S ea ar, e 7 Walter Scott's —. ſaͤmmtliche e r e. Neu uͤberſetzt. Hundert und dreizehnter Band. ——— Der Pirat. Vierter Theil. Stuttgart, . bei Gebruͤder Franckh. 6 1828. Nichts an ihm— Das nicht zu Meer ſich wandelt. Shakespeare s Sturm. Vierter Theil⸗ Stuttgark, hei Gebruͤder Frauckh. 18 2 S8. Der Pirat. Erſtes Kapitel. —— ich liebe dieſe alten Trümmer, Der Fuß berritt ſie nie, daß nicht zugleich Er eine alte graue That berührte. und ganz gewiß, bier auf dem offnen Hok (Jezt liegt er allen Stürmen frei und offen) Liegt mancher fromme Mann begraben, der Die Kirche ſo geliebt, ſo reichlich ihr geſpendet/ Daß er gedacht, dieß ſchirme ſein Gebein Bis zu dem jüngſten Tag; doch alles hat ſein Ende,— Die Kirche, wie die Stadt, die ihre Uebel haben Wie Menſchen müſſen auch den Tod, Wie wir, erleiden. (Webſters) Herzogin von Amalfi. Die verfallene St. Ninian's⸗Kirche hatte zu ihrer Zelt große Beruͤhmtheit genoſſen; denn das maͤchtige Sy⸗ ſtem des Aberglaubens, das ſeine Wurzeln durch ganz Eu⸗ ropa ausſtreckte, hatte ſich auch bis zu dieſem entfernten In⸗ ſelmeer getrieben, und Sherland, in den katholiſchen Zei⸗ ten, ſeine He'ligen, ſeine Schreine und feine Religuien gehabt, welche, wenn gleich anderwaͤrts wenig bekannt, doch die Opfer der einfachen Bewohner von Thule genoſſen, W. Scott'’s Werke. CXIII. 1 6 und bei ihnen in hohem Anſehen geſtanden hatten. Ihre Verehrung gegen die Kirche des heil. Ninian— oder wie ihn die Leute nannten, Sankt Ringan— hatte ſich, der Lage des Gebaͤndes wegen, das dicht am Meeresufer ſtand, und deswegen oft zum Landmerk fuͤr ihre Boote diente, beſonders lange erhalten, und ſtand mit ſo vielen aber⸗ glaͤubiſchen Feierlichkeiten und Volksvorurtheilen in Ver⸗ bindung, daß die reformirte Geiſtlichkeit es fuͤr das Beſte hielt, durch einen Befehl der geiſtlichen Gerichtshoͤfe allen Gottesdienſt in ihren Mauern zu unterſagen, weil dieſer, wie ſie ſagten, dem eingewurzelten Glauben des einfaͤlti⸗ gen und rohen Volkes umher an der Verehrung der Hei⸗ ligen und andern Irrlehren der röͤmiſchen Kirche, nur neue Nahrung gebe. 1 Nachdem die St. Ninian's⸗Kirche ſolchergeſtalt fuͤr einen Sitz des Goͤtzendienſtes und folglich als entheiligt erklaͤrt worden, wurde der Gottesdienſt in eine andere Kirche verlegt, und nachdem das Dach mit ſeinem Blei darauf und mit ſeinen Balken, von dem kleinen, rohen, alten gothiſchen Gebaͤude abgenommen war, wurde es in der Wildniß dem Spiel der Elemente preisgegeben. Die Wuth der feſſelloſen Winde, welche uber eine nackte Sand⸗ ebene dahinheulten,(denn der Boden glich dem, welchen wir bei Jarlshof beſchrieben haben, machte bald, daß Schiff und Seitengaͤnge verſandeten, und auf der nordweſtlichen, dem Winde hauptſaͤchlich ausgeſetzten Seite, an den aͤuße⸗ ren Mauern, mehr als bis halb hinauf, Sandberge ſich aufhaͤuften, uͤber welche die Giebelenden des Gebaͤudes, ſo wie der kleine Glockenthurm, welcher auf dem Schiffe ſtand, in kahler, trauriger Naktheit der Verwuͤſtung em⸗ porragten, 3 2 Trotz dieſer Veroͤdung blieb der Kirche St. Ringan's doch noch immer ein Schein der ihr fruͤher erwieſenen Ver⸗ ehrung. Die rohen, unwiſſenden Fiſcher von Dunrossness beobachteten einen Gebrauch, deſſen Urſprung ſie ſelbſt wohl ganz vergeſſen haben mochten, und wovon die evangeliſche Geiſtlichkeit ſie umſonſt abzubringen ſuchte.— Wenn ihre Boote ſich in aͤußerſter Gefahr befanden, ſo war es bei ihnen gewohnlich, Sankt Ringan ein ſogenanntes Almo⸗ ſen zu geloben, und wenn die Gefahr voruͤber war, ſo ermangelten ſie nie, ſich ihres Geluͤbdes dadurch zu entle⸗ digen, daß ſie einzeln und heimlich nach der alten Kirche kamen, dort ihre Schuhe und Struͤmpfe, am Eingange des Kirchhofes, auszogen, und nun dreimal um die Kirche gingen, wobei ſie wohlweislich es ſo einrichteten, daß dieß nach dem Laufe der Sonne geſchah. War der Umgang zum dritten Male vollendet, ſo warf der Opfernde ſeine Spende⸗ gewoͤhnlich eine kleine Silbermuͤnze, zwiſchen den ſteiner⸗ nen Pfoſten eines lanzetförmigen Fenſters hindurch, wel⸗ ches auf einen Seitengang hinging, und begab ſich dann hinweg, ohne jedoch ſich eher umzuſehen, als bis er auſ⸗ ſerhalb der Graͤnzen dieſes einſt heiligen Bodens war; denn es war ein allgemeiner Glaube, daß das Gerippe des Heiligen die Gabe in ſeine knoͤcherne Hand empfange und ſeinen graͤßlichen Todenſchaͤdel am Fenſter zeige, durch welches ſie geworfen worden. Fuͤr ſchwache und einfaͤltige Gemuͤther erhielt der Ort noch dadurch etwas ganz beſonders Schrecken Erregendes, daß dieſelben ſtuͤrmiſchen, wirbelnden Winde, welche, auf der einen Seite der Kirche, die Truͤmmern in Sande zu begraben drohten(und in der That dieſen ſchon in großer Menge angehaͤuft hatten, ſo daß die Seitenmauer mit ih⸗ 1 2⁴ 8 ren Strebepfeilern dadurch beinahe ganz verdeckt wurde), die Graͤber derjenigen, welche ihren langen Schlaf auf der ſuͤdoͤſtlichen Seite ſchliefen, gaͤnzlich entbloͤßen zu wollen ſchienen; denn nach einem ungewoͤhnlich heftigen Wehen dieſer Winde geſchah es wohl, daß die Saͤrge, ja zuweilen ſelbſt die Gerippe derjenigen, welche ohne die gewoͤhnlichen Umhuͤllungen beerdigt worden waren, auf eine graͤßliche Weiſe den Augen der Lebenden blosgeſtellt blieben. Zu dieſem einſamen Verehrungsorte begab ſich nun der aͤltere Mertoun, obgleich ohne irgend eine der religioͤſen oder aberglaͤubiſchen Abſichten, mit der man ſich gewoͤhn⸗ lich St. Ringan's Kirche naͤherte. Er theilte keine von den aberglaͤubiſchen Beſorgniſſen des Landes, ja, man glaub⸗ te ſogar allgemein— nach der abgeſchiedenen und finſtern Lebensweiſe, die er fuͤhrte, und da er ſich der menſchli⸗ chen Geſellſchaft ſogar dann entzog, wenn ſie zur Vereh⸗ rung des hoͤchſten Weſens verſammelt war— daß er ſich mehr zu der entgegengeſetzten Seite hinneige, und eher zu wenig, als zu viel von dem glaube, was die Kirche annimmt. Als er in die kleine Bucht kam, an deren Ufer, ja an deren Rande die Truͤmmer liegen, konnte er nicht umhin, einen Augenblick ſtehen zu bleiben. Es konnte ihm nicht entgehen, daß die Gegend, des groͤßeren Eindrucks auf die Gefuͤhle der Menſchen wegen, mit vieler Ueberlegung zur Erbauung einer Staͤtte fuͤr die Gottesverehrung gewaͤhlt worden war. Vor ihm war das Meer, in welches zwei Vorgebirge, welche die aͤußerſten Punkte der Bucht bilde⸗ ten, ihre rieſenhaften Zungen von dunkeln, ſchwaͤrzlichen Felſen hineinſtreckten, auf deren Rande die Mewen und andere Seevoͤgel wie Schneeflocken erſchienen, waͤhrend auf 9 den niedrigeren Klippenſtufen ganze Reihen von Kormorans dicht bei einander, wie in Schlachtordnung geſtellte Krie⸗ ger, ſtanden, und kein anderes lebendes Weſen zu er⸗ blicken war. Das Meer, obgleich nicht ſtuͤrmiſch, war doch aufgeregt genng, um an dieſe Vorgebirge mit einem Ge⸗ raͤuſch anzubrauſen, welches dem des entfernten Donners glich, und die Wellen, welche in Staubmaſſen bis zur Haͤlfte dieſer ſchwarzen Felſen hinaufſtiegen, bildeten mit dieſen einen eben ſo auffallenden, als furchtbaren Gegen⸗ ſatz der Faͤrbung. Zwiſchen den aͤußerſten Enden, oder Vorgebirgen die⸗ ſer Landſpitzen, hatte ſich an bem Tage, wo Mertoun den Ort beſuchte, eine dunkele, dichte Wolkenmaſſe eingeſchich⸗ tet, durch die kein ſterbliches Auge hindurchdringen konnte, welche den Geſichtskreis beſchränkte, und, dadurch, daß ſie den Anblick auf den entfernten Ocean ganz verſchloß, keine unangemeſſene Verſinnlichung der Ausſicht auf die See gab⸗ wie ſie in Mirza's Geſicht beſchrieben iſt, und deren Aus⸗ dehnung durch Duͤnſte, Wolken und Stuͤrme beſchraͤnkt wurde. Der Boden, welcher ſteil von dem Meeresufer auf⸗ ſtieg, verſchloß alle Ausſicht in das Innere des Landes, und ſchien nur ein Schauplatz unbezwinglicher Duͤrre, auf welchem man nichts weiter, als elendes, zwerehaftes Hai⸗ dekraut, mit dem langgebogenen, groben Graſe vermiſcht, das gewoͤhnlich die Sandhuͤgel bedeckt, ſehen konnte. Auf einer natuͤrlichen Erhoͤhung, die uͤber die Bodenflaͤche, ganz am Ende der Bucht, emporſtieg und etwas von der See zuruͤcktrat, ſo daß ſie ſich außer dem Bereich der Wellen befand, ſtanden die, halb im Sande begrabenen Truͤmmer, welche wir ſchon oben beſchrieben haben, von einer verwit⸗ terten, halb verfallenen, abbroͤckelnden Mauer umgeben, 10 die, obgleich an mehreren Orten voll Löcher, doch noch die Graͤnze des Kirchhofs zu bezeichnen diente. Die Seeleute, welche zufaͤllig in dieſe einſame Bucht verſchlagen wurden, behaupteten, daß man die Kirche von Zeit zu Zeit voll von Lichtern ſaͤhe, und pflegten danach Schiffbruͤche und Un⸗ gluͤcksfaͤlle zur See vorauszuſagen. Als Mertoun ſich der Kirche naͤherte, traf er, unbe⸗ wußt, und vielleicht ohne gerade daran zu denken, Maß⸗ regeln, daß ihn Niemand ſehen koͤnne, bis er dicht an die Mauer des Kirchhofes herankam, der er ſich zufaͤllig auf der Seite genaͤhert hatte, wo der Wind den Sand von 1 den Graͤbern wehte, wie wir oben beſchriebeu haben. Als er hier, durch eine der Oeffnungen in der Mauer, welche die Zeit gemacht hatte, hindurchſah, bemerkte er die, welche er ſuchte, auf eine Art beſchaͤftigt, welche zwar mit den Begriffen, die man gewoͤhnlich von ihrem Charak⸗ ter hegte, wohl uͤbereinſtimmte, uͤbrigens aber außerordent⸗ lich genug war. Sie ſtand neben einem rohen Denkmale, deſſen eine Seite den groben Umriß eines Ritters zu Pferde darſtellte, waͤhrend auf der andern ein Schild mit dem Wappen zu ſehen war, aber ſo verwiſcht, daß man es nicht mehr er⸗ kennen konnte, welches Wappenſchild in einen ſchiefen Win⸗ kel geſtellt war, gaͤnzlich gegen die neuere Sitte, nach der es gewoͤhnlich gerade aufgerichtet ſteht. Am Fuße dieſes Steines ſollten, wie Mertoun fruͤher gehoͤrt hatte, die Gebeine Ribolt Troil's ruhen, eines der entfernteſten Vor⸗ fahren Magnus', der ſich, im fuͤnfzehnten Jahrhunderte, durch viele kuͤhne Thaten ausgezeichnet hatte. Von dem GSrabe dieſes Kriegers ſchien Norna von Fitful⸗ Head den Sand wegzuſchaufeln beſchaͤftigt, eine mit geringer Muͤhe 11 auszufuͤhrende Aufgabe, wo dieſer ſo leicht und locker war, und es ſchien daher, daß ſie in kurzer Zeit das vollendet haben wuͤrde, was die rauhen Winde begonnen hatten, und daß bald die Knochen entbloͤßt ſeyn duͤrſten, welche hier verſcharrt lagen. Waͤhrend ſie ſo arbeitete, ſummte ſie ihren Zaubergeſang vor ſich hin, denn ohne die runi⸗ ſchen Reime wurde nie eine Handlung des nordiſchen Aber⸗ glaubens verrichtet. Wir haben vielleicht ſchon zu viele Proben dieſer Zauberverſe aufbewahrt, allein wir koͤnnen doch nicht umhin, auch noch die folgenden zu uͤberſetzen: Kämpe, einſt von mächt'gem Thun⸗ Ribold Troil, Du ſchlummerſt nun? Sand und Staub und Kieſelſtein Hünen nicht mehr Dein Gebein! Wer nahm, was lebend Dich gedeckt⸗ Vom Lager, wo Du hingeſchreckt? Jetzt kommt das Weib, das Kind herbei, Und macht Dein Grab der Hülle frei. Doch zürne mir, o Häuptling, nicht Und ſcheuche mich durch graß Geſicht, Nicht komm' ich, frevlen Schritts, herzu⸗ Dich ſtörend in des Grabes Ruh; Ich blöße nicht Dein ſtark Gebein— Doch laß den Wunſch gewähret ſeyn: Sey es meiner Hand erlaubt, Daß ſie ein Loth vom Sarge raubt, Du haſt des Bleies kleberftuß 3 Das ſchützt Dein Bein vor Regengus. Sieh, das Zaubermeſſer baarz— Nie, als Leben in Dir war, 187 2 Haſt du zagend hingeblickt, Was der blanke Stahl gezückt! 1 5 12 Die Gewänder ſind gelöst— Wache— oder ſchlafe feſt!“ Wohl! Du ſchläfſt— es iſt vollbracht, Und der Preis in meiner Macht! Dank, Ribott, Dank,— nun ſolt das Meer Die Wogen glätten um Dich her; Und wenn ſich fern ſein Spiegel trübt⸗, Die Ruhe Ribolt's Grab umgiebt. Dank, Ribolt, Dank; der Winde Macht, Wenn ſie zu ihrer Höh' erwacht, Sie ſinket nun bei Deinem Grab⸗ Zum leiſen Wiegenlied herab. Sie, die Frau voll Majeſtät, Norna, von dem Fitful⸗Head, Groß in ihrer Herrſchermacht, Die ihr Etend nur gebracht— In Verzweiflung groß und hehr— In der Größe— freudenleer, Weiſ' und ſchlecht, wie je ein Weſen, Wird gegeb'nes Wort auch löſen. Waͤhrend Norna den erſten Theil dieſer Reime herſang⸗ entbloͤßte ſie einen Theil des bleiernen Sarges des Krie⸗ gers, und loͤſ'te mit vieler Behutſamkeit und anſcheinen⸗ der Ehrfurcht einen Theil des Bleies davon ab. Hlerauf bedeckte ſie andaͤchtig den Sarg wiederum mit Sande, und als ſie ihren Geſang geendet, war keine Spur von der Verletzung der Geheimniſſe des Grabes mehr zu be⸗ merken. Mertoun ſah uͤber die Kirchhofsmauer waͤhrend der gan⸗ zen Feierlichkeit unverwandt auf ſie hin, nicht aus einem Gefuͤhl der Ehrfurcht vor ihr, oder vor ihrer Beſchaͤfti⸗ e gung, ſondern weil er glaubte, daß, eine Blöͤdſinnige in 13 ihrem verwirrten Thun zu ſoͤren, keinesweges der beſte Weg ſeyn duͤrfte, die Nachrichten von ihr zu erhalten, die er zu haben wuͤnſchte. Unterdeſſen hatte er hinlaͤngliche Zeit, ihre Geſtalt zu betrachten, wenn gleich ihr Geſicht durch ihr wild umher hangendes Haar, und durch die Kappe ihres dunkeln Mantels halb verhuͤllt war, der nicht mehr davon ſehen ließ, als vielleicht bei einer Druidinn, bei Begehung ihrer geheimnißvollen Feierlichkeit, ſichtbar geweſen ſeyn wuͤrde.— Mertoun hatte ſchon fruͤher oft von Norna reden hoͤren, ja, es iſt wahrſcheinlich, daß er ſie oͤfters geſehen, denn ſie war mehr als einmal in der Naͤhe von Jarlshof geweſen, ſeitdem er daſelbſt ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen batte. Die albernen Maͤhrchen, die uͤber ſie im Umlauf waren, hatten indeß gemacht, daß er keine Aufmerkſamkeit auf eine Perſon gerichtet, welche er entweder fuͤr eine Betruͤgerinn, eine Verruͤckte, oder ein Gemiſch von Beidem hielt. Jetzt aber, wo ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit, durch die Umſtaͤnde, unwillkuͤhrlich ſich auf ihre Perſon und ihr Betragen geheftet hatte, konnte er nicht umhin, ſich ſelbſt zu geſtehen, daß ſie entweder eine auf⸗ richtige Begeiſterte ſey, oder ihre Rolle wenigſtens ſo treff⸗ lich ſpiele, daß keine Seherinn alter Zeiten es ihr zuvor⸗ gethan haben koͤnnte. Die Wuͤrde und Feierlichkeit ihrer Geberden, der wohlklingende und doch eindringliche Ton der Stimme, womit ſie den abgeſchiedenen Geiſt beſchwor, deſſen ſterbliche Ueberbleibſel ſie zu ſtoren wagte, mußten einen tiefen Eindruck auf ihn machen, wenn gleich er ge⸗ woͤhnlich auf alles das, was um ihn her vorging, nur we⸗ nig zu achten ſchien. Kaum war indeſſen ihre ſonderbare Beſchaͤftigung vollendet, als er nicht ohne Muͤhe uͤber die zerriſſenen Truͤmmer der Mauer kletternd, in den Kirch⸗ hof trat, und dadurch Norna auf ſeine Gegenwart auſ⸗ merkſam machte. Ohne indeß zu ſtutzen, oder das geringſte Erſtaunen uͤber ſeine Erſcheinung an einem ſo einſamen Orte zu bezeigen, ſagte ſie, in einem Tone, welcher anzu⸗ deuten ſchien, daß er nicht unerwartet komme:„ſo habt Ihr mich alſo endlich doch aufgeſucht?“ „und gefunden,“ antwortete Mertoun, welchem es als die beſte Weiſe, ſeine Nachforſchungen einzuleiten, er⸗ ſchien, wenn er einen Ton annaͤhme, der zu dem ihrigen ſtimmte. „Ja!“ antwortete ſie:„Ihr habt mich gefunden, und zwar an dem Orte, wohin wir Alle kommen muͤſſen— un⸗ ter den Wohnungen der Todten.“ „Allerdings muͤſſen wir Alle endlich hieher kommen,“ — erwiederte Mertoun, indem er einen Blick uͤber die einſame Staͤtte hinwarf, wo theils ſtehende, halb in Sand vergrabene, theils liegende Leichenſteine, von denen der Wind den Boden, auf dem ſie, mit Inſchriften bedeckt und mit den Zeichen der Sterblichkeit verziert, ruhten, hinweg⸗ geweht hatte, die am meiſten in's Auge fallenden Gegen⸗ ſtaͤnde bildeten:—„hier, in der Wohnung des Todes, muͤſſen wir endlich Alle zuſammenkommen, und gluͤcklich ſind die, welche den Hafen der Ruhe, am fruͤhſten er⸗ reichen.“ „Wer ſich nach dieſem Hafen ſehnen darf,“ ſagte Norna:„muß auf der Reiſe des Lebens ſtreng ſeinen Weg verfolgt haben. Ich darf einen ſo ruhigen Zufluchts⸗ ort für mich nicht hoffen! Aber Du, darfſt Du ihn er⸗ warten? und hat der Weg, den Du gewandelt, ihn ver⸗ dient?“ „Das hat mit meinem jetzigen Zwecke nichts gemein,“ 15 erwiederte Mertoun:„ich komme, Euch zu fragen, was Ihr von meinem Sohne Mordaunt Mertoun wißt?“ „Ein Vater,“ antwortete die Sibylle:„fragt eine Fremde, was ſie von ſeinem Sohne wiſſe? Wie ſoll ich das? Der Kormoran ſagt nicht zur wilden Ente: wo iſt meine Brut?“ „Laßt dieſen unnoͤthigen Schein des Geheimnißvollen bei Seite,“ ſagte Mertonn:„er mag ſeine Wirkung auf den Poͤbel haben, bei mir hilft er zu nichts. Die Leute auf Jarlshof haben mir geſagt, daß Ihr etwas von Mor⸗ daunt Mertoun, der nach dem Sankt Johannisfeſte, das in dem Hauſe Enres Verwandten, Magnus Troil, ge⸗ feiert wurde, nicht nach Hauſe zuruͤckgekehrt iſt, wuͤßtet oder wiſſen duͤrftet. Gebt mir Kunde, wenn Ihr mir de⸗ ren geben koͤnnt, und Ihr ſollt dafuͤr belohnt werden, wenn es anders in meiner Macht ſteht, Euch zu belohnen.“ „Das weite Erdenrund,“ erwiederte Norna:„hat nichts, das ich eine Belohnung fuͤr das geringſte Wort nennen moͤchte, das ich an ein ſterbliches Ohr verſchwende. Was aber Deinen Sohn betrifft, ſo geh', wenn Du ihn noch lebend ſehen willſt, zu dem bevorſtehenden Markt in Kirkwall, auf Orkney hinuͤber.“ „Und warum dahin?“ ſagte Mertoun:„ich weiß nicht, daß er die Abſicht gehabt haͤtte, nach jener Gegend hinzu⸗ gehen.“ „Wir treiben auf dem Strome des Lebens dahin, ohne Ruder oder Steuer. Ihr hattet auch dieſen Morgen nicht die Abſicht, nach der Kirche von Saukt Ringan zu kom⸗ men, und doch ſeyd Ihr jetzt hier; Ihr hattet noch vor einer Minute nicht die Abſicht, Euch nach Kirkwall zu be⸗ geben, und doch werdet Ihr dahin gehn.“ „Gewiß nicht, wenn ich nicht uͤber die Urſache dazu mehr Aufklaͤrung erhalte. Ich theile nicht den Glauben derjenigen, Frau, welche Euch uͤbernatuͤrliche Kraͤfte bei⸗ meſſen.“ „Ihr werdet ihn theilen, ehe wir von einander ſchei⸗ den,“ ſagte Norna.„Bis jetzt wißt Ihr nur noch wenig von mir, auch ſollt Ihr nicht mehr erfahren. Aber ich weiß genug von Euch, und koͤnnte Euch durch ein einziges Wort davon uͤberzeugen.“ „So uͤberzeugt mich,“ ſagte Mertoun:„denn wenn ich nicht ſo uͤberzeugt werde, ſo buͤrfte wohl wenig Aus⸗ ſicht da ſeyn, daß ich Euren Rathſchlaͤgen folgen moͤchte.“ „So gebt denn,“ ſagte Norna:„auf das genau Acht, was iv Fuch von Eurem Sohne ſage, denn ſonſt moͤchte das, was ich Euch von Euch ſelbſt ſagen werde, wohl alle anderen Gedanken aus Eurem Gedaͤchtniſſe verwiſchen. Ihr werdet zu dem bevorſtehenden Markte nach Kirkwall gehen, werdet am fuͤnften Markttage in dem aͤußeren Seitengange der Sankt Magnus⸗Kathedrale wandeln, und dort Jeman⸗ den treffen, der Euch Nachricht von Euerm Sohne geben wird.“ „Ihr muͤßt Euch deutlicher erklaͤren, Frau,“ erwie⸗ derte Mertoun unwillig:„wenn Ihr wollt, daß ich Eurem Rathe folgen ſoll. Ich bin, zu meiner Zeit, gar oft von Frauen geaͤfft worden, aber nie ſo plump, als Ihr es mit mir vorzuhaben ſcheint.“ „So hoͤre denn!“ ſagte die alte Frau.„Das Wort, das ich jetzt ausſprechen werde, betrifft Dein innerſtes Ge⸗ heeimniß, und ſoll Dir durch Nerv und Gebein zucken.“ Mit dieſen Worten fluͤſterte ſie Mertoun etwas in's Ohr, deſſen Wirkung beinahe die eines Zanbere, zu ſeyn ſchien. 17— ſchlen. Er blieb ſtarr und bewegungslos ſtehen, waͤhrend Norna, den Arm langſam, mit der Miene der Obergewalt und des Triumphs, emporhebend, von ihm hinwegglitt, ſich um eine Ecke der Truͤmmer wandte und bald ver⸗ ſchwunden war Mertoun machte keine Bewegung, ihr zu folgen, oder ihr nachzublicken.„Vergebens ſuchen wir dem Schickſale zu entgehen!“ ſagte er, als er ſich wieder zu erholen be⸗ gann, drehte ſich um, und kehrte den oͤden Truͤmmern und dem Kirchhofe den Ruͤcken. Als er von der letzten Stelle aus, von der man die Kirche noch ſehen konate, zuruͤck⸗ blickte, ſah er Norna's Geſtalt, in ihren Mantel gehuͤllt, auf der oberſten Spitze des verfallenen Thurmes ſtehen, und weit in die Luft etwas hinausſtrecken, das einem wei⸗ ben Wimpel, oder einer Flagtze ic. Ein Gefuhl des Schreckens, dem aͤhnlich, das ihre letzten Worte in ihm erregt hatten, durchzuͤckte abermals ſeinen Buſen, und er ellte mit ungewohnter Haſt hinweg, bis die Sankt Nintan's Kirche, mit ihrer Sandbucht, weit hinter ihm lag. Als er in Jarlsbof ankam, waren ſeine Geſichtszuͤge ſo veraͤndert, daß Swertha ſchon beſorgte, es moͤge wieder einer der Anfaͤlle jener duͤſtern Schwermuth bevorſtehen, welche ſie ſeine finſtere Stunde nannte. „Nun,“ dachte Swertha bei ſich:„was war aber auch Anderes zu erwarten, wenn er Norna von Fitful⸗Head aufſuchen gehen mußte, als ſie gerade in der Geſpenſter⸗ kirche von Sankt Ninian war?“. Ohne indeſſen andere Anzeichen eines verwirrten Ver⸗ ſtandes blicken zu laſſen, als das einer tiefen, finſtern Nie⸗ dergeſchlagenbeit, machte ihr Herr ſie mit ſeiner Abſicht, nach Kirkwall zu gehen, bekannt— eine Sache, die mit W. Scott's Werke. CXIII. 8 2 18 ſeinen Gewohnhelten ſo ſehr im Wlderſpruch ſtanb, daß die Haushaͤlterinn ihren Ohren kaum trauen wollte. Kurz nachher hörte er, mit anſcheinender Gleichguͤltigkeit, die Berichte an, welche ihm von den Leuten abgeſtattet wur⸗ den, die zu Waſſer und zu Lande ausgeſchickt worden, um Nachrichten von Mordaunt einzuziehen, und faͤmmtlich un⸗ verrichteter Sache zuruͤckgekehrt waren. Der Gleichmuth, mit welchem Mertoun ihre Nachrichten anhoͤrte, uͤber⸗ zeugte Swertha nur noch mehr, daß bei ſeiner Zuſammen⸗ kunft mit Norna, die Sibylle, welche er um Rath gefragt, ihm dieſen Ausgaug geweiſſagt habe. Die Bewohner des Ortes wurden noch mehr uͤberraſcht, als ihr Tacksmann, Herr Mertoun, wie auf einen ploͤtzlichen Eatſchluß, Anſtalten machte, waͤhrend der Marktzeit nach Kirkwall zu gehen, wean gleich er, bis dahin, gefliſſentlich alle dergleichen oͤffentliche Zuſammenkunftsorte gemieden hatte. Swertha zerbrach ſich den Kopf, ohne das Geheim⸗ niß erforſchen zu koͤnnen; noch mehr aber lag ihr das Schickfal ihres jungen Gebieters am Herzen. Ihre Be⸗ truͤbniß wurde indeß dadurch weſentlich gemildert, daß ihr Herr eine Summe Geldes, die, wenn ſte gleich an und faͤr ſich ſehr maͤßig war, ihr doch ein Schatz ſchien, in ih⸗ ren Haͤnden zurückieß, und ihr zugleich anzeigte, daß er in einem kleinen Boote, welches dem Eigenthuͤmer der In⸗ ſel Monſa gehoͤrte, die Ueberfahrt nach Kirkwall machen werde. *‿ 19 Zweites Kapitel. Sie weinte nicht länger— die Thräne verſiegt'; Verzweiflung, nicht Ruhe, in Schlummer ſie wiegt: Es dünkte ihr Ruhe— doch ward ſie ſo bleich, Wie Lilien, wachſend im himmtiſchen Reich. Fortſetzung des„alten Robin Gray.“ Der Zuſtand Minna's glich ſehr dem der Dorfheldinn in Lady Anna Lindſay's ſchoͤner Ballade. Ihre natuͤr⸗ liche Geiſtesfeſtigkeit ließ ſie nicht unter der Laſt des ſchrecklichen Geheimniſſes erliegen, das ſie wachend ver⸗ folgte, und das ſie noch mehr waͤhrend ihres unterbroche⸗ nen und leiſen Schlummers quaͤlte. Es giebt keinen ſo nagenden Kummer, als den, welchen wir nicht mittheilen koͤnnen, und wobei wir weder Theilnahme verlangen noch wuͤnſchen duͤrfen, und wenn zu dieſem noch die Laſt eines ſchuldbelabdenen Geheimniſſes kommt, das ein unſchuldiges Herz tragen muß, ſo iſt es in der That nicht zu verwun⸗ dern, wenn bei dieſen Umſtaͤnden Minna's Geſundheit er⸗ liegen mußte. Ihren Freunden erſchienen ihre Sitten und Gewohn⸗ heiten, ja, ihre Gemuͤthsart, ſo außerordentlich veraͤndert, daß es nicht auffallen durfte, wenn einige dieſe Umwand⸗ lung einer Beherung, Andere einer beginnenden Verſtan⸗ desverwirrung zuſchrieben. Es war ihr unmoͤglich, die Ein⸗ ſamkeit zu ertragen, in der ſie fruͤher ihre angenehmſten Stunden zugebracht hatte, und wenn ſie ſich in die Geſell⸗ ſchaft miſchte, ſo ſchloß ſie ſich weber derſelben an, noch gab ſie auf das Acht, was vorgteng. Gewöͤhnlich erſchien ſie in duͤſteres, ja finſteres Nachdenken verſunken, bis ihre 4 2* 0. * getrieben, die Geſellſchaft 20 Aufmerkſamkeit ploͤtzlich durch die zufaͤllige Nennung der Namen Cleveland oder Mordaunt Mertoun erregt wurde, bei denen ſie aufſuhr, mit dem Schrecken, den Jemand verraͤth, der die brennende Lunte an eine geladene Mine halten ſieht, und jeden Augenhlick erwartet, durch ihr Auf⸗ fliegen verſchuͤttet zu werden. Und wenn ſie bemerkte, daß man das Geheimniß noch nicht entdeckt habe, ſo war dieß ſo wenig ein Troſt fuͤr ſie, daß ſie beinahe zu wuͤn⸗ ſchen anfieng, das Aergſte moͤge ſchon offenbar geworden ſeyn, um nur nicht die fortdauernde Qual der Ungewißheit zu erdulden.. Ihr Betragen gegen ihre Schweſter war ſo ungleich, aber gewoͤhnlich ſo peinlich fuͤr die gutherzige Brenda, daß es allen Beobachtern als einer der hervortretendſten Zuͤge ihrer Krankheit erſchien. Zuweilen fuͤhlte ſich Minna an⸗ ihrer Schweſter zu ſuchen, als ob das Bewußtſeyn dieß verurſache, daß ſie Beide gemein⸗ ſchaftlich an einem Ungluͤck litten, deſſen ganzen Umfang nur ſie zu faſſen im Stande ſey; dann aber ließ ſie das Gefuͤhl des Unrechts, welches Brenda durch Cleveland's muthmaßliche Veranlaſſung erlitten, ſie nicht laͤnger in ih⸗ rer Naͤhe bleiben, und noch weniger die Troͤſtungen anneh⸗ men, durch welche ihre Schweſter, aus Unwiſſenheit uͤber die Beſchaffenheit ihrer Krankheit, vergeblich ſie zu beru⸗ higen ſuchte. Sehr haͤufig ereignete es ſich auch, daß, waͤh⸗ rend Brenda ihre Schweſter beſchwor, ſich zufrieden zu geben, ſie unverſehens eine Saite beruͤhrte, welche bis in das Innerſte ihrer Seele wiedertoͤnte, ſo daß, unfaͤhig ihre Pein laͤnger zu erkragen, Minna aus dem Zimmer ſtuͤrzte. Alle dieſe verſchiedenen Gemuͤthsbewegungen ertrug Brenda, wenn ſie gleich Jemanden, der mit ihrer wahren Quelle 21 unbekannt war, als Launen einer unfreundlichen Entfrem⸗ dung erſchienen, mit ſo gleichfoͤrmiger, unzerſtoͤrbarer Sanft⸗ muth, daß Minna haͤufig Thraͤnenſtrome an ihrem Halſe vergoß, und dieſe Augenblicke, wenn ſie auch durch die Er⸗ innerung verbittert wurden, daß ihr unſeliges Geheimniß ſowohl Brenda's Gluͤckſeligkeit, als die ihrige zerſtoͤre, doch vielleicht, durch die ſchweſterliche Liebe verſuͤßt, zu den er⸗ träglichſten dieſer qualpollen Zeit ihres Ledens geboͤrten. Die Wirkungen der Abwechſelung traͤumender Schwer⸗ muth, furchtbarer Bewegung und von Ausbruͤchen krampf⸗ haften Gefuͤhls, zeigten ſich bald auf dem Geſicht und in der Geſtalt des armen Maädchens. Sie ward bleich und mager, ihr Auge hatte nicht mehr den feſten, ruhigen Blick des Gluͤckes und der Unſchuld, und erſchien abwech⸗ ſelnd truͤbe oder wildblickend, je nachdem das allgemeine Gefuhl ihres eigenen traurigen Zuſtandes, oder eine tiefer⸗ dringende, qualende Augſt auf ſie einwirkte. Selbſt ihre Zuͤge ſchienen ſich zu veraͤndern und ſcharf und ſchneidend zu werden, und ihre Stimme, welche, zu anderen Zeiten, ſanft und milde geweſen war, ſank jetzt bald zu einem un⸗ verſtänblichen Gemurmel herab, bald erhob ſie ſich uͤber den natuͤr ichen Ton, zu dem eines heftigen, abgebrochenen Ausrufs. Wenn ſie in Geſellſchaft mit Anderen war, ſo beobachtete ſie ein finſteres Stillſchweigen, und begab ſie ſic in die Einſamkeit, ſo hoͤrte man(da man es jetzt fuͤr noͤthig hielt, ſie bei ſelchen Gelegenhelten ſcharf zu beob⸗ achten) ſie oft zu ſich(elbſt reden. Vergebens nahm Minna's beſorgter Vater zu der Heilkunde der Inſein ſeine Z flucht. Weiſe beiderlei Ge⸗ ſchlechts, welche die Krätte jedes Krautes kannten, das den Thau trinkt, und dieſe noch darch inaceige Worte ver⸗ 22 mehrten, welche ſie bei der Bereitung und Anwendung der Arzueien ausſprachen, wurden ohne Nutzen befragt, und Maznus ſah üch endlich, in der äußerſten Noth, gezwun⸗ gen, zu dem Rathe ſeiner Verwandten, Norna von Fitful⸗ Head, ſeine Zuflucht zu nehmen, obgleich die Umſtaͤnde, deren wir im Laufe der Erzaͤhlung gedacht, eir ige Kaͤlte zwiſchen ihnen hervorgebracht hatten. Sein erſtes Anſu⸗ chen war vergebens;— Norna befand ſich damals an ih⸗ rem gewoͤhnlichen Aufenthalts⸗Orte, am Meeresufer, nahe an dem Vorgebirge, nach welchem ſie ſich dor gemein! in nannte; aber obgleich Erich Scambeſter ſelbſt die Bot⸗ ſchaft uͤberbrachte, ſo weigerte ſie ſich doch entſchieden, ihn zu ſehen, oder irgend eine Antwort zu geben. Magnus war uͤber die Nichtackkung, mit welcher ſein Bote und ſeine Botſchaft delt worden waren, hoͤch⸗ lich entruͤſtet; allein ſeine Beſorgniß für Minna, ſo wie die Achtung, die er vor Norna's wirklichem Ungluͤck und beigemeſſener Weisheit und Macht hatte, hielten ihn bei dieſer Gelegenheit av, ſich ſeiner gewoͤhnlichen Reizbarkeit hinzugeben. Im Gegentheil entſchloß er ſich, in eigener Perſon ſeiner Verwandten ſein Auliegen vorzutragen. Die⸗ ſen Vorſatz behielt er indeß kär ſich, bat nur ſeine Toͤchter, ſich bereit zu halten, ihn bei einem Beſuche, den er einem Verwandten abſtatten wolle, welchen er ſeit einiger Zeit nicht geſehen, zu begleiten, und gab ihnen zu gleicher Zeit die Weiſung, einige V rraͤthe mitzunehmen, da die Reiſe welt ſey, und man den Freund, vie eicht unvorbereitet fin⸗ den duͤrfte.— Nicht gewohnt, naͤhere Erlaͤuterungen uͤber ſeine Be⸗ fehle zu verlangen, und in der Hoffnung, daß die Bewe⸗ gung und Uaterhaltung eines ſelcen Ausfluges vielleicht N b — 2 y——jmnr 23 ihrer Schweſter heilſam ſeyn duͤrfte, ließ Brenda, auf wel⸗ cer jetzt alle Sorgen des Hausweſens und der Famillie ruhten, die noͤthigen Anſtalten zur Reiſe machen. Schon der naͤchſte Morgen ſah ſie auf dem langen und ermuͤden⸗ den Wege uͤber Ufergrund und WMoorland, welcher nur durch einzelne Hafer⸗ und Gerſtenſtuͤke— da, wo man etwas Boden zum Anbau ausgewaͤhlt hatte— Abwechſe⸗ lang gewann und Burgh Weſtra von der ſuͤdweſtlichen Svitze des Feſtlandes(wie die Hauptinſel genannt wird) ſchied, weiche in das Vorgebirge Fitful⸗Head auslauft, ſo wie die ſuͤdoͤſtliche ſich in das Vorgebirge Sumburgh endet. So zogen ſie nun hin, uͤber Feld und oͤde Gegend; der Udaller auf einem ſtarken, maͤchtigen, wohlgefuͤtterten Gaul von norwegiſcher Zucht, der etwas hoͤher, aber eben ſo ſtaͤmmig, als die gewoͤhnlichen Landpferde war, waͤhrend Minna und Brenda, welche außer anderen Vollkommenhei⸗ ten, auch die beſaßen, gute Reiterinnen zu ſeyn, zwei der tuͤchtigen Thiere ritten, welche, mit mehrerer Sorgfalt, als man hier gewoͤhnlich auf ſie verwandte, gefuͤttert und ge⸗ zogen, ſowohl durch die Zierlichkeit ihrer Geſtalt, wie durch ihre Lebhaftigkeit bewiefen, daß die ſo ſehr und ſo unver⸗ antwortlich vernachlaͤßigte Race ſicher auch zu aͤußerer Schoͤnheit aufgezogen werden koͤnne, ohne deswegen etwas von ihrem Feuer und ihrer Kraft zu verlieren. Sie waren von zwei Bedienten zu Pferde und von zweien zu Fuße be⸗ gleitet, welche letztere man in der Betrachtung mitgenom⸗ men hatte, daß dadurch die Reiſe nicht aufgehalten werden wuͤrde, da ein großer Theil des Weges entweder ſo klip⸗ pig oder ſo moraſtig war, das die Pferde nur im Sohritte gehen konnten, und daß, wenn ſie an eine laͤngere Strecke 24 harten und ebenen Bodens kaͤmen, ſie nur von der naͤchſten Heerde ein Paar Pferde nehmen duͤrften, ihre Fußgaͤnger beritten zu machen. Die Reiſe war hoͤchſt traurig, und es ward ſelten ge⸗ ſprochen, ausgenommen, wenn der Udaller, von Ungeduld und Aerger angereizt, ſeinen Gaul zum ſchnelleren Gange ankrieb, ſogleich aber, Minna's ſchwache Geſundheit erwaͤ⸗ gend, ihn wieder anhielt, und wiederholte Fragen that, wie ſie ſich befaͤnde, und ob die Reiſe ſie auch nicht zu ſehr anſtrenge. Zu Mittag hielt die Geſellſchaft an, und nahm einige Erfriſchungen zu ſich, von denen man einen ſtarken Vorrath mitgebracht. Dieß geſchah an einem angenehmen Quell, deſſen Waſſer aber, trotz ſeiner Klarheit, dem Gau⸗ men des Udallers nicht eher zuſagen wollte, als bis er es durch Beimiſchung eines reichlichen Theils aͤchten Franz⸗ branntweins ſchmackhhaft gemacht. Nachdem er zum zwei⸗ ten, ja, zum dritten Male einen großen ſilbernen Reiſe⸗ becher gefuͤllt, auf dem in erhabener Arbeit ein niederlaͤn⸗ diſcher Cupido, der eine Pfeife raucht, und ein niederläͤn⸗ diſcher Bacg us, der ſeine Flaſche einem Baͤren in den Ra⸗ chen gießt, zu ſehen waren, wurde er geſpraͤchiger, als der Aerger ihm bisher zu ſeyn erlaubt hatte, und redete ſeine Toͤchter folgendermaßen an. „Nun, Kinder, wir ſind nur noch eine oder zwei Mei⸗ len von Norna's Wohnung entfernt, und wir wollen ſehen, wie die alte Zauberſprecherinn uns empfangen wird.“ Minna unterbrach ihren Vater durch einen ſchwachen Ausruf, waͤhrend Brenda, ſehr uͤberraſcht, ausrieſ:„alſo Norna ſollen wir dieſen Beſuch abſtatten?— Das verhuͤte der Himmel!“ —„Und warum ſoll der Himmel es verhuͤten?“ ſagte der 25 Udaller, indem ſeine Augenbraunen ſich zuſammenzogen: „warum, moͤchte ich wohl wiſſen, ſollte der Himmel es ver⸗ hüten, daß ich meine Verwandte beſuche, deren Erfahrung Deiner Schweſter ſehr nuͤtzlich werden kann, wenn irgend eine Frau oder ein Mann auf Shetland ihr voch zu helſen im Stande iſt?— Du biſt eine Naͤrrinn, Brenda: Deine Schweſter hat mehr Ueberlegung.— Sei heiter, Minna! Du hatteſt immer ihre Geſaͤnge und Erzaͤhlungen gern, und hiengſt an ihrem Halle, wenn die kleine Brenda weinte, und vor ihr lief, wie ein ſpaniſches Kauffarteiſchiff vor ei⸗ nem hollaͤndiſchen Kaper die Flucht nimmt.“ „Ich wuͤnſche, daß ſie heute mir nicht ſolchen Schrecken einjagen mag,“ erwiederte Brenda, welche zugleich der Schweſter, bei ihrer Schweigſamkeit, eine Antwort erſparen, und ihrem Vater durch die Fortfuͤhrung der Unterhaltung getaͤllig ſeyn wollte:„ich habe ſo viel von ihrer Wobnung erzaͤhlen gehoͤrt, daß mich der Gedanke erſchreckt, uneinge⸗ laden dahin gehen zu muͤſſen.“ „Du biſt eine Naͤrrinn,“ ſagte Magnus,„wenn Du glaubſt, daß ein Beſuch von Verwandten einem wohlwollen⸗ den, aufrichtigen, haltlaͤndiſchen Herzen, wie das, meiner Baſe Norna iſt, ungelegen kommen koͤnnte. Ja, und nun ich es genauer uͤberlege, ſo war wohl gerade das die Ur⸗ ſache, warum ſie Erich Scambeſter nicht annehmen wollte!— Es iſt eine lange, lange Zeit her, daß ich ihren Schornſtein nicht habe rauchen ſehen, und Euch habe ich nie mit hieher genommen.— Sie hat nicht ganz Unrecht, wenn ſie mich unfreundlich ſchilt. Aber ich werde ihr die Wahrbeit ge⸗ radezu ſagen— und das iſt, daß, wenn es gleich Mode iſt, ich es dennoch nicht fur Fug und Recht halte, ſo einzelnen Frauen alles weg zu eſſen, wie wir es bei den andern Udal⸗ 26 uns im Winter von einem Hauſe zum s wir wie ein Schneeball angewachſen alles verzehren, wohin wir kommen.“ . mal duͤrſen wir nicht fuͤrchten, Norna in irgend eine Verlegenheit zu ſetzen,“ ſazte Brenda,„denn wir haben reichlichen Vorrath von allem dem bei uns, deſſen wir moͤglicherweiſe bedaͤrfen koͤnnten: Fiſche und Speck, und gepoͤckeltes Hammelfleiſch und getrocknete Gaͤnſe— mehr, als wir in einer ganzen Woche verzehren koͤnnten, und dann noch genug zu trinken fuͤr Dich, Vater.“ „Recht, recht, mein Kind!“ ſagte der Udaller:„ein wohlverſehenes Schiff macht immer eine froͤhliche Reiſe; ſo werden wir uns von Norna alſo nur ein Oodach und etwas Betten fuͤr Euch zu erbitten haben, denn, was mich beirifft, fo iſt mir mein Mantel und ehrliche trockene nor⸗ wegiſche Dielen, zum Lager, weit lieber, als alle Eure Ei⸗ derdaunen⸗Kiſſen und Matratzen. So wird alſo Norna das Vergnuͤgen haben, uns zu ſehen, ohne daß es ihr ei⸗ nen Stuͤber Koſten macht.“ „Ich hoffe, ſie wird es fuͤr ein Vergnuͤgen halten, Vater,“ antwortete Brenda. „Was will das Maͤdchen damit ſagen, in des Maͤrty⸗ rers Namen?“ erwfederte Magnus Troil:„denkſt Du, melne Verwandte iſt eine Heidinn, das ſie ſich nicht freut, ihr eigenes Fleiſch und Blut zu ſehen?— Ich wollte, wir haͤtten eben ſo gewiß einen guten Fiſchfang dieß Jahr!— Nein, nein, ich fuͤrchte nur, daß wir ſie nicht zu Hauſe finden werden, denn ſie wandert oft herum, und denkt da⸗ bei nur zu ſehr an das, was ſich doch einmal nicht aͤndern 27 Minna ſeufzte tief auf, waͤhrend ihr Vater ſprach, und der üdaler fuhr fort: „Seufzeſt Du daruͤber, mein Kind?— Das iſt der Fehler der halben Welt— laß ihn Dir nie zu Schulden kommen, Minna. Ein zweite daß die Warnung zu ſpaͤt komme. „Ich glaube wahrhaftig,“ ſagte der Udaller, indem er ihr in das bleiche Geſicht ſah:„Du fuͤrchteſt Dich eben ſo vor meiner Bafe, als Brenda: wenn das iſt, ſo ſag' es fret beraus, und wir wollen zuruͤckkehren, als ob wir den Wind mit uns haͤtten, und fuͤnfzehn Zeichen in der Stunde liefen.“ „Ja, laß uns zuruͤckfehren, Schweſter, ums Himmels willen!“ ſagte Brenda flehend:„Du weißt— Du erin⸗ nerſt Dich— und es muß Dir ja einleuchten, daß Norna nichts thun kann, Dir zu helfen.“ „Das iſt wohl wahr,“ ſagte Minna mit gedaͤmpfter Stimme,„aber ich weiß nicht— ſie kann mir vielleicht eine Frage beantworten, die nur der Elende dem Elenden thun kann.“ „Meine Verwandte iſt nicht elend daran,“ ſagte der Udaller, der nur den Anfang der Rede gehoͤrt hatte:„ſie hat ein gutes Einkommen, ſowohl auf Orkney, als hier, und manch ſchoͤnes Lißpfund Butter wird ihr entrichtet. Aber die Armen ſtehen ſich dabei am beſten, und Schande uͤber den Shetlaͤnder, der es ihnen nicht goͤnnt; das Ue⸗ brige giebt ſie, ich weiß nicht wie, auf ihren Reiſen aus. Aber Ihr werdet gewiß lachen, wenn Ihr ihr Haus ſehet, und Nick Strumpfer, den ſie Pacolet nennt— viele Leute denken, Nick iſt der Teufel— aber er hat Fleiſch 28 und Blut wie wir, ſein Vater wohnte in Gremſay— ich freue mich recht ſehr, Nick wieder zu ſehen.“ Waͤhrend der Udaller ſich ſo ausſprach, uͤberlegte Bren⸗ da, welche zur Entſchaͤdigung fuͤr den geringeren Antheil an Einbildungskraft in Vergleich mit dem ihrer Schweſter, dafuͤr ſehr vielen geſunden Verſtand beſaß, bei ſich ſelbſt, welchen Einfluß dieſer Beſuch auf Minna's Geſundheit ha⸗ ben duͤrfte, und kam endlich zu dem Entſchluſſe, bei der erſten Gelegenheit, welche ſich auf der Reiſe darbieten wuͤrde, heimlich mit ihrem Vater daruͤber zu reden. Ihm beſchloß ſie das ganze Geheimuiß ihrer naͤchtlichen Zuſam⸗ menkunft mit Norna zu enrdecken— der ſie, neben ande⸗ ren angreifenden Urſachen, Minna's Niedergeſchlagenheit zuſchrieb— und ihn dann ſelbſt urtheilen zu laſſen, ob er noch einer ſo ſonderbaren Frau einen Beſuch abſtatten und ſeine Tochter der Erſchuͤtterung ausſetzen wolle, welche ihre Nerven leſcht durch die Zuſammenkunft erleiden koͤnnten. In dem Augenblicke, wo ſie dieſen Entſchluß gefaßt hatte, trank ihr Vater, indem er mit der einen Hand ſeine mit Treſſen beſetzte Weſte von den Brodkrumen ſaͤuberte, und mit der andern einen vierten Becher mit Branntwein und Waſſer zum Munde fuͤhrte, andaͤchtig auf den guten Erfolg der Reiſe, und befahl, daß ſich Alle in Bereitſchaft halten ſollten, dieſe fortzuſetzen. Waͤhrend die Klepper ge⸗ ſattelt wurden, ſuchte Brenda, mit einiger Muͤhe, ihrem Vater zu verſtehen zu geben, daß ſie ihn heimlich zu ſyre⸗ chen wuͤnſche— etwas, das den ehrlichen Udaller ſehr uͤber⸗ raſchte, der, wenn gleich verſchwiegen, wie das Grab, bei den wenigen Dingen, wo er das Geheimhalten als eine Sache von Wihhtigkeit auſah, im Ganzen alles ſo weniz geheim behandelre, daß die wichtigſten Angelegenheiten oft 29 von ihm ganz oͤfſentlich, in Gegenwart ſeiner ganzen Fami⸗ lie, die Bedienten mit eingeſchloſſen, verhandelt wurden. Sein Erſtaunen wuchs indes noch, als er, abſichtlich mit ſeiner Tochter Brenda im Kielwaſſer der andern Reu⸗ ter, wie er es nann e, zuruͤckbleibend, die ganze Erzaͤh⸗ lung von Norna's Beſuch in Burgh⸗Weſtra und von den wunderbaren Sachen vernabm, die ſie ſeinen Toͤchtern mit⸗ getheilt. Lange Zeit konnte er nichts als einzelne Ausru⸗ fungen hervorbringen, und ſchloß dann mit tauſend Flüchen auf die Thorheit ſeiner Verwandtinn, ſeinen Toͤchtern eine ſolche Schreckensgeſchichte zu erzaͤhlen. „Ich habe ſehr oft gehoͤrt,“ ſagte der Udaller,„daß ſie, bei aller ihrer Weisheit und ihrer Kenntniß von den Jahreszeiten, doch verruͤckt ſey, und bei den Gebeinen mei⸗ nes Namensverwandten, des Maͤrtyrers, ich fange nun wirklich an, es zu glanben. Ich weiß jezt eben ſo wenig zu ſteuern, als ob mein Kompaß verloren gegangen waͤre. Haͤtte ich das gewußt, eye wir die Reiſe antraten, ſo glaub' ich, waͤre ich zu Hauſe geblieben; da wir aber jezt ſchon ſo weit ſind, und Norna uns erwartet.“ „Erwartet? Vater, iſt das moͤglich?“ „Nun, das weiß ich nicht— aber wer da weiß, wie der Wind wehen wird, der wird auch voraus wiſſen, wel⸗ chen Weg wir nehmen wollen. Man muß ſie nicht auf⸗ bringen; vielleicht hat ſie meiner Familte dieß Uebel zuge⸗ fuͤgt, wegen des Streites, den ich mit ihr uͤber den Bur⸗ ſchen, Mordaunt Mertoun, hatte, und iſt dem ſo, ſo kann ſie es wieder von uns nehmen, und das ſoll ſie thun muͤf⸗ ſen, oder ich will wenigſtens wiſſen, warum ſie es gethan hat. Erſt Will ich aber den Weg der Gute verſuchen.“ 30 Da Brenda fand, daß die Fortſetzung der Reiſe un⸗ widerruflich beſchloſſen ſey, ſo ſuchte ſie jezt zunaͤchſt von ihrem Vater zu erfahren, ob Norna's Erzaͤhlung ſich auf wirkliche Thatſachen gruͤnde. Er ſchuͤttelte den Kopf, ſeufzte tief, und beſtaͤtigte, mit wenig Worten, die Wahr⸗ heit des Ganzen, in ſo ſern es ihr Verhaͤltniß mit einem Fremden betraf:„auch ihres Vaters Tod, deſſen zufaͤlige und ganz unſchuldige Urſache ſie geworden, ſey eine trau⸗ rige, aber unbezwelfelbar wahre Thatſache. Was ihr Kind betraͤfe,“ ſagte er:„ſo habe er nie erfahren koͤnnen, was daraus geworden ſey.“. „Ihr Kind!“ rief Brenda aus:„ſie ſagte kein Wort geſagt haͤtte,“ rief der Udaller.„Ich ſehe wohl, daß die Maͤnger, ſie moͤgen jung oder alt ſeyn, Euch Weibern eben ſo wenig Geheimniſſe verſchweigen koͤn⸗ nen, ais der Aal in ſeinem Schlupfwinkel bleiben kann, wenn er mit einer Schnur von Pferdehaar gehaſcht wird— der Fiſcher bringt ihn ſpaͤter oder fruͤher aus ſeinem Loche, wenn er einmal die Schlinge um den Hals hat.“ „Aber das Kind, lieber Vater?“ ſagte Brenda, wel⸗ che die genaueren Umſtaͤnde dieſer außerordentlichen Begeben⸗ heit jezt welter verfolgte:„was wurde daraus?“ „Wahrſcheinlich ſchleppte es der Schurke Vaughan hinweg,“ antwortete der Udaller mit rauhem Ton, dem es deutlich anzuhoͤren war, wie muͤde er der Sache war. „Vaughan?“ ſagte Brenda,„gewiß der armen Nor⸗ na Geliebter! Was fuͤr eine Art Mann war er, Vater?“ „Wahrſcheinlich ein Mann, wie andere,“ antwortete der Udaller: ich habe ihn in meinem Leben nie geſehen, 31 Er gieng mit den ſchottiſchen Familien in Kirkwall um, und ich mit den guten alten norwegiſchen Leuten.— Ach, waͤre Norna immer bei ihren Verwandten geblieben, und haͤtte ſich nicht immer zu ihren ſchottiſchen Bekanntſchaften gehalten, ſo haͤtte ſie Vaughan nicht kennen gelernt, und die Sachen moͤchten wohl anders gekommen ſeyn— aber dann haͤtte ich Deine ſelige Mutter nicht kengen gelernt, Brenda, und das wuͤrde mir,“ ſagte er, indem eine Thraͤ⸗ ne in ſein großes blaues Auge trat, eine kurze Freude und einen langen Kummer erſpart haben... „Norna wuͤrde meiner Mutter Platz bei Dir, Vater, als Gefaͤhrtinn und Freundinn, nicht wohl ausgefuͤllt ha⸗ ben, nach allem dem, was ich gehoͤrt habe,“— ſagte Brenda, nach einigem Zoͤgern. Aber Magnus, durch die Erinnerung an ſein geliebtes Weib erweicht, antwortete ihr mit mehr Milde, als ſie erwartete. „Ich wuͤrde damals,“ ſagte er,„gegen eine Heirath mit Norna nichts einzuwenden gehabt haben. Ein alter Zwiſt waͤre dadurch ausgeglichen— ein alter Schade ge⸗ heilt worden. Alle unſere Blutsverwandten wuͤnſchten es, und ſo wie es damals mit mir ſtand, beſonders da ich Deine ſelige Mutter noch nicht geſehen, hatte ich ihren Beſchluͤſſen wenig entgegen zu ſetzen. Du mußt von Norna, oder von mir, nicht nach dem urtheilen, was wir iezt ſind— ſie war jung und ſchoͤn, ich froͤhlich, wie ein hoch⸗ ländiſches Reh, und wenig darum bekuͤmmert, in welchen Hafen ich gieng, da ich, wie ich meinte, mehr als einen in Lee hatte. Norna zog indeß dieſen Vaughan vor, und das war, wie ich Dir vorher ſagte, vielleicht der beſte Freunvſchaftsdienſt, den ſie mir erweifen kounte.“ „Die arme Baſe!“ ſagte Brenda.„Aber glaubſt Du, irdiſchen Elends die Vorſicht die Augen 32². Vater, an die große Macht, die ſie zu beſitzen vorgiebt 8 — an das geheimnißvolle Geſicht de das. Hier unterbrach ſie Masnus, dem dieſe Fragen augen⸗ ſcheinlich zu mißfallen ſchlenen. „Ich glaube, Brenda,“ ſagte er,„was meine Vaͤter glaubten— ich will nicht kluͤger ſeyn, als ſie es zu ihrer Zeit waren, und ſie glaubten Alle, daß in Faͤllen großen des Geiſtes eroͤffne, und den Leidenden einen Blick in die Zukunft geſatte. Dieß war nur ein Geraderichten des Boots, wenn ich ſo ſagen darf,“(hier faßte er ehrfurchtsvoll an ſeinen Hut) „und nachdem ſie allen Ballaſt ausgeworfen hatte, iſt die arme Norna noch ſo ſcwer im Bug beladen, wie eine Jöoͤlle von Orkgey beim Dornhay Fang— ſie hat mehr als zu viel Kummer an Bord, als daß er nicht alle die Gaben aufwiegen ſollte, die ſie mitten in ihrem Ungluͤck erhalten hat. Dieſe ſind fuͤr das arme Geſchoͤpf ſo ſchmerzvöll, als eine Dornenkrone fuͤr ihre Stirne ſeyn wuͤrde, waͤre ſie auch das Zeichen des Koͤntgreichs Daͤnemark. Auch Du, Brenda, mußt nicht kluͤger ſeyn wollen, als Deine Vaͤter. Deine Schweſter Minna hatte, eh' ſie ſo krank ward, ſo viel Ehrfurcht vor allem, das in norwegiſcher Sprache vor⸗ handen war, als ob es in des Pabſtes Bulle geſtanden haͤtte, die in einem Latein geſarieben iſt.“⸗ „Die arme Norna,“ wiederholte Brenda:„und ihr Kind— kam es nie wieder zum Vorſchein?“ „Was weiß ich von ihrem Kinde?“ ſagte der Udaller, noch rauher, als vorher:„mir iſt nur ſo viel bekannt, daß ſe ſowohl vor als nach der Geburt ſehr krank war, obgleich Zwerges— an wir ſie, durch Pfeife, Harfe u. ſ. w. ſo viel als moͤglich auf⸗ —ꝑ aufzuheitern ſuchten. Das Kind war vor der Zeit in dieſe unruhige Welt gekommen, und ſo iſt es wahrſcheinlich, daß es ſchon lange geſtorben ſeyn wird. Aber Du weißt ja nichts von allen dieſen Dingen, alſo laß mich zufrieden, und frage mich nicht weiter uͤber Sachen, nach denen Du, ſchicklicherweiſe, Dich nicht erkundigen darfſt.“ Mit dieſen Worten gab der Udaller ſeinem muthigen kleinen Gaule die Sporn, trabte uͤber Stock und Block da⸗ hin, waͤhrend des Gaules feſter Tritt alle Schwierigkeiten des Weges uͤberwand; er war bald an der Seite der truͤb⸗ ſinnigen Minna, und ließ ſich nun mit ihrer Schweſter nicht weiter in ein Geſpraͤch ein, als wenn er Beiden ge⸗ meinſchaftlich erwas zu ſagen hatte. Brenda troͤſtete ſich jezt nur mit der Hoffnung, daß Minna's Krankheit ihren Sitz in der Einbildungskraft zu haben ſchiene, die von Nor⸗ na empfohlenen Mittel vielleicht einige Wirkung hervor⸗ bringen wuͤrden, da ſie, oller Wahrſcheinlichkeit nach, auf jene Geiſtesfaͤhlgkeit berechnet ſeyn wurden. Der Weg hatte ſie bisher hauptſaͤchlich uͤber Moos und Moor getuͤhrt; dieſe Einfoͤrmigkeit war nur zuweilen durch die Nothwendigkeit unterbrochen worden, einen Umweg um die obern Enden der langen Lagunen, Voes genannt, zu machen, welche ſo in's Land eingrelfen und es durchſchnei⸗ den, daß, wenn gleich das Feſtland von Shetland dreißig Meilen lang iſt, es wielleicht keine Gegend giebt, welche drei Meilen vom Seewaſſer entfernt waͤre. Jetzt hatten ſie indeß das ſuͤdweſtliche Ende der Inſel erreicht, und zogen nun an einem ungeheuern Gebirgsruͤcken hin, der ſeit Jahrhunderten der Wuth des nordi chen Oceans und aller Winde, von denen er gepeitſcht wird, Trotz geboten hatte. 6 K W. Scott s Werke. CKiif. 3 3 34 „Endlich rief Magnus ſeinen Toͤchtern zu:„Dort iſt Norna's Wohnung!— Sieh' hin, Minna, meine Liebe; denn, wenn das Dich nicht zum Lachen bringt, ſo weiß ich nicht, was es thun ſoll. Wahrhaftig! nur ein Meer⸗ adler haͤtte ſich ein ſolches Neſt, wie dieß iſt, bauen koͤn⸗ nen! Bei den Gebeinen meines Namensverwandten, es giebt nichts Aehnliches, worin ein lebendes Weſen je ge⸗ wohnt haͤtte(das heißt, ohne Fluͤgel und mit dem doͤlligen Gebrauche ſeiner Vernunft), wenn es nicht etwa der Fraw⸗Stack*) auf der Hoͤhe von Paba iſt, wo die Tochter des Koͤnigs von Norwegen vor allen ihren Liebha⸗ bern verſchloſſen war, was aber, wenn die Geſchichte wahr iſt, doch alles zu nichts half; denn, Maͤdchen, Ihr müßt wiſſen, es iſt ſchwer, den Flachs weit von der Flamme zu halten.“ Drittes Kapitel. Dreimat, aus finſterer Höhle Schlund, Sich dumpf der Ruf erneut: Komm, meine Tochter, komm getroſt⸗ und klage mir Dein Leid!. Meikle. Norna's Wohnung konnte, wenn es frellich nur einem eingebornen, und ſein ganzes Leben hindurch mit allen *) Der Fraw⸗ Stack oder Mädchen⸗Felſen, iſt eine unzugäng⸗ liche, durch einen ſchmalen Meerbuſen von der Inſel Paba ge⸗ trennte⸗ Klipve, auf deren Spitze einige Trümmer ſind, von denen man eine ähnliche Legende, wie die der Danae, erzählt, 3⁵ Abwechſelungen von Felsgegend vertraut gewordenen Shet⸗ laͤnder moͤglich war, irgend etwas Komiſches in deren Lage zu finden, doch, wie Magnus Troil es that, nicht unpaſ⸗ ſend mit dem Horſt des Seeadlers verglichen werden. Sie war ſehr klein, und aus einer der Hoͤhlen gebildet, welche man auf Shetland Burgen und Pictenhaͤuſer, auf dem Feſtlande von Schottland und den Hebriden Duns nennt, und welche die erſten rohen Anfaͤnge der Baukunſt geweſen zu ſeyn ſcheinen— das Uebergangsglied zwiſchen einem Fuchsloche in einem Huͤgel von lockeren Steinen, und ei⸗ nem Verſuche, eine menſchliche Wohnung aus denſelben Beſtandtheilen zu errichten, und zwar ohne den Gebrauch von Kalk, oder irgend eines andern Bindemittels der Art, ohne Bauholz, ſo viel man nach den Ueberbleibſeln beur⸗ theilen kann, und ohne irgend eine Kenntniß des Gewoͤl⸗ bes oder einer Treppe. Wie ſie aber auch ſeyn moͤgen, ſo deuten doch die zahlreichen Ueberbleibfel dieſer Wohnungen — denn es finden ſich deren auf jedem Vorgebirge, Inſel⸗ chen, oder ſonſt vortheilhaften Punkten— an, daß das entfernte Geſchlecht, welches dieſe Burgen erbaute, ein zahlreiches Volk war, und die Inſeln damals eine viel be⸗ deutendere Bevoͤlkerung hatten, als man nach andern Um⸗ ſtaͤnden haͤtte ſchließen ſollen. Die Burg, von welcher hler die Rede iſt, war in ſpaͤterer Zeit veraͤndert und ausgebeſſert worden, und dieß wahrſcheinlich von irgend einem kleinen Herrſcher oder See⸗ raͤuber geſchehen, der, von der nnangreifbarkeit der Lage der Burg(welche den ganzen Raum einer weit hinausra⸗ genden Felsſpitze einnahm, und von dem Feſtlande durch eine Spalte oder Schlucht von bedeutender Tiefe getrennt wurde) augezogen, ſie durch einige Anvaut im roheſten . 36 Style der gothiſchen Vertheidigungsbaukunſt erweitert hatte. Das Innere war mit Kalk und Thon beworfen; es waren Fenſter, Luft und Licht hineinzulaſſen, ausgebrochen, und das Ganze, durch Hinzufuͤgung eines Daches und Abthei⸗ lung in Stockwerke, zu einem Thurm geworden, der einem pyramidaliſchen Taubenſchlage aͤhnlich ſah, und eine dop⸗ pelte Mauer hatte, in deren Dicke man noch jene rund⸗ umherlaufenden Gallerteen oder concentriſchen Kreiſe ange⸗ bracht ſah, welche allen Feſtungen von dieſem Urbaue ei⸗ genthuͤmlich ſind, und die einzige Schutzwehr geweſen zu ſeyn ſchienen, welche ihre Bewohner urſpruͤnglich gegen Kaͤlte und Wetter hatten. Dieſe ſonderbare Wohnung, welche aus den einzeln umherliegenden Steinen erbaut und Jahrhunderte lang dem Wechſel der Elemente blosgeſtellt geweſen war, war ſo grau, verwittert und abgebroͤckelt, als der Felſen, auf dem ſie lag, und von dem man ſie nur mit Muͤhe unterſchelden konnte: ſo vollkommen gleich war ſie ihm an Farbe, und ſo wenig unterſchied ſie ſich, durch die Regelmaͤßigkeit ih⸗ rer Geſtalt, von einer Spitze oder einem Brua ſtuͤck der Klippe. Minna's zur Gewohnheit gewordene Gleichguͤltigkeit gegen alles das, was kuͤrzlich um ſie herum vorgegange war, verlor ſich auf wenige Minuten bei dem Anblick eines Wohnorts, der, zu einer andern und gluͤcklicheren Zeit ih⸗ bes Lebens, ſowohl ihre Neugierde als ihre Verwunderung erregt haben wuͤrde. Selbſt jezt ſchien ſie nicht ohne An⸗ theil dieſen ſonderbaren Zuſluchisort zu betrachten, bei dem ſte ſich zuntrich erlanern mußte, daß er der Aufenthalt ei⸗ nes gewiſſen Elends und wahrſcheinlicher Geiſtesverwirrung ſey, die, wie die Bewohnerinn behauptetr, und Minna's Giaube einraͤumte, mit Gewalt uͤter die Elemente und 37 einem Verkehr mit der unſichtbaren Welt in Verbindung ſtand. „Uyſere Verwandtinn,“ murmelte ſſe,„hat ihre Woh⸗ nung ſehr gut zu waͤhlen gewußt. Es iſt kaum ſo viel Erde darauf, daß ein Seevogel darauf ſitzen koͤnnte, und uͤberall umher furchtbare Stuͤrme und ſchaͤumende Wellen. Verzweiflung und Zaubergewalt koͤnnten keinen paſſenderen Aufenthalt haben. Brenda ſchauderte dagegen zuſammen, als ſie die Woh⸗ nung erblickte, zu welcher ſie anf einem muͤhſamen, ge⸗ faͤhrlichen und muͤhſamen Pfade binaufritten, welcher zu⸗ weilen, zu ihrem großen Scorecken, dicht am Rande des Abgrunds hinführte, ſo daß ſie, wenn gleich eine Shet⸗ laͤnderinn und voll Vertrauen zu dem feſten Tritt und der Klugheit des ſicheren Kleppers, ſich kaum des Schwindels erwehren konnte, vorzuglich an einer Stelle, wo ſie, als die Vorderſte des Zuges, auf Einmal um die ſcharfe Ecke des Felſens bog, und ihre Fuͤße, als ſie zur Seite uͤber die Klippe hinausragten, einen Augenblick lang gerade uͤber dem Rande des Abhanges ſchwebten, ſo daß zwiſchen der Sohle ihres Schuhes und dem weißen Schaum des empoͤr⸗ ten Oceans, welcher in einer Tiefe von fuͤnfhundert Fuß tobte, heulte und ſchaͤumte, nur die freie Luft war. Was ein Maͤdchen aus einem andern Lande zum Waohnſinn ge⸗ bracht haben würde, verurſachte ihr nur eine augenblickliche Unbehaglichkelt, welche ſogleich vor der Hoffnung verſchwand, daß der Eindruck, den die ganze Gegend auf ihrer Schwe⸗ ſter Einbeldungskraft zu machen ſchien, vielleicht einen guͤnſtigen Einfluß auf ihre Heilung haben durfte. Sie konnte daher nicht umbin, zuruͤckzublicken, um zu ſehen, wie Minng an der gefshrlichen Stelle vorüber kom⸗ 38 men wuͤrde, welche ſie ſo eben hinter ſich gelaſſen hatte. Zugleich hoͤrte ſie die ſtarke Stimme des Udallers, der, wenn er gleich mit dieſem rauhen Pfade eben ſo vertraut war, als mit dem ebenen Meeres Ufer, doch in dem Tone der Be⸗ ſorgniß ausrief:„Nimm Dich in Acht, Jarto!“*) waͤh⸗ rend Minna, mit ſehnſuͤchtigem Blicke den Zuͤgel fallen ließ, und ihre Arme, ja ſelbſt ihren Koͤrper, uͤber den Abgrund hinbog, wie ein wilder Schwan, wenn er, ſich wiegend und ſeine Fittige entfaltend, im Begriff iſt, ſich von der Klippe auf dem Buſen der Winde hinabzuſchwingen. Bren⸗ da fuͤhlte in dieſem Augenblicke die Beklemmung des un⸗ ausſprechlichſten Schreckens, welcher ſelbſt dann noch auf ihre Nerven zu wirken fortfuhr, als ſie, einen Augenblick nachher, die Beruhigung hatte, daß ihre Schweſter ſich ermannte, und wieder aufrecht im Sattel ſaß, da die Ge⸗ legenheit und Verſuchung(wenn ſie je dieſe fuͤhlte) vor⸗ uͤber war, als das ruhige, ſichere Thier, das ſie trug, ſich um den hervorſpringenden Winkel wandte, und ſeinen geduldigen feſten Fuß von dem Abhange ablentte. Sie waren jezt an einen ebenen und freien Platz ge⸗ kommen, welchen der flache Obertheil einer hervorſpringen⸗ den felſigen Landzunge bildete, die ſich aber nochmals zu einem ſchmalen Strich verſchmaͤlerte, wo ſie durch die Kluft abgeſchnitten wurde, welche die kleine Spitze oder Stack, auf welcher Norna's Wohnung ſtand, von dem Hauptruͤcken des Felſens und Abhanges trennte. Dieſer natuͤrliche Gra⸗ ben ſchlen das Werk einer Naturerſchuͤtterung zu ſeyn; er war tief, finſter und unregelmaͤßig enge gegen den Grund hin, den man nicht deutlich erkennen konnte, und nach oben zu am weiteſten, ſo daß es das Anſehen hatte, als ) Meine viebe! 39 ſey der Theil der Klippe, auf welchem das Gebaͤude ſtand, von der Landzunge, die ihr aͤußerſtes Ende bildete, halb apgeriſſen worden, eine Muthmaßung, welche durch den Winkel, unter welchem er vom Lande zuruͤckzutreten und ſich ſeewaͤrts hin abzudachen ſchien, noch beſtaͤtigt wurde. Dieſer Winkel war ſo bedeutend, daß man erſt Faſſung ge⸗ winnen mußte, um den Gedanken, daß der uͤberhangende Felſen mit ſeinem alten Thurme in die See ſtuͤrzen werde, nicht Herr werden zu laſſen, und mancher Furchtſame wuͤr⸗ de angeſtanden haben, ſeinen Fuß darauf zu ſetzen, damit nicht eine Vermehrung des Gewichts, waͤre ſie auch ſo un⸗ bedeutend, als das des menſchlichen Koͤrpers, das Schick⸗ ſal beſchleunigen moͤchte, das jeden Augenblick hereinzubre⸗ chen ſchien. Ohne ſich mit dergleichen Gebilden der Einbildungs⸗ kraft zu beſchaͤftigen, ritt der Udaller nach dem Thurme hin. Sowohl er, als ſeine Toͤchter ſtiegen von den Pfer⸗ den, und gaben dieſe einem der Diener, mit der Weiſung, ſie ihrer Laſten zu entledigen und ſie auf die naͤchſte Haide laufen zu laſſen, um ſich auszuruhen und ſich zu erfriſchen. Nachdem dieß geſchehen, naͤherten ſie ſich dem Thore, das fruͤher mit dem Lande durch eine rohe Zugbruͤcke verbunden geweſen zu ſeyn ſchien, von der man noch einige Stuͤcke ſehen konnte. Das Uebrige war laͤngſt zerſtört, und jezt durch eine feſtſtehende Fußbruͤcke erſetzt, welche aus Faß⸗ dauben, mit Raſen belegt, beſtand, ſehr ſchmal war, kein Gelaͤnder hatte und auf einer Art von Bogen ruhte, wel⸗ cher aus Wallſiſchkinnbacken gebaut war. Ueber dieſe „Bruͤcke des Schreckens“ ſchritt der Udaller mit ſeinem gewoͤhnlichen ſtattlichen Schritt, welcher der Bruͤcke und ihm ſelbſt zugleich den Untergang zu bereiten drohte; ſeine 40 Toͤchter trippelten leichter und behutſamer hinter ihm her, und nun ſtand die ganze Geſellſchaft vor dem niedrigen, verfallenen Eingange von Norna's Wohnung. „Wenn ſie nur nicht gar von Hauſe weg iſt,“ ſagte Magnus, waͤhrend er wiederholt an die ſchwarze eichene Thuͤre donnerte:„aber wenn das der Fall iſt, ſo wollen wir wenigſtens einen Tag beilegen, ihre Ruͤckkehr zu er⸗ warten, und Nick Strumpfer das Wartegeld in Bland und Branntwein bezahlen laſſen.“ Während er dieß fagte, oͤffnete ſich die Thuͤre und ließ, zu Dienda Schrecken, und ſogar zu Minna's Er⸗ ſtaunen, die Geſtalt eines vierſchroͤtigen, ungefaͤhr vier Fuß fuͤnf Zoll hohen, Zwerges ſehen, der einen Kopf von ungeheurer Groͤße mit dazu paſſenden Geſichtszuͤgen hatte, nemlich einen gewaltigen Mund, eine furchtbare Naſe, mit großen ſchwarzen, dem Anſcheine nach oben aufgeſchlitzten Naſenloͤchern, aufgeworfenen Lippen von entſetzlicher Dicke und gewaltigen Glasaugen, mit welchen er den Udaller als einen alten Bekannten anſchielte, angrinzte und anglotzte, ohne jedoch ein einziges Wort zu ſagen. Die jungen Frauen⸗ zimmer konnten ſich kaum uͤberreden, daß ſie nicht den Daͤ⸗ mon Trollo ſelbſt vor ſich ſaͤhen, der, in Norna's Legende, eine ſo ausgezeichnete Rolle ſpielte. Ihr Pater redete un⸗ terdeſſen dieſe ungeſchlachte Erſcheinung in Worten herab⸗ laſſender Freundſchaft an, wie die Hoͤheren ſich ihrer gegen Niedere bedienen, wenn ſie, zu irgend einem unmittel⸗ baren Zweck, ſie ſich geneigt machen oder hinter's Licht fuͤhren wollen; ein Ton, in deſſen Vertraulichkeit, beilaͤu⸗ fig geſagt, eben ſo viel Beleidigendes liegt, als in der unumwundenen Aumaßung des Abſtandes und des hoͤheren Ranges. 41 „Sieh da, Nick! ehrlicher Nick!“ ſagte der Udaller, „nun da biſt Du ja, leibhaftig und lieblich, wie Sankt Nicolas, Dein Namensverwandter, wie man ihn, mit der Art ausgehauen, als das Schiffsbild an einem hollaͤndiſchen Dogger ſieht. Wie geht es Dir denn, Nick, oder Pacolet, wenn Dir das beſſer gefaͤllt?— Nicolas, hier ſind meine beiden Tochter, die beinahe ſo ſchoͤn ausſehen, als Du ſelbſt, wie Du ſiehſt.“ Nick grinſete, machte einen plumpen Buͤckling als Be⸗ gruͤßung, blieb aber mit ſeiner breiten mißgeſtalteten Figur kerzenſteif in der Thüre ſtehen. „Meine Toͤchter!“ fuhr der Udaller fort, der ſeine Gruͤnde zu haben ſchien, dieſem Cerberus gute Worte zu geben, wenigſtens was er dafur hielt:„dieß iſt Nick Strunnpfer, den ſeine Gebietertun Pacolet nennt, weil er ein leichtfuͤhiger Zwerg iſt, wie der— Ihr erinnert Euch — der Juf ſeinem hoͤlzernen Steckenpferde, einer Grau⸗ mewe gleich, die Luft durchfliegt, wie es in dem alten Hi⸗ ſtorienbuche an Valentin und Orſon ſteht, das Du, Minna, zu leſen pflegt ſt, als Du noch ein Kind warſt. Ich ver⸗ ſichere Euch, er verſchweigt alles, was ſeine Gebieterinn thut, und verri. ch nie eines ihrer Geheimniſſe. He, he, he!“ Der haͤßliche Zw. eg grinſete noch zehnmal aͤrger, als vorher, und erlaͤutert, des Udallers Scherz, indem er fei⸗ nen ungeheuren Rachen oͤffnete, ſeinen Kopf zuruͤckwarf, und ſo den Zuſchauern„vigte, daß in ſeiner ungeheuren Mundhoͤhle nur ein kleine s verdorrtes Ueberbleibſel einer Zunge ſey, das ihm viellen ct bei dem Hinuunterſchlingen der Speiſen, aber nicht zur Fildung artticultrter Toͤne be⸗ huͤlflich ſeyn konnte. Ob nun dieß Organ grauſamerweiſe 42 verſtuͤmmelt, oder durch Krankheit in dieſen Zuſtand ver⸗ ſetzt worden, war nicht leicht zu errathen, daß aber das ungluͤckliche Weſen nicht urſpruͤnglich ſtumm geweſen war, konnte man daran erkennen, daß ihm noch der Sinn des Gehoͤrs geblieben. Nachdem dieſe furchtbare Schauſtellung voruͤber war, beantwortete er des Udallers luſtigen Einfall durch ein lautes, ſchreckliches, mißtoͤnendes Gelaͤchter, wel⸗ ches um ſo graͤßlicher war, da dieſe Froͤhlichkeit ſeinem ei⸗ genen Elende zu gelten ſchien. Die Schweſtern blickten einander ſchweigend und voll Furcht an, und ſelbſt der Udaller ſchien etwas außer Faſſung. „Und wie ſteht's?“ fuhr er nach einer augenblicklichen, Pauſe fort.„Wann haſt Du Deinen Schlund, der niht viel enger als die Pentland⸗Firth iſt, mit einem Bocher Branntwein ausgeſpuͤlt? He, Nick! Ich habe etwas Gutes bei mir, Burſch, ja!“ Der Zwerg zog ſeine Augenbraunen zuſammen, ſchuͤt⸗ telte ſeinen ungeſtalten Kopf, und machte eine vedeutſame liſtige Geberde, indem er die rechte Hand bis zur Schul⸗ ter emporhob, und mit dem Daumen nach honten zeigte. „So?“ ſagte der Udaller, der das Z eichen wohl ver⸗ ſtand:„meine Anverwandtinn wuͤrde boͤſe, daruͤber werden? Nun, Du ſollſt eine Flaſche haben, wm Dir einen guten Tag zu machen, wenn ſie nicht zu Hauuſe iſt, alter Freund; Lippe und Zunge koͤnnen immer noc) etwas herunterbrin⸗ gen, wenn ſie auch nicht ſprechen keonnen.“ Pacolet nickte grinſend. „Und nun“ ſagte der Udaller:„geh' aus dem Wege, Pacolet, und laß mich meine Toͤchter zu meiner Verwand⸗ tinn bringen; bei den Gebe inen des Maͤrtyrers, es ſoll Dein Schade nicht ſeyn. Schuͤttle nur den Kopf nicht; 5 43 denn wenn Deine Gebieterinn zu Hauſe iſt, ſo wollen und muͤſſen wir ſie ſehen.“ Der Zwerg deutete abermals die Unmoͤglichkeit, ſie zu⸗ zulaſſen, theils durch Zeichen, theils durch einige wunder⸗ liche und unangenehme Laute, die er hervorbrachte, an, und nun begann des Udallers Unwille zu erwachen. „Wiſcht, waſchi, Menſch!“ ſagte er:„laß mich mit Deinem Kauderwelſch zufrieben und gehe aus dem Wege. Ich will alle Schuld auf mich nehmen, wenn etwas zu ver⸗ antworten iſt.“ Mit dieſen Worten legte Magnus Troll ſeine gewal⸗ tige Hand an den Kragen der blauen wadmaalenen Jacke des ſich ſtraͤubenden Zwerges, ſchob ihn, mit einem ſtarken, wenn gleich nicht heftigen Griffe von der Thuͤre weg, und bei Seite, und gieng nun hinein, von ſeinen beiden Toͤch⸗ tern begleitet, die, aus Furcht vor allem dem, was ſie ſa⸗ hen und boͤrten, dicht hinter ihm blieben. Ein krummer ſtaubiger Gang, durch welchen Magnus ſie fuͤhrte, war nur ſchwach durch eine Schießſcharte erleuchtet, welche in das Innere des Gebaͤudes gieng, und urſpruͤnglich wohl dazu beſtimmt geweſen war, um von ihr aus, vermittelſt einer Hackenhuͤchſe oder Feldſchlange, den Eingang zu beſtreichen. Als ſie naͤher kamen— denn ſie giengen langſam und nicht ohne Zoͤgern— verſchwand das Licht, welches ohnedieß nur ſchwach geweſen war, gaͤnzlich, und als ſie emporſahen, die Urſache dieſes Verſchwindens zu entdecken, erblickte Brenda⸗ zu ihrem Schrecken, das bleiche, nur undeut ich ſichtbare Antlitz Norna's, die auf ſie herabſchaute, ohne ein Wort zu ſprechen. Hierin lag nichts Außerordentliches, da die Frau vom Haufe wohl ausſchauen konnte, um zu ſehen, was faͤr Gaͤſte es waͤren, die ſich ſo ploͤtzlich und ohne Um⸗ 44 ſtaͤnde ihr aufdraͤngen. Indeß vermehrte die natuͤrliche Blaͤſſe ihres Geſichts, welche durch das Licht, das jetzt auf daſſelbe ſiel, noch erhoͤßt wurde; die unbewegliche Starr⸗ heit ihres Blickes, in dem weder Wohlwellen noch irgend etwas lag, das einen freundlichen Empfang andeutete; ihre Grabesſtille, und das ſonderbare Ausſehen aller Dinge, die ſie umgaben,— den Schrecken, mit welchem Brenda be⸗ reits erfuͤllt war. Magnus Trofl und Minna waren unter⸗ deß langſam vorwaͤrts geſchritten, ohne die Erſcheinung ih⸗ rer ſonderbaren Wirthinn bemerkt zu haben. — Viertes Kapitel. Die Hexe hob den dürren Arm, Und hoch den Stab empor, Und aus dem Auge, bei dem Spruch, Ein Blitzſtrahl ſchoß hervor. Meikle. „Dieß muß die Treppe ſeyn,“ ſagte der Udaller, in⸗ dem er, im Dunkeln, gegen einige holprige Stufen anſtieß: „dieß muß die Treppe ſeyn, wenn mein Gedaͤchtniß mich nicht ganz truͤgt:„ja, und da ſitzt ſie ja,“ fuͤgte er hinzu, und ſtand vor einer halbgeoͤffneten Thuͤre ſtill:„mit aller ihrer Geraͤthſchaft um ſſch, und wahrſcheinlich ſo geſchaͤftig⸗ wie der Teufel beim Sturme.“ 3 Indem er dieſen unehrerbietigen Vergleich anſtellte, trat er, mit ſeinen Toͤchtern, in das verdunkelte Gemach, wo Norna unter einem Haufen von Buͤchern in verſchiede⸗ 4⁵ nen Sprachen, Pergamentrollen, mit den geraden und ecki⸗ gen Zugen des runiſchen Alphabets beſchriebenen Tafeln und Steinen, und aͤhnlichen Gegenſtaͤnden, ſaß, welche der gemeine Mann gewoͤhnlich als mit der Ausübung verbote⸗ ner Kuͤnſte in Verbindung ſtehend annahm. Daneben la⸗ gen in dem Zimmer, oder hingen uͤber dem rohen ſchlecht gebauten Kamin, ein altes Panzerhemd, mit dazu gehoͤri⸗ gem Hauptſtuͤck, Streitaxt und Lanze. Auf einem Brett lagen, in großer Ordnung, mehrere von den ſonderbaren ſteinernen Aexten, von gruͤnem Granit, die man ſo oft auf dieſen Inſeln findet, wo ſie das gemeine Volk Donnerkeile zu nennen pflegt, und ſie gewoͤhnlich als Sicherungsmittel gegen den Blitz aufbewahrt; ein ſteinernes Opfermeſſer, das man vielleicht zur Abſchlachtung von Menſchenopfern gebraucht, und eins oder zwei von den metallenen Werk⸗ zeugen, Celts genannt, deren Beſtimmung ſchon ſo manche Alterthumsforſcher in Unruhe geſetzt hat. Eine Menge an⸗ derer Gegenſtaͤnde, zum Theil ohne Namen, und die ſich nicht beſchreiben laſſen, lag in bunter Verwirrung im Zim⸗ mer umher, und in einem Winkel, auf einem Haufen ver⸗ welkten Seegraſes, etwas, das auf den erſten Anblick ein großer unfoͤrmlicher Hund zu ſeyn ſchien, aber bei naͤherer Betrachtung ſich als ein zahmer Seehund auswies, den Norna zu ihrem Vergnuͤgen abgerichtet hatte. Dieſer wunderliche Liebling verrieth, beim Eintritte ſo vieler Fremden, eben ſo viele Unruhe, als dieß ein Land⸗ hund, bei einer aͤhnlichen Gelegenheit, gethan haben wuͤrde. Norna ſelbſt blieb unbeweglich hinter einem Tiſche von rohem Granit ſitzen, der auf ungeſtalten Fuͤßen von eben dem Stoffe ruhte, und auf welchem, neben dem alten Buche, mit dem ſe eifris beſchaͤftigt zu ſeyn ſchlen, noch 46. einer von den groben ungeſaͤuerten Brodkuchen, welche die armen Bauern in Norwegen eſſen, lag, und ein Krug mit Waſſer ſtand. Magnus Troil blieb einen Augenblick ſchweigend ſtehen, und betrachtete ſeine Verwandte, waͤhrend die Ei⸗ genthuͤmlichkeit ihrer Wohnung Brenda Furcht einfloͤßte, und, wenigſtens auf einen Augenblick, Minna's Schwer⸗ muth und Abgezogenheit in das Gefuͤhl des Antheils und der ehrfurchtsvollen Scheu umwandelte. Das Stillſchwei⸗ gen ward endlich von dem Udaller unterbrochen, der auf der einen Seite ſeine Verwandte nicht beleidigen, dagegen aber auch zu erkennen geben wollte, daß ihn ein ſo ſonder⸗ barer Empfang nicht aus der Faſuung bringen koͤnne, und deswegen folgendes Geſpraͤch anfieng. „Ich wuͤnſche Euch guten Abend, Baſe Norna— meine Toͤchter und ich ſind hergekommen, Euch zu beſuchen.“ Norna ſchlug die Augen von dem Buche auf, ſah die Gaͤſte ſtarr an, und blickte dann wieder ruhig auf das Blatt hin, das ſie zu leſen ſchien. „Ja., Baſe,“ ſagte Magnus:„nehmt Euch nur Zeit— was wir Euch zu ſagen haben, hat keine Etl. Sieh, Minna, welche ſchoͤne Ausſicht man hier auf das Vorge⸗ birge hat, das kaum eine Viertelmeile weit von hier liegt. Du kannſt die Wellen maſtenhoch ſich daran brechen ſehen. Und unſere Freundinn hat ſo einen artigen Seehund hier, — he Seehund, holla, holla!“ Der Seehund nahm jedoch von des Udallers Annaͤhe⸗ rung zu einer vertrauteren Bekanntſchaft keine weitere Notiz, als daß er ein dumpfes Geheul ausſtieß. „Es iſt bei weitem nicht ſo gut gezogen,“ fuhr der Udaller fort, indem er die Miene der Ruhe und der Un⸗ 47 befangenheit, annabhm:„als der von Peter Mac Ran, dem alten Dudelſackpfeifer von Stornaway; dieſer hatte einen Seehund, der, wenn man die Weiſe von Caberfae ſpielte, mit dem Schwanze den Takt dazu ſchlug, und auf keine andere hoͤren wollte. Nun, Baſe,“ ſo ſchloß er ſeine Rede, als er ſah, daß Norna ihr Buch zuſchlug:„werdet Ihr uns endlich bewillkommen, oder muͤſſen wir das Haus unſerer Blutsverwandten wieder verlaſſen,— um wo an⸗ ders ein Unterkommen zu ſuchen, und das noch dazu, da der Abend hereinbricht?“ Ihr ſtumpfſinniges, hartherziges Geſchlecht, taub wie die Otter gegen die Stimme des Zauberers, antwortete Norna, indem ſie ſich zu ihnen wandte: warum kommt Ihr zu mir?— Ihr habt meine Warnungen vor dem herein⸗ brechenden Ungluͤck verachtet, und nun es wirklich herein⸗ bricht, wollt Ihr Euch bei mir Raths erholen, wo er Euch nichts mehr helfen kann. „Seht einmal, Baſe,“ ſagte der Udaller, mit ſeiner gewoͤhnlichen Freimuͤthigkeit und Derbheit in Art und Ton: „ich muß Euch gerade heraus ſagen, daß Euere Höͤflichkeit nicht roher und kaͤlter ſeyn kann, als ſie iſt. Ich habe zwar nie eine Otter geſehen, da es hier zu Lande keine gieht, aber, was meine eigenen Gedanken betrifft, was denn ſo ein Ding wohl ſeyn moͤchte, ſo kann ich das als keinen ſchicklichen Vergleich fuͤr mich oder meine Toͤchter annehmen, und das iſt es, was ich Euch nur ſagen wollte. Aus alter Bekanntſcaft, und aus gewiſſen andern Urſachen, verlaſſe ich Euer Haus nicht auf der Stelle; da ich aber in aller Guͤte und Hoͤflichkeit hergekommen bin, ſo bitte ich Euch, mich auch auf gleiche Weiſe aufzunehmen, denn ſonſt 48 wollen wir gehen, und Euerer ungaſtlichen Schwelle die Schande laſſen.“ Wie? ſagte Norna: wagt Ibhr es, eine ſo kuͤhne Sprache in dem Hauſe Jemandes zu fuͤhren, den Alle, den Ihr ſelbſt, um Rath zu fragen kommt? Wer zu der Reim⸗ kennar ſpricht, muß ſeine Stimme vor der maͤßigen, vor welcher Winde und Wellen ſich legen. „Wind und Wellen moͤgen ſich legen, wenn ſie wollen,“ erwiederte der entſchiedene Udaller:„aber ich nimmermehr. Ich ſpreche in dem Hauſe meines Freundes, als ob ich in meinem eigenen waͤre, und ſtreiche vor Niemanden die Segel. Und hofft Ihr durch dieſe Robheit mich zu zwingen, Euere Fragen zu beantworten? „Baſe,“ erwiederte Magnus Troil: mich bin zwar in den alten norwegiſchen Sagas nicht ſo bewandert als Ihr, aber daa weiß ich, daß, als die Kaͤmpen, vor grauer Zeit, noch die Wohnungen der Beſchwoͤrerinnen und Seherinnen beſuchten, ſie mit der Streitaxt auf der Schulter und das gute Schwert gezogen in der Hand, hereinkamen, und die Macht, die ſie anriefen, zwangen, ihnen Rede und Antwort zu geben, und waͤre es Odin ſelbſt geweſen. Vetter, ſagte Norna, indem ſie von ihrem Sitze auf⸗ ſtand, und ſich naͤherte: Du haſt wohl, und zu guter Stunde, fuͤr Dich und Deine Doͤchter geredet, denn waͤreſt Du von meiner Schwelle gegangen, ohne mir eine Antwort abzupreſſen, ſo haͤtte die Morgenſonne Dich nicht mehr be⸗ ſchienen. Die Geiſter, welche mir dienen, ſind neidiſch und wollen zu nichts, das der Menſchheit von Nutzen ſeyn kann, huͤlfreiche Hand leiſten, wenn ihre Dienſte nicht von der unverzagten Keckheir der Braven und Frelmuͤthigen mit b 49 mit Gewalt erzwungen werden. Und nun ſprecht, was be⸗ gehrt Ihr von mir? „Meiner Tochter Geſundheit,“ erwiederte Magnus: „die keine Heilmittel herzuſtellen vermocht haben.“ Deiner Tochter Geſundheit? antwortete Norna: und was iſt des Maͤdchens Uebel? „Der Arzt,“ ſagte Troil:„muß den Namen der Krankheit wiſſen. Alles, was ich Dir ſagen kann, iſt, daß..“ Schweige, ſagte Norna, ihn unterbrechend: ich weiß alles, was Du mir ſagen kannſt, und mehr als Du ſelbſt weißt. Setzt Euch inseſammt, und Du, Maͤdchen— ſagte ſie, indem ſie ſich zu Minna wandte, und auf den Ort zeigte, von dem ſie ſo eben aufgeſtanden war— ſetze Dich in jenen Seſſel, einſt der Sitz der Gierwada, bei deren Stimme die Sterne ihre Strahlen verbargen und elbſt der Mond erblich. Minna naͤherte ſich mit langſamen, ſchwankenden Schrit⸗ ten dem rohen Sitz, welchen Norna ihr andeutete, und der aus einem Stein beſtand, welcher von der rauhen und plumpen Hand irgend eines alten gothiſchen Kuͤnſtlers zu einem Seſſel bearbeitet worden war. Breada, die ſich ſo dicht als moͤglich an ihren Vater anſchmiegte, ſetzte ſich neben ihn, auf eine Bank, welche in einiger Entfernung von Minna ſtand, und hielt ihre Au⸗ gen, mit einer Miſchung von Furcht, Mitleid und Beſorg⸗ niß, feſt auf ſie geheftet. Es wuͤrde ſchwer ſeyn, die Em⸗ pfindungen, welche in dieſem Augenblicke, dieß liebenswuͤr⸗ dige und zaͤrtliche Maͤdchen bewegten, genau zu entziffern. Obgleich nicht mit der hohen Einbildungskraft ihrer Schwe⸗ ſter begabt, und deswegen, natuͤrlich, von wenigerem Glan⸗ W. Scott's Werke. CXIII. 50 ben an das Wunderbare, konnte ſie dennoch nicht umhin, in ſich, einigen unbeſtimmten Gefuͤhlen der Furcht Raum zu geben, wenn ſie an das dachte, was jetzt vielleicht vor⸗ gehen koͤnnte. Dieſe Gefuͤhle verloren ſich indeß, zum Theil, in ihren Beſorgniſſen fuͤr ihre Schweſter, die bei ſo angegelffener Geſundheit, bei ſo erſchoͤpfter Geiſteskraft, und bei einer ſo großen Zugaͤnglichkeit fuͤr alle Eindruͤcke, welche durch die Umgebungen ſo leicht hervorgebracht wer⸗ den konnten, ihr ganz leidend den Handen derjenigen Preis gegeben da ſaß, deren Behandlungsweiſe die verderblichſten Wirkungen auf ein ſo empfaͤngliches Gemuͤth hervorbringen konnte. Brenda blickte Minna an, die in ihrem rohen Seſſel von dunklem Geſtein ſaß, und deren zart geformte Geſtalt und Slieder den ſtaͤrkſten Gegenſatz gegen die groben, un⸗ regelmaͤßigen Winkel deſſelben bildeten. Ihr Geſicht und ihre Lippen waren weis wie Kreide, ihre Augen nach oben gerichtet, und aus ihnen ſprach ein Gemiſch von Ergebung und aufgeregter Schwaͤrmercy, weiche in ihrer Krankheit und ihrem Charakter lagen. Der naͤchſte Blick der juͤnge⸗ ren Schweſter ſiel auf Norn:, die, mit gedaͤmpfter und ein⸗ toͤniger Stimme vor ſich hinmurmelnd, von einem Orte zum andern hinglitt, und bald dieß, bald jenes nahm, das ſie dann, eines nach dem andern, auf den Tiſch legte. Zuletzt betrachtete Brenda noch aͤngſtlich ihren Vater, um wo moͤglich in ſeiner Miene zu leſen, ob er ihre Furcht vor den Folgen des Auftritts, der jetzt zu erwarten war, in Rückſicht auf Minna's Geſundheit und Geiſteszuſtand, theile. Magnus Troil ſchien indeſſen darche us keine Be⸗ ſorgriſſe der Art zu hegen, ſondern ah, mit ernſter Faſ⸗ ung, Norna's Vorbereitungea zu, und ſchien den Ausgan — ,— — 51 mit der Ruhe jemandes zu erwarten, der, mit vollem Ver⸗ trauen auf die Geſchicklichkeit eines Heilkuͤnſtlers, ihn die Vorkehrungen zu einer wichtigen und ſchmerzhaften Opera⸗ tion treffen ſieht, an deren Ausgange er, aus Freundſchaft oder Liebe, einen lebhaften Antheil nimmt. Norna fuhr unterdeſſen mit ihren Vorbereitungen fort, bis ſie auf den ſteinernen Tiſch eine Menge Gegenſtaͤnde von allerhand Art und, unter andern, ein kleines Kohlen⸗ becken voll Holzkohlen, einen Schmelztiegel und ein Stuͤck duͤnnes Tafelblei gelegt hatte. Jetzt ſagte ſie laut:„es iſt gut, daß ich wußte, Ihr wuͤrdet kommen,— ja, lange vorher, ehe Ihr ſelbſt Euch dazu entſchloſſen— denn nie wuͤrde ich ſonſt auf das vorbereitet geweſen ſeyn, was jetzt geſchehen ſoll?— Maͤdchen,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich an Minna wandte:„wo iſt der Sitz Deines Uebels?“ Die Leidende beantwortete dieſe Frage, indem ſie die Hand an die linke Seite ihres Buſens legte. „Ganz recht,“ erwiederte Norna:„ganz recht,— das iſt der Sitz des Wohls und des Wehes. Und Ihr, der Vater und die Schweſter dieſer, glaubt nicht, daß dieß die eitle Rede jemandes ſey, der nur auf Gerathewohl hin⸗ ſchwatzte; wenn ich Euch das Uebel nenne, ſo werde ich es vielleicht auch weniger ſchmerzlich machen koͤnnen; ganz ge⸗ heilt kann es aber durch keine Huͤlfe werden. Das Herz, ja, das Herz— beruͤhrt es nur, und das Auge verdunkelt ſich, der Pulsſchlag bleibt aus, der geſunde Strom des Blutes fließt matt und truͤbe, unſere Glieder ſterben ab, wie ſaftloſes Seegras in heißer Sonne, unſere beſſeren Lebenstage ſind dahin, und was uͤbrig bleibt, iſt nur der Traum verlornen Gluͤcks, oder die Furcht vor unvermeid⸗ liyem Uebel. Aber die Reimkennar muß an lyr Wark ge⸗ hen— es iſt gut, daß ich die Mittel dazu ſchon vorbe⸗ reitet habe.“ Mit dieſen Worten warf ſie ihren langen, dunkelfar⸗ bigen Mantel ab, und ſtand nun vor ihnen in ihrem kur⸗ zen Mieder von blauem Wadmaal, mit Schoͤßen von dem⸗ ſelben Zeuge, das fantaſtiſch mit ſchwarzem Sammt beſetzt und um die Huͤfte mit einer Kette, oder einem Gürtel von Silber, in ſonderbare Zeichen geformt, geguͤrtet war. Norna loͤſete zunaͤchſt das Band, welches ihr graues Haar zuſammenhielt, und ſchuttelte es wild um ſich her, ſo daß es in reicher Fuͤlle uͤber ihr Geſicht und um ihre Schul⸗ tern wallte, und jenes beinahe ganz dadurch verborgen war. Hierauf ſetzte ſie einen kleinen Schmelztiegel auf das ſchon erwaͤhnte Kohlenbecken, goß einige wenige Tropfen aus ei⸗ ner Phiole auf die Kohlen, deutete mit ihrem welken Zei⸗ gefinger, den ſie vorher mit einer Fluͤſſigkeit aus einer an⸗ dern Flaſche befeuchtet, darauf, und ſagte:„Feuer, thu⸗ Deine Pflicht,“ und kaum waren dieſe Worte ausgeſpro⸗ chen, als, wahrſcheinlich durch eine chemiſche Zuſammen⸗ ſetzung, welche den Zuſchauern unbekannt war, die Kohlen unter dem Schmelztiegel langſam zu erglimmen anfingen; während Norna, als ob ſie uͤber den Verzug ungeduldig ſey, ihr aufgeloͤstes Haar haſtig zuruͤckwarf, und, waͤhrend die Funken und der rothe Schein des Feuers ihr Geſicht erhellten, und ihre Augen zwiſchen ihren Locken, wie die eines wilden Thieres aus ſeinem Bau hervorblitzten, hef⸗ tig blies, bis das Ganze in einer gewaltigen Glut war. Jetzt hielt ſie einen Angenblick an, murmelte vor ſich hin⸗ daß dem Elementargelſt Dank gebuͤhre, und ſagte nun, in ihrer gewoͤonlichen eintoͤnigen, aber wilden Geſangsweiſe, folgende Verſe her: 53 Helfer furchtbar, in der Noth⸗ Mit Wolkenkron' und SFittig roth, Du deſſen Odem auferweckt Den Nord, den tiefen Schlaf bedeckt⸗ Du, der der Hütte Heerd entſlammt, Zum untergang die Burg verdammt/ Glänzendſte der Allgewalten⸗ Die auf unſrer Erde ſchalten, Für die Hülfe ſeinen Dank Sagt dir Runenſpruches Klang. Hierauf nahm ſie einen Theil des kleineren Stückes Tafel⸗ blei, welches auf dem Tiſche lag, ließ es in dem Schmelz⸗ tiegel, mit Huͤlfe der angezuͤndeten Kohlen, zergehen, und ſang, waͤhrend es ſchmolz: Reimerinn, für Deine Kunſt Wirkt auch Mutter Hertha's Gunſt⸗ Sie, die ungemeß’ner Kraft, Dem, was lebt, die Nahrung ſchafft. Aus des Nordens tiefem Schacht Ward Metall an's Licht gebracht, Unter weit geſprengtem Stein, Schloß es Heldenknochen ein, Ausgewühlt, den Zauber nährt— Mutter Erde ſey verehrt! Jezt goß ſie etwas Waſſer aus dem Kruge in einen großen b Becher oder Trinkgefaͤß, und ſang, waͤhrend ſie das Ganze mit dem Ende ihres Stabes umruͤhrte: Das die Inſeln uns umſchließt, Waſſer! ſey Du mir gegrüßt! Deſſen Macht darniederreißt Dämme, und was mächtig heißt, An des Belgen nied erm Strand, Deine Macht⸗ wenn ſte entbrannt, Keines Feldwegs Länge trennt, Hier von unſerm Felſenland; Darum ſey zu thun bereit, Was Dir Norna's Kunſt gebeut. Hierauf nahm ſie mit einer Zange den Tiegel vom Koh⸗ lenfeuer, goß das jezt gaͤnzlich geſchmolzene Blei in die Schaale mit Waſſer, und wiederholte zu gleicher Zeit: Elemente, ſo im Bunde, Send voll Kraft in dieſer Stunde! Das geſchmolzene Blei ſpruͤhte umher, ſo wie es das Waſſer beruͤhrte, und bildete, natuͤrlich, die gewoͤhnlichen unregelmaͤßigen Formen— allen denen wohlbekannt, die in ihrer Jugend den Verſuch gemacht haben— aus denen wir, in unſerer kindiſchen Einbildung, damals alle die Stuͤcke herausſuchten, welche mit Hausgeraͤth, den Werk⸗ zeugen der Handwerker und dergleichen, Aehnlichkeit hat⸗ ten. Norna ſchien ſich ebenfalls in Unterſuchungen der Art zu vertiefen, denn ſie betrachtete die Bleimaſſe mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit, und zerlegte ſie in mehrere klei⸗ nere Theile, ohne, dem Anſcheine nach, ein Bruchſtuͤck von ſolcher Geſtalt zu finden, wie ſie es wuͤnſchte. Endlich murmelte ſie wieder vor ſich hin, mehr zu ſich ſelbſt, als zu ihren Gaͤſten redend:„auch er, der Unſicht⸗ bare, will nicht vergeſſen ſeyn, er will ſeinen Antheil an dem Werke haben, wozu er nichts beitraͤgt. Finſterer Wolkenſammler, auch Du ſollſt die Stimme der Reimken⸗ nar vernehmen.“ Mit dieſen Worten warf Norna abermals das Blei in den Schmelztiegel, wo es, ziſchend und ſpruͤhend, ſobald das feuchte Metall die Waͤnde des rothgluͤhenden Gefaͤſſes berührte, hald wieder in Fluß gerieth. Die Sibylle wandte 55 ſich nun nach einer Seite des Zimmers, oͤffnete ploͤtzlich ein Fenſter, das gegen Nordweſten hinausgieng, und ließ nun die Strahlen der Sonne ein, welche beinahe ganz dicht auf einer großen Maſſe rother Wolken ruhte, die, kuͤnftigen Sturm andeutend, den Saum des Horizontes verbraͤmten und uͤber den Wellen des unermeßlichen Oceans zu lagern ſchienen. Sich gegen dieſe Gegend wendend, von wo aus gerade ein dumpf heulender Wind wehte, redete Norna den Geiſt der Winde in Toͤnen an, welche den ſei⸗ nigen zu gleichen ſchienen: Der Du führſt auf dunkler Fluth Fiſcher's Nachen treu und gut, Seinen Weg und ſeine Bahn Zeichneſt auf dem Ocean, Du, der über Klipy und Riff, Krägſt die Flotten, Mann und Schiff⸗ Zürneſt Du, daß Deiner Macht Nicht ein Opfer ward gehracht? Dich zu ſänft'gen, weih' ich Dir Meiner Locke graue Zier, Oft durchſauſ't von Deinem Wehn, Wich Dein Zorn vor meinem Flehn— Laß ſie nun, durch Himmelsraum Fliegen an der Wolken Saum, Mit der Vögel wildem Heer Schweben auf dem Sturm daher, Nimm den Antheil, Dir gewährt, Geiſt, der meine Stimme hört! Norna begleitete dieſe Worte mit der Handlung, welche ſie andeuteten, riß mit Heftiakeit eine Locke aus ihrem Haar, und ſtreute ſie in den Wind, waͤbrend ſie mit ih⸗ rer Beſchwoͤrung fortfuhr. Sie ſchlaß dann das Fenſter, 56 und das Gemach war nun wieder in das ungewiſſe Daͤm⸗ merlicht gehuͤllt, das ſich zu ihrem Weſen und ihrer Be⸗ ſchaͤftigung am beſten paßte. Das geſchmolzene Blei ward abermals in's Waſſer geſchuͤttet, die Sibylle unterſuchte mit großer Aufmerkſamkeit die verſchledenen ſonderbaren Geſtaltungen deſſelben, und ſchien am Ende, durch Stim⸗ me und Geberde, anzudeuten, daß ihr Zauberſpruch den gewuͤnſchten Erfolg gehabt habe. Sie waͤhlte aus dem ge⸗ ſchmolzenen Metall ein Stuͤck, welches ungefaͤhr die Groͤße einer Wallnuß hatte, und deſſen Geſtalt der des menſchli⸗ chen Herzens taͤuſchend glich, naͤherte ſich Minna, und ſprach nun abermals in Reimen: Der am Zauberbrunnen ruht, Sey vor Nixen auf der Hut; Die da wandelt Strand entlang, Lauſche nicht der Meerfrau Sang; Die am Feenring geht hin, Scheu den Jorn der Königinn; und ſie, die da ruht in des Zwerges Schlucht, Entgeht nur dem unheil durch eilige Flucht. Am Ring, an dem Spring, an dem Strand, in der Schlucht, Minna Troil dieß alles wohl hat verſucht, Und doch hat ihr Uebel, das keinem iſt kund, Viel tieferen und viel geheimeren Grund. Minna, deren Aufmerkſamkeit in den lezten Augenblicken durch Betrachtungen uͤber ihren eigenen geheimen Kummer etwas abgezogen worden war, nahm ſie jezt wieder zuſam⸗ men, und blickte Norna forſchend an, als ob ſie aus ih⸗ ren Reimen etwas von großer Bedeutung zu erfahren er⸗ warte. Die nordiſche Sibylle durchſtach unterdeſſen das herzfoͤrmige Stuͤck Blei, und zog einen Golddrath hin⸗ durch, um es damit an eine Kette oder ein Halsband an⸗ 57 knupfen zu koͤnnen. Hierauf fuhr ſie in ihren Reimen fort: Ein Dämon hält Dich, ſtark und feſt,⸗ Der Haims und Tronld zurücke lãßt. Nicht ſüßer iſt Sirenenton, Nicht Feenton ſo leis' entflohn, Nicht Elfenkunſt ſo ſchlau und fein, Dringt in das Menſchenherz ſie ein, Raubt ſie der Wange ihre Glut, Dem Auge Licht, den Adern Blut, Mädchen, eh' der Zauber endet, Iſt Dein Sinn mir zugewendet? Minna antwortete auf dieſelbe rhythmiſche Weiſe, deren ſich zum Scherz und im Ernſt die alten Seandinavier ſehr oft bedienten: Er iſt bei dem Worte und Zeichen geweſen; Sag weiter Dein Räthſel— und laß mich es löſen. „Nun, der Himmel und alle Heiligen ſeyen geprieſen,“ ſagte Magnus:„das ſind die erſten vernuͤnftigen Worte, die ſie ſeit mehreren Tagen geſprochen hat.“ Und die auf viele Monate die letzten bleiben ſollen, ſagte Norna, uͤber dieſe Unterbrechung aufgebracht: wenn Ihr abermals mich in meinem Zauberwerk unterbrecht. Weu⸗ det Euch mit dem Geſicht gegen die Mauer, und blickt, bei meinem ganzen Mißfallen, nicht wieder hieher. Du Magnus Troil, weil Du ein hartherziges, hochfahrendes Gemuͤth haſt, und Du, Brenda, Deines muthwilligen und eitlen Unglaubens wegen an das, was uͤber Deine be⸗ graͤnzte Faſſungskraft geht, Ihr ſeyd Beide unwuͤrdig, auf dieß geheimnißvolle Werk hinzuſchauen; der Blick Eurer Augen miſcht ſich in den Zauberſpruch und ſchwaͤcht ihn, denn die uͤberirrdiſchon Michte dulden kein Mißtrauen. 58 Eines ſo entſchiedenen Tones gegen ſich nicht gewohnt, haͤtte Magnus gern einige zornige Worte zur Antwort ge⸗ geben; allein die Ueberlegung, daß Minna's Geſundheit auf dem Spiele ſtaͤnde, und daß die, welche ſo eben ſprach, von manchem Kummer heimgeſucht worden war, machte, daß er ſeinen Unwillen unterdruͤckte, mit dem Kopfe nickte, die Achſeln zuckte, und die vorgeſchriebene Stellung an⸗ nahm, indem er ſein Haupt von dem Tiſche ab⸗ und ſich gegen die Mauer wandte. Brenda that, auf einen von ihrem Vater gegebenen Wink, daſſelbe, und Beide beob⸗ achteten nun ein tiefes Stillſchweigen. Norna redete nun Minna abermals an: Höre, was ich Dir will ſagen, Wird Blut Dir in die Wange jagen. Dieß Herz von Blei, ſo unſcheinbar, * Es ſtellt verlor'nes Gut Dir dar; Trag' es als des Friedens Zeichen, Daß Krankheit und Sorge Dir möge entweichen, Wenn blutroth ſich treffen der Fuß und die Hand, In des Märtyrers Kirche auf Orkney Land. Minna erroͤthete hoch bei den letzten Zeilen, da ſie nicht laͤnger zweifelte— wie ſie wenigſtens die Verſe aus⸗ legte— daß Norna mit der geheimen Urſache ihres Kum⸗ mers bekannt ſey. Eben dieſe Ueberzeugung gab aber auch dem Maͤdchen die freudige Hoffnung auf den gluͤcklichen Ausgang, welchen die Sibylle vorauszuſetzen ſchien, und da ſie es nicht wagte, ihre Gefuͤhle auf eine verſtändliche⸗ re Art an den Tag zu legen, ſo druͤckte ſie Norna's Hand, mit aller Waͤrme der Zuneigung, erſt an ihr Herz, und dann an ihren Buſen, und benetztte ſie mit Thraͤnen. Mit weit deutlicherer Regung menſchlichen Gefuͤhls, 59 als man gewoͤhnlich an ihr bemerken konnte, zog Norna ihre Hand aus denen des armen Maͤdchens, deſſen Thrä⸗ nentjetzt reichlich floſſen, knuͤpfte dann, mit groͤßerer Zaͤrt⸗ lichkeit, als ſie bis jezt verrathen, das bleierne Herz an eine goldene Kette, und hieng dieſe um Minna's Hals, indem ſie, bei dieſer letzten Zauberverrichtung, folgende Worte ſang: Sey ruhig, ſey ruhig, Geduld hat die Macht, Zu ſchützen in Noty, wie der Mantel bei Nacht. Was Zauber gab, dem Wunſche hold, Die Kette hält, von Zaubergold, Die Kette und Gabe, Du kannſt auf ſie bauen, und Norna's Verſicherung blindlings vertraun; Doch nimmer die Nächſten und Liebſten ſie ſehn, Bis, was ich in Wahrheit verkündet, geſchehn. Nachdem ſie dieſe Verſe geſprochen, hieng Norna der Leidenden ſorgfaͤltig die Kette ſo um den Hals, daß ſie in ihrem Buſen verborgen war, und der Zauber war voll⸗ endet, ein Zauber, der, in dem Augenblicke, wo ich dieſe Begebenheiten erzaͤhle, noch jetzt in Shetland geuͤbt wird, wenn man, was beſonders bei den niederen Klaſſen ge⸗ ſchieht, die ploͤtzliche Abnahme der Geſundheit, ohne ſicht⸗ bare Urſache, einem Daͤmon zuſchreibt, der das Herz aus dem Koͤrper des Leidenden entwendet habe. Bei einem ſolchen Falle hat man noch vor wenigen Jahren Beiſpiele gehabt, daß man die Stelle des entwendeten durch ein dleiernes Herz, das auf die beſchriebene Art zubereitet worden, zu erſetzen geſucht hat.— In einem bildlichen Sinn kann man dieſe Krankheit wohl als uͤber die ganze Welt verbreitet anſehen. Da aber dieß einfache und eigenthümliche Mittel ganz beſonders auf den Inſeln von Thule gaͤng und gebe iſt, ſo wuͤrde es unverzeihlich gewe⸗ 60 ſen ſeyn, es in einer mit ſchottiſchen Alterthuͤmern in Ver⸗ bindung ſtehenden Erzaͤhlung, nicht ſeiner ganzen Laͤnge nach beſchrieben zu haben. s un Noch einmal erinnerte Norna die Leidende, daß, wenn ſie die Zaubergaben zeigte oder davon ſpraͤche, ſie ihre Kraft ver lieren wuͤrden— ein Glaube, der ſo allgemein iſt, daß er ſich bei dem Aberglauben aller Voͤllker findet. Zuletzt wies ſie ihr, indem ſie den Kragen, den ſie ſo eben befe⸗ ſtigt hatte, wieder aufknöpfte, noch ein Glled einer golde⸗ nen Kette, welches Minna augenblicklich als zu der gehoͤ⸗ rig erkannte, die Norna fruͤher Mordaunt Mertoun gege⸗ ben hatte. Dieß ſchien eine Andeutung zu ſeyn, daß er noch lebe und unter Norna's Schutze ſtehe, und ſie blickte nun dieſe mit der forſchendſten Neugierde an. Ahein die Sibylle legte, zum Zeichen des Stillſchweigens, den Finger auf ihre Lippe, und verhuͤllte abermals die Kette in den Falten, welche zuͤchtig und dicht einen der ſchoͤnſten Buſen, ſo wie eines der beſten Herzen in der Welt, bedeckten. Norna loͤſchte nun die angezuͤndeten Kohlen aus, und als die gluͤhende Aſche von dem darauf gegoſſenen Waſſer ziſchte, befahl ſte Magnus und Brenda, ſich umzuſehen, da der Zauber vollbracht ſey. 61 Fünftes Kapitel. Seht jene Frau, wie ſie das Landvolk ehrt⸗ Und doch ſie fürchtet, wenn es wiſſen will⸗ Ob Liebchen freundlich iſt, ob böſe Sieben ſtirbt, Wer es geweſen, der den Trinkkrug ſtahl, Und wie die Seuche wohl zu heilen ſey. Die kluge Frau iſt toll, ganz toll, mein Freund Und doch, in ihrer Tollheit, weiß ſie ſchlau Den Thoren ihr Geheimniß zu entlocken, Und zahlt die Fragenden mit ihrer eigenen Münze. Altes Schauſpiel. Es ſchlen jetzt in der That, als ob Norna vollkomme⸗ nes Recht habe, des Udallers Dankbarkeit fuͤr die großen Schritte zur Wiederherſtellung der Geſundheit Minna's in Anſpruch zu nehmen. Sie oͤffnete abermals das Feu⸗ ſter; Minna warf ſich, ihre Augen trocknend und mit lie⸗ bevollem Zutrauen, ihrem Vater um den Hals und bat ihn um Verzeihung fuͤr die Uaruhe, die ſie ihm in der letzten Zeit verurſacht. Es iſt unndthig, hinzuzufuͤgen, daß ihr dieſe, mit einem uberſtroͤmenden, wenn gleich rauhen Aus⸗ bruche der vaͤterlichen Zaͤrtlichkeit, und ſo vielen heißen umarmungen des Vaters, gewaͤhrt wurde, als ob ſein Kind ſo eben aus dem Rachen des Todes errettet worden waͤre. Aus Magnus Armen warf ſich Minna in die ihrer Schwe⸗ ſter, um auch dieſer, wiewohl mehr durch Kuſſe und Thraͤ⸗ nen, als durch Worte erkennen zu geben, wie leid ihr vo⸗ riges muͤrriſches Betragen ihr thue. Waͤhrend dieſer Zeit hielt es der Udaller fuͤr ſchicklich, der Wirthin, deren Ge⸗ ſchicklichkeit ſo große Wunder gethan, ſeinen Dank zu be⸗ zeigen; kaum hatte er aber mit den Worten angefangen: 6 „ſehr verehrte Verwandte, ich bin nur ein einfacher alter Norweger,“ als ſie ihn dadurch unterbrach, daß ſie den Fin⸗ ger auf den Mund legte. „Es ſind Weſen um uns,“ ſagte ſte:„die keine ſterb⸗ liche Stimme vernehmen, keine Zeugen ſterblicher Gefuͤhle ſeyn duͤrfen— es giebt Zeiten, wo ſie ſich ſelbſt gegen mich, ihre Gebieterin, auflehnen, weil ich noch die Huͤlle der Menſchlichkeit an mir trage. Habt alſo Schen, und ſchweigt. Ich, die ihre Werke aus dem niedern Thale des Lebens erhoben haben, wo die geſellſchaftlichen Beduͤrfniſſe und die gewoͤhnlichen Liebesdienſte deſſelben zu finden ſind, ich, die ich den Geber der Gabe beraubt habe, die er gab, und jetzt allein auf einer Klippe von unermeßlicher Hoͤhe ſtehe, von der ganzen Erde losgertſſen, ausgenommen von dem kleinen Theile, welcher meinen elenden Tritt traͤgt, ich allein bin im Stande, mit dieſem finſtern Genoſſen es aufzunehmen. Fuͤtchtet⸗ Euch alſo nicht, aber ſeyd auch nicht zu kuͤhn, und begeht diefen Abend in Faſten und in Ge⸗ bet.“ Wenn der Udaller ſchon vor dem Anfange des Werkes nicht dazu geneigt geweſen war, den Befehlen der Sibylle zuwiderzuhandeln, ſo kann man ſich denken, daß er jetzt noch weniger dagegen einzuwenden hatte, da es, allem An⸗ ſchein nach, einen ſo gluͤcklichen Ausgang gehabt hatte. Go ſetzte er ſich denn ſchweigend nieder und ergriff ein Buch, das ihm zunaͤchſt lag, aus keiner andern Abſicht, als um die Lanawelle dadurch zu vertreiben, denn zu keinem andern Zwecke hatte Magnus je ein Buch zur Hand genom⸗ men. Dieß mar indeß ein Buch, das zufaͤllig ihm ſehr zu⸗ ſagte: das wohlbekannte Werk des Olaus Magnus uͤber die Sitten und Gewohnheiten der alten nordiſchen - * 63) Voͤlker. Zwar iſt ungluͤcklicherweiſe dieß Buch in lateini⸗ ſcher Sprache geſchrieben, und das Daͤniſche oder Hollaͤndi⸗ ſche waren dem Udaller unglelch gelaͤufiger, als dieſe. Allein es war die ſchoͤne Ausgabe mit Abbildungen der Kriegeswagen, des Fiſchfanges, der kriegeriſchenUnternehmungen und haͤusli⸗ chen Beſchaͤftigungen der Skandinavier, auf Kupferplatten dargeſtellt, verſehen, und ſo ward die Auskunft, welche der Tert dem Geiſt verſagte, weniaſtens dem Auge, das, wie Alt und Jung wohl weiß, eben ſowohl zum Vergnuͤgen behuͤlflich iſt, als jener, und vielleicht noch mehr. Die beiden Schweſtern hatten unterdeſſen, ſo nahe an einander gedraͤngt, als zwei Blumen, welche auf demſelben Stiele wachſen, ſich die Arme um die Schultern geleat. als ob ſie gefuͤrchtet haͤtten, daß eine neue, unvorhergeſe⸗ hene Ueſache der Kaͤlte ſie wieder von einanderreißen, und die ſchweſterliche Eintracht, welche ſo eben erſt hergeſtellt worden, wieder zerſtoͤren moͤge. Norna ſaß ihnen gegen⸗ uͤber, zuweilen in dem großen Wergamentband, mit dem ſie ſie bei ihrem Eintritt beſchaͤftigt gefunden, blaͤtternd, zuweilen die Schweſtern mit einem ſcharfen Blicke beob⸗ achtend, in welchem ein ungewoͤhnlich zarter Antheil zu liegen ſchien, der zuweilen die ſtarre und ſtrenge Feierlich⸗ keit ihrer Züge milderte. Alles war ſtill und ſchweigend wie der Tod, und Brenda's kaum voruͤbergegangene Bewe⸗ gungen hatten ihr noch nicht erlaubt, nachzudenken, ob die uͤhrigen Tagesſunden auf eben dieſe Art vergehen wuͤrden, als die Ruhe vloͤtzlich durch den Eintritt des Zwerges Pa⸗ colet, oder, wie der Udaller ihn nanote, Nicolzus Strum⸗ pfer, unterbrochen wurde. Norna warf dem Eintretenden einen zorniaen Blick zu; dieſer ſuchte indeß hrem Un villen dadurch zu begeg⸗ 64 nen, daß er die Haͤnde emporhob und einen ſtammelnden Laut hervorbrachte, dann, ſogleich zu ſeiner gewoͤhnlichen Unterhaltungsweiſe uͤbergehend, mit ſeinen Fingern ſchnell eine Reihe von Zeichen bildete, die ſeine Gebleterin eben ſo ſchnell beantwortete, ſo daß die jungen Frauenzimmer, welche nie von einer ſolchen Kunſt gehoͤrt hatten, und ſie jetzt von zwei ſo ſonderbaren Welen ausuͤben ſahen, ihr gegenſeitiges Verſtehen beinahe fuͤr eine Art von Zauber anſahen. Als ſie ſich mit einander verſtaͤndigt, wandte ſich Norna mit vielem Stolze zu Magnus und ſagte:„wie, mein Verwandter, habt Ihr Euch ſo vorgeſſen, in das Haus der Reimkennar zu dringen, und in der Wohnung der Macht und der Verzweiflung, Anſtalten zur koͤrperlichen Erfriſchung, zum Gelage und zu Saus und Braus zu ma⸗ chen?— Sprecht nicht— antwortet nicht,“ ſetzte ſie hin⸗ zu:„die Dauer der Heilung, welche ich ſo eben vollendet habe, haͤngt von Eurem Stillſchweigen und Eurem Gehor⸗ ſam ab— wechſelt nur einen einzigen Blick, ein einziges Wort mit mir, und der letzt: Zuſtand des Maͤdchens ſoll noch aͤrger ais der erſte werden.“ Dieſe Drohung feſſelte ſogleich die Zunge des Udallers, obgleich dieſer vor Begierde brannte, ſich in eine Rechtfer⸗ tigung ſeines Betragens zu verbreiten. „Folgt mir Alle zuſammen,“ ſagte Norna, indem ſie zur Thuͤr des Gemaches hinſchritt:„und huͤtet Euch, daß keiner von Ench zuruͤckblicke— wir laſſen dieß Zimmer nicht leer hinter uns, obgleich wir, die Kinder der Sterb⸗ lichkeit, nicht mehr darfnnen verweilen.“ Sie gieng hinaus, und der Udaller gab ſeinen Toͤchtern einen Wink, ihr zu folgen und ihren Vorſchriften zu gehor⸗ chen. Die Sibylle ſileg ſchneller, als ihre Gaͤſte, den rohen Abhang 65 Abhang(denn ſo haͤtte man es eher nennen koͤnnen, als ein« eigentliche Treppe) hinab, welcher zu dem untern Ge⸗ mache hinfuͤhrte. Magnus und ſeine Tochter fanden, als ſie dieß betraten, ihre eigenen Begleiter, uͤber Norna's Ge⸗ genwart und Verfahren ganz verſteinert, daſtehen. Sie waren naͤmlich damit beſchaͤftigt geweſen, die Vor⸗ raͤthe, welche ſie mitgebracht, ſo anzuordnen, daß ſie ein behagliches kaltes Mahl bildeten, ſobald die Eßluſt des Udallers, welche ſo regeimaͤbig, als die Flutb, eintrat, ihn beſtimmen ſollte, einige Erfriſchungen zu nehmen; jetzt aber ſtanden ſie, voll Furcht und Erſtaunen, halb erſtarrt da, waͤhrend Norna eine Sache nach der andern nahm, und, von Pacolet's Dienſteifer wohl unterſtuͤtzt, die ſämmtllchen Zubereituagen zum Mahle zu der rohen Oeffnung, welche ſtatt eines Fenſters diente, hinaus und uͤber die Klippe, auf der ſich die alte Burg erhob, in den Ocean ſchleuderte, der tief unten wuthete und ſchaͤumte. Vifda(getrockneres Riaderfleiſch), Schinken und eingeſalzenes Schweinfleiſch flogen, eines nach dem andern, in die Weite hinaus; ge⸗ raucherte Gaͤnſe und eingeſalzene Fiſche gelungten wieder in ihre heimiſchen Elemente, die Luft und das Waſſer, die ſie aber nicht mehr zum Entweichen benutzen konnten, und das Werk der Verwuͤſtung giag mit einer ſo großen Schnel⸗ ligkeit vor ſich, daß der Udaller nur mit Muͤhe ſeinen ſil⸗ bernen Trinkbecher retten konnte, wogegen aber die lederne Branntweinflaſche, welche ihn mit Vorrath von ſeinem Lteb⸗ lingsgetraͤnk verſehen ſollte, dem uͤbrigen Abendeſſen, durch Pacolet's Haͤnde, nachgefandt wurde, der zu gleicher Zeit den ſo getaͤuſchten Uoaller mit einem boshaften Grinſen betrachtete, als ob, trotz ſeines eigenen Geſchmackes an die⸗ ſem Getraͤnke, Magnus Troil's Mißgeſchick und Erſtaunen W. Scott's Werke CxXIII. 5 66 ihm ungleich mehr Freude gewaͤhre, als es ihm haͤtte ma⸗ chen koͤnnen, wenn er ſeinen Genuß getheilt haͤtte. Der Untergang der Branntweinflaſche erſchoͤpfte endlich Magnus Ungeduld, der mit dem Tone großen Mißvergnü⸗ gens herausbruͤllte:„aber, Baſe, das iſt ja eine ganz zer⸗ ſtoͤrende Tollheit! Wo und was ſollen wir denn nun zu Abend eſſen?“ „Wo Ihr wollt,“ erwiederte Norna:„und was Ihr wollt— nur nicht in meiner Wohnung, und nicht das, womit Ihr ſie entheiligt habt. Bringt mich nicht noch mehr auf, ſondern geht Alle miteinander. Ihr ſeyd ſchon zu lange fuͤr meine Ruhe, und vielleicht auch fuͤr die Eu⸗ rige, hier geweſen“ „Wie, Baſe,“ ſagte Magnus:„wollt Ihr uns denn zu dieſer Nachtzeit aus dem Hauſe werfen, wo ſelkſt ein Schorte keinen Fremden von ſeiner Thuͤr weiſen wuͤrde? — Ueberlegt es Euch, Frau, welche Schande es uͤber unſere Familie bringen wuͤrde, wenn wir in dem Ungewitter, das Ihr da ſo eben erregt, gendothigt ſeyn ſollten, die Taue zu kappen, und ſo ſchlecht verſehen in See zu gehen.“ „Schweigt, und entfernt Euch,“ ſagte Norna:„ſeyd zufrieden, das erlangt zu haben, weswegen Ihr hergekom⸗ men ſeyd. Ich habe kein Obdach fuͤr ſterbliche Gaͤſte, keine Lebensmittel, menſchliche Beduͤrfniſſe damit zu befriedigen. Unten an der Klippe iſt eine Uferſtrecke vom ſchoͤnſten San⸗ de, und ein Waſſer, ſo klar, als der Quell von Kildingute, und die Felſen tragen Moos, ſo geſund wie das von Guiy⸗ din, und Ihr wißt wohl, daß der Quell von Kildinguie und das Moos von Guiydin alle Krankheiten heilen, den 67 „Und das weiß ich eben ſo gut,“ ſagte der Udaller: „daß ich lieber verfaultes Seegras eſſen moͤchte, wie ein Staar, oder eingeſalzenes Seehundfleiſch, wie die Maͤnner von Burraforth, oder Trompetenhoͤrner, Meerfloͤhe und Napfmuſcheln, wie die armen Schaͤcher von Stroma, als in einem Hauſe, wo es mir nicht gegoͤnnt wird, weißes Brod brechen und rothen Wein trinken.— Und doch,“ ſagte er, ſich maͤßigend:„habe ich Unrecht, ſehr Unrecht, Baſe, ſo zu Euch zu reden und ſollte Euch lieber fuͤr das danken, was Ihr gethan habt, als Euch deswegen Vorwürfe ma⸗ chen, weil Ihr nach Eurer Art lebt. Aber ich ſehe, Ihr werdet ungeduldig— wir werden gleich Alle unter Segel gehen. Und Ihr, Ihr Schufte,“ ſagte er, indem er ſich an ſeine Diener wandte:„die Ihr ſo eilig mit Eueren Dienſtleiſtungen bei der Hand waret, ehe wir ihrer be⸗ durften, macht, daß Ihr zur Thuͤr hinauskommt, und ſucht die Klepper zu fangen, denn ich ſehe wohl, wir muͤſſen heute Nacht in einen andern Hafen einlaufen, wenn wir nicht mit leerem Magen zu Bett gehen und ein hartes La⸗ ger haben wollen.“ Magnus’ Diener, ſchon mehr als zu ſehr durch Norna's Ungeſtuͤm erſchreckt, hatten kaum das Gebot ihres Herru vernommen, als ſie auch ſchon die Wohnung jener mit aller Schnelligkeit raͤumten, und der Udaller, eine Tochter an jedem Arm, war im Begriff, ihnen zu folgen, als Norna mit beſonderer Betonung„Halt!“ rief. Sie gehorchten und wandten ſich zu ihr. Sie hielt Magnus ihre Hand hin, welche der leicht verſöhnliche Udaller ſogleich mit ſei⸗ ner gewaltigen Rechten ergriff. „Magnus,“ ſagte ſie:„wir trennen uns, well es ſeyn muß, aber ich hoffe, nicht im Zorn?“ 3 —n——— „Ganz und gar nicht, Baſe,“ ſagte der wohlwollende Udaller, der beinahe uber ſeine haſtige Betheuerung, daß er keinen Groll pege, in's Stottern gerteth:„gewiß, ganz und gar nicht. Ich habe nie gegen Jemanden Etwas, und am wentgſten gegen eine Blutsverwandte, die mich mit ih⸗ rem Rath ſo oft durch manche ſtuͤrmiſche Fluth hindurch⸗ gelootſet hat, wie ich ein Bvot zwiſchen Swona und Stroma durch alle die Wellen, Strudel und Brandungen der Penr⸗ land⸗Firth hindurchlootſen wuͤrde. 1„Genug,“ ſagte Norna:„und nun lebt wohl; mein Segen, wie ich ihn geben darf, ſey mit Euch— kein Wort 6 mehr!— Maͤdchen,“ fuͤgte ſie hinzu:„tretet naͤher, damit ich Eure Stirnen kuͤſſe.“ Minna gehorchte der Sibylle mit Ehrerbietung, Brenda mit Furcht, die Eine von der Waͤrme ihrer Einbildungs⸗ kraft, die Andere von der natuͤrlichen Schüchternheit ihres Weſens uͤberwaͤltigt. Norna entließ ſie nun, und bald ſtan⸗ den ſie jenſeits der Bruͤcke auf der Felſen⸗Platform, vor der alten Pictenburg, welche dieſem abgeſchiedenen weibli⸗ chen Weſen zur Wohnung diente. Die Nacht, denn dieſe war jetzt hereingebrochen, war ungewoͤhnlich klar. Ein hel⸗ les Daͤmmerlicht, welches weit uͤber die Oberflaͤche des Meeres dahinſchimmerte, enrſchaͤdigte fuͤr die kurze Ab⸗ weſenheit, der ſommerlichen Sonne, und die Wogen ſchienen unter ſeiner Hut zu ſchlummern, ſo ſanft und wie vom Schlaf bewaͤltigt war der Ton, mit welchem 1 eine nach der andern gegen den Fuß der Klippe, auf wel⸗ cher die Reiſenden ſtanden, anrollte und ſich brach. Ih⸗ nen gegenuͤber lag die ſchroffe Feſte, welche, in dem einfoͤr⸗ migen Grau der Atmoſphaͤre, ſo alt, ſo formlos und fuͤr ie Dauer begruͤndet erſchien, als der Fels, auf dem ſie 69 ſtand. Weder Anzeichen noch Ton verkuͤndeten das Daſeyn menſchlicer Bewohner, außer, daß aus einer rohen Schieß⸗ ſcharte die ſchwache Flamme der Lampe blinkte, bei deren Schein die Sibylle wahrſcheinlich ihre gebeimnißvollen und naͤchtlichen Studien fortſetzte, und welcher in die Daͤmme⸗ rung, in der er ſich bald verlor, einen einzelnen ſchwachen Lichtſtreiren hinauswarf, der eben ſo einſam in der Atmos⸗ phaͤre verweilte, wie die betagte Frau und ihr Sklave, die einzigen Bewohner dieſer Wuͤſte, in der Einſamkeit, wel⸗ che ſie umgab. Mehrere Minuten lang ſtanden die Reiſenden, die ſich ſo ploͤtzlich und ſo unerwartet des Obdaches beraubt ſahen, unter welchem ſie die Nacht zuzubringen gehofft hatten, ſchweigend da, jeder in ſeine beſonderen Gedanken verſun⸗ ken. Minna ſuchte— die ihrigen auf die geheimnißvolle Troͤſtung gerichtet, die ihr geworden war— vergebens aus Norna's Worten einen klaren, verſtaͤndlichen Sinn zu ent⸗ raͤthſeln, und der Udaller hatte ſich noch nicht von ſeinem Erſtaunen uͤber die, ihm in einem Anfall von Laune wider⸗ fahrene Vertreibung, erholen koͤnnen, die unter Umſtaͤnden geſchehen war, welche es unmoͤglich machten, das als eine Beleidigung zu ahnden, was, in anderer Raͤckſicht, mit der freien Gaſtfreundlichkeit ſeines Weſens ſo ſehr im Wider⸗ ſpruch ſtand, ſo daß er immer noch das Gefuͤhl Jemandes hatte, der boͤſe ſeyn will, ohne aber recht zu wiſſen, wie er es anfangen ſoll. Brenda war die Erſte, welche der Sache den Ausſchlag gab, indem ſie fragte, wohin ſie gehen und wie ſie nun die Nacht zubringen wuͤrden. Dieſe Frage, welche in einem Tone gethan wurde, der, bei ſeiner Ein⸗ falt, zugleich etwas Klagendes hatte, gab den Gedanken ihres Vaters auf einmal eine ganz andere Rietuna, und 7⁰ die unerwarkete Verlegenheit, in der ſie ſich befanden, er⸗ ſchien ihm jetzt ſo komiſch, daß er in ein Lachen aushrach, wovon ihm die Augen uͤberliefen, waͤhrend die Felſen um ihn her wiederhallten und die ſchlafenden Seevoͤgel, durch den lauten, herzlichen Ausbruch ſeiner tobenden Froͤhlich⸗ keit aus ihrer Ruhe aufgeſchreckt, umherflatterten. Die Toͤchter des Udallers vereinigten, unter Vor⸗ ſtellungen, wie leicht dieſe Hingebung an eine unbezaͤhmte Froͤhlichkeit Norna mißfallen könnte, ihre Kraͤfte, ihn von ihrer Wohnung weiter weg zu ziehen. Magnus ließ ſich ihren Anſtrengungen nachgebend, denen er, ſo ſchwach ſie auch waren, doch wegen ſeines Lachens keinen ernſthaften Widerſtand entgegenſetzen konnte, auf eine bedeutende Strecke von der Burg hinwegſchleppen; hier aber ent⸗ ſprang er ihren Haͤnden, ſetzte ſich, oder ließ ſich vielmehr hinſinken, auf einen großen Stein, der, ſehr bequem an der Straße lag, und lachte nun abermals ſo lange und ſo gewaltig, daß ſeine Toͤchter, betreten und aͤngſtlich, am Ende zu fuͤrchten anfingen, daß in dieſen malederholren An⸗ faͤllen etwas mehr als Natuͤrliches laͤge. Endlich hatte ſeine Luſtigkeit ſich ſelbſt und des Udallers Kraͤfte erſchoͤpft. Er ſtoͤhnte tief auf, wiſchte ſich die Augen, und ſagte, nicht ohne einige Anwandlung, ſein tobendes Gelaͤchter noch einmal anzufangen,„wahrhaftig bei den Gebei en des heiligen Magnus, meines Ahnherrn und Namensverwandten, man ſollte denken, daß, zu die⸗ ſer Zeit der Nacht aus dem Hauſe geworfen zu werden, ein herrlicher Spaß ſeyn müßte, denn ich habe daruͤber ge⸗ lacht, daß mir die Seiten weggethan haben. Da ſaßen wir, ganz gut auf die Nacht untergekommen, ich eines guten Abende gens und eines guten Trunkes ſo gewiß, als 71 ich ihrer nur je war, und da ſind wir auf einmal Alle, wo wir geweſen waren— und dazu der armen Brenda klaͤgliche Stimme und ihre traurige Frage, was ſoll nun geſchehen und wo werden wir ſchlafen? Wahrhaftig, wenn nicht einer von den Schuften, die die arme Frau durch ihr Auftragen, ehe es beſohlen worden war, ſo aus der Faſ⸗ ſung brachten, ſeine Schuld dadurch wieder gut machen kann, daß er uns einen ordentlichen Hafen auf unſerer Seeſeite nachweiſt, ſo bleibt uns kein anderer Cours, als daß wir im Zwielicht nach der Lage von Burg⸗Weſtra hin⸗ ſteuern und uns, ſo gut als wir es nach dem Wege koͤn⸗ nen, wieder dahin zuruͤckfinden. Es thut mir nur um Euch leid, Maͤdchen; denn ich bin auf manchem Kreuz⸗ zug geweſen, wo wir noch weniger hatten, als wir jetzt wahrſcheinlich haben werden. Ich wuͤnſchte nur, ich haͤtte für Euch einen Biſſen zu eſſen, und fuͤr mich einen Schluck zu trinken gerettet, und dann haͤtten wir uns weiter nicht ſehr zu beklagen gehabt. Beide Schweſtern verſicherten den Udaller, daß ſie nicht das geringſte Verlangen nach Eſſen haͤtten. „Nun, das iſt ſchon ganz gut,“ ſagte Magnus:„und da dieß der Fall iſt, ſo will ich auch weiter nicht meiner eigenen Eßluſt erwähnen, obgleich ſie wohl groͤßer iſt, als daß einem ganz wohl dabei ſeyn könnte. Und der Schur⸗ ke, der Nicolas Stumpfer— was für einen Seitenblick mir der Boͤſewicht zuwarf, als er die Flaſche mit gutem Franzbranntwein ſo in die See ſchleuderte! Er grinſete, der Schuft, wie ein Seehund auf der Klippe.— Hätte ich nicht gefuͤrchtet, meine arme Verwandte Norna zu ſehr aufzubringen, ich haͤtte als Sanet Magnus in Kirkwall be⸗ graben liegt, ſeinen ungeſchlachten Leib, mit ſeinem un⸗ — 72 geſtalten Kuͤrbiskopf darauf, meiner ehrlichen Flaſche nach⸗ geſchickt!“ Die Diener waren unterdeſſen mit den Kleppern zu⸗ ruͤckggekommen, die ſie ſehr bald eingefangen hatten, indem dieſe klugen Thiere nichts ſo Anziehendes auf der Walde, wo man ſie losgelaſſen, gefunden hatten, daß es ſie ge⸗ gen die Aufforderung, ſich abermals das Joch des Sattels und Zaumes auflegen zu laſſen, taub gemacht haͤtte.— Die Ausſichten der Reiſenden erheiterten ſich uͤberdieß da⸗ durch, daß man erfuhr, die Ladung der Saumpſerde ſey nicht ganz zerſtoͤrt worden, und ein kleiner Korb der Wuth Norna's und Pacolet's entgangen, indem einer der Die⸗ ner ihn mit großer Behendigkeit ergriffen und in Sicher⸗ heit gebracht habe. Derſelbe Diener, ein gewandter, klu⸗ ger Kerl, hatte am Ufer, nicht weiter als etwa drei(engl) Meilen von der Burg, und etwa noch eine Viertelmeile von dem geraden Wege, ein verlaſſenes Skio, oder Fi⸗ ſcherhuͤtte, entdeckt, und den Rath gegeben, daß mau fuͤr den uͤbrigen Theil der Nacht dort ein Unterkommen ſuchen moͤge, damit die Pferde abermals walden koͤnnten und die jungen Damen, bei der kalten Nachtluft, doch un⸗ ter Dach und Fach waͤren. Wenn wir aus einer großen und ernſthaften Gefahr befreit werden, ſo iſt unſere Stimmung(oder ſollte es we⸗ nigſtens ſeyn) in der Regel ernſt, je nachdem das Unheil dem wir entgangen ſind, bedeutend war, und der Dank, den wir der ſchuͤtzenden Vorſicht abſtatten muͤſſen, innig ſeyn muß. Wenige Dinge aber erhoͤben die Froͤhlichkeit auf eine natuͤrlichere oder harmloſere Art, als wenn wir auf einmal aus einer der unbedeutenderen Verlegenhei⸗ ten des Lebens befreit werden, und dieß war der Fall im 731 gegenwaͤrtigen Augädblicke. Der udaller fing, ſohald er von der Beſorgniß fuͤr die Ermuͤdung ſeiner Toͤchter durch zu große Anſtrengung, und fuͤr das Mißverhaͤltniß zwiſchen ſeiner Esluſt und dem vorhandenen Vorrath befreit war, an, norwegiſche Lieder zu ſingen, waͤhrend er ſeinen Ber⸗ gen durch die Dammerung ſo munter und ruͤſtig dahin ſpornte, als ob er dieſen Nachtritt aus freien Stuͤcken ge⸗ macht hätte. Brenda vereinigte ihre Stimme zuweilen mit dem Chor, der, in rauheren Toͤnen, auch von den Dienern wiederholt wurde, da, in jenem einſachen Zuſtan⸗ de der menſchlichen Geſellſchaft, es nicht fuͤr ehrfurchts⸗ widrig gebalten ward, wenn ſie ihre Stimmen mit in den Geſang miſchten. Minna war einer ſolchen Erhebung noch nicht wieder faͤhig; indeſſen zwang ſie ſich bei der allge⸗ meinen Froͤhlichkeit, nicht ganz abgeſchloſſen zu bleiben, und ſchien— gegen ihr bisheriges Betrageu, ſeit dem ver⸗ haͤngnißvollen Morgen der das Sanct Johannisfeſt beſchloß — den gewoͤhnlichen Antheil an allem, was um ſie her vorging, zu nehmen; ja, ſie beantwortete ſelbſt mit Freundlichkeit und Gutwilligkeit die wiederholten Fragen uͤber ihre Geſundheit, mit denen der Udaller zuweilen ſei⸗ nen Geſang unterbrach. So zogen ſie in der Nacht dahin, mit weit froheren Gefuͤhlen, als die es waren, mit denen ſie am vorigen Morgen den Weg gemacht, ohne der Be⸗ ſchwerden der Reiſe zu achten, und in der Hoffnung auf Obdach und eine behagliche Nacht in der verlaſſenen Huͤtte, der ſie ſich jetzt naͤherten und die ſie als einen dunkeln und einſamen Aufenthaltsort zu finden erwarteten. Es war indeß das Loos des Udallers, an dieſem Tage ſich mehr als einmal in ſeinen Berechnungen zu irren. „Und nach welcher Gegend liegt denn die Huͤtte hin, von der Du uns erzaͤhlt haſt, Laurie?“ ſagte der Udal⸗ ler, indem er ſich an den geſcheuten Bedienten wandte, deſſen wir ſo eben erwaͤhnt haben. „Dort muß ſie ſeyn,“ erwiederte Lorenz Scho⸗ ley:„vorn an dem Vor— aber, meiner Treu, wenn das der Ort iſt, ſo iſt ſchon jemand darin. Sott und der heilige Roman gebe nur, daß es Menſchen ſind.“ In der That war ein Licht in der verlaſſenen Huͤtte, ſtark genun, um durch jede Spalte der Schindeln und des Treibholzes, woraus ſie gebaut war, durchzuſcheinen und dem ganzen Haͤuschen das Anſehen einer Schmiede zu ge⸗ ben, wenn man ſie bei Nacht ſieht. Der gewöͤhnliche Aberglaube der Shetländer bemeiſterte ſich jetzt Magnus und ſeiner Begleiter. „Es ſind Traus,“ ſagte eine Stimme. Es ſind Hexen, murmelte eine Zweite. „Es ſind Meerjungfern,“ brummte ein dritter vor ſich hin:„man hoͤre nur den wilden Geſang!“ Alle hielten an, und in der That vernahm man einige muſikaliſche Toͤne, welche Brenda, mit einer zwar etwas zitternden Stimme, aber doch nicht ohne unterdruͤckten Spott, bald fuͤr die einer Geige erklaͤrte, „Geige oder boͤſer Geiſt,“ ſagte der Udaller, der, wenn er auch an die naͤchtlichen Erſcheinungen glaubte, welche ein ſolches Schrecken unter ſeine Begleiter verbrei⸗ tet hatten, doch ſie gewiß nicht fuͤrchtete—„Geige oder boͤſer Geiſt, mich ſoll der Teufel holen, wenn mich heute Abend eine Hexe zum zweitenmale um mein Abendbrod bringt.“ „Mit dieſen Worten ſtieg er ab, nahm ſeinen Pallaſch in die Hand, und gieng nun, nur von Lorenz begleitet, 75⁵ auf die Huͤtte zu, udhrend der uͤbrige Theil des Gefolges bel ſeinen Toͤchtern und den Pferden, am Ufer des Voe's ſtehen blieb. —— Sechstes Kapitel⸗ Holla, Geſellen! Kommt herbei zur Luſt, Wie Feen, die im hellen Mondſchein tanzen, Wenn ſie der feiſte Mönch erblickt, der ſpät Von einer Taufe, einem Hochzeitſchmaus, Zu ſeiner Zelle kehrt:— er ſtutzt, ermannt Sich, aus dem Flaſchentaumel, ſchnell Zum frommen Kirchenſchritte, rafft Aus dem Gedächtniß eine Hymne an, und kann— Sieh nur auf eines Trinklieds Chor beſinnen. Altes Schauſpiel. Des Udallers Schritt blieb eben ſo groß und eben ſo feſt, als er ſich der erleuchteten Huͤtte naͤherte, aus wel⸗ cher er jetzt, ganz deutlich, den Ton der Fiedel erſchallen hoͤrte. Waren aber ſeine Schritte gleich noch eben ſo wie vorher, ſo folgten ſie doch einander langſamer, als ge⸗ woͤhnlich, denn wie ein tapferer, aber vorſicht ger General, wollte Magnus den Feind erſt recognoſciren, ehe er ihn angriff. Der treue Lorenz Scholey, der ſich dicht hinter ſeinen Herrn hielt, fluͤſterte ihm jetzt ins Ohr:„ſo wahr mir der Himmel helfe, glaube ich, Herr, daß der Geiſt (wenn es wirklich ein Geiſt iſt) der ſo wacker auf der Fie⸗ del ſpielt, der Geiſt Meiſter Claudius Halcro's, oder we⸗ nigſtens ſein zweites Ich, ſeyn muß, denn niemals hat 75 es wohl einen Bogen gegeben, der das gute alte luſtige Lied,„wohl und gluͤcklich,“ ſo ganz nach ſeiner Art haͤtte herausbringen koͤnnen, wie dieſer. Magnus ſelbſt war ſehr dieſer Meinung, denn er kannte die luſtigen Tonweiſen des lebendigen kleinen Man⸗ nes, und rief daher die Huͤtte mit einem derben Halloh an, das ſogleich durch einen aͤhnlichen freudigen Ruf ſei⸗ nes alten Tiſchgenoſſen beantwortet wurde, worauf Halcro ſelbſt am Ufer zum Vorſchein kam. Der Udaller gab jetzt ſeivem Gefolge das Zeichen, ſich zu naͤhern, während er ſeinen Freund, nach einem herzli⸗ chen Gruß und wiederholten Haͤndedruck, fragte, wie Teu⸗ fel er denn hieher an dieſen einſamen Fleck gerathen ſey, und hier ſeine alten Lieder aufſpiele, wie eine Eule, die den Mond anſchreit. 2 „Sagt mir lieber, Vogt,“ antwortete Claudius Hal⸗ cro:„wie Ihr hier in dieſe Gegend kommt? Ja, und bei meinem Wort, auch mit Euern lieben Toͤchtern? Jar⸗ to Minna, Jarto Brenda, ſeyd herzlich, willkommen auf dieſem gelben Sande, und gebt mir die Hand, wie der herrli⸗ che John, oder ſonſt jemand, bei dieſer Gelegenheit ſagt. Und wie kommt Ihr hieher, wie zwei weiße Schwaͤne, um das Zwielicht in Tag, und alles, das Euer Fuß betritt, in Silber umzuwandeln?“ Ihr ſollt ſogleich alles hoͤren, antwortete Magnus: aber was fuͤr Leute habt Ihr denn da in der Huͤtte bei Euch? Mich duͤnkt ich hoͤre jemanden reden. „Niemanden,“ erwiederte Claudius Halcro,„als den armen Kerl, den Verwalter und meinen Teufe jungen, den Giles. Ich— doch, kommt hereln, kommt herein, Ihr ſollt ſehen, wie wir hier, bei all unſerer Herrlichkeit, 77 auch nicht das geringſte haben: nicht einmal ein Mund vol ſaurer Sillochs iſt für Geld und gute Worte zu be⸗ kommen.“ Dem duͤrfte wohl noch abzuhelfen ſeyn, ſagte der Udal⸗ ler: denn obgleic der beſſere Theil unſres Abend vrodes uͤber die Klippe von Fitful ſpaziert iſt, um den Seehun⸗ den und den Dornhays zur Speiſe zu dienen, ſo haben wice doch noch etwas im Vorrath— Hier, Laurie, bring einmal das Viſba her. „Jokul! jokul!“*) war Lorenz's freudige Antwort, der den Korb zu holen eilte, waͤhrend die Geſellſchaft in die Huͤtte tras. Hier fanden ſie, in einer Art Cajüte, die ſtark nach ge⸗ doͤrrten Fiſchen roch, und deren Wände und Decke glaͤnzend ſchwarz von Rauch waren, den unglücklichen Triptolemus Yellowley, der, bei einem Feuer von trockenem Meergraſe, mit einigem Torf und Treibban vermiſcht, ſaß; bei ihm ein baarfüßiger blondhaariger ſhetlaͤndiſcher Knabe, der gelegent⸗ lich Pagendienſte bei Claudius Halcro verſah, ſeine Fiedel auf der Schulter trug, ſeinen Klepper ſattelte, und ihm ähn⸗ liche freundliche Handreichung leiſtete. Der troſtloſe Land⸗ wirth— denn daß er jenes war, ſah man ihm am Geſichte an— verrieth wenig Erſtaunen, und noch weniger Freude, bei dem Eintritt des Udallers und ſeiner Begleiter, bis, nach⸗ dem ſich die Geſellſchaft dicht an's Feuer begeben(eine Nach⸗ barſchaft, welche die Feuchtigkeit der Nachtluft keineswegs unangenehm machte) der Korb geöffnet wurde. Ein ziem⸗ iicher Vorrath von Gerſtenbrod und geräuchertem Fleiſch, *) Ja, Herr! ein nowegiſcher Asdruc, der noch immer im Ge brauch iſt. 78 nebſt einer Flaſche Branntwein(freilich kleiner als die, wel⸗ che Pacolet's unerbittliche Hand in den Ocean geleert) er⸗ öffneten hier die Ausſicht auf ein leidliches Abendeſſen, und nun ſieng der würdige Verwalter an, freundlich zu grinſen, rieb ſich die Hände, und erkundigte ſich nach allen ſeinen Freunden in Burgh⸗Weſtra. Als ſie ſämmtlich dieſe nothwendige Stärkung zu ſich genommen, wiederholte der Udaller ſeine Anfragen bei Hal⸗ cro, und mehr noch bei dem Verwalter: wie es gekommen ſey, daß ſie ſich zu einer ſolchen Stunde der Nacht in einem ſo entfernten Winkel eingeniſtet? „Meiſter Magnus Troil,“ ſagte Triptolemus, als der zweite Becher ihm die Kraft gegeben, ſeine traurige Ge⸗ ſchichte zu erzählen:„Ihr müßt nicht glauben, daß es et⸗ was Geringes iſt, was mir im Kopf herumgeht. Ich gehöre zu dem Korne, das ſchon einen ſtarken Wind haben muß, wenn es in Bewegung kommen ſoll. Ich habe wohl manchen Martins⸗ und manchen Pfingſt⸗Sonntag erlebt, Zeiten, die für Leute meines Gewerbes beſonders hart ſind, und habe ſie alle überſtanden, aber ich fürchte, daß ich hier, in Eu⸗ rem verwünſchten Lande— Gott verzeih' mir's, aber böſe Geſellſchaft verderbt gute Sitten— doch am Ende werde untergehen müſſen.“ „Nun, Gott ſey bei uns,“ ſagte der Udaller:„was fehlt dem Manne? Ja, Mann, wenn ich Euern Pflug auf neues Land bringen wollte, ſo müßt Ihr Euch darauf gefaßt machen, daß er hier und da einmal an einen Stein ſtößt.— Ihr müßt uns ein gutes Beiſpiel mit Geduld geben, da Ihr doch hieher gekommen ſeyd, uns zu anderen Menſchen zu machen. Der Teufel ſaß mir in den Fuͤßen, als ich das that,“ 79 ſagte der Verwalter:„ich hätte eben ſo gut den Steinhau⸗ fen in Clochnaben zu etwas anderm machen können.“ Aber ſo ſagt mir doch, was iſt Euch zugeſtoßen? ent⸗ gegnete der Udaller: worüber beklagt Ihr Euch denn? „Ueber alles, was mir begegnet iſt, ſeitdem ich auf die⸗ ſer Inſel gelandet bin, die, wie ich glaube, von der Schöpf⸗ ung an verflucht war,“ ſagte der Landwirth:„und die zum Zufluchtsort für Landlaͤufer, Diebe, Hexen, Metzen und böſe Geiſter beſtimmt iſt.“ „Wahrhaftig ein ſchönes Verzeichniß,“ rief Magnus: „und es gab eine Zeit, wo ich, wenn ich Euch nur die Hälfte davon hätte angeben hören, mich ſelbſt zum Verbeſſerer auf⸗ geworfen haben und Eure Sitten mit dem Pruͤgel zu beſſern geſucht haben würde.“ „Habe Geduld mit mir,“ ſagte der Verwalter:„Mei⸗ ſter Vogt, oder Meiſter Udaller, oder wie man euch ſonſt nennt; ſeyd ſo barmherzig, wie Ihr mächtig ſeyd, und nehmt Rückſicht auf das unglückliche Loos eines unerfahrnen Man⸗ nes, welcher in dieſes Euer irdiſches Paradies gekommen iſt. Er fordert zu trinken, man bringt ihm ſaure Molken — ich ſage nichts von Eurem Branntwein, Vogt, er iſt vor⸗ trefflich.— Ihr fordert Eſſen, man bringt Euch ſaure Fiſche, an denen der Satan erſticken möchte.— Ihr ruft Eure Arbeiter zuſammen, und befehlt ihnen zu arbeiten; es iſt gerade Sankt Magnus, oder Sankt Ronan's, oder irgend eines verwüuſchten Heiligen Tag,— oder ſie ſind mit dem unrechten Fuße aus dem Bette aufgeſtanden, oder haben eine Eule geſehen, oder ein Kaninchen iſt ihnen über den Weg gelaufen, oder ſie haben von einem gebratenen Pferde geträumt— kurz, man kann nichts thun! Gebt ihnen einen Spaten in die Hand, und ſie arbeiten, als ob ſie ſich die Finger daran verbrennten; aber laßt ſie tanzen, und Ihr werdet ſehen, daß ſie des Huͤpfens und Springens nicht muͤde werden.“ „Und warum ſollten die armen Leute dieß nicht thun,“ fragte Claudius Halcro:„ſo lange es noch gute Fiedler giebt, die ihnen aufſpielen können?“ „Ja, ja,“ ſagte Triptolemus, den Kopf ſchuͤttelnd. „Ihr ſeyd gerade der rechte Mann, um ſie in dieſer Sin⸗ nesart zu beſtärken. Nun weiter:„ich pflüge ein Stuͤck meines beſten Landes, da kommt ein rüſtiger Bettler daher, der einen Kohlgarten braucht, und ſchlägt mir, mitten in meinem Kornfelde, eine Verzäunung auf, gerade als ob er Gutsherr und Pächter zugleich wäre, und man mag ihm ſa⸗ gen was man will, ſo pflanzt er ſeinen Kohl dahin! Ich ſetze mich zu meinem traurigen Mittageſſen nieder, ich denke, nun doch Ruhe und Friede zu haben: da kommen auf ein⸗ mal zwey, drei, vier oder ein halb dutzend baarfüßige, lange Jungen von irgend einem Narrenwerke her, ſchimpfen mich aus, weil ich ihnen meine Thuͤr verſperre, und eſſen das, was meine Schweſter— und ſie iſt eben nicht ſehr freige⸗ big— zu meinem Mittageſſen beſtimmt hat, rein auf. Dann kommt eine Hexe, mit einem ellenlangen Stabe in der Hand, herein, regt den Wind auf, oder macht, daß er ſich lege, wie's ihr gerade gut dünkt, ſchreitet in meinem Hauſe auf und ab, als ob es ihr gehoͤrte, und ich muß noch dem Himmel danlen, wenn ſie nicht die eine Wand davon mit⸗ nimmt!“ „Das iſt,“ ſagte der Vogt:„noch immer keine Antwort auf meine Frage— wie, zum Henker, finde ich Euch aber hier vor Anker?“ „Habt Geduld, würdiger Herr,“ erwiderte der betrühte Verwal⸗ 81 Verwalter:„und hoͤrt mich ruhig an, denn es wird wohl am beſten ſeyn, wenn ich Euch die ganze Sache erzähle. Ihr müßt wiſſen, daß ich einmal glaubte, ich haͤtte einen kleinen Glücksfall, der mir alles dieß erleichtert haben würde.“ „Wie? einen Gluͤcksfall? Meint Ihr einen Schiffbruch damit?“ rief Magnus aus:„ſchämt Euch, Ihr, der Ihr An⸗ deren mit gutem Beiſpiel vorgehen ſollt!“ „Es war kein Schiffbruch,“ ſagte der Verwalter:„aber wena Ihr es durchaus wiſſen wollt, ſo muß ich Euch ſa⸗ gen, daß, als ich in einer der alten Stuben in Stourbourgh einen Heerdſtein aufhob(denn meine Schweſter iſt der Mei⸗ nung, daß man in einem Hauſe nur einen Heerd braucht, und ich wollte den Stein haben, um Gerſte darauf auszu⸗ klopfen), ich auf einmal ein Horn voll alter Münzen, meiſt ſilberne, und etwa ein Paar goldene darunter, fand. Nun, ich dachte, das ſey denn doch ein ganz hübſcher Fund, und das dachte Baby auch, und wir ließen uns nun einen Ort ganz gut gefallen, wo es ſolche goldene Eyer gab; wir ſcho⸗ ben nun den Stein ganz ordentlich wieder über das Horn, das mir als das wahre Cornu copiae, das Horn des Ue⸗ berfluſſes, erſchien, und der Sicherheft wegen gieng Baby des Tages wohl zwanzig Male in das Zimmer, und ich ſelbſt auch wohl manchmal zum Ueberfluß.“ „Wahrhaftig, ein ſchöner Zeitverrreib,“ ſagte Clandius Halcro:„ein Horn mit ſeinem eigenen Silber ſo oft zu be⸗ trachten! Ich weiß nicht, ob der herrliche John Dryden ſich je ein ſolches Vergnügen gemacht hat— ich wenigſtens habe es nie.“ „Ja, aber Du vergiſſeſt, Jarlo Claudius,“ ſagte der Udaller:„daß der Verwalter nur das Geld fuͤr den Lord Kaͤmmerling zählte. Da er die Rechte ſeiner Herrlichkeit W. Scott's Werke. CXIII. 6 bei Wallfiſchen und Schiffbruͤchen ſo eifrig verficht, ſo wird er ihn bei dem Funde eines Schatzes nicht vergeſſen haben.“ „Hm! Hm!“ ſtieß Triptolemus heraus, der in dieſem Augenblicke einen ſehr erzwungenen Anfall von Huſten be⸗ kam:„allerdings, wuͤrden Seiner Herrlichkeit Anſpruͤche nicht unberuckſichtigt geblieben ſeyn, da ſie ſich in den Haͤn⸗ den Jemandes befanden, der, wenn ich es ſelbſt von mir fagen darf, einer der rechtlichſten Leute iſt die es in An⸗ gusſhire giebt. Aber hoͤrr, was ſich kuͤrzlich zugetragen hat! eines Tages, als ich hinging, um zu ſehen, ob alles noch ſicher und wohlbehalten ſey, und Seiner Herrlichkeit Antheil abzaͤhlen wollte— denn der Arbeiter, wie man den Finder wohl nennen kann, iſt ſeines Lohnes werth, ja, einige gelehrte Leute behaupten, daß, wenn der Finder, durch Vohmacht und Gewalt, den Dominus oder eigent⸗ lichen Beſitzer darſtellt, ihm das Ganze gebuͤhrt; aber das wollen wir bei Seite laſſen, als eine Streitfrage in apicibus juris, wie wir in Sankt⸗Andrews zu ſagen pfleg⸗ ten— nun, mein Herr und meine Damen, als ich in die obere Stube ging, was ſah ich?— einen haͤßlichen, miß⸗ geſtalteten, ungeſchlachten Zwerg, dem nur Pferdehufe und Horner fehlten, um ihn zum Deufel zu ſtempeln, das Horn voll Silber uͤberzaͤhlend! Ich bin nicht furchtſam. Meiſter Vogt; da ich aber glaubte, bei der Sache mit einiger Be⸗ hutſamkeit zu Werke gehen zu muſſen— denn ich vermu⸗ thete gleich, daß etwas Teufelei dahinter ſtecke— ſo re⸗ dete ich ihn auf Lateiniſch an(wie man immer mit Ge⸗ ſpenſtern ſprechen muß) und beſchwor ihn in nomine und ſo weiter, mit den Worten, welche meiner duͤrftigen Ge⸗ lehria keit in dem Augenblicke zu Gebote ſtanden, deren, die Wayrheit zu geſtehen, weder ſo viele, noc die ſo rein 83 Lateiniſch waren, als ſſie es wohl geweſen ſeyn duͤrften, waͤre ich nicht ſo wenige Jahre auf der Univerſitaͤt, und ſo vlele hinter dem Pfluge geweſen. Nun, der Zwerg ſtutzte Anfangs, wie Jemand, der etwas hoͤrt, das er nicht erwartet, nahm ſich aber bald zuſammen, ſtarrte mich mit ſeinen grauen Augen wie eine wilde Katze an, oͤffnete ſein Maul, das der Muͤndung eines Ofens glich, denn eine Zunge konnte ich nicht darin entdecken, und nahm nun in ſeiner Haͤßlichkeit, ganz die Miene und Art eines Bullenbeißers an, wie ich ſte auf Maͤrkten wohl gegen einen tollen Hirſch habe loslaſſen ſehen. Dieß machte mich denn doch etwas beſtuͤrzt, und ich ging hinunter, Schweſter Baby zu rufen, die ſich weder vor Hunden, noch vor dem Teufel fuͤrchter, wenn von Gelde die Rede iſt. Und, wahrhaftig, ſie eilte zum Kampfe herbei, wie ich habe die Lindſay's und Agil⸗ vie's ausruͤcken ſehen, wenn Donald Mac Donnoch oder andere ſeines Gleichen von den Hochlanden her in die Ebe⸗ nen von Islay hinunter, einen Ausfall thaten. Aber ein altes unnutzes Weib, Tronda Dronstochter genannt(ſie haͤtten e ſelbſt Drone ohne weiteren Zuſatz nennen koͤn⸗ nen), kam meiner Saweſter gerade in den Weg, und ſchrie und belferte, man haͤtte glauben moͤgen, es ſey eine ganze Heerde von Hunden, weswegen ich es fuͤr das Beſte hielt, den Strauß abzuwarten, bis meine Schweſter mir wuͤrde zu Huͤlfe kommen koͤnnen. Als dieß geſchehen war, und wir nun die Treope zu dem Zimmer hinaufſtiegen, wo der beſagte Zwerg, Teufel oder Erſcheinung ſeyn follte, war Zwerg, Horn und Silber ſo rein weg, als ob die Katze den Ort geleckt haͤtte, wo ich ſie geſehen hatte.“ Hier hielt Tipotlemus in einer wunderbaren Erzaͤh⸗ lung ein, waͤhren die Uebrigen einander voll Erſtaunen ⸗ 84 anblickten, und der Udaller Claudius Halcro zumurmelte: „bei allen himmliſchen Zeichen, das muß entweder der Teu⸗ fel ober Nicolas Strumpfer geweſen ſeyn, und wenn er es war, ſo hat der mehr von einem Kobolt an ſich, als ich es glaubte und von nun an von ihm glauben werde.„Hier⸗ auf wandte er ſich an den Verwalter und fragte: ſaht Ihr nicht, wie dieſer Zwerg von dannen ging? „Bet meiner Seele, nein,“ antwortete Triptolemus, mit einem ſchuͤchternen Blicke rund umher, als ob die Er⸗ innerung ihm ſogar noch Furcht einjage:„weder ich, noch Baby, die doch ihre Beſinnungskraft mehr beiſammen hatte, da ſie dieſe unheimliche Erſcheinung nicht geſehen, konnte es entdecken, auf welchem Wege er ſich davongemacht hatte. Nur da ſagte, ſie habe ihm zum Fenſter, an der weſt⸗ lichen Ecke des alten Hauſes, hinaus, auf einem Drachen, wie ſie behauptete, reiten ſehen. Da man aber den Dra⸗ chen fuͤr ein fabelhaftes Thier haͤlt, ſo muß ich ihre Be⸗ hauotung auch fuͤr eine deceptio visus erklaͤren.“ Duͤrfen wir aber nicht fragen, ſagte Brenda, welche die Neugier antrieb, ſo viel als moͤglich uͤber ihrer Baſe Norna Umgebungen in Erfahrung zu bringen: wie alles dieß den Meiſter Yellowley dahin brachte, daß er ſich zu einer ſo ungebuͤhrlichen Stunde an dieſem Orte befindet? „Gebuͤhrlich muß ſie ſeyn, F aͤulein Brenda, da ſie uns das Vergnuͤgen Euerer angenehmen Gegenwart ver⸗ ſchafft hat,“ antwortete Claudius Halcro, deſſen fluͤchtiger Geiſt der langſamen Faſſungskraft des Landwirths bei wei⸗ tem vorausgeeilt war, und den die Ungeduld nicht laͤnger ſchweigen ließ:„die Wahrheit zu geſtehen, ſo war ich es, der unſerem Freunde, dem Verwalter, in deſſen Hauſe ich kurz nach dieſem Unfalle einſprach(und wo ich, beilaͤufig 8⁵ geſagt, wahrſcheinlich der Beſtuͤrzung ihrer Gemuͤther we⸗ gen, nur ſehr ſchlecht bewirthet wurde), es empfahl unſerer Freundinn auf dem Fitful⸗Head einen Beſuch axrzuſtatten, da ich aus einigen Umſtaͤnden der Geſchichte, woraus mein anderer und noch genauerer Freund(hier blickte er Magnus an) auch ſich manches wird deuten koͤnnen, leicht ſchließen konnte, daß die, welche Einem ein Loch in den Kopf ge⸗ ſchlagen, auch wohl Pflaſter zu finden wiſſen. Und da un⸗ ſer Freund, der Verwalter, Bedenken trug, die Reiſe zu Pferde zu machen, well er ſchon einmal von einem unſerer Klepper herabgepurzelt..“ Die eingefleiſchte Teufel ſind, ſagte Triptolemus laut, und ſetzte dann, mit halber Stimme, hinzu: wie alles Le⸗ bendige, das ich auf Shetland gefunden habe. „Nun Vogt,“ fuhr Halcro fort:„ſo uͤbernahm ich es denn, ihn in meinem kleinen Boote, das Giles und ich ſo gut regieren koͤnnen, als ob es ein vollſtaͤndiges bemanntes Admiralsboot waͤre, nach Fitful⸗Head zu bringen, und Meiſter Triptolemus Yellowley wird Euch ſagen koͤnnen, wie ſeemaͤnniſch ich ihn in den kleinen Hafen, ungefaͤhr eine Viertelmeile von Norna's Wohnung, hineinlootſete.“ Wollte Gott, Ihr haͤttet mich ſo gluͤcklich zuruͤckge⸗ bracht, ſagte der Verwalter. „Ja, allerdings,“ antwortete der Barde:„ich bin, wie der herrliche John ſagt: Ein kühner Lootſe in der höchſten Noth, Dem die Gefahr behagt, wenn hoch die Welle ſteigt, Ich ſuche jeden Sturm— doch taug' ich nicht bei Ruh, Und ſteure dann gewandt— zu nah' dem Sande zu. Ich verrieth indeß wenig Gewandtheit von meiner Seite, mich Euch anzuvertrauen, ſagte Triptolemus: und Ihr noch weniger, als Ihr ſo fuhret, daß das Boot an dem Eingange des Voe's, wie Ihr, es nennt, umichlug, nachdem ſelbſt der arme Knabe, der beinahe ertrunken waͤre, Euch geſagt haͤtte, daß Ihr zu viele Segel beigeſetzt haͤttet, wobel Ihr noch das Segeltau an der kleinen Stange am Borde des Boots befeſtigtet, um waͤhrend der Zeit auf der Fiedel ſpielen zu koͤnnen. Wie? ſagte der Udaller: Ihr befeſtigtet die Schoten an der Duft? Das iſt ein ganz unſeemaͤnniſches Verfah⸗ ren, Claudius Halcro. 4 „Und danach ging es auch,“ ſagte der Landwirth: „denn der naͤchſte Windſtoß, und deren haben wir hier bei uns alle Augenblicke, kehrte uns um und um, wie eine Frau ein Waſchfaß, und Meiſter Halcro rettete weiter nichts, als ſeine Fiedel. Sein armer Knabe ſchwamm wle ein Waſſerhund, und ich plaͤtſcherte davon, ſo gut ich konnte, mit Huͤtfe eines der Ruder, um mein Leben zu retten, und ſo ſind wir denn hier, wir armen ungluͤcklichen Ge⸗ ſchoͤpfe, ohne— dis Euch ein guͤnſtiger Wind daher fuͤhrte — irgend etwas zu eſſen gehabt zu haben, als einen Biſ⸗ ſen nor vegiſchen Zwiebacks, worin mehr Saͤgeſpaͤne als Gerſtenmehl ſind, und was mehr nach Terpentin, als nach irgend etwas anderem ſchmeckt.“ Mich daͤucht doch, Ihr waret ganz luſtig, ſagte Brenda: als wir am Ufer herkamen. „Ihr hoͤrtet eine Fiedel, Fraͤulein Brenda,“ ſagte der Verwalter:„und vielleicht denkt Ihr, daß da noch keine Noth iſt, wo man die quieken hoͤrt. Aber es war Mei⸗ ſter Clandius Halcro, der ſie ſpielte, und ſie wahrſcheinlich bei ſeines Vaters Sterbebette, oder auf dem ſeinigen, ſo lange nur ſeine Fiuger greifen koͤnnen, noch ſplelen wird. 87 Und in der That wurde mein Ungluͤck dadurch noch groͤßer, daß er mir alle moͤglichen luſtigen Lieder dabei in das Ohr brummte— unorwegiſche und ſchotriſche, hochlaͤndiſche und niederländiſche, engliſche und italtaͤniſche, als ob gar nichts geſchehen waͤre und wir nicht in dem Ungluͤck ſaͤßen.“ Nun, ich ſagte Euch ja, daß Jammer und Wehklage das Boot nicht wieder aufrichten wuͤrden, Verwalter, ſagte der ſorgloſe Barde: und ich that alles Moͤgliche, Euch auf⸗ zuheitern; wenn es mir nicht gelungen iſt, ſo iſt das weder meine, noch meiner Fiedel Schuld. Ich habe ſelbſt vor dem herrlichen John darauf geſpielt. Ich will nichts vom herrlichen John hoͤren, ſagte der Udaller, der Halcro's Geſchichten eben ſo fuͤrchtete, als der Verwalter ſeine Muſik: nur eine Geſchichte von ihm, auf drei Punſchbowlen, will ich hoͤren— das iſt unſer altes Abkommen, wie Ihr wißt. Aber ſagt mir lieber, was Norna Euch auf Euer Geſuch geantwortet hat? „Ja, das war elne zweite ſchoͤne Geſchichte,“ ſagte Meiſter Yellowley:„ſie wollte uns gar nicht einmal an⸗ ſehen oder anhoͤren, und that nichts weiter, als daß ſie dieſen unſern Freund hier, Meiſter Halcro, der ſo viel bei ihr zu gelten glaubte, mit einer Menge von Fragen uͤber Euere Familie und Euern Haushalt, Meiſter Magnus Troil, uͤberſchuͤttete,— und als ſie alles, was ſie wiſſen wollte, aus ihm herausgelockt hatte, glaupte ich, ſie wuͤrde ihn uͤber die Klippe ſchleubern, wie eine leere Erbſen⸗ huͤlſe.“ Und wie ging es Euch? ſagte der Udaller. „Sie wollte auf meine Erzaͤhlung gar nicht hoͤren, noch auf irgend Etwas, das ich ihr ſonſt zu ſagen hatte,“ antwortete Triptolemus:„und das geſchieht Allen ganz recht, die mit Hexen und Geiſtern ſich zu ſchaffen machen.“ Ihr haͤttet gar nicht zu Norna's Weisheit Euere Zu⸗ flucht zu nehmen gebraucht, Herr Verwalter, ſagte Minna, die wahrſcheinlich ſeinen Spoͤtterelen uͤber eine Freundinn, welche ihr erſt ſo kuͤrzlich einen Dienſt geleiſtet hatte, ein Ende machen wollte: das kleinſte Kind auf Orkney wuͤrde Euch haben ſagen koͤnnen, daß Zauberſchaͤtze, wenn man ſie nicht kluͤglich zum Beſten Anderer, ſo wie derer ſelbſt, de⸗ nen ſie zu Theil geworden ſind, anwendet, nicht lange ih⸗ ren Beſitzern verbleiben. 3 Euer ergebenſter und unterthaͤnigſter Diener, Fraͤulein Minchen, ſagte Triptolemus: ich bin Euch ſehr fuͤr den Wink verbunden, und freue mich recht ſehr, daß Ihr Eue⸗ ren Verſtand— wollte ich ſagen, Euere Geſundheit— wie⸗ der in Euere Scheune mit zuruͤckgebracht habt. Was den Schatz betrifft, ſo habe ich ihn weder gebraucht, noch ge⸗ mißbraucht— dem, der mit meiner Schweſter Baby zu⸗ ſammenlebt, moͤchte Beides wohl gleich ſchwer werden— und was das Sprechen davon betrifft, das, wie man ſagt, die in Schottland ſogenannten guten Nachbarn, oder, wie Jor ſie nennt, Draus, belaldigen ſoll, ſo moͤchten wohl die alten norwegiſchen Koͤnige auf den Muͤnzen ge⸗ rade eben ſo viel davon verrathen haben, als ich.“ Der Verwalter, ſagte Claudius Halcro. der die Gele⸗ genheit, ſich an Triptolemus zu raͤchen— fuͤr die gering⸗ ſchaͤtzige Art, mit der er von ſeiner Steuermannskunſt ge⸗ ſprochen, und fuͤr die Verachtung ſeiner Muſik— nicht ungenuͤtzt vorbeigehen laſſen wollte: der Verwalter war ſo gewiſſenhaft, daß er die Entdeckung ſelbſt vor ſeinem Herrn, dem Lord Kaͤmmerling, gehelm hielt; nun aber die Sache 89 ruchtbar geworden iſt, wird er wohl ſeinem Gebieter von dem, was er nicht mehr beſitzt, Rechenſchaft geben muͤſſen, denn der Lord Kaͤmmerling wird an die Geſchichte des Zwerges nicht ſo leicht glauben wollen. Auch meyne ich (hier gab er dem Udaller einen Wink), daß Norna nicht ein Wort von der ſeltſamen Geſchichte fuͤr wahr gehalten hat, und ich vermuthe, daß das die Urſache war, warum ſie uns, wie ich ſagen muß, ſo kalt aufnahm. Ich glaube, ſie wußte, daß unſer Freund Triptolemus hier, einen an⸗ dern Verſteck fuͤr ſein Geld gefunden hatte, und daß die Geſchichte von dem Geſpenſte ſeine eigene Erfindung war. Ich werde nicht eher glauben, daß es je einen ſolchen Zwerg gegeben habe, wie das Geſchoͤpf, das Meiſter Yellowley beſchreibt, als bis ich ihn mit meinen eigenen Augen ſehe. „Das könnt Ihr in dieſem Augenblicke,“ ſagte der Verwalter:„denn bei—(hier brummte er einen gewal⸗ tigen Schwur her, waͤhrend er mit großem Schrecken auf⸗ ſprang) dort iſt er!“ 3 Alle wandten die Augen nach der Gegend, wohin er zeigte, und erblickten die ſcheußliche, unfoͤrmliche Geſtalt Pacolet's, der mit ſtarren Augen ſie durch den Rauch an⸗ glotzte. Er hatte ſich ihnen, von Niemanden bemerkt, ge⸗ naͤhert und ihr Geſpraͤch behorcht, bis der Verwalter ihn erblickte. Es lag etwas ſo Geſpenſtiſches in ſeiner ploͤtzli⸗ chen, unerwarteten Erſcheinung, daß ſelbſt der Udaller, wel⸗ cher damit vertraut war, nſat umhin konnte, zu ſtutzen. Unwillig uͤber ſich ſelbſt, daß er dieſe Bewegung, ſo un⸗ merklich ſie auch geweſen ſeyn mochte, verrathen, und uͤber den Zwerg, der ſie veranlaßt, fragte ihn Magnus ſchnei⸗ dend, was er hier zu ſuchen habe? Pacolet beantwortete dieſe Frage durch die Uebergabe eines Briefes, welchen er dem Udaller überreichte, und wobei er etwas hervormur⸗ melte, das wie Shogh lautete. „Das iſt hollaͤndiſch,“ ſagte der Udaller:„lernteſt Du dieſe Sprache, Nikolas, als Du Deine elgene verlorſt?“ Pacolet nickte, und deutete ihm an, daß er den Brief leſen moͤchte „Das iſt bei ſo einem Feuer nicht leicht, mein guter Freund,“ erwiederte der Udaller:„doch er mag Minna be⸗ treffen, und wir müſſen es ſchon verſuchen.“ Brenda erbot ſich, zu helfen, allein der Udaller ant⸗ wortete: nein, nein, mein Kind, Norna's Briefe duͤrfen nur die leſen, an welche ſie gerichtet ſind. Gebt dem Schuft, dem Strumpfer, unterdeſſen einen Schluck Brannt⸗ wein, wenn er ihn auch von mir eigentlich nicht verdient, weil er den guten Franzbranntwein dieſen Morgen ſo die Klippe hinabgeſtuͤrzt hat, als ob es Waſſer aus dem Gra⸗ ben g neſen waͤre. „Wollt Ihr des ehrlichen Mannes Mundſchenk, ſein Ganymed, ſeyn, Freund Yellowley, oder ſoll ich es?“ ſagte Claudius Halcro bei Seite zu dem Verwalter, waͤh⸗ rend Magnus DTroil, nachdem er ſorgfaͤltig ſeine Brille ab⸗ gewiſcht, die er aus einem großen kupfernen Futterale her⸗ vorzog, dieſe auffetzte, und nun Norna's Brief zu ſtudiren anfing. „Ich moͤchte ihn nicht anruͤhren, oder ihm nahe tre⸗ ten, und wenn mir Einer die ganze Niederung von Gowrie geben wollte,“ ſagte der Verwalter, deſſen Furcht keines⸗ wegs ganz verſchwunden war, obgleich er wohl ſah, daß der Zwerg wie ein Weſen von Fleiſch und Blut von den 91 Uebrigen angeſehen wurde:„aber ich bitte Euch, fragt ihn doch, was er mit meinem Horn voll Geld gethan hat?“ Der Zwerg, der die Frage hoͤrte, warf ſeinen Kopf zuruͤck, ſperrte ſeinen ungeheuern Rachen auf, und deutete mit dem Finger dahin. „Ja, wenn er es da hinunter geſchlungen hat, dann iſt nichts mehr zu ſagen,“ erwiederte der Verwalter:„ich wuͤnſche nur, daß es ihm ſo bekommen mag, wie einer Kuh naſſer Klee. Er iſt in Frau Norna's Dienſten; nun, wie die Herrin, ſo der Diener! Aber wenn Diebſtahl und Hexerei hier zu Lande nicht beſtraft werden, ſo mag ſich Mylord nur einen andern Verwalter ſuchen, denn ich bin gewohnt, in einem Lande zu leben, wo des Menſchen welt⸗ liche Habe gegen einheimiſche und fremde Diebe geſchuͤtzt wird, ſo wie ſeine unſterbliche Seele vor den Klauen des Teufels und ſeiner Sippſchaft— Gott ſey uns gnaͤdig!“ Der Landwirth war vielleicht mit ſeinen Klagen um ſo weniger zuruͤckhaltend, da der Udaller, welcher Claudius Halcro bei Seite genommen und in eine andere Ecke der Huͤtte gefuͤhrt hatte, ihn nicht hoͤren konnte. „Aber ſage mir, Freund Halcro,“ ſprach er dort zu ihm,„was hatteſt Du denn auf Fitful⸗Head zu thun, denn ich kann doch unmoͤglich glauben, daß das bloße Ver⸗ gnuͤgen, mit der Breutgans dahln zu ſegeln, Dich dazu vermocht hat?“. Nun, Vogt, ſagte der Barde: wenn Ihr denn durch⸗ aus die Wahrheit wiſſen wollt, ich ging zu Norna, um mit ihr uͤber Euere Angelegenheiten zu reden. „Ueber meine Angelegenheiten?“ erwiederte der Udal⸗ ler;„was ſind das fuͤr welche?“ Es betraf die Geſundheit Euerer Tochter. Ich hoͤrte, daß Norna Euere Botſchaft nicht hatte annehmen, und Erich Scambeſter nicht ſehen wollen. Nun, dagchte ich ſo bei mir ſelbſt,— Eſſen, Trinken, Muſik oder ſonſt et⸗ was, hat mir nicht ſchmecken wollen, ſeitdem Jarto Min⸗ na ſo unwohl iſt, und ich kann wohl, buchſtaͤblich wie bild⸗ lich, ſagen, daß mein Tag und meine Nacht mir nur Kum⸗ mer gebracht habe. Kurz, ich dachte ſo.,, daß ich am Ende bei der alten Norna wohl mehr gelten duͤrfte, als ein An⸗ derer, da Skalden und weiſe Frauen, doch immer ſo zu Einem Gebluͤt gerechnet werden, und ich unternahm die Reiſe, in der Hoffnung, daß ich meinem alten Freunde und ſeiner lieblichen Tochter vielleicht etwas wuͤrde nuͤtzen koͤn⸗ nen. „Und das war ſehr freundlich von Dir, guter wohl⸗ wollender Claudius,“ ſagte der Uballer, indem er ihm mit Waͤrme die Hand druͤckte:„ich habe es immer gefagt, daß Du bei all' Deinem Fiedeln und Deiner Thorheit doch im⸗ mer noch das gute alte norwegiſche Herz im Buſen truͤgeſt. Nun, Menſch, laß Dich das nicht betruͤben, ſondern ſey froh, daß Dein Herz beſſer iſt, als Deln Kopf; nun, und Du bekamſt keine Aatwort von Norna, nicht wahr?“ Keine befriedigende, erwiederte Clandius Halcro: aber ſie fragte mich genau aus, uͤber Minna's Krankheit, und ich erzaͤhlte ihr, daß ich ſie vor einigen Morgen, bei nicht ſehr gutem Wetter, außer dem Hauſe gefunden, und daß ihre Schweſter Brenda geſagt, ſie habe ſich den Fuß ver⸗ letzt, kurz ich erzaͤhlte ihr alles haarklein, was ich wußte. „Und noch etwas mehr, wie es ſcheint,“ ſagte der Udaller:„denn ich wenigſtens wußte bis jezt nichts davon, daß Minna ſich verletzt hatte.“ 93 O, eine Schramme, weiter nichts als eine Schramme, ſagte der alte Mann, aber ich erſchrack nur daruͤber, weil ich nicht wußte, ob es nicht etwa ein Hundebiß, oder ſonſt eine Verletzung durch etwas Giftiges waͤre, und das alles ſagte ich Norna. „Und was,“ antwortete der Udaller,„erwiederte ſte darauf?“ Sie ſagte mir, ich ſollte meiner Wege gehen, die Sache wuͤrde auf dem Markt in Kirkwall ins Klare kom⸗ men, und eben das erklaͤrte ſie dem Tropf von Verwalter — das war alles, was wir fuͤr unſere Muͤhe hatten, ſagte Halcro. „Das iſt doch ſonderbar,“ erwiederte Magnus:„mei⸗ ne Verwandte ſchreibt mir hier, daß ich ja mit meinen Toͤchtern dahin gehen moͤchte. Dieſer Markt geht ihr ge⸗ waltig durch den Kopf— man ſolte wahrhaftig glauben, ſie wolle da die Preiſe machen, und doch hat ſie, meines Wiſſens, nichts zu kaufen, oder zu verkaufen. Und ſo kommt Ihr zuruͤck, ſo klug, wie Ihr hingegangen wart, und ſchlugt mit dem Boote an der Muͤndung des Voe's um?“ Ja aber konnte ich denn dafuͤr? ſagte der Dichter. Ich hatte den Knaben an's Steuer geſtellt, und da der Wind⸗ ſtoß gerade kam, ais wir auf der Hoͤhe des Ufers waren, ſo konnte ich den Hals des Segels nicht gehen laſſen, und zugleich auf der Geige ſpielen. Nun, das ſchadet aber alles nichts, Seewaſſer thut dem Shetländer nichts, wenn er nur wieder heraus kann, und da es der Himmel fuͤgte, daß wir ungefaͤhr in Mannstlefe vom Ufer waren, und ge⸗ rade dieſen Skio fanden, ſo ging es uns ganz gut, und wir ſind jezt, bei Euerer guten Koſt and guten Geſellſchaft, noch mehr als wohl daran. Aber es wird ſpaͤt, und Tag und Nacht werden Beide wohl ſo ſchlaͤfrig ſeyn, als die alte Mitternacht ſie nur machen kann. Da iſt noch eine innere Kammer hier, wo die Fiſcher ſchliefen: ſie riecht freilich etwas nach ihren Fiſchen, aber das iſt geſund. Hier ſollen ſie ſich, mit Hulfe Euerer Maͤntel, ein Lager berei⸗ ten, und dann wollen wir noch einen Becher Branntwein zu uns nehmen, eine Strophe aus dem herrlichen John, oder eine Kleinigkeit von meiner eigenen Erfindung her⸗ ſingen, und darauf ſo feſt als die Natten ſchlafen. „Zwei Glaͤſer Branntwein, recht gern,“ ſagte der Udaller,„wenn noch Vorrath da iſt, aber nicht eine Strophe aus dem herrlichen John, oder von ſonſt Jeman⸗ den heute Abend mehr.“ Nachdem dieß, nach dem gebieteriſchen Willen des Udallers, in Ordnung gebracht und ausgefuͤhrt worden, be⸗ gab ſich die ganze Geſellſchaft zur Ruhe, und brach am naͤchſten Tage nach ihren allerſeitigen Behauſungen auf, wobei Claudius Halcro mit dem Udaller noch die Verabre⸗ dung traf, daß er ihn und ſeine Toͤchter auf ihre vorha⸗ henden Reiſe nach Kirkwanl begleiten wolle. 95 Siebentes Kapitel. Bei dieſer Hand, Du glaubſt, daß ich ſo tief in des Teufels Büchern ſtehe, als Du und Falſtaff der Verſtocktheit und Halsſtar⸗ rigkeit wegen. Aber das Ende wird es zeigen, doch kann ich Dir ſagen(da ich, aus Ermangelung eines Beſſern, nun ſo Dich mei⸗ nen Freund nenne), ich könnte traurig ſeyn, und das recht traurig. Shakespeare— Heinrich IV. Zweiter Theil. Wir muͤſſen jezt den Schauplaz von Shetland nach Ork⸗ ney verlegen, und unſere Leſer erſuchen, uns zu den Truͤm⸗ mern eines zierlichen, wenn gleich ſehr alten Gebaͤudes, der Grafenpallaſt genannt, zu begleiten. Dieſe, zwar ſehr verfallenen, Ueberbleibſel, ſind noch in der Naͤhe des feſten und ehrwuͤrdigen Gebaͤudes vorhanden, welches die fromme Andacht der Norweger dem heiligen Magnus dem Maͤrtyrer widmete; und da dieſer Pallaſt auch in der Naͤhe des biſchoͤflichen liegt, der ebenfalls in Truͤmmer dahingeſunken iſt, ſo macht dieſer Ort einen doppelt ſtar⸗ ken Eindruck, weil er ſowohl von den Veraͤnderungen in dem kirchlichen als in dem Staatszuſtande zeugt, welche Orkney ſo gut wie jedes andere Land betroffen haben, das dergleichen Veraͤnderungen mehr ausgeſetzt iſt. Mehrere Theile dieſes verfallenen Gebaͤudes koͤnnten(mit gehoͤriger Abaͤnderung) ſehr wohl zu Muſtern fuͤr ein Haus im go⸗ thiſchen Stile dienen, wenn die Baumeiſter ſich darauf beſchraͤnken wollten, das nachzuahmen, was in dieſer Bau⸗ art wirklich ſchoͤn iſt, ſtatt eine bunte Muſterkarte der lau⸗ nenhaften Eigenthuͤmlichkeiten dieſer Ordnung zu geben, und dabei den militairiſchen, geiſtlichen und haͤuslichen Stil aller Zeitalter durcheinander zu miſchen, und dazu 96 noch Einfaͤlle und Zuſammenſetzungen von ihrer eigenen Erfindung,„alle ans des Baumeiſters Gehirn entſprungen,“ zu geben. Der Grafenpallaſt nimmt drei Seiten eines laͤng⸗ lich⸗viereckten Platzes ein, und hat, ſelbſt noch in ſeinen Truͤmmern, das Anſehen eines zierlichen, wenn gleich fe⸗ ſten Gebaͤudes, das, wie es bei den Wohnungen der Lehns⸗ fuͤrſten der Fall war, zugleich die Eigenſchaften eines Pal⸗ laſtes und eines Kaſtells vereinigte. Ein großer Prunkſaal, welcher mit mehreren runden oder Thurmzimmern in Ver⸗ bindung ſtand, und der an jedem Ende einen ungeheuern Kamin hatte, zeigte von der alten nordiſchen Gaſtfreund⸗ lichkeit des Grafen von Orkney, und ſteht, faſt wie nach neuerer Art, mit einer Gallerie oder Nebenzimmer von aͤhnlichen Verhaͤltniſſen in Verbindung, das, wie der große Saal, ebenfalls ſeine Thuͤrmchen hat. Der große Saal wird durch ein großes ſchoͤnes Fenſter mit ſteinernen Rah⸗ men erleuchtet, und man gelangt zu demſelben auf eine großen und zierlichen Treppe, welche aus drei Abihellun⸗ gen ſteinernen Stufen beſteht. Die aͤußeren Zlerrathen und Verhaͤltniſſe des alten Gebaͤudes ſind ebenfalls ſehr ſcoͤn; da aber dieſes Ueberbleibſel der Pracht und Groͤße der Grafen, welche ſich die Gewalt ſo wie die Wuͤrde klei⸗ ner Fuͤrſten anmaßten, nicht gegen das Wetter geſchützt iſt, ſo verfällt es jezt ſehr ſchnell, und hat ſeit der Zeit, wo unſere Geſsichte ſich zutrug, bedeutend gelitten. Mit verſchraͤnkten Armen und niedergeſchlagenem Bkia gius der Pirat Cleveland langſamen Schritts in der ver⸗ fallenen Halle, die wir ſo eben beſchrieben haben, auf und ab, ein Ort, den er wahrſcheinlich deswegen gewaͤhlt, weil er ſo eutfernt von allem Menſchengetummet war. 97 Seine Kleidung war ganz verſchieden von der, die er go⸗ wöhnlich auf Shetland getragen hatte, und ſchien eine Art Uniform zu ſeyn, die mit Treſſen beſetzt und reich geſtickt war. Ein Hut mit einer Feder, und ein Galanterie⸗De⸗ gen, mit ſchoͤnem Griff, damals der beſtaͤndige Begleiter eines Jeden, welcher Anſpruch auf den Namen eines Man⸗ nes von Ton machte, zeigten, daß er zu dieſer Klaſſe ge⸗ hoͤre. Wenn aber ſein Aeußeres auch bei weitem mehr in die Augen fallend war, als damals, ſo ſchtien doch ſeine Geſundheit und ſein Geiſt ſehr gelitten zu haben. Er war bleich, hatte das Feuer ſeiner Augen und die Lebhaftigkeit ſeines Schritts verloren, und ſein ganzes Aeußere deutete entweder auf Schwermuth der Seele oder koͤrperliches Lei⸗ den, oder auf eine Vereinigung beider Uebel. Als Cleveland ſo in dieſen alten Truͤmmern auf⸗ und abgieng, huͤpfte ein junger Mann, von ſchlanker zarter Geſtalt, deſſen glaͤnzender Anzug, dem Anſcheine nach mit großer Sorgfalt gewaͤhlt, durchaus mehr Uebertreibung als feinen Geſchmack verrieth, deſſen Benehmen eine fluͤchtige Nachahmung eines Lebemannes aus jener Zeit zu ſeyn ſchien, und in deſſen Geſicht etwas Freies ja Unverſchaͤm⸗ tes lag, die Treppe hinauf, trat in die Halle und begruͤßte Cleveland, der ihm ganz nachlaͤßig zunickte, ſeinen Hut tie⸗ fer uͤber die Augen zog, und alsbald ſeinen einſamen, ſchwermuͤthigen Spaziergang wieder antrat. Der Fremde ruͤckte ebenfaſts ſeinen Hut zurecht, nickte wieder, nahm, mit dem Weſen eines Stutzers, aus einer reich beſetzten goldenen Doſe Schnupftaback, bot Cleveland, wahrend dieſer bei ihm vorbei ging, davon aa, der eine ziemlich kalte abſchlaͤgliche Bewegung machte, ſteckte die Doſe wieder in die Taſche, ſchlug ebenfalls die Arme un W. Scott's Werke⸗ exXIII.. 7 6 98 ter, und ſtellte ſich nun bia, mit geſpannter Aufmerkſam⸗ keit die Bewegungen deſſen beobachtend, deſſen Etnſamkeit er unterbrochen hatte. Endlich blieb Cleveland ſtehen, als ob er ungeduldig ſey, noch laͤnger zum Gegenſtande ſeiner Beobachtung zu dienen, und ſagte kurz:„warum kann ich denn nicht eine halbe Stunde allein ſeyn, und was zum Teufel verlangt Ihr von mir?“ Ich freue mich, daß Ihr angefangen habt zu ſprechen, antwortete der Fremde, nac laͤßig hin: ich wollte nur wiſ⸗ ſen, ob Ihr wirklich Clemens Cleveland oder ſein Geiſt waͤret. Man ſagt, Geiſter ſprechen nie zuerſt, und ſo nehme ich alſo an, daß Ihr wirklich Fleiſch uns Blut hadt. Nun, da habt Ihr Euch eine ſcoͤne alre Rumpelkammer geſucht, Euch, wie eine Eule am hellen Mittag darin zu verbergen, oder, als Geiſt, bei dem blaſſen Schimmer des Mondes zu erſcheinen, wie der goͤtliche Shakespear ſagt. „Gut, gut,“ antwortete Clevaland kurz.„Ihr habt nun Euern Scherz angebracht, ſprecht jetzt einmal im Ernſt.“ 4 In Eraſt alſo, Capitain Cleveland, erwiederte ſein Ge⸗ faͤhrte: Ihr wißt, daß ich Euer Freund bin. „Ich glaube es wenigſtens“ antwortete Cleveland. Ihr koͤnnt mehr tbun als das, erwiederte der junge Mann: ich habe bewieſen, daß ich es bin— hier und an⸗ derwaͤrts es bewieſen. „Nun gut,“ antwortete Cleveland:„ich gebe zu, daß Ihr Euch immer ſehr freundlich gegen mich benommen habr, was nun weiter?“ Nun,— was weiter? erwiederte der Andere: das iſt eine ſehr kurze Art, Jemanden zu danken. Seht einmal, Capitain, da haden nun Benſon, Barlow, Dick 99 Fletcher und noch einige Andere, die Euch wohlwollten, Euern alten Kameraden, Capitaln Goffe auf dem Meer hier feſtgehalten, um nach Euch auszuſehen, waͤhrend er und Hawkins und der groͤßere Theil der Schiffsmann⸗ ſchaft, gewiß lieber auf dem ſpaniſchen Meere und hinter dem alten Gewerbe her, geweſen waͤren. „Ich wuͤnſchte, Ihr waͤret uͤberhaupt Jeder dem Eu⸗ rigen nachgegangen,“ ſagte Cleveland:„und haͤttet mich meinem Schickial uͤberlaſſen.“ Das heißt, angegeben und gehangen zu werden, Ca⸗ pitain, ſobald einer von den hollaͤndiſchen oder engliſchen Schurken, denen Ihr idre Ladung abgenommen, Euch mit Augen geſehen haͤtte: und nirgends kriert man eher See⸗ fahrer zu ſehen, als auf dieſen Inſeln. Und hier haben wir nun, um Euch gegen dieſe Gefahr zu ſchuͤtzen, unſere köſtliche Zeit vergeudet, bis die Leute angefangen haben, neugerig zu werden: und wean wir rein Geld oder Gut mehr zu verzehren haven werden, ſo werden ſie ſich daran machen, Hand an das Schiff zu legen. „Nun denn, warum ſegelt Ihr nicht ohne mich ab?“ ſagte Cleveland:„wir haben uns chriſtlich getheilt und Je⸗ der hat ſelnen Antheil bekommen; laßt nun auch Jeden thun, was er will. Ich habe mein Schiff verloren, und nachdem ich einmel Capitain geweſen, will ich nicht wieder ugter dem Oberbefehl Goffe's oder irgend eines Andern in See gehen. Uebrigens wißt Ihr eben ſo gut als ich, daß ſowohl Er als Hawkins mir nicht wohlwollen, weil ich ſie daran gehindert habe, die ſpaniſche Brigg, mit den ar⸗ men Teufeln von Negern, die ſie am Bord hatte, in den Grund zu bohren.“ Aber was Teufel iſt denn mit Dir? ſagte ſein Ge⸗ faͤhrte: biſt Du noch Clemens Cleveland, unſer alter treu⸗ herziger Clemens von der Klippe, und ſprichſt davon, Dich vor Hawkins und Goffe und einem Dutzend ſolcher Kerle zu faͤrchten, wenn Du mich und Barlow und Dick Fletcher noch auf Deiner Seite haſt? Haben wir Dich je im Rath oder im Gefecht verlaſſen, daß Du glauben könnteſt, wir wären jetzt abtrünnig geworden? Und was das Dienen un⸗ ter Goffe betrifft, ſo glaube ich, iſt es für Glücksritter, die auf Abentheuer ausgehn, nichts Neues, heute den, Morgen jenen Capitain zu haben. Das laß nur gut ſeyn, Capi⸗ tain ſollſt Du ſeyn und bleiben, denn der Deufel hole mich, wenn ich je unter dem Kerl, dem Goffe, diene, der ein ſolcher Bluthund iſt, wie nur je einer an einer Hündin ge⸗ ſogen hat— nein, davor bedanke ich mich; mein Capitain muß etwas von einem Mann von Ton an ſich haben. Ue⸗ berdieß waret Ihr es ja, der mir zuerſt die Haͤnde in das Seewaſſer tauchte, und mich aus einem herumziehenden Schauſpieler zu Lande, zu einem Vagabonden zur See mach⸗ tet! „Ach! armer Bunce!“ ſagte Cleveland: das iſt ein Dienſt, fuͤr den Du mir nicht großen Dank zu wiſſen brauchſt.“ Das kommt nun auf eines jeden Anſicht an, erwie⸗ derte Bunce: was mich betrifft, ſo ſehe ich gar nichts Boͤ⸗ ſes drin, den Leuten auf eine oder die andere Art etwas abzunehmen. Aber ich wollte, Ihr vergaͤßt einmal den Namen Bunce auf einige Zeit, und nenntet mich Alta⸗ mont, warum ich Euch ſchon oft gebeten habe. Ich hoffe, Jemand, der zum Seeraͤuberhandwerk gehoͤrt, hat eben ſo gut ein Recht auf das„auch genannt,“ ein Landſtreicher, 101 und ich, trat nie auf, ohne wenigſtens den Altamont zu machen. „Nun wohl Jacob Altamont,“ erwiederte Cle⸗ veland„da es doch einmal Alt amont heißen ſoll. Ja aber, Capitain, Jacob heißt es nicht, obgleich Altamont dabel iſt. Jacob Alkamont? das iſt ein Kleid von Sammt, mit Franzen von Papier— ſagen wir Frie⸗ derich, Capltain, das kommt auf eins heraus, Friederich Aftamont. „Nun gut, Friederich, recht gern,“ ſagte Cleveland: „aber ſage mir nur, welcher Name wird denn am beſten klingen, wenn es einmal heißen wird: das Bekenntniß und die letzten Worte von Jacob Bunce, auch Frie⸗ derich Altamont, der dieſen Morgen auf dem Hin⸗ richtungs⸗Werft, wegen Seeraͤuberei, auf offenem Meere, gehangen wurde? Nun, Capitain, dieſe Frage werde ich nicht eher be⸗ ahtworten kbuͤnen, als bis ich noch— eine Kanne Grog zu mir genommen habe, und wenn Ihr mich alſo zu Bet Haldane auf dem Key begleiten wollt, ſo wollen wir die Sache, bei einer Pfeife aͤchten Trinidad⸗Taback, reiflicher uͤberlegen. Wir wollen die Quart⸗Terrine mit dem Be⸗ ſten, das Ihr je gekoſtet habt, fuͤllen laſſen, und ich kenne einige huͤbſche Maͤdchen, die uns gern helfen werden, ſie auszuleeren. Aber, Ihr ſchuͤttelt den Kopf, Ihr habt kei⸗ ne Ader dazu?— Nun dann, ſo werde ich bei Euch blei⸗ ben denn bei dieſer Hand, Clemens Ihr werdet mich ſo nicht Ios. Nur will ich Euch aus dieſem Bau von alten Steigen herausbeitzen und Euch in den Sonnenſchein und in die freie Luft bringen. Wohin wollen wir gehen? „Wohin Ihr wollt,“ ſagte Cleveland:„wenn wir 102 nur nicht unſeren eigenen Schuften und allen andern in den Weg zu kommen brauchen.“ Nun denn, erwiederte Bunce: ſo wollen wir nach dem Huͤgel von Whiteford hinaufgehen, von wo man die Stadt uͤberſehen kann, und dort ſo ernſt und ehrlich mit einan⸗ der auf und abwandeln, wie ein Paar wohlbeſchaͤftigte Anwaͤlde. Als zſie aus dem Schloſſe herausgingen, drehte ſich Bunce noch einmal um es anzuſehen, und ſagte dann zu ſeinem Gefaͤhrten: Hoͤr einm al, Capitain, weißt Du, wer zuletzt dieſen alten Hahnenbalken bewohnt hat? „Ein Graf des Orkneys, wie man ſagt,“ erwiederte Cleveland. uno wißt Ihr, welches Todes er ſtarb? ſagte Bunce: ich habe gehoͤrt an einem engen Halsbande— am Hanf⸗ fieber oder dergleichen. „Die Leute hier ſagen,“ erwiederte Cleveland: „daß Seine Herrlichkeit vor einigen hundert Jahren, das Ungluͤck gehabt, mit der Art und Weiſe einer Schlinge und eines Luftſprunges genauer bekannt zu werden.“ „Nun da ſeht Ihr's!“ ſagte Bunce:„damals war es noch eine Ehre, gehangen zu werden, und zumal in ſo guter Geſellſchaft. Was mochte aber Seine Herrlichkeit wohl gethan haben, um eine ſolche Erhoͤhung zu verdie⸗ nen?“ „Er ſoll die getreuen unterthanen gepluͤndert haben,“ erwiederte Cleveland:„verwundete nnd toͤdtete ſie, feu⸗ erte auf Seiner Majeſtaͤt Flagge, und ſo weiter.“ Alſo ein naher Verwandter eines anſtaͤndigen See⸗ raͤubers, ſagte Bunce, und— indem er eine theatraliſche 103 Verbeuauna a⸗gen des alte Gebaͤnde machte— deswegen bitte ich, mein gevietender, ehrenfeſter und verehrungswerther Herr Graf, um die Erlaubniß, Euch meinen l eben Vetter nennen, und Euch von Herzen Lehewohl ſagen zu duͤrfen. Ich laſſe Euch in der guten Geſellſchaft von Ratten und Maͤuſen und ſo weiter, und nehme einen wackern Mann mit, der, nachdem er küurzliv nicht mehr Herz als eine Maus gebabt, jetzt ſeinem Gewerbe und ſeinen Freunden wie eine Ratte davon laufen will, und deswegen ſich vor⸗ trefflich zu einem Bewohner des Pallaſtes Euerer graͤfli⸗ chen Gnaden ſchicken duͤrfte. „Ich moͤchte Dir doch nicht rathen, ſo laut zu reden, mein guter Freund Altamont oder John Bunce,“ ſagte Cleveland;„als Du auf dem Theater werſt, haͤtteſt Du meinetwegen ſo laut declamiren moͤgen, als Du wollteſt; aber bei unſerm gegenwaͤrtigen Gewerbe, das Du ſo lieb haſt, hat Jedermann bei ſeinem Sprechen die Raa⸗Nocke und eine laufende Schlinge zu beruͤckſichtigen.“ Beide Kameraden verließen das kleine Kirkwall ſchwei⸗ gend und ſtiegen den Huͤgel von Whiteford hinan, deſſen Gipfel, der mit dunklem Haidekraut bewachſen iſt, das von keinen Befrledigungen oder Spuren ſonſtigen Anbaus un⸗ terbrochen wird, ſich nordlich von dem alten Sankt Mag⸗ nus Flecken erhebt. In der Ebne, an dem Fuße des Huͤ⸗ gels, ſah man ſchon eine Menge von Leuten beſchaͤftigt, Zuruͤtungen zu den St. Alla's Markte zu machen, der am folgenden Tage gehalten werden ſollte, und der ein all⸗ gemeiner Zuſammenkunftsort fuͤr die Bewohner aller be⸗ nachbarten Orkney⸗Inſeln iſt, auch wohl von Mehreren von dem entfernteren Inſelmeere von Ghetland beſucht wird. Es iſt, nach den Worten der Bekanntmachung: ein 1⁰4 freler Handels und Krammarkt, der da in dem guten Fle⸗ cken Kirkwall am dritten Auguſt, dem h. Olafstage, gehal⸗ ten wird, und der uber dieſen Tag hinaus, noch eine un⸗ beſtim mte Zeit, von drei Tagen bis zu einer Woche, fort⸗ dauert. Dieſer Markt iſt ſehr alt, und hat ſeinen Namen von Olaus, Olaf, oder Allaw, dem beruͤhmten Koͤnige ven Norwegen, welcher gern mehr mit der Scharfe des Schwer⸗ tes, als durch ſanftere Beweggruͤnde, das Chriſtenthum auf dieſen Inſe ln einfuͤhrte, und als der Schutzheilige von Kirkwall angeſehen wurde, bis er dieſe Ehre mit Sankt Magnus, dem Maͤrtyrer, theilen mußte. Es war nicht Clevelands Vorſatz, ſich in das bunte Gewühl zu miſchen, das bier war. Beide wandten ſich da⸗ her zur Linken und ſtiegen bald den Huͤgel hinan, deſſen Stille nur dann unterbrochen wurde, wenn ein Volk Ha⸗ ſelhuͤhner, deren es vielleicht auf Orkney mehr als in ir⸗ gend einem Theil des Koͤn greichs giebt, vor ihnen aus⸗ ging und davonflog. Als ſie im Hinanſteigen beinahe den Gipfel des kegelſoͤrmigen Hugels erreicht hatten, wandten ſich beide um, als ob ſie es verabredet, um die Ausſicht, welche ſich vor ihnen ausbreitete, zu genießen. Das lebendige Gewimmel, zwiſchen dem Fuße des Huͤgels und der Stadt, gab dieſem Theile des Anblicks Bewegung und Mannigfaltigkeit: weiter hin ſah man die Stadt ſelbſt, aus der ſich, wie eine große Maſſe, welche den ganzen übrigen Flecken zu verdunkeln ſchien, die alte Kathedrale des h. Magnus erhob, in dem ſchwerſten Style der gothiſchen Architektur erbaut, aber großartig, ehrwuͤrdig und ſtattlich, das Werkeiner grauen Zeit und einer kuͤhnen Hand. Der Key, mit den Schiffen gab dem Anblicke doppelte 10⁰5 Lebendigkeit, und nicht allein die ganze ſchoͤne Bay zwi⸗ ſchen den Vorgebirgen Inganeß und Quanterneß, an de⸗ ren Fuße Kirkwall liegt, ſondern die ganze Meerenge zwi⸗ ſchen der Inſel Shapins ha und der Inſel Pomona, oder dem Feſtlande, war mit einer Menge von Bvoten und kleineren Fahrzeugen bedeckt, welche von den entfernten Inſeln hergekommen waren, um Leute oder Waaren nach dem St. Olla's Markte zu bringen. Nachdem die Fremden den Punkt erreicht, von wo aus man dieſe ſchoͤne lebendige Ausſicht am beſten uͤber⸗ ſchauen konnte, zog Jeder von Ihnen, nach Seemanns⸗ weiſe, ſein Fernslas hervor, um dem bloßen Auge zu Huͤl⸗ fe zu kommen, und die Bucht von Kirkwall mit den zahl⸗ reichen Fahrzeugen, welche in derſelben umherkreuzten, zu muſtern. Allsin die Aufmerkſamkeit der beiden Ge⸗ faͤhrten ſchien auf ganz verſchiedene Gegenſtäͤnde gerichtet zu ſeen. Bunce, oder Altamont, wie er ſich zu nennen beliebte, blickte unverwandt nach der bewaffneten Scha⸗ luppe hin, die, durch ihre Ragen und langen Balken, ſo wie durch die engliſche Flagge und Wimpel, die ſie kluger Wetie wehen ließ, vor allen kenntlich, mitten unter den Kauffarthelſchiffen lag, und ſich durch die Nettigkeit ihres Aeußeren eben ſo ſehr von ihnen unterſchied, als ein exer⸗ cirter Soldat unter einem Haufen von Bauern. „Da liegt ſie,“ ſagte Bunce:„wollte Gott, ſie waͤre erſt in der Bucht von Honduras— Ihr als Capitain auf der Schanze, ich Euer Lieutenant, Fletcher Quartiermei⸗ ſter, und fuͤnfzig tuͤchtige Kerle zu unſerem Befehl— da wollt ich dieſe verwuͤnſchten Haiden und Felſen lange nicht wiederſehen! Und Capitain ſollt Ihr bald ſeyn. Das al⸗ te Vieh, der Goffe, betrinkt ſich alle Tage, laͤrmt, 106 ſchleßt und ſticht unter der Mannſchaft umher, und hat außerdem hier mit den Leuten ſolche Haͤndel angefangen, daß ſie uns nur mit Muͤhe noch Waſſer und Lebensmittel geben, und wir jeden Tag erwarten, daß es zum offe⸗ nen Bruche kommen wuͤrde.“ Da Bunce keine Antwort erhielt, ſo wandte er ſich ſchnell zu ſeinem Kameraden herum, und rief, da er deſ⸗ ſen Aufmerkſamkeit auf eine ganz andere Art beſchaͤftigt fand, aus:„was, Teufel! iſt denn das mit Euch? Was koͤnnt Ihr nur an allen den elenden kleinen Dingern ſe⸗ hen, die mit Srockfiſch und Leng und geräucherten Gaͤnſen, und mit Faͤſſern Butrer, die ſchlechter als Talg iſt, beladen ſind— wabrhaftig alle ihre Ladungen zuſammen ſind nicht einen Scuß Pulver werth. Nein, nen, gebt mir ſolche Jagd, wie ich ſie, vom Maſtkorb, auf der Hoͤhe von Trinidad, ſehen kann. Da kommt ein Don der tief im Waſſer geht, wie ein Nordkaper voll geladen mit Rum Zucker, und Ballen Taback, und das Uebrige, nichts als Barren, Moldores und Goldſtaub: man ſetzt alle Segel bei, das Verdeck wird leer gemacht, ein Jeder ſtellt ſich an Poſten, der luſtige Roger wird aufgehißt*)— wir kommen naͤher— und ſehen, daß das Schiff gut be⸗ mannt und bewaffnet iſt.“ 1 a)tis Kanonen auf dem Unterdeck, ſagte Cleve⸗ and. „Meinetwegen vierzig,“ entgegnete Bunce:„und wenn wir auch nur zehn fuͤhren— das hat nichts zu ſa⸗ *) So nannten die Piraten die Flagge, welche, mit mehreren ſchrecklichen Zeichen daran, um ihre Furchtbarkeit noch zu ver⸗ mehren, ihre Lieblingsfahne war. — 107 gen. Der Don breynt los— hat nichts zu ſagen, Bur⸗ ſche— Selte an Seite und dann an Bord— an das Werk mit Eueren Granaten, Eueren Hauern, Enterbeilen und Piſtolen— der Don ruft um Erbarmen und wir theilen uns in die Ladung ohne das con licencia Senor.“ Wahrhaftig, ſaate Cleveland: Du haͤngſt ſo feſt am Gewerbe, daß die ganze Welt es gleich ſehen kann, doß an dir kein ehrlicher Mann verdorben war, als Du ein Seeraͤuber wu rdeſt. Aber Du ſollſt mich nicht dozu bewe⸗ gen, noch weiter des Teufels Wege mit Euch zu verfolgen, denn Ihr wißt wohl, was mit ſeiner Huͤlfe gewonnen, iſt auch wieder ſo zerronnen. In einer Woche, ſpaͤteſtens in einem Monat, iſt der Rum und der Zucker all, die Bal⸗ len Taback ſind in Rauch aufgegangen, die Madores, Du⸗ katen und Barren ſind aus unſeren Haͤnden in die der ru⸗ higen, ebrlichen, gewiſſenhaften Leute uͤbergegangen, die in Port⸗Royal und wo anders wohnen und unſerm Gewerbe durch die Finger ſehen, ſo lange wir einen Heller Geld haben, aber nicht laͤnger. Dann ſieht man uns mit kalten Blicken an, und giebt vielleicht dem Obermarſchall einen Wink; denn wenn wir kein Geld mehr in der Taſche ha⸗ ben, ſo machen unſere ehrlichen Freunde, ehe ſie Man⸗ gel leiden, unſere Koͤpfe zu Gelde. Dann kommt ein hoher Galgen und ein kurzer Strick, und ſo ſtirbt der vor⸗ nehme Seeraͤuber. Ich ſage Dir, ich bin entſchloſſen, dieß Gewerbe aufzugeben, und wenn ich mein Fernglas von ei⸗ ner dieſer Barken und Boote auf das andere richte, ſo giebt es keineswegs darunter, ſelbſt nicht das ſchlechteſte, auf dem ich nicht lieber, um mein Brod als Ruderknecht dienen, als noch laͤnger das bleiben moͤchte, was ich ge⸗ weſen bin. Dieſe armen Leute machen die See zum 108 Mittel eines ehrlichen Erwerbes und einer freundlichen Gemeinſchaft zwiſchen einem Ufer und dem andern, zum gegenſeitigen Nutzen der Einwohner; wir aber machen ſte zur Bahn des Unterganges und unſeres eigenen Ver⸗ derbens, hier und in Ewigkeit.— Ich bin entſchloſſen, ein ehrlicher Mann zu werden, und nicht laͤnger ein ſol⸗ ches Leben zu fuͤhren! „Und wo wird Ew. Ehrlichkeit ihren Wohnſitz auf⸗ ſchlagen, wenn ich fragen darf?“ ſagte Bunce:„Ihr habt die Geſetze eines jeden Volks verletzt, und die Hand des Geſetzes wird Euch ereilen und zermalmen, wo Ihr nur Eure Zuflucht nehmen moͤgt.— Cleveland, ich ſpreche jetzt ernſter zu Euch, als ich dieß ſonſt wohl zu thun gewohnt bin. Ich habe ebenfalls meine Betrachtungen angeſtellt, und ſie waren traurig und bitter genug, um mir Wochen der Freude zu verderben, wenn ſie auch nur einige Mi⸗ nuten dauerten. Aber ſo ſtehn einmal die Sachen— was bleibt uns uͤbrig, als ſo fortz ufahren wie wir angefangen haben, wenn wir nicht gera dezu entſchieden ſind, die Raa Nocke zu zieren?“ Wir koͤnnen ja die Verſprechungen in der Bekannt⸗ machung an Alle unſeres Gle ichen, welche ſich ſtellen und ſich freiwillig ergeben, fuͤr uns geltend machen. „Hm!“ antwortete ſein Gefaͤhrte trocken:„die be⸗ ſtimmte Zeit der Gnade iſt ſchon laͤngſt voruͤber, und ſie koͤnnen uns jetzt beſtrafen oder begnadigen, wie ſie wollen. Waͤre ich an Eurer Stelle, ich wuͤrde meinen Hals nicht ſo daran wagen.“ Nun, Andere ſind doch erſt vor ganz Kurzem wieder zu Guaden angenommen worden, und warum ſollte mir das nicht auch geſchehen? ſagte Cleveland. * 4 1⁰9 „Ja,“ erwiederte ſein Gefährte:„Harry Glasby und Andere ſind begnadigt worden, aber Glasby leiſtete auch ei⸗ nen ſogenannten zu d enſt, verrieth ſeine Kameraden, und war zur Wiedereroberung des Schiffs„das gute Glück“ behuͤlflich, und das, denk' ich doch, würdet Ihr nicht tbun, ſelbſt wenn Ihr Euch dadurch an dem Vich, dem Goſſe, rächen könntet.“ Lieder tauſendmal ſterben, ſagte Cleveland. „Darauf wollte ich auch wohl ſchwören,“ erwiederte Bunce.„Nun und die Andern waren Leute von der Back, und kaum des Hanfes werth, der zu den Stricken für ſie nöthig geweſen wäre. Euer Name ſieht dagegen auf der Liſte der Glücksritter zu hoch, als daß Ihr ſo leichten Kaufs davonkommen ſolltet. Ihr ſeyd der Leithammel in der Heerde, und man wird Euch danach anſtreichen.“ Und warum das? ſagte Cleveland: Du kennſt ja meine Abſichten, Jacob. „Friedrich, wenn es Euch gefällig iſt;“ ſagte Bunce. Hol' der Teufel Deine Narrheit! Behalt' Deinen Wltz faͤr Dich, und laß uns einen Augenblick ernſthaft ſeyn. „Auf einen Augenblick— wohl,“ ſagte Bunce:„aber ich fühle, Altamont's Geiſt iſt ſchon ganz in mich gefahren — ich bin ſchon zehn Minnten ernſthaft geweſen.“ So ſey ee auch noch etwas länger, ſagte Cleveland. Ich weiß, Jacob, Du liebſt mich wirklich, und da wir ein⸗ mal uns ſo ausgeſprochen haben, ſo will ich mir Dich gänz⸗ lich anvertrauen. Sage mir, warum denn die Verſprechun⸗ gen jenes Begnadigungs⸗Aufrufs nicht auch auf mich aus⸗ gedehnt werden koöͤnnen? Ich habe freilich immer eine rau⸗ he Außen ſeite angenommen, wie Du weißt; allein ich kann, wenn es darauf ankommt, auch die Lebenden aufzaͤhlen, die ich 110 gerettet habe, das Eigenthum, das ich denen wiedergegeben, denen es rechtmaͤßig gehoͤrte, und das, wäre ich nicht gewe⸗ ſen, muthwillig vernichtet worden ſeyn würde. Kurz, Bun⸗ ce, ich kann beweiſen. „Daß Ihr ein eben ſo anſtaͤndiger Dieb waret als Robin Hood ſelbſt,“ ſagte Bunce:„und deswegen lieben wir Euch aus, ich, Fletcher und die Beſſeren unter uns, weil Ihr unſeren Namen, als Seeräuber von der gänzli⸗ chen Verwerfung gerettet habt.— Nun gut, wir wollen einmal annehmen, daß Ihr wirklich Begnadigung erhieltet, was wollt Ihr dann anfangen? Welche Klaſſe der Geſell⸗ ſchaft wird Euch unter ſich aufnehmen? zu wem wollt Ihr Euch halten? Der alre Dracke koante, zu Koͤnigin Eliſa⸗ beth's Zeiten, ganz Peru und Mexico plündern, ohne nur eine Zeile Auffrag dazu vorweiſen zu können, und ward— geſegnet ſey ihr Andenken— bei ſeiner Ruͤckkehr dafür zum Ritter geſchlagen. In neuerer Zeit, in den luſtigen Tagen König Karl's, brachte Hal Morgan, aus Wales, ſeine ganze Beute ganz ruhig heim, und kaufte ſich Haus und Laudgut davon. Aber das iſt jetzt alles vorbei— einmal ein Seeräuber, und ausgeſtoßen iſt man aus der menſchlichen Geſelſchaft. Der arme Teußel mag gehen, und, gemieden und verachtet von Jedermann, in irgend einem unbekann⸗ ten Seehafen von dem Leben, was ihm von ſeinem Sün⸗ dengeide übriggeblieben iſt nachdem Hofleute und Schreiber das Ihrige davon dekommen haben— denn Begnadigungen werden nicht ſo um nichts und wieder nſchts ertheilt;— und wenn er nun am Haſendamm entlang geht, und ein Fremder fragt wer denn der zur Erde blickende, ſchwarz⸗ braune, ſchwermüthige Mann iſt, dem Alle aus dem Wege gehn, als ob er die Peſt hatle, ſo wird man antworten: 111 „das iſt der und der, der begnadigte Pirat!— kein ehr⸗ lcher Menſch ſpricht mit ihm,— kein rechtliches Maͤdchen gibt ihm ihre Hand.“ „Du traͤgſt Deine Farbe etwas zu ſtark auf,“ ſagte Cleveland, ſeinen Freund ploͤtzlich unterbrechend:„es giebt Maͤdchen— es giebt wenigſtens Eine, die ibrem Gelieb⸗ ten treu bleiben wärde, ſeldſt wenn er waͤre, was Du eben geſchildert haſt.“ 8 Bunce ſchwieg einen Augenblick, und ſah ſeinen Freund ſcharf an.„Bei meiner Seele!“ rief er am Ende aus: „ich fange an mich fuͤr einen Zauberer zu halten! So un⸗ wahrſcheinlich es auch war, ſo konnie ich doch, vom Anfang au, die Vermutbhung nicht unterdruͤcken, daß ein Maͤdchen mit ihm im Spiele war. Wahrhaftig, das iſt noch aͤrger, als der verliebte Prinz Volscius! He, he, he!“ „Lache, wie Du wilſt,“ ſagte Cleveland:„es iſt doch wahr;— es giebt ein Maͤdchen, das mich, trotz dem, daß ich ein Pirat bin, lieten will, und ich muß Dir frei geſte⸗ hen, Jakob, daß, wenn ich gleſch zu Zeiten unſer Herum⸗ ſtreicherleben, und mich ſelbſt, weil ich es treibe, verabſcheut habe, ich doch zweifele, ob ich mich dazu entſchloſſen haben wurde, mich davon loszureitzen, wie ich es jetzt zu thun entſchloſſen bin, waͤre es nicht ihretwegen geweſen.“ „Nun dann, Gott erbarme ſich!“ erwiederte Bunce: „es waͤre unnutz, einem Verruͤckten vernünftig zureden zu wollen, und Liebe iſt, bei Jemanden von unſerem Gewer⸗ be Capitain, nict viel beſſer, als reine Verruͤcktheit. Das Maͤdchen muß ein ſeltenes Geſchoͤpf ſeyn, daß ein kluger Mann ſich ihretwegen der Gefahr des Gehangenweroens ausſetzt. Aber hoͤrt einmal, iſt ſie nicht auch ein wenig befangen, ſo gut wie Ihl? und iſt es nicht Mitleldenſchaft, welche das alles gewirkt hat? Es iſt, wie ich hoͤre, vicht einer von unſern gewoͤhnlichen Baſilisken, ſondern ein Maͤd⸗ chen von Geiſt und Charafkter.“ „An beiden iſt eben ſo we ig ein Zweifel, als daß ſie das ſchoͤnſte und bezauberndſte Geſchoͤpf iſt, das je Men⸗ ſchenaugen erblickt haben,“ autwortete Cleveland. „Und ſie liebt Dich, da ſie doch weit, edelſter Capb⸗ tain, daß Du ein Befehlshaber von Gluäcksrittern biſt, die man im gewoͤhnlichen Leben Piraten nenut?“ „Allerdings— ich bin feſt uͤberzeugt davon,“ ſagte Cleveland. „Nun dann,“ antwortete Bunce:„ſo ſſt ſie wirktlich toll, wie ich vorher ſagte, oder ſie weiß nicht, was ein Pi⸗ rat iſt“ „In dem Letztern haſt Du Recht,“ erwiederte Clere⸗ land:„ſie iſt in ſo entfernter Einſamkeit und ſo gaͤnzli⸗ cher Unwiſſenheit von Allem, was ſchlecht iſt, auferzogen worden, daß ſte unſere Beſchaͤftigung mit der der alten nor⸗ diſchen Helden vergleicht, welche See und Hafen mit ihren ſiegreichen Galeeren durchſtrichen, Laͤnder eroberten, und den Namen Seeköonige fuͤhrten.“ „Der beſſer iſt, als„Pirat“, aber wahrſcheinlich ſo ziemlich auf daſſelbe hinauskommt,“ ſagte Bunce:„aber das muß ein wackeres Maͤdchen ſeyn! Warum brachter Ihr ſie nicht mit an Bord? Es war Schade, daß Ihyr ſie ſo enttauſchtet.“ „und glaubſt Du denn wirklich,“ ſagte Cleveland: „daß ich den gefallenen Engel ſo ganz zu ſpielen im Stande ſeyn koͤunſt, um ihren ſchwaͤrmeriſchen Irrthum dahin zu benutzen, einen Engel von Schoͤnheit und Unſchuld eine ſol⸗ che Hoͤlle ſehen zu laſſen, wie ſie am Bord Eueres ver⸗ ruchten 113* ruchten Schiffs iſt?— Ich ſage Dir, mein Freund, daß, waͤren alle meine fruͤheren Suͤnden doypelt ſchwer und ſchwarz, ſo wuͤrde ein ſolches Bubenſtuͤck ſie alle uͤberwo⸗ gen und verdunkelt haben.“ „Nun dann, Capitain Cleveland,“ ſagte ſein Vertrau⸗ ter:„ſo halte ich es fuͤr ſehr thoͤrigt von Euch gehandelt, üͤberhaupt hleher zu kommen. Die Nachricht mußte ſich am Ende doch verbreitet haben, daß der beruͤchtigte Pirat, Capitain Cleveland, mit ſeinem guten Schiffe, der Ra⸗ che, an der Kuͤſte von Shetlond geſcheltert und mit Mann und Maus untergegangen ſey, und ſo wuͤrde Freund und Feind nichts von Euch gewußt haben: Ihr haͤttet Euere artige Shetlaͤnderin heirathen, aus Euerem Guͤrtel und Schaͤrpe Fiſchnetze, aus Eurem Saͤbel eine Harpune machen, und die See, ſtatt nach Gulden, nach Fiſchen durchſtreifen koͤnnen.“ 3 „Dazu war ich auch entſchloſſen,“ ſagte der Capitain: „aber ein Jagger, wie ſie dieſe Leute hier nennen, brachte, nach ſeiner ſpionirenden hauſirenden Art, die Nachricht nach Shetland, daß Ihr hier laͤget, und ich mußte doch aufkbrechen, um zu ſehen, ob Euer Schiff das zweite ſey, von dem ich erzaͤhlt hatte, lang vorher, ehe ich das See⸗ raͤuberhand werk aufzugeben dachte.“ „Ja,“ ſagte Bunce:„das berechnet Ihr ganz richtig. Denn ſo wie Ihr gehoͤrt hattet, daß wir in Kirkwall waͤ⸗ ren, ſo wuͤrden wir auh bald erfahren haben, daß Ihr in Syekland waͤret, und da wuͤrden gewiß Einige von uns, entweder aus Freundſchaft, oder aus Haß,— oder aus Furcht, daß Ihr auth es ſo mit uns mahen wuͤrdet, wie Harry Giasby, dorthin gegangen ſeyn, um Euchh zu uͤber⸗ reden, wieder bei uns einzutreten.’“⁴.. W. Scott's Werke. CXIII. 8 „Das ſah ich voraus,“ ſagte der Capitaln:„und mußte deswegen das doͤfliche Anerbieten eines Freundes ablehnen, der mir vorſchlug, mich jetzt hieher zu bringen. Außerdem, Jakob, erinnerte ich mich, daß, wie Du ſagſt, meine Begnadigung ſich nicht gut ohne Geld wuͤrde aus⸗ wirken laſſen, und da mein eigenes ſchon abzunehmen an⸗ fing— kein Wunder, denn Du weißt, ich war nie ein Knauſer— ſo „So kamt Ihr zu uns her, um Eueren Antheil an den Piaſtern zu erhalten?“ erwiederte ſein Freund:„das war ganz klug gehandelt, auch theilten wir ganz ehrlich— in ſo fern hat Goffe ſich ſtrenge an unſere Artikel gehalten, das muß man ihm laſſen. Aber haltet Eueren Vorſatz, ihn zu verlaſſen, ſtreng in Euerer Bruſt verſchloſſen, denn ich fuͤrchte, er ſpielt Euch irgend einen ſchlechten Streich; er glaubte Eueren Antheil ſchon fuͤr ſich zu erhalten, und wird es Euch nie vergeben, daß Ihr lebendig wieder da ſeyd, ihm denſelben ſtreitig zu machen.“ „Ich fuͤrchte ihn nicht,“ ſagte Cleveland:, und er weiß das ſehr gut. Ich wollte, ich haͤtte ſo wenig von den Folgen zu befuͤrchten, ſein Kamerad geweſen zu ſeyn, als von allen denen, die mir aus ſeinem Groll erwachſen koͤn⸗ nen.— Aber ein zweites ungluͤckliches Begegniß kann mir . auch noch viele Ungelegenheit verurſachen. Ich verwundete einen jungen Menſchen, der mich ſchon eine Welle gequaͤlt hat, in einem unglüͤcklichen Handel, an dem Morgen, wo ich Shetland verließ.“ „Iſt er todt?“ fragte Bunce:„das iſt hier eine ernſt⸗ haftere Frage, als auf den großen Kaiman's oder Bochma Inſeln, wo man ein oder zwei Paar Leute in einem Mor⸗ gen niederſchießen kann, ohne daß man mehr davon hoͤrt 115 oder darum befragt wird, als wenn es Holztauben waͤren. Hier mag es indeſſen anders ſeyn, und ſo hoffe ich, Ihr habt Eueren Freund nicht unſterblich gemacht?“ „Ich hoffe nicht,“ ſagte der Capitain:„obgleich mein Zorn ſchon Mauchem, der mir weniger Veranlaſſung ge⸗ geben hat, verderblich geworden iſt. Die Wahrheit zu ſa⸗ gen, that es mir leid um den Burſchen, um ſo mehr, da ich ihn in den Haͤnden des Wahnſinns zuruͤcklaſſen mußte. „In den Haͤnden des Wahnſinus?“ ſagte Bunce:„was ſoll denn das heißen?“ „Du ſollſt hoͤren,“ ſagte ſein Freuud.„Zuerſt mußt Du wiſſen, daß dieſer junge Mann mir ploͤtzlich in den Weg trat, waͤhrend ich Minna zu uͤberreden ſuchte, mir eine geheime Unterredung zu verſtatten, ehe ich unter Se⸗ gel ging, und worin ich ihr meinen Vorſatz mittheilen wollte. Gerade in einem ſolchen Augendlicke durch die ver⸗ wuͤnſchte Zudringlichkeit dieſes jungen Menſchen geſtoͤrt zu werden.... „Diefes Dazwiſchenkommen verdiente den Tod,“ ſagte Bunce:„bei allen Geſetzen der Liebe und der Ehre!“ „So ſey endlich doch einmal mit Deinen Schauſpiel⸗ ausgaͤngen ruhig, und hoͤre mich einen Augenblick an. Der kecke Juͤngling ließ es ſich einfallen, mir eine ſchnoͤde Ant⸗ wort zu geben, als ich ihm befahl, ſich zu entfernen. Du weißt, ich bin nicht ſehr duldſam, und gab daher meinen Worten den gehoͤrigen Nachdruck, vermittelſt eines Schla⸗ ges, den ich eben ſo derb zuruͤckerhielt. Es kam nun zum Handgemenge zwiſchen uns, bis ich der Sache, auf irgend eine Weiſe, ein Ende zu machen wuͤnſchte, und dieß durch einen Stoß mit dem Dolche that, den ich, nach altem Ge⸗ brauhe, wie Du weißt, immer bei mir fuͤhre. Kaum war * 0 116 dieß geſchehen, als mich die That reute; allein es war jetzt keine Zeit mehr, an irgend etwas zu denken, als an Flucht und Verbergen; denn, wenn das Haus erwachte, ſo war ich verloren, da der hitzige alte Mann, welcher an der Spitze der Familie ſteht, mich ſtreng gerichtet haben wuͤrde, und waͤre ich ſein Bruder geweſen. Ich nahm alſo den Koͤrper ſchnell auf melne Schultern, ihn hinunter an das Meeres⸗ ufer zu tragen, mit dem Vorſatze, ihn in eine ſogenannte Riva oder Spalte von großer Tiefe zu werfen, wo er ge⸗ wiß lauge unentdeckt liegen geblieben ſeyn wuͤrde,— nach⸗ dem ich dieß gethan, in das Boot zu ſpringen, das ſchon fertig da lag, und nach Kirkwall hinuͤberzuſegeln. Waͤh⸗ rend ich jedoch, ſchnellen Schritts, mit meiner Buͤrde nach dem Ufer zueilte, ſtöhnte der arme Junge tief auf, ein Zeichen, daß die Wunde nicht gleich toͤdtlich geweſen war. Ich war jetzt ſchon zwiſchen den Felſen und ziemlich verbor⸗ gen. Weit entfernt, mein Verbrechen noch vergroͤßern zu wollen, legte ich vielmehr den jungen Mann auf den Bo⸗ den, und war eben damit beſchaͤftigt, das Blut zu ſtillen, als ploͤtzlich eine alte Frau vor mir ſtand. Dieß war eine Perſon, welche ich haͤufig bei meinem Aufenthalte in Shet⸗ land geſehen hatte, und die man dort fuͤr eine Zauberin, oder, wie die Neger ſagen, eine Obi⸗Frau haͤlt. Sie be⸗ gehrte den Verwundeten von mir, und ich war zu ſehr von der Zeit gedraͤngt, um mich nur einen Augenblick zu wei⸗ gern, ihr Verlangen zu erfuͤllen. Sie war im Begriff⸗ mir noch mehr zu ſagen, als wir die Stimme eines ein⸗ faltigen alten Mannes vernahmen, der zur Familie gehoͤrt, und der in einiger Entfernung ſang. In dieſem Augenblick legte ſie den Finger auf die Lippen, zum Zeichen der Ver⸗ chwiegenheit, und pfiff ſehr leiſe, warauf eine unſoͤrmliche 3 117 Zwerggeſtalt erſchien, mit deren Huͤlfe ſie den Verwunde⸗ ten in eine der Hoͤhlen trug, deren es in der Gegend ſo viele giebt, waͤhrend ich mit der groͤßten Schnelligkeit in mein Voot fluͤchtete und in See ſtach. Wenn die alte Here, wie man ſagt, wirklich nit dem Koͤnige der Winde verwandt iſt, ſo gab ſie mir at dieſem Morgen eines von ihren Kunſtſtücken zum Beſten; denn kein weſtindiſcher Tornado, wie wic deren zuſammen uͤberſtanden haben, konnte ein fur⸗cbareres Getoͤſe hervorbringen, als der Wind⸗ ſtoß, der mich ſo weit von dem Courſe wegtrieb, daß ich, ohne den Taſchencompaß, den ich zufaͤllig bei mir hatte, gewiß nie Fair⸗Isle, worauf wir zuſteuerten, und wo ich eine Brigg fand, die mich hieher brachte, erreicht haben wuͤrde. Was nun aber die alte Frau mir zugedacht haben mochte, Wohl oder Weh, ſo kamen wir endlich gluͤcklich vom Meere hier an, und hier bin ich nun am Lande, in Zweifel und Schwierigkeiten von mehr als einer Art be⸗ fangen.“ „Der Henker hole Sumburgh⸗Head,“ ſagte Bunce: „oder wie ſonſt der Felſen beißt, an dem Ihr Euere nette kleine„Rache“ ſcheitern ließet!“ „Sage nicht, daß ich ſie ſcheitern ließ,“ ſagte Eleve⸗ land:„habe ich Dir nicht fuͤnfzig Mal wiederholt, daß, wenn die Feiglinge ſich nicht in das Boot geworfen haͤtten — obgleich ich ihnen vorausſagte, daß es umſchlagen und ſie Alle ertrinken wuͤrden, was auch in dem Augenblicke geſchah, wo ſie die Fanglinie abzogen— das Schiff noch in dieſem Augenblicke auf dem Waſſer ſeyn wuͤrde? Waͤren ſie bei mir und auf dem Schiffe geblieben, ſo waren ſie mit dem Leben davongekommen; haͤtte ich ſie begleitet, 118 ſo haͤtte ich das meinige eingebuͤßt; wer weiß, was beſſer geweſen waͤre?“ „Nun,“ antwortete ſein Freund:„ich kenne jetzt Euere Lage, und werde um ſo beſſer helfen und rathen koͤnnen. Ich will Euch treu bleiben, Clemens, wie die Klinge dem Heft; aber ich kann mir dach nich denken, daß Ihr uns verlaſſen wollt. Es heißt za in eiem alten ſchottiſchen Liede:„'s bricht mir's Herz, daß wir(oll'n ſcheiden.“— Aber Ihr kommt doch heute zu uns an Boed, auf jeden Fall?“ „Ich habe keinen andern Zufluchtsort,“ ſagte Cleve⸗ land mit einem Seufzer. Noch einmal warf er ſein Auge uͤber die Bucht, rich⸗ tete ſein Fernglas auf mehrere der Schiffe, welche daruͤber hinflogen, in der Hoffnung, Magnus Troll's Fahrzeug dar⸗ unter zu entdecken, und folgte dann ſeinem Gefaͤbeen ſchweigend den Huͤgel hinab.. Achtes Kapitel. Ich kämpfe, wie das Schiff mit Wogen kämpft, Das ohne günſtgen Wind, die Kraft nicht hat, Der Flura gsegen ſich zu ſtemmen.— Grade ſo, Bei täglichem Entſchluß, dem Laſter zu entſagen, Wirft die Gewohnheit, wirft Verſuchung, Umſtand, Mich in das Meer hinaus. O, Himmelshauch! Schwell Du die Segel mir, und hilf dem ſchwachen Fahrzeug, Das ohne Dich den Hafen nie erreicht! 3 Die verkehrte Welt. Cleveland und ſein Vertrauter, Bunce, ſtiegen den 4 119 Huͤgel ſchweigend hinab, bis endlich der Letztere die Unter⸗ haltung wieder aufnahm. „Ihr habt Euch des Menſchen Wunde mehr zu Her⸗ zen genommen, als noͤthig iſt, Capitain— ich habe es er⸗ lebt, daß Ihr mehr gethan und weniger daruͤber nachge⸗ dacht.“ „Nicht bei einer ſo leichten Veranlaſſung, Jakob,“ er⸗ wiederte Cleveland:„uͤberdieß rettete mir der Burſch mein Leben, und wenn ich ihm gleich ſeinen Dienſt vergalt, ſo haͤtten wir doch nicht ſo an einander kommen ſollen; aber ich hoffe, daß dieſe Frau ihm Haͤlfe geleiſtet haben wird, da ſie eine ſo große Kenntniß von Kraͤutern hat.“ „Und Macht uͤber Krautkoͤpfe, Capitaln,“ ſagte ſein Freund:„denn dazu werde ich Euch rechnen muͤſſen, wenn Ihr noch mehr uͤber dieſen Gegenſtand nachdenkt. Daß ein junges Frauenzimmer Euch den Kopf verdreht hat— nun, das geſchieht manchem ehrlichen Manne; aber, daß Ihr Euch die Mummereien einer Alten im Kopfe herum⸗ gehen laßt, iſt eine zu große Thorheit, als daß man ſie ſelbſt einem Freunde nachſehen ſollte. Sprecht mir von Eurer Minna, oder wie ſie heißt, ſo viel vor, als Ihr wollt, aber Ihr habt kein Recht, Eurem treuen Schildknappen mit Eurer Bettel⸗Zauberin den Kopf warm zu machen. und jetzt ſind wir hier wieder unter den Buden und Zel⸗ ten, welche dieſe guten Leute aufſchlagen— wir wollen einmal ſehen, ob wir nicht unter ihnen uns allerhand Spaß und naͤrriſches Zeug machen koͤnnen. In dem luſtigen Eng⸗ land wuͤrden wir bei einer ſolchen Gelegenheit zwei oder drei herumziehende Schauſpielerbanden, eben ſo viel Feuer⸗ freſſer und Beſchwoͤrer, und eben ſo viel Ausſtellung von wilden Thieren ſehen; aber hier bei dieſen ernſten Leuten 120 ſchmeckt alles nach Geſchaͤft und Waare— wahrbhaftig, man hoͤrt nicht einmal einen luſtigen Schrei von einem tellen Gevatter Hanswurſt und ſeiner Frau Hanne.“ Waͤhrend Bunce dieſes ſprach, warf Cleveland ſeine Augen auf einige ſehr bunte Kleider, die mit anderen Ge⸗ genſtaͤnden an einer Bude hiengen, welche ungleich mehr aͤußere Verzierung und Schmuck, als die uͤbrigen, aufzu⸗ weiſen hatte. Vorn an derſelben war ein kleines Schild von bemalter Leinwand, auf welchem die verſchiedenen Ge⸗ genſtaͤnde, welche der Eigenthuͤmer der Bude, Bryce Snails⸗ foot, zu verkaufen hatte, zu ſehen waren, ſo wie die maͤ⸗ ßigen Preiſe, zu denen er ſie dem Publikum anbot. Zu mehrerer Ergoͤtzlichkeit der Beſchauer war, auf der Nuͤckſeite des Schildes, eine allegoriſche Darſtellung angebracht, wor⸗ auf die erſten Aeltern des Menſchengeſchlechts, in ihrem Blaͤttergewande, mit folgender Inſchrift zu ſehen waren: Den Schlangenzunge ſo berückt, Nach Blattes Schutz der Sünder blickt. Auf Shetlaud Niemand Blätter bricht, Denn Bäume giebts zu Lande nicht; Doch giebt es Flachs und Wolle gnug Zu Linnen und zu Wadmaalluch. Auch fremd Gewebe führt man ein, Das fein'rer Art als dieß mag ſeyn. Ihr wackern Burſche*) kommt herbei, Kauft für die Schönen allerlei; Bryee Snailsfoot hat beſonders LAcht, Wie Jedem er's zu Danke macht. Waͤhrend Cleveland dieſe trefflichen Reime las, die ihn an Claudius Halcro erinnerten,— da ſie wahrſcheinlich *) Es war an der Sankt Ollaus Meſſe in Kirkwall ein alter Gebrauch⸗ daß die jungen Leute vom geringern Stande und beiderlei Geſchlech⸗ 121 ihm, dem Hofdichter der Inſel, der mit ſeinem Talente jederzeit Groß und Klein zu Gekote ſtand, ihren Urſprung verdankten, begann der wuͤrdige Eigenthuͤmer der Bude, welcher einen Blick auf ihn geworfen, mit zitternder Hand einige von den Kleidern wegzunehmen, die er, da der Ver⸗ kauf erſt am folgenden Tage begann, entweder um ſie zu luften, oder um die Bewunberung der Beſchauer zu erre⸗ gen, ausgelegt hatte. „Bei meiner Treue, Capitain,“ fluͤſterte Bunce Cle⸗ veland zu:„Ihr muͤßt den Kerl einmal in Euren Klauen gehabt haben: er denkt noch an Euern erſten Griff, und fuͤrchtet den zweiten. Seht einmal, wie ſchnell er ſeine Waaren wegraͤumt, da er Euch geſehen hat.“ „Seine Waaren!“ ſagte Cleveland⸗ indem er genauer hinſah:„beim Himmel, das ſind meine Kleider, die ich in der Kiſte in Jarlshof zuruͤckließ, als die Rache dort ſtrandete.— Bryce Snailsfoot, Du Dieb, Hund, Schuſt, was ſoll denn das Alles bedeuten? Haſt Du noch nicht ge⸗ nug durch wohlfeilen Einkauf und theuern Verkauf ver⸗ dient, daß Du Dich auch meines Koffers und meiner Klei⸗ der bemaͤchtigt haſt?“ Bryce Snailsfoot, der ſonſt wohl ſeinen Freund, den Capitain, gern uͤberſehen haben wuͤrde, ward durch die Leb⸗ haftigkeit dieſes Angriffs gezwungen, ſeine Aufmerkſamkeit auf ihn zu richten. Vorher aber fluͤſterte er ſeinem kleinen tes, ſich paarweiſe während der Dauer der Meſſe zuſammengeſell⸗ ten, und dergleichen Paare nannte man Lamdmas Bruder und Schweſter. Man wird leicht abnehmen, daß eine ſolche ausſchließ⸗ liche Vertraulichkeig öfters Mißbräuche veranlaßte, was auch ge⸗ rade daraus hervorgeht, daß man behauvtet, wenig Seandat ſey aus den etwaigen Unbeſcheidenheiten entſprungen. 1²² Knaben, der ihn gewoͤhnlich begleitete, zu:„Lauf nach dem Rathhauſe, Jarto, und ſage dem Buͤrgermeiſter und den Schöppen, ſie moͤchten ſogleich einige von den Gerichts⸗ dienern herſchicken, denn hier werde es auf dem Markte viellelcht bunt hergehen.“ Nachdem er dieß beſtellt, und ſeinem Befehl noch durch einen Stoß in den Ruͤcken ſeines Boten groͤßeren Nachdruck gegeben, ſo daß dieſer uͤber Hals und Kopf aus der Bude ſtuͤrzte, wandte ſich Bryce Snailsfoot zu ſeinem alten Be⸗ kannten, und rief mit großem Wortgepraͤnge und gewalti⸗ gen Geberden, was man in Shetland„Weſens machen“ nennt, aus:„Gott ſey uns gnaͤdig! Der wackere Capitain Cleveland, um den wir Alle uns ſo gegraͤmt haben, iſt alſo zu unſerer Herzensfreude wieder da! Thraͤnen habe ich um Euch geweint(hier wiſchte ſich Bryce die Augen), und bin nun herzlich froh, Euch Eueren bekuͤmmerten Freunden wiedergegeben zu ſehen!“ „Meinen bekuͤmmerten Freunden, Du Schurke!“ ſagte Cleveland:„ich will Dir kraͤftigern Grund zur Bekuͤmmer⸗ niß machen, als Du wohl je meinetwegen gehabt haſt, wenn Du mir nicht auf der Stelle ſagſt, wo Du alle meine Kleider geſtohlen haſt.“ „Geſtohlen!“ rief Bryce aus, indem er ſeine Augen emporſchlug:„der Himmel ſey uns gnaͤdig! Der arme Herr hat in dem gewaltigen Sturme ſeinen Verſtand ver⸗ loren.“ „Niedertraͤchtiger Schurke!“ ſagte Cleveland, indem er den Stock aufhob, den er in der Hand hatte:„glaubſt Du mich durch Deine Unverſchaͤmtheit ſo hinter's Licht fuͤhren zu koͤnnen? Wenn Du einen ganzen Kopf auf Dei⸗ nen Schultern, und Deine Knochen noch eine Minute laͤn⸗ 12²3 ger ganz behalten willſt, ſo ſage mir ſogleich, wo zum Teu⸗ fel Du meine Garderobe geſtohlen haſt?“ Bryce Snailsfoot wiederholte noch einmal den Aus⸗ ruf:„geſtohlen! nun, der Himmel ſey uns gnaͤdig!“ warf aber zugleich, da er wußte, daß der Capitain mit der Aus⸗ fuͤhrung ſeiner Entſchluſſe nicht zu zogern pflege, einen aͤngſtlichen Blick nach der Stadt, um zu ſehen, ob die traͤge Huͤlfe der boͤegerlichen Macht nicht zu ſeinem Beiſtande herankaͤm⸗. „Ich fordere auf der Stelle Antwort,“ ſagte der Ca⸗ pzeain, mit erhobener Waffe: noder ich ſchlage Dich win⸗ delweich, und werfe alle Deine Lumpen hier auf die Erde.“ Meiſter John Bunce, der die Sache als einen herrli⸗ chen Spaß betrachtete, und dem ſie deswegen gerade Ver⸗ gnuͤgen machte, weil ſie Cleveland ſehr in Zorn brachte, ergriff des Capitains Arm, und nahm, ohne gerade ihn am Ende an der Ausfuͤhrung ſeiner Drohung hindern zu wol⸗ len, an dem Handel nur etwa ſo viel Antheil, als noͤthig war, eine ſo anziehende Eroͤrterung noch einige Zeit zu verlaͤngern. „Laß doch den ehrlichen Mann reden, Kamerad,“ ſagte er:„er hat ſo ein ſchoͤnes ſpitzbuͤbiſches Geſicht, als je auf niedertraͤchtigen Schultern ſtand, und was er da ſagt, ſind gerade die aͤchten Rednerblumen, bei denen man das Tuch ganz vortrefflich um einen Zoll zu kurz meſſen kann. Sodann muͤßt Ihr auch bedenken, daß Ihr Beide von ei⸗ nem Gewerbe ſeyd— er miht mit der Elle, Ihr mit dem Schwert, und ſo wollen wir ihn wenigſtens nicht eher in Stuͤcke hauen, als bis er gehoͤrig Raum und Zeit gehabt hat, ſich mit uns zu meſſen.“ 1²24 „Du biſt ein Narr!“ ſagte Cleveland, indem er feſ nen Freund abzuſchuͤtteln ſuchte.„Laß mich los! denn beim Himmel, ich will den Kerl handhaben.“ „Haltet ihn feſt,“ ſagte der Hauſirer:„guter lieber luſtiger Herr, haltet ihn feſt!“ „So ſage aber auch etwas zu Deiner Vertheidigung,“ ſagte Bunce:„brauche Dein Maulwere, Menſch, ſchwatze eins her, oder bei meiner Seele, ich laſſe ihn los.“ „Er ſagt, ich haͤtte dieſe Sachen geſtohles,“ ſagte Bryce, der jetzt ſich ſo in die Enge getrieben ſah, daß er ſich wohl vertheidigen mußte.„Wie konnte ich ſie arer ſtehlen, da ſie durch ehrlichen und rechtlichen Kauf mein geworden ſind?“ „Kauf! Du lumpiger Landſtreicher!“ ſagte Cleveland: „wem konnteſt Du meine Kleider abzukaufen Dich unter⸗ ſtehen? oder wer hatte die Unyerſchaͤmtheit, ſie Dir zu verkaufen?“ „Die wuͤrdige Glaͤubige, Frau Swertha, die Haus⸗ haͤlterin zu Jarlshof, welche ſich als die Vollſtreckerin Eu⸗ res letzten Willens benahm,“ ſagte der Hauſirer:„und daß es ihr ſehr nahe gieng, kann ich wohl ſagen.“ „Und deswegen wollte ſie wahrſcheinlich ſich durch den Ertrag troͤſten,“ ſagte der Cavitain:„aber wie konnte ſie denn Sachen verkaufen, die ihr zur Aufbewahrung uͤberge⸗ ben worden waren?“ „Ach, die gute Frau hatte die beſte Abſicht dabei!“”“ ſagte der Hauſirer, der die Eroͤrterung nur bis zur An⸗ kunft der gerichtlichen Huͤlfe verlaͤngern wollte:„und wenn Ihr nur vernuͤnftigen Gruͤnden Gehoͤr geben wollet, ſo bin ich, Euch uͤber die Kiſte und deren Inhalt Rechenſchaft zu geben, erboͤtig.“ 4 12⁵ 1 Nun ſo ſprich, und laß Deine verdammten Winkelzuͤge geg, ſagte Capitaͤn Cleveland: wenn Du nur im gering⸗ ſten beweiſen kannſt, daß Du einmal in Deinem Leben ehrlich gehandelt haſt, ſo ſollſt Du auch keine Pruͤgel be⸗ kommen.„Nun ſeht einmal, edler Capitaͤn,“ ſagte der Hauſirer, brummte dabei fuͤr ſich hin:„hol' der Henker Patrick Peterſon's boͤſes Knie, ſie werden gewiß auf den alten unnuͤtzen lahmen Kerl warten muͤſſen!“ und fuhr dann laut fort:„das Land, ſeht Ihr, iſt in großer— ſehr großer— außerordentlich großer Beſtuͤrzung. Ew. Gna⸗ den wurden vermißt, die von Allen, Groß und Klein, ge⸗ liebt wurden— rein vermißt— nichts von Euch zu hoͤ⸗ ren— verſchwunden— verſchollen— todt— verſtor⸗ ben.“ Du ſollſt mich, zu Deinem Verderben, nur zu ſehr am Leben finden! ſagte der leicht reizbare Capitaͤn. „Aber, ſo habt doch Geduld— Ihr laßt Niemanden zu Worte kommen,“ ſagte der Jagger:„dann war der junge Burſche Mordaunt Mertoun..“ Ha! ſagte der Capitaͤn: was iſt mit dem? „Nichts von ihm zu ſehen, noch zu hoͤren— rein weggeſtoben— ein verlorner Menſch— wahrſcheinlich von der Klippe in das Meer geſtuͤrzt— war immer ſehr wage⸗ halſig. Ich habe mit ihm oft um Pelzwerk und Federn gehandelt, das er gegen Pulver und Schroot und(derglei⸗ chen vertauſchte, und nun iſt er fort— dahin— gaͤnzlich verſchwunden, wie der letzte Zug aus eines alten Weibes Tabakspfeife.“ Aber was hat das alles mit des Capitaͤn's Kleidern zu thun, mein lieber Freund? ſagte Bunce: jetzt werde 126 ich Euch ſelbſt durchpruͤgeln muͤſſen, bis Ihr zur Sache kemmt. „Nun, nun,— nur Gednld, Geduld,“ ſagte Bryce, indem er eine Bewegung mit der Hand machte:„Ihr wer⸗ b det alles das zeitig genug hoͤren. Nun, da ſind alſo zwet Leute weg, wie ich eben ſagte, und nun noch das Ungluͤck in Burgh ⸗Weſtra, wegen Fraͤulein Minna's Krank⸗ heit.. Bringe ſie nicht in Deine Spaͤſſe, Schurke, ſagte Cle⸗ veland, mit dem Tone des zwar nicht ſo lauten, aber um ſo tiefer empfundenen, verbiſſenen Unwillens: denn wenn Du es nur wagſt, anders als in dem Tone der hoͤchſten Ehrerbietung von ihr zu reden, ſo haue ich Dir die Ohren vom Kopf, und Du ſollſt ſie auf der Stelle verzehren maſſen. „Ha, ha, ha,“ lachte der Hauſirer halb laut:„das waͤre ein ſchoͤner Spaß! Ihr beliebt zu ſcherzen. Nun aber, von Burgh⸗Weſtra nichts zu ſagen, ſo iſt noch der Mann in Jarlshof, der alte Mertoun, Mordaunt's Vater, von dem die Leute glaubten, daß er ſo feſt an den Ort ge⸗ bannt ſey, wo er wohne, wie Sumburgh⸗Head ſelbſt, der iſt auch weg, ſo gut wie die Uebrigen, von denen ich eben geſprochen habe. Und dann iſt Magnus Trol(mit Ehren zu melden) auch aufgebrochen, und der ſpaßhafte Meiſter Claudius Halcro ebenfalls zu Boot gegangen, das er ſchlech⸗ ter als irgend jemand auf Shetland ſteuert, da er den Kopf immer voll von Reimen hat, und der Verwalter iſt immer von Graͤben und Graben und dergleichen unnuͤtzen Dingen ſpricht, welche nichts etbringen— nun der iſt ebenfalls auf den Fuͤßen— der ſchottiſche Verwalter, der —,———— 2 1 27 1 auch in Bewegung, ſo daß man gewiſſermaßen ſagen koͤnnte, die eine Haͤlfte des Feſtlandes von Shetland ſey verloren gegangen, und die andere Haͤlfte laufe herum und ſuche ſie— ſchreckliche Zeiten!“ Capitaͤn Cleveland hatte bis dahin ſeinen Unwillen unterdruͤckt, und der ganzen Rede des wuͤrdigen Kraͤmers war mit Ungeduld, aber doch nicht ohne Hoffnung zuge⸗ hoͤrt, etwas, das ihn naͤber angehen koͤnnte, zu erfahren. Allein jetzt wurde ſein Gefaͤhrte ungeduldig:„die Klel⸗ der!“ rief er aus:„die Kleider, die Kleider, die Klei⸗ der!“ wobei er eine jede Wiederholung der Worte mit ei⸗ ner Bewegung des Stockes begleitete, ſo daß dieſer ziem⸗ lich dicht bet den Ohren des Hauſirers vorbeiſauste, ohne ihn jedoch wirklich zu beruͤhren. Der Jagger, welcher bei jeder dieſer Bewegungen zu⸗ ſammenfuhr, ſchrie dabei immer fort:„Aber, Herr, lieber Herr, werther Herr, was die Kleider betrifft— ſo fand ich die gute Frau in ſolcher Betruͤbniß uͤber ihren alten Herrn, ihren jungen Herrn, und uͤber den wuͤrdigen Ca⸗ pitaͤn Cleveland, wegen des Ungluͤcks in des wuͤrdigen Vogts Familte, wegen der Noth des großen Vogts ſelbſt — und des Verwalters willen und in Ruͤckſicht auf Clau⸗ dius Halcro und anderer Beweggruͤnde und Ruͤckſichten willen. So vereinigten wir denn unſere Sorgen, und ver⸗ miſchten unſere Thraͤnen, wie es in der Schrift heißt, bei einer Flaſche, und riefen den Ranzelmann zur Berathung, einen ehrenwerthen Mann, Niel Ronaldſon mit Namen, der in ſehr gutem Rufe ſteht.“ Hier kam der Stock ihm ſo nahe, daß er etwas ſein Ohr beruhrte; der Jagger fuhr zuruͤck, und die Wahrheit, oder das, was er wenigſtens dafuͤr angeſehen wiſſen wollte, 128 entfuhr ihm, ohne irgend weitere Umſchweife, wie ein Kork, nach vielem unnuͤtzen Ziſchen, endlich aus einer Flaſche Sproſſenbier herausfaͤhrt. „Nun, was, zum Teufel, wollt Ihr denn mehr wiſſen? Die Frau hat mir die Kiſte Kleider verkauft; ſie ſind mein durch den Kauf, und darauf will ich leben und ſterben.“ Mit andern Worten, ſagte Cleveland: dieſe habluͤchtige alte Hexe hat die Unverſchaͤmtheit gehabt, etwas zu verkau⸗ fen, das ihr nicht gehoͤrte, und Du, ehrlicher Bryce Snails⸗ foot, wareſt gewiſſenlos genug es zu kaufen. „Aber mein Gott, Capitaͤn,“ ſagte der gewiſſenhafte Hauſirer:„was ſollten wir armen beiden Leute dann thun? Ihr, dem die Sachen gehoͤrten, waret fort, Junker Mor⸗ daunt, welchem ſie zum Aufbewahren gegeben worden, war ehenfalls fort, die Sachen waren feucht, fiengen an von Wuͤrmern zerfreſſen zu werden, und zu verſtocken, und ſo... Und ſo verkaufte ſie, die alte Diebinn, und Ihr kauftet ſie, wahrſchelnlich, damit ſie nicht gaͤnzlich verduͤrben, ſagte Cleveland. „Ja wohl,“ ſagte der Kaufmann:„ich denke, edlet Capitaͤn, das war gerade unſere Abſicht dabei.“ Nun denn, Du unverſchaͤmter Schurke, ſagte Cleve⸗ land: ſo hoͤre. Ich will meine Haͤnde nicht mit Dir be⸗ ſudeln, oder hier Laͤrm machen. „Das hat ſeinen guten Grund, Capitaͤn, ja, ka” ſagte der Hauſirer mit ſchlauer Miene. Ich ſchlage Dir alle Knochen entzwei, wenn Du noch ein einziges Wort ſagſt, erwiederte Cleveland: noch einmal Vge ich Dir— ich will Dir ganz billige Dedinaungen ma⸗ chen: 4⸗ 129 chen: gieb mir die ſchwarze lederne Brieftaſche, mit dem Schloſſe, die Boͤrſe mit den Dublonen und einige wenige von den Kleidern, die ich brauche, zuruͤck, und Du kannſt das Uebrige in's Teufels Namen behalten. „Dublonen!“ rief der Hauſirer aus, indem er die Stimme doppelt erhob, ſein aͤußerſtes Erſtaunen auszu⸗ druͤcken:„was weiß ich von Dublonen? Ich habe um Klei⸗ der und nicht um Dublonen gehandelt: waren in der Kiſte wirklich Dnblonen, ſo wird ſie Swertha gewiß fuͤr Ew. Gnaden in ſichere Verwahrſam genommen haben; die Feuch⸗ tigkeit ſchadet ja dem Golde nicht, wie Ihr wißt.“ Gieb mir meine Brieftaſche und meine Sachen wieder, ſchaͤndlicher Dieb, ſagte Cleveland: oder ich ſchlage Dir ohne weiteres den Hirnſchaͤdel ein! Der verſchmitzte Jagger, der unterdeſſen die Augen umhergeworfen, ſah, daß die Huͤlfe, welche in der Geſtalt von ſechs Gerichtsdienern erſchien, nahe war; denn meh⸗ rere Haͤndel mit dem Schiffsvolk des Kapers hatten die Obrigkeit von Kirkwall von der Nothwendigkeit uͤberzeugt, ihre Polizei⸗Abtheilungen zu verſtaͤrken, wenn dieſe Frem⸗ den mit in die Sache verwickelt waren. „Behaltet nur den Dieb fuͤr Euch, ehrenwerther Ca⸗ pitaͤn,“ ſagte der Jagger, durch die Annaͤherung der buͤr⸗ gerlichen Macht dreiſt gemacht:„denn wer weiß, wie Ihr zu allen den ſchoͤnen Sachen und Geſchichten gekommen ſeyd?“ Dieſe Worte wurden mit einem ſo herausfordernden, ſchlauen Spott in Ton und Blick geſagt, daß Cleveland ſich nicht laͤnger halten konnte, ſondern den Jagger beim Kragen nahm, ihn uͤber den einſtweiligen Zahltiſch heruͤber⸗ riß, der mit allen darauf liegenden Waaren in dem Hand⸗ W. Scott's Werke, CxIII. 9 130 gemenge umſtuͤrzte, und, ihn mit der einen Hand haltend, ihm, mit der andern mit ſeinem Stocke eine derbe Tracht Pruͤgel aufzaͤhlte. Alles dieß geſchah mit ſo großer Schnel⸗ ligkeit und ſolchem Nacdrucke, daß Bryce Snallsfoot, ob⸗ gleich ſelbſt ein ſtarker Mann, durch die Lebhaftigkeit des Angriffes ganz außer Faſſung gebracht, keinen andern Wi⸗ derſtand entgegenſetzte, als daß er, wie ein Bullenkalb, nach Beiſtand bruͤllte. Die traͤge Huͤlfe kam endlich her⸗ bei; die Polizeidiener ſuchten Cleveland's habhaft zu wer⸗ den, und ihre vereinten Bemuͤhungen brachten es endlich dahin, daß er den Hauſirer losließ, und ſich nun gegen ſie wandte, ſich gegen ihren Angriff zu vertheidigen. Dieß geſchah mit ungemeiner Staͤrke, Entſchloſſenheit und Ge⸗ wandtheit, wobei ſein Freund, John Bunce, ihn treulich unterſtuͤtzte, der mit unendlicher Freude die Prügel ge⸗ ſehen, welche der Hauſirer bekommen, und jetzt wacker kaͤmpfte, um ſeinen Freund gegen die boͤſen Folgen ſeines Schrittes zu ſichern. Da indes ſeit einiger Zeit, zwiſchen den Stadtbewohnern und der Mannſchaft des Kapers, eine immer mehr wachſende Fehde geweſen war, ſo hatten ſich die Erſteren, von dem unverſchaͤmten Betragen der See⸗ leute erbittert, das Wort gegeben, Alle fuͤr einen zu ſte⸗ hen, und die buͤrgerliche Macht, bei allen ſolchen Haͤndeln, inskuͤnftige thaͤtig zu unterſtuͤtzen, ſo, daß am Ende ſo viel Huͤlfe fuͤr die Conſtables herbeikam, daß Cleveland, nach⸗ dem er mannhaft geſtritten, zu Boden geriſſen und in Verhaft genommen wurde. Sein gluͤcklicher Gefaͤhrte hatte ſich aus dem Staube gemacht, ſobald er ſah, daß das Schick⸗ ſal des Tages gegen ſie entſchelden würde. Cleveland's ſtolzes Herz, das ſelbſt bei ſeiner Verderbt⸗ heit noch immer eine gewiſſe urſpruͤngliche Grosartigkeit u +½ 28 E ☛ O S8S A X — 131 des Gefuͤhls behielt, wollte brechen, als er ſich bel dieſem wuͤrdigen Streite uͤbermannt ſah— als man ihn wie eluen Gefangenen in die Stadt ſchleppte und durch die Straßen mit ihm nach dem Rathhauſe eilte, wo die Magiſtrats⸗ perſonen des Fleckens zu Rathe ſaßen. Die Wahrſchein⸗ lichkeit der Einkerkerung, mit allen ihren Folgen, ſtand ihm jezt deutlich vor der Seele, und er verfluchte hundert Male ſeine Thorheit, nicht lieber die Schurkerei des Hauſirens mit Stillſchweigen uͤberſehen, als ſich in dieſen gefaͤhrlichen Handel verwickelt zu haben. In dem Augenblicke, wo man ſich dem Stadthauſe naͤherte, welches in der Mitte der kleinen Stadt liegt, er⸗ litt die ganze Lage der Dinge durch ein neues und ganz unerwartetes Ereigniß eine ploͤtzliche Veraͤnderung. Bunce, der durch ſeine ſchnelle Entfernung ſowohl ſich ſelbſt, als ſeinem Freunde einen Dienſt zu leiſten gedachte, eilte mit moͤglichſter Schuelligkeit nach dem Hafen, wo das Boot des Kapers lag, und rief den Quartiermeiſter und die Mannſchaft zu Cleveland's Beiſtande auf. Dieſe be⸗ traten jezt den Schauplatz, ein Haufe wilder Wagehaͤlſe, wie es ihrem Gewerbe zukam, mit Geſichtern, welche die Sonne der Wendekreiſe, unter deyen ſie Jenem nachgegan⸗ gen waren, tief gebraͤunt hatte. Sie warfen ſich auf ein⸗ mal in's Gedraͤnge, hieben mit ihren Queerhoͤlzern rechts und links um ſich her, bahnten ſich einen Weg zu Cleve⸗ and, befreieten dieſen ſchnell aus den Haͤnden der Polizei⸗ bedienten, welche auf einen ſo wuͤthenden und ſo ploͤtzlichen Angriff unvorbereitet waren, und tr ugen ihn im Triumph nach dem Kay, wobei zwei oder drei von den Seeleuten ſich von Zeit zu Zeit umke hrten, das Volk zuruͤckzudraͤn⸗ 13² gen, deſſen Verſuche, den Gefangenen wieder in ſeine Ge⸗ walt zu bekommen, indeß um ſo weniger nachdruͤcklich wa⸗ ren, als Jene meiſt auch Piſtole und Hauer bei ſich hat⸗ ten, außer den weniger toͤdtlichen Waffen, deren ſie ſich bis jezt allein bedient hatten. So kamen ſie gluͤcklich wieder zum Boote zuruͤck, Cle⸗ veland mit ihnen, dem die Umſtaͤnde keinen andern Zu⸗ fluchtsort darzubieten ſchienen; ſie ſtießen ſogleich vom Lande ab, ruderten nach dem Schiffe hin, und ſangen da⸗ bei ein altes Lied, von dem die Eingebornen von Kirkwall nur die erſte Strophe vernehmen konnten: So ſprach nun der Räuber Zum Schiffsvolke kühn, Die Flagge, die ſchwarze, Laßt auf ſie uns ziehn! Feu'r auf dem großen Mars, Feu'r auf dem Bug, Feu'r auf dem Unterdeck, So iſt Feu'r g'nug! Der wilde Chor ihrer Stimmen blieb noch lange hoͤrbar, nachdem man die Worte nicht mehr verſtehen konnte. Und ſo war der Pirat Cleveland abermals, beinahe unwillkuͤhr⸗ lich, wieder unter dieſe verzweifelten Genoſſen gerathen, von denen er ſich ſo oft loszumachen beſchloſſen hatte. * 13³3 Neuntes Kapitel. Die Aelternliebe, Freund, ſiegt über Weisheit, Und iſt der Zauber, der, wie Falkners Köder Vom Himmel wohl herab die kühnſten Geiſter lockt. So war's Miranda, die, als Proſpero Den Zaubermantel abgelegt, von ſeiner Schulter Ihn nahm. Altes Schauſpiel. Unſere herumwandernde Erzaͤhlung muß jezt wieder zu Mordaunt Mertoun zuruͤckkehren. Wir verließen ihn, in der gefaͤhrlichen Lage Jemandes, der eine ſchwere Wun⸗ de empfangen har, und finden ihn als Geneſenden wieder, zwar bleich und ſchwach, des Verluſtes und des Fiebers wegen, das die Verwundung begleitet hatte, aber noch in ſo fern gluͤcklich, daß die Waffe, welche von den Rippen abgeglitſcht war, keine edlen Theile getroffen hatte, und die Wunde nun beinahe geheilt war; ſo wirkſam waren die Kraͤuter und Salben geweſen, mit der die weiſe Norna von Fitful⸗Head ſie behandelt hatte. Die Matrone und der Leidende ſaßen jezt in einem Hauſe auf einem entfernten Eilande. Waͤhrend ſeiner Krankheit, und ehe er wieder vollkommenes Bewußtſeyn erlangt hatte, war er zunaͤchſt nach ihrer ſonderbaren Wohnung in der Naͤhe von Fitful⸗Head, und von da nach ihrem gegenwar⸗ tigen Aufenthaltsorte, durch eines der Fiſcherbvote, die bei Burgh⸗Weſtra lagen, gebracht worden. So groß war nämlich die Herrſchaft, welche Norna uͤber die aberglaͤubi⸗ ſche Geſinnung ihrer Landsleute ausuͤbte, daß es ihr nie an treulichen Vollſtreckern ihrer Befehle mangelte, von wel⸗ cher Art dieſe auch ſeyn mochten, und da dieſe gewoͤhnlich unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit gegeben wurden, ſo wunderten ſich die Leute gegenſeitig uͤber Be⸗ gebenheiten, welche durch ihre und ihrer Nachbarn Bei⸗ huͤlfe herbeigefuͤhrt worden waren, und worin, haͤtten ſie einander frei ſich mitgetheilt, nicht einmal ein Schatten von Wunderbarem zuruͤckgeblieben ſeyn wuͤrde. 134 Mordaunt ſaß bei dem Feuer in einem leidlich moͤblir⸗ ten Zimmer, und hatte ein Buch in der Hand, auf wel⸗ ches er, von Zeit zu Zeit, mit Merkmalen der Langeweile und der Ungeduld hinblickte, Gefuͤhle, die ſich ſeiner am Ende ſo ſehr bemeiſterten, daß er das Buch auf den Tiſch warf, ſeine Augen auf das Feuer heftete, und die Stel⸗ lung Jemandes annahm, der ſehr unangenehme Betrach⸗ tungen anſtellt. Norna, die ihm gegenuͤber ſaß, und mit der Miſchung irgend einer Arznei oder Salbe beſchaͤftigt zu ſeyn ſchien, verließ beſorglich ihren Sitz, naͤherte ſich Mordaunt, fuͤhlte ihm an den Puls und fragte ihn dabei auf das angelegent⸗ lichſte, ob er irgend einen Schmerz verſpuͤre, und wo der Sitz deſſelben ſey. Die Art, mit welcher Mordaunt auf dieſe wiederholten Fragen antwortete, ſchien, wenn ſie gleich ein Anerkenntniß ihres Wohlwollens gegen ihn ent⸗ bielt, dabei aber das Unbehagen, worauf Norna hindeu⸗ tete, geradeweges ablaͤugnete, der Seherin durchaus nicht zu gefallen. „Undankbarer Knabe!“ ſagte ſie,„fuͤr den ich ſo viel gethan habe, Du, den ich durch meine Macht und Erfah⸗ rung von den Pforten des Todes zuruͤckgebracht— biſt Du meiner bereits ſo uͤberdrüſſig, daß Du Dich nicht enthalten kannſt, mir verſtehen zu geben, wie gern Du, fern von mir, die erſten lichten Tage eines Lebens, das ich Dir wieder gegeben habe, zubringen moͤchteſt?“ Du thuſt mir Unrecht, meine guͤtige Erhalterinn, er⸗ wiederte Mordaunt: wenn Du glaubſt, daß ich Deiner Geſellſchaft uͤberdruͤſſig ſey, allein ich habe Pflichten, wel⸗ che mich zu meiner gewoͤhnlichen Lebensweiſe zuruͤckrufen. „Pflichten!“ wiederholte Norna:„und welche Pflich⸗ ten koͤnnen der Dankbarkeit, die Du mir ſchuldig biſt, vor⸗ gehen?— Pflichten! Deine Gedanken gehen auf weiter nichts hinaus, als wie Du Deine Flinte gebrauchen, oder zwiſchen den Felſen nach Seevögeln umherklettern willſt. Dieſen Anſtrengungen iſt Deine Starke jezt noch nicht ge⸗ 135 wachſen, und doch ſind dieß die Pflichten, zu denen Du ſo gern zuruͤckkehren moͤchteſt?“ dein, meine gute und wohlwollende Gebieterinn, ſagte Mordaunt:— doch, um eine Pflicht zu nennen, welche mir, unter mehreren andern, die Obliegenheit auferlegt, Dich zu verlaſſen, wirſt Du mir erlauben, die eines Soh⸗ nes gegen ſeinen Vater zu nennen. „Gegen Deinen Vater?“ ſagte Norna, mit einem Gelaͤchter, welches beinahe etwas Wahnſinniges an ſich hatte:„ol Du weißt nicht, wie wir, auf dieſen Inſeln, Pflichten der Art auf einmal abzuſtreifen wiſſen! Und, was Deinen Vater betrifft,“ fuͤgte ſie ruhiger hinzu: „was hat Er fuͤr Dich gethan, die Achtung und Pflichter⸗ gebenheit zu verdienen, von der Du ſprichſt? Iſt er es nicht, der Dich, wie Du mir ſchon vor laͤngerer Zeit er⸗ zaͤhlt haſt, ſo viele Jahre lang aͤrmlich unter Fremden ließ, ohne ſich nur ein einiges Mal zu erkundigen, ob Du lebteſt oder todt waͤreſt, und nur von Zeit zu Zeit Dir Unterſtuͤtzung ſandte, wie man einem Ausſaͤtzigen All⸗ moſen aus der Entfernung zuwirft. Und als er Dich, in ſpaͤtern Jahren, zum Gefaͤhrten ſeines Elends machte, war er nicht abwechſelnd Dein Zuchtmeiſter oder Dein Quaͤl⸗ geiſt, aber nie, Mordaunt, Dein Vater?“ Was Du da ſagſt, iſt nicht ganz unwahr, erwiederte Mordaunt: mein Vater iſt nicht zaͤrtlich, aber er iſt und war immer wirklich wohlwollend. Die Menſchen haben ihre Neigungen nicht in ihrer Gewalt, und es iſt die Pflicht eines Kindes, fuͤr die Wohlthaten, welche es empfaͤngt, dankbar zu ſeyn, ſelbſt wenn ſie mit Kaͤlte erwieſen wer⸗ den. Mein Vater hat mich auszubilden geſucht, und ich bin uͤberzeugt, er liebt mich; er iſt ungluͤcklich, und ſelbſt wenn er mich nicht liebte.. „Er liebt Dich auch nicht,“ ſagte Norna heftig: „er liebte nie Etwas, oder Jemanden, ſich ſelbſt ausge⸗ nommen. Er iſt ungluͤcklich, aber er verdient ſein Un⸗ gluͤck.— O Mordaunt, nur Einer von Deinen Aeltern, 7. nnt. Einer liebt Dich wie einen Tropfen ſeines Herz⸗ utes!“ Ich weiß, daß ich nur Einen habe— erwiederte Mordaunt— meine Mutter iſt ſchon laͤngſt todt: aber was Du da ſagſt, ſind Widerſpruͤche. „ Sie ſind es nicht— ſie ſind es nicht,“ ſagte Norna, in einer Aufwallung des tiefſten Gefühls: Du haſt nur einen von Deinen Aeltern— Deine ungluͤckliche Mutter iſt nicht todt— wollte Gott, ſie waͤre es! aber ſie iſt nicht todt. Deine Mutter iſt von Deinen Aeltern die ein⸗ zige, die Dich liebt, und ich— ich Mordaunt,“ ſagte ſie, udem ſie die Arme um ſeinen Hals ſchlang,„bin dieſe ungluͤckliche— und doch gluͤckliche Mutter!“— Sie umſchloß ihn bel dieſen Worten feſt und krampf⸗ haft, und Thraͤnen, vielleicht die erſten, welche ſie ſeit manchen Jahren vergoſſen, floſſen in Stroͤmen, waͤhrend ſie an ſeinem Halſe ſoluchzte. Erſtaunt uͤber das, was er hoͤrte, kuͤhlte und ſah,— von ihrer großen Bewegung mit erregt, aber ungewis, ob er dieſen Ausbruch der Leidenſchaft nicht dem Wahnſinn zuſchreiben ſolle, ſuchte Mordaunt vergebens, das Gemuͤth dieſes außerordentlichen Weſens zu beruhigen. „Sonderbares Kind!“ ſagte ſie:„wer anders, als eine Mutter, haͤtte ſo uͤber Dich wachen koͤnnen, wie ich es gethan habe? Von dem Augenblicke an, wo ich Deinen Vater ſah, und wo er nicht wußte, wer ihn beobachtete — etwas, was jezt lange her iſt— kannte ich ihn, und ſah Dich damals, ein zartes Kind, unter ſeiner Obhut, waͤhrend die Natur, die laut in meinem Buſen ſprach, mir es ſagte, daß Du Blut von meinem Blut, und Fleiſch von meinem Fleiſche ſeyeſt. Bedente, wie oft Du mich, zu Deinem Erſtaunen, wenn Du meiner am wenigſten ge⸗ genwaͤrtig warſt, an Deinen Vergnuͤgungsorten geſehen haſt; bedenke, wie oft mein Ange Dich auf der ſchwin⸗ delnden Anhoͤhe beobachtet, und mein Mund die Zauber⸗ ſpruͤche hergemurmelt hat, welche die boͤſen Geiſter baͤndt⸗ gen, die ſich dem Kletternden an den gefaͤhrlichſten Stel⸗ 137 len ſeines Pfades zeigen, und ihn noͤthigen, ſeinen Stuͤtz⸗ punkt loszulaſſen. Hing ich Dir nicht, zum Pfande Dei⸗ ner Sicherbeit, jene goldene Kette um, welche ein Elfen⸗ koͤnig dem Stifter unſeres Geſchlechts gab? Wuͤrde ich Dir dieſes theuere Geſchenk gemacht haben, wenn Du nicht der Sohn meines Herzens geweſen waͤreſt?— Mor⸗ daunt, meine Macht hat fuͤr Dich das gethan, wovor eine gewoͤhnliche ſterbliche Mutter ſchon bei dem Gedanken zu⸗ ruͤckſchaudern wuͤrde; ich habe die Meerjungfer um Mit⸗ ternacht beſchworen, daß Dein Boot auf dem Haaf gluͤck⸗ lich ſeyn moͤge, ich habe die Winde beſaͤnftigt, und die ſchlaffen Segel der Flotten haben unthaͤtig gegen die Ma⸗ ſten angeſchlagen, damit Du Deinem Vergnuͤgen in Si⸗ cherheit auf den Klippen nachgehen koͤnnteſt.“ Mordaunt, welcher ſah, daß ihre Rede leidenſchaft⸗ licher zu werden anfieng, ſuchte ſie durch eine Antwort zu beruhigen, die zugleich nachgiebig und darauf berechnet ſeyer antr, die ſteigende Hitze ihrer Einbildungskraft zu maͤßigen. Theuere Norna, ſagte er: ich habe mehr als eine uUrſache, Dich Mutter zu nennen, da Du mir ſo manche Wohlthaten erwieſen haſt, und Du ſollſt von mir Dich im⸗ mer der Liebe und der Pflichtergebenheit eines Kindes zu erfreuen haben. Allein die Kette, deren Du erwaͤhnteſt ſie iſt von meinem Halfe verſchwunden— ich habe ſieeicht geſehen, ſeitdem der Schaͤndliche mich nieder⸗ „Und kannſt Du in dieſem Augenblicke daran den⸗ ken?“ ſagte Norna mit dem Ausdruck der Betruͤbniß. „Doch, es mag ſeyn; wiſſe denn, daß ich ſie von Deinem Halſe nahm, und ſie der umhing, welche Dir am theuer⸗ ſten iſt, zum Zeichen, daß der Bund zwiſchen Euch— das einzige, was ich noch auf Erden zu wuͤnſchen habe— noch, jezt noch, geſchloſſen werden ſoll, ja, und wenn die Holle ſich dagegen auflehnen ſollte!“ Ach, ſagte Mordaunt, mit einem Seufzer: Du er⸗ innerſt mich an den Unterſchied unſerer Verhaͤltniſſe— ihr Vater iſt reich und von alter Geburt. „Nicht reicher, als der Erbe Norna's von Fitful⸗ Head ſeyn wird,“ antwortete die Seherinn: nicht von beſſerem oder kaͤlterem Blute, als das, welches in Dei⸗ nen Adern fließt, und von Deiner Mutter herſtammt, die ein Abkömmling derſelben Jarls und Seekoͤnige war, von denen Magnus ſeinen Urſprung herleitet. Oder glaubſt Du etwa, wie die pedantiſchen, einbilderiſchen Fremdlinge, welche ſich hier unter uns angeſiedelt haben, daß Dein Blut dadurch entehrt ſey, weil meine Verbindung mit Deinem Vater nicht die Weihe eines Prieſters em⸗ pfieng? Wiſſe, daß wir uns nach der alten Weiſe der Norweger vermaͤhlten— unſere Haͤnde legten wir im Kreiſe Odins zuſammen, mit ſo heiligen Schwuͤren ewiger Treue, daß ſelbſt die Geſetze jener raͤuberiſchen Schotten ſie einem Segen vor dem Altare gleichgeſetzt ha⸗ ben wuͤrden. Gegen den Sproͤßling einer ſolchen Verbin⸗ dung hat Magnus nichts einzuwenden. Ich war ſchwach — ich begieng, von meiner Seite, ein Verbrechen, aber dieß konnte keine Schande uͤber meinen Sohn bringen.“ Die ruhige, geſammelte Art, mit welcher Norna dieß alles auseinanderſetzte, fing, allmaͤhlich, bei Mor⸗ daunt den Glauben an das, was ſie ſagte, zu erregen an, und, in der That, fuͤgte ſie ſo manche Umſtaͤnde, die auf eine genügende und wohlbeſtehende Weiſe mit einan⸗ der in Verbindung ſtanden, hinzu, daß die Anſicht, als ſey ihre Erzählung gaͤnzlich eine Vorſpiegelung des Wahn⸗ ſinnes, der ſich zuweilen in ihren Reden und Handlungen zeigte, allmaͤhlig zu ſchwinden ſchien. Tauſend verworrene Gedanken traten vor ſeinem Gemuͤth zuſammen, wenn er tes ſich als moͤglich dachte, daß die Ungluͤckliche, welche jezt vor ihm ſtand, wirklich ein Recht haben ſollte, von ihm die Ehrfurcht und Liebe zu fordern, welche einer Mutter von einem Sohne gebuͤhrt. Er konnte dieſer Gefuͤhle nur da⸗ durch Herr werden, daß er ſeine Gedanken auf einen zwar 13⁰ verſchiedenen, aber nicht weniger ihn beſchaͤftigenden Ge⸗ genſtand richtete, und fuͤr jetzt nur beſchloß, zu weiterer Unterſuchung und reiflicher Ueberlegung Zeit zu gewinnen zu ſuchen, ehe er die Anſpruͤche verwuͤrfe oder einraͤumte, welche Norna an ſeine Liebe und Pflichtergebenheit machte. Auf jeden Fall war ſie indeß ſeine Wohlthaterin, und er konnte keinen Irrthum begehen, wenn er ihr, als einer folchen, die Ehrfurcht und Aufmerkſamkeit bewies, welche ein Sohn ſeiner Mutter ſchuldig iſt, und ſo durfte er Norna's Anforderungen genuͤgen, ohne mit ſich ſelbſt im Streit zu gerathen. und glaubt Ihr denn wirklich, Mutter,(weil ich Euch doch ſo nennen ſoll) ſagte Mordaunt, daß der ſtolze Mag⸗ nus Troil ſich durch irgend etwas dazu bewegen laſſen wird, den Unwilleu fahren zu laſſen, den er in der letzte⸗ ren Zeit gegen mich genaͤhrt hat, und mir es verſtatten wird, mich um ſeine Tochter Brenda zu bewerben? „Brenda?“ wiederholte Norna:„wer ſpricht von Brenda? Minna war es, von der ich mit Dir ſprach.“ Allein ich dachte an Brenda, ſagte Mordaunt: an die ich jetzt denke und immer denken werde. „Unmöglich, mein Sohn!“ erwiederte Norna:„Du kannſt doch nicht ſo herzensleer ſo geiſtesarm ſeyn, die fla⸗ che Fröhlichkeit und Hausfrauen Einfalt der jüngern Schwe⸗ ſter dem tiefen Gefühl und erhabenen Geiſte der hochſinnigen Minna vorzuziehen? Wer würde das niedrige Veilchen pflü⸗ cken wollen, wenn er nach der Roſe nur die Hand auszu⸗ ſirecken braucht?“ Viele hatten die demüthige Blume für die angenehmſte, erwiederte Mordaunt, und bei dem Glauben will ich leben und ſterben⸗ „Wage nicht, mir das zu ſagen,“ antwortete Norna ge⸗ bieteriſch, änderte aber ſogleich ihren Ton, und fuhr nun, liebevoll ſeine Hand ergreifend, fort:„Du mußt nicht— Du wirſt mir das nicht ſagen, mein Sohn, Du wirſt einer Mutter Herz nicht in dem erſten Augenblicke brechen wollen, wo ſie ihr Kind umarmte! Nein, antworte nicht, ſondern höre mich. Du mußt Minna heirathen: ich habe einen verhängnißvollen Zauber um ihren Hals geſchlungen, auf welchem Euer Beider Gluͤck beruht. Die Arbeiten meines Lebens haben, ſeit Jahren, dieſe Richtung gehabt. So muß es ſeyn, und nicht anders: Minna muß die Braut meines Sohnes werden!“ 1 Aber iſt Euch Brenda nicht eben ſo nah, eben ſo theu⸗ er? erwiederte Mordaunt. „Eben ſo nah verwandt durch das Blut, aber nicht zur Hälfte ſo nahe, ſo theuer, durch Neigung. Minna's mildes, doch hohes, betrachtendes Gemuth, macht ſie zu ei⸗ ner paſſenden Gefäͤhrten für Jemanden, deſſen Wege, wie die meinigen, über die gewöhnlichen Pfade dieſer Welt hin⸗ ausgehen. Brenda iſt ein Geſchöyf aus dem gemeinen, ge⸗ wöhnlichen Leben, eine eitle Lacherin und Spötterin, wel⸗ che gern die Kunſt auf dieſelbe Stufe wie die Unwiſſenheit ſetzen, und Macht zu Schwäche herabwurdigen möchte, in⸗ dem ſie Nichts glaubt und alles lächerlich macht, was über die Faſſungskraft ihres ſeichten Verſtandes hinausgeht.“ „Allerdings, ſagte Mordaunt: iſt ſie weder aberglaͤn⸗ biſch noch ſchwärmeriſch, und ich habe ſie deswegen nur um ſo lieber; bedenkt uͤberdieß, Mutter, daß ſie meine Liebe erwiedert, und daß Minna, wenn ſie Jemanden liebt, ihre Liebe dem Fremden Cleveland geſchenkt hat. „Sie thut es nicht— ſie darf es nicht,“ antwortete Norna,„noch darf er deswegen ihren Vater angehen. Ich erklärte ihm, als er zuerſt nach Burg⸗Weſtra kam, daß ich ſie Dir beſtimmte.“ „ und dieſer uͤberellten Erklärung, ſagte Mordaunt: danke ich dieſes Mannes unverſöhnliche Feindſchaft— mei⸗ ne Wunde und beinahe den Verluſt meines Lebens. Seht, Mutter, wohin Euere geheimen Ränke uns ſchon gebracht haben, und laßt ab von ihnen. „Es war, als ob dieſer Vorwurf Norng mit des Blitzes Schnelle und Kraft getroffen haͤtte, denn ſie ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirn, und ſchien von ihrem Sitze her⸗ abſinken zu wollen. Mordaunt, auf das aͤußerſte erſchro⸗ cken, eilte, ſie in ſeine Arme aufzufangen, und ſuchte, ob er 141 gleich kaum wußte, was er ſagen ſollte, einige unzuſam⸗ menhängende Reden hervorzubringen 1 „Habe Erbarmen, Himmel, hab' Erbarmen!“ waren die erſten Worte, die ſie ſagte:„laß ihn nicht zum Raͤcher meiner Verbrechen werden! Ja, junger Mann,“ ſagte ſie, nach einer Pauſe:„Du haſt etwas ausgeſprochen, was ich ſelbſt nicht zu ſagen wagte, Du haſt mir die Ueberzeugung von dem aufgedrungen, was, wenn es die Wahrheit iſt, ich nicht glauben und noch laͤnger leben darf!“. Vergebens ſuchte Mordaunt durch die Verſicherung, daß er nicht wiſſe, wodurch er ſie beleidigt oder gekränkt habe, und wie leid es ihm ſey, ohne Abſicht eines oder das andere gethan zu haben, ihren Gedanken eine andere Rich⸗ inu zu geben. Sie fuhr, mit zitternder Stimme heftig ort: „Ja! Du haſt den dunkeln Verdacht aufgeregt, der das Bewußtſeyn meiner Macht vergiftet— das Einzige, was mir zum Erſatz fuͤr Unſchuld und Seelenfrieden wird! Deine Stimme vereint ſich mit der des Daͤmons, welcher ſelbſt in dem Augenblicke, wo mich die Elemente als ihre Gebieterin anerkennen, mir zuflüſtert: Norna, dieß iſt nur Däuſchung — Deine Macht beruht nur auf dem Wahnglauben der Unwiſſenden, der durch tauſend kleine Künſte von Dir ge⸗ nährt wird. Das iſt es, was Brenda ſagt, das iſt es, was Du ſagen wollteſt, und wie falſch, wie ſchändlich falſch es auch iſt, ſo giebt es doch empöreriſche Gedanken in dieſem meinen aufgeregten Gehirn(hier beruͤhrte ſie ihre Stirn mit dem Zeigefinger,) welche, wie ein Aufruhr in einem mit Krieg uͤberzogenen Lande, aufſtehen und mit gegen ihren bedraͤngten Beherrſcher die Waffen ergreifen. Habe Erbarmen, mein Sohn!“ fuhr ſie mit flehendem Tone fort, habe Erbarmen! die Herrſchaft, deren Deine Wor⸗ te mich berauben wollen, iſt kein beneidenswerthes Loos. Wenige wuͤrden darnach ſtreben, wie ich, uͤber murrende Geiſter, heulende Winde und wuͤthende Gewaͤſſer zu ge⸗ bieten. Mein Thron iſt eine Wolke, mein Sceyter eine Lufterſcheinung, mein Reich nur mit Geſchoͤpfen der Ein⸗ bildungskraft beyoͤlkert, aber ich muß entweder aufhoͤren * — zu leben, oder noch laͤnger das maͤchtigſte, wie das elende⸗ ſte der Geſchoͤpfe bleiben?“ Sprich nicht dieſe traurigen Worte, meine theuere und ungluͤckliche Wohlthaͤterin, ſagte Mordaunt tief er⸗ griffen: ich will von Deiner Macht glauben, was Du willſt. Aber ſieh, Deiner ſelbſt willen, die Sache aus ei⸗ nem andern Geſichtspunkte an. Wende Deine Gedanken von ſolchen aufregenden, und geheimnißvollen Studien— von ſo wilden Gegenſtaͤnden der Betrachtung, auf einen andern beſſern Weg. Das Lehen wird ſeinen Reiz wieder kär, Dich erhalten und die Religion Dir ihren Troſt ge⸗ waͤhren. Sie hoͤrte ihm mit ziemlicher Faſſung zu, als ob ſie ſeinen Rath erwaͤge, und ſich danach richten wolle, ſchuͤt⸗ telte aber, als er geendet hatte, den Kopf, und rief aus: Das iſt nicht moͤglich. Ich muß die Gefuͤrchtete— die Geheimnißvolle, die Reimkennar, die Beherrſcherin der Elemente bleiben, oder aufhoͤren zu ſeyn. Ich habe keine Wahl, keinen Mittelwec. Meine Stelle muß dort oben auf jenem hohen Vorgebirge ſeyn, wo außer dem mefnigen nie der Fuß eines Lebenden ſtand, oder ich muß auf dem Grunde des unermeßlichen Meeres ruhn und ſei⸗ ne weißen Wellen uͤber meinen unnutzen Leib dahinbrau⸗ ſen. Die Vatermoͤrderin ſoll nimmer auch als Betruͤgerin kund werden. Die Vatermoͤrderin! wiederholte Mordaunt, und trat vor Schrecken zuruͤck. „Ja! mein Sohn,“ antwortete Norna mit ernſter Faſſung, welche noch furchtbarer als ihre vorige Heftigkeit erſchien:„in dieſen verhaͤngnißvollen Mauern fand mein Vater durch mich ſeinen Tod. In jenem Gemach fand man ihn, einen bleifarbigen, entſeelten Leichnam. Huͤte Dü vor kindlichetn Ungehorſam, denn dies ſind ſeine Fruͤchte.“ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf, und verließ das Zimmer, in welchem Mordaunt allein zuruͤckhlieb, und jetzt mit Muße uͤber die ungewoͤhnliche Mittheilung nach⸗ ⸗ 143³ denken konnte, die ihm ſo eben gemacht worden war. Er ſelbſt war von ſeinem Vater in dem Unglauben an die gewoͤhnlichen ſhetlaͤndiſchen Volks⸗Vorurtheile erzogen worden und ſah jetzt, daß Norna, ſo ddgeſchickt ſie auch Andere zu kaͤuſchen wußte, doch ſich ſelbſt nicht ganz hin⸗ tergehen konnte. Dieß war ein ſtarker Beweiß fuͤr die Geſundheit ihres Verſtandes; auf der andern Seite ſchien indeß der Umſtand, daß ſie ſich der Schuld des Vater⸗ mordes anklaate, ſo uͤberſpannt und unwahrſcheinlich, daß, nach Mordaunts Anſicht, dadurch ein großer Zweifel uͤber die Wahryeit ihrer uͤbrigen Behauptungen entſtehen mußte. Er hatte Muße genug, uͤber dieſe Einzeluheiten mit ſich in das Klare zu kommen, denn Niemand naͤher⸗ te ſich dem einſamen Gebaͤude, deſſen Bewohner nur aus Norna, ihrem Zwerge und ihm ſelbſt beſtanden. Die Inſel, auf welcher es lag, iſt rarh, ſchroff und hoch, oder beſteht vielmehr ganz aus drei Huͤgeln, naͤmlich ei⸗ nem großen Berge, welcher drei Spitzen hat, mit einer Menge von Kluften, Spalten und Thaͤlern dazwiſchen, die von ſeinem Gipfel in die See hinabgehen. Dieſes Berges Kamm, der ſich ſehr hoch erhebt und in beinah unerſteigliche Felſen zerſplittert iſt, ſammelt die Nebel um ſich, wenn ſie von dem atlantiſchen Meere herkom⸗ men, und gewaͤhrt, oft dem menſchlichen Auge unſicht⸗ bar, einen dunkeln und ruhigen Zufluchtsort fuͤr die Fal⸗ ken, Adler und andere Raubvogel. Die Inſel hat einen feuchten, mooſigen, kalten und unfruchtbaren Boden, und uͤberhaupt ein duͤrres, oͤdes Anſehen, ausgenommen da, wo die Ufer der kleinen Gießbaͤche, oder die Bergſchluchten, mit Zwerggebuͤſch von Birken, Haſelnuß und wilden Johannisbeeren beſetzt ſind, von denen einige beinahe eine ſolche Hoͤhe erreicht haben, daß ſie in dieſem kalten nackten Lande den Na⸗ men Baͤum e verdienen koͤnnten. Die Ausſichten vom Meeresufer, welches Mordaunts Lieblingsſpaziergang geworden war, als ſeine wiederherge⸗ ſtellte Geſundheit ihm koͤrperliche Bewegung verſtattete, hatte Reize, welche fuͤr das wilde Anſehen des Innern entſchaͤdigten. eine Meerenge, trennt dieſe einſame, gebirgige Inſel von Pomong, und in der Mitte dieſes Sundes liegt wie eine von Smaragden zuſammengeſetzte Tafel, das ſchoͤne gruͤne Eiland Gramſay. Auf dem fernen Feſtlande er⸗ blickt, man die Stadt oder das Dorf Stromneß, mit ei⸗ Ein breiter und ſchoͤner Meerbuſen, oder nem Hafen, fuͤr deſſen Vortrefflichkeit, die bedeutende Anzahl von Schiffen zeugt, welche beſtaͤndig auf der Rhede liegen. Die Bucht wird weiterhin enger, und zleht ſich endlich, ſich immer mehr verengend, in das Innere von Pomonas hinein, wo ihr Waſſer die ſchoͤne Iabe bildet, welche man den See von Stennis nennt.. An jenem Ufer pflegte Mordaunt ſtundenlang zu wan⸗ deln, und zwar nicht ohne Empfaͤnglichkeit fuͤr die Schoͤn⸗ heit der Ausſicht, wenn gleich ſeine Gedanken mit den guzlendſten Betrachtungen uͤber ſeine gegenwaͤrtige Lage beſchaͤftiagt waren. Er war entſchloſſen, die Inſel ſo bald zu verlaſſen, als die Herſtellung ſeiner Geſundheit ihm zu reiſen verſtatten wuͤrde. Seine Dankbarkeit gegen Norna, als deren, wenn auch nicht wirklichen, doch an⸗ genommenen Sohn er ſich betrachtete, geſtattete ihm in⸗ deß nicht, dieß zu thun, ohne ihre Erlaubniß dazu zu haben, ſelbſt wenn er die Mittel zum Fortkommen ge⸗ habt haͤtte, wozn er jedoch nicht viel Wahrſcheinlichkeit ſah.— Nur durch unablaͤſſiges Dringen konnte er, am Ende, von ſeiner Wirthin das Verſprechen erhalten, daß, wenn er ſich dazu bequemen wolle, nach ihrer Weiſung ſeine Schritte einzurichten, ſie ihn ſelbſt nach der Haupt⸗ ſtadt der Orkney⸗Inſeln hinuͤberbringen werde, wenn der herannahende ⸗ Markt dort gehalten werden wuͤrde.“ b