☛◻O☛¶‿Ʒ Ser Marn 6 trat. T. 1 — Walter Scott's ſaͤmmtliche e r k —— Neu uͤberſetzt. Hundert und eilfter Band. Zweiter Theil. — Stuttgart, bei Gebrüder Franckh. 1 8 2 8. ———— Nichts an ihm— Das nicht zu Meer ſich wandelt. Shakespeare's Sturm. Zweiter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 182 8. Der Pirat. Erſtes Kapitel. Dieß iſt ein wackrer Kaufmann und ein kluger 'S iſt kein Autolykus, der nur verblenden will Durch vieles Wortgepräng' und eitten Tand: Nein, alle ſeine Waaren würzet er Mit guter Lehre, paſſend zum Gebrauch, Wie mit Salbei und Rosmarin die Gans man würzt. Altes Schauſpiel⸗ Am folgenden Morgen begann Mordaunt, auf ſeines Vaters Fragen, ihm einige Auskunft uͤber den ſchiffbruͤchi⸗ gen Seemann zu geben, den er aus den Wellen errettet hatte. Er war indeß in ſeiner Wiederholung der Ausſage Clevelands noch nicht weit gekommen, als Herrn Mertoun’s Blick ſich ploͤtzlich verfinſterte. Er ſtand haſtig auf und zog ſich, nachdem er zwei ober drei Mal die Stube auf und ab geſchritten war, in das innere Zimmer zuruͤck, wo er ge⸗ woͤhnlich blieb, wenn er von ſeiner Geiſteskrankheit befallen war. Er erſchien indeß am Abend wieder, ohne die gering⸗ ſten Spuren ſeines Anfalls, allein man kann ſich denken, daß der Sohn ſich huͤtete, auf den Gegenſtand zuruͤckzukom⸗ men, der ihn ſo ſehr ergriffen hatte. W. Scott's Werke CXI. 1 6 Es blieb alſo Mordaunt Mertoun uͤberlaſſen, von dem neuen Bekannten, den ihm das Meer zugeſandt, zu den⸗ ken, was er wollte, und er war, im Ganzen, nicht wenig erſtaunt, zu finden, daß das Ergebniß ſeiner Betrachtun⸗ gen fuͤr den Fremden ungleich weniger guͤnſtig ausfiel, als er ſelbſt ſich gedacht hatte. Es ſchien Mordaunt etwas Ab⸗ ſtoßendes in dem ganzen Weſen des Mannes zu liegen. Zwar war es wie nicht zu laͤugnen, ein ſchoͤner Mann, von einem freien, einnehmenden Weſen, allein es aͤußerte ſich eine gewiße Aumaßung in allem, was von ihm ausgieng, welche Mordaunt durchaus nicht behagen wollte. Obgleich er eifriger Jaͤger genug war, um ſich uͤber ſeine Flinte mit dem ſpanlſchen Laufe zu freuen, und ſie deßwegen mit großem Vergnuͤgen anlegte und abſetzte, und die kleinſten Theile am Schloſſe und den Verziernngen mit großer Auf⸗ merkſamkeit betrachtete, ſo konnte er ſich doch im Ganzen gewiſſer Bedenklichkeiten uͤber die Art, auf welche er ſie erworben hatte, nicht erwehren. Ich haͤtte ſie nicht annehmen ſollen, dachte er bei ſich; vielleicht ſieht ſie Capitain Cleveland als eine Art von Ve⸗ zahlung fuͤr den kleinen Dienſt an, den ich ihm geleiſtet habe, und doch wuͤrde es unfreundlich ſeyn, ſie bei der Art, wie ſie mir angeboten wurde, nicht anzunehmen. Ich wuͤnſchie, er haͤtte mehr an ſich, was einem Vergnuͤgen machen koͤnnte, ihm verpflichtet zu ſeyn. Ein gluͤcklicher Jagdtag ſoͤhnte ihn indeſſen mit der Flinte aus, und gab ihm die Ueberzeugung, welche die meiſten jungen Jaͤger unter ſolchen Umſtaͤnden gewinnen, daß, in Vergleich mit ſeiner Flinte, alle uͤbrigen nur Knallbuͤchſen waren. Aber Mewen und Seehunde zu erle⸗ gen, wo man ſich an Franzoſen und Spanier wagen, wo 7 man Schiffe entern, und Steuerleute wegſchießen konnte— war doch eine einformige und veraͤchtliche Beſtimmung. Sein Vater hatte davon geſprochen⸗ daß er die Inſeln ver⸗ laſſen ſollte, und ſeine Unerfahrenheit wußte von keiner anderen Beſchaͤftigung, als von der auf der See, mit der er von Kindheit an vertraut geweſen war. Sein Ehrgeiz hatte fruͤher nichts Hoͤheres gekannt⸗ als, die Muͤhſelig⸗ keiten und Gefahren einer groͤnlaͤndiſchen Fiſchfangs⸗Unter⸗ nehmung zu thellen⸗ denn dahin verlegten die Schottlaͤn⸗ der die meiſten ihrer gefaͤhrlichen Abentheuer. In neuerer Zeit, wo der Krieg wieder begonnen, hatten die Thaten von Sir Francis Drake, Capitain Morgan und an⸗ dern kuͤhnen Abentheuern, deren Geſchichte er von Bryce Seallsfort gekauft, einen tiefen Eindruck auf ſein Gemuͤth g macht, und Capitain Clevelands Anerbieten, ihn mit zur See zu nehmen, gieng ihm oͤfter wieder durch den Kopf, wenn gleich die Freude uͤber eine ſolche Ausſicht etwas durch den Zweifel gedaͤmpft wurde, ob er auch, auf die Laͤuge, nicht ſehr vieles an ſeinem kuͤnftigen Befehlshaber auszu⸗ ſetzen finden wuͤrde. So viel war ihm bereits klar, daß er ſehr hartnaͤckig war, und wahrſcheinlich ſehr willkuͤhrlich verfahren duͤrfte, und daß, da ſelbſt ſein Wohlwollen nicht ohne eine gewiſſe Beimiſchung einer Anmaßung von Ober⸗ gewalt ſich aͤußerte, ſein gelegentliches Mißfallen noch weit mehr von dieſem unangenehmen Beſtandtheil an ſich haben moͤchte, als denjenigen behagen koͤnnte, die unter ihm ſe⸗ gelten. Und doch, dachte er, mit welchem Vergnuͤgen wuͤr⸗ de er, ſelbſt bei allen dieſen zweifelhaften Ausſichten, ſich einſchiffen, wenn er ſeines Vaters Einwilligung erhlelte, um neue Gegenſtaͤnde und ſonderbare Abentheuer zu beſte⸗ hen, wobei er ſich vornahm, ſo große Thaten zu verrich⸗ 9 ten, daß dieſe noch der Gegenſtand mancher Erzaͤhlungen fuͤr die lieblichen Schweſtern von Burgh⸗Weſtra werden ſollten— Erzaͤhlungen, bei denen Minna weinen, Brenda laͤcheln, und Beide ſtaunen ſollten. Und dies ſollte ſeine Belohnung fuͤr die ausgeſtandenen Muͤhſeligkeiten und Anſtrengungen ſeyn, denn Magnus Troil's Heerd hatte einen magnetiſchen Einfluß auf ſeine Gedanken, und wie dieſe auch in ſeinen wachenden Traͤumen einander durch⸗ kreuzen mochten, ſo war er doch der Punkt, bei dem ſie am Ende ſtehen blieben. Es gab Augenblicke, wo Mordaunt im Begriff war, ſeinem Vater die Unterhaltung mitzutheilen, welche er mit Capitain Cleveland gehabt, ſo wie die Vorſchlaͤge, die ihm der Seeman gethan; allein die ganz kurze und allgemeine Auskunft, welche er uͤber die Geſchichte des Mannes am Morgen nach ſeiner Abreiſe aus dem Orte, gegeben, hatte bereits eine nachtheilige Wirkung auf Herrn Mertoun's Gemuͤth gehabt, und machte Mordaunt wenig Muth, wei⸗ ter etwas davon zu beruͤhren. Es wuͤrde Zeit genug ſeyn, dachte er, Capitain Clevelands Vorſchlag zu erwaͤhnen, wenn das andere Schiff ankommen und dieſer ſein Aner⸗ bieten auf eine beſtimmtere Weiſe anbringen wuͤrde, und dieß waren Dinge, denen er in kurzer Zeit entgegenſah. Aber Tage wurden zu Wochen, Wochen zu Monate, und noch hoͤrte er nichts von Cleveland, nur vernahm er von Bryce Suailsfoot, als dieſer gelegentlich einſprach, daß der Capitain in Burgh⸗Weſtra wohne, und dort als zur Familie gehoͤrig angeſehen werde. Mordaunt war uͤber dieſe Nachricht nicht wenig uͤberraſcht, obgleiich die unbe⸗ ſchraͤnkte Gaſtfreiheit auf den Inſeln, welche Magnus Troil, durch Vermoͤgen und Neigung dazu berechtigt und aufge⸗ — 9 muntert, bis zur groͤßten Ausdehnung uͤbte, es als etwas ganz Natuͤrliches erſcheinen ließ, daß der Capitain bei der Famtlie blieb, bis er ſich fuͤr etwas Anderes entſchied. Indeſſen war es doch ſonderbar, daß er nicht nach einer der noͤrdlichen Inſeln gegangen war, um ſich nach dem an⸗ dern Schiffe zu erkundigen, oder daß er nicht lieber ſeinen Aufenthalt in Cerwick nahm, wohin Fiſcherfahrzeuge oft Nachrichten von den Kuͤſten und Haͤfen von Schottland und Holland brachten. Und warum ließ er nic⸗ die Kiſte ho⸗ len, die er in Jarlshof zuruͤckgelaſſen? Und dann, meinte Mordaunt, wuͤrde es doch der Hoͤflichkeit angemeſſen gewe⸗ ſen ſeyn, wenn der Fremde ihm etwas haͤtte ſagen laſſen, um zu beweiſen, daß er ſich ſeiner noch erinnere. Dieſe Betrachtungen ſtanden mit anderen noch unan⸗ genehmeren in Verbindung, wozu ſich ebenfalls kein Schluͤſ⸗ ſel finden ließ. Bis zur Ankunft des fremden Mannes war nicht eine Woche vergangen, wo Mordaunt nicht einen freundlichen Gruß oder ein Andenken von Burgh⸗Weſtra erhalten haͤtte, und es fehlte nie an Vorwaͤnden, einen unausgeſetzten Verkehr zu unterhalten. Minna wuͤnſchte die Worte einer norwegiſchen Ballade, oder, fuͤr ihre Sammlungen, Federn, Eier, Muſcheln, oder Exemplare der ſelteneren Seegewaͤchſe zu haben; oder Brenda ſchick⸗ te ein Raͤthſel, das Mordaunt aufloͤſen, oder ein Lied, das er lernen ſollte; oder der ehrliche alte Udaller— in ſehr roher Handſchrift, die man fuͤr eine alte Runen⸗Inſchrift haͤtte halten koͤunnen— ſeinen herzlichen Gruß an ſeinen jungen Freund, ein Geſchenk dabei zu ſeiner Erquickung, und die ernſtliche Bitte, ſobald als moͤglich nach Burgh⸗ Weſtra zu kommen, und ſolange als moͤglich dort zu blei⸗ ben. Dieſe freundlichen Andenken wurden oft vermittelſt 10 beſonderer Boten geſchickt, und außerdem kam ſelten ein Fußgaͤnger oder Reiſender von einem Hauſe zum andern, der nicht Mordaunt einen freundlichen Gruß von dem Udal⸗ ler und ſeiner Familie gebracht haͤtte. Dieſer Verkehr war, neuerlich, immer ſparſamer geworden, und jetzt ſeit mehreren Wochen kein Bote von Burgh⸗Weſtra nach Jarls⸗ hof gekommen. Mordaunt hatte dieſe Veraͤnderung be⸗ merkt und tief gefuͤhlt, und ſie lag ihm im Sinne, waͤh⸗ rend er Bryce ſo genau ausfragte, als Stolz und Klugheit es geſtatteten, um wo moͤglich uͤber die Urſache der Ver⸗ aͤnderung in das Klare zu kommen. Er gab ſich indeſſen Muͤhe, gleichguͤltig auszuſehen, waͤhrend er den Hauſtrer fragte, was es Neues im Lande gaͤbe. „Große Neulgkeiten,“ erwiederte der Hauſirer:„und viele. Der verruͤckte Kerl, der neue Verwalter, will eine Veraͤnderung in den Bismars und Ließpfunden machen, und unſer wuͤrdiger Vogt, Magnus Troil, hat geſchworen, daß, ehe er ſie gegen die Schnellwaage oder etwas Ande⸗ res vertauſche, er lieber den Verwalter Yellowley von Braſſa⸗ craig herab werfen wolle.“ „Iſt das Alles?“ fragte Mordaunt gleichguͤltig. „Alles? nun, ich daͤchte, das waͤre genug,“ erwiederte der Hauſirer:„Wie ſollen die Leute denn kaufen und ver⸗ kaufen koͤnnen, wenn man ihnen die Gewichte aͤndert?“ „Ja wohl,“ antwortete Mordaunt:„aber habt Ihr nichts von fremden Schiffen an der Kuͤſte gehoͤrt?“ „Sechs hollaͤndiſche Dogger liegen auf der Hoͤhe von Braſſa, und, wie ich hoͤre, eine Arr von Galliote, mit ho⸗ hem Verdeck und einem Obergaffelſegel, in der Bucht von Scalloway. Sie iſt wahrſcheinlich aus Norwegen.“ 11 Keine Kriegsſchiffe oder Schaluppen? „Keine,“ antwortete der Hauſirer:„ſeitdem das Transportſchiff, der Geyer, mit den gepreßten Leuten unter Segel gegangen iſt. Wenn es Gottes Wille und unſere Leute heraus waͤren, ſo wollt ich, es laͤge tief un⸗ ten im Meer.“* Giebt es nichts Neues in Burgh⸗Weſtra? Iſt die Familie wohl? „Alle wohl und munter, vielleicht etwas zu viel Tol⸗ len und Lachen ausgenommen; s wird jede Nacht ge⸗ tanzt, wie man ſagt, mit dem fremden Capitain, der da wohnt, dem, der vor einiger Zeit bei Sumburgh⸗Head ſtrandete— damals mochte ihm wohl nicht ſo luſtig zu Muthe ſeyn.“ Tollen! Tanzen jede Nacht! ſagte Mordaunt eben nicht ſehr erbaut: Mit wem tanzt Capitain Cleveland? „Mit wem er will, denk' ich,“ ſagte der Hauſirer: „uͤberhaupt muß Jeder dort nach ſeiner Pfeife tanzen. Ich ſelbſt weiß indeſſen wenig davon, denn ich halte es gegen mein Gewiſſen, dergleichen Tanz und Spiel lange mit 7 anzuſehen. Die Leute ſollten bedenken, daß ihr Leben nur ein duͤnner Faden iſt.“ Desyegen handelt Ihr auch wohl mit ſo vergaͤnglichen Waaren, Bryce, damit die Leute dieſe heilſame Wahrheit immer vor Augen behalten,— antwortete Mordaunt, dem ſowohl die Art der Antwort, als die heuchleriſchen Be⸗ denklichkeiten des Antwortenden mißfielen. „Das ſoll wohl darauf gehen, daß ich bedacht haben follte, daß Ihr ſelbſt gern tanzt und ſpielt, Junker Mor⸗ daunt; aber ich bin ein alter Mann und muß mein Ge⸗ wiſſen rein halten. Doch Ihr werdet gewiß bei dem Tanze 1² ſeyn, den es am Johannis⸗(oder St. Johannis, wie ihr die verblendeten Leute nennen) Abend in Burgh⸗Weſtra geben wird, und da werdet Ihr doch wohl einige weltliche Zierden haben muͤſſen, Beinkleider, Weſten und derglei⸗ chen. Nun, ich habe Zeug aus Flandern, und damit legte er ſeinen Kram auf den Tiſch und fing an, auszupacken. Tanz? wiederholte Mordaunt: Tanz am St. Johan⸗ nis⸗Abend? Sollteſt Du mich dazu einladen, Bryce? „Nein, aber Ihr wißt ja, daß Ihr immer willkommen ſeyd, gebeten oder ungebeten. Der Capitaͤn aber ſoll den Vortaͤnzer machen, wie ſie es nennen,— ſo zu ſagen, den Raͤdelsfuͤhrer.“ Hol ihn der Teufel! ſagte Mordaunt in ungeduldigem Zorn. „Alles zu ſeiner Zeit,“ antwortete der Hauſtrer: „man muß nichts uͤbereilen, der Teufel wird ſchon das ſeinige bekommen, das laßt nur gut ſeyn, und an ihm wird's gewiß nicht fehlen, wenn er es nicht kriegt. Aber es iſt ganz ſo, wie ich es Euch erzaͤhle, wenn ihr auch ſo 25 ungeberdig dabei ausſeht wie eine wilde Katze, und dieſer Kapitain— ich weiß nicht gleich, wie er heißt— hat mir eine von den Weſten abgekauft, die ich Euch zelgen will, Purpur mit einer goldenen Einfaſſung und ſchoͤn geſtickt, und ich habe fuͤr Euch ein Stuͤck, das dazu paßt, mit gruͤ⸗ nem Grunde, und wenn Ihr neben ihm Euch ſehen laſſen wollt, ſo muͤßt Ihr gerade das kaufen, denn das Gold glaͤnzt, ſelbſt jetzt noch, am meiſten in den Augen der Maͤd⸗ chen. Seht es einmal an,“ fuͤgte er hinzu, indem er den Zeug nach verſchiedenen Richtungen hinhielt:„ſeht ein⸗ mal,“ wie es im Lichte ausſieht und wie das Licht durch⸗ ſcheint, mit dem Strich und gegen den Strich, es ſieht gut 13 aus nach allen Seiten, kommt von Antwerpen, koſtet vier Thaler, und gefiel dem Capitain ſo, daß er mir einen Jacobsd'or von zwanzig Schillingen hinwarf, und mir ſagte, ich moͤche das Uebrige nur in's Teufels Namen behal⸗ ten!— Die arme unheilige Seele, wahrhaftig, ich be⸗ daure ihn.“ Ohne genauer nachzufragen, ob der Hauſirer den Ca⸗ pitain wegen ſeiner weltlichen Unklugheit oder wegen ſei⸗ ner religioͤſen Unvollkommenheiten bedaure, wandte ſich Mordaunt von ihm ab, ſchlug die Arme uͤbereinander, ging im Zimmer auf und ab, und ſprach vor ſich hin:„Nicht einmal eingeladen,— und ein Fremder der Koͤnig des Feſtes....“ Dieſe Worte wiederholte er mit ſo vielem Nachdruck, daß Bryce einen Theil des Sinnes errieth.“ „Was das Einladen betrifft, Junker Mordaunt, ſo glaube ich, daß Ihr noch werdet eingeladen werden.“ Sie erwaͤhnten alſo meiner? ſagte Mordaunt. „Das kann ich nun nicht ganz beſtimmt ſagen,“ ſagte Bryce Snailsfoot:„aber Ihr braucht darum den Kopf nicht ſo finſter wegzuwenden, wie ein Seehund, wenn er vom Ufer weggeht, denn, ſeht einmal, ich hoͤrte es ganz deutlich, daß alle die jungen luſtigen Leute in der Gegend dort ſeyn ſollten,— und da werden ſie Euch, einen alten wohlbekannten Freund und den leichtfuͤßigſten Taͤnzer bei allen ſolchen Feſtlichkeiten(der Himmel ſchenke Euch, zu ſeiner Zeit, beſſere Gaben), der je nach einem Bogenſtrich ſprang, zwiſchen hier und Unſt, doch nicht zuruͤcklaſſen? So glaub' ich, ſeyd Ihr ſo gut als eingeladen, und Ihr werdet daher am beſten thun, Euch mit einer Weſte zu verſehen, denn ſchmuck und ſtattlich wird gewiß dort Alles ſeyn,— der Herr ſey ihnen gnaͤdig!“ 3. 14 Mit ſeinen gruͤnen, glaͤſernen Augen folgte er allen Bewegungen des jungen Mordaunt Mertoun, der, in tie⸗ fes Nachdenken verſunken, im Zimmer auf und ab zu ſchrei⸗ ten fortfuhr. Der Hauſirer, der wie Claudio dachte, daß wenn jemand niedergeſchlagen iſt, es ihm nothwendig an Gelde fehlen muß, legte indeſſen ſein Nachdenken ganz an⸗ ders aus, und redete ihn daher, nach einer abermaligen Pauſe, folgendermaßen an:„Ihr brauctt Euch über die Sache nicht zu betruͤben, Junker Mordaunt, denn obgleich ich von dem Capitaͤn meinen Preis fuͤr die Waare erhal⸗ ten habe, ſo werde ich doch es mit Euch als einem guten Freunde und Kunden, nicht ſo genau nehmen; ich will den Preis, ſo zu ſagen, nach Euerem Beutel einrichten, oder es auch mit der Bezahlung bis St. Martinstag, oder ſo⸗ gar bis Lichtmeß, anſtehen laſſen. Ich weiß zu leben Junker Mordaunt, der Himmel behuͤre mich, daß ich ir⸗ gend jemanden druͤcken ſollte, am wenigſten einen Freund, der mich ſchon oͤfter hat was verdlenen laſſen. Ja, ich will Euch auch wohl das Kleidungsſtuͤck fuͤr den Werth in Federn oder Seeotterhaͤuten, oder irgend einem andern Pelzwerk, laſſen. Niemand verſteht es beſſer, als Ihr, ſolche Waare zu bekommen, und ich habe Euch gewiß das allerbeſte Pulver verkauft. Ich weiß nicht, ob ich Euch ge⸗ ſagt habe, daß es aus der Kiſte des Kapitaͤn Plunkett war, der vor ſechs Jahren, mit der bewaffneten Brigg Mary, am Felſen von Unſt ſcheiterte. Er war ſelbſt ein ſehr gu⸗ ter Schuͤtz, und es war ein Gluͤck, daß die Kiſte trocken an das Ufer kam. Ich verkaufe es auch nur an gute Schuͤ⸗ tzen. Und ſo, wenn Ihr etwas habt, das Ihr gegen die Weſte vertauſchen wollt, ſo bin ich zum Tauſche bereit, denn Ihr werdet gewiß auf St. Johannis⸗Abend nach ——ę˖˖—ꝛ—ꝛ—:—— 15 Burgh⸗Weſtra geladen, und Ihr werdet doch wohl nicht ſchlechter ausſehen wollen als der Capitaͤn,— das wuͤrde ſich doch nicht ſchicken.“ Ich will wenigſtens dort ſeyn geladen oder nicht ge⸗ laden, ſagte Mordaunt, indem er ploͤtzlich ſtehen blieb und das Stuͤck Weſtenzeug dem Hauſirer haſtig aus der Hand riß: und, wie Ihr ſagt, ich werde ihnen ſchon Ehre machen.. „Nur gemach,— nur gemach, Junker Mordaunt,“ rief der Hauſirer aus:„Ihr geht ja damit um, als ob es ein Stuͤck grober Wadmaal waͤre, Ihr werdet es in Stuͤcke reißen, und da werdet Ihr Recht haben, daß ich mit ver⸗ gaͤnglichen Waaren handele,— aber bedenkt, daß der Preis vier Thaler iſt. Soll ich es Euch anſchreiben?“ Nein! ſagte Mordaunt heftig, nahm ſeine Boͤrſe her⸗ aus und warf das Geld hin. „Der Himmel ſegne Euch das Kleidungsſtuͤck,“ ſagte der Hauſtrer vergnuͤgt:„und mir das Silber, und be⸗ wahre uns vor irdiſchen Eitelkeiten und irdiſcher Begierde, und ſende Euch das weiße linnene Gewand nach, welchem wir nachtrachten muͤſſen, als nach dem Muslin, dem Cam⸗ brie, dem Linon und dem Seidenzeuge dieſer Welt, und ſende mir die Talente, welche mehr nuͤtzen, als viel ſchoͤ⸗ nes ſpaniſches Geld, oder hollaͤndiſche Thaler, und— aber, Gott behuͤt uns— warum knuͤllt Ihr denn das Seiden⸗ zeug ſo zuſammen, als waͤre es ein Heubuͤndel?“ In dieſem Augenblick trat Swertha, die Haushaͤlterinn⸗ herein, die Mordaunt, als um von der Sache loszukom⸗ men, das Gekaufte mit einer Art ſorgloſer Nichtachtung hinwarf, und nachdem et Ihr befohlen, es wegzulegen, ſeine Flinte, die in der Ecke ſtand, ergriff, ſein Jagdzeug 16 umwarf, und, ohne auf Bryce zu achten, der von einem ſchoͤnen Seehundsfell, ſo weich wie Rehleder, woraus die Riemen und der Ueberzug ſeiner Vogelflinte gemacht war, zu ſprechen anfangen wollte, ſchnell das Zimmer verließ. Der Hauſirer ſah mit ſeinen gruͤnen, blinzelnden, ſchlauen Augen, dem Kunden einen Augenblick nach, der ſeine Waare mit ſo wenig Achtſamkeit behandelte. Auch Swertha blickte ihm mit einiger Verwunderung nach.— Der Junge iſt nicht recht bei Sinnen, ſagte ſie. „Nicht recht bei Sinnen!“ wiederholte der Hauſirer: „der wird ſo wild werden als ſein Vater nur je war. Ein Stuͤck Waare, das ihm vier Thaler koſtet ſo zu behan⸗ deln,— das iſt ſehr feifiſch, wie die Fiſcher dort von Oſten her ſagen.“ Vier Thaler fuͤr den gruͤnen Lumpen? ſagte Swertha, das Wort auffaſſend, das dem Haͤndler ſo unverſehens ent⸗ ſchluͤpft war: das neane ich mir einmal einen guten Han⸗ del! Ich weiß nicht, uͤber wen ich mich mehr wundern ſoll, uͤber ihn, daß er ſich ſo hat betruͤgen laſſen, oder uͤber Dich, der ihm ſo viel abgenommen hat, Bryce Snallsfoot. „Ich habe ja nicht geſagt, daß es ihm volle vier Tha⸗ ler koſtet,“ ſagte Snailsfoot:„und wenn es waͤre, ſo iſt es des Burſchen eigenes Geld, denk' ich; er iſt ja alt ge⸗ nug, um fuͤr ſich was zu kaufen. Und was noch mehr iſt, die Waare iſt des Geldes wohl werth, und noch mehr als das.“ Und was noch mehr iſt, ſagte Swertha kaltbluͤtig: ſo wollen wir mal hoͤren, was der Vater dazu ſagen wird. „Ich hoffe doch nicht, daß Ihr ſo boͤſe ſeyn werdet, Frau Swertha,“ ſagte der Haͤndler;„das waͤre ſchlechter 1 Dank ——— 15 Daak fuͤr den ſchoͤnen Oberrock, den ich Euch von Lerwick bis hieher gebracht habe.“ Und fuͤr den Ihr gewiß auch ſchoͤnes Geld fodern wer⸗ det, ſagte Swertha: ich weiß recht gut, worauf alle Eure guten Werke hinausgehen. „Ihr ſollt mir geben, was Ihr wollt, oder es kann auch bleiben, bis Ihr etwas für die Wirthſchaft oder für Euren Herrn kauft, und dann kann es alles auf eine Rech⸗ nung kommen.“ Das iſt freilich auch wahr, Bryce Snailsfoot, ich denke ja, wir werden bald etwas Tiſchzeug brauchen, denn da keine Frau im Hauſe iſt, koͤnnen wir auch nicht ſpinnen und dergleichen, und ſo machen wir kein eigenes Zeug. „Das heißt,“ ſagte der Hauſirer:„nach dem Worte leben. Geht zu denen, die da kaufen und verkaufen; der Tert hat ſeinen guten Nutzen.“ Es iſt doch ein Vergnuͤgen, mit einem geſcheuten Man⸗ ne zu thun zu haben, der aus Allem Nutzen ziehen kann, fagte Swertha: und wenn ich des Burſchen Weſtenzeug genauer betrachte— ˙s iſt unter Bruͤdern vier Thaler werth. Zweites Kapitel. Ich habe die Witterung angeordnet und die Jahreszeiten einge⸗ theilt. Die Sonne hat meinen Geboten gehorcht, und iſt auf emeinen Befehl von Wendekreis zu Wendekreis gewandelt; die Wolken haben auf mein Geheiß ihre Gtröme herabgegoſſen. 1eia 3 Johnſon(Raſſelas). Jede urſache zu beuntuhigenden und kraͤnkenden Be⸗ trachtungen, welche in reiferem Alter eine finſtere, ſtill bruͤ⸗ W. Scott's Werke. CXI. 2 tende Unthaͤtigkeit zur Folge hat, reizt die Jugend zu re⸗ ger und lebendiger Thaͤtigkeit,— als ob ſie, wie der ver⸗ wundete Hirſch, den Schmerz, welchen der in der Wunde ſteckende Pfeil verurſacht, durch die Schnelligkeit der Be⸗ wegung zu uͤbertaͤuben ſuchen wolle. Als Mordaunt nach ſeiner Flinte gegriffen hatte und zu dem Hauſe hinausge⸗ ſtuͤrmt war, eilte er ſchnell uͤber die Haide und durch die Wildniß dahin, ohne beſtimmten Zweck, den etwa ausge⸗ nommen, daß er wo moͤglich dem ſchmerzhaften Gefuͤhl ſeiner eigenen Aufregung zu entgehen ſuchte. Sein Stolz war durch die Erzaͤblung des Hauſirers auf das Empfind⸗ lichſte gekraͤnkt, um ſo mehr, da dieſe Erzaͤhlung die Zwei⸗ fel, welche durch das lange und unfreundliche Stillſchwei⸗ gen der Bewohner von Burgh⸗Weſtra in ihm aufgeſtiegen waren, vollkommen beſtaͤtigte. Wenn Caͤſars Geſchick ihn, wie der Dichter ſingt, be: ſtimmt haͤtte, nur „der beſte Ringer auf dem Plat’, geweſen zu ſeyn, ſo glauben wit doch, daß⸗ bei dieſer laͤnd⸗ lichen Uebung von einem Nebenbuhler beſiegt zu werden, ihm eben ſo ſchmerzhaft geweſen ſeyn wuͤrde, als, ſeinem Nebenbuhler bei dem Kampfe um die Herrſchaft der Welt zu unterliegen. Eben ſo fuͤhlte ſich Mordaunt Mertoun— der in ſeinen eigenen Augen jetzt von der Hoͤhe herabgeſun⸗ ken war, auf welcher er, als der erſte unter der Jugend der Inſel geſtanden hatte— beleidigt und zugleich gede⸗ muͤthigt. Und die beiden ſchoͤnen Schweſtern, um deren Laͤcheln Alle buhlten, und mit denen er ſo vertraut gewe⸗ ſen war, daß ſich in die Unbefangenheit und Unſchuld dieſer Verbindung unvermerkt ein gewiſſer hoͤherer, obgleich nicht 4270 31 R 1 1:3: 9, 4s genau zu beſchreibender Grad von Zaͤrtlichkeit, als der der 19 3 Bruderliebe iſt, gemiſcht hatte— auch dieſe ſchienen ihn vergeſſen zu haben. Es konnte ihm nicht unbekannt ſeyn, daß er, der allgemeinen Meinung von ganz Dunrossness, ja des ganzen Feſtlandes nach, alle Ausſicht hatte, der be⸗ guͤnſtigte Liebhaber Einer derſelben zu werden, und jetzt war er auf einmal ihnen ſo wenig geworden, daß er ſogar die Bedeutſamkeit eines gewoͤhnlichen Bekannten verloren hatte. Selbſt der alte Udaller, deſſen biederes und auf⸗ richtiges Gemuͤth ſich auch in der Freundſchaft beſtaͤndig ge⸗ jeigt haben ſollte, ſchien ſo veraͤnderlich als ſelne Toͤchter zu ſeyn, und der arme Mordaunt hatte zugleich das Laͤ⸗ cheln der Schoͤnen und die Gunſt des Maͤchtigen verloren. Dieß waren ſehr unangenehme Betrachtungen und er verdoppelte ſeine Schritte, um ihnen wo moͤglich zu ent⸗ gehen. Ohne genau auf den Weg Acht zu geben, ging Mor⸗ daunt raſch weiter in einer Gegend, wo weder Hecken, noch Mauern, noch Umzaͤunungen irgend einer Art, die Schritte des Wanderers aufhalten, bis er an eine ſehr einſame Stelle kam, wo, zwiſchen ſteilen, mit Haidekraut bewach⸗ ſenen Huͤgeln, welche jaͤh hinab bis an den Rand des Waſ⸗ ſers liefen, einer der kleinen Seen von ſuͤßem Waſſer lag, deren es ſo viele auf den ſhetlaͤndiſchen Inſeln giebt, und deren Muͤndungen die Quellen der Baͤche und Fluͤßchen bilden, welche das Land bewaͤſſern und die kleinen Muͤh⸗ len in Bewegung ſetzen, auf welchen die Einwohner ihr Korn mahlen laſſen. Es war ein milder Sommertag; die Strahlen der Sonne waren, wie dieß auf Shetland nicht ungewoͤhnlich iſt, durch einen ſilberfarbenen Nebel gemildert und gebro⸗ gen, welcher die Athmoſphaͤre erfuͤllt und, den ſtarken Ge⸗ 2. 20— genſatz von Licht und Schatten aufhebend, ſelbſt dem Mit⸗ tag die ruhige Faͤrbung der Abenddämmerung lieh. Der kleine, kaum dreiviertel Meilen im Umkreiſe meſſende See, lag in tiefer Ruhe da, ſeine Oberflaͤche ungekraͤuſelt, aus⸗ genommen, wenn et wa einer der vielen Waſſervoͤgel, welche darauf hinſchwebten, auf einen Augenblick untertauchte. Die Tiefe des Waſſers gab dem Ganzen die blaugruͤne Farbe, nach welcher er der gruͤne See genannt wurde, und in dieſem Augenblicke bildete er einen ſo vollkommenen Spiegel fuͤr die kalten Hügel, die ihn umgaben, und deren Bild ſeine Flaͤche wiedergab, daß es ſchwer war, das Waſ⸗ ſer von dem Lande zu unterſcheiden: ja die ungewiſſe un kelheit, welche der duͤnne Nebel verbreitete, haͤtte einen Fremden kaum ahnen laſſen, daß ein Waſſerſpiegel vor ihm lag. Eine einſamere Gegend, deren Eigenthuͤmlichkeit durch die ungemeine Heiterkeit des Wetters, den ruhigen grauen Ton der Atmoſphaͤre und das tiefe Stillſchweigen der Elemente noch erhöht wurde, konnte man ſich kaum denken. Selbſt die Waſſervoͤgel, welche dieſen Ort in gro⸗ ßer Menge beſuchten⸗ enthielten ſich ihres gewoͤhnlichen 1 unruhigen Geflatters und Geſchreis, und wiegten ſich in tiefer Ruhe auf dem ſchweigenden Gewaͤſſer. Ohne beſtimmt zu zielen, ohne irgend einen beſtimm⸗ ten Zweck zu haben, ohne beinahe daran zu denken, was er that, legte Mordaunt ſeine Flinte an und ſchoß uͤber den See. Der grobe Schroot kraͤuſelte die Oberflaͤche wie ein theilweiſer Hagelſchauer; die Huͤgel nahmen den Knall der Flinte auf und wiederholten ihr mehrmals im Echo von allen Seiten; die Waſſervoͤgel flogen in engen und unregel⸗ mäͤßigen Kreiſen auf, und antworteten dem Wiederhall mit tauſend verſchiedenen Schreien, von dem tiefen Tone der 58ſſſ —— ——— 58ſſſ 21 weißen Sturmmewe bis zu den klagenden Lauten der Win⸗ ter⸗ und islaͤndiſchen Mewe. Mordaunt blickte einen Augenblick auf den geraͤuſch⸗ vollen Schwarm mit einem Gefuͤhl der Erbitterung hin, das er in dieſem Augenblick gern auf die ganze Natur und alle belebten und unbelebten Gegenſtaͤnde haͤtte ausdehnen moͤgen, ſo wenig ſie auch mit der urſache ſeines inneren Grimmes in Verbindung ſtanden. „Kreiſet, taucht, krelſcht und ſchrelt nur ſo viel ihr wollt,“ fagte er:„und alles deswegen, weil ihr etwas Un⸗ gewoͤhnliches geſehen und einen ungewoͤhnlichen Ton gehoͤrt habt. Es giebt viele, wie ihr ſeyd, in dieſer runden Welt. Aber ihr ſollt wenigſtens lernen,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſeine Flinte wieder lud:„daß ein fremder Anblick und ein ungewoͤhnlicher Ton, ja, und fremde Bekanntſchaften dazu, zuweilen nicht zhne Gefahr ſind.— Doch warum ſollte ich meinen Zorn an dieſen harmloſen Seemewen aus⸗ laſſen?“ ſetzte er, nach einer augenblicklichen Pauſe, hinzu: „ſie haben ja nichts mit den Freunden zu thun, die mich vergeſſen haben. Ich liebte ſie Alle ſo ſehr,— und nun ſo bald, des erſten Fremden willen aufgegeben zu werden, den der Zufall an die Kuͤſte warf.“ Waͤhrend er ſo auf ſeine Flinte gelehnt ſtand, und ſich dieſen peinlichen Betrachtungen hingab, ward er in ſeinem Nachdenken ploͤtzlich durch Jemanden unterbrochen, der die Hand auf ſeine Schulter legte. Er blickte um ſich, und ſah Norna von Fitful⸗Head, in ihren dunkeln, weiten Mantel gehullt, hinter ſich ſtehen. Sie hatte ihn von dem Ruͤ⸗ en des Huͤgels geſehen, und war zum See durch eine kleine Felsſchlucht hinabgeſtiegen, die ſie verbarg, bis ſie, 22 mit geraͤuſchloſen Schritten ſo nahe an ihn herangekommen war, daß ſie ihn beruͤhren konnte. 8 Mordaunt war von Natur weder furchtſam, noch leicht⸗ glaͤubig, und eine ausgebreitetere Beleſenheit, als man ſie gewoͤhnlich findet, hatte ſeinen Geiſt gewiſſermaßen gegen die Einwirkung des Aberglaubens geſtaͤhlt; aber es wuͤrde ein wahres Wunder geweſen ſeyn, wenn er, auf Shetland und gegen Ende des ſiebenzehnten Jahrhunderts lebend, die Philoſophie beſeſſen haͤtte, welche erſt zwei Geſchlechter ſpaͤter in Schottland allgemein wurde. Er zweifelte, fuͤr ſich, an der Ausdehnung, ja an dem Vorhandenſeyn, von Norna's uͤbernatuͤrlichen Gaben, welches ſchon ein hoher Grad von Unglauben in einem Lande war, wo beides ſo allgemein angenommen wurde; allein ſein Unglauben gieng doch nicht weiter, als bis zum Zweifel. Sie war unſtrei⸗ tig eine auſſerordentliche Frau, begabt mit einer ungewoͤhn⸗ lichen Geiſteskraft, die nach ganz eigenthuͤmlichen Beweg⸗ gruͤnden handelte, und, dem Anſchein nach, von irdiſchen Ruͤckſichten durchaus unabhaͤngig war. Mit ſolcher Anſicht, . die er von ſeiner Jugend an in ſich getragen, konnte er dieſes geheimnitvolle weibliche Weſen doch nicht anders als mit einer Art von Unruhe ploͤtzlich dicht neben ſich er⸗ blicken, waͤhrend ſie ihn mit ſo duͤſteren und ernſten Mie⸗ nen betrachtete, wie die, mit denen die Schickſalsſchwe⸗ ſtern— welche, nach der nordiſchen Mythologie, die Wal⸗ kyrien oder„Waͤhlerinnen der Erſchlagenen“ genannt wur⸗ den— die jungen Kaͤmpen zu betrachten pflegten⸗ welche ſie auserwaͤhlt hatten, das Gaſtmahl Odin's zu theilen. Man hielt es in der That fuͤr ungluͤckbedeutend, wenn alcht für etwas noch Schlimmeres, mit Norna ploͤtzlich al⸗ lein und an einem von allen lebenden Zengen entfernten — — — 23 Orte zuſammenzutreffen, und man hatte den Glauben, daß ſie bei ſolchen Gelegenheiten gewoͤhnlich als eine boͤſe Pro⸗ phetinn, wie ein Anzelchen des unglucks, fuͤr die erſchienen ſey, mit denen ſie ſo zuſammengetroffen. Wenige oder keiner von den Inſelbewohnern, wie ſehr er auch an ihre gelegentliche Erſcheinung in der Geſellſchaft gewoͤhnt ge⸗ weſen waͤre, wuͤrde ſie ohne Zittern an den einſamen Ufern des gruͤnen Sees neben ſich geſehen haben. „Ich bringe Dir kein Ungluͤck, Mordaunt Mertoun,“ ſagte ſie, da ſie vielleicht etwas von dieſer abergläͤuboen Ahnung in den Blicken des jungen Mannes las.„Unheil habe ich Dir nie zugefuͤgt, und werde es auch nicht.“ Auch fuͤrchte ich keines, ſagte Mordaunt, indem er ei⸗ ner Beſorgniß Herr zu werden verſuchte, von der er fuͤhlte, daß ſie unmaͤnnlich ſey. Und warum ſollte ich es auch, Mutter, da Ihr immer meine Freundinn geweſen ſeyd. „Ja, Mordaunt; Du biſt nicht aus unſerem Lande, aber niemanden aus ſſhetlaͤndiſchem Blute— nein, ſelbſt denen nicht, welche um den Heerd Magnus Troll's ſitzen, den edlen Abkoͤmmlingen der alten Jarls von Orkney— will ich ſo wohl, als Dir, Du wackerer hochherziger Juͤng⸗ ling. Als ich Dir jene Feen⸗Kette um den Hals bing— welche, wie Alle auf den Inſeln wiſſen, von keiner irdiſchen Hand, ſondern von den Draus, in den geheimen Werkſtaͤt⸗ ten ihrer Hoͤhlen verfertigt wurde— wareſt Du nur fuͤnf⸗ zehn Jahre alt, und doch war Dein Fuß ſchon auf der Jungfrauen⸗Klippe von Northmaven geweſen, die vor Dir nur der gehaͤutete Fuß der Sturmmewe betreten hatte, und Dein Nachen war in der tiefſten Hoͤhle von Brin⸗ naſtir geweſen, wo der Haff⸗ Fiſch*) vorher in tiefer Fin⸗ ſterniß geſchlummert hatte. Deswegen gab ich Dir jenes edle Geſchenk, und Du weißt wohl, daß, ſeit dieſer Zeit, jedes Auge auf dieſen Inſeln Dich als ſeinen Sohn oder Bruder, hochbegabt vor allen andern Juͤnglingen, und als den Guͤnſtling derer angeſehen hat, deren Stunde der Macht dann iſt, wenn Tag und Nacht ſich vermaͤh⸗ len 5).⸗- Ach, Mutter, ſagte Mordaunt, Euere freundliche Gabe mag mir wohl Gunſt verſchafft haben, allein ſie hat ſie mir nicht erhalten koͤnnen, oder ich ſelbſt bin nicht im Stande geweſen, ſie mir zu erhalten— doch, was liegt daran? *) Der größere Seehund, oder das Seekalb, welches die einſamſten Schluchten zu ſeinem Aufenthalte wählr. S. Dr. Edmonſtones Beſchreibung von Shetland. Thl. 2. S. 294. 4*) Die Draus oder Traus, die rechtmäßigen Nachfolger der nordi⸗ ſchen Dvergar(Zwerge) und in inniger Verbindung mit den Feen ſtehend, wohnen, wie dieſe, in dem Innern grüner Hügel und Höhlen, und ſind um Mitternacht am mächtigſten. Sie verfertigen künſtliche Arbeiten in Eiſen, wie aus edlen Metallen, ſind zuweilen den Sterblichen hold, gewöhnlich aber launig und bözartig. Unter dem gemeinen Volke auf Shetland herrſcht noch ein allgemeiner Glaube von ihrem Daſeyn. Auf den benachbarten Farser Inſeln, werden ſie Foddenskeniand oder unterir⸗ diſche Leute genannt, und Lucas Jaeobſon Debes, der mit ihren Eigenthümlichkeiten genau bekannt iſt, verſichert uns (in ſeiner Beſchreibung der Faröer⸗Inſeln, die im ſiebenzehnten Jahrhundert erſchien), daß ſie an allen den Orten wohnen, wo Blut vergoſſen worden iſt, oder die durch die Begehung irgend einer großen Sünde befleckt worden ſind. Sie haben eine Regle⸗ vung, welche monarchiſch zu ſeyn ſcheint. 4 4 — 2⁵5 Ich werde lernen, eben ſo wenig auf Andere zu halten, als ſie auf mich. Mein Vater ſagt, daß ich bald dieſe Inſeln verlaſſen ſoll, und deswegen will ich Euch, Mutter Norna, Euere Feengabe zuruͤckgeben, damit ſie einem An⸗ dern dauernderes Gluͤck bringe, als ſie mir gebracht hat. „Verachte nicht die Gabe des namenloſen Geſchlechts,““ fagte Norna zuͤrnend, fuͤgte aber ſogleich, von dem Tone des Mißverguuͤgens zu dem einer wehmuͤthigen Feierlich⸗ keit uͤbergehend, hinzu:„verachte es nicht, aber,“ Mor⸗ daunt, huldige ihm auch nicht! Setze Dich auf jenen grauen Stein: Du biſt der Sohn meiner Wahl, und ich will, ſo vlel ich kann, alles das ablegen, was mich von der großen Menge unterſcheidet, und zu Dir wie eine Mutter zu ihrem Kinde reden.“ 3 Es war der bebende Ton des Kummers, welcher ſich mit der Erhabenheit ihrer Sprache und ihrer Haltung miſchte und dazu gemacht war, Antheil und Aufmerkſamkeit zu erregen. Mordaunt ſetzte ſich auf den Stein nieder, auf den ſie gedeutet hatte, ein Felsſtuͤck, welches mit man⸗ chen andern umherliegenden, durch einen Winterſturm von dem Felsabhange, an deſſen Fuß es gelegen hatte, bis an den Rand des Waſſers hingeſchleudert worden war. Norna, nahm auf einem Steine, ungefaͤhr drey Fuß von ihm, Platz, legte ihren Mantel ſo zuſammen, daß unter dem Schatten deſſelben wenig mehr, als ihre Stirn, ihre Au⸗ gen und eine einzelne Locke ihres grauen Haares zu ſehen war, und fuhr dann in einem Tone fort, in welchem die eingebildete Wichtigkeit und Bedeutſamkeit, worin die Gei⸗ ſtesverirrung ſo oft ſich gefaͤllt, mit dem tiefen Gefuͤhl ei⸗ nes ungewoͤhnlichen und tief eingewurzelten geiſtigen Kum⸗ mers zu kaͤmpfen ſchien. 3 1 „Ich war,“ hub ſie an:„nicht immer das, was ich jetzt bin. Ich war nicht immer die Weiſe, Maͤchtige, Ge⸗ bietende, vor welcher die Juͤngeren ſcheu daſtehen, und die Alten ihre grauen Haͤupter entbloͤßen. Es gab eine Zeit, wo meine Erſcheinung nicht den Frohſinn verſtummen machte, wo ich Theil an menſchlichen Leidenſchaften nahm und meinen eigenen Antheil menſchlicher Freude und menſch⸗ lichen Kummers hatte. Es war eine Zeit der Huͤtfloſtg⸗ keit, der Thorheit, des muͤßigen thoͤrichten Gelaͤchters, eine Zeit der unnozen und unverſtaͤndigen Thraͤnen, und doch, mit allen ihren Thorheiten, ihren Sorgen und Schwaͤ⸗ chen, was wuͤrde Norna von Fitful⸗Head nicht darum ge⸗ ben, wiederum das unbemerkte und gluͤckliche Maͤdchen zu werden, das ſie in jenen Tagen war! Hoͤre mich an, Mor⸗ daunt, und habe Geduld mit mir, denn Du hörſt mich Klagen ausſtoßen, die nie zu ſterblichen Ohren gedrungen ſind, und welche nie wieder zu menſchlichen Ohren dringen ſollen. Ich will ſeyn, was ich ſeyn ſollte,“ fuhr ſie fort, indem ſie aufſprang und ihren mageren, verdorrten Arm, hoch emporſtreckte:„die Koͤniginn und Beſchuͤtzerinn die⸗ ſer wilden und vernachlaͤßigten Inſeln,— ich will die ſeyn, deren Fuß die Wogen ohne ihre Erlaubniß nicht benetzen duͤrfen, ja, und waͤrve ſelbſt ihre Wuth auf den hoͤchſten Gipfel geſtlegen, deren Gewand der Wirbelwind verſchont, wenn er die Bedachung von den Sparren reißt. Sey mein Zeuge, Mordaunt Mertoun, Dn hörteſt meine Worte in Harfra— Du ſahſt den Sturm vor ihnen ſich legen— ſprich, gieb Zeugniß!“ Ihr in dieſem Fluge der hochgeſteigerten Begeiſterung haben widerſprechen wollen, wuͤrde hart und ohne Nutzen geweſen ſeyn, ſelbſt wenn Mordaunt ſich noch inniger uͤber⸗ 27 zeugt gefuͤhlt haͤtte, als es wirklich der Fall war, daß eine Unſinnige, nicht eine mit uͤbernatuͤrlicher Gewalt begabte Frau, vor ihm ſtaͤnde. Ich hoͤrte Euch ſingen, antwortete er: und ſah den Sturm ſich legen. „Sich legen?“ rief Norna aus, indem ſie ungeduldig mit ihrem Stabe von ſchwarzem Eichenholz auf den Bo⸗ den ſtampfte:„Du ſagſt nur die Haͤlfte der Wahrheit, er ſchwieg auf einmal— ſchwieg in kuͤrzerer Zeit, als das Kind, das von der Waͤrterinn beſchwichtigt wird. Genng, Du kennſt meine Macht, aber Du weißt nicht, und kein Sterblicher weiß es und ſoll es je erfahren, welchen Preis es mir koſtete, dies zu bewirken. Nein, Mordaunt, nicht fuͤr die weite Herrſchaft, die die alten Norweger beſaßen, als ihre Banner noch von Bergen bis Palaͤſtiua wehten⸗ nicht fuͤr alles das, was die ganze Erde beſitzt, vertauſche Deinen Seelenfrieden, fuͤr eine ſolche Größe als die iſt, die Norna beſitzt.“ Bei dieſen Worten ſetzte ſie ſich nie⸗ der auf den Felſen, zog den Mantel uͤber das Geſicht⸗ ſtuͤtzte ihren Kopf auf ihre Hand und ſchien⸗ nach den krampf⸗ haften Bewegungen ihrer Bruſt, bitterlich zu weinen. „Gute Norna,“ ſagte Mordaunt, und hielt inne, da er nicht wußte, was er zum Troſt des ungluͤcklichen Wei⸗ bes vorbringen ſollte:„gute Norna,“ fing er wieder an⸗ „ſollte irgend etwas auf Euerem Gemuͤthe laſten, das es beunruhigt,— waͤre es nicht beſſer, wenn Ihr zu dem gu⸗ ten Pfarrer von Dunrossness ginget? Die Leute ſagen⸗ Ihr waͤret ſeit vielen Jahren nicht in einer chriſtlichen Gemeine geweſen— das iſt nicht gut und nicht recht. Ihr ſeyd ſelbſt wegen Euerer Erfahrenheit in Heilung koͤr⸗ 28— verlicher Uebel bekannt, allein wenn die Seele krank iſt, follten wir zum Arzte unſerer Seele gehen.“ 4 Norna hatte ſich langſam aus der gebuͤckten Stellung erhoben, in der ſie bisher geſeſſen hatte, endlich aber ſprang ſie auf, warf ihren Mantel zuruͤck, ſtreckte den Arm aus, und rief mit ſchaͤumender Lippe und blitzendem Auge, in einem Tone, der dem Schrey glich:„Ich ſoll mit el⸗ nem Prieſter ſprechen, ſoll ihn aufſuchen! Willſt Du, daß der fromme Mann vor Schrecken des Todes ſey? Ich ſoll in einer chriſtlichen Gemeine erſcheinen! Willſt Du, daß das Dach auf die ſchuldloſe Verſammlung herabſtuͤrze, und ſich ihr Blut mit ihrer Andacht miſche? Ich, ich ſollte den Arzt der Seele aufſuchen! Soll der boͤſe Feind ſeine Beute offen vor Gott und Menſchen fodern?“ Die ungewoͤhnliche Bewegung der unglücklichen Spre⸗ chenden, leitete Mordaunt auf den Glauben hin, welcher in dieſem aberglaͤubiſchen Lande und zu jeuer aberglaͤubi⸗ ſchen Zeit allgemein angenommen war. Ungluͤckliche, ſagte er: wenn Du Dich wirklich mit der Maͤchten der Finſter⸗ niß verbuͤndet haſt, warum ſollt. Du nicht noch bereuen koͤnnen? Aber thue, was Du willſt, ich kann und darf, als ein Chriſt, nicht laͤnger in Deiner Naͤhe verweilen; und hier, nimm Deine Gabe hin, fuͤgte er hinzu, indem er ihr die Kette zuruͤckgeben wollte: Gutes kann mir nie dadurch werden, wenn nicht ſchon Boͤſes daraus entſtanden iſt. „Sey ruhig und hoͤre mich, thoͤrichter Knabe,“ ſagte Norna ruhig, als ob ſie durch den Ausdruck des Schreckens und des Abſcheues, den ſie auf Mordaunts Geſicht be⸗ merkt, wieder zu ſich ſelbſt gekommen waͤre.„Hoͤre mich, ſage ich Dir; ich gehoͤre nicht zu der Zahl derer, die ſich mit dem Feinde des Meuſchengeſchlechts verbuͤndet haben, 29 oder durch ſeine Huͤlfe Wiſſen und Macht erhalten, und obgleich die uͤberirdiſchen Maͤchte durch ein Opfer gewon⸗ nen worden, welches die menſchliche Zunge nie ausſpre⸗ chen kann, ſo iſt doch, Gott weiß es, meine Schuld bei dieſem Opfer nicht groͤßer, als die des Blinden, welcher von dem Abhange herabſtuͤrzt, den er weder ſehen noch ver⸗ meiden konnte. O, verlaß mich nicht, meide mich nicht in dieſer Stunde der Schwachheit! Blelbe bei mir, bis die Verſuchung voruͤber iſt, oder ich ſtuͤrze mich in jenen See, um zugleich meiner Gewalt und meinem Elende ein Ende zu machen.“ Mordaunt, der dieſe ſonderbare Fran immer mit einer Art von Zuneigung betrachtet hatte, welche ohne Zweifel ſich auf ihr, ihm ſchon fruͤh bezeigtes Wohlwollen, und die Art, wie ſie ihn ausgezeichnet, gruͤndete, ließ ſich leicht uͤberreden, ſeinen Sitz wieder einzunehmen, und auf das zu hoͤren, was ſie ihm ferner zu ſagen habe, in der Hoffe nung, daß ſie, nach und nach, der Heftigkeit ihrer Bewe⸗ gung Herr werden wuͤrde. Es waͤhrte auch nicht lange, ſo ſchien ſie den Sieg errungen zu haben, den ihr Begleiter erwartete, denn ſie redete ihn bald nachher auf ihre ge⸗ woͤhnliche beſonnene und befehlende Weiſe an. „Ich wollte nicht von mir ſelbſt mit Dir ſprechen⸗ Mordaunt, als ich Dich von dem Gipfel jenes grauen Fel⸗ ſens erblickte und den Fußpfad zu Dir herabkam. Mein Schickſal ſteht unabaͤnderlich feſt, in Freude und Leid. Fuͤr mich ſelbſt habe ich wenig mehr zu wuͤnſchen oder zu hof⸗ fen, aber fuͤr die, welche ſie liebt, hegt Norna von Fitful⸗ Head doch noch die Gefuͤhle, welche ſie an das Menſchen⸗ geſchlecht ketten. Hoͤre mich— ich kenne einen Adler, den⸗ ſtolzeſten, der in jenen luftigen Hohen baute und in dieſes 30 Adlers Neſt hat ſich eine Otter geſchlichen; willſt Du den Wurm zertreten und die edle Brut des Gebieters des nor⸗ diſchen Himmels retten helfen?“ Du mußt Dich deutlicher erklaͤren, Norna, ſagte Mor⸗ daunt: wenn ich Dich verſtehen, oder Dir antworten ſoll. Ich kann keine Naͤthſel loͤſen. „Wohl denn, ohne Gleichniß— Du kennſt die Familie von Burgh⸗Weſtra, die lieblichen Toͤchter des großberzi⸗ gen alten Udaller's, Magnus Troll,— Minna und Brenda, — meine ich. Du kennſt und liebſt ſie.“ 4* Ich kenne ſie, Mutter, erwiederte Mordaunt: und ich habe ſie gellebt, Niemand weiß das beſſer, als Ihr. „Sie einmal gekannt haben,“ ſagte Norna mit Waͤr⸗ me,„heißt ſie immer gekannt haben. Wer ſie einmal ge⸗ liebt hat, liebt ſie auf immer.“ Sie einmal geliebt haben, heißt, ihnen fuͤr immer Gutes wuͤnſchen, erwiederte der Juͤngling; aber es iſt nichts weiter, offenherzig mit Dir zu reden, Norna; die Familie von Burgh⸗Weſtra hat mich in neuerer Zeit gaͤnz⸗ lich vernachlaͤßigt. Gieb mir aber die Mittel an, ihnen zu helfen, und ich will Dir beweiſen, wie dankbar ich fuͤr fruͤher erwieſenes Wohlwollen bin, und wie wenig ich ſpaͤtere Kaͤlte nachtrage. „Das iſt wohlgeſprochen,“ ſagte Norna;„und ich wer⸗ de Deinen Vorſatz auf die Probe ſtellen. Magnus Troil hat eine Schlange in ſeinen Buſen aufgenommen— ſeine lieblichen Toͤchter werden die Beute der Kuͤnſte eines Nie⸗ dertraͤchtigen werden.“ Ihr meint Cleveland, den Fremden?. „Den Fremden, ja, wie er ſich nennt, denſelben, den wir wie ein Buͤndel Seetang am Fuße des Vorgebuͤrges — 3¹1 Sumburgh fanden. Ich fuͤhlte in mir etwas, das mich be⸗ wegen wollte, ihn liegen zu laſſen, bis die Fluth ihn wie⸗ der weggeriſſen haͤtte, ſo wie ſie ihn herangeſpuͤlt hatte, und es reut mich jezt, daß ich dieſem Gefuͤhle nicht freien Lauf ließ.“ Aber, ſagte Mordaunt, mich rent es nicht, daß ich meine Schuldigkeit als ein Chriſt that. Und welches Recht habe ich auch zu wuͤnſchen, daß die Sache anders waͤre, als ſie iſt? Wenn Minna, Brenda, Magnus und die Ue⸗ brigen, den Fremden lieber haben, als mich, ſo darf ich mich daruͤber nicht beleidigt fuͤhlen, ja man koͤnnte es ſo⸗ dat aͤcherlich ſinden, daß ich mich mit ihm vergleichen will. „Das iſt alles ſehr gut, und ich glaube, ſie verdienen Deine uneigennuͤtzige Freundſchaft.“ Bei dem Allen ſehe ich aber nicht ein, ſagte Mor⸗ daunt, worin ich ihnen nuͤtzlich ſeyn kann. So eben habe ich von Bryce, dem Hauſirer, erfahren, daß dieſer Capl⸗ tain Cleveland alles bei den Damen in Burg⸗Weſtra gilt, ſo wie bei dem alten Udaller ſelbſt. Ich moͤchte mich kel⸗ neswegs da eindraͤngen, wo ich nicht willkommen bin, oder mein ſtilles Verdienſt dem des Capitain Cleveland zur Seite ſtellen. Er kann ihnen von Schlachten erzaͤhlen, wenn ich nur von Vogelneſtern ſprechen kann— kann ih⸗ nen ſagen, wie er Franzoſen erſchoſſen hat, wenn ich dieß nur von Seehunden zu erzaͤhlen weiß— er traͤgt praͤchtige Kleider und hat ein maͤnnlich ſchoͤnes Geſicht; ich gehe ſehr einfach gekleidet und ſehe ganz gewoͤhnlich aus. Ein ſo ſtattlicher Liebhaber, wie er, kann die Herzen derer, mit derrauer umgeht, beruͤcken, wie die Pogelſteller das Tau⸗ — mit Ruthe und Leim an üch ehet. is 5 dide 3² „Du thuſt Dir ſelbſt Unrecht,“ ſagte Norna.„Dir ſelbſt, und noch groͤßeres den beiden Maͤdchen, Minna und Brenda; verlaß Dich nicht auf Bryce's Ausſage; er iſt wie der gierige Wallfiſch, der ſogleich ſeine Richtung veraͤndert und untertaucht, ſobald ein Fiſcher nur die kleinſte Muͤnze in das Waſſer wirft. Gewiß iſt es aber, daß wenn Du bei Magnus Troil nicht mehr ganz ſo gut angeſchrieben biſt, als ſonſt, dieſer ſchmutzige Menſch zum Theil daran Schuld iſt. Er mag ſich indeß wohl vorſehen, denn ich laſſe ihn nicht aus den Augen.“ und warum— erwiederte Mordaunt— ſagt Ihr dem Magnus Troil nicht alles das, was Ihr mir ſo ehen ge⸗ ſagt habt? „Weil die,“ erwiederte Norna,„welche ſich ſelbſt ſo weiſe duͤnken, durch Erfahrung klug werden muͤſſen. Erſt geſtern ſprach ich mit Magnus, und was gab er mir zur Antwort? Gute Norna, Ihr werdet alt.— Und dieß muß⸗ te ich von jemand hoͤren, der durch ſo manche und ſo enge Bande an mich gefeſſelt iſt— von dem Abkoͤmmling der alten norwegiſchen Grafen— von ihm, Magnus Troil— und er ſagte es Jemanden zu Liebe, den die See wie Wrack⸗Tang ausgeſpieen hat. Da er den Rath der Alten verachtet, ſo mag er ſich nach dem der Jungen richten, und es iſt nur gut, daß er nicht ſeiner eigenen Thorheit uͤber⸗ kaſſen iſt.— Geh alſo, wie gewöhnlich nach Burgh⸗Weſtra an des Taͤufers Feſt.“ 3 Man hat mich nicht eingeladen— man braucht mich nicht— man verlangt mich nicht— man denkt nicht a mich— plelleicht ſieht man mich gar nicht einmal meh⸗ an, wenn ich dahin komme, und doch, Mutter,d heit zu geſtehen, wollte ich hingehen. 1 33 „Das war ein guter und vernuͤnftiger Einfall,“ er⸗ wiederte Norna;„wir beſuchen unſere Freunde, wenn ſie krank am Koͤrper ſind, warum ſollten wir es nicht thun, wenn ſie am Geiſte leiden und uͤberſaͤttigt von Wohlerge⸗ hen ſind? Geh, geh hin— vielleicht treffen wir uns dort. Jetzt aber haben wir verſchiedene Wege. Lebe wohl, und ſage niemanden, daß wir uns geſehen.“ Sie trennten ſich, Mordaunt blieb am See ſtehen, die Augen auf Norna geheftet, bis ihre hohe, dunkle Geſtalt ſich in den Kruͤmmungen des Thales verlor, welcher ſie hinabwanderte, und kehrte dann zu ſeines Vaters Woh⸗ nung zuruͤck, entſchloſſen, einen Rath zu befolgen, der ſo ſehr mit ſeinen eigenen Waͤnſchen uͤbereinſtimmte. Drittes Kapitel. — all Eure alten Sitten, Die lang verjährten Bräuche will ich ändern. Iyr ſollt nicht eſſen, trinken, ſprechen, nicht Euch vegen, Nicht denken, biicken, gehn, wie Ihr gewohnt zu thun: Selbſt Euer Eh'beit ſoll Veränd'rung leiden, Die Braut ſoll vorn, der Bräut'gam hinten liegen; Denn alles Alte will ich dreh'n und wenden, Und will es Neu'rung nennen— ja, das wilt ich! Die verkehrte Welt. Der feſtliche Tag ruͤckte heran, und noch war keine Einladung fuͤr den Gaſt gekommen, ohne den, noch vor kurzer Zeit, kein Feſt auf der Inſel haͤtte begangen wer⸗ W. Scott's Werke CXI. 3 7 34 den koͤnnen, waͤhrend auf der andern Seite das Geruͤcht nur davon ſorach, wie ſehr Capitaͤn Cleveland bei der Fa⸗ milie von Burgh⸗Weſtra in Gunſt ſtehe. Swertha und der alte Ranzelmann ſchuͤttelten die Koͤpfe zu dieſer Ver⸗ aͤnderung, und gaben Mordaunt durch manchen hingewor⸗ feuen Wink und Fingerzeig zu verſtehen, daß er ſich dieſe Verdunkelung ſelbſt dadurch zugezogen, daß er ſo thoͤriger Weiſe geſchaͤftig geweſen ſey, den Fremden in Sicherheit zu bringen, als ſein Leben von der naͤchſten Welle am Fuße der Klippen von Sumburgh abgehangen habe.„Man muß dem Meere ſeinen Willen laſſen,“ ſagte Swertha; „es hat noch niemand Gluͤck gebracht, ſich ihm zu wider⸗ ſetzen.“³ Wahrhaftig, ſagte der Ranzelar: es ſind kluge Leute, die der Welle und der Windeswuth ihren Gang laſſen. Ein Halbertrunkener und ein Halberhangener haben noch nie Jemanden Gluͤck gebracht.— Wer erſchoß Will: Pa⸗ terfon auf der Hoͤhe von Noß? der Hollaͤnder, den er vom Ertrinken rettete. Einem Ertrinkenden ein Bret oder ein Tau hinzuwerfen, mag Ehriſtenpflicht ſeyn, aber ich ſage, Haͤnde vom Leibe, wenn ihr vor ihm ſicher ſeyn und leben wollt. „Ihr ſeyd ein kluger Mann, Ranzelar, und ein wuͤr⸗ diger,“ wiederholte Swertha, mit einem Seufzer:„und wißt, wann und wo Ihr Euerm Naͤchſten helfen ſollt, beſ⸗ ßer wie irgend einer, der je ein Netz ausgeworfen hat.“ Nun ja, ich habe manches Jahr erlebt, antwortete der Ranzelmann: und habe mit angehoͤrt, was alte Leute mit⸗ einander uͤber dergleichen geſprochen haben, und Niemand auf Sherland ſoll ſagen koͤnnen, daß er auf feſtem Grund und Boden far einen Menſchen aus chriſtlicher Liebe mehr &&—6 2— 35 thun kann, aber wenn jemand aus dem Salzwaſſer um Huͤlfe ſchreit— das iſt ein ander Ding. „Und nun, was ſagt Ihr zu dem Kerl, dem Cleve⸗ land, der unſerm Junker Mordaunt ſo im Lichte ſteht,“ ſagte Swertha:„und zu Magnus Troill, der ihn noch am⸗ letzten Pfingſttage fuͤr die Zierde von Shetland erklaͤrte, der Magnuß, den man doch(wenigſtens, wenn er nuͤchtern⸗ iſt) fuͤr den kluͤgſten und reichſten Mann auf Shetland⸗ haͤlt?“ Das kann ihm keinen Vortheil bringen, ſagte der Ranzelmann, mit einer ſehr weiſen Miene. Es giebt in⸗ deſſen Faͤlle, Swertha, wo die Kluͤgſten Gu denen ich mich denn dech auch ſo mitrechne) wie wahre Einfaltspinſel⸗ handeln, und Sachen thun, die eben ſo wenig zu etwas fuͤhren, als wenn ich verſuchen wollte, uͤber die Spitze von Sumburgh zu klettern. Es iſt mir ſelbſt ein⸗ oder zwei⸗ mal in meinem Leben ſo gegangen. Aber, wir werden bald ſehen, was da herauskommt, denn etwas Gutes kann unmoͤglich daraus entſtehen. Und Swertha antwortete in demſelben Tone prophe⸗ tiſcher Weisheit:„Nein, nein, Gutes kann auch nicht dar⸗ aus entſtehen, da habt Ihr ganz Recht.“ Dieſe boͤſen Vorausſagungen, welche von Zeit zu Zeit wiederholt wurden, blieben nicht ohne Einfluß auf Mor⸗ daunt. Er glaubte zwar nicht, daß das gute Werk, einen Er⸗ trinkenden gerettet zu haben, als nothwendige und unaus⸗ weichbare Folge die unangenehme Lage herbeigefuͤhrt habe, in der er ſich jetzt befand; allein es war ihm, als ob eine Art Zauber um ihn gewoben ſey, deſſen Beſchaffenheit und Gewalt er nicht kenne,— kurz, daß irgend eine Macht, der er nicht gebieten koͤnne, auf ſein Schickſal, und, wie 36 es ſchlen, nicht eben freundlich, einwirke. Seine Neu⸗ gierde, ſo wie ſeine Beſorgniß, waren auf das Höchſte er⸗ regt, und ſein Entſchluß, auf jeden Fall, bei dem bevor⸗ ſtehenden Feſte zu erſcheinen, ſtand um ſo feſter, da er die Ueberzeugung hatte, daß irgend etwas Ungewoͤhnliches durchaus Statt finden muͤſſe, welches ſeinen künftigen Aus⸗ ſichten und Lebens⸗Plaͤnen eine beſtimmte Richtung geben werde. Da der Vater Mordaunt's um dieſe Zeit ſich ganz wohl befand, ſo war es noͤthig, daß der Sohn ihn von ſei⸗ nem vorhabenden Beſuche in Burgh⸗Weſtra benachrichtige. Dies geſchah, und der Vater wuͤnſchte den beſondern Grund zu wiſſen, der ihn veranlaſſe, gerade um dieſe Zeit dahin zu gehen. „Es iſt eine Zeit der Froͤhlichkeit,“ antwortete der Juͤngling:„das ganze Land iſt dort verſammelt“ Und Du willſt wahrſcheinlich die Zahl der Thoren ver⸗ mehren helfen. So geh', aber nimm Dich auf dem Wege in Acht, den Du betreten willſt. Ein Fall von den Klip⸗ pen von Foula koͤnnte Dir nicht mehr Verderben bringen. „Und darf ich nach der Urſache dieſer Warnung fra⸗ gen?“ erwiederte Mordaunt, der einmal die Schranken der Zuruͤckhaltung, welche zwiſchen ihm und ſeinem ſonder: baren Vater Statt fanden, durchbrach. „Magnus Troil,“ ſagte Herr Mertoun: hat zwey Toͤchter. Du biſt in dem Alter, wo junge Leute ſolches Futterwerk mit den Augen der Zuneigung betrachten, da⸗ mit ſie ſpaͤterhin den Tag verwuͤnſchen, der zuerſt ihren Augen den Himmel oͤffnete. Ich ſage Dir, nimm Dich vor ihnen in Acht. So gewiß, wie Suͤnde und Tod durch das Weib in die Welt kumen, ſo gewiß ſind auch ihre luͤß n 39 Worte und ihre noch ſuͤßeren Blicke das Verderben und der Unergang aller derer, welche darauf bauen.“ Mordaunt hatte zuweilen Gelegenheit gehabt, ſich von ſeines Vaters Widerwillen gegen das weibliche Geſchlecht zu uͤberzeugen, nie aber hatte er ihn ſich ſo beſtimmt und ſtark ausſprechen hoͤren. Er erwiederte, daß Magnus Troil's Doͤchter ihm nicht mehr aaͤlten, als alle uͤbrigen Frauen⸗ zimmer auf den Inſeln; ſie waͤren ihm jetzt ſogar weniger werth, da ſie, ohne alle Urſache, ihre Freundſchaft mit ihm abgebrochen haͤtten. 3 „Und Du gehſt hin, ſie wieder auzuknüpfen?“ ant⸗ wortete der Vater.„Thoͤrichte Muͤcke, Du haſt einmal die Kerze umſchwaͤrmt, ohne Dir die Flugel zu verbren⸗ nen; aber Du biſt nicht zufrieden mit der gefahrloſen Dun⸗ kelheit dieſer Wildniß; Du mußt zur Flamme zuruͤck, die Dich endlich gewiß verzehren wird. Doch, warum ſollte ich Worte verlieren, Dich von dem unvermeidlichen Schick⸗ ſal abzuhalten? Geh', wohin es Dich ruft.“ Am folgenden Tage, welches der naͤchſte vor dem ei⸗ gentlichen Feſte war, machte ſich Mordaunt nach Burgh⸗ Weſtra auf den Weg, abwechſelnd mit den Gedanken au Norna's Weiſung, an die bedeutungsvollen Worte ſeines Vaters, an die unguͤnſtigen Vorausſagungen Swertha's und des Ranzelmanns von Jarls hof beſchaͤftigt, und konnte ſich der Duͤſterkeit nicht erwehren, mit der das Zuſammen⸗ treffen ſo mancher boͤſen Anzeichen ſeinen Geiſt zu um⸗ nachten anfieng. „Ich ſehe einen kalten Empfang in Burgh⸗Weſtra vor⸗ aus,“ ſagte er,„aber mein Aufenthalt ſoll auch dann deſto kuͤrzer ſeyn. Ich will nur wiſſen, ob dieſer fremde See⸗ mann mich angeſchwaͤrzt hat, oder ob ſie aus bloßer Laune 38 und Liebe zum Wechſel der Geſellſchaft ſo gehandelt haben. Iſt das erſte der Fall, ſo werde ich mich zu rechtſertigen wiſſen, und Capitaͤn Cleveland mag ſich dann vor den Fol⸗ gen in Acht nehmen; iſt das letztere, nun denn, gute Nacht Burgh⸗Weſtra und alle ſeine Bewohner!“ Als er ſo in Gedanken dieſe Moglichkeiten uͤberdachte, vermochte gekraͤnkter Stolz und die zuruͤckkehrende Zunei⸗ gung fuͤr Dielenigen, denen er jetzt auf ewig Lebewohl ſa⸗ gen zu muͤſſen glaubte, daß ihm eine Thraͤne in das Auge trat, die er aber ſchnell und unwillig abwiſchte, waͤhrend er ſeine Schritte verdoppelte. Das Wetter war heiter und ruhig geworden, und Mor⸗ daunt ſetzte ſeine Reiſe mit einer Leichtigkeit fort, welche einen ſtarken Gegenſatz gegen die Muͤhſeligkeiten bildete, mit deuen er zu kaͤmpfen gehabt, als er das letzte Mal denſelben Weg machte,— und doch fiel der Vergleich nicht zum Vortheil der gegenwaͤrtigen aus. 4 „Meine Bruſt,“ ſagte er zu ſich felbſt:„war damals dem Winde bloßgeſtellt, aber das Herz darin war heiter und gluͤcklich. Ich wollte, ich haͤtte jetzt daſſelbe unbefan⸗ gene Gefuͤhl, wie damals, muͤßte ich es auch durch einen Kampf mit dem heftigen Sturm erkaufen, der damals auf dieſen einſamen Huͤgeln wehte.“ Mit dieſen Gedanken langte er gegen Mittag in Harfra an, wie ſich der Leſer erinnern wird, der Wohnung de geiſtreichen Herrn Yellowley. Unſer Reiſender hatte dies⸗ mal Sorge getragen, ſich von der knickerigen Gaſtfreiheit dieſes Hauſes ganz unabhaͤngig zu erhalten(das jetzt auf der ganzen Inſel deswegen beruͤchtigt war) indem er in ſeinem Raͤnzel ſo viel an Lebensmitteln bei ſich fuͤhrte, als ſogar fuͤr eine laͤngere Reiſe hi gereicht haben wuͤrde. Aus 39 Hoͤflichkeit, oder vielleicht um ſeiner eigenen beunruhigen⸗ den Gedanken ſich zu entſchlagen, ſprach Mordaunt in dem Hauſe ein, das er in beſonderer Bewegung fand. Tripto⸗ lemus ſelbſt, mit einem Paar großen Reiterſtiefeln ange⸗ than, volterte die Treppen auf und ab, und ſchrie dabei ſeiner Schweſter und ſeiner Magd Tronda Fragen zu, die von dieſen mit noch hellerem und laͤngerem Gekreiſch be⸗ antwortet wurden. Endlich erſchien Jungfrau Baby ſelbſt⸗ ihre ehrwuͤrdige Geſtalt in einen ſogenannten Joſeph ge⸗ hüllt, ein weites Gewand, das einſt gruͤn geweſen, jetzt aber, durch Flecken und Flicken wirklich dem Kleide des Patriarchen aͤbnlich geworden war, deſſen Namen es fuͤhrte⸗ d. h. ein Gewand von verſchtedenen Farden. Ein Hut mit kirchthurmartigem Kopfe— den ſie wahrſcheinlich vor lan⸗ gen Jahren in einem Augenblicke gekauft, wo die Eitelkeit den Sieg uͤver die Habſucht davongetragen hatte, mit ei⸗ ner Feder darauf, welche ſovlel Wind und Regen ausge⸗ halten zu haben ſchien, als ob ſie aus dem Fluͤgel einer Seemewe geweſen waͤre— vollendete ihren Anzug, wozu noch eine mit Silber beſchlagene Peitſche von alter Form kam, welche ſie in der Hand hielt. Dieſer Anzug, ſo wie eine gewiſſe Geſchaͤftigkeit, welche ſich in dem Gange und dem Aeußeren der Jungfrau Barbara Yellowley gusſprach, ſchienen darauf hinzudeuten, daß ſie ſich anſchicke, eine Reiſe zu unternehmen, und, wie man zu ſagen pflegt, ſich nicht darum kuͤmmere, wer es wiſſe oder nicht, daß ſolches ihr Entſchluß ſey. Sie war die erſte, welche Mordaunt bei ſeiner Ankunft erblickte, und ſie begruͤßte ihn mit einer etwas gemiſchten Bewegung.„Gott bebuͤt uns!“ rief ſie aus: iſt das nicht der muntere junge Mann, der das Ding um den Hals traͤgt, und der unſere Gaus ſo ohne umſtaͤnde hinunter⸗ 40 ſchlang, als ob es eine Seelerche geweſen waͤre?“ Ihre Bewunderung der goldenen Kette, welche damals einen ſo tieſen Eindruck auf ihr Gemuͤth gemacht, ſprach ſie gleich im erſten Theile der Rede aus, waͤhrend die Erinnerung an den fruͤhzeitigen Untergang der geraͤucherten Gans in die zweite Abtheilung verwieſen wurde.„Ich werte mein Leben darauf,“ fuͤgte ſie ſogleich hinzu:„daß er einen Weg mit uns geht.“ Ich will nach Burgh⸗Weſtra, Jungfrau Yellowley, ſagte Mordaunt. „Und wir werden es ſehr gerne ſehen, wenn Ihr uns Geſellſchaft leiſtet,“ fuͤgte ſie hinzu:„es iſt wohl noch zu früh, um zu eſſen, wollt Ihr aber einen Gerſtenkuchen, und einen Schluck Bland haben? Es iſt zwar nicht gut, wenn man mit vollem Magen reiſet und Ihr verderbt Euch den Appetit fuͤr das Feſt, das heute Eurer wartet, denn dort wird gewiß alles vollauf feyn.“ Mordaunt brachte jetzt ſeinen eigenen Vortath herbei, und lud, nachdem er erklaͤrt hatte, daß er ſie nicht aber⸗ mals belaͤſtigen wolle, ſie ein, an dein, was er habe, Theil zu nehmen. Der arme Triptolemus, der nur ſelten ein halb ſo gutes Mittageſſen, als ſeines Gaſtes Imbiß war, hatte, warf ſich uͤber die guten Sachen her, wie Sancho uͤber den Schaum von Gamacho's Keſſel, und ſelbſt die Dame konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, ob ſie gleich ihrer Eßluſt ſich mit mehrerer Maͤßigung und mit einer Art Verſchaͤmtheit überließ.„Sie habe das Feuer ausgehen laſſen,“ ſagte ſie:„denn es ſey Schade, das Holz in einem ſo kalten Lande zu vergeuden, und ſo habe ſte, da ſie überdieß ſich ſo bald auf die Reiſe machen woll⸗ 41 ten, nichts vorraͤthig; auch koͤnne ſie nicht laͤugnen, daß des jungen Herrn Fleiſchwerk ſehr gut ausſehe; und ſie ſey uͤberdieß neugierig, zu ſehen, ob die Leute in dieſem Lande ihr Fleiſch ebenſo einſalzten, wie man es im Norden von Schottland thaͤte.“ Unter dieſen zuſammentreffenden Ge⸗ ſichtspunkten ſtellte dann Dame Baby einen recht ordent⸗ lichen Verſuch an den Erfriſchungen an, welche ſich ihr ſo unerwartet darboten. Als die Stegreifs⸗Mahlzeit voruͤber war, drang der Verwalter darauf, daß die Reiſe angetreten werden ſolle, und jetzt wurde es Mordaunt klar, daß die Freundlichkelt, mit der Jungfrau Baby ihn empfangen hatte, keineswegs ganz ohne Eigennutz ſey. Weder ſie ſelbſt, noch der ge⸗ lehrte Triptolemus, hatten große Luſt, ſich ohne einen Fuͤh⸗ rer durch die Wildniß von Shetland zu wagen, und wenn ſie gleich einen ihrer Tageloͤhner haͤtten mitnehmen koͤn⸗ nen, ſo waͤre dadurch doch, wie der umſichtige Landwirth. bemerkte, wenigſtens ein Tag an der Arbeit verloren ge⸗ gangen, weshalb ſeine Schweſter nicht ermangelte, dieſer Beſorgniß noch dadurch größeres Gewicht zu geben, daß ſie wiederholte:„Ein Tag Arbeit?— Zwanzig kannſt Du ſagen; denn laß' ſie nur erſt den Kohltopf riechen und die Fiedel hoͤren, und ſieh', ob Du ſie dann ſobald wieder zu⸗ ruͤckbringen wirſt.“— Mordaunt's Ankunft, gerade zu dieſer gelegenen Zeit, machten ihn— der guten Sachen, die er mitbrachte, nicht zu gedenken— zu einem ſo willkommenen Gaſt, als es nur jemand an einer Thuͤr ſeyn konnte, die ſich bei allen anderen Gelegenheiten, einem jeden ſolchen verſchloß; auch freute ſich Herr Yellowley ſchon im Voraus darauf, ſeinem jungen Begleiter ſeine Verbeſſerungsplane in groͤgter Aus⸗ 42 fuͤhrlichkeit mittheilen zu koͤnnen, und das zu haben, was ihm das Schickſal ſelten gewaͤhrte— die Geſellſchaft eines ruhigen und bewundernden Zuhdrers. Da der Verwalter und ſeine Schweſter zu Pferde rei⸗ ſen wollten, ſo kam es jetzt nur darauf an, ihren Fuͤhrer und Geſellſchafter beritten zu machen. Dieß ließ ſich in einem Lande leicht bewerkſtelligen, in welchem eine fo große Anzahl rauhhaariger, langruͤckiger, kurzbeiniger Klepper frey auf den großen Mooren herumlaͤuft, welche der ge⸗ meinſame Wanideplatz fuͤr das Vieh jeder Ortſchaft ſind, wo Pferde, Gaͤnſe, Schweine, Ziegen, Schaafe und kleine ſhetlaͤndiſche Kuͤhe bunt durch einander auf die Walde ge⸗ ſchickt werden, und das oft in ſo großer Anzayl, daß ſie bei dem kaͤrglichen Pflanzenwuchſe nur ſehr ſpaͤrliche Nah⸗ rung finden. Die einzelnen Beſitzer haben allerdings ein beſtimmtes Eigenthumsrecht auf dieſe Thiere, welche von jedem derſelben mit einem beſondern Merkmal, das ihnen eingebrannt oder eingeſtochen wird, bezeichnet werden; weun indeß ein Relſender ein Pferd braucht, ſo bemaͤchtigt er ſich, ohne Weiteres, des erſten, das ihm in die Hand kommt, wirft ihm einen Strick uͤber, reitet es, ſo weit er es braucht, und laͤßt dann das Thier laufen, das ſeinen Weg, ſo gut es kann, nach Hauſe zuruͤckfinden mag,— et⸗ was, worin die Pferde einen großen Scharfſinn haben. Obgleich dieſer gemeinſame Gebrauch des Eigentnums eine der Entſetzlichkeiten war, welche der Verwalrer zu ſeiner Zeit abzuſchaffen beabſichtigte, ſo ermangelte er boch nicht, ſich unterdeſſen, als ein kluger Mann, eine ſo all⸗ gemein gewordene Sitte zu Nutz zu machen, eine Sitte, welche, wie er zugeſtand, fuͤr diejenigen eine beſonders große Beguemlichkeit hatte, die(wie es gerade jetzt bet 43 ihm der Facl war) keine eigenen Pferde beſaßen, an denen der Nachbar das Vergeltungsrecht ausuͤben konnte. Es wurden daher drei Pferde vom Huͤgel geholt, kleine zottige Thiere, mehr den wilden Baͤren als dem Pferdegeſchlecht aͤhnlich, die indeß hinlaͤngliche Staͤrke und Feuer beſaßen, und ſo viele Beſchwerden und ſchlechte Wartung ausſtehen konnten, als nur irgend Geſchoͤpfe in der Welt. Zwei von dieſen Pferden waren bereits da, und voll⸗ ſtaͤndig zur Reiſe ausgeruͤſtet. Eines davon, beſtimmt, die ſuͤße Buͤrde der Jungfrau Baby zu tragen hatte einen ge⸗ waltigen Querſattel von hohem Alterthume, eine Maſſe von Kiſſen und Polſtern, unter der, auf allen Seiten, eine von alten Teppichen gemachte Schabracke herabhieng, welche, da ſie urſpruͤnglich fuͤr ein Pferd von gewoͤhnlicher Groͤße beſtimmt geweſen, den winzigen Klepper von den Ohren bis zum Schweife und von der Schulter bis zum Hufhaar bedeckte, ſo daß nichts frei blieb, als der Kopf, der aus dieſen Umhuͤllungen ganz keck herausblickte, wie auf einem Wappen der Loͤwe aus einem Buſch. Mordaunt hob die ſchoͤne Jungfrau Yellowley, nach Ritterſitte, auf's Pferd, und ſetzte ſie, mit einiger Anſtrengung, wohlbehalten auf den Gipfel des bergartigen Sattels. Es iſt moͤglich, daß waͤhrend ſie ſich ſo aufgewartet und bedient ſah, und das lange nicht gefuͤhlte Bewußtſeyn hatte, einmal ihre beſten Kleider zu tragen, einige Gedanken in Jungfrau Vaby's Gemuͤth aufduͤmmerten, welche auf einen Augenblick die gewohnte Richtung derſelben auf Erſparniß, die taͤgliche und alleinige Beſchaͤftigung ihrer Seele, unterbrachen. Sie ließ einen Blick auf ihren verſchoſſenen Joſeph, ſo wie auf die lange Satteldecke fallen, waͤhrend ſie, zu Mordaunt gewandt, die Bemerkung machte: zu reiſen ſey doch, bei 44 ſchoͤnem Wetter und in guter Geſellſchaft, etwas ſehr An⸗ genehmes:„wenn nicht“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie einen zweiten Blick auf eine Stelle warf, wo die Stickerei et⸗ was abgenuzt und zerlumpt war:„das Reitzeug ſo ſehr dabei litte.“ Unterdeſſen hatte ihr Bruder ganz dreiſt ſein Roß be⸗ ſtiegen, und da er, ungeachtet des heitern Wetters, einen großen rothen Mantel uͤber ſeine uͤbrigen Kleidungsſtuͤcke zu werfen fuͤr gut fand, ſo war ſein Klevper ſogar noch vollſtaͤrdiger umhuͤllt, als der ſeiner Schweſter. Das Pferd war indeß von hochfahrendem und widerſpenſtigem Geiſte, ſo daß es, von Zeit zu Zeit, unter Triptolemus mit einer Lebendiakeit ſprang und courbettirte, welche ihn, ungeachtet ſeiner Abkunft aus Yorkſhire, in ſeinem Sattel nicht zu einem feſten Sitze kommen ließ; ja man konnte, da das Pferd ſelbſt nur bei ſehr genauen Unterſuchung ſichtbar wurde, in einiger Entfernung glauben, die Spruͤnge deſſel⸗ ben ſeyen die freiwilligen Bewegungen des bemantelten Reiters, die er vermittelſt ſeiner eigenen, ihm von der Natur verliehenen, Beine mache. So mußten Jedem, der Trivtolemus ſah, der Ernſt und ſelbſt die Noth, die ſich in ſeinen Geſichtszuͤgen malten, im Gegenſatz zu den lek⸗ haften Cayriolen, mit denen er am Moore hintanzte, hoͤchſt laͤcherlich vorkommen. Mordaunt hielt alſo, nach der Einfalt der Zeit und des Landes, auf dem erſten beſten Klepper ſitzend, den er ſich hatte zueignen koͤnnen, und mit keinem weiteren Reit⸗ zeuge verſehen als dem Strick mit welchem er ihn lenkte, mit dem wuͤrdigen Paare Schritt waͤhrend Herr Yellowley, der mit Vergnuͤgen ſeinen Fuͤhrer ſo ſchnell beritten ſah⸗ bei ſich beſchloß, daß dieſer rohe Gebrauch, Reiſenden zu 45⁵ Pferden zu verhelfen, ohne dabei den Eigenthuͤmer um Er⸗ laubniß zu fragen, nicht eher abgeſchafft werden ſolle, als bis er ſelbſt eine Heerde Pferde beſaͤße,— wo man alſo an ihm das Recht der Vergeltung wuͤrde ausuͤben koͤnnen. Weniger nachſichtig bewies ſich indeß Triptolemus ge⸗ gen andere Gebraͤuche oder Mißbraͤuche des Landes. Lang und ermuͤdend waren die Geſpraͤche, welche er mit Mor⸗ daunt hielt, oder, um uns richtiger auszudruͤcken, die Re⸗ den, welche dieſer mit anhoͤren mußte, und welche die Ver⸗ aͤnderungen betrafen, die ſeine Ankunft auf den Inſeln veranlaſſen ſollte. Mochte Triptolemus auch unerfahren ſeyn in den neueren Kuͤnſten, wodurch ein Gut ſo verbeſ⸗ ſert werden kann, daß es am Ende dem Eigenthuͤmer ganz durch die Finger geht, ſo vereinigte er doch in ſich den Eiſer, wenn auch nicht die Kenntniß, einer ganzen Acker⸗ baugeſellſchaft, und keiner von denen, die ihm gefolgt ſind, hat ihn je in der Hoͤhe der Anſicht uͤbertroffen, die es verſchmaͤht, den Nutzen gegen die Auslagen abzuwaͤgen, ſondern dahin geht, daß der Ruhm, eine große Veraͤnde⸗ rung im Aeußeren des Landes hervorzubringen wie die Tugend, groͤßtentheils ſich ſelbſt belohne. Es gab keinen Platz in dieſer wilden und bergigen Gegend, durch welche ihn Mordaunt fuͤhrte, die ſeiner le⸗ beadigen Einbildungskraft nicht einen Plan zur Veraͤnde⸗ rung und Verbeſſerung eingegeben haͤtte. Bald wollte er einen Weg durch jene kaum gangbare Schlucht bahnen, wo gegenwaͤrtig nur die zuverlaͤßigen Geſchoͤpfe, die ſie ritten, mit Sicherheit gehen konnten; bald wollte er an die Stelle der Skios, oder Huͤtten, von getrockneten Steinen gebaut, worin die Eingebornen ihre Fiſche einſalzten oder zubereiteten, beſſere Haͤuſer ſetzten; ſie ſollten, ſtatt des 45 Bland, gutes Ale brauen, da Waͤlder pflanzen, wo nie ein Baum wuchs, und nach ergiebigen Bergwerken ſuchen, wo man einen daͤniſchen Schilling ſchon fuͤr eine ſehr werth⸗ volle Muͤnze hielt. Alle dieſe Veraͤnderungen, ſo wie noch manche andere, wurden von dem wuͤrdigen Faktor beſchloſ⸗ ſen, der dabet, mit dem groͤßten Vertrauen, von der Un⸗ terſtuͤtzung und dem Beiſtande ſprach, den er von den hoͤhe⸗ ren Claſſen, und namentlich von Magnus Troll, erwarte. „Ich werde,“ ſagte er,„ehe wir einige Stunden aͤl⸗ ter geworden ſind, dem Manne einige meiner Anſichten mitgetheilt haben, und Ihr werdet ſehen, wie dankbar er ſich gegen den bezeugen wird, der ſeine Kenntniſſe ſo ver⸗ mehren hilft,— etwas, das weit beſſer als Reichthum iſt.“ Ich wuͤrde Euch doch nicht rathen, zu feſt auf dieſe Ausſicht zu bauen, ſagte Mordaunt warnend: Magnus Troil's Boot iſt ſchlimm zu regieren— er geht gern ſeinen eigenen Weg, den Weg, den man hier zu Lande gewohnt iſt, und ihr werdet Euer Pferd eher wie einen Seehund untertauchen lehren, als Magnus dahin bringen, eine ſchot⸗ tiſche Sitte ſtatt einer norwegiſchen anzunehmen. Und doch iſt er vielleicht, bei aller ſeiner Anhaͤnglichkeit an alte Gebraͤuche, ſo veraͤnderlich als ein Anderer in ſeiner Freund⸗ ſchaft! „Heus tu inepte!*)“ ſagte der Gelehrte von St. An⸗ drews:„anhaͤnglich oder nicht, was will das ſagen? Stehe ich nicht hier an meinem Platze, und habe ich nicht die Gewalt? Und ſoll ein Vogt— wie ſich dieſer Magnus Troil noch immer den barbariſchen Namen giebt— ſich heraus⸗ *) Alberner Menſch! 47 nehmen duͤrfen, ſich ein Urtheil anzumaßen und Gruͤnde abzuwaͤgen, mir gegenuͤber, der ich die Stelle des Kaͤm⸗ merlings der Orkney⸗ und Shetlaͤndiſchen Inſeln ver⸗ trete?“ Und dennoch, ſagte Mordaunt, wuͤrde ich Euch nicht rathen, zu raſch gegen ſeine Vorurtheile zu Felde zu ziehen. Magnus Troil hat von der Stunde ſeiner Geburt, bis zu dieſem Tage nie einen groͤßern Mann als ſich ſelbſt geſe⸗ hen; es iſt ſehr ſchwer, zum erſten Male ein altes Pferd zu zaͤumen. Ueberdieß hat er nie in ſeinem Leben Geduld gehabt, lange Auseinanderſetzungen anzuhoͤren, und es iſt daher ſehr moͤglich, daß er Eurer vorhabenden Neuerung den Krieg ankuͤndigt, ehe Ihr Zeit gehabt habt, ihn von deren Vorrheilen zu uͤberzeugen. „Wie meint Ihr das, junger Mann?“ ſagte der Ver⸗ walter:„Kann es Jemanden auf dieſen Inſeln geben, der ſo verblendet waͤre, die beklagenswerthen Maͤngel der Be⸗ wirthſchaftung derſelben nicht einzuſehen? Kann ein Menſch,“ fuͤgte er mit ſteigender Stimme hinzu,„oder ſelbſt ein Vieh, das Ding anſehen, daß ſie die Unverſchaͤmtheit ha⸗ ben, eine Kornmuͤhle zu nennen, ohne bei dem Gedanken zu beben, daß das Korn einem ſo elenden Mahlwerkzeuge überantwortet wird? Die Menſchen muͤſſen ja deren wenig⸗ ſtens fuͤnfzig in jedem Kirchſpiel haben, die alle auf ihrem erbaͤrmlichen Muhlſtein ſich forwaͤlzen, unter einem Schindel⸗ dache, das nicht dicker als ein Bienenkorb iſt,— und das ſtatt einer einzigen ſchoͤnen, ſtattlichen Muͤhle, deren Klap⸗ pern Ihr durch das ganze Land hoͤren koͤnnt, und die das Mehl zu Viertelmetzen auf einmal zum Mahlloche heraus⸗ giebt.“ Ja, ja, Bruder, ſagte ſeine Schweſter: Du ſprichſt ſo 48 1 klug, wie immer. Je mehr Koſten, deſto mehr Ehrey— die Redensart führſt du immer im Munde. Kommt es Dir denn nie in Deinen klugen Kopf, Menſch, daß jeder⸗ mann bier ſeine Handvoll Mehl mahlt, ohne ſich um Her⸗ ren⸗Muͤhlen, und Drehlinge, und Saugwerke und um al⸗ les das Zeug zu bekuͤmmern? Wie oft habe ich Dich mit dem alten Edie Happer, dem Muͤller in Gruͤndleburn, ja ſelbſt mit ſeinem Mühlknappen, uͤber Mahlgeld in und außer der Stadt, Schutzbretter, Zapfen, Knappenſchaft und alle dergleichen ſtreiten hoͤren, und nun willſt Du alles das einigen wenigen armen Leuten aufdringen, die ſich Muh⸗ len bauen, wie ſie gerade da ſind. „Sage mir nichts von Zapfen und Knappenſchaft!“ rief der Landwirth unwillig aus.„Beſſer doch, dem Muͤller das halbe Korn geben zu müſſen, und das Uebrige auf chriſtliche Art gemahlen zu bekommen, als gutes Korn in ſolch ein Kinderſpiel zu werfen. Sieh es nur einen Au⸗ genblick an, Baby Ruhig, du verwuͤnſchter Satan!“ Dieſer Ausruf galt ſeinem Klepper, der ſehr unruhig zu werden anfieng, waͤhrend ſein Reiter alle die ſchwachen Seiten einer ſhetlaͤndiſchen Muͤhle auseinanderzuſetzen be⸗ muͤht war:„ſieh ſie nur einmal an— ſie iſt um nicht viel beſſer, als eine Handmuͤhle, ſie hat weder Rad noch Dreh⸗ ling, weder Kammrad noch Trichter— ſey ruhig; mein gutes Thier— du kannſt nicht eine Taſſe voll Mehl in ei⸗ ner Viertelſtunde darauf mahlen; und das wird mehr wie Schroot fuͤr die Pferde, als wie Mehl fuͤr Menſchen aus⸗ ſehen, deswegen— ſey rubig, ſage ich dir— deswegen- deswegen— das Thier hat den Teufei im Leibe!“ Waͤhrend er dieſe letzten Worte ausſprach, bekam das Pferd, das ſchon ſeit einiger Zeit ſehr ungeduldig ſich ge⸗ baumt — ——ͤ— 49 baͤumt und courbettirt hatte, endlich den Kopf zwiſchen den Fuͤßen, warf auf einmal ſeinen Reuter in den kleinen Bach, der die ſo verachtete Maſchine trieb, wickelte ſich aus dem Mantel heraus, und eilte nun in ſeine Wildaiß zuruͤck, zornig wiehernd und alle zehn Schritte hinten ausſchla⸗ gend. Mordaunt, der uͤver den Unkall herzlich lachte, half dem alten Mann aufſtehen, waͤhrend ſeine Schweſter ihm ſpoͤttiſch Gluͤck waͤnſchte, daß er nur in einen ſeichten ſhet⸗ laͤndiſchen Bach und nicht in einen tiefen ſchottiſchen Muͤhl⸗ graben gefallen ſey. Triptolemus wuͤrdigte dieſen Spott keiner Antwort, ſondern rief, ſobald er wieder auf den Fuͤßen ſtand, ſich geſchuͤttelt und gefunden hatte, daß die Falten ſeines Mantels ihn von dem Durchnaͤßtwerden in dem ſpaͤrlichen Bache geſer ützt hatten, ganz laut aus:„Ich will Hengſte aus Lauarkſhire, Zuchtſtuten aus Ayrſhire kommen laſſen. Nicht eine von dieſen verwanſchten Miß⸗ geburten ſoll mir auf den Inſeln bleiben, ehrlichen Leuten die Haͤlſe zu brechen; ich ſage Dir, Baby, ich will das Land von ihnen reinigen.“ Du thaͤteſt beſſer daran, Deinen Mantel auszuringen, Triptolemus, antwortete Baty. Mordaunt hatte unterdeſſen ein anderes Pferd aus ee⸗ ner Heerde herausgegriffen, welche in einiger Entſernung umherltef, und, nachdem er aus zuſammengedrehten Binſen einen Strick gewunden, den erſchreckten Laudwirth auf ei⸗ nen ruhigern, obgleich nicht ſe tuͤchtigen, Klepper geſetzt, als der war, den er zuerſt geritten. Herrn Yellewsley's Fall hatte indeſſen als ein autes Niederſchlagsmittel auf ſeine Geiſter gewirkt, ſo daß er fanf ganzer Mellen lang kaum ein Wort ſagte, und ſo die Kla⸗ W. Seott's Werke. CXI. 4 50 gen und bedauernden Worte ſeiner Schweſter Baby durch⸗ aus nicht unterbrach, welche dieſe uͤber den Verluſt des al⸗ ten Zaumes(den der Klepper auf ſeiner Flucht mitgenom⸗ men, und der, nachdem er, kommenden St. Martinstag, achtzehn Jahre vorgehalten, nun als rein verloren anzu⸗ ſehen ſey) ausgehen ließ. Da ſte fand, daß ſie freies Spiel hatte, ſo hielt die alte Dale bei dieſer Gelegenheit eine Predigt uͤber die Sparſamkeit, nach ihrer Anſicht von dieſer Tugend, welche ein Syſtem von Entbehrungen in ſich zu begreifen ſchien, die, obgleich nur um Geld zu ſpa⸗ ren angeordnet, aus audern Vorwaͤnden auferlegt, in der Geſchichte eines religioͤfen Buͤßers gewiß eine bedentende Rolle geſpielt haben wuͤrden. Mordaunt unrerbrach ſie nur ſelten, da er, Burgh⸗ Weſtra immer naͤher kommend ſich mehr mit Vermuthun⸗ gen uͤber die Art ſeiner Aufnahme von zwei ſchoͤnen jun⸗ gen Frauenzimmern, als mit dem Gewäſch eines alten be⸗ ſchaͤftigte, ſo gruͤndlich dieſe es auch beweiſen mochte, daß Duͤnnbier geſunder ſey als ſtarkes Ale, und daß, wenn ihr Bruder ſich bei ſeinem Falle den Kuoͤchel durchgeſchunden habe, Schwarzwurzel und Butter beſſer waͤren, ihn zu hei⸗ len, als alle Medicin in der Welt. Die traurigen Moore, uͤber welche der Weg bis jetzt gefuͤhrt hatte, machten nun einer freundlichen Ausſicht Platz. Man ſah einen vom Meer gebildeten See, oder vielmehr einen Arm des Meeres vor ſich der weit in das Land hineinlief und von ebenen und fruchtbaren Land⸗ ſtrecken umseben war, die Getreide hervorbrachten, wie es Triptolemus Yellowley's erfahrnes Auge noch nicht au Shetland geſehen hatte. In der Mitte dieſes Joſen ſtand das Herrenhaus von Burgh⸗Weſtra, das gegen Norden 51 und Oſten durch eine Reihe mit Haldekraut bewachſener Huͤgel, welche hinter demſeiben lagen, geſchuͤtzt wurde, und von dem man eine ſchoͤne Ausſicht auf der See und das Meer ſelbſt, ſo wie auf die Inſeln und entferntern Berge hatte. Aus dem Hauſe ſelbſt ſo, wie beinahe aus jedem Bauerhauſe im benachbarten Doͤrſchen, ſtiegen ſo dicke Rauchſaͤulen auf, daß man wohl ſehen konnte, wie die Zu⸗ ruͤſtungen zu dem Feſte ſich nicht allein auf Magnus Woh⸗ nung ſelbſt beſchraͤnkten, ſondern daß die ganze Nachbar⸗ ſchaft daran T il nehme. „Wahrhaftig,“ ſagte Jungfrau Barbara Yellowley: „man ſollte denken, der ganze Ort ſtaͤnde in Flammen! Selbſt der Abhang des Huͤgels riecht nach dem Ueberfluſſe, und ein hungeriges Herz koͤnnte einen Gerſtenkuchen nicht ſchmackhafter machen, als wenn es ihn in den Rauch hielte, der aus jenen Schornſteinen aufſteigt. Viertes Kapitel. Du beſchreibſt⸗ Wie warme Freund' erkalten. Merk', Lueilius, Wenn Liev' beginnt zu kränkeln und zu ſchwinden, So nimmt erzwungy'ne Höfiichkeit ſie an. 5 Einfalt'ge Treu weiß nichts von ſchlauen Künſten⸗ Shakespeare(Julius Cöſar.) Wenn der Geruch, der aus den Schornſteinen ven Burgh⸗Weſtraz zu den därren Kugeln aufſtieg, mit denen das Wohnhaus umgeben wor, ſchon— wie Jungfrau Bar⸗ bara melute— die Hungrigen erguickt haben koͤnnte, ſo 1 4 5²2 wuͤrde der Laͤrm, welcher daraus erſchallte, Tauben ihr Gehoͤr wiedergegeben haben. Es war ein Gemiſch von al⸗ len den Lauten, die nur mit Froͤhlichkeit und heiterem Willkommen verſchwiſtert ſind. Auch war das, was dem Auge ſich darbot, nicht weniger anziehend. Man ſah hier Schaaren von Freunden anlangen,— die losgelaſſenen Klepper nach allen Seiten zu den Moo⸗ ren hinfllegend, um ſo gut als moͤglich ihre Waiden wie⸗ der zu finden, da dieß die Art war, wie man die fuͤr den Dienſt eines Tages zusgehobene Cavallerie wieder verab⸗ ſchledete. In einem kleinen, aber bequemen Hafen, der ſich bis zum Dorfe und dem Hauſe hinauzog, landeten die Beſucher von den entfernten Inſeln und der Kuͤſte, die in Booten hergekommen waren und die Seereiſe vorgezogen hatten. Da ſie oft anhielten, einander zu begruͤßen, ſo konnte Mordaunt und ſeine Begleiter eine Geſellſchaft nach der andern nach dem Hauſe zugehen ſehen, deſſen immer offene Thuͤr ſie in ſo großer Menge aufnahm, daß es bei⸗ nahe ſchien, als ſey der Raum des Hauſes, trotz des Relch⸗ thums und der Gaſtfreiheit des Beſitzers, nicht einmal groß genug fuͤr die Gaͤſte. Zwiſchen den verworrenen Toͤnen der Freude und der Bewillkommung hindurch, mit der eine jede neuankom⸗ mende Geſellſchaft empfangen wurde, glaubte Mordaunt das laute Lachen und die herzliche Begruͤßung des Hzus⸗ herrn zu vernehmen, was um ſo mehr den Zweifel bei tym auftegte, ob dieſer herzliche Empfang, der allen An⸗ dern ſo uneingeſchraͤnkt zu Theil wurde, bei dieſer Gele⸗ lt auch ſich bis auf hn erſtrecken wuͤrde. Als man im, hörte man deutlich das f Spielen und die uſtkaliſchen Ergießungen der wacker iger, welche ſchon 8 53³ ungeduldig mit ihren Bogen die Toͤne hervorlockten, mit denen ſie den Abend erheitern ſollten. Das Geſchrey der Gehuͤlfen des Kochs, und das laute Schelten des Kochs ſelbſt, konnte man ebenfalls vernehmen,— Toͤne, die zu jeder andern Zeit fuͤr Mißklaͤnge gegolten haben wuͤrden, die aber, mit andern vermiſcht und durch gewiſſe Verkin⸗ dungen, keinen unangenehmen Beſtandtheil des vollen Chores bilden, der jedesmal einem laͤndlichen Feſt vor⸗ hergeht. Waͤhrend dieſer Zeit waren unſere Gaͤſte herangekom⸗ men, Jeder ſeinen eigenen Betrachtungen hingegeben. Von denen Mordaunt's haben wir ſchon oben geſprochen. Baby war ganz in den Kummer und das Erſtaunen ver unken, welches die beſtimmte Ueberzeugung bei ihr hervorgebracht hatte, daß wirklich ſo viel Speiſe zubereitet worden, als hinlaͤnglich ſey, alle diejenigen zu ſaͤttigen, die ſie ſo laut um ſich her laͤrmen hoͤrte,— eine Ausgabe, deren Groͤße, wenn gleich ſie nichts dabei zu tragen hatte, ihre Nerven erſchuͤtterte, wie der Andlick eines Gemetzels die des gleichguͤltigſten Zuſchauers in Bewegung ſetzen wuͤrde⸗ ſo uͤberzeugt er auch von ſeiner perſoͤnlichen Sicherheit ſeyn duͤrfte. Ihr ward unwohl bei dem Anblicke einer ſolchen Verſchwendung, wie Bruce, als er die ungluͤcklichen Bar⸗ den von Gondar auf Ras Michael's Befehl in Stuͤcke hauen ſah. Was ihren Bruder betraf, ſo waren ſeine Ge⸗ danken— da ſie einmal da angekommen waren, wo die rohen und alterthuͤmlichen Werkzeuge des ſbetlaͤndiſchen Ackerbaues in der gewoͤhnlichen Verwirrung eines ſchotti⸗ ſchen Paͤchterhofes umherlagen— itt nur mit der Unvell⸗ kommenheit des einſterzigen Pfluges des Twiscar, womit man Torf ſticht, der Schlitten, worauf man allerhand Sa⸗ 54 chen herbeiſchafft, kurz, mit Allem dem beſchaͤftigt, wo⸗ durch ſich die Gewohnheiten dieſer Inſeln, von denen Schott⸗ lands unterſcheiden. Der Anblick dieſer unvollkommenen Werkzeuge brachte das Blut Triptolemus Yellowley in Be⸗ wegung, ſo wie das des kuͤhnen Kriegers zu wallen au⸗ faͤngt, wenn er die Waffen und Feldzelchen des Feindes ſiebt, mit dem er kaͤmpfen ſoll; ſeines großen Unterneh⸗ mens eingedenk, empefand er weniger den Hunger, den ſeine Reiſe bef ihm erregt hatte(obaleich dieſer bald durch ein Mittagseſſen geſtillt werden ſollte wie es ihm ſelten zu Theil wurde), als die Gewichtigkeit der Aufgabe, die er zu loͤſen unternommen hatte, die Sitten der Shetlaͤnder zu verfeinern und ihren Ackerbau zu verdeſſern. „Jacta est alea*)“ brummte er fur ſich:„dieſer Tag ſoll mir beweiſen, ob die Shetlaͤnder unſerer Anſtren⸗ gungen werth, oder ob ihre Gemuͤther eben ſo wenig des weiteren Anbaues faͤhig ſind, als ihre Torſcvere. Aber wir wollen vorſichtig zu Werke gehen, und die gelegene Zeit zur Rede abwarten. Ich fuͤhle es an mir ſelbſt, daß es beſſer iſt, den Koͤrper, in ſeinem gegenwaͤrtigen Zu⸗ ſtande, an die Sielle der Seele treten zu laſſen. Ein Biſſen von vem Roaſt⸗Beef, das ſo einladend riecht, wird zune vortrefilche Einleitung zu meinem großen Plane bil⸗ den, die Zacht der Thierart ſelbſt zu verbeſſern.“ Die Gaͤſte waren mittlerweile an der niedrigen, aber langen Vorderſeite von Magnus Troil's Hauſe angelangt, welches aus verſchiedenen Zeiten herzuſtammen ſchien, und an dem man mehrere große, ſchlecht angelegte Nebenbaue angebracht hatte, je nachdem die Ausdehnung des Gutes⸗ — ») Der Würfel iſt geworfen! oder die Vereroͤßerung der Familie des Eigenthümers ſelbſt, dieſe zu erferdern geſchienen hatten. Unfer einem niedrigen, aber breiten und großen gewoͤlbten Vorbau, der von zwei gewaltigen hoͤlzernen, mit Schnitzwerk verzierten Pfetlern getragen wurde, die einſt die Hauptverzierungen zweier an der Kuͤſte geſtrandeten Schiffe geweſen waren, ſtand Masnns ſelbſt, die zahlreichen Gaͤſte, welche nach und nach ankamen, zu empfangen und zu bewillkkommen. Seine große, ſtattliche Geſtalt paßte ſehr wohl zu dem Anzuge, den er trug: einen blauen Rock von altvaͤteriſchem Sanltt, mit Scharlach gefuͤttert, und mit geldenen Treſſen auf den Naͤthen, an den Knooflöchern und an den großen Aufſchlaͤ⸗ gen beſetzt. Ein maͤnnliches Geſicht, welches durch haͤu⸗ figen Aufenthalt in freier Luft bei ſtrengem Wetter de⸗ roͤthet und gebraͤunt war; ein ehrwuͤrdiges Silberhaar; welches in reichlicher Fuͤlle unter ſeinem mit goldenen Treſ⸗ ſen beſetzten Hut vervorwallte, und hinten ganz leicht durch ein Band zuſammengehalten wurde, deuteten ſein vorge⸗ ruͤcktes Aiter, ſeine heftige, aber wohlgeſinnte Gemuͤthsart und ſeine kernhafte Geſundheit an. Als unſere Reiſenden ſich ihm nahten, ſchien eine leiſe Wolke des Mißvergnuͤ⸗ gens uͤber ſeine Stirn zu fliegen, und auf einen Augenblick den aue Htigen und berzlichen Erguß der Froͤhlichfeit zu hemmen, mit welchem er alle fruͤheren Ankommenden be⸗ gruͤßt hatte. Als er ſich dem Triptolemus Yelowiey nä⸗ herte, richtete er ſich noch einmal ſo gerade auf, um, wie es ſchien, in das Willkommen des freiherzigen und gaſt⸗ freundlichen Wirthes auch etwas von der ſtattlichen Ge⸗ wichtigkeit des reichen Udallers zu legen. „Ihr ſeyd willkommen, Herr Yellowley,“ redete er den Verwalter an:„Ihr ſeyd willkommen in Weſtra. 2 als wir koͤnnen. Dieß, glaube ich, iſt Euere Schweſter— Jungfrau Barbara Yellowley, vergoͤnnt mir die Gunſt ei⸗ nes nachbarlichen Grußes.“ Und mit dieſen Worten nahm er ſich, mit einer dreiſten, eigenmaͤchtigen Hoͤflichkeit, die man in unſern ausgearteten Tagen vergeblich ſuchen wuͤrde, die Freiheit, einen Kuß auf die verwelkte Wange der Jungfrau zu druͤcken, welche ihre gewohnte Graͤmlichkeit ſo weit verlaͤngerte, daß ſie die Hoͤflichkeitsbezeugung mit ek⸗ nem Ausdrucke hinnahm, der an ein Laͤcheln graͤnzte. Hier⸗ auf blickte er Mordaunt Mertoun ſtarr an, und ſagte, ohne ihm jedoch die Hand zu bieten in einem Tone, der eine unterdruͤckte Bewegung verrieth:„auch Ihr ſeyd willkom⸗ men Junker Mordaunt.“ Slaubte ich dieß nicht, ſagte Mordaunt, der ſich durch die Kaͤlte in dem Betragen des Wirthes beleidigt fuͤhlte: ſo wuͤrde ich nicht hieher gekommen ſeyn; indeß iſt es noch nicht zu ſpaͤt, wieder umzukehren. „Junger Mann,“ erwfederte Magnus:„Ihr wißt beſſer als Alle, daß aus dieſem Hauſe niemand wieder weggehen kann, ohne den Eigenthuͤmer deſſelben zu belek⸗ digen. Ich ditte nur, ſtoͤrt die Froͤhlichkeit meiner Gaͤſte nicht durch Euere unzeitige Empfindlichkett. Wenn Magnus Troil willkommen ruft, ſo ſind alle diejenige willkom⸗ men, welche den Ton ſeiner Stimme vernehmen, und dieſe iſt ziemlich laut. Kommt herein, meine wertben Gaͤſte, und laßt uns ſehen, wie meine Damen im Hauſe uns empfangen werden.“ Miit dieſen Worten und indem er die Bewillkommung ſo allgemein zu machen ſuchte, daß Mordaunt ſie nicht be⸗ — Der Wind hat Euch an eine raube Kuͤſte verſchlagen, und wir, die Eingebornen, muͤſſen ſo freundlich gegen Euch ſeyn, 52 ſonders auf ſich beziehen, noch ſich davon ausgeſchloſſen fuͤhlen konnte, fuͤhrte der Udaller die Gaͤſte in ſein Haus, wo zwei große Vorzimmer, welche hier die Stelle eines neueren Salon vertreten mußten, bereits mit Gaͤſten al⸗ ler Art angefüllt waren.. Die Moͤbel waren ſehr einfach, und trugen das Ge⸗ praͤge der Eigenthuͤmlichkeit dieſer ſtuͤrmiſchen Inſeln. Magnus Troll war, wie die Meiſten aus der hoͤheren Klaſſe der ſhetlaͤudiſchen Grundbeſitzer, ein Freund der be⸗ draͤngten Reiſenden, zu Waſſer oder zu Lande, und hatte wiederholentlich ſein ganzes Anſehn aufgeboten, die Per⸗ ſon und das Eigenthum verungluͤckter Seeleute zu ſchuͤ⸗ tzen; allein die Schiffbruͤche waren auf dieſer furchtbaren Kuſte ſo haͤufig, und es wurden fortdauernd ſo viel her⸗ renloſe Sachen an das Ufer getreieben, daß das Innere des Hauſes Beweiſe genug von den Verwuͤſtungen des Meeres und von der Ausuͤbung der Rechte aufweiſen konnte, welche die Advocaten Flotsome und Jetsome uen⸗ nen. Die Stuͤhle, welche an den Waͤnden hin ſtanden, waren von der Art, wie man ſie gewoͤynlich in den Kajuͤ⸗ ten ſieht, und mehrere davon von freider Arbeit. Die Spiegel und Schraͤnke, welche zur Zierde voer Bequemlich⸗ keit angebracht waren und da ſtanden, waren, wie man an ihrer Geſtalt ſehen konnte, oſſenbar zum Schiffsgebrauch angefertigt, und einer oder zwei der letztern von fremdem und unbekanntem Holze. Selbſt die Scheidewand, welche die beiden Zimmer trennte, ſchien aus der Schiffswand eines großen Fahrzeuges gemacht und zu dem Behufe, wozu es jetzt dienen mußte, von einem eingebornen Tiſch⸗ ler ganz plump zugerichtet zu ſeyn. In den Augen eines Fremden wuͤrden dieſe augenſcheinlichen Denk⸗ und Kenn⸗ zeichen des menſchlichen Elends einem ſtarken Gegenſatz geges den Schauplatz der Freude, den ſie jetzt veszieren helfen mußten, gebildet haben; die Eingebornen waren aber mit dieſer Verbindung ſchon ſo vertraut, daß der Aa⸗ blick auch nicht einen Augenblick den Taumel ihrer Freude ſtoͤrte. Fuͤr den juͤngeren Tbell der froͤhlichen Geſellſchaft war Mordaunt's Erſcheinung eine neue Veranlaßung zur Luſt. Alle verſammelten ſich um ihn, ihre Verwunderung uͤder ſeine lange Abweſenheit zu hezeigen und ihre weederbolten Fragen ließen deutlich ſchließen, daß ſie uͤberzeugt waͤren, ſie ſey von ſeiner Seite freiwillig geweſen. Der Juͤngling fuͤhlte bei ſich, daß dieſe allgemeine Annahme ſeine Be⸗ ſorgniß wenigſtens uͤber einen peinlichen Punkt mildere. Welche Vorurtheile auch die Familie von Burgh⸗Weßra gegen ihn eingeſogen haben mochte, ſo mußten ſich dieſe auf einen beſonderen Fall beziehen, und ſo hatte er wentz⸗ ſtens nicht den Kummer, zu ſehen, daß er uͤderhaupt in den Augen der Geſellſchaft von ſeinem Werth verloren habe, und ſeine Rechtfertigung brauchte, wenn er deren kedurfte, ſich nur auf den Kreis der Familie zu beſchräͤa⸗ ken. Dieß war ein Troſt, obgleich ſein Herz immer noch aͤngſtlich bei dem Gedanken ſchlug, ſeinen ihm entfremde⸗ ten, aber immer noch herzlich geliedten Freundinnen ge⸗ genuͤber zu ſtehen. Nachdem er ſeine Abweſenheit mit dem Geſundheitszuſtande ſeines Vaters entſchuldigt, bahnte er ſich einen Weg durch die verſchiedenen Gruppen voen Freunden und Gaͤſten, von denen jeder ihn ſo lange als moͤglich feſthalten zu wollen ſchien, und nachdem er ſich von ſeinen Relſegefaͤhrten, die Anfangs wie Kletten an ihm hingen, dadurch losgemacht, daß er ſie einer oder zwei Fa⸗ mklien von Bedeutung vorſtellte, erreicte er am Ende die Thuͤr eines kleinen Zimmers, in welches mas aus elnem der größeren oben erwaͤhnten trat, und das Minna and Breuds nach ihrem eigenen Geſchmack vatten einrichten und als ißr beſonderes Eigenthum betrachten duͤrfen. Mordaunt hatte nicht wenig Antheil an der Erfindung und Ausfuhrung der Verzierungen dietes Lieblinsszimmers, und es hatte, waͤhrend ſeines letzten Aufenthalts in Burzh⸗ Weſtra, ihm eben ſo offen geſtanden, wie ſeinen eigenen Bewohnerinnen. Jetzt aber hatten ſich die Zeiten ſo ge⸗ aͤndert, daß ſein Finger auf der Klinke ruhte, ungewiß, ob er ihn aufdräcken ſolle oder nicht, bis Brenda's Stimme die Worte:„nun, herein!“ in einem Tone ausſyrach, wie Jemand, der von einem unangenehmen Beſuche unterbro⸗ chen wird, deſſen er ſich ſobald als möͤglich wieder entledi⸗ gen will. Auf dieſes Zeichen trat Mertoun in das fantaſtiſche Cabinet der Schweſtern, welches durch Hinzufuͤgung man⸗ cher Verzierungen, einige Gegenſtände von bedeutendem Werthe eingeſchloſſen, zur bevorſtebvenden Feier ausge⸗ ſchmuͤckt worden war. Magnus Toͤchter ſaßen, als Mor⸗ daunt eintrat, in tiefer Berathung mit dem Fremden Cle⸗ veland und mit einem kleigen behenden alten Manne, deſ⸗ ſen Auge noch die ganze Lebendigkeit des Geiſtes verrieth, die ihn in den rauſend Schicſelen eines ſehr wechſelvollen und ſchwankenden Lebens aufrecht erhalten hatre, und die, ſeine trene Begleiterinn im boyen Alter, ſein graues Haar vielleicht weniger ehrfurchtgebietend, aber nicht weniger an⸗ ziehend machte, als dieß bei einem ernſteren und weniger einbildungsreichen Ausdruck des Geſichts und Zuſchnitt des Gemuͤths, der Fall geweſen ſeyn wuͤrde. Es lag ſogar eine gewiſſe durchdringende Schlauheit in dem neugierigen Blick, mit dem er, waͤhrend er einen Angenblick auf die Seite trat, das Zuſammentreffen Mordaunt's mit den bei⸗ den lieblichen Schweſtern zu beobachten ſchien. Der Empfang des Jaͤnglings war im Allgemeinen dem aͤhnlich, der ihm von Magnus ſelbſt zu Theil geworden war; allein die Maͤdchen konnten das Gefuͤhl der ver⸗ aͤnderten Umſtaͤnde, unter denen ſie einander wiederſahen, nicht ſo gut verbergen. Belde erroͤtheten, als ſie aufſtan⸗ den, und Mordaunt— ohne die Hand auszuſtrecken, ge⸗ ſchweige denn die Wange hinzureichen, wie die Sitte der Zeit geſtattete, ja beinahe foderte— ſo begruͤßten, wie man dieß bei einem gewoͤhnlichen Vekannten zu thun pflegt. Das Erroͤthen der aͤlteren Schweſter war eines der unmerklichen Anzeichen fluͤchtiger Bewegung, die ſo ſchnell wieder verſchwinden, wie der voruͤbergehende Ge⸗ danke, der ſie verurſacht. Nach einem Augenblicke ſtand ſie wieder vor Mordaunt ruhig und kalt, und erwiederte mit deſonnener zuruͤckhaltender Hoͤflichkeit die gewoͤhnliche Artigkeit, die mit bebender Stimme Mordaunt ihr zu ſa⸗ gen verſuchte. Brenda's Bewegung dagegen ſchien, wenig⸗ ſtens den aͤußern Kennzeichen nach, tiefer zu ſeyn und mehr Erſchuͤtterung zu verrathen. Eine dunklere Roͤrhe uͤberflog ihre Haut, wo nur ihr Anzug ſie ſichtbar werden ließ, ihren ſchlanken Hals und den oberen Theil ihres ſchoͤn geformten Buſens. Auch verſuchte ſie es nicht, den Theil des verwirrten Kompliments zu beantworten, den Mordaunt beſonders au ſie richtete, ſondern betrachtete ihn mit Augen, aus denen Mißvergnuͤgen, mit dem Ge⸗ fuͤhle des Bedauerns und der Erinnerung an fruͤhere Zei⸗ ten gemiſcht, ſprach. Mordaunt fuͤhlte beinahe im Augen⸗ — ₰* 61 blicke, daß Minna's Achtung fuͤr ihn verleren ſey, daß es ihm aber noch moͤglich ſeyn doͤrfte, die der mildergeſinnten Brenda wieder zu erlangen, und ſo ſonderbar iſt die Rich⸗ tung des menſchlichen Geiſtes, daß fuͤr ihn— der bisher nie einen beſtimmten Unterſchied zwiſchen dieſen ſchoͤnen und anziehenden Maͤdchen in ſeinem Herzen gemacht hatte — die Gunſt derjenigen, welche er am erntſchiedenſten ein⸗ gebuͤßt zu haben ſchien, in dieſem Augenblicke das Wuͤn⸗ ſcheuswerthere wurde. In dieſen augenblicklichen Betrachtungen ſtoͤrte ihn Cleveland, der mit ſoldatiſcher Ungezwungenheit auf ihn zukam, ſeinen Lebensretter zu bewillkommen, und der da⸗ mit gerabe nur ſo lange gewartet hatte, als noͤthig war, die gewoͤhnlichen Begruͤßungen zwiſchen dem Eintretenden und den Damen des Hanſes ſtatt finden zu laſſen. Er naͤherte ſich indeß mit ſo guter Art, daß es Mordaunt— obgleich er den kaͤltern Empfang, der ihm auf Burgh⸗Weſtra geworden, von der Ankunft dieſes Fremden und von ſei⸗ nem Aufenthalt in der Familie herſchreiben zu muͤſſen glaubte— unmoͤglich war, ſein Entgegenkommen anders als mit Höflichkeit zu erwiedern, ſeinen Dank mit der diene der Zufriedenhelt anzunehmen, und zu aͤußern, er hoffe, daß ihm die Zeit ſeit ihrem letzten Zuſammentreffen angenehm vergangen ſey. Cteveland war im Begriff zu antworten, als ihm der kleine alte Mann zuvorkam, deſſen wir oben gedacht ha⸗ ben, und der jetzt auf einmal naͤher trat, Mordaunt bei der Hand nahm, ihn auf die Stirn kuͤßte und, zu gleicher Zeit fragend und antwortend, ſagte:„wie die Zelt in Burgh⸗Weſtta vergehe? Fragſt Du das, mein Fuͤrſt der Klippen und Felſen? Wie ſollte ſie anders vergehen, als 62 auf den Fluͤgeln, die Schoͤaheit und Freube ihr leihen, ih⸗ ren Flug zu beſchlennigen!“ 4 Und Witz und Geſang ebenfalls, mein guter alter Freund— ſagte Mordaant, halb ernſthaft, halb im Scherz, waͤhrend er den alten Mann herzlich bei der Hand nahm — die koͤnnen da nicht fehlen, wo Claudius Halcro iſt! „Spotte nicht, mein lieber Geſell,“ erwiederte der Alte:„wenn Dein Fußs erſt ſo traͤg als der meine, Dein Witz ſo matt, Deine Kehle ſo verſtimmt ſeyn wird...“ Wie koͤnnt Ihr Euch ſelbſt nur ſo Unrecht thun, mein guter Meiſter?— antwortete Mordaunt, der ſeines alten Freundes Eigenthuͤmlichkeiten dazu benutzen wollte, etwas, das einer Unterhaltung gliche, anzuknuͤpfen, um dem Ge⸗ ſpannten dieſer ſeltſamen Zuſammenkunſt ein Ende zu ma⸗ chen und Zeir zur Beobachtung zu gewinnen, ehe er eine Erklaͤrung der Veraͤnderung im Betragen der Familie gegen ihn forderte.— Saget nicht ſo, fuhr er fort: die Zelt legt, mein guter Freund, nur leiſe ihre Hand auf die Barden. Habe ich Euch nicht oͤfter ſagen hoͤren, daß der Dichter die Unſterblichkeit des Geſanges theile? Der große engliſche Dicter, von dem Ihr uns ſonſt erzaͤhltet, war doch gewlß aͤlter denn Ihr, als er unter allen den ſchoͤnen Geiſtern von London glaͤnzte. Dieß bezog ſich auf eine Geſch'ichte, welche, wie die Franzoſen ſagen, Halcro's cheval de bataille war, ſo daß die leiſeſte ſpielung darauf ihn in den Sattel ſeines Sreckenpferdes hob, und dieſes in volle Bewegung ſetzte. Sein lachenbes Auge gluͤhte von einer Begeiſterung, welche gewoͤrnliche Leute naͤrriſch genannt haben wuͤrden, während er ſich über den Gegenſtand ergoß, von dem er am liebgten redete.„Ach! mein theuerer Mordaunt Wier⸗ 63 toun, Silber iſt Silber, und wird niccht blind durch den Gebrauch, waͤhrend Zinn, Zenn bleibt, und je laͤnger, de⸗ ſto ſchwaͤrzer wird; der arme El udius Halcro darf nicht von ſeinen Jahren neben denen des unſterbiichen John Dryden reden. Es iſt wahr, wie ich Euch wohl ſchon er⸗ zaͤhlt haben mag, deß ich dieſen großen Mann geſehen habe, ja, ich bin ſogar in dem Kaffeehauſe der ſchoͤnen großen Geiſter, wie man es damals nannte, geweſen, und habe elnſt eine Priſe aus ſeiner eigenen Schnupftabacks⸗ doſe genommen. Ich habe Euch das alles ſchon erzaͤhlt, aber Capitain Cleveland hat es noch nicht gehoͤrt: Ich wohnte, muͤßt Ihr wiſſen, in Ruſſel⸗Street: Ihr wißt doch, Ruſſel⸗Street Coventgarden, Capitain Cleveland?“ Ich glaube, daß ich die Breite, unter welcher die Straße liegt, ziemlich genau kenne, ſaate der Capitain laͤ⸗ chelnd: aber ich glaube, Ihr babt uns das geſtern ſchon auseinandergeſetzt, und außerdem haben wir heute alle Haͤu⸗ de voll zu thun; Jor mußt uns das Lied noch einmal vor⸗ ſpielen, das wir einſtudiren ſollen. „Das koͤnnen wir jetzt nicht mehr brauchen,“ ſagte Halcro:„wir muſſen jetzt auf etwas denken, wobei unſer lieber Mordaunt zu thun hat, er, der erſte Saͤnger auf der Inſel! Sey es nun im Cbor oder allein, ich ruͤhre den Bogen nicht an, wenn Mordaunt nicht dabei iſt. Und was ſagſt du Du, meire ſchoͤnſte Nacht? und was denkſt Du, meine ſuͤße Tagesvaͤmmerung?“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich an die jungen Frauenzimmer wandte, denen er, wie wir ſchon anderwaͤrts geiagt baben, ſchon vor langer Zeit zchen Namen gegeben haite. ttoun, fagte Minna, iſt zu ſpaͤt gekommen, um bei dieſer Geiegenheit, an unſerm Cror Hefr 64 Theil zu nehmen; es iſt ein Ungluͤck fuͤr uns, aber es laͤßt ſich nun nicht anders machen. „Wie? Was?“ ſagte Halcro haſtig:„Zu ſpaͤt, und Ihr habt Euer ganzes Leben lang mit einander Mußtk ge⸗ macht? Glaudt mir, meine guten Kinder, alte Weiſen ſind die augenehmſten, und alte Freunde die zuverlaͤßigſten.“ Herr Cieveland hat einen ſchoͤnen ihm laſſen, aber die ſchoͤnſte Wirlung macht es doch, en Ihr eine von den zwanzig haͤbſchen Arlen ſingt, die J ſingen könnt, wo Mordaunt's Tenor ſich ſo angenehm 8 Eueren elgenen Zaubeeſtimmen vereinigt. Mein lieblicher Tag hier billigt gewiß im Herzen die Veraͤnderung⸗““ Ihr waret nie mehr im Irrthum, Vater Halcro, ſagte Brenda, indem ſich ihre Wangen abermals, und wie es ſchien, mehr aus Unwillen, als vor Schaam, rötheten. „Aber, was iſt Sonn das?“ ſagte der alte Mann, in⸗ dem er ploͤtzlich inse hielt, und Beide abwechſelnd auſah. „Was giebt es denn hier? Eine bewoͤlkte Nact, und ei⸗ nen feuerrothen Morgen? Das dentet auf ungeſtuͤmes Wet⸗ ter! Was ſoll denn das alles heiden, Ihr jungen Frauen⸗ zimmer? Wer hat denn das Aergerniß gegeben?— ich furchte am Ende ich ſelbſt, denn den Alten wird immer die Schuld in die Schuh geſchoben, wenn junge Leute, wie Ihr, Luſt haben, ſich mit einander zu zanken.“ Ihr habt nicht Schuld, Vater Halcro, ſagte Minna, indem ſie aufſtand, und ihre Schweſter beim Arme nahm, wenn in der That an irgend etwas die Schuld liegt. So fuͤrchte ich beinahe, Minna, ſagte Mordaunt, in⸗ dem er den Ton des leichten Scherzes anzunehmen ſuchte: „daß der neue Ankoͤmmling das Aergerniß rach Wenn Baß, das muß man 65 „Wenn man kein Aergerniß nimmt,“ ſagte Minna, mit ihrem gewoͤhnlichen Ernſt:„ſo fragt ſich's auch nicht, wer es zegeben hat.“ „Iſt es moͤglich, Minna!“ rief Mordaunt aus:„Du kannſt ſo mit mir reden? Und kannſt auch Du, Brenda, ſo hart uͤber mich urtheilen, ohne mir nur einen Augen⸗ blick zu einer geraden und offenen Rechtfertigung zu goͤn⸗ nen?“ „Die es am beſten wiſſen muͤſſen,“ antwortete Bren⸗ da mit gedaͤmp ter Stimme, aber entſchirden,„haben uns beſohlen, und ihrem Befehle muͤſſen wir gehorchen. Schwe⸗ ſter, ich denke, wir ſind ſchon zu lange hier geblieben, und werden anderswo vermißt werden. Herr Mertoun wird uns an einem ſo beſchaͤftigten Tage wohl enkrchuldigen.“ Die Schweſtern verſchraͤukten ihre Arme ineinander. Halcro verfuchte es vergebens, ſie zuruͤckzuhalten, machte endlich eine theatraliſche Gebaͤrde und ſagte: Nun Tag und Nacht, das iſt doch wunderſeltſam: wandte ſich dann an Mordaunt Mertoun, und fuͤgte hinzu: „Die Maͤdchen haben den Geiſt der Veraͤnderlichkeit in ſich, und zeigen, wie unſer Meiſter Spenſer ſehr wohl ſag⸗ te, daß Bey allen lebenden Geſchöpfen, mehr oder weniger, waltet Veränderung und behaupret die Oberhand. Cavltain Cleveland, erinnert Ihr Euch auf irgend etwas, das dieſe jugendlichen Grszien verſtimmt haben konnte?“ „Der wird gewiß ſeine Rechnung nicht finden,“ aut⸗ wortete Cleveland:„der ſeine Zeit mit der Unterſu dung verliert, warum der Wind von einem Strich zum an eru⸗ laͤuft, oder warum eine Frau iyren Sinn veraͤndert. Wa⸗ W. Sestr's Werke. CXI. 9 re ich an Herrn Mordaunt's Stelle, ich wuͤrde die hochmuͤ⸗ thigen Perſonen wahrhaftig nicht noch einmal ſo etwas fragen.“ „Das iſt ein freundſchaftlicher Rath, Capitain Cleve⸗ land,“ erwiederte Mordaunt:„und ich halte ihn darum nicht weniger werth, daß er mir ungefragt ertheilt worden iſt. Erlaubt mir aber die Frage, ob Ihr ſelbſt ſo gleich⸗ gultig gegen die Meinung Eurer Freundinnen ſeyd, als ich es ſeyn ſoll?“. „Wer, ich?“ ſagte der Capitain, mit dem Tone der unbefangenen Gleichguͤltigkeit.„Ich denke nie zweimal uͤber einen ſolchen Gegenſtand nach; ich habe noch kein Frauenzimmer geſehen, das werth geweſen waͤre, daran zu denken, nachdem der Anker erſt auf und nieder iſt. Am Lande iſt das etwas Anderes, und ich werde mit zwanzig Maͤdchen lachen, ſiagen, tanzen und liebeln, wenn ſie wol⸗ len, und waͤren ſie auch nur halb ſo huͤbſch als die, welche uns ſo eben verlaſſen haben, und mir nichts daraus ma⸗ chen, wenn ſie ſo ſchnell, wie des Bootsmanns Pfeife toͤnt, ihren Cours aͤndern. Ich wette mit ihnen, ich ſeze ſo ſchnell um, als ſie.“. Ein Patient findet ſelten an ſolchem Troſt Gefallen, welcher ſich darauf gruͤndet, daß man das Uebel, uͤber wel⸗ ches er ſich beklaat, fuͤr ganz unbedeutend haͤlt. Mordaunt hatte Luſt, es dem Capitain uͤbel zu nehmen, daß er ſeine Verlegenheit bemerkte, und ſeine Anſicht ihm aufdringen wollte, weswegen er ihm auch etwas ſpitzig erwiederte: daß Capitain Clevelands Meinung ſich nur fur diejenigen paſſe, welche die Kunſt beſaͤßen, ſich uͤberall beltebt zu ma⸗ chen, wohin der Zufall ſie auch verſchluͤge, und welche an einem Orte rrhig verlieren koͤnnten, well ſie ſicher waren, 2 — ͤ——— 4 V 8 u E—8——— 67 daß ihr Verdienſt ſie an einem andern wieder gewinnen laſſen werde. 3 Dieß war Spott, allein, die Wahrheit zu geſtehen, verrieth der Mann, dem er galt, eine große Weltkenntniß, ſo wie weuigſtens ein Bewuztſeyn ſeines aͤußeren Verdien⸗ ſtes, das ſetn Dazwiſchentreten doppelt unangenehm machte. Es lag, wie Sir Lucius O'Trigger ſagt, eine gewiſſe Art von Siegesduͤnkel in dem Capitain Cleveland, der unge⸗ mein aͤrgerlich war. Jung, huͤbſch und keck, kleidete ihn das Anſehn ſeemaͤnniſcher Geradhelt ungemein gut, und ſchickte ſich vielleicht beſonders wohl zu den einfachen Sit⸗ ten des abzelegenen Landes, in dem er ſich befand, und wo⸗ ſelbſt in den beſten Familten, eine gewiſſe Feinhelt ſeine Unterhaltung ungleich weniger anziehend gemacht haben duͤrfte. Er begnuͤgte ſich in dem vorliegenden Falle, gut⸗ muͤthig uͤber die ſichtbare Verſtimmung Mordaunt's zu laͤ⸗ cheln, und erwiederte:„Ihr ſeyd boͤſe auf mich, mein gu⸗ ter Freund, aber Ihr werdet es nicht dahin bringen, daß ich wieder boͤſe auf Euch werde. Die ſchoͤnen Haͤnde all der huͤbſchen Frauen, die ich in meinem Leben geſehen ha⸗ be, wuͤrden mich nicht aus dem Ruſt von Sumburgh her⸗ ausgeſiſcht haben. Zankt alſo nicht mit mir, denn Herr Halcro iſt mein Zeuge, daß ich Flagge und Marsſegel ge⸗ ſtrichen habe, und wenn Ihr mir auch eine volle Lage ge⸗ ben ſolltet, keinen einzigen Schuß zuruͤckgeben kann.“ „Ja, ja,“ ſagte Halcro:„Du mußt Dich mit Capitain Cleveland ausſoͤhnen, Mordaunt. Man muß ſich nie der Grillen eines Welbes wegen mit einem Freunde verunei⸗ nigen. Und wenn ſie immer eine Laune haͤtten, wie Teu⸗ fel koͤnnten wir denn ſo viele Lleder auf ſie machen? Selbſt der alte Dryden, der herrliche aite John, wuͤrde nur we⸗ nig üͤber ein Maͤdchen haben ſagen koͤnnen, das immer Fi⸗ . 68 nes Geiſtes iſt, ſo wenig als man Verſe auf einen Mühl⸗ graben machen kann. Flurben und Stroͤmungen, und Wo⸗ gen und Strudel, die kommen und gehn, die fließen und ſtehn(wahrhaftig, ich fange ſchon an zu reimen, wenn ich nur an ſie denke): die einen Tag lächeln, den naͤchſten wuͤ⸗ then, die ſchmeicheln uad verzehren, uns ergotzen und zu Grunde richten— die ſind es, welche der Dichtkunſt das wahre Leben geben. Habt Ihr nie mein Lebewobl an das Maͤdchen von Northmaven gehoͤrt, die arme Bet Stimbi⸗ ſter, die ich, des beſſern Klanges willen, Mary nenre, ſo wie mich ſelbſt Hacon, nach meinem großen Vorfahr, Hacon Goldemund, der mit Harold Harfager auf die Juſel kam, und ſein erſter Barde war.— Nun aber wa blieb ich deun — ja ſo, die arme Bet Stimbiſter, und einige Schulden waren die Urſach, dasß ich die Inſeln von Hiaitland(der beſſere Namen fuͤr Shetland oder ſelbſt Zetland) verließ und in die weite Welt gieng. Ich habe manchen Stoß ba⸗ rin bekommen, ich habe mich durchſchlagen muͤſſen, Capi⸗ tain, wie ein Menſch nur thun kann, der einen leichten Kopf, leichten Beutel, und ein eben ſo leichtes Herz hat, habe mir einen Wen gebahnt, und dafur bezahlt— bis heißt, eutweder mit Geld, oder mit Witz— habe Koͤnige wechſeln und abſetzen ſehen, wie man einen Paͤchter vom Pacht treibt; kannte alle die ſchoͤnen Geiſter des Zeitalters, vorzuͤglich den herrlichen John Dryden(wo iſt einer auf der Iuſel, der das ungelogen ſagen koͤnnte!) ich habe eine Priſe aus ſeiner Tabacksdoſe genommen— ich will Euch erzaͤhlen, wie ich zu dieſem Gluͤcke kam.“ 8 „Aber das Lied, Herr Halcro,““ ſagte Capltain Cleve⸗ land.. 69 „Das Lied?“ antwortete Halero, indem er den Capi⸗ tain bey dem Kuopfe feſthielt, denn er war ſchon zu ſehr daran gewoͤhnt, daß ſeine Zuhoͤrer ihm waͤhrend ſeiner Er⸗ zaͤhlungen wegliefen, um ſich nicht aller Mittel zu bedie⸗ nen, ſie baran zu verhindern.„Das Lied? Nun ich gab davon und von funfzehn andern dem unſterblichen John ei⸗ ne Abſchrift. Ihr ſollt es hoͤren— Ihr ſollt ſie alle hoͤ⸗ ren, wernn Ihr nur einen Augenblick ſtille ſteben wollt, und Du ebenfalls, lieber Junge, Mordaunt Mertoun, aus deſ⸗ ſen Munde ich beinahe ſeit ſechs Monaten kein Wort ge⸗ hoͤrt habe— und Du willſt mir auch weglaufen?“ Und indem er ſo ſprach, hielt er ihn mit der andern Hand feſt. „Nun,“ ſagte der Seemann:„jetzt hot er uns Beide ins Schlepptau genommen, nun muͤffen wir ihn ſchon aus⸗ hoͤren, wenn er gleich einen ſo zaͤhen Faden ſpinnt, als ein alter Matroſe von einem Kriegsſchiffe, wenn er um Mitternacht auf der Wache iſt.“ „Aber nun ſeyd auch ruhig, ſeyd rubig, und laßt Ei⸗ nen allein reden“ ſagte der Dichter gebiereriſch, waͤhrend Cleveland und Mordaunt, einauder mit einem komiſchen Ausdrocke von Exgebung in ihr Geſchick anblickend, in De⸗ muth die wohlbekannte und unvermeidliche Erzaͤhlung er⸗ warteten.„Ich werde es Euch haarklein erklaͤren,“ fuhr Halcro fort.„Ich wurde in der Welt umhergeworfen, wie andere junge Leute, und fieng bald dieß, bald jeues an, mein Brod zu verdienen, denn Gott ſev's gedankt, ich dennt Geſchick zu allem; aber ich liebte dabey die Muſen ſo ſehr, als ob die undanlbaren Dirnen mich, wie ſo man⸗ ce andere Dummtkoͤpfe, nur in einer Kutſche mit ſechs Pferden geſehen haͤtten. Ich hielt es indeß aus, ſo gut lch nnte. bis mein Vetter, der alte Lorenz Linkeutter, ſtarb, 70 und mir dort ſo ein Inſelchen hinterließ— obgleich, bei⸗ laͤufig geſagt, Cultmalindie naͤher mit ihm verwandt war, als ich, aber Lorenz hatte gern geſcheute Leute, wenn er auch ſelbſt nicht beſonders geſcheut war— nun, er hinter⸗ ließ mir das kleine Biüchen Inſel, es iſt ſo duͤrre, wie der Parnas ſelbſt. Nun wohl, ich habe einen Dreyer auszuge⸗ ben, elnen Dreyer in der Boͤrſe, einen Dreyer fuͤr die Ar⸗ men— ja und ein Bett und eine Flaſche fur einen Freund, wie Ihr ſehen werdet, Kinder, wenn Ihr, nach der Luſt⸗ barkeit hier, zu mir kommen wollt. Doch, wo blieb ich in meiner Geſchichte ſtehen?“ „Vor dem Hafen, hoffe ich,“ antwortete Cleveland. Aber Halcro war ein zu eifriger Erzaͤhler, ſich ſelbſt durch den handgreiflichſten Wink unterbrechen zu laſſen. „Ja, ja,“ ſieng er wieder an, mit der ſelbſtzufriedenen Miene eines Mannes, welcher dea Faden ſeiner Geſchichte wieder gefunden hat:„ich war in meiner alten Wohnung in Ruſſel Street bey dem alten Timothens Thimblethwaite, dem Meiſter Kleidermacher, der damals fur den beſten in der Stadt galt. Er arbeitete fuͤr alle ſchoͤnen Geiſter und daneben fuͤr die reichen Dummkoͤpfe, und ließ die Einen fuͤr die Anderen bezahlen. Er verſagte nie einem geiſirei⸗ chen Manne Credit, wenn es nicht etwa aus Scherz, oder um eine wizige Antwort zu bekommen, geſchah, und ſtand in beſtaͤndigem Briefwechſel mit allen Leuten in der Stadt, die kennen zu lernen der Muͤhe werth war. Er bekam Briefe von Crowne, Tate, Prior, Tom Btown und allen den beruͤhmten Leuten der damaligen Zelt, mit ſolchen Bal⸗ len von Witz darin, daß man ſie nicht leſen konnte, ohne vor Lachen zu ſterben, und die alle damit endigten, daß ſie um Verlaͤngerung der Friſt zur Bezahlung baten.“ u 71 „Ich ſollte denken, der Schneider muͤßte den Spaß ſehr ernſthaft geſunden haben,“ erwiederte Mordaunt. „Keinesweges— keinesweges.— Tim Thimblethwaite (er war aus Cumberland),“ erwiederte ſein Lobreduer: „hatte ein furſtliches Gemuth, ja, und ſtarb auch mit ei⸗ nem fuͤrſtlichen Vermoͤgen; denn wehe dem mit Cyerkaͤſe vollgeſtopvften Aldermann, der unter Tim's Buͤgeleiſen kam, wenn er einen von ſolchen Briefen bekommen hatte, der mußte gewiß dafuͤr buͤßen. Man hielt Thimbletbwaite gewoͤhnlich fuͤr das Original zu dem kleinen Tom Bibber, in des herrlichen John's Komoͤdie: der wilde Liebha⸗ ber, und ich weiß, daß er John geborgt und noch dazu Geld aus ſeiner eigenen Taſche geliehen hat, zu einer Zeit, wo alle ſeine ſchoͤnen Hoffreunde ganz kühl waren. Er borgte mir auch, und ich habe zuweilen fuͤr mein Ober⸗ ſtuͤbchen zwey Monate lang an der Kreide bey ihm geſtan⸗ den. Nun, ich erwies ihm denn auch wieder allerhand Gefälligkeiten,— nicht, daß ich etwas zuſchneiden oder naͤhen half, was auch fuͤr einen Mann von guter Familie nicht ſchicklich geweſen ſeyn wuͤrde; aber— hm, hm.— ich ſchrieb Rechnungen aus, zog die Buͤcher zuſammen...“ „Trug den ſchoͤnen Geiſtern und dem Aldermann die Kleider hin, und bekam dafuͤr freyes Logis“— fiel Cleve⸗ land ein. 6 „Nein, nein, hol's der Teufel nein,“ erwiederte Hal⸗ ero:„das that ich nicht, Ihr bringt mich ganz heraus— wo war ich denn nun geblieben?“ „Ey, der Teufel ſchaffe Euch die Breite, wo Ihr ſeyd,“ ſagte der Capirain, indem er ſeinen Knopf von des un⸗ barmberzigen Barden Finger und Daumen losmachte: denn 7² ich habe keine Zeit zu beobachten. Und damt ſtuͤrmte er aus dem Zimmer. „Ein alberner, ungezogener, eingebeldeter Narr,““ ſag⸗ te Halcro, indem er ihm nachſah:„der eben ſo wenig Sit⸗ te, als Geiſt in ſeinem leeren Schaͤdel hat. Ich kann nicht begreifen, was Maanus und die Frauenzimmer an ihm ha⸗ ben, und dabei erzaͤhlt er ſolche vervuͤnſcht lange Geſchichten von ſeinen Seeabentheuern und Gekechten,.. ich hin uͤber⸗ zeust, es iſt kein wahres Wort daran. Mordannt, lieber Junge, nimm Dir ein Betſpiel an dem Menſchen, das heißt, wie Du es nicht mahhen ſollſt; erzaͤhle nie lange Geſchichten, die Dir begegnet ſind. Du vaſt es an Dir, zuweilen zu lange von Deinen beſtandenen Faͤhrlichkeiten auf Klippen, Felſen und dergleichen zu ſprechen, was nur die Unterbaltung hemmt und andere Leute am Reden ver⸗ hludere. Deer, ich ſehe, Pu winſt gern aushoͤren, was ich erzaͤhlen wollte,— wo war ich doch ſtehn geblieben?“ „Ich fuͤrchte, Herr Halcro, wir werden das Uebrige bis nach dem Mittageſſen aufſparen muͤſſen“ ſagte Mordaunt, der ebenealls daran dachte, wie er am beſten entwiſchen konnte, obgleich er es doch mit mehr Schonung gegen ſei⸗ nen alten Freund zu bewerkſtelligen wuͤnſchte, als Capirain Cleveland fuͤr noͤtbig gehalten batte. „ Nein, mein lieber Geſell,“ ſagte Halcro, der den Au⸗ genblick kommen ſah, wo er ganz allein ſeyn wuͤrde:„verlaß Du mich nicht auch: folge nicht dem boͤſen Beiſpiele, daß Du einen alten Bekannten ſo veraͤchtlich behandelſt, Mordaunt. Ich habe in meinem Leben manchen ſauren Schritt thun muſſen, aber er wurde mir immer leicht, wenn ich mich da⸗ bey auf den Arm eines alten Freundes, wie Du biſt, leh⸗ nen konnte.“ 23 Mit dieſen Worten ließ er das Kleid des Juͤnglings fahren, faßte ihn aber dafuͤr deſto feſter, indem er ſeine Hand unter deſſen Arm ſchob, was ſich Mordaunt, von des Dichters Bemerkungen uͤber die unfreundlichkeit gegen alte Bekannte, die auch er zu erdulden hatte, geruͤhrt, wil⸗ lig gefollen li⸗ß. Als aber Halcro die furchtbare Frage: wo blieb ich ſtehn? wiederholte, erinnerte ihn Mordaunt, der ſeine Verſe ſeiner Proſa vorzog, an das Lied, welches er, wie er erzaͤhlt, gedichtet, als er Shetland zum erſten Male verlaſſen hatte— ein Lied, das er zwar ſehr wohl kannte, das wir aber, da es dem Leſer neu ſeyn wird, als eine wohlgelungene Probe der poetiſchen Fahigkeiten dieſes liederreichen Abkommlings Hacon Goldemund's hieherſetzen wollen. Denn nach der Meinung mehrerer ziemlich ver⸗ ſtandigen Beurthefler, behauptete er einen ſehr ehrenvol⸗ len Platz unter den Madrigalen⸗Dichtern der damaligen Zeit, und konnte ſeinen Nancy's von den Huͤgeln oder Thaͤ⸗ lern eben ſo gut Unſterblichkeit verleihen, als mancher an⸗ gen hme Sonetten⸗Dichter von Witz und Lebendigkeit in der Stadt. Dabey verſtand er auch etwas Muſik, ergriff jezt eine Art Laute und ſchickte ſich, indem er ſein Opfer los ließ, an, ſeinen Geſang mit dem Inſtrumente zu be⸗ gleiten, wobey er, um keine Zeit zu verlieren, beſtaͤndig ſprac. „Ich lernte die Laute,“ ſagte er:„von demſelden Manne, der ſie den ehrlichen Shadwell lehrte— den plumpen Tom, wie man ihn zu neunen pflegte— und den der herrliche John, wie Du Dich erinnern wirſt, etwas un⸗ ſanft handhabte, Mordaunt,— Du erinnerſt Dich. nich dünkt, ich ſehe dort Arion und ſein Schiff⸗ Die Saite zittert noch von Deines Nagels Griff⸗ 74 Von Deinem ſcharten Daum iſt alles weit erfüllt, Aus Furcht quält der Tenor und laut der Baß erbrüllt. Nun es ſtimmt ſo ziemlich; was ſollt' ich doch gleich ſiagen? Ja, ja, ich erinnere mich— das Lied auf das Maͤdchen von Northmaven, die arme Betty Stimbiſter! Ich habe ſie in dem Gedicht Mary genannt. Betty paßt ſich ganz gut fuͤr ein engliſches Lied, aber Mary iſt hier natuͤrlicher.“ Mit dieſen Worten ſang er, nach einem kurzen Vorſpiele, mit einer leidlichen Stimme und vielem Geſchmack folgende Verſe: Mary. Leb' wohl, o Northmaven, Grau Hillswick, leb' wohl! „ Du Ruhe im Hafen, Du Sturm auf der Höh': Du Lüftchen, das kräuſelt Die Wogen umher, und Du, meine Mary! Nie ſeh' ich Dich mehr! Du ſchwankende Fähre Die Hacon beſtieg⸗ Auf toſendem Meere Das Skerry umbrauſt. Das Mäadlein, ſie blicket Beergebens hinaus Nach Schiffchen Liebling— Er kehrt nicht nach Haus! „Du brachſt die Gelübde— Auf! ſtreife ſte ab! Dann ſingt ſie die Nixe Am Klippengrab. 75 Sie geben dem Liede Mohl zaub⸗riſchen Laut, Doch nimmer dein Mädchen Auf Treue nun baut.““ Ach, laßt es mich ſchauen, Das Eiland, ſo fern, Wo Lächeln der Frauen Den Mann nicht verückt! Zu viele Gefahren Droh'n Sterblicher Herz, Dort könnte man wahren, Was leicht man verſcherzt? „Ich ſehe, Du biſt erweicht, mein junger Freund,“ ſagte Halcro, als er ſeinen Geſang beendigt hatte:„und ſo geht es den Meiſten, die das Lied hoͤren. Text und Muſik ſind beide von mir, und wenn ich auch nicht behaup⸗ ten will, daß viel Geiſt darin iſt, ſo liegt doch eine gewiſſe — hm, hm,— Einfachheit und Wahrheit darin, welche ihren Weg zu dem Herzen der meiſten Menſchen nicht verfehlt. Selbſt Dein Vater kann ihm nicht wiederſtehen, er, der doch ein Herz hat, das gegen Dichtkunſt und Geſang ſo verſchloſſen iſt, daß Apollo ſelbſt einen Pfeil darauf ab⸗ druͤcken moͤchte. Aber er muß zu ſeiner Zeit allerhand Un⸗ gluͤck mit Weibern gehabt haben, wie man an ſeinem Groll gegen ſie deutlich ſehen kann; ja, ja, da liegt es, es gibt keinen von uns, der nicht zu ſeiner Zeit ſich da getroffen gefaͤhlt haͤtte. Aber komm, lieber Junge, ſie verſammeln ſich ſchon im Saale, Maͤnner und Frauen ſo viele Noth ſie uns machen, konnen wir doch nicht ohne ſie fertig wer⸗ den: aber ehe wir gehen, hoͤre noch einmal die lezten Zeilen A 133 7⁵ Dort könnte man wahren, das heißt, auf der Inſel, ein Ort, den es nie gegeben hat, und nie geben wird, Was leicht man verſcherzt, Nun ſieh einmal, mein liebſter Junge, da iſt nichts von dem heidniſchen Zeuze drin, das Rocheſter, Erheridge und ſol⸗ che wilde Kerle zuammenzureilhen pflegten. Ein Prediger koͤnnte das Lied ſingen, und ſeinen Kuſter das Ende wie⸗ derbolen laſſen— aber da laͤutet die verwuͤnſchte Glocke, wer müſſen gehen;— aber laß es nur gut ſeyn, wir wollen heute Abend ſchon einen ruhigen Winkel ſinden, und da will ich Dir das Uebrige erzaͤhlen.“ 8 Fuͤnftes Kapitel. Dort in der Mitte hell erglänzt der Tiſch Des edlen Weines Gold ſich in dem Becher ſpiegelt; Jetzt ſetzt man ſich zum Feſt; ein jeder miſcht den Wein, Brtheilt die Speis und Allen wird gereicht: uund als nun Durſt und Hunger ſind geſtillt, Naht dem erhabinen Wirth der kluge Gaſt. dn AISI Odyſſee Der gaſtfreundſchaftliche Ueberfluß von Magnus Droil's Tiſche, die Anzahl der Gaͤſte, welche in dem Saale ſpeiſe⸗ ten, die viel größere der Begleiter, Anhänger, demuͤthigen Freunde und Diener aller Art, welche außerhald ſich eüt⸗ lich thaten, mit der Menge der ärmeren und weniger ge⸗ lehrten Ankoͤmmlinge, welche aus allen Doͤrfern und Ge⸗ bieten zwanzig Meilen in die Runde zufammenſtrömten, an der Freigebigkeit des großmüthigen Udallers Theil zu neh⸗ 77 men, war ſo groß, daß Triptolemus Yellowley darüber vor Erſtaunen gar nicht zu ſich kommen konnte, und inner⸗ lich zu zweitein anfing, ob es wohl klug gethan ſeyn wür⸗ de, gerade in dieſem Augenblicke und in dem vollen Erguſſe der Gaſtfreiheit, dem Wirth, welcher ein ſo glänzen des Gaſtmal gab, eine Grundveränderung in den Etten und Gebraͤuchen ſeines Landes vorzuſchlagen. Wahr iſt es, daß der ſcharfſinnige Triptolemus in ſei⸗ ner eigenen Perſon weit mehr Weisheit vereinigte, als alle die auweſenden Gaͤſte zuſammen genommen, geſchweige denn der Wirth gegen deſſen Klugheit die große Ausdeh⸗ nung ſeiner Gaſtfreiheit, nach Yellowley's Anſicht, ſchon den ſtärkſten Beweis ablegte. Aber der Amphitryon, bei dem man ſpeiſt, übt, wenigſtenus für den Augenblick, eine ge⸗ wiſſe Herrſchaft uͤber die Gimuͤth er ſeiner ausgezeichneteſten Güſte aus, und wenn das Mittageſſen ſonſt zut angeordnet und der Wein von guter Sorte ſſt, ſo iſt es wirklich demü⸗ thigend, zu ſehen, wie weder Weſsheit noch Kunſt, ja kaum äußerer Rang ihre gewohnte und natürliche Ober⸗ herrſchaft über den Spender dieſer guten Sachen ausuͤben können, ehe nicht der Kaffee hercingebracht iſt. Tdriptole⸗ mus fäͤhlte das volle Gewicht dieſer zeitigen Obergewalt; indeſen lag ihm doch daran, etwas zu thun, um dasjenige in Er fülung zu briugen, womtt er ſich gegen ſeine Schweſter und ſeinen Reiſegefaͤhrten ſo gebrüſtet hatte, die er daher, von Zeit zu Zeit, verſtohlen anblickte, um zu entdecken, ob er nicht— weil er ſeine verheiſſene Vorleſung, über die auf Sherland noch beſtehenden Gräuel, bis jetzt noch verſcho⸗ ven habe— in ihrer Achtung verlöre. 5 Jungfrau Barbara war indeß eifrig mit der genauen Besbachtung und Bemerkung alles deſſen beſchaͤftigt, was bei einem Mahle vergtudet wurde, wie ſie es wahrſchein⸗ lich nie geſehen hatte, und konnte nicht umhin, dabet die ungemeine Gleichgültigkeit des Wirths, ſo wie die gänzliche Nichtachtung der Gaͤſte in Hinſicht auf Regeln der Höflich⸗ keit, zu bewundern, die man ſie in ihrer Jugend zu beob⸗ achten gelehrt hatte. Die Gäſte verlangten etwas von einer unangeruͤhrten Schüſſel, welche noch ſehr gut für das Abend⸗ eſſen hätte aufbewahrt werden können, mit eben ſo viel Un⸗ befangenheit, als ob ſchon ein halbes Dutzend von Gäſten darüber hergeweſen wäre, und Niemand— der Wirth am wenigſten— ſchien ſich darum zu bekümmern, ob nur die Schüſſeln vö llig geleert würden, die nach ihrer eigenth uͤm⸗ lichen Beſchaffenheit nicht wieder auf dem Tiſche erſcheinen konnte, oder ob man ſelbſt die körnigen Stücke Rindfleiſch, Paſteten u. ſ. w. nicht verſchonte, welche, nach den Regeln des guten Haushalts, zwei Angriffe haͤtten aushalten muͤſ⸗ ſen, und deswegen, nach Jungfrau Barbara's Anſichten, von den Gäſten nicht bei dem erſten Anlaufe haͤtten vernſch⸗ tet, ſondern noch aufgeſpart werden müſſen, wie Aulis in der Höhle des Polyphem, um zuletzt verzehrt zu werden. In folche Betrach ungen verſunken— wozu ihr dieſe Eingriſſe in die geſellſchaftliche Zucht und Sitten Anlaß gaben, ſo wie in Ausmahlung des Bildes einer getraͤumten Vorraths⸗ kammer begriffen, welche ſie aus den Trümmern von Ge⸗ ſottenem, Gebratenem und Gebackenem hätte zu ſammenbriu⸗ gen können, und welche ihren Tiſch wenigſtens auf ein Jahr verſehen haben würde— kümmerte ſich Jungfrau Varbara wenig darum, ob ihr Bruder die Rolle, die er hatte ſpie⸗ len wollen, in ihrer ganzen Ausdehnung durchführe ader nicht. Auch Mordaunt Mertoun war mit ganz andern Gedan⸗ ken beſchäftigt, als denen, welche ſich auf den anmaßlichen Vertilger der ſhetländilchen Graͤuel bezogen. Er ſaß zwi⸗ ſchen zwei ſchönen Mädchen von Thule, welche, ohne dar⸗ uͤber aufgebracht zu ſeyn, daß er zu anderer Zeit die Töch⸗ ter des Udallers vorgezogen, ſich ſehr des Zufalls freueten, welche ihnen die Aufmerfſamkeit eines ſo ausgezeichneten Verehrers verſchaffte, der, da er beim Mahle ihren Ritter machte, höchſt wahrſcheinlich auch bei dem Tanze ihr Tän⸗ zer werden mußte. Waͤhrend Mordaunt indeß ſeinen ſchoͤ⸗ nen Nachbarinnen alle die Aufmerkſamkeit erwies, welche die Pllichten der Geſellſchaft erheiſchten, behielt er unvermerkt, aber ſehr ſcharf, ſeine abtrünnigen Freundin nen, Minna und Brenda im Auge. Auch der Udaller wurde von ihm beobachtet, allein er konnte an ihm nichts bemerken, als den gewöhnlichen Ton der herzlichen und etwas lärmenden Gaſtfreiheit, womit er die Tafel bei allen ſolchen Gelegen⸗ heiten allgemeiner Luſtbarkeit zu beleben pflegte. Dreſto mehr war dagegen in den Geſichtszuͤgen der beiden Schweſtern zu leſen, das zu peinlichen Betrachtungen Anlaß gab. Capitain Cleveland hatte ſeinen Platz zwiſchen den Schweſtern, war unverdroſſen in ſeiner Aufmerkſamkeit ge⸗ gen beide, und Mordaunt ſaß gerade ſo, daß er Alles be⸗ merken und einen großen Theil von dem hören konnte, was zwiſchen ihnen gewechſelt wurde. Cleveland's Bemühungen ſchienen indeß ganz beſonders der älteren Schweſter zu gel⸗ ten. Dieß ſchien der juͤngern nicht zu entgehen, deren Auge mehr als einmal gegen Mordaunt hinſtreifte, und, wie es ſchien, mit einem Ausdruck, worin ſich Bedauern uͤber die Unterbrechung ihres Verhältniſſes, und eine wehmüthige Er⸗ innerung an frühere und freundlichere Zeiten miſchte, waͤh⸗ rend Minna nar für die Aufmerkſamkeiten ihres Nach⸗ 80 bars Auge und Ohr zu haben ſchien,— und daß dieß der Fall war, erfüllte Mordaunt mit Erſtaunen und In⸗ grimme. Minna, die Ernſte, die Beſonnene, Zurückhaltende, deren Geſichtszüge und Benehmen ſo viel Charaktergröße an⸗ denteten, Minna die Freundinn der Ein amkeit und der Pfade des Wiſſens, auf denen der Menſch am ſicherſten al⸗ lein wandelt, die Feindinn der leichren Froͤhlichkeit, die Freundin des ſchwaͤrmeriſchen Nachdenkens, die haͤufige Beſucherin der Bergquellen und pfadloſen Schluchten— ſte, deren Charakter, um es kurz zu faſſen, gerade das Ge⸗ gentheil von einem ſolchen zu ſeyn ſchien, dem die kecke, tanße und ugternehmende Bewerhungsweiſe eines Mannes, wie dieſer Cavitain Eleveland, zuſagen konnte, lieh ibm nichts deſtoweniger ihr Auge und Ohr, waͤhrend er neben ihr bei Tiſche faß, und thar dieß mit einem Antheil und einer ſo angenehmen Aufmerkſamkeit, daß Mordannt, der nach ihrem Benehmen wohl auf ihre Gefuͤhle zu ſchließen wußte, vermuthen konnte, der Fremde ſtehe in hoher Gunſt bei ihr. Er ſay dieß, und ſein Herz ſchwoll ſowohl aus Geimm gegen den Guͤnſtling, durch den er ſo verdraͤngt worden war, als über Minna's uabedachtſame Verlaͤugnung ihres eigenen Charakters.. „Waes hat deun dieſer Mann mehr fuͤr ſich,“ ſagte er 5 ſich ſelbſt,„als die dreiſte und keche Bumaßung der cti keit, welche er ſich wegen ſeines Glucs in kleinen 8 ternehmungen und der Ausühung eines kleinlichen De⸗ ſoetistnus üuͤber die Bemannung eines Schiffes giebt?— Selbſt ſeine Sprache ſchmeat bei weitem mehr nach dem Handwerke, als dies gewoͤhnlich bei den Ober Offizieren der britelſchen Seemacht der Fall iſt, und der Wit, der ſo 3 man⸗ 81 man tes Laͤcheln bei Minna erregt hat, ſcheint mir von einer Art zu ſeyn, wie ſie ihn fruͤher keinen Augenblick lang mit angehoͤrt haben würde. Selbſt Brenda ſcheint weniger an ſeiner Galanterie Geſchmack zu finden, als Minna, der ſie eigentlich gar nicht behagen ſollte. Mordaunt verſiel, bei dieſen ſeinen zornigen Betrach⸗ tuggen, in einen doppelten Irrthum. Zuerſt urtheilte er⸗ mit einem Auge, das in gewiſſer Hinſicht das eines Ne⸗ benbuhlers war, zu ſtrenge uͤber die Sitten und das Be⸗ tragen des Capitaͤn Cleveland. Es war nicht zu laͤugnen, daß dieſer wenig Geſchliffenheit hatte, aber dies hatte in einem Lande, welches von ſo einfachen, ſchlichten Leuten— wie der Schag der alten Shetlaͤnder war— bewohnt wurde, wenig zu bedeuten. Auf der anderen Seite lag eine freie, ſeemaͤnniſche Offenheit in Capitaͤn Cleveland's Betragen, viel natuͤrlicher Scharfſinn eine gewiſſe eigen⸗ thuͤmliche Laune, ein blindes Zutrauen zu ſich ſelbſt und das Unternehmende, das ohne irgend eine andere empfeh⸗ lungswerthe Eigenſchaft, ſehr oft bei dem ſchoͤnen Ge⸗ ſchlecht Gluͤck macht. Aber Mordaunt irrte ſich noch weit mehr, in der Annahme, daß Cleveland Minna Troil, we⸗ gen des Widerſprechenden in dem Charakter der Belden in ſo vielen weſentlichen Ruͤckſichten, zuwider ſeyn mußte. Haͤtte er etwas mehr Weltkenntniß beſeſſen, ſo wuͤrde er gewußt haben, daß, waͤhrend ſo oft Verbindungen zwiſchen Leuten geſchloſſen werden, welche an Geſichtsfarbe und Ge⸗ ſtalt gaͤnzlich von einander verſchieden ſind, ſie noch weit dfter zwiſchen Perſonen Statt finden, welche gaͤnzlich ab⸗ weichende Anſichten, Geſchmack, Beſchäftigungen und Ver⸗ ſtand haben, und wir giauben nicht zu viel zu ſagen, wenn wir behaupten, daß zwei Drittheile der Heirathen, in un⸗ W. Scotr's MWerke. CNXI. 6 8² ſerer umgebung zwiſe en Perſonen geſchloſſen worden ſind, welche, a priori zu urtbeilen, durchaus nichts Anziehendes ſur einander gehabt haben duͤrſten. Mordaunt wuͤrde alſo, wenn er das Leben und den Gang der menſchlichen Dinge genauer gekannt haͤtte, nicht erſtaunt geweſen ſeyn, daß ein Mann, wie Clereland— huͤbſch, entſchloſſen, belebt, der offenbar ſchon haͤufig in Ge⸗ fahr geweſen war, und davon wie von einem Scherz ſprach — in den Augen eines Maͤdchens von Minna's ſchwaͤrmeri⸗ ſchem Charakter eirne große Menge der Eigenſchaften beſeſe ſen haben ſollte, welche, nach ihrer thaͤtigen Einbildungs⸗ kraft, zu dem Charakter eines Helden gehoͤrten. Die gerade Derbheit ſeines Betragens ſchien, wenn ſie auch weit von Hoͤflichkeit entfernt war, doch eben ſo wenig von Betrug in ſich zu haben, und wenn Clevelond auch keine Bildung zu beſitzen ſchien, ſo hatte er doch genug natuͤrlichen Verſtand und natuͤrliche gute Erziehung, um die Taͤuſchung zu er⸗ halten, die er erregt hatte, wenigſtens ſo weit das Aeußere in Betracht kam. Es iſt wohl kaum noͤthig, hinzuzufuͤgen, daß dieſe Bemerkungen ſich ausſchließlich auf das beziehen, was man Heirathen aus Liebe nennt, denn, wenn beide Theile ihre Neigung auf die ſoliden Annehmlichkeiten ei⸗ nes Capitalien⸗Verzeichniſſes oder eines Lelbgedinges rich⸗ ten, ſo köoͤnnen ſie ſich bei der gegenſeitigen Vereinung nicht taͤnſchen, obwohl dieß⸗ ſehr ſchmerzlich, in Ueber⸗ ſchaͤtzung der Gläͤckſeligkeit, die ſie der Erwartung nach ge⸗ waͤhren ſollten, oder in dem zu geringen Anſchlage der Nachtbeile, mit denen ſie verknuͤpft ſind, geſchehen kann. Die Nothwendigkeit, welche alle freien Künſte lehrt, laͤßt uns auch in der Verſtellungskunſt viel leiſten, und Mordaunt, obgleich nur ein Neuling, ſaͤumte nicht, in ihs 83³ rer Schule ſich etwas auzueignen. Es war offenbar, daß, um das Betragen derjenigen, auf welche ſeine Aufmerkſam⸗ keit gerichtet war, ſchaͤrfer beobachten zu koͤnnen, er ſich ſelbſt Gewalt anthun und mit den Damen, zwiſchen denen er ſaß, wenigſtens ſo beſchaͤftigt ſcheinen mußte, daß Minna und Brenda glauben konnten, er gebe auf das, was um ihn her vorgehe, durchaus nicht Acht. Die unge⸗ zwungene Froͤhlichkeit der Maddie und Clara Groa utter — welche man fuͤr ſehr reiche Parthien auf der Inſe! bielt, und welche in dieſem Augenblicke nur zu gluͤcklich waren, etwas außerhalb der Sphaͤre der Wachſamkeit ihrer Tante, der guten alten Lady Glourourum zu ſeyn— kamen den Beſtrebungen Mordaunt's, lebhaft und unterhaltend zu ſeyn, entgegen und erwlederten ſie, und ſo waren ſie denn bald in einer ſehr lebendigen Unterhaltung begriffen, wozu, wie gewoͤhnlich, der Herr ſeinen Witz, oder was wenigſtens dafuͤr galt, beiſteuerte und die Damen gefaͤlli⸗ ges Lachen und freigebigen Beifall zollten. Bei aller die⸗ ſer auſchelnenden Froͤhlichkeit verſaͤumte indeß Morbaunt nicht, ſo verſteckt als er konnte, das Beuehmen der zwei Toͤchter des Herrn Magnus zu beobachten, und immer noch ſchien es ihm, als ob die aͤltere, ganz in die Unterhaltung mit Cleveland verſunken, durchaus fuͤr die uͤbrige Geſell⸗ ſchaft verloren ſey, und als ob Brenda, weit unverhohlener (da ſie ſeine Aufmerkſamkeit von ſich abgezogen glaubte) mit einem Ausdruck der Aengſtlichkeit und Trauer auf die Gruppe hinblicke, von der er einen Beſtandtheil bildete. Das Mißtrauen, ſo wie die Verwirrung, welche ſich in ih⸗ ren Blicken zu malen ſchienen, ruͤhrten ihn ſehr, und er entſchloß ſich in der Stille, noch am ſelben Abend ſich eine deutlichere Erklaͤrung von ihr zu verſchaffen. Er erinnerte * 84 ſich dabei, daß Norna geſagt habe, dieſe beiden liebens⸗ wuͤrdigen jungen Frauenzimmer ſeyen in Gefahr, uͤber deren Art ſie zwar keine beſtimmte Erklaͤrung gab, wovon er aber glaubte, daß ſie in dem zu guͤnſtigen Begriffe laͤge⸗ den ſich dieſe von dem Charakter des unternehmenden und Alles ſich anmaßenden Fremden machten, und er entſchied ſich insgeheim, wo moͤglich die urſach zu werden, daß Cleveland entlarvt und ſeine Jugendfreundinnen gerettet wuͤrden. Waͤhrend er mit dieſen Gedanken umging, nahm ſeine Aufmerkſamkeit fuͤr die Fraͤulein Groatſetter allmaͤlig ab⸗ und er wuͤrde vielleicht der Nothwendigkeit, als theilnahm⸗ loſer Zuſcaner alles deſſen, was da vorging, zu erſcheinen⸗ aͤnzlich uneingedenk geworden ſeyn, waͤre nicht in dieſem Augcnblicke das Zeichen fuͤr die Damen gegeben worden, vom Tiſche aufzuſtehen. Minna verbeugte ſich, mit ange⸗ borener Annehmlichkeit und etwas Foͤrmlichem in ihrem Weſen, im Allgemeinen gegen die Geſellſchaft, jedoch mit einem wohlwollenderen und eigenthuͤmlicheren Ausdrucke, als ihr Auge auf Cleveland traf. Brenda eilte, mit dem Erroͤthen, welches ihre geringſte perſoͤnliche Bewegung be⸗ gleitete, wenn ſie von Andern beobachtet wurde, die Ge⸗ ſellſchaft zum Abſchied zu begruͤßen, und that dieß mit ei⸗ ner Verlegenheit, welche beinahe an Unbeholfenheit graͤnzte⸗ die aber ihre Jugend und Schuͤchternheit ſehr natuͤrlich und anziehend erſcheinen ließen. Mordaunt glaubte aber⸗ mals zu bemerken, daß ihr Auge ihn in der zahlreichen Geſellſchaft auszeichne. Zum erſten Male wagte er es, den —c auszuhalten und zu erwiedern, und das Bewußtſeyn⸗ er dieß gethan habe, verdoppelte die Roͤthe auf 85 Brenda's Geſicht, waͤhrend Etwas, das dem Mißvergnuͤgen glich, ſich in ihre Bewegung miſchte. Als die Frauen ſich entfernt hatten, ſeßten ſich die Maͤnner nieder, um ernſtlich und tuͤchtig zu trinken, was⸗ nach der Sitte der Zeit, vor dem Tanze geſchah. Der alte Magnus ſelbſt gieng ihnen mit gutem Beiſpiel voran, und ermahnte ſie dabei, die Zeit wohl zu nuͤtzen, da die Frauen ſie bald wuͤrden auffordern laſſen, ihre Fuͤße in Bewegung zu ſetzen. Zu glelcher Zeit gab er einem alten grau⸗ koͤpfigen Diener, der in der Kleidung eines Danziger Schiffers hinter ihm ſtand, und, neben manchen anderen Obliegenheiten, auch das Amt eines Haushofmeiſters ver⸗ waltete, das Zeichen, indem er ſagte:„Erich Scambeſter, hat das gute Schiff, der luſtige Seemann von Canton, ſeine Ladung an Bord?“ Es iſt bis an den Rand geladen, antwortete der Ga⸗ nymed von Burgh⸗Weſtra: mit gutem Branntwein, Ja⸗ maika⸗Zucker und portugieſiſchen Citronen: Muskatennuͤſſe, geroͤſteres Brod und Waſſer, an der Shellicoat⸗Quelle eingenommen, nicht zu vergeſſen. Lautes und langes Gelaͤchter der Gaͤſte erſcholl bei die⸗ ſem ſtehenden und regelmäßigen Scherze zwiſchen dem Udaller und ſeinem Kellermeiſter, welcher jedesmal als Vorbereitung und Erſcheinung einer Punſch⸗Bowle von ungewoͤhnlicher Groͤße diente, eines Geſchenkes von dem Capitaͤn eines der Schiffe der oſtindiſchen Comvaante, der, von China nach Hauſe ſegelnd, durch widriges Wetter nach Norden und in die Bay von Lerwick verſchlagen worden war, wo er einen Theil der Ladung, ohne gerade zu ge⸗ wiſſenhaft die Abgaben zu beruͤcſſichtigen, losgeſchlagen hatte. Magnus Troil, der ein guter Kunde geweſen war, auch 86 dem Capitaͤn Coolie noch andere Gefaͤlligkeiten erwieſen hatte, war, bei dem Abgange des Schiffes, mit dieſem glaͤnzenden Geſelligkeits⸗Gefäß beſchenkt worden, bel deſ⸗ fen Anblick, und wie der alte Erich Scambeſter beinahe unter ſeiner Schwere erlag, ein Gemurmel des Beifalls durch die ganze Verſammlung lief. Diejenigen, welche dem weiten Punſch⸗Mittelmeere am naͤchſten waren, wurden von dem allen Udaller ſelbſt mit eigener gaſtfreier Hand bedlent, und erhielten ihre An⸗ theile in ungeheuern Roͤmern, waͤhrend die, welche weiter entfernt ſaßen, ihre Becher aus einer ſchweren ſilbernen Kanne fuͤnten, welche ſcherzweiſe die Pinnaſſe genannt wurde, die, gelegentlich aus der Bowle gefuͤllt, deren fluͤſ⸗ ſigen Reichthum auch bis zu den entfernteren Theilen des Tiſches verbreitete, und zu manchen Scherzen uͤber ihre Haͤuſigen Reiſen Veranlaſſung gab. Der Verkehr der Shetlaͤnder mit fremden Schiſſen und Weſtindienfahrern, die auf dem Heimwege waren, hatte ſchon fruͤh zu dem allgemeinen Gebrauche des edlen Getraͤnks Veranlaſſuns gegeben, womit der luſtige Seemann von Canton beladen war, und es gab in dem ganzen Inſelmeere von Thule Niemanden, der es beſſer verſtanden haͤtte, deſſen kraͤftige Beſtandtheile zu miſchen, als den alten Erich Scambeſter⸗ der deswegen weit und breit auf den Inſeln unter dem Namen des Punſchmachers bekannt war, nach der Sitte der alten Norweger, die Rollo dem Wanderer und anderen Helden ihrer Lieder, Beinamen verliehen, welche auf die Staͤrke oder auf die Behendigkeit hindeuteten, woran ſie alle anderen Menſchen uͤbertrafen. Das edle Getraͤnk that bald ſeine gewoͤhnliche Wir⸗ kunz, die ganze Geſellſchaft zu erheitern, und als ſich dle (5 ³⏑ 8&— 2*E᷑V ͤ 9 Luſtbarkeit verlaͤngerte, wurden auch einige alte norwegiſche Trinkgeſaͤnge mit großer Wirkung von den Gaͤſten geſun⸗ gen, woran man wohl ſehen konnte, daß, wenn Mangel an Uebung die kriegeriſchen Tugenden der Ahnen unter den Shetlaͤndern nicht zum Vorſchein kommen ließ, ſie doch noch einen ſehr thätigen und lebendigen Antheil an den Vergnuͤgungen Walhalla's nehmen konnten, welche in dem Herunterſchluͤrfen von Meeren, von Meth und braunem Bier beſtanden, und die Odin denen verheißen, die ſein ſkandinaviſches Parad es mit ihm genießen würden. Auch die Zaghaften wurden endlich, ermuntert durch Becher⸗ klang und Geſang, dreiſt, und die Beſcheidenen geſpraͤchig: Alle wollten ſprechen, Niemand hoͤren, jeder beſtieg ſein Steckenpferd, und rief ſeine Nachbarn zum Zeugen ſeiner Behendigkeit auf. Unter Anderen legte auch der kleine Barde, welcher ſich jetzt ganz dicht an unſeren Freund Mordaunt Mertoun gemacht hatte, den entſchledenen Wil⸗ leu an den Tag, die Geſchichte der Entſtehung ſeiner Be⸗ kanntſchaft mit dem herrlichen John Dryden, in ihrer gan⸗ zen Laͤnge und Breite zu beginnen und zu kvollenden, und Triptolemus Yellowley begann— als ſein Muth zu wachs ſen anſieng, und er des Gefuͤhls unwillkuͤhrlicher Scheu Herr geworden war, das ihm der augenſcheinliche Reich⸗ thum aller um ihn her Sitzenden, ſo wie die Eyrerbietung, welche die verſammelten Gaͤſte dem Magnus Troil be⸗ zeigten, eingefloͤßt batte— dem erſtaunten und etwas be⸗ leidigten Udaller einige von ſeinen Entwuͤrfen zur Verbeſ⸗ ſerung der Inſeln mitzutheilen, womit er ſich gegen ſeine Reiſegefaͤhrten am Morgen der Reiſe gebruͤſtet hatte. Ddie Neuerungen, welche er vorſchlug, und die Art, wie e ſ Magnus Troil anahm, wollen wir bis auf das naͤchſte Capitel verſparen. —— Sechstes Kapitel. Wir bleiben treu den alten Sitten— denn Was iſt Geſetz, als alte Sitte? Was Religion(ich meine dei der Hälfte Der Menſchen, die ſie hat,) als der Gebrauch 4 und die Gewohnheit, das zu ehren, Was ihre Väter ehrten? Alles Kommt auf Gebrauch hinaus, und wir— Wir halten an dem unſern. Altes Schauſpiel. Wir verließen Magnus Troll's Geſellſchaft bei dem Zechgelage und der Schwelgerei. Mordaunt, der, wie ſein Vater, den Becher vermied, nahm an der Froͤhlichkeit⸗ welche das Schiff unter den Gaͤſten verbreitete, je nachdem es ausgeladen wurde, und die Pinnaſſe, wie ſie den Tiſch umkreiste, keinen Antheil. In dieſer duͤſtern Stimmung war er eine um ſo willkommnere Beute fuͤr den erzaͤh⸗ lungsluſtigen Halcro, der ſich an ihn angeklammert hatte, wie die Kraͤhe an das kranke Schaaf, das ſich ruhig zur Beute hingiebt. Der Dichter ſaͤumte daher nicht, ſich der . Vortheile zu bedienen, welche Mordaunt's Geiſtesabweſen⸗ heit und eine Abneiaung, zu ernſthaften Verrheidigungs⸗ maßregeln ſeine Zuflucht zu nehmen ihm gewaͤhrte. Mit der gewohnten Geſchicklichkeit langweiltger Erzaͤhler wußte 89 er ſeine Geſchichte zu dem Doppelten ihrer gewoͤhnlichen Laͤnge auszuſpinnen, indem er ſich des Vorrechts unbe⸗ ſchraͤnkter Abſchweifungen bediente, ſo, daß die Erzaͤblung, wie ein Pferd im ſtarken Schritt mit Schnelligkeit fortzu⸗ ſchreiten ſchien, waͤhrend ſie, in der Wirklichkeit, kaum eine Elle in der Viertelſtunde zuruͤcklegte. Endlich hatte er jedoch, in allen ihren verſchledenen Richtungen und Ab⸗ zweigungen, die Geſchichte ſeines freundlichen Wirthes, des Kleidermachermeiſters in Ruſſel Street— mit Ein⸗ ſchluß einer kurzen Lebensheſchreibung fuͤuf ſeiner Verwand⸗ ten, ſo wie einiger allgemeiner Bemerkungen uͤber die Kleidung und Moden jener Zeit— abgehandelt und nach⸗ dem er ſo weit durch die Umgebungen und Außenwerke ſei⸗ ner Geſchichte vorgedrungen, erreichte er endlich den Platz ſelbſt, wie man das Kaffeehaus der ſchoͤnen Gei⸗ ſter fuͤglich nennen koͤnnte. Hier blieb er jedoch an der Schwelle ſtehen, um ſeines Wirthes Berechrigung, gele⸗ gentlich in dieſen wohlbekannten Muſentempel einzudrin⸗ gen, genauer in das Licht zu ſetzen. „Dieſes Recht beſtand,“ ſagte Halcro,„in zwei Haupt⸗ punkten, im Tragen und Ertragen; deun mein Freund Thimdlethwaite war ſelbſt ein witzger Kopf, und wurde nie uͤber die Scherze empfindlich, womit die Spaßvoͤgel, welche jenes Haus beſuchten, wie mit Raketen und Schwaͤr⸗ mern bei einem Freudenfeſte, um ſich warfen, und dann war er auch— obgleich Mehrere von den witzigen Koͤpfen, ja, ich glaube der groͤßte Theil von ihnen, mit ihm zu thun hatten— nie der Mann, der einem Genie um ſol⸗ che Kleinigkeiten unangenehme Erinnetungen verurſacht haͤtte. Und wenn Ihr gleich, mein lieher Junker Mor⸗ daunt, dieß faͤr nichts mehr als gewoͤhnliche Hoͤflichkelt 90 halten moͤgt, weil hier zu Lande weder von Leihen noch Borgen viel die Rede iſt, weil es hier, Gott ſey Dank, weder Gerichtsdiener noch Beamte des Sheriffs giebt, die einen armen Kerl bei den Ohren nehmen, und weil man hier keine Gefaͤngniſſe hat, in die man ihn ſeden kann, wenn dieß geſchehen iſt: ſo muß ich Euch doch ſasen, daß ſo eine lammesartige Geduld, wie die meines armen, lieben, nun verſtorbenen Hauswirths Thimblethwaite war, innerhalb der Stadt London doch eine wahre Seltenbeit iſt. Ich koͤnnte Euch Sachen erzaͤhlen, die mir und Andern mit den verwuͤnſchten Londoner Handwerkern begegnet ſind, daß Euch die Haare zu Berge ſtehen wuͤrden.— Aber was Teu⸗ fel faͤngt denn der Masnus auf einmal an, ſo entſetzlich zu ſchreyen? Es iſt ja wahrhaftig, als ob er ſeine Stimme Zegen den Nordweſtwind verſuchen wollte.“ In der That brüllt auch der alte Udaller ganz laut, als er, deſſen Geduld durch die Verbeſſerungsplaͤne, welche der Verwalter ihm jetzt ganz ungeſcheut aufdringen wollte, endlich erſchopft war, ihm(um mit Oſſian zu reden) wie eine Woge am Felſen antwertete. „Baͤume, Herr Verwalter— ſagt mir nichts von Baͤu⸗ men! Ich kuͤmmere mich nichts darum, und wenn es auch keinen auf der ganzen Inſel gaͤbe, der hoch genug waͤre, um einen Narren daran zu haͤngen. Wir wollen keine an⸗ dern Baͤume haben, als die in unſern Haͤfen wachſen,— die guten Baͤume, die Raen zu Zweigen und ſtehendes Tauwerk zu Blaͤttern haben“ „Was nun aber die Austrocknung des Sees von Brae⸗ baſter betrifft, wovon ich Euch ſagte, Meiſter Magnus Troil,“ antwortete der beharrliche Landwirth:„und wel⸗ he, meiner Meinung nach, von ſo großer Wichtigkeit iſt, 91 ſo giebt es zwei Wege, nehmlich ihn durch die Schlucht von Linklatter, oder vermittelſt des Baches von Scal⸗ meſter abzuleiten. Wenn man nun beide gehoͤrig geebnet haͤtte..“ Es giebt noch einen dritten Weg⸗ Meiſter Yellvwley, antwortete der Wirth. „Ich muß geſtehen, ich ſehe keinen,„erwiederte Trip⸗ tolemus, ſo treuherzig, wie nur ein Spaßvogel es von Je⸗ manden wuͤnſchen kann, den er necken will:„indem der ſo⸗ genannte Braebaſter⸗Huͤgel gegen Suͤden, und eine Erhoͤ⸗ hung gegen Norden, deren Namen ich nicht ſo ganz behal⸗ ten habe“ „Sprecht mir nichts von Huͤgeln und Anhoͤhen, Meo⸗ ſter Yellowley— es giebt noch einen dritten Weg, den See auszutrocknen, und dieß iſt der einzige Weg, der, ſo lange ich lebe, eingeſchlagen werden ſoll. Ihr ſagt, daß der Lord Kaͤmmerling und ich die gemeinſchaftlichen Eigen⸗ thuͤmer ſind,— gut, ſo wollen wir jeder einen gleichen Antheil Branntwein, Eitronenſaft und Zucker in den See ſchutten— eine oder zwei Schiffsladungen werden wohl hinreichen— wollen dann alle die luſtigen Udallers im Lande zuſammenberufen laſſen, und Ihr werdet in vier und zwanzig Stunden da den trockenen Grund ſehen, wo jetzt der See von Braebaſter iſt.“ Ein lautes Beifallsgelaͤchter, welches auf eine Zeit lang Triptolemus wirklich zum Schweigen brachte, begleitete ¹ dieſen, zu Zeit und Ort ſo wohl paſſenden Scherz⸗ Eine fröͤhliche Geſundheit ward ausgebracht, das Schiff entlud ſich ſeiner fuͤßen Ladung, die Pinnaſſe machte ihre froͤhliche Runde, der Zwieſprach zwiſchen Magnus und Triptolemus, welcher, ſeiner beſondern Lebhaſtigkeit willen, die Auf⸗ 92. merkſamkeit der ganzen Geſellſchaft auf ſich gezogen hatte, ward jezt wieder gemaͤbigter und vermiſchte ſich mit dem allgemeinen Geſumme der Tiſchgeſellſchaft, und der Dich⸗ ter Halcro nahm abermals Mordaunt Mertoun's Ohr in Beſchlag. „Wo blieb ich ſtehen?“ ſagte er, mit einem Tone, der ſeinem ermuͤdeten Zuhoͤrer deutlicher, als Worte es thun konnten, verrieth, wie viel von der abgeriſſenen Er⸗ zaͤhlung noch uͤbrig ſey.„O, ich erinnere mich: wir ſtan⸗ den gerade an der Thuͤr des Kaffeehauſes der ſchoͤnen Gei⸗ ſter— es wurde von Einem etablirt.. 44 „Aber lieber Meiſter Halcro,“ ſagte ſein Zuhoͤrer et⸗ was ungeduldig:„ich möchte gern etwas von Euerem Zu⸗ ſammentreffen mit John Dryden hoͤren.“ „Wie, mit dem herrlichen John?— Ja, ja,— wo blieb ich denn— bei dem Kaffeehaufe der ſchoͤnen Geiſter — nun, wir traten hinein— die Marqueure, und ſo weiter, ſtierten mich an; Thimblethwaite, der ehrliche Kerl, war ein bekanntes Geſicht. Ich koͤnnte Euch davon eine Ge⸗ ſchichte erzaͤhlen— „Ja, abet John Dryden,—“ ſagte Mordaunt in ei⸗ nem Tone, der alle weiteren Abſchweifungen ernſtlich zu verbitten ſchien. „Ja, ja, der herrliche John,— wo blieb ich doch ſteh'n?— Ja, als wir nun dicht an der Thuͤr ſtanden, wo ein Menſch ſaß end Kaffee mahlte, und der Andere Taback in Pfennigpackete packte— eine Pfeife und eine Taſſe ko⸗ ſteten gerade einen Penny— da kriegte ich ihn zuerſt zu ſehen. Ein gewiſſer Dennis ſaß neben ihm, der..“ „Nun, aber John Duuden, wie ſah der aus 2 ftagtẽ Wordaunt. 93 „Es war ein kleiner dicker Mann, in natuͤrlichem grauen Haar und in einem ſchwarzen Staatsanzuge, der ihm ſo glatt wie ein Handſchuh ſah. Der ehrliche Thimblethwaite litt es nicht, daß Jemand anders des herrlichen John s Kleider zuſchnitt, als er ſelbſt, und wie der mit einem Ermel umzugehen wußte, das ſage ich Euch— aber man hoͤrt hier auch nicht ein vernuͤnftiges Wort reden— hol der Henker den Schotten, er und der alte Magnus ſind ſchon wieder an einander.“ So war es auch, und obgleich die Unterbrechung dieß⸗ mal nicht einem Donnerſchlag glich⸗ womit man den fruͤbe⸗ ren ſtentoriſchen Ausruf des Udallers haͤtte vergleichen koͤn⸗ nen, ſo war es doch ein heftiger und laͤrmender Streit, bei dem Frage und Antwort, Rede und Widerrede ſo ſchnell auf einander folgten, als die Toͤne, welche in der Entfer⸗ nung ein ſcharfes und wohlunterhaltenes Musketenfener andeuteten. „Ich ſoll vernuͤnftigen Gruͤnden Gehoͤr geben?“ ſagde der Udaller;„wir wollen auf vernuͤnftige Grunde hoͤren und vernuͤnftige Sachen reden⸗ und wenn es nicht mehr mit der Vernunft geht, ſo ſollt Ihr den Verſtand noch obendrein haben.— Heda, mein kleiner Freund Hal⸗ ero!“ Obgleich mitten in ſeiner beſten Erzaͤhlung unterbro⸗ chen(wenn man eine Mitte bei einer Sache annehmen konnte, die weder Anfang noch Ende hatte), ſo machte ſich doch der Barde auf dieſen Aufruf ſogleich fertig, wie ein Korps leichter Infanterie, welches zur Unterſtuͤtzung der Grenadiere heranbeordert wird, ſah ganz keck aus, ſchlug mit der Hand auf den Tiſch, und gab ſeine Bereitwillig⸗ keit zu erkennen, ſeinem gaſtfreundlichen Wirthe zu Huͤlſe 94 zu kommen, wie es einem wohlbewirtheten Gaſte ziemt. Triptolemus ſah dieſe Verſtaͤrkung ſeines Geaners nicht ohne Beſorgniß heranruͤcken, hielt, wie ein vorſichtiger Ge⸗ neral, mitten in dem Hauptangriffe zuruͤck, den er ſo eben auf die beſondern Gebraͤuche von Shetland gewagt batte, und ſprach nicht eher wieder, als bis der Udaller ihn durch die hoͤhniſche Frage aurelzte:„Nun, Meiſter Yellowley⸗ wo ſind Euere vernuͤnftigen Gruͤnde, mit denen Ihr mich noch vor einem Augenblick ſo beſtuͤrmtet?“ „Habt nur Geduld, werther Herr,“ antwortete der Tandwieth,„was koͤnnt Ihr, oder irgend Jemand, zur Vertbeidigung des Dinges aufbringen, das Ihr hier, in dieſem verblendeten Lande, einen Pflug nennt? wahrhaf⸗ tig, ſelbſt die wilden Hochlaͤnder in Caithness und Su⸗ therland koͤnnen mit ihrem Gascromh, oder wie ſie es nennen, mehr ausrichten.“ „Aber was gefaͤllt Euch denn nicht daran?“ ſagte der Udaller,„laßt hoͤren, was Ihr dagegen einzuwenden habt. Er pfluͤgt unſer Land, und was wollt Ihr mehr?“ „Er hat aber nur eine Handhabe oder Stelze,“ er⸗ wiederte Triptolemus. „Und wer Teufel,“ ſiel der Dichter ein, der etwas recht Beiſſendes ſagen wollte:„braucht denn ein Paar Stel⸗ zen, wenn er mit Einer gehen kann?“ „Oder, ſagt mir einmal,“ fuhr Magnus Troll fort: „wie wuͤrde Neil von Lupness, der einen Arm durch einen Fall von der Klippe von Nackbreckan verloren hat, einen Pflug mit zwei Handhaben regieren koͤnnen?“ „Das Geſchirr iſt von rohem Seehundsfelle,“ ſagte Triptolemus. 95 4 „So erſparen wir uns gegerbtes Leder,“ antwortete Ma nus Troll. 3 „Der Pflug wird von vier eleuden Ochſen gezogen, die breit geſpannt ſind, und zwei Frauen muͤſſen dem un⸗ gluͤcklichen Werkzeuge folgen, und die Furche mit Schaufeln nachreißen.“ „CTrinkt eins darauf, Meiſter Yellowley,“ ſagte der Udaller,„und, wie man in Schottland ſagt, laßt Euch kein graues Haar daruͤber wachſen. Unſer Vieh iſt zu wfld, um Eines vor dem Andern gehen zu laſſen, unſere Leute ſind zu artig, und zu wohlerzogen, um ohne Frauen- geſellſchaft an die Arbeit zu gehen, unſere Pfluͤge reißen unſer Land auf, unſer Land traͤgt uns Gerſte, wir brauen unſer Ale, backen unſer Brod, und theilen es gern mit Fremden. Eure Geſundheit, Meiſter Yellowley.“ Dieß ſagte er in einem Tone, woran man hoͤrte, ha6 er den Streit damit eutſchieden haben wollte, weswegen auch Halcko dem Mordaunt zufluͤſterte;„die Sache iſt ab⸗ gemacht, und nun wollen wir weiter von dem herrlichen John reden. Dort ſaß er nun in ſeinen ſchwarzen Staats⸗ kleidern(wofuͤr er ſchon ſeit zwei Jahren das Geld ſchul⸗ dig war, wie mein ehrlicher Wirth mir nachher erzaͤhlte) und mit einem Ange im Kopfe— es war kein brennendes⸗ verſengendes Falkenauge, wie das, wovon wir Dichter im⸗ mer ſo viel Weſens machen, ſondern ein ſanftes, ſchoͤnes, denkendes, durchdringendes— ich habe in meinem Leben kein ſolches geſehen, es muͤßte denn Stephan Kleancogg s, des Geigers, in Papaſtons geweſen ſeyn, der...“ „Ja, aber John Dryden,“ ſagte Mordaunt, der ans Mangel an einem beſſern Zeitvertreibe, eine Art Vergnuͤ⸗ gen daran zu finden anſieng, den alten Herrn bei ſeiner 96 Erzaͤhlung feſtzuhalten, wie man ein ſtoͤtriges Schaaf ein⸗ hegt, wenn man es einfangen will. Halcro kehrte alſo zu ſeinem Thema zuruͤck, mit der gewoͤhnlichen Redensart:„Ja, das iſt wahr, der herrliche John, nun, er warf ſein Auge, wie ich es vorhin beſchrie⸗ ben habe, auf meinen Wirth, ſagte: nun, ehrlicher Tom, was haſt du denn da mitgebracht?— und alle die ſchoͤnen Geiſter, und die Lords und Herren, die ſich um ihn zu verſammeln pflegten, wie die Maͤdchen um elnen Hauſirer auf einem Markte, machten uns Platz, und ſo kamen wir denn an den Kamin, wo er ſeinen gewoͤhnlichen Stuhl ſtehen hatte(im Sommer, hoͤrt' ich, wu de er auf den Balkon getragen, aber er ſtand am Kamin, als ich ihn ſah), ſo sieng denn Tom Thimblethwalte heran, mitten durch die Leute, keck wie ein Loͤwe, und ich folgte ihm, mit ei⸗ nem kleinen Pakete unter dem Arm, das ich mitgenommen hatte, theils meinem Wirthe gefaͤllig zu ſeyn, da der ge⸗ woͤhnliche Markthelfer nicht bei der Hand war, theils das mit es ausſehen moͤchte, als ob ich hier etwas zu thun haͤtte, denn Ihr muͤßt wiſſen, daß bei Will niemand her⸗ eingelaſſen wurde, der nicht dahin gehoͤrte. Ich habe Sir Charles Sedley einmal etwas ſehr Gutes daruͤber ſagen hoͤren. 85 3 „Ja, aber Ihr vergeßt den herrlichen John,“ ſagke Mordaunt. „Ja den Herrlichen koͤnnt Ihr ihn wohl nennen. Die Leute ſprechen von ihrem Blackmore, Shadwell und dergleichen, die nicht werth ſind, John die Schuhriemen aufzuldſen. Nun, ſagte er zu meinem Wirth, was habt Ihr da?— und er, indem er ſich tiefer verbeugte, als er rielleicht gegen einen Herzog es gethan haben wuͤrde, ſagte: er uU oN ͤa e ͤfdͤ e A— 2— 97 er habe es gewagt, herzukommen, und ihm den Zeug zu zeigen, den Lady Eliſabeth zu ihrem Nachtkleide gewaͤhlt hätte. Und welche von Euren Ganſen iſt es, die es unter ihrem Fluͤgel verborgen haͤlt? Es iſt eine Gans von den Orkney⸗Inſeln, zu Eurem Befehl, Herr Dryden, ſagte Tim, dem der Witz zu Gebote ſtand, und er hat Euch hier einige Verſe mitgebracht, damft Ihr ſie durchſehen moͤgt. — Iſt er ſolch' eine Amphibie? ſagte der herrliche John, indem er das Papier nahm, und ich glaube ih haͤtte lie⸗ ber einer Batterie gegenuͤberſtehn, als das Gekniſter hoͤ⸗ ren moͤgen, das es machte, als es geoͤffnet wurde, obgleich er jene Worte gar nicht ſagte, um Einen niederzudruͤcken; und nun ſah er die Verſe an, und ſagte, ſehr aufmun⸗ ternd, und mit einer Art von gutmuͤthigem Laͤcheln(und wirklich hatte er, fuͤr einen fetten, aͤltlicheen Mann,— denn ich moͤchte es fretlich nicht mit Minna's oder Bren⸗ da's Lächeln vergleichen— das angenehmſte Lächeln, das ich je ſab), nun, Tim, ſagte er: dieſe Deine Gans, kann unter deinen Haͤnden noch zum Schwane werden. Und da⸗ bei laͤchelte er ein wenig, und Alle lachten, und niemand lauter, als die, welche zu weit eurfernt waren, den Scherz zu hoͤren; denn jeder wußte, daß, wenn er laͤchelte, es etwas gab, worüber man lachen konnte, und nahm es ſo auf guten Glauben an, und der Witz verbreitete ſich unter den jungen Templern und den Witzlingen und Spaßvoͤgeln, und nun war des Fragens kein Ende, wer wir waͤren, und ein Franzoſen⸗Kerl wollte ihm erzaͤhlen, es waͤre nur Monſieur Thimblethwaite, allein er kam ſo ins Gedraͤage mit ſeinem Dumbletate und Timbletaite, daß ich daote, ſeine Erklirung würde ſo klange dauern, wie.... 3 W. Scott's Werke. Cxl. 7 98 „Wie Eure Geſchichte ſelbſt,“ dachte Mordaunt, al⸗ lein der Faden der Erzählung wurde endlich durch die ſtarke und entſchiedene Stimme des Udallers abgeſchnitten. „Ich will nichts mehr davon hoͤren, Herr Verwalter,“ rief dieſer aus. „So erlaubt mir wenigſtens, etwas uͤber Eure Pferde⸗ race zu ſagen,“ ſagte Yellowley, keinahe in klaͤglichem Tone. „Eure Pferde, mein theurer Herr, ſind niat groͤßer als die Katzen, aber dabei wahre Tiger!“ „Was die Groͤße betrifft,“ fagte Magaus:„ſo ſind ſie deſto bequemer fuͤr uns, um hinauf und herabzukommen (wie Triptolemus dieſen Morgen die Erfahrung gemacht hat, dachte Mordaunt bei ſich ſelbſt) und was das Tiger⸗ ſeyn anbelangt, ſo muß ſich niemand darauf ſetzen, der ſie nicht zu behandeln weiß.“. Das Gefühl der Selbſtüberzeugung verhinderte den Landwirth, auf dieſe Bemerkung zu antworten; er warf Mordaunt einen bittenden Blick zu, als ob er um Verſchwie⸗ genheit wegen ſeines unglücklichen Falles bitten wolle, und der Udaller, der ſich im Vortheil ſah, obgleich er die Urſache noch nicht wußte, verfolgte dieſen in dem hohen und ſtren⸗ gen Done, der jemanden natürlich war, welcher ſein ganzes Leben lang keinen Widerſpruch zu finden und zu dulden ge⸗ wöhnt geweſen war. „Bei dem Blute St. Magnus, des Maͤrtyrers,“ ſagte er:„Ir ſeyd mir ein ſchöner Mann, Herr Verwalter Hel⸗ lowley! Ihr kommt aus einem fremden Lande, verſteht weder unſre Geſetze, noch unfre Sitten, nach unſere Sprachen, und wollt Euch zum Beherrſcher des Landes aufwerfen und uns Alle zu Euren Sklaven machen!“ „Zu meinen Schuͤlern, werther Herr, zu meinen Scha, 99 lern!“ ſagte Yellowley:„und das nur zu Eurem eigenen Vortheil.“ „Wir ſind zu alt, um in die Schule zu gehen,“ ſagte der Shetländer.„Ich wiederhole es Euch, wir wollen unſer Korn ſäen und erndten, wie es unſre Vaͤter thaten, wir wollen eſſen, was Gott uns giebt, und dabey unſre Thuͤren den Fremden öffnen, ſo wie die ihrigen ihnen offen waren. Giebt es Unvollkommenheiten bei unſrer Art und Weiſe, ſo wollen wir ſie nach und nach und zu gehöriger Zeit zu verbeſſern ſuchen, aber des heiligen Taͤufers Tag iſt fuͤr leichte Herzen und ſchnelle Füſſe. Und wer noch ein Wort von vernuͤnftigen Gründen, wie Ihr es nennt, oder von irgend Etwas, das dem ähnlich ſieht, ſpricht, der ſoll ein Pinte Seewaſſer trinken müſſen,— ja, das ſoll er, von dieſer meiner Hand! Und ſo fuͤlle mir das gute Schiff, den luſtigen Seemann von Canton, noch einmal, für alle diejenigen, welche dabey ſitzen bleiben wollen, und die Uebrigen mögen den Fiedlern nachgehen, die ſchon ſeit einer Stunde aufgeſpielt haben. Ich bin überzengt, daß die Mädchen alle ſchon auf den Füßen ſind. Nun, Herr Yellowley, wir wollen Frieden machen,— aber, Mann, Du ſcheinſt mir noch die Bewegung des luſtigen Seemanns zu fühlen(denn in der That ſchien der ehrliche Driptole⸗ mus, als er aufſtand, um den Wirth zu folgen, nicht ſo ganz feſt auf den Beinen zu ſtehen); aber das hat nichts zu ſagen, wir wollen Dir Deine Landbeine ſchon wleder perſchaffen, damtt Du mit den Mädchen noch etwas herum⸗ ſpringen kannſt. Komm nur, Sriptolemus, ich werde Dich dalten, damit Du mir nicht zu ſehr ins Trippeln kommſt, alier Triptolemus— ha. ha, hal“⸗ Mit dieſen Worten ſegelte der Udaber, wenn gleich 1 00, ein alter, von manchem Wetter heimgeſuchter, doch ſtattli⸗ cher Schiffsrumpf, wie ein Kriegsſchiff von dannen, das wohl hundert Seeſtürme getrotzt hat, und hatts ſeinen Gaſt⸗ wie eine kürzlich gemachte Priſe, im Schlepptau bei ſich. Der größere Theil der Gäſte folgte dem Anführer mit lau⸗ tem Jubel, obgleich einige tüchtige Zecher, welche die von dem Udaller angebotene Wahl annahmen, zurückblieben, den luſtigen Seemann von ſeiner neuen Ladung zu befreien, wo⸗ bei ſie nicht ermangelten, auf die Geſundheit des abweſen⸗ den Wirthes, und das Gedeihen ſeines Hauſes zu trinken,— nebſt ſo vielen andern Wünſchen, als ſie erdenken konnten, um einen gültigen Vorwand zu haben, abermals ein gefüll⸗ tes Nöſelalas des edlen Getraͤnks zu leeren. Die Uebrigen eilten nach dem Tanzſaale, einem Zim⸗ mer, welches ganz die Einfalt der Zeit und des Landes ausſprach. Staatszimmer und Salons waren damals in Schottland, außer in den Haͤuſern der Großen, gänzlich un⸗ bekannt, geſchweige denn in Shetland; aber eine lange,⸗ niedrige, unregelmäßige Stube, welche zuweilen gebraucht wurde, um Waaren darin aufzubewahren, zuweilen dazu diente, unnützen Plunder auf die Seite zu bringen, ſo wie zu tau⸗ ſend anderen Zwecken, war der ſaͤmmtlichen Jugend von Dunroſſaess und mehreren andern Bezirken, als der Schau⸗ platz des froͤhlichen Tanzes bekannt, der bey Magnus Troil’ haͤufigen Feſten⸗ mit ſo vieler Lebendigkeit gehalten wurde. Der erſte Anblick dieſes Tanzſaals wuͤrde einer modiſchen⸗ zu Quadrillen oder Walzern ſich anſchickenden Tanzgeſell⸗ ſchaft ſehr auigefallen ſeyn. Das Zimmer war, wie oben bemerkt worden, niedrig, und dabei mit Lampen, Lichtern, Schiffslaternen und einer Menge anderer„Candelabra“ ſehr unvollkommen erleuchtet, eine Erleuchtung, welche un 101 dazu diente, ein trübes Licht auf dem Fußboden und auf die Haufen von Waaren und allerhand Gegenſtänden zu werten, die rund umher aufgethuͤrmt waren. Hier ſah man nemlich Vorräthe für den Winter, dort Waaren zur Aus⸗ fuhr beſtimmt: einige, der Tribut Neptuns den die geſtran⸗ deten Schiffe bezahlten, deren Eigenthümer unbekannt ge⸗ blieben waren, andere Gegenſtände, welche der Eigenthuͤmer des Hauſes— der, wie die meiſten Leute zu jener Zeit, Kaufmann und Grundbeſitzer zugleich war— für Fiſche oder andere Sachen, die auf ſeinem Gute erzeugt wurden, in Tauſch erhalten hatte. Alle dieſe Sachen, ſo wie die Kiſten, Kaſten und Ballen, welche ſie enthielten, waren auf die Seite geſchafft und auf einander gethürmt worden, um Platz für die Tänzer zu machen, welche, ſo leicht und leben⸗ „dig, als ob ſie in dem glaänzendſten Saale in dem Kirchſpiele von St. James geweſen waͤren, ihre National⸗Tänze mit eben ſo viel Anmuth als Beweglichkeit ausführten. Die Gruppe der alten Männer, welche zuſchaueten, ſah einem Haufen bejahrter Tritonen nicht unäynlich, welche den Scherzen der Seenymphen zuſehent, die Meiſten hatten durch den Kampf mit den Elementen ein abgehärtetes Aeu⸗ ßere erhalten, und das zottige Haar und der Bart, welche Mehrere von ihnen, nach alt⸗Norwegiſcher Sitte, wachſen ließen, gab ihren Köpfen ganz den Charakter jener Bewoh⸗ ner des Meeresgrundes. Die jungen Leute dagegen waren ſehr huͤbſch, ſchlank, wohlgebildet und wohlgebaut; die Männer, mit langem blonden Haar, hatten, ehe das Wet⸗ ter ſeine Zerſtörung auf ihren Geſichtern anrichtete, eine friſche blühende Geſichtsfarde, welche, bey den Frauen, zu einer Röthe von ungemeiner Zartheit wurde. Ihr natürlich gutes Ohr für die Muſik machte, daß ihre Bewegungen mit 102 den Tönen der Muſiker, die nicht zu den ſchlechteſten ge⸗ hörten, ſehr aut übereinſtimmten, während die Alten— welche umher ſtehend oder ruhig auf den Schifskiſten ſitzend, die ihnen zu Stühlen dienten, die Tänzer muſterten— die Lei⸗ ſtungen dieſer Jugend mit dem verglichen, was ſie in früheren Zeiten ſelbſt gethan, oder, von Becher und Krug beneiſtert, die fortwährend umhergiengen, mit den Fingern ſchnalzten und mit den Beinen den Takt zur Muſik traten. Mordaunt ſah auf dieſen Schauplatz der allgemeinen Freude mit dem wehmüthigen Gedanken hin, daß er, von feinem Platze verdrängt, jetzt nicht mehr die wichtigen Ob⸗ liegenheiten eines erſten Tänzers oder das Amt eines Haupt⸗ tonangebers bei den Vergnügungen verwalte, welche Cleve⸗ land, dem Fremden, zugefallen waren. um jedoch dieſe Empfindungen zu verbergen, von denen er fühlte, daß es weder klug ſey, ihnen Raum zu geben, noch männlich, ſie ſichtbar werden zu laſſen, näherte er ſich ſeinen ſchoͤnen Nachbarinnen, denen er ſich bei Diſche ſo angenehm zu machen gewußt hatte, in der Abſicht, eine von ihnen zum Tanze aufzufordern. Allein die furchtbar altfränkiſche alte Dame(dieſelbe Lady Glourourum, welche den Freudener⸗ guͤſſen ihrer Nichten bei Tiſche nur deshalb nachgeſehen hatte, weil es ihr damals nicht moͤglich war, ihnen Einhalt zu thun) war keineswegs geneigt, die befürchtete Erneuerung der Vertraulichkeit gut zu heißen, welche Mertons Auffor⸗ derung zur Folge haben dürfte. Sie uͤbernahm es daher, im Namen ihrer beiden Nichten, welche, in mißvergnügtem Stillſchweigen, ſchmollend neben ihr ſaßen, Mordaunt; nach⸗ dem ſie ihm fuͤr ſeine Artigkeit gedankt, zu verſichern, daß ihre Nichten ſchon auf den ganzen Abend verſagt wären. Alszer indeß in einiger Entfernung die Damen beobachtete, 103 hatte er Gelegenheit zu bemerken, daß das angegebene Verſagtſeyn nur eine leere Aus flucht geweſen ſey, ſeiner los zu werden, da er die beiden artigen Schweſtern, an der Hand des nächſten jungen Mannes, der ſie auffo derte, ſich dem Tanze auſchließen ſah. Erzürnt über eine ſo augenſchein⸗ liche Hintanſetzung und um ſich nicht einer zweiten auszu⸗ ſetzen, zog ſich Mordaunt Mertoun ganz aus dem Kreiſe der Tänzer zurück, verlor ſich in dem Haufen geringer Leute, welche im Hinterarunde des Zimmers als Zuſchauer zuſam⸗ mengedraͤngt ſtanden, und verdaute dort ſeine Kränkuna, ſo gut er konnte— das heißt, ſehr ſchlecht,— und mit aller Philoſophie ſeines Alters— das heißt, mit gar keiner. Siebentes Kapitel. Gebt eine Fackel mir, laßt Gecken leichten Sinns, Die ſchlechten Binſen mit den Ferſen rühren: Ich halte mich an meiner Väter Sprüchwort, Lichthalter will ich ſeyn, und zuſchau'n. Shakespeare(Romeo und Julie). Der Jüngling, ſagt der Moraliſt Johnſon, kuͤmmert ſich nicht um des Knaben Steckenpferd, noch der Mann um des Junglings Geliebte; deswegen wird Mordaunt Mertoun's Kummer, als er ſich von dem fröhlichen Tanze ausgeſchloſſen ſah, manchem meiner Leſer kindiſch erſcheinen, der indeß ſich fär ſehr beleidigt halten wuͤrde, wenn man ihn ſeines gewöhnlichen Platzes in einer Verfammlung anderer G ttung beraubte. Er ſehlte indeſſen denen, die nicht am Tanze Ge⸗ 1⁰41 fallen fanden, oder die keine Tänzerinn nach ihrem Sinne bekommen konnten, nicht an Unterhaltung. Halcro, der jetzt ganz in ſeinem Element war, hatte einen Zuhoͤrer⸗ kreis um ſich her verſammelt, vor dem er ſeine Gedichte mit dem Feuer des herrlichen John(lbſt berſagte, und da⸗ für, zum Lohne, den gewöhnlichen Beifall empfieng, welcher Barden zu Theil wird, die ihre eigenen Reime vortragen, wenigſtens ſo lange, als der Verfaſſer noch in der Nähe des Beuriheilenden iſt. Halcro's Gedichte würden indeß ſowohl für den Alterthumsforſcher, als für den Bewunderer der Muſen anziehend geweſen ſeyn, denn mehrere derſelben waren Ueberſetzungen oder Nachahmungen der ſkaldiſchen Sagen, welche von den Fiſchern dieſer Eylande bis noch vor kurzer Zeit heſun en wurden, ſo daß, als Gray's Gedichte zuerſt auf die Orkney⸗Inſeln gelangten, die alten Leute ſogleich in der Ode„die Scickſalsſchweſtern“ die runiſchen Reime erkannten, welche ſie in ihrer Kindheit, unter dem Namen der„Zauberinnen erſchreckt hatten, und welche die Fiſcher von Nord⸗Ronaldſcha und andern entfernten Inſeln, noch immer zu ſingen pflegten, wenn man ſie um ein norwegiſches Lied bat. Halb zuhörend, halb in ſeine eigenen Betrachtungen verſunken, ſtand Mordaunt Mertoun nahe an der Thür des Zimmers und in der äußerern Reih des kleinen Kreiſes, welcher ſich um den alten Halcro gebildet hatte, waͤhrend der Barde— nach einer dumpſen, wilden, einförmigen Weiſe, welche nur zuweilen durch die Bemühung des Sängers, gewiſſen Stel⸗ len eine groͤßere Anziehungskraft oder Nachdruck zu geben, Veraͤnderung erlitt— die folgende Nachahmung eines Nor⸗ diſchen Kriegsgeſanges vortrug. 8 105 Harold Harfager's Geſang. Blutroth ſteigt die Sonn' empor, Windöbrgut ächzet auf dem Moor⸗ Von dem Fels der Aar ſich ſenkt/ In die Kluft der Wolf ſich zwängt, Raben in dem Nebei weilen⸗ Aus dem Bau die Hunde heulen, Alles krächzt und kreiſcht und bellt, Zu dem wilden Chor geſellt: „Hin zum Todtenmabl es geht: Bionden Harold'’s Fahne weht!“ Stolz voraus der Helmbuſch zieht, Morgenlicht an Panzer glüht, Hoch der Arm die Streitaxt ſchwingt, Und der Wald pon Lanzen blinkt; Länas den Reihen überall⸗ Roßgewieher, Wzaffenſchall, Führers Wort, Trommetenklang, Lauter noch des Barden Sang: „Sammle dich wohl Roß und Mann⸗ Norweg, auf! zum Kampf heran!“ „Nichts von Schlummer, nichts von Mahl, Nichts von Uebermacht und Zahl; Frohe Schnitter, eilt zu mäy'n, Erndte winkt im Thal und Höh'n! Dicht und ſpärlich, ſtark und ſchwach, ZWeicht der Senſe mächt'gem Schlag. Vorwärts, in der Sicheln Schein, Bringt die blutege Erndte ein— Muthig, Fußvolk, Reuterſchaaren, Norweg, treib den Feind zu Paaren!“ 106 „Dort, wo ſich der Kampf erhebt, O in's Tochter ob Dir ſchwebt; Höre, was ſie Dir verheißt: Sieg, den Menſchenzunge yreist,„. Oder, in Walhala's Räumen, Wo von Meth die Becher ſchäumen, Ewigkeit von Kampf und Luſt. Für des Helden tapfre Bruſt⸗ Vorwärts Fußvolk, vorwärts Ritter 1 Schlagt, wie Norweg's Ungewitter!*, „Die armen ungluͤcklichen blinden Heiden!“ ſagte Triptolemus, mit einem Seufzer, der ſo tief war, daß er beinahe an ein Stoͤhnen graͤnzte:„ſie ſprechen von ihrem ewigen Becher, von Meth und Bier, und es iſt ſehr die Frage, ob ſie wußten, wie man eine Koppel Land behan⸗ delt?““ „Deſto beſſer, Nachbar Yellowley,“ verſetzte der Dichter:„wenn ſie es verſtanden, Ale ohne Gerſte zu brauen.“ „Gerſte! du mein Himmel!“ erwiederte der beſſer⸗ bewanderte Landwirth:„wer hat je von Gerſte in jenen Gegenden gehoͤrt? Vferzeilige, mein theuerſter Freund, Vierzeilige iſt Alles, was ſie haben, und ich muß mich wundern, daß ſie je eine Aehre daran ſehen. Ihr krazt die Erde mit einem kleinen Dinge auf, das Ihr Pflug nennt— eben ſo aut koͤnnt Joyr ſie mit dem Zahne eines weiten Kammes aufritzen. O die Schaar und das Hinter⸗ theil, und das Sohlenſtuͤck, eines wirklichen tuͤchtigen ſchotti⸗ ſchen Pfluges zu ſehen, mit einem Kerl, wie ein Simſon, zwiſchen den Pflugſterzen, der ein Gewicht auf ſie legt, das einen Berg niederdruͤcken koͤnnte; zwei ſtattliche Ochſen, 107 und eben ſo viel breitbugige Pferde, an der Grengelkette, die uͤber gepfluͤgtes Land und ungepfluͤgtes Land gehen, und eine Furche im Boden zurücklaſſen, wodurch das Waſ⸗ ſer ablaufen koͤnnte, wie durch eine Straßenrinne!— wer ſo etwas geſehen hat, der weiß von etwas Beſſerem zu reden als von den ungluͤcklichen alten Geſchichten von Krieg und Schlachten, wovon das Land nur zuviel erlebt hat, trotz allem dem, das Ihr ſo zum Lobe von ſolchen blut duͤr⸗ ſtigen Dingen ſingt und ſagt, Meiſter Halcro.“ „Es iſt eine Ketzerey,“ aate der lebendige kleine Dichter, indem er ſich empor hob und aufblaͤhte, als ob die Vertheidigung des ganzen orkadiſchen Inſelmeers al⸗ lein von ſeinem Arm abgehangen haͤtte:„es iſt eine Ke⸗ tzerei, eines Mannes Varerland nur zu nennen, wenn er nicht darauf vorbereitet iſt, wo und wie er ſich vertheidi⸗ gen ſoll— ja, und noch dazu jemanden zu beleidigen. Es gab eine Zeit, wo, wenn wir auch nicht ſelbſt gutes Bier und Branntwein machen konnten, wir doch ſehr wohl das zu finden wußten, was ſchon fertig fuͤr uns da war; jetzt ſind aber die Abkömmlinge der Seekoͤnige und der Käm⸗ pen und der Berſerker, ſo unfaͤhig geworden, ihre Schwer⸗ ter zu brauchen, als ob ſie alle Weiber wären. Sie moͤ⸗ gen wohl noch jetzt ihr Ruder ganz gut zu regieren und auf einer Klippe feſt zu ſtehen wiſſen; aber was koͤnnte ſelbſt der herrliche John mehr zu Eurem Lobe ſagen, Ihr guten Hialtlaͤnder!”“ „Wie ein Enzel geſprochen, edler Dichter,“ ſagte Ca⸗ pitaͤn Cleveland, der, waͤhrend einer Pauſe im Tanze, dem Theile der Gezellſchaft naͤher getreten war, wo dieſes Ge⸗ ſpraͤch Statt fand.—„Die alten Kaͤmpen, von denen Ihr geſtern ſpracht, waren noch die Maͤnner, von deren 108 Lobe eine Harfe ertoͤnen konnte: tapfere Leute, die Freunde des Meeres und Feinde aller derer waren, die darauf ſegelten. Ihre Schiffe moͤgen wohl plump genug geweſen ſeyn, aber wenn es wahr iſt, daß ſte bis zur Le⸗ vante auf Streifzuͤge gingen, ſo glaube ich, daß es nicht leicht bravere Kerle geben konnte, ein Marsfegel loszu⸗ machen.“ „Ja,“ erwiederte Halcrot„da laßt Ihr ihnen Ge⸗ rechtigkeit widerfahren. In jenen Tagen konnte niemand ſein Leben und Lebensmittel fuͤr ſicher halten, wenn er nicht zwanzig Meilen weit vom blauen Meere wohnte. Ja, in jeder Kirche in Europa, wurden oͤffentliche Gebete, und Befreiung von der Plage der Normaͤnner, gehalten; das geſchah in Frankreich und England, ja und in Schott⸗ land ebenfalls; denn ſo hoch wie ſie da jetzt auch die Na⸗ ſen tragen, ſo war damals doch keine Bucht oder Hafen, wo nicht unſere Vorfahren freiere Herren geweſen waͤren, als die armen Teufel von Eingeboruen ſelbſt;— und jetzt ſollen wir nicht einmal unſere eigene Gerſte ſaͤen koͤnnen, ohne einen Schotten dabei zur Huͤlfe zu haben(hier warf er einen ſpoͤttiſchen Blick auf den Verwalter), ich wollte, ich erlebte es noch, daß wir uns einmal wieder mit ihnen meſſen koͤnnen.“ „Wlederum, wie ein Held geſprochen,“ ſagte Cle⸗ veland. 3 „Ach!“ fuhr der kleine Barde fort:„ich wollte, ich ſaͤhe noch unſere Barken, einſt die Waſſerdrachen der Welt, mit der rabenſchwarzen Flagge vom Hauptmaſt we⸗ hen, und das Verdeck von Waffen glaͤnzen, ſtatt mit Stock⸗ ſiſch beladen zu ſeyn: ſo wuͤrden wir noch mit unſeren furchtloſen Haͤnden das gewinnen, was uns der karge Bo⸗ 109 den verſagt— alten Hohn und neue Beleidigung vergelten — erndten, wo wir nicht geſaͤet, faͤllen, was wir nicht ge⸗ pflanzt haben— durch die Welt leben und lachen, und mit Laͤcheln der Anmahnung entgegen ſehen, daß wir ſie verlaſſen ſollen! nn So ſprach Claudius Halcro in keiner ernſten Silm⸗ mung, oder wenigſtens gewiß nicht nuͤchternen Muthes, da ſein Gehirn(das nie zu den ſtärkſten gehoͤrte) noch unter der Einwirkung von fuͤnfzig wohlbehaltenen Sagas, nebſt fuͤnf vollen Glaͤſern Usquebaugh und Brantwein kreiste, und Eleveland ſchlug ihn halb im Scherz, halb im Ernſt, auf die Schulter und ſagte:„geſprochen, wie ein Held!“ „Geſprochen wie ein Narr, denk' ich,“ ſagte Magnus Troil, deſſen Aufmerkſamkeit durch die Heftigkeit des klei⸗ nen Barden erregt worden war:„wo und gegen wen wollt Ihr denn kreuzen? Wir ſind doch alle Unterthanen Eines Reichs, mein’ ieh, und ich bitte Euch, zu bedenken, daß Eure Seereiſe leicht bei dem Hinrichtungs⸗Werft endigen kann. Ich liebe die Scotten nicht— nehmt es nicht uͤbel, Herr Yellowley— das heißt, ich haͤtte ſie recht gern, wenn ſie nur in ihrem eigenen Lande ruhig bleiben, und uns, mit unſerem Volke, unſeren Sitten und Gewohnheiten in Frieden laſſen wollten; und wenn ſie dort ganz ſtill waͤren, bis ich ſie, wie ein toller alter Berſerker anfiele, ſo blie⸗ ben ſie gewiß bis zum juͤngſten Tage in Frieden. Mit dem, was uns das Meer ſchenkt und das Land bringt, wie das Syruͤchwort ſagt,— und unſern ehrlichen Nach⸗ barmes verzehren zu helſen,— damit dend' ich, ſo wahr mir Sankt Magnus helfe, ſind wir nur zu gluͤcklich!“ „Ich weiß, was Krieg iſt,“ ſagte ein alter Mann⸗ „und ich wollte lieber in einer Muſchelſchale oder in noch 110 einem ſchlechteren Fahrzeuge durch die Stroͤmung von Sum⸗ burgh fahren, als noch einmal hingehen.“ daIt. „Und welche Kriege habt Ihr denn, mit Eurer Tapfer⸗ keit, mitgemacht?“ ſagte Halcro, der, wenn er gleich ſel⸗ nem Wirth, aus Ehrerbietung, nicht widerſprechen wollte, doch keineswegs geneigt war, feinen Satz aufzugehen. „Ich wurde gepreßt,“ ſagte der alte Triton,„um unter Montroſe zu dienen, als er um 1051 hieher kam, und mir nichts, dir nichts, ſo Einige von uns wegnahm, um uns in den Wildniſſen von Strathnavern die Haͤlſe ab⸗ ſchneiden zu laſſen— ich werde es nie vergeſſen. Wir hatten großen Mangel an Lebensmitteln; was haͤtte ich fuͤr ein Stück von dem Rindfleiſch von Burgh⸗ Weſtra und fuͤr ein Gericht ſaurer Silochs gegeben! Als da unſere Hoch⸗ laͤnder eine ſchoͤne Heerde Kuhe herbeitrieben— Umſtaͤnde wurden nicht viel gemacht, denn wir ſchoſſen und ſiachen nieder und zogen ab und brieten und roͤfeten, ſo wie es jedem gerade in die Hand kam— gerade aber, als wir mit den Baͤrten am fettſten Stuͤcke waren, hoͤrten wir, Gott behuͤt' uns, Pferdegetrappel, dann zwel oder drei einzelne Schuͤſſe, dann eine velle Salve, und als die Of⸗ fickere uns zuriefen, zu ſteben, und die Meiſten ſich um⸗ ſaben, wohin wir laufen ſollten, da kamen ſie, Roß und Mann, mit dem alten John Urry, oder Hurry, wie ſie ihn naunten, uͤber uns her, und nun fielen unſere Leute nieder, ſo dicht, wie die Ochſen, die wir noch vor fünf Minuten gefaͤllt hatten.“ noeac iGet „Und Moatroſe,“ ſagte die ſanfte Stimme der lieb⸗ lichen Minva,„was wurde aus Montroſe, un der aus?“ ich ſah nicht zweimal hin, wo er blieb, denn mein Weg ging uͤber den Huͤgel.“ „und ſo ließeſt Du ihn alfo im Stich?“ ſagte Minne, im Tone der btiefſten Veracktung. „Es war nicht melne Schuld, Fraͤulein Minna,“ ant⸗ wortete der alte Menn etwas verlegen: aber da war nicht viel zu waͤhlen, und uͤberdieß, was haͤtte ich viel nutzen können? Alle die Uebrigen riſſen aus, wie Schaafe, und warum haͤtte ich allein ſtehen bleiben ſollen?“ „Du haͤtteſt mit ihm ſterben ſollen,“ ſagte Minna. „Und haͤtteſt dann mit ihm, in unſterblichen Verſen, faͤr die Ewigkeit geleb:!“ fuͤgte Claudius Halcro hinzu. „Ich danke Euch, Fraͤulein Minna,“ ſagte der gerade Shetlaͤnder:„und auch Euch, mein alter Freund Clau⸗ dius, aber ich will denn doch kieber Eure Geſundheit in dieſem auten Becher Ale triuken, als Euch Geſaͤnge zu meiner Ehre dichten laſſen, wenn ich ſchon ſeit vierzig oder fuͤnfzig Jahren im Grabe gelegen habe. Und nas haͤtte es auch geholfen? Davonlaufen oder fechten, das kam alles auf eins hinaus; ſie nahmen den armen Montroſe, trotz aller ſeiner braven Thaten, gefangen, und mich dazu, der ich keine gethan hatte; er wurde gehangen, der arme Mann, und ich—““ „Ich hoffe zu Gott, ſle peitſchten Dich gut aus und deckten Dich gut zu,“ ſagte Cleveland, der bei der brei⸗ ten Erzaͤhlung von des friebfertigen Shetlaͤnders Freiher⸗ zigkeir, deren dleſer ſich gar nicht zu ſchaͤmen ſchien, alle Geduld verloren hatte. „Beitſcht Eure Pferde und deckt Euer Fleiſch 21.,7 ſagte Magnus.„Ich wil doch nickt hoffen, daß Ihr, mit allen Eueren Verdecks⸗Manieren, meinen armen alten ———— 112 Nachbarn Haagen zum Erroͤthen daruber bringen wollt, daß er ſich vor einigen Dutzend Jahren nicht niedermachen ließ? Ihr habt dem Tod ins Auge geſehen, mein mannlicher junger Freund, aber dieß geſchah auch mit den Augen ei⸗ nes jungen Mannes, der von ſich reden machen will; wir aber ſind ein friedliebendes Volk— friedliebend, das heißt, ſo lange, wie Jemand friedliebend ſ yn muß, und das iſt ſo lange, bis Jemand die Unverſchaͤmtheit hat, uns oder unſere Nachbarn zu beleidigen, und dann wied er vielleicht unſer nordiſches Blut nicht viel kaͤlter in unſern Adern fin⸗ den, als das der alten Skandinavier war, die uns unſern Namen gaben und unſern Stamm gruͤndeten. Und nunu geht, geht hin zum Schwerter⸗Tauz. damit die Fremden, die unter uns ſind, ſehen, daß unere Haͤnde und unſere Schwerdter einander noch recht gut kennen.“ Ein Datzend Hirſchfaͤnger, die ſchnell aus einer alten Gewehrkiſte hervorgeſucht wurden, und deren roſtiges An⸗ ſehen verrieth, wie ſelten ſie aus der Scheide gekommen waren, dienten dazu, eine eben ſo große Anzahl junger Shetlaͤnder zu bew affnen, mit denen ſich ſechs Jungfrauen verbanden, die Minna Troil anfuͤhrte, und die Spielleute begannen ſogleich, die Weiſe eines alten norweglſchen Krie⸗ gertanzes aufzuſpielen, der vielleicht noch jezt auf jenen entfernten Inſeln gaͤng und gebe iſt.. Der erſte Augenblick war angenehm und majeſtaͤtiſch; die Juͤnglinge hielten die Schmerter gerade und ohne viele Bewegung. Aber die Weiſe und die ibhr eutſprechenden Bewegungen der Kaͤnzer wurden allmaͤhltg lebendiger,— ſie ſchlugen die Schwerter nach dem Takte an elnander, und dieß mit einem Feuer, welches der Uebung in den Au⸗ gen des Zuſchauers etwas ſehr Gefaͤhrliches gab, obgleich 113 2 die Feſtigkeit, das Geregelte und die Genauigkeit, mit welcher die Taͤnzer hei dem Schlagen der Waffen Takt hlel⸗ ten, fuͤr die Sicherheit buͤrgte. Das Auffallendſte bei die⸗ ſer Auffuͤhrung war der Muth, den die Darſtellerinnen zeigten, welche bald, von den Schwertertraͤgern umringt, den Sabinerinnen in der Gewalt ihrer roͤmiſchen Entfuͤh⸗ rer, bald, unter dem Bogen von Stahl, den die jungen Maͤnner bildeten, indem ſte ihre Waffen uͤber den Haͤup⸗ tern ihrer ſchoͤnen Tanzerinnen kreuzweis uͤbereinander hiel⸗ ten, dem Haufen der Amazonen glichen, als dieſe ſich zu⸗ erſt mit den Begleitern des Theſeus zu dem Pyrrhiſchen Tanze vereinigten. Am ausgezeichneteſten erſchien in⸗ deß dabei Minna Troil, der Halcro ſchon lange den Na⸗ men der Koͤniginn der Schwerter beigelegt hatte, und wel⸗ che ſich in der That zwiſchen den Schwertertraͤgern hindurch mit einer Leichtigkeit bewegte, welche alle die gezogenen Klingen als zu ihrer Perſon gehoͤrig und als die Werkzeuge ihres Vergnuͤgens erſcheinen ließ. Und als nun der Tanz immer labyrinthiſcher ward, als der, dicht auf einander⸗ folgende, fortdauernde Klang der Schwerter einige ihrer Gekaͤhrtinnen zurüuͤckſchaudern machte, und ihnen Zeichen der Furcht entlockte, ſchien ihre Wange, ihre Lippe und ihr Ange eher zu verkuͤndigen, daß ſie in dem Augenblicke, wo die Waffen am ſchnellſten um ſie blitzten und am lauteſten um ſie her erklangen, am meiſten ſich ſelbſt in ihrer Ge⸗ walt habe und ſich in ihrem Element fuͤhle. Ganz zuletzt, als ſchon die Muſik aufgehoͤrt hatte, und ſie einen Augen⸗ blick allein ſtehen geblieben war, wie es dle Regel des Tanzes erheiſchte, erſchienen die Schwertertraͤger und Jung⸗ frauen, wie ſje ſich ſo von ihr entfernten, als ihre Lelb⸗ wache und als das Gefolge einer Fuͤrſtinn, welches, durch W. Scott's Werko. CXI. 8 114. ein Zeichen von ihr verabſchiedet, ſie eine Zeitlang der Ein⸗ famkeit uͤberlaſſe. Ihr Blick und ihre Stellung ſtimmten in dieſein Augenblicke, wo ſie wahrſcheinlich irgend einem Gebilde der Phantaſie nachhing, wunderbar mit der hohen Wuͤrde uͤberein, welche ihr die Zuſchauer beilegten; ſie kam indeß beinahe augenblicklich wieder zu ſich, erröthete, als ob ſie es fuͤhle, daß ſie, wiewohl nur auf einen Augen⸗ plick, der Gegenſtand der ungetheilten Aufmerkſamkeit geweſen ſey, und reichte dann ihre Hand mit angenehmem Anſtande dem Cleveland, der, wenn er gleich nicht an dem Tanze Theil genommen, ſie doch auf ihren Platz hin⸗ fuͤhrte. Als Beide voruͤbergingen, bemerkte Mordaunt Mer⸗ tonn, daß Cleveland Minna etwas in's Ohr fluͤſterte, und daß dieſe ihre kurze Antwort mit weit mehr Verlegenheit gab, als ſie in dem Augenblicke gezeigt hatte, wo die Au⸗ gen der ganzen Verſammlung auf ſie gerichtet geweſen wa⸗ ren. Mordaunt's Argwohn wurde durch das, was er be⸗ merkte, auf das ſaaͤrkſte angeregt, denn er kannte Minna Charakter wohl, und wußte, mit welcher Gelaſſenheit und Gleichguͤltigkeit ſie die gewoͤhnlichen Komplimente und Ga⸗ lanterten aufnahm, welche ihre Schoͤnheit und ihre Ver⸗ haͤltniſſe ihr zu etwas Wohlbekanntem machen mußten. „Ware es moͤglich, daß ſie wirklich dieſen Fremde ebt?“ Dieſer unangenehme Gedanke fuhr Mordaunt au⸗ genblicklich durch den Kopf,— und wenn dieß wirklich der Fall waͤre, was geht das mich an?“ war der zweite, und dieſem folgte ſchnell die Betrachtung:„daßz, obgleich er nur immer als ein Freund an ihr Theil genommen, un obgleich dieſe Theilnahme jetzt aufgehoͤrt, er doch noch im⸗ mer in Ruͤckſicht auf ihre fruͤhere Vertraulichkeit, ein Recht 115 habe, verdruͤßlich und boͤſe uͤber ſie zu ſeyn, daß ſie ihre Neigung an Jemand verſchwende, den er fuͤr ihrer unwuͤr⸗ dig hielt.“ Bei dieſer Betrachtung war es wahrſchelulich, daß etwas gekraͤnkte Eitelkeit, oder ein unmerklicher Funke ſelbſtiſchen Schmerzes, die Maske uneigennuͤtzig Großmuth annahm; allein in unſern beſtehenden(uneingegebenen) Ge⸗ danken iſt ſoviel geringhaltige Legirung, daß es wirklich ein trauriges Geſchaͤft iſt, die Beweggruͤnde ſelbſt unſerer aus⸗ gezeichneteſten Handlungen genauer zu unterſuchen: wenig⸗ ſtens wuͤrden wir es Jedem empfehlen, die ſeiner Naͤch⸗ ſten ungehindert voruͤbergehn zu laſſen, ſo genau er guch die Reinheit ſeiner eigenen unterfuchen mag. Dem Schwertertanze folgten mehrere andere Arten ſol⸗ cher Auffuͤhrungen, auch Geſaͤnge, worin die Sanger ihre ganze Seele ausſprachen, waͤhrend die Zuhoͤrer gelegentlich eine Lieblingsſtrophe im Chor wiederholten. Bei ſolchen Gelegenheiten uͤbt die Muſik, wenn ſie auch nur einfacher oder ſelbſt roher Art iſt, doch ihre natuͤrliche Herrſchaft uͤber das Gemuͤth aus, und bringt jene gewaltige Erregung hervor, welche die gelehrteſten Compoſitionen der erſten Meiſter nicht zu bewirken vermoͤgen, die, fuͤr das ge⸗ wohnliche Ohr, Caviar ſind, wenn gleich ſie denjenigen, deren natuͤrliche Faſſungskraft und Erziehung ſie in den Stand geſetzt haben, dieſe ſchweren und verwickelten Ver⸗ bindungen der Harmonie zu begreifen und zu genießen, unendliches Vergnuͤgen gewaͤhren. Es war bereits gegen Mitternacht, als ein Pochen an der Hausthuͤre, von dem Klimpern des Gue und des Lang⸗ ſpiels begleitet, die Ankunft neuer froͤhlicher Gaͤſte verkuͤn⸗ — 8&◻ 116 digte, denen, nach der gaſtfreien Sitte des Landes, ſogleich der Eintritt gewaͤhrt wurde. Achtes Kapitel.„ ——— mein ahnend Herz Sagt mir, daß ein Geſchick, das noch die Sterne bergen, Sein furchtbar grauſend Spiel beginnen wird Mit dieſes Abends Luft. Romeo und Julie. Die Neuankommenden waren, nach der haͤufigen Ge⸗ wohnheit ſolcher Luſtigmacher in der ganzen Welt, in eine Art von Verkleidung gehüllt, welche Tritonen und Meer⸗ jungfern darſtellen ſollte, womit die alte Sage und der Volksglaube die nordiſchen Meere bevoͤlkerte. Die Erſte⸗ ren, von den Shetlaͤndern der damaligen Zeit Shouzel⸗ tins genannt, wurden von zungen, abentheuerlich geklei⸗ deten Leuten mit falſchem Haar und Baͤrten, von Flachs gemacht, und mit Kraͤnzen aus Meergras, mit Muſcheln und andern See⸗Erzeugniſſen darunter, vorgeſtellt, wo⸗ mit auch ihre lichtblauen oder gruͤnlichen Maͤntel von Wad⸗ maal ausgeziert waren. Sie hatten Fiſch⸗Speere und an⸗ dere Keunzeichen ihrer angenommenen Wuͤrde in den Haͤn⸗ den, worunter Halcro's claſſiſcher Geſchmack, der den Maskenzug angeordnet, die großen Seemuſcheln nicht ver⸗ — geſſen hatte, welchen, von Zeit zu Zeit, einer oder zwei der Meergoͤtt er, zum großen Aerger aller derer, die ſich — 2 —“v— u õu db u— X8NuNn dk†¼n d—d 117 in ihrer Naͤhe befanden, ſtarke und dumpfe Toͤne ent⸗ lockten. 5 419G i Die Nereiden und Waſſernymphen, welche bei dieler Gelegenheit mit auftraten, legten, wie gewoͤhnlich, in ihren Kleidungen und in ihrem Schmuck bei weitem mehr Geſchmack an den Tag, als dieß bei ihren maͤnnlichen Be⸗ gleitern der Fall war. Phantaſtiſche Gewaͤnder, von gruͤner Seide und anderen koſtbaren und modiſchen Zuthaten, muß⸗ ten dazu dienen, ihren Begriff von den Bewohnerinnen der Gewaͤſſer verwirklichen zu helfen, und, zu gleicher Zeit, den Wuchs und die Geſichtszuͤge der Schoͤnen in dem beſten Lichte erſcheinen zu laſſen. Die Baͤnder von Muſcheln, welche den Hals, die Arme und Knoͤchel der artigen Meer⸗ jungfern ſchmuͤckten, waren, bei einigen, mit wirklichen Perlen durchwebt, und ihre Erſcheinung, im Ganzen von der Art, daß ſie dem Hofe der Amphitrite keine Schande gemacht haben wuͤrden, vorzuͤglich, wenn man die langen, glaͤnzenden Locken, die blauen Augen, die klare Geſichts⸗ farbe und die angenehmen Zuͤge der Toͤchter von Thule in Betrachtung gezogen haͤtte. Wir wollen nicht behaupten, daß eine dieſer angeblichen Meerjungfern, die wirkliche Strene ſo genau nachgeahmt haͤtte, wie es die Erklaͤrer von den Begleiterinnen der Cleopatra behaupten, welche, trotz dem, daß ſie den Fiſchſchwanz ihres Urbildes an ſich hatten, doch ihre Verbeugungen ganz zierlich machten ⁵). In der That wuͤrde es, wenn ihre Aeußerlichkeiten nicht ohne ſolchen Zuſatz geblieben waͤren, den ſbetlaͤndiſchen Sirenen ſehr ſchwer geworden ſeyn, den ſehr artigen *) Siehe die treßtiche Erürterung in dem Bariarum von Shakespeare. 118 Tanz auszufuͤhren, womit ſie die Geſellſchaft fuͤr den willigen Zutritt erfreuten, den ſie ihnen geſtattet hatte. Es entdeckte ſich bald, daß die Verlarvten keine Frem⸗ den waren, ſondern ein Theil der Geſellſchaft ſelhſt, wel⸗ cher ſich einige Zeit vorher hinausgeſchlichen und ſich ſo verkleidet hatte, um in die Froͤhlichkelt des Abends eine kleine Abwechslung zu bringen. Claudius Halcro's Muſe, welche bei allen ſolchen Gelegenheiten bei der Hand war, hatte ſie mit einem paſſenden Geſange verſehen, von dem wir hier ein Proͤbchen beifuͤgen. Der Geſang wechſelte zwi⸗ ſcheu einer Nereide oder Meerjungfer, und einem Meer⸗ manne, oder Tritonen, ab, waͤhrend die Maͤnner und Frauen einen Halbchor bildeten, der den Hauptſaͤnger be⸗ gleitete und die Endſtrophen wiederholte. I. Meerjungfer. Klaftertief im Meeresgrunde! „Reihen wir die Perlenſaat, Singen manche alte Kunde Von des Norweg's Ritterthat: Wohnen, wo des Sturmes Wehen Anſerm Ohr ſo ſanft erklingt, Als des Freundes innig Flehen Das zu Liebchen's Herzen dringt: Des wilden Thule Kinder wir Sind, aus dem Meeresgrunde, hier, Wie die Lerche ſteigt zum Himmel empor, „Zu ſtimmen in Euren fröhlichen Chor. 2. Meermann. Wir zügeln das mächtige Waſſerroß, WVon deſſen Huf das Meer erſchäumt, Wir hegen den Sturm in der Windoͤbraut Schooß⸗ Bis die Schlange des Meeres vor ihm ſich väumt;. Weit hallt des Muſchelhornes Klang⸗ le Zum Kampfe den Wallfiſch und Schwertfiſch ruft: 85 Wir läuten dem Seemann zum letzten Gang,⸗ 1 Wenn Winde und Wellen bereiten die Gruft; Des wilden Thule Kinder hier/ Ziehen im Meere die Furchen wir, Wie der Stier ſie pflügt auf Feld und Moor⸗ und kommen zu Eurem fröhlichen Chor. 3. Meermaͤnner und Meerjungfern. Wir hörten Euch in dunkler Kluft, Wohl manche hundert Faden tief, Die Welle ſagt's, wenn Freude ruft, Doch nie, wenn Krieg und Wehe rief. Es liebt, wer unterm Meere wohnt/ Die Söhne Thule's lange ſchon: Drum bringen wir, wo Frohſinn thront⸗ Geſang und Tanz und Hörnerton, Den Kindern Thule's ſei's bekannt, Die wohnen an Haf' und See und Land, Deren Nachen dahin fliegt an kühner Hand⸗ Wir kommen, wo Freude ſich hingewandt. Der Endchor wurde von den ſaͤmmtlichen Stimmen ge⸗ ſungen, die Mitſpieler ausgenommen, welche die großen Seemuſcheln trugen, und die man gelehrt hatte, eine Art rohe Begleitung darauf zu blaſen, welche eine recht gute Wirkung hervorbrachte. Die Dichtung, ſo wie die Dar⸗ ſtellung der Verlarvten, erhielt großen Beifall von allen denjenigen, welche darauf Anſpruͤche machten, Kenner ven dergleichen Dingen zu ſeyn, vor allen aber, von Triplole⸗ 120 mus Yellowley, welchem die Worte furchen und pfluͤ⸗ gen zu Ohren gekommen waren, und ber dieſe, nach dem Zuſtande ſeines Beſinnungsvermoͤgens, in vollkommenem wortlichen Sinne nahm; er erklaͤrte daher gerade heraus, und rief Mordaunt zum Zeugen, daß wenn es gleich eine Schaude fey, ſo viel gutes Werg zu vergenden, als man zu den Baͤrten und Peruͤcken der Tritonen genommen, der Geſang doch die einzigen vernuͤnftigen Worte enthielte, die er den ganzen laugen Tag uͤber gehoͤrt habe. Mordaunt hatte indeß nicht Zeit, dieſem Aufruf nach⸗ zukommen, indem er gerade jetzt mit der aͤußerſten Span⸗ nung die Bewegungen einer der weiblichen Verlarvten be⸗ wachte, welche ihm, bei ihrem Eintreten, ein geheimes Zei⸗ chen gegeben hatte, das ihn glauben machte, wenn er auch nicht wußte, wer ſie ſeyn moͤge, daß ſie ihm etwas Wich⸗ tiges mitzutheilen haben duͤrfte. Die Sirene, welche ſo dreiſt ſeinen Arm beruͤhrt, und die Bewegung mit einem Blick begleitet hatte, der ſeine ganze Aufmerkfamkelt er⸗ regte, war mit ungleich größerer Sorgfalt verkleidet, als ihre Gefaͤhrtinnen, indem ihr Mantel nicht knapy anſchloß⸗ und weit genug war, ihre Geſtalt, vollkommen zu verhuͤl⸗ len, auch eine ſeldene Maske ihr Geſicht verbarg. Er be⸗ merkte, daß ſie ſich allmaͤhlig von den uͤbrigen Verlarvten losmachte, dann, als ob ſte friſche Luft ſchoͤpfen wollte, ſich an die Thuͤr eines offenen Zimmers ſtellte, ihn noch ein⸗ mal bedeutſam anblickte, und endlich, die Gelegenheit be⸗ nußend, wo die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft auf die Uebrigen aus dem Aufzuge geheftet war, aus dem Saale ſchluͤyfte. 4 4 Mordaunt zoͤgerte nicht, ſeiner geheimnißvollen Fuͤh⸗ rerlun zu folgen; dieſe biteh einen Augenblick ſtehen, um 121 ihm die Richtung zu zeigen, die ſie nehmen werde, und ging dann ſchuell auf das Ufer eines Voe, oder Meerwaf⸗ ſer⸗Sees, zu, der jetzt in ſeiner ganzen Ausdehnung vor ihnen lag, und deſſen kurze Sommerwogen in dem hellen Mondlicht glaͤnzten und ſich kraͤuſelten, das, verbunden mit der ſtarken Daͤmmerung, welche in jenen Gegenden waͤhrend der Sommer⸗Sonnenwende gewoͤhnlich iſt, die Abweſenheit der Sonne nicht empfinden ließ, deren letzte Spuren man, im aͤußerſten Weſten, noch auf den Wellen bemerken konnte, waͤhrend der Horizont im Oſten ſchon von der Tagesdaͤmmerung erhellt zu werden anfing. Alles dieß machte es Mordaunt nicht ſchwer, ſeine ver⸗ kleidete Fuͤhrerinn im Auge zu behalten, waͤhrend ſie, uͤber Huͤgel und Thal nach dem Meere zu trippelte, und, ſich zwiſchen den Felſen hindurchwindend, den Weg nach einem Platze einſchlug, wo er mit eigener Hand, waͤhrend ſeines fruͤhern genauern Umgangs mit den Bewohnerinnen von Burgh⸗Weſtra, einen wohlbeſchuͤtzten einſamen Sitz gebaut hatte, auf welchem Magnus Toͤchter, bei gutem Wetter, einen großen Theil ihrer Zeit zuzubringen pflegten. An dieſem Orte nun ſollte die Erklaͤrung erfolgen, denn die Verlarvte blieb ſtehen, und ſetzte ſich, nach einem Augen⸗ blick des Beſinnens, auf den laͤndlichen Sitz nieder. Aber von weſſen Lippe ſollte er jene Erklaͤrung erhalten? Zuerſt ſiel ihm Norna ein; allein ihre hohe Geſtalt, und ihr lang⸗ ſamer majeſtätiſcher Schritt, waren gaͤnzlich von dem Wuchſe und dem Gange der feenhaft gebauten Sirene ver⸗ ſchieden, welche mit ſo leichtem Schritt ihm vorausgeeilt war, als ſey ſie eine wirkliche Nereide gewefen, die, nach⸗ dem ſie zu lange am ufer verweilt, nun, Amphitrite's Miß⸗ fallen beſorgend, ihr angebornes Element wieder zu errei⸗ 122 chen eilte. Da es alſo nicht Norna war, ſo konnte es nur, dachte er, Brenda ſeyn, die ihn ſo aus dem Uebrigen her⸗ gusgelockt, und wirklich fand es ſich, als die Verlarvte ſich auf die Bank geſetzt und die Maske abgenommen hatte, daß es Brenda war. Mordaunt hatte durchaus nichts ge⸗ than, das ihm Scheu vor ihrem Anblicke haͤtte einfloͤßen koͤnnen, und doch— ſo groß iſt die Macht der Schuͤchtern⸗ heit bei dem Zuſammentreffen junger, unverdorbener Leute beiderlei Geſchlechts,— empfand er jetzt die ganze Ver⸗ legenheit jemandes, der ſich unvermuthet einer Perſon ge⸗ genuͤber ſieht, die gerechte Urſache zum Unwillen gegen ihn hat. Brenda's Verlegenheit war eben ſo groß, als die ſeinige; da ſie indeß dieſe Zuſammenkunft herbeigefuͤhrt hatte, und fuͤhlte, daß ſie nur kurz ſeyn duͤrfte, ſo mußte ſie, nothgedrungen, die Unterhaltung anfangen. „Mordaunt,“ ſagte ſie, mit ſtockender Stimme, fuhr aber dann, ſich verbeſſernd, fort:„es muß Sie befremden, Herr Mertonn, daß ich mir dieſe ungewoͤhnliche Fretheit genommen habe.“ „Erſt ſeit dieſem Morgen, Brenda,“ antwortete Mor⸗ daunt,„koͤnnte mich ein Beweis der Freundſchaft oder Ver⸗ traulichkeit von Dir, oder Deiner Scweſter, befremdet ha⸗ ben. Ich bin bei weitem mehr daruͤber verwundert, daß Du mich ohne Grund, ſchon ſo viele Stunden lang gemie⸗ den haſt, als daß Du mir jetzt, eine Zuſammenkunft ver⸗ ſtatteſt. Sage mir, um's Himmelswillen, Brenda, womit habe ich Dich beleidigt? oder warum ſind wir auf dieſem ungewoͤhnlichen Fuße?“ „Iſt es Dir nicht genug, wenn ich Dir ſage,“ erwie⸗ derte Brenda:„daß es meines Vaters Wille iſt?“ „Nein, das iſt nicht genug,“ antwortete Mertoun. 4* V 71²3 „Dein Vater kann nicht ſo ploͤtzlich ſeine Geſinnung und ſein Benehmen gegen mich geaͤndert haben) ohne von ei ner groben Taͤuſchung befangen zu ſeyn. Ich verlange von Dir nur zu wiſſen, worin dieſe beſteht, denn ich will in Deiner Achtung niedriger ſtehen, als der geringſte Knecht auf dieſen Inſeln, wenn ich nicht beweiſe, daß dieſe Sin⸗ nesaͤnderung ſich nur auf einen niedertraͤchtigen Beteug, oder auf einen ganz ungewoͤhnlichen Irrthum gruͤndet.“ „Es mag ſo ſeyn,“ ſagte Brenda:„ich hoffe es iſt fo, und daß ich dieß hoffe, davon mag Dir mein Wunſch, Dich insgeheim zu ſehen, der ſtaͤrkſte Beweis ſeyn. Aber es iſt ſchwer— kurz, es iſt unmoͤglich fuͤr mich, Dir die Urſache der Erbitterung meines Vaters gegen Dich zu enthuͤllen. Norna hat gerade heraus mit ihm daruͤber geſprochen, ich fuͤrchte, ſie ſchieden in Unfrieden von einander, und Du weißt wohl, daß das nicht um etwas Unbedeutendes ge⸗ ſchehen konnte.“ „Ich habe oͤfter bemerkt,“ ſagte Mordaunt,„daß Dein Vater ſehr viel auf Norna's Rath haͤlt, und daß er ſich ihre Sonderbarkeiten leichter gefallen laͤßt, als die an⸗ derer Leute; dieß habe ich wohl bemerkt, wenn gleich er an die uͤbernatuͤrlichen Eigenſchaften, welche ſie zu beſitz⸗n behauptet, nicht ſehr glauben mag.“ „Sie ſind entfernte Verwandte, und waren Jugend⸗ freunde, ja, wie ich geyoͤrt habe, glaubte man einſt ſogar, daß ſie einander heirathen wuͤrden; allein Norna's Son⸗ derbarkeiten zeigten ſich gleich nach ihres Vaters Tode, und damit war die Sache zu Ende, wenn ja etwas daran war. Gewiß iſt es indeß, daß mein Vater ſie mit vielem An⸗ theile betrachtet, und 68 iſt, wie ich fuͤrchte, ein Zeichen, 1²4 wie tlef ſeine Vorurtheile gegen Dich eingewurzelt ſind, daß ſie Beide ſich Deinetwegen erzuͤrnt haben.“ 2 Des Himmels Segen uͤber Dich, Brenda, daß Du ſie, Vorurthelle genannt haſt,“ ſagte Mertoun mit Waͤrme und Eifer:„tauſendfacher Segen uͤber Dich! Du hatteſt immer ein weiches Herz, Du wuͤrdeſt ſelbſt nicht den Schein der Unfreundlichkeit lange haben annehmen koͤn⸗ nen.“ „Es war auch nur ein Schein,“ ſagte Brenda, welche allmaͤhlig zu dem vertraulichen Tone wleder uͤbergieng, in welchem ſie von Kindheit an mit einander geſprochen hat⸗ ten:„ich konnte mir es nie denken, Mordaunt,— nie, das heißt, wirklich glauben, daß Du irgend etwas Unfreund⸗ liches von Minna oder mir geſagt haben koͤnnteſt.“ 3 „Und wer wagt es zu ſagen, daß ich das gethan haͤtte?“ ſagte Mordaunt, indem er der natuͤrlichen Heftig⸗ keit ſeines Charakters vollen Lauf ließ:„wer wagt es, zu ſagen, daß ich das gethan haͤtte und glaubi, daß ich ſeine Zunge ruhig in ſeinem Munde laſſen werde? Bei Sankt Magnus, dem Maͤrtyrer, ich will die Falken damit fuͤt⸗ tern.“ „Nein!“ ſagte Brenda:„jetzt jagt mir Deine Wuth Schrecken ein und wird mich noͤthigen, Dich zu verlaſſen.“ „Mich zu verlaſſen,“ ſagte er:„ohne mir die Ver⸗ laͤumdung zu enthuͤllen, oder mir den Namen des ſchaͤnd⸗ lichen Verlaͤumders zu nennen?“ „Es iſt mehr als Einer,“ antwortete Brenda:„der meinem Vater eine Meinung beigebracht hat— die ich Dir nicht wieder erzaͤhlen kann— aber es iſt mehr als Einer, der ſagt...„ 3 „Und. waͤren es hundert, Brenda, ſo ſollen ſie das er⸗ 125 fahren, was ich geſagt habe!— Heiliger Maͤrtyrer! mich zu beſchuldigen, ſchlecht von denen geſprochen zu haben, welche ich vor Allen unter dem weiten Himmel am meiſten ehrte und ſchaͤtzte,— ich will ſogleich zurück in den Saal gehen, und Dein Vater ſoll mir vor aller Welt Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen.“ 8 119 aſt „Geh' nicht, um's Himmelswillen!“ ſagte Brenda: „geh' nicht, wenn Du mich nicht zum ungluͤcklichſten Ge⸗ ſchopfe in der Welt machen willſt.“. „So ſage mir wenisſtens⸗ ob ich recht gerathen habe, wenn ich dieſen Cleveland als Einen von denen nenne, die mich angeſchwaͤrzt haben?“ 188 „Nein, nein!“ ſagte Brenda heftig:„Du verfaͤllſt aus einem Irrthum in einen andern, noch gefaͤhrlicheren. Du ſagſt, Du ſeyſt mein Freund,— ich bin Deine Freun⸗ dinn;— aber ſey jetzt einen Augenblick ruhig, und hoͤre, was ich Dir zu ſagen habe;— unſere Zuſammenkunft hat ſchon zu lange gedauert, und jeder Augenblick bringt neue Gefahr.“— „So ſage mir denn,“ erwiederte Mertoun, den des armen Maͤdchens ungemeine Beſorgniß und Angſt ruͤhrte: „was Du von mir forderſt, und glaube mir, daß es nichts giebt, das ich nicht, auf Dein Verlangen, zu thun bereit ſeyn werde.“ 1 „Nun wohl,— dieſer Capitaͤn,“ ſagte Brenda:„die⸗ ſer Cleveland..“ 8 „Ich wußte es, beim Himmel!“ ſagte Mordaunt: „mein innerer Sinn ſagte mir es ſchon, daß dieſer Menſch, auf irgend eine Art, an allem dieſem Ungluͤck und Miß⸗ verſtaͤndniß Schuld ſeyn muͤſſe.“ 19 48n „Wenn Du nicht einen Augenblick ſchweigen und ruhig 1²6⁶ ſeyn kannſt,“ antwortete Brenda:„ſo muß ich Dich augen⸗ blicklich verlaſſen; was ich Dir ſagen wollte, bezieht ſich nicht auf Dich, ſandern auf Jemand Anderes— mit ei⸗ gem Worte, auf meine Schweſter Minna. Ich kann Dir nichts uͤber ihre Abneigung gegen Dich ſagen, wohl aber Dir viel Beſorgliches uͤber ſeine Aufmerkſamkeit gegen ſie erzaͤhlen.“ i„Dieſe iſt klar in die Augen fallend und ausgezeich⸗ net,“ ſagte Mordaunt:„und wird, wenn mich meine Augen nicht trügen, gern angenommen, ja vielleicht erwie⸗ dert.⸗ 1 „Dieß iſt die wahre Urſache meiner Beſorgniß,“ ſagte Brenda:„aber auch auf mich wacht das Aeußere, das un⸗ gezwungene Betragen und die romantiſche Unterhaltung des Mannes Eendruck.“ „Sein Aeußeres!“ ſagte Mordaunt:„nun ja, er iſt ſtark und wohlgebaut genug; aber, wie die alte Sinclalr von Quendale zu dem ſpaniſchen Admiral ſagte: hol' der Henker ſein Geſicht! Ich habe manchen Huͤbſcheren auf dem Borough Movr hangen ſehn.— Nach ſeinem Betragen kann man ihn gleich fuͤr einen Eaper⸗Capitaͤn halten, und nach ſeiner Unterhaltung, fuͤr den Trompeter bei ſeinem eigenen Puppenſpiel, denn er ſpricht faſt von Nichts An⸗ derem, als von ſeinen eigenen Thaten.“ „Du irrſt Dich,“ ſagte Brenda:„er ſpricht nur zu gut uͤber alles das, was er geſehen und erfahren hat; uber⸗ dieß iſt er wirklich in manchen Laͤndern geweſen und bei wanchem blutigen Gefechte, wovon er mit eben ſo viel Geiſt als Beſcheidenheit erzaͤhlt. Man ſollte glauben, man ſad den Blitz und hoͤrte den Donner der Kanonen. Er erzäͤhlt auch noch van auderen Dingen, von den herrlichen AN Ir n 1— 18. 127 Baͤumen und Fruͤchten anderer Klimate, und wie die Leute das ganze Jahr uͤber einen Anzug tragen, der nicht halb ſo warm iſt, als unſere Sommerrͤcke, und in der That wenig mehr als Cambrics und Muſſline anthun.4“ „Wahrhaftig, Brenda, der Mann ſcheint es zu ver⸗ ſtehen, junge Damen zu⸗ unterhalten,“ erwiederte Mor⸗ daunt. „Ja, das kann er,“ ſagte Brenda mit großer Natuͤr⸗ lichkeit.„Ich verſichere Dich, daß ich ihn Anfangs noch weit lieber hatte, als Minna, und doch weiß ich, wenn ſie gleich bei weitem kluͤger iſt, als ich, mehr von der Welt, als ſie, denn ich habe mehr Staͤdte geſehen;— ich bin einmal in Kirkwall geweſen, und dreimal in Berwich, als die hollaͤndiſchen Schiffe dort waren, und ſo kann ich mich nicht keicht in Leuten irren.“ „und ſage mir, Brenda,“ erwiederte Mordaunt:„war⸗ um biſt Du in Deiner guten Meinung von dem jungen Manne, der ſo anziehend zu ſeyn ſcheint, zuruͤckgekom⸗ men?“ „Hm,“ ſagte Brenda, nach augenblicklichem Beſinnen: „er war Anfangs weit lebhafter, und die Geſchichten, die er erzaͤhlte, waren nicht ſo traurig oder nicht ſo ſchrecklich, und er lachte und tanzte mehr.“ „Und tanzte vielleicht mehr mit Brenda, als mit ih⸗ rer Schweſter?“ fuͤgte Mordaunt hinzu. „Nein, warlich nicht,“ ſagte Brenda:„und doch, die Wahrheit zu ſagen, konnte ich auch gar keinen Verdacht gegen ihn hegen, ſo lange er gleiche Aufmerkſamkeit gegen uns Beide zu haben ſchien, denn ſo konnte er uns nicht mehr gelten, Jals Du, Mordaunt Mertoun, oder der junge Swaraſter, oder jeder andere junge Mann auf der Inſel.“ 3. 128 „Aber,“ ſagte Merto un:„warum ſaheſt Du es denn nicht gleichguͤltig mit an, wie er bekannter mit Deiner Schweſter wurde?— Er iſt reich, oder ſcheint es wenig⸗ ſtens zu ſeyn. Du fagſt, er iſt gebildet und angenehm; kann es einen beſſeren Liebhaber fuͤr Minna geben?“ „Du vergißt, Mordaunt, wer wir ſind,“ ſagte das Maͤdchen, indem ſie eine Miene der Bedeutſamkeit an⸗ nahm, welche, bei ihrer Natuͤrlichkeit, ſie eben ſo gut klei⸗ dete, als der verſchledene Ton, in dem ſie jetzt ſprach. idieß Shetland iſt eine kleine Welt, und ſteht viell eicht, wenigſtens wie Fremde ſagen, anderen Theilen der Erde weit nach; allein es iſt unſere eigene kleine Welt, und wir, die Toͤchter Magnus Troll's, behaupten eine der er⸗ ſten Stellen darin. Es wuͤrde, denk' ich, ſich wenig fuͤr uns ſchicken, wenn wir, die wir von Seekoͤnigen und Jarls abſtammen, uns ſo wegwerfen wollten, daß wir mit einem Fremden in Verbindung traͤten, der, wie die Eidergans im Fruͤhling, an unſere Kuͤſte kommt, wir wiſſen nicht, wo⸗ her, und ſie vielleicht im Herbſt verlaͤßt, um zu gehen, wir wiſſen nicht wohin.“ „Und der nichts deſtoweniger eine ſhetlaͤndiſche Flohr⸗ fliege verleiten kann, ihn auf ſeiner Wanderung zu be⸗ gleiten.“ „Ich verbitte mir allen Scherz uͤber ſolchen Gegen⸗ ſtand,“ erwiederte Brenda unwilltg:„Minna iſt ſo gut als ich, die Tochter Magnus Troll's, des Freundes der Fremden, aber des Vaters von Hialtland. Er gewaͤhrt dieſen die Gaſtfreundſchaft, deren ſie beduͤrfen; aber ſelbſt der Stolzeſte von ihnen mag es ſich nie in den Sinn kommen laſſen, daß er ſich, nach ſeinem Belieben, mit ſei⸗ nem Hauſe naͤher verbinden koͤnne.“ Sie u d¼. ͤ—,—— u—S, d8 12²9 4 Sie fagte dieß mit beſonderer Waͤrme, milderte aker ihren Ton ſogleich und ſetzte hinzu:„Nein, Mordaugt, glaube nicht, daß Minna Troil deſſen uneingedenk ſeyn kann, was ſie ihrem Vater und dem Blute ihres Vaters ſchuldig iſt, um ſich mit dieſem Cleveland zu vermaͤhlen; aber ſie kann vielleicht ſelnen Worten ſo lange Gehoör ge⸗ ben, daß ihr ganzes zukuͤnftiges Gluͤck dabei zu Grunde geht. Ihr Geiſt iſt von der Art, daß alle Eindruͤcke ſich ihm tief einpraͤgen. Du wirſt Dich erinnern, wie Ulla Storlſon Tag fuͤr Tag nach dem Gipfel von Voſſdale⸗ Heod zu gehen pflegte, um nach dem Schiffe ihres Gelieb⸗ ten auszuſchauen, das nie wieder zuruͤckkehrte?— Wenn ich noch an ihren langſamen Schritt, ihre bleiche Wange, ihr immer truͤber und truͤber werdendes Auge denke, das der Lampe glich, die aus Mangel an Oel halv erl ſcht,— wenn ich mir ihren aufgeregten Blick zuruckrufe, den Strahl von Hoffunng, womit ſie des Morgens die Klippe hinan⸗ ſtieg, und die ſtarre Verzwe flung, welche auf ihrer Stirne lag, wenn ſie zuruͤckkehrte,— wenn ich an alles dieß denke, kannſt Du Dich noch wundern, daß ich fuͤr Minna fuͤrcht, deren Herz ganz dazu gemacht iſt, mit ſo tief eingewur⸗ zelter Treue einen Eindruck zu bewahren, den es einmul empfangen hat?“ „Ich wundere mich nicht,“— ſagte Mordaunt, der an der Betruͤbniß des armen Maͤdchens den waͤrmſten An⸗ theil nahm, denn, außer dem Zittern ihrer Stimme, konnte er beinahe die Thraͤne ſehen, welche in ihrem Auge glaͤnzte, als ſie das Bild ausmahlte, das ihre Phantaſie mit dem ihrer Schweſter verwoben hatte:—„ich wundere mich nicht, daß Du mir fuͤhlen und fuͤrchten kannſt, was nur die reinſte Zuneigung einzugeben im Stande iſt: W. Sevtt's Werke. CXI. 9 wenn Du mir nur angeben willſt, worin ich Deiner ſchwe⸗ ſterlichen Liebe nuͤtzen kann, ſo ſollſt Du mich eben ſo be⸗ reit ſinden, mein Leben, wenn es noͤthig iſt, zu wagen, als ich wohl auf die Klippen hinausgeſtiegen bin, um den Eiern der Sestaube nachzugehen, und glanbe mir— was auch Deln Vater oder Du davon gehoͤrt haben magſt, daß ich die geringſten Gedanken von Mangel an Achtung oder Unfreundlis keit gegen Euch hegte— dieß iſt alles ſo falſch, als der hoͤlliſche Feind es nur erdacht haben koͤnnte.“ „Ich glaube es,“ ſagte Brenda, indem ſie ihm die Hand reichte:„ich glaube es, und mein Buſen iſt leichter nun, da mein Vertrauen zu einem ſo alten Freunde zu⸗ ruͤckgekehrt iſt. Wie Du uns helfen kaunſt, weiß ich nicht, allein es iſt, auf Norna's Rath, ja ich moͤchte ſagen, auf ihren Befehl geſchehen, daß ich Dir dieſe Eroͤffnung zu machen gewagt habe, und ich wundere mich ſelbſt beinahe,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie um ſich blickte:„daß ich den Muth gehabt habe, das Unternehmen durchzufuͤhren. Du weißt jetzt alles, was ich Dir uͤber die Gefahr ſagen kann, in welcher meine Schweſter ſchwebr. Habe ein wachſames Auge auf dieſen Cleveland, huͤte Dich aber, mit ihm in Streit zu gerathen, da Du, einem erfahrnen Soldaten ge⸗ genuͤber, gewiß den Kuͤrzeren ziehen muͤßteſt.“ „Ich kann nicht recht begreifen, wie das ſo gewiß der Fall ſeyn ſoll. Das weiß ich aber wohl, daß ich, bei den tuͤchtigen Armen und dem unverzagten Herzen, die mir Gott gegeben, und bei einer guten Sache dazu, mich vor einem Zwiſt mit Cieveland nicht fuͤrchte.“ „So vermelde, wenn es nicht Deiner felbſt willen ge⸗ ſchleht,“ ſagte Brenda:„Minna's wegen, meines Vaters egen, melnermegen, unſer Aller wegen, allen Streit mit 131 ihm; begnüge Dich, ihn zu beobachten, und ſuche, wo moͤg⸗ lich, herauszubringen, wer er iſt, und was er fuͤr Abſichten in Ruͤckſicht auf uns hat. Er hat oft davon geſyrochen, nach Orkney zu gehen, um nach dem Schiffe ſich zu erk n2 digen, mit dem er in See gegangen iſt; allein ein 3 ig. nach dem andern, eine Woche nach der andern, vergehte, und er macht noch keine Anſtalten zur Abreiſe; waͤhrenb er fo⸗ meinem Vater bei der Flaſche Geſellſchaft leiſter und Minng romanhafte Geſchichten von fremden Voͤlkern, von Kriegen in wilden und unbekannten Laͤndern, erzaͤhlt, ver⸗ fliezt die Zeit unvermerkt, und der Fremde, von dem wir nichts weiter wiſſen, als daß er ein ſolcher iſt, wird nach und nach ein immer vertrauteres und unzertrennlicheres Mitglied unſeres Kreiſes. Und nun leb' wohl; Norna⸗ hofft, meinen Vater mit Dir auszuſoͤhnen, und laͤßt Dich bitten, Burgh⸗Weſtra morgen noch nicht zu verlaſſen, ſo kalt gauch mein Vater und meine Schweſter gegen Dich ſeyn moͤgen. Aug ich,“ ſagte ſie:„muß die Larve kalter Freundſchaft gegen den unwillkommenen Gaſt tragen, im Herzen ſind wir aber immer noch Brenda und Mordaunt. Und nun entferne Dich ſchnell: man muß uns nicht bei⸗ einander ſehen.“ 3 1 Sie relchte ihm mit dieſen Worten ihre Hand, zog ſie aber in einiger Verwirrung laͤchelnd und erroͤthend zu⸗ ruͤck, als er ſie, einem natuͤrlichen Antriebe folgend, an ſeine Lippen drucken wollte. Einen Augenblick verſuchte er, ſie zuruͤck zu halten, denn die Zuſammenkunft harte einen Zauber fuͤr thn, den er, ſo oft er fruͤher mit Brenda⸗ allein geweſen, nicht empfunden hatte. Sie riß ſich iudeß⸗ von ihm ſos, win hm noch ein Lebewohl zu, zeigte auf ainen Meg, der nach einer andern Richtung hinfuͤhrte, als — 4& 13² den, den ſie ſelbſt einzuſchlagen im Begriff war, eilte nach dem Hauſe zu, und war bald hinter der Anhoͤhe ver⸗ ſchwunden. Mordaunt blickte ihr in einem Zuſtande des Gemuͤths nach, der ihm bis jetzt ganz fremd geweſen war. Es kann Jemand auf dem zweifelhaften neutralen Grunde und Bo⸗ dem zwiſchen Freundſchaft und Liebe lange und ſicher en⸗ hergehen, ſieht ſich aber endlich doch ploͤtzlich aufgefordert, ble Oberherrſchaft der einen oder der andern Macht anzu⸗ erkennen, und dann geſchieht es gewöhullch, daß derjenige, welcher ſich Jahre lang nur far einen Freund gehalten hat, ſich auf elumsl in einen Liebhaber umgewandelt fin⸗ det. Daß eine ſolche Veraͤnderung in Mordaunt's Gefuͤh⸗ len von dieſem Augenblicke an vorgehen wuͤrde, obgleich er nicht im Stande war, deren eigentliche Beſchaffenheit zu beſtimmen, war vorauszuſehen. Er fand ſich auf einmal⸗ mit der unbefangenſten Offenheſt, zum Vertrauten eines jungen und anziehenden Frauenzimmers erhoben, ven der er ſich, noch vor ganz kurzer Zeit, verachtet und zuruckge⸗ ſetzt glaubte, und wenn je etwas eine, in ſich ſelbſt ſo überraſchende und angenehme, ja berauſchende Umwandlung hervorbringen konnte, ſo war es die ſchuldloſe und offen⸗ herzige Einfalt Brenda's, welche einen Zauber üͤber alles verbreitete, was ſie ſagte oder that. Auch die Umgebung konnte wohl zu der Veraͤnderung in Mordaunt's Gefuͤhlen mitgewirkt haben, obgleich deren Huͤlfe nicht einmal noͤthig war. Ein ſchoͤnes Geſicht ſieht indeß beim Schimmer des Mondes immer noch ſchoͤner aus, und eine angenehme Stimme toͤnt immer noch fuͤßer bei dem leiſen Gefluͤſter einer Sommernacht. Mordaunt, der mittlerweile nach dem Hauſe zuruͤckgekehrt war, hoͤrte daher mit ungemwoͤhnlicher Geduld und Gefaͤlligkeit die enthuſtaſtiſche Lobrede auf das Mondlicht an, welche Claudius Halcro hielt, deſſen Em⸗ pfaͤnglichkeit durch einen kurzen Spaziergang in freier Luft geſteigert worden war, den er gemacht hatte, um die Duͤnſte des kraͤftigen Getraͤnkes ſich zerſtreuen zu laſſen, das er waͤhrend des Feſtes reichlich zu ſich genvmmen hatte. „Die Sonne, lieber Junge,“ ſagte er: iſt jedes elen⸗ den Arbeiters Tagslaterne: dort ſteigt ſie hell aus dem Oſten auf, eine ganze Welt zur Arbeit und zur Plage auf⸗ zuwecken, waͤhrend der ſanfte Mond uns Alle zur Froͤhlich⸗ keit und zur Liebe hinleuchter.“ „Und zu Thorheiten, wenn man ihm anders nicht zu viel Boͤſes nachſpricht,“— ſagte Mordaunt, um doch etwas zu ſagen. „Nun meinetwegen,“ erwiederte Halctko:„wenn er uns nur nicht zu traucigen Thoren macht. Meia theu⸗ rer, junger Freund, die Leute in dieſer muͤhſeligen Welt geben ſich alle zu viel Muͤhe, ihren ganzen Verſtand zu Gebote, oder, wle ſie ſagen, beiſammen zu haben, wenig⸗ ſtens weiß ich, daß ſie mich oft nicht halb klug genannt haben, und doch bin ich eben ſo gut durch die Welt ge⸗ kommen, als wenn ich das Uebrige an Verſtand noch dazu gehabt haͤtte. Aber halt, wobet war ich denn? Ach ja, bei dem Kapitel vom Monde,— nun hoͤr mal, das iſt die wahre Seele der Liebe und Dichtkunſt. Ich glaube, daß es nicht Einen wahren Liebhaber gegeben hat, der nicht, in einem Sonner zu ſeinem Lobe, wenigſtens bis: o Du! gekommen waͤre.“ „Der Mond,“ ſagte der Verwalter, deſſen Zunge ſchon 134 etwas ſchwer zu werden anſieng,“ bringt das Korn zur Reife, wenigſtens wie die alten Leute ſagen, und macht die Naſſe voll, woran freilich weniger gelegen iſt,— spar- 88 Hues puer.“: n„Strafe gegeben, Strafe gegeben,“ ſagte der Udaller, der jezt auf ſeiner Hoͤhe war:„der Verwalter ſpricht Griechiſch. Bei den Gebeinen meines heiligen Namens⸗ verwandten, Sankt Magnus, er ſoll uns die Iöolle voll Punſch austrinken, wenn er uns nicht auf der Stelle et⸗ was ſingt!“ „Zuviel Waſſer erſaͤuft den Muͤller,“ antwortete Triptolemus.„Mein Kopf bedarf eher der Austrocknung, als der Ueberſchwemmung mit noch mehr Getraͤnk.“ „So ſinge,“ ſagte der despotiſche Hausherr,„denn niemand ſoll hier eine andere Sprache reden, als ehrliches Norwegiſch, luſtig Hollaͤndiſch, oder Daͤniſch, oder wenig⸗ ſtens platt Schottiſch, alſo bringe die Joͤlle, Erich Scam⸗ beſter, zur Strafe fuͤr den Vorzug.“ Ehe jedoch das Fahrzeug den Landwirth erreicht hatte, der es unter Segel und in kurzen Wendungen auf ſich zu⸗ ſteuern ſah(denn Scambeſter ſelbſt war um dieſe Zeit nicht mehr ſehr gerade auf ſeinem Courſe) machte dieſer eine verzwelfelte Anſtrengung, und begann eine Yorkshirr⸗ ſche Erndten⸗Vallade zu ſingen, oder vlelmehr zu kraͤchzen, welche ſein Vater zu ſingen pflegte, wenn er etwas ſelig war, und welche nach der Melodie von: Heh, Dobbin, iest fort mit dem Wagen, gieng. Der ſchmerzliche Aus⸗ druck im Geſichte des Saͤngers, und die furchtbaren Mis⸗ laute, die er hervorbrachte, bildeten einen ſo herrlichen Gegenſatz gegen die Luſtigkeit der Worte und der Melodie, —— 2—— daß der ebrliche Triptolemus der Geſellſchaft eben ſo viel Vergnuͤgen machte, als es ein Luſtigmacher gethan wuͤrde, der, bei einer Feſtlichkeit, in dem Feierkleide ſeines Groß⸗ vaters erſchienen waͤre. Dieſer Scherz beſchloß das Ver⸗ gnuͤgen des Abends, denn ſelhſt der gewaltige und vielver⸗ tragende Magnus hatte die Herrſchaft des Gottes des Schlafes anerkennen muͤſſen. Die Gaͤſte begaben ſich, ſo gut es ihnen gelingen wollte, hinweg, jeder zu ſeiner be⸗ ſondern Krippe und Ruheplatze, und nach kurzer Zeit herrſchte in dem Hauſe, das noch vor wenigen Augen⸗ blicken der Schauplatz ſo lauter Freude geweſen war, die tiefſte Stille. Neuntes Kapitel. Die Boote ſind bemannt, und alles iſt bereit, dit dem, was Kampf und Tod den Ungeheuern dräut: Hellbarde, Picke, Spieß und andres Ferngeſchoß Zum Frieden und zum Krieg— das alles führt der Troß. Gekommen iſt die Zeit, wo jeder Jüngling brennt,] Zu zeigen, was vermag, wer Lieb' und Ehre kennt. Ein ſchoͤner Schauplatz iſt's, wo rund von allen Höh'n, Ehrwürd'ges Alter blickt, und ſchöne Mädchen ſeh n. Die Schlacht der Sommerinſeln. Der Morgen, welcher auf ein Feſt folgt, wie das von Maznus Troll gegeben war, hat gewoͤhnlich nicht den Reiz, welcher die Luſtbarkeit des vorhergehenden Tages — 136 wuͤrzte, wie die Modeleute bei einem öffentllchen F ruͤh⸗ ſtuͤcke, waͤhrend der Woche des Wettrennens in einer Lonb⸗ ſtadt, woyl bemerkt haben werden, denn in der ſogenann⸗ ten guten Gefeilſchaft werden jene matten Augenblicke ge⸗ wohnkich von jedem einzeln in ſeinem Ankleldezimmer zu⸗ gebracht. In Bärgh⸗ Weſtra gab es, wie man ſich leicht denken kann, keinen ſolchen Ort, wohin man ſich haͤtte zuruckziehen koͤnnen, und die Maͤdchen mit ihren bleicheren Wangen, und die aͤlteren Damen mit manckem Nicken und Gaͤhgen, mußten gerade drei Stunden, nachdem ſie ſich von den Maͤnnern getrennt hatten, mit dieſen(ſie moch⸗ ten nun Kopfweh haben oder nicht) ſich wieber zuſammen finden. Erich Scambeſter hatte Alles gethan, was ein Menſch nur vermag, um die Langeweile des Morgeumahbles zu verſcheuchen. Der Tiſch ſeufzte unter der Laſt der Stucke von geraͤuchertem Rindfleiſch, nach ſhetlaͤndiſcher Art zu⸗ gerichtet, der Paſteten, des Backwerks, der auf alle moͤg⸗ lide Art zubereiteten und eingeſalzenen Fiſche; es feblten ſelbſt nicht die fremden Leckereien von Thee, Kaffee und Chocolade, denn die Lage der Inſeln hatte, wie wir ſchon oben bemerkt haben, dazu beigetragen, ſie ſchon fruͤh mit mehreren Gegenſtaͤnden ves fremden Luxus bekannt zu me⸗ chen, die damals in Schottland noch Wenige kannten, wo —— zu eluer viel ſpaͤteren Zeit, als die iſt, von der wir bier reden— ein Pfund gruͤner Thee von elner ehrlichen Hausfrau, der er als ein ſeltenes Geſchenk uͤberſchickt wer⸗ den war, als Kohl gekocht, und ein Zweites, von einer andern, als grune Sauce zu gepoͤckeltem Rindfleiſch aufge⸗ ſeßt wurde, 137 Neben dieſen Vorbereitungen bot die Tafel noch die kraͤftigen Getraͤnke dar, zu welchen die Labemaͤnner immer ihre Zuflucht neymen, wenn von Hundshaar auflegen te Rede iſt. Hier war der maͤchtige iriſche Usquebaugh⸗ achter franzoͤſiſcher Branntwein von Nantes, wahrer Sgie⸗ damer, Aquavit aus Caithness, und Geldwaſſer aus Ham⸗ burg, Rum von grauem Alter und Liqueure von den weſt⸗ indiſchen Inſeln. Nach dieſen Einzelheiten wuͤrde es un⸗ noͤthig ſeyn, noch das im Hauſe gebrannte Ale, die deutſche Mumme und Bltterbier zu neunen, und noch tiefer unter unſrer Wärde moͤchte es ſeyn, die unzaͤhligen Arten von Eingemachtem in Toͤpfen und das Hafermus zu erwaͤhnen, ſo wie den Bland und mehreres Andere, aus Milch be⸗ reitete, fuͤr diejenigen, welche ſchwaͤcheres Getraͤnk vor⸗ zogen.. Es war kein Wunder, daß der Anblick von ſo vielen guten Dingen die Ehluſt der ermuͤdeten Gaͤſte erregte, und ihre Lebensgeiſter wieder anufachte. Die jungen Maͤn⸗ ner ſuchten bald ihre Taͤnzerinnen vom vorigen Abend wie⸗ der hervor, und erneuerten die Geſpraͤche, welche ihnen die Nacht ſo ſchuell hatten vergehen laffen, waͤhrend Magnus mit ſeinen kräͤftigen alten norwegiſchen Verwandten, durch Lehre und Belikpiel, dle Aelteren und Ernſthafteren zu ei ner ſoliden Unterhaltung mit den guten Dingen, die vor ihnen ſtanden, ermunterre. Nichts deſtoweniger blieb noch ein langer Zwiſchenraum bis zum Mittageſſen auszufuͤllen uͤbrig, denn ſelbſt das langgedehnteſte Fruͤhſtuͤck kann nicht uͤber eine Stunde dauern, und es war zu fuͤrchten, daß Ciaudtus Halcro dieſen freien Morgen durch eine furchthare Herſagung ſeiner eigenen Verſe zu verkuͤrzen beabſichtigte, 138 ſo wie durch die Erzaͤblung von ſeiner Ein fuͤhrung bei dem herrlichen John Dryden in ihrer ganzen Laͤnge. Ein gluͤck⸗ licher Zufall befreite indeß die Gaͤſte von Burgh⸗Weſtra von dieſer ihnen drohenden Plage, indem er ihnen eine Veryonugung verſchaffte, welche ganz vorzuͤglich zu ihrem Heſchmacke und ihren Gewohnheiten paßte. 8126 Die meiſten Gaͤſte bedlenten ſich ſo eben ihrer Zahn⸗ ſtocher, und einige ſiengen an davon zu reden, was man nun anfangen koͤnnte, als, mit haſtigen Schritten und blitzenden Augen, Erich Scambeſter, eine Harpune in der Hand, hereintrat, der Geſellſchaft anzukuͤndigen, daß ein Wallfiſch an dem Ufer, oder wenigſtens am Einga ge des Voe's ſey. Dieſe Nachricht brachte auf einmal ein ſo freu⸗ diges, laͤrmendes und allgemeines Treiben in die Geſell⸗ ſchaft, wie ſie nur die Liebe zur Jagd und zum Waidwerk, welche ſo tief in unſerm Weſen liegt, einfloͤßen kann. Ein Haufe von Landedelleuten, der im Begriff iſt, nach den er⸗ ſten Auerhaͤhnen auf die Jagd zu gehen, waͤre gegen dieſe Jagd, ſowohl in Ruͤckſicht auf die Froͤhlichkeit bei den An⸗ ſtalten, als auch auf die Wichtigkelt des Gegenſtandes, gar nicht in Betracht gekommen; das Graben bei einem ſtarken Bau im Ettrikſorſt, bei der Fuchsjagd, der Aufruhr unter den Jagdliebhabern aus dem Lennox, wenn einer von den Hirſchen des Herzogs ſich aus Juch⸗Mirran herausbhricht, ja, ſelbſt der froͤhliche Appell bei der Fuchsjagd ſelbſt, mit ſeiner ganzen muntern Begleitung von Hunden und Hoͤr⸗ nern, bleiben weit hinter der Lebendigkeit zuruͤck, womit die tapfern Soͤhne Thule's ſich anſchickten, auf das Unge⸗ heuer Jagd zu machen, welches das Meer ihnen zu ſo ge⸗ legener Zeit zur Beluſtigung zugeſandt hatte. 139 Der mannigfaltige Vorrath in Burgh⸗Weſtra wurde haſtig durchwuͤhlt, um Waffen zu finden, welche bei dieſer Gelegenheit dienlich ſeyn konnten. Einigen ſielen Härpu⸗ nen, Schwerter, Picken und Heſtebarden zu; Andere be⸗ gnügten ſich mit Heugabeln, Bratſpießen und was ihnen noch ſonſt Langes und Scharſes in die Hand kam Sp in der Eile ausgeruͤſtet, eilte eine Abtheilung, unter dem Befehle des Capltain Clepeland, zu den Booten, welche in dem kleinen Hafen lagen, waͤhrend die Uebrigen zu Lande nach dem Wahlplatze ſtuͤrmten. 318 Der arme Triptolemus wurde in einem Plane, den er, ſeinerſeits, gegen die Geduld der Shetlaͤnder gemacht hatte, und welcher in einer Vorleſung beſtand, die er ih⸗ nen uͤber den Ackerbau und die Ertragsfaͤhigkeit des Lan⸗ des halten wollte, durch dieſen ploͤtzlichen Laͤrm gaͤnzlich unterbrochen, der auf einmal Halcro's Poeſte und ſeiner nicht weniger furchtbaren Proſa alle Ausſicht verſperrte. Man kann ſich leicht denken, daß er an der Jagdver⸗ gnuͤgung, welche ſo ploͤtzlich an die Stelle ſeiner vorhaben⸗ den Erdrterungen trat, nicht ſonderliches Vergnuͤgen fand, und er wuͤrde es wahrſcheinlich nicht einmal der Muͤhe fuͤr werth gehalten haben, einen Blick auf den lebendigen Auftritt zu werfen, der jezt ſtatt finden follte, waͤre er nicht durch die Ermahnungen der Jungfrau Baby dazu ver⸗ anlaßt worden.„Mach fort, Menſch,“ ſagte dieſe umſich⸗ tige Perſon:„mach fort,— wer weiß, welcher Segen uns daraus erſprießen kann!— Sie ſagen, daß all und jeder ſeinen Antheil an dem Thran erhaͤlt, und ein Noͤſſel davon wuͤrde Geidwerth ſeyn, um das Haus zu erleuchten in den langen dunkeln Naͤchten, von denen ſie hier reden— mach 140 fort, Menſch;— hier iſt was fuͤr Dich zu machen— ein bloͤder Hund wird ſelten fett, und wer weiß, ob der Thran, wenn er friſch iſt, ſich nicht eſſen laͤßt, und man Butter erſparen kann?“ Wie ſehr Triptolemus Elfer dadurch wachſen mochte, daß er daraguf hingewieſen wurde, ſtatt Butter friſchen Thran zu erhalten, wiſſen wir nicht genau; in Ermange⸗ lung eines Beſſern ſchwang er aber das laͤndliche Werk⸗ zeug(eine Miſtgabel), mit welchem er bewaffnet war, und gieng hinab, um den Kampf mit dem Wallſiſche zu be⸗ ginnen. Die Lage, in welche das boͤte Geſchick des Feindes dieſen gebracht hatte, war der Unternehmung der Inſel⸗ bewohner ganz beſonders guͤnſtig. Eine ungewoͤhnlich hohe Fluth hatte das Thier, uber eine große Sandbank hin⸗ weg, in den Voe oder die Bucht gefuhrt, wo er jezt lag. Sobald es fuͤhlte, daß das Waſſer ſelcht wurde, bemerkte es die Gefahr, worin es ſich befand, und hatte bereits einige verzweifelte Verſuche gemacht, uͤber die ſeichte Stelle hinweg, dahin zu kommen, wo ſich die Wellen an der Sandbank brachen, eben dadurch aber ſeine Lage eher verſchlimmert, als verbeſſert, indem es jezt zum Theil auf dem Grunde feſtſaß und ſo dem vorhabenden Angriffe vanz beſonders ausgeſetzt war. In dieſem Augenblicke ruͤckte der Feind gegen ihn an. Die vorderen Reihen deſ⸗ ſelben beſtanden aus den Jungen und Kraͤftigen, welche auf die verſchiedenartige Weiſe bewaffnet waren, die wir vorhin beſchrieben haben, waͤhrend die jungen Frauenzim⸗ mer, um Zeugen ihrer Heldenthaten zu ſeyn, und ſie an⸗ zuſpornen, ſo wie die aͤltlichen Leute beiderlei Geſchlechts, 141 ihren Standpunkt auf den Felſen nahmen, welche uͤber den Schauplatz hinuͤberragten. Da die Boote um ein kleines Vorgebirge herum ru⸗ dern mußten, ehe ſie an die Muͤndung des Voe's ka⸗ men, ſo hatten die, welche zu Lande an das Meereß⸗ ufer vorausgelangten, Zeit, die nothigen Recognosei⸗ rungen über die Staͤrke und Lage des Feindes arzußtel⸗ len, gegen den ſie zu gleicher Zeit einen Angriff von der See⸗ und Landſeite zu machen beabſichtigten. 1 Dieſe Obliegenbeit wollte aber der hochherzige und erfahrne General Niemanden weiter, als ſich ſelbſt an⸗ vertraut wiſſen, und in der That machte ihn ſowoyl ſein aͤußeres Anſehen, als ſein beſonnenes Betragen voſlkom⸗ men geſchickt zu dem Oberbefebl. Statt des mit einer goldenen Treſſe beſetzten Hutes, trug er eine Muͤtze von Baͤrenfell; ſein Kleid von feinem blauen Tuche, mit Scharlach gefuͤttert, mit aͤcht goldenen Oehſen und Schlei⸗ fen, war gegen eine Jacke von rothem Flanell, mit Knoͤ⸗ pfen von ſchwarzem Horn, vertauſcht, uͤber welche er ein Hemd von Seehundsfell trug, welches auf der Bruſt gar ſonderbar geſaͤumt und gefaͤltelt war, wie es die Es⸗ quimaux und zuweilen die Groͤnlandfahrer tragen. Waſſer⸗ ſtiefel von furchtbarer Groͤße vollendeten den Anzug, und in der Hand trug er ein gewalttiges Wallfiſchmeſſer, wel⸗ ches er ſchwang, als ob er ungeduldig waͤre, das gewal⸗ tige Thier, das vor ihnen lag, abzuſtreiſen. Er mußte. indeß, bei genauerer Unterſuchung, geſtehen, daß die Jagd, zu der er ſeine Gaͤſte hingefuͤhrt, ſo ſehr ſie auch mit der prachtvoll⸗großen Art ſeiner Gaſtfreiheit zuſam⸗ — 14² menſtimmte, doch ſehr leicht ihre eigenen Gefahren und Schwierigkeiten haben duͤrfte. Das Thier, welches uͤber ſechzig Fuß lang war, lag ganz ſtill in einem tiefen Theile des Voe's, wohin es ſich gewaͤlzt hatte, und wo es die Ruͤckkehr der Fluth abzuwarten ſchlen, von der es, wahrſcheinlich durch In⸗ ſtinct, ſich uͤberzeugt hielt. Es ward jezt ſogteich ein Rath erfahrener Harpunirer zuſammenberufen; hier kam⸗ man uͤberein, einen Verſuch zu machen, den Schwanz des erſtarrten Leviathan in eine Schlinge zu bringen, indem man ein Schiffstau um denſelben wuͤrfe, und dieſen mit Ankern an dem Ufer befeſtigte, um ſo ſich gegen ſein Entwiſchen zu ſichern, im Falle die Fluth eintreten ſollte, ehe man ihn toͤdten koͤnnte. Drei Boote wurden zu die⸗ ſer mißlichen Unternehmung beſtimmt, von denen eines der Udaller ſelbſt befehligen wollte, die zwey andern aber Cleveland's und Mertoun's Fuͤhrung anvertraut werden ſollten. Nachdem dieß entſchieden worden, ſetzten ſich Alle an das Ufer nieder, und erwarteten mit Ungeduld die Ankunft der Seemacht auf dem Voe. Waͤhrend dieſes Zwiſchenraumes bemerkte Triptolemus Yellowley, nach⸗ dem er mit den Augen die außerordentliche Groͤße des Wallfiſches gemeſſen, daß, nach ſeinem ſchlechten Ver⸗ ſtande, ein Wagen mit ſechs Ochſen, oder auch mit ſechzig, wenn es hieſige Ochſen waͤren, ein ſolch gewalti⸗ ges Thier aus dem Waſſer, wo es jezt laͤge, nicht wuͤrde an das Uſer ziehen koͤnnen. So unbedeutend dieſe Bemerkung auch dem Leſer erſcheinen mag, ſo ſtand ſie doch mit einer Materie in Verbindung, welche jedesmal das Blut des alten Udallers 143 in Bewegung brachte, der, mit einem durchdringenden und ſtarren Blicke auf den Verwalter, dieſen fragte: „was Teufel es denn verſchlage, wenn auch hundert Ochſen den Wallfiſch nicht an das Ufer ziehen koͤnnten? Herr Yellowley fuͤhlte, wenn ihm gleich der Ton, in wel⸗ chem jene Frage gethan wurde, nicht ſonderlich wohige⸗ fiel, dennoch, daß ſeine Wuͤrde und ſein Vortheil es er⸗ forderten, darauf zu antworten, was denn auch folgender⸗ maßen geſchah:„Ja, aber Ihr wißt ſelbſt, Meiſter Magnus Troil, und Jedermann, der nur irgend waß weiß, eben ſo gut, daß Wallfiſche von ſolcher Groͤße, die man nicht vollkommen wohl vermittelſt eines Wagens mit ſechs Ochſen an's Ufer ſchaffen kann, das Recht und Ei⸗ genthum des Admirals ſind, welche Stelle in dieſem Au⸗ genblicke von dem edlen Lord bekleidet wird, der außer⸗ dem Lord⸗Kaͤmmerling dieſer Inſeln iſt.“ „Und ich ſage Euch, Herr Triptolemus Yellowley,““ erwiederte der Udaller,„wie ich es Eurem Herrn ſagen wuͤrde, wenn er hier waͤre, daß jeder Mann, der ſein Leben daran wagt, dieſen Fiſch an's Ufer zu bringen, auch, nach unſerer alten und liebreichen norwegiſchen Sitte und Brauch, ſein Theil und Part daran haben ſoll, ja und wenn auch ſelbſt eine Frau zuſaͤhe und nur das Tau beraͤhrte, ſo ſoll ſie mit uns theilen, ja und mehr als das, wenn ſie ſagt, daß Grund dazu da ſey, ſo ſoll das Kind im Mutterleibe ſeinen Antheil haben.“ Der Grundſatz ſtrenger Gerechtigkeit, welcher dem Redenden die letztere Anordnung eingab, verurſachte nicht wepig Gelaͤchter unter den Maͤnnern, und ſetzte die Frauen in einige Verlegenheit. Der Verwalter hielt es indeſſen 144 fuͤr ſchimpflich, ſich ſo leicht uͤberfluͤgeln zu laſſen, und ſagte:„suum cuique tribuito, ich werde mein und meines Herrn Recht zu behaupten wiſſen.“ „Wirklich?“ erwiederte Magnus:„nun denn, bei 3 den Gebeinen des Maͤrtyrers, ſo ſoll es denn nach keinem andern Theilungzrecht gehen, als nach Gottes und des heiligen Olafs, das wir hatten, ehe wir von Verwalter, Schatzmeiſter oder Admiral irgend etwas wußten— Alle ſollen Antheil haben, die eine Hand anlegen, und nie⸗ mand weiter. Und ſo ſollt Ihr denn, Meiſter Verwal⸗ ter, Euch eben ſo gut ruͤhren muͤſſen, als andere Leute, und Euch noch gluͤcklich ſchaͤtzen, wenn Ihr Euern Antbeil bekommt, wie andere Leute. Springt in's Boot(denn die Boote waren unterdeſſen um das Vorgebirge herum⸗ gekommen) und Ihr, Jungen, macht Platz für den Ver⸗ welter bei den Steuertauen.— Er ſoll der erſte Mann an dieſem geſegneten Tage ſeyn, der den Fiſch an⸗ ſchlaͤgt.“ Die laute, befehlende Stimme und das Gebietende, welches in dem ganzen Weſen des Udallers lag, ſo wie die Ueberzeugung, daß in der ganzen Geſellſchaft niemand ſich ſeiner annehmen und auf ſeine Seite treten wuͤrde, machten es Triptolemus beinahe unmoͤglich, ſich dem Auftrage zu entziehen, wenn er gleich ſo in eine, für ihn, gleich neue und gefaͤhrliche Lage kam. Indeß zoͤgerte er noch und brachte, mit einer Stimme, in welcher ſich⸗ Zorn und Furcht miſchten, waͤhrend er Beides unter einen 145 Anſchein von Laune zu ve ſtecken und das Ganze als eigen Scherz zu betrachten ſuchte, Entſchuldigungen hervor,— als auf eiamal Baby's Srimme ihm in's Ohr brummte: „willſt Du Deinen Theil an dem Threan im Stich laſſen, waͤhrend der lange ſhetlaͤndiſche Winter vor der Thuͤr iſt, wo es am hellſten Tag im December noch nicht ſo klar, als in einer mondloſen Nacht in den Mearns, iſt?“ Dieſe haͤusliche Ermahnung, verbunden mit der Furcht vor dem Udaller, und der Schaam, weniger Muth als Andere zu zeigen, entflammte den Heldengeiſt des Land⸗ wirths dermaſſen, daß er die Miſtgabel in der Luſt ſchwang, und, mit der Miene Neptuns, der den Dreyzack emporhebt, in das Boot ſtieg. Die drei, zu dieſem gefaͤhrlichen Abentheuer beſtimm⸗ ten Boote, naͤherten ſich jezt dem dunklen Klumpen, wel⸗ cher, einer Inſel gleich, in der tiefſten Stelle des Voe lag, und ihre Annaͤherung ruhig, und ohne das geringſte Lebenszeichen zu geben, verſtattete. Schweigend, und mit der bei dieſer ſchwierigen Unternehmung noͤthigen Vorſicht gingen jezt die unerſchrockenen Abentheuerer daran, ein Tau um den Bauch des regungsloſen Ungethuͤms zu chlin⸗ gen, welches auch, nachdem der erſte Verſuch mislungen und betraͤchtliche Zeit damit hingegangen war, Aluͤcklich gelang, worauf die Ende des Taues ſogleich an das Ufer gezogen wurden, wo hundert Haͤnde geſchaͤftig waren, ſie zu befeſtigen. Ehe dieß indeß zu Stande voͤllig kommen konnte, begann die Fluth ſchon mit großer Schnelligkeit zu W. Seott's Werke. CXI. 3 10 146 ſteigen, und der Udaller erklaͤrte ſeinen Gefaͤhrten, daß jezt der Fiſch entweder getoͤdtet oder doch wenigſtens ge⸗ faͤhrlich verwundet werden muͤſſe, ehe die Waſſertiefe an der Barre ihn wieder flott mache, widrigenfalls er ſehr leicht ihren vereinten Anſtrengungen entgehen dürfte. „Deswegen,“ ſagte er,„muͤſſen wir an's Werk ge⸗ hen, und der Verwalter ſoll die Ehre haben, den erſten Wurf zu thun.“ Der tapfere Triptolemus fieng dieſes Wort auf; noth⸗ wendig muͤſſen wir aber hinzufuͤgen, daß die Geduld des Wallfiſches, der ſich ohne Widerſtand eine Schlinge um⸗ werfen ließ, ſeine Furcht vermindert und ſeinen hohen Begriff von der Macht des Ungethuͤms ſehr herabgeſtimmt hatte. Er behauptete ganz laut, der Fiſch habe nicht mehr Verſtand und eine nicht viel groͤßere Beweglichkeit, als eine ſchwarze Schnecke, und warf daher, von dieſer ungebuͤhrlichen Verachtung ſeines Feindes erfuͤllt, ohne ein weiteres Zeichen abzuwarten, oder ſich eine paſſendere Waffe geben zu laſſen, ſeine Miſtgabel mit aller Gewalt nach dem ungluͤcklichen Ungethuͤm. Die Boote hatten, als dieſe ſehr unuͤberlegte Eroͤffnung der Feindſeligkeiten ſtatt fand, ſich noch nicht bis zu der, zu ihrer Sicherheit erforderlichen Entfernung zuruͤckziehen koͤnnen. Magnus Troll, der mit dem Verwalter nur geſcherzt, und den Wurf des erſten Spießes einer viel erfahrnetn Hand zugedacht hatte, hatte gerade noch ſo viel Zeit, aus⸗ zurufen: nehmt Euch in Acht, Jungen, oder wir ſchlagen 1 147 alle um,“ als das Ungethuͤm, auf einmal durch den Stich mit des Verwalters Waffe aus ſeiner Unthaͤtigkeit aufge⸗ ſchreckt, mit einem Geraͤuſche, das dem Zerſpringen einer Dampfmaſchine glich, einen ungeheuern Waſferſtrahl in die Luft ſchleuderte, und zu gleicher Zeit die Wellen nach al⸗ len Richtungen mit ſeinem Schwanze zu peitſchen begann. Das Boot, in welchem Magnus den Befehl fuͤhrte, em⸗ pfieng den Schauer, welchen das Thier in die Luft ſchickte, und der kuͤhne Triptolemus, welcher ebenfalls ſeinen vol⸗ len Antheil an der Taufe bekam, erſchrack uͤber die Folgen ſeiner Heldenthat ſo ſehr, daß er den Leuten ruͤckwaͤrts, zwiſchen die Beine fiel. Dieſe, zu ſehr damit beſchaͤftigt, das Boot außer dem Bereich des Wallfſches zu bringen, achteten weiter gar nicht auf ihn, und ſo lag er einige Minuten da, waͤhrend die Bootsleute immer uͤber ihn weg⸗ liefen, bis ſie die Ruder gehen ließen, worauf der Udaller ihnen befahl, nach dem Lande hinzuhalten, um den Ueber⸗ fluͤſſigen auszuſetzen, der den Fiſchfang auf eine ſo⸗ unglite liche Weiſe begonnen hatte. Waͤhrend dieß geſchah, thatten die uͤbrigen Boote ſich ebenfalls in die gehoͤrige Entfernung zuruͤckgezogen, und nun ward, von ihnen aus ſo wie vom Lande, der un⸗ gluͤckliche Meeresbewohner mit allen Arten von Wurfwaffen uͤberſchuͤttet. Harpunen und Speere flogen von allen Sei⸗ ten, Flinten wurden abgeſchoſſen, und alles gegen ihn verſucht, was ihn nur dazu reizen konnte, ſeine Kraͤfte in den Ausbhruͤchen unnuͤtzer Wuth zu erſchoͤpfen.(Als der 10.⸗ 148 Wallfiſch fand, daß er auf allen Seiten von Untiefen um⸗ geben ſey, und zu gleicher Zeit den Zwang des Anker⸗ tanes um ſeinen Leib fuͤhlte, machte er krampfhafte Be⸗ wegungen, zu entwiſchen, die verbunden mit den von ihm ausgeſtoſſenen Toͤnen, welche tiefen und lauten Seufzern glichen, gewiß das Herz eines Jeden, das eines verſuch⸗ ten Wallfiſchfaͤngers ausgenommen, geruͤhrt haben wuͤr⸗ den. Die wiederholten Waſſerſtroͤme, welche er ausſpruͤtzte, waren jetzt mit Blut vermiſcht, und die Wellen, welche ihn umfloſſen, nahmen nach und nach dieſelbe hochrothe Färbung an. Unterdeſſen verdoppelten ſich die Angriffe ſeiner Gegner; beſonders aber ſtrengten ſich dabei Mer⸗ toun und Cleveland auf das Aeußerſte an, welche darin wetteiferten, wer die meiſte Herzhaftigkeit zeigen wuͤrde, ſich dem, in ſeinem Todeskampfe ſo fuͤrchterlichen Unge⸗ 4 thuͤm zu naͤhern, und ihm die tiefſte und toͤdtlichſte Wunde beizubringen. Der Kampf ſchien endlich beinahe voruͤber zu ſeyn, denn, wenn gleich das Thier von Zeit zu Zeit noch ver⸗ zweifelte Anſtrengungen, ſich in Freiheit zu ſetzen, machte, ſo ſchien doch ſeine Staͤrke bereits ſo ſehr erſchoͤpft, daß, ſelbſt mit Huͤlfe der Fluth, welche unterdeſſen bedeu⸗ tend geſtiegen war, es ſich nun nicht mehr frei machen konnte. Magnus gab jetzt das Signal, ſich dem Wallfiſche mehr zu naͤhern, indem er zugleich ausrief:„dicht heran, Jun⸗ gen, er iſt nun nicht mehr halb ſo toll,— nun, Herr & àA— 149 Verwalter, wird es bald Oel zum Winter fuͤr die bei⸗ den Lampen in Harfra geben,— haltet mehr heran, Jungen.“ Ehe ſeine Befehle vollzogen werden konnten, waren die andern beiden Boote ſchon ſeinen Gedanken zuvorgeeilt, und Mordaunt Mertoun hatte, begierig, ſich vor Cleveland hervorzuthun, mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Kraft, eine Halbzike dem Thiere in den Leib geſtoßen. Der Le⸗ viathan inheß nahm, wie ein Volk, deſſen Huͤlfsquellen durch vorh ergegangene Verluſte und Ungluͤcksfaͤlle nun ganz erſchoͤpft ſcheinen, alle ſeine ihm übrig bleibende Staͤrke uſavemen, um noch einen letzten Verſuch zu machen, der eich glaͤcklich und verzweifelt ausſiel. Die letzte Wunde, che er empfangen, war wahrſcheinlich durch die aͤußere Speckrinde bis zu einem ſehr empfindlichen Theile in ſeinem Innern gegangen, denn er bruͤllte laut, als er ei⸗ nen aus Blut und Waſſer gemiſchten Strahl in die Luft ſchleuderte, zerriß das ſtarke Ankertau, wie man einen Zweig zerbricht, ſtuͤrzte Mertoun's Boot mit einem Schlag ſeines Schwanzes um, warf ſich mit einem kraͤftigen Schwung oͤber die Barre, uͤber welche die Fluth jetzt ſchon bedeutend emporgeſtiegen war, und ging nun in's Meer, udem er einen ganzen Wald der Werkzeuge mitnahm, die in ſeinem Koͤrper ſteckten, und im Waſſer einen dun⸗ V kelrothen Blutſtreifen als Spur hinterließ. „Da geht Euer Oelkrug zu Waſſer, Meiſter Yellow⸗ 150 ley,“ ſagte Magnus:„und Ihr muͤßt jetzt Hammeltalg brennen, oder im Finſtern zu Bette gehen.“ „Operam et oleum perdidi,“ brummte Triptolemus: „aber wenn ſie mich je wieder mit auf den Wallfiſchfang bringen, ſo ſoll mich der Fiſch verſchlingen, wie den Pro⸗ pheten Jonas.“ „Aber wo iſt denn Mordaunt Mertoun geblieben?“ rief Claudius Halcro, und man bemerkte nun, daß der Juͤngling, der betaͤubt worden, als ſein Boot umgeſchla⸗ gen war, nicht, wie die andern Seeleute, am das Ufer ſchwimmen konnte, ſondern beſinnungslos auf dem Waſſ dahertrieb. Wir haben oben von dem ſonderbaren und unmen lichen Aberglauben geſprochen, welcher die Shetlaͤnder de damaligen Zeit abhielt, allen denjenigen beizuſtihen, die ſte im Begriff ſahen, zu ertrlaken, obgleich dieß ein Un⸗ gluͤckskall iſt, dem Inſelbewohner am meiſten ausgeſetzt ſind. Drei Maͤnner waren indeß über dieſen Aberglauben erhaben. Der erſte war Claudias Halcro, der ſich von ei⸗ nem kleinen Felſen kopflings in die Wellen ſtuͤrzte, und dabei, wie er nachher ſelbſt ſagte, gaͤnzlich vergaß, daß er nicht ſchwimmen konnte, und, wenn er gleich die Harfe Arion's beſaß, doch keine Delphine in Bereitſchaft hatte. Die erſte Bewegung, welche der Dichter im tieferen Waſ⸗ ſer machte, uͤberzeugte ihn von dieſer Unfaͤhigkeit; er mußte ſich an den Felſen anklammern, von dem er herab⸗ geſprungen, und war am Ende froh mit durchnaͤßten Klei⸗ dern, das Trockene wieder zu erreichen. Magnus Troil, deſſen braves Herz in dieſem Augen⸗ blick alle ſeine neuerliche Kaͤlte gegen Mordaunt vergaß⸗ als er den Juͤngling ſo in Gefahr ſah, wuͤrde ſogleich ihm wirkſameren Beiſtand geleiſtet haben, gllein Erich Scam⸗ beſter hielt ihn feſt. „Halt— Herr, halt!“ rief dieſer treue Diener aus⸗ „Capitaͤn Cleveland hat Herrn Mordaunt ſchon gepackt; laßt die beiden Fremden einander helfen, und wartet den Ausgang ab. Das Licht des Landes darf um zwei ſolcher Leute willen nicht in Gefahr gerathen, zu verlöſchen. Seyd ruhig, Herr, ſage ich— Brendness Voe iſt keine Punſch⸗ bowle, daß man einen Menſchen, wie ein Stuͤck geroſtetes Brod, mit einem langen Loͤffel herausfiſchen koͤnnte.“ Dieſe ſehr vernuͤnftige Vorſtellung wuͤrde indeß bei Magnus nichts gefruchtet haben, haͤtte dieſer nicht in dem⸗ ſelben Augenblicke geſehen, daß Cleveland in der That aus dem Boote geſprungen, zu Mordaunt hingeſchwommen war, und ihn uͤber Waſſer hielt, bis das Boot zu Beider Huͤlfe herbeikam. Sobald die dringendſte Gefahr voruͤber war, war auch des ehrlichen Udallers Bemühen, Hülfe zu leiſten, voruͤber, und indem er ſich die Urſache zum Groll gegen Mordaunt Mertoun, die er hatte oder zu haben glaubte, wieder bewußt wurde, ſchuͤttelte er den alten Haushofmeiſter ab, wandte ſich unwillig vom Ufer weg 32 und ſchalt Erich einen alten Narren, daß er glaube, ihm ſey etwas daran gelegen, ob der junge Menſch unterginge ober nicht. Bei aller dieſer angenommenen Gleichguͤltigkeit konnte Magnus ſich indeß nicht enthalten, uͤber die Koͤpfe derer hinwegzuſehen, welche im Kreiſe umherſtanden, und, ſo⸗ bald Mordaunt an das Ufer gebracht worden war, ſich mit⸗ leidig bemuͤhten, ihn wieder in's Leben zuruͤckzurufen; anch konnte er nicht eher den Scheſn gaͤnzlicher Unbefangenbelt wieder erhalten, als bis d r junge Mann am Ufer ſ⸗ 26, und man ſehen konnte, dnn der nglicefen mit keinen weſentlichen Folgen verknuͤpft geweſen ſey. un erſt ging er muͤrriſch fort, als ob er ſich gar nicht un um tes Juͤng⸗ ings Schickſal bekuͤmmere, nachdem er die Umſtebenden noch geſcholten, daß ſie dem Burſchen nicht ein Glas Branntwein gegeben. Die Frauen, welche die verraͤtheriſchen Bewegungen anderer ihres Geſchlechts immer ſehr genau beobachten, verfehlten nicht zu bemerken, daß, als die Schweſtern von Burgh⸗Weſtra Mordaunt in die Wellen begraben geſehen, Minna todtenbleich geworden, waͤhrend Brenda einen Schrei des Schreckens nach dem andern a isgeſtoßen habe. Allein, wenn man ſich gleich durch Kopfnicken, Winke und Finger⸗ zeige zu berſtehen gab, daß alte Liebe nicht roſte, ſo gab man doch auch, im Ganzen, zu, daß man von ihnen kaum weniger, als dieſe Beweiſe des Anthells habe erwarten — 153 koͤnnen, als ſie den Gefaͤhrten ihrer fruͤhen Jugend vor ih⸗ ren Augen umzukommen im Bexgriff geſehen haͤtten. Wie groß aber die Theilnahme geweſen ſeyn mochte, welche Mordaunt's Lage erregte, waͤhrend ſie doch ſo be⸗ denklich ſchten, ſo fing ſie doch an abzunehmen, ſobald er ſich wieder erholte; als er nun vollkommen wieder zur Be⸗ ſinnung gekommen, war nur Claundius Halcro mit zwei oder drei Andern noch bei ihm, und ungefaͤhr zehn Schritte davon ſtand Cleveland, ſein Haar und ſeine Kleider trie⸗ fend von Waſſer, und mit einem ſo eigenthuͤmlichen Aus⸗ drucke in ſeinen Geſichtzuͤgen, daß dieſer ſogleich Mordaunt's ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Es lag auf ſeinen Lip⸗ pen ein unterdruͤcktes Laͤcheln und ein Stolz in ſeinem Auge, welcher zugleich die Befreiung von einem peinlichen Zwange und etwas ausſprach, was an befriedigten Hohn graͤnzte. Claudius Halcro eilte, Mordaunt zu verkuͤndi⸗ gen, daß er Cleveland ſein Leben verdanke, und der Juͤng⸗ ling ſtand ſogleich von der Erde auf und trat, alle andern Empfindungen uͤber die der Dankbarkeit vergeſſend, auf ihn zu und reichte ihm die Hand, ſeinem Erhalter den waͤrm⸗ ſten Dank abzuſtatten. Erſtaunt blieb er aber ſtehen, als Cleveland, einen oder zwei Schritte zuruͤcktretend, die Arme uͤbereinanderſchlug und die dargebotene Hand zuruͤck⸗ wies. Auch Mordaunt trat nun ſeinerſeits zuruͤck, und betrachtete mit Erſtaunen die unangenehme Weiſe und den beinahe beleidigenden Blick, mit welchem Cleveland, der fruͤher gegen ihn eine, dem Anſchein nach ungezwungene, 2 254 Herzlichkeit, oder wenigſtens ein gewiſſes offenes Betragen beobachtet hatte, jetzt, nachdem er ihm einen ſo wichtigen Dienſt erwieſen, ſeinen Dank annahm. „Es iſt gut,“ ſagte Cleveland, der ſein Erſtaunen bemerkte:„und unndoͤthig, Worte daruͤber zu verlieren. Ich habe meine Schuld abgezahlt, und wir ſind nun quitt.“ „Ihr ſeyd mehr als quitt mit mir, Herr Cleveland,“ antwortete Mertoun:„denn Ihr wogtet Euer Leben, um das fuͤr mich zu thun, was ich, ohne die geringſte Gefahr, fuͤr Euch that; und uͤberdieß,“ fuͤgte er hinzu, indem er dem Geſpraͤche eine angenehmere Richtung zu geben ver⸗ ſuchte:„habe ich ja noch Eure Flinte.“ „Nur feige Menſchen meffen die Gefahr nach ein⸗ zelnen Punkten ab,“ ſagte Eleveland.„Die Gefahr iſt mein ganzes Leben lang meine Gefaͤhrtin geweſen, und hat mich auf tauſend ſchlechteren Reiſen begleitet; und was Flinten betrifft, ſo habe ich deren noch genug, und Ihr koͤnnt, wenn Ihr wollt, verſuchen, wer ſie am beſten gebrauchen kann.“ Es lag etwas in dem Tone, womit dieß geſagt wurde, das Mordaunt ſehr auffiel, es war„hinterliſtige Bosheit“ wie Hamlet ſagt, und deutete auf eine Abſicht hin. Cle⸗ veland ſah ſein Erſtaunen, kam naͤher an ihn heran und ſagte mit gedaͤmpfter Stimme:„Hoͤrt einmal, mein jun⸗ ger Freund. Es iſt unter uns Gluͤcksrittern die Sitte⸗ 15⁵⁵ daß, wenn wir aus dieſelbe Priſe Jagd machen und einan⸗ der den Wind abgewinnen, wir ſechzig Yards Entfernung am Strande und ein Paar gezogene Flinten fuͤr den beſten Weg halten, die Sache auszugleichen.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Capitän Cleveland,“ ſagte Mordaunt. „Das glaube ich, und dachte gleich, daß Ihr mich nicht verſtehen wuͤrdet,“ ſagte der Capttaͤn, drehte ſich auf dem Hacken um, und miſchte ſich unter die Gaͤſte, wo ihn Mordaunt kurz nachher an Minna's Seite ſah, die mit einem Ausdrucke mit ihm redete, welcher Dank fuͤr ſein wockeres und großmuͤthiges Betragen auszuſprechen ſchien. „Waͤre es nicht Brenda's wegen,“ dachte er bei ſich, „ſo wuͤnſche ich, er haͤtte mich in dem Voe gelaſſen, denn niemand ſcheint ſich darum zu bekuͤmmern, ob ich todt oder lebendig bin. Zwei gezogene Flinten und ſechzig Yards Entfernung am Meeresſtrande— iſt es das, wor⸗ auf er hinzielt?— Nun, das wird auch kommen, aber nicht an dem Tage, wo er mein Leben mit Gefahr ſeines eigenen gerettet hat.“ Waͤhrend er ſo nachdachte, fluͤſterte Erich Scambeſter dem Halcro zu:„wenn dieſe beiden Burſchen ſich nicht ein Leides anthun, ſo glaube ich nicht mehr an Anzeichen. Junker Mordaunt rettet Cleveland gut; Cleveland, zur Vergeltung, zieht allen Sonnenſchein von Burgh⸗Weſtra nach ſeiner Seite hin; und bedenkt nur, was das ſagen — 156 will, die Gunſt eines ſolchen Hauſes zu verlieren, wo der Punſchkeſſel nie kalt wird. Nun und der Cleveland iſt nun wieder ſolch' ein Narr, Mordaunt aus dem Voe heraus⸗ zuſiſchen— wir wollen ſehen, ob ihm der nicht ſeinen Stockfiſch mit ſauren Sillochs bezahlt.“ „Bah, Bah!“ erwiederte der Dichter,„das ſind alles alte Weiber⸗Gedanken, Freund Erich, denn was, ſagt der herrliche Dryden— der heilige Johannes? Die ſchwarze Galle iſt's, die Euer Inn'res füllt, Der ein Gedankenſchwarm, wie dieſer trüb', entquillt. „Der heilige Johannes oder der heilige Jacob koͤn⸗ nen ſich ſehr wohl darin irren,“ ſagte Erich:„denn, ſo⸗ viel ich weiß, lebten Beide nicht in Shetland. Ich ſage nur, daß, wenn man noch an alte Sagen glauben kann, ſo thun ſich die beiden Burſchen ein Leides an, und wenn das geſchieht, ſo hoffe ich, zieht Mordaunt Mertoun den Kuͤrzern.“ „Und warum, Erich Scambeſter,“ ſagte Halcro auf⸗ fahrend und unw llig,„wuͤnſcht Ihr gerade dieſem jungen Mann Boͤſes, der mehr werth iſt als fuͤnfzig Andre?“ Wer unter den Woͤlfen iſt, muß mitheulen,“ erwie⸗ derte Erich.„Junker Mordaunt weiß von nichts, als von dem elenden Waſſer, wie der alte Seehund, ſein Vater; Capitaͤn Cleveland trinkt doch ſein Glas mit, wie ein ehr⸗ licher Kerl und ein Mann, wie ſichs gebuͤyrt.“ 1⁵57 5 „Ganz richtig geurtheilt und nach deinem Handwerk,“ ſagte Halcro, brach die Unterhalturg ab, und ſchlug den Weg nach Burgh⸗Weſtra ein, wohin Magnus Gaͤſte, jetzt zuruͤckkehrten und dabei, mit vieler Lebendigkeit die ver⸗ ſchiedenen Begebenheiten bei ihrem Angriffe auf den Wall⸗. fiſch beſprachen, nicht wenig aͤrgerlich daruͤber, daß er, nach allen ihren Bemuͤhungen, ihnen doch ſo entgangen ſey. „Ich hoffe, Capitaͤn Donderdrecht von der Eendragt b von Rotterdam ſoll nichts davon erfahren,“ ſagte Magnus: „denn der wuͤrde ſchwoͤren, Donner und Blitz, wir taugten zu weiter nichts, als Flundern zu fangen.“ ſſſnſſſſſſfſſſſ ſſſſſſſſſiſſſſſſſſiſſſſſſſſſiſſſünſſſnnſinnſe 7 8 9 10 11 1 15 16 1 2 13 14 7