Walter Scott's ſämmtliche W e r k e. —— Neu überſetzt. Hundert und zweiundfünfzigſtes Bändchen. Neue Folge. Zweites Bändchen. O00000009— Das ſchoͤne Maͤdchen von Perth. Zweiter Theil. Stuttgart, Fr. Brodhag ſche Buchhandluns. 1 8 5. Das schöne Mädehen von Perth. Hiſtoriſch romantiſches Gemaͤlde von Sir Walter Scott. —:— 4 Aus dem Engliſchen. Zweiter Theil. ———n Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1 830. Siebentes Capitel. Zu andrer Zeit mag Blut nach ſolchem Streite ſtießen. Shakspeare. Das Konclave der Bürger, die ſich gegenſeitig zuge⸗ ſagt hatten, über den in der vorigen Nacht ſtatt ge⸗ fundnen Auflauf berathen zu wollen, war verſammelt. In Simon Glover's Werkſtätte drängte ſich eine Men⸗ ge Perſonen, die nicht ohne Anſehen waren und von denen Mehrere Kleider von ſchwarzem Sammte trugen und eine goldne Kette um den Hals hängen hatten. Es waren in gwiſſem Sinne die Patres conscripti der Stadt und unter dieſen ehrſamen Bürgern befanden ſich Vögte und Zuchtmeiſter. Auf Allen Stirnen war Zorn und beleidigtes Selbſtgefühl zu leſen, während ſie, ehe die ordentliche Berathung eröffnet wurde, halbleiſe mit⸗ einander ſprachen. Derjenige, der unter dieſen beſchäf⸗ tigten Perſonen ſich noch mehr als die andern zu ſchaf⸗ fen machen ſchien, war der kleine Mann mit dem an⸗ ſprechenden Ausſehen, den unſere Leſer gegen das Ende des Tumults in der verfloßnen Nacht kennen gelernt haben, Olivier Proudfute geheißen, ein Strumpfwir⸗ ker ſeines Handwerks. Man ſah ihn geſchäftig unter der Menge hin und herlaufen, einer Möve nicht ganz unähnlich, die beim Beginne des Sturms die Flügel 4 8 6 ſpreitzt, ſchreit und in ungeregeltem Fluge die Luft durchkreuzt, ſtatt daß man erwarten ſollte, ſie werde ſich in ihr Neſt fluͤchten und dort waͤhrend des Or⸗ kans ruhig bleiben.. Wie geſagt, Meiſter Proudfute befand ſich mitten unter der Verſammlung, wobei er den Einen mit dem Finger am Knopfe faßte, dem Andern etwas ins Ohr fluͤſterte, und ſich bald vorwaͤrts beugte, wenn Einer gleicher Groͤße mit ihm war, bald ſich auf die Fußſpitzen ſtellte, um ſolchen, die groͤßer waren, als er, ſeine Neuigkeiten mitzutheilen, indem er ſie am Kragen ihres Kleides faßte, um ſich zu halten. Im Bewußtſeyn des Vortheils, daß er beſſer unterrichtet war, als die Uebrigen, weil er Augenzeuge geweſen, betrachtete er ſich als einen der Helden des Drama und war ſehr geneigt, den Antheil, den er dabei genom⸗ men, uͤber die Graͤnzen der Wahrheit und Beſchei⸗ denheit auszudehnen. Man kann nicht ſagen, daß die Mittheilungen, die er machte, von Wichtigkeit und Werth geweſen waͤren; ſie beſchraͤnkten ſich im Allgemeinen auf Folgendes: 1 „Das iſt Alles wahr, beim heil. Johannes, ich war ſelbſt dabei, und hab es mit meinen eigenen Augen geſehen. Ich war der Erſte, der auf den Laͤrm her⸗ beieilte, und waͤre ich und ein anderer mannhafter Geſelle, der beinahe zu gleicher Zeit anlangte, nicht geweſen, ſo haͤtten ſie Simon Glover die Hausthuͤre eingeſchlagen, ihm die Kehle abgeſchnitten und ſeine Tochter mit ſich in die Gebirge geſchleppt. Das iſt 7 ein Verfahren, das man nicht leiden kann, Nachbar Crookſhank, das man nicht dulden kann, Nachbar Glaß, dem man nicht zuſehen kann, Rachbarn Bal⸗ neaves, Bollock und Chryſteſon. Es war ein großes Gluͤck, daß wir, ich und der andere kraͤftige Geſelle, noch zu rechter Zeit anlangten. Iſt es nicht wahr, mein ehrenwerther Nachbar, Vogt Craigdallie?“ Dieſe Reden wurden von dem geſchaͤftigen Strumpf⸗ wirker einem nach dem andern in's Ohr gefluͤſtert. Der Vogt Craigdallie, derſelbe, der den Rath gege⸗ ben hatte, die Berathung uͤber das in der Nacht vor⸗ gefallene auf dieſe Zeit und dieſen Ort auszuſetzen, war ein großer, dicker, freundlich ausſehender Mann, der ſich der Hand des Zunftmeiſters, die ſich am Kragen ſeines Kleides feſtgekrallt hatte, beinahe auf dieſelbe Art entledigte, mit der ein muthiges Pferd die laͤſtige Bremſe abſchuͤttelte.„Still, brave Buͤr⸗ ger!« rief er,„ſeht da Simon Glover, aus deſſen Munde noch kein unwahres Wort gegangen iſt; wir wollen von ihm vernehmen, uͤber welche Unbilde er Beſchwerde zu fuͤhren hat.“ Simon, aufgefordert, eine Schilderung von dem ganzen Hergang der Sache zu geben, erklaͤrte ſich mit ſichtbarer Verlegenheit, die er dem Umſtande zu⸗ ſchrieb, daß es ihm nicht genehm war, daß ſich die Stadt ernſtlich um den Vorfall bekuͤmmerte, der ei⸗ gentlich nur ihn anging. Im Grunde, ſagte er, ſey es nur ein muthwilliger Streich, ein Scherz von ei⸗ nigen jungen Hoͤflingen, und das Schlimmſte, das 8 dieſer zur Folge habe, das, daß er ſtarke eiſerne Git⸗ ter an das Kammerfenſter ſeiner Tochter machen laſ⸗ ſen werde, um die Wiederholung eines ſolchen Poſ⸗ ſenſpiels zu verhindern. „Aber wenn es blos ein Poſſenſpiel und Scherz war,“« ſagte der Vogt Craigdallie,„ſo hat unſer Mitbuͤrger, Heinrich der Waffenſchmied, ſehr unrecht gethan, einem ehrlichen Manne ſo ohne Bedenken die Hand abzuhauen, und die Stadt koͤnnte zu einer betraͤchtlichen Buße verurtheilt werden, wenn wir uns der Perſon deſſen, der dieſe Verſtuͤmmlung ſich erlaubt hat, nicht bemaͤchtigen.« „Das wolle unſre Liebefrau verhuͤten!« rief der Handſchuhmacher.„Wenn ihr wuͤßtet, was ich weiß, ſo wuͤrdet ihr euch eben ſo fuͤrchten, euch in dieſe Sache zu mengen, als ein gluͤhendes Eiſen anzurüh⸗ ren. Doch da ihr die Finger in's Feuer ſtecken wollt, ſo muß ich euch die Wahrheit ſagen. Mag nun daraus entſtehen, was will, ſo ſage ich euch, daß die Sache fuͤr mich und die Meinigen ſehr ſchlimm haͤtte ablau⸗ fen koͤnnen, wenn nicht Heinrich Gow, der Waffen⸗ ſchmied, mir zu gelegener Zeit noch zu Huͤlfe gekom⸗ men waͤre.« „So wie ich,«Z ſagte Olivier Prondfute,„wenn ich ſchon nicht behaupten will, in Fuͤhrung des Schwer⸗ tes ſo geſchickt zu ſeyn, wie unſer Nachbar Heinrich Gow. Ihr habt mich beim Anfange des Laͤrms ge⸗ ſehen, nicht wahr, Nachbar Glover?«« »Ich ſah euch, wie das Ganze zu Ende war, 9 Nachbar,« verſetzte der Handſchuhmacher in trocknem Tone. „Es iſt wahr, es iſt wahr,“ erwiederte Proud⸗ fute;„ich hatte vergeſſen, daß ihr in eurem Hauſe waret, waͤhrend die Hiebe fielen, und daß ihr alſo nicht ſehen konntet, wer ſie austheilte.“ „Stille, Nachbar Proudfute, ſtille!« rief Craig⸗ dallie, durch das nicht ſehr wohllautende Kraͤchzen des ehrenwerthen Zunftmeiſters ſichtbar gelangweilt. „Es ſteckt ein Geheimniß hinter der Sache, aber ich glaube, es zu errathen. Unſer Freund Simon iſt, wie ihr alle wißt, ein friedliebender Mann, der lie⸗ ber eine Ungerechtigkeit leidet, als daß er einen Freund oder Nachbar in Gefahr braͤchte, um Genugthuung dafuͤr zu erhalten. Aber du, Heinrich Gow, du, den man immer findet, wenn die Stadt eines Vertheidi⸗ gers bedarf, ſage uns, was du von der Sache weißt.“ Der Waffenſchmied erzaͤhlte die Geſchichte, ſo, wie wir ſie ſchon gegeben haben, und der geſchaͤftige Strumpfwirker rief noch einmal,„und du haſt mich bei dem Gefecht geſehen, tapferer Smith, nicht wahr?« „Nein, meiner Treu, Nachbar,« antwortete Smith; „aber ihr ſeyd klein, wie ihr wißt, und da iſts moͤg⸗ lich, daß ich euch nicht bemerkt habe.“ Dieſe Antwort erregte ein Gelaͤchter auf Koſten Olivier's, der ſelbſt auch mitlachte, jedoch hinzuſetzte: „Es iſt demungeachtet wahr, daß ich einer der Er⸗ ſten war, die dem Nachbar Glover zu Huͤlfe kamen.“ „Aber wo ſeyd ihr denn geweſen, Nachbar?« fragte 10 Smith;„denn meiner Seel', ich hab' euch nicht ge⸗ ſehen, und haͤtte ſo viel, als meine beſte Ruͤſtung werth iſt, gegeben, wenn ich einen handfeſten, ruͤſti⸗ gen Geſellen, wie ihr ſeyd, zur Seite gehabt haͤtte.“ „Ich war dennoch nicht weit von dir, tapferer Smith, und waͤhrend du Hiebe austheilteſt, als haͤm⸗ merteſt du auf deinen Amboß, fing ich die auf, die dir andere Schurken von hinten beibringen wollten, und darum haſt du mich nicht geſehen.“ „Ich habe ſchon von Schmieden aus der alten Zeit erzaͤhlen hoͤren, die nur ein Auge hatten,“ ſagte Smith;„ich habe deren zwei, da aber beide unter meiner Stirne liegen, ſo konnte ich nicht nach hinten ſehen, Nachbar.“ „Dennoch war ich da,“ erwiederte der hartnaͤckige Olivier,„und ich will Meiſter Craigdallie Alles er⸗ zaͤhlen, was vorgefallen iſt, denn ich und Heinrich Gow waren die Erſten außm Platze.“ „Fuͤr jetzt haben wir genug,“ ſagte der Vogt und bedeutete ihm durch ein Zeichen, zu ſchweigen.„Die Erklaͤrungen Simon Glover's und Heinrich Gow's waͤren auch bei einer weniger glaublichen Sache hin⸗ laͤnglich. Jetzt, ihr Meiſter fragt ſich's, was wir thun ſollen. Alle unſre Rechte als Buͤrger ſind ver⸗ hoͤhnt und verletzt, und ihr koͤnnt euch wohl denken, durch einen Gewaltigen, denn ein Anderer haͤtte nicht gewagt, das zu thun. Es iſt hart fuͤr Fleiſch und Blut, ihr Meiſter, ſich ſolchen Schimpf gefallen laſſen zu muͤſſen. Die Geſetze haben uns einen nie⸗ —— 11 derern Rang als den Fuͤrſten und Edlen angewieſen, aber es iſt wider die Vernunft, anzunehmen, wir werden es dulden, daß man unſre Haͤuſer ſtuͤrmt und die Ehre unſrer Weiber und Toͤchter antaſtet, ohne daß wir Genugthuung dafuͤr erhalten.“ „Das kann man nicht dulden!“ riefen einmuͤthig alle Buͤrger. Jetzt draͤngte ſich Simon Glover vor; alle ſeine Zuͤge verriethen Verlegenheit und Unruhe.„Ich bin immer noch der Meinung,“ ſprach er,„daß man keine ſo ſchlimme Abſichten hatte, als wir glauben konnten, und was mich betrifft, ſo wuͤrde ich die Unruhe und den Laͤrm, deren Schauplatz dieſe Nacht mein armes Haus war, gerne nachſehen, um den Unannehmlichkeiten zu begegnen, die aus dieſer Sache fuͤr unſre gute Stadt entſtehen koͤnnten. Bedenkt, ich bitte euch,— welches ſind die Richter, die daruͤber erkennen werden? Ich ſpreche unter Nachbarn, unter Freunden und alſo zu offenen Herzen. Der Koͤnig, Gott ſchuͤtze ihn!— iſt ſo geſchwaͤcht an Koͤrper und Geiſt, daß er uns zu einem ſeiner Raͤthe ſchicken wird, zu einem großen Herrn, der gerade bei ihm in Gnade ſteht. Vielleicht ſchickt er uns zu ſeinem Bruder, dem Herzog von Albany, der von unſerm Geſuche um Gerechtigkeit einen Vorwand nehmen wird, uns Geld abzupreſſen.“ „Wir wollen Albany nicht zum Richter!“ rief wie⸗ der die ganze Verſammlung mit einmuͤthiger Stimme. „Vielleicht ſagt er uns, wir ſollen unſre Beſchwer⸗ ———õ— 12 den vor den Herzog von Rothſay bringen,“ fuhr Si⸗ mon fort,„und dieſer junge, ausſchweifende Prinz wird die Beſchimpfung als herrlichen Stoff für die Scherze ſeiner luſtigen Genoſſen und für die Lieder ſei⸗ ner Minſtrel's anſehen.“ „Weg mit Rothſay! er iſt zu zerſtreut, um unſer Richter zu ſeyn!“ riefen alle Bürger. 4 Simon wurde beherzter, als er ſah, daß er dem er⸗ wünſchten Ziele näher kam; jedoch ſprach er mit leiſer Stimme den folgenden gefürchteten Namen:„Würdek ihr's lieber mit Douglas dem Schwarzen zu thun ha⸗ ben?“. Eine Minute verfloß, ohne daß jemand antwortete. Mit bleichen Wangen und verlegnen Geſichtern ſahen die Bürger einander an.— Aber Heinrich Gow ſprach beherzt und gab mit feſter Stimme den Gefühlen Worte, die Alle beſeelten, die aber keiner auszudrücken wagte. „Douglas den Schwarzen zum Richter zwiſchen ei⸗ nem Bürger und einem Edlen, einem großen Herrn! da möchte ich einmal zuſehen! Lieber den ſchwarzen Teu⸗ fel der Hölle! ihr ſeyd ein Narr, Vater Simon, daß ihr eine ſolche Frage an uns macht.“ Es trat wieder eine augenblickliche Stille ein, durch die Furcht und Ungewißheit veranlaßt, die der Vogt Craigdallie endlich unterbrach, indem er, mit einem ausdruckvollen Blick auf den Waffenſchmied gegen die⸗ ſen bemerkte:„Euer Unterwamms, Nachbar Smith, gibt euch dies Vertrauen, ohne das ihr nicht ſo dreiſt ſprechen würdet.“ 15 „Ich habe Vertrauen auf mein Herz, das unter mei⸗ nem Wammſe ſchlägt, Vogt,“ erwiederte der uner⸗ ſchrockne Heinrich„und wenn ich auch kein Großſpre⸗ cher bin, ſo wird mir doch keiner von euren Edlen ein Schloß vor den Mund legen.“ „Tragt nur ein ſicheres Wamms, mein wackerer Hein⸗ rich, oder ſprecht nicht ſo übermüthig,“ ſagte der Vogt in demſelben bedeutſamen Tone.„Es ſind Leute von den Gränzen in der Stadt, die das blutende Herz*) auf der Schulter tragen.— Aber was machen wir? denn alle dieſe Reden führen nicht zum Ziele.“ „Die kürzeſten ſind die beſten,“ rief der Waffenſchmied, wauf, laßt uns unſern Oberrichter aufſuchen und von ihm Hülfe und Beiſtand begehren.“ Ein Gemurmel des Beifalls lief durch die Verſamm⸗ kung und Olivier Proudfute ſchrie:„Das ſag ich ſchon ſeit einer halben Stunde, aber niemand will mich hö⸗ ren. Auf! laßt uns unſern Oberrichter aufſuchen, ſag' ich. Er iſt ſelbſt ein Edler und ſoll bei jeder Gelegen⸗ heit zwiſchen die Stadt und die Herren treten.« „Friede, Nachbarn! Friede! bedenket wohl, was ihr redet und was ihr thut,“ ſagte ein kleiner, magerer Mann, der durch ſeine Bemühungen, ſich das Anſehen der tiefſten Demuth zu geben, noch mehr einem Schat⸗ ten glich, um ſein Aeußeres mit ſeinen Reden in Ein⸗ klang zu bringen und noch kleiner und unbedeutender zu erſcheinen, als die Natur ihn geſchaffen hatte. *) Das Wappen der Donglas. D. Herausg. „Verzeiht,« fuhr er fort,„ich bin nur ein armer Apotheker; indeſſen bin ich in Paris erzogen worden, habe dort ſtudirt und meinen Cursus medendi durch⸗ gemacht, ſo gut als gewiſſe Leute, die ſich den Titel gelahrter Doktoren anmaßen: ich glaube, ich kann dieſe Wunde ſondiren und erweichende Pflaſter darauf legen. Unſer Freund Simon Glover hier, iſt, wie ihr alle wißt, ein ehrenwerther Mann. Meint ihr, er würde bei einer Sache, die die Ehre ſeines Hauſes ſo nahe angeht, nicht am eifrigſten unter uns auf ſtrenge Maß⸗ regeln dringen? da es ihm aber, wie es ſcheint, nicht darum zu thun iſt, eine Anklage gegen die Nachtſchwär⸗ mer zu erheben, ſo beſinnt euch, ob es nicht möglich ſey, daß er ſeine beſondern Gründe habe, die er nicht preiß geben mag, die Sache auf ſich beruhen zu laſſen. Mir ſteht es nicht zu, Hand an dieſe Wunde zu legen, aber, ach! wir wiſſen alle, daß junge Mädchen zu den Eſſenzen gehören, die leicht verdunſten. Nun denkt euch, eine ehrſame Dirne, laſſe, verſteht ſich in aller Unſchuld, am Morgen von St. Valentin ihr Fenſter halb offen, damit ein verliebter Kavalier, verſteht ſich in allen Ehren, ihr Valentin werden könne; denkt auch ſodann, der Galan werde entdeckt,— kann ſie nicht einen Schrei thun, als hätte ſie dieſen Beſuch nicht erwartet und.... und.... ſtoßt das Alles in einem Mörſer, und ſeht hernach, ob das, was herauskömmt, von der Art iſt, daß es die Stadt veraulaſſen könnte, gegen irgend jemand Beſchwerde zu führen.“ Mit dem einſchmeichelnſten Tone brachte der Apothe⸗ 15 ker ſeine Rede vor, aber das kleine Männchen ſchien noch kleiner zu werden, als es dem alten Glover das Blut ins Geſicht ſteigen und die Flamme des Zorns auf der Stirne des furchtbaren Waffenſchmieds lodern ſah. Dieſer trat vor, warf einen wüthenden Blick auf den beſtürzten Apotheker und ſchrie:„Wandelndes Ge⸗ ripp! alter Sünder! Giftmiſcher von Handwerk! wenn ich glaubte, daß der verpeſtete Hauch deiner ſchandba⸗ ren Worte dem fleckenloſen Rufe Katharina Glover's nur einen Augenblick ſchaden könnte, ich würde dich in deinem eignen Mörſer zu Pulver zerſtoßen, nichtswür⸗ diger Quackſalber, und mit Schwefelblüthe, der einzi⸗ gen nicht verfälſchlichen Waare in deinem Kramladen, deinen jammervollen Leichnam zerſetzen, um eine Salbe daraus zu bereiten für räudige Hunde!“ „Still, mein Sohn Heinrich, ſtill!“ unterbrach ihn der Handſchuhmacher;„niemand hat hier das Recht, zu ſprechen, als ich.— Ehrenwerther Vogt Craigdal⸗ lie, da man meine Mäßigung alſo auslegt, ſo bin ich genöthigt der Sache auf den Grund zu gehen, und wenn auch der Erfolg lehren mag, daß wir beſſer daran ge⸗ than hätten, uns ruhig zu verhalten, ſo wird man wenigſtens ſehen, daß meine Tochter weder durch Thor⸗ heit noch durch Leichtſinn Anlaß zu dieſem großen Aerger⸗ niß gegeben hat.“ Nun trat auch der Vogt in's Mittel.„Nachbar Heinrich,“ ſagte er,„wir ſind hier verſammelt, uns zu berathen, nicht, Streit mit einander anzufangen. Als eine Magiſtratsperſon unſerer ſchönen Stadt be⸗ 16 fehle ich dir, abzuſagen jeglichem Groll und Rachgefühl gegen Meiſter Dwining, den Apotheker.“ „Der Tropf iſt mir zu elend, als daß ich an ihn denken ſollte, Vogt,“ erwiederte Smith.„Einen Schlag mit meinem Hammer, und es wäre um ihn und ſeinen Kram geſchehen.“ „Still doch, und hört mich,“ ſagte der Vogt.„Wir glauben alle an die Ehre des ſchönen Mädchens von Perth, wie an die unſerer Liebenfrau,“— er machte hier das Zeichen des Kreuzes—„was aber die Appel⸗ lation an unſern Oberrichter belangt, ſeyd ihr da alle der Meinung, Nachbarn, daß man ihm die Sache über⸗ laſſen ſolle, in Betracht deſſen, daß wir es, wie zu fürchten ſteht, mit einem mächtigen Edlen zu thun haben?“ 4 4 „Weil der Oberrichter ſelbſt zu und nſern Edeln gehört,“ ſagte der Apotheker, der ſich von ſeinem Schrecken wie⸗ der in etwas erholt hatte, als er ſah, daß ſich der Vogt für ihn verwendete,„Gott weiß es, es fällt mir nicht ein, das Geringſte wider einen Herrn einzuwen⸗ den, deſſen Voreltern durch eine ſo lange Reihe von Jahren die Stelle eingenommen haben, die er gegenwär⸗ tig behauptet, aber—— 4 „Durch die freie Wahl der Bürger von Perth,“ ſagte Smith mit ſtarker Stimme, den Redner unterbrechend. „Allerdings,“ erwiederte der Apotheker, aus der Faſ⸗ ſung gekommen,„durch die Wahl der Bürger; wie könnte es anders ſeyn?— Ich bitte Euch, mich nicht zu unterbrechen, Freund Smith; ich ſpreche mit un⸗ 17 ſerm ehrenwerthen BVogt Craigdallie, und will dem meine unmaßgebliche Anſicht mittheilen. Ich ſage, mag kommen was will, Sir Patricius Charteris iſt ein Ed⸗ ler, und kein Falke hackt einem andern das Aug' aus. Er kann uns bei einem Streite mit den Hochländern an die Hand gehen und Parthei gegen ſie nehmen als unſer Haupt und Oberrichter, aber eine andere Frage iſts, ob er, der ſich in Seide trägt, geneigt ſeyn wird, gegen Herrn in geſtickten, mit Gold verbrämten Klei⸗ dern unſere Sache zu verfechten, wie er es gegen den Fries und Tartan der Irländer gethan hat. Folgt dem Rathe eines einfältigen Mannes. Wir haben unſer ſchö⸗ nes Mädchen gerettet, dem Uebles nachzureden mir noch nie in Sinn gekommen iſt, weil ich nicht wüßte, was ich ſagen ſollte; Sie haben wenigſtens die Hand eines Mannes verloren, der ſich bei Heinrich Smith dafür zu bedanken hat.⸗ „Und bei mir,“ ſagte der kleine wichtig khuende Strumpfwirker. „Und bei Olivier Proudfute, wie er uns ſagt,“ ſetzte der Apotheker hinzu, der niemanden den Ruhm ſtrei⸗ tig machte, wenn man ihn nur nicht zwang, auf dem gefährlichen Pfade derer zu wandeln, die ſich ihn er⸗ rungen hatten.„Ich ſage, Nachbarn, daß, da ſie uns eine Hand als Unterpfand gelaſſen haben, daß ſie nie mehr in die Cur⸗Few⸗Street kommen wollen, mir in der Einfalt meines Herzens am gerathenſten ſcheint, unſerm tapfern Mitbürger Heinrich unſern Dank abzu⸗ ſtatten, und in Betracht deſſen, daß die Ehre ganz Walter Scott's Werke. 1528 Boͤchen. 2 18 auf Seiten der Stadt, der Verluſt ganz auf Seiten der Nachtſchwärmer geweſen, die Sache auf ſich beru⸗ hen zu laſſen und nicht weiter davon zu ſprechen.“ Dieſer friedliche Rath machte Eindruck auf einige Bürger, welche anfingen, mit dem Kopfe Zeichen des Beifalls zu geben, und mit ernſter Miene den Ver⸗ fechter der Mäßigung zu betrachten, deſſen Meinung Simon Glover ſelbſt zu theilen ſchien, ob er ſich gleich einen Augenblick zuvor beleidigt gefühlt hatte. Nicht ſo Heinrich Smith, der, als er ſah, daß ſich niemand anſchickte, zu ſprechen, mit ſeiner gewöhnlichen Frei⸗ müthigkeit das Wort nahm und ſagte: „Nachbarn! ich bin weder der älteſte, noch der reichſte unter Euch, und es iſt mir auch nicht leid darum, daß ich es nicht bin: Die Jahre werden noch kommen und ich kann beim Feuer meines Ofens und dem Blaſen meiner Bälge mein Geld erwerben und wieder aus⸗ geben, wie ein Anderer. Aber noch Niemand hat mich ſaumſelig geſehen, wenn unſerer ſchönen Stadt durch Wort oder That Unrecht geſchah, und es in der Macht der Zunge und des Arms eines Mannes ſtand, Gerech⸗ tigkeit dafür zu ſchaffen. Ich werde daher einem ſol⸗ chen Schimpf nicht ruhig zuſehen, wenn ich etwas Beſ⸗ ſeres zu thun vermag. Ich werde ſelbſt den Oberrichter aufſuchen und wenn ich allein hingehen müßte. Es iſt ein Cavalier, ich weiß es, ein Edler von Geburt, wie wir alle wiſſen, von Vater auf Sohn, ſeit der Zeit Wallace's, der den Urgroßvater des Sir Patricius in dieſes Land eingeführt hat. Aber wäre er auch der 19 ſtolzeſte Edle im Land, er iſt Oberrichter in Perth und muß über die Erhaltung der Freiheiten und Gerechtſame der Stadt wachen. Ja, und ich weiß, er wird es thun; ich habe ihm einen ſtählernen Panzer gemacht und weiß ſo ziemlich genau, welcher Art das Herz iſt, das er beſtimmt war zu decken.“ „Es iſt wahr,“ ſagte der Vogt CEraigdallie,„es würde uns nichts nützen, wenn wir uns ohne Beiſtand des Sir Patricius Charteris bei Hofe vorſtellten. Die muth⸗ maßliche Antwort, die wir erhielten, wäre:„Geht zu Eurem Oberrichter ungeſchickte Leute!“ Wenn ihr da⸗ her, Nachbarn und Mitbürger, meinem Rathe beitre⸗ ten wollt, ſo wollen der Apotheker Dwining und ich uns auf der Stelle mit Simon Glover, dem wackern Smith und dem tapfern Olivier Proudfute als Zeugen des Schimpfs auf der Stelle nach Kinfauns begeben, und im Namen unſerer ſchönen Stadt mit Sir Patri⸗ cius Charteris ſprechen.« „» Ach!«c ſagte der friedliebende Arzneikrämer,„laßt mich aus dem Spiele, ich bitte euch, ich beſitze nicht Kühnheit genug, vor einem Caralier zu ſprechen.«« „Gleichviel Nachbar!« erwiederte der Vogt,„»du müßt mit uns kommen. Die ganze Stadt betrachtet mich noch als einen Hitzkopf, trotz meiner 60 Jahre, Simon Glover iſt der beleidigte Theil, wir wiſſen alle, daß Heinrich Gow mit ſeinem Schwert mehr Rüſtun⸗ gen zu Schanden haut, als er je zu fertigen im Stande iſt, und unſer Nachbar Proudfute, der nach ſeiner ei⸗ genen Ansſage allen Händeln die ſin der Stadt Perth 2* 20 „vorfallen, von Anfang bis zu Ende anwohnt, iſt, wie ſich hieraus von ſelbſt ergiebt, ein rüſtiger, gewandter Mann. Wir müßen wenigſtens einen Sachverwalter des Frie⸗ dens und der Ruhe bei uns haben und dieſe Rolle mußt du ſpielen Dwining.— Wohlan, ihr Herrn, die Stie⸗ fel angezogen, und die Pferde gerüſtet!— Zu Pferd! ſage ich, am öſtlichen Thore treffen wir zuſammen, das heißt, Nachbarn, wenn es Euer Wille iſt, uns dieſe Sendung anzuvertrauen.“— „Man kann nicht beſſer ſprechen! wir ſind alle da⸗ mit einverſtanden!“ riefen einmüthig die Bürger.„Wenn der Oberrichter Parthei für uns nimmt, wie die ſchöne Stadt das Recht hat, zu erwarten, ſo können wir der Katze die Schelle anhängen, und der ſtolzeſte dieſer edlen Herrn macht uns nicht bange.“ „Nun denn, Nachbarn,“ ſagte der Vogt,„ſo ge⸗ ſchehe, wie wir ſo eben gehört haben. Ich habe auf dieſe Stunde den großen Rath der Stadt zuſammenbe⸗ rufen, und da ich viele Mitglieder deſſelben hier be⸗ merke, die dafür entſchieden haben, man ſolle ſich an den Oberrichter wenden, ſo zweifle ich nicht daran, daß auch die übrigen, dieſe Meinung theilen. Wohlan alſo, Nachbarn und wackere Bürger der ſchönen Stadt Perth⸗ zu Pferd! ſag' ich noch einmal, am Thore, das gegen Morgen führt, findet ihr mich wieder.“ „Ein allgemeines Beifallrufen endigte die Sitzung dieſes geheimen Rathes, und die Bürger zerſtreuten ſich, die einen, um ſich zur Abreiſe zu rüſten, die au⸗ dern, um ihren ungeduldig harrenden Weibern und 21 Töchtern Bericht zu erſtatten, welche Maßregeln man getroffen habe, damit ihre Schlafkammern in Zukunft gegen die Unternehmungen verliebter Ritter geſichert wären. Während die Pferde geſattelt werden und der Rath der Stadt die Maaßregeln, welche die angeſehenſten Mitglieder bereits angenommen haben beſpricht oder vielmehr in geſetzlicher Form abfaßt, mag zur Un⸗ terrichtung eines Theils der Leſer die genauere Aus⸗ einanderſetzung gewiſſer Thatſachen, die bei der obigen Beſprechung nur angedeutet wurden, ihre Stelle finden. Um dieſe Zeit, wo die Macht der lehensherrlichen Ariſtokratie den Rechten der königlichen Städte in Schott⸗ land Hohn ſprach, und ſich nicht ſelten Eingriffe in ihre Gerechtſame erlaubte, war es gewöhnlich, daß die Städte, wenn die Umſtände es forderten, ihren Oberrichter, d. h. ihre höchſte obrigkeitliche Perſon nicht aus den Han⸗ delsmännern, Kaufleuten und Bürgern, die in der Stadt wohnten und die untergeordneten Aemter begleiteten, ſondern aus den Edlen oder Baronen in der Umgegend wählten. Man erwartete von demjenigen, der auf dieſen hohen Poſten erhoben worden war, daß er die Stadt bei allem, was ihre Intereſſen betraf, bei Hofe vertrat, ihre Truppen befehligte, mochten ſie nun für die Krone in den Krieg ziehen, oder eine Privatfehde der Stadt auszufechten haben, und daß er dieſe mit ſeinen eigenen Vaſallen verſtärkte. Der Schutz, der auf dieſe Weiſe geleiſtet wurde, blieb nicht immer un⸗ belohnt. Nicht ſelten benutzten die Oberrichter ihre 22 Lage auf eine unverantwortliche Weiſe, ließen ſich Gü⸗ ter und Häuſer, die der Gemeinde gehörten, abtreten, und machten ſich ſo für die geleiſteten Dienſte von den Bürgern auf Koſten des öffentlichen Eigenthums ſehr theuer bezahlt. Andere begnügten ſich mit dem Bei⸗ ſtande der Bürger in ihren Privatfehden, und mit den andern Zeichen der Achtung und Erkenntlichkeit, welche die ihnen untergebenen Städte ihnen willig zollten um ſich ihrer täglichen Mitwirkung im Falle der Noth zu verſichern. Dem Baron, der der gewöhnliche Beſchü⸗ tzer einer Stadt war, wurden dieſe freiwilligen Opfer ohne Bedenken dargebracht, und er vergalt ſie dadurch, daß er die Rechte der Stadt ſchirmte, im Rathe durch ſeine Beredtſamkeit, und auf dem Schlachtfeld durch ſeinen tapfern Arm. Die Bürger der Stadt, oder, wie ſie ſie lieber nann⸗ ten, der ſchönen Stadt Perth, hatten ſeit mehreren Geſchlechtern einen Beſchützer oder Oberrichter der ge⸗ nannten Art in dem edlen Hauſe der Charteris, Herrn von Kinfauns, in der Nähe der Stadt, gefunden. Kaum ein Jahrhundert war unter der Regierung Roberts) des III. zu Ende gegangen, ſeit der erſte dieſer aus⸗ gezeichneten Familie ſich auf dem feſten Schloſſe nie⸗ dergelaſſen hatte, das ihm damals gehörte, ſo wie das furchtbare, maleriſch ſchöne Gebiet, in dem es lag. *) Wallace und Bruce datirten ſich vom Anfange des raten Jahrhunderts. Robert III. regierte von 1390 — 1423. Der Kerausg. 23 Aber die Geſchichte deſſen, der ſich ſo als der erſte in dieſem Cantone angeſiedelt hatte, an ſich ſchou aben⸗ teuerlich und romantiſch, war geeignet, die Niederlaſ⸗ ſung eines Fremden in dem Lande zu erleichtern, wo⸗ hin das Schickſal ihn geführt hatte. Wir erzählen ſie hier ſo, wie ſie eine alte Sage gibt, welche große Wahrſcheinlichkeit hat, und ſo weit begründet ſeyn dürfte, um in Werken, wie das vorliegende, eine Stelle zu verdienen. Während der kurzen Laufbahn des berühmten Patrio⸗ ten Sir William Wallace, damals, als ſeine Waffen die Engländer auf einige Zeit aus ſeinem Vaterlande vertrieben hatten, ſoll er mit einigen vertrauten Freun⸗ den eine Fahrt nach Frankreich unternommen haben, um zu verſuchen, ob er nicht in Perſon(denn ſeine Tapferkeit hatte ihm allgemeine Achtung verſchafft) den König von Frankreich beſtimmen könnte, ein Korps Hülfstruppen nach Schottland zu ſchicken, oder auf an⸗ dere Art die Schotten zu unterſtützen, ihre Unabhängig⸗ keit wieder zu gewinnen. Er befand ſich am Bord eines kleinen Fahrzeuges, das die Richtung gegen den Hafen von Dieppe nahm, als man in der Ferne ein Segel bemerkte, das die Schiffleute anfangs mit Beſorgniß und Unruhe und bald mit Furcht und Schrecken näher kommen ſahen. Auf Wallaces Frage, was der Grund ihrer Beſtürzung ſey, unterrichte ihn der Capitain, daß das große Schiff, das in der Abſicht, das ihrige zu entern, auf ſie los⸗ ſteure, einem berühmten Corſaren gehöre, der ebenſo 24 durch ſeinen Muth und ſeine körperliche Stärke, wie durch ſein beſtändiges, ſich immer gleichbleibendes Glück berüchtigt worden ſey. Der Befehlshaber ſey ein fran⸗ zöſiſcher Edelmann, Thomas von Longueville genannt, und gehöre zu den Seeräubern, die ſich für Freunde des Meeres und für Feinde aller derjenigen erklärt ha⸗ ben, die auf dieſem ihrem Elemente zu ſegeln wagen. Er greife die Schiffe aller Nationen an und plündere ſie, wie die alten Korſen*), die Könige des Meeres, wie man ſie nannte, die ihren Ruhm auf den ſchaum⸗ bedeckten Gebirgen der Wogen aufgeſchlagen haben. Der Kapitain ſetzte hinzu: Kein Fahrzeug könne dem Corſaren durch die Flucht entkommen, ein ſo gu⸗ ter Segler ſey ſein Schiff und keines könne hoffen, ihm zu widerſtehen, wenn er es— ſein gewöhnliches Ma⸗ nöhre— an der Spitze ſeiner Leute geentert habe. Wallace lächelte bitter, während ihm der Capitain mit der Miene der Beſtürzung, und Thränen in der Augen die Gewißheit ankündigte, ſie würden von dem rothen Corſaren genommen werden— ein Name, den man Thomas von Longueville gab, weil er gewöhnlich eine blutrothe Flagge aufſteckte, die man ſchon im Winde flattern ſah. „Ich will den Kanal von dieſen Seeräubern befreien,“ ſagte Wallace. Dann verfammelte er um ſich zwölf *) Im Piraten findet man haͤufige Anſpielungen auf dieſe Korſarenkonige Scandinaviens. Der Kerausg. 25 der Freunde, die ihn begleitet hatten, Boyd, Kerlie, Seton und andere unerſchrockene Männer, und befahl ihnen, ſich zu wappnen und unter dem Verdecke aufzu⸗ ſtellen, ſo daß ſie nicht geſehen werden könnten. Eben⸗ ſo beorderte er alle Seelente unter das Verdeck, dieje⸗ nigen ausgenommen, die unumgänglich nothwendig wa⸗ ren um das Schiff zu lenken, und befahl dem Maſten⸗ meiſter bei Todesſtrafe, ſo zu manövriren, daß es das Anſehen habe, als fliehen ſie, und der rothe Corſar leicht an das Fahrzeug kommen könne, worauf er ſich ſelbſt auch unter das Verdeck begab, damit durchaus nichts verriethe, daß man im Sinne habe, Widerſtand zu leiſten. Nach einer Viertelſtunde legte das Schiff Longueville's an dem Wallace's an. Der Corſar warf ſeine Enterhaken aus, um ſich ſeiner Priſe zu verſi⸗ chern, und ſprang, von Kopf bis zu den Füßen ge⸗ wappnet, an Bord; ſeine Leute folgten und erhoben ein furchtbares Geſchrei, als wären ſie ſchon ihres Sieges gewiß. Allein plötzlich erhoben ſich die ſchotti⸗ ſchen Gewappneten, und der rothe Corſar fand uner⸗ wartet, daß er es mit Lenten zu thun hatte, die den Sieg als ausgemachte Sache betrachteten, wenn es je⸗ der nur mit zwei oder drei Gegnern zu thun hatte. Wallace warf ſich ſelbſt auf den Seeräuber, und nun begann zwiſchen dieſen beiden ein ſo furchtbarer Kampf, daß die übrigen zu fechten aufhörten um denſelben zu⸗ zuſchauen, indem ſie, wie es ſchien, durch ſtillſchwei⸗ gende Uebereinkunft die Entſcheidung des Ganzen den zwei tapfern Anführern überließen. Der Corſar focht 26 ſo gut, als es nur einem Manne möglich war, aber Wallace beſaß mehr als gewöhnliche Kraft; er ſchlug dem Piraten das Schwerdt aus der Hand und bedrängte ihn ſo ſehr, daß dieſer kein anderes Mittel wußte, dem Tode zu entgehen, als daß er ſich auf ſeinen Geg⸗ ner warf, um ihn vielleicht im Ringen niederzuwerfen. Aber auch dieß mißlang. Mit den Armen ſich um⸗ ſchloſſen haltend, fielen beide auf das Verdeck nieder, allein Wallace behielt die Oberhand, umfaßte die Hals⸗ berge ſeines Gegners und drückte dieſe, ob ſie gleich vom beſten Stahle war, ſo ſtark zuſammen, daß dem Corſaren das Blut aus den Augen, der Naſe und dem Mund ſtrömte, und er nur durch Zeichen um ſein Le⸗ ben bitten konnte... Seine Leute ſtreckten die Waffen und baten um Gnade, als ſie ihren Anführer in der Gewalt des Siegers ſahen, und Wallace ſchenkte allen das Leben, behielt ſie aber als Gefangene und bemäch⸗ tigte ſich ihres Schiffes. Als er den Hafen von Dieppe anſichtig wurde, ſchreckte Wallace dieſe Stadt dadurch, daß er die Flagge des Corſaren aufſteckte, wie wenn dieſer im Anzug wäre, um die Stadt zu brandſchatzen. Man zog die Sturm⸗ glocke, die Lärmhörner ertönten, und die Bürger eil⸗ ten zu den Waffen, als ſich plötzlich die Scene änderte. Der ſchottiſche Löwe im goldenen Felde wurde über der Flagge des Seeräubers aufgezogen, und verkündigte, daß der Befreier Schottlands ſich nahe, wie ein Falke die Beute in ſeinen Klauen. Er ſtieg mit ſeinen Ge⸗ fangenen ans Land und brachte dieſen an den franzöſi⸗ 27 ſchen Hof, wo der König auf Bitten de Longueville alle Seeräubereien, die er begangen hatte, verzieh, ihn ſogar zum Ritter ſchlug und ihm anbot, er ſolle in ſeine Dienſte treten. Allein der Corſar hatte mit ſeinem edlen Beſieger eine ſo innige Freundſchaft ge⸗ ſchloſſen, daß er Wallace's Schickſal theilen wollte. Er kehrte mit ihm nach Schottland zurück, focht in man⸗ chen blutigen Schlachten an ſeiner Seite, und gab Pro⸗ ben einer Tapferkeit, die keinem nachſtand, als dem ſchottiſchen Helden. Aber ſein Schickſal war glücklicher, als das ſeines Freundes. Durch ein ſchönes Aeußere, ſo wie durch erprobte Stärke und Tapferkeit ausge⸗ zeichnet, gewann Sir Thomas de Longueville die Gunſt eines Fräuleins aus dem alten Hauſe der Charteris, das ihn zum Gatten wählte, und ihm das ſchöne Schloß Kinfauns und die zu dieſer Baronie gehörigen Beſitzun⸗ gen als Mitgift zubrachte. Ihre Nachkommen nann⸗ ten ſich Charteris, wie ihre Ahnen von mütterlicher Seite, die früheren Eigenthümer ihrer Güter, geheiſ⸗ ſen hatten, obgleich der Name Thomas von Longueville bei ihnen in derſelben Achtung ſtand. Das große Schwert, das er in den Schlachten führte, iſt noch jetzt im Beſitze der Familie. Eine andere Sage mel⸗ det, Longueville ſelbſt habe ſich Charteris genannt. Die Herrſchaft ging in der Folge auf das Haus Blair über, und gehört gegenwärtig dem Lord Gray. Dieſe Barone von Kinfauns waren ſeit mehreren Ge⸗ ſchlechtern die Oberrichter von Perth geweſen, da die Nachbarſchaft des Schloſſes und der Stadt dieſe Ein⸗ 28 richtung beiden Theilen erwünſcht machte, ſich gegen⸗ ſeitig zu unterſtützen. Sir Patricius Charteris, von dem hier die Rede iſt, hatte ſchon mehreremale an der Spitze der Einwohner von Perth gegen die immer wie⸗ derkehrenden Streifzügler vom Hochlande und gegen an⸗ dere fremde und einheimiſche Feinde gefochten. Freilich wurde er auch nicht ſelten mit unbedentenden, nichts⸗ ſagenden Klagen beläſtigt, die man ohne Noth vor ihn brachte, und ihn zu entſcheiden bat. Daher kam es, daß man ihm hie und da den Vorwurf machen hörte, er ſey zu ſtolz als ein Edler, und zu gleichgültig als ein Reicher, und gebe ſich zu ſehr den Vergnügungen der Jagd und der Gaſtlichkeit hin, als daß er ſich bei allen Gelegenheiten ſo thätig hätte beweiſen können, als die ſchöne Stadt es wünſchte Allein, wenn dieß gleich einige Unzufriedenheit erregte, ſo pflegten die Bürger doch, ſobald ſte Grund zu ernſtlichen Beſorg⸗ niſſen hatten, ihren Oberrichter anzugehen, und dieſer unterſtützte ſie kräftig mit ſeinem Kopf und ſeinem Arme. Achtes Capitel. Nachdem wir in unſerm letzten Capitel über den Cha⸗ rakter des Sir Patricius Charteris und ſeine Eigen⸗ ſchaft als Oberrichter von Perth Auskunft gegeben ha⸗ ben, wenden wir uns wieder zu den Abgeordneten, die „am öſtlichen Thore zuſammentreffen wollten, um ſich 29 nach Kinfauns zu begeben, und dort ihre Klagen vor⸗ zubringen. Der erſte, der ſich einfand, war Simon Glover, auf einem friedlichen Zelter, der ſchon einigemal die Ehre gehabt hatte eine ſchönere, leichtere Bürde in der Perſon ſeiner reizenden Tochter zu tragen. Ein Man⸗ tel verhüllte ihm den untern Theil des Geſichtes, ſey es, um ſeinen Freunden die aijän zu geben, ſie ſollten ihn, während er durch die Straßen ritt, durch keine Frage aufhalten, ſey es vielleicht wegen der Kälte, die gerade eingetreten war. Auf ſeiner Stirne war eine gewaltige Unruhe zu lefen, als wäre ihm die Sa⸗ che, in die er ſich verwickelt ſah, immer ſchwieriger und gefährlicher vorgekommen, je mehr er ſie ſich aus⸗ einander ſetzte. Nur durch eine ſtillſchweigende Geberde grüßte er ſeine Freunde, als dieſe am bezeichneten Orte zu ihm ſtießen. Ein kräftiger Rappe von d der alten Race von Gallo⸗ woy, klein— er maß nicht über vierzehn Fäuſte— aber mit hohen Schultern und ſtarken, wohlgewachſe⸗ nen Gliedern trug den tapferen Waffenſchmied an das öſtliche Thor. Ein Kenner hätte in dem Auge dieſes Thieres einen Funken der Falſchheit merken können, die ſich nicht ſelten mit der kräftigſten, ausdauerndſten Geſtalt paart, aber das Gewicht des Reiters, ſeine geſchickte Hand und die Art, wie er ſich im Sattel hielt, ſo wie die Erfahrung, die das Pferd erſt vor Kurzem während einer langen Reiſe gemacht hatte, hatten ſeine Widerſpenſtigkeit, wenigſtens für den Au⸗ 30 genblick, gebändigt. An ſeiner Seite hatte er den ehr⸗ ſamen Strumpfwirker, der, da er ein kleiner, ziemlich dicker Mann war, wie der Leſer bereits weiß, wie ein rother Knänel,— denn er hat einen ſcharlachenen Mantel umgeworfen, über welchem an einem Bandelier eine Jagdtaſche hieng— auf einem großen Sattel ge⸗ packt war, auf dem er mehr hieng als ſaß. Der Sat⸗ tel, der den Reiter trug, war durch einen Gurt auf den Rücken einer niederländiſchen Stute befeſtigt, die den Rücken wie ein Kameel in die Höhe zog, und de⸗ ren Füße, mit langen, dichten Haaren bewachſen, ſich in einen breiten Huf endigten. Der Contraſt zwiſchen dem Pferd und dem Neiter war ſo außerordentlich, daß, während die Vorübergehenden, die ihn zufällig erblickten, ſich wunderten, wie der eine den andern habe beſteigen können, ſeine Freunde nicht ohne Beſorg⸗ niſſe waren, er möchte abgeworfen werden, denn die Beine des ſo hoch ſitzenden Reiters reichten nicht bis an den unteren Saum ſeines Sattels. Er hatte ab⸗ gewartet, bis Smith ſich auf den Weg machte, in der Abſicht, ſich an ihn anzuſchließen, den Olivier Proud⸗ fute war der Meinung, rüſtige, muthige Leute können ſich mit mehr Vortheil zeigen, wenn ſie zuſammen wä⸗ ren, und gerieth in Entzücken, als ein Spottvogel aus der Volksklaſſe ernſthaft genug blieb, daß er, ohne in Lachen auszuplatzen, rufen konnte:„Seht da den Stolz von Perth! die beiden tapfern Bürger, den wackern Waffenſchmied und den unerſchrockenen Strumpfweber!“ Der junge Menſch, der ſich alſo vernehmen ließ, 31 machte gegen einige Andere ſeines Gelichters ein Zei⸗ chen des Einverſtändniſſes, da aber der Strumpfwirker dieſes nicht bemerkte, ſo warf er jenem großmüthig einen Dreier zu, um ihn zu ermuntern, gegen Leute von kriegeriſchem Anſehen auch fernerhin die ſchuldige Achtung zu bezeigen. Dieſe Handlung der Freigebig⸗ keit veranlaßte, daß ihnen eine Menge Kinder unter Gelächter und mit lautem Geſchrei nachfolgte, endlich aber wandte ſich Heinrich Smith um, und drohte dem Vorderſten von ihnen mit ſeiner Reitgerte,— eine Drohung, deren Ausführung abzuwarten keines für gut fand. „Die drei Zeugen wären beiſammen,“ ſagte der kleine Mann auf dem großen Pferde, als er neben Simon Glover anlangte;„aber wo ſind unſere Beiſtände? Ach, Bruder Heinrich! das Anſehen iſt eine Laſt, die beſſer einem Eſel, als einem muthigen Pferde aufgebürdet würde; es hindert junge Leute, wie wir ſind, nur in ihren Bewegungen.“ „Ich wünſchte, ehrenwerther Meiſter Proudfute,“ entgegnete Heinrich,„ein Theil dieſer Laſt würde Euch zugelegt, wenn auch nur, um Euch ſattelfeſt zu erhal⸗ ten, denn Ihr macht Sätze, als tanztet Ihr eine Gi⸗ gue, ohne die Füße dazu zu brauchen.“ „Ja, ja, ich ſtelle mich in die Steigbügel um die Stöße zu vermeiden. Meine Stute lauft einen entſetz⸗ lich harten Trab, aber ſie hat mich ſchon über Berg und Thal getragen, und Gelegenheiten mitgemacht, die nicht ohne Gefahr waren; ſo können Jeſabel und ich 32 uns nicht trennen; ich habe ſie Jeſabel genaunt, nach der Prinzeſſin von Caſtilien.“„ „Ihr wollt wahrſcheinlich ſagen Iſabella.“ „Ja, ja, Iſabella und Jeſabel iſt, wie Ihr wißt einerlei.— Da kommt endlich der Vogt Craigdallie mit dem armſeligen Geſchöpfe, dem feigen Apotheker, ſie haben zwei Wächter aus der Stadt mit ihren Par⸗ tiſanen mitgenommen, wahrſcheinlich, um ihre werthen Perſonen zu beſchützen. Wenn ich jemand auf der Welt von Herzen verabſcheue, ſo iſts der Kriecher, der Dwining.“. „Nehmt Euch in Acht, daß er Euch nicht ſo reden hört, Meiſter Strumpfwirker. Ich verſichere, dieſes lebendige Geripp iſt gefährlicher, als zwanzig entfchloſ⸗ ſene Geſellen, wie Ihr ſeyd.« „Pah! pah! Smith! Ihr wollt auf meine Koſten lachen,« ſagte Olivier, jedoch mit leiſerer Stimme, und warf einen Blick auf den Apotheker, als wollte er dasjenige ſeiner fleiſchloſen Glieder und denjenigen Zug ſeines hagern blaſſen Geſichtes herausfinden, die einige Gefahr von ſeiner Seite fürchten laſſen könn⸗ ten; doch, da die Unterſuchung ziemlich beruhigend ausgefallen war, ſo ſetzte er dreiſt hinzu:„Schwerter und Schilde! ein Dutend Tropfen, wie dieſer Dwi⸗ ning da, würden mir nicht bange machen. Was könnte er gegen einen Mann machen, der Blut in den Adern hat 2⁴ „Er könnte ihm eine Doſis von ſeinen Pülverchen geben,“ erwiederte in trockenem Tone der Waffenſchmied. 1 53 Sie hatten nicht Zeit, weiter davon zu reden, denn eben langte der Vogt Eraigdallie an, lud ſie ein, ſich gegen Kinfauns in Marsch zu ſetzen, und ging ſelbſt mit ſeinem Beiſpiele voran. Während ſie im Schritte vorwärts ritten, drehte ſich das Geſpräch um den Em⸗ pfang, den ſie bei ihrem Oberrichter zu gewarten hät⸗ ten, und um das Interreſſe, das dieſer an der Sache, die ſie ihm vortragen wollten, wohl nehmen würde. Der Handſchuhmacher befand ſich, wie es ſchien, in einem Zuſtande gänzlicher Niedergeſchlagenheit und äußerte ſich mehreremale auf eine Art, die zu verſtehen gab, daß er noch gewünſcht hätte, man ſolle die Sache auf ſich beruhen laſſen. — Doch drückte er ſeine Anſicht über die Sache nicht ganz offen aus, vielleicht, weil er fürchtete, man möchte, wenn er es ſich allzu deutlich merken ließe, daß es ihm lieber wäre, wenn die ſtrafbare Unternehmung mit Stillſchweigen übergangen würde, nachtheilige Folge⸗ rungen für den Ruf ſeiner Tochter daraus ziehen. Dwi⸗ ning theilte ſeine Anſicht, ſprach aber behutſamer, als er dieſen Morgen gethan hatte. „»Im Grunde,“ ſagte der Bogt,„wenn ich die hier Verſammelten, welche die gute Stadt zum Lord Ober⸗ richter ſendet, üͤberſehe, ſo kann ich nicht glauben, daß er ſich bei dieſer Gelegenheit läßig zeigen werde. Mehr als ein Schiff mit Wein aus Bordeaux iſt ſchon den Tay hinaufgefahren, um ſeine Ladung in das Schloß Kinfauns zu führen; ich habe einiges Recht, davon zu ſprechen, da ich es geweſen bin, der ſie laden ließ.« „» Und ich,« ſagte Dwining. mit ſeiner kreiſchenden Walter Scott's Werke. 1328 Boͤchn. — 2₰ 34 Stimme,„ich könnte von ausgeſuchten Confects feiner Latwerge, Kuchen aller Art, und ſelbſt von ganzen Zuckerhüten ſprechen, die aus unſern Mauern wander⸗ ten, wenn eine Hochzeit, eine Taufe oder eine andere Feſtlichkeit der Art gefeiert wurde. Aber ach! Vogt Craigdallie, der Wein iſt getrunken, das Confect ge⸗ geſſen, und das Geſchenk vergeſſen, wenn es den Hals hinunter iſt. Ja, Nachbar, das Bankett am letzten Weihnachtsfeſte iſt aus dem Gedächtniß verſchwunden, wie die Wolken vom vorigen Jahre aus dem Geſichte.“ „Aber man hat auch Handſchuhe mit Goldſtücken gefüllt, hinausgeſendet,« ſagte der Vogt. „Das muß ich wiſſen, ich, der ſie gemacht hat,“ warf Simon Glover ein, bei dem ſich die Erinnerung an ſein Handwerk in alle ſeine Vorſtellungen einmiſchte. „Es befand ſich ein Paar Jagdhandſchuhe für die gnä⸗ dige Frau dabei; ich habe ſie etwas weit gemacht, aber die Lady war nicht unzufrieden darüber, in Be⸗ tracht des Futters, das darin ſtack!«« „Drum eben,“ ſagte der Vogt,„was ich geſagt habe, muß wahr ſeyn. Wenn das letzte Geſchenk nicht mehr lebt, ſo liegt die Schuld davon am Oberrichter, nicht an der Stadt, denn in der Form, in der es gereicht wurde, konnte man es weder eſſen noch trinken.“ „Ich könnte von einer guten Rüſtung ſprechen,“ ſagte Heinrich Smith, aber cogan naschire! wie Jo⸗ hann vom Hochland ſagt. Ich meines Theils glaube, Sir Patricius Charteris wird ſeiner Pflicht gegen die Stadt im Frieden, wie im Kriege nachkommen, und 35 es iſt unnöthig’ die Geſchenke herzurechnen, die ihm die Stadt gemacht hat, bis man ſieht, daß er ſie ver⸗ geſſen habe.“ „Das ſage ich eben,“ rief Proudfute von ſeiner ho⸗ hen Stute herab.„Wir gute Klingen können uns nicht ſo weit herabgeben, den Wein und die Nüſſe zu meſſen, die wir einem Freunde, wie Sir Patricius Charteris ſchenken. Glaubt mir, ein Waidmann, wie Sir Patricius, muß es als eine große Vergünſtigung anſehen., daß er im Revier der Stadt jagen darf,— ein Recht, das, ſeine Majeſtät ausgenommen, noch keinem Edeln oder Bürger zugeſtanden worden, und das allein unſer Oberrichter genießt.“ Während der Strumpfwirker noch ſprach, hörte man zur Linken: waw!— wam!— haw!— der Ruf, mit dem der Jäger gewöhnlich den Falken lockt. „Ich glaube,“ ſagte der Waffenſchmied,„da macht gerade einer Gebrauch von dem Vorrechte, von dem Ihr ſprecht, und dem Anſcheine nach zu urtheilen iſt es weder der König noch der Oberrichter.“ „Ja wahrhaftig, ich ſehe es,“ erwiederte der Strumpf⸗ wirker, der in dieſem Umſtande eine günſtige Gelegen⸗ heit erblickte, Ehre einzulegen.„Wir wollen auf ihn zureiten, wackerer Smith, und ihn fragen, mit wel⸗ chem Rechte er auf dem Stadtgebiete jage?“ „Ja das wollen wir,“ rief Heinrich und ſein Ge⸗ fährte gab ſeinem Pferde die Sporen, und eilte vor⸗ wärts, in der feſten. Hoffnung, Smith folge ihm auf den Ferſen. 3* 36 Allein Eraigdallie hielt das Pferd des Waffenſchmieds amz Zügel zurück und ſagte:„Bleibt bei der Fahne, wir wollen ſehen, wie es unſerm leichten Reiter er⸗ geht; wenn er ſich einige Beulen holt, ſo wird er für den übrigen Tag ruhiger ſeyn.“ „Nach dem, was ich jetzt ſchon ſehe,“ erwiederte Heinrich,„könnte das ihm wohl begegnen. Der Kerl hält und betrachtet uns unverſchämt, wie wenn er das beſte Recht von der Welt hätte, hier zu jagen. Aus dem Pferd, das er reitet, ſeiner verroſteten Blech⸗ haube mit der Hahnenfeder und ſeinem langen Schwert zu urtheilen, ſcheint er im Dienſte eines Lords von der Südſeite zu ſtehen. Er ſieht mir ſo ganz aus, als gehörte er zu den Leuten, die ſo nahe bei England wohnen, daß ſie immer den Panzer auf der Bruſt ha⸗ ben, und deren Arme ebenſo bereit ſind, Hiebe aus⸗ zutheilen, als ihre Finger zum Rauben.“ Während ſie ſo über die Folgen dieſes Zuſammen⸗ treffens ſprachen, fing der tapfere Strumpfwirker an, ſeine Jeſabel langſamer laufen zu laſſen, damit Smith, den er immer hinter ſich glaubte, ihn einholen und voraneilen, oder wenigſtens gleichen Schritt mit ihm halten könnte. Wie er ihn aber in einer Entfernung von 300 Schritten bei ſeinen andern Gefährten halten ſah, fing der Held von Perth, wie der alte ſpaniſche General, an, vor den Gefahren zu zittern, denen ſein verwegener Geiſt ihn entgegen führen konnte. Jedoch ermuthigte ihn der Gedanke wieder, daß ſeine Freunde in der Nähe waren, und weil er hoffte, ihre Anzahl 57 werde den Wilddieb, der allein ſey, einſchüchtern, und ſich ſchämte, von einer Unternehmung abzuſtehen, zu der er ſich ſelbſt erboten hatte, ſo widerſtand er der ſtarken Verſnchung, ſeine Jeſabel herumzuwerfen und ſo ſchnell als möglich zu den Freunden zurückzukehren, unter deren Schutz zu ſeyn er gewünſcht hätte. Er fuhr alſo fort, dem Fremden näher zu rücken, und ſeine Beſorgniſſe ſtiegen beträchlich, als er dieſen in ſtarkem Trab auf ſeinem Klepper heraneilen ſah. So⸗ bald er dieſe offenbar angreifende Bewegung bemerkte, blickte unſer Held mehrmals über ſeine linke Schulter zurück, als wollte er das Terrain recognosciren, um zum Rückzug zu blaſen, und machte deßwegen Halt. Allein der Philiſter langte bei ihm an, ehe der Strumpf⸗ wirker mit ſich eins werden konnte, ob er fliehen oder den Kampf wagen ſollte. Und dieſer Philiſter ſah nicht ſehr tröſtlich aus. Es war ein hochgewachſener Mann, über ſein Geſicht zogen ſich zwei oder drei große Narben, und ſeinem ganzen Aeußern nach ſah er den Leuten nicht unähnlich, welche jeden, den ſie treffen, mit den Worten anzureden pflegen: die Börſe oder das Leben. Er begann das Geſpräch damit, daß er in einem Tone, der nichts beſſeres erwarten ließ, als ſeine Blicke, ihm zurief:„Der Teufel fuhrt euch her, vermaledeit er Kukuk! Warum kommt ihr über das Moor hergeritten und ſtört mich in der Jagd.“ „Ehrenwerther Fremdling,“ erwiederte unſer Freund im Tone gütlicher Vorſtellung,„ich nenne mich Olivier 38 Proudfute und bin Bürger in Perth und ein ehrbarer Mannz; nicht weit von hier ſeht ihr den ehrenwerthen Adam Craigdallie, älteſten der Vögte derſelben Stadt mit dem tapfern Waffenſchmied Heinrich Gow und drei oder vier andern bewaffneten Männern, die zu wiſſen wünſchen, wie ihr heißt und wie es kommt, daß ihr auf dem Gebiete der Stadt jagt. Ich kann euch in⸗ deſſen verſichern, daß ſie durchaus nicht im Sinne ha⸗ ben, mit einem Edelmann oder Fremdling wegen die⸗ ſes zufälligen Eingriffs Streit anzufangen. Nur ſind ſie nicht gewohnt, dieſe Erlaubniß zu bewilligen, wenn man ſie nicht geziemend darum erſucht und.... und .... darum ehrenwerther Fremdling wünſche ich euren Namen zu erfahren.“ Die verächtliche, trotzige Miene, mit welcher der Jäger Olivier Proudfute während ſeiner Anrede be⸗ trachtet hatte, hatte dieſen ſehr aus der Faſſung ge⸗ bracht und den Ton ſeiner Rede gänzlich umgeſtimmt, die, wenn er Heinrich Gow zur Seite gehabt hätte, wahrſcheinlich ganz anders ausgefallen wäre. So gelind auch ſeine Frage geſtellt war, ſo antwor⸗ tete der Fremde mit einem Runzeln der Stirne, daß die Narben in ſeinem Geſichte dieſem ein noch wilderes Ausſehen verliehen.„Ihr wollt meinen Namen wiſ⸗ ſen?“ ſagte er,„ich nenne mich Dick*) vom Teufel, von Hellgorth, wohlbekannt in Annandale als ein ed⸗ 9 *) Iſt die Abkuͤrzung des Namens Richard. Anm. des Ueb. 39 ler Johus⸗kone*. Ich bin im Gefolge des tapfern Laird von Wamphray, der ſeinen Verwandten, den gefürchteten Lord von Johns⸗tone begleitet, welcher mit dem mächtigen Grafen von Douglas zieht, und der Graf, der Lord, der Laird und ich, ſein Knappe, laſſen unſern Falken überall ſteigen, wo wir ein Wild treffen, ohne jemand zu fragen, ob es erlaubt ſey.“ „Ich werde mich eures Auftrags entledigen, mein Herr,“ erwiederte Olivier Proudfute in einem noch mehr herabgeſtimmten Tone, denn er fing an, zu be⸗ veuen, ſich auf dieſen gefährlichen Poſten gewagt zu haben, und wandte ſein Pferd, als der von Annandale hinzuſetzte:„Empfangt zugleich ein Andenken, daß ihr mit Dick vom Teufel zuſammengetroffen ſeyd, und ein Merkzeichen, daß ihr ein andersmal einen Mann nicht mehr in der Jagd ſtört, der einen geflügelten Sporn auf der Schulter trägt.“ Mit dieſen Worten ließ er auf den Kopf und den Leib des unglücklichen Strumpfwirkers einen Hagel wohlangebrachter Peitſchenhiebe regnen; einige fielen auf Jeſabel, die plötzlich ſich väumend ihren Reiter abwarf und im Galopp gegen die Gruppe der Bürger von Perth zurück rannte. Sobald er auf dem Boden angelangt war, begann Prondfute mit zitternder Stimme um Hülfe zu rufen, und in noch leiſerem Tone um Gnade zu bitten, denn ſein Gegner war, ſobald er )% Ein Glied des Hauſes Johns⸗tone. Der Herausg. 40 ihn am Boden liegen ſah, abgeſtiegen und hielt ihm die Spitze eines kleinen Jagdmeſſers an die Kehle, wäh⸗ nend er mit der Hand die Taſchen des unglücklichen, Strumpfwirkers leerte. Er unterſuchte hierauf die Jagdtaſche, die er trug und ſchwor, er wolle ſich mit dem Inhalte derſelben dafür entſchädigen, daß er an der Jagd geſtört worden ſey. Statt aber die Schnalle zu löſen, zog er ſo ſtark an dem Bandelier, daß der Riemen brach, worüber der unglückliche Bürger von Perth noch mehr in Schrecken gerieth. Er fand, wie es ſchien, nichts, das ſeine Begjerde reizte, und warf die Taſche verächtlich wieder hin, ließ dann den abge⸗ worfenen Reiter wieder aufſtehen, beſtieg ſelbſt ſeinen Klepper und warf einen Blick auf die Gefährten des Strumpfwirkers, die ſich gegen ihn in Marſch geſetzt hatten. Als ihr Abgeordneter vom Pferde fiel, hatten ſie⸗ anfangs gelacht, wozu ſie ſich durch Proudfutes Groß⸗ ſprechereien ermuntert fanden, als ſie ſahen, daß ihr Olivier, wie ſich Heinrich Smith ausdrückte, einen Roland gefunden habe*). Sobald ſie aber den Gegner des Strumpfwirkers ſich auf dieſen werfen und ihn auf die eben beſchriebene Weiſe behandeln ſahen, konnute ſich der Waffenſchmied nicht länger zurückhalten und rief:„mit Verlaub, Meiſter Vogt, ich kann nicht län⸗ *)„Einen Roland fuͤr einen Olivier finden,“ iſt eng⸗ liſches Sprichwort, das ſo viel heißt, als„ſeinen Mann finden.“ Anm. d. Ueb. 41 ger zuſehen, daß einer unſerer Mitbürger vor unſern Augen geſchlagen, ausgeplündert wird; es iſt ein Un⸗ glück für unſern Nachbar Proudfute, aber eine Schmach für unſere ſchöne Stadt und für uns, ich muß ihm zu Hülfe eilen.“ „Wir alle wollen hin,« antwortete Craigdallie, „aber niemand thue einen Hieb, ehne daß ich Befehl dazu ertheile. Wir haben ſchon, wie zu fürchten iſt, mehr Händel auf dem Rücken, als wir zu tragen ver⸗ mögen; deßwegen gebiete ich allen und vornehmlich euch, Heinrich Gow, im Namen der ſchönen Stadt, euch der Waffen nicht zu bedienen, als blos zur Ver⸗ theidigung.« 1 r So ſetzten ſie ſich insgeſammt in Bewegung, und der Anblick einer ſolchen Anzahl Bewaffneter verjagte den Räuber von ſeiner Beute. Doch hielt er in eini⸗ ger Entfernung, um ſie zu betrachten, wie der Wolf, der, wenn er ſich auch vor den Hunden zurückzieht, ſich doch nicht zu gänzlicher Flucht verſtehen kann. Als Heinrich ſah, daß die Sachen ſo ſtanden, gab er ſeinem Pferde die Sporen und eilte ſeinen Gefähr⸗ ten voran, dem Schauplatze zu, wo Olivier Proudfute großes Unglück widerfahren war. Das erſte was er that, war, daß er Jeſabel am Zügel ergriff, das zweite, daß er ſie ihrem Herrn wieder zuführte, der die Klei⸗ der ganz mit Koth überzogen und Thränen in den Au⸗: gen, die ihm der Schmerz und Verdruß entlockt hatte, auf ihn zukam. Der Anblick, den er darbot, ſtach ge⸗ gen ſeine ſonſtige, wichtige und anmaßende Miene ſo 4² ſehr ab, daß ſich der ehrliche Waffenſchmied nicht ent⸗ brechen konnte, dem Männchen ſein Mitleiden zu be⸗ zeugen und ſich Vorwürfe darüber zu machen, daß er ihn ſich dieſen Unfall hatte zuziehen laſſen. Es gibt wohl niemand, der nicht an einem mißlungnen Scherz ein Vergnügen fände, nur iſt der Unterſchied der, daß ihn der Boshafte ohne unangenehme Nebenempfindung genießt, während der von beſſerer Gemüthsart bald die lächerliche Seite der Sache vergißt, und nur an den Schmerz des dabei Betheiligten denkt. „Laßt mich euch wieder in den Sattel helfen, Nach⸗ bar,«I ſagte Smith und ſtieg ab, um Olivier zu un⸗ terſtützen, der beinahe wie ein Affe an ſeinem Pferde hinankletterte. „Gott vergeb' es euch, daß ihr mich im Stiche ge⸗ laſſen habt, Nachbar Smith, ich hätte es niemals ge⸗ glaubt, und wenn 50 glaubwürdige Zeugen mir es mit einem Eide bekräftigt hätten.« Dies waren die erſten, mehr in Unmuth als in Zorn ausgeſprochenen Worte, mit denen der gänzlich aus der Faſſung gebrachte Oli⸗ vier ſeinen Klagen Luft machte. „Der Vogt hielt mein Pferd am Zügel zurück und überdieß,« ſagte Heinrich mit einem Lächeln, das er trotz ſeines Bedanerns nicht unterdrücken konnte,„glaub ich, ihr würdet mich geſcholten haben, daß ich euch eine Gelegenheit, euch auszuzeichnen, entzogen hätte, wenn ich euch gegen einen einzigen Mann zu Hülfe gekom⸗ men wäre. Doch tröſtet euch, der Räuber hat ſeinen 4 4³ Vortheil wahrgenommen, weil euer Pferd ſich ſtätig zeigte.* 1 „Das iſt wahr, das iſt wahr!« rief Olivier, der haſtig dieſe Entſchuldigung ergriff. „Und ſeht, dort freut ſich der Schurke des Böſen, das er gethan, und frohlockt über euren Fall, wie der König in der Romanze, der auf einer Fidel ſpielte, während eine Stadt in Flammen ſtand. Kommt mit mir, und ihr ſollt ſehen, wie wir mit ihm fertig wer⸗ den— kommt, kommt, fürchtet nicht, daß ich euch diesmal im Stiche laſſe.“ Mit dieſen Worten ergriff er Jeſabels Zügel, ließ ſie neben ſeinem Pferde gallopiren, ohne Oliviern Zeit zu laſſen, ihm zu ſagen, daß dieſes Nachſetzen gar nicht nach ſeinem Geſchmacke ſey, und eilte Dick vom Teufel nach, der in einiger Entfernung auf einer klei⸗ nen Anhöhe Halt gemacht hatte. Indeſſen klatſchte der Edle Johns⸗tone, ſey es, daß er ſah, der Kampf würde ungleich werden, oder daß er für einen Tag genug geleiſtet zu haben glaubte, in die Hände, ſtreckte⸗ als wolle er ſeinem Gegner Trotz bieten, die Arme aus und lenkte dann ſein Pferd in das anliegende Moor, in welchem er ſich inſtinktmäßig, wie eine wilde Ente zu bewegen ſchien, wobei er ſein Federſpiel um ſeinen Kopf ſchwang und ſeinen Falken pfiff, während jedes andere Pferd und jeder andere Reiter Gefahr gelaufen wären, in eine Vertiefung zu ſtürzen, aus der ſie nicht wieder hätten herauskommen können. „Das iſt ein ächter Sumpfgänger,“« rief der Waf⸗ 44 fenſchmied.„Der Kerl kann ſich ins Gefecht einlaſſen oder ſich davon machen, wie es ihm beliebt, und es wäre eben ſo fruchtlos, ihn zu verfolgen, als eine wilde Gans. Er hat euch ohne Zweifel eure Börſe abgenommen, denn dieſe Räuber gehen nie davon, als mit vollen Händen.« » Ach!— ja!« ſagte Proudfute in kläglichem Tone, „er hat mir meinen Beutel genommen, doch iſt das Unglück nur halb ſo groß, da er mir meine Jagdtaſche gelaſſen hat.« „Die hätte ein Siegeszeichen für ihn abgegeben, eine Trophäe, wie die Minſtrel's ſagen.« „Sie hat auſſerdem noch einen andern W Werth, Freund,“ verſetzte Olivier mit bedeutſamen Ton. »»Ja, deſto beſſer, Nachbar. Mit Vergnügen be⸗ merke ich, daß ihr euer meiſterliches Anſehen wieder gewinnt; wohlan, tröſtet euch, ihr habt den Schurken fliehen ſehen und die Trophäen wieder gewonnen, die ihr verloren hattet, da ihr wehrlos waret.« „„O! Heinrich Gow!.... Heinrich Gow!“ rief der Strumpfwirker und unterbrach ſich durch einen tiefen, beinahe ſtöhnenden Seufzer. »Was habt ihr? liegt euch noch etwas auf dem Herzen?«« „Ich habe ſtarken Verdacht, mein lieber Heinrich Smith, der Elende habe ſich davon gemacht aus Furcht vor euch und nicht vor mir.«« „Glaubt das nicht: er hat zwei Männer geſehen und ſich davon gemacht; wer kann ſagen, ob der eine 45 oder der andere ihn zur Flucht veranlaßt hat? Uebri⸗ gens weiß er aus Erfahrung, wie ſtark und gewandt ihr ſeyd; wir hatten es alle geſehen, wie ihr mit Hän⸗ den und Füßen gefochten habt, ſo lange ihr auf dem Boden laget.“ „Wirklich?“ ſagte der arme Proudfute;„ich erinnere mich deſſen nicht mehr. Aber ich weiß, daß das meine ſtarke Seite iſt; was das anbelangt, ſo laſſe ich mich nicht ſchlecht finden. Aber haben es auch alle geſehen?“ „So gut als ich,“ antwortete Smith, und unter⸗ drückte nur mit Mühe die Luſt zu lachen, die ihn an⸗ wandelte. „Und ihr wollt es ihnen wieder ſagen?“ „Verſteht ſich, ſo wie euer verzweifeltes Nachſetzen. Paßt wohl auf, was ich zum Vogt Craigdallie ſagen werde, und nützt es, ſo gut ihr könnt.“ „Es bedarf im Grunde keines Zeugniſſes für mich, denn ich bin von Natur ſo tapfer, als die meiſten Bür⸗ ger von Perth, nur....“ „Was nur 2 ⁵ fragte Heinrich. „Nur fürchte ich mir vor dem Todſchlagen. Ihr ſeht ſelbſt ein, Smith, daß es betrübt wäre, ein hübſches Weib und junge Kinder ſo unverſehens verlaſſen zu müſſen, und noch beſſer werdet ihr das fühlen, wenn ihr einmal in demſelben Falle ſeyd; ihr werdet ſehen, daß das Feuer eures Muthes abnehmen wird.“ Das iſt nicht unmöglich,“ ſagte der Waffenſchmied im nachdenklichen Tone. „Doch bin ich ſo ſehr mit Führung der Waffen ver⸗ 46 traut, und habe einen ſo freien Athem, daß weuige gegen mich Stand halten können. Seht,“ fuhr der kleine Maun fort, preßte ſeine Bruſt heraus, wie die eines Huhns, das gerade an den Bratſpieß geſteckt wird, und legte die Hand darauf,„ſeht hier hat es Platz genug zum Athmen.“ „Ich möchte behaupten, ihr habt einen langen Athem, wenigſtens beweiſen das eure Reden.“ 3 „Meine Reden! ihr ſcherzt, glaub' ich. Aber ich habe von Dundee die Schilderei von einem Dromond kommen laſſen und... „Die Schilderei von einem Dromond,“ rief der Waf⸗ fenſchmied,„wahrlich, Meiſter Olivier, da werdet ihr euch den ganzen Clan auf den Hals laden, und dieſer iſt einer der rachſüchtigſten im ganzen Hochlande, ſo viel ich gehört habe.“ „Beim heiligen Andreas! ihr verſteht mich nicht, Heinrich, ich rede von einem Dromond, d. h. einem großen Schiffe. Ich habe dieſe Schilderei ausbeſſern und herſtellen laſſen, ſo daß ſie beinahe ausſieht, wie ein Sultan oder Saracene. Ich habe ſie in meinem Hofe aufſtellen und feſtmachen laſſen, und bin oft ganze Stunden damit beſchäftigt, mit einem großen Schwert dagegen zu ſtoßen und zu hauen. „Da müßt ihr mit dem Gebrauche dieſer Waffe ſehr vertraut werden.“ „Ohne Widerrede. Manchmal ſetze ich meinem Sul⸗ tan auch eine Kappe— eine alte, wohlverſtanden,— auf den Kopf, und ſpalte ſie in einem ſo gut geführ⸗ 47 ten Hiebe, daß bald nur noch die Hirnſchale übrig ſeyn wird.“ „Das iſt ſchlimm, da kommt ihr aus der Uebung. Aber was ſagt ihr dazu, Meiſter Strumpfwirker? ich will einmal einen Helm aufſetzen und meinen Panzer an⸗ legen, und ihr dürft mich wie euren Sultan behandeln, wenn ihr mir erlauben wollt, mit meinem Schwert die Hiebe aufzufangen und ſie euch zurückzugeben. Wollt ihr ſo?“ „Keineswegs, mein lieber Freund, ich möchte euch nicht ſo ſehr wehe thun, übrigens euch die Wahrheit zu ſagen, treffe ich ſicherer auf einen Helm oder eine Kappe, wenn ſie auf dem Kopfe meines Sultans ſitzen, da bin ich gewiß, ſie herunterzuhauen. Aber wenn ich eine Feder darauf ſchwanken, zwei feurige Augen un⸗ ter dem Helmgitter hervorblitzen und einen Gegner vor mir ſehe, der ſich vorwärts und rückwärts, rechts und links bewegt, wie wenn er tanzte.— Da iſt meine Hand weniger ſicher.“ „Aber wenn einer ſich unbeweglich vor euch hinſtel⸗ ben wollte, wie euer Sultan, würdet ihr da dieſe grau⸗ ſame Rolle mit ihm ſpielen, Meiſter Proudfute?“ „Mit der Zeit und nach einiger Uebung würd' ich's, glaub' ich, können, doch— da ſind wir ja bei unſern Gefährten. Der Vogt Craigdallie ſcheint übler Laune zu ſeyn, doch dieſe Art des Zorns fürchte ich an ihm nicht. Der Leſer muß hier wiſſen, daß, ſobald der Vogt und ſeine Begleiter fahen, daß der Waffenſchmied den 48 abgeworfenen Strumpfwirker erreicht und der Fremde den Rückzug angetreten hatte, ſie nicht weiter für nö⸗ thig fanden, Olivier’n zu Hülfe zu eilen, in der Hoff⸗ nung, die Gegenwart des gefürchteten Heinrich Gow werde dieſen hinlänglich ſicher ſtellen. Sie ſchlugen daher wieder den geraden Weg nach Kinfanns ein, weil ſie ſich ihres Auftrags ſo bald als möglich zu entledi⸗ gen wünſchten. Weil eine beträchtliche Zeit verfloſſen war, bis der Strumpfwirker und der Waffenſchmied wieder zu ihnen ſtießen, ſo fragte ſie der Vogt, ſich vornehmlich an Heinrich wendend, warum ſie die ſo koſtbare Zeit mit Verfolgung des Wilddiebs verloren hätten. 1 „Meiner Treu! die Schuld liegt nicht an mir, Mei⸗ ſter Bogt,« antwortete Smith.„Wenn ihr einen gewöhnlichen Windhund aus dem Unterlande mit einer Wolfsdogge vom Gebirge zuſammenkoppelt, ſo dürft ihr jenen nicht ſchelten, wenn er nebenher läuft, wo⸗ hin dieſe ihn zieht. Buchſtäblich ſo iſt mir's mit mei⸗ nem Nachbar Olivier Proudfute gegangen. Kaum war er wieder aufgeſtanden, ſo warf er ſich mit Blitzes⸗ ſchnelle auf ſein Pferd, und ergrimmt über die Feig⸗ heit, mit der der Räuber ſeinen Sturz vom Pferde benützt hatte, eilte er ihm nach, wie ein Dromedar. Ich mußte ihm wohl folgen, theils um einen zweiten Fall zu verhüten, theils um unſern Beſchützer, unſern tapfern Freund zu vertheidigen, wenn ihm oben auf der Anhöhe dort ein Hinterhalt gelegt worden wäre. Allein der Schurke, der im Gefolge eines Lords von 49 March iſt, und zum Zeichen der Dankbarkeit einen ge⸗ flügelten Sporn auf der Schulter trägt, iſt vor unſe⸗ rem Nachbar davon geſprungen, wie die Funken vom Feuerſteine.“ Der Aelteſte der Vögte in Perth hörte mit Erſtau⸗ nen das Mährchen, das Smith erzählte, denn, ob ihm gleich immer wenig daran gelegen war, hierüber ius Klare zu kommen, ſo hatte er doch immer an der Wahrheit der romanhaften Erzählungen des Strumpf⸗ wirkers von ſeinen Thaten gezweifelt, und doch mußte er ſie nach dem was er ſo eben gehört hatte, bis auf einen gewiſſen Punkt für wahr annehmen. Der alte Handſchuhmacher ſah heller in dieſer Sache. „Du machſt den armen Strumpfwirker noch zum Narren,“ ſagte er ganz leiſe zu Heinrich;„er wird mit ſeiner Peitſche klatſchen als läutete er die Stadt⸗ glocke zu einer Luſtbarkeit, da er doch der Ordnung uͤnd des Anſtandes wegen lieber ganz ſtille ſeyn ſollte.“ „Bei unſerer lieben Frau! Vater Glover,“ antwortete der Waffenſchmied,„ich mag den kleinen Großſprecher wohl leiden, und könnte den Gedanken nicht ertragen, daß er beim Oberrichter beſchämt und ſtill in einem Winkel ſtünde, während die andern, und namentlich der Giftmiſcher von Apotheker, ſchwatzten, was ihnen in den Sinn käme.“ „Du biſt allzu gut, Heinrich,“ verſetzte Simon.„Aber bemerke einmal den Unterſchied zwiſchen dieſen Beiden. Der kleine Strumpfwirker, der keinem Menſchen etwas zu leide thut, wirft ſich in die Bruſt um ſeine ange⸗ Walter Scott's Werke. 1528 Bochen. 4 50 3 borne Feigheit zu verbergen, während ſich der Apothe⸗ ker demüthig, ſchüchtern und behntſam zeigte, um ſei⸗ nen gefährlichen Charakter zu verſtecken. Die Natter, die unter einen Stein kriecht, hat demungeachtet tödt⸗ liches Gift in ſich; ich ſage dir, mein Sohn Heinrich, ſamnet ſeinem kriechenden Ausſehen und ſeinen furchtſa⸗ men Reden ſucht dieſes wandelnde Geripp mehr Uebles zu thun, als daß es Gefahr fürchtete. Doch— da ſind wir ja vor dem Schloſſe des Oberrichters! Man muß geſtehen, Kinfauns iſt eines Lords durchaus nicht unwürdig; es iſt eine Ehre für die Stadt, daß ihre erſte obrigkeitliche Perſon im Beſitze eines ſo ſchönen Schloſſes iſt.“ „Ja wohl, es iſt eine ſchöne Burg,“ ſagte der Waf⸗ fenſchmied, mit einem Blicke auf den breiten Tay, der am Fuße der Anhöhe hinfloß, auf welcher ſich das Schlöß erhob wie die Königin des Thals, wenn ſchon auf der andern Seite des Stroms die ſtarken Mauern von El⸗ cho ihr den Vorrang ſtreitig machen zu wollen ſchien. Indeſſen war Elcho um dieſe Zeit ein friedliches Kloſter, und hinter den Mauern, die es umſchloſſen, lebten keuſche Jungfrauen, die der Welt und ihren Genüſſen entſagt hatten.„Ein herrliches Schloß,“ ſagte Hein⸗ rich noch einme und ſah an den Thürmen von Kinfauns hinan,„es iſt der Schild und Panzer des Stromgebiets des Tay, und es möchte wohl manche gute Klinge ſchar⸗ tig werden, ehe man mit Gewalt einzudringen vermöchte.“ Der Pförtner in Kinfauns hatte von weitem die He⸗ rankommenden bemerkt und erkannt und bereits das 51 Hofthor geöffnet, damit ſie einziehen könnten, nachdem er Sir Patricius Charteris hatte melden läaſſen, daß der Aelteſte der Vögte in Perth mit mehreren andern Bürgern dieſer Stadt ſich dem Schloſſe nähere. Der Ritter, der gerade auf die Falkenjagd gehen wollte, empfing dieſe Nachricht etwa auf dieſelbe Weiſe, wie ein Gutsbeſitzer in unſerer Zeit, wenn ihm ein ungele⸗ gener Beſuch gemeldet wird, d. h. er wünſchte im Stillen die Gäſte zum Teufel, während er laut Befehl gab, ſie mit dem geziemenden Anſtand und gebührender Höflichkeit zu empfangen. Er befahl ſeinen Leibdienern, in dem großen Saale ſogleich gebratenes Wildpret und kaltes Fleiſch aufzuſtellen, und ſeinem Schaffner, einige Tonnen anzuzapfen und ſeine Pflicht zu thun, denn wenn die ſchöne Stadt hin und wieder ſeinen Keller füllte, ſo waren die Bürger ihrerſeits immer bereit, ſeine Flaſchen zu leeren. Ehrerbietig wurden die Bürger in den großen Saal geführt, wo der Ritter, in Jagdkleidung, mit Stie⸗ feln, die ihm bis an die Schenkel herauf reichten, ſie mit einer Miſchung von Höflichkeit und vornehmer He⸗ rablaſſung empfing, während er ſie bei ſich in den Tay verwünſchte, wo er am tiefſten wäre, weil ſie ihn in einem Vergnügen ſtörten, dem er den Morgen zu widmen im Sinne gehabt hatte. Er ging ihnen bis an die Mitte des Saales entgegen mit entblöstem Haupte und den Hut in der Hand, und bewillkommte ſie ungefähr auf folgende Weiſe: 3 „Ah! Meiſter Vogt Craigdallie, ehrenwerther Simon 4* 52 Glover, Väter der ſchönen Stadt... und ihr tapferer Smith und einem gelehrten Apotheker... und auch ihr, mein luſtiger Strumpfwirker, der mehr Köpfe ſpal⸗ tet, als Mützen aus ſeiner Werkſtätte gehen, wie kommt es, daß ich das Vergnügen habe, ſo viele Freunde zu ſo gelegener Stunde bei mir zu ſehen? Ich hatte im Sinne auf die Falkenjagd zu gehen, und eure Ge⸗ ſellſchaft wird den Genuß noch erhöhen,(gebe unſere liebe Frau, dachte er, daß ſie die Hälſe brechen) d. h. wenn die Stadt meine Dienſte nicht heiſchen ſollte.— Gilbert ſpute dich hurtig. Doch ich hoffe, daß euer Beſuch ſonſt nichts weiter zu bedeuten hat, als daß ihr ſehen wollt, ob der Molva hier ſeine Gähre noch nicht verloren hat.“ Auf dieſe Artigkeit ihres Oberrichters antworteten die Abgeordneten der Stadt durch Verbeugungen, die mehr oder weniger charakteriſtiſch waren. Die des Apothekers war die tiefſte, die des Waffenſchmieds die ungezwungenſte. Der Vogt Eraisdallie antwortete im Namen der Abgeordneten:„Sir Patricius Charteris, unſer Lord Oberrichter,“ ſagte er in gravitätiſchem To⸗ ne,„wenn wir keinen andern Zweck gehabt hätten, als Gebrauch von der Gaſtlichkeit zu machen, mit der ihr uns ſchon oft empfangen habt, ſo hätte uns das Ge⸗ fühl der Schicklichkeit gelehrt auf eine Einladung zu warten, wie in ſonſtigen Fällen. Was die Falkenjagd betrifft, ſo haben wir deren für einen Morgen ſchon genug gehabt, denn unterwegs ſind wir auf einen Kerl geſtoßen, der im Revier der Stadt jagte und der un⸗ 5³ ſern Freund Olivier, den Strumpfwirker, oder Proud⸗ fute, wie man ihn nennt, aus dem Sattel geworfen und mißhandelt hat, blos deßwegen, weil er ihn in eurem und der Stadt Namen fragte, wer er ſey, daß er ſich dieſe Freiheit herausnehme.“ „Und welche Auskunft hat er von ſich gegeben?“ fragte der Oberrichter.„Beim heiligen Johannes! ich will den Kerl lehren in meinen Brüchen zu jagen!“ „Euer Gnaden wollen bemerken,“ ſagte der Strumpf⸗ wirker,„daß er ſich den Umſtand zu Nutzen machte, daß ich mit meinem Pferd geſtürzt war, aber ich ſchwang mich wieder in den Sattel und habe ihn nachdrücklich verfolgt. Er ſagte, er nenne ſich Richard der Teufel.“ „Wie?“ rief der Oberrichter,„der, von dem in Bal⸗ laden und Romanzen ſo viel die Rede iſt? ich glaube dieſer heiße Robert.“ „Es iſt, glaube ich, nicht derſelbe, Mylord,“ ant⸗ wortete Olivier,„ich habe den Kerl nur bei ſeinem vollſtändigen Namen genannt, denn eigentlich hieß er ſich Dick vom Teufel und ſetzte hinzu, er ſey ein Johns⸗ tone und im Gefolge des Lords dieſes Namens. Aber ich habe ihn durch das Moor verfolgt und mir meine Jagdtaſche wieder geholt, die er mir abgenommen hatte, während ich mich nicht vertheidigen konnte.“ Sir Patricius beſann ſich einige Zeit und ſagte dann: „Wir haben vom Lord von Johnstone und ſeinem An⸗ hange reden gehört, es iſt wenig zu gewinnen, wenn man ſich mit ihnen einläßt.— Aber ſagt mir Smith, Ihr habt ruhig dabei zugeſehen?“ 54 „Meiner Treu! Sir Patricius, er mußte wohl, da er von ſeinen Obern Befehl hatte, ſich ruhig zu verhalten.“ „Nun, wenn Ihr ruhig geblieben ſeyd, ſehe ich nicht ein, warum ich es nicht eben ſo machen ſollte, um ſo mehr, da Meiſter Olivier Proudfute, wenn er ſchon anfangs den Kürzern zog, ſeine Ehre und die der Stadt gerettet hat, wie er uns eben erzählt. Doch— hier kommt der Wein, füllt die Becher bis an den Rand, und kredenzt ſie meinen Gäſten. Auf's Wohl St. Johns⸗ toune's! ſeyd willkommen, Ihr alle meine ehrenwerthen Freunde! und jetzt nehmt Platz am Tiſche, denn die Sonne ſteht ſchon hoch und es muß ſchon lange her ſeyn, daß Ihr den Frühtrunk genommen habt, Ihr fleißigen Leute.“ „Vor allem, Mylord Oberrichter,“ ſagte der Vogt, „erlaubt mir, Euch die dringende Urſache vorzutragen, die uns vor Euch führt, denn wir haben ſie Euch noch nicht vorgelegt.“ „Laßt das Vogt, bis Ihr einige Erfriſchungen zu Euch genommen habt.— Eine Beſchwerde gegen die Knechte eines Edeln, die in den Straßen der Stadt Ball geſpielt haben oder eine andere Sache der Art?“ „Nein, Mylord!“ antwortete Craigdallie mit Nach⸗ druck und Feſtigkeit,„gegen die Herrn ſelbſt haben wir Beſchwerde zu führen. Sie ſind es, die mit der Ehre unſerer Familien Ball ſpielen, und mit den Schlafkam⸗ mern unſerer Töchter eben ſo wenig Umſtände machen, als wenn ſie in einem verrufenen Haus in Paris wä⸗ ren. Eine Truppe Nachtſchwärmer, Hofjunker, Leute 55 von Rang, wie man nur allzu guten Grund hat zu glauben, haben ſich in der letzten Nacht erfrecht, in ein Feuſter im Hauſe Simon Glover's ſteigen zu wollen, ſie haben ſich mit den Waffen in der Hand gewehrt, als die Ankunft Heinrich Smith's ihr Beginnen vereitelte, und gefochten, bis die herzugeeilten Bürger ſie die Flucht zu ergreifen nöthigten.“ „Wie!“ rief der Oberrichter und ſetzte den Becher, den er eben an den Mund führen wollte, wieder auf den Tiſch.„Tod und Teufel! beweist mir das, und bei der Seele Thomas von Longueville’'s— ich will thun, was in meinen Kräften ſteht Euch Gerechtigkeit zu verſchaf⸗ fen, und ſollte es mich mein Leben und Eigenthum ko⸗ ſten.— Wer bezeugt das Geſchehene? Simon Glover, Ihr geltet für einen rechtſchaffenen und verſtändigen Mann, nehmt Ihr die Wahrheit dieſer Ausſage auf Euer Gewiſſen?“ „Geſtrenger Herr!“ erwiederte Simon,„verſteht wohl, daß ich bei dieſer wichtigen Angelegenheit nicht aus freien Stücken klage. Nur die Ruheſtörer ſelbſt haben dabei Unglück gehabt. Ich fürchte, nicht hohe Gewalt allein habe zu ſolcher Frechheit, zu ſolcher Verletzung der Geſetze ermuthigen können, und wollte nicht Ver⸗ anlaſſung ſeyn, daß ſich zwiſchen meiner Geburtsſtadt und einem mächtigen Edlen ein gefährlicher Streit er⸗ hebt. Allein man hat zu erkennen gegeben, wenn ich mich läſſig zeigen würde, auf dieſe Sache zu klagen, ſo gebe ich damit gewiſſermaſſen zu erkennen, daß meine Tochter einen ſolchen Beſuch erwartete, was völlig un⸗ 56 wahr iſt. Deßwegen, Mylord, will ich Euer Gnaden den ganzen Hergang der Sache nach Wiſſen und Ge⸗ wiſſen erzählen und Eurer Weisheit die Entſcheidung überkaſſen, was zu thun iſt.“ Er erzählte ihm nun Punkt für Punkt alles, was er als Augenzenge von den Vorfällen in der letzten Nacht geſehen hatte. Sir Patricius Charteris, der ihm mit vieler Auf⸗ merkſamkeit zugehört hatte, ſchien beſonders auf den Umſtand viel Gewicht zu legen, daß es dem Gefangenen gelungen war zu entkommen.„Es iſt auffallend,“ ſagte er zu dem Handſchuhmacher,„daß Ihr Euch ſeiner nicht verſichert habt, da er in Eurer Gewalt war. Habt Ihr ihn nicht ſo genau betrachtet, daß Ihr ihn erkanntet?³ „Ich hatte nur den ſchwachen Schein einer Lampe, gnadiger Herr,“ verſetzte Simon,„und daß er entkom⸗ men iſt— ich war allein und bin alt. Doch wollte ich ihn gehalten haben, wenn ich nicht meine Tochter in ihrer Kammer ſchreien gehört hätte; ich lief ſogleich hinauf, und als ich wieder kam war er durch den Gar⸗ ten davon gegangen.“ „Nun, Waffenſchmied!“ ſagte Sir Patricius,„erzählt auch Ihr mir als ehrlicher Mann und guter Soldat, was Ihr von der Sache wißt.“ Heinrich Gow gab in ſeinem beſtimmten Tone eine deutliche genaue Schilderung von dem Vorgefallenen, dann kam die Reihe an Prondfute, und dieſer begann mit gravitätiſcher Miene folgendermaßen:„Anlangend den außerordentlichen, ſchrecklichen Tumult, der in der Stadt vorgefallen, kann ich zwar nicht, wie Heinrich 4 57 Gow, ſagen, daß ich gleich von Aufang dabei geweſen, aber niemand kann läugnen, daß ich am Ende dabei war, wenigſtens großentheils und vornämlich, daß ich den überzeugendſten Beweis zur Entdeckung der Schul⸗ digen beigebracht habe.“ „Und der wäre?“ fragte Sir Patricius Charteris, „verliert die Zeit nicht mit Worten; ſagt, was Ihr für einen Beweis habt.“ „In dieſer Taſche, Euer Gnaden,“ verſetzte der kleine Mann,„habe ich etwas mitgebracht, was die Schur⸗ ken auf dem Kampfplatze liegen ließen. Es iſt ein Sie⸗ geszeichen, das ich, ich muß es aufrichtig geſtehen, nicht meiner Klinge verdanke, aber ich mache Anſprache an die Ehre, mich deſſelben mitten im Waffengeklirr und beim Scheine der Fackeln mit einer Geiſtesgegenwart bemächtigt zu haben, die wenige Leute beſitzen; ich habe es aufgehoben Mylord, hier iſt es.“ Mit dieſen Worten zog er die Hand aus ſeiner Ta⸗ ſche, die er da, wo das Gefecht ſtatt gefunden, auf dem Boden gefunden hatte. „Wahrhaftig Strumpfwirker,“ ſagte der Oberrichter, ich mag wohl glauben, daß Ihr beherzt genug ſeyd, Euch der Hand eines Mannes zu bemächtigen, wenn ſie von ſeinem Körper getrennt iſt— aber was ſucht Ihr da noch in Eurer Taſche?“ „Es war, Euer Gnaden... es ſoltte..,. ein Ring darin ſeyn, der am Finger des Schurken ſtack. Ich muß ihn vergeſſen und zu Hauſe gelaſſen haben. Ich hatte ihn abgezogen, um ihn meiner Frau zu zeigen, weil ſle 58 die Hand nicht ſehen mochte, denn ein ſolcher Anblick iſt für Weiber nicht ſehr angenehm. Ich meinte jedoch, ihn wieder an den Finger geſteckt zu haben, aber er muß noch zu Hauſe liegen, ich will ihn holen, Heinrich Smith ſoll mich begleiten.“ „Wir alle begleiten Euch,“ ſagte Sir Patricius Char⸗ teris,„denn ich will mich ſelbſt nach Perth begeben.“ „Hört mich ehrenwerthe Bürger und wackere Nach⸗ barn! wenn Ihr um unbedeutender Sachen willen Be⸗ ſchwerde bei mir führtet, daß Eure Gerechtſame verletzt worden ſey, wie z. B., daß man in Eurem Revier Wild gepürſcht habe, oder daß die Leute eines Barons in Euern Straßen Ball ſpielen, ſo konntet Ihr glauben, ich nehme mich Eurer Angelegenheiten nicht an, aber bei der Seele Thomas von Longuevilles! bei einer Sa⸗ che von dieſer Wichtigkeit ſollt Ihr keinen Grund ha⸗ ben, Patricius Charteris den Vorwurf der Fahrläßig⸗ keit zu machen. Dieſe Hand,“ fuhr er, ſie in die Höhe haltend fort,„gehört einem Manne zu, der nicht an Handarbeit gewöhnt iſt, wir wollen ſie an einem Platze aufſtecken, wo ſie unfehlbar erkannt und zurückgefordert werden wird, wenn die Genoſſen deſſen, der ſie verlo⸗ ren hat, nur noch einen Funken Ehrgefühl beſitzen.— He da! Gerhard! laß ſogleich ein Dutzend tapfere Leute aufſitzen; ſie ſollen den Panzer nehmen. Indeſſen Nach⸗ barn, wenn, was ſehr wahrſcheinlich iſt, eine Fehde daraus entſteht, ſo müſſen wir uns gegenſeitig unter⸗ ſtützen. Wie viele Leute wollt Ihr mir zuführen, wenn mein Schloß angegriffen wird?“ 59 Gleichſam inſtinktmäßig wandten ſich die Bürger, da von Sachen dieſer Art die Rede war, gegen Heinrich Gow und dieſer verſetzte:„Ich ſtehe dafür, 50 tapfere Leute ſollen in 10 Minuten, nachdem die Stadtglocke geläutet worden, zum Aufbruch gerüſtet ſeyn und 1000 nach Verfluß einer Stunde.“ „Gut,“ erwiederte der unerſchrockene Oberrichter, „und im Falle der Noth will ich mit allen meinen Leu⸗ ten, die ich aufbieten kann, der ſchönen Stadt zu Hülfe eilen. Für jetzt Freunde, laßt unn Pferde ſitzen!“ —— Neuntes Kapitel. — Es war am St. Valenkinstage gegen Mittag, als der Prior der Dominicaner im Beichtſtuhle ſaß, und der beichtete war ein Mann von nicht geringem Anſe⸗ hen. Es war ein freundlicher Greis; die Farbe der Geſundheit prangte auf ſeinen blühenden Wangen, de⸗ ren unteren Theil ein weißer, ehrwürdiger Bart be⸗ ſchattete, welcher ihm bis auf die Bruſt herabreichte. Seine großen, blaßblauen Augen und ſeine breite, hohe Stirne drückten eine gewiſſe Würde aus, die aber ge⸗ eigneter ſchien, freiwillig dargebrachte Huldigungen zu empfangen, als ſie zu erzwingen. Der Ausdruck ſeiner Geſichtszüge war ſo voll Güte, daß ſie beinahe eine Einfalt zu verrathen ſchien, die ihn wehrlos machte, oder eine Charakterſchwäche, die ihn unfähig machte, 60 Zudringlichkeit zurückzuweiſen oder Widerſtand zu be⸗ meiſtern. Auf ſeinen grauen Haaren ſaß ein kleiner, goldener Kranz, oder eine Krone über einer blauen Binde. Sein Roſenkranz beſtand aus dicken, ziemlich plump gearbeiteten Kügelchen von Gold, war aber mit ſchottiſchen Perlen geziert, die durch ihre Größe und Schönheit ſich auszeichneten. Sonſt trug er kein Ge⸗ ſchmeide, und ſeine ganze Kleidung beſtand aus einem langen Kleide von carmoiſinrother Seide mit einem Gür⸗ tel von derſelben Farbe. Nachdem er gebeichtet, erhob er ſich nicht ohne Mühe von dem geſtickten Polſter, auf dem er gekniet hatte, und ging, auf einen ebenholzenen Stock mit einem Rabenſchnabel geſtützt, mit ſichtbarer Anſtrengung und hinkend auf einen Prunkſeſſel zu, der unter einem Thronhimmel ſtand, und den man für ihn in das große, hohe Gemach, in dem er ſich befand, ne⸗ ben den Kamin geſtellt hatte. Es war Robert, der Dritte dieſes Namens, und der Zweite aus dem unglücklichen Geſchlechte der Stuart, der auf dem Thron von Schottland ſaß. Er beſaß Tu⸗ genden, und war nicht ohne Talente, aber zu ſeinem großen Unglücke, das mehrere andere Prinzen dieſes von ſo mannigfaltigem Ungemach heimgeſuchten Hauſes mit ihm theilten, waren ſeine auszeichnenden Eigen⸗ ſchaften nicht von der Art, daß ſie ihn in Stand hät⸗ ten ſetzen können die Rolle zu ſpielen, wozu ſeine Ge⸗ burt ihn berufen hatte. Der König eines ſo kriegeri⸗ ſchen Volkes, wie damals die Schotten es waren, hätte ein tapferer, rüſtiger Krieger ſeyn ſollen, der geleiſtete 61 Dienſte freigebig belohnte, die Verbrechen ſtrenge be⸗ ſtrafte, und deſſen ganzes Weſen Furcht und Liebe zu⸗ gleich einflößen konnte; allein Robert III. bot in ſeiner Perſon gerade die Rückſeite dieſes Gemäldes dar. Er hatte zwar in ſeiner Jugend mehreren Schlachten an⸗ gewohnt, allein, wenn er ſich auch darin nicht mit Schande bedeckte, ſo hatte er doch nie die ritterliche Begierde nach Krieg und Wagniſſen, und das glühende Verlangen, ſich durch gefährliche Thaten aus szuzeichnen, an den Tag gelegt, das man zu dieſer Zeit von allen erwartete, die von edler Geburt waren und Anſprüche an Macht und Gewalt hatten. Uebrigens war ſeine kriegeriſche Laufbahn ſehr kurz geweſen. Bei einem Turnier hatte der junge Graf von Carrick— ſo hieß er damals— von dem Pferde des Sir James Douglas von Dalkeith einen Schlag an den Fuß bekommen, wovon er auf immer hinkend blieb, und wodurch er außer Stand geſetzt wurde, an Krie⸗ gen oder an Turnieren und andern Ritterſpielen Theil zu nehmen. Weil Robert nie große Vorliebe zu ſolchen Uebungen gezeigt hatte, ſo bedauerte er wahrſcheinlich nicht ſehr, bei ſolchen Scenen keine Rolle ſpielen zu können. Aber dieſer Unfall oder vielmehr die Folgen deſſelben ſetzten ihn in den Augen eines ſtolzen Adels und eines kriegeriſchen Volkes herab. Er mußte die bedeutenderen Regierungsgeſchäfte bald einem Gliede ſeiner Familie, bald einem Andern überlaſſen, manch⸗ mal mit dem Titel Reichsſtatthalter und immer mit der dieſem Range gebührenden Gewalt. Seine väter⸗ 62 liche Liebe hätte ihn wohl beſtimmt einen Theil derſel⸗ ben ſeinem älteſten Sohne, einem talentvollen, jungen Manne zu übertragen, den er zum Herzog von Rothſay ernannt hatte, um ihm einen Rang zu verleihen, wo⸗ durch er dem Throne ſo nah als möglich gebracht wur⸗ de; allein der junge Prinz hatte einen zu leichten Sinn und eine zu ſchwache Hand um den Scepter mit Würde zu führen. Er liebte zwar die Gewalt, aber Vergnü⸗ gungen waren ſeine Hauptleidenſchaft, und zum Aer⸗ gerniſſe des Volkes war der Hof Zeuge manchfaltiger Liebeshändel, die ſich der Prinz erlaubte, deſſen Auf⸗ führung für die Jugend des Landes ein Muſter der Ordnung und Ehrbarkeit hätte ſeyn ſollen. Die ausſchweifende Lebensweiſe des Herzogs von Roth⸗ ſay war bei dem Volke um ſo anſtößiger, da er ver⸗ mählt war, obgleich diejenigen Perſonen, deren Nach⸗ ſicht er ſich durch ſeine Jugend, ſeinen frohen Sinn, ſeine Anmuth und ſein gutes Herz gewonnen hatte, der Meinung waren, daß gerade die Verhältniſſe ſeiner Ehe ſeinen Ausſchweifungen zur Entſchuldigung dienen könn⸗ ten. Sie erinnerten ſich gegenſeitig, daß ſeine Ver⸗ mählung ganz das Werk ſeines Oheims des Herzogs von Albany geweſen war, durch den ſich der ſchwache, blöde König größtentheils leiten ließ, und der, wie man allgemein glaubte, dem Geiſte ſeines Bruders eine den Intereſſen und Hoffnungen des einſtigen Thron⸗ erben ſchädliche Richtung zu geben ſuchte. Durch die Intriguen Albany's wurde die Hand des Prinzen ſo zu ſagen an den Meiſtbietenden verkauft, denn er gab —— —— 63 öffentlich zu verſtehen, derjenige ſchottiſche Große, deſ⸗ ſen Tochter die bedeutendſte Mitgift erhielte, dürfe ſich Hoffuung machen, der Schwiegervater des Herzogs von Rothſay zu werden. Bei dem hieraus entſtandenen Streite um den Ver⸗ rang trug Georg von Dunbar und von March, der für ſich oder durch ſeine Vaſallen im Beſitze des größten Theils der Grenzen gegen England war, über die an⸗ dern Mitbewerber den Sieg davon, und ſeine Tochter wurde mit Zuſtimmung des jungen Paares die Verlobte des Herzogs von Rothſay. Doch es blieb noch ein Dritter übrig, den man zu Rathe zu ziehen hatte, und dieſer war kein anderer, als der gefürchtete Archibald, Graf von Douglas, eben ſo furchtbar durch ſeine weitläufigen Beſitzungen und die Stellen und Aemter, die er bekleidete, als durch ſeine perſönlichen Eigenſchaften, ſeine Klugheit und Ta⸗ pferkeit, mit der ſich ein unbändiger Stolz und ein unauslöſchlicher Rachedurſt verband. Auch ſtand der Graf in ſehr naher Verbindung mit dem Throne, da er die älteſte Tochter des regierenden Königs zur⸗ Ge⸗ mahlin hatte. Nach der Verlobung des Herzogs von Rothſay mit der Tochter des Grafen von March erſchien Douglas, wie wenn er gezögert hätte, an der Verhandlung Theil zu nehmen, um zu beweiſen, daß ſie ohne ihn nicht abgeſchloſſen werden könne, in den Schranken um den Contrakt ungültig zu machen. Er bot ſeine Tochter Marjory mit einer noch bedeutenderen Mitgift an, als 64 der Graf von March verſprochen hatte, und Albany durch ſeine Habſucht und die Furcht vor Douglas be⸗ herrſcht, machte ſeinen Einfluß auf den blödſinnigen Monarchen geltend, und beſtimmte ihn, dem Grafen von March das Wort zu brechen, und ſeinem Sohne Marjory Douglas zu geden, eine Frau, die dieſer nicht lieben konnte. Die einzige Entſchuldigung, die man gegen den Grafen von March vorbrachte, war, daß die Verlobung des Prinzen mit Eliſabeth von Dunbar die Zuſtimmung des Parlaments nicht erhalten habe, und, ſo lange dieſe Beſtätigung fehle, Verträge der Art nicht bindend ſeyen. Der Graf war ſehr erbittert über den ihm und ſeiner Tochter angethanen Schimpf, und man glaubte allgemein, er denke auf Rache, wozu ihm das Anſehen, in dem er an der engliſchen Grenze ſtand, leicht die Mittel an die Hand geben zu müſſen ſchien. r 1— Der Herzog von Rothſay, mißvergnügt, ſeine Hand und ſeine Neigung einer Staatsintrigue aufgeopfert zu ſehen, gab ſeine Unzufriedenheit durch alle ihm zu Ge⸗ bot ſtehende Mittel kund, vernachläßigte ſeine Gemah⸗ lin, verachtete ſeinen furchtbaren, gefährlichen Schwie⸗ gervater, zeigte wenig Achtung gegen die königliche Ge⸗ walt ſelbſt, und ſchlug die Vorſtellungen ſeines Oheims, des Herzogs von Albany, den er als ſeinen erklärten Feind betrachtete ganz in den Wind. Bei dieſen inneren Mißhelligkeiten im Schooße ſeiner Familie— Mißhelligkeiten, deren Wirkungen ſich auch auf die Verwaltung erſtreckten, ſo daß überall die trau⸗ —— 65 rigen Folgen der Uneinigkeit ſichtbar wurden, ließ ſich der ſchwache König einige Zeit durch den Rath ſeiner Gemahlin, der Königin Annabella aus dem edlen Hauſe Drummond leiten. Mit hohem Scharfſinne und Feſtig⸗ keit des Charakters ausgeſtattet, ſteckte ſie dem Leicht⸗ ſinne eines Sohnes, der ſie achtete, einigermaßen Schran⸗ ken, und hielt nicht ſelten den wankenden Sinn ihres königlichen Gemahls aufrecht. Aber nach ihrem Tode glich der Fürſt einem Schiffe, das die Anker verloren hat und von entgegengeſetzten Strömungen hin und her geworfen wird. Man konnte ſagen, daß Robert ſeinen Sohn leidenſchaftlich liebte, daß er eine furchtſame Ach⸗ tung gegen den Charakter ſeines Bruders Albany hegte, der freilich viel feſter war, als der ſeinige, daß Douglas ihm eine beinahe inſtinktmäßige Furcht einflößte, und daß er an der Treue des kühnen, aber unbeſtändigen Grafen von March zweifelte. Die Empfindungen, die er gegen dieſe verſchiedenen Perſonen hegte, verfloſſen ſo ſehr in einander, daß ſie von Zeit zu Zeit ganz anders erſchienen, als wie ſie wirklich waren. Der letzten Ge⸗ walt, die über ſein lenkſames Gemüth ausgeuͤbt worden war, nachgebend, wurde der König, nachdem er ein nachſichtiger Vater geweſen, ſtreng und ſelbſt grauſam, ſein Vertrauen auf ſeinen Bruder verwandelte ſich in Mißtrauen, und der ſonſt ſo ſanfte, gütige Monarch zeigte ſich als eiferſüchtigen, eigennützigen Tyrannen. Wie aas Kamäleon trug ſein ſchwaches Gemüth die Farbe des ſtärkeren Geiſtes, von dem er ſich für den Augenblick lei⸗ ten ließ. Wenn er dem Rathe eines Gliedes ſeiner Fa⸗ milie nicht mehr folgte, um ſein Ohr dem eines andern aufzuſchließen, ſo war es nichts ungewöhnliches, eine gänzliche Aenderung der Verwaltung eintreten zu ſehen — ein Wechſel, der dem Charakter des Königs keine Ehre machte, und das Wohl des Staates gefährdete. Die natürliche Folge hievon war, daß die Geiſtlichkeit der katholiſchen irche großen Einfluß auf einen Mann Walter Scott's Werke. 1528 Boͤchen. 5 7 66 erlangte, der einen vortrefflichen Willen hatte, aber durchaus keine Charakterſtärke beſaß. Nicht nur quälte Robert das peinliche Gefühl der Fehler, die er wirk⸗ lich begangen hatte, ſondern auch die Furcht, die eine aberglaͤubiſche Seele immer mit Bangigkeit erfüllt. Wir brauchen daher kaum noch hinzuzuſetzen, daß die Glieder der Ordens⸗ und Weltgeiſtlichkeit keinen ge⸗ ringen Einfluß auf einen ſo ſchwachen Fürſten ausüb⸗ ten— ein Einfluß, dem ſich freilich in dieſer Zeit wenige zu entziehen wußten, ſo feſt und entſchloſſen ſie ſich auch ſonſt bei ihren weltlichen Angelegenheiten zeigten. Hiemit kommen wir von unſerer langen Ab⸗ ſchweifung zurück, ohne welche unſern Leſern das, was wir nun zu berichten haben, wohl nicht verſtändlich geweſen wäre. Der König war mit Mühe aufgeſtanden, und hatte ſich dem wohlgepolſterten Seſſel unter dem Thronhim⸗ mel genähert, auf den er ſich behaglich niederließ. So⸗ bald er ſaß, verkündigten die ehrwürdigen Züge und die ſanfte Miene des Greiſes nichts als wohlwollende Güte. Der Prior in einer Stellung tiefer Ehrerbie⸗ tung, die ſein von Natur ſtolzes Ausſehen verdeckte, vor dem Seſſel des Königs ſtehend, war ein Mann, der 40— 50 Jahre haben mochte; aber noch keines ſeiner Haare hatte die natürliche ſchwarze Farbe ver⸗ loren. Verſtändige Züge und ein lebhafter Blick ver⸗ riethen die Talente, durch die ſich der ehrwürdige Pa⸗ ter auf den hohen Poſten gehoben hatte, den er bei ſeinem Orden und wir können hinzuſetzen, im Staats⸗ rathe bekleidete, wo er nicht ſelten von ihnen Gebrauch machte. Die Hauptzwecke, welche Erziehung und Ge⸗ wohnheit ihn verfolgen lehrten, waren Vermehrung der Güter und Reichthümer der Kirche und Unter⸗ drückung der Ketzerei, ein Ziel, das zu erreichen er alle Mittel anwandte, die ihm ſeine Lage an die Hand gab; aber durch die Aufrichtigkeit ſeines Glaubens und 2 67 die treue Befolgung der Vorſchriften der Moral, die ihn im gewöhnlichen Leben leiteten, machte er ſeiner Religion Ehre. Die Fehler, welche Pater Anſelm zu unſeligen Irrthümern, und ſelbſt zur Grauſamkeit ver⸗ leiteten, müſſen vielleicht dem Geiſte ſeiner Zeit und ſeines Standes zugeſchrieben werden; ſeine guten Ei⸗ genſchaften waren ihm eigenthümlich. „Wenn das einmal geſchehen iſt,“ ſagte der König, „und die Güter, von denen ich ſo eben, geſprochen habe, dieſem Kloſter durch eine Urkunde verſichert ſind, glaubt ihr dann Pater, ich habe genug gethau für un⸗ ſere heilige Mutter die Kirche, um mich ihren ehr⸗ furchtsvollen Sohn zu nennen?«« „„Allerdings, Sire“« erwiederte der Prior,„wollte der Himmel, daß alle ihre Kinder zum Sakrament der Beicht ein ebenſo lebhaftes Gefühl ihrer Fehler bräch⸗ ten und einen ebenſo guten Willen, ſie wieder gut zu machen! Aber dieſe Worte des Troſtes, Sire, ſpreche ich nicht zu Robert, König von Schottland, ſondern⸗ zu einem demüthigen Beichtkind Robert Stuart von Carrick.“ „Ihr überraſcht mich, Pater. Mein Gewiſſen macht mir wenige Vorwürfe über das, was ich als König gethan, denn ich bin weniger meinem eigenen Kopfe, als dem Gutachten meiner weiſeſten Räthe gefolgt.“ „Darin liegt eben das Gefährliche, Sire. Der heilige Vater erkennt in jedem eurer Gedanken, Worte und Thaten einen folgſamen Diener der heiligen Kirche, aber es gibt böſe Rathgeber, die den Gelüſten ihres verdorbenen Herzens foigen, die Güte und Willfährig⸗ keit ihres Fürſten mißbrauchen, und unter dem Vor⸗ wand, ſeine zeitlichen Intereſſen zu fördern, Matzre⸗ geln ergreifen, die ſeinem ewigen Heile nachtheilig ſeyn können. 4 Bei dieſen Worten erhob ſich Robert, gab ſich ein höheres Anſehen, das ihm ſehr wohl ſtand, das man 5* 68 aber ſonſt nicht an ihm bemerkte und ſagte:„Prior Anſelm, wenn ihr in meinem Betragen als König oder als Privatmann etwas entdeckt habt, was eine ſolche Rüge verdient, wie ſie eure Worte enthalten, ſo iſt es eure Pflicht, euch deutlich zu erklären und ich befehle es euch. „Es ſoll geſchehen, Sire,“ erwiederte der Prior mit einer tiefen Verbeugung; dann erhob er ſich wieder, gab ſich das Anſehen der ſeinem Rang gebührenden Würde und ſagte:„Vernehmt aus meinem Munde die Worte unſers heiligen Vaters, des Nachfolgers des heiligen Petrus, dem übertragen worden ſind die Schlüſ⸗ ſel mit der Gewalt zu binden und zu löſen. Warum, Robert von Schottland, haſt du nicht eingeſetzt auf den Stuhl des heiligen Audreas, Robert von Waraw, wie der Pabſt dir befohlen hatte? Warum bekennen deine Lippen ehrfurchtsvolle Unterwürfigkeit gegen die Kirche, während deine Thaten den Ungehorſam und die Halsſtarrigkeit deines Herzens beurkunden? Gehor⸗ ſam iſt beſſer, denn Opfer.- „Herr Prior,“ ſagte der Monarch in einem, ſeinem hohen Range angemeſſenen Tone:„es iſt nicht an uns, euch hievon Rechenſchaft zu geben, denn das iſt eine Angelegenheit, die uns und die Staaten unſeres Reichs betrifft, unſer Gewiſſen aber nichts angeht.⸗ „Ach!“ verſetzte der Prior,„und weſſen Gewiſſen wird ſie am jüngſten Tage angehen? welcher eurer mächtigen Lords und eurer reichen Bürger wird ſich zwiſchen den König und die Strafe ſtellen, in die er verfallen iſt, daß er ihren weltlichen Rath in kirchli⸗ cher Angelegenheit befolgte? Wiſſe, mächtiger König, daß, wenn die ganze Ritterſchaft deines Reiches in Schlachtordnung vor dir aufgeſtellt wäre, um mit ib⸗ ren Schilden den Blitz aufzufangen, ſie verzehrt würde, wie ein Stück trockenes Pergament, in einen Feuerofen geworfen.“ 69 „Mein guter Pater Prior,“ ſſagte der König, auf deſſen ängſtliches Gewiſſen eine ſolche Sprache ſelten ihre Wirkung verfehlte.„Ihr ſprecht etwas allzu ernſt⸗ haft über dieſe Sache. Während meiner letzten Un⸗ päßlichkeit, wo der Graf von Douglas als Stadthalter die königliche Gewalt in Schottland ausübte, erhob ſich unglücklicherweiſe ein Hinderniß gegen die Ein⸗ ſetzung des Prälaten; macht mir alſo wegen deſſen keine Vorwürfe, was vorgefallen iſt, während ich außer Stand war, die Angelegenheiten meines Reichs zu lei⸗ ten und meine Macht einem andern übertragen mußte.“ „Das genügt euren Unterthanen, Sire; allein wenn das Hinderniß ſich während der Stadthalterſchaft des Grafen von Douglas erhob, ſo wird der Legat Seiner Heiligkeit euch fragen, warum es nicht ſogleich ver⸗ ſchwand, als der König die Zügel der Gewalt wieder in ſeine Hände nahm? Douglas der Schwarze beſitzt eine große Macht, vielleicht eine größere, als ein Un⸗ terthan in dem Reiche ſeines Oberherrn haben ſollte; aber er kann ſich nicht zwiſchen eure Majeſtät und euer Gewiſſen ſtellen; er kann Euch der Verpflichtun⸗ gen nicht entheben, die ihr als König gegen die heilige Kirche zu erfüllen habt.“ „Pater Anſelm,“ ſagte Robert etwas ungeduldig, „ihr ſprecht ziemlich entſcheidend in dieſer Sache; ihr ſolltet wenigſtens eine ſchickliche Zeit abwarten, bis wir Muſe haben, ihr abzuhelfen. Aehnliche Verſuche ſind zu wiederholtenmalen unter der Regierung unſerer Vorfahren gemacht worden, und einer unſerer Ahnen, der heilige David ſeligen Andenkens gab ſeine Rechte als Monarch nicht auf, ohne ſie kräftig vertheidigt zu haben, auch wenn er dadurch ſelbſt mit dem heiligen Vater in Streit kam.“ „Darum hat dieſer große und gute König weder klug noch fromm gehandelt, und darum iſt er in die Gewalt ſeiner Feinde gegeben worden, die ihn anfs Haupt 70 ſchlugen und Beute davon trugen, als er das Schwert zog gegen die Fahnen des heiligen Petrus, des hei⸗ ligen Paulus und des heiligen Johannes von Beverley im Standartenkrieg, wie man ihn nennt bis auf die⸗ ſen Tag. Es war ein Gluͤck fuͤr ihn, daß ſeine Suͤnde, wie die des Koͤnigs, deſſen Namen er trug, des Sohns Iſai, ſchon auf dieſer Welt geſtraft und nicht aufgezeichnet wurde, um gegen ihn zu zeugen am juͤngſten Gericht.“« „Ganz recht Prior, ganz recht, doch genug davon. Der heilige Stuhl ſoll, ſo Gott will, nichts zu kla⸗ gen haben. Bei unſerer Liebenfrau! nicht um die Krone, die ich trage, moͤchte ich die Suͤnde auf mich laden, unſerer Mutter der Kirche das geringſte Un⸗ recht zu thun. Wir haben immer gefuͤrchtet, die Au⸗ gen des Grafen von Douglas haͤngen zu ſehr an den zeitlichen Guͤtern dieſes hinfaͤlligen, vergaͤnglichen Le⸗ bens, um ſich, wie er ſollte, auf kuͤnftige Welt vor⸗ zuſehen.« „Erſt noch vor ganz Kurzem, Sire, hat er ſich mit einer Truppe von 1000 Mann in dem Kloſter Aberbrothock eingelagert, und der Abt iſt genoͤthigt, ihm alles zu verabfolgen, was ſeine Reiter und Pferde beduͤrfen. Der Graf nennt dieß eine Gaſtfreiheit, an die er eine Anſprache habe, kraft der von ſeinen Vorfahren an dieſes Kloſter gemachten Schenkungen. Es waͤre wohl beſſer, den Douglas ihre Beſitzungen zuruͤckzugeben, als ſich Erpreſſungen gefallen zu laſ⸗ ſen, wie man ſie eher von der ungezaͤhmten Zuͤgel⸗ loſigkeit wilder Raͤuber von Hochland, als von einem chriſtlichen Baron erwarten ſollte. „Douglas der Schwarze,« ſagte der Koͤnig mit einem Seufzer,„ſtammt von einem Geſchlechte, das keinen Widerſpruch vertragen kann. Doch, Pater Prior, ich mache es wohl ſelbſt ebenſo, denn ich bin ſchon ziemlich lange bei euch und mein Gefolge, wenn 71 ſchon weniger zahlreich, als das des Douglas, muß euch durch ſeinen taͤglichen Bedarf zur Laſt fallen. Indeſſen habe ich meinen Leuten Befehl gegeben, eure Koſten ſo viel als moͤglich zu erleichtern, doch wenn unſere Gegenwark euch ungelegen waͤre, ſo wuͤrden wir an unſern Aufbruch denken.“ „Das wolle unſere Liebefrau verhuͤten!e rief der Prior, der bei allem ſeinen Streben nach Gewalt doch nichts Niedriges oder Schmutziges in ſeinem Charak⸗ ter hatte, und deſſen Freigebigkeit keine Schranken kannte.„Das Kloſter der Dominikaner kann ſeinen Monarchen mit derſelben Gaſtfreiheit bewirthen, wie die Reiſenden jedes Standes, welche die armen Die⸗ ner unſers Schutzheiligen beherbergen. Nein, Sire, kommt mit einem zehnmal ſtärkeren Gefolge, als das gegenwaͤrtige iſt, und es ſoll kein Koͤrnchen Haber, kein Buͤndel Stroh, kein Stuͤckchen Brod und keine Unze Fleiſch fehlen. Etwas anderes iſt es, die Ein⸗ kuͤnfte der Kirche, die anſehnlicher ſind, als die Moͤnche wuͤnſchen duͤrfen oder noͤthig haben, dazu zu verwenden, mit der geziemenden Achtung eure koͤnig⸗ liche Majeſtaͤt zu empfangen, etwas anderes, ſie ſich von groben, gewaltthaͤtigen Menſchen entriſſen zu ſe⸗ hen, deren Liebe zum Raub keine andere Graͤnzen kennt, als den Umfang ihrer Gewalt.«⸗ „Ganz recht, Prior, doch jetzt wollen wir unſere Gedanken einen Augenblick von den Angelegenheiten des Staats abwenden; koͤnnt ihr mir nicht ſagen, hochwuͤrdiger Pater, wie die guten Buͤrger von Perth ihren St. Valentinstag begonnen haben? galant, froͤhlich und friedlich, wie ich hoffe.«e „Ich verſtehe mich wenig auf Galanterie und Froͤh⸗ lichkeit, Sire. Was aber das friedlich betrifft, ſo haben drei oder vier Maͤnner, worunter zwei ſchwer verwundet ſind, dieſen Morgen vor Tag im Kloſter Schutz geſucht, weil eine Menge Leute im Hemd mit 72 Knitteln, Picken, Aexten und Schwertern bewaffnet mit dem Ruf: ſchlagt todt! haut nieder! ſie verfolg⸗ ten.— Sie haben ſich ſelbſt da nicht zufrieden gege⸗ ben, als unſer Pfoͤrtner ihnen ſagte, die, welche ſie verfolgen, haben ſich in die Kirche gefluͤchtet, ſondern fuhren noch einige Minuten lang fort, unter furcht⸗ barem Geſchrei an das Thor zu ſchlagen, und die Auslieferung der Maͤnner zu verlangen. Ich fuͤrch⸗ tete, der Laͤrm, den ſie gemacht haben, moͤchte eure Majeſtaͤt im Schlafe geſtoͤrt und in Schrecken geſetzt haben.“ „Mein Schlaf haͤtte vielleicht geſtoͤrt werden moͤ⸗ gen, aber daß das Geſchrei mich erſchreckt haͤtte.... ach! ehrwuͤrdiger Pater, es gibt in Schottland nur Einen Ort, wohin die Wehklage des Opfers und die Drohungen des unterdruͤckers nicht zu dringen ver⸗ moͤgen und dieſer Ort Pater— iſt das Grab.« Der Prior beobachtete ein ehrerbietiges Schweigen und theilte die Empfindungen ſeines Monarchen, deſ⸗ ſen Herzensguͤte mit den Sitten und dem Charakter ſeines Volkes ſo wenig in Einklang ſtand. „Und was iſt aus den Fluͤchtigen geworden?«⸗ fragte Robert nach einigen Pauſen. „Man hat ihnen vor Tag, wie ſie es verlangten, das Thor geoͤffnet, Sire, nachdem vorher die Umge⸗ gend genau durchgeſucht worden war, um ſich die Ge⸗ wißheit zu verſchaffen, daß ihre Feinde ihnen keinen Hinterhalt gelegt haben, dann ſind ſie im Frieden hingezogen. „»Und ihr wißt nicht, wer ſie waren und warum ſie bei euch Zuflucht ſuchten 2« „Ein Streit mit den Buͤrgern der Stadt war die Urſache davon, Sire; Wir wiſſen aber nicht, was hiezu Veranlaſſung gegeben hat. Es iſt Regel unſers Kloſters, vier und zwanzig Stunden ohne Unterbre⸗ chung im Heiligthum des St. Dominicus Freiſtaͤtte 73 zu geben, ohne daß waͤhrend dieſer Zeit an dte Un⸗ gluͤcklichen eine Frage gemacht wird; wollen ſie läͤnger bleiben, ſo muß der Grund, warum ſie ſich hieher gefluͤchtet haben, in die Kloſterbuͤcher eingetragen wer⸗ den und— wofuͤr unſerem Heiligen Dank geſagt ſey! dieſer Schutz rettet manche von der Strenge der Ge⸗ ſetze, die wir ihren Feinden und Verfolgern auszulie⸗ fern uns verpflichtet glanben koͤnnten, wenn wir wuͤß⸗ ten, welches Verbrechen ſie begangen haben.“ Waͤhrend der Prior ſo ſprach, ſchwebte dem Koͤnig ein freilich nur dunkler Gedanke vor, daß dieſe Frei⸗ ſtaͤtte, ohne unterſuchung bewilligt in den Gang der Gerechtigkeit in ſeinem Koͤnigreich ſtoͤrend eingreifen muͤſſe, allein er wies ihn als eine Eingebung des Satans zuruͤck und huͤtete ſich wohl, ſich ein einziges Wort entſchluͤpfen zu laſſen, das dem Prior haͤtte verrathen koͤnnen, daß er einen ſolchen gottloſen Ge⸗ danken auch nur einen Augenblick habe hegen koͤnnen. Im Gegentheile beeilte er ſich, dem Geſpraͤch eine andere Wendung zu geben. „Die Sonne laͤuft heute ſehr langſam,“ ſagte er. „Nach der unangenehmen Nachricht, die ihr mir da mitgetheilt habt, haͤtte ich erwartet, daß die Herrn, die meinen Nath bilden, ſich mehr beeilen wuͤrden, um meine Befehle ruͤckſichtlich dieſer raͤthſelhaften Sache zu vernehmen. Ein ungluͤcklicher Stern hat mir ein Volk zu regieren gegeben, unter dem, wie es ſcheint, ich die einzige Perſon bin, welche Ruhe und Frieden wuͤnſcht.“ „Die Kirche wuͤnſcht immer die Ruhe und den Frieden,“ erwiederte der Prior, der es nicht einmal leiden mochte, daß ſich der niedergedruͤckte ungluͤckliche Monarch eine Bemerkung erlauben ſollte, ohne zu Ehren der Kirche eine Ausnahme zu machen. „Wir wollen damit nichts anderes ſagen, Pater Prior,« verſetzte Robert,„Ihr werdet aber zugeben, 74 daß die Kirche, wenn ſie auf dieſe Weiſe Streitigkei⸗ ten niederſchlaͤgt, wie ſie es gewiß beabſichtigt, der geſchaͤftigen Haushaͤlterin gleicht, die den Staub auf⸗ regt, waͤhrend ſie das Zimmer ſcheuert.«« Der Prior wuͤrde eine Einwendung gegen dieſe Be⸗ merkung gemacht haben, aber die Thuͤre des Gema⸗ ches oͤffnete ſich und ein Kammerdiener meldete den Herzog von Albany.—— Zehntes Kapitel. Wahrhaftig, wenn ich mit den Angelegenheiten, die mir ſo unordentlich auf den Hals kommen, fertig zu wer⸗ den weiß, ſo duͤrft ihr mich fuͤr ſehr geſchickt halten. Shakeſpeare, Richard II. Der Herzog von Albany hieß, wie ſein Bruder, der Koͤnig, ebenfalls Robert. Der Taufname des letztern war Johann geweſen bis er den Thron beſtieg; da jedoch aberglaͤubiſche Perſonen zu bedenken gegeben hat⸗ ten, daß waͤhrend des Lebens und der Regierung Jo⸗ hanns von England, Johanns von Frankreich und Jo⸗ hann Baliol's von Schottland das Ungluͤck ſich beſtaͤn⸗ dig an dieſen Namen geknuͤpft habe, ſo kam man uber⸗ ein, daß, um die ſchlimme Vorbedeutung zu entfer⸗ nen, der neue Koͤnig den Namen Robert annehmen ſollte, der durch das Andenken Robert Bruces Schott⸗ land ſo theuer geworden war. Wir bemerken dieſes, um den ſonderbaren Umſtand zu erklaͤren, daß in Ei⸗ ner Familie zwei Bruͤder denſelben Taufnahmen fuͤhr⸗ ten, was um jene Zeit gewiß eben ſo ſelten war, als heutzutage.. Der Herzog von Albany, gleichfalls bei Jahren, wie 75 der Koͤnig, war eben ſo wenig, als dieſer, fuͤr krie⸗ geriſche Unternehmungen. Allein wenn er ſich nicht durch Muth auszeichnete, ſo war er klug genug, dieß geſchickt zu verbergen, uͤberzeugt, daß dieſer Fehler, wenn man ihn auch nur muthmaßte, alle Plane um⸗ werfen wuͤrde, die ſich ſein Ehrgeiz entworfen. Auch war er ſtolz genug, im aͤußerſten Falle Tapferkeit zu zeigen, wenn dieſe ihm gleich nicht wirklich eigenthuͤm⸗ lich war, und beſaß ſo viele Herrſchaft uͤber ſich, um ſeinen Kleinmuth zu verbergen. Im uͤbrigen war er ein gewandter Staatsmann, ruhig, kaltbluͤtig und liſtig; ſeine Blicke waren immer auf das Ziel gerichtet, das er zu erreichen wuͤnſchte, wenn dieſes noch in weiter Ferne lag, und er verlor dieſes nie aus dem Geſichte, wenn gleich die Kruͤmmungen des Weges, den er ver⸗ folgte oft nach einer ganz andern Richtung fuͤhren zu muͤſſen ſchienen. In ſeiner Perſon glich er dem Ko⸗ nige, denn ſein Wuchs und ſeine Haltung war ebenſo edel und majeſtaͤtiſch, was er aber vor ſeinem aͤlteren Bruder voraus hatte, war, daß er nicht gebrechlich und im Allgemeinen gewandter und lebhafter war. Seine Kleidung war reich und gewaͤhlt, wie ſie ſein Alter und ſein Rang forderten. Wie ſein Bruder, der Koͤnig, trug er gar keine Waffen: ein Beſteck mit klei⸗ nen Meſſern, das in ſeinem Guͤrtel ſtack, vertrat die Stelle eines Dolchs oder Schwertes. Sobald der Herzog eintrat, zog ſich der Prior, nach⸗ dem er ſich gegen ihn verbeugt hatte, ehrerbietig in eine Vertiefung des Saales zuruͤck, damit die Unter⸗ redung der beiden Bruͤder nicht durch die Anweſenheit eines Dritten geſtoͤrt wuͤrde. Es muß hier bemerkt werden, daß dieſe Vertiefung durch ein Fenſter gebil⸗ det wurde, das an der innern Facade der Kloſterge⸗ baͤude angebracht war, die man das Palais nannte, weil ſich die Koͤnige von Schottland haͤufig hier auf⸗ hielten, wenn ſchon fuͤr gewoͤhnlich der Prior oder Abt 76 hier wohnte. Das Fenſter, uͤber dem Haupteingange zu den koͤniglichen Zimmern liegend, ſah auf den in⸗ nern Hof des Kloſters, der zur Rechten durch die lan⸗ ge, praͤchtige Kirche, zur Linken durch ein Gebaͤnde begraͤnzt wurde, in welchem ſich die Zellen, das Re⸗ fektorium, die Probſtei und andere Zimmer befanden. Dieſe ganze Parthie ſtand abgeſondert von dem Fluͤ⸗ gel, den der Koͤnig Robert mit ſeinem Hofſtaat ein⸗ nahm. Eine vierte Reihe von Gebaͤuden, deren aͤuſ⸗ ſere Facade gegen Morgen lag, beſtand aus einem großen Hoſpitium zur Aufnahme von Fremden oder von Pilgern, und aus den Magazinen fuͤr die großen Vorraͤthe, deren die prunkende Gaſkfreiheit der Do⸗ minikaner bedurfte. Ein hohes Gewoͤlbe fuͤhrte durch die oͤſtliche Facade in den innern Hof, es lag gerade dem Fenſter gegenuͤber, an welchem der Prior Anſelm ſtund, und er konnte durch die dunkle Halle ſehen und die Lichtſtrahlen bemerken, die durch das oͤſtliche Thor, das offen ſtand, in das Gewoͤlbe hineinfielen, aber wegen der Hoͤhe und Tiefe deſſelben konnte er das gegenuͤberliegende Portal nur undeutlich unterſchei⸗ den. Wir bitten unſere Leſer, ſich dieſe Oertlichkeiten zu merken, kommen aber fuͤr jetzt auf die Unterredung zuruͤck, die zwiſchen den beiden Prinzen ſtatt fand. „Mein theurer Bruder,“ ſagte der Koͤnig und hielt den Herzog von Albany zuruͤck, der ſich herabbengte, um ihm die Hand zu kuͤſſen,„mein theurer Bruder, wozu dieſe Umſtände? Sind wir nicht beide Soͤhne Stuarts von Schottland und Eliſabeth Morès 2⸗ „Ich habe dgs nicht vergeſſen,« erwiederte der Her⸗ zog von Albalp, ſich aufrichtend,„aber ſelbſt bei der innigſten Vertraulichkeit mit meinem Bruder darf ich die Ehrerbietung nicht aus den Augen ſetzen, die ich dem Koͤnige ſchuldig bin. „»Auch das iſt wahr, nur zu wahr, Robin!« ſagte der Koͤnig,„der Thron iſt wie ein hoher unfruchtba⸗ 77 rer Felſen, auf dem Blumen und Pflanzen niemals Wurzel ſchlagen koͤnnen. Die ſuͤßeſten Gefuͤhle und die aͤrtlichſten Triebe ſind einem Monarchen verſchloſſen: bin Koͤnig darf ſeinen Bruder nicht an ſein Herz druͤ⸗ cken, darf gegen ſeinen Sohn keine Liebe blicken laſſen. „Von einer gewiſſen Seite betrachtet, Sire, iſt dieß wirklich das Loos der Groͤße, aber der Himmel, der die Glieder der Familie Eurer Majeſtaͤt in einige Ent⸗ fernung von Eurer Sphaͤre geſtellt hat, hat Euch ein ganzes Volk zu Kindern gegeben.“ „Ach, Robert, Euer Herz haͤtte beſſer als das mei⸗ nige die Pflichten des koͤniglichen Amtes erfuͤllt. Von der Hoͤhe herab, auf die das Schickſal mich geſtellt hat, erblicke ich die Menge, die Ihr meine Kinder nennt: ich liebe ſie, ich wuͤnſche ſie gluͤcklich zu ſehen, aber ihrer ſind ſo viele und ſie ſtehen mir zu entfernt. Ach! der Aermſte unter ihnen hat ein theures Weſen, das er an ſeine Bruſt druͤcken, an das er die ganze Zaͤrtlichkeit eines Vaters verſchwenden kann. Alles, was ein Koͤnig ſeinem Volke zu geben vermag, iſt ein Laͤcheln— ein Laͤcheln, aͤhnlich den nutzloſen Strahlen, die die Sonne von ferne auf den eiſigen Gipfel der grampiſchen Gebirge wirft. Robert! unſer Vater liebte uns, ſeine Vorwuͤrfe wurden durch Zaͤrtlichkeit gemil⸗ dert und doch war er ein Monarch, wie ich. Warum ſollte mirs nicht erlaubt ſeyn, wie ihm, meinen ar⸗ men verlorenen Sohn durch Zaͤrtlichkeit zu beſſern, ſo gut als durch Strenge.“ „Aber wurde das nicht ſchon verſucht, Sire?« ent⸗ gegnete der Herzog von Albany, von dieſer Wahrheit ſchmerzlich ergriffen;„gelinde Mittel mußten noth⸗ wendig zuerſt angewandt werden. Euer Majeſtaͤt koͤn⸗ nen am beſten entſcheiden, ob man nicht ſchon lange genug von dieſen Mitteln Gebrauch gemacht hat und ob Strenge nicht wirkſamer waͤre. Es ſteht einzig in Eunrer koͤniglichen Gewalt, gegen den Herzog von Roth⸗ — X 78 ſay die Maßregeln zu nehmen, die Ihr als ſeinem Beſten und dem Wohle des Reichs zutraͤglich erachten werdet.“ „Das iſt grauſam, mein Bruder; Ihr zeigt mir den beſchwerlichen Weg, den ich einſchlagen ſoll, und wollt mir, waͤhrend ich ihn durchlaufe, Euern ſtuͤtzen⸗ den Arm nicht reichen.« „Er ſteht Euch zu Befehl, aber ich muß der Letzte ſeyn, der Euer Majeſtaͤt zu ſtrengen Maßregeln gegen Euern Sohn und Erben raͤth, ich, auf den im Falle, daß Eure Familie erloͤſcht,— was Gott verhuͤten wolle— dieſe unſelige Krone uͤbergeht. Wuͤrden nicht der gewaltthaͤtige March und der ſtolze Douglas ſagen und denken, Albany habe den Saamen der Zwietracht geſtreut zwiſchen ſeinen Bruder, dem Koͤnig und dem Erben des ſchottiſchen Thrones, um ſeinem eigenen Hauſe den Weg zu dieſem zu bahnen? Nein, Sire! ich kann mein Leben Euerm Dienſte opfern, aber meine Ehre muß unbefleckt erhalten werden.« »Ihr habt recht, Robert, Ihr habt ganz recht,« er⸗ wiederte der Koͤnig, der ſich beeilte, die Worte ſeines Bruders nach ſeinen Wuͤnſchen auszulegen;„wir duͤr⸗ fen dieſe maͤchtigen, gefaͤhrlichen Lords nicht gewahr werden laſſen, daß im Innern des koͤniglichen Hauſes Uneinigkeit herrſche. Das muß vor allem verhuͤtet werden, und deßwegen wollen wir noch einmal Nach⸗ ſicht verſuchen, in der Hoffnung, Rothſay von ſeinen Verirrungen zuruͤckzubringen. Ich bemerke manchmal an ihm Funken von Verſtand, die ihn liebenswerth machen; er iſt jung, ſehr jung, er iſt Prinz, und das wilde Feuer der Jugend lodert bei ihm noch in ſeiner vollen Staͤrke. Wir wollen Geduld mit ihm haben, wie ein guter Reiter mit einem unlenkſamen Roſſe. Laßt dieſen leichten Sinn austoben, und Niemand wird dann mit ihm mehr zufrieden ſeyn als Ihr. Ihr habt mir ſchon manchmal den Vorwurf gemacht, ich 79 ſey zu zuruͤckgezogen, zu ſtill: Rothſay hat keinen die⸗ ſer Fehler. 3 „Ich wollte mein Leben wetten, er hat keinen der⸗ ſelben,« erwiederte trocken der Herzog. „Er beſitzt eben ſo viel Verſtand, als Lebhaftigkeit,« fuhr der arme Koͤnig fort, ſeinen Sohn gegen ſeinen Bruder vertheidigend,„ich habe nach ihm geſendet, daß er heute im Rathe erſcheint, wir wollen ſehen, wie er ſich ſeines Amtes entledigt. Ihr werdet ſelbſt geſtehen, Robert, daß es dem Prinzen nicht an Fein⸗ heit und Gewandtheit in den Geſchäͤften fehlt, wenn er aufgelegt iſt, ſie ernſthaft zu behandeln.“«⸗ „Allerdings, Sire, wenn er dazu aufgelegt i ſt. „Das ſage ich eben, und mein Herz iſt erfreut, daß Ihr mit mir uͤber den Plan einverſtanden ſeyd, Ro⸗ bert, bei dem armen jungen Menſchen noch einmal die Nachſicht zu verſuchen. Er hat keine Mutter mehr, die ſeine Sache beim erzuͤrnten Vater fuͤhren koͤnnte; das darf man nicht vergeſſen, Albany. „Ich wuͤnſche, daß die Mittel, die den vaͤterlichen Gefuͤhlen Eurer Majeſtaͤt am meiſten zuſagen moͤchten, auch die weiſeſten und beſten ſeyen.⸗ Der Herzog hatte die unſchuldige Liſt bemerkt, durch welche der Koͤnig die Folgerungen aus ſeinen Schluͤſſen umgehen wollte, und ſeinen Wunſch, unter dem Vor⸗ wande, die Zuſtimmung ſeines Bruders erhalten zu haben, eine Verfahrungsweiſe gegen ſeinen Sohn zu beobachten, die der ſo eben von ihm empfohlenen ge⸗ radezu entgegengeſetzt war. Allein, wenn er ſchon ſah, daß er ihn nicht bewegen konnte, den angedeu⸗ teten Weg einzuſchlagen, ſo wollte er doch nicht alle Hoffnung aufgeben, entſchloſſen, eine beſſere Gelegen⸗ heit abzuwarten, die ihm die Zwiſtigkeiten zwiſchen dem Koͤnig und dem Prinzen bald entgegen fuͤhren ſollten. Indeſſen rief der Koͤnig Robert, aus Furcht, ſein 80 Bruder moͤchte auf den unangenehmen Gegenſtand zu⸗ ruͤckkommen, dem Prior der Dominikaner und ſagte zu dieſem:„Ich hoͤre Pferdetritte; von dem Orte aus, wo ihr ſteht, koͤnnt ihr den Hof uͤberblicken, ehrwuͤr⸗ diger Pater; ſeht durch das Fenſter und ſagt uns wer kommt.— Rothſay, nicht wahr?« „Es iſt der Graf von March mit ſeinem Gefolge,“ antwortete der Prior.. „Iſt dieſes zahlreich?“ fragte der Koͤnig.„Reiten ſeine Leute in den innern Hof?« In dieſem Augenblicke ſagte Albany mit leiſer Stim⸗ me zum Koͤnig:„Fuͤrchtet nichts, die Brandanes*) Eures Hauſes ſtehen unter den Waffen.“ Der Koͤnig dankte ihm durch nicken mit dem Kopfe, wäahrend der Prior auf die an ihn gemachte Frage er⸗ wiederte:„Den Grafen begleiten zwei Edelknaben, zwei Reiſige und vier Knechte. Ein Sdelknabe, der dem geſtrengen Herrn den Degen traͤgt, folgt ihm die große Treppe herauf, die uͤbrigen halten im Hofe und... Mein Gott, was ſoll das bedeuten? ich ſehe eine Saͤngerin mit ihrer Leyer, die ſich anſchickt unter den Fenſtern des koͤniglichen Zimmers und dem Klo⸗ ſter der Dominikaner zu ſingen, wie ſie es wohl vor den Schenken zu thun pflegt! ich werde Befehl geben, daß ſie auf der Stelle fortgewieſen wird.« „Thut das nicht, Pater!“ ſagte der Koͤnig.„Die heitere Kunſt, welche die arme Pilgerin treibt, ſteht in trauriger Verbindung mit der Armuth und dem Elende, wozu dieſes wandernde Geſchlecht der Minſtrels verurtheilt iſt. Hierin gleicht dieſes den Koͤnigen, die **) Die Bewohner der Inſel Bute nannte man Bran⸗ danes; der Urſpruns dieſes Namens iſt ungewiß. Die Inſel Bute war ein Exrbgut des Koͤnigs, und die Eingebornen bildeten ſeine Leibwache. . 81 uͤberall auf ihrem Wege mit Freudenruf empfangen werden und vergebens nach dem friedlichen Gluͤcke ſeufzen, das der aͤrmſte Landmann im Schooße ſeiner Familie genießt. Die wandernde Saͤngerin ſoll nicht fortgewieſen werden, Pater, laßt ſie, wenn ſie will vor den Dienern und Reitern im Hofe ſingen. Viel⸗ leicht wird dadurch verhuͤtet, daß ſie nicht aneinander gerathen, ſie gehoͤren ſo wilden, ungeſtuͤmen Herrn an!⸗⸗ So aͤußerte ſich der gutgeſinnte, aber ſchwache Mo⸗ narch und der Prior verbeugte ſich zum Zeichen des Gehorſams. Waͤhrend er noch ſprach, trat der Graf von March in das Audienzzimmer; er war in der ge⸗ woͤhnlichen Rittertracht dieſer Zeit und trug den Dolch an der Seite. Den Edelknaben, der ihm das Schwert trug, hatte er im Vorzimmer gelaſſen. Der Graf war ein ſchoͤner, wohlgebildeter Mann von bluͤhendem Ausſehen, ſeine Haare dicht und blond und ſeine glaͤnzenden blauen Augen funkelten, wie die eines Adlers; in ſeinem Benehmen, das indeſſen an⸗ genehm war, entwickelte er einen reizbaren, jaͤhzorni⸗ gen Charakter, und ſeine Stellung in der Welt als angeſehener maͤchtiger Lehensherr gab ihm nur zu viel Freiheit ſeinen Leidenſchaften zu huldigen. „Ich bin ſehr erfreut Euch zu ſehen, Graf von March,«KÄſagte der Koͤnig mit einer anſtaͤndigen Ver⸗ beugung.„Ihr habt ſchon lange Zeit unſerm Rathe nicht mehr angewohnt.“ „Sire!“ erwiederte March und verbengte ſich tief vor dem Koͤnig, waͤhrend er den Herzog von Albany nur ſtolz und ceremonioͤs begruͤßte.„Wenn ich dem Rathe Eurer Majeſtaͤt nicht anwohnte, ſo geſchah es, weil angenehmere und, wie ich nicht zweifle, ge⸗ ſchicktere Raͤthe meine Stelle einnahmen. Ich komme blos, um Euer Majeſtaͤt zu ſagen, daß die Nachrich⸗ ten, die ich von der engliſchen Graͤnze erhalten habe, es nothwendig machen, daß ich ohne Verzug auf meine Walter Scott's Werke. 1528 Boͤchen. 6 8² Guͤter zuruͤckkehre. Ihr habt Euern Bruder, den weiſen, klugen Herzog von Albany, mit dem Ihr Beſchluͤſſe faſſen koͤnnt, und den maͤchtigen, tapfern Graf von Dougkas ſie auszufuͤhren. Ich kann nur in meinem Gebiete Dienſte leiſten und bin entſchloſſen, mit Er⸗ laubniß Eurer Majeſtaͤt, unverzuͤglich dahin zuruͤckzu⸗ kehren, um meinem Amt als Waͤchter der oͤſtlichen Graͤnzen nachzukommen.⸗F „Ihr werdet nicht ſo grauſam ſeyn, Vetter,“ ent⸗ gegnete der guͤtige Monarch.„Es ſind ſchlimme Nach⸗ richten eingelaufen. Die elenden hochlaͤndiſchen Clan's fangen an ſich offen zu empoͤren, und die Ruhe Un⸗ ſers Hofes fordert die Unterſtuͤtzung unſerer beſten Raͤthe und tapferſten Barone, um zu vollfuͤhren, was Wir zu thun Willens ſind. Der Sproͤßling Thomas Randolph'’s wird doch den Enkel Robert Bruce's in einer ſolchen Lage nicht verlaſſen.« „Ich laſſe bei ihm den Sproͤßling des noch beruͤhm⸗ teren Jakob Douglas, der ſich ruͤhmt, nie den Fuß in den Steigbuͤgel zu ſetzen, ohne 1000 Mann als gewoͤhnliche Bedeckung in ſeinem Gefolge zu haben und die Moͤnche von Aberbrothhock werden wohl be⸗ ſchwoͤren, daß er die Wahrheit ſagt. Gewiß, die Rit⸗ ter des Douglas vermoͤgen beſſer einen Schwarm em⸗ poͤrter Hochlaͤnder zuruͤckzuſchlagen, als ich den eng⸗ liſchen Bogenſchuͤtzen und der Macht Heinrich Hotspur's Widerſtand zu leiſten. Ueberdies iſt hier ſeine Ho⸗ heit, der Herzog von Albany, der fuͤr die Sicherheit Seiner Majeſtaͤt ſo gut ſorgt, daß er Eure Branda⸗ nes unter die Waffen treten laͤßt, wenn ein gehorſa⸗ mer Unterthan der Reſidenz ſeines Koͤnigs ſich naͤhert mit einem armſeligen halben Dutzend Pferde— das Gefolge des unbedeutendſten Barons, der einen Thurm und 1000 Morgen Heideland beſitzt. Wenn man ſol⸗ che Vorſichtsmaßregeln trifft, wo nicht der geringſte Anſchein von Gefahr vorhanden iſt— denn ich hoffe, 83 daß man von mir nichts fuͤrchtet— ſo wird Euer Majeſtaͤt im Falle einer wirklichen Gefahr gewiß ſicher beſchirmt werden.“ *„ Herr von March,« ſagte der Herzog von Albany, „die unbedeutendſten Barone, deren ihr eben erwaͤhn⸗ tet, laſſen ihre Leute unter ihre Waffen treten, auch wenn ihre liebſten und naͤchſten Freunde vor dem Fall⸗ gitter ihres Schloſſes halten, und wenn es unferer lieben Frau gefaͤllt, werde ich fuͤr die Sicherheit der Perſon des Koͤnigs ſorgen, wie ſich geziemt. Die Brandanes bilden die Leibwache ſeiner Majeſtaͤt, ſie gehoͤren zu ſeinem Hauſe und 100 derſelben ſind eine ſchwache Bedeckung fuͤr einen Koͤnig, da Ihr ſelbſt, Mylord, wie der Graf von Douglas, oft zehnmal ſo viel Leute in Eurem Gefolge habt.“⸗ „Herr Herzog,“« verſetzte March,„wenn der Dienſt des Koͤnigs es fordert, kann ich zehnmal ſo viel Leute, als Ihr genannt habt, ins Feld ſtellen, aber ich habe es nie mit feindlichen Abſichten gegen Seine Majeſtaͤt gethan, ſo wenig, als aus Stolz, um es den andern Edeln zuvorzuthun.“ „Bruder Robert,«c ſagte der Koͤnig in der Rolle des Vermittlers,„Ihr habt Unrecht, gegen den Herrn von March Verdacht zu erheben; und Ihr, Vetter March, laßt der Klugheit meines Bruders keine Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren, doch hoͤrt: ich vernehme die Toͤne einer lieblichen Muſik, Ihr kennt dieſe heitere Kunſt, Mylord, und liebt ſie, geht an das Fenſter dort unten, wo der Prior ſteht; wir moͤgen an dieſen keine Frage richten, die weltliche Vergnuͤgungen be⸗ trifft, und darum ſollt Ihr uns ſagen, ob die Muſik und der Geſang werth ſind, gehoͤrt zu werden. Die Worte ſind, glaube ich, franzoͤſiſch; mein Bruder Al⸗ bany verſteht ſich nicht auf ſolche Sachen, daher ſollt hr, Vetter, uns ſagen, ob die arme Saͤngerin eine Belohnung verdient. Unſer Sohn und Lord Douglas — 6* 84 werden bald anlangen, und dann, wenn unſer Rath verſammelt iſt, haben wir wichtigere Angelegenheiten zu verhandeln.“ Etwas, wie ein veraͤchtliches Laͤcheln, wurde uͤber den Lippen und den ſtolzen Brauen des Grafen von March ſichtbar, waͤhrend er der Fenſtervertiefung zu⸗ ging. Stillſchweigend ſtellte er ſich neben den Prior, und wenn er auch dem Befehle des Koͤnigs Folge lei⸗ ſtete, ſo bemerkte er doch mit Verachtung die angſt⸗ liche Vorſicht, mit der der Monarch den Ausbruch eines Streites zu verhuͤten ſuchte. Die Melodie, wel⸗ che auf einer Leyer geſpielt wurde, war anfangs leb⸗ haft und munter, und man erkannte darin einen An⸗ flug der froͤhlichen Weiſen der Troubadour's. Aber nach und nach wurde die Stimme der Saͤngerin und die begleitenden Toͤne des Inſtruments klagend und gedehnt, wie wenn ſie die duͤſtern Gefaͤhle der Kuͤnſt⸗ lerin ausgedruͤckt haͤtten. Der beleidigte Graf, mochte er nun die vom Koͤnig geruͤhmten Talente wirklich beſitzen oder nicht, gab, wie man ſich denken kann, auf die Saͤngerin wenig Achtung. In ſeinem ſtolzen Gemuͤth kaͤmpfte die Treue, die er ſeinem Oberherrn ſchuldig war, und die Liebe, mit der er noch an ſeinem guͤtigen Monarchen hieng, mit dem Verlangen nach Rache, das aus getaͤuſchtem Ehrgeiz und dem dadurch erlittenen Schimpf entſprang, daß Morjory Douglas ſtatt ſeiner bereits mit dem Prinzen verlobten Tochter, die Gemahlin des Thron⸗ erben geworden war. March hatte die Fehler und Tugenden der unſchluͤßigen Charaktere, und ſelbſt, wenn er ſich vom Koͤnige beurlaubt haͤtte, in der Abſicht, die ihm geſchworene Treue zu brechen, haͤtte er, ſobald er auf ſeinen Guͤtern angelangt waͤre, uͤber ein ſo ſtrafbares, mit ſo vielen Gefahren verknuͤpftes Vor⸗ haben nicht mit ſich in's Reine kommen koͤnnen. Dieſe Gedanken beſchaͤftigten ihn waͤhrend des erſten Theils 8³ des Geſanges. Aber neue Gegenſtaͤnde zogen ſeine Aufmerkſamkeit maͤchtiger an und lenkten ſe auf das, was in dem Kloſterhof vorging. Die Romanze war in provencialiſchem Dialecte, der an allen Hoͤfen Eu⸗ ropas, und beſonders am ſchottiſchen, die Sprache der Dichter war. Die Strophen waren indeſſen einfacher, als die gewoͤhnlichen Lieder der Minneſaͤnger, und glichen mehr dem eines Minſtrels aus dem Norden. In un⸗ ſere Sprache uͤbergetragen wuͤrden ſie etwa ſo lauten: Das Lied der armen Louiſe. Arme Louiſe! deine ſuͤße Stimme,— Schuͤchtern hoͤret ſie die Schaͤferin,— Toͤnet warnend fort, durch Haus und Kuͤtte; Mädchen gehet nicht zum Walde hin! Arme Louiſe! Arme Louiſe! deine zarten Wangen Brannte heiß des Tages Feuerſtrahl⸗ Kuͤhle Luͤfte wehten im Gebuͤſche, Liebeslieder ſangen die Vogel all. I Inu. Arme Louiſe! Arme Louiſe! von dieſer ſchoͤnen Staͤtte; Kam noch nie ein Wolf, um blutigen Tod Schrecklich in das ſtille Dorf zu tragen— Nimmer haͤtt' ein Wolf dich ſo bedroht. Arme Louiſe! Arme Louiſe! auf dem ſchattigen Pfade Kam ein ſchmucker Jaͤgersmann daher Sagt ihr: ſchoͤn biſt Du, mein ſuͤßes Maͤdchen, Hell von Golde ſchimmert ſeine Wehr. Arme Louiſe! 86 Arme Louiſe! ach! zu deinem Gluͤcke Brauchteſt du ja nicht des Goldes Schein⸗ War dein Mund nicht wie die Maienroſe? Unſchuld deines Herzens Edelſtein? 1 Arme Louiſe! Arme Louiſe! was iſt das geworden, Das dein Schmuck ſeyn ſollte und dein Glanz? War er kuͤhn, der ſchmucke, goldne Jaͤger? Gabſt du ihn, verlorſt du deinen Kranz? Arme Louiſe! Arme Louiſe! nicht in traurigen Klagen Rufet ſie dich an in ihrer Noth, Blieb ein rettend Grab ihr doch auf Erden, Und im Himmel ihr ein gnaͤd'ger Gott. unnt Arme Louiſe! Die Romanze war nicht ſo bald geendigt, als der Koͤnig, aus Furcht, der Streit moͤchte ſich zwiſchen ſeinem Bruder und dem Grafen March erneuern, den letztern zu ſich rief.„Was haltet Ihr von der Mu⸗ ſik, Mylord?« ſagte er.„Sie ſcheint mir, ſo viel ich in der Entfernung hoͤren kann, lebhaft und ange⸗ nehm zu ſeyn. „Mein Urtheil hat keinen Werth, Sir,“ erwiederte March;„aber die Saͤngerin kann meinen Beifall ent⸗ behren, da ſie den Seiner Gnaden des Herzogs von Rothſay, des erſten Kenners in Schottland, gewon⸗ nen hat. „Wie?“ ſagte der erſchrockene Fuͤrſt;„iſt mein Sohn drunten?.1* „Er haͤlt zu Roß neben der Saͤngerin,“ bemerkte der Graf mit boshaftem Laͤcheln,„offenbar eben ſo Fngfſmammen durch ihre Unterhaltung, als durch ihre u 1„— 87 9 „Was bedeutet das, Pater Prior?“ fragte der Koͤ⸗ nig. Aber der Prior zog ſich aus dem Fenſter zuruͤck. „Ich will nichts ſehen, Sire,“ antworkete er,„was ich ungern wiederholen wuͤrde.“ „Was bedeutet denn das Alles?“ ſagte der Koͤnig noch einmal, indem ſein Geſicht von Roͤthe bedeckt war, und er ſich von ſeinem Sitz erheben zu wollen ſchien. Aber er aͤnderte ſein Vorhaben, als wollte er nicht Zeuge einer Thorheit des Prinzen ſeyn, die er vielleicht nicht den Muth haben wuͤrde, mit der noͤthigen Strenge zu ſtrafen. Dem Grafen von March ſchien es Vergnuͤgen zu machen, dem Koͤnig etwas zu ſagen, was dieſer ohne Zweifel nicht zu wiſſen wuͤnſchte. „Sire,“ rief er,„das wird immer beſſer. Die Saͤngerin hat nicht blos die Aufmerkſamkeit des Priu⸗ zen von Schottland und aller Bedienten und Solda⸗ ten gewonnen, die ſich im Hof befinden; ſondern ſie hat auch Douglas den Schwarzen gefeſſelt, den wir bis jetzt noch nicht als einen ſo leidenſchaftlichen Be⸗ wunderer der ſchoͤnen Kunſt gekannt haben. Aber wahrlich, ich begreife ſeine Ueberraſchungz denn der Prinz hat ſo eben die ſchoͤne Kuͤnſtlerin in Geſang und Geige mit einem Beifallsruf beehrt.“ „Wie?“ ſagte der Koͤnig,„Rothſay ſpielt mit einer Saͤngerin, und zwar in Gegenwart ſeines Schwieger⸗ vaters? Geht, mein guter Pater Prior, ſchickt mir den Prinzen ſogleich hieher. Geht, mein guter Bruder.“— Als beide das Zimmer verlaſſen hatten, fuhr der Koͤnig fort:„geht auch ihr, lieber Vetter von March. Das wird ſchlimm enden; ich weiß es gewiß. Ich bitte euch, geht, Vetter, und fuͤget zu den Bitten des Abtes meine Befehle.“ „Eure Majeſtaͤt vergißt,“ ſagte der Graf von March, mit dem Ton eines tief Beleidigten, daß der Vater von Eliſabeth von Durnbar kein geeigneter Vermitt⸗ ler zwiſchen Douglas und ſeinem koͤniglichen Eidam iſt.“ 88 „Ich bitte Euch um Verzeihung,“ erwiederte der gute Greis,„ich erkenne, daß man euch unrecht ge⸗ than hat. Aber mein Sohn wird ermordet werden; ich muß ſelbſt hinunter.“ Der arme Koͤnig that, in⸗ dem er ploͤtzlich ſeinen Sitz verließ, einen Fehltritt, ſtrauchelte, und fiel ſchwer auf den Fußboden. Sein Kopf ſtieß an die Ecke des Seſſels, und er verlor eine Minute lang den Gebrauch ſeiner Sinne. Dieſer Anblick milderte ploͤtzlich den Zorn des Grafen und beſaͤnftigte ſein Herz. Er eilte dem Monarchen ent⸗ gegen, ſetzte ihn wieder in den Seſſel, und brauchte mit ſo viel Zaͤrtlichkeit als Ehrfurcht alle Mittel, die ihm paſſend ſchienen, um ihn wieder ins Leben zu rufen. Robert öͤffnete die Augen und ſah mit ver⸗ ſtoͤrtem Geſicht um ſich her. Was gibts?— Sind wir allein?.. wer iſt bei uns?“ „Euer treuer Unterthan March,“erwiederte der Graf. „Allein mit dem Grafen von March!“ deſſen immer nach geſtoͤrter Geiſt mit einigem Schrecken den Namen eines ſo maͤchtigen Vaſallen vernahm, den er toͤdlich beleidigt zu haben ſich bewußt war. „Ja, mein gnaͤdiger Fuͤrſt, mit dem armen Georg von Dunbar, den man in Eurer Maijeſtaͤt Meinung verderben wollte, und der im Augenblick der Gefahr Eurer koͤniglichen Perſon vielleicht treuer ſeyn wuͤrde, als ſeine Anklaͤger.“ „Wahrlich, Vetter, man hat Euch ſehr Unrecht ge⸗ than; aber glaubt mir, wir werden Euch zu entſchaͤ⸗ digen ſuchen.“ 3 „Wenn Eure Majeſtaͤt es will,“ unterbrach ihn der Graf,„ſo kann es noch geſchehen; der Prinz und Marjory Douglas ſind nahe Verwandte, der Diſpens von Rom wurde ohne die noͤthigen Foͤrmlichkeiten ge⸗ geben, ihre Heirath kann nicht guͤltig ſeyn! Der Pabſt, der fuͤr einen ſo frommen Fuͤrſten gern alles thun 89 moͤchte, wird, um den erſten Vertrag gelten zu laſ⸗ ſen, dieſe unchriſtliche Ehe trennen. Denkt wohl nach, Sire,“ fuhr der Graf fort, durch die ehrgeizigen Ge⸗ danken entflammt, denen die unerwartete Gelegen⸗ heit, ſeine Sache ſelbſt zu verfechten, Raum gegeben hatte,„denkt wohl uͤber Eure Wahl zwiſchen Douglas und mir. Er iſt grob und mächtig, das iſt wahr; aber Georg von Dunbar traͤgt die Schluͤſſel Schott⸗ lands an ſeinem Guͤrtel, und koͤnnte eine Armee vor die Thore von Edinburg fuͤhren, ehe Douglas die Graͤnzen von Cairntable verließe, um ſich ihr entge⸗ gen zu ſtellen. Euer koͤniglicher Sohn liebt meine arme verlaſſene Tochter, und haßt die ſtolze Marjory von Douglas. Eure Majeſtäͤt kann ſeine wenige Ach⸗ tung fuͤr ſie aus ſeinem Betragen gegen eine gemeine Saͤngerin in Angeſicht ſeines Schwiegervaters ab⸗ nehmen.“ 3 Der Koͤnig hatte der Rede des Grafen mit der aͤngſtlichen Aufmerkſamkeit eines furchtſamen Reiters zugehoͤrt, der von einem ungeſtuͤmen Pferde wegge⸗ tragen ward, deſſen Laufen er weder aufhalten noch kenken kann. Aber die letzten Worte erweckten in ſei⸗ nem Gemuͤth den Gedanken an die Gefahr, in der ſein Sohn ſchwebte. Er ſagte mit zitternder Stimme: „O Gott! es iſt nur zu wahr! Mein Sohn! Douglas! Ach! mein lieber Vetter, hindert nur Blutvergießen, und alles wird nach Eurem Wunſche werden. Horcht, ich hoͤre Laͤrm, es iſt Waffengeklirr!e „Bei meiner Grafenkrone, bei meinem Ritterwort!“ ſagte March, indem er an das in den innern Kloſter⸗ hof gehende Fenſter trat und ihn voll von Bewaffne⸗ ten ſah, die ihre Schwerter ſchwangen und deren Waffengeraͤuſch das Echo wiederholte. Der hohe, ge⸗ wolbte Eingang war voll von Kriegern bis ans Ende; man konnte vorausſehen, daß zwiſchen denen, welche die Thure zu ſchließen ſuchten, und deuen, welche ſie 90 zu durchbrechen herandrangen, ein Gefecht ſich ent⸗ ſpinnen wuͤrde. „Ich will mich in den Hof begeben,“ fuhr der Graf von March fort,„und dieſen ploͤtzlichen Streit ſchuell unterdruͤcken, indem ich Eure Majeſtaͤt unterthaͤnig bitte, uͤber das zu denken, was ich Euch vorzuſchla⸗ gen die Kuͤhnheit hatte.“ „Ich wills thun, ich wills thun, guter Vetter,“ war die Antwort des Koͤnigs, der kaum wußte, was er verſprach,„geht, ſtillt den Tumult und hindert Blutyergießen.. Wir muͤſſen nun die Vorfaͤlle mehr ins Einzelne erzaͤhlen, die ziemlich undeutlich vom Fenſter des kö⸗ niglichen Zimmers bemerkt und noch ungenauer von denen erzaͤhlt wurden, die Zeugen davon waren. Das Maͤdchen, von dem wir bereits geſprochen haben, hatte ſich an einen Ort geſtellt, wo zwei breite Stufen, die den Zugang zu der großen Treppe bildeten, ihr den Vortheil darboten, anderthalb Schuh hoͤher zu ſtehen, als die im Hofe, von denen ſie hoffte, daß ſie ihre Zuhoͤrer ſeyn wuͤrden. Sie trug die Tracht ihres Standes; die, mehr prachtvoll als reich, die Geſtalt mehr hervortreten ließ, als ſonſtige Frauenkleider je⸗ ner Zeit. Neben ihr lag ihr Mantel und ein Koͤrb⸗ chen, das ihre kleine Garderobe enthielt, ein kleiner Wachthund ſaß dabei und ſchien es zu bewachen. Ein azurblaues, ſilbergeſticktes Jaͤckchen, vorn geoͤffnet, zog die Taille der Saͤngerin zuſammen und ließ meh⸗ rere ſeidene Weſtchen von verſchiedener Farbe blicken, deren Zuſchnitt die Umriſſe der Schultern und der Bruſt bezeichnete. Eine kleine, ſilberne Kette um den Hals verlor ſich darunter und erſchien von neuem um eine Medaille von demſelben Metall zu zeigen, die den Hof oder die Saͤngergeſellſchaft ankuͤndigte, wo das Maͤdchen ihre Grade in der froͤhlichen oder luſtigen Kunſt erhalten hatte. Ein kleines 91 Saͤckchen hing an einem blauſeidnen Band, das uͤber die Schultern lief, auf die linke Seite herab. Ihre braune Haut, ihre ſchneeweißen Zaͤhne, ihre glaͤnzen⸗ den ſchwarzen Haare, ihr Kopfputz ſagten, daß das ſuͤdliche Frankreich ihre Heimath war, und das ſchalk⸗ hafte Laͤcheln ihres Mundes nebſt dem Kinngruͤbchen deuteten daſſelbe an. Ihre ſchoͤnen, um eine kleine goldne Nadel gelockten Haare waren von einem gold⸗ durchwirkten Netz zuſammengehalten. Ein kurzes Roͤck⸗ chen mit einer Silberborte, das dem Jaͤckchen ent⸗ ſprach, rothe Struͤmpfe, die bis zur Mitte des Beins ſichtbar waren und Halbſtiefeln von ſpaniſchem Leder vollendeten ihren Putz, der zwar nicht neu doch feſt⸗ lich und durch große Sorgfalt erhalten war. Sie ſchien fuͤnf und zwanzig Jahre zu haben, aber viel⸗ leicht waren die Muͤhſeligkeiten eines umherſchweifen⸗ den Lebens in Zerſtoͤrung der erſten Jugendfriſche der Hand der Zeit zuvorgekommen. 14 1 Wir haben das Benehmen der jungen Saͤngerin als lebhaft beſchrieben, wir muͤſſen noch beifuͤgen, daß ihre Antworten ſchnell waren. Es war etwas gezwun⸗ genes in ihrer Froͤhlichkeit, weil dieſe eine der we⸗ ſentlichſten Eigenſchaften eines Standes war, der un⸗ ter ſeine Unannehmlichkeiten auch die zaͤhlte, daß er haͤufig noͤthigte, den Kummer des Herzens unter ei⸗ nem Laͤcheln zu verbergen. Man konnte errathen, daß dies Louiſens Fall war, die, war ſie nun wirklich die Heldin ihrer eignen Romanze, oder aus irgend einem andern Grund zur Traurigkeit oft wider ihren Willen eine Folge ſchwermuͤthiger Gedanken ausdruͤckte, welche die von Ausuͤbung der froͤhlichen Kunſt gefor⸗ derte Lebhaftigkeit des Geiſtes maͤßigten; auch fehlte ihr das kecke, freche Lachen der Frauen ihres Stan⸗ des, die nie in Verlegenheit waren, auf eine unſchick⸗ liche Geberde zu antworten, oder die Lacher gegen den zu gewinnen, der ſie unterbrach oder ſich uͤber ſie luſtig machte, 92 Unmoͤglich konnte dieſe Klaſſe von Frauen, die da⸗ mals ſehr zahlreich war, im Ganzen in Achtung ſte⸗ hen. Sie waren aber nichtsdeſtoweniger durch den Zeitgeiſt und beſonders durch die Geſetze der Cheva⸗ lerie beſchutzt, nichts war ſeltener, als dieſe irrenden Damen ſich uber erlittene Beleidigungen und Unrecht beklagen zu hoͤren. Ohne Gefahr gingen ſie an Oer⸗ tern ab und zu, wo bewaffnete Maͤnner wahrſcheinlich blutigen Widerſtand gefunden haͤtten. Aber obwohl, ihrer Kunſt zu Ehren, geduldet und geſchuͤtzt, fuͤhrten doch die Minſtrels beiderlei Geſchlechts, wie die herum⸗ ſtreifenden Muſiker und Schauſpieler unſerer Tage, ein zu ungeordnetes und armſeliges Leben, um ein geachteter Theil der Geſellſchaft zu ſeyn. Von den gewiſſenhaften Katholiken wurde ihre Kunſt ſogar fuͤr eine Suͤnde gehalten.. 312 1 258! Dies war das Maͤdchen, das auf der ſchon bezeich⸗ neten leichten Erhoͤhung ſtehend, gegen die Zuſchauer vortrat und ſich als Beſitzerin der froͤhlichen Kunſt ankuͤndigte, die ihre Titel durch die Verordnung eines Hofs der Liebe und Muſik ³) bekommen habe, der zu Air in der Provence, unter dem Vorſitz der Blume der Ritterſchaft, des tapfern Grafen Aymer gehalten worden, welcher die, durch die weite Welt wegen ihrer Tapferkeit und Artigkeit bekannten, ſchottiſchen Ritter bitte, einer armen Fremden den Verſuch zu erlauben, ihnen durch ihre Kunſt einiges Vergnuͤgen zu machen. 2* j Irldt ie de 3 3 Die Liebe zum Geſang war damals, wie die Liebe zum Ruhm, allgemeine Leidenſchaft, die jeder zeigte, *) Es gab in der Provence mehrere Liebeshoͤfe. Die poetiſchen Werke der Troubadours theilte man in sonts(Sonnette cansouns)(Canzonen), sirventes ſ(ſatyriſche Gedichte), madrigales, tensons(ge⸗ raͤumte Dialogen) ꝛc. Anm. d. Ker. 93 er mochte ſie haben oder nicht; und der Vorſchlag Louiſens wurde daher von allen angenommen. In dieſem Augenblick hielt ein alter Moͤnch, der ſich un⸗ ter den Zuhoͤrern befand, es fuͤr noͤthig, das Maͤd⸗ chen zu erinnern, daß, weil ſie in Mauern geduldet werde, wo wan nicht gewohnt ſey, Perſonen ihres Standes aufzunehmen, er hoffe, es werde nichts ge⸗ ſagt oder geſungen werden, was den heiligen Cha⸗ rakter des Orts beflecken wuͤrde.— Die junge Saͤngerin beugte tief das Haupt, ſchuͤt⸗ telte ihre Locken und bekreuzte ſich andaͤchtig, als er⸗ kennte ſie die Unmoͤglichkeit einer ſolchen Suͤnde; dann begann ſie den oben vorgetragenen Geſang von der armen Louiſe. In dem Augenblick, da ſie anfing, ward ihre Stimme durch das Geſchrei uͤberwaͤltigt. „Platz, Platz dem Herzog von Rothſay!“ „Stoͤrt niemand meinetwegen,“ ſagte ein junger und artiger Ritter, der auf einem arabiſchen Roß, das er anmuthig lenkte, hereinritt. Der Ritter hielt die Zuͤgel ſo leicht und ſeine Bewegungen waren, wenn er die Seiten ſeines Pferdes druͤckte, ſo wenig ſicht⸗ bar, daß das Thier aus freiem Willen weiter zu ge⸗ hen und einen Reiter zu tragen ſchien, der zu gleich⸗ guͤltig war, es zu lenken. Der Prinz war mit rei⸗ ſchen Kleidern bedeckt, aber die aͤußerſte Nachlaͤßigkeit herrſchte in ſeinem Putz. Obwohl von kleinem Wuchs und ſchmaͤchtigen Gliedern, war er doch von gefaͤlliger Geſtalt und ſchoͤnen Zuͤgen. Seine leidende Miene ſchien durch Sorgen oder Zerſtreuung oder vielleicht durch beides zuſammen hervorgebracht. Seine Augen waren von der Schlafloſigkeit und Schwelgerei der vorigen Nacht truͤb und eingefallen, waͤhrend ſeine Wangen flammendroth, entweder die Anſtrengung die⸗ ſer naͤchtlichen Orgien oder die Huͤlfe bezeugten, die der Prinz zu Zerſtoͤrung ihrer Wirkung bei geiſtigen Getraͤnken geſucht hatte. 94 Es war der Herzog von Rothſay, Thronerbe von Schottland, eben ſo ſehr der Gegenſtand der Theil⸗ nahme als des Mitleidens. Jeder entfernte ſich und oͤffnete ihm den Weg, waͤhrend er nachlaͤßig wieder⸗ holte:„Bemuͤht Euch nicht, bemuͤht Euch nicht; ich werde noch bald genug da ankommen, wo ich hin will. — Aber was ſehe ich? ein Fraͤulein von der froͤhlichen Kunſt! und bei St. Giles, ein ſchoͤnes Maͤdchen da⸗ zu!— Laßt euch doch nicht ſtoͤren; nie habe ich eine Muſik unterbrochen. Eine ſchoͤne Stimme, bei der Meſſe! Fangt dieſe Strophe noch einmal an, ſchoͤnes Maͤdchen! 4 Louiſe wußte nicht, mit wem ſie ſprach, aber die allgemeine Ehrfurcht und das leichte, gleichguͤltige Be⸗ nehmen, mit dem dieſe Zeichen der Ehrerbietung auf⸗ genommen wurden, ſagten ihr, daß ſie von einem Manne vom hoͤchſten Rang Befehl erhalten habe. Sie fing wieder an und ſang beſſer. Der junge Prinz wurde gegen das Ende der Romanze nachdenklich, aber er war nicht gewohnt, einen traurigen Eindruck lange feſtzuhalten. 218 2 Sehr traurige Verſe, meine ſchoͤne Braune,“ ſagte er, indem er der jungen Saͤngerin das Kinn ſtrei⸗ chelte, und ſie am Kragen ihrer Kleidung hielt, was nicht ſchwer war, da er neben der Treppe, auf der das Mädchen ſtand, zu Pferde hielt. Aber ich wollte wetten, Ihr wißt luſtigere Lieder, ma bella tenebrosa und koͤnnt in einer gruͤnen Laube ſo gur als mitten in der Ebne, bei Nacht ſo gut als bei Tag ſingen. „Ich bin keine Nachtigall, Mylord,“ erwiederte Loniſe, um einer Art von Galanterie zu entgehen, die fuͤr den Ort nicht paßte, worauf aber der, mit dem ſie ſprach, nicht im mindeſten achtete. 3 „Was habt Ihr da, mein Kind?“ fuhr der Prinz fort, indem er Louiſens Kragen los ließ, um das 95⁵ Säckchen zu faſſen, das ſie trug. Louiſe machte geſchickt die Bandſchleife los und ſagte, indem ſie das Säckchen in der Hand des Prinzen ließ, zurücktretend:„Es ſind Haſelnüſſe, Mylord, Haſelnüſſe vom letzten Frühling.“ Der Prinz nahm eine Handvoll und rief:„Haſelnüſſe, Mädchen! ſie werden deine elfenbeinernen Zähne zer⸗ brechen und deine ſchöne Stimme verderben.“ Bei die⸗ Worten knackte er eine mit den Zähnen auf, wie ein Dorfſchüler. „Es ſind keine Nüſſe aus meinem ſchönen Vaterland,“ ſagte Louiſe,„aber der Baum war nicht hoch und der Arme konnte die Frucht mit der Hand erreichen.“ „Ihr habt etwas, was Euch eine beſſre Nahrung verſchaffen würde,“ ſagte der Herzog mit einem Ton, worin mehr Güte lag, als in ſeiner herabwürdigenden und erkünſtelten Galanterie. Im Augenblick, da er ſich umwandte, um einem aus ſeinem Gefolge ſeine Börſe abzufordern, begegnete der Prinz dem ſtrengen und durchbohrenden Blick eines großen, ſchwarzen Mannes, auf einem eiſengrauen Roß, der mit ſeinen Leuten hereingekommen war, während der Herzog von Rothſay mit Louiſen ſcherzte, und von dem Zorn und der Uieberraſchung, die ein ſo ungezie⸗ mender Anblick in ihm erregte, verſteinert blieb. Wer Douglas den Schwarzen noch nie geſehen hatte, der würde ihn an ſeiner ſchwarzbraunen Farbe, ſeinem rie⸗ ſenhaften Wuchs, an ſeinem Buffetin oder Koller von Stierfellen, an ſeiner ruhigen, muthvollen und nach⸗ denklichen Miene voll unbezähmbaren Stolzes erkannt haben. Er hatte ein Auge im Krieg verloren, und obwohl dieſes Unglück nicht beim erſten Anblick bemerkt wurde, da der Augapfel unverletzt war, ſo erhielt doch ſein Geſicht einen ſtarren und finſteren Ausdruck. Die Zuſammenkunft des königlichen Eidams und ſei⸗ nes furchtbaren Schwiegervaters unter ſolchen Umſtän⸗ den feſſelte die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden. Je⸗ 96 48 der erwartete ſchweigend den Ausgang und hielt den Athem an, um, was vorging, beſſer zu hören und zu ſehen. Als der Herzog aus Douglas gleichgültiger und düſt⸗ rer Miene wahrnahm, daß der Graf nicht geneigt ſchien, ihm die ſchuldige Ehrerbietung, oder auch nur den ein⸗ fachen Gruß der Höflichkeit zu zollen, beſchloß er, ihm u zeigen, wie wenig Gewicht er auf ſeine mißbilligen⸗ den Blicke lege. Er nahm daher ſeinem Kämmerer die Börſe aus der Hand und fuhr zu Louiſen fort:„Nimm, ſchönes Mädchen, ich gebe dir ein Goldſtück für die Verſe, die du mir geſungen haſt, eines für die Nüſſe, die ich dir genommen habe, und ein drittes für den Kuß, den du mir geben wirſt; denn wiſſe, ſchöne Sän⸗ gerin, ich habe bei St. Valentin geſchworen, wenn ein ſchöner Mund(und der deine kann, wenns nichts beſ⸗ ſeres gibt, ſo genannt werden) zu meinem Vergnügen eine ſüße Muſik hören läßt, ihn an den meinigen zu drücken.“ „Mein Geſang iſt großmüthig belohnt,⸗ ſagte Louiſe weiter zurücktretend,„meine Nüſſe ſind um guten Preis verkauft; ein anderer Handel, Mylord, wäre Eurer nicht würdig und ziemte mir nicht.“ Wie? du ſpielſt die Spröde, Nymphe der Heerſtra⸗ ßen,« rief Rothſay mit Verachtung,„wiſſe Mädchen, daß der, der dich um eine Gunſt bittet, nicht an ab⸗ ſchlägige Antwort gewöhnt iſt.“ 4 „Es iſt der Prinz von Schottland, der Herzog von Rothſay,“ ſagten die Hofleute dem armen erſchrockenen Mädchen, indem ſie ſich um ſie her drängten,„wider⸗ ſetzt Euch ſeinen Launen nicht.“ „Aber ich kann mich nicht bis zu Eurer Herrlichkeit erheben,“ ſagte Louiſe,⸗„Ihr ſeyd ſo hoch auf Eurem Roß.“ „Wenn ich vom Pferd ſteigen muß, wird die Buße noch größer ſeyn,“ ſagte der Herzog von Rothſay.„Ei! was zittert denn das Maͤdchen? Stelle deinen Fuß auf die Spitze meines Stiefels und gib mir die Hand. 97 Gut, ſo iſts recht.“ So küßte er ſie, indeß ſie auf ſeinen Fuß geſtützt und von ſeiner Hand gehalten in der Luft ſchwebte.„Hier haſt du deinen Kuß und hier deine Börſe,“ ſagte er,„und um dich noch mehr zu ehren, wird Rothſay dein Säckchen tragen, ſo lange er lebt.“ Nach dieſen Worten ließ er das Mädchen auf den Boden ſpringen, und wandte ſeine verachten⸗ den Blicke gegen den Grafen Douglas, als wollte er ſagen:„Das alles geſchieht Euren und Eurer Tochter Rechten zum Trotze.“ „Beim heiligen Zaum von Douglas, das iſt zu viel, grober junger Menſch, der ſo wenig Verſtand als Ehr⸗ gefühl hat! Ihr wißt, welche Rückſichten die Hand des Douglas zurückhalten, ſonſt würdet ihr nicht ge⸗ wagt haben.— „Könnt Ihr Ball ſpielen, Mylord?“ ſagte der Prinz, indem er eine Haſelnuß auf das zweite Glied ſeines Zeigefingers legte, und ſie mit einer Bewegung des Daumens wegſchnellte. Sie traf die breite Bruſt des Oouglas, der einen furchtbaren Ausruf hören ließ, durch eine Wuth verarſacht, deren unartikulirte Töne dem Gebrüll des Löwen glichen.. „Ich bitte um Verzeihung, mächtiger Herr,“ ſagte der Herzog von Rothſay ruhig, während alle um ihn itterten,„ich glaubte nicht, da ich Euer Buffetin zah⸗ daß eine Haſelnuß Euch verwunden könne, ich hoffte, ſie hat Euer Auge nicht getroffen?“ 3 Dem Prior, der, wie wir ſchon wiſſen, vom König deſchickt wurde, war es endlich gelungen, ſich einen Weg urch das Gedränge zu bahnen; indem er die Zügel von Douglas Roß ergriff und ihn hinderte vorzureiten, erinnerte er ihn, daß der Prinz der Sohn ſeines Kö⸗ nigs und der Gemahl ſeiner Tochter ſey.. „Fürchtet nichts, Pater Prior,“ ſagte Douglas,„ich verachte dieſen Knaben zu ſehr, um einen Finger ge⸗ gen ihn zu erheben. Aber Schimpf wider Schimpf.— Walter Scoty's Werke. 1528 Boͤchen. 7 98 Hieher, wer Douglas liebt! Jagt mir dieſe Bettlerin mit Fußtritten aus dem Kloſter, und laßt ſie ſo peit⸗ ſchen, daß ſie bis an den letzten Lebenstag ſich erin⸗ nert, einem jungen Tollkopf Gelegenheit zu einer Be⸗ leidigung gegen Donglas gegeben zu haben.“ Mehrere kamen herbei, um Befehle auszurichten, die ſelten umſonſt gegeben werden, und die arme Loniſe hätte eine Beleidigung grauſam gebüßt, deren unſchul⸗ dige und unfreiwillige Ürſache ſte war, hätte ſie der Herzog von Rothſay nicht in Schutz genommen. „Die arme Sängerin mit Fußtritten hinausjagen,“ ſagte er unwillig,„ſie peitſchen, weil ſie mir gehorcht hat? gib Du Deinen unglücklichen, unterdrückten Va⸗ ſallen Fußtritte, wilder Graf; peitſche Deine Wind⸗ hunde, wenns nöthig iſt; aber nimm Dich in Acht, auch nur einen Hund zu berühren, den der Herzog von Rothſay geliebkost hat, und noch weniger ein Mäd⸗ chen, deſſen Lippen er an die ſeinen gedrückt hat.“ Ehe Douglas ſeine Antwort, die ohne Zweifel heraus⸗ fordernd geweſen wäre, vernehmen laſſen konnte, erhob ſich ein großer Lärm an der äußern Kloſterpforte und es drängten ſich Menſchen, theils zu Fuß, theils zu Pferd an den Eingang des Hofs, ſie ſchlugen ſich zwar nicht, ſchienen aber doch feindliche Abſichten gegenein⸗ ander zu haben. Einige kannte man als Anhänger der Douglas an dem blutenden Herzen, das ſie auf der Schulter geſtickt trugen, die andern waren Bürger der Stadt Perth. Sie ſchienen ſich, ehe ſie ins Kloſter drangen, geſchla⸗ gen zu haben, aber aus Ehrfurcht vor einem heiligen Ort ſenkten ſie beim Eintritt die Waffen und begnüg⸗ ten ſich mit Worten und Schimpfreden zu ſtreiten. Dieſes Getümmel hatte die gute Wirkung, den Prinzen und Douglas in dem Augenblick zu trennen, wo der Leichtſinn des einen und der Stolz des andern ſie zur äußerſten Heftigkeit getrieben hatte. Aber von allen Seiten erſchienen Friedensſtifter. 99 Der Prior und die Mönche warfen ſich unter den Haufen, und geboten im Namen des Himmels und der Ehrerbietung, die man heiligen Oertern ſchuldig ſey, unter Strafe des Kirchenbannes Frieden. Man hörte ihre Bitten; der Herzog von Albany, der von ſeinem Bruder gleich im Anfang des Zankes abgeſchickt wor⸗ den war, kam in dieſem Augenblick herbei. Er wandte ſich ſogleich zu Douglas und beſchwor ihn leiſe, ſeinen Zorn zu mäßigen. „Beim heiligen Zaum von Douglas! ich räche mich,« ſagte der Graf,„wenn Douglas beleidigt iſt, dann wehe dem, der gewagt hat, ihn zu beſchimpfen!« „Ihr könnt Euch rächen, wenn es Zeit iſt zu ſchla⸗ gen,“ ſagte Albany,„aber man ſoll nicht ſagen, der große Donglas habe, wie ein zänkiſches Weib, weder Zeit noch Ort zur Rache zu wählen gewußt. Bedenkt, daß alles, was wir gethan haben, auf dem Punkt ſteht, durch einen unſeligen Umſtand zerſtört zu werden. Georg von Dunbar hat eine geheime Audienz bei dem guten Mann gehabt, und wenn ſie auch nur fünf Minuten dauerte, ſo fürchte ich, er hat den König vermocht, eine Verbindung aufzulöſen, die wir mit ſo viel Mühe zu Stand brachten. Wir haben die Beſtätigung von Rom noch nicht erhalten.“ „Kleinigkeit!« erwiederte Douglas,„ſie werden nicht wagen, ſie aufzulöfen.“ „Nie,e« ſagte der Herzog, ⸗„ſo lange Douglas frei im Beſiß ſeiner Macht iſt. Aber kommt mit mir, ed⸗ ler Graf und ich werde Euch die nachtheilige Lage zei⸗ gen, in die Ihr Euch geſetzt habt.“ Douglas ſtieg vom Pferde und folgte, ſich weigernd, ſeinem liſtigen Gefährten. Sie ſahen in einem unteren Saale die Brandanen, die die Waffen ergriffen hatten. Sie waren mit ihren Stahlhelmen und Panzerhemden bedeckt. Ihr Hauptmann grüßte den Herzog von Al⸗ bany und ſchien mit ihm ſprechen zu wollen. 7* 100 „Was gibts, Mac Louis?“ fragte der Herzog. „Wir wiſſen, daß der Herzog von Rothſay beleidigt iſt,“ erwiederte der Capitän,„ich kann die Branda⸗ nen kaum im Saal zurückhalten.“ „Wackrer Mac Louis,“ ſagte der Herzog,„und ihr treue Brandanen, der Prinz, mein Neffe von Rothſay befindet ſich ſo wohl, als irgend ein Ritter. Es fielen einige Unordnungen vor, aber jetzt iſt alles ruhig. Albany führte den Grafen weiter und ſagte ihm leiſe:„Ihr ſeht, Mylord, daß, wenn das Wort Ver⸗ haftung einmal ausgeſprochen wäre, man ſchnell Ge⸗ horſam fände, und Ihr geſteht, daß Euer Gefolge zu klein zum Widerſtand iſt.“ 3 Douglas unterwarf ſich der Nothwendigkeit, eine andere Gelegenheit abzuwarten.—„Müßte ich mir Lippen blutig beißen,« ſagte er,„ich ſchweige, bis es Zeit iſt, zu reden.« Während dieſer Zeit hatte Georg von March das leichtere Geſchäft übernommen, den Prinzen zu beſänf⸗ tigen.—„»„Mylord von Rothſay,«c ſagte er mit ern⸗ ſtem und feierlichen Geſicht vortretend,„ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß Ihr mir eine Art Ehrenerſtat⸗ tung ſchuldig ſeyd, obgleich ich Euch micht perſönlich des Unrechts anklage, das die Ruhe meines Hauſes zerſtört hat. Ich beſchwöre Eure Gnaden bei der Rückſicht, die man den Bitten eines Mannes ſchuldig iſt, der ſeine eigene Beleidigung vergißt, den ärgerlichen Streit aufzugeben.* 141 e i „„Mylord,« erwiederte Rothſay,»ich bin Euern Bitten viel Achtung ſchuldig, aber dieſer vohe Tadley, dieſer ſtolze Lord hat meine Ehre verwundet.« „Mylord, ich habe nur noch beizufügen, daß Euer Vater krank iſt, er verlor bei dem Gedanken an Eure Gefahr das Bewußtſeyn.“« „ Krank? mein Vater, der gute Greis; er hat das Bewußtſeyn verloren, ſagt ihr, Mylord von March? ich eile zu ihm.“ * 101 Der Herzog ſprang ſchnell vom Pferde und eilte nach dem Pallaſt, wie ein junges Windſpiel, als eine ſchwache Hand ſeinen Mantel faßte und eine Frau auf den Knieen mit zitternder Stimme rief:„Schutz, mein edler Prinz, Schutz für eine arme Fremde! „Laß den Mantel los, Landſtreicherin,“ ſagte der Graf von March, die flehende Sängerin zurückſtoßend. Aber der Prinz blieb ſtehen und fuhr fort:„»Esniſt wahr, ich habe auf das Haupt dieſes armen Geſchöpfs die Rache eines Teufels herabgerufen, der nie verzieh. O Himmell mein Schickſal bringt ſelbſt denen Unglück, die mir nahe kommen!... Was ſoll ich nun machen? Sie darf nicht in meine Zimmer und alle meine Leute ſind Schurken. Ah! da iſt ja der ehrliche Heinrich Smith bei mir! was machſt du da 2⸗ „Es hat etwas, wie Püffe, geſetzt, Mylord,“ er⸗ wiederte unſer Bekannter der Waffenſchmied,„zwiſchen den Einwohnern der Stadt und dieſen ſchuftigen Leu⸗ ten der Douglas, wir haben ſie bis an die Thore der Abtei geſtriegelt.“ 1. „Das freut mich, das freut mich, ich hoffe, ihr habt die Kerle nach der Weiſe geklopft.«*) „Nach der Weiſe, ſagte Eure Hoheit!“ war Hein⸗ richs Antwort,„ja wohl, wir hatten zwar die Ueber⸗ zahl, aber es gibt auch keine beſſer gewaffneten Reiter, als die vom blutenden Herzen: ſo haben wir ſie ge⸗ wiſſermaßen nach der Weiſe geklopft; denn wie Eure Hoheit weiß, der Schmid macht die Bewaffneten und gut gewaffnete Leute fürchten keine Anzahl.« Während ſie ſo ſprachen, trat der Graf von March, der indeſſen mit jemand an der Pforte des Pallaſtes geſprochen hatte, ſchnell heran und rief: Mylord Her⸗ zog, Mylord Herzog, Euer Vater iſt hergeſtellt, und wenn Ihr nicht eilt, ſo werden der Herzog von Albany und Douglas Zeit haben, ihn gegen Euch einzunehmen.“ *) Faiety; de franc jeu u. ſ. w. 102 „Wenn mein Vater hergeſtellt iſt,« ſagte der Prinz leicht,„und mit meinem gnädigen Oheim und dem Grafen Douglas Rath hält oder halten will, ſo ziemt es weder Eurer Herrlichkeit noch mir, ohne Einladnng zu erſcheinen. So habe ich Zeit, meine Angelegenhei⸗ ten mit dem trefflichen Waffenſchmid hier abzumachen.“ „Wenn es ſo ſteht,« ſagte der Graf, deſſen Hoff⸗ nung auf neue Hofgunſt ſo ſchnell verſchwand, als ſie entſtanden war,„wenn es ſo ſteht, zählt nicht mehr auf Georg von Dunbar.“ Er ſchlüpfte mit trüber und unzufriedener Miene in den Haufen. So machte ſich, zu einer Zeit, da die Ariſtocratie dem Thron ſo gefährlich war, der Thronerbe die zwei mächtigſten Edelleute von Schottland zu Feinden, in⸗ dem er den Einen durch verachtenden Trotz, den an⸗ dern durch fehlerhaften Leichtſinn beleidigte. Der Her⸗ og von Rothſay bemerkte kaum das Verſchwinden des zrafen oder wünſchte ſich vielmehr Glück, ſeiner Zu⸗ dringlichkeit entgangen zu ſeyn. Der Prinz ſetzte ein unbedeutendes Geſpräch noch eine Zeitlang mit dem Waffenſchmied fort, der durch ſeine Geſchicklichkeit in ſeiner Kunſt mit den vornehm⸗ ſten Großen des Hofs bekannt war. „Ich wollte dich um etwas bitten, Smith,« ſagte der Prinz,„könnteſt du einen zerbrochenen Ring in meinem mayländiſchen Panzer wieder einſetzen?«« „So gut, wenn es Euer Gnaden gefällt, als meine Mutter die Knote ihres Netzes auffaßte; der Maylän⸗ der, der ihn gemacht hat, ſoll ſein Werk nicht von dem meinigen unterſcheiden.“ 3 „Ganz recht! aber das iſt nicht alles, was ich jetzt von dir haben wollte,“ ſagte der Prinz;„Du mußt dieſe arme Sängerin an einen ſichern Ort führen, wack⸗ rer Smith. Du biſt ein Mann, der einer Frau zum Kämpfer dienen kann; ich ſtelle ſie unter Deinen Schutz.“ Heinrich Smith war, wie wir geſehen haben, kühn 103 und unternehmend, wenn es ſich um Streit oder Waf⸗ fen handelte, aber er hatte auch den Stolz eines Bür⸗ gers und wollte ſich nicht in zweideutige Dinge ein⸗ laſſen, die ihm den Tadel der engliſchen Claſſe ſeiner Mitbürger zuziehen konnten. „Mit Euer Guaden gütiger Erlaubniß,“ entgegnete er,„ich bin nur ein armer Handwerker, aber wenn auch mein Arm und Schwert dem König und Euren Gnaden zu Dienſt ſtehen, ſo bin ich doch nicht, mit aller Ehrfurcht geſagt, der Knappe von Damen. Eure Gnaden werden unter Euren Hofleuten Ritter und Lords genug finden, die die Rolle des Sir Pandams von Troja*) gern ſpielen: dieſe Rolle iſt zu ritterlich für den armen Heinrich von Wynd.“ „Aha!“ ſagte der Prinz,„meine Börſe Edgar;— aber ich vergeſſe, daß ich ſie dem armen Mädchen ge⸗ geben habe. Ich kenne Euch gut genug, ihr Handwer⸗ ker, um zu wiſſen, daß man die Falken nicht mit leeren Händen fangt; aber ich hoffe, mein Wort wird für den Preis einer guten Rüſtung bürgen, und ich will dir ihn mit dem Dank für dieſen kleinen Dienſt auszahlen.“ „Eure Hoheit mag andere Handwerker kennen,“ er⸗ wiederte der Waffenſchmied,„aber, mit gnädiger Er⸗ laubniß, ſie kennt nicht Heinrich Gow. Er wird Euch immer gehorchen, wenn ihr ihm befehlt, Waffen zu ma⸗ chen oder auszubeſſern, aber er drängt ſich nicht zum Dienſt der Fürſten, wenn Unterröcke im Spiel ſind.“ „Höre, du Maulthier von Perth,“ ſagte der Prinz, indem er über das hartnäckige Ehrgefühl des Bürgers lachte,„das Mädchen geht mich nicht mehr an als dich, aber iu einem tollen Augenblick, wie du gehört haben *) Sir Pandams von Troja war damals ein„Maͤhr⸗ chentraͤger und Kuppler.“ Shakeſpeare ließ ihn gleichfalls in Troilus und Creſſida dieſe Nolle ſpie⸗ leu. Anm. d. Her. 101 wirſt, wenn du es nicht ſelbſt ſahſt, gewährte ich ihr eine ſchnelle Gunſt, die ihr vielleicht das Leben koſten wird. Es iſt niemand hier, dem ich es anvertrauen könnte, ſie gegen die Gürtelriemen und Bogenſehnen zu ſchützen, mit denen die Beſtien in Douglas Gefolg ſie prügeln wollen, weil es dem Grafen gefällt.« „Wenn es ſo iſt, gnädiger Herr, ſo hat das Mäd⸗ chen auf den Schutz jedes ehrlichen Mannes Anſpruch und da ſie einen Unterrock trägt, ob ich gleich wollte, er wäre nicht ſo kurz und nach einer ſo ſeltſamen Mode, ſo ſtehe ich für ihre Sicherheit, ſo gut es ein einzelner Mann vermag. Wohin aber ſoll ich ſie führen?“ „Bei meinem Wort, das weiß ich dir nicht zu ſa⸗ gen... führe ſie zu Sir John Ramorny— doch nein, nein, er beträgt ſich nicht gut und außerdem giebt es Gründe... Führe ſie zum Teufel, wenn du willſt, aber ſicher ſoll ſie ſeyn und du wirſt Robin von Roth⸗ ſay verbinden.“ „Edler Prinz,“ ſagte der Waffenſchmied,„mich dünkt, ich würde ein ſchutzloſes Mädchen eben ſo gern der Sorge des Teufels, als Sir John Ramorny's übergeben. Aber obwohl der Teufel mitten im Feuer arbeitet wie ich, ſo weiß ich doch ſeine Wohnung nicht und hoffe mit Hülfe der heiligen Kirche, ihn immer in ehrfurchts⸗ voller Entfernung von der meinigen zu halten. Aber wie ſoll ich das Mädchen mit ihrem Comödiantenkleid durch das Getümmel da und durch die Straßen brin⸗ gen? Das iſt eine neue Frage.“ „Was das Entkommen aus dem Kloſter betrifft, ſo wird dieſer gute Mönch,“ ſagte der Prinz, indem er den erſten Mönch, der ihm in die Hände ſiel, an der Kapuze nahm,„der Pater Nicolaus oder Bonifacius.“ „Der arme Bruder Cyprian, zu Befehlen Eurer Ho⸗ heit,“ ſagte der Mönch. 4 „Gut! der Bruder Cyprian alſo,“ fuhr der Prinz fort, wird Euch durch einen geheimen Gang, den er wiſſen 105 muß, hinausführen und ich werse ihn wiederſehen, um ihm den Dank eines Prinzen zu bieten! Der Religioſe nickke zufrieden und die arme Louiſe, deren Blicke wäh⸗ rend dieſer Verhandlung abwechſelnd bald auf dem Prin⸗ zen bald auf Heinrich Smith ruhten, ſagte lebhaft: „Ich werde dieſen wackern Mann nicht mehr durch meine thörichte Kleidung ärgern, ich habe einen Man⸗ tel, deſſen ich mich zu bedienen pflege.“ „Nun gut, Smith,“ ſagte Rothſay lachend;„Du haſt eine Mönchskapuze und einen Frauenmantel, unter de⸗ nen du Schutz ſuchen kannſt; ich wollte, meine Thor⸗ heiten würden auch ſo heilig bedeckt! Leb wohl! ehrli⸗ cher Junge, wir ſehen uns bald wieder.“ Nach dieſen Worten trat er ſchnell, als hätte er noch neuen Widerſpruch von dem Waffenſchmied erwartet in den Pallaſt. Heinrich Gow blieb nach dem Weggehen des Prinzen erſtaunt ſtehen. Er ſah ſich in eine nicht blos gefährliche, ſondern auch möglicher Weiſe ſehr anſtößige Sache ver⸗ wickelt, die, mitder Rolle verbunden, welche er mit gewöhnlichem Ungeſtüm im Streit geſpielt hatte, auf einen Schlag des Ziel verderben konnte, das er ſo feu⸗ rig verfolgte. Indeſſen ein ſchutzloſes Weſen der Bar⸗ barei der Galwegier*) und der Frechheit der Leute von Douglas zu überlaſſen, war ein Gedanke, den Heinrichs edle Seele keinen Augenblick ertragen konnte. Aus dieſen Gedanken weckte ihn die Stimme des Mönchs, der in dem Ton der Gleichgültigkeit, welche die Kloſter⸗ geiſtlichen gegen zeitliche Dinge empfinden oder auch nur zur Schau tragen, ihn bat, zu folgen. Der Waf⸗ fenſchmied gieng mit einem Athemzug, der einem Seufzer glich und folgte ohne große Aufmerkſamkeit auf den Weg, den er nahm, in einen Kreuzgang und durch ein *) Einwohner der ſuͤdlichen Grafſchaft Galloway in Schottland. Anm. d. Kerausg. 106 Pförtchen, welches der. Mönch, nachdem er hinter ſich geblickt hatte, offen ließ. Hinter ihnen ging Louiſe, die in Eile ihr kleines Päckchen ergriffen und das treue Thier, den Gefährten ihrer weiten Reiſen, gerufen hatte und danz erſchrocken von einem Orte floh, wo ſie ſo furcht⸗ lar in Gefahr geweſen war. Eilftes Capitel. Der Möünch führte ſie durch einen geheimen Gang in die Kloſterkirche, deren innere Thore, gewöhnlich of⸗, fen, des ſtattgehabten Tumults wegen geſchloſſen waren, weil die Aufwiegler beider Partheien aus andern als andächtigen Gründen hineinzudringen verſucht hatten. Sie gingen durch die untern Seiten der Kirche, de⸗ ren finſteres Gewölbe unter dem ſchweren Trikt des Waffenſchmieds wiederhallte und das Geräuſch der Soh⸗ len des Mönchs oder den noch leichtern Schritt Louiſens, die von Furcht und Kälte zitterte, nicht wiederholt haben würde. Sie merkte, daß keiner von ihren beiden Führern ſie im mindeſten achtete. Der Mönch war ein rauher Mann, deſſen Blicke zeigten, daß er das arme irrende Mädchen eben ſo ſehr verabſcheute als verachtete. Der Waffenſchmied, obwohl, wie wir wiſ⸗ ſen, der beſte Mann von der Welt, war unzufrieden, eine Rolle zu ſpielen, die ihm nicht zuſagte; er fühlte die Unmöglichkeit, ſie aufzugeben und dieſer peinliche Widerſpruch gab ſeinen Zügen einen Ernſt, der bis zur Härte ging. Seine üble Laune fiel natürlich auf das arme, ſeiner Obhut anvertraute Mädchen zurück; er ſagte, indem er die Sängerin mit Verachtung anſah, zu ſich ſelbſt:„Ich! ein ehrlicher Bürger ſoll mit die⸗ ſer Bettlerkönigin durch die Mauern von Perth gehen! Dieſe ſchöne Comödiantin kann einen guten Ruf ſo gut 107 zerſtören als ihre ganze Brüderſchaft zuſammen, ich + habe es weikgebracht, wenn meine ritterliche Galanterie für ſie Katharinen zu Ohren kommt. Es wird ſchlim⸗ mer ſeyn, als hätte ich den beſten Mann von Perth getödtet und bei Hammer und Nägeln! ich wollte es lieber gethan haben, wenn er mich beleidigt hätte, als dieſe Dirne durch die Stadt führen.“ Bielleicht errieth Louiſe den Grund ſeiner Unruhe, denn ſie ſagte mit ſchwankender und furchtſamer Stim⸗ me:„Würdiger Herr, wäre es nicht gut, wenn ich einen Augenblick in dieſer Capelle bliebe, um meinen Mantel anzulegen?“ 1 „O ja, Mädchen, Ihr habt Recht,“ ſagte Smith. Aber der Mönch wandte ſich um und erhob die Hand als Zeichen des Verbots. „Die Capelle des heiligen Madox iſt kein Putzkabinet für elende Gaukler und Landſtreicher,“ ſagte er,„ich will dir gleich einen Ort zeigen, der für Leute deiner Art beſſer paßt.“. Das arme Mädchen beugte demüthig das Haupt und verließ die Thür der Capelle mit tiefem Gefühl ihrer Erniedrigung. Der kleine Wachtelhund ſchien aus Blick und Benehmen ſeiner Gebieterin zu merken, daß ſie an dieſen heiligen Ort kein Recht haben. Er ſeukte die Ohren, fegte die Steinplatten mit dem Schweif und folgte Louiſen faſt auf der Ferſe. 1 Der Mönch hielt keinen Augenblick an. Es ging einige Treppen hinunter und durch ein Labyrinth ſchlecht erleuchteter unterirdiſcher Gänge. Als ſie unter dem Gewölbe einer niedern Pforte durchgingen, wandte ſich der Mönch und ſagte ſtreng zu Louiſen: „Hier, Tochter der Thorheit iſt das Putzzimmer, wo viele andere vor dir ihre Kleider abgelegt haben.“ Auf das geringſte Zeichen mit Demuth antwortend, drückte Louiſe an die Thür, um ſie zu öffnen, und fuhr in demſelben Augenblick ſchaudernd zurück. Es war ein Beinhaus halb voll von Knochen und Schädeln. 108 „Ich wage: nicht, allein hier zu bleiben,“ ſagte ſte, „aber wenn Ihr es befehlt, mein Vater, ſo muß ich gehorchen.“ 2 „Kind der Eitelkeit,“ antwortete der Mönch,„was dich ſchreckt, ſind die ſterblichen Reſte derer, die in ih⸗ rem Leben der Weltluſt fo Utan⸗ Und ſo wirſt du einſt ſeyn wegen deines Leichtſinns, deines Umherſchweifens, deiner Liebeleien und Geſänge, du und alle Diener üp⸗ piger Lüſte, ihr werdet des Begrähniſſes beraubt, wie dieſe Gebeine, die deiner Weichlichkeit zuwider ſind und die du nicht anzuſehen wagſt. 43 „Sagt nicht, ſie ſeyen meiner Weichlichkeit zuwider, ehrwürdiger Vater,“ entgegnete Louiſe.„Der Himmel iſt Zeuge, daß ich die Ruhe dieſer unter dem Gewölbe gebleichten Reſte beneide. Wenn ich ohne Sünde, in⸗ dem ich ſie umfaßte, ihre todte Starrheit erreichen könnte, ich würde dieſen Knochenhaufen zum Lager wählen lieber als das ſanfteſte und ſchönſte Bett in Schottland.“ „Gedulde dich und folge mir,“ ſagte der Mönch in milderem Ton,„der Schnitter darf die Arbeit nicht ver⸗ laſſen, ehe der Sonnenuntergang ihm das Zeichen gibt.“ Sie gingen wieder voran. Am Ende eines langen Gangs öffnete der Bruder Cyprian die Thür eines klei⸗ nen Gemachs, vielleicht einer Capelle, denn man ſah darin ein Crucifix, um das vier Lampen brannten. Alle bekreuzten ſich zugleich und bengten die Knie.„Was ſagt der, deſſen Zeichen hier ſteht?“ fragte der Mönch die Sängerin, auf das Ernciſix deutend. 1 „Er ſagt dem Sünder, wie dem Gerechten:, Kommt alle zu mir!“ „Ja,“ antwortete der Bruder,„wenn der Sünder Buße thut. Mädchen, bereite dich bier auf deine Reiſe.“ Louiſe blieb eine Weile in der Capelle und erſchien wieder, mit einem Mantel von grobem, grauen Tuch bedeckt, in den ſie ganz eingewickelt war, nach Ablegung 109 des Schmucks, den ſie Zeit gehabt hatte in das Körb⸗ chen zu legen, das vorhin ihre gewöhnlichen Kleider gefaßt hatte. 42 3 Der Mönch öffnete eine Pforte und ſie befanden ſich in einem Garten, der das Dominikanerkloſter umgab. Das ſüdliche Gitter iſt nur mit dem Riegel geſchloſ⸗ ſen„« ſagte er,„und ihr könnt dieſen Weg unbemerkt verfolgen.— Gott ſegne dich, mein Sohn, und auch dich, unglückliches Kind! Eriunere dich des Orts, wo du deine leichtſinnigen Kleider abgelegt haſt, und mö⸗ geſt du ſie nie wieder anziehen können!“ „Ach, mein Bater!' ſagte Loniſe,„wenn die arme Fremde die geringen Bedürfniſſe ihres Lebens durch eine würdigere Beſchäftigung erwerben könnte, würde ſie gern ihrer Kunſt entſagen.“ Aber der Mönch war nicht mehr da; ſelbſt die Pforte, durch die ſie herausgetreten waren, ſchien verſchwunden u ſeyn, ſo künſtlich war ſie unter einem beweglichen Pfeller und unter den mannigfachen Zierrathen der go⸗ thiſchen Bauart verſteckt. 3 „Hier geht ein Mädchen durch die geheime Thür her⸗ aus,“ dachte Heinrich,„verhüte der Himmel, daß die guten Väter je eine hier hineinlaſſen. Der Ort iſt ganz geeignet, zuun hier Verſteckens zu ſpielen.— Aber, gu⸗ ter Gott! was fang' ich jetzt an? ich muß mich ſo ſchnell als möglich des Mädchens entledigen und ſie an einen ſichern Ort führen, denn ſey ſie wer ſte wolle, ſie ſicht zu ſittſam gus, ſeit ſis auſtändig gekleidet iſt, um die Züchtigung zu verdienen, womit die Barbaren von Galloway und die Teufelslegionen von Liddel ſie beſchenken würden.. 498 2 Louiſe blieb ſtehen, als wartete ſie bis Heinrich einen Weg wähle. Ihr kleiner Hund, durch die reine Luft muthig gemacht, hüpfte ſchnell über die Stuaße hin und hey, ſprang zu ſeiner Gebieterin, und lief ſelbſt, obwohl ſchüchterner, um Smith herum, theils um ſeine 110 Zufriedenheit zu zeigen, theils um ſeine Gunſt zu ge⸗ winnen. 3 „Nieder, Charlott, nieder!“ ſagte Louiſen,„du biſt froh, die Klarheit der Sonne wieder zu ſehen, aber wo werden wir dieſe Nacht ruhen, armer Charlott?“ „Nun, Miſtreß,“ ſagte der Waffenſchmied, nicht in grobem Ton, denn dieß lag nicht in ſeinem Charakter, aber ziemlich haſtig, wie ein Mann, der von einer un⸗ angenehmen Rolle befreit zu ſeyn wünſcht—„welchen Weg nehmt Ihr?“ Louiſe, ſenkte die Augen und blieb ſtill. Heinrich fragte ſie zum zweitenmal, wohin ſie geführt ſeyn wolle? ſie ſchlug noch immer die Augen nieder und antwortete, ſie könne es nicht ſagen. „Kommt, kommt,“ ſagte der Waffenſchmied,„ich verſtehe das, ich war zu meiner Zeit ein luſtiger Kerl, ein Wildfang; aber es iſt beſſer, wenn man klug iſt. In den Umſtänden, in denen ich mich befinde, bin ich für lange gebeſſert; und ſo werden wir uns vielleicht bälder trennen, meine Schöne, als ein Mädchen, wie Ihr, einen Burſchen von gutem Ausſehen verlaſſen möchte.“— Louiſe weinte ſtill, immer den Blick zu Boden ge⸗ hertei als fühlte ſie tief eine Beleidigung, über die ie nicht das Recht hatte, ſich zu beklagen. Endlich, da ſie merkte, daß ihr Führer anfing ungeduldig zu werden, ſagte ſie mit ſchwacher Stimme: Edler Sire.. „Sire,“« ſagte der ungeſtüme Bürger,„das iſt gut für einen Ritter und edel gehört einem Baron. Ich bin Heinrich Gow, ein ehrlicher Handwerker und Mit⸗ glied der freien Zunft der Waffenſchmiede.“ „Guter Handwerker alſo,“ fagte die Sängerin,„Ihr beurtheilt mich hart, aber nicht ohne ſcheinbaren Grund. Ich würde Euch den Augenblick von meiner Geſellſchaft befreien, die, wie es wohl möglich iſt, einem klugen 111 Manne keine Ehre macht, wenn ich nur wüßte, wel⸗ chem Weg ich folgen ſoll.“ „So viel iſt gewiß, daß Ihr dem folgen müßt, der Euch zu einem Feſt oder Jahrmarkt führt,“ ſagte Hein⸗ rich rauh, nicht zweifelnd, dieſe Traurigkeit ſey nur angenommen, um ſein Intereſſe zu feſſeln, und viel⸗ leicht auch fürchtend, in Verſuchung zu gerathen.„Es iſt das Feſt des heiligen Madox zu Auchterardu; ich wette, Ihr werdet den Weg dahin gut finden.“ „Aftr, Auchter,“ wiederholte die Sängerin des Mit⸗ tags, deren Lippen die celtiſche Ausſprache umſonſt ver⸗ ſuchten.„Man hat mir geſagt, meine Sprache werde nicht verſtanden werden, wenn ich näher an Eure furcht⸗ baren Berge komme.“ „Wollt Ihr in Perth bleiben?“ „Aber wo wohnen?“ ſagte das irrende Mädchen. „Ja wohl aber! Wo habt Ihr dieſe Nacht geſchla⸗ fen? Ich denke doch, Ihr wißt, woher Ihr kommt, ob⸗ gleich Ihr nicht zu wiſſen ſcheint, wohin Ihr geht!“ „Ich ſchlief im Hoſpitium des Kloſters, aber man hat mich nur auf dringendes Bitten zugelaſſen, und verboten, wieder zu kommen.“ „Gewiß würden ſie Euch heute noch weniger aufneh⸗ men, wenn das Schwert des Donuglas über Enrem Haupte ſchwebt, das iſt leider wahr. Aber der Prinz hat von Sir John Ramorny geſprochen; ich kann Euch durch die Straße in ſein Haus führen, obgleich dieſe Rolle eines ehrlichen Bürgers unwürdig iſt und ich mich beeilen muß.“ 3. „Es iſt mir gleich, wohin? ich weiß, daß ich immer Anſtoß und Verlegenheit errege. Es gab eine Zeit, wo es anders war... Aber wer iſt dieſer Ramorny 2 s „Ein galanter Ritter, der ein luſtiges Junggeſellen⸗ leben führt, der Knappe und Privado des Prinzen, wie man ſagt.“ „Wie? des leichtſinnigen und ſtolzen jungen Mannes, der im Kloſter ſo viel Aergerniß gegeben hat? Wackrer Mann, führt mich nicht zu dieſem. Gibt es nicht eine chriſtliche Frau, die einem armen Geſchöpf nur in einem Stalle eine Freiſtätte geben könnte? Ich will vor der Morgenröthe gehn und ſie reichlich bezahlen. Ich habe Gold und will auch Euch belohnen, wenn Ihr mich an einen Ort führen wollt, wo ich von dem jungen Wüſt⸗ ling und von den Leuten dieſes finſtern Barons, der den Tod in den Augen trug, nichts zu fürchten habe.“ „Behaltet es für die, ſo es brauchen, Miſtreß,“ ſagte Heinrich,„und bietet ehrlichen Händen kein Geld an, das mit dem Spielen der Geige oder des Tambon⸗ rins, mit Tanzen, oder vielleicht einem noch ſchlimmern Handwerk gewonnen iſt. Ich ſage Euch einfach, Mi⸗ ſtreß, ich bin nicht dumm genug, um Euren Reden Glauben zu ſchenken. Ich bin bereit, Euch zu führen wohin Ihr wollt, denn mein Wort iſt ſo feſt, als ein eiſerner Ring. Aber überredet mich nicht, daß Ihr nicht wißt, wohin Ihr gehen ſollt. Ihr ſeyd nicht ſo neu in Eurem Handwerk, daß Ihr nicht wüßtet, wel⸗ ches in jeder Stadt, und weit mehr noch in einer Stadt wie Perth, die Gaſthöfe ſind, wo Mädchen, wie Ihr, um ihr Geld aufgenommen werden können, wenn ſie nicht irgend einen Dummkopf gefunden haben, der ihre Zeche zahlt. Wenn Ihr Geld habt, Miſtreß, ſo iſt meine Unruhe um Euch nicht groß. Und wahr⸗ lich, ich ſehe in dieſem übertriebnen Kummer und die⸗ ſer Furcht, bei Ausübung Eurer Talente allein zu ſeyn, nur einen Vorwand.“ Nachdem Heinrich Louiſen ſo bewieſen hatte, er laſſe ſich durch die gewöhnlichen Kniffe der Frauen ihrer Art nicht täuſchen, ging er einige Schritte allein, und verſuchte ſich zu überreden, er habe die klügſte und weiſeſte Parthei ergriffen. Aber er konnte nicht umhin, hinter ſich zu ſehen, was aus Louiſen werde; er war überraſcht, ſie auf eine Bank geſunken zu erblicken, die Arme auf die Kuiee geſtützt, 113 den Kopf in den Händen verborgen, kurz, in einer Stellung, die die höchſte Verzweiflung ausdrückte. Der Waffenſchmied ſuchte hier ſein Herz gegen dieſen Anblick zu verhärten:„Es iſt nur eine Rolle, die ſie ſpielt,“ ſagte er ſich ſelbſt,„das Mädchen verſteht ihr Handwerk, das wollte ich bei St. Ringam ſchwören.“ In demſelben Augenblick berührte etwas den Saum ſeines Mantels, er ſah um ſich und erblickte den kleinen Wachtelhund, der, als wollte er für ſeine Gebieterin bitten, ſich auf die Hinterpfoten ſtellte und zu tanzen anfing, indem er zugleich ſeufzte und Louiſe anſah; man hätte ſagen können, er ſpreche das Mitleid für das verlaſſene Mädchen an. „Armes Thier,“ ſagte der Waffenſchmied,„du ſpielſt vielleicht auch nur eine Rolle; denn du wiederholſt, was man dich gelehrt hat. Aber dennoch, da ich ein⸗ mal verſprochen habe, dieſes Geſchöpf zu beſchützen, ſo darf ich ſie nicht, im Fall es ihr Ernſt iſt, in Ohn⸗ macht liegen laſſen, wenn es auch nur aus Menſchlich⸗ keit geſchieht.“. Heinrich kehrte um und näherte ſich Louiſen. Er überzeugte ſich gleich durch ihre veränderte Geſichtsfar⸗ be, daß ſie wirklich krank ſey, oder das Talent der Verſtellung weiter treibe, als ein Mann und ſelbſt als ein Weib es begreifen könne.. „Junges Mädchen,“ ſagte er mit milderer Stimme, vich will Euch offen von meiner Lage unterrichten. Es iſt heute der St. Valentinstag nnd ich ſollte ihn nach dem Gebrauch bei meiner ſchönen Valentine zubringen. Aber Schläge und Streit haben mich den ganzen Vor⸗ mittag beſchäftigt. Ihr werdet leicht begreifen können, wo mein Herz und meine Gedanken eben ſind, und wo ich ſelbſt, wenn auch nur aus Höflichkeit ſeyn ſollte.« Die Sängerin hörte ihn und ſchien ihn zu verſtehen. „Wenn Ihr ein treuer Liebender ſeyd,“ ſagte ſie, „und eine keuſche Valentine habt, ſo verhüte Gott, Walter Scott's Werke. 1528 Boͤchen. 8 4114 daß ein Weſen, wie ich, einen Streit zwiſchen Euch⸗ errege. Denkt nicht mehr an mich. Dieſer große Fluß. wird bis an den Ort mein Führer ſeyn, wo er in den. Ocean fällt, und wo, wie man ſagt, ein Seehafen iſt. Dort will ich mich nach Frankreich einſchiffen, und die⸗ ſes ſchöne Land noch einmal ſehen, wo der gröbſte Bauer die ärmſte der Frauen nicht beleidigen würde.“ „Ihr könnt heute nicht mehr bis nach Dunte gehen, ſagte der Waffenſchmied.„Douglas Leute ſind auf bei⸗ den Ufern in Bewegung;. denn ſte wiſſen ohne Zweifel. bereits von dem Streit, der dieſen Morgen ſtatt hatte. Hente, dieſe Nacht, morgen. werden ſie ſich um die Fahne ihres Führes verſammeln, wie die Hachländer um das Feuerkreuz. Seht Ihr dort fünf oder ſechs Mann auf der andern Uferſeite hinſpringen? das ſind die Leute von Annandale; ich kenne ſie an ihren langen⸗ Lanzen und der Art ſie zu halten. Annandale hängt. die Lanze zurück, die Spitze iſt immer gerade aus oder. vorwärts gerichtet. „Was kann ich von ihnen zu fürchten haben? es ſind Kriegsleute und ſie werden meine Geige und meine Schwäche achten.. „Ich will ſie nicht verläumden. Wären ſie in ihren Thälern, ſo würden ſie Euch freundliche Aufnahme ſchen⸗ ken, und Ihr würdet nichts zu⸗ fürchten haben; aber ſie ſind jetzt im Feld und was ihnen ins Netz fällt, iſt ein Fiſch. Es ſind Leute unter. ihnen, die Euer Leben we⸗ gen des Werths Euxer Ohrringe gefährden würden. Ihre ganze Seele iſt in ihren Augen, wenn ſie eine Beute ſuchen, und in ihren Händen, wenn ſie ſier greifen ſol⸗ len. Sie haben kein Ohr, um den Geſang eines Mäd⸗ chens oder die Bitten ihres Opfers zu hören. Außer⸗ dem haben ſie von ihrem Anführer einen Befehl erhal⸗ ten, der Ench betrifft; und dieſer Befehl iſt zur Aus⸗ führung geeignet. Die großen Herrn finden ſchneller 115 Gehorſam, wenn ſie ſagen: brennet dieſe Kirche nieder“ als wenn ſie eine zu bauen befehlen.“ „Ja wohl,“ erwiederte die Sängerin,„es iſt beſſer, ich bleibe hier, um zu ſterben.“ „Redet nicht ſo,“ gab der Waffenſchmied zur Ant⸗ wort.„Wenn ich Euch nur für dieſe Nacht eine Woh⸗ nung finden kann, ſo führe ich Euch morgen an die Treppe der Frauenkirche, wo die Fahrzeuge nach Duntee hinunter abſtoßen, und übergebe Euch Jemand, der den nemlichen Weg macht und Euch eine Wohnung beſorgt, wo Ihr gut aufgenommen werdet.“ „Herrlicher, edler Mann! thut was Ihr geſagt habt, und wenn das Gebet und die Segenswünſche einer Un⸗ glücklichen bis in den Himmel reichen, ſo erheben ſie ſich für Euch dahin. Wir werden uns an dem Gang dort unten um die Stunde treffen, wann die Fahrzeuge das Ufer verlaſſen.“ „Das iſt um ſechs Uhr Morgens, wenn die Sonne kaum aufgeht.“ „Geht alſo, kehrt zu Eurer Valentine zurück, und wenn ſie Euch liebt, o! ſo betrügt ſie nicht.“ „Ach, armes Mädchen! ich fürchte, die Undankbar⸗ keit eines Geliebten hat Euch genöthigt, dieſen elenden Stand zu ergreifen. Aber ich will Euch nicht verlaſſen, ehe ich weiß, wo Ihr die Nacht zubringen werdet.“ „Beunruhigt Euch nicht damit, der Himmel iſt rein; es gibt Buſch und Geſträuch am Ufer, Charlot und ich können uns auf eine Nacht mit einem Blätterlager be⸗ gnügen, und morgen werde ich mit Eurer Hülfe außer Gefahr ſeyn. O, die Nacht geht ſchnell vorüber, wenn die Hoffnung für morgen vorhanden iſt!— Wie? Ihr Aauderf noch? und Eure Valentine erwartet Euch? ehmt Euch in Acht, ich werde Euch für einen unred⸗ lichen Liebhaber halten, und Ihr wißt, von welchem. Einfluß der Tadel eines Minſtrels iſt.“ 4 „Ich kann Euch nicht verlaſſen, Fräulein,“ erwiederte: 8* 446 der Waffenſchmied äußerſt mild.„Es wäre ein Mord, Euch der Kälte einer ſchottiſchen Februarnacht ausge⸗ ſetzt, in freier Luft ſchlafen zu laſſen. Nein, nein, ſo wäre mein Wort nicht gelöst, und wenn ich Gefahr laufe getadelt zu werden, ſo iſt es gerechte Strafe da⸗ für, daß ich ſchlimm von Euch dachte, und Euch durch ein Benehmen betrübte, das Ihr, wie ich überzeugt bin, nicht verdientet. Komm mit mir, Mädchen— Du haſt für dieſe Nacht eine ſichere Wohnung, was auch daraus folge. Es wäre eine ſchlechte Höflichkeit für meine Ka⸗ tharine, ein armes Geſchöpf erfrieren zu laſſen, um eine Stunde früher ihre Geſellſchaft zu genießen.“ Indem Heinrich dieſe Worte ſagte, verjagte er mit Auſtrengung jede Unruhe, die as der eben gefaßte kühne Entſchluß erregte. Seine muthige Seele beſchloß die Verläumdung herauszufordern und der armen Land⸗ ſtreicherin eine Wohnung in ſeinem eigenen Hauſe zu geben. Man muß indeſſen beifügen, daß er ſich äußerſt ungern dazu entſchloß, aber doch der Begeiſterung des Wohlwollens nachgab, die ihn ſeit einem Augenblicke ergriffen hatte.— Von der Zeit, da der ſtarke Sohn Vulkan's ſeine ganze Zärtlichkeit dem ſchönen Mädchen von Perth ge⸗ ſchenkt hatte, ſtellten ihn ungeſtüme Leidenſchaften un⸗ ter den Einfluß der Venus wie des Mars. Aber ſeine aufrichtige Liebe heilte ihn für den Augenblick von ſei⸗ ner Schwachheit; er war daher mit Recht eiferſüchtig auf ſeinen neuen Ruf der Weisheit, den ſein Beneh⸗ men gegen die arme Landſtreicherin einem Verdacht aus⸗ ſetzen konnte. Er zweifelte vielleicht auch ein wenig an ſeiner eigenen Kraft, indem er ſich ſo tollkühn der Verſuchung blosgab. Noch verzweifelter war er darit⸗ ber, das St. Valentinsfeſt zu verlieren, das ihm den Anſpruch gab und ſogar die Pflicht auflegte, den ganzen Tag bei derjenigen zuzubringen, die ſeine Genoſſin für das Jahr geworden war. Die Reiſe nach Kinfauns und 117 die zufälligen Streitigkeiten, welche ihr folgten, hatten einen Theil des Tages weggenommen, und es war nahe an der Stunde der Nachmittagshorg. Als könne er durch eiligen Schritt die Zeit zurück⸗ kaufen, die er einem von dem, wornach ſein Herz ſich ſehnte, ſo verſchiedenen Gegenſtand zu opfern genöthigt war, ging er durch den Garten der Dominikaner und trat in die Stadt, indem er ſeinen Mantel bis zum Geſicht heraufzog und die Mütze in die Augen drückte; er fuhr fort, mit derſelben Schnelligkeit durch Straſ⸗ ſen und Alleen zu gehen, in der Hoffnung ſein Haus unbemerkt zu erreichen. Dieſer Lauf dauerte etwa ſechs Minuten, eh' es ihm einfiel, er könne vielleicht zu ſchnell ſeyn, als daß das Mädchen ihm zu folgen im Stande wäre. Er wandte ſich um und ſah mit ungeduldigem Geſicht hinter ſich, was er aber bald bereute, als er Louiſen vor Ermattung faſt erſchöpft ſah. „Ich verdiente für meine Grobheit gehangen zu wer⸗ den,“ ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt.„Wenn ich noch mehr eilen müßte, würde das dem armen Mädchen Flügel geben, da ſie noch mit ihrem Gepäck beladen iſt? Ich bin ein ſchlechter Kerl, das iſt gewiß; ein Tölpel, ſo oft ich mit Frauen zu ſchaffen habe; und ich habe gewiß immer Unrecht, ſelbſt mit der beſten Abſicht recht zu handeln.— Hört, Mädchen, laßt mich dieſes Päckchen tragen, wir werden nur deſto ſchneller fortkommen.“ Louiſe hätte ſich widerſetzt, aber ſie athmete kaum und konnte nicht einmal antworten; ſie ließ daher ihren wackern Führer das Körbchen nehmen. Als der Wach⸗ telhund es bemerkte, ſtellte er ſich vor Heinrich, ſetzte⸗ ſich auf die Hinterpfoten, ſchüttelte die vorderen und wimmerte leiſe, als wollte er getragen ſeyn. .„Schön! ſoll ich mich auch voll mit dir beladen,“ ſagte der Waffenſchmied, welcher ſah, daß das arme⸗ kleine Thier müde war. V 118 „Pfui, Charlott!“ ſagte Louiſe;„du weißt wohl, daß ich dich ſelbſt tragen werde.“ Sie verſuchte den Wachtelhund zu fangen, aber er entſprang ihr, ging auf die andere Seite von Heinrich und erneuerte ſeine Bitten. „Charlot hat Recht,“ ſagte der Waffenſchmied;„er merkt, wer von uns am ſtärkſten iſt. Das lehrt mich, mein ſchönes Mädchen, daß Ihr nicht immer allein waret, um Eure Sachen zu tragen; Charlot iſt ein Schwätzer.“ Todesbläße bedeckte die Wange der Sängerin, wäh⸗ rend Heinrich ſprach. Er war genöthigt, ſie zu hal⸗ ten; denn ſie wäre zu Boden gefallen. Nach und nach kam ſie wieder zu ſich und äußerte mit ſchwacher Stim⸗ me den Wunſch, weiter zu gehen. „Haltet Euch an meinen Mantel,“ ſagte Heinrich, „oder lieber an meinen Arm, der wird Euch beſſer ſtü⸗ tzen.— Wir müſſen gut ausſehen,“ dachte der Waffen⸗ ſchmied,„und hätte ich nur noch eine ſchlechte Geige oder eine Guitarre auf dem Rücken, wir würden dem luſtigſten Paar Landſtreicher gleichen, das jemals den Strick an einem Schloßthore gepackt hat.— Potz Nä⸗ gel! wenn mir ein Nachbar mit dieſem Pack Lumpen auf dem Rücken begegnete, einen Hund unterm Arm und ein Mädchen dieſer Art an meinem Mantel hän⸗ gend, was würde er denken, als ich ſey auch ein Co⸗ mödiant geworden? Nicht um die beſte Rüſtung, über die ich ſchon den Hammer gehoben habe, möchte ich in dieſem Aufzug einigen der Schwätzer unſrer Stadt be⸗ gegnen. Sie würden einen Spaß daraus machen, der von St. Valentin bis Lichtmeß dauerte.“ Von ſeinem Gedanken geqguält, nahm Heinrich auf Gefahr, ſeinen Gang zu verlängern, einen Umweg, die Hauptſtraßen zu vermeiden, die wegen der ſtattgehabten Auftritte immer voll von Leuten waren. Aber unglück⸗ licherweiſe nützte ihn ſeine Klugheit nichts. Denn beim 1¹⁹ Herausgehen aus einer Gaſſe, begegnete er einem in einen Mantel gewickelten Mann, der auch nicht erkannt ſeyn zu wollen ſchien. Sein dürrer Wuchs, ſeine Spin⸗ delbeine, die ſich unter dem Mantel zeigten, und die kleinen trüben Augen, die oben über dieſer Kleidung hervorzwinkelten, kündigten den Apotheker ſo deutlich an, als hätte er ſeinen Namen auf der Mütze getra⸗ gen. Dieſe unerwartete und unangenehme Begegnung machte den Waffenſchmied voll Verwirrung. Die Flucht ſchickte ſich nicht für ſeinen kühnen, entſchloſſenen Cha⸗ rakter. Er wußte, daß dieſer Mann ſo verläumderiſch als neugierig, und beſonders, daß er ihm ſehr abge⸗ neigt war. Es blieb daher nur ein Mittel aus der Verlegenheit zu kommen, und Heinrich hoffte, der Apo⸗ theker werde ihm eine Gelegenheit geben, ihm den Hals indeee und ſich ſo ſeiner Verſchwiegenheit zu ver⸗ ichern. Aber ſtatt irgend etwas zu ſagen oder zu thun, was ein ſolches Benehmen rechtfertigen konnte, beſchloß der Apotheker, als er ſeinen ſtarken Nachbar ſich ſo nahe gegenüber ſah, und die Erkennung für unvermeidlich hielt, dieſe ſo kurz als möglich zu machen. Ohne daß er Smith's Begleiterin eine große Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien, ließ er im Vorbeigehen die Worte fal⸗ len, indem er nach dem erſten Augenblick des Zuſam⸗ mentreffens keinen Blick weiter that:„ich wünſche Euch einen fröhlichen Feſttag, wackerer Schmied; ei, führt Euer Bäschen, die ſchöne Miſtres John Litham, mit Euch! Ihr tragt ihr Bündelchen. Sie kommt ganz friſch von Duntee an, ich wette? Ich wußte, daß man ſie in des alten Schuſters Haus erwartete.“ Indem er ſo ſprach, ſah er weder rechts noch links, ließ noch den Gruß hören:„Gott ſegne Euch,“ und verſchwand wie ein Schatten. Der Waffenſchmied murmelte dieſelben Worte zur Antwort, und ſagte zu ſich ſelbſt:„Der Teufel ſoll 120 mich erdroſſeln, wenn ich dieſe Pille verſchlucken kann, und wenn ſie noch ſo ſchön vergoldet iſt. Der Schuft hat gute Augen, wenn es ſich von Weibern handelt, und kann eine wilde Ente, ſo gut als irgend jemand in Perth, von einer zahmen unterſcheiden. Er wäre der letzte in der ſchönen Stadt, der ſaure Pflaumen für Birnen nähme; oder menmne dicke Baſe John für das merkwürdige Stück, das ich hier mitſchleppe. Es iſt, als hätte er mir geſagt:„ich will nicht ſehen, was Ihr mir verbergen wollt,“ und er thut wohl daran, ſich ſo zu benehmen? denn ſein Kopf litt große Gefahr zer⸗ ſchmettert zu werden, wenn er ſich in meine Angelegen⸗. heiten miſchte. Er wird um ſeiner eigenen Sicherheit willen ſchweigen. Aber wer kommt denn da? Beim heiligen Dunſtan! der Schwätzer, der Prahlhans, der feige Kerl, Olivier Proudfute.“ Er war es in der That, der kühne Strumpfwirker, der ihnen entgegen kam, indem er das Lied ſang: „Du behaͤltſt den Krug zu lang Tom! Tom!“ Dieſe Luſtigkeit zeigte, daß ſein Mahl nicht trocken geweſen war. „Oh, mein braver Schmied,“ ſagte er,„da finde ich⸗ Euch? aber kann der wahre Stahl ſich biegen, und kann Vulkan, wie die Sieger ſagen, mit derſelben Münze zahlen wie Venus? Wahrlich, Ihr werdet ein ſchöner Valentin ſeyn für das ganze Jahr, wenn Ihr ſchon am erſten Tag ſo luſtig anfangt.“ 1 „Hört, Olivier,“ ſagte der unzufriedene Waffenſchmied, „ſchließt Eure Augen und geht Eures Wegs, alter Freund. Hört noch das, haltet das Maul über Dinge, die Euch nicht angehen, wenn Ihr alle Zähne darin behalten wollt.“ „Ich ein Geheimniß vexrathen? ich verläumden und ſogar meinen Waffenbruder? Ich verachte ein ſolches Betragen, und wollte von dem, was ich geſehen habe, nicht einmal vor meinem Jagdhund ſchwatzen. Ja, gu⸗ 121 ter Gott! wenn ich in einem Winkel bin, ſo bin ich ſo gut ein Tollkopf, als Du, mein Lieber. Und während ich daran denke, will ich ein Stück weit mit Dir ge⸗ hen, wir wollen miteinander ſchmauſen und Deine De⸗ lila ſoll uns Lieder ſingen. Nun, hab' ich nicht Recht 2⸗ „Vollkommen! ſagte Heinrich, der vor Luſt ſterben wollte, ſeinen Waffenbruder mit einem guten Fanſt⸗ ſchlag niederzuwerfen; aber ein friedlicheres Mittel fand, ſich von ihm loszumachen, indem er beifügte:„vollkom⸗ men, ich werde auch Deine Hülfe brauchen; denn wir werden fünf oder ſechs von den Douglas vor uns haben. Es wird nicht fehlen, daß ſie dieſes Mädchen einem armen Bürger, wie Heinrich Smith, wegnehmen wol⸗ len, und ich werde zu glücklich ſeyn, die Hülfe eines ſo tapfern Mannes, wie Du, zu haben.“ „Ich danke Dir, ich danke Dir,“ erwiederte der Strumpfwirker;„aber wäre es nicht beſſer, vorher mein großes Schwert zu holen, und die Sturmglocke läuten zu laſſen 2 „Ja, ja, laufe ſo ſchnell als möglich in dein Haus, und ſage niemand, was du geſehen haſt.“ „Wer? ich? fürchte nichts; pfui, ich verachte die Verläumder zu ſehr.“ „Rette dich jetzt, ich höre Waffenlärm.“ Dieſe Worte gaben den Knöcheln des Mützenhändlers Kraft und Leben, und indem er der vermeintlichen Ge⸗ fahr den Rücken wandte, ſchlug er einen ſo ſchnellen Lauf ein, daß er in Kurzem ſein Haus erreichen mußte. „»Schuͤn wieder eine geſchwätzige Elſter, die ich zu fürch⸗ ten habe,“ dachte der Waffenſchmied;„aber ich weiß auch den zum Schweigen zu bringen. Die Minſtrels haben eine Fabel von einem Vogel, der ſich mit eines andern Feder ſchmückte. Dieſer Prahlhans, Olivier, iſt der Vogel; und beim heiligen Dunſtan, wenn ſich ſeine plauderhafte Zunge auf meine Koſten beluſtigt, will ich 122 3 ihn rupfen, wie ein Falke ein Rebhuhn rupft. Er weiß es vorher.“ Während dieſe Gedanken ihn beunruhigten, erreichte Heinrich das Ziel ſeiner Reiſe, und kam endlich mit dem Mädchen, das ſich noch immer an ſeinen Mantel hielt, mitten in dem Wynd ⁰) an, der die Ehre hatte, ſeine Wohnung einzuſchließen, und nach welchem man ihn, der Unſicherheit gemäß, die damals in Anwendung der Beinamen herrſchte, oft Heinrich von Wynd nannte. Hier brannte an Werktagen ein Ofen, und vier halb⸗ nackte Burſche betäubten die Nachbarſchaft durch den Lärm des Hammers und Amboßes. Aber am St. Ba⸗ lentinstage war kein Handwerksmann an der Arbeit, und die Cyelopen hatten die Werkſtatt geſchloſſen, um ihren eigenen Geſchäften oder ihrem Vergnügen nachzu⸗ gehen. Heinrich war Beſitzer des Hauſes, das an die Schmiede ſtieß. Es war klein und lag in einer engen Straße; aber ein großer Garten voll Fruchtbäume gab ihm ein liebliches Ausſehen. Der Waffenſchmied, ſtatt zu rufen oder zu klopfen, was die Nachbarn an Thüre und Fenſter gerufen hätte, zog einen Hauptſchlüſſel von ſeiner eigenen Arbeit aus der Taſche, was damals noch ein Gegenſtand des Neides und der Neugierde war, öffnete die Thür und führte ſeine Begleiterin ins Haus. Das Gemach, in welches ſie traten, war die Küche. Unter den Bürgern von Heinrichs Rang diente ſie als Hudtzimue⸗ obwohl einige wenige, unter denen auch imon Glover war, außer dem Zimmer, wo das Mahl bereitet wurde, noch ein eigenes Speiſezimmer hatten. Im Winkel dieſes Gemachs von höchſter Schönheit ſaß eine alte Frau, deren ſorgfältige Kleidung und die Sym⸗ *) Wynd bezeichnet im Schottiſchen einen Hof, eine Gaſſe, enen Weg.. Anm. d. Her. 123 metrie, mit der ihr Scharlachmantel auf dem Haupt befeſtigt war und über beide Schultern herabfiel, einen höheren Rang andeuteten, als den der Mutter School⸗ bred, der Schaffnerin des Waffenſchmieds. Indeſſen hatte ſie keinen andern Titel. Da ſie nicht bei der Frühmeſſe geweſen war, ſaß ſie ruhig neben dem Feuep: ihr halb durchgebeteter Roſen⸗ kranz hing an dem linken Arm, ihr halbausgeſproche⸗ nes Gebet hielt oft auf den Lippen ſtill, und ihre halb⸗ geſchloſſenen Augen ſchlummerten, während ſie den er⸗ wartete, deſſen Amme ſie geweſen war, ohne die Stunde errathen zu können, wann er zurückkehrte. Sie erhob ſich beim Geräuſch der Eintretenden, und warf auf die Begleiterin einen Blick des Erſtaunens, der bald in den Ausdruck des höchſten Unwillens überging.. „Mögen alle Heiligen mein Geſicht beſchützen, Hein⸗ rich Smith!“ rief ſie andächtig. „Amen, von ganzem Herzen! bereitet etwas zum Eſſen, gute Amme; denn ich fürchte, dieſe arme Rei⸗ ſende hat nur ein mageres Mittageſſen gehabt.⸗ „Und ich bitte unſre liebe Frau, mein Geſicht vor allen gefährlichen Täuſchungen des Satans zu bewahren.“ „Es ſey ſo, ſage ich, gute Frau; aber wozu dieſe Paternoſter und dieſes Gebet. Hört ihr mich nicht, oder wollt ihr nicht thun, was ich verlange?“ „Er muß es doch ſelbſt ſeyn! aber großer Gott! er ſieht eher aus, wie ein Teufel, wenn dieſe Dirne an ſeinem Mantel hängt. O, Heinrich Smith! die Leute nennen euch einen jungen Wüſtling in derlei Dingen. Aber wer hätte geglaubt, Heinrich könne ein Weib von ſchlechtem Lebenswandel unter das Dach bringen, das ſeine Mutter deckte, und unter dem ſeine eigene Amme dreißig Jahre lang gewohnt hat?“ „Schweigt, alte Frau, und ſeyd vernünftig,“ ſagte der Waffenſchmied;„dieſe Sängerin iſt weder meine noch irgend jemands Buhlerin, den ich kenne. Aber ſie muß 124 morgen zu Schiff nach Duntee, und wir müſſen ſie heute Nacht beherbergen.“ „Beherbergen! ihr könnt einem ſolchen Thier Schutz geben, wenn es Euch gefällt, Heinrich von Wynd; aber ſeyd verſichert, daß das nämliche Haus mich und dieſe Landſtreicherin nicht faſſen wird.“ „Eure Mutter iſt unzufrieden,“ ſagte Louiſe, das Verhältniß zwiſchen Heinrich und der Amme nicht ver⸗ ſtehend;„ich werde nicht bleiben, wenn es ihr anſtößig iſt. Wenn es in einer Scheune oder einem Stall einen kerhen Winkel gibt, ſo iſt es genung für Charlot und mich. „Ohne Zweifel ſeyd ihr an dieſe Wohnung am mei⸗ ſten gewöhnt,“ ſagte Frau Schoolbred. „Hört, Amme,“ ſagte der Waffenſchmied,„ihr wißt, daß ich euch um Euretwillen und um meiner Mutter willen liebe. Aber beim heiligen Dunſtan, der ein Hei⸗ liger von demfelben Stand war, wie ich; ich will in meinem Hauſe Herr ſeyn, und wenn ihr mich verlaßt, ohne mir andere Gründe anzugeben, als enern unge⸗ rechten Verdacht, ſo mögt ihr Mittel ſuchen, die Thür ſelbſt zu öffnen, wenn ihr zurückkehrt; denn ich helfe euch ſicher nicht.“ „Kind, dieſe Furcht zwingt mich nicht, den Namen zu entehren, den ich ſchon ſechzig Jahre führe. Es war nie die Gewohnheit eurer Mutter, und wird nie die meinige ſeyn, mich mit Gauklern, Tänzerinnen und Sängern einzulaſſen, und ich bin nicht genng in der Noth eine Wohnung zu ſinden, um zu dulden, daß das nämliche Dach die Mutter Schoolbred und eine Prinzeſſin dieſer Art decke.“ Mit dieſen Worten ſchickte ſich die ſtrenge Hofmei⸗ ſterin an zu gehen, indem ſie eiligſt ihren Tartanman⸗ tel zurechtlegte, ſo daß er ihre weiße Florhaube be⸗ deckte, deren Saum ein runzliges aber Geſundheit ver⸗ kündigendes Geſicht umgab. Hierauf ergriff ſie einen 125 Stab, den treuen Gefährten ihrer Gänge, und ging der Thüre zu; als der Waffenſchmied ſich zwiſchen ſie und den Ausgang ſtellte. „Bleibt wenigſtens noch, alte Frau,“ ſagte er zu ihr, „bis wir unſere Rechnung gemacht haben; ich bin euch verfallenen Lohn ſchuldig.“ „Das iſt wieder eine Narrheit eures thörichten Ko⸗ pfes; welchen Lohn ſoll ich von dem Sohn eurer Mut⸗ ter nehmen, die mich nährte, kleidete und wie eine Schweſter behandelte.“ „So ſeyd ihr alſo dankbar, Amme? Ihr verlaßt ihren einzigen Sohn im Augenblick der größten Verlegenheit?“ Die hartnäckige Alte ſchien ſich einen Augenblick zu beſinnen. Sie blieb ſtehen, und ihre Blicke fielen bald auf ihren Herrn, bald auf die Sängerin. Aber ſie ſchüttelte den Kopf und ging von Neuem nach der Thür. „Ich habe dieſes arme Mädchen nur in mein Haus aufgenommen,“ ſagte der Waffenſchmied,„um ſie vor Kerker und Peitſche zu ſchützen.“. „Und warum ſie ſchützen?“ antwortete die unerbitt⸗ liche Frau Schoolbred.„Ich wette, ſie verdient beides ſo gut, als jemals ein Dieb ſein hänfenes Halsband.“ „Wie dem auch ſey, ſie verdient wenigſtens nicht auf's Blut gepeitſcht oder gefangen zu werden, bis ſie Hunger ſtirbt, und das erwartet alle, welche Douglas der Schwarze verurtheilt hat.“. „So, beleidigt ihr den ſchwarzen Douglas aus Liehe zu einer Sängerin? Das wird euer furchtbarſter Streit werden. O, Heinrich Gow; es iſt ſo viel Eiſen in eurem Kopf, als in eurem Ambos.“ 4 „Ich habe es ſchon manchmal ſelbſt gedacht, Frau Schdolbred, aber wenn ich bei dieſer Gelegenheit eine Wunde bekomme, weiß ich ziemlich wenig, wer meiner warten kann; wenn ihr, wie eine geſchreckte wilde Gans, davon gehet? O! wer wird dann meine ſchöne Braut empfangen, die ich bald hieher zu führen gedenke.“ 126 „Ach, Heinrich, Heinrich,“ ſagte die alte Frau kopf⸗ ſchüttelnd;„ſo bereitet man das Haus eines ehrlichen Mannes nicht zur Aufnahme einer jungen Braut. Ihr ſolltet von Sittſamkeit und Klugheit, und nicht von Liederlichkeit und Unkeuſchheit euch leiten laſſen.“ „Ich ſage euch noch einmal, daß mich das arme We⸗ ſen nichts angeht. Ich wünſche nur, daß ſie in Si⸗ cherheit iſt, und hoffe, der frechſte Gränzbewohner wird mein Thürſchloß reſpectiren, wie das am Gitter des Schloſſes Carlisle. Ich begebe mich zu Simon Glover, und bleibe die ganze Nacht dort; denn ſein Lehrjunge iſt in die Berge davon gegangen, wie ein junger Wolf; ſo gibt es ein leeres Bett, und Vater Simon wird es zufrieden ſeyn, wenn ich es benütze. Ihr bleibt bei dem armen Mädchen, gebt ihr Speiſe, und beſchützt ſie wah⸗ rend der Nacht. Ich werde ſie vor Tag abholen; ihr könnt ſie mit mir an's Fahrzeug führen, Amme, und eure letzten Blicke werden zugleich mit den meinigen auf ihr ruhen.“ 4 „Das Alles iſt vernünftig,“ ſagte Frau Schoolbred; „aber warum wollt ihr Gefahr laufen, euren guten. Ruf um eines Mädchens willen zu verlieren, das um etliche Pfenning und vielleicht noch weniger eine Wohnung fände? Es iſt ein Geheimniß, das ich nicht errathen kann.=* „Verlaßt euch auf mich, Amme, und ſeyd mitleidig gegen das Mädchen.“ „Mitleidiger als ſie verdient, ich verſichere euch; ich denke aber auch, wenn ich gleich nicht gern in Geſell⸗ ſchaft einer ſolchen Dirne bin, ſo wird ſie mir doch nicht weniger ſchaden, als euch. Wenn ſie nur keine Hexe iſt, was wohl möglich wäre; denn dieſe Land⸗ ſtreicher ſind meiſtens dem Teufel ergeben.“ „Sie iſt ſo wenig eine Hexe, als ich ein Hexenmei⸗ ſter,“ ſagte der wackere Waffenſchmied;„ein armes Geſchöpf, deſſen Herz gebrochen ſcheint, und das, wenn es Fehler begangen hat, eher ſelbſt durch einen Zau⸗ 127 berer verführt war. Seyd gut gegen ſie, und ihr, mu⸗ ſikaliſches Fräulein, ich werde euch morgen wieder ſe⸗ hen, um euch an's Ufer zu führen. Dieſe alte Frau wird ench mild behandeln, wenn ihr nichts ſagt, was keuſche Ohren beleidigen kann.“ Die junge Sängerin hatte dieſes Geſpräch gehört, ahne mehr davon zu verſtehen, als den Sinn; ſie ſprach gut engliſch; aber ſie hatte es in England gelernt, und der Dialeect des Nordens war damals wie jetzt rauher und breiter. Sie erſah demungeachtet, daß ſie bei der alten Frau bleiben ſollte, und hänkte, indem ſie die Arme ſittſam über die Bruſt kreuzte, demüthig den Kopf. Sie ſah ſofort den Waffenſchmied mit lebhafter Dankbarkeit an, hob die Augen zum Himmel, nahm die Hand, die er ihr ließ, und wollte einen Kuß auf die nervigen Finger drücken, als Frau Schoolbred, die dieſe Art, ihre Dankbarkeit zu zeigen, nicht billigte, ſich zwiſchen beide warf, und Louiſen an die Seite ſto⸗ ßend ſagte:„nein, nein! ich will nichts der Art hier haben. Fort, geht in den Kaminwinkel dort, Miſtreß, und wenn Heinrich weg iſt, und ihr Hände küſſen müßt, ſo könnt ihr die meinigen küſſen, ſo oft es euch Ver⸗ gnügen macht. Und ihr, Heinrich, packt euch zu Si⸗ mon Glover; denn wenn die ſchöne Miſtreß Katharina hört, welche Geſellſchaft ihr hergebracht habt, wird ſie es eben ſo wenig billigen, als ich— aber was ſoll das ſeyn? Seyd ihr toll geworden? wollt ihr ausgehen ahne en Schild, während die ganze Stadt im Auf⸗ and iſt?2 „Ihr habt Recht, Frau,“ antwortete der Schmied, warf den Schild über die breiten Schultern, und ging hinaus, ohne auf weitere Fragen zu hören.