nranr aEananarar Tmch 2 aEar 2r aarae rarArArhcararhrehnr Lhr ara aLAh aLAL Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. 3 Tinicher Leſepreis für ein deutſches Wuch Kr. „ franz. od. engl., Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 3. 1„ 1„ 12„—„ 45 2„ eerore anenananngasngahne Lanan arar Walter Scott's ſämmtliche Wer k e. ——ÿ—ÿ—ꝛ—ᷣ— — Neu überſetzt. Hundert und einundfünfzigſtes Bändchen. Neue Folge. Erſtes Bändchen. O00000000— Das ſchöne Mädchen von Perth. Erſter Theil. Stuttgart, 4 Fr. Brodhag'ſche 00 hhandlung. 4 8 5 ‧. Das srchöne Mädehen von Perth. Hiſtoriſch romantiſches Gemaͤlde von Sir Walter Scott. —— Aus dem Engliſchen. Erſter Theik. —— Stuttgart, r. Brodhag'ſche Buchha ndlung. 1 8 5 9. — Einleitung. Tritt leiſe naͤher, denn die Staͤtte hier Umſchließt die Aſche koͤniglicher Herrſcher, Und durft' in ſchauerlicher Nacht die Thraͤnen Aufkuͤſſen, die Maria's Aug' entſtuͤrzten. Der Kapit. Marjoribanks. Jedes Quartier in Edinburg hat ſeinen beſonderen Gegenſtand, auf den es ſtolz iſt, ſo daß die Stadt, wenn man den Einwohnern auf ihr Wort glauben will, manchfaltige Sehenswürdigkeiten in ihren Mauern ver⸗ einigt, die ebenſo durch geſchichtliches Intereſſe, wie durch maleriſche Lage anziehen. Was wir zu Gunſten Canongate's geſagt haben, ließe ſich leicht durch ande⸗ res nicht minder Intereſſante vermehren. Das Schloß mag durch ſeine weite Ausſicht und den natürlichen Vortheil ſeiner hohen Lage über uns ſtehen. Durch ſein unvergleichliches Panorama blieb dem Calton“) immer der Vorrang, und in neuerer Zeit hat er noch Thürme, Brücken und Triumphbögen erhalten. Wir geſtehen, daß Hig⸗Street*) die ausgezeichnete Ehre genoß, Fe⸗ ſtungswerke zu beſitzen, von denen wir auch nicht eine Spur aufzuweiſen vermögen. Wir wollen uns nicht ſo weit herabgeben, der Anſprüche gewiſſer Quartiere zu gedenken, die gewiſſen Glückspilzen gleichen, und die ſich die alte Neuſtadt und die neue Neuſtadt nennen; nichts zu ſagen von dem beliebten Quartier Moray⸗ Platz, der neueſten Neuſtadt; wir wollen bloß unſers⸗ gleichen gegenüber treten, worunter wir aber nur ſol⸗ che verſtehen, die uns an Alter gleichkommen, denn in anderer Beziehung erkennen wir keinen Nebenbuhler an. Wir rühmen uns, das Quartier des Hofes zu ſeyn, und die Reſidenz, ſo wie die Ueberreſte und das Grabmal unſerer alten Herrſcher zu umſchließen, wir können bis auf einen den weniger anſehnlichen Theilen der Stadt, fremden Grad die düſtern, aber hehren **) Ein hoͤher gelegener Platz in Edinburg, wo jetzt die Saͤule Nelſons, das Obſervatorium u. ſ. w. ſich be⸗ finden. Man ſehe die Beſchreibung von Edinburg in„Maleriſche Anſichten von Schottland. Der Herausg. **) Die Hauptſtraße der Altſtadt, die ſich vom Schloß bis Holy⸗Nood erſtreckt. Der Herausg. — 7 Erinnerungen an die alte Größe auffriſchen, die in den Mauern unſerer ehrwürdigen Abtei*) geherrſcht, ſeit der Zeit des heiligen David bis auf die Epoche, da mit dem Beſuch unſeres erlauchten gegenwärtigen Für⸗ ſten“*) in die verlaſſenen Mauern dieſes Gebäudes aufs neue die Freude einzog, deren Wiederhall die lange Stille unterbrach. * Miein langer Aufenthalt in der Nähe und die ehr⸗ bare Ruhe in meinem Benehmen haben mich in eine Art Freundſchaftsverhältniß mit der guten Fran— ge⸗ ſetzt, welche in dem ſehr intereſſanten Theile des alten Gebäudes, den ſogenannten Zimmern der Königin Maria, das Amt der Caſtellanin verwaltet. Ein Vorfall jedoch, der ſich erſt vor ganz kurzer Zeit zu⸗ trug, hat mir noch viel größere Vorrechte verſchafft, ſo daß ich, glaube ich, daſſelbe Wagniß beſtehen könnte *) Holy⸗Rood. D. Herausg. **) Der Verſaſſer, ein aͤchter Tory, ſpielt hier auf den Beſuch an, welchen Georg IV. im Jahr 1822 in Edinburg machte— eine Reiſe, die nicht ohne Ein⸗ fluß auf die politiſche Meinung in Schottland blieb, und die im zten Band der„Reiſe durch England und Schottland« ausfuͤhrlich beſchrieben iſt. Der Herausg. 8 wie Chaſtelart*), der hingerichtet wurde, weil man ihn um Mitternacht im Schlafzimmer der Königin von Schottland verſteckt gefunden hatte.. Eines Tages hatte die gute Frau, von der ich ſo eben geredet habe, einem Londner Gimpel die Zimmer zu zeigen. Er gehörte nicht zu den gewöhnlichen, wort⸗ kargen Reiſenden, die mit offenem Munde und weit aufgeriſſenen Augen mit beifälliger Nachläſſigkeit die eingelernten Phraſen ihres Eicerone hinnehmen; er war im Gegentheil der gewandte, rührige Agent eines an⸗ geſehenen Hauſes in London, der keine Gelegenheit ver⸗ ſäumte, Geſchäfte zu machen, wie er es nannte, d. h. die Waaren ſeiner Committenten zu verkaufen und ne⸗ benbei auf eigene Rechnung einen kleinen Handel zu treiben. Mit einer gewiſſen Ungeduld hatte er die Reihe der Zimmer durchlaufen, ohne im geringſten Gelegenheit zu finden, von demjenigen, was er als den Hauptzweck ſeines Lebens betrachtete, auch nur eine Sylbe anzubringen. Selhſt die Geſchichte von Riz⸗ zio's Ermordung hatte den Spekulanten unangeregt *) Ein Edelmann aus der Dauphiné, nach de Thou ein Großneffe oder ſogar ein Enkel von Bayard, am Hofe Maria Stuarts, wo er eine heftige Lei⸗ denſchaft zu ſeiner Gebieterin faßte, zweimal Nachts in ihrem Zimmer angetroffen und beim zweitenmale zum Tode verurtheilt wurde. Der Herausg. 8 9 gelaſſen, und ſeine Aufmerkſamkeit erwachte erſt, als die Caſtellanin, um ihre Ausſage zu beſtätigen, ihm die am Fußboden ſichtbare Blutflecken wies.*) „Sehen Sie dieſe Flecken hier,“ ſagte ſie„ſind mit nichts wegzubringen. Sie ſind ſchon ſeit 250 Jahren da, und werden bleiben, ſo lange der Fußboden hält, weder Waſſer, noch ſonſt etwas nimmt ſie weg.“ Unter andern Waaren hatte unſer Gimpel auch ein ſogenanntes Reinigungs⸗Elixir zu verkaufen, und ein 250 Jahre alter Flecken war für ihn etwas ungemein Intereſſantes, nicht, weil er von dem Blute des be⸗ glückten Günſtlings einer Königin, der in ihrem ei⸗ genen Zimmer ermordet worden war, herrührte, ſon⸗ dern weil er dadurch eine herrliche Gelegenheit er⸗ hielt, von der Wirkſamkeit ſeines unvergleichlichen Eli⸗ xirs eine Probe zu geben. Im Augenblicke ſtürzte unſer Freund auf die Kniee nieder, jedoch keineswegs in einer Anwandlung von Entſetzen oder von einer frommen Regung getrieben. „250 Jahre, liebe Frau!“ rief er„und ſie ſollen nicht wegzubringen ſeyn! Und wären ſie 500 Jahre alt, ich habe ein Mittelchen in der Taſche, das ſie in 5 Minu⸗ ten vertilgen ſoll. Sehen Sie dieſes Fläſchchen Elixir? im Augenblicke wird dieſer Flecken verſchwinden.“ *) Jedem Reiſenden pflegt man dieſes Blut zu zeigen, deſſen Spuren unvertilglich ſind. Der Herausg. 10 Mit dieſen Worten ließ er einige Tropfen von ſeinem unwiderſtehlichen Spezifikum auf ſein Taſchentuch träu⸗ feln, und fieng an, den Fußboden damit zu reiben, ohne auf die Vorſtellungen der Caſtellanin zu achten. Die gute Seele blieb eine Zeitlang ſtumm vor Beſtür⸗ zung, wie die Aebtiſſin zur heiligen Brigitta, als ein Ruchloſer eine Flaſche Branntwein, die man ſchon lan⸗ ge unter den Reliquien des Kloſters gezeigt hatte, und welche die Thränen der genannten Heiligen ent⸗ halten ſollte, in Einem Zuge leerte. Die ehrwürdige Aebtiſſin erwartete wahrſcheinlich die Dazwiſchenkunft ihrer Schutzheiligen und vielleicht hoffte die Caſtellanin in Holy⸗Rood, David Rizzio's Geiſt werde erſcheinen, dieſes freyle Beginnen zu hindern. Allein Frau— entledigte ſich bald der Feſſeln, welche der Schrecken ihrer Zunge angelegt hatte; ſie erhob ihre Stimme, und machte ein ſo durchdringendes Geſchrei, wie einſt die Königin Maria ſelbſt im Augenblicke, wo die Mord⸗ that geſchah, ausgeſtoßen haben mag. Zufällig traf es ſich, daß ich in dieſem Augenblicke in der angränzenden Gallerie meinen Morgenſpazier⸗ gang machte, wobei mich gerade der Gedanke beſchäf⸗ tigte, warum doch die Königen von Schottland, deren Bildniſſe ringsum hiengen, alle mit einer, wie ein Thürklopfer gebogenen Naſe gemalt waren. Plötzlich wiederhallten die Wände von kläglichem Angſtruf ſtatt der Töne der Luſt und der melodiſchen Laute, die ſich einſt im Pallaſte der ſchottiſchen Herrſcher ſo oft hatten —, 11 vernehmen laſſen. Erſchreckt durch den an einem ſo einſamen Orte beunruhigenden Lärm lief ich dem Orte zu, woher dieſer kam, und fand den Reiſenden in vol⸗ lem Eifer, wie eine Stubenmagd den Fußboden zu rei⸗ ben, während die Caſtellanin ihn an den Rockſchößen zog und vergebens bemüht war, ſein ruchloſes Unter⸗ nehmen zu hindern. Nicht ohne Mühe gelang es mir, dem Geſchäftigen in ſeidenen Strümpfen, geſtickter Weſte, feinem Frack, und atlaßenen Beinkleidern, be⸗ greiflich zu machen, daß es gewiſſe Flecken auf der Welt gebe, die man um der ſich daran knüpfenden Erinnerungen willen nicht vertilgen dürfe; unſer Freund konnte nichts darin finden, als ein Mittel, die Güte ſeiner ſo gerühmten Waare zu erproben. Endlich be⸗ griff er jedoch, daß es ihm hier wenigſtens nicht würde geſtattet werden, ihre Untrüglichkeit zu beweiſen; er entfernte ſich daher murrend und warf halblaut die Aeuſſerung hin, er habe immer ſagen gehört, die Schotten halten nicht ſehr viel auf Reinlichkeit, er hätte aber nicht geglaubt, daß dieß in dem Grade der Fall ſey, daß ſie die Fußböden in ihren Palläſten mit Blut befleckt laſſen, wie Banquv's Geiſt, während es, um die Flecken wegzubringen, nur einiger Tropfen von dem erprobten Reinigungselixir bedürfte, verfertigt und zu bekommen bei H. H. Scrub und Rub, in Fla⸗ ſchen zu 5 und 10 Schillingen, deren jede mit dem Anfangsbuchſtaben des Erfinders bezeichnet ſey, damit jeder Nachahmer geſetzlich beſtraft werden könnte. 1² Von der läſtigen Gegenwart dieſes Freundes der Reinlichkeit befreit, verſchwendeten meine Freundin, Frau— an mich eine Menge aufrichtig gemeinter Dankſagungen und doch iſt ihre Erkenntlichkeit, ſtatt durch dieſe Betheurungen ſich zu erſchöpfen, wie es gewöhnlich geht, im gegenwärtigen Augenblicke noch ſo lebendig, als wenn jene gar nicht geweſen wären. Der Erinnerung an dieſen geleiſteten Dienſt, habe ich die Erlaubniß zu verdanken, nach Belieben in dieſen verlaſſenen Zimmern umherzuwandeln, wie der Schatten eines abgeſchiedenen Kämmerers, bald über Sachen brütend, 4 „die laͤngſt die Zeit ſchon uͤberfluthet,“ wie es in einem alten iriſchen Liede heißt, bald dem Wunſche nachhängend, auch mich möchte, wie ſo man⸗ che Romanſchreiber, ein glückliches Ohngefähr im ver⸗ borgenen Schubfache eines alten Schrankes ein, wenn auch kaum lesbares Mannſcript finden laſſen, das au⸗ thentiſche Nachrichten über einzelne Ereigniſſe aus der merkwürdigen Zeit der unglücklichen Maria enthielte. Meine liebe Miſtreß Baliol bezeugte mir ihre herzli⸗ che Theilnahme, als ich beklagte, daß Gaben der Art nicht mehr vom Himmel fallen, und daß ein Autor, dem am Meeresufer vor Kälte die Zähne klappern, dieſe eher ſich ausbeißen könnte, als daß eine Welle ihm ein Käſtchen mit einer Geſchichte, wie die der — 15 Automaten*), vor die Füße trüge, daß er, durch ein paar hundert Gewölbe ſtolpernd, Hals und Bein brechen könne, ohne etwas Anderes darin zu finden, als Ratten und Mäuſe, und ein Dutzend ärmlicher Baracken nach einander bewohnen könne, ohne ein an⸗ deres Manuſcript anſichtig zu werden, als die Rech⸗ nung für Koſt und Logis, die ihm am Schluſſe jeder Woche zugeſtellt werde. Ein Milchweib könnte in dieſer Zeit der Entartung eben ſo gut ihren Milch⸗ keller ſcheuern und anfputzen in der Hoffnung, in ihrem Schuh das Sechs⸗Sousſtück der Fee*) zu fin⸗ den. „Ein mißlicher Umſtand, mein Lieber, aber leider nur zu wahr,“ ſagte Miſtreß Balioi;„wir haben gewißlich allen Grund, dieſen gänzlichen Mangel an *) Die Geſchichte der Automaten iſt ein philoſophiſcher Roman nach Art des Robinſon Cruſoe. Der Ver⸗ faſſer wurde zwar von den Biographen vergeſſen, war jedoch der Lebrer des beruͤhmten Gibbon: erhieß John Kirkby, und ſchrieb außer den Automaten eine lateiniſche Grammatik. Am Anfange der Geſchichte der Automaten erzaͤhlt John Kirkby, eine Welle habe ihm das Manuſcript zugetragen, waͤhrend er ſinnend am Meeresufer hingegangen ſey. Der Herausg. **) Eine Muͤnze, die ſich, wenn man Gebrauch davon macht, immer wieder erſetzt. Anm. des Ueberſ. 14 Hülfsquellen für eine erſchöpfte Phantaſie zu bedauern, allein Sie haben mehr, als irgend Jemand das Recht, ſich zu beklagen, daß die Feen Ihre Nachforſchungen nicht günſtig ausfallen ließen, da Sie doch der Welt bewieſen haben, daß die Zeiten des Ritterthums noch nicht vorüber ſind, Sie Chevalier von Croftangry, der Sie der Wuth eines frechen Jungen aus London die Stirne geboten haben, um die Vertheidigung einer ſchönen Dame zu übernehmen und das Andenken an Rizzio's Ermordung zu erhalten.— Iſt es nicht ſchade, da dieſe ritterliche That ſo ganz den Ordensregeln ge⸗ mäß war— iſt es nicht ſchade, ſage ich, daß die Dame nicht ein wenig jünger, und das Mährchen etwas älter war?“ „Die Entſcheidung über das Alter, wo eine Dame ihre Anſprüche an das Ritterthum verliert, und kein Recht mehr hat, von einem Ritter eine Gabe zu hei⸗ ſchen, überlaſſe ich den Statuten des Ordens der fah⸗ renden Ritter, allein für Nizzio's Blut nehme ich den Handſchuh auf, und behaupte gegenmänniglich, daß die Flecken nicht aus neuerer Zeit, ſondern wahrhaftig die Spuren jener abſcheulichen Mordthat ſind.“ „Da ich die Ausforderung nicht annehmen kann, mein Beſter, ſo begnüge ich mich, Ihnen die Beweiſe abzufordern.“ „Die Sage, die ſich fortlaufend im Pallaſte erhalten hat und die Uebereinſtimmung des wirklichen Her⸗ gangs der Dinge mit dieſer Sage.“. * 15 „Erklären Sie ſich deutlicher, wenn ich bitten darf!“ „Das ſoll ſogleich geſchehen. Es iſt allgemeine Sage, daß, als Rizzio aus dem Zimmer der Königin heraus⸗ geſchleppt wurde, die Mörder, die in ihrer Wuth ſich darum ſtritten, wer ihm die meiſten Wunden bei⸗ brächte, ihn an der Thüre des Vorzimmers erdolcht haben. An dieſem Platze alſo wurde das meiſte Blut vergoſſen, und hier zeigt man noch die Flecken davon. Ueberdieß melden die Geſchicht ſchreiber, daß Maria fortdauernd gebeten habe, man möchte Rizzio's Leben ſchonen, bis ſie wirklich verſichert wurde, daß er bereits todt ſey, worauf ſie, ſich die Augen trocknend, geſagt habe:„Nun ſo ſoll es wenigſteus meine Sorge ſeyn, ihn zu rächen!“ 4 „Das gebe ich Ihnen Alles zu. Allein das Blut? Glauben Sie, daß eine ſo lange Reihe von Jahren nicht hinreiche, die Spuren davon zu verwiſchen, ſie ganz verſchwinden zu machen?“ „Ich begegne ſogleich Ihrem Einwurfe. Es hat ſich im Palaſt die Sage erhalten, Maria habe ſtreuge ver⸗ boten, die Spuren der blutigen That zu entfernen, weil ſie ſie erhalten wollte, um ihre Rachenpläue zur Reife zu bringen. Allein ſie fand es, ſetzte man hinzu, hinreichend, wenn ſie wüßte, daß jene noch vorhanden ſeyen, und weil⸗ ſie die Spuren der Mordthat nicht immer vor den Augen haben mochte, ſo befahl ſie, einen Verſchlag, wie man es nannte, d. h. eine bretterne Scheidewand einige Schriire von der Thüre im Vorzim⸗ 16 mer anzubringen, ſo daß derjenige Theil des Zimmers, in welchem ſich die Blutflecken befanden, von dem übrigen getrennt war, wodurch dieſer Theil ſehr finſter wurde. Dieſe Wand ſteht noch, und der Umſtand, daß dadurch die Gleichförmigkeit der Carnieſſe unterbrochen wird, iſt ein augenſcheinlicher Beweis, daß ein beſonderes Ereig⸗ niß Veraulaſſung wurde, ſie einzufügen, denn ſie ſtört die Verhältniſſe des Zimmers, ſo wie die der Berzierun⸗ gen an der Decke und daß man alſo, als man ſie gerade hier anbrachte, keinen andern Zweck haben konnte, als einen dem Auge widrigen Anblick zu verdecken. Dem Einwurfe, daß die Blutflecken mit der Zeit würden ver⸗ ſchwunden ſeyn, glaube ich entgegen halten zu dürfen, daß ſie, da man unmittelbar nachdem das Verbrechen be⸗ gangen war, keine Anſtalten traf, ſie wegzuſchaffen, mit andern Worten, da man dem Blut Zeit ließ, in das Holz einzudringen, unvertilgbar werden mußten. Ab⸗ geſehen davon, daß man bei uns in Schottland die Pal⸗ läſte um dieſe Zeit nicht allzu reinlich hielt, und daß es damals noch kein Reinigungs⸗Elixir gab, womit man dem Schwamm und Wiſchlappen nachhelfen konnte, finde ich es ſehr wahrſcheinlich, daß die Spuren jener Unthat ſich ſehr lange Zeit hätten erhalten können, ſelbſt wenn Maria nicht gewünſcht oder befohlen hätte, ſie zu erhal⸗ ten, ſondern durch einen anzubringenden Verſchlag dem Auge zu entziehen. Ich weiß mehrere Beiſpiele von ähn⸗ lichen Blutflecken, die ſich durch eine lange Reihe von Jahren erhalten haben, und ich zweifle, vb ſie nach einer 2 17 gewiſſen Zeit auf andere Weiſe entfernt werden könnten, als mit Hülfe des Tiſchlerhobels. Hätte ein Seneſchall um das Intereſſe, das dieſe Zimmer haben, zu erhöhen, durch angebrachte Farbe oder andere Mittel der Art, die Nachwelt hintergehen wollen und in dieſer Abſicht die Flecken künſtlicherweiſe aufgetragen, ſo würde er, wie mich dünkt, den Schauplatz in das Schlafzimmer der Köni⸗ gin verlegt, und die Blutflecken an einem Orte angebracht haben, wo ſte jedermann deutlich ins Auge fallen mußten, ſtatt ſie hinter eine Bretterwand zu verbergen. Ueber⸗ dieß iſt der Zweck dieſes Verſchlags ſelbſt ſehr ſchwer zu erklären, wenn man die gemeine Sage verwirft. Mit Einem Worte, die Oertlichkeiten ſtimmen ſo gut zu den Thatſachen der Geſchichte, daß ſie, wie mir ſcheint, die Identität der auf dem Fußboden ſichtbaren Blut⸗ flecken beweiſen.“ „Ich verſichere Sie, lieber Vetter, daß ich ſehr ge⸗ neigt bin, mich zu Ihrem Glauben bekehren zu laſſen. Wir ſprechen von gemeiner Leichtgläubigkeit, ohne im⸗ mer daran zu denken, daß es auch einen gemeinen Un⸗ glauben giebt, der es leichter findet, Thatſachen der Geſchichte, wie der Religion zu bezweifeln, als ſie zu prüfen, und der ſchuld daran iſt, daß man eine Ehre darin ſucht, ein ſtarker Geiſt zu ſeyn, ſobald eine Sache die beſchränkte Einſicht des Zweiflers etwas über⸗ ſteigt. Da nun dieſer Punkt zwiſchen uns im Reinen Walter Scott's Werke. 1318 Boͤchen. 2 18 iſt, und Sie, wie ich ſehe, im Beſitze des Seſame*) ſind, das uns dieſe geheimen Zimmern auffchließen kann, welchen Gebrauch denken Sie von Ihrem Rechte zu machen, wenn es mir erlaubt iſt, darnach zu fragen? — Haben Sie etwa im Sinne, dieſe Nacht im Schlaf⸗ zimmer der Königin zuzubringen?“ „Und warum das, meine Beſte? Wenn ich mir da⸗ durch noch einen ſtärkeren Schnupfen holen wollte, als ich jetzt ſchon habe, ſo könnte mir dieſer Oſtwind allerdings treffliche Dienſte leiſten.“ „Einen ſtärkeren Schnupfen! Da ſey Gott vor! das wäre ſchlimmer, als das Veilchen*) noch überpinſeln zu wollen. Nein, wenn ich Ihnen empfahl, eine Nacht auf dem Lager der ſchottiſchen Roſe zuzubringen, ſo wollte ich Ihnen damit blos ein Mittel angeben, Ihre Einbildungskraft zu erhitzen. Wer weiß, welche Träu⸗ me eine Nacht, in einem Pallaſte zugebracht, wo ſo viele Erinnerungen leben, hervorrufen möchte! Wer weiß, ob nicht die eiſerne Thüre an der Treppe zum Ausfallthore um die geheimnißvolle Stunde der Mit⸗ ternacht ſich öffnete, wie zur Zeit der Verſchwörung, ob Sie nicht die Luftgeſtalten der Mörder ſchleichenden *) Die Zauberformek. Anſpielung anf die Ge⸗ ſchichte Ali Baba's und der 40 Diebe in„Tau⸗ ſend und Eine Nacht.“ Anm. des Ueverſ. *) Ein aus Shakeſpeare entlehnter Ausdruck. 4 Der Herausg⸗ 19 Schrittes ſich nahen ſähen mit finſterem Ausſehen, um die tragiſche Scene nochmals vor Ihnen aufzuführen. — Sehen Sie den wilden, fanatiſchen Ruthven näher kommen, der in ſeinem Haß und Partheigeiſt die Stärke fand, eine Waffenrüſtung zu tragen, deren Gewicht Glieder, die wie die ſeinigen durch ſchleichendes Siech⸗ thum entkräftet waren, hätte niederdrücken ſollen. Se⸗ hen Sie ſeine Züge, durch die Leiden entſtellt, unter dem Helme hervorgrinſen, wie die eines Leichnams von einem Teufel befeelt, die Augen racheblitzend, während auf dem Geſicht die Ruhe des Todes liegt. Und dann den hochgewachſenen jungen Darnley, ſo ſchön in ſeinem Aeußern, als wankend in ſeinem Entſchluſſe. Er naht, als ſtünde ſein Fuß an, auf den Boden zu treten, allein noch mehr zögert er in ſeinem Vorhaben, da bereits knä⸗ biſche Furcht ſeine knäbiſche Leidenſchaft überwiegt. Er iſt in der Lage eines ungezogenen Kindes, das Feuer an eine Mine gelegt hat, und, mit Reue und Schrecken das Springen derfelben erwartend, ſein Leben hingäbe, könnte es damit die Lunte löſchen, die ſeine eigene Hand entzündet. Ihm folgt.... doch— die übrigen Na⸗ men dieſer edlen Rotte ſind mir entfallen. Können Sie meinem Gedächtniſſe nicht nachhelfen?“ „Beſchwören Sie den Poſtulanten, Georg Douglas, den thätigſten der ganzen Bande. Er erſcheine auf Ihr Gebot, er, der ein Glück anſprach, das er nicht genoffen, in deſſen Adern das erlanchte Blut der Douglas rollte, aber befleckt durch fündliche Miene. Malen Sie den 9* 2 . 20 Grauſamen, den Verwegenen, den Ehrgeizigen, der Größe ſo nah, ohne ſie erreichen, und dem Reichthum, ohne ſich ihn verſchaffen zu können, dieſen Tantalus, bereit Alles zu thun und Alles zu wagen, um ſeine Hab⸗ ſucht zu befriedigen und ſeine zweifelhaften Rechte gel⸗ tend zu machen.“ „Herrlich! mein lieber Eroftangey.! aber was heißt denn ein Poſtulant? 4 „Ach meine Beſte, Sie ſtören den Gang meiner Ge⸗ danken!— Poſtulanten nannte man in Schottland denjenigen, der ſich einer Bergünſtigung rühmte, die er noch nicht erhalten hatte. Georg Douglas, Rizziv's Mörder, war Poſtulant der weltlichen Einkünfte der reichen Abtei Arbroath.“ „Ich verſtehe, fahren Sie fort: wer kommt nun?“ „Wer nun kommt? der große, hagere Mann dort mit dem wilden Ausſehen, eine Stutzbüchſe in der Hand, muß Andreas Ker von, Faldonſide ſeyn, der Sohn, meine ich, von dem Bruder des berühmten Sir David Ker von Ceßford. Blick und Haltung verrathen einen Wegelagerer. Er war ſo entmenſcht, daß er während des Getümmels im Cabinet das geladene Ge⸗ wehr der jungen, ſchi önen Königin auf die Bruſt ſetzte.., der Königin, die in einigen jWhochen Mutter werden ſollte.“ „Bravo, mein Lieber!— Nun⸗ Sie einmal. einen ſol⸗ chen Schwarm von Geiſtern, beſchworen haben, ſo hoffe ich, Sie werden nicht geſonnen ſeyn, ſie in ihr kaltes 21 Bett zurückzuſchicken, um ſich wieder zu wärmen. Seyen Sie in Thätigkeit, und da Ihre unermüdliche Feder noch Abſichten auf Canongate hat, ſo geht ohne Zweifel Ihr Plan dahin, dieſes merkwürdige Trauer⸗ ſpiel romantiſch oder, wenn Sie dieß vorziehen, drama⸗ tiſch zu bearbeiten.“ „Man hat ſchon Zeiten gewählt, die unfruchtbarer, d. h. weniger intereſſant ſind, zur Ergötzlichkeit für ein friedliches Geſchlecht, das jenen Stürmen entwachſen iſt. Allein die Ereigniſſe, meine Beſte, die ſich unter Maria's Regierung zutrugen, ſind zu bekannt, als daß ſie den Schleier der Dichtung vertrügen. Was könnte ein beſſerer Schriftſteller, als ich bin, der geſchmack⸗ vollen, kräftigen Erzählung eines Robertſon noch beifü⸗ gen? Alſo fahret hin Geſchichte! ich erwache, wie John Bunyan, und ſehe, daß es blos ein Traum ge⸗ weſen; auch verdrüßt es mich nicht, daß ich ohne Hüft⸗ weh erwache, das aller Wahrſcheinlichkeit nach die Folge meines Schlafs geweſen wäre, wenn ich das Bett der Königin Maria entweiht, und als Maſchine mißbraucht hätte, um ſeine Spannkraft einer trägen Phantaſie mitzutheilen.“ „So entkommen Sie mir nicht Vetter, Sie müſſen ſich über alle dieſe Bedenklichkeiten wegſetzen, wenn Sie in der Rolle als romantiſcher Geſchichtſchreiber die Sie zu ſpielen übernommen haben, Glück machen wollen. In welcher Beziehung ſtehen Sie denn zu dem klaſſiſchen Robertſon? Das Licht, das er verbreitete, 22 war eine Lampe, beſtimmt, die dunkeln Ereigniſſe der Vorzeit aufzuklären, das Ihrige iſt eine Zauberlaterne, welche Wunderdinge zur Schau bringt, die nie in der Wirklichkeit waren. Ein Leſer von Verſtand wird ſich ebenſowenig darüber wundern, wenn er in Ihren Schrif⸗ ten geſchichtliche Unrichtigkeiten findet, als dieß der Fall iſt, wenn man Polichinello auf ſeinem bewegli⸗ chen Theater mit Salomo in aller ſeiner Herrlichkeit auf einem und demſelben Throne ſitzen ſieht oder ihn während der Sündfluth dem Erzvater zurufen hört: „der Nebel fällt ziemlich dicht, Meiſter Noah!“ „Verſtehen Sie mich wohl, meine Liebe: ich kenne vollkommen meine Rechte als romantiſcher Schriftſtel⸗ ler. Allein der Lügner Fagg*) verſichert uns ſelbſt, daß er ſich zwar nie ein Bedenken darüber mache, auf Befehl ſeines Herrn eine Unwahrheit zu ſagen, jedoch immer Gewiſſensbiſſe empfinde, wenn die Lüge an den Tag komme. Dieß iſt nun der Grund, warum ich mich weislich hüte, die unr zu ſehr gebahnten Pfade einzu⸗ ſchlagen, wo ein jeder Wegweiſer findet, deren In⸗ ſchriften ihn belehren, wohin er ſich zu wenden hat, ſo daß Kinder beiderlei Geſchlechts, die die Geſchichte von England durch Fragen und Antworten kennen lernen, auf Koſten eines armen Autor's lachen, wenn er ſich beigehen läßt, den rechten Weg zu verlaſſen.“ *) Eine Perſon aus dem Luſtſpiel„the Ciar.“(Der Luͤgner.) Der Herausg. 23 „Nehmen ſie ſich doch nicht ſelbſt den Muth, Vetter Chryſtall, die Geſchichte Schottlands bietet eine Menge unbekannter Gegenden dar, zu denen die Wege, wenn ich mich nicht irre, noch nie mit Gewißheit beſchrieben wurden, und die man blos durch unvollſtändige Sagen und wunderbare Legenden kennt. Und wie Mathias Prior*) ſagt:„Wüſten, durch welche kein Pfad gebahnt iſt, bevölkern die Geographen mit Elephanten anſtatt der Städte.“ „Wenn Sie ſo meinen, meine Liebe,“ erwiederte ich,„wird meine Geſchichte dießmal in eine ferne Zeit zurückgehen und ihren Schauplatz in eine von meiner gewöhnlichen Sphäre Canongate entfernte Provinz ver⸗ legen.“ Dieß waren die Empfindungen, mit welchen ich den hiſtvriſchen Roman begonnen habe, den die folgenden Blätter enthalten, und der, oft unterbrochen, gegen⸗ wärtig eine zu bedeutende Ausdehnung gewonnen hat, als daß er bei Seite hätte gelegt werden ſollen! obgleich es vielleicht unklug ſeyn mag, ihn der Preſſe zu über⸗ geben. Den Perſonen, die ich redend einführe, habe ich nicht den ſchottiſchen Dialekt, den man heut zu Tage redet, in den Mund gelegt, weil das Schottiſche aus *) Dichter und Diplomatiker zur Zeit Popus. Der Herausg. 24. 3 der Zeit, um die es ſich hier handelt, unſtreitig viele Aehnlichkeit mit dem Angelſächſichen hatte, mit einer leichten Beimiſchung des Franzöſiſchen oder Normän⸗ niſchen. Wer dieß genauer zu unterſuchen wünſcht, mag die Chroniken von Wynton) und die Geſchichte von Bruce durch den Archidiaconus Barbour u*) nachle⸗ ſen. Wenn ich auch hinlängliche Kenntniß des alten Schottiſchen beſaß, um die Eigenthümlichkeiten deſſel⸗ ben im Dialoge hervortreten zu laſſen, ſo hätte ich eine Ueberſetzung beifügen müſſen, um dem größeren Theile der Leſer dieſes Idiom verſtändlich zu machen. Man wird daher in dieſem Werke den ſchottiſchen Dialect nicht finden, außer in Fällen, wo der Gebrauch gewiſ⸗ ſer Worte dazu dienen konnte, dem Ausdruck mehr Kraft oder Anſchaulichkeit zu geben. 3 *) Andreas Wynton, Canonikus und ſchottiſcher Chro⸗ niken⸗Schreiber ſtarb im Jahr 1420. Der Herausgeber. *) John Barbour war Caplan von Bruce, und ſchrieb deſſen Geſchichte in Verſen. Man ſehe„der Lord der Inſeln“ und die Anmerkungen zu dieſem hiſtori⸗ ſchen Gedicht. Der Herausgeber. 82 * Erſtes Kapitel. Die Tiber ſeh' ich! ſprach ein ſtolzer Römer, Da er den majeſtaͤtiſchen Tay ſah fluthen; Doch welcher Schotte mnoͤchte umgekehrt— Es haͤtte denn ihm Wahnſinn das Gehirn verbrannt; Das Fluͤßchen Tiber mit dem Namen Tay beehren?) Ungenannter. Wenn man einen einſichtsvollen Fremden aufforderte, diejenige Provinz Schottlands anzugeben, welche die meiſten Reize der Mannigfaltigkeit und maleriſcher Schönheit in ſich vereinige, ſo würde er ohne Zweifel die Grafſchaft Perth neunen. Man mache dieſelbe Frage *) Dieſe Verſe ſind eine Anſpielung auf den Ausruf. der den roͤmiſchen Kriegern beim Anblick des Tay zugeſchrieben wird. Man ſehe„maleriſche Anſich⸗ ten von Schottland.“ Der Herausgeber. 26 an einen Schotten aus einem anderen Theile dieſes Kö⸗ nigreichs, ſo wird ſeine Partheilichkeit ihn nöthigen, der Grafſchaft, in welcher er geboren wurde, den Vorzug zu geben; gewiß aber wird er der Grafſchaft Perth den zweiten Platz zuweiſen, weßwegen den Einwohnern die⸗ ſer Grafſchaft mit Recht zuſteht, ohne alles Vorurtheil zu behaupten, daß die Grafſchaft Perth den ſchönſten Theil von Caledonien bildet.*) Es iſt ſchon lange her, daß Lady Maria Wortley Montague mit dem vortreff⸗ lichen Geſchmack, der allen ihren Schriften eigen⸗ thümlich iſt, die Meinung ausgedrückt hat, daß der intereſſanteſte Theil eines Landes, d. h. derjenige, der eine Mannigfaltigkeit natürlicher Schönheiten in der größten Vollendung darbietet, derjenige iſt, wo die Höhen ſich in gleicher Fläche mit den Ebe⸗ nen abſenken. Hier trifft man die maleriſchſten, wenn auch nicht die höchſten Berge. Die Flüſſe ſtürzen ſich in Waſſerfällen über Felſen herab, und durchſchlängeln Thäler, wie man ſie nirgends romantiſcher findet. Auſ⸗ ſerdem hebt noch die Vegetation eines glücklicheren Clima *) Man ſehe,„maleriſche Anſichten von Schottland.“* Die Grafſchaft Perth theilt man im Allgemeinen in das Hochland und Unterland. Es iſt eine der ſchoͤn⸗ ſten, maleriſchſten Grafſchaften in Schottland; ge⸗ gen Oſten hat ſie Forfarſhire zur Graͤnze, gegen Suͤden den Tay und die Grafſchaften Kinroß und Fife, gegen Suͤdweſten Stirlingſhire und gegen 8 Norden Inverneß und Aberdeen. Der Herausg⸗ 27 und Bodens die großartigen Farben, die dem Gemälde dieſer Gegenden eigenthümlich ſind, Wälder und Haine umgürten in breitem Saume den Fuß der Gebirge, winden ſich die Höhen hinan und krönen ihre Spitzen. In dieſen glücklichen Gegenden findet man das, was Gray oder ein anderer Dichter, die über den Schrecken der Natur thronende Schönheit genannt hat. Nach ihrer vortheilhaften Lage bietet dieſe Provinz die verführeriſchſte Mannigfaltigkeit dar. Ihre Seen, ihre Wälder, ihre Berge können mit Allem, was das Hochland in ſich ſchließt, um den Preis der Schönheit buhlen, und nicht ſelten trifft man in der Grafſchaft Perth in geringer Entfernung von den höchſtgelegenen Theilen, fruchtbare, bevölkerte Gauen, die an Reich⸗ thum ſelbſt denen in Englaud gleichkommen. Auch war dieſe Gegend der Schauplatz einer großen Reihe denkwürdiger Thaten und Begebenheiten, die theils ge⸗ ſchichtlichẽ Wichtigkeit haben, theils für den Dichter und Romantiker anziehend ſind, wenn ſie gleich nur durch die Sage des Volkes auf uns kamen. In dieſen Thälern fochten die Sachſen von den Niederungen und die Gälen vom Hochlande zahlloſe, blutige und ver⸗ zweifelnde Fehden, in welchen nicht ſelten die Ent⸗ ſcheidung unmöglich blieb, ob der Siegerkranz den ge⸗ panzerten Reitern des Unterlands oder den Clans des Hochlandes im ſtattlichen Mantel gebühre, Perth 9, ſo ausgezeichnet durch ſeine ſchöne Lage iſt eine ſehr alte Stadt, deren Wichtigkeit eine alte Sage noch dadurch hebt, daß ſie die Römer als ihre Gründer nennt. Dieſe ſiegreiche Nation wollte, ſagt man, im Tay, einem ſchiffbaren, viel ſchöneren Stro⸗ me, als der Fluß bei Rom, die Tiber wiederfinden, und meinte, die große Ebene, die unter dem Namen North⸗Inch bekannt iſt, habe ſehr viele Aehnlichkeit mit ihrem Marsfelde. Die Stadt war zu verſchiede⸗ nen Zeiten die Reſidenz unſerer Fürſten. Jedoch hat⸗ ten ſie keinen Pallaſt in Perth, ſondern das Kloſter der Ciſterzienſer⸗Mönche war geräumig genug, ſie mit ihrem Hofe aufzunehmen. Hier war es, wo Jakob I. einer der weiſeſten und beſten Könige von Schottland, fiel als Opfer des Haſſes rachſüchtiger Ariſtokratie.**) Hier war es, wo die geheime Verſchwörung von Go⸗ wrie en) ſtatt fand, deren Schauplatz erſt vor Kurzem durch die Zerſtörung des alten Pallaſtes, in welchem ſie vorfiel, verſchwunden iſt. Mit lobenswürdigem Eifer für Alles, was in ihr Fach einſchlägt, hat die **) Die Hauptſtadt von Perthſhire, ungefaͤhr 38 Mei⸗ len von Edinburg, am ſuͤdweſtlichen Ufer des Tay. Der Herausg. **.) Er wurde durch den Herzog von Alhol ermordet. Der Herausg. un) Unter Jakob VI. Der Herausg. 29 Geſellſchaft der Alterthümler in Perth einen vollſtändi⸗ gen Plan dieſes Gebäudes bekannt gemacht mit beige⸗ fügten Bemerkungen über die Beziehungen, in welchen es mit dem Bericht von jener Verſchwörung ſteht— Bemerkungen, die ſich ebenſo durch den Geiſt, den ſie verrathen, als durch Treue auszeichnen. Eine der ſchönſten Ausſichten, die man in Großbritan⸗ nien, vielleicht in der ganzen Welt, findet, iſt, oder war pielmehr die Perſpective, die man von einem Orte, die Wicks von Beglie genannt, genoß; es war dieß eine Art Niſche, in welche der Reiſende gelangte, nach⸗ dem er, von Kinroß an, eine weite Strecke ungebau⸗ teu, unfreundlichen Landes durchzogen. Von dieſem Orte aus, der Spitze einer Aͤhöhe⸗ die er allmählig erſtiegen, ſieht er zu ſeinen Füßen das Thal des Tay ſich hinziehen, von dieſem großen, ſchönen Strome be⸗ wäſſert, die Stadt Perth mit ihren zwei großen Ebe⸗ nen oder Inches*), ihren Kuppeln und Thürmen; die Berge Moncrieff und Kinnoul, mit ihren maleriſchen Felsmaſſen, zum Theil mit Wald überwachſen, die rei⸗ chen Ufer des Stroms mit geſchmackvollen Häuſern ge⸗ ziert, und in der Ferne die Grampiſchen Gebirge, die gegen Norden den Hintergrund dieſer entzückenden Land⸗ ſchaft bilden. * *) Sie befinden ſich beide innerhalb der Stadt ſelbſt. Der Herausg. 50 Durch die Aenderung, die mit der Straße getroffen wurde, wobei indeſſen der Verkehr ſehr viel gewonnen hat, iſt dem Reiſenden dieſe großartige Ausſicht ent⸗ zogen, und die Landſchaft entfaltet ſich nur theilweiſe und allmählig dem Auge, wenn ſie gleich auch ſo noch Bewunderung verdient. Unſers Wiſſens iſt noch ein Fußpfad vorhanden, auf welchem man zu Fuße zu den Wicks von Beglie gelangen kann, und wenn der Rei⸗ ſeude ſein Pferd oder ſeinen Wagen verlaſſen, und ei⸗ nige Hundert Schritte zu Fuß gehen will, ſo kann er jetzt noch die Landſchaft mit der Skizze vergleichen, die wir zu entwerfen verſucht haben. Allein der Reiz, der aus Ueberraſchung entſpringend, den Genuß erhöht, wenn ein ſo herrlicher Anblick ſich plötzlich darbietet, wo man ſie am wenigſten erwartet und erwarten kann,— dieſen Reiz dem Leſer zu ſchildern, ſteht weder in unſrer Macht, noch vermag er ſich ihn unſrer Beſchreibung nach vorzuſtellen. Dies empfand Chryſtal Croftangry, als er zum erſtenmale dieſes unvergleichliche Schauſpiel gewahrte. Ich geſtehe, daß eine beinahe kindiſche Bewunderung einer der Grundzüge des Vergnügens war, das ich da⸗ mals genoß, denn ich zählte erſt fünfzehn Jahre, und da dies der erſte Ausflug war, den ich auf einem mir gehörigen Klepper machen durfte, ſo befand ich mich auch in der frohen Stimmung, die das Bewußtſeyn der Unabhängigkeit begleitet, wobei ich zugleich jene Unruhe empfand, deren ſich ein junger Menſch, wenn 31 er auch noch ſo ſehr für ſich eingenommen iſt, nicht er⸗ wehren kann, wenn er zum erſtenmale ſich ſelbſt über⸗ laſſen iſt. Ich erinnere mich, daß ich die Zügel meines Pferdes anzog, um es zum Stehen zu bringen, ohne zu wiſſen, was ich that, und daß ich das Schauſpiel, das vor meinen Blicken lag, betrachtete, als hätte ich gefürchtet, es möchte ſich, wie die Scenerie auf der Bühne, verändern, ohne mir Zeit zu laſſen, die ver⸗ ſchiedenen Partieen genau zu muſtern, und mich zu überzeugen, daß, was ich ſah, der Wirklichkeit ange⸗ hörte. Von dieſem Augenblicke an,— und es ſind ſeit⸗ dem mehr als fünfzig Jahre verfloſſen,— hat die Er⸗ innerung an dieſe unnachahmlich ſchöne Landſchaft den lebhafteſten Einfluß auf meinen Geiſt ausgeübt, es iſt für mich ein Zeitpunkt den ich mir oft wieder verge⸗ genwärtige, während die meiſten Ereigniſſe, die Ein⸗ fluß auf mein Schickſal gehabt, ſich aus meinem Ge⸗ dächtniſſe verwiſcht haben. Es iſt daher natürlich, daß ich, um einen Stoff verlegen, den ich dem Publikum zur Unterhaltung vorlegen könnte, meine Wahl auf einen Gegenſtand lenkte, der in einiger Beziehung ſtünde zu dem herrlichen Schauſpiele, das auf meine jugendliche Einbildungskraft ſo ſtarken Eindruck ge⸗ macht hat, und vielleicht, rückſichtlich der Mängel meines Werkes, dieſelbe Wirkung thun wird, welche die Damen ſchönen Porcellain⸗Taſſen zuſchreiben, welche die Güte eines mittelmäßigen Thees erhöhen ſollen. 32 Der Zeitpunkt, mit dem mein Werk beginnt, geht jedoch viel weiter zurück, als irgend eines der geſchicht⸗ lichen, denkwürdigen Ereigniſſe, die ich bereits bearbei⸗ tet habe; denn die Begebenheiten, welche ich erzählen werde, fallen in die letzten Jahre des 14ten Jahrhun⸗ derts, da der gute aber ſchwache Johann, als Regent unter dem Namen Robert III. bekannt, auf dem ſchot⸗ tiſchen Throne ſaß. 0* 0ʃ Zweites Kapitel. Perth, das ſich, wie wir bereits geſagt haben, rüh⸗ men darf, in Hinſicht der Schönheiten der lebloſen Na⸗ tur ſo gut bedacht zu ſeyn, iſt doch auch niemals ohne die Reize geblieben, die intereſſanter, dabei aber weni⸗ ger von Dauer ſind. Das ſchöne Mädchen von Perth zu heißen, wäre zu allen Zeiten eine hohe Auszeichnung geweſen, und hätte eine ganz ausgezeich⸗ nete Schönheit vorausgeſetzt, weil ſo viele Bewerbe⸗ rinnen vorhanden waren, die einen ſo beneideten Titel anſprechen durften. Aber in den Zeiten der Lehens⸗ herrſchaft, für welche wir jetzt die Aufmerkſamkeit des Leſers in Anſpruch nehmen, war Frauenſchönheit eine Eigenſchaft von viel größerer Wichtigkeit, als ſpäter, ſeit der Geiſt des Ritterthums größtentheils verſchwun⸗ den iſt. Die Liebe der alten Ritter war eine Art ge⸗ duldeten Götzendienſtes, dem, wie man in der Theorie annahm, die Liebe des Himmels allein gleich kommen könne, obgleich, im wirklichen Leben, das Feuer dieſer zweiten Liebe ſelten die Stärke der erſten erreichte. Man rief in einem und demſelben Augenblicke Gott Walter Scott's Werke. 1518 Bdchen. 3 * 34 und die Damen an, und Ergebenheit gegen das ſchoͤne Geſchlecht ward dem Bewerber um die Würden des Ritterthums ebenſo dringend anempfohlen, als die Er⸗ furcht vor Gott. Zu dieſer Zeit war die Macht der Schönheit beinahe ohne Gränzen, und mochte dem höchſten Range ſelbſt einen in ungemeſſener Ferne un⸗ ter ihm ſtehenden gleich ſtellen. Unter der Regierung, die der Roberts III. voran⸗- ging, hatte Schönheit allein ein Weib von niedrigem Stande und beinahe verdächtigen Sitten auf den Thron von Schottland erhoben, und viele Frauen, die nicht ſo klug oder weniger glücklich waren, hatten ſich von dem Range von Beiſchläferinnen— was die Sitten der Zeit entſchuldigten— zur Größe emporgeſchwun⸗ gen. Solche Beiſpiele hätten ein Mädchen von höherer Geburt blenden können, als Katharina oder Katie Glover war, die allgemein für das ſchönſte Mädchen der Stadt und der Umgegend galt. Der Ruf des ſchönen Mädchens von Perth hatte die Aufmerkſamkeit der jüngeren Ritter am königlichen Hofe auf ſie gelenkt. Der Aufenthalt des Hofs war in Perth oder in deſſen Umgebungen, und manche durch ritterliche Thaten ausgezeichnete Edlen ſtrengten ſich mehr an, Beweiſe ihrer Feſtigkeit im Reiten zu geben, wenn ſie am Hauſe des alten Simon Glover in der Eurfewſtraße vorüberkamen, als ſich bei den Turnieren auszuzeichnen, wo doch die erlauchten Da⸗ men Schottlands Zeuginnen ihrer Geſchicklichkeit waren. Allein die Tochter Glover's, oder des Handſchuhma⸗ 35 chers(denn nach der ziemlich allgemeinen Sitte jener Zeit nannte ſich Simon nach dem Handwerke, das er trieb), zeigte keine Luſt, auf die Galanterien der Herrn zu achten, die ſich von einem Range, der weit über dem ihrigen ſtand, zu ihr herabließen, und wenn ſie auch, wie ſich vermuthen läßt, ihrer perſönlichen Reize ſich wohl bewußt war, ſo ſchien ſie doch zu wünſchen, ihre Eroberungen auf diejenigen zu beſchränken, die ſich mit ihr in der gleichen Sphäre befanden. Ihre Schön⸗ heit ſelbſt, mehr geiſtiger als körperlicher Natur, hatte, ungeachtet der natürlichen Milde und Güte ihres Cha⸗ rakters, in ihrem Gefolge mehr etwas Zurückhaltendes, als ungezwungene Fröhlichkeit, ſelbſt wenn ſie mit ih⸗ resgleichen in Geſellſchaft war, und der Eifer, mit dem ſie allen Religionspflichten nachkam, brachte viele Leute auf den Glauben, Katharina Glover nähre ins⸗ geheim den Wunſch, ſich von der Welt zurückzuziehen, und in die Einſamkeit des Kloſters zu begraben. Aber geſetzt auch, ſie hätte wirklich im Sinne gehabt, ein ſolches Opfer zu bringen, ſo ſtand doch nie zu vermu⸗ then, daß ihr Vater, der für reich galt, und auſſer ihr kein Kind mehr hatte, von freien Stücken ſeine Einwilligung dazu geben würde. Die gefeierte Schöue von Perth wurde durch die Ge⸗ ſinnung ihres Vaters in ihrem einmal gefaßten Ent⸗ ſchluſſe beſtärkt, ihr Ohr den Schmeichelworten der Höf⸗ linge zu verſchließen.—„Laß ſie machen,“ ſprach er, „laß ſie machen, Katharina, dieſe ſüßen Herren mit 5* 4 36 ihren munteren Roſſen, ihren glänzenden Sporen, ihren Federhüten, und wohlgeſtrichenen Knebelbärten; die gehören nicht in unſeren Stand, und wir wollen uns nicht zu ihnen zu erheben ſuchen. Morgen iſt St. Balentin, der Tag, an welchem jeder Vogel ſich ſein Weibchen wählt; aber du wirſt weder den Hänfling mit dem Sperber, noch das Rothkehlchen mit dem Geier ſich gatten ſehen. Mein Vater war ein ehrlicher Bür⸗ ger von Perth, und wußte die Nadel ſo gut zu führen, als ich. Wenn ſich jedoch der Krieg den Thoren unſrer ſchönen Stadt nahte, warf er Nadel, Faden und Gems⸗ haut weg, holte aus dem dunkeln Winkel, wo er ſie aufgehängt hatte, Blechhaube und Schild, und nahm ſeine lange Lanze vom Kamine. Nenne mir Einer einen Tag, wo ich oder er gefehlt hätten, wenn der Haupt⸗ mann Muͤſterung hielt! So haben wir's gehalten, meine Tochter,— gearbeitet, um Brod zu verdie⸗ nen, und gefochten, es zu vertheidigen, und ich will keinen Schwiegerſohn, der ſich einbildet, mehr zu ſeyn, denn ich, und was die Lords und Ritter da betrifft, ſo ſchmeichle ich mir, du werdeſt ſtets daran denken, daß du zu niedrig biſt um ihre Gemahlin, und zu hoch um ihre Buhldirne zu ſeyn. Und jetzt lege dein Geſchäft weg, mein Kind, denn es iſt heute der Vor⸗ abend eines Feſtes, und Zeit, daß wir in die Veſper ge⸗ hen. Wir wollen den Himmel darum bitten, daß er dir morgen einen guten Valentin* ſende.“ *) Am 14. Februar, dem St. Valentinstag, waͤhlt ſich jeder Vogel, wie die Englaͤnder meinen, ſein Weib⸗ 37 Das ſchöne Mädchen von Perth legte alſo den prächtigen Jagdhandſchuh, den ſie für Lady Drummond zu ſticken hatte, bei Seite, warf ihr Feſttagskleid um, und ſchickte ſich an, ihren Bater in das Dominikaner⸗ kloſter zu begleiten, das nicht weit, von der Curfew⸗ ſtraße, wo ſie wohnten, entfernt lag. Unterwegs em⸗ pfieng Simon Glover, ein alter allgemein geachteter Bürger von Perth, der in den Jahren ſchon ziemlich vorgerückt war, aber auch ſeinen Reichthum mit ſeinem Alter gleichen Schritt hatte halten laſſen, von Jung und Alt die Huldigungen, die ſeinem Sammtrock und ſeiner goldnen Kette gebührten, während vor Kathari⸗ na's Reizen, obgleich von ihrem Mantel— denen ähn⸗ lich, wie man ſie noch in Flandern trägt— verhüllt, ihre Mitbürger jedes Alters ſich verbeugten, und die Mützen zogen. Während ſie, der Vater ſeine Tochter am Arme, ih⸗ res Weges giengen, folgte ihnen ein großer, ſchöner junger Menſch; er krug die einfache Kleidung des Mit⸗ chen fuͤr den uͤbrigen Theil des Jahres. Nach einer ſeit undenklichen Zeiten herkoͤmmlichen Sitte, deren Urſprung ſich im Heidenthum verliert, muß derjenige Mann, der an dieſem Tage ein Maͤdchen zuerſt ſieht, auf wenigſtens zwoͤlf Monate ihr Liebhaber ſeyn, und heißt ihr Valentin. Seit der Reformation iſt dem heil. Valentin noch das Recht geblieben, den Kupido des Alterthums vorzuſtellen. Den Maͤdchen ſendet man an dieſem Tage Gedichte zu, was den Liebes⸗ boten einen nicht unerheblichen Gewinn abwirft. Der Herausg. 58 telſtandes, die jedoch ſeine wohlgeformten Glieder vor⸗ theilhaft heraushob, und edle, regelmäßige Züge blicken ließ, die neben dem reichgelockten Haar und der kleinen Scharlachmütze, welche zu dieſem Kopfputz trefflich ſtand. noch angenehmer in's Auge fielen. Er hatte keine an⸗ dere Waffe als einen Stab, den er in der Hand trug, denn er war Lehrburſche bei dem alten Glover, und man hielt es nicht für ſchicklich, daß Leute ſeines Stan⸗ des mit dem Degen oder Dolche bewaffnet, in den Straſ⸗ ſen erſchienen— ein Vorrecht, das die Jackmans, das heißt die im beſondern Dienſt der Edeln ſtehenden Knechte, als ihnen ausſchließlich zukommend betrachteten. Er begleitete ſeinen Meiſter in die Kirche, einmal, weil er in gewiſſer Beziehung ſein Bedienter war, und dann auch um ihn zu vertheidigen, wenn die Um⸗ ſtände es heiſchen ſollten; indeſſen war aus der Auf⸗ merkſamkeit, die er Katharina Glover widmete, leicht abzuſehen, daß beſonders ihr ſeine Dienſte gelten ſollten. Doch fand er gewöhnlich keine Gelegenheit, ſeinen wil⸗ ligen Eifer thätlich zu zeigen, denn ein gemeinſames Gefühl der Achtung bewog alle Vorübergehenden, dem Vater und ſeiner Tochter aus dem Wege zu treten. Als jedoch nach und nach die ſtählernen Helme, Ba⸗ rette und Federbüſche der Knappen und Reiſigen unter der Menge ſichtbar wurden, ließen diejenigen, welche dieſe auszeichnenden Merkmale des Kriegerhandwerks trugen, Manieren blicken, die weniger fein waren, als die der friedlichen Bürger. Mehr als einmal, wenn 39 einer von jenen, ſey es aus Zufall oder im Gefühle eingebildeter höherer Würde, auf der Seite der Mauer ſich an Simon vorüberdrängte, runzelte der junge Lehrling mit drohender Miene die Stirne, als brenne er vor Begierde, ſeinen Dienſteifer für ſeine Gebieterin an den Tag zu legen. So oft Conachar, dieß war ſein Name, dieſes that, erhielt er einen Verweis von ſei⸗ nem Meiſter, der ihm zu verſtehen gab, daß er ſich in ſolche Dinge nicht miſchen ſollte, ohne Befehl dazu er⸗ halten zu haben. „Toller Burſche,“ ſprach er zu ihm, biſt du noch nicht lange genug in meiner Werkſtätte geweſen, um zu lernen, daß aus einem Schlag eine Schlägerei entſteht, und daß ein Dolch ſo ſchnell durch die Haut fährt, als eine Nadel durch's Leder? Weißt du nicht, daß ich den Frieden liebe, ob ich gleich den Krieg nie gefürch⸗ tet habe, und daß ich mich wenig darum kümmere, auf welcher Seite der Straße ich und meine Tochter gehen, wenn wir nur ruhig und friedlich wandeln kön⸗ nen?“« Conachar entſchuldigte ſich mit dem Eifer, die Ehre ſeines Meiſters zu ſchirmen, allein dieſe Antwort ſtellte den alten Bürger von Perth nicht zufrieden.— „Was haben wir mit der Ehre zu ſchaffen?“ rief Si⸗ mon Glover;„willſt du in meinem Dienſt bleiben, ſo mußt du fein ehrbar ſeyn, und die Ehre den albernen Großthuern laſſen, die Sporen an den Stiefeln und Stahl auf den Schultern tragen. Wenn du dich mit ähnlicher Zierrath ſchleppen willſt, ſo magſt du im⸗ 40 merhin, aber in meinem Hauſe und in meiner Geſell⸗ ſchaft werde ich das nimmermehr dulden.“ Dieſe Rüge ſchien Conachar's Erbitterung zu ſteigern, ſtatt ſie zu beſchwichtigen. Allein ein Zeichen von Ka⸗ tharina, wenn die leichte Bewegung, die ſie machte, indem ſie den kleinen Finger aufhob, wirklich ein ſolches war, machte auf den jungen Menſchen mehr Eindruck, als die Vorwürfe ſeines erzürnten Meiſters. Er ver⸗ lor auf der Stelle das kriegeriſche Ausſehen, das ihm angeboren ſchien, und wurde wieder der demüthige Lehrling eines friedſamen Bürgers. Bald ſchloß ſich ihnen ein junger Mann in einem Mantel an, der einen Theil ſeines Geſichtes verdeckte, was die Liebesritter zu dieſer Zeit oft im Gebrauch hatten, wenn ſie nicht erkannt ſeyn wollten, und auf Abentheuer ausgiengen. Er ſchien, mit einem Wort, ein Menſch, ider zu ſeinen Umgebungen ſagen konnte: —„Ich wünſche im Augenblicke nicht erkannt zu ſeyn; ich will, daß man mich nicht bei meinem Namen an⸗ rede; wie ich aber Niemanden, als mir ſelbſt von mei⸗ nem Thun Rechenſchaft zu geben habe, nehme ich das Incognito nur der Form wegen an, und kümmere mich wenig darum, ob ihr mich kennt oder nicht.“ Er nä⸗ herte ſich Katharinen, die ihrem Vater am Arme hieng, und gieng langſamer, als wollte er ſie begleiten. „Guten Tag, Alter!“ „Das wünſch' ich Euer Gnaden ebenfalls, und danke Euch. Darf ich Euch bitten, daß Ihr Euch nicht 41 aufhalten laſſet? Wir gehen zu langſam für den ge⸗ ſtrengen Herrn, und unſre Geſellſchaft iſt zu niedrig für den Sohn Eures Vaters.“ „Das muß der Sohn meines Vaters beſſer wiſſen, Alter; ich habe mit Euch wegen Geſchäften zu reden, ſo wie mit der ſchönen heiligen Katharina hier, der lie⸗ benswürdigſten nnd grauſamſten unter allen Heiligen im Kalender.“ „Mit Verlaub, Mylord, ich muß Euch erinnern, daß heute Vorabend von St. Valentin und alſo jetzt nicht mehr Zeit iſt, von Geſchäften zu reden. Euer Gnaden können mir morgen Früh, ſobald es Euch ge⸗ fällig iſt, Eure Befehle durch einen Diener zu wiſſen thun.“ „Es iſt keine Zeit dazu, als der gegenwärtige Au⸗ genblick,“ erwiederte der junge Mann, den, wie es ſchien, ſein Rang aller Umſtände überhob;„ich wünſchte zu wiſſen, ob Ihr mit dem Koller von Büffelleder fer⸗ tig ſeyd, das ich vor einiger Zeit beſtellt habe; und Euch, ſchöne Katharina,“ ſetzte er mit leiſerer Stim⸗ me hinzu,„bitte ich, mir zu ſagen, ob Eure niedlichen Finger geſchäftig geweſen ſind, ihn zu ſticken, wie Ihr mir verſprochen habt? Doch ich darf Euch nicht darum fragen; denn mein armes Herz hat jeden Nadelſtich gefühlt, den Ihr dem Kleid, das es bedecken ſoll, ge⸗ geben habt. Grauſame wie könnt Ihr ein Herz quälen, das Euch ſo zärtlich liebt?“ „Erlaubt mir die Bitte, Mylord', daß Ihr nicht 42 mehr ſo ſprechet; es ziemt Euch nicht, ſolche Worte an mich zu richten, und ich darf ſie nicht anhören. Wir ſind von niederem, aber ehrbarem Stande, und die Gegenwart des Vaters ſollte ſeine Tochter davor ſichern, eine ſolche Sprache, ſelbſt aus Eurem Munde, gnädiger Herr, vernehmen zu müſſen.“ Katharina hatte ſo leiſe geſprochen, daß weder ihr Vater, noch Conachar hören konnten, was ſie ſagte. „Nun denn, Grauſame,“ entgegnete der beharrliche Liebesritter,„ich will Euch nicht: länger verfolgen, wenn Ihr mir zuſagen wollt, daß ich Euch morgen frühe in dem Augenblick, wo die Sonne über das Ge⸗ birge heraufſteigt, am Fenſter ſehe, und Ihr mir ſo das Recht verleiht, das ganze Jahr hindurch Euer Valentin zu ſeyn.“. „Das kann ich nicht thun, Mylord; eben vorhin hat mir mein Vater geſagt, daß die Falken, noch weniger die Adler, ſich nicht mit dem niedrigen Hänfling paaren b Suchet irgend eine Hofdame, der Eure Minne Ehre machen mag, mir kann ſie, wenn Euer Gnaden mir erlauben wollen, offen die Wahrheit zu ſagen, nuur b Unehre bringen.“ Während dieſes Geſpräches waren ſie an die Kirch⸗ thüre gelangt. 1„Ich hoͤffe, Mylord,“ ſagte Simon,„daß Ihr uns 1 erlauben werdet, uns hier von Euch zu verabſchieden. 1 Ich weiß wohl, daß die Ungelegenheiten und Beſchwer⸗ den, die Eure Alfanzereien Leuten von unſerem Stande I 5 43 verurſachen, fär Euch kein Grund ſind, ſie aufzugebenz allein aus der Menge von Bedienten, die vor der Thüre ſtehen, könnt Ihr abnehmen, daß in der Kirche noch andere Perſonen ſind, die auch Anſprüche auf Re⸗ ſpect, und ſelbſt von Eurer Seite haben, geſtrenger Herr.* „Ja, Reſpect! und wer hat den vor mir?“ brummte der ſtolze, junge Lord;„ein elender Handwerker mit ſeiner Tochter, die ſich ſehr geehrt dadurch finden ſollten, daß ich ihnen nur die geringſte Aufmerkſamkeit widme, haben die Unverſchämtheit, mir zu ſagen, daß meine Geſellſchaft ſie verunehre!“ „Schon gut, Prinzeſſin von Elendsleder und blauer Seide, das ſollt Ihr mir bereuen!“ Während er ſo zu ſich ſelbſt ſprach, trat der Hand⸗ ſchuhmacher mit ſeiner Tochter in die Kirche, und der Lehrling Conachar, der ihnen auf dem Fuße folgen wollte, ſtieß, vielleicht nicht unabſichtlich, an den jungen Herrn. Dieſer, aus ſeinen unangenehmen Gedanken geweckt, faßte, weil er ſich mit Vorſatz beleidigt glaubte, den jungen Menſchen an der Bruſt, ſchlug ihn, und warf ihn unſanft zurück. Conachar ſtolperte, und hielt ſich mit Mühe aufrecht; dann fuhr er mit der Hand an die Seite, als ſuchte er einen Degen oder Dolch an der Stelle, wo man dieſe Waffen gewöhnlich trägt, machte, als er keinen von beiden fand, eine Geberde der Wuth und Erbitterung, und trat in die Kirche. Indeſſen blieb der junge Edle, die Arme über die Bruſt geſchlagen, ſtehen, und lächelte verächtlich, als wollte er ſeiner dro⸗ 44 3 henden Mienen Hohn ſprechen. Nachdem Conachar ver⸗ ſchwanden war, zog ſein Gegner den Mantel dichter zu⸗ ſammen, ſo daß er ſein Geſicht noch mehr verhüllte, und gab ein Zeichen, indem er einen ſeiner Handſchuhe ab⸗ zog. Sogleich traten zwei Andere zu ihm, die, wie er vermummt, in einiger Entfernung ſeines Befehls geharrt hatten. Sie begannen ein lebhaftes Geſpräch, worauf der junge Herr nach der einen, ſeine beiden Freunde oder Diener nach der andern Seite ſich entfernten. Simon Glover hatte, indem er in die Kirche trat, einen Blick auf dieſe Gruppe geworfen, indeſſen unter der Gemeinde ſeinen Platz genommen, ehe die Drei ſich getrennt hatten. Als er niederkniete, ſchien ſeine Miene zu verrathen, daß ihm eine ſchwere Laſt auf dem Herzen liege, als aber der Gottesdienſt zu Ende war, zeigte er ſich frei von allem Kummer, als hätte er ſich und ſeinen Gram der Fügung des Himmels empfohlen. Das Hochamt wurde feierlich gehalten, und eine große Zahl Herren und Damen von hohem Rang war dabei zugegen. Man hatte zum Empfang des guten alten Königs ſelbſt das Nöthige veranſtaltet, allein eine Unpäßlichkeit hatte Robert III. verhindert, der Meſſe anzuwohnen, wie es ſeine Gewohnheit war. Als die Gemeinde auseinander gieng, blieb der Hand⸗ ſchuhmacher mit ſeiner reizenden Tochter noch einige Zeit in der Kirche, um in einen Beichtſtuhl zu treten. So war es Nacht geworden, und die Straßen bereits verlaſſen, als ſie ſich auf den Weg machten, um nach 45 Hauſe zurückzukehren. Solche, die ſich jetzt noch in den Straßen herumtrieben, waren Nachtſchwärmer, Wüſt⸗ linge oder müßige Diener ſtolzer Edelleute, welche nicht ſelten die harmloſen Vorübergehenden neckten, weil ſie darauf rechnen konnten, durch die Gunſt, die ihre Herrn bei Hofe genoſſen, ungeſtraft zu bleiben. Es mochte Beſorgniß eines Zufalls dieſer Art ſeyn, daß Conachar zu dem Handſchuhmacher trat, und ſagte: —„Meiſter Glover, lauft etwas ſchneller; wir werden verfolgt.“ „Verfolgt, ſagſt du? Von wem? und warum?“ „Von einem in ſeinen Mantel gehüllten Manne, der uns folgt, wie unſer Schatten.“ „In der CEurfewſtraße werde ich weder langſamer noch geſchwinder gehen, es mag kommen, was will.“ „Aber er hat Waffen bei ſich.“ „Das haben wir ebenfalls, und Arme und Hände, Beine und Füße. Wie? Conachar, fürchteſt du dich vor einem einzelnen Manne?“ „Fürchten!“ wiederholte Conachar, über dieſen Ver⸗ dacht ergrimmt;„Ihr ſollt bald ſehen, ob ich mich fürchte.“ „Da biſt du ſchon wieder oben draußen, junger Brau⸗ ſewind, nie weißt du die rechte Mitte zu halten. Weil wir nicht rennen mögen, brauchen wir uns keine Schlägerei zuzuziehen. Gehe mit Katharina voran, ich will deinen Platz einnehmen; wir können keine Gefahr laufen, wenn wir ſo nahe an unſerm Hauſe ſind.“ 46 Der Handſchuhmacher bildete alſo den Nachtrab, und bemerkte wirklich einen Mann, der ihnen nahe genug folgte, um, in Betracht der Stunde und des Orts, einigen Verdacht zu erregen. Wenn ſie guer über die Straße giengen, that der Fremde daſſelbe, und be⸗ ſchleunigten oder hemmten ſie ihre Schritte, ſo erman⸗ gelte er nicht, es ebenſo zu machen. Dieſer Umſtand hätte Glover'n ſehr unbedeutend geſchienen, wenn er allein geweſen wäre; aber die Schönheit ſeiner Tochter konnte ſie zum Gegenſtand verbrecheriſcher Abſichten machen, zumal in einem Lande, wo die Geſetze ſolchen, die ſich nicht ſelbſt vertheidigen konnten, nur ſchwachen Schutz gewährte. Indeſſen gelangte Conachar mit ſei⸗ ner ſchönen Begleiterin an die Hausthüre, die ihnen durch eine alte Magd aufgeſchloſſen wurde, und nun war der Haudſchuhmacher aller Sorgen enthoben. Um ſich jedoch, wenn es möglich wäre, zu verſichern, ob er wirklich Grund gehabt habe, Beſorgniſſe zu hegen, rief er mit lauter Stimme demjenigen zu, deſſen Be⸗ wegungen ihn in Unruhe geſetzt hatten, und der ſtehen blieb, ob er gleich, wie es ſchien, ſich im Schatten zu halten ſuchte.„Hurtig, komm heran, Freund, und ſpiele nicht Verſteckens. Weißt du nicht, daß die, ſo im Finſtern wandeln, wie Geſpenſter, leicht eine höl⸗ zerne Suppe zu koſten bekommen können? Heran, ſage ich, und laß uns deine Geſtalt ſehen!“ 3 „Recht gerne, Meiſter Glover,“ ſagte eine unge⸗ wöhnlich ſtarke Stimme;„ich bin gerne bereit, Euch .47 meine Geſtalt zu zeigen, nur wünſchte ich, ſie möchte das Licht beſſer vertragen können.“ „Bei meiner Seele, ich kenne dieſe Stimme!“ rief Simon.„Biſt denn du es, biſt du's wirklich, Heinrich Gow? Meiner Treu! du ſollſt an meiner Thüre nicht vorübergehen, ohne deine Lippen zu netzen. Die Feyer⸗ glocke*) hat noch nicht geläutet, und wenn auch, ſo wäre das kein Grund, warum Vater und Sohn ſich trennen ſollten. Tritt herein, Herzensjunge, Dorothee bringt uns einen Imbiß, und wir leeren eine Kanne, ehe du uns verläßt. Komm herein, ſage ich, meine Tochter Kate wird erfreut ſeyn, dich zu ſehen.“ Während dem hieß er den, mit dem er ſo herzlich ſprach, in eine Küche treten, die, wenn nicht außer⸗ ordentliche Fälle eintraten, zugleich als Speiſezimmer diente. Das Geräthe derſelben beſtand aus zinnernen Tellern, nebſt einigen ſilbernen Bechern, di ui zier⸗ a4.) er Ordnung auf Brettern umhergeſtellt waren. Ein luſtiges Feuer, von einer Lampe unterſtützt, ver⸗ * Wilhelm der Eroberer befahl, nachdem er England unterworfen hatte, aus Furcht vor naͤchtlicher Zu⸗ ſammenrottung und Empoͤrung, es ſollte jeden Abend zu einer gewiſſen Stunde, die ſich nach der Jahrszeit aͤnderte, eine Glocke gelaͤutet werden, worauf jeder Feuer und Licht loͤſchen mußte. Dieß nannte man cur few, ein aus dem franzoͤſiſchen couvrefeu verdorbenes Wort. Anm. d. Ueberſ. breitete große Helle im Zimmer, und verlieh dieſem ein freundliches Ausſehen, und der Duft, den die Zurü⸗ ſtungen zum Mahle verbreiteten, beleidigte den Ge⸗ ruch derjenigen keineswegs, deren Eßluſt bald dadurch befriedigt werden ſollte. 8* Der ſo eben eingetretene Fremde ließ ſich von ihnen muſtern, und wenn er auch gerade kein ſchönes, ein⸗ nehmendes Geſicht hatte, ſo verdiente ſein Wuchs und ſeine Geſtalt nicht blos die Aufmerkſamkeit, ſondern ſchien ſie auch zu fordern. Er war etwas über die mittlere Größe, aber die Breite ſeiner Schultern, die Länge ſeiner nervigten Arme, die ſtark ausgedrückten Muskeln aller ſeiner Glieder verriethen einen ungewöhn⸗ lichen Grad von Stärke, und einen Körper, deſſen Kraft durch beſtändige Uebung erhalten war. Seine Beine waren etwas gebogen, jedoch auf eine Art, die nichts 2 driges hatte, und mit der Stärke ſeiner Glieder ſogar im Einklange zu ſtehen ſchien, ob ſee gleich ihrem Ebenmaaße bis auf einen gewiſſen Grad Eintrag thaten. Er trug einen Koller von Büffelleder, und einen Gürtel, an welchem ein Schwert und ein Dolch befeſtigt waren, gleichſam zum Schutz der Börſe, die, der unter dem Bürgerſtande üblichen Sitte ge⸗ mäß gleichfalls an demſelben hieng. Seine ſchwarzen, krauſen Haare waren kurz verſchnitten, der Kopf rund und wohlgebildet. In ſeinen ſchwarzen Augen las man Muth und Entſchloſſeuheit, allein ſonſt ſchienen ſeine Züge eine mit Schüchternheit geſpannte gute Laune 49 auszudrücken, und verkündigten ſichtbar ſeine Freude, mit ſeinen alten Freunden ſich wieder zuſammenzufinden. Abgeſehen von dem augenblicklichen Ausdrucke der Schüch⸗ ternheit, war die Stirne Heinrich Gow's oder Smith's, — den man nannte ihn ohne Unterſchied bei dem ei⸗ nen oder dem andern dieſer Namen, welche beide ſein Handwerk, das eines Schmids, bez zeichneten,— offen und voll Adel; allein der untere Theil ſeines Geſich⸗ tes war weniger glücklich gebildet. Sein Mund war groß, und mit ſchönen Zähnen beſetzt, deren Breite dem kräftigen, geſunden Ausſehen entſprach, das ſein gan⸗ zes Aeußere verrieth. Ein kurzer, dichter Bart, und ein friſch und ſorgfältig geſtutzter Knebelbart vollende⸗ ten ſein Gemälde. Er konnte nicht über fünf und zwanzig Jahre alt ſeyn. Die ganze Familie ſchien gleich erfreuk, einen alten Freund unverhofft wieder zu ſehen. Simon Glover ſchüttelte ihm mehrmals die Hand, Dorothee machte. ihm ihre Verbeugung und Katharina reichte ihm von ſelbſt die Hand. Heinrich ergriff ſie mit der ſeinigen, als hätte er die Abſicht gehabt, ſie an ſeine Lippen zu führen; allein auf den Wangen des ſchönen Mädchens von Perth wurde ein Lächeln und ein Erröthen ſichtbar, das die Verwirrung des jungen Mannes noch zu erxhöhen ſchien. Simon, als er ſeinen Preund⸗ zögern ſah, rief mit einem Tone offener Fröhlichkeit: „Auf die Lippen, Herzensjunge, aufe die Lippen! Das würde ich nicht zu jedem ſagen, der über meine Thür⸗ ſchwelle tritt; allein beim heil. Valentin! deſſen Feſtag Walter Scott's Werke. 1518 Boͤchen. 4 50 morgen iſt, ich bin ſo entzückt, dich in unſrer guken Stadt Perth wieder zu ſehen, daß ich nichts zu ſagen weiß, was ich dir abſchlagen könnte.“ Gow, Smith, der Schmied, denn dieſe drei Namen wurden ihm gegeben, und bezeichneten, wie wir bereits bemerkt haben, ſein Handwerk,— fand ſich dadurch ermuthigt und drückte einen beſcheidenen Kuß auf Ka⸗ tharinas Lippen, die ſie ihm mit einem freundlichen Lächeln, wie eine Schweſter, darbot, und dann hinzu⸗ ſetzte:—„»Erlaubt mir, zu hoffen, daß ich einen Reui⸗ gen, Gebeßerten in Perth wiederſehe.“ Heinrich reichte ihr die Hand, als wollte er ihr ant⸗ worten, ließ ſie aber plötzlich wieder fahren, wie Einer, der im Augenblick, wo es gilt, den Muth verliert, trat, als wäre er über die Freiheit, die er ſich genom⸗ men hatte, erſchrocken, zurück, indem ſeine gebräunten Wangen vor Freude und Schüchternheit errötheten, und nahm der Seite gegenüber, wo ſich Catharina befand, am Feuer Platz. „Hurtig, Dorothee!“ rief Simon;„ſpute dich, Alte! Das Eſſen.... Und Conachar!... wo iſt Conachar 2 „Er iſt ſchlafen gegangen, weil ihn der Kopf ſchmerzt,“ ſagte Katharina zögernd. „Geh, ruf ihn, Dorothee,“ erwiederte Glover;„ich duld' es nicht, daß er ſich ſo aufführt. Sein Hochlän⸗ der Blut iſt ohne Zweifel zu vornehm, das Tiſchtuch aufzulegen, die Teller herumzugeben; und er will in die alte, ehrſame Zunft der Handſchuhmachermeiſter tre⸗ ten, ohne alle Pflichten des Lehrburſchen erfüllt zu ha⸗ 541 ben?— Geh, ruf ihn, ſag ich; ich will nicht ſo ver⸗ nachläßigt ſeyn.“ Bald darauf hörte man Dorothee die Treppe oder vielmehr die Leiter hinauf, welche zum Boden führte, der dem freiwilligen Lehrlinge zur Schlafſtätte diente und wohin er ſich ungewöhnlich frühe zurückgezogen hatte, nach dieſem rufen. Conachar antwortete murrend und erſchien bald darauf wieder in der Küche, die als Speiſezimmer diente. Auf ſeinen ſtolzen, aber ſchönen Zügen lag eine düſtre Wolke der Unzufriedenheit, und während er ein Tuch über den Tiſch breitete und die Teller, Salz, Pfeffer und anderes Zugehör aufſetzte, mit einem Wort, die Pllich⸗ ten eines heutigen Bedienten erfüllte, die nach der Sitte der Zeit jedem Lehrlinge oblagen, war er über die knech⸗ tiſchen Dienſte, die er zu verrichten hatte, ſichtbar auf⸗ gebracht und erbittert. Das ſchöne Mädchen von Perth betrachtete ihn nicht ohne Unruhe, als fürchtete ſie, ſeine ſichtbare üble Laune möchte die Unzufriedenheit ſei⸗ nes Meiſters erhöhen, und erſt, nachdem Conarchas Au⸗ gen Katharina's Blick zum zweitenmale begegnet waren, konnte er es über ſich erhalten, ſeinen Widerwillen et⸗ etwas zu verbergen und däs Befohlene mit größerem Anſcheine von Unterwürfigkeit und gutem Willen zu vollziehen. Und hier müſſen wir unſern Leſern die Mittheilung machen, daß, wenn auch die zwiſchen Katharina Glo⸗ der und dem jungen Hochländer gewechſelten Blicke ver⸗ riethen, daß ſie an dem Lehrlinge einigen Antheil nehme, doch der aufmerkſamſte Beobachter in Verlegenheit ge⸗ 4 9 52² weſen wäre, wenn er hätte entdecken ſollen, ob ihr Ge⸗ fühl ſtärker war, als dasjenige, das bei einem Mäd⸗ chen, gegenüber von einem jungen Menſchen ihres Al⸗ ters, mit dem ſie unter einem Dache wohnt und an deſſen Umgang ſie gewöhnt iſt, natürlich erſcheint. „Du biſt lange ausgeweſen, mein Sohn Heinrich 71 ſagte Glover, der ihn immer ſo genannt hatte, ob er gleich in gar keinem Verwandtſchafts⸗Verhältniß zu dem jungen Künſtler ſtund;„du haſt viele andere Flüſſe geſehen, als den Tay, und viele andere Städte, als St. Johns⸗toun.*) „Aber doch habe ich keine Stadt und keinen Fluß ge⸗ ſehen, die mir nur halb ſo wohl gefallen, und dieß auch nur halb ſo wohl verdient hätten,“ entgegnete Smith; „ich verſichere Euch, mein Vater, als ich über die Wicks von Beglie ging und unſre ſchöne Stadt vor meinen Blicken ſich ausbreiten ſah, wie die Feen⸗Königin in einem Mährchen, wenn der Ritter ſie auf einem Lager wilder Blumen eingeſchlummert findet— da war mir's wie dem Vogel, der die ermatteten Flügel ſinken läßt, wenn er ſich auf ſein Neſt niederſenkt.“ „Ah! du haſt alſo die dichteriſchen Redensarten noch *) Perth hieß auch Johns⸗toun. Nach ihrer Bekeh⸗ rung zum Chriſtenthume bauten die Pikten hier eine Kirche die ſie dem heilg. Johann weihten. Daher erhielt die Stadt den Namen St. Johns⸗ toun, d. h. Stadt des heil. Johannes. A. d. U. 53 nicht ganz abgelegt? Wie! werden wir noch Balladen und luſtige Weihnachts⸗Lieder zu hören bekommen? „Es wäre nicht unmöglich, mein Vater, wenn ſchon das Blaſen der Bälge und die Schläge der Hämmer auf den Amboß keine gar paſſende Begleitung für die Lieder des Minſtrels ſind; doch das läßt ſich nun einmal nicht ändern, wenn ich auch ſchlechte Verſe mache, ſo will ich doch ſonſt mein Glück verſuchen.“ „Gut geſagt, mein Sohn; man könnte ſich nicht beſſer ausdrücken.— Und ohne Zweifel war deine Reiſe ein⸗ träglich?“ „Sehr vortheilhaft. Das ſtählerne Panzerhemd wißt Ihr, habe ich an einen Engländer, Sir Magnus Red⸗ man um 400 Mark verkauft. Wir ſind übereingekom⸗ men, daß er es durch einen ſtarken Hieb verſuchen ſollte, worauf er mir keinen Deut an der Kaufſumme abge⸗ brochen hat, während der Bettler und Räuber von Hoch⸗ länder, der es beſtellt hatte, die Hälfte davon abdingen wollte und ich hatte doch ein Jahr daran zu arbeiten!“ „Nun, was haſt du denn, Conachar?“ ſchaltete Si⸗ mon, zu ſeinem Lehrlinge gewendet, ein.„Wirſt du nie lernen, zu thun was man dich heißt, ohne auf das zu achten, was um dich bervorgeht? Was geht's dich an, wenn ein Engländer das wohlfeil findet, was einem Schotten theuer vorkommen mag? Conachar wandte ſich gegen ihn, um ihm zu antwor⸗ ken; nach kurzem Beſinnen aber ſchlug er die Augen nieder, und ſuchte die Ruhe wieder zu gewinnen, welche die verächtliche Weiſe, mit der Smith von ſeinen Kun⸗ 54 den aus dem Hochlande geſprochen, geſtört hatte. Oh⸗ ne auf den Lehrling zu achten, fuhr Heinrich fort:— „Auch habe ich einige Säbel und kurze Schwerdter während meines Aufenthalts in Edinburg gut, verkauft. Man verſieht ſich dort eines Krieges und wenn es Gottes Wille iſt, denſelben ausbrechen zu laſſen, ſo werden meine Waaren theuer weggehen, Dank dem heil. Dunſtan, der zu unſerer Zunft gehörte.*) Mit einem Wort,“ ſetzte er die Hand auf ſeine Börſe le⸗ gend, hinzu,„dieſer Säckel war dünn und mager, als ich vor vier Monaten von hier wegging und iſt jetzt rund und feiſt wie ein ſechswöchiges Spanferkel.“ „Und der andre Schelm da mit dem eiſernen Griff und lederner Scheide, der daneben hängt, hat der dieſe ganze Zeit über nichts zu thun gehabt? Geſchwind, Smith, geſtehe die Wahrheit, wie oft haſt du Hän⸗ del gehabt, ſeit du über den Tay zogſt. „Ihr thut mir Unrecht, Vater,“ erwiederte Smith, mit einem verſtohlenen Blick auf Katharinen,„daß Ihr eine ſolche Frage an mich macht und vornehmlich in Gegenwart Eurer Tochter. Es iſt wahr, daß ich Sä⸗ bel fertige, aber ich überlaſſe Andern das Geſchäft, ſie zu handhaben. Nein, nein, es trifft ſich höchſt ſel⸗ *) Dieſer Heilige empfing, wie die Chroniken melden, in ſeiner Werkſtaͤtte einen Beſuch vom Teufel, und da er gerade eine rothgluͤhende Zange in Haͤnden hatte, pakte er damit den Verſucher an der Naſe, daß dieſer ſich heulend davon machte. Der Herausgeber. 55⁵ ten, daß ich eine bloße Klinge in die Hand bekomme, außer um ſie zu poliren und zu ſchleifen. Und doch haben Läſterzungen mich verläumdet und Katharine'n glauben gemacht, der friedliebendſte Bürger von Perth ſey ein Händelſüchtiger Prahler. Ich wollte nur, daß der wackerſte von jenen oben auf dem Kinnoul ſo zu ſpre⸗ chen wagte, und ich ihm Aug' in Auge gegenüber ſtünde l „Ja, ja,“ ſagte Glover lachend„da würden wir eine ſchöne Probe von deinem geduldigen, friedfertigen Tem⸗ perament erhalten. Pfui, Heinrich! wie kannſt du ei⸗ nem Manne, der dich ſo gut kennt!, ſolche Dinge vor⸗ ſchwatzen? Du betrachteſt Kate, als wüßte ſie nicht, daß in dieſem Lande der Mann eine ſtarke Fauſt nö⸗ thig hat, wenn er ſein Haupt ruhig ſchlafen legen will. Geſchwind, geſchwind, geſtehe nur, daß du ebenſoviel Rüſtungen zu Schanden gehauen, als du dieſer gefer⸗ tigt haſt.“ „Meiner Treu! Vater Simon, das wäre mir ein ſchlechter Waffenſchmied, der nicht durch etliche gut ge⸗ führte Hiebe von ſeiner Geſchicklichkeit Zeugniß zu ge⸗ ben vermöchte. Würde ich nicht von Zeit zu Zeit ei⸗ nen Helm ſpalten, oder die Blöße eines Panzers auffin⸗ den, ſo wüßt ich nicht, welchen Grad von Stärke ich den Rüſtungen, die ich fertige, zu geben habe, und würde Flick⸗Arbeit liefern, wie ſie die Schmiede in Edinburg in die Welt zu ſetzen ſich nicht ſchämen.“ „Ah! ich wollte eine goldne Krone wetten, daß du deswegen mit einem Waffenſchmied in Edinburg Händel bekommen haſt.“ 3 * 56 „Händel!— nein, Vater, aber ich geſtehe, daß ich mit einem von ihnen auf dem St. Leonhards⸗Berg für die Ehre unſrer guten Stadt meine Klinge gemeſſen habe. Ihr könnt gewiß nicht glauben, daß ich mit ei⸗ nem Zunftgenoſſen in Händel gerathen wolle.“ „Gewißlich nicht.— Doch, wie iſt dein Zunftgenoſſe davon gekommen. „Wie Einer, der nichts auf der Bruſt hat, als ein Blatt Papier, einem Lanzenſtich entkäme, oder beſſer geſagt, er iſt gar nicht davon gekommen, denn als ich wegging, lag er noch in der Hütte des Einſiedlers, wo er täglich ſein Ende erwartete, und Pater Gervaſius ſagte mir, er bereite ſich als ein guter Chriſt darauf vor.“ „Und haſt du deine Klinge noch mit ſonſt Jemand gemeſſen?“ „Die Wahrheit zu ſagen, ſo habe ich mich mit ei⸗ nem Engländer in Berwick geſchlagen, wegen des alten Streits über die Obergewalt*), wie ſie es nennen. Ich bin überzeugt, Ihr hättet es nicht gerne geſehen, wenn ich dieſe Sache nicht verfochten hätte, nnd ich hatte das Glück, ihn am linken Kniee zu verwunden.“ „Bravo! beim heilg. Andreas!— Und an wen kam die Reihe dann?“ fragte Simon, über die Heldentha⸗ ten ſeines friedliebenden Freundes lachend. *) Die Oberlehens⸗Herrſchaft, die ſich England ſeit Robert Bruce uͤber Schottland anmaßte. A. d. Ueberſ. 57 „Im Torwood habe ich mit einem Schotten gefoch⸗ ten, weil wir im Streit lagen, wer von uns am beſten den Degen führe. Ihr werdet einſehen, daß dieß nur dadurch entſchieden werden konnte, daß wir unſre Ge⸗ ſchicklichkeit gegen einander erprobten. Es hat den ar⸗ men Teufel zwei Finger gekoſtet.“ „Genug für den friedſamſten Bürger in Perth, der keine Klinge anrührt, als um ſie zu poliren. Haſt du uns noch Weiteres zu erzählen?“ „Beinahe nichts; denn es iſt wohl kaum der Mühe werth, der Züchtigung zu gedenken, die ich einem Hoch⸗ länden angedeihen ließ.“ „Und warum ließt du ſie ihm angedeihen, du Mann des Friedens?“ „Das wüßte ich nicht zu ſagen, außer etwa, weil ich ihn ſüdlich von der Brücke von Stirling traf.“ „Nun denn, ſo will ich auf deine Geſundheit trin⸗ ken,— dich willkommen heißen in meinem Hauſe nach ſolchen Heldenthaten. Auf, Conachar! ſpute dich, Junge, reich' uns zu trinken, und nimm dir ſelbſt auch einen Becher von dieſem guten Waizenbiere.“ Conachar füllte zwei Becher und reichte ſie mit gezie⸗ mendem Reſpekt ſeinem Meiſter und Catharine'n, dann ſtellte er den Krug auf den Tiſch und ſetzte ſich nieder. „Wie? Burſche!“ ſchrie Glover;„was iſt das für ein Betragen? Reich' auch meinem Gaſt, dem ehren⸗ werthen Meiſter Heinrich Smith einen Becher.“ „Meiſter Smith mag ſich ſelbſt nehmen, wenn er Luſt hat, zu trinken;“ war die Antwort des jungen 58 Celten.„Der Sohn meines Vaters hat ſich ſchon ge⸗ nug herabgegeben für einen Abend.“ „Für einen jungen Hahn iſt deine Stimme ziemlich hoch,“ ſagte Heinrich;„doch im Grund haſt du recht, Burſche: wer einen Mundſchenken zum Trinken braucht, der iſt werth, daß er verdurſte.“ Der alte Simon zeigte nicht ſo viel Geduld bei dem Ungehorſam ſeines Lehrlings. „Auf mein Wort!“ rief er,„und bei dem beſten Paar Handſchuhe, das ich je gefertigt, du reichſt ihm einen Becher von dieſem Waizenbier, wenn du willſt, daß du und ich dieſe Nacht unter einem Dache ſchlafen.“ Auf dieſe Drohung erhob ſich Conachar mit finſterer Miene, näherte ſich Smith, der bereits einen Becher in der Hand hatte, und füllte dieſen; allein während Heinrich den Arm hob, um ihn an den Mund zu füh⸗ ren, that er ſcheinbar einen falſchen Tritt und ſtieß an dieſen, ſo daß das ſchäumende Naß ſich über die Kleider des Waffenſchmieds ergoß. Ungeachtet ſeines kampfluſtigen Weſens war Smith wirklich gutmüthiger Art, allein über ſolcher Herausforderung verlor er die Geduld; ergriff den jungen Menſchen an der Kehle, die ihm zuerſt unter die Hande kam, ſchnürte dieſe zuſammen, um Conachar zurückzudringen, und rief: hätteſt du mir an einem andern Orte ſolchen Streich geſpielt, Schurke, ich hätte dir beide Ohren abgeſchnit⸗ ten, wie ich ſchon mehr als einem Hochländer deines Stammes gethan! Mit der Schnelligkeit eines Tigers erhob ſich Cona⸗ .59 char, und mit dem Rufe:„deſſen ſollſt du dich nicht zum zweitenmale rühmen!“ zog er ein kleines, ſcharf geſchiffenes Meſſer aus dem Buſen, ſtürzte auf Hein⸗ rich Smith los, und ſuchte es ihm über dem Schlüſ⸗ ſelbeine in den Hals zu ſtoßen, wodurch er ihn tödt⸗ lich verwundet hätte. Allein ſein Gegner wußte ihm mit ſolcher Gewandtheit in den Arm zu fallen, daß die Spitze des Meſſers ihm blos die Haut ſtreifte, und etwas weniges Blut floß. Den Arm des Lehrjun⸗ gen mit der einen Hand ſo feſt wie mit einer Zange haltend, entwaffnete er ihn in einem Angenblicke. Co⸗ nachar, als er ſich in der Gewalt ſeines furchtbaren Gegners ſah, fühlte Todtes läſſe die Röthe verdrängen, mit welcher der Zorn ſeine Wangen gefärbt hatte und blieb ſtumm vor Schaam und Furcht. Endlich ließ Smith ſeinen Arm los und ſagte mit der größten Ruhe:—„Es iſt ein Glück für dich, daß ich dich meines Zorns nicht werth finde. Du biſt nur ein Kind, ich— ein Mann, ich hätte nichts ſagen ſollen, was jenes reizen konnte; doch laß dir das zur Warnung dienen.“ Conachar ſah einen Augenblick aus, als wollte er ihm antworten, allein plötzlich verließ er das Zimmer, ehe ſich Simon ſo weit von. ſeiner Beſtürzung erholt hatte, daß er ſprechen konnte. Dorothee ſuchte über⸗ all nach Heilkräutern und Salben; Katharina war, als ſie Blut fließen ſah, in Ohnmacht geſunken. „Erlaubt mir, daß ich gehe, Vater Simon,“ ſagte Heinrich mit traurigem Tone;„ich hätte ahnen ſollen, ——õ 60 daß mein alter Unſtern mich hieher verfolgt habe und ich einen Auftritt blutigen Zwiſts an einem Orte ver⸗ anlaſſen würde, wo Glück und Friede mit mir einkeh⸗ ren ſollten.— Kümmert Euch durchaus nicht um mich, und tragt nur Sorge für Katharine'n. Der Anblick deſſelben, was ſo eben vorgegangen, hat ſie getödtet, und das Alles durch meine Schuld!“* „Deine Schuld, mein Sohn!— nein, der mörde⸗ riſche Hochtänder iſt daran ſchuld. Es ruht ein Fluch auf meinem Hauſe, ſeit er hier iſt, aber er ſoll mor⸗ gen früh in ſeine Berge zurück, oder er macht Be⸗ kanntſchaft mit dem Stadtgefängniß! Einen Mordan⸗ griff auf den Gaſt ſeines Meiſters machen, und noch dazu im Hauſe ſeines Meiſters! Das zerreißt alle Bande zwiſchen uns.— Zeig mir deine Wunde.“*. „Katharina!“ wiederholte Heinrich;„denkt au Ka⸗ tharine'n.“ „Dafür wird Dorothee ſorgen.— Beſtürzung und Schrecken tödten nicht; Dolche und Meſſer ſind viel gefährlicher. Ueberdieß, wenn ſie meine Tochter durch Blutsverwandtſchaft iſt, ſo biſt du mein Sohn durch Liebe, mein guter Heinrich.— Laß mich deine Wunde ſehen; das Meſſer iſt eine gefährliche Waffe in der Hand eines Hochländers.“ „Ich achte es ſo wenig, als wenn mich eine wilde Katze geritzt hätte; doch— da ich Katharinens Wan⸗ gen wieder Farbe gewinnen ſehe, ſo könnt Ihr euch überzeugen, daß es nicht der Rede werth iſt.“ Mit dieſen Worten trat er vor einen kleinen Spie⸗ 61 gel, der in einem Winkel an der Wand hing, zog Char⸗ pie aus der Taſche, um ſie auf die leichte Wunde, die er empfangen hatte, zu legen, und ſchlug den ledernen Koller von Hals und Schultern zurück. Seine männ⸗ lichen Formen traten nicht ſo auffallend heryor, als die Weiße ſeiner Haut an denjenigen Theilen ſeines Körpers, die nicht wie ſeine Hände und ſein Geſicht dem Wechſel der Luft und den Folgen ſeines anſtrengen⸗ den Handwerkes ausgeſetzt geweſen waren. Schnell be⸗ diente er ſich der Charpie, um das Blut zu ſtillen, und nachdem er mit etwas friſchem Waſſer alle Spu⸗ ren, die jenes zurückgelaſſen, vertilgt hatteg knöpfte er ſeinen Koller wieder zu und wandte ſich zu Katha⸗ rine’n, die, wenn gleich noch bleich und zitternd, ſich doch von ihrer Ohnmacht wieder erholt hatte. „Werdet Ihr mir verzeihen,“ ſprach er,„daß ich Euch gerade im Augenblick meiner Rückkunft beleidigt habe? Der junge Menſch war thöricht genug, mich heraus⸗ zufordern, und ich, mich von einem ſolchen Gelbſchna⸗ bel aufbringen zu laſſen. Euer Vater iſt nicht böſe auf mich, Katharina, und Ihr könnt mir nicht verzeihen?“ „Ich habe nichts zu verzeihen, erwiederte Katharina, „wo ich nicht das Recht habe, beleidigt zu ſeyn. Wenn mein Vater für gut findet, ſein Haus zum Schauplatz nächtlicher Schlägereien werden zu laſſen, ſo muß ich ſie wohl mit anſehen, ohne ſie hindern zu können. Es war vielleicht nicht recht von mir, daß ich durch meine Ohnmacht die Fortſetzung des ſchönen Kampfes ſtörte; meine einzige Entſchuldigung iſt, daß ich kein Blut ſehen kann.“ 62 „Und ſo empfängſt du meinen Freund nach ſo langer Abweſenheit?“ fragte ſie ihr Vater.„Mein Freund, mein Sohn wollt' ich ſagen, iſt von einem tollen Bur⸗ ſchen, denn ich morgen aus dem Hauſe ſchaffen werde, beinahe ermordet worden, und du behandelſt ihn, als hätte er Unrecht daran gethan, die Schlange wegzu⸗ ſchleudern, die ihn vergiften wollte 1 „Es ſteht mir nicht zu, mein Vater,“ antwortete das ſchöne Mädchen von Perth,„zu entſcheiden, wer bei dem ſo eben ſtatt gehabten Streite Recht oder Un⸗ recht hatte; ich habe nicht einmal deutlich genug geſe⸗ hen, was vorfiel, um angeben zu können, wer der an⸗ greifende Theil war, und wer ſich blos vertheidigte. Aber gewiß wird unſer Freund, Meiſter Heinrich nicht läug⸗ nen, daß er in einem beſtändigen Dunſtkreis von Hän⸗ deln und blutigem Zwiſte lebt. Hört er jemand wegen der Geſchicklichkeit rühmen, mit der er das Schwerdt führe, ſo wird er eiferſüchtig auf ſeinen Ruhm, und er muß ſich mit ihm meſſen. Iſt er Zeuge von Händeln, ſo ſtürzt er ſich mitten darein; hat er Freunde, ſo ſchlägt er ſich mit ihnen der bloßen Ehre willen, hat er Feinde, ſo greift er ſie aus Haß und Rachſucht an, und an ſolche, die weder ſeine Freunde noch ſeine Feinde ſind, macht er ſich, weil er ſie nördlich oder ſüdlich von einem Fluſſe trifft. Den Tag über liegt er beſtändig im Streite und ohne Zweifel ſchlägt er ſich Nachts im Traume.“ „Dein Zunge, Mädchen!“ ſagte Simon,„nimmt ſich allzugroße Freiheit. Händel und Kämpfe ſind die Sache der Männer, unicht der Weiber, und es ſchickt ſich für 63 ein Mädchen nicht davon zu reden, nicht einmal daran zu denken.“ „Allein wenn man ſich erlaubt, ſie in unſrer Gegen⸗ wart aufzuführen, mein Vater, ſo iſt es doch ein we⸗ nig hart, uns zu verbieten, davon zu reden und daran zu denken. Ich gebe euch zu; daß dieſer tapfere Bür⸗ ger von Perth eines der beſten Herzen hat, die man in der ganzen Stadt finden kann,— daß er lieber 300 Schritte aus dem Wege ginge als einen Käfer zerträte, daß er eben ſo gut eine Spinne ſchonte, als ſtammte er von König Robert, ſeligen Andenkens;*) daß er bei ſeinem letzten Streit vor ſeiner Abreiſe ſich mit vier Fleiſchern ſchlug, um ſie zu hindern einen armen Hetz⸗ hund todt zu ſchlagen, der ſich bei einem Stiergefecht nicht gut gehalten hatte, und daß er kaum dem Schick⸗ ſale entging, das ſein Schützling hatte. Ich gebe auch zu, daß der Arme niemals an der Thüre des reichen Waffenſchmieds vorübergeht, ohne Speiſe und Almoſen zu empfangen. Aber was nützt ſeine Mildthätigkeit, wenn ſein Arm ebenſoviel Wittwen und Waiſen zu Thrä⸗ nen und Dürftigkeit verurtheilt, als ſein Beutel unter⸗ ſtützt?“ „Höre nur ein einziges Wort, Katharina, ehe du fortfährſt, meinen Freund mit einer Litanei von Vor⸗ e) Anſpielung auf die Schonung, mit der Robert Bruce die Spinnen behandelte, ſeit er in dem Gewebe eines dieſer Inſekten das prophetiſche Sinnbild ſei⸗ nes Triumphes gefunden hatte. D. Herausg. 64. würfen zu quälen, die zwar einen Anſchein von Rich tigkeit haben, im Grunde aber mit Allem dem, was wir ſehen und hoͤren, ſich nicht zuſammenreimen. Wel⸗ chem Schauſpiele eilt unſer König mit ſeinem ganzen Hof, unſre Edeln, Damen, Aebte, Mönche und Prie⸗ ſter am gernſten zu? Iſt es nicht ein Turnier, ein Rit⸗ terſpiel? Und thun ſie es nicht, um die Heldenthaten zu ſchauen, die die tapfern Ritter im blutigen Kampf⸗ ſpiel mit den Waffen vollführen? Wodurch aber unter⸗ ſcheiden ſich die Thaten dieſer edlen Ritter von demje⸗ nigen, was unſer Heinrich Gow in ſeinem Kreiſe thut? Wer hat jemals ſagen hören, daß er ſeine Stärke und Geſchicklichkeit mißbraucht habe, um Uebles zu thun, oder Unterdrückung zu begünſtigen, und wer weiß es nicht, wie oft er ſich ihrer zur Unterſtützung der guten Sache in unſrer Stadt bediente? Sollteſt nicht du, vor allen andern Frauen der Stadt, dir eine Ehre dar⸗ aus machen, daß ein Mann, der ein ſo gutes Herz und einen ſo kräftigen Arm beſitzt, ſich für deinen Verlobten erklärt hat? Auf was thun ſich denn die ſtolzeſten Damen mehr zu gut, als auf die Tapferkeit ihres Liebhabers? Und hat der kühnſte Ritter in Schott⸗ land ausgezeichnetere Thaten vollbracht, als mein wa⸗ ckerer Sohn Heinrich, wenn er auch von niedriger Her⸗ kunft iſt? Kennt man ihn nicht im Unterlande wie im Gebirge als den beſten Waffenſchmied, der je ein Schwerdt gefertigt, als den beſten Krieger, der je ei⸗ den Degen aus der Scheide gezogen?? „Ihr ſeit mit Euch ſelbſt im Widerſpruch, mein 65 Vater, wenn Ihr Eurer Tochter erlauben wollt, ſo zu reden. Danken wir Gott und allen Heiligen, daß wir in niederem, friedlichem Stande geboren ſind, der uns der Aufmerkſamkeit derjenigen überhebt, welche hohe Geburt und noch mehr der Stolz, durch Werke blrdürſtiger Grauſamkeit zum Ruhme führt, die die Großen und Mächtigen ritterliche Thaten nennen. Eure Weisheit wird zugeben, daß es ungeräumt von uns wäre, uns mit ihren Federn zu ſchmücken und ihre prächtigen Kleider zu tragen; warum wollen wir alſo die Laſter nachahmen, denen ſie ſich ohne Rückhalt hin⸗ heürn warum wollen wir uns den Stolz ihres ver⸗ härteten Herzens und ihre unmenſchliche Grauſamkeit zu eigen machen, der ein Mord nicht nur Unterhaltung gewährt, ſondern auch, Gegenſtand des eiteln Ruhmes iſt? Die, deren Rang blutige Huldigungen heiſcht, mö⸗ gen Ehre und Genuß darin finden, aber wir, die wir nicht zu jenen gehören, können nichts beſſeres thun, als die Leiden der Opfer, welche jenen fallen, bekla⸗ en. Danken wir dem Himmel, daß er uns in niedrige age verſetzte, weil wir dadurch der Verſuchung über⸗ hoben ſind.— Doch verzeiht mir, mein Vater, wenn ich die Gränzen meiner Pflicht überſchritten habe, indem ich die Anſichten beſtritt, die Ihr über dieſen Gegenſtand hegt, und die Ihr mit ſo vielen Andern gemeint habt. „Meiner Treu'! Katharina, deine Zunge iſt mir et⸗ was gar zu geläufig,“ ſagte ihr Vater nicht ohne Laune. „Ich bin nur ein armer Handwerksmann, und mein beſtes Wiſſen iſt das, den Handſchuh der Rechten von dem der Linken zu unterſcheiden. Allein wenn du willſt, daß ich dir verzeihen ſoll, ſo ſage meinem armen Heinrich einige Worte des Troſtes. Du ſiehſt, er iſt verwirrt und aus der Faſſung, über deiner Predigt, die du da gehalten, und er, dem das Schmettern der Trompete als Einladung zu einem Feſtmahl gilt, läßt jetzt die Walter Scott's Werke. 15318 Bochen. 5 66 Ohren ſinken, da er die Pfeife eines Kindes vernom⸗ en.“ Wirklich hatte Heinrich Smith, als er die Stimme, die ihm ſo theuer war, ſeinen Charakter mit ſo un⸗ günſtigen Zügen ſchildern hörte, den Kopf auf ſeine gekreuzten Arme, die auf dem Tiſche lagen, ſinken laſ⸗ ſen, in der Stellung der tiefſten Niedergeſchlagenheit, die nahe an Verzweiflung gränzte. „Gebe der Himmel,“ antwortete Katharina,„daß es in aller Macht ſtünde, Heinrich zu tröſten, ohne die heilige Sache der Wahrheit zu verrathen, der ich vorhin das Wort geredet! Und ich kann, ich muß dieß können“ fuhr ſie in einem Tone fort, der in Verbin⸗ dung mit der vollendeten Schönheit ihre Züge, und der Begeiſterung, mit der ſie ſprach, für Eingebung hätte gelten können. Dann ging ſie in einen noch feier⸗ licheren Ton über, und ſagte:—„Der Himmel wird nie einem Munde, ſo ſchwach er auch ſey, die Wahr⸗ heit anvertrauen, ohne ihm das Recht zu verleihen, Gnade zu verkünden, wenn er das Urtheil bekannt macht. Erhebe dich, Heinrich! erhebe dein Haupt, guter, edler, großmüthiger, wenn gleich verirrter Mann! Deine Feh⸗ ler ſind die dieſer grauſamen, gefühlloſen Zeit, deine Tugenden gehören dir eigenthümlich an.“ Während ſie ſo ſprach, legte ſie eine Hand auf Smith's Arm, und dieſen mit ſanfter Gewalt, der er nicht zu widerſtehen vermochte, unter ſeinem Kopfe wegziehend, zwang ſie ihn, ſie ſeine männlichen Züge und die Thränen ſehen zu laſſen, welche Katharinens Vorwürfe, und andere Empfindungen, die ſich ihm aufdrängten, in ſeine Augen gelockt hatten.—„Weine nicht,“ ſprach ſie,„oder vielmehr, weine, aber wie jene weinen, denen die Hoffnung geblieben. Entſage den Teufeln des Stolzes und Jähzorns, die dich ohne Unterlaß umlagern, und wirf die verruchten Waffen weit von dir, deren unſeliger, mörderiſcher Gebrauch 67 dir eine Verſuchung wird, von der du dich ſo leicht hinreiſſen läſſeſt.“ „Ihr verſchwendet Eure Worte vergebens, Katharina,“ erwiederte Smith.„Ich kann Mönch werden, und mich von der Welt zurückziehen; aber ſo lang' ich in ihr lebe, muß ich mein Handwerk treiben, und ſo lange ich Waffen für Andere bereite, kann ich der Verſuchung nicht widerſtehen, ſie ſelbſt zu gebrauchen. Ihr würdet mir ſolche Vorwürfe nicht machen, wenn Ihr wüßtet, wie die Mittel, durch die ich meinen Unterhalt ge⸗ winne, von dem kriegeriſchen Geiſte unzertrennlich ſind, den Ihr mir zum Verbrechen macht, da er doch aus unvermeidlicher Nothwendigkeit hervorgeht. Während ich dem Schilde oder Panzer die erforderliche Feſtigkeit gebe, daß er den Hieben widerſteht, muß ich da nicht immer darauf denken, wie man dieſe fuhrt, mit wel⸗ cher Gewalt ſie einſchlagen, und wenn ich ein Schwerdt ſchmiede oder härte, iſt mir's da möglich, zu vergeſſen, wozu es beſtimmt iſt 2“ 1 „Nun denn, mein lieber Heinrich,“ rief die Schwär⸗ merin, während ſie mit ihren niedlichen Händen die ſtarke, nervige Fauſt des kräftigen Waffenſchmieds er⸗ griff die ſie nicht ohne Schwierigkeit aufhob, ohne aß Smith ihr Widerſtand entgegenſetzte, ſondern ſie ganz gewähren ließ,—„nun denn, mein lieber Hein⸗ rich, ſo entſagt dem Handwerk, das Euch überall ſolche Schlingen legt. Entſagt der Verfertigung von Waffen, die nur dazu dienen können, das menſchliche Leben zu verkürzen, das an ſich ſchon zu kurz iſt für die Reue, oder um durch ein Gefühl der Sicherheit diejenigen zu ermuthigen, welche ohne dieß die Furcht abhalten konnte, ſich der Gefahr auszuſetzen. Die Kunſt, Waffen zu ſchmieden, ſey's zum Angriff, ſey's zur Vertheidigung, iſt gleich ſtrafbar für einen Mann, deſſen heftiger Cha⸗ ratker in dieſer Arbeit einen Fallſtrick und Gelegenheit zum Sündigen findet. Entſagt alſo ganz der Kunſt, 5* 68 Waffen zu ſchmieden, welcher Gattung ſie auch ſeyn mögen, und verdient Euch die Vergebung des Himmels, indem Ihr Allem abſchwört, was Euch zum Rückfall in Eure Gewohnheitsſünde verleiten kann. „Und womit ſoll ich mein Leben friſten,“ fragte Smith,„wenn ich dem Handwerk entſage, durch das ſich Heinrich von Perth vom Tay bis an die Themſe einen Namen gemacht? „Euer Handwerk bietet Euch Gelegenheit zu löbli⸗ chem, unſchuldigem Geſchäfte,“ entgegnete Catharina. „Wenn Ihr keine Schwerdter und Schilde mehr ſchmie⸗ det, ſo könnt ihr den nützlichen Spaten, die friedliche Pflugſchaar, und die Geräthſchaften fertigen, die des Lebens Unterhalt gewinnen, oder ſeine Reize erhöhen helfen. Ihr könnt Riegel und Schlöſſer ſchmieden, um das Eigenthum des Schwachen gegen die Uebermacht des Stärkern, und gegen die Angriffe der Räuber zu ſchü⸗ tzen. Die Menge wird ſich noch zu Euch drängen, und Euer erhabener Fleiß wird.... Hier wurde Katharina unterbrochen. Ihre Ausfälle gegen Turniere und Ritterſpiele enthielten eine für ih⸗ ren Vater ganz neue Lehre, und doch hatte er ſich da⸗ bei insgeheim geſagt, daß ſie wohl nicht ganz Uurecht haben könnte. Er wünſchte ſogar im Stillen, daß derjenige, der ſein Schwiegerſohn werden ſollte, ſich nicht aus freien Stücken den Gefahren ausſetzen möchte, welchen ſein unternehmender Geiſt und ſeine auſſeror⸗ dentliche Stärke Smith bisher nur allzuleicht hatten entgegen treten laſſen. So weit, hätte er gewünſcht, ſollten Katharinen's Worte auf den Geiſt ihres Ver⸗ lobten wirken, der, wie er wußte, wo die Liebe im Spiele war, eben ſo nachgiebig, als halsſtarrig und unbeugſam war, wenn man ihn mit feindlichen Vor⸗ ſtellungen oder mit Drohungen angriff. Allein ihre Rede widerſprach geradezu ſeinen Anſichten, als er ſie darauf beſtehen hörte, ſein künftiger Schwiegerſohn ſollte 69 ein Handwerk aufgeben, das damals in Schottland das einträglichſte war, und Heinrich von Perth mehr ein⸗ brachte, als jedem andern Waffenſchmiede des König⸗ reichs. Er hatte eine undeutliche Vorſtellung, daß es nicht ſchlimm gethan wäre, Smith von der Gewohn⸗ heit abzubringen, die Waffen allzuoft zu handhaben, ob es gleich auf der andern Seite ſeinem Stolze ſchmei⸗ chelte, mit einem Manne in näherer Verbindung zu ſtehen, der ſie mit ſolcher Ueberlegenheit zu führen wußte, was in dieſer kriegeriſchen Zeit kein geringes Verdienſt war. Als er aber hörte, wie ſeine Tochter ihrem Geliebten als den kürzeſten Weg, jene friedliche Stimmung des Geiſtes zu gewinnen, den bezeichnete, daß er das einträgliche Handwerk aufgeben ſollte, in dem es ihm keiner gleich that, und das ihm bei den Fehden, die täglich ſtatt fanden und bei den häufigen Kriegen einen namhaften Gewinn ſicherte, konnte er ſeinen Zorn nicht länger bemeiſtern. Katharina hatte ihrem Verlobten kaum den Rath gegeben, Ackergeräthe zu fertigen, als ihr Vater, überzeugt, daß er Recht habe,— worüber er im Anfange, als ſeine Tochter ſprach, nicht mit ſich einig geweſen war,— lebhaft einfiel:— „Riegel und Schlöſſer! Pflugſchaaren und Zähne zu Eggen!... warum nicht gar Schaufeln und Feuerzan⸗ gen? Da brauchte er weiter nichts, als einen Eſel, der ſeine Waaren von Dorf zu Dorf trüge, und du könnteſt einen zweiten an der Halfter nachführen... Haſt du den Verſtand ganz verloren, Katharina, oder meinſt du, in dieſem eiſernen Jahrhundert werde man viele Leute finden, die ihr Geld für etwas Andres aus⸗ geben mögen, als für dasjenige wodurch ſie ſich in den Stand geſetzt ſehen, ihren Feinden das Leben zu neh⸗ men, oder das ihrige zu vertheidign? Was wir gegen⸗ wärtig bedürfen, einfältiges Mädchen, iſt ein Schwert, uns zu ſchützen, keine Pflugſchaar, um ihr die Erde zu ——;;— 70 oͤffnen, und ihr die Saat anzuvertrauen, die wir viel⸗ leicht nimmer reifen ſehen. Das tägliche Brod nimmt ſich der Stärkere, und lebt, der Schwache geht leer aus, und ſtirbt Hungers. Glücklich, wer, wie mein würdiger Sohn, im Stande iſt, ſich ſeinen Unterhalt auf andre Weiſe zu gewinnen, als mit dem Schwert in der Hand, das aus ſeiner Werkſtätte hervorgeht! Predige ihm den Frieden, ſo lange du magſt, dagegen werde ich nie etwas einwenden, aber dich dem erſten Waffenſchmied in Schottland rathen hören, er ſolle keine Schwerter, Streitäxte und Rüſtungen mehr fertigen, das heißt die Geduld ſelbſt erſchöpfen. Geh' mir aus den Augen! und morgen frühe, wenn du das Glück haſt, Heinrich Smith zu ſehen,— was du durch die Art, wie du mit ihm umgegangen biſt, gar nicht verdient haſt, ſo erinnere dich, daß du einen Mann ſiehſt, der in Führung der Waffen in Schottland ſeines Gleichen nicht hat, und 500 Mark das Jahr gewin⸗ nen kann, ohne ſich an einem Feiertage an ſeiner Ruhe etwas abzubrechen.“ Katharina, als ſie ihren Vater in ſo beſtimmtem Tone veden hörte, grüßte ihn ehrerbietig, und entfernte ſich ohne weitere Umſtände in ihr Schlafzimmer. ODrittes Capitel. Im Innern des Waffenſchmieds kreuzten ſich verſchie⸗ dene, widerſtreitende Gefühle; ſein Herz klopfte, als woollte es den ledernen Koller, der ſeine Bruſt bedeckte, erſprengen. Er ſtand auf, wandte ſich ab, und reichte blover'n die Hand, ohne ihn anzuſehen, als hätte er die Bewegung vor ihm verbergen wollen, die ſich in ſeinem Geſichte ausdrückte. — 71 „Ich will gehangen ſeyn, wenn ich dich jetzt beur⸗ laube, Heinrich,“ rief Simon, in Smiths dargebotene Hand einſchlagend.„Sobald kommſt du mir hier nicht weg. Wart' einen Angenblick, Herzensjunge, und ich will dir das Alles erklären. Ohne Widerrede; ein paar Tropfen Blut aus der aufgeritzten Haut, und etliche thörichte Worte, die aus dem Munde eines einfälti⸗ gen Mädchens gegangen, dürfen Vater und Sohn nicht krennen, wenn ſie ſich ſo lange her nicht mehr geſehen haben. Bleibe alſo hier, wenn dir an dem Segen ei⸗ nes Vaters und des heil. Valentin, deſſen Feſttag mor⸗ gen gefeiert wird, etwas gelegen iſt.“ Mit lauter Stimme rief jetzt der Handſchuhmacher Dorotheen, die, nachdem ſie einige Treppen auf⸗ und abgeſtiegen,— was aus dem Klirren des an ihrer Seite hängenden Schlüſſelbundes abzunehmen war, drei große Römer von grünem Glaſe brachte— eine in jener Zeit koſtbare Seltenheit,— und Simon ſtellte eine unge⸗ heure Flaſche auf den Tiſch, die wenigſtens ſechs Kan⸗ nen unſerer entarteten Zeit hätte beherbergen können. „Sieh, Heinrich,“ ſprach er,„dieſer Wein iſt zum wenigſten noch einmal ſo alt, als ich; mein Vater hat ihn vom alten Crabbe, einem berühmten, flammändi⸗ ſchen Ingenieur, zum Geſchenk erhalten, der Perth wäh⸗ rend der Minderjährigkeit David's II. ſo kräftig ver⸗ theidigte. Wir Handſchuhmacher waren nicht ſaumſelig aus dem Kriege Vortheil zu ziehen, wenn dieſer gleich nicht in ſo unmittelbarer Beziehung zu uns ſteht, wie zu euch, die ihr in Eiſen und Stahl arbeitet. Mein Vater hatte ſich die Gunſt des alten Crabbe zu erwer⸗ ben gewußt; ein andermal will ich dir ſagen, bei wel⸗ cher Gelegenheit und wie lange dieſe Flaſchen einge⸗ graben waren, um ſie den engliſchen Plünderern zu entziehen. Ich will jetzt dieſen Tummler leeren, aufs Heil der Seele meines ehrwürdigen Vaters: mögen ſeine Sünden ihm vergeben werden!— Dorothee trint 7² auch einen Becher auf ſein Wohlſeyn, dann kannſt du ſchlafen gehen. Ich weiß, daß dir die Ohren jucken, allein was ich zu ſagen habe, darf niemand hören, als mein lieber Sohn hier.“ Dorothee wagte nicht, Einſprache zu thun, ſondern ergriff guten Muthes ihr Glas, oder vielmehr ihren Humpen, trank ihn aus, und begab ſich in ihre Schlaf⸗ kammer. So waren die beiden Freunde allein. „Es betrübt mich, Freund Heinrich,“ begann Si⸗ mon, ſeinen und ſeines Gaſtes Becher wieder füllend, „es betrübt mich im Innerſten meiner Seele, daß meine Tochter ſo übel gelaunt iſt; allein, wie mir ſcheint, fällt ein Theil der Schuld auf dich zurück. Warum kommſt du mit Schwert und Dolch hieher, da du doch weißt, daß ſie einfältig genug iſt, den Anblick dieſer Waffen nicht ertragen zu können? Erinnerſt du dich nicht, daß du vor deiner Abreiſe von Perth einen klei⸗ nen Streit mit ihr hatteſt, weil du dich nicht in die friedliche Tracht der ehrbaren Bürger kleiden willſt, ſondern immer bewaffnet ſeyn mußt, wie die lumpigen Jackmans, die im Dienſte des Adels ſtehen? Es iſt wahrlich Zeit genug für einen friedſamen Bürger, zu den Waffen zu greifen, wenn die große Glocke uns das Zeichen gibt, daß Krieg iſt.“ „Ich will euch ſagen, Vater Simon, daß die Schuld davon nicht an mir liegt. Kaum war iſt vom Pferde geſtiegen, als ich mich hieher verfügte, um Euch von meiner Rückkunft zu unterrichten, und Euch um die Erlaubniß zu bitten, für dieſes Jahr Miß Katharinen's Valentin zu ſeyn. Nachdem ich von Miſtreß Doro⸗ theen erfahren, daß ihr beide in die Kirche der ſchwar⸗ zen Brüder gegangen ſeyd, folgte ich Euch dahin, ein⸗ mal, um mit euch die Meſſe zu hören, und dann auch, — möge mir's unſere Liebefrau und der heilige Valentin vergeben!— um diejenige zu ſehen, die ſo ſelten an mich denkt. Wie Ihr in die Kirche giengt, ſah ich drei — 73 Männer, die mir verdächtig vorkamen, während ſie Euch und Katharinen ins Auge faßten, ſich mit einan⸗ der berathen, und erkannte namentlich Sir John Ra⸗ morny, trotz ſeiner Verkleidung, und ungeachtet er ein ſammtnes Band über dem einen Auge hatte, und einen Mantel trug, wie ihn gewöhnlich die Bedienten haben. So dachte ich, weil Ihr alt ſeyd, Vater Si⸗ mon, und der Lehrburſche mir etwas zu jung vorkam, um ſich gut zu ſchlagen, ich würde wohl daran thun, Euch, wenn Ihr nach Hauſe gienget, in der Stille zu folgen; weil ich nicht zweifelte, mit den Wehren, die ich trug, leicht jeden, der Euch anzugreifen wagte, zurechtweiſen zu können. Ihr habt, wie Ihr wißt, ſelbſt mich erkannt, und mich, ich mochte wollen oder nicht, eintreten heiſſen, ſonſt, das kann ich Euch ver⸗ ſichern, wäre ich nicht vor Eurer Tochter erſchienen, ohne vorher das Wamms anzulegen, das ich mir in Berwick nach der neueſten Mode habe machen laſſen, und hätte die Waffen, die ſie nicht leiden kann, ihr nicht vor's Geſicht gebracht. Und doch, die Wahrheit zu geſtehen, haben unglücklicher Weiſe ſo viele Leute, aus dieſer oder jener Urſache einen tödtlichen Haß auf mich geworfen, daß ich ſo gut als irgend ein Schotte nöthig habe, bei Nacht nicht unbewaffnet auszugehen.“ „»Daran denkt die Thörin gar nicht. Sie hat nicht ſo viel Verſtand, um zu erwägen, daß in unſerem lieben Schottlande jeder das Recht und die Freiheit zu ha⸗ ben meint, ſich ſelbſt Gerechtigkeit zu ſchaffen. Aber du thuſt Unrecht, Junge, daß du dir ihre Worte ſo ſehr zu Herzen nimmſt. Ich war ſchon dabei, wie du vor andern jungen Mädchen deiner Zunge freien Lauf ließeſt; warum biſt du denn ihr gegenüber ſtumm?“ »Weil ſie etwas ganz anderes iſt, als die übrigen, Vater Glover; weil ſie nicht blos ſchöner, ſondern auch klüger, unterrichteter, heiliger und wie mir ſcheint, aus einem beſſeren Stoffe geformt iſt, als wir Andern. 74 Unter andern Mädchen kann ich den Kopf hoch tragen, wenn wir um den Maibaum tanzen; aber in Kathari⸗ nen's Nähe erſcheine ich mir nur als ein gemeines, wil⸗ des Weſen, kaum würdig, die Augen zu ihr zu erhe⸗ ben, und noch viel weniger, den Vorwürfen, die ſie mir macht, zu begegnen.“ „Du biſt ein unkluger Kunde, Heinrich Smith; du lobſt die Waaren allzuſehr, die du zu kaufen Luſt haſt. Katharina iſt eine gute Tochter, ich bin ihr Vater; aber wenn du dnurch deine Schüchternheit und deine Schmeicheleien ihre Eigenliebe aufblähſt, ſo werden woderedn noch ich unſere Wünſche in Erfüllung gehen ehen. „Davor iſt mir oft bange, lieber Vater; denn ich weiß, wie wenig ich Katharinen's würdig bin.“ „Pah, pah! denk an ein Stück Faden!“ rief der Handſchuhmacher,„oder vielmehr, denk' an Katha⸗ rinen und an mich, Freund Smith. Bedenke wie das arme Kind von Morgen bis Abend belagert wird, und von welchen Leuten, ſelbſt wenn Thüren und Fenſter geſchloſſen ſind. Erſt heute noch wurden wir von einem Galan beſtürmt, der zu mächtig iſt, als daß ich ihn nennen könnte,— ja, und er hat ſeine üble Laune nicht zu verhalten geſucht, als ich nicht dulden wollte, daß er in der Kirche während des Hochamtes meiner Toch⸗ ter Schmeicheleien vorſagte. Und ſo gibt es noch Viele, die ſich ebenſo unziemlich benehmen. Daher kommt mir oft der Wunſch, Katharina möͤchte weniger hübſch ſeyn, daß ſie dieſe gefährliche Bewunderung nicht rege machte, oder etwas weniger fromm, daß ſie ſich entſchließen könnte, die ehrbare, zufriedene Hausfrau des wackern Heinrich Smith zu werden, der ſie gegen jegliche Un⸗ bilde der Ritter am ſchottiſchen Hofe zu ſchützen ver⸗ möchte.“ „Und wenn ich's daran fehlen ließe,« ſagte Heinrich, eine Hand und einen Arm ausſtreckend, die einem Rieſen 7⁵ anzugehören ſchienen,„ſo will ich nie mehr einen Ham⸗ mer auf den Amboß fallen laſſen. Ja, und wenn es ſo weit käme, ſo würde meine ſchöne Katharina ein⸗ ſehen, daß es nichts ſo gar Schlimmes iſt, wenn ein Mann ſich ein wenig zu vertheidigen weiß. Allein ſie meint, glaube ich, die Welt ſey ein großer Dom, und alle, die darin leben, müſſen ſich nehmen, als wären ſie bei einer ewigen Meſſe.« „In der That,«Z ſagte Simon,„ſie übt einen ſelt⸗ ſamen Einfluß auf Alle, die in ihre Nähe kommen. Der junge Bergſchotte, der Conachar, der ſeit zwei oder drei Jahren in meinem Hauſe iſt, hat, wie du weißt, ganz die Art ſeines Stammes, und doch gehorcht er Katharinen auf das geringſte Zeichen; ſie iſt beinahe die Einzige im Hauſe, die es vermag ihn Folgſamkeit u lehren, und ſie giebt ſich ſehr viele Mühe ihm dene hochländiſchen Sitten abzugewöhnen.“ Heinrich Smith ſchien ſich auf ſeinem Sitze nicht ganz behaglich zu fühlen. Er nahm die Flaſche, ſtellte ſie wieder auf den Tiſch, und ſchrie endlich:„„Zum Teu⸗ fel mit dem Hund von Hochländer und ſeinem ganzen Geſchecht! Was braucht Katharina einen ſolchen Töl⸗ pel in die Lehre zu nehmen? Es wird ihr mit ihm ge⸗ hen, wie mir mit dem jungen Wolf, den ich thöricht genug war, als einen jungen Hund aufzuziehen. Je⸗ eermann hielt ihn für zahm, aber in einem unglückli⸗ chen Augenblick, da ich auf dem Berge Montcrieff mit ihm ſpazieren gieng, warf er ſich auf die Heerde des Laird, und richtete unter dieſer eine Verheerung an, die mir theuer zu ſtehen gekommen wäre, wenn der Laird nicht gerade eine Rüſtung nöthig gehabt hätte. Darum wundert's mich, daß Ihr, Vater Glover, der Ihr doch ein Mann von Einſicht ſeyd, dieſen Hochlän⸗ der— ein Burſche, der verſpricht, dafür bin ich Euch gut,— in Katharinen's Nähe duldet, als wenn nur Eure Tochter ihn ſchulmeiſtern könnte.« 76 „„Pfui, mein Sohn, ſchäme dich!« erwiederte Si⸗ mon.„Da biſt du jetzt auf einen armen Teufel eifer⸗ ſüchtig, der, die Wahrheit zu ſagen, blos hier iſt, weil er es auf der andern Seite des Gebirges nicht ſo gut träfe.« „Ich weiß, was ich rede, Bater Simon,“ entgeg⸗ nete der Waffenſchmied, der ganz die beſchränkten An⸗ ſichten des Mittelſtandes jener Zeit theilte;„und wenn ich nicht fürchtete, Euch zu beleidigen, ſo würde ich ſagen, daß Ihr Euch mit den ungeſchlachten Hochlän⸗ dern garzuſehr einlaßt.“— „Ich muß doch mein Elendsleder und meine Rehfelle irgendwoher bekommen, mein lieber Heinrich; und mit den Hochſchotten läßt ſich's gut handeln.“ „ Sie finden doch immer ihre Rechnung dabei, denn was ſie verkaufens, iſt geſtohlen.“ „Ganz recht, ganz recht; dem mag aber ſeyn, wie ihm wolle, meine Sache iſt's nicht, zu wiſſen, woher ſie das Thier haben, wenn ich nur das Fell bekomme. Doch, wie geſagt, gewiſſe Rückſichten machen es mir nöthig, den Vater des jungen Menſchen zu verbinden, indem ich ihn im Hauſe behalte. Uebrigens gehört er nur halb zu den Hochländern, und hat nicht ganz ihre unbändige Art. Ueberhaupt habe ich ihn noch ſelten ſo wild geſehen, wie dieſen Abend.«« „Das konntet Ihr auch nicht, wenn er nicht ſeinen Mann tödtete,“ ſagte Smith in trocknem Tone. „»»Doch wenn Ihr es verlangt, Heinrich, ſo werde ich alle andern Rückſichten bei Seite ſetzen, und mor⸗ gen früh den Burſchen fortſchicken, daß er anderswo ſein Heil verſuche.“ »Ich dürft überzeugt ſeyn, Vater Simon, daß Hein⸗ rich Gow an der jungen Bergkatze ſo wenig liegt, als an einer Kohle in ſeiner Eſſe.« 3 „Ich verſichere Euch, daß mir's wenig Unruhe ma⸗ 77 chen würde, ſeinen ganzen Clan mit dem Slogan*) und bei Hörnerklang durch das Schuhthor einziehen zu ſehen: ich wollte bald fünzig Klingen und ebenſoviele Schilde finden, die die Plünderer ſchneller, als ſie her⸗ eingekommen, wieder verjagken. Allein die Wahrheit zu geſtehen, mag es auch närriſch erſcheinen, es will mir nicht behagen, den ſtörriſchen Burſchen ſo oft um Katharinen zu ſehen. Bedenkt, Vater Elover, daß Euer Handwerk Eure Hände und Augen in Anſpruch nimmt, und daß Ihr dieſem Eure ganze Aufmerkſam⸗ keit widmen müßt, ſelbſt wenn der Taugenichts mit⸗ arbeitet, was, wie Ihr ſelbſt wißt, nicht ſehr oft der Fall iſt.«« „Das iſt wahr; alle ſeine Handſchuhe ſchneidet er nur für die rechte Hand, ich habe ihn noch nie mit ei⸗ nem ganzen Paare zurecht kommen ſehen.“ „Er denkt wohl beim Zuſchneiden an ganz andre Dinge,«« ſagte Heinrich in demſelben trocknen Tone,„„doch mit Eurer Erlaubniß, Vater Glover, ich wollte Euch blos ſagen, daß er, mag er nun arbeiten, oder nichts thun, keine ſchiefen Augen hat; ſeine Hände ſind weder durch heißes Eiſen verbrannt, noch durch Arbeiten mit dem Hammer rauh geworden, ſeine Haare ſind nicht durch Rauch geſchwärzt, noch am Ofen verbrannt, daß ſie einem Dachsfell ähnlicher ſehen, als dem Haupt⸗ haar eines ehrlichen Chriſten. Mag nun Catharina eine noch ſo gute Tochter ſeyn— und ich behaupte, ſie iſt die beſte in ganz Perth,— fo muß ſie doch ſehen und wiſſen, daß Alles, das zwiſchen dem einen Mann und em andern einen Unterſchied machen muß, und daß die Vergleichung für mich nicht günſtig ausfällt.« „Auf deine Geſundheit, und das von ganzen Herzen, mein Sohn Heinrich,« ſagte der Alte, und füllte zwei Gläſer, eins für ſich, das andere für ſeinen Gaſt. *) Das Kriegsgeſchrei der Hochſchotten. 78 „Ich ſehe, daß du, ein ſo guter Schmied du auch biſt, doch das Metall nicht kennſt, aus dem das Herz des Weibes geformt iſt. Du mußt dreiſter ſeyn, Hein⸗ rich, und dich nicht benehmen, als giengeſt du zum Galgen, ſondern als ein munterer Geſelle, der weiß, was er werth iſt, und ſich von der beſten von Evens Töchter nicht überzeugen läßt. Katharina iſt ganz wie ihre Mutter, und du irrſt dich gewaltig, wenn du meinſt, daß alle Weiber ſich nur durch's Auge einneh⸗ men laſſen. Man muß auch ihrem Ohre gefallen, mein Junge. Eine Frau muß wiſſen, daß der, dem ſie den Vorzug gibt, dreiſt und entſchloſſen iſt, und die Gunſt von zwanzig Andern gewinnen könnte, ob er ſich gleich nur um die ihrige bewirbt. Glaube das einem Alten, die Weiber laſſen ſich öfter durch die Meinung An⸗ derer beſtimmen, als durch die ihrige. Wenn Katha⸗ rina frägt, wer der entſchloſſenſte Mann in Perth ſey, was wird ſie zur Antwort erhalten? Heinrich, der Schmiedt; der beſte Waffenſchmied, der je eine Wehre auf dem Amboß gehabt? Heinrich Smith; der. gewandteſte Tänzer? der luſtige Waffenſchmied, der, der die beſten Lieder ſingt? Heinrich Gow; der beſte Kämpfer, der, der mit Schwert und Schild am be⸗ ſten umzugehen, ein Pferd zu bändigen und einen wil⸗ den Hochländer zuehiziweifen verſteht? das biſt eben⸗ falls du... immer wieder du.... kein Andrer als du. Und Katharina ſollte dir den Knirps von Hoch⸗ länder vorziehen? pfui! da möchte ſie eben ſo gut ei⸗ nen Blechhandſchuh mit einem Rehfell überziehen. J ſage dir, Conachar gilt ihr gar nichts, höchſtens, da ſie ihn aus den Klauen des Teufels retten möchte, der meint, er ſey ihm, wie die andern Hochſchotten, ver⸗ fallen. Der Himmel ſegne ſie, das arme Kind! Sie wünſcht die ganze Welt auf beſſere Gedanken zu brin⸗ gen, wenn ſie könnte;« 3 „Und ich ſtehe dafür, es wird ihr nicht glücken,« — 79 rief Smith, der, wie der Leſer zu bemerken Gelegen⸗ heit gehabt hat, nicht ſehr freundſchaftlich gegen die Hochländer geſtimmt war;„ich wollte gegen Katharinen zu Gunſten des Teufels wetten, den ich ein wenig kennen ſollte, weil er in dem nämlichen Element ar⸗ beitet, wie ich. Der Schwarze wird den Tartan*) holen, ſo gewiß, als Einen.“«. „»Ganz recht; aber Katharina hat einen Beiſtand, den du wohl nicht kennſt. Pater Klemens hat den Bur⸗ ſchen in die Lehre genommen, und er fürchtet eine Le⸗ gion Teufel ſo wenig, als ich eine Heerde Gänſe.«« » Der Pater Klemens! ihr habt immer neue Heilige in der guten Stadt St. Johns⸗toun, und wer ſoll es ſeyn, der die Teufel aus dem Sattel hebt? etwa einer von euren Einſiedlern, der ſich darauf vorbereitet, Wun⸗ der zu thun, wie ein Kämpfer zum Streit und durch Faſten und Buße ſich dazu rüſtet? iſt's nicht ſo 2 „Keineswegs. Das Wunderbare iſt das, daß Pa⸗ ter Klemens ißt, trinkt und beinahe ebenſo lebt, wie andere Menſchen, und doch dabei die Regeln des Ordens pünktlich befolgt.« „ Aha, ich verſtehe, ein luſtiger Bruder, der lieber in Freuden, als gut lebt, am Abend vor'm Aſchermit⸗ woch einen Krug Wein trinkt, um das Faſten aushal⸗ ten zu können, eine angenehme Larve hat, und alle hübſchen Weiber der Stadt zur Beichte hört.“ „Du ſchießt immer noch fehl, Smith. Ich ſage dir, daß ich und meine Tochter einen Gleißner, nüchtern oder wohlgenährt, von weitem wittern würden; aber Pater Klemens iſt weder das Eine noch das Andre.«« „ Aber wer iſt er denn, ums Himmels willen 2. „»Ein Maun, der viel mehr werth iſt, als die Hälfte *) Der Stoff, aus dem die Hochlaͤnder ihre Maͤntel verfertigen, die ſie Plaid's nennen. A. d. Ueb. 80 der Mönche in St. Johns⸗toun zuſammengenommen, oder ſo viel mal ſchlimmer, als der ſchlimmſte von ihnen, daß es eine Schande und Sünde iſt, daß man ihn im Lande duldet.⸗« „Es muß, dünkt mich, leicht zu ſagen ſeyn, ob er das Eine oder das Andere iſt.“ „Es genüge dir, zu wiſſen, daß, wenn du Pater Klemens nach dem beurtheilſt, was du ihn thun ſiehſt und ſprechen hörſt, er dir als der beſte, wohlthäciäſte Menſch von der Welt erſcheinen wird, denn er iſt der Troſt des Betrübten und der Rathgeber: des Bedürfti⸗ gen, der ſicherſte Führer des Reichen und der eifrigſte Freund des Armen. Aber wenn du die Dominikaner hörſt... Gütiger Himmel le(der Handſchuhmacher be⸗ kreuzt ſich hier vor der Stirne und Bruſt)„das iſt ein ruchloſer Ketzer, der durch irdiſche Flammen gehen ſollte, um ins Feuer geſtürzt zu werden, das ewig nicht verlöſcht.“ Auch der Waffenſchmied machte das Zeichen des Kreu⸗ zes und rief:„Heilige Maria! und Ihr, Vater Si⸗ mon, der Ihr ſo viel Einſicht und Verſtand habt, daß man Euch den klugen Handſchuhmacher von Perth nennt, Ihr duldet, daß Eure Tochter einen Menſchen zum Beichtvater hat, der... Alle Heiligen ſchützen uns! der mit dem böſen Geiſt ſelbſt im Bunde ſtehen ſoll! Wie, iſt es nicht der Prieſter, der im Meal⸗ Vennel*) den Teufel beſchwor, als Roger Jackſon's“ Haus von einem Sturmwind eingeriſſen wurde, und erſchien nicht der Teufel mitten im Tay, mit einem Seapulier, und grunzte im Waſſer wie ein Meerſchwein, am Morgen, da unſre ſchöne Brücke fortgeriſſen ward 2 ⁴ „„Ich kann nicht ſagen ob das wahr iſt, oder nicht; Alles, was ich weiß, iſt, daß ich es nicht geſehen habe⸗ Was Katharinen betrifft, ſo kann man nicht ſagen, daß *) In der Naͤhe von Perth. 81 Pater Klemens ihr Beichtvater wäre, da dies der alte Franziskus, ein Dominikaner, iſt, der ihr hxute die Abſolution ertheilt hat Allein die Weiber ſind manch⸗ mal eigenwillig, und es iſt gewiß, daß ſie öfter als ich wünſchte, mit Pater Klemens Berathſchlagung hält. Und doch iſt er mir ſelbſt, ſo oft ich ihn geſprochen habe, ſo tugendhaft und fromm erſchienen, daß ich ihm gerne das Heil meiner Seele auvertrauen wollte. Es ſind ſchlimme Gerüchte über ihn bei den Dominikanern im Umlauf, das iſt wahr; aber was geht das uns Laien an, mein Sohn? Leiſten wir unſrer heil. Mutter Kirche, was ihr gebührt, geben Almoſen, beichten, thun die Buſe, die uns auferlegt wird, und die Heiligen werden mit uns ſeyn. „Ohne Zweifel, und werden nicht unerbittlich blei⸗ ben, wenn ein Mann ſeinem Gegner, der in Ver⸗ theidigungsſtand vor ihm ſteht, einen unalüaellchen Hieb beibringt; das iſt das einzige Glaubensbekenntniß mit dem ein Mann in Schottland leben kann, Eure Toch⸗ ter mag darüber denken, wie ſie will. Alle Welt! ein Mann muß das Fechten verſtehen, oder ſein Leben iſt nur ein Pacht auf kurze Friſt, in einem Land, wo die Hiebe ſo dicht fallen. Fünf Roſenobel*) haben mir für den beſten Mann, mik dem mir ein Unglück wieder⸗ fuhr, Ablaß verſchafft.« „»Leeren wir unſere Flaſche vollends, denn die Glocke auf dem Thurm der Dominikaner hat ſchon 12 Uhr geſchlagen. Noch hab⸗ ich dir etwas zu ſagen mein Sohn Heinrich; ſey mit Tagesanbruch vor dem Fenſter an dem Hauſe, das gegen Morgen ſieht, und gieb mir von deiner Ankunft ein Zeichen, indem du leiſe den Schmids⸗ marſch pfeifſt. Ich will es ſo veranſtalten, daß Ka⸗ —— *) Eine engliſche Goldmuͤnze, deren Gepraͤge ein Schiff mit einer Roſe vorſtellt; nach unſerem Gelde etwa 5 Thaler 20 Groſchen. A. d. Ueb. Walter Scott's Werke, 1518 Boͤchn. 6 82 tharina zum Fenſter herausſieht, und ſo erhältſt du für das übrige Jahr alle Rechte eines verliebten Valentin. Wenn du daraus nicht Vortheil zu ziehen weißt, ſo werde ich Tanüthigt ſeyn zu glauben, daß, wenn du auch in der öwenhaut ſteckſt, die Natur dir die langen Ohren des Eſels gelaſſen hat.“„ „Amen! mein Vater!“ erwiederte der Waffenſchmied; „ich wünſche Euch eine gute Nacht, Gott laſſe ſeinen Segen walten über Eurem Haus und allen, die darin ſind. Mit dem erſten Hahnenruf ſollt ihr den Schmieds⸗ marſch pfeifen hören; ich verſichere euch ſogar, ich werde den Meiſter Chanticleer*) mit ſeiner Trägheit be⸗ ſchämen.“ Mit dieſen Worten nahm er vom Handſchuhmacher Abſchied, ging, ob er gleich keine Furcht kannte, doch vorſichtig durch die verlaſſenen Straßen, und gelangte endlich an ſeine Wohnung, die im Mill Wynd, auf der öſtlichen Spitze von Perth lag. Viertes Kapitel. Man kann ſich denken, daß ſich der unerſchrockne Waffenſchmied pünktlich an dem ihm von ſeinem künfti⸗ gen Schwiegervater beſtimmten Orte einſtellte. Doch aatte er ſeinen Anzug mit mehr Sorgfalt, als gewöhn⸗ lich, geordnet, und Alles, was ihm ein kriegeriſches Anſehen verleihen konnte, ſoviel als möglich in Schatten geſtellt. Er war zu bekannt, um in einer Stadt ganz ohne Waffen zu gehen, wo er zwar viele Freunde zählte, * Zu teutſch: Hellſaͤnger, ein Beiwort, das dem Hahn in alten Gedichten gegeben wird. A. d. Ueb. 8⁵ aber auch— wie dies aus ſeinen früheren Thaten noth⸗ wendig hervorging, eben ſo viele Todfeinde hatte, von denen er, wie er wohl wußte wenig Schonung zu er⸗ warten hatte, wenn ſie Gelegenheit fanden, ihn mit Vortheil anzugreifen. Er trug daher unter ſeinen Klei⸗ dern ein Panzerhemd, das ſo leicht und geſchmeidig war, daß es ihn in ſeinen Bewegungen eben ſo we⸗ nig hinderte, als eine Unterweſte, wie wir ſie heut zu Tage tragen; demungeachtet durfte er ſich darauf verlaſſen, denn er hatte die Ringe deſſelben eigenhän⸗ dig gearbeitet, und aneinander gefügt. Ueber dieſer Rüſtung trug er, wie die übrigen Bürger ſeines Al⸗ ters, die Beinkleider und das Wamms der Niederlän⸗ der, die dem Feiertage zu Ehren, vom feinſten engli⸗ ſchen Tuche, blaßblau, mit ſchwarzem Tafft ausge⸗ ſchlitzt und mit einer Stickerei von ſchwarzer Seide ausgenäht waren. Seine Stiefeln waren von Korduan⸗ Leder, und ſein Mantel, von gutem, grauem, ſchotti⸗ ſchen Tuche diente dazu, ein kurzes Schwert, das in ſeinem Gürtel ſtack, zu verdecken. Dies war ſeine ein⸗ zige Angriffs⸗Waffe, denn in der Hand trug er blos eine Stechpalme. Seine Mütze von ſchwarzem Sammt war mit Stahl ausgeſchlagen, und zwiſchem dem Me⸗ kalle und ſeinem Kopfe mit Wolle ausgefüttert, ſo daß er dadurch völlig geſchützt war.. Im Ganzen erſchien Heinrich, was er auch wirklich war, als ein reicher Bürger, der Achtung verdiente und ſich durch ſeine Kleidung ein Anſehen gab, ſo gut er konnte, ohne ſich über ſeinen Stand zu erheben, und in den des Adels einzugreifen. Er hatte ein offenes, entſchloſſenes Ausſehen; wenn aber auch ſein Beneh⸗ men verrieth, daß er keine Gefahr fürchtete, ſo hatte es doch durchaus keine Aehnlichkeit mit dem der Rauf⸗ bolde und Prahler dieſer Zeit, mit welchen man Hein⸗ rich manchmal, jedoch mit Unrecht, verwechſelte, weil man ſeine häufigen Händel einem heftigen Charakter 6* 84 zuſchrieb, deſſen Quelle aus dem Bewußtſeyn ſeiner perſönlichen Stärke und ſeiner Geſchicklichkeit in Füh⸗ rung der Waffen entſpringen ſollte. Im Gegentheile trugen alle ſeine Züge den Ausdruck gutmüthiger Of⸗ ken heit, die nicht daran dachte, jemand zu beleidigen, abei aber ſich vor Angriffen keineswegs fürchtete. Nachdem er ſich ſo gut als möglich gekleidet, ſteckte der ehrſame Waffenſchmied ein kleines Geſchenk zu ſich, das er ſchon lange für Katharina Glover beſtimmt hatte — ein Geſchenk, das ſeine Eigenſchaft, als Valentin ihn bald berechtigen ſollte, ihr zu überreichen, ſo wie das ſchöne Mädchen von Perth, es ohne Bedenken an⸗ zunehmen. Es war ein kleiner Rubin, in Form eines, von einem goldenen Pfeile durchbohrten Herzens ge⸗ ſchnitten und in ein Käſtchen von einem ſtählernen Ringe eingefaßt, das ſo ſorgfältig gearbeitet war, als wäre es für einen König beſtimmt geweſen. Rings um das Käſtchen ſtanden die Worte; „Der Pfeil der Liebe durchbohrt die Herzen ſelbſt durch das Panzerhemd.“ 4 Dieſer Spruch hatte den Waffenſchmied einiges Be⸗ ſinnen gekoſtet und er war mit dem Gedanken, den er gefunden hatte, zufrieden, weil er anzudeuten ſchien, daß ſeine Kunſt, alle Herzen zu ſchirmen vermöge, nur das ſeinige nicht. Er hüllte ſich in ſeinen Mantel und ſchritt eilends durch die noch ſtillen Straßen, um noch vor dem erſten Strahle der Morgenröthe unter dem ihm bezeichneten Fenſter anzulangen. In dieſer Abſicht ging er durch die Highſtreet, als er aber über den Platz kam, wo gegenwärtig die Kirche des heiligen Johannes ſteht, um in die Curfew⸗ſtreet einzulenken, ſchien es ihm, als er einen Blickan den Him⸗ mel warf, daß er ſich wenigſtens um eine Stunde zu bald auf den Weg gemacht habe und er hielt es für gerathe⸗ ner, erſt wenn die beſtimmte Zeit näher gerückt wäre, an dem bezeichneten Orte einzutreffen. Es war nicht 8⁵ unwahrſcheinlich, daß andere Galane, wie er in der Nähe der Wohnung des ſchönen Mädchens von Perth umherſtreifen würden und er kannte ſeine Schwäche zu gut, um nicht zu fühlen, daß er alsdann Gefahr liefe, mit ihnen in Streit zu gerathen. Die Freundſchaft meines Vaters Simon dachte er giebt mir den Vortheil über ſie, warum ſoll ich mir alſo die Hände mit dem Blut armer Teufel beſudeln, die meinen Zorn nicht verdienen, weil ſie weniger glück⸗ lich ſind, als ich? Nein, nein, ich will diesmal klug ſeyn und jede Verſuchung, zu den Waffen zu greifen, von mir entfernen. Ich will ihnen nur ſo viel Zeit laſſen, Händel mit mir zu ſuchen, als nöthig iſt, das verabredete Zeichen zu geben, und von Vater Simon Antwort zu erhalten. Ich kann es mir nicht denken, wie er es angreifen wird, ſeine Tochter an das Fen⸗ ſter zu bringen; wüßte ſie, was er im Sinne hat, ich glaube es würde ihm ſchwer werden, ſie dazu zu be⸗ wegen.“ Während dieſe Gedanken, eines Liebhabers würdig, ſich in ſeinem Kopf durchkreuzten, ging der rüſtige Waffenſchmied langſamer, oft einen Blick gegen Oſten werfend, und die Augen zum Firmament aufſchlagend, wo noch nicht der geringſte grauliche Streifen das Er⸗ ſcheinen der Morgenröthe verrieth, die doch nicht mehr ferne ſeyn konnte und der der ungeduldige Heinrich den Vorwurf machte, daß ſie diesmal länger ſäume, als gewöhnlich. Langſam ſchritt er an den Mauern der Kapelle zur heiligen Anna hin, wo er nicht vergaß das Zeichen des Kreuzes zu machen und ein Ave zu ſprechen, als eine Stimme, die hinter einem der Pfei⸗ ler der Kapelle hervorzukommen ſchien, rief: Er kriecht nur, da er doch laufen ſollte.“ „„„Wer da?« rief Smith, um ſich blickend, etwas überraſcht, ſich ſo unvermuthet angeredet zu ſehen und mit einem ſo ſeltſam klingenden Ausdruck, 1 86 „Daran liegt wenig,“ antwortete dieſelbe Stimme, „ſpute dich, oder du wirſt zu ſpät kommen. Antworte mir nicht, ſondern gehe.“ „Heiliger oder Sünder, Engel oder Teufel,“ ſagte Heinrich ſich bekreuzend,„deine Warnung geht mich zu nahe an, als daß ich ſie nicht befolgen ſollte, der heilige Valentin möge mir die Beine ſtärken!“ Mit dieſen Worten begann er ſo ſchnell zu laufen, daß ihm wohl wenige nachgekommen wären und war in einem Augenblicke in der Curfew⸗ſtreet. Er hatte noch nicht drei Schritte gegen das Haus Simon Glo⸗ ver's gethan, das ungefähr in der Mitte dieſer engen Straße lag, als zwei Männer, die ſich zu beiden Sei⸗ ten an der Mauer aufgeſtellt hatten, wie durch ver⸗ abredete Bewegung auf ihn zu kamen, um ihm den Weg zu vertreten. Die Dunkelheit ließ ihn blos ſo viel unterſcheiden, daß ſie den Plaid der Hochſchotten trugen. „Macht Bahn, Räuber!“ rief der Waffenſchmied, uit ſterver, feſter Stimme aus der Tiefe ſeiner breiten ruſt. Sie antworteten nicht, wenigſtens nicht vernehmlich jedoch konnte Heinrich ſehen, daß ſie die Schwerter zogen, um ihm mit Gewalt den Weg zu verrennen. Verſchiedenen beunruhigenden Vermuthungen ſich hin⸗ gebend, ohne deswegen an Furcht zu denken, beſchloß Smith, ſich aufs Gerathewohl Bahn zu brechen und ſeiner Geliebten zu Hülfe zu eilen, oder wenigſtens zu ihren Füßen zu ſterben. Er warf ſeinen Mantel auf ſeinen linken Arm, um ſich dadurch eine Art von Schild zu bilden und trat eben ſo beherzt, als ſchnell, gegen die beiden Männer vor. Der, dem er am nächſten war, führte einen Schwertſtreich gegen ihn, den er mit dem Mantel auffing, wofür ihm Heinrich mit dem linken Arme einen Fauſtſchlag ins Geſicht verſetzte und ihm den rechten Fuß unterſchlug, daß er unſanft zu 87 Boden ſtürzte, während er beinahe in demſelben Au⸗ genblicke den zu ſeiner Rechten durch einen Hieb mit ſeinem Jagdmeſſer neben ſeinen Gefährten niederſtreckte. Mehr beſorgt, als je— und er hatte Grund es zu ſeyn, da er die Straße von Fremden beſetzt fand, die ſich ſolche Gewaltthaten erlaubten— eilte Heinrich ſchnell vorwärts. Er hörte leiſe am Hauſe des Hand⸗ ſchuhmachers ſprechen und gerade unter demjenigen Fen⸗ ſter, wo er gehofft hatte, Katharinen zu ſehen und ſich das Recht zu erwerben, ihr Valentin zu werden. Er hielt ſich auf der andern Seite der Straße, die An⸗ zahl und die Abſichten derer, die ſich hier befanden, zu erforſchen. Allein einer von denen, die unter dem Fen⸗ ſter waren, hatte ihn geſehen oder gehört, lief, weil er ihn wahrſcheinlich für eine der zwei Schildwachen hielt, über die Straße auf ihn zu und ſagte mit halb⸗ leiſer Stimme zu ihm:„Was iſt denn das für ein Lärm, Keſfat e Warum habt ihr das Zeichen nicht gege⸗ ben? 3 „Schurke!“ ſchrie Smith,„ihr ſeyd entdeckt und ſollt mit dem Leben zahlen.“. Mit dieſen Worten führte er mit ſeinem kurzen Schwert einen Stich gegen ihn, der ſeine Drohung wahr gemacht haben würde, wenn nicht der Fremde den Hieb, der ſeinem Kopfe galt, mit dem Arme auf⸗ gefangen hätte. Die Wunde mußte bedeutend ſeyn, denn er wankte und fiel, indem er einen tiefen Seufzer aus⸗ ſtieß. Ohne weiter an ſich zu denken, ſtürzte jetzt Smith haſtig auf eine Truppe von Männer los, die, wie ſich zeigte, beſchäfrigt waren, eine Leiter an das fragliche Fenſter anzulegen. Da dachte er nicht länger daran, ſie zu überzählen, oder ſich ihrer Abſicht zu ver⸗ gewiſſern, ſondern erhob den gewöhnlichen Hülfruͤf, um ie Bürger zu verſammeln, die, wenn ſie ihn hoͤrten, nie ermangelten, herbei zu eilen, und warf ſich auf die Nachtſchwärmer von denen einer bereits die Leiter hinan 88 ſtieg. Er faßte dieſe unten an den Sproſſen, warf ſie⸗ um, ſetzte den Fuß auf den Leib des Gefallenen, und verhinderte ſo dieſen, aufzuſtehen. Die andern griffen ihn lebhaft an, um ihren Gefährten zu befreien; allein Smiths Panzerhemd war dieſem von großem Nutzen und er gab ihnen ihre Streiche reichlich zurück, unter dem Rufe:„Zu Hülfe! St. Johns⸗toun! zu Hülfe! haut und ſtecht wackere Bürger! haut und ſtecht! man greift unſere Häuſer unterm Mantel der Nacht an!* Dieſe Worte, die weit durch die Straßen der Stadt ver⸗ hallten, waren mit Hieben begleitet, die er mit ſtarkem Arme vertheilte und die nicht ohne Wirkung auf die Ange⸗ griffenen blieben. Unterdeſſen begannen die Bürger auf⸗ uſtehen und ſich im Hemd, aber mit Schwertern und Bchilden, einige guch mit Fackeln, in der Straße zu zeigen. Jetzt ſuchten die Unbekannten zu entkommen undſes gelang ihnen auch, bis auf denjenigen, der mit der Leiter umgeworfen worden war. Der unerſchrockene Waf⸗ fenſchmied hatte ihn in dem Augenblicke, wo er wieder aufgeſtanden war, an der Kehle gefaßt, und hielt ihn ſo feſt, wie ein Windſpiel einen Haſen. Die, welche er verwundet hatte, wurden von ihren Genoſſen fort⸗ geſchleppt. „Das ſind die Tropfen, die den Frieden unſerer Stadt ſtören,“ ſagte Heinrich zu den Bürgern, die nach und nach ſich ſammelten.„Eilt den Schlingeln nach, ſie kön⸗ nen nicht ſchnell laufen, denn meine Klinge hat mehre⸗ ren derſelben die Haut geöffnet. Verfolgt ſie, die Spu⸗ ren des Blutes werden Euch verrathen, welchen Weg ſie genommen haben.“ „Es ſind etliche Schurken vom Hochlande!“ ſagte i Bürger,„auf! Nachbarn, laßt uns ihnen nach⸗ etzen.. „Ja, geht ihnen nach;“ ſagte der Waffenſchmied,„ich will unterdeſſen den Schurken hier bedienen.“ Die Bürger zerſtreuten ſich jetzt beim Scheine der 89 Fackeln in verſchiedenen Richtungen, und ließen ihr Geſchrei in den angrenzenden Straßen erſchallen. Indeſſen ſuchte Heinrichs Gefangener ſeine Freiheik wieder zu erlangen, und wandte hiezu abwechſelnd Bit⸗ ten, Verſprechungen und Drohungen an. „Wenn Ihr ein Edelmann ſeyd,“ ſagte er zu Hein⸗ rich,„ſo laßt mich los, und es ſoll Euch verziehen ſeyn, was Ihr gethan habt.“. „Ich bin kein Edelmann, ſondern Heinrich der Schmied, Bürger von Perth; auch habe ich nichts gethan, das der Verzeihung bedürfte.“ „Schurke!“ du weißt nicht, was du gethan haſt! aber laß mich los, und ich will dir deine Mütze mit Goldſtücken vollzählen.“ „Die deinige will ich im Augenblick mit einem ge⸗ ſpalteten Kopfe füllen, wenn du eine einzige Bewe⸗ gung machſt, zu entkommen.“« „Was giebt es denn, mein Sohn Heinrich?« fragte Simon, der in dieſem Augenblicke am Fenſter erſchien? „ich habe deine Stimme gehört, aber aus einem an⸗ deren Tone als ich erwartete. Warum ſind denn die Nachbarn alle verſammelt?“ „Weil eine Rotte Schurken das Fenſter hier erſtei⸗ gen wollte, Vater Simon. Aber wahrſcheinlich werde ich Einem von ihnen zu Gevatter ſtehen, den ich hier feſthalte, wie eine Zange.“ „Hört mich, Simon Glover!« ſagte der Gefangene, „ich habe mit Euch ein Wort im Beſondern zu reden. Befreit mich aus den Händen dieſes Kerls mit bleier⸗ nem Kopf und eiſerner Fauſt, und ich will Euch be⸗ weiſen, daß man weder Euch, noch Einem der Euri⸗ gen ein Leid zufügen wollte. Ueberdieß ich will Euch noch etwas anderes ſagen, was für Euch nicht ohne Nutzen ſeyn wird.«. „Ich glaube dieſe Stimme zu kennen,« ſagte Simon, der in dieſem Augenblicke mit einer Blendlaterne in 90 der Hand aus ſeiner Thüre trat.„Mein Sohn Smith! laßt den jungen Menſchen mit mir ſprechen; ich ſtehe Dir dafür, es iſt keine Gefahr von ihm zu befürchten. Bleibe einen Augenblick, wo du biſt, und laß Nie⸗ mand, Freund oder Feind, in das Haus ein. Ich wette, der junge Herr hat nur einen St. Valentinsſcherz machen wollen. e Mit dieſen Worten ſchloß der Alte die Thüre, und führte den Gefangenen bei Seite, indem er Heinrich ſeinem nicht geringen Erſtaunen über das unerwartete Licht überließ, aus welchem der Handſchuhmacher dieſe Sache betrachtete.„»Ein Scherz!« wiederholte er; „das wäre mir ein ſeltſamer Scherz geworden, wenn ſie in das Schlafzimmer ſeiner Tochter gekommen wä⸗ ren! und das wäre ihnen gelungen, wäre nicht die freund⸗ liche Stimme geweſen, die mich hinter dem Pfeiler der Kapelle hervor gewarnt hat. Dieſe Stimme, wenn es nicht die der ſeligen St. Anna geweſen— und wer bin ich, daß ſie mich würdigen ſollte, zu mir zu reden?— konnte ſich an dieſem Orte ohne ihre Zuſtimmung nicht vernehmen laſſen, und ich gelobe ihr eine Wachskerze ſo lang als mein Jagdmeſſer. Ha! daß ich mein großes Schwert nicht bei mir hatte! dieſe Jagmeſſer ſind zwar niedlich und fein, aber ſie gehören eher in die Hand eines Kindes, als in die des Mannes. Ach mein ge⸗ treuer Ehrenfried! wäreſt du an meiner Seite geweſen, ſtatt zu den Häupten meines Bettes zu hangen, die Beine dieſer Schurken hätten nicht ſo ſchnell laufen ſollen! Aber ich ſehe brennende Fackeln und bloße Klin⸗ gen. Holla halt! Seyd ihr für St. Johns⸗toun 2“ wenn ihr Freunde der ſchönen Stadt ſeyd, ſo kommt heran, ihr ſeyd willkommen.“ „Wir haben gejagt, ohne ein Wild zu bekommen,“⸗ ſagte Einer der Bürger,„wir ſind den Spuren des Bluts bis auf den Kirchhof der Dominikaner nachgegan⸗ gen, und haben zwiſchen den Gräben zwei von den Schur⸗ 91 ken geſehen, die einen dritten trugen; der wahrſchein⸗ lich einige Denkzeichen von Euch erhalten hatte, Hein⸗ rich! allein ſie ſind an's Thor gekommen, ehe wir zu ihnen gelangen konnten. Sie haben die Kloſterglocke gezogen, das Thor that ſich auf, und ſie traten hin⸗ ein. So ſind ſie in Sicherheit und wir können in un⸗ ſere kalten Betten zurückkehren, um uns wieder zu wärmen.« „Ja, jales ſagte ein Zweiter,„die guten Domini⸗ kaner haben immer einen Bruder, der wacht, um das Thor jeder bedrängten, armen Seele, die dort eine Zu⸗ flucht ſucht, aufzuſchließen.“ „Wenn die arme Seele im Stande iſt, gut zu bezah⸗ len,“ ſetzte ein dritter hinzu,„weſſen Beutel aber leer iſt, der kann an der Thüre warten, bis die Hunde her⸗ ankommen, ihn zu beißen.“ Ein Vierter, der einige Zeit mit ſeiner Fackel auf den Boden geleuchtet hatte, erhob ſich jetzt, um eben⸗ falls zu ſprechen. Es war ein kleiner, ziemlich dicker Mann, lebhaft, anſprechend, ziemlich wohlhabend, und hieß Olivier Proudfute. Er führte unter ſeiner Zunft, den Strumpfwirkern, das Wort, und ſprach daher als Mann von Wichtigkeit.„Wackerer Smith,“ ſagte er (denn die Fackeln verbreiteten ſo viel Helle, daß ſie ſich erkennen konnten),„kannſt du uns nicht ſagen, wer die Schlingel ſind, die eine ſolche Unordnung in unſerer Stadt veranlaßt haben?« „Die zwei Erſten, die ich geſehen habe,« erwiederte der Waffenſchmied,„haben, wie mirs vorkam, den Plaid der Hochländer getragen.« „Wahrſcheinlich iſt's ſo,“ ſagte ein Bürger, den Kopf ſchüttelnd.„Es iſt eine Schande, daß die Lü⸗ cken in unſern Mauern noch nicht wieder ausgebeſſert ſind, und daß dieſe Räuber vom Hochland ehrliche Leute zwingen können, ihr Bett zu verlaſſen, wenn die Nacht finſter genug iſt, für das Treiben dieſer Streifzügler.“ 92 „Aber ſeht da Nachbarn!e ſagte Olivier Prondfute, und zeigte ihnen eine Hand, die er ſo eben aufgeho⸗ ben alte,„wann hat eine Hand, wie dieſe, einem Hochländer zugehört? ſie iſt groß und kräftig, aber die Haut iſt fein und weiß, wie die einer Dame, und ſeßr ihr an dem Finger da den Ring, der glänzt, wie er Schein eines Lichtes? ich müßte mich ſehr irren, wenn Simon Glover nicht ſchon ſehr viele Handſchuh für dieſe Hand gemacht hätte, denn er hat alle Hof⸗ leute zu Kunden.“ Die Zuſchauer unterſuchten dieſen blutigen Beweis der Tapferkeit des Waffenſchmieds, und jeder machte ſeine Bemerkungen über dieſen Gegenſtand. „In dieſem Fall ſagte der Eine,„wird Heinrich Smith wohl daran thun, ſich auf die Beine zu ma⸗ chen. Er mag immerhin ſagen, er habe das Haus ei⸗ nes Bürgers beſchützen wollen, der Sheriff wird dieſe Entſchuldigung dafür nicht genügend finden, daß er ei⸗ nem rechtlichen Manne die Hand abgehauen. Es ſind ſtrenge Geſetze gegen die Verſtümmlung. „Pfui, Michael Wabſter, pfui!“ entgegnete der Strumpfwirker,„wie mögt ihr ſo ſprechen? ſind wir nicht die Nachkommen der alten Römer, die die Stadt Perth gebaut, und ihrer Hauptſtadt, ſo viel als mög⸗ lich ähnlich gemacht haben? Haben wir nicht Urkun⸗ den von allen unſern erlauchten Königen, die uns für ihre vielgetreuen Unterthanen erklärt haben? Möch⸗ tet Ihr zuſehen, daß wir unſern Rechten, unſern Ge⸗ rechtſamen, unſern Freiheiten, unſerer hohen, mittlern und niedern Gerichtsbarkeit, und unſerem Rechte ent⸗ ſagten, Geldbußen, Verpfändungen, Gefängniß und ſelbſt Todesſtrafe zu verhängen, im Fall, daß Einer auf friſcher That ertappt⸗ wird? Dürfen wirs dulden, daß das Haus eines ehrbaren Bürgers angegriffen wird⸗ ohne daß er dafür Genugthuung erhält? Nein! wackere Genoſſen, Mitbrüder und Bürger, eher ſoll der Tah — 93 gegen Dunkbeld zurückſtrömen, als daß wir eine ſolche Ungerechtigkeit leiden.“ „Und wie können wir ſie hindern?“ fragte ein Greis mit ernſter Miene, der ſich mit beiden Händen auf einen Degen ſtützte,„was wollt Ihr denn, daß wir thun ſollten?“ „Wahrlich, Vogt Craidallie,« antwortete Proud⸗ fute,„von Euch hätte ich dieſe Frage am allerwenig⸗ ſten erwartet! Ich wollte, wir giengen von hier alle uſammen, als brave Leute vor den König, ſelbſt auf ie Gefahr ſeine Ruhe zu ſtören, ſtellten ihm vor, wie unangenehm es für uns ſey, zu gegenwärtiger Jahrs⸗ zeit das Bett verlaſſen zu müſſen, beinahe ohne an⸗ dere Kleidung, als im Hemd, zeigten ihm dieſe blu⸗ tige Hand, und bäten ihn, mit ſeinem königlichen Mund zu entſcheiden, ob es recht und billig iſt, daß ſeine getreuen Unterthanen durch die Edeln und Ritter ſei⸗ nes ausſchweifenden Hofes alſo behandelt werden, das hieße ich das Eiſen ſchmieden, ſo lang es noch warm iſt. es „Warm, ſagſt Du?“ erwiederte der alte Vogt; „ſo warm, meiner Treu! daß wir vor Kälte ſtürben, ehe der Thürſteher den Schlüſſel im Schloſſe umgedrehd hätte, uns vor den König zu laſſen. Auf, meine Freunde, die Nacht iſt kalt; wir haben unſere Pflicht als ehr⸗ liche Leute gethan, und unſer wackerer Smith hat zwei von denen, die uns eine Unbilde zufügen wollten, eine Lektion gegeben, die mehr wirken wird, als zwanzig Erlaſſe des Königs. Morgen iſt wieder ein Tag, da wollen wir hier wieder zuſammenkommen, um die Maßregeln zu berathen, die zu ergreifen ſind, um die Ruchloſen zu entdecken und feſtnehmen zu laſſen. Für jetzt wollen wir auseinander gehen, ehe unſer Blut uns in den Adern gefriert.«⸗. „Bravo! Bravo! Nachbar Craigdallie!« rief es von allen Seiten;„es lebe St. Johns⸗toun! Olivier Proudfute hätte gerne geantwortet, denn er 94— gehörke zu den unbarmherzigen Sprechern, die ſich einbilden, ihre Beredſamkeit vermöge allen Unbequem⸗ lichkeiten der Zeit, des Orts und der Umſtände zu begegnen; allein Niemand wollte ihn hören, und die „ Bürger trennten ſich, um ſich in ihre Wohnungen zu⸗ rückzubegeben, wozu ihnen der erſte Strahl der Mor⸗ genröthe leuchtete, die den Horizont mit leichten Strei⸗ fen zu färben begann. 4„ Kaum waren ſie fort, als der alte Glover die Thüre ſeines Hauſes öffnete, Smith am Arme ergriff, und ihn hineinführte. 1. „Wo iſt der Gefangene?“ fragte der Waffenſchmicd. „Fort, entkommen, davongegangen, was weiß ich 2“ antwortete Simon;„er hat ſich durch die Hinter⸗ thüre geflüchtet, und iſt durch das Gärtchen geeilt⸗ Denke nicht mehr an den, ſondern komm, deine Va⸗ lentine zu ſehen, der du dieſen Morgen Ehre und Leben gerettet haſt.“ 4 „Laßt mir nur ſo viel Zeit, mein Schwert wieder einzuſtecken und mir die Hände zu waſchen,“ ſagte Smith. „Es iſt kein Augenblick zu verlieren,“ rief Glover. „Sie iſt aufgeſtanden und beinahe völlig angezogen. Folge mir. Ich will, daß ſie Dich ſehe, das gute Schwert in der Hand und den Arm mit dem Blute der Elenden bedeckt, damit ſie zu ſchätzen wiſſe, was ein beherzter Mann werth iſt. Schon zu lange hat ſie mir durch ihre Ziererei und Sprödigkeit den Mund ge⸗ ſchloſſen, ſie ſoll jetzt den Werth der Liebe eines wa⸗ ckern Mannes und muthigen Bürgers kennen lernen.“ Fuͤnftes Capitel. Durch den Lärm aus dem Schlafe geſchreckt, hatte das ſchöne Mädchen von Perth den Auflauf und das 95 Geſchrei auf der Straße mit Schrecken vernommen und kaum zu athmen gewagt. Sie hatte ſich auf die Knie geworfen, um den Schutz des Himmels zu erflehen, und als ſie die Stimmen der zu ihrer Beſchirmung herbei⸗ geeilten Nachbarn und Freunde erkannte, blieb ſie in derſelben Stellung, um der Vorſehung zu danken. Noch lag ſie auf den Knieen, als ihr Vater ihren Beſchützer in das Zimmer drängte, denn Heinrich Smith war an der Thüre ſtehen geblieben, theils aus Schüchtern⸗ heit und Furcht, ſeine Geliebte zu beleidigen, theils, weil er ſie in ihrer Andacht nicht ſtören wollte. „»Vater Simon,“ ſaͤgte der Waffenſchmied,„ſie betet; ich wagte es ebenſöwenig ſie anzureden, als einen Bi⸗ ſchoff, wenn er die Meſſe liest.“ »Thu', was Du willſt, tapferer, muthiger, aber einfältiger Burſche,“ entgegnete ihm Glover, und fuhr, ſich zu Catharinen wendend, fort:„die beſte Art, dem Himmel zu danken, mein. Kind, iſt die, daß wir uns gegen unſersgleichen erkenntlich zeigen. Du ſiehſt hier as Werkzeug, durch welches⸗Gott Dich vom Tode er⸗ rettet hat, oder von Schande, die noch ſchlimmer iſt, als der Tod. Empfange ihn, Catharina, als deinen treuen Valentin, als den, den ich ihn Wahrheit mei⸗ nen Sohn zu nennen wünſche.“. „Nicht alſo, mein Vater,“ antwortete Catharina; in dieſem Augenblicke kann ich Niemand ſehen, mik Niemand ſprechen. Ich bin nicht undankbar, ſondern vielleicht nur allzu erkenntlich gegen unſern Beſchützer, aber laßt mich dem Schutzengel danken, der mir die⸗ ſen Retter in der Noth geſendet, und laßt mir einen Augenblick Zeit, um mich vollends anzuziehen.“ „Wahrlich, Kate, es wäre hart, dir die Bitte zu verſagen, daß man dir Zeit laſſe, dich anzukleiden, denn ſeit zehn Tagen iſt dieß das erſtemal, daß ich dich ſpre⸗ chen höre, wie ein Mädchen.— In Wahrheit, Hein⸗ rich, ich wünſchte, meine Tochter möchte, um eine 96 ganze Heilige zu werden, die Zeit erleben, wo man ſie als die heilige Catharina II. canoniſiren wird.“ „Treibt keinen Scherz, Vater Simon, denn ich ſchwöre Euch, ſie hat ſchon wenigſtens einen aufrichti⸗ gen Anbeter, einen Mann, der ſich ihrem Dienſte ge⸗ weiht hat, ſo gut es ein ſchwacher Sünder vermag. Lebet alſo wohl für jetzt, ſchöne Katharina, möge der Himmel Euch Träume ſenden, ſo friedlich, als Eure Gedanken am Tage; während Ihr ſchlaft, wache ich für Euch, und wehe dem, der es wagte, Eure Ruhe zu ſtören.“. 4 „Guter, wackrer Heinrich,“ ſagte Katharina,„deſſen edles Herz in ſolchem Widerſpiele ſteht, mit Eurer rauſamen Hand, wagt Euch dieſe Nacht nicht in neuen Kampf, ſondern empfangt meinen zärtlichſten Dank und ſuchet friedliche Gedauken zu faſſen, wie Ihr ſie bei mir vorausſetzt. Wir werden uns am Morgen wie⸗ der ſehen, daß ich Euch meines Dankes verſichern kann. Lebt wohl!“ „Lebt wohl! Ihr die ihr die Gebieterin und das Licht mei⸗ nes Herzens ſeyd,“ verſetzte der Waffenſchmied, ſtieg die Treppe hinab, die zu Katharinens Zimmer führte und wollte das Haus verlaſſen, als Glover ihn am Arme zurückhielt. 3 „Dank dieſem Auflaufe, wird mir das Klirren der Waffen beſſer gefallen, als ich je geglaubt hätte, mein Sohn Heinrich, wenn es meine Tochter wieder zu Ver⸗ ſan bringt, und ſie ſchätzen lehrt, was du werth biſt. eim heiligen Macgrider!. dieſe Nachtſchwärmer ſelbſt mißfallen mir nicht, und ich bedaure von ganzem Her⸗ zen deu armen Liebesritter, der keinen Schild mehr mit der linken Hand faſſen kann. Ja er wird dieſen Verluſt täglich ſchmerzlich empfinden, und beſonders, wenn er die Handſchuhe anziehen will. Das iſt alſo nur noch ein halber Kunde für mein Handwerk.— Nein, nein, dieſe Nacht darfſt Du mir nicht mehr aus dem Hauſe; Du darfſt uns nicht verlaſſen, mein Sohn.* 1 97 „Ich bin weit entfernt, daran zu denken. Mit Eu⸗ rer Erlaubniß will ich auf der Straße Euch bewachen; der Angriff könnte wiederholt werden!“ „Und wenn dieß der Fall ſeyn ſollte, ſo kannſt du die Schurken leichter zurückſchlagen, wenn Du den Vor⸗ theil haſt, im Hauſe zu ſeyn. Die Art des Kampfes, die für uns Bürger die beſte iſt, iſt die, daß wir uns hinter unſern Mauern vertheidigen, unſere Pflicht, für die öffentliche Sicherheit zu ſorgen, lehrt uns dieſen Kunſtgriff. Uebrigens ſind gegenwärtig Augen und Ohren genug wach, daß wir des Friedens und der Ruhe hir zum Morgen verſichert ſeyn dürfen. Folge mir erein. Mit dieſen Worten führte er Heinrich, der ſich nicht lange bitten ließ, in daſſelbe Gemach, wo ſie das Nacht⸗ mahl eingenommen hatten, und wo die alte Dorothee, die der lärmende Auftritt ebenfalls im Schlafe geſtört, bald das Feuer wieder angefacht hatte. „Jetzt, mein tapferer Sohn,“ begann der Handſchuh⸗ macher wieder,„ſage mir, was willſt Du für Wein, um die Geſundheit Deines Vaters zu trinken?“ Heinrich Smith hatte ſich mechaniſch auf einen ab⸗ ten ſchwarzeichenen Stuhl fallen laſſen und blickte ſtarr in das Feuer, das einen röthlichen Schein auf ſeine männlichen Züge warf. Er ſagte halblaut zu ſich ſelbſt: „Guter Heinrich! wackrer Heinrich!— ach wenn e geſagt hätte, lieber Heinrich!“ „Die Weinſorten kenne ich nicht,“ ſagte der alte Glover lachend;„ſie finden ſich nicht in meinem Kel⸗ ler, allein wenn du Kanarienſekt, Rheinwein oder Gas⸗ cogner willſt, ſo koſtet's dich nur ein Wort und die Flaſche ſoll erſcheinen.“. „Ihren zärklichſten Dank““ ſagte der Waffen⸗ ſchmied, ohne ſich in ſeinem Sinnen ſtören zu laſſen; „ſo hat ſie noch nie zu mir geſprochen.— Ihren zärtlichſten Dank,“ wie weit könnte das nicht führen? Walter Scott's Werke. 1518 Boͤchen. 7 98 „Allerdings zum Ziele, mein Junge,“ ſagte der Handſchuhmacher, wenn du dich führen läſſeſt. Aber fage bni„ was wünſcheſt du am liebſten zum Morgen⸗ trunk?“ „Was Ihr wollt, Vater,“ antwortete Smith. gleich⸗ gültig und fuhr fort, ſich ſein Geſpräch mit Kathari⸗ nen zu zerlegen.„Ein edles Herzl! hat ſie geſagt, aber ſie hat auch von meiner grauſamen Hand ge⸗ ſprochen! was ſoll ich denn thun, um von dieſer Sucht mich zu ſchlagen, zu geneſen? Das Beſte, das ich thun könnte, wäre gewiß, mir die rechte Hand abzuhauen und ſie an eine Kirchthüre zu nageln, damit ſie mir keine neuen Vorwürfe mehr zuzöge.. „Du haſt genng Hände abgehauen für eine Nacht,“ ſagte Simon und ſtellte eine Flaſche Wein auf den Tiſch.—„Warum willſt du dich ſo quälen? ſie würde dich ſchon lieben, wenn ſie nicht fähe; daß du in ſie ſo ver⸗ narrt biſt. Doch die Sache wird jetzt ernſthaft; ich mag nicht Gefahr laufen, die wüthenden Raufbolde, die im Dienſte der Edlen ſtehen, meine Werkſtätte ſtürmen und mein Haus plündern zu ſehen, weil man für gut findet, ſie das ſchöne Mädchen von Yerth zu nennen. Nein, ſie ſoll erfahren, daß ich ihr Bater bin und daß ich will, daß ſie mir den Gehorſam leiſte, wor⸗ auf das Geſetz und Evangelium mir ein Recht geben. Ich will, daß ſie dein Weib werde, Heinrich, mein Herzensſohn.... 4 „Dein Weib, Goldjunge, und das, ehe viel Wochen ins Land gehen. Wohlan, auf freudige Hochzeit, wa⸗ ckerer Smith!“ Simon nahm einen großen Becher, leerte ihn, füllte ihn dann von nenem und reichte ihn dem Waffenſchmied, der ihn langſam an den Mund führte, ehe er aber ſeine Lippen berührt hatte, ſtellte er ihn wieder kopf⸗ ſchüttelnd auf den Tiſch. „Wenn du auf eine ſolche Gefundheit nicht Beſcheid 1 — 99 thun willſt, ſo weiß ich nicht, wie ich dir beikommen ſoll,“ ſagte Simon.„An was denkſt du denn, junger Narr? dein guter Stern führt dir ſie ſo eben gewiſſer⸗ maßen in die Arme, denn von einem Ende der Stadt zum andern würden alle Leute pfui über ſie ausrufen, wenn ſie nein ſagte; ich ihr Vater, gebe nicht nur meine Einwilligung zu dieſer Heirath, ſondern will euch auch ſo feſt vereinigen, als eine Nadel zwei Stücke Elends⸗ leder, und bei dem allen ſiehſt du aus, wie ein ver⸗ zweifelter Liebhaber in einer Ballade und ſcheinſt auf⸗ gelegter, dich in den Tay zu ſtürzen, als einem Mäd⸗ chen den Hof zu machen, das du haben kannſt ohne weitere Mühe, als daß du ſie um ihre Hand bitteſt, wenn du nur den günſtigen Augenblick zu treffen weißt.“ „Ja aber dieſer günſtige Augenblick, Vater Simon! ich zweiſte, ob dieſer je bei Katharinen kommen, ob ſte je einen plumpen, unwiſſenden Handwerksmann, wie ich bin, erhören wird. Ich weiß nicht, wie das kommt; überall ſonſt kann ich den Kopf hoch tragen, ſo gut als ein anderer, aber in der Nähe Eurer frommen Tochter habe ich weder Herz noch Muth und kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß es wäre, wir Kirchen⸗Raub, wenn ich ihre Zuneigung mir erſchliche. Ihre Gedanken ſind zu ſehr gen Himmel gerichtet, als daß ſie ſie auf ein Weſen, wie ich bin, fallen laſſen ollte. 217„. „Wie Ihr wollt, Heinrich Smith. Meine Tochter macht Euch den Hof nicht;.. ich bitte euch nicht, ſie anzunehmen.. ein günſtiger Antrag iſt nicht werth, daß man darüber in Streit gerathe.... wenn ihr aber glaubt, ich werde in ihre einfältigen Kloſtergedan⸗ ken eingehen, ſo irrt ihr euch gewaltig. Ich liebe und ehre die Kirche, ich entrichte willig und auf gehörige Weiſe alles, was ihr gebührt, Zehenten, Almoſen, Wein und Wachskerzen. Das alles ſage ich, entrichte ich eben ſo gerne, als ein anderer Bürger in Perth, 7 82 100 der dieſelben Mittel hat, allein das einzige, das aller⸗ einzige Schäfchen, das ich auf der Welt beſitze, kann ich der Kirche nicht geben. Ihre Mutter war mir theuer, ſo lange ſie auf dieſer Erde lebke, jetzt iſt ſie ein En⸗ der im Himmel, Katharina iſt alles, was mir geblie⸗ en iſt, um mich an das zu erinnern, was ich verlo⸗ ren habe, und wenn ſie je in ein Kloſter geht, ſo eſſchieht dieß erſt, wenn dieſe betagten Augen ſich auf immer geſchloſſen haben und bälder nicht. Ihr aber, mein Freund Gow, könnt thun, was euch beliebt; ich habe keine Luſt, euch meine Tochter zum Weibe aufzu⸗ dringen, das kann ich euch verſichern.“— „Da ſchmiedet ihr das Eiſen zweimal, Vater Si⸗ mon; ſo endigen wir immer: ihr werdet böſe auf mich, weil ich nicht thue, was mich zum glücklichſten Men⸗ ſchen auf der Welt machte, wenn es in meiner Macht ſtünde. Wenn in meinem Herzen ein einziger Tropfen Bluts rollt, der nicht eurer Tochter mehr, als mir ſelbſt angehörte, ſo ſoll im Augenblick der ſchärfſte Dolch, den ich je geſchmiedet⸗ in daſſelbe verſenkt werden. Aber was verlangt ihr? kann ich weniger Achtung vor ſie haben, als ſie verdient, oder mich ſelbſt höher ſtellen, als ich bin? Was euch leicht und einfach ſcheint, iſt für mich eben ſo ſchwer, als aus Hanf ein Panzer⸗ hemd zu fertigen.— Doch auf eure Geſundheit, Vater,⸗ fuhr Smith in einem heitereren Tone fort,„und auf die meiner ſchönen Heiligen und meiner Valentine, was, wie ich hoffe, eure Tochter für dieſes Jahr ſeyn wird. ſch will Euch nicht länger abhalten, den Kopf aufs Ohr. zu legen; haltet Rath mit eurem Feder⸗ bett, bis es hoch am Tage iſt, dann führt mich an das Zimmer eurer Tochter, bittet ſie für mich um die Erlaubniß, eintreten und ihr einen guten Morgen wünſchen zu dürfen und ich werde der glücklichſte Menſch in der Stadt und weit im Umkreiſe ſeyn.“ 1 „Der Rath iſt nicht ſchlecht, mein Sohn,“ ſagte .— 101 der ehrliche Glover,„aber was ſolls mit dir werden? willſt du mit der Hälfte von meinem Bett verlieb neh⸗ men, oder das Conachars theilen 2* b „Weder das eine noch das andere,“ antwortete Hein⸗ rich,„ich würde euch nur am Schlafen hindern. Die⸗ ſer Lehnſtuhl gilt mir für ein Federbett und ich werde wie eine Schildwache, die Waffen an meiner Seite, ſchla⸗ fen.“ Mit dieſen Worten legte er die Hand an ſein kurzes Schwert. G „Gebe der Himmel, daß wir die Waffen nicht mehr nöthig haben ſagte Simon;„gute Nacht oder beſſer geſagt, guten Tag, bis die Sonne ſich zeigt; wer zu⸗ erſt munter iſt, ſoll den Andern wecken.« So trennten ſich die beiden Bürger. Der Handſchuh⸗ macher ging zu Bette und man kann denken, daß er den Schlaf fand. Der Liebende war nicht ſo glücklich; ſein ſtarker Körper ertrug leicht die Anſtrengung, die er im Laufe dieſer Nacht zu erdulden hatte; aber ſein Geiſt war weniger abgehärtet. Von der einen Seite betrachtet, war Heinrich Smith nichts anderes, als ein entſchloſſener Bürger dieſer Zeit; ſtolz darauf, in der Kunſt, die Waffen zu führen, ſich eben ſo auszu⸗ zeichnen, wie in der, ſie zu bereiten, hatte ſeine Eifer⸗ ſucht gegen Handwerksgenoſſen, ſeine perſönliche Stärke und ſeine Gewandtheit im Fechten ihn in viele Händel verwickelt, die ihn allgemein gefürchtet, machten, und ihm ſogar mehrere Feinde zugezogen hatten. Allein er vereinigte mit dieſen Eigenſchaften die Güte und Einfalt eines Kindes und zugleich eine hohe Einbil⸗ dungskraft und Begeiſterung, die mit ſeinen Arbeiten in der Eſſe und mit ſeinen ſo häufigen Kämpfen nicht ſehr im Einklange zu ſtehen ſchienen. Das Feuer und Ungeſtüm, das er aus alten Balladen und Romanzen geſchöpft hatte,— die einzige⸗Quelle von allem, was er wußte— hatten ihn vielleicht zum Theile zu eini⸗ gen ſeiner Thaten begeiſtert, die für ihn nicht ſelten 41⁰² das Anſehen des Ritterweſens hatten. Wenigſtens war er überzeugt, daß ſeine Liebe zu der ſchönen Katharina eine Zartheit hatte, wie ſie dem niedern Knappen ge⸗ ziemt hätte, der, wenn man der Ballade glauben will, der Liebe der Tochter des Königs von Ungarn gewür⸗ digt wurde. Seine Gefühle für ſie waren eben ſo ſchwär⸗ meriſch, als wenn ſie einen wahren Engel zum Gegen⸗ ſtande gehabt hätten. So war der alte Simon und alle, die ihn beobachteten, der Meinung, ſeine Lei⸗ denſchaft ſey zu erhabener Art, als daß er bei einem Mädchen ſein Glück machen könnte, das aus demſelben Stoffe gebildet wäre, wie andere Sterbliche. Doch irr⸗ ten ſie ſich. Bei all ihrer Zurückhaltung und Beſchei⸗ denheit beſaß Katharina ein Herz, welches die Be⸗ ſchaffenheit und die Tiefe der Leidenſchaft des Waffen⸗ ſchmieds zu begreifen und zu fühlen im Stande war und mochte ſie ſie nun erwiedern, oder nicht, ſo war ſie doch insgeheim auf die Anhänglichkeit des gefürch⸗ teten Heinrich Gow oder Smith eben ſo ſtolz, als es die Heldin eines Romans auf einen gezähmten Löwen ſeyn könnte, der ihr folgte, um ſie zu ſchützen und zu vertheidigen. Mit den Empfindungen des aufrichtig⸗ ſten Dankes erinnerte ſie ſich, als ſie mit Tagesanbruch erwachte, der während dieſer ſtürmiſchen Nacht von Heinrich geleiſteten Dienſte und der erſte Gedanke, der ſie beſchäftigte, war, wie ſie ihm ihre Gefühle zu er⸗ kennen geben ſollte. 4 Sie ſtand ſchnell auf und ſagte über ihr Vorhaben leicht erröthend zu ſich ſelbſt:„Ich habe mich kalt ge⸗ gen ihn bewieſen und bin vielleicht ungerecht gewe⸗ ſen, aber undankbar will ich nicht gegen ihn ſeyn, wenn ich auch ſeine Wünſche nicht erfüllen kann. Ich will nicht warten, bis mein Vater mich nöthiget, ihn als meinen Valentin für dieſes Jahr zu empfangen, ſondern ihn aufſuchen und ſelbſt dazu wählen. Zwar habe ich ſchonandere Mädchen aetadelt, wenn ſie das Gleiche 4 10³ thaten; allein ich erfülle dadurch einen Wunſch meines Vaters und im Grunde thue ich blos, was die Sitte des heutigen Feſtes fordert, wenn ich dieſem tapfern Manne meine Dankbarkeit bezeuge.“ Sie warf ſich daher ſchnell in ihre Kleider, ohne je⸗ doch die gewöhnliche Sorgfältigkeit im Anzuge zu be⸗ obachten, ging die Treppe hinab und öffnete die Thüre des Zimmers, in welchem, wie ſie vermuthet hatte, ihr Geliebter ſeit dem gelieferten Gefecht geblieben war. Katharina blieb an der Thüre ſtehen und war in Ver⸗ legenheit, ob ſie ihr Vorhaben ausführen ſollte; denn die Sitte erlaubte nicht nur, ſondern forderte es ſo⸗ gar, daß eine Verbindung der Art, wie ſie am St. Va⸗ lentinstage geſchloſſen zu werden pflegten, mit einem Kuſſe eingeweiht wurde. Man betrachtetete es als be⸗ ſonders günſtige Vorbedeutung, wenn Eines von Beiden das Andere eingeſchlafen fand, und durch jene Ceremo⸗ nie aufweckte. Eine ſchönere Gelegenheit, dieſe Verbindung zu kuü⸗ pfen, konnte es nicht geben, als die, welche ſich Ka⸗ tharinen hier darbot. Nach langem Sinnen war der tapfere Waffenſchmied endlich auf dem Lehnſtuhle ein⸗ geſchlummert. Seine Züge hatten in dieſem Zuſtande der Ruhe ein feſteres, männlicheres Ausſehen, als Ka⸗ tharina für möglich gehalten hatte, denn bis jetzt hatte ſie in ihnen immer nur die Furcht, ihr zu mißfallen und Schüchternheit ausgeprägt geſehen und ſich daran duvuhnt⸗ einen nicht ſehr geiſtreichen Ausdruck darin zu finden.— „Er ſieht ſehr ernſt aus,“ dachte ſie;„wenn er böſe darüber würde Und wenn er dann aufwacht.... wir ſind allein.... wenn ich Dorotheen riefe.... oder mei⸗ nen Vater weckte.— Doch nein! Es iſt einmal Sitte, ein Zeichen geſchwiſterlicher Liebe, das der Ehre eines Mädchens keinen Eintrag thut. Ich will nicht glauben, daß Heinrich die Sache mißverſtehen könnte, und nicht 104. dulden, daß meine Dankbarkeit vor kindiſcher Furcht zu⸗ rückträte.“ Mit dieſen Worten ging ſie, wiewohl zögernd, auf den Fußſpitzen in's Zimmer und ein dunkler Purpur übergoß ihre Wangen bei dem Gedanken an das, was ſie thun wollte. Endlich gelangte ſie an den Stuhl des Schlafenden und drückte einen Kuß auf ſeine Lippen, ſo leicht, als haͤtte ſich ein Roſenblatt darauf geſenkt. Sein Schlaf mußte ſehr leicht ſeyn, daß eine ſo ſchwache Berührung ihn unterbrechen konnte und Heinriches Träu⸗ me mußten mit der Urſache dieſer Unterbrechung im Zuſammenhange ſtehen, denn er erhob ſich plötzlich, um⸗ fing Katharinen mit ſeinen Armen und wollte ihr im Uebermaße ſeines Entzückens das Empfangene zurückge⸗ ben. Allein Katharina ſetzte ihm ernſtlichen Widerſtand entgegen und da dieſe mehr aus beſorgter Züchtigkeit als aus falſcher Scham zu entſpringen ſchien, ſo ließ ſie der ſchüchterne Liebhaber, der ſie, und wäre ſie noch zwanzigmal ſtärker geweſen, in ſeinen Armen hätte zu⸗ rückhalten können, ſich dieſen entwinden. „Seyd mir nicht böſe, guter Heinrich,“ ſagte Katha⸗ rina im ſanfteſten Tone zu ihrem überraſchten Gelieb⸗ ten.„Ich habe St. Valentin ſein Recht gethan, um zu zeigen, wie hoch ich den Freund achte, den er mir für dieſes Jahr geſchickt hat. Wartet, bis mein Va⸗ ter zugegen iſt, und ich werde mich der Rache nicht entziehen, die Ihr dafür, daß ich euch im Schlafe ge⸗ ſtört, von mir zu nehmen habt.“ „Das iſt ſchon im Reinen ,“ rief der alte Glover, mit entzückter Miene hereintretend;„rüſtig Smith; das Eiſen geſchmiedet, ſo lange es heiß iſt. Lehre ſie, was es heißt, eine Kacke zu wecken, wenn ſie ſchläft.“ Durch dieſe Worte ermuthigt, ſchloß Heinrich, wenn ſchon vielleicht mit minder gefährlichem Ungeſtüm, das ſchöne Mädchen von Perth aufs Neue in ſeine Arme und ſie ließ ſich erröthend, aber willig die Küſſe wie⸗ 105 dergeben, die ihr Smith, das Vergeltungsrecht für den geraubten übend, auf die Lippen drückte. Endlich ent⸗ wand ſie ſich den Armen ihres Liebhabers, und als wäre ſie über das, was ſie ſo eben gethan, erſchrocken, oder bereute es, warf ſie ſich auf einen Seſſel und bedeckte ſich mit beiden Händen das Geſicht.. 3 „Laß dir nur in's Geſicht ſehen, Närrchen,“ ſagte ihr Vater,„und ſchäme dich nicht, zwei Menſchen glück⸗ lich gemacht zu haben, da dein Vater zu dieſen beiden gehört. So fein wurde noch nie ein Kuß gegeben und es war daher billig, daß er geziemend wieder erſtattet werde. Sieh mich an, meine liebe Kate, ſieh mich an und zeige mir ein freundliches Geſicht. Auf mein Eh⸗ renwort, die Sonne, die gerade über unſere ſchöne Stadt heraufſteigt, kann mir nichts aufweiſen, das mich glück⸗ licher machte. Wie?“ fuhr er in heiterem Tone fort, „glaubſt du den Ring Jamie Keddie's zu beſitzen und dich unſichtbar machen zu können? Nein, nein, mein Täubchen. Wie ich eben aufgeſtanden war, hörte ich deine Kammerthür öffnen und ſchlich dir nach, nicht um dich gegen einen Schläfer zu ſchützen, ſondern um die Freude zu haben, mit eigenen Augen mein liebes Kind thun zu ſehen, was der Vater ſo ſehnlich wünſchte. Geſchwind, weg mit den einfältigen Händchen, wenn du auch ein wenig roth wirſt, dieſe Farbe iſt am Mor⸗ gen von St. Valentin auf den Wangen eines Mädchens nicht am unrechten Orte.“ Nachdem er ausgeredet, zog Simon Glover ſeiner Toch⸗ ter mit ſanfter Gewalt die Hände weg, die ſie vor's Geſicht hielt. Eine dunkle Röthe lag auf dieſem, ſie verrieth aber etwas mehr, als Scham, denn in ihren Augen ſtanden Thränen. „Wie? Thränen, Kate!“ rief ihr Vater.„Meiner Treu'! das iſt mehr, als ſich ziemt. Heinrich, hilf mir die kleine Närrin tröſten.“ Katharina bemühte ſich, ihre Ruhe wieder zu gewin⸗ nen und es gelang ihr endlich, zu lächeln, allein in die⸗ ſem Lächeln lag etwas Ernſtes, ſogar Schwermüthiges. „Ich habe euch blos zu ſagen, mein Vater,“ ſagte das ſchöne Mädchen von Perth und zwang ſich wieder ein Lächeln ab,„daß ich, wenn ich Heinrich Gow zu meinem Valentin wählte und ihn mit dem Gruße em⸗ pfing, der ihm als ſolchen nach herkömmlicher Sitte ge⸗ bührte, ihm nur meinen Dank für die Dienſte, die er mit ſo vielem Muthe uns geleiſtet, bezengen und gegen euch mich folgſam erweiſen wollte. Glaubet aber nicht und ihr ſelbſt, mein Vater, gebt euch dem Gedanken nicht hin, daß ich mehr beabſichtigt habe, als ihm zu verſprechen, im Laufe dieſes Jahrs ſeine treue, ergebene Valentine zu ſeyn.“ „Ja, ja, ja, ja, wir begreifen das„*⁴ verſetzte Si⸗ mon im Tone einer Amme, die ein Kind ſtillen will. „Wir verſtehen, was du ſagen willſt. Es iſt genug für einmal.... genug für einmal... du ſollſt nicht erſchreckt und nicht gedrängt werden. Ihr ſeyd ein wahres, treues Valentinspärchen; das Uebrige werden der Himmel und die Umſtäude geben. Gieb dich nur zufrieden; verdrehe dir deine niedlichen Händchen nicht, und fürchte für jetzt keine weitern Angriffe. Du haſt's brav gemacht, vortrefflich.— Suche jetzt Dorothee’n auf, ſie ſoll den faulen Burſchen rufen. Nach einer ſo unruhigen Nacht und einem ſo fröhlichen Morgen müſſen wir ein gutes Frühmal haben; bereite uns etliche wohlſchmeckende Ku⸗ chen, die keine Hand ſo gut zu backen verſteht, als die deinige. Und du darfſt wohl ein Geheimniß dar⸗ aus machen, denn die, von der du es gelernt haſt... Ach!“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„Friede ſey mit der Seele deiner armen Mutter! welche Freude würde ſie haben, wenn ſie dieſen glücklichen St. Va⸗ lentinstag erlebt hätte!“. Katharina benützte ſogleich die erhaltene Erlaubniß, ſich zu entfernen und verließ das Zimmer. Das war 107 für Heinrich, als wäre die Sonne am Firmamente ver⸗ ſchwunden am Mittag und als lagere ſich plötzlich Fin⸗ ſterniß über den Erdkreis. Die Hoffnungen, die er, durch das vorhin Geſchehene ermuthigt, gefaßt hatte, begannen ſchon zu ſinken, wenn er an die plötzliche Ver⸗ änderung in Katharinen's Benehmen dachte, an die Thränen, die ſie ſo eben vergoſſen, an die ſichtbare Angſt, die ihre Züge verriethen, und an die Beſorgt⸗ heit, mit der ſie ſo beſtimmt, als das Zartgefühl ihr erlaubte, erklärt hatte, daß die Schritte, die ſie ge⸗ than, nur die Abſicht gehabt haben, dem Ceremoniel des Feſtes genan nachzukommen. Ueberraſcht und miß⸗ veignügt bemerkte Glover Smith's kummervolles Aus⸗ ehen. „Im Namen des heiligen Johannes!“ rief er,„war⸗ um blickſt du finſter, wie eine Eule, da ein rüſtiger Burſche wie du, der in das arme Kind ſo verliebt ſeyn will, als du vorgiebſt, luſtig ſeyn ſollte, wie ein Fink.“ „Ach, Vater!“ erwiederte der entmuthigte Liebhaber, „ich ſehe auf ihrer Stirne etwas geſchrieben, das mir ſagt, daß ihre Liebe zu mir zwar ſtark genug iſt, meine Valentine, nicht aber mein Weib zu werden.“ „Und ich ſage dir, du biſt ein kalter, einfältiger Burſche und haſt kein Herz. Ich verſtehe eben ſo gut und beſſer als du, auf der Stirne eines Weibes zu le⸗ ſen und habe auf der ihrigen nichts der Art geſehen. Alle Teufel! du ſpreitzſt dich wie ein Lord im Lehnſtuhle und ſchließt, wie ein Richter bei der Audienz, wäh⸗ rend du, wärſt du ein nur etwas feuriger Liebhaber ge⸗ weſen, die Augen offen gehabt und gegen Oſten gerich⸗ tet hätteſt, um den erſten Strahl der Sonne zu er⸗ warten. Aber nein, da liegſt, ſchläfſt, ſchnarchſt du und ich ſtehe dafür, denkſt weder an ſie, noch an ſonſt etwas und unterdeſſen ſteht das arme Kind mit Tages⸗ anbruch auf, aus Furcht eine Andere möchte ihr ihren 108 koſtbaren, wachſamen Valentin wegnehmen und weckt dich mit einem Kuſſe, der— beim heiligen Macgri⸗ der!— deinem Amboß Leben gegeben hätte und dich höre ich ächzen, ſeufzen und klagen, als wäre ſie dir mit einem glühenden Eiſen über die Lippen gefah⸗ ren! Beim heil. Johannes! ich wollte, ſie hätte dir Dorotheen an ihrer Statt geſchickt und dich ſo gezwun⸗ gen, der Valentin dieſes lebendigen Geripps zu ſeyn, das keinen Zahn mehr im Munde hat. Man hätte in ganz Perth keine ſinden können, die beſſer für einen Lieb⸗ haber taugte, der kein Herz hat.“ „Was das betrifft, Vater Simon, ſo habe ich ſchon einem paar Dutzend ſtolzer Hähne den Kamm geſtutzt und die können euch ſagen, ob ich Herz habe, oder nicht. Aber der Himmel weiß, ich gäbe mein Stüch Feldes, das ich als Bürger beſitze, meine Eſſe, meine lasbälge, meinen Amboß und Alles, was ich habe, könnte ich über dieſen Punkt denken, wie ihr. Aber ich ſpreche nicht von ihrer Scham und ihrem Erröthen, ſondern von der Bläſſe, die ſo ſchnell alle Farbe von ihren Wangen jagte und von den Thränen, die ihr in's Auge kamen. Es war wie ein Aprilſchauer, der den ſchönſten Tag, ſo je übern Tay aufgegangen, verfinſterte.“* „Pahl pah! weder Perth noch Rom ſind in einem Tag gebaut worden. Du haſt den Fiſch ſchon hundert⸗ mal im Netze gehabt und hätteſt dir eine Lehre daraus nehmen ſollen. Wenn der Fiſch an der Angel angebiſ⸗ ſen hat, ſo darfſt du nicht an der Schnur zerren, ſonſt reißt ſie ab, und wenn ſie von Drath wäre; aber fahre mit der Hand nach, laß den Fiſch auf die Oberfläche des Waſſers kommen, habe etwas Geduld und in we⸗ niger als einer halben Stunde haſt du ihn im Trock⸗ nen. Du haſt einen Anfang ſo gut du ihn wünſchen kannſt, du müßteſt nur wünſchen, das arme Mädchen ſoll zu dir ans Bett laufen, wie an den Seſſel, was bei ehrſamen Mädchen nicht Sitte iſt. Aber gib Ach⸗ — 1⁰9 kung; wenn wir gefrühſtückt haben, will ich dir Ge⸗ legenheit verſchaffen, dich mit ihr zu verſtändigen; doch nehme dich in Acht, daß du nicht zu weit zurüͤck bleibſt und nicht zu ſchnell voran eilſt.— Laß ihr die Schnur nach; ziehe den Fiſch nicht zu ſchnell aus dem Waſ⸗ ſer und ich wette mein Leben gegen das deinige, du haſt ihn gefangen.“ 4 1 „Was ich auch thue, Vater Simon, immer werde ich in Euren Augen Unrecht behalten, ich mag zu viel Schnur geben, oder zu wenig. Mein beſtes Panzer⸗ bemd gebe ich, wenn alle Schwierigkeit nur auf mei⸗ ner Seite wäre, denn alsdann hätte ich mehr Hoff⸗ nung, ſie zu überwinden, wenn ich ſchon geſtehen muß, daß ich das Geſpräch über einen ſolchen Gegenſtand durch⸗ aus nicht einzuleiten weiß. „Komm mit mir in meine Werkſtätte, mein Sohn, ich will dir einen ſchicklichen Vorwand angeben. Du weißt, daß der Mann, der ein Mädchen geküßt hat, während er ſchlief, dieſes mit einem Paar Handſchuhe anbinden muß. Komm in meine Werkſtätte, ich gebe dir ein Paar vom ſchönſten Rehfell, das man ſehen kann, das ihr ganz paſſen ſoll.— Ich dachte an ihre alte Mutter, während ich daran arbeitete,“ ſetzte der ehrliche Simon mit einem Seufzer hinzu,„und Ka⸗ tharinen ausgenommen kenne ich kein Mädchen in Schott⸗ land, für das ſie paßten, und ich habe doch ſchon den Prufßten Schönheiten am Hofe das Maaß genommen.— omm mit mir, ſage ich, du haſt dann einen Vorwand zum Plaudern, wenn du es nicht am gehörigen Muthe und der nöthigen Klugheit fehlen läſſeſt.“ ¹ Sechstes Kapitel. Nie reicht Katharina einem Mann die Hand. Shakſpeare. — Das Fruͤhmal war aufgetragen, und die friſchen Ku⸗ chen, vom feinſten Mehl und Honig nach einem Fami⸗ lienrecepte gebacken, wurden vom Vater und Liebhaber nicht nur, wie ſich's von ihrer Parteilichkeit erwarten ließ, gehoͤrig belobt, ſondern beide ließen ihnen auch durch den Appetit Gerechtigkeit wiederfahren, der der beſte Beweis fuͤr die Guͤte eines Kuchens wie eines Puddings iſt. Man ſprach, man lachte, man ſcherzte. Katharina ſelbſt hatte ihre gewoͤhnliche Ruhe wieder gewonnen, und zwar an einem Orte, wo Damen und Fraͤulein aus unſrer Zeit ſie wahrſcheinlich verloͤren, naͤmlich— in der Kuͤche, wo ſie die Oberaufſicht uͤber alle haͤuslichen Angelegenheiten fuͤhrte, ein Amt, das ſie meiſterhaft verwaltete. Ich zweifle, ob die Lektuͤre Seneka's, in einem gleichen Zeitraume, ebenſo dazu beigetragen haben wuͤrde, die Ruhe in ihrem Innern wieder herzuſtellen. 2 16 Nach der gewoͤhnlichen Sitte dieſer Zeit ſaß Dorothee unten am Tiſche. Die beiden Freunde waren ſo ſehr in ihr Geſpraͤch vertieft, und Katharina hatte ſo vielerlei zu thun, weil ſie bald zuhoͤren, bald uͤber das Geſagte im Stillen nachdenken mußte, daß die Alte die erſte war, welche die Abweſenheit des jungen Conachar bemerkte. 3 „Es iſt wahr,« ſagte Glover;„geh, ruf ihn, den faulen Hochlaͤnder. Er hat ſich waͤhrend des Laͤrms in 111 der letzten Nacht nicht blicken laſſen, wenigſtens habe ich ihn nicht geſehen; hat ihn eines von euch bemerkt?«« Die Antwort fiel allgemein verneinend aus, und Heinrich ſetzte hinzu:„Es gibt Zeiten, wo ſich dieſe Hochlaͤnder verſteckt zu halten wiſſen, wie ihre Hirſche, — ja, und ebenſo ſchnell zu laufen, um der Gefahr zu entkommen, das habe ich ſelbſt erfahren.« „»»Und es gibt Zeiten,« verſetzte Simon,„wo der Koͤnig Arthur und ſeine Tafelrunde ihnen nicht Stand halten koͤnnten. Ich wollte, Heinrich, ich hoͤrte dich mit mehr Achtung von den Hochlaͤndern ſprechen; ſie kommen oft nach Perth, einzeln und haufenweiſe, und du ſollteſt mit ihnen in Frieden leben, ſo lange ſie mit dir Frieden halten.«⸗ Heinrich war ſchon im Begriffe, ihm mit prahlenden Worten zu antworten, aber die Klugheit warnte ihn noch zu rechter Zeit. „Ihr wißt, mein Vater,”ſagte er laͤchelnd,„ daß wir Handwerker den Leuten den Vorzug geben, von denen wir leben. Nun iſt es mein Handwerk, fuͤr die edlen Ritter, Knappen, Edelknechte und Andere, die die Waffen, die ich ſchmiede, tragen, zu arbeiten; es iſt daher natuͤrlich, daß ich die Ruthven, Lindſap, Ogilvie, Oliphant und ſo viele andere unſerer tapfern, edlen Nachbarn, die in meinen Ruͤſtungen gehen, den hochlaͤndiſchen Streifzuͤglern vorziehe, die beinahe nackt umherziehen, und uns nur zu ſchaden ſuchen, um ſo mehr, da in jedem Clan keine fuͤnf ſind, die einen verroſteten Waffenrock haben, ſo alt, als ihr Brat⸗ tach*), und noch dazu das Werk eines ungeſchickten Schmieds aus ihrem Stamme, der nicht zu unſrer ehrſamen Zunft gehoͤrt, und auf ſeinem Amboße los⸗ haͤmmert, wie ſein Vater vor ihm. Ich ſage Euch, *) Ihre Fahne. Der Herausg. 11² daß ein ehrlicher Handwerksmann ſolche Leute nicht mit guͤnſtigen Blicken betrachten kann. „ Ganz recht, ganz recht,⸗ ſagte Simon;„doch ſprich jetzt nicht mehr von dieſem Gegenſtand, denn ſteh, da kommt unſer Langſchlaͤfer, und wenn heute ſchon ein Feiertag iſt, ſo will ich doch kein Pudding mehr mit Blut.“ In dieſem Augenblick trat Conachar ein. Er hatte blaſſe Wangen, rothe Augen, und ſah ſehr aufgeregt und unruhig aus. Er ſetzte ſich unten an den Tiſch, Dorotheen gegenuber, und machte das Zeichen des Kreuzes, als ſchickte er ſich an, ſein Fruͤhmal zu neh⸗ men. Als er nichts beruͤhrte, bot ihm Katharina die Platte mit den Kuchen dar, welche allgemeinen B fall gefunden hatten. Anfangs wies er ſie mit ver⸗ drießlicher Miene zuruͤck, als ſie aber mit einem freundlichen Laͤcheln ihren Antrag wiederholte, nahm er einen Kuchen, brach ihn entzwei, und aß ein Stuͤckchen, aber die Gewalt, die er ſich anthat, es zu verſchlucken, war,— das ſah man ihm an,— ſo peinlich, daß er keinen zweiten Verſuch machte. 8 „Du haſt einen ſchlechten Appetit fuͤr einen St. Valentinsmorgen, Conachar,« ſagte ſein Meiſter in aufgeraͤumtem Tone;„und doch haſt du, glaub' ich die letzte Nacht gut geſchlafen, denn vermuthlich ha du nichts von dem Auflaufe gehoͤrt, der vor'm Haufe ſtatt fand. Ich haͤtte geglaubt, ein ruͤſtiger Hochlaͤn⸗ der wuͤrde, ſobald nur von ferne Gefahr drohte, mit dem Dolch in der Hand an der Seite ſeines Meiſters ſich einfinden. 8 „Ich habe blos einen ſchwachen Laͤrm gehoͤrt,* er⸗ wiederte der junge Menſch mit einem Seufzer,„ich glaubte, es waͤren einige ausgelaſſene Nachtſchwaͤrmer, und Ihr habt mir verboten, Thuͤre oder Fenſter zu oͤffnen, damit das Haus durch ſolche Thorheiten nicht in Unruhe komme.“ „ 113 „Gut, gut. Ich haͤtte gedacht, ein Hochlaͤnder wuͤrde zwiſchen dem Klirren der Waffen und dem Klange der Inſtrumente, zwiſchen Kriegsgeſchrei und Freudenruf beſſer zu unterſcheiden wiſſen. Genug davon, junger Menſch; es freut mich ſehr, daß du deine Luſt an Haͤndeln nach und nach verlierſt. Doch ſpute dich mit dem Fruͤhſtuͤcke, denn ich habe dir ein Geſchaͤft anzuweiſen, das große Eile hat.“ „Mit dem Fruͤhſtuͤck bin ich ſchon fertig und habe ſelbſt große Eile, denn ich gehe in's Hochland zuruͤck. Habt Ihr mir keine Auftraͤge an meinen Vater zu geben?« „Nein,“ erwiederte Glover uͤberraſcht.„Aber haſt du den Verſtand verloren, Burſche? Welcher Einfall treibt dich, die Stadt mit Sturmeseile zu verlaſſen?«⸗ „Ich habe unerwartet Befehl dazu erhalten,“ ſagte Conachar, nicht ohne einige Anſtrengung; ob aber dieſe aus der Verlegenheit entſprang, in der man ſich nicht ſelten befindet, wenn man ſich in einer ganz fremden Sprache*) ausdruͤcken ſoll, oder ob ihr eine andere Urſache zu Grunde lag, war ſchwer zu unter⸗ ſcheiden.„Es ſoll,« ſetzte er hinzu,„eine Zuſam⸗ menkunft, eine Jagdparthie geben...⸗« Er hielt ane. „Und wann gedenkſt du von dieſer gluͤcklichen Jagd⸗ parthie zuruͤckzukehren? das heißt, wenn's mir erlaubt⸗ iſt, ſo zu fragen.“«. „Das kann ich nicht beſtimmt ſagen; vielleicht nie⸗ mals, wenn es meinem Vater ſo gefällt,« entgeg⸗ hel⸗ der Lehrling mit angenommener gleichguͤltiger iene. *) Die Hochſchotten haben ihre eigenthuͤmliche Sprache, die mit der engliſchen und ſchotriſchen durchaus nicht unverwandt iſt. Anmerk. des Ueb. Walter Scott's Werke. 1518 Bochen. 8 114 „Ich glaubte,« ſagte Glover in ernſtem Tone, „als ich dich, nach langem Bitten in mein Haus nahm, es wuͤrde von dem Allem nicht mehr die Rede ſeyn; ich dachte, als ich mich— was ich nicht gerne that,— dazu verſtand, dich ein ehrliches Handwerk zu lehren, wir wuͤrden von Jagd, Clanverſammlun⸗ gen, Streifparthien und dergleichen nichts mehr zu hoͤren bekommen.«. „Man hat mich nicht gefragt, als ich hieher ge⸗ ſchickt wurde,“ erwiederte der junge Menſch trotzig; „ich kann alſo nicht ſagen, welches die Bedingungen waren.“ „Aber ich, ich kann's dir ſagen, junger Herr,“ rief der Handſchuhmacher zornig,„daß es gar nicht ſchoͤn von dir iſt, daß du dich einem ehrlichen Hand⸗ werksmann als Lehriungen verdingt, und ihm mehr Felle verdorben haſt, als dein eignes werth iſt, und jetzt, wo du in dem Alter biſt, ihm an die Hand gehen zu koͤnnen, nach Gefallen uͤber deine Zeit ver⸗ fuͤgſt, wie wenn ſie dir gehoͤrte, und nicht deinem Meiſter.“ 1 „Macht das mit meinem Vater ab, e⸗ verſetzte Co⸗ nachar,»der zahlt Euch gerne ein franzoͤſiſches Lamm*) fuͤr jedes Fell, das ich verdorben, und eine Kuh oder einen fetten Ochſen fuͤr jeden Tag, den ich verſaͤumt „Angenommen, Freund Glover, angenommen, ſagte Heinrich trocken;„Ihr werdet wenigſtens gut, wenn auch nicht ehrlich bezahlt. Ich moͤchte wiſſen, wie viele Boͤrſen gepluͤndert worden ſind, um den *) Eine franzöſiſche Muͤnze in Gold, ſo genannt, weil ein Lamm darauf gepraͤgt war.. Der Herausg. 115 bocksledernen Sporran) zu fuͤllen, der Euch ſo frei⸗ gebig Gold ſpenden ſoll, und von welchen Waiden die Ochſen kommen, die Ihr uͤber die Grampiſchen Gebirge erhalten ſollt.“. „Ihr erinnert mich eben recht,“ ſagte der junge Hochlaͤnder, ſich mit ſtolzer Miene gegen den Waf⸗ fenſchmied wendend,„daß ich auch mit Euch eine Rech⸗ nung abzumachen habe.“... „Komm mir nicht zu nahe,“ ſchrie Heinrich, ſeinen nervigten Arm ausſtreckend,„ich will nichts mehr mit dir zu ſchaffen haben; zwar mache ich mir wenig aus'nem Wespenſtich, aber ich dulde es nicht, daß das Inſekt mir nahe komme, wenn ich durch ſein Sumſen aufmerkſam gemacht bin.“ Conachar laͤchelte mit veraͤchtlicher Miene.„Ich wollte dir nichts zu Leid thun,“ ſagte er,„der Sohn meines Vaters hat dir nur zu viele Ehre angethan, daß er das Blut eines ungeſchlachten Burſchen, wie du, vergoß. Ich will dir's tropfenweiſe bezahlen, damit es trockne, und mir die Finger nicht laͤnger beſudle.“ „Schweig, großſprecheriſcher Affe,“ verſetzte der Waffenſchmied;„das Blut eines braven Mannes kann nicht mit Geld aufgewogen werden. Die einzige Ge⸗ nugthuung, die du mir geben koͤnnteſt, waͤre, daß du auf eine Meile von deinen Bergen, mit zweien der ſtolzeſten Prahler deines Clan's in's Unterland *) Die Taſche der Hochlaͤnder, gewoͤhnlich aus Bocks⸗ leder, und vorn uͤber den Kleidern getragen, heißt in ihrer Sprache Sporran Sporran⸗moulbach wird ſie genannt, wenn die haarige Seite nach auſſen gekehrt iſt, 3 Der Herausg. §* 116 kaͤmeſt; da koͤnnte ich dann, waͤhrend ich mit ihnen 4 fertig wuͤrde, meinem Lehrjungen, dem kleinen Jan⸗ kin das Geſchaͤft uͤberlaſſen, dich zu zuͤchtigen.“ Katharina unterbrach dieſen Wortwechſel.„Stille, mein treuer Valentin, dem ich das Recht habe zu befehlen, und auch du, Conachar, ſey ſtille: du mußt mir, als der Tochter deines Meiſters gehorchen; es iſt nicht fein, am Morgen einen Streit wieder anzu⸗ fangen, den die Nacht haͤtte beſchwichtigen ſollen.“ „So lebt wohl, Meiſter Glover„ ſagte Conachar, nachdem er noch einen Blick der Verachtung auf Smith geworfen, den dieſer blos mit einem ſchallen⸗ den Gelächter beantwortete;„lebt wohl. Ich danke Euch fuͤr Alles, was Ihr Gutes an mir gethan; Ihr habt mir deſſen mehr erwieſen, als ich verdiente. Wenn ich manchmal weniger dankbar dafuͤr erſchien, als ich ſollte, ſo lag die Schuld an den Umſtaͤnden, nicht an meinem Willen. Katharina...“ er warf ei⸗ nen Blick tiefer Ergriffenheit auf ſie, in dem, wie es ſchien, Gefuͤhle verſchiedener Art ſich ausſprachen. Er zoͤgerte, als wollte er ihr etwas ſagen; endlich wandte er ſich, nachdem er ihr blos noch hinzugeſetzt: „Lebt wohl!* Fuͤnf Minuten darauf verließ er Perth, in Halbſtiefeln, wie ſie die Hochlaͤnder tragen, und ein kleines Buͤndel unter'm Arme, und ging durch das gegen Norden fuͤhrende Thor den Gebirgen zu. „Da geht er hin, ſo ſtolz und arm, als es nur ein Hochlaͤnder ſeyn kann,“ ſagte Heinrich.„Er ſpricht von Goldſtuͤcken ſo gleichguͤltig, wie ich etwa von Dreiern, und doch wollt' ich darauf ſchwoͤren, daß der Daumen am wollenen Handſchuh ſeiner Mutter alle Schaͤtze ſeines Clan's zuſammen faſſen koͤnnte.“ „»Wohl moͤglich,“ ſagte der Handſchuhmacher, uͤber dieſen Gedanken laͤchelnd,„beſonders, da ſeine Mut⸗ 117 ter eine ſtarkknochigte Frau war, und hauptſaͤchlich große Finger und Faͤuſte hatte.“ „Und was das Vieh betrifft,“ fuhr Heinrich fort, „ſo kommt mir's vor, ſein Vater und ſeine Bruͤder ſtehlen die Schaafe eins nach dem andern.“ „Je weniger wir davon reden, deſto beſſer iſt's, ſagte Glover, ernſter werdend.„Er hat keine Bruͤ⸗ der... ſein Vater iſt ein angeſehener Mann... er hat lange Arme, die er ausſtreckt, ſo weit er kann, und ſeine Ohren hoͤren ſo weit, daß wir nicht von ihm zu ſprechen brauchen.“ „Und doch hat er ſeinen einzigen Sohn zu einem Handſchuhmacher in Perth in die Lehre gethan?“ ſetzte Heinrich hinzu.„Ich haͤtte geglaubt, das edle Handwerk des heil. Crispin*), wie man's heißt, wuͤrde ihm beſſer zuſagen, und wenn der Sohn eines großen Mac oder O' ein Handwerk erlernen ſollte, ſo wuͤrde er dasjenige ergreifen, in welchem Fuͤrſten ihm vorangegangen.“ Dieſe Bemerkung, obgleich in ironiſchem Tone ge⸗ macht, ſchien in Simon das Gefuͤhl der Wuͤrde ſei⸗ nes Handwerks zu wecken,— ein Gefuͤhl, das im Allgemeinen alle Handwerker dieſer Zeit charakteriſirte. „Ihr irrt Euch, mein Sohn Heinrich,“ antwortete er mit vieler Gravitaͤt,„die Profeſſion der Hand⸗ ſchuhmacher iſt die ehrenvollere, weil ſie fuͤr die Haͤnde arbeitet, waͤhrend die Schuhflicker und Stiefelkuͤnſtler es nur mit den Fuͤßen zu thun haben.“ 1 „Beides ſind gleich nothwendige Glieder des Lei⸗ bes,“ erwiederte Heinrich, deſſen Vater Schuſter ge⸗ weſen war. *) Bekanntlich der Patron der Schuſter. Anm. d. Ueberſ. 118 „Das mag ſeyn, mein Sohn,“ ſagte der Hand⸗ ſchuhmacher,„aber ihre Verrichtungen ſind ſehr ver⸗ ſchieden. Bedenkt, daß wir die Hand als Unterpfand der Treue und Freundſchaft gebrauchen, die Fuͤße ha⸗ ben dieſes Vorrecht nicht. Tapfere Leute fechten mit den Waffen in der Hand, die Feigen machen ſich auf die Beine, um zu fliehen. Ein Handſchuh wird hoch⸗ getragen, ein Schuh in den Koth getreten. Mit aus⸗ geſtreckter Hand gruͤßt man den Freund; einen Hund, oder einen Menſchen, den man wie einen Hund ver⸗ achtet, ſtoͤßt man mit dem Fuß zuruͤck. Ein Hand⸗ ſchuh auf einer Lanzenſpitze iſt in der ganzen Welt ein Zeichen der Ergebenheit, und auf den Boden ge⸗ worfen, eine Ausforderung zum Kampfe zwiſchen Rittern, in einem alten Schuh dagegen finde ich kein anderes Sinnbild, als etwa, daß ihn eine gute Alte einem Mann auf den Ruͤcken wirft, um ihm Gluͤck zu bringen,— ein Mittelchen, auf das ich, aufrich⸗ tig geſtanden, wenig Vertrauen habe.“ „Bei meiner Seele!“ rief der Waffenſchmied, durch die Beredtſamkeit ergoͤtzt, mit der ſein Freund die Wuͤrde ſeines Handwerks verfochten hatte,„ich ſtehe Euch dafuͤr, daß ich die Handſchuhmacherszunft nie⸗ mals gering ſchaͤtzen werde. Bedenkt nur, daß ich ſelbſt auch Blechhandſchuhe mache. Aber trotz des Anſehens Eurer alten Zunft wundert's mich doch, daß Conachar's Vater ſeinen Sohn die Profeſſion eines Handwerkers aus dem Unterlande lernen ließ, denn die Hochlaͤnder meinen, wir ſtehen unendlich tief un⸗ ter ihrem hohen Range, und betrachten uns als einen Haufen veraͤchtlicher Tageloͤhner, die kein anderes Schickſal verdienen, als mißhandelt und beraubt zu werden, ſo oft ſich die großen Herrn ohne Beinklei⸗ der dieß ohne Gefahr erlauben zu koͤnnen glauben.“ „Allerdings,“ verſetzte Simon,„allein es walteten 1¹9 dringende Gruͤnde ob, daß. daß... Er unterdruͤckte etwas, das ſich ihm uͤber die Lippen draͤngen zu wol⸗ len ſchien, und fuhr fort,„daß Conachar's Vater ſo handelte, wie er gethan hat. Uebrigens habe ich Alles erfuͤllt, was ich ihm verſprochen hatte, und zweifle nicht, daß er mich redlich bezahlen wird. Doch ſetzt mich Conachar's ploͤtzliche Entfernung in einige Verlegenheit; ich hatte ihm gewiſſe Geſchaͤfte anver⸗ traut ich muß in der Werkſtaͤtte nachſehen. „Kann ich Euch begleiten, Vater? fragte Heinrich, durch den ernſten Ton ſeines Freundes getaͤuſcht. „Ihr? nein!“ antwortete Simon in einem trocknen Tone, der Heinrich das Unpaſſende ſeines Anerbietens ſo ſehr fuͤhlen ließ⸗ daß er tief erroͤthete, hier ſo we⸗ nig Geiſtesgegenwart gezeigt zu haben, wo die Liebe ihn aus einem halben Wort haͤtte errathen laſſen ſol⸗ len, was der alte Glover beabſichtigte. „Katharina,“ ſagte Simon im Hinausgehen,„leiſte deinem Valentin auf einige Minuten Geſellſchaft, und laß ihn nicht fort, bis ich zuruͤckkomme. Folge mir, Dorothee, ich glaube, ich werde dich noͤthig haben.“ Er verließ das Zimmer mit der Alten und Hein⸗ rich Smith war, beinahe zum erſtenmal in ſeinem Leben, allein mit Katharinen. Ungefaͤhr eine Minure lang war das Maͤdchen in ſichtbarer Verlegenheit, und der Liebende benahm ſich ziemlich linkiſch. End⸗ lich nahm Heinrich allen ſeinen Muth zuſammen, zog die Handſchuhe, die ihm Simon zugeſteckt hatte, aus der Taſche, und bat ſie, dem, dem dieſen Morgen eine ſo hohe Gunſt geworden ſey, zu erlauben, die Buße zu entrichten, in die er verfallen ſey, weil er in einem Augenblick geſchlummert habe, den er gerne mit einem ganzen Jahre wieder erkaufen wollte, wenn er nur eine Minute gewacht haͤtte. 120 „Aber das Recht,“ ſagte Katharina,„das ich St. Valentin gethan, macht dieſe Buße unnoͤthig, und ich kann Sie deßwegen nicht annehmen.“ „Dieſe Handſchuhe,“ ſagte Heinrich, Katharinens Stuhle etwas naͤher ruͤckend,„haben Haͤnde gearbei⸗ tet, die Euch ſehr theuer ſind, und ſeht, ſie ſind fuͤr die Eurigen gemacht.“ Er breitete ſie auf dem Tiſche aus, ergriff Katharinens Arm mit ſeiner kraͤftigen Hand, und legte ihn auf die Seite, um ihr zu zei⸗ gen, wie gut ſie ihr paſſen wuͤrden.„Seht dieſen runden Arm,“ fuhr er fort,„dieſe ſchlanken Finger; denket an den, der dieſe Naͤhte mit Seide und Gold ausgeſtickt hat, und ſagt mir, ob dieſe Handſchuhe, und die Arme, denen ſie ſo gut paßten, getrennt bleiben duͤrfen, weil die armen Handſchuhe das Un⸗ gluͤck gehabt haben, einige Minuten einer ſo plumpen, verbrannten Hand, wie die meinige iſt, anvertraut geweſen zu ſeyn? 4 „Ich nehme ſie mit Vergnuͤgen an, da ſie von mei⸗ nem Vater kommen,“ ſagte Katharina,„und gewiß auch, von Euch, mein Freund'(ſie betonte dieſes Wort ſtark)„von meinem Valentin, meinem Be⸗ uͤßer. Iutnie 1 „Erlaubt mir, ſie Euch anziehen zu helfen,“ ſagte Smith, und ruͤckte noch naͤher zu ihr.„Sie ſind vielleicht Anfangs etwas enge, und Ihr koͤnnt Unter⸗ ſtuͤtzung noͤthig haben.“ „Zu ſolchen Dienſten ſeyd Ihr ſehr wohl zu ge⸗ brauchen, guter Heinrich Gow,“ verſetzte Katharina laͤchelnd, ruͤckte aber zu gleicher Zeit mit ihrem Stuhle weiter weg.. „Wahrhaftig,“ entgegnete Heinrich, den Kopf ſchuͤt⸗ telnd,„ich verſtehe beſſer, einem Ritter den Blech⸗ handſchuh, als einer Dirne einen geſtickten Handſchuh anzuziehen.“. a — 121 „Wenn das der Fall iſt, will ich Euch nicht weiter bemuͤhen; Dorothee kann mir helfen. Doch das wird gar nicht noͤthig ſeyn, die Augen und Finger meines Vaters truͤgen ihn niemals, und alle ſeine Arbeiten entſprechen immer genau dem genommenen Maaße.“ „Erlaubt mir, mich dgvon zu uͤberzeugen; ich will ſehen, ob dieſe niedlichen Handſchuhe den Haͤnden, fuͤr die ſie gemacht ſind, wirklich gut paſſen.“ „Ein andermal, mein guter Heinrich, will ich dieſe Handſchuhe tragen, zu Ehren St. Valentin's und des Gefaͤhrten, den er mir fuͤr dieſes Jahr geſendet. Koͤnnte ich doch meinen Vater uͤber einen wichtigeren Punkt ebenſo zufrieden ſtellen! Gegenwaͤrtig wuͤrde der Ledergeruch nur das Kopfweh ſtaͤrker machen, das ich ſeit dieſem Morgen habe.“ „Kopfweh, theure Katharina!“. „Nennt es ein Leiden, das vom Herzen kommt, und Ihr merdet nicht ſehr irren,“ ſagte Katharina mit einem Seufzer, und fuhr dann in ernſterem Tone fort:„Vielleicht werde ich jetzt die Kuͤhnheit an den Tag legen, die Ihr dieſen Morgen bei mir voraus⸗ ſetzen konntet, denn ich mache den Anfang, von einer Sache mit Euch zu ſprechen, uͤber die ich zuerſt Euch vernehmen und dann erſt antworten ſollte. Doch nach dem, was dieſen Morgen vorgefallen iſt, kann ich mich nicht enthalten, mich zu erklaͤren, wie ich gegen Euch geſinnt bin, ohne Gefahr zu laufen, daß Ihr mich mißverſtehen koͤnntet. Nein, antwortet mir nicht, ehe Ihr mich gehoͤrt habt. Ihr ſeyd wacker, Heinrich, und ſeyd es mehr, als die meiſten Maͤn⸗ ner; Ihr ſeyd offen und treul man kann ſich auf Euch volaſſene wie auf den Stahl, den Ihr bearbeitet; Ihr.... Haltet ein, Katharina, haltet ein, ich bitte Euch! So viel Gutes habt Ihr immer nur deßwegen von 12² mir geſagt, um auf eine bittere Ruͤge uͤberzugehen, die Eure Lobſpruͤche einleiteten. Setzt noch hinzu, ich ſey ein ehrlicher, aber unbeſonnener, unmuthiger, haͤndelſuͤchtiger Menſch, ein Raufbold—“ „Ich waͤre ungerecht gegen mich, wie gegen Euch, wenn ich Euch ſo nennen wuͤrde. Nein, Heinrich, einem Raufbolde, und haͤtte er Federn am Barette, und goldene Sporen an den Ferſen getragen, haͤtte Katharina Glover die Gunſt nicht erwieſen, die die Sitte fordert, und die ich dieſen Morgen Euch er⸗ zeigt habe. Wenn ich ſchon manchmal ernſtlich ruͤgte, daß Euer Sinn zum Zorn, Eure Hand zum Kampſe geneigt iſt, ſo wollte ich damit, wenn es gelaͤnge, bewirken, daß Ihr die Suͤnden der Eitelkeit und lei⸗ denſchaftlichen Hitze, deren Ihr Euch allzuleicht hin⸗ gebt, haſſen ſolltet. Ich ſprach von dieſem Gegen⸗ ſtande mehr, um Euer Gewiſſen anzuregen, als um meine Anſicht auszudruͤcken. Ich weiß, ſo gut als mein Vater, daß man in diefen unſeligen, unruhigen Zeiten, auf die Sitten unſrer, und ſelbſt aller chriſt⸗ lichen Nationen ſich berufen kann, um die Gewohn⸗ heit zu rechtfertigen, von der unbedeutendſten Klei⸗ nigkeit Veranlaſſung zu blutigem Zwiſt zu nehmen, fuͤr die geringſte Beleidigung ſich furchtbar zu raͤchen, und ſich der Ehre halber, oft der bloßen Beluſtigung wegen, den Hals zu brechen. Aber ich weiß auch, daß dieß ebenſo viele Uebertretungen ſind, fuͤr die wir einſt vor Gericht werden gezogen werden, und ich moͤchte Euch uͤberzeugen, mein tapfrer, edler Freund, daß Ihr oͤfter dem Rathe Eures guten Her⸗ zens folgen, und auf die Staͤrke und Geſchicklichkeit Eures unbarmherzigen Armes weniger ſtolz ſeyn ſollt.“ „Ich bin uͤberzeugt, Katharina, voͤllig uͤberzeugt; Eure Worte ſollen von nun an fuͤr mich Geſetz ſeyn. Ich habe viel, ich habe genug gethan, um meine Staͤrke 12³ und meinen Muth zu erproben; aber von Euch allein, Katharina, kann ich lernen, beſſer zu denken. Be⸗ denket, meine ſchoͤne Valentine, daß mein Ehrgeiz, durch Waffenthaten mich auszuzeichnen und mein kampf⸗ luſtiger Sinn, wenn ich ſo ſagen darf, gegen meine Vernunft und meinen ſanfteren Charakter nicht mit gleichen Waffen ſtreiten; ſie werden durch Urſachen, die mir fremd ſind, geweckt und ermuthigt. Entſteht ein Streit, und ich ſoll nach Eurem Rathe mich nicht darein mengen,— glaubt Ihr da, mir ſtehe frei, zwiſchen Krieg und Frieden zu waͤhlen? Nein, bei der heiligen Maria! Hundert Stimmen erheben ſich ringsum, mich anzufeuern.„Wie, Smith, iſt deine Klinge verroſtet?“ ſagte der Eine.—„Heinrich Gow will dieſen Morgen nichts von Haͤndeln hoͤren,“ ſetzt ein Anderer hinzu.—„Schlage dich fuͤr die Ehre von Perth,“ ruft der Lordoberrichter.„Heinrich nimmt's mit Allen auf, und ich wette einen Roſenobel fuͤr ihn,“ ſagt vielleicht Euer Vater ſelbſt. Was kann nun ein armer Burſche, wie ich, machen, Katharina, wenn ihm ſo die ganze Welt im Namen des Teufels zuſetzt, und auf der andern Seite keine Seele iſt, die ihm nur ein Woͤrtchen ſagte, um ihn zuruͤck zu halten 2“* „Ich weiß, daß es dem Teufel nicht an Helfers⸗ helfern fehlt, um uns zu ſeinen Werken zu verleiten, aber es iſt unſere Pflicht, ſeinen eiteln Vorſpiege⸗ lungen zu widerſtehen, ſelbſt wenn ſie von ſolchen vorgebracht werden, denen wir Liebe und Achtung ſchuldig ſind.“ „Dann kommen die Minſtrels mit ihren Romanzen und Balladen, die alles Verdienſt eines Mannes darein ſetzen, daß er wackere Hiebe empfaͤngt und austheilt. Ihr koͤnnt nicht glauben, Katharina, wie viele meiner Suͤnden der Saͤnger Heinrich der Blinde 1²¹⁴ zu verantworten hat. Thue ich einen gut gefuͤhrten Hieb, ſo geſchieht es— der heilige Johannes ſey mein Zeuge!— nicht in der Abſicht, dem Gegner Schaden zu thun, ſondern einzig, um zu hauen, wie William Wallace.“ Heinrich ſprach dieſe Worte mit einem ſo klaͤglichen Ernſte, daß Katharina ſich nicht enthalten konnte, zu laͤcheln. Indeſſen verſicherte ſie ihn, daß ſo unbedeu⸗ tende Gruͤnde gar nicht in Betracht kommen, wo die Gefahr, der er ſein und Anderer Leben ausſetze, in der andern Wagſchale liege. „Wohl,“ erwiederte Heinrich, durch ihr Laͤcheln er⸗ muthigt;„aber die gute Sache des Friedens koͤnnte, wie mich duͤnkt, nicht beſſer ankommen, wenn ſie ei⸗ nen Vertheidiger ſuchte. Denkt Euch z. B., ich koͤnne, wenn man mich draͤngt und treibt, zu den Waffen zu greifen,— ich koͤnne da mich erinnern, ich habe zu Hauſe einen guten Schutzengel gelaſſen, deſſen Bild mir ganz leiſe zuzufluͤſtern ſchiene:„„Keine Ge⸗ waltthat, Heinrich! es iſt meine Hand, die du mit Blut zu beflecken im Begriff ſtehſt. Heinrich, begieb dich in keine unnoͤthige Gefahr, es iſt meine Bruſt, der du ſie ausſetzeſt.“⸗“ Solche Gedanken wuͤrden mehr Wirkung bei mir thun, als wenn alle Moͤnche von Perth mir zuriefen:„Halt, bei Strafe des Bannes!“ „Wenn die Stimme, der Rath und die Liebe einer Schweſter hier einiges Gewicht haben koͤnnen, Hein⸗ rich,“ ſagte Katharina,„ſo glaubt mir, daß Ihr meine Hand mit Blut faͤrbet, wenn Ihr einen Streich fuͤhrt, daß mein Herz blutet, wenn Ihr eine Wunde empfangt.“ 8 Der ruͤhrende, liebevolle Ton, mit dem dieſe Worte geſprochen wurden, gaben dem Waffenſchmiede neuen Muth.. 3 125 „Und warum,“ ſagte er,„warum wollt Ihr Eure Theilnahme nicht noch ein wenig über dieſe kalten Schran⸗ ken hinausgehen laſſen? Wenn Ihr gut und edel genug ſeyd, zu geſtehen, daß Ihr an dem armen, unwiſſen⸗ den Sünder, der vor Euch ſteht, einiges Intereſſe neh⸗ met, warum nehmt Ihr ihn nicht ſogleich zu Eurem Schüler und Gatten an? Euer Vater wünſcht's, die ganze Stadt erwartet es, die Handſchuhmacher und Schmiede rüſten ſich ſchon zu ihren Luſtbarkeiten, und Ihr, Ihr allein, deren Worte ſo mild und ſanft ſind, hr verweigert Eure Einwilligung?“ „Heinrich,“ erwiederte Katharina mit leiſer, zittern⸗ der Stimme,„glaubt mir, daß ich es mir zur Pflicht machen würde, den Befehlen meines Vaters zu gehor⸗ chen, wenn ſich dieſer Heirath nicht unüberſteigliche Hinderniſſe entgegenſtellten.“ »Aber beſinnt Euch— beſinnt Euch nur einen An⸗ genblick. Euch gegenüber, die Ihr leſen und ſchreiben könnt, hab' ich freilich wenig anzuführen, um mich gel⸗ tend zu machen. Aber ich höre gerne leſen, und es wird mir immer Freude gewähren, Eure ſanfte Stimme zu vernehmen. Ihr liebt die Muſik, ich habe gellrut, die Harfe zu ſpielen, und zu ſingen, wie andere Min⸗ ſtrel's. Euch macht es Freude, wohlthätig zu ſeyn, ich habe die Mittel, zu geben, ohne Gefahr zu laufen, mich zu entblößen; ich könnte täglich eben ſo viel Al⸗ moſen geben, als ein Deacon ², done daß es mir ſchwer würde. Euer Vater wird alt, und kann nicht mehr arbeiten, wie bisher; er würde bei uns wohnen, denn ich betrachte ihn ganz als meinen Vater. Vor jedem leichtſinnigen Streite würde ich mich ebenſo hüten, wie *) Deacon bedeutet gewoͤhnlich Diakon, in Schottland aber fuͤhren dieſen Namen auch die Zunftvorſteher. Anm. d. Ueberſ. 126 davor, meine Hände in den Ofen zu ſtecken und ließe es ſich einer beigehen, uns anzugreifen, ſo wollte ich ihm zeigen, daß er keinen günſtigen Markt zum Ver⸗ ſchluß ſeiner Waare gewählt habe.“ „Möchte euch alles häusliche Glück werden, das ihr Euch zu denken vermögt, Heinrich, aber mit einer glück⸗ licheren Frau, als ich bin,“ ſagte das ſchöne Mädchen von Perth und hatte beinahe keinen Athem mehr in der Bruſt, ſo ſehr ſtrengte ſie ſich an, ihre Thränen und ihr Schluchzen zurückzudrängen. „Ihr haßt mich alſo?“ fragte der Liebende nach ei⸗ nigen Pauſen. „Nein! der Himmel iſt mein Zeuge!“ „Oder ihr liebt einen Andern mehr als mich?“ „Es iſt grauſam nach etwas zu fragen, was zu wiſ⸗ ſen euch nicht frommen kann; aber ihr ſeyd ganz im Irrthume.“ „Vielleicht die wilde Katze den Conachar? ich habe ſeine Blicke bemerkt, und——“ „Ihr benützt meine peinliche Lage, um mich zu höh⸗ nen, Heinrich, ob ich das gleich nicht verdient habe. Conachar gilt mir nichts; wenn ich bemüht war, durch Lehre und Warnung ſeinen ungeſtümen Geiſt zu bän⸗ digen, ſo habe ich mich eines jungen Menſchen ein we⸗ nig angenommen, der ſeinen Vorurtheilen und Leiden⸗ ſchaften überlaſſen war, und ſo mit euch Heinrich, eine gewiſſe Aehnlichkeik hat.“ „So muß es ein Sir Seidenwurm ſeyn, einer von den kurzweiligen Höflingen„ ſagte der Waffenſchmied, deſſen Unwille ſeinen von Natur leicht reizbaren Cha⸗ rakter aufregte,„einer von denen, die ſich einbilden, ſie müſſen mit ihren langen Federn und glänzenden ol⸗ denen Sporen Alles gewinnen. Ich moͤchte wohl den wiſſen, der ſeine gewöhnlichen Geſellſchafterinnen, die geſchminkten, wohlduftenden Fräulein am Hofe, ver⸗ 127 läßt und einfältigen Bürgerstöchtern nachgeht. Ich möchte ſeinen Namen und Beinamen wiſſen.“ „Heinrich Smith,“ ſagte Katharina, plötzlich die Schwäche niederkämpfend, unter der ſie einen Augen⸗ blick zuvor erliegen zu wollen ſchien,„dieſe Sprache iſt die der Thorheit und Undankbarkeit oder vielmehr der Wuth. Ich habe euch ſchon beim Anfange unſers Ge⸗ ſpraches geſagt, daß ich von Niemanden eine höhere Meinung habe, als von dem, der gegenwärtig mit jedem Worte, das er im Tone ungerechten Verdachtes und ungegründeten Zornes ſpricht, in meiner Achtung verliert. Ihr hattet nicht einmal das Recht, das zu erfahren, was ich euch geſagt habe und ich bitte euch, zu beachten, daß meine Geſpräche euch nicht zu der Meinung berechtigen dürfen, daß ich euch den Vorzug vor Andern gebe, wenn ich ſchon geſtehe, daß ich Kei⸗ nen über Euch ſtelle. Es genügt euch, zu wiſſen, daß euren Wünſchen ein unüberwindliches Hinderniß im Wege ſteht, wie wenn ein Zauberer mein Schickſal ge⸗ bannt hätte.“ „Muthige Leute wiſſen den Zauber zu löſen,“ ver⸗ ſetzte Smith;„ich wollte, ich hätte nur das zu fürch⸗ ten. D' Horbion, ein däniſcher Waffenſchmied ſagte mir, er wiſſe einen Zauber, mit dem er ſeine Panzer un⸗ durchdringlich machte, indem er, während das Eiſen glühe, ein gewiſſes Lied ſinge. Ich erwiederte ihm aber, daß ſeine Runen⸗Reimlein gegen die Waffen nicht Probe halten würden, mit denen man bei Loncarty gefochten. Es iſt unnöthig, den Erfolg zu erzählen, aber ſein Panzer, der, der ihn trug, und der Wundarzt der ihn heilte, können ſagen, ob Heinrich Gow einen Zau⸗ ber zu löſen weiß.“ „Katharina betrachtete ihn, als wollte ſie ihm auf eine Weiſe antworten, die ihm bewieſen hätte, daß ſie die Heldenthat, derer er ſich eben gerühmt, gar nicht 128 bewundere, denn der tapfere Waffenſchmied hatte nicht daran gedacht, daß er ſich damit einen Vorwurf von ihr zuziehen könnte. Ehe ſie aber Zeit gewann, ihre Gedanken auszudrücken, öffnete ihr Vater halb die Thür und ſteckte den Kopf in’s Zimmer hinein. „Heinrich,“ ſprach er,„ich muß dich in einer ange⸗ nehmen Unterhaltung ſtören und dich bitten, unverzüg⸗ lich in meine Werkſtätte zu kommen, um dort uͤber Angelegenheiten zu berathen, die für die Stadt von der größten Wichtigkeit ſind.“ 3 Heinrich beurlaubte ſich von Katharinen und verließ auf der Stelle das Zimmer. Es war vielleicht zu Auf⸗ rechthaltung des freundſchaftlichen Verhältniſſes zwi⸗ ſchen Beiden gut, daß ſie bei dieſer Wendung, die das Geſpräch nehmen zu wollen ſchien, ſchnell getrennt wur⸗ den, denn der Liebende, nach und nach ermuthigt, fing an, die Weigerung des ſchönen Mädchens, für die un⸗ erklärliche Wirkung einer Laune zu halten und auf der andern Seite ſchien es Katharinen mehr, als wolle er die erlangte Gunſt mißbrauchen, als daß ihn ſein Zart⸗ gefühl deſſelben würdig machte. 4. In ihren Herzen aber lebte ein Gefühl gegenſeitiger Zuneigung, das, war einmal der Streit beendigt, wie⸗ der erwachen und das Mädchen die Verletzung ihres Zartgefühls, den Liebenden die Kälte, mit der ſie ſeine iüende Leidenſchaft erwiedert hatte, vergeſſen laſſen mußte. —ÿm