c.„.. 8.é(.ää o—h—O SA=SNSZ=SnR S — 1 prrat I nu, dee Walter Scott's ſaͤmmtliche e r k e. —— Neu aͤberſetzt. — Hundert und vierzehnter Band. Fuͤnfter Theil. Stuttgart, dei Bebtruder Franck. 18 2 8. = — — ᷣ * Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Nichts an ihm— Das nicht zu Meer ſich wandelt.⸗ Shakespeare's Sturm. Fuͤnfter Theil. Stuttgart, hei Gebruͤder Franckh. 1828. Der Pirat. Erſtes Kapitel. Hört dort den lauten Schimpf, das Lachen, voll von Kohn! Wie roher Spott erweckt des Zornes muthig Drohn, Wie Schuß auf Schuß ſchallt Fluch, und flammend blitzt darein Der Rache furchtbar Wort, gleich nackter Schwerter Schein. So ſtreiten Räuber ſich, und unterdeſſen winkt Für den, der rechtlich bleibt, was wahren Vortheil bringt. Gefangenſchaft, ein Gedicht. Als Cleveland, von ſeinen Gefaͤhrten im Triumph da⸗ vongetragen, abermals am Bord des Raͤuberſchiffes erſchien, ward er von einem Theile des Schiffsvolks, mit lautem freudigem Zuruf empfangen. Man kam herbei, ihm zu feiner Ruͤckkehr Gluͤck zu wuͤnſchen, und ſchuͤttelte ihm zu⸗ traulich die Hand; denn die Stelle eines Buccanier⸗Capi⸗ tains ſtellte ihn auf eine nicht viel höhere Stufe, als den Niedrigſten von der Schiffsmannſchaft, die bei allem griel⸗ ſchaftlichen Verkehr uch alz ſeines Gleichen anſah. Als ſeine Partei— denn ſo moͤchte man dieſe toben⸗ den Freunde wohl nennen— Cleveland dinlinaln begrußt W. Sevtt's Werke. CXIV. 6 hatte, ſchleppte ſie ihn nach dem Hintertheile des Schiffs, wo Goffe, ihr gezenwaͤrtiger Befehlshaber, finſter und mis⸗ vergnaͤgt uͤber das Freudengeſchrei, welches Cleveland's Ankuaft verkuͤndigte, auf einer Kanone ſaß. Er war ein Mann von vierzig bis funfzig Jahren, unter mittlerer Sta⸗ tur, aber von ſo ſtarkem Koͤrperbau, daß das Schiffsvolk ion gewoͤhnlich mit einem abgetakelten vier und ſeczig⸗ Kanonen chiffe zu vergleichen pflegte. Mit ſchwarzem Haar, einem Stierhalſe, buſcigen Augenbraunen, bildeten ſeine plumpe Staͤrke und leine finſtern Zuͤge einen auffallenden Gegenſatz gegen die männl'che Geſtatt und das effene Ge⸗ ſicht Cle eland's, in welchem ſelbſt die Ausuͤbung ſeines ſchrecklichen Gewerbes die natuͤrliche Anmuth der Bewegung und die Großartigkeit des Agsdrucks nicht ganz hatte ver⸗ tilzen koͤnnen. Die beiden Seeraͤuber Capitaine blickfen ein⸗ ander eine Zeit lang ſchweigen) au, waͤhrend ihre Anhaͤn⸗ ger ſich um ſie her ſtellten. Der ältere Theil des Schiffsvolkes bildete vorzuͤglich den Anhang Goffe's, waͤhrend die jungen Leute, unter denen Jack Bunce als Fuͤhrer und Haupttrieb⸗ feder obenan ſtand, mehr dem Cleveland zugethan waren. Endlich brach Goſſe das Stillſchweigen:„Ihr ſeyd will⸗ kommen an Bord, Capitain Cleveland.— Aber, hol'’ der Teufel meinen Hackekord, ich glaube gar, Ihr haltet Euch noch fuͤr eiren Commodore! Nun das iſt vorbei, bei Gott! Ihr habt Euer Schiff verloren, und hol' Euch der Teufel dazu!“ Wir muͤſſen hier ein: fuͤr allemal vemerken, daß es die ſisbabers war, ſeine Worte aiß mit einander zu miſchen, u und Fluͤche in gleichem Verhs andenoehme Satre iacan Ra anaenee B was er das Schießen bei einem Geſpraͤch nannte. D⸗ wir indeß dergleichen Aremeri«ſalpen nicht beſonders lieben, ſo wollen wer es immer durch einen Strich— andeuten, wo dergleichen Ausfuͤllungsworte vorkommen, und ſo, wenn uns der Leſer einen ſehr armſeligen Witz erlauben will, Capitain Goffe's ſcharfe Patronen in plinde Schuͤſſe ver⸗ wandeln. Auf ſeine Andeutung, daß Cleveland an Bord gekommen ſey, den Oberbefehl zu uͤbernehmen, antwortete jeſer:„das er eine ſolche Befoͤrderung weder wuͤnſche, noch annehmen wuͤrde, ſondern Capitarn Goffe nur bitte, daß er das Boot apbfallen laſſe, um ihn auf einer der an⸗ dern Inſeln an das Land zu ſetzen, da er weder den Ober⸗ befehl uͤber Goffe fuͤhren, noch unter dem ſeinigen ſtehen moͤge.“. „Und warum nicht, Bruder?“ fragte Goffe ſehr ſtolz: ——„duͤokt Ihr Euch zu aut dazu— mit Euerem Kaͤſe⸗ meſſer und Euerem Bugſprietſegel da—— unter meinem Befehl zu dienen, unter dem ſo viele wackere Leute ſtehen, die aͤltere und beſſere Seemaͤnner ſind, als Ihr?“ „Ich moͤchte doch wohl wiſſen, wer von dieſen treffli⸗ chen Seemaͤnnern es war,“ ſagte Cleveland kaltbluͤtig: „der das Schiff hier, in der Schußlinie jener Batterie von ſechs Kanonen, vor Anker gehen ließ, die es zuſam⸗ menſchießen kann, wenn ſie will, ehe Ihr die Ankertaue kappen, oder in See gehen koͤnnt? Aeltere und beſſere Matroſen moͤgen immerhin unter einem ſolchen Grobian dienen, fuͤr mich danke ich dafuͤr, Capitain— das iſt al⸗ les, was ich Euch zu ſagen habe.“ „Bei Gott, ich glaube, Ihr ſeyd Beide verruͤckt!“ ſagte Hawkins, der Bootsmann:„ſich mit Saͤbel und Pi⸗ ſtolen einander gegenäber zu ſtellen, mag ein recht guter Zeitvertreib ſeyn, wenn man keinen beſſern hat; aber wer zum Teufel, der nur gelunden Verſtand hat, wuͤrde unter Leuten, die in der Lage ſind, worin wir uns befinden, jetzt einen Zank anfangen, damit die entenfluͤgligen, ſchwimm⸗ fuͤßigen Kerle von der Inſel da unterdeſſen uns Allen be⸗ guem die Hirnſchaͤdel einſchlagen koͤnnen!“ „Wohl geſprochen, alter Hawkins!“ ſagte Derrick, der Quartiermeiſter, ein Offizier von beſonderem Gewicht un⸗ ter dieſen Seeraͤubern:„ich ſage, wenn die beiden Capi⸗ taine ſich nicht mit einander vertragen koͤnnen, und nicht Kopf und Herz zuſammenthun wollen, das Schiff zu ver⸗ theidigen, ſo laßt uns, zum Teufel, Beide abſetzen, und einen Andern an ihrer Stelle erwaͤhlen!“ „Das heißt, Euch ſelbſt, Herr Quartiermeiſter!“ ſagte Bunce:„aber, damit bleibt nur zu Hauſe. Der, der uͤber ordentliche Leute den Befehl fuͤhren will, muß ſelbſt ein Mann von Ehre ſeyn, meyn' ich, und ich gebe Capitain Eleveland meine Stimme, einem ſo muthigen, wackern Eh⸗ renmann, wie je nur einer die Welt bei Seite ſchob, und ſie vorbeigehn hieß!“ „Nun wahrhaftig, Ihr nennt Euch einen Mann von Ehre!“ entgegnete Derrick:„hol' Euch der Kenker! Ein Schneider wuͤrde aus dem ſchlechteſten Lumpenpack in Eue⸗ rer Schauſpielergarderobe einen veſſeren zuſammengeflickt haben!— Es iſt eine Schande fuͤr wackere Leute, eine ſolche Stutzer⸗Vogelſcheuche an Vord zu haben!“ Jack Bunce war uͤber dieſe niedrigen Verglelche ſo er⸗ bittert, daß er ohne weiteres die Hand an den Saͤbel legte. Allein der Zimmermann und der Bootsmann legten ſich in's Mittel: der Erſte ſchwang ſeine breite Axt, und ſchwur, daß er den Schaͤdel deſſen, der ausſchla en wuͤrde, in ſol⸗ chen Zuſtand verſetzen wolle, daß kein Flicken mehr helfen folle, und der Letztere erinnerte ſie daran, daß, nach ihren 9 Geſetzen, aller Zank, Schläge und beſonders Fechten an Bord ſtreng verboten ſey, und daß, wenn Einer mit dem Andern etwas auszumachen habe ſie an das Land gehen, und dort, in Gegenwart zweler ihrer Kameraden, die Sache mit Hauer und Piſtol entſchieden werden olle. „Ich habe mit Niemanden Streit—!“ fagte Goffe fin⸗ ſter:„Capitain Cleveland hat ſich hier auf den Inſeln her⸗ umgetrieben und ſich luſtig gemacht— und wir haben Zeit und Geld damit verloren, daß wir auf ihn gewartet haben, waͤhrend wir unſere Kaſſe mit zwanzig oder dreißig tauſend Dollars hätten vermehren können. Indeſſen, wenn es den übrigen Herren Abentheuerern ſo gefällig iſt, ſo habe ich nichts dawider—!“ „Ich ſchlage vor,“ ſagte Hawkins;„nach unſeren Ge⸗ ſetzen einen allgemeinen Rath in der großen Kajüt zuſam⸗ menzuberufen, um zu überlegen, was wir in dieſer Sache am beſten zu thun haben.“ Dieſer Vorſchlag des Bootmanns erhielt allgemeinen Beifall, denn Aue fanden bei dem großen Rath, in welchem Jeder von den Räubern eine freie Stimme hatte, ihre Rech⸗ nung. Der groͤßere Theil der Mannſchaft ſchaͤtzte indeſſen dieſe Freiheit nur deswegen, weil bei allen ſolchen feierlichen Gelegenheiten eine unbeſchraͤnkte Vertheilung von geiſtigen Getraͤnken ſtatt fand— ein Recht, deſſen ſie, zur Unterſtü⸗ tzung bei ihren Berathungen, ſich in der größten Ausdehnung zu bedienen, nicht ermangelten. Einige wenige unter den Abentheuerern, welche neben der Verwegenheit und Verderbt⸗ heit, die ihr Gewerbe ihnen gab, doch noch einige Ueberle⸗ gung beſaßen, pflegten ſich bei ſolchen Gelegenheiten inner⸗ halb der Graͤnzen einer verhältnißmäßigen Nüchternheit zu halten, und ſie waren es, welche unter der anſcheinenden Geſtalt eines Beſchluſſes des allgemeinen Raths, alle Dinge von Bedeutung entſchieden, welche ſih auf ie Fahrt und de Unternehmungen der Seeraͤuber bezogen. Die Uebrigen ließen ſich dann, wenn ſie aus ihrem Rauſche wieder zu ſi) kamen, ſehr leicht uͤberreden, daß der anger ommene Beſchluß die geſetzmäßige Willenserklärung der vereinigten Weisheit des ganzen Senats geweſen ſey. Bei dieſer Gelegenheit war das Gelag ſo weit gegangen, bis der größere Theil des Schiffsvolkes, wie gewö nlich, die Wirkungen der Trunkenheit in ihrer thieriſchſten und niedrigſten Geſtalt verrieth— leere, bedeutungsloſe Flüche herbrüllte— die ſchrecklichſten Verwünſchungen in bloßer Herzensfröhlichkeit ausſtieß, und Lieder ſang, deren Unſitt⸗ lichkeit nur von ihrer Ruchloſigfeit übertroffen wurde. Aus dieſer irdiſchen Hölle hatten ſich die beiden Capitaine, mit einem oder zweien ihrer Haupt⸗ Anhänger, ſo wie dem Zim⸗ mermann und Bootsmann, die bei ſolchen Gelegenheiten al⸗ lemal eine Hauptſtimme hatten, zu einem Pandämonium oder geheimen Rath verſammelt, um in Berathung zu ziehen, was geſchehen ſolle, denn, wie der Bootsmann bildlich ſagte, waren ſie in einem ſchmalen Kanale, und mußten den Strom lothen. Als ſie ihre Betrachtungen begonnen hatten, bem rkten Goffe's Freunde zu ihrem großen Mißvergnügen bald, daß er die nützliche Regel, auf w ye wir uns ſo eben bezogen, nicht beachtet, ſondern daß der aͤltere Capitain ſeinen Aerger über die plötzliche Erſcheinung Cleveland's und deſſen Em⸗ pfang von Seiten des Schiffsvolks, zu erträͤnken geſucht, und ſeine Vernunft zugleich mit überſchwemmt habe. Seine na⸗ türliche Schweigſamkeit hatte dieß nicht bemerken laſſen, bis 11 die Nerſammlung ihre Erörterungen anfing, wo er es nicht mehr zu verbergen im Stande war. 3 Der Erſte, welcher ſprach, nar Cleveland. Er ſaate, daß, weit enrfernt, den Oberbefehl des Schißes zu begeh⸗ ren, er ſich nur die Gunſt erbitte, daß man ibn auf einer Inſel oder Holm in einiger Entfernung von Kirkwall aus⸗ ſetzen und ihn daun fuͤr ſich ſelbſt ſergen laſſen moͤge. Der Vootsmann machte gegen dieſen Entſchlus große Einwendungen. Die Burſche, ſagte er, kennten alle Cleve⸗ lend ſehr wohl, und wuͤßten, daß ſie ſich auf ſeinen Muth, ſo wie auf ſeine Steuermanns kunſt verlaſſen koͤnnten; uͤber⸗ dieß laſſe er den Grog rie die Oberhand gewinnen, und ſey immer in gehoͤrigem Stande, entweder das Schiff zu vertheidigen, oder zu regieren, ſo daß es alſo immer Je⸗ manden gaͤbe, der ſeinen Cours halten koͤnne, wenn er an Bord ſey.—„Was nun den edlen Capitain Goffe betrifft,“ fuhr der Vermittler fort:„ſo hat wohl noch nie ein unver⸗ zagteres Herz Zwieback gebrochen, und das will ich gegen Jeden behaupten; aber— wenn er ſeinen Grog an Bord hat— ich ſage es ihm hier in's Geſicht— ſo hat er ſo verwuͤnſchte Kniffe und Schnurren im Kopfe, daß kein Aus⸗ kommens mit ihm iſt. Ihr werdet Euch Alle erinnern, wie er beinah zum Spaß das Seiff auf das verdammte Pferd von Copinſcha, wie man es nennt, haͤtte auflaufen laſſen, und dann wißt Ihr, wie er einmal ſein Piſtol unter dem Tiſche abfeuerte, als wir im großen Rath ſaßen, und dem armen Jack Jenkins in's Bein ſchoß, ein Spaß, der dem armen Teufel ſein Bein koſtete.“ „Jack Jenkins war deswenon nicht um einen Span ſcklechter daran,“ ſagte der Zimmermann:„ich nahm ihm das Bein mit meiner Saͤge ſo gut ab, als irgend ſo ein Schlucker auf dem Lande es gethan haben konnte— machte meine Art gluͤhend, und brannte den Stumpf— ja, bei —! und machte ihm ein hölzernes Bein, mit dem er eben ſo gut umherhinkt, wie ſonſt, denn Jack konnte doch nie ſchnell ſegeln.“ „Du biſt ein kluger Kerl, Zimmermann!“ erwiederte Hawkins, der Bootsmann:„ein verwuͤnſcht kluger Kerl! Aber ich will denn doch Deine Saͤge und Delne rothglü⸗ hende Art lieber an den Schiffskniehölzern, als an meinen arbeiten ſehen, ſink' mich der Henker!— Aber davon iſt hier nicht die Rede— die Frage iſt die: ob wir hier Capitain Cleveland gehen laſſen ſollen, der ein Mann von Ueberle⸗ gung und Entſchloſſenheit iſt, was, meines Beduͤnkens, den Lootſen uͤber Bord werfen heißen wuͤrde, wenn der Wind von der Leekuͤſte her weht. Ich muß aber auch ſagen, daß es nicht einem ehrlichen Herzen zuſteht, ſeine Kameraden ſo zu verlaſſen, nachdem ſie ſo lange auf ihn gewartet ha⸗ ben, bis ſie nicht mehr wenden koͤnnen. Unſer Waſſer iſt beinahe all, und wir haben ſo lange geſchmaust, daß die Lebensmittel ebenfalls knapp bei uns geworden ſind. Wir koͤnnen ohne Lebensmittel nicht ſegeln, und wir koͤnnen dieſe nicht ohne den guten Willen der Leute von Kirkwall erhalten. Wenn wir noch länger hier bleiben, ſo kommt uns der Haicyon die Fregatte, uͤber den Hals— man hat ſie ſchon vor zweit Tagen auf der Hoͤhe von Peterhead ge⸗ ſehen— und dann haͤngen ſie uns in die Raa⸗Nocke, bis uns die Sonne ausgetrocknet hat. Capitain Cleveland kann uns aus dieſer Klemme helfen, wenn irgend Jemand es kann. Er kann gegen die Leure von Kiriwall den artigen —— Mann ſpielen, und weiß, wie er im Boͤſen und im Guten mit ihnen umzugehen hat.“ 3 13 „So wollt Ihr alſo den ehrlichen Capftain Goffe auf Graſung ſchicken?“ ſagte ein alter verwitterter Pirate, mit einem Auge:„ja, wenn er auch gleich ſeine Launen hat, und mir mein Auge in ſeinen Gedanken und Schnurren aus dem Kopfe losgeſamiſſen hat, ſo iſt er nichts deſtoweniger ein ſo ehrlicher Mann, als nur je Einer auf der Schanze herumgegangen iſt! Und hol' mich der Teufel, wenn ich nicht ſo lange es mit ihm halte, ais; die andere Laterne noch brennt!“ „Aber Ihr hört mich nicht aus“ ſagte Hawkins:„man koͤnnte eben ſo gut mit den Schwarzen reden! Ich ſage Euch, ich ſchlage nur vor, daß Capitain Clev land von ein Uhr, post meridiem, lis fuͤnf Uhr a. m. Capitain ſeyn ſoll, waͤhrend welcher Zeit Goffe immer betrunken iſt.“”“ Der Capitain, deſſen er zuletzt erwaͤhnte, beſtaͤtigte ſeine Worte binlaͤnglich dadurch, daß er ein unarticulirtes Gebrumm ansſtieß, und dem Vermittler Hawkins ein Pi⸗ ſtol auf die Bruſt ſetzen wollte. „Da ſeht Ihr's nun!“ ſagte Derrick:„das iſt alle die Ueberleaung, die er hat, ſich an einem Rathstage zu betrinken, wie einer von jenen armen Tropfen!“ „Ja,“ ſagte Bunce:„trunken, wie des Teufels Sanu, im Felde, beim Kampfe, bei der Berathung!“ „Nichts deſtoweniger,“ fuhr Derrick fort:„wird nie etwas dabeit herauskommen, zwei Capitaine an demſelben Tage zu haben. Ich denke, eine Woche um die andere wuͤrde beſſer ſeyn— und laßt Cleveland die erſte Woche haben.“ „Es giebt hier Mehrere, die noch eben ſo gut ſind, als alle Beide,“ ſagte Hawkins:„indeſſen habe ich nichts gegen Capitain Cleveland einzuwenden, und denke, daß er uns eben ſo gut, wie ein Anderer, in das Fahrwaſſer brin⸗ gen wird. „Ja,“ antwortete Bunce:„und wird dann doch dieſe Kirkwaller etwas beſſer zur Vernunft zu bringen wiſſen, als ſein nuͤchterner Vorgänger! Alſo Capitaͤn Cieveland fuͤr immer!“ „Halt, Ihr Herren,“ ſagte Cleveland,„der bisher immer ſtill geſchwiegen hatte:„ich hoffe doch nicht, daß Ihr mich ohne meine Einwilligung zum Cavitaͤn erwaͤhlen werdet?“ „Ja allerdings, bei dem blauen Himmelsgewoͤlbe,“ ſagte Bunce:„wenn es pro bono publico iſt!“ „So hoͤrt mich wenigſtens an!“ ſag te Clevelaͤnd:„ich wil⸗ lige ein, den Oberbefehl des Schiffes zu uͤbernehmen, da Ihr es wuͤnf zt, und weil ich ſehe, daß Ihr ohne mich aus dieſer Kiemme nicht gut herauskommen werdet.“ „Nun dann, ſo ſage ich noch einmal, Cleveland fuͤr im⸗ mer!“ rief Bunce freudig aus. Sei ruhig, lieber Bunce, ehrlicher Altamont! ſagte Cleveland; ich unternehme das Geſchaͤft unter dieſer Be⸗ dingung, daß, wenn ich das Schiff in gehoͤrige Bereitſchaft zu ſeiner weltern Fahrt geſetzt, mit Lebensmitteln verſehen u. ſ. w. habe, Capitaͤn Goffe, wie ich vorher geſagt habe, den Oberbefehl wieder erhaͤlt, und Ihr mich irgendwo an das Land ſetzt, und mich nur ſelbſt uͤberlaßt— Ihr ſeyd dann ſicher, daß ich Euch nicht verrathen kann, weil ich bis auf den letzſen Augeublick bei Euch aushalten werde. „uUnd auch nach dem letzten Augenblick, bei dem blauen Fim nelsge voͤlbe! oder ich muͤßte mich ſehr irren,“ brummte Buace vor ſich hin. Es wurde nun abgeſtimmt, und das Schiffsvolk hatte ein ſo unbedingtes Vertrauen zu Cleveland's groͤßerer Ge 15 wandtheit und Ueberſicht, daß die einſtweilige Abſetzung Goffe's, ſelbſt bei ſeinen eigenen Anhaͤngern, nicht den ge⸗ ringſten Wider pruch fand, indem dieſe, vernuͤnfrig genug bemerk en, daß er wenigſtens haͤtte nuͤchtern bleiben ſol⸗ len, um ſeinen eigenen Vortheil wahrzunehmen— nun moͤge er aber es ſelbſt am naͤchſten Morgen in Rictigkeit bringen, wenn er wolle. Als aber der naͤchſte Morgen kam, ſprach ſelbſt der betrunkene Theil des Schiffsvolkes, als er von dem Aus⸗ gange der Berathſchlagungen der Verſammlung unterrichtet worden war, zu welchem ſeine Beſtimmung als gegeben an⸗ genommen wurde, ſeine Ueberzeuaung von Cleveland's Ver⸗ dienſten ſo deutlich aus, daß Goffe, ſo muͤrriſch und unzu⸗ frieden er auch war, es fuͤr das Beſte hielt, fuͤr jetzt ſei⸗ nen Unwillen zu unterdruͤcken, eine gelegenere Zeit abzu⸗ warten, wo er ihm freien Lauf laſſen koͤnnte, und ſich jetzt der Abſetzung zu unterwerfen, welche bei der Mannſchaft eines Piraten nichts Seltenes war. Cleveland beſchloß, ſeinerſeits, mit Nechdruck und un⸗ verzuͤglich die Swiffsmannſchaft aus ihrer gefaͤhrlichen Lage zu reißen. Zu dieſem Ende ließ er das Boot ausſetze um in eigener Perſon an das Land zu gehen, und nahm zwoͤlf der ſtaärkſten und beſten Leute mit, welche ſehr gut angezogen waren(denn der gute Erfoig des ſchaͤndlichen Gewerbes hatte die Piraten in den Stand geſetzt, ſich bei⸗ nahe eben ſo gut zu klelden, als ihre Offiziere) und von denen, vor allem, ein Jeder mit Hauer und Piſtolen hin⸗ laͤnglich bewaffnet war, Manche auch Enterbeile und Dolche trugen. Cleveland ſelbſt war ſehr zierlich in einen blauen, mit hochrothem Seidenzeuge gefatterten und mit goldenen Treſſen reich beſetzten Rock, elue hochroth damaſtene Weße 16 und Beinkleider, eine reich geſtickte Sammtmüuͤtze, mit ei⸗ ner Feder, weiße ſeidene Struͤmpfe und Schuhe mit rothen Hacken gekleidet, die modiſchſte Tracht unter den Weltleu⸗ ten der damaligen Zeit. An einer goldenen Kette, die er mehreremale um den Hals geſchlunen hatte, hing eine Pfeife, von eben vieſem Metall, das Zeichen ſeiner Wuͤrde. Vor allem aber trug er einen Schmuck, welcher dieſen kuͤh⸗ nen Raͤubern eigenthuͤmlich war, naͤmlich, auſſerdem einen oder zwei Paar Piſolen, die ſie gewoͤhnlich im Guͤrtel hat⸗ ten, zwei andere Paare von dem ſchoͤnſten Beſchlage und Arbeit, welche in einer Art von hochrother Schaͤrpe oder Band, uͤber die Schulter hingen. Das Heft und der Be⸗ ſchlag des Degens des Capitaͤns, waren von aͤhnlichem Werth, wie ſeine uͤbrige Ausſtattung, zu weicher ſein natuͤr⸗ lich guter Anſtand ſo wohl paßte, daß, als er auf dem Verdeck erſchien, er mit einem allgemeinen Freudengeſchrei von der Schiffsmannſchaft empfangen wurde, die, wie es gewoͤhnlich bei dem Volke geſchieht, vorzuͤglich nach dem Auge urtheilte. Cleveland nahm, unter andern, auch ſeinen Vorgaͤnger im Amte, Goffe, mit in das Boot, der ſebhr reich gekleidet war, aber, da er nicht den Vortheil des Aeußeren, wie Cleveland, beſaß, ſich wie ein Bauer im Kleide eines Hof⸗ manns, oder vielmehr wie ein gemein ausſehender Buſch⸗ klepper in den geraubten Kleidern eines von ihm Ermor⸗ deten ausnahm, und deſſen Anſpruͤche auf das Eigenthum ſeiner Kleider, in den Augen aller derer, die ihn anſehen, durch das Gemiſch von Plumpheit, Gewiſſensbiſſen, Grau⸗ ſamkeit und Unverſchaͤmtheit, welches ſich in ſeinen Zuͤgen ausſpricht, doppelt verdaͤchtig werden. Cleveland nahm wahrſcheinlich Goffe deswegen mit ſich an's Land, unn d49 3 17 jede Gelegenheit zu rauben, in ſeiner Abweſenheit das Schiffsvoltk von iom abwendig zu machen. Auf dieſe Art verliehen ſie das Schiff, und erreichten, unter Geſang bei dem Rudern, und waͤhrend das Waſſer bei ihrem Chor hoͤ⸗ her aufſchaͤumte, bald den Kay von Kirkwall. Den Obervefehl uͤber das Sgiff erhielt unterdeſſen Bunce, auf deſſen Treue Cleveland, wie er wußte, ſich voll⸗ kommen verlaſſen konnte, und dem er, in einer ziemllich langen Privatunterred dung⸗ noch einige Verhaltungsbefehle gab wie er ſich, im Falle der Noth, zu benehmen habe. Nachdem dieſe Anſtalten getroffen worden waren, und Bunce wiederholte Weiſungen erhalten hatte, gegen die Anhaͤnger Goffe's und jeden Angriff von der Kuͤſte aus gleich ſehr auf ſeiner Hut zu ſeyn, ſtieß das Boot ab. Als es ſich dem Hafen naͤherte, ließ Cleveland eine weiße Flagge aufziehen, und konnte nun deutlich bemerken, daß die Erſcheinung ſeiner Leute ſehr viel Getuͤmmel und Be⸗ wegung veranlaſſe. Man ſah die Menſchen hin und wieder laufen, und Einige ſchienen ſich zu bewaffnen. Die Bat⸗ terie wurde eilig beſetzt und die engliſche Flagge aufgezo⸗ gen. Dieß waren beunruhigende Anzeichen; denn obgleich Cleveland ſehr wohl wußte, daß keine Artilleriſten in Kirk⸗ wall waren, ſo gab es doch dort mehrere Matroſen, welche mit der Behandlung des groben Geſchuͤtzes gut umzugehen wußten, und dieſen Dienſt, im Nothfall, gern uͤbernommen haben wuͤrden. Wenn ſchon Cleveland dieſe Vorbereitungen mit wach⸗ ſamem Auge betrachtete, ſo verrieth doch ſeine Miene keine Unentſchloſſenheit oder Furcht, und er ließ nun das Boot gerade auf dem Kay zulaufen, auf welchem menrere Leute, theils mit Muskeren, Buͤchſen und Vant ſdenten. theils W. Scort's verke. CXIV. mit Halbpicken und Wallfiſchmeſſern bewaffnet, verſammelt ſtanden, als ob ſie ſich ſeiner Landung widerſetzen wollten. Dem Anſcheine nach waren ſie jedoch nicht entſchieden, welche Maaßregeln ſie ergreifen ſollten; denn, als das Boot an den Kay heran kam, zogen ſich die Voranſtehen⸗ den zuruͤck, und ließen Cleveland und ſeine Leute unge⸗ hindert an das Ufer ſpringen. Dieſe ſiellten ſich augen⸗ blicklich auf dem Kay auf, zwei ausgenommen welche, wie der Capitaͤn es befohlen, im Boote blieben, damit ſie etwas zuruͤckruderten, ein Manover, das, waͤhrend es das Boot (das einzige, das die Schaluppe hatte) außer Gefahr brachte, zugleich ein gewiſſes ſorgloſes Vertrauen von Sei⸗ ten Cleveland's und ſeiner Leute andeutete, welches darauf berechnet war, ihren Gegnern Furcht einzujagen. Die Kirkwaller verlaͤugneten das alte nordiſche Blut nicht, nahmen ſich mannhaft bei der Sache, und blieben auf dem Kay, mit geſchulterten Waffen, den Raͤubern ge⸗ rade gesenuͤber ſtehen, ſo daß ſie ihnen den Eingang zu der Straße verſverrten, welche in die Stadt fuͤhrt. Cleveland war der Erſte, welcher ſprach, waͤhrend die beiden Haufen ſich ſo einander anblickten.„Was iſt das⸗ Ihr Herren Buͤrger?“ ſagte er:„Seyd Ihr Orkney Leute zu Hochlaͤndern geworden, daß Ihr ſchon ſo fruh am Mor⸗ gen unter den Waffen ſteht? Oder habt Ihr den Kay be⸗ ſetzt, um mir die Ehre einer Begruͤßung, bei Uebernahme des Oberbefehls meines Schiffes zu erweiſen?“ Die Bürger ſahen ſich untereinander an, und Einer derſelben antwortete Cleveland: wir wiſſen nicht, wer Ihr ſeyd; jener andere Mann— euf Goffe zeigend— pflegte, wenn er an's Ufer kam, ſich als Capttaͤn zu benehmen. „Der andere Herr iſt mein Lieutenant, und befehligt 19 in meiner Abweſenheit,“ ſagte Cleveland:„aber wie ge⸗ hoͤrt das hieher? Ich waͤnſche mit Euerem Lord Mayor, oder wie Ihr ihn ſonſt nennt, zu reden.“ Der Provoſt ſitt zu Rathe mit den Rathsherren, antwortete der Sprecher. „Deſto beſſer,“ erwiederte Cleveland:„wo pflegen die geſtrengen Herren ſich zu verſammeln?“ Auf dem Rathhauſe, war die Antwort. „So laßt uns durch, Ihr Herren, wenn es Euch ge⸗ faͤllig iſt, denn ich und meine Leute wollen dahin gehen.“ Die Buͤrger fingen an, untereinander zu fluͤſtern, meh⸗ rere aber waren noch unentſchieden, ob ſie ſich in einen ver⸗ zweifelten, ja vielleicht unnoͤthigen, Kampf mit verzweifel⸗ ten Leuten, einlaſſen ſollten, und die Entſchloſſeneren uͤber⸗ legien ſchnell, daß man ſich der Fremden vielleicht in dem Hauſe oder in den engen Straßen, durch die ſie gehen muß⸗ ten, leichter bemeiſtern moͤchte, als wenn ſie ſo in Schlacht⸗ ordnung auf dem Kay aufgeſtellt blleben. Man ließ ſie alſo unangetaſtet durchgehen, und Cleveland's Vorſichts⸗ maßregeln— welche daria beſtanden, ſehr langſam mar⸗ ſchiren, ſeine Leute ſich dicht zuſammenhalten, Niemanden ſeiner kleinen Abtheilung in die Flanke kommen, und vier Leute, welche ſeinen Nachtrab bildeten, von Zeit zu Zeit umkehren und gegen hinten zu Fronte machen zu laſſen— machten es ſehr gefaͤhrlich, einen Angriff auf den Haufen zu verſuchen. Auf dieſe Art kamen ſie die enge Straße hinauf und erreichten das Rathhaus, wo die Rathsherren wirklich ver⸗ ſammelt waren, wie der Buͤrger Cleveland geſagt hatte. Hier fingen die Einwohner an hervorzukommen, um es zu verſuchen, ob ſie ſich unter die Piraten miſchen, das Ge⸗ 2 22..* draͤnge an dem engen Eingange benutzen, und ſich ihrer be⸗ maͤchtigen koͤnnten, ehe ſie Raum haͤtten, ſich ihrer Waf⸗ fen zu bedienen. Aber auch dieß hatte Eleveland voraus⸗ geſehen; er ließ daher, ehe er in den Rathſaal trat, den Eingang ſaͤubern und beſetzen, und befahl vieren ſeiner Leute, gegen die Straße hinunter Fronte zu machen, und eben ſo vielen, ſich denen entgegen zu ſtellen, die ſich von oben herunter draͤngten. Die Bürger wichen vor den wil⸗ den, ſchwaͤrzlichen, ſonneverbrannten Geſichtern, ſo wie vor den angeſchlagenen Gewehren dieſer Verwegenen, und Cle⸗ veland trat nun, mit den Uebrigen ſeines Haufens, in den Rathsſaal, wo die Rathsherren, nur von wenig Unterbe⸗ dienten umgeben, ſaßen. Sie waren ſolchergeſtalt von den Buͤrgern ganz abgeſchnitten, welche von ihnen Verhaltungs⸗ befehle erwarteten und vielleicht mehr in Cleveland's Haͤn⸗ den, als Er, mit ſeiner Handvoll von Leuten, in denen der Menge war, die ſie umgab. Die Rathsherren ſchienen die Groͤße der Gefahr einzu⸗ ſehen, denn ſie blickten einander in einiger Beſtuͤrzung au, als Cleveland ſie folgendermaßen auredete. „Guten Morgen, Ihr Herren: ich hoffe, es findet zwiſchen uns kein Groll ſtatt. Ich bin hieher gekommen, um mit Euch wegen der Lebensmittel zu reden, die ich fuͤr mein Schiff haben moͤchte, welches dort auf der Rhede liegt; wir koͤnnen ohne ſie nicht abſegein.“ Euer Schiff? ſagte der Buͤrgermeiſter, der ein Mann von Verſtand and Entſchloſſenheit war: woran ſollen wir erkennen, daß Ihr der Capitän deſſelben ſeyd? „ Seyt mich an,“ erwiederte Eleveland:„und ich glaube, Ihr werdet nicht noch einmal fragen.“ Der Burgermeiſter ſah ihn an, und hielt es nun fuͤr 21 beſſer, dieſen Theil der Unteruchung nicht weiter zu ver folgen, ſondern fuhr fort: und wenn Ihr der Capitaͤn des Schiffes ſeyd, woher kommt es, und wohin geht es?— Ihr ſeht zu ſehr aus wie Jemand der zu einem Kriegs⸗ ſchiffe gehoͤrt, um der Befehlshaber eines Kauffarteyſchiffes zu ſeyn, und wir wiſſen, daß Ihr nicht zur engliſchen See⸗ macht gehoͤrt. „Es giebt außer denen, die unter brittiſcher Flagge ſegeln, auch noch andere Kriegsſchiffe,“ erwiederte Cleve⸗ land:„aber angenommen, daß ich der Befehlshaber eines Kauffahrteyſchiffes waͤre, und geſalzene Fiſche und Felle, gegen Taback, Franz⸗ und Wachholderbranntwein und der⸗ gleichen, eintauſchen wollte: nun ſo werden die Kaufleute von Kirkwall doch wohl nicht ſo hart gegen mich ſeyn, mir gegen mein baares Geld, Lebensmittel verweigern zu wollen?“ Soeht einmal, Capitaͤn, ſagte der Rathsſchreiber: wir ſind ſo engherzig nicht, denn wenn Leute von Euerer Farbe hieher kommen, ſo iſt es damit— wie ich ſchon dem Buͤr⸗ germeiſter ſagte— gerade ſo, wie es der Kohlenbrenner machte, als er dem Teufel begegnete: das heißt, daß wir ihnen nichts thun, wenn ſie uns nichts thun. Da ſteht der Herr(indem er auf Goffe zeiate) der ver Euch Capitaͤn war, und auch wohl noch einmal wieder Capttaͤn ſeyn kann (darin hat der Schuft aanz recht, murmelte Goffe); er wird es wiſſen, wie anſtaͤndig wir ihn bewirtheten, bis er und ſeine Leute aufiengen, wie hoͤuiſche Teufel in der Stadt umher zu laufen Da ſteht einer davon! das iſt derſelbe Kerl, der mein Dien ſmaͤdchen auf der Straße anhielt, als ſie auf dem Heimwege die Laterne vor mir hertrug, und der ſie, vor meinen Augen, mißhandelte! Wenn es Euer edlen Mayorſchaft Ehre und Ruhm be⸗ liebt, ſagte Derrick, der Kerl, auf den der Rathsſchreiber hindeutete: ich war es nicht, der den Lichter beidrehte, der die Laterne auf dem Hintertheile fuͤhrte— das war ein anderer Mann. Nun, wer war es? ſagte der Buͤrgermeiſter. Ja! Euer Majeſtaͤt's Geſtrengen zu dienen, ſagte Der⸗ rick, indem er mehrere Matroſen Buͤcklinge machte, und nun das Aeußere des wuͤrdigen Rathsmannes ſelbſt ſo ge⸗ nau als moͤglich deſchrieb: es war ſo ein aͤltlicher Herr, von hollaͤndiſcher Bauart, rund am Vordertheil mit einer weißen Perucke und rother Naſe, ſehr wie Ew. Majeſtaͤt, wenn ich nicht irre, und— fuͤgte er hinzu, indem er ſich n einen Kameraden wandte— meinſt Du nicht, Jack, der Kerl, der das huͤbſche Maͤdchen mit der Laterne neulich Abend kuſſen wollte, ſah Seiner Geſtrengen ſehr aͤhnlich? Bel Gott, Tom Derrick, ſagte der Angeredete: ich glaube, es iſt derſelbe Mann! Dieß iſt eine Unverſchaͤmtheit, die Euch theuer zu ſte⸗ hen kommen duͤrſte, Ihr Herren! ſagte der Buͤrgermeiſter, mit Recht uͤber ihre Frechheit erbittert: Ihr habt hier in der Stadt gehaufet, als ob Ihr in einem indiſchen Dorfe auf Madngascar waͤret. Ihr ſelbſt, Capitaͤn, wenn Ihr anders Caoitaͤn ſeyd, waret nur noch geſtern der Urheber eines neuen Laͤems. Wir werden Euch nicht eher Lebens⸗ mittei geden, ais bis wir genauer unrerrichtet ſind, wen wir damit verſorgen. Und glaubt nicht, daß Ihr uns ein⸗ ſchüchtern koͤnnt— ich brauche nur mit dieſem Schuupf⸗ tuche zu dieſem Fenſter hinaus zu winken und Euer Schiff 23 ſinkt. Bedenkt, daß es innerhalb der Schußlinie der Ka⸗ nonen unſerer Batterie liegt. „Und wie viele von dieſen Kanonen moͤgen außer Stande ſeyn, Herr Mayor?“ ſagte Cleveland. Er warf dieſe Frage ſo hin, ſah aber ſogleich an einer gewiſſen Ver⸗ wirrung, die der Buͤrgermeiſter umſonſt zu verbergen ſuchte, daß die Artillerie von Kirkwall ſich nicht in der beſten Ord⸗ nung befinden muͤſſe. Nun, Herr Mayor, ſagte er, ein⸗ ſchuͤchtern wird bei uns ſo wenig belfen, als bei Euch. Euere Kanonen werden den armen alten Matroſen, die ſie bedienen ſollen, mehr Schaden thun, als unſerer Schalupve, und wenn nir der Stadt eine volle Lage geben, ſo wird Euer Weiberputz auch in einige Gefahr kommen. Und was das betrifft, daß unſere Matroſen zuweilen etwas ausge⸗ laſſen am Lande ſind, wann ſind ſie anders geweſen? Da ſind die Groͤnlandfahrer, die zuweilen hier eine Teufels⸗ wirthſchaft machen, und ſelbſt die Hollaͤnder machen Bocks⸗ ſpruͤnge in den Stratzen von Kirkwall, wie die Meer⸗ ſchweine, ehe ſich ein Sturm erhebt. Man hat mir ge⸗ ſagt, Ihr waͤret ein Mann von Verſtande, und ich bin ge⸗ wiß, das Ihr und ich die ganze Sache durch eine Unter⸗ redung von einigen Minuten abmachen koͤnnten.“ ſun gut, ſagte der Buͤrgermeiſter: ſo will ich hoͤren, was Ihr zu ſagen habt, wenn Ihr mit mir kom⸗ men wollt. Cleveland folgte ihm in ein kleines inneres Zimmer, und redete, als ſie dort angekommen waren, den Buͤrger⸗ meiſter mit den Worten an:„ich will meine Piſtolen ab⸗ legen, wenn Ihr Euch etwa davor fuͤrchtet....“ Hol' der Henker Eure Piſtolen, antwortete der Buͤr⸗ 24 germeiſter: ich habe dem Koͤnige gedient und ſcheue mich vor dem Geruche des Puloers ſo wenig, als Ihr. „Deſto beſſer,“ ſagte Cleveland:„ſo werdet Ihr mich um ſo kaͤlter anboͤren. Laßt uns alſo ſeyn, was wir ſind, und wofuͤr Ihr uns haltet: was kann, in des Himmels Namen, weiter daraus entſtehen, daß Ihr uns hier auf⸗ haltet, als Mord und Blutvergießen? und dazu ſind wir, wie Ihr mir glauben koͤnnt, weit beſſer vorbereitet, als Ihr ſeyn koͤnnt. Die Sache iſt ganz einfach— Ihr wollt uns gern los ſeyn— wir wollen gern gehen. Gebt uns die Mirtel abzuſegeln und wir verlaſſen Euch ſogleich.“ Hoͤrt, Capttaͤn, ſagte der Buͤrermeiſter: ich duͤrſte nach Niemandes Blut. Ihr ſeyd ein netter Kerl, wie es deren, zu meiner Zeit, mehrere unter den Buccaniers gab— aber ich moͤchte Euch wohl ein beſſeres Gewerbe wuͤnſchen. Ihr ſolltet die Lebensmittel recht gern haben, fuͤr Euer Geld, wenn Ihr Euch nur ganz aus dieſen Mee⸗ ren entfernen wolltet, aber bier ſteckt der Knoten. Die Fregatte Halcyon wird jeden Augenblick hier erwartet: ſo bald ſie hoͤrt, daß Ihr hier ſeyd, wied ſie auf Euch Jagd machen, denn nichts ſieht White Lapelle lieber als einen Seeraͤnber— Ihr habt gewoͤhnlich eine Ladung Dollars an Bord. Nun, ſie kommt her, bringt Euch unter ihren Hintertheil.. „Sprengt uns in die Luft, wenn's Euch ſo recht iſt,“ ſagte Cleveland„ Nein, wenn es Euch ſo recht iſt, Capitaͤn, ſagte der Buͤrgermeiſter: aber was ſoll dann aus der guten Stadt Kir waß werden, die mit des Koͤnigs Feinden im Complott und unter einer Decke iſt? der Flecken muß eine ſchoͤne 25 Summe Geldes Strafe bezahlen und der Buͤrgermeiſter kommt vielleicht noch nicht ſo leicht weg. „Nun gut,“ ſagte Cleveland:„ich ſehe ſchon, wo Ihr znaus wollt. Geſetzt nun, ich ſegelte um Euere Inſel herum, und liefe in den Hafen von Stromness ein; dort koͤnnten wir bekommen, was wir brauchen, ohne daß es den Anſchein haͤtte, als ob Kirkwall oder der Buͤrgermei⸗ ſter darum wuͤßte, und wenn je davon die Rede ſeyn ſollte, nun, ſo duͤrfte Ener Mangel an Mitteln zur Gegenwehr, oder unſere Ueberlegeaheit, einen hinlaͤnglichen Entſchuldt⸗ gungsarund abgeben.“ Das mag ſeyn, ſagte der Buͤrgermeiſter: aber wenn ich Euch erlaube, Euere gegenwaͤrtige Stelle zu verlaſſen und nach einem andern Orte zu gehen, ſo muß ich Sicher⸗ heit haben, daß Ihr dem Lande kein Leid zufuͤgen werdet. „Und wir,“ ſagte Cleveland:„muͤſſen, auf unſerer Seite, ebenfalls Sicherheit haben, daß Ihr uns nicht auf⸗ haltet, indem Ihr die Sache hinzieht, lis der Halcyon an der Kuͤſte iſt. Ich ſelbſt will als Geißel, von unſerer Seite, hier am Lande bleiben, wenn Ihr mir Euer Wort geben wollt, mich nickt zu verrathen und eine obrigkeit⸗ liche Perſon, oder ſonſt Jemanden von Bedeutung, an Bord der Schaluppe zu ſenden, wo ſeine Sicherheit eine Buͤrgſchaft fuͤr die meinige iſt.“ Der Baͤrgermeiſter ſchuͤttelte den Kopf, und meinte, daß es ſchwer werden duͤrfte, Jemanden zu finden, der ſich zur Geißel, bei ſo gefaͤhrl'chen Umnaͤnden, hergeben wuͤrde, ſagte ader: er wolle die Uebereinkunft denen aus dem Rathe mittheilen, denen man eine Sache von ſolcher Wichtigkeit anvertrauen koͤnne. 26 Zweites Kapitel. Ich ließ meinen Pflug, um den Meergrund zu pflügen. Dibdin. Als der Buͤrgermeiſter und Cleveland wieder in das Rathszimmer zuruͤckgekehrt waren, entfernte ſich jener zum zweitenmale, mit denen von ſeinen Amtsbrudern, mit de⸗ nen er ſich zu berathen für noͤthig hielt, und waͤhrend 4 dieſe Cleveland's Vorſchlaͤge erwogen, wurden ihm und ſeinen Leuten Erfriſchungen gereicht, welche der Capi⸗ tain zwar ſeinen Leuten anzunehmen erlaubte, dabei aber ſehr auf ſeiner Hut gegen einen Ueberfall war, und des⸗ wegen einen Theil derſelben die Wache abloͤßen ließ, waͤh⸗ rend der andere die Speiſen genoß. Er ſelbſt ging, waͤhrend dieſer Zeit, im Zimmer auf und ab, und ſprach uͤber gleichguͤltige Dinge mit den Anweſenden, wie Jemand, der vollkommen unbefangen iſt. Unter dieſen bemerkte er auf einmal, zu ſeinem gro⸗ ßen Erſtaunen, Triptolemus Yellowley, der, da er ſich zufaͤllig in Kirkwall befand, von den Magiſtratsperſonen, gewiſſermaßen als Stellvertreter des Lord Kaͤmmerlings, zu ihren Berathungen gezogen worden war. Cleveland knuͤpfte ſogleich die mit dem Landwirth in Burgh⸗Weſtra gemachte Bekanntſchaft wieder an, und fragte ihn: was fuͤr Geſchaͤfte ihn nach Orkney fuͤhrten. 3 Nur zu ſehen, wie einige von meinen kleinen An⸗ lagen gedeihen, Capitain Cleveland. Ich bin es muͤde, laͤnger mit jenen wilden Thieren von Epheſus zu kaͤm⸗ 2 pfen und kam nur heruͤber, um zu ſehen, wie mein 27 Obſtaarten fortginge, den ich, vier oder fuͤnf Meilen von Kirkwall ungefaͤhr, vor einem Jahre angelegt habe, und wie es um die Bienen ſteht, von denen ich neue Stoͤcke heruͤhergebracht habe, um das Land auf einen beſſern Fuß zu bringen und di Haideblumen in Wachs und Honig zu verwandeln. „Ich hoffe, ſie gedeihen,“ ſagte Cleveland, der wenn er gleich wenig Antheil an dieſen Sachen nahm, doch die Unterhaltung gern fortſetzen wollte, um das kalte, ver⸗ legene Stillſchweigen, das ſich der ganzen Verſammlung bemeiſtert zu haben ſchien, etwas zu beleben. Gedeih'n! ſagte Triptolemus: ja, wie alles hier zu Lande, ſchlecht. „Wahrſcheinlich aus Mangel an Pflege,“ ſagte Cle⸗ veland. Das Gegentheil, gerade das Gegentheil, erwiederte der Verwalter: ſie vergehen vor zu großer Pflege wie Lucky Chriſties Kuͤchelchen. Ich verlangte die Stoͤcke zu ſehen, und der Kerl, der die Aufſicht daruͤber hatte fuͤhren ſollen, antwortete mir ganz liſtig und freundlich. Wenn irgend ein Anderer als ich, ſie zu beſorgen gehabt haͤtte, ſagte er: da haͤttet Ihr wohl noch die Stoͤcke, oder wie Ihr es nennt, zu ſehen gekriegt, aber wahrſcheinlich haͤt⸗ tet Ihr eher Solandgaͤnſe, als Fliegen, darin gefunden⸗ wenn ich nicht geweſen waͤre: ader ich habe genau auf ſie Acht gegeben, und als ich ſie, einen ſchoͤnen ſonnigen Morgen, aus den Loͤchern hervorkriechen ſah, da nahm ich ein Stück Lehm und ſtopfte die Loͤcher zu— und haͤt⸗ te ich das nicht gethan, ſo waͤre gewiß keine Fliege, oder Biene, oder was es iſt, in den Stoͤcken, wie Ihr ſie nennt geblieben!— Kurz er hatte die Stoͤcke zugeklebt, 28 1 als ob die armen Dinger die Peſt haͤtten, und meine Bienen waren ſo todt, als ob ſie durch Dampf erſtickt worden waͤren, und ſo iſt meine Hoffnung generandi glo- ria mellis, wie Virgil ſagt, zu Waſſer geworden. „Aus Euerem Meth kann alſo nichts werden,“ er⸗ wiederte Cleveland:„aber wie ſteht es um den Cyder?— wie geht es mit dem Obſtgarten?“ O, Capitain, dieſer ſelbe Salomo aus dem orcadiſchen Ophir— da hin braucht man wahrhaftig nicht zu gehen, um goldene oder Geiſtes Talente zu haben!— nun dieſer weiſe Mann hatte die jungen Apfeldaͤume, in ſeiner gro⸗ ßen Zaͤrtlichkeit, mit heibem Waſſer begoſſen, und ſo ſind ſie denn alle, von Grund aus, ausgegangen! Aber was hilit das Klagen? Sagt mir lieber, was das fuͤr ein Weſens iſt, das die Leute hier um die Piraten machten? und warum ſind alle dieſe verdaͤchtig ausſehenden, wie Hochlaͤnder bewaffnete Leute, in der Rathsſtube verſam⸗ melt? Ich komme ſo eben erſt von der andern Seite der Inſel her, und habe noch gar nichts beſtimmtes daruͤber erfahren können. und jetzt, da ich Euch genauer anſehe, Capitain, dünkt mich, Ihr habt auch mehr von den al⸗ bernen Pigolchen um und an Euch, als ein ehrlicher Mann in ruhigen Zeiten braucht? Das denk' ich auch, ſagte der friedliche Triton, der alte Haagen, der ein unfreiwiliger Anhänger des kuͤhnen Mon⸗ troſe geweſen mar: wenn Ihr noch in der Schlucht von Edderachyllis geweſen wäret, wo wir von Sir John Urty ſo uͤbel zugerichtet wurden... Ihr habt die ganze Sache vergeſſen, Nachbar Haagen, ſagte der Verwalter: Sir John Urry war ja auf Euerer 29 Seite, und ward mit Montroſe gefangen, und eben des⸗ wegen verlor er ja ſeinen Kopf! So? ſagte der Triton: nun Ihr mögt Recht haben, der wechſelte mehr als einmal die Farbe, und wer weiß, für wel⸗ che er ſtarb? Aber auf jeden Fall war Er dabei und ich auch, es gab dort ein Gefecht, und ich wünſche nicht, wie⸗ der eins zu ſehen! Der Eintritt des Buͤrgermeiſters unterbrach hier die⸗ ſe abgeriſſene Unterhaltung. Wir haben uns entſchieden, Capitain, ſagte er: daß Euer Schiff herum nach Strom⸗ neß oder Scalpa⸗Flow gehen ſoll, um Lebensmittel ein⸗ zunehmen, damit es keine weiteren Haͤndel zwiſchen den Marktleuten und Eueren Matroſen gebe. Und da Ihr am Lande zu bleiben wünſcht, den Markt zu ſehen, ſo wollen wir einen achtbaren Mann an Bord Eueres Schiff’s ſen⸗ den, um es um das Feſtland herum zu lootſen, da die Fahrt gefährlich iſt. „Geſprochen wie eine verſtändige, beſonnene Magiſtrats⸗ perſon, Herr Mayor,“ ſagte Cleveland:„und nicht an⸗ ders, als ich es erwartete. Und welcher Herr wird unſe⸗ e Schanze waͤhrend meiner Abweſenheit mit ſeiner Gegen⸗ wart beehren?“ Auch dieß haben wir beſtimmt, Cavitain Cleveland, ſagte der Bürgermeiſter: Ihr könnt überzeugt ſeyn, daß Jeder von uns gern eine ſo angenehme Reiſe, und in ſo guter Geſellſchaft, machen wollte, allein da es Marktzeit iſt, ſo hat beinah jeder von uns ſeine Geſchaͤfte— ich ſelbſt kann, meines Amtes wegen, nicht wohl gemißt werden— des älteſten Schoͤppen Frau iſt in Wochen— der Schatz⸗ meiſter fann die See nicht vertragen— zwei Schöppen ha⸗ ben das Podagra— die zwey Andern ſind abweſend— 1 9 3 und die übrigen fuͤnfzehn Rathsmitglieder haben Alle beſon⸗ dere Geſchäfte. „Alles was ich Euch ſagen kann, Herr Mayor,“ ſag⸗ te Cleveland, indem er ſeine Stimme erhob:„iſt, daß, ich erwarte.... Nur einen Augenblick Geduld, Capitain, ſaste der Bürgermeiſter, ihn unterbrechend:— ſo daß wir alſo zu dem Entſchluſſe gekommen ſind, daß unſerem würdigen Herrn Triptolemus Bellowley, welcher der Verwalter des Lord Käm⸗ merlings dieſer Inſeln iſt, in Rückſicht auf ſeine amtliche Würde, die Ehre und das Vergnügen werden ſoll, Euch zu begleiten. Mir! ſagte der erſtaunte Triptolemus: warum, zum Teufel, ſoll ich denn mit Euch zur See gehen; Mein Ge⸗ ſchäft iſt auf dem feſten Lande! Die Herren beduͤrfen eines Looiſen, flüſterte ihm der Bürgermeiſter zu: und wir können es nicht umgehen, ihnen elnen ſolchen zu geben. Aber wollen ſie denn gerade auf den Strand laufen? ſagte der Verwalter;— wie Teufel kann ich Ihnen denn zum Lootſen dienen, da ich nie ein Steuer in Händen ge⸗ habt habe? Still, ſtill, ſeid ruhig, ſagte der Bürgermeiſter: wenn die Stadtbewohner hier Euch ein ſolches Wort ausſprechen hörten, ſo wäre der Ruf von Euerer Nutzbarkeit, die Ehr⸗ furcht vor Euch, Euer Rang, kurz Alles, auf ewig ver⸗ nichtet! Kein Menſch gilt bei uns Inſelleuten irgend etwas, wenn er nicht ein Segel beſchlagen, einraffen und das Steuer führen kann! Uebrigens iſt es weiter nichts, als reine Form, und Ihr ſodt den alten Patrick Sinclair mit haben, Euch zu helfen. Ihr werzet weiter nichts zu thun⸗ 31 haben, als zu eſſen, und zu trinken, und den ganzen Tag üͤber luſtig ſeyn. Eſſen und trinken? ſagte der Verwalter, der nicht recht begreifen konnte, warum man ihm dieſe Obliegenheit ſo⸗ gleich zuſchdbe und doch den.Schlingen des verſchlagenen Bürgermeiſters ſich nicht recht entziehn, oder aus ihnen her⸗ auswikeln konnte.— Eſſen und trinken! nun das iſt alles ganz gut! Aber die Wahrheit zu ſagen, kann ich die See nicht viel beſſer vertragen, als der Säckelmeiſter, und Eſſen und Trinken ſchmeckt mir am Lande immer viel beſſer. Still, ſtill, ſtill! ſagte der Buͤrgermeiſter abermals, im Tone des ernſten Vorwurfs, wollt Ihr denn wirklich Euern Ruf ganz und gar zu Grunde richten? Ein Verwalter des Ober⸗Kämmerlings der Inſeln Orkney und Shetland, und nicht die See vertragen können! Das wäre eben ſo gut, als wenn Ihr ein Hochländer waͤret, und keinen Whisky ver⸗ tragen könntet! „Die Sache muß auf irgend eine Weiſe in Richtigkeit gebracht werden, meine Herren,“ ſagte Capitain Cleveland, „es iſt Zeit, daß wir unter Segel gehn— Herr Triprole⸗ mus YNellowley, werden wir die Ehr uerer Geſellſchaft haben?“ Ich habe, Capttain Cleveland, ſtammelte der Verwal⸗ ter, durchaus nichts dagegen, irgend wohin mit Euch zu ge⸗ hen... nur... Er hat nichts dagegen— ſagte der Bürgermeiſter⸗ in⸗ dem er ſich an das erſte Glied der Rede bielt, ohne den Schluß abzuwarten.. Er hat nichts dagegen, rief der Saͤckelmeiſter aus. Er hat nichts dagegen, ſprachen die vier Schoppen zugleich, und die fünfzehn Rathsherrn wlederholten dieſel⸗ be zuſtimmende Redensart, mit dem Zuſatze, guter Mann — hat Gemeinſinn, ehrenwerther Mann— Flecken ewig verpflichtet— wo faͤnde man je einen ſolchen Verwalter und ſo weiter. Erſtaunt und verwirrt uͤber die Lobeserhebungen, mit denen er von allen Seiten uͤber chuͤttet wurde, und ohne den eigentlichen Zuſammenhang der Sache recht begreifen zu können, konnte der Beſtürzte und uͤberrumpelte Land⸗ wieth der Rolle eines Eurtius von Kirkwall, die ihm ſo hinterliſtig aufgedrungen wurde, ſich gar nicht entziehen, und wurde nun von Capitain Cleveland ſeinen Leuten uͤbergeben, mit dem ſtrengſten Befehle, ihn ehrenvoll und mit Aufmerkſamkeit zu behandeln. Goffe und ſeine Gefaͤbr⸗ ten führten ihn hinweg, unter dem Beifall rufen der ganzen Verſammlung, ſo wie in alten Zeiten, ein Opfer mit Blumen geſchmuͤckt und mit Zurufen begleitet wurde, wenn man es den Prieſtern uͤbergab, um es zum Altar zu fuͤhren, und dort fuͤr das allgemeine Wohl darzubringen. Waͤhrend der alte Triptolemus ſo aus dem Rathszimmer hinwegg efuͤhrt, oder gewiſſermaaßen hinweggeſchleppt wur⸗ de, ſah er, daß Cleveland, in den er einiges Vertrauen ſetzte, zuruͤck blieb, und verſuchte nun, in dem Augenblick, wo er aus der Thuͤr trat, noch die Wirkung eines lau⸗ ten Widerbellens: Aber, Buͤrgermeiſter! Capitaln! Schoͤp⸗ pen! Saͤckelmeiſter! Rathsherren!— wenn Capitain Cle⸗ veland nicht mit an Bord geht, mich zu beſchuͤtzen, ſo gilt unſer Handel nicht, und ich gehe nicht, wenn man mich nicht mit Stricken wegzieht! Sein Widerſpruch ging indeß in dem einſtimmigen Chore der Magiſtratsperſonen und Rathsherrn unter, wel⸗ 3 che —=Zͤ—=S— 33 che ihm fuͤr ſeinen Gemeinſinn dankten, ihm elne gluͤckll⸗ che Reiſe wuͤnſchten, und Gebete fuͤr ſeine baldige und gluͤckliche Ruͤckkehr zum Himmel ſchickten. Belaͤubt und uͤberwaͤltigt, und wenn er noch irgend deutliche Gedanken hatte, uͤberzeugt, daß Widerſtand hier vergebens ſey, wo Freunde und Fremde ſich gegen ihn verbuͤndet zu haben ſchienen, ließ ſich Triptolemus, ohne weiteres Straͤuben, auf die Straße hinabfuͤhren, wo die Mannſchaft des Boo⸗ tes des Piraten, die ſich um ihn verſammelte, ſich lang⸗ ſam in Bewegung zu ſetzen aufing. Viele von den Stadt⸗ bewohnern folgten aus Neugier, ohne jedoch die geringſte Bewegung zu machen, ſich in die Sache zu miſchen oder zu Thaͤtlichkeiten zu ſchreiten, denn das friedliche Abkom⸗ men, welches durch die Gewandtheit der erſten Magiſtrats⸗ perſon getroffen worden war, wurbe, allgemein, als eine wiel beſſere Ausgleichung der Streitigkeit zwiſchen ihnen und den Fremden angeſeben, als der zweifelhafte Aus⸗ gang einer Enrſcheidung durch die Waffen herbeigefuͤhrt haben koͤnnte. Während ſie ſo langſam dahin gingen, hatte Tripto⸗ lemus Zeit, das aͤußere Anſehen, die Geſichtszuͤge und die Kleidung derer zu beobachten, deren Haͤnden er folcherge⸗ ſtalt uͤberliefert worden war, und fing an ſich einzubilden, daß er in ihren Blicken nicht allein die groͤßte Verwegen⸗ heit, ſondern auch einige, ganz beſonders gegen ihn gerich⸗ tete, hinterliſtige Plaͤne laͤfſe. Namentlich beunruhigten ihn die wilden Bllicke Goffe's, der ihn ungefaͤhr ſo ſanft beim Arm gefaßt hatte, wie eine Schmiedeſchraube, und ihm von Zeit zu Zeit aus dem Winkel ſeines Auges ſcharfe Blicke zuwarf, wie die, welche der Adler auf die W. Scott's Werte. CXIV. 3— Beute wirft, die er in ſeinen Klauen haͤlt, ehe er ſie zu rupfen beginnt. Endlich uͤbermannte Yellowley's Furcht feine Klugheit ſo ſehr, daß er ſeinen furchtbaren Fuͤhrer, mit einem, dem Geſchrei ſich naͤhernden, fluͤſternden Tone, fragte:„wollt Ihr mich ermorden, Capitain, den Geſe⸗ tzen Gottes und der Menſchen zum Trotz?“ Haltet Euch ruhig, wenn Ihr kluz ſeyd, ſagte Goffe, der ſeine geheimen Gruͤnde hatte, die Furcht ſeines Ge⸗ fangenen zu ſteigern: wir haben ſeit drei Monaten Nie⸗ manden gemordet, warum ſollten wir bei Euch aufangen! „Ihr ſcherzt nur, hoffe ich, guter würdiger Capitain,“ erwiederte Triytolemus:„dies iſt noch aͤrger, als Hexen, Zwerge, Wallſiſchſtechen, Umſchlagen mit dem Boote zu⸗ ſammengenommen t Dieß iſt eine ganz mißrathene Eru⸗ te!— Was könnte es Euch aber, in des Himmels Na⸗ men, nuͤtzen mich zu ermorden?. Es wuͤrde uns nur wenigſtens Vergnuͤgen machen, fagte Goffe, ſeht einmal dieſen Kerlen ins Geſicht und ſagt, ob es Einen unter ihnen gibt, der nicht lieber einen Menſchen umbringen, als ihn gehen laſſen moͤchte? Abet wir wollen weiter davon reden, wenn Ihr erſt einmal der Stock gekoſtet haben werdet— wenn Ihr nicht etwa eine ſchoͤne runde Summe von Chili Stuͤcken“) als Loͤſegeld mit⸗ bringt. „So wahr ich bei Brod groß geworden bin, Caht tain,“ ontwortete der Verwalter,„der ſchaͤndliche Zwet hat das ganze Horn volt Silber mitgenommen!“ * Was man auf dem feſten Lande gewöhnlich Dollars nennt. ———— . 35 Die Peitſche wird ſchon machen, daß Ihr es wieder findet, ſagte Goffe rauh: peitſchen und dann mit Salz ein⸗ reiben, ſind vortreffliche Mittel, Jemanden wieder an ſei⸗ nen Reichthum zu erinnern; und ihm eine Armbruſtſehne um den Hirnſchaͤdel zu ſpannen, iſt ebenfalls eine ſehr gute Art. „Capitain,“ erwiederte Yellowley feſt:„ich habe kein Geld— Verbeſſerer haben ſelten welches. Wir machen Waiden zu Kornfeldern, Gerſte zu Hafer, Haide zu Wie⸗ ſen, und das aͤrmliche Yarpha, wie die unaufgeklaͤrten Menſchen hier ihre Torfmoore nennen, zu fruchtbarem Graslande; allein wir ſchaffen dabey ſelten etwas in un⸗ ſere eigene Taſche. Die Arbeiter und die Karrengaͤule ma⸗ chen das alles, und verzehren es auch alles— der Henker komme dabei zurecht!“ 1 Gut, gut, ſagte Goffe: wenn Ihr wirklich ein armer Teufel ſeyd, ſo will ich mich auf Eure Seite ſchlagen,— wandte dann ſeinen Kopf ſo, daß er ſich dem Ohre des Verwalters naͤherte, der vor Furcht auf den Zehen daſtand, und ſagte ihm: wenn Ihr Euer Leben lieb habt, ſo kommt nicht mit in das Boot! „Wie kann ich aber von Euch loskommen, da Ihr mich ſo feſt beim Arme haltet, daß ich nicht entwiſchen koͤnnte, und wenn die ganze jaͤhrliche Erndte von Schottland davon abhienge? Hoͤre, Du Tropf, ſagte Goffe, in dem Augenblicke, wo Du an den Rand des Waſſers kommſt, und wenn die Leute in das Boot ſpringen, und zu ihren Rudern greifen wer⸗ den, drehe dich ſchnell nach dem Backbord um— ich werde Deinen Arm fahren laſſen— und dann laufe, als ob es Dein Leben gälte!. 4 Triptolemus that, was man ihm ſagte. Goffe's Haud ließ willig, wie er verſprochen hatte, ihre Beute fahren. Der Landwirth kollerte fort, wie ein Fußpball, der ſo eben von dem Fuße eines der Mitſpielenden einen ſtarken Stoß erlitten hat, und flog mit einer Schnelligkeit, welche ihn ſelbſt, wie alle Beſchauer, uͤberraſchte, durch die Straßen von Kirkwall. Ja, ſein Ruͤckzug war ſo uͤbereilt, daß er, als ob er in jedem Augenblicke die Hand des Piraten ſich wieder oͤffnen und ibn ergreifen zu ſehen glaubte, nicht eher ſtill ſtand, als bis er die ganze Stadt durchlaufen und das ſreie Feld auf der andern Seite erreicht hatte. Wer ihn an dieſem Tage ſah— wie er ſeinen Hut und ſeine Peruͤcke bei der plötzlichen Anſtrengung verlor, und mit ganz queer ſitzender Halsbinde und aufgeknoͤpfter Weſte davon ſtuͤrzte— und dabei Gelegenheit hatte, ſeine runde ſphaͤ⸗ riſche Form und kurzen Beine mit der gewaltigen Eile eu vergleichen, mit welcher er durch die Straßen floh, der konnte wohl ſagen, daß, wenn Wuth Waffen, die Furcht Fluͤgel leihe. Niemand verfolgte den Landwirth, und obgleich zwei oder drei Musketen angelegt wurden, um ihm einen bleier⸗ nen Boten nachzuſchicken, ſo uͤbertrieb doch Goffe, der ſich zum erſtenmale in feinem Leben zum Friedensſtifter auf⸗ warf, die Gefahren, welche eine ſolche Verletzung des Waf⸗ fenſtillſtandes mit den Bewohnern von Kirkwall herbeifüh⸗ ren wuͤrde, ſo ſehr, daß er die Maunſchaft des Bootes dahin vermochte, ſich aller thaͤtlichen Feindſeligkeiten zu enthalten, und in aller Schnelligkett davonzurudern. Die Buͤrger, welche Triptolemus Flucht als einen Triumph für ſich betrachteten, brachten dem Boote ein dreifaches Hurrah! als hoͤhnendes Lebewohl, waͤhrend die ———— ——————.—,————r',——= —.— ———— 2 ———— 37 obrigkeitlichen Perſonen, auf der andern Seite, große Be⸗ ſorgniß uͤber die muthmaßlichen Folgen dieſes Bruches des Vertrages zwiſchen ihnen und den Piraten hegten, und wenn ſie des Fluͤchtigen haͤtten in der Stille habhaft wer⸗ den koͤnnen, ihn, ſtatt ihm ein buͤrgerliches Feſt zu Ehren ſeiner Behendigkeit zu geben, als entlaufene Geiſel wahr⸗ ſcheinlich ſelbſt wieder in die Haͤnde ſeiner Feinde zuruͤck⸗ geliefert haben wuͤrden. Einen ſolchen Gewaltſtreich bf⸗ fentlich auszuuͤben, war unmoͤglich. Sie begnuͤgten ſich daher damit, Cleveland ſorgfaͤltig zu bewachen, den ſie fuͤr jeden Angriff, welchen die Piraten wagen duͤrften, verant⸗ wortlich zu machen beſchloſſen.— Cleveland errieth ſeinerſeits ſehr leicht, daß der Beweggrund Goffe's bei der Loslaſſung der Geiſel der geweſen ſey, ihm fuͤr Alles, was nun ge⸗ ſchehen wuͤrde, die Verantwortlichkeit aufzubuͤrden, und er⸗ wartete, in dem alleinigen Vertrauen auf die Anhaͤnglich⸗ keit und Klugheit ſeines Freundes und Anhaͤngers, Frie⸗ drich Altamont, alias Jack Bunce genannt, den Ausgang mit großer Unruhe, da die obrigkeitlichen Perſonen, ob⸗ gleich ſie ihn noch immer mit vieler Artigkeit behandelten, doch es ſehr deutlich zu verſtehen gaben, daß ſie bei ſeiner Behandlung ſich nach dem Benehmen des Schiffsvolks rich⸗ ten wuͤrden, wenn er dieß gleich nicht mehr befehligte. Cleveland hatte nicht ohne Grund auf die Ergebenhelt Bunce's ſein Vertrauen geſetzt, denn kaum hatte dieſer treue Anhaͤnger, von Goffe und der Mannſchaft des Boo⸗ tes die Nachricht von Triptolemus Flucht erfahren, als er ſogleich ſchloß, daß dieſe von dem ehemaligen Capitain be⸗ guͤnſtigt worden, damit, wenn Cleveland entweder hinge⸗ richtet, oder vielleicht zu langwieriger Gefangeſſchaft ver —ʒ— 38 urtheilt wuͤrde, Goffe wieder zum Oberbefehl des Schiffes berufen werden muͤßte. „Der betrunkene alte Bootsmann ſoll ſeinen Zweck doch nicht erreichen,“ ſagte Bunce zu ſeinem Verbuͤndeten Fletcher,„oder ich will den Namen Altamont aufgeben, und mich bis an das Ende des Capitels Jack Bunce, oder, wenn Du willſt, Jack Dunce nennen laſſen.“ Mit einer gewiſſen ſeemaͤnniſchen Beredtſamkeit, wel⸗ che ſeine Feinde Zungendreſchen nannten, ſetzte Bunce der Mannſchaft auf eine ſehr lebhaſte Weiſe auseinander, welch' eine Schande es fuͤr ſie ſeyn wuͤrde, wenn ſie ihren Capitain in dem Stock, wie er es nannte, ließen, ohne daß ſie eine Geiſel fuͤr ſeine Sicherheit haͤtten, und brach⸗ te, außer dem Mißvergnuͤgen, das er gegen Goffe erregte,⸗ das Schiffsvolk zu dem Entſchluſſe⸗ ſich des erſten, leidlich ausſehenden Schiffes zu bemaͤchtigen, und dann zu erklaͤ⸗ ren, daß man Schiff, Mannſchaft und Ladung gerade ſo behandeln wuͤrde, wie man mit Cleveland am Lande ver⸗ fuͤhre. Zu gleicher Zeit hielt man es fuͤr noͤthig, die Treue und den Glauben der Orkney⸗Inſulaner dadurch auf die Probe zu ſtellen, daß man von der Rhede von Kirkwall nach der von Stromness herumſegelte, wo, nach dem zwiſchen dem Buͤrgermeiſter Torfe und Capitaln Cleve⸗ kand abgeſchloſſenen Vertrage, ihre Schaluppe Lebensmittel einnehmen ſollte. Ebenſo ward beſchloſſen, daß der Ober⸗ befehl uͤber das Schiff einem Rath, aus Goffe, dem Boots⸗ mann und Buuce zelbſt beſtehend, anvertraut werden ſolle, bis Cleveland wieder im Stande ſeyn wuͤrde, denſelben zu uͤbernehmen. Rachdem dieſe Beſchluͤſſe vorgeſchlagen und genehmigt mworden walen, lichteten ſie die Anker und giengen unter 1. 39 Segel, ohne von der Batterie aus Widerſtand zu finden, oder von ihr beunruhigt zu werden, was ſie ſchon von ei⸗ ner bedeutenden, mit ihrer Lage in Verbindung ſtehenden Beſorgniß befreite. Drittes Kapitel. Wehr Segel auf! verſolgt! Schanzkleider auf! Gebt Feuer:— ˙s Schiff iſt mein⸗ liegt s nicht im Meeresgrund“ Shakespeare. Eine ſeyr huͤbſche Brigg, welche, mit mehreren andern Fahrzeugen, Magnus Troil, dem grohßen ſhetlaͤndiſchen Udaller gehoͤrte, hatte jenen großen Magnaten ſelbſt, ſeine zwei lieblichen Toͤchter und den ſcherzhaften Claudius Hal⸗ cro an Bord, der, vorzuͤglich aus Freundſchaft und aus der ſeinem poetiſchen Berufe eigenen Liebe zur Schoͤnheit, ſie auf ihrer Reiſe von Shetland nach der Hauptſtadt von Ork⸗ ney begleitet hatte, worauf Norna ſie verwieſen, als den Ort, wo ihre geheimnißvollen Orakelſpruͤche eine genugende Deutung erhalten wuͤrden. Sie kamen in einiger Entfer⸗ nung bei den furchtbaren Klippen des einſamen Erdflecks, die Fair⸗Isle genannt, voruͤber, welche in dem Mee⸗ resarme, der Orkney von Shetland treunt— in glei⸗ cher Entfernung von beiden Inſelgruppen— liegt, und er⸗ reichten, nachdem ſie mit einigen widrigen Winden ge⸗ kaͤmpft, das Vargebirge, der Start von Sanda genaunt. Auf der Hbhe beſelben geriethen ſie in eine ſtorke Sted⸗ 40— mung(welche denen, die haͤufig auf dieſen Meeren fahren, unter dem Namen der Ruſt des Start, wohl bekannt iſt), die ſie bedeutend aus ihrem Courſe herausfuͤhrte, ſie, da ſich ein widriger Wind dazu geſellte, nöthigte, ſich an die oͤſtliche Seite der Inſel Stronſa zu halten, und ſie end⸗ lich zwang, fuͤr die Nacht in der Meerenge von Papa bei⸗ zulegen, da die Schifffahrt bei dunkelem und nebligem Wetter zwiſchen ſo vielen niedrigen Inſeln, weder angenehm noch ſicher iſt. Am folgenden Morgen ſetzten ſie ihre Reiſe unter guͤn⸗ ſtigern Ausſichten fort, und ſegelten, nachdem ſie au der Inſel Stronſa hingefahren, deren flache, gruͤnende und ver⸗ haͤltnißmaͤßig fruchtbare Kuͤſten einen in die Augen fallen⸗ den Gegenſatz gegen die braunen Huͤgel und dunkeln Klip⸗ pen ihrer eigenen Inſeln bildeten, um das ſogenannte Lambhead⸗Vorgebirge, und hielten dann nach Kirkwall hin. Kaum hatte ſich die ſchöne Bucht zwiſchen Pomona und Shazinſha vor ihnen eroͤffnet, und die Schweſtern ſo eben die gewaltige Sankt Magnus Kirche bewundert, wie ſte zuerſt aus den niedrigeren Gebaͤuden von Kirkwall her⸗ vorragte, als Magnus' und Claudius Halcro's Augen von einem Gegenſtande angezogen wurden, den ſie fuͤr wichti⸗ ger hielten. Dieß war eine bewaffnete Schaluppe mit auf⸗ geſpannten Segeln, welche ſo eben ihren Ankerplatz in der Bucht verlaſſen hatte, und mit dem Winde ſegelte, gegen den die Brigg des Udaller's kaͤmpfte. „Ein feſtes Ding, bei den Gebeinen meines Ahn⸗ herrn,“ ſagte der alte Udaller:„aber ich kann noch nicht herausbringen, was fuͤr ein Landsmann es iſt, da ſie keige 41 Flagge hat. Nach dem Bau zu urthellen, ein ſpaniſches Schiff.“ Ja, ja, ſagte Claudius Halcro; ſo ſieht es ganz aus. Es ſegelt mit dem Winde, waͤhrend wir uns mit ihm bal⸗ ken muͤſſen, wie es uͤberhaupt in der Welt geht. Wie der herrliche John ſagt: Mit räum'gem Deck, mit mächtigem Geſchütz, Um deſſen niedern Mund die Welle ſpielt und ſteigt⸗ Von tiefer Tracht, gebaut zum Kriegesſitz, Des Meeres Wespe, kühn dahin es fleugt⸗. Brenda konnte nicht umhin, Halcro zu ſagen, als er dieſe Strophe mit großer Begeiſterung ausgeſtroͤmt hatte, daß obgleich die Beſchreibung mehr einem Kriegsſchiffe er⸗ ſter Groͤße, als einer Schalupye gelte, das Gleichniß einer Seewespe doch auf beide paſſe. „Eine Seewespe,“ ſagte Magnus, indem er mit ei⸗ nigem Erſtaunen hinblickte, als die Scaluppe, ihren Cours aͤndernd, ploͤtzlich auf ſie zukam:„nun, ich wuͤnſche, daß ſie uns nicht alsbald beweiſen moͤge, daß ſie auch einen Stachel hat.“ Was der Udaller im Scherz ſagte, erfuͤllte ſich bald im Eruſt, denn ohne eine Flagge aufzuziehen, oder anzu⸗ rufen, that die Schaluppe zwei Kanonenſchuͤſſe, von denen der eine auf dem Waſſer hinfuhr und tanzte, gerade vor dem Bug des Shetlaͤnders, waͤhrend der andere durch ſein großes Segel ging. Magnus ergriff ein Sprachrohr, und rief die Schaluppe an, um zu fragen, wer ſie ſey, und was ſie zu dieſem ungebührlichen Angriffe veranlaſſe. Statt der Antwort ſchallte aber der ernſte Befehl:„zieht ſogleich die Vormarsſegel ein, und legt das Marsſegel an den Maſt— Ihr ſollt gleich ſehen, wer wir ſind.“ ——— 4² Es gab keine mögliche Mittel, dem Gehorſam auszu⸗ weichen, da man dieſen ſogleich durch eine volle Lage er⸗ zwungen haben wuͤrde, und mit vieler Furcht von Seiten der Schweſtern und Claudius Halcro's, wozu der Aerger und das Erſtaunen des Udballer’s noch hinzukamen, legte die Brigg bei, die Befehle der Eroberer zu vernehmen. Die Schaluppe ſetzte ſogleich ein Boot mit ſechs bewaffne⸗ ten Leuten aus, die von Jack Bunce befehligt wurden, und gerade auf die Priſe zuruderten. Als ſie ſich derſelben naͤ⸗ herten, flüſterte Claudtus Halcro dem Udaller zu:„wenn das, was man von Buccaniers erzaͤhlt, wahr iſt, ſo haben dieſe Leute, mit ihren ſeidenen Schaͤrpen und Jacken, ganz das Anſehen davon.“ Meine Toͤchter! meine Toͤchter! brummte Magnus vor ſich hin, mit einer Angſt, welche nur ein Vater fuͤhlen kann: geht hinunter und verbergt Euch, Maͤdchen, waͤh⸗ 4 rend ich... Mit dieſen Worten warf er das Sprachrohr hin, und ergriff eine Handſpacke, waͤhrend ſeine Toͤchter, mehr vor den Folgen ſeiner Heftigkeit fuͤr ihn ſelbſt, als vor irgend etwas Anderm beſorgt, ſich an ihn hingen und ihn baten, keinen Widerſtand zu leiſten. Claudius Halcro verei⸗ nigte ſeine Bitten mit den ihrigen, und fuͤgte hinzu, es waͤre am beſten, die Kerle durch gute Worte zu beſaͤnf⸗ tigen zu ſuchen.„Es koͤnnen,“ ſagte er:„Duͤnkircher oder unverſchaͤmte Matroſen von einem Kriegsſchiffe in einer tollen Laune ſeyn.“ „Nein, nein,“ antwortete Magnus:„es iſt die Schaluppe, von der der Jagger erzaͤhlte. Aber ich will Eue⸗ rem Rathe folgen— ich will, der Muͤde hen n wiſten, mich maͤßigen, doch... 1. 43 Er hatte keine Zeit, ſeine Rede zu vollenden, denn Bunce ſprang in dieſem Augenblicke mit ſeinen Leuten an Bord, zog ſeinen Hauer, hieb damit auf die Schottleiter, und erklaͤrte das Schiff fuͤr gute Priſe. „Wer hat Euch Vollmacht oder Befugniß gegeben, uns auf offener See anzuhalten?“ ſagte Magnus. „Hier ſind ein halbes Dutzend Vollmachten,“ ſagte Bunce, indem er ihm die Piſtolen zeigte, die er, nach der ſchon erwaͤhnten Seeraͤuberart, um ſich hängen hatte:„waͤhlt Euch, welche Ihr wollt, alter Herr, und Ihr ſollt ſie ſo⸗ gleich durchblaͤttern koͤnnen.“ 3 „Das heißt, Ihr wollt uns berauben?“ ſagte Magnns. „Nun, wohl— wir hoben keine Mittel, es zu verhindern. Betragt Euch nur artig gegen die Frauen, und nehmt dann, was Ihr wollt, aus dem Schiffe. Es iſt nicht viel darin, allein ich kann, wenn Ihr uns gut behandelt, ſeinen Werth bald groͤßer machen.“ „Artig gegen die Frauen!“ ſagte Fletcher, der mit den Uebrigen ebenfalls an Bord gekommen war:„wann haben wir uns je anders gegen ſie benommen? ja, und freundlich dazu!— Sieh' einmal, Jack Bunce, was fuͤr ein kleines nettes Ding das iſt!— Bei Gott, ſie ſoll einmal einen Kreuzzug mit uns machen, mag aus dem alten Brummbhaͤr werden, was da will!“. Bei dieſen Worten ergriff er die erſchrockene Brenda mit einer Hand, und zog mit der andern dreiſt die Kappe des Mantels zuruͤck, in welchem ſie ſich eingehuͤllt hatte. „Zu Huͤlfe, Vater! zu Huͤlſe, Minna! rief das erſchro⸗ chene Maͤdehen aus, ohne zu bedenken, daß dieſe ihr kei⸗ nen Beiſtand leiſten konnten. Magnus hob abermals die Handſpake empor, aber 44 Bunce hielt ihm die Hand.„Halt, Vater!“ ſagte er: „oder das wird eine ſchlechte Fahrt fuͤr Euch— und Du, Fletcher, laß das Maͤdchen los!“ „Hol' mich der Henker! warum ſoll ich ſie loslaſſen?“ ſagte Fletcher.. „Weil ich es Dir befehle, Dick,“ ſagte der Andere: „und weil Du es ſonſt gegen mich zu verantworten haſt. — und nun ſagt mir, Ihr Schoͤnen, fuͤhrt Eine von Euch den ſonderbaren heiduiſchen Namen Minna, vor welchem ich eine Art von Achtung habe?“ „Tapferer Herr!“ ſagte Halcro:„ohne Zweifel ge⸗ ſchieht das deßwegen, weil Ihr einige Poeſie in Euerem Herzen habt.“ „Ich habe deren, zu melner Zeit, genug im Munde gehabt,“ antwortete Bunce:„aber das iſt voruͤber, alter Herr— indeſſen werde ich doch bald herausfinden, welches von dieſen beiden Maͤdchen Minna iſt. Zieht Euere Huͤl⸗ len von Eueren Geſichtern zurück, und fuͤrchtet Euch nicht, meine hell leuchtenden Lindamtra's, denn Niemand ſoll Euch et⸗ was zu Leide thun duͤrfen.— Meiner Seel', zwei huͤbſche Maͤd⸗ chen— wahrhaftig, ich will in einer Eierſchale auf der See ſeyn und einen Felſen unter meiner Lee⸗Bug haben, wenn ich mir eine beſſere Schlafgenoſſin wuͤnſche, als die ſchlechteſte von ihnen! Hoͤrt einmal, Maͤdchen, welche von Euch moͤchte ſich wohl in eines Seeraͤubers Hangematte ſchaukeln?— Ihr ſogtet Geld zu ſammeln kriegen.“ Die erſchrockenen Maͤdchen klammerten ſich feſt an ein⸗ ander, und erblichen bei der dreiſten und vertraulichen Sprache des verwegenen Wuͤſtlings. „Nun, fuͤrchtet Euch nur nicht,“ ſagte er:„Keine ſoll unter demsedlen Altamont ohne ihre eigene freie Wahl 1 45 dienen— unter Gluͤcksrittern giebt es keinen Preßdienſt. und ſeht mich nicht ſo ſchuͤchtern an, als ob ich von etwas ſpraͤche, wovon Ihr nle zuvor eine Ahnung gehabt haͤttet. 3 Eine von Euch hat doch wenigſtens von Capitain Cleve⸗ land, dem Seeraͤuber, gehoͤrt.“ Brenda ward noch blelcher; in Minna's Wangen ſtieg aber, als ſie den Namen ihres Geliebten ſo unerwartet nennen hoͤrte, das Blut empor, denn der ganze Auftritt hatte ſie ſo in Beſtuͤrzung verſetzt, daß Niemand, außer dem Udaller, auf den Gedanken gerathen war, dieß Schiff moͤge wohl das zweite ſeyn, von dem Cleveland in Burgh⸗ Weſtra geſprochen hatte. „Ich ſehe ietzt ſchon, wie die Sachen ſtehen,“ ſagte Bunce mit einem vertraulichen Kopfnicken:„und werde meinen Cours danach zu halten wiſſen. Ihr braucht nicht beſorgt zu ſeyn, daß Ench irgend etwas Leides wiederfahren moͤge, Vater,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich ganz vertraulich an Magnus wandte:„und wenn ich gleich manches huͤbſche Mädchen, zu melner Zeit, habe ſeinen Zoll zablen laſſen, ſo ſollen doch die Eurigen ohne Unbild und Loͤſegeld an das Ufer kommen.“ „Wenn Ihr mir die Verſicherung geben wollt,“ fagte Magnus:„ſo ſollt Ihr die Brigg und die Ladung eben ſo gern haben, als ich Jemanden eine Kanne Punſch gegeben habe.“ „Das iſt gar kein uͤbel Ding, ſo eine Kanne Punſch,“ ſagte Bunce:„wenn wir nur je Jemanden hier haͤtten, der ihn gut bereiten koͤnnte.“ „Das will ich thun,“ ſagte Claudius Halcro:„mit Jedem um die Wette, der nur eine Citrone ausgedruͤckt 46 hat— Erich Scambeſter, den Punſchmacher von Burgh⸗ Weſtra ausgenommen.“ „Und der iſt auch nur eine Enterhackenlaͤnge von Euch,“ ſagte der Udaller.„Geht hinunter, Mäͤdchen,“ fuͤgte er hinzu:„und ſchickt mir den wackern alten Mann und die Punſchbowle herauf.“ „Die Punſchbowle?“ ſagte Fletcher:„den Eimer, fag' ich, hol's der Teufel! Ihr koͤnnt wohl in der Kajute eines elenden Kauffahrers von Bowlen ſprechen, aber nicht mit herumziehenden Schauſpielern— Seeraͤubern, wollt' ich ſa⸗ gen,“ fuͤgte er hinzu, als er bemerkte, daß Bunce uͤber den Irrthum ſauer zu ſehen anfing.. „Und ich ſage, dieſe beiden huͤbſchen Maͤdchen ſollen auf dem Verdeck bleiben, und meine Kanne fuͤllen,“ ſagte Bunce:„ich verdiene doch wenigſtens einige Aufmerkſam⸗ keit fuͤr alle meine Großmuth.“ „Und meine ſollen ſie auch fuͤllen,“ ſagte Fletcher: „ſie ſollen ſie bis an den Rand fuͤllen, und mir fuͤr jeden Tropfen, den ſie verſchuͤtten, einen Kuß geben— der Teufel roͤſte mich, wenn ſie ihn mir nicht geben ſollen! „Und ich ſage Dir, nein!“ ſagte Bunce:„ich will ver⸗ dammt ſeyn, wenn Jemand Minna kuͤſſen ſoll, Einer aus⸗ genommen und das biſt weder Du, noch bin ich's, und die andere Kleine ſoll, der Goſellſchaft wegen, auch ſo davon⸗ kommen, es giebt genug willige Maͤdchen in Orkney. Und, nun ich daruͤber nachdenke, ſollen die beiden Maͤdchen hin⸗ untergeben, und ſich in die Kajuͤte einriegeln, und wir wollen hier den Punſch auf dem Verdeck trinken, al fresco, wie der alte Herr vorgeſchlagen hat.“ „Wahrhaftig, Jack, ich glaube, Du weißt ſelber nicht, was Du willſt,“ ſagte Fletcher:„ich bin nun ſeit zwei . 47 Jahren Dein Kamerad, und ich habe Dich lieb und doch will ich mir, wie einem wilden Stier, die Haut abziehen laf⸗ ſen, wenn Du nicht ſo viele Nicken haſt, wie ein Affe!— Womtt ſollen wir uns nun etwas Spaß machen, da Du die Maͤdchen hinuntergeſchickt haſt?“ „Wir wollen den Meiſter Punſchmacher heraufkommen laſſen,“ ſagte Bunce:„um Geſundheiten auszubringen und luſtige Lieder zu ſingen— und unterdeſſen geht Ihr da an die Schorten und Halſen, und macht, daß die Brigg unter Segel kommt— und Du, Steuermann, wenn Du Dein Gehirn im Schaͤdel behalten willſt, halte fie immer unter dem Hintertheile der Schaluvve— wenn Du uns einen Skreich ſpielſt, ſo ſchlag' ich Dir Deinen Hirnkaſten zuſam⸗ men, als ob es eine alte Kalabaſſe waͤre!“ Das Fahrzeua gina demnach unter Segel, und bewegte ſich langſam im Kielwaſſer der Schaluvpe, die, wie man ſchon vorber beſchloſſen, ihren Lauf nicht zuruͤck nach Kirk⸗ wall, ſondern nach einer vortrefflichen Rbede, Inganneß Bay genannt, richtete, welche durch ein Vorgebirge gebil⸗ det wird, das ſich bis auf zwei oder drei Meilen von der Hauptſtadt der Orknevs hinzieht, und wo die Schiffe be⸗ quem vor Anker liegen konnten, waͤhrend die Seeraͤuber die Unterhandlungen mit den Magiſtratsperſonen aaknuͤpf⸗ ten, welche der neue Zuſtand der Dinge zu erfordern ſchien. Claudius Halcro hatte unterdeſſen alle ſeine Talente aufgeboten, einen Eimer voll Punſch fuͤr die Piraten zu bereiten, den ſie aus großen Kannen tranken, wobei die gewoͤhnlichen Matroſen, ſo wie Bunce und Fletcher ſelbſt, welche Offizters Stellen vertraten, ſite mit wenigen Umſtän⸗ den in den Eimer tauchten, wenn ſe vom Dienſt kamen, oder wieder auf deuſelben gingen. Magnus, welcher die 48 groͤßte Beſorgniß gehabt hatte, daß das Getraͤnk die thie⸗ riſchen Leidenſchaften dieſer Verwegenen reizen moͤchte, war ſo ſehr über die Menge erſtaunt, welche er ſie zu ſich nebmen ſah, daß er nicht umhin konnte, ſein Erſtaunen 1 daruͤber gegen Bunce ſelbſt zu aͤußern, der, bei aller ſeiner Wildheit, doch der Artigſte und Umgaͤnglichſte von Allem war, und den er vielleicht durch ein Compliment ſich ge⸗ neigt zu machen dachte, deſſen Groͤße alle guten Trinker 4 anerkennen. „Bei den Gebeinen Sankt Magnus!“ ſagte der Udal⸗ ler:„ich dachte, ich trinke meine Kanne, wie ein Ehren⸗ mann, aber wenn man Euere Leute, Capitain, zu ſich neh⸗ men ſieht, ſo ſollte man glauben, ihre Magen waͤren ſo bodenlos, wie das Lech von Laifell auf Foula, das ich ſelbſt mit einer Leine von hundert Klaftern gelothet habe.“ „Bei unſerer Lebensweiſe,“ antwortete Bunce:„giebt (es keine Graͤnze, als bis der Dienſt ruft, oder bis das Faß ausgetrunken iſt.“ „Auf mein Wort,“ ſagte Claudius Halcro:„ſch glau⸗ be, daß Jeder von Eueren Leuten den großen Humpen von Scapa austrinken koͤnnre, welcher immer dem Biſchof 5 von Orkney, ſchweppendvoll mit dem beſten Bummock, der je gebraut worden, gefuͤllt, dargereicht wurde.“ „Wenn das Trinken ſie zu Liſchoͤfen machen koͤnnte,“ ſagte Bunce:„ſo würde meine ganze Mannſchaſt aus geiſt⸗ lichen Herren beſtehen; da ſie aber weiter keine geiſtlichen Eigenſchaften haben, ſo wuͤnſche ich nicht, daß ſie ſich heute betrinken moͤgen; wir wollen alſo dem Trinken durch ein Lied ein Ende machen.“ „Und ich wäll es ſingen, bei—!“ ſagte oder fluchte Dick Fletcher, und fieng ſogleich das alte Lied an: 49 Es war ein Schiff, ein gutes Schiff, in en t Das in die See von Stapel lief,. Und hundert und fünfzig Burſche deauf, Erleſen und wacker allzumal. „Ich moͤchte mich lieber kielholen laſſen, als das 1 noch einmal hoͤren,“ ſagte Bunce:„ und hol der Henker Deine alten Klapperbacken, daß Du nichts Anderes herans⸗ bringen kannſt.“ „Bei—“ ſagte Fletcher:„ich will mein Lied ſingen, Du magſt es wollen oder nicht,“ und alsbald fing er 3 der an, mit dem klagenden Tone eines Nordoſtwindes, d durch Schooten und Wanttaue pfelft:— 2528 Und unſer Capitain hieß Glen,& nan Und war ein tapferer junger Mann, dam Ein kühner Seemann, frank und frei, 2 1 8 Und hin ging's nach der Barbarei. „Ich erklare Dir noch einmal,“ ſagte Bunce: uui wollen Dein Eulengeſchrei nicht, und ich will verdammt ſeyn, wenn Du noch laͤnger hier ſitzen und den böliſchen Laͤrm machen ſollſt.“ „ Nun denn, ſo will ich Dir etwas ſagen,“ eripiederte Fletcher, indem er aufſtand:„ich will ſingen, waͤhrend ich umhergebe, und ich hoffe, das wird nichts ſchaden, Jack Bunce.“ Und mit dieſen Worten ſtand er auf und fing nun an, auf dem Schiffe auf⸗ und abzugehen, wobei er ſeine lange, traurige Ballade abkraͤchzte. „Ihr ſeht, wie ich ſie zu regieren weiß,“ ſagte Pun⸗ ee, mit einem ſelbſtgefälligen Lächeln:„erlaubt dieſem Kerl nur zwet Schritt nach ſeiner eigenen Weiſe, und er wird ein Meuterer auf Lebenszeit. Aber ich halte ihn kurz, und er folgt mir ſo gut, wie der Wachtelhund einem Ja⸗ ger, nachdem er eine gute Tracht Prüger. bekommen hat. W. Seott's Werke. CXIV. 4 ——y eine.— Hier,— auf gutes Gluͤck fur alle Raͤuber, und Untergang allen ebrlichen Leuten!“ „Auf die Geſundheit moͤchte ich denn doch nicht gern mittrinten,“ ſagte Magnus Troil. ſagte Bunce.„Sagt mir, was eigentlich Euer Gewerbe⸗ iſt, und ich will Euch ſagen, was ich davon⸗ denke. Was Und nun, laßt uns Euere Geſundheit und Euer Lied hoͤ⸗ ren, ſagte er, indem er ſich zu Halcro wandte, oder viel⸗ mehr Euer Lied ohne Euere Geſundheit. Ich weiß ſchon „Ja, weil Ihr Euch zu den ehrlichen Leuten. rechnet,“ 1 den Punſchmacher hier betrifft, ſo habe ich ihn auf den er⸗ ſten Blick fuͤr einen Schneider gehalten, der mithin nicht mehr Anſprüche auf Reatlichkeit hat, als daß er nicht kraͤ⸗ tzig iſt. Ihr aber ſeyd irgend ein hollaͤndiſcher Schiffer, der, wenn er in Japan iſt, auf das Kreuz tritt, und ſeine Religion um den Gewinn eines Tages verlaͤugnet.“ „Nein,“ ſagte der Udaller:„ich bin ein Shetlaͤnder.“ „Wie,“ erwiederte der ſatyriſche Bunce:„Ihr kommt aus dem gluͤcklichen Lande, wo der Wachholderbranntwein die Flaſche einen Grot koſtet, und wo es immer Tag iſt?“ „Euch zu dienen, Capitain,“ ſagte der Udaller, der mit großer Muͤhe eine Bewegung unterdruͤckte, dieſe Spoͤt⸗ tereien gegen ſein Vaterland zu ahnden, wenn gleich dieß nur mit großer Gefahr und zu ſeinem Nachtheil geſchehen. konnte. „Mir zu dienen!“ ſagte Bunce:„ja, wenn von dem. Wrack bis nach dem Ufer ein Tau geſpannt⸗ waͤre, ſo wuͤr⸗ det Ihr mir gern damit dienen, daß Ihr das Tau. durch⸗ hieber, aus Schiff und Ladung Flotſome und Jetſome machtet, und ich haͤtte von Glück zu ſagen⸗ wenn Ihr. mir nicht noch mit dem verkehrten Ende der Schiftsart eines 51 auf den Kopf giber und Ihr wollt Euch noch ehrliche Leute nennen? Aber mag's doch ſeyn— da, unſere vorige Ge⸗ ſundheit!— und Ihr ſingt mir ein Lied, Meiſter Klei⸗ dermacher, und ſorgt dafuͤr, daß es ſo gut iſt, als Ener Punſch.“ 71⸗ Halcro, der bei ſich um die Kraft eines neuen Timo⸗ theusbetete,„um ſein Lied zu lenken und ſeinen Stolz zu baͤndigen,“ wie es bei dem herrlichen John heißt, begann ein ſaͤnftigendes Lied mit folgenden Zeilen:.— 83 Mädchen, friſch, wie Roſen ſchön, Lauſches auf des Siedes Tön'. „Ich will nichts von Maͤdchen oder Roſen hoͤren,“ ſagte Bunce:„das erinnert mich an die Ladung, die wir an Bord haben, und bei.. ich will gegen meinen Kameraden und Capitckin, ſo lange ich kann, rechtlich handeln.— Und wenn ich es recht bedenke, mag ich auch keinen Punſch mehr— der letzte Becher hat mich ganz verwirrt gemacht, und ich brauche heute Abend nicht den Caſſio zu ſpielen— und wenn ich nicht trinke, ſoll's auch niemand Anders thun. Mit dieſen Worten ſtieß er entſchloſſen den Eimer um, der, ungeachtet des haͤufigen Zuſpruchs, noch halb voll war, ſtand von ſeinem Sitze auf, ſchuͤttelte ſich etwas zurecht, wie er es nannte, ſetzte ſeinen Hut in die Quere, undgab, waͤhrend er auf dem Hinterdeck auf⸗ und niedergieng, durch Wort und Zeichen Befehle, die Schiffe vor Anker zu le⸗ 4 gen, welche von Belden gern befolgt wurden, da Goffe wahrſcheinlich ſchon in einem Zuſtande war, der keinen Wi⸗ derſpruch erlaubte. Derr Udaller ſtellte unterdeſſen mit Halcro' truͤbe Be⸗ trachtungen üͤber ihre Lage an.„Wir ſind uͤbel! daran,“ ſagte der zaͤhe alte Norweger:„denn dies ſind arge Bd⸗ 5 4.. 6 ſewichter, und doch würde ich, waͤren die Maͤdchen nicht, ſie nicht fürchten. Der junge Prahlhans, der ſie zu befehligen ſcheint, iſt indeß kein ſo eingefleiſchter Teufel, als er hätte ſeyn koͤnnen.“ „Er hat doch ſonderbare Launen,“ ſagte Halcro:„und ich wünſchte, wir wären erſt wieder von ihm los. Einen halben Eimer des beſten Punſches, der je gemacht worden, ſo umzuſtoßen, und mich in dem ſüßeſten Liede, das ich je gedichtet habe, zu unterbrechen— ich weiß nicht, was ihm nun noch zu thun übrig bleibt— das gränzt nahe an Toll⸗ heit.“ Die Schiffe hatten unterdeſſen Anker geworfen: der ta⸗ pfere Lieutenant Bunce rief nun Fletcher zum Dienſt auf⸗ nahm ſeinen Sitz neben ſeinen ſcheelſehenden Paſſagieren wieder ein, und ſagte ihnen, daß ſie ietzt ſich es überlegen möchten, was er den Tropfen in Kirkwall ſagen laſſen ſolle, da ſie die Sache etwas angienge.„Es ſoll,“ ſagte er: in meinem, wie in Dicks Namen geſchehen. Ich mag dem ar⸗ men jungen Menſchen gern dann und wann eine Ermunte⸗ rung angedeihen laſſen— nicht wahr, Dick, Du verwünſch⸗ ter dummer Eſel?“ „Ja wohl, Jack Bunce,“ ſagte Dick:„ s moß iich ſagen, nur daß Du Einem, bald um dieß, bald um jenes, was anhaben willſt— aber deſſen ungecchtet, ſeht 2ee „Genug, genug, lege Dein Maul bei“— ſagte Bune, und ſchickte ſich an, ſeinen Brief zu ſchreiben, welcher vor⸗ geleſen foigen dermaßen lautete:„An den Major und die Aldermen von Kirkwall. Meine Herren! Da, ge⸗ gen Ihr Verſprechen, Sie uns keine Geiſel als Sicherheit für unſern Cayitain, der auͤf ihr Begehren am Lande zuruͤg⸗ geblieben iſt, gegeben haben, ſo mag Ihnen Gegenwärtiges 53 zur Nachricht dienen, daß wir uns nicht ſo abſpeiſen laſſen. Wir haben jetzt ſchon eine Brigg, mit einer Familie von Bedeutung, deren Eigenthuͤmer und Paſſagiere in unſerm Beſitz, und werden dieſe in jeder Ruͤckſicht ſo behandeln, wie Sie gegen unſern Capitain verfahren werden. Und ſo wie dieß dee erſte Schade iſt, den wir Ihrer Stadt und Ihrem Handel zufuͤgen, ſo koͤnnen Sie uͤberzeugt ſeyn, daß es nicht der letzte ſeyn wird, wenn Sie uns nicht unſern Capitain an Bord ſchicken, und uns, dem Vertrage gemaͤß⸗ mit Lebensmitteln verſehen.“ „Gegeben an Bord der Brigg Tauchente, von Burgh⸗ Weſtra, vor Anker in der Buat Inganeß. Unterſchrieben von uns, den Befehlshabern des Lieblings des Gluͤcks, Herren vom Abenteuer.“ Hierauf unterzelchnete er ſih Friedrich Altamont, und reichte Fletcher den Brief hin, der mit vieler Muͤhe die Unterſchrift las, den Klang des Namens ſehr bewun⸗ derte, und ſchwor, daß er ſich ebenfalls einen andern Na⸗ men geben wolle, um ſo mehr, da Fletcher eines der ſchwer⸗ ſten Worte im ganzen Woͤrterbuche zu buchſtabiren und con⸗ ſtruiren ſey. Er unterzeichnete ſich 3iſa. Timothens Tugmutton. „Wolt Ihr nicht ein Paar Zellen au ple Narren bi. zufuͤgen?“ ſagte Bunce, ſich an Magnus wendend. „Bewahre,“ erwlederte der Udaller, der in ſeinen Be⸗ griffen von Recht und Unrecht, ſelbſt in einer ſo gefaͤhrli⸗ chen Lage, unerſchuͤtterlich blieb.„Die Obrigkeit von Kirk⸗ wall kennt ihre Schuldigkeit, und waͤre ich an ihrer Stelle.“ In dieſem Augenblicke trat aber die Erinnerung, daß ſeine Dbchter in der Gewalt dieſer Boͤſewichter waͤren, vor die 154. kuͤhne Seele Magnus Troil's, und ließ ihn die Drohung unterdruͤcken, die er eben auf der Zunge hatte. „Hol' mich der Henker,“ ſagte Bunce, der leicht er⸗ rieth, was in der Seele ſeines Gefangenen vorgieng:„die Pauſe wuͤrde ſich herrlich auf dem Theater ausgenommen haben— die hatte Parterre, Logen und Gallerie zum Klatſchen gebracht, wie Bayes ſagt.“ „Ich will nichts von Bayes hören,“ ſagte Claudius Halcro(der ſelbſt etwas vom Trinken erhitzt war):„es iſt eine unverſchaͤmte Satyre auf den herrlichen John, aber er hat es Buckingham auch wieder fuͤhlen laſſen. und in der erſten Reihe Zimri ſtand Ein Mann ſo vielgewandt— „Haltet Euer Maul,“ ſagte Bunce, indem er die Stimme des Bewunderers Dryden'’s durch eine noch lau⸗ tere und heftigere Betheuerung uͤberſchrie:„die Theater⸗ probe iſt die beſte Poſſe, die je beſchrieben worden iſt— und wer es laͤugnet, der ſoll des Conſtables Tochter kuͤſſen. — Hol' mich der Teufel, ich war der beſte Prinz Pretty⸗ man, der je auf den Brettern ſtand— Jetzt noch ein Fiſchersſohn, und dann ein Prinz. 11 Aber wieder zu unſerm Geſchaͤft. Hoͤrt einmal, alter Herr, (zu Magnus) Ihr habt eine Art Verdruͤßlichkeit an Euch, wofuͤr Manche meines Gewerbes Euch die Ohren abſchnei⸗ den und ſie Euch zum Mittagseſſen, mit ſpaniſchem Pfef⸗ fer geſchmort, verſetzen laſſen wuͤrden. Ich weiß, daß Goffe es ſo mit einem armen Kerl machte, der ein ſaueres und drohendes Geſicht ſchnitt, als er ſeine Schaluppe, mit ſei⸗ nem einzigen Sohn darauf, hinunter in Davy Jones Vor⸗ rathskammer gehen ſah. Aber ich bin ein anderer Menſch, und wenn Eueren Damen etwas Leides geſchieht, ſo haben 55 die Kirkwaller es zu verantworten, nicht ich, und das iſt nicht mehr als recht und billig; und ſo waͤre es beſſer Ihr machtet ſie mit Enerer Lage, Umſtänden, und ſo wei⸗ ter, bekannt— und das iſt ebenfalls recht und billig.“ Magnus ergriff auf dieſe Ermahnung die Feder und wollte ſchrelben; allein ſein Stolz gerieth in einen ſo har⸗ ten Kampf mit ſeiner vaͤterlichen Zaͤrtlichkeit, daß ſeine Hand ihm den Dienſt verſagte.„Ich kann es nicht,“ ſagte er, nach einem oder zwei unleſerlichen Verſuchen:„ich kann keinen Brief ſchreiben, und wenn unſer Aller Leben auf dem Spiele ſtaͤnde.“ a Mee e In der That konnte er nicht, ſelbſt bei der groͤßten Anſtrengung, ſeiner Bewegungen ſo Herr werden, daß ſie nicht ſeinen ganzen Koͤrper erſchuͤttert haͤtten. Die Weide⸗ welche ſich biegt, uͤberſteht oft den Sturm beſſer, als die Eiche, welche unbewealich bleiht, und ſo geſchieht es oft bei großen Ungluͤcksfäͤllen, daß leichte und unbeſorgte Ge⸗ muͤther ihre Schnellkraft und Geiſtesgegenwart weit eher wieder erhalten, als die, welche einen erhabenern Schwung haben. In dem gegenwäͤrtigen Falle war Claudius Halcro gluͤcklicherweiſe im Stande, das zu leiſten, was dem tiefern Gefuͤhl ſeines Freundes und Goͤnners unmoͤglich wurde. Er nahm die Feder, ſetzte, mit ſo wenigen Worten als moͤglich, die Lage, in der ſie ſich befanden, aus einander, ſo wie die Gefahr, in der ſie ſchwebten, und deutete zu⸗ gleich darauf hin, ſo zart er es nur auszudruͤcken vermoch⸗ te, daß den obriskeitlichen Perſonen das Leben und die Ehre der Buͤrger naͤher am Herzen liegen muͤſſe, als ſelbſt die Habhaftwerdung und Beſtrafung der Schuldigen, wo⸗ bei er jedoch befliſſen war, den letztern Ausdruck ſo viel 56 als moͤglich zu mildern, aus Furcht, bei den Piraten Ver⸗ dacht zu erregen. 4 Bunce uͤberlas dieſen Brief, der gluͤcklicherweiſe ſeine Zuſtimmung erhielt, und rief, als er unten den Namen Elaudins Halero las, mit großem Erſtaunen und noch kräftigeren Ausdruͤcken der Betheuerung, als wir ſie hier aufzeichnen mögen, aus:„Ihr ſeyd gewiß der kleine Kerl, der bei des Direktor Gadabout Geſellſchaft in Hogs Norton die Geige ſpielte, im erſten Jahre, wo ich auf die Buͤhne kam! Ich dachte gleich daran, als ich Euer Stichwort vom herrlichen John hoͤrte.“ 45 Zu einer anbern Zeit dürfte dieſe Erkennung fuͤr Hal⸗ ckos Dichterſtolz nicht viel Erfreuliches gehabt haben, ſo wie aber jetzt die Sachen ſtanden, koͤnnte ihn die Entde⸗ ckung einer Goldmine nicht gluͤcklicher gemacht haben. Er erinnerte ſich ſogleich des hoffnungsvollen jungen Schauſple⸗ lees, der in Don Sebaſtian zuerſt aufsetreten war, und faͤgte ſehr klug hinzu, daß des herrlichen John's Muſe nie ſo wuͤrdige Opfer gebracht worden ſeyen, als zu der Zeit, wö er bei Herrn Gadabout's Geſellſchaft die erſte(und wahrſcheinlich einzige) Violine geſpielt habe. E „Ja,“ ſagte Bunce:„da moͤgt Ihr Recht haben— ich denke, ich wuͤrde am Ende das Haus eben ſo gut in Bewegung geſetzt haben, wie Booth und Betterton. Allein ich war dazu beſtimmt, auf anderen Brettern zu glaͤnzen(hier ſtampfte er mit dem Fuße auf das Verdech) und ich glaube, daß ich nun wohl bei ihnen werde bleiben maͤſſen, bis ich kein Brett mehr finde, an das ich mich hal⸗ ten kann. Aber nun, mein alter Bekannter, will ich auch etwas fuͤr Euch thun— dreht Euch elnmal etwas hleher — ich muß Euch Solus haben.“ Sie lehnten ſich uͤben AA 5. den Hackebord, und Bunce fluͤſterte ihm mit groͤßerem Ern⸗ ſte, als er gewoͤhnlich verrieth, zu:„es thut mir um das alte norwegiſehe Fichtenherz Leid— hol' mich der Henker, wenn es nicht wahr iſt— und um die Toͤchter auch, und uͤberdieß habe ich noch meine beſonderen Urſachen, Einer von ihnen wohlzuwollen. Ich kann bei einem willigen Maͤdchen auch wohl ein wilder Kerl ſeyn, aber gegen ſolche zuͤchtige und unſchuldige Geſchoͤpfe— hol' mich der Teufel — bin ich Scipio in Numantia, und Alexander im Zelte des Darius. Ihr wißt, wie ich den Alexander gab,(hler wurde er heroiſch)— Vom Grabe ſteh“ ich auf, das Liebſte zu befrei'n ,1 Zieht Eure Schwerter, ſchnell, wie Blitzesſchein! Es zög're keiner! Auf! mir nach zur That! Denn Schönheit winkt, und Ehre zeigt den Pfad! 1 Claudius Halcro ermangelte nicht, ſeiner Deklamatkon das gebührende Lob zu ertheilen, und erklaͤrte, als ein ehr⸗ licher Mann, daß er immer uͤberzeugt geweſen ſeye, Al⸗ tamont gebe dieſe Rede ungleich beſſer, und mit groͤßerer Kraft, als Betterton. 2 Bunce, oder Altamont, druͤckte ihm zaͤrtlich die Hand. „Ach, Ihr ſchmeichelt mir, mein theurer Freund ſagte er:„und doch, warum hatte das Publikum nicht ein fo geſundes Urtheil! Dann ſtaͤnde ich nicht hier. Der Him⸗ mel weiß es, mein theurer Herr Halcro, der Himmel weiß es, wie gern ich Euch an Bord bei mir behielte, damit ich doch einen Freund bei mir haͤtte, der eben ſo gern die ausgeſuchteſten Stellen unſrer beſten dramatiſchen Schriftſteller hoͤrt, wie ich ſie herſage.— Die Meiſten von uns ſind wie das Vieh— und was unſere Getſel dort in Kirkwall betrifft, ſo behandelt er mich ſo⸗ wie ich Fletcher, und je mehr ich für ihn thue, deſto mehr ſchnaudt er mich an. Wie angenehm wuͤrde es nicht, in einer Nacht unter dem Wendekreiſe, ſeyn, wenn das Schiff mit ausgeſpann⸗ tem und undewegtem Segel mit dem Winde glenge, und ich nun ſo den Alexander herſagte, und Ihr meine Parter⸗ re, meine Logen und meine Gallerie zugleich waͤret. Und da Ihr ja, wie ich mich erinnere, auch ein Verehrer der Muſen ſeyd, wer we iß, ob nicht Ihr und ich, wie Orpheus und Eurydice, es noch dahin bringen koͤnnten, unſeren Ge⸗ faͤhrten einen reinen Geſchmack einzufloͤßen, und ihre Sit⸗ ten zu verbeſſern, waͤhrend wir ihre beſſeren Gefuͤhle er⸗ weckten?“ 4 Er ſprach dieß mit ſo vieler Salbung, daß Claudius Halcro zu fuͤrchten anfieng, er habe den Punſch dießmal zu maͤchtig gemacht, oder zu viele bezaubernde Beſtandtheile in den Becher der Schmeichelei gemiſcht, den er gereicht hatte, und daß, bei dem Einfluſſe beider Getraͤnke, der empfindſame Pirat ihn gewaltſam zuruͤckhalten moͤge, um die Auftritte zu verwirklichen, welche ihm ſeine Einbil⸗ dungskraft vorſpiegelte. Der ganze Zuſammenhang der Begebenheiten war indeß von zu zarter Art, als daß Hal⸗ ero, ſeinerſeits, ſeinen Fehler haͤtte wieder gut machen koͤnnen, wes wegen er ſich auch damit begnuͤgte, den zaͤrtli⸗ chen Druck der Hand ſeines Freundes zu erwiedern, und, mit ſp pathetiſchem Tone als möglich, Ach! auszurufen. Buuce fuhr augenblicklich fort:„Ihr habt ſehr Recht, mein Freund alles dieß ſind nur leere Gefuͤhle von Gluͤgk⸗ ſeligkeit, und es bleibt dem ungluͤcklichen Altamont nur das uͤbrig, dem Freunde, dem er jetzt Lebewohl ſagen muß, einen Dienſt zu leiſten. Ich habe beſchloſſen, Euch und die zwei Maͤdchen, unter Fletcher's Schutz, an's Land zu ſetzen; ruft alſo die jungen Frauenzimmer herauf, und . 59 laßt ſie abfegeln, ehe der Teufel bei mir, oder bei irgend jemand Anderm landet. Ihr bringt den obrigkeirlichen Perſonen den Brief, unterſtuͤtzt ihn mit Euerer Beredtſam⸗ keit, und verſichert ſie, daß, wenn ſie Cleveland nur ein Haar kruͤmmen, der Teufel los und kein Pech⸗ heiß genug ſeyn ſoll.“. Durch dieſen unerwarteten Ausgang von Bunce's Rede von ſeiner Angſt! befreit, ſtieg Halcro die Kajuͤtenleiter immer zwei Sproſſen auf einmal hinab, klopfte an die Ka⸗ jutenthuͤr, und konnte kaum vernehmliche Worte finden, ſeine Botſchaft auszur ichten. Sobald die Schweſtern ſo unerwartet hoͤrten, daß ſie an's Land gebracht werden ſoll⸗ ten, huͤllten ſie ſich in ihre Maͤntel ein, und kamen, auf die Nachricht, daß das Boot ausgeſetzt werden ſollte, ſchnell auf das Verdeck, wo ſie zu ihrem großen Schrecken hoͤrten, daß ihr Vater an Bord des Piraten zurückbleiben ſolle. „Wir bleiben bei ihm, komme, was da will,“ ſagte Minna:„wir koͤnnen ihm wenigſtens behülflich ſeyn, wäre es auch nur auf einen Augenblick— wir wollen mit ihm leben und ſterben.“ 4 „Wir wollen ihm weſentlichere Dienſte leiſten,“ ſagte Brenda, welche die Eigenthuͤmlichkeit ihrer Lage beſſer be⸗ griff, als Minna: indem wir die Leute von Kirkwall dazu⸗ bewegen werden, die Forderungen dieſer Herren zuzuge⸗ ſtehen.“ 8 3 0. 1 81310 „Wie ein Engel von Verſtande und Schoͤnheit geſpro⸗ chen,“ ſagte Bunce:„und nun macht, daß Ihr fortkommt, denn der Teufel ſoll mich holen, wenn das nicht eine bren⸗ nende Lunte in der Pulverkammer haben heißt;— wenn Ihr noch ein Wort ſprecht, ſo will ich verdammt ſeyn, wenn ich weiß, wie ich von Euch loskommen ſoll.. * „Geht, in Gottes Namen, meine Toͤchter,“ ſagte Mag⸗ nus:„ich bin in Gottes Hand, werde, wenn Ihr fort ſeyd, fuͤr mich ſelbſt wenig Beſorgniſſe haben, und, ſo lange ich lehe, es immer denken und ſagen, daß dieſer gute Mann ein beſſeres Loos verdiente. Geht, geht(denn ſie zigerten noch immer, ihn zu verlaſſen), macht⸗ daß Ihr fortkommt.* „Haltet Euch nicht mit Kuͤſſen auf,¹ ſagte Bunce: „damit ich mir nicht auch mein Theil zu fordern in Ver⸗ ſuchung gerathe. Fort in das Boot— doch, noch einen Augenblick!“ Mit dieſen Worten zog er die drei Gefange⸗ nen bei Seite.„Fletcher,“ ſagte er:„ſteht mir fuͤr die uͤbrigen Kerle, und wird Euch ſicher auf die Hoͤhe der Kuͤſte bringen. Wie ich aber fuͤr Fletcher ſtehen ſoll, weiß ich nicht, wenn nicht Herr Halcro dieſen kleinen Gewäͤhrs⸗ mann mitnehmen will.“ „Er reichte hierbei dem Barden ein kleines Doppelpi⸗ aol hin, das, wie er ſagte, mit einem Paar Kugeln gela⸗ den war. Minna ſah, daß Halcro's Hand zitterte, als er ſte ausſtreckte, die Waffe in Empfang zu nehmen.„Gebt es mir,“ ſagte ſie, indem ſie es dem Raͤuber aus der Hand nahm:„und verlaßt Euch darauf, daß ich mich und meine Schweſter zu vertheidigen wiſſen werde.“ „Bravo! bravo!“ rief Bunce aus:„ſo muß ein Maͤd⸗ chen ſprechen, das Eleveland s. des Koͤnigs der Seeraͤu⸗ ber, werth iſt.“ „Cleveland!“ wiederholte Minna.„Kennt Ihr denn dieſen Cleveland, den Ihr nun ſchon zweimal genaunt habt?“ „Ob ich ihn kenne! Giebt es einen Menſchen, ſagte Bunce:„der den beſten, kraͤftigſten Kerl nicht kennt, der 4 61 je zwiſchen Vorſteven und Spiegel auf⸗ und abgegangen iſt? Wenn er erſt aus dem Stocke heraus iſt, was, wenn es dem Himmel gefaͤllt, bald geſchehen ſoll, ſo hoffe ich, daß Ihr zu uns an Bord kommen, und als Koͤnigin uͤber jedes Meer gebieten werdet, auf dem wir hinſegeln.— Ihr habt den kleinen Gewaͤhrsmann erhalten, ich hoffs, Ihr wißt ihn zu gebrauchen. Wenn ſich Fletcher gegen Euch vergißt, ſo braucht Ihr nur, mit dem Daumen, dieß Stuͤckchen Eiſen aufzuziehen, ſo— und beharrt er bet ſei⸗ nem Betragen, ſo braucht Ihr nur Eueren niedlichen Zei⸗ geſinger ſo zu kruͤmmen, und ich verliere den beſten Kamo⸗ raden, den ich je hatte, olgleich— der Teufel hole den Hund— er den Tod verdient, wenn er meinen Befehlen nicht gehorcht. Und nun in das Boot— aber noch einen Kuß, Cleveland's willen. 2 Eaznen Brenda duldete, mit toͤdtlichem Schrecken, ſeinen Ab⸗ ſchiedskuß; Minna aber trat mit Verachtung zuruͤck, und reichte ihre Hand hin. Bunce lachte, kuͤßte aber, mit er⸗ ner theatraliſchen Gebaͤrde, die ſchoͤne Hand, welche ſie, als Loͤſegeld fuͤr ihre Lippen, ausſtreckte, und die Schwo⸗ ſtern und Halcro wurden endlich, in das Boot gebracht, das, unter Fletcher's Oberbefehl, davonruderte. 832 Bunce ſtand auf der Schanze, und hielt, nach Art fel⸗ nes früͤheren Gewerhes, ein Selbſtgeſpräch.„Wenn man dieß ſo in Port⸗Royal oder auf der Inſel Providence oder zuf den kleinen Guomen wuͤßte, ſo moͤchte ich wohl wiſſen, was man von mir ſagen wuͤrde?— daß ich ein gutmuͤthi⸗ ger Troyf— ein Dummkopk, ein Eſel bin! Nun moͤgen ſie doch! Ich habe genug Schlechtes gethan, um daruͤber nach⸗ zudenken. Es iſt der Muͤhe werth, einmal etwas Gutes zu thun, wenn es auch nur der Seltenheit der Sache we⸗ gen waͤre, und deswegen, um ſich mit ſich ſelbſt auszuſoͤh⸗ nen.“ Hierauf wandte er ſich zu Magnus Troll, und fuhr fort:„das ſind bona robas, Euere Toͤchter. Die aͤlteſte wuͤrde ihr Gluͤck auf der Londoner Buͤhne machen. Was fuͤr eine praͤchrige Stellung das Mädchen annahm, als ſie das Piſtol ergriff— hol' mich der Teufel, das haͤtte das ganze Haus in Aufruhr gebracht! Wie vortrefflich wuͤrde die Dirne die Roxelane geſplelt haben(bet ſeinem Spre⸗ chen pflegte naͤmlich Bunce, wie Sancho's Gevatter, Tho⸗ mas Cecial immer das kraͤftigſte Wort zu gebrauchen, das ihm in den Mund kam, ohne gerade auf deſſen Schicklich⸗ keit zu ſehen); ich gäbe meinen Antheil an der naͤchſten Priſe darum, wenn ich ſie haͤtte ſagen hoͤren: Hinweg, entfernt Euch, macht dem Wirbel Platzz, Wenn ich wie Staub Euch nicht verweh’n ſoll. Hebt Euch wegt Ein ſchwaches⸗ Bild von meiner Wuth iſt Tollheit. und wenn ich dann die Kleine, Saufte, Schuͤchterne, Thrä⸗ neuvolle, Bebende, als Sratira haͤtte ſagen hoͤren: Er ſpricht nur ſüße Worte, und blickt ſo⸗ Gelobt mit ſolchen Feuer, ſchwört ſo angenehm, Daß es ein Himmel iſt, von ihm vetrogen ſeyn. Was fuͤr ein Stuͤck haͤtten wir zuſammen auffuͤhren koͤn⸗ nen!— Ich war viehiſch dumm, nicht daran zu denken, ehe ich ſie wegſchickte— ich Alexander— Claudius Halcro Lyſtmachus— der alte Herr haͤtte zur Noth den Clitus ge⸗ macht. Ich war ein Thor, nicht daran zu denken!“ In dieſer Ergießung lag Manches, was dem Udaller leicht duͤrfte mißfallen haben; aber, die Wahrheit zu ſagen, gab er nicht Achtung darauf. Sein Auge, und endlich ſein . 63 Fernalas, waren allein damit beſchäftigt, die Ruͤckkehr ſei⸗ ner Toͤchter nach dem ufer zu beobachten. Er ſah ſie lan⸗ den, von Halcro und noch einem andern Mann(wahrſchein⸗ lich Fletcher) begleitet, die Anſteige hinanſteigen und den Weg nach Kirkwall einſchlagen, und konnte ſogar deutlich unterſcheiden, wie Minna, als ob ſie ſich fuͤr den Waͤchter der Geſellſchaft anſaͤhe, ſich in einiger Entfernung von den Uebrigen hielt, um, wie es ſchien, gegen jeden Ueberfall auf der Hut und ſogleich bereit zu ſeyn ſo zu handeln, wie die Gelegenheit es erfodern wuͤrde. Endlich hatte der Udaller, gerade, als er im Begriff war, ſie aus den Augen zu verlieren, die unendliche Genugthuung, die ſaͤmmtliche Geſellſchaft anhalten, und den Piraten, nach einem Zwi⸗ ſchenraume, der gerade lang genug war, um hoͤflich von ih⸗ den Abſchied zu nehmen, ſie verlaſſen und langſam nach dem ufer zuruͤckkehren zu ſehen. Mit Dankſagungen gegen den Allmaͤchtigen, der ihn ſo von der quaͤlendſten Beſorg⸗ niß befreit, die ein Vater wohl fühlen kann, ergab ſich der wuͤrdige Udaller von nun an in ſein: Schickſal, was es auch, immer ſeyn mochte. Ueber die Berge und unter die Wellen, Unter den Gräbern und über die Quellen⸗ Die Trennung Fletchers von Claudius Halcro und den Schweſtern von Burgh⸗Weſtra, auf der Stelle, wo ſie Statt fand, nes kleinen Haufens Bewaffneter, welche man in der Ent⸗ fernung und von Kirkwall herkommend, erblickte, die zwar dem Fernglaſe des Udallers, durch die Unebenheit des Bo⸗ dens verborgen blieb, wohl aber dem Piraten ſichtbar wurde, den ſie ſogleich zu einer ſchleunigen Ruͤckkehr zu dem Boote, ſeiner Sicherheit wegen, beſtimmte. Er wandte ſich eben von ihnen ab, als Minna zu der kurzen Verzoͤgerung, welche ihr Vater bemerkt hatte, Veranlaſſung gab. „Bleib' noch!“ ſagte ſie:„ich befehle es Dir! Sage Deinem Befehlshaber von mir, daß, welche Antwort er auch von Kirkwall erhalte, er ſein Schiff dennoch nach Stromness herumfuͤhren, und, wenn er dort Anker gewor⸗ fen, ein Boot an's Land ſchicken moͤge, Capitaͤn Cleveland abzuholen, Breisgar erblicken wird.“ Fletcher hatte ſich darauf Rechnung gemacht, wie ſein Kamerad, wenigſtens einen Kuß fuͤr die Muͤhe zu erhalten, dieſe ſchoͤnen jungen Frauenzimmer zu geleiten, und viel⸗ leicht wuͤrde weder die Furcht von den herannahenden 1 Viertes Kapitel. Ueber Meere und Seen, Neptunens Gebiet⸗ Ueber Klippen und Höhen Die Liebe wohl zieht⸗. 11 Altes Lied. war zum Theil die Folge der Erſcheinung el⸗ ſobald er einen Rauch auf der Brüůcke von Kirkwallern, noch vor Minna's Waffe, ſeine Unverſchaͤmt⸗ heit gezuͤgelt haben; allein der Name ſeines Capitaͤns, und noch mehr, die Unerſchrockenheit, die Wuͤrde und das Be⸗ fehlende in Minna Troil's Betragen, hielten ihn zurück. Er machte eine ſeemaͤnniſche Verbeugung, verſprach, genau auszuſchauen, kehrte zu ſeinem Boot zuruͤck, und richtete ſeinen Auftrag am Bord aus. Als Halcro und die Schweſtern dem Haufen entgegen⸗ gingen, welchen ſie auf dem Wege von Kirkwall erblickten, und der, ſeinerſeits angehalten hatte, als ob er ſie beob⸗ achten wolle, rief Brenda, von der Furcht vor Fletcher be⸗ freit, deſſen Gegenwart bisher ihre Zunge gefeſſelt hatte, aus:„Barmherziger Himmel! Minna, in welchen Haͤnden haben wir unſeren theueren Vater zuruͤckgelaſſen!“ In den Haͤnden braver Leute, ſagte Minna feſt: ich fuͤrchte nicht fuͤr ihn. „Sd brav, wie Ihr wollt,“ ſagte Claudius Halcro: „aber deſſen ungeachtet immer gefaͤhrliche Spitzbuben. Ich weiß, daß dieſer Kerl, der Altamont, wie er ſich nennt— obgleich das nicht ſein rechter Name iſt— ein ſo luͤderli⸗ cher Hund iſt, wie je nur einer eine Scheune, durch Blut und ungereimte Verſe, von Beifallklatſchen hat wiederhallen laſſen. Er fing mit Barnwell an, und Jedermann glaubre, er wuͤrde mit dem Galgen ſchlleßen, wie der letzte. Auftritt im geretteten Venedig.“ „Das hat nichts auf ſich,“ ſagte Minna:„je ungeſtuͤ⸗ mer die Wogen ſind, deſto maͤchtiger iſt die Stimme, welche ſie beherrſcht. Schon der Name Cleveland hielt die Wuͤthendſten unter ihnen im Zaum.“ „Es thut mir um Cleveland Leid, wenn er ſolch⸗ Ge⸗ W. Scott's Werke CXIV. 5 faͤhrten hat,“ ſagte Brenda:„allein es liegt mir in Ver⸗ gleich mit meinem Vater, wenig an ihm.“ „Spare dein Mitleid fuͤr die, welche deſſen beduͤrfen,“ ſagte Minna:„und fuͤrchte nichts fuͤr unſern Vater.— Gott weiß, daß jedes Silberhaar auf ſeinem Haupte mir ſo viel werth iſt, als der Schatz einer unentdeckten Gold⸗ grube, aber ich weiß, daß er ſicher iſt, ſo lange er ſich in jenem Fahrzeune befindet, und daß er bald ſicher am Ufer ſeyn wird.“ „Ich wollte, ich ſaͤhe das erſt,“ ſagte Claudlus Halcro: „denn ich fuͤrchte die Kirkwaller, welche Cleveland fuͤr das halten, was ich beſorge, werden ihn nicht gegen den Udaller auswechſeln wollen. Die Schotten haben ſehr ſtrenge Ge⸗ ſetze gegen den Diebſtahls⸗Vergleich, wie ſie es nennen.“ „Aber wer ſind die Leute, die dort auf dem Wege vor uns ſind?“ ſagte Brenda:„und warum bleiben ſie dort ſo vorſichtig ſtehen?“ „Es iſt eine Patrouille der Militz,“ antwortete Halcro: „der herrliche John hat dieſe etwas ſcharf mitgenommen — aber John war auch ein Jacobit— Viel Münder, keine Hand, bezahlt mit Gelde ſchwer, Im Frieden eine Laſt, im Kriege ſchwache Wehr, Marſchiren monarlich mit großem Lärm ſie aus, Und ſind dann jederzeit, nur nicht, wenn's gilt— zu Haus. Ich glaube, ſie blieben ſo eben ſtehen, da ſie uns, als ſie uns auf dem Abhange des Huͤgels ſahen, fuͤr einen Theil der Bemannung der Schaluppe hielten, und nun, da ſie ſehen, daß Ihr Weiberroͤcke traͤgt, gehen ſie naͤher auf uns zu.“ In der That kamen ſie, und es fand ſich wirklich, wie 3 67 Claudius Halcro vorausgeſagt hatte, daß es eine Patrouille war, die man ausgeſchickt, die Bewegungen der Piraten zu beobachten, und ſie am Landen zu verhindern. Die Leute wuͤnſchten Claudius Halcro, der mehr als Einem von ihnen wohl bekaunt war, herzlich Gluͤck zu ſei⸗ ner Befreiung aus der Gefangenſchaft. Der Befehlshaber des Tru ps konnte, waͤhrend er den Damen allen mög⸗ lichen Beiſtand anbot, nicht umhin, ihnen ſein Beileid uͤber die Lage, in welcher ſich ihr Vater befaͤnde, zu bezeigen, wobei er, wiewohl auf eine ſehr zarte und verſteckte Art, auf die Schwierigkeiten anſpielte, welche ſeiner Befreiung ſich in den Weg ſtellen duͤrften. Als ſie in Kirkwall angekommen waren, und bei dem BAuͤrgermeſſter und einem oder zwei von den obrigkeitlichen Perſonen Gehoͤr gefunden hatten, war von dieſen Schwie⸗ rigkeiten deutlicher die Rede.„Die Fregatte Halcyon iſt nahe an der Kuͤſte,“ ſagte der Buͤrgermeiſter:„man hat ſie ſchon auf der Hoͤhe von Duncansbey⸗Head geſehen, und obgleich ich die groͤßte Achtung vor Herrn Magnus Troil von Burgh⸗Weſtra habe, ſo wuͤrde ich doch mich verant⸗ wortlich machen, wenn ich, der Sicherheit eines Einzelnen wegen, der ungluͤcklicherweiſe durch ſeine Gefangenhaltung in Gefahr ſchwebt, der Capitaͤn dieſes verdaͤchtigen Schiffes aus dem Gefaͤngniß entließe. Es iſt jetzt bekannt, daß die⸗ ſer Mann das Herz und die Seele dieſer Buccaniers iſt, und ſoll ich ihn wieder an Bord ſchicken, damit er das Land pluͤndere oder vielleicht das koͤnigliche Schiff angreife?— Er hatte Unverſchaͤmtheit genug, Alles zu thun.“ „Muth genug, Alles zu thun, wollt Ihr ſagen, Herr Buͤrgermeiſter,“ ſagte Minna, die ihr Mißvergnuͤgen nicht länger verbergen konnte.„Nun Ihr moͤgt e 44 nennen, wie 68 Ihr wollt, Fraͤulein Troil,“ ſagte der wuͤrdige Beamte: „meiner Meinung nach, iſt aber die Art von Mutb, welche allein gegen zwei zu ſtreiten wagt, nicht viel mehr, als eine praktiſche Unverſchaͤmtheit.“ Aber unſer Vater? ſagte Brenda im Tone des ange⸗ legentlichſten Flehens: unſer Vater— der Freund, ja, ich moͤchte ſagen, der Vater des Landes— von dem ſo Viele ein freundliches Wort, ſo manche wirkliche Huͤlfe erwarten, deſſen Verluſt wie das Erloͤſchen einer Bake im Sturme ſeyn wuͤrde— wollt Ihr in der That die Gefahr, in der er ſich befindet, gegen eine ſolche Kleinigkeit aufwiegen, wie die, einen Mann aus dem Gefaͤngniſſe zu entlaſſen, um ſeinem ungluͤcklichen Schickſale anderwaͤrts entgegen⸗ zugehen? „Fraͤulein Brenda hat Recht,“ ſagte Claudius Halcro: „ich bin, wie die Knaben ſagen, dafuͤr, fanfe gerade ſeyn zu laſſen. Laßt es Euch nicht auf einen Fretlaſſungsbefehl ankommen, Buͤrgermeiſter, ſondern nehmt einmal eines Narren Rath an, und macht, daß der Kerkermeiſter ver⸗ gißt, den Riegel vor die Thuͤr zu ſchieben, ober eine Spalte des Feuſters oder dergleichen offen laͤßt, und wir ſind den Raͤuber los, und haben einen der beſten, ehrlich⸗ ſten Menſchen in Orkney oder Shetland in fuͤnf Stunden auf der Leeſeite einer Punſchbowle bei uns.“ Der Buͤrgermeiſter antwortete beinahe wie vorher, daß er die groͤßte Achtung vor Herrn Magnus Troil von Burgh⸗ Weſtra habe, daß aber ſeine Achtung vor irgend einem, wenn auch noch ſo achtbaren, einzelnen Manne, ihn nicht an der Erfüllung der Pflichten ſeines Amtes hindern duͤrfe. Minna wandte ſich hierauf, mit dem Tone des kalten und ſpoͤttiſchen Mißfallens, an ihre Schweſter.—„du — 69 vergiſſeſt, Brenda,“ ſagte ſie:„daß Du von der Sicherheit eines armen unbedeutenden Udaller's von Shetland, zu niemand Geringerem als der erſten obrigkeitlichen Perſon der Hauptſtadt von Orkney, ſprichſt.— Kannſt Du wohl glauben, daß ein ſo großer Mann ſich herablaſſen werde, einen ſo unbedeutenden Gegenſtand in Erwaͤgung zu zie⸗ hen? Es wird Zeit genug fur den Buͤrgermeiſter ſeyn, daran zu denken, ob er die ihm vorgelegten Bedingungen eingehen will— und dieß wird er am Ende doch wohl thun muͤſſen— wenn die Sankt Magnus⸗Kirche uͤber ſei⸗ nem Kopfe zuſammenſtuͤrzt.“ „Ihr koͤnnt immer boͤſe auf mich ſeyn, meine ſchoͤne junge Dame,“ ſagte der gutmuͤthige Buͤrgermeiſter Torfe: aber ich kann Euch nicht zuͤrnen. Die Sankt Magnus⸗ Kirche hat ſchon manches Jahr geſtanden, und wird wahr⸗ ſcheinlich mich und Euch, und noch wahrſcheinlicher jenen Haufen ungehangener Hunde uͤberleben. Ungerechnet, daß Euer Vater ein halber Orkney⸗Inſulaner iſt, und hier ſo⸗ wohl Guͤter als Freunde unter uns hat, wuͤrde ich, auf mein Wort, fuͤr einen Shetlaͤnder in Noth ſoviel als fuͤr irgend Jemand thun, einen von unſeren eingeborenen Kirk⸗ wallern ausgenommen, welche natuͤrlich den Vorzug haben. Und wenn Ihr hier bei meiner Frau und mir wohnen wollt— ſetzte er hinzu— ſo wollen wir Euc beweiſen, daß Ihr in Kirkwall eben ſo willkommen ſeyd, als Ihr in Lerwick oder Scalloway nur ſeyn koͤnnt. Minna wuͤrdigte dieſe gutmuͤthige Einladung keiner Antwort, Brenda aber lehnte ſie hoͤflich ab, indem ſie die Nothwendigkeit vorſchuͤtzte, bei einer Verwandten, einer reichen Wittwe, in Kirkwall abzutreten, die ſie bereits erwartete.“ Halcro wagte noch einen Verſuch, den Buͤrgermeiſter von ſeinem Entſchluſſe abzubringen, fand ihn aber uner⸗ 1 bittlich. Der Zolleinnehmer habe bereits gedroht, ſagte er: ihn anzuzeigen, weil er, wie er ſich ausdruͤckte, mit dieſen Fremden unter einer Decke ſteckte, ſelbſt als dieß das einzige Mittel zu ſeyn ſchien, blutige Haͤndel in der Stadt zu vermelden; ſollte er aber jezt die Gelegenheit voruͤber gehen laſſen, welche die Gefangennehmung Cleve⸗ land's und die Entweichung des Verwalters darboͤte, ſo duͤrfte er ſich wohl noch etwas Aergerem als einem bloßen Verweiſe ausſetzen. Worauf es bei dem Ganzen aber im⸗ maer hinauskam, war: daß es ihm herzlich leid um den Udaller, ja ſogar um den Burſchen, den Cleveland, thue, der noch einige Funken von Ehre in ſich habe; allein die Pflicht gebiete ihm, und er muͤſſe ihrem Gebote gehorchen. Der Buͤrgermeiſter machte allen weiteren Eroͤrterungen da⸗ durch ein Ende, daß er ſagte, eine andere Angelegenheit, von Shetland aus, erfordere ſeine unmittelbare Gegen⸗ wart. Ein Herr, Namens Mertoun, der zu Jarlshof woh⸗ ne, habe eine Klage gegen den Jagger Snailsfoot erhoben, weil er einem ſeiner Dienſtboten behuͤlflich geweſen, einige Sachen von Werth, die man ihm in Verwahrung gegeben, zu unterſchlagen, und er ſey im Begriff eine Vernehmung uͤber den Gegenſtand anzuſtellen, und die Sachen dem Herrn Mertoun wiedergeben zu laſſen, der dem rechten Eigen⸗ thuͤmer dafuͤr verantwortlich ſey. Bei dieſer ganzen Nach⸗ richt war nichts, das den Schweſtern anziehend erſchien, als das Wort: Mertoun, welches Minna's Herzen ein Dolchſtoß war, weil ſie daran dachte, unter welchen Um⸗ ſtäͤnden Mordaunt Mertoun verſchwunden war, und das, wenn gleich aus einem weniger ſchmerzlichen, doch immer 71 noch ungemein truͤben Gefuͤhle, ſelbſt auf Brenda's Wan⸗ gen eine fluͤchtige Roͤthe erſcheinen, und ihr Ange feucht werden ließ. Es wurde indeß bals deutlich, daß der Buͤr⸗ germeiſter nicht von Mordaunt, ſondern von ſeinem Vater ſprach, und Magnus Toͤchter, fuͤr welche ſeine genaueren Auseinanderſetzungen wenig Anziehendes hatten, nahmen von dem Buͤrgermeiſter Abſchied, um ſich in ihre eigene Wohnung zu begeben. Als ſie in dem Hauſe ihrer Verwandten angekommen, war es Minna's erſtes Geſchaͤft, auszukundſchaften— ſo weit ſie dieß durch Nachforſchungen thun konnte, ohne Ver⸗ dacht zu erregen— in welcher Lage ſich der ungluͤckliche Cleveland befaͤnde. Dieſe war, wie ſie bald fand, ſehr mißlich. Der Buͤrgermeiſter hatte ihn allerdings nicht in engen Verwahrſam bringen laſſen, wie Clandius Halcro vermuthet, da er ſich vielleicht der fuͤr ihn ſprechenden Umſtaͤnde erinnerte, unter denen er ſich ergeben, und, wenigſtens bis auf den aͤußerſten Augenblick nicht ganz wortbruͤchig gegen ihn werden wollte. Obgleich er alſo, dem Anſchein nach, ziemlich viel Freibeit hatte; ſo wurde er doch von wohlbewaffneten und ausdruͤcklich dazu ernann⸗ ten Leuten ſcharf bewacht, welche den Befehl hatten, ihn mit Gewalt zuruͤckzuhalten, wenn er die Graͤnzen zu uͤber⸗ ſchreiten wage, welche ihm vorgeſchrieben waren. Man hatte ihm ein feſtes Zimmer in dem ſogenannten koͤnigli⸗ chen Caſtell zur Wohnung angewieſen, und bei Nacht ward die Thuͤr ſeines Gemaches außen verſchloſſen, und eine ſtarke Wache davor geſtellt, ſein Entweichen zu verbindern. Er genoß alſo nur des Grades von Freihelt, den die Katze bei ihrem grauſamen Spiele zuweilen der Maus vergoͤnnt, welche ſie in ihren Klauen hat, und doch war die Furcht 7². vor den Huͤlfsquellen, dem Muth und der Wlldheit des Piraten⸗Capitains ſo groß, daß der Zolleinnehmer und mehrere andere weiſe Burger von Kirkwall, den Buͤrger⸗ meiſter tadelten, daß er den Geſangenen uͤberhaupt frei herumgehen laſſe. 1 Man kann leicht errathen, daß, unter dieſen Umſtaͤn⸗ den, Cleveland keine große Sehnſucht hatte, irgend einen oͤffentlichen Verſammlungsort zu beſuchen, da er wußte, daß er der Gegenſtand eines gemiſchten Gefuͤhles von Neu⸗ gierde und Schrecken ſey. Sein Lieblingsſpaziergang war deswegen der in den aͤußeren Seitengaͤngen der St. Magnus⸗ Kathedrale, von welcher nur das öͤſtliche Ende zum oͤffent⸗ fentlichen Gottesdienſte eingerichtet iſt. Dieſes ehrwürdige alte Gehaͤude hat, nachdem es den Zerſtoͤrungen entgangen, welche die erſten Bewegungen der Reformation begleiteten, noch immer einen aͤußeren Schein biſchoͤflicher Wuͤrde be⸗ halten. Der Platz zum Gottesdienſt wird durch eine Halb⸗ wand von dem Schiffe und dem weſtlichen Kreuzfluͤgel ge⸗ ſchieden, und das Ganze wird in einer Reinlichkeit und einem Anſtande erhalten, welche den ſtolzen Tempeln von Weſtmuͤnſter und St. Paul wohl zum Muſter dienen koͤnnten. In dieſem aͤußeren Theile der Kathedrale durfte Cle⸗ veland ſpazieren gehen, um ſo mehr, da ſeine Waͤchter, wenn ſie den einzigen Eingang im Auge behielten, mit we⸗ nig Muͤhe jeden Verſuch zum Entwiſchen vereiteln konnten. Der Ort ſelbſt paßte zu ſeiner traurigen Lage ſehr wohl. Die hohe gewoͤlbte Decke ruht auf Pfeilern von ſaͤchſiſcher Bauart und von gewaltiger Staͤrke, von denen vier, noch dicker als die Uebrigen, einſt den hohen Thurm trugen, welcher, nachdem er vor langer Zeit durch eine aͤußere Ver⸗ 73 5 aulaſſung zerſtoͤrt wurde, nach einem verhaͤltnißloſen und verſtuͤmmelten Plane wieder aufgebaut worden iſt. Das Licht faͤllt an dem oͤſtlichen Ende, durch ein hohes, reich verziertes, gothlſches Fenſter, von ſchönem Verhaͤltniß, ein, und der Fußboden iſt mit Inſchriften in verſchiedenen Spra⸗ chen bedeckt, welche die Graͤber edler Orkney⸗Inſulaner be⸗ zeichnen, deren Gebeine, zu verſchiedenen Zeiten, in bie⸗ ſen heiligen Raͤumen beigeſetzt worden. Hier gieag nun Cleveland auf und ab, in Nachdenken uͤber die Begebenheiten eines ſchlecht angewandten Lebens verſunken, das, waͤdrend er ſich noch in der Bluͤthe ſeiner Jahre befand, wahrſchelnlich ein gewaltſames und ſchimpf⸗ liches Ende beſchließen durfte.„Bald,“ ſagte er, indem er auf den Fuöboden blickte,„werde ich zu dieſen Todten gehoͤren— aber kein helliger Mund wird einen Segen uüͤber mich ſprechen— keine Freundeshand eine Inſchrift entwerfen— kein ſtolzer Nachkomme das Wappen auf dem Grabe des Piraten Cleveland aushauen laſſen. Melne bleichenden Gebeine werden in den Galgenketten an einem wilden Ufer oder einem einſamen Vorgebirge ſchweben, das, meinetwegen, fuͤr verderblich und verwuͤnſcht gehalten werden wird. Der alte Seemann, wenn er die Meerenge hinunterfaͤhrt, wird den Kopf ſchuͤtteln, und von mir und meinen Handlungen ſeinen juͤngeren Kameraden, als einem war enden Beiſpiel, erzaͤhlen.— Aber Minna! Minna! was wirſt Du denken, wenn Du die Nachricht hoͤrſt? Wollte Gott, ſie waͤre von dem tiefſten Strudel zwiſchen Kirkwall und Burgh⸗Weſtra verſchlungen worden, ehe ſie ihr Ohr erreicht! und wollte Gott, daß wir uns nie geſehen haͤtten, da wir einander nun nie wieder ſehen koͤnnen!“ Bei dleſen Worten ſchlug er die Augen auf, und Min⸗ 74 na Troil ſtand vor ibm. Ihr Geſicht war blelch und ibr Haar aufgeloͤst, aber ihr Blick war ruhig und feſt, mit ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Miſchung hochſinniger Schwermuth. Sie war noch in den Mantel gehuͤllt, den ſie umgeworfen, als ſie das Schiff verlaſ⸗ ſen. Cleveland's erſte Bewegung war die des Erſtaunens, die naͤchſte die der Freude, nicht ohne Beimiſchung ſcheuer Ehrerbietung. Er war im Begriff, ſeinem Gefuͤhle durch einen Ausruf Luft zu machen— ſich zu ihren Fuͤßen zu werfen— allein ſie gebot ihm, indem ſie den Finger er⸗ hob, zu gleicher Zeit Stillſchweigen und Maͤßigung, und ſagte in gedaͤmpftem, aber befehlendem Tone: Seyd vorſichtig— wir werden beohachter— es ſind Leute draußen— ſie lieſ⸗ ſen mich nur mit großer Schwierigkeit hereintreten. Ich darf nicht lange blelben— ſie wuͤrden denken— ſie moͤch⸗ ten glauben.. O, Cleveland! ich habe Alles gewagt, Euch zu retten!“ Mich zu retten? Ach, arme Minna! antwortete Cle⸗ veland, es iſt unmoͤglich, mich zu retten— genug, daß ich Dich noch einmal geſehen habe, waͤre es auch nur, um von Dir auf ewig Abſchied zu nehmen. „Wohl muͤſſen wir von einander Abſchied nehmen, denn das Schickſal und Euere Schuld treunen uns auf ewig.— Cleveland, ich habe Euere Gefaͤhrten geſehen— brauche ich noch mehr zu ſagen— brauche ich noch zu ſagen, daß ich jezt weiß, was ein Pirat iſt?“ Du biſt in der Gewalt der Boͤſewichter geweſen! ſagte Cleveland mit einem Blick der Todesangſt: wagten ſie... „Cleveland,“ erwiederte Minna:„ſie wagten nichts— Euer Name war wie ein Zauber bei dieſen wilden Raͤubern, und dieß war das einzige, was mich an die Eigenſchaften erinnerte, die ich einſt meinem Cleveland zuſchrieb!“ . 75 Ja, ſagte Cleveland ſtolz: mein Name hat immer eine Gewalt uber ſie gehabt, und wird ſie haben, und wenn ſie in ihrer hochſten Wildhelt waͤren. Haͤtten ſie Dich nur durch ein unziemliches Wort beleidigt, ſo haͤtten ſie fin⸗ den ſollen— doch, was raſe ich— ich bin ja ein Ge⸗ fangener. „Ihr ſollt es nicht laͤnger ſeyn,“ ſagte Minna:„Eue⸗ re Sicherheit— die Sicherheit meines theueren Vaters, Alles heiſcht Euere augenblickliche Freibeit. Ich habe einen Plan zu Euerer Befreiung gemacht, der, mit Entſchloſſen⸗ heit ausgefuͤhrt, nicht fehlſchlagen kann. Es iſt draußen halb dunkel— huͤllt Euch in meinen Mantel, und Ihr wer⸗ det leicht durch die Wache kommen— ich habe ihnen etwas gegeben, um ſich guͤtlich zu thun, und ſie ſind jezt vollkom⸗ men beſchaͤftigt. Ellet nach dem See von Stenuis, verbergt Euch, bis der Tag graut, und zuͤndet dann ein Feuer an der Stelle an, wo das Land, das von beiden Seiten in den See hineinragt, ihn, bei der Bruͤcke von Broisgar, bei⸗ nahe in zwei Haͤlften theilt. Euer Fahrzeug, das nicht weit davon liegt, wird ein Boot an das Land ſchicken— verliert keinen Augenblick!“ Aber Du, Minna!— wenn dieſer ſeltſame Plan ge⸗ lingen ſollte— ſagte Cleveland— was ſoll aus Dir werden? „Was meinen Antheil an Eurer Flucht betrifft, ant⸗ wortete das Mädchen, ſo wird die Rechtlichkeit meiner Ab⸗ ſicht— die Rechtlichkeit meiner Abſicht wird mich in den Augen des Himmels rechtfertigen, und die Sicherheit mei⸗ nes Vaters, deſſen Schickſal von dem Eurigen abhaͤngt, in denen der Menſchen. Mit wenigen Worten erzaͤhlte ſie ihm die Geſchichte ſchuld geſellen. Minna Troil, Du ſi ihrer Gefangennehmung und deren Folgen. Cleveland hob ſeine Augen und Haͤnde zum Himmel, voll Dank fuͤr die gluͤckliche Befreiung aus den Händen ſeiner boͤſen Gefaͤhr⸗ ten, und fuͤgte dann haſtig hinzu: aber Du haſt Recht, Minna, ich muß auf jeden Fall fliehen, Deines Vaters we⸗ gen muß ſch fliehen. So ſcheiden wir denn alſo hier— doch, wie ich hoffe, nicht auf immer. „Auf immer!“— antwortete eine Stimme, welche wie aus einem Grabesgewoͤlbe ertoͤnte. Sie fuhren auf, blickten umher und ſahen dann ein⸗ ander an. Es ſchien, als ob das Echo des Gebaͤudes, Cle⸗ veland's letzte Worte wiederholt haͤtte, allein die Ausſprache war zu nachdruͤcklich betont. „Ja! auf immer!“ ſagte Norna von Fitful⸗Head, n⸗ dem ſie hinter einem der ſtarken ſaͤchſiſchen Pfeiler hervor⸗ trat, welche die Decke der Kathedrale tragen.„Hier tref⸗ fen ſich der blutrothe Fuß und die blutrothe Hand,— wohl Euch Beiden, daß die Wunde gehellt iſt, aus welcher das Blut kam— wohl fuͤr Beide, aber am beſten fuͤr den, welcher es vergoß. Hier alſo trefft Ihr Euch— und trefft Euch zum letzten Male!“ Nein, ſagte Cleveland, als ob er ſo eben Minna's Hand ergreifen wollte: mich von Minna loszureißen, waͤh⸗ rend noch ein Funke des Lebens in mir iſt, kommt nur ihr ſelbſt zu. „Hinweg!“ ſagte Norna, indem ſie zwiſchen Beide trat:„hinweg mit dieſer eitlen Thorheit!— gebt keinen leeren Traͤumen von kuͤnftigem Wiederſehen Raum— Ihr ſcheidet hier und auf immer. Der Falke kann ſich nicht mit der Taube paaren— die Schuld darf ſich nie zur Un⸗ ehſt dieſen kuͤhnen Ver⸗ 4 1 — 77 brecher zum letzten Male— Cleveland, Du ſiehſt Minna zuletzt.“. Und glaubt Ihr, ſagte Cleveland unwillig, daß Euere Mummerei einen Eindruck auf meich mache, und daß auch ich zu den Thoren gehoͤre, welche in Euerer vorgeblichen Kunſt mehr als ein eitles Gaukelſpiel ſehen? Halt' ein, Cleveland, halt' ein— ſagte Minna, de⸗ ren angeborene Ehrfurcht vor Norna durch ihre ploͤtzliche Erſcheinung noch gewachſen war.— Halt' ein, ſie iſt maͤch⸗ tig, ſie iſt nur zu maͤchtig. Und Du, Norna, bedenke, daß meines Vaters Sicherhelt mit Cleveland's auf das eng⸗ ſte verknuͤpft iſt. 3. „Wohl Euch, Cleveland, daß ich dieß bedenke,“ ſagte die Seherin:„und daß ich, um Eines willen hergekommen, Beiden zu helfen vermag. Du, mit Deinem kindiſchen Plane, Jemanden von ſeiner Größe und Geſtalt, in einem elenden Umhang von Wadmaal gehuͤllt, hindurch bringen zu wollen— was würde Deine Liſt ihm zugezogen haben, als eine augenblickliche Belaſtung mit Eiſen und Feſſel? Ich werde ihn retten— ich werde ihn ſicher an den Bord feiner Barke bringen. Doch mag er dieſe Küſte auf immer meiden, und anderswo die Schrecken ſeiner ſchwarzen Flagge und ſeines noch ſchwärzeren Namens verbreiten, denn wenn die Sonne zweimal aufgeht und ihn noch vor Anker findet, ſo komme ſein Blut auf ſein eigenes Haupt!— Ja— blickt einander an— es iſt der letzte Blick, welchen ich der menſchlichen Neigung geſtatte, und dann ſagt, wenn Ihr es könnt, einander auf immer Lebewohl!“ Gehorche ihr, ſtammelte Minna: widerſprich nicht, ſon⸗ dern gehorche ihr. 4 Cleveland ergriff ihre Hand, küßte ſie inbrünſtig und ſagte dann, aber ſo leiſe, daß nur ſie es hören konnte: lebe wohl, Minna, aber nicht auf immer. Und nun Maͤdchen, entferne Dich, ſagte Norna: und überlaß das Uebrige der Reimkennar. Nur ein Wort noch, und ich gehorche Euch— ſagt mir, ob ich recht gehörte habe— iſt Mordaunt Mertonn ſicher und wohl? „Wohl und ſicher,“ ſagte Norna,„wehe ſonſt der Hand, die ſein Blut vergoß!“ Minna ging langſam der Thür der Kathedrale zu und wandte ſich nur von Zeit zu Zeit um, auf die ſchateenähn⸗ lichen Umriſſe Norna's und auf Clevelands kräftige und kriegeriſche Geſtalt hinzublicken, wie ſie in dem immer tie⸗ fer ſinkenden Dunkel der Kathedrale neben einander ſtanden. Als ſie ſich zum zweiten Male umblickte, waren ſie in Be⸗ wegung, und Cleveland folgte der Matrone, während ſie mit langſamen und feierlichem Schritte gegen einen der Seiten⸗ gaͤnge hinglitt. Als Minna zum dritten Male umſchaute waren die Geſtalten nicht länger ſichtbar. Sie ſammelte ſich, ging auf die öſtliche Thür, durch welche ſie hereinge⸗ kommen war, los, und hörte einen Augenblick der Wach zu, welche außen auf⸗ und abgin g. „Der ſhetländiſche Mädchen bleibt lange bei dem Pira⸗ ten Kerl,“ ſagte der Eine.„Ich hoffe, ſie haben von nichts Anderem mit einander zu reden, als von dem Löſe⸗ gelde für ihren Vater.“ Ja, wohl, antwortete ein Anderer, die Mädchen haben immer mehr Mitleid mit einem hübſchen jungen Piraten, als mit einem alten bettlägrigen Buͤrger. 1 ——˖⏑O⏑—⸗—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—:— 79 Ihr Geſpräch wurde in dieſem Augenblicke durch die unterbrochen, von der ſie eben ſprachen, und, wie auf der That ertappt, zogen ſie die Hüte, machten ihre ungeſchickten Bücklinge und ſahen etwas verwirrt aus. Minna kehrte in das Haus zuruͤck, wo ſie wohnte, im ganzen über den Erfolg der Unternehmung erfreut, welche ihren Vater aus der Gefahr zu befreien verſprach, und zu⸗ gleich ihr eine Bürgſchaft für Clevelands Entkommen und des jungen Mertoun's Sicherheit gegeben hatte. Sie eilte, beide Nachrichten Brenda mitzutheilen, welche in ihrem Dank gegen den Himmel einſtimmte, und jetzt ſelbſt beinahe an Nornas überirdiſche Kraͤfte zu glauben ſchien, ſo ſehr war ſie über die Art ihrer Anwendung erfreut. Es war einige Zeit vergangen, ehe Beide aufhören konnten, einander Glück zu wünſchen, und die Thranen einer mit Beſorgn iß kämpfend en Hoffnung zu vermiſchen, als, ſpät am Abend, Claudius Halcro, voll von einer gewiſſen unruhigen Wich⸗ tigkeit, an welcher aber auch die Furcht ihren Antheil hat⸗ te, ihnen die Nachricht brachte, daß Cleveland, der Gefan⸗ gene, aus der Kathedrale, in der er habe umhergehen duͤr⸗ fen, verſchwunden ſey, und daß der Bürgermeiſter, dem man geſagt, daß Minna jenem zu ſeiner Flucht behuͤlflich geweſen, in großer Verlegenheit hieher komme, um über die genaueren Umſände Erkund ſgung einzuziehen. Als die wuͤrdige Magiſtratsperſon hereintrat, machte ihm Minna durchaus kein Geheimniß daraus daß es ihr aufrichtiger Wunſch ſey, daß Cleveland entkommen ſeyn mö⸗ ge, da dieß das einzige Mittel bliebe, ihren Vater aus der drohenden Gefahr zu erretten; daß ſie aber irgend einen thätigen Antheil an der Flucht gehabt, läugnete ſie hartnä⸗ ckig, und ſagte aus: daß ſie ſchon vor mehr als zwei Stun⸗ 1 den von Cleveland in der Kathedrale geſchieden ſey, und ihn in Geſellſchaft einer dritten Perſon zurückgelaſſen habe, de⸗ ren Namen zu nennen ſie ſich nicht für verpflichter halte. „ Das iſt auch nicht nöthig, Fräulein Minna Troil.“ antwortete der Bürgetmeiſter Torfe:„denn obgleich man Niemanden weiter als dieſen Capitain Cleveiand und Euch an dieſem Tage hat in die St. Magnuskirche gehen ſehen, ſo wiſſen wir doch ſehr wohl, daß Eure Baſe, die alte Ulla Troil, welche Ihr Shetlaͤnder Norna von Fittul⸗Head nennt, zu Lande und zu Waſſer, und ich glaube, auch in der Luft, in Booten, auf Kleppern, und vielleicht auf Beſenſtielen, auf⸗ und abgekreuzt hat, und daß hier auch ihr ſtummer Drau aus⸗ und eingegangen iſt, und alles ausſpionirt hat. Und das iſt ein vortrefflicher Spion, denn er hört Alles, und ſagt nichts wieder, ſeiner Gebieterin ausgenommen. Und außerdem wiſſen wir ebenfalls, daß ſie in die Kirche kommen kann, wenn auch alle Thüren ver⸗ ſchloſſen ſind, und daß man ſie mehrmals dort geſehen hat. Gott behuͤte uns vor dem Boͤſen! Und ſo ſchließe ich denn, ohne mich weiter genauer erkundigen zu woßen, daß es die alte Norna geweſen iſt, die Ihr mit dem Haudegen in der Kirche zurückgelaſſen habt, und wenn das iſt— nun, ſo fange ſie, wer da kann. Ich muß aber ſagen, mein ſchb⸗ nes Fraͤnlein Minna, daß Ihr Shetländer Geſetz und Evan⸗ gelium ganz aus den Augen zu ſetzen ſcheint, wenn Ihr zur Hexerei Eure Zuflucht nehmt, um Verbrecher aus einem geſetzmaͤßigen Gefängniſſe zu befreien; das Geringſte, was Ihr, Eure Baſe oder Euer Vater jetzt thun könnt, iſt, daß „Ihr alle Eure Gewalt über dieſen jungen Mann anwendet um ihn zu vermögen, ſich ſobald ais möglich zu entfernen, 8 ohne, 8 . 81 ohne der Stadt oder den Handelsleuten etwas Leides anzu⸗ thun, und dann ſoll das, was geſchehen iſt, gern vergeſ⸗ ſen ſeyn. Denn der Himmel weiß, daß ich den armen Burſchen nicht um ſein Leben bringen wollte, wenn ich ihn nur, ohne Verantwortlichkeit fuͤr mich, los werden konnte, und noch weit weniger wollte ich, daß dadurch dem würdi⸗ gen Magnus Troil von Burgh⸗Weſtra irgend ein Leid ge⸗ ſchehen ſollte.“ Ich ſehe, wo Euch der Schuh druͤckt, Herr Bürgermei⸗ ſter, ſagte Claudius Halcro: und ich kann fuͤr meinen Freund, Herrn Troil, und für mich einſtehen, daß wir Bei⸗ de gewiß alles mögliche ſagen und thun werden, um dieſen Cleveland zu bewegen, daß er ſogleich ſich von der Küſte entferne. „Und⸗ich,“ ſagte Minna:„bin ſo überzeugt, daß. was Ihr da uns empfehlt, ſo ſehr zum Beſten aller Par⸗ theien iſt, daß ich mit meiner Schweſter morgen früh ſogleich nach dem Hauſe von Stennis aufbrechen werde, wenn Herr Halcro uns begleiten will, um dort meinen Vater beim Landen zu empfangen, ihm Eure Wünſche zu eroͤffnen, und endlich allen unſern Einfluß anzuwenden, jenen ungluͤckli⸗ chen Mann zu vermögen, daß er das Land verlaſſe.“ Der Bürgermeiſter Torfe blickte ſie mit einigem Erſtau⸗ nen an.„Wahrhaftig,“ ſagte er:„ich glaube, daß we⸗ nig junge Frauenzimmer ſich, freiwillig, den Piraten um acht Meilen naͤhern würden.“ Wir laufen keine Gefahr, ſprach Halcro dazwiſchen à das Haus von Stennis iſt ſtark, und mein Vetter, dem es gehoͤrt, hat Leute und Waffen darin; die jungen Damen ſind dort ſo ſicher als in Kirkwall, und aus der ſchnelleren W. Seott's Werke. eLIV. 6 kann viel Gutes entſtehen. Ich bin nur glücklich zu ſehen, daß, was Euch anbetrifft, mein guter alter Freund— wie der herrliche John ſagt: — nach langem Streit Der Menſch, und nickt das Amt, des Sieges ſich erfreut⸗ Der Aürgermeiſter lächelte, niekte mit dem Kopfe, und gab, ſo viel er es ſchicklicherweiſe thun konnte, zu verſtehen, wfe glücklich er ſeyn wuͤrde, wenn der Liebling des Glückes, mit ſeinem zügelloſen Schiffsvolk, Orkney, ohne weitere Schritte und Gewaltthätigkeit von beiden Seiten, verlaſſen wollte. Daß ſie hier vom Lande aus mit Lebensmitteln ver⸗ ſehen würden, könne er, ſagte er, nicht zugeben; aus Furcht oder aus gutem Willen, wuͤrden ſie aber gewiß deren in Stromneß bekommen. Der friedliche Bürgermeiſter nabm hierauf von Halero und den beiden Damen Abſchied, wel⸗ che am nächſten Morgen ibren Aufenthalt nach Stennis⸗ Haus zu verlegen gedachten, das an dem Ufer des Salz⸗ ſees deſſelben Namens ſtand, und ungefaͤhr vier Meilen zu Waſſer von der Rhede von Stromneß entfernt war, wo das Schlff des Seeräubers lag. Verſtaͤndigung zwiſchen Magnus Troöil und ſeinen Töchtern ——õ— 83 Fuͤnftes Kapitel. Flieh! Fleance! Flieh! Du kannſt entkommen. Macbeth. Zu den verſchiedenen Mitteln, wodurh Norua ihre Anſprüche auf übernatürliche Kräfte gültig zu erhalten ſuch⸗ te, gehörte auch das, daß ſie ſich mit allen den natürlichen und kuͤnſtlichen geheimen Zugängen genau bekannt machte, von denen ſie, durch Tradition oder auf anderen Wegen, Kenntniß erlangen konnte, und dann, vermittelſt jener Be⸗ kanntſchaft, Dinge verrichtete, welche ganz unerklaͤrlich er⸗ ſcheinen mußten. So geſchah, als ſie aus dem Zelte in Burgh Weſtra verſchwand, dieß durch das Zurückziehen ei⸗ nes Schiebers, welcher einen geheimen Gang in der Mau er verdeckte, der nur ihr ſelbſt und Magnus bekannt war, welcher, wie ſie wohl wußte, ſie nicht verrathen würde. Das bedeutende Einkommen, das ſie hatte, und das ihr ſonſt zu nichts nützte, ſetzte ſie in den Stand, uͤber alles, was ſie zu wiſſen wänſchte, die früheſten Nachrichten zu er⸗ halten, und ſich zugleich alles noͤthigen Beiſtandes zu ver⸗ ſichern, um ihre Plaͤne in Ausführung zu bringen. Cleve⸗ land hatte bei dem jetzigen Vorfalle Gelegenheit, ſowohl ih⸗ re Klugheit als ihre Hülfsquellen zu bewundern. Nach einem ſtarken Druck, den Norna auf eine Stelle gegeben, öffnete ſich eine Thür, die unter einigem reichen Schnitzwerk in der Wand verborgen war, welche den öſtli⸗ chen Seitengang von dem übrigen Theile der Kathedrale ſcheidet, und ein dunkler, ſchmaler, ſich ſchlängelnder Gang wurde ſichtbar, welchen ſs betrat, indem ſie Cleveland zn⸗ 6„⸗ 5 flüſterte, ihr zu folgen, und ihm befahl, die Thür ſorgfältig zu verſchließen. Er gehorchte ihr und folgte im Dunkel und ſchweigend, wobei er zuweilen Stufen, deren Zahl ſie ihm immer vorher genau angab, hinab⸗, zuweilen wieder hinanſteigen mußte, die oft ganz kurze Windungen hatten. Die Luft war weniger beklommen, als man hätte erwarten ſollen, indem der Gang an verſchiedenen Orten durch un⸗ ſichtbare und ſehr künſtlich angebrachte Luftlöcher, welche mit dem Freien in Verbindung ſtanden friſche Luft erhielt. Endlich war die lange Wanderung zu Ende. Norna ſchob eine Füllung bei Seite, welche ſich hinter einem hoͤlzernen oder, wie man es in Schottland nennt, einem Buchsbaum⸗ Bette befand, und ihnen den Zugang in ein altväteriſches, ſehr ſchlecht ausſehendes Zimmer eroͤffnete, das ein vergit⸗ tertes Fenſter und ein Kreuzgewölbe zur Decke hatte. Die Möbel waren in ſehr ſchlechtem Zuſtande, und die einzigen Zierrathen des Gemaches, auf einer Seite, ein an der Mauer hangender Kranz von verſchoſſenen Baͤndern, ſo, wie man ihn zur Ausſchmückung von Walfiſchfängern braucht, und auf der andern ein Wappenſchild, uͤber dem ſich eine Grafenkrone befand, und der mit den gewöhnlichen Sinn⸗ bildern der Sterblichkeit umgeben war. Die Hacke und der Spaten, welche in einem Winkel lagen, ſo wie die Gegenwart eines alten Mannes, der in ei⸗ nem abgeſchabten ſchwarzen Rocke, und mit einem herunter⸗ geklappten Hute an einem Tiſche ſaß und las, deutete dar⸗ auf hin, daß ſie ſich in der Wohnung des Kirchendieners oder Küſters, und dieſem ehrbaren Beamten ſelbſt gegen⸗ über, befänden. Als ſeine Aufmerkſamkeit durch das Geraͤuſch des Schle⸗ bers erregt wurde, ſtand er auf, nahm mit großer Ehr⸗ ——— ——— 85 furcht, aber ohne das geringſte Erſtaunen zu bezeigen, ſei⸗ nen großen Hut von ſeinem dünnbehaarten Kopfe und ſtand nun unbedeckt, mit der Miene tiefer Demuth, vor Norna. „Sey mir treu,“ ſagte Norna zu dem alten Manne: „und zeige keinem Sterblichen den geheimen Weg zu dem heiligen Orte.“ Der alte Mann beugte ſich, zum Zeichen des Gehor⸗ ſams und des Dankes; denn ſie drückte, waͤhrend ſie ſprach, ihm Geld in die Hand. Mit ſtockender Stimme gab er ſeinen Wunſch zu erkennen, daß ſie ſeines Sohnes gedenken möge, der auf der Reiſe nach Groͤnland begriffen ſey, damit er glücklich und wohlbehalten zuruͤckkehre, wie es im letzten Jahre der Fall geweſen, wo er den Kranz zurückgebracht. Bei dieſen Worten deutete er auf den an der Wand han⸗ genden. „Mein Keſſel ſoll ſieden und mein Reim ſoll für ihn geſprochen werden,“ antwortete Norna.„Iſt Pacolet mit den Pferden draußen?“ Der alte Kuͤſter bejahete es, und die Seherin ging, nachdem ſie Cleveland befohlen, ihr zu folgen, durch eine Hinterthür des Zimmers in einen kleinen Garten, deſſen verödetes Anſehen zu dem der eben beſchriebenen Wohnung ſehr wohl paßte. Die niedrige, hie und da eingeſturzte Mauer geſtattete ihnen einen Zugang in einen zweiten und groͤßern Garten, welcher indeß nicht beſſer gehalten war, und eine blos eingeklinkte Thür führte in eine lange, krumme Gaſſe, durch welche ſie— nachdem Norna ihren Gefaͤhrten zugefluͤſtert, daß dieß die einzige gefährliche Stel⸗ le auf ihrem Wege ſey— mit ſchnellen Schritten gingen. Es war jetzt beinahe finſter geworden, und die Bewohner der ärmlichen Wohnungen zu beiden Seiten hatten ſich be⸗ 86 reits in ihre Häuſer zurückgezogen. Sie erblickten nur eine Frau, welche aus der Thuͤr ſah, ſich aber bekreuzte und ſich ſchnell in das Haus zuruͤckzog, als ſie Nornas hohe Ge⸗ ſtalt mit langen Schritten voruͤber eilen ſah. Die Gaſſe führte ins Freie, wo Norna's ſtummer Zwerg mit drei Pfer den wartete, welche hinter der Mauer einer verlaſſenen Huͤtte in Sicherheit ſtanden. Norna beſtieg ſogleich eines derſelben, Cleveland das andere, Pacolet folgte auf dem dritten, und ſo ritten ſie ſcharf in der Dunkelheit fort, da die kraͤftigen und feurigen Thitre, die ſie hatten, von einer viel größern Art, als die in Shetland gezogenen waren. Nach einem Ritt von mehr als einer Stunde, bei wel⸗ chem Norna als Führerin diente, hielten ſie vor einer Huͤt⸗ te an, deren Aeußeres ſo elend war, daß man ſie eher für einen Viehſtall als für ein Bauerhaus haͤtte halten moͤgen. Hier müßt Ihr bis zum Tagesanbruch bleiben, wo man Euer Zeichen von Euerm Schiffe ſehen kann, ſagte Norna, indem ſie Pacolet die Pferde uͤbergab, und voran in die elende Huͤtte ging, die ſie ſogleich vermittelſt der eiſer⸗ nen Lampe erleuchtete, die ſie gewoͤhnlich bei ſich trug.„Dieß iſt ein ärmlicher, aber ſicherer Zufluchtsort,“ ſagte ſie: denn würden wir hieher verfolgt, ſo würde die Erde ſich aufthun und uns in ihren Schlund aufnehmen, ehe Ihr gefangen würdet. Wiſſet nemlich, daß dieſer Boden den Goͤttern des alten Walhalla heilig iſt. Und nun ſage, Mann des Unheils und des Blutes, biſt Du ein Freund oder ein Feind Norna's, der einzigen Prieſterin dieſer ver⸗ läugneten Gottheiten?“ 3 Wie iſt es moͤglich, daß ich Euer Feind ſeyn ſollte? laste Cleveland: ſchon die gewöhnliche Dankbarkeit... „ 4 6 „ 3 87 „Gewoͤhnliche Dankbarkeit,“ unterbrach ihn Norna: „iſt ein gewoͤhnliches Wort, und Worte ſind die gewöhnli⸗ che Münze, welche Thoren aus der Hand von Schurken nehmen; Norna verlangt Handlungen,— verlangt Opfer als Dank.“ 8 Wohl Mutter, ſagt mir, was Ihr begehrt. „Daß Ihr nimmer wieder Minna Troil aufſucht, und dieſe Küſte in vier und zwanzig Stunden verlaſſet,“ ant⸗ wortete Norna. Das iſt unmöglich, erwiederte der Capitain: ich kann mich ſo ſchnell nicht mit den nöthigen Vorräthen verſehen, welche die Schaluppe haben muß. „Ihr könnt es. Ich werde dafuͤr ſorgen, daß Ihr reich⸗ lich verſehen werdet: Loithneß und die Hebriden ſind nicht weit entfernt— Ihr könnt abſegeln, wann Ihr wollt.“ und warum ſollte ich dieß, fragte der Capitain: wenn ich nicht will? „Weil Euer längerer Aufenthalt Andern Gefahr bringt,“ fagte Norna:„und Euch ſelbſt ins Verderben führen muß. Hört mich aufmerkſam an. Von dem erſten Augenblicke, wo ich Euch beſinnungslos auf dem Sande, am Fluſſe der Klippen von Sumburgh, liegen ſah, las ich auf Eurem Ge⸗ ſichte, daß Euch mit mir und mit denen, die mir theuer ſind, ein Band verbaͤnde: ob dieß aber zum Guten oder zum Böſen ſey, war meinen Augen verborgen. Ich half, Euer Leben reten— Euer Eigenthum Euch erhalten. Ich half dabei eben dem Jünglinge, dem Ihr in ſeinen theuerſten Neigungen in den Weg getreten ſeyd, in den Weg getreten durch Klätſcherei und Verlänmdung.“ Ich Mertoun verläumden! rief der Capitain aus, beim Himmel, ich habe ſeinen Namen in Burgh⸗Weſira genannt, wenn Ihr darauf anſpielt. Der hauſirende Kerl, Bryce, der wahrſcheinlich mir einen Freundſchafts dienſt leiſten woll⸗ te, weil er fand, daß etwas bei mir zu verdienen war, hin⸗ terbrachte, wie ich nachher gehört habe, dem alten Manne Lügen oder Wahrheit, die durch das Gerücht auf der gan⸗ zen Inſel beſtätigt wurden. Was mich betrifft, ſo betrachte⸗ te ich Mertoun nie als einen Nebenbuhler, da ich ſonſt wohl einen ehrenvolleren Weg eingeſchlagen haben würde, mich ſeiner zu entledigen. Und ſollte die Spitze Eures zweiſchneidigen Meſſers, welches gegen die Bruſt eines Unbewaffneten gezuͤckt wurde, beſtimmt geweſen ſeyn, dieſen ehrenvolleren Weg vorzuzie⸗ hen?“ fragte Norna ernſt. Cleveland fühlte ſich getroſſen; er ſchwieg eine Zeitlang, und antwortete dann: Darin hatte ich Unrecht; aber er iſt, dem Himmel ſey Dank, geneſen, und ich bin zu jeder Zeit zu einer ehrenvollen Genugthuung bereit. „Nein Cleveland,“ ſagte die Seherin,„der Feind, welcher aus Euch ſpricht, iſt mächtig, allein er ſoll mit mir ſeinen Kampf nicht beginnen. Ihr habt die Gemüthsart, welche die finſtern Gewalten bei den Werkzeugen ihrer Macht ſo gern ſehen; Ihr ſeyd kühn, hochfahrend, unbe⸗ zaͤhmbar, ungebändigt durch Grundſäͤtze, und habt ſtatt die⸗ ſer, nur einen ungezuͤgelten Stolz, welchen Leute Eurer Art Ehre nennen. So ſeyd Ihr, und ſo iſt Eure bisherige Lebensweiſe geweſen— hinausſtrebend uUnd ungebaͤndigt, blutig und ſtürmiſch. Ich aber werde ſie zu zuͤgeln wiſſen,“ ſchloß ſie, indem ſie ihren Stab ausſtreckte, und die Stel⸗ lung Jemandes annahm, der eine beſtimmte Obergewalt hat, „ja, und wenn ſelbſt der Daͤmon, der ſie Euch eingiebt, in . 89 dieſem Augenblick in allen ſeinen Schrecken emporſteigen ſollte.“ Cleveland lachte höhniſch. Gute Mutter, ſagte er, ſpart eine ſolche Sprache für den rohen Matroſen auf, der Euch anfleht, ihm günſtigen Wind zu verleihn, oder für den armen Fiſcher, der um Glück fuͤr ſeine Netze und Angel⸗ ſchnuͤre bittet. Ich bin ſchon ſeit laͤngerer Zeit für Furcht und Aberglauben unzugänglich. Ruft Euren Dämon, wenn Ihr einen gebieten könnt, hervor, und ſtellt ihn mir gegen⸗ über. Der, welcher Jahre lang in Geſellſchaft mit einge⸗ fleiſchten Teufeln geweſen iſt, kann wohk nicht die Gegen⸗ wart eines unkörperlichen Feindes fürchten. Er ſagte dies mit einer unbekümmerten und verzwei⸗ felten Bitterkeit, welche ſelbſt fuͤr Nornas wahnſinnige Selbſttäuſchung eine zu große Kraft und Nachdruck befaß, ſo daß ſie mit zitternder und hohler Stimme Cleveland fragte,„wofuͤr haltet Ihr mich denn, wenn Ihr mir die Macht, die ich ſo theuer erkauft habe, ſtreitig machen wol⸗ let?“ 3 „Ihr ſeyd klug, Mutter,“ ſagte Cleveland,„wenig⸗ ſtens beſitzt Ihr Kunſtgriffe, und Kunſtgriffe ſind Macht. Ich denke, daß Ihr es verſteht, auf dem Zeitenſtrome ein⸗ herzufahren, allein ich beſtreite Eure Macht, deſſen Lauf zu lenken. Verſchwendet alſo nicht Eure Worte, um mir Schreckniſſe vorzuſpiegeln, für welche ich nicht empfaͤnglich bin, ſondern ſagt mir gerade heraus, warum Ihr wollt, daß ich weggehen ſoll? 1 „Weil ich nicht will, daß Ihr Minna wiederſehen ſollt,“ antwortete Norna,„weil Minna die beſtimmte Braut deſſen iſt, den die Menſchen Mordaunt Mertoun nennen— weil, wenn Ihr nicht in vier und zwanzig Stun⸗ ₰„ 90 den abſegelt, Verderben Eurer wartet. In dieſen einfa⸗ chen Worten liegt keine metaphyſiſche Täuſchung— antwor⸗ tet mir eben ſo, gerade heraus.“ Eben ſo gerade heraus alſo, ſagte Cleveland, ich wer⸗ de dieſe Inſeln nicht verlaſſen, wenigſtens nicht eher, als bis ich Minna Troil wiedergeſehen habe, und Euer Mor⸗ baunt ſoll ſie nicht beſitzen, ſo lange ich lebe. „Man hoͤre!“ ſagte Norna,„man höre, wie ein Sterblicher die Mittel, ſein Leben zu verlaͤngern, gewaltſam von ſich ſtößt! Man hbre wie ein Suͤnder— ein arger Sünder, die Friſt, welche ihm das Schickſal zur Reue und zur Rettung ſeiner unſterblichen Seele geſtattet, ſchnöde zurückweiſ't! Seht, wie er aufrecht daſteht, kuͤhn und voll Vertrauen auf ſeine jugendliche Staͤrke und ſeinen Muth! Meine Angen, welche keine Thraͤnen kennen— ja, ſelbſt meine Augen, welche keine Urſache haben, um ihn zu wei⸗ nen, wollen vor Schmerz erblinden, wenn ſie daran denken, was aus einer ſo ſchoͤnen Form geworden ſeyn wird, ehe die zweite Sonne ſinkt!“ Mutter, ſagte Cleveland, feſt, obgleich mit eben dem klagenden Ton der Stimme, ich verſtehe einen Theil Eu⸗ rer Drohungen. Ihr wißt mehr als wir von der Fahrt des Halcyon, Ihr habt vielleicht die Mittel(denn ich muß ge⸗ ſtehen, daß Ihr eine wunderbare Einſicht in die Verbindung ſolcher Begebenheiten an den Tag legtet) ſeinem Kreuzzug eine Richtung hieher zu geben. Dem ſeye wie ihm wolle, ich werde deswegen von meinem Vorhaben nicht abſtehen. Kommt die Fregatte hieher, ſo koͤnnen wir uns immer noch auf das untiefe Waſſer verlaſſen, und ich glaube nicht, daß ſie uns mit Booten, wie eine ſpaniſche Schebecke, werden wegſchnappen können. Ich bin deswegen entſchloſſen, noch 91 einmal die Flagge aufzuziehen, unter der ich gekreuzt habe, einen der tauſend gluͤcklichen Zufälle, die uns in größeren Ver legenheiten beigeſtanden haben, zu benutzen, und, im ärg⸗ ſten Falle, mich gegen das feindliche Schiff bis aufs äußerſte zu wehren; und wenn ein Sterblicher zuletzt nichts mehr thun kann, ſo brauchen wir nur ein Piſtol in die Pulver⸗ kammer abzudrücken, um zu ſterben, wie wir gelebt ha⸗ ben. Als Cleveland geendet hatte, entſtand eine Todtenſtille, welche endlich dadurch unterbrochen wurde, daß er in ſanf⸗ terem Tone fortſuhr: Ihr habt meine Antwort gehört, Mutter, laßt uns nicht weiter ſtreiten, ſondern in Frie⸗ den von einander ſcheiden. Ich möchte Euch gerne ein Andenken zuruͤcklaſſen, damit Ihr Euch eines armen Kerls erinnert, dem Ihr einen Dienſt geleiſtet habt, und der mit keinem Unwillen von Euch ſcheldet, ſo ſehr Ihr Euch ſeinen theuerſten Wünſchen wlderſetzt. Weigert Euch nicht dieſe Kleinigkeit anzunehmen— ſagt er, indem er Norna dieſelbe kleine, ſilberne, mit erhabener Arbeit verzierte Doſe aufdrang, welche einſt zu der Streitigkeit zwiſchen ihm und Mordaunt Anlaß gegeben hatte: es iſt nicht des Metalles wegen, auf das Ihr, wie ich weiß, keinen Werth legt; aber ſie ſoll Euch nur zum Andenken dienen, daß Ihr den gekannt habt, von dem man noch lange Zeit auf den Meeren, die er durchſtrichen hat, ſonderbare Geſchichten erzählen wird. „Ich nehme Eure Gabe an,“ ſagte Norna,„zum Zeichen, daß, wenn ich durch irgend etwas zur Erfuͤllung Eures Schickſals beigetragen habe, ich dieß als das un⸗ freiwillige und ſchmerzlich duldende Werkzeug anderer Mäch⸗ te that. Wohl hattet Ihr Recht, zu ſagen, daß wir den Lauf der Begebenheiten nicht regieren können, welche uns 92. vorwaͤrts treiben und alle unſere außerſten Beſtrebungen vereiteln, ſo wie die Brunnen*) von Tuftiloe⸗ das ſtärkſte Fahrzeug, allen Segeln und Steuern zum Trotz, rund her⸗ um drehen koͤnnen.— Pacolet!“ rief ſie mit lauterer Stimme:„heda, Pacolet!“ Ein großer Stein, welcher gegen die Mauer der Huͤtte lag, ſiel in dieſem Augenblicke nieder, und zu Cleveland's Erſtaunen, wo nicht zu ſeinem Erſchrecken erſchien die Miß⸗ geſtalt des Zwerges, welcher wie ein großer Wurm ſich aus einem unterirdiſchen Gange herauswand, deſſen Oeff⸗ nung der Stein verborgen hatte. 1 Norna war— als ob das, was Cleveland uͤber ihre Anſpruͤche auf übernatuͤrliche Kraͤfte geſagt, einen tiefen Eindruck auf ſie gemacht— ſo weit entfernt, dieſe Gele⸗ genheit zu benutzen, jene geltend zu machen, daß ſie ſogar keinen Augenblick verlor, dieſe Erſcheinung zu erklaͤren. „Gaͤnge der Art, deren Oeffnungen ſorgſam verborgen werden, finden ſich haͤufig auf dieſen Inſeln. Sie waren die Zufluchtsorte der alten Bewohner, worin dieſe vor der Wuth der Normaͤnner, der Piraten jener Zeit, Schutz ſuchten. Ich fuͤhrte Euch hieher, damit Ihr Euch dieſes Ganges im Nothfalle bedienen koͤnntet. Sobald Ihr merkt, daß man Euch auf der Spur ſey, duͤrft Ihr Euch entweder *) Ein Brunnen(à well) hieß in der Sprache jener Meergegenden, einer von den Strudeln, welche mit großer Gewalt kreiſen und ſchäumen, und ſehr gefährlich ſind. Daher in der alten engliſchen Sprache der Unterſchied zwiſchen wells und waves, wovon das Letztere den geraden Strom der Fluth, und das Erſtere die glat⸗ ten, ſpiegelartigen, ölgleichen Strudel bezeichnet, deren Kraft dem Auge beinahe unwiderſtehlich erſcheint. —„ 1 93 nur in den Eingeweiden der Erde verbergen, bis die Ge⸗ fahr voruͤber iſt, oder, wenn Ihr wollt, durch den Aus⸗ gang am See, zu welchem Pacolet jetzt eben hereinkam, entſchluͤpfen.— Und nun, lebt wohl! denkt an das, was ich Euch geſagt habe; denn ſo gewiß, wie Ihr jetzt noch lebt und athmet, ſo gewiß iſt Euer Unterganz entſchieden, wenn Ihr nicht in vier und zwanzig Stunden um Burghead geſegelt ſeyd.“. Lebt wohl, Mutter! ſagte Cleveland, als ſie ſich ent⸗ fernte und dabei noch einen Blick auf ihn warf, in wel⸗ chem, ſo viel er es bei der Lampe bemerken konnte, Schmerz mit Mißvergnuͤgen gemiſcht war. So endigte ſich eine Zuſammenkunft, welche eine große Wirkung auf Cleveland's Gemuͤth hervorbrachte, ſo ſehr er auch an drohende Gefahren und Rettungen des Augenblicks gewoͤhnt war. Vergebens bemuͤhte er ſich, des Eindruckes Herr zu werden, welchen Norna's Worte in ihm zuruͤrge⸗ laſſen hatten, und deren Gewicht er um ſo mehr fuͤhlte, da ſie großentheils von dem gewohnten geheimnißvollen Ton entkleidet waren, den er tief verachtete. Tanſend Male bereuete er es jetzt, daß er ſo lange den laͤngſt ge⸗ naͤhrten Entſchluß aufgeſchoben, ſein furchtbares und ge⸗ faͤhrliches Gewerbe aufzugeben; und eben ſo oft, nahm er es ſich feſt vor, wenn er Minna Troil nur noch einmal ſehen koͤnne— waͤre es auch nur, um ihr das letzte Lebe⸗ wohl zu ſagen— die Schaluppe zu verlaſſen, ſobald er ſeine Kameraden aus ihrer gefaͤhrlichen Lage befreit, die Begnadigung des Koͤnigs nachzuſuchen, and ſich, wo moͤg⸗ lich, eine ehrenvollere kriegeriſche Laufbahn zu eroͤffnen. Dieſer Entſchluß, dem nachzukommen er ſich feſt ver⸗ ſprach, beruhigte endlich ſeine gufgeregten Lebensgeiſter ſo 94 welt, daß er, in ſeinen Mantel gehuͤllt, der unvollkomme⸗ nen Ruhe genoß, welche die erſchöpfte Natur als ihren Zoll, ſelbſt von denen heiſcht, welche an dem Rande der drohendſten Gefahr ſtehen. Wie aber auch der Schuldige durch eine ſo bedingte Reue ſich ſelbſt zu bernhigen, und die Gefuͤhle des Gewiſſens zu uͤbertaͤuben ſuchen mag, ſo iſt es doch die Frage, ob dieß nicht, in den Augen des Himmels, eher eine anmaßliche Erſcheinung, als eine Buße ſeiner Suͤnden iſt. 4 Als Cleveland erwachte, hatte ſich die graue Tages⸗ daͤmmerung bereits mit dem Zwielicht einer Orkney⸗Nacht vermaͤhlt. Er fand ſich am Ufer eines ſchoͤnen Waſſerſple⸗ gels, welcher, dicht bei dem Orte, wo er ausgeruht, durch zwet Landzungen, welche ſich einander von den entgegen⸗ geſetzten Seiten des Sees naͤhern, in zwei gleiche Haͤlften getheilt wird. Dieſe Landzungen ſind zum Theil durch die Bruͤcke von Broisgar verbunden, einen langen Damm, wel⸗ cher Oeffnungen hat, um der Ebbe und Fluth freien Raum zu laſſen. Hinter ihm, und der Bruͤcke gegenuͤber, befand ſich der merkwürdige Halbkreis von großen aufrecht ſtehen⸗ den Steinen, der in Großbrittanien, das unnachahmliche Denkmal von Stonehenge ausgenommen, ſeines Glei⸗ chen nicht hat. Dieſe ungeheuren Steinbloͤcke, von denen jeder uͤber zwoͤlf Fuß hoch iſt, ja manche eine Hoͤhe von vierzehn bis fuͤnfzehn Fuß haben, ſtanden um den Piraten in dem grauen Scheine der Daͤmmerung, wie Nebelbilder vorrſuͤndfluthlicher Rieſen, welche, mit den Gewaͤndern der Todten angethan, in dieſem bleichen Lichte die Erde wie⸗ der beſuchten, die ſie durch ihre Bedruͤckung geaͤngſtet und durch ihre Suͤnden befleckt bis ſie die Rache des langmuͤ⸗ tbigen Himmels auf dieſelbe herakgezogen. — 95 Cleveland wurde von dieſem ſonderbaren Denkmale weit weniger angezogen, als von der entfernten Anſicht von Stromness, das er jetzt nur noch dunkel unterſcheiden konnte. Er ſaͤumte keinen Augenblick, mit Huͤlfe einer ſei⸗ ner Piſtolen Feuer anzuzuͤnden, und einiges feuchte Farrn⸗ kraut war hinlaͤnglich, das verabredete Zeichen zu geben. Dieß war am Bord der Schaluppe ſehr aͤngſtlich erwartet worden, denn Goffe's Unfaͤhigkeit ſiel taͤglich mehr in die Augen, und ſelbſt ſeine eifrigſten Anhaͤnger kamen darin uͤberein, daß es beſſer ſeyn wuͤrde, ſich Cleveland's Ober⸗ befehl zu unterwerfen, bis ſie nach Weſtindien zuruͤckgekehrt waren. Bunce, welcher mit dem Boote herankam, um ſeinen lieben Befehlshaber zu holen, tanzte, fluchte, ſchrie und ſprang vor Freuden, als er ihn wieder in Freiheit ſah. Sie haͤtten bereits, ſagte er: einige Lebensmittel an Bord, und wuͤrden vielleicht ſchon weiter ſeyn, waͤre nicht der Be⸗ trunkene alte Kehrwiſch, der Goffe, geweſen, der an nichts weiter daͤchte, als die große Braſſe zu zerreißen. ie Bootsmannſchaft war mit derſelben Begeiſterung erfuͤllt, und Alle ruderten mit ſo großer Anſtrengung, daß⸗ obgleich die Fluth gegen ſie war und kein Wind ging, Cle⸗ veland ſich doch bald wieder auf der Schanze des Schiffes befand, das er, zu ſeinem Ungluͤcke, befehligen mußte. Der erſte Gebrauch, welchen der Capitaͤn von ſeiner Gewalt machte, war, Magnus Troll ankuͤndigen zu laſſen, daß er vollkommene Freiheit habe, das Schiff zu verlaſſen, — daß er ihm jede Schadloshaltung fuͤr die Unterbrechung feiner Reiſe nach Kirkwall zu geben erboͤtig ſey, und daß Capitaͤn Cleveland, wenn es Herr Troil erlaube, ihm am Bord ſeiner Brigg ſeine Aufwartung zu machen wuͤnſche, 96 um ihm für die ihm fruͤher erwieſenen Hoͤflichkeiten ſeinen. Dank abzuſtatten, und ſich uͤber das bei ſeiner Gefangen⸗ haltung Vorgefallene zu entſchuldigen. Cleveland hatte Bunce, als dem gebildetſten aus der Schiffsmannſchaft, dieſen Auftrag ertheilt. Der alte, ge⸗ radſinnige Udaller gab ihm folgende Antwort:„Sagt Eu⸗ rem Capitaͤn, ich wuͤnſchte, mich uͤberzeugt halten zu koͤn⸗ nen, daß er nie Jemanden, den er auf offener See ange⸗ halten, uͤbler haͤtte behandeln laſſen, als mich. Sagt ihm auch, daß, wenn wir Freunde bleiben ſollen, wir auch in gehoͤriger Entfernung von einander bleiben muͤſſen; denn ich liebe das Sauſen ſelner Kanonenkugeln zur See eben ſo wenig, als er das Pfeifen einer Kugel aus meiner Buͤchſe zu Lande lieben moͤchte. Sagt ihm, mit einem Worte, daß es mir Leid thut, mich in iym geirrt zu haben, und daß er beſſer gethan haben wuͤrde, das an den Spaniern zu verſuchen, was er ſeinen eigenen Landesleuten ange⸗ thau hat.“ „Das iſt alſo Eure Botſchaft, alter Griesgram?“ ſagte Bunce:„nun, hol' mich dieſer und jener, wenn ich nicht die groͤßte Luſt habe, Euer Geſchaͤft uͤber die linke Schul⸗ ter auszurichten, um Euch mehr AOchtung vor Gluͤcksrittern beizubringen. Aber das will ich doch nicht thun, vorzuͤglich Eurer beiden netten Dirnen wegen, meines alten Freun⸗ des, Claudius Halcro, nicht zu gedenken, deſſen Geſicht mich ſchon an alle die alten Tage erinnert hat, wo ich noch Kouliſſen ſchob und Lichter putzte. Alſo, guten Morgen, alter Gevatter Seehundsmuͤtze, und damit holla!“ Kaum war das Boot mit den Piraten, die jetzt die Brigg verließen und zu ihrem eigenen Schiffe zuruͤckkehr⸗ te, abgeſtoßen, als Magnus, der kein zu Stohes mkt⸗ . 5 au 97 trauen auf die Ehre dieſer ſogenannten Gluͤcksritter ſetzte, ſeine Brigg anlaufen, und, da der Wind jetzt guͤnſtig wurde und ſich mit Sonnenaufgang immer mehr verſtaͤrkte, alle Segel beiſetzen ließ, um nach Scalpa⸗Flow zu kom⸗ men, an welchem Orte es auszuſteigen und von dort zu Lande nach Kirkwall zu gehen, beſchloß, wo er ſeine Toͤch⸗ ter und ſeinen Freund Claudius Halcro zu finden hoffte. Sechstes Kapitel. Jetzt, Emma, gilt's— jetzt mußt Du Dich entſcheiden, Wem Du zu fotgen denkſt und was zu meineg. Bei unſerm Unglucksgern und bei des Himmels Dräun, Kein Mittelweg— die Wahl bleibt Dir auein. Heinrich und Emma. Die Sonne ſtand hoch am Himmel, die Boote holten vom Ufer geſchaͤftig die verſprochenen Lebensmittel und das Waſſer ab, welche, da manche Fiſcherbarken ebenfalls dazu Dienſte leiſten mußten, mit unerwarteter Schyellig⸗ keit an Bord gelangten und mit eben ſo großer Eile von der Schiffsmannſchaft verpackt wurden. Alle arbeiteten mit großer Freude, denn Alle, Cleveland ausgenonmen, waren einer Kuͤſte uͤberdruͤſſig, wo jeder Angenblick die Gefahr vermehrte, und wo, was ſie fuͤr ein noch groͤßeres Ungluͤck hielten, kelne Beute zu machen war. Bunce und Derrick uͤbernahmen die unmittelbare Leitung bleſes Dlienſtes, waͤh⸗ rend Cleveland, der alleia und ſchweigend auf dem Ver⸗ deck auf⸗ und abgieng, nur von Zeit zu Zeit ſich darein W. Stott's Werke. CRIV. 3 7 „ miſchte, um die Befehle zu ertheilen, welche die Umſtaͤnde noͤthig machten, und ſodann wieder in ſeine vorigen tru⸗ ben Betrachtungen verſank. Es giebt zwei Arten von Menſchen, welche Schuld, Schrecken und gewaltſame Bewegung in Thaͤtigkeit brin⸗ gen. Die einen ſind Geiſter, die zu Graͤnelthaten ſchon ſo gebildet und geſchaffen ſind, daß ſie, wie wirkliche Daͤ⸗ monen, aus ihren Schlupfwinkeln hervortreten, um in ih⸗ rem natuͤrlichen Element ihre Wirkſamkelt zu beginnen, wie der ſcheußliche baͤrtige Mann an dem denkwuͤrdigen 5ten October 1780 in Verſailles erſchien, und mit hoͤlli⸗ ſcher Freude die Opfer erwuͤrgte, welche der blurduͤrſtige Poͤbel in ſeine Haͤnde lieferte. Cleveland gehoͤrte dagegen zu der andern Klaſſe dieſer ungluͤchlichen Weſen, welche mehr durch das Zuſammentreffen von Bepebenheiten, als durch angeborne Neigung, zum Boͤſen verleitet werden; denn ſein erſter Eintritt in dieſe gefetzloſe Laufbahn, als der Nachfolger ſeines Vaters, ja ſeldſt das weitere Ver⸗ folgen derſelben als ſeines Vaters Raͤcher, konnten zu ei⸗ niger Milderung und Beſchoͤnigung dienen, und er hatte uͤberdieß ſeine ſchuldbedeckte Lage oft mit Abſcheu betrach⸗ ter und haͤsfige, obgleich fruchtloſe Verſuche gemacht, ſich aus derſelben herauszureißen. Ehen dieſe Geoanken der Reue wonten jetzt in ſeinem Gemuͤtye, und man wird es ihm verzeihen, wenn Erinne⸗ rungen an Minna ſich mit denſelben vermiſchten und ſie beſtaͤrkten. Er blickte auf ſeine Genoſſen umber, konnte aber, ſo ruchlos und verdärter ſie auch waren, doch nicht den Gedanken aufkommen laſſen, daß ſte fur ſeinen Eigen⸗ ſtun buͤßen ſollten Wir werden bei dem Eintritt der Ebbe in See gehen koͤnnen, ſagte er zu ſich ſelbſt: warnm ſollte *— * 99 ich dieſe Leute Preis geben, und ſie bis zu dem Augen⸗ blicke aufhalten, wo die Stunde der Gefahr, wie ſie jene ſonderbare Frau vorausgeſagt hat, hereinbricht? Auf wel⸗ chem Wege ſie auch ihre Nachrichten erhalten haben mag, ſo waren dieſe doch immer wunderbar genug, und ihre War⸗ nung ſo feierlich, als ob eine Mutter ihr verirrtes Kind an ſein Verbrechen und an die herannahende Strafe mah⸗ nen wollte. Ueberdieß, wie ſoll ich Minna noch einmal ſehen koͤnnen? ſie iſt, ohne Zweifel, in Kirkwall, und dort⸗ hin meinen Cours zu ricten, wuͤrde gerade auf die Felſen losſegeln beißen. Nein, ich will dieſe armen Kerle nicht in Gefahr bringen— ich will mit der Ebbe abſegeln. Auf den einſamen Hebriden oder auf der Nordweſtkuͤſte von Irland will ich das Schiff zurucklaſſen, und dann, verklei⸗ det, hieher zuruͤckkehren. Und doch, ſollte ich dann zuruͤck⸗ kehren, um Minna als Mordaunt's Verlobte zu finden?— nein, das Schiff mag ohne mich abſegeln. Ich bleibe hier⸗ und erwarte mein G dierjal Seine Betrachrangen wurden hier von Jack Bunce un⸗ terbro ven, der ihm mit 4 der Anrede: Eoler Capitän! an⸗ kuͤndigte, daß ſie ſegeln koͤnnten, wenn es ihm gefaͤllig ware. „Wenn es Dir gefällig iſt, Bunce, denn ich werde Dir den Oberbekehl üvergeben und bei Stromgess ans Land gehen,“ ſagte Clevelaud. Das wird nicht geſchehen, bei'm Himnel! antwortete Bunce: mir den Oberbefehl geben, waorvaftig! und wer ſoll die Maunſchaft dahin bringen, mir zu geyorchen? Ja, ſogar Dick Fletcher wird ſchon dann und waan aufſatzig ge⸗ gen mich. Ihr wist recht gut, das wir, ohne in ei⸗ ner halben Stunde einander bei den Köpfen haben, und „wenn Ihr uns im Stiche laßt, ſo iſt wahrhaftig nicht ein Tauende Unterſchled ob wir von des Koͤnigs Wachtſchif⸗ fen in den Grund geſchoſſen werden, oder ob Einer durch den Audern umkommt! Laßt es gut ſeyn, edler Capitain, es gieot noch mehrere ſchwarzaͤugige Maͤdchen in der Welt; aber wo ſindet Ihr ein ſo tuͤchtiges Schiff, wie der kieine Liebling hier, bemannt mit einem Haufen kuͤhner Burſche Die ganze Welt wohl aufzuregen fähig, Und ſie zu zaͤhmen, wern ſie rapt! „Du biſt ein ausgeſuchter Narr, Jack Bunce,“ ſagte Eleveland, halb aͤrgerlich, und wider ſeinen Willen halb lachend, uͤber die falſche Betonung und die uͤbertriebenen Gebehrden des Ptiraten. Das mag wohl ſeyn, edler Capitain, antwortete Bun⸗ be, und es kann auch ſeyn, daß ich meines Gleichen in dieſer Narrheit habe. Da ſeyd Ihr nun, zum Beiſpiel, der eben jezt„Alles um Liebe, oder die verlorne Welt“ ſoielen will, und nicht einmal einen harmloſen Laͤrm in Verſen leiden mag! Nun, ich kann lauch in Proſa aller⸗ hand zu Markte bringen, denn ich habe Neuigkeiten ge⸗ nug— und ſonderbare Neulgkeiten— ija, und gar ſon⸗ derbare Neuigkeiten dazu. „Aun⸗ ſo melde ſie(um nach Deiner Art zu reden) wee 24 Menſch von dieſer Welt.“ ie Fiſcher von Stromness wollen fuͤr ihre Lebens⸗ mitt 8 und ihre Muͤhe nichts nehmen, ſagte Bunce: das iſt ein Wunder! „Und weswegen n kat 2 fagte Cleveland:„das iſt doch zum erſtenmale, daß ich hoͤre, daß man in einem Seehn fen kein baares Geld rehmen wil.“ 101 Ja wohl— gewoͤhnlich machen ſie eben ſo viele Forde⸗ rungen, als ſie ſonſt Lagen beim Kalfatern auflegen. Aber die Sache verhaͤlt ſich ſo: Der Eigenthuͤmer der Briag da, der Vater Eurer ſchoͤnen Imoinda, mackt den Zahlmeiſter, dafuͤr, daß wir ſeine Tochter ſo artig behandelten, und da⸗ mit wir, wie er es nennt, nicht an dieſer Kuſte unſern Lohn bekommen moͤgen. „Das ſieht dem freiherzigen alten Udaller aͤhnlich!“ ſagte Cleveland:„iſt er denn aber in Stromness? Ich denke, er iſt queer uͤber nach Kirkwall gegangen. Das war ſein Vorſatz, ſagte Bunce; aber es ailebt noch mehr Leute, die, wie Koͤnig Duncan ihren Reiſeplan aͤn⸗ dern. Kaum war er an das Land getreten, als ihm eine alte Hexe aus dieſer Gegend begegnete, die ſich in alles mengte; auf ihren Nath aͤnderte er ſeinen Entſchluß, nach Kirkwall zu gehen, und liegt nun in jenem weißen Hauſe vor Anker, das⸗Ihr mit Eurem Fernglaſe dort am See ſehen koͤnnt. Sie ſagen, die alte Frau haͤtte auch ihren Beitrag gegeben, die Lebensmittel fuͤr das Schiff zu bezah⸗ len. Warum ſie ſo Thre Tafel abraͤumt, kann ich nicht recht begreifen, ausgenommen, weil ſie eine Herxe ſeyn ſoll, und uns mit einer Menge Teufel in Verbindung bringen kann. „Aber von wem haſt Du denn das alles gehoͤrt?“ ſagte Cleveland, ohne ſeln Fernglas zu gebrauchen, oder an den Neuigkeiten ſo vielen Antheil zu nehmen, als ſein Kame⸗ rad erwartet hatte. Nun, ſagte Bunce: ich machte dieſen Morgen einen Spaziergang an das Land, gina nach dem Derfe, und trank eine Kanne mit einem alten Bekannten, der von Meiſter Troil abgeſchick worden war, um zum Rechten zu ſehen, und ich lockte Alles aus ihm heraus, und mehr noch, als ich Euch wohl erzaͤhlen mag, edler Capltain. „Und wie heißt Deine Quelle?“ ſagte Cleveland:„hat ſie keinen Namen?“ Nun, es ſſt ein alter, ſiedelnder, naͤrriſcher Bekann⸗ ter von mir, Halcro genannt, wenn Ihr doch Alles wiſſen muͤßt, ſagte Bunce. „Halcro!“ wiederholte Cleveland, und ſeine Augen blitzten vor Er fkaunen:„Claudtus Halcro? der ging mit Minna und ihrer Schweſter bei Inganess an das Land— wo ſind ſie?“ Nun, das ſolltet Ihr elgentlich nicht erfahren, erwie⸗ derte der Vertraute: aber hol' mich der Henker, wenn ich es laſſen kann, denn ich kann eknmal einen ſchoͤnen Spaß nicht verderben.— Das hat gewirkt, ja, ja, und nun iſt das Fernglas auch nach dem Hau e von Stennts gerichtet! — Ja, dort ſind ſie, ich muß es nur geſtehey, und ziem⸗ lich ſcharf bewacht. Einige von den Leuten der alten Hexe ſind von dem Berg auf der Inſel. Höy, wie ſie ſie nen⸗ nen, heruͤbergekommen, und der alte Herr hat auch einige Leute bewaffnen laſſen. Aber das hat Alles nichts zu ſa⸗ gen, edler Capitaln!— gebdt uns nur den Befehl, und wir ſchnappen Euch die Dirnen dieſe Nacht weg— bringen ſie unter die Lucken, bemannen das Gangſpill bei Tagesan⸗ bruch— ziehen die Marsjegel auf— und gehen mit der Morgenfluth unter Segel. „Mich eckelt vor Deiner Niedettraͤchtigkeit,“— ſagte Cleveland, irdem er ſich von ihm abwandte. Hm! Niedertraͤchtigkeit und eckeln! ſagte Bunce: was habe ich denn geſagt, als was ſchon zehntauſend Mal von Glücksrittern, wie wir ſind, gethan worven iſt? 103 „Sprich nict wieder davon,“ ſagte Cleveland, ging dann in tiefem Nachdenken das Verdeck lang, kehrte zu Bunce zuruͤck, nahm ihn bei der Hand und ſagte:„Jack, ich bin entſchloſſen, ſie noch einmal zu ſehen.“ Ganz wohl, ſagte Bunce verdruͤßlich. „Noch einmal wiñl ich ſie ſehen, und vielleicht zu ih⸗ ren Fuͤßen dieß verruchte Gewerbe abſchwoͤren und meine Verbrechen abbuͤßen...“ Am Galgen! ſagte Bunce, die Rede vervollſtaͤndigend: von Herzen gern! Geſteh' und laß Dich haͤngen, iſt ein vortreffliches Sprichwort. „Aber, theurer Jack!...“ ſagte Cleveland. Theurer Jack! wiederholte Bunce, in demſelben ver⸗ druͤßlichen Tone: ja theuer ſeyd Ihr dem theuren Jack wirklich zu ſtehen gekommen. Aber haltet nun Euren Cours— ich habe nichts mehr mit Euch zu ſchaffen— meine niedertraͤchtigen Rathſchläge werden Euch nur an⸗ eckeln. „Ich muß dieſen einfältigen Kerl wie ein verzogenes Kind beſanftigen,““ ſagte Cleveland, gegen Bunce hin, aber als ob er nur fuͤr ſich ſpraͤche:„und doch hat er Verſtand genug und Muth genug dazu, und, man ſohte denken, auch Herzensgute genug, zu uͤberlegen, daß die Leute im Sturme idre Worte nicht waͤhlen.“ Ja, das iſt wahr, Clemens, ſagte Bunce: und da habt Ihr meine Hand darauf— ja, und nun ich daruͤber nachdenke, ſollt Iyr auch Eure leßte Zuſammenkunft haben, denn ich kann es nicht uͤber mein Herz bringen, eine Ab⸗ ſchieös⸗Scene zu ſioͤren— und was macht eine Fluth aus, wir koͤnnen morgen zur Ebbezeit eben ſo gut ſegeln als heute. 3 1⁰ Cleveland ſeufzte; denn Norna's Prophezeihung draͤngte ſich ſfeinem Gemuͤthe auf. Allein die Ausſicht auf eine letzte Zuſammenkunft mit Minna war zu verfuͤhreriſch, um ent⸗ weder aus dunkelm Vorgefuͤhl, oder einer Wahrſagung we⸗ gen, auf ſie Verzicht zu leiſten. Ich werde ſogleich da an's Land gehen, wo ſie Alle ſind, ſagte Bunce; die Bezahlung der Lebeusmittel ſoll mir zum Vorwande dienen, und ich werde mit aller Gewandtheit eines Kammerdieners Eure Bothſchaft an Minna ausrichten. „Aber ſie haben Bewaffnete dort, Du kannſt in Ge⸗ fahr gerathen,“— ſagte Cleveland. Nicht ein Bischen, nicht im Geringſten— erwiederte Bunce— Ich nahm die Dirnen in meinen Schutz, als ſie in meiner Gewalt waren; ich bin uͤberzeugt, ihr Vater wird mir weder etwas anhaben, noch mir etwas anhaben laſſen. „Du haſt Recht,“ ſagte Cleveland:„das ſieht ihm nicht aͤhnlich. Ich will ſogleich ein Paar Zeilen an Minna ſchreiben. Mit dieſen Worten lief er in die Kajuͤte hin⸗ unter, wo er ſehr viel Papier verbrauchte, ehe er, mit zit⸗ ternder Hand und klopfendem Herzen, einen Brief vollen⸗ dete, von dem er hoffte, daß Minna ſich dadurch bewegen laſſen wuͤrde, ihm die letzte Zuſammenkunft am folgenden Morgen zu geſtatten. Sein Spießgeſell. Bunce, ſuchte unterdeß Fletcher auf, auf deſſen Unterſtuͤtzung bei irgend einem Antrage er ſicher rechnen zu koͤnnen glaubte, und begab ſich nun, von dieſem treuen Trabanten begleitet, in die gefuͤrchtete Naͤhe Haw⸗ kin's, des Bootmanns, und Derricker, des Quartiermei⸗ ſters, welche ſich, nach dem angreifenden Dienſte des Ta⸗ ges bei einer Kanne Rum guͤtiech thaten. Hier kommt Einer, der uns eiwas wird ſagen koͤnnen, 105 rief Derrick. Nun, Herr Lieutenant, denn ſo muͤſſen wir Euch doch jezt wohl nennen, laßt uns einmal einen Blick in Eure Plaͤne thun wann wird der Anker gelichtet werden? 3 8 „Wann es dem Himmel gefaͤllt, Herr Quartiermei⸗ ſter,“ antwortete Bunce:„denn ich weiß nicht mehr da⸗ von, als der Hinterſteven.“ Was, hol' der Teufel meine Knoͤpfe, ſagte Derrick, lichten wir nicht bei dieſer Fluth? Oder doch ſpaͤteſtens bei der morgenden? ſagte der Bootsmann: warum haben wir denn die ganze Mannſchaft wie die Tageloͤhner arbeiten laſſen, alle dieſe Vorraͤthe an Bord zu bringen? „Ihr Herren,“ ſagte Bunce, muͤßt wiſſen, daß Cupi⸗ do ſich bei unſerm Capitain an Bord gelegt, das Schiff ge⸗ nommen und ſeinem Verſtand die Lucken vernagelt hat.“ Was fuͤr Schauſpielkram iſt das Alles? ſagte der Boots⸗ mann verdruͤßlich. Wenn Du uns was zu ſagen haſt, ſo ſage es mit Einem Worte, wie ein Mann. „Nun,“ ſagte Fletcher:„ich denke, Jack Bunce ſpricht immer wie ein Mann— und ſo, ſeht Ihr...“ „Halt Dein Maul, lieber Dick, vortrefflicher Eiſen⸗ freſſer, ſey ruhtg,“ ſagte Bunce:„Ih Herren, mit Einem Worr, der Capitain iſt verliebt.“ Nun, ſeh' einmal Einer an! ſagte der Bootsmann: doch, ich bin auch wohl ſo oft als irgend Einer verliebt ge⸗ weſen, wenn das Schiff abgetakelt war. „Nun aber,“ fuhr Bunce fort:„der Capitain iſt ver⸗ liebt— ja— Prinz Volſcius iſt verliebt, und obgleich das immer das Stichwort zum Lachen auf dein Tbeater iſt, ſo iſt hier doch nichts zu lachen. Er hofft, das Maͤdchen mor⸗ 106 gen, zum letzten Male zu ſehen, und das fuͤhrt, iale wir Alle wiſſen, abermals zu einer Zuſammenkunft, und zu ei⸗ ner dritten und ſo fort, bis der Halcyon uns auf den Hals kommt, und dann kriegen wir mehr Stoͤße als Kupfer⸗ pfennige.“ Bei— ſagte der Bootsmann, mit enem derben Fluch: wir wollen eine Meuterei anfangen, und ihn nicht an’'s Land gehen laſſen— was meinſt Du, Derrick? Dus iſt das Beſte, ſagte Derrick. Was ſagſt Du dazu, Jack Bunce? ſagte Fletcher, dem der Rath ſehr weiſe klang, der aber doch gera ſeines Ge⸗ faͤhrten Meinung hoͤren wollte:. „Nun hoͤrt einmal, Ihr Herren, ich will keine Meu⸗ terei, und hol mich dieſer und jener, wenn Einer von Euch eine anfangen ſoll“ Nun, daan wlll ich auch nicht, ſagte Fletcher: aber was ſollen wir aufangen, da indeſſen... „Halt Dein Maul, Dick, hoͤrſt Du?“ ſagte Bunce. „Nun, Bootsmann, ich bin zum Theil Deiner Meinung, daß der Capitain etwas mit Gewalt zur Vernunſt gebracht werden muß. Aber, Ihr wißt Alle, er hat einen Kopf wie ein Loͤwe, und thut nichts, wenn man ihn nicht ſeinen Weg gehen laͤßt. Nun ich will an's Land gehen, und die Zuſammenkunft einleiten. Das Maͤdchen kommt am Mor⸗ gen an den Ori der Zuſammenkunft, und der Capitakn geht an's Laud— wir nehmen eine gute Anzahl Leute mit, ru⸗ dern gegen Fluth und Stroͤmung, und ſind auf das Zei⸗ chen fertig an's Lend zu ſpringen, und den Capitain und das Maͤdchen wegzuſchlevpen, ſie moͤgen wollen oder nicht; das verzogene Kind wird nicht boͤſe auf uns ſeyn, weil wir ihm ſeia Spielzeug mitbringen, und wenn er doch wider⸗ * 107 ſpenſtig iſt, nun, ſo lichten wir ohde ſeinen Befehl die Anker, und laſſen ihn nachher zur Vernunft kommen, und ſeine Freunde ein ander Mal beſſer kennen lernen.“ Hm, das laͤßt ſich hoͤren, Meiſter Derrick! ſagte Hawkiuns. Jack Bunce hat immer Recht, ſagte Fletcher: indeſ⸗ ſen wird der Capitain Einige niederſchleßen, das iſt ſicher. „Halt Deinen Schlund, Dick,“ ſagte Bunce:„wem Teufel, denkſt Du, liegt daran, ob Du erſchoſſen oder ge⸗ hangen wirſt?“ Nun, ſagte Dick, daruͤber will ich nicht viel ſtreiten, indeſſen... „Sey ſtill, ſage ich Dir,“ verſetzte ſein unbarmherzi⸗ ger Goͤnner,„und laß mich ausreden. Wir wollen ihn ſo unverſehens faſſen, daß er weder Zeit haben ſoll, ſeinen Hauer noch ſeine Piſtolen zu gebrauchen, und ich ſelbſt, ſo lieb ich ihn auch habe, will der Erſte ſeyn, der ihn auf den Ruͤcken legt. Da iſt eine nette kleine Pinaſſe, die zu der Priſe des Capitalns gehört— wenn ich Gelegenheit finde, ſo werde ich die fuͤr mich weafangen.“ 3 Ja, ja, ſagte Derrick: meinetwegen moͤgt Ihr immer Euch auch nach Behaglichkeiten fuͤr Euch umſchauen. „Wahrhaftig nein,“ ſagte Bunce: ich greife ſie nur, wenn ſie mir in den Weg kommen, oder wenn ich ſte durch meine eigene Klugheit mir erkaufen kann, und Keiner von Euch würde auf einen ſolchen Plan gefallen ſeyn. Wir wer⸗ den dann den Capitain bei uns haben mit Kopf, Hand und Herzen, und das wird eine Scene geben, daß man den Schluß einer Komoͤdie daraus machen koͤnnte. Ich will al⸗ ſo an's Land gehen, die Zuſammenkunft zu verabreden; I theilt Ihr Einigen von den Herren, die noch nuͤchtern ſind, und denen man trauen kann, unſere Plaͤne mit.“— . Bunce und ſein Freund Fletcher giengen alſo weg, und die beiden alten Piraten blieben zuruͤck. Sie ſahen ſich lange ſchweigend an, bis der Bootsmann endlich ſprach: „Hol' mich der Teufel, Derrick, wenn ſch dieſe beiden ſuͤß⸗ lichen jungen Leute mag: ſie ſind nicht vom aͤchten Schlage. Wahrhaftig, ſie ſind den Raͤubern, die ich gekannt habe, ſo wenig aͤhnlich, wie dieſe Schaluppe einem Kriegsſchiffe vom erſten Range. Der alte Sharpe, der jeden Sonntag mit ſeiner Schiffsmannſchaft Betſtunde hielt, was wuͤrde der geſagt haben, wenn man ihm zugemuthet haͤtte, zwei Dirnen an Bord bringen zu wollen?“ Und was wuͤrde der alte zaͤhe Schwarzbart geſagt ha⸗ ben, antwortete ſein Gefaͤhrte: wenn ſie ſie für ſich ſelbſt hätten behalten wollen? Wahrhafrig, man ſolite ſie, fuͤr ihre Unverſchaͤmtheit, die Planke hinunterlaufen, oder mit den Ruͤcken gegen einander binden, und ſie, je eher je lieber, tauchen laſſen. „Ja, aber wer ſoll denn das Schiff befehligen?“ ſagte Hawkins. Nun, was haſt Du an dem alten Goffe auszuſetzen? antwortete Derrick. 3 „Hm, der hat ſo lange und ſo oft am Affen geſogen,“ ſagte der Bootsmann,„daß das Beſte an ihm weg iſt. Er iſt nicht einmal beſſer als ein altes Weib, wenn er nuͤchtern iſt, und raſend toll, wenn er getrunken hat; wir haben Goffe zur Genuͤge gehabt.“ Nun denn, was ſagſt Du zu Dir ſelbſt, oder zu mir, Bootsmann? fragte der Quartiermelſter: Wir wollen dar⸗ um looſen, 109 „Hol's der Henker, nein,“ antwortete der Bootsmann, nach einem augenblicklichen Beſtanen: waͤren wir da, wo die Paſfatwinde wehen, ſo koͤnnten wir es darauf ankommen laſſen, aber der Cleveland ſelbſt wird ſeine ganze Steuer⸗ nannskunſt zuſammen nenmen müſſen, uns dahln zu brin⸗ gn, und ſo denke ich, bleibt uns fuͤr jezt nichts als Bun⸗ ce's Plan uͤbrig. Horch, er ruft nach dem Boote— ich muß auf's Verdeck, und es füͤr Seine Geſtrengen ausſetzen laſſen, hol' ihn der Henker! Das Boot wurde demnach herabgelaſſen, kam wohlbe⸗ halten uͤber den See, und Bunce landete einige wenige hundert Schritte vom alten Wohnhauſe von Stennis. Als er naͤher kam, ſah er, daß man in der Eil Maasregeln er⸗ griffen hatte, es in Vertheidigungsſtand zu ſetzen: die un⸗ teren Fenſter waren verrammelt, und Schießloͤcher fuͤr Flin⸗ ten darin gelaſſen, waͤhrend eine Schiffskanone ſo aufge⸗ fahren war, daß ſie den Eingang vertheidigte, an welchem uͤberdieß zwei Schildwachen ſtanden. Bunce verlangte am Thore Einlaß, der ihm ganz kurz und ohne Umſchweiſe abgeſchlagen wurde, und wobei man ihm zugleich die Wei⸗ ſung gab, ſeiner Wege zu gehen, oder es wuͤrde ihm uͤbel bekommen. Da er indeß fortfuhr, darauf zu beſtehen, Je⸗ manden von der Familie zu ſprechen, und ſagte, daß ſein Anliegen von der dringendſten Art waͤre, ſo erſchien end⸗ lich Claudius Halero. Der Bewunderer des herrlichen John ſetzte jedoch, mit weit mehrerer Verdruͤslichkeit, als ſonſt in ſeinem Weſen lag, ſeinem alten Bekannten das Unver⸗ ſtaͤndige ſeiner Beharrlichkeit auseinander. „Ihr ſeyd,“ ſagte er,„wie thoͤrichte Motten, welche um ein Licht flattern, an dem ſie ſich am Ende ver⸗ brenn n. S Und Ihr, ſagte Bunce, ſeyd wie ein Schwarm ſtachel⸗ loſer Hummeln, die wir nach unſerm Belieben aus ihren Verſchanzungen mit einem halben Dutzend Handgranaten hinausraͤuchern koͤnnen. „Raͤuchert ſonſt was!“ ſagte Halcro:„folgt meinem Rath, und geht Eurer Wege, oder Ihr werdet hier geraͤu⸗ chert⸗ wie es Euch zehübrte Eutwedet macht, daß 3 hrweg⸗ wolt, denn Ihr werdet b er dach nur mit der T Donuer⸗ buͤchſe bewillkommt. Wir ſind unſer hier genug, und der junge Mordaunt Mertoun, den Euer Capitain beinahe er⸗ mordet hat, iſt auch von Hoy gekommen.“ „Still Menſch,“ ſagte Bunce:„er zapfte ihm nur et⸗ was uͤbermüthiges Blut ab.“ „Wir brauchen ſolche Aderlaͤſſe hier nicht,“ ſagte Clau⸗ dius Halcro:„und uͤberdieß hat es ſich gefunden, daß der Pattent naͤher mit uns verwandt iſt, als Ihr oder wir wohl gedacht haben, und da koͤnnt Ihr leicht denken, wie wenig Euer Capitain, oder irgend einer von ſeinen Leuten, hier willkommen ſeyn duͤrften.“ „Ganz wohl, wenn ich nun aber Geld fuͤr die Vorraͤthe bringe, die an Bord geſchickt worden ſind?“ „Behaltet es, bis man es Euch abfordern wird,“ ſagte Halcro.„Es giebt zwei Arten boͤſer Zaͤhler, die zu bald und die gar nicht Bezahlenden.“ „Nun, ſo erlaubt wenigſtens, daß ich mich im Na⸗ men Aller, beim Geber bedanken darf.“ „Behalte Deinen Dank ebenfalls, bis er begehrt wird⸗ 41 antwortete der Dichter. „Das iſt alſo der ganze Willkomm, den ich von Euch, als einem alten Bekannten, erhalte?“„ 7 111 „Ja, was kann ich fuͤr Euch thun, Meiſter Altamont?“ ſagte Haſcro dalb geruͤhrt.„Wenn es nach des jungen Mordaunt Willen gegangen waͤre, ſo wuͤrde er Euch mit dem rothen Burgunder, Nummer Tauſend, bewillkommet haben. Ich bitte Euch um's Himmelswillen, geht, oder ſonſt heißt es im Soufleurbuche: die Wache tritt herein, und ergreift Altamont.“ „Ich will Euch nicht die Muͤhe machen, ſondern ſo⸗ gleich abgehen,— doch, noch einen Augenblick— ich haͤtte beinahe vergeſſen, daß ich einen Zettel fuͤr das groͤßeſte Eue⸗ rer Maͤdchen bei mir habe— Minna, ja Minna heißt ſie. Es iſt ein Abſchiedsvrief von Cavitain Cleveland— den werdet Ihr doch wohl its geben?“ „Ach, der arme Pluſch!“ ſagte Halcro:„ich verſtehe — ijch verſtehe— Aebe wohl, ſcoͤne Armida— Nicht Picke nicht Kugel, nicht Feuer, nicht Flurh, Bringt Qualen, wie hoffnungslos Liebender Gluth. Sage mir nur eins, ſind Verſe darin?“ „Es iſt bis an das Petſchaft voll von Liedern, Son⸗ netten und Elegten,“ antwortete Bunce:„aber ſtecke es ihr mit Vorſicht und heimlich zu.“ „Hm! mich einen Liebesbrief abgeben lehren zu wol⸗ len!— mich, der ich in dem Kaffeehaufe der ſchoͤnen Gei⸗ ſter geweſen bin, und alle Trinkſpruͤche des Kit⸗Cat⸗Klubs geſehen habe. Minna ſoll es bekommen, Herr Altamont, aus alter Bekanntſchaft, und Euerm Capitain zu Liebe, der weniger von der Teufelsnatur an ſich hat, als ſein Ge⸗ werbe wohl mit ſich bringt. Ein Abſchiedsorief iſt doch nichts Boͤſes.“ „So lebe denn wohl, alter§nake, auf immer und ei⸗ nen Tag,“ ſazte Bunce, nahm des Dieters Hand, und 8 112 gab ihm einen ſo kraͤftigen Druck, daß dieſer laut aufbrallte, und ſeine Hand ſchuͤttelte, wie ein Hund, wenn ihm eine gluͤhende Kohle auf die Pfote gefallen iſt.“ Wir laſſen jetzt den Raͤuber en Vord ſeines Schiffes zuruͤckkehren und verweilen bel Magnus Troil's Familie, welche in der Wohnung ihrer Verwan en zu Stennis ver⸗ ſammelt war, wo ſie gegen jeben Ueberfall ſich beſtaͤndig und auf das Sorgfältigſte verwahrt hielt. 8 Mordaunt Mertoun war mir vieler Guͤte von Magnus Troil aufgenommen worden, als er mit einem kleinen Hau⸗ fen von Norna's Untergevenen, uͤber welche dieſe ihm den Befeyl anvertraut hatte, ihm zu Haͤlfe kam. Der Udaller uͤberzeugte ſich leicht, daß das, we der Jagger, um ſeinen eintraͤglicheren Kunden Cleveland dei ihm beliebter zu ma⸗ chen, und Mertoun zu verdunkeln, ihm vorgebracht, ganz ungegründet geweſen ſey. Dieſe Geruͤchte waren allerdings von der guten Lady Glourdurum und von dem allgemeinen Gerede beſtätigt worden, wonach Merreun, als ein anma⸗ ender Bewerber um die Gunſt der Schweſtern von Burgh⸗ Weſtra erſchten, der um, wie ein Sultan, ſich nict ent⸗ ſchließen konnte, wem er ſein Schnupftuch zuwerfen wollte. Das allgemeine Gerede, meinte Magnus, ſey aber ein ge⸗ meiner Loͤgner, und was die gute Lady Glourourum betraf, ſo war er zuweilen(beſonders wenn es auf etwas Boͤſes nachſagen hinausgieng) nicht abgeneigt, ſie fuͤr ziemlich von derſelben Art zu halten. Er nahm deswegen Mordaunt wiederum zu Gnaden auf, hoͤrte, mit vielem Erſtaunen, die Erzaͤhlung von den Anſpruͤchen, welche Norna auf des jungen Mannes Pflichtergebenheit machte, und mit nicht wenigerm Antheil die Nachricht von ihrem Entſaluſſe, das bedeutende Vermoͤgen, welches ſie von ihrem Vater geerbt, . 4 iym 113 ihm zu uͤbergeben. Ja, es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß— obgleich er keine unmittelbare Antwort auf ihren Wink, eine Verbindung zwiſchen ſeiner aͤlteſten Tochter und ihrem Erben betreffend, gab— er eine ſolche Heirath, ſowohl der perſoͤnlichen Verdienſte des jungen Mannes willen, als wegen der Ausſicht, dadurch die großen Guͤter, welche zwi⸗ ſchen ſeinem eigenen und Norna's Vater getheilt worden waren, wieder zu vereinigen, als gar ſehr annehmlich an⸗ fah. Wie dem nun ſeyn mochte, ſo empfieng der Udaller ſeinen jungen Freund mit vielem Wohlwollen, und er und die Eigenthümerin des Hauſes vertrauten ihm gemeinſchaft⸗ lich, als dem juͤngſten und thaͤtigſten von Allen, den Befehl uͤber die Nachtwache, und die Aufſicht uͤber das Abloͤſen der rund um das Haus von Stennis aufgeſtellten Poſten an. —.— Siebentes Kapitel. Den Ränuber trifft verdientes Loos, Man greift und bindet ihn, Man hängt ihn ohne Mitleid auf, Läßt ihn den Wind durchziehn. Die Ballade vom nußbraunen Mädchen. Mordaunt hatte die Schildwachen, welche ſeit Mitter⸗ nacht auf dem Poſten geweſen waren, vor Tagesandruch abloͤſen laſſen, und nachdem er Befeyl gegeven, daß die Wache abermals vor Sonnenaufgang gewechſelt werden ſolle, ſich in ein kleines Wohnzimmer zuruͤckgezogen, wo er, ſeine Waffen neben ſich, eben in einem Lehnſtuhl ein⸗ W. Seott's Werke. CXIV. 8 114 geſchlummert war, als er fuͤhlte, daß ihn Jemand bei'm Wachmantel, in den er ſich eingehuͤllt hatte, zupfte. „Iſt es ſchon um Sonnenaufgang?“ fragte er, und fuhr empor, als er die erſten Strahlen derſelben uͤber dem Horizont emporſteigen ſah. „Mordaunt!“— ſprach eine Stimme, deren Ton tief in ſeinem Herzen wiederhallte. Er wandte ſeinen Blick auf die Sprecherin, und Brenda ſtand, zu ſeinem freudigen Erſtaunen, vor ihm. Aber als er im Begriff war, ſie anzureden, erſchrack er vor ihrem Anblicke; denn auf ihren bleichen Wangen ſah er Spuren des Schmerzes und der Verwirrung, ihre Lippen bebten, und ihre Augen ſtanden voll Thraͤnen. „Mordaunt!“ ſagte ſie:„Du mußt mir und Minna einen Gefallen erweiſen; Du mußt uns erlauben, das Haus in der Stille zu verlaſſen, und ohne Jemanden zu beun⸗ ruhigen, damit wir bis zu den Steinen von Stennis ge⸗ hen koͤnnen.“.— „Was fuͤr ein Einfall iſt dieß, theuerſte Brenda?“ ſagte Mordaunt, ſehr erſtaunt uͤber dieſe Zumuthung:„wahr⸗ ſcheinlich ein aberglaͤubiſcher Gebrauch von den Orkney's, aber die Zeit iſt zu gefaͤhrlich, und die Verhaltungsbefehle, die ich von Deinem Vater erhalten habe, ſind zu ſtrenge, als daß ich Euch erlauben ſollte, ohne ſeine Zuſtimmung wegzugehen. Bedenke, theuerſte Brenda, daß ich ein Sol⸗ dat bin, der auf dem Poſten ſteht und den Beſehlen nach⸗ kommen muß.“ „Mordaunt!“ ſagte Brenda:„dieß iſt keine Sache zum Scherzen; Minna's Verſtand, ja, Minna's Leben haͤngt davon ab, daß Du uns dieſe Crlaubniß giebſt.“ 115 „Und zu welchem Endzwecke?“ ſagte Mordaunt:„laß mich wenigſtens das wiſſen.“ 1 „Zu einem ſehr gewagten und verzweifelten,“ erwie⸗ derte Brenda:„um mit Cleveland eine Zuſammenkunft zu haben.“ 8 3 „Mit Cleveland!“ ſagte Mordaunt:„follte der Schaͤnd⸗ liche an's Land kommen, ſo ſoll er mit einem Regen von Kugeln begruͤßt werden. Laß mich nur hundert Schritte von ihm entfernt ſeyn,“ fuͤgte er hinzu, indem er nach ſei⸗ ner Flinte griff:„und alles Leid, das er mir angethan hat, ſoll durch eine Kugel von einer Unze aufgewogen wer⸗ den.“ „Sein Tod wird Minna zum Wahnſinn bringen,“ ſagte Brenda:„und wer Minna zu nahe tritt, den kann Brenda nie wieder anſehn.“ „Dieß iſt Tollheir, raſende Tollheit!“ ſagte Mordaunt: „bedenke Deine Ehre— bedenke Deine Pflicht!“ „Ich kann nichts bedenken, als die Gefahr, worin Minna ſchwebt,“ ſagte Brenda indem ſie einen Thraͤnen⸗ ſtrom vergoß:„ihre fruͤhere Krankheit war nichts gegen den Zuſtand, in dem ſie die ganze Nacht uͤber geweſen iſt. Sie hielt in ihrer Hand ſeinen Brief, der mehr mit feu⸗ rigen Zuͤgen, als mit Dinte geſchrieben iſt, und worin er ſte beſchwoͤrt, ihm noch einmal, zum letzten Lebewohl, eine Zuſammenkunft zu geſtatten, wenn ſie einen ſterblichen Leib und eine unſterbliche Seele retten wolle, ihr ihre Sicherheit verbuͤrgt, und erklaͤrt, daß keine menſchliche Ge⸗ walt ihn von der Kuͤſte hinwegbringen folle, bevor er ſie nicht geſeben habe.— Du mußt uns gehen laſſen.“ „Unmoͤglich!“ erwiederte Merdaunt, in großer Unru⸗ he:„diejer Schaͤndliche hat allerdings die Betheuerungs⸗ . 116 formeln am Schnuͤrchen; aber, welche beſſere Sicherheit als dieſe, kann er Euch geben? Ich kann Minna nicht er⸗ lauben, zu gehen.“ „Ich fange am Ende an zu glauben,“ ſagte Brenda, mit dem Tone des Vorwurfs, indem ſie ihre Thraͤnen trocknete, aber immer noch zu ſchluchzen fortfuhr:„Norna hat nicht ganz Unrecht in dem, was ſie von dem Verhaͤlt⸗ niſſe zwiſchen Dir und Minna ſagte, und daß Du ebenfalls auf den armen Menſchen zu eiferſuͤchtig biſt, um ihm zu erlauben, nur einen Augenblick mit ihr vor ſeiner Abreiſe zu reden.“ „Du biſt ungerecht,“ ſagte Mordaunt, von ihrem Ver⸗ dachte getraͤnkt, wiewohl auch etwas geſchmeichelt:„Du biſt ſo ungerecht, als Du unvorſichtig biſt. Du weißt— Du mußt wiſſen, daß Minna mir vorzuͤglich als Deine Schweſter werth iſt. Sage mir, Brenda, ſage mir offen⸗ herzig, wenn ich Dir wirklich bei dieſer Thorheit Vorſchub leiſte, haſt Du keinen Argwohn gegen des Piraten Recht⸗ lichkeit?“ „Nein, keinen,“ ſagte Brenda:„denn haͤtte ich die⸗ ſen, wuͤrde ich dann wohl ſo in Dich dringen?— er iſt wild und ungluͤcklich, aber ich denke, in dieſem Falle koͤn⸗ nen wir uns auf ihn verlaſſen.“ „Iſt der Ort der Zuſammenkunft die Gegend bei den ſtehenden Steinen, und die Zeit der Tagesanbruch?“ fragte Mordaunt weiter. „Ja, und die Zeit iſt gekommen,“ ſagte Brenda: num's Himmels willen, laß uns gehen!“ „SIch ſelbſt,“ ſagte Mordaunt,„werde den Poſten an der Vorderthuͤr auf einige Minuten abloͤſen und Euch durch⸗ 117 gehen laſſen. Ihr werdet doch dieſe ſo gefahrvolle Zuſam⸗ menkunft nicht unnoͤthig verlaͤngern?“ „Nein,“ ſagte Brenda:„und Du wirſt doch von Dei⸗ ner Seite des ungluͤcklichen Mannes Hierherkommen nicht benutzen, ihm etwas zu Leide zu thun, oder ſich ſeiner zu bemaͤchtigen?“ „Verlaßt Euch auf meine Ehre,“ ſagte Mordaunt: „es ſoll ihm nichts geſchehen, wenn er t ſelbſt nicht dazu An⸗ laß giebt.“ „So werde ich meine Schweſter zu rufen gehen,“ ſagte Brenda, und trippelte aus dem Zimmer. Mordaunt uͤberlegte die Sache einen Augenblick, gieng dann zu der Schildwache, die an der Vorderthuͤr ſtand, und befahl ihr, augenblicklich nach der Hauptwache zu ge⸗ hen, und der ganzen Wache anzudeuten, in's Gewehr zu treten, zu ſehen, daß dieſer Befehl vollzogen wuͤrde, und zuruͤchzukehren, wenn Alle unter den Waffen waͤren. Un⸗ terdeſſen, ſagte er: wolle er ſelbſt auf dem Poſten bleiben. Waͤbrend der Abweſenheit der Schildwache oͤffete ſich lelſe die Vorderthuͤre, und Minna und Brenda traten, in ihre Maͤntel gehuͤllt, heraus. Die erſtere lehnte ſich auf ihre Schweſter und bog den Kopf nlieder, wie Jemand, der ſich eines Schrittes ſchaͤmt, den er ſo eben thun will. Auch Brenda gieng ſchweigend bei ihrem Geliebten voruͤber warf ihm aber aus der Ferne einen Blick der Dankbarkeir und des Wohlwollens zu, der, wo moglich, ſeine Beſorgniß für ihre Sicherheit noch verdoppelte.“ Die Schweſtern waren jetzt aus dem Geſichtskreiſe des Hauſes. Minna, deren Schritt bis dahin ſchwach und wan⸗ kend geweſen war, fieng an, ſich emvorzurichten, und auf einmal ſo feſt und ſchnell zu gehen, daß Brenda, welche nur * 118 mit Muͤhe mit ihr Schritt hielt, nicht umhin konnte, ſie auf die Unvorſichtigkeit aufmerkſam zu machen, wie ſie durch dieſe unnütze Eil ihr Gemuͤth aufrege und ihre Kraͤfte er⸗ ſchoͤpfe.“ „Sey unbeſorgt, meine theuerſte Schweſter,“ ſagte Minna:„die Entſchloſſenheit, welche ich jetzt fuͤhle, wird und muß mich waͤhrend dieſer furchtbaren Zuſammenkunft aufrecht erhalten. Ich konnte nur mit geſenktem Haupte und wankendem Schritte gehen, waͤhrend ich mich noch im Geſicht Jemandes beſand, der mich nothwendig für einen Gegenſtand ſeines Mitleids oder ſeiner Verachtung halten muß. Aber Du weißt, meine theuerſte Brenda⸗ und auch Elevelaud ſoll es jetzt wiſſen, daß die Liebe, welche ich fuͤt dieſen ungluͤcklichen Mann hegte, ſo rein war, wie die Strahlen der Sonne, die ſich jetzt in den Wellen ſptegeln. Und ich rufe dieſe glanzvolle Sonne und jenen blauen Him⸗ mel zu Zeugen an, daß ich fuͤr alle Verſuchungen der Erde nicht eingewilligt haben wuͤrde, ihn wieder zu ſehen, ge⸗ ſchaͤhe dieß nicht, um ihn zu bewegen, ſeine ungluͤckliche Lebensweiſe zu aͤndern.“ Waͤhrend ſie ſo in einem Tone, der Brenda vieles Vertrauen einfloͤßte, ſprach, hatten die Schweſtern den Gipfel einer Anhoͤhe erreicht, von wo aus ſie eine weite Ausſicht auf das Stonehenge der Orkney⸗ Inſeln hat⸗ ten, das von einem großen Kreiſe und Halbkreiſe der ſoge⸗ nannten ſtehenden Steine gebildet wird, welche bereits in ihrem Grauwelsß in der aufgehenden Sonne glaͤnzten, und ihre langen rieſenhaften Schatten weit nach Weſten warfen. Zu eimer andern Zeit wuͤrde dieſer Anblick auf die Einbildungskraft Minna's maͤchtig gewirkt, und wenig⸗ ſtens die Neugierde ihrer weniger reizbaren Schweſter er⸗ 119 regt haben. In dieſem Augenblick aber giengen fuͤr Beide die Eindruͤcke verloren, welche dieſes wunderbare Denkmal des Alterthums auf die Gefuͤhle aller derer hervorbringen muß, die es betrachten; denn ſie ſahen auf dem untern See, unterhalb der ſogenannten Bruͤcke von Broisgar, ein wohlhemanntes und bewaffnetes Boot, welches Einen von ſeiner Bemannung gelandet hatte, der, allein, und in ei⸗ nen Schiffsmantel gehuͤllt, ſich dem Kreiſe der Denkmale naͤherte, auf den ſie ſelbſt von der andern Seite zugien⸗ gen. „Es ſind ihrer Mehrere, und ſie ſind bewaffnet,“ flü⸗ ſterte die erſchrecte Brenda ihrer Schweſter zu. „Dieß geſchieht der Vorſicht wegen,“ antwortete Min⸗ na:„die, leider! ihre Lage ſo noͤthig macht. Fuͤrchte kei⸗ nen Verrath von Ihm— dieſer wenigſtens gehoͤrt nicht zu ſeinen, Laſtern.“ 3 Wäaͤhrend ſie dieß ſprach, oder kurz darauf, erreichten ſie die Mitte des Kreiſes, in welchem zwiſchen den hohen⸗ aufrecht ſtehenden Saͤulen von Stein, ein flacher liegt, von kurzen ſteinernen Pfeilern getragen, von denen man noch einige Ueberbleibſel bemerkt, die vielleicht einſt zu einem Altar dienten. „Hier,“ ſagte ſie:„brachten(wenn wir den Legenden glauben duͤrſen, ein Glaube, der mir nur zu theuer zu ſtehen gekommen iſt,) unſere Vorfahren den heidniſchen Gottheiten ihre Opfer dar— hier will auch ich, von gan⸗ zer Seele, den leeren Traͤumen, welche meine jugendliche Einbildungskraft irregeleitet haben, entſagen, ſte beſchwo⸗ ren, und ſie einem beſſeren und barmherzigeren Gott, als der iſt, den Jene kannten, zum Opfer darbringen.“ —— — 120 Sie ſtand neben der liegenden Steinplatte, und ſah Cleveland auf ſich zukommen, mit furchtſamem Schritte und niedergeſchlagenem Blicke, der ſich eben ſo ſehr von ſeinem gewöhnlichen Charakter und Aeußeren unterſchied, als Minnas hoher Blick, ſtolze Haltung und ruhige, betrachten⸗ de Stellung, von der des liebeſiechen, abgehärmten Mädchens, das, als ſie das Haus von Stennis verließen, der Arm ih⸗ rer Schweſter nur mit Muͤhe zu ſtützen vermocht hatte. Wenn die Meinung Derer gegruͤndet iſt, welche dieſe ſon⸗ derbaren Denkmale ausſchließlich den Druiden gewidmet wiſſen wollen, ſo hätte man Minna für die Haxa, oder Oberprieſterin des Ordens anſehen können, deren Weihe ein Kaͤmpe des Stammes ſo eben zu empfangen ſich nahte. Oder wenn wir dieſe Kreiſe für gothiſchen und ſcandinavi⸗ ſchen Urſprungs halten, ſo hätte ſie als eine herabgeſtiege⸗ ne Geſtalt der Freya, der Gemahlin des Donnergottes, er⸗ ſcheinen koͤnnen, vor der ſich ein kühner Seeroͤnig oder Kaͤmpe mit einer ehrfurchtsvollen Scheu beugte, welche kein bloß irdiſcher Schrecken ihm eingefloͤßt haben konnte. Bren⸗ da, von unausſprechlicher Furcht und Beſorgniß überwaͤl⸗ tigt, blieb einen oder zwei Schritte zuruͤck, beobachtete jede Bewegung Clevelands, und war fuͤr alles Uebrige, ihn und ihre Schweſter ausgenommen, verloren. Cleveland naͤherte ſich Minna bis auf einige Schritte, und bog dann ſein Haupt zum Boden. Es herrſchte eine Todtenſtille, bis Minna mit feſtem, aber klagendem Tone ſprach:„Unglücklicher Mann, warum willſt Du unſere Lei⸗ den noch vermehren? Scheide in Frieden, und moͤge der Himmel Dir eine beſſere Bahn eroͤffnen, als die iſt, auf welcher Du bisher gewandelt haſt.“ Der Himmel wird mich nicht anhoͤren, ſagte Cleveland: 3 121 wenn Ihr nicht Euere Stimme zu ihm erhebt. Ich kam hieher, rauh und wild, nicht wiſſend, daß mein Gewerbe, mein verzweifeltes Gewerbe, in den Augen der Menſchen oder des Himmels verbrecheriſcher ſey, als das der Kaper, welche Euere Geſetze anerkennen. Ich ward in demſelben auferzogen, und würde— hättet Ihr mir nicht den Muth eingeflößt, Wünſche zu hegen— in demſelben, verzweifelt, und ohne Buße, geſtorben ſeyn. O, ſtoßt mich nicht von Euch— laßt mich etwas thun, um meine Sünden wieder gut zu machen, und laßt Euer eigenes Werk nicht halb vollendet! „Clebeland,“ ſagte Minna:„ich will Euch nicht vor⸗ werfen, meine Unerfahrenheit gemißbraucht, oder die Täu⸗ ſchungen benutzt zu haben, mit welchen mich die Leichtgläu⸗ bigkeit meiner frühen Jugend umwoben hatte, und welche mich zu dem Irrthum verführten, Euere verderbliche Lebens⸗ weiſe mit den Thaten unſerer alten. Helden fuͤr eins zu halten.— Ach als ich Euere Gefährten ſah, war dieſer Wahn zerſtoben!— Allein, ich lege es Euch nicht zur Laſt, daß er je vorhanden war. Geht, Eleveland, reißt Euch von jenen Elenden los, zu denen Ihr Euch geſellt habt, und glaubt mir, daß, wenn der Himmel Euch noch die Mittel giebt, Eueren Namen durch eine gute und ruhmwürdige Handlung auszuzeichnen, es auf dieſen einſamen Inſeln Augen gibt, welche eben ſo viele Freudenthränen vergießen werden— als ihnen jetzt Thränen des Kummers entfließen.“ und iſt dieß Alles, ſagte Cleveland, darf ich nicht hof⸗ fen, daß, wenn ich mich von meinen gegenwärtigen Gefähr⸗ ten losreiße— wenn ich dadurch meine Begnadigung erlan⸗ gen kann, daß ich eben ſo kühn für die gerechte Sache ſtrelte, als ich nur zu oft für die ungerechte gefochten ha⸗ 122 *. be— wenn nach einem, noch ſo langen Zeiteaume— doch noch immer nicht endloſen Zeitraume, ich ſagen kann, daß ich meinen Ruf reingewaſchen— darf ich nicht— darf ich dann nicht hoffen, daß Minna mir vergebe, was mein Gott und mein Vaterland mir vergeben haben werden? „Nie, Cleveland, nie!“ ſagte Minna mit der entſchie⸗ denſten Feſtigkeit: an dieſer Stelie ſcheiden wir, ſcheiden auf immer, und ſcheiden ohne längeres Verweilen. Gedenkt meiner als einer Todten, wenn Ihr das beeibt, was Ihr jetzt ſeyd; wenn Ihr aber, was Gott geben mag, Eue⸗ re verderbliche Lebensweiſe ändert, ſo gedenkt meiner. Einer, deren Morgen⸗ und Abendgebete Euerem Glü⸗ cke geweiht ſeyn werden, wenn ſie gleich das ihrige verloren hat.— Lebt wohl, Cleveland!“ Er knieete, von ſeinen eigenen ſchmerzlichen Gefühlen übermannt, um ihre Hand zu ergreifen, die ſie ihm hinreichte, als in dieſem Augenblicke Bunce, ſein Vertrauter, hinter einem der hohen aufrechtſtehenden Pfeiler, die Augen von Thraͤnen naß, hervortrat und ausrief: „Auf keinem Theater habe ich je eine ſolche Abfchiede⸗ ſcene geſehen! Aber der C— l ſoll mich holen, wenn Ihr ſo abgeht, wie Ihr denkt.“ Mit dieſen Worten, und ehe Cleveland entweder Ein⸗ wendungen machen, oder Widerſtand leiſten, ja in der That, ehe er aufſtehen konnte, riß er ihn ruͤcklings über, zwei oder drei von den Bootsleuten ergriffen ihn bei den Armen und Beinen, und ſo ward er zum See hingeſchleppt. Minna und Brenda ſtießen einen Schrei aus, und ſuchten zu ent⸗ fliehen; allein Derrick ergriff die Erſtere mit eben ſo großer Leichtigkeit, als ein Falke auf eine Taube herabſtößt, waͤh⸗ rend Bunce, mit einem oder zwei Flüchen, welche als Beru⸗ ——— 1²³ higung dienen ſollten, ſich Brenda's bemächtigte, und nun begann der ganze Haufe, mit zweien oder dreien von den anderen Piraten, welche, von dem Ufer herſchleichend, ſie in ihren Hinterhalt begleitet hatten, raſch nach dem Boote Jhinzulaufen, welches zweien von ihnen zur Auſſicht anver⸗ traut worden war. Ploͤtzlich aber wurden ſie auf ihrem We⸗ ge aufgehalten, und die verbrecheriſche Unternehmung ver⸗ eitelt. Mordaunt hatte ſeine Leute, aus dem natuͤrlichen Grunde, uͤber die Sicherheit der beiden Schweſtern wachen zu koͤnnen, unter Waffen treten laſſen. Sie hatten dem zufolge alle Piraten ſehr genau beobachtet, und als ſie ſo viele derſelben aus dem Boote kommen, und nach dem fuͤr Cleveland beſtimmten Zuſammenkunftsort ſchleichen ſahen, ſogleich Verraͤtherei ge ahnet, und ſich, unter dem Schutze eines alten Hohlweges oder Grabens, welcher vielleicht in früheren Zeiten mit dem Kreiſe der Deukſteine in Verbin⸗ duag geſtanden hatte, unvermerkt zwiſchen die Piraten und Ihr Boot gezogen. Auf das Geſchrei der Schweſtern ſpran⸗ gen ſie hervor, ſtellten ſich, den Raͤubern entgegen, und ſchlu⸗ gen ihre Flinten an, die ſie jedoch nicht abzufeuern wagten, da ſie fuͤrchten mußten, die jungen Frauenzimmer, welche die Böſewichter feſthielten, zu verwunden. Mordaunt eilte indeß mit der Schnelle eines wilden Hirſches auf Bunce zu der ungern ſeine Beute fahren laſſen wollte, und ſich, da er ſich nicht anders zu vertheidigen wußte, bald auf dieſe, bald auf jene Seite wandte, und ſo Brenda den Streichen aus⸗ ſetzte, welche Mordaunt auf ihn fuͤhrte. Dieſe Vertheidi⸗ gungsart half ihm aber nicht lange gegen einen Jüngling, welcher, von allen auf Shetland, die größte Behendigkeit und die kräftigſte Händ beſaß, ſo daß, nach einer oder zwei Finten, Mordaunt den Piraten durch einen Streich mit dem Kolben des Karabiners faͤllte, den er nicht anders zu gebrauchen wagen durfte. Zu gleicher Zeit ſchoſſen die, welche ſich nicht ſo in Acht zu nehmen brauchten, auf ein⸗ ander, und die Piraten welche Cleveland feſtgehalten hat⸗ ten, ließen dieſen natuͤrlich ſinken, um an ihre eigene Vertheidigung, oder ihren Ruͤckzug zu denken. Sie ver⸗ mehrten indeß dadurch nur die Anzahl ihrer Feinde, denn Cleveland riß, als er Minna in Derrick's Armen ſah, ſie dem Raͤuber mit einer Hand weg, und ſchoß ihn mit der andern auf der Stelle nieder. Noch zwei oder drei von den Piraten fielen, oder wurden gefangen genommen, die Uebrigen lluͤchteten ſich nach dem Boot, ſtießen ab, und feu⸗ erten wiederholentlich auf die Orkney⸗Inſulauer, die das Feuer erwiederten, wiewohl mit wenigem Erfolge von bei⸗ den Seiten. Mordaunt ging, nachdem er geſehen, daß die Schweſtern in Freiheit und in voller Flucht nach dem Hauſe begriffen waren, mit gezogenem Hauer auf Cleve⸗ land los. Der Pirat hielt ihm ein Piſtol entgegen, rief aus:„Mordaunt ich habe nie mein Ziel verfehlt,“ ſchoß es in die Luft ab, und warf es in den See, zog dann ſei⸗ nen Hauer, ſchwang ihn um den Kopf, und ſchleuderte ihn dann, ſo weit er nur konnte, nach derſelben Richtung hinweg. So groß war indeß der allgemeine Glaube an ſeine perſoͤnliche Staͤrke und ſeine Huͤlfsmittel, daß Mor⸗ daunt ſehr vorſichtig zu Werke ging, als er, ſich Cleve⸗ land nähernd, ihn fragte: ob er ſich ergaͤbe. „Ich ergebe mich Niemanden,“ ſagte der Piraten⸗ fen habe.“ Er wurde ſogleich von Einigen der Orkadier ergriffen, , Capitain:„aber Ihr ſeht, daß ich meine Waffen weggewor⸗ 12⁵ ohne daß er den geringſten Widerſtand geleiſtet haͤtte; aber Mordaunt's augenblickliches Dazwiſchentreten verhin⸗ derte, daß man ihn entweder hart behandelte, oder band. Die Sieger fuͤhrten ihn in ein wohlverwahrtes oberes Ge⸗ mach in dem Hauſe von Stennis, und ſtellten eine Schild⸗ wache an die Thuͤr. Bunce und Fletcher, welche Beide waͤhrend des Gefechts zur Er de niedergeſtreckt worden war. ren, wurden in daſſelbe Zimmer gebracht, und zwei Ge⸗ fangene, die von geringerem Range zu ſeyn ſchienen, in ein zu dem Hauſe gehoͤriges Gewoͤlbe geſperrt. Ohne die Freude Magnus Troll's beſchreiben zu wol⸗ len, als er, von dem Lärmen und dem Schießen erweckt, ſeine Toͤchter wohlbehalten, und ſeinen Feind gefangen fand, wollen wir nur das ſagen, daß er, wenigſtens im Augenblicke, ganz vergaß, auf welche Weiſe jene ſo in Ge⸗ fahr gerathen waͤren, daß er Mordaunt, als ihren Erhal⸗ ter, tauſend Mal an ſeine Bruſt drückte, und eben ſo oft bei den Gebeinen ſeines Namensverwandten ſchwur, daß, wenn er tauſend Toͤcher batte, ein ſo wackerer Junge und ein ſo treuer Freund aus ihnen waͤhlen können ſollte, was auch Lady Glourourum ſagen moͤchte. Ganz anders ſah es in dem Gemache aus, welches Cleveland und ſeinen Gefährten zum Gefaͤngniß diente. Der Capitain ſaß an dem Fenſter, die Augen auf das Meer gerichtet, das man aus dem Zimmer ſehen konnte, und⸗ dem Anſchein nach, ſo in den Anblick verſunken, daß er die Gegenwart der Andern gar nicht bemerkte. Jack Bunce ſuchte einige Verſe zuſammen, um eine Einleitung zu ſeiger Verſoͤhnung mit Cleveland zu machen; denn er fing, nach den Folgen, jetzt wohl einzuſehen an, daß ſein Plan, in Ruͤckſicht auf den Capitain, ſo wohl gemeint er 126 auch geweſen war, doch weder einen gluͤcklichen Ausgang gehabt hatte, noch ſehr gut aufgenommen werden duͤrfte. Sein Bewunderer und Anhaͤnger Fletcher lag, wie es ſchlen, halb eingeſchlafen, auf einem Rollbett im Zimmer, ohne im Geringſten an dem ſich jetzt entſpinnenden Ge⸗ ſpraͤche Theil zu nehmen. „Aber ſprich doch nur ein Wort mit mir, Clemens,“ ſagte der reuige Lieutenant:„waͤre es auch nur eine Ver⸗ wuͤnſchung gegen meine Dummheit— Wie keinen Fluch? Nun, dann iſt Alles hin, Wenn Clifford keinen Fluch für ſeine Freunde hat. Ich bitte Dich, ſey ſtill, und laß mich in Ruhe, ſagte Cleveland, ich habe nur noch einen Buſenfreund, und Du wirſt machen, daß ich ihn entweder gegen Dich, oder ge⸗ gen mich ſelbſt brauche. „Ich hab' es! Ich hab' es!“ ſagte Bunce, und ſuhr mit Jaffier's Worten fort: Nun, bei der Hölle, die mir zugebührt, ich wilt Dich nicht verlaſſen, bis Du mit Dir ſelbſt Verſöhnt Liſt, wie auch mich Dein Ingrimm treffen mag! Ich bitte Dich noch einmal, ſey ruhig! ſagte Cleve⸗ land: iſt es nicht genug, daß Du mich durch Deine Ver⸗ raͤtherey zu Grunde gerichtet haſt, mußt Du mich auch noch mit Deiner einfaͤltigen Poſſenreiſſerei plagen?— Wahrha ftig, ich haͤtte nicht geglaubt, Jack, daß von allen Menſchen oder Teufeln in jenem ungluͤcklichen Schiffe, ge⸗ rade Du einen Finger gegen mich aufgehoben haben wür⸗ deſt!“ „Wer, ich?“ rief Bunce aus:„ich einen Finger ge⸗ 12⁷ gen Euch aufheben! Und wenn ich es that, ſo geſchah es aus reiner Liebe, und um Euch zu dem gluͤcklichſten Men⸗ ſchen zu machen, der nur je ein Verdeck betrat, mit Eu⸗ rer Geliebten bei Euch, und fuͤnßzig tuͤchtigen Kerlen un⸗ ter Euerem Befehl. Hier Dick Fletcher kann mir bezeugen, daß Alles, was ich that, zu Euerem Beſten war, wenn er nur ſprechen wollte, ſtatt hier ſich hinzuſtrecken, wie ein hollaͤndiſcher Dogger, der kalfatert werden ſoll!— Komm ſteh auf, Dick, und ſprich fuͤr mich!“ „Ja Jack Bunce, antwortete Fletcher, indem er ſich mft Muͤhe erhob und mit ſchwacher Stimme ſprach, ich will, wenn ich kann— ich weiß Du ſpragſt und thateſt alles immer zum Beſten— indeſſen ſiehſt Du, iſt es dieß⸗ mal fuͤr mich das Schlechteſte geworden⸗ denn ich glaube ich verblute mich hier. „Du wirſt doch nicht ein ſolcher Eſel ſeyn!“ ſagte Jack Bunce, indem er, wie auch Clevelayd, herbeiſprang, ihm beizuſtehen. Allein die meuſchliche Huͤlfe kam zu ſpaͤt — er ſank zuruͤck auf das Bett, legte ſich auf das Geſicht, und verſchied ohne einen Laut. „Ich hielt ihn immer fuͤr einen verwuͤnſchten Narren,“ ſagte Bunce, indem er ſich eine Thraͤne aus dem Auge wiſchte,„aber doch nie für einen ſo vollkommenen Dumm⸗ kopf, daß er ſo einfaͤltig von der Stange fallen wuͤrde— ich habe an ihm den beſten Gefaͤhrten verloren.“ Hier wiſchte er ſich noch einmal die Augen. Cleveland blickte auf den Dodten hin, deſſen ſchroffe Zuͤge ſelbſt im Todeskampfe unveraͤndert geblieben waren.— Ein Bullenbeißer von aͤcht engli cher Zucht, ſagte er: der bei einer beſſeren Leitung, guch ein beſſerer Menſch ge⸗ worden ſeyn wuͤrde. . 128 „Das koͤnnt Ihr von andern Leuten auch ſagen, Ca⸗ pitain, wenn Ihr ihnen Gerechtigkeit wiederfahren laſſen wollt,“ ſagte Bunce. Allerdings, und vorzuͤglich von Dir, entgegnete Cle⸗ veland. „Nun denn, ſo ſprecht: Jack ich vergebe Dir,“ ſagte Bunce:„es ſind nur wenige Worte, und bald aus⸗ geſprochen. Ich vergebe Dir von ganzem Herzen, Jack, ſagte Cle⸗ veland, der ſeinen Sitz am Fenſter wieder eingenommen hatte und um ſo mehr, da Deine Thorheit ohnehin nichts mehr verderben kann— der Morgen iſt gekommen, der uͤber uns Alle Verderben bringen muß. Ihr denkt doch nicht an die Prophezeihung der alten Frau von der Ihr ſprecht?“ Sie wird bald in Erfuͤllung gehen, antwortete Cleve⸗ land.— Komm hieher: wofuͤr haͤltſt Du das große Schiff mit den Raaſegeln, welches Du dort um das Vorgebirge gegen Oſten, herumkommen und auf die Bucht von Strom⸗ neß zuſegeln ſiehſt? „ m, ich kann es noch nicht recht erkennen,“ ſagte Bunce,„aber der alte Goffe dort haͤlt es, glaub ich, fuͤr einen Weſtindienfahrer, mit Rum und Zucker beladen; denn mich ſoll der Teufel holen, wenn er nicht die Anker⸗ taue kappt und auf das Schiff zuſegelt!“ Statt in das untiefe Waſſer zu gehen, was ihn noch allein retten konnte, ſagte Cleveland. Der Thor! der Traͤumer! der verruͤckte, betrunkene Tropf! Nun, er wird ſein Getraͤnk heiß geuug zu trinken bekommen, denn das iſt 1²⁹ iſt der Halcyon— ſieh, da zieht er die Flagge auf, und giebt eine volle Lage! Und nun wird es mit dem Liebling des Gluͤckes halb zu Ende ſeyn! Ich hoffe nur, ſie werden ſich bis auf das letzte Brett ſchlagen. Der Bootsmann pflegte ſonſt wohl brav genug zu ſeyn, und das iſt Goffe auch, wenn gleich ein eingefleiſchter Teufel. Jetzt ſegelt die Schaluppe ab, mit aulen Segeln, die ſie beiſetzen kann, und das zeigt doch einigen Verſtand. „Da geht der luſtige Roger, die alte ſchwarze Flagge mit dem Todtenkopfe und dem Stundenglaſe, herauf, ſagte Bunce: und das zeigt doch etwas Muth.“ Das Stundenglas iſt für uns dießmal umgekehrt— unſer Sand auft ſchnell. Feuert zu, Ihr Räuberjungen! Beſſer auf dem Meeresgrunde oder im blauen Himmel oben als einen Strick um den Hals, und an der Raa⸗Nocke. Es war jetzt— ein Augenblick einer ängſtlichen und todten Stille; die Schaluppe unterhielt, wenn ſie gleich hart bedrängt wurde, doch im Segeln ein Gefecht, waͤh⸗ rend die Fregatte in voller Jagd blieb, ohne jedoch das Feuer ſehr zu erwiedern. Endlich näherten ſich die Schiffe einander, ſo daß man deutlich ſah, das Kriegsſchiff wolle, ſtatt die Schaluppe in den Grund zu bohren, ſie entern, wahrſcheinlich um ſich der Beute zu verſichern, welche auf dem Piratenſchiffe befindlich ſeyn konnte. „Nun Goffe— nun Boorsmann!“ rief Cleveland in der aͤußerſten Ungeduld aus, und fuhr fort, als ob ſie ſein Commando haͤtten hören können:„auf Halſen und Schoo⸗ ten! Gebt ihr eine volle Lage, wenn Iyr unter ihrem Buze ſeyd, dreht das Schiff, und geht dann, mit der andern Halſe davon wie eine wilde Gans! Die Segel ſtehen in W. Scott's Wekre. CXIV.. 9 130 den Wind— das Ruder iſt in Lee— ach! mag die See die Schurken verſchlingen!,— Das Schiff will nicht wenden, und die Fregate entert!“ Die verſchiedenen Bewegungen der Jagd hatten die bei⸗ den Schiffe einander ſo nahe gebracht, daß Cleveland, mit ſeinem Fernglas, deutlich bemerken konnte, wie die Mann⸗ ſchaft des Kriegsſchiffs in unwiderſtehlicher Menge durch die Ragen und den Bugſpriet enterte, und ihre gezoge⸗ nen Hauer iun der Sonne blitzten, als in dieſem entſcheiden⸗ den Augenblicke beide Schiffe in eine dicke Rauchwolke ein⸗ gehuͤllt wurden, welche ploͤtzlich am Bord des genommenen Piraten aufſtieg. „Exeunt omnes,“ ſagte Bunce, mit gefaltenen Hän⸗ den. 4 Da geht der Liebling des Glücks hin, Schiff und Mann⸗ ſchaft, ſagte Cleveland im ſelben Augenblicke. Der Rauch verzog ſich indeß ſogleich wieder, und man fah daß der Schade nur theilweis geweſen, und daß, aus Manget an Pulver der verzweifelte Verſuch der Piraten, ihr Schiff mit dem Halcyon in die Luft zu ſprengen mißlun⸗ gen war. Kurz nachdem das Treffen voruͤber war, ſchickte Capi⸗ tain Weatherport vom Halcyon einen Offizier und eine Abtheilung Seeſoldaten nach dem Hauſe von Stennis, um die Auslieferung der gefangenen Piraten, und namentlich Cleveland's und Bunce's zu fordern, welche als Capitain und Lieutenant der Bande angeſehen wuͤrden. Dieß war ein Pegehren, dem man ſich nicht weigern konnte, obgleich Magnus Troill es ſehr gern geſehen haben wuͤrde, wenn man das Dach, unter welchem er wohnte, we⸗ nigſtens als eine Freiſtaͤtte fuͤr Cieveland behandelt haͤtte. 131 Allein die Befeble, welche der Offizier empfangen hatte, waren unbedingt, und er fuͤgte hinzu, daß es Capitain Wea⸗ therport's Plan ſey, die uͤbrigen Gefangenen an das Land bringen, und ſie ſämmtlich, mit einer binlaͤnglichen Bede⸗ ckung, quer über die Inſel nach Kirkwall za ſchicken, damit ſie dort von der buͤrgerlichen Obrigkeit vernommen wuͤrden, ehe man ſie nach London abſendete, um von dem Admirali⸗ taͤts⸗Gerichtshofe ihr Urtheil zu emofangen. Es dlieb alſo Magnus nichts weiter ubrig, als ſich dafär zu verwenden⸗ daß man Clevekand gut behandeln, und ihn nicht feiner Kleider und Sachen berauben moͤge, was auch der Offizier, auf den ſein gutes Aeuseres Eindruck machte, und der ſel⸗ ne Lage bemitleidete, willig verſprach. Der ehrliche Udal⸗ ler haͤtte gern Cleveland ſelbſt etwas zum Troſte geſagt, allein er konn“e keine Worte dazu finden, und ſchüttelte nur ſchwelgend den Kopf. „Alter Freund,“ ſagte Cleveland:„Ihr habt ſo ge⸗ gruͤndete Urſach zur Klage uͤber mich— und doch bedau⸗ ert Ihr mich, ſtatt Euch uͤber meinen Fall zu freuen.— Euer und der Eurigen wfllen, werde ich nie wieder einem menſchlichen Weſen Leid zufuͤgen. Nehmt dieß hin— mei⸗ ne letzte Hoſfnung, aber auch meine letzte Verſuchung.— „Mit dieſen Worten zog er ein Taſchenpiſtol aus dem Bu⸗ ſen, und gab es Magaus Troil.„Gedeukt meiner bei— doch nein— es ſoll niemand mehr meiner gedenken.— Ich bin Ihr Gefangener,“ ſagte er zum Offizier. Ich ebenfalls, ſagte der arme Bunce, und deklamirte mit einer theatraliſchen Gebehrde, und nicht ſehr bemerkba⸗ ren Erſchuͤtterung der Stimme, Pierre's Worte: 3 9. ——— 132 Ihr Capitain, Ihr ſeyd ein Ehrenmann, So haltet denn den Pöbel von mir ab, Damit ich frei mein Schickſal mag erdulden, Und mit gehör gem Anſtand ſterben kann. Achtes Kapitel. Nun Freude, Freud' in London! Southey. Die Nachricht von der Wegnahme des Piraten kam ungefaͤhr eine Stunde vor Mittag nach Kirkwall, und er⸗ fuͤllte dort Alles mit Verwunderung und Freude. Es wur⸗ den an dieſem Tage auf dem Markte faſt gar keine Ge⸗ ſchaͤfte gemacht; denn Leute jedes Alters und Gewerbes ſtroͤmten nach dem Orte hin, um die Gefangenen zu ſehen, wie ſie durch Kirkwall gefuͤhrt wurden, und ſich daruͤber zu freuen, wie ſie jetzt veraͤndert ausſahen, in Verzleich mit der Zeit, wo ſie noch in den Straßen der Stadt umher⸗ ſtolzirten, tobten und pochten. Bald ſah man die Bajon⸗ nette der Seeſoldaten in der Sonne blitzen, und jetzt kam der truͤbſelige Haufe der Gefangenen, von denen immer zwei und zwei an einander gefeſſelt waren. Ihre glaͤnzen⸗ den Anzuͤge waren ihnen theils von den Siegern abgeriſ⸗ ſen worden, theils hingen ſie in Lumpen um ſie her; Meh⸗ rere von ihnen waren verwundet und mit Blut bedeckt, Mehrere von dem Auffliegen des Pulvers, womit einige wenige der Verwegenſten das Schiff hatten in die Luſt ſprengen wollen, geſchwaͤrzt und beſchaͤdigt. Die Meiſten 133 von ihnen waren finſter und zeigten keine Reue; Manche ſchlenen mehr Gefuͤhl fuͤr ihre Lage zu haben, und einige Wenige boten ihrem Schickſale Trotz und ſangen dieſelben gottloſen Lieder, von denen die Straßen von Kirkwall er⸗ toͤnt hatten, als ſie noch luſtigen Muthes waren. Der Bootsmann und Goffe, welche zuſammengeſchloſſen waren, erſchoͤpften ſich in Drohungen und Verwuͤnſchungen gegen einander: der erſte beſchuldigte Goffe der Unwiſſen⸗ heit in der Steuermannskunſt, und der letztere behauptete, daß der Bootsmann ihn daran verhindert habe, das Pul⸗ ver, das im Vordertheil lag, anzuzuͤnden, und ſie ſo Alle zuſammen in die andere Welt zu ſchicken. Zuletzt kamen Cleveland und Bunce, die man ungefeſſelt gehen ließ. Das auſtändige traurige, aber eutſchloſſene Weſen des er⸗ ſteren ſtach ſehr ſonderbar gegen den theatraliſchen Gang und den pochenden Trotz ab, den der arme Jack, um ei⸗ nige weniger edle Bewegungen zu verbergen, anzunehaen fur gut gefunden hatte. Man betrachrete den Erſtern mit Theilnahme, den Letzteren mit einem Gemiſch von Verachtung und Mitleid, waͤhrend die meiſten der Uebri⸗ gen durch ihre Blicke und ihre Sprache Abſcheu und ſelbſt Furcht einfloͤßten. Es gab jedoch Jemand in Kirkwall, der ſich ſo wenig beeilte, das zu ſehen, was Aller Augen auf ſich zog, daß er von der Begebeahelt, welche die Stadt in Bewegung ſetzte, nicht einmal etwas wußte. Dieß war Mertoun, der Vater, der ſich ſeit zwei oder drei Tagen in Kirkwall auf⸗ hielt, von denen er einen Theil damit zugebracht hatte, bei einer gerichtlichen Verhandlung gegenwaͤrtig zu ſeyn, welche auf Veraslaſſung des General⸗Fiscals, gegen den ehrenfeſten Glaͤubigen, Bryce Snallsfoot, eingeleitet wor⸗ 134 den war. Im Gefolge einer Unterſuchung uͤber das, was dieſer wuͤrdige Handelsmann gethan, war Cleveland's Kiſte, mit ſeinen Papieren und dem uͤbrigen Inhalt, Mertoun, als dem geſetzlichen Bewahrer deſſelben, zuruͤckgegeben wor⸗ den, um ſie an ſich zu nehmen, bis der rechtmaͤßige Eigen⸗ thuͤmer in der Lage ſeyn wuͤrde, ſein Recht darauf geltend zu machen. Mertoun hatte Anfangs Luſt, der Gerechtig⸗ keit das Pfand zu uͤderlaſſen, das ſle ihm anvertrauen zu wollen ſchien; als er aber eines oder zwei von den Paple⸗ ren geleſen, aͤnderte er ſchnell ſeinen Entſchluß, bar, in ab⸗ gebrochenen Worten, die obrigkeitliche Perſon, ihm die Kiſte in ſeine Wohnung ſenden zu laſſen, eilte nach Hauſe, und verriegelte ſich hier in ſeinem Zimmer, um die ſonderbaren Aufſchluſſe, welche der Zufall ihm hier geeben, und welche in zehnfachem Grade ſeine Ungeduld nach einer Zuſammen⸗ kunft mit der geheimnißvollen Norna von Fitful⸗Head Krissrten, naͤber zu uͤberlegen und zu verarbeiten. Man wird nh erinnern, daß, als Beide auf dem Kirch⸗ hofe der Sankt Ninianskirche von einander ſchleden, ſie ihm angedeutet hatte, ſich um die Mittagsſtunde, am fuͤnf⸗ ten Tage des Sankt Olla's⸗Marktes, in dem aͤuheren Sei⸗ tengange der Sankt Magnus⸗Kathedrale einzufinden, wo er Jemanden autreffen wuͤrde, der ihm uͤder Mordaunt's Schickſal Auskunft ertheilen wuͤrde. Dieß muß ſie ſelbſt ſeyn, ſagte er: und daß ich ſie jetzt ſehen muß, iſt klar. Wie ich ſie fruͤher auffinden ſoll, weiß ich nicht, usd es wird beſſer ſeyn, ein Paar Stunden ſelbſt in dleſer drin⸗ genden Angelegenheit zu verlieren, als ſie durch einen vor⸗ eiligen Verſuch, mich ihr aufzudringen, zu beleidigen. Lange vor Mittag— lange ehe die Bewohner von Kirkwall durch die Nachricht von den Ereigniſſen an dem 1³3⁵ andem Ende der Inſel in Bewegung geſetzt worden waren, gieng alſo Mertoun ſchon in dem verlaſſenen Seiten⸗ gange der Kathedrale auf und ab, und erwartete mit krampk⸗ hafter Begierde die erwartete Mittheilung Norna's. Die Glocke ſchlug zwoͤlf, keine Thuͤre oͤffnete ſich, Niemand trat in die Kathedrale; Laum aber war der letzte Ton in dem Gewoͤlbe verhallt, als, aus einem der innern Seitengaͤnge hervorgleitend, Norna vor ihm ſtand. Merroun, ohne auf das ſcheinbar Geheimnißvolle ihrer ploͤtzlichen Annaͤherung zu achten(mit deren Bewandniß der Leſer ſchon bekannt iſt), gieng ſogleich mit dem aͤngſtlichen Ausrufe auf ſie zu: „Ulla— Ulla Troil— hilf mir unſern ungluͤcklichen Knaben retten!“ „Auf Ulla Troil,“ ſagte Norna:„antworte ich nicht; ich gab dieſen Namen den Winden in der Nacht hin, die mir einen Vater koſtete!“ „Sprich nicht von jener Nacht des Schreckens,“ ſagte Mertoun:„wir haben unſere Vernunft noͤthig— laß uns nicht Erianerungen auffriſchen, welche dieſe in Gefahr brin⸗ gen koͤnnten, ſondern hilf mir, wenn Du kannſt, unſer un⸗ gluͤckliches Kind retten!“ „Vaughan,“ antwortete Norna:„es iſt ſchon ge⸗ rettet— ſchon lange gerettet; glaubt Ihr, daß die Hand einer Mutter, wie ich bin, Eure ſchleichende, zoͤgernde, un⸗ wirkſame Huͤlfe abwarten wuͤrde? Nein, Vaughan, ich ent⸗ huͤlle mich Euch nur, um meines Triumphs uͤber Euch zu genießen: dieß iſt die einzige Rache, welche die maͤchtige Norna ſich fuͤr das Ulla Troil angethane Unrecht erlau⸗ ben will.“ „Haſt Du ihn wirklich gerettet— ihn aus den Haͤn⸗ den des moͤrderiſchen Schiffsvolkes gerettet? Sprich, und 136 rede die Wahrheit! Ich will Alles glauben— Alle⸗ glau⸗ ben, was Du mir ſagen willſt! Beweiſe mir nur, daß er fort und in Sicherheit iſt!“ „Er iſt fort und in Sicherheit,“ ſagte Norna:„durch mich in Sicerheit, und ſieht einer ehreavollen und gluͤckli⸗ chen Verbindung entgegen. Ja, Upglaͤubiger! ja, kluger und duünkelvoller Unglaͤubiger! dieß war Norna's Werk! Ich hatte Dich ſchon ſeit mehreren Jahren erkannt, wuͤrde mich aber nie Dir zu erkennen gegeben haben, waͤre es nicht in dem triumphirenden Bewußtſeyn geſchehen, das Geſchick, welches meinem Sohn drohte, in meiner Gewalt zu haben. Alles vereinigte ſich gegen ihn, die Sterne, welche ihm den Tod in den Wellen droheten— Verbin⸗ dungen, welche auf Blut deuteren— aber meine Eiuſicht uͤberwand ſie alle. Ich ordnete an, ich ſtellte zuſammen— ich fand Mittel— ich erdachte ſie— jedes Ungemach ward abgewandt, und welcher Unglaͤnbige auf Erden, oder wel⸗ Ser ſtoͤrrige Daͤmon außer den Graͤnzen dieſer Erde, kann nun noch meine Macht laͤugnen?“ Die wilde Begeiſterung, mit der ſie ſprach, glich ſo fehr dem triumphirenden Wahnſinne, daß Mertoun aut⸗ wortete:„Waͤren Eure Anſpruͤche weniger hoch und Eure Sprache gemaͤßigter, ſo wuͤrde ich uͤber die Sicherheit mel⸗ nes Sohnes ruhiger ſeyn.“ „So zweifle denn immerhin, eitler Zweifler!“ ſagte Norna:„und wiſſe dennoch, daß nicht allein unſer Sohn in Sicherheit iſt, ſondern daß ich auch geraͤcht bin, obaleich ich keine Rache ſuchte— geraͤcht an dem maͤchtigen Werk⸗ zeuge der finſtern Maͤchte, welche meine Plaͤne ſo oft ver⸗ eitelten und ſelbſt das Leben meines Sohnes bedrohten— ja, nimm es als Gewaͤhrleiſtung fur die Wahrheit meiner Rede an, daß Cleveland, der Pirat Cleveland, in dieſem Augenlicke nach Kirkwall als Gefangener hereingebracht und bald mit ſeinem Leben es buͤßen wird, Blut vergoſſen zu haben, welches dem Blute Norna's verwandt iſt.“ „Wer, ſagteſt Du, ſey ein Gefangener?“ antworiete Mertoun mit donnernder Stimme: wer, ſagteſt Du, Weib, ſollte ſeine Verbrechen mit ſeinem Leben buͤßen?“ Cleveland— der Pirat Cleveland, antwortete Nor⸗ na:„und mir, deren Rath er verachtete, iſt es vergoͤnnt worden, ihm ſein Schickſal zu bereiten.“ „Ungluͤcklichſte aller Frauen!“ ſagte Mertoun, zwiſchen ſeinen zuſammen gebiſſenen Zaͤhnen hindurchſprechend:„Du haſt, wie Deinen Vater, auch Deinen Sohn gemordet!“ „Meinen Sohn! welchen Sohn! was meint Ihr? Mordaunt iſt Euer Sohn— Euer einziger Sohn!“ rief Nor⸗ na aus:„Iſt er es nicht— ſagt mir ſchnell— iſt er es nicht?“ „Mordaunt iſt allerdings mein Sohn,“ ſagte Mer⸗ toun:„wentgſtens geben mir ihn die Geſetze dazu— aber ach! ungluͤckliche Ulla! Cleveland iſt Dein Sohun ſo gut, als der meinige— Blut von unſerm Blut, Bein von un⸗ ſerm Bein, und wenn Du ihn dem Tode geweiht haſt, ſo will ich mein elendes Leben mit ihm enden!“ „Halt', bleib'— beruhige Dich, Vaughan!“ ſagte Nor⸗ na:„ich bin noch nicht uͤberwaͤltigt— beweiſe mir nur, daß das, was Du da ſagſt, wahr iſt, und ich will Huͤlfe ſchaffen, und wenn ich die Hoͤlle emporrufen ſollte!— aber beweiſe die Wahrheit Deiner Worte, ſonſt kann ich ihnen keinen Glauben beimeſſen.“ „Du, helfen! elendes, duͤnkelvolles Weib! wozu haben Dich Deine Zuſammenſtellungen— Deine Liſten— die Taſchenſpleleret des Wahnſinns— der bloße Betrug der Geiſtesverwirrung— wozu hat Dich dieß alles gebracht? und doch will ich mit Dir, als 88 einer Vernuͤnftigen re⸗ den; ja, ich will Deine Macht zugeben— hoͤre denn, Ul⸗ la, die Beweiſe, welche Du verlangſt, und finde ein Mittel aus, wenn Da kannſt.“ „Als ich von Orkney entfloh,“ fuhr er nach einer Pauſe fort:„es iſt jetzt fünf und zwanzig Jahre her— nahm ich das ungluͤckliche Weſen mit, dem Du das Leben gege⸗ ben hatteſt. Einer Deiner Verwandten ſandte es mir zu, mit der Nachricht von Deiner Krankheit, welcher bald die allgemein geglaubte Sage von Deinem TDode folgte. Ich brauche nicht zu erzaͤhlen, in welchem Jammtr ich Europa verließ. Ich fand einen Zufluchtsort auf Hiſpaniola, wo eine ſchoͤne junge Spanlerinn das Amt uͤbernahm, mich zu troͤſten. Ich hetrathete ſie— ſie wurde Mutter des Juͤng⸗ lings, der den Namen Mordaunt Mertoun fuͤhrt.“ Du heiratheteſt ſie!— ſagte Norut mit dem Tone des tiefen Vorwurfs. „Ja, Ulla,“ antworkete Mertoan:„aber Du wurdeſt geraͤcht. Sie ward mir un atreu, und ihre Untreue erregte mir den Zweifel, ob das Kind, welches ſie geboren hatte, ein Recht habe, mich Vater zu nennen— doch auch ich ward geraͤcht.“ Du ermordeteſt ſie!— ſagte Norna mit einem furcht⸗ baren Schrey. „Ich that etwas,“ ſagte Mertoun, ohne geradezu auf ihre Frage zu antworten:„was eine ſchyelle Flucht von Hiſpaniola nochwendig machte. Deinen Sohn nahm ich mit mir nach Tortuga, wo wir eine kleine Niederlaſſung hatten. Mordaunt Vaughan, mein Sohn aus meiner Ehe, welcher ungefaͤhr drei oder vier Jahre juͤnger als der an⸗ dere war, war in Port⸗Royal, um eine Erziehung nach engliſcher Weiſe erhalten zu koͤnnen. Ich beſchloß, ihn nie 139 wieder zu ſehen, fahr aber fort fuͤr ſeinen Unterhalt zu ſorgen. Unſere Niederlaſſung ward von den Spaniern ge⸗ pluͤndert, als Clemens erſt fuͤnfzehn Jahr alt war— der Mangel ſteigerte die Verzweiflung und vermehrte die Span⸗ nungen eines bennruhigten Gewiſſens. Ich wurde ein Cor⸗ ſar, und zog Clemens mit in dieß verzweifelte Gewerbe hinein. Seine Gewandtheit und ſein Murh verſchafften ihm, obgleich er damals nur ein bloßer Knabe war, ein abge ondertes Commando⸗ Nach Verlauf von zwei oder drei Jahren, wo wir auf verſchiedenen Streifereien waren, em⸗ voͤrte ſich mein Schiſſsvolk gegen mich, und ließ mich fuͤr todt am Ufer einer der Bermudas zuruͤck. Ich genas in⸗ deß wieder, und meine erſte Frage, nach einer langwieri⸗ gen Krankheit, war die nach Clemens. Auch er war, wie ich hoͤrte, von einer emporeriſchen Schlffsmannſchaft ma⸗ ronirt und auf einer einſamen Inſel ausgeſetzt worden, dort Hungers zu ſterben.— Ich glaubte, er ſey auf dieſe Art umgekommen. und woher glaubſt Du daß dieß nicht der Fall gewe⸗ ſen ſey? ſagte Ulla: oder woraus geht es bervor, daß die⸗ ſer Cleveland mit Vaughan ein und dleſelde Perſon ſey? „Es iſt bei Abenteurern der Art etwas ganz Gewoͤhn⸗ liches, ihre Namen zu verändern,“ antwortete Mertoun, und Clemens hatte wahrſcheinlich gefunden, deß der Name Vaughan zu beruͤchtigt geworden war. Dieſe Veraͤnderung verhinderte aber auch zugleich, daß ie irgend eine Nach⸗ richt von ihm erhielt. Jezt ſieng ich an, Gewiſſensbiſſe zu empfinden, und, von Abſcheu gegen die ganze Natur, be⸗ ſonders aber gegen das Geſchlecht erfuͤllt, dem Louiſa an⸗ gehoͤrte, beſchloß ich, auf den wilden ſhetlaͤndiſchen Inſeln, fuͤr den uͤbrigen Theil meines Lebens, Buße zu thun. Mich ——nͤͤͤ 140 35 ſtrengen Faſten und der Geiſel zu unterwerfen, war der Rath der heiligen kathollſchen Prieſter, die ich befragte. Ich erdachte jedoch eine edlere Buße— ich beſchloß, den ungluͤcklichen Knaben Mordaunt mirzunehmen, und das lebende Denkzeichen meines Elends und meiner Schuld im⸗ mer vor Augen zu behalten. Dieß habe ich gethan, und ſo oft uͤber Beide nachgedacht, daß die Vernunft oͤfter auf ihrem Throne gezittert hat. Und jezt erſteht, um mich zum reinen Wahnſinn zu bringen, mein Clemens— mein eigener, unbezweifelter Sohn, von den Todten, und wird, durch die Anſchlaͤge ſeiner eigenen Mutter, einem ſchmach⸗ vollen Tode zugefuͤhrt.“ Hinweg! hinweg! rief Norna mit Lachen, als ſie die Geſchichte zu Ende gehoͤrt hatte: dieß iſt ein Maͤhrchen, das der alte Korſar erdacht hat, um meine Huͤlfe fuͤr ei⸗ nen ſchuldbedeckten Kameraden in Anſpruch zu nehmen. Wie ſollte Clemens, und nicht Mordaunt mein Sohn ſeyn, da ſie an Alter ſo verſchieden ſind? „Die dunkele Geſichtsfarbe und die maͤnnliche Geſtalt Mordaunts koͤnnen viel dazu beigetragen haben,“ ſagte Baſil Mertoun:„die Einbildungskraft that das Uebrige.“ Nun wohl, gieb mir Beweiſe,— gieb mir Beweiſe, daß dieſer Cleveland mein Sohn iſt— und die Sonne ſoll eber im Oſten untergehen, als daß ſie im Stande ſeyn ſollen, ein Haar auf ſeinem Haupte zu kruͤmmen. „Dieſe Papiere, dieſe Tagebuͤcher!“ ſagte Mertoun, indem er ihr die Brieftaſche hinreichte. Ich kann ſie nicht leſen— ſagte ſie, nach einem Ver⸗ ſuche, dies zu thun— mein Gehirn iſt verwirrt. „Clemens hatte auch Zeichen bei ſich, deren Du Dich erinnern mußt, allein ſie muͤſſen die Beute derer geworden 141 4 ſeyn, die ihn gefangen genommen haben. Er hatte eine ſilberne Doſe, mit einer Runen⸗Inſchrift, welche Du mir in jenen Tagen gabſt— einen goldenen Roſenkranz—“ Eine Doſe! ſagte Norna ſchnell: Cleveland gab mir erſt geſtern eine— ich habe ſie noch nicht genauer be⸗ trachtet. Sie zog ſie haſtig heraus— ſah haſtig die Schrift um den Deckel her an, und rief eben ſo haſtig aus: wohl mag man mich die Reimkennar nennen, denn an dieſen Reimen erkenne ich— daß ich meinen Vater und meinen Sohn gemordet habe! Die Ueberzeugung, daß ſie bis jezt von einer furcht⸗ baren Taͤnſchung verblendet geweſen ſey, wirkte ſo gewal⸗⸗ tig auf ſie, daß ſie am Fuße eines der Pfeiler zuſammen ſank. Mertoun rief nach Huͤlfe, obgleich mit weniger Hoff⸗ nung, deren zu erhalten, aber der Kuͤſter trat herein, und ohne alle Ausſicht, jezt von Norna beigeſtanden zu werden, ſtuͤrzte der verzweiflungsvolle Vater hinaus, um wo moͤg⸗ lich etwas uͤber das Schickſal ſeines Sohnes zu erfahren. Neuntes Kapitel. So geht hin, und ſchreit: Pardont Gay's Bettleroper. Capitain Weatherport war unterdeſſen in eigener Perſon in Kirkwall angelangt, und mit großer Freude und Dankbarkeitsbezeugungen von dem Masiſtrat empfangen 1 14² worden, der ſich zu dem Ende verſammelt hatte. Vor al⸗ len konnte aber der Burgermeiſter nicht genug ſeine Freude uͤber die gluͤckliche Erſcheinung des Halcyon, gerade in dem Augenblicke, wo der Seeraͤuber ihm nicht entgehen konnte, an den Tag legen. Nicht ohne Verwunderung ſah ihn der Capitain an, und ſagte: Nun, das ſeyd Ihr den Nachrichten ſchuldig, die Ihr mir ſeldſt gegeben habt. „Die ich gegeben habe?“ ſagte der Buͤrgermeiſter ganz erſtaunt. Ja allerdings, antwortete Capitain Weatherport. Wenn ich recht bin, ſo ſeyd Ihr doch Georg Torfe, die erſte obrigkeitliche Perſon von Kirkwall, von der dieſer Brief un⸗ terzeichnet iſt. Der erſtaunte Buͤrgermeiſter nahm den Brief, welcher an Capitain Weatherport von Halcyon gerichtet war, und die Nachricht von der Aukunft, Staͤrke u. ſ. w. des Fahr⸗ zeuges der Seeraͤuber enthielt, jedoch hinzufuͤgte: daß dieſe bereits gehoͤrt haͤtten, der Halcyon befaͤnde ſich an der Kuſte, daß ſie auf ihrer Hut waͤren, und ſich dadurch ihm entziehen wuͤrden, daß ſie zwiſchen den Klippen und den Inſeln und Holms hindurchgingen, wohin ihnen die Fre⸗ garte nicht folgen koͤnnte; daß endlich, wenn es zum Aeuſ⸗ ſerſten kaͤme, ſie verzweifelt genug waͤren, die Schaluppe ans Land laufen zu laſſen, und ſie in die Luft zu ſprengen, wodurch die Sieger ſehr viele Beute und Schaͤtze verlieren wuͤrden. Der Schreiber dieſes Briefes gab deßwegen den Rath, daß der Halcyon zwiſchen Duncansby⸗ Head und Cap⸗Wrath zwei oder drei Tage lang kreuzen ſolle, um die Piraten von der Unruhe zu befreien, welche ſeine Naͤhe ihnen verurſacht habe, und ſie einzuſchlaͤfern, um ſo 143 mehr, da der Schreiber wiſſe, daß es ihre Abſicht ſey, ſo⸗ bald die Fregatte ſich von der Kuͤſte entfernt habe, nach der Bucht von Stromness zu gehen, und dort ihre Kanonen, einiger noͤthigen Ausbeſſerungen des Schiffes wegen, ja ſelbſt, um es zu kalfatern, wenn ſie Gelegenheit dazu faͤn⸗ den, an das Land zu bringen. Der Brief ſchloß damtt, daß der Schreider den Capitain Weatherport verſicherte, daß wenn er mit der Fregatte am 2aſten Auguſt in die Bucht von Stromness einlaufe, er an den Piraten einen guten Fang thun würde,— kaͤme er fruͤher, ſo moͤchte er ſie wohl verfehlen. „Ich habe dieſen Brief weder geſchrieben, noch unter⸗ ſchrieben, Capitain Weatherport,“ ſagte der Buͤrgermei⸗ ſter:„auch wuͤrde ic wohl nicht gerathen haben, Euere Ankunft zu verſchieben.“ Jezt kam die Reihe des Erſtaunens an den Capitakn. Alles, was ich weiß, ſagte er: iſt daß ich das Schreiben erhielt, als ich in der Bucht von Thurſo war, und daß ich den Leuten von dem Boote, das es brachte, fuͤnf Dol⸗ lars ſchenkte, da ſie bei ſehr ſtuͤrmiſchem Wetter uͤber die Pentland⸗Firth gegangen waren. Sie hatten einen ſtum⸗ men Zwerg zum Steuermann, die haͤßlichſte Mißgeburt, die meine Augen je geſehen haben.— Die Genauigkelt Euerer Angaben macht Euch alle Ehre, Herr Buͤrger⸗ meiſter. „Nun, es iſt gut, daß es ſo gekommen iſt,“ ſagte der Buͤrgermeiſter;„indeß iſt es ſehr die Frage, ob nicht der Schreiber dieſes Briefes es lieber geſehen haben wuͤrde, wenn Ihr das Neſt kalt, und die Voͤgel ausgeflogen ge⸗ fanden haͤttet.“ 144 Mit dieſen Worten reichte er den Brief Magnus Troll hin, der ihn mit einem Laͤcheln, aber ohne weiter etwas zu ſagen, zuruͤckgab, da er eben ſo, wie der ſcharfſinnige Leſer, jezt wohl begriff, warum Norna die Ankunft des Halcyon ſo genau vorher zu beſtimmen im Stande ge⸗ weſen war. Ohne ſich weiter um die Aufhellung eines Umſtandes Muͤhe zu geben, der einmal unerklaͤrlich ſchlen, bar Capl⸗ tain Weatherport, daß die Vernehmung beginnen moͤchte. Cleveland und Altamont, wie er ſich zu nennen beliebte, wurden von der Mannſchaft des Piraten zuerſt vorgefuͤhrt, da ſie als Capitain und Lieutenant angegeben waren. Die Unterſuchung hatte gerade ihren Anfang genommen, als, nach einigem Wortſtreit mit den Gerichtsdienern, welche an der Thuͤre Wache ſtanden, Baſil Mertonn in das Zim⸗ mer ſtuͤrzte, und ausrief:„Nehmt das alte Opfer fuͤr das junge hin! Ich bin Baſil Vaughan, nur zu wohl bekannt in der Gegend unter dem Winde— nehmt mein Leben, und ſchont das meines Sohnes!"“”“ Alle waren erſtaunt, Niemand aber mehr als Magnus Troil, der ſchnell die obrigkeitlichen Perſonen und den Ca⸗ pitain Weatherport verſicherte, daß dieſer Mann ſchon ſeit einer Reihe von Jahren auf dem Feſtlande von Shetland friedlich und rechtlich gelebt habe. In dieſem Falle, ſagte der Capitain, habe ich mit dem armen Manne nichts zu thun, denn zwei Begnadi⸗ gungs⸗Bekanntmachungen ſichern ihm ſeine Strafloſigkeit, und wahrhaftig wuͤnſchte ich, da ich ſie ſo Einen an des Andern Halſe hangen ſehe, ich koͤnnte eben das vom Sohne ſagen. „Aber S 145 „Aber, wie iſt das— wie kann das ſeyn?“ ſagte der Buͤrgermeiſter:„wir nannten den alten Mann immer Mertoun, und den jungen Cleveland, und jezt ſcheint es, daß Beide Vaughan heißen.“ Vaughan, ſagte Magnus, iſt ein Name, der mir mehr als zu wohl bekannt iſt, und nach dem, was ich neulich von meiner Baſe Norna gehoͤrt habe, hat der alte Mann ein Recht, ihn zu fuͤhren. „und ich glaube, der junge Mann ebenfalls,“ ſagte der Capltain, der waͤhrend der Zeit ein Papier durchlauſen hatte.„Hoͤrt mich einen Augenblick an⸗“ ſagte er, indem er ſich zu dem juͤngern Vaughan wandte, den wir, his jezt, Cleveland genannt haben.„Ihr ſollt Clemens Vaughan heißen, junger Mann— ſeyd Jhr derſelbe, der, damals noch ein bloſer Knabe, einen Haufen Seeraͤuber befehligte, welcher vor ungefaͤhr acht oder neun Jahren ein ſpaniſches Dorf, Quempoa, auf dem ſpaniſchen Feſt⸗ lande pluͤnderte, um einige Schaͤtze zu rauben?“ Es wuͤrde mir doch zu nichts helfen, es zu laͤugnen, antwortete der Gefangene. „Nein,“ ſagte Capitain Weatherport:„allein es kann Euch ſehr viel nuͤtzen, wenn Ihr es eingeſtehet. Die Maulthiertreiber entkamen mit den Schaͤtzen, waͤhrend Ihr, mit Gefahr Eures eigenen Lebens, die Ehre zweier ſpani⸗ ſchen Damen gegen die Angriffe Euerer Begleiter verthei⸗ digtet; erinnert Ihr Euch irgend etwas davon?“ O, ja, ſagte Bunce: ich erinnere mich; denn unſer Capitain hier wurde ſeines edlen Betragens wegen maro⸗ nirt, und ich entging nur mit Muͤhe der Strafe gepeitſcht W. Scott's Werke, CXIV. 10 und gezuͤchtigt zu werden, weil ich mich ſeiner angenom⸗ men hatte. „Wenn dieß alles ſich ſo verhaͤlt, ſo iſt Vaughan's Leben außer Gefahr— die Frauenzimmer, welche er ret⸗ tete, waren Damen von Stande, Toͤchter des Gouverneurs der Provinz, und ſchon vor langer Zeit hat der dankbare Spanier bei unſerer Regierung darum nachgeſucht, daß man ihrem Erhalter dafuͤr gerecht werden moͤge. Ich hatte bereits vor ſechs oder ſieben Jahren, als ich beauftragt war, auf die Piraten in Weſtindien Jagd zu machen, ei⸗ nen beſondern Befehl, dieſen Clemens Vaughan betreffend, bei mir. Allein der Name Vaughan war unter ihnen nicht mehr zu finden, dafuͤr hoͤrte ich aber genug von Cle⸗ veland. Indeſſen, moͤgt Ihr nun Eleveland oder Vaughan ſeyn, Capitain, glaube ich doch, daß ich Euch, wenn Ihr nach London kommt, einer vollkommenen Begnadigung ver⸗ ſichern kann.“ Cleveland verbeugte ſich, und das Blut ſtieg ihm in die Wangen. Mertoun ſiel auf ſeine Knie nieder und er⸗ ſchoͤpfte ſich in Dankſagungen gegen den Himmel. Beide wurden unter dem theilnehmenden Schluchzen der Zu⸗ ſchauer abgefuͤhrt. Und nun, mein guter Meiſter Lieutenant,„was habt Ihr zu Euerer Vertheidigung vorzubringen?“ ſagte Capi⸗ taͤn Weatherport zu dem ehemaligen Roscius. Hm, wenig oder nichts, Ew. Geſtrengen, nur daß ich wuͤnſchte, Ew. Geſtrengen faͤnden meinen Namen in dem Begnadigungsbuche, das Ihr da in der Hand habt, denn ich hielt es mit Capitaͤn Clemens Vaughan bei der Quem⸗ poa Angelegenheit. 5 147 „Ihr nennt Ench Frlederich Altamont?“ ſagte Capitaͤn Weatherport.„Ich ſehe keinen Namen der Art hier:„die Dame ſchrieb nur noch einen gewiſſen John Bonne oder Bunce auf.“ Nun, das bin ich,— das bin ich ſelbſt, Capltaͤn— das kann ich beweiſen, und ich bin entſchloſſen, obgleich der Name etwas plebejiſch klingt, doch lieber als, Jack Bunce zu leben, denn als Friederich Altamont gehangen zu werden. „In dem Falle,“ ſagte der Capitaͤn:„kann ich Euch, als dem Jack Bunce, einige Hoffnung machen.“ Ich danke Ew. edlen Geſtrengen, rief Bunce froͤhlich aus, aͤnderte aber ploͤtzlich ſeinen Ton: Ach, da ein„auch genannt“ ſolche Kraft hat, ſo waͤre der arme Dick Flet⸗ cher am Ende als Timotheus Tugmutton auch davon ge⸗ kommen; aber, indeſſen, um mit ihm zu reden... „Fort mit dem Lieutenant,“ ſagte der Capitaͤn:„und fuͤhrt Goffe und die andern Kerle vor: ich glaube, es wer⸗ den fuͤr einige derſelben wohl ſchon Stricke gedreht ſeyn. Dieſe Vorausſetzung ſchien auch in ihrer ganzen Ausdeh⸗ nung in Erfuͤllung gehen zu wollen, da die gegen ſie vor⸗ gebrachten Beweiſe ſehr ſtark waren. Der Halcyon erhielt demnach Befehl einzulaufen, um die ſaͤmmtlichen Gefangenen an Bord zu nehmen und nach London zu bringen, wohin er nach zwei Tagen unter Se⸗ gel glieng. Waͤhrend der Zeit, die der ungluͤckliche Cleveland noch in Kirkwall zubrachte, wurde er von dem Capitaͤn des Halcyon mit Artigkeit behandelt, und das Wohlwollen ſei⸗ nes alten Bekannten Magnus Troil, der wohl wußte, wie 10.. nahe er mit ſelnem Blute verwandt war, drang ihm mehr Dienſtleiſtungen aller Art auf, als er annehmen wollte. Nornag, deren Antheil an dem ungluͤcklichen Gefange⸗ nen noch tiefer lag, war zu dieſer Zeit unfäͤhig, ihn zu aͤußern. Der Kuͤſter hatte ſie ohnmaͤchtig auf dem Fuß⸗ boden liegen gefunden, und als ſie zu ſich kam, hatte ihr Verſtand fuͤr den Augenblick ſo ſehr das Gleichgewicht ver⸗ zoren, daß man ſie der Aufſicht wachſamer Huͤter anver⸗ trauen mußte. Von den Schweſtern von Burah⸗Weſtra hoͤrte Cleve⸗ land nur, daß ſie in Folge des Schreckens, den ſie gehabt, noch krank waͤren, bis er, am Abend vor dem Abgange des Halcyon, auf einem beſonderen Weg ein Billet folgenden Inhalts erhielt.„Lebe wohl, Cleveland! Wir ſcheiden auf immer, und es iſt gut, daß dieß geſchehe— ſey tugend⸗ haft und ſey gluͤcklich. Die Taͤuſchungen, welche eine ein⸗ ſame Erziehung und eine beſchraͤnkte Kenntniß der jetzigen Welt um mich verbreitet hatten, ſind entſchwunden und auf immer zerſtoben. In Dir, glaube ich, habe ich mich wenigſtens in ſo weit nicht geirrt, daß Du Einer deren biſt, fuͤr welche das Gute mehr Anziehungskraft hat, als das Boͤſe, und die nur durch Nothwendigkeit, Beiſpiel und Gewohnheit zu der Lebensart gebracht werden, wie ſie die Deinige war. Gedenke meiner, wie Jemandes, der nicht mehr lebt, wenn Du nicht eben ſo ſehr der Gegenſtand des allgemeinen Lobes wirſt, wie Du bis jetzt der des allge⸗ meinen Tadels warſt, und gedenke meiner dann als Je⸗ mandes, der Deines wiederauflebenden Ruhmes ſich freu n wird, wenn er gleich Dich nie wieder ſehen darf!“ Der Brief war M. T. unterzeichnet, und Cleveland las ihn 4 ——— —— 149 mit einer tiefen, ſelbſt durch Thraͤnen verrathenen Rüh⸗ rung, wohl hundertmal, und druͤckte ihn dann an ſein Herz. 1 Mordaunt Mertoun erhielt durch einen Brief, der aber ſehr verſchledener Art war, von ſeinem Vater Nach⸗ richt. Baſil ſagte ihm auf immer Lebewohl, und entband ihn von nun an der Pflichten eines Sohnes, da er, trotz der jahrelangen Kaͤmpfe, nie die Liebe eines Vaters gegen ihn habe fuͤhlen koͤnnen. In dem Briefe war zugleich ei⸗ ner Niſche in dem alten Hauſe von Jarlshof erwaͤhnt, wor⸗ in der Schreiber eine bedeutende Summe baaren Geldes und andere Sachen von Werth niedergelegt habe, die er Mordaunt als ſein Eigenthum anzuſehen bat.„Du brauchſt nicht zu fuͤrchten,“ hieß es in dem Briefe:„daß Du mir dadurch eine Verbindlichkeit ſchuldig werdeſ, oder an der Beute eines Seeraͤubers Antheil habeſt. Was Du hier erhaͤltſt, iſt beinahe allein das Eigenthum deiner verſtor⸗ benen Mutter, Louiſa Gonzago, und gebuͤhrt Dir mit vollem Recht. Wir wollen einander vergeben,“ ſchloß er: „da wir einander nie wiederſehen werden.“ Dieß geſchah auch wirklich; denn der aͤltere Mertoun, gegen den nie eine Anklage vorgebracht wurde, verſchwand, als Cleveland's Schickſal entſchteden ward, und man glaubte, daß er ſich in ein fremdes Kloſter zuruͤckgezogen habe. Cleveland's Schickſal wird ganz kuͤrzlich aus einem Briefe klar werden, den Minna, zwei Monate nach dem Abgange des Halcyon von Kirkwall, erhielt. Die Familie war gerade in Burgh⸗Weſtra verſammelt, und Mordaunt auf einige Zeit ein Mitglied derſelben, da der gute Udal⸗ ler die Thaͤtigkeit nie genug belohnen zu koͤnnen glaubte, mit der er ſich der Vertheidigung ſeiner Toͤchter unter⸗ zogen habe. Norna, welche damals von ihrer zeitigen Geiſtesverwirrung wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, be⸗ fand ſich als Gaſt in der Familie, und Minng, deren Auf⸗ merkſamkeiten fuͤr dieſes ungluͤckliche Opfer geiſtiger Taͤu⸗ ſchung unermuͤdet waren, ſaß neben ihr, auf jedes Keuu⸗ zeichen der zurückkehrenden Vernunft lauſchend, als der erwaͤhnte Brief ihr eingehaͤndigt wurde. „Minna,“ lautete er:„theuerſte Minna! Lebe wohl, und auf immer. Glaube mir, ich meinte es nie ſchlecht mit Dir, nie. Von dem Augenblicke, wo ich Dich kennen lerute, faßte ich den Entſchluß, mich von meinen verhaßten Gefaͤhrten loszureißen, und entwarf tauſend Plaͤne, welche alle ſo in den Wind zerſtoben ſind, als ſie es verdienten. — Denn warum, oder wie ſollte das Schickſal eines ſo lieblichen, reinen und unſchuldigen Weſens, mit dem eines ſo ſchuldbedeckten verkettet werden?— Ich will nicht mehr von dieſen Traͤumen reden. Die ſtarre Wirklichkeit mei⸗ ner Lage iſt bei weit im milder, als ich ſie erwartete, oder verdiente, und das wenige Gute, das ich that, hat, in den Augen ehrliebender und barmherziger Richter, das viele Boͤſe und Verbrecheriſche aufgewogen. Ich bin nicht allein dem ſchimpflichen Tode entgangen zu dem mehrere meiner Genoſſen verurtheilt worden ſind, ſordern Capitaͤn Weather⸗ port, der abermals im Begriff iſt, nach dem ſpaniſchen Meere abzugehen, da ein unmittelbarer Krieg mit jenem Lande droht, hat großmüthig um die Erlaubniß angehal⸗ ten, mich, und zwei oder drei meiner weniger ſchuldigen Gefaͤhrten, in demſelben Dienſte anzuſtellen, und ſie erhal⸗ ten— eine Maßregel, welche ihm ſeine eigene großmuͤ⸗ — 151 thige Theilnahme und unſere Bekanntſchaft mit der Kuͤſte und anderen Oertlichkeiten an die Hand gegeben hat, die wir, auf welchen Wegen wir ſie auch erlangt haben moͤgen, jetzt zum Beſten unſers Vaterlandes anwenden zu koͤnnen hoffen. Minna Du wirſt entweder meinen Namen ehren⸗ voll, oder nie wieder nennen hoͤren. Wenn die Tugend Gluͤckſeligkeit geben kann, ſo brauche ich ſie Dir nicht zu wünſchen, denn Du beſitzeſt ſie ſchon. Lebe wohl, Minna!“ Minna weinte ſo bitterlich bei dieſem Briefe, daß ihre Thraͤnen die Aufmerkſamkeit der geneſenden Norna erreg⸗ ten. Sie riß ihn ibrer Verwandten aus der Hand, uͤber⸗ las ihn, Anfangs mit der verſtoͤrten Miene Jemandes, der ſich nicht darein finden kann— dann mit einem Schim⸗ mer der Erinnerung— zuletzt mit einem gemiſchten Aus⸗ bruche von Freude und Schmerz, bei welchem er ihrer Hand entſiel. Minna raffte ihn auf, und zog ſich mit ih⸗ rem Schatze in ihr Zimmer zuruͤck. Von dieſer Zeit an ſchien Norna einen durchaus ver⸗ aͤnderten Charakter anzunehmen. Ihre Kleidung ward ein⸗ facher und weniger auffallend; der Zwerg ward entlaſſen, mit reichlicher Ausſtattung fuͤr ſein behagliches Leben. Sie zeigte kein Verlangen mehr, ihre fruͤhere irrende Lebens⸗ art fortzuſetzen, gab Befehl, ihre Sternwarte, wie man ſie nennen koͤnnte, auf Fitful⸗Head niederzureißen, legte den Namen Norna ab, und wollte von nun an nur, wie ſie wirklich hieß, Ulla Troil genannt ſeyn. Die wichtigſte Veraͤnderung ereignete ſich zuletzt. Bisher ſchien ſie— den furchtbaren Eingebungen einer geiſtichen Verzweiflung folgend, welche aus dem, was bei ihres Vaters Tode vor⸗ gegangen, entſprang— ſich als ein von der goͤttlichen — Gnade ausgeſchloſſenes Weſen angeſehen zu haben, wobei in die eiteln, dunkeln Wiſſenſchaften, die ſie zu treiben be⸗ hauptete, vertieft, wie Chaucer's Arzt, ihr Studium„nur wenig in der Bibel“ geweſen war. Jetzt legte ſie dagegen das heilige Buch nur ſelten aus der Hand, und erwiederte den Armen, welche zu ihr kamen, um, wie fruͤher, ihre Macht uͤber die Elemente in Anſpruch zu nehmen:„Er faſſet den Wind in ſeine Haͤnde.“ Ihre Bekeh⸗ rung war vielleicht nicht die Folge ruhiger Ueberlegung, denn dieß verhinderte wahrſcheinlich der Zuſtand eines Ge⸗ muͤths, das durch eine Verkettung furchtoarer Ereigniſſe aus ſeinen Fugen gebracht worden war; allein ſie ſchien aufrichtig zu ſeyn, und war auf jeden Fall nuͤtzlich. Sie ſchten ihre fruͤheren anmaßlichen Verſuche, in den Lauf der menſchlichen Schickſale, wie dieſe von weit hoͤheren Maͤch⸗ ten gelenkt werden, eingreifen zu wollen, von Herzen zu bereuen, und zeigte innige Zerknirſchung, wenn dieſe fruͤ⸗ heren Anſpruͤche durch irgend Etwas in ihr Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤckgerufen wurden. Sie verrieth noc immer eine große Vorliebe fuͤr Mordaunt, welche vorzuͤglich aus Gewohnheit herxuͤhrte. Auch konnte man nicht leicht entdecken, wie viel oder wie wenig ſie ſich von den verwickelten Ereigniſ⸗ ſen erinnerte, in die ſie verflochten geweſen war. Als ſie ſtarb, was ſich ungefaͤhr vier Jahre nach den Begebenheiten zutrug, die wir erzaͤhlt haben, fand es ſich, daß ſie, auf beſonderes und dringendes Verlangen Minna Troil's, ihr ſehr bedeurendes Eigenthum auf Brenda ubertragen hatte. Eine Klauſel in ihrem Teſtamente enthielt die Weiſung, 3 — 153 daß alle ihre Buͤcher, die Geraͤthſchaften ihres Labora⸗ toriums, und andere mit ihren fruͤheren Studien in Ver⸗ bindung ſtehende Dinge, den Flammen uͤbergeben werden ſollten. Ungefaͤhr zwei Jahre vor Norna's Tode, wurden Brenda und Mordaunt Mertoun mit einander vermaͤhlt. Es ver⸗ ging einige Zeit, ehe der alte Magnus Troil, bei aller Liebe gegen ſeine Tochter und aller ſeiner Zuneigung zu Mordaunt, ſich mit dem Gedanken an dieſe Heirath ver⸗ ſoͤhnen konnte. Aber Mordaunt's Gaben entſprachen dem Geſchmacke des Udallers ganz beſonders, und der alte Mann fuͤhlte ſo ſehr die Unmoͤglichkeit, ſeinen Platz in der Familte gaͤnzlich auszufuͤllen, daß am Ende ſein norwegt⸗ ſches Blut den natuͤrlichen Gefuͤhlen des Herzens weichen mußte und er ſeinen Stolz beſchwichtigte. Denn waͤhrend er um ſich her blickte, und das ſah, was er die Eingriffe der Leute aus Schottland in das Land hieß(wie Shet⸗ land vorzugsweiſe von ſeinen Einwohnern genannt wird), ſchlen ihm ſeine Tochter eben ſo wohl verſorgt, wenn ſie den Sohn eines engliſchen Seeraͤubers, als wenn ſie den eines ſchottiſchen Diebes heirathete: eine veraͤchtliche Anſpielung auf die hochlaͤndiſchen und Graͤnz⸗Fa⸗ milien, denen Shetland mehrere achtbare Grundbeſitzer dankt, deren Vorfahren jedoch mehr ihrer alten Familie, und ihres hohen Muthes willen, als wegen genauer Be⸗ ruͤckſichtigung der unbedeutenden Unterſchiede zwiſchen Mein und Dein beruͤhmt waren. Der froͤhiche alte Mann brachte ſein Leben bis an das aͤußerſte Ziel, bei einer gluͤcklichen 154 Aueſicht auf eine zahlreiche Nachkommenſchaft in der Fa⸗ milie ſeiner juͤngern Tochter, wobei ſein Tiſch abwechſelnd durch Claudius H lero's Dichtertalent erheitert, und durch Herrn Triptolemus Yellowley's Eroͤrterungen aufgeklaͤrt wurde, der nachdem er ſeine hohen Anſpruͤche bei Seite geleagt, ſich mit den Sitten der Inſelbewohner beſſer be⸗ kannt gemacht, und dabei die verſchiedenen Unfaͤlle, welche ſeine voreiligen Verſuche zur Umgeſtaltung begleitet, zu Herzen genommen hatte, ein rechtlicher und nuͤtzlicher Stellvertreter ſeines Gebieters wurde, und nie gluͤcklicher war, als weun er, von dem ſpaͤrlichen Mahle ſeiner Schwe⸗ ſter Barbara, zu dem froͤhlichen Tiſche des Udaller's ent⸗ ſchluͤpken konnte. Auch Barbara's Gemuͤth ward dadurch um Vieles ſanfter, daß, ganz unerwartet, das Horn mit den Silbermuͤnzen wieder zum Vorſchein kam, Norna's Eigenthum, welches dieſe, zur Ausfuͤhrung irgend eines ih⸗ rer geheimuißvollen Plaͤne, in dem alten Hauſe von Stour⸗ burgh verborgen hatte, jetzt aber denen zuruͤckgab, von deuen es zufaͤllig entdeckt worden war, jedoch mit dem Zu⸗ ſatze, daß es ſogleich wieder verſchwinden wuͤrde, wenn man nicht einen gehörigen Theil davon zur Erhaltung des Hausſtandes anwende, eine Vorſchrift, welcher Tronda Dronstochter(wahrſcheinlich ein Werkzeug Norna's) ihre Errettung von einem langſam zehrenden Entkraͤftungstode dankte. Mordaunt und Brenda waren ſo gluͤcklich als unſer ſterbliches Loos es uns zu ſeyn erlaubt. Sie liebten ſich und beteten einander an— befanden ſich in einer gemaͤch⸗ —— 155 lichen Lage— hatten Pflichten zu erfuͤllen, welche ſie nicht vernachlaͤßigten— hatten eben ſo freie Gewiſſen, als leichte Herzen, lachten, ſangen, tanzten, ſchoben die Welt bei Seite, und ließen ſie voruͤbergehen. Aber Minna— die hochſinnige, einbildungsreiche Minna— ſie, die mit einer ſolchen Tiefe des Gefuͤhls und der Schwaͤrmerei begabt, und doch vom Schickſale dazun beſtimmt war, veide ſchon in fruͤher Jugend ſchmerzlich verwundet zu ſehen, weil ſie, bei der Unerfahrenheit einer eben ſo romantiſchen, als unwiſſenden Gemuͤthsſtimmung, das Gebaͤude ihrer Gluͤckſeligkeit auf Triebſand, ſtatt auf einen Fels gebaut hatte— war ſie, konnte ſie gluͤcklich ſeyn?— Leſer, ſie war gluͤcklich; denn was auch der Zweifler und der Spoͤtter dagegen ſagen mag, ſo liegt in der Erfuͤllung einer jeden Pflicht ein Grad geiſtigen Frie⸗ dens, und hohen Bewußtſeyns einer ehrenvollen Auſtren⸗ gung, welcher mit der Schwierigkeit der geloͤsten Aufgabe in Verhaͤltniß ſteht. Die Ruhe des Koͤrpers, welche auf harte und angeſtrengte Arbeit folgt, iſt nicht mit der zu vergleichen, deren der Geiſt, unter aͤbnlichen Umſtaͤnden, geukeßt. Minna's Entſagung und die fortwaͤhrende Auf⸗ merkſamkeit, welche ſie ihrem Vater, ihrer Schweſter, der betruͤbten Norna und allen denen, welche Anſpruͤche auf ſie batten, erwies, waren nicht ihre einzige und reichſte Quelle des Troſtes. Wie Norna, aber mit geregelterer urtheilskraft, lernte ſie die Geſichte der wilden Schwär⸗ merei, welche ihre Einbildungskraft angeſpannt und irre⸗ geleitet hatten, gegen eine gediegenere und wahrere Ver⸗ 156 bindung mit der uͤberirdiſchen Welt, als die war, vertau⸗ ſchen, die ſie aus den Sagas heidniſcher Barden, oder den Geſichten ſpaͤterer Reimer kennen lernen konnte. Dieſer Geſinnungsaͤnderung dankte ſie die Staͤrke, welche ſie nach⸗ mals bewaͤhrte, als ſie nach mehreren Nachrichten von Cleveland's ehrenvollen und tapferen Thaten, mit Erge⸗ bung, ja ſelbſt mit dem Gefuͤhl einer mit Trauer gemiſch⸗ ten Beruhigung, die las, daß er, bei einer kuͤhnen und zehrenvollen Unternehmung, wo er an der Spitze ſtand, und die von eben den Begleitern, denen ſeine entſchiedene Tapferkeit die Bahn gebrochen hatte, gluͤcklich ausgefuͤhrt wurde, gefallen ſey. Bunce, ſein ſchwaͤrmeriſcher Beglei⸗ ter im Guten, wie fruͤher im Boͤſen, uͤberſandte Minna eine Nachricht von dieſem traurigen Ereigniß. Die Ab⸗ faſfung derſelben bewies, denn wenn gleich ſein Kopf ſchwach war, daß ſein Herz doch nicht durch das ſchrankenloſe Leben, das er eine Zeit lang gefuͤhrt hatte, gaͤnzlich ver⸗ dorben worden ſey, oder daß es wenigſtens bei der Um⸗ wandelung ſich gebeſſert habe. Daß ihm ſelbſt, bei⸗ dem⸗ ſelben Gefecht, Ehre und Beforderung zu Theil geworden, ſchien fuͤr ihn, im Vergleich mit dem Verluſt ſeines alten Capitaͤns und Kameraden, wenig Gewicht zu haben*). *) Wir haben, mit Gewißheit, nichts über Bunce's fernere Schickſale in Erfahrung briagen können; unſer Freund, Dr. Dryasduſt, glaubt jedoch, daß er der alte Herr geweſen ſey, der zu Anfang der Regierung Georg I. regelmäßig in s Kaffeehaus zur Roſe kam, alle Abend in das Schauſpiel gieng — — e 157 Minna las die Nachricht, und dankte, ſelbſt waͤhrend ihre emvorgerichteten Augen von Thraͤnen uͤberſtroͤmten, dem Himmel, daß Cleveland auf dem Bette der Ehre geſtorben ſey, ja, ſie hatte ſogar den Muth, es mit Dank anzuer⸗ kennen, daß er aus einer Lage der Verſuchung geriſſen worden, ehe die Umſtaͤnde ſeine neugeborne Tugend über⸗ waͤltigen konnten, und dieſe Betrachtung wirkte ſo ſtark, daß ihr Leben, nachdem der unmittelbare Schmerz, wel⸗ chen dieſe Begebenheit ihr verurſacht, voruͤbergegangen war, nicht allein ſo ergeben wie zuvor, ſondern ſogar noch heiterer dahin zu fließen ſchien. Ihre Gedanken waren indeß von dieſer Welt abgezogen, und verweilten nur, mit einem Antheile, wie ihn Schutzengel fuͤr ihre Schuͤtzlinge fuͤhlen, von Zeit zu Zeit daſelbſt, bei den Freunden, denen ſie in Liebe zugethan war, oder bei den Armen, denen ſie helfen und die ſie troͤſten konnte. So floß ihr Leben da⸗ hin, waͤyrend deſſen ſie von Allen, welche ihr naheten, eine an Verehrung graͤnzende Aiebe genoß, ſo daß, als ihre Freunde um ihren Tod trauerten, der erſt ſpaͤt er⸗ folgt, ſie ſich mit der Betrachtung troͤͤeten, daß die menſchliche Huͤlle, welche ſie jetzt abgelegt, das Einzige ge⸗ weſen ſey, das ſie, um mit den Worten der Schrift zu reden,„etwas unter die Engel“ geſtellt habe! unbarmherzig lange Geſchichten von dem ſpaniſchen Meere er⸗ zählte, die Rechnungen durchrechnete, die Marqueure ausſchalt⸗ und allgemein unter dem Namen Capitän Bounce bekannt war. —— V b — öZZ ſeſſiſſſſff ſinſnſannſi nmſnmm miſnſſtnannſiſt . 3 1 15 1 11 12 1 4 6 17 18 19