S annananhnganchananagnnnnanahananagannr ar Tan Lnanrnhr aALHEAnhr Laranncnncr AuAun IraaAaraTar LCaLAEAUHEAUANHAUAUHGhr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 1 7 2 franz. od. engl./„ 2 Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monit 2 fl. 30 Kr. 2f. Kr. 1 fl. 12 Kr. „ 3:„ 30„ 2—„ 45„ , 1„— 36„*„ 32 „„ 18„ Iarr araranaanan AEEThchrhrchrhanrannn LArLAcAradhr auhr * Walter Scott's ſämmtliche W erhk. —õꝛ— Neu überſetzt. Hundert und vierundfünfzigſtes Baͤndchen. Neue Folge. Viertes Bändchen. — 690066009— Das ſchöne Mädchen von Perth. Bierter Theil. Stuttgart, Fr. Drodhag. ſche Buchhandlung. 128 3 0. Das schöne Mädehen vdon Perth. Kiſtoriſch romantiſches Gemaͤlde von Sir Walter Scott. — G— Aus dem Engliſchen. Bierher Tyeif. — 3 Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1 8 3 0. Sechzehutes Kapitel. Ich will dich zum Prinzen ſtutzen. Fallſtaff. Wir kehren nun zu der luſtigen Bande zuruͤck, die eine halbe Stunde fruͤher auf ſo laͤrmende Art die Be⸗ weiſe von Gewandtheit belobt hatte, welche die letz⸗ ten Thaten des armen Muͤtzenhaͤndlers ſeyn ſollten und deren ſpoͤttiſches Gelaͤchter Oliviers Lauf beſchlen⸗ nigte, als er zu ſeinem Freunde floh. Nachdem ſie aus voller Gurgel gelacht hatten, ſetzten die jungen Schauſpieler dieſer Buͤhne ihren tollen Aufzug fort, verhafteten und ſchreckten alle, die ſie auf dem Wege fanden, aber, man muß geſtehen, ohne weder ihre Perſon noch ihre Gefuͤhle auf zu grobe Art zu belei⸗ digen. Endlich von der Orgie ermuͤdet, gebot der Fuͤhrer allen ſeinen luſtigen Genoſſen, ſich um ihn zu verſammeln. 1 „Meine tapfern und weiſen Raͤthe, ec ſagte er,„wir Koͤnig von allem, was in Schottland beherrſchenswerth iſt, vergeſſen die entfließenden Stunden, waͤhrend der Becher umgeht, die Schoͤnheit mild wird, die Tollheit erwacht und die Vernunft auf ihrem Schragen ſchlaft. Wir laſſen unſerm Unterregenten, dem Koͤnig Robert, das langweilige Geſchaͤft, ehrgeizige Barone unter ſeiner Macht zu eaften die Habgier der Pfaffen zu befriedigen, wilde Bergbewohner zu unterjochen und blutige Haͤndel zu verſoͤhnen. Und da unſer Reich das Reich der Freude und Luſt iſt, ſo iſt es billig, daß wir alle unſre Kraͤfte vereinigen, um de⸗ nen von unſern Unterthanen zu Huͤlfe zu kommen, die durch ungluͤckſeliges Geſchick im Kerker der Sorge und Krankheit liegen. Ich ſpreche hauptſaͤchlich von Sir John, den man gewoͤhnlich Ramorny nennt. Wir haben ihn ſeit dem Tumult in der Curfewſtraße nicht geſehen. Und ob wir gleich wiſſen, daß er bei dieſer Sache ein wenig gelitten hat, koͤnnen wir doch nicht begreifen, warum er nicht kommt, uns zu hul⸗ digen wie es dem treuen Unterthanen gebuͤhrt Kommt her, unſer Wappenherold von der Calebaſſe; habt Ihr Sir John geſetzlich zum Feſte geladen?⸗ „Ja, Mylord.«« „Und geſagt, daß wir fuͤr die Nacht das Verban⸗ ungsurtheil aufheben? Denn wenn hoͤhere Maͤchte die Sache angeordnet haben, duͤrfen wir uns doch erlau⸗ ben, luſtigen Abſchied von unſerm alten Freunde zu nehmen.« „So hab' ich mich erklaͤrt, Mylord,« ſagte der komi⸗ ſche Waffenherold. „Er hat kein Wort ſchriftlich geſchickt, er, der ſich ruͤhmt, ein ſo großer Schreiber zu ſeyn 2«⸗ „Er ſchlief, Mylord; ich ſah ihn nicht. Ich habe ſagen gehoͤrt, er lebe ſehr zuruͤck gezogen, theils wegen der erhaltenen Quetſchungen, theils aus Kummer uͤber 7 ſeine Ungnade. Er fuͤrchtete, auf den Straßen belei⸗ digt zu werden, denn er entkam mit Muͤhe den Buͤr⸗ gern, als die Schurken ihn mit zwei von ſeinen Die⸗ nern bis ins Dominikanerkloſter verfolgten. Dieſe Bedienten ſind, damit ſie nicht ſchwaͤtzen, in die Graf⸗ ſchaft Fife geſchickt worden.“ „Das heißt klug gehandelt,« ſagte der Prinz,„der (wie wir unſern Leſern nicht zu ſagen brauchen) ei⸗ nen beſſern Anſpruch auf dieſen Namen hatte, als den er von der luſtigen Nacht borgte.„Er handelt klug, wenn er die Schwaͤtzer wegſchickt. Aber Sir Johns Abwe⸗ ſenheit von dieſem feierlichen, ſchon ſo lang angeord⸗ neten Feſte iſt Meuterei und Aufkuͤndigung des Ge⸗ horſams. Wenn aber der Ritter wirklich Gefangener der Krankheit und Melancholie iſt, ſo muͤſſen wir ihn mit einem Beſuch erfreuen, denn es gibt kein beßres Mittel gegen ſolche Krankheiten, als unſre Gegenwart und einen ſuͤßen Kuß der Calebaſſe.— Vorwaͤrts, Knap⸗ pen, Muſikanten, Wachen und Hofleute! Zeigt das große Zeichen unſrer Wuͤrde.— Erhebt die Calebaſſe, ſag' ich! und laßt die Traͤger der Tonnen, mit deren Blut wir unſern Becher fuͤllen, die nuͤchternſten ſeyn. Die Laſt iſt ſchwer und koſtbar und wenn unſer Ge⸗ ſicht nicht truͤb iſt, ſcheinen ſie uns mehr zu haͤngen und zu wanken, als uns lieb iſt. Jetzt voran, meine Herren, laßt die Muſikanten ihre luſtigſten, lauteſten Stuͤcke ſpielen.⸗ Sie ſetzten ſich von Freude und Wein halb trunken in Bewegung, die zahlreichen Fackeln warfen ihr rothes . 8 Licht auf die kleinen Fenſter und engen Gaſſen, wo Männer in Nachtmützen und oft ſogar ihre Weiber ver⸗ ſtohlen herausſahen, um die Lärmer zu erkennen, die die öffentliche Ruhe zu einer ſo ſpäten Stunde ſtörten. Endlich hielt die luſtige Schaar vor Sir John Ramor⸗ ny's Hauſe, das von der Straße nur durch einen klei⸗ nen Hof getrennt war. S ie klopften heftig und drohten Rache dem der ſich weigerte das Gitter zu öffnen. Die geringſte Strafe mit der ſie drohten, war, ihn in ein leeres Faß im Verließ unter dem Pallaſte des Fürſten Zeitvertreib einzuſperren, das heißt, in den Bierkeller. Aber Eviot, der Page Ramorny's, hörte den Lärm und wußte wohl, wer die heftigen Klopfer waren. In Betracht der Lage, in der ſich ſein Herr befand, hielt er für das Klügſte, keine Antwort zu geben, in der Hoffnung die jungen Thoren würden ihres Weges gehn und wohl wiſſend, daß es ein fruchtloſer Verſuch ſeyn würde, ſie von ih⸗ rem Vorſatz abzubringen. Da das Gemach ſeines Ge⸗ bieters auf einen kleinen Garten ging, ſo dachte der Page, er würde durch das Geräuſch nicht geweckt wer⸗ den. Er verließ ſich auf die Stärke des äußern Thors und beſchloß, ſte klopfen zu laſſen, bis ſie ſelbſt müde würden oder ihr Rauſch vorüber wäre. Die lüderliche Geſellſchaft ſchien ſich auch wirklich bald durch das Ge⸗ ſchrei und die Anſtrengungen erſchöpfen zu müßen, die ſie mit Anſchlagen an die Pforte machten, als ihr ſcheinba⸗ rer Fürſt oder vielmehr derjenige, der unglücklicher Weiſe nur zu gewiß ihr Gebieter war, ſie für traurige und 9 träge Anbeter des Gottes des Weins und der Luſt er⸗ klärte. „Bringt uns unſern Schlüſſel dort her,« ſagt er, vund verſucht ihn an der rebelliſchen Pforte.“« Der Schlüſſel, auf den er mit dem Finger deutete, war oin großer Balken, den man mit der Nachläßig⸗ keit, die damals in allen Städten Schottlands herrſchte, mitten in der Straße hatte liegen laſſen. Die indiſchen Jäger ergriffen dieſen im Augenblick, erhoben ihn mit vereinter Kraft und ſprengten ihn ſo heftig gegen die Pforte, daß die Riegel und Angel zu weichen drohten, als Eviot, der das Ende dieſes Sturms nicht abwarten wollte, in den Hof herab kam nachdem er der Form wegen einige Fragen gemacht hatte, dem Pförtner zu öffnen befahl, als hätte er eben erſt den nächtlichen Beſuch erkannt. „Sclave eines treuloſen Herrn,“ ſagte der Prinz, „wo iſt unſer pflichtvergeßuer Unterthan, Sir John Ramorny, der unſern Befehlen nicht gehorcht hat?“ „Mylord,“ antwortete Eviot, ſich vor der wirklichen oder ungenommenen Würde des Anführers verbeugend, „mein Herr jſt ſehr krank; er hat Schlaftränke genom⸗ men. Eure Gnade wird mich entſchuldigen, wenn ich meiner Pflicht gemäß ſage, daß niemand ohne große Gefahr für ſein Leben das Zimmer meines Herrn be⸗ treten kann.« »Sprich nur nicht von Gefahr, Meiſter Teviot, Che⸗ viot, Eviot... wie heißt du? ſondern führe mich in das Zimmer deines Herrn oder vielmehr, öffne mir die Thür 3 40— ſeines Zimmers und ich will den Weg ſchon ſelbſt fin⸗ den.— Hebt die Calebaſſe höher, meine wackern Diener und hütet euch, einen Tropfen der Flüſſigkeit zu ver⸗ gießen, die Bachus uns geſchenkt hat, um alle Krank⸗ heiten des Leibes und allen Kummer des Gemüths zu heilen. Vorwärts und laßt uns das Gefäß ſehen, das den koſtbaren Trank enthält.“ Der Prinz trat in das„Haus, deſſen Inneres er kannte, er ſtieg, von Eviot, der umſonſt Stille em⸗ pfahl, begleitet, eilig herauf und drang mit ſeinem gan⸗ zen Gefolge in das Gemach des Verwundeten. Wer aus Erfahrung den Schlaf kennt, der ſich nach einer ſtarken Gabe Opium trotz der furchtbarſten Schmer⸗ zen der Sinne bemächtigt und aus dem man nun ganz unempfindlich durch Lärm mit Gewalt erweckt wird, der kann ſich den Schrecken und die Angſt Sir John Ramorny's und die Leiden ſeines Körpers vorſtellen, die beide gegenſeitig aufeinander wirkten. Nehmen wir zu dieſen Empfindungen noch das Bewußtſeyn des ver⸗ brecheriſchen Befehls, den er gegeben hatte und der wahrſcheinlich ſchon vollzogen war, ſo können wir uns ein Erwachen denken, dem der ewige Schlaf vorzuziehen wäre. Der Seufzer, den er beim erſten Schmerzgefühl hören ließ, hatte etwas ſo Schauerliches, daß ſelbſt die leichtſinnigen jungen Leute einige Minuten ſtille blieben. Ohne die Lage zu ändern, die er während des Schlafes auf ſeinem Bette eingenommen hatte, ſah der Kranke mit düſterm Blick ſich in dem mit phantaſtiſchen Ge⸗ ſtalten angefüllten Zimmer um und ſagte zu ſich ſelbſt, noch halb beſinnungslos:. gid irßn 41 „Es iſt doch ſo, das Mährchen iſt alſo wahr; das ſind Teufel und ich bin ewig verdammt! Das Feuer ſieht man nicht, aber ich fühle es in meinem Herzen, das glüht, als würde es von dem ſiebenmal geheizten Ofen verbrannt.“ Während er ſchreckliche Blicke um ſich warf und ſich anſtrengte, zu völliger Beſinnung zu kommen, nahte ſich Eviot dem Prinzen und bat ihn knieend, er möchte die Gnade haben und ſeinem Gefolge befehlen, daß es abtrete. „Dieſer Anblick,“ ſagte er,„kann meinem Herrn den Tod bringen.“ „Fürchte nichts,“ ſagte der Herzog von Rothſay, „wäre er an den Pforten des Todes, es gibt etwas, das die Teufel zwingen könnte, ihre Beute fahren zu laſſen. Bringt die Calebaſſe her!“ „Er iſt verloren, wenn er ſie anrührt,“ ſagte Eviot, „wenn er Wein trinkt, iſt er todt.“ „Es ſoll einer für ihn trinken,“ ſagte der Prinz, „ſo wird dein Herr durch Stellvertretung geheilt; unſer mächtiger Gott Bacchus wird dem Kranken Her⸗ zensruhe geben, er wird ſeine Lunge glätten und ihm eine leichtere Einbildungskraft ſchenken, lauter ſchöne Eigenſchaften, während der treue Diener, der für ihn trinkt, Eckel, Unbehaglichkeit, Nervenreizung, trauri⸗ gen Blick, Hirnklopfen und andere Krankheiten leiden wird, denen die Natur unterworfen iſt und ohne die wir den Göttern allzu ähnlich wären. Was meinſt du, Eviot? willſt du der treue Diener ſeyn und an deines Herrn Stelle trinken? Thu es und wir verlaſ⸗ 2 ſen das Zimmer, denn die Blicke unſers Unterthaus ſcheinen mir etwas Schauerliches zu haben.“ „Ich will Alles thun, was in meiner Macht ſteht,« ſagte Eviot,„um meinen Herrn zu retten und Euer Gnaden die Gewiſſensbiſſe darüber zu erſparen, daß Ihr die Urſache ſeines Untergangs ſeyd. Aber es iſt einer hier, der ſich ſehr gern dieſem Geſchäfte unterzöge und Eurer Hoheit obenein dafür danken würde.“ „Aber, wer iſt der Menſch?— ein Schlächter, der friſch vom Geſchäft kommt? Spielen die Schlächter eine Rolle am Faſtendienſtag? Pfui, welcher Blutge⸗ ruch!“ 3 4 Der Prinz ſprach von Bonthron, der von dem Ge⸗ räuſch überraſcht, das er im Hauſe hörte, das er in Finſterniß und Stille betreten zu können glaubte und durch die Menge Wein, die er getrunken hatte, dumm gemacht, an der Thüre ſtehen geblieben war und den vor ihm geſpielten Auftritt in ſeinem blutbeſpritzten Büffelkoller, die blutige Axt in der Hand beobachtete, ein furchtbares Schauſpiel für die jungen Lüderlichen, die, ohne zu wiſſen, warum, eben ſo viel Schrecken als Abſcheu empfanden. Im Augenblick, da die Ealebaſſe ſich ſeiner wider⸗ lichen Geſtalt nahte und er ſeine blutige Hand aus⸗ ſtreckte, ſie zu faſſen, rief der Prinz: „Hinab mit ihm! der Elende darf nicht vor unſerm Angeſicht trinken, man gebe ihm ein anderes Gefäß als unſere würdige Calebaſſe, das Zeichen unſerer Thor⸗ heiten, ein Schweintrog wäre das Paſſendſte für ihn, 13 wenn man ſich einen verſchaffen könnte. Er ſoll hin⸗ ausgehen und man erſäufe ihn im Wein zur Strafe für die Nüchternheit ſeines Herrn. Laßt mich allein mit Sir John Ramorny und ſeinem Pagen; bei meiner Ehre! er ſieht ſchauderhaft aus.“. Das Gefolge des Prinzen perließ das Gemach und nur Eviot blieb. »Ich fürchte,“ ſagte der Prinz, indem er ſich dem Bette mit ganz anderm Benehmen näherte, als er vor⸗ her gezeigt hatte,„ich fürchte, mein theurer Sir John, dieſer Beſuch iſt nicht mit Vergnügen aufgenommen worden; aber das iſt Euer eigener Fehler. Ihr kanntet unſere alten Gebräuche, Ihr ſolltet bei den Luſtbar⸗ keiten dieſes Abends mitſpielen, und habt uns ſeit St. Balentin nicht beſucht. Heute iſt der Faſtendienſtag und dieſes Zurückziehen iſt ein Ungehorſam, ein Verrath gegen unſer Königreich der Freude und die Statuten der Calebaſſe.“ 8 Ramorny hob den Kopf und blickte den Prinzen ver⸗ wirrt an; dann machte er Eviot ein Zeichen, daß er ihm zu trinken gebe. Der Page brachte ihm eine große Schale voll Arzneitrank und der Kranke ſetzte ſie ſchnell an die zitternden Lippen. Er nahm nun wiederholt von der reizenden Eſſenz, die der Apotheker hiezu ver⸗ ordnet hatte, er ſchien zu ſich zu kommen. „Laß mich Euch den Puls fühlen, lieber Ramorny; ich verſtehe etwas davon. Wie? Ihr gebt mir die linke Hand, Sir John? Damit verletzt Ihr zugleich die Ge⸗ ſetze der Arzneikunſt und der Artigkeit.“ 14 „Die Rechte hat ihr Letztes im Dienſt Eurer Hoheit gethan,“ murmelte der Kranke mit leiſer, bewegter Stimme. „Was wollt Ihr ſagen?“ fragte der Prinz, vich weiß, daß Euer Diener Black Quentin eine Hand ver⸗ loren hat; aber er kann mit der andern noch genug ſtehlen, um gehängt zu werden; er hat daher in ſeinem Schickſal nicht viel geändert.“ „Es iſt nicht dieſer Menſch, der ſeine Hand im Dienſt Eurer Gunaden verloren hat; ich bins, John von Ra⸗ morny. 4 „Ihr?“ fragte der Prinz,„Ihr ſpaßt— oder ſeyd — noch nicht bei Verſtande.“ „Wenn der Saft aller Mohnköpfe Aegyptens in eine Schale gedrückt wäre, er würde ſeinen Einfluß auf mich verlieren, wenn ich dieſen Anblick habe,“ ſagte Ra⸗ morny, zog zugleich den rechten Arm unter den Decken ſeines Bettes hervor und hielt ihn, in Verband einge⸗ wickelt, dem Prinzen entgegen.„Wenn dieſe Leinwand weggenommen würde,“ fuhr er fort,„würdet Ihr ſe⸗ hen, daß ein blutiger Stumpf Alles iſt, was von einer Hand zurückblieb, die ſtets bereit war, auf das geringſte Zeichen Eurer Hoheit das Schwert zu ziehen.“ Der Herzog von Rothſay fuhr ſchandernd zurück: „Wir rächen uns dafür,“ ſagte er. „Ich bin zum Theil ſchon gerächt, denn ich glaube vor etlichen Minuten Bonthron geſehen zu haben, oder iſt vielleicht ſeine hölliſche Geſtalt unter den Teufeln erſchienen in dem ſchrecklichen Traum, der mich in dem Augenblick quälte, da ich erwachte.“ 15 „Eviot, rufe das Ungeheuer. Er komme, wenn er im Stand iſt, ſich aufrecht zu halten.“ Eviot ging und kam bald darauf mit Bonthron zu⸗ rück, den er von der Strafe einer zweiten Calebaſſe voll Wein rettete, da der Elende die erſte verſchluckt hatte, ohne daß man viel Aenderung in ſeinem Betra⸗ gen wahrnahm. „Eviot,“ ſagte der Priuz,„laß mir das Thier nicht nahe kommen. Meine Seele ſchaudert aus Furcht und Eckel vor ihm zurück; es iſt etwas in ſeinem Blick, das nicht der menſchlichen Natur angehört, es ſchüttelt mich vor ihm, wie vor einer verhaßten Schlange, die eine Ahnung mich zu fliehen heißt.“ „Hört ihn ſprechen, Mylord;“ antwortete Ramorny, vwenn nicht ein Weinrauſch ſpricht, wer könnte weni⸗ ger Worte brauchen? Biſt du an ihn gekommen, Bon⸗ thron?« Der Kerl hob die Axt, die er noch in der Hand hielt und ſeukte ſie, indem er die Schneide zeigte. »„Gut; wie haſt du deinen Mann erkannt? Man ſagt, die Nacht ſey finſter.“ „An Kleidung, Gang und Stimme.«⸗ „Das iſt genug, geh! Eviot, laß ihm Gold und Wein geben, um ſeinen thieriſchen Durſt zu ſtillen. Geh, ſag' ich. Eviot, folge ihm.“ »Und welches Geſchick iſt zu Ende?« fragte der Prinz, deſſen Schauder und Abſchen wichen, als der Mörder wegging.„Ich hoffe, es iſt nur Spaß, ſonſt muß ich geſtehen, daß das ein abſcheuliches Verbrechen 46 iſt. Wer iſt der Unglückliche, der dieſem furchtbaren Mörder anheim fiel.“ „Ein Menſch, der nur ein wenig mehr werth war, als dieſer,“ entgegnete der Kranke,„ein elender Hand⸗ werker, dem das Schickſal doch die Macht gegeben hatte, Ramorny zum Krüppel zu machen. Fluch begleite ſeine niederträchtige Seele! Sein Tod iſt für meine Rache nur ein Waſſertropfen in einem Ofen. Ich will kurz ſeyn, denn meine Gedanken verwirren ſich wieder; es iſt die Noth, die ſie zuſammenhält, wie ein Köcher ein Bund Pfeile.— Euer Leben iſt in Gefahr, My⸗ lord; ich ſage hier, was ich gewiß weiß. Ihr habt Douglas getrotz, Euern Oheim beleidigt, Euren Vaker erzürnt, aber das Lente wäre nur eine Kleinigkeit ge⸗ gen die beiden erſten.“ „Es ärgert mich, daß ich meinen Vater erzürnt habe,“ ſagte der Prinz, eine ſo unbedeutende Sache, wie der Mord eines Handwerkers, über den wichtigern Dingen, von denen die Rede war, ganz vergeſſend, „aber wenn ich will, wird Douglas Macht geſtürzt und Albany wird ſeine Staatsklugheit nichts helfen.“ „Wenn, wenn, Mylord,“ ſagte Ramorny, bei ſol⸗ chen Gegnern darf man ſich nicht auf wenn und aber verlaſſen. Ihr müßt Euch auf einmal entſchließen, zu Grunde zu richten, oder zu Grunde zu gehen.“ „Was wollt Ihr ſagen, Namorny? Euer Fieher macht Euch raſen?“ 3 „Nein, Mylord. Wäre meine Wuth auf dem höch⸗ ſten Gipfel, die Gedanken, die mir jetzt durch die Seele 17 gehen, würden ſie rechtfertigen. Es kann ſeyn, daß der Schmerz über einen unwiederbringlichen Verluſt mich verzweifelt macht und meine Furcht für Eure Hoheit mich kühne Plane faſſen läßt. Aber ich habe allen Verſtand, den der Himmel mir geſchenkt hat, wenn ich Euch ſage, daß, wenn Ihr je die Krone Schottlands tragen wollt, noch mehr, wenn Ihr den Valentinstag wieder zu ſehen wünſcht, Ihr—“ „»Was muß ich thun, Ramorny? ſagte der Prinz mit Würde,„nichts meiner unwürdiges, denke ich doch?2« „Nichts, was eines Prinzen von Schottland unwür⸗ dig wäre, wenn die blutbefleckten Jahrbücher unſers Vaterlandes uns die Wahrheit ſagen; aber etwas, das doch den Fürſten der Gaukler und Narren erſchrecken könnte.*— „Ihr ſeyd ſtreng, Sir John Ramorny,« ſagte der Herzog von Rothſay mit unzufriedner Miene,„aber Ihr habt recht das Recht uns zu kadeln mit Eurem Verluſt in unſrer Sache theuer erkauft.“ »Mylord von Rothſay, der Arzt, der dieſen verſtüm⸗ melten Arm behandelt, hat mir geſagt, je mehr ich den Schmerz empfinde, den ſeine Werkzeuge verurſachen, de⸗ ſto wahrſcheinlicher ſey die Heilung. Ich bedenke mich daher nicht, Euer Zartgefühl zu verwunden, wenn ich Euch dadurch bewegen kann, zu thun, was zu Eurer Sicherheit noth thut. Eure Gnaden war zu lange der Sohn der Freude und Thorheit; Ihr müßt nun die Klugheit eines Mannes zeigen oder Euch wie ein Schmet⸗ Walter Scott's Werke. 1548 Boͤchen. 2 18 terling unter den Blumen erdrücken laſſen, um die Ihr flattert.“ „Ich errathe das Ziel Eurer Moral, Sir John, Ihr ſeyd der ſüßen Fehler müde, welche die Pfaffen Laſter nennen; Ihr ſtrebt nach ernſteren Verbrechen. Ein Mord oder Gemetzel erhöht den Geſchmack der Aus⸗ ſchweifungen, wie die Oliven den Wein. Meine ſchlimm⸗ ſten Handlungen ſind luſtige Thorheiten, ich finde kei⸗ nen Geſchmack an Blut und verabſcheue das Verbrechen,, ich kann es weder ſehn, noch die Erzählung davon aus⸗ halten und würde es am elendeſten Sclaven verübt. Wenn ich einmal den Thron beſteige, wird man die jungen Schotten ſehn, unter dem einen Arm die Fla⸗ ſche und die andere um den Nacken ihres Mädchens ge⸗ ſchlungen. Die Männer werden durch Küſſe und Ham⸗ pen und nicht durch Dolch und Schwert geprüft wer⸗ den: auf mein Grab wird man⸗ ſchreiben:„Hier ruht Robert, der vierte des Namens; er gewann keine Schlachten, wie Robert I., er wurde nicht König vom Grafen, wie Robert II., er baute keine Kirchen, wie Robert III.; ſein ganzer Ehrgeiz war, als König von luſtigen Jungen zu leben und zu ſterben. Unter den zwei Geſchlechtern meiner Vorfahren iſt nur Ein Ruhm den ich beneide, der des: alten Königs Coté Der füllte friſch und munter ſtets die Bowle. „Gnädigſter Herr,“ ſagte Ramorny,„laßt mich Euch erinnern, daß Eure ausſchweifende Luſtigkeit die größ⸗ ten Uebel erzeugt; hätte ich dieſe Hand im Kampf um — 19 einen großen Vortheil für Eure Gnaden gegen Eure zwei mächtigen Feinde verloren, das Unglück wäre nicht ſo ſchmerzlich. Aber durch einen thörichten Narrenſtreich⸗ zu Haube und Weiberrock verbammt werden, wenn man⸗ Helm und Panzerhemd getragen hat la »„Schon gut, aber, Sir John,“ ſagte der unkluge Prinz,„wie könnt Ihr das Herz haben, mir unaufhör⸗ lich die blutige Hand vor die Augen zu halten, wie das Geſpenſt von Gaskhall ſeinen Kopf vor Sir Wil⸗ liam Wallace hinwarf.*) Ihr ſeyd unvernünftiger, als Fawdyon ſelbſt; denn Wallace hatte ihm im Zorn den Kopf abgehauen, ſtatt das ich alles hingäbe, Ench die verlorne Hand wieder zu verſchaffen. Weil dieß aber nicht ſeyn kann, will ich dir eine andere dafür machen laſſen, wie die ſtählerne Hand des Ritters von Cars⸗ logie mit der er ſeine Freunde grüßen, ſeiner Gaͤttin die Hand drücken, ſeinem Gegner ſtehn und alles thun konnte, was man mit einer Hand aus Fleiſch und Blut verrichtet; glaubt nur, John Ramorny, wir haben viel Ueberflüßiges an uns; der Menſch könnte mit Einem Auge ſehen, mit Einem Ohr hören, mit Einer Hand fühlen, mit Einem Naſenloch riechen und warum ſollten wir das alles doppelt haben, außer daß im Nothfall das eine das andere erſetzt? Ich begreife das nicht.“ Sir John wandte die Augen von dem Prinzen weg und ließ einen dumpfen Seufzer hören. *) Der Ritter von Gaskhall wurde von Wallace ge⸗ tödtet. Anm. d. Her. 2* 20 „In der That, Ramorny,“ ſagte der Herzog, vich ſpreche ernſthaft, Ihr kennt das Mährchen von der Stahlhand von Carſelogie beſſer, als ich, weil der Herr Euer Nachbar war. Zu ſeiner Zeit konnte eine ſo ſelt⸗ ſame Maſchine nur zu Rom gemacht werden, aber ich wette hundert Mark Silber mit Euch, der Waffen⸗ ſchmied zu Perth, Heinrich von Wynd brauchte nur das Muſter, um ein ſo vollkommenes Nachbild zu ma⸗ chen, als der beſte Waffenſchmied in Rom, ſelbſt wenn der letzte ſein Werk von allen Kardinälen in Italien ſegnen ließe.“ „Ich könnte es wagen, Eure Wette anzunehmen, Mylord,“ antwortete Ramorny bitter,„aber es iſt jetzt nicht Zeit zu Thorheiten; Ihr habt mich nach den Befehlen Eures Oheims aus Eurem Dienſte verab⸗ ſchiedet.“ „Nach den Befehlen meines Vaters,“ ſagte der Prinz. „Auf den Euer Oheim unbeſchränkten Einfluß hat. Ich bin in Ungnade gefallen und bei Seite geworfen, wie ein nutzloſes Geſchöpf; ich gleiche dem leeren Hand⸗ ſchuh meiner rechten Hand. Aber mein Kopf könnte Euch vielleicht noch helfen, wenn auch meine Hand ver⸗ loren iſt. Iſt Eure Gnaden geneigt ein ſehr wichtiges Wort zu vernehmen? denn ich bin erſchöpft und fühle, daß meine Kräfte mich verlaſſen.“ „Sprich,“ ſagte der Prinz,„deine Wunde gebietet mir, dich zu hören, dein blutiger Arm beherrſcht mich, wie ein Scepter, das mit Vorwürfe macht. Sprich, aber mißbrauche ja dein Vorrecht nicht.“ A——— 21 »Ich werde kurz ſeyn, ſowohl um meinet⸗ als um Euertwillen; ich habe wenig zu ſagen. Douglas hat ſich an die Spitze ſeiner Vaſallen geſtellt, er ſammelt im Namen des Königs dreißigkauſend Gränzbewohner, die er bald ins Innere des Königreichs führen wird, um zu verlangen, daß der Herzog von Rothſay ſeine Tochter zu ſich nehme, oder wenigſtens in die Rechte der Herzogin und Gemahlin einſetze. Der König Ro⸗ bert wird alle Bedingungen unterſchreiben, die den Frieden ſichern.— Was wird der Herzog von Rothſay thun?2« »Der Herzog von Rothſay liebt den Frieden,“ ſagte der Prinz ſtolz,„aber er fürchtet den Krieg nicht und eh' er die ſtolze Marjory aus Gehorſam gegen ſeinen Vater zu Tiſch und Bett aufnimmt, wird Douglas König von Schottland.“ »Möge das ſo ſeyn.— Aber das iſt die geringſte Ge⸗ fahr, Douglas arbeitet nicht im Geheim, er droht offen.“ „Was iſt alſo das wichtige Geheimniß, das uns zu einer ſo unſchicklichen Stunde wach hält? Ich bin müde, Ihr ſeyd müde, Ihr ſeyd verwundet und ſelbſt die Fa⸗ ckeln ſcheinen, unſres Geſprächs müde, ausgehn zu wol⸗ len.“ „Sagt mir, wer regiert das Königreich Schottland?“ fragte Ramorny. „Robert, der dritte des Namens,“ antwortete der Prinz, die Mütze abnehmend, während er die Worte ſprach;„möge er noch lange das Scepter führen!« — ————— 22 „»Das iſt wahr, Amen,“ erwiederte Ramoruy.„Aber wer regiert den König Robert und wer gibt alle Maß⸗ regeln an, die der gute König ergreifen muß?“ „Mylord von Albany, wollt Ihr ſagen. Ja das iſt Lichtig, mein Vater läßt ſich faſt ganz durch den Rath ſeines Bruders leiten; im Grund, Ramorny, können wir ihn nicht tadeln, er iſt ſo wenig von ſeinem Sohn unterſtützt.“ „Unterſtützt ihn jetzt, Mylord,“ ſagte Ramorny.„Ich bin Bewahrer eines furchtbaren Geheimnißes; Albany hat mir vorgeſchlagen, mich mit ihm zu einem Anſchlag auf Eurer Hoheit Leben zu vereinigen. Er verſpricht mir vollkommene Verzeihung für die Gegenwart und hohe Gunſt für die Zukunft.“ „Einen Anſchlag auf mein Leben? ich glaube, Ihr wollt ſagen, er will mir den Thron rauben? Das wäre furchtbar gottlos! Er iſt der Bruder meines Va⸗ ters. Sie ſaßen beide auf den Knieen Eines Vaters und ruhten an der Bruſt Einer Mutter.— Schweig'— Unglücklicher! welche Tollheiten kann man einem Kran⸗ ken anſchwatzen!“ „Ja wohl anſchwatzen!« ſagte Ramorny.„Es iſt mir etwas neues, leichtgläubig genannt zu werden. Aber der Menſch, deſſen ſich Albany als Sprecher für ſeine Verſuchungen bediente, iſt einer von denen, die man gleich verſteht, wenn ſie von Verbrechen reden. Selbſt die Arzneien die er bereitet, ſchmecken giftig.“ „»pPfuy! ein ſolcher Menſch würde einen Heiligen ver⸗ „läumden. Diesmal ſeyd Ihr zum Beſten gehalten, Ra⸗ 8 ———— 23 morny, Ihr ſeyd's gewiß. Mein Oheim Albany iſt ehrgeizig und will ſich und ſeinem Hauſe mehr Macht und Reichthum ſichern, als er mit Grund verlangen kann. Aber denken, er wolle den Sohn ſeines Bruders ermorden oder enthronen. Ah! Ramorny, macht nicht, daß ich das alte Sprichwort anführe:„„wer Böſes bhut, der glaubt das Böſe.“« Euer Verdacht führt Euch irre, Ihr könnt nichts der Art gehört haben.“ „»Eure Gnaden irrt ſich auf ſeltſame Weiſe; aber ich will vollenden, was ich Euch ſagen wollte. Der Herzog von Albany iſt wegen ſeiner Habſucht und ſei⸗ nes Geizes allgemein verabſcheut.— Zwar iſt Eure Ho⸗ heit mehr geliebt als— Ramorny ſchwieg und der Prinz fiel ruhig ein:— vals geachtet; ſo will ichs haben, Ramorny.“ „Das heißt,“ erwiederte der Ritter,„Ihr ſeyd mehr geliebt, als gefürchtet und das iſt keine ſichre Lage für einen Fürſten. Aber gebt mir Euer ritterliches Ehren⸗ wort, daß Ihr billigt, was ich für Euch unternehme; leiht mir Euer Siegel, um Freunde in Eurem Namen zu ſammeln und der Herzog von Albany wird ſeinen Einfluß auf dieſen Hof verlieren, um ihn dann erſt wie⸗ der zu gewinnen, wenn die Hand, die vormals zu die⸗ ſem verſtümmelten Arm gehörte, ihren Platz wieder einnimmt, um noch einmal dem Antrieb meines Willens zu gehorchen.“ „Ihr werdet doch nicht wagen, Euren Dolch in kö⸗ nigliches Blut zu tauchen?« fragte der Prinz mit fin⸗ ſterem Geſicht. 24 2 „Nein, Mylord, in keinem Fall muß Blut fließen; das Leben kann von ſelbſt erlöſchen. Das Licht, das nicht mehr durch Oel genährt oder gegen den Wind geſchützt wird, zittert in der Lampe und geht endlich aus. Einen Menſchen ſterben laſſen, heißt nicht ihn tödten.“ „Das iſt wahr; ich hatte dieſen Kunſtgriff vergeſſen. Gut denn! geſetzt, mein Oheim Albany fahre nicht fort, zu leben, dann wollt Ihr, wie es mir ſcheint, fragen, wer den Hof von Schottland regieren ſoll 2“ „Robert III. unter Zuſtimmung, Rath und Einfluß des hohen und mächtigen Herrn, Robert, Herzog von Rothſay, Statthalter des Königreichs und alter ego, zu deſſen Gunſten der gute König der Anſtrengung und Laſt der Krone müde, gewiß geneigt ſeyn wird, abzu⸗ treten. Es lebe alſo unſer junger Monarch, König Robert der IV. Ille manu forte, Anglis ludebit in hortis.*) „Und unſer Vater und Vorgänger,“ ſagte Rothſay, „wird ferner leben, um als Kaplan für uns zu beten und für dieſes Amt wird er die Gunſt erhalten, ſein graues Haupt nicht früher in den Sarg legen zu dür⸗ fen, als die Natur es gebeut? Oder wird er auch ei⸗ nige der Nachläßigkeiten zu erfahren haben, in Folge derer die Menſchen aufhören zu leben? Und wird er die Mauern eines Gefängnißes oder Kloſters, was faſt — * Dieſer tapfere Fuͤrſt wird in Englands Gaͤrten ſpielen. Anm. d. Her. 25 einerlei iſt, mit der kalten, ruhigen Behauſung ver⸗ tauſchen, wo, wie unſre Prieſter ſagen, die Schlechten aufhören, ſchlecht zu handeln und wo die Müden ru⸗ hen?2“ „Ihr ſprecht nicht im Ernſt, Mylord,“ antwortete Ramorny,„das Leben des guten, alten Königs angrei⸗ fen, wäre eben ſo unnatürlich als unklug.“ „»Warum ſich ſcheuen, wenn einmal dein ganzer Plan,“ fuhr der Prinz mit finſterem Mißvergnügen fort,„ein Unterricht in Verbrechen wider die Natur, gemiſcht mit kurzſichtigem Ehrgeiz iſt? wenn der König von Schottland jetzt kaum dem Adel die Spitze bieten kann, da er ihm ein ehrenhaftes, fleckenloſes Banner entge⸗ genſtellt, wer wird einem Fürſten folgen, der durch den Tod ſeines Oheims und die Einkerkerung ſeines Vaters befleckt iſt? Eine ſolche Staatskunſt könnte einen heidniſchen Divan, geſchweige denn einen chriſtli⸗ chen Staatsrath empören.— Du warſt mein Vormund, Ramorny, und vielleicht könnte ich mich mit Recht auf deinen Unterricht und dein Beiſpiel bei den meiſten Thorheiten berufen, die man mir vorwirft. Vielleicht wäre ich ohne dich nicht hier um Mitternacht in der Maske der Narrheit,(dabei ſah der Prinz auf ſeine Kleider) um einen ehrgeizigen Wüſtling anzuhören, der mir vorſchlägt, einen Oheim zu ermorden und den be⸗ ſten der Väter zu entthronen. Weil es aber doch mein Fehler ſo gut als der deine iſt, wenn ich mich in die⸗ ſen Abgrund geſenkt habe, wäre es ungerecht, daß du allein dafür leideſt. Aber erneuere dieſe gehäßigen An⸗ 26 träge nicht, bei Gefahr deines Lebens! denn ich ver⸗ klage dich bei meinem Vater, beim Herzog von Albany, bei ganz Schottland! Jedes Kreuz auf den Märkten der verſchiedenen Städte wird dann ein Stück von dem Leichnam des Verräthers tragen, der dem Thronerben von Schottland ſolch ſchauderhaften Rath zu geben ge⸗ wagt hat!, Ich hoffe zu deiner Ehre, daß das Fieber deiner Wunde und der berauſchende Einfluß des Tranks, der auf dein krankes Gehirn wirkte, dich dieſe Nacht über die gewöhnlichen Gränzen geführt hat.“ „Wirklich, Mylord,“ antwortete Ramorny,„wenn ich etwas geſagt habe, was Eure Hoheit ſo tief belei⸗ digen konnte, geſchah es aus zu großem Dienſteifer und der jetzigen Schwachheit meines Geiſtes. Unter allen Menſchen bin ich am wenigſten fähig, ehrgeizige Ent⸗ würfe meines eigenen Vortheils wegen zu machen. Ach alle meine Wünſche müſſen ſich jetzt darauf beſchränken, Lanze und Sattel gegen Brevier und Beichtſtuhl zu vertauſchen, das Kloſter zu Lindores wird den armen, verſtümmelten Ritter Ramorny aufnehmen, der an die⸗ ſem ruhigen Ort Muſe haben wird, über den Text nachzudenken: Setzt Euer Vertrauen nicht auf Fürſten.“ „Das iſt ein kluger Plan,“ ſagte der Herzog von Rothſay,„und wir werden nicht anſtehen, ihn zu be⸗ günſtigen. Wir waren nur auf einige Zeit getrennt, jetzt werden wir es ewig ſeyn. Nach unſerm Geſpräche von vorhin, iſt es räthlich, daß wir getrennt bleiben. Aber das Kloſtex Lindores oder welcher andere Zu⸗ fluchtsort Euch aufnehmen wird, ſoll von uns reich⸗ 8 27 Aich beſchenkt und kräftig beſchützt werden.— Lebt wohl, Sir John Ramorny; ſchlaft, ſchlaft und ver⸗ geßt das Geſchäft von ſchlimmer Vorbedeutung, wo vielleicht von Eurer Seite das Fieber und von der Meinigen der Rauſch ſich in die Unterhaltung miſch⸗ ten.— Eviot führe mich weg!“ Eviot rief die Leute des Prinzen, die auf der Trep⸗ pe und im Vorzimmer von den Ausſchweifungen des Abends ermüdet, eingeſchlafen waren. „»Iſt einer unter Euch, der nicht betrunken iſt 2 fragte der Herzog von Rothſay, ärgerlich beim Anblick ſeines Gefolges. »Niemand! niemand!“ rief's von allen Seiten,„kei⸗ uer von uns iſt Verräther an dem Kaiſer der Freude.“ „Seyd Ihr alle Thiere geworden?“ fragte der Prinz. „Eurer Gnaden zu gehorchen und Ihr nachzuahmen,« antwortete ein junger Menſch vom Gefolge,„oder wenn wir zurückgeblieben ſind, ſo wird ein Tropfen aus der Calebaſſe hinreichen...“ »Stille!“ rief der Herzog ſtolz,„ich frage, ob jemaud unter euch nicht betrunken iſt?“ »Ja, mein edler Herr,“ antwortete man,„es iſt ein falſcher Bruder da, der Engländer Watkins.“ „»Komm her, Watkins, und nimm eine Fackel, mir zu leuchten. Gib mir einen Mantel, eine andre Mütze und nimm den Trödel da mit.“ Damit warf er ſeine Blumenkrone auf den Boden und ſagte:„Warum kann ich mich nicht ſo meiner Thorheiten eutladen? Eng⸗ länder Wat, du bedienſt mich allein und Ihr andern 28 ſetzt Euren Dummheiten ein Ziel, legt eure Masken ab; der Carneval iſt zu Ende und das Faſten hat begonnen.* „Unſer Monarch tritt heute Nacht früher ab, als gewöhnlich,“ ſagte eine Perſon der Comödie, aber der Prinz nahm keine Rückſicht auf die betrunkene Schaar ſuchte ſo gut als möglich das Ausſehn der anſtändigen Leuten nachzuahmen, die eben überraſcht, da ihr Kopf von Wein ein wenig beſeelt war, dieſen Zuſtand durch doppelte Strenge in Haltung und Benehmen zu ver⸗ hehlen ſuchen. Während deſſen wurde dem Prinzen durch den einzigen aus der Bande, der nicht betrunken war, an die Pforte geleuchtet. Auf ſeinem Wege ſtrau⸗ chelte er über den ſchlafenden Mörder Bonthron. „Nun,“ ſagte er voll Zorn und Abſcheu,„kommt uns das elende Thier noch einmal in den Weg? Hier, werfe einer von Euch den Kerl in den Pferdetrog, daß er zum erſtenmal in ſeinem Leben ſauber wird.“ Während man dieſen Befehl vollzog und Bonthron dadurch, daß man ihn im innern Hof in ein Baſſin warf, eine Strafe leiden ließ, gegen die er keinen Wi⸗ derſtand leiſten konnte, als durch unartikulirte Seufzer und ein Gebrumm, das dem Winſeln eines ſterbenden Ebers glich, begab ſich der Prinz in ſeine Wohnung in einem Gebäude, das den Grafen von Errol gehörte und das Marſchallhaus*) genannt wurde. Auf dem Wege fragte er, um ſeine traurigen Gedanken zu zer⸗ *) Conſtable's kodgins, das Haus des Kronfeldherru. Anm. d. Uev. 29 ſtreuen, ſeinen Begleiter, wie er es gemacht habe, nicht betrunken zu werden, während die übrige Geſellſchaft ſo übermäßig getrunken habe.“ „Erlauben Eure Gnaden,“ antwortete Wat der Engländer,„ich geſtehe, daß das immer meine Gewohn⸗ heit iſt, wenn es Euer Gnaden gefällt, daß Ihr Ge⸗ folge betrunken ſey. Erlaubt mir zu ſagen, daß ſie alle Schotten ſind, nur ich nicht und ich glaube, es wäre nicht gut, mich in ihrer Geſellſchaft zu betrinken; ſie können mich kaum leiden, wenn wir alle bei kaltem Blute ſind; würde ich mich auch betrinken, ſo könnte ich im Rauſch etwas erzählen, was ihnen mißfiele und durch eben ſo viele Dolchſtöße als die Geſellſchaft Leute zählt, dafür gelohnt werden.“ „Alſo wollt Ihr nie eines der Gelage mitmachen, die in unſerm Hauſe gehalten werden? „Nie, außer, wenn es Eurer Gnaden gefällt, daß Ihre übrigen Leute einen Tag ganz nüchtern zubrin⸗ gen, um Will Wattkins zu erlauben, daß er ſich betrinke, ohne für ſein Leben zu fürchten.“ „Das kann noch geſchehen. Wo dienſt du, Wat⸗ kins? „Im Stall, Eure Gnaden.“ „Unſer Kämmerer wird dich unter die Neomanwache ins Haus aufnehmen, deine Bedienung gefällt mir. Es will etwas heißen, einen nüchternen Burſchen im Haus haben, wenn auch ſeine Nüchternheit nur Todes⸗ furcht iſt. Du wirſt bei unſrer Perſon dienen und fin, den, daß deine Mäßigkeit eine glückliche Tugend iſt.“ 30 Iu derſelben Zeit, da dies vorging, vereinigte ſich eine Laſt von Sorgen und Furcht mit den Leiden Sir John Ramorny's. Sein Geiſt fiel, ſchon durch das Opium angegriffen, in große Verwirrung, als der Prinz, vor dem er all ſeine Kraft zuſammengenommen hatte, um die Wirkungen des Schlaftrunks zu verbergen, das Zimmer verließ. Sein Verſtand, den er während des Geſprächs vollkommen beſeſſen hatte, verließ ihn plötz⸗ lich. Er träumte verwirrt, daß er in großer Gefahr ſey, da der Prinz ſein Feind geworden und er ihm ein Geheimniß anvertraut habe, das ihn das Leben koſten könne. In dieſer Lage des Geiſtes und des Leibes iſt es kein Wunder, daß ſeine Träume ſchreckhaft wurden oder vielmehr ſein kranker Geiſt die fantasmagoriſchen Geſtalten fah, die durch häufigen Gebrauch des Opiums kerregt werden. Er glaubte den Schatten der Königin Annabella neben ſeinem Bette ſtehn und den einfachen tugendhaften, unſchuldigen Jüngling ihm abfordern zu fehn, den ſie ihm anvertraut hatte. „Du haſt ihn leichtſinnig, lüderlich und laſterhaft gemacht,“ ſagte der bleiche Schatten ſeiner Herrſcherin. „Aber ich danke dir, John Ramorny, der du gegen mich undankbar, deinem Worte untreu und ein Ver⸗ räther deines Landes biſt. Dein Haß wird das Uebel heilen, das deine Freundſchaft anrichtete und ich hoffe jetzt, da du nicht mehr ſein Geſchöpf biſt, daß eine bit⸗ tere Reue auf dieſer Erde meinem unglücklichen Sohne „Vergebung in einer beßern Welt erkaufen wird.“ Ramorny ſtreckte die Arme gegen ſeine Wohlthäterin 51 aus und wollte ſeinen Schmerz äußern, aber die Er⸗ ſcheinung wurde immer dunkler und ſtellte am Ende nicht mehr die Geſtalt der Königin, ſondern die ſtolze und finſtere Perſon des ſchwarzen Douglas vor. Hierauf ſah er das ſanfte, melancholiſche Geſicht des Königs Robert, der den nahen Untergang ſeines königlichen Hauſes zu beweinen ſchien. Endlich verwandelte ſich die Viſion plötzlich in eine Gruppe fantaſtiſcher, theils ſchreckli⸗ cher, theils komiſcher Geſtalten. Er mahlte ſich oft auf ihren Geſichtern ſchauerliche Grimaſſen aus⸗ und ihre Lippen ließen ein ermüdendes Geplapper hören. Sie flochten ſich in ſeltſamen und lächerlichen Formen zu⸗ ſammen und ſchienen der Anſtrengungen Ramorny's, eine deutliche Idee von ihren Zügen zu gewinnen, ſpot⸗ tan zu wollen. Siebenzehntes Kapitel. Die Morgenröthe des Aſchermittwochs ſtieg kalt und blaß empor, wie gewöhnlich um dieſe Jahreszeit in Schottland, wo man in den erſten Frühlingsmonaten beinahe immer das ſtrengſte Wetter hat. Es war ſtark gefroren und die Bürger von Perth ſuchten durch langen Schlaf die Folgen der Ausgelaſſenheit und Luſtigkeit des vorigen Tags zu heilen. Gine Stunde ſchon ſtand die Sonne über dem Horizont, ohne daß die Bewohner der Stadt ein Zeichen des Lebens von ſich gaben und es war einige Zeit nach Tagesanbruch, als ein frühwacher Bürger, der zur Meſſe ging, den Leichnam des unglücklichen Olivier Proudfute wahrnahm der, das Geſicht gegen den Boden, mitten im Graben ſo ausgeſtreckt lag, wie er unter den Streichen Antony Bonthrons(was der Leſer ſchon weiß) des Gürtelſohns, oder Vollſtreckers der Befehle von Sir John Ramorny niederſank. Der wachſame Bürger Allan Griffin*) ſo genannt, weil er Inhaber der Herberge zum Greif war und das Lärmgeſchrei das er ausſtieß, hatte bald nicht nur die aus dem Schlaf geſchreckten Nachbarn, ſondern auch .*) Griffin, der Greif, Laͤmmergeier, aͤhnlich den deutſchen zum Adler. 55 wiele audere Einwohner verſammelt. Im erſten Augeublick erhob ſich das Gerücht, da ſie das Büffelwamms und die wohlbekannte karmoiſinrothe Helmfeder ſahen, der ta⸗ pfero Smith ſey ermordet. Dieſes falſche Gerücht er⸗ hielt ſich einige Zeit, denn der Greifwirth, der ſelbſt eine obrigkeitliche Würde bekleidet hatte, wollte nicht dulden, daß man vor Ankunft des Vogtes Craigdallie den Leichnam anrühre, ſo daß ſeine Geſtalt nicht ſicht⸗ bar wurde. „Seht, das iſt eine Sache der ſchönen Stadt, ſeht her, Freunde,“ ſagte er,„und wenn es der tapfere Smith iſt, den wir hier ſehen, ſo wird kein Mann in Perth ſeyn, der nicht Vermögen und Leben wagt um ihn zu rächen. Seht! die Ruchloſen haben ihn von hinten getroffen, denn auf ſechs Meilen von Perth würde ſich niemand finden, Edler oder Gemeiner, vom Niederland oder den Bergen, der gewagt hätte ihn von vorn an⸗ zufallen! O! meine guten Mitbürger; die Blüthe Eu⸗ rer Tapfern iſt gefallen durch eine feige und treuloſe Hand!« Ein ſtürmiſches Wuthgeſchrei drang aus den Häu⸗ ſern und wurde immer lauter. »Wir nehmen ihn auf die Schultern,“ ſagte ein der⸗ ber Fleiſcher,„und tragen ihn zum König ins Domi⸗ nikanerkloſter.“ »Ja, ja,“ fiel ein Schmied ein,„weder Pforten noch Riegel ſollen uns hindern, den König zu ſehn, weder Mönche noch Meſſen ſollen uns zurückſchrecken. Rie Walter Scott's Werke. 1548 Bdchen. 5 54 ſchlug ein beſſerer Waffenſchmied mit dem Hammer auf den Ambos.“ „Zu den Dominikanern!“ ſchrie das verſammelte Volb. „Hört, Bürger,“ ſagte ein anderer,„unſer König iſt ein guter König und liebt uns, wie ſeine Kinder. Der Douglas iſts und der Herzog von Albany, die nicht zbollen, daß der gute König Robert die Klagen ſeines Volkes höre.“ „Sollen wir uns in urfern Straßen ermorden laſſen, weil der König ein gutes Herz hat!« rief der Mezger. „Der große Bruce machte das anders. Wenn der König uns nicht beſchützen will, ſo wollen wirs wohl ſelbſt thun. Läutet die Sturmglocken, bis auf die letzte die von Metall gemacht iſt. Läutet und ſchonet nichts— — die Jagd von St. Johnſtoun iſt los!“ »Ja,“ rief ein andrer Bürger,„wir laufen zum Haus des Herzogs von Albany und Douglas und ſtecken ſie in Brand. Das Licht ihrer Flamme ſoll alle Welt lehren, daß Perth ſeinen tapfern Heinrich Gow zu rä⸗ chen wußte! Er hat ſich zwanzig Mal für die Ehre der ſchönen Stadt geſchlagen; wir wollen auch einmal kämpfen, ihn zu rächen. Holla! hoh! wackre Bürger! die Jagd von St. Johnſtoun iſt los!“ Der wohlbekannte Loſungsruf der Bürger von Perth, den man beinahe immer in den Augenblicken eines all⸗ gemeinen Aufſtandes ſchallen hörte, wurde von Mund zu Mund wiederholt und etliche benachbarte Glocken, deren die wüthenden Bürger ſich mit oder ohne den Willen der Prieſter bemächtigten, begann das allge⸗ l⁴ 2n —— 9& 35 meine Lärmſignal zu geben, was man, da die gewoͤhn⸗ liche Aufeinanderfolge des Klanges verkehrt war,„rück⸗ wärts läuten“ nannte. Aber obwohl der Haufe wuchs und das Geſchrei immer heftiger wurde, blieb doch Allan Griffin, ein derber Mann mit einer ſchallenden Stimme und von Großen und Kleinen geachtet, feſt auf ſeinem Poſten, einen Fuß auf den Leichnam geſtellt und ſchrie dem Volke zu, ſich rückwärts zu halten und die Obrigkeit abzuwarten. „»Man muß mit Ordnung in der Sache verfahren, Ihr Meiſter; wir müſſen die Obrigkeit an unſrer Spitze haben. Sie ſind recht und gut auf unſerm Rathhaus erwählt, wackre Leute, auf die man zählen kann. Wir wollen nicht als Aufrührer und Störer von des Königs Frieden behandelt ſeyn. Aber macht Platz und haltet Euch ruhig, denn dort tritt der Vogt Craigdallie mit dem wackern Simon Glover einher, dem die ſchöne Stadt ſo viel verdankt. Ach! ach! meine Mitbürger! ſeine Tochter war geſtern Abend eine glückliche Braut, dieſen Morgen iſt das ſchäne Mädchen von Perth eine Wittwe noch eh ſie ein Weib war!« „Dieſer neue Gegenſtand des Mitleidens erhöhte das Toben und die Wuth der Menge um ſo mehr, da viele Weiber herbei gekommen waren und den Lärmruf der Männer laut wiederholten. »Ja, ja! die Jagd von St. Johnstoun iſt los! vor⸗ wärts Ihr alle, für das ſchöne Mädchen von Perth und den braven Heinrich Gow! Vorwärts! Geizt nicht mit Hieben! In die Ställe, in die Ställe! wenn das 3* 9 3336 4 Koß weg iſt, nützt der Krieger nichtst Schlagt die Knechte und Bediente zuſammen! Berwundet, verſtüm⸗ melt die Pferde! die elenden Knappen und Pagen! die ſtolzen Ritter ſollen uns zu Fuß angreifen, wenn ſies wagenu, „Sie wagen's nicht! ſle wagen's nicht,“ antwortete das Geſchrei, in ihren Pferden und Rüſtungen liegt ihre Stärke und doch haben die undankbaren Schurken einen Mann gemordet, der als Waffenſchmied ſeines Gleichen nicht hat weder in Mailand noch Venedig.— Zu den Waffen! brave Buͤrger!— die Jagd von St. Johnstoun iſt los!“ „Nitten unter dieſem Geſchei gelang es mit Mühe der Obrigkeit und den bedeutendſten Bürgern ſich Platz zur Unterſuchung des Leichnams zu machen, nebſt dem Stadtſchreiber, den ſie bei ſich hatten, um amtliche Acten aufzuſetzen, oder, wie man heut zu Tage ſagt, eine Unterſuchung des Thatbeſtandes(take aprecognition) zu protokolliren. Die Menge unterwarf ſich dem Ver⸗ zug mit einer Geduld und Nachgiebigkeit, die einen unterſcheidenden Zug im Charakter eines Volkes bilden, deſſen Zorn immer um ſo gefaͤhrlicher war, da es, ohne von ſeinen Racheplanen abzugehn, jede Weitlaͤu⸗ figkeit, die zu ihrer ſichern Ausfuͤhrung nothwendig iſt, mit vollkommner Ruhe ertraͤgt. Man empfing daher die Obrigkeit mit lautem Freudengeſchrei, un⸗ ter dem ſich aber doch die Racheluſt aͤußerte und zu⸗ gleich mir ehrfurchtsvoller Unterwuͤrfigkeit gegen die Beſchuͤtzer, durch deren Huͤlſe ſie ihren Wunſch auf 37 geſetzlichen und rechtlichen Wegen zu erreichen verſt⸗ chert waren. Waͤhrend das Geſchrei noch in der Menge wiederhallte und alle angraͤnzenden Straßen fuͤllte, waͤhrend es in tauſend verſchiedenen Geruͤchten ſich immer weiter fortpflanzte, ließ die Obrigkeit den Leich⸗ nam aufheben, um ihn naͤher zu betrachten, erkannte ſogleich und verkuͤndete auf der Stelle daß es nicht der Leichnam des ſo allgemein und wegen der damals achtungswertheſten, Eigenſchaften mit viel Recht ge⸗ liebten Waffenſchmieds, Heinrich Gow, ſondern der eines weit geringer geachteten. Mannes ſey, obgleich er nicht vhne Verdienſt in der Geſellſchaft war, des luſtigen Strumpfwirkers? Olivier Proudfute. Der Zorn des Volks war ſo ſehr auf den Gedanken zuſammen⸗ gedraͤngt, daß ſein tapferer unerſchockener Vextheidi⸗ ger, Heinrich Gow, das Opfer ſey, daß d ie Widerlegung dieſes Geruͤchts hinxeichte, ſeine Wuth zu ſtillen, waͤh⸗ rend wahrſcheinlich, haͤtte man den armen Olivier ſchon im erſten Augenblick erkannt⸗ aus jedem Mund der Racheruf ergangen waͤre, wie um Heinrich von Wynd. Die V Verkuͤndigung, dieſer unerwarteten Neuigkeit er⸗ weckte ſogar anfangs ein Gelaͤchter im Volk; ſo nghe graͤnzen das Fächerliche, und das Schryckliche zuſam⸗ men. 336 „»„Die Moͤrder haben ihn ohus Zweifel fuͤr Heinrich Smith gehalten, e« ſagte Griffin, z Was fuͤr ihn bei dieſen Umſtaͤnden ein großer Troſt geweſen ſeyn muß.« Aber die Ankunft anderer Perſonen gab dem Schau⸗ ſpiel bald ſeinen tragiſchen Charakter wieder. Achtzehntes Kapitel. Wer zieht die Glocken an, zum Teufel, wer? Die Stadt ſteht auf.— 1 Othello. Die ſchreckhaften Geruͤchte, die durch die Stadt flo⸗ gen, erregten, als der Schall der Laͤrmglocken ſie bald bekraͤftigte, allgemeine Beſtuͤrzung. Die Ritter und Edlen mit ihrem Gefolge eilten nach verſchiedenen zur Vertheidigung geeigneten Sammelplaͤtzen und der Laͤrm erreichte den koͤniglichen Pallaſt, wo der Prinz einer der erſten war, die ſich bereit zeigten, den Koͤnig zu vertheidigen. Die Scene der vorigen N acht war ihm noch im Gedaͤchtniß und der blutbefleckten Geſtalt. Bonthrons ſich erinnernd dachte er ſich, wiewohl ohne zu wiſſen, wie, ſeine Mordthat in Verbindung mit dem Aufſtand. Das nachher erfolgte wichtigere Geſpraͤch mit Sir John Ramorny hatte jedoch ſo tiefen Ein⸗ druck gemacht, daß dadurch außer der unbeſtimmten 3 Erinnerung an eine geſchehene Mordthat alle Spuren von dem, was er uͤber die blutige That des Meuchel⸗ moͤrders undeutlich gehoͤrt hatte, verloͤſcht worden waren. Um ſeines Vaters willen griff er mit ſeinen Hausbedienten zu den Waffen, die in glaͤnzender Ruͤſtung, die Lanzen in den Haͤnden ein ganz andres Anſehen hatten, als die vergangene Nacht, da ſie als 39 berauſchte Bachusdlener erſchienen waren. Der gute alte Fuͤrſt nahm dieß Zeichen kindlicher Liebe mit Thraͤ⸗ nen der Dankbarkeit an und zeigte ſtolz feinen Sohn dem bald darauf eintretenden Herzog von Albany. Er nahm beide bei der Hand. G „Nun ſind wir drei Robin Stewarts,« ſagte er, ſo unzertrennlich als das heilige Kleeblatt; und wie der, welcher dieß geweihte Kraut traͤgt, der Sage nach des Zaubertrugs ſpottet, ſo koͤnnen wir, ſo lang wir einander treu bleiben, der Bosheit und Feindſchaft trotzen.« Der Bruder und Sohn kuͤßten die freundliche Hand, welche die ihrigen druͤckte, waͤhrend Robert III. ſein Vertrauen auf ihre Liebe aͤußerte. Der Kuß des Juͤnglings war noch aufrichtig, der des Bruders war der Gruß des Verraͤthers Judas. Indeſſen hatte die Glocke der St. Johanniskirche unter andern auch die Bewohner von Curfewſtreet aufgeſchreckt. In Simon Glovers Haus war die alte Dorothea Glover, wie man ſie nannte(denn auch ſie trug den Namen des Handwerks, das ſie bei ihrem Herrn trieb,*) die erſte, die den Schall vernahm. Ob ſie gleich gewoͤhnlich etwas taub war, ſo blieb doch ihr Ohr immer fuͤr ſchlimme Neuigkeiten ſo ſcharf, *) Wir brauchen nicht erſt darauf hinzuweiſen, daß der Name Glover ſchon den Handſchuhmacher bezeichnet, dennoch aber vom Verf. als Name gebraucht wird. Anm. d. Ueb. 40 als der Geruch eines Geiers fuͤr das Aas; denn Do⸗ rothea, ſonſt ein fleißiges, treues und ſelbſt liebevolles Geſchoͤpf, hatte den ſtarken Hang, traurige Geruͤchte zu ſammeln und auszubreiten, der in den niedern Claſſen ſo oft gefunden wird. Wenig gewohnt, an⸗ gehoͤrt zu werden, lieben ſie die Aufmerkſamkeit, die eine tragiſche Geſchichte dem Erzaͤhler ſichert und freuen ſich vielleicht der Gleichheit, in welche das Mißgeſchick die, welche ſonſt uͤber ihnen ſtehen⸗ auf eine Zeitlang mit ihnen ſetzt. Dorothea hatte ſich nicht ſobald ein kleines Buͤndel der draußen umher⸗ fliegenden Geruͤchte zuſammengerafft, als ſie zu ihrem Meiſter, der das Vorrecht des Alters und des Feſt⸗ tags zu ungewoͤhnlich langem Schlaf benuͤtzte, ins Schlafzimmer ſprang. „Da liegt er, der gute Mann!« ſagte Dorothea, halb ſchreiend und halb im weinerlichen Tone des Mitgefuͤhls,—„da liegt er, ſein beſter Freund iſt erſchlagen und er weiß ſo wenig davon, als von dem neugebornen Kind, das Leben und Tod nicht unter⸗ ſcheiden kann.“⸗ 1 „Nun, nun,“« ſagte der Handſchuhmacher, ſich ſchnell aufrichtend,„was gibts, altes Weib, iſt meine Toch⸗ ter wohl?“. 1 2* „Altes Weib?“ ſagte Dorothea, die den Fiſch, der einmal angebiſſen hatte, ein wenig ſpielen laſſen wollte, „ich bin nicht ſo alt,« ſagte ſie, aus dem Gemache ſpringend,„daß ich da bleibe, wenn ein Mann aus dem Bette ſteigt.«— 44 Und ſogleich ließ ſie ſich von weitem im Wohnzim⸗ mer hoͤren, zum Scharren des Beſens melodiſch ſingend. „Dorothea— Nachteule— Teufel— ſag nur, ob meine Tochter ſich wohl befindet?⸗⸗ „Ich befinde mich wohl, mein Vater,“ antwortete das ſchoͤne Maͤdchen von Perth aus ihrem Schlafge⸗ mach,»„ganz wohl, aber um unſerer lieben Frau wil⸗ len, was gibt es denn? Die Glocke ſchallt ruͤckwaͤrts und man laͤrmt und ſchreit auf der Straße,« „Das will ich gleich wiſſen. Conachar, binde mir die Neſteln.— Ich vergeſſe, der hochlaͤndiſche Luͤmmel iſt weiter hin als Fortingal. Geduld, meine Tochter, ich bringe gleich Nachricht.« »⸗Ihr braucht Euch darum nicht zu 3 Simon Glover,« ſagte die hartnaͤckige Alte,„das Beſte und Schlimmſte kann ich Euch ſagen, eh Ihr uber die Thuͤrſchwelle holpert; ich habe die ganze Geſchichte draußen gehoͤrt, denn, dachte ich, unſer Meiſter iſt ſo eigenſinnig, daß er in den Tumult hinaus laufen wird, ſey es, was es wolle; und ſo mußte ich eben die Beine ruͤhren und nach der Sache fragen, oder er ſteckt ſeine alte Naſe mitten hinein und laͤßt ſie ſich zwicken, ehe er weiß, warum?« „Und was haſt du denn fuͤr Neuigkeiten,⸗ Alte 2⁴ ſagte der ungeduldige Simon, immer noch mit den hundert Baͤndern und Neſteln beſchaͤftigt, mit denen das Wams an die Beinkleider befeſtigt wurde. Dorotheg ließ ihn in ſeinem Geſchaͤft fortfahren, bis ſie dachte, er muͤſſe bald fertig ſeyn und ſah vor⸗ — 4² aus, wenn ſie nicht ſelbſt ihr Geheimniß entdeckte, wuͤrde der Meiſter gehen und ſelbſt nach der Urſache der Stoͤrung fragen. Sie fing daher zu weinen an: „Ach, ach, Ihr koͤnnt mir keine Schuld beimeſſen, wenn Ihr doͤſe Nachrichten hoͤrt, ehe Ihr zur Fruͤh⸗ meſſe geht. Ich wollte ſie von Euch abhalten, bis Ihr das Wort des Prieſters vernommen habt, aber Ihr muͤßt es nun doch wiſſen, daß Ihr den treueſten Freund verloren habt, der je einem andern die Hand bot und Perth den tapferſten Buͤrger beweint, der je die Klinge zur Hand nahm.“ 3 „Heinrich Smith! Heinrich Smith!e« riefen Vater und Tochter zugleich. „O, ja, da wißt Ihrs, ſagte Dorothea,„und wer iſt Schuld daran, als Ihr? Ihr habt ſo viel Laͤrm darob gemacht, daß er eine Saͤngerin begleitete, als waͤre es eine Juͤdin geweſen. Dorothea waͤre noch lange fortgefahren, aber der Meiſter rief ſeiner Tochter zu, die immer noch in ihrem Gemach war:„Es iſt Unſinn, Katharine— lauter Tollheit einer alten Naͤrrin. Das iſt nicht geſchehen; ich will dir im Augenblick wahre Zeitung bringen.⸗ Damit ergriff der Alte den Stab und eilte fork in die Straße hinaus, wo das Volksgedraͤnge gegen die Hochſtraße hineilte. Dorothea murmelte indeſſen vor ſich hin:„Dein Vater iſt ein kluger Mann, nimm ſein eigenes Wort dafuͤr. Er wird bald mit einem Schaden aus dem Gebalge kommen und dann wirds heißen, Dorothea gib Leinwand, Do⸗ 43 rothea ſtreiche Pflaſter; aber jetzt iſts nichts als Un⸗ ſinn, Luͤge, Unmoͤglichkeit, was aus Dorothea's Mund kommen kann.— Unmoͤglich! Glaubt der alte Simon, Heinrich Smiths Kopf ſey ſo hart wie ſein Ambos, wenn ein ganzer Clan Hochlaͤnder darauf klopft?« Hier wurde ſie durch eine Engelgeſtalt unterbrochen, die mit verſtoͤrten Augen, todtblaſſen Lippen, losge⸗ bundenem Haar und offenbarer Bewußtloſtgkeit zu ihr hereilte und die Alte aus ihrer unzuftiedenen Laune ſchreckte. „Unſere liebe Frau ſegne mein Kind!« ſagte ſie, „was ſeht Ihr ſo ſchrecklich aus? „Sagteſt du nicht, es ſey Jemand todt?« fragte Katharine mit aͤngſtlicher Unſicherheit der Sprache, als dienten ihr die Hoͤr⸗ und Sprachwerkzeuge hicht mehr vollkoömmen. „Todt? freilich, ja, todt geung; Ihr werdet ſeine dunkeln Augen nicht mehr ſehen.« „Todt!« ſagte Katharine immer noch mit zittern⸗ der Stimme.„Todt— erſchlagen— und von Hoch⸗ laͤndern?«. 4 „Ja, ohne Zweifel, von den elenden Schurken. Wer toͤdtet denn ſonſt die meiſten Leute, außer wenn hie und da die Buͤrger einen Laͤrm erheben und ein⸗ ander toͤdten, oder auch wenn die Ritter und Edlen Blut vergießen? Aber das kann ich ſagen, daß es dießmal die Hochlaͤnder geweſen ſind. Der Mann war nicht in Perth, der, Herr oder Burſche, dem Heinrich Smith von Angeſicht zu Angeſicht ſtehen b — 44 durfte. Man hat ſeltſam gegen ihn gehandelt, das werdet Ihr ſehen, wenn die Sache unterſucht wird.„ „ Hochlaͤnder wiederholte Katharine, wie von ei⸗ nem ſinnverwirrenden Gedanken verfolgt,„Hochlaͤn⸗ der! o Conachar! Conachar!«⸗ „SJa, ich darf ſagen, Ihr ſeyd auf den Rechten ge⸗ kommen, Katharine. Sie ſtritten, wie Ihr geſehen habt, den Tag vor St. Valentin und balgten ſich. Ein Hochlaͤnder hat fuͤr ſo etwas ein langes Gedaͤcht⸗ niß. Gebt ihm um St. Martin eine Ohrfeige, ſo juckt ihm die Wange noch an Pfingſten. Aber was haͤtte denn die langbeinigen Kerle dazu gebracht, ihr blutiges Wert in der Stadt zu thun?e 8 „Weh mir, ich wars,“ ſagte Katharine, ich brach die Hochlaͤnder herunter, ich, die nach Conachar hickte — ach, ſie haben ſich in Hinterhalt gelegt, Trex i brachte ſie guf die Spur ihrer Beute. Aber ich wi mit eigenen Augen ſehen— und dann— laßt nh etwas thun. Sage meinem Vater, ich ſey ſoglei zuruͤck. ⸗ 1. e „Sed ghr talz, Madchen kc ſchkise Dorgtheg Als Katharine an ihr voruͤber nach der Straße. eilte.»Ihr werdet doch nicht auf die Straße gehen, ſo lang Euch das Haagr uͤber die Wangen haͤngt und in dieſer Klei⸗ dung, Ihr, die man als das, ſchone Maͤdchen von Perth kennt?— Potz! da iſt ſie ſchon in der Straße, geh's wie's will und der alte Simon wird ſo toll ſeyn, als haͤtt' ich ſie mir nichts, dir nichts zuruͤckhalten koͤnnen. — Das iſt ein ſchoͤner Morgen fuͤr den Aſchermitt⸗ 45 woch! 1 Wäs i 1 zu thun? T Wonlté ich meinen Herrn unter der Menge e ſuchen, da koͤnnte man mich zertre⸗ ten und das alte Weib wenig bedauern.— Oder ſoll ich Katharin en nachlaufen, die mir ſchon lang aus den Augen und viel leichter auf den Fuͤßen iſt als ich?— ich will lieber hinab zum Varbier Nieof und ihmi Ates Krzäten. 26 — Woſtens. die ſchlane Dorotheg ihren klugen Ent⸗ ſchlu g ausfuͤhtte, eilre Katharine ſo dur ch die Straßen von perth, daß ſle in einem andern Augenblick die Aufmerkſamkeit eines Jeden auf ſich gezogen haͤtte, der ſle in raſt loſer Eile dahin fliegen fah, geaͤngſtet und ganz vhe den. g gewohnten ruhigen Anſtand des Gangs und Benehmens, ohne das Plaid, die Schaͤrpe und den Mantel, die„ gute Frauen ee von rechtſchaf⸗ fenem Ruf und gehoͤrigem Rang immer trugen, wenn ſie ausgingen. Aber iin allgemeinen Schrecken, da Alle nach der Urſache des Tumults fragten oder ſie erzaͤhlten, die Meiſten aber ſte verſchieden angaben, machte die Nachläßigkeit ihrer Kleidung und der Man⸗ gel an Faſſung auf Niemanden Eindruck und man ließ ſie auf dem gewaͤhlten Pfade forteilen, ohne ſie mehr als die ubrigen Weiber zu bemerken, die von dangſt llicher NReugter oder Furcht getrieben, nach der Uriache des allgemeinen Aufſtandes zu fragen, gekom⸗ men waren— wahrſcheinlich aber um Freunde zu ſuchen, deren Slcherheit ihnen am Herzen lag. Waͤhrend Katharine dahin? ging, fuͤhlte ſie den gan⸗ zen ſeltſamen Einſluß der ruͤhrenden Scene, und kaum 46 enthielt ſie ſich, das Jammer⸗ und Schreckgeſchrei zu wiederholen, das ſie umhallte. Indeß eilte ſie wie im Traume fort, im wunderſamen Gefuͤhle furchtbaren Uungluͤcks, ohne daß ſie ſich deſſelben beſtimmt und klar bewußt war, das aber den ſchrecklichen Gedanken ein⸗ ſchloß, der Mann, der ſie ſo zaͤrtlich liebte, deſſen gute Eigenſchaften ſie hoch ſchaͤtzte und der ihr, wie ſie jetzt fuͤhlte, theurer war, als ſie ſich vorher geſtanden hatte, ſey ermordet und ſie wahrſcheinlich an ſeinem Tode ſchuld. Die Verbindung zwiſchen Heinrichs vermeint⸗ lichem Tod und dem Einfall Conachars und ſeiner Gefaͤhrten, ob ſie gleich im Augenblick der ſtaͤrkſten Bewegung in ihr entſtanden war, hatte hinlaͤngliche Wahrſcheinlichkeit, um fuͤr wahr zu gelten, ſelbſt wenn ihr Verſtand im Stande geweſen waͤre, die Glaub⸗ würdigkeit derſelben zu unterſuchen. Ohne zu wiſſen, was ſie außer dem allgemeinen Verlangen, das Schlimmſte von dem ſchreckhaften Geruͤcht zu erfahren, noch ſuchte, eilte ſie dem Orte zu, den ihre Gefuͤhle vom vorigen Tag ſie unter allen am meiſten zu mei⸗ den verfuͤhrt haͤtten. Wer wuͤrde noch am Dienſtag Abend die ſtolze, ſchuͤchterne, kluge und ſtreng anſtändige Katharine Gloyer uͤberredet haben, ſie wuͤrde noch vor der Meſſe des Aſchermittwochs mitten in Laͤrm und Verwirrung, mit aufgeloͤstem Haar und verſtoͤrter Kleidung durch die Straßen von Perth eilen, um das Haus des Lieb⸗ habers zu ſuchen, der, wie ſie glauben mußte, ſie durch Unterhaltung einer unanſtaͤndigen und frechen Lieb⸗ 47 ſchaft ſo grob und ſchwer vernachlaͤßigt und beſchimpft hatte! Und doch war es ſo; und da ſie in der Eile die freieſte Straße, wie durch Inſtinkt einſchlug, er⸗ reichte ſie die Hauptſtraße, wo das Gedraͤnge am groͤßten war, vermeidend durch dieſelben engen Gaſſen an der Nordſeite der Stadt in den Wynd, durch die Heinrich fruͤher Louiſen begleitet hatte. Doch ſelbſt dieſe vergleichungsweiſe einſamen Gaſſen waren jetzt mit Leuten gefuͤllt, ſo allgemein war der Laͤrm. Ka⸗ tharine Glover draͤngte durch ſie, indeß diejenigen, welche ſie bemerkten, einander anſahen und aus Mit⸗ leid mit ihrem Ungluͤck den Kopf ſchuͤttelten. Endlich ſtand ſie ohne klare Gedanken vor dem, was üe wollte, vor der Thuͤr des Liebhabers und klopfte. Die Stille, welche dem Schall ihres haſtigen Rufs folgte, vermehrte den Schrecken, der ſie zu verzwei⸗ felten Maßregeln trieb. „»Macht auf! macht auf, Heinrich!« rief ſie,„macht auf, wenn Ihr lebt und nicht Katharine Glover todt auf Eurer Schwelle finden wollt!« Als ſie dieſen aͤngſtlichen Anruf an Jemand machte, deſſen Ohren ſie durch den Tod verſchloſſen glaubte, oͤffnete der ge⸗ rufene Liebhaber ſelbſt die Thuͤr eben noch zeitig ge⸗ nug, um zu hindern, daß ſie zu Boden ſank. Das Uebermaß des unerwarteten Entzuͤckens kam nur der Verwunderung gleich, die ihm verbot, es fuͤr wirklich zu halten und ſein Schrecken uͤber die geſchloſſenen Augen, die halboffenen blaſſen Lippen, die gaͤnzliche 48 Bewußtloſigkeit und das ſcheinbare Stocken des Athoms der Geliebten. Heinrich war trotz des Laͤrms, der ſchon lang ſeine Ohren erreicht hatte, zu Haus geblieben, feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich in keinen Handel zu werfen, den er ver⸗ meiden koͤnnte und nur aus Gehorſam gegen den Ve⸗ fehl der Obrigkeit, dem er als Buͤrger folgen mußte, hatte er Schwert und Schild von der Wand genom⸗ men, um zum erſtenmal ungern zu gehn und den Dienſt zu leiſten, zu dem er verbunden war. „Es iſt hart,“ ſagte er„in alle Stadthaͤndel ge⸗ ſtoßen zu werden, da doch Katharine des Fechten ſo ſehr verabſcheut. Gewiß ſind Maͤdchen genug in Perth, die zu ihren Liebhabern ſagen: Geh fort, thue deine Pflicht und gewinne deines Maͤdchens Dank! und doch ſchicken ſie jetzt nicht nach dieſen, ſondern nach mir, der weder die Pflicht des Mannes thun kann, eine Saͤngerin zu ſchuͤtzen, noch die eines Buͤrgers, der fuͤr die Ehre der Stadt ficht, ohne daß mich die eigenſinnige Katharine behandelt, als waͤr ich ein Naufbold und Hurer les Mit dieſen Gedanken war er beſchaͤftigt, als er, die Thuͤr oͤffnend, um auszugehen, die Geliebte ſeines Herzens, die er am wenigſten zu ſehen erwarteke, vor Augen ſah und ſie in ſeine Arme ſinken ließ. Sein aus Ueberraſchung, Freude und Angſt gemiſch⸗ tes Gefuͤhl raubte ihm die Geiſtesgegenwart nicht, die der Vorfall verlangte. Er mußte Katharine Glo⸗ ver in Sicherheit bringen und zum Bewußtſeyn zu⸗ 49 ruͤckrufen, eh er dem Befehl der Obrigkeit gehorchte, ſo dringend er war. Er rrug ſeine liebliche Buͤrde, ſo leicht als eine Feder, aber koſtbarer als ein gleiches Stuͤck Gold, in das kleine Schlafgemach, das ehemals ſeiner Mutter angehoͤrt hatte. Es war fuͤr eine Kranke am geeignetſten, da es an den Garten ſtieß und vom Getoͤſe des Aufſtandes abgelegen war. „Hier— Amme, Amme Schoolbred— ſchnell,— Tod und Leben, ſchnell— man bedarf hier Eurer Huͤlfe!“⸗ Die Alte trabte herbei.„Waͤre es jemand, der dich aus dem Handel ziehen koͤnnte,“ dachte ſie, denn auch ſie war von dem Getoͤſe aufgeſchreckt, aber wie ſtaunte ſie, als ſie, mit Liebe und Ehrfurcht auf das Bett ihrer verſtorbenen Gebieterin gelegt und von den ath⸗ eriſchen Armen ihres Pflegeſohns gehalten, die ſchein⸗ bar lebloſe Geſtalt des ſchoͤnen Maͤdchens von Perth erblickte.„Katharina Glover? ſagte ſie„und heilige Mutter! ein ſterbendes Maͤdchen, wie es ſcheint!!⸗ „Nein, Alte,“ erwiederte der Pflegeſohn,„das theure Herz klopft— der ſuͤße Athem geht auf und ab! komm, du kannſt ſie ſanfter unterſtuͤtzen, als ich— bringe Waſſer— Eſſenzen— was deine alte Kunſt auftreibt. Der Himmel legte ſie nicht in meine Arme, um zu ſterben, ſondern um fuͤr ſich und mich zu leben.“ Mit einer Nuͤhrigkeit, die man ihrem Alter nicht haͤtte zutrauen ſollen, ſammelte die Amme Schoolbred alle Mittel, wodurch man Ohnmaͤchtige zu ſich bringt; denn, wie viele Frauen der damaligen Zeit, wußte Walter Scott's Werke. 1548 Bdchen. 1 50 ſie mit ſolchen Zufaͤllen umzugehen, ja ſie beſaß fuͤr gewoͤhnlichere Faͤlle eine wundaͤrztliche Kenntniß, die zhres Pflegeſohns kriegeriſche Neigungen in beſtaͤnd i⸗ ger Uebung gehalten hatten. „Wohlan,“ ſagte ſie,„Sohn Heinrich, laß meine Kranke aus deinen Armen— wenn ſie gleich der Umarmung werth iſt— und brauche ſie dann ſelbſt, um mir zu helfen, wo ich dich brauche.— Nun, ich verlange nicht, daß Ihr auch die Hand fahren laſſet, wenn Ihr ſanft darauf klopfen wollt, wenn die Fin⸗ ger ſich loͤſen.“ „Ich auf ihre ſchoͤne, kleine Hand ſchlagen l⸗ ſagte Heinrich,„Ihr koͤnntet mich eben ſo gut mit dem Schmiedehammer auf ein Trinkglas klopfen heißen, als ihre ſchoͤne Hand mit meinen hornharten Fingern anruͤhren.— Aber die Finger entfalten ſich und wir wollen ein beſſer Mittel finden, als das Schlagen,“ hiemit legte er ſeine Lippen an die ſchoͤne Hand, de⸗ ren Bewegung die ruͤckkehrende Empfindung ankuͤndigte. Einige tiefe Seufzer folgten und das ſchoͤne Maͤdchen von Perth oͤffnete die Augen, heftete ſie auf den Ge⸗ liebten, der neben dem Bette knieete und ſank wie⸗ der aufs Kiſſen zuruͤck. Da ſie ihre Hand dem Drucke des Liebenden nicht entzog, ſo muͤßen wir mit billiger Nachſicht glauben, die Ruͤckkehr des Bewußtſeyn's ſey nicht ſo vollſtaͤndig geweſen, daß ſie bemerkte, wie er den Vortheil mißbrauchte und abwechſelnd Mund und Bruſt druͤckte. Zugleich muͤßen wir geſtehen, daß waͤh⸗ rend dieſes Ruͤckfalls das Blut ihre Wangen faͤrbte 54 und ihr Athem einige Minuten tief und regelmaͤßig war. Der Laͤrm vor der Thuͤr begann nun⸗viel lauter zu werden, und Heinrich wurde bei all ſeinen ver⸗ ſchiedenen Namen gerufen, Smith, Gow und Hal von Wynd, wie die Heiden ihre Goͤtter mit verſchiedenen Beinamen anzurufen pflegten. Endlich nahm das Volk, wie die portugieſiſchen Katholiken, wenn ſie von Bitten an ihre Heiligen erſchoͤpft ſind, ſeine Zuflucht zu lautem Tadel. „Heraus, Heinrich! Ihr ſeyd entehrt, Eurem Buͤr⸗ gereid untreu, Verraͤther der ſchoͤnen Stadt, wenn Ihr nicht gleich heraus kommt!“ Es ſchien, die Be⸗ mühungen der Amme Schoolbred haben nun ſo piel Erfolg gehabt, daß Katharine wieder einigermaßen zu ſich gekommen war, denn ſie ließ, ihr Geſicht mehr gegen den Geliebten wendend, als ihre vorige Lage zuließ, die rechte Hand auf ſeine Schulter fallen, in⸗ dem die linke mit ihrer Einwilligung in ſeinem Beſitz blieb und ſchien ihn leicht zuruͤckzuhalten, indem ſie wiſperte:„Geh nicht, Heinrich— bleibe bei mir— ſie toͤdten dich, dieſe Blutmenſchen.⸗ Dieſe zarte Anrede, die daraus hervorging, daß ſie den Geliebten, den ſie nur als Leichnam wieder zu ſehen erwartet hatte, lebend fand, ſchien, ſo leiſe und kaum verſtaͤndlich ſie ausgeſprochen war, mehr Kraft zu ha⸗ ben, zum Heinrich in ſeiner jetzigen Stellung zu hal⸗ 4* 52² ten, als der wiederholte Ruf vieler Stimmen von außen, um ihn hinab zu bringen. „Bei der Meſſe, Kameraden,“ ſchrie ein grober Buͤrger ſeinen Gefaͤhrten zu,„der trotzige Schmied treibt Spaß mit uns! Laßt uns hinein und ihn am Kopf und Fuß herausbringen!“ „Bedenkt, was Ihr thut,“ ſagte ein vorſichtigerer Stuͤrmer.„Wer in Heinrich Gows Wohnung ein⸗ dringt, der mag mit geſunden Beinen hineinkommen, aber er kehrt als fertige Arbeit fuͤr den Wundarzt zuruͤck.— Aber da kommt jemand, der gutes Recht hat, unſere Sache bei ihm auszurichten und dem Ab⸗ truͤnnigen den Kopf zurechtzuſetzen. Der Mann, dem dies galt, war Niemand, als Si⸗ mon Glover ſelbſt. Er war auf der Stelle, wo des ungluͤcklichen Strumpfwirkers Leichnam lag, gerade zu rechter Zeit angelangt, um zu ſeiner groͤßten Freude, da er auf Befehl des Vogts Craigdallie umgedreht wurde, die Zuͤge des armen Aufſchneiders Proudfute zu erkennen, waͤhrend das Volk den Lieblingskaͤmpen Heinrich Smith erwartete. Ein Gelaͤchter oder wenig⸗ ſtens etwas dem aͤhnliches verbreitete ſich unter de⸗ nen, die dran dachten, wie ſehr ſich Olivier um den Ruf eines Naufboldes bemuͤhte, ſo fremd er ſeinem natuͤrlichen Charkater war und ſie bemerkten, er ſey eines Todes geſtorben, der eher ſeinen Anſpruͤchen, als ſeiner Gemuͤthsart entſpreche. Aber dieſe unzei⸗ tige ſpaßhafte Stimmung, die an die Rohheit der Zeit anvrte, verſtummte ploͤtzlich vor der Stimme, dem 53 Jammer und Wehklagen einer Frau, die durch das Volk ſich draͤngend immer ſchluchzte:„O, mein Gatte! mein Gatte!“ Man machte der Trauernden und etlichen Freun⸗ dinnen, die ſie begleiteten, Platz. Mandie Proudfute war bisher nur als eine huͤbſche, ſchwarzhaarige Frau bekannt geweſen, die man für hochmuͤthig und ſtolz gegen diejenigen hielt, welche ihr niedrer und aͤrmer, als ſie ſelbſt, duͤnkten und als Gebieterin und Kaiſerin ihres Gatten, der gleich den Kamm ſinken laſſen mußte, wenn ſie ihn zur Unzeit kraͤhen hoͤrte. Aber nun ward ſie durch eine maͤchtige Leidenſchaft weit ehrwuͤrdiger. „ Lacht Ihr,« ſagte ſie,„unwuͤrdige Buͤrger von Perth, weil einer Eurer Mitbuͤrger ſein Blut in den Graben vergoſſen hat?— oder lacht Ihr, weil das Todesloos meinen Gatten traf? Wie hat er das ver⸗ dient?— Hielt er nicht ein ehrlich Haus durch eignen Fleiß und einen guten Tiſch, wo der Kranke willkom⸗ men war und der Arme getroͤſtet wurde? Lieh er nicht den Beduͤrftigen— ſtand er nicht ſeinen Nachbarn als Freund bei, gab Rath und uͤbte Gerechtigkeit als Obrigkeit?«⸗ „Es iſt wahr, ja, es iſt wahr,« antwortete die Verſammlung,„ſein Blut iſt unſer Blut, ſo gut, als waͤre es Heinrich Gows.«. „Ihr habt Recht, Nachbarn,« ſagte der Vogt Craig⸗ dallie,„und dieſe Sache darf nicht ausgehen, wie die vorige— Buͤrgerblut darf nicht ungeraͤcht in unſern 54 Graben fließen, als waͤre es Pfuͤtzenwaſſer, ſonſt wuͤr⸗ den wir bald den Tay davon gefaͤrbt ſehen. Aber dieſer Schlag galt nicht dem ungluͤcklichen Manne, auf den er unſeliger Weiſe fiel. Jedermann weiß, was Olivier Proudfute war, wie groß er ſprach und wie wenig er that. Er hat Heinrich Smiths Jacke, Schild und Helm. Die ganze Stadt kennt ſie ſo gut als ich; da iſt kein Zweifel. Er hatte den Einfall, wie Ihr wißt, dem Schmied faſt Alles nachzuthun. So hat Jemand blind vor Wuth oder Rauſch den ungluͤcklichen Muͤtzenhaͤndler getroffen, den Niemand fuͤrchtete oder haßte, oder ſich uͤberhaupt um ihn kuͤm⸗ merte, ſtatt des ruͤſtigen Waffenſchmieds, der zwanzig Kaͤmpfe auf der Fauſt hat.« „Was iſt zu thun, Vogt?“ rief die Menge. „Das, meine Freunde, wird Eure Obrigkeit fuͤr Euch beſchließen, die ſogleich ſich verſammeln wird, wenn Sir Patrick Charteris hieher kommt, was gleich geſchehen wird. Indeſſen laßt den Wundarzt Dwining den armen Leichnam unterſuchen, daß er ſage, wie er zu ſeinem ſchlimmen Tode kam und dann laßt ihn in einem reinlichen Sarg, wie es einem ehrlichen Buͤrger ziemt, vor den Hochaltar der Kirche St. Johanns ſtellen, des Schutzpatrons der ſchoͤnen Stadt. Huͤtet Euch vor Geſchrei und Laͤrmen und jeder Waffenfä⸗ hige, der der ſchoͤnen Stadt wohl will, halte ſeine Waffen bereit und ſey fertig, ſich beim Klang der Glocke des Stadthauſes in der Hochſtraße einzufinden; daß wir entweder den Tod unſers Mitbuͤrgers raͤchen, 55 oder das Loos annehmen, das uns der Himmel ſen⸗ det.— Indeſſen vermeidet jeden Streit mit den Rit⸗ tern und ihrem Gefolge, bis wir den Unſchuldigen von den Schuldigen unterſcheiden.— Aber wo bleibt denn der trotzige Schmied? Er iſt gleich bereit bei Unruhen, wo man ſeine Gegenwart nicht verlangt und fehlt, wenn er mit derſelben der ſchoͤnen Stadt dienen kann?— Was fehlt ihm? weiß es Jemand? Hat er letzten Faſtenabend geſchwaͤrmt?«⸗ „Er iſt entweder krank oder verdruͤßlich, Meiſter Vogt,“ ſagte einer von den Mair's oder Stadtge⸗ richtsdienern,„denn ob er wohl zu Haus iſt, wie ſeine Buben ſagen, will er uns doch nicht antworten oder einlaſſen.« „Wenn es Euren Ehren gefaͤllt, Meiſter Vogt,« ſagte Simon Glover,„ſo will ich gehen und Heinrich Smith herbringen. Ich habe einen kleinen Streit mit ihm auszumachen. Und, Dank unſerer Frau, die es ſo geordnet hat, daß ich ihn lebend finde, was ich vor einer Viertelſtunde nicht erwartet haͤtte!« „» Bringt den trotzigen Smith aufs Rathhaus, fuͤgte der Vogt bei, als ein berittener Yeoman ſich durchs Volk draͤngte und ihm etwas ins Ohr fluͤſterte, „hier iſt ein guter Burſche, der meldet, daß der Rit⸗ ter von Kinfauns durchs Thor reitet.«⸗ Auf dieſe Weiſe erſchien Simon Glover in dem ſchon bemerkten Augenblick vor Heinrich Gow's Thuͤre. Durch die Betrachtungen des Zweifels und der Furcht, die auf andere Einſtuß hatten, nicht gehemmt, 4 56 begab er ſich ins Wohnzimmer und da er die Stimme der Frau Schoolbred vernahm, nahm er ſich das Vor⸗ recht der Vertraulichkeit, ins Schlafgemach hinauf zu gehen, oͤffnete mit der leichten Entſchuldigung,„ich bitte um Verzeihung, guter Nachbar,“ die Thuͤr und trat in das Zimmer, wo ihn ein ſeltſamer und uner⸗ warteter Anblick uͤberraſchte. Beim Ton ſeiner Stimme wurde die ſchoͤne Katharine viel ſchneller belebt, als die Arzneien der Frau Schoolbred haͤtten zu Stande bringen koͤnnen; und die Blaͤſſe ihres Geſichts wech⸗ ſelte ploͤtzlich mit einer tiefen Glut des lebhafteſten Roths. Sie ſtieß ihren Liebhaber mit beiden Haͤnden zuruͤck, die ſie bis jetzt aus Bewußtloſigkeit oder aus einer durch die Vorfaͤlle des Morgens erweckten Nei⸗ gung ganz ſeinen Liebkoſungen uͤberlaſſen hatte. Hein⸗ rich Smith, deſſen Verſchaͤmtheit wir kennen, ſtrau⸗ chelte im Aufſtehen und Niemand in der Geſellſchaft war ohne Verlegenheit, außer Frau Schoolbred, die ſich das Vergnuͤgen machte, unter einem Vorwand den Andern den Ruͤcken zu wenden, um auf ihre Ko⸗ ſten zu lachen, was ſie nicht laͤnger zuruͤckhalten konnte. Der luſtige Glover, deſſen Ueberraſchung groß, aber von kurzer Dauer war, ſtimmte herzlich mit ein. .„ Nun, beim guten St. Johann,“ brach er aus, „ich glaubte heute etwas geſehen zu haben, was mich wenigſtens bis uͤber Faſten hinaus vom Lachen heilen koͤnnten, aber da muͤßten mir die Backen noch kraus werden und wollte ich eben ſterben. Nun, da ſteht der ehrliche Heinrich Smith, den man als todt beweint 57 und von jedem Thurm in der Stadt auslaͤutet, leben⸗ dig, luſtig und nach ſeinem rothen Geſicht zu urthei⸗ len, ſo weit vom Tod, als irgend einer in Perth. Und da iſt meine koͤſtliche Tochter, die geſtern Abend von nichts ſprechen wollte, als von der Schlechtigkeit der Wichte, die eitlem Spielwerk nachlaufen und lu⸗ ſtige Maͤdchen beſchuͤtzen, ja, ſie, die St. Valentin und St. Cupido zugleich trotzte,— da iſt ſie, ſo viel ich ſehe, ſelbſt in ein luſtiges Maͤdchen verwandelt. Wahrlich, ich bin erfreut, zu ſehen, daß Ihr, Frau Schoolbred, die Ihr keine Unordnung duldet, ſelbſt bei dieſer Liebſchaft mitgeſpielt habt!le⸗ „Ihr thut mir Unrecht, theuerſter Vater,« ſagte Katharine, faſt weinend,„ich kam mit ganz andern Erwartungen hieher, als Ihr glaubt. Ich kam blos, weil— weil—« „Weil du hoffteſt, einen todten Liebhaber zu finden,⸗ fiel der Vater ein,„und haſt einen lebendigen ge⸗ funden, der die Zeichen deiner Achtung empfangen und erwiedern kann. Waͤre es keine Suͤnde, ich koͤnnte es uͤbers Herz bringen, dem Himmel zu danken, daß ich dich endlich beim Geſtaͤndniß uͤberraſcht habe, daß du ein Maͤdchen biſt;— Simon Glover verdient nicht, eine Heilige zur Tochter zu haben.— Nein, ſieh mich nicht ſo jaͤmmerlich an, oder hoffe Barmher⸗ zigkeit. Ich will mich uͤbrigens bemuͤhen, nicht ſo lu⸗ ſtig auszuſehen, wenn du deine Thraͤnen ſtillſt, oder geſtehſt, daß es Freudenthraͤnen ſind.« „» Muͤßte ich wegen des Bekenntniſſes ſterben, e 58 ſagte die arme Katharine,„ich wuͤßte nicht, wie ich ſie nennen ſoll. Glaubt nur, lieber Vater und uͤber⸗ zeugt Heinrich, daß ich nicht hieher gekommen waͤre, wenn ich— „Wenn du nicht gedacht haͤtteſt, Heinrich koͤnne nicht zu dir kommen,“ ſagte der Vater,„und nun ſchuͤttelt Euch die Haͤnde in Frieden und Eintracht, wie es Valentinen gebuͤhrt. Geſtern war Faſten⸗ dienſtag, Heinrich— wir wollen annehmen, du habeſt deine Thorheiten gebeichtet, Abſolution erhalten und ſeyſt frei von aller Schuld, womit du beladen warſt. ⸗ „Nein, was das betrifft, Vater Simon,“ antwor⸗ tete der Waffenſchmied,„nun, da Ihr kalten Bluts ſeyd, kann ich beim Evangelium ſchwoͤren und meine Amme, Frau Schoolbred, zum Zeugen rufen, daß—* „Nun, nun,“ entgegnete der Handſchuhmacher, „wozu einen Streit aufwaͤrmen, der ganz vergeſſen ſeyn ſollte?“ 4 „Hoͤrt Ihr, Simon?— Simon Glover!« ſcholl es nun von unten herauf.. „Sohn Smith,“” ſagte der Handſchuhmacher ernſt⸗ haft,„wir haben jetzt andere Geſchaͤfte vor uns. Ihr und ich muͤſſen gleich zum Rath. Katharine ſoll hier indeß bei Frau Schoolbred bleiben, die fuͤr ſie ſorgt, bis wir zuruͤck ſind, und dann wollen wir beide, da die Stadt in Aufruhr iſt, ſie nach Haus bringen und das muͤſſen kecke Maͤnner ſeyn, die uns in den Weg treten.“— „Nun, lieber Vater,“ ſagte Katharine lachend⸗ 59 „uͤbernehmt Ihr Olivier Proudfute's Stelle. Dieſer gewaltige Buͤrger iſt Heinrichs Waffenbruder.“ Des Vaters Geſicht wurde dunkelroth.„Du haſt etwas Verwundendes geſagt, Tochter! aber du weißt nicht, was geſchehen iſt; kuͤſſe ihn, Katharine, zum Zeichen der Verzeihung.“ „Nicht ſo,“ erwiederte ſie,„ich habe ihm ſchon zu viel zugeſtanden. Wenn er das irrende Fraͤulein ſicher nach Haus gebracht hat, wird es Zeit genug ſeyn, Lohn zu fordern.“ „Inzwiſchen,“ ſagte Heinrich,„ſpreche ich als Wirth an, was Ihr mir nicht anders zugeſteht.“ Er ſchloß das ſchoͤne Maͤdchen in die Arme und durfte den Kuß nehmen, den ſie ſich zu geben weigerte. Als ſie miteinander die Treppe hinabgingen, legte der Alte die Hand auf die Schulter des Waffenſchmieds und ſagte:„Heinrich, meine theuerſten Wuͤnſche ſind erfuͤllt, aber es ſollte, nach dem Beſchluß der Heili⸗ gen, in einer Stunde der Noth und des Schreckens geſchehen.“ „Ja,“ ſagte Heinrich,„aber Ihr wißt, Vater, wenn unſere Haͤndel zu Perth haͤufig ſind, ſie ſelten lange dauern.“ Damit oͤffnete er die Thuͤre, die vom Wohnhaus in die Werkſtaͤtte fuͤhrte.„Hoͤrt, Kameraden,“ rief er,„Anton, Cuthberl, Dingwell und Ringan! Ruͤhrt Euch nicht vom Platz, bis ich zuruͤck bin. Seyd treu, wie die Schilde, die ich Euch ſchmieden gelehrt habe; eine franzoͤſiſche Krone und einen ſchottiſchen Freu⸗ 60 dentag ſoll jeder haben, wenn Ihr dem Befehl ge⸗ horcht. Ich laſſe einen großen Schatz unter Eurer Obhut. Gebt auf die Thuͤren Acht— laßt den kleinen Jannekis den Wynd auf⸗ und abgehen und habt Eure Waffen bereit, wenn Jemand dem Hauſe naht. Oeff⸗ net Niemand die Thuͤr, bis Vater Glover und ich zuruͤck ſind! es betrifft mein Leben und mein Gluͤck.“ Die ſtarken, ſchwarzen Rieſen, zu denen er ſprach, riefen zur Antwork:„Tod dem, der es verſucht!“ „Meine Katharine iſt nun ſo ſicher,“ ſagte er dem Vater,„als ob zwanzig Mann ſie in einem koͤnigli⸗ chen Schloß bewachten. Wir werden ruhig zum Rath⸗ haus kommen, wenn wir zum Garten gehen.“ Er fuͤhrte ihn durch einen kleinen Baumgarten, wo die Voͤgel, die der gutmuͤthige Kuͤnſtler den Winter uͤber geſchuͤtzt und gefuͤttert hatte, in der fruͤhen Ta⸗ geszeit das voruͤbergehende Laͤcheln der Februarſonne mit ſchwachem unterbrochenem Geſang begruͤßten. „Hoͤrt dieſe Saͤnger, Vater,“ ſagte der Schmied, „ich lachte dieſen Morgen in der Bitterkeit des Her⸗ zens uͤber ſie, weil die armen Kleinen ſangen, obgleich ſie noch ſo viel Winter vor ſich haben. Aber jetzt, duͤnkt mich, koͤnnte ich einen luſtigen Chor ertragen, denn ich habe meine Valentine, wie ſie die ihrigen, und welches Uebel mich auch morgen erwarten mag, heute bin ich der gluͤcklichſte Mann in der Stadt und Grafſchaft, Burg und Dorf zu Perth.n⸗ „Ich muß Eure Freude hemmen,“ ſagte der, alte Handſchuhmacher,„ob ich ſie gleich, Gott weiß es, 61 theile. Der arme Olivier Proudfute, der gutmuͤthige Narr, den Ihr und ich ſo gut kannten, iſt dieſen Morgen todt auf der Straße gefunden worden.“ „Doch nur ſcheintodt vom Rauſch, denke ich?“ ſagte der Waffenſchmied,„eine Kraftſuppe und eine gehoͤ⸗ rige Gabe von ehelichem Rath wird ihn wieder ins Leben bringen.“ „Nein, Heinrich, nein. Er iſt erſchlagen— mit einer Streitart oder aͤhnlichen Waffe erſchlagen.“ „Unmoͤglich!“ entgegnete Smith,„er war leichtfuͤßig genug und haͤtte ſich um ganz Perth nicht auf die Haͤnde verlaſſen, wenn er ſich mit den Ferſen helfen konnte.“.. „Man ließ ihm die Wahl nicht. Der Schlag fiel aufs Hinterhaupt, der Moͤrder muß kleiner geweſen ſeyn und brauchte eine Reiterart, oder etwas der Art, denn eine Lochaberaxt haͤtte oben auf den Kopf treffen muͤſſen.— Aber da liegt er todt, zerſchmettert, koͤnnt“ ich ſagen, durch eine furchtbare Wunde.“ „Es iſt unbegreiſlich,“ ſagte Heinrich Wynd,„er war um Mitternacht im Tanzkleid in meinem Hauſe, und ſchien, wenn auch noch nicht ganz, berauſcht zu ſeyn. Er erzaͤhlte mir ein Mährchen, wie er von Laͤrmern verfolgt und in Gefahr ſey; aber, ach! Ihr kennt ihn; ich glaubte, es ſey ein prahleriſcher Anfall, wie er ihn oft hatte, wenn er betrunken war; und verzeihe mir die gnaͤdige Jungfrau! ich ließ ihn un⸗ begleitet gehen, was ein unmenſchliches Unrecht war. Der heilige Johann ſey mein Zeuge! ich waͤre mit 62 jedem huͤlfloſen Weſen gegangen und viel eher mit ihm, der ſo oft mit mir an einem Tiſche ſaß und aus einem Becher trank. Wer, im Menſchengeſchlecht⸗ haͤtte daran gedacht, daß ein ſo ehrlicher und nur durch ſein eitles Aufſchneiden kriegeriſcher Burſche be⸗ ſchaͤdigt wuͤrde!⸗ „Heinrich, er trug deinen Helm, deinen Koller, dei⸗ nen Schild— wie kam er dazu?“ Nun er verlangte es auf dieſe Nacht, ich war übel gelaunt und froh, ſeiner Geſellſchaft los zu werden; da ich wegen unſers Mißverſtändniſſes entſchloſſen war, kein Feſt zu halten und auch keines hielt.“ „Es iſt die Meinung des Vogts Craigdallie und unſrer weiſen Räthe, daß der Hieb dir galt und daß es dir zukommt, die gehörige Rache für unſern Mit⸗ bürger zu nehmen, der ſtatt deiner ſtarb.“ Der Waffenſchmied ſchwieg eine Weile. Sie hatten nun den Garten verlaſſen und gingen durch eine ein⸗ ſame Gaſſe um das Rathhaus unbemerkt und durch müßige Fragen ungeſtört zu erreichen. „Du ſchweigſt, mein Sohn,“ begann der alte Simon, „und doch haben wir beide viel zu reden. Bedenke, „ daß die verwittwete Masdalene, wenn ſle Grund hat, jemanden des Unrechts, das ihr und ihren Waiſen ge⸗ ſchehen iſt, zu belangen, ihr Recht nach Sitte und Ge⸗ wohnheit durch einen Kämpfer behaupten muß. Denn wer der Mörder auch ſey, wir wiſſen genug von dem Gefolge dieſer Edeln um verſichert zu ſeyn, daß der Verdächtige ſich auf den Kampf berufen wird, vielleicht — νι— 63 aus Verachtung, derer, die ſie die Bürger nennen hei⸗ ßen. So lang wir Blut in den Adern haben, darf das nicht ſeyn, Heinrich Wynd,“ „Ich ſehe, wohin Ihr zielt, Vater,“ ſagte Heinrich niedergeſchlagen,„und St. Johann weiß, daß ich den Ruf zum Kampf ſo gern gehört habe, als ein Kriegs⸗ roß die Trompete. Aber denkt, Vater, wie ich mehr⸗ mals Katharinens Gunſt verlor und faſt verzweifelte, ſie wieder zu gewinnen, weil, ſo zu ſagen, meine Hände zu fertig ſind. Jetzt iſt all unſer Streit zu Ende und die Hoffnungen, die heute Morgen nach menſchlichen Denken gar zu weit lagen, ſtehen näher und glänzen⸗ der, als je; muß ich nun mit dem Verſöhnungskuß der Theuren auf den Lippen mich von neuem in Gewalt⸗ that ſtürzen, was ſie, wie ihr wohl wißt; aufs tiefſte beleidigen wird?« „Es iſt ſchwer für mich, dir zu rathen, Heinrich,« ſagte Simon,„aber das muß. ich dich fragen— haſt Grund oder nicht, zu denken, daß der unglückliche Olivier für dich genommen wurde 2“ „Ich fürchte das nur zu ſehr,“ ſagte Heinrich.„Er ſah mir ein wenig ähnlich und der arme Narr gab ſich Mühe mein Benehmen und meinen Gang nachzuäffen, ja ſelbſt mein Lieblingslied zu pfeifen, um eine Aehn⸗ lichkeit zu vergrößern, die ihm ſo theuer zu ſtehen kam. Ich habe Feinde genug, in Stadt und Land, die mich ſcheel anſehn und er, denke ich, hatte keine.“ „Gut, Heinrich, ich kann nicht dafür ſtehn, daß meine Tochter nicht beleidigt ſeyn wird. Sie ſprach viel von 64 Vater Clemens und hat Begriffe über Frieden und Vergebung, die, wie mich dünkt, ſchlecht zu einem Lande paſſen, wo die Geſetze uͤns nicht ſchützen können, wenn wir nicht den Muth haben, es ſelbſt zu thun.’ Ent⸗ ſchließt Ihr Euch zum Zweikampf, ſo will ich mein Möglichſtes thun, ſie ſo weit zu bringen, daß ſie die Sache anſieht, wie die übrigen Weiber in der Stadt und wollt Ihr die Sache ruhen laſſen— bleibt der Mann ungerächt, der für Euch das Leben verloren hat— die Wittwe und die Waiſen ohne Erſatz für den Verluſt eines Gatten und Vaters— nun, ſo will ich gerecht gegen Euch ſeyn und denken, daß ich Euch wenigſtens wegen Eurer Geduld nicht geringer achten darf da ſie aus Liebe zu meiner Tochter entſprang. Aber, Heinrich, wir müſſen in dieſem Fall die luſtige St. Johnstoun verlaſſen, denn hier ſind wir eine ent⸗ ehrte Familie.“ 7 Heinrich ſeufzte tief und erwiederte nach augenblick⸗ lichem Stillſchweigen:„Ich will lieber todt, als entehrt ſeyn und wenn ich ſie auch nie wieder ſehen ſoll! Wäre es geſtern Abends geweſen, ich hätte mich der beſten Klinge ſo freudig entgegengeſtellt, als ich je um einen Maybaum tanzte. Aber heute, da ſie ſo gut, als ge⸗ ſagt hat,„„Heinrich, ich liebe dich!«— Vater Glo⸗ ver, es iſt ſehr hart!— Aber ich bin ſelbſt ſchuld. Ich hätte ihm den Schutz meines Daches gönnen ſol⸗ len, als er mich in Todesangſt darum bat; oder wäre ich mit ihm gegangen, ſo hätte ich ſein Schickſal ge⸗ hindert oder getheilt. Aber ich ſpottete ſeiner, lachte 65 ihn aus, überhäufte ihn mit Hohn, obgleich die Heili⸗ gen wiſſen, daß es im Aerger der Ungeduld geſchah. Ich trieb ihn aus meiner Thür, den ich ſo hülflos wußte, dem Schickſalentgegen, das mir vielleicht bereitet war. Ich muß ihn rächen oder ich bin⸗ auf immer ehrlos.— Seht, Vater, man nannte mich einen Mann, ſo hart, als der Stahl den ich ſchmiede. Hat geglätteter Stahl auch ſchon Thränen geweint, wie dieſe?— Schande für mich, daß ich ſie vergieße!⸗ „Es iſt keine Schande, theurer Sohn,“ ſagte der Handſchuhmacher,„du biſt ſo gut, als tapfer und ich wußte das immer. Etwas kann noch helfen. Es wird vielleicht niemand entdeckt, auf den der Verdacht fällt und wenn dieß iſt, kann der Zweikampf nicht ſtatt fin⸗ den. Hart iſt es zwar, wünſchen zu müſſen, daß un⸗ ſchuldig Blut nicht gerächt werde. Aber wenn der ſchändliche Mörder für den Augenblick verborgen bleibt, wirſt du des Geſchäfts enthoben, die Rache zu ſuchen, die der Himmel gewiß zu rechter Zeit nehmen wird.“ Während dieſes Geſprächs gelangten ſie zu dem Punkt der Hochſtraße, wo das Rathhaus lag. Als ſie die Thür erreichten und durch die Menge eilten, die ſich immer noch auf der Straße drängte, fanden ſie die Zugänge durch eine auserleſene Abtheilung bewaffneter Bürger und ungefähr fünfzig Lanzen des Ritters von Kinfauns bewacht, der mit ſeinen Verbündeten, den Gragy's, Blair's, Moncrieff's und andern, eine ſtarke Reiterei nach Perth gebracht hatte, wozu dieſe gehör⸗ ten. Sobald der Handſchuhmacher und der Waffen⸗ ſchmied ſich zeigten, wurden ſie in das Zimmer geführt, wo die Obrigkeit ſich verſammelt hatte. —— Walter Scott's Werke. 1548 Bdchn. 5 Neunzehntes Kapitel. Das Rathszimmer von Perth bot einen ſeltſamen Au⸗ blick dar. In einem dunkeln, durch zwei Fenſter von ungleicher Größe und verſchiedner Form ſchlecht und unpaßend erleuchteten Gemach, ſaß um einen großen eichenen Tiſch eine Gruppe von Männern, von denen die, welche die höheren Sitze einnahmen, Kaufleute, das heißt, Gildbrüder oder Inhaber von Kramläden waren, in anſtändiger Kleidung, die zu ihrem Stande paßte, aneinander gereiht und wie der Regent York*) meiſt„Kriegszeichen um den alten Nacken tragend,“ nämlich Halsbänder und Wehrgehänge, an denen ihre Waffen hingen. Die niedrern Plätze um den Tiſch nah⸗ men die Handwerker und Künſtler ein, die Vorſitzer oder Diaconen, wie man ſie nannte, der arbeitenden Klaſſe, in ihren gewöhnlichen Kleidern, die aber doch etwas beſſer geordnet waren als ſonſt. Dieſe trugen auch noch verſchiedene Waffenſtücke. Einige hatten die ſchwarze Jacke oder Wamms(Doublet) mit rauten⸗ förmigen kleinen Eiſenplatten bedeckt, die, am obern Winkel befeſtigt, in Reihen übereinander hingen und jeder Bewegung des Körpers folgend, eine ſichere Schutzrüſtung bildeten. Andre hatten Büffelkoller, die wie ſchon bemerkt wurde, einen Schwerdthieb oder einem mäßig ſtarken Lanzenſtoß widerſtehen konnten. Unten an dieſer von ſo verſchiedener Geſellſchaft um⸗ *) Shakſpeare's Richard III. 4 Anm. d. Ueb. 67 gebenen Tafel ſaß Sir Louis Lundin, kein Kriegsmaun ſondern Prieſter und Pfarrer von St. Johann, in ſei⸗ nem kirchlichen Gewand, Feder und Dinte vor ſich ha⸗ bend. Er war der Stadtſchreiber und erhielt, wie da⸗ mals alle Prieſter, die man daher des Pabſtes Ritter nannte, den ehrenvollen Titel Dominus was Dom oder Dan zuſammengezogen oder in Sir überſetzt der Titel der weltlichen Ritterſchaft war. Anf einem erhöhten Sitz, oben am Rathstiſch ſaß Sir Patrik Charteris, in voller glänzend polirter Rü⸗ ſtung, ein ſeltſamer Contraſt gegen die bunte Mi⸗ ſchung kriegeriſcher und friedlicher Kleidung bei den Bür⸗ gern, die nur von Zeit zu Zeit die Waffen ergriffen. Das Benehmen des Oberrichters war, indem es zuͤgleich die innige Verbindung, die gegenſeitiges Intereſſe zwi⸗ ſchen ihm, der Stadt und der Obrigkeit hervorbringen mußte, vollkommen zuließ, wohl berechnet um die Ue⸗ berlegenheit bemerklich zu machen, welche ihm Kraft ſeines edlen Bluts und ritterlichen Rangs die Mei⸗ nug des Zeitalters über die Glieder der Verſammlung gab, in der er den Vorſitz führte. Zwei Knappen ſtan⸗ den hinter ihm, deren einer des Nitters Fahne, der andere ſeinen Schild mit dem Wappenzeichen trug, wel⸗ ches eine Hand war, die einen Dolch oder ein kurzes Schwerdt hielt, mit den ſtolzen Worten:„Dies iſt mein Freibrief.“ Ein ſchöner Page zeigte das lange Schwerdt ſeines Herrn und ein andrer ſeine Lanze, wel⸗ che ritterliche Schmuck⸗ und Standeszeichen deſto ſorg⸗ fältiger zur Schau geſtellt waren, da der Herr, dem ſie angehörten, beſchäftigt war, ſein Amt als Stadt⸗ obrigkeit auszuüben. An ſeiner eigenen Perſon ſchien der Ritter von Kinfauns einige ſteife Vornehmheit zu zeigen, die ſeinem freien und jovialen Charakter nicht eigenthümlich war. „Seyd Ihr endlich da, Heinrich Smith und Simon Glover begann der Oberrichter,„wißt, daß Ihr uns 3 5—* 68 lange habt auf Euch warten laſſen. Sollte das, ſo lang wir dieſen Platz einnehmen, wieder vorkommen, ſo wollen wir Euch eine Buße auflegen, die Ihr nicht mit vielem Vergnügen zahlen werdet. Genug— ent⸗ ſchuldigt Euch nicht. Jetzt verlangt man es nicht und ein andermal nimmt man's nicht an. Wißt, meine Herren, daß unſer ehrwürdiger Schreiber in die Länge und Breite aufgeſetzt hat und was ich Euch jetzt in der Kürze ſagen will, daß Ihr ſeht, was man, beſon⸗ ders von Euch, Heinrich Smith, verlaungt. Unſer ver⸗ ſtorbener Mitbürger Olivier Proudfute wurde, gleich beim Eingang in den Wynd, todt in der Hochſtraße gefunden. Er ſcheint durch einen ſchweren Hieb mit einer kurzen Axt von hinten und unbemerkt erſchlagen worden zu ſein; und die That, durch die er fiel, kann nur eine elende und vorſetzliche Mordthat genannt wer⸗ den. So viel vom Verbrechen. Der Thäter kaun nur durch die Umſtände angezeigt werden. Es wird in dem Protokoll des ehrwürdigen Sir Louis Lundin bemerkt, daß verſchiedene wohlberufene Zeugen unſern verſtorbe⸗ nen Mitbürger noch ſehr ſpät die Entry⸗) der Moh⸗ rentänzer, zu der er gehörte, bis zu Simon Glovers Haus in Curfewſtreet begleiten ſahen, wo ſie ihren Tanz aufführte. Auch iſt angezeigt, daß er ſich nach einigem Geſpräch mit Simon Glover hier von der üb⸗ rigen Bande trennte und der Geſellſchaft verſprach⸗ in der Schenke zum Greif mit ihnen zu Beſchließung des Feſtes zuſammen zu kommen.— Nun, Simon, ich frage Euch, iſt die Angabe richtig, ſo viel Ihr wißt 2 und ferner: was war der Inhalt des Geſprächs zwi⸗ ſchen Euch und dem ermordeten Olivier Proudfute 2 „Mylord Oberrichter und ſehr verehrlicher Sir Pa⸗ trick,“ autwortete Simon Glover,„Ihr und dieſer ver⸗ *) So viel als Geſellſchaft, Bande. Anm. d. Ueb. . 69 ehrliche Rath mögt wiſſen, daß wegen gewiſſer Ge⸗ rüchte, die über Heinrich Smith's Benehmen im Umlauf waren, zwiſchen mir, jemand andern aus meinem Hauſe und dem beſagten gegenwärtigen Smith ein Streit entſtanden war. Da nun unſer armer Mitbürger Oli⸗ vier Prondfute bei Verbreitung dieſer Gerüchte thätig geweſen, wie überhaupt ſolche Schwätzerey ſeine Sache war, ſo wechſelten wir einige Worte darüber; und er ging von mir, wie ich meine, in der Abſicht, Heinrich Smith zu beſuchen, denn er verließ die Mohrentänzer, wie es ſcheint, mit dem Verſprechen, ſie, wie Eure Herr⸗ lichkeit ſagt, in der Schenke zum Greif wleder zu fin⸗ den, um den Abend zu beſchließen. Aber was er wirk⸗ lich that, weiß ich nicht, da ich ihn nicht mehr lebendig ah.4. »Es iſt genug,“ ſagte Sir Patrick»und ſtimmt mit allem zuſammen, was wir gehört haben.— Nun würdige Herren, finden wir zunächſt unſern armen Mitbürger von einer Rotte maſkirter Straßenſchwärmer umgeben, die ihn in der High Street ſchimpflich behandelten, ihn zwingend niederzuknieen und eine ungeheure Menge Wein wider ſeinen Willen zu trinken, bis er ihnen endlich durch die Flucht entkam. Dieſe Gewaltthat geſchah mit gezo⸗ genen Schwerdtern, lautem Geſchrei und Fluchen, ſo, daß es die Aufmerkſamkeit verſchiedener Leute auf ſich zog, die, von dem Lärm erſchreckt, aus den Fenſtern ſahen, ſo wie einiger Vorübergehenden, die aus dem Lichte der Fackeln tretend, um nicht eben ſo mißhan⸗ delt zu werden, der ſchlimmen Behandlung unſers Mit⸗ bürgers in der Hauptſtraße der Stadt zuſahen. Und obwohl dieſe Menſchen verkleidet waren und Masken trugen, ſo war doch ihre Mummerei wohl bekannt, enn es waren prächtige Masken, die vor einigen Wo⸗ chen auf Befehl Sir John Ramorny's, Stallmeiſters Seiner königlichen Hoͤheit des Herzogs von Rothſay, königlichen Prinzen von Schottland verfertigt worden waren.« 4 70 Ein tiefer Seufzer ging durch die Verſammlung. „Ja, ſo iſt's, wackere Bürger,“ fuhr Sir Patrick fort, „unſere Nachſorſchungen haben uns zu traurigen und ſchreckhaften Ergebniſſen geführt. Aber wie niemand mehr den Punkt bedauern kann, bei dem ſie ſich wahr⸗ ſcheinlich endigen werden, als ich, ſo wird auch niemand mehr ihre Folgen fürchten. Es iſt nun einmal ſo— mehrere Handwerker, die daran gearbeitet haben, be⸗ ſchrieben den für Sir John Ramorny's Maske beſtimm⸗ ten Putz gerade ſo, wie ihn einer von den Männern trug, die man Olivier Proutfute mißhandeln ſah. Ein Handwerker, Wingfield, der Federſchmücker, der die Lärmer ſah, als unſer Mitbürger in ihren Händen war, bemerkte, ſie haben die Gürtel und Kronen von bunten Federn getragen, die er ſelbſt auf Befehl vom Stall⸗ meiſter des Prinzen gemacht habe.“— „Mit ſeiner Flucht von dieſen Lenten verlieren wir jede Spur von Olivier; aber wir können beweiſen, daß jene in Sir John Ramorny's Haus gingen, wo ſie nach einigem Verzug eingelaſſen wurden.— „Es verlautet, du Heinrich Smith, habeſt unſern un⸗ glücklichen Mitbürger, nachdem er aus den Händen die⸗ ſer Aüſenlärmer kam, geſehen. Was iſt daran Wah⸗ res? „Er kam zu mir„« ſagte Heinrich,„ungefähr eine halbe Stunde vor Mitternacht und ich ließ ihn etwas ungern ein, weil er Faſching gehalten hatte, während ich zu Hauſe blieb; und ſchlechte Rede gibts, wie das Sprichwort ſagt, zwiſchen einem Vollen und einem Nüch⸗ ternen.“ „Und in welchem Zuſtand ſchien er zu ſeyn, als Ihr ihn einließet?“ fragte der Oberrichter. „Er ſchien,“ ſagte der Waffenſchmied,„außer Athem und ſprach wiederholt davon, wie er von einer lüderli⸗ chen Rotte gefährdet ſey. Ich legte darauf wenig Ge⸗ wicht, denn er war immer ein feiger, haſenherziger, A& ⏑ ℳ A 71 aber gutmüthiger Mann und glaubte, es ſtecke mehr Einbildung als Wahrheit darunter. Aber ich werde es mir immer als ſchweren Fehler anrechnen, daß ich ihn nicht begleitete, wie er verlangte und wenn ich das Leben habe, will ich zu Büßung meiner Schuld Meſſen für ſeine Seele leſen laſſen.“ teſchrieh er ſeine Beleidiger?“ fragte der Ober⸗ richter. „Maskirte Straßenſchwärmer,“ entgegnete Heinrich. „Und äußerte er ſeine Furcht, mit ihnen auf dem Rückwege zu thun zu haben?“ war Sir Patricks wei⸗ tere Frage. 3 „Er ſprach beſonders von einem Hinterhalt, aber ich ſah es für Einbildung an und behandelte ihn als Träu⸗ mer, da ich niemand in der Straße ſah.“ »Erhielt er auf keine Weiſe Hülfe von Euch?“ ſagte der Richter.— „»Verzeiht mir,« antwortete der Waffenſchmied,„er vertauſchte ſein Tänzerkleid mit meinem Helm, Koller und Schild, worin man, wie ich höre ſeinen Leichnam fand und ich habe zu Haus ſeine Tänzerkappe, Schellen, Rock und was dazu gehört. Er wollte mir heute meine Rüſtung zurückſchicken und ſeine Maske abholen laſſen, wenn es die Heiligen erlaubt hätten.“ „Nachher habt Ihr nicht geſehen? „»Nein, Mylord.“ »Noch eins,“ ſagte der Oberrichter,„habt Ihr Grund, zu glauben, der Schlag, der Glivier Prondfute tödtete, ſey für einen andern beſtimmt geweſen.“ „Ja,“ antwortete Heinrich,“ aber es iſt uur Vermu⸗ thung und es wäre gefährlich, einen. ſolchen Verdacht auszuſprechen.“ 1 „Sprecht, bei Eurem Bürgereid und Wort.— Wem, glaubt Ihr, galt der Hieb 2 4 „»Wenn ich ſprechen muß,“ erwiederte der Waffen⸗ ſchmied,„ſo glaube ich, Olivier Prondfute empfing das 4 72 3 Schickſal, das für mich beſtimmt war; um ſo mehr, da Olivier in ſeiner Thorheit davon ſprach, er wolle meinen Gang, wie meine Kleidung annehmen... „Habt Ihr Streit mit Jemand, daß Ihr ſo etwas denkt 2 fragte Sir Patrick Charteris.. „Zu meiner Schmach und Schande ſey's geſagt, ich habe Streit mit Hoch⸗ und Niederland, Engländer und Schotten, Perth und Angus.*) Olivier aber nicht einmal mit einem neugebornen Hühnlein. Ach! er war deſto beſſer bereit zum ſchnellen Tod 3 3 „Hört, Schmied,“ ſagte der Obrrrichter,„— antwor⸗ tet mir beſtimmt— gibt es Urſache zum Streit zwi⸗ ſchen Sir John Ramorny’s Hauſe und Euch?. „Ja, gewiß, Mylord. Mau ſagt jetzt allgemein, Plack Quentin, der vor einigen Tagen über den Tay nach Fife ging, ſey der Eigenthümer der Hand, die in der Nacht vor St. Valentin in der Curfewſtraße gefunden wurde. Ich war's, der dieſe Hand mit einem Schwerthiebe ab⸗ ſchlug. Da dieſer Black Quentin Sir Johns Kämmerer und ſehr beliebt bei ihm war, ſo muß wohl Fehde zwi⸗ ſchen mir und den Leuten ſeines Herry ſeyn.“ „Das hat Wahrſcheinlichkeit, Smith,“ ſagte Sir Pat⸗ rick Charteris,„und nun gute Brüder und weiſe Her⸗ ren, ſind zwei Vermuthungen da, deren jede zu demſel⸗ ben Schluße führt. Die Masken, die unſern Mitbür⸗ ger ergriffen und auf eine Art mißhandelten, von der ſein Leichnam noch einige Spuxen trägt, können ihrem vormaligen Gefangenen, als er nach Hauſe ging, begeg⸗ net ſeyn und ihre Mißhandlung mit ſeinem Tode geen⸗ digt haben. Er ſelbſt älißerte Furcht gegen Heinrich Gow, es möchte ihm ſo gehen. Iſt dies der Fall, ſo müſſen einer oder mehrere von Sir John Ramorny's Dienern die Mörder geweſen ſeyn. Aber ich halte es für wahrfcheinlicher, daß ekliche Lärmer auf dem Platz 32) Angusſhire, eine ſchottiſche Grafſchaft, wie Perth. 73 2 zurückgeblieben oder wieder dahin kamen, vielleicht mit veränderter Maske und daß dieſen ſeine Erſcheinung in Smiths Kleidung oder gar mit ſeinem Gang, wie er ſich vornahm, ein Gegenſtand tiefen Haſſes war(denn Olivier ſelbſt würde, in ſeiner eigenen Perſon erſcheinend, nur ein Gegenſtand des Spottes geweſen ſeyn), daß ſie, ihn allein ſehend, eine gewiſſe und ſichere Art wählten, eines ſo gefährlichen Feindes los zu werden, als der Heinrich Wynd allen bekannt iſt, die nicht gut mit ihm ſtehen. So führt die nämliche Reihe von Gedanken wie⸗ der auf Sir John Ramorny's Leute, als die Schuldigen. Was denkt Ihr, meine Herrn? Können wir ſie nicht des Verbrechens anklagen? Die hochweiſen Herrn flüſterten eine Weile zuſammen und erwiederten dann durch die Stimme des Vogts Craig⸗ dallie:„Edler Ritter und würdiger Oberrichter!— wir ſtimmen ganz damit ein, was Eure Weisheit über dieſe finſtere und blutige That geſagt hat nud zweifeln nicht an Eurem Scharfſinn, der auf den Antheil und die Mitwiſſenſchaft des Sir John Ramorny von eben da⸗ her*) an dey Schurkenthat hindentet, die unſern ver⸗ ſtorbenen Mitbürger entweder in ſeinem eignen Charak⸗ ter und auf ſeine Rechnung oder, indem man ihn für unſern tapfern Mitbürger Heinrich von Wynd hielt, geſchah. Aber Sir John hä t zu ſeinem eignen Behuf und als Stallmeiſter des. Prinzen viele Dienerſchaft und da die Anklage wahrſcheihlich durch gänzliches Läug⸗ nen wird abgewieſen werden, ſo möchten wir fragen, was wir dann zu thun haben werden?— Es iſt wahr, wenn wir ein Geſetz fänden, nach dem wir ſein Haus anzünden und alles was darinnen iſt, niedermachen dürf⸗ ten, ſo würde das alte Sprichwort gelten:„„Kurzer Rath iſt guter Rath,“« denn ein elenderes Geſindel von * Of IIk ebendaher, wie im Deutſchen d. h. Ramoyny of Ramorny. Anm. d. Ueberſ. 4 74 3 Goktesläſtrern, Mördern und Weiberſchändern findet man nirgends, als in Ramorny's Bande. Aber ich zweifle, ob die Geſetze eine ſo kurze und ſchnelle Vollzie⸗ hung ertrügen und in allem was wir gehört haben, iſt nichts, was dieſen oder jenen Einzelnen beſonders verdächtigte.« Ehe der Oberrichter antworten konnte, ſtand der Stadtſchreiber auf und bat, ſeinen ehrwürdigen Bart ſtreichelnd, um Erlaubniß zu ſprechen, die er ſogleich erhielt:„Brüder,“ begann er,„ſowohl jetzt, als zu un⸗ ſerer Väter Zeit, hat Gott, wenn man ſich recht zu ihm wandte, ſich herabgelaſſen, die Verbrechen des Schuldi⸗ gen und die Unſchuld deſſen zu offenbaren, der zu raſch angeklagt war. Laßt uns unſern ſouveränen Herrn, den König Robert, der, wenn die Böſen ſich nicht einmi⸗ ſchen und ſeine guten Abſichten verkehren, ein ſo gerech⸗ ter und gnädiger Fürſt iſt, als unſre Jahrbücher in ei⸗ ner langen Reihe aufweiſen, laßt uns ihn im Namen der ſchönen Stadt und alter Gemeinen Schottslands bit⸗ ten, er möge uns nach der Weiſe unſrer Vorfahren die Mittel geben, den Himmel um Licht in dieſer dunkeln Mordgeſchichte anzurufen. Wir verlangen die Probe des„Sargrechts“, oft geſtattet in den Tagen der Vorfahren unſers Königs, gebilligt durch Bullen und Dekretalien und gebraucht von dem mächtigen Kaiſer, Karl dem Großen in Frankreich, von dem König Ar⸗ thur in Britannien, von Gregor dem Großen und dem mächtigen Achains) in dieſem unſerm Schottland.“ „Ich habe von dieſem Sargrecht ſprechen hören, Sir Louis,“ ſagte der Qberrichter,„und ich weiß, es iſt in den Freiheitsbriefen der ſchönen Stadt verſichert, aper ich bin etwas ungelehrt in den alten Geſetzen und bitte Ench, es mir deutlicher zu erklären.“ 7 *) König von Schottland, Zeitgenoſſe Karls des Großen. 4 Anm. d. Ueberſ. 75⁵ 3 „Wir bitten den König,“ ſagte Sir Louis Lundin, „wenn mein Rath angenommen wird, daß der Leich⸗ nam unſers ermordeten Mitbürgers in die hohe St. Johannskirche gebracht werde, wo man gehörig Meſſen liest, zum Heil ſeiner Seele und zur Entdeckung des Mörders. Indeſſen müſſen wir einen Befehl erhalten, daß Sir John Ramorny eine Liſte aller ſeiner Diener abgebe, die in der Nacht vom Faſtendienſtag auf den Aſchermittwoch in Perth waren und daß er verbindlich gemacht werde, an gewiſſem Tag und Stunde, die noch u nennen ſind, ſie in der hohen St. Johannskirche zu delgen⸗ dort muß dann einer nach dem andern am Sarg unſers ermordeten Mitbürgers vorbeygehen und in der vorgeſchriebenen Form Gott und ſeine Heiligen um Zeugniß anrufen, daß er an dem Mord, mittelbar oder unmittelbar, unſchuldig iſt. Und glaubt mir, was durch zahlreiche Beiſpiele bewieſen iſt; wenn der Mör⸗ der ſich durch einen ſolchen Ausruf wird ſicher ſtellen wollen, ſo wird die Antipathie zwiſchen, dem lebloſen Leichnam und der Hand, von der der tödtliche Schlag kam, die ihn von der Seele trennte, noch unvollkom⸗ menes Leben erwecken, unter deſſen Einfluß die Adern des Todten an den tödtlichen Wunden das Blut her⸗ vortreiben, das ſo lange ſtill ſtand. Oder, um ſicherer zu ſprchen, es gefällt dem Himmel, durch eine plötzliche Einwirkung, die uns unbegreiflich iſt, dieſe Art der Entdeckung der Bosheit deſſen uns freizuſtellen, der das Ebenbild ſeines Schöpfers entſtellt hat.« 3 Ich habe von dieſem Recht gehört,“ ſagte Sir Pa⸗ trick,„und es wurde zu Bruce's Zeit geübt. Es iſt gewiß keine unrechte Zeit, durch eine ſo geheimnißvolle Unterſuchungsweiſe die Wahrheit zu erforſchen, zu der uns gewöhnliche Mittel keinen Weg öffnen, da eine allgemeine Anklage von Sir Johns Dienerſchaft ohne Zweifel durch allgemeines Läugnen zurückgewieſen würde. Aber ich muß unſern ehrwürdigen Stadtſchreiber, Sir Louis, noch weiter fragen, wie wir hindern ſollen, daß der Schuldige in der Zwiſchenzeit nicht entkommt?“« 76 Die Bürger werden auf der Mauer ſtrenge Wache halten, die Zugbrücken werden aufgezogen und die Fall⸗ gitter niedergelaſſen, von Sonnenuntergang bis Sonnen⸗ aufgang und in der Nacht ſtarke Patrouillen ausge⸗ ſchickt. Dieß werden die Bürger gerne thun, um die Flucht eines Mörders ihres Mitbürgers zu hindern.“ Die übrigen Räthe zeigten in Wort, Blick und Zei⸗ chen ihre Einſtimmung in dieſen Vorſchlag. „Aber,“ ſagte der Oberrichter,„wenn einer von der verdächtigen Dienerſchaft ſich weigert, dem Gottesge⸗ richt des Sarges ſich zu unterziehen?“ „So darf er ſich auf den Zweikampf berufen,“ ſagte der ehrwürdige Stadtſchreiber,„mit einem Gegner vom gleichen Rang; weil der Angeklagte bei der Berufung aufs Gottesgericht die Wahl der Ordalien frei hat, durch die er geprüft ſeyn will. Verwirft er aber bei⸗ des, ſo iſt er für ſchuldig zu halten und wird geſtraft.“ Die Weiſen des Raths billigten einſtimmig die Mei⸗ nung ihres Oberrichters und ihres Stadtſchreibers und beſchloſſen, in aller Förmlichkeit es vom König als ein Recht zu erbitten, daß man den Mord ihres Mitbür⸗ gers nach alt herkömmlicher Weiſe unterſuche, die noth⸗ wendig bei Mordthaten die Wahrheit ans Licht brin⸗ gen mußte, eine Meinung, die bis gegen das Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts als ausgemacht galt. Eh aber die Verſammlung auseinander ging, hielt Bogt Craigdallie noch für nöthig, zu fragen,„wer der Käm⸗ pfer von Mandie oder Magdalene Proudfute und ihrer zwei Kinder ſeyn würde.“ „Da braucht's wenig Fragens,“ ſagte Sir Patrick Charteris,„wir ſind Männer und tragen Schwerter, die jedem von uns über dem Kopf ſollten zerbrochen werden, der das ſeinige nicht für die Wittwe und die Waiſen unſers ermordeten Mitbürgers und zu tapferer Rache ſeines Todes ziehen wollte. Wenn Sir John Ramorny ſelbſt die Unterſuchung übel aufnimmt, ſo wird Patrick Charteris von Kinfauns auf Leben und 77 Tod mit ihm kämpfen, ſo lang Roß und Mann ſteht und Lanze und Klinge halten. Iſt aber der Ausfor⸗ derer bürgerlichen Standes, ſo iſts billig, daß Magda⸗ lene Proudfute ihren Kämpfer unter den tapferſten Bürgern von Perth wähle und Schmach und Schaude brächt' es der ſchönen Stadt für immer, wenn ſie einen fände, der Verräther und Memme genug wäre, nein! zu ſagen. Bringt ſie her, daß ſie wähle.“ Heinrich Smith hörte dieß mit der trüben Ahnung, des armen Weibes Wahl würde auf ihn fallen und ſeine neue Verſöhnung mit ſeiner Geliebten dadurch wieder vernichtet werden, daß er in einen neuen Streit verwickelt werde, dem zu entgehen er kein ehrenvolles Mittel ſah und der unter andern Umſtänden von ihm als glorreiche Gelegenheit wäre begrüßt worden, ſich im Angeſicht von Hof und Stadt auszuzeichnen. Er wußte wohl, daß unter Pater Clemens Leitung Katha⸗ rine das Gottesgericht durch Zweikampf eher für eine Beleidigung gegen die Religion als für eine Berufung auf die Gobtheit und das keineswegs für vernünftig halten würde, daß man ſich auf die Stärke des Arms oder die Waffengewandtheit als einen Beweis ſittlicher Schuld oder Unſchuld verlaſſe. Er hatte daher von ihren eigenthümlichen, durch ihre Feinheit über die Zeit, in der ſie lebte, erhabenen Meinungen über die Sache viel zu fürchten. Während er von dieſen ſtreitenden Gefühlen ſchmerz⸗ lich bewegt war, trat Magdalene, die Wittwe des Er⸗ ſchlagenen, in den Saal, in tiefe Trauer gehüllt, von fünf bis ſechs guten Frauen(d. h. Frauen von acht⸗ barem Stand und Ruf) gefolgt, die daſſelbe dunkle Ge⸗ wand trugen. Eine ihrer Dienerinnen hatte ein Kind auf den Armen, das letzte Pfand von Oliviers ehelicher Liebe. Eine andere führte ein kleines trippeludes Ge⸗ ſchöpf von ungefähr zwei Jahren, das mit Verwunde⸗ rung und Furcht bald auf die ſchwarze Kleidung, in ie man es gehüllt hatte, bald auf die Sceue um ſich her ſah. 1 3 78 Die Verſammlung ſtand auf, um die traurige Gruppe zu empfangen und grüßte ſie mit dem Ausdruck des tiefſten Mitgefühls, was Magdalene mit einer Würde, die man von des armen Oliviers Gattin nicht hätte erwarten ſollen, und die ſie vielleicht von ihrem tiefen Jammer borgte, erwiederte. Sir Patrick Charteris trat hierauf vor und nahm mit der Artigkeit eines Ritters gegen eine Frau und eines Beſchützers gegen eine unglückliche beleidigte Wittwe die Arme bei der Hand, und erklärte ihr kurz, wie die Stadt die gehö⸗ rige Rache für den Mord ihres Gatten verfolgen würde. Nachdem er ſich mit einer Milde und Feinheit, die ſich ſonſt nicht in ſeinem Weſen zeigte, überzeugt hatte, daß das unglüchliche Weib vollkommen verſtand, was er meinte, wandte er ſich laut an die Verſammlung: „Gute Bürger von Perth und freigeborne Männer der Gilden und Zünfte, merkt auf das, was heſcheben ſoll, denn es betriſſt Eure Rechte und Freiheiten. Hier ſteht Magdalene Proudfute, welche die ſchuldige Rache für den Tod ihres, wie ſie ſagt, von Sir John Ra⸗ morny von eben daher*) Ritter, ſchmählich ermordeten Gatten zu verfolgen gedenkt, was ſie durch das Got⸗ tesgericht des Sarges oder durch den Leib eines Man⸗ nes zu beweiſen erbötig iſt. Daher mache ich, Patrick Charteris, ein geguͤrteter Ritter und freigeborner Edel⸗ mann, mich anheiſchig, in ihrem gerechten Kampf zu ſtreiten, ſo lang Mann und Roß aushalten, wenn Je⸗ mand meines Standes den Handſchuh aufhebt.— Sprecht, Magdalene Proudfute, nehmt Ihr mich zu Eurem Kämpfer an?2“ Die Wittwe vermochte kaum zu antworten:„Ich kann keinen edlern wünſchen.“ Sir Patrick nahm nun ihre rechte Hand in die ſei⸗ nige und ſagte feierlich, ihr nach der Sitte die Stirne küſſend:„So möge mir Gott und St. Johann in mei⸗ *) S. Anm. p. 73. 79 ner Noth helfen, wie ich meine Pflicht als Euer Käm⸗ pfer thun werde, ritterlich, treulich und männlich, Geht nun, Magdalene, und wählt nach Eurem Willen die Bürger der ſchönen Stadt, anweſende und abweſende, wem Ihr Euren Kampf zu übertragen wünſcht, wenn der, gegen den Ihr Klage führt, unter meinem Stande iſt.“ Aller Augen waren auf Heinrich Smith gerichtet, den die allgemeine Stimme bereits als den in jeder Hinſicht beſten Kämpfer bezeichnet hatte. Aber die Wittwe achtete nicht auf das, was ihre Mienen ſagten. Kaum hatte Sir Patrick ausgeſprochen, als ſie durch das Gemach gegen den Platz zu ging, wo am Ende der Tafel der Waffenſchmied unter den Mitgliedern ſeiner Zunft ſtand, nahm ihn bei der Hand und ſagte: „Heinrich Gow oder Smith, guter Bürger und Zunft⸗ mann, mein— mein— Gatte, wollte ſie ſagen, aber ſie konnte das Wort nicht herausbringen und war genöthigt, den Ausdruck zu verändern. „Der Geſtorbene liebte und ſchätzte Euch vor Allen; daher iſt es billig, daß Ihr den Kampf für ſeine Wittwe und Waiſen ausfechtet. 4 Wäre auch, was in jeuer Zeit nicht der Fall war, für Heinrich noch irgend eine Möglichkeit vorhanden geweſen, einem Auftrag zu entgehen, den Jedermann ihm zuzutheilen ſchien, ſo wurde doch jeder Wunſch und Gedanke des Ablehnens ihm abgeſchnitten, ſobald die Wittwe ihn auredete; und kein Befehl des Himmels hätte ei ien ſtärkern Eindruck auf ihn machen können, als die Bitte der unglücklichen Magdalene. Ihre Hindeutung auf ſeine genane Bekanntſchaft mit dem Abgeſchiedenen rührte ihn in der Seele. Während Oliviers Leben lag ohne Zweifel etwas Abgeſchmacktes in ſeiner übertrie⸗ benen Vorliebe für Heinrich, was, wenn man die gänzliche Verſchiedenheit ihrer Charaktere bedachte, lächerlich war. Aber all dieß war nun vergeſſen und Heinrich, ſeinem natürlichen Feuer nachgebend, erinnerte ſich nur 88% noch, daß Olivier ſein Freund und Bekannter war, ein Mann, den er ſo ſehr liebte und ehrte, als er fähig . war, ſolche Gefühle gegen einen Mann zu hegen; und beſonders dachte er daran, daß viel Grund für den Verdacht vorhanden ſey, der Ermordete ſey als Opfer eines für Heinrich beſtimmten Streiches gefallen. Es war daher eine Lebhaftigkeit, die er etliche Mi⸗ unten früher kaum in ſeiner Gewalt hate und die ein trauriges Vergnügen auszudrücken ſchien,(mit der er ſeine Lippen auf die kalte Stirne der unglücklichen Mag⸗ dalene drückte und erwiederte: „Ich, Heinxich Smith, wohnend im Wynd von Perkh, guker und treuer Mann und frei geboxen, uehme das Amt eines Kämpen dieſer Wittwe Magdalene und die⸗ ſer Waiſen an, und will in ihrer Sache bis zum Tode kämpfen mit jedem Manne meines Standes und zwar ſo lang ich athme. So helfe mir in meiner Noth Gott und der gute St. Johann!“ 1 Bei dieſen Worten erhob ſich aus der Verſammlung ein halb unterdrücktes Geſchrei, das die Theilnahme der Anweſenden an der Verfolgung des Streits und ihr Vertrauen auf ſeinen Ausgang zeigte. 1*e, e. Sir Patrick Charteris rüſtete ſich, zum König zu gehen und um Erlaubniß zu bitten, die Unterſuchung wegen Olivier Proudfute's Mord nach der Gewohnheit des Sargrechts oder im Nothfall des Kampfes verfol⸗ gen zu dürfen. 1 Er vollzog dieß Geſchäft, nachdem der Stadtrath aufgehoben war, in einer geheimen Audienz beim König, der dieſe neuen Unruhen mit vieler Betruͤbniß vernahm und hieß Sir Patrick und die betheiligten Partheien morgen früh nach der Meſſe ſeinen Beſchluß im Staats⸗ rath vernehmen. Indeſſen wurde ein königlicher Diener ins Marſchallhaus abgefertigt, um von Sir John Ra⸗ morny das Verzeichniß ſeiner Diener zu fordern und ihm unter hoher Strafe zu befehlen, daß er mit ſeinem ganzen Gefolge in Perth bleibe, bis er des Königs wei⸗ bern Willen vernehme.. ——— ———-—— N 8—=UR 84 Zwanzigſtes Kapitel. 4 In Gottes Namen, Liſt und Alles iſt Bereit, ſo ruͤhrt Euch, ſchuͤtze Gott das Recht! Heinrich IV. Th. 2. In dem Rathszimmer des Kloſterpalaſtes der Domi⸗ nikauer, das unſere Leſer ſchon kennen, ſaß König Ro⸗ bert mit ſeinem Bruder Albany, deſſen ſcheinbar ſtrenge Tugend und wirkliche Verſtellungskunſt einen ſo großen Einfluß auf den ſchwachen Monarchen übte. Es war in der That natürlich, daß ein Mann, der ſelten die Dinge in ihrer wahren Geſtalt ſah, ſie in dem Lichte betrachtete, in dem ſie ein liſtiger, kecker Menſch, der die Anſprüche ſo naher Verwandtſchaft beſaß, zeigte. Immer beſorgt um ſeinen verführten und unglückli⸗ chen Sohn bemühte ſich der König eben, Albany zur Uebereinſtimmung mit ihm zu bringen, indem er ihn vom Antheil an des Mützenhändlers Tod frei ſprach, den Sir Patrick Charteris Seine Majeſtät hatte ahnen laſſen. „Das iſt eine unglückliche Sache, Bruder Robin,“ ſagte er, ein höchſt unglücklicher Vorfall und wird faſt Streit und Zwiſt unter den Gemeinen und dem Adel hier erregen, wie ſie in ſo vielen fernen Ländern Krieg gegen einander führen. Mir iſt nur etwas daran tröſt⸗ lich und das iſt, daß Sir John Ramorny ſeine Entlaſ⸗ ſung aus dem Dienſte des Herzogs von Rothſay erhal⸗ ten hat und man daher nicht ſagen kann, er oder Je⸗ mand von ſeinen Leuten, die dieſe blutige That gethau haben mögen, ſey dazu von meinem guten Robin er⸗ muthigt oder aufgehetzt worden. Ich bin gewiß, Bru⸗ Waſter Scott's Werke. 1548 Bdchen. 6 ⸗ 82 der, wir beide können Zeugen ſeyn, wie bereitwillig er auf meine Bitten wegen des Lärms in der Curfewſtraße Ramorny aus ſeinem Dienſte ſchickte.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte Albany,„und hoffe, daß die Verbindung zwiſchen dem Prinzen und Ramorny nicht erneuert wurde, ſeit er Eurer Gnaden Wünſchen nachzugeben ſchien.“ „Nachzugeben ſchien? die Verbindung ernenert?“ fragte der König,„was wollt Ihr mit dieſen Ausdrü⸗ cken, Bruder? Gewiß, als Robert mir verſprach, wenn die unglückliche Geſchichte von Curfewſtreet unterdrückt und verſchwiegen bliebe, Ramorny von ſich zu ſchicken, da wir ihn für einen Rathgeber hielten, der ihn in ſolche Thorheiten ſtürzen konnte, und zufrieden zu ſeyn, wenn wir ihn verbannen oder ihm ſonſt eine beliebige Strafe auflegen,— gewiß, Ihr könnt nicht zweifeln, daß ſeine Geſtändniſſe da aufrichtig waren und daß er ſein Wort halten wird? Wißt Ihr nicht mehr, daß auf Euren Rath, ſtatt der Verbannung eine ſchwere Geld⸗ buße auf ſeine Güter in Fife zu legen, der Prinz ſelbſt zu ſagen ſchien, Verbannung ſey beſſer für Ramorny und für ihn ſelbſt?“ „Das weiß ich wohl, mein königlicher Bruder. Nur konnte ich nicht glauben, daß Ramorny ſo viel Einfluß auf den Prinzen habe, nachdem er dazu beitrug, ihn in eine ſo gefährliche Lage zu ſetzen, hätte es nicht, wie Eure Gnaden bemerkte, mein königlicher Neffe ſelbſt geſtanden, daß er, wenn man ihn am Hof ließe, noch immer ſein Benehmen leiten würde. In dieſem Fall hätte ich bedauert, auf Geldſtrafe ſtatt der Ver⸗ bannung angetragen zu haben. Aber dieſe Zeit iſt vor⸗ über und es iſt neues, für Eure Majeſtät, für Euren königlichen Erben und das ganze Königreich gefahrvol⸗ les Unheil geſchehen.“ „Was meint Ihr, Robin?“ ſagte der ſchwache König. „Beim Grab unſerer Eltern, bei der Seele von Bruee, 83 unſerm unſterblichen Ahn! ich bitte dich, theuerſter Bruder, habe Mitleiden mit mir. Sage mir, welches Uebel droht meinem Sohn oder meinem Königreich?“ Das Geſicht des Königs, vor Angſt bebend, ſeine thränenvollen Augen waren anf ſeinen Bruder gerich⸗ tet, der ſich Zeit zur Ueberlegung zu nehmen ſchien, ehe er antwortete. »Mylord, das iſt die Gefahr. Eure Gnaden glaubt, der Prinz habe keinen Theil an dieſem zweiten Angriff auf die Bürger von Perth— der Mord dieſes elenden Strumpfwirkers, um deſſen Tod ſie ſchreien, wie ein Schwarm Möwen um ihren Kameraden, wenn eine von der lärmenden Brut durch den Pfeil eines Knaben niedergeſtreckt wird.“ „Ihr Leben iſt ihnen und ihren Freunden theuer, Robin,“ ſagte der König. »„Ja, mein Lehnsherr; und ſie machen es auch uns theuer, wenn wir wegen jedes Bluttropfens mit den Schurken unterhandeln müſſen. Aber, wie ich ſagte, Eure Majeſtät glaubt, der Prinz habe keinen Theil an dem letzten Mord: ich will Euren Glauben in die⸗ ſem zarten Punkt nicht erſchüttern, ſondern verſuchen, mit Euch zu glauben. Was Ihr denkt, iſt Geſetz für mich. Robin von Albany wird nie anders denken, als Robin von Schottland.“ »Ich danke Euch,« ſagte der König und faßte die Hand ſeines Bruders,„ich wußte wohl, daß Eure Liebe dem armen, unklugen Rothſay Gerechtigkeit wiederfah⸗ ren laſſen würde, der ſich ſo vielen uüͤbeln Nachreden ausſetzt, daß er die Gefühle kaum verdient, die Ihr für ihn hegt.« Albany hatte eine ſo unerſchütterlich kaltblütige Fe⸗ ſtigkeit, daß er den brüderlichen Händedruck des Königs erwiedern konnte, während er die Hoffnungen des nach⸗ ſichtigen zärtlichen Greiſes bei der Wurzel ausriß. »Aber, ach!“ fuhr der Herzog mit einem Seufzer 8 6 — 84 fort,„dieſer bärenhafte, rauhe Ritter von Kinfauns mit ſeiner lärmenden Heerde von Bürgern will dieſe Sache nicht anſehen, wie wir. Sie haben die Frechheit, zu ſagen, dieſer todte Kerl ſey von Rothſay und ſeinen Genoſſen mißhandelt worden, denn ſie haben ihn mas⸗ kirt auf den Straßen lärmend und Männer und Weiber anhaltend, genöthigt, zu tanzen oder eine ungeheure Menge Wein zu verſchlucken, nebſt andern Thorheiten, die ich nicht erzählen mag, geſehen, und ſie fügen bei, die ganze Geſellſchaft habe ſich zu Sir John Ramorny be⸗ geben, ſey mit Gewalt in ſein Haus gebrochen, um dort ihr Bacchanal zu ſchließen, was hinlänglich Grund zu dem Glauben gibt, die Entlaſſung Sir Johns aus des Prinzen Dienſt ſey nur ein Kunſtgriff geweſen, um das Volk zu täuſchen. Und darum behaupten ſie, wenn in dieſer Nacht durch Sir John Ramorny oder ſeine Leute etwas Schlimmes geſchehen ſey, ſo habe ohne Zweifel der Herzog von Rothſay doch wenigſtens darum gewußt, wenn er es auch nicht billigte.“ „Albany, das iſt ſchrecklich!“ ſagte der König,„willſt du einen Mörder aus meinem Kinde machen? willſt du behaupten, mein Sohn beflecke ſeine Hände mit ſchotti⸗ ſchem Blut und zwar ohne Veranlaſſung und Zweck? nein, nein, ſo grobe Verläumdungen werden ſie nicht erfinden, denn ſie ſind handgreiflich und unglaublich.“ „Verzeihung, mein Furſt,“ fuhr der Herzog von Al⸗ bauy fort,„man ſagt, die Urſache des Streits in Cur⸗ fewſtreet und die Folgen deſſelben gehören mehr dem Prinzen an als Sir John; da Niemand vermuthet und noch weniger glaubt, dieſe hoffnungsvolle Unternehmung ſey zum Vergnügen des Ritters von Ramorny ausge⸗ führt worden.“ 4 Krrdu machſt mich wahnſinnig! Robin!“ ſagte der König.. „Ich bin ſtumm, entgegnete der Bruder,„ich ſprach blos meine geringe Meinung nach Eurem königlichen Befehl aus.“ 8⁵ „Ja, ich weiß, du meinſt es gut,“ ſagte der König, „aber ſtatt mich durch Vorſtellung unvermeidlichen Un⸗ heils zu zerreißen, wäre es nicht freundlicher, mir einen Weg zu zeigen, um ihnen entgehen zu können?“ „Ja, mein Fürſt; aber da der einzige Pfad, auf dem Ihr hinauskommen könnt, rauh und ſchwierig iſt, ſo muß Euer Gnaden zuerſt von der Nothwendigkeit über⸗ zeugt ſeyn, ihn zu betreten, ehe Ihr ihn beſchreiben hört. Der Wundarzt muß ſeinen Kranken zuerſt von dem unheilbaren Zuſtand eines zerſchmetterten Gliedes überweiſen, ehe er vom Wegſchneiden ſprechen darf, was doch das einzige Mittel iſt.“ Robert fiel bei dieſen Worten in einen Grad von Schrecken und Unwillen, den ſein Bruder bei ihm nicht für möglich gehalten hatte. „Zerſchmettertes, abgeſtorbenes Glied! Mylord von Albany? Wegſchuneiden das einzige Mittel!— das ſind unverſtändliche Worte, Mylord!— Wenn du ſie auf unſern Sohn Rothſay anwendeſt, ſo mußt du ſie bis auf den Buchſtaben rechtfertigen, oder du ſollſt bittere Urſache haben, die Folgen zu bereuen.“ „Ihr verſteht mich zu buchſtäblich, mein königlicher Herr,“ antwortete Albany,„ich ſprach nicht von dem Prinzen in ſo ungeziemenden Ausdrücken; denn ich rufe den Himmel zum Zeugen, daß er mir als Sohn meines vielgeliebten Bruders theurer iſt, als wäre er mein eigener. Aber ich ſprach davon, ihn von den Thorheiten und Eitelkeiten des Lebens zu trennen, welche die hei⸗ ligen Männer den abgeſtorbenen Gliedern vergleichen und die man, wie jene, als Dinge, die unſer beſſeres Fortſchreiten hindern, abſchneiden und wegwerfen muß.“ „Ich verſtehe— du willſt dieſen Ramorny, den man für das Werkzeug der Thorheiten meines Sohnes hält, vom Hofe verbannt wiſſen,“ ſagte der wieder etwas beruhigte Monarch,„bis das unſelige Aergerniß ver⸗ geſſen iſt und unſere Unterthanen unſern Sohn mit andern und zutrauensvollen Augen anſehen,“ 86 „Das wäre ein guter Rath, mein Fürſt, aber der meinige ging ein wenig— ein klein wenig— weiter. Ich wünſchte. daß der Prinz ſelbſt auf kurze Zeit vom Hof entferut würde.“ „Wie, Albany? von meinem Kind, meinem Erſtge⸗ bornen ſcheiden, dem Licht meiner Augen und— ſo leichtſinnig er ni iſt, dem Liebling meines Herzens! — O! Robin! ich kann nicht und will nicht.“ „Nein, ich wollte nur einen Vorſchlag machen, My⸗ lord— ich fühle die Wunde, die eine ſolche Maßregel dem Vaterherzen ſchlagen muß, denn bin ich denn nicht ſelbſt Vater?“ Mit dieſen Worten ließ er, wie in hoff⸗ nungsvoller Verzweiflung, das Haupt ſinken.. „Ich könnte es nicht überleben, Albany. Wenn ich bedenke, daß ſelbſt nunſed eigener Einfluß auf ihn, der, wenn auch zuweilen in unſerer Abweſenheit vergeſſen, doch immer wirkt, wenn er bei uns iſt, durch Euren Plau ganz abgeſchnitten iſt, in welche Gefahren würde er da ſtürzen? Ich könnte in ſeiner Abweſenheit nicht ſchla⸗ fen— 193 würde in jedem Windhauch ſeinen Todes⸗ ſeufzer hören und Ihr, Albany, würdet, wenn Ihr es auch beſſer verbergt, faſt eben ſo ängſtlich ſeyn.“ So ſprach der gutwillige Monarch, um ſeinen Bru⸗ der zu verſöhnen und ſich ſelbſt damit zu täuſchen, daß er eine Liebe zwiſchen dem Oheim und Neffen, von der keine Spur vorhanden war, als wirklich annahm. „Eure väterliche Furcht iſt zu leicht aufgeſchreckt, Mylord,“ ſagte Alband,„ich ſchlage nicht vor, des Prin⸗ zen Bewegungen ſeiner eigenen wilden Luſt zu überlaſſen. Ich meine, der Prinz ſollte auf kurze Zeit unter einen anſtändigen Zwang geſtellt werden— man ſollte ihn einem ernſten Rath zur Aufſicht geben, der für ſein Benehmen und ſeine Sicherheit verantwortlich wäre, wie ein Hofmeiſter für dei Zögling.« „Wie! ein Hofmeiſter? und in Rothſays Alter? rief der König aus,„er iſt zwei Jahre über die Zeit, die unſere Geſetze bis zur Mündigkeit vorſchreiben.“ 87 „Die weiſeren Römer,“ ſagte Albany,„ließen ſie vier Jahre ſpäter eintreten, als wir und für den gemeinen Verſtand ſollte die Einſchränkung dauern, bis ſie nicht mehr nöthig wäre und ſo die Zeit nach dem Charakter verſchieden ſeyn. Da iſt der junge Lindſay, Graf von Crawford, der, wie man ſagt, Ramorny bei dieſer Aus⸗ forderung unterſtützt,— er iſt fünfzehn Jahre alt mit den tiefen Leidenſchaften und der entſchloſſenen Feſtig⸗ keit eines Mannes von dreißig; während mein könig⸗ licher Neffe, bei liebenswürdigeren und edleren Eigen⸗ ſchaften des Verſtandes und Herzens zuweilen im drei und zwanzigſten die üppigen Launen eines Knaben zeigt, gegen den der Zwang nur Güte iſt.— Und ſeyd nicht kraurig, mein Fürſt, daß es ſo iſt, oder zornig, daß Euer Bruder die Wahrheit ſagt, denn die beſten Früchte reifen am langſamſten, und die beſten Roſſe machen dem Bereiter am meiſten zu ſchaffen, der ſie zum Schlacht⸗ feld oder für die Schranken erzieht.“. Der Herzog ſchwieg und nachdem er den König et⸗ liche Minuten einer Träumerei ſich hatte hingeben laſ⸗ ſen, die er nicht zu unterbrechen verſuchte, fuhr er in lebhaftem Tone fort:„Aber beruhigt Euch doch; der Streit kann vielleicht ohne weiteres Gefecht und ohne Schwierigkeit ausgemacht werden. Die Wittwe iſt arm, denn ihr Gatte war, ſo viel er auch arbeitete, eitel und verſchwenderiſch. Die Sache läßt ſich daher viel⸗ leicht mit Geld abmachen, wenn man Ramorny ein assythment*) von ſeinen Gütern zahlen laßt.“ „Nein, das wollen wir ſelbſt beſorgen,“ ſagte König Robert, der die Hoffnung, dieſen unangenehmen Streit in Frieden zu enden, eifrig ergriff,„Ramorny's Aus⸗ ſichten werden durch ſeine Verbannung vom Hof und *) Eine Geldbuße fuͤr vergoßnes Blut, die man den naͤchſten Verwandten des Ermordeten zahlte. Anm. d. Ker. 88 ſeine Entlaſſung aus dem Haus des Prinzen zerſtört und es wäre unedel, einen Fallenden zu beſchweren.— Aber da kommt unſer Sekretär, der Prior, uns zu ſagen, daß die Stunde des Rathes naht.— Guten Morgen, würdiger Pater.“ „Benedicto tibi! mein königlicher Herr,“ antwortete der Abt. „Nun, guter Pater,“« fuhr der König fort,„ohne auf Rothſay zu warten, für deſſen Einſtimmung mit unſern Beſchlüſſen wir ſtehen, wollen wir an das Geſchäft un⸗ ſers Königreichs gehen. Welche Nachrichten habt Ihr von Donglas?“ „Er iſt auf ſeinem Schloß Tantallon angekommen und hat einen Eilboten mit der Nachricht geſandt, daß, obgleich der Graf von March in ſeinem Schloß Dunbar feſt eingeſchloſſen bleibt, doch ſeine Freunde und Vaſallen ſich ſammeln und bei Coldingham ein Lager bilden, wo ſie wahrſcheinlich die Ankunft eines ſtarken engliſchen Heers erwarten, das Hotſpor*) und Sir Ralph Percy an der Gränze Englands verſammeln. „Das ſind kalte Neuigkeiten,“ ſagte der König,„Gott verzeihe Georg von Dunbar!“ der Prinz trat während diefer Worte herein und der König fuhr fort:„Ach! kommſt du endlich, Rothſay— ich ſah dich nicht bei der Meſſe.“ „Ich war dieſen Morgen träge,“ ſagte der Prinz, „da ich eine ſchlafloſe und fieberiſche Nacht gehabt habe.“ „Ach! thörichter Knabe!“ autwortete der König, „wärſt du nicht am Faſtendienſtag ſchlaflos geweſen, du hätteſt am Aſchermittwoch kein Fieber gehabt.“ „Laßt mich Euer Gebet nicht unterdrücken, mein Fürſt,“ ſagte der Prinz leicht,„Enre Gnaden rief den Himmel für Jemanden an— vielleicht für einen Feind; *) Der beruͤhmte Hotſpur oder Heißſporn. Anm, d. Ueb. 89 denn dieſe genießen doch am haͤufigſten den Vortheil Eurer Fuͤrbitte.« „Setze dich und ſey ſtill, thoͤrichter Juͤngling,⸗ ſagte der Vater indem ſein Auge auf dem ſchoͤnen Geſichte und der anmuthigen Geſtalt ſeines Lieblings ruhte. Rothſay zog einen Schemel zu den Fuͤßen ſeines Va⸗ ters und warf ſich nachlaͤßig darauf, waͤhrend der Koͤ⸗ nig weiter ſprach. „Ich bedauerte, daß der Graf von March, kaum von mir mit der vollſten Zuſicherung einer Verguͤtung jedes Unrechts wegging, uber das er ſich beklagen wuͤrde und ſogleich im Stande war, ſich mit Northumberland gegen ſein Vaterland zu verſchwoͤren.— Iſt es moͤg⸗ ich, daß er an unſerm Willen zweifle, unſer Wort zu halten?« „Ich will für ihn antworten: Nein,“ ſagte der Prinz, „»March zweifelte nie an Eurer Hoheit Wort. Nur möchte er wohl zweifeln, ob Eure erfahrnen Räthe Eu⸗ rer Majeſtät die Macht laſſen würden, es zu halten.“ Robert III. hatte in hohem Grade die ſchüchterne Politik angenommen, Ausdrücke, die, wenn er ſie hörte, verlangten, daß er ſeinen Unwillen darüber bezeigte, gar nicht zu hören. Er fuhr daher in ſeiner Rede fort, ohne auf ſeines Sohns Worte zu achten, aber es mehrte doch insgeheim Rothſays vorſchnelles Weſen das Mißvergnügen, mit dem er ihn zu betrachten begann. „Es iſt gut, daß Douglas an der Gränze iſt,« ſagte der König,„ſeine Bruſt war, wie die ſeiner Vorfahren, immer das beſte Bollwerk Schottlands.“ »Dann weh uns, wenn er den Rücken wendet!« ſagte der unverbeſſerliche Rothſay. »Kannſt du Douglas Muth verdächtigen wollen?« entgegnete der König äußerſt aufgebracht. 1 „Niemand darf des Grafen Muth in Zweifel ziehen,“ ſagte Rothſay,„er iſt ſo gewiß, als ſein Stolz;— aber an ſeinem Glück darf man zweifeln, oder die Annal⸗ 90 ſeines Hauſes haben ihm den Namen Tineman*) um⸗ ſonſt gegeben. „Bei St. Andreas, Robin!“« rief der Vater,„du biſt wie eine Nachteule, jedes Wort, das du ſagſt, bedeutet Streit und Unheil.“. „Ich ſchweige, Vater,“ antwortete der Jüngling. „Und welche Nachrichten vom hochländiſchen Aufſtand?“ fühe der König, gegen den Prior gewandt, fort, zu ragen. „Er hat eine günſtige Geſtalt angenommen„E ſagte der Geiſtliche,„das Feuer, das dem ganzen Land drohte, wird in dem Blut von vierzig bis fünfzig Räubern er⸗ erſtickt werden; denn die zwei großen Bünde haben in feierlichem Waffenvertrag beſchloſſen, ihren Streit mit den von Eurer Hoheit genannten Waffen, in Eurer königlichen Gegenwart, an eeinem von Euch beſtimmten Ort am Palmſonntag, den dreißigſten des nächſten Märzmonds zu entſcheiden; die Zahl der Kämpfer iſt auf dreißig von jeder Seite beſchränkt und das Gefecht geht bis zum letzen Hauch, weßwegen ſie Eure Maje⸗ ſtät demüthig und ehrerbietig erſuchen und bitten, daß Ihr an dieſem Tag Euer königliches Vorrecht, den Kampf durch Hinunkerwerfen Eures Scepters oder durch den Ruf: Ho! zu enden, väterlich außer Kraft zu ſe⸗ tzen geruht, bis die Schlacht gänzlich ausgekämpft iſt.“ „Die Wilden!“ rief der König,„wollen ſie unſer beſtes und theuerſtes königliches Vorrecht beſchränken, dem Streit ein Ziel zu ſetzen und der Schlacht Still⸗ ſtand zu gebieten? Wollen ſie den einzigen Grund ent⸗ fernen, der mich dazu brachte, das mörderiſche Schau⸗ ſpiel ihres Kampfes zu ſehen? Wollen ſie fechten, wie die Menſchen, oder wie ihre Bergwölfe 96— *) Tineman I. v. a. Verluſtinann, Ungluͤcksmann. Anm. d. Ueberſ. 91 „Mylord,“ ſagte Albany,„der Graf von Crawford und ich haben gewagt, ohne Euch zu fragen, dieſen Artikel zu genehmigen, da die dringendſten Gründe es fordern. „Wie? der Graf von Carwford!“ ſagte der König, „mich dünkt das iſt ein junger Rathgeber in ſo wich⸗ tigen Dingen.“ „Er ſteht,“ antwortete Albany,„trotz ſeiner Jugend in ſolcher Achtung bei ſeinen hochländiſchen Nachbarn, daß ich ohne ſeine Hülfe und ſeinen Einfluß, wenig bei ihnen ausgerichtet hätte.“ „Hoͤre das, junger Rothſay!« ſagte der Koͤnig im Ton des Vorwurfs ſeinem Erben.. „Ich bedaure Carwford, Sire,“ war des Prinzen Antwort,„zu fruͤh verlor er einen Vater, deſſen Rath ihm in einer Zeit wie dieſe nuͤtzlich geweſen waͤre.“ Der Koͤnig wandte ſich mit einem triumphirenden Blick, voll Freude uͤber die kindliche Liebe, die die Antwort des Sohnes ausdruͤckte, gegen Albany. Die⸗ ſer aber fuhr ungeruͤhrt fort.„Es iſt nicht das Le⸗ ben dieſer Hochlaͤnder,« ſagte er,„ſondern ihr Tod, was dem Wohl Schottlands nuͤtzt und wirklich ſchien es dem Grafen von Crawford und mir ſelbſt hoͤchſt wuͤnſchenswerth, daß der Kampf ein Vernichtungs⸗ kampf ſey.“. „ Nun,“ fiel der Prinz ein,„wenn das die jugend⸗ liche Politik iſt, wird er in zehn bis zwoͤlf Jahren ein gnaͤdiger Gebieter ſeyn. Pfui dem Knaben, der hart⸗ herzig iſt, eh er Haar auf der Lippe traͤgt. Beſſer, er haͤtte ſich am Faſtendienſtag mit Hahnenkaͤmpfen begnuͤgt, als Plane gemacht, am Palmſonntag Men⸗ ſchen zu morden, als ordnete er einen Thierkampf in Wallis an, wo alles ſich umbringen muß.« „Robin hat Recht, Albauy,“ ſagte der Koͤnig,„es wuͤrde ſich fuͤr einen chriſtlichen Konig nicht ſchicken, in dieſem Punkt nachzugeben. Ich will die Leute nicht 9² fechten ſehen, bis ſie alle zuſammengehauen ſind, wie das Vieh im Schlachthaus. Ich wuͤrde krank werden von dem Anblick und der Scepter wuͤrd mir aus der Hand fallen, weil ich zu ſchwach waͤre ihn zu halten.“ „Aber er wuͤrde unbemerkt fallen,“ ſagte Albany, „Ich bitte Eure Gnaden, ſich zu erinnern, daß Ihr nur ein Vorrecht aufgebt, das Euch, wenn Ihr es ausuͤbt, keine Achtung braͤchte, da ihm nicht gehorcht wuͤrde. Wuͤrde Eure Majeſtaͤt den Scepter nieder⸗ werfen, wenn der Kampf tobt und das lut dieſer Maͤnner heiß iſt, ſo wuͤrde er nicht mehr Achtung fin⸗ den, als wenn ein Sperling den Strohhalm, den er zu Neſte traͤgt, unter einen Schwarm kaͤmpfender Woͤlfe fallen laͤßt. Nichts wird ſie trennen, als die Ermor⸗ dung Aller, und beſſer ſie geben ſich ihn untereinander, als daß ſie ihn von den Kriegern erhalten, die ſie auf Eurer Majeſtaͤt Befehl zu trennen ſuchten. Ein Ver⸗ ſuch, Frieden durch Gewalt zu erhalten, ſchiene ihnen ein fuͤr ſie gelegter Hinterhalt, beide Partheien wuͤr⸗ den ſich dagegen vereinigen, das Morden waͤre daſ⸗ ſelbe und die gehofften friedlichen Folgen verloren.« „Es iſt nur zu viel Wahrheit in dem, was ihr ſagt, Bruder Robin,“ ſagte der wankelmuͤthige Koͤnig. Es dient zu wenig, das zu befehlen, was ich nicht erzwin⸗ gen kann; und obwohl ich das Üngluͤck habe, dies je⸗ den Tag meines Lebens zu thun, ſo iſt es doch noͤthig vor dem Volk, das ſich zum Zuſchauen herzudraͤngt, ein ſo oͤffentliches Schauſpiel koͤniglicher Unmacht zu geben. Laßt alſo dieſen Wilden ihren blutigen Willen gegen einander bis aufs Aeußerſte; ich will nicht ver⸗ ſuchen, etwas zu verbieten, deſſen Ausfuͤhrung ich nicht hindern kann.— Der Himmel helfe dieſem ungluͤck⸗ lichen Land! Ich will in mein Betzimmer und fuͤr daſſelbe beten, da es mir verhaßt iſt, ihm mit Kopf aun Hano zu helfen. Pater Prior, ich bitte um die Stutze Eures Arms.“— ͤ——ͤDAeereIAnͤne ———————— 93 „Nun, Bruder,“ ſagte Albany,„verzeiht mir, wenn ich Euch erinnere, daß wir noch die Sache zwiſchen den Buͤrgern von Perth und Ramorny hoͤren muͤſſen wegen Ermordung eines Buͤrgers.— „Ja, ja,« ſagte der Monarch, indem er ſich wie⸗ der ſetzte,„noch mehr Gewalt— noch mehr Schlacht. — O, Schottland! Schottland! Wenn das beſte Blut deiner tapferſten Kinder deinen duͤrren Boden be⸗ reicherte, welches Land auf Erden wuͤrde dich an Frucht⸗ barkeit übertreffen! Wann hat man einen Schotten weißes Haar tragen ſehen, es ſey denn ein Unglück⸗ licher, wie dein Fürſt, den ſeine Unmacht vor dem Morde ſchützt, um die Blutſcenen zu ſehen, denen er kein Ziel ſetzen kann!— Laßt ſie eintreten— haltet ſie nicht auf. Sie ſind auf Mord erhitzt und beneiden einander jeden friſchen Athemzug aus ihres Schöpfers lieber Luft. Der Geiſt des Streits und Mords beſitzt das ganze land!«“ Als der milde Fürſt ſich mit einer ihm nicht ge⸗ wöhnlichen unmuthigen und zornigen Miene auf ſeinen Seſſel zurückwarf, wurde die Thür am unteren Ende des Saals geöffnet und es traten aus der Gallerie, in die ſie führke, in das Gemach(während man durch die offene Thür in der Fern eine bewaffnete Wache der Buteleute*) oder Brandanen ſah) in Trauerprozeſſion die Wittwe des armen Olivier von Sir Patrick Char⸗ teris mit ſo viel Ehrfurcht geführt, als wär ſie eine Lady vom erſten Rang geweſen. Hinter ihnen kamen zwei gute Frauen, die Gattinnen von Stadtvorſtehern, in Trauerkleidern, die eine das kleine Kind tragend und die andere das ältere führend. Der Schmied folgte in geiner beſten Kleidung, eine Schärpe von Krepp über *) Bute iſt ein Theil von Schottland, woher dieſe Leibwache genommen wurde. Anm. d. Ueb. 94 dem Koller tragend. Den traurigen Zug ſchloßen der Vogt Craigdallie und ein anderer Vorſteher. Die vorübergehende Leidenſchaft des guten Königs verſchwand ſogleich, als er das blaſſe Geſicht der trau⸗ ernden Wittwe bemerkte und die unſchuldige Bewußt⸗ loſigkeit der Waiſen ſah, die einen ſo großen Verluſt erlitten hatten; als aber Sir Patrick Charteris der Wittwe niederknieen half und ſich ſelbſt, ſie immer noch bei der Hand haltend, auf ein Knie niederließ, fragte der König Robert mitleidig nach ihrem Namen und Geſchäft. Sie antwortete nicht, ſondern murmelte et⸗ was, auf ihren Führer blickend. „Sprecht für die arme Frau, Sir Patrick Charteris,“ ſagte der König,„ und ſagt uns, warum ſie vor uns tritt.“ »Mit Eurer Erlaubniß, mein Lehnsherr,“ antwortete Sir Patrick aufſtehend,„dieſe Frau und dieſe unglück⸗ lichen Kinder klagen bei Eurer Hoheit gegen Sir John Ramorny von Ramorny, Ritter, daß von ihm oder Jemand von ſeinen Leuten ihr vormaliger Gatte Oli⸗ vier Proudfute, freigeborner Bürger von Perth, in den Straßen der Stadt am Abend des Faſtendienſtags oder am Morgen des Aſchermittwochs ermordet wurde.“ „Weib,“ antwortete der König mit vieler Güte, „dein Geſchlecht iſt mild und dein Kummer ſollte dich barmherzig machen; denn unſer eigenes Unglück muß uns— ja ich denke auch, es geſchieht ſo— freundlich gegen Andere ſtimmen. Dein Gatte hat nur den Pfad betreten, der uns Allen angewieſen iſt.“ „In dieſem Fall,“ ſagte die Wittwe,„erinnere ſich mein Fürſt, daß er kurz und blutig war.“ „Ja, es wurde ihm ſchlecht gemeſſen. Aber da ich unfähig war, ihn zu ſchützen, wie meine Königspflicht erheiſchte, ſo gedenke ich, zum Erſatz dich und dieſe Waiſen ſo gut oder beſſer zu unterhalten, als ihr in den Tagen deines Gatten lebtet; nur ſteh von dieſer O½— RRE 8.5 ——-— 95⁵ Klage ab und ſey nicht Anlaß zu weiterem Blutver⸗ gießen, Bedenke, daß ich dir die Wahl vorlege, Mit⸗ leiden auszuüben oder Rache zu ſuchen, die Wahl zwi⸗ ſchen Ueberfluß und Mangel.“ „Es iſt wahr, mein König, wir ſind arm,“ antwor⸗ tete die Wittwe mit unerſchütterlicher Feſtigkeit,„aber ich und meine Kinder wollen uns lieber mit den Thieren des Feldes nähren, als vom Blutgeld meines Gatten leben. Ich verlange Kampf durch meinen Kämpen, wie Ihr gegürteter Ritter und gekrönter König ſeyd.“ „Ich wußte, daß es ſo kömmen würde!« ſagte der König ſeitwärts zu Albany,„in Schottland ſind die erſten Worte, die das Kind ſtammelt und die letzten, die ein ſterbender Graubart von ſich gibt— Kampf— Blut— Rache! Es nützt wenig, weiter zu reden. Laßt die Vertheidiger eintreten.“ Sir John Ramorny trat ins Gemach. Er war in einen langen Pelzmantel gekleidet, wie ihn vornehme Männer krugen, wenn ſie entwaffnet waren. Unter den Falten des Tuchs verborgen wurde ſein verwunde⸗ ter Arm durch eine Schärpe oder Schlinge von car⸗ moiſinrother Seide getragen und mit dem linken Arm lehnte er ſich anf einen Jüngling, der, kaum über die Knabenjahre hinaus, auf der Stirne die tiefe Spur früher Gedanken und vorzeitiger Leidenſchaft trug. Es war der geprieſene Lindſay, Graf von Crawford, der in ſeinem ſpäteren Alter durch den Beinamen des Ti⸗ gergrafen bekannt war und das große reiche Thal von Stratmore mit der unbefchränkten Macht und unbarm⸗ herzigen Grauſamkeit eines Lehnstyrannen beherrſchte. Zwei oder drei Edelleute, ſeine oder des Grafen Freunde, unterſtützen Sir John Ramorny durch ihre Gegenwart bei dieſer Gelegenheit. Die Auklage wurde wiederholt und von Seiten des Beſchuldigten rund weg durch Längnen abgewieſen und die Kläger erboten ſich ſofort, ihre Verſicherung durch Berufung auf das Gottesge⸗ richt des Sargrechts zu erweiſen. 96 „Ich bin nicht gehalten,“ ſagte Sir John Ramorny, „mich dieſem Gericht zu unterziehen, da ich durch das Zeugniß meines ehemaligen königlichen Gebieters er⸗ weiſen kann, daß ich in meiner Wohnung krank zu Bette lag, während dieſer Oberrichter und dieſe Vögte mich ein Verbrechen begehen laſſen wollen, wozu ich weder Wille noch Berſuchung hatte. Ich biu daher kein ge⸗ rechter Gegenſtand des Verdachts.« „Ich kann bezeugen,“ ſagte der Prinz,„daß ich Sir John Ramorny in derſelben Nacht, da der Mord vor⸗ ging, ſah und über Angelegenheiten meines Haushalts mit ihm ſprach. Ich weiß daher, daß er krank war und die That nicht perſönlich verüben konnte. Aber ich weiß nichts von der Beſchäftigung ſeiner Diener und will nicht auf mich nehmen, zu behaupten, es könne keiner von ihnen des angeſchuldigten Verbrechens ſchul⸗ dig ſeyn.“ Sir John Ramorny hatte während des Anfangs die⸗ ſer Rede mit trotziger Miene um ſich geſehen, wurde aber durch die letzten Worte des Herzogs von Rothſay etwas verwirrt.„Ich danke Eurer Hoheit,“ ſagte er lächelnd,„für Eure Klugheit und Euer beſchränktes Zeugniß für mich. Der war weiſe, welcher ſchrieb: „Setzt Euer Vertrauen nicht auf Fürſten.“ „Wenn Ihr keinen andern Beweis Eurer Unſchuld habt, Sir John Ramorny,“ ſagte der König,„ſo dür⸗ fen wir in Bezug auf Eure Diener den Klägern der beleidigten Wittwe und den Waiſen den Beweis durch das Sargrecht nicht verſagen, wenn nicht etwa einer von ihnen den Kampf vorzieht. Ihr ſelbſt aber ſeyd durch des Prinzen Zeugniß von der Anklage frei.. „Mein Fürſt,“ ſagte Sir John,„ich kann mich für die Unſchuld meiner Leute verbürgen.“ „Nun, ſo könnte ein Mönch oder ein Weib ſagen,“ unkerbrach Sir Patrick Charteris.„In ritterlicher Sprache, willſt du Sir John von Ramorny für dein Gefolge mit mir kämpfen ² 97 „Der Oberrichter von Perth würde nicht Zeit gehabt haben, das Wort Kampf zu nennen, ehe ich ihn an⸗ genommen hätte, aber ich bin gegenwärtig nicht im Stand, eine Lanze zu halten.“ 3 „Das freut mich, mit Eurer Erlaubniß, Sir John — um ſo weniger Blut wird vergoſſen werden,“ ſagte der König;„Ihr habt alſo Eure Leute nach Eures Hausmeiſters Liſte in der St. Johannskirche zu ſtellen, damit ſie ſich in Gegenwart Aller, denen⸗ es wichtig iſt, von der Anklage reinigen. Seht, daß jeder von ihnen zur Zeit des Hochamts erſcheine, ſonſt wird Eure Ehre ſehr befleckt ſeyn.“ 3 „Sie werden alle kommen,“ ſagte Sir John Ramorny. Dann verbeugte er ſich gegen den Ai und ſagte mit einem tiefen Bückling zum Herzog von Rothſay gewen⸗ det, dieſem ſo leiſe, daß ſonſt Niemand es hören konnte: —„Ihr habt mich edel behandelt, Mylord!— Ein Wort von Euch hätte dieſen Streit geendet und Ihr wolltet es nicht ſprechen!— 4 „»Bei meinem Leben,“ flüſterte der Prinz,„ich ſagte ſo viel, als mir eben noch Wahrheit und Gewiſſen er⸗ laubten. Du wirſt doch nicht erwartet haben, daß ich für dich lüge?— und überdieß, John, dünkt mich in meinen zerſtreuten Erinnerungen dieſer Nacht, daß ich einen moͤrderiſchen Kerl mit einer Streitart ſah, der gerade ausſah, als hätte er den Nachtſtreich ausführen können.— Ha! hab' ichs getroffen, Herr Ritter 2 Ramorny antwortete nichts, ſondern wandte ſich ſo plötzlich um, als hätte Jemand ſchnell an ſeinen ver⸗ wundeten Arm geſtoßen und begab ſich mit dem Grafen von Crawford wieder nach Hauſe, dem er, wenn auch nichts weniger, als zum Schmauſen geſtimmt, ein glän⸗ zendes Mahl anbieten mußte, um einigermaßen den Schutz anzuerkennen, den der junge Edelmann ihm ge⸗ ſchenkt hatte. Walter Scott's Werke. 154s Bochen. Einundzwanzigſtes Kapitel. Als nach einer Mahlzeit, deren Verlängerung für den verwundeten Ritter Folterqual war, der Graf von Crawford endlich zu Roſſe ſtieg, um nach ſeiner ent⸗ fernten Wohnung im Schloß Dupplin, wo er als Gaſt wohnte, ſich zu begeben, zog ſich der Ritter von Ra⸗ moruy, von Körperſchmerzen und Seelenangſt gequält, in ſein Schlafgemach zurück. Hier fand er Heubane Dwining, von dem er hart genug in beiden Rückſichten Troſt hoffen mußte. Der Arzt hoffte in ſeiner ange⸗ nommenen tiefen Demuth, ſeinen gereizten Kranken luſtig und glücklich zu ſehen. „Luſtig, wie ein toller Hund,“ ſagte Ramorny,„und glücklich, wie der Elende, den die Beſtie gebiſſen hat und der das Nahen der wüthenden Raſerei fühlt. Der rohe Knabe ſah meinen Schmerz und erſparte mir kei⸗ nen einzigen Trunk. Ich müſſe ihm ſein Recht thun; zum Teufel! wenn ich ihm und der Welt ihr Recht gethan hätte, ſo hätt; ich ihn aus dem Fenſter gewor⸗ fen und eine Laufbahn abgekürzt, die, wenn er fort⸗ fährt, wie er anfängt, für ganz Schottland, beſonders aber für die Taygegend eine Quelle des Elends werden wird.— Nimm dich in Acht, Wundarzt, wenn du die Bänder abnimmſt, die Berührung eines Mückenflügels e4 dirſm rohen glühenden Stumpf wäre mir ein Dolch⸗ ich. „Fürchtet nichts, edler Patron,“ ſagte Dwining mit einem gluchzenden Lachen der Freude, das er umſonſt unter dem angenommenen Ton der Empfindſamkeit zu verbergen ſuchte.„Wir wollen friſchen Balſam auf⸗ 99 legen und— hi hi hi! Eure ritterliche Herrlichkeit von der Reizung befreien, die Ihr ſo ſtandhaft er⸗ tragt.« 5 „Ptandhaft, Menſch?“ ſagte der Ritter, vor Schmerz knirſchend,„ich ertrag’ es, wie die ſengende Flamme des Fegfeuers— das Bein ſcheint aus glühendem Eiſen. gemachk, deine fette Salbe wird ziſchen, went ſie drauf füllt— und doch iſts Decembereis gegen die Fiebergluth meiner Seele.“ 2. „Wir wollen zuerſt eine Erleichterung für den Kör⸗ per brauchen, mein edler Patron,“ war Dwinings Ant⸗ wort,„und dann wird mit Eurer Herrlichkeit Erlaub⸗ niß Euer Knecht ſeine Kunſt an der Seele verſuchen— aber ich hoffe, auch der Seelenſchmerz werde einiger⸗ maßen von der Reizung der Wunde herrühren und wenn, wie ich weiß, die leibliche Pein⸗ bald nachlaffen wird, legen ſich vielleicht von ſelbſt die ſtürmiſchen Ge⸗ fühle des Geiſtes.“ „Henbane Dwining,“ ſagte der Kranke, als er den Schmerz der Wunde nachlaſſen fühlte,„du biſt ein köſt⸗ licher unſchätzbarer Arzt, aber gewiſſe Dinge ſind über deiner Macht. Du kaunſt das körperliche Gefühl dieſer raſenden Schmerzen ſtillen, aber du kannſt mich nicht lehren, den Spott des Knaben zu ertragen, den ich er⸗ zog, den ich liebte, Dwining— ich liebte ihn, zärtlich liebte ich ihn! Meine ſchlimmſten Thaten geſchahen, um ſeinen Laſtern zu ſchmeichein und er weigerte mir ein Wort ſeines Mundes, gls ein Wort mir dieſe Laſt abgenommen hätte. Er lächelte— ich ſah ihn lächeln, als der lumpige Oberrichter, der Genoſſe und Schutz⸗ patron elender Bürger, mich herausforderte, mich, den dieſer herzloſe Prinz unfähig wußte, Waffen zu führen. Ehe ich das vergeſſe oder vergebe, ſollſt du ſelbſt Ver⸗ zeihung der Beleidigungen predigen!— Und dann noch die Sorge für Morgen.— Glaubſt du, Henbane Dwi⸗ ning, daß wirklich die Wunden des Erſchlagnen klaffen 7 400 werden, um bei des Mörders Nahen friſche Blutthrä⸗ nen zu vergießen?“ 1 „Ich kann's nicht ſagen, Mylord, als nach dem Ge⸗ rücht, das die Sache bekräftigt.“ „Das Thier Bonthron,“ fuhr Ramorny fort,„iſt über die Furcht vor etwas der Art beſtürzt und ſagt, er wolle lieber dem Kampf ſtehen. Was denkſt du?— er iſt ein Kerl von Stahl.“. „Es iſt des Waffenſchmieds Arbeit, mit Stahl um⸗ zugehen,“ antwortete Dwining. 1 „Fiele Bonthron, ſo wäre mir das nicht leid,“ ſagte Namorny,„wenn ich gleich eine brauchbare Hand ver⸗ löre.“ i2. „Ich glaube gern, Eure Herrlichkeit würde nicht ſo ſehr trauern, als über die, welche Ihr kürzlich verloret. — Verzeiht den Spaß— hi hi hi! Aber welches ſind denn die brauchbaren Eigeuſchaften dieſes Kerls Bon⸗ thron?“— 1 Die eines Bullenbeißers, er zerreißt, ohne zu bellen.“ „Ihr fürchtet nicht, er werde beichten 2“˙ ſagte der Apokheker.— 1a „Wer kann ſagen, was der Schrecken des nahen To⸗ des thut?“ entgegnete der Kranke; ver hat bereits eine Feigheit gezeigt, die ſeiner ſonſtigen Rohheit ganz wi⸗ derſpricht; er, der kaum die Hände waſcht, wenn er einen Menſchen ermordet hat, fürchtet nun einen blu⸗ tigen Leichnam zu ſehen.“ „Gut,“ ſagte der Arzt, pich muß etwas für ihn thun, wenn ich kann, da er um meiner Rache willen den der⸗ ben Schlag führte, der freilich zum Unglück nicht traf, was er ſollte.“ r3 „Und weſſen Fehler war das, feiger Schuft,« fuhr Ramorny auf, vals der deine, der einen elenden Bock für einen Hirſch erſter Größe hielt?“ „Benediete, edler Sir„« entgegnete der Arzneikünſt⸗ ler,„glaubt Ihr, daß ich, der nichts als Kammerdienſt 401 verſteht, ſo ein geſchickter Waidmann bin, wie Ihr, edler Herr, um Hirſch und Hündin, Bock und Kuh um Mitternacht im Wald zu unterſcheiden? Ich war nur ein wenig im Zweifel, als ich die Geſtalt im Mohren⸗ tänzerkleid an uns vorbei nach des Schmieds Woh⸗ nung im Wynd eilen ſah und doch wußte ich nicht ganz, ob es unſer Mann war, denn er ſchien mir zu klein. Aber als er wieder herauskam nach der Zeit, die man zum Kleiderwechſel etwa braucht und mit Büf⸗ felwamms und Stahlhut weiter ſchritt, nach der ge⸗ wöhnlichen Weiſe des Waffenſchmieds pfeifend, da ge⸗ ſteh' ich, mich geirrt zu haben und ließ Eurer Herr⸗ lichkeit Bullenbeißer auf ihn los, der ſeine Pflicht ganz richtig that, wenn er gleich das unrechte Thier nieder⸗ viß. Ich bin daher entſchloſſen, wenn der verfluchte Waffenſchmied unſern armen Freund nicht auf der Stelle maustodt ſchlägt, wenn die Kunſt es vermag, dafür zu denedaiß dem Kettenhund nichts Schlimmes wieder⸗ fahre. 1u 4.)1 14. 42 „Das wird allerdings deine Kunſt auf die Probe ſe⸗ ten, Arzneimann,“ ſagte Ramorny,„denn wiſſe, daß unſer Kämpe, wenn er nicht mauſetodt in den Schran⸗ ken liegt, ſobald er beſiegt iſt, an den Ferſen fortge⸗ ſchleppt und ohne weitere Ceremonien als überwieſener Mörder an den Galgen geknüpft wird und wenn er da, wie eine loſe Troddel ungefähr eine Stunde gebaumelt hat, mußt du es, denk' ich, keck anfaſſen, um ſeinen gebrochenen Hals zu heilen.“ 3 „Ich bin anderer Meinung, wenn es Eurer Herr⸗ lichkeit gefällt,“ ſagte Dwining ruhig,„ich will ihn vom Fuß des Galgen in das Land der Feen tragen, wie König Arthur oder Sir Huon von Bordeaux oder den Dänen Ugero; oder ich will ihn eine gewiſſe An⸗ zahl von Minuten oder Stunden am Galgen baumeln laſſen und ihn dann vor dem Geſicht weghuſchen, ſo leicht, als der Wind dürres Laubwerk treibt.« „Das iſt eitle Prahlerei, Herr Arzt,“ antwortete 492 Ramorny,„der ganze Pöbel von Perth wird ihn zum Galgen begkeiten, einer begieriger als der andere, den Diener eines Edlen für den Mord eines hahnreyiſchen Bürgers hängen zu ſehen.“ *„Und wären es zehntauſend,“ ſagte Dwining,„ſoll ich, ein großer Gelehrter, der in Spanien und ſelbſt in Arabien ſtudirt hat, nicht im Stande ſeyn, die Augen dieſer ſäuiſchen Bürgerheerde zu täuſchen, indeß der elendeſte⸗Gaukler, der je Taſchenſpielerkünſte übte, ſelbſt den Scharfblick Eurer höchſtverſtändigen Herrlichkeit⸗ hinterging? Ich ſage Euch, ich will ſie betrügen, als beſäße ich Keddie’s Ring.“ „Wenn du die Wahrheit ſagſt und ich denke, du wagſt nicht, über etwas der Art mit mir zu ſpaſſen, ſo mußt du Satanshülfe haben und ich habe nichts mit ihm zu thun— ich verachte ihn und trotze ihme Dwining verfiel in ſein inneres gluchzendes Lachen, gis er ſeinen Gönner ſeinen Tuotz gegen den böſen Feind ausſprechen hörte und ihn denſelben mit einer Bekreu⸗ zung verſtärken ſahe Er faßte ſich jedoch, als er Ra⸗ morny's Geſicht finſter werden ſah und ſagte mit ziem⸗ lichem Ernſt, obgleich ein wenig durch die Nothwendig⸗ keit unterbrochen, ſeiner luſtigen Stimmung Luft zu machen.— 1. „Brüderſchaft, höchſtfrommer Sir, Brüderſchaft iſt die Seele der Gaukelkunſt. Aber— hi hi hil— Ich habe nicht die Ehre, der hi hi hil— Verbündete eines Herrn zu ſeyn— an deſſen Daſeyn ich— hichil— nicht allzu feſt glaube, wenn gleich Eure Herrlichkeit ohne Zweifel beſſere Gelegenheit zur Bekanntſchaft hat.“ 7„Sprich weiter, Schurke, aber ohne dieſen Spott, den du ſonſt theurer bezahlen könnteſt. „Ich will, unerſchrockener Ritter,« erwiederte Dwi⸗ ning,„Ich habe alſo auch meinen Verbündeten, ſonſt wäre meine Kunſt weniger werth.“ „Und wer iſt das, ſprich!“ 105 „Stephan Smotherwell, wenn es Eurer Herrlichkeit gefällt, Lockmann*) dieſer ſchönen Stadt. Mich wun⸗ ert, daß Eure Herrlichkeit ihn nicht kennt. „Und mich wundert, daß deine Schuftigkeit ihn nicht von ſeinem Handwerk aus keunt,“ entgegnete Ramvruy, „aber ich ſehe, deine Naſe iſt nicht aufgeſchnitten, deine Ohren nicht geſtutzt und wenn deine Schultern gezeich⸗ net oder gebran markt ſind, biſt du klug genug, einen hohen Kragen am Wamms zu tragen.“ „Hi hi! Eure Herrlichkeit iſt luſtig. Nicht perſön⸗ liche Umſtände haben mir die Freundſchaft Stephan Smotherwells verſchafft, ſondern ein gewiſſer Handel zwiſchen uns, wobei ich beſtimmte Summen Silbers gegen die Leiber, Köpfe und Glieder derer— austauſche, die durch Freund Stephans Hülfe ſterben.“ „Elender!“ rief der Ritter ſchaudernd aus,„du treibſt Zauberei und gottloſes Hexenwerk und brauchſt dazu dieſe jämmerlichen Reſte der Sterblichkeit?“ 3 „Hi hi hi!— nein, wenns Eurer Herrlichkeit ge⸗ fällt,“ antwortete der Apotheker, durch die Unwiſſen⸗ heit ſeines Gönners ſehr beluſtigt,„aber wir Ritter vom Scalpell ſind gewohnt, uns ſorgſam im Schueiden an den Gliedern todter Menſchen zu üben und nennen dieß Dißection, woran wir durch Unterſuchung eines todten Gliedes lernen, wie eines zu behandeln iſt, das einem lebenden Menſchen angehört und das auf irgend eine Art beſchädigt iſt, Ach! wenn Eure Herrlichkeit *) Lockmann, der ſchottiſche Ausdruck fuͤr Scharf⸗ richter oder Henker. Er erhielt dieſen Namen von der Gewohnheit, daß er einen kleinen Loͤffel voll Speiſe aus jedem Korb, der auf dem Markt aus⸗ geſtellt war, nehmen durfte. Dieſer Loͤffel voll hieß a loch. Smothwell heißt:„Erſtickt gut“ und deutet alſo gleichfalls auf das Henkergeſchaͤft. Anm. d. Her. 104 mein Laboratorium ſähe, ſo könnte ich Euch Köpfe und Hände, Füße und Lungen zeigen, von denen man glaubt, ſie ſeyen längſt im Sarg verfault. Den Schä⸗ del von Wallace, von der Londoner Brücke geſtohlen, das Herz von Sir Simon Fraſer, der niemand fürch⸗ tete, den lieblichen Kopf der ſchönen Johanne Logie. O, hätte ich nur das Glück gehabt, die ritterliche Hand meines verehrten Patrons zu retten!“ „»Fort, Sclave! willſt du mir mit deinem Verzeich⸗ niß von Schaudern Eckel erregen?— Sage mir gleich, was du damit willſt. Wie kann dein Handel mit dem Galgenhund dazu beitragen, mir zu dienen, oder mei⸗ nem Diener Bonthron zu helfen 2 1 „Nun, ich empfehle Eurer Herrlichkeit das Mittel nur für den äußerſten Nothfall,“ entgegnete Dwining. „Aber wir wollen den Kampf vorbei und unſern Hahn geſchlagen denken. Nun müſſen wir ihm zuerſt die Ge⸗ wißheit beibringen, daß wir ihn, wenn er auch nicht im Stand iſt, zu gewinnen wenigſtens vom Henker ret⸗ ten, vorausgeſetzt, daß er nichts gegen die Ehre Eurer Herrlichkeit bekennt.“ „Ha!— ja, da fällt mir etwas ein,“ fagte Ramorny, „wir können mehr thun, als das— wir können Bonthron ein Wort in den Mund legen, das für den, welchen ich als Urfache meines Unglücks verfluchen muß, beunruhigend genng ſeyn wird. Laß uns zum Stall des Hundes gehn und ihm erklären, was für jeden Fall zu thun iſt. Können wir ihn überreden, dem Sargrecht zu ſtehen, ſo iſt das ein bloßer Popanz und wir ſind ſicher. Nimmt er den Kampf an, der Kerl iſt wild, wie ein gehetzter Bär, ſo wird er vielleicht ſeinen Geg⸗ ner überwältigen; dann ſind wir mehr als ſicher— wir ſind gerächt. Unterliegt Bonthron ſelbſt, ſo führen wir deinen Plan aus, und machſt du es gut, ſo geben wir ihm an was er zu beichten hat, nehmen den Vor⸗ theil davon, den ich dir nachher erklären werde, und 105 machen einen Rieſenſchritt in der Rache.— Immer iſt nur eines gewagt. Denke dir unſern Bullenbeißer tödt⸗ lich verwundet in den Schranken, wer wird ihn hindern eine Art von Beichte zu heulen, verſchieden von der, die wir angeben?“ 2 „Nun, das kann ſein Arzt,“ ſagte Dwining.„Laßt mich ihn warten und nur einen Finger auf ſeine Wunde legen, und er ſoll kein Geheimniß verrathen. „Nun, das iſt ein williger Teufel, der weder Trei⸗ bens noch Lockens braucht!“ ſagte Ramorny. „Ich hoffe keines in Eurer Herrlichkeit Dienſte je zu beduͤrfen.” „Wir wollen unſer Werkzeng nun unterrichten,“ fuhr der Ritter fort,„wir werden ihn nachgiebig fin⸗ den, denn ſo ſchlimm der Hund iſt, er weiß doch den, der ihn fuͤttert, von dem zu unterſcheiden, der ihn pruͤgelt, und er haßt einen vormaligen koͤniglichen Ge⸗ bieter von mir tief wegen ſchmaͤhlicher Behandlung und erniedrigender Reden, die er von ihm empfing. Ich muß auch das Weitere deiner Kniſſe zu Rettung des Bullenbeißers aus den Haͤnden der Buͤrgerheerde noch mit dir verabreden.“⸗ Wir uͤberlaſſen das wuͤrdige Freundespaar ihren geheimen Schlichen, deren Ergebniſſe wir ſpaͤter ſehen werden. Sie waren, wenn gleich ganz verſchiednen Charakters, doch ſo geeignet zu Anlegung und Aus⸗ fuͤhrung verbrecheriſcher Plane, als das Windſpiel zum Zerreißen des Thiers, das der Spuͤrhund aufjagt oder dieſer zum Aufſuchen der Beute, die der hellſehende Windhund mit dem Auge entdeckt. Stolz und Selbſt⸗ ſucht war beiden eigen, doch durch die Verſchiedenheit des Standes, der Erziehung und der Talente, erſchie⸗ nen ſie in beiden auf ganz verſchiedene Weiſe.«⸗ Nichts glich dem hochſtrebenden Ehrgeiz des hoͤfi⸗ ſchen Guͤnſtlings, des gluͤcklichen Frauendieners und des kuͤhnen Kriegers, als der demuͤthige, ſchleichende 106 Arzneikünſtler, der ſelbſt, wenn er beleidigte, noch zu ſchmeicheln ſchien; waͤhrend er im Innern der Seele ſich uberlegener Einſicht bewußt war— einen Vorzug der Kenntniß und des Verſtandes der die rohen Ed⸗ len ſeiner Zeit tief unter ihn ſtellte. So wohl war Henbane Rwining dieſe hoͤhere Stellung bekannt, daß er oft, wie einer, der wilde Thuͤre haͤlt, zu ſeinem Vergnuͤgen den ſtuͤrmiſchen Zorn eines Mannes wie Ramorny zu erregen wagte, wohl wiſſend, daß er mit ſeiner Unterwuͤrfigkeit, dem Sturm entgehen wuͤrde, den er erregt hatte, wie ein indianiſcher Knabe ſeinen leichten Kahn,, den ſeine Zerbrechlichkeit ſelbſt ſchuͤtzt, in die wilde Brandung treibt, in der das Boot eines Kauffahrers ſicher ſcheitern wuͤrde. Daß der Lehens⸗ baron den niedern Arzneikuͤnſtler verachtete, war na⸗ tuͤrlich; aber Ramorny fuͤhlte nichts deſto weniger den Einfluß, den Dwining auf ihn hatte und wurde im Kampf des Verſtandes oft von ihm beſiegt, wie die wildeſten Spruͤnge eines feurigen Roſſes von einem zwoͤlflaͤhrigen Knaben uͤberwunden werden, der das Reiten gelernt hat. Die Verachtung Dwinings gegen Ramorny hingegen, war weit weniger eingeſchraͤnkt. Er brachte den Ritter in Vergleich mit ſich als einen, der ſich kaum uͤber das Thier erhob, der zwar im Stande ſey, zu verderben, wie der Stier mit den Hoͤrnern, der Wolf mit den Zaͤhnen, aber von gemei⸗ nen Vorurtheilen unterjocht, ein Sclave der Pfaͤfferei⸗ ein Ausdruck, in den Dwining alles Religioͤſe mit ein⸗ ſchloß. Im Ganzen glaubte er, Ramorny ſey vor der Natur zu ſeinem Knecht beſtimmt, um nach dem Gold zu graben, das er anbetete und deſſen habfuͤchtige Verehrung ſein groͤßter Fehler, aber nicht ſein ſchlimm⸗ ſtes Laſter war. Er vertheidigte dieſe ſchmaͤhliche Nei⸗ gung vor ſich ſelber dadurch, daß er ſich uͤberredete, ſie habe ihre Quelle in der Liebe zur Macht. „„Henbane Dewining,“ ſagte er, wenn er, mit Ver⸗ gnuͤgen den Schatz betrachtete, den er heimlich aufge⸗ Haͤuft hatte und von Zeit zu Zeit beſuchte,„iſt kein dummer Elender, der dieſe Stuͤcke wegen ihres gold⸗ nenGlanzes liebt; es iſt die Macht, mit der ſſie ihren Beſitzer begaben, die ihn zu ihrem Anbeter wirbt. Was gibts, das dir durch ſie nicht zu Gebote ſteht? Liebſt du Schoͤnheit und biſt gemein, haͤßlich, ſchwach und alt— hier iſt eine Lockſpeiſe, der die ſchoͤnſten Falken zufliegen werden. Biſt du ſchwaͤchlich, kraftlos, der Unterdruckung des Maͤchtigen unterworfen?— hier iſt das, was dich bewaffnet, welche maͤchtiger ſind, als dein kleiner Tirann. Biſt du glaͤnzend in Waͤn⸗ ſchen und verlangſt Pracht und aͤußeren Schein des Reichthums?— Dieſe dunkle Kiſte enthaͤlt manche weite Strecke von Thal und Huͤgel, manch ſchoͤnen Wald voll Wild und Tauſende von Vaſallen. Wuͤn⸗ ſcheſt du Hofgunſt, weltliche oder geiſtliche?— das Laͤcheln der Koͤnige, die Verzeihung der Paͤbſte und Prieſter fuͤr alte Verbrechen und die Erlaubniß, die arme von Prieſtern genarrte Seelen aufmuntert, neue zu wagen,— all dieſe heiligen Antriebe zum Laſter kannſt du um Geld kaufen. Selbſt Rache, von der man ſagt, daß ſie die Goͤtter ſich vorbehalten, ohne Zweifel, weil ſie der Menſchheit einen ſo fuͤßen Biſſen beneiden— ſelbſt Rache kann man dafuͤr haben. Aber ſie iſt auch durch hoͤheren Verſtand zu gewinnen, und das iſt die edlere Art ſie zu bekommen. Ich will da⸗ her meinen Schatz zu anderem Gebrauche ſparen und die Rache ohne Geld ausuͤhen oder vielmehr, ich will die Wolluſt vermehrten Reichthums dem Triumph ge⸗ rechter Beleidigung beifuͤgen. 4 Sodachte Dwining, als er von ſeinem Beſuch bei Sir John Ramorny zuruͤckgekehrt, das Gold das er fuͤr ſeine verſchiedenen Dienſte bei Ramorny erhalten hatte, in die Maſſe ſeines Schatzes legte und nachdem er das Ganze etliche Minuten betrachtet hatte, drehte er den 108 Schluͤſſel ſeiner verborgenen Schatzkammer und ging, um ſeine Kranken zu beſuchen; er wich jedem aus dem Fuß⸗ weg, dem er begenete, er verbeugte ſich und zog die Muͤtze vor dem aͤrmſten Buͤrger, der eine kleine Bude beſaß, ja vor den Handwerkern, die ihr taͤgliches Brod durch harte Handarbeit verdienten.« „Tropfen! dachte er, wenn er ihnen ſeine Ehrerbie⸗ tung bezeugte,„niederträchtige, dumme Handwerker! wüßtet Ihr, was dieſer Schlüſſel öffnen kann, welches ſchlechte Wetter vom Himmel würde Euch hindern, die Mütze abzunehmen? welcher ſchmutzige Schweinſtall in Eurem elenden Dörfchen wäre eckelhaft genug, daß Ihr Euch beſinnet, vor dem Beſitze ſolchen Reichthums nie⸗ derzufallen und anzubeten? Aber ich will Euch meine Macht fühlen laſſen, wenn es mir gleich gefällt, ſie zu verbergen. Ich will ein Zauberteufel Eurer Stadt ſeyn, weil Ihr mich nicht zur Obrigkeit gewählt habt. Wie der Alp will ich auf Euch liegen und doch⸗ unſicht bar bleiben.— Auch dieſer elende Ramorny, der, weil ex eine Hand verloren hat, wie ein elender Handwerker, 7277 um den einzigen ſchätzharen Theil feines Leibes gekom⸗ 4 men iſt, er häuft beleidigende Reden auf mich, wenn irgend etwas, das er ſagen kann, im Stand iſt, einen ſo ſteten Geiſt, wie der Meinige, zu erhitzen! Aber während er mich einen Schurken, Elenden und Sclaven neunt, handelt er ſo klug, als wollte er ſich damit er⸗ luſtigen, mir Haare aus dem Kopf zu ziehen, während meine Hand ſeine Herzfieber feſthält. Jede Beleidi⸗ gung kann ich augenblicklich mit Körperſchmerz oder Geiſtesqual bezahlen— und— hi hi hi!— ich häufe keine große Rechnung bei ſeiner Herrlichkeit, das muß ich ſagen.“ Während der Apotheker ſo ſeinen keufliſchen Gedan⸗ ken nachhing und nach ſeiner Weiſe durch die Straße ſtimmen.— kroch, hörte er hinter ſich ein Geſchrei von Weiber⸗ 1⁰9 „Ach, da iſt er, unſre Frau ſey geprieſen!— da iſt der hülfreiche Mann in Perth,“ ſagte eine Stimme. „Man ſpreche von Rittern und Königen, wenn's Be⸗ leidigungen büßen zu laſſen gilt, wie ſie's heißen,— aber mir bringt den würdigen Meiſter Dwining, den Apotheker, Gevatterin,“ ſagte eine andere. In demſelben Augenblick wurde der Arzt von den Sprecherinnen, den guten Frauen der ſchönen Stadt, umzingelt und angehalten. 192 „Wie? was gibts?“— ſagte Dwining,„welche Kuh hat gekalbt?“ „Es handelt ſich von keinem Kalb,“ erwiederte eine der Frauen,„ſoöndern von einem ſterbenden, vaterloſen Kinde; ſo kommt mit uns, denn unſer Vertrauen ſteht auf Euch, wie Bruce zu Donald von den Iunſeln ſagte.“ „Opiferque per orbem dicor,« ſagte Henbane Dwi⸗ ning,„an was leidet das Kind?“« „»Die Halsentzündung— die Halsentzündung!“kreiſchte eine der Gevatterinnen,„das unſchuldige Kind krächzt, wie ein Rabe.“ 8 1 „Cynanche trachealis— dieſe Krankhheit macht's kurz. Führt mich ſogleich ins Haus,“ fuhr der Arz⸗ neiküuſtler fort, der gewohnt war, ſeine Kunſt trotz ſeines Geizes freigebig und trotz ſeiner natürlichen Bos⸗ heit menſchlich auszuüben. Da wir keinen beſſern Grund hiefür bei ihm ſuchen können, ſo war es wahr⸗ ſcheinlich Eitelkeit und Liebe zu ſeiner Kunſt. Demungeachtet würde er ſeine Hülfe in dieſem Fall abgelehnt haben, hätte er gewußt, wohin die guten Gevattevinnen ihn in einer Zeit führten, die lang ge⸗ nug war, um ſich zu entſchuldigen. Aber eh er errieth wohin es ging, eilte er in das Haus des verſtorbenen Olivier Proudfute, aus dem er den Geſang der Frauen vernahm, die den Leichnam des unglücklichen Strumpf⸗ wirkers zur Feierlichkeit des folgenden Tages wuſchen und ankleideten, von dieſem Geſän mögen die folgende Verſe als eine neue Nachahmung betrachtet werden: —jy-õÿ—————O—B———B—B—B—B—B—B—B—B—B—— 4110 15 2⁴ 1 Geiſteshauch, den Niemand ſieht, Der nun in die Luft entflieht, Liebevoll das Kleid umſchwebt, Das hienieden dich umwebt. 2. Ruh’ auf deiner Schwinge Flug Sey nun rechts, ſey links dein Zug⸗ Seyſt du auf ſeyſt abgewandt Ruhe noch am furchtbarn Nand. . 3* Um die Frevelthat zu raͤchen, Die dich wegtrieb voll Erfrechen⸗ Sollſt du heimliche Gewalten Ueber Blut und Hiru behalten. 4* Tritt dann die Geſtalt dir nah⸗ Die dein boechend Auge ſah, Hoͤrſt du, wie der Fußtritt ſchallt, Der in dein ſterbend Ohr gehallt. 5. Dann ſey das Mitgefühl belebt, Das Fleiſch erwacht und Nerve bebt, Erweud der Wunden rothe Fluth, Die Tropfen ſchreien:„Blut und Blut!“ So verhärtet er nefre fühlte der Arzt doch Widerwil⸗ len über die Schwelle des Mannes zu gehen, zu deſſen Tode er ſo unmittelbar, wenn gleich, was die Perſon betraf, durch einen Irrthum beigetragen hatte. „Laßt mich gehn, Weiber“— ſagte er,„meine Kunſt hilft nur den Lebenden, die Todten ſind über unſrer Macht. 8 „Ja, aber Euer Kranker iſt die Treppe Fhene die jüngſte Waiſe.— 4441 Dwining war genöthigt, in das Haus zu treten. Aber er wurde überraſcht, als im Augenblick, da er über die Schwelle ging, die Weiber, die mit dem Leich⸗ nam beſchäftigt waren, ihrenu Geſang unterbrachen und eine zu den andern ſagte: „Um Gotteswillen, wer iſt hereingekommen?— das war ein großer Blutstropfen!« 1 „Nein,“ ſagte eine andere Stimme,„es iſt ein Tro⸗ pfen von dem Balſam.“ „»Rein, Gevatterin, es war Blut— ich frage noch einmal, wer iſt eben ins Haus getreten 2 Hierauf ſah eine aus dem Gemach nach dem kleinen Eingang heraus, wo Dwining, unter dem Vorwand, die Treppe, auf der er in dem obern Theil des Klage⸗ hauſes hinaufſteigen ſollte, nicht deutlich zu ſehen, ſei⸗ nen Schritt abſichtlich verzögerte, durch das, was er bin den Geſpräch gehört hatte, aus der Faſſung ge⸗ racht. Es iſt nur unſer würdiger Meiſter Henbane Dwi⸗ ning,“ antwortete eine der Sibyllen. „Nur Meiſter Dwining?“ ſagte die andere, welche zuerſt geſprochen hatte,„ unſer beſter Helfer in der Noth? dann muß es freilich Balſam geweſen ſeyn.“ „Nein“«— war die Antwort,„es war doch Blut— denn der Arzt wißt Ihr, mußte, als der Leichnam ge⸗ funden wurde, auf Befehl der Obrigkeit die Wunde mit ſeinen Werkzeugen unterſuchen und wie konnte der arme Leichnam wiſſen, daß das in guter Abſicht ge⸗ ſchah?« „Ja, freilich, Gevatterin und da der gute Olivier oft Freunde für Feinde hielt, ſo lange er lebte, kann ſich ſein Urtheil nicht wohl verbeſſert haben.“ Dwining hörte nichts weiter, da er nun genöthigt war, die Treppe hinauf in eine Art von Dachſtube zu ſteigen, wo Magdalene auf ihrem verwittweten Bette ſitzend, ein Kind an die Bruſt drückte, das, bereits 412 ſchwarz im Geſicht, den ſchnappenden, krächzenden Ton ausſtieß, der dieſer Krankheit ihren Volksnamen gibt und im Begriff ſchien, ſein kurzes Leben zu enden. Ein Domintikanermönch ſaß neben dem Bett, hielt das au⸗ dere Kind in den Armen und ſchien von Zeit zu Zeit etliche Worte geiſtlicher Tröſtung zu ſprechen oder eine Bemerkung über die Krankheit des Kindes zu machen. Der Arzt warf auf den guten Pater nur Einen Blick voll der unſäglichen Verachkung des unterrichteten Man⸗ nes gegen den aufdringlichen Beiſtand. Seine eigne Hülfe aber war plötzlich und wirkſam: er entriß der verzweifelnden Mutter das Kind, entblößte ſeine Kehle und öffuete eine Ader, die, da ſie frei blutete, das kleine kranke Kind ſogleich erleichterte. In kurzer Zeit verſchwand jedes gefährliche Symptom und Dwining, nachdem er die Wunde verbunden hatte, legte das Kind in die Arme der halb verzweifelten Mutter. Der Schmerz der armen Frau um den Verluſt ihres Gatten, der während der äußerſten Gefahr ihres Kindes zurückgedrängt war, kehrte nun mit aller Kraft eines geſchwellten Waldſtroms zurück, der den Damm durch⸗ brochen hat, der ſeine Wellen eine Zeit lang aufhielt. „Ach, gelehrter Herr, Ihr ſeht die als ein armes Weib,“ ſagte ſie,„die Ihr früher in beſſern Umſtänden kanutet— Aber die Hände, welche dieſes Kind meinen Armen wieder gaben, dürfen das Haus nicht leer ver⸗ laſſen.— Edler, guter Meiſter Dwining, nehmt ſeinen Roſenkranz— die Körner ſind aus Elfenbein und Sil⸗ ber— er wollte ſeine Sachen immer ſo ſchön haben, als ein vornehmer Herr— und immer glich er einem ſolchen mehr als wir andern, aber wie iſt es damit gegangen!“ 3 Mit dieſen Worten drückte ſie in ſtummem Schmerz den Noſeütranz ihres verſtorbenen Gatten an Bruſt und Mund und gab ihn dann in Dwinings Hände. „Nehmt ihn,“ ſagte ſie,„aus Liebe zu einem Mann, 113 3 der auch Euch liebte.— Ach! er pflegte immer zu ſa⸗ gen, wenn jemand vom Rande des Grabes zurück ge⸗ bracht werden könne, ſo müſſe es unter Meiſter Dwi⸗ nings Leitung geſchehen.— Und ſein eigenes Kind iſt an dieſem glücklichen Tag zurückgebracht worden und er liegt da ſtarr und ſteif und weiß nichts von Geſund⸗ heit und Krankheit! Ach, wehe mir! wehe!— Aber nehmt den Roſenkranz und denkt an ſeine arme Seele, wenn Ihr ihn in den Händen habt. Er wird früher aus dem Fegfeuer befreit werden, wenn gute Leute für ihn beten.“ „Nehmt Euren Roſenkranz zurück, Frau— ich ver⸗ ſtehe die Gaugelei nicht— kann auch nicht zaubern,“ ſagte der Arzk, der mehr bewegt als vielleicht ſeine rohe Natur vermuthen ließ, ſich bemühte, dieß Uebel bedeutende Geſchenk auszuſchlagen. Aber ſeine letzten Worte beleidigten den Geiſtlichen, an deſſen Gegen⸗ wart er nicht gedacht hatte, als er ſie ausſprach. „Wie, Herr Arzt?“ ſagte der Dominikaner.„Nennk Ihr das Gebet für die Todten Gaugelei? Ich weiß, daß Chaucer, der engliſche Dichter, von euch Aerzten ſagt, Euer Studium gehe nur wenig auf die Bibel. Unſere Mutter, die Kirche, iſt kürzlich eingeſchlum⸗ mert; aber jetzt ſind ihre Augen wieder geöffnet, um Fhedde von Feinden zu unterſcheiden; und ſeyd ver⸗ ichert.— »Nun, ehrwürdiger Pater,“ ſagte Dwining,„Ihr haltet mich für gar zu ſchlimm. Ich ſagte, ich könne keine Wunder thun und wollte eben beifügen, es würde da die Kirche ſolche gewiß verrichten könne, am beſten ſeyn, dieſen Roſenkranz in Eure Hände niederzulegen, um ihn ſo anzuwenden, wie er der Seele des Verſtor⸗ benen am meiſten nützt.-« Er ließ den Roſenkranz in die Hand des Dominika⸗ ners fallen und verließ das Trauerhaus. „Das war ein ſeltſamer Beſuch,“ ſagte er zu ſich Walter Scott's Werke. 1548 Boͤchen. 8 114 3 ſelbſt, als er ſicher aus der Thüre war.„Ich halte gewiß ſo wenig auf dergleichen, als irgend jemand; aber doch, ſo dumm die Einbildung iſt, bin ich froh, dem ſchreienden Kind das Leben gerettet zu haben. Doch jetzt muß ich zu Freund Smotherwell, den ich ohne Zweifel wegen Bonthron's auf meine Seite bringe; und ſüßw. de ich zwei Leben retten und habe nur eines zer⸗ ört. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die hohe Kirche von St. Johann in Perth war als die Kirche des Schutzheiligen der Stadt von der Obrig⸗ keit zu der Feierlichkeit des Gottesgerichts gewählt worden, weil in ihr das Volk am meiſten Spielraum hatte. Die Kirchen und Klöſter der Dominikaner, Kar⸗ thäuſer und andrer Ordensgeiſtlichen waren von König und Edlen reich begabt worden und darum war es der allgemeine Ruf des Stadtraths, man müſſe„ihrem eignen, guten, alten St. Johann,“ deſſen Gunſt ſie ſich ſicher glaubten, vertrauen und ihn den neuen Patronen vorziehen, für welche die Dominikaner, Karthäuſer, Karmeliter und andere neue Sitze in der ſchönen Stadt umher gegründet hatten. Der Streit zwiſchen Ordens⸗ und Weltgeiſtlichen erhöhte die Eiferſucht, welche die Wahl des Ortes beſtimmte, dem der Himmel auf ge⸗ rade Berufung auf göttliche Entſcheidung eine zweifel⸗ hafte Schuld durch eine Art von Wunder erklären ſollte; und der Stadtſchreiber gab ſich ſo viel Mühe, die St. Johannskirche vorgezogen zu wiſſen, als wäre in der Verſammlung der Heiligen eine Parthei für die andere gegen die Intereſſen der ſchönen Stadt geweſen. Manchfaltig waren daher die unbedeutenden Intriguen, welche wegen der Wahl einer Kirche begonnen und zer⸗ ſtört wurden. Aber die Obrigkeit beſchloß, in Betracht, 115 daß dieſe Sache die Ehre der Stadt ſehr nahe angehe, mit klugem Zutrauen auf die Gerechtigkeit und Unpar⸗ theilichkeit ihres Heiligen, den Ausgang von St. Jo⸗ hanns Einfluß abhängig zu machen. Es wurden daher, nach gehaltenem Hochamt, mit der größten Feierlichkeit, deren die Umſtände die Ceremonie fähig machten und nach den wiederholteſten und glü⸗ hendſten Gebeten der großen anweſenden Verſammlung, Auſtalten zu dem Gottesgericht getroffen, das über den geheimnißvollen Mord des unglücklichen Mitzenhändlers katt finden ſollte. Der Schauplatz gab der Sache eine erhabene Feier⸗ lichkeit, welche die Gebräuche der katholiſchen Kirche hervorzubringen ſo geeignet ſind. Das öſtliche Fenſter, reich und vielfarbig bemahlt, goß einen Strom bunten Lichts auf den Hochaltar nieder. Auf dem vor dieſen ſtehenden Sarg waren die ſterblichen Reſte des Crmor⸗ deten ausgeſtreckt, die Arme über die Bruſt gelegt, die Hände gefaltet mit aufwärts gekehrten Fingerſpitzen, als wollte der empfindungsloſe Erdenkloß noch ſelbſt den Himmel um Nache gegen diejenigen anrufen, welche den unſterblichen Geiſt ſp gewaltſam von ſeiner ver⸗ ſtümmelten Wohnung getrennt hatten. Nahe dem Sarg ſtand der Thron, der Robert von Schottland und ſeinen Bruder Albany trug. Der Prinz ſaß niedrer auf einem Stuhl neben ſeinem Vater, eine Anordnung, die einiges Aufſehen erregte, indem der Thronerbe, während Albany's Sitz von dem königlichen kaum verſchieden war, wenn gleich volljährig, vor dem verſammelten Volke von Perth als unter ſeinen Oheim geſtellt erſchien. Der Sarg ſtand ſo, daß der Anblick des Leichnams dem größeren Theil der Anweſenden of⸗ fen war. 1 Oen am Sarge ſtand der Ausfordrer, der Ritter von Kinfauns und am Fuße deſſelben ſtatt des Beklag⸗ ten der junge Graf von Crawford. 1. 116 Das Zeugniß des Herzogs von Rothſay zur Expur⸗ hartei dn⸗ wie man es nannte, des Sir John Ramorny hatte dieſen von der Nothwendigkeit befreit, ſelbſt ſich dem Gottesgerichte zu unterwerfen und ſeine Krank⸗ heit diente ihm als Grund, zu Hauſe zu bleiben. Seine Dienerſchaft, die mit eingeſchloſſen, welche zwar unmit⸗ telbar Sir John bedienend doch unter die Leute des Prinzen gehörten, aber ihre Entlaſſung noch nicht er⸗ halten hatten, belief ſich auf acht bis zehn Perſonen, die man meiſt für verworfne Menſchen hielt und die daher wohl fähig geachtet werden konnten, im Rauſche des feſtlichen Abends den Mützenhändier ermordet zu haben. Sie waren in einer Reihe an der linken Seite der Kirche aufgeſtellt und trugen einen weißen, dem Pübertteie ähnlichen Rock. Aller Augen waren auf e gerichtet und mehrere von der Bande waren ſo au⸗ ßer Faſſung, daß unter den Zuſchauern ein lebhaftes Vorurtheil von ihrer Schuld entſtand. Der Mörder ſelbſt aber hatte ein Geſicht, das ihn nicht verrathen konnte— einen düſtern, dunklen Blick, den weder Schmaus, noch Wein beleben und den die Gefahr der Entdeckung und des Todes nicht niederſchlagen konnte. Wir uuden bereits die Stellung des Leichnams be⸗ merklich gemacht. Geſicht, Arme und Bruſt waren blos. Der übrige Leib war in die feinſte Leinwand ge⸗ wickelt, ſo daß, wenn Blut von irgend einem Theil floß, den ſie bedeckte, es ſich ſogleich zeigen mußte. Nach Beendigung des Hochamts und einem feierlichen Gebet zu Gott, daß es ihm geſallen möge, den Un⸗ ſchuldigen zu ſchützen und den Schuldigen bekannt zu machen, wurde Eviot, Sir John Ramorny's Page auf⸗ gerufen, ſich dem Gottesgericht zu unterwerfen. Er trat mit unſicherm Schritte vdr. Vielleicht glaubte er, zeine innerliche Ueberzeugung, daß Bonthron der Mör⸗ der ſey, würde hinreichen, ihn in den Mord zu verwi⸗ geln, wenn er gleich keinen wirklichen Antheil daran *₰ r ₰ 117 häbe. Er blieb vor dem Sarge ſiehn; und ſeine Stimme bebte, als er ſchwur bei Allem, was in ſieben Tagen und in ſteben Nächten erſchaffen worden, beim Himmel, bei der Hölle, bei ſeinem Theil am Paradies, bei dem Gott und Schöpfer der Welt, daß er frei und unſchul⸗ dig ſey von der blutigen That an dem Leichnam der vor ihm lag und auf deſſen Bruſt er zu Bekräftigung deſſen das Zeichen des Kreuzes machte. Es erfolgte nichts. Der Leichnam blieb ſtarr, wie zuvor; die ge⸗ ronnenen Wunden zeigten kein Blut. Die Bürger ſahen einander mit offenbarem Mißver⸗ gnügen an. Sie hatten ſich überzeugt, daß Eviot ſchul⸗ dig ſey und ihr Verdacht war durch ſein unentſchloſſe⸗ nes Benehmen verſtärkt worden. Ihre Ueberraſchung als er frei ausging, war daher nicht gering. Die üb⸗ rigen Dienſtleute Ramorny's faßten Muth und traten mit einer Keckheit vor, um den Eid zu leiſten, die im⸗ mer ſtieg, wenn einer von ihnen die Probe beſtanden hatte; ſie wurden durch die Stimme der Richter von jedem Verdacht, der auf ſie wegen Olivier Proudfutes Tod geworfen worden ſey, frei und ledig erklärt. Aber Einer war da, der an dem wachſenden Ver⸗ trauen keinen Theil nahm. Der Name—„»Bonthron! Bonthron!“ ſcholl dreimal durch die Säulenhallen der Kirche, aber der, dem er gehört, beantwortete den Ruf nur mit einer wackelnden Fußbewegung, als hätte ihn plötzlich eine Lähmung getroffen. »Rede, Hund!« flüſterte Eviot,„oder bereite dich zu einem Hundetod!« Aber des Mörders Kopf war durch den Anblick den er vor ſich hatte, ſo verwirrt, daß die Richter, ſein Benehmen ſehend, ungewiß waren, ob ſie ihn vor den Sarg ſchleppen laſſen oder wegen Nichterſcheinens ver⸗ urtheilen ſollten und erſt als er zum letztenmal gefragt wurde, ob er ſich der Sargprobe unterwerfen wolle, antwortete er mit ſeiner gewohnten Kürze:„Ich will 118 nicht;— wer weiß, welche Gaukelſtreiche man ausübt, um einem armen Kerl das Leben zu nehmen?— Ich biete jedem den Kampf an, der behauptet, ich habe die⸗ ſen Leichnam beſchädigt.“ Mit dieſen Worten warf er, der Sitte gemäß, ſeinen Handſchuh auf den Boden der Kirche. Heinrich Smith trat unter dem Beifallsmurmeln ſeiner Mitbürger, das ſelbſt der heilige Ort nicht ganz unterdrücken konnte, vor, nahm den Handſchuh des Schurken, den er auf ſeine Mütze ſteckte und warf den Seinigen nach der Sitte dagegen als Pfand des Kam⸗ pfes hin; aber Bonthron hob ihn nicht auf. „Er iſt mir nicht gleich,“ brummte der Wilde,„er kann meinen Handſchuh nicht aufheben. Ich bin im Gefolge des Prinzen von Schottland als Diener ſeines Stallmeiſters. Dieſer Burſche iſt ein elender Hand⸗ werker.“ Hier unterbrach ihn der Prinz.„Du in meinem Gefolge, Schurke! Ich entlaſſe dich auf der Stelle aus meinem Dienſt.— Pack' ihn Smith und haue auf ihn, wie du nie auf deinen Ambos ſchlugſt!— Der Schurke iſt ſchuldig und feig. Es macht mir übel, wenn ich ihn nur anſehe und wenn mein königlicher Vater meinem Rath folgen will, ſo gibt er den Par⸗ theien zwei ſchottiſche Aexte und wir wollen ſehen, wer der brävſte Kerl iſt, eh der Tag eine halbe Stunde älter wird.“ Der Graf von Crawford und Sir Patrick Charteris, die Pathen beider Partheien ſtimmten dieſem bereit⸗ willig bei und geſtatteten, da die Kämpfer niedern Ranges waren, daß ſie in Stahlhauben, Büffelwämſern und mit Streitäxten kämpften und ſich bald möglichſt zum Kampfe rüſteten. Die Schranken wurden im Kirſchnerhof(St. Kinners NYards) einem benachbarten Platze errichtet, den die Zunft beſaß, von der er den Namen führte und wo △ 119 ſchnell ein Raum von dreißig Fuß. Länge und füuf und zwanzig in die Breite für die Kämpfer zugerichtet war. Dahin dräugten ſich Edle, Prieſter und Gemeine,— alles, außer dem alten König, der, ſolche Blutsſcenen verabſcheuend, ſich in ſeinen Pallaſt zurückzog und dem Lord Großconnétable Grafen von Errol, zu deſſen Amt es eigentlich gehörte, die Aufſicht über das Schlacht⸗ feld übergab. Der Herzog von Albany beobachtete den ganzen Vorgang mit ſcharfem und liſtigem Auge. Sein Neffe betrachteke die Sache mit der Gleichgültigkeit, die ſeinem Charakter eigen war. Als die Kämpfer in die Schranken traten, konnte nichts überraſchender ſeyn, als der Unterſchied zwiſchen dem männlich ſchönen Geſicht des Waffenſchmieds, deſſen funkelndes, helles Auge ſchon von dem Sieg zu leuch⸗ ten ſchien, den er erwartete, und der düſtern, nie⸗ dergeſchlagenen Miene des thieriſchen Bonthron, der einem Nachtvogel glich, welcher aus dem Schutze ſeines finſtern Schlupfwinkels in den Sonnenſchein ge⸗ jagt wird. Sie beſchworen beide die Wahrheit ihrer Sache, Heinrich Gow mit heiterem, männlichem Vertrauen, Bonthron mit hundiſcher Frechheit, was den Herzog von Rothſay nöthigte, dem Großconnétable zu ſagen: „Habt Ihr je, mein lieber Errol, eine ſolche Miſchung von Bosheit, Grauſamkeit und wie ich meine, auch Furcht geſehen, als im Geſicht dieſes Kerls?“ „Er iſt nicht ſchön,“ ſagte der Graf,„aber ein kräf⸗ tiger Schurke, wie ich geſehen habe.“« „Ich wette ein Oxhoft Wein mit Euch, guter Graf, daß er verliert. Heinrich der Waffenſchmied iſt ſo ſtark als er, aber behender. Und dann ſein kühnes Beneh⸗ men! In dem andern Burſchen iſt etwas, das mich an⸗ widert. Laßt ſie gleich auf einander los, mein lieber Connétable, denn ich bin begierig, ihn zu ſehen.“ Der Großconnétable redete ſofort die Wittwe an, die, . 1²⁰ in tiefer Trauer, immer ihre Kinder an der Seite, ei⸗ nen Sitz innerhalb der Schranken einnahm: „Frau, nehmt Ihr willig dieſen Mann, Heinrich den Waffenſchmied an, um als Euer Kämpe in dieſer Sache zu fechten.“.. „Ja, ja, willig,“ antwortete Magdalene Proudfuke, „und möge Gottes zund des heiligen Johanns Segen ihm Kraft und Glück ſchenken, da er für vaterloſe Wai⸗ ſen kämpft.“ 1 „So erkläre ich den Platz für geſchloßnes Kampffeld,⸗ ſagte der Connétable laut;„es wage niemand, bei Ge⸗ fahr ſeines Lebens, den Kampf durch Wort, Rede oder Blick zu unterbrechen.— Tönet, Trompeten und fech⸗ tet, Kämpfer!“ Die Trompeten erſchollen und die Kaͤmpfer von den entgegengeſetzten Enden der Schranken vortretend, betrachteten, mit ſtetem, ruhigem Schritt einherge⸗ hend, einander aufmerkſam, wohl geuͤbt, aus der Be⸗ wegung des Auges die Richtung zu erkennen, nach welcher der Schlag fallen ſoll. Sie ſtanden, als ſie nahe genug waren, ſtill und verſuchten mehr als eine Finte, um die Gewandtheit und Wachſamkeit des Geg⸗ ners zu erproben. Endlich, entweder dieſer Bewe⸗ gungen muͤde oder aus Furcht, in dieſem Streit ſeine ungeheure Kraft von der Gewandtheit des Waffen⸗ ſchmieds uͤberwunden zu ſehen, hob Bonthron die Art zu einem ſenkrechten Schlage, mit der ganzen Kraft ſeiner ſtammigen Arme das Gewicht der niederfah⸗ renden Waffe verſtärkend. Der Schmied aber beugte dem Hieb durch eine Bewegung zur Seite aus, denn er war zu gewaltig, um durch irgend etwas aufgehal⸗ ten zu werden, das er zu ſeiner Hemmung haͤtte thun koͤnnen. Ehe Bonthron ſich wieder decken konnte, ſchleuderte ihm Heinrich einen Seitenhieb auf den Stahlhelm, der ihn zu Boden ſtreckte. „Geſteh oder ſtirb!« rief der Sieger, den Fuß auf 1 7 121 den Leib des Beſiegten ſetzend und die Spitze der Art, die eine Art von Spieß oder Dolch war, ihm an die Kehle haltend. „Ich will geſtehen,« ſagte der Kerl, wild gen Him⸗ mel ſtarrend.„Laß mich aufſtehen. Nicht, bis du dich ergeben haſt!ee war Heinrich Smiths Ankwort. „Ich ergebe mich!« murmelte Bonthron wieder und Heinrich rief laut die Nieberlage ſeines Gegners aus. Die Herzoge von Rothſay und Albany, der Groß⸗ connetahle, der Dominikanerprior traten nun in die Schranken und fragten Bonthron, ob er ſich uͤber⸗ wunden erklaͤre 2«⸗ „»Ja,« ſagte das Ungehener. „ Und ſchuldig an Olivier Proudfutes Ermordung 2⸗ „Ja— aber ich nahm ihn fuͤr einen andern.« „Und wen wollteſt du morden?« fragte der Prior. „Bekenne, mein Sohn und verdiene dir Verzeihung in der andern Welt; denn in dieſer haſt du wenig mehr zu thun.“« 3 3 „Ich hielt den Ermordeten fuͤr den,“« ſagte der Ge⸗ ſchlagene, deſſen Hand mich niedergeſtreckt hat und deſſen Fuß mich druͤckt.« „» Geloht ſeyen die Heiligen!« ſagte der Prior,„nun moͤgen alle Zweifler an der Kraft der heiligen Got⸗ tesproben die Augen uber ihren Irrthum oͤffnen. Ja, er iſt in die Schlinge gefallen, die er dem Schuldloſen legte.« „Ich hab' ihn kaum je geſehen,“ ſagte der Schmied, „ich beleidigte nie ihn und die Seinigen.— Fragt ihn, ehrwuͤrdiger Herr, warum er mich meuchleriſch ermorden wollke?«. „„Es iſt eine paſſende Frage,“ antwortete der Prior, „ Gib Ehre, dem ſie gebuͤhrt, mein Sohn, ſelbſt wenn es zu deiner Schande iſt. Warum wollteſt du dieſen Waffenſchmied ermorden, der dich nie beleidigt zu haben verſichert?«. 12² „Er hat den beleidigt, dem ich diente,« antwortete Vonthron,„und die That geſchah auf ſeinen Befehl.« „„Auf weſſen Befehl?“ fragte der Prior. Bonthron ſchwieg einen Augenblick, dann brummte er:„Ich kann ihn nicht nennen, er iſt zu maͤchtig.« „Hoͤre, mein Sohn,“ ſagte der Geiſtliche,„noch eine kurze Stunde und die Maͤchtigen und Kleinen dieſer Erde ſind fuͤr dich ein leerer Schall. Die Schleife wird eben geruͤſtet, um dich auf den Henkerplatz zu ſchleppen. Darum ermahne ich dich noch einmal, dein Seelenheil zu berathen, Gott die Ehre zu geben und die Wahrheit zu ſagen. War es dein Gebieter, Sir John Ramorny, der dich zu einer ſo ſchlechten That brachte. „„Nein,« erwiederte der Verworfene,„ein Groͤßerer als er.« Zugleich deutete er mit dem Finger auf den Prinzen. „Elender,« ſagte der erſtaunte Herzog von Roth⸗ ſay,„du wagſt, zu behaupten, ich habe dich dazu be⸗ redet?« „Ihr ſelbſt, Mylord,“ war die Antwort des unver⸗ ſchaͤmten Verbrechers. „Stirb in deiner Luͤge, verfluchter Sclavele⸗ rief der Prinz, ſein Schwert ziehend und haͤtte den Ver⸗ laͤumder durchbohrt, wenn nicht der Lord Großconne⸗ table es verhindert haͤtte. „Verzeihung, Eure Guaden, wenn ich meine Pflicht thue— dieſer Schurke muß dem Henker uͤbergeben werden. Er iſt nicht gut genug fuͤr Jemanden au⸗ ders, geſchweige denn fuͤr Eure Hoheit. ⸗ „Wie? edler Graf?« ſagte Albany laut und mit viel wahrer oder ſcheinbarer Nuͤhrung,„wollt Ihr dieſen Hund lebendig weglaſſen, um die Ohren des Volkes mit falſchen Anklagen gegen den Prinzen von Schottland zu vergiften?— Ich ſage, haut ihn auf der Stelle in Stuͤcke!« 4 8 ——— D ——— 123 „Eure Hoheit wird mir verzeihen,« ſagte Graf Errol,„ich muß ihn ſchuͤtzen, bis ſein Urtheil voll⸗ ſtreckt iſt.« „So laßt ihn gleich wegſchleppen,« erwiederte Al⸗ bany,„und Ihr, koͤniglicher Neffe, warum ſteht Ihr da in ſtarrem Erſtaunen? Nehmt Eure Entſchloſſen⸗ heit zuſammen— ſprecht— mit dem Gefangenen,— ſchwoͤrt— bezeugt bei Allem, was heilig iſt, daß Ihr nichts von dieſer Schandthat wißt.— Seht, wie die Leute ſich anſehen und bei Seite fluͤſtern.— Dieſe Luͤge breitet ſich wahrlich ſchneller aus als das Evan⸗ gelium.— Sprecht mit ihnen, koͤniglicher Vetter, gleichguͤltig, was es ſey, wenn Ihr nur ſtandhaft laͤugnet.« „Wie, Sir,“ ſagte Rothſay, aus dem Staunen und der Demuͤthigung erwachend, in die er verſunken war und ſtolz zu ſeinem Oheim gewandt:„Ich ſollte mein koͤnigliches Wort gegen das eines feigen Ver⸗ brechers verpfaͤnden? Laßt die, welche im Stande ſind, zu glauben, der Sohn ihres Koͤnigs, der Nach⸗ komme von Bruce ſey faͤhig, dem Leben eines armen Handwerkers nachzuſtellen, das Vergnuͤgen genießen, das Schurkengeſchwäͤtz fuͤr wahr zu halten.« „Ich will das einmal nicht,« ſagte der Schmied keck.„Ich that nie etwas Entehrendes gegen ſeine koͤnigliche Gnaden, den Herzog von Rothſay, und er⸗ fuhr nie ſeine Ungnade, weder in Wort, noch in Blick oder That; und ich kann nicht denken, daß er etwas ſo Schlechtes gethan haͤtte.“ „»War es nicht entehrend, daß Ihr Seine Hoheit am„Faſtendienſtag in Curfewſtreek von der Leiter warft?“ ſagte Bonthron,„und glaubt Ihr, es ſey gnaͤdig oder ungnaͤdig aufgenommen worden?. Dieß wurde ſo zuverſichtlich geſagt und war ſo wahr⸗ ſcheinlich, daß es die Meinung des Waffenſchmieds von der Unſchuld des Prinzen erſchuͤtterte. 124 »Ach, Mylord,“« ſagte er mit einem traurigen Blick auf Rothſay,„konnte Eure Hoheit nach dem Leben eines unſchuldigen Mannes trachten, weil er ſeine Pflicht fuͤr ein huͤlfloſes Maͤdchen that?— Lieber waͤre ich in den Schranken geſtorben, als ich dieß von dem Erben von Bruce ſagen hoͤre!«⸗ „Du biſt ein guter Burſche, Smith,“«K erwiederte der Prinz,„aber ich kann nicht erwarten, daß du weiſer als andere urtheilſt.— Fort mit dem Ver⸗ brecher zum Galgen und knuͤpft ihn lebendig auf, weun Ihr wollt, daß er Luͤge und Aergerniß bis zum letzten Augenblick ſeines Daſeyns gegen uns ver⸗ breite!« Mit dieſen Worten verließ der Prinz die Schran⸗ ken, zu ſtolz, um die finſteren Blicke zu bemerken, die auf ihn fielen, waͤhrend das Volk ihm langſam und wider⸗ ſtrebend Platz machte, und um uͤber ein tiefes, hohles Murmeln oder Seufßzen, das ihn begleitete, Erſtaunen oder Mißvergnuͤgen zu aͤußern. Nur wenige ſeiner perſoͤn⸗ lichen Diener begleiteten ihn vom Kamp fplatz, wenn gleich mehrere vornehme Maͤnner in ſeinem Gefolge gekommen waren. Selbſt die niedern Burger hoͤrten auf, dem ungluͤcklichen Prinzen zu folgen, dem ſein fruͤherer zweifelhafter Ruf ſchon ſo oft den Vorwurf der Un⸗ beſonnenheit und des Leichtſinnes zugezogen hatte und um den ſich jetzt ein finſterer Verdacht der ſchrecklich⸗ ſten Art zu lagern ſchien. Er begab ſich langſam und traurig ſinnend nach der Dominikanerkirche, aber die ſchlimme Botſchaft, die im woͤrtlichen Sinne fliegt, hatte bereits ſeines Vaters ſtille Wohnung erreicht, ehe er daſelbſt ankam. Als der Herzog von Rothſay in den Palaſt trat und nach dem Koͤnig fragte, wurde er durch die Botſchaft uͤberraſcht, er ſey in tiefer Berathung mit dem Herzog von Albany, der, ſogleich zu Roſſe ſteigend, als der Prinz die Schranken verließ, das Kloſter vor ihm er⸗ 125 3 reicht hatte. Er wollte eben, das Vorrecht ſeines Rauges und ſeiner Geburt gebranchend, in das koͤnig⸗ liche Gemach treten, als Mac Louis, der Kommandeur der Brandanenwache, ihm in den ehrerbietigſten Aus⸗ drücken meldete, er habe ſcharfe Ordre, ihn nicht ein⸗ zulaſſen. „So geht wenigſtens, Mac Louis, und ſagt ihnen, daß ich ihre Befehle erwarte,« entgegnete der Prinz. „Wenn mein Oheim die Macht ſucht, das Gemach des Vaters vor dem Sohn zu verſchließen, ſo wird es ihm angenehm ſeyn, zu wiſſen, daß ich wie ein Lakai im Vorſaat ſtehe.“«« „Mit gnädiger Erlaubniß,“ ſagte Mac Louis nach einigem Bedenken, wenn Eure Hoheit nur eine Weile warten wollte, ſo will ich euch ſogleich bekannt machen, wenn der Herzog von Albany geht; und ich zweifle nicht, Seine Majeſtaͤt wird dann Eure Guaden vor⸗ laſen. Aher jetzt muß mir Eure Hoheit verzeihen —es iſt unmöͤglich, daß Ihr hineingehr.“ „Ich verſtehe Euch, Mac Louis, aber geht doch und vollzieht meinen Befehl.« Der Offizier ging und kam mit der Nachricht zu⸗ ruͤck,„der Koͤnig ſey unwohl und im Begriff, ſich in ſein Cabinet zuruͤckzuziehen; aber der Herzog von Albany wuͤrde ſogleich dem Prinzen von Schottland aufwarten.“ Es dauerte jedoch eine volle halbe Stunde, eh der Herzog von Albanv erſchien— eine Zeit, die Roth⸗ ſay theils in truͤbem Stillſchweigen, theils in froͤhli⸗ chem Geplauder mit Mar Lonis und den Brandanen zubrachte, je nach dem der Leichtſinn oder die Reizbar⸗ keit ſeiner Natur die Oberhand gewann. Endlich kam der Herzog und mit ihm der Lord Groß⸗ connstabie, deſſen Miene Schmerz und Verlegenheit ausdruͤckte. 8 vieber Vetter,«ſagte der Herzog von Albany,„es 126 ſchmerzt mich, Euch ſagen zu muͤſſen, daß mein koͤnig⸗ licher Bruder meint, es wuͤrde fuͤr die Ehre der koͤ⸗ niglichen Familie das Beſte ſeyn, wenn Ihr Euch ent⸗ ſchloͤßet, eine Zeitlang getrennt in des Großconnétab⸗ le's Haus zu wohnen und den edlen Grafen hier als Euren hauptſaͤchlichſten wo nicht einzigen Geſellſchaf⸗ ter anzunehmen, bis die aͤrgerlichen Geruͤchte, die eben verbreitet werden, widerlegt oder vergeſſen ſind.“ „Wie iſt das, Mylord von Errol?« fragte der Prinz erſtaunt;„ſoll Euer Haus mein Kerker ſeyn und Eure Herrlichkeit mein Kerkermeiſter 2 „Da ſeyen die Heiligen vor, Mylord,“ ſagte Graf Errol,„aber es iſt meine unglückſelige Pflicht, den Be⸗ fehlen Eures Vaters gemäß Eure königliche Hoheit auf einige Zeit unter meiner Obhut zu ſehen.“ „Der Prinz— der Erbe von Schottland, unter der Obhut des Großconnétable's? Aus welchem Grund 2 Iſt das giftige Geſchwätz eines überwieſenen Verbrechers ſtark genug, mein königliches Wappen zu beflecken?“ „Ehe ſolche Beſchuldigungen widerlegt und geläugnet ſind, mein Neffe,“ entgegnete Albany,„werden ſie den Schild eines Königs entehren.* „Geläugnet, Mylord!“ rief der Prinz aus,„von wem ſind ſie denn verſichert, als von einem Elenden, der nach ſeinem eignen Geſtändniß zu ehrlos iſt, als daß man ihm einen Augenblcek nur glaubeu ſollte, wenn er auch den Ruf eines Bettlers nicht eines Fürſten anklagte?— Bringt ihn her— laßt ihn die Folter ſehn, Ihr werdet bald hören, wieer die Verläumdung zurück nimmt, die er auszuſtoßen wagte.“ „Der Galgen hat zu ſicher gewirkt, um Bonthron noch für die Folter empfindlich zu laſſen,“ ſagte der Herzog von Albany.„Er wurde vor einer Stunde hingerichtet.“ „Und wozu dieſe Eile, Mylord,« fragte Rothſay, „das ſieht ganz aus, als waͤre es abſichtlich, um mei⸗ nen Namen zu beflecken?« ——— ——— 127 „Die Sitte iſt allgemein— der beſiegte Verbrecher wird aus den Schranken der Kampfprobe gleich zum Galgen geſchleppt.— Und doch, guter Vetter,“ fuhr der Herzog fort,„haͤttet Ihr die Beſchuldigung keck und beſtimmt gelaͤugnet, ſo haͤtte ich fuͤr noͤthig erach⸗ tet, den Elenden noch laͤnger leben zu laſſen, um wei⸗ ter zu unterſuchen, aber da Eure Hoheit ſchwieg, hielt ich's fuͤr das Beſte, die Laͤſterung in dem Athem deſ⸗ ſen zu erſticken, der ſie ausſtieß.“ „Heilige Maria, Mylord, das iſt zu beleidigend! Glaubt Ihr, mein Oheim und Verwandter, mich einer ſo elenden, nichtswuͤrdigen That faͤhig, wie der Schurke bekannt hat 2« „Es ſchickt ſich nicht fuͤr mich, mit Eurer Hoheit zu ſtreiten, ſonſt wuͤrde ich fragen, ob Ihr auch den kaum minder unwuͤrdigen, wenn auch nicht ſo blutigen An⸗ griff auf das Haus in Eurfewſtreet zu laͤugnen denkt? — Zuͤrnt nicht über mich, Vetter, aber in der That Eure freiwillige Entfernung vom Hof auf kurze Zeit, wenn auch nur, ſo lang der Koͤnig in dieſer Stadt bleibt, iſt eine unerlaͤßliche Forderung.“ 4 3 Rothſay ſchwieg, als er dieſe Bemerkung vernahm, ber er ſah den Herzog auf eigne Weiſe an und erwie⸗ erte: »Oheim, Ihr ſeyd ein guter Jäger, Ihr habt Eure Netze mit vieler Kunſt geſtellt, aber es wäre doch vel⸗ debens geweſen, wenn der Hirſch nicht ſelbſt freiwillig hineingerannt wäre. Gott ſey mit Euch und möget Ihr den Nutzen davon haben, den Eure Maasregeln verdienen. Sagt meinem Vater, ich gehorche ihm.— Mylord Großconnétable, ich erwarte Euren Befehl, um Ench in Eure Wohnung zu begleiten. Da ich ein⸗ mal in Verwahrung ſeyn muß, hätte ich keinen freund⸗ lichern und artigern Hüter erhalten können.“ Da das Geſpräch zwiſchen dem Oheim und Neffen ſo zu Ende war, ging der Prinz mit dem Grafen von Er⸗ X 128 rol nach ſeiner Wohnung, die Bürger, denen ſie auf der Straße begegneten, gingen, wenn ſie den Herzog von Rothſay ſahen, bei Seite, um der Nothwendigkeit zu entgehen, den zu grüßen, welchen ſie jetzt auch als einen grauſamen, nicht mehr blos leichtſinnigen Wüſt⸗ ling betrachten mußten. Des Connstables Wohnung nahm nun ihren Gebieter und ſeinen fürſtlichen Ga auf, beide froh, die Stelle zu verlaſſen, aber nicht ver⸗ gnügt, die ſie drinnen gegen einander einnehmen mußten. Wir muͤſſen in die Schranken zuruͤckkehren und das was nach dem Ende des Kampfs und dem Abzug der Edlen vorfiel, betrachten. Das Volk theilte ſich durch⸗ aus in zwei Haufen. Der kleinere, aber ausgezeichne⸗ tere und achtungswerthe beſtand aus der beſſern Klaſſe der Einwohner von Perth, die dem Sieger und einan⸗ der uͤber das glorreiche Ziel Gluͤck wuͤnſchten, zu dem ihr Streit mit dem Adel gefuͤhrt worden ſey. Die Obrigkeit war ſo ſtolz darauf, daß ſie Sir Patrick Char⸗ teris bat, einen Schmaus im Rathsſaal anzunehmen, wozu Heinrich, der Held des Tages natuͤrlich einge⸗ laden wurde oder vielmehr Befehl erhielt, dabei zu erſcheinen. Er hoͤrte mit großer Verlegenheit dieſe Aufforderung, denn ſein Herz war, wie leicht zu glan⸗ ben iſt, bei Katharine Glover. Aber Simon Glovers Rath entſchied. Dieſer alte und aͤchte Buͤrger hatte eine natuͤrliche, ſchoͤne Ehrfurcht vor der Obrigkeit der ſchoͤnen Stadt und viel Achtung vor allen Ehren, die aus dieſer Quelle floſſen. Die Fortſetzung folgt im fuͤnften Theil.