nnnannnanara r rrararranananhan. Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein veutſches Buch 1 Kr. 5„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: enannnannnagnännnnananagagagngag für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 4———— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. „ e,. 1„ 30„ 1„ 12 145 , 1„„.—„ 36— 27—, 18 „„„ Hnaunanafngnnnnnnnnnsagngugugane uanar an EErTRRAranhnanhnannhr anaTararanaranaranhnhc. Walter Scott's ſaͤmmtliche e r Neu uͤberſetzt. 4 Hundert und zwoͤlfter Band. Dritter Theil. Stuttgart, dei Gebruͤder Franchh. 1 32 8. D er Pirat. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Nichts an ihm— Das nicht zu Meer ſich wandelt. Shakespeare’s Sturm. Duikber Theil. Srurtgart, bei Gebruͤder Franick h. 1 8 2 8. Dder Pira t. Erſtes Kapitel. Und Holter Polter bin ich hergeritten⸗ Nachrichten bring ich mit, und Freud und Heil und goldene Zeit und nichts als Glück und Wonne. Die alte Piſtole. 3 Fortuna, die zuweilen ein Gewiſſen zu haben ſcheint⸗ war dem gaſtfreien Udaller eine Genugthuung ſchuldig, und ſchickte deswegen, um Burgh⸗Weſtra fuͤr die getaͤuſchte Erwartung von dem verungluͤckten Wallfiſchfange zu ent⸗ ſchaͤdigen, am Abend des Tages, an welchem ſich dieſe Be⸗ gebenheit zutrug, niemand Geringeres als den Jagaer, oder reiſenden Kaufmann, wie er ſich nannte, Bryce Snails⸗ foot, der mit großem Gepraͤnge ankam: er ſelbſt auf ei⸗ nem Klepper, und ſein, beinahe zu dem Doppelten des gewoͤhnlichen umfanges angewachſener Pack auf dem an⸗ dern, der von einem baarfuͤßigen Jungen mit bloßem Kopf gefuͤhrt wurde. Da Bryce ſich als den Ueberbringer wichtiger Neulg⸗ keiten ankuͤndigte, ſo wurde er in das Eßzimmer gefuͤhrt, W. Stott's Werke. CXII. 1 6 wo er(da jene Vorzeit keinen Unterſchied des Ranges machte) ſich niederſetzen mußte, und an einem Seitentiſch mit Speiſe und gutem Trank reichlich verſehen wurde. Magnus aufmerkſame Gaſtfreiheit ließ es nicht zu, daß ihm irgend eine Frage vorgelegt wurde, bis er nicht ſeinen Hunger und Durſt geſtillt hatte, worauf er mit der Wich⸗ tigkeit, welche weite Reiſen geben, erzaͤhlte: daß er geſtern aus Kirkwall, der Hauptſtadt von Orkney, in Lerwick angekommen ſey, und ſchon geſtern hier geweſen ſeyn wuͤr⸗ de, haͤtte es nicht auf der Hoͤhe von Fitful⸗Head ſo heftig geweht. „Wir hatten keinen Wind hier,“ ſagte Magnus. „Dann iſt alſo jemand wach geweſen,“ ſagte der Hauſirer: „und ihr Name faͤngt mit einem N an, aber der Himmel wacht über alles?“ „Laßt uns lieber die Neufgkeiten von Orkney hoͤren, Bryce, ſtatt ſo viel Weſens um eine Hand voll Wind zu machen.“ 5 „Neuigkeiten,“ erwiederte Bryce:„wie man ſie ſeit dreißig Jahren nicht gehoͤrt hat, nicht ſeit Cromwells Zelten.“ 4 „Es iſt doch wohl nicht wieder eine Revolution im Werke?“ ſaate Halcro:„Koͤnig Jakob iſt doch wohl nicht zuruͤckgekommen, wie Koͤnig Karl damals?“ „Neutgkeiten ſind es,“ ſagte der Hauſirer:„die zwanzig Koͤnige, und Koͤnigreiche dazu, werth ſind: deun was fuͤr Gutes haben uns denn die Revolutionen geſtiftet? Und ich glaube, wir haben ihrer ein Dutzend gehabt, große und kleine. „Sind Indienfahrer von Norden herumgekommen? fagte Magnus Troil. 7 „Ihr ſchießt naͤher ans Ziel, Vogt,“ ſagte der Jag⸗ ger: aber es iſt kein Indienfabrer, ſoudern ein tuͤchtiges, bewaffnetes Schiff, bis an den Rand voll von Waaren, die die Leute ſo wohlfeilen Kaufs losſchlagen, daß ein ordent⸗ licher Mann, wie ich, das Beſte verkaufen kann, das je im Lande geſehen worden iſt, und das werdet Ihr mir gewiß zugeſtehen, wenn ich den Pack da oͤffne; denn ich hoffe, ihn etwas leichter wieder zurück zu nehmen, als ich ihn herge⸗ bracht habe.“ „Nun, nun Bryce,“ ſagte der Udaller:„Du mußt einen guten Handel gemacht haben, wenn Du wohlfeil ver⸗ kaufſt— aber was fuͤr ein Schiff war es denn?“ „Ich kann es wirklich nicht ſagen— ich habe Nieman⸗ den, als den Capitain geſprochen, der ein ſehr verſtändiger Mann war; aber es muß wohl auf dem ſpaniſchen Mee⸗ re geweſen ſeyn, denn es hat Selde und Atlas an Bord, und Taback und Wein, und keinen Mangel an Zucker, und tüchtige Saͤcke voll Silber und Gold und einen ſchoͤnen Hau⸗ fen Goldſtaub noch obenein.“ „Wie ſah denn das Schiff aus? fragte Cleveland, der mit vieler Aufmerkſamkeit zuzuhören ſchien. „Ein ſtark Schiff,“ ſagte der reiſende Kaufmann: „aufgetakelt wie ein Schooner, ſegt wie ein Delphin, wie ſie ſagen, fuͤhrt zwolf Kanonen, und iſt auf zwanzig ge⸗ bohrt.“ „Hoͤrtet Ihr des Capitalns Namen?“ ſagte Cleve⸗ land, mit leiſerer Stimme als gewoͤhnlich. „Ich naunte ihn immer den Capitain,“ erwiederte Bryce Snailsfoot:„denn ich habe es mir zur Regel ge⸗ macht, nie diejenigen zu fragen, mit denen ich handle; 1. 8 denn es giebt mit Eurer Erlaubniß, Capitain Cleveland, manchen ehrlichen Capitain, der ſeinen Namen nicht gern neben ſeinem Titel bekannt werden laͤßt, und wenn wir nur wiſſen, was fuͤr einen Handel wir machen, ſo liegt wenig daran, mit wem es geſchieht.“ „Bryce Snailsfoot iſt ein vorſichtiger Mann,“ ſagte der Udaller lachend:„er weiß, daß ein Narr mehr fragen kann, als ein kluger Mann beantworten mag.“ „Ich habe in meinem Leben mit den ordentlichen Han⸗ delsleuten zu thun gehabt, und weiß, daß es zu nichts Nutz iſt, wenn man in jedem Augenblicke mit jemandes Namen herausplatzt, aber ich will dreiſt behaupten, daß dieſer Mann ein tuͤchtiger Befehlshaber iſt— und ein freigebiger dazu, denn alle Leute von ſeiner Mannſchaft ſind beinahe ſo gut gekleidet, als er— ſelbſt die Matro⸗ ſen beim Vormaſt haben ſeidene Schaͤrpen an: ich habe manche Dame eine viel ſchlechtere tragen und ſich dabei nichts Geringes duͤnken ſehen— und woes ſilberne Knoͤpfe, Schnallen und dergleichen Eitelkeiten betrifft, ſo iſt deren gar kein Ende.“. „Dummkoͤpfe!“ brummte Cleveland zwiſchen den Zaͤh⸗ nen, und fuͤgte dann hinzu:„ſie kommen wohl oft ans Land, um ſich den Maͤdchen in Kirkwall in ihrem Staat zu zeigen?“ „Niemals: der Capitain laͤßt ſie ſelten an's Land ge⸗ hen, ohne den Boots mann mitgehen zu laſſen— ein ſo rauher Pechlappen, wie nur je einer ein Verdeck geſcheu⸗ ert hat, und Ihr koͤnnt eben ſo leicht eine Katze ohne Krallen, als ihn ohne ſeinen Pallaſch und ſeine zwei Paar Piſtolen finden: Jedermann hat vor ihm ſo große Furcht, als vor dem Befehlshaber ſelbſt.“ 9 „Das muß Hawkins oder der Teufel ſeyn,“ fagte Cleveland. „Nun, Capitain,“ erwiederte der Jagger;„ſey es nun der Eine oder der Andere, oder etwas von Beiden, ſo bedenkt, daß Ihr ihn ſo genannt habt, nicht ich.“ „Aber, Capitain Cleveland,“ ſagte der Udaller:„das kann Euer zweites Schiff ſeyn?““ „Da muͤßten ſie ſehr gutes Gluͤck gehabt haben, daß es jetzt beſſer mit ihnen beſtellt iſt, als da ich ſie verließ. Sprachen ſie davon, daß ſie ihr anderes Schiff verloren haͤtten, Hauſirer?“ „Allerdings,“ ſagte Byce:„das heißt, ſie ſagten et⸗ was von einem Gefaͤhrten, der auf dieſem Meere zu Da⸗ vie Johnes gegangen waͤre.“ „Und erzaͤhltet Ihr ihnen, was Ihr davon wußtet 2 „Wer, zum Teufel, waͤre ſolch ein Narr geweſen, ſag⸗ te der Hauſirer:„daß er ihnen das geſagt haͤtte? Haͤt⸗ ten ſie erfahren, was aus dem Schiffe geworden waͤre, ſo waͤre ihre naͤchſte Frage die nach der Ladung geweſen, und Ihr werdet doch nicht wollen, daß ich uns ein bewaffnetes Schiff hier an die Kuͤſte herztehen ſoll, um die armen Leute hier um ein paar elende Lumpen zu plagen, die die See ans Ufer geworfen hat?“ „Das nicht gerechnet, was man in Deinem eigenen Pack gefunden haben duͤrfte, Du Schuft!“— fagte Mag⸗ nus Troil, eine Bemerkung, die ein lautes Gelaͤchter er⸗ regte. Der Udaller ſtimmte in die Froͤhlicheit ein, die ſein eigner Scherz erweckt hatte, nahm indeß bald wieder ſeine ernſte Miene an, und ſagte mit ungewoͤbnlich gemeſ⸗ ſenem Tone:„Ihr moͤgt wohl lachen, meine Freunde, al⸗ lein dieß iſt eine Sache, welche ſowohl Fluch als Schande 10 uͤber unſer Land bringt, und ehe wir nicht die Rechte der⸗ jenigen zu achten lernen werden, welche durch Wind und Wetter Verluſt erleiden, werden wir immer verdienen, von den Fremden, die uns beherrſchen, bedruͤkt und ge⸗ qualt zu werden, wie dieß bis jetzt der Fall geweſen, und noch iſt.“ Die Umſtehenden hingen bei dieſem Verweiſe Magnus Troils die Koͤpfe. Vielleicht rührte Einige von ihnen, ſelbſt von der beſſeren Klaſſe, das eigene Gewiſſen, und Alle fuͤhlten ſehr wohl, daß die Begierde nach Pluͤnderung, bei den Naͤchtern und Untergebenen nicht immer mit ge⸗ hoͤrigem Nachdruck in Schranken gehalten werde. Cleve⸗ land antwortete indeſſen ganz luſtig:„Sind dieſe ehrli⸗ chen Kerle wirklich meine Kameraden, ſo ſtehe ich dafuͤr, daß keiner von ihnen das Land um ein Paar Kiſten, Haͤn⸗ gematten und ſolches Zeug, das die Stroͤmung aus meiner armen Schalupve herausgeſpuͤlt haben mag, nur im Geringſten in Unruhe ſetzen wird. Was verſchlaͤgt es ih⸗ nen, ob der Bettel ietzt in Bryce Snallsfoot's Haͤnden, oder im Meeresgrunde liegt, oder zum Teufel gegangen iſt?— Schnalle alſo Deinen Pack auf, Bryce, und zeige den Damen, was Du mitgebracht haſt, vielleicht findet ſich eines oder das andere darunter, das ihnen gefallt.“ 4„Es kann nicht das zweite Schiff ſeyn,“ fluͤſterte Brenda ihrer Schweſter zu:„er häaͤtte ſonſt mehr Freude uͤber ſein Wiedererſcheinen zeigen muͤſfen.“ „Es muß es ſeyn,“ antwortete Minna:„ich ſah ſein Auge bei dem Gedanken blitzen, jetzt mit ſelnen Ge⸗ faͤhrten in Gefahren wieder zuſammen zu treffen.“ „Vielelcht blitzte es,“ ſagte ihre Schweſter noch im⸗ mer bei Seite,„bei dem Gedanken Shetland zu verlaſ⸗ 11 ſen; es iſt ſehr ſchwer, die Gedanken des Herzens im Au⸗ ge zu leſen. „So urtheile wenigſtens nicht unfreundlich von den Gedanken eines Freundes,“ ſagte Minna:„und, Bren⸗ da, wenn Du Dich irrſt, ſo trifft Dich der Irrthum nicht.“ Waͤhrend dieſes Zwieſprachs war Bryce eifrig damit be⸗ ſchaͤftigt geweſen, die ſorgfaͤltige angeordnete Umhuͤllung ſeines Packes loszuwickeln, welche aus ſechs wohlgemeſſenen Yards gegerbten Seehundsfellen beſtand, die durch alle mögliche Arten von Knoten und Schnallen befeſtigt und verbunden war. Indeſſen wurde er bei dieſer Beſchaͤfti⸗ gung ſehr oft durch die Frage des Udallers und Anderer unterbrochen, welche etwas Genaueres uͤber das fremde Schiff zu wiſſen wuͤnſchten. Waren die Offiziere oft am Lande? und wie wurden ſie von den Leuten in Kirkwall gufgenommen?“ fragte Magnus Troll. „Außerordentlich gut,“ antwortete Bryce Snailsfoot: „und der Caͤpitain und einer oder zwei ſeiner Leute wa⸗ ren bei den Weltlichkeiten und Tanzluſtbarkeiten, welche in der Stadt gehalten wurden; allein es war da von Zoll —— oder Abgaben an den Koͤnig— oder ſo etwas⸗ ie Rede, und einige von den angeſeheneren Leuten, die ſich der Sache als obrigkeitliche Perſonen oder dergleichen an⸗ nahmen, wechſelten einige Worte mit dem Capitain, und er weinerte ſich, ihnen gerecht zu werden, und dann moch⸗ ten ſie ihn wohl ſo etwas kaͤlter behandeln, und er ſprach davon, das Schiff nach Stronmeß oder nach der Langhope herumzubringen, denn es hatte bisher unter den Kanonen von Kirkwall gelegen. Indeſſen glaube ich immer, es wird 12² wohl, deſſen ungeachtet, in Kirkwall bleiben, bis der Som⸗ mermarkt voruͤber iſt.“ „Die Leute von den Orkney⸗Inſeln,“ ſagte Magnus, „können es immer nicht erwarten, bis ſie das ſchottiſche Halsband ſchaͤrfer um ihre eigenen Haͤlſe angezogen ha⸗ ben. Iſt es nicht genug, daß wir Scat und Wattle be⸗ zahlen, welches alle die oͤffentlichen Abnaben ſind, die wir unter unſerer alten norwegiſchen Regierung bezahlten, und muß man uns nun auch noch mir Zoll und Abgaben an den Koͤnig kommen? Es iſt eines ehrlichen Mannes Pflicht und Schuldigkeit, ſich gegen dieſe Sachen zu ſtemmen⸗ Das habe ich mein ganzes Leben hindurch gethan, und da⸗ bei will ich bis an mein Ende bleiben.“ Bei dieſer Aeußerung erhoben ſich lauter Jubel und ſchallende Beifallsbezeugungen unter den Gaͤſten. Dieſe waren(oder wenigſtens mehrere von ihnen) mit Magnus Troil's freiſinnigen Anſichten in Betreff der Abgaben, wie dieß bei Leuten, die an einem ſo abaeſchiedenen Orte leb⸗ ten und manchen außerordeutlichen Bedruͤckungen ausgeſetzt waren, ſehr natuͤrlich ſchien, ungleich mehr als in der Haͤr⸗ te ſeines Urtheils uͤber die geſtrandeten Guter einverſtan⸗ den. Minna's Unerfahrenheit ließ ſie indeß noch vfel wei⸗ ter gehen, als ihren Vater, indem ſie Brenda zufluͤſterte, ſo daß Cleveland es hoͤrte, daß der geduldige Sinn der Arkadier die Gelegenheit habe ungennuͤtzt voruͤbergehen laſſen, welce die neueren Ereigniſſe ihnen dargeboten, bie Inſeln von dem ſchottiſchen Joche zu befreien. 4„Und warum,“ ſagte ſie:„ſollten wir nicht, bei den vielen Veraͤnderungen, welche die neueren Zeiten hervor⸗ gebracht, die Gelegenheit haben ergreiſen koͤnnen, eine Verbindung zu brechen, welche durchaus nicht auf irgend 13 eine Unterthanspflicht gegruͤndet iſt, um unter den Schutz Daͤnemarks, unſers Mutterlandes, zuruͤckzukehren? Und warum ſollten wir denn nicht noch jetzt das thun können, wenn auch die hoͤheren Staͤnde auf Orkney ſich ſo in Fa⸗ milien⸗Verbindungen und Freundſchaft mit unſern Unter⸗ druͤckern eingelaſſen haben, daß ſie gegen den Pulsſchlag des heldenmuͤthigen norwegiſchen Bluts, das ſie von ihren Anherrn erbten, fuͤhllos geworden ſind. Der letzte Theil dieſer patriotiſchen Rede gelangte zufaͤllig zu den erſtaunten Ohren unſeres Freundes Triptolemus, der, bei ſeiner aufrichtigen Anhaͤnglichkeit an die proteſtantiſche Erbfolge, und bei der Ueberzeugung von der Rechtmaͤßig⸗ keit der Revolution, ſich folgendes Ausrufs nicht enthalten konnte:„Wie die Alten ſungen, zwitſcherten die Jungen. Es iſt doch ein gluͤckliches Land, wo der Vater ſich gegen die von der Regierung auferlegten Abgaben, und die Toch⸗ ter gegen die Königliche Regierung ſelbſt auflehnt! Das kann doch nach meiner Meinung nur mit Baum und Strick enden.“ „Baͤume ſind hier zu Lande ſelten,“ ſagte Magnus: „und was die Stricke betrifft, ſo brauchen wir ſie zu un⸗ ſerer Tackelage und koͤnnen ſie nicht zu Hemdkragen her⸗ zeben.“ 1 „Und wer uͤberhaupt,“ ſagte der Capitain,„an dem⸗ was die ſe junge Dame geſagt hat, Anſtoß nimmt, thaͤte beſſer, ſeine Ohren und Zunge zu etwas weniger gefaͤhrli⸗ chem, als zu einem ſolchen Abentheuer zu brauchen. „Ja, ja,“ ſagte Triptolemus,„es frommt der Sa⸗ che ſehr wenig, Wahrheiten zu ſagen, welche einem ſtolzen Geiſte ſo wenig behagen, als naſſer Klee dem Magen ei⸗ ner Auh, in einem Lande, wo die Burſche gleich bereit 14 ſind, das Meſſer zu ziehen, wenn ein Maͤdchen nur ſcheel ſteht. Aber welche Sitten laſſen ſich auch da erwarten, wo die Leute eine Pflugſchaar' eine Markal nennen?“ „Hoͤrt einmal, Meiſter Yellowley,“ ſagte der Capitain laͤchelnd:„ich hoffe, meine Sitten gehoͤren nicht zu den Mißbraͤuchen, die Ihr abzuſtellen hieher gekommen ſeyd, denn die Verſuche dagegen duͤrften gefaͤhrlich ſeyn.“ „Eben ſo gefaͤhrlich, als vergeblich,“ antwortete Trip⸗ tolemus trocken:„fuͤrchtet indeſſen nichts von meinen Er⸗ innerungen. Meine Bemuͤhungen gehen nur auf die Leute und Sachen hin, welche der Erde, nicht aber auf die, wel⸗ che dem Meere angehoͤren— Ihr gehoͤrt nicht zu meinem Element.“ „So laßt uns Freunde ſeyn, Ihr alter Schollenſamm⸗ ler,“ ſagte der Capitain. „Schollenſammler!“ ſagte der Landwirth, ſich der Stu⸗ dien aus ſeinen fruͤheren Jahren erinnernd: Schollenſamm⸗ ler pro Wolkenſammler, εαεννεα Zeνς, graecum est — auf welcher Reiſe kamt Ihr zu der Redensart?“ „Ich habe in meinem Leben ſowohl Buͤcher als Meere durchlaufen,“ ſagte der Capitain: aber meine letzten Rei⸗ ſen ſind von der Art geweſen, mich meine fruͤheren Kreuz⸗ zuͤge durch das Gebiet der klaſſiſchen Gelehrſamkeit ganz vergeſſen zu machen. Aber Du, Bryce, komm her, haſt Du endlich die Riemen losgemacht? Kommt nun Alle her, und laßt uns ſehen, ob er irgend etwas bei ſich hat, das der Muͤhe lohnt, es anzuſehen.“ Mit einem ſtolzen und zugleich verſchmitzten Laͤcheln enthuͤllte der verſchlagene Hauſirer eine Sammlung von Waaren, welche diejenigen an Werth weit übertrafen, mit denen ſonſt ſeine Paͤcke gefuͤllt waren, und vorzuͤglich einige 15 Stoffe und Stickereien, von ſolcher Schoͤnheit und ſo auf⸗ fallend, mit Franzen beſetzt oder gebluͤmt, und mit ſolcher Kunſt und Pracht gearbeitet, in fremder Art und nach Ara⸗ besken⸗Muſtern, daß ihr Anblick wohl eine vornehmere Geſellſchaft, als das einfache Geſchlecht der Bewohner von Thule, geblendet haten koͤnnte. Alle betrachteten und be⸗ wunderten, waͤdrend Jungfrau Yellowley ihre Haͤnde em⸗ porhob und betheuerte, daß es eine Suͤnde ſey, nur auf ſolche Koſtbarkeiten hinzuſehen, und aͤrger als Mord, nach dem Preiſe derſelben zu fragen. Andere hatten indeſſen mehr Muth. Die Preiſe, wel⸗ che der Kaufmann machte, waren— wenn er auch nicht ge⸗ rade, wie er ſelbſt ſagte, die Waaren fuͤr gar nichts hin⸗ gab— doch ſo maͤßig, daß man ſehen konnte, er müſſe ſie ſelbſt ſehr gut eingekauft haben. Die Wohlfelheit der Sachen machte, daß ſie ſich ſchmell verkauften, denn au Shetland kaufen, wie uͤberall, die verſtaͤndigen Leute mehr in der klugen Abſicht, einen guten Handel zu machen, als weil ſie die Sachen wirklich noͤthig haben. Lady Glourou⸗ rum kaufte, aus dieſem Grunde, allein ſieben Roͤcke und zwoͤlf Bruſtſtuͤcke, und andere gegenwaͤrtige aͤltere Frauen wetteiferten mit ihr in dieſer ſcharfſinnigen Art von Spar⸗ ſamkeit. Auch der Udaller machte bedeutende Ankaͤufe. Der Hauptabnehmer von Allem, was dem Auge der Schoͤn⸗ heit gefallen konnte, war indeß der tapfere Capitain Cle⸗ veland, der des Jaggers Vorrath durchwuͤhlte, um Geſchenke fuͤr die Damen in der Geſellſchaft auszuſuchen, wobei Minna und Brenda ganz vorzuͤglich bedacht wurden. „Ich fuͤrchte“ ſagte Magnus Troil:„die jungen Frauen⸗ zimmer ſollen dieſe ſchoͤnen Geſchenke als Andenken anſe⸗ 16 hen, und dieſe Eure Freigebigkeit iſt nur ein ſicheres Zei⸗ chen, daß wir Euch bald verlieren werden?“ Dieſe Frage ſchien den in Verlegenhelt zu ſetzen, dem ſite gethan wurde. „Ich weiß noch nicht,“ erwiederte er mit einigem Zoͤ⸗ gern:„ob dieß Schiff mein zweites iſt oder nicht— ich muß ſelbſt nach Kirkwall hinuͤber, um mig vollkommen von der Sache zu uͤberzeugen, und denke dann nach Dunroßneß zuruͤckzukommen, Euch Allen Lebewohl zu ſagen. „In dem Falle,“ antwortete der Udaller nach einer augenblicklichen Pauſe:„werde ich Euch, denk' ich, dahin bringen koͤnnen. Ich ſollte eigentlich auf den Markt nach Kirkwall gehen, um mit den Kaufleuten abzuſchließen, an welche ich meine Fiſche geſchickt habe, und ich habe es Minna und Brenda ſchon oft verſprochen, daß ſie einmal den Markt ſehen ſollten. Vielleicht fuͤhrt Euer zweites Schiff, oder dieſe Fremden, wer ſie nun ſeyn moͤgen, Waaren, die mir anſtehen. Ich habe meinen Boden unterm Dache eben ſo gern voll von Gütern, wie meine Stube voll von Taͤnzern. Wir wollen in meiner eigenen Brigg nach Orkney gehen, und ich kann Euch eine Hangmatte darin anbieten, wenn Ihr wollt.“ 3 Dieſes Anerbieten ſchlen Cleveland ſo annehmlich, daß er, nachdem er ſich in Dank ergoſſen, beſchloſſen zu haben ſchien, ſeine Freude dadurch thaͤtlich an den Tag zu legen, daß er Bryce Snailsfort's ganzen Schatz in Geſchenken an die Geſellſchaft erſchoͤffte. Der Inhalt einer Geldboͤrſe gieng in die Haͤnde des Jaggers uͤber, und dieß geſchah mit einer Leichtigkeit und Gleichguͤltigkeit von Seiten des vorigen Beſitzers, welche entweder auf die größte Verſchwen⸗ dung, oder auf den Beſitz eines groͤßeren und unerſchapet 17 chen Reichthums ſchließen ließ, ſo daß Baby ihrem Bruder zufluͤſterte:„wenn der Burſche ſein Geld ſo wegwerfen zoͤnne, muͤſſe er wohl eine eintraͤglichere Reiſe in einem zertruͤmmerten Schiffe gemacht haben, als alle Schiffer in Dunden in ihren feſten Fahrzeugen das ganze Jahr hin⸗ durch“ Der Aerger, in welchem ſie dieſe Bemerkung machte, wurde indeß ſeyr gemildert, als Cleveland, deſſen Abſicht es zu ſeyn ſchien, an dieſem Abend ſich die gute Meinung Aller zu erkaufen, ſich ihr mit einem Kleidungsſtuͤcke naͤher⸗ te, welches an Geſtalt etwas dem ſchottiſchen Plald glich, aber von einer ſo weichen Wolle gewebt war, daß es ſich wie Eider⸗Daunen anfuͤhlte.„Dieß,“ ſagte er,„ſey ein Theil der Kleidung einer ſvaniſchen Dame, Mantilla genannt, und da es Jungfrau Barbara Yellowley gerade paſſen werde und gegen die Nebel des Ciima von Shet⸗ land ſeyr gut zu gebrauchen ſey, ſo bäͤte er ſie, es ihm zum Andenken zu tragen.“ Die Dame geruhte, mit ſo viel herablaſſender Freundlichkeit, als ihr Geſicht nur auszudruͤ⸗ cken vermochte, nicht allein dieſen Beweis ihrer Artigkeit anzunehmen, ſondern verſtattete dem Geber ſogar, die Man⸗ tilla uͤber ihre hervorſtehenden, knochigen Schulterblaͤtter zu breiten, wo, wie Claudius Halcro ſagt:„ſte hieng, al⸗ ler Welt zur Schau, als ob man ſie zwiſchen einem Paar Wandſchrauben ausgeſpannt häaͤtte.“ Waͤhrend der Capitain, zur großen Unterhaltung der Geſellſchaft, was von Anfang an ſeine Hauptabſicht dabei geweſen zu ſeyn ſchien, dieſen Ritterdienſt verrichtete, hatte Mordaunt einen kleinen goldenen Roſenkranz gekauft, in der Abſicht, ihn Brenda zu ſchenken, ſobald ſich dazu eine Gelegenyeit ſinden wuͤrde. Man kam uͤber den Preis uͤbey⸗ W. Scort's Werke CXII. 2 18 ein, und die Waare ward bei Seite gelegt. Auch Claudius Halcro bezeigte einiges Verlangen nach einer ſilbernen Doſe von altfraͤnkiſcher Form, um Taback darin aufzubewahren, den er in großer Menge verbrauchte. Allein der Barde hatte ſelten baares Geld vorraͤthig, und, bei ſeiner wandern⸗ den Lebensweiſe, deſſen auch ſelten noͤthig. Bryce, der bisher nur gegen baares Geld gehandelt, behauptete jedoch, daß ſein ſehr kleiner Profit an ſolchen ſeltenen und ausge⸗ ſuchten Sachen ihm nicht erlaube, dem Kaͤufer Credit zu geben. Mordaunt errieth den Inhalt ihres Geſprächs, aus der Art, wie ſie mit einander flüſterten, wobei der Barde ſeine verlangenden Finger nach der bewußten Doſe aus⸗ ſtreckte, und der vorſichtige Hauſirer ſie mit dem Gewicht ſeiner ganzen Hand zuruͤckhielt, als ob er gefuͤrchtet haͤtte, ſie moͤge Fluͤgel bekommen, und in Claudius Halcro's Ta⸗ ſche fliegen. Mordaunt Mertoun, der ſeinem alten Be⸗ kannten ein Vergnuͤgen zu machen wuͤnſchte, legte indeß den Betrag der Doſe auf den Tiſch und ſagte:„er werde Meiſter Halcro nicht geſtatten, dieſe Doſe zu kaufen, da er beſchloſſen habe, ihm damit ein Geſchenk zu machen.“ „Ich kann Euch unmöglich um Euer Geld bringen, mein theurer junger Freund,“ ſagte der Dichter:„die Wahrheit zu geſtehen, erinnert mich dieſe Doſe ſehr leb⸗ haft an die des herrlichen John, aus welcher ich in Will's Kaffeehauſe eine Priſe zu nehmen die Ehre hatte, weswe⸗ gen ich auch meinen Zeigefiager und Daumen der rechten Hand weit hoͤher achte, als jeden andern Theil meines Koͤrvers; nur muͤßt Ihr mir erlauben, daß ich Euch das Geld wiedergebe, ſo bald mein Urkaſter Stockfiſch zu Markte kommt.“ „Das macht unter Euch aus, wie Ihr wollt,“ ſagte —„„— 19 der Hauſirer, lindem er Mordaunt's Geld einſtrich:„die Doſe iſt verhandelt und verkauft.“ „Und wie koͤnnt Ihr abermals verkaufen,“ ſagte Ca⸗ pitaln Cleveland, der ſich auf einmal in die Sache miſchte: „was Ihr mir bereits uͤberlaſſen habt?“ Alle waren uͤber dieſen Ausruf erſtaunt, welcher ganz unerwartet ertoͤnte, indem Cleveland, der ſich von Jungfrau Baby weggewendet, ploͤtzlich, und, wie es ſchien, nicht ohne Bewegung, wahrgenommen hatte, welche Gegenſtaͤnde Bryce Suallsfoot jetzt losſchlage. Auf dieſe kurze und haſtige Frage antwortete der Jagger, der einen ſolchen Kunden nicht gern aufbringen wollte, nur ſtotternd:„daß er, der Himmel ſey ſein Zeuge, nichts Uebles dabei im Sinne ge⸗ habt habe.“ „Wie? nichts Uebles? und Ihr verkauft das, was mir gehoͤrt?“ ſagte der Seemann, indem er ſeine Hand zu glei⸗ cher Zeit nach der Doſe und dem Roſenkranz ausſtreckte: „gebt dem jungen Manne ſein Geld wieder, und lernt kuͤnftig Euren Cours nach der Mittagslinie der Rechtlich⸗ keit halten.“ Der Hauſirer zog verwirrt und zoͤgernd ſeinen leder⸗ nen Beutel heraus, um Mordaunt das Geld zuruͤckzugeben, das er ſo eben hinelngeſteckt hatte; allein der Juͤngling war ſo leicht nicht abzufinden. „Die Sachen,“ ſagte er:„waͤren verhandelt und ver⸗ kauft— dieß waren Eure eigenen Worte, Bryce Snalls⸗ foot, die Meiſter Halcro mit angehoͤrt hat, und ich werde mir weder von Euch noch von irgend jemand Anderem, mein Eigenthum ſtreitig machen laſſen.“ „Euer Eigenthum, junger Mann?“ ſagte Cleveland: „es iſt das meinige,— ich ſprach mit Bryce uͤber die Sa⸗ 20 chen einen Augenblick vorher, ehe ich mich von dem diſas wegwandte.“ „Ich— ich— ich hatte es nicht recht deutlich gehoͤrt, 14 ſagte Bryce, der offenbar keiner Parthei zu nahe treten wollte. „Ei was,“ ſagte der Udaller:„wir wollen keinen Streit uͤber Klelnigkeiten anfangen; wir werden gleich wieder auf den Dachboden gerufen werden— ſo pflegte er das Zimmer zu nennen, das als Tanzſaal gebraucht wurde— und wir muͤſſen Alle hbei guter Laune dahin gehen; Bryce ſoll heute Abend die Sachen behalten, und Morgen werde ich ſelbſt entſcheiden, wem ſie zufallen ſollen.“ 3 Die Geſetze des Udallers in ſeinem Hauſe waren ſo unumſtoßlich, wie die der Medier. Die beiden jungen Maͤnuer entfernten ſich, nachdem ſie einander mit Blicken finſteren Mitßvergnuͤgens betrachtet, nach verſchledenen Seiten. Sehr ſelten iſt der zweite Tag einer verlaͤngerten Feſt⸗ lichkeit dem erſten gleich. Sowohl Geiſt als Koͤrper ſind ermuͤdet und dem eraeuerten Aufwande von Belebung und Anſtrengung nicht gewachſen, und dem Tanze in Burgh⸗ Weſtra fehlte heute ſehr viel von der Lebendigkeit, die ihn geſtern beſeelt hatte. Es fehlte noch eine Stunde an Mit⸗ ternacht, als ſelbſt Magnus Troil, wiewohl mit Widerſtre⸗ ben, und nachdem er die Ausartung der jezigen Zeit be⸗ klagt und den Wunſch geaͤußert hatte, den neueren Hialt⸗ landern erwas von der Kraft mittheilen zu koͤnnen, welche ſetnen eigenen Koͤrper velebte, ſich genothigt ſah, das Zei⸗ chen zum allgemeinen Aufbruche zu geben.“ In dem Augenblicke, wo dieß ſtatt fand, zog Halero 4 21 Mordaunt Mertoun etwas auf die Seite, und ſagte: daß er von Capitain Cleveland einen Auftrag an ihn habe. „Einen Auftrag!“ ſagte Mordaunt, indem ſein Herz etwas hoͤher ſchlug, als er ſprach:„eine Herausforderung, nicht wahr?“ „Eine Herausforderung?“ wiederbolte Halcro:„wer hat je von einer Herausforderung auf unſern friedli chen Inſeln gehoͤrt? Meinſt Du, daß ich wee Einer ausſehe, der Jemanden eine Herausforderung bringt, und namentlich, unter allen Menſchen, Dir?— Ich gehore nicht zu den ſchlagſuͤchtigen Narren, wie der herrliche John ſie nennt⸗ und es war nicht gerade ein Auftrag, den ich auszurich⸗ ten hatte; es iſt nur dieß, daß dieſer Capitain Cleveland, wie ich finde, einmal ſeinen Kopf auf den Beſitz der Sachen ſetzt, die Du ausgeſucht haſt.“ „Er ſoll ſie aber nicht haben, das ſchwoͤre ich Euch,“ erwiederte Mordaunt Mertoun. „Aber, ſo hoͤre mich doch an,“ ſagte Halcro:„es ſcheint, daß, nach den Zeichen oder Wappen darauf zu urtheilen, ſie fruͤher ſein Eigenthum waren; und wenn Du mir jezt wirklich die Doſe ſchenken wollteſt, wie Du mir verſpra⸗ cheſt, ſo wuͤrde ich dem Manne ſein Eigenthum wieder⸗ geben.“ „Und Brenda moͤchte es wohl eben ſo machen,“ dachte Mordaunt bei ſich ſelbſt, und erwiederte daher ſogleich laut:„ich habe mir die Sache uͤberlegt, mein Freund; Capitain Cleoeland mag die Spielereien hinnehmen, auf die er einen ſo großen Werth ſetzt, jedoch unter dieſer ei⸗ nen Bedingung.“ „Du wirſt alles mit Deinen Bedingungen verderben,“ 22 ſagte Halcro:„denn wie der herrliche John ſagt, ſo ſt ſind Bedingungen RII.... „Hoͤrt mich geduldig aus, ſage ich. Meine Bedingung iſt, daß er die Spielereien ſtatt des Gewehres behäͤlt, das ich von ihm bekommen habe, und ſo iſt keiner dem Andern weiter verpflichtet.“ „Ich ſehe ſchon, wo das hinaus will— das iſt die ganze Geſchichte von Sebaſtian und Dorar. Nun gut, ſo ſage dem Hauſtrer, daß er die Sachen Cleveland wieder⸗ geben ſoll— er iſt nicht klug, daß er ſie haben will— und ich will Cleveland von Deinen Bedingungen unterrichten, denn ſonſt moͤchte der ebrliche Bryce wohl am Ende doy⸗ velte Bezahlung, ſtatt einfacher bekommen, und ich glaube nicht, daß das ſein Gewiſſen ſehr druͤcken wuͤrde.“ Mit dieſen Worten ging Halcro weg, Cleveland auf⸗ zuſuchen, waͤhrend Mordaunt, der Snailskoot anſichtig wur⸗ de, wie er als eine Art von bevorrechteter Perſon ſich in den Haufen am Ende des Tanzſaals gemiſcht hatte, zu die⸗ ſem hinging, um ihm zu ſagen, daß er die ſtreitigen Sa⸗ chen Cleveland, ſobald er Gelegenheit dazu haͤtte, uberge⸗ ben moͤchte. „Ihr habt Recht, Junker Mordaunt,“ antwortete der Jagger:„Ihr ſeyd ein kluger, umſichtiger junger Mann— gute Worte wenden den Zorn ab— und ig ſelbſt will gern alles Moͤgliche thun, um Euch, ſo viel ich es nach meinen geringen Kraͤften thun kann, zu Gefallen zu leben; denn, zwlichen dem Udaljer von Burgh⸗Weſtra und dieſem Capi⸗ tain Cleveland, da ii ein Menſch ſo gewißermaßen zwiſchen dem Teufel und der See, und es naͤtte leicht ſeyn koͤnnen, daß der Udaller am Ende ſich bei dem Streite auf Eure — 8 Se'te geſchlagen haͤtte, denn er iſt ein Mann, der die Ge⸗ rechtigkeir liept.“ „Um die Ihr Euch, wie es ſcheint, nicht viel kuͤmmert, Meiſter Suailsfoot,“ ſagte Mordaunt:„denn es wuͤrde gar kein Streit entſtanden ſeyn, da das Recht ſo augen⸗ ſcheinlich auf meiner Seite war, wenn Ihr es fuͤr gut ge⸗ funden haͤttet, die Wahrheit zu bezeugen.“ „Herr Mordaunt,“ ſagte der Jagger:„ich muß ge⸗ ſtehn, daß wirklich ſo gleisſam eine Art von Schein oder Schatten von Wahrheit auf Eurer Seite war; allein die Gerechtigkeit, mit der ich zu thun habe, iſt nur die Han⸗ dels⸗Gerechtigkeit, eine Elle von gehoriger Laͤnge zu fuͤh⸗ ren, wenn ſie nicht etwa durch das Darauflehnen bei mei⸗ nem lansen und muͤbſeligen Reiſen unten etwas abgenutzt iſt, und nach richtigem Maaß und Gewicht zu verkaufen, vier und zwanzig Merk auf das Lißpfund; ich habe aber nichts mit der Gerechtigkeit zu thun, die zwiſchen einem Menſchen und dem andern entſcheidet, wie ein Vogt oder ein Richter bei unſerm Ober⸗Gerichtshofe.“ „Das verlangte auch Niemand vor Dir, ſondern nur, nach Deinem Gewiſſen Zeugniß zu geben,“ antwortete Mordaunt, dem weder die Rolle gefiel, welche der Jagger bei dem Streit geſpielt batte, noch die Auslegung, die er ſeiner Nachgiebigkeit unterzuſchieben ſchien. Bryce Snailsfoot blieb indeß die Antwort nicht ſchul⸗ dig.„Mein Gewiſſen,“ ſagte er:„iſt, Herr Mordaunt, nach meiner Weiſe, ſo zart, wie nur irgend eines Mannes Gewiſſen ſeyn kann; allein es iſt etwas furchtſamer Art, kann nicht gut haſtige Leute leiden und nie laut ſprechen, wenn es Haͤndel giebt. Ueberhaupt, hat es immer eine ſchwache und leiſe Stimme.“ 24 3 „Auf welche Du auch nicht ſehr zu hoͤren pflegſt,“ ſagte Mordaunt.. Sn „Und doch giebt es etwas auf Eurer Bruſt, was gerade das Gegentbeil beweist,“ ſagte Bryce ganz kurz. „In meiner Bruſt?“ ſagte Mordaunt aͤrgerlich:„was weiß ich von Dir?“ „Ich ſage auf Eurer Bruſt, Junker Mordaunt, und nicht in. Ich bin uͤberzeugt, daß Niemand die Weſte auf Eurer mannhaften Bruſt anſehen kann, ohne geſtehen zu muͤſſen, daß der Kaufmann, der Euch ein ſolches Stuͤck Zeug fuͤr vier Thaler verkaufte, doch Recht und Gewiſſen kennen und einen Kunden gut behandeln mußte, und ſo ſolltet Ihr nicht ſo boͤſe auf mich ſeyn, weil ich hier, bei dem Streit um nichts und wieder nichts, meinen Athem geſpart habe.“ „Ich boͤſe!“ ſagte Mordaunt:„einfaͤltiger Menſch! Ich habe keinen Groll gegen Dich.“. „ Das iſt mir ſehr lieb,“ ſagte der reiſende Kaufmann: nich erzuͤrne mich mit Niemanden, mit meinem Willen, und am allerwenigſten mit einem alten Kunden, und wenn Ihr meinem Rath folgen wollt, ſo fangt auch mit Capitain Cleveland keinen Streit an. Er gehoͤrt zu den Gurgelab⸗ ſchneidern und Hauoegen, die da nach Kirkwall gekommen ſind, und die ſich eben ſo wenig daraus machen, einen Men⸗ ſchen aufzuſchlitzen, wie wir, einen Wallfiſch abzuſtreifen— es iſt ihr Handwerk zu fechten; ſie leben davon, und da ſind ſie im Vortheil gegen Euresgleichen, die es nur unter ſich und zum Zeitvertreibe thun, wenn ſie gerade nichts Beſſeres anzufangen haben.“ 3 3 Die Gefellſchaft hatte ſich jetzt beinahe ganz zerſtreut. Mordaunt, uͤber des Jaggers Klugheitsregeln lachend, .— 235. wuͤnſchke ihm gute Nacht, und begab ſich zu ſeinem eigenen Schlafplatze hin, den ihm Erich Scambeſter(der ſowohl das Kammerdiener, als Kellermeiſter⸗ Amt vertrat) in ei⸗ nem kleinen Zimmer, oder vielmehr Kämmerchen, in ei⸗ nem der Vorgebaͤude angewieſen, wo zu dieſem Endzweck eine Hangmatte angebracht worden war. ———— Zweites Kapitel. Ich geh', wie Nacht von Land zu Land, Mit mir des Worts Gewalr; Wenn er zu mir ſein Antlitz kehrt, So kenn' ich ihn, der wohl mich hört, Und ihm erzählt ich bald Coleridge's Lied vom alten Seemann. Die Toͤchter Magnus Troil's theilten mit einander ein Bett, in der Stube, welche ihre Aeltern vor dem Tode der Mutter bewohnt hatten. Magnus, welcher dieſe Schl⸗ ckung tief empfunden, hatte einen Widerwillen gegen dieß Zimmer gefaßt. Die ehelige Kammer ward den Pfaͤndern ſeiner verwalſeten Neigung uͤberlaſſen, von denen das aͤl⸗ teſte damals nur etwa vier Jahre alt war, und da ſie ih⸗ nen von Kindheit an zugehoͤrt hatte, ſo blieb ſie auch jetzt,⸗ obgleich ſie nun nach der neueſten Mode der Inſel und nach dem Geſchmacke der lieblichen Schweſtern aufgeputzt und ausgeſchmuͤckt war, ihr Schlafzimmer, oder, nach der alten norwegiſchen Art zu reden, ihre Laube. Dieß Zimmer war Jahre lang der Schauplatz ihrer ver⸗ trauteſten Eroͤffnungen geweſen wenn man das vertraute Eroͤffnungen nennen konnte, wo man ſich nichts anuuver⸗ 26 trauen, wo keine Schweſter ein Geheimniß hatte, und wo jeder Gedanke, der in der Bruſt der Einen audimmerte ohne Zoͤgerung und Mißtrauen der Andern ſo unwil leurlich mitgetheilt wurde, als er emporgeſtiegen war. Seirdem indeß Cleveland in Burgh⸗Weſtra wohnte, hatte jede der lieblichen Schweſtern Gedanken fuͤr ſich gehegt, die man nicht ſo leicht anvertraut, wenn nicht die, welche ihnen Ge⸗ hoͤr gegeben, ſich vorher uͤberzeugt hat, daß ihre Eroͤffnung eine freundliche Aufnahme finden werde. Minna hatte be⸗ merkt, was andern, weniger Antheil nehmenden Beobach⸗ tern entgangen war, daß Cleveland namentlich in Breud. s Augen weit weniger gelte, als in den ihrigen, und Brenda ihrerſeits alaubte wiederum, daß Minna ſehr voreilig und ungerechterweiſe ſich den Vorurtheilen hingegeben, welche bei ihrem Vater gegen Mordaunt Mertoun entſtanden wa⸗ ren. Jede von ihnen fuͤhlte ſehr wohl, daß ſie in den Au⸗ gen uer Schweſter nicht mehr das ſey, was ſie ſonſt ge⸗ weſen, und dieſe Ueberzeugung vermehrte, ſehr unangenehm, das Peinliche der uͤbrigen Vorſtellungen, mit denen ſie, wie ſie glaubten, zu kaͤmpfen hatten. Ihr Betragen gegen ein⸗ ander war, dem Scheine nach, und nach all den kleinen Aufmerkſamkeiten, worin ſich die Liebe ausſpricht, ſelbſt weit unermuͤdet liebevoller, als vorher. Beide uberzeuzt, daß ihre innerliche Zuruͤckhaltung ein Bruch der ſchweſter⸗ lichen Einigkeit ſey, ſchienen dieß durch verdoppelte Auf⸗ merkſamkeit in Beweiſen aͤußerlicher Zuneigung wieder gut machen zu wollen, melche in fruͤherer Zeit, wo ſie nichts zu verbergen hatten, eher haͤtten unterbleiben koͤnnen, ohne daß irgend eine Folgerung daraus zu ziehen geweſen waͤre. Ganz vorzuͤglich fuhlbar wurde den Schweſtern die Ab⸗ nahme ihres gegenſeitigen Vertrauens, an dem Abend, von 1 27 welchem oben die Rede war. Die bevorſtehende Reiſe nach Kirkwall, und zwar zur Zeit des Marktes, wo Leute aus allen Sraͤnden von den Inſeln, entweder Geſchaͤfte haiber, oder zum Vergnuͤgen, dahin kommen, mußte eine bedeut⸗ ſame Begebenheit in ihrem gewoͤhnlich ſo einfachen und einfoͤrmigen Leben werden, und noch vor wenigen Monaten wuͤrden Minna und Brenda die halbe Nacht kein Auge zu⸗ gethan, ſondern mit einander von dem geſprochen haben, was ſich bei einem ſo wichtigen Anlaſſe wohl alles ereianen koͤnne. Jetzt aber wurde die Sache nur ſo obenhin erwaͤhnt und gleich wieder uͤbergangen, als ob ſie leicht Zwieſpalt zwiſchen ihnen hervorbringen. oder eine freiere Eroͤffnung ihrer verſchiedenen Anſichten zur Folge haben koͤnnte, als Jede von ihnen der Andern zu machen Willens war. Indeß war doch ihre natuͤrliche Offenheit und Gutmuͤ⸗ thigkeit ſo groß, daß jede Schweſter ſich ſelbſt die Schuld der Entfremdung, die unter ihnen ſtatt zu ſinden ſchien, beimaß; und als, nachdem ſie ihre Andacht verrichtet und ihr gemeinſchaftliches Lager beſtiegen hatten, ſie einander in die Arme ſchloſſen, und ſich, mit einem ſchweſterlichen Kuſſe, gute Nacht wuͤnſchten, ſchien Jede die andere um Verzeihung zu bitten und ihr Verzeihung zu gewähren, obgleich Keine der Andern irgend ein beleidigendes Wort geſagt hatte, und Beide ſanken bald in den leichten und doch tiefen Schlummer, welcher nur auf die Augen der Ju⸗ gend und der Unſchuld herabſinkt. In der Nacht, deren die Erzaͤhlung erwaͤhnt, hatten beide Schweſtern Traͤume, welche, wenn ſie gleich durch die Denkweiſe und Gewohnheiten der Schlaͤferlanen eine ver⸗ ſchiedene Faͤrbung erhielten, doch eine ſonderbare Aehnlich⸗ keit mit einander hatten. dete. 28 Minna traͤumte, daß ſie an einer der einſamſten Ufer⸗ gegenden, Swartaſter genannt, ſich befaͤnde, wo das unauf⸗ hoͤrliche Anſchlagen der Wogen, welche einen Kalkfelcen aushoͤhlten, einen tiefen Halier gebildet hatten, das heißt, nach der Landesſprache, eine unterirditche Hoͤhle, in welche die Fluth abwechſelnd ein⸗ und ausſtroͤmt. Viele von die⸗ ſen Hoͤhlen gehen bis zu einer ungewoͤhnlichen und uner⸗ reichbaren Tiefe in den Felſen hinetn, und ſind der ſichere Zufluchtsort der Kormorans und Seekaͤlter, welche man weder mit Leichtigkeit noch Sicherheit in ihre aͤußerſten Schlupfwinkel verfolgen kann. Uater dieſen hielt man den erwaͤhnten Halier von Swartager fuͤr ganz beſonders un⸗ zugaͤnglich, und er wurde ſowohl von Jaͤgern, als von See⸗ leuten gefliſſentlich gemieden, theils wegen der ſcharfen Winkel und Windungen in der Hoͤhle ſelbſt, theils der ver⸗ ſunkenen Felſen wegen, welche es fuͤr Nachen oder Boote ſehr gefaͤhrlich machten, weit darin vorzudringen, beſonders zur Zeit einer gewoͤhnlichen Inſel⸗Fluth. Aus der dun⸗ keln Muͤndung dieſer Hoͤhle glaubre Minna, im Traume, eine Meerjungfrau hervorkommen zu ſehen, und zwar nicht in dem claſſiſchen Anzuge einer Nereide, wie bei Claudlus Halcro's Maskerade am vergangenen Abende, ſondern mit Kamm und Spiegel in der Hand, und die Wellen mit dem langen Schuppenſchwanze peitſchend, welcher, nach der Landesſage, einen ſo furchtbaren Gegenſatz gegen das ihr beigemeſſene ſchöne Geſicht, die langen Haare und den Bu⸗ ſen einer menſchlichen urd irdiſchen Weibergeſtalt von aus⸗ nehmender Schoͤnheit bildet. Sie ſchten Minna zu win⸗ ken, waͤhrend ihr wilder Geſang traurig in ihr Ohr toͤnte, und, in prophetiſchen Toͤnen, Ungluͤck und Weh verkuͤn⸗ 8 8 ρ☛— g ³ ͤͤSn— SSonz 29 Brenda's Geſicht war von verſchledener Art, aber nicht weniger truͤbe. Sie ſaß, wie ſie duͤnkte, in ihrer Lieb⸗ lingslaube, mit ihrem Vater und einer Geſellſchaft ſeiner liebſten Freunde, unter denen Mordaunt Mertoun nicht vergeſſen war. Sie wurde aufgefordert zu ſingen und wollte nun ein munteres Lied anſimmen, das ſie vorzuͤg⸗ lich gut ſang und welches ſie mit ſo einfacher und doch ſo natuͤrlicher Laune vortrug, daß die Zuhoͤrer gewoͤhnlich in lautes Gelaͤchter und Beifallsbezeugungen ausbrachen und Alle, ſie mochten ſingen koͤnnen oder nicht, ſich un⸗ willkuͤhrlich angetrieben fuͤhlten, ihre Stimmen mir in den Cyor zu miſchen. Bei dieſer Gelegenheit ſchien es indeß, als ob ihre eigene Stimme ihr gaͤnzlic den Dienſt ver⸗ ſage; waͤhrend es ihr ſo unmoͤglich wurde, die Worte des wohlbekannten Liedes hervorzubringen, war es ihr, als od daſſelbe, wider ihren Willen, in die tiefen Toͤne, und die wilde, traurige Weiſe Norna's von Firful Head uͤberginge und zu einem der wilden runiſchen Geſaͤnge wuͤrde, welche denen glichen, die von den alten heidniſchen Prieſtern ge⸗ ſun gen wurden, wenn das Opfer(nur zu oft ein menſch⸗ liches) an den furchtbaren Altar Odin's oder Thor's ge⸗ bunden wurde. Endlich fuhren die beiden Schweſtern aus dem Schla⸗ fe empor, ſtießen einen lauten Schrey aus, und umſchlan⸗ gen einander. Ihre Einbildungskraft hatte ſie nicht ganz betrogen: die Toͤne, welche ihnen im Traume vorgeſchwebt hatten, erklangen wirklich, und zwar in ihrem Gemache ſelbſt. Sie erkannten die Stimme ſogleich, aber wenn ſie auch wußten, von wem ſie kam, ſo war ihr Erſtaunen und ihre Furcht doch nicht geringer, als ſie die wohlbekannte Norna von Fitſul⸗Head bei dem Kamine ſitzen ſahen, in 30 welchem, waͤhrend des Sommers, eine wohlgeputzte eiſerne Lampe ſtand, und im Winter ein Holz⸗ oder Torffeuer brannte. Sie war in ihr langes und weites Gewand von Wad⸗ maal gehuͤllt, und beußte ſich lanaſam hin und her uͤber die bleiche Flamme der Lampe, waͤhrend ſie in langſamem, traurigem und beinahe uͤberirolſchem Tone, Folgendes ſang: Mich führt mein Weg wohl meilenlang Durch Golf und Strom und Waſſergrab, V Die Welle kennt den Runenſang Und glättet ſich zum Spiegel ab. Die Welle kennt den Runenſang, Der Gorf wird glatt, der Strom iſt ſtill; Doch Menſchenherz, im wilden Drang, 4 Ss weiß nicht, was es ſelber will. Nur e ine Stund' iſt mir vergönnt, In Jahresfriſt, zum Klag ton. Sie ſchlägt, wenn dieſe Lampe brennt— Ihe Schein erliſcht— ſie iſt entflohn. Heil, Magnus Töchter, fort und fort! Die Lampe brennt in tiefer Ruh; Euch gönn' ich dieſer Stunde Wort— Erwacht, erhebt Euch, hört mir zu! Norna war den Töͤchtern Troil's wohlkekannt, allein ſie konnten ſie nicht ohne Bewegung(wiewohl dieſe nach ihrer beſondern Gemuͤthsſtimmung verſchleden war) ſo un⸗ erwartet und zu einer ſolchen Stunde ſehen. Ihre An⸗ ſich en, in Betreff der übernatärlichen Gaben, auf welae „ ſte Asſoruch machte, wichen ſehr von einander ab. * 31 Minna war bei einer ſehr regen Einblldungs⸗ kraft, wenn ſie gleich ihre Schweſter an Talent weit uͤbertraf, doch ungleich mehr geneigt, wunderbare Er⸗ zaͤhlungen zu hoͤren und Geſchmack daran zu finden und zu allen Zeiten den Eindruͤcken, welche ihrer Phantaſie Spielraum und Beſchaͤftigung gaben, ohn daß ſie die Wirklichkeit derſelben genauer in Erwaͤgung zoͤ⸗ ge, leicht zu aͤnglich. Brenda dagegen hatte, bei ihrer Froͤhlichkeit, einen gewiſſen Hang zur Satyre, und konnte oft gerade uͤber die Umſtaͤnde lachen, auf welche Minna die Traͤume ihrer Einbiidungskraft baute; auch ließ ſie, wie alle diejenigen, welche das Laͤcherliche lieben, ſich nicht leicht von hochtoͤnenden Anſpruͤchen irgend einer Art hin⸗ tergehen, oder einſchuͤchtern; da indeß ihre Nerven ſchwä⸗ cher und reizbarer als die ihrer Schweſter waren, ſo hul⸗ digte ſie oft, unwillkuͤhrlich, durch ihre Furcht, begriffen, welche ihre Vernunft nicht anerkannte: weswegen auch Claudius Halcro, in Beziehung auf manchen hergebrachten Aberglauben, der um Burg⸗Weſtra gaͤng und gaͤbe war, zu ſagen pflegte: Minna glaube ohne Zittern daran, und Brenda zittere, ohne daran zu glauben. In unſern auf⸗ geklärten Tagen giebt es Wenige, deren gläubiger Sinn und angeborne Muth nicht auch von Minnas hochgeſpann⸗ tem Enthuſiasmus beſeelt geweſen ſind, und vielleicht noch Wenigere, deren Nerven nicht, wie Brenda's, dem Ein⸗ fluß der Schreckniſſe nachgegeben haben, welche ihre Ver⸗ nunft verlaͤugnete und veracktete. Von ſo verſchiedenen Gefuhlen beſeelt, ſchickte Minna, als der erſte Auzenblick der Ueberraſchung voruͤber war, ſich an, aus dem Botte zu ſpringen und Norna zu begru⸗ ßen, die, wie ſie nicht zweifelte, irgend einen vom Sclick⸗ 32² ſal ihr gegebenen Auftrag auszurlchten habe: waͤhrend Brenda, die in ihr nur die halb bloͤdſinnige Frau ſah, und die ſie uͤberdieß, nach ihren hochtoͤnenden Worten, fuͤr einen Gegenſtand der Scheu, wo nicht des Schreckens, hielt, ihre Schweſter zuruͤckzuhalten ſuchte, und ihr die aͤngſtliche Bitte ins Ohr fluͤſterte: doch um Huͤlfe zu ru⸗ fen. Allein Minna's Seele war durch die bevorſtehende Entſcheidung, der ſich ihr Schickſal zu naͤhern ſchien, in zu geſpannter Stimmung, als daß ſie den Eingebungen der Furcht ihrer Schweſter haͤtte Gehor geben ſollen; ſie warf daher, indem ſie ſich aus Brendas Armen loswand, ein leichtes Nachtgewand um, ſchritt mnthig durch das Zimmer, waͤhrend ihr Herz mehr vor Erwartung als vor Furcht klopfte, und redete nun die ſonderbare Beſucherinn an:„Wenn Deine Sendung, Norna, uns angeht, wie Deine Worte zu beſagen ſcheinen, ſo ſiehſt Du wenigſtens Eine von uns vor Dir, welche ſie mit Ehrfurcht, aber oh⸗ ne Grauen, anzuhoͤren bereit iſt.“ „Norna, theure Norna,“ ertoͤnte die zitternde Stimme Brenda's, die, da ſie ſich im Bett nicht mehr ſi⸗ cher hielt, als Minna es verlaſſen hatte, ihr gefolgt war — wie Fluͤchtlinge ſich an den Nachtrab eines vorruͤ⸗ ckenden Heeres anſchließen, weil ſie es nicht wagen, zu⸗ ruͤckzubleiben— und welche jetzt halb hinter ihrer Schwe⸗ ſter verborgen und ſie feſt am Saume ihres Kleides hal⸗ tend, daſtand.„Norna, theure Norna,“ ſagte ſie:„was Du uns auch zu ſagen haſt, verſchiebe es bis morgen. Ich will Euphane Fea, die Haushaͤlterin, rufen und ſie wird Dir ein Bett ſuͤr die Nacht geben.“ „Ich brauche kein Bett,“ ſagte die naͤchtliche Beſu⸗ cherinn: — ☛ A n K u ¾8. u R 8 —— 92 1 33 cherin:„ich ſchlleße meine Augen nicht; ſie haben gewacht als Bank und Klippe zwiſchen Burgh⸗Weſtra und Orkney erſchienen und verſchwanden, ſie haben den Mann von Hoy in das Meer ſinken und die Spitze von Hingeliff ſich dar⸗ aus erheben ſehen, und haben doch keinen Schlummer ge⸗ noſſen, auch muͤſſen ſie nicht ſchlummern, bevor nicht mein Werk vollbracht iſt. So ſetze Dich denn, Minna, und Du thoͤrichte Furchtſame, ſetze Dich; waͤhrend ich meine Lam⸗ pe putze, zieht Eure Kleider an, denn meine Maͤhr iſt lang, und ehe ſie beendet iſt, werdet Ihr vor mehr als Froſt erbeben.“ „So verſchiebe ſie, ums Himmelswillen, bis zum Ta⸗ gesanbruch, theure Norna,“ ſagte Brenda:„die Däm⸗ merung kann nicht mehr fern ſeyn, und wenn Du uns etwas Furchtbares erzählen willſt, ſo thue es wenigſtens bei Tageslicht und nicht bei dem truͤben Schimmer jener blauen Lampe.“ „Geduld, Thoͤrin!“ ſagte die naͤchtliche Beſucherin: „Norna darf bei Tageslicht nicht erzaͤhlen, was die Sonne am Himmel ausloͤſchen und die Hoffnungen der hundert Boote zerſtören koͤnnte, die noch vor Mittags dieſe Kuͤſte verlaſſen werden, um ihren Fiſchfang in hoher See zu be⸗ ginnen, ja, und die der hundert Familien, welche ihre Rückkehr erwarten. Der Daͤmon, welchen dieſe Toͤne ge⸗ wiß erwecken werden, muß ſeine dunklen Fittiche uͤber ein ſchiff⸗ und bootleeres Meer ausbreiten, wenn er ſich von ſeinem Berge empor ſchwingt, die Schreckenslaute einzu⸗ ſchluͤrfen, die er ſo gern vernimmt.“ „Habe Erbarmen mit Brenda's Angſt, gute Norna,“ ſazte die aͤltere Schweſter:„und verſpare wenigſtens dieſe W. Scott's Werke. CXII. 3 34 dere Stunde.“ „Nein, Maͤdchen!“ erwiederte Norna, ernſt:„ich muß er zaͤhlen, da die Lampe noch brennt. Meine Maͤhr iſt nicht fuͤr das Tageslicht; bei jener Lampe muß ich ſie erzaͤhlen, welche aus der Galgenkette des grauſamen Herrn von Wo eensvoe geſchmiedet iſt, der ſeinen Bruder ermor⸗ dete, und die genährt iſt— mit dem, was weder von Fiſch noch Frucht kam!— Seht, ſchon brennt ſie ſchwaͤcher, und ſchwaͤcher und meine Erzahlung darf nicht laͤnger dauern als ihre Flamme brennt. Setzt Euch, waͤhrend ich Euch hier gegenuͤber bin, und ſtellt die Lampe zwiſchen uns, denn in den Kreis ihres Lichts darf der Daͤmon nicht ein⸗ treten.“ Die Schweſtern geherchten. Minna warf einen lang⸗ ſamen, ſcheuen, aber entſchloſſenen Blick rund um ſich her, als ob ſie das Woſen entdecken wolle, welches, nach Nor⸗ na's geheimnißvohen Worten, in ihrer Naͤhe ſchwebe, waͤh⸗ rend in Brenda's Furcht ſich Unwillen und Ungeduld miſch⸗ ten. Norna achtete beider nicht ſondern begann ihre Er⸗ zaͤhlung mit folgenden Worten: „Ihr wißt, meine Toͤchter, daß Euer Blut mit dem meinigen verwandt iſt, aber Ihr wißt nicht, in welchem Grade, denn es war eine alte Feindſchaft zwiſchen mei⸗ nem Großvater und dem, der das Ungluck hatte, mich ſei⸗ ne Tochter nennen zu muͤſſen. Ich will ihm bei ſeinem Taufnamen Erlend nennen, denn den, welcher unſre Verwandtſchaft begruͤndet, darf ich nicht ausſprechen. Eu⸗ er Großvater Olaf war Erlend's Bruder. Als die großen Udal⸗Guͤter des Vaters dieſer Beiden, Rolf Troil's— des reichſten und guͤterbegabteſten von Allen, furchtbare Mittheilung auf einen andern Ort und eine an⸗ ——— — 8—=—— 8 — — 1 35 die von dem alten norwegiſchen Geſchlechte abſtammten— zwiſchen den Bruͤdern getheilt wurden, gab der Vogt dem Erlend ſeines Vaters Laͤndereyen in Orkney, und be⸗ hielt für Olaf die von Hialtland. Unter den Bruͤdern entſtand Zwietracht; Erlend glaubte, er ſey beeint raſchtigt, und als der Lawting mit den Raths maͤnnern und Richtern die Theilung beſtaͤtigte, ging er in Zorn nach Orkney, ver⸗ wuͤnſchte Hialtland und ſeine Bewohner— verwuͤnſchte ſeinen Bruder und deſſen Blut. „Allein die Lfebe zu Fels und Berg wohnte noch im⸗ mer in Erlends Gemuͤth, und er nahm ſeinen Wohnſitz nicht auf den ſanften Huͤgeln von Orphir, oder auf den gruͤnen Ebenen von Grameſey, ſondern auf der wilden und bergigen Inſel Hoy, deren Gipfel ſich wie Klippen von Fonlah und Faroe zum Himmel erhebt.*) „Er kannte alles, der ungluͤckliche Erlend, was nur Scalden und Barden von Sagen zuruͤckgelaſſen hatten, und mich dieß alles zu lehren, was uns beiden ſo theuer zu ſtehen kommen ſollte, war die Hauptbeſchäftigung ſeines Alt ers. Ich lernte jeden einſamen Grabhuͤgel, jeden hoch aufgethuͤrmten Steinhaufen kennen, wußte ſeine Geſchich⸗ te zu erzaͤhlen, und verſtand es, durch Reime zu ſeinem Lobe den Geiſt des welden Kriegers zu beſaͤnftigen, welcher darin ruhte. Ich wußte, wo in jenen Zeiten Thor und — *) Von der Spitze von Hoy ſoll man, zur Zeit der Sonnenwende, um Mitternacht die Sonne ſehen köunen. So ſagt der Geograh Blacu; nach Dr. Wallgee Beſchreibnng der Orkney Inſeln kann es indeſſen nur das, durch irgend eine wäſſrige Wolke am Ho⸗ rizont gebrochene Bild der Sonne ſeyn. 3 3.. 36 Odin die Opfer dargebracht wurden, auf welchen Stei⸗ uen das Blut der Opfer floß, wo der Prieſter, mit ſeinen dunkeln Brauen ſtand, der Ort, wo die mit ihren Helm⸗ zierden geſchmuͤckten Haͤuptlinge ſtanden, welche den Wil⸗ len des Goͤtzen vernahmen, und den, wo der entfernte Haufe der untergeordneten Anbeter verſammelt war, wel⸗ cher auf jene mit Ebrfurcht und Schrecken hinblickte. Die Orte, vor denen die furchtſamen Bauern ſich am meiſten ſcheuten, hatten keine Schrecken fuͤr mich, ich wagte es, in den Feenring zu treten und bei der Zauberquelle zu ſchla⸗ fen.— „Zu meinem Unglück war es indeß mein Lieblingsver⸗ gnuͤgen, mich in der Naͤhe des Zwergſteins aufzuhalten, ei⸗ nes Ueberbleibſels des Alterthums, welches von Fremden mit Neugier, von den Eingebornen aber mit ehrfurchtsvol⸗ ler Scheu betrachtet wird. Es iſt ein gewaltiges Bruch⸗ ſtuͤk eines Felſens, welches in einem unebenen rauhen Thale liegt, das, voll von Steinen und Abhaͤngen, in den Schluchten des Wart⸗Huͤgels, auf Hoy gelegen iſt. Im Innern dieſes Steines ſind zwei Lagerſtaͤtten, die von kei⸗ ner irdiſchen Hand ausgehauen ſind, und zwiſchen denen ein Gang hindurch geht. Die Thuͤr iſt jetzt dem Wetter offen, aber daneben liegt der gewaltige Stein, welcher, in die nah am Eingange ſichtbaren Fugen paſſend, einſt dazu diente, dieſe außerordentliche Wohnung zu öffnen und zu ſchließen, welche Trolld, ein in den nordiſchen Sagas be⸗ ruͤhmter Zwerg, zu ſeinem eigenen Lieblingsaufenthalt ſich eingerichtet haben ſoll. Der einſame Schaͤfer vermeidet dieſen Ort, denn um Sonnenaufgang, zu Mittag und um Sonnenuntergang, ſieht man noch zuweilen die Mißgeſtalz des zauberiſchen Eigenthuͤmers bei dem Zwerg ſteiu 37 ſitzen. Ich fuͤrchtete ſeine Erſcheinung nicht, Minna, denn mein Herz war ſo unerſchrocken und meine Hand ſo un⸗ ſchuldig, als die Deinige. In meinem kindiſchen Muthe, war ich nur zu kuͤhn, und der Durſt nach unerreichbaren Dingen ließ mich, wie un ere erſte Mutter eine Erweite⸗ rung meines Wiſſens, waͤre es ſelbſt durch verbotene Mit⸗ tel wuͤnſchen. Ich brannte vor Begierde, die Macht der Voluspa und der Wahrſggerin unſers alten Stammes zu beſitzen, wie ſie, eine Gewalt uͤber die Elemente auszu⸗ üben und die Geiſter abgeſchiedener Helden aus ihren Graͤbern hervorrufen zu koͤnnen, um von ihnen zu hoͤren, welche Thaten ſie gethan, und wo ſie ihre Schaͤtze verbor⸗ gen. Oft, wenn ich bei dem Zwergſteine wachte, die Au⸗ gen auf den Wart⸗Hill geheftet, welcher uͤber jenem duͤſtern Thale emporſteigt, ſah ich, zwiſchen den dunklen Felſen, jenen wundervollen Karfunkel, welcher denen die ihn von unten anſehen, wie ein Ofen zu gluͤhen ſcheint, dem aber ſogleich unſichtbar wird, deſſen kuͤhner Fuß den Abhang erklimmt, von welchem er ſeinen Glanz herab⸗ ſtromt.*) Mein hochfahrender jugendlicher Sinn brannte *) An dem Weſtende dieſes Steines d. h. des Zwergſteines, erhebt ſich ein hoher, ſteiler Berg, der Wart, Hill genannt. Nahe bei der Spitze deſſelben ſieht man, in den Monaten Mai, Junius, Ju⸗ lius, um Mitternacht etwas, das ungemein glänzt und ſtrahlt, und das man oft ſchon in großer Entfernung bemerkt. Es hat früher noch ſtärker geleuchtet als jetzt, und obgleich Manche den Felſen erklettert und danach geſucht haben, ſo haben ſie doch nichts finden können. Nach der Volksfage iſt es ein bezauberter Karfunkel, ich halte es aber für Waſſer, das den glatten Felſen herabfließt, ver Ungeduld, dieſe und hundert andere aͤhnliche Geheim⸗ uiſſe zu ergruͤnden welche die Sa zas die ich durchlas, oder nur von Erlend lieh, nur andeuteten, aber nicht enthuͤllten, und in meinem kuͤhnen Muth forderte ich den Herrn des Zwergſteins auf, mir zu helfen, Kenntniſſe zu erlangen. „Und der boͤſe Geiſt hoͤrte Deine Aufforderung?“ ſag⸗ te Minna, deren Blut bei dem Anhoͤren der Erzaͤhlung in ihren Adern erſtarrte. „Stil.“ ſagte Norna, mit gedaͤmpfter Stimme: „reizt ihn nicht durch ſchnoͤde Worte— er iſt in unſerer Naͤhe— er hoͤrt uns in dieſem Augenblick.“ Brenda ſprang von ihrem Sitze auf.„Ich gehe in Euphanie Fea's Stube,“ ſagte ſie:„und laſſe Euch, Min⸗ na und Norna, allein, Eure Erzaͤhlungen von Geſpenſtern und Zwergen nach Belieben zu endigen; ich kuͤmmere mich zu allen Zeiten nicht darum, allein ich will ſie nicht um Mitternacht, und bei dieſem blaſſen Lampenſchein hören.“ Sie war demnach im Begriff, das Zimmer zu verlaſ⸗ ſen, allein ihre Schweſter hielt ſie zuruͤck. „Iſt das der Muth,“ ſagte ſie:„den jemand zeigt, der an nichts glaubt, was die Geſchichte unſerer Vaͤter uns von übernatuͤrlichen Wundern berichtet? Was Norna uns zu erzaͤhlen hat, betrifft vielleicht das Schickſal unſers Va⸗ ters und unſeres Hauſes, und wenn ich, im Vertrauen auf den Schutz Gottes und meiner Unſchuld gegen alle Ein⸗ wirkung feindlicher Maͤchte, es mit anhoͤren kann, ſo haſt Du, Brenda, die Du an ſolche Einwirkung nicht glaubſt,⸗ und, wenn die Sonne zu einer gewiſſen Zeit darauf ſcheint, durch das Zurückprallen der Strahlen dieſen Glanz verurſacht. 1IWal⸗ laee S. 52 39 gewiß keine Urſache zu zittern. Sey uͤberzeugt, daß der Schuldloſe nichts zu fuͤrchten hat.“ „Es mag keine Gefahr vorhanden ſeyn!“ ſagte Breu⸗ da, welche nicht im Stande war, ihre natuͤrliche Neigung zum Spott zu unterdruͤcken:„aber, wie das alte Scywaͤn⸗ kebuch ſagt, die Furcht iſt nun einmal da. Indeſſen will ich doch bei Dir bleiben, Minna, da ich—“ ſetzte ſie, ihr zuflüſternd, hinzu—„Dich nicht mit der furchtbaren Frau allein laſſen mag, und da ich eine dunkte Treppe hinabſteigen und einen langen Gang hinuntergehen muß, ehe ich zu Euphante Fea komme; ſonſt ſollte ſie hier ſeyn, ehe fuͤnf Minuten vergehen.“ „Rufe Niemanden herbei, Maͤdchen,“ ſagte Norna: „wenn Du Dein Leben lieb haſt, und unterbrich meine Erzaͤhlung nicht, denn ich kann und darf ſie nicht fortſe⸗ tzen, wenn dieſes Zauberlicht nicht mehr brennt.“ „Und ich danke Gott,“ ſagte Brenda bei ſich ſelbſt: „daß das Oel ſchon tief in der Lampe geſunken iſt; ich haͤtte nicht wenig Luſt, ihr einen Stoß zu geben, aber dann waͤre Norna mit uns allein im Dunkeln, und die Sache noch aͤrger.“ So ergab ſie ſich denn in ihr Schickſal, und ſetzte ſich nieder, entſchloſſen, mit aller Faſſung, die ihr nur zu Ge⸗ bote ſtand, den uͤbrigen Theil von Nornas Erzählung mit anzuhoͤren, welcher folgendermaßen lautete: „An einem heißen Sommertage, und gerade um die Mittagsſtunde,“ fuhr Norna fort:„als ich bei dem Zwerg⸗ ſteine ſaß, die Augen auf den Wart Hill geheftet, von wo aus der geheimnißvolle, ewigbrennende Karfunkel ſeine Strahlen heller als gewoͤhnlich herabſtroͤmen ließ, und in meinem Herzen die engen Graͤnzen des menſchlichen Wiſ⸗ 40 ſens betrauerte, konnte ich endlich nicht umhin, mit den Worten einer alten Sage auszurufen: „Ihr, des Bergs Bewohner, hört⸗ Trolld der Mächt ge, Haims der Weiſe! Die ihr Weibes Mund gelehrt Worte, die der Starke ehrt, 1 Die in Welbes Hand gelegt Zauberſtab, der alles regt. Der Foulahes mächtege Stürme weckt, und Sumburghes Wog mit Schlummer deckt, Ihr ſehweiget jetzt? Wo iſt die Kraft, Die Odines Zeit Euch einſt verſchafft? Nur Namen ſevd Ihr, Spott des Reims, Du mächtf ger Trolld, Du kluger Haims, Kaum hört man Euch, man nennt Euch kaum, Verweht im Wind, wie Diſtelflaum! „Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen,„fuhr Norna fort:„als der Himmel, welcher bis dahin unge⸗ wöhnlich heiter geweſen war, ſich ſo ploͤtzlich um mich her verdunkelte, daß es mehr Mitternacht als Tag zu ſeyn ſchien. Ein einzelner Blitz zeigte mir die öͤde, aus Haide Moraſt, Bergen und Abhaͤngen beſtehende Gegend um mich her, ein einzelner Donnerſchlag erweckte die Echos von Wart Hill, welche den Ton ſo lange wiederholten, daß es ſchien, als ſtuͤrze ein Fels, den der Blitzſtrahl vom Gipfel abgeſpalten, uͤber Klippe und Abgrund in das Thal hin⸗ ab; kurz darauf fiel ein ſo gewaltiger Regen, daß ich mich um nicht durchnaͤßt zu werden, in das Innere des geheim⸗ nißvollen Steines flüchten mußte. „Ich ließ mich auf das groͤßere Felſenlager nieder, welches an dem Ende der Hoͤhle ausgehauen iſt, und ver Aa 8SE S — A7 41 lor mich, die Augen auf das kleinere Bett geheftet, in Vermuthungen uͤber den Urſprung und die Beſtimmung meines ſonderbaren Zufluchtsort. War es wirklich das Werk jenes maͤchtigen Trolld, dem die Dichtungen der Scalden es zuſchrieb en? oder war es das Werk eines ſcandinaviſchen Haͤuptlings, der hier, mit ſeinen Waffen und ſeinen Schaͤtzen, vielleicht auch mit ſeinem Weibe, begraben war, das er geopfert, damit das, was er im Le⸗ ben am liebſten gehabt, auch im Tode nicht von ihm ge⸗ trennt ſeyn moͤge? oder war es die Wohnung der Buße, welche ein frommer Einſiedler ſpaͤterer Zeit ſich gewaͤhlt? oder das muͤzige Werk eines wandernden Handwerkers, den Zufall, Muße und Laune zu einer ſolchen Unterneh⸗ mung veranlaßt?— Ich erzähle Euch, was mir damals durch den Kopf ging, damit Ihr ſeht, daß, was jetzt ſich ereignete, nicht das Werk der vorher eingenommenen und erhitzten Einbildungskraft, ſondern eine eben ſo wirkliche, als furchtbare Erſcheinung war. „Der Schlaf hatte ſich waͤhrend meiner Gruͤbeleien allmaͤhlich meiner bemeiſtert, als ich durch einen zweiten Donnerſchlag aus dem Schlummer aufgeſchreckt wurde. Ich erwachte und ſah nun in dem ungewiſſen Lichte, wel⸗ ches durch die obere Oeffnung hereinfiel, die unfoͤrmliche unbeſtimmte Geſtalt des Zwerges, welcher mir gegenuͤber, auf dem kleinern Bette ſaß, das ſein breiter ungeſtalter Leib gaͤnzlich auszufuͤllen ſchien. Ich war befremdet, aber nicht erſchreckt, denn das Blut des alten Geſchlechts der Lochlin floß in meinen Adern. Er ſprach norwegiſch, aber ſo alt, daß niemand, meinen Vater und mich ausgenom⸗ men, ihn verſtanden haben wuͤrde— eine Sprache, welche auf dieſer Inſel geſprochen wurde, ehe Olaf das Kreuz auf 4⁰ den Truͤmmern des Heidenthums aufpflanzte. Auch ſeine Worte waren dunkel und geheimnißvoll wie die, welche die heidniſchen Prieſter im Namen ihrer Goͤtzen den Staͤm⸗ men zu verkündigen pflegten, welche ſich am Helgafel⸗ ſen*) verſammelten. Sie waren ungefaͤhr folgende: Wohl tauſend Winter ſind geſchwunden, Seit ſich ein ſterblich Weib gefunden, Das mir genaht in dieſen Stunden. Du kühner Gaſt, Der betreten Du haſt Trolld s einſames Haus, Der Du kameſt herein, Ohn berufen zu ſeyn, Du darfſt nicht heraus. Die Macht, die ſie ſucht⸗ Ueber Sturm, über Meer, Sey gewährt der Kühnen— Am Ufer, in der Schlucht, Auf Fels und auf Klippe, auf Berg und am See Am Strand“⸗, in der Bucht, im Thal, auf der Höh⸗, und an jeglicher Küſte, dem Nordwind bekannt. Und von Nordfluth beſucht. Doch iſt auch der Kühnſten die Gabe gegeben, So ſoll ſie doch nimmer zur Macht ſich beleben, Bis daß ſie geraubet ſein eigenes Leben Ihm, deres ihr gegeben. „Ich antwortete ihm beinahe in derſelben Weiſe, denn der Geiſt der alten Skalden unſers Stammes ruhte auf mir, und weit entfernt, die Erſcheinung zu fuͤrchten, mit *) Dem heiligen Felſen, wo die ſeandinaviſchen Prieſter ihren Götzendienſt verrichteten. 43 der ich in einem ſo engen Raum eingeſchloſſen war, fühl⸗ te ich ganz den hohen Muth, welcher die alten Kämpen und Druidinnen zu Kämpfen mit der unſichtbaren Welt vermochte, ſobald ſie glaubten, daß die Erde nicht laͤnger Feinde enthielte, welche es werth waͤren, von ihnen bekaͤmpft zu werden. Deswegen antwortete ich ihm folgendermaaßen: Dunkel iſt Dein Wort und ſchwer, Wächter bei dem Stein, Aber Furcht kann nimmermehr Der Genoſſin ſeyn Der Dich aufgeſucht und her Kam zu Dir allein. Acht' ich doch der Zukunft kaum, Kummer nicht und Noth; Leben iſt nur Fiebertraum, Heilung bringt der Tod. Der Daͤmon blickte mich muͤrriſch an, als ob er erzuͤrnt und betroffen zugleich waͤre, huͤllte ſich dann in einen dich⸗ ten und ſchwefelartigen Dunſt und verſchwand, Bis jetzt hatte ich keine Anwandlung von Furcht geſpuͤrt, nun aber ergriff ſie mich auf einmal. Ich ſtuͤrzte in das Freie hin⸗ aus; der Sturm war voruͤber, und Alles klar und heiter. Nach einem augenblicklichen athemloſen Verweilen eilte ich nach Hauſe, den Worten der Erſcheinung nachdenkend, auf die ich mich, wie es oft geſchieht, damals bei weitem nicht ſo gut beſinnen konnte, als ich es nachher vermocht habe. „Es wird Euch vielleicht ſonderbar vorkommen, daß eine Erſcheinung der Art aus meiner Seele ſo ganz habe entſchwinden koͤnnen, wie ein Traumgeſicht— und doch war es ſo. Ich ſieng an zu glauben, daß ſie ein Werk der Ein⸗ bildung geweſen ſey— ich glaubte, ich haͤtte zu viel in 44 der Einſam keit gelebt, und den Gefuͤhlen, welche mir meine Lieblingsſt udien eingefloͤßt, zu ſehr nachgegeben. Ich ent⸗ ſagte dieſen eine Zeit lang, und ſuchte den Umgang junger Leute meines Alters. Einſt war ich in Kirkwall zum Be⸗ ſuch, und lernte dort Euern Vater kennen, den Geſchaͤfte dahin gefuͤhrt hatten. Es ward ihm nicht ſchwer, Eingang bei dem Verwandten zu finden, bei dem ich wohnte, und der es ſehnlich wuͤnſchte, den Zwiſt, welcher unſere Famt⸗ lien von einander getrennt hatte, wieder ausgleichen zu koͤnnen. Euer Vater, Maͤdchen, iſt durch ſeine Jahre wohl unblegſamer geworden, allein ſie haben ihn aͤußerlich wenig veraͤndert. Er hatte auch damals dieſelbe maͤnnliche Bil⸗ dung, dieſelbe alte norwegiſche Geradheit der Sitte und des Herzens, denſelben freien Muth, dieſelbe Rechtlichkeit — bet einer groͤßeren jugendlichen Geſchmeidigkeit, dem Wunſche zu gefallen und gefaͤllig zu ſeyn, und der Mun⸗ terkeit des Geiſtes, welche ſelten uber unſere fruͤheren Jahre hinausdauert. Obgleich er indeß, nach dieſer Schil⸗ derung, ſehr liebenswuͤrdig war, und obgleich Erlend mir ſchrieb und ſeine Liebe billigte, ſo gab es doch noch einen Andern— einen Fremden, Minna, einen gefaͤhrlichen Frem⸗ den— voll von uns unbekannten Kuͤnſten und von ange⸗ nehmen Gaben, welche den einfachen Sitten Eures Vaters fremd waren. Ihr ſeht mich an, als ob Ihr es ſonderbar faͤndet, daß ich einen ſolchen Liebhaber haͤtte feſſeln koͤnnen; allein ich habe nichts mehr an mir, das Euch es begreif⸗ lich machen koͤnnte, daß dieſe Norna von Fitful⸗Head einſt, als Ulla Troil, ſo bewundert und geliebt wurdel Die Veraͤnderung, welche nach dem Tode mit dem Koͤrper vorgeht, iſt kaum furchtbarer, als die, welche mit mir vor⸗ gegangen iſt, ſeitdem ichuſo auf der Erde herumwandeie. 45⁵ — Blickt mich an, Maͤdchen,— blickt mich an, bei dieſem ſchwachen Licht,— koͤnnt Ihr glauben, daß dieſe wilden, vom Wetter halb zerſtoͤrten Zuͤge, dieſe Augen, welche durch den Anblick der Schrecken beinahe zu Stein geworden ſind, daß dieſe Locken, welche, mit Grau vermiſcht, jetzt umber⸗ flattern, wie die zerriſſenen Wimpel eines ſinkenden Schiffs⸗ daß dieſe, und die, welcher ſie gehoͤren, einſt die Gegen⸗ ſtaͤnde zaͤrtlicher Neigung ſeyn konnten? Doch die flackernde Lampe naͤhert ſich ſchnell dem Erloͤſchen, und ſo mag ſie es auch, waͤhrend ich meine Schande erzaͤhle. Wir liebten uns heimlich— wir kamen heimlich zuſammen, bis ich den letzten Beweis einer verderblichen und ſchuldvollen Leiden⸗ ſchaft gab!— und jetzt ſtroͤme aus Du zauberiſcher Schein, lodre noch ein klein wenig auf Du Flamme, ſelbſt noch in Deiner Schwaͤche ſo maͤchtig— laß ihn, der um uns ſchwebt, ſeine dunkeln Fittiche von dem Kreiſe fern halten, den Du erleuchteſt— lebe nur noch ein wenig, bis das Aergſte er⸗ zaͤhlt iſt, und ſinke dann, wenn Du willſt, in jene Finſter⸗ niß hin, welche ſo ſchwarz als meine Schuld und mein Kummer iſt.“ Waͤhrend ſie dieß ſprach, haͤufte ſie die uͤbrigbleibende Speiſe der Lampe zuſammen, putzte ihre ſinkende Flamme, und nahm dann, mit hohler Stimme, und in einzelnen deebroihenen Saͤtzen, den Faden ihrer Erzaͤhlung wieder auf. „Ich darf keine Zeit mit Worten verderben. Meine Liebe ward entdeckt, aber nicht mein Verbrechen. Erlend kam zornig nach Pomona, und fuͤhrte mich nach unſerer ein⸗ ſamen Wohnung auf Hoy. Er verbot mir, meinen Gelieb⸗ ten je wieder zu ſehen, und befahl mir Magnus zum Gat⸗ ten zu nehmen, dem er die, von ſeinem Vater ihm ange⸗ 46 thanen Beleidigungen vergeben wollte. Ach, ich war ſeiner Liebe nicht laͤnger wuͤrdig— mein einziger Wunſch war, mich aus meines Vaters Hauſe zu entfernen, um meine Schande in mein es Geliebten Armen zu verbergen. Ich darf nicht unger echt gegen ihn ſeyn— er war treu— nur zu, zu treu— ſeine Untreue wuͤrde mich meiner Sinne beraubt haben— allein die traurigen Folgen ſeiner Treue haben mir zehnfaches Leid zugefugt.“ Sie hielt inne und fuhr dann mit dem wilden Tone der Geiſtesverwirrung fort:„Sie hat mich zur maͤchtigen ſund unglücklichen Beherrſcherin der Seen und Winde ge⸗ macht!“ Sie hlielt zum zweltenmale nach dieſem wilden Ausruf inne, und fing dann ihre Erzaͤhlung in einem ruhigeren Tone wieder an:„Mein Gellebter kam heimlich nach Hoy, um mit mir Maßregeln zu meiner Flucht zu verabreden. Ich verſvrach, mit ihm zuſammenzukommen, damit wir die Zeit beſtimmten, wo ſein Schiff in den Sund einlaufen knnte. Ich verlteß das Haus um Mitternacht.“ Hier ſchien ſte nur mit Muhe zu athmen, und ſetzte ihre Erzaͤylung nur in abgebrochenen einzelnen Saͤtzen fort: „Ich verließ das Haus um Mitternacht— ich mußte bei meines Vaters Thuͤr voruͤbergehen, ich ſah ſie offen ſtehen — ich glaubte, er könne uns belauſchen, und damit der Schall meiner Tritte ſeinen Schlummer nicht unterbrechen moͤchte, ſchloß ich die ungluͤckliche Thür— dieß Zuſchlleten, an ſich eine gewoͤhnliche unbedeutende Handlung— aber, Gott im Himmel! was waren die Folgen derſelben!— Am Morgen war das Zimmer voil erſtickender Duͤuſte— mein Vater war todt— ich war die Urſache ſetnes Todes gewe⸗ ſen— mein Ungehorſam— meine Schande hatten ihn ge⸗ 47 toͤdtet! Alles, was nun noch folgt, iſt Nebel und Dunkel⸗ heit— ein erſtickender, erdruͤckender, toͤdtender Nebel umhuͤllt alles, was ich ſagte und that, bis ich mich uͤber⸗ zeugte, daß mein Schickſal unwiderruflich beſchloſſen ſey, wo ich als das rubige und furchtbare Weſen hervortrat, das Ihr jetzt in mir ſeht— die Königin der Elemente, — die Theilnehmerin an der Macht jener Weſen, denen der Menſch und ſeine Leidenſchaften ein ſo grauſames Ver⸗ gnuͤgen gewaͤhren, als die Qualen des Dornhay's dem Fi⸗ ſcher, wenn er ihm die Augen mit Dornen ausſticht, und ihn dann in ſein heimathliches Element zuruͤckwirft, die Wogen in Blindheit und Todeskampf zu durcheilen. Nein, Maͤdchen, die, welche Ihr vor Euch ſeht, nimmt an den Thorheiten nicht mehr Theil, denen Eure Gemuͤther noch zum Spiele dienen. Ich habe das Opfer gebracht— ich bin es, die den Geber der Gabe des Lebens beraubte, die er mir gegeben— der dunkle Spruch gieng durch meine That in Erfuͤllung— und ich bin ausgeſchloſſen von der Menſchheit, um ein ausgezeichnet mächtiges, aber auch aus⸗ gezeichnet elendes Weſen zu ſeyn.“ Bei dieſen Worten flammte die Lampe, welche lange geflackert hatte, auf einmal hell empor, und ſchien dann im Begriff, zu erloͤſchen. Norna hielt auf einmal inne, und ſagte haſtig:„Nun nichts weiter— er kommt, er kommt — genug nun, daß Ihr mich kennt, und wißt, welches Recht ich habe, Euch zu rathen und zu gebieten.— So naͤhere Dich jetzt,— ſtolzer Geiſt, wenn Du willſt!“ Mit dieſen Worten loͤſchte ſie die Lampe aus, und ſchritt aus dem Zimmer, mit den gewoͤhnlichen erhabenen Schritten, die Minna noch lange nachhallen borte. wandte ſogleich alle Mittel an, welche ihre Erfahrung ihr 48 Drittes Kapitel. Iſt all der Rath, den wir ſo treulich theilten, Der Schweſtern Wort, in Stunden unſers Glücks, Wo wir die Zeit geſcholten, deren ſchneller Tritt uns ſchied— iſt alles das vergeſſen? . Der Sommernachtstraum. Minna's Aufmerkſamkeit war durch dieſe Schreckens⸗ erzaͤhlung, welche mit ſo manchen einzelnen Fingerzeigen in Bezug auf Norna, die ihrem Vater und andern naͤhern Verwandten entfallen waren, uͤbereinſtimmte, ungemein ge⸗ ſpannt geweſen, und ſie ſelbſt eine Zeit lang ſo in ein mit Schrecken gemiſchtes Erſtaunen verloren, daß ſie nicht ein⸗ mal zu ihrer Schweſter ſprach. Als ſie endlich dieſe bei ih⸗ rem Namen rief, erhielt ſie keine Antwort, und fand, als ſie ihre Hand beruͤhrte, dieſe eiskalt. Auf das Aeußerſte erſchreckt, rieß ſie die Jalouſieen und Fenſterladen auf, durch welche zugleich die freie Luft und der bleiche Schim⸗ mer der nordiſchen Sommernacht hereinſtroͤmte. Jetzt wurde ſte gewahr, daß ihre Schweſter in Ohnmacht dalag. Alle Gedanken an Norna, ihre furchtbare Erzaͤhlung und ihre geheimnißvolle Verbindung mit der unſichtbaren Welt, wa⸗ ren in dieſem Augenblicke vergeſſen, und ſie eilte jetzt nach dem Zimmer der alten Haushälterin, um dieſe zur Huͤlfe zu rufen, ohne im Geringſten daran zu denken, welche Er⸗ ſcheinungen in ihr in den langen dunkeln Gaͤngen, die ſie zu durchwandern hatte, aufſtoßen moͤchten. Die Alte eilte zu Brendu's Beiſtande herbei, und an die Hand gab; allein das Nervenſyſtem des armen Maͤd⸗ chens war d die furchtbare Erziſzung, die ſie ldheben gehört, 3A Hn= d— ☛̈ N 49 gehoͤrt, ſo erſchuͤttert worden, daß, als ſie aus ihrer Ohn macht wieder zu ſich kam, ſie, trotz ihrer eigenen Anſtren⸗ gungen ſich zu faſſen, einen ziemlich anhaltenden hyſteri⸗ ſchen Anfall bekam. Auch dieſer wich indeß der Erfahrung der alten Euphanie Fea, welche mit den einfachen, auf Shetland gewoͤhnlichen Heilmitteln ſehr wohl bekannt war, und die, nachdem ſie ihr einen niederſchlagenden, aus Kraͤu⸗ tern und wilden Blumen bereiteten Trank gereicht, endlich die Kranke in Schlummer fallen ſah. Minna legte ſich zu ihrer Seite nieder, kuͤßte ihre Wange, und ſuchte in den Armen des Schlafes Ruhe; allein je ſehnlicher ſie ihn her⸗ betrief, deſto mehr ſchien er ihre Augen zu fllehen, und weun ſie zu Zeiten im Begriff war, einzuſchlummern, ſo zoͤnte die Stimme der unfreiwilligen Vatermoͤrderin in ihre Ohren, und erweckte ſie zu wahrem Bewußtſeyn. Die fruͤhe Morgenſtunde, zu der ſie autfzuſtehen ge⸗ wohnt waren, fand die Schweſtern in einem Zuſtande, wel⸗ cher von dem ganz verſchieden war, den man haͤtte erwar⸗ en ſollen. Ein ſanfter Schlaf hatte das Feuer von Bren⸗ das hellem Auge und die Roſen auf iyrer blüühen den Wange wieder hervorgerufen, und die vorübergehende Unpaͤßlichkeit der vorigen Nacht in ihrem Blicke eben ſo wenig Verſtoͤ⸗ rung zurüͤckgelaſſen, als die Schrecken von Norna's Erzaͤh⸗ lung in ihrer Einbildungskraft. Minna's Blicke waren dagegen truͤb: ſie ſelbſt ſchien niedergeſchlagen, und von Wachen und Angſt erſchoͤpft. Die Schweſtern ſprachen An; fangs wenig mit einander, als ob ſie ſich fuͤrchteten, einen Gegenſtand zu beruͤhren, der eben ſo erſchuͤtternd ſey, als der Auftritt der vergangenen Nacht. Erſt nachdem ſie, wie gewoͤhnlih, gemeinſchaftlich ihre Andacht verrichtet, waed Brenda, waͤhrend ſie ihrer Schweſter Mieder ſonurte, W. Scott's Werte, Cxll. 4 50 — denn Beihe leiſteten ſich gegenſeitig Handreichung bei dem Anzlehen— gewahr, wie bleich ihre Schweſter ſey, und nachdem ſie, durch einen Blick in den Spiegel, ſich uͤberzeugt hatte, daß ſie ſelbſt nicht ſo matt ausſehe, kuͤßte ſie Minna's Wange und ſagte zaͤrtlich:„Claudlus Halcro hatte wohl Recht, liebe Schweſter, wenn ſeine dichteriſche Ueberſpannung uns die Namen Tag und Nacht bei⸗ legte.“ „Und warum machſt Du gerade jetzt dieſe Bemerkung?“ ſagte Minna. „Weil jede von uns am kraͤftigſten zu der Tageszelt ausſieht, von der ſie den Namen hat. Ich war vor Schre⸗ cken beinghe des Todes, als ich in der vergangenen Nacht alle dieſe Dinze vernehmen mußte, welche Du mit ſo be⸗ ſonnener Feſtigkeit angehort haſt, und jetzt, wo es Tag iſt, kann ich mit Faſſung daran denken, waͤhrend Du ſo bleich ausſtehſt, wie ein Geiſt, den der Sonnenaufgang uͤber⸗ raſcht.“ „Du biſt ſehr gluͤcklich, Brenda,“ ſagte ihr Schweſter ernſt:„daß Du eine ſo wunderbare und ſchreckliche Ge⸗ ſchichte ſo bald vergeſſen karnſt.“ „Das Schreckliche,“ ſagte Brenda:„laͤßt ſich nicht ſo leicht vergeſſen; nur muß man hoffen, daß des ungluͤckli⸗ chen Weibes erhitzte Einbildungskraft, welche ſich ſo thaͤtig bei der Herbeizauberung von Erſcheinungen beweist, ihr ein eingebildetes Verbrechen untergeſchoben habe.“ „Du glaubſt alſo,“ ſagte Minna:„nichts von ihrer Zuſammenkunft bei dem Zwergſteine, jenem wunderbaren Orte von dem man ſo viel erzäblt, and der ſo viele Jahr⸗ hunderte lang fuͤr das Werf eines Daͤmons und für ſeinen Wohnſitz gegolten hat.“ 4 51 „Ich kann mir nicht denken,“ ſagte Brenda:„daß un⸗ ſere ungluͤckliche Verwandte eine Betrögerin ſey, und glaube deswegen, daß ſie waͤhrend eines Gewitters bei dem Zwerg⸗ ſteine war, daß ſie in demſelben Schutz luchte, urd daß waͤhrend des Schlafs, oder waͤbrend einer Ohnmacht, ſie einen Traum hatte, welcher mit den Volksſagen, die ihr ſo gelaͤufig waren, uͤbereinſtimmte; mehr aber kann ich nicht wohl glauben.“ „Und doch beſtaͤtigte der Erfolg,“ ſagte Minna:„die dunkeln Andeutungen des Geſichts.“ „Erlaube mir,“ erwiederte Brenda:„ich glaube eher, daß ſie ſich des Traumes gar nicht mehr erinnert, oder ihn in ein Ganzes gedracht haben wuͤrde, waͤre der Erfolg nicht geweien. Sie ſagte uns ja ſelbſt, daß ſie das Geſicht beinahe vergeſſen, und erſt nach ihres Vaters ſurchtbarem Tode ſich deſſelben erinnert habe,— und wer buͤrgt uns da⸗ fuͤr, daß nicht das, was ſie noch davon ſich zu erinnern glaubte, nichts weiter, als ein Gebilde ihrer eigenen, von der ſchrecklichen Begebenbeit ganz natuͤrlich zerruͤtteten Ein⸗ bildungskraft war? Haͤtte ſie den Zauberzwerg wirklich ge⸗ ſehen, und mit ihm geſprochen, ſo wuͤrde ſie ſich der Unter⸗ redung lange genug erinnert haben— ich wenigſtens haͤtte es gewiß.“ „Brenda,“ antwortete Minna:„Du haſt doch den guten Pfarrer der Kreuz⸗Kirche ſagen horen, daß Men⸗ ſchenweisheit aͤrger denn Thorheit ſey, wenn man ſie auf Geheimniſſe anwende, welche uͤber unſere Faſſungskraft giengen, und daß wenn wir nicht mehr glaubten, als wir begreifen koͤnnten, wir oft dem Zeugniß unſerer Sinne wi⸗ derſtehen muͤßten, die uns bei jeder Geles enheit Umſtaͤnde 4.⸗ 52 vorfuͤhrten, welche eben ſo zuperlaͤßig, als unbegreiflich waͤren.“ „Du biſt ſelbſt zu gelehrt, Schweſter,“ erwiederte Brenda:„als daß Du des Beiſtandes des guten Pfarrers der Kreuz⸗Kirche beduͤrfteſt; aber ich meine, ſeine Lehre bezog ſich nur auf die Geheimniſſe unſerer Religion, wel⸗ che wir, unſerer Pflicht gemaͤß, ohne Gruͤbeln oder Zweifel annehmen müſſen— allein bei Sachen, die im gemeinen Leben vorkommen, koͤnnen wir, da Gott uns Vernunft ge⸗ geben hat, unmoͤglich Unrecht thun, wenn wir dieſe gebrau⸗ chen. Du aber, liebe Minna, haſt eine regere Einbildungs⸗ kraft als ich, und nimmſt alle dieſe wunderbaren Geſchichten als Wahrheit an; weil Du gern an Zauberer, Zwerge und Waſſergeiſter denkſt, und gern eine kleine Trau oder Fee, wie die Schotren ſie nennen, mit einem gruͤnen Kleide und einem Paar Fluͤgel von ſo glaͤnzenden Farben, als der Schimmer vom Halſe des Staares iſt, zu Deiner Bedie⸗ nung haben moͤchteſt.“ „Dieß wuͤrde Dir wenigſtens die Muͤhe erſparen, mein Mieder zu ſchnaͤren,“ ſagte Minna:„und uͤberdieß es falſch zu thun, denn Du haſt in der Hitze Deiner Rede 4 zwei Schnurlocher uͤberſprungen.“— „Dem kann gleich abgeholfen werden,“ ſagte Brenda: „und dann will ich, wie einer Deiner Freunde ſagen würde, recht ordentlich anholen und belegen,— aber Du holſt o tief Athem, daß das ziemlich ſchwer werden wird.“ „Ich ſeufzre nur,“ ſagte Minna in einiger Verlegen⸗ heit:„daruber, daß Du ſo bald mit dem Ungluͤcke dieſer ungewoͤhnlichen Frau Delnen Spott treiben und Dich dar⸗ über luſtig machen kannſt.“ „Ich mache mich nicht daruͤber luſtig, das weiß Gott,“ 4 88-—,-22 22—— æ2ꝗ ⏑‿ A——e⸗ — 53 erwiederte Brenda etwas verdrießlich:„Du aber, Miana, verdrehſt alles, was ich in Wahrheit und Liebe ſage, in Härte und Schlechtheit. Ich betrachte Norna als eine Frau von außerordentlichen Faͤhigkeiten, die ſich uͤberhaupt mit einem hohen Grade von Geiſtesverwirrung ſehr wohl ver⸗ eint denken laſſen, und glaube, daß ſie die Witterungsan⸗ zeichen beſſer kennt, als irgend eine Frau in Shetland; daß ſie aber irgend eine Gewalt uͤber die Elemente beſitze, daran glaube ich nicht mehr, als an die Ammenmaͤhrchen vom Koͤnig Erich, der den Wind aus der Ecke herkommen laſſen konnte, wohin er ſeine Muͤte drehte.“ Minna, welche der beharrliche Unglaube ihrer Schwe⸗ ſter etwas verdroß, erwiederte ſpitzig:„und doch iſt es dieſe Frau— dieſe halbverwirrte Frau und arge Betruͤgerinn, von welcher Du Dir in der Angelegenheit Rath ertheilen lieſſeſt, die Dir in dieſem Augenblick am meiſten am Her⸗ zen liegt.“ „Ich weiß nicht, was Du meinſt,“ ſagte Brenda hoch⸗ erroͤthend, indem ſie von ihrer Schweſter loszukommen ſuchte. Da ſie aber jetzt ſich ſchnuͤren laſſen mußte, ſo konnte Minna ſie an der ſeidenen Schnur, womit ſie das Mieder zuſchnuͤrte, feſthalten, und dieſe ſagte, indem ſie ihr ſanft auf den Nacken ſchlug— deſſen ploͤtzliche Bewegung und Uebergang zum hoͤchſten Scharlach eine eben ſo große Verwirrung bei der andeutete, die ſolche vorher zu erregen geſucht hatte— in milderem Tone:„iſt es nicht ſonder⸗ bar, Brenda, daß, ungeachtet wir von dem Fremden, Mor⸗ daunt Mertoun, ſo behandelt vorden ſind, und ſeine Drei⸗ ſtigkeit ihn wieder uneingeladen in ein Haus gefuͤhrt hat, wo ſeine Gegenwart ſo unangenehm iſt, Du ihm noch wohl willſt und ſeiner gedenkſt? Wahrhaftig, das koͤnnte ſchon 54 bafuͤr heweiſen, daß es noch Zaubermittel im Lande giebt⸗ und daß Du ſeldſt von einem ſolchen befangen biß. Nicht umſonſt traͤgt Mordaunt eine ſolche Kette von Elfengold — ſieh Dich vor, Brenda, und ſey klug, da es noch Zeit eiſt.“⸗ „Ich habe nichts mit Mordaunt Mertoun zu thun,“ ſagte Brenda haſtig:„auch weiß ich nicht, und bekuͤmmere mich nicht darum, was er oder irgend ein anderer junger Mann um den HKals traͤgt. Ich koͤnnte die ſaͤmmtlichen Goldketten der Scköppen von Edinburgh ſehen, von denen Lady Glourourum ſo viel ſpricht, ohne mich in einen von denen, die ſie trazen, zu vergaffen.“ Nachdem ſie ſo der allge meinen Sitte der Frauen ſich auf eine ſolwe allgemeine Anklage hin nicht für ſchurdig zu erklären, ebenfalls Ge⸗ nuͤge geleiſtet, finz ſie in veraͤndertem Tone ſogleich wieder an:„Die Wahrheit zu ſagen, Minna, mein' ich, daß Du und Iyr Alle uͤber dieſen unſern jungen Freund, der ſo lange unſer vertrauteſter Geſellſchafter geweſen iſt, viel zu voreilig geurtheilt habt. Bedenke Dir es, Mordaunt Mer⸗ toun iſt Dir eben ſo diel, als er mir iſt— Du ſelbſt weißt, daß er zwiſchen uns keinen Unterſchied machte, und daß er, Kette mag Kette ſeyn, wie ein Bruder mit zwei Schwe⸗ ſtern lebte. Und doch kannſt Du ihn ſo auf einmal von Dir ſtoßen, weil ein heraufgelaufener Seemann, von dem wir nichts wiſſen, und ein herumtreibender Hauſirer, von dem wir ſehr wohl wiſſen, daß er ein Dieb, ein Betruͤger und ein Lgner iſt, Klaͤtſchereten machen und etwas an⸗ briugen, das nicht zu ſeinen Gunſten iſt. Ich kann es nicht glauben, daß er geſagt habe, er koͤnne unter uns waͤhlen, und warte nur, wer Burgh⸗Weſtra und Bredneß⸗Voe be⸗ kommen wuͤrde. Ich glaube nicht, daß er je es geſagt, oder daß er es nur gedacht habe: er koͤnne zwi chen uns waͤhlen?“ 4 „Vielleicht,“ antwortete Minna kalt:„hatteſt Du Grund zu vermuthen, daß ſeine Wahl ſchon getroffen ſey.“ „Nein, laͤnger kann ich es nicht ertragen,“ ſagte Bren⸗ ya, indem ſie iyrer natuͤrlicen Lebhaftigkeit frelen Lauf ließ und den Haͤnden ihrer Saweſter entſpreng, dann ſch umdrehte und ſie anſah, waͤhrend ihre gluͤbende Wange von einem eben ſo hohen Roth gefaͤrbt war, als ihr Hals und der obere Theil des Buſens, welchen das halbzuge⸗ ſchnuͤrte Mieder ſehen ließ:„ſelbſt von Dir will ich dieß nicht ertragen! Du weißt, daß ich mein ganzes Leben lang die Wahrheit geſprochen habe, und daß ich die Wahrheit liebe, und ich ſage Dir, das Mordaunt Mertoun in ſeinem Leben nicht eher einen Unterſchied zwiſchen Dir und mir machte, als bis..“. Hier fühlte ſie, daß ſie etwas Bezuͤgliches zu ſagen im Begriff war, und hielt inne. Ihre Schweſter aber erwie⸗ derte, lächelnd:„nun, Brenda als bis?.... Mich duͤnkt, Deine Liebe zur Wahrheit ſcheint denn doch das, was Du eben auf der Zunge hatteſt, nicht ſo recht herausbringen zu können.“ „Als bis Du ihm nicht mehr die Gerechtigkeit wider⸗ fahren ließeſt, die er verdient,“ ſagte Brenda heftig:„da ich doch frei heraus ſprechen ſoll. Ich glaube nicht, daß er Dir ſeine Freundſchaft länger aufdringen wird, da Du ſo wenig Werth auf ſie zu legen ſcheinſt.“ „Nun wohl,“ ſagte Minna,„Du biſt ſicher vor meiner Eiferſucht, ſowohl bei ſeiner Liebe, als bei ſeiner Freund⸗ ſchaft. Ueberlege es indeſſen, Brenda! Cleveland hat es — * 56 nicht geſagt, Cleveland iſt der Verläumdung unfähig, Bryce Snailsfoot hat es nicht ausgeſprengt;— es iſt nicht einer unter unſeren Bekannten und Freunden auf der Inſel, der es nicht geradezu ſagte, daß es das allgemeine Geſpräch auf der Inſel ſey, die Töchter Magnus Troll's warteten ruhig darauf, welche von ihnen der namen⸗ und abſtammungsloſe Fremde, Mordaunt Mertoun wählen wuͤrde.— Soll man das von uns ſagen dürfen, die wir Abkömmlinge eines nor⸗ wegiſchen Jarls und die Toͤchter des erſten Udallers auf Shetland ſind? und wuͤrde es, wenn wir ſelbſt die gemein⸗ ſten Maͤdchen wären, die je einen Milcheimer trugen, ſich fuͤr uns ziemen, eine ſolche Beleidigung ungeahndet zu laſ⸗ ſen? 271 „Was Thoren ſprechen, kraͤnkt nicht,“ erwiederte Brenda mit Waͤrme:„ich werde des Geklaͤtſches der Inſel willen, welches den unſchuldigſten Handlungen die ſchlimmſte Deu⸗ tung unterſchieben kann, nie meinen eigenen Glauben an ei⸗ nen unſchuldigen Freund aufge ben.“ „So höre aber nur, was unſere Freunde ſagen,“ wie⸗ derholte Minna:„höre nur, was Lady Glourourum, was Maddie und Clara Groatſetter erzählen.“ „Lady Glourourum,“ antwortete Brenda feſt:„hat die böſeſte Zunge auf ganz Shetland, und Maddie und Clara Groatſetter waren froh, daß Mordaunt vorgeſtern bei dem Mittageſſen zwiſchen ihnen ſaß, wie Du ſelbſt bemerkt haben würdeſt, wenn nicht Dein Auge und Ohr etwas Beſſeres zu thun gehabt hätten.“ „Dein Auge hatte wenigſtens nichts Beſonderes zu thun,“ erwiederte die ältere Schweſter:„da es auf einen jungen Mann geheftet war, von dem die ganze Welt, Dich ausge⸗ nommen, die Du es nicht zugeben willſt, glauot, daß er mit 57 der unverſchäm'eſten Anmaßung von uns geſprochen habe. Selbſt, wenn er unſchuldig ſeyn ſollte, iſt es nicht jungfräͤu⸗ lich, und zu dreiſt von Dir, wie Lady Glourourum ſagt, da hinzuſehen, wo er ſitzt, da das nur das Gerücht beſtätigen muß.“ „Ich werde ſehen, wohin ich will,“ ſagte Brenda, die jetzt immer waͤrmer wurde:„und Lady Glourourum hat we⸗ der über meine Gedanken, noch über meine Worte oder uͤber meine Augen, das Geringſte zu ſagen. Ich halte Mordaunt Mertoun für unſchuldig— ich glaube es, und werde es immer behaupten, und wenn ich nicht mit ihm rede, und ihn nicht wie ſonſt behandele ſo geſchieht dieß aus Gehor⸗ ſam gegen meinen Vater, und nicht deswegen, was Lady Glourourum und alle ihre Nichten, und wenn ſie deren zwan⸗ zig, ſtatt zwei hätte, uͤber eine Sache denken, und meynen, vin achſelzucken und ſchwatzen können, die ſie nichts an⸗ ge t.“ „Ach, Breda!“ antwortete Minna mit Ruhe:„dieſe Lebhaftigkeit verraͤth, daß Du mehr als einen gewöhnlichen Freund vertheidigſt! Sey auf Deiner Hut;— der Norna's Frieden auf immer ſtörte, war ein Fremder, dem ſie gegen den Willen der Familie ihre Gunſt ſchenkte.“ „Es war ein Fremder, ja,“ erwiederte Brenda mit Be⸗ tonung:„nicht allein durch ſeine Geburt, ſondern auch durch ſeine Sitten. Sie war nicht mit ihm von Kindheit auf er⸗ zogen; ſie hatte nicht, durch einen mehriaͤhrigen, vertrauten Umgang, die Annehmlichkeit, die Offenbeit ſeines Charakters kennen gelernt. Er war allerdings ein Fremder, war es durch Charakter, Gemüthsart, Geburt, Betragen und ſittliche Pil⸗ dung— vielleicht ein herumziehender Abentheurer, den ein Zufall, oder der Sturm, auf die Iuſel geworfen, und der 58 en falſches Gemäͤth unter einer freien Stirn verbarg. Nimm remde auf Burgh⸗Weſtra.“ Minna ſchien einen Augenblick von der Schnelligkeit, mit welcher ihre Schweſter ihre Warnungen und ihren Ver⸗ dacht ihr zurück gab, üperwältigt; allein ihre natürliche Geiſtesgröße ließ ſie bald wieder mit angenommener Faſſunz, antworten:„Wenn ich Dir, Brenda eben ſo wenig Ver⸗ trauen bewieſe, als Du mir, ſo wuͤrde ich Dir antworten, daß Cleveland mir nicht mehr gilt, als Mordaunt mir war, oder der junge Sarwaſter, oder Loren; Erichſon, oder jeder andere Lieblingsgaſt meines Vaters mir jetzt iſt. Allein ich halte es uater meiner Würde, Dich zu hintergehen, oder Dir meine Gedanken zu verbergen— ich liebe Clemens Cleve⸗ land.“ 3 „Sage das nicht, theuerſte Schweſter,“ ſagte Brenda, indem ſie auf einmal alle die Bitterkeit des Tones, mit wei⸗ cher die Unterhaltung zuletzt geführt worden war, fahren ließ, und igre Arme um den Hals ihrer Schweſter ſchlang; „ſage das nicht, ich beſchwöre Dich! Ich will Mordaunt Mertoun entſagen— ich will ſchwoͤren, daß ich nie wie⸗ der mit ihm reden will— aber wiederhole nicht, daß Du dieſen Cleveland liebſt.“ „Und warum ſollte ich nicht,“ ſagte Minna, indem ſie ſich ſanft aus ihrer Schweſter Armen wand:„die Verſi he⸗ rung eines Gefühles wiederholen, auf das ich ſtolz bin? Die Kühnheit, die Kraft und Staͤrke ſeines Charakters, dem das Befehlen zur Natur geworden und Furcht unbekannt iſt — gerade die e Eigenthümlichkeiten, welche Dich für mein Gluͤck beſorgt machen, ſind es, die es begruͤnden. Erinnere 20 59 Zieh, Brenda, daß, während Du an dem ruhi Me en ebenen resuſer, wie es im Sommer iſ, zu wandein pflegteſt, ich immer den Blick vo om Abhange, wenn die Wogen toben, vorzog.“ „Und gerade das iſt es, was ich fürchte,“ ſagte Bren⸗ da:„gerade dieſe Neigung zum Abe ntheuerlichen iſt es, welche Dich jetzt an den Rand eines Abhanges hinzieht, ge⸗ faͤhrlicher, als je einer, den die Frühlingsfluth beſpült. Die⸗ ſer Mann— blicke nicht finſter, ich will nicht gewoͤhnliche Klätſchereien ſagen— iſt er nicht ſeibſt in Deinen partheii⸗ ſchen Augen. ſchroff und übermuͤthig? Du ſagſt, er ſey ge⸗ wohnt, zu befehlen; aber beſiehlt er nicht eben deswegen auch da, wo er kein Recht dazu hat, und da, wo er ei⸗ gentlich gehorchen ſollte? Geht er nicht mehr ſeiner ſelbſt, als jeder andern Rückſicht wi ten, der Gefahr entgegen? Und kannſt Du Dir es möglich denken, mit einem ſo unſtaͤten, ſturmiſchen Geiſte verbunden zu ſeyn, deſſen Leben bisher nur unter Gefahr und Tod verfloſſen iſt, und der, felbſt wenn er an Deiner Seite iſt, ſeine Ungeduld nicht verber⸗ gen kann, ſich wieder in dieſe zu ſtürzen? Ein Geliebter muß, dünkt mich, ſeine Geliebte höher als ſein eigenes Leben halten, aber der Deinige ſetzt ſie dem Vergnuͤgen nach, An⸗ dern den Tod zu bereiten.“ I1. „Und gerade deswegen liebe ich ihn,“ ſagte Minna. „Ich bin eine Tochter der alten norwegiſchen Frauen, welche ihre Geliebten lächelnd in den Kampf gehen ſahen, und ſie mit ihren eigenen Händen umbringen konnten, wenn ſie entehrt zurückkehtten. Mein Geliebter muß die Poſſen⸗ ſpiele verachten, wodurch unſer. entartetes Geſchlecht ſich aue⸗ zeichnen will, oder ſie nur zum Scherz und zur Vorberei⸗ tung auf höhere Gefahren treiben. Ich mag keinen Wall⸗ 60 fiſch⸗fangenden, Vogelneſter⸗ausnehmenden Liebhaber: mein Geliebter muß ein See⸗König ſeyn, oder was die neueren Zeiten noch ſonſt aufzuweiſen haben mögen, das ſich dieſer erhabenen Würde nähert.“ „Ach, Schweſter,“ ſagte Brenda:„jetzt muß ich, lei⸗ der! ernſtlich an die Kraft der Zauberſpruͤche und Zauber⸗ mittel zu glauben anfangen. Du wirſt Dich jener ſpaniſchen Geſchichte erinnern, weiche Du mir vor längerer Zeit einmal wegnahmſt, weil ich Dir ſagte, daß Du, mit Deiner Bewun⸗ derung des Ritterthums der alten Zeiten Skandinaviens, eben ſo abentheuerlich wäreſt, als der Held darin.— Ach! Minna, Deine Farbe zeigt ſchon, daß Dein Gewiſſen Dich ſchlägt, und daß Du Dich des Buches entſinneſt, das ich meyne; glaubſt Du, daß es klüger iſt, eine Windmuͤhle für einen Rieſen zu halten, als den Befehlshaber eines elenden Kapers fuͤr einen Kaͤmpen oder einen See⸗König?“ Minna war in der That aus Aerger uͤber dieſe Be⸗ merkung erroͤthet, deren Wahrheit ihr vielleicht einiger⸗ maßen einleuchtete. „Du haſt,“ ſagte ſie:„ein Recht mich zu verhöhnen, denn Du weißt jetzt um mein Geheimniß.“ Brenda's ſanftes Herz konnte dieſen Vorwurf der Lieblingsloſigkeit nicht ertragen; ſie beſchwor ihre Schwe⸗ ſter, ihr zu verzelhn, und Minnas natuͤrliche Herzensguͤte konnte ihren Bitten nicht lange widerſtehen. „Wir ſind ſchon ſehr ungluͤcklich,“ ſagte ſie, waͤhrend ſie ihrer Schweſter Thränen trocknete:„daß wir nicht mit denſelben Augen ſehen koͤnnen— laß uns nicht einander durch gegenſeitigen Hohn und Liebloſigkeit noch elender ma⸗ chen. Du weißt jetzt mein Geheimnß— es wird vielleicht 61 niht lange eines bleiben, denn mein Pater ſoll es erfahren, ſobald gewiſſe Umſtaͤnde dieß thunlich gemacht haben wer⸗ den. Mittlerweile weißt Du, ich wiederhole es, um mein Geheimniß, und ich bin mebr als gewiß, daß ich auch um das Deinige weiß, obgleich Du Dich weigerſt, es einzuge⸗ ſtehen.“. „Wie, Minna!“ erwiedette Brenda:„ſoll ich denn Gefuͤhle, wie die, welche Du meinſt, fuͤr irgend jemand eingeſtehen, ehe er das geringſte Wort geſagt hat, das ein ſolches Eingeſtändniß rechtfertigen koͤnnte?“ „Allerdings nicht; allein ein verborgenes Feuer ver⸗ räth ſich ſowohl durch Hitze, als durch die Flamme.“ „Du ſcheinſt Dich auf ſolche Zeichen zu verſtehen,“ ſagte Brenda, indem ſie ihren Kopf ſenkte und vergebens der Verſuchung zu widerſtehen ſuchte, die Bemerkung ih⸗ rer Schweſter, durch eine andere, bezuͤgliche, zu beantwor⸗ ten:„aber ich kann Dir nur das ſagen, daß, wenn ich je lieben ſollte, ich es gewiß nicht eher thun werde, als bis man mich zwei oder drei Mal dazu aufgefordert hat, was, bis jetzt, mir noch nicht:begegnet iſt. Aber laß uns nicht unſern Zwiſt erneuern und lieber daruͤber nachdenken, wa⸗ rum uns Norna dieſe furchtbare Geſchichte erzaͤhlt hat, und wozu ſie fuͤhren ſoll.“ „Sie hat als Warnung dienen ſollen,“ erwiederte Minna:„eine Warnung, welche unſre Lage und, ich laͤug⸗ ne es nicht, namentlich die meinige, ihr zu erfordern ſchien, ailein ich bin ſtark, in meiner Unſchuld und Cleveland's Ehre.“ Brenda haͤtte ihr gern geantwortet, daß ſie ſich auf die Zweite nicht ſo ſicher, als auf die erſte verließe, aber 6² ſie war vorſſchtig und antwortete daher nur, um nicht die fruͤhere peisliche Eroͤrterung wieder aufzufriſchen:„es iſt ſonderbar, daß Noraa uns nicht mehr von ihrem Ge⸗ liebten erzählt hat. Ich will doch nicht hoffen, daß er ſte in dem äußerſten Elende verlaſſen, in das er ſie gebracht hat?“ „Es mag Auzenblicke im Ungluͤck geben,“ ſagte Min⸗ na, nach einer Paufe:„in welchen das Gemuͤth ſo ſehr verſtimmt iſt, daß es ſelbſt bei den Gefuͤhlen, welche es am meiſten beſchaͤftigt haben, nicht mehr anſpricht; ihr Kummer uͤber ihren Geliebten mag in dem Abſcheu und der Verzweifl ig unter gegangen ſeyn.“ „Oder er mag von den Inſeln entflohen ſeyn, aus Furcht vor der Rache unſeres Vaters,“ ſagte Brenda. „Wenn er, aus Furcht oder Verzagtheit,“ ſagte Min⸗ na, indem ſie emporblickte:„faͤhig war, vor dem Anblick des Ungluͤcks zu fliehen, das er angerichtet, ſo hoffe ich, daß er jetzt ſchon die Strafe erhalten hat, welche der Him⸗ mel fuͤr die ſchaͤndlichſten Verräther und Feiglinge aufge⸗ ſpart hat.— Komm, Schweſter, man hat uns ſchon lange am Fruͤhſtuͤckstiſche erwartet.“ Dahin gingen ſie nun, Arm in Arm, mit weit groͤße⸗ rem Vertrauen, als in den letzteren Zeiten zwiſchen ihnen geherrſcht hatte, indem der kleine Zank unter ihnen wie ei⸗ ne Art Bourran qae oder ploͤtzlicher Windſtoß gewirkt, der Nebel und Duͤnſte zerſtreut, und ſchoͤnes Wetter herbey⸗ fuͤhrt. 3 Auf dem Wege zum Fruͤbſuuͤckzimmer kamen ſie darin uberein, daß es unndthig ſey, und vlelleicht unklug ſeyn wuͤrde, ihrem Vater die naͤheren Umſtaͤnde des naͤchtlichen 63 Beſuches mitzutheilen, oder ihn merken zu laſſen, daß ſie mehr als ſonſt von der traurigen Geſchichte Nornas wuͤßten. Viertes Kapitel. Sie ſind für mich dahin, verloren jene Freuden, Verſcheucht von Grübeley, wil ſie die Zeit nicht leiden. Nicht ſeht ich dort mehr ziehn den nächt gen Frenzug, Wie er im Mondlicht ſchlürtt den Tbau aus Blumenkrug. Ja, ſelbſt das letzte Bild, des Hirns geſchäft'ges Thun, Des Kirchhofs graß Geſpenſt, es ruht auf ewig nun. Die Bibliothek. Der Sittendichter, ous welchem wir das Motto für dieſes Kapitel entlehnen, hat einen Gegenſtand berührt, bei welchem die Gefuͤhle der meiſten Leſer unbewußt mit anklingen. Der Aberglaube, wenn er niat in der vollen Macht ſeiner Schrecken erſcheint, ſondern ſeine Hand ganz ſanft auf das Haupt deſſen legt, der ſich vor ihm beugt, hat gewiſſe Reize, die wir ſelbſt auf den Stufen der menſchlichen Geſellſchaft, von welchen ſein Einfluß durch das Licht der Vernunft und der allgemeinen Erziehung kei⸗ nahe ganz verſowunden iſt, zu vermiſſen nicht umhin koͤnnen. Wenlgſtens hatte doch, in unwiſſenderen Zeiten ſein Syſtem einzebildeter Schreckniſſe etwas Anziehendes fuͤr Gemuͤther, die ſonſt wenig erregt wurden. Dieß gilt noch ganz beſonders von den leichteren Abſtufungen aber⸗ gläubiſcher Gefuhle und Gewohnheiten, welche ſich in die Vergnuͤgungen fruͤhsrer, ungevilderer Zelten miſchten, und welche, wie die Vorbedeutungen am Abend vor Aller⸗ heiligen, theils als Scherz, theils als wahrer und pro⸗ phetiſcher Ernſt angeſehen werden. Mit ähnlichen Gefühlen ſind, noch zu unſerer Zeit, Leute von ziemlich guter Erzie⸗ hung zum Spaß zu den Wahrſagern gegangen, und doch nicht immer mit gänzlichem Unglauben an die Antworten, die ſie erhalten haben.. Als die Schweſtern von Burgh⸗Weſtra in das Zimmer traten, wo ein Frühſtuͤck eingenommen werden ſollte, ſo gewaltig als das, welches wir bei Gelegenheit des vorigen Morgens beſchrieben haten, und von dem Udaller einen ſcherzhaften Vorwurf über ihr langes Außenbleiben hatten hören muͤſſen, fanden ſie die Geſellſchaft mit einer alten norwegiſchen Sitte, von der Art, wie wir ſie ſo eben be⸗ ſchrieben haben, beſchäftigt. Sie ſcheint aus den alten Gedichten und Skalden ent⸗ lehnt worden zu ſeyn, worin Kämpen und Heldinnen ſo oft beſchrieben werden, wie ſie von irgend einer Zauberin oder Wahrſazerin ihr künftiges Schickſal zu erfahren ſuchen, und — wie in Grays Legende,„die Erſcheinung Odin's“— durch die Kraft der runiſchen Reimſprüche die widerſpenſti⸗ ge Verkuͤndigerin der Schickſalsbeſchlüſſe erwekt und Ant⸗ worten aus ihr hervorgelockt haben, welche oft ſehr zweideu⸗ tig waren, aber damals fuͤr entfernte Andeutungen künfti⸗ ger Begebenheiten gehalten wurden. Eine alte Sybille, Euphanie Fea, die ſchon oben er⸗ waͤhnte Haushälterin, ſaß in der Vertiefung eines großen Fenſters, die durch Baͤrenhaͤute und andere Umhänge ab⸗ fichtlich verdunkelt worden, ſo daß ſie ungefähr das Anſehen einer jappländiſchen Hütte hatte, und, wie ein Beichtſtuhl⸗ mit Phe Oeffnung verſehen war, durch welche die darin ſitzende ͤ 2— 1 —n——ę—C—.O—C——ᷣ———— 65 ſitzende Perſon ſehr wohl die Fragen, die ihr gethan wur⸗ den, hoͤren, aber nicht den oder die Fragende ſehen konn⸗ te. Hier ſaß nun die Voluspa oder Sibylle, welche auf die in Reimen abgefaßten Fragen, die man an ſie that, eine Antwort aus dem Stegreif geben ſollte. Der um⸗ hang ſollte verhindern, zu ſehen, von wem ſie befragt wurde, und die abſichtliche oder zufaͤllige Beziehung, in welche die, unter ſolchen Umſtaͤnden gegebene Antwort zu der Lage der Perſon ſtand, von welcher die Frage gethau wurde, gab oft Stoff zum Lachen, zuweilen aber auch, wie es ſich traf, zu ernſthafter Betrachtung. Die Sibylle wurde gewoͤhnlich deswegen gewaͤhlt, weil ſie das Talent des Inproviſirens in norwegiſcher Dichtung beſaß, eine Gabe, welche da gar nicht ungewoͤhnlich war, wo ſo Manche eine große Anzahl alter Verſe auswendig wußten, und die Regen des Versbaues ſo ungemein einfach waren. Auch die Fragen wurden in Verſen gethan; da man aber dieſe Fertigkeit des aus dem Stegreif Verſemachens, wenn ſie auch gewoͤhnlich war, doch nicht als allgemein annehmen konnte, ſo durfte jeder Fragende ſich eines Dolmetſchers bedienen, welcher, waͤhrend er den, der das Orakel befragte, bei der Hand hielt, und neben dem Ort ſtand, von wo aus die Ausſpruͤche kamen, den frag⸗ lichen Gegenſtand in Verſe bringen mußte. Bey der gegenwaͤrtigen Gelegenheit wurde Claudius Halcro einſtimmig dazu erwaͤhlt, das Amt des Dolmet⸗ ſchers zu uͤbernehmen. Der frohherzige alte Mann ſchuͤt⸗ telte den Kopf, ſtammelte einige Entſchuldigungen, wegen Abnzhine des Gedäͤchtniſſes und poetiſcher Kraͤfte— wel⸗ che indes durch ſein eigenes wohlbewußtes Laͤcheln und den W. Scott's Werke. CXII. 5 4 allgemeinen Zuruf der Geſellſchaft widerlegt wurden— und ſchickte ſich dann an, ſeine Rolle bei dieſem Scherz zu uͤbernehmen.— In dem Augenblicke aber, wo er anfangen wollte, er⸗ uitt die Rollenvertheilung eine ſonderbare Veraͤnderung. Norna von Fitful⸗Head, die jedermann— die zwei Schwe⸗ ſtern ausgenommen— fuͤr meilenweit entfernt hielt, trat ploͤtzlich, und ohne zu gruͤßen, in das Zimmer, ſchritt ma⸗ jeſtaͤtiſch auf das Gezelt von Baͤrenfaͤllen hin, und deute⸗ te der, welche darin ſaß, an, ihr Heiligthum zu ver⸗ laſſen. Die alte Frau kam hetvot, ſchuͤttelte den Kopf, und ſah aus, wie jemand, der von Furcht ganz uͤber⸗ waͤltigt iſt: auch gab es in der That nur wenige unter den Anweſenden, welche mit gäͤnzlicher Faſſung die ploͤtz⸗ liche Erſcheinung einer Perſon getehen haͤtten, die ſo wehl bekannt und ſo allgemein gefuͤrchtet war, wie Norna. Sie blieb einen Augenblick an dem Eingange des Zelts ſtehen, und waͤhrend ſie das Fell aufhob, welches den Eingang bildete, ſah ſie nach Norden empor, als ob ſie von dieſer Gegend Begeiſterung erwartete, deutete dann den erſtaunten Gaͤſten an, daß ſie, Einer nach dem An⸗ dern, ſich dem Gezelt naͤhern moͤchten, in welches ſie ſich eben niederlaſſen wollte, trat hinein⸗ und war ihrem Ge⸗ ſicht entzogen.. Dieß war indeß eine Beluſtigung, welche man ſo nicht gewuͤnſcht hatte, und die den Meiſten nun ſo viel mehr nach Ernſt als nach Scherz zu ſchmecken ſchien, daß man ſich eben nicht ſehr dazu draͤngte, das Orakel zu be⸗ fragen. Norna's Weiſe und Anſpruͤche ſchienen faſt allen Anweſenden zu ernſt fuͤr die Rolle, die ſie zu ſpielen uͤbernemmen hatte. Die Maͤnner fluͤſterten unter einan⸗ 67 der, und die Frauen gaben, wie Claudius Halcro meinte, ein Beiſplel von der Schilderung des herrlichen John Dryden: „Vor Schrecken ſchaudernd, rennen ſie zu Haufen.“ Dieſe Pauſe wurde durch die laute, maͤnnliche Stim⸗ me des Udallers unterbrochen:„warum geht das Spiel nicht fort, Ihr Leute? Furchtet Ihr Euch, weil meine Verwandte unſere Voluspa machen will? Es iſt ſehr freundlich von ihr, das, uns zu Gefallen thun zu wollen, was Niemand auf der Inſel ſo gut thun kann, und wir wollen deswegen unſern Scherz nicht unterbrechen, ſondern ihn nur deſto lebendiger weiter ſpielen.“ Nichts deſtoweniger dauerte aber die Pauſe in der Geſelſſchaft fort, und Magnus ſetzte daher hinzu:„man ſoll nict ſagen koͤnnen, daß meine Verwandte in ihrer Laube dort, unbegrüßt habe ſitzen muͤſſen, als ob ſie ei⸗ ne von unſern alten Berg⸗Rieſiunnen waͤre, und das alles aus bloßer Furcht. Ich werde zuerſt ſprechen: da aber das Reimen mir jetzt ſchlechter vom Munde geht als damals, wo ich noch ein zwanzig Jahr juͤnger war, ſo muͤßt Ihr, Claudius Halcro, mir zur Seite ſtehen.“ Sie naͤherten ſich nun Hand in Hand dem Schrein der ſogenannten Sibylle, und nach einer augenblicklichen Berathung gab Halcro folgendermaßen die Frage ſeines Freundes und Goͤnners. Man muß wiſſen, daß der Udaller, wie viele andere Leute von Bedeutung aus Shet⸗ land, die(wie Sir Robert Sibbald bezeugt) ſchon da⸗ mals ſich auf Handel und Schiffahrt gelegt hatten, einen bedeutenden Antheil an dem Wallfiſchfange der Jahres⸗ zeit hatte, und daß deswegen der Barde in den Endvers eine Frage nach deſſen Erfolg hatte verweben muͤſſen. 14½ Claudius Halero. Kluge Frau, voll Majeſtät, Die da thront auf Fitſul⸗Head, Die Du, was das Schickſal bringt, Siehſt, wo nie die Sonne ſinkt: Blick' durch Schlacken hin und Schnee, Dort nach Grönland über See; Bei dem Eisberg Segel weht, Das nach ſchwarzen Wallfiſch ſpäht: Kluge Frau, voll Majeſtät, Sag' uns, wie's dem Schiffe geht? Der Scherz ſchien zum Ernſt zu werden, als Alle, die Koͤpfe hinwendend, auf die Stimme Norna's hoͤrten, wel⸗ che im ſelden Augenblicke aus dem Innerſten des Zeltes, worin ſie ſaß, Folgendes antwortete: Norna. Das Trachten des Alten geht immer auf Gut, Auf Fiſchfang und Furche und Heerde und Fluth! Wohl Fiſchfang und Heerde und Furche gedeiht, Doch der Alte den Bart ſich zerraufet von Leid. Es entſtand jetzt eine augenblickliche Pauſe, waͤhrend welcher Triptolemus Zeit hatte, zu fluͤſtern:„und wenn zehen Hexen und eben ſo viele Wahrſager es beſchwuͤren, ſo werde ich doch nie glauben, daß ein rechtlicher Mann ſich den Bart zexrreißen, oder ſich uͤberhauyt noch um et⸗ was graͤmen wird, ſo lange Vieh und Korn gedeiht, wie es ſoll.“ Die Stimme aus dem Zelte ertoͤnte indeſſen aber⸗ mals in ihren einförmigen Lauten, unterbrach dadurch 69 dieſe Erlaͤuterung, und ließ ſich folgendermaßen verne h⸗ men: Norna. Das Schiff liegt beladen mit reichlicher Fracht, Und iſt auf die Heimkehr von Island bedacht, Ein günſtiger Wind ſich, nach Shetland hin, regt, Und luſtig den Kranz*) an dem Segel bewegt Der Fiſche ſind ſieben, die athmen nicht mehr Es bringt ihr Gebein an den Maſt daher*e). Für Lerwick und Kirkwall, für jedes ſind zwei⸗ Und drei für Burg⸗Weſtra, die beſten dabei⸗ „Nun die himmliſchen Maͤchte moͤgen ſich unſer er⸗ barmen und uns beſchuͤtzen!“ ſagte Bryce Suallsfoot: „denn das iſt mehr als Frauenverſtand, der das heraus⸗ gebracht hat. Ich traf Leute in Nord⸗Ronaldſha, die das gute Schiff, den Olaf, von Lerwick, geſehen hatten, an dem unſer wuͤrdiger Goͤnner einen ſo großen Antheil hat, daß man ihn beinahe den Eigenthuͤmer deſſelben nennen kann, und ſie hatten das Schiff mit dem Beſen be⸗ fragt**), und ſo wahr die Sterne am Himmel ſtehen *) Dieſer Kranz, ein künſtlicher, aus Bändern von den jungen Frauen⸗ zimmern gemacht, welche an einem Wallſi ſchfänger oder deſſen Bemannung Antheil nehmen, wird gewöhnlich an dem Tauwerk befeſtigt, und mit großer Sorgfalt während der Reiſe zu erhal⸗ ten geſucht **) Der beſte Thran wird aus dem Kinnbacken des Wallfiſches ge⸗ wonnen, die man, um es zu ſammeln, an den Maſten des Schiffes aufhängt. et) To broom. Die Waufiſchfänger haben untereinander eine Art von telegraphiſchem Signal, wonach eine gewiſſe Anzahl von Bewe⸗ gungen, die mit einem Beſen gemacht werden, einem andern Schiffe die Anzahl von Fiſchen angiebt, welche es gefangen hat. 70 gab es ſieben Fiſche an, gerade wie Norna uns in ihren Reimen verkuͤndigt hat.“ „Hm— gerade ſieben Fiſche? und Ihr hoͤrtet das in Nord⸗Ronaldſha?“ ſagte Capitain Cleveland:„und er⸗ zaͤhltet das als eine Neuigkeit, als Ihr berkamet?“ „Es kam nie uͤber meine Lippen, Capitain,“ antwor⸗ tete der Hauſtrer:„ich habe wohl manche Handelsleute, reiſende Kaufleute und dergleichen gekannt, die ihren Handel vernag laͤßigten, um Klatſchereien und Getraͤtſch hin und her, von elnem Ende des Landes bis zum andern zu tra⸗ gen, aber das iſt nicht meine Art. Ich glaube nicht, daß ich es drei Leuten geſagt habe, daß der Olaf ſeine La⸗ dung an Bord hat, ſeitdem ich nach Dunroſſneß heruͤber⸗ gekommen bin.“ „Wenn aber Einer von dieſen Dreien die Neuigkeit wieder geſagt hat— und es iſt zwei gegen eins zu wetten daß das geſchehen iſt— ſo hat die alte Dame gut Wahr⸗ ſagen.“ Dieß ſagte Cleveland, indem er ſich zu Magnus Troil wandte, ohne daß jedoch dieſer ſeiner Rede Beifall gege⸗ hen haͤtte. Des Udallers Achtung vor ſeinem Lande er⸗ ſtreckte ſich auch bis auf deſſen Aberglauben und eben der Fall war dieß bei dem Antheil, den er an ſeiner ungluͤck⸗ lichen Verwandten nahm; denn wenn er auch ihren hohen Anſprüchen auf uͤbernatürliches Wiſſen keinen ausdrücklichen Glauben beimaß, ſo wollte er ſie wenigſtens nicht von An⸗ dern in Zweifel gezogen wiſſen. „MNorna,“ ſagte er:„ſeine Baſe(einen beſonderen Nachdruck auf dieß Wort legend) ſtehe in keiner Gemein⸗ ſchaft mit Bryce Snailsfoot oder deſſen Bekannten. Er wout ſich nicht auf eine Erklarung einlaſſen, wie ſie zu ih⸗ 71 rer Kenntniß gekommen, allein er habe immer bemerkt; daß Spötter und uͤberhaupt Fremde, wenn ſie nach Shetland kaͤmen, gern Erklärungen fuͤr Dinge aufſuchten, welche de⸗ nen noch immer dunkel wären, deren Vorfahren ſchon ſeit Jahrhunderten da gewohnt haͤtten.“ Capitain Cleveland verſtand den Wink, und verbeugte ſich, ohne weiter ſeine eigenen Zweifel genauer auseinander ſetzen zu wollen. „Und nun vorwärts, Ihr wackern Leute,“ ſagte die Udaller:„und mögt Ihr alle ſo gute Nachrichten bekommen als ich— drei Wallfifche müſſen doch geben— laßt einmal ſehen— wie viel Orhoft.. 2“ Die übrigen Gäſte ſchienen nicht beſondere Luſt zu ha⸗ ben, das Orakel des Zeltes nach ihrer Reihenfolge zu be⸗ fragen. „Manche Leute hören immer gern gute Neuigkeiten, und wenn ſie ihnen der Teufel brächte,“ ſagte Jungfrau Barbara Yellowley, indem ſie ſich an Lady Glourourum wandte, denn die Gleichheit ihrer Gemuther in einigen Dingen hatte eine Art Vertraulichkeit unter ihnen zuwege gebracht:„aber ich denke, Mylady, daß darin doch etwas zu viel arge Hetzerei liegt, als daß gute Chriſtinnen, wie Ihr, Mylady, und ich, ſich der Sache annehmen ſollten.“ „ Das mag nicht ſo ganz ohne Grund ſeyn, mein Fraͤu⸗ lein“ antwortete die gute Lady Glouronrem:„allein wir Hiatländer ſind einmal nicht wie andere Leute, und da die⸗ ſe Frau, wenn gleich eine Hexe, doch nun einmal des Vogtes Freundin und nahe Verwandte iſt, ſo wird man es uns uͤbel nehmen, wenn wir uns nicht, wie die Ue⸗ brigen, wahrſagen laſſen, und ſo moͤgen denn meine Nich⸗ ten auch, wenn an ſie die Reihe kommt, herantreten, oh⸗ 8²2 ne daß es ihnen etwas ſchaden wird. Sie haben ja noch Zeit vor ſich, es zu bereuen, wenn etwas Schlimmes dabei iſt.“ Waͤhrend Andere ebenfalls in dieſem Zuſtande der Un⸗ gewißheit und Beſorgniß ſchwebten, erklaͤrte Halco, der an dem Zuſammenziehen der Augenbraunen des alten Udallers und an einem gewiſſen ungeduldigen Scharren mit dem rechten Fuße, welches der Bewegung Jemandes glich, der ſich nur mit Muͤhe des Stampfens enthaͤlt, wohl merkte, daß er die Geduld zu verlieren anſing: er ſelbſt fuͤr ſeine eigene Perſon, und nicht als Anwald fuͤr Je⸗ mand Anderes, wolle nun die naͤchſte Frage an die Sehe⸗ rin thun. Er hielt einen Augenblick inne, uͤberdachte ſei⸗ ne Verſe, und redete ſie dann folgendermaaßen an: Claudius Halcero. Kluge Frau, voll Majeſtät Die da thront auf Fitful⸗Head⸗ Die ſo manchen Reim erfand, Der dem Zeitſtrom widerſtand⸗ Sag mir ob es je geſchieht⸗ Daß, wie Halkon Goldmünds Lied⸗ Meines tönt, bin ich verblüht? Sage mir: wird Shetlands Sohn Jeihmähnlich, Englands John? Die Stimae der Sibylle antwortete ſogleich aus ih⸗ rem Heiligthume:. Norna⸗ Das Kind ergözt der Klapper Schall, Das Alter ſpielet überall; Doch anders wohl der Ton bewegt/ Wenn andere Hand die Saiten ſchlägt. 73 Der Adler grüßt das Sternenheer, Die Imbergans, zu träg' und ſchwer, Sie flattert am Geſtad' entlang, Und nur das Seekalb hört den Sang. Halero biß ſich in die Lippen, zuckte die Achſeln, ge⸗ wann aber ſogleich ſeine gute Laune wieder, und entgegne⸗ te, in der fertigen, obgleich untergeordneten Stegreif⸗ Dichtungsart, mit der ihn lange Gewohnheit vertraut ge⸗ macht hatte, ſehr artig Folgendes: So laß die Imbergans mich ſeyn In Höoͤhl' und Buchten gern allein: Dann trifft mich nicht des Schützen Pfeil, Nicht fernen Bleies tück'ſche Cil; Es eint der Verſe matter Fall Sich Thules Wogen heherem Schall, Und nur dem Wandrer wenn er lauſcht⸗ Wie unter ihm die Woge rauſcht, Erklingt, wenn er ſein Ohr ihr lieh, Mein Ton darin wie Harmonie! Als der kleine Barde mit ſchnellem Schritt und be⸗ friedigter Miene zuruͤcktrat, folgte ihm allgemeiner Bei⸗ fall wegen der muntern Art, mit welcher er ſein Schick⸗ ſal aufgenommen, das ihn einer Imbergans gleich machte. Seine anſtaͤndige und beherzte Ergebung machte aber den⸗ 8 Niemand weiter Muth, die gefuͤrchtete Norna zu ragen. „Die feigen Thoren!“ ſagte der Udaller.„Fuͤrch⸗ tet Ihr Euch auch, Capitain Cleveland, zu einem alten Weibe zu ſprechen?— Fragt ſie doch, was Ihr wollt,— fragt ſie, ob die Schaluppe von zwoͤlf Kanonen in Kirckwall Euer zweites Schiff iſt oder nicht.“ 74 Cleveland ſah Minna an, und da er wahrſcheinlich bemerkte, daß ſie mit Aengſtlichkeit ſeine Antwort auf ih⸗ res Vaters Frage erwartete, ſo nahm er ſich zuſammen, und ſagte, nach augenblicklichem Zoͤgern:„Ich habe mich nie, weder vot einem Manne, noch vor einem Weibe gefuͤrchtet. Meiſter Halcro, Ihr habt die Frage gehoͤrt, die ich, nach dem Wunſche unſeres Wirthes, thun ſoll— thut ſie in meinem Namen nach Eurer Art: ich verſtehe ſo wenig von der Dichtkunſt, als von der Hexerei.“ Halcro wartete nicht die Wiederholung dieſer Auffor⸗ derung ab, ſondern nahm Capitain Cleveland bei der Hand, wie es die Form des Spieles mit ſich brachte, und that nun die Frage, welche der Udaller dem Fremden in den Mund gelegt hatte, in folgenden Worten: Claudius Halcro.⸗ Kluge Frau, voll Majeſtät, Die da thront auf Fitful⸗Head⸗ Ein wacker Schiff aus fernem Land Hat noch Sanct Maanus Bucht ſich gewandt: Mit Wehr und Waffen iſt's verſehen, Die Mannſchaft geht gekleidet ſchön, Es hat geladen reiche Fracht, Hat Geld und Gut zurückgebracht: Nun ſprich, der Freund von kühnem Muth⸗ Was hat er für Theil an Schiff und Gut? Es war eine Pauſe von ungewoͤhnlicher Laͤnge, ehe das Orakel Antwort geben wollte, und als dieß erfolgte, ſo geſchah es in einem dumpferen, obgleich eben ſo entſchie⸗ denen Tone, als der geweſen war, in welchem ſie fruͤher geantwortet hatte: 4 75 Norna. Gold iſt röthlich, ſchön und fein, Blut iſt roth, von dunklem Schein; Ich ſah aus nach Sanct Magnus Bucht Und ſchaut' einen Falken, der Beute geſucht; Im Schnabel den blutigen Biſſen er trug⸗ Blut troff von den Krallen und zeichnet den Flug; Wer fraget nach ihnen, beſchau ſeine Hand, 1 Und wenn Blut daran klebt, ſo gehört er zur Band Cleveland laͤchelte veraͤchtlich und ſtreckte die Hand aus:—„Wenige Leute ſind ſo oft auf dem ſpaniſchen Meere geweſen, als ich, ohne daß ſie nicht mit den Gu⸗ arda⸗Coſtas einmal oder das andere zu thun gehabt haͤt⸗ ten; aber an meiner Hand hat nie ſo viel Blut geklebt, daß man es nicht mit einem feuchten Handtuche hätte ab⸗ wiſchen koͤnnen.“ Der Udaller ſprach hier mit maͤchtiger Stimme darein: „Mit den Spaniern jenſeits der Linie iſt kein Friede— ich habe Capitain Cragendeck und den ehrlichen alten Kom⸗ modore Rummelaͤr wohl hundert Male das ſagen hoͤren, und die waren beide in der Bay von Honduras und uͤber⸗ all da herum geweſen.— Ich laſſe alle Spanier, ſeitdem ſie im Jahre 1558 hergekommen ſind, und den Leuten auf Fair⸗Isle alle ihre Lebensmittel genommen haben. Ich habe meinen Großvater davon erzaͤhlen hören, und es treibt ſich hier im Hauſe ein altes hollaͤndiſches Buch her⸗ um, worin es ſteht, was ſie alles, vor langer Zeit, in den Niederlanden fuͤr Unheil angeſtiftet haben. Es iſt weder Erbarmen noch Glauben in ihnen.“ „Wahr— ſehr wahr, mein alter Freund,“ ſagte Cle⸗ veland,„ſie ſind ſo eiferfuͤchtig auf ihre indiſchen Beſi⸗ 76 tungen, ſo eiferſuͤchtig, als ein alter Mann auf ſeine jun⸗ ge Braut, und wenn ſie das Uebergewicht erhalten, ſo heißt's:„in die Bergwerke auf Zeitlebens! So ſchlagen wir uns denn mit ihnen, die Flagge an den Maſt gena⸗ gelt.“ „So iſt es Recht,“ rief der Udaller triumphirend: „die alte brittiſche Flagge muß nie geſtrichen werden. Wenn ich an die hoͤlzernen Mauern denke, ſo halte ich mich bei⸗ nahe ſelbſt fuͤr einen Englaͤnder; doch das wuͤrde denken heißen wie unſere ſchottiſchen Nachbarn— damit will ich übrigens gegen Niemand etwas geſagt haben, meine Her⸗ ren— Alle ſind Freunde und Alle willkommen. Nun, Brenda, ſetze das Spiel weiter fort— ſprich Du nun, Du haſt norwegiſche Reime genug im Kopfe, das iſt be⸗ kannt.“ „Aber keine, lieber Vater, welche zu dieſem Spiele paſ⸗ ſen,“ ſagte Brenda, indem ſie zurücktrat. „Dummes Zeug!“ ſagte der Vater, indem er ſte vor⸗ wärts ſtieß, während Halcro ſie, trotz ihres Widerſtrebens, bei der Hand nahm—„unzeitige Beſcheidenheit muß nie treuherziger Fröhlichkeit im Wege ſeyn— ſprich Du in Bren⸗ da's Namen, Halcro— es iſt ja Dein Handwerk, den Ge⸗ danken der Maͤdchen Worte zu leihen.“ Der Dichter verbeugte ſich gegen die junge Schoͤne, mit der Ehrerbietung eines Dichters und der Galanterie eines Reiſenden, und nachdem er ihr zugeflüſtert, daß ſie fuͤr den unſinn, den er jetzt ſagen werde, durchaus nicht verantwort⸗ lich ſey, hielt er inne, blickte empor, lächelte, als ob er plötz⸗ lich einen Einfall bekaͤme, und ließ ſich endlich folgender⸗ maßen vernehmen: 77 Kluge Frau, voll Mazjeſtät, Die da thront auf Fitful, Head⸗ Wohl weißt Du, daß die Seh rin ſagt, Was Schönheit nicht zu fragen wagt: Dein Wort ſey honigſüß und hold, Der Schickſalsfaden Seid' und Gold. Nun ſage uns: ob Brenda llebt, Ob Freude ihr die Liebe giebt? Die Prophetin erwiederte beinahe augenblicklich hinter dem Vorhang hervor: Des Mädchens Bruſt, von Liebe leer, Gleicht Schnee um Rona’s Gipfel her, Erglänzend durch die Wolken weit, In öder, ſtolzer Herrlichkeit; Doch wenn der Sonnenſtrahl ihn küßt, Ihn kaum des Mandrers Aug vermißt⸗ Wie ſtill hinab ines Thal er ſinkt, Von friſchem Graſe dicht umringt, Die Heerde friſcht, die Blume weckt, Mit Grün des Schäfers Hütte deckt. „Eine ſchöne Lehre und wohl ausgeſprochen,“ ſagte der Udaller, indem er die erröthende Brenda feſthielt, die im Begriff war, zu entwiſchen:„ſchaͤme Dich deswegen nicht, mein Kind, die Hausfrau eines rechtlichen Mannes zu wer⸗ den, und einen alten norwegiſchen Namen aufrecht zu erhal⸗ ten; ſeine Nach barn glücklich, die Armen froh zu machen, Fremden beizuſtehen, iſt das beſte Loos, das ein junges Frauenzimmer haben kann, und ich wünſche es allen den ge⸗ genwärtigen von ganzem Herzen. Nun, wer kommt jetzt dar⸗ an— jetzt gilts die guten Männer;— Maddie Groatſetter — meine artige Clara, komm' und nimm auch Du Dein Theil hin.“ 78 Lady Glourourum ſchüttelte den Kopf und ſagte: lie könne es denn doch nicht ſo recht gut heißen... „Schon gut,— ſchon gut,“ erwiederte der Udaller: „man muß Niemanden zwingen; aber das Spiel ſoll denn doch fortgehen, bis wir ſeiner muͤde ſind. Hier, Minna— Dir darf ich befehlen. Komm her, mein Kind— es giebt noch viele Dinge, deren man ſich ſchämen könnte, außer ei⸗ nem altmodiſchen und unſchuldigen Scherz— komm her; ich ſelbſt werde für Dich ſprechen, wenn ich auch gleich nicht ganz ſicher bin, ob ich mich wohl noch auf einen Reim werde beſinnen können“ Minna's Geſicht überflog eine leichte Röthe; allein ſie gewann ſogleich ihre Faſſung wieder, und ſtand ſtolz aufge⸗ richtet neben ihrem Vater, wie Jemand, der über jeden Scherz erhaben iſt, zu dem ſeine Lage Gelegenheit geben kann. Der Vater brachte, nachdem er ſich die Stirn gerieben und einige andere mechaniſche Mittel angewandt, ſeinem Ge⸗ dachtniß zu Hülfe zu kommen, endlich ſo viele Verſe zuſam⸗ men, um folgende Frage damit zu thun, wenn ſie gleich we⸗ niger zierlich als Halcro's klangen: Mutter, ſprich und ſag es fein Einem Mädchen, das wiſl freyen, Ob ſie frey'n ſoll, oder nicht? Freyt ſie, ſag, was ihr geſchicht? Ein tiefer Seufzer ertönte aus dem Gezelte der Wabrſage⸗ rin, als ob ſie den Gegenſtand des Ausſpruches bemitleidete, den ſie ertönen zu laſſen genöthigt war. Hierauf gab ſie, wie gewöhnlich ihre Antwort: Des Mädchens Bruſt, von Liebe leer, Gleicht Schnee um Rons's Gipfel her, 79 Und wie er, erdenrein, erglinzt, Erſcheint, von NMolken er umkränzt, Des Himmels Theil, an den er aränzt. Doch Leidenſchaft, ein Regenſtrom, Befleckt den Kranz am Wolkendom; Wir ſchauen— zerſtoben iſt das Vild; Das ſteinege Bett ein Gießbach füllt, Dr, raſch zerſtörend, was da keimt, Vom hohen Fels herniederſchäumt. Der Udaller hörte dieſe Antwort mit tiefem Unwillen. „Bei den Gebeinen des Märtyrers,“ ſagte er, indem ſein kräftiges Geſicht ploͤtzlich eine dunkle Röthe färbte:„das heißt doch aller Sitte Hohn ſprechen! Wahrhaftig, wäre es irgend Jemand Anderes geweſen, der von Zerſtörung geſpeo⸗ chen und meiner Tochter Namen dabei genannt haͤtte, ſo ſollte er es bereuen, das Wort über ſeine Lippen gebracht zu haben. Aber, komm heraus aus dem Zelte, Du alter Geftdrache,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu:„ich haͤtte es wiſſen ſollen, daß Du nicht lange an etwas Freude finden kannſt, das nach Froͤhlichkeit ſchmeckt, helf' Dir Gott!“ Seine Auſſorderung blieb indeſſen unbeantwortet, und nach⸗ dem er einen Augenblick gewartet, redete er ſie abermals an: „Nun, ſchmolle nur nicht mit mir, Baſe, weil ich etwas ha⸗ ſtig geweſen bin— Du weißt, ich habe auf Niemanden Groll, geſchweige denn auf Dich,— komm alſo nun heraus und gieb mir die Hand— Du haͤtteſt mir den Untergang meines Schiffs und meiner Boote, oder einen ſchlechten He⸗ ringsfang verkündigen können, und ich würde nicht ein Wort verloren haben, aber Minna und Brenda ſind mir einmal an's Herz gewachſen. Nun, kommt heraus, gebt mir Eure Hand, und damit gut.“ Norna gad auf ſein wiederholtes Zureden keine Antwort 80 und die Umſtehenden fiengen ſchon an, ſich einander mit be⸗ deutſamen Geberden anzublicken, als der Udaller, indem er das aufhob, welches den Eingang des Zeltes verhüllte, entdeckte, daß dieſes leer ſey. Die Verwunderung ward jetzt allgemein und es miſchte ſich bei Manchen ſogar Furcht darin, denn es ſchien unmöglich, daß Norna auf irgend eine denkbare Weiſe aus dem Zelte habe entſchlüpfen können, in das ſie eingeſchloſſen war, ohne von den Umſtehenden bemerkt zu werden. Wie dem aber auch ſeyn mochte, ſo war ſie ver⸗ ſchwunden, und der Udaller ließ, nach einem augenblicklichen Bedenken, das Bärenfell wieder über den Eingang des Zel⸗ tes fallen. „Meine Freunde,“ ſagte er mit einem heiteren Geſicht: „wir kennen Alle ſeit langer Zeit meine Verwandte, und wiſſen, daß ihre Wege nicht die anderer gewoͤhnlicher Leute in dieſer Welt ſind. Nichts deſto weniger meynt ſie es gut mit Hialtland, hat fuͤr mich und mein Haus eine wahrhaft ſchweſterliche Liebe, und keiner unter meinen Gäſten darf von ihr Uebles fürchten oder ihr etwas übel nehmen. Ich zweifle nicht, daß ſie ſich zur Tiſchzeit wieder bei uns ein⸗ finden wird.“ „Das verhuͤte Gott!“ ſagte Jungfrau Barbara Yellow⸗ ley—„denn, meine gute Lady Glourourum, Euer Herr⸗ lichkeit die Wahrheit zu ſagen, ich liebe Frauen gar nicht, die ſo wie ein Sonnenblick oder wie ein Stoß des Wirbel⸗ windes kommen und gehen koͤnnen.“ „Sprecht leiſe, ſprecht leiſe,“ antwortete Lady Glou⸗ rourum;„und dankt Gott, daß dieß Weib nicht noch ein Stuͤck vom Hauſe mitweggenommen hat. Ihresgleichen haben wohl noch aͤrgere Streiche geſpielt, und ſie ebenfalls, wenn man ihr nicht zu viel nachſagt.“ Aes ehn⸗ 81 Aehnliche heimliche Geſpraͤche wurden von den uͤbrigen Mitgliedern der Geſellſchaft gefuͤhrt, bis der Udaller ſeine gebieteriſche Stentorſtimme erhob, ſie zum Schweigen zu bringen, und die Geſellſchaft einlud, oder vielmehr ihr be⸗ fahl, die Boote auf die Haaf⸗ oder hohe Meer⸗Fiſcherei auslaufen zu ſehen. „Der Wind ſey ſeit Sonnenaufgang ſehr heftig gewe⸗ ſen,“ ſagte er,„und habe die Boote in der Bucht zuruͤck⸗ gehalten, ſey aber jetzt guͤnſtig, und ſie wuͤrden nun augen⸗ blicklich unter Segel gehen.“ Dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung des Wetters gab zu man⸗ chen Winken und Zeichen unter den Gaͤſten Anlaß, welche ſie mir Norna's ploͤtzlichem Verſchwinden in Verbindung bringen zu duͤrfen glaubten; ohne indeſſen zu wagen, Be⸗ merkungen fallen zu laſſen, die ihrem Wirth nothwendig haͤtten unangenehm ſeyn muͤſſen, folgten ſie ſeinen ſtattli⸗ chen Schritten zum Ufer hin, wie eine Heerde Dannhirſche dem Linthirſche folgt, mit allen Zeichen ehrerbietiger Be⸗ achtung. Fuͤnſtes Kapitel. Des Teufels Hohn in ſeinem Lachen lag, und Furcht und Wuth, ſie wurden davon wach,] Und wo ſein Blick ein Ziel des Haſſes fand, Da wich die Hoffnung— und Erbarmen ſchwand. Byron's Korſar. Geſ. I. Die Leng⸗ oder Weiß⸗Fiſcherei iſt die Hauptheſchaͤf⸗ tigung der Eingeborenen von Shetland, aus der fruher die Vornehmeren ihre ganzen Einkuͤnfte bezogen lund die W. Seott's Werke. CXII. 6 82 3 Geringeren ihren Unterhalt hatten. Die Zeit des Fiſch⸗ fanges iſt mithin, wie die Erndte in einem Lande, wo Ackerbau getrieben wird, die geſchaͤftigſte und wichtigſte, wie auch die belebteſte im Jahre. Die Fiſcher eines jeden Bezirks verſammeln ſich an beſonderen Orten mit Booten und Mannſchaſt, und errich⸗ ten am Ufer kleine, aus Schindeln⸗ erbaute und mit Raſen gedeckte Huͤtten, welche zu ihrer einſtweiligen Wohnung beſtimmt ſind, ſo wie Skios oder Trockenhaͤuſer fuͤr die Fiſche, ſo daß die einſame Kuͤſte auf einmal das Anſehen einer indianiſchen Stadt gewinnt. Die ufer, wohin ſich die Einwohner auf die Haaf⸗Fiſcheret begeben, ſind oft mehrere Meilen von den Plaͤtzen entſernt, wo die Fiſche getrocknet werden, ſo daß die Fiſcher immer zwanzig oder dreißig Stunden, auch wohl noch laͤnger, von ihrer Heimath abweſend ſind, dem Wind und der Fluth zum Spiel, mit einem nur geringen Vorrath von Lebensmitteln, in einem ſehr leicht gebauten Boore zwei bis drei Tage auf der See blei⸗ den, ja daß man zuweilen nie wieder etwas von ihnen hoͤrte. Der Auszug der Fiſcher auf dieſen Fang traͤgt da⸗ her den Charakter der Gefahr und Entbehrung, der ihm eine gewiſſe Bedeutfamkeit giebt, und die Beſorgniß der Frauen, welche an dem Ufer zuruͤckbleiben und dem immer kleiner werdenden Boote nach⸗, oder ſeiner Ruͤckkehr ent⸗ gegenſehen, hat etwas ungemein Ruͤhrendes.*) — *) Dr. Edmönſtone hat, in ſeiner Peſchreibung des älteren und gegenwärtigen Zuſtandes der ſhetländiſchen Inſeln, dieſen Thei ſeiner Schilderung ſehr anziehend gegeben.„Es iſt wahrhaft pein⸗ lich,“, ſagt er,„die Beſorgniß und Bekümmerniß der Weiber dieſer armen Leute zu ſehen, wenn ſich ein Sturm erhebt. Ohne auf Beſchwerden und Mühſoligkeiten zu achten, verlaſſen ſie ihr —᷑—᷑—ᷣ— 83 Alles war daher Leben und Bewegung, als der Udaller und ſeine Freunde ſich dem Ufer naͤherten. Die Mann⸗ ſchaften von ungefähr dreißig Booten, wovon jede aus drei bis ſechs Leuten beſtand, nahmen von ühren Weibern und weiblichen Verwandten Abſchied und ſprangen in ihre lan⸗ gen norwegiſchen Boote, wo ihre Angelſchnuͤre und ihr uͤb⸗ riges Flſchergeraͤth ſchon eingeſchichtet lagen. Magnus gab hiebei kelnen muͤßigen Zuſchauer ab; er gieng von einem Orte zum a dern, fragte, wie es um ihren Vorrath an Le⸗ bensmitteln fuͤr dier Fahrt und ihre Zurichtungen zum Fiſch⸗ fange ſtaͤnde— ſchalt wohl zuweilen, mit ein derben daͤniſchen oder norwegiſchen Fluch dazu,— daß ſie ſolche Dummkoͤpfe waͤren, mit ſo mangelhaft verſehenen Booteu in See gehen rzu wollen, ſchloß aber immer damit, daß er aus ſeinem eigenen Vorrath einen Gallon Wachholderbrannt⸗ wein, ein Lißpfund Mehl, oder ſonſt einen Zuſchuß zu ih⸗ ren Reiſebeduͤrfniſſen, herbeizubrinoen befahl. Die hand⸗ feſten Seeleute bezeigten, wenn ſie eine ſolche Gunſt em⸗ pfiengen, itren Dank auf die kurze, rauhe Weiſe, die ihr Herr am liebſten hatte; deſto geraͤnſchvoller war aber der Häuſer, eilen nach demorte, wo ſie glauben, daß ihre Männer landen werden, oder erklimmen den Gipfel eines Felſens, um nach ihnen auszuſchauen. Sobald ſie den Schimmer eines Segetls erblicken, ſo beobachten ſie mit anaſtvoller Beoraniß ſein abwechſelndes Auftanchen und Verſinken auf den Wogen⸗ und ob ſie gleich ſehr durch die glückliche Rückkehr der Gegenſtände ihrer Sorge beru⸗ higt worden, ſo iſt es doch zuweilen ihr Schickſal,„dem Boot zu rufen, das nie wiederkehrt.”“ Einem ſehr veränderlichen Clima, auf einem von Natur ſtürmiſchen Meere mit reiß gen ausgeſetzt, vergeht ſelren ein Fiſchfang ohne irgend einen Un⸗ glücksfall, oder eine⸗ Rettung durch Ungefähr. eenden Strömun, 5 5. 184 3 der Frauen, ſo daß Magnus ſehr oft in die Verſuchung gerieth, alle Weiberzungen, von Eva's an, zu verwuͤnſchen, und ſie dadurch zum Schweigen brachte. Endlich war alles an Vord und fertig: Die Segel wurden aufgezogen, das Zeichen zur Abfahrt gegeben, die Ruderer zogen an, und Alle ſtießen von der Kuͤſte ab, wett⸗ eifernd, wer der erſte ſeyn wuͤrde, der den Ort des Fiſch⸗ fanges erreichte, ein Umſtand, auf welchen von der Mann⸗ ſchaft des Boots, die dieß bewertſtelligte, ein nicht geringes Gewicht gelegt wurde. So lange man ſie noch von der Kuͤſte hören konnte, ſangen ſie ein altes norwegiſches Lied, das auf die Veran⸗ laſſung paßte, und wovon Claudius Halcro folgende woͤrt⸗ liche Ueberſetzung gemacht hatte; So laßt nun, Ihr Mädchen, den Tanz und den Sang, Die Burſche von Weſtra ſind aus auf den Fang, Wohl dulden wir Arbeit und Hunger und Mühn, Eh' zum Tanz in Dunroßneß die Mädchen wir ziehn. Jetzt tanzen wir dort im gezimmerten Schiff, Mit Meerkalb und Seeſchwein auf Wellen, am Riff, Nun pfeif uns der Wind eins, wenn zu ſtark er nicht pfeift, Und die Mewe, ſie ſingt uns, wenn vorüber ſie ſtreifl. So ſing denn, mein Vogel, wir folgen gemach, Wie Du, an der Sandbank, dem Fiſchervolk nach: Und lockt mir die Angel manch Dutzend herein, So ſing lauter, mein Vogel, denn ein Antheil iſt Dein. Wir ſingen beim Fiſchen, wir ſingen beim Ruhn, Im Haafe, da giebt es für Alle zu thun, 's giebt Dorſch für die Herren und Rochen für'n Knecht, Und Reichthum für Magnus vom Grafengeſchlecht. Huzza, Kameraden! hinaus auf denz Haaf, Bald geht es zum Tanie, drum haltet Euch brgv;¹ 85 Was hilft uns das Leben, wenn Fröblichkeit fehlt? Drum Heil unſerm Maanus, zum Häuprling erwählt!) Die rohen einfachen Worte des Geſanges erſtarben bald im Geraͤuſch der Wellen, aber die Melodie toͤnte noch lange durch Wind und Meer, waͤhrend die Boote wie ſchwarze Flecken auf der Oberflaͤche des Oceans erſchienen, nach und nach kleiner wurden, je weiter ſie in die hohe See kamen, und das Ohr noch immer einzelne Klaͤnge der menſchlichen Stimmen vernehmen konnte, welche beinahe in der der Elemente untergiengen. Die Weiber der Fiſcher blickten noch einmal den ſchei⸗ denden Segeln nach, und kehrten dann langſam, mit ge⸗ ſenktem und bekuͤmmertem Blick zu den Huͤtten zuruͤck, in welchen ſie Anſtalten zum Zubereiten und Trocknen der Fiſche trafen, mit denen ſie ihre Maͤnner und Freunde reichlich beladen zuruͤckkehren zu ſehen hofften. Hier und da legte eine alte Sihylle ihre größere Erfahrung an den Tag, indem ſie, nach dem Ausſehen des Himmels, voraus⸗ ſagte, ob der Wind guͤnſtig oder unguͤnſtig ſeyn wuͤrde, waͤhrend Andere ein Geluͤbde in der Kirche des heiligen Ninian, fuͤr die Sicherheit der Leute und der Boote ange⸗ prieſen(ein alter katholiſcher Gebrauch, der noch nicht ganz aufgehoͤrt hatte) und Andere, jedoch mit leiſem und furcht⸗ ſamem Tone, ihr Bedauern gegen ihre Gefaͤhrtinnen zu erkennen gaben, daß man Norna von Fitful⸗Head dieſen Morgen ſo in Unfrieden von Burgh⸗Weſtra weggehen laſ⸗ ſen, und daß man, gerade am erſten Tage des Weißfiſch⸗ fanges ſie erzuͤrnt haͤtte.. Die Vornehmen, Magnus Troll's Gaͤſte, nachdem ſie ſo viel Zeit, als man damit hinbringen konnte, verbracht, das kleine Geſchwader in See gehen zu ſehen, und mit den 86 armen Frauen zu ſprechen welche ihre Freunde ſich darauf hatten einſchiffen ſehen, begannen jetzt, ſich in einzelne Gruppen und Haufen zu vertheilen, welche nach verſchie⸗ denen Richtungen hin ſchleuderten, wie die Laune es ih⸗ nen eingab, um das Helldunkel eines ſhetlaͤndiſchen Som⸗ mertages zu genießen, der, wenn ihm gleich jener helle Sonnenſchein abgeht, der andere Laͤnder waͤhrend der ſchoͤ⸗ nen Jahreszeit belebt, doch etwas eigenthuͤmlich Mildes und Angenehmes hat, das einer Landſchaft, die in ihrer eigenen, einſamen, kahlen Einfoͤrmigkeit, etwas Unfreund⸗ liches und Todtes an ſich traͤgt, neben dem duͤſtern, auch zugleich einen ſanften Ton giebt. An einer der einſamſten Stellen der Küſte, wo ein tie⸗ fer Einſchnitt in den Felſen der Fluth Eingang in die Höh⸗ le, oder den ſogenannten Halier, von Swartaſter geſtattet, gieng Minna Troil mit Capitain Cleveland. Beide hatten wahrſcheinlich dieſen Spaziergang gewählt, um nicht von An⸗ dern unterbrochen zu werden, denn da die Gewalt der Fluth dieſen Ort weder zum Fiſchen, noch zum Befahren tauglich machte, ſo war er nicht die gewoͤhnliche Zuflucht der Spa⸗ ziergänger, indem die Sage hier eine Meerjungſrau wohnen ließ, ein Geſchlecht, das der alte norwegiſche Aberglaube ſo⸗ wohl mit uͤbernatürlichen Eigenſchaften, als mit der Sucht zu ſchaden, begabte. Hier alſo wandelte Minna mit ihrem Geliebten. Ein kleiner Fleck milchweißen Sandes, der ſich unter einem der Abhänge hinzog, welche die Bucht zu beiden Sei⸗ ten einſchloſſen, gewaͤhrte ihnen Raum zu einem trockenen, feſten und angenehmen Spatziergange, von ungefähr hundert Yards Länge, welcher an einem Ende von einem dunkeln Waſſerſtreifen begränzt wurde, der, kaum vom Winde be⸗ 87 rührt, ſpiegelglatt war, und den man zwiſchen den belden hohen Felſen, den Armen der Bucht oder des Einſchnittes, hin erblickte, welde ſich oben einander näherten, als ob ſie über dem dunkeln Gewaͤſſer, das ſie trennte, ſich ſchließen wollten. Das andere Ende des Spatzierganges bildete ein hoher und beinahe unerſteiglicher Arhang, der Aufenthalts⸗ ort von hundert Seevögeln verſchiedener Art, an deſſen Fuße der gewaltige Halier oder die Meereshöhle ſelbſt ſich auf⸗ that, als ob er die ſich gegen ihn heran wälzende Fluth ver⸗ ſchlingen wollte, die er in einen Abgrund von unermeßlicher Tiefe und Breite aufnahm. Den Eingang zu dieſer furcht⸗ baren Höhle bildete nicht ein einzelner großer Bogen, wie gewöhnlich, ſondern dieſer war, in der Mitte, durch einen gewaltigen Pfeiler von natuͤrlichem Fels getheilt, der, bis zu der Decke der Höhle hinaufreichend, dieſe zu tragen ſchien, und ſo ein doppeltes Portal fuͤr den Halier bildete, wel⸗ chem die Fiſcher und Bauern den groben Namen der Naſen⸗ löcher des Teufels gegeben hatten. An dieſem wilden Orte, deſſen Einſamkeit nur durch das Geſchrei der Seevögel un⸗ terbrochen wurde, hatte Cleveland ſchon mehr als einmal ſich mit Minna Droil gefunden, denn es war ihr Lieblingsſpa⸗ biergang, da die Gegenſtände, die ſie hier vor Augen hatte, ganz beſonders zu ihrer Vorliebe für das Wilde, das Schwer⸗ muͤthige und Wundervolle ſtimmten. Die Unterhaltung, in welcher ſie jetzt ſehr ernſtlich begriffen war, zog indeß ſowohl ihre eigene Aufmerkſamkeit, als die ihres Begleiters gaͤnzlich von der Umgebung ab. „Ihr könnt es nicht läugnen,“ ſagte ſie:„Ihr habt gegen den jungen Mertoun Gefühlen Raum gegeben, welche ſowohl von Vorurtheil, als von Heftigkeit zeugen, von denen das erſtere, wenigſtens in ſo fern es Euch betrifft, ungerecht, 88 und die andere eben ſo unklug, als wenig zu rechtfertigen iſt.⸗ „Ich ſollte glauben,“ antwortete Cleveland:„daß der Dienſt, den ich ihm geſtern geleiſtet habe, mich von dieſem Vorwurfe freiſprechen müßte. Ich rede hier nicht von dem, was ich ſelbſt gewagt habe, denn ich habe beſtändig in Ge⸗ fahren gelebt und liebe ſie; indeſſen weiß ich nicht, ob Alle ſich ſo nahe an das wüthende Thier heran gewagt haben wuͤrden, um jemanden zu retten, der ihn durchaus nichts angieng.— „Allerdings,“ antwortete Minna ſehr ernſt:„würden dieß nicht Alle gethan haben, allein gewiß ein Jeder, der Muth und ein edles Herz hat. Der toll öpſige Claudius Halcro würde eben das gethan haben, waͤre ſeine Stärke ſeinem Muthe gleich geweſen— mein Vater würde ebenfalls nicht zurückgeblieben ſeyn, ungeachtet er ſo gerechte Urſache zum Unwilln gegen den jungen Mann, ſeines eiteln und prah⸗ leriſchen Mißbrauches unſerer Gaſtfreiheit wegen, hatten Brü⸗ ſtet Euch alſo nicht zu ſehr mit Eurer That, mein guter Freund, damit ich nicht glauben muß, daß ſie Euch zu große Ueberwindung gekoſtet habe. Ich weiß, daß Ihr Mordaunt Mertoun nicht liebt, wenn Ihr gleich Euer Leben gewagt habt, das ſeine zu retten.“ „So wollt Ihr mir denn gar keine Entſchädigung für die lange Pein gewähren die das allgemeine und beſtimmte Ge⸗ rücht mir verurſacht hat, daß dieſer unbaͤrtige Vogeljaͤger ſich zwiſchen mich und das ſtelle, was mir auf Erden das höchſte Gut iſt— die Zuneigung Minna Troil's?“ Er ſprach dieſe Worte mit einem leidenſchaftlichen und zugleich einſchmeichelnden Tone, und ſeine ganze Sprache und⸗ Weiſe ſchienen eine, Anmuth und Zierlichkeit zu verrathen, 89 welche den ſchneidendſten Gegenſatz gegen die Rede und die Geberden des rohen Seemannes bildeten, die er gewoͤhn⸗ lich annahm, oder zeigte. Allein dieſe ſeine Entſchuldigung genuͤgte Minna nicht. „Ihr wußtet,“ ſagte ſie:„nur zu bald und zu wohl, wie wenig Ihr zu fuͤrchten hattet, wenn Ihr uͤberhaupt je es fuͤrchtetet, daß Mertoun, oder irgend jemand Anderes, Minna Troll etwas gelte.— Nein, keinen Dank, keine Betheurungen, ich wuͤrde es als den groͤßten Beweis Eurer Dankbarkeit annehmen, wenn Ihr Euch mit dieſem Juͤng⸗ linge verſoͤhnen, oder wenigſtens alle Veranlaſſungen zum Zwiſte mir ihm vermeiden wolltet.“ „Daß wir je Freunde werden ſollten, Minna, iſt un⸗ moͤglich,“ erwiederte Cleveland:„ſelbſt die Liebe, die ich zu Euch hege, die maͤchtigſte Regung, die mein Herz je kannte, wuͤrde dieſes Wunder nicht bewirken koͤnnen.“ „ Und warum nicht?“ ſagte Minna:„Ihr habt einan⸗ der ja nichts zu leide gethan, vielmehr die groͤßten Dienſte erwieſen: warum ſolltet Ihr nicht Freunde werden koͤnnen? — Ich habe mehr als einen Grund, dieß zu wuͤnſchen.“ „Und koͤnnt Ihr vergeſſen, wie er Brenda, wie er Euch ſelbſt, wie er Euer ganzes Haus behandelt hat?“ „Alles das vergebe ich ihm,“ ſagte Minna:„und Ihr ſolltet das nicht ebenfalls thun koͤnnen, da er doch in der That Euch nichts boͤſes zugefuͤgt hat?“ Cleveland ſah zur Erde, hielt einen Augenblick an, hob dann ſein Haupt wieder empor und entgegnete:„Ich koͤnnte Euch leicht hintergehen, Minna, und Euch verſprechen, was, wie meine Seele mir ſagt, eine Unmoͤglichkeit iſt; allein ich muß mich ſo oft gegen Andere verſtellen, daß ich ge⸗ gen Euch ganz aufrichtig ſeyn will. Ich kann dieſes jungen 90 Mannes Freund nicht ſeyn;— es iſt eine natuͤrliche Ab⸗ neigung, ein inſtinktartiger Widerwillen, ein gewiſſes Et⸗ was, das in unſern beiden Gemuͤthern liegt, das uns, Ei⸗ ner dem Andern, zuwider macht. Fragt ihn ſelbſt, und er wird Euch ſagen, daß er dieſelbe Abneigung gegen mich habe. Die Verpflichtung, die er mir auferlegte, war ein natuͤrlicher Zaum fuͤr meinen Groll; aber dieſer Zwang er⸗ bitterte mich ſo, daß ich in die Kette gebiſſen haben koͤnn⸗ te, bis meine Lippen blutig geweſen waͤren.“ „Ihr habt Eure, wie Ihr ſie nennt, eiſerne Maske ſo lange getragen,“ antwortete Minna:„daß Eure Zuͤge ſelbſt wenn Ihr ſie abnehmt, noch das Starre derſelben behal⸗ ten.“ „Ihr thut mir Unrecht, Minna, und Ihr ſeyd doͤſe auf mich, weil ich offen und gerade gegen Euch bin. Offen und gerade heraus will ich aber auch ſagen, daß ich nicht Merroun's Freund ſeyn kann, daß es aber auch ſeine, und nicht meine Schuld iſt, wenn ich je ſein Feind werde. Ich will ihm nicht zu nahe treten, allein fordert nicht von mir, daß ich ihn lieben ſoll. Seyd aber auch uͤberzeugt, daß es vergebliche Muͤhe ſeyn wuͤrde, wenn ich mich bemuͤhte, dieß zu thun: denn ſobald ich Schritte thun wuͤrde, mir ſein Vertrauen zu erwerben, ſo wuͤrde ich auch, eben dadurch, ſeinen Widerwillen und ſeinen Verdacht erwecken. Ueber⸗ laßt uns den Ein gebungen unſerer natuͤrlichen Gefuͤhle, die, da ſie uns wahrſcheinlich ſo weit als moͤglich von ein⸗ ander entfernt halten, unſer moͤgliches Zuſammentreffen auch verhindern werden. Genuͤgt Euch dieß?“ „Es muß wohl,“ ſagte Minna:„da Ihr mir verſichert⸗ es gebe kein anderes Mittel. Sagt mir jetzt aber, warum Ihr ſo ernſthaft wurdet, als Ihr von der Ankunft Eures 91 zweiten Schiffes hoͤrtet, denn dieſes iſt doch wohl das, was im Hafen von Kirkwall liegt?“ „Ich fuͤrchte,“ erwiederte Cleveland,„daß die Ankunft dieſes Schiffes mit ſeiner Mannſchaft, meine ſchoͤnſten Hoff⸗ nungen zertruͤmmern werde. Ich war ſchon auf dem beſten Wege, mir Eures Vaters Gunſt zu erwerben, und wuͤrde vielleicht, mit der Zeit, noch groͤßere Fortſchritte darin ge⸗ macht haben, waͤren nicht Allured und Hawkins hie⸗ her gekommen, um alle meine Ausſichten auf immer zu zerſtoͤren. Ich habe Euch erzäͤhlt, wie die Sachen ſtanden, als wir uns trennten. Ich befehligte das beſſere und voll⸗ ſtaͤndiger verſehene Schiff, mit einer Mannſchaft, die, auf meinen leiſeſten Wink, ſich Teufeln entgegengeworfen ha⸗ ben wuͤrde, welche mit ihrem eigenen feurigen Element be⸗ waffnet geweſen waͤren: jetzt aber ſtehe ich allein da, ein einzelner Mann, aller Mittel entbloͤßt, ſie im Zaum zu halten, und ſie werden bald den unbezahmbaren Uebermuth in ihren Sitten und Gewohnheiten ſo deutlich an den Tag legen, daß wahrſcheinlich ihr und mein Untergang die Folge davon ſeyn muß.“ „Fuͤrchtet nichts,“ ſagte Minna:„mein Vater wird nie ſo ungerecht ſeyn, Euch die Vergehungen Anderer zur Laſt zu legen.“ „Aber was wird Magnus Troil zu den meinigen ſa⸗ gen, ſchoͤne Minna?“ ſagte Cleveland laͤchelnd. „Mein Vater iſt ein Norweger,“ ſagte Minna:„von einem unterdruͤckten Geſchlecht, und wird ſich nicht darum kuͤmmern, ob Ihr gegen die Spanier, die Tyrannen der neuen Welt, oder gegen die Hochlaͤnder und Englaͤnder, welche ihre angemaßten Beſitzungen nachher an ſich geriſſen, gefochten habt. Seine eigenen Vorfahren vertheidigten und 92 benutzten die Freiheit der Meere auf jenen tapfern Schif⸗ fen, deren Wimpel der Schrecken von ganz Europa war.“ „Ich fürchte indeß,“ ſaate Cleveland lächelnd:„daß der Abkömmling eines alten Seekoͤnigs, einen neueren Seeräu⸗ ber für keine paßliche Bekanntſchaft halten wird. Ich habe Euch kein Geheimniß daraus gemacht, daß ich Urſache habe, die Strenge der engliſchen Geſetze zu fürchten; Maͤgnus hat, wenn er gleich ein Feind aller Taxen, Auflagen. Secatt, Wattle, und ſo weiter iſt, doch bei Punkten von allgemei⸗ nerer Bedeutung keine freiſinnigen Anſichten, und würde ohne Bedenken zum Beſten eines unglücklichen Buccaniers ein Tau um die Nocke einer Raa ſchlingen.“ „Glaubt das nicht,“ ſagte Minna:„er ſelbſt leidet zu viel unter den tyranniſchen Geſetzen unſerer ſtolzen ſchotti⸗ ſchen Nachbarn. Ich boffe, er wird bald kraͤftig gegen ſie aufſtehen können.— Die Feinde— denn ſo muß ich ſie nen⸗ nen— ſind jetzt uneins unter einander, und jedes Schiff, das von ihrer Kuͤſte kommt, bringt Nachricht von neuen Be⸗ wegungen der Hochlande gegen das Niederland— der Wil⸗ helmiten gegen die Jaeobiten— der Whigs gegen die Torys, und, um es mit Worten zu ſagen, des Königreichs England gegen das Königreich Schottland. Was hindert uns alſo, wie Claudius Halcro ſehr gut angedeutet hat, die Zwietracht dieſer Räuber zu benutzen, um die Unabhängigkeit zu erlan⸗ gen, deren wir jetzt entbehren?“ „Die ſchwarze Fahne auf dem Caſtell von Scaloway aufzupflanzen,“ ſagte Cleveland ihren Ton und Ausdruck nachahmend:„und Euren Vater als Graf Magnus den erſten auszurufen!“ „Graf Magnus den Siebenten wenn es Euch beliebt,“ erwiederte Minna:„denn ſechs ſeiner Vorfahren haben 93 ſchon vor ihm die Grafenkrone getragen.— Ihr lacht uͤber meine Bewegung, aber wo iſt irgend etwas, das dieß alles verhindern koͤnnte?“ ‚Dieß alles wird verhindert werden, weil es nie unternommen werden wird;— allein jedes Ding, das dem Langboote eines engliſchen Kriegsſchiffes aͤhnlich iſt, könnte es verhindern.“ „Ihr ſpottet unſerer,“ erwiederte Minna:„allein Ihr ſeibſt werdet am beſten wiſſen, was einige wenige entſchloſſene Leute ausrichten koͤnnen.“ „Ja, aber, Minna, ſie muͤſſen bewaffnet und ent⸗ ſchloſſen ſeyn, ihr Leben an jedes Wageſtuͤck zu ſetzen. Macht Euch nicht ſolche Traumbilder. Daͤnemark iſt zu einem Koͤnigreiche zweiter Groͤße herabgeſunken, das ge⸗ gen England keine einzige volle Lage wagen kann, und auf dieſen Inſeln die Liebe zur Unabhaͤngigkeit durch lange Unterdruͤckung entweder ſchon ganz erloſchen, oder zeigt ſich nur in einigen wenigen hergemurmelten Klagen bei der Bowle oder der Flaſche. Und wenn auch Eure Leute ſo tapfere Krieger waͤren, als ihre Vorfahren, was koͤnnte die unbewaffnete Mannſchaft einiger wenigen Fiſcherboote gegen die brittiſche Seemacht ausrichten? Denke nicht mehr daran, ſuͤße Minna, es iſt ein Traum und ich muß ihn nothwendigerweiſe ſo nennen, ſo ſehr auch Deine Au⸗ gen dabei blitzen, und ſo ſtolz auch Dein Schritt dabei werden mag.“ „Ja es iſt ein Traum!“ ſagte Minna, indem ſie zur Erde niederfah:„und es ziemt ſich nicht für eine Tochter des Hialtlandes, wie ein freies Weib auszuſehen, oder ſich ſo zzu bewegen,— unſer Auge ſollte zu Boden 5 94 geſchlagen— und unſer Schritt langſam und zögernd ſeyn, wie der Jemandes, der einem Aufſeher gehorcht.“ „Es gibt Laͤnder,“ ſagte Cleveland:„wo das Auge hell auf Palmen⸗ und Kokoswaͤlder blicken, und der Fuß, wie eine Galeere unter Segel, leicht dahinſchweben kann uͤber Felder, die mit Blumen beſaͤet, und Savannahs, die von ſuͤßduftenden Gebuͤſchen umgeben ſind, wo Nie⸗ mand dem Andern unterthan iſt, als der Brave dem Bravſten und Alle der Schoͤnſten gehorchen.“ Minna zoͤgerte einen Augenblick, ehe ſie antwortete, und ſagte dann:„Nein, Cleveland, mein eigenes rohes Vaterland, fuͤr ſo oͤde Ihr es auch halten moͤgt, und ſo unterdruͤckt, wie es wirklich iſt, hat Reize fuͤr mich, die kein anderes Land auf der Erde mir darbieten kann. Ver⸗ gebens ſuche ich mir dieſe Gebilde von Baͤumen und von Waͤldern vorzuzaubern, die mein Auge nie ſah; meine Einbildungskraft kann kein großartigeres Schauſpiel erden⸗ ken, als dieſe Wellen, wenn der Sturm ſie bewegt, oder ken ſchoͤneres, als wenn ſie, wie jetzt, in erhabener Ru⸗ he ſich gegen das Ufer hinwaͤlzen. Nicht die uͤppigſte Ge⸗ gend in einem fremden Lande, nicht der hellſte Sonnenſtrahl, der je die reichſte Landſchaft beleuchtet, wuͤrde meine Ge⸗ danken nur einen Augenblick von jenem hoben Felſen, je⸗ nem nebelbedeckten Huͤgel, jenem wogenden Meere abzie⸗ hen können. Hialtland iſt das Vaterland meiner da⸗ hingeſchiedenen Vorfahren und meines noch lebenden Va⸗ ters, und auf Hialtland will ich leben und ſterben.“) „So will auch ich,“ antwortete Cleveland:„auf Hialtland leben und ſterben. Ich will nicht nach Kirkwall gehen— ich will meine Kameraden nicht wiſfen laſſen, daß ich lebe, da ich ſonſt ſchwerlich mich von ihnen wuͤrde los⸗ 9⁵ machen koͤnnen. Dein Vater liebt mich, Minna: wer weiß, ob nicht lang fortgeſetzte Aufmerkſamkeit, befliſſene Sorge von melner Seite, ihn endlich dazu bringen duͤrfte, mich in ſeine Familie aufzunehmen? Wer wird ſich um die Laͤnge einer Seereiſe kuͤmmern, wenn man ſicher iſt, daß ſie ſich mit Gluͤck endet?“ „Traͤumt nicht von einem ſolchen Ausgange,“ ſagte Minna:„er iſt unmoͤglich. So lange Ihr in meines Vaters Hauſe wohnt, ſeines Beiſtandes genießt, an ſei⸗ nem Tiſche ſitzt, werdet Ihr einen edelmuͤthigen Freund, einen aufrichtigen Wirth an ihm haben; ruͤhrt ihn aber da an, wo ſein Name und ſeine Familie mit ins Spiel kommt, und der offene, unbefangene Udaller wird als der hochfahrende, ſtolze Nachkomme eines norwegiſchen Jarls vor Euch ſtehn. Seht, nur der Verdacht eines Augenblicks iſt auf Mordaunt Mertoun gefallen, und er hat aus ſei⸗ nem Herzen den Juͤngling verbannt, den er einſt wie ein Sohn liebte. Mit ſeinem Hauſe kann ſich niemand ver⸗ binden, der nicht von unbefleckter nordiſcher Abkunft iſt.“ „Und das bin ich vielleicht, ſo viel mir wenigſtens dar⸗ uͤber bekannt iſt,“ ſagte Cleveland. „Wie?“ ſagte Minna:„habt Ihr irgend einen Grund, zu glauben, daß Ihr norwegiſcher Abkunft waͤret?“ „Ich habe Euch ſchon fruͤher geſagt,“ erwiederte Cle⸗ veland:„daß meine Familie mir gänzlich unbekannt iſt. Ich verlebte meine fruͤheſten Tage auf einer einſamen Pflanzung, auf der kleinen Inſel Tortuga, unter der Aufſicht meines Vaters, welcher damals ein ganz anderer Mann war, als er ſpäter hin ward. Wir wurden von den Spaniern ausgepluͤndert und dadurch ſo arm, daß mein Vater, aus Verzweiflung und aus Durſt nach Rache, zu 95 3 den Waffen griff, und nachdem er ſich an die Spitze ei⸗ nes kleinen Haufens von Leuten geſtellt, die ſich in den naͤmlichen Umſtaͤnden befanden, ein ſogenannter Bucca⸗ nier wurde und gegen die Syanier kreuzte, und, nach manchem Wechſel von Glück und Ungluͤck, als er einſt ei⸗ ner Gewaltthaͤtigkeit ſeiner Gefaͤhrten Einhalt thun wollte, von ihren Haͤnden fiel— kein ungewoͤhnliches Schickſal der Capitain dieſer Raͤuber. Woher aber mein Vater ge⸗ kommen, oder welches ſein Geburtsort war, weiß ich nicht ſchoͤne Minna, und habe mich auch nie ſonderlich darum bekuͤmmert.“ „Er war aber doch ein Englaͤnder, Euer ungluͤcklicher Vater?“ ſagte Minna. „Das glaube ich gewiß,“ erwiederte Cleveland: „ſein Name, den ich ſo furchtbar gemacht habe, als daß ich ihn nennen ſollte, iſt engliſch, und ſeine Bekanntſchaft mit der engliſchen Sprache, und ſelbſt mit der engliſchen Litteratur, ſo wie die Muͤhe, die er ſich, in beſſeren Ta⸗ gen, gab, mich mit beiden bekannt zu machen, waren ein deutlicher Beweis, daß er ein Englaͤnder ſey. Wenn das rohe Weſen, das ich gegen Andere annehme, nicht der wahre Charakter meines Gemuͤths und meiner Sitten iſt, ſo danke ich, Minna, meinem Vater jene beſſeren Anſich⸗ ten und Grundſaͤtze, welche mich vielleicht Eurer Aufmerk⸗ ſamkeit und Eures Wohlwollens wuͤrdig gemacht haben. Und doch koͤmmt es mir zuweilen ſelbſt vor, als ob ich zwei verſchiedene Weſen in mir vereinige; denn ich kann es beinahe nicht als möglich denken, daß der, welcher jetzt an dieſem einſamen Ufer mit der lieblichen Minna Troil wandelt, je der unternehmende Anführer der tollkühnen Band geweſen ſeyn ſolle, deren Namen ſo ſchrecklich als der eines Tornado war.“„Ihr —— 79 „Ihr haͤttet,“ ſagte Minna:„dieſe kuͤhne Sprache Euch nie gegen die Tochter Magnus Troil'’s erlauben duͤr⸗ fen, waͤret Ihr nicht der tapfere und unerſchrockene An⸗ führer geweſen, der mit ſo geringen Mitteln ſeinen Na⸗ men ſo furchtbar zu machen gewußt hat. Mein Herz iſt wie das einer Jungfrau aus alter Zeit, das man nicht durch glatte Worte, ſondern nur durch tapfere Thaten ge⸗ winnen kann.“ „Ach! dieß Herz,“ ſagte Cleveland—„und was ſoll ich— was kann ein Mann thun, um es ſich ſo ge⸗ neigt zu machen, als dieß mein ſehnlicher Wunſch iſt 2“ „Geht zu Euren Freunden— verfolgt Euer Gluͤck, und uͤberlaßt das Uebrige dem Schickſale,“ ſagte Minna. „Und wenn Ihr als der Anfuͤhrer einer tapferen Flotte zuruͤckkehrt, wer weiß, was dann geſchehen kann?“ „Und wer buͤrgt mir dafuͤr, daß, wenn ich zuruͤckkehre — wem dieß je geſchieht— daß ich nicht Minna Troil als Braut oder als Gattin finde? Nein Minna, ich kann der Entſcheidung des Schickſals nicht den Beſitz des Ge⸗ genſtandes uͤberlaſſen, den meine ſtuͤrmiſche Lebensweiſe mir als den einzigen wuͤrdigen dargeboten hat.“ „Hoͤrt mich an,“ ſagte Minna.„Ich will mich, weng Ihr ein ſolches Verkoͤbniß annehmen zu duͤrfen gla ubt, durch Odin's Eid verpflichten, die heilkgſte unſerer nordi⸗ ſchen Feierlichkeiten, die noch bei uns im Gebrauche ſind, daß ich nie eines Andern Bewerbung Gehoͤr geben will, bis ihr nicht ſelbſt den Anſpruͤchen entſagt, die ich Euch eingeraͤumt habe. Genuͤgt Euch das?— Mehr kann, mehr will ich nicht zugeſtehen.“ „So muß ich denn wohl,“ ſagte Cleveland nach einer W. Scotu's Werke cxXlI. 7 96 augenblicklichen Pauſe:„mich damit begnügen; bedenkt aber wohl, daß Ihr ſelbſt es ſeyd, die mich zu einer Le⸗ bensart zuruͤckzukehren geheißen habt, welche die engliſche Geſetze als verbrecheriſch betrachten, und welche die heftigen Leidenſchaften der kühnen Abentheurer, die ſie ergriffen, mit dem Stempel der Schande gebrandmarit haben.“ „Ich bin über dieſe Vorurtheile erhaben,“ ſagte Min⸗ na.„Im Kriege mit England begriffen, ſehe ich ſeine Geſetze nicht anders an, als ob Ihr mit einem Feinde zu thun hättet, der in der Fülle ſeiner Macht und ſeines Stol⸗ zes erklärt hat, er werde ſeinem Gegner keinen Pardon ge⸗ ben. Ein braver Mann wird ſich deswegen nicht weniger tapfer ſchlagen, und was die Sitten Eurer Kameraden be⸗ trifft, wie könnte Euch ihr übler Ruf ſchaden, wenn Ihr ſie nur nicht Euch aneignet?“ 4 Cleveland blickte ſie, während ſie ſprach, mit einer Art von ſtaunender Bewunderung an, hinter der ſich indeß zugleich ein Lächeln über ihre Einfalt verbarg. „Ich hätte,“ ſagte er:„nimmermehr geglaubt, daß ein ſo hoher Muth Hand in Hand mit einer ſo großen Un⸗ bekanntſchaft der Welt, wie ſie jetzt iſt, gehen könnte. Was meine Sitten betrifft⸗ ſo werden die, welche mich am beſten kennen, zugeben müſſen, daß ich alles Mögliche gethan ha⸗ be, auf Koſten meiner Beliebtheit, ja⸗ mit Gefahr meines Lebens ſelbſt die Wildheit meiner Schiffsgefaͤhrten zu zaͤh⸗ men; wie könnt Ihr aber verlangen, daß Leute menſchliche Geſinnungen annehmen ſollen, die von Rachſucht gegen die welche ſie ausgeſtoßen hat, oder ſie leh⸗ Welt erfuͤllt ſind, 8 ren wollen, die Vergnügungen, welche ihnen der Zufall ent⸗ gegengeführt, um indein Leben Abwechſelung zu bringen, das ſonſt nur eine ununterbrochene Reihe lvon Gefahren und —.—ũ ——õ 8 99 Muͤhſeligkeiten darbieten würde, mit Mäßigung und Be⸗ ſonnenheit zu genießen?— Aber dieß Verſprechen, Minna⸗ welches alles iſt, was ich als Belohnung für meine treue Anhänglichkeit zu erwarten habe— erlaubt mir wenigſtens keine Zeit zu verlieren, es für mich in Anſoruch zu neh⸗ men.“ „Es darf nicht hier gegeben werden, ſondern in Kirk⸗ wall.— Wir müſſen, um Zeuge des Verlöbniſſes zu ſeyn, den Geiſt anrufen, welcher den alten Kreis von Stennis be⸗ wacht. Vielleicht fürchtet Ihr aber Euch, den alten Vater der Erſchlagenen, der Gewaltthätigen, der Schrecklichen zu nennen.“ Cleveland lächelte.„Laßt mir wenigſtens die Gerech⸗ tigkeit wiederfahren, liebliche Minna, daß ich vor nahen Schrecken ſelten zittere, und bei denen⸗ welche Gebilde der Einbildungskraft ſind, gar nichts fühle.“ „Ihr glaubt alſo nicht daran,“ ſagte Minna:„und wuͤrdet in ſo fern beſſer zu Brenda's Geliebten, als zu dem meinigen paſſen.“ „Gut,“ ſagte Cleveland:„ſo glaube ich an alles, woran Ihr glaubt. Die ſaͤmmtlichen Bewohner des Wal⸗ halla, woruͤber Ihr ſo viel mit dem geigenden, reimenden Narren, Claudius Halcro, fpracht— alle dieſe will ich, gläubig, als wirklich lebende und vorhandene Weſen an⸗ nehmen. Aber, Minna, verlangt nicht, daß ich Einen von ihnen fuͤrchten ſoll.“ „Fürchten! nein— fürchten ſollt Ihr ſie nicht,“ ant⸗ wortete das Mädchen:„denn ſelbſt vor Chor und Odin, wenn ſie in der ganzen Größe ibrer Schreckniſſe nahten, wi⸗ chen die Helden meines unveriagten Geſchlechts nie auch nur *. 6 7.. einen Schritt breit zurück. Wenn Ihr aber Euch ſo brü⸗ ſtet, ſo ſolltet Ihr bedenken, daß Ihr einen Feind heraus⸗ fordert, von einer Art, wie ſie Euch noch nicht gegenüber⸗ geſtanden hat.“ 2 „Wenigſtens nicht unter dieſen nördlichen Breiten,“ ſagte der Geliebte lächelnd:„wo ich bis jetzt nur Engel ge⸗ ſehen habe; aber ich habe zu meiner Zeit die Dämonen des Wendekreiſes mir gegenüber gehabt, welche wir See⸗ räuber für eben ſo mächtig und ſo verderblich halten, als die des Nordens.“ „So habt Ihr alſo auch die Wunder geſehen, welche außerhalb der ſichtbaren Welt liegen 2“ ſagte Minna mit einer Art Beklemmung. Cleveland nahm die Miene des Ernſtes an, und erwie⸗ derte:„Kurz vor meines Vaters Tode, erhielt ich, obgleich ich noch ſehr jung war, den Befehl uͤber eine Schaluppe, welche mit dreißig ſo verwegenen Kerlen beſetzt war, als wohl je eine Muskete gehandhabt. Wir kreuzten lange mit ſchlechtem Erfolge umher, und bekamen nichts als elende kleine Schiffe, welche entweder auf den Schildkroͤtenfang, ausgingen, oder ſonſt mit ſchlechtem, werthloſen Zeuge be⸗ laden waren. Es koſtete mir viel Mühe, meine Kameraden abzuhalken, an der Mannſchaſt dieſer lumpigen kleinen Fahr⸗ zeuge für die getäuſchte Erwartung Rache zu nehmen. End⸗ lich verloren wir aber die Geduld, und landeten nun in der Gegend eines Dorfes, wo wir, wie man uns geſagt, die mit Schätzen beladenen Mauleſel eines ſpaniſchen Gouver⸗ neurs auffangen konnten. Wir nahmen den Ort weg; während ich aber die Einwohner gegen die Wuth meiner Begleiter zu ſchützen ſuchte, entwiſchten die Mauleſeltreiber mit ihrer koſtbaren Ladung in das nächſte Holz. Dieß be⸗ 101 raubte mich alles Anſehens bei meinen Leuten. Sie, die ſchon lange unzufrieden geweſen waren, lehnten ſich jetzt foͤrmlich gegen mich auf: ich wurde in einem von ihnen gehaltenen Rathe meines Oberbefehls entſetzt, und verur⸗ theilt, da ich fuͤr mein Handwerk zu wenig Gluͤck und zu viel Menſchlichkeit haͤtte, maronirt zu werden*), wie es heißt, und zwar auf einer der kleinen ſandigen, be⸗ wachſenen Inſeln, welche man in Weſtindien Keys nennt, und welche nur den Schildkroͤten und Seevoͤgeln zum Auf⸗ enthalte dienen. Viele von dieſen Inſeln ſollen von Gei⸗ ſtern heimgeſucht werden— einige von den Daͤmonen, welche die alten Einwohner verehrten— andere von Ca⸗ piken und andern Indianern, die von den Spaniern zu Tode gefoltert worden, um ihnen das Geſtaͤndniß abzupreſ⸗ ſen, wo ſie ihre Schaͤtze verbargen; noch andere, von den verſchiedenen Geſpenſtern, an welche Seeleute aller Voͤl⸗ ker unbedingt glauben. Mein Verbannungsort, Coffin⸗ Key genannt, der ohngefaͤhr dritthalb Seemeilen ſuͤdoͤſt⸗ lich von den Bermudas lag, war ſo ſehr, als der Auf⸗ enthaltsort dieſer uͤbernatuͤrlichen Bewohner, beruͤchtigt, daß ich glaube, der Reichthum von Mexſco wuͤrde den bravſten von den Schurken, die mich dort ausſetzten, nicht haben bewegen koͤnnen, ſelbſt bei hellem Tage nur eine Stunde allein auf der Inſel zu bleiben, und als ſie vom Lande abſtießen, ruderten ſie mit einer Anſtrengung nach der Schaluppe hin, als ob ſie es gar nicht einmal gewagt *) Einen Seemann maroniren hieß, ihn auf einer einſamen Küſte oder Eiland ausſetzen, eine Grauſamkeit, die von Seeräubern und Piraten oft vegangen wurden. haͤtten, zurüͤckzublicken. Hier ließen ſie mich alſo zuruͤck, und ich mußte nun ſehen, wie ich mich auf einem unfrucht⸗ baren, von dem unermeßlichen Weltmeere umgeben, und wie Jene glaubten, von boͤſen Geiſtern bewohnten, Sand⸗ fleck ernaͤhrte.“ „Und was geſchah?“ fragte Minna begierig. 3 „Ich friſtete mein Leben,“ antwortete der Abentheu⸗ rer:„Anfangs mit Seevoͤgeln, die einfaͤltig genug wa⸗ ren, mir ſo nahe zu kommen, daß ich ſie mit einem Stock todtſchlagen konnte, und mit Schildkroͤtnereien, bis jene gutmuͤthigen Voͤgel die Hinterliſt des Menſchengeſchlechts kennen lernten, und mich daher nicht mehr ſo nahe kom⸗ men ließen.“— „„ Und die Geiſter.“ fuhr Minna fort. „Ich hatte allerhand geheime Beſorgniſſe ihretwegen,“ ſagte Cleveland;„ſowohl bei hellem Tage, als wenn es ganz finſter war, fuͤrchtete ich mich eben nicht ſehr vor ihnen; allein in der neblichen Morgendaͤmmerung, oder wenn der Abend hereinbrach, ſah ich, in der erſten Woche meln es Aufenthalts apf dem Key, manches bleiche, dahin⸗ gleitende Ge penſt. Bald glich es einem Spanier, in ei⸗ nem rund um ihn geſchlagenen Mantel, und mit gewalti⸗ gem Hute, ſo groß wie ein Sonnenſchirm, auf dem Ko⸗ pfe— bald einem hohaͤndiſchen Matroſen, mit ſeiner rau⸗ hen Mütze und ſeinen Pluderhoſen— bald einem indtani⸗ ſchen Laziken, mit ſeinem Hauptſchmuck von Febern und ſeinem Speer von Robr.“ —yyy „Und naͤhertet Jhr Euch nie, ſie anzureden?“ ſagte Minna. „Ich naͤberte mich ihnen jedesmal,“ erwiederte der Seemaun:„allein— es thut mir leid, meine ſchoͤae 8 103 Freundin, daß ich Eure Erwartungen nicht befriedigen kann— ſobald ich naͤher kam, verwandelte ſich die Erſchei⸗ nung in einen Buſch, ein Stuͤck Treibholz, einen Nebel⸗ ſtreifen oder ſonſt etwas, bis ich endlich mich durch die Er⸗ fahrung von der Thorheit uͤberzeugte, mich laͤnger von ſol⸗ chen Gebilden täuſchen zu laſſen, und nun der einſame Bewohn er von Coffin Key blieb, der ſo wenig von Schre⸗ cken der Einbildungskraft beunruhigt wurde, als ob er in der großen Kajuͤte eines tuͤchtigen Schiffs, mit einem Du⸗ tzend Gefaͤhrten um ſich her, geweſen wäre.“ „Ihr ſpanntet meine Aufmerkſamkeit, um mir nach⸗ her etwas ganz Gewoͤhnliches zu erzaͤhlen,“ ſagte Min⸗ na:„wie lange bliebt Ihr aber auf der Inſel?“ „Vier elend verlebte Wochen lang,“ ſagte Cleveland: „wo mich die Mann ſchaft eines Schiffes erloͤste, das auf den Schildkroͤtenfang dahin kam. Meine traurige Abge⸗ ſchiedenheit blieb indeß nicht ohne Nutzen fuͤr mich; denn auf dieſem duͤrren Sandfleck fand ich die eiſerne Larve, welche mich ſeitdem, mit Erfolg, gegen Verrath oder Meuterei meiner Gefaͤbrten geſchuͤtzt hat. Hier war es, wo ich den Entſchluß faßte, nicht weichherziger, nicht beſſer unterrich⸗ tet, nicht menſchlicher, nicht gewiſſenhafter zu erſcheinen, als die, mit denen mich das Schickſal zuſammengefuͤhrt hatte. Ich dachte uͤber mein früheres Leben nach, und fand, daß, ſo lange ich küͤhner, gewandter und unterneh⸗ mender als Andere erſchienen war, dieß mir Gewalt und Ehrerbietung verſchafft, ſobald man aber bemerkt, daß ich milder und gebildeter als ſie ſey, es mir, als einem We⸗ ſen anderer Gattung, nur Neid und Haß zugezogen hatte. Ich ſah daher ein, daß, da ich meiner Ueberlegenheit die Geiſt und Erz'eh ung mir gegeben, mich nicht entſalagen 1⁰4 konnte, es beſſer ſeyn wuͤrde, mich zu verſtellen, und, unter der Huͤlle des rohen Seemanns, allen Anſchein fei⸗ nerer Gefuͤhle und groͤßerer Bildung zu verbergen. Ich ſah voraus, was auch nachher eingetroffen iſt, daß ich, un⸗ ter dem Anſchein einer ruͤckſichtsloſen Haͤrte, eine ſo ange⸗ wohnte Uebergewalt uͤber meine Gefaͤhrten erhalten wuͤrde, daß ich mich dleſer zur Aufrechthaltung der Mannszucht und zur Erleichterung des Schickſals der Ungluͤcklichen, die in unſre Haͤnde fielen bedienen koͤnnte. Kurz, ich begriff, daß, um Anſehen zu erhalten, ich mich wenigſtens dem Aeußeren nach denen aͤhnlich zu machen ſuchen muͤßte, uͤber welche ich es ausuͤben wollte. Die Nachricht von dem Schickſale meines Vaters beſtaͤrkte mich in dieſem Ent⸗ ſchluß, waͤhrend ſie mich zugleich zur Wuth und zur Rache anſpornte. Auch er war das Opfer ſeiner Ueberlegenheit an Geiſt, an Sitte, an aͤußerem Betragen uͤber die, welche er befehligte, geworden. Sie pflegten ihn den Gent⸗ leman zu nennen, glaubten ohne Zweifel, daß er nur ei⸗ ne guͤnſtige Gelegenheit erwarte, ſich vielleicht auf ihre Koſten, mit den beſtehenden Formen der Geſellſchaft zu verſoͤhnen, zu denen ſeine Handlungsweiſe am beſten zu paſſen ſchien, und ermordeten ihn deswegen. Natur und Gerechtigkeit forderten mich, gleich dringend zur Rache auf. Bald ſtand ich an der Spitze eines neuen Haufens der Abentheurer, deren es auf jenen Infeln eine ſo gro⸗ He Anzahl giebt. Ich verfolgte die nicht, die mich maro⸗ nirt hatten, ſondern an den Elenden, die meinen Vater gemordet, uͤbte ich eine ſo furchtbare Rache, daß dieſes Beiſpiel ſchon hinreichte, mich in den Ruf der unerbittli⸗ chen Grauſamkeit zu bringen, welchen ich zu erlangen wuͤnſchte, und wodurch vielleicht jener Zug ſich allmaͤhlich -— 105 meinem Charakter wirklich beimiſchte. Meine Sitten, meine Sprache, mein Benehmen ſchienen ſo gaͤnzlich ver⸗ aͤndert, daß die, welche mich fruͤher gekannt, dieſe Um⸗ wandelung meinem Verkehr mit den Daͤmonen zuſchreiben zu muͤſſen glaubten, welche auf der Sandwuͤſte von Kof⸗ fin⸗Key hauſeten, ja, Einige waren aberglaͤubiſch genug, zu behaupten, daß ich wirklich einen Bund mit ihnen ge⸗ ſchloſſen.“ „Ich zittere, das Uebrige zu hoͤren,“ ſagte Minna: „und wurdet Ihr nicht wirklich zu dem Ungeheuer von Kuͤhnheit und Grauſamkeit, deſſen Schein Ihr an⸗ nahmt?“ „Wenn ich es nicht geworden bin, ſo muß dieß Wun⸗ der Eurem Einfluſſe, Minna, beigemeſſen werden. Wahr iſt es, daß ich mich jederzeit mehr darch Handlungen der verwegenſten Bravheit, als durch Plaͤne zur Rache und zur Pluͤnderung ausgezeichnet, und daß ich jemandes Le⸗ ben wenigſtens durch einen rohen Scherz zu retten ſuchte, zuweilen auch durch die unerhoͤrte Haͤrte der Maßregeln, die ich ſelbſt vorſchlug; daß ich meine Untergebenen da⸗ hin zu bringen wußte, daß ſie bei mir Fuͤrbitten, zu Gun⸗ ſten der Gefangenen, einlegten, ſo daß die anſcheinende Strenge meines Charakters der Sache der Menſchheit weit weſentlicher Dienſte geleiſtet hat, als wenn ich ſelbſt geradezu fuͤr ſie eingenommen zu ſeyn geſchienen haͤtte.“ Hier hielt er inne, und Beide ſchwiegen, da Minna nicht ein Wort erwiederte, eine Zeitlang. Endlich nahm Cleveland wieder das Geſpraͤch auf. „Ihr ſchweigt,“ ſagte er:„Fraͤulein Troil, und ich habe mir ſelbſt in Eurer Meinung durch die Offenheit 106 geſchadet, mit welcher ich meinen Charakter vor Euch entfaltet habe. Ich kann mit Wahrheit es ſagen, daß meine natuͤrliche Gemuͤthsart, durch die unguͤnſtige Lage, in der ich mich befand, wohl eine andere Richtung erhalten, aber nicht gaͤnzlich umgewandelt werben konnte.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Minna, nech einem augen⸗ blicklichen Bedenken:„ob Ihr ſo aufrichtig geweſen ſeyn wuͤrdet, haͤttet Ihr nicht gewußt, daß ich Eure Kamera⸗ den bald ſeben, und aus ihrer Unterhaltung und ihren Sitten das bald ſelbſt gefolgert haben wuͤrde, was Ihr mir ſonſt wohl gern verſchwiegen haͤttet.“ „Ihr thut mir Unrecht, Minna, ſchreiendes Un⸗ recht. Was duͤrſtet Ihr, von dem Augenblicke an, wo Ihr wußtet, daß ich ein Gluͤcksritter, ein Abentheurer, ein Buccanker, oder wenn Ihr es bei dem rechten Na⸗ men nennen wollt, ein Pirat war, Geringeres erwar⸗ ten, als was ich Euch erzaͤhlt habe?“ „Ihr habt nur zu Recht,“ ſagte Minna:„alles dieß haͤtte ich vorausſehen koͤnnen, und ich weiß nicht, was ich Anderes erwartet haben ſollte. Allein es ſchien mir, als ob ein Krieg gegen die grauſamen und aberglaͤubi⸗ ſchen Spanier etwas Edles, Großes haͤtte— Etwas, das das ſchreckliche Gewerbe, dem Ihr ſo eben ſeinen wahren und furchtbaren Namen gegeben habt, auf eine hoͤhere Stufe ſtellte. Ich glaubte, daß die unabhaͤngigen Krieger des weſtlichen Oceans, welche gleichſam aufgeſtanden, um die Unbilden ſo mancher gemordeten und gepluͤnderten Staͤmme zu raͤchen, etwas von einer hoͤheren Erhebung an ſich tragen muͤßten, wie jene Soͤhne des Nordens, de⸗ ren lange Galeeren an ſo manchen Kuͤſten die Unterdruͤ⸗ 107 ckung des entarteten Roms rächten.. Dieß dachte, dieß traͤumte ich— ich bin erwacht und enttaͤuſcht. Euch meſſe ich jedoch nicht die Verirrungen meiner eigenen Einbildungskraft bey. Lebt wohl, wir muͤſſen uns jetzt trennen.“ „So ſagt mir wenn gſtens,“ entgegnete Cleveland; „daß Ihr mich nicht haßt, weil ich Euch die Wahrheit geſagt habe.“ „Ich muß Zeit zur Ueberlegung haben,“ erwiederte Minna:„Zeit, um zu erwaͤgen, was Ihr mir geſagt habt, ehe meine Gefuͤhle ſelbſt mir klar werden. So viel kann ich aber jetzt ſchon ſagen, daß der, welcher, durch Blut und Grauſamkeiten, nur auf Erreichung des ſchaͤndlichen Zwecks des Raubes ausgeht, und der das, was in ſeiner Seele noch von Gewiſſen zuruͤckzudlieben iſt, unter dem aͤußeren Schein groͤßerer Schlechtheit verbergen muß, der Geliebte nicht iſt und nicht ſeyn kann, den Minna Troil in Cleveland zu finden erwartete, und wenn ſie ihn noch liebt— ſo wird ſie ihn als einen Buͤßenden, aber nicht als einen Helden lieben.“ Mit dieſen Worten riß ſie ſich von ihm los(er hatte ſie zuruͤckzuhalten verſucht) und verbot ihm, durch ein ge⸗ bietendes Zeichen, ihr zu folgen.„Sie geht,“ ſagte Cleveland, indem er ihr nachſah:„wild und phantaſtiſch, wie ſie iſt, hatte ich dieß doch nicht erwartet.— Sie ſchrack nicht zuruͤck, als ich mein wildes, gefaͤhrliches Le⸗ ben bei ſeinem wahren Namen nannte, und ſchten doch gänzlich unvorbereitet auf das Ungemach, welches damit verknuͤpft iſt— und ſo iſt denn alles Verdlenſt, das ich mir durch meine Aehnlichkeit mit einem nordiſchen Kaͤm⸗ 108 pen, oder einem Seekönig erworben, auf einmal dahin,— weil eine Bande Piraten kein Chor von Heiligen iſt. Ich wollte, Rackam, Hawkins, und alle Uebrigen waͤren in der Tiefe von Portland⸗Race!— ich wollte, die Pentland⸗Firth: hätte ſie lieber in die Hoͤlle, als nach Orkney getrieben! Indeſſen will ich doch dieſen Engel nicht um alle dieſe Teufel aufgeben. Ich will— ich muß nach Orkney, ehe der Udaller dahin geht— unſer Zuſammentreffen moͤchte ſeleſt ſeinem ſchlichten Verſtande verdaͤchtig vorkommen, wenn gleich, Gott ſeys Dank, in dieſem wilden Lande die Leute unſer Gewerbe nur von Hörenſagen kennen, und zwar durch unſere guten Freunde, die Hollaͤnder, die von denen, durch die ſie Geld verdienen, nie ſchlecht ſprechen.— Nun, wenn Fortuna mich nur bei dieſer ſchoͤnen Schwaͤr⸗ merinn beguͤnſtigt, ſo will ich ihrem Rade auch nicht weiter auf dem Meere nachgehen, ſondern mich hier zwiſchen den Felſen niederlaſſen, ſo gluͤcklich, als ob es Waͤlder von Ba⸗ nanen und Zwergpalmen waͤren.“ Mit dieſen und aͤhnlichen Gedanken, die er halb in ſeinem Buſen verbarg, halb durch unverſtaͤndlichen Ausruf und Gemurmel andeutete, kehrte der Pirat Cleveland nach dem Herrenhauſe von Burgh⸗Weſtra zuruͤck. . 1⁰9 Sechstes Kapitel. Jetzt geht es zum Handdruck, das Herz iſt bewegt, Denn die ſchmerzliche Stunde des Scheidens, ſie ſchlägt; Nun kommen die Pferde, den Sieg man erfragt, Und freundlich der Wirth;„'s iſt bezahlt,“ zu uns ſagt. Liliput, ein Gedicht. Wir uͤbergeben die Feſtlichkeiten des Tages, welche nichts an ſich hatten, das den Leſer beſonders anziehen koͤnnte; der Tiſch erſeufzte unter der gewoͤhnlichen Fuͤlle, die von den Gaͤſten mit der gewoͤhnlichen Eßluſt verzehrt wurde— die Punſchbowle wurde mit derſelben Schnellig⸗ keit, wie fruͤher, gefuͤllt und geleert, die Maͤnner tranken, ie Frauen lachten— Claudius Halcro reimte, witzelte, und erhob John Dryden, der Udaller ſtieß mit vollem Glaſe an, und ſang luſtig den Chor mit, und der Abend endete ſich, wie gewoͤhnlich, auf dem Dachboden, wle Mag⸗ nus Troil den Tanzſaal zu nennen beliebte. Hier war es, wo Cleveland ſich Magnus naͤherte, der zwiſchen ſeinen beiden Toͤchtern ſaß, und ihm ankuͤndigte, daß er nach Kirkwall auf einer kleinen Brigg gehen wuͤrde, die Bryce Snallsfoot, der mit beiſpielloſer Schnelligkeit ſeine Waaren losgeworden, ausgeruͤſtet hatte, um von dort neuen Vorrath zu holen. Magnus hoͤrte dieſe unerwartete Nachricht mit Erſtau⸗ nen, und nicht ohne Mißvergnuͤgen, an, und fragte Cleve⸗ land ſpitzig, ſeit wann er Bryce Snailsfoot's Geſellſchaft der ſeinigen vorzoͤge. Cleveland antwortete mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Derbheit, daß Zeit und Fluth auf Niemanden warteten, und daß er ſeine beſonderen Gruͤnde dazu habe, die Fahrt nach Kirkwall fruͤher zu machen, als der Udaller 110 die ſeinige anzutreten gedaͤchte— daß er hoffe, ihn und ſeine Toͤcht er auf dem großen Markte zu treffen, der binnen Kur⸗ zem gehalten werden würde, und dann vielleicht mit ihnen nach Sbetland zuruͤckkehren duͤrfte. Mäͤhrend er dieß ſprach, hielt Brenda, ſo feſt, als moͤg⸗ lich war, ohne allgemeine Aufmerkſamkeit zu erregen, ihre Augen auf ihre Schweſter geheftet. Sie bemerkte, daß Minna's bleiche Wange noch bleicher wurde, während Cle⸗ veland ſprach, und daß ſie durch das feſte Zuſammenſchlie⸗ ßen ihrer Lippen und ein leichtes Zuſammenzieben ibrer Augenbraunen, eine ſtarke innere Bewegung zu verbergen ſuchte. Kein Wort entſchluͤpfte indeß ihren Lippen, und als Cleveland, nachdem er dem Udaller Lebewohl geſagt, ſich ihr naͤherte, ſie zu kuͤſſen, wie es Gebrauch der dama⸗ ligen Zeit war, ſo empfing ſie ſeinen Kuß, ohne ihn zu er⸗ wiedern. Allein auch Brenda's Stunde nahte, denn Mordaunt⸗ den einſt ihr Vater ſo liebte, nahm jetzt auch kalten Abſchied von ihm, ohne nur eines freundlichen Blickes gewuͤrdigt zu werden. Es lag ogar Spott in dem Tone, womit Maguus dem Juͤnglinge eine gluͤckliche Reiſe wuͤnſchte, und ibm empfahl, wenn ihm ein huͤbſches Maͤdchen auf dem Wege begegnete, nicht gleich zu glauben, daß ſie in ihn verliebt waͤre, weil ſie ihm freundlich zulaͤchelte. Mordaunt erro⸗ thete bei dieſen Worten, die er als eine Beleidigung au⸗ ſah, allein er dachte an Brenda, und unterdruͤckte jedes Gefuͤhl des Unwillens. Jetzt nahm er Abſchied von den Schweſtern. Minna, deren Herz gegen ihn ſehr von ſeiner Haͤrte nachgelaſſen hatte, emyfing ſein Lebewohl nicht ohne Theilnahme, Brenda's Antheil aber ward in dem wohlwol⸗ lenden Ausdrucke ihres Benehmens daben, und der Thraͤne, —x — 111 die in ihr Auge trat, ſo ſichtbar, daß er ſogar der Aufmerk⸗ ſamkeit des Udallers nicht entgieng, der halb unwillig aus⸗ rief:„Nun ja, Maͤdchen, das mag ganz recht ſeyn, deun er war ein alter Bekannter; bedenke aber, daß er dieß nicht bleiben darf!“ Mertoun, der langſamen Schrittes das Zimmer ver⸗ ließ, hoͤrte noch halb dieſe ſchimpfliche Bemerkung, und war im Begriff, ſich umzukehren, ſie zu ahnden. Allein ſein Vorſatz ward ihm leid, als er Brenda zu ihrem Schnupf⸗ tuche Zuflucht nehmen ſab, ihre Bewezung zu verbergen, und das Gefuͤbl, daß dieſe durch ſeine Abreiſe erreat wor⸗ den ſey, verſcheuchte jeden Gedanken an ihres Vaters Un⸗ freundlichkeit. Er entfernte ſich: die uͤbrigen Gaͤſte folgten ſeinem Belſwiele, und mehrere derſelben, wie Cleveland und er ſelbſt nahmen ſchon uͤber Nacht Abſchied, in der Abſicht⸗ ihre Ruͤckreiſe am folgenden Morgen anzutreten. In dieſer Nacht verſchwanden alle kalten unfreundli⸗ chen Anzeichen der Zuruͤckhaltung der Schweſtern vor Min⸗ na's und Brenda's belderſeitigem Kummer, wenn dieſer auch nicht vom Grunde aus ibre Entfremdung tilaen konnte. Sie vergoſſen Tbraͤnen, waͤbrend ſie ſich umarmten, und wenn auch keine von ihnen(vrach, ſo war doch jede der an⸗ dern theurer, well Beide fuͤhlten, daß der Kummer, wel⸗ har dieſe Tropfen hervorlockte, eine gemeinſame Quelle atte. Es iſt moͤglich, daß, wenn gleich Brenda's Thraͤnen reichlicher floſſen, Minna's Kummer tiefer ihr Herz erarif⸗ fen hatte: denn lange, nacdem die Juͤugere ſchon, wie ein Kind, an ihrer Schweſter Busen ſich in den Schlaf geweint, lag Minna noch wachend, die unbeſtimmte Daͤmmerung vor ihren Angen, waͤhrend Thräne auf Thraͤne langſam in ih⸗ 11² rem Auge emyorſtieg, und ihre Wange herabrieſelte, ſobald ſie zu ſchwer ward, als daß ihre langen ſeidenen Augen⸗ lieder ſie zu tragen vermocht haͤtten. Waͤhrend ſie ſo lag in die truͤben Gedanken verſunken, welche dieſe Thraͤnen fließen machten, glaubte ſie, zu ihrem Erſtaunen, Muſik zu vernehmen. Sie glaubte Anfangs, es ſey ein Schwank Claudius Halcro's, deſſen phantaſtiſche Lauve ſich zuweilen in ſolche Abenſtuͤndchen ergoß: allein es war nicht die Gue des alten Barden, ſondern eine Guitarre, ein Inſtrument, das niemand auf der Inſel zu ſpielen verſtand, als Cleve⸗ land, der, bei ſeinem Verkehr mit den ſuͤdamerikaniſchen Spaniern, es ganz vorzüglich zu behandeln gelernt hatte. Vielleicht hatte er auch in jenen Klimaten das Lied gelernt, das, wenn er es gleich jetzt unter dem Fenſter eines Maͤd⸗ chens von Thule ſang, doch gewiß nie fuͤr eine Bewohne⸗ rin eines ſo nordlichen und ſtrengen Klima's gedichtet wor⸗ den war, da es von Erzeugniſſen der Erde und des Him⸗ mels ſang, die dort voͤllig unbekannt ſind:. I. Liebe wacht in Thränen, Schlummer ſtillt das Sehnen, Das der Schönheit Buſen fülltt Töne ſich erheben, Sie mit Traum umweben, Wie der Schönheit Ruhe, mild. . 2. Durch die Palmenhallen„ Wohlgerüche wallen;. Glühwurm ſt eift der Dämm'rung Rand:, Durch des Abends Schwingen, Süße Düfte dringen, 5 Von dem Blumenvbeet entſandt. 3. Wache 113 3. Wache auf zum Leben! Kann der Traum Dir geben, Was die Wirklichkeit nur ſieht? Flieh den trägen Schlummer: Banne Sorg' und Kummer! Höre auf der Liebe Lied! Cleveland's Stimme war kraͤftig, wohltoͤnend und maͤnnlich, und ſtimmte gut zu dem ſpaniſchen Liede, denn die Worte ſchienen eine Ueberſetzung aus eben dieſer Spra⸗ che. Wahrſcheinlich wuͤrde ſeine Aufforderung nicht unbe⸗ achtet geblieben ſeyn, haͤtte Minna aufſtehen koͤnnen, ohne ihre Schweſter zu wecken. Allein dieß war unmoͤglich, denn Brenda, die, wie wir ſchon bemerkt haben, bitterlich ge⸗ weint hatte, lag jetzt mit ihrem Geſichte auf dem Buſen ihrer Schweſter, einen Arm um ſie geſchlungen, wie ein Kind, das ſich in den Armen ſeiner Waͤrterin in den Schlaf geweint hat. Es war Minna unmsoglich, ſich aus dieſer Umſchlingung herauszuwinden, ohne ſie zu erwecken, und ſie konnte deswegen nicht den ſchnellgefaßten Entſchluß ausfuͤhren, ihr Gewand zuſammenzufaſſen und an das Fen⸗ ſter zu eilen, mit Cleveland zu ſprechen, der, wie ſie nicht zweifelte, zu dieſem Mittel ſeine Zuflucht genommen hat⸗ te, ſie noch einmal zu ſehen. Dieſer Zwang war ungemein laͤſtig, denn es war mehr als wahrſcheinlich, daß ihr Ge⸗ liebter gekommen war, ihr das letzte Lebewohl zu ſagen; daß aber Brenda, die jetzt gegen Cleveland ſehr eingenom⸗ men zu ſeyn ſchien, erwachen und dieß alles mit anhoͤren ſollte, war ihr ein unertraͤglicher Gedanke. Es entſtand jetzt eine kurze Pauſe, waͤhrend welcher Minna, mehr als einmal, mit ſo viel Behutſamkeit als moͤglich, Brenda's Arm von ihrem Halſe los zu machen . Scort's Werke. CXII.— „ . 114 ſuchte; allein, ſobald ſie dieß verſuchte, brummte die Schlaͤ⸗ ferin unwillig, wie ein im Schlafe geſtoͤrtes Kind: ein Zei⸗ chen, daß das Beharren bei dem Verſuche ſie nur vollends erwecken wuͤrde. Zu ihrem großen Verdruſſe mußte alſo Minna ſtill bleiben und ſchweigen. Ihr Geliebter aber, als ob er durch eine andere Melodie ſich leichter Gehoͤr zu verſchaffen glaub⸗ te, ſang nun folgendes Bruchſtuͤck eines ſeemaͤnniſchen Lie⸗ des: 1 Leb wohl, der letzte ſanfte Ton, Der dieſer Stimm' entklang— war Dein! Der nächſte gilt dem Meere ſchon, Und ſtimmt in den des Schiffvolks ein. Der Laut, der auf der Livppe weilt', Wenn Deine Stirn ein Wölkchen trübt', Tönt weit hinaus, vom Sturm umheult⸗ Und raſch Gevot dem Segel giebt. Das Aug'— nur furchtſam ſah's empor— Die Hand, die in der Deinen bebt': Es richtet nun das Feuerrohr, Und drohend ſie den Säbet hebt. Was ich gewünſcht, geyofft, geliebt⸗ Ihm Lebewohl! mich ruft die Pflicht! Was Theures mir das Leben giebte⸗ Fahr’ hin!— Nur die Erinn'rung nicht! Er verſtummte jetzt abermals, und abermals machte die, an welche die Serenade gerichtet war, einen Verſuch, aufzuſtehen, ohne ihre Schweſter zu erwecken. Allein dieß war unmoͤglich, und es blieb ihr nur der quaͤlende Gedanke uͤbrig, daß Cleveland jetzt in ſeinem Schmerz, ohne nur einen einzigen Blick, ein einziges freundliches Wort von ihr zu erhalten, Abſchied nehmen muͤßte. Er, der eine ſo 115 heftige Gemüthsart hatte, der dieſen Ungeſtuͤm, mit ſo beharrlicher Anſtrengung, ihrem Willen untergeordnet— haͤtte ſie nur einen Augenblick finden koͤnnen, ihm Lebewohl zu ſagen— ihn von neuen Haͤndeln mit Mordaunt abzu⸗ halten— ihn zu beſchwoͤren, ſich von ſolchen Kameraden los zu machen, wie er ihr beſchrieben— haͤtte ſie nur al⸗ les dieß thun koͤnnen, wer weiß, welche Wirkung dieſe letzten Ermahnungen noch auf ſeine Gemuͤthsart, ja, auf ſein ganzes kuͤnftiges Leben, gehabt habens duͤrften? Von dieſen Betrachtungen gepeinigt, war Minna im Begriff, eine abermalige und entſcheidende Anſtreugung zu machen, als ſie Stimmen unter dem Fenſter hoͤrte, und die von Cleveland und Mertoun zu erkennen glaubte, welche in ſehr heftigem Tone mit einander ſprachen, jedoch zu gleicher Zeit ſo gedaͤmpft als moͤglich, als ob die Sprechen⸗ den fuͤrchteten, belauſcht zu werden. Jetzt miſſhte ſich Un⸗ ruhe in ihr fruͤheres Verlangen, aufzuſtehen, und auf eln⸗ mal vollbrachte ſie nun das, was ſie vorhin vergebens ver⸗ ſucht hatte. Es gelang ihr, Brenda's Arm von ihrem Halſe loszumachen, ohne daß die Schlaͤferin mehr als zwei oder drei undeutliche Worte gemurmelt haͤtte; eben ſo ei⸗ lig und geraͤuſchlos warf nun Minna einen Theil ihrer Klei⸗ dung um, und war im Begriff ſich au's Fenſter zu ſchlei⸗ chen; ehe ſie jedoch dieß thun konnte, hoͤrte ſie, daß das Geſpraͤch ſich in den Laͤrm eines Handgemenges verwan⸗ delte, welches ploͤtzlich mit einem tiefen Stoͤhnen endete. Erſchrocken uͤver dieſes letzte Ungluͤckszeichen, ſprang Minna an's Fenſter, und ſuchte es zu oͤffnen, denn die Per⸗ ſonen ſtanden ſo dicht an der Mauer des Hauſes, daß ſie nict ſehen konnte, ohne den Kopf zum Fenſter hinaus⸗ zuſtecken. Die eiſerne Haspe war indeß ſchwerbeweglich 16 116 und verroſtet, und die Eil, mit welcher ſie ſie aufzubringen ſuchte, machte, wie gewoͤhnlich, den Verſuch noch ſchwerer. Als es gelungen war, und Minna begierig ſich halb zum Fenſter hinaus gelegt hatte, waren die, von welchen die Toͤne hergekommen, ſchon unſichtbar geworden, und ſie konnte nur noch einen Schatten im Mondlicht dahin gleiten ſehen, waͤhrend der Gegenſtand, der ihn hervorbrachte, ſich ſchon um eine Ecke gewendet hatte, welche ihn ihren Blicken ent⸗ zog. Der Schatten bewegte ſich langſam, und ſchien der eines Mannes zu ſeyn, der einen andern auf den Schultern trug, ein Anzeichen, welches Minna's Angſt auf das Hoͤchſte ſteigerte. Das Fenſter war nicht hoͤher, als etwa acht Fuß vom Boden, und ſie ſaͤumte keinen Augenblick, ſich von dem⸗ ſelben herabzuſchwingen und den Gegenſtand zu verfolgen, der ihr Sohrecken erregt hatte Als ſie indeß die Ecke des Gebaͤndes erreichte, hinter welcher der Schatten hervorgekommen zu ſeyn ſchien, ſah ſie nichts, das ihr im Geringſten den Weg haͤtte andeuten können, den die Geſtalt genommen hatte, und ein augen⸗ blickliches Bedenken reichte hin, ſie zu uͤberzeugen, daß alle Verſuche zu weiterer Verfolgung eben ſo unverſtaͤndig, als fruchtlos ſeyn wuͤrden. Außer allen den Vorſprüngen und Vertiefungen des vielwinkligen Hauſes, ſeinen Außenge⸗ baͤuden, den verſchiedenen Kellern, Niederlagen, Staͤllen und ſo weiter, welche ihre Nachforſchungen vereitelu muß⸗ ten, zog ſich doch eine Reihe niedriger Felſen von bier aus nach dem kleinen Hafen hin, eigentlich eine Fortſetzung des Ruckens, der ſeinen Damm bildete. Dieſe Felſen hatten manche Vertiefungen, Schluchten und Hoͤhlen, und in eine von dieſen konnte die Geſtalt ſich mit ihrer ungluͤcklichen Laſt gefluͤchtet haben, denn daß irgend ein Ungluͤcksfall mit 117 dem Wegſchaffen derſelben verknuͤpft ſey, ſchien ihr mehr als wahrſcheinlich. Ein augenblickliches Bedenken uͤberzeugte, wie geſagt, Minna von dem Thdrichten einer weiteren Verfolgung: ihr naͤchſter Gedanke war, die Familie zu erwecken; allein dann mußte ſie ſagen, um was und von wem die Rede ſey. Auf der andern Seite konnte aber dem Verwundeten, wenn er verwundet war— ach, und er war es vielleicht toͤdtlich — noch Huͤlfe geleiſtet werden, und in dieſer Ueberzeugung war ſie im Begriff zu rufen, als ſie Claudlus Halcro's Stimme hoͤrte, der, dem Anſcheine nach, vom Hafen zu⸗ ruͤckkehrte, und nach ſeiner Weiſe ein Stuͤck eines alten norwegiſchen Liedes ſang, das man etwa folgendermaßen verdeutſchen koͤnnte: Die Leichenſpende theilſt Du aus, Ja, Mutter, Du allein, Dem müden Leib, der Seele ſchwer, Das Weißbrod und den Wein. Und meine Roſſe theilſt Du aus, Du thuſt es, Mutter, mein, Und meine weiten Lande auch, Und meine Schlöſſer neun. Doch keine Rache für die That, und für vergoßnes Blut! Oen Leib gieb der Erde, dem Himmel die Seel“, Und Gott das Seine thut. Das ſonderbare Zuſammentreffen des Inhalts dieſes Lledes mit der Lage, in der ſie ſich ſelbſt befand, erſchien Minna als ein Wink des Himmels. Man muß bedenken, daß wir hier beſtaͤndig von einem Lande reden, wo auf Au⸗ zeichen und aberglaͤubiſche Vorbedeutungen das groͤßte Ge⸗ 24 118 wicht gelegt wird, und wir ſuͤrchten zuweilen beinah, kaum von denen recht verſtanden zu werden, deren begraͤnzte Einbildungskraft ſich keinen Begriff davon machen kann, wie maͤchtig jege auf den menſchlichen Geiſt, zu gewiſſen Perioden der Ausbildung der menſchlichen Geſellſchaft, wir⸗ ken koͤnnen. Der Inhalt eines Verſes, den man im Vir⸗ gil aufſchlug, wurde, im ſiebzehnten Jahrhundert, am eng⸗ liſchen Hofe, als eine ſichere Vorbedeutung fuͤr die Zu⸗ kunft angeſehen; was Wunder alſo, wenn ein Sraͤdchen von den wilden und entfernten ſhetlaͤndiſchen Inſeln, Ver⸗ ſe, welche etwas enthielten, das auf ihre gegenwärtige La⸗ ge paßte, als einen Wink des Himmels anſah. „Ich will ſchweigen,“ ſagte ſie halb laut,„ich will meine Liopen verſchließen.“ „Dea Leib gieb der Erde, dem Himmel die Seel⸗ Und Gott das Seine thut.“ „Wer ſpricht da?“ ſagte Claudius Halcro etwas er⸗ ſchrocken; denn er hatte ſich, ſelbſt durch ſeine Reiſen in fremden Laͤndern, von ſeinem heimathlichen Aberglauben nicht ginz losmachen können. Von Furcht und Schrecken gleich ſtark angeregt, konnte Minna anfangs ihm nicht antworten, und Halcro, der im Halbdunkel— denn ſie ſtand im Schatten des Hauſes, und der Morgen war trüb und neblig— eine weiße Geſtalt vor ſich ſtehen ſah, degann ſie in alten Reimen zu heſchwoͤren, welche, als paſſend fuͤr dieſe Gelegenheit, ſich ihm darboten, und welche in ihrem Kauderwelſch einen wilden überirdiſchen Ton hatten, der in der hler folgenden Ueberſetzung nicht verlor en gehen duͤrfte: 119 Sankt Magnus, der Märtyrer, weiſe Dich fort, 4 Sankt Ronan ermahn Dich mit Spruch und mit wort! Bei der Meſſe Sankt Martink⸗ bei der Jungfrau Macht, Heb weg Dich, eh ſchlimm res Geſchick Dir erwacht! Biſt Du ein guter Geiſt, gey ein zum ewigen Glück, Biſt Du ein böſer Geiſt, kehre zur Höll zurüick⸗ Biſt Du aus Dunſt gemacht, hüll Dich in Nebelduft, Biſt Du aus Erdenmacht, bira Dich in dunkler Kluft, Biſt Du ein Pix, ſuch Deinen Ring, Viſt Du ein Nix ſuch Deinen Spring; Wenn Du hier der S ünde Laſt⸗ Schaam und Schmerdz getragen haſt⸗ Wenn Dir au f dieſer Oberwelt Dein Daſeyn Kummer einſt vergällt, Geh heim in Dein Grab! Dein Sar g Dich ruft, Der Wurm, Dein Geſpiele er harrt, in der Gruft Geh, irrender Geiſt, in das Grab, das Dich deckt, Bis Michael mit der Poſaune Dich weckt, Heb weg Dich, Geſpenſt; vor des Kreuzes Zeichen Sollſt, bis Allerheiligen⸗ Feſt, Du entweichen! „Ich bin es, Halcro,“ fluͤſterte Minna in ſo ſchwa⸗ chem und leiſem Tone, daß man ihn fuͤr die Antwort des beſchworenen Geſpenſtes haͤtte halten koͤnnen. „Du? Du?“ ſagte Halcro, indem der Ton der Furcht bei ihen zu dem des größten Erſtaunens üpberging:„Bei dieſem erbleichenden Mondlicht? Du biſt es? Wer wuͤrde aber erwartet haben, Dich, meine lieblichſte Nacht, in Deinem eigenen Element herumwandernd zu finden?— Aber, Du ſahſt ſie, denk' ich, ſo gut als ich— wahrhaftig, es iſt kuͤhn genug von Dir, ihnen folgen zu wollen.“ „Wem denn? wem denn?“ ſagte Minna, voll Er⸗ wartung, hier einige Aufklaͤrung uͤber den Gegenſtand ih⸗ rer Furcht und Beſorgniß zu erhalten. b 120 „Nun, die Grablichter, die am Hafen tanzten,“ ant⸗ wortete Halcro:„die bedeuten nichts Gutes, ſage ich Dir — Du weißt ja, wie es in dem alten Liede heißt: Wo das Grablicht Seinen Schein bricht, Maas Tag oder Nacht ſeyn⸗ Seys im Dunkel, ſeys bei hellem Schein, Da liegt bald ein Menſchenbein. Ich gieng bis halb zum Hafen hin, ihnen nachzuſehen, aver ſie waren verſchwunden. Ich meine aber, ich ſah ein Boot abſtoßen— viel icht jemand, der noch in See geht. Ich wollte, wir haͤtten erſt gute Nachrichten von dem Fiſch⸗ fange!— Norna verließ uns im Zorn, und dann die Grab⸗ lichter! Nun— Gott helfe uns unterdeſſen. Ich bin ein alter Mann, und kann nur wuͤnſchen, daß alles gluͤcklich vorüber waͤre.— Aber was iſt das, meine artige Minna? Thraͤnen in Deinen Augen?— und jetzt, wo ich Dich im vollen Mondlicht ſehe, auch barfuß, bei Sankt Magnus! Gaͤb es dern keine Struͤmpfe auf Shetland, die für dleſe niedlichen Fuͤße und Knöchel, die ſo weiß im Mondlicht erglaͤnzen, gut genug geweſen waͤren? Wie, kein Wort? Vielleicht— ſetzte er in einem ernſteren Tone hinzu— „biſt Du doͤſe uͤber meinen Unſinn. Schaͤme Dich, einfaͤl⸗ tiges Maͤdchen!— bedenke, daß ich alt genug bin, Dein Vater zu ſeyn, und Dich immer wie ein Kind geliebt habe.“ 4. „SIch bin nicht boͤfe,“ ſagte Minna, indem ſie ſich Ge⸗ walt anthat, zu ſprechen:„aber ſagt mir, hoͤrtet Ihr nichts?— ſart Ihr nichts!? ſie muͤſſen bei Euch vorüber gekommen ſeyn.“ 121 „Sie?“ ſagte Claudius Halcro:„was meinſt Du denn damit? Die Grablichter? Nein, die kamen nicht bey mir voruͤber; aber ich glaube wahrhaftig, ſie ſind bei Dir voruͤbergekommen, und haben Dir etwas angethan, denn Du ſiehſt bleich aus, wie ein Geſpenſt. Komm, Min⸗ na, komm,“ fuͤgte er hinzu, indem er eine Seitenthuͤr des Wohnhauſes oͤffnete:„ſolche mitternaͤchtliche Spazier⸗ gaͤnge ſchicken ſich beſſer fur alte Dichter, als fuͤr junge Maͤdchen— und noch dazu, wenn ſie ſo leicht gekleidet ſind, als Du!— Maͤdchen, Du ſollteſt Dich ja vor dem Winde einer ſhetlaͤndiſchen Nacht bewahren, denn er bringt auf ſeinen Fittigen mehr Schlacken, als ſuͤße Duͤfte.— Und nun, Maͤdchen, geh hinein; denn wie der herrliche John ſagt, oder vielmehr, wie er nicht ſagt— denn ich erin⸗ nere mich nicht ſo ganz deutlich mehr, wie ſeine Verſe lau⸗ ten— aber wie ich ſelbſt in einem ganz artigen Gedichte geſagt habe, das ich ſchrieb, als meine Muſe noch in ih⸗ rer Jugendzeit war: Jungfrau nie vom Lager ſteigt, Eh der Tagesſtrahl ſich zeigt; Auaenlied ſich nicht erſchließt⸗ Bis die Sonn die Roſe küßt; Mädchenfuß man nie erblickt In den Thauglanz eingedrückt, Bis die Blumenflur bereit⸗ Teppich für die Schönheit beut. „Halt, was kommt nun?— Laß ſehen.“ Wenn der Geiſt des Herſagens ſich Claudius Halcro's bemaͤchtigte, ſo vergaß er Zelt und Ort, und wuͤrde ſeine Begletterin jetzt vielleicht eine halbe Stunde in der freien 12² Luft aufgehalten und dabev ihr dichteriſche Vorſchriften ge⸗ geben haben, warum ſie ſchon laͤngſt haͤtte im Bette ſeyn ſollen. Minna unterbrach ihn indeſſen durch die Frage, die ſie zwar mit Ernſt, aber kaum hoͤrbarer Stimme aus⸗ ſprach, waͤhrend ſie Halcro zitternd und krampfhaft anfaßte, als ob ſie ſich vor dem Fallen haͤtte bewahren wollen: „ſaht Ihr Niemanden in dem Boote, das ſo eben in See ging?“ „Dummes Zeug,“ erwiederte Halcro,„wie konnte ich irgend Jemanden ſehen, da Licht und Entfernung mir gerade nur erlaubten, ſo viel zu unterſcheiden, daß es ein Boot und nicht ein Nordkaper war?“ „Aber es muß doch Jemand im Boote geweſen ſeyn?“ wiederholte Minna, kaum ſich bewußt, was ſie ſagte. „Allerdings,“ antwortete der Dichter,„Boote gehen ſelten von freien Stuͤcken nach dem Winde. Aber, das iſt alles Albernheit, und deswegen, wie die Koͤnigin in ei⸗ nem alten Stuͤcke ſagt, das von dem trefflichen Wilhelm d' Avenant wieder fuͤr das Theater bearbeitet wurde: zu Bette, zu Bette, zu Bette!“ Sie trennten ſich und Minna's Glieder trugen ſie mit Muͤhe, durch verſchiedene abgelegene Gaͤnge, wieder zu ih⸗ rem Zimmer hin, wo ſie ſich behutſam neben ihrer noch im⸗ mer ſchlafen den Schweſter niederlegte, mit einem Gemuͤ⸗ the, das von den allerqualendſten Beſorgniſſen heimge⸗ ſucht wurde. Daß es Cleveland's Stimme geweſen, die ſie gehoͤrt hatte, war gewiß;— der Inhalt der Geſaͤnge ließ keinen Zweifel uͤbrig, und wenn ſie nicht eben ſo feſt uͤberzeugt war, daß ſie den jungen Mertoun im heftigen Zanke mit ihrem Geliebten gehoͤrt, ſo war ihr doch davon ein ziemlich deutlicher Eindruck geblieben. Das Stoͤhnen, 12²³ womit das Handgemenge zu enden ſchien; das furchtbare Anzeichen, woraus ſich ſchließen ließ, daß der Sieger den lebloſen Koͤrper ſeines Opfers hinweggetragen— alles ſchien darauf hinauszugehen, daß der Kampf ſich durch eine un⸗ gluͤkliche Begebenheit geendet.„Und wer von den Ungluͤck⸗ lichen war gefallen? wer hatte ein blutiges Ende gefunden? wer hatte den furchtbaren und blutigen Sieg davon getra⸗ gen?—“ Dieß waren Fragen, worauf die leiſe Stimme der inneren Ueberzeugung antwortete:„daß ihr Geliebter Cleveland, nach Charakter, Gemuͤth und Gewohnheit zu ſchließen, wahrſcheinlich der Ueberlebende geblieben ſey.“ Dieſe Betrachtung gewaͤhrte ihr unwillkuͤhrlich einen Troſt, den ſte aber kaum ſich zu erlauben wagte, wenn ſie bedach⸗ te, daß ihres Geliebten Verbrechen und die Zerſtoͤrung von Brenda's Gluͤckſeligkeit damit verknuͤpft ſey. „unſchuldige, ungluͤckliche Schweſter!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„Du biſt zehnmal beſſer als ich, denn Du machſt ſo wenige Anſpruͤche bei Deiner Vortrefflichkeit. Wie waͤre es moͤglich, daß ich nicht fortwaͤhrend Herzensangſt empfaͤn⸗ de, da ſie aus meinem Buſen ſogleich in den Deinigen uͤber⸗ gehen muß?“ Waͤhrend dieſe quaͤlenden Gedanken ihr Gemuͤth beun⸗ ruhigten, konnte ſie ſich nicht enthalten, ihre Schweſter an ihren Buſen zu druͤcken, und that dieß mit ſolcher Innig⸗ keit, daß Brenda, nachdem ſie einen tiefen Seufzer ausge⸗ ſtoßen, erwachte. „Biſt Du es, Schweſter?“ ſagte ſie:„mir traͤumte, ich laͤge auf einem von den Denkmaͤlern, das Claudius Halcro uas ſo oft beſchrieben hat, und wo das Bild des darunter Ruhenden auf dem Steine ausgehauen iſt. Mir traͤumte, daß ein ſolches Marmorbild an meiner Seite laͤ⸗ 124 ge, daß es auf einmal Leben und Bewegung erhielt, und mich an ſeine kalte, feuchte Bruſt druͤckte— und nun biſt Du es, Minna, die Du in der That ſo kalt biſt.— Dir iſt nicht wohl, meine theuerſte Minna! Um Gotteswillen, laß mich aufſtehen und Euphanie Fea rufen:— was fehlt Dir? Iſt Norna wieder hier geweſen?“ „Rufe Niemanden,“ ſagte Minna, indem ſie ſie zu⸗ ruͤckhielt:„mir ſehlt nichts, wogegen irgend Jemand ein Mittel wiſſen koͤnnte; es ſind nur Beſorgniſſe eines Un⸗ glücks, aͤrger, als Norna es je verkuͤndigen konnte. Aber, Gott iſt uͤber Allem, meine theure Brenda, laß uns alſo zu ihm beten, damit Er, der allein es vermag, das Boͤſe zum Guten wenden moͤge“ So wiederholten ſie denn gemeinſchaftlich ihr gewoͤhn⸗ liches Gebet um Staͤrke und Schutz von oben, und ſchickten ſich wiederum zum Schlafe an, ohne etwas weiter, als „Gott ſegne Dich“ zu einander zu ſagen, als ihre Andacht verrichtet war, indem ſie ſo dem Himmel gewiſſenhaft ihre letzten Worte im Wachen weihten, wenn auch menſchliche Gebrechlichkeit ſie verhinderte, dieß mit ihren Gedanken zu thun. Brenda ſchlief zuerſt ein, und auch Minna war endlich, nach einem ſtandhaften Kampee mit den dunkeln und boͤſen Ahnungen, welche ſich wiederum ihrer Einbil⸗ dungskraft aufzudraͤngen begannen, ſo gluͤcklich, dem Schlum⸗ mer in die Arme zu ſinken. Der Sturm, den Halcro erwartet hatte, trat wirklich gegen Tagesanbruch ein— ein heftiger mit Regen gemiſch⸗ ter Windſtoß, wie man ihn, ſelbſt waͤhrend des ſchoͤnſten Wetters, unter dieſen Breiten hat. Von dem Pfeifen des Windes, und dem Geraͤuſche des Regens auf den Schin⸗ deldaͤchern der Fiſcherhuͤtten, erwachte manche arme Frau, 125⁵ und rief ihren Kindern zu, die Haͤnde zu erheben, und ſich mit ihr zum Gebete fuͤr die Sicherheit des theuren Gatten und Vaters zu vereinigen, der jetzt gerade in der Gewalt der aufgeregten Elemente war. Um das Haus in Burgh⸗ Weſtra her heulte es in den Schornſteinen, und Fenſter klirrten. Die Streben und Stuͤtzen in dem hoͤhern Theile des Gebaͤudes, groͤßtentheils aus Treibholz gezimmert, aͤchzten und bebten, als ob ſie gefuͤrchtet haͤtten, von dem Sturme wieder aus einander geriſſen zu werden. Mag⸗ nus Troil's Toͤchter ſchliefen jedoch ſo ſanft und ſuͤß fort, als ob Chantry' s Meiſſel ſie aus Marmor gebildet haͤtte. Der Windſtoß war inzwiſchen voruͤbergegangen, und die Sonne, welche die Wolken zerſtreute, die ſich nach der an⸗ dern Seite hinzogen, ſchien hell in die Fenſter. Minna fuhr zuerſt aus dem Schlafe empor, in welchen koͤrperliche Anſtrengung und geiſtige Erſchoͤpfung ſie verſenkt hatten, ſtützte ſich auf ihren Arm, und begann nun Ereigniſſe ſich zuruͤckzurufen, welche, nach dieſem Zwiſchenraume tiefer Ruhe, ihr beinah wie unhaltbare Geſichte der Nacht er⸗ ſchienen, und ſie war faſt ungewiß, ob nicht die Schrecken, deren ſie ſich von dem Augenblicke an erinnerte, wo ſie aus dem Bett geſprungen war, die Gebilde eines Traumes ge⸗ weſen waͤren, welchen einige aͤußere Laute vielleicht in ih⸗ rer Seele erregt. „Ich will ſogleich Claudius Halcro aufſuchen gehen,“ ſagte ſie:„er wird etwas von dieſen ſonderbaren Toͤnen wiſſen, da er um dieſe Zeit auf den Fuͤßen war.“ Mit dieſen Worten ſprang ſie aus dem Bette, hatte aber kaum einen Augenblick aufrecht dageſtanden, als ihre Schweſter ausrief:„Gerechter Himmel! Minna, was haſt Du an Deinem Fuß, an Deinem Knoͤchel?“ 126 Sie ſah herob und bemerkte mit einem Erſtaunen, das an Todesangſt graͤnzte, daß ihre beiden Fuͤße, beſonders aber einer derſelben, dunkelroth gefaͤrbt war, als ob ge⸗ trocknetes Blut daran klebe. Ohne Brenda zu antworten, eilte ſie an's Fenſter, und warf einen verzweiflungsvollen Blick auf das Grab hinab, denn von dort mußte ſie jene verhäͤngnißvollen Flecken mit hinauf gebracht haben. Allein der Regen, der dort dreifach ſtark, ſowohl vom Himmel, als von der Dachrinne, herab⸗ geſtroͤmt war, hatte den verraͤtheriſchen Zeugen hinwegge⸗ waſchen, wenn ja ein ſolcher vorhanden geweſen war. Al⸗ les war friſch und rein, und die Grashalme, mit Regen⸗ tropfen belaſtet und unter ihnen ſich beugend, blitzten wie Diamanten in der hellen Morgenſonne. Waͤhrend Minna auf das flimmernde Gruͤn hinab⸗ blickte, die großen dunkeln Augen feſt darauf geheftet und durch den gewaltigen Schrecken zu Kreiſen erweitert, hing Brenda ſich an ſie, und drang in ſie, ihr zu ſagen, ob und wie ſie ſich beſchaͤdigt habe. „Es muß mich ein Stuͤck Glas durch den Schuh ge⸗ ſchnitten haben,“ ſagte Minna, welche die Nothwendigkeit einſah, irgend einen Vorwand anzugeben:„ich hatte es gar nicht gefuͤhlt.“ 3 3 „und ſieh einmal, wie ſtark es geblutet hat,“ ſagte ihre Schweſter.„Liebſte Minna,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ein befeuchtetes Handtuch herbeikrachte:„laß mich das Blut abwiſchen— Du kannſt Dich vielleicht mehr beſchä⸗ digt haben, als Du denkſt.“ Indem ſie ſich aber naͤherte, wies Minna, welche kei⸗ nen andern Weg ſah, die Entdeckung zu verhindern, daß das Blut, mit welchem ſie beſleckt war, nicht aus ihren 1²⁷ Adern gekommen ſey, rauh und heftig die angebotene Dienſtleiſtung zuruͤkk. Die arme Brenda, welche ſich keines Boͤſen bewußt war, das ſie ihrer Schweſter zugefuͤgt, trat zwei oder drei Schritte zuruͤck, als ſie ſah, daß ihre Dienſte ſo ſchnoͤde verachtet wurden, und betrachtete Minna mit Blicken, in denen ſich zwar mehr das Erſtaunen und ge⸗ kraͤgkte Liebe, als Unwillen malte, aber auch das Mißver⸗ gnuͤgen deutlich zu leſen war. „Schweſter,“ ſagte ſie:„ich daͤchte, wir haͤtten erſt vergangenen Abend unter uns ausgemacht, daß, komme, was da wolle, wir wenigſtens einander lieben wollten.“ „Es kann ſich viel zwiſchen Abend und Morgen erelg⸗ nen,“— antwortete Minna, welcher dieſe Worte eher von ihrer Lage ausgepreßt wurden, als daß ſie, als die freiwilligen Dolmetſcher ihrer Gedanken, von ihren Lippen gekommen waͤren. „Es kann in einer ſo ſtuͤrmiſchen Nacht allerdings viel vorgegangen ſeyn,“ antwortete Brenda:„denn ſieh nur, ſelbſt der Zaum um Euphanie's Kuͤchengarten iſt umgeweht, aber weder Wind noch Regen, noch irgend etwas anderes, kann unſere Liebe abkuͤhlen, Minna.“ „Allein es kann ſich etwas ereignen,“ erwiederte Min⸗ na,„das ſie verwandeln kann in..“ Den uͤbrigen Theil dieſer Rede ſprach ſie ſo undeut⸗ lich vor ſich hin, daß er nicht verſtanden werden konnte, waͤhrend ſie die Blutflecken von ihrem Fuße und rechten Knoͤchel abwuſch. Brenda, welche noch immer in einiger Entfernung ſtand und ſie betrachtete, ſuchte vergebens, ir⸗ gend einen Ton anzugeben, der das Wohlwollen und Ver⸗ trauen unter ihnen wieder herſtellen koͤnnte. 3 „Du hatteſt, Recht, Minna,“ ſagte ſien„nicht leiden 128 zu wollen, daß Dir jemand helfen ſollte, eine ſo unbedeu⸗ tende Schramme zu verbenden— hier, wo ich ſtehe, kann man ſie kaum ſehen.“ „Die ſchmerzlichſten Wunden ſind die,“ erwiederte I b Minna,„die man von außen nicht gewahr wird— ſiehſt Du irgend etwas?“ „Nun ja,“ antwortete Brenda, um ihrer Schweſter zu Gefallen zu leben:„ich ſehe eine ganz unbedeutende Schramme; ja jetzt, wo Du den Strumpf anziehſt, kaun ich nichts mehr ſehen.“ „Du ſiehſt auch wirklich nichts,“ antwortete Minna, etwas willd hin:„aber die Zeit wird bald kommen, wo man 4 alles— ja, alles, ſehen und erfahren kann.“ Mit dieſen Worten eilte ſie, ſich vollends anzuziehen, und ging dann voran zum Fruͤhſtuͤck, wo ſie ihren Platz un⸗ ter den Gaͤſten einnahm, allein ſie ſah ſo bleich und geſpen⸗ ſterartig aus, ihre Art und Redeweiſe, waren ſo veraͤndert, daß die ganze Geſellſchaft dadurch aufmerkſam, und ihr Vater, Magnus Troil, in die groͤßte Unruhe verſetzt wurde. Die Vermuthungen der Gaͤſte uͤber eine Unpaͤßlichkeit, 3 welche eher geiſtig als koͤrperlich zu ſeyn ſchien, waren viele und mancherlei. Einige meinten, das Maͤdchen ſei mit dem boͤſen Aupe angeſehen worden, und munkelten etwas pon Norna von Fitful⸗Head; Andere ſprachen von der Ab⸗ reife des Capitain Cleveland, und murmelten dabei, es ſev doch eine Schande für ein junges Frauenzimmer ſo an einem Landläufer zu hangen, von dem niemand etwas wüßte, und dieſer veraͤchtliche Beiname ward dem Capi⸗ tain ganz beſonders von Jungfrau Barbara Yellowley ge⸗ geden, waͤhrend ſie um ihren alten knoͤchernen Hals eben den ſchoͤnen Ueberwurf(wie ſie es nannt?) ſchlang, mit w el⸗ welchem beſagter Capitain ſie beſchenkt hatte. Die alte Lady Glourourum hatte ihr eigenes Syſtem, woruͤber ſie ſich gegen Jungfrau Yellowley— nachdem ſie Gott gedankt, daß ihre Verwandtſchaft mit der Familte von Burgh⸗Weſtra von der Seite der Mutter des Mädchens, einer wackeren Schottin, herkomme— folgendermaßen vernehmen ließ: „Denn, ſeht einmal, die Troils, Jungſer Yellow⸗ ley, ſo hoch ſie nun auch die Naſen tragen moͤgen, ſo giebt es dennoch Leute, die da wiſſen(hier gab ſie einen bedeu⸗ tenden Wink), daß ſie einen Floh im Ohre haben;— daß Norna, wie ſie ſie nennen, denn es iſt auch nicht ihr rechter Name, zuweilen nicht ſo ganz bei Verſtande iſt;— und daß die, die um die Urſache wiſſen, ſagen, daß der Vogt auf irgend eine oder die andere Weiſe damit in Ver⸗ bindung ſteht, denn er will nie ein boͤſes Wort uͤber ſie hoͤren. Ich war nur damals in Schottland, ſouſt wellte ich die wahre Urſache auch ſchon wiſſen, wie andere Leute. Auf jeden Fall iſt eine Art Wildheit in dem ganzen Blute. Ihr wißt wohl, tollen Leuten kann man nicht gut widerſprechen, und das iſt bekannt, daß der Vogt ſo wenig Widerſpruch ertragen kann, als nur irgend jemand in Shetland. Allein man ſoll nie von mir ſagen koͤnnen, daß ich irgend etwas Uebeles von einem Hauſe geredet habe, mit dem ich ſo enge verbunden bin. Darauf will ich Euch aber nur auf⸗ merkſam gemacht haben, Jungfer, daß wir durch die Sin⸗ clairs mit einander verwandt ſind, nicht durch die Trolls — und die Sinclairs ſind weit und breit als ein beſon⸗ nenes Geſchlecht bekannt, Jungfer. Doch ich ſehe, da geht ſchon der Abſchiedstrank herum. „Ich weiß gar nicht,“ ſagte Jungfrau Barbara Yellow⸗ ley zu ihrem Bruder, ſobald eie Lady Glourourum wieder W. Scott's Werke. CXII. 9 13⁰ von ihr abgewandt hatte:„was mich die alte Frau immer ſo bejungfert. Sie koͤnnte doch auch wohl wiſſen, daß das Blut der Clinkſcales noch eben ſo gut iſt, als das von irgend einer Glourourum.“ Die Gaͤſte nahmen unterdeſſen eilig ihren Abſchied, kaum bemerkt von Magaus, deſſen Aufmerkſamkeit ſo ganz auf Minna's Unpaͤßlichkeit gerichtet war, daß er, gegen die gaſtfreundliche Gewohnheit, ſie unbegruͤßt weggehen ließ. d ſo ſchloß, unter Beſorgniß und Krankheit, das Sankt⸗Johannis Feſt, deſſen Feier zu dieſer Jahreszeit auf Burgh⸗Weſtra immer ſo großes Aufſehen macht, und wodurch die Lebensregeln des Kaiſers von Aethiopien noch um eine vermehrt wurden, naͤmlich: mit wie wenig Zuver⸗ Uhigkeit der Menſch auf die Tage rechnen koͤnne, die er aur Freude beſtimmt. —— Siebentes Kapitel. Doch dieſes Uebel, das ſie ſo bedrängt, Nicht gab's Natur, in ihrer ſtarken Macht. In ihre hohle Bruſt iſt's eingezwängt. Es iſt ein Hexenfluch, der es ihr zugebracht⸗ Ein böſer Geiſt, der ſo ſte quält und plagt. Spenſer's Feenkönigin, Buch 3. Geſ. 3. Schon mehrere Tage waren uͤber die Zeit hinaus ver⸗ floſſen, wo Mordaunt Mertoun, wie er verſprochen hatte⸗ in das vaͤterliche Haus nach Jarlshof zuruͤckkehren ſollte⸗ und noch war keine Nachricht von ſeiner Ruͤckkehr da. Died 131 Ausbleiben duͤrfte, zu einer andern Zeit, wenig Auffehen und keine Beſorgniß erregt haben, denn die alte Swertha, welche es uͤber ſich nahm, für den kleinen Haushalt alles zu bedenken und zu bekluͤgeln, hätte wahrſcheinlich den Schluß gezogen, daß ihn noch irgend eine Jagdparthie oder andere Vergnuͤgung bewogen habe, nach der Abreiſe de uͤbrigen Gaͤſte zuruͤckzubleiben. Allein ſie wußte, daß Mor⸗ daunt in den letzten Zeiten bei Magnus Troil in keiner ſo großen Gunſt geſtanden hatte, und wußte ebenfalls, daß er ſich vorgenommen, nur kurze Zeit in Burgh Weſtra zu bleiben, der Geſundheit ſeines Vaters wegen, fuͤr den er, ungeachtet der wenigen Ermunterung, welche ſeine kindlien Liebe zu Theil worde, eine unveraͤnderliche Auf⸗ merkſamkeit hatte. Swertha wußte alles dieß, und fieng an beſorgt zu werden. Sie betrachtete ihren Herrn, den aͤltern Mertoun, genauer, aber die finſtere ſtarre Einfoͤr⸗ migkelt ſeines Aeußeren, ließ wie die Oberfläche eines mitternaͤchtlichen Sees, niemanden in das eindringen, was im Grunde verborgen lag. Seine Studien, ſeine einſa⸗ men Mahle, ſeine abgeſchiedenen Spatziergaͤnge, alles dieß folgte einander in unveraͤndertem Kreislauf und ſchien von keinem entfernten Gedanken an Mordaunt's Abweſenheit geſtört zu werden. Endlich kamen jedoch von verſchiedenen Seiten Swer⸗ tha ſo beunruhigende Geruͤchte zu Ohren, daß ſie nicht laͤnger mehr ihre Beſorgniß verbergen konnte, und, auf die Gefahr, ihres Herrn ganze Wuth zu erregen, ja vliel⸗ leicht ihre Stelle in ſeiner Haushaltung zu verlieren, ſich 9.. ——— 13² entſchloß, die Zweifel, welche ihr Gemuͤth beunruhigten, ihm mitzutheilen. Mordaunt's Heiterkeit und angenehmes Aeußere mußten in der That keinen geringen Eindruck auf das verwelkte, ſelbſtiſche Herz der alten Frau gemacht ha⸗ ben, um ſie dahin zu vermögen den ſo verzweifelten Entſchluß zu faſſen, von deſſen Ausführung ihr Freund, der Ranzel⸗ mann, ſie vergebens abzuhalten ſtrebte. Da ſie indeß über⸗ legte, daß das Mißglücken ihres Plans, wie der Verluſt von Drinculo's Flaſche im Pferdepfuhl, nicht allein ihr ſehr zur Schande gereichen, ſondern auch unendlichen Verluſt nach ſich ziehen dürfte, ſo beſchloß ſie, bei dieſer gewagten Unternehmung mit ſo großer Behutſamkeit zu Werke zu ge⸗ hen, als es nur mit der Abſicht des Verſuches vereinbar war. Wir haben ſchon bemerkt, daß es in der Natur dieſes zuruͤckhaltenden, ungeſelligen Weſens wenigſtens ſeit ſeinem Aufenthalt in der gänzlichen Abgeſchiedenheit von Jarlshof, zu liegen ſchien, niemanden eine Unterhaltung anfangen, oder ſich von ihm irgend eine Frage thun zu laſſen, welche nicht in der dringendſten Nothwendigkeit begruͤndet war. Swertha wußte daher ſehr wohl, daß um das Geſpräch, das ſie mit ihrem Herrn anzuknüpſen gedachte, eröffnen zu kön⸗ nen, ſie es ſo anfangen müßte, daß es von ihm ausginge. Um dieß zu bewirken, legte ſie, waͤhrend ſie mit den Zubereitungen zu Mertoun's einfachem und einſamem Mit⸗ tagseſſen ſich beſchäftigte, förmlich zwei Gedecke, ſtatt eines, hin, und machte alle ihre übrigen kleinen Anſtalten, als ob er einen Gaſt oder Diſchgenoſſen haben ſollte. 133 Die Kriegsliſt glückte, denn Mertoun hatte kaum als er aus ſeinem Studierzimmer trat, den Tiſch ſo gedeckt ge⸗ ſehen, als er Swertha, die— wie ein Fiſcher, der auf ſei⸗ nen Grundkoͤder Acht giebt— im Zimmer auf und nieder trippelte, um die Wirkung ihrer Kriegsliſt zu beobachten, fragte:„ob Mordaunt von Burgh⸗Weſtra noch nicht zurück ſey?“ Dieſe Frage war das Stichwort fuͤr Swertha, die, mit einem halb wahren, halb angenommenen TDone kummervol⸗ ler Beſorgniß, antwortete:„Nein, nein! der Ziegel ſey noch nicht an die Thür gekommen. Es mwaͤre gewiß eine frohe Nachricht, wenn man hoͤrte, daß Junker Mordaunt, der arme liebe Junge, wieder glücklich nach Hauſe gekommen wäre.“ „Und wenn er noch nicht gekommen iſt, warum legſt Du denn ein Gedeck fuͤr ihn hin, thörichte Träumerin?“ erwiederte Mertoun, in einem Tone, der nicht dazu gemacht war, die alte Frau zur Verfolgung ihres Planes aufzumun⸗ tern. Allein ſie erwiederte ganz dreiſt,„daß doch irgend jemand an Junker Mertoun denken müßte, und daß alles, was ſie thun könne, das ſey, Platz und Teller für ihn be⸗ reit zu halten, wenn er kaͤme. Sie meyne aber, der liebe Junge ſey ſchon über die Maßen lange weg, und wenn ſie es frei herausſagen dürfte, ſo habe ſie ihre ganz eigenen Beſorgniſſe, wann und ob er je wieder nach Hauſe kommen moͤchte.“ „Deine Beſorgniſſe!“ ſagte Mertoun, und ſeine Augen blitzten, wie dieß gewöhnlich der Fall war, wenn die Stunde ſeiner unbezähmbaren Heftigkeit herannahte:„wie kannſt 134 Du mir von Deinen eitlen Beſorgniſſen etwas ſagen wollen, da ich weiß, daß jede Deines Geſchlechts, die nicht aus Wankelmuth. Thorheit, Einbildung und Eigenwillen beſteht, aus nichts als einfältigen Beſorgniſſen, Grillen und Furcht zuſammengeſetzt iſt? Was gehen mich Deine Beſorgniſſe an, alberne alte Hexe?“ Es iſt eine bewunderungswürdige Eigenſchaft der Franen, daß, ſobald ein Eingriff in die Geſetze der natürlichen Zu⸗ neigung und Anhänglichkeit zu ihrer Kenntniß gelangt, das ganze Geſchlecht ſogleich unter Waffen iſt. Wenn auf der Straße Lärm entſteht, und es heißt, daß Vater oder Mut⸗ ter ein Kind, oder das Kind eines von den Aeltern gemiß⸗ handelt habe— von Mann und Frau nicht zu reden, weil man da die Theilnahme auf Rechnung der Sympathie ſe⸗ tzen koͤnnte— ſo nehmen ſogleich alle Frauen ringsumher einen lebendigen und entſchiedenen Antheil an dem Belei⸗ digten. Swertha hatte, ungeachtet ihrer Habſucht und ih⸗ res Geitzes, doch auch ihren Antheil an dem ſchönen Gefühl erhalten, welches ihrem Geſchlechte ſo große Ehre macht, und ward bei dieſer Gelegenheit von demſelben ſo maͤchtig fortgeriſſen, daß ſie ihrem Herrn kühn die Stirn bot, und ihm ſeine hartherzige Gleichgültigkeit mit einer Dreiſtigkeit vorwarf, äber die ſie ſelbſt ſich wundern mußte. „ Allerdinäs komme es ihr auch nicht zu, Beſorgniſſe für ihren jungen Herrn, Junker Mordaunt, zu hegen, ob⸗ gleich er, ſo zu ſagen, das Seekalb ihres Herzens ſey, aber jeder andere Vater, nur Seine Gnaden nicht, wuͤrde Nach⸗ forſchungen nach dem armen Jungen angeſtellt haben, der 1 135 nun ſchon acht Tage von Burgh⸗Weſtra weg ſey, und von dem niemand wiſſe, wohin er gegangen, oder was aus ihm geworden. Es ſey kein Kind auf dem Hof, das nicht um ihn weinte, denn er ſchnitzte ihnen mit dem Meſſer ihre Boote, und es würde im ganzen Kirchſpiel kein trockenes Auge geben, wenn ihm irgend etwas zugeſtoßen ſeyn ſollte — nein, keines— es muͤßte denn Seiner Gnaden eigenes ſeyn.“ Mertoun war von der unwberſchämten Gelaͤufigkeit der Zunge ſeiner aufrühreriſchen Haushälterin ſchon ſehr über⸗ raſcht, und Anfangs ſogar zum Stillſchweigen gebracht wor⸗ den; bei dem letzten Trumpf aber befahl er ihr, mit ſehr vernehmlicher Stimme zu ſchweigen, und begleitete dieſen Be⸗ fehl mit einem der furchtbarſten Blicke, welche ſeine dunkeln Augen ſchießen konnten. Allein Swertha, die, wie ſie nach⸗ her dem Ranzelmann erzählte, ſich während des ganzen Auf⸗ tritts, wie durch ein Wunder begeiſtert fuͤhlte, ließ ſich von der lauten Stimme und dem gewaltigen Blicke ihres Herrn nicht ſchrecken, ſondern fuhr in demſelben Tone, wie vorher, fort. „Seiner Gnaden,“ ſagte ſie,„habe ſo viel Weſens ge⸗ macht, als die armen Leute aus dem Orte einige wenige Kiſten und Lumpen, die doch niemand gebraucht, an dem ufer aufgefangen hätten, und nun wäre der wackerſte Bur⸗ ſche im Lande verloren, und man möchte ſagen, vor ſeinen Augen daraufgegangen, und kein Menſch frage einmal dar⸗ nach, was aus ihm geworden wäre.“ „Was wird aus ihm geworden ſeyn, alte Närrin, als -—— 136 was Gutes?“ antwortete Herr Mertoun:„ſo viel wenig⸗ ſtens Gutes an den Thorheiten ſeyn kann, womit er ſeine Zeit verbringt?“ Dieſe Worte ſprach er mehr in einem veraͤchtlichen als zornigen Tone, und Swertha, die jetzt ſchon in das Geſpraͤch gekommen war, beſchloß, es nicht fallen zu laſſen, um ſo mehr, da das Feuer ihres Gegners ſchwaͤcher zu werden ſchien. „Ja, allerdings bin ich eine alte Naͤrrin; aber wenn nun Junker Mordaunt in dem Ruſt umgekommen vaͤre, wie das Boot, das bei dem ungluͤcklichen Windſtoß am vorigen Morgen untergegangen iſt— zum Gluͤck war der Windſtoß eben ſo kurz, als er heftig war, ſonſt waͤre kein Menſch davon gekommen— oder wenn er in einem See ertrunken waͤre, als er zu Fuß nach Hauſe gegangen, oder von einem Abhange, wo ſein Fuß ausgeglitten, herabge⸗ ſtuͤrzt— die ganze Inſel wußte, wie wagehalſig er war— wer waͤre dann die alte Naͤrrin geweſen?..“ Und nun fuͤgte ſie den eindringlichen Ausruf hinzu:„Bott beſchuͤtze das arme, mutterloſe Kind; denn haͤtte er eine Mutter, ſo wuͤrde man laͤngſt nach ihm geſucht haben!“ Dieſer letzte Trumpf gieng Mertoun an die Seele; ſeine Zaͤhne ſchlugen zuſammen, er erbleichte und rief Swertha halb laut zu, in ſein Studterzimmer zu gehen, das ſie faſt nie betre⸗ ten durfte, und ihm eine Flaſche zu holen, welche dort ſtand. „Aha!“ ſagte Swertha zu ſich ſelbſt, waͤhrend ſie den Auf trag ausfuͤhren wollte:„mein Herr weiß ſehr wohl, wo der Be⸗ cher des Troſtes iſt, mit dem er das Waſſer zu ſeinergeit miſcht.“ 137 Es fand ſich auch in der That ein Käſtchen mit Fla⸗ ſchen, wie man ſie gewoͤhnlich hat, um abgezogene Waſſer darin aufzubewahren; aber der Staub und die Spinnwe⸗ ben, womit ſie bedeckt waren, zeigten an, daß man ſie ſeit Jahren nicht von ihrer Stelle geruͤckt hatte. Swertha zog⸗ mit einiger Mühe und mit Hülfe einer Gabel— denn Korkzieher gab es in Jarlshof nicht— den Kork aus ei⸗ ner der Flaſchen, und nachdem ſie ſich durch den Geruch, und, um nicht fehl zu gehen, durch einen mäßigen Schluck, überzeugt, daß ſie geſundes Barbadons⸗Waſſer enthielte, ſo trug ſie ſie ins Zimmer, wo ihr Gebieter noch immer mit einer Ohnmacht kämpfte. Sie goß nun ein klein we⸗ nig in das nächſte Glas, das ſie finden konnte, in der weiſen Ueberlegung, daß, bei jemanden, der ſo wenig an geiſtige Getränke gewöhnt ſey, auch nur wenig ſchon eine große Wirkung hervorbringen werde. Allein der Patient winkte ihr ungeduldig zu, den Becher, der ungefähr das Drittheil einer engliſchen Pinte halten mochte, bis an den Nand zu füllen, und ſtürzte es, ohne abzuſetzen hinun⸗ ter. „Nun mögen uns die Heiligen droben beſchützen!“ ſagte Swertha:„jetzt wird er, der ſchon toll iſt, auch noch betrunken werden, und wer wird ihn dann regieren können?“ Allein Mertoun kam wieder zu Athem und ſeine Farbe kehrte zurück, ohne das geringſte Anzeichen, daß er trunken worden wäre; im Gegentheil, erzählte Swertha nachher, daß, ob ſie gleich immer feſt an die 138 — Kraft eines Schluckes Beanntwein geglaubt, ſie doch nie ein ſolches Wunder davon geſehen— denn er habe mehr wie ein Mann von dieſer Welt geſprochen, als ſie je es von ihm gehört habe, ſeitdem ſie in ſeinen Dienſt getre⸗ ten ſey. „Swertha,“ ſagte er:„Du hatteſt Recht, und ich hatte unrecht; geh ſogleich zu dem Ranzelmann hinunter, ſage ihm, daß er augenblicklich herkommen ſoll, weil ich mit ihm zu ſprechen wünſche, und bringe mir genaue Nachricht, wie viele Boote und Leute er aufbieten kann; ich will ſie alle auf Nachforſchung ausſchicken, und ſie ſol⸗ len reichlich belohnt werden.“ Angefeuert von dem Geiſte, der, wie das Sprichwort ſagt, alte Weiber traben macht, eilte Swertha in das Dorf hinab, mit allem dem Dienſteifer, den ſechzig Jah⸗ re geben konnen, voll Freude, daß ihrer Theilnahme die ihr gebührende Belohnung werde, da ſie zu einer Nachfor⸗ ſchung Gelegenheit gegeben habe, welche ſo einträglich zu werden verſprach, und von deren Ertrag ſie auch ihren Theil ſchon ſich zufließen ſah. Während ſie hing ing und lange, ehe man ihre Stimme vernehmen konnte, rief ſie ſchon die Namen, Niel Ronaldſon, Swen Erickſon, und die der andern Freunde und Bundesgenoſſen, welche bei ihrer Sendung in Betracht kommen durften; denn die Wahrheit zu ſagen, wuͤrde— wenn gleich die gute Frau einen innigen Antheil an Mordaunt Mertoun nahm, und ſie durch ſeine Abweſenheit in die größte geiſtige Bewegung gerathen war— ihr doch nichts ungelegener gekommen ſeyn,⸗ 139 als wenn er ihr jetzt friſch und geſund entgegengetreten waͤre, und, durch ſeine Erſcheinung die Koſten und die Anſtalten zur Nachforſchung nach ihm unndoͤthig gemacht haͤtte. Swertha hatte ihr Geſchäft in dem Dorfe bald abge⸗ than, war mit den Rathmännern im Orte über die Pro⸗ cente einig geworden, die ihr von ihrer Sendung zufal⸗ len ſollten, und kehrte nun ſogleich nach Jarlshof zurück, Niel Ronaldſon an der Seite, den ſie auf das Beſte über alle Eigenthümlichkeiten ihres Herrn zu belehren ſuchte. „Vor allen Dingen,“ ſagte ſie:„laß ihn nie auf eine Antwort warten, und ſprich laut und deutlich, als ob Du ein Boot anriefeſt, denn er ſagt nicht gern eine Sache zweimal, und wenn er nach Entfernungen fragt, ſo kannſt Du aus Landmeilen immer Seemeilen machen, denn er weiß nichts von der Welt, in der er lebt, und wenn Du von Silber ſprichſt, ſo kannſt Du getroſt Dol⸗ lars ſtatt Schillinge fordern, denn er macht ſich nicht mehr daraus, als ob es Schieferſtücke waͤren.“ So unterrichtet, trat Niel Ronaldſon vor Mertoun, merkte aber, zu ſeiner größten Beſtürzung, ſehr bald, daß er nach dem entworfenen Betrugsſyſtem nicht füglich fahren könnte.— Als er durch Ueberſchätzung der Entfer⸗ nung und Uebertreibung der Gefahr, die Bezahlung für die Boote und Leute hinaufzuſchrauben ſuchte, kam ihm Mertoun in die Queere, und zeigte auf einmal, nicht allein die genaueſte Kenntniß des Landes, ſondern auch erlla Entfernungen, Fluthen, Strömungen, kurz alles deſſen, 14⁰ was zur Beſchiffung dieſer Meere erforderlich iſt, obgleich dieß Gegenſtaͤnde waren, mit denen er, bis jetzt, gaͤnzlich unbekannt geſchienen hette. Der Ranzelmann zitterte, als nun das Geſpraͤch auch auf die Belohnung der Leute fuͤr die Nachforſchungen kam, denn es war hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß Mertoun eben ſo wohl uͤber das unterrich⸗ tet war, was in ſolchen Faͤllen als recht und billig gelten köͤnnte, als uͤber andere Gegenſtaͤnde, und Niel gedachte noch ſehr wohl des Ausbruches ſeiner Wuth, als er, kurz nachdem er ſich in Jarlshof niedergelsſſeu, Swertha und Swen Erichſon aus dem Hauſe getrieben hatte. Waͤh⸗ rend er indeß zwiſchen der Beſorgniß, zu viel oder zu wenig zu fordern, ſchwankte, machte auf einmal Mer⸗ toun ſeiner Ungewißheit dadurch ein Ende, daß er ihm eine Belohnung verſprach, welche das weit uͤberſtieg, was er zu fordern gewagt haben wuͤrde, und noch eine außer⸗ ordentliche Erkenntlichkeit verhieß, wenn ſie mit der an⸗ genehmen Nachricht zuruͤckkehrten, daß ſein Sohn gebor⸗ gen ſey.. Als dieſer wichtige Punkt in Richtigkeit gebracht war, fing Niel Ronaldſon, als ein gewiſſenhafter Mann, ernſt⸗ lich zu uͤberlegen an, an welchen Orten man am beſten die Nachforſchungen nach dem jungen Manne beginnen koͤnne, und nachdem er es getreulich verſprochen, daß in allen Haͤuſern der Leute, ſowohl auf dieſer, als auf den benachbarten Inſeln, die genaueſten Nachforſchungen vor⸗ genommen werden ſollten, fuͤgte er hinzu:„daß nun noch, wenn Sr. Gnaden es nicht uͤbel nehmen wollten, 141 nicht weit davon eine gewiſſe waͤre, die, wenn uns je⸗ mand eine Frage an ſie richten, und ſie ſie boantworten wolle, beſſere Auskunft uͤber Junker Mordaunt zu geben im Stande ſeyn wuͤrde, als irgend jemand. Ihr werdet wohl wiſſen, wen ich meine, Swertha? die, die heute Morgen unten am Hafen war.“— So ſchloß er ſeine Rede, indem er ſich mit einem geheimnißvollen Blick an die Haushaͤlterin wandte, welchen dieſe durch einen Wink beantwortere. „Was meint Ihr damit?“ ſagte Mertoun,„ſprecht es aus, kurz und ſrei— von wem redet Ihr?“ „Der Ranzelmann,“ ſagte Swertha,„denkt an Norna von Fitful⸗Head, denn ſie iſt heute Morgen in ihren Geſchaͤften nach Sankt Ringans⸗Kirche hinaufgegan⸗ gen.“ „Und was kann dieſe Perſon von meinem Sohne wiſſen?“ ſagte Mertoun,„ich denke, ſie iſt eine ver⸗ ruͤckte Herumtreiberin oder Betruͤgerin.“ 3 „Wenn ſie umberwandert,“ ſagte Swertha,„ſo ge⸗ ſchieht das nicht deswegen, weil ſie keine Mittel hat, ſich zu Hauſe zu ernaͤhren, das weiß man wohl;— ſie hat, bei ſich, Ueberfluß an Allem, auch wuͤrde der Vogt ſie wohl an nichts Mangel leiden laſſen.“ „Aber wie reimt ſich das alles mit meinem Sohn zu⸗ ſammen?“ ſagte Mertoun ungeduldig. „Das weiß ich nicht— aber ſie fand, ſeit dem er⸗ ſten Male, wo ſie den Junker Mordaunt ſah, immer ganz beſonders Gefallen an ihm, gab ihm von Zeit zu 14² Zeit allerhand ſchöne Sachen, der goldenen Kette nicht zu erwähnen, die um ſeinen lieben Hals hängt— die Leute ſagen, ſie ſey von Zaubergold; ich weiß nicht, was Gold iſt, aber Bryce Snailsfeote ſagte, daß ſie wohl hundert Pfund Engliſch werth ſeyn moͤchte, und das iſt doch keine taube Nuß.“ 8 „Geht, Ronaldſon,“ ſagte Mertoun:„oder ſchickt jemanden hin, das Weib aufzuſuchen, wenn Ihr glaubt daß ſie vielleicht von meinem Sohne eiwas wiſſen dürfte.“ „Sie weiß alles, was auf de Inſeln vorgeht,“ fagte Niel Ronaldſon:„viel fruͤher als andere Leute, und das iſt beim Himmel wahr. Aber, nach der Kirche, oder dem Kirchhofe zu gehn, ſie aufzuſuchen— das wird kein Menſch auf Shetland thun, weder für Geld noch für gute Worte— und das iſt eben ſo wahr, als was ich eben ge⸗ ſagt habe.“ „Feige, abergläubiſche Thoren!“ ſagte Mertoun: „Gieb mir meinen Magtel, Swertha, dieß Weib iſt in Burgh Weſtra geweſen, ſie iſt mit Troil's Familie ver⸗ wandt— ſie könnte wohl etwas von Mordaunt's Abweſen⸗ heit und deren Urſache wiſſen— ich will ſie ſelbſt aufſu⸗ chen— ſie iſt bei der Kreuzkirche ſagt Ihr?“ „Nein, nicht bei der Kreuzkirche, ſordern bei der alten Sankt Ringan's Kirche— es iſt eine traurige Gegend und nicht ſo ganz richtig da, und wenn Euer Gnaden,“ fügte Swertha hinza,„mir folgen wollten, ſo ſolltet Ihr war⸗ ten bis ſie zuruͤcktäme, und ſie nicht dort ſibren, wo ſie⸗ ſo viel wir wiſſen, mehr mit den Todten, als mit den Leben⸗ — 1 digen zu thun hat. Leute ihrer Art lieben es nicht, daß Andere ihnen auf die Finger ſehen, wenn ſie— Gott ſey bei uns!— ihr Weſen treiben.“ Mertoun antwortete nicht, ſondern warf ſeinen Man⸗ tel leicht um(es war ein nebliger Tag, mit einzelnen Re⸗ genſchauern dazwiſchen) verließ das verfallene Haus von Jarlshof, und ging nun, ungleich ſchnelleren Schrittes, als er ſonſt zu thun gewohnt war, nach der verfallenen Kirche hin, welche, wie er wohl wußte, drei oder vier(engl.) Meilen von ſeiner Wohnung lag. Der Ranzelnkann und Swertha ſahen ihm ſchweigend nach, bis er ihnen aus dem Geſichte war, blickten dann ein⸗ ander bedenklich an, ſchuͤttelten ihre weiſen Häupter voll ernſter Ahnung, und ſprachen dann bedaͤchtig zu einander. „CThoren ſind immer flink auf den Füßen,“ ſagte Swertha. „Beherte Leute laufen ſchnell,“ fuͤgte der Nanzelmann hinzu:„und dem, wozu wir geboren ſind, können wir ein⸗ mal nicht entzehen. Ich habe Leute gekannt, die Behexte aufzuhalten verſucht haben. Ihr werdet auch von Helene Emberſon von Camſey gehört haben, wie ſie alle Loͤcher und Fenſter im Hauſe zuſtopfte, damit ihr Mann nicht das Tageslicht erblicken und hinaus auf's Fiſchen gehen moͤchte, weil ſie ungeſtümes Wetter beſorgte, und wie das Boot, worin er fahren ſollte, im Ruſt verloren ging, und wie ſie nach Haus kam, und ſich freute, daß ihr Mann doch geborgen ſey— wie aber das alles nichts half und ſie ihn im Meiſchbottich, in ſeiner eigenen Hütte, ertrunken fand, und noch mehr. 144 Hier unterbrach indeß Swertha den Ranzelmann, ihn zu erinnern, daß er vun nach dem Hafen dinunter gehen muͤſſe, die Fiſcherboote auslaufen zu laſſen;„denn,“ ſagte ſie,„mein Herz blutet mir um den waceern Jun⸗ gen, und ich fuͤrchte, er iſt ſchon verloren, ehe Ihr in See geht; und dann ſo mag, wie ich Euch oft geſagt habe, meis Herr wohl lenken, aber fahren mag er nicht, und wenn Ihr nicht thut, was er befiehlt, und in See geht, ſo kriegt Ihr nicht einen Pfennig Schifferlohn „Nun, nun, gute Frau.“ ſagte der Ranzelmann, „wir wollen ſo ſchnell auslaufen als wir koͤnnen, und zum guten Gluͤck iſt weder Clau ons noch Peter Groat's Boot bieſen Morgen auf das Meer hinaus; denn als ſie an Bord giengen, lief thnen eln Kaninchen gneer uͤber den Weg, und da kamen ſie denn, wie kluge Leute, zuruck, weil ſie wohl wußten, daß ſie dann heute noch andere Aebeit kriegen wuͤrden. Und es iſt wirklich beſonders, Swertha, wie wenig wahrhaft geſcheute Lente es noch im Lande giebt.— Da iſt nun unſer großer Udaller, der iſt ganz tuͤchtig wenn er nuͤchtern iſt, aber er macht zu viele Reiſen in ſeinem Schiffe und ſeiner Zoͤlle, um lange ſo bleiben zu koͤnnen, und jetzt, ſagen ſie, ſoll es mit ſeiner Tochter Minna da oben auch nicht ſo ganz richtig ſeyn. — Da iſt Norna, ſie weiß freilich viel mehr als andere Leute, aber eine eigentlich kluge Frau kann man ſie doch nicht nennen.— Nun, unſer Tacksmann, Meiſter Mertoun, ſein Verſtand hat auch im Bugſpriet'nen Riß gekriegt,— ſein Sohn iſt ein toller Laffe; und außerdem kenne ich doch wenig Leute vyn Bedeutung hier— verſteht ſich, mich ſelbſt und etwa Euch, Swertha, ausgenommen— die men nicht auf eine oder die andere Art Narren ſchelten moͤchte. „Das kann wohl ſeyn, Niel Ronaldſon,“ ſagte die alte Frau,„aber wenn Ihr nun nicht nach dem Ufer ellt⸗ ſo verſaͤumt Ihr die Fluth, und, wie ich noch zu meinem Herrn kurz vorher ſagte, wer iſt dann der groͤßte Narr?“ —— ——