß iſt Euer Ruheplatz. Man verliert leicht die Zimmer in einer ſolchen verwirrten Nacht, und wenn der Dachs ſeine Hohle verlaͤßt, ſo kriecht der Fuchs hinein.“. Simon Glover war dieſe Anordnung keineswegs unangenehm. Er war muͤde von der Unruhe des Tages und wuͤnſchte Ruhe. Er aß daher ein Stuͤck, ſo groß es kaum ſein Hunger verlangte, und trank einen Becher Wein, um die Kaͤlte zu vertreiben, hierauf murmelte er ſein Abendgebet, huͤllte ſich in ſeinen Mantel und warf ſich auf ein Lager, das alte Bekanntſchaft ihm vertraut und angenehm gemacht hatte. Das Geſumm und Geſchrei einiger aus der froͤhlichen Geſellſchaft, die draußen noch fortzechten, unterbrach nicht lange ſeine Ruhe; und in ungefaͤhr zehn Mi⸗ nuten ſchlief er ſo feſt, als laͤge er in ſeinem eigenen Bett in Curfewſtreet. —— * 93³ Achtundzwanzigſtes Kapitel. — Polonins:„Etets ſingt er meine Tochter.“ Hamlet. Zwei Stunden vor dem Hahnſchrei wurde Simon Glover durch eine wohlbekannte Stimme geweckt, die ihn beim Namen nannte. „Wie, Conachar!“ erwiederte er, als er vom Schlaf auffuhr,„iſt der Morgen ſo weit vorgeruͤckt?“ er erhob ſeine Augen, und die Perſon, von der er traͤumte, ſtand vor ihm; zu gleicher Zeit gingen die Begeben⸗ heiten des geſtrigen Tages an ſeinem Gedaͤchtniß vor⸗ uͤber, und er ſah mit Erſtaunen, daß die Erſcheinung die Geſtalt behielt, die ihr der Schlaf gegeben hatte, und es war nicht der gepanzerte hochlaͤndiſche Haͤupt⸗ ling mit dem Claymore in der Hand, wie er ihn am vorigen Abend geſehen hatte, ſondern Conachar von Curfewſtreet, in ſeinem demuͤthigen Lehrlingskleid⸗ eine Eichenruthe in der Hand haltend. Ein Geſpenſt wuͤrde unſern Buͤrger von Perth nicht mehr uͤberraſcht haben. Als er verwundernd aufſtarrte, drehte der Juͤngling ein Stuͤck brennenden Kienholzes, das in einer Laterne ſtand, gegen ihn, und antwortete auf ſeinen Ausruf: „Ja, Vater Simon, es iſt Conachar, gekommen, um unſere alte Bekanntſchaft zu erneuen, zu einer zeit⸗ wo unſer Verkehr am wenigſten Aufſehen er⸗ regt.« Mit dieſen Worten ſetzte er ſich auf einen Schra⸗ gen, der die Stelle eines Stuhls vertrat, ſtellte die Laterne neben ſich und fuhr in dem freundlichſten Tone fort: 94 „Ich habe von deiner guten Speiſe manchen Tag gekoſtet, Vater Simon,— ich hoffe, du habeſt keinen Mangel in meinem Hauſe gelitten.“ „Durchaus nicht, Eachin Mac Jan,“ antwortete der Handſchuhmacher,— denn die Einfachheit der celti⸗ ſchen Sprache und Sitten ſchließt alle Ehrentitel aus, „es war mir zu gut fuͤr dieſe Faſtenzeit, es war viel zu gut fuͤr mich, der ich mich ſchaͤmen muß zu denken, wie hart es Euch in Curfewſtreet erging.“ „„Auch zu gut, um Eure Worte zu gebrauchen,« ſagte Conachar,„fuͤr die Wuͤnſche eines unnuͤtzen Lehr⸗ burſchen und die Beduͤrfniſſe eines jungen Hochlaͤn⸗ ders. Aber wenn auch, wie ich hoffe, genug Speiſe da war, fandet ihr nicht, guter Glover, etwas zu wenig hoͤflichen Empfang? Laͤugnet es nicht, ich weiß es gewiß. Aber mein AÄnſehen bei meinem Volk iſt noch jung und ich darf nicht zu fruͤh ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Zeit meines Aufenthalts im Nieder⸗ lande, die ich jedoch nie vergeſſen kann, zeichnen.“ „Ich ſehe dieß wohl ein,«⸗ ſagte Simon,„daher machte ich nur ungern und gleichſam mit Gewalt hier einen ſo fruͤhen Beſuch.«« Still, Vater, ſtill, es iſt gut, daß Ihr gekommen ſeyd, etwas von meinem hochlaͤndiſchen Glanz zu ſe⸗ hen, ſo lang er noch ſchimmert; kommt nach dem Palmſonntag wieder, und wer weiß, wen oder was Ihr in dem Gebiete findet, das wir jetzt beſitzen! Die wilde Katze kann ihre Wohnung haben, wo jetzt Mac Jan's Speiſeſaal ſteht.“ Der junge Haͤuptling ſchwieg und druͤckte die Spitze des Stabs an ſeine Lippen, als wollte er ſich hindern, mehr zu ſagen. „Das iſt nicht zu fuͤrchten, Eachin,“ ſagte Simon, mit der unbeſtimmten Manier, mit welcher lauwarme Troͤſter die Gedanken ihrer Freunde von der Betrach⸗ tung einer unausweichlichen Gefahr abzuleiten ſuchen. — 95 „Es iſt zu fuͤrchten und iſt Gefahr des gänzlichen Untergangs,“ antwortete Eachin,„und beſtimmte Ge⸗ wißheit eines großen Verluſtes. Mich wundert, daß mein Vater dieſen liſtigen Vorſchlag Albany's an⸗ nahm. Ich wollte, Mac Gillin Chattachan ſtellte ſich mir gegenuͤber, dann wollten wir, ſtatt unſer beſtes Blut gegeneinander zu vergießen, nach Strathmore miteinander ziehen und toͤdten und Beſitz ergreifen. Ich wuͤrde uͤber Perth herrſchen, und er uͤber Dundee und das ganze große Land wuͤrde unſer ſeyn bis zu den Ufern des Meerbuſens von Tay. Das iſt die Politik, die ich von Eurem alten, grauen Kopfe ge⸗ lernt habe, Vater Simon, wenn ich hinter deinem Ruͤcken den Teller hielt und einem Abendgeſpraͤch mit dem Vogt Craigdallie zuhoͤrte.« Die Zunge wird mit Recht ein ungezaͤhmtes Glied genannt, dachte der Handſchuhmacher. Hier habe ich dem Teufel das Licht gehalten, um ihm den Weg zum Unheil zu zeigen.„ ſ Aber er ſagte nur laut:„Dieſer Plan kommt zu paͤt.« „Freilich zu ſpaͤt,“ antwortete Eachin, der Kampf⸗ vertrag iſt von uns unterzeichnet und beſiegelt; der gluͤhende Haß des Clan Quhele und des Clan Chattaͤn iſt durch gegenſeitige Beleidigungen und Prahlereien zu einer unausloͤſchlichen Flamme angeblaſen. Doch die Zeit iſt voruͤber— aber zu deinen Angelegenhei⸗ ten, Vater Glover. Religion hat dich hieher ge⸗ bracht, wie ich von Niel Booſhalloch erfahre. Meine Ueberzeugung von deiner Klugheit laͤßt mich nicht vermuthen, daß du in einen Streit mit Mutter Kirche gerathen ſeyſt. Mein alter Bekannter, Vater Cle⸗ mens, iſt einer von denen, welche der Maͤrtyrerkrone nachjagen und einen Pfahl, von brennendem Reis umgeben, der Umarmung wuͤrdiger halten, als eine liebende Braut. Er gleicht einem irrenden Ritter, 96 der ſeine religioͤſen Begriffe vertheidigt und kaͤmpft, wohin er kommt. Er hat bereits einen Streit mit den Moͤnchen auf der Sibylleninſel dort uͤber einige Lehrpunkte angefangen.— Haſt du ihn geſehen?“ „Ja,“ antwortete Simon, aber wir ſprachen nur wenig miteinander, da die Zeit kurz war.“ „Er wird geſagt haben, daß es eine dritte Perſon gebe, die in der That mehr der Religion wegen fluͤc⸗ tig geworden iſt, als Ihr, ein kluger Buͤrger, oder er, ein zaͤnkiſcher Prediger, und die recht herzlich willkommen waͤre?— Du biſt ſtumpfſinnig, Mann, und willſt es nicht errathen— deine Tochter Ca⸗ tharine?⸗. Der junge Haͤuptling ſprach dieſe Worte engliſch, und ſetzte das Geſpraͤch in dieſer Sprache fort, als fuͤrchtete er, gehoͤrt zu werden, und als fuͤhlte er ein unfreiwilliges Schwanken. „Meine Tochter Catharine,« ſagte der Handſchuh⸗ macher, der ſich an die Worte des Karthaͤuſers er⸗ innerte,„iſt wohl und ſicher.« „Aber wo und bei wem,“ fragte der junge Haͤupt⸗ ling,„und warum kam ſie nicht mit Euch? Denkſt du, der Clan Quhele habe keine ſo thaͤtigen Cailliachs, als die als die alte Dorothe, deren Hand einſt meine Schlaͤfe erwaͤrmte, um der Tochter des Meiſters ihres Haͤuptlings zu warten?« „Ich danke Euch noch einmal,“ ſagte der Handſchuh⸗ macher,„und zweifle weder an Eurer Macht, noch an Eurem Willen, meine Tochter wie mich zu be⸗ ſchuͤtzen. Aber eine vornehme Dame, eine Freundin von Sir Patrick Charteris, hat ihr einen ſichern Zu⸗ fluchtsort angeboten, ohne die Gefahr einer muͤhfamen Reiſe durch ein veroͤdetes und ungluͤckliches Land.“ „Oh, ſo,— Sir Patrick Charteris,“ ſagte Eachin in einem zuruͤckhaltenderen und kaͤlteren Tone,—„er — — —— 97 ut ohne Zweiſel Jedermann vorzuziehen; er iſt Euer Freund, denke ich.« Simon Glover wuͤnſchte dieſen Stolz eines Knaben zu beſtrafen, der viermal des Tages geſcholten worden war, weil er in die Straße eilte, um Sir Patrick Charteris voruͤberreiten zu ſehen; aber er hielt ſeine Antwort zuruͤck und ſagte einfach: „Sir Patrick Chartexis iſt ſieben Jahre Oberrichter von Perth geweſen, und wird es wahrſcheinlich noch ſeyn, da die Magiſtratsperſonen nicht um Lichtmeß, ſondern um Martini gewaͤhlt werden.“ „»Ach, Vater Glover,“ ſagte der Juͤngling in ſeiner freundlichen und vertraulicheren Ark,„Ihr ſeyd die koſtbaren Feſte und Gaſtmaͤhler in Perth ſo gewohnt, daß Euch unſer barbariſches Mahl dagegen nur wenig gefallen vird. Was dachtet Ihr von unſerem geſtri⸗ gen Feſte? „Es war edel und ruͤhrend, antwortete Glover, „und fuͤr mich beſonders, der ich Euren Vater kannte. „Als Ihr auf dem Schwerte ruhtet, um Euch her blickter, dachte ich meinen alten Freund Gilchriſt Mac Jan von den Todten auferſtanden und an Jahren und Kraft erneut.“ B „Ich glaube, ich ſpielte hier meine Rolle keck, und zeigte wenig von jenem elenden Lehrburſchen, den Ihr behandeltet, gerade wie er es verdiente.⸗ „Eachin gleicht Conachar,“ ſagte der Handſchuhma⸗ cher, nicht mehr als ein Salm einem Lachs, obgleich man ſagt, es ſey der naͤmliche Fiſch in verſchiedenem Zuſtand; oder als ein Schmetterling einer Raupe.« .Haͤltſt du mich, ſeit ich die Macht, die alle Weiber lieben, uͤbernommen habe, fuͤr einen Gegenſtand, der wuͤrdig iſt, daß eines Maͤdchens Auge darauf ruhe? — Oder gerade herausgeſprochen, was wuͤrde Catha⸗ rine von mir bei dem Feſt gedacht haben?* alter Scott's Werke. 1558 Boͤchen. 7 98 Wir naͤhern uns nun den Klippen, dachte Simon Glover; und ohne geſchickte Lenkung treiben wir ge⸗ rade auf die Kuͤſte. „Die meiſten Frauen lieben Pracht, Eachin, aber ich denke, meine Tochter Catharine iſt eine Ausnahme. Sie wuͤrde ſich des Gluͤcks ihres Hausfreundes und Spielgenoſſen freuen; aber ſie wuͤrde den praͤchtigen Mac Jan, Haͤuptling des Clan Quhele, nicht hoͤher ſchaͤtzen, als den Waiſen Conachar.“ „Sie iſt immer edel und uneigennuͤtzig,“ entgeg⸗ neke der junge Haͤuptling.„Aber Ihr, Vater, habt die Welt laͤnger als ſie geſehen, und koͤnnt beſſer ur⸗ theilen, was Macht und Reichthum denen ſind, die ſie genießen. Denkt und ſprecht aufrichtig, welches waͤren Eure Gedanken, wenn Ihr Eure Catharine unter jenem Thronhimmel ſtehen ſaͤhet, mit der Herr⸗ ſchaft uͤber hundert Huͤgel, und dem demuͤthigen Ge⸗ horſam von zehntauſend Vaſallen; und als Preis dieſer Vortheile ihre Hand in der Hand deſſen, der ſie am meiſten in der Welt liebt?“ „Ihr meint, in Eurer eigenen, Conachar?“ ſagte Simon. Ja, nennt mich Conachar— ich liebe dieſen Namen, weil ich Catharinen unter demſelben bekannt bin.“ „Aufrichtig denn,“ ſagte der Handſchuhmacher, ſich bemuͤhend, ſeine Antwort ſo wenig beleidigend als moͤglich zu machen,„mein innerſter Gedanke waͤre der ernſtlichſte Wunſch, daß Catharine und ich in unſerer niedrigen Wohnung in Curfewſtreet blieben, und Do⸗ rothe unſer einziger Vaſall waͤre. 8„Und ich hoffe, auch der arme Conachar? Ihr wer⸗ det mich nicht in einſamer Groͤße hintrauern laſſen?“ „Ich wollte,“ antwortete Simon,„dem Clan Qu⸗ hele, meinen alten Freunden, nicht ſo Uebles wuͤn⸗ ſchen, daß ichsiſie im Augenblick der Gefahr eines tavferen, jungen Haͤuptlings beraubte, und den Haͤupt⸗ — 99 ling des Ruhms, den er ſich an ihrer Spitze im na⸗ hen Kampf erwerben wird.“ Eachin biß in die Lippen, um ſein erregtes Gefuͤhl zu unterdruͤcken, und erwiederte:„Worte— Worte — leere Worte, Vater Simon. Ihr fuͤrchtet den Clan Quhele mehr, als Ihr ihn liebet, und glaubet, ſein Unwille werde furchtbar ſeyn, wenn ſein Haͤuptling die Tochter eines Buͤrgers von Perth heirathete.⸗ „Und habe ich nicht Grund, einen ſolchen Ausgang zu fuͤrchten, Hector Mac Jan? Welchen Ausgang hatten ungleiche Heirathen im Hauſe Mac Calan⸗ more's, in dem der maͤchtige Mac Leans, ja der Lords der Inſeln ſelbſt? Was war herausgekommen, als Scheidung und Enterbung— hisweilen ſchlimmerer Untergang fuͤr den Eingedrungenen? Ihr koͤnnt meine Tochter nicht vor einem Prieſter heirathen, und koͤnnt Euch nur mit ihr zur linken Hand vermaͤhlen; und ich⸗— er hielt den Andrang der Heftigkeit, den ihm die Sache einfloͤßte, zuruͤck, und ſchloß:„und ich bin ein ehrlicher, wenn gleich niedriger Buͤrger von Perth, der ſeine Tochter lieber als das geſetzliche und aner⸗ kannte Weib eines Buͤrgers von meinem Stand, denn r das zugeſtandene Kebsweib eines Koͤnigs ſehen will.« „» Ich will Catharine vor dem Prieſter und vor der Welk heirathen,— vor dem Altar und vor den ſchwar⸗ zen Steinen von Jona, ſagte der heftige junge Mann.„Sie iſt die Liebe meiner Jugend, und es gibt kein Band in Religion oder Ehre, womit ich mich nicht binden will! Ich habe mein Volk erforſcht. Wenn wir nur dieſen Kampf gewinnen— und mit der Hoffnung, Catharinen zu erlangen, werden wir ihn gewinnen— mein Herz ſagt es mir— ſo werde ich ſo ganz Herr ihrer Neigungen ſeyn, daß ſie, naͤhme ich mir auch eine Braut aus dem Armenhauſe, dieſe — 7 100 3 begruͤßen wurden, als waͤre ſie eine Tochter Mac Calanmore's.— Aber Ihr weist mein Geſuch ab 2⁴ ſagte Eachin ernſthaft. „Ihr legt mir beleidigende Worte in den Mund,“ entgegnete der alte Mann,„und könnt mich ſogleich dafuͤr ſtrafen, da ich ganz in Eurer Gewalt bin. Aber mit meiner Einwilligung wird meine Tochter nie hei⸗ rathen, als in ihrem eigenen Stand. Ihr Herz wuͤrde unter den beſtaͤndigen Kriegen und Scenen von Blut⸗ vergießen brechen, die ſich von ſelbſt mit Eurem Loos verbinden. Wenn Ihr ſie wirklich liebt, und Euch ihrer Furcht vor Kampf und Streit erinnert, ſo wer⸗ det Ihr nicht wuͤnſchen, daß ſie den gefaͤhrlichen Kriegs⸗ ſchrecken unterworfen wuͤrde, in welchen Ihr, wie Euer Vater, unausweichlich und beſtaͤndig verwickelt ſeyn muͤßt. Waͤhlt Euch eine Braut unter den Toͤch⸗ tern der Großen von den Bergbewohnern, mein Sohn, und der ſtolzen niederlaͤndiſchen Edlen. Ihr ſeyd ſchoͤn, jung, reich, hoher Abkunft und maͤchtig, und Ihr werdet nicht vergebens werben. Ihr werdet leicht eine finden, die ſich Eurer Siege freut, und nach der Kiederlage Euch troͤſtet. Catharinen waͤre das Eine ſo furchtbar als das Andere. Ein Krieger muß einen ſtaͤhlernen Handſchuh tragen— ein Handſchuh von Ziegenleder wuͤrde in einer Stunde in Stuͤcke zerriſ⸗ ſen werden.“ 8 Eine ſchwarze Wolke zog uͤber das Geſicht des zun⸗ gen Haͤuptlings, der kaum vorher mit ſo viel Feuer beſeelt war. 3. „Lebewohl,“ ſagte er, veinzige Hoffnung, die mir zu Ruhm oder Sieg geleuchtet haͤtte!“— Er ſchwieg eine Weile, und ſtand in tiefen Gedanken, mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen, geſenkter Stirne und gefal⸗ teten Armen. Endlich erhob er die Haͤnde und ſagte; „Vater— denn das ſeyd Ihr mir geweſen,— i bin im Begriff, Euch ein Geheimniß zu ſagen. Ver⸗ — — 101 nunft und Stolz rathen mir zu ſchweigen, aber das Schickſal zwingt mich, und ich muß gehorchen. Ich bin im Begriff, in Euch das tiefſte und theuerſte Ge⸗ heimniß niederzulegen, das je einem Manne anver⸗ traut wurde. Aber nimmt Euch in Acht— ende die⸗ ſes Geſpraͤch, wie es will— nimmt Euch in Acht, daß Ihr keine Sylbe von dem ausathmet, was ich Euch anvertrauen will; denn wißt, geſchaͤhe es auch im entfernteſten A inkel von Schottland, ich haͤtte Ohren, es ſelbſt da zu hoͤren, und eine Hand und einen Dolch, des Verraͤthers Buſen zu erreichen.— Ich bin— aber das Wort will nicht heraus!“ „So ſprecht es nicht,“ ſagte der lunge Handſchuhma⸗ cher;„ein Geheimniß iſt nicht mehr ſicher, wenn es uͤber die Lippen des Beſitzers gegangen iſt; und ich wuͤnſche kein ſo gefaͤhrliches Vertrauen, womit Ihr mich bedroht.« „Ach, aber ich muß ſprechen, und Ihr müͤß t hoͤren,“ ſagte der Jüngling.„Habt Ihr an, Vater, in die⸗ ſer kriegeriſchen Zeit gekaͤmpft?“ „Nur einmal,“ erwiederte Simon,„als der Suͤd⸗ laͤnder die ſchoͤne Stadt angriff. Ich wurde aufgefor⸗ dert, meinen Theil an der Vertheidigung zu uͤberneh⸗ men, den meine Stellung forderte, wie die anderer Sandwertsleute, welche verpflichtet ſind, Wache zu halten.“ „Und welche Gefuͤhle hattet ihr hiebei?“ fragte der junge Haͤnptling. „Wie kann das hieher gehoͤren?“ ſagte Simon, et⸗ was erſtaunt. „Sehr wohl, ſonſt haͤtte ich die Frage nicht gemacht,“ antwortete Eachin, in dem ſrolzen Tone, den er bis⸗ weilen anughm. „Ein alter Mann laͤßt ſich leicht bewegen, von al⸗ ten Zeiten zu ſprechen,“ ſagte Simon, der nach eiui⸗ gei Nachdenten die Unterhaltung nicht ungern von 1⁰0² ſeiner Tochter ablenkte;„und ich muß bekennen, daß mein Gefuͤhl von dem hohen froͤhlichen Vertrauen, oder gar der Freude, mit der ich andere in's Treffen gehen ſah, weit entfernt war. Mein Leben und mein Handwerk waren friedlich, und ob mir gleich nicht der Muth eines Mannes fehlt, wenn die Zeit ihn for⸗ dert, ſo habe ich doch ſelten ſchlechter geſchlafen, als die Nacht vor jenem Angriff. Meine Gedanken wur⸗ den durch die Geſchichten gequaͤlt, die man uns von den ſaͤchſiſchen Bogenſchuͤtzen ſagte, und die nicht weit von der Wahrheit waͤren, wie ſie ellenlange Pfeile abſchießen, und ein Drittheil laͤngere Boͤgen gebrauchen, als die unſrigen ſind. Als ich in einen unterbrochenen Schlaf fiel, und mich nur ein Stroh⸗ halm meiner Matratze in die Seite ſtach, wachte ich erſchreckt auf, indem ich glaubte, ein engliſcher Pfeil fahre mir in den Leib. Am Morgen, da ich aus Muͤdigkeit zu einiger Ruhe zu kommen anfing, weckte mich der Klang der Stadtglocke, die uns Buͤrger auf die Mauern rief;— nie vorher oder nachher hatte ich ſie ſo wie eine Todtenglocke klingen hoͤren „Fahrt fort— was geſchah ſonſt?“ fragte Eachin. „Ich legte meinen Harniſch an, wie er war— em⸗ pfing den Segen meiner Mutter, einer hochherzigen rau, die von meines Vaters Thaten der ſchoͤnen tadt zu Ehren ſprach. Dieß ermuthigte mich, und ich wurde noch kuͤhner, als ich mich unter die uͤb⸗ rigen Handwerksleute, lauter Bogenſchuͤtzen,— denn du weißt, die Buͤrger von Perth verſtehen das Bo⸗ enſchießen,— eingereiht ſah. Wir wurden auf die auern vertheilt, indem mehrere Ritter und Knap⸗ bie in guten Ruͤſtungen unter uns geſtellt waren, ie mit keckem Geſicht, vielleicht auf ihren Harniſch ſich verlaſſend, zu unſerer Aufmunterung uns ſagten, daß ſie jeden, der ſeinen Poſten verlaſſe, mit Schwer⸗ tern und Aeyten niederhauen wuͤrden. Dies verſichert 10³ mich freundlich der alte Kaͤmpe von Kinfauns, wie man ihn nannte, des guten Sir Patrick's Vater, und damals Oberrichter. Er war ein Enkel das ro⸗ then Raͤubers, Thomas von Congqueville, und ein Mann, der Wort hielt, und ſich beſonders an mich wendete, weil eine unruhige Nacht mich blaͤſſer ge⸗ macht haben mag, als gewoͤhnlich; und außerdem war ich noch ein Junge.“ „Und vermehrte dieſe Ermahnung Eure Furcht oder Entſchloſſenheit?“ fragte Eachin, der ſehr aufmerk⸗ ſam ſchien. „Meine Entſchloſſenheit,“ antwortete Simon;„denn nichts kann einen Mann ſo kuͤhn gegen die Gefahr machen, die er in einiger Entfernung vor ſeiner Stirne ſieht, als wenn er weiß, daß eine andere hinter ihm iſt, und ihn vorwaͤrts ſtoßt Gut— ich beſtieg mit ertraͤglichem Muth die Mauern, und wurde mit andern auf den Spey Thurm geſtellt, da man mich fuͤr einen guten Schuͤtzen hielt. Aber ein kaltes Fieber ergriff mich, als ich die Englaͤnder in großer Ordnung, die Bogenſchutzen vorn und die Schwerbewaffneten hinten, in drei ſtarken Zuͤgen vorruͤcken ſah. Sie kamen mit ſtetem Schritt, und einige von uns haͤtten gern auf ſie geſchoſſen, aber es war ſtreng verboten, und wir waren genoͤthigt, bewegungslos zu bleiben, und uns hinter der Bruſt⸗ wehr, ſo gut wir konnten, zu ſchuͤtzen. Als die Suͤd⸗ laͤnder ihre langen Reihen in Linien entfalteten, und jeder ſeinen Platz wie durch Zauberei einnahm, und ſich durch lange Schilde, Paveſen genannt, die ſie vor ſich herpflanzten, deckte, fuͤhlte ich einen ſeltſa⸗ men kurzen Athem, und wuͤnſchte nach Hauſe zu ge⸗ hen, um ein Glas Branntwein zu trinken. Aber als ich nebenhin ſah, erblickte ich den wuͤrdigen Kaͤmpe von Kinfauns, wie er einen großen Bogen ſßaunte, und ich dachte, es ſey ſchade, den Bolzen gegen einen 104 treuherzigen Schotten zu verlieren, wenn ſo viel Englaͤnder da waͤren; ſo blieb ich wo ich war, da ie eine geſchickte Ecke, von zwei Bruſtwehren gebildet, inne hatte. Die Englaͤnder ruckten dann vor, und zogen ihre Sehnen an,— nicht an der Bruſt, wie Eure hochlaͤndiſchen Burſche, ſondern an dem Ohr, — und ſandten eine Ladung Schwalbenſchwaͤnze ab, ehe wir St. Andreas ausrufen konnten. Ich zuckte, als ich ſie ihre Geſchoße ſpannen ſah, und ich glaube ich fuhr zuſammen, als die Pfeile anfingen, gegen die Bruſtwehr zu raſſeln. Aber als ich herumſah, und keiner als John Squallit, der Stadtausrufer, beſchaͤdigt war, dem ein ellenlanger Pfeil durch die Wangen fuhr, faßte ich wieder Herz, und ſchoß mu⸗ thig und wohlgezielt. Auf einen kleinen Mann ſchoß ich, der gerade von hinten aus ſeinem Schild hervor⸗ guckte, und durchbohrte mit einem Pfeil ſeine Schul⸗ ter. Der Oberrichter rief—„„gut getroffen, Simon Glover!“«— Ich jubelte:„„der heilige John fuͤr ſeine Stadt, ihr Handwerksleute!«— ob ich gleich damals nur ein Lehrjunge war, zur Ehre unſrer Zunft. Und wenn ihr mir glauben wollt, im uͤbri⸗ gen Scharmuͤtzel, das mit dem Ruͤckzug der Feinde endete, zog ich ſo ruhig den Bogen an, und ſchoß die Pfeile ab, als haͤtte ich auf Scheiben ſtatt auf Maͤn⸗ nerbruſt ſchießen ſollen. Ich gewann einigen Ruhm, und ich habe immer nachher gedacht, daß ich ihn im Nothfall(denn bei mir war es nie Sache der eige⸗ nen Wahl) nicht wieder verlieren wuͤrde. Dieß iſt Alles, was ich von meiner Kriegserfahrung erzaͤhlen kann. Andere Gefahren ſuchte ich wie ein kluger Mann zu vermeiden, oder ich ſah ihnen, wenn ſie unvermeidlich waren, wie ein treuer Buͤrger in's Geſicht. Anders kann ein Mann in Schottkand nicht leben, oder ſein Haupt emporheben.“ ,— 105 »Ich verſtehe Eure Erzählnng,“ ſagte Eachin,„aber es wird mir ſchwer werden, die meinige Euch glaublich zu machen, da Ihr das Geſchlecht kennt, von dem ich abſtamme, und beſonders ihn, den wir heute in's Grab gelegt haben— wohl ihm, daß er da liegt, wo er nie hören wird, was Ihr jetzt hören ſollt! Seht, mein Va⸗ ter— das Licht, das ich trage, wird kurz und blaß, in wenig Minuten geht es aus—aber ehe es erliſcht, ſoll die ſchreckliche Geſchichte erzählt werden.— Vater, ich bin—ein Feiger!— Nun iſt's geſagt, und das Ge⸗ heimniß meines Unglücks in den Händen eines andern!« Der junge Mann ſank in einer Art von Krampf zu⸗ rück, den ſeine Herzensangſt bei der traurigen Mitthei⸗ lung verurſachte. Der Handſchuhmacher von Furcht und Mitleiden bewegt, gab ſich Mühe, ihn in's Leben zurückzurufen, und es gelang ihm, ohne daß er ihm ſeine Faſſung wieder geben konnte. Er verbarg ſein Geſicht i die Hände, und ſeine Thränen floßen häufig und itter. „Um unſrer Frau willen, faſſet Euch,“ ſagte der alte Mann,„und widerruft das elende Wort! Ich kenne Euch beſſer, als ihr ſelbſt— Ihr ſeyd kein Feiger, ſon⸗ dern nur zu jung und unerfahren, und zu ſchnell in der Einbildungskraft, um die ſtete Tapferkeit eines bärtigen Mannes zu beſitzen. Ich würde niemand anders das über Euch ſagen hören, Conachax, ohne ihn lügen zu ſtrafen.— Ihr ſeyd kein Feiger— ich habe hohe Fun⸗ ken von Muth in Euch auffliegen ſehen, ſelbſt bei gerin⸗ ger Aufforderung.“ „Hohe Funken von Stolz und Leidenſchaft!“ ſagte der unglückliche Jüngling, nzer wenn ſeht Ihr ſie dure die Entſchloſſenheit, die ſie halten ſollte, unterſtützt: Die Funken, von denen Ihr ſprecht, fielen auf mein fei⸗ ges Herz, wie auf ein Stück Eis, das nicht Feuer fan⸗ gen kaun;— wenn mich mein beleidigter Stolz zu ſchla⸗ gen nöthigte, ſo trieb mich meine Geiſtesſchwäche im nächſten Augenblick zu fliehen.“ Simon.„Es iſt hart, der Abkömmling eines Stammes 106 „Mangel an Gewohnheit,“ ſagte Simon,„durch Mauerklettern lernen die Knaben Abgründe hinabſtei⸗ gen. Fangt mit leichten Fehden an— übt täglich 3 Waffen Eures Landes im Turnier mit Eurem Ge⸗ olge.” Slind welche Zeit hab ich dazu?“ rief der junge Häupt⸗ ling aus, indem er aufſprang, als wäre etwas Schreck⸗ liches ſeiner Einbildungskraft begegnet.„Wie viele Tage ſind zwiſchen dieſer Stunde und dem Palmſonn⸗ tag, und was ſoll da geſchehen?— Eingeſchloſſene Schranken, aus denen kein Mann entfliehen kann, noch ſchlimmer als der axme Bär, der an ſeinen Pfahl geket⸗ tet iſt. Sechzig Männer, die beſten und feurigſten, (Einen ausgenommen!) welche Albany von ſeinen Ber⸗ Pn herunter ſenden kann, alle dürſten nach der Andern lut, während ein König und ſeine Edlen und Tau⸗ ſende umher, wie bei einem Schauſpiel mit Jubelge⸗ ſchrei zuſehen, um ihre teufliſche Wuth aufzuregen! Hiebe ſchmettern und Blut fließt, dicker, ſchneller, rö⸗ ther,— ſte ſtürzen aufeinander, wie Wahnſinnige— ſie zerreißen einander wie wilde Thiere— die Verwundeten werden unter den Füßen ihrer Gefährten zu Tode ge⸗ treten! Blug ſtrömt, die Arme werden ſchwach— aber da gilt⸗kein Vertrag, kein Waffenſtillſtand, keine Un⸗ terbrechung, während die verſtümmelten Elenden noch am Leben ſind! Da verkriecht man ſich nicht hinter Bruſtwehr, kämpft nicht mit Wurfwaffen,— Mann ſteht gegen Mann, bis die Hände ſich nicht mehr er⸗ heben können, um den gräßlichen Kampf fortzuſetzen. — Wenn ein ſolches Schlachtfeld ſchon in Gedanken ſo ſchrecklich iſt, was denket Ihr, wird es erſt in der Wirklichkeit ſeyn?“ 3 Der Handſchuhmacher ſchwieg. „Ich ſage noch einmal, was denket Ihr? „Ich kann Euch nur bemitleiden, Conachar,“ ſagke 107 ſeyn— der Sohn eines vornehmen Vaters— von Ge⸗ burt der Füyrer eines tapferen Volkes— und doch die Eigenſchaft nicht haben, oder nicht zu haben glauben (denn immer noch glaube ich, der Fehler liegt mehr in einer lebhaften Einbildungskraft, die die Gefahr über⸗ ſchätzt), welche jeder Streithahn beſitzt, der eine Hand voll Korn werth iſt, kever Hund, der einen Knochen werth iſt. Aber wie kommt es, daß Ihr mit einem ſolchen Bewußtſeyn der Schwäche im Kampfe eben jetzt Eure Herrſchaft mit meiner Tochter zu theilen Euch erbietet? Eure Macht hängt davon ab, wenn Ihr dieſe Nacht fechtet, und hierin kann Catharine Euch nicht helfen.“ „Ihr irrt Euch, alter Mann,“« entgegnete Eachin; „würde Catharine die ernſte Liebe, die ich gegen ſie Pas freundlich aufnehmen, ſo würde es mich mit dem Fener eines Schlachtroſſes gegen die Stirne der Feinde treiben. So überwältigend auch mein Gefühl der Schwachheit iſt, der Gedanke, daß Catharine mich ſehe, würde mir Kraft geben. Sagt doch— o, ſagt doch— daß ſie die meinige wird, wenn wir den Kampf gewin⸗ nen, und ſelbſt Gow Chrom, deſſen Herz mit ſeinem Ambos von einem Stücke iſt, ging nie ſo ſchnell in die Schlacht, als ich es thun werde. Eine heftige Leiden⸗ ſchaft wird durch eine andere beſiegt.“ 3 „Das iſt Thorheit, Couichar. Vermag die Erinne⸗ rung an Euer Intereſſe, Eure Ehre, Euren Stamm nicht ſo viel, Euren Muth zu erregen, als die Gedan⸗ ken an ein ſchwarzängiges Mädchen? Pfui, Mann* »„Ihr ſagt mir nur, was ich mir ſelbſt ſagte— aber es iſt vergebens,“ verſetzte Eachin ſeufzend.„Nur ſo lange der ſchüchterne Rehbock mit dem Reh gepaart iſt, iſt er verzweifelt und gefährlich. Sey es köyper⸗ lich— komme es, wie unſere hochländiſchen Cailiachs ſagen werden, von der Milch des weißen Rehs— komme es von meiners friedlichen Erziehung, und der Erfah⸗ 108 rung Eurer ſtrengen Zucht— komme es, wie Ihr glaubt, aus einer erhitzten Phantaſie, welche die Gefahr noch gefährlicher und ſchrecklicher ausmahlt, als ſie wirklich iſt, ich kann es nicht ſagen. Aber ich kenne mein Ge⸗ fühl, und ja— ich muß es ſagen,— ſo ſehr fürchte ich, es nicht zu überwinden, daß ich ſelbſt ſtille ſtehen, mei⸗ nen Rang niederlegen und mich einem niedern Le⸗ ben zurückziehen würde, wenn ich unter ſolchen Bedin⸗ gungen Eure Zuſtimmung zu meinem Wunſche erhalten könnte.“ „»Was, am Ende Handſchuhmacher werden, Cona⸗ char?s ſagte Simon;„dieß uͤbertrifft die Legende vom heiligen Criſpin. Nein, nein, Eure Hand war nie dazu gemacht; Ihr ſollt mir keine Rehfelle mehr verderben.“ „Spaßt nicht,“ ſagte Eachin,„ich bin ernſthaft. Wenn ich nicht arbeiten kann, ſo will ich Reichthum genug mir verſchaffen, um ohne dieſes zu leben. Sie werden mich mit Horn und Kriegspfeiſe als einen Abtruͤnnigen ausrufen.— Laßt das— Catha⸗ rine wird mich um ſo mehr lieben, weil ich den Pfad des Friedens dem des Blutvergießens vorzog, und Vater Clemens wird uns lehren, die Welt zu be⸗ dauern und ihr zu verzeihen, wenn ſie uns mit Vor⸗ wuͤrfen uͤberhaͤuft, die nicht verwunden. Ich werde der gluͤcklichſte Mann ſeyn— Catharine wird Alles haben, was unbeſchraͤnkte Liebe ihr geben kann, und wird von der Furcht frei ſeyn, Schreckensſcenen zu ſehen und zu hoͤren, die ihre ungluͤckliche Heirath ihr bereitet haben wuͤrde, und Ihr, Vater Glover, wer⸗ det Eure Kaminecke einnehmen, der gluͤcklichſte, ge⸗ ehrteſte Mann, der je—« „Halt' inne, Eachin,— ich bitte dich, halt' inne,« fiel der Handſchuhmacher ein,„das Tannenlicht, mit welchem dieſes Geſpraͤch geendet ſeyn muß, brennt ſehr ſchwach, und ich habe auch noch ein ehrliches 5 109.— Wort zu ſagen, wie's am beſten iſt. Wenn es Euch auch quaͤlt oder vielleicht auch wuͤthend macht, laßt mich dieſe Traͤume enden, indem ich mit Einem Wort Euch ſage,— Catharine kann nie die Eurige werden. Ein Handſchuh iſt das Zeichen der Treue, und ein Mann aus unſerer Zunft darf daher noch weniger als ein anderer die ſeinige brechen. Catha⸗ rinens Hand iſt verſprochen— verſprochen einem Manne, den Ihr haſſen moͤget, aber auch ehren mußt — Heinrich, dem Waffenſchmied. Die Heirath iſt zu ihrem Stande paſſend, ihren gegenſeitigen Wuͤnſchen angemeſſen, und ich habe mein Wort gegeben. Es iſt am beſten, gerade heraus zu ſprechen, raͤcht meine Weigerung, wie Ihr wollt— ich bin ganz in Eu⸗ rer Gewalt— aber nichts ſoll mich zwingen, mein Wort zu brechen.“ Der Handſchuhmacher ſprach ſo beſtimmt, weil er aus Erfahrung wußte, daß der reizbare Charakter ſeines einſtigen Lehrjungen in den meiſten Fällen ernſten und beſtimmten Entſchluſſen Raum gab. Doch gedenkend, wo er war, ſah er mit einem Gefuͤhle von Furcht die ſterbende Flamme gauffahren, und einen ſtarken Blitz auf Eachins Geſicht werfen, der blaß wie das Grab war, waͤhrend ſein Auge rollte, wie das eines Fieberhitzigen. Das Licht ſank ploͤtzlich nie⸗ der und erloſch, und Simon fuͤhlte einen augenblick⸗ lichen Schrecken, er moͤchte um ſein Leben mit dem Juͤngling zu ſtreiten haben, den er gewaltſamer Hand⸗ lungen faͤhig wußte, wenn er ſehr erregt war; doch konnte ſeine Natur nur kurze Zeit die Maßregeln unterſtuͤtzen, die ſeine Leidenſchaft ergriff. Er wurde durch Eachins Stimme beruhigt, der in einem rau⸗ hen und veraͤnderten Tone murmelte: „„»Laßt, was wir dieſe Nacht mit einander ſprachen, immer in Stillſchweigen ruhen.— Wenn du es ans — 110 Licht bringſt, ſo waͤre es beſſer, du gruͤbeſt dein eige⸗ nes Grab. Indem er ſo ſprach, oͤffnete ſich die Thuͤre der Huͤtte, und ließ einen Strahl vom Mondſchein herein. Die Geſtalt des hinausgehenden Haͤuptlings zeigte ſich einen Augenblick, die geflochtene Thuͤre ſchloß ſich, und die Huͤtte blieb in Finſterniß. Simon Glover war froh, ein Geſpraͤch, voll Belei⸗ digung und Gefahr, ſo friedlich zu Ende gebracht zu ſehen. Aber tief ruͤhrte ihn der Zuſtand Hector Mar Jan's, den er ſelbſt auferzogen hatte. „Armes Kind,“ ſagte er,„auf einen ſo hohen Platz geſtellt zu werden, nur um mit Verachtung wieder herabzuſteigen! Was er mir ſagte, wußte ich theil⸗ weiſe; da ich oft bemerkte, daß Conachar geneigter war zu zanken als zu fechten. Aber dieſe uͤbermaͤchtige Feigherzigkeit, die weder Scham noch Noth unterdruͤ⸗ cken kann, kann ich, der ich kein William Wallace bin, nicht begreifen. Und ſich zum Braͤutigam fuͤr meins Tochter vorzuſchlagen, als haͤtte eine Braut Muth fuͤr ſich und den Braͤutigam! Nein, meine Catharine muß einen Mann haben, zu dem ſie ſagen darf: „„Gatte, ſchone deinen Feind,«⸗ und keinen ſolchen, fuͤr den ſie rufen muß:„pedler Feind, ſchone meinen Gatten.““. Ermuͤdet von dieſen Gedanken, ſchlief der alte Mann endlich ein. Am Morgen weckte ihn ſein Freund der Booſhalloch, der mit etwas weißem Geſicht ihm vor⸗ ſchlug, zu ſeiner Wohnung auf der Matte im Bal⸗ lough, das heißt, am Ausfluß der Sees in den Strom zurhäzntehnfn, Er brachte die Entſchuldigung vor, aß der Haͤuptling dieſen Morgen Simon Glover nicht ſehen koͤnne, weil er mit den Vorbereitungen zum Kampf beſchaͤftigt ſey: Eachin Mae Jan halte en Aufenthalt am Ballough am ſicherſten fuͤr Simon Glover's Geſundheit, und habe Befehl gegeben, fuͤr 111 feinen Schutz und ſeine Bequemlichkeit alle Sorge zu ragen. Niel Booſhalloch verweilte auf dieſen Umſtaͤnden, um die Vernachlaͤſſigung, die in der Entlaſſung des Beſuchs von Seiten des Haͤuptlings ohne eine beſon⸗ dere Audienz enthalten war, zu verdecken. „Sein Vater wußte es beſſer,“ ſagte der Hirte. „Aber wo haͤtte er Sitten lernen ſollen, der arme Mann, der unter den Buͤrgern Eures Perth erzogen wurde, die, Euch ausgenommen, Nachbar Glover, der Ihr ſo gut gaͤliſch ſprecht als ich, ein zur Hoͤflichkeit ganz unfaͤhiges Geſchlecht ſind?«« Man wird wohl glauben, daß Simon Glover den Mangel an Achtung, den ſein Freund bei ihm vor⸗ ausſetzte, nicht hoch aufnahm. Dagegen zog er die ruhige Wohnung des auten Hirten der ſuuͤrmiſchen Gaſtfreundſchaft des taͤglichen Feſtes beim Haͤuptling weit vor, ſelbſt wenn er mit Cachin kein Geſpraͤch vehedt haͤtte, das zu uͤberleben fuͤr ihn eine große Verlegenheit war. Er zog ſich alſo an den Ballough zuruͤck, wo er, wenn er wegen Catharinen ſicher geweſen waͤre, ziem⸗ lich angenehm die Zeit zugebracht haͤtte. Seine Un⸗ terhaltung war, in einem kleinen Schiff, das ein hollaͤndiſcher Knabe fuͤhrte, waͤhrend der alte Mann angelte, auf dem See zu fahren. Er landete oft an der kleinen Inſel, wo er auf dem Grab ſeines alten Pehundes Gilchriſt Mac Jan ſchwaͤrmte, und die oͤnche ſich zu Freunde machte, indem er dem Prior einen Handſchuh von Marterpelz und den niedern Dienern jedem ein Paar aus dem Fell einer wilden Katze ſchenkte. Das Schneiden und Naͤhen dieſer klei⸗ nen Geſchenke vertrieb ihm die Zeit nach Sonnen⸗ untergang, waͤhrend die Familie des Hirten ſich um thn verſammelte, ſeine Geſchicklichkeit bewunderte und Hen Geſchichten unv Liedern zuhoͤrte, mit welchen der alte Mann einen langen Abend zu verkuͤrzen wußte. Es iſt zu bemerken, daß der vorſichtige Handſchuh⸗ macher den Umgang des Vater Clemens mied, den er irrigerweiſe lieber fuͤr den Urheber ſeines Ungluͤcks, als fuͤr den ſchuldloſen Theilnehmer deſſelben anſah. Ich will nicht, dachte er, ſeinen Phantaſien zu gefal⸗ len, die Freundſchaft dieſer guten Moͤnche, welche mir einſt nuͤtzlich ſeyn kann, verlieren. Ich habe genug durch ſeine Predigten gelirten, glaube ich. Sie haben mich wenig weiſer, aber viel aͤrmer gemacht. Nein, nein, Catharine und Clemens moͤgen denken, wie ſie wollen; aber ich werde die erſte Gelegenheit ergreifen, mich einer gehoͤrigen Buße im haͤrenen Rock mit einer Poͤnitenzgeiſel zu unterziehen, einen tuͤchtigen Packeſel zu beladen, und mit der Kirche wieder auf guten Fuß zu kommen. Mehr als vierzehn Tage waren verfloſſen, ſeit der Handſchuhmacher am Ballough ankam, und er fing an ſich zu verwundern, daß er nichts von Catharine er⸗ fuhr oder von Heinrich Wynd, dem doch nach ſeiner Vorausſetzung der Oberrichter den Plan und Ort ſeiner Flucht mitgetheilt haben mußte. Er wußte, daß der ruͤſtige Schmied nicht in das Land des Clan Quhele kommen durfte, wegen verſchiedener Fehden mit den Einwohnern und mit Eachin ſelbſt, ſo lang er den Namen Conachar trug; aber doch, dachte der Handſchuhmacher, koͤnne Heinrich Mittel finden, ihm eine Botſchaft oder ein Zeichen durch einen der ver⸗ ſchiedenen Boten zu ſchicken, die zwiſchen dem Hof und dem Hauptquartier des Clan Quhele hin⸗ und hergingen, um uͤber die Bedingungen des bevorſtehen⸗ den Kampfes, den Marſch der Parthieen nach Perth und andere Einzelnheiten, bie vorlaufig beigelegt wer⸗ den mußten, zu unterhandeln. Man war nun in der — 413 Mitte des Maͤrz und der unheilſchwangere Palm⸗ ſonntag nahte. Waͤhrend die Zeit ſo voruͤberſchlich, hatte der ver⸗ bannte Handſchuhmacher ſeinen einſtigen Lehrling mit keinem Auge geſehen. Die Sorgfalt, mit der ſeine Beduͤrfniſſe und Bequemlichkeiten in jeder Hinſicht befriedigt wurden, zeigte, daß er nicht vergeſſen war; doch wenn er des Haͤuptlings Horn durch die Waͤlder ertoͤnen hoͤrte, richtete er gewoͤhnlich ſeinen Spazier⸗ gang nach einer andern Seite hin. Eines Morgens aber fand er ſich unerwartet in Eachin's Naͤhe und konnte ihn kaum noch vermeiden, was folgendermaßen zuging. Waͤhrend Simon nachdenklich durch eine kleine Wald⸗ lichtung, die auf jeder Seite mit großen aus dem Gebuͤſch hervorragenden Baͤumen umringt war, ſchlen⸗ derte, ſprang ein weißes Reh aus dem Oickicht, von zwei großen Jagdhunden verfolgt, von welchen einer es bei der Huͤfte, der andere bei der Kehle ergriff, und es bis auf eine Ackerlaͤnge von dem Handſchuh⸗ macher ſchleppte, der uͤber dem ploͤtzlichen Vorfall etwas erſchrack. Das nahe und durchdringende Blaſen eines Horns und das Bellen eines Spuͤrhundes ließen Si⸗ mon merken, daß die Jaͤger nahe und dem Thier auf der Spur waren. Ein Hallohgeſchrei und das Getoͤſe von Maͤnnern, die durch das Gehuͤſch ſprangen, hoͤrte er in der Naͤhe. Ein wenig Ueberlegung haͤtte Simon uͤberzeugt, daß es das Beſte ſey, ſtehen zu bleiben, oder langſam ſich zuruͤckzuziehen, und Eachin ihn er⸗ kennen zu laſſen oder nicht, wie es ihm beliebte. Aber ſein Wunſch, dem jungen Mann aus dem Weg zu gehen, war ihm zu einer Art pon Inſtinkt geworden, und in dem Schrecken, ihn ſo nahe zu finden, ver⸗ ſteckte ſich Simon unter einen Haſelbuſch, der mit Stechpalm durchwachſen war und ihn ganz verbarg. 8 Walter Scott's Werke. 1558 Bochn. 114 Kaum war dieß geſchehen, ſo ſprang Eachin, roth vor Anſtrengung aus dem Dickicht in die Lichtung, von ſeinem Pflegevater Torquil von der Eiche begleitet. Letzterer warf mit gleicher Anſtrengung das kaͤmpfende Thier auf den Ruͤcken, hielt ſeine Vorderfuͤße in der rechten Hand, kniete ihm auf den Leib, und bot dem jungen Haͤuptling ſein Meſſer mit der linken, um dem Thier die Kehle abzuſchneiden. „Es kann nicht ſeyn, Torquil; nimm das Thier ſelbſt. Ich darf nicht das Ebenbild meiner Pflege⸗ mutter toͤdten."“« Er ſprach dieß mit einem melancholiſchen Laͤcheln, indeß eine Thraͤne zu gleicher Zeit ihm in den Augen ſtand. Torquil ſah ſeinen jungen Haͤuptling einen Augenblick an, dann zog er ſein Weidmeſſer durch die Kehle des Thiers mit einem ſchnellen und ſteten Schnitt, daß die Waffe bis an das Ruͤckenbein reichte. Dann ſtand er auf, heftete wieder einen durchdringen⸗ den Blick auf ſeinen Haͤuptling und ſagte:„wie ich hier dieſem Reh gethan habe, wuͤrde ich jedem leben⸗ den Manne thun, deſſen Ohren meinen Dault(Pflege⸗ ſohn) ein weißes Reh nennen, und das Wort mit Hector's Namen paaren gehoͤrt haͤtte!“ Wenn Simon vorher keinen Grund hatte, ſich ver⸗ borgen zu halten, ſo gab ihm Torquil's Rede einen dringenden. „Es kann nicht verborgen bleiben, Vater Torquil,“ fagte Eachin,„es will heraus an den lichten Tag.“ „Was will heraus? was will an den lichten Tag 2⸗ fragte Torquil erſtaunt. Es iſt das unſelige Geheimniß, dachte Simon, und wenn jetzt dieſer große Geheimrath nicht ſchweigen kann, ſo werde ich dafuͤr verantwortlich gemacht wer⸗ den, wenn Eachin's Schande herumkommt. Indem er dieſe aͤngſtliche Gedanken hegte, erhob er ſich von ſeiner Lage, um ſo gut als moͤglich zu ſehen, —j,— 11⁵ was zwiſchen dem ungluͤcklichen Haͤuptling und ſeinem Vertrauten vorgehe, durch den Geiſt der Neugierde getrieben, den wir in den wichtigſten wie in den ge⸗ meinſten Lebensfaͤllen, und der bisweilen mit großer peyſoͤnlicher Furcht in Geſellſchaft gefunden wird. Waͤhrend Torquil Eachin's Mittheilungen zuhoͤrte, fank der junge Mann in ſeine Arme, ſuͤtzte ſich auf ſeine Schulter, und ſchloß ſein Bekenntniß durch et⸗ was, das er ihm ins Ohr fluͤſterte. Torquil ſchien mit ſo viel Staunen zu hoͤren, daß er unfaͤhig war, ſeinen Ohren zu glauben. Als wollte er ſich uͤber⸗ zeugen, daß es Eachin ſey, der ſpreche, hob ſich all⸗ maͤhlig der Jungling von ſeiner angelehnten Stellung auf, hielt ihn an der Schulter ein wenig von ſich, indem er ein Auge auf ihn heftete, das durch die Wunder, die er vernahm, zugleich erweitert und in Stein verwandelt zu ſeyn ſchien. So wild wurde des Alten Geſicht, nachdem er die gemurmelte Mittheilung gehoͤrt hatte, daß Simon fuͤrchtete, zer werde den Juͤngling als einen entehrten von ſich werfen, in welchem Fall er aus dem Gebuͤſch, in dem er verbor⸗ gen lag, ſich erhob und ſeine Entdeckung gleich pein⸗ lich und gefaͤhrlich gemacht haͤtte. Aber die Leiden⸗ ſchaft Torquil's, der ſeinen Pflegeſohn mit der dop⸗ pelten leidenſchaftlichen Zaͤrtlichkeit liebte, die dieſer Verbindung immer im Hochland anhaͤngt, nahm eine andere Wendung..— „Ich glaube es nicht!“ rief er aus,„es iſt falſch von deines Vaters Kind;— falſch von deiner Mutter Sohn!— falſch von meinem Pflegeſohn! Ich ver⸗ pfaͤnde mich dem Himmel und der Hoͤlle, und will gegen Jedermann den Kampf behaupten, der es wahr nennen wird. Du biſt von einem boͤſen Auge bezau⸗ bert, mein Liebling, und die Schwaͤche, die du Feig⸗ heit nennſt, iſt das Weak der Banharat; Ich erinnere 116 mich der Kenle, die in deiner Geburtsſtunde, jener Stunde des Schmerzens und der Freude, die Fackel ausſchlug. Aber troͤſte dich, mein Geliebter! du ſollſt mit mir nach Jona, und der gute St. Columbus, mit der ganzen Schaar geſegneter Heiligen und En⸗ gel, die je dein Geſchlecht beguͤnſtigten, wird dir das Herz des weißen Rehs nehmen, und dir das zuruͤck⸗ geben, das ſie dir geſtohlen haben.⸗ 3 Eachin hoͤrte mit einem Blick zu, als haͤtte er gerne die Worte des Troͤſters geglaubt. „Aber, Torquil,“ ſagte er,„vorausgeſetzt, daß dieß uns helfen koͤnnte, naht der unſelige Tag, und ich gehe in die Schranken, ſo fuͤrchte ich, wir werden ge⸗ ſchaͤndet werden.«. „)Es kann, es wird nicht ſeyn,“ entgegnete Torquil, —„»„ſo weit darf die Hoͤlle nicht ſiegen— wir wollen dein Schwert in heiliges Waſſer tauchen, Eiſenkraut, St. John'skraut, und Eſchenzweige in deinen Helm ſtecken. Wir wollen dich umringen, ich und deine acht Bruͤder— du ſollſt ſicher ſeyn wie in einem Schloß.“ Der huͤlfloſe Jungling murmelte wieder etwas, was er wegen des leiſen Tons, in dem es geſprochen wurde, nicht verſtehen konnte; Torquils tiefe Stimme dage⸗ gen konnte er voll und deutlich vernehmen. „Ja, es iſt einige Hoffnung dg, dich von dem Kampf zuruͤckzuziehen. Du biſt der Juͤngſte, der die Klinge ziehen wird. Nun hoͤre mich und du ſollſt erfahren, was es heißt, die Liebe eines Pflegevaters zu haben, und wie weit dieſe uͤber die Liebe zu den Verwandten geht. Der Juͤngſte auf der Liſte des Clan Chattan iſt Fergquhard Day. Sein Vater erſchlug den meini⸗ gen, und das rothe Blut ſiedet heiß zwiſchen uns— ich ſah den Palmſonntag als das Ziel an, das es kuͤhlen ſollte.— Aber hoͤre!— Man haͤtte denken ſollen, das Blut in den Adern dieſes Ferquhard Day und in den meinigen wuͤrde, wenn es in daſſelbe 117 Gefaͤß gebracht wuͤrde, ſich nicht vermiſchen; doch hat er die Augen auf meine einzige Tochter Eva— dieß ſchoͤnſte unſerer Maͤdchen, geworfen. Denke, mit welchen Gefuͤhlen ich das hoͤrte. Es war, als wenn ein Wolf aus den Waͤldern von Ferraga geſagt haͤtte: „„ gib mir deine Tochter zum Weibe, Torquil. Meine Tochter denkt nicht ſo, ſie liebt Ferquhard, und weint aus Furcht vor dem nahen Kampfe ihre Farbe und Geſundheit weg. Laß ſie ihm ein guͤnſti⸗ ges Zeichen geben, und ich weiß, er wird Haus und Hof vergeſſen, das Feld verlaſſen und mit ihr in die Einoͤde fliehen. es⸗ „Wenn er, der Juͤngſte unter den Kaͤmpfern des Clan Chattan weg iſt, ſo kann ich, der Juͤngſte des Clan Quhele aus dem Kampf entſchuldigt werden,“« ſagte Eachin, uͤber das unedle Rettungsmittel, das ihm offen ſtand, erroͤthend. „Sieh nun, mein Haͤuptling,« ſagte Torquil⸗„ und urtheile, wie ich gegen dich geſinnt bin— andere moͤgen dir Leben und Soͤhne opfern— ich opfere dir die Ehre meines Hauſes.“ „Mein Freund, mein Vater, wiederholte der Haͤuptling, Torquil an die Bruſt ſchließend, wie nie⸗ dertraͤchtig bin ich, daß ich Feigheit genug habe, Euer Opfer anzunehmen!es „Sprich nicht davon— gruͤne Waͤlder haben Ohren. Laß uns aufs Feld zuruͤck, und unſere Jungens auf die Jagd ſchicken.— Zuruͤck, Hunde, und folgt auf den Ferſen.«⸗ Der Spuͤrhund hatte, gluͤcklich fuͤr Simon, ſeine Naſe in das Blut des Rehs getaucht, ſonſt wuͤrde er die Spur des Handſchuhmachers im Dickicht gefunden haben; da aber ſein ſchaͤrferer Geruch verloren war, folate er ruhig den uͤbrigen Jaghunden. Als die Jaͤger nicht mehr geſehen und Fehirt wer⸗ den konnte, ſtand der Handſchuhmacher auf, ſehr he⸗ 118 ruhigt uͤber ihren Abzug, und fing an, in entgegen⸗ geſetzter Richtung, ſo ſchnell als ſein Alter es erlaubte, davon zu gehen. Sein erſter Gedanke war die Treue des Pflegevaters. „Das wilde Herz der Bergbewohner iſt treu und wahr. Dieſer Mann gleicht mehr den Rieſen in den Romanzen, als ein Mann von Erde uns ſelbſt; und doch ſollten Chriſtenmenſchen ein Beiſpiel an ſeiner Reſchaffenheit nehmen. Es iſt zwar ein einfaͤltiger Kniff, einen Mann aus der Klaue der Feinde zu ziehen, als waͤren nicht zwanzig von den wilden Ka⸗ tzen hereit, ſeinen Platz zu erſetzen.« So dachte der Handſchuhmacher, vergeſſend, daß die ſtrengſten Befehle gegen die Annaͤherung irgend eines von den beiden ſtreitenden Clans, ihren Freunden, Verbuͤndeten und Verwandten, auf fuͤnf Meilen von Perth, eine Woche vor und nach dem Kampf gegeben waren, und daß uͤber dieſer Verordnung durch Be⸗ waffnete gewacht wurde. Als unſer Freund Simon bei der Wohnung des Hirten ankam, traf er andere Neuigkeiten an, die auf ihn warteten. Sie wurden von Vater Clemens gebracht, der im Pilgerkleid oder Prieſtergewand kam, und nach Suͤden zuruͤckkehren und von dem Gefährten ſeiner Verbannung Abſchied nehmen, oder ihn als Begleiter annehmen wollte. „Was hat denn Euch,« ſagte der Buͤrger,„ſo ploͤtzlich verfuͤhrt, in die Gefahr zuruͤckzueilen 24⸗ „»„Habt Ihr nicht gehoͤrt,« ſagte Vater Clemens, „daß March und ſeine engliſchen Verbuͤndeten ſich vor dem Grafen pon Douglas nach England zuruͤck⸗ zoagen, und der gute Graf ſich bemuͤht, das ulngluͤck des Staats abzuwenden, und an den Hof Briefe ge⸗ ſchrieben hat, welche die Aufhebung des hohen Ketzer⸗ gerichts als eine Stoͤrung der Gewiſſen verlangen— daß die Ernennung Roberts von Wartlaw dem Par⸗ 1¹9 lament uͤbertragen iſt, nebſt vielem Andern, was den Gemeinen gefaͤllt? Nun haben ſich viele Edle bei dem Koͤnig von Perth, und unter ihnen Sir Patrick Char⸗ teris, Euer wuͤrdiger Oberrichter fuͤr die Vorſchlaͤge des Douglas erklaͤrt. Der Herzog von Albany hat ſeine Einſtimmung dazu gegeben, ob aus gutem Wil⸗ len oder aus Staatsklugheit, weiß ich nicht. Der gute Koͤnig iſt leicht zu milden und guͤtigen Maßregeln zu uͤberreden. So ſind die Zeichen der Unterdruͤcker in ihren Hoͤhlen in Stuͤcke gebrochen, und die Beute ihren raͤuberiſchen Klauen entriſſen. Wollt Ihr mit mir ins Niederland, oder bleibt Ihr noch eine Zeit⸗ lang hier?« Niel Booſhalloch erſparte feinem Freund die Ver⸗ legenheit zu antworten. „Er habe vom Haͤuptling den Befehl erhalten,« fagte er,„Simon Glover zu ſagen, daß er bleiben ſoll, bis die Kaͤmpfer zum Treffen hinabgehen wuͤr⸗ den.« In dieſer Antwort ſah der Buͤrger etwas, das mit ſeiner vollkommenen Freiheit, zu gehen, nicht ganz beſtehen konnte; aber er kuͤmmerte ſich wenig darum, da es eine gute Entſchuldigung darbot, mit dem Moͤnch nicht zu reiſen. „Ein vortrefflicher Mann,« ſagte er zu ſeinem Freund, Niel Booſhalloch, als Vater Clemens Abſchied genommen hatte,„ein großer Gelehrter und großer Heiliger. Es iſt faſt Schade, wenn er nicht in Gefahr iſt, verbrannt zu werden; denn ſeine Rede am Pfahl wuͤrde Tauſende bekehren. O, Niel Booſhalloch! der Scheiterhaufen des Vater Clemens waͤre ein ſuͤß rie⸗ chendes Opfer und ein Leuchtthurm fuͤr alle fromme Chriſten. Aber was wuͤrde das Verbrennen eines unwiſſenden gemeinen Buͤrgers wie ich nuͤtzen? Man gibt nicht altes Handſchuhleder fuͤr Weihrauch, noch unterhaͤlt man die Leuchtthuͤrme mit ungegerbten Haͤu⸗ ten. Wahrlich, ich habe zu wenig Gelehrſamkeit und 120 zu viel Furcht, um fuͤr die Sache eingenommen zu⸗ ſeyn; und ich wuͤrde nach unſerem heimathlichen Aus⸗ druck beides, den Schaden und den Spott haben.“ „»Nicht anders,« antwortete der Hirte. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Wir müſſen nun zu den Perſonen unſres Drama's zurückkehren, die wir im Park ließen, um den Hand⸗ ſchuhmacher und ſeine ſchöne Tochter nach Kinfauns und von dieſer gaſtfreundlichen Wohnung wenigſtens Simon an den Loch Tay zu begleiten; unter dieſen aber fordert der Prinz, als die höchſte Perſon, unſre nächſte Aufmerkſamkeit. Dieſer raſche unbeſonnene Jüngling ertrug mit einiger Ungeduld ſeine Verban⸗ nung in des Connetablis Haus, deſſen, in jeder Hin⸗ ſicht angenehme Geſellſchaft ihm, aus keinem andern Grunde genügend war, als weil er einigermaßen ſeinen Vormund ſpielte. Erzürnt gegen ſeinen Oheim und mißvergnügt mit ſeinem Vater, ſehnte er ſich natürlich nach der Geſellſchaft Sir Joöhn Ramorny's, von dem er ſo lange gewohnt war, ſich zu ergötzen, und, ſo be⸗ leidigend ihm auch dieſer Vorwurf geſchienen hätte, leiten und beherrſchen zu laſſen. Er ſchickte ihm daher eine Einladung, ihn zu beſuchen, wenn ſeine Geſund⸗ heit es erlaubte; und bedeutete ihm, zu Waſſer nach einem kleinen Pavillon in des Großconnetablis Garten ſich zu begeben, der, wie Sir John's eigner, an den Tay ſtieß. Bei der Erneuerung einer ſo gefährlichen Verbindung bedachte Rothſay nur. daß ar Ste erers 4 e. 2 7.„ n Sir Zvynv freigebiger Freund geweſen, während hingegen Namorny, als ex die Einladung erhielt, ſich nur der launiſchen Beleidigungen ſeines vormaligen Gebieters, des Ver⸗ luſts ſeiner Hand, der Leichtigkeit, mit der der Prinz dieſen betrachtete, und der Bereitwilligkeit erinnerte, 121 mit der Rothſay ihn in Bezug auf die Ermordung des Strumpfwirkers verlaſſen hatte. Er lachte bitter, als er das Billet des Priuzen geleſen hatte. „Eviot,“ ſagte er,“ bemanne ein gutes Boot mit ſechs rüſtigen Männern— hörſt du, rüſtigen Männern — verliere keinen Augenblick und laß Dwining ſogleich herkommen.— Der Himmel lächelt uns,“« rief er dem Arzt zu, als dieſer eintrat,„ich zerbrach mir den Kopf, wie ich an den ſchwachen Knaben kommen konnte, und da ladet er mich ſelbſt ein.“. »Hm! ich ſehe die Sache ganz klar,“ ſagte Dwining, hde Himmel lächelt zu etlichen unerwarteten Vorfällen, ihihi! 4— 8 „Nichts, die Schlinge iſt fertig und mit einem Köder verſehen, Freund, der den Knaben aus einem Heilig⸗ thume locken würde, wenn ihn auch ein Trupp mit ge⸗ zückten Schwextern auf dem Kirchhof erwartete. Aber ſie iſt kaum nöthig. Seine eigene Ungeduld hätte den Streich gethan. Halte deine Sachen bereit.— Der geht mit uns. Schreibe ihm, weil ich nicht kann, wir werden ſogleich kommen und ſeine Befehle erwarten, aber ſchreibe recht. Er liest gut und das verdankt er mir. „Er wird Eurer Tapferkeit noch mehr Kenntniß zu danken haben, eh' er ſtirbt— hihihi! Aber iſt Euer Han⸗ del mit dem Herzog von Albany ſicher?. „Genug, um meinen Ehrgeiz, deine Habgier und bei⸗ der Rache zu befriedigen. Zu Boot, ſogleich; Eviot ſoll etliche Flaſchen des beſten Weins hineinſchaffen und etlich kaltes Backwerk.“ —„Aber Euer Arm, Mylord, Sir John? Schmerzt er wicht 2 Eucye nun- 3 fan zues Herzens ſtillt chmerz †„Das Kiopfen meines Herzens ſtillt den Schm meiner Wunde; es ſchlägt, als wollte es mir die Bruſt zerſprengen.“ 8 „»Das verhüte der Himmel! ſagte Dwining und fügte leiſe hinzu:„es müßte ſeltſam ausſehen. Ich möchte es 12² ſeciren, wenn ſein harter Stein nicht meine beſten Werkzeuge verdürbe.“ In wenigen Minnten waren ſie im Boot, während ein Eilbote dem Prinzen den Brief brachte. Rothſay ſaß nach der Mittagstafel beym Connetable. Er war trübſinnig und ſtill; und der Graf hatte eben gefragt, ob es ihm gefalle, daß die Tafel aufgehoben werde, als ein Brief, der dem Prinzen übergeben wurde, ſein Ausſehen änderte. „Wie ihr wollt,« ſagte er;„ich gehe zum Gartenpa⸗ villon,— immer mit der Erlaubniß von Mylord Con⸗ netable,— um meinen ehemaligen Stallmeiſter zu em⸗ pfangen.“ „Mylord?“ ſagte Graf Errol. »Ja, Mylord; muß ich zweimal um Erlaubniß bitten?2 „Gewiß nicht, mein Prinz,« war des Großconnetables Antwort,„aber erinnert ſich Eure königliche Hoheit, daß Sir John Ramorny— 4 „Doch nicht die Peſt hat, hoffe ich?“ fiel der Herzog ein;„ey, Errol, warum wollt Ihr den ſauertöpfiſchen Hofmeiſter ſpielen, da dies Euch doch gar nicht natür⸗ lich iſt— lebt wohl auf eine halbe Stunde.“ „Wieder eine Thorheit!“ ſagte Errol, als der Prinz die Gitterthür des ebnen Saals, worin ſie geſeſſen wa⸗ ren, öffnend, in den Garten hinausging.„Wieder eine Thorheit, dieſen Elenden von Neuem zum Rathgeber zu machen. Aber er iſt behext.“ Der Prinz wandte ſich indeſſen um und ſagte ſchnell⸗ „Eurer Herrlichkeit gute Haushaltung wird uns viel⸗ leicht einige Flaſchen und Erfriſchungen in den Garten ſchicken? Ich liebe das al fresco des Fluſſes.“ Der Graf verbeugte ſich und gab die noͤthigen Be⸗ fehle, ſo daß Sir John eine gute Mahlzeit antraf, als er landete, und in den Pavillion trat. „Es ſchmeret mich, Eure Hoheit bevormundet zu ſehen,« begann Namorny, mit wohl ausgefuͤhrtem Anſchein von Mitgefuͤhl, 423 „»Dein Kummer iſt auch mein Schmerz,“ war die Antwort des Herzogs.„Wahrlich, Errol, dieſer kreu⸗ herzige, wackere Lord hat mich mit ernſten Blicken und auch ziemlich ernſten Lectionen ſo ermuͤdet, daß ich zu dir mich fluͤchten mußte, du ſchlechter Menſch, von dem ich aber nichts Gutes erwarte, aber doch vielleicht eine Unterhaltung gewinne. Aber ehe wir weiter ſprechen, es war eine ſchlechte That, die vom Faſtendienſtag. Ich hoffe, ſie kam nicht von dir.“ „Bei meiner Ehre, Mylord, ein bloßer Irrthum des viehiſchen Bonthron. Ich deutete blos an, ein rechter Hieb wurde dem Burſchen geboten, durch den ich die Hand verlor, und ſiehe da, mein Schurke machte einen doppelten Mißgriff. Er nimmt einen Mann ſtatt des Andern und die Art ſtatt des Pruͤgels.“* „Gut, daß es nicht weiter kam. Es liegt wenig an dem Muͤtzenhaͤndler; aber das haͤtt' ich dir nie vergeben, wenn der Waffenſchmied gefallen waͤre,— ſeines Gleichen iſt nicht in Britannien.— Aber ich hoffe, ſie haben den Schuft hoch genug gehaͤngt?« „Wenn dreißig Fuß hinreichen,“ erwiederte Ra⸗ morny. „Pahl nichts mehr von ihm,“ ſagte Rothſay,„ſein elender Name macht, daß der gute Wein nach Blut ſchmeckt.— Und was gibts in Perth? was machen unſre bona roba's*) unſre luſtigen Kameraden?“ „»Wenig Luſtigkeit mehr, Mylord,“ antwortete der Ritter,„alle Augen ſind auf die Bewegungen des ſchwarzen Douglas gerichtet, der mit fuͤnftauſend au erleſenen Kriegern anruͤckt, um uns alle zurecht zu bringen, als ging's zu einem zweiten Otter⸗ *) Italieniſch, gute Wagren, ſ. v. a. Frendenmaͤd⸗ chen. A. d. Ueberſ. . 124 burn.*) Man ſagt, er werde wieder Statthalter werden. Es haben ſich Viele fuͤr ſeine Parthei erklaͤrt.« „Nun, ſo iſts Zeit, daß meine Fuͤße ſrei ſind, ſonſt koͤnnte ich einen ſchlimmern Vormund finden, als Errol,“ ſagte Rothſax. „Ach, Mylord! waͤret Ihr nur von hier weg, Ihr koͤnntet ſo ſtark auftreten, als Douglas.“ „Ramorny,“ ſagte der Prinz ernſthaft,„ich habe nur noch eine verwirrte Erinnerung an den ſchauder⸗ haften Vorſchlag, den du mir thateſt. Huͤte dich vor ſolchem Rath. Ich will frei ſeyn— ich will uber mich ſelbſt zu gebieten haben, aber ich will nie die Waffen gegen meinen Vater oder gegen die erheben, denen es ihm zu vertrauen gefaͤllt. „Ich wagte nur fuͤr Euer Hoheit perſoͤnliche Frei⸗ heit zu ſprechen,“ antwortete Ramorny,„waͤre ich an Eurer Gnaden Stelle, ich wuͤrde mich in das gute Boot ſetzen, das auf dem Tay ſchwankt und ruhig nach Fife hinunter fahren, wo Ihr viele Freunde habt und Falkland in Beſitz nehmen koͤnnt. Es iſt ein koͤnigliches Schloß; der Koͤnig hat es zwar Eurem Oheim geſchenkt, aber, wenn auch dieſes Geſchenk nicht zu beſtreiten waͤre, haͤtte Euer Gnaden das Recht, bei einen ſo nahen Verwandten zu wohnen.“ V V „Er hat ſich auch meiner Guͤte bedient,“ ſagte der 4 Herzog,„wie die Domaͤne von Renfrew beweist. Aber halt, Ramorny— halt— hoͤrte ich nicht Errol ſagen, die Lady Marjory Douglas, die man Herzogin von Rothſay nennt, ſey zu Falkland? Ich moͤchte nicht bei dieſer Lady wohnen und ſie auch nicht durch Ver⸗ treibung aus ihrer Wohnung beleidigen.“ „Die Lady war da, Mylord,“ ſagte Ramorny,„aber di) Siaw gecwaun ein Douglas eine Schlacht gegen die e 2- dr 1 Englaͤnder. d. 1.eb: 125⁵ ſich habe ſichre Nachricht, daß ſie zu ihrem Vater ab⸗ gereist iſt.« „Ha! um den Douglas gegen mich aufzubringen? oder vielleicht ihn zu bitten, meiner zu ſchonen, wenn ich auf den Knieen zu ihrem Bett kaͤme, wie die Pilgrime erzaͤhlen, daß die Emire und Admirale, welchen ein ſaraceniſcher Sultan eine Tochter zur Gattin gibt, thun muͤſſen? Ramorny, ich will nach Douglas eignem Spruch handeln,„es iſt beſſer, die Lerche ſingen, als die Maus quicken hoͤren,“ und will Fuß und Hand entfeſſelt halten.“ „Kein Platz beſſer, als Falkland,“ war Ramorny's Antwort.„Ich habe Leute genug, ihn zu halten, und wuͤrde Eure Hoheit wuͤnſchen, das Schloß zu verlaſſen, ſo fuͤhrt ein kurzer Ritt in drei Richtungen an die See.“ 1 „Ihr ſprecht gut. Aber wir werden dort vor lan⸗ ger Weile ſterben. Keine Luſtigkeit, Muſik, Maͤdchen — Ha!“ ſagte der leichtſinnige Prinz. 3 „Verzeihr, edler Herzog; obgleich die Lady Marjory Douglas abgereist iſt, wie eine irrende Dame in den Rittergeſchichten, um die Huͤlfe ihres maͤchtigen Vaͤ⸗ ters anzuflehn, ſo iſt, darf ich ſagen, ein lieblicheres juͤngeres Maͤdchen, entweder ſchon zu Falkland, oder wird bald dahin kommen. Eure Hoheit hat das ſchoͤne Maͤdchen von Perth nicht vergeſſen?« „Vergeſſen, das huͤbſcheſte Kind in Schottland? Nein— ſo wenig, als du die Hand vergiſſeſt, die du in der Nacht von St. Valentin in der Curfew⸗ Straße brauchteſt.“. „Die Hand, die ich brauchte?— Eure Hoheit will ſagen, die ich verlor. So gewiß ich ſie nie wie⸗ der bekomme, iſt Catharine Glover in Falkland oder wird es bald ſeyn. Ich will Eurer Hoheit nicht mit der Verſicherung ſchmeicheln, daß ſie Euch erwartet— 436 in der That, ſie will ſich unter den Schutz der Lady Marjory begeben.“ „Die kleine Verraͤtherin,“ ſagte der Prinz,„auch ſie wendet ſich gegen mich?— Sie verdient Strafe, Ramorny!« „SIch denke, Eure Gnaden wird ihr die Buße leicht machen,“ entgegnete der Ritter. „Ich wollte ſchon lang ihr Pater Beichtvater wer⸗ den, fand ſie aber immer ſproͤde. »Es fehlte an Gelegenheit, Mylord, und jetzt draͤngt die Zeit.“ W 8.„Ich bin nur gar zu aufgeraͤumt zu einem Narren⸗ ſtreich; aber mein Vater“— „Er iſt perſoͤnlich ſicher,“ ſagte Ramorny,„und ſo frei, als er ſeyn kann, indeß Eure Hoheit“— „Feſſeln brechen muß, ehliche und buchſtaͤbliche— das weiß ich. Da kommt Douglas mit ſeiner Toch⸗ ter an der Hand— ſie iſt ſo ſtolz als er, und hat daſſelbe rauhe Geſicht, außer einigen Spuren des Alters.“ „Und zu Falkland ſitzt einſam das ſchoͤnſte Maͤdchen Schottlands,“ entgeguete Sir John,„hier iſt Buße und Zwang, dort Luſt und Freiheit.“⸗ „Du haſt geſiegt, hochweiſer Rath,“« ſagte Rothſay, naber merke dir's, es muß mein letzter Streich ſeyn.“ „Ja wohl,“ ſagte Ramorny,„denn wenn Ihr frei ſeyd, verſoͤhnt Ihr Euch mit Eurem Vater.“ „Ich will ihm ſchreiben, Namorny,— gib mir den Schreibzeug— nein, ich kann meine Gedanken nicht in Worte bringen— ſchreibe du.“ „Lure koͤnigliche Hoheit vergißt,“« ſagte Ramornp⸗. auf ſeinen verſtuͤmmelten Arm deutend. tbna deine verdammte Hand. Was koͤnnen wir un?“ 5 »Mit Erlaubniß Eurer Hoheit,“ erwiederte der 127 4 Rathgeber,„wolltet Ihr Euch der Hand des Arztes Dwining bedienen— er ſchreibt wie ein Gelehrter.“ „Fer⸗ er einen Wink von den Umſtaͤnden? Weiß er ſie?« „Genau,“ ſagte Ramorny, und rief, an's Feuſter tretend, Dwining aus dem Boot. Er trat kriechend, als traͤte er auf Eier, mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen und einer Geſtalt vor den Prinzen von Schottland, die vor Ehrfurcht zuſammen⸗ geſchrumpft ſchien. 3 „Hier, Burſche, iſt Schreibzeug. Ich will dich ver⸗ ſuchen— du weißt den Fall— ſtelle mein Benehmen bei meinem Vater in gutes Licht.“ Owining ſetzte ſich und ſchrieb in wenigen Minuten einen Brief, den er Ramorny einhaͤndigte. „Hat dir der Teufel geholfen, Dwining?“— fragte der Ritter.„Hoͤrt, Mylord.— Verehrter Vater und Fuͤrſt,— wichtige Gruͤnde noͤthigen mich, von Eurem Hofe abzureiſen und mich zu Falkland aufzuhalten, dem Sitz meines theuerſten Oheims von Albanp, mit dem, wie ich weiß, Eure Majeſtaͤt mich gern in gu⸗ tem Vernehmen ſieht, und dem Wohnort einer Dame, der ich zu lang entfremdet war, und der ich von nun tn das Verſprechen der treueſten Liebe zu geben mich eeile.« Der Herzog von Rothſay und Ramorny lachten laut; und der Arzt, der ſein eigenes Machwerk an⸗ gehoͤrt hatte, als waͤre es ein Todesurtheil, erhob, durch ihren Beifall ermuthigt, die Augen, ſtieß leiſe fein gluchzendes Hihi! aus, und war wieder ſtill und ernſt, als fuͤrchtete er, die Schranken tiefer Ehr⸗ furcht uͤberſchritten zu haben. 4 „Vortrefflich,“ ſagte der Prinz—„vortrefflich! der alte Mann wird das alles auf die ſogenannte Herzogin von Rothſay deuten.— Dwining, du ſollteſt a secretis Seiner Heiligkeit, des Papſtes ſeyn, der wie man ſagt, — 128 oft einen Schreiber braucht, der einem Wort zweieplei Sinn geben kann. Ich will's unterſchreiben und das Lob des Einfalls davon tragen.“ „Und nun, Mylord,“ ſagte Ramorny, den Brief ſie⸗ gelnd und hinterlaſſend,„wollt Ihr nicht zu Boot?, „Nicht, bis mein Kämmerer mit einigen Kleidern und anderm Nöthigen kommt.— Ihr könnt auch mei⸗ nen Vorſchneider rufen.“ 8 e »Mylord,“ ſagte Ramorny,„die Zeit drängt und Vorbereitungen würden nur Verdacht erregen. Eure Dienerſchaft wird morgen mit den Sachen folgen. Auf heute Nacht, glaube ich, wird mein demüthiger Dienſt bei der Tafel und im Cabinet zureichen.“ „Nun, dießmal biſt du's, der vergißt,“ ſagte der Prinz, den verwundeten Arm mit ſeinem Spazierſtock berührend.„Bedenke, Mann, du kannſt weder einen Kapaunen zerſchneiden, noch eine Schleife binden— ein guter Vorſchneider oder Munddiener!“ Ramorny knirſchte vor Wuth und Schmerz, denn ſeine Wunde, ob ſie gleich in der Heilung begriffen war, war noch ſehr empfindlich, und er zitterte, wenn man nur den Finger darnach ausſtreckte. „Will Eure Hoheit nun ins Boot ſteigen?“ „Ich habe noch vom Lord Connetable Abſchied zu neh⸗ men. Rothſay darf nicht, wie ein Dieb aus dem Ge⸗ fängniß, vom Hauſe des Grafen Errol wegſchleichen. Ruft ihn her.“ 1 3 »Mylord Herzog,“ ſagte Ramorny,“ es kann unſern Plan gefährden.“ 4 3 „Zum Teufel mit der Gefahr, deinem Plan und dir ſelbſt!— Ich will und muß gegen Errol handeln, wie es uns beiden ziemt.“ 4 Die Fortſetzung folgt im ſechsten Theil.