Walter Scott's ſämmtliche /0 W e r k e, — Neu überſetzt. Hundert und dreiundfünfzigſtes Bändchen. Neue Folge. Drittes Bändchen. 3=O000006009— Das ſchöͤne Mädchen von Perth. Dritter Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1 8 3 0. Das schöne Mädehen V von Perth. Hiſtoriſch romantiſches Gemaͤlde von 8 Sir Walter Scott. — O— Aus dem Engliſchen. Dritter Theit. Stuttgart, Fr. Brodhag''ſche Buchhandlung. 1 8 30. Zwoͤlſtes K&Kapitel. Wir müſſen nun die untergeordneten Perſonen unſers hiſtoriſchen Drama's verlaſſen, um uns mit wichtigen Begebenheiten zu beſchäftigen, die unter denen von hö⸗ herem Raug vorgingen. Wir treten aus dem einfachen Haus eines Waffen⸗ ſchmieds in den Staatsrath eines Monarchen und faſ⸗ ſen unſere Geſchichte von dem Augenblick an wieder auf, wo der Tumult geſtillt war und die Chefs vor dem Kö⸗ nig erſcheinen. Sie traten mißvergnügt über einander und ſich mit finſterem Geſichte meſſend ein, jeder aus⸗ ſchließlich mit dem Unrecht beſchäftigt, das er erlitten zu haben glaubte und gleich wenig geneigt, der Ver⸗ nunft Gehör zu geben. Albany allein, ruhig und ver⸗ ſtellter, ſchien vorbereitet, das Mißvergnügen aller zu benützen und die Vorfälle zu gebrauchen, die daraus hervorgehen könnten und für ſeine geheimen Plane und perſönliche Wünſche Vortheil daraus zu ziehen. Den König hinderte indeſſen ſeine bis zur Furchtſam⸗ keit gehende Unentſchloſſenheit nicht, ein ſeinem Rang geziemendes würdiges und edles Benehmen zu zeigen. Erſt wenn es auf's Höchſte gekommen war, wie in der vorhergehenden Scene, verlor er ſeinen anſcheinenden 6 4 1 Gleichmuth. Ueberhaupt war er oft genöthigt, ſeine Plane aufzugeben, aber ſelten verließ ihn ſeine natür⸗ liche Würde. Er empfing Albany, Donglas, March und den Prior, dieſe übelgewählten Glieder eines un⸗ einigen Raths, mit einer Miſchung von Höflichkeit und Größe, die jeden ſtolzen Großen daran erinnerte, daß er vor ſeinem Souverain ſtehe und ihn zu der gebräuch⸗ lichen Etiquette zurückführte. Nachdem er ihren Gruß angenommen, hat ſie der König zu ſitzen. Sie gehorchten ſeinen Befehlen, als Rothſay eintrat. Er trat anmuthig zu ſeinem Vater, ließ ſich auf das Knie vor ihm nieder und bat um ſei⸗ nen Segen. Robert, deſſen Blicke ſeine Zärtlichkeit und ſeinen Kummer ſchlecht verkleideten, verſuchte ei⸗ nen tadelnden Ton anzunehmen, während er die Hand auf das Haupt ſeines Sohnes legte und mit einem Seufzer ſprach:„Gott ſegne dich, leichtſinniger Sohn und mache dich küuftig zu einem Mann.“—„Amen, mein Vater,“ antwortete Rothſay mit einem Aus⸗ drucke von Gefühl, den er oft in ſeinen guten Augen⸗ blicken zeigte. Dann küßte er die königliche Hand mit der Ehrerbietung eines Sohnes und Unterthans. Statt an der Rathstafel Platz zu nehmen, blieb er auf den Seſſel des Königs geſtützt in einer Stellung, um, wenn er wollte, ſeinem Vatee in's Ohr ſprechen zu können. Der König gab dem Prior von St. Dominikus ein Zeichen, an dem Schreibtiſche Platz zu nehmen, auf dem verſchiedene Schriften lagen, die unter allen an⸗ weſenden Perſonen, Albany ausgenommen, nur der 7 Mann der Kirche zu leſen fähig war. Der König kün⸗ digte ſofort den Grund ihrer Verſammlung an, indem er mit großer Würde begann. „Die Angelegeuheiten, welche wir zu behandeln wünſch⸗ ten, Mylords, beziehen ſich auf den unglückſeligen Auf⸗ ſtand des Hochlandes, von dem wir durch unſere Boten in Kenntniß geſetzt ſind, und der im Begriff iſt, die Verwüſtung und Zerſtörung des Landes ſelbſt bis auf einige Meilen von unſerem Königsſitz zu verurſachen. Aber ſo nah uns auch dieſe Empörung ſteht, es haben — Dank unſerm unglückſeligen Schickſal!— frevelhafte Menſchen noch einen näheren erregt, indem ſie die Fackel der Zwietracht zwiſchen die Bürger von Perth und die Leute vom Gefolge Enrer Herrlichkeiten und anderer Ritter und Edlen warfen. Ich wende mich zuerſt an Euch, Mylords, um zu erfahren, warum unſer Hof durch dieſe unſchicklichen Streitigkeiten be⸗ unruhigt ward, und um Euch zu fragen, durch welche Mittel ſie unterdrückt werden können. Mein Bruder von Albany laßt uns zuerſt Eure Meinung hierüber wiſſen.“ „Sire, unſer königlicher Bruder,“ antwortete der Herzog,„da ich beim Anfang des Streits um Eure Perſon war, ſo kenne ich ſeinen Urſprung nicht.“ „Ich,“ ſagte der junge Prinz,„habe kein anderes Kriegsgeſchrei gehört, als die Ballade einer Sängerin und keine gefährlichere Geſchoße fliegen geſehen, als Haſelnüſſe.“ „Ich,“ ſagte der Graf von March,„habe die wal⸗ ——“ʒ“ʒ₰⁶⁴üÿ⁊X⁊“— 8 3 kern Bürger von Perth etliche Burſche jagen ſehen, die, es iſt wahr, das blutende Herz auf den Schildern trugen. Aber ſie flohen zu ſchnell, um dem Grafen von Douglas anzuhören.“ Douglas verſtand den Spott und antwortete nur durch einen der finſteren Blicke darauf, die gewöhnlich ſeinen Zorn ausdrückten. „Sire,“ ſagte er mit Ruhe und Stolz,„ich muß ohne Zweifel auf dieſen Angriff damit antworten, daß in Schottland nie eine Streitigkeit entſtand, oder Blut vergoſſen wurde, ohne daß verläumderiſche Zungen ver⸗ ſicherten, ein Douglas oder ein Anhänger von Douglas ſey die Urſache geweſen. Wir haben hier gute Zungen. Ich ſpreche nicht von Mylord von Albany, der ſich begnügt hat zu ſagen, er ſey ſeiner Pflicht gemäß bei Eurer Majeſtät geweſen. Ich ſpreche nicht von My⸗ lord von Rothſay, der, eben ſo ohne Zweifel dem ge⸗ mäß, was er ſeinem Rang, ſeinem Alter und ſich ſelbſt ſchuldig iſt, während der Zeit mit einer herumſtreifen⸗ den Sängerin Nüſſe knackte; er lacht, er kann hier ſagen, was ihm beliebt; ich werde nicht vergeſſen, daß ich an einem Ort bin, deſſen Majeſtät er ſelbſt ver⸗ geſſen zu haben ſcheint. Aber da iſt der Graf von March, der meine Leute vor den Tölpeln von Perth hat fliehen ſehen! Ich kann dieſem Herrn ſagen, daß die, welche dem blutenden Herzen folgen, nur vor⸗ rücken oder ſich zurückziehen, wenn ihr Chef es be⸗ ſiehlt, oder das Wohl von Schottland es fordert.“ „Und ich kann antworten... rief der ſtolze Graf 9 von March, dem alles Blut in das Geſicht zu fließen ſchien— aber der König unterbrach ihn. „„Ruhig, meine zornſüchtigen Herren,“ ſagte der Monarch,„erinnert Guch, wo Ihr ſeyd. Und Ihr, Mylord von Douglas, ſagt uns wenn Ihr könnt, die Urſache der Meuterei, und warum Eure Leute, deren gute Dienſte wir ſonſt anerkennen, einen ſo thätigen Antheil an dem Streit nahmen? „Ich gehorche, Mylord,“ erwiederte Douglas, indem er ſein Haupt leicht hängen ließ, das ſich ſehr ſelten beugte.„Ich begab mich aus meinem Hauſe in das Karthänſerkloſter, und zog mit einigen Leuten aus meinem gewöhnlichen Gefolge durch die Hauptſtraßen von Perth, als ich Menſchen von der niedrigſten Klaſſe ſich um das Kreuz drängen ſah, an das dieſer Anſchlag und was daneben ſich befand, genagelt war.⸗ Der Graf zog aus einer Taſche ſeines Kollers eine menſchliche Hand und ein Stück Pergament. Der Kö⸗ nig ſchien überraſcht und bewegt. „Lest,“ ſagte er,„guter Pater Prior, und man nehme dieſen ſchauderhaften Anblick von meinen Au⸗ gen weg.“ Der Prior las den Anſchlag, der ſo lautete: „In Betracht, daß das Haus eines Bürgers von Perth in der vorigen Nacht vor dem St. Valentin durch Nachtſchwärmer, die zu irgend einem Trupp der Fremden gehört, die gegenwärtig in der ſchönen Stadt wohnen, angegriffen und daß dieſe Hand in dem dar⸗ aus folgenden Streit einem der Uebertreter des Ge⸗ 10. ſetzes abgehanen wurde, hat der Oberrichter und die Obrigkeit befohlen, beſagte Hand zum Trotz und als Zeichen der Verachtung gegen die, welche dieſe Unruhe verurſachten, an das Stadtkreuz zu nageln. Und wenn jemand von edler Geburt behauptet, daß wir Unrecht gethan haben, ſo zu verfahren, ſo werde ich Patrick Charteris von Kinfanns, Ritter, dieſes Blatt mit ritterlichen Waffen in eingehängtem Felde*) ver⸗ theidigen, oder wenn einer von minder ausgezeichneter Geburt das bisher Beſagte Lügen ſtrafen will, ſo wird er durch einen Bürger der ſchönen Stadt von einer der ſeinigen entſprechenden Geburt die gehörige Ant⸗ wort erhalten. Mögen Gott und St. Johann die ſchöne Stadt beſchützen 1e 3 „Ihr werdet ohne Erſtannen einſehen, Mylord,“ fuhr Douglas fort,„daß ich, als mein Almoſenier mir den Inhalt dieſes übermüthigen Pergaments kund that, einem meiner Knappen befahl, ein für die Ritterſchaft und den Adel Schottlands ſo ſchimpfliches Siegeszei⸗ chen abzureißen. Es ſcheint, es haben hierauf einige dieſer unverſchämten Bürger den Reſt meines Gefolges beſchimpft und beleidigt, welche ſie zu Pferde angrif⸗ fen und dem Streit ohne den beſtimmten Befehl, den ich ihnen gab, nur ſo ruhig, als dieſe Schurken zu⸗ ließen, zu folgen, bald ein Ende gemacht haben würden. *) In the barrace, in den Schranken; das Obige iſt der ſchottiſche Ausdruck, Anm. des Her. 11 So kamen ſie bis hieher, wie es ſchien fliehend, ſtatt daß ſie, wenn ich befohlen hätte, Gewalt mit Gewalt zurückzutreiben, die verfluchte Stadt an vier Ecken hätten anzünden und dieſe übermüthigen Bürger, wie junge Füchſe in brennendem Ginſter„ umkommen laſ⸗ ſen können.“ 3 Als Douglas ausgeredet hatte, entſtand ein augen⸗ blickliches Stillſchweigen, bis der Herzog von Rothſay zu ſeinem Vater gewandt, antwortete: „Da der Graf Douglas das Recht hat, die Stadt, wo Eure Gnaden Hof halten, zu verbrennen, weil der Oberrichter und er einige Streitigkeiten wegen ei⸗ ner nächtlichen Ausſchweifung oder der Ausdrücke eines Cartells haben; ſo ſind wir ihm viel Dank ſchuldig, daß er es unterlaſſen hat.“ „Der Herzog von Rothſay,“ ſagte Douglas., der beſchloſſen zu haben ſchien, ſich zu faſſen,„der Herzog von Rothſay könnte Grund haben, dem Himmel in ernſterem Tone zu danken, daß Douglas eben ſo treu als mächtig iſt. Wir leben in einer Zeit, wo die Un⸗ terthanen in allen Ländern ſich gegen das Geſetz erhe⸗ ben; wir haben von dem Aufſtand der Jarquerie in Frankreich, von Jack Straw, von Hob Miller und vom Pfarrer Ball bei den Engländern ſprechen gehört. Wir dürfen verſichert ſeyn, daß Brennſtoff genug vor⸗ handen iſt, der in Schottland ſich entzünden würde, wenn eine ſolche Feuersbrunſt unſere Gränzen erreichte. Wenn ich nun den Bauern den Edlen herausfordern oder gar eine Ritterhand an ihr Stadtkreuz nageln 12 ſehe, ſo ſage ich nicht, daß ich den Aufſtand fürchte; denn das iſt nicht wahr; ſondern ich ſehe mich voraus und halte mich bereit, ihn zu bekämpfen.“ „Und warum,“ ſagte der Graf von March,„be⸗ hauptet der Graf von Douglas, das Cartell ſey von Bauern geſchickt worden? Ich ſehe darauf den Namen von Sir Patrick Charteris; er ſcheint mir von edlem Blute zu ſeyn. Graf Douglas ſelbſt, wenn er an der Sache ſo lebhaften Antheil nimmt, könnte Sir Pa⸗ tricks Handſchuh aufnehmen, ohne daß er fürchten müßte, ſich zu entehren.“ „Mylord von March,“ entgegnete Douglas,„ſollte nur von dem ſprechen, was er verſteht. Ich bin nicht ungerecht gegen den Abkömmling des rothen Seeräu⸗ bers, wenn ich ihn für zu leicht halte, um in Einer Wage mit einem Douglas gewogen zu werden. Der Erbe von Thomas Nandolph hätte beſſere Anſprüche darzubringen.“ „Bei meiner Ehre, ich will mir die Gelegenheit nicht entgehen laſſen, um dieſe Gnade zu bitten,“ ſagte der Graf von March, indem er ſeinen Handſchuh abzog. „Halt, Mylord,“ ſagte der König,„beleidigt uns nicht damit, daß Ihr Euch auf Leben und Tod vor unſerem Angeſicht und in dieſen Mauern herausfordert; ſondern bietet vielmehr Eure bloße Hand dem edlen Grafen, und umarmt Euch zum Beweis gegenſeitiger Treue für die Krone von Schottland.“ „Das kann nicht ſeyn, Mylord,“ erwiederte March, „Ihr könnt mir befehlen, meinen Handſchuh wieder 2 13 anzulegen; denn er ſteht, wie die Rüſtung, zu der er gehört, Eurer Majeſtät zu Befehl, ſo lang ich meine Grafſchaft von der Krone Schottland zu Lehen trage. Aber wenn mein Arm ſich dem Douglas nähert, ſo geſchieht es mit bewaffneter Hand. Lebt wohl, Sire. Mein Rath iſt hier unnütz und der von andern wird ſo günſtig aufgenommen, daß vielleicht längeres Ver⸗ weilen in dieſem Saal für mich nicht ohne Gefahr wäre. Möge Gott Eure königliche Hoheit gegen die Feinde beſchützen, die ſich offen erklären, und gegen die Freunde, die ihre Treuloſigkeit verbergen! Ich be⸗ gebe mich auf mein Schloß Dunbar, woher Ihr viel⸗ leicht bald Neues erfahren werdet. Lebt wohl, My⸗ lords von Albany und Douglas; ihr ſpielt ein kühnes Spiel; ſucht es ehrlich zu ſpielen. Lebt wohl, armer junger leichtſinniger Prinz, der, wie ein junger Hirſch unter der Klaue eines Tigers tändelt. Lebt wohl, alle. Georg von Dunbar ſieht das Uebel, das er nicht hei⸗ len kann. Gehabt Euch wohl.“ Der König wollte ſprechen, aber die Worte erſtarben ihm auf den Lippen, als er vom Herzog von Albany einen Blick erhielt, der ihm Stillſchweigen auferlegte. Der Graf March verließ das Gemach unter den ſtum⸗ men Abſchiedsgrüßen der verſchiedenen Mitglieder des Raths, an die er ſich gewandt hatte; Douglas allein antwortete ſeinem Abſchied durch einen verachtenden Blick. „Der Verräther geht, um uns an die Engländer zu verkaufen,“ ſagte er,„ſein ganzer Stolz ruht auf dem 14 1 Beſitz des vom Meer beſpühlten Schloſſes, das unſere Feinde in Lothian einführen kann! Fürchtet nichts, Sire, ich ſtehe für das, was ich ſage. Indeſſen, es iſt noch Zeit, ſprecht nur ein Wort, ſagt nur:„Hal⸗ tet ihn!“ und der Graf von March geht nicht über den Earn, um eine treuloſe Reiſe fortzuſetzen.“ „Tapfrer Graf,“ ſagte Albany, der die beiden mäch⸗ tigen Barone lieber ſich gegenſeitig die Stange halten, als den einen in entſchiedenem Uebergewicht ſah,„die⸗ ſer Rath iſt zu kühn. Der Graf von March geht im Vertrauen auf die eigene Zuſage des Königs, die ihm ſicheres Geleit iſt, die Ehre meines königlichen Bru⸗ ders erlaubt nicht, dieſe Zuſage zu vergeſſen. Wenn übrigens Eure Herrlichkeit einzelne Beweiſe geben kann.—“ Hier wurden ſie durch Fanfaren von Trompeten un⸗ terbrochen. „Seine Gnaden, der Herzog von Albany iſt heute auf eine Art ängſtlich, die ihm nicht gewöhnlich iſt,“ antwortete Douglas.„Aber es iſt unnütz, umſonſt zu ſprechen; es iſt nicht mehr Zeit: Ihr hört die Trom⸗ peten von March, ich ſtehe dafür, daß er eilends hin⸗ ſprengen wird, bis er über die Südbrücke iſt. Wir werden von ihm reden hören, und wenn es iſt, wie ich glaube, werden wir ihn nur mit ganz England im Gefolge wieder ſehen.“ „Laßt uns beſſer von dem edlen Grafen von March denken,“ ſagte der König,„ſein Charakter iſt in ge⸗ wiſſen Fällen ungeſtümm, aber nicht rachſüchtig. Er 15 wurde, ich will nicht ſagen betrogen, aber doch in ſei⸗ ner Hoffuung getäuſcht, und man muß ihm unter den gegenwärtigen Umſtänden mehr als einem andern ver⸗ zeihen. Aber Dank dem Himmel! alle, welche noch hier ſind, haben dieſelbe Anſicht und ſind aus einer Familie; ſo kann unſer Staatsrath nicht mehr durch Uneinigkeit geſtört werden. Pater Prior, ich bitte Euch, nehmt dieſe Schriften, denn Ihr müßt, wie gewöhnlich, unſer Schreiber ſeyn. Nun zu den Ge⸗ ſchäften, Mylords, und unſere erſte Berathung muß den Aufſtand des Hochlands betreffen.“ „Der Clan von Chattan und der von Quhele oder Kay,“ ſagte der Prior,„ſind im Begriff, ſich einen furchtbarern Krieg, als je, zu erklären, nach den letz⸗ ten Nachrichten, die wir von unſern Brüdern von Dunkeld erhalten haben. Dieſe Söhne Belials ſprechen von nichts Geringerem, als von gegenſeitiger Vernich⸗ tung. Ihre Truppen ſammeln ſich von beiden Seiten, und alle Verwandte bis zum zehnten Grad müſſen ſich beim Brattach*) ihres Stammes einfinden, oder ſie verfallen der Strafe von Feuer und Schwert. Das Feuerkreuz hat ſich überall, wie ein Meteor, gezeigt; es hat fremde und unbekannte Stämme jenſeits der *) Fahne, woͤrtlich uͤberſetzt, cloth, Tuch. Die Be⸗ wohner des Niederlands haben noch das Wort brat, deſſen man ſich aber nur bedient, um eine Kinder⸗ k ſchuͤrze oder eine grobe Serviette zu bezeichnen; ſo koͤnnen die Woͤrter zu niederm Gebrauch herabſinken. Anm. d. Her. 16 Geſtade des Meerbuſens von Murray erweckt. Möge der Himmel und St. Dominicus uns ſchützen! Aber wenn Eure Herrlichkeiten kein Mittel gegen das Uebel finden, wird es ſich nach allen Seiten ausbreiten, und das Erbtheil der Kirche der Wuth der Amalekiter aus⸗ geſetzt ſeyn, die ſo wenig Liebe zum Himmel, als Mit⸗ leid mit ihren Nachbarn haben. Möge die Jungfrau uns vor ihnen ſichern! Man ſchreibt uns, einige ſeyen wahre Heiden, ſie beten Mahomet und Termagaunt an.“ „Mylords und Verwandte,“ ſagte Robert,„wir haben gehört, wie dringend dieſer Fall iſt, und Ihr könnt meine eigne Meinung zu wiſſen wünſchen, eh' Ihr mir ſagt, was Eure Weisheit Euch eingibt. Ich ſehe in der That kein anderes Mittel, als zwei Be⸗ vollmächtigte mit der nöthigen Gewalt zu ſchicken, ihre Beſchwerden abzuſtellen und ſie zu Niederlegung der Waffen und Verhütung jeder Feindſeligkeit gegen einandee zu bewegen, bei Strafe, dem Geſetz verant⸗ wortlich zu ſeyn.“ „Ich billige den Vorſchlag Eurer Gnaden,“ ſagte Rothſay,„und verſichere, daß der gute Prior die eh⸗ renvolle Sendung als Friedensſtifter nicht ausſchlagen wird. Sein ehrwürdiger Bruder, der Abt der Kar⸗ thäuſer, wird auch nach einer Ehre ſtreben, die gewiß der unermeßlichen Schaar der Märtyrer zwei ausge⸗ zeichnete Rekruten beifügen wird, da die Hochländer bei den Geſandten, die man ihnen ſchickt, nur einen geringen Unterſchied zwiſchen Geiſtlichen und Layen machen.“ „Königlicher Lord von Rothſay,“ ſagte der Prior, 17 „wenn ich zur Märtyrerkrone beſtimmt bin, ſo wird mich der Himmel ohne Zweifel auf den Weg führen, ſie zu erhalten. Wenn Ihr aber mit Euren Worten nur Scherz treibt, ſo bitte ich den Himmel, Euch zu verzeihen und Euch ſo viel Einſicht zu geben, um zu ſehen, daß es in ſo großer Gefahr ehrenvoller ſeyn würde, Eure Waffen der Vertheidigung der Kirche zu weihen, als Euren Witz zu brauchen, um ihrer Diener zu ſpotten.“ „Ich ſpotte nicht, ſagte der Prinz gähnend, als hätte ihm die Rede ſchon Langeweile gemacht,„und weigere mich nicht, die Waffen zu ergreifen. Uebri⸗ gens iſt jetzt, im Februar, ein Pelzmantel beſſer, als ein Stahlharniſch, und es koſtet mich ſo viel, dieſe kalte Kleidung in einer ſo kalten Jahreszeit anzuziehen, daß ich wünſchte, die Kirche ſchickte eine Schaar von Bergheiligen ab, um dieſen Streit zu enden. Es gibt ja einige aus den Hochlanden, die dort wohl bekannt und alſo an das Clima gewöhnt ſind; ſie würden ſich ſchlagen, wie der luſtige St. Georg von England. Aber ich weiß nicht, wie das zugeht; man ſpricht uns von ihren Wundern, wenn wir ſie anrufen, von ihrer Rache, wenn wir das Gebiet der Kirche verletzen, al⸗ les nur, um uns zur Freigebigkeit aufzumuntern und doch, wenn nur eine Bande von zwanzig Hochlaͤndern kommt, ſind die Glocken, die Bücher, die Kerzen zu nichts nütze, und der geharniſchte Baron iſt genöthigt, die Kirche im Beſitz der Ländereien zu erhalten, die Walter Scott's Werke. 1538 Bochen. 2 48 er ihr gegeben hat, als wenn er noch die Früchte da⸗ von zöge.“ „Sohn Robert,“ ſagte der König,„Ihr erlaubt Eurer Zunge zu viel.“ „Ich ſchweige,“ antwortete der Prinz;„ich wollte weder Eure Hoheit beunruhigen, noch den Pater Prior beleidigen, der mit ſo viel Wundern, die ihm zu Dienſt ſtehen, keinem hochländiſchen Dolch die Spitze bieten würde.“ „Wir wiſſen,“ ſagte der Prior mit verhaltenem Un⸗ willen,„aus welcher Quelle dieſe verhaßten Lehren kommen, die uns aus dem Mund Eurer Hoheit ſchau⸗ dern machen. Wenn die Fürſten mit Ketzern verkeh⸗ ren, werden ihr Geiſt und ihre Sitten gleich verderbt, dann zeigen ſie ſich in den Straßen mit Masken und ſchlechten Frauen, und im Rath als Verächter der Kirche und des heiligen Glaubens.“ „Ruhig! guter Vater,“ ſagte der König,„Rothſay wird für ſeine leichtſinnige Sprache büßen; ach! laßt uns doch lieber in Fveundſchaft Rath halten, als einer meuteriſchen Matroſenbande in einem untergehenden Schiff gleichen, wo jeder ſich mehr damit abgibt, ſei⸗ nen Gefährten anzufeinden, als ſeine Anſtrengungen mit denen des Capitäns für die Rettung des Fahr⸗ zeugs zu vereinigen. Mylord von Douglas, Euer Haus hat ſich immer wohl gezeigt, wenn die Krone Schott⸗ kands weiſen Rath oder ſchnelle Hülfe brauchte; ich hoffe, Ihr werdet uns in dieſer Verlegenheit helfen.“ „Ich ſtaune darüber, das muß ich bekennen, daß 3 19 dieſe Verkegenheit vorhanden iſt,“ ſagte der ſtolze Graf Donglas.„Als ich Statthalter des Königreichs war, ſtiegen einige dieſer elenden Elans von den Grampiſchen Gebirgen herab. Ich ermüdete den Staatsrath nicht mit dieſer Sache, ſondern befahl dem Scheriff, Lord Ruthven mit der ganzen Macht des Blachlands) den Hay'’s, den Lindſay's, den Ogilvie's und andern Edel⸗ leuten zu Pferd zu ſteigen. Bei der heiligen Jung⸗ frau! Als die Harniſche mit den Plaids zuſammen ſtieſ⸗ ſen, da gewahrten die Schurken, wer gute Lanzen führte und ob die Schwerter eine Schneide hatten. Es blie⸗ ben beinahe dreihundert ihrer beſten Köpfe, außer dem ihres Häuptlings Donald Cormac,*) in dem Sumpf von Thom und dem Walde von Rochinroy, eine gleiche Zahl wurde an den Galgen gehangen, der ſeit dem den Namen führte, den er noch hat. So benahm man ſich in meinem Lande gegen dieſe Burſchen und wenn bei ſolchen Schurken ſanftere Mittel mehr ausrichten, ſo kadle man Douglas nicht, ſeine Gedanken ausgeſprochen zu haben. Ihr lacht noch, Mylord von Rothſay. Darf ich Euch fragen, wie ich zum Zweitenmal Eure Luſtig⸗ keit erregen konnte, ehe ich auf Eure erſte Artig keit geantwortet?2 „Erzürnt Euch. nicht, guter Lord von Douglas,“ ſagte der Prinz, nich lachte nur bei dem Gedanken, wie Euer —— *) Carse oder RKerrs iſt eine flache aber fruchtbare Ebne, gewoͤhnlich an einem Fluß, wie Carse von Goweic, von Stierling u, g. Anm. d. Herausg. **) Wahrſcheinlich A. 1443. 2* 20 zahlreiches Gefolge ſich vermindern würde, wenn man mit den Burſchen umginge, wie mit den armen Hoch⸗ ländern am Fuße des Galgen.“ Der König nahm das Wort, um Douglas Antwort zu verhindern. „Eure Herrlichkeit,“ ſagte er,„räth uns mit viel Klugheit, die Waffen zu ergreifen, wenn dieſe Hochlän⸗ der in offenem Feld gegen unſre Unterthanen anrücken; aber die Schwierigkeit iſt, ihren Unordnugen Einhalt zu thun, ſo lang ſie ſich in den Bergen befinden. Ich habe nicht nöthig, Euch zu ſagen, daß die Clane Chat⸗ tan und Kay eigentlich Verbindungen ſind, jede aus verſchiedenen Stämmen zuſammengeſetzt, die ſich verei⸗ nigt haben, um im allgemeinen Krieg die Waffen zu ergreifen. Noch nicht lange haben ihre Zwiſtigkeiten alle Oerter mit Blut bedeckt, wo ſie ſich einzeln oder in Maſſe begegneten. Das ganze Land wird durch ihre ewigen Empörungen zu Grunde gerichtet.“ „Ich finde es nicht übel,“ ſagte Douglas,„daß die Schurken ſich gegenſeitig aufreiben. Das Wild mehrt ſich im Hochland, je weniger der Menſchen ſind. Wir gewinnen als Jäger, was wir als Krieger verlieren.“ „Sagt lieber, die Wölfe werden ſich mehren, und an die Stelle der Menſchen treten,“ wandte der König ein. „Ich will lieber hungrige Wölfe, als wilde Hochlän⸗ der,“ war Donglas Antwort.„Schickt hinreichende Macht an die Gränzen des Gebirgs, um das ruhige Land vom empörten zu trennen. Schließt das Feuer des Burgerkriegs in das Hochland ein, laßt es ohne . 21 Hinderniß fortlodern und bald wird es aus Mangel au Nahrung ausgehen. Die Kinder werden demüthiger ſeyn und auf einen Wink Eurer Majeſtät ſchneller ge⸗ horchen als ihre Väter, die Schufte, welche jetzt leben, Euren ſtrengſten Befehlen folgen.“ „» Das iſt ein kluger Rath, aber gegen die Religion,« ſagte kopfſchüttelnd der Prior.„Mein Gewiſſen ver⸗ bietet mir, ihn zu billigen. Es iſt Klugheit, aber die Klugheit eines Achitophel, Liſt mit Grauſamkeit ver⸗ mengt.« »Auch mir ſagt mein Herz« fuhr Robert fort, in⸗ dem er die Hand auf die Bruſt legte,„mein Herz ſagt mir, daß an jenem furchtbaren Tage die Frage an mich gerichtet werden wird:„Robert Stuart, wo ſind die Unterthanen, die ich dir gegeben habe? Es ſagt mir, daß ich für alle verantwortlich bin, Sachſen und Gälen, Bewohner der Berge, der Ebnen und Gränzen; daß man mich nicht blos um die fragen wird, die Güter und Kenntniſſe beſitzen, ſondern auch um die, welche ſtahlen, weil ſie arm, und ſich empörten, weil ſie unwiſ⸗ ſend waren.« „Eure Gnade ſpricht wie ein chriſtlicher König,“ ſagte der Prior.„Aber Ihr tragt ſo gut ein Schwert als einen Scepter und das Schwert allein kann das gegenwärtge Uebl heilen.« „Hört, Mylords,« ſagte der Prinz, indem er den Kopf hob, als wollte er einen klugen Rath geben,„denkt Euch, wir geben dieſen Wilden eine Lection im Ritter⸗ leben. Es wäre nicht ſchwer, die beiden großen Coht⸗ 2²2 mandanten den des Clans Chattan und den Chef des nicht minder edlen Geſchlechts Clan Quhele, dazu zu bringen, daß ſie ſich gegenſeitig auf Leben und Tod her⸗ ausfordern. Sie könnten ſich hier in Perth ſchlagen; wir würden ihnen Waffen und Pferde leihen; ſo würde ihr Streit mit dem Tod des Einen, oder wahrſcheinlich beider Veräther erlöſchen; denn ich ſetze voraus, daß ſie beim erſten Angriff einander den Hals abſchneiden werden. Der fromme Wunſch meines Vaters, Blut zu ſchonen, wäre erfüllt und wir hätten das Vergnügen, dem Zweikampf zweier wilder Ritter zuzuſehen, die zum erſten Mal in ihrem Leben Hoſen trügen und auf Roſſen ſäßen, was man ſeit der Zeit König Arthur's nicht ge⸗ ſehen hat.“ „»»Pfui, Robert,« ſagte der König,„macht Ihr das Unglück Eures Landes und die Verlegenheit unſres Staatsraths zum Gegenſtand Eurer Witzeleien?“ „Ich bitte um Verzeihung, mein königlicher Bruder,“ ſagte Albany;„aber obwohl der Prinz, mein Neffe, ſeinen Vorſchlag auf eine etwas zu leichtfertige Art ausgeſprochen hat, ſo glaube ich doch, man könnte et⸗ was daraus entnehmen, was in dieſen unglücklichen Um⸗ ſtänden von großem Vortheil wäre.“ „Mein Bruder,“ erwiederte der König,„es iſt nicht gut, Rothſay's ganze Thorheit durch Wiederholung ſei⸗ nes unzeitigen Scherzes zu zeigen. Ihr wißt, daß die Häuptlinge der Clans weder etwas vom Ritterthum, noch von der Kleidung, noch von der ritterlichen Art zu kämpfen verſtehen.“ 23 „Das iſt wahr, königlicher Bruder,« war Albany's Antwort,„aber ich ſpreche ernſthaft. Gewiß iſt, daß die Hochländer, nicht wie wir, im Brauch haben, ſich in den Schranken zu ſchlagen; aber ſie haben eine an⸗ dere Art, deren Erfolg derſelbe iſt. Sie haben dieſelbe Gefahr, wie wir, wenn ſie gewinnen oder verlieren. Was liegt daran, ob dieſe Gälen kämpfen mit Schwert und Lanzen, wie es Rittern geziemt, oder mit Säcken voll Sand wie die engliſchen Bauern, oder ob ſie ſich mit Meſſern und Dolchen nach ihrer barbariſchen Ge⸗ wohnheit die Gurgel abſchneiden? Ihr Gebrauch wie der unſrige vertraut jeden Zwiſt oder Rechtsfall der Entſcheidung eines Kampfs. Sie ſind ſo eitel als kühn und der Gedanke, ſich vor den Augen Eurer Majeſtät und des Hofs ſchlagen zu dürfen, wird ſie gleich ver⸗ mögen, ihre Streitigkeit auf das Loos eines Kampfs auszuſetzen, ſelbſt wenn man ihnen, ihren Gebräuchen widerſprechend, die Geſetze auflegt, oder die Zahl der Kämpfer beſtimmt. Wir werden Sorge tragen, ſie dem Hof nicht anders als unbewaffnet und in kleiner Anzahl ſich nähern zu laſſen, als daß ſie uns zu beunruhigen wagten. Und wenn wir auf unſerer Hut ſind, ſo wird, je größer die Anzahl der Kämpfer iſt, deſto bedeutender das Blutbad unter den tapferſten Aufrührern werden. Dann wird das Hochland für lange Zeit ruhig ſeyn.“- „Das wäre ein blutiges Verfahren, mein Bruder,“ ſagte der König,„und ich ſehe mich auch genötigt, Euch zu ſagen, daß es mit meinem Gewiſſen ſtreiten würde, das Gemetzel unter dieſen rohen Menſchen zu dulden, die nicht aufgeklärter ſind als die meiſten Heiden.“ 24 „Iſt denn Ihr Leben koſtbarer,“ fragte der Herzog von Albany,“ als das ſo vieler Barone und Edelleute, die mit Eurer Majeſtät Erlaubniß ſich ſo oft in den Schran⸗ ken, um ſich Recht zu verſchaffen oder Ruhm zu erwer⸗ ben, ſchlagen dürfen?⸗ Der König wußte, ſo bedrängt, wenig gegen dieſe Gewohnheit der Kampfprobe zu antworten, die durch die Geſetze des Königreichs geduldet und durch die der Ritterlichkeit gebilligt ward. Er ſagte aber doch: „Gott weiß, daß ich die Erlaubniß, von der Ihr ſprecht, immer nur höchſt ungern gab und nie Edelleute in ihren Zwiſtigkeiten ihr Blut vergießen ſah, ohne daß ich wünſchte, ſie auf Koſten des meinigen zu beſänftigen.“ „Aber, gnädigſter Fürſt,“ ſagte der Prior,„wenn wir den geſchickten Vorſchlägen des Mylord von Albany nicht folgen, ſcheint es mir, daß wir zu den Mitteln des Grafen von Douglas greifen müſſen, um auf Ge⸗ fahr des zweifelhaften Ausgangs einer Schlacht und mit der Gewißheit, treue Unterthanen zu verlieren, das Schwert des Niederländers zu dem Werk zu brau⸗ chen, das die wilden Hochländer ſelbſt in ihrem Lande zu vollbringen, nicht ermangeln werden.— Was ſagt My⸗ lord Douglas von den politiſchen Planen ſeiner Gnaden, des Herzogs von Albany?⸗ „Douglas“ ſagte der ſtolze Baron,„räth nie zur Liſt, wo man offne Gewalt brauchen kann. Er bleibt bei ſeiner Meinung und ſeinem Wunſch, an der Spitze ſei⸗ ner und der Barone von Perthſhire Vaſallen auszuzie⸗ heu. Er wird die Hochländer zur Vernunft oder zur 25 Unterwürfigkeit bringen, oder den Leichnam eines Doug⸗ las in ihren wilden Wüſten laſſen.“ „Das iſt edel gedacht, Mylord von Douglas,“ ſagte Albany„und der König hat wohl Grund, auf Euer ſtarkes Herz und den Muth derer zu bauen, die Euern Fahnen folgen. Aber ſeht Ihr noch nicht ein, daß ihr a anderswohin könnt abgerufen werden, wo Eure Dienſte Eurem König und Schottland nützlicher ſeyn werden? Habt Ihr nicht das finſtere Geſicht geſehn, mit dem der ungeſtüme Graf March unſern Fürſten ſeiner Treue verſicherte, ſo lang er Vaſall der Krone Schottlands ſey? und habt Ihr nicht ſelbſt gefürchtet, er möchte beabſichtigen, ſich England zu ergeben? Andre, minder mächtige und berühmte Herrn können ſich mit den Hochländern meſſen. Aber wenn March die Percy's und ihre Engländer ins Königreich führt, wer ſoll ſie verjagen, wenn Donglas anderswo iſt?⸗ „Mein Schwert,“ antwortete Douglas,„iſt Seiner Majeſtät immer zu Dienſt, auf den Gränzen oder in den geheimſten Schlupfwinkeln der Berge; ich habe ſchon den ſtolzen Perch und Georg von Dunbar den Rücken wenden ſehen und kann es wieder ſehn, wenn es dem König gefällt, daß ich mich rüſte, dem wahr⸗ ſcheinlichen Bündniß des Ausländers und des Verräthers zuvorzukommen, aber eher, als ich einer niedern oder ſchwachen Hand das wichtige Gefchäft, das Hochland zu beruhigen, vertraue, nehme ich den Vorſchlag des Lord von Albany an, die Wilden ſich untereinander ermorden zu laſſen, ohne die Barone und Ritter mit der Mühe zu belaſten, ſie zu jagen.“ 26 »Mylord von Donglas ſagte der Prinz, der keine Gelegenheit zur Demüthigung ſeines ſtolzen Schwieger⸗ vaters vorbeilaſſen zu wollen eutſchloſſen ſchien,„will uns andern armen Bewohnern der Ebne nicht einmal den Ruhm laſſen, den wir auf Koſten der hochländiſchen Banditen erwerben könnten, während er ſchon in Ge⸗ dänken eine Erndte von Siegen auf Koſten der Englän⸗ der ſammelt; aber Percy hat den Rücken gewiſſer Leute ſo gut geſehen, als Douglas und ich habe ſagen hören, daß oft die, welche gingen um Wolle zu ſcheeren, ſelbſt geſchoren zurückkamen.“ „Eine Art zu ſprechen,“ entgegnete Dougas,„eines Prinzen würdig, der das Säckchen eines lüderlichen Wei⸗ bes, als koſtbare Gunſt, an der Mütze, von Ehre ſpricht.“ „Verzeiht, Mylord,“ ſagte Rothſay,„aber wer auf eine Art vermählt iſt, die ihm nicht anſteht, nimmt es nicht genau in der Wahl neuer Liebſchaften. Der Ket⸗ tenhund begnügt ſich mit dem Bein, das ihm am näch⸗ ſten liegt.“ „Rothſay! unglücklicher Sohn!“ rief Robert,„wirſt du unſinnig? oder willſt du dir den ganzen Zorn eines Vaters und Königs auf dein Haupt rufen 2 „Ich werde ſtumm, ſobald Eure Gnaden es befehlen,“ ſagte der Prinz. „Nun, Mylord Albany,“ fuhr der König fort,„da Ihr ſo rathet und das ſchottiſche Blut fließen muß, wie können wir die rohen Menſchen dazu bringen den von Euch vorgeſchlagnen Kampf anzunehmen?“ „Eh ich Euer Gnaden ankworte,“ ſagte Albany, 27. „braucht es reifer Ueberlegung. Aber die Sache wird nicht ſchwer ſeyn; man kann einige ihrer Barden, ih⸗ rer vornehmſten Räthe und Redner mit Geld beſtechen und es wird nöthig ſeyn, den Häuptlingen der beiden Bündniſſe bemerklich zu machen, daß man nicht auf dieſe freundſchaftliche Anordnug eingehen.... 3 „Freundſchaftliche!“ ſagte der König mit Nach⸗ druck. „Ja, freuudſchaftlich, Sire,“ erwiederte Albany; „„denn es iſt beſſer, das Land erkauft den Frieden auf Koſten etlicher zwanzig Hochländer, als der Krieg dauert fort, bis eben ſo viele tauſend Menſchen, durch Schwert, Feuer, Hunger und alle Uebel des Bürgerkriegs umge⸗ kommen ſiude Um auf unſern Plan zurückzukommen, ſo deure ich, die erſte Parthei, welcher der Vorſchlag gemacht wird, nimmt ihn mit Freuden an und die an⸗ dere ſchämt ſich dann der Weigerung, ihre Sache der Tapferkeit der wackerſten Krieger anzuvertrauen. Haß und Eitelkeit werden ſie hindern, unſere Beweggründe zu errathen, und ſie werden hitziger ſeyn, ſich in Stücke zu hauen, als wir ſie aufzumuntern. Indeſſen bis ich meinen Zweck ſo weit erreicht habe, daß mein Rath von Nutzen iſt, ziehe ich mich zurück.«« „Bleibt noch einen Augenblick,“« ſagte der Prior, „auch ich habe ein Geheimniß zu entdecken von ſo ſchwarzer, und ſchauderhafter Natur, daß das fromme Herz Euer Gnaden es kaum begreifen wird und ich entdecke es mit Kummer, weil es ſo gewiß, als ich ein unwürdiger Diener des heiligen Dominicus bin, die Ur⸗ . 28. ſache von dem Zorn des Himmels gegen das unglückliche Land iſt, einem Zorn, durch den unſre Siege in Nie⸗ derlagen, unſre Freude in Trauer verwandelt, unſer Rath durch Uneinigkeit geſtört und Schottland vom Bürgerkrieg verzehrt wird.« „Sprecht, ehrwürdiger Vater,« fagte der König, „gewiß, wenn die Urſache des Uebels an mir oder meiner Familie liegt, ſo will ich ihm abhelfen.« Er ſprach dieſe Worte mit ſchwacher Stimme und erwartete ängſtlich die Antwort des Priors, ohne Zwei⸗ fel aus Furcht, jener möchte neue Fehler oder eine neue Thorheit des Herzogs von Rothſay entdecken. Seine Furcht täuſchte ihn vielleicht, als er die Augen des Mönchs einen Augenblick auf dem Prinzen ruhen zu ſehen glaubte, eh er mit feierlichem Tone begann: „Ketzerei, mein edler und gnädiger König, Ketzerei iſt unter uns. Sie raubt eine Seele nach der andern dem heiligen Vereine, wie die Wölfe Lämmer aus der Heerde rauben.«⸗ „Uebrigens gibt es Hirten genug, um die Schaafe zu hüten,« ſagte der Herzog von Rothſay.„Allein vier Klöſter von Ordensgeiſtlichen ohne die weltliche Geiſtlichkeit. Mich duͤnkt, wenn in einer Stadt eine ſo gute Beſatzung ſteht, ſo braucht man den Feind nicht zu fürchten.« „Ein Verräther in der Beſatzung,« erwiederte der Prior,„könnte allein die Sicherheit der Stadt vernichten und wäre ſie von Legionen bewacht. Mird aber noch en ree aon) dieſer Verräther, ſey es aus Leichtſinn, ſey es aus Liebe 29 zur Neuheit oder aus irgend einem andern Grund, von denen geſchützt und genährt, die ſich beeilen ſollten, ihn aus der Feſtung zu jagen, ſo wird er jeden Tag neue Gelegenheit finden, Schaden zu thun.«« „Ihr ſcheint einen hier Gegenwärtigen zu meinen, Pater Prior,« ſagte Douglas;„wenn ich es bin, ſo thut Ihr mir Unrecht. Ich weiß, daß der Abt von Aberbrothick ſich über mich beklagt hat, weil ich ſein Vieh nicht zu zahlreich für ſeine Weiden werden ließ und nicht duldete, daß die Getreidehaufen die Scheuern des Kloſters zerdrückten, während unſere Leute an Rind⸗ fleiſch und ihre Pferde an Haber Mangel litten. Aber es dünkt mich, dieſe fruchtbaren Weiden und Felder ſeyen von meinem Vorfahren dem Kloſter Aberbrothick nicht in der Abſicht geſchenkt worden, daß ihre Nach⸗ kömmlinge mitten in dieſem Ueberfluß Hunger ſterben. Das ſoll nicht geſchehen, bei der heiligen Jungfrau! Aber was Ketzereien und falſche Lehren betrifft,⸗ fügte der Graf bei, indem er mit ſeiner großen Hand ſchwer auf die Rathstafel ſchlug:„wo iſt der, welcher Doug⸗ las anzuklagen wagt? Es gefällt mir nicht, wenn man arme Leute wegen leichtſinniger Gedanken verbrennt; aber mein Arm und Schwert werden immer bereit ſeyn, den chriſtlichen Glauben zu ſchützen.“ „Ich zweifle nicht, Mylord,“ entgegnete der Mönch; „das war immer ſo in Eurem edlen Hauſe. Mit den Klagen des Abts werden wir uns ein anderesmal be⸗ ſchäftigen; was ich jetzt wünſche, iſt, daß einem der erſten Großen des Staats eine Vollmacht gegeben werde, 30 der ſich mit den Gliedern der heiligen Kirche zu dem Zweck vereinigte, mit Gewalt, wenn es nöthig wäre, die Unterſuchungen zu unterſtützen, welche der ehrwür⸗ dige Gränzoffizial und andere Prälaten, unter denen auch ich Unwürdiger ſeyn werde, über die neuen Lehren anzuſtellen die Abſicht haben, welche die Reinheit des Glaubens verderben, die Einfältigen täuſchen und den heiligen Vater und ſeine ehrwürdigen Vorgänger verach⸗ ten.“ „Möge der Graf Douglas hiezu königliche Vollmacht erhalten,“ ſagte Albany„und niemand vor ſeiner Ge⸗ richtsbarkeit ſicher ſeyn, als die Perſon des Königs. Ich für meine Perſon, obgleich ich gewiß bin, nie we⸗ der in That noch Gedanken, eine Lehre, welche die heilige Kirche nicht billigt, angenommen oder begünſtigt zu haben, würde doch erröthen, eine Freiheit aus dem Föniglichen Blut von Schottland gehörig anzuſprechen, aus Furcht, den Schein auf mich zu werfen, als wollte ich gegen eine ſo furchtbare Anklage eine Zuflucht fu⸗ chen.« „Ich will nichts mit dieſen Dingen zu ſchaffen ha⸗ ben,“ antwortete Douglas,„gegen die Engländer und den Verräther Dunbar ziehen, iſt Geſchäft genug für mich. Außerdem bin ich ein wahrer Schotte und will nicht, daß die ſchottiſche Kirche ſich noch mehr unter Roms Joch beuge und die Krone eines Barons ſich vor der Biſchofsmütze und Kaputze demüthige. Alſo, edler Her⸗ zog von Albany, ſetzt nur Euren Namen in die Voll⸗ macht und ich bitte Euer Gnaden, den Eifer der mit 31 Euch verbundenen Glieder der heiligen Kirche zu mä⸗ ßigen, daß man die Gränze nicht überſchreitet; denn der Geruch eines Scheiterhaufens am Tay würde Doug⸗ las zurückführen und ſtünde er vor den Mauern von York.«« Der Herzog beeilte ſich zu verſichern, die Commiſſion würde ſich mit Klugheit und Mäßigung betragen. „Ohne Zweifel,« ſagte der König Robert;„die Commiſſion muß große Rechte haben und wenn es ſich mit der Würde unſerer Krone vereinigen ließe, würden wir uns ihrer Gerichtsbarkeit nicht entziehen; aber wir hoffen, daß, während der Blitzſtrahl der Kirche gegen die elenden Urheber dieſer abſcheulichen Ketzerelen gerichtet iſt, man mit Milde und Mitleid gegen die unglücklichen Qpfer ihrer treuloſen Verführungen ver⸗ fahren wird.“ „So beträgt ſich die heilige Kirche immer, Mylord,“ ſagte der Prior von St. Dominikus. „Man errichte alſo die Commiſſion nach den Regeln im Namen nnſers Bruders Albany und derer, welche dem Geſchäft geeignet erfunden werden,“ ſagte der König.„Unſer Rath iſt aufgehoben. Rohſay, komm mit mir, leihe mir deinen Arm, ich will dich allein ſprechen.“ „Holla,“ rief der Prinz, in demſelben Ton, mit dem er ſich an ſein Pferd gewandt hätte. »Was will der grobe Junge? fragte der König. „Rothfay, wirſt du nie verſtändig und höflich werden?“ „Glanht nicht, daß ich Euch beleidigen wollte, Ener 3²2 Gnaden,“ antwortete Rothſay,„aber wir trennen uns, ohne über das Abendtheuer miit der todten Hand ge⸗ ſprochen zu haban, welche Douglas ſo galant aus der Taſche zog. Wir werden hier zu Perth nicht ruhig ſeyn, wenn wir mit den Bürgern in Krieg ſtehen.«« »Ueberlaßt mir das,« ſagte Albany.„Mit einigen geringen Geſchenken an Land und Geld und viel guten Worten werden ſich die Bürger diesmal beruhigen. Aber es wäre gut, den Baronen und ihren Leuten, welche ihre Pflicht am Hofe hält, Achtung für die Ruhe der Stadt zu empfehlen.* „Freilich muß das ſo ſeyn,«« war des Königs Ant⸗ wort;„man ſoll ſtrenge Befehle deßhalb ertheilen.« „Das heißt dieſen Schurken zu viel Gunſt zugeſte⸗ hen,“ fiel Douglas ein;„aber es geſchehe nach den Wünſchen Eurer Hoheit. Ich nehme mir die Freiheit, mich zurückzuziehen.« „Aber nicht eher, Mylord, als bis Ihr eine Flaſche Gaskogner gekoſtet habt,“ ſagte der König. „Verzeiht,“ entgegnete der Graf,„ich bin nicht auf⸗ gelegt und trinke nie aus Mode, ſondern nur aus Freund⸗ ſchaft oder Nothdurft.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Der König, froh ſich von ſeiner Gegenwart los ge⸗ macht zu haben, wandte ſich an den Herzog von Albany: „nun, Mylord, ſollten wir den jungen Burſchen Roth⸗ ſay ausſchelten. Indeß hat er uns im Staatsrath ſo* gute Dienſte geleiſtet, daß dieſes Verdienſt uns ein wenig nachſichtiger gegen ſeine Fehler machen wird.“ „Mein Bruder, Ihr begreift ſchwer,“ ſagte der Kö⸗ nig;„denn ich will nicht vorausſetzen, daß ihr eifer⸗ ſüchtig ſeyd. Habt ihr nicht bemerkt, daß Rothſay zu⸗ erſt an einen Kampf zwiſchen den Hochländern dachte? Eure Erfahrung, es iſt wahr, hat dem Vorſchlag eine paſſendere Geſtalt gegeben und er wurde allgemein gebilligt. Außerdem wollten wir uns eben trennen und vergeſſen, über eine ernſte Sache zu rathſchlagen und er hat uns an den Streit mit den Bürgern von Perth erinnert.“ 8* „Ich zweifle nicht, Sire,⸗ ſagte der Herzog von Al⸗ bany, mit einem billigenden Ton, von dem er wußte, daß er dem König gefallen würde,„daß mein königli⸗ cher Neffe einſt die Weisheit ſeines Vaters beſitzen wird.“ „Oder vielmehr,“ antwortete der Herzog von Roth⸗ ſay,„ich werde es vielmehr leichter finden, von einem andern Glied meiner Familie den glücklichen und beque⸗ men Mantel der Heuchelei zu entlehnen, der alle Laſter verdeckt und bei deſſen Beſitz es wenig verſchlägt ob ſie vorhanden ſind oder nicht.“ „Mylord Prior,“ ſagte der Herzog, zu dem Domi⸗ nikaner gewandt,„wir bitten Euch, uns einen Augen⸗ blick allein zu laſſen. Der König und ich haben dem Prinzen Mehreres zu ſagen, was ſelbſt von Euch nicht gehört werden darf.“ Walter Scott's Werke. 1538 Böchen. 54 Der Prior verbengte ſich und verließ das Gemach. Als die beiden Brüder und der Prinz allein waren, ſwhien der König betrübt und verlegen, Albany düſter und nachdenklich, während der Prinz ſelbſt ſeine Aengſt⸗ lichkeit unter ſeiner gewöhnlichen leichtſinnigen Miene zu verbergen ſuchte. Es herrſchte ein Stillſchweigen von einer Minute und Albany nahm das Wort: „Mein königlicher Bruder, der Prinz, mein Neffe, nimmt alle Vorſtellungen, die aus meinem Munde kom⸗ men, mit ſo viel Mißtrauen auf, daß ich Eure Maje⸗ ſtät bitte ſelbſt die Mühe zu übernehmen, ihm zu ſa⸗ gen, was er wiſſen muß.“ „Das muß eine höchſt unangenehme Mittheilung ſeyn,“ ſagte der Prinz,„wenn Mylord Albany ihren Inhalt nicht in ſüße Worte hüllen kann.“ „Ruhig, zügelloſer junger Menſch,“ ſagte der König zornig,„Ihr habt ſo eben von dem Streit mit den Bürgern geſprochen, wer war die Urſache dieſes Streits, Robert? Wer waren die Leute, die einem ruhigen Ein⸗ wohner, unſrem Vaſallen die Fenſter zerſchmetterten? wer ſind ſie, die die Ruhe der Nacht durch Fackellichte und das Geräuſch lüderlichen Umherſchwärmens ſtörten und unſere Unterthauen in Gefahr und Schrecken ver⸗ ſetzen?“ 3 „Mehr in Furcht als Gefahr, denke ich,“ entgegnete der Prinz.„Aber wie kann ich Euch ſagen, wer die Lente ſind, die die nächtliche Unruhe veranlaßten?“ „Es war unter ihnen jemand aus deinem Gefolge“ fuhr der König fort,„ein Belialsmenſch, den ich zu harter Strafe verurtheilen werde,“ 35 „Ich habe, ſo viel ich weiß, keine Diener, die fähig ſind, die Ungnade Eurer Hoheit zu wagen.“— „Ich will Offenheit, junger Menſch! Wo warſt du in der Nacht vor St. Valentin?“ „Es iſt vorauszuſetzen, daß ich den guten Heiligen diente, wie ein frommer Mann es ſoll,“ ſagte der Prinz nachläßig. „Wollte der Prinz, mein Neffe, uns berichten, wo ſich ſein Stallmeiſter die Nacht vor dieſem ſchönen Feſte befand?“ fragte der Herzog Albany. „Sprich Robert, ich befehle es dir zu ſprechen,“ ſprach der König. „Ramorny war in meinem Dienſte beſchäftigt. Ich glaube, dieſe Antwort kann meinem Oheim genügen.“ „Aber mir genügt ſie nicht,“ antwortete der unzu⸗ friedene Vater.„Gott weiß, daß ich nie gewünſcht habe, Blut fließen zu ſehen. Aber ich will den Kopf dieſes Ramorny haben, wenn das Geſetz mir ihn geben kann. Er war der Genoſſe und Rathgeber bei deinen Laſtern und Thorheiten. Ich will dafür ſorgen, daß er es nicht mehr iſt. Ruft Mac⸗Louis mit einer Wache.“ „Verurtheilt keinen Unſchuldigen,“ ſagte der Prinz, zu allen Opfern entſchloſſen, um ſeinen Günſtling vor der ihn bedrohenden Gefahr zu ſchützen.„Ich gebe Euch mein Wort, daß Ramorny in meinem Dienſt be⸗ ſchäftigt war und alſo nicht in dieſe Streitigkeit ver⸗ wickelt ſeyn konnte.“ „„Du willſt mich durch eine falſche Zweideutigkeit be⸗ trügen,“ erwiederte der König, indem er dem Prinzen 2* 3 36 einen Ring zeigte.„Betrachte Ramorny's Siegelring, der bei dem elenden Gefecht verloren ging. Er fiel ei⸗ nem von Douglas Leuten in die Hände und wurde von dem Grafen meinem Bruder zugeſtellt. Bitte nicht für Ramorny; er ſoll ſterben. Geh mir aus dem Ge⸗ ſicht und berene in deiner laſterhaften Frechheit, den Zorn eines Königs mit einer Lüge im Mund herausge⸗ fordert zu haben. Schäme dich, Robert, ſchäme dich. Als Sohn haſt du deinen Vater betrogen, als Ritter dem Chef deines Ordens eine Lüge geſagt.“ Der Prinz blieb mit unruhigem Gewiſſen und von ſeinem Unrecht überzeugt, ſtumm vor dem König. Nun ließ er ehrenvollen Gefühlen, die immer im Grund ſei⸗ nes Herzens lebten, den Lauf und warf ſich ſeinem Va⸗ ter zu Füßen. „Der Ritter, der ſich eine Lüge erlaubt hat,“ ſagte er,„verdient ausgeſtoßen zu werden, der untreue Un⸗ terthan verdient den Tod. Aber erlaubt einem Sohn, ſeinen Vater um Verzeihung für einen Diener zu bit⸗ ten, der ihn nicht zum Laſter verführt, ſondern ſich ſelbſt ungern in daſſelbe geſtürzt hat, aus Gehorſam gegen den Befehl ſeines Gebieters. Laßt mich das ganze Ge⸗ wicht der gerechten Strafe meiner Thorheiten tragen; aber verſchont die, welche mehr die Werkzeuge als die Mitſchuldigen derſelben waren. Erinnert Euch, daß es meine heilige Mutter war, die ſelbſt den Ramorny in meine Dienſte brachte.“ „Nennt ſie nicht, Robin, ich verbiete es Euch,“ ſagte der König;„ſie iſt glücklich, daß ſie den Sohn ihrer 37 Liebe nie durch ſeine Laſter entehrt und einer Lüge ſchuldig geſehen hat.«« „Ich bin in der That unwürdig, ſie zu nennen,« antwortete der Prinz; aber mein theurer Vater; ich bitte in ihrem Namen um Gnade für Ramorny.« „Wenn ich meinen Nath anbieten kann,« ſagte der Herzog von Albany, der merkte, daß zwiſchen Vater und Sohn bald eine Verſöhnung ſtatt haben würde, „ſo würde ich vorſchlagen, den Ramorny nebſt der Strafe, die ſeine Unklugheit verdient, von dem Haus und der Geſellſchaft des Prinzen zu verabſchieden. Das Volk wird mit ſeiner Ungnade zufrieden ſeyn und die Sache ſich leicht machen laſſen, wenn Seine Hoheit nicht verſucht, ihren Diener der Gerechtigkeit zu ent⸗ ziehen.“« „Gebt Eure Zuſtimmung, Robin,“ ſagte der König mit zitternder Stimme und thränenvollen Augen, „dieſen gefährlichen Menſchen wegzuſchicken? Ihr gebt ſie um meinetwillen, der ich Euch mit Freuden mein Leben opfern würde?«« „Ich thue es, mein Vater,“ ſagte der Prinz,„ich will es gleich thun;« hiemit nahm er eine Feder, ſchrieb den Abſchied Ramorny's und übergab ihn dem Herzog von Albany. „ Könnte ich alle Eure Wünſche ſo leicht erfüllen, mein Vater?« fügte der Prinz bei und warf ſich dem König wieder zu Füßen, der ihn ſogleich aufhob und zärtlich in die Arme ſchloß. Albany betrachtete die Scene mit finſterem Geſicht und ſchwieg. So waren einige Minuten verfloſſen, als 38 er ſagte:„da dieſer Streit ſo glücklich geendigt iſt, ſo ſey mir erlaubt, Eure Majeſtät zu fragen, ob Ihr der Hora in der Kapelle beiwohnen wollt.«« „Freilich,« ſagte der König.„»Habe ich nicht Gott zu danken, daß ex die Einigkeit in meiner Familie hergeſtellt hat? Ihr werdet mit uns gehen, Bruder.“ „Wenn Eure Gnaden mir die Erlaubniß geben, weg⸗ zubleiben,« war des Herzogs Antwort,„ſo will ich mich mit Douglas berathen, wie man am beſten dieſe hochländiſchen Geier in die Falle lockt.« Albany verließ das Gemach, um an ſeine ehrgeizi⸗ gen Entwürfe zu denken, während der König und ſein Sohn dem Gottesdienſt beiwohnten und Gott für ihre glückliche Verſöhnung dankten. 59 Dreizehntes Kapitel. In einem der fruͤhern Kapitel befanden wir uns am Beichtſtuhl des Koͤnigs von Schottland. Nun wollen wir unſern Leſern eine aͤhnliche Scene vorfuͤhren, wenn auch Ort und Perſonen ganz verſchieden ſind. Statt eines finſtern gothiſchen Kloſtergemachs haben wir eine der ſchoͤnſten Ausſichten Schottlands vor Augen, die ſich am Fuß des Berges Kinnul hinſtreckt. An einem Felſen, der ſie in jeder Richtung beherrſchte, ſaß das ſchoͤne Maͤdchen von Perth und hoͤrte mit andaͤchtiger Aufmerkſamkeit die Lehren eines in ſein weißes Ge⸗ wand und ſein Scapulier gekleideten Karthaͤuſermoͤnchs. Er hatte eben eine Rede geendigt, welcher er ein Ge⸗ bet beifuͤgte, worin ſein Beichtkind andaͤchtig ein⸗ ſtimmte. Als ihre Andachtsuͤbungen geendigt waren, ſetzte ſich der Prieſter und heftete eine Zeitlang die Augen auf das praͤchtige Gemaͤlde, das trotz der noch kalten Jahreszeit alle ſeine Schoͤnheit bewahrte. End⸗ lich wandte er ſich an ſeine Gefaͤhrtin: „Wenn ich dieſes mannigfaltige Land mit ſeinen Schloͤſſern, ſeinen Kirchen, ſeinen Kloͤſtern und feſten Plaͤtzen betrachte, dieſe fruchtbaren Felder, dieſe ge⸗ dehnten Waͤlder und dieſen herrlichen Fluß, ſo weiß ich nicht, meine Tochter, ob ich mich mehr uͤber die Guͤte Gottes oder den Undank der Menſchen wundern ſoll. Er hat uns ein ſchoͤnes und fruchtbares Land— 40 gegeben und wir haben dieſes Land zu einem Kirch⸗ hof und Schlachtfeld gemacht. Er hat uns Gewalt uͤber die Elemente und die Kunſt geſchenkt, zu un⸗ ſerm Wohlbefinden und unſerer Vertheidigung Haͤu⸗ ſer zu bauen und wir haben ſie in Raͤuberhoͤhlen und Wohnungen der Luſt verwandelt. „Und doch, mein Vater,“ ſagte Katharina,„gibt es auf der Erde viel Oerter, wo man ruhig leben koͤnnte, ſelbſt in dem ſchoͤnen Lande, das vor unſern Augen liegt. Drunten ſeht Ihr vier Kloͤſter mit ihren Kir⸗ chen und Thuͤrmen, welche mit lauter Stimme die Buͤrger der Stadt zu mahnen ſcheinen, an ihre reli⸗ gioͤſen Pflichten zu denken. Die Bewohner dieſer Haͤu⸗ ſer haben ſich von der Welt, von ihrer Ehrſucht, von ihren Vergnuͤgungen getrennt, um ganz dem Dienſte des Himmels ſich zu weihen, und Alles um uns be⸗ zeugt, daß wenn Schottland auch ein Land des Bluts und der Verbrechen iſt, es doch die Pflichten kennt, welche die Religion den Menſchen auflegt.“ „Was Ihr ſagt, meine Tochter, hat den Schein der Wahrheit; aber wenn man die Sache naͤher betrachten kann, findet man ungluͤcklicher Weiſe weniger Gluͤck an den Orten, von denen ihr ſpracht. Zwar gab es eine Zeit in der chriſtlichen Welt, da ehrwuͤrdige Maͤn⸗ ner, von ihrer Haͤnde Arbeit lebend, ſich verſammel⸗ ten, nicht um behaglich zu leben und auf weichen Bet⸗ ten zu ruhen, ſondern um ſich gegenſeitig im chriſt⸗ lichen Glauben zu ſtaͤrken und dem Volk das Wort Gottes zu predigen. Ohne Zweifel gibt es noch ſolche 41 Maͤnner in den heiligen Oertern, auf die wir unſere Blicke richten; aber es iſt zu fuͤrchten, daß die Liebe in der Mehrzahl erkaltet iſt. Die Geiſtlichen ſind reich geworden, theils durch die Gaben frommer Men⸗ ſchen, theils durch die von Gottloſen, welche ſie in ihrer Unwiſſenheit aus dem Wahne darbrachten, durch Geſchenke an die Kirche eine Vergebung zu gewinnen, die der Himmel nur dem wahren Bußfertigen ſchenkt. Je reicher die Kirche wird, deſto nachſichtiger und fin⸗ ſterer werden ihre Lehren; wie ein Licht weniger hell glaͤnzen wuͤrde, wenn es in eine mit Gold umflochtene Lampe, als in ein einfaches Glas, geſtellt waͤre. Gott weiß, daß, wenn ich alle dieſe Dinge ſehe und tadle, es nicht geſchieht, um mich abzuſondern, oder ein Leh⸗ rer in Iſrael zu werden, ſondern, weil das Feuer, das in meiner Bruſt gluͤht, mir nicht mehr erlaubt, zu ſchweigen. Ich gehorche den Regeln meines Or⸗ dens und entziehe mich ihrer Strenge nicht; ſeyen ſie nun zu unſerem Heil weſentlich, oder bloße, um den Mangel der Buße und wahren Andacht zu erſe⸗ tzen, angenommene Foͤrmlichkeiten, gleichguͤltig, ich habe verſprochen, ja ich habe geſchworen, ſie zu beob⸗ achten und ſie werden um ſo mehr von mir verehrt, als man glauben koͤnnte, ich verlange die Bequemlich⸗ keiten des Lebens, wenn ich mich gegen ſie auflehnte. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich dem Leiden mei⸗ nes Koͤrpers wenig Wichtigkeit beilegen wuͤrde, wenn die Kirche ihre erſte Reinheit und die fromme Zucht ihre alte Einfachheit wieder gewaͤnne.“ 4² „Aber, mein Vater, nur dieſer Meinungen wegen nennt man Euch einen Lollharden und Schuͤler Wick⸗ les;*) man ſagt, Ihr wollt die Kirchen und Kloͤſter zerſtoͤren und die heidniſche Religion wieder herſtellen.⸗ „Deßwegen, meine Tochter, wurde ich genoͤthigt, zwiſchen Bergen und Felſen meine Zuflucht zu ſuchen und unter den Hochlaͤndern zu leben, die, trotz ihrer wilden Sitten, dem Zuſtand der Gnade naͤher ſind, als die, welche ich hinter mir ließ. Ihre Verbrechen ent⸗ ſtehen aus Unwiſſenheit, nicht aus Uebermuth. Ich werde kein Mittel unterlaſſen, das mir der Himmel an die Hand gibt, um ihrer Grauſamkeit zu entgehen. Denn ſo lang mich die Guͤte Gottes auf der Erde zuruͤckhaͤlt, nehme ich dieß fuͤr ein Zeichen, daß ich noch eine Pflicht zu erfuͤllen habe; aber wenn der Wille meines Herrn es gebieten wird, ſo weiß er, mit welchem Vergnuͤgen Clemens Blair von goͤttlicher Hoffnung beſeelt dieſes elende Leben gegen das ver⸗ tauſchen wird, das in einer gluͤcklichen Welt uns ver⸗ heißen iſt. Aber warum ſiehſt du ſo aufmerkſam gegen Norden, meine Tochter? Deine jungen Augen ſind beſſer als die meinigen: ſiehſt du Jemand von dieſer Seite kommen 2⸗ „Ich ſehe hin, mein Vater, ob der junge Hochlaͤnder Conachar nicht erſcheint, der Euch durch die Berge fuͤhren und deſſen Vater Euch einen rauhen, aber ſichern Zufluchtsort geben wird. Er hat es mir oft *) Ketzer des 14ten FJahrhunderts. . Anum. d. Her. — 43 verſprochen, wenn wir zuſammen von Euch und Euren Lehren ſprachen. Ich fuͤrchte nur, er moͤchte jetzt bei Leuten ſeyn, die es ihn bald vergeſſen laſſen.“ „Der junge Menſch hat Funken der Gnade in ſich,“ ſagte der Pater Clemens,„ob er gleich aus einem Geſchlechte iſt, das ſeinen wilden und grauſamen Sit⸗ ten zu treu bleibt, um geduldig den von der Religion oder den Geſetzen der Geſellſchaft auferlegten Zwang zu tragen. Du haſt mir nie geſagt, wie der junge Mann dazu kam, in deines Vaters Haus zu wohnen; es iſt dieß den Gebraͤuchen des Hochlands ſo gut als denen der Stadt zuwider.“ „Alles, was ich weiß,“ antwortete Katharina,„iſt, daß der Vater Conachar's ein bedeutender Mann un⸗ ter den Bergbewohnern iſt, und meinen Vater, der in Handelsverbindungen mit ihm ſtand, um den Ge⸗ fallen bat, ihn eine Zeitlang bei ſich zu behalten. Vor zwei Tagen trennten ſie ſich und er kehrte in das Hochland zuruͤck.«« „Und wie, meine Tochter, haſt du ſolche Verbindun⸗ gen mit ihm unterhalten und wiſſen koͤnnen, wohin du ſchicken mußteſt, um ihn zu bitten, daß er mir ei⸗ nen Dienſt leiſte. Gewiß habe ich Urſache, zu ſtaunen, daß ein junges Maͤdchen ſo vielen Einfluß auf einen jungen wilden Ritter, wie dieſer Bergbewohner, be⸗ ſitzt.“ Katharina erroͤthete und antwortete zaudernd: „Wenn ich einigen Einfluß auf Conachar beſitze, ſo iſt Gott mein Zeuge, daß ich ihn nur brauchte, um 44 ſeinen ſtolzen Charakter zu maͤßigen und unter die Geſetze der Bildung beugen zu laſſen. Auch iſt es wahr, mein Vater, daß ich ſchon lange glaubte, Ihr wuͤrdet genoͤthigt werden, die Flucht zu ergreiſen und daß ich mit ihm verabredet hatte, an dieſem Ort zuſammen zu treffen, ſobald er von mir einen Boten und ein Pfand, das ich ihm geſtern ſchickte, erhalten haͤtte. Der Bote war ein gewandter Knabe von ſei⸗ nem eigenen Clan, den er oft mit Auftraͤgen in das Hochland ſchickte.“ „Und ſoll ich glauben, meine Tochter, daß der junge Menſch Euch nur durch den Wunſch wichtig war, ſeinen Geiſt aufzuklaͤren und ſeine Sitten umzubilden?“ „So iſt es, mein Vater, und nicht anders,“ ent⸗ gegnete Katharina.„Vielleicht hatte ich Unrecht, ſo vertraulich mit ihm zu ſeyn, ſelbſt zu ſeinem Beſten und ſeiner Belehrung; aber unſer Umgang hatte nie einen andern Zweck.“ „So habe ich mich getaͤuſcht, meine Tochter; aber ich glaubte ſeit einiger Zeit eine Veraͤnderung in Eu⸗ ren Abſichten und einige Blicke der Luſt auf die Welt bemerkt zu haben, welche Ihr ſonſt verlaſſen wolltet.“ Katharina ließ den Kopf häͤngen, erroͤthete noch ein⸗ mal lebhaft und ſagte:„Ihr ſelbſt, mein Vater, ra⸗ thet mir ja, den Schleier nicht zu nehmen.“ „Ich wuͤrde das heute nicht mehr billigen, mein Kind; die Ehe iſt ein ehrenvoller Stand und vom Himmel zur Fortpflanzung des menſchlichen Geſchlech⸗ tes geboten. Nie habe ich in der heiligen Schrift 45 geleſen, wie menſchliche Satzungen es ſeither feſtgeſetzt haben, daß die Cheloſigkeit ein hoͤherer und bevorrech⸗ teter Stand iſt; aber ich bin auch beſorgt um deinen Ruhm, mein Kind, ſo ſehr als ein Vater es um ſeine einzige Tochter ſeyn kann, und ich wollte nicht, daß du dein Schickſal einem deiner unwuͤrdigen Mann opferteſt. Dein Vater, weniger ſchwierig, als ich es wegen deiner ſeyn wuͤrde, billigt die Bewerbungen des tapferen Polterers, den man Heinrich von Wynd nennt. Er iſt reich, das mag ſeyn; aber wer eine leichtſinnige und luͤderliche Geſellſchaft beſucht, ein Zaͤnker, der Menſchenblut ſo leicht wie Waſſer ver⸗ gießt, kann der ein geeigneter Gatte fuͤr Katharinen Glover ſeyn? Und doch ſpricht jeder von ihrer nahen Verbindung.“ Die Wangen des ſchoͤnen Maͤdchens von Perth wur⸗ den abwechſelnd roth und blaß, waͤhrend ſie ſich beeilte, zu antworten: „Ich denke nicht an ihn, obwohl wirklich ſeit langer Zeit einige Hoͤflichkeiten zwiſchen uns gewechſelt wur⸗ den, weil er der Freund meines Vaters und nach dem Gebrauch der Zeit mein Valentin iſt.« „Dein Valentin, mein Kind? und wie konnte deine natuͤrliche Klugheit und Sittſamkeit, verbunden mit dem Zartſinn deines Geſchlechts, ſolche Verbindungen mit einem Menſchen, wie dieſer Waffenſchmied, er⸗ dulden? Glaubſt du, daß St. Valentin, der ein from⸗ mer Mann, ein chriſtlicher Biſchof war, je eine ſo leichtſinnige, ja unſchickliche Sitte erfand? ſie nahm 46 vielmehr ihren Urſprung in der Verehrung, die die Heiden der Flora und Venus weihten, als die Sterb⸗ lichen ihre Leidenſchaften vergoͤtterten und ſich, ſtatt ihnen Zuͤgel anzulegen, um ihre Aufregung bemuͤhten.“ „Mein Vater,“ ſagte Katharing, mit einem unzu⸗ friedeneren Ton, als ſie gewoͤhnlich gegen den Kar⸗ thaͤuſer annahm;„ich begreife nicht, warum Ihr mich ſo ſtreng daruͤber tadelt, daß ich mich einem allgemei⸗ nen Gebrauch, der durch die Gewohnheit befeſtigt und durch die Bewilligung meines Vaters geheiligt iſt, unterwerfe; ich kann uͤber Eure ſchlimme Auslegung meiner einfachſten Handlungen nur betruͤbt ſeyn.“ „Verzeiht, meine Tochter,“ ſagte der Religioſe mild, „wenn ich Euch beleidigt habe. Aber dieſer Heinrich Smith iſt ein kuͤhner, zuͤgelloſer Mann, dem ihr keine Vertraulichkeit ſchenken koͤnnt, ohne eine noch grau⸗ ſamere Erklaͤrung Eures Benehmens fuͤrchten zu muͤſ⸗ ſen. Wenigſtens nicht, wenn Ihr nicht die Abſicht habt, ihn, und zwar ſo bald als moͤglich, zu heirathen.“ „Sprecht nicht mehr davon, mein Vater,“ ſagte Ka⸗ tharina,„Ihr verletzt mich mehr, als Ihr glaubt. Und vielleicht wuͤrde ich mir erlauben, Euch auf eine Art zu antworten, die ſich nicht ſchickt. Ich habe ſchon zu viel Urſache, es zu bereuen, daß ich mich einem ſo leichtſinnigen Gebrauch unterwarf. In jedem Fall glaubt, daß Heinrich Smith mir gleichguͤltig iſt, und daß ſelbſt die Vertraulichkeit, die aus dem St. Va⸗ lentinstag hervorging, keine Folgen mehr haben kann.“ „Ich bin gluͤcklich, Euch ſo reden zu hoͤren, meine 47 Tochter, und nun muß ich von einer andern Sache ſprechen, die mir noch mehr Unruhe um Euch macht. Sie kann Euch nicht unbekannt ſeyn; aber doch wuͤnſchte ich, ſelbſt von dieſen Felſen, dieſen Schluchten und Steinen umgeben, von etwas ſo Gefaͤhrlichem nicht reden zu muͤſſen. Katharina, Ihr habt einen Liebha⸗ ber vom hoͤchſten Rang, unter den Soͤhnen der er⸗ lauchteſten Haͤuſer Schottlands.“ „Ich weiß, mein Vater,“ antwortete Katharina ru⸗ hig,„und wuͤnſchte, es waͤre nicht ſo.“— „Ich wollte es auch, wenn ich in Katharine nur ein Kind der Thorheit ſehe, wie es die meiſten Maͤd⸗ chen ihres Alters ſind, beſonders wenn ſie die unſe⸗ lige Gabe der Schoͤnheit beſitzen; aber weil deine Reize, um die Sprache der leichtſinnigen Welt zu re⸗ den, einen Liebhaber von ſolchem Rang gefeſſelt haben, ſo werden deine Tugenden und deine Weisheit den durch deine Schoͤnheit erworbenen Einfluß uͤber den Geiſt des Prinzen behaupten.“ „Mein Vater,“ entgegnete Katharine,„der Prinz iſt ein Liebhaber, deſſen Liebe nur auf mein Verder⸗ ben ausgeht. Ihr erſchrackt ſo eben uͤber die Unvor⸗ ſichtigkeit, mit der ich die Bewerbungen eines Mannes annahm, deſſen Rang dem meinigen gleich iſt, und ſprecht jetzt mit Billigung von der anſtoͤßigen Leiden⸗ ſchaft, die der Kronerbe von Schottland fuͤr mich zu erklaͤren wagt, und Ihr wißt, daß er vor zwei Naͤch⸗ ten in Begleitung der Genoſſen ſeiner Ausſchweifung mich aus dem Hauſe meines Vaters entfuͤhrt haͤtte, 48 waͤre ich nicht durch den kuͤhnen Heinrich Smith ge⸗ rettet worden, der, wenn auch allzu gereizt, der Ge⸗ fahr bei der leichteſten Gelegenheit zu trotzen, doch auch immer bereit iſt, ſein Leben zum Schutze der Unſchuld oder zum Widerſtand gegen Unterdruͤckung zu wagen. Es iſt meine Pflicht, ihm dieſe Gerechtig⸗ keit wiederfahren zu laſſen.“ „Ja, das muß ich wiſſen; denn meine Stimme rief ihn Euch zu Huͤlfe. Ich ſah, als ich an Eurer Thuͤr voruͤberging, die, welche Euer Haus angreifen wollten und beeilte mich, die Huͤlfe der buͤrgerlichen Gewalt zu ſuchen, als ich einen Mann langſam vor mir her⸗ kommen ſah. Aus Furcht, es moͤchte dieß ein Hin⸗ terhalt ſeyn, verbarg ich mich hinter einem der Kir⸗ chenpfeiler von St. Johann und erkannte, als ich mit mehr Aufmerkſamkeit hinſah, Heinrich Smith. Es war mir leicht, zu errathen, wohin er ging, und ſagte ihm, was ich geſehen hatte, auf eine Art, die ihn ſeine Schritte verdoppeln hieß.« „Ich danke Euch dafuͤr, mein Vater; aber alles dieſes und die Sprache des Herzogs von Rothfay gegen mich zeigt, daß der Prinz ein junger, der Aus⸗ ſchweifung ergebener Menſch iſt, der die ſchlimmſten Mittel ergreifen wuͤrde, um einer augenblicklichen Be⸗ gierde zu genuͤgen, ohne an das Ungluͤck zu denken, das fuͤr mich daraus hervorginge. Sein Sendling Ramorny hatte ſelbſt die Unverſchaͤmtheit, mir zu ſa⸗ gen, mein Vater wuͤrde zuerſt dabei leiden, wenn ich lieber die Gattin eines ehrlichen Mannes als die 49 unwuͤrdige Buhlerin eines vermaͤhlten Fuͤrſten werde. Ich ſehe kein anderes Mittel, als den Schleier zu nehmen, oder meinen und meines Vaters Untergang zu wagen. Selbſt wenn keine andern Gruͤnde vor⸗ handen waͤren, wuͤrde der Schrecken, den mir die Drohungen eines ungluͤcklicher Weiſe zum Halten ſei⸗ nes Worts ſo faͤhigen Menſchen einfoͤßen, hinreichend ſeyn, um zu hindern, daß ich die Gattin eines ehr⸗ lichen Mannes werde; denn ich wuͤrde damit nur ſeinem Moͤrder die Thuͤr oͤffnen. Oh, guter Gott! welch ein Loos! bin ich dazu beſtimmt, das Ungluͤck meines Vaters und deſſen zu verurſachen, mit dem ich mein ungluͤckliches Schickſal vereinigen koͤnnte!« „Betruͤbe dich nicht, meine Tochter,« antwortete der Moͤnch;„es gibt ſelbſt in dieſem ſcheinbaren Elend fuͤr dich noch Gluͤck. Ramorny iſt ein Menſch, der das Vertrauen ſeines Herrn mißbraucht; der Prinz iſt zwar zerſtreut und leichtſinnig; aber wenn meine grauen Haare nicht getaͤuſcht werden, ſo wird ſich ſein Charakter bald aͤndern. Man hat ihm die Nieder⸗ träͤchtigkeit ſeines Guͤnſtlings gezeigt und er bedauert ſehr, ſeine ſchlechten Rathſchlaͤge befolgt zu haben. Ich glaube, oder vielmehr ich bin uͤberzeugt, daß ſeine Leidenſchaft fuͤr Euch reiner und edler werden wird, und daß die Lehre, die er von mir uͤber die Verderb⸗ niß der Kirche und der Zeit erhalten hat, in ſein Herz dringen und Fruͤchte darin hervorbringen ſoll, woruͤber die Welt ſtaunen und ſich freuen wird. Wenn Eure Lippen ihm die naͤmlichen Lehren wiederholen⸗ Walter Scott's Werke, 1538 Boͤchn. 4 50 ſo verkuͤnden alte Weiſſagungen den Sturz Roms durch das Wort eines Weibes.“ „Das ſind Traͤume, mein Vater,“« antwortete Ka⸗ tharina,„Traͤume eines mit hoͤheren Dingen zu ſehr beſchaͤftigten Geiſtes, um uͤber die Angelegenheiten der Erde richtig zu urtheilen. Wenn man zu lang in die Sonne geſehen hat, ſchaut man die andern Ge⸗ genſtaͤnde, die ſich dem Auge darbieten, nicht mehr deutlich.“ „Ihr urtheilt zu ſchnell, meine Tochter, und werdet bald von dem uͤberzeugt ſeyn, was ich Euch geſagt habe. Die Laufbahn, die ich vor dir geoͤffnet habe, koͤnnte einem Weib von minder feſter Tugend und ehrgeizigem Charakter nicht gezeigt werden. Vielleicht ſollte ich ſelbſt dir meine Hoffnungen nicht anver⸗ trauen, aber meine Zuverſicht auf deine Klugheit und deine Grundſaͤtze iſt feſt. Hoͤre denn, daß die roͤmi⸗ ſche Kirche die Bande brechen kann, die ſie ſelbſt ge⸗ macht hat und den Herzog von Rothſay von ſeiner Ehe mit Marjory von Douglas entbindet.“ Nachdem der Pater Clemens dieſe Worte ausge⸗ ſprochen hatte, ſchwieg er. „Und wenn die Kirche die Macht und den Willen hat, dieſe Bande zu brechen,⸗ ſagte Katharine,„wel⸗ chen Einfluß kann die Scheidung des Herzogs von Rothſay auf das Schickſal von Katharine Glover ha⸗ ben?¼. Sie betrachtete den Moͤnch unruhig, waͤhrend ſie eſprach. Er ſchien in einiger Verlegenheit zu ſeyn, 54 wie er ihr antworten ſollte; denn er ſchlug die Augen nieder, indem er ſagte: „Wozu diente die Schoͤnheit von Katharine Logie? Wenn uns unſere Vaͤter nicht belogen haben, ließ ſie ſie den Thron von David Bruce theilen.⸗ „„Lebte ſie gluͤcklich? und wurde ſie bedauert, als ſie ſtarb, mein Vater?« fragte Katharine mit derſel⸗ ben Ruhe und Feſtigkeit. „»Sie brachte dieſe Verbindung durch ſuͤndhaften Ehrgeiz getrieben zu Stande und fand ihren Lohn in der Eitelkeit und Unruhe des Gemuͤths. Aber haͤtte ſie ſich mit der Abſicht vermaͤhlt, ihren Gatten zu be⸗ kehren, oder in ſeinem Glauben zu ſtaͤrken, was waͤre dann ihr Lohn geweſen? Liebe und Ehre auf Erden und im Himmel ein Theil an dem Erbe der Koͤnigin Margaretha und der Heldinnen, welche die Muͤtter der Kirche waren.“ 3 Bis jetzt war Katharine auf einem Stein ſitzen ge⸗ blieben, der neben den Fuͤßen des Moͤnchs lag; ſie erhob die Augen zu ihm, wenn ſie ihn anredete oder hoͤrte; aber jetzt erhob ſie ſich, durch das Gefuͤhl einer zwar ruhigen aber feſten Mißbilligung gleichſam be⸗ geiſtert und ſtreckte, den Moͤnch anredend, ihre Hand gegen ihn aus; ſie glich einem Engel, der abgeſchickt iſt, um die Irrthuͤmer eines Sterblichen zu unterdruͤ⸗ cken und der ihn beklagt, indem er ihn verdammt: „Habe ich recht gehoͤrt und die Wuͤnſche, die Hoff⸗ nungen, die Ehren dieſer peraͤchtlichen Welt koͤnnen den ſo ſehr beſchaͤftigen, der morgen vielleicht abge⸗ 4* 52 rufen wird, ſein Leben dafuͤr zu geben, daß er ſich der Verderbniß der Zeit widerſetzt und eine entartete Geiſtlichkeit angeklagt hat? Iſt es der tugendhafte, der ſtrenge Pater Clemens, der ſeinem Kind raͤth, nach einem Thron und einem Bette zu ſtreben, die nur durch eine niedrige uUngerechtigkeit gegen diejenige frei werden koͤnnen, welche ſie bereits beſitzt? Iſt es der weiſe Wiederherſteller der Kirche, der ſeine Plane auf ſo vergaͤngliche Grundlagen ſtuͤtzt? Seit wann, guter Vater, hat der leichtſinnige Prinz ſein Betragen geaͤndert und den Wunſch geaͤußert, um die Tochter eines Handwerkers von Perth ehrlich zu werben? Zwei Tage muͤſſen dieſe Veraͤnderung hervorgebracht haben; denn kaum iſt dieſer kurze Zeitraum verfloſſen, ſeit er das Haus meines Vaters mitten in der Nacht und in abſcheulicherer Abſicht, als ein elender Raͤu⸗ ber angriff. Und glaubt Ihr, wenn auch Roth⸗ ſay's Herz ihn an eine ſeiner Geburt ſo wenig wuͤr⸗ dige Heirath denken ließe, glaubt Ihr, er koͤnnte ſie durchſetzen, ohne zugleich ſeinen Thron und ſein Leben zu wagen, wenn er zugleich damit das Haus des Gra⸗ fen von March und von Douglas beleidigte. O Vater Clemens, wo waren Eure Grundſaͤtze? wo war Eure Klugheit, als ſie Euren Geiſt zu dieſem ſeltſamen Traume ſich verirren ließen und der niederſten Eurer Schuͤlerinnen das Recht gaben, Euch Vorwuͤrfe zu machen?“ Die Augen des Greiſen füllten ſich mit Thraͤnen, und Katharine, ſichtbar bewegt durch das, was ſie ge⸗ ſagt hatte, blieb ſtill. 5³⁵ „Durch den Mund der Kinder,“ ſagte der Moͤnch, „hat Gott die unterrichtet, die ſich die Weiſen ihres Geſchlechtes nannten; ich danke dem Himmel, daß er mir gerechtere Gedanken zufluͤſtern ließ, als ſie mir eine ſo ſuͤße Stimme, meine Eitelkeit, eingab. Ja, Katharine, ich will mich nicht mehr wundern, wenn die, die ich ſchon ſo ſtreng richtete, um weltliche Macht buhlen und zugleich die Sprache eines geiſtlichen Ei⸗ fers fuͤhren. Ich danke dir, meine Tochter, fuͤr deine Warnungen und dem Himmel, daß er ſie von deinen Lippen und nicht von denen eines ſtrengen Richters kommen ließ.“ Katharine hatte das Haupt gehoben und wollte dem Greis troͤſtliche Antwort geben, deſſen Demuͤthigung ſie betruͤbte, als ihre Augen an einem Gegenſtand in ihrer Naͤhe haften blieben. Unter den Felsſtuͤcken, die den einſamen Ort umgaben, lagen zwei einander ſo nahe, daß ſie ehemals ein einziger Stein geweſen und durch heftigen Sturm oder Erdbeben getrennt worden zu ſeyn ſchienen. Zwiſchen ihnen ſah man eine etwa vier Fuß breite Oeffnung unter Steinmaſ⸗ ſen. Eine Eiche wuchs aus dieſer hervor und zeigte ſo phantaſtiſche Geſtalten, als die Pflanzenwelt irgend hervorbringen kann. Die Wurzeln hatten ſich in tau⸗ ſend verſchiedenen Richtungen hervorgedraͤngt und ſuchten in den Felſenſpalten die noͤthige Nahrung, ihre ungleichen knotigen Wendungen boten denſelben Anblick dar, wie die ungeheuren Schlangen des indi⸗ ſchen Inſelmeers. In dem Augenblick, als Kathari⸗ 54 nens Blicke auf dieſes ſeltſame Gewier von Zweigen und Wurzeln fielen, bemerkte ſie ploͤtzlich zwei Augen, ſo funkelnd, wie die eines wilden Thiers. Sie ſchau⸗ derte zuſammen und zeigte den Gegenſtand mit dem Finger ihrem Gefaͤhrten, ohne zu ſprechen. Als ſie aufmerkſam hinſah, entdeckte ſie einen buſchigen Bart und rothe Haare, die vorher hinter dem Gezweig verborgen geweſen waren. Als er ſich beobachtet ſah, trat der Hochlaͤnder, denn ein ſolcher war es, aus ſeinem Schlupfwinkel hervor. Es war ein Mann von rieſenhaftem Wuchs mit einem Plaid aus roth, gruͤn und violett gewuͤrfeltem Zeug bedeckt, unter dem man eine Jacke von Stierfell bemerkte; Bogen und Pfeile hingen ihm über die Schultern, mit bloßem Haupt, dem ein buſchiges Haar, deſſen verwirrte Locken den Flechten(glibps) der Irlaͤnder glichen, ſtatt der Muͤtze diente. Am Guͤrtel hing Schwert und Dolch und in der Hand trug er eine daniſche Streitaxrt, die man ſpaͤter Lochaberart nannte.*) Es folgten ihm aus dem natuͤrlichen Saͤulengang vier nicht minder große Maͤn⸗ ner, die auf dieſelbe Art gekleidet und bewaffnet, hin⸗ tereinander hergingen. Katharine war zu ſehr an den Anblick von Hoch⸗ laͤndern in der Naͤhe von Perth gewoͤhnt, um ſo ſehr zu erſchrecken, wie es bei einem andern Maͤdchen aus dem Niederlande haͤtte der Fall ſeyn koͤnnen. Sie ſah mit ziemlicher Ruhe zu, wie die rieſenhaften Maͤn⸗ *) Eine Axt an einer Picke, ſeltſam geformt. Anm. d. Ker. 55⁵ ner einen Halbkreis um ſie und den Moͤnch ſchloſſen; ſie hefteten ihre großen Augen auf ſie, welche nach ihrem Urtheil eine wilde Bewunderung ihrer Schoͤn⸗ heit ausdruͤckten. Sie empfing die Maͤnner mit leich⸗ tem Kopfnicken und ſprach unvollkommen die gewoͤhn⸗ lichen Grußworte der Hochlaͤnder aus. Der Aelteſte, der den Trupp fuͤhrte, beantwortete den Gruß und wurde darauf ſtill und unbeweglich. Der Moͤnch nahm ſeinen Roſenkranz und auch Katharine fuͤhlte einen eigenen Schauder um ihrer perſoͤnlichen Sicherheit willen und trat, um ſogleich zu wiſſen, ob ſie und der Moͤnch den Ort frei verlaſſen duͤrften, vor, als wollte ſie den Berg hinabſteigen; aber als ſie durch die Linie gehen wollte, die die Bergbewohner gezogen hatten, ſtreckte jeder ſeine Streitart aus und fuͤllte den Raum, durch den ſie gehen konnte. Ein wenig verdutzt, aber nicht erſchrocken, denn ſie konnte nicht begreifen, daß die Hochlaͤnder unrechte Abſichten gegen ſie haͤtten, ſetzte ſie ſich auf ein Felſen⸗ ſtuͤk und beruhigte den Moͤnch, der an ihrer Seite war. „Wenn ich fuͤrchte,“ ſagte der Pater Clemens,„ſo iſt es nicht fuͤr mich; moͤge mein Haupt mit den Aex⸗ ten dieſer wilden Menſchen zerſchmettert und meine Haͤnde mit ihren Bogenſehnen gefeſſelt werden, um mich den grauſamſten Martern zu uͤbergeben, ich will das Leben nicht ungern hingeben, meine Tochter, wenn du ohne Gefahr entkoͤmmſt.“ „Wir haben Beide nichts Boͤſes zu fuͤrchten,“ ant⸗ wortete das ſchoͤne Maͤdchen von Perth;„dort kommt ja Conachar, der es uns verſichern wird.« 8 56 Waͤhrend ſie dieſes ſagte, waren ihre Augen noch ungewiß, ſo ſehr war Benehmen und Kleidung Cona⸗ chars veraͤndert; er ſprang von einem hohen Felſen und fiel leicht vor Katharinen nieder. Seine Klei⸗ dung war von demſelben Stoff, wie die der andern Hochlaͤnder, von denen wir ſo eben ſprachen, aber am Hals und den Ellbogen durch ein Halsband und Arm⸗ ringe von Gold befeſtigt. Sein Harniſch war glaͤn⸗ zend wie Silber polirt, die Arme mit Schmuck bela⸗ den, die Muͤtze, auſſer der Adlerfeder, die den Haͤupt⸗ ling bezeichnete, mit einer goldnen Kette geſchmuͤckt, die mehrmals um ſie herum lief und an einer mit Perlen beſetzten Agraffe befeſtigt war. Die Schnalle, die den Tartanmantel(oder Plaid, wie man esjetzt nennt, uͤber der Schulter feſthielt, war aus Gold kuͤnſtlich gearbeitet. Er hatte keine andern Waffen, als einen kleinen tannenen Stab mit zuruͤckgebogener Spitze in der Hand. Sein Gang und Benehmen, ſonſt der Ausdruck des Mißmuths und Kummers, den ihm ſeine Erniedrigung machte, zeigte jetzt ſeine Kuͤhnheit, ſeine Anmaßung und ſeinen Stolz. Er blieb mit ei⸗ nem ſelbſtgenuͤgſamen Laͤcheln vor Katharinen ſtehen, als wollte er ihr Zeit laſſen, ihn zu erkennen. „Conachar,“ ſagte Katharine, die dieſen unruhigen Zuſtand enden wollte,„ſind das die Leute Eures Vaters?“ „Nein, ſchoͤne Katharine,“ entgegnete der Juͤngling, „Conachar iſt nicht mehr und doch wird alles uUnrecht, das man ihm that, geraͤcht werden. Ich bin Jan 57 Eachin Maclan, Sohn des Haͤuptlings vom Clan Quhele. Ihr ſeht, ich habe mit dem Namen das Ge⸗ fieder geaͤndert. Dieſe Leute ſind nicht meines Va⸗ ters, ſondern meine Leute. Ihr ſeht nur die Haͤlfte davon; es iſt eine Schaar, die aus meinem Pflege⸗ vater und ſeinen acht Soͤhnen beſteht; meine Leib⸗ wache und die Kinder meines Guͤrtels,*) die nur athmen, um meinen Willen zu vollzkehen. Aber Co⸗ nachar lebt noch,“ fuͤgte er mit weicher Stimme hin⸗ zu,„wenn Katharine ihn ſehen will; er iſt in den Augen aller andern der junge Haͤuptling des Clans⸗ Quhele, aber bei ihr ſo demuͤthig und unterwuͤrfig, als waͤre er Simon Glovers Lehrjunge. Seht, dieß iſt der Stab, den ich von Euch an dem Tage erhielt, als wir im Aufang des Herbſtes dieſes bald verloffe⸗ nen Jahrs gingen, um an den Abhaͤngen von Ledroch Haſelnuͤſſe zu ſuchen. Ich gaͤbe ihn nicht fuͤr den Be⸗ fehlſtab meines Stammes.“ Waͤhrend Eachin ſprach, uͤberlegte Katharine, ob ſie nicht vielleicht unklug gehandelt haͤtte, einen uͤbermuͤ⸗ thigen Juͤngling um Huͤlfe zu bitten, der ohne Zweifel durch den ſchnellen Uebergang aus dem Zuſtand der Knechtſchaft zu einer Macht ſtolz geworden war, wel⸗ che ihm auf wilde Menſchen einen graͤnzenloſen Ein⸗ fluß gewaͤhrte. *) Die, welche mir ſtets zur Seite ſtehen, wie der Guͤrtel, der meinen Leib umgibt; eine ganz gaͤliſche Redensart, die Douglas immer gebraucht. Anm. d. Ker⸗ 58 „Ihr fuͤrchtet mich nicht, ſchoͤne Katharine?“ fragte der Hochlaͤnder, das ſchoͤne Maͤdchen an der Hand faſſend.„Ich befahl meinen Leuten, einige Augen⸗ blicke vor mir zu erſcheinen, um zu ſehen, wie Ihr ihre Gegenwart ertraget, Ihr ſcheint mir, ſie zu be⸗ trachten, als waͤrt Ihr zur Gattin eines Clanhaͤupt⸗ lings beſtimmt.“ „Ich habe keinen Grund, die Bewohner des Hoch⸗ lands zu fuͤrchten,“ ſagte Katharine feſt,„beſonders wenn ich weiß, daß Conachar bei ihnen iſt, Conachar, der aus unſerm Becher getrunken und von unſerm Brod gegeſſen hat; mein Vater hat oft mit den Hoch⸗ laͤndern gehandelt und nie Streit mit ihnen gehabt.“ „Wirklich?“ ſagte Hector(denn dieß iſt der ſaͤchſiſche Name fuͤr Eachin)„wie? ſelbſt nicht, als er die Par⸗ thei von Gow Chrom,*) dem krummbeinigen Waf⸗ fenſchmied, gegen Eachin Mac Jan ergriff? Sagt nichts zu ſeiner Entſchuldigung und glaubt, daß es Euer eigener Fehler ſeyn wird, wenn ich je dieſen Streit in Auregung bringe.— Aber Ihr habt mir Befehle zu geben, ſprecht, ich werde gehorchen.“ Katharine antwortete ſchnell; denn es lag etwas in dem Benehmen und der Sprache des jungen Haͤupt⸗ lings, was ihr den Wunſch einfloͤßte, die Zuſammen⸗ kunft zu enden. *) Nach der Ueberlieferung hatte Heinrich von Wynd etwas krumme Beine, daher nannten ihn die Hoch⸗ laͤnder Gow Chrom. Anm. d. Ker. 39 „Eachin,“ ſagte ſie,„weil Conachar nicht mehr Ener Name iſt, Ihr denkt, daß ich, Euch um einen Dienſt bittend, mich an meines gleichen und nicht an einen Mann von höherem Rang zu wenden glaubte. Wir beide, Ihr und ich ſind dieſem guten Mönch für den Unterricht, den er uns gab, Dank ſchuldig. Er iſt in großer Gefahr; ſchlechte Menſchen klagen ihn wegen Verbrechen an, die er nicht begangen hat, er wünſcht, bis der Sturm vorüber iſt, in ſicherem Zufluchtsort zu bleiben.“ „Ach! der gute Vater Clemens! der würdige Mann that viel für mich und mein ungeſtümes Weſen war unfähig, ſeinen Rath zu benützen. Ich wollte wohl ſehen, daß Jemand aus der Stadt einen Menſchen ver⸗ folgte, der Mae Jan's Mantel berührt hat.“ „Es wäre unklug, ſich zu ſehr auf dieß Wort zu verlaſſen,“ ſagte Katharine.„Ich zweifle nicht an der Macht Eures Stammes, aber wenn Douglas der Schwarze ſich in eine Streitigkeit einläßt, ſo weicht er nicht vor dem Plaid eines Hochländers.“ Der Bergbewohner verbarg ſein Mißvergnügen unter einem erzwungenen Lächeln.„Der Sperling dort ſcheint größer,“ ſagte er,„als der Adler, der über dem Ben⸗ goil hängt. Ihr fürchtet die Douglas mehr, weil ſie Euch näher ſind. Aber Ihr wißt nicht, wie weit ſich unſere Thäler und Wälder jenſeits der dunklen Berge erſtrecken, die ihr dort in der Ferne ſeht. Ihr glaubt, die ganze Welt ſey an den Ufern des Tay. Dieſer gute Mönch wird Felſen ſehen, die ihn gegen ein gan⸗ 60 zes Heer dieſes Douglas ſchützen können; er wird Män⸗ ner gewahr werden, die im Stande ſind, ihn noch ein⸗ mal vom Süden der grampiſchen Berge zurück zu wer⸗ fen.— Aber warum ſollen wir nicht alle beiſammen ſeyn? Ich kann eine Schaar nach Perth ſchicken, die Euren Vater ſicher hieher bringt. Er kann über dem Tayſee ſeinen Handel treiben.— Ich werde nur keine Handſchuhe machen, ſondern ich will Eurem Vater Häute geben, aber keine mehr ſchneiden, als auf Men⸗ ſchenrücken.« „Mein Vater wird noch kommen, Euch in Eurem Haus zu beſuchen, Conachar, ich will ſagen, Hector. Aber die Zeiten müſſen ruhiger ſeyn. Es gibt Strei⸗ tigkeiten unter den Bewohnern der Stadt und den Leuten der Edeln und man ſpricht auch von Krieg mit dem Hochland.“ „Ja, bei unſerer Frau! Karharine! und ohne dieſen Krieg wäre Euer Beſuch im Gebirge länger, meine ſchöne Gebieterin. Aber die Bewohner des Hochlands werden nicht länger mehr in zwei Völker getheilt ſeyn. Sie werden ſich um die Herrſchaft ſchlagen und der Sieger wird mit dem König von Schottland nicht wie ein Unterthan, ſondern auf gleichem Fuß unterhandeln. Betet, fromme Katharine, daß der Sieg Mac Jan be⸗ günſtige und Ihr werdet für einen beten, der Euch zärt⸗ lich liebt.«— „Ich bete,“ ſagte das Mädchen,„für die gute Sache, oder vielmehr für den Frieden.— Lebt wohl, guter, trefflicher Vater Clemens. Glaubt, daß ich Eure Leh⸗ 61 ren nicht vergeſſen werde und gedenkt meiner in Eurem Gebet. Aber wie werdet Ihr eine ſo beſchwerliche Reiſe aushalten können?“ „Man trägt ihn, wenn es nöthig iſt,“ ſagte Hector, „und wenn wir weit kommen, ehe wir ein Pferd fin⸗ den. Aber Ihr, Katharine, habt einen weiten Weg nach Perth. Laßt mich Euch begleiten, wie ich's früher gewohnt war.“ „Wäret Ihr noch wie damals, ich würde Eure Be⸗ gleitung nicht ablehnen. Aber goldne Agraffen und Armbänder ſind eine gefährliche Geſellſchaft, wenn die Lanzen von Liddesdale und Annandale auf den Land⸗ ſtraßen ſo zahlreich ſind, als die Blätter am Palmtag; die Begegnung eines hochländiſchen Plaids und eines Waffenrocks würde nicht ruhig vorübergehen.“ Sie wagte dieſe Bemerkung, weil ſie in den Blicken des jungen Eachin zu beobachten glaubte, daß die Ge⸗ wohnheiten noch nicht von ihm beſiegt ſeyen, die er in ſeinem niedern Stande annahm und daß er, trotz ſeiner kühnen Worte, nicht tollkühn genug ſey, die Ueberzahl zu verachten, die ihm begegnet wäre, wenn er ſich der Stadt genähert hätte. Sie ſchien richtig geurtheilt zu haben, denn nach einem Abſchied, wobei ſie es dahin brachte, daß ſtatt ihres Mundes ihre Hand geküßt wurde, nahm ſie allein ihren Weg nach Perth und ſah die Hochländer, als ſie hinter ſich ſchaute, einen ſchwie⸗ rigen, ſteilen Weg einſchlagen und gegen Norden ge⸗ wandt bald verſchwinden, bald wieder erſcheinen. Je mehr der Raum zwiſchen ihr und dieſen Halb⸗ 62 wilden ſich dehnte, deſto kleiner ward ihre Unruhe⸗ Sie wußte, daß ihre Handlungen ſich nach dem Willen ihres Häuptlings richteten und dieſer war ein beweg⸗ licher, ungeſtümer Jüngling! Bei ihrer einſamen Rück⸗ kehr uach Perth fürchtete ſie keine Beleidigung von den Kriegsleuten beider Partheien, die ihr begegnen konnten, denn die Geſetze des Ritterthums waren da⸗ mals ein ſichererer Schutz für ein Mädchen von an⸗ ſtändigem Betragen, als eine Begleitung von Bewaff⸗ neten; aber entferntere Gefahren ſchreckten ihr Ge⸗ müth. Die Bewerbungen des Prinzen hatten einen furchtbareren Charakter angenommen, ſeit ſein unwür⸗ diger Günſtling ihr, wenn ſie bei ihrer Ziererei, wie er es nannte, beharren würde, zu drohen gewagt hatte⸗ Solche Drohungen in dieſem Jahrhundert und aus ſol⸗ chem Mund waren ein ernſtlicher Gegenſtand des Schre⸗ ckeus, Conachars Anſprüche an ihre Liebe, die er in ſeinem Knechtſtand kaum unterdrückt hatte, jetzt aber laut ausſprach, wurden ein neuer Zuwachs zu ihrer Unruhe. Die Hochländer hatten bereits mehr als einen Einfall in Perth gemacht, mehrere Bürger, aus ihren eigenen Häuſern weggeführt, waren gefangen worden oder in den Straßen der Stadt unter dem Claymore*) gefallen. Außerdem fürchtete ſie die Zudringlichkeit ihres Vaters zu Gunſten des Waffenſchmieds, deſſen unwürdiges Be⸗ tragen am Valentinstag ihr hinterbracht worden war. Wäre er auch nicht ſchuldig geweſen, ſie hätte doch *) Das breite hochlaͤndiſche Schwert. Anm. d. Her. 63 nicht gewagt, ihm Gehör zu geben, denn immer klan⸗ gen ihr Ramorny's ſchreckliche Drohungen in den Oh⸗ ren. Dieſe Gefahren, dieſe Furcht flößten ihr mehr als je den Wunſch ein, den Schleier zu nehmen, aber ſie ſah keine Möglichkeit, ihres Vaters Einwilligung dazu zu erhalten. Unter dieſen Gedanken können wir nicht entdecken, ob es Katharinen ſehr leid war, daß dieſe⸗ Gefahren aus ihrer Schönheit entſprangen. Der Titel des ſchönen Mädchens von Perth ſchmeichelte ohne Zweifel ihrer Eitelkeit und dieſe Schwachheit bewies, daß ſie noch nicht ganz ein Engel war. Vielleicht auch hatte ihr Herz noch eine andere ſchwache Seite, trotz der wirklichen oder vermeintlichen Fehler HeinrichSmiths, denn ein Seufzer entſchlüpfte ihrer Bruſt, ſo oft ſie an den St. Valentinstag dachte. Vierzehntes Capitel. Wir haben die Geheimniſſe des Beichtſtuhls ent⸗ ſchleiert, die des Krankenzimmers ſind uns nicht tiefer verborgen. In einem dunklen Gemach, wo Salben und Violen verkündeten, daß der Apotheker ſeine Heilmittel nicht geſpart hatte, lag ein großer, hagerer, junger Mann in ſeinem anliegenden Nachtkleide auf dem Bette; Bläſſe war über ſein Geſicht verbreitet und tauſend ſtürmiſche Leidenſchaften bewegten ſich in ſeiner Bruſt. 64 Alles im Gemache verkündete Reichthum. Henbane Dwining, der Apotheker, der den Kranken pflegte, glitt mit der Gewandtheit und Beweglichkeit einer Katze von einer Zimmerecke zur andern, beſchäftigt, ſeine Arzneien zu miſchen und einen Verband zu rüſten. Der Kranke ließ einige Seufzer hören und der Arzt, ſeinem Bette ſich nähernd, fragte ihn, ob ſeine Klagen eine Wirkung der Schmerzen ſeiner Wunde oder ſeiner Ge⸗ wiſſensbiſſe ſeyen. „Beides, elender Giftmiſcher,“ antwortete Sir John Ramorny,„ſie kommen auch von dem Aerger, daß ich deine ſchlechte Geſellſchaft ertragen muß.“ „Wenns das iſt, ſo kann ich wenigſtens Ein Uebel Eurer Herrlichkeit heilen,“ ſagte der Apotheker,„wenn ich gehe, wohin mich andere Geſchäfte rufen. Dank den Händeln dieſer ſtürmiſchen Zeiten, wenn ich zwan⸗ zig Hände hätte, ſtatt zwei,(abei zeigte der Apothe⸗ ker ſeine dürren Hände) es würde Arbeit genug geben⸗ ſie zu beſchäftigen und wohlbelohnte Arbeit, wo Geld und Dank ſich ſtreiten, welches am beſten meine Dienſte bezahlt; während Ihr, Sir John, allen Zorn, den Ihr dem Urheber Eurer Wunde ſchuldig ſeyd, auf Euren Arzt häuft.“ „Es iſt unter meiner Würde, dir zu antworten, Schurke,“ ſagte Sir John, aber jedes Wort deiner boshaften Zunge iſt ein Dolch, der Wunden öffnet, welche aller Balſam Arabiens nicht ſchließen kann.“ „Sir John, ich verſtehe Ench nicht; aber wenn Ihr ſo Eurer Wuth den Lauf laßt, ſo kann nichts anders, als Fieber und Entzündung entſtehen.“ 65 „Nun, warum ſprichſt du denn ſo, daß es mir das Blut erhitzt? warum ſagſt du Elender, du könnteſt mehr Hände brauchen, als die Natur dir gab, während ich, ein Ritter, ein Edelmann, wie ein Krüppel ver⸗ ſtümmelt bin?“ „Sir John,“ entgegnete der Apotheker,„ich bin kein Theologe, noch glaube ich ſo feſt an das, was die Theo⸗ logen uns ſagen. Aber doch muß ich Euch erinnern, daß die Vorſehung Euch hätte noch grauſamer behan⸗ deln können; denn wäre der Hieb, der Euch dieſe Wunde ſchlug, über Eure Schultern gefallen, wohin er zielte, ſo hätte er Euch das Haupt abgeſchlagen, ſtatt ein minder wichtiges Glied wegzunehmen.“« „Ich wünſchte, das wäre ſo geweſen, Dwining, ich wünſchte, der Hieb wäre höher gefallen; dann hätte ich doch nicht geſehen, wie ſo künſtlich verflochtene Plane plötzlich durch die rohe Gewalt eines beſoffnen Bauers geſtürzt wurden. Ich wäre nicht dazu aufge⸗ ſpart, Roſſe zu ſehen, die ich nicht beſteigen, Schran⸗ ken, in die ich nicht einreiten, eine Größe, die ich nicht genießen, Schlachten, in denen ich nicht ſchlagen kann. Ich wäre nicht dazu aufgeſpart, mit den ungeſtümen Leidenſchaften und dem Ehrgeiz eines Mannes von nun an das ruhige Leben der Weiber zu führen, auch von ihnen wie ein elender Unmächtiger verachtet, der nicht werth iſt, die Gunſt des ſchönen Geſchlechts zu ge⸗ winnen.“ „Geſetzt auch, es ſey ſo,« erwiederte Dwining, im⸗ mer mit dem Verband beſchäftigt,„ſo würde ich Euch Walter Scott's Werke. 1538 Boͤchen. 5 66 bitten, darauf zu merken, daß Eure Augen, die Ihr mit dem Kopf verloren zu haben wünſcht, Euch noch ein eben ſo großes Vergnügen als das des Ehrgeizes zeigen können, oder des Sieges in den Schranken und im Schlachtfeld, oder ſelbſt der Liebe.“ „Mein Verſtand iſt zu ſchwach, um Euch zu verſte⸗ hen,“ ſagte Ramorny, aber welches iſt denn das präch⸗ tige Schauſpiel, das mir in meinem Unglück aufbehal⸗ ten iſt?“ „Das lebhafteſte Vergnügen, das ein Menſch fühlen kann,“ war Dwinings Antwort. Hierauf ſprach er mit dem Ton eines Verliebten, der den Namen eines angebeteten Mädchens nennt und deſſen Leidenſchaft ſich ſelbſt im Ton der Stimme verräth:„Rache!“ Der Kranke hatte ſich auf ſeinem Bett aufgerichtet, um die Löſung vom Räthſel des Apothekers zu verneh⸗ men; er legte ſich zurück, als er ſie gehört hatte und ſagte nach augenblicklichem Stillſchweigen:„Aus wel⸗ cher chriſtlichen Schule habt Ihr dieſe Moral geſchöpft, Meiſter Dwining?“ „Aus keiner chriſtlichen Schule, denn obwohl ſie ins⸗ geheim von den meiſten angenommen iſt, wird ſie doch von keiner offen und männlich bekannt. Aber ich habe unter den Weiſen von Granada ſtudirt, wo der feurige Maure ſtolz den Dolch empor hebt, den er ſo eben blutig aus dem Herz ſeines Feindes zog und ſich der Lehre rühmt, die der feige Chriſt ausübt, ohne daß er den Muth hat, ſie zu nennen.“ „Du biſt ein Schurke, deſſen Seele mehr Kraft hat, als ich glaubte.“ 3 67 „Die ſtillen Waſſer ſind die tiefſten und der furcht⸗ barſte Feind iſt der, welcher nicht droht, ehe er trifft. Ihr Ritter und Kriegsleute geht gerade zum Ziel, das Schwert in der Hand, wir Gelehrten gehen leiſen Schriktes hinan ohne Geräuſch und erreichen es eben ſo ſicher auf Umwegen.“ „Und ich,« ſagte der Ritter mit Verachtung,„deſſen geharniſchter Fuß, wenn er zur Rache ſchritt, das Echo wiederhallen ließ, müßte mich eines Pantoffels bedie⸗ nen, wie du?“ „Wer die Gewalt nicht hat, der muß die Liſt brau⸗ chen,“ ſagte der verſchmitzte Arzt. „Sage mir frei, in welcher Abſicht du mir Teufels⸗ lectionen geben willſt. Warum willſt du mich ſchneller und weiter in meiner Rache führen, als ich auf eignem Antrieb gehen zu wollen ſcheine? Ich bin alt in der Menſchenkenntniß und weiß, daß Leute deiner Art ſolche Worte nicht ohne Abſicht fallen laſſen und nicht wagen, das gefährliche Vertrauen von Männern, wie ich, zu gewinnen, ohne daß ſie dadurch einen beſondern Zweck zu erreichen hoffen. Was kann dir daran liegen, ob ich friedlich oder blutig bei dieſen Umſtänden meine Bahn gehe?“ „Um frei zu ſprechen, Herr Ritter, was ich gewöhn⸗ lich nicht thue, will ich Euch ſagen, daß der Weg, den ich in meiner Rache verfolge, mit dem Euren der⸗ ſelbe iſt.“ „Mit dem meinen?“ fragte Ramorny verwundert und verächtlich, vich glaubte, höher zu ſchauen, als * 5 68. deine Blicke reichen können. Du haſt dieſelbe Rache zu ſuchen, wie Ramorny?“ „So iſts,“ erwiederte Dwining,„denn der Lümmel von Schmied, der den verwundenden Hieb auf Euch geführt hat, überhäufte mich oft mit Verachtung und Hohn. Er hat im Rath meine Plane durchkreuzt und mich bei der Ausführung verachtet. Seine grobe und entſchiedene Tapferkeit iſt ein lebendiger Vorwurf für meine natürliche Feinheit; ich fürchte ihn und alſo haſſe ich ihn.“ „Und hoffſt an mir einen thätigen Helfer zu finden?“ ſagte Ramorny immer noch in verächtlichem Ton.„So wiſſe, daß der Handwerker von zu niederm Rang iſt, um mir Haß oder Furcht einzuflößen. Uebrigens wird er geſtraft werden. Wir haſſen den Wurm nicht, der uns geſtochen hat, wenn wir ihn gleich abſchütteln und zertreten könnten. Ich kenne den Schuft ſchon lange; er verſteht die Waffen zu führen und iſt einer der Freier dieſer übermüthigen Puppe, deren Reize uns zu der weiſen und hoffnungsvollen Unternehmung verlockten. Teufel, die ihr dieſe Unterwelt regiert, aus welch über⸗ triebener Bosheit habt ihr beſchloſſen, daß die Hand, die die Lanze gegen das Herz eines Prinzen gezielt hat, wie ein junger Baum durch den Arm eines Elenden und während einer nächtlichen Ausſchweifung abgehauen wurde! Gut, Arzt; ſo weit iſt unſer Weg derſelbe und du darfſt glauben, daß ich dieſe Natter zertreten werde, wenn es dir gefällt. Aber glaube nicht, mir zu ent⸗ kommen, wenn dieſer erſte Theil meiner Rache erfüllt 69 iſt, was weder viel Zeit, noch Geſchicklichkeit fordern wird.“ „Es wird nicht ſo leicht ſeyn, wie Ihr denkt,“ ſagte der Apotheker,„denn, wenn Eure Herrlichkeit mir glauben will, wäre es weder ſicher, noch gerathen, ſich mit ihm zu meſſen. Er iſt der ſtärkſte, der kühnſte Mann und führt das Schwert am beſten unter allen, die in und um die Stadt Perth ſind.“ „Fürchte nicht, man wird ihm ſeinen Mann finden und wäre er ſo ſtark als Simſon. Aber merke dirs: hoffe nicht, ſelbſt meiner Rache zu entgehen, wenn du nicht in der darauf folgenden Scene mein leidendes Werkzeug ſeyn willſt. Höre wohl, ich ſage dirs noch einmal, ich habe nicht in einer mauriſchen Schule ſtu⸗ dirt, ich habe vielleicht eine weniger unbegränzte Rach⸗ gier, als du, aber ich will auch meinen Theil haben. Aufmerkſamkeit, Arzt, ſo lang ich mich dir entdecke Aber hüte dich vor Verrath, denn ſo mächtig deine Teufelskunſt iſt, du biſt doch von einem geringeren Teufel unterrichtet, als ich. Höre, der Herr, dem ich durch Tugend und Laſter, vielleicht für meinen guten Namen, mit zu viel Eifer, aber doch mit unverbrüch⸗ licher Treue gedient, dieſer Menſch, deſſen raſender Thorheit zu ſchmeicheln ich dieſen unerſetzlichen Verluſt erlitt, iſt, um den Bitten eines faſt kindiſchen Vaters àu gehorchen, im Begriff, mich aufzuopfern, mir ſeine Guanſt zu entziehen und mich der Gnade eines heuch⸗ leriſchen Verwandten zu überlaſſen, mit dem er ſich auf meine Koſten verſöhnen will; wenn er bei dieſem 7⁰ undankbaren Plan verharrt, ſo werden deine Manren, deren Farbe ſchwärzer iſt, als der Rauch der Hölle, erröthen, ihre Rache übertroffen zu ſehen; aber ich will ihm noch Raum zu Ehre und Rettung geben, ehe ich meiner ganzen mitleidsloſen Wuth mich überlaſſe. Wei⸗ ter geht mein Vertrauen nicht.— Nimm meine Hand auf den Handel! meine Hand, ſage ich? Wo iſt die Hand, die für Ramornys Wort bürgen ſollte? Sie iſt an den Schandpfahl genagelt oder mit Verachtung den Straßenhunden vorgeworfen, die ſie vielleicht eben ver⸗ zehren. Lege alſo nur deine Finger auf dieſen verſtüm⸗ melten Stumpf und ſchwöre, mir in meiner Rache zu dienen, wie ich dir in der deinigen. Nun, Herr Arzt, Ihr werdet blaß?— Kann der, welcher dem Tode zuruft:„Rücke vor!« oder„Halt!“ zittern, an ihn zu denken oder ihn nennen zu hören; ich habe noch nicht von deinem Lohn geſprochen; denn wer die Rache an ſich ſelbſt liebt, braucht nicht weiter zu fordern. Wenn aber Ländereien und Gold deinen Eifer in der guten Sache mehren können, ſo glaube mir, es wird dir daran nicht fehlen.“ G „Das ſagt allerdings gewiſſermaßen meinen demüthi⸗ gen Wünſchen zu,“ erwiederte Dwining;„der Arme wird in dieſem Gewühl, das man Welt nennt, wie ein Zwerg im Getümmel umgeworfen und bald zerkreten, der Reiche und Mächtige erheben ſich wie Rieſen über Andere und ſind luſtig, während Alles um ſie her ſich tobend umtreibt.“ 4 „Gut, Arzt, ſtelle dich über den Haufen, ſo hoch das 71 Gold dich heben kann. Dieſe Börſe iſt ſchwer, aber nur ein Handgeld an deinem Lohn.“ „Und der Waffenſchmied? mein edler Wohlthäter,“ ſagte der Apotheker, die Börſe einſteckend;„dieſer Hein⸗ rich von Wynd, oder wie man ihn ſonſt nennt— würde die Nachricht, daß ſein Verbrechen beſtraft ſey, nicht den Schmerz Eurer Wunde wirkſamer ſtillen, als aller Balſam von Mecca?“ „Die Sache iſt unter Ramornys Gedanken; ich fühle nicht mehr Zorn äber ihn, als die unempfindliche Waffe, die er brauchte. Aber es iſt billig, daß dein Haß befriedigt werde. Wo findet man ihn gewöhnlich?“ „Ich habe viel darüber gedacht,“ antwortete Dwi⸗ ning,„aber am hellen Tag und in ſeinem eignen Haus einen Angriff auf ſein Leben zu machen, würde unklug und gefährlich ſeyn; denn er hat in ſeiner Schmiede fünf Arbeiter; vier von ihnen ſind ſtarke Kerls und alle lieben ihren Meiſter. Bei Nacht wäre dieß auch ſchwierig, denn ſeine Thür iſt durch eichene Balken und Eiſen feſt verſchloſſen und könnte man ſie auch ſpren⸗ gen, ſo würde ihm die ganze Nachbarſchaft zu Hülfe eilen, beſonders jetzt, da noch Alles von der Valentins⸗ nacht her in Aufruhr iſt.“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Ramorny,„aber es liegt in deiner Natur, zu betrügen, ſelbſt mich. Du Lannteſt meine Hand und meinen Ring, wie du ſagteſt als ſie auf der Straße, wie die widrigen Reſte einer Fleiſchbank, gefunden wurden. Warum, wenn du ſie kannteſt, folgteſt du denn dieſen Bürgerstölpeln, um 7² den Patrick Charteris um Rath zu fragen, dem man die Sporen von den Ferſen hauen ſollte, um ihn ſchlechte Bürger vertheidigen zu lehren; du gingſt mit ihnen, als ſie die gefühlloſe Hand entehrten, die Sir Patrick, ſtände ſie noch an ihrem Ort, nicht werth wäre, im Frieden zu berühren oder im Krieg ihre Stärke zu erfahren.“. »Mein edler Patron, ſobald ich Grund hatte, zu glauben, daß Ihr der Verwundete ſeyd, verſuchte ich alle Mittel der Ueberredung, um den Tumult zu ſtil⸗ len; aber dieſer Prahler Smith und einige andere Hitz⸗ köpfe ſchrieen, man müſſe ſich rächen. Eure Herrlich⸗ keit weiß vielleicht, daß der Burſche ſich zum Ritter des ſchönen Mädchens von Perth aufwirft und glaubt, es gehöre zu ſeiner Ehre, alle Streitigkeiten ihres Vaters auszufechten; aber ich habe ihm den Markt dieſer Seite vertheuert und das iſt ſchon ein Vorſchmack der Rache.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte der Kranke. „Eure Herrlichkeit muß wiſſen,“ antwortete der Arzt, „daß dieſer Waffenſchmied ein leichter Kerl iſt, der nicht ſehr regelmäßige Sitten hat. Ich begegnete ihm am Valentinstag einige Zeit nach dem Kampf zwiſchen den Stadtleuten und dem Gefolge von Douglas; ja, ich begegnete ihm, wie er mit einer Sängerin durch die Gaſſen und Gänge ſchlich und Gepäck und Laute des Mädchens auf dem einen Arme trug und ſie ſelbſt loſe an dem andern hängen hatte. Was denkt Eure Herrlichkeit davon? Iſt das nicht ein artiger Knappe? 73 der Nebenbuhler eines Prinzen in ſeiner Liebe zum ſchönen Mädchen von Perth ſeyn, einem Ritter und Baron die Hand abhauen und der Cavalier einer Land⸗ ſtreicherin werden, alles das in vier und zwanzig Stunden?“ „Ey! ich denke beſſer von ihm da er ſo viel Bildung zeigt, ſo ſchurkiſch er iſt. Ich wollte, er wäre ein ge⸗ wiſſenhafter Frömmling ſtatt eines lüderlichen Jungen und ich hätte dir lieber in deiner Rache geholfen. Und welche Rache! ſich an einem Waffenſchmied rächen! mit einem elenden Lederflicker ſtreiten! doch, es ſey; du haſt durch deine Vorkehrungen ſchon angefangen.“ „Schwach genug,“ ſagte der Apotheker.„Ich trug Sorge, daß etliche Leute, die ärgſten Schwätzer in Curfewſtreet, welche es nicht gern hören, wenn man Katharinen das ſchöne Mädchen von Perth nennt, die Geſchichte ihres treuen Valentins erfuhren. Sie haben ſo bereitwillig in den Angel gebißen, daß ſie, ſtatt die Sache zu bezweifeln, ſogar darauf ſchwuren, als wären ſie Augenzeugen geweſen. Der Liebhaber kam eine Stunde ſpäter zum Vater und Ihr könnt Euch den⸗ ken, wie ihn Glover empfing, denn das Mädchen ſelbſt wollte ihn gar nicht anſehen. Eure Herrlichkeit ſieht nun, wie ich mir einen Vorſchmack der Rache verſchafft habe, ich hoffe den vollen Trank aus den Händen Eurer Herrlichkeit zu erhalten, wenn wir einen brüderlichen Bund geſchloſſen haben.“ „Brüderlichen?“ ſagte der Ritter mit Verachtung; „aber gleichgültig, die Prieſter ſagen ja, wir ſeyen alle 74 aus Einem Lehm geknettet. Ich weiß nichts davon. Es ſcheint mir doch ein Unterſchied zu ſeyn. Wer aber in einer beſſern Form gegoſſen iſt, wird doch dem Niedern ſein Wort halten. Du ſollſt befriedigt wer⸗ den; rufe meine Pagen.“ Der Arzt rief und es erſchien ein junger Menſch, der aus dem Vorzimmer kam. „Eviot,“ fragte dieſen der Ritter,„iſt Bonthron zu Hauſe, iſt er nüchtern?“ „So nüchtern, als der Schlaf nach einem tüchtigen Rauſch ihn machen kann,“ war die Antwort. „So heiß ihn herkommen und ſchließe die Thür.“ Man hörte bald darauf einen ſchweren Tritt dem Ge⸗ mach ſich nähern; ein Mann trat herein, deſſen klei⸗ ner Wuchs durch ſeine breiten Schultern und ſtarken Arme erſetzt zu werden ſchien. „Du haſt mit jemand zu ſchaffen, Bonthron,“ ſagte der Ritter. Bonthrons grobe Züge wurden etwas milder und ſein Mund zuckte zum Lachen. „Dieſer Arzt wird dir den Mann zeigen,“ fuhr Ra⸗ morny fort;„berechne Zeit, Ort und Umſtände wohl, die dir glücklichen Ausgang ſichern und nimm dich in Acht, daß du nicht zu kurz kommſt, denn der Mann, von dem ich ſpreche, iſt ber Raufbold Smith von Wynd.“ „Das iſt ein kitzlicher Auftrag,“ brummte der Mör⸗ der,„denn wenn ich meinen Streich fehle, darf ich mich nur als todt anſehen. Die ganze Stadt Perth 75 ſpricht von der Tapferkeit und Kraft dieſes Waffen⸗ ſchmieds.“ „Nimm noch zwei andere zu Hülfe,“ ſagte der Rit⸗ ter. „Nein, wenn etwas doppelt ſeyn ſoll, ſo ſey's der Lohn.“— „Er iſts, wenn du dein Geſchäft gut verrichteſt⸗“ „Verlaßt Euch auf mich, Herr Ritter, ich habe ſel⸗ ten meinen Hieb gefehlt.“ „Folge dem Rath dieſes klugen Mannes,“ fuhr Sir John fort, auf den Arzt deutend,„warte bis Smith ſich zeigt und trinke nicht bis du fertig biſt.“ „Seyd ruhig,“ antwortete der finſtere Trabant, „mein Leben hängt an dem Streich einer ſichern Hand. Ich weiß, mit wem ich zu thun habe.“ „Geh, bis der Arzt Dir gebietet, ihm zu folgen, rüſte deine Axt und deinen Dolch.“. Bonthron verbengte ſich und ging. „Eure Herrlichkeit vertraut dieſe Sache einem Ein⸗ zigen,« ſagte der Arzt, als der Mörder das Gemach verlaſſen hatte.„Ich bitte Euch doch, daß Ihr Euch erinnert, wie Smith vor zwei Nächten ſechs bewaffnete Männer niederwarf.“ „Ein Menſch wie Bonthron gilt, wenn er Zeit und Ort einmal gewählt hat, mehr als ein Dutzend lüder⸗ liche halb betrunkene Jungen. Rufe Eviot, du übſt zuerſt deine Heilkunſt aus, und zweifle nicht, im zwei⸗ ten Geſchäft biſt du von einem Mann unterſtützt, der die Leute ſo ſchnell und geſchickt in die andere Welt zu ſenden verſteht, als Du.“ 76 Der Page Eviot erſchien wieder und half auf ein Zeichen ſeines Herrn dem Wundarzt den Verband von Sir Johns Wunde wechſeln. Dwining betrachtete den verſtümmelten Arm, wie es ſeinem Stande eigen iſt, mit einem gewiſſen Vergnügen, das durch die boshafte Luſt an Leiden ſeiner Mitgeſchöpfe noch vermehrt wurde. Der Ritter heftete eine Weile die Augen auf den furcht⸗ baren Anblick und ließ, dem Gewichte ſeines körperli⸗ then oder geiſtigen Schmerzens erliegend, trotz aller Mühe, ſein Uebel zu verbergen, einen tiefen Seufzer hören. „Ihr ſeufzt,“ ſagte der Arzt mit rnniden, einſchmei⸗ chelnder Stimme, aber mit einem Lächeln der Freude und Verachtung, das ſich wider ſeinen Willen auf ſei⸗ nen Lippen zeigte und das ſeine gewöhnliche Verſtellung nicht ganz verhehlen konnte;„Ihr ſeufzt; aber ſeyd gewiß, dieſer Heinrich Smith verſteht ſein Geſchäft, ſein Schwert erreicht ſo gut das Ziel, als ſein Ham⸗ mer den Ambos. Hätte ein minder geſchickter Mann den unſeligen Hieb geführt, er hätte nur das Bein be⸗ ſchädigt und die Muskeln zerriſſen; meine ganze Kunſt wäre nutzlos geweſen; aber Heinrich Smith macht ſau⸗ bere Wunden, ſeine Amputationen ſind ſo leicht zu hei⸗ len, als wenn mein eignes Meſſer ſie gemacht hätte. In einigen Tagen ſeyd Ihr, wenn Ihr die Verordnun⸗ gen Eures Arztes aufmerkſam befolgt, im Stande, auszugehen.“ 3 „Aber meine Hand? der Verluſt meiner Hand.“ „Dieſer Verluſt kann eine Zeitlang verborgen wer⸗ . 77 den,“ ſagte der Arzt;„ich habe einigen Schwätzern im engſten Vertrauen entdeckt, die gefundene Hand gehöre Eurem Diener Black Quentin und Eure Herrlichkeit weiß, daß er auf eine Art in die Grafſchaft Fife ge⸗ reist iſt, die dieß allgemein glauben machen kann.“ „Ja,“ ſagte Ramorny,„dieſes Mährchen kann die Wahrheit etliche Tage verbergen; aber wie wirds dann werden?“ „Es läßt ſich vielleicht geheim halten, bis Eure Herr⸗ lichkeit ſich vom Hofe zurückzieht. Dann, wenn neue Begebenheiten die Erinnerung an die letzten Unruhen vergeſſen gemacht haben, wird man ſagen können, Eure Wunde käme von einem Lanzenſtoß oder einem Arm⸗ bruſtbolzen. Euer Sclave wird geeignetr Mirtel ninden, es glauben zu machen und die Wahrheit davon ver⸗ ſichern.“ „Dieſer Gedanke macht mich wahnſinnig,“ ſagte Ra⸗. morny mit einem zweiten Seufzer, den ſeine Seelen⸗ leiden und ſein Körperſchmerz verurſachten; doch ich ſehe kein beſſeres Mittel.“ „Es gibt kein anderes,“ erwiederte Dwining, dem die Qualen des Ritters ein angenehmes Schauſpiel waren,„jetzt, ſagt man, ſeyd Ihr in Folge einiger Quetſchungen und aus Kummer über den Entſchluß des Prinzen, Euch nach dem Rath des Herzogs von Albany ſeine Gunſt zu entziehen und Euch aus ſeinem Haus zu verabſchieden, im Zimmer geblieben; das Alles iſt öffentlich bekannt.“ „Schurke, du willſt mich quälen!“ ſagte der Kranke. 2 1 78 „Alles das wohl erwogen,“ fuhr Dwining fort,„hat ſich Eure Herrlichkeit noch ziemlich gut aus dem Handel gezogen. Zwar fehlt Euch eine Hand und das iſt ein unheilbares Uebel; aber ſie iſt mindeſtens gut abgenom⸗ men und es gibt in Frankreich und England keinen Wundarzt, der die Operation ſo gut gemacht hätte, wie Smith.“ „Ich weiß Alles, was ich ihm verdanke,“ entgegnete der Ritter, indem er verſuchte, ſeinen Zorn unter ei⸗ nem ruhigen Benehmen zu verbergen,„und wenn ihn Bonthron nicht durch einen eben ſo geſchickten Hieb bezahlt und die Hülfe des Wundarztes nutzlos macht, ſo ſagt, Sir John Ramorny wiſſe ſich keiner Schuld zu eutledigen.“ „Der Gedanke iſt edel, wie Ihr ſelbſt, Herr Ritter,“ ſagte der Apotheker, aber laßt mich beifügen, daß die Geſchicklichkeit dieſes Arztes umſonſt geweſen wäre und der Blutfluß Eure Adern erſchöpft hätte ohne den Verband, die ätzenden und blutſtillenden Mittel, welche die guten Mönche und Euer unterthäniger Knecht Hen⸗ bane Owining anwandten.“ „Schweige,“ rief der Kranke,„mit deiner Unheil⸗ ſtimme und deinem Namen, der von noch ſchlimmerer Bedeutung iſt.*) Ich meine, während du von Qualen ſprichſt, die ich erduldete, die Nerven meiner verlornen Hand zu fühlen, wie ſie beben, ſich dehnen und zuſam⸗ *) Henbane bezeichnet Bilſentraut, Hyoscyamus, eine Giftpflanze. 4 Anm. d. Her. 79 menziehen, als wollten ſie die Finger noch einmal be⸗ wegen, die keinen Dolch mehr faſſen können.“ „Das iſt, wenn es Eurer Herrlichkeit gefällig iſt, zu hören, eine in unſerer Kunſt wohlbekannte Erſchei⸗ nung. Unter den alten Weiſen haben einige gedacht, es beſtehe zwiſchen den Nerven eines abgenommenen Glieds und dem Theil, von dem es getrennt wurde, noch eine Sympathie und in einem Fall, wie zum Bei⸗ ſpiel der Eurige iſt, können die Finger, die Ihr nicht mehr habt, beben und ſich zuſammenziehen, gleichſam um dem Antrieb zu entſprechen, der aus ihrer Sym⸗ pathie mit der Lebenskraft des Gliedes hervorgeht, dem ſie angehört haben. Könnten wir die Hand wie⸗ der bekommen, die gegenwärtig an das Staorkreuz ge⸗ nagelt oder unter Douglas des Schwarzen Obhut iſt, ſo möchte ich die merkwürdige Erſcheinung beobachten; aber ich glaube, man würde eben ſo ſchwer einem hung⸗ rigen Adler ſeine Beute aus den Klauen reißen.“ „Und du würdeſt eben ſo ſicher mit dem Zorn eines verwundeten Löwen ſpielen, als mit Sir John Ra⸗ morny,“ fuhr der Ritter ihn an, von einem Grimm bewegt, den er nicht länger bemeiſtern konnte.„Elen⸗ der! thue deine Pflicht und bedenke, daß wenn mir auch eine Hand fehlt, um den Dolch zu faſſen, mir hundert zu Gebot ſtehen.“ „Der Anblick einer einzigen,“ erwiedertn Dwining, „wenn ſie zornig erhoben wird, wäre fähig, Eurem Wundarzt das Lebenslicht auszublaſen, aber wer,“ fuhr er mit halb ſchmeichelndem, halb ſpöttiſchem Tone fort, 80 „wer würde dann die kochenden Schmerzen ſtillen, die mein Gönner leidet und die ihn ſelbſt gegen ſeinen af⸗ men Diener aufbringen, weil er von der Heilkunſt ſpricht, die ohne Zweifel gegen die Kunſt, Wunden zu ſchlagen, eine Kleinigkeit iſt.“ Der Arzt wagte nicht wieder, mit der Laune des gefährlichen Kranken zu ſpielen und machte ſich ernſtlich daran, die Wunde zu verbinden; er brachte einen wohl⸗ riechenden Balſam darauf, deſſen Duft ſich im Zimmer verbreitete und der das Feuer der Wunde in angenehme Kühlung verwandelte. Die Erleichterung, die der Kranke fühlte, wirkte ſo ſchnell, daß er ſtatt eines Seufzers einen Freudenruf hören und ſich aufs Bette zurückfallen ließ, um der Ruhe und des Wohlſeyns zu genießen, das er empfand.“ „Eure Herrlichkeit weiß nun, wo Eure Freunde ſind,“ ſagte Dwining.„Hättet Ihr Eurer Wuth Raum ge⸗ geben und geſagt: Tödtet mix den unwürdigen Quack⸗ ſalber, wo innerhalb der vier Meere Großbritanniens hättet Ihr einen Mann gefunden, der Euch ſo wohl gethan hätte?“ „Vergeßt meine Drohungen, guter Arzt,“ ſagte Ra⸗ morny,„aber nehmt Euch in Eurem Betragen gegen mich in Acht. Leute meiner Art dulden keinen Spott über ihre Leiden. Geht und behaltet Eure Sticheleien für die Elenden, die in den Spitälern ſtecken.“ Dwining verſuchte kein Wort mehr, ſondern goß einige Tropfen aus einer Phiole, die er aus der Taſche zog, in einen kleinen Becher voll Wein, der mit Waſſer 8¹ gemiſcht war.„Dieſer Trank,“ ſagte er ſofort,„wird einen ununterbrochenen Schlaf hervorbringen.“ „Wie lang wird er dauern?“ fragte der Ritter. „Die Zeit der Wirkung iſt ungewiß,“ war die Ank⸗ wort des Arztes,„vielleicht bis morgen.“ „BVielleicht bis in Ewigkeit,« ſagte der Kranke,„Herr Arzt, koſtet mir auf der Stelle dieſen Trank, oder er berührt meine Lippen nicht.“ Der Apotheker gehorchte mit verachtendem Lächeln. „Ich würde ihn gerne ganz trinken,“ ſagte Dwining, „aber dieſer indiſche Gummi bringt dem Geſunden wie dem Kranken Schlaf und meine Geſchäfte gebieten mir, mich wach zu halten.“ „Ich bitte Euch um Verzeihung, Dwining,“ ſagte Ramorny, indem er die Angen niederſchlug, als ſchämte zer ſich, ſeinen Verdacht geäußert zu haben. „Es iſt unnöthig, den um Verzeihung zu bitten, den⸗ nichts beleidigt; das Inſekt muß dem Rieſen danken, daß er es nicht zertritt, übrigens, edler Ritter, ſind die Inſekten ſo gut im Stand, Uebel anzurichten, als die Aerzte. Was hätte es mich gekoſtet, den Balſam zu vergiften, den ich auf Eure Wunde legte und da⸗ durch Euren Arm bis zur Schukter brandig und Euer Blut wie eine ſchlechte Sulze gerinnen zu machen? Wer hätte mich gehindert, noch feinere Mittel zu brau⸗ chen und Euer Gemach mit Eſſenzen zu vergiften, vor denen das Lebenslicht immer dunkler und dunkler flakert und zuletzt wie eine Kerze im trüben Dunſt einer un⸗ Waller Scott's Werke. 1538 Boͤchen. 6 82— terirdiſchen Höhle erliſcht. Ihr achtet meine Macht zu gering, wenn Ihr nicht wißt, daß meine Kunſt mir noch beſſere Zerſtörungsmittel beut. Aber der Arzt tödtet den Kranken nicht, von deſſen Großmuth er lebt und beſonders den, deſſen Naſe Rachehoffnung athmet, nicht den, von dem er gerächt zu werden hofft. Wäre es nöthig, Euch zu wecken,(denn wer in Schottland kann acht Stunden ungeſtört ſchlafen?) ſo wird der Duft der ſtarken Eſſenz in dieſer Büchſe hinreichen. Lebt wohl, Herr Ritter, wenn Ihr nicht denkt, daß. ich ein ſehr zartes Gewiſſen habe, ſo geſteht mir we⸗ nigſtens Verſtand und Klugheit zu.“ Mit dieſen Worten verließ der Arzt das Gemach, indem er ſeine niedrige, kriechende Mieue durch den Sieg, den er ſo eben über ſeinen gebieteriſchen Kranken gewonnen hatte, trotziger und edler wurde. John Ra⸗ morny blieb in traurige Gedanken verſunken, bis er den Einfluß des Schlaftranks empfand. Er raffte ſich für einen Augenblick auf und rief ſeinen Pagen. „Eviot! ich habe Unrecht,“ fügte er bei,„mich dieſem quackſalberiſchen Giftmiſcher ſo zu entdecken— Eviot!* Der Page trat ins Gemach. „Iſt der Arzt fort?“ fragte Sir John. „Ja, Herr,“ war die Antwort. „Allein oder in Begleitung?“ „Bonthron hat geheim mit ihm geſprochen und iſt ihm beinahe ſogleich gefolgt, nach den Befehlen Eurer Herrlichkeit, wie er mir ſagte.“ „Großer Gott! ja, richtig: er hat einige Arzneien 85 zu holen und wird bald zurück ſeyn. Wenn er betrun⸗ ken iſt, ſo laß ihn nicht in mein Zimmer und dulde nicht, daß er mit Jemand ſpricht. Er faſelt, wenn er betrunken iſt. Er war ein wackerer Junge, ehe eine Engländer⸗Axt ihm den Schädel blos legte. Aber ſeit damals ſpricht er elendes Kauderwälſch, ſobald ein Be⸗ cher ihm den Mund berührt hat. Was hat dir der Arzt geſagt, Eviot?“ „Nichts, er hat mir blos aufgetragen, Eure Herr⸗ lichkeit nicht ſtören zu laſſen.“ „Hierin gehorche ihm pünktlich,“ erwiederte der Rit⸗ ter.„Ich fühle, daß der Schlaf mich überwältigt, ich hatte keinen ſeit dieſer Wunde, oder wenn ich ſchlief, war es nur kurz. Hilf mir das Nachtkleid abnehmen⸗ Eviot.“ „Mögen Gott und die Heiligen Euch einen ruhigen Schlaf ſenden, Mylord,“ ſagte der Page, indem er ab⸗ ging, als er den von ſeinem Herrn geforderten Dienſt geleiſtet hatte. Da Eviot das Zimmer verließ, murmelte der Ritter, deſſen Gedauken ſich immer mehr verwirrten, einiges in Bezug auf den Wunſch des Pagen. „Gott, die Heiligen, ich habe ſonſt unter dieſem Schutz⸗ ruhig geſchlafen. Aber jetzt denke ich, wenn ich nicht zur Erfüllung meiner ehrgeizigen Hoffnungen oder mei⸗ ner Rache erwache, wird der beſte Wunſch für mich ſeyn, daß der tiefe Schlaf, der um mein Haupt ſich lagert, der Vorläufer von dem werde, der meine er⸗ . 6,* 84 borgte Kunſt für immer dem urſprünglichen Nichts zurück gibt. Aber ich kann nicht lange denken.“ MNiit dieſen Worten ſchlief er feſt ein. Fuͤnfzehntes Kapitel. Die Nacht, welche allmählig das Krankenzimmer Ramorny's verdunkelte, war nicht dazu beſtimmt, ruhig zu ſeyn. Das Löſchglöckchen,*) das damals um ſieben Uhr erſcholl, war ſchon zwei Stunden geläutet. Um dieſe Zeit ging faſt Jedermann ſchlafen, außer denen, welche Frömmigkeit, Pflicht oder Luſt wach hielten. Es war der Abend vom Faſtendienſtag, oder wie man ihn in Schottland nennt, der Faſtenabend**) und die Vergnügungspleitze waren voller als die Kirchen. Den Tag über ermüdete ſich das Volk mit Ballſpie⸗ len; die Edlen und Junker brachten ihre Zeit mit Hah⸗ nenkämpfen zu, oder hörten leichtſinnige Lieder eines Minſtrels, während die Bürger Speckkuchen und in ) Curfew(coufre-feu) normaͤnniſches Wort, bedeutet das mit einer Glocke gegebene Zeichen zum Lichter⸗ loͤſchen und vertrat die Stelle der deutſchen Wacht⸗ glocken. 3 3 Anin. d. Ueb. 4 ½) Schrovetide ſagen die Englaͤnder, Fastern's e'en die Schotten, mardigras die Franzoſen. 3 Anm. d. Ueb. 8⁵ Fleiſchbruhe*) geſchnittene Brodſuppe ſich munden lie⸗ ßen, in der man geſalzenes Rindfleiſch hatte ſieden laſſen und worein man geröſteten Gries ſtreute, ein Gericht, das noch jetzt alten Schotten nicht gleichgül⸗ tig iſt. Dieſe Uebungen und Speiſen waren dem Feſt⸗ tag eigen, auch war es ſtrenge Regel, daß jeder gute Katholik am Abend ſo viel Bier oder Wein trank, als er ſich verſchafſen konnté, und wenn er jung und rüh⸗ rig war, auf dem Ball tanzte oder unter den Mohren⸗ tänzern figurirte, deren Kleidung in Perth, wie an andern Orten, höchſt ſeltſam war und die ſich durch Gewandtheit und Behendigkeit auszeichneten. Dieſer Enſtigkeit ließ man unter dem Vorwande freien Lauf, daß das große Faſten mit all ſeinen Beſchwerden und Entbehrungen nahe und daß es daher klug ſey, ſo viel Luſt als möglich zu genießen und ſich alle erdenklichen Tollheiten zu verzeihen, ehe die Bußezeit komme. Die gewöhnlichen Luſtbarkeiten waren vorüber und in den meiſten Stadtvierteln hatte ſich Alles der Ruhe ergeben. Der Adel hatte Sorge getragen, den Hän⸗ deln vorzubeugen, die zwiſchen ſeinen Kriegsleuten und den Bürgern hätten ausbrechen können. Das Feſt war ruhiger als gewöhnlich vorbeigegangen, man hatte nur drei Todte und etliche verlorene Glieder zu beklagen, aber die Unfälle hatten ſo unbedeutende Leute getroffen, daß man ſich nicht die Mühe gab, nach der Urſache zu *) Dieſe Suppe nennt man Broſe, brewis oder fat broth(felte Suppe). . 4 Anm. d. Ueb.. 8⁵ forſchen. Der Carneval ging daher ſtill zu Ende, wenn man gleich an einigen Orten die Luſtbarkeiten des Ta⸗ ges noch nicht eingeſtellt hatte. Eine Bande von Tänzern, die man beſonders beklatſcht und bemerkt hatte, ſchien ihre Luſtbarkeit noch nicht beendigen zu wollen. Die Entry,*) wie man es nannte, beſtand aus dreizehn gleich gekleideten Perſonen, welche wunderlich geſchnittene, gezeichnete und geſtickte Wämſer von Gemsleder trugen. Sie führten grüne Mützen. mit filbernen Troddeln, rothe Bänder, weiße Schuhe, an den Knieen und Knöcheln kleine Schellen und ein bloßes Schwert in der Hand. Dieſe geputzte Truppe hatte vor dem König den Schwerttanz aufgeführt, der im Zuſammenſchlagen der Waffe und einem Wechſel ſelt⸗ ſamer Stellungen beſtand; ſie war eben im Begriff, ihre Geſchicklichkeit zum zweiten Mal vor Simon Glo⸗ vers Thüre zu zeigen, ließ für ſich und die Zuſchauer Wein bringen und trank auf die Geſundheit des ſchönen Mädchens von Perkh mit lautem Jubel. Der alte Simon erſchien an der Thüre ſeiner Wohnung, um die Artigkeit ſeiner Mitbürger anzuerkennen, und ließ den luſtigen Mohrentänzern von Perth zu Ehren auch Wein bringen. „Wir danken dir, Vater Simon,“ ſagte eine verſteckte Stimme, die aber den prahleriſchen Ton Olivier Prond⸗ futes in einem erzwungenen Gequick ſchlecht verhüllte. **) Es bezeichnet die Rolle, worin man die Taͤnze oder Schauſpiele gufzeichnete. Anm. d. Ueb. 87 „Aber der Anblick deiner reizenden Tochter wäre un⸗ ſerm jungen Blut lieber, als der eines Malvaſier⸗ faſſes.“ 4 5 „Ich danke Euch, Nachbarn,“ antwortete Glover, „meine Tochter befindet ſich unwohl und kann in der Nachtkälte nicht herauskommen. Aber wenn dieſer ar⸗ tige Mann, deſſen Stimme ich kenne, in mein armes Haus treten will, wird ſie ihm für die übrige Geſell⸗ ſchaft Dank und Gruß auftragen.“ „Du bringſt ſie uns in die Greifſchenke,“ riefen die Andern ihrem begünſtigten Gefährten zu,„denn dort wollen wir den Carneval begraben und noch einmal die Geſundheit der ſchönen Katharine trinken.“ „In einer halben Stunde bin ich bei Euch,“ ſagte Olivier,„und wir wollen ſehen, wer die größte Flaſche leert und am lauteſten ſingt. Ich will dieß Bischen Carneval noch ſo luſtig ſeyn, als würde mir morgen der Mund für immer geſchloſſen.“ „Leb wohl,“ riefen ſeine Mittänzer im Mohrenballet ihm zu,„leb wohl, luſtiger Mützenhändler, bis wir wieder das Vergnügen haben, dich zu ſehen.“ Die Tänzer begaben ſich nun an den Qrt ihrer Be⸗ ſtimmung, die Straßen entlang tanzend und ſingend⸗ von vier Muſtkanten begleitet, welche die Bande führ⸗ ten, während Simon Glover ihren Sprecher in ſein Haus führte und ihm einen Sitz im Herdwinkel anbot. „Aber wo iſt Enre Tochter?“ fragte Olivier,„das iſt der Magnet, der uns wackere Klingen herzieht.“ „Sie hütet wirklich das Zimmer, Nachbar Olivier,“ 4 88 antwortete Glover,„und ſogar, um frei zu ſprechen,⸗ das Bett.«., „Gut, da will ich hinauf gehen, ſie in ihrem Kum⸗ mer zu tröſten. Ihr habt mich von meinem Weg ab⸗ gelenkt, Gevatter Glover, Ihr ſeyd einer guten Klinge, wie ich, Erſatz ſchuldig; ich will nicht den Trank und des Mädchens Dank zugleich verlieren. Sie hütet das Bett, nicht wahr?“ Mein Kund und ich, wir kommen ſchnell Bei kranken Maͤdchen zu der Stell, Bei kranken Maͤdchen und ſterben ſie, Mein Hund und ich ſind gleich allhie. Und ſterb' ich, muß es alſo ſeyn, Begrabt mich unterm Faſſe fein, Die Arme gefaltet leget mich⸗ So ruhn wir dort, mein Hund und ich. „Könnt Ihr nicht einen Augenblick ernſthaft ſeyn, Nach⸗ bar Proudfute?“ fragte Glover,„ich wünſchte, ein Wort mit Euch zu ſprechen.“ 4 „Ernſthaft!“ antwortete der Beſuch,„ich bin den ganzen Tag ernſthaft geweſen; ich konnte kaum den Mund aufthun, ohne von Tod, Begräbniß und derglei⸗ chen Gegenſtänden zu ſprechen, den traurigſten Dingen, die man finden kann.“ »Bei St. Johann, Nachbar,“ ſagte Glover,„Ihr ſeyd fey!«*) *) Wenn Jemand auf eine außerordentliche Weiſe ſprach oder handelte, ſagte man in Schottland, er ſey fey, d. h. auf eine Art getroffen, die ſeinen nahen Tod ankuͤndigt. Anm. d. Her, — 89 „Nichts davon; dieſe traurigen Gedanken verkünden nicht meinen eigenen Tod. Ich habe ein gutes Horoscop und werde noch fünfzig Jahre leben. Aber es iſt das Schickſal des armen Jungen, des Douglas'ſchen Dienſt⸗ manns, den ich im Streit am St. Valentinstag nie⸗ derwarf, er iſt vorige Nacht geſtorben; dieß iſt die Laſt, die ich auf dem Gewiſſen habe und die traurige Gedanken in mir erweckt. Ach! Vater Simon, wir Kriegsleute, die wir in unſerm Zorn Blut vergießen, haben oft ſchwarze Gedanken. Ich habe oft gewünſcht, mit meinem Meſſer nur verwirrte Fäden abgeſchnitten zu haben.“ „Und ich wünſchte,“ ſagte Simon,„das meine hätte nur in Bocksleder ſtatt oft auch in meine Finger ge⸗ ſchnitten. Inzwiſchen könnt Ihr Euch Gewiſſensbiſſe erſparen, es wurde bei der Sache nur Ein Mann ſchwer verwundet und zwar der, dem Heinrich Smith die Hand abhieb; man ſagt, er ſey ziemlich hergeſtellt. Er heißt Black Quentin, im Dienſt von Sir John Ramorny. Man hat ihn insgeheim nach Hauſe geſchickt.“ „Wie? Black Quentin 2 Guter Gott! das iſt der⸗ ſelbe, den Heinrich und ich, denn wir ſtehen immer nebeneinander, zu gleicher Zeit trafen, nur ſiel mein Hieb etwas früher als der ſeinige; ich fürchte, es möchten weitere Unruhen in der Stadt daraus ent⸗ ſtehen und der Oberrichter fürchtet es auch. Aber Ihr ſagt, er befinde ſich wohl, nun ſo will ich wieder luſtig ſeyn und da Ihr mich nicht ſehen laſſen wollt, wie das Nachtkleid der ſchönen Katharine ſteht, ſo will ich meine Mohrentänzer beim Greif wieder aufſuchen.“ 90 „Bleidt einen Augenblick; Ihr ſeyd der Geſelle von Heinrich von Wynd; Ihr habt ihm oft den Dienſt ge⸗ than, ſeine Thaten zu erzählen, wie Ihr ſo eben ge⸗ than habt; ich wollte, Ihr könntet ihn von einem an⸗ dern Unrecht, deſſen man ihn anklagt, in meinen Augen reinigen.“ „Ich bin bereit, bei der Spitze meines Schwertes zu ſchwören, daß die Anklage ſo falſch iſt wie die Hölle, Vater Simon. Wie? bei Klinge und Schild! ſoll ein Kriegsmann den andern fallen laſſen?“ „Seyd ruh'g, Nachbar Mützenhändler. Ihr könnt dem Waffenſchmied einen Dienſt thun, wenn Ihr die Sache recht verſteht. Ich habe mit Eunch ſprechen wol⸗ len, nicht als ob ich Euch für den klugſten Kopf von Pevth hielte, denn wenn ich das ſagte, würde ich lügen.“ „Gut, gut,« antwortete Proudfute zufrieden,„ich weiß, was Ihr mir vorwerft; Ihr kalten Köpfe glaubt, daß wir andern Hitzköpfe Narren ſind. Mehr als zwan⸗ zigmal habe ich Heinrich von Wynd ſo nennen hören.“ „Schon gut, dumm genug und fromm genug mag ſich wohl zuſammen reimen,“ ſagte Glover,„aber ich glaube du biſt gutmüthig und liebſt deinen Kameraden wir ſind jetzt ein wenig queer mit ihm. Du weißt, daß von einer Heirath zwiſchen meiner Tochter und dem Waffenſchmied die Rede war?“ 3 „Ich habe das Lied ſeit St. Valentin gehört. Ach! wer das ſchöne Mädchen von Perth beſitzt, iſt ein glück⸗ licher Mann. Aber das Heirathen verderbt junge Leute; ich ſelbſt bedaure manchmal....“ 94 „Behalte dein Bedauren jetzt für dich,“ ſagte Glo⸗ ver, ihn etwas rauh unterbrechend.“„Ihr müßt wiſ⸗ fen, Oliver, daß einige Weiber in der Stadt, die ſich mit Jedermanns Sachen abgeben, Heinrich beſchuldigt haben, daß er mit Sängerinnen und andern Weibsbil⸗ dern der Art umgehe. Katharine iſt dadurch verletzt und ich glaubte mein Kind beleidigt, weil ſich Heinrich gar nicht benahm, wie es einem Valentin zukam, ſon⸗ dern an demſelben Tag, da er der alten Sitte gemäß die beſte Gelegenheit hatte, mit meiner Tochter von ſeiner Liebe zu reden, eine unſchickliche Geſellſchaft vor⸗ zog. Auch verſagte ich ihm, da er Abends ſehr ſpät zu mir kam, die Thür und wie ein alter Narr bat ich ihn, in ſein Haus zu der Geſellſchaft zurückzugehn, aus der er herkomme. Ich habe ihn ſeitdem nicht ge⸗ ſehen und fange an, meine Hitze für vorſchnell zu halten. Katharine iſt meine einzige Tochter, aber lieber wollt⸗ ich ſie im Grab ſehn, als ſie einem Lüderlichen geben. Indeß kenne ich Heinrich Gow, wie meinen eignen Sohn, ich kann nicht glauben, daß er uns beleidigen wollte und es läßt ſich ohne Zweifel der Fehler, den man ihm aufbürdet, zu ſeinem Vortheil erklären. Man rieth mir, mich an Dwining zu wenden, der Smith auf dem Spaziergang mit ſeiner Schönen begegnete. Wenn ich dem Apotheker glaube, ſo war es Heinrichs Baſe Fohanne Letham. Du weißt, daß Dwining mit den Augen eine andere Sprache redet, als mit den Lippen, aber du, Oliver, biſt zu wenig witzig, ich will ſagen, zu ehrlich, um die Wahrheit zu verdrehen und da Dwi⸗ ning beifügte, du habeſt auch das Mädchen geſehen— 92 „Ich ſie geſehen, Simon Glover! Dwining ſagt, ich habe ſie geſehen?“ „Nicht ausdrücklich, aber er behauptet, Ihr habt⸗ ihm erzählt, wie Ihr Smith in dieſer Geſellſchaft be⸗ gegnet ſeyd.“ „Er lügt, ich will ihn in einem Mörſer zerſtoßen.“ „Wie, Ihr haͤbt ihm nie von dieſem Abentheuer ge⸗ ſagt?⁰ „Und wann ich's hätte, hat er nicht geſchworen, kei⸗ nem Sterblichen zu ſagen, was ich ihm mittheilte? Wenn er alſo Euch die Sache wieder erzählte, iſt er ein Lügner.“ „Ihr ſeyd alſo Heinrich Smith nicht mit einem lü⸗ derlichen Mädchen begegnet, wie man ſagt?“ „O, guter Gott! ich weiß nichts davon, vielleicht, ja, vielleicht, nein! glaubt Ihr, ein ſeit vier Jahren verheiratheter Mann könne ſich der Knöchel einer Sän⸗ gerin, ihrer Fußſpitze, der Borten ihres Rocks und der⸗ gleichen Kleinigkeiten erinnern? Nein, ich überlaſſe das dem luſtigen Heinrich.“ 4 „Der Schluß von all dem,“ ſagte Glover, dem die Geduld ausging,„iſt doch, daß ihr Smith begegnet ſeyd, da er öffentlich in der Straße ſpazierte.. „O nein, Nachbar, ich traf ihn in den dunkelſten Gaſſen, wie er gerade gegen ſein Haus anſteuerte, mit Sack und Pack, die beiden Arme beladen, wie ein ga⸗ lanter Junge, auf einem Arm das Hündchen und das Mädchen am andern. Mir däuchte ſie ſehr ſchön.“ „Beim heiligen Johann,“ ſagte Gloyer, vob dieſer⸗ — = ſcherei, als aus böſer Abſicht entſprungen war. 93 Schmach könnte ein Chriſt ſeinen Glauben verleugnen und Mahomed in ſeinem Zorn anbeten. Aber er hat meine Tochter zum letztenmal geſehen; ich wollte lieber, daß ſie barfuß mit einem Karthäuſer ins Hochland ginge, als daß ſie die Gattin eines Mannes würde, der in dieſem Punkt Ehre und Anſtand vergißt. Nichts mehr von ihm.“ „Vater Simon,“ ſagte der gutmüthige Mützenhänd⸗ ler,„Ihr wißt nicht mehr, was Jugend iſt. Ihre Be⸗ kanntſchaft dauerte jä nicht lange; denn, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, ich habe ihn ein wenig im Auge behal⸗ ten, ich begegnete Smith, wie er ſeine irrende Dame an die Treppen der Frauenkirche, nm ſie auf dem Tay ſich einſchiffen zu laſſen, begleitete; auch weiß ich, denn man hat mirs geſagt, daß ſie nach Dundee ging. Ihr ſeht alſo, daß es nur eine Thorheit des jungen Men⸗ ſchen war. 6 „und er kommt hieher,“ ſagte Simon bitter, um Zutritt zu meiner Tochter zu bitten, während ihn zu Haus eine Buhlerin erwartet! ich wollte lieber, er hätte zwanzig Menſchen ermordet.— Es wäre nicht der Rede werth, am wenigſten für dich, Oliver Proud⸗ fute, denn, wenn du auch nicht ſo tapfer biſt, als Smith, ſo willſt du es doch glauben machen, aber.. 1 „Nehmt die Sache nicht ſo ernſthaft,“ ſagte Oliver, „der das Unrecht zu bedenken anfing, das ſeine Schwä⸗ tzerei ſeinem Freunde thun könnte und die Folgen von Heinrichs Mißvergnügen, wenn ihm ſein rückſichtloſes Benehmen zu Ohren käme, das mehr aus dummer Klat⸗ 94 „Bedenkt,“ ſetzte er noch hinzu,„daß es eine Thor⸗ heit iſt, die die Jugend mit ſich bringt. Solche Feh⸗ ler entſtehen aus der Gelegenheit und das Geſtändniß wird ſie auslöſchen. Ich geſtehe Euch, obwohl mein Weib ſo gut iſt als eine in der Stadt, daß ich oft ſelbſt—“ „Schweig'! elender Prahler!“ ſagte der Handſchuh⸗ macher im heftigſten Zorn,„deine Liebſchaften und deine Kämpfe ſind gleich erlogen. Wenn du durchaus lügen mußt, was, wie ich glaube, in deiner Natur liegt, kannſt du nicht wenigſtens eine Lüge erfinden, die dir Ehre macht? Glaubſt du nicht, daß ich in dein Herz ſehe, wie durch das Horn einer elenden Laterne.*) Glaubſt du nicht, daß ich weiß, elender Wollſpinner, wie du nicht mehr wagteſt, durch deine eigne Thür zu gehn, wenn dein Weib gehoͤrt haͤtte, weſſen du dich ruͤhmſt, daß du nicht den Muth haͤtteſt, dein Schwert mit einem Knaben von zwoͤlf Jahren zu kreuzen, der das⸗ ſeine zum erſtenmal in ſeinem Leben zoͤge. Bei St. Johann! ich ſollte eigentlich, zum Lohn dafuͤr, daß du die Unruhe einer Familie mehrſt, deiner Masdalena 4 zu wiſſen thun, was du geſagt haſt.« Bei dieſer Drohung fuhr der Muͤtzenhaͤndler zu⸗ ſammen, als haͤtte in dem Augen! lick der Bolzen ei⸗ ner Armbruſt an ſeinem Ohr gepfiffen, da er es am wenigſten erwartete. Er antwortete mit zitternder *) Es gibt noch jetzt Stalllatarnen, die ſtatt des Glaſes mit durchſichtigem Horn verſehen ſind. Anm. d. Her. Stimme:„Guter Vater Simon, Ihr nehmt Euch fuͤr einen Mann mit grauen Haaren zu viel heraus; be⸗ denkt doch, Nachbar, daß Ihr viel zu alt ſeyd, Euch mit einem jungen Krieger wie ich, zu meſſen. Was Magdalenuen betrifft, ſo kann ich mich auf Euch verlaſ⸗ ſen, denn ich weiß niemand, der minder faͤhig waͤre, den Hausfrieden zu ſtoͤren.« „Daß ſich nur deine Dummheit nicht zu lang auf mich verlaͤßt,« ſagte der Handſchuhmacher außer ſich, „packe dich und das Ding, das du einen Kopf nennſt, im Augenblick zuſammen und geh, oder ich borge auf fuͤnf Minuten meine Jugendkraft, um dir den Schaͤ⸗ del einzuſchlagen.“ „Ihr habt wahrſcheinlich an dieſem Feſt etwas zu viel getrunken,“ ſagte der Muͤtzenhaͤndler,„ich wuͤn⸗ ſche Euch einen ruhigen Schlaf, morgen werden wir beſſere Freunde ſeyn.“ „Ich ſage dir noch einmal, packe dich; ich ſchaͤme mich, daß ein Nichts, wie du, mich aufbringen konn⸗ te.— Dummkopf! Schwaͤchling! boͤſes Maul!“« fuͤgte Glover hinzu und warf ſich in dem Angenblick auf einen Stuhl, da der Muͤtzenhaͤndler verſchwand.„Iſt es moͤglich, daß ein Menſch, der immer Luͤgen ſchmie⸗ det, keine findet, wenn es gilt, die Schande eines Freundes zu verbergen und ich, ich, wer bin ich, daß ich wuͤnſchte, die ungeheure Schmach, die mich und meine Tochter traf, entſchuldigt zu ſehen. Und doch, ſo gut dachte ich von Heinrich, daß ich alle Luͤgen zu glauben bereit war, die dieſer Eſel erfunden haͤtte. 96 Aber es iſt unnuͤtz, ſich weiter damit abzugeben; un⸗ ſer guter Name muß ſtehen und wenn alles daruͤber zu Grunde geht.«« Waͤhrend der Handſchuhmacher ſo uͤber die unwill⸗ kommene Beſtaͤtigung des Geruͤchtes dachte, das er bis jetzt nicht zu glauben gewagt hatte, gewann der verjagte Taͤnzer des Mohrenballetes Zeit, die Stra⸗ ßen von Perth in einer kalten und finſtern Februar⸗ nacht durchwandelnd uͤber die Folgen zu denken, die der Zorn des Handſchuhmachers haben moͤchte. „Aber das war nichts,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ge⸗ gen den von Heinrich, der wegen einer geringeren Urſache einen Menſchen toͤdtete, als die iſt, Kathari⸗ nen oder ihren hitzigen Vater mit ihm zu entzweien.⸗ „Gewiß,“« fuhr er fort,„ich haͤtte beſſer gethan, alles zu laͤugnen; aber ich wurde von dem Gedanken uͤberwaltigt, ſelbſt als leichtſinniger Galan zu erſchei⸗ nen, wie ichs auch wirklich bin. Soll ich gehn, beim Greifwirth das Feſt zu enden? aber Magdalena wird larmen, wenn ich nach Hauſe komme. Doch, es iſt ja heute der Faſchingstag, da darf ich mir etwas er⸗ lauben. Da kommt mir ein guter Gedanke: ich gehe nicht zum Greif, ich will mich zum Waffenſchmied be⸗ geben; er muß zu Hauſe ſeyn, weil ihn heute noch niemand geſehen hat. Ich will Frieden mit ihm zu machen ſuchen und ihm meine Vermittlung beim Hand⸗ ſchuhmacher anbieten. Heinrich iſt ein ehrlicher, ge⸗ rader Junge und ob ich gleich geſtehen muß, daß er bei einem Tumult beſſer iſt, als ich, ſo kann ich doch 97 im Wortſtreit machen, was ich will. Die Straßen ſind jetzt ruhig, die Nacht iſt finſter und ich verberge mich leicht, wenn mir jemand begegnet. Ja, ich will zu Smith gehn und wenn ich ihn mit zum Freund be⸗ halte, den alten Simon auslachen. Moͤge St. Rin⸗ gan mich dieſe Nacht beſchuͤtzen, ſo will ich lieber meine Zunge ausbeißen, als daß ſie mich neuen Gefahren ausſetzt. Jener alte Kerl glich bei erhitztem Blut mehr einem Mann, der Buͤfflkoller durchhauen will, als einem Zerſchneider von Gemſenleder.“ Waͤhrend dieſer Gedanken ſchritt der gewaltige Oli⸗ vier ſchnell aber geraͤuſchlos gegen den Wynd, oder die Straße, in der der Waffenſchmied, wie unſre Leſer ſchon wiſſen, wohnte. Aber das Ungluͤck hatte noch nicht abgelaſſen, ihn zu verfolgen. Als er in die Haupt⸗ ſtraße einbog, hoͤrte er ganz nahe bei ſich laͤrmende Muſik von lautem Jubel begleitet. „Das ſind meine luſtigen Geſellen, die Rohren⸗ taͤnzer,« dachte er,„ich kenne den alten Geiger Je⸗ remias unter hundert andern. Ich will durch die Straße gehn, ohne daß ſie mich ſehen, wenn man mich erblickte, koͤnnte man glauben, ich gehe auf ein Aben⸗ theuer aus und das wird meiner Tapferkeit Ehre ma⸗ chen. Dieſer Wunſch, unter die tapferſten Maͤnner und gluͤcklichſten Liebhaber gezaͤhlt zu werden, wurde durch einige kluge Betrachtungen beſtritten; indeß ſuchte der Muͤtzenhaͤndler durch die Straße zu kommen. Aber die luſtige Bande war von Fackeln erleuchtet, deren Walter Scott's Werke. 1538 Boͤchen. 7 98 Licht Oliviern entdeckte, da ſeine hellfarbige Kleidung ihn von weitem ſichtbar machte. Es erhob ſich ein allgemeines Geſchrei:„Ein Fang! ein Fang!“ von allen Seiten. Dieſer Laͤrm uͤbertaͤubte die Mu⸗ ſik und ehe der Muͤtzenhändler Zeit hatte, ſich zum Bleiben oder Fliehen zu entſchließen, ergriffen ihn zwei ſtarke, junge Leute, wunderlich gekleidet und als Wilde maslirt, eine ungeheure Keule in der Hand und riefen in tragiſchem Ton:„Ergib dich, Schellen⸗ mann, ergib dich auf Gnad' und Ungnade oder du biſt ein todter Taͤnzer.“ „Wem ſoll ich mich ergeben?“ fragte der Mützenhänd⸗ ler mit zitternder Stimme, denn ob er gleich ſah, daß er mit Masken zu thun hatte, die zum Vergnügen die Stadt durchzogen, hatte er doch bemerkt, daß ſie über ſeinem Rang waren und hatte die Kühnheit nicht, ein Spiel zu theilen, in dem ohne Zweifel der Schwächere geopfert wurde. „Willſt du unterhandeln, Sclave?« antwortete eine der Masken,„und ſoll ich dir zeigen, daß du unſer Ge⸗ fangner biſt, indem ich dich augenblicklich prügeln laſſe?“ „Durchaus nicht, mächtiger Indier,“ ſagte Olivier, „ich will alles thun, was Ihr verlangt.“ „So komm mit,“ entgegnete der Andere,„komm und huldige dem Kaiſer der Gaukler, dem König der Ca⸗ priolen und Großherzog der Nachtſtunden, beweiſe du, Kraft welcher Rechte du ſo kühn biſt, zu ſingen und zu tanzen und Fellſchuhe auf ſeinem Gebiet zu tragen, ohne ihm Tribut zu entrichten. Weißt du nicht, daß du die Strafe des Hochverraths verwirkt haſt? 99- „Das wäre meines Bedünkens ſehr hart, verwiederte Olivier,„da ich nicht wußte, daß ſeine Gnaden dieſen Abend die Zügel der Herrſchaft führt; aber ich bin be⸗ reit, dieſes Verbrechen zu büßen, wenn die Börſe eines armen Mützenmachers es vermag, meine Geldſtrafe von etlichen Pinten Wein oder der Art etwas zahlen. „Führt ihn vor den Kaiſer„ war die allgemeine Antwort. Der Mohrentänzer wurde vor einen ſchlan⸗ ken jungen Mann geführt, der voll Würde und An⸗ muth war; er trug prächtige Kleider, Gürtel und Tiare von Pfauenfedern, die man damals als große Selten⸗ heit aus Indien brachte. Eine kurze Jacke ſchloß ſich unter der Bruſt über einem Leopardenfell, ſonſt war er mit fleiſchfarbener Seide bedeckt und ſah einem in⸗ diſchen Fürſten ganz ähnlich, ſeine Sandalen waren mit ſcharlachrothen Seidenbändern befeſtigt und er trug eine Art von Fächer, wie die Damen ihn brauchten, aus Pfauenfedern, die büſchelweiſe beiſammen waren. „Was für einen Kerl bringt Ihr mir da?“ fragte der Indianerhäuptling;„wer hat gewagt, die Schellen eines Mohrentänzers einem ſo traurigen Eſel anzuhän⸗ gen, wie dieſer? Hört, Freund, Euer Kleid macht Euch zu unſerm Unterthan, weil unſer Reich ſich über das ganze Narrenland erſtreckt und Gaukler und Sänger jeder Art umfaßt. Nun wie? kannſt du nicht ant⸗ worten? Er muß zu trinken haben, bringt ihm unſere Nußſchale voll Sect.“ Eine ungeheure Kürbißſchale voll Weins wurde dem 4. 7* 10⁰⁰ Mund des Flehenden dargeboten, während der Fürſt und ſein Gefolge ihn ermahnten, zu trinken. „Leere mir die Nußſchale und zwar ohne Grimmaſ⸗ fen, mit Auſtand,“ ſagte der Häuptling. Olivier hätte es nicht verſchmäht, mäßig von dem Wein zu trinken, aber die Maſſe ſchreckte ihn, die er verſchlingen ſollte. Er trank ein Stück und bat um Gnade. „Gefalle es Eurer Herrlichkeit,“ ſagte er,„ich habe noch einen großen Weg zurückzulegen und wenn ich genöthigt wäre, Eurer Großmuth volle Ehre wiederfahren zu laſſen, wofür ich meinen Dank anzunehmen bitte, ſo⸗ werde ich nicht mehr im Stande ſeyn, über den näch⸗ ſten Graben zu ſpringen.“ „Laß ſehen, ob du wenigſtens im Stande biſt, dich wie ein Schalk zu betragen. Mach' einmal eine Ca⸗ priole. Ah! Eins, zwei, drei. Trefflich; noch einmal! Schlagt ihn zum Ritter.(Ein Trabant des Indianer⸗ häuptlings berührte Olivier leicht mit dem Schwert.) Ah! dieſe Capriole iſt beſſer als alle andern; er ſpringt wie eine Katze in der Dachrinne! Gebt ihm die Nuß⸗ ſchale noch einmal. Voran, keinen Zwang, er hat ſein Verbrechen abgebüßt und verdient nicht blos die Frei⸗ heit, ſondern auch eine Belohnung. Kniee nieder, kniee nieder; ſo, nun erhebt Euch, Herr Ritter, von der Calebaße,*) wie heißt du? Leih' mir einer ein Nappier!“ *) Es iſt daſſelbe, wie Fiaſchegegebis. Anm. d. Ueb. — 101 „Olivier, Eure Herrlichkeit, ich wollte ſagen, Eure Durchlaucht.“ 3 „Olivier? Nun, dann biſt du bereits einer von den zwölf Pairs und das Schickſal hat deine Erhöhung geweiſſagt. Aber ſteht auf, lieber Sir Olivier Stroh⸗ kopf, Ritter des ehrenhaften Ordens vom Tanzſchuh ſteht auf im Namen des Unſinns und geht in des Teu⸗ fels Namen Euren Geſchäften nach.“ Bei dieſen Worten ſchlug der Indianerhäuptling mit dem flachen Schwert ſtark auf die Schulter des Mü⸗ tzeumachers, der ſich mit mehr Behendigkeit, als er vorhin gezeigt hatte, wieder auf ſeinen Füßen fand. Durch das laute Gelächter und deu Spottlärm, den er hinter ſich vernahm, fortgetrieben, kam er, ohne ſich einen Augenblick aufzuhalten, vor Smiths Hauſe an, ſo geſchwind, als ein verfolgter Fuchs ſeinen Bau auf⸗ ſucht.. Nachdem der Mützenhändler an der Pforte ange⸗ klopft, fiel ihm ein, daß er ſich hätte mehr darüber beſinnen ſollen, wie er ſich vor Smith zeigen wollte und wie es einzuleiten ſey, daß er ihm ſeine Schwätzerei mittheile. Er erhielt auf das erſte Klopfen keine Ant⸗ wort und vielleicht hätte in dem Augenblick, da all dieſe Gedanken ſich in ſeinem geſchreckten Geiſte erho⸗ ben, der Mützenhändler ſeinen Plan aufgegeben, wenn er nicht in der Ferne Muſik gehört hätte. Aus Furcht, zum zweitenmal in die Hände der glänzenden Masken zu fallen, denen er ſo eben entkommen war, klopfte er wieder und hörte nun ſogleich Heinrich Gows ſtarke, aber angenehme Stimme aus dem Innern des Hauſes: 1⁰² „Wer klopft ſo ſpät und was will man?“ „Ich bins, Olivier Proudfute, und habe Euch einen guten Spaß zu erzählen, Bruder Heinrich!“ „Tragt Eure Narrheiten auf einen andern Markt, ich bin nicht für Späſſe gelaunt, lebt wohl, ich will heute Abend Niemand ſehen.“ Aber, Kamerad, guter Kamerad, ich bin von Schuf⸗ ten umringt und bitte um Zuflucht unter deinem Dach!“ „Du Narr,“ erwiederte Heinrich,„der feigſte Hahn vom Miſthaufen, der dieſes Feſt gekämpft hat, würde es verachten, ſeine Federn gegen einen Haſenfuß, wie du, zu ſpreizen.“ In dieſem Augenblick ließ ſich die Muſik wieder hö⸗ ren. Sie ſchien ſich zu nähern und der Mützenhändler, der ſeine Furcht nicht verhehlen konnte, rief: „Im Namen unſerer alten Freundſchaft und aus Liebe zu unſerer Frau, Heinrich, gebt mir Zuflucht, oder Ihr findet morgen an Eurer Thür meinen Leichnam durch die blutdürſtigen Douglas verſtümmelt.“ „Das wäre eine Schande für mich,“ dachte der gute Heinrich,„und vielleicht iſt er wirklich in Gefahr. Es gibt Falken, die lieber einen Sperling, als einen Reiher anpacken.“ Indem er ſich halb laut, halb leiſe dieſe Gedanken ma hte, öffnete er ſeine wohlgeſchloſſene Thüre mit dem Vorſatz, die Wirklichkeit der Gefahr zu unterſuchen, ehe er den Mützenhändler bei ſich eintreten ließe. Aber während er ſich in der Straße umſah, ſchlüpfte Olivier in das Haus wie ein gehetzter Hirſch in ein Gebüſch, —— 105 2 und er hatte ſich bereits an dem Kamin geſetzt, ehe der Waffenſchmied, der nach allen Seiten um ſich blickte, ſich überzeugen konnte, daß kein Feind den Flüchtling verfolge. Er ſchloß hierauf ſeine Thüre wieder und kam in die Küche zurück, unzufrieden, daß ſeine tiefe Einſamkeit geſtört und ſeine Güte durch eine Furcht getäuſcht worden, die ſo leicht zu erregen war⸗ als die ſeines feigen Mitbürgers. „Was ſoll das bedeuten,“ ſagte er ziemlich kalt, als er den Mützenmacher an ſeinem Herde ſah,„was iſt das für eine Faſchingsnarrheit, Meiſter Olivier? ich ſehe Niemand, der Euch verfolgt.“ „Gebt mir zu trinken, Kamerad,“ antwortete Olivier, „die Eile, mit der ich hieher gekommen bin, hat mich erſtickt.“ 3 „Ich habe geſchworen, daß heute Nacht in meinem Hauſe kein Gelage ſeyn ſoll. Ich bin in meinen Werk⸗ tagskleidern, wie Ihr ſeht. Für mich iſt heute Faſt⸗ tag und nicht Feſttag und ich habe gute Gründe dazu. Ihr habt dieſen Abend genug getrunken, denn Ihr könnt kaum reden. Wenn Ihr noch Wein oder Bier wollt, könnt Ihr anders wohin gehen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der arme Olivier,„ich habe ſchon geſchmaust und ich kann beifügen, daß ich im Wein erſäuft wurde. Der verfluchte Flaſchenkürbis! Ein Tropfen Waſſer, Freund, iſt Alles, was ich ver⸗ lange und ich hoffe, ich werde nicht umſonſt bitten; oder, wenn Ihr wollt, ein Glas ſchlechtes Bier.“ „Wenn Ihr das verlaugt,“ ſagte Heinrich, yſo ſoll's 104 Euch nicht fehlen. Aber es muß von zu vielem Wein herkommen, daß Ihr Waſſer verlangt.“ Bei dieſen Worten füllte er eine Halbflaſche aus einem danebenſtehenden Faß und bot ſie ſeinem Gaſt hin. Olivier nahm ſie an und führte ſie, von dem ge⸗ habten Schrecken noch zitternd, zum Mund; und ob⸗ wohl der Trank, den er zu ſich nahm, ſchwach war, fand er ſich doch durch Ermattung, Unruhe, Schrecken und die Ausſchweifungen des Tages ſo ſehr erſchöpft, daß er, nachdem er die Flaſche leer auf den eichenen Tiſch geſtellt hatte, einen Seufzer hören ließ und ei⸗ nige Minuten lang ſtill blieb. »Nun, da Ihr getrunken habt, Kamerad,“ ſagte der Waffenſchmied,„ſagt mir, was Ihr wollt. Wer waren die, welche Euch bedrohten? Ich konnte Niemand ſehen.. „Nein, aber es waren wenigſtens zwanzig, die mich im Wynd verfolgten; aber als ſie uns beide beiſammen ſahen, haben ſie den Muth verloren, den ſie behalten hätten, wenn Einer von uns allein geweſen wäre.“ „Spaßt nicht, Freund,« ſagte der Waffenſchmied, vich bin nicht zu Späſſen aufgelegt.“ »„Beim heiligen Johann von Perth, ich ſpaſſe nicht, ich wurde auf eine ärgerliche Weiſe beſchimpft,“ ant⸗ wortete Olivier, indem er die Hand auf den angegrif⸗ fenen Theil legte,„durch den Narren Robin von Roth⸗ ſiy, den lärmenden Ramorny und ihre übrige Rotte. Sie haben mich eine Viertelstonne Malvaſier trinken laſſen.“ 40⁵ Ihr wißt nicht, was Ihr ſagt, Olivier. Ramoruy liegt todtkrank— wie der Apotheker überall ſagt; ſie ſinds gewiß nicht, die um Mitternacht ſolche Streiche ſpielen.“ „Ich will es nicht gerade behaupten; aber ich kann einen Eid darauf ablegen, daß ich Mützen erkannt habe, welche ich für ſie ſeit dem Unſchuldigenkindleintag ge⸗ macht habe. Sie ſind ziemlich ſeltſam und ich muß doch meine eigene Arbeit kennen.“ „Es kann ſeyn, daß man Euch Unrecht gethan hat,“ erwiederte Heinrich,„wenn Ihr wirklich in Gefahr ſeyd, ſo will ich Euch hier ein Bett machen; aber Ihr müßt den Augenblick ſchlafen, denn ich bin nicht zum Schwatzen gelaunt.“ „Es wäre mir herzlich lieb; aber Magdalena wird zornig werden, das heißt, ſie wird nicht zornig wer⸗ den; denn ſie weiß, daß mich das ſehr wenig kümmert; aber ſie wird fürchten, es ſey mir in dieſer unruhigen Nacht etwas zugeſtoßen. Sie kennt meine Art, die ungeſtüm iſt, wie die deine und immer geneigt, auf ein Wort mit einem Hieb zu antworten.“ „So geh nach Haus, daß ſie ihren Schatz in Sicher⸗ heit ſieht; Meiſter Olivier, die Straßen ſind ruhig und um frei zu ſprechen, ich möchte allein ſeyn.“ „Noch einen Augenblick,“ ſagte Olivier, der ſich ſcheute, zu bleiben und ſich fürchtete, zu gehen.„Es hat im Stadtrath Lärm wegen der Sache vom Vorabend von St. Valentin gegeben. Der Oberrichter hat mir vor kaum vier Stunden geſagt, man ſey mit den Douglas 106 überein gekommen, die Sache durch Zweikampf zu ent⸗ ſcheiden. Unſer alter Bekannter, Dick der Teufel, ent⸗ ſagt ſeinem Adel und vertheidigt die Sache der Doug⸗ las und der Edelleute; man ſagt, Ihr oder ich ſollen die Sache der ſchönen Stadt führen. Ob ich gleich der Aeltere im Rath bin, ſo will ich doch, unſerer gegen⸗ ſeitigen Freundſchaft zu lieb, dir den Vorrang laſſen und mich mit dem mildern Amte des Stabführers be⸗ gnügen. ⸗ Heinrich Smith konnte trotz ſeines Zorns nicht um⸗ hin, zu lachen. „Wenn dich das beunruhigt,“ ſagte er,„und dich um Mitternacht außer deinem Hauſe hält, ſo läßt ſich Alles machen. Du ſollſt den angebotenen Vorzug nicht ver⸗ lieren. Ich habe mehr als zwanzig Zweikämpfe gehabt, zu viel, viel zu viel; du haſt dich bis jetzt nur mit deinem hölzernen Sultan geſchlagen. Es wäre unge⸗ recht, unedel, grauſam, ſo das Anerbieten zu mißbrau⸗ chen, das mir deine Freundſchaft macht. Geh alſo nur heim, wackerer Junge, und laß dir die Furcht, dieſe Ehre zu verlieren, die Ruhe nicht ſtören. Sey ver⸗ ſichert, daß du auf die Ausforderung antworten wirſt, du haſt das Recht dazu, weil du durch den rohen Knap⸗ pen beleidigt biſt.“ „Großen Dank von ganzem Herzen,“ ſagte Olivier, *) Stickler. So nannte man die Sekundanten, weil ſte weiße Staͤbe trugen, zum Zeichen ihres Amts, beiden Partheien Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Anm. d. Ueb. — 107 über die unerwartete Nachgiebigkeit verlegen.„Du biſt ein ſo guter Freund, als ich immer dachte. Aber ich habe ſo viel Liebe für Heinrich Smith, als er für Olivier Proudfute. Ich ſchwöre bei dem heil. Johann, daß ich mich nicht dir zum Schaden ſchlagen werde; jetzt bin ich gewiß, der Verſuchung nicht nachzugeben. Denn du wirſt nicht wollen, daß ich meinen Eid breche und gälte es auch zwanzig Zweikämpfe.“ „Höre,“ antwortete Smith,„geſtehe, daß du dich fürchteſt, ſag' einmal in deinem Leben ehrlich die Wahr⸗ heit, oder ich laſſe dich den Streit ausfechten.“ „Wie? Brnder, du weißt wohl, daß ich mich nie fürchte. Aber wirklich der Kerl iſt ſo entſchloſſen und ich habe ein Weib, die arme Magdalena, wie du weißt, — ich habe Kinder und du—. 4 „Und ich,“ unterbrach ihn Heinrich heftig,„ich habe ſie nicht und werde ſie nie bekommen.“. „Wie? in der That? wenn es ſo iſt, wollte ich lie⸗ ber, daß du dich ſchlügſt, als ich.“ „Bei unſerer Frau! Kamerad,“ antwortete der Waf⸗ fenſchmied,„mit dir iſt leicht zu ſpielen. Höre, Narr, der du biſt, daß Sir Patrick Charteris, der gern lacht, ſich auf deine Koſten beluſtigt hat. Glaubſt du, daß er die Ehre der Stadt wagen und auf einen Kopf wie der deine rechnen würde? oder daß ich dir in einer Sache wie dieſe den Vorgang ließe? Ja! Guter Gott, geh nur heim! Laß dir deine Magdalene eine warme Nachtmütze um den Kopf binden, nimm ein gutes Früh⸗ ſtück, trinke abgezogenes Waſſer und du wirſt morgen 108 im Stande ſeyn, mit deinem Dromond oder hölzernen Sultan zu fechten, wie du es nennſt, das Einzige, auf was deine Hiebe je ſenkrecht fielen.“ „Ahl ſo iſts nicht,“ ſagte Proudfute ermuthigt, in⸗ dem er es für nöthig hielt, beleidigt zu ſcheinen. „Ich lache über deine ſchlechte Laune, du weißt wohl, daß du meine Geduld nicht bis zum Streit mit dir er⸗ müden kannſt. Genug davon, wir ſind Waffenbrüder, das iſt dein Haus. Die zwei beſten Kliugen von Perth dürfen ſich nicht miteinander meſſen. Ich bin au deine Laune gewöhnt und vergeſſe alles. Aber iſt es wahr, daß beide Partheien verſöhnt ſind?« „So vollſtändig, als ein Hammer einen Nagel ein⸗ ſchlagen kann,“ war Heinrichs Antwort. „Die Stadt hat dem John*) eine Goldbörſe dafür geſchenkt, daß er ſie nicht eines Ueberläſtigen, Namens Olivier Proudfute entladen hat, da es in ſeiner Macht ſtand. Mit dieſem Beutel wird für den Oberrichter die Inſel Steepleß gekauft, die der König ihm gibt, denn der König zahlt alles in der Länge. So erhält Sir Patrick den ſchönen Inch,**) der vor ſeinem Hanſe liegt. Die Ehre iſt dabei auf beiden Seiten, denn Ihr wißt ja, was dem Oberrichter geſchenkt wird, das wird der Stadt geſchenkt. Das Beſte von Allem iſt, *) S. im Anf. der Erzaͤhlung Proudfutes Zuſammen⸗ treffen mit Dick dem Teufel. Anm. d. Her. **⁰) In der Beſchreibung von Perth ſahen wir, daß eine große Wieſe mitten in der Stadt dieſen Namen fuͤhrte. 4 Anm,. d. Ker. 109 daß die Douglas'ſchen Perth verlaſſen haben, um gegen die Engländer zu ziehen, welche letztere von dem treu⸗ loſen Grafen von March, wie man ſagt, an die Gränze gerufen ſind. So iſt die ſchöne Stadt von Douglas und ſeinem Gefolge frei.“ „Aber bei St. Johann! wie iſt das alles zugegan⸗ gen?“ ſagte Olivier,„niemand ſpricht ja davon.“— „Nun ſieh, Olivier, das nehme ich nun einmal an! Der, dem ich die Hand abhieb, ſoll ein Diener Sir John Ramorny's ſeyn und ſich in ſein Vaterland, die Graf⸗ ſchaft Fife geflüchtet haben, wohin Sir John ſelbſt⸗ nach dem Wunſch jedes ehrlichen Mannes verbannt wer⸗ den ſoll. Aber alles, was Sir John angeht, berührt auch eine viel wichtigere Perſon. Wenigſtens verſicherte Simon Glover dieß den Sir Patrick Charteris. Ich glaube die Wahrheit zu errathen und danke dem Him⸗ mel und allen Heiligen, daß ich den nicht auf der Lei⸗ ter niedermachte, den ich fing.“ 3 „Ich muß auch dem Himmel und allen Heiligen dan⸗ ken, ſo andächtig ich kann,“ fiel Olivier ein,„denn ich war neben dir, wie du weißt und...“ „Sprich davon nichts mehr, wenn du klug ſeyn willſt; es gibt gewiſſe Geſetze gegen die, welche Fuͤrſten tref⸗ fen, man muß das Hufeiſen nicht anrühren, ehe es kalt geworden iſt, aber es hat ſich jetzt alles gegeben.“ „Wenn's das iſt,“ ſagte Olivier, etwas verlegen, aber muthiger gemacht durch die Nachrichten, die er von ei⸗ nem beſſer unterrichteten Mann erhielt,„ſo habe ich Urſache, mich daruͤber zu beklagen, daß Sir Patrick ₰ nõõ ⁰-ℳ—— ſ 11¹⁰0 Charteris, der Oberrichter der Stadt, mit der Ehre eines rechtſchaffenen Bürgers ſpielt.“ „Ich rathe Dir, Olivier, ihn in die Schranken zu fordern und er wird ſeinen Leuten befehlen, die Hunde auf dich zu hetzen. Aber die Nacht rückt während deines Plauderns vor.“ „Ich habe dir nur noch ein Wort zu ſagen, Kamerad. Aber gib mir vorher noch ein Glas Bier.“ „Daß dich die Peſt erſticke. Ich wünſche dich an ei⸗ nem Ort, wo kalte Getränke ſeltner ſind. Da, leer das Faß nach Belieben.“ Olivier nahm eine zweite Flaſche, aber er trank ſehr langſam, oder ſchien dieß wenigſtens zu thun, um Zeit zu gewinnen und über die Art zu denken, wie er einen neuen Gegenſtand des Geſprächs einleitete, der ihm ſehr kitzlich ſchien, wenn er an die Reizbarkeit des Waffen⸗ ſchmieds dachte. Endlich fand er nichts beſſeres als ge⸗ radezu mit der Sache anzufangen. „Ich habe heute Simon Glover geſehen,“ ſagte er. „So?“« antwortete der Waffenſchmied mit dumpfer, melancholiſcher Stimme,„was geht mich das an?“ „Nichts, nichts;“ antwortete der Mützenhändler er⸗ blaſſend.„Ich dachte nur, Ihr hörtet vielleicht gern, daß er mich fragte, ob ich Euch am St. Valentinstag nach den Unruhen bei den Dominikanern geſehen habe und in welcher Geſellſchaft?“ „Ich wette, Ihr habt ihm geantwortet, Ihr ſeyd mir mit einer Sängerin in der dunkeln Gaſſe dort be⸗ gegnet?“ — 111 „Du weißt, Heinrich, daß es mir nicht gegeben iſt, zu lügen; aber ich habe die Sache mit ihm abgemacht.“ „Und wie denn?“ „Nun, guter Gott, ſo— Vater Simon,“ ſagte ich, „Ihr ſeyd ein alter Mann und wißt nicht, daß in un⸗ ſern Adern die Jugend wie Queckſilber iſt. Ihr denkt gewiß, ſagte ich, er kümmere ſich um das Mädchen und halte ſie jetzt in einem Winkel von Perth verborgen? Keineswegs, ich weiß und könnte drauf ſchwören, daß ſie ſein Haus verließ und den andern Morgen nach Dundee abging. Jal ich habe dir in dem kitzlichen Um⸗ ſtand artig geholfen.“ „Wirklich, das dünkt mich auch und wenn etwas meinen Kummer und Zorn in dieſem Augenblick vermeh⸗ ren kann, ſo iſt es das, einem Eſel, wie du, ſeinen plum⸗ pen Huf mir auf den Kopf ſetzen zu ſehen, um mich tiefer in den Schlamm zu ſtoßen, in dem ich doch nur halb erſäuft war. Geh fort und mögeſt du das Schick⸗ ſal haben, das deine Schwätzerei verdient, dann wird man dich im erſten Graben mit umgedrehtem Hals fin⸗ den. Geh, ſag' ich, oder ich werfe dich an den Schul⸗ tern aus der Thür.“ „Ah! ah!« rief Olivier, indem er ſich bemühte, zu lachen,„du nimmſt es ſo?— Aber, Bruder Heinrich, begleite mich bis an mein Haus in Meal Vennal, das wird dich zerſtreuen.“ „Fluch über dich, nein!“ „Ich gebe dir Wein genug, wenn du kömmſt,“ ſagte Olivier. 11² „Ich prügle dich, wenn du bleibſt;« antwortete Hein⸗ rich. 3 „Nun gut, ſo will ich gehn; laß mich deinen Koller und Helm anlegen, ich will mit deinem lauten Schritt gehn und dein Lieblingsliedchen ſummen:„vdie Beiner ab zu Loncarty;«« wenn man mich für dich hält, wer⸗ den vier Mann zuſammen mir nicht zu nahen wagen.“ „Nimm, was du willſt, in des Teufels Namen, aber befreie mich von deiner Gegenwart.“ „Gut, gut, Heinrich, wir ſehen uns wieder, wenn du beſſer gelaunt biſt,« ſagte Olivier, ſich ankleidend. „Geh und duͤrfte ich dein dummes Geſicht nie wieder ſehen.“ Olivier ging endlich, ſo gut es ihm moͤglich war, den kuͤhnen Schritt und das aͤußere Benehmen ſeines furchtbaren Genoſſen nachahmend und ein Liedchen uͤber die Niederlage der Daͤnen zu Concarty ſum⸗ mend, das er gelernt hatte, weil es eine Lieblingsme⸗ lodie des Waffenſchmieds war, den er ſich in Allem zum Vorbild nahm. Aber als der wackere Olivier, ein guter Menſch, trotz ſeiner laͤcherlichen Eitelkeit, den Wynd verließ, um in die Hauptſtraße einzulenkeu, erhielt er von hinten, wo ihn der Helm nicht deckte, einen Hieb und fiel todt zu Boden; er verſuchte den Namen Heinrich zu murmeln, an den er ſich immer um Schutz wandte, aber der Name verſch ebte auf ſeinen ſterbenden Lippen. — ſſſſnſſin 8 9 10 1 ſiſnmnFſtſnſnſſüſſſſſſiſſſſſſſſff 1 12 13 14 15 16 17 18