ar hrunanananng rararar Leihbibleuthen von Eduard Ditmann in Gießen. ] Täglicher L Keſeäseis für ein deutſches Buch Kr. 1„ franz. od. engl.„ 2 Kr. Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat. 3 fl. 30 Kr. 3 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 4„ 12„—„ 45 „ IrararaTar ananhnhnhnhr ar a araEanAnAGAEAEHUAMAMHRArT anar Enar annnnnnanann 2r aTanachnannnünhr aranhth. K ro, Walter Scokt ſaͤmmtliche W e r e. —ᷣ 1. b Neu uͤberſett. Hundert und zehnter Band. Der PBPiral. Erſter Theil. 6 Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. — 8— Der Pir gt. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt Nichts an ihm— Das nicht zu Meer ſich wandelt. Shakespeare's Sturm. Erſter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh 1 8 2 8. — Vorbericht. Der hier folgenden Erzaͤhlung liegt die Abſicht zum Grunde, einen ausfuͤhrlichen und genauen Bericht uͤber gewiſſe merkwuͤrdige Begebenheiten zur oͤffentlichen Kennt⸗ niß zu bringen, welche ſich in den Orkney's Inſeln zuge⸗ tragen haben, von denen uns die allerunvollkommenſten Ueberlieferungen und verſtuͤmmelteſten urkunden des Landes nur die nachſtehenden irrigen Umſtaͤnde darſtellen:— „Im Monat Januar 1724—5 kam ein Schiff, the Re- venge genannt, mit 20. großen und ö kleinen Kanonen, von Joh. Gow, oder Goffe, oder Smith befehligt, an die Orkney's Inſeln, und an mehreren vermeſſenen und ab⸗ ſcheulichen Handlungen, welche die Mannſchaft begieng, entdeckte man, daß ſolches ein Seeraͤuber(Pirat) ſeye. Da die Bewohner jener entlegenen Inſeln weder Waffen, noch ſonſtige Mittel hatten, um Widerſtand zu leiſten, mußten ſie ſich wohl auf einige Zeit unterwerfen; der Schiffe⸗Capitain dieſes Raubgeſindels erdreiſtete ſich nicht nur ans Land zu kommen, und im Dorfe Stromneß Tanz⸗ beluſtigungen zu geben, ſondern er wußte auch, ehe ſein eigentliches Handwerk ruchtbar geworden war, die Liebe eines jungen Frauenzimmers von Stand und Vermoͤgen in ſolchem Grade zu gewinnen, daß ſie ihm die Ehe verſprach. Der junge patriotiſch geſinnte James Fea von Cleſtron unternahm es, einen Plan zu entwerfen, um ſich des See⸗ raͤnbers zu verſichern, und fuͤhrte ſolchen mit eben ſo vie⸗ lem Muthe als Gewandtheit aus, was ihm vorzuͤglich da⸗ durch gelang, weil Gow's Schiff nahe beim Hafen von Calfſound, auf der Inſel Eda, auf's Ufer getrieben worden, nicht ferne von dem Hauſe, welches damals Herr Fea be⸗ wohnte. In den aufgebotenen ſchlauen Mitteln, deren ſich Herr Fea bediente, um ſich, mit Gefahr ſeines Lebens, des wohl bewaffneten und verzweifelten Schiffsvolkes zu bemaͤch⸗ tigen, wurde er ſehr weſentlich unterſtuͤtzt durch den Bei⸗ ſtand des Herrn James Laing, dem Großvater des verſtor⸗ benen Herrn Malcolm Laing, welcher als geiſtreicher und unterrichteter Geſchichtſchreiber Schottlands waͤhrend des 17ten Jahrhunderts beruͤhmt worden iſt. Gow nebſt mehreren ſeiner Mannſchaft erlitten, laut Spruch des Obern Admiralitaͤts⸗Gerichtshofes, die Strafe, die ihre Verbrechen laͤngſt verdient hatten. Jener aͤußerte vor ſeinen Richtern eine große Verwegenheit und es erhellt aus dem Berichte eines Augenzeugen, daß ungewoͤhnlich harte Mittel angewandt werden mußten, um ihn zu elnem Geſtaͤndniſſe zu noͤthigen. Die ſich hierauf beziehenden Worte ſind folgende:„Joh. Gow wollte nichts eingeſte⸗ „hen, weswegen er vor die Schranken des Gerichtshofes „gebracht wurde; der Oberrichter befahl, daß ſeine Dau⸗ „men von zwei Maͤnnern mit einer Peitſchenſchnur ſo lange „gequetſcht werden ſollten, bis ſolche entzwei braͤche; dann — — „ollte eine derlei Schnur doppelt genommen werden, bis „auch dieſe brechen wuͤrde; und endiich ſollte ſie dreifach „angelegt und von den Scharfrichtern aus Leibeskraͤften „daran gezogen werden. Dieſes an Gow vollzogene Ur⸗ „theil, erlitt er mit der groͤßten und dreiſteſten Stand⸗ „haftigkeit.“ Am folzenden Morgen(27ſten May 1725) nachdem er die Zuruͤſtungen zu ſeiner Hinrichtung erblickt hatte, verließ ihn der Muth, und er ſagte dem Oberprofos, daß er nicht ſo viele Muͤhe gemacht haben wuͤrde, wenn er gewußt haͤrte, daß er nicht in Ketten aufgehangen wer⸗ de. Er wurde nun vor Gericht gefuͤhrt, verurtheilt und nebſt mehreren von ſeiner Schiffs mannſchaft hingerichtet. Man behauptet, daß das junge Frauenzimmer, deren Liebe Gow zu gewinnen gewußt hatte, nach London gegan⸗ gen ſey, um ihn vor ſeinem Tode noch zu ſehen; weil ſie aber zu ſpaͤt kam, hatte ſie den Muth, zu verlangen, daß man ihr ſeinen entſeelten Leichnam zeige, deſſen Hand ſi ergriff und foͤrmlich das Eheverſprechen zuruͤcknahm, das ſie ihm gegeben hatte. Wuͤrde ſie dieſe Ceremonie unter⸗ laſſen haben, ſo waͤre ihr unfehlbar, nach der aberglaubi⸗ ſchen Meinung jenes Landes, der Geiſt ihres abgeſchiede⸗ nen Liebhabers erſchienen, wenn ſie ſich je mit einem le⸗ benden Freier wieder verlobt haͤtte. Dieſer Theil der Legende mag als ein merkwuͤrdiger Commentar zu der ſchoͤ⸗ nen Erzaͤhlung dienen, die die huͤbſche ſchottiſche Ballade aufſtellt, welche mit den Worten beginnt: „Es kam ein Geiſt an Margarethens Thüre u. ſ. w. Der weitere Bericht uͤber jene Begebenheit ſagt auch, daß Herr Fea, der gewandte Mann, durch deſſen Bemuͤhungen Gow's Laufbahn auf dem Wege der Ungerechtigkeit ſo ploͤtz⸗ lich abgeſchnitten worden, weit entfernt, von ſeiner Regie⸗ rung irgend einige Belohnung zu erhalten, nicht einmal Schutz genug ſich zu verſchaffen vermochte, gegen die Menge gerichtlicher verſtellter Angriffe, die von Seiten der Advo⸗ katen Gow's und ſeiner Mannſchaft ihn bedroheten; nicht zu gedenken der mannigfaltigen Auslagen, der ärgerlichen Verfolgungen, gerichtlichen Anklagen und ſonſtigen geſetz⸗ maͤßigen Folgen, in welche ihn ſein muthiges Benehmen verwickelt hatte, und wodurch dann ſein Vermoͤgen und ſeine Familie zu Grunde gerichtet wurden. Demnach dient ſein Andenken allen denjenigen als ein merkwuͤrdiges Bei⸗ ſpiel, welche ſich fuͤrderhin unterfangen moͤchten, ſich auf ihre eigene Fauſt hin eines Seeraͤubers zu bemaͤchtigen. Zur Ehre der Regierung von Georg I. wollen wir je⸗ doch annehmen, daß dieſer letzte Umſtand, ſo wie die Data und ſo manche ſonſtige Nachrichten dieſer allgemein bekann⸗ ten Geſchichte nicht gegruͤndet ſeyen, indem ſolche mit der hier folgenden Erzaͤhlung durchaus nicht uͤbereinſtimmen, dieſe jedoch aus Quellen geſchoͤpft iſt, wozu allein zu ge⸗ langen vermochte iſten Nopember 1821. Der Verfaſſer des Wayerley. —— NYr——— — — r — Der Pirat. Erſtes Kapitel. Des Sturmes Brüllen iſt verhallt, Dumppf ſchlägt die Meereswell' ans Land; Wes Ruf an Thule's Küſte ſchallt, Warum hab ich mein Spiel verbrannt? Naeniel. Die lange, ſchmale und unregelmaͤßige Inſel, welche gewoͤhnlich das Feſtland von Shetland genannt wird, weil ſie bei weitem die groͤßte in dem ganzen Inſelmeere iſt, endigt ſich(wie es den Seeleuten wohl bekannt iſt, welche die ſtuͤrmiſchen Meere durchſchiffen, die das Thule der Alten umgeben) in eine Klipoe von furchtbarer Hoͤhe, Sumburgh⸗Head genannt, welche ihren kahlen Scheitel und ihre nackten Seiten dem Ungeſtuͤm einer furchtbaren Brandung Preis gibt und die aͤußerſte Spitze der Inſel gegen Suͤd⸗Oſten bildet. Dieſes hohe Vorgebirge wird be⸗ ſtaͤndig von einer ſtarken und gewaltigen Stroͤmung um⸗ ſpuͤlt, welche zwiſchen den Orkney⸗ und Shetlaͤndiſchen Inſeln hin ihre Richtung hat, an Gewalt nur mit der des Frith von Penrland verglichen werden kann, und, nach der Landſpitze benannt, deren wir oben erwaͤhnt haben, der Rooſt von Sumburgh heißt, denn Rooſt nennt man auf dieſen Inſeln alle Stroͤmungen der Art. 7 110 Auf der Landſeite iſt das Vorgebirge mit kurzem Graſe bedeckt, und laͤuft ſteil zu einer kleinen Landzunge hinab, in welche die See kleine Buchten hineingeſpuͤlt hat, welche, von beiden Seiten der Inſel immer tiefer eingrei⸗ fend, ſich allmaͤhlig einander naͤhern, ſo daß es ſcheint, als ob dieſe Buchten in kurzem ſich mit einander vereinigen und Sumburgh⸗Head allein daſtehen bleiben duͤrfte, das dann, aus einem Vorgebirge, zu einer einzelnen Bergſpitze wer⸗ den wuͤrde, gaͤnzlich getreunt von dem Feſtlande, deſſen aͤu⸗ ßerſtes Ende es jetzt bildet. Die Menſchen hatten indeß, in fruͤheren Zeiten, dieß als ein noch weit entferntes oder unwahrſcheinliches Ereig⸗ niß angeſehen, denn ein norwegiſcher Haͤuptling in alter Zeit, oder, nach anderen Nachrichten, und wie der Name Jarlshof beinahe ſchließen laͤßt, ein alter Graf, von den Orkney⸗Inſeln, hatte dieſe Landzunge auserſehen, einen Wohuſitz darauf zu erbauen. Dieſer iſt ſchon ſeit langer Zeit gaͤnzlich verlaſſen und nur mit Muͤhe kann man noch die Spuren davon auffinden, denn der lockere Sand, wel⸗ chen dle Winde dieſer ſtuͤrmiſchen Gegenden hinuͤberwehen, hat die Truͤmmer der Gebaͤude bedeckt und halb begraben; zu Ende des ſiebenzehnten Jahrhunderts war indeſſen ein Theil des Schloſſes des Grafen noch vorhanden und in be⸗ wohnbarem Zuſtande. Es war ein rohes Gebaͤnde von unbehauenen Steinen, das nichts Anziebendes füͤr das Auge hatte, oder Nahrung fuͤr die Einbildungskraft gewaͤhrte. Ein großes altvaͤteriſches Haus, mit oinem hohen, mit Plat⸗ ten von grauem Sandſteine gedeckten Dache, wuͤrde viel⸗ leicht dem neuern Leſer den beſten Begriff davon geben. Der Fenſter waren wenige, dieſe ſehr klein und am Ge⸗ baͤude oben und unten, ohne die geringſte Regelmaͤßigkeit, 8 11 11 angebracht. An das Hauptgebaͤude hatten, in fruͤheren Zeiten, gewiſſe kleinere Theile des Schloſſes angeſtoßen, welche zum wirthſchaftlichen Gebrauch beſtimmt waren, oder gewoͤhnliche Zimmer fuͤr das Gefolge und die Hausbedien⸗ ten des Grafen enthielten. Dieſe waren aber verfallen, man hatte die Balken herabgenommen, ſie zu Brennholz oder zu anderm Behuf zu gebrauchen, die Mauern waren an manchen Stellen eingeſtuͤrzt, und, die Zerſtoͤrung voll⸗ kommen zu machen, hatte ſich der Sand ſchon zwiſchen den Truͤmmern angehaͤuft und die Gemaͤcher, welche dieſe einſt enthielten, bis zu einer Hoͤhe von zwei oder drei Fuß er⸗ fuͤllt. Mitten unter dieſer Zerſtoͤrung hatten die Bewohner von Jarlshof, durch anhaltende Arbeit und Pflege, einige wenige Ruthen Landes in Ordnung zu erhalten geſucht, welche man als Garten eingehegt hatte, und die, durch die Mauern des Hauſes ſelbſt vor dem zerſtoͤrenden See⸗ winde geſchuͤtzt, die Gartengewaͤchſe hervorbrachten, welche noch unter dieſem Klima gedeihen, oder vielmehr, die der Sturm fortkommen laͤßt. Denn, wenn gleich dieſe Inſeln ſelbſt weniger von der Kalte leiden, als das Feſtland von Schottland, ſo kann man doch, ohne den Schutz einer Mauer oder dergleichen, nicht einmal die gewoͤhnlichſten Kuͤchengewaͤchſe ziehen; an Geſtraͤuche und Baͤume aber iſt gar nicht zu denken, ſo gewaltig iſt das Wehen des allzer⸗ ſtoͤrenden Seewindes. In einer kleinen Entfernung von dem Schloſſe, und nahe an dem Meeresufer, gerade da, wo die Bucht eine Art von unvollfommenem Hafen bildet, in welchem drei oder vier Fiſcherboote lagen, ſtanden einige wenige elende Huͤtten, welche die Bewohner und Pachtbauern des Gebie⸗ 12² tes von Jarlshof inne hatten, die den ganzen Bezirk von dem Gutsherrn unter ſolchen Bedingungen im Pacht hat⸗ ten, als man damals Leuten ihrer Art gewoͤhnlich machte, und die natuͤrlich druͤckend genug waren. Der Gutsherr ſelbſt bewohnte ein Gut, welches in einer angenehmern Gegend, in einem andern Theile der Inſel lag, und be⸗ ſuchte nur ſelten ſeine Beſitzung auf Sumburgh⸗Head. Er war ein ehrlicher, gerader, ſhetlaͤndiſcher Mann, et⸗ was hitzig, die nothwendige Folge ſeines beſtaͤndigen Zu⸗ ſammenlebens mit Leuten, die ihm untergeben waren, und etwas ſtark den Freuden der Geſellſchaft ergeben, was viel⸗ leicht daher ruͤhrte, daß er zu viel Muße hatte; aber da⸗ bei frei und offen, großmuͤthig gegen ſeine Leute, und wohl⸗ wollend gegen Fremde. Er ſtammte von einer alten und vornehmen norwegiſchen Famtlie ab, ein Umſtand, wel⸗ cher ihn bei den niederen Klaſſen um ſo beliebter machte, da ſie meiſt eben dieſen Urſprung haben, waͤhrend die an⸗ dern Lairds oder Grundeigenthuͤmer gewoͤhnlich ſchottiſchen Urſprunges ſind, und damals noch als Fremde und unrecht⸗ maͤßige Beſitzer angeſehen wurden. Dieſer Meinung war beſonders Herr Magnus Troil, der jetzige Grundbe⸗ ſitzee, der ſeine Abſtammung von dem Grafen herleitete, welcher als der Gruͤnder von Jarlshof angeſehen wurde. Die gegenwaͤrtigen Bewohner von Jarlshof hatten, bei verſchiedenen Gelegenheiten Beweiſe des Wohlwollens und der Zuneigung des Grundbeſitzers erhalten. Als Herr. Mertoun(ſo hieß der jetzige Bewohner des alten Schloſ⸗ ſes) zuerſt in Shetland ankam, was ſich einige Jahre vor dem Aufang dieſer Geſchichte ereignete, wurde er in dem Hauſe des Herrn Troil mit der warmen und herzlichen Gaſtfreundſchaft empfangen, wegen der dieſe Inſeln im Ruf — 13 ſtehen. Niemand fragte ihn, woher er kaͤme, wohin er gienge, warum er einen ſo entlegenen Winket des Reichs heſuche, oder wie lange er bleiben wuͤrde. Er war ganz fremd, ſogleich aber draͤngte eine Einladung die andere, jedes Haus, das er beſuchte, war, ſo lange er darin blei⸗ ben wollte, wie ſein eigen, er war darin wie ein Mitglied der Familie, ohne zu bemerken oder bemerkt zu werden, und dieß ſo lange, bis er es fuͤr gut hielt, ein anderes Haus zu ſeinem Aufenthalte zu waͤhlen. Dieſe anſchei⸗ nende Gleichguͤltigkeir gegen Rang, Charakter und Eigen⸗ ſchaften des Gaſtes entſprang bei ſeinen wohlwollenden Wirthen keineswegs aus Theilnahmloſigkeit, denn die In⸗ ſelbewohner hatten ebenfalls ihr Theil natuͤrlicher Neu⸗ gierde, aber ihr Zartſinn hielt es fuͤr einen Eingriff in die Rechte der Gaſtfreundſchaft, Fragen zu thun, deren Be⸗ antwortung ihrem Gaſte vielleicht ſchwer oder unangenehm geweſen ſeyn duͤrfte, und anſtatt, wie es wohl in andern Laͤndern geſchieht, aus Herrn Mertoun etwas herauszulo⸗ cken, was er gern verſchwiegen geſehen haben wuͤrde, be⸗ gnuͤgten ſich die beſonnenen Shetlaͤnder damit, dasjenige begiertg aufzufaſſen, was im Laufe der Unterhaltung etwa entſchluͤpfen mochte. Der Felſen in einer arabiſchen Wuͤſte gibt aber nicht ſpaͤrlicher Waſſer, als Herr Baſil Mertoun ſelbſt nur zufaͤl⸗ lige Aeußerungen vernehmen ließ, und die Hoͤflichkeit der Leute von Thule wurde gewiß nie auf eine haͤrtere Probe geſtellt, als hier, wo ſie fuͤhlten, daß die gute Lebensart es ihnen verbot, die naͤheren Verhaͤltniſſe eines ſo geheim⸗ nißvollen Mannes auszukundſchaften. Was wirklich von ihm bekannt war, ließ ſich kurz zu⸗ ſammen faſſen. Herr Mertoun war nach Lerwick, das da⸗ 14 mals ſich eben zu heben anfing, aber noch nicht als die Hauptſtadt der Inſel anerkannt war, auf einem hollaͤndi⸗ ſchen Schiff gekommen, nur von ſeinem Sohne, einem huͤb⸗ ſchen Knaben von unge faͤhr vierzehn Jahren, begleitet. Er ſelbſt mochte etwas über vlerzig Jahre alt ſeyn; der holländiſche Schiffer hatte ihn bei einigen ſeiner guten Freunde eingefuͤhrt, von denen er gewoͤhnlich, gegen Wach⸗ holderbranntwein und Gewuͤrzkuchen, kleine ſhetlaͤn diſche Ochſen, geräucherte Gaͤnſe und Struͤmpfe von Lammes⸗ wolle einhandelte, und obgleich Mynheer nur ſagen konnte: „dat Mynheer Mertoun ſyne Paſſagie wie een Gentleman betalt heft, en heft eenen Kruitz⸗Dollar außerdem aan het Schepsvolk gegeven,“ ſo reichte doch dieß ſchon hin, des Holländers Paſſagter in einen Kreis achtbarer Famtlien einzufuͤhren, welcher ſich bald erweiterte, als es klar wur⸗ de, daß der Fremde ein Mann von bedeutenden Kenntniſ⸗ ſen ſey. 1 Dieſe Entdeckung wurde aber gleichſam par ſorce ge⸗ macht, denn Mertoun ließ ſich eben ſo wenig uͤber allge⸗ meine Gegenſtäͤnde, als uͤber ſeine eigenen Angelegenheiten aus. Er ward indeß zuweilen zu Eroͤrterungen veranlaßt, aus denen es, wie ihm ſelbſt zum Trotze, hervorging, daß man es mit einem Manne von Bildung und Welt zu thun habe; zu andern Zeiten ſchien er auch wohl, gleichſam zur Vergeltung der Gaſtfreundlichkeit, mit der man ihn hier aufgenommen, ſich ſelbſt, gegen ſeine angenommene Natur, zu zwingen, ſich der Unterhaltung derer, die um ihn waren, hinzugeben, vorzuͤglich wenn dieſe den ernſten, ſchwermuͤ⸗ thigen oder ſatyriſchen Ton annahm, der ſich zu ſeiner ei⸗ genen Gemuͤthsart am beſten zu paſſen ſchien. Bei ſolchen Gelegenheiten waren die Shetlaͤnder einſtimmig der Mer⸗ * 2 2 15 nung, daß er eine treffliche Erziehung erhalten haben muͤſ⸗ ſe, die nur in einer Hinſicht auffallend vernachlaͤßigt wor⸗ den ſey, nemlich darin, daß Herr Mertoun kaum den Vor⸗ dertheil eines Schiffs von dem Hinterthetle zu unterſcheiden, und daß eine Kuh ein Boot beſſer zu regieren wiſſe, als er. Man konnte nicht begreifen, wie man, bei ſo großen Talenten in anderer Hinſicht, eine ſo grobe Unwiſſenheit in der allernothwendigſten Kunſt(wenigſtens fuͤr die ſhet⸗ laͤndiſchen Inſeln) verrathen koͤnne: aber ſo verhielt es ſich wirklich. Wenn Baſil Mertoun nicht auf die eben erwähnte Art angeregt wurde, ſo ſahe man ihn gewoͤhnlich in ſich gekehrt und duͤſter. Laute Froͤhlichkeit verſcheuchte ihn ſoglelch, und ſelbſt die beſcheidene Munterkeit eines freundſchaftli⸗ chen Kreiſes hatte jedesmal die Wirkung auf ihn, daß er in noch tiefern Truͤbſinn verſank, als man ſonſt an ihm bemerkte. Frauenzimmer haben gewoͤhnlich eine beſondere Sucht, Geheimniſſe zu ergruͤnden und Kummer zu mildern, vor⸗ zuͤglich wenn dieſe beiden Umſtaͤnde mit einem Manne in Verbindung ſtehen, der ein gutes Ausſehen hat und in den beſten Jahren iſt. Es iſt daher wohl moͤglich, daß un⸗ ter den blondlockigen und blauaͤugigen Toͤchtern von Thule dieſer geheimnißvolle und nachdenkliche Fremdling Eine ge⸗ funden haben dürfte, die es uͤber ſich genommen haben wuͤrde, ihn zu troͤſten, haͤtte er es auf irgend eine Weiſe an den Tag gelegt, daß er nicht abgeneigt ſey, dergleichen Liebesdienſte anzunehmen; allein, weit entfernt davon, ſchien er ſelbſt die Naͤhe des Geſchlechts zu fliehen, deſſen Mitleid und Troſt wir in jeder Bedraͤngniß, ſie ſey gei⸗ ſtig oder koͤrperlich, in Anſpruch zu nehmen pflegen. 1 Außer dieſen Eigenthuͤm i hkeiten verrieth der Herr Mertoun noch eine, welche ſeinem Wirth und Hauptgoͤnner Magnus Trofl vorzuͤglich unangenehm war. Dieſer ſhet⸗ laͤndiſche Magnat, welcher, wie wir ſchon erwaͤhnt, von vaͤ⸗ terlicher Seite aus einer alten norwegiſchen Famtlie her⸗ ſtammte, indem ſich ſein Stammvater mit einer daͤniſchen Frau verheirathet, war der unmaßgeblichen Meinung, daß ein Glas Wachholder⸗ oder franzoͤſtſcher Branntwein ein Specificum gegen Sorgen und Bekuͤmmerniſſe ſey. Dieß war indeß ein Mittel, zu welchem Herr Mertoun nie ſeine Zuflucht nahm: ſein Getraͤnk war Waſſer und weiter nichts, und weder Bitte noch Ueberredung konnte ihn dazu vermoͤ⸗ gen, irgend etwas zu koſten, das ſtaͤrker, als das reine Element war. Dieß war zu viel fuͤr Magnus Troil: er ſah es als ein Verbrechen gegen die alten nordiſchen Ge⸗ ſelligkeits⸗Geſetze an, die er fuͤr ſein Theil immer ſo pünkt⸗ lich beobachtet hatte, das, wenn er gleich, wie er behaup⸗ tete, nie betrunken zu Bette gegangen war(das heißt, was er unter betrunken verſtand), man doch ſchwerlich wuͤrde ha⸗ ben beweiſen koͤnnen, daß er ſich je in einem Zuſtande wirklicher und unbeſtreitbarer Nuͤchternheit den Armen des Schlafes uͤberlaſſen habe. Man koͤnnte daher wohl fragen, was denn dieſer Fremde an ſich gehabt, um, in Geſellſchaft, fuͤr das Mißvergnügen zu entſchaͤdigen, das ſeine ſtrengen Sitten und Enthaltſamkeit verurſachten?— Er hatte zuerſt ganz das Betragen und die Gewichtigkeit, welche einen Mann von einiger Bedeutung bezeichnen, und obgleich man ungefaͤhr muthmaßen konnte, daß er nicht reich war, ſo konnte man doch nach ſeinen Ausgaben ſchließen, daß er nicht ganz arm ſeyn mußte. Er beſaß uͤberdiez die Gabe der Unterhaltung, ſobald er, wie wir ſchon bemerkt haben je, 17 ſie geltend machen wollte, und ſein Menſchenhaß, oder ſeine Abneigung gegen die Geſchaͤfte oder den Verkehr des gewoͤhnlichen Lebens, ſprach ſich oft auch in allgemeinen Gegenſaͤtzen aus, welche, in Ermangelung von etwas Beſ⸗ ſerem, fuͤr Witz gelten mußten. Vor allem aber ſchien Herrn Mertonn's Gebeimniß undurchdringlich, und ſeine Gegenwart hatte alles das Auzlehende eines Raͤthſels, das man gern mehrere Male liest, weil man es nicht zu loͤſen vermag. Aller dieſer empfehlungswerthen Eigenſchaften ungeach⸗ tet, war doch Mertoun's Charakter ſo ſehr von dem ſei⸗ nes Wirthes verſchteden, daß, nachdem jener eine Zeitlang auf des letztern Hauptbe ſitzung gewohnt, Magnus Troil ſich ſehr angenenm uͤberraſcht fuͤhlte, als eines Abends, nach⸗ dem ſie zwei Stunden, ohne ein Wort zu ſprechen, bei einander geſeſſen und Branntwein und Waſſer getrunken hatten— d. h. Magnus den Geiſt und Merton das reine Element,— der Gaſt ſeinen Wirth um die Erlaubniß bat, als ſein Paͤchter, den verlaſſenen Jarlsyof beziehen zu duͤr⸗ fen, der am Ende des Bezirks Dunroßnes gerade unter Sumburgh⸗Head liege.„Auf dieſe Art werde ich ihn auf einmal los,“ ſagte Magnus zu ſich ſelbſt:„und ſein Froͤh⸗ lichkeit toͤdtendes Geſicht wird nicht mehr der Flaſche im Wege ſeyn, wenn ſie im Kreiſe umhergeht. Indeß wird mich ſeine Entfernung doch ſchweres Geld koſten, denn ich muß nun Citronen kaufen, waͤhrend vorher ein Blick von ihm hinreichte, ein ganzes Meer von Punſch zu ſaͤuern.“ Der wohlwollende Shetländer ſtellte indeß, eben ſo großmuͤthig als uneigennuͤtzig, Herrn Mertoun vor, daß er ſich in ſeinem neuen Aufenthalte ſehr einſam und unbehag⸗ lich fuͤhlen wuͤrde. In dem alten Hauſe, ſagte er, waͤren W. Seort's Werke, CX. 2 18 kaum die allernothwendigſten Moͤbel— keine lebende Seele mehrere Meilen weit— und was die Lebensmittel betraͤ⸗ fe, ſo wuͤrde er ſich als Hauptnahrung mit ſeuren Kohl⸗ fiſchen begnuͤgen müſſen, und ſeine einzige Geſellſchaft wuͤr⸗ den Mewen und Solandgäͤnſe ſeyn. „Mein werther Freund,“ antwortete Mertoun,„Ihr haͤttet mir nichts Beſſeres zur Empfehlung meines neuen Aufenthaltes ſagen koͤnnen, als daß in deſſen Nähe weder Wohlleben, noch menſchliche Geſellſchaft zu finden ſind: ein Obdach gegen das Wetter fuͤr mich ſelbſt und fuͤr den Kna⸗ ben da, iſt alles, was ich ſuche, und ſo beſtimmt, denn die Pacht, Herr Troil, und macht mich zu Euerm Paͤchter von Jarlshof.“ „Pacht?“ antwortete der Shetlaͤnder:„wahrhaftig, die kann fuͤr ein altes Haus, das ſeit meiner Mutter, Gott hab' ſie ſelig, Niemand bewohnt hat, ſo groß nicht ſeyn, und was das Obdach betrifft, ſo ſind die Mauern dick ge⸗ nug, und halten wohl noch manches Unwetter aus. Aber, der Himmel behut' Euch, Herr Mertoun, bedenkt, was Ihr vorhabt. Selbſt fuͤr unſer einen waͤre es ſchon ein ſonder⸗ barer Entſchluß, in Jarlshof wohnen zu wollen; aber vun gar fuͤr Euch, der Ihr aus einem ganz andern Lande ſeyd, ich weiß nicht woher, ob aus England, Schottland oder Ir⸗ land.“ „Das thut auch nichts zur Sache,“ ſagte Mertoun, etwas abgebrochen. „Nein, natuͤrlich nicht, nicht eine Haͤringsſchuppe,“ antwortete der Laitd;, nur das will ich Euch ſagen, daß ich Euch deſto lieber habe, weil Ihr kein Schotte ſeyd,— was ich einmal nicht glaube.— Da kommen ſie hieher, wie die Brentgaͤnſe; jeder große Herr bringt einen Schwarm ——=„„» — S— 2 — 4³ 19 ſeines Namens und aus ſeinem Neſte mit, und da bleiben ſie dann hier wohnen, weil keiner wieder zuruͤck mag nach ſeinen eigenen duͤrren Hochlanden oder Unterlanden, wenn er einmal unſer ſhetlaͤndiſches Rindfleiſch gekoſtet und un⸗ ſere ſchoͤnen Buchten und Seen geſehen hat. Nein, Herr,“ (fuhr Magnus mit großer Waͤrme fort, indem er von Zeit zu Zeit einen Schluck des halbverduͤnnten Geiſtes zu ſich nahm der ſeinen Zorn gegen die fremden Eindringer noch zu vermehren und ihm die noͤthige Staͤrke zu geben ſchien, die kraͤnkenden Betrachtungen, welche jetzt ſich ihm darbo⸗ ten, ruhig anzuſtellen.)„Nein, Herr, die alten Tage und die aͤchten Sitten dieſer Inſeln ſind voruͤber, und nicht mehr zu finden, denn unſere alten Grundbeſitzer— die Paterſons, Feas, Schlagbrenners, Yhiorbi⸗ orns, haben den Giffords, Scotts, Mouats, wei⸗ chen muͤſſen, deren Namen ſchon andeuten, daß ſie, oder ihre Voreltern Fremdlinge auf dieſem Boden waren, wel⸗ chen wir Troils lange vor der Zeit des Turf⸗Einar be⸗ wohnten, der zuerſt auf dieſen Iuſeln die Kunſt lehrte, Torf ſtatt Holz zu brennen, und deſſen Name die dankbare Nachwelt mit der Entdeckung ſelbſt verknuͤpft hat.“ Dieß war ein Gegenſtand, über welchen der Beherr⸗ ſcher von Jarlshof ſich gewoͤhnlich ſehr weitlaͤuftig ausbrei⸗ tete, und Mertoun ſah mit Vergnuͤgen ihn darauf einge⸗ hen, weil er voraus wußte, daß er nun keinen Beitrag zur Unterhaltung zu geben brauchen wuͤrde, und ſeinen eigenen duͤſtern Gedanken nachhangen koͤnne, indeß der norwegiſche Shetlaͤnder uͤber die Veraͤnderungen der Zeit und der Ein wohner redete. In dem Augenblicke aber, wo Magnus zu ſeinem truͤbſeligen Schluſſe gekommen war:„wie ſehr wahr „ſcheinlich es ſey, daß im naͤchſten Jahrhunderte kaum eir 2.. 20 „Merk— ja kaum ein Ure von Land mehr im Beſitz „der norwegiſchen Einwohner der wahren Udallers von Shet⸗ „land*) ſeyn wuͤrde,“ gedachte er der Verhaͤltniſſe ſeines Gaſtes und hielt ploͤtzlichinne.„Ich ſagte dieß alles nicht,“ fuͤgte er, ſich ſelbſt unterbrechend hinzu:„als ob ich etwas dawider haͤtte, daß Ihr auf meinem Gute Euch niederlaſ⸗ ſen wollt, Herr Mertoun,— aber was Jarlshof betrifft — der Ort iſt ſehr unwohnlich; Ihr moͤgt nun gekommen ſeyn, woher Ihr wollt, ſo bin ich uͤberzeugt, Ihr werdet ſagen, wie andere Reiſende, Ihr waͤret aus einem beſſern Klima gekommen, als unſeres iſt, denn ſo ſprecht Ihr alle. Und doch wollt Ihr Euch an einen Ort zuruͤckziehen, wo ſelbſt die Eingebornen nicht bleiben moͤgen!— Wollt Ihr Euer Glas nicht nehmen?(dieß kam ſo mitten inne) Nun, Euere Geſundheit!“ „Mein guter Herr,“ antwortete Merton,„ich mache mir nichts aus dem Klima, iſt nur Luft genng da, um meine Lunge anzufuͤllen, ſo zaͤmmere ich mich wenig darum, ob jch die von Arabien oder Lappland athme.“ „Luft koͤnnt Ihr genug haben,“ antwortete Magnus, „daran fehlt es nicht— ſie iſt zwar etwas feucht, wie Fremde behaupten wollen, aber wir wiſſen, was dagegen hilft— Euere Geſundheit, Herr Mertoun!— Das muͤßt Ihr ſchon lernen, und eine Pfeife zu rauchen, und dann werdet Ihr, wie Ihr ſagt, die Luft von Shetland eben ſo gut wie die von Arabien linden. Habt Ihr denn aber Jarlshof geſehen?“ 5 Die Udaners ſind die allodirten Beſitzer von Sbetland, welche thre Beſitzungen noch nach dem alten norwegiſchen Recht inne haben, ſtatt der Lehnsverbindungen, w lche man von Schotttand aus vei sihnen eingefüuhrt hat. 3 21 Der Fremde verneinte es. „Nun,“ ſagte Magnus:„dann habt Ihr auch keinen Begriff von dem, was Ihr unternehmt. Wenn Ihr glaubt, daß es eine bequeme Rhede ſey, wie dieſe, wo das Haus am Ufer eines Sees von Seewaſſer liegt, wo die Haͤringe bis zu Eurer Thuͤre herankommen, ſo irrt Ihr Euch, mein Herz. In Jarlshof ſeht Ihr nichts als die wilden Wellen, welche uͤber die kahlen Felſen hinſtuͤrzen, und die Stroͤ⸗ mung von Sumburgh, welche in einer Stunde fuͤnfzehn Zeichen laͤuft.“ „So werde ich doch nichts von dem Strome der menſch⸗ lichen Leidenſchaften ſehen,“ ſagte Mertoun. „Ihr werdet nichts als das Gekraͤchz und Geſchrei der Kormorans, Puffins und Seemewen hoͤren, von Tages⸗ anbruch bis zum Sonnenuntergang.“ „Das laſſe ich mir gefallen, mein Freund,“ erwiederte der Fremde:„wenn ich nur nicht das Geſchwaͤtz der Wei⸗ berzungen hoͤren muß.“ 5 „Aha,“ ſagte der Norman:„das kommt daher, weil Ihr in dieſem Augenblicke meine kleine Minna und Blenda mit Euerm Mordaunt im Garten ſingen hoͤrt. Nun, ich horche doch lieber auf ihre kleinen Stimmen, als auf die der Feldlerche, die ich einſt in Calthneß hoͤrte, oder die der Nachtigall, wovon ich geleſen habe.— Was werden aber die Maͤdchen beginnen, wenn ihr Spielgefaͤhrte Mor⸗ daunt nicht mehr da iſt?“ „Sie müͤſſen ſich behelfen,“ antwortete Mertoun: „Juͤnger oder aͤlter, werden ſie immer Spielgefaͤhrten ode Hintergangene ſinden; doch bie Frage iſt, Herr Troil, wollt 22 Ihr mir, als Euerm Paͤchter, das alte Schloß Jarlshof uͤberlaſſen?“ „Sehr gern,— da Ihr Euch doch einmal dahin ent⸗ ſooleden habt, an einem ſo einſamen Orte zu leben.“ „Und die Pacht?“ fuhr Mertoun fort. „Die Pacht!“ erwiederte Magnus:„hm— ja, Ihr muͤßt nun noch das Fleckchen haben, das einſt ein Garten hieß, und einen Antheil an Seathold und einen Sixpenny Merk Landes, damit die Bauern fuͤr Euch ſiſchen koͤnnen; — ſollten acht Ließpfund Butter und acht Schillinge Ster⸗ ling jaͤhrlich, wohl zu viel ſeyn?“ Herr Mertoun ging ſo billige Bedingungen ſogleich eln, wohnte von nun an hauptſaͤchlich auf dem einſamen Schloſſe, welches wir zu Anfang dieſes Kapiltels beſchrie⸗ ben haben, und ließ ſich nicht allein ohne Klage, ſondern, wie es ſchien, mit einem ſchmerzlichen Wohlbehagen, alle die Entbehrungen gefallen, welche eine ſo wuͤſte und ver⸗ laſſene Gegend ihrem Bewohner nothwendig auferlegte. Zweites Kapitel. Die Gegend iſt es nicht allein,— der Menſch, Anſelmo, Findet Uebereinſtimmung der Gefühle mit dieſen wilden Wüſten⸗ Mit dem ungeſtümen Meere, die heitere Auen Und glatte Wellen ihm verſagen. 3 Altes Schauſpiel. Die wenigen Bewohner des Gebietes von Jarlshof hatten mit Beſorgniß veruommen, daß jemand von hoͤherm Range ſeinen Wohnſitz in dem alten Gebaͤude aufſchlagen ——— 8— 23 wuͤrde, das ſie noch immer das Schloß nannten. In jenen Zeiten(die jezigen haben ſich bei Weitem gedeſſert) war die Gegenwart eines Vornehmen faſt unausbleiblich mit ſchwereren Laſten und Erpreſſungen verknuͤpft, fuͤr wel⸗ che, unter dieſem oder jenem Vorwande, die Lehnsrechte mehr als eine Beſchoͤntgung darboten, und ſo nahm jede von dieſen einen Theil des ſauern und mißlichen Erwerbes der Bauern, zum Verbrauch des maͤchtigen Nachbars und Ober⸗Paͤchters, oder Tacksman, wie er genannt wurde, hin⸗ weg. Die Unter Paͤchter fanden indeß bald, daß von Baſil Mertoun keine dieſer Erpreſſungen zu fuͤrchten ſey. Sein eigenes Vermoͤgen, mochte es nun gering oder bedeutend ſeyn, reichte wenigſtens vollkommen zur Beſtreitung ſeiner Ausgaben hin, welche, ſo weit es ſeine eigentliche Lebens⸗ art betraf, hoͤchſt maͤßig waren. Einige wenige Buͤcher und einige phyſikaltſche Inſtrumente, die er gelegentlich von London erhielt, ſchienen auf einen, auf dieſen Inſeln un⸗ gewoͤhnlichen, Grad von Reichthum hinzudeuten; auf der andern Seite aber war der Tiſch und die uͤbrigen Beduͤrf⸗ niſſe in Jarlshof um nichts beſſer, als was man bei einem ſhetlaͤndiſchen Grundbeſitzer der gewoͤhnlichſten Art finden konnte. Die Bewohner des Dorfes kuͤmmerten ſich ſehr wenig um den Srand ihres Obern, ſobald ſie gefunden hatten, daß ſeine Gegenwart eher zur Verbeſſerung, als zur Ver⸗ ſchlim nerung ihres Zuſtandes beitrug; und da ſie einmal von der Beſorgniß befreit waren, daß er ſie unterdruͤcken wuͤrde, ſo uͤberlegten ſie nur, wie ſie ihn durch alle moͤg⸗ lichen Kunſtgriffe betruͤgen und uͤbervortheilen koͤnnten,— was der Fremde auch eine Zeit lang mit wahrhaft philo⸗ ſophiſcher Gleichzuͤltigkeit ſich gefallen lies. Ein Vorfall, der ſich ereignete, zeigte jedoch ſeinen Charakter bald in einem neuen Lichte und that allen weiteren Verſuchen zur uͤbermaͤßigen Bevortheilung auf einmal Einhalt. In der Kuͤche des Schloſſes entſtand naͤmlich ein hef⸗ tiger Streit zwiſchen einer alten Gouvernante, welche bei Herrn Mertoun das Amt einer Haushaͤlterin verſah, und Sweyn Erikſon, einem ſo echten Shelaͤnder als je einer in einem Boot auf den Haaf⸗ Fiſchfang“) ausging; und dieſer Zank wurde, wie es in ſolchen Faͤllen gewoͤhnlich iſt, mit ſo zunehmender Hitze und Gelaͤrm fortgeſetzt, daß er ſogar bis zu den Ohren des Herrn(wie man ihn nannte) erſcholl, der in einem einſamen Thurme ſo eben mit genauerer Un⸗ terſuchung eines neuen Packs Buͤcher von London beſchaͤf⸗ tigt war, welcher, nach langer Verzoögerung, nach Hull, von da auf einem Wallfiſchboot nach Lerwick und ſo nach Jarls⸗ hof gelangt war. Mit mehr als dem gewoͤhnlichen Aus⸗ bruche von Unwillen, den phlegmatiſche Leute immer ⸗aͤu⸗ tern, wenn ſie durch irgend eine unangenehme Veranlaſ⸗ ſung einmal in Bewegung kommen, ſtieg Mertoun die Treppe hinab, eilte dem Schauplatze des Streites zu, und that nun ſo raſche entſchiedene und dringende Fragen, daß die Partheien, trotz aller Ausfluͤchte, hinter denen ſie die Urſache des Streits verbergen wollten, ſie am Ende doch nicht laͤugnen konnten. Sie hatten ſich naͤmlich uͤber den Antheil geſtritten, welcher der ehrlichen Gouvernante und dem nicht weniger ehrlichen Fiſcher an ſeinem Gewinn von hundert Procent zuſtand, den der Kauf eines Vorraths von Kabliau, welchen die Erſtere von dem Letzteren zum ——⏑—⏑— *) d. i. der Fiſchfang auf offener See, zum Unterſchiede von dem welcher an der Küſte hin getrieben wird. 25 Gebrauche der Famtlie von Jarlshof erhandelt hatte, ab⸗ werfen ſollte. Als Mertoun ſich hieruͤber eine voͤllige Gewißheit und das Eingeſtaͤndniß verſchafft hatte, blickte er die Schuldi⸗ gen mit Augen an, in denen die aͤußerſte Verachtung mit der erwachenden Hitze zu kaͤmpfen ſchien. Zu ſeiner Haus⸗ haͤlterin ſagte er endlich:„Du alte Hexe, melde auf der Stelle mein Haus, und wiſſe, daß ich dich nicht deswegen verabſchiede, weil du eine Luͤgnerin, eine Diehin, und eine Verworfene Undankbare biſt— denn dieſe Eigenſchaften kleben Dir an, wie der Name Weib— ſondern weil Du es wagſt in meinem Hauſe lauter zu ſeyn, als es die Noth erfordert. Und Du Schurke, der Du denkſt, Du kannſt einen Fremden ſo leicht betrugen, wie Du einen Wallſiſch abſtreifſt,*) wiſſe, daß ich mit den Rechten wohl bekannt bin, welche mir Dein Herr, Magnus Troil, uͤber Dich einee⸗ raͤumt hat. Reize nur meinen Zorn, und Du ſollſt zu Deinem Schaden erfahren, daß ich Deine Ruhe eben ſo leicht ſtöͤren kann, ais Du mich in meiner Muße. Ich kenne die Bedeutung von Scat und Wattle und Hawk⸗ hen und Hagalef, und jeder andern Bedruͤckung, womlt Euch, in aͤlterer und neuerer Zeit Euere Herren heimge⸗ ſucht haben, und es ſoll auch nicht Einer von Euch ſeyn, der nicht den Tag bereuet, wo er— nicht zufrieden, mich um mein Geld betrogen zu haben— es wagen ſollte, mich in meiner Muße mit Euerm ſchaͤndlichen nordiſchen Ge⸗ ſchret zu ſtoͤren, das an Mißklang dem Gekraͤchz eines Schwarmes von Mewen gleicht.“ —OO˖Q—— *) Flinching; ſo nennt man das Abſtreifen des Wallfiſchſetts von ſeinen Rippen. Sweyn wußte auf dieſen derben Verweis nichts Beſ⸗ ſeres zu entgegnen, als die demuͤthige Bitte, daß der gnä⸗ dige Herr doch den Kabliau umſonſt behalten und nichts weiter von der Sache erwaͤhnen moge. Mertoun's Hitze war aber jetzt ſwon zu einer nicht zu bezaͤhmenden Wuth geſtiegen, und waͤhrend er mit der einen Hand dem Fiſcher das Geld an den Kopf warf, ſchleuderte er ihm mit der andern die Fiſche nach, bis er aus dem Zimmer war. Es lag in dem Weſen des Fremden bei dieſer Gele⸗ genheit eine ſo furchtbare und tyranniſche Wuth, daß Sweyn ſich wever Zeit ließ das Geld aufzuheben, noch ſeine Waare zurüuckzunehmen, ſondern in voller Eile nach dem kleinen Dorfe raunte, ſeinen Kameraden zu erzaͤblen, daß, wenn ſie Herrn Mertoun noch mehr aufbraͤchten, er ein wahrer Pate Stuart) fuͤr ſie werden, und ohne Rechtsſpruch und Gnade koͤpfen und haͤngen laſſen moͤchte. Hieher kam auch die verabſchiedete Haushaͤlterin, um mit ihren Nachbarn und Verwandten(denn ſie war eben⸗ falls im Dorfe geboren) zu berathſchlagen, was ſie thun ſolle, um die vortheilhafte Stelle zu erhalten, welche ſie ſo ploͤtzlich verloren hatte. Der alte Rauzellaar des Dorfes, welcher die gewichtigſte Stimme bei den Berath⸗ ſchlagungen im Dorfe hatte, entſchied, nachdem er gehoͤrt hatte, was vorgegangen, dahin: daß Sweyn Er kſon of⸗ fenbar einen zu hohen Preis gemacht habe, und daß, wel⸗ ches Vorwandes auch der Tacksmann ſich bedient haben —— ¹) Wahrſcheinlich iſt hier Patick Stuart, Graf von Ork⸗ nay gemeint, der wegen der Tyranney und Bedrückung, deren er ſich gegen die Einwohner dieſer abgelegenen Inſeln ſchuldig gemacht/ zu Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts hingerichtet wurde. X 8—ᷣ—— — n —o— a—* ᷣ———— ⁸ A 27 moͤge, ſeinem Aerger Luft zu machen, der wahre Grund doch gewiß der geweſen ſey, daß man ihm den Kabliau das Stuͤck zu einem Penny angerechnet habe, ſtatt nur einen halben Penny zu nehmen; er ermahnte daher die ſaͤmmt⸗ lichen Bewohner, kuͤnftig nie hoͤher als drei Pence auf den Schilling aufzuſchlagen, was ihr Herr im Schloſſe, vernuͤnf⸗ tigerweiſe nicht unbillig finden koͤnne, da man ja doch aus ſeiner Aeußerung, ihnen nicht zu nahe treten zu wollen, den natuͤrlichen Schluß ziehen koͤnne, daß er auf jede bil⸗ lige Weiſe ihnen Gutes thun wolle.„Und drei auf zwoͤlf“. — ſagte der wohlerfahrene Ranzellaar— iſt ein anſtaͤndi⸗ ger und maͤßiger Profit und wird Gottes und des heiligen Ronalds Segen bringen.“ Dem Tarif gemaͤß, der ihnen ſo eben ſo wohlweislich empfohlen wurde, nahmen alſo die Bewohner von Jarls⸗ bof von Mertoun kuͤnftig nur den maͤßigen Gewinn von fuͤnf und zwanzig Procent, einen Maßſtab, den ſich alle Nabobs, Armee⸗Lieferanten, Spekulanten in den oͤffentli⸗ chen Staatspapieren, und Andere, die durch neuerliche und ſchnelle Gluͤcksfaͤlle in den Stand geſetzt worden ſind, auf dem Lande eine große Figur zu machen, als ſehr billig von ihren laͤndlichen Nachbarn gefallen laſſen ſollten. Mertoun ſchien wenigſtens dieſer Meinung zu ſeyn, denn er be⸗ kuͤmmerte ſich von nun an um ſeine haͤuslichen Ausgaben nicht genauer. Die verſammelten Vaͤter von Jarlshof zogen, nachdem ſie ihre eigene Angelegenbeit in Richtigkeit gebracht, zu⸗ naͤchſt die Sache der Swertha, der verbannten und aus dem Schloſſe vertriebenen Marrone, in Betrachtung, die ſie, als eine erfahrne und nuͤtzliche Bundesgenoſſin, wo moͤg⸗ lich gern wieder in ihr altes Amt eingeſetzt geſehen haͤt⸗ 3 3 . ten. Hier aber reichte alle ihre Weißheit nicht aus, und Swertha nahm nun, in ihrer Noth, zu Mordaunt Mer⸗ touns Vermittelung ihre Zuflucht, deſſen Gunſt ſie ſich durch ihre Bekanntſchaft mit den alten norwegiſchen Bal⸗ laden und ſchauerlichen Erzaͤhlungen von den Trows oder Drews(den Zwergen der alten nordiſchen Barden) erwor⸗ ben hatte, mit denen die aberglaͤubiſche Vorzeit ſo manche einſame Hoͤhle und ſo manches dunkle Thal in Dunroſſueß und andern Gegenden von Schottland, bevoͤlkert hatte. „Swertha,“ ſagte der Juͤngling,„ich kann nur wenig fuͤr Dich thun, wohl aber magſt Du fuͤr Dich ſelbſt ſprechev. Meines Vaters Zorn gleicht dem Grimm der alten Kaͤm⸗ pen, von denen Du zuweilen ſingſt.“ „Ja, ja, Fiſch meines Herzens“— erwiederte die alte Frau, in erhaben⸗ weinerlichem Tone— die Berſerker! das waren Kämpen, welche vor der geſegneten Zeit des heiligen Olafs lebten und wie wütbende ſich in Schwerter, Speere, Harpunen und Musketen ſtürzten, ſie alle in Stücken bra⸗ chen, wie ein Wallfiſch ein Heringnetz zerreißt, und ſobald der Grimm vorüber war, ſo ſchwach und wandelbar wie Waſſer. ter denkt nie mehr an ſeinen Zorn, ſobald er vorüber iſt, und hat ſo viel von einem Berſerker an ſich, daß, ſo aufgebracht er an einem Tage auch geweſen ſeyn mag, er doch am an⸗ dern nichts mehr davon weiß. So hat er denn auch Deine Stelle in der Haushaltung des Schloſſes noch nicht wieder beſetzt; wir haben keinen Biſſen warmes Eſſen gehabt, ſeit Du wesgegangen biſt, kein Brot iſt gebacken worden, ſon⸗ dern wir haben nur von den kalten Speiſen gelebt, die ge⸗ rade vorräthig waren. Ich bürge Dir dafür, Swertha, daß, „So iſt es, Swertha,“ ſagte Mordaunt.„Mein Va⸗ 8 4 4 — 8& ☛ — ¶☛ ☛ — 8& a 29 wenn Du ganz dreiſt auf das Schloß gehſt und wie ge⸗ wöhnlich Deine Geſchäfte verrichteſt, mein Vater Dir nicht ein Wort ſagen wird.“ Swertha bedachte ſich Anfangs, ob ſie dieſen kühnen Rath befolgen ſollte. Sie ſagte:„ihrem Bedünken nach ſahe Herr Mertoun, als er zornig war, eher wie der hölli⸗ ſche Feind, als wie irgend ein Berſerker aus; ſeine Augen ſprüheten Feuer und der Schaum ſtand ihm auf den Lippen, und es würde die Vorſehung verſuchen heißen, wenn ſie ſich abermals einer ſolchen Gefahr ausſetzte.“ Der Sohn ſprach ihr indeſſen Muth ein, und ſo entſchloß ſie ſich endlich, dem Vater wieder unter die Augen zu treten, kleidete ſich in ihre gewöhnliche Hauskleidung, was Mordaunt vorzüg⸗ lich empfohlen hatte, ſchlich ſich auf das Schloß, uͤbernahm ihre verſchiedenen und zahlreichen häuslichen Verrichtungen wieder, und ſchien dabei fo angelegentlich beſchäftigt, als ob ſie nie außer Dienſt geweſen wäre. Am erſten Tage nach ihrer Rückkehr zu ihrem Amte, ließ ſich Swertha gar nicht vor ihrem Gebieter ſehen, ſon⸗ dern glaubte, daß, nach einer dreitaͤgigen Nahrung mit kal⸗ ter Speiſe, eine warme Schüſſel, mit aller der Kunſt be⸗ reitet, welche ihr zu Gebote ſtand, die beſte Empfehlung für ſie ſeyn würde. Als Mordaunt ihr geſagt, daß ſein Vater die Veränderung in dem Mahle gar nicht einmal be⸗ achtet habe, und daß ſie ſelbſt bemerkte, daß, wenn ſis gelegentlich bei ihm vorüber ging, ihre Erſcheinung auf ih⸗ ren ſonderbaren Gebieter gar keinen Eindruck mache, begann ſie zu vermuthen, daß die ganze Sache gänzlich aus Herrn Mertouns Gedächtniſſe entſchwunden ſey. In dieſem Glau⸗ ben wurde ſie auch nicht eher wankend gemacht, als bis ei⸗ nes Tages, wa ſie ihre Stimme in einem Streite mit der andern Dienſtmagd mehr als gewöhnlich erhob, ihr Gebie⸗ ter, der zufällig vorüberging, ihr einen bedeutenden Blick zuwarf, und das einzige Wort bed enke! mit einem Tone ausſprach, der Swerthas Zunge mehrere Wochen lang im Zaume hielt. So eigenthümlich Mertoun bei der Führung ſeines Haushalts zu Werke zu gehen ſchien, eben ſo verfuhr er auch bei der Erziehung ſeines Sohnes. Nur ſelten ließ er Spu⸗ ren väterlicher Zuneigung gegen ihn blicken, und doch ſchien Mordaunts Erziehung das wichtigſte Geſchaͤft ſeines Lebens zu ſeyn.— Er beſaß Bücher und Kenntniſſe genug, ihm in den gewöhnlichen Zweigen des Wiſſens hinlänglichen Unter⸗ richt zu ertheilen, war dabei pünktlich, ruhig und genau und forderte von ſeinem Zöglinge, nicht ohne Strenge, diejenige Aufmerkſamkeit, die ihn allein Fortſchritte machen laſſen kengte. Bei dem Studium der Geſchichte, auf welche die Aufmerkſamtert der Beiden ſich oft hinlenkte, ſo wie bei dem der ciafſiſchen Schrifiſteler, kamen oft Thatſachen oder Ge⸗ ſinnungen vor, welche einen augenblicklichen Eindruck auf Mertouns Gemüth hervorbrachten und plötzlich das herbei⸗ führten, was Swertha, Sweyn und ſelbſt Mordaunt ſeine ſchwarze Stunde zu nennen pflegten. Gewöhnlich fühlte er deren Herannahen ſelbſt, und zog ſich dann in ein inneres Gemach zurück, welches ſelbſt Mordaunt nicht betreten durf⸗ te. Hier brachte er Tage, ja ſelbſt Wochen lang in Abge⸗ ſchiedenheit zu und kam nur zu unbeſtimmten Zeiten heraus die Nahrung zu ſich zu nehmen, die man in ſeine Naͤhe bingeſtellt hatte und wovon er nur aͤußerſt wenig genoß. Zu anderen Zeiten und beſonders um die Winter⸗Sonnenwende, wo beinahe jedermann die Zeit im Hauſe in Schmauſen und Luſtbarkeit zubringt, pflegte der unglückliche Mann, in einen 5 8 G ͤ—-9 bU¶☛ D——— S———,— & gz n. +△8 ⏑⏑— +☛*2 A——yj—Anö—ͤ————— 31 dunkelfarbigen Schiffemantel gehüllt, an dem ſtuͤrmiſchen Geſtade oder auf der öden Haide zu wandeln, ſeinen dü⸗ ſtern und ſtarren Gedanken nachhangend, unter dem un⸗ freundlichen Himmel, und dieß um ſo lieber, da er dann ſi⸗ cher war, niemanden zu begegnen und von niemand beob⸗ achtet zu werden. Als Mordaunt älter ward, lernte er die beſonderen An⸗ zeichen, welche dieſen Anfällen aͤußerer Verzweiflung vorher⸗ gingen, genauer keynen und die Vorkehrungen treffen, wel⸗ che ſeinen unslücklichen Vater von jeder unzeitigen Unter⸗ brechung(die lihn unausdleiblich zur Wuth trieb) ſichern möchten, während auf der andern Seite alles Nöthige zu ſeinem Unterhalt in Bereitſchaft gehalten wurde. Mordaunz bemerkte, daß zu ſolchen Zeiten die Anfälle des Drubſinns bei weitem von längerer Dauer waren, wenn er ſich zufällig ſeinen Augen zeigte. Aus Ehrerbietung gegen ſeinen Vater ſo wie aus der Liebe zu raſcher Bewegung und zum Ver⸗ gnügen, welche dieſen Jahren ſo eigen iſt, pflegte Mordaunt alsdann das Schloß von Jarlshof, und ſelbſt den Bezirk, ganz zu verlaſſen, uͤberzeugt, daß ſein Vater, wenn die finſtere Stunde in ſeiner Abweſenheit voruͤbergegangen war, ſich wenig darum kümmern wuͤrde, wie er ſeine Mu⸗ beſtunden zugebracht, wenn er nur ſicher ſeyn konnte, daß er ihn ſelbſt nicht in ſeinen ſchwachen Angenblicken belauſcht habe, eine Sache, die er mit der möoglichſten Vorſicht zu verhuͤten ſuchte. Zu ſolchen Zeiten waren alſo die Vergnuͤgungen, wel⸗ che die Gegend darbot, dem juͤngern Mertoun gaͤnzlich uͤberlaſſen, der auch, in dieſen freien Zwiſchenraͤumen, ſich den Regungen ſeines kuͤhnen, thaͤtigen und unternehmenden Charagkters uͤberließ. Oft ging er mit den Junglingen des die Gegend um ihn her als den Schauplatz dieſer wilden 1 Dorfes auf jene gefaͤhrlichen Unternehmungen aus, gegen welche,„das furchtbare Gewerbe des Meerfenchelſamm⸗ lers,“ ein Spaziergang auf ebenen Boden iſt; oft nahm ee Theil an den mitternaͤchtlichen Ausfluͤgen auf die Ab⸗ haͤnge der ſteilen Kuppen, um die Eier oder die Jungen der Seevögel auszunehmen, und zeigte bei dieſen kuͤhnen Abentheuern eine Behendigkeit, Geiſtesgegenwart und Ge⸗ wandheit, welche, bei einem ſo jungen und nicht im Lande gebornen Manne zu finden, ſelbſt die aͤlteſten Jaͤger in Erſaunen ſehte. 4 Zu andern Zeiten begle itete Mordaunt den Sweyn und andere Fiſcher auf ihren langen und gefaͤbrlichen Fahr⸗ ten auf die offene und entfernte See hin, und lernte, un⸗ ter ihrer Fuͤhrung, das Boot regieren, worin ſie es jedem andern Eingebornen des britiſchen Reichs gleich oder viel⸗ leicht noch zuvorthun. Dieſe Fahrten hatten aber, a uhe dem Fiſchfang, noch etwas beſonders Anziehendes fuͤr Mor⸗ daunt. Es waren damals noch die alten norwegiſchen Sagas ſehr in Andenken und wurden oft von den Fiſchern hergeſagt, welche unter ſich noch immer die alte norwegi⸗ ſche Sprache, die ihre Vorvaͤter geredet hatten, beibehiel⸗ ten. In dem Duͤſter⸗romantiſchen dieſer ſcendinasiſchen Erzaͤhlungen lag etwas ungemein Anziehendes fuͤr ein ju⸗ gendliches Ohr, und die abentheuerlichen Legenden von den Berſerkern, den Seekoͤnigen, Zwergen, Rieſen und Zauke⸗ 3 rern, welche er von den eingevornen Schottläͤndern hoͤrte ſtanden den claſſiſchen Geſchichten des Alterthums, nach Mordaunts Meinung, um nichts nach, wenn ſie ihnen nicht gar vorzuziehen ſeyen. Oft zeigten ihm die Erzäͤhlet Dichtungen, wenn dieſe— halb geſazt, halb geſungen von Stim⸗ 33 Stimmen die zwar nicht ſo tobend, aber eben ſo dumpf, wie der Wellen klangen, über die ſie hinglitten,— die Bucht, in der ſie ſo eben hinfuhren, als den Ort ſelbſt angaben, wo ein blutiges Seegefecht vorgefallen; oder wenn ſie der kanm ſichtbaren Haufen von Steinen, der ſib auf einem hinausragenden Vorgebuͤrge erhob, als den Dun oder das Schloß eines maͤchtigen Grafen oder beruch⸗ tigten Piraten; den entfernten und einſamen grauen Stein auf dem wüſt⸗n Moor, als das Grab eines Helden, und vie wilde Hoͤhle, in welche die See, in gewaltigen, hohen und ungebrochenen Wellen hineintoſte, als die Wohnung einer bekannten Zauberin bezeichneten. Auch der Ocean hatte ſeine Geheimuiſſe, deren Wir⸗ kung noch durch das matte Daͤmmerungslicht erhoͤht wurde, in welchem man ihn mehr als die Haͤlfte des Jahres hin⸗ durch nur undeutlich erblickte. Seine bodenloſen Tiefen und geheimnißvollen Hoͤhlen enthielten nach den Erzaͤh⸗ lungen Sweyns und Anderer, welche in den Sagen und Legenden bewandert, Wunder, welche neuere Schifffahrer mit Verachtung wegweiſen. In der ruhigen vom Monde beleuchteten Bucht, wo die Wellen ſich am Ufer ſanft kraͤuſelten, ſab man noch immer das Meerfraͤulein im Mondlicht dahingleiten, und hoͤrte ſie, die Stimme mit dem ſeufzenden Winde vermaͤhlt, von unterirdiſchen Wun⸗ dern ſingen, oder kuͤnftige Ereigniſſe verkuͤndigen. Der Kraken, dieſes gewaltigſte unter den lebenden Dingen, ruhte, ihrem Glauben nach, noch immer in der Tiefe des noͤrdlichen Oceans, und oft, wenn eine Nebelwand das Meer in der Entfernung bedeckte, ſah der Blick des er⸗ fahrnen Bootmanns die Hoͤrner des ungeheuern Leviathan W. Scott's Werke. CX. 3 34 jn den Nebelwolken auftauchen und ſchwanken, und ſchonte dann weder Ruder noch Segel, damit nicht die ploͤtzliche Stroͤmung, welche das Hinabſinken der ungeheuern Maſſe zum Meeresgrunde verurſachte, auch ſeinen gebrechlichen kleinen Nachen in den Bereich ſeiner mannichfach geſtalte⸗ ten Arme hinabziehen moͤge. Auch die Seeſchlange war ihnen wohl bekannt, wie ſie, aus der Tiefe des Meeres emporſteigend, ihren ungeheuern mit einer Maͤhne, wie die eines Streitroſſes, bedeckten Hals bis zu den Wolken hinaufreckt, und, mit ihren großen glaͤnzenden Augen ma⸗ ſtenboch emporragend, ſich nach Beute oder Opfern um⸗ ſchaut. Daneben gab es aber auch ſanftere und weniger be⸗ ſchwerliche Vergnuͤgungen, welche Mordaunts Alter beſſer angemeſſen zu ſeyn ſchienen, als die wilden Erzaͤhlungen und die rauhen koͤrperlichen Anſtrengungen, deren wir eben erwaͤhnt haben. Der Winter, wo, der Kuͤrze der Tage wegen, die Arbeit unmoglich wird, iſt in Schottland die Zeit der Luſtbarkeiten, der Feſte und des Vergnuͤgens. Was der Fiſcher im Sommer erworben hat, wird ausge⸗ geben, ja verſchwendet, um die Froͤhlichkeit und Gaſtfreund⸗ lichkeit an ſeinem Heerde zu erhalten, waͤhrend die Land⸗ elgentbuͤmer und vornehmen Gutsbeſitzer auf der Inſel ih⸗ rer Neigung zur Geſelligkeit und Gaſtfreundſchaft doppelt frei den Zuͤgel ſchießen laſſen, zahlreiche Gaͤſte in ihre Haͤuſer laden, und der Strenge der Jahreszeit durch Scherz, Luſt und Geſang, durch den Klang der Becher zu begegnen ſuchen. Bei den Luſtbarkeiten dieſer froͤhlichen, obwohl ſtreu⸗ gen Jahreszeit zeigte niemand mehr Lebendigkeit, als der junge Mertoun. Sokald ſeines Vaters Gemuͤthszuſtand 21 ͤ S— 2 35 ſeine Abweſenheit geſtattete, oder vielmehr erforderte, ging er von Haus zu Haus, uͤberall ein willkommener Gaſt, lieh ſeine willige Stimme zum Geſang und ſeinen Fuß zum Tanz. Ein Boot— oder wenn, wie es oft der Fall war, das Wetter dies nicht erlaubte, eines der zahlrelchen Pfer⸗ de, welche in Heerden auf den Mooren herumlaufen und zu jedermann's Gebrauch da zu ſeyn ſcheinen— brachte ihn von der Wohnung eines gaſtfrelen Shetlaͤnders zur andern. Niemand that es ihm in dem kriegeriſchen Schwerttanze zuvor, einer Art von Vergnuͤgung, welche ſich noch von den Gewohnheiten der alten Norweger herſchrieb. Er konnte auf dem Gue und der gewoͤhnlichen Geige die vaterlaͤndiſchen melancholiſchen und leidenſchaftlichen Wei⸗ ſen ſpielen, und miſchte, die Einfoͤrmigkeit weniger fuͤhlbar zu machen, oft die lebendigeren Lieder aus dem noͤrdli⸗ chen Schottland ein, die er mit vielem Geiſt und großer Fertigkeit vortrug. Wenn eine Gefellſchaft verlarvt(oder wie man in Shetland nennt, als Guizzards) einem be⸗ nachbarten Laird oder reichen Udaller einen Beſuch abſtat⸗ tete, ſo war es eine gute Vorbedeutung fuͤr die Unter⸗ nehmung, wenn Mordaunt Mertoun bewogen werden konn⸗ te, das Amt des Skudler oder Anfuͤhrers des Haufens zu uͤbernehmen. Bei dieſen Gelegenheiten fuͤhrte er, voll von Scherz und Froͤhlichkeit, ſein Gefolge von Haus zu Hauſe, brachte Freude, wo er erſchten, und hinterließ Bedauern wenn er wegging. So wurde Mordaunt uͤberall bekannt, und wußte ſich uͤberall, wohin er kam, beliebt zu machen. Die haͤufigſten Beſuche ſtattete er aber im Hauſe des Wir⸗ thes und Beſchutzers ſeines Vaters, des Herrn Magnns Troil, ab. 3 ⸗, 36 Es war nicht allein die herzliche und aufrichtige Be⸗ willkommung des alten Magnaten noch die Ruͤckſicht da⸗ rauf, daß er in der That ſeines Vaters Goͤnner ſey, wel⸗ ches dieſe haͤufig wiederholten Beſuche veranlaßte. Die Hand, welche den Juͤngling bewillkommte, ward von dieſem eben ſo freudig ergriffen, als ſie aufrichtig hingereicht war, waͤhrend der alte Udaller, ſich in ſeinem gewaltigen Stuhle erhebend,(deſſen innere Seite mit wohlgegerbten Seehundsfellen ausgefuͤttert, und deſſen Geſtell von feſtem Elchenholz von dem rohen Eiſen eines Hamburger Zim⸗ mermanns gearbeitet war) ihm ſein Willkommen mit ei⸗ ner Stimme entgegen rief, welche in alten Zeiten, die Ruͤckkehr des Yul, des groͤßten Feſtes der Gothen, gefeiert haben koͤnnte.— Es gab aber hier anderes Metall, das kraͤftiger anzog, und juͤngere Herzen, deren Willkommen, wenn auch nicht ſo laut, doch eben ſo freundlich war, als das des froͤhlichen udallers. Doch dies iſt ein Gegenſtand, den wir nicht am Ende eines Kapitels eroͤrtern koͤnnen. 37 Drittes Kapitel. O, Beſſy Bell und Mary Gray Zwei Mädchen ohne Gleichen; Sie bauten ein Haus auf jener Höh und deckten es mit Sträuchern. Schön Beſſy ſah ich geſtern an Und ſchwor ihr ewege Treue: Doch Mary hat mir's angethan, Daß ich den Schwur bereue. Schottiſches Lied. Wir haben ſchon Minna und Brenda, die Toͤchter Magnus Troils, erwaͤhnt. Ihre Mutter war vor vielen Jahren geſtorben, und ſie waren jetzt zwei ſchoͤne Maͤd⸗ chen, die aͤlteſte achtzehn Jahre alt, alſo ein oder zwei Jahre juͤnger, als Mordaunt Mertoun, die zweite ſieben⸗ zehn. Sie waren die Freude ihres Vaters und das Licht ſeiner alten Augen, und ob er gleich ſie mit einer Nachſicht behandelte, welche ſehr leicht ihm und ſeiner Ruhe haͤtte Gefahr bringen koͤnnen, ſo vergalten ſie doch ſeine Zaͤrt⸗ lichkeit mit einem Betragen, in welches ſich, trotz ihrer Verwoͤhnung, weder Mangel an Achtung noch weibliche Laune miſchte. Der Unterſchied ihrer Gemuͤthsart, wie ihrer Geſichts⸗ farbe, war beſonders auffallend, obgleich, wie gewoͤhnlich, ein gewiſſer Grad von Famtllenaͤhnlichkeit in Beiden nicht zu ver⸗ kennen war. Die Mutter der Maͤdchen war eine Schottin, aus den Hochlanden von Sutherland, und die hinterlaſſene Tochter eines edlen Haͤuptlings geweſen. Dieſer hatte ſich naͤhrend der Fehden des ſtebzehnten Jahrhunderts aus ſei⸗ 38 nem Lande vertrieben geſehen, und anf dieſen friedlichen Inſeln Schutz gefunden, deren Zuſtand, ungeachtet ihrer Armuth und Abgeſchiedenheit, doch in ſo weit gluͤcklich war, daß ihnen Uneinigkeit und buͤrgerliche Zwletracht gleich unbekannt blieben. Dem Vater(Saint Clair war ſein Name) ging der Verluſt ſeines vaͤterlichen Thales, ſeines angeerbten Thurmes, ſeiner Clansleute und ſeines Anſe⸗ hens, gleich nahe, und er ſank, nicht lange nach ſeiner An⸗ kunft in Shetland, in das Grab. Die Schoͤnheit ſeiner hinterlaſſenen Tochter ruͤhrte trotz ihrer ſchortiſchen Abkunft, das Herz Magnus Troils. Er bewarb ſich um ſie, fond Gehoͤr, und ſie ward die Seinige; ſie ſtarb indeß im fuͤnf⸗ ten Jahre ihrer Verbindung, und Magnus blieb zuruͤck, die kurze Dauer ſeiner haͤuslichen Gluͤckſeligkeit zu be⸗ trauern.. Von ihrer Mutter hatte Minna die ſtattliche Geſtalt und die dunkeln Augen, die rabenſchwarzen Locken und die feingezeichneten Augenbraunen geerbt, welches alles darauf hindeutete, daß ſie, wenigſtens auf einer Seite, mit dem Blute von Thule nicht verwandt ſey. Ihre Wange, o nennt ſie hell, nicht bleich, war ſo leiſe und zart mit Roſenroth gefaͤrbt, daß Manche meinten, die Lilie herrſche bel ihrer Geſichtsfarbe etwas zu ſehr vor. In dieſer Oberherrſchaft der blaͤſſeren Blume lag aber nichts Krankhaftes oder Schmachtendes: es war die wahre, natuͤrliche Farbe der Geſundheit, und ſie ſtimmte ganz beſonders zu Geſichtszuͤgen, welche dazu gemacht zu ſeyn ſchienen, einen nachdenkenden, hochgeſinnten Geiſt an⸗ zudeuten. Wenn Minna Troil von Mißgeſchick oder Unge⸗ rechtigkeit erzaͤhlen hoͤrte, dann ſtieg das Blut zu ihren Waagen empor, und zeigte deutlich, wie warm ihr Herz —,— E — ͤ— 39 ſchlug, des gewoͤhnlichen Ernſtes, der Beſonnenheit und Zuruͤckgezogenheit ungeachtet, welche ihr ganzes Weſen und Betragen auszuſprechen ſchien.— Die nicht weniger ſchoͤne, eben ſo liebliche und eben ſo unſchuldige Brenda, unter⸗ ſchied ſich, wie ſchon durch Geſichtsfarbe, auch durch ihren Charakter, Geſchmack und Ausdruck, von ihrer Schweſter. Ihre reichen Locken hatten das lichte Braun, welches von dem voruͤbergehenden Sonnenſtrahl einen Goldglanz erhaͤlt, ſich aber ſogleich wieder verdunkelt, ſobald der Strahl ver⸗ ſchwunden iſt. Ihre Augen, ihr Mund, die ſchoͤnen Reihen der Zaͤhne, welche ihre unſchuldige Lebhaftigkeit ſehr oft ſehen ließ, die friſche, doch nicht zu helle Gluth einer ju⸗ gendlichen Geſundheit, welche ihre ſchneegleiche Haut faͤrb⸗ te, deuteten ihre wahrhaft ſcandinaviſche Abkunft an. Eine feenhafte Geſtalt, nicht ſo ſehr als die ihrer Schweſter, aber von noch genauerem Ebenmaß, ein ſorgloſer, faſt kin⸗ diſch leichter Schritt; ein Auge, das jeden Gegenſtand, aus natuͤrlicher und reiner Heiterkeit des Charakters, mit Vergnuͤgen zu betrachten ſchien; alles dieß erregte welt mehr, als die Reize ihrer Schweſter, allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit, obgleich die, welche Minna zu Theil ward, anhal⸗ tender und ehrfurchtsvoller ſeyn mochte. So verſchieden auch die Gemuͤthsart dieſer lieblichen Schweſtern war, ſo konnte doch in ihrer Liebe zu ihrem Vater und zu einander keine der Andern den Vorrang ſtrei⸗ tig machen. Aber Brenda's Heiterkeit theilte ſich jedem Geſchaͤfte des taͤglichen Lebens mit, und ſchien unerſchoͤpf⸗ lich, wogegen der weniger muntre Charakter ihrer Schweſter — wenn er gleich in der Geſellſchaft den ruhigen Wunſch auszuſprechen ſchien, mit allem, was vorging, zufrieden zu ſeyn, und daran Antheil zu nehmen— ſte doch eher dazu 40 beſtimmte, im Strome des Vergnuͤgens und der Freuse ruhig mit fortzutreiben, als ſeinen raſcheren Lauf durch eigene Bemuͤhung zu befoͤrdern. So ließ ſich Minna die Freude eher gefallen, als daß ſie ſie genoſſen haͤtte, und die Vergnuͤgungen, an welchen ſie am meiſten Gefallen fand, waren mehr von ernſter und abgeſchiedener Art. Aus Buͤchern erlangte Kenntuiß war uͤber ihrer Sphaͤre. Shet⸗ land bot, in jenen Zelten, wenige Gelegenheiten dar, Leh⸗ ren ſich anzueignen, welche die Todten dem Geſchlechte hinterlaſſen, und Magnus Troil war, ſo wie wir ihn beſch rieben haben, nicht der Mann, in deſſen Hauſe die Mittel, zu ſolcher Kenutniß zu gelangen, vorhanden geweſen waͤren. Aber das Buch der Natur, dieſes edelſte der Buͤcher, welches wir immer anſtaunen und bewundern muͤſſen, ſelbſt wenn wir es nicht verſtehen, lag offen vor Minna. Die Pflan⸗ zen in dieſen wilden Gegenden, die Muſcheln an der Kuͤſte und die große Zahl der gefiederten Geſchlechter, welche dieſe Klippen und Horſte bewohnen, waren Minna Troll eben ſo wohl bekannt, als dem erfahrenſten der Jaͤger. Sie beobachtete ſehr genau, und ließ ſich von dem Drange anderer Gefuͤhle nicht unterbrechen, und die Kenntniſſe, welche ſie ſich durh eine ihr zur Gewohnheit gewordene, ruhige Aufmerkſamkeit erworben hatte, blieben in einem von Natur ſtarken Gedaͤchtniſſe treulich aufbewahrt. Fuͤr die einſame und finſtere Groͤße der Gegenden, welche ſie umgaben, hatte ſie ein tiefes Gefuͤhl, das Meer in allen ſeinen verſchiedenen erhabenen und ſchrecklichen Geſtalten, die furchtbaren Klloven, welche das endloſe Getön der Wo⸗ gen wiederhallten, und das Geſchrei der Seevoͤgel, hatten fuͤr ſie beinahe in jedem Zuſtande, in welchem die wech⸗ ☛ 34— — G—2—— 8 2.— 41 ſelnden Jahreszeiten ſie erſcheinen ließen, ihren eigenthuͤm⸗ lichen Reiz. Iu dem enthuſtaſtiſchen Gefuͤhle, welches dem romantiſchen Geſchlecht eigen iſt, aus dem ihre Mutter entſproſſen war, war die Liebe zur Natur bei ihr eine Lei⸗ denſchaft, welche nicht allein ihre Seele auszufuͤllen, ſon⸗ dern, zu Zeiten, auch in die lebhafteſte Bewegung zu ſetzen im Stande war. Eln Anblick, den ihre Schweſter mit ei⸗ nem Gefuͤhl voruͤbergehenden Schauers oder geringerer Be⸗ wegung betrachten konnte, erfuͤllte noch eine lange Zeit Minna's Einbildung, und dieß nicht allein in der Einſam⸗ keit und im Schweigen der Nacht, ſondern ſogar in den Stunden der Unterhaltung, ſo daß zuweilen, wenn ſie wie ein ſchoͤnes Marmorbild in ihrem haͤuslichen Kreiſe daſaß, ihre Gedanken weit entfernt an der wilden Seekuͤſte und in den noch wilderen Bergen ihrer vaterlaͤndiſchen Inſeln umherſchweiſten. Und doch gab es, wenn man ſtie in die Unterhaltung hineinzog, Wenige, welche deren Genuß mehr zu wuͤrzen verſtanden; und obgleich etwas in ibrem Weſen eben ſo wohl eine gewiſſe Ehrerbietung(ihrer Jugend un⸗ geachtet) als Zuneigung zu fordern ſchien, ſo konnte doch ihre froͤhliche, liebliche und liebenswuͤrdige Schweſter un⸗ moͤglich einer allgemeineren Liebe genießen, als die ver⸗ ſchloſſenere und ernſtere Minna. So waren Minna und Brenda nicht allein das Ent⸗ zuͤcken aller ihrer Freunde, ſondern der Stolz jener Eilan⸗ de, auf denen die Einwohner eines gewiſſen Ranges durch die Abgeſchiedenheit ihrer Lage und die allgemeine ange⸗ borne Gaſtfreiheit zu einer freundſchaftlich verbundenen Geſellſchaft vereinigt waren. Ein wandernder Dichter und Sänger, der, nachdem er allerhand Gluͤckswechſel erlebt, endlich auf ſeine heimathlichen Inſeln zuruͤckgekehrt war⸗ 3 4² dort ſeine Tage zu enden, hatte die Toͤchter des Magnus in einem Gedichte beſungen, das er Tag und Nacht ge⸗ nannt hatte, und ſchien in ſeiner Beſchreibung Minna's beinah', wie wohl nur in rohen Umriſſen, den herrlichen Zeilen Lord Byron's: Sie wallt in Schönheit, und entzücket Wie Nachts ein heitres Sternen icht; Der Schatten und die Helle ſchmücket Vereint ihr Aug und Angeſicht, Aus dem ein milder Schimmer blicket, Der ſtets dem ſtolzen Tag gebricht. vorgegriffen zu haben. Der Vater liebte beide Maͤdchen ſo zaͤrtlich, daß man nicht entſcheiden konnte, welcher er den Vorzug gebe, ausgenom⸗ men, daß er bei Spaziergaͤngen im Freien die ernſtere Tochter lieber bei ſich hatte, und ſein froͤhliches Kind gern bei dem haͤuslichen Herde ſah; daß er Minna's Geſellſchaft vorzog, wenn er traurig, und Brenda's, wenn er vergnuͤgt war; und daß, was beinahe auf daſſelbe hinauslief, daß, Minna vor Tiſch, und Brenda, nachdem das Glas am Abend umhergegangen, die Beguͤnſtige war. Noch außerordentlicher war es aber, daß Mordaunt Mertoun's Neigung mit derſelben Unpartheilichkeit, als die des Vaters, zwiſchen den zwei lieblichen Schweſtern getheilt zu ſeyn ſchien. Von ſeinem Knabenalter an war er, wie wir oben erzaͤhlt haben, ein haͤufiger Gaſt in Magnus Haus in Burgh⸗Weſtra geweſen, obgleich es beinahe zwanzig Meilen von Jarlshof entfernt war. Die Beſchaf⸗ fenheit der Gegend zwiſchen dieſen beiden Orten, welche aus Huͤgeln, mit lockerem und weichem Moor bedeckt, be⸗ ———J—-—W 8¼4½ ⏑ᷣ△ᷣ△ V 2— G 43 ſtand, und haͤufig von Buchten oder Armen des Meeres, die auf beiden Seiten in die Inſel eingriffen, ſo wie von Fluͤſeen und Seen durchſchnitten war, machte den Weg in der dunkeln Jahreszeit ſehr beſchwerlich, ja gefaͤhrlich; nichts deſto weniger konnte man aber ſobald nur ſeines Vaters Gemuͤthszuſtand ihn veranlaßte, ſich zu entfernen, ſicher ſeyn, Mordaunt am naͤchſten Tage in Burgh⸗Weſtra zu finden, nachdem er ſeinen Weg in bei weitem kuͤrzerer Zeit zuruͤckgelegt, als der behendeſte Eingeborne dazu ge⸗ braucht haben wuͤrde. Man hielt ihn demnach auf Shetland fuͤr einen er⸗ klaͤrten Bewerber um eine der Toͤchter Magnus Troll's, und wenn man des alten Udallers große Vorliebe fuͤr den Juͤngling in Erwaͤgung zog, ſo konnte wohl niemand zwei⸗ feln, daß er die Hand einer dieſer ausgezeichneten Schoͤn⸗ heiten erhalten würde, nebſt einem ſo großen Antheil an Inſeln, felſigen Moorland und Kuͤſten⸗Fiſchereien, als nur ein Lieblingskind zur Mitgabe bekommen konnte,— die Ausſicht auf den Beſitz des halben Grundvermoͤgens des alten Hauſes Troil, ſobald deſſen jetziger Beſitzer nicht mehr ſeyn wuͤrde, nicht zu vergeſſen. Dieß ſchien Allen eine ſehr vernuͤnftige Speculation, und, wenigſtens der Theorle nach, beſſer angelegt, als manche, die in der Welt als unbezwei⸗ felte Thatſachen umhergetragen werden. Aberachl die ſchaͤrf⸗ ſten Beobachter des Betragens beider Tbeile konnten den Haupt⸗ punkt nicht entdecken, naͤhmlich, zu welcher der Jungfrauen Mordaunt ſich vorzuͤglich hinneige. Er ſchien im Allgemeinen ſich ſo gegen ſie zu benehmen, wie ein zaͤrtlicher und liebe⸗ voller Bruder zwel Schweſtern behandelt, die ihm beide ſo gleich theuer ſind, daß ein Hauch die Wagſchaale der Nei⸗ gung auf die eine oder die andere Seite ſinken laſſen koͤnnte. 44 Wenn auch, was ſich oͤfter zutrug, zu einer Zelt die eine Jungfrau der beſtimmtere Gegenſtand ſeiner Aufmerkſam⸗ keit zu ſeyn ſchien, ſo ſchien dieß nur deßwegen einzutre⸗ ten, weil Umſtaͤnde ihre eigenthuͤmlichen Talente und Stim⸗ mung in beſtimmten und unmittelbaren Anſpruch nahmen. Beide waren in der einfachen Muſik des Nordens ſehr erfahren, und Mordaunt, der, wenn ſie dieſe herrliche Kunſt uͤbten, jederzeit daran Theil nahm, ja auch wohl Lehrerſtelle verſah, ſuchte vielleicht, jetzt Minna bei der Er⸗ lernung dieſer natuͤrlich wilden, feierlichen und einfachen Geſaͤnge behuͤlflich zu ſeyn, durch welche die alten Skal⸗ den und Harfner die Thaten der Helden verherrlichten; kurz nachher aber ſchien er mit eben der Dienſtfertigkeit Brenda die lebendigeren und känſtlicheren Tonſtuͤcke zu leh⸗ ren, welche ihr Vater aus der Hauptſtadt Englands oder Schottlands zum Gebrauch ſeiner Toͤchter kommen ließ. Wenn Mordaunt mit ihnen ſprach, ſo ging Er, dem neben der raſchen und unlenkbaren Froͤhlichkeit der Jugend zu⸗ gleich ein tiefes und lebendiges Gefuͤhl elgen war, eben ſo leicht in die milden und dichteriſchen Traͤumereien Minna's ein, wie in das lebendige, oft launige Geſchwaͤtz der froͤh⸗ licheren Schweſter. Kurz, er ſchien ſich einer der beiden Jungfrauen ſo wenig ausſchließlich zu naͤhern, daß er oft ſagte: Minna ſehe nie ſo reizend aus, als wenn ihre hoch⸗ herzige Schweſter ſie vermocht haͤtte, auf einige Zeit ihren angeborenen Ernſt abzulegen, und Brenda erſcheine ihm nie anziehender, als wenn ſie horchend einen zarten und liebevollen Antheil an der hohen Erhebung ihrer Schweſter nehme. Die Leute wußten alſo hler, um einen Jiger⸗Ausoruch zu brauchen, durchaus keine Spur zu finden, und konnten, 8 — 0 =ͤ de ͤen u 4⁵ nach langem Wanken zwiſchen beiden Maͤdchen, endlich nur das als beſtimmt annehmen, daß Mordaunt eine von ihnen heirathen werde; welche aber, konnte ſich nur dann erſt entſcheiden, wenn ſeine herannahende Mannheit, oder das Dazwiſchentreten des kraͤftigen alten Magnus, ihres Va⸗ ters, Mordaunt Mertoun ſeinen eigenen Willen klar ma⸗ chen wuͤrde.„Ein ſtarkes Stuͤck,“ meinten ſie zum Schluß der Rede:„ſei es immer, daß er, keln Eingeborner und ganz ohne ſichtbare oder bekannte Mittel, zwiſchen den zwei groͤßten Schoͤnheiten von Shetland ſchwanke, oder ſich das Anſehn gebe, als ob er zwiſchen ihnen waͤhlen koͤnne. Wenn ſie an Magnus Troils Stelle wären, ſo wuͤrden ſie bald der Sache auf den Grund zu kommen ſuchen,“ und ſo weiter. Dieſe Bemerkungen fluͤſterte man ſich indeß nur zu, denn die entſchiedene Gemuͤthsart des Udaller's trug zu viel von dem alten norwegiſchen Feuer in ſich, um es fuͤr irgend jemanden raͤthlich zu machen, ſich unbefugt in ſeine Familien⸗Angelegenheiten zu miſchen; und ſo blieb denn das Verhaͤltniß Mordaunt's zu der Familie des Herren Troil von Burgh⸗Weſtra, als auf einmal folgende Bege⸗ benheit ſich zutrug.. 46 Viertes Kapitel. Dieß iſt kein Pilgrim's Moraen— jener Nebel, Er liegt auf Berg und Thal und Feld und Forſt⸗ Wie einer jungen Wittib dunkler Schleier. und, meiner Treu, obgleich mein Herz iſt weich, Möcht ich die Wittwe lieber weinen ſehn, 3 Des Abgeſchiednen Lob aus ihrem Munde hören, 3 Als wenn des Sturmes hohle Stimme tönt⸗ Mich ihm entgegenſtemmen. Die Doppel⸗Vermählung. Der Fruͤhling war ſchon weit vorgeruͤckt, als, nach ei⸗ ner in Froͤhlichkeit und Luſt zugebrachten Woche zu Burgh⸗ Weſtra, Mordaunt Mertoun der Familie Lebewohl ſagte, und ſich dabei auf die Nothwendigkeit berief, nach Jarls⸗ hof zuruͤckzukehren. Sein Entſchluß ward indeſſen von den Maͤdchen beſtritten, und noch entſchiedener als von ihnen, von Magnus ſelbſt.„Er ſaͤhe keine Nothwendigkeit, wes⸗ wegen Mordaunt nach Jarlshof zuruͤckkehren wolle, und wuͤnſche ihn ſein Vater zu ſehn, was er, Magnus, uͤbri⸗ gens nicht glaube, ſo brauche Hr. Mertoun ſich nur in Sweyn's Boot zu werfen, oder ſich auf einen Gaul zu ſe⸗ tzen— wenn er die Landreiſe vorziehe— und er werde dann nicht allein ſeinen Sohn zu ſehen bekommen, ſondern auch noch zwanzig andere Leute, die ſich herzlich freuen wuͤrden, zu hoͤren, daß er waͤhrend ſeiner langen Einſam⸗ kelt den Gebrauch der Sprache nicht ganz verlernt habe; obgleich ich geſtehen muß,“ fuͤgte Magnus hinzu:„daß, ſo lange als er unter uns wohnte, niemand weniger Ge⸗ brauch davon machte.“ Mordaunt gab beides gern zu, ſowohl was ſeines Va⸗ rees Schweigſamkeit, als deſſen Abneigung gegen die Ge⸗ 47 ſellſchaft betraf, bemerkte aber zualeich: daß der erſtereumſtand ſeine augenblickliche Ruͤckkehr um ſo eher erfordere, da er die ge⸗ woͤhnliche Mittelsperſon zwiſchen ſeinem Vater und Andern ſey,— und daß der zweite dieſe Nothwendigkeit noch dringender mache, da, des Umſtandes wegen, daß Herr Mertoun keine andere Geſellſchaft als die ſeines Sohnes habe, es gerade ſehr wuͤnſchenswerth ſey, daß dieſer, ohne Zeitverluſt, zu ihm zuruͤckkomwme. Was das Hinkommen ſeines Vaters nach Burgh⸗Weſtra betraͤfe, ſo moͤchten ſie wohl eher Caz Sumbourgh kommen ſehen als ihn. „Und das duͤrfte wohl ein beſchwerlicher Gaſt ſeyn,“ ſagte Magnus:„aber wollt Ihr nicht wenigſtens heute noch mit uns zu Mittag eſſen? die Familien von Muͤ⸗ neß⸗Quendale und Therelivoe kom nen, und ich weiß nicht, wer ſonſt noch erwartet wird; und außer den Dreißig, die vergangene Nacht in unſerem Hauſe waren, werden noch ſo viele kommen, als in Stube und Kammer, Scheune und Bootshaus in Betten ſchlafen oder auf Ger⸗ ſtenſtroh liegen können,— und bei dem Allem wollt ihr nicht ſeyn?“ Und der fröhliche Tanz zu Abend, fuͤgte Benda in ei⸗ nem halb vorwerfenden, halb neckenden Tone hinzu: und die jungen Leute von der Inſel Paba, die den Schwerter⸗ tanz tanzen ſollen, wer ſoll ſich mit denen meſſen, zur Eh⸗ re des Feſtlandes?„Es giebt noch manchen flinken Taͤn⸗ zer auf dem Feſtlande, Brenda,“ antwortete Mordaunt: „ſelbſt wenn ich nie wieder den Fuß zum Tanzen heben ſollte. Und wo es gute Taͤnzer giebt, wird Brenda Troil immer der beſte zu Theil werden. Ich muß heute Abend die Gelenkigkeit meiner Fuͤße in der Wildniß von Dunroſſ⸗ neß verſuchen.“ 48 Thue das nicht, Mordaunt, ſagte Minna, weſche waͤhrend dieſer Unterhaltung etwas aͤngſtlich aus dem Feu⸗ ſter geſehn hatte; geh' wenigſtens heute nicht durch die Wildniß von Dunroſſneß. „Und warum gerade heut nicht,“ ſagte Mordaunt lachend? O, der Morgennebel liegt ſchwer auf jener Inſelreihe, und noch haben wir ſeit Tages anbruch nicht einmal Firful⸗ Head ſehen koͤnnen, das hohe Vorgebuͤrge, welches am En⸗ de jener glaͤnzenden Bergkette liegt. Die Voͤgel fliegen unruhig nach der Kuͤſte, und die Fuchsgans ſieht im Nebel ſo groß als der Cormoran aus. Sieh, ſelbſt die Erdme⸗ wen und die Stoßmewen ſuchen die Klippen, um Schutz zu haben. „Und die halten wahrhaftig einen Sturm aus, beſſer wie eine Fregatte,“ ſagte der Vater:„es giebt ungeſtuͤ⸗ mes Wetter, wenn die ſo ſtechen und fiſchen. Bleibe alſo hier, ſagte Minna: es wird ein furchtba⸗ rer Sturm werden, aber wir werden ihn hier von Burgh Weſtra in ſeiner Groͤße bewundern, wenn wir keinen Freund draußen haben, der ſeiner Wuth ausgeſetzt iſt Sieh die Luft iſt druͤckend und ſchwuͤl, obgleich die Jahres⸗ zeit noch nicht ſo weit vorgeruͤckt iſt, und dabei ſo ruhig⸗ daß ſich kein Windhalm auf der Haide ruͤhrt. Bleib bei uns, Mordaunt: der Sturm, welchen alle dieſe Anzeichen verkuͤnden, wird gewiß furchtbar ſeyn. „Deſto eher muß ich gehen,“ folgerte Mordaunt, der das Vorhandenſeyn der Anzeichen nicht ablaͤugnen konnte, die auch ſeinem ſcharfen Blicke nicht entgangen waren.„Wird der Sturm zu heſtig,(o kehre ich fuͤr die Nacht in Stourbourgh ein.“ Wie? 8 d == 49 Wie? ſagte Magnus: Ihr wollt uns verlaſſen und bei des neuen Kaͤmmerlings neuem ſchottiſchen Tack s⸗ mann bleiben, der uns ſhetlaͤndiſchen Wilden neue Sitten lehren ſoll? Wenn Du das Lied ſingſt, Burſche, ſo geh in Gottes Namen. „Nein,“ ſagte Mordaunt:„ich bin nur neugferig, die neuen Ackerbauwerkzeuge zu ſehen, die er mit heruͤvergebracht hat.“ Ja, ja, Narren laſſen ſich leicht von Wundern blenden. Mich ſoll doch wundern, was ſein neuer Pflug gegen einen ſhetlaͤndiſchen Felſen ausrichten wird? „Ich will meinen Weg uͤber Stourbourgh nehmen,“ ſagte der Juͤngling, um ſeines Goͤnners Vorurtheilen ge⸗ gen alle Neuerungen nicht zu dreiſt in den Weg zu treten: „wenn dieſes Wetter wirklich Sturm bringt; ſollte es aber, wie es ſehr wahrſcheinlich iſt, nur ein Regen werden, ſo werde ich wohl nicht davon zergehen.““ Es wird ſich nicht allein in Regen aufloͤſen, ſagte Minna: ſieh nur, wie ſich mit jedem Augenblicke die Wol⸗ ken dicker herabſenken, und ſieh das Wetter leuchten, wie es die bleifarbige Maſſe mit einzelnen, blaßrothen und purpurfarbenen Streifen erhellt. „Ich ſehe das alles ſehr wohl,“ ſagte Mordauns: naber eben das zeigt mir an, daß ich keine Zeit zu verlie⸗ ren habe. Leb' wohl, Minna, ich ſchicke Dir Adlerfedern, wenn ein Adler auf Fair⸗Isle oder Fonlah gefunden werden kann; und Du, meine ſchoͤne Brenda, gehab' Dich wohl und behalte mich im Andenken, wenn auch die Maͤn⸗ ner von Paba noch ſo gur tanzen ſollten.“ So nimm Dich wohl in Acht, da Du doch einmal ge⸗ hen willſt— ſagten beide Schweſtern zugleich. W. Scott's Werke CX, 50 Der alte Magnus ſchalt ſie foͤrmlich aus, daß ſie glau ben koͤnnten, ein ruͤſtiger junger Mann koͤnne kei einem Frählingsſturm, zur See oder zu Lande, ernſthafte Gefahr laufen, ſchloß aber damit, daß er Mordaunt ebenfalls warnte, und ihm ernſtlich rieth, entweder ſeine Reiſe auf⸗ zuſchieben, oder wenigſtens in Stourbourgh zu bleiben. „Denn,“ ſagte er:„guter Rath kommt nach, und da die⸗ ſes Schotten Hof gerade auf Deinem Striche liegt, ſo ſehe ich nicht ab, warum Du nicht im Sturme in jeden Hafen einlaufen ſollteſt. Glaube indeß nicht, die Thuͤr nur ein⸗ geklinkt zu finden, wie heftig auch der Sturm wehen ſoll⸗ te; in Schottland giebt es Schloß und Riegel, wenn ſie gleich, Sauct Ronald⸗ ſei Dank, bei uns unbekannt ſind, das große Schloß am alten Caſtell von Scalloway ausge⸗ nommen, wo jedermann hinlaͤuft, es zu ſehen;— vielleicht gehoͤrt das zu des Mannes neuen Verbeſſerungen. Aber geh' in Gottes Namen, Mordaunt, da Du einmal gehen willſt. Waͤreſt Du drei Jahre aͤlter, ſo ſollteſt Du noch den Valettrunk haben, aber Knaben muͤſſen nur nach Ti⸗ ſche trinken; ich werde ihn in Deinem Namen thun, da⸗ mit die alte gute Sitte nicht abkomme, oder es Dir Un⸗ heil bringe. Wohlan denn, gluͤcliche Reiſe!“ und mit dieſen Worten ſtuͤrzte et ein Becherglas Branntwein ſo unbefangen hinunter, als ob es Quellwaſſer geweſen waͤre. So von allen Seiten bedauert, gewarnt, nahm Mordaunt von der gaſtfreien Familie Abſchied, und konnte, als er auf die Behaglichkeit, welche ſie umgab, zuruͤckblickte, den dicken Rauch aus den Schornſteinen des Hauſes emporſtei⸗ gen ſah⸗ und nun an die unbefreundete, einſame Wohnung in Jarlshof dachte, und die finſtere Schwermuth ſeines Vaters mit dem herziichen Wohlwollen derer verglich, die 2 *- V- D——— a Sie 51 er ſo eben verlaſſen hatte, einen Seufzer nicht unter⸗ druͤcken. Die Zeichen der Annaͤherung des Sturmes beſtaͤtigten Minna's Prophezeihungen. Mordaunt hatte noch nicht drei Stunden zuruͤckgelegt, als die Luft, welche am Mor⸗ gen ſo todtenſtill geweſen war, ſich auf einmal erhob; der Wind fing an, zu heulen und zu aͤchzen, als ob er ſchon vorher das Unheil betraure, das er in ſeiner Wuth anrich⸗ ten werde,— wie ein Wahnſinniger in dem Zuſtaude duͤ⸗ ſterer Niedergeſchlagenheit, welche dem Anfalle der Raſerei vorhergeht. Bald aber nahm der Sturm zu, und tobte und bruͤllte mit der ganzen Wuth eines nordiſchen Orkans. Er war von Regenſchauer, mit Hagel vermiſcht, begleitet, der mit furchtbarer Gewalt gegen die Huͤgel und Felſen ſchlug, von denen der Relſende umgeben war, ſeine Auf⸗ merkſamkeit, ungeachtet ſeiner aͤußerſten Anſtrengung, ſtoͤr⸗ te, und es ihm ſehr ſchwer machte, die Richtung des Weges zu behalten: beſonders in einem Lande, wo es keine ge⸗ bahnten Straßen, ja nicht einmal die leiſeſte Spur giebt, welche die Schritte eines Wanderers leiten koͤnnte, und wo er ſo oft von großen Waſſerpfuͤhlen, Seen und Moraͤſten ſich aufgehalten ſieht. Aber dieſe Gewaͤſſer waren jetzt zu Stroͤmen angeſchwellt, deren Schaum, von der Wuth des Wirbelwindes davongefuͤhrt, ſich mit dem Sturme miſchte, und der Salzgeſchmack des Geſtoͤbers, welches ihm in das Geſicht ſchlug, ließ Mordaunt ſchließen, daß der Schaum des entfernten Oceans, den der Sturm bis zur Wuth auf⸗ geregt, ſich mit dem der inlaͤndiſchen Seen und Stroͤme vermiſche.. In dieſem furchtbaren Aufruhr der Elemente bahnte ſich Mordaunt kuͤhn ſeinen Weg,, wie jemand, der, mit⸗ 4„. einem ſolchhem Kampfe vertraut, die Anſtrengungen, welche. es erfordert, ſeiner Wuth zu widerſtehen, nur als eine Aeußerung der Entſchloſſenheit und Maͤnnlichkeit betrach⸗ tet. Er fuͤhlte ſogar, wie es gewoͤhnlich bei denen der Fall iſt, welche große Beſchwerlichkeiten zu erdulden wiſſen, daß die Anſtrengung, welche es erforderte, ihrer Meiſter zu werden, ihm eine Art von erhebendem Triumph gewaͤhre. Seinen Weg finden, und unterſcheiden zu koͤnnen, wenn das Vieh vom Felde getrieben und ſelbſt die Voͤgel vom Firmament herabgeſcheucht waren, war ein um ſo ſtaͤrkerer Beweis ſeiner eigenen Tuͤchtigkeit.„Sie ſollen,“ dachte er bei ſich ſelbſt:„auf Burgy⸗Weſtra von mir nicht hoͤren, wie von des alten albernen Ringan Ewerſon's Boot, das zwiſchen Rhede und Hafendamm verloren gieng. Ich bin zu ſehr Felsbewohner, als daß ich mich an Feuer oder Waſ⸗ ſer, Welle und See, und Moor zu Lande kehren ſollte.“ So ſchritt er muthig weiter, ſich mit dem Sturme bal⸗ gend, wobei ſein angeborner Scharfblick den Mangel der gewoͤhnlichen Kennzeichen, nach denen Reiſende ihren Weg verfolgen(denn Fels, Berg und Vorgebuͤrge waren in Nebel und Dunkelheit verhuͤllt), vertreten mußte, ein Scharfblick, mit welchem ſeine lange Bekanntſchaft mit die⸗ ſen wilden Gegenden ihn ſelbſt den kleinſten Gegenſtand in das Auge faſſen gelehrt hatte, der unter ſolchen Umſtaͤn⸗ den ihm zur Richtſchnur dienen konnte. Ungeachtet Mordaunt's Erfahrung und Entſchloſſenhett, war doch ſeine Lage ſehr unbehaglich, ja ſogar mißlich; nicht weil ſeine Matroſen⸗Jacke und Beinkleider der ge⸗ wdhnliche Anzug junger Leute auf dieſen Inſeln, wenn ſie auf Reiſen ſind, ganz durchnaͤßt waren— denn das haͤtte bei dieſem naſſen Klima in derſelben kurzen Zeit, an je⸗ 53 dem gewöhnlichen Tage geſchehen koͤnnen— ſondern die elgentliche Gefahr war, daß er, trotz ſeiner aͤußerſten An⸗ ſtrengung nur ſehr langſam vorwaͤrts kommen konnte, da er durch ausgetretene Baͤche und doppelt tiefe Moraͤſte wandern, und haͤufig einen bedeutenden Umweg machen mußte. Oft, ſeiner Jugend und Staͤrke ungeachtet, ge⸗ hemmt, war daher Mordaunt, nachdem er einen hartnaͤcki⸗ gen Kampf mit Wind, Regen und den Beſchwerlich⸗ keiten einer verlaͤngerten Reiſe ausgehalten, ſehr gluͤcklich, als er, nur einmal vom rechten Wege abgekommen, end⸗ lich das Haus von Stourbourgh oder Harfra vor ſich ſah⸗ mit welchem Namen man, ohne Unterſchied, den Aufent⸗ haltsort des Herren Triptolemus Yellowley belegte, welcher der erwaͤhlte Abgeordnete des Kaͤmmerlings von Orkney und Shetland war, eines ſehr berechnenden Man⸗ nes, der durch den Triztolemus in das ultima Thule der Roͤmer einen Geiſt der Vervollkommnung bringen wollte, wie er in dieſer fruͤhen Zeit kaum in Schottland ſelbſt ſich zu aͤußern anfing. Endlich, und mit vieler Muͤhe, erreichte Mordaunt das Haus dieſes wuͤrdigen Landwirths— den einzigen Zufluchts⸗ ort vor dem wuͤthenden Sturme, den er auf mehrere Mei⸗ len zu finden erwarten konnte— war aber nicht wenig er⸗ ſtaunt, als er, mit dem vollſten Vertrauen auf unmittel⸗ baren Einlaß gerade auf die Thuͤre zugehend, dieſe nicht allein eingeklinkt(was das Wetter entſchuldigen konnte) ſondern ſelbſt verriegelt fand: eine Sache, die, wie Mag⸗ nus Troil ſchon erwaͤhnt hatte, auf den Inſeln beinahe unbekannt war. Anzuklopfen, zu rufen, und endlich mit dem Stocke gegen die Thuͤr zu ſchlagen und mit Steinen zu werfen, waren die natuͤrlichen Huͤlfsmittel des Juͤng⸗ 54 lings, der, ſowohl durch den Ungeſtuͤm des Wetters, als auch durch die unerwarteten und ungewoͤhnlichen Hinderniſſe bei ſeiner Aufnahme in das Haus, ungeduldig geworden war. Da er indeß mehrere Minuten lang ſeiner Ungeduld durch Laͤrm und Schreien Luft zu machen Zeit hatte, ohne nur irgend eine Antwort zu erhalten, ſo wollen wir dieſe dazu benutzen, den Leſer zu unterrichten, wer Triptolemus Yellowley war, und wie er zu einem ſo ſonderbaren Namen kam. Der alte Jaſper Yellowley, der Vater des Triptole⸗ mus(ſo genannt, ob er gleich am Fuße der Hoͤhe von Ro⸗ ſeberry geboren war), war von einem gewiſſen ſchottiſchen Grafen verleitet worden(da der Ort fuͤr den liſtigen York⸗ ſhire⸗Bewohner ſelbſt zu weit noͤrdlich lag), einen Pacht in den Mearns zu uͤbernehmen, wo wie beinahe kaum noͤ⸗ thig zu bemerken ſeyn wird, er es ſehr verſchieden von dem fand, was er erwartet hatte. Vergebens machte ſich der ruͤſtige Paͤchter an die Arbeit, um, durch ſeine Kenntniß des Ackerbaues, dem kalten Boden und dem feuchten Klima die Spitze zu bieten. Wahrſcheinlich wuͤrde ihm dieß auch gelungen ſeyn, aber ſeine Naͤhe an dem Grampiſchen Ge⸗ birge ſetzte ihn unaufhoͤrlich den Einfaͤllen der Leute mit dem Plaid aus, welche in deſſen Bereich wohnten, und ſo ward, waͤhrend der junge Norval ein Krieger und Held wurde, Jaſper Yellowley bald zum armen Manne. Dieß Ungluͤck wurde dadurch etwas gemildert, daß ſeine rothen Wangen und ſein ſtarker Koͤrperbau einen tiefen Eindruck auf Miß Barbara Clinkſcale Tochter des verſtorbe⸗ nen und Schweſter des jetzt lebenden Mannes dieſes Na⸗ mens, gemaat hatten. Dieſe Verbindung wurde in der Nachbarſchaft fuͤr hoͤchſt Vͤ—— V— —— — re/—————*— 8& 8—6 ͥ abſcheulich und unnatuͤrlich gehalten, da das Haus Clink⸗ ſcale einen eben ſo großen Antheil von ſchottiſchem Stolze, als von ſchottiſcher Soarſamkeit erhalten hatte. Allein Miß Babie hatte ein ſchoͤnes Vermoͤgen von zwei Tauſend Merk, uͤber das ſie ſchalten und walten konnte, war ein entſchloſ⸗ ſenes Frauenzimmer, die ſeit wenigſtens zwanzig Jahren major und suis juris geworden war(ſo verſicherte ſie we⸗ nigſtens der Notar, welcher den Contract aufſetzte), bot daher allen Folgerungen und aller Nachrede Trotz, und hei⸗ rathete den wa ckeren Freiſaſſen aus Yorkſhire. Ihr Bru⸗ der und ihre reicheren Verwandten entfernten ſich unwillig von ihr, und ſagten ſich beinahe gaͤnzlich von ihrer ent⸗ ehrten Blutfreundin los. Doch das Haus Clinkſcale war (wie jede andere ſchottiſche Familie zu jener Zeit), mit einer Menge anderer Leute verwandt, welche nicht ſo eigen waren,— Vettern im zehnten und ſechszehnten Grade, wel⸗ che nicht allein ihre Verwandte Babie auch nach ihrer Heirath mit Yellowley, wie vorher anerkannten, ſondern ſich auch herablteßen, Bohnen und Speck(obgleich die Schotten dieſe Speiſe damals eben ſo verabſcheuten, wie die Juden) mit ihrem Manne zu eſſen. Auch wuͤrden ſie die Freundſchaft mit ihm gern durch ein Darlehn an Gelde noch enger ge⸗ knuͤpet haben, haͤtte nicht ſeine gute Ehehaͤlfte(welche ſich auf Fallen ſo gut verſtand, wie irgend eine Frau in den Mearns) es abgeſchlagen, ſich auch ſo noch mit ihnen zu verbinden. Ebenſo verſtand ſie es ſehr wohl, den jungen Deelbelicket, den alten Dougald Bareſword, den Laird von Bandybrawl und Andere, fuͤr die Gaſtfreund⸗ ſchaft, mit welcher ſie ſie kluͤgerweiſe, aufnehmen zu muͤf⸗ ſen glaubte, ſehr wohl zu benutzen, indem ſie ſich ihrer bei ihren Unterhandlungen mit den ſchnellhaͤndigen Leuten⸗ jenſeits des Calrn bediente, welche, ſobald ſie fanden, daß die, welche ſie ſonſt ungeſtraft gepluͤndert, jetzt mit„wohlbe⸗ kannten, und in der Kirche und auf dem Markt begruͤßten Leuten“ verwandt ſeyen, ſich dazu verſtanden, gegen eine maͤßige jaͤhrliche Abfindungsſumme von weiteren Berau⸗ bungen abzuſtehen. Dieſer auffallend gluͤckliche Erfolg machte Jaſper die Herrſchaft ertraͤglich, welche ſeine Frau ſich jetzt uͤber ihn anzumaßen begann, und welche ſehr dadurch befeſtigt wur⸗ de, daß es ſich fand, ſie ſey— guter Hoffnung. Bei die⸗ ſer Gelegenhelt hatte Frau Yellowley einen merkwuͤrdigen Traum, wie es gewoͤhnlich der Fall bei ſchwangeren Muͤt⸗ tern vor der Geburt eines ausgezeichneten Sproͤßlings iſt. Sie traͤumte, daß ſie gluͤcklich von einem Pfluge entbunden wuͤrde, welcher von drei Jochen von Ochſen aus Angusſhire gezogen wuͤrde; und da ſie gern uͤber ſolchen Anzeichen bruͤtete, ſo ſetzte ſie ſich mit drei Gevatterinnen hin, in Ueberlegung zu ziehen, was das Ding wohl bedeuten moͤchte. Der ehrliche Jaſper wagte, mit vielem Zoͤgern, ſeine Meinung dahin zu aͤußern, daß das Geſicht ſich wohl mehr auf vergangene, als auf gegenwaͤrtige Begebenheiten beztehe, und daher entſtanden ſeyn moͤge, daß die Nerven ſener Frau ein wenig erſchuͤttert worden waͤren, dadurch, daß ſte auf dem Viehwege, oberhalb des Hauſes, ſeinem eigenen großen Pfluge mit den ſechs Ochſen, der Freude ſeines Herzens, begegnet ſey. Aber die guten Gevatterinnen er⸗ hoben gegen dieſe Auslegung ein ſolches Geſchrei, daß Ja⸗ ſper die Finger in die Ohren ſtecken und aus dem Zimmer laufen mußte. „Da hoͤr' ihn'mal Eluer an,“ ſagte eine Alte aus Nord⸗Schottland:„Da hoͤr' ihn mal Einer an, mit ſei⸗ 57 nen Lchſen, die ſeine Goͤtzen ſind, wie das Kalb von Be⸗ thel! Nein, nein— ‧s iſt kein Pflug des Fleiſches hin⸗ ter den der Knabe(denn ein Knabe wird's) hergehen wird; 's iſt der geiſtige Pflug,— und ich hoffe noch, daß er ihn auf der Kanzel fuͤhren wird, oder wenigſtens am Abhang eines Hügels.“ Ihr feyd des Teufels mit Eueren Freiheitsgedanken, ſagte die alte Frau Glenproſing: wollt Ihr, daß er ſich um ſeinen Kopf predigen ſoll, wie Euer Mann Gottes, James Guthrie, daß Ihr ſolchen Laͤrm davon macht?— Nein, nein, er ſoll einen ſichern Pfad wandeln, und ein ordentlicher Pfarrer werden; und wenn er nur gar noch ein Biſchof wuͤrde, wie dann? Der Handſchuh, welchen hiermit die eine Sibylle hin⸗ warf, ward von einer andern ſogleich aufgenommen, und der Streit wurde von Augenblick zu Augenblich heftiger (wobei das umhergehende Zimmtwaſſer wie Oel auf die Flamme wirkte) als Jaſper mit der Pflugreute hereinkam, und ſeine Gegenwart, ſo wie der Gedanke an die Schan⸗ de, vor dem fremden Manne ſich ſo zu betragen, den Streitenden auf eine Zelt lang Stillſchweigen auferlegte. Ich weiß nicht, ob es die Ungeduld war, ein Weſen an das Licht der Welt zu bringen, welches zu einem hohen und geheimnißvollen Beruf beſtimmt zu ſeyn ſchien, oder ob die arme Dame Nellowley ſich uͤber das Getoͤſe er⸗ ſchrocken hatte, das in ihrer Gegenwart entſtanden war, genug, ſie ward ploͤtzlich unwohl, und bald hieß es, ganz gegen die Formel, welche man in ſolchen Faͤllen gewoͤhnlich hoͤrt und braucht:„daß ſie bei weitem ſchlechter ſey, als ſich den Umſtaͤnden nach erwarten ließe.“ Sie benuz⸗ 58 te dieſe Gelegenheit(da ſie noch ihren Verſtand beiſam⸗ men hatte) um von ihrem theilnehmenden Gatten zwei Verſprechen zu erhalten, erſtens: daß er dem Kinde deſſen Geburt ihr ſo theuer zu ſtehen kommen wuͤrde, einen Na⸗ men beilegen moͤge, der ſich auf den, von ihr gehabten Traum bezoͤge, und zweitens: daß er ihn fuͤr das geiſtli⸗ che Leben erziehn wolle. Der kluge Yorkſhireman, wel⸗ cher meinte, daß ſie unter dieſen Umſtaͤnden allerdings ein Recht habe, Vorſchriften zu machen, willigte in alles. Wirklich kam ein Knabe zur Wett; aber die Mutter war mehrere Tage lang zu ſchwach, ſich zu erkundigen, in wie fern man ihrem Verlangen Genuͤge geleiſtet habe. Als ſie ſich einigermaßen wieder erholt hatte, ſagte man ihr, daß das Kind, welches unverzuͤglich zu taufen fuͤr gut gefunden, den Namen Triptolemus erhalten habe, da der Pfarrer, ein Mann von einiger Beleſenbeit in den Klaſſikern, der Meinung geweſen ſey, daß dieſer Name eine wohlgewaͤhl⸗ te und klaſſiſche Anſpielung auf den geträumten Pflug mit dem dreifachen Joche Ochſen davor, enthalte. Frau Yel⸗ lowley war mit der Art, wie man ihr Verlangen erfüllt, nicht ſo ganz zufrieden; da aber Brummen hier eben ſo wenig mehr half, als in dem beruͤhmten Falle von Tri⸗ ſtram Schandy, ſo ließ ſie ſich den heidniſchen Namen ge⸗ fallen, und ſuchte den Wirkungen, welche er auf den Ge⸗ ſchmack und die Anſichten des Benannten hervorbringen konnte, dadurch vorzubeugen daß ſie ihm eine Erziehung zu geben bemuͤbt war, welche ihn uͤber alle Gedanken an Saͤcke, Pflugeiſen, Pflugſterze, Strichbrerter oder andere, mit der ſclaviſchen Plackerei des Pfluges in Verbindung ſtehende, Dinge weit emporheben ſollte. 59 Jaſper, der weiſe Yorkſhireman, lachte aber ſchlau ins Faͤuſtchen, und meinte, daß der kleine Trip doch noch ein Apfel vom Stamme werden, und eher nach dem wackern Yorkſhireſhen Freiſaſſen arten, als etwas von dem zwar edlen aber etwas ſcharfen Blute des Hauſes Clinkſcale in ſich haben wuͤrde. Er bemerkte, mit heimlicher Freude, daß die Melodie, welche das beſte Wiegenlied ab ab, die zu dem Liede:„der Landmann hat viel Freude“ war, und daß die erſten Worte die das Kind lallen konnte, die Na⸗ men der Ochſen waren: noch mehr, daß der Knabe eigen⸗ gebrautes Ale dem ſchottiſchen Zweipfennings Bier vorzog, und nie den Krug ſo ungern losriß, als wenn, durch einen von Jaſper eigends angewandten Kunſtgriff, doppelt ſo viet Malz bei dem Abbrauen gebraucht worden war, als es die ſparſame Hausfrau ſonſt zugab. Außerdem bemerkte der Vater, daß, wenn kein anderes Mittel eine Anwand⸗ lung von Schreien voruͤbergehen machen konnte, Trip im⸗ mer dadurch zum Schweigen zu bringen war, daß man ihm einen Zaum vor dem Ohr klingeln ließ. Nach allen dieſen Kennzeichen ſchwor er, im Geheim, jedesmal hoch und theuer: der Knabe werde ein aͤchter Yorkſhireman wer⸗ den, und Mutter und Mutter's Sippſchaft gewiß wenigen Antheil an ihm haben. Ein Jahr nach der Geburt des Tri tolemus brachte Frau Yellowley eine Tochter zur Welt, welche, nach ihr, Barbara genannt wurde, und an der ſchon in fruͤheſter Kindheit die ſpitzige Naſe und die duͤnnen Lippen zu er⸗ kennen waren, wodurch die Familie der Clinkſcale ſich un⸗ ter den Bewohnern des Mearns auszeichnete; und als ſie groͤßer warde, bemerkten aufmerkſame Beobachter bald, daß die Begierde, mit der ſie nach Allem griff, und die Hartnaͤckigkeit, mit welcher ſie des Triptolemus Spielſa⸗ chen feſt hielt— neben der Neigung, bei der geringſten, oder vielleicht bei gar keiner, Veranlaſſung zu beißen, zu kneifen, oder zu kratzen— ganz dentlich darauf hindeute⸗ ten, daß Miß Baby einſt„die zweite Mutter werden wuͤrde.“ Boshafte Leute meinten ſogar, daß die Schaͤrfe des Blutes der Clinkſcales in dieſem Falle durch die Mi⸗ ſchung mit dem alt⸗engliſchen durchaus nicht verſuͤßt wor⸗ den ſey; daß der junge Deelbelicket ſehr viel im Hauſe, und daß es doch ganz eigen ſey, daß Frau Yellowley, welche ſonſt nicht leicht etivas umſonſt gebe, ſo ungewoͤhn⸗ lich achtſam ſey, den Teller und den Becher eines faulen Taugenichts zu fuͤllen. Sobald aber die Leute nur einmal die ſtreugen und ehrwuͤrdig tugendhaften Geſichtszuͤge der Frau Yellowley naͤher betrachtet, hatten ſie keinen Ver⸗ dacht mehr gegen die Anſtaͤndigkeit ihrer Auffuͤhrung und Deelbelicket's Zuruͤckhaltung. Der junge Triptolemus hatte unterdeſſen von dem Pfarrer den Unterricht erhalten, welchen ihm dieſer geben konnte, und wurde nun nach gehoͤriger Zeit nach Saint⸗ Andrews geſchickt, ſeine Studien zu vollenden. Er ging habin, aber nicht ohne wehmuͤthige Erinnerungen an ſei⸗ nes Vaters Pflug, ſeines Vaters Eierkuchen und ſeines Vaters Ale, fuͤr welches das Duͤnnbier des„College,“ dort gewoͤhnlich„Schnell⸗durch“ genannt, nur einen ſchwa⸗ chen Erſatz gewaͤhrte. Indeſſen machte er Fortſchritte in ſeinen Kenntniſſen, wobei man aber zu bemerken glaubte, daß er eine beſou⸗ dere Vorliebe fuͤr diejenigen alten Schriftſteller hege, wel⸗ che die Bearbeitung des Bodens zu einem Hauptgegen⸗ ſtamde ihrer Unterſuchungen gemacht hatten. Er mochte 61 die Bucolica des Virgil leiden, die Georgica wußte er auswendig— aber die Aeneide konnte er nicht aus⸗ ſtehen, und ſchalt beſon ders immer uͤber die beruͤhmte Zei⸗ le, welche einen Angriff der Reiterei malt, weil, nach ſei⸗ ner Auslegung des Worts putrem*), er annahm, daß die Reiterei, in ihrer unbeſonnenen Hitze, uͤber ein friſch ge⸗ duͤngtes, gepfluͤgtes Feld hinweggaloppirt ſey. Cato der roͤmiſche Cenſor war ſein Liebling unter den Helden und Philoſophen des Alterthums, aber nicht wegen der Stren⸗ ge ſeiner Sitten, ſondern ſeiner Abhandlung de re rustioa wegen. So hatte ler auch immer die Worte Cicero's im Munde: jam neminem antepones Catoni. Er hielt etwas von Palladius und Terentius Varro aber Columella kam nie aus ſeiner Taſche. Neben dieſen Al⸗ ten verehrte er auch die Neueren, Tuſſer⸗Hartlieb, und andere Schriftſteller uͤber den Landbau— die Arbeiten des Schaͤfers von der Ebene Salisbury nicht zu ver⸗ geſſen, ſo wie die der beſſer unterrichteten Ph ilomaten, welche, ſtatt ihre Kalender mit eitelen Vorausſagungen politiſcher Ereigniſſe anzufuͤllen, die Aufmerkſamkeit der Leſer auf die Art der Bearbeitung des Bodens hinlenkten⸗ von welcher eine gute Erndte erwartet werden kann, und die, unbeſorgt um das Aufbluͤhen und den Fall der Staa⸗ ten ſich damit begnuͤgten, die beſte Zeit zum Saͤen und Erndten anzugeben, mit einem ungefaͤhren Schluß auf das Wetter, das in jedem Monat zu erwarten ſeyn duͤrfte: wie zum Beiſpiel, daß, wenn es dem Himmel gefällt, wir im Januar Schnee haben werden, und daß der Verfaſſer — —) Quadrupedante putrem ſonitu qualit unguia campum. Gegenſtände der Beſchaͤftigung, hin. 62 ſeinen Ruf verpfaͤnden will, daß es im July, im Ganzen, Sonnenſchein geben wird. 4 Obgleich der Rector von St. Leonhard im Ganzen mit dem ruhigen, arbeitſamen und fleißigen Weſen des Trip⸗ tolemus Yellowley ſehr wohl zufrieden war, und ihn, in fo fern, des vierſylbigen Namens mit der lateiniſchen En⸗ dung wohl fuͤr wuͤrdig bielt, ſo gefiel ihm doch ſeine aus⸗ ſchlleßliche Aufmerkſamkeit auf ſeine Lieblingsſchriftſteller durchaus nicht. Es ſchmeckte, ſagte er, nach der Erde, wenn nicht nach etwas noch Aergerem, wenn des Menſchen Geiſt immer im Boden, geduͤngt oder ungeduͤngt, wuͤhle, und er wies ihn deshalb, wiewohl vergebens, auf Geſchich⸗ te, Dichtkunſt und Gottengelahrtheit, als weit erhabenere Triptolemus Yellow⸗ ley bebarrte indeſſen, eigenſinnig, bei ſeiner einmal ge⸗ rommenen Richtung, und die Schlacht von Pharſalia war ihm nicht deswegen merkwürdig, weil ſie über die Freiheit der Welt entſchieden hatte, ſondern weil ihm die reiche Ernte vorſchwebte, welche die emathiſchen Gefilde im naͤch⸗ ſten Jahre gegeben haben mußten. Von vaterländiſcher Dichtkunſt konnte man ihn nie dahin bringen, eine einzige Strophe zu leſen, ausgenommen den alten Tuſſer, deſſen „hundert Regeln guter Landwirthſchaft“ er auswendig wußte, ſo wie Piers des Pfluͤgers Geſicht, das er, von dem Titel angezogen, begierig von einem Hauſirer kaufte, es aber, nachdem er die erſten zwei Seiten geleſen hatte, als eine unverſchämte und einen ganz unpaſſenden Namen fuͤh⸗ rende Schmähſchrift in das Feuer warf. Was die Gottes⸗ gelahrtheit betraf, o offenbarte er ſeine ganze Anſicht dar⸗ über, indem er ſeinen Lehrern ſagte: daß die Erde zu be⸗ arbeiten und ſein Brod im Schweiße ſeines Angeſichts zu —½ .i———41VL⁊A u 2 W A=ͤ8En ——— — 63 verdienen, einmal das dem gefallenen Menſchen zu Theil gewordene Loos ſev, und daß er ſich ſeines Theils dahin entſchieden habe, dieſen zum Daſeyn ſo augenſcheinlich noth⸗ wendigen Beruf zu erfuͤllen, und es Andern uͤberlaſſe, ſo viel als ſie wollten, uͤber den verborgeneren Geheimniſſen der Theologie zu bruͤten. Bei einem ſo auf die Geſchaͤfte des Landlebens be⸗ ſchraͤnkten Geiſte, konnten wohl die Fortſchritte des Trip⸗ tolemus in der Gelehrſamkeit, oder Gebrauch, den er von ſeinen Kenntniſſen machen zu wollen ſchien, den ehrgeizi⸗ gen Hoffnungen ſeiner zaͤrtlichen Mutter nicht ſehr ſchmei⸗ cheln. Es iſt wahr, daß er keinen Widerwillen aͤußerte, ein Geiſtlicher zu werden, ein Beruf welcher ſich mit der angewohnten perſönlichen Trägheit, die ſich zuweilen zu ei⸗ ner Neigung zur Speculation geſellt, ganz wohl vertrug. Er nahm es ſich, um frei heraus zu reden, vor(und ich wuͤnſchte, er hätte allein dieß gethan), ſechs Tage in der Woche das Feld zu bauen, am ſiebten mit gehoͤriger Re⸗ gelmaͤßigkeit zu predigen und dann mit irgend einem fet⸗ ten Vogt oder Laird zu Mittag zu eſſen, mit dem er nach Tiſche eine Pfeife rauchen einen Krug Bier trinken, und ſich ganz insgeheim uͤber das unerſchoͤpflie Thema: „was mit Gedeihn Saatfelder erfreut,“ verbreiten könnte. Zur Ausführung dieſes Plans gehoͤrte, abgerechnet, daß er auf nichts, was man damals die Wur⸗ zel der Sache nannte, hinzielte, nothwendigerweiſe eine Pfarre, und um dieſe zu erhalten, war es nöthia, daß ſich der Bewerber in die Lehten der biſchöflichen Kirche und andere Entſetzlichkeiten der Zeit fügte. Ob nicht Pfarre und Feld, Beſoldung, Naturalien und Geld— der Hinnei⸗ gung der guten Fran zum Presbyterianlsmus die Waage 64 gehalten haben würden, iſt die Frage; es war indeß be⸗ ſtimmt daß ihr Eifer nicht auf eine ſo harte Probe geſtellt werden ſollte. Sie ſtarb, ehe ihr Sohn ſeine Studien voll⸗ endet hatte; ein Verluſt der ihren Gatten ſo tief betruͤbte, als man es erwarten konnte. Der erſte Schritt, welchen der alte Jaſper nach erlangter ungetheilter Herrſchaft that, war, ſeinen Sohn von St. Andrews zurückzurufen, damit er ihm bei ſeinen haͤuslichen Geſchaͤften zur Hand gehen könne. Itzt haͤtte man alſo glauben ſollen, daß unſer Trip⸗ tolemus, welcher nun ausuͤben ſollte was er in der Theorie ſo emſig ſtudirt hatte, ſich(um ein Gleichniß zu brauchen, das er gewiß für ſehr lebendig gehalten haͤtte) wie ein Fuͤllen auf der Weide befinden wuͤrde. Doch was ſind die Gedanken der Menſchen, was ihre truͤglichen Hoff⸗ nungen! Ein lachender Philoſoph, der Demokrit unſrer Zeit ver⸗ glich einſt das menſchliche Leben mit einer Tafel mit einer Menge von Loͤchern, wo fuͤr jedes ein Stift vorhanden ſey, welcher genau darin paſſe. Dieſe Stifte wuͤrden in⸗ deß ſehr ſchnell und ohne Auswahl eingeſteckt und ſo ver⸗ urſache dann der Zufall oft die allerſeltſamſte Mißgriffe. „Denn,“ ſchließt der Redner mit großer Erhabenheit: „„wie oft ſehen wir nicht, daß der dreieckte Menſch im Loche ſteckt? Dieſe neue Erklaͤrung der Launen des Zufalls er⸗ vegte bei jedem Anweſenden ein krampfhaftes Gelaͤchter, ei⸗ nen fetten Aldermann ausgenommen, der die Sache zu ſeiner eigenen zu machen ſchien, und verſicherte, mit ſo etwas ſey gar nicht zu ſpaßen. Um aber dieß ganz vor⸗ treffliche Gleichniß weiter durchzuführen, muß ich ſagen, daß es mir klar iſt, Triptolemus Yellowley ſev aus dem Sack ——— —— — B ͤ 65 Sack mit Stiften wenigſens um ein Jahrhundert zu früh ausgeſchüttet worden. Wäre er zu unſerer Zeit auf die Weltbühne gekommen, daß heißt, haͤtte er zu irgend einer Zeit innerhalb dieſer dreißig oder vierzig Jahre geblüht, ſo würde er offenbar, die Stelle des Vice⸗Präſidenten ir⸗ gend einer bedeutenden Ackerbau⸗Geſellſchaft bekleidet und die ſämmtlichen Geſchaͤfte derſelben unter dem Schutze eines Herzogs oder Lords geführt haben, der vielleicht kaum den Unterſchied zwiſchen einem Karrn und Pferde und einem Karrn⸗Pferde kennt. Eine ſolche Stelle würde ihm gar nicht haben entgehen können, denn er verſtand ſehr viel von allen ſolchen Einzelnheiten, welche, obgleich in der wirklichen Ausuͤbung von gar keiner Bedeutung, doch in jeder Kunſt, und vorzüglich bei dem Ackerbau, den Charakter eines Ken⸗ ners begruͤnden. Aber ach! Triptolemus Yellowley war, wie wir ſchon vorher bemerkt haben, wenigſtens um ein Jahr⸗ hundert zu früh in die Welt gekommen. Statt in einem Lehnſtuhl, den Hammer in der Hand, und ein volles Glas Portwein vor ſich, da zu ſitzen, und die Geſundheit, die Zucht, in allen ihren Zweigen auszubringen, ward er von ſeinem Vater an den Pflugſtert geſtellt und mußte die Och⸗ ſen führen, über deren Schönheit er, in unſern Dagen, ſich weitläuftig würde verbreitet, und deren Rücken er, ſtatt mit der Peitſche, mit— dem Vorlegemeſſer würde bearbei tet haben. Der alte Jaſper beklagte ſich bitterlich darüber, daß, obgleich niemand ſo gut von Gemeinheiten und Thei⸗ lungen, von Waizen und Raps, von Brache und Koppel zu ſprechen wiſſe, als ſein gelehrter Sohn(den er immer To⸗ limus nannte)„ſo,“ fügte er hinzu:„gedeiht doch nichts unter ſeinen Händen.“ Noch aärger aber wurde er als W. Scott's Werke. CX. 5 7 66 Jaſper, alt und gebrechlich, nach einigen Jahren die Zügel der Regierung nach und nach dem akademiſchen Jünger überlaſſen mußte.. Als ob die Natur einen Groll gegen ihn genährt, hatte er eine der ſchlechteſten, undankbarſten Pachtungen in den Mearns bekommen, kurz ein Fleck der Alles, nur nichts von dem, was der Landmann braucken kann, hervorzubrin⸗ gen ſchien; und etwa hundert Morgen eingeheates Land — worauf wohlweislich ſchon früh der alte Jaſper ſeine Anſtrengungen beſchränkt hatte,— ausgenommen war nicht ein Winkel auf dem ganzen Hofe, der zu etwas anderm Nutz geweſen wäre, als Ackerbaugeräth darauf in Stücken zu ſchlagen, oder Vieh darauf zu ſchlachten. Das, was der Theil, der wirklich noch mit Vortheil bebaut werden konnte, einbrachte, ging für die Koſten der Unterhaltung der Pach⸗ tung und mit Verſuchen, zu denen Triptolemus eine große Neigung hatte, darauf. In unſern. Tagen würde es unter ſolchen Umſtänden, mit Triptolemus bald ein Ende gehabt haben. Er hätte ei⸗ nen Bauk Credit bekommen, wuͤrde Wechſel in das Blaue hin ausgeſtellt, ſehr hoch gelebt haben, und am Ende ſeine Aerndte und ſein Viehſtand von dem Sheriff mit Beſchlag belegt worden ſeyn; damals konnte ſich aber ein Mann leicht zu Grunde richten. Saͤmmtliche ſchottiſche Pächter ſtanden ſo ziemlich auf einer und derſelben Lnie in Hinſicht der Ar⸗ muth, ſo daß es ſchwer war, ſich bedeutend zu erheben, um ſich nachher mit einigem Eclat den Hals brechen zu koͤnnen⸗ Sie waren ſo ziemlich in der Lage von Leuten, welche, gänz⸗ lich ohne Credit, vielleicht große Noth leiden, aber nie bank⸗ rott werden können. Ueberdieß hielt doch Etwas den Ko⸗ ſten, welche das Mißlingen der Pläne des Triptolemus ver⸗ —————*ε ——— 2= 2 A☛— 2 67 urſachte, die Waage; dieß waren die Erſparniſſe, welche die außerordentliche Haushaltung ſeiner Schweſter Barba⸗ ra veranlaßte, deren Anſtrengungen in der That wunderbar waren. Sie würde, wenn es möglich geweſen wäre, den Ge⸗ danken des gelehrten Philoſophen verwirklicht baben, wel⸗ cher die Meinung aufſtellte: der Schlaf ſey nur eine Idee, und Eſſen nur eine Gewohnheit,— und von welchem man glaubt, daß er beiden entſagt habe, bis man, unglückli⸗ cherweiſe, entdeckte, daß er mit dem Küchenmädchen ein Verſtändniß unterhalte die ihn für ſeine Entbehrungen da⸗ durch entſchaͤdigte, daß ſie ihm einen heimlichen Eintritt in die Speiſekammern, und einen Theil ihres eigenen Lagers ge⸗ ſtattete. Ein ſolcher Betrug war indeß fern von Barbara Yellowley. Sie war früh auf und ſpät nieder, und ſchien nach dem Ausſpruche ihrer uͤberwachten und mit Arbeit be⸗ laſteten Mäͤgde, ſo wachſam als die Katze ſelbſt. Was das Eſſen betraf, ſo ſchien die Luft ein Gaſtmahl für ſie zu ſeyn, und gern haͤtte ſie es geſehen, wenn ihre Leute derſelben Meinung geweſen wären. Ihr Bruder, der, neben ſeiner angebornen Srägheit, auch etwas ſchwelgeriſch in ſeinem Eſſen war, haͤtte gern dann und wann einen Mund voll Fleiſchſpeiſe genoſſen, wäre es auch nur darum gewefen, um doch zu ſehen, wie ſeine Schaafe gefüttert wären; aher Fraͤulein Barbara hätte nicht mehr bei dem Antrage ein Kind zu ſchlachten, erſchrecken können, und da Triptolemus von ſehr nachgiebigem und leicht zu leitendem Gemuͤth war, ſo gewöhnte er ſich, bald daran, in einer immerwährenden Faſtenzeit zu leben, nur zu glücklich, wenn er zu ſeinem Haferkuchen ein Stückchen Butter erhalten, oder der tägli⸗ chen Nothwendigkeit, Lachs zu eſſen,(da die Wohnung an s 55.2. den Ufern des Esk lag) entgehen konnte, was, in oder außer der Zeit, unter den ſieben Wochentagen immer an ſechsten geſchah. Obgleich indeß Jungfrau Barbara getreulich alle Erſpar⸗ niſſe, welche ihre gewaltige Sparſamkeit zuruͤcklegen konnte, zu der Wirthſchafts⸗Maſſe hinzuſchlug, und der Brautſchatz ihrer Mutter allmaͤhlig in Faͤllen der aͤußerſten Noth auf⸗ gegangen war, ſo naͤherte ſich doch endlich der Augenblick, wo es unmoͤglich ſchien, daß der Kampf gegen die unguͤn⸗ ſtigen Geſtirne des Triptolemus(wie er ſelbſt die natuͤr⸗ liche Folge ſeiner albernen Speculationen immer nannte) ſich laͤnger fortſetzen laſſen koͤnne. Gluͤcklicherweiſe ſtieg, in dieſen boͤſen Augenblicken, ein Gott zu ihrer Huͤlfe vom Himmel herab, oder, um ohne Metapher zu reden, der edle Lord, welchem die Pachtung eigenthümlich gehoͤrte, kam in ſeinem Wagen mit ſechs Pferden und Laͤufern, im vollen Glanze des ſiebenzehnten Jahrhunderts, auf ſeinem Landſitze au. Dieſe Standesperſon war der Sohn des Edelmanns, welcher den alten Jaſper aus Yorkſhire in das Land gezo⸗ gen hatte, und, wie ſein Vater, ein Mann voller Plaͤne und Entwuͤrfe. Er hatte indeß, mitten im Wechſel der Zeit, fuͤr ſie ſelbſt am beſten geſorgt, indem er auf eine gewiſſe Reihe von Jahren die Verwaltung der entfernten Inſeln, Orkney und Shetland, gegen Entrichtung eines ge⸗ wiſſen Pachts, zu erhalten gewußt hatte, mit der Befug⸗ niß, unter dem Titel eines Lord⸗Kaͤmmerlings, das Eigen⸗ thum und die Einkuͤnfte der Krone ſo zu verwalten, wie es deren Vortheil am zutraͤglichſten ſeyn wuͤrde. Seine Herrlichkeit hatte nun die Anſicht, welche an und fuͤr ſich ganz richtig war, daß, um dieſe Verleihung wirklich zu etwas Erſprieß⸗ 69 lichem zu machen, es ein großer Schritt ſeyn wuͤrde, den Anbau der Kronlaͤndereien auf den Orkney⸗Infeln und auf Shetland zu verbeſſern, wobei, da er einigermaßen mit unſerem Freunde Triptolemus bekannt war, es ihm einfiel, daß dieſer wohl der Mann ſeyn moͤchte, ſeinen Plaͤnen groͤ⸗ beren Nachdruck zu geben. Er ließ ihn alſo nach dem gro⸗ ßen Gutshauſe holen, und war mit der Art, wie unſer Freund jeden Gegenſtand beſprach, ſo zufrieden, daß er keine Zeit verlor, ſich eines ſo wichtigen Beiſtandes zu verſichern. Die Bedingungen wurden ſehr zur Zufriedenheit des Triptolemus geſtellt, der, durch die Erfahrung einer lan⸗ gen Reihe von Jahren einen dunkeln Begriff bekommen hatte, daß, ohne nur einen Augenblick ſeine eigene Geſchick⸗ lichkeit herabſetzen oder in Zweifel ziehen zu wollen, es am Ende doch beſſer ſeyn duͤrfte, wenn die Muͤhe und Ge⸗ fahr ſaͤmmtlich auf Koſten des Unternehmers gingen. Die Ausſichten auf den zu erwartenden Vortheil, welche er ſei⸗ nem Goͤnner eroͤffnete, waren in der That ſo lachend, daß der Lord Kaͤmmerling gar nicht mehr daran dachte, ſeine Unterbeamten an dem erwarteten Nutzen Theil nehmen zu laſſen, ſondern dieſen ſich ſelbſt zueignen wollte, nach Abzug eines guten Gehalts fuͤr ſeinen Verwalter Yellow⸗ ley, dem er außerdem ein Haus, nebſt einem eigenen dazu gehoͤrigen Grundſtuͤck zur Erhaltung ſeiner Familie, bewil⸗ ligte. Freude bemeiſterte ſich des Herzens der Jungfrau Barbara, als ſie von dem gluͤcklichen Abſchluß eines Ge⸗ ſchaͤfts hoͤrte, das eben ſo ſchlecht fuͤr ſie auszufallen drohte, als die bisberige Pochtung von Cauldſhouthers. „Wenn wir jetzt nicht,“ ſagte ſie:„unſer eigenes Haus erhalten koͤnnen, da alles hinein⸗, und nichts heraus⸗ geht, ſo ſind wir weniger werth, als die Unglaubigen.“ . 70 Triptolemus war nun eine Zeit lang ſehr geſchaͤftig, blies und keuchte, und aß und trank in jedem Wirthshauſe, waͤhrend er die noͤthigen Ackerbauwerkzeuge beſtellte und zuſammenbrachte, welche er bei den Bewohnern der In⸗ ſeln, deren Geſchick mit dieſer furchtbaren Veraͤnderung be⸗ droht war, einfuͤhren wollte. In Harfra oder Stour⸗ bourgh, wie man es zuweilen nach den Ueberbleibieln einer Picten⸗Feſtung nannte, welche beinahe dicht bei dem Wohnhauſe lagen, ließ ſich der Factor ſelbſt in der Fuͤlle ſeiner Machtvollkommenheit nieder, entſchloſſen, ſeinem Namen dadurch Ehre zu machen, daß er die Shetlaͤnder durch Vorſchrift und Beiſpiel zu geſitteten Menſchen ma⸗ che, und ihre ſehr beſchraͤnkten Kenntniſſe in den erſten Kuͤnſten des menſchlichen Lebens weiter ausbilde. 1/ Fuͤnftes Kapitel. Der Wind blies ſcharf aus Nord und Oſt Und durch die offne Thür. Der Hausherr zu der Hausfrau ſpricht: „Geh ſchließ die Thüre mir.“— „Ich hab' im Haus vollauf zu thun, „Wie Ihr wohl ſelber ſeht; „Ich ſchließ' ſie nicht, währtes hundert Jahr, „Daß ſo ſie offen ſteht!“ Altes Lied. 2 Wir wiſſen nicht, ob der geneigte Leſer den letzteren Theil des vorigen Kapitels nicht ſehr langweilig gefunden hat; wie dem aber auch ſey, ſo kann ſeine Ungeduld kaum 71 ſo groß geweſen ſeyn, wie die des jungen Mordaunt Mer⸗ toun, der— waͤhrend Blitz auf Blitz folgte, und der Wind, von einem Punkt der Windroſe zum andern laufend, mit der Gewalt eines Orkanes wehte, und waͤhrend der Regen in Stroͤmen auf ihn herabfloß— unablaͤſſig an die Thuͤr von Harfra donnerte, rief und ſchrie, und dabei nicht be⸗ greifen konnte, wie man, bei ſo furchtbarem Wetter, ei⸗ nem Fremden den Eintritt verſagen koͤnne. Endlich, als er fand, daß ſowohl Laͤrmen, als Schreien voͤllig unnuͤtz ſey, trat er ſo weit von der Vorderſeite des Hauſes zu⸗ ruͤck, daß er die Schornſteine gehoͤrig beobachten konnte, und fand nun, zu ſeinem größten Schrecken, daß, obgieich es nahe am Mittag, damals der Speiſeſtunde auf dieſen Inſeln, war, aus ihnen durchaus kein Rauch aufſteige, der auf Zubereitung von Speiſe im Innern ſchließen ließe. Jetzt verwandelte ſich Mordaunt's zornige Ungeduld in Theitnahme und Beſorgniß, denn ſeit langer Zeit an die verſchwenderiſche Gaſtfretheit der ſhetlaͤndiſchen Inſeln gewoͤhnt, kam er ſogleich auf die Vermuthung, daß irgend ein großes und unerklaͤrbares Ungluͤck uͤber die Familie her⸗ eingebrochen ſeyn muͤſſe, und ſuchte nun einen Platz auf⸗ zufinden, von welchem aus er gewaltſam in das Haus ein⸗ dringen koͤnnte, um ſowohl uͤber die Lage der Bewohner in's Klare zu kommen, als auch fuͤr ſich ſelbſt ein Obdach zu erhalten. Seine jetzige Beſorgniß war indeß eben ſo unnuͤtz, als ſein fruͤherer Ungeſtuͤm. Triptolemus und ſeine Schweſter hatten den ganzen Laͤrm draußen ſehr wohl ge⸗ hört, und ſich bereits ſehr heftig daruͤber herumgeſtritten, ob es rathſam ſey, die Thuͤr zu oͤffnen. Jungfrau Baby war, wie wir ſie ſchon oben geſchildert haben, keine Freundin der Ausuͤbung der Rechte der Gaſt⸗ 72² freundſchaft. Auf ihrem Pachthofe zu Claudſhouthers, in den Mearns war ſie das Schrecken aller herumziehenden Handwerker, Hauſirer, Zigeuner, alter Bettler u. ſ. w. geweſen; auch konnte, wie ſie ſelbſt ſich deſſen ruͤhmte, kei⸗ ner, ſelbſt nicht der Verſchlagenſte, behaupten, je den Ton ihrer Klinke geboͤrt zu haben. Auf Shetland, wo die neuen Anſiedler mit der ungemeinen Ehrlichkeit und Einfalt al⸗ ler Staͤnde noch nicht bekannt waren, vereinigten ſich Arg⸗ wohn und Furcht bei ihnen mit der Begierde zu ſparen, in dem Wunſche, alle wandernden Gaͤſte von zweideutigem Charakter ausſchließen zu koͤnnen; der zweite dieſer Be⸗ weggruͤnde hatte ſogar auf Triptolemus ſelbſt Einfluß, der, weder argwoͤhniſch noch geizig war, aber wußte, daß es we⸗ nige gute Menſchen, noch weniger tuͤchtige Paͤchter gebe, und den gehoͤrigen Antheil von der Weisheit erbalten hat⸗ te, welche die Selbſterhaltung als das erſte Geſetz der Na⸗ tur anſehen laͤßt. Dieſe Winke moͤgen zur Erlaͤuterung des folgenden Geſpraͤchs dienen, welches zwiſchen Bruder und Schweſter ſtatt fand. „Der Himmel gebe ſeinen Segen,“ ſagte Triptolemus, als er in ſeinem alten Schulexemplar des Virgils blaͤtter⸗ te:„aber das iſt'mal wieder ein Tag, um Gerſte zu ſaͤen. Wohl ſagte der weiſe Mantuaner: ventis surgentibus*). Und dann das Heulen der Berge und die lang' wiederhal⸗ lenden Kuͤſten— aber wo ſind die Waͤlder, Baby? ſage mir, wo find ich den nemoram murmur**), Schweſter Baby, hier in unſerm neuen Wohnſitze?“ Was haſt Du wieder fuͤr dummes Zeug vor? ſagte *) Wenn ſich die Winde erbeben. **) Das Rauſchen der Wälder. 73 Baby, indem ſie ihren Kopf aus einem finſtern Loche in der Kuͤche hervorſteckte, wo ſie irgend ein haͤusliches Ge⸗ ſchaͤft beſorgt hatte. Ihr Bruder, der ſich mehr aus Gewohnheit als abſicht⸗ lich an ſie gewandt hatte, erblickte kaum ihre ſpitze rothe Naſe, ihre blinkenden grauen Augen und die uͤbrigen ſchar⸗ fen Zuͤge, welche dazu gehoͤrten, und von den Backen der fliegenden Haube beſchattet wurden, die zu beiden Seiten ihres lauernden Geſichts herabhingen, als er ſich auch ſchon bedachte, daß ſeine Frage iyr doch nicht ſehr angenehm ſeyn wuͤrde, und deswegen er fuͤr raͤthlicher hielt, ſich lieber ei⸗ ner zweiten Fluth von Scheltworten auszuſetzen, ehe er das vorige Geſpraͤch wieder anfinge. Nun Herr Yellowley, ſagte Baby, indem ſie in die Mitte des Zimmers trat: weshalb ſchreit Ihr denn nach mir, da ich noch dazu mitten in meinen haͤuslichen Geſchaͤf⸗ ten bin? „Je nun, um gar nichts, Baby: ich ſagte nur bei mir, daß wir zwar das Meer, und den Wind und hinlaͤnglichen Regen haͤtten, aber wo iſt das Holz? wo iſt das Holz, Ba⸗ by, das ſage mir einmal?⸗ Das Holz, antwortete Baby,— naͤhme ich das Holz nicht beſſer in Acht, als Du, Bruder, ſo wuͤrde es in der Naͤhe des Orts bald weiter kein Holz geben, als den Klotz, den Du als Kopf auf Deinen eigenen Schultern traͤgſt. Wenn Du an das Treibholz denkſt, das die Leute geſtern brachten, ſo ſind zwoͤlf Loth davon heute fruͤh darauf gegan⸗ gen, Deine Suppe zu kochen, obgleich ich meine, daß ein haushaͤlteriſcher Mann, wenn er einmal Fruͤhſtuͤck haben mußte, wohl Drammock*) gegeſſen haben koͤnnte, an⸗ *) Mehl mit kaltem Waſſer eingerührt. 74 ſtatt Mehl und Feuerung an ſelbem Morgen zu gebrau⸗ chen. „Das heißt, Baby,“ ſagte Triptolemus, der zuweilen, nach ſeiner Art, ganz trocken ſcherzhaft zu ſeyn pflegte: „wenn wir Feuer haben, duͤrfen wir nicht eſſen, und wenn wir zu eſſen haben, duͤrfen wir kein Feuer anmachen, da dieß zu große Segnungen ſind, um ſie an einem Tage zu genießen. Nun, es freut mich doch, daß Du nicht willſt, daß wir vor Kaͤlte und Hunger unico contextu*) umkom⸗ men ſollen.— Aber, Dir die Wahrheit zu geſtehen, ich konnte in mernem ganzen Leben das rohe Hafermehl mit Waſſer verduͤnnt, nicht leiden. Du magſt es nun Drammock oder Crowdie nennen, oder wie Du ſonſt willſt, meine Nah⸗ rung muß Feuer und Waſſer durchgehen.“ Deſto alberner von Dir, ſagte Baby: kaunſt Dyu nicht Deine Suppe Sonntags kochen, und ſie kalt am Montag eſſen, da Du doch ſo lecker biſt? Wahrbaftig, es giebt Manchen, der ganz anders ausſieht als Du, und doch alle Finger nach ſo einem Teller lecken wuͤrde. „Gott behuͤt' uns, Schweſter!“ erwiederte Triptole⸗ mus:„Wenn es ſo iſt, ſo iſt mein Feld beſtellt— ich kann den Pflug ausſpannen und mich ruhig hinlegen, den Todes⸗ ſtreich zu erwarten. Wir haben in dieſem Hauſe ſo viel, daß ganz Shetland ein Jahr davon Mehl eſſen koͤnnte, und Du goͤnnſt mir, der ich uͤber alles dies Rechenſchaft zu ge⸗ ben habe, nicht einmal einen Teller voll warmer Suppe!“ Still! halte Dein albernes, geſchwaͤtziges Maul, ſagte Baby, indem ſie ſich furchtſam im Zimmer umſah: wahr⸗ haftig, Du biſt gerade der Rechte, um davon zu ſprechen, *) Zugleich. — ð&— 75⁵5 was wir im Hauſe haben, und ganz dazu geſchickt, die Auf⸗ ſicht daruͤber zu fuͤhren.— Horch, ſo wahr ich lebe, ich hoͤre jemanden un die Außenthuͤr klopfen. „So geh und oͤffne ſie, Baby,“ erwiederte ihr Bruder, der froh war, etwas gefunden zu haben, um dieſer Unter⸗ haltung ein Ende zu machen. Geh und oͤffne ſie?— wiederholte Baby, halb boͤſe, halb erſchrocken, und halb ſchadenfroh, ihren Bruder ſo uͤberſehen zu koͤnnen.— Geh und oͤffne ſie, ſagſt Du? Soll ich die Raͤuber hereinlaſſen, daß ſie uns alles wegnehmen, was wir im Hauſe haben? „Raͤuber?“ wiederholte Deiptolemus ebenfalls: wahr⸗ haftia, es giebt hler eben ſo viele Raͤuber, als es Laͤmmer um Weihnachten giebt. Ich wiederhole Dir, was ich Dir ſchon hundert Male geſagt habe, hier giebt es keine Hoch⸗ laͤnder, die uns beunruhigen koͤnnten. Dieß iſt ein Land, wo Ruhe und Ehrlichkeit herrſchen. O fortunati, nimium!*) Und was ſoll Dir Sankt Rinian helfen, Triptolemus? ſagte ſeine Schweſter, welche ſeine Citation fuͤr die Anru⸗ fung eines Heiligen hielt: Uebrigens giebt es hier eben ſo boͤſe Leute, wie die Hochländer; ich ſah geſtern ſechs oder ſieben ſo verdaͤchtig ausſehende Kerle bei unſerer Wohnung voruͤberſchleichen, wie ich ſie nur je von Clochnaben her⸗ uͤberkommen ſah; ſonderbare Werkzeuge hatten ſie in den Händen, Walffiſchmeſſer nannten ſie ſie, aber ſie ſahen den Hirſchfaͤngern ſo aͤhnlich, wie ein Ei dem andern. Ehrliche Leute fuͤhren ſo etwas nicht. Mordaunt's Klopfen und Rufen ließ jetzt zwiſchen je⸗ dem Windſtoße ganz deutlich vernehmen. Bruder und Schwe⸗ — *) D ihr anzuſehr Beglückte. 75 ſter ſahen ſich in großer Beſtuͤrzung und Furcht an. Wenn ſie von dem Silber etwas gehoͤrt haben, ſagte Baby, in⸗ dem ihre rothe Naſe vor Schrecken blau wurde: ſo ſind wir verlorene Leute! „und wer ſpricht jetzt, wo er ganz ſtill ſeyn ſollte?“ ſagte Triptolemus.„Geh ſogleich an das Schiebfenſter und ſieh, wie viel ihrer ſind, waͤhrend ich die alte ſpaniſche Entenflinte lade;— geh, als ob Du auf friſchgelegten Eiern giengeſt.“ Baby ſchlich an das Fenſter, und berichtete, daß ſie nur einen jungen Menſchen ſaͤhe, der aber laͤrmte und ſchrie, als ob er toll waͤre. Wie viel noch im Hinterhalte laͤgen, koͤnne ſie nicht ſagen.“ „Im Hinterhalte!— dummes Zeug,“ ſagte Triptole⸗ mus, indem er den Ladeſtock der Flinte, den er mit zittern⸗ der Hand ergriffen, weglegte.„Ich nehme Alle, die im Hinterhalte nur zu ſehen ſind, auf mich; es wird ein ar⸗ mer Menſch ſeyn, den der Sturm uͤberfallen hat, und der jetzt bei uns ein Obdach und etwas Erauickung ſucht. Oeffne die Thuͤre, Baby, Du thuſt ein chriſtlich Werk.“ Thut Er aber ein chriſtlich Werk, ſo zum Fenſter hin⸗ einzukommen?— ſagte Baby, einen klaͤglichen Schrei aus⸗ ſtoßend, als Mordaunt Mertoun, der ein Fenſter einge⸗ ſchlagen hatte, in das Zimmer hineinſprang⸗ wie ein Fluß⸗ gott triefend. Triptolemus legte, in der groͤßten Angſt, die Flinte an, die er noch nicht geladen hatte, als der Fremde ausrief: Halt, halt! was ſoll das heißen, daß Ihr bei einem Wetter, wie dieß iſt, Eure Thuͤre zuriegelt, und Euere Flinte auf die Leute anlegt, als ob es Seehunde waͤren?“ 77 „Und wer ſeyd Ihr, Freund, und was wollt Ihr?“ ſagte Triptolemus, indem er ſein Gewehr abſetzte. „Was ich will?“ ſagte Mordaunt:„alles Möͤgliche! Eſſen, Trinken und Feuer, ein Bett fuͤr die Nacht, und Morgen einen Klepper, mich nach Jarlshof zu bringen.“ Und Du ſagſt, es gaͤbe keine Raͤuber oder Freibeuter hier? ſagte Baby hoͤhniſch zu dem Landwirth: Hoͤrteſt Du je einen unbehoſeten Kerl von Lochaber freier herausſagen, was er wolle und verlange? Ohne Umſtaͤnde, Freund, fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich an Mordaunt wandte: zieht Euer Schild ein, und geht Eueren Weg. Dieß Haus gehoͤrt dem Verwalter ſeiner Herrlichkelt, und iſt keine Herberge fuͤr Bettler oder Freibeuter. Mordaunt lachte ihr ins Geſicht.„Aus dem Hauſe gehen,“ ſagte er:„und in ſolchem Wetter? Wofuͤr haltet Ihr mich? Denkt Ihr, ich bin eine Solandsganz, oder ein Kormoran, daß ich mich dadurch, daß Ihr in die Haͤnde ſchlagt und wie eine Beſeſſene ſchreit, aus dem Hauſe, und wieder in das Wetter hinaustreiben laſſen ſoll?“ Und ſo wollt Ihr wirklich, junger Mann, ſagte Tripto⸗ lemus ganz ernſthaft: nolens volens, das heißt, wir moͤgen wollen oder nicht, in meinem Hauſe bleiben?„ „Wollen?“ ſagte Mordaunt:„welches Recht habt Ihr, hier irgend etwas zu wollen? Hoͤrt Ihr nicht den Donner? Hoͤrt Ihr nicht den Regen? Seht Ihr nicht den Blitz? Und wißt Ihr nicht, daß dieß, ich weiß nicht auf wie viele Meilen in der Runde, das einzige Haus iſt? Hoͤrt einmal, mein guter Herr, und Ihr gute Frau, das mag wohl ſchot⸗ tiſcher Spaß ſeyn, aber ich verſichere Euch, daß er ſhetlaͤn⸗ diſchen Ohren ſehr ſchlecht klingt. Das Feuer habt Ihr auch ausgehen laſſen, und meine Zaͤhne klappern mir vor 78 Kaͤlte im Munde. Aber das will ich bald in Ordnung bringen.“ Mit dieſen Worten ergriff er die Feuerzange, ſcharrte die gluͤhende Aſche auf dem Heerde zuſammen, brachte den Torf, welcher nach der Berechnung der Wirthin, den Wär⸗ meſtoff noch mehrere Stunden lang in ſich behalten haben ſollten ohne ihn von ſich zu geben, in helle Gluth, warf dann die Augen umher, erblickte in einem Winkel den Vor⸗ rath von Driebholz, den Jungfrau Baby in Unzen zu ver⸗ brauchen gedachte, und ſchleppte davon ſogleich zwei oder drei Blöcke auf den Heerd, der, ſich einer ſo ungewohnten Zubuße erfreuend, ſogleich Rauchwolken zum Schornſtein aufſteigen ließ, wie man ſie ſeit vielen Tagen nicht aus Hafra hatte kommen ſehen. Waͤhrend der ungebetene Gaſt ſich geberdete als ob er zu Hauſe ſey, relzte Baby fortdauernd den Verwalter an, den Ueberläſtigen aus dem Hauſe zu werfen. Hiezu fuͤhlte indeß Triptolemus weder Muth noch beſondere Neigung; auch ſchlenen die Umſtaͤnde keineswegs den günſtigen Aus⸗ gang eines Kampfes mit dem jungen Fremden zu verſpre⸗ chen. Die muskelhaften Glieder und der ſchoͤne Koͤrper⸗ bau Mordaunt's traten in ſeéinem einfachen Matroſen⸗An⸗ zuge dovvelt vortheilhaft hervor, und ſein dunkles blitzen⸗ des Auge, ſein ſchoͤn geformter Kopf, ſeine belebten Geſichtszuͤge, ſeim dichtgelocktes dunkles Haar, ſeine kuͤh⸗ nen freien Blicke, bildeten einen auffallenden Gegenſatz gegen den Wirth, den er ſich aufgedrungen hatte. Tripto⸗ lemus war ein kurzer, plumper, entenbeiniger Schuͤler der Ceres deſſen aufgeſtuͤlpte und an der Spitze mit Ku⸗ pfer wohlbedeckten Naſe etwas von einem gelegentlichen Vertrage mit dem Bachus anzudeuten ſchien: zwiſchen 79 Leuten von ſo ungleichem Bau und Stärke ſchien, im Falle eines Kampfes, der Vortheil zu ſichtbar auf einer Seite zu ſeyn, und der Unterſchied zwiſchen zwanzig und fünf⸗ zig Jahren war dem ſchwaͤcheren keinesweges guͤnſtig. Ue⸗ berdies war der Verwalter im Grunde ein ehrlicher, gut⸗ müthiger Menſch, der ſich bald uͤberzeugte, daß ſein Gaſt keine andere Abſicht habe, als ein Obdach bei dem Sturme zu ſuchen. Sein letzter Schritt wuͤrde es daher ungeach⸗ tet der Anreizungen ſeiner Schweſter geweſen ſeyn, einem Juͤnglinge, deſſen Aeußeres ſo ſehr fuͤr ihn einnahm, ein ſo vernuͤnftiges und ganz in der Nothwendigkeit begruͤnde⸗ tes Verlangen nicht zu geſtatten, und er beſann ſich nur, wie er auf die beſte Art die Miene eines gaſtfreien Wir⸗ thes— ſtatt der des rauhen Vertheidigers ſeiner Burgh gegen einen unbefunten Zuſpruch— annehmen ſollte, als Baby, welche, vor Erſtaunen uͤber des Fremden ungemeine Ungezwungenheit in Betragen und Rede, ganz ſtarr dage⸗ ſtanden hatte, jetzt auf einmal ſelbſt das Wort nahm. „Wahrhaftig, Vurſch,“ ſagte ſie zu Mordaunt:„Du biſt nichts weniger als bloͤde, daß du ein ſolches Feuer anzuͤn⸗ deſt und noch dazu vom beſten Holz; Dir iſt der Torf nicht einmal gur genug, es muß gutes Eichenholz ſeyn.“ Ihr ſeyd wohlfeil dazu gekommen, Frau, ſagte Mor⸗ daunt auf muntere Weiſe: und Ihr ſolltet dem Feuer nicht entziehen wollen, was das Waſſer Euch umſonſt giebt. Dieſe guten Eichen⸗Rippen thaten ihren letzten Dienſt auf der Erde und dem Oman, als ſie nicht laͤnger unter den braven Leuten zuſammenhalten konnten, mit denen das Boot bemannt war. „Das iſt wahr, ja,“ ſagte das Weib etwas weicher: udas muß ein furchtbares Wetter auf dem Meere ſeyn⸗ 8⁰ Setzt Euch nieder und waͤrmt Euch, da das Holz nun brennt. Ja, ja, ſagte Triptolemus: es iſt ein Vergnuͤgen, ſolch ein helles Feuer zu ſehen. Seit ich von Cauldacres fort bin, hab' ich dergleichen nicht geſehen. „und ſollſt es auch ſobald nicht wieder,“ ſagte Baby: „wenn nicht das Haus in Brand geraͤth, oder eine Koh⸗ lengrube entdeckt wird.“ Und warum ſollte nicht eine Kohlengrube entdeckt wer⸗ den? ſagte der Verwalter triumphirend: ich ſage, warum ſollte nicht eine Kohlengrube entdeckt werden in Shet⸗ land ſo gut als in Fije, da der Kaͤmmerling jetzt einen umſichtigen und beſonnenen Mann an Ort und Stelle hat, die noͤthigen Nachforſchungen anzuſtellen? Beides ſind ja Fiſcherplaͤtze. „Ich muß Dir nor ſagen, Triptolemus Hellowley,“ antwortete ſeine Schweſter, welche ihre triftigen Gründe hatte, vor ihres Bruders falſchen Speculationen beſorgt zu ſeyn:„wenn Du dem Lord ſo viele von den ſchönen Sachen verſprichſt, ſo werden wir wahrhaftig nicht lange hier ge⸗ hauſt haben, ſondern uns bald wieder auf und davon ma⸗ chen müſſen. Wenn Dir jemand von einer Goldgrube ſagt, ſo weiß ich wohl, wer ihm ohne weiteres verſprechen würde, daß er vor Jahresablauf die baaren Portugaleſer in der Ta⸗ ſche ſollte klimpern hören.“ Und warum ſollte ich das nicht? ſagte Triptolemus: Dir iſt es wahrſcheinlich nie in Deinen Kopf gekommen, daß es auf Orkney eine Gegend giebt, die Ophir, oder ſo un⸗ gefähr, heißt, und warum koͤnnte nicht Salomon, der weiſe König der Juden, ſeine Schiffe und Diener dahin geſchickt haben, 81 haben, um vierhundert und fuͤnfzig Talente heimzubringen? Ich denke doch, daß er es am beſten wiſſen mußte, wohin er zu gehen oder zu ſenden hatte, und ich hoffe doch, Du glaubſt an die Bibel, Baby? Baby wurde durch die Berufung auf die heilige Schrift, ſo wenig ſie auch hieher paſſen mochte, zum Stillſchweigen gebracht und antwortete veraͤchtliches Hm! waͤhrend ihr Bruder ſich an Mordaunt wandte und ſort⸗ fuhr:„Ja, Ihr ſollt nur ſehen, welche Veränderung, ſelbſt in einem ſo wenig bedachten Lande, wie dem unſrigen baares Geld hervorbringen wird. Ihr habt gewiß nichts von Ku⸗ pfer oder Eiſenſtein auf dieſen Inſeln geyört?“ Mordaunt ſagte, man habe ihm erzählt, es gebe Kupfer in der Nähe der Klippen von Konigsburgh.„Ja, und ein Kupfer⸗ ſchaum findet man auch auf dem See von Swana, junger Mann. Aber der Juͤngſte von Euch hält ſich gewiß fuͤr eben ſo klug, als ein Mann wie ich bin.“ Baby, welche die ganze Zeit über den Jüngling ſehr aufmerkſam und genau betrachtet hatte, trat jetzt auf eine fuͤr ihren Bruder ganz unerwartete Weiſe auf ſeine Seite. „Es wäre beſſer, Herr Yellowley, Ihr brächtet dem jungen Mann trokene Kleider, und machtet Anſtalt, ihm etwas zu eſſen zu geben, als daß Ihr hier ſitzt, und ihm Euere lange Erzählungen einblast, als ob das Wetter nicht oh⸗ ne Euch ſchon windig genug wäre; und vielleicht möchte der Burſch wohl etwas Bland oder ſo etwas trinken, wenn Ihr ihm etwas anbötet.“ Während Triptolemus ganz verwundert uͤber dieſe Zu⸗ muthung da ſtand, und nicht begreifen konnte, wie ſie ge⸗ rade daher käme, antwortete Mordaunt: daß er ſehr gern W. Scott's Werke. CX. 6 82 trockene Kleider haben, aber leider erſt was eſſen als trin⸗ ken möchte. Triptolemus führte ihn alſo in ein anderes Zimmer, gab ihm die Kleider, und ließ ihn allein, um dieſelben anzulegen, während er feldſt nach der Küche zuruͤckkehrte, und ſich den ungewöhnlichen Anfall von Gaſtfreundlichkeit bei ſeiner Schweſter durchaus nicht zu erklären wußte.„Es muß nicht weit von ihrem Ende ſeyn*),„ſagte er:„und obgleich ich in dem Fall der Erbe ihres muͤtterlichen Ver⸗ moͤgens werde, ſo thut es mir doch leid; denn ſie hat das Haus ſehr gut in Ordnung gehalten— den Gurt zwar bis⸗ weilen etwas ſehr zu ſtraff angezogen, aber der Sattel ſitzt dann um ſo beſſer.“ Als Triptolemus in die Kuͤche kam, fand er ſeine Ah⸗ uungen beſtaͤtigt, denn ſeine Schweſter war eben in der gewagten Handlung begriffen, eine geraͤucherte Gans in den Topf zu ſtecken, welche mit mehreren andern deſſelben Ge⸗ ſchlechts ſchon lange in dem großen Schornſteine gehangen hatte, wobei ſie zugleich vor ſich hin murmelte:„Sie muß doch über lang oder kurz einmal gegeſſen werden, wa⸗ rum ſoll ſie alſo der arme Menſch nicht verzehren?“ Was iſt das, Schweſter? ſagte Triptolemus, Du haſt den Backteller und den Topf zugleich am Feuer. Was iſt denn heut für ein Tag? *) che must be fey.— Wenn jemand plötzlich ſeine Sinnezart än⸗ dert, ein Geizhals etwa freigebig, oder ein Brummbär freundlich wird, ſo ſagt man im ſchottiſchen, er iſt fey, d. h. zu einm plöß⸗ licken Ende keſtimmt, wovon ſolche Gemüthsumwandi ngen als ſe ere Zeic en augeſehen werden. —2 2— 83 „Gerade ſolcher, wie zihn die Ifraeliten noch außer den Fleiſchtöpfen von Aegypten hatten, Bruder Triptolemus, aber Du weißt inicht, wen Du an dieſem geſeoneten Tage in Deinem Haufe haſt.“ Nein, gewiß, das weiß ich nicht, ſagte Triptolemus: eben ſo wenig, als ich ein Pferd kennen wuͤrde, das ich nie vorher geſehen haͤtte. Ich würde den Burſchen fuͤr ei⸗ nen Hauſirer halten, aber er hat ſehr gute Sitten und kein Waarenpack bei ſich. „Du weiſt aber auch wahrhaftig ſo wenig wie Dein eigenes Rindvieh,“ eiferte ihm Schweſter Baby entgegen: „wenn Du ihn nicht kennſt. Kennſt Du Tronda Drons⸗ tochter nlcht?“ Tronda Dronstochter? wiederholte Triptolemus: die muß ich doch wohl kennen, wenn ich ihr täglich zwei Pfen⸗ nige ſchottiſch dafuͤr bezahle, daß ſie hier im Hauſe arbei⸗ tet? Und dabei arbeitet ſie, als ob ſie ſich an der Arbeit die Finger verbrennte. Wahrhaftig, ich wollte lieber einem ſchottiſchen Mädchen inen Grot engliſches Silbergeld geben. „Das iſt das erſte eluge Wort, was Du dieſen Mor⸗ gen geſprochen haſt. Nun, Dronda kennt dieſen Burſchen wohl, und hat mir oft von ihm erzaͤhlt. Man nennt ſeinen Vater den ſtillen Mann von Sumburgh, und man ſagt, es gehe nicht richtig mit ihm zu.“ Still, ſtill— dummes Zeug, dummes Zeug! Mit ſolchen Albernheiten ſind die Leute gleich bei der Hand, wenn ſie einmal arbeiten ſollen,— da ſind ſie entweder über den Tag geſchritten, oder jemanden begegnet, mit dem es nicht vecht richtig zugeht, oder ſie haben das Boot gegen 120- die Sonne gekehrt, und dann kann den Tag über nicht mehr gearbeitet werden.— „Schon gut, ſchon gut Bruder, Du denkſt, nur Du biſt ſo klug,“ ſagte Baby: weil Du in St. Andrews La⸗ tein ſprechen gelernt haſt. Kannſt Du mir aber, bei aller Deiner Weisbeit, ſagen was der Burſch um den Hals hat?“ Ein ſeidenes Barmlonatuch, ſo naß wie ein Scheuer⸗ lappen, und ich habe ihm eben eins von meinen eigenen Halstüchern gegeben. „Ein ſeidenes Barmlonatuch!“ ſagte Baby, indem ſie ihre Stimme erhob, und ſie dann plötzlich wieder ſinken ließ, als fürchte ſie, behorcht zu werden: ich ſage, eine goldene Kette.“ Eine goldene Kette! erwiederte Triptolemus. „Allerdings, mein Freund, und wie gefällt Dir das? die Leute ſagen hier, wie Tronda erzaͤhlt, der König der Zwerge habe ſie ſeinem Vater, dem ſtillen Mann von Sum⸗ burgh, gegeben.“ Entweder ſprich vernünftig, oder ſey die Stille Frau, ſagte Triptolemus. Das Ergebniß von dieſem allen iſt alſo, daß dieſer Burſch des Fremden Sohn iſt, und daß Du ihm die Gans gibſt, die bis zu Michaelis aufbewahrt wer⸗ den ſollte. 3 29 „Je nun, Bruder, wir muͤſſen doch etwas um Gottes⸗ wiſten thun, uns Freunde zu machen, und der Burſch,“ fuͤgte Baby hinzu(denn auch ſie war nicht ganz über die Vorurthetle ihres Geſchlechts für aͤußere Bildung erhaben): „hat g ar ein hübſches Geſicht.“ Und ein anderes hübſches Geſicht, ſagte Triptolemus⸗ wuͤrdeſt Du ungetröſtet von Deiner Thür haben gehen laſ⸗ ſen,— aber die goldene Kette! 85 Allerdings, allerdings,“ erwiederte Bargara:„Du wirſt doch nicht haben wollen, daß ich unſer Erworbenes jedem Bettler oder Landſtreicher an den Hals werfen ſoll⸗ der an einem regnigten Tage zufaͤllig an unſere Thuͤr kommt? Dieſer Burſch hat aber einen guten Namen im ganzen Lande umher, und Tronda ſagt, er werde eine Toch⸗ ter des reichen Udallers, Magnus Troil, heirathen, und der Hochzeittag ſoll anberaumt werden, ſobald er eine von den beiden Mädchen gewählt haben wird, und ſo würde es wahr⸗ haftig um unſern guten Namen und vielleicht gar um unſe⸗ re Ruhe geſchehen ſeyn, wenn wir ihn nicht ordentlich be⸗ wirthen wollten, obgleich wir ihn nicht eingeladen haben.“ Der beſte Grund⸗ ſagte Triptolemus: jemanden in das Haus zu laſſen, iſt, wenn man es nicht wagt ihm zu ſagen⸗ daß er weiter gehen ſolle. Da wir indeß hier einen Mann von Stande vor uns haben, ſo ſoll er doch auch wiſſen, mit wem er in meiner Perſon zu thun hat. Und ſo ging er an die Thür und rief: Heus tibi, Dave!*) „Adsum!“**) erwiederte der Jüngling, indem er in das Zimmer trat. Hm! ſagte der gelehrte Triptolemus: alſo in Humani- oribus nicht ganz unbewandert wie ich ſehe. Ich will ihm indeß weiter auf den Zahn fühlen.— Verſteht Ihr etwas vom Landbau junger Mann? „Nein, Herr, das nicht, ich habe nur das Meer pflügen und auf den Klippen ernten gelernt.“ Das Meer pflügen! ſagte Triptolemus: das iſt eine Furche, die der Egge wenig bedarf, und was Euere Ernte *) Heda Davus!— ⸗) Hier bin ich! 86 auf den Klippen betrifft, ſo glaube ich, Ihr meint die jungen Mewen, oder wie Ihr ſie nennt; das iſt aber eine Art Ein⸗ ſammlung, welche der Vogt geſetzlich verbieten ſollte, denn nirgends kann ſich ein ehrlicher Menſch leichter den Hals brechen. Ich geſtehe, ich kann mir das Vergnuͤgen nicht denken, das es macht, zwiſchen Himmel und Erde an ei⸗ nem Seile ſchweben. Was mich betrifft, ſo würde ich es eben ſo gern ſehen, wenn das andere Ende des Seils am Galgen befeſtigt wäre; dann waͤre ich wenigſtens von dem Herabfallen ſicher. „Nun, Ihr ſolltet es nur einmal verſuchen,“ erwieder⸗ te Mordaunt.„Glaubt mir, die Welt hat wenig ſo groß⸗ artige Empfindungen, als wenn man ſo in freier Luft zwiſchen der hochemporragenden Klippe und dem toſenden Ocean ſchwebt, wenn das Seil, an dem Ibr hangt, kaum dicker als ein Seidenfaden erſcheint, und der Stein, auf welchem Ihr mit einem Fuße ruht, nur gerade ſo breit iſt, daß eine Mewe darauf ſitzen könnte. Alles dieß in dem vollen Vertrauen zu wiſſen und zu fuͤhlen, daß die Behendigkeit Euerer Glieder und die Beſonnenheit Eures Kopfes Euch eben ſo unverletzt wieder aus dieſer Lage brin⸗ gen kann, als ob Ihr die Flügel eines Falken haͤttet— das heißt beinahe von der Erde, die Euer Fuß berührt, un⸗ abhängig ſeyn.“ Triptolemus ſchüttelte den Kopf uͤber dieſe enthuſiaſti. ſche Beſchreibung eines Zeitvertreibes, der ſo wenig Reiz für ihn hatte, und ſeine Schweſter, welche das blitzende Auge und die ſtolze Haltung des jungen Abentheurers dabei bemerkte, beantwortete ſie mit dem freudigen Ausruf: „wahrhaſtig, Burſch, Du biſt ein braver Kerl!“ Ein braver Kerl! erwiederte Yellowley: ich ſage, eine —-—*$— ð e 87 brave Gans, ſo in der Luft herumflattern und zu fliegen, wenn er auf der terra ürma ruhig bleiben könnte.— Aber nun kommt; hier iſt eine Gans, die uns beſſer zu ſtatten kommt, wenn ſie einmal gut gekocht iſt. Gieb uns Teller und Salz;— indeß, ſie wird ſchon ſalzig genug ſeyn,— es iſt ein ſchöner Biſſen; aber ich denke, die Shetländer ſind die einzigen Leute in der Welt, die ſich ſolchen Gefah⸗ ren ausſetzten, um Gänſe zu fangen, und ſie nachher zu ko⸗ chen, wenn es ihnen gelungen iſt. „Aller dings,“ ſagte ſeine Schweſter(und das war das einzige, worin ſie an dieſem Tage gleicher Meinung wa⸗ ren):„es würde einer Hausfrau in Angus oder auf den Mearns ſonderbar vorkommen, wenn man ihr beföhle, eine Gans zu kochen, ſo lange es noch Bratſpieße in der Welt giebt.— Aber, was iſt denn das wieder?“ ſetzte ſie hinzu⸗ indem ſie mit großem Unwillen nach der Thür blickte⸗“ „Wahrhaftig, die Thüren dürfen nur offen ſeyn, ſo kom⸗ men die Hunde herein;— und wer machte denn dem die Thuͤr auf?“ Ich that's, ſagte Mordaunt: Ihr werdet doch nicht wollen, daß ein armer Teufel in einem Wetter, wie dieſes, da ſtehen und an Euere tauben Thüren ſchlagen ſoll?— doch hier iſt etwas, um das Feuer zu verſtärken, fuͤgte er hinzu⸗ indem er den eichenen Riegel auszog, womit die Thür ge⸗ ſperrt geweſen war, und ihn auf den Heerd warf, von dem ihn jedoche Jungfrau Baby in großer Wuth ſogleich hinweg⸗ riß und zu gleicher Zeit in die Worte ausbrach:„Es iſt Waſſerholz, wie es weniges giebt, und er geht damit um, als ob es ein Kiehnblock wäre!— Und wer ſeyd ihr denn?“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich zu dem Fremden wandte: 88 „wahrhaftig ein Bettelkerl, wie mir nur je einer vor die Augen gekommen iſt.“ 3 Ich bin ein Jagger, zu Euerer Herrlichkeit Befehl— erwiederte der ungebetene Gaſt, ein kleiner, ſtämmiger, ge⸗ meinausſehender Mann, der in der That auch das demü⸗ thige Anſehen eines Hauſirers hatte, die man auf dieſen In⸗ ſeln Jagger nennt— und reiſte nie an einem böſeren Tage oder ſehnte mich mehr, unter Dach und Fach zu kommen. Dem Himmel ſey Dank für das Feuer und Obdach, das ich hier finde! 3 Indem er ſo ſprach, zog er einen Schemel zum Feuer, und ſetzte ſich ohne alle weitere Umſtände nieder. Jungfrau Baby blickte„wild wie ein grauer Falk,“ und dachte ſo eben daran, wie ſie ihren Unwillen etwas kräftiger als mit Wor⸗ ten auslaſſen wollte, wozu der ſiedende Topf eben einen tref⸗ lichen Fingerzeig zu geben ſchien, als eine alte halbverhun⸗ gerte Dienerin, die Theilnehmerin ihrer häuslichen Sorgen, welche bis jetzt in einem entfernten Winkel des Hauſes ge⸗ ſteckt hatte, in das Zimmer hinkte, und in Ausrufungen ausbrach, welche auf eine neue Urſach zur Unruhe hinzu⸗ deuten ſchienen. „Ach Herr!“ und:„Ach Frau!“ waren die einzigen Laute, welche ſie eine Zeitlang hervorbringen konnte und denen ſie dann noch die einzelnen Worte hinzufügte:„das Beſte im Hauſe! das Beſte im Hauſe! Jetzt alles auf den Tiſch, und alles wird noch zu wenig ſeyn! Die alte Nor⸗ Ina von Fitful Head kommt, die ſchrecklichſte Frau auf den Inſeln!“ Wo kann ſie herumgeirrt haben?— ſagte Mordaunt, nicht ohne einige anſcheinende Theilnahme an dem Erſtau⸗ nen, wenn auch nicht dem Schrecken, der alren Magd— 89 doch es iſt überflüßig zu fragen; je ſchlechter das Wetter, deſto gewiſſer iſt ſie auf der Landſtraße zu finden. „Was fuͤr eine Landſtreicherin iſt das nun wieder?“ rief die verzweifelte Baby aus, welche das ſchnelle Aufein⸗ anderfolgen der Gaͤſte beinahe um den Verſtand gebracht hatte.„Ich will indeß ihrem Umherwandern bald ein Ziel ſetzen, dafür ſteh' ich, wenn mein Bruder nur noch einen Funken Mannesentſchloſſenheit hat, oder es nur noch ein Halseiſen in Scalloway giebt.“ 3 Das Eiſen, das die halten ſoll, hat nie den Ambos geſehen, ſagte die alte Magd. Sie kommt— ſie kommt— um Gotteswillen ſprecht freundlich und milde zu ihr, oder wir kriegen nicht einen Haspel Garn unverworren. Während ſie ſo ſprach, trat eine Frau in das Zimmer, ſo groß, daß ihre Mütze heinahe oben an die Thuͤr reichte, machte, als ſie eintrat, das Zeichen des Kreuzes, und ſprach mit feierlicher Stimme:„der Segen Gottes und des heili⸗ gen Ronald ſey mit der offnen Thür, und ihr und mein Fluch ruhe auf den Kargen!“ 8 Und wer ſeyd Ihr, daß Ihr in anderer Hauſe ſo laut Euern Fluch und Segen ausſprecht? Was iſt dieß fuͤr ein Land, wo Leute nicht eine Viertelſtunde ruhig ſitzen und dem Himmel dienen, und ihre wenige Habe zuſammenhalten kön⸗ nen, ohne daß Landſtreicher und Landläuferinnen nach ein⸗ ander kommen, wie eine Flucht wilder Gänſe, um zu bet⸗ teln, und einen zu plagen? Dieſe Rede konnte, wie der verſtändige Leſer bald er⸗ rathen wird, von niemand Anderem als von Jungfrau Ba⸗ by kommen; welche Wirkung ſie aber auf die zuletzt einge⸗ tretene Fremde machen mußte, kann nur ein Gegenſtand der Vermuthung ſeyn, denn die alte Magd und Mordaunt 5— 90 wandten ſich zu gleicher Zeit an die Angeſprochene, dem Ausbruche ihres Unwillens zuvorzukommen, und während ie⸗ ne ihr einige Worte auf norwegiſch, mit vermittelndem Tone ſagte, ſprach Mordaunt auf engliſch zu ihr:„Es ſind Fremde, Norna, die weder Deinen Namen noch Dein We⸗ ſen kennen, auch ſind ſie unbekannt mit den Gebräuchen dieſes Landes und wir müſſen ſie alſo wegen ihrer wenigen Gaſtfreundlichkeit entſchuldigen.“ Ich weiß von keiner wenigen Gaſtfreundlichkeit, junger Mann, ſagte Triptolemus. Miseris succurrere disco*) — die Gans, welche bis zu Michaelis im Schornſtein räu⸗ chern ſollte, kocht jetzt im Topfe fuͤr Euch; doch, haͤtten wir zwanzig Gänſe, ſo ſehe ich, würden wir Magen fuͤr ſie finden, ſie bis auf die letzte Feder zu verzehren. Allein, dieß muß anders werden. „Was muß anders werden, filziger Sklav?“ ſagte die fremde Norna, ſich auf einmal zu ihm mit einem Nachdru⸗ cke wendend, der ihn in Beſtuͤrzung verſetzte:„was muß anders werden? Bringe, wenn Du willſt, Deine neugeſtalte⸗ ten Pflugeiſen, Deine Spaten und Eggen her, aͤndere die Werkzeuge unſerer Väter, von der Pflugſchaar bis zur Mauſefalle, aber wiſſe, daß Du in einem Lande biſt, das einſt von den blondhaarigen Kämpen des Nordens erobert wurde, und laß uns wenigſtens ihre Gaſtfreundlichkeit, da⸗ mit man ſehe, daß wir von einem Geſchlechte abſtammen, das edel und großmüthig war. Ich ſage Dir, hüte Dich.— ſo lange Norna noch von der Spitze von Fitful⸗Head auf das unermeßliche Gewaͤſſer hinausſchaut, ſo iſt noch et⸗ was da, das an die einſtige Kraft erinnert. Haben gleich —— o) Ich weiß unglücklichen beizuſpringen. 91 die Männer von Thule aufgehort, Kämpen zu ſeyn und den Raben ein Mahl zu bereiten, ſo haben doch die Weiber die Künſte nicht vergeſſen, die ihre Ahnfrauen zu Königinnen und Prophetinnen erhoben.“ Die Frau, welche dieſe ſonderbaren Worte ſprach, war eben ſo ausgezeichnet durch ihr Aeußeres als emporſtrebend in ihren Anſpruͤchen und hochtönend in ihrer Sprache. Wohl würde ſie auf der Bühne, ſoweit als Züge, Stimme und Geſtalt dazu nöthig waren, die Bacdma oder Boadi⸗ cea der Britten, oder die weiſe Yellada, Aurinia, oder andere begeiſterte Seherinnen haben darſtellen können, welche einen Stamm der alten Gothen in den Kampf führ⸗ ten. Ihre Züge waren edel und woylgebildet, und würden ſogar für ſchön haben gelten können, haͤtten ſie nicht durch die Furchen, welche die Zeit hinterlaſſen, und durch die ſtren⸗ ge Witterung des Landes, der ſie ſich ausgeſetzt, gelitten. Das Alter und vielleicht der Kummer, hatten das Feuer ei⸗ nes dunkelblauen Auges, deſſen Farbe ſich beinahe dem Schwarzen naͤherte, ſehr gemildert, und den Theil ihres Haares, welcher unter der Muͤtze hervorblickte und bei der Gewalt des Sturms wild umherflog, mit Schnee bedeckt. Ihr, von Waſſer triefendes Oberkleid, war von einem gro⸗ ben dunkelfarbigen Zeuge, Wadmaral genannt, welches da⸗ mals auf den ſhetlaͤndiſchen Inſeln, ſo wie auch in Island und Norwegen, ſehr in Gebrauch war. Als ſie aber dieſen Mantel von den Schultern zurückwarf, ward ein kurzes Wamms von dunkelblauem Sammet, mit Figuren bedruckt, ſichtbar; die Unterweſte, welche dazu gehörte, war von hoch⸗ rother Farbe, mit abgetragener ſilberner Stickerei, ihr Gür⸗ tel war mit ſilbernen Zierrathen benaͤht, welche die Geſtalt der Himmelszeichen hatten, und ihre blaue Schürze,⸗ mit 52 ähnlichen Zeichen geſtickt, bedeckte einen Rock von hochrothem Tuche. Starke dicke Schuhe von dem halbgegerbteu Leder des Landes, waren mit Riemen, wie die der roͤmiſchen Ko⸗ thurne über ihre ſcharlachenen Struͤmpfe gebunden. In dem Gürtel trug ſie eine ſonderbar ausſehende Waffe, welche entweder— je nachdem die Einbildungskraft des Beſchau⸗ ers die Trägerin für eine Prieſterin oder für eine Zauberin anſehen mochte— für ein Opfermeſſer oder für einen Dolch gelten konnte. In der Hand hielt ſie einen, auf al⸗ len Seiten eckigen Stab, mit eingegrabenen roͤmiſchen Schriftzügen und Bildern, einen der tragbaren und immer⸗ waͤhrenden Kalender, deſſen ſich die alten Bewohner Scan⸗ dinaviens bedienten, der aber, in den Augen der Abergläubi⸗ gen, ſehr leicht für einen Zauberſtab gelten konnte. So waren das Aeußere, die Züge und der Anzug Norna's von Fitful⸗Head, welche viele von den Ein⸗ gebornen mit Aufmerkſamkeit, viele mit Furcht und faſt alle mit einer Art Verehrung betrachteten. In jedem andern Theile von Schottland würden ſelbſt weniger verdächtige Umſtaͤnde ſie vor jene grauſamen Richter gebracht haben⸗ welche damals oft mit der Machtvollkommenheit des Staats⸗ raths bekleidet waren, um alle diejenige, welche der Hexerei oder Zauberei angeklagt waren, verfolgen, foltern und end⸗ lich den Flammen überliefern zu laſſen. Ein Aberglauben dieſer Art geht indeß zwei Perioden durch, ehe er gänzlich außer Gebrauch kommt. In den frühern Zeiten des menſch⸗ lichen Geſellſchaftslebens werden dieienigen verehrt, von de⸗ nen man glaubt, daß ſie ſich im Beſitz übernatürlicher Kräfte befinden. Sobald Religion und Kenntniſſe ſich wei⸗ ter ausbreiten, werden ſie erſt gehaßt und verabſcheut, dann aver als Betrüger angeſehen!— Schottland war ſchon in 9³ der zweiten Periode; die Furcht vor der Hererei war groß und der Haß gegen die, welche man deswegen in Ver⸗ dacht hatte, tief eingewurzelt. Shetland war dagegen noch eine kleine Welt für ſich, wo, unter der niedrigen und rohe⸗ ren Klaſſe, von dem alten nordiſchen Aberglauben gerade das übrig geblieben war, was die urſprüngliche Verehrung vor allen denjenigen beſtaͤrken mochte, welche eine uͤbernatuͤr⸗ liche Kenntniß und Macht über die Elemente zu beſitzen vorgaben, eine Verehrung, welche einen Haupttheil des alten ſcandinaviſchen Glaubensſyſtems ausmachte. Wenn die Ein⸗ gebornen von Thule auch zugaben daß ein Theil der Zaube⸗ rer ſeine Wunder vermittelſt ſeines Bundes mit dem Satan verrichte, ſo hatten ſie doch den frommen Glauben, daß An⸗ dere mit Geiſtern einer verſchiedenen und weniger gehäſſi⸗ gen Klaſſe verbunden wären— nehmlich mit den alten Zwer⸗ gen, welche in Shetland den Namen Trau's oder Draun'’s fuͤhrten, den neueren Feen und ſo weiter. Unter denjenigen, von welchen man glaubte, daß ſie mit koͤrperloſen Geiſtern im Bunde wären, ſtand dieſe Nor⸗ na(welche von einer Familie abſtammte, die ſchon lange im Beſitze ſolcher Gaben zu ſeyn behauptete) ſo hoch oben an, daß der Name, den ſie führte, und welcher eine der Schick⸗ ſalsſchweſtern bedeutet, die den Faden des menſchlichen Le⸗ bens ſpinnen, ihr zur Ehre ihrer übernatürlichen Gaben bei⸗ gelegt worden war. In dieſen Zeiten regte ſich nur ein Zaheifel über den Umſtand, ob dieſe Gaben auch durch recht⸗ mäßige Mittel erlangt worden ſeyen; gewiß iſt es aber, das ſie ihre Rolle mit einem ſo großen Selbſtvertrauen und ſo ausgezeichneter Würde in Blick und Geberde ſpielte, und zu gleicher Zeit eine ſolche Kraft der Sprache und einen ſo großen Nachdruck in allen ihren Handlungen an den Tag 94 legte, daß ſelbſt der groͤßte Zweifler der Wirklichkeit ihrer Begeiſterung nicht gemißtraut haben wuͤrde, wenn er ſich auch ein Laͤcheln uͤber die daraus entſpringenden Anſpruͤche erlaubt haben moͤchte. Sechstes Kapitel. Habt ihr, durch euere Kunſt, Die wilden Wellen ſo bewegt, ſo ſänftigt ſie⸗ Der Sturm. Der Sturm hatte, kurz vor Norna's Eintritt, ſich et⸗ was gelegt, ſonſt duͤrfte ſie es wohl unmoͤglich gefunden haben, waͤhrend ſeiner Heftigkeit ihre Reiſe fortzuſetzen. Kaum hatte ſie indeß ſo unerwartet die Geſellſchaft ver⸗ mehrt, welche der Zufall in Triptolemus Wohnung verſam⸗ meit hatte, als auch der Sturm wieder mit ſeiner vorigen Heftigkeit zu wuͤthen begann, und um das Gebaͤude her ſo furchtbar tobte, daß die Bewohner deſſelben alle Augen⸗ blicke es uͤber ihren Haͤuptern zuſammenſtuͤrzen zu ſehen befuͤrchteten. 8 Jungfrau Baby machte ihrer Furcht durch laute Aus⸗ rufüngen Luft:„Gott ſchuͤtze uns— dieß iſt gewiß der jüngſte Tag— was fuͤr ein Land iſt dieß, wo nichts als Zauberer und Hexen ſind! Und Du, Du Dummkopf,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich zu ihrem Bruder wandte, denn alle ihre Leidenſchaften hatten immer etwas Beſſeres in ſich:„die ſchoͤnen Mearns zu verlaſſen, um hieher zu kom⸗ men, wo man im Hauſe nichts hat, als unverſchaͤmte Bett⸗ ler und Hauſirer, und des Himmels Zorn draußen!“ Ich ſage Dir, Schweſter Baby, antworrtete der belei⸗ digte Landwirth: daß Alles anders und beſſer werden ſoll; ausgenommen— fuͤgte er halblaut hinzu— die uͤble Laune eines boͤſen Weibes, das ſelbſt im Sturm ihre Schelt⸗ worte nicht zuruͤckhalten kann. Die alte Magd und der Hauſtrer erſchoͤpften ſich un⸗ terdeſſen in Bitten gegen Norna, wovon, da dieſe in nor⸗ wegiſcher Sprache vorgebracht wurden, der Hausherr nichts verſtand. Sie hoͤrte dieſe mit einer ſtolzen und unerweichten Miene an, und antwortete endlich laut, auf Engliſch:„Ich will nicht. Und wenn dieß Haus vor Morgen in ſeinen Trümmern da laͤge, was wuͤrde die Welt an dem verwirr⸗ ten Planmacher, an den knauſerigen Filzen verlieren, wel⸗ che es jetzt bewohnen? Sind ſie hergekommen, unſere ſhet⸗ laͤndiſchen Sitten neu zu geſtalten, ſo moͤgen ſie auch ver⸗ ſuchen, was ein ſhetlaͤndiſcher Sturm iſt.— Wer nicht mit untergehen will, verlaſſe dieß Haus.“ Der Hauſirer ergriff ſein kleines Buͤndel, und begann es haſtig auf ſeinen Ruͤcken zu ſchnuͤren, die alte Magd warf ihren Mantel um die Schultern, und Beide ſchienen im Begriff, aus dem Hauſe zu gehen. Triptolemus Yellowley, auf den dieſe Anſtalten eink⸗ gen Eindruck zu machen ſchienen, fragte Mordaunt mit ei⸗ ner vor Furcht zitternden Stimme: ob er glaube, daß wirk⸗ lich einige, das heißt, ſo viele Gefahr vorhanden ſey? „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Juͤngling:„allein ich habe nie ſo einen Sturm geſehen. Norna wird uns am beſten ſagen koͤnnen, wann er ſich legen wird, denn nie⸗ mand verſteht ſich auf dieſen Inſeln beſſer auf das Wes⸗ ter, als ſie.“ . Und glaubſt Du, das kes alles ſey, was Norna thun koͤnne? antwortete die Sibylle: wiſſe, daß ihre Macht niche auf einen ſo engen Kreis beſchraͤnkt iſt! Hoͤre mich, Mor⸗ daunt, Juͤngling aus fremdem Lande, aber von wohlwol⸗ lendem Herzen— wirſt Du dieſe dem Verderben geweihte Staͤtte mit denen verlaſſen, welche ſich jetzt dazu anſchi⸗ cken, oder nicht? „Nein— ich werde es nicht thun, Norna,“ antwor⸗ tete Mordaunt:„ich kenne die Beweggruͤnde nicht, welche Dich vermögen, mich dazu zu veranlaſſen, und ich werde auf dieſe dunkeln Drohungen hin nicht aus einem Hauſe gehen, wo man mich bei einem Sturme, wie dieſer iſt, gaſtfreund⸗ lich aufgenommen hat. Wenn die Eigenthuͤmer deſſelben an unſeren Gebrauch unbeſchraͤnkter Gaſtfreiheit nicht ge⸗ woͤhnt ſind, ſo bin ich ihnen um ſo mehr verpflichtet, daß ſie ihren Sitten ungetreu geworden ſind, und wir ihre Thuͤr geoͤffnet haben.“ Es iſt doch ein braver Burſch— ſagte Baby, deren aberglaͤuriſche Gedanken durch die Drohungen der vermeint⸗ lichen Zauberin aufgeregt worden waren, und welche, bei aller ihrer habſuͤchtigen, engherzigen und neidiſchen Gemuͤths⸗ art, doch noch einige Funken eines hoͤheren Gefuͤhls in ſich hatte, das ſich mit den großartigen Geſinnungen Anderer in Einklang denken ließ, obgleich ſie es fuͤr zu koſtbar hielt, ſie ſelbſt zu haben.— Es iſt ein braver Burſch, wiederholte ſie: und werth, daß ich zehn Gaͤnſe fuͤr ihn kochte, oder briete, wenn ich ſie haͤtte. Ich ſtehe dafuͤr, er iſt aus ed⸗ lem Geſchlecht, und hat kein Bauernblut in ſeinen Adern. „Hoͤre mich, Juͤngling!“ ſagte Norna:„und entferne Dich aus dieſem Hauſe. Das Schickſal hat hohe Abſichten mit Dir. Du ſollſt nicht in dieſer Huͤtte bleiben, um un⸗ ter ihren elenden Truͤmmern, bei den Ueberbleibſeln ihrer noch elenderen Bewohner, begraben zu werden, desenkeben —— 2—— — A 8& NK—— 1 2 8 8 8 97 ſo wenig werth iſt, als der Hanslauch welcher jetzt auf ih⸗ rem Dache waͤchst, und welcher bald zwiſchen ihren verſtuͤm⸗ melten Gliedern zertruͤmmert da liegen wird.“ Ich— ich— ich werde weggehen, ſagte Yellowley, der, ungeachtet, daß er ſich bisher wie ein gelehrter und weiſer Mann geberdet, jetzt dennoch fuͤr den Ausgang die⸗ ſes Abentheuers beſorgt zu werden anfieng; denn das Haus war alt, und die Waͤnde krachten furchtbar bei dem An⸗ drange des Windes. 4 „Und warum?““ erwiederte ſeine Schweſter.„Ich hoffe, der Fuͤrſt der Finſterniß hat noch nicht ſo viel Macht uͤber die, welche nach Gottes Bilde geſchaffen ſind, daß ein gutes Haus uͤber ihren Haͤuptern zuſammenſtuͤrzen ſoll⸗ te, weil ein Bettelweib, wie dieſe(hier warf ſie einen furchtbaren Blick auf die Seheria), uns mit ihren hohen Worten gebieten zu koͤnnen glaubt, als ob wir Hunde waͤ⸗ ren, die zu ihren Fuͤßen kroͤchen?“ Ich wollte nur, ſagte Triptolemus, der ſich ſeiner Be⸗ wegung ſchaͤmte: nach der Gerſte ſehen, die ſich bei dieſem Sturme ſehr gelegt haben muß; aber wenn dieſe ehrliche Frau bei uns bleiben will, ſo moͤchte es wohl am beſten ſeyn, daß wir uns ruhig zuſammen niederſetzten, bis es wieder Wetter zur Arbeit geworden iſt. „Ehrliche Frau!“ wiederholte Baby:„ſchaͤndliche, ſpitzbuͤbiſche Zauberin!— hebe Dich weg, Abſcheuliche!“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich geradezu gegen Norna wandte: „„der, Schande treffe mich, ich ſchleudre den Hammer nach Dir 1 Norna warf ihr einen Blick der tiefſten Verachtung zu, ſchritt dann zum Fenſter, und ſchien in tiefe Betrach⸗ tung des Himmels verſunken, wäaͤhrend die alte Dienſtmagd, W. Seorp's Werke. CX. 7 Tronda, ſich ihrer Gebieterin naͤherte, und dieſe um alles, was einem Mann oder einer Frau theuer ſey, beſchwor, Norna von Fitful⸗Head nicht aufzubringen.„Es giebt keine ſolche Frau auf dem Feſtlande von Shetland,— ſie reitet auf einer jener Wolken davon, wie ein Mann auf einem Roſſe.“ „Ich hoffe, es noch zu erleben, ſie auf dem Dampfe einer Theertonne reiten zu ſehen, ſagte Jungfrau Babp: und das wird das beſte Noß ſuͤr ſie ſeyn. Noch einmal betrachtete Norna die wuͤthende Jung⸗ frau Baby mit einem Bliche jenes unausſprechlichen Hohns, den ihre ſtolze Miene ſo wohl auszudruͤcken wußte, und in⸗ dem ſie ſich dem Fenſter naͤherte, das gegen Nordweſten hinſah, aus welcher Weltgesend der Wind jetzt zu kommen ſchien, ſtand ſie einige Zeit lang mit uͤbereinandergeſchla⸗ genen Armen da, zu dem bleifarbigen Himmel hinaufblickend, der von dem dicken Geſtoͤber verfinſtert war, das, in ein⸗ zelues Schauern herankommend, von Zeit zu Zeit Augen⸗ blicen banger Erwartung zwiſchen dem ſchweigenden und wlieder ſich erhebenden Winde Platz Jachte. Norna ſah dieſem Kampfe der Elemente zu, wie je⸗ mand, der damit vertraut iſt, allein die ernſte Ruhe ihrer Geſichtszuͤge hatte eine Beimiſchung von Beklommenheit und dabei von Gebietendem, wie der Kabaliſt auf den Geiſt blickt, den er zwar ſelsſt herporgerufen hat, und von dem er weiß, daß er ſeinem Worte gehorſamen muß, der aber fuͤr einen Sterblichen dennoch etwas Furchterregendes be⸗ haͤlt. Die Anweſenden ſtanden in verſchiedenen Stellungen um ſie her, welche die Gefuͤhle eines Jeden andeuteten⸗ Mordaunt war, obgleich er die Gefahr, in der er ſich be⸗ fand, wohl erwog, dennoch mehr erwartungsvoll, als beſorgt. 99 Er hatte von Norna's vorgeblicher Gewalt uͤber die Ele⸗ mente gehoͤrt, und erwartete nun, eine Gelegenheit zu er⸗ halten, ein eigenes Urtheil uͤber die Wahrheit des Geruͤchts zu faͤllen. Triptolemus Yellowley war uͤber das, was die Graͤnzen ſeiner Polloſophie ſo weit zu uͤberſchreiten ſchien, ganz erſtaunt, und, die Wahrheit zu geſtehen, mehr er⸗ ſchrocken, als neugierig. Seine Schmeſter hatte nicht die geringſte Neugierde uͤber die Sache, wohl aber war es ſchwer, zu entſcheiden, ob aus ihren durchdringenden Augen und duͤnnen zuſammengepreßten Lippen mehr Zorn oder Furcht ſprach. Der Hauſirer und die alte Tronda hielten, in dem feſten Verkrauen, daß das Haus nie einſtuͤrzen wuͤrde, ſo lange die gefuͤrchtete Norna noch unter ſeinem Dache verweile, ſich bereit, in dem Augenblicke aufzubre⸗ chen, wo ſie es verlaſſen wuͤrde. 1 Nachdem Norna eine Zeit lang unbeweglich und im tiefſten Stillſchweigen den Himmel betrachtet, ſtreckte ſie auf einmal, mit einer langſamen und mgjeſtaͤtiſchen Geber⸗ de, ihren Stab von ſchwarzem Eichenholz gegen die Gegend des Himmels aus, von welcher der Wind am beftigſten wehte, und ſtimmte, mitten in ſeiner Wuth, eine norwe⸗ glſche Anrufung an, welche noch jetzt auf der Inſel Un ſt ſich unter dem Namen des Geſanges der Reim⸗Kennar erhalten hat, wiewohl Etnige ſie auch das Lied des Sturms nennen. Folgendes iſt eine freie Ueberſetzung davon, da es unmöoͤglich ſeyn wuͤrde, mehrere von den ellpptiſchen und metaphoriſchen Ausdruͤcken woͤrtlich wiederzugeben, welche der alten nordiſchen Dichtkunſt ſo eigenthümlich ſind. Stolzer Aar des ſernen Nordweſt, Der Du in der Kralle den Blitz trägſt, Du, deß rauſchende Schwingen den Oeean zur Wuth veitſchen⸗ Du, der Zerſtörer der Heerden⸗ der Zertrümmerer der Schiffe⸗ Im Schrei Deiner Wuth, Im Rauſchen Deiner mächtigen Flügel— Iſt gleich Deiner Stimme Laut wie das Geſchrei eines unterge⸗ henden Volks, Iſt gleich das Rauſchen Deiner Flügel gleich dem Gebrüll von zehntauſend Wogen— Höre mich, in Deinm Zorn und Deinem Grimm, Höre die Stimme der Reim⸗Kennar. 2. Du haſt die Fichten von Drontheim berührt, Ibre dunkelgrünen Häupter liegen neben den entwurzelten Stäm men, Du haſt den Ritter des Oceans berührt, Die hohe ndie ſtarke Barke des furchtlofen Raderers, Und ſie hat ihr Segel gebeugt, Das ſie nicht vor der Königsſlotte verhüllet; Du haſt berühret den Thurm, der ſein Haupt in die Wolken enr porſtreckt/ Den feſtaebaueten Thurm des Jaris der Vorzeit⸗ Und der Schlußſtein des Thurms Liegt auf dem gaſtlichen Herde; Doch Du ſollſt beugen Dich, ſtolzer Beſieger der Wolken Wenn Du höreſt die Stimme der Reim⸗Kennar⸗ 3. Es ſind Sprüche, die halten den Hirſh im Wald, 1 1 Ja, und wenn der dunkelfarbige Hund ihm ſchon auf der Sollr iſt’; Es ſind Sprüche, die hemmen des wilden Falken Flug⸗ 1 Wie des zahmen, der Kappe und Beinrieme trägt, Und der die Pfeife des Vogelſtellers kennt! Du, der Du ſpotteſt des Schrei'ns des ertrinkenden Sesms, Des Krachens des fallenden Forſtes, Des Aechzens zerſchmetterter Menſchen⸗ Wenn die Kirche zuſammenſtürzt, mitten im Gebet; 101 Doch giebt es noch Laute, auf die Du mußt hören, Wenn die Stimme der Reim⸗Kennar ſie tönt. 4. Genug des Wehs haſt auf den Wellen Du geſtiftet, Die Wittwe ringt die Hände am Ufer; Genug des Wzehs haſt Du geſtiftet auf dem Land, Der Acckersmann verzweifelnd die Arme verſchränkt; Höre auf mit dem Rauſchen der Schwingen, Laß den Orcean ruhen in ſeiner dunkelen Macht; Höre auf mit dem Blitzen der Angen, Laß den Blitzſtrahl ſchjafen im Waffenſaal Odin'’s, S Sey gehorſam meinen Worten, der Du unſichtbar den nord. 4 weſtlichen Himmel durcheilſt, Schlaf' auf die Stimme Norna's, der Reim⸗Jennar, Wir haben oben geſagt, daß Mordaunt von Natur ein Freund romantiſcher Dichtkunſt und romantiſcher Begeben⸗ heiten war; man wird es daher nicht uͤberraſchend finden, daß er mit großem Antheil auf die wilde Anrede hoͤrte, welche ſo, in dem Tone elner unbegraͤnzten Begeiſterung, an den unbezaͤhmteſten Wind der Windroſe gehalten wurde. Obaleich er aber, in dem Lande, wo er ſo lange gewohnt, ſoviel von den runiſchen Rolmen und von den nordiſchen Zauberſpruͤchen gehoͤrt hatte, ſo war er doch in dieſem Au⸗ genblicke keineswegs ſo leichtglaͤubig, daß er wirklich gemeint haͤtte, der Sturm, welcher vor kurzem noch ſo gewuͤthet hatte, und der jetzt abnahm, werde wirklich vor den Zau⸗ berverſen Norna's ſchweigen. Gewiß war es, daß der Wind ſich zu legen ſchien, und die befurchtete Gefahr ſchon vor⸗ uͤber war; allein es war keinesweas unwahrſcheinlich, daß dieſer Ausgang ſchon vor einiger Zeit von der Pytbia vor⸗ ausgeſehen worden war, welche ihn an Zeichen erkannt hatte, die denjenigen, die noch nicht lange im Lande ge⸗ 1⁰² weſen waren, oder auf ſolche Erſcheinungen keine genaue Aufmerkſamkeit gerichtet harten, leicht entgehen konnten. An Norna's Erfahrung zweifelte er nicht im Geriugſten, und dieſe reichte ſchon weit genug, um alles das zu erklaͤ⸗ ren, was in ihrem Betragen uͤbernatuͤrlich ſchien. Die uͤbrigen Anweſendeu waren leichter zu uͤberzen⸗ gen. Bei Tronda und dem Hauſirer war dieß wirklich ge⸗ ſchehen: ſie hatten ſchon lange an die volle Gewalt Norna's sber die Elemente geglaubt. Triptolemus und ſeine Schwe⸗ ſter aber ſtarrten einander mit verwunderten und ſchre⸗ ckeusvollen Blicken an, beſonders als der Wind ſich merk⸗ lich zu legen begann, was man waͤhrend der Zwiſchenraͤume der Strophen von Norna's Beſchwoͤrung ſehr deutllich be⸗ merken konnte. Dem letzten Verſe folgete ein langes Still⸗ ſchweigen, bis Norna ihren Geſang wieder anſing, jedoch mit veraͤnderter und ſanfterer Modulation der Stimme und der Weiſe. Aar der fernen nordweſtlichen Gewäſſer, Du vernahmſt die Stimme der Reim Kennar: Du zogeſt ein Deine ausgeſpannten Segel auf ihr Gebot, Und falteteſt ſie in Frieden zu Deiner Seite Dein Segen ſey mit Dir auf Deinem Rückpfade; Sanft ſey Dein Schlummer in den Höhlen des unbekannten Oceans, Ruhe, bis das Geſchick Dich wieder erweckt; Aar aus dem Nordweſten, Du vernahmſt die Stimme der Reim⸗ Kennar. „Das wuͤrde ein ſchoͤnes Lied ſeyn, um das Korn in der Erntezeit vor dem Auseinanderwehen zu bewahren,“ fluͤſterte der Landwirth ſeiner Schweſter zu:„wir muͤſſen ihr zureden, Baby— vielleicht lehrt ſie uns das Geheim⸗ niß fuͤr hundert Pfund Schottiſch.“ „Fuͤr ein Hundert Dummkoͤpfe, erwiederte Baby: biete 103 ihr fuͤnf Mark klingendes Geld! Alle Hexen, die ich in meinem Leben gekannt habe, waren ſo arm als Hlob. Norna wandte ſich zu ihnen, als ob ſie ihre Gedanken errathen haͤtte; vielleicht war dieß auch der Fall. Sie ſah an ihnen mit einem Blicke tiefer Verachtung voruͤber, ging dann zu dem Tiſche, auf welchem die Vorbereitung zu Barbara's maͤßegem Mahle bereits getroffen waren, fuͤllte aus einem irdenen Kruge mit Bland eine kleine hoͤlzerne Schaale, brach von einem Gerſtenkuchen ein einziges Stuck ab und wandte ſich, nachdem ſie gegeſſen und getrunken hatte, zu ihren unfreundlichen Wirthen. Ich danke Euch nicht,“ ſagte ſie:„fuͤr die Erfriſchung, die ich eben ge⸗ noſſen habe, denn Ihr habt mich nicht dazu gelrhen, und der Dank, den man einem Geizhals abſtattet, iſr wie der Thau des Himmels auf den Klippen von Foulah, der nichts dort findet, das er erfriſchen koͤnnte. Ich danke Euch nicht,“ wiederholte ſie, fuͤgte aber, indem ſie aus der Taſche einen ledernen Beutel zog, der ſehr groß und ſchwer zu ſeyn ſchien, hinzu:„ich bezahle Euch mit dem, was Euch mehr gelten wird, als die Danbbarkeit ſaͤmmtli⸗ cher Einwohner von Hiatland. Ihr ſollt nicht ſagen koͤn⸗ nen, daß Norna von Fitful⸗Head von Euerm Brode ge⸗ geſſen und aus Euerem Becher getrunken, und Euch dann bekuͤmmert um die Ausgabe, die ſie Euerem Hauſe verur⸗ ſacht zuruckgelaſſen habe.“ Indem ſie ſo ſagte, legte ſie eine kleine alte Muͤnze auf den Tiſch, auf welcher das rohe und halb verwiſchte Bildniß irgend eines alten nordi⸗ ſchen Königs zu ſehen war. Triptolemus und ſeine Schweſter eiferten mit großer Heftigkeit gegen dieſe Freigebigkeit; der Erſte ſagte, er haͤtte kein Wirthshaus, und die Andere rief aus:„Iſt 104 das Welb toll? Hat man je gehoͤrt, daß Einer aus dem edlen Hauſe Elinkſcale Speiſe fuͤr Geld gegeben haͤtte?“ Oder um Gotteswillen— brummte ihr Bruder fuͤr ſich— dabei bleib, Schweſter. „Was ſchwatzſt Du da wieder, Tropf,“ ſagte die freundliche Schweſter, welche ſogleich ſchloß, was er geſagt haben konnte„gieb der Frau ihr Ding wieder, und ſey froh, daß Du ſo loskommſt; morgen iſt es ein Schiefer⸗ ſtuͤck, oder gar etwas Aergeres!“ 3 Der ehrliche Verwalter nahm das Geldſtuͤck vom Ti⸗ ſche auf es wiederzugeben, konnte ſich aber nicht des Er⸗ ſtaunens verwehren, als er den Stempel ſah, und ſeine Ha⸗d ziiterte, als er es ſeiner Schweſter hinreichte. „Ja,“ ſagte die Seberin wiederum, als ob ſie die Gedanken des erſtaunten Paares auf ihren Geſichtern le⸗ ſen koͤunte:„Ihr habt dieſe Muͤnze ſchon früher geſehen — gebt wohl Acht, wie Ihr ſie brauchtl.— Sie bringt den Gelzigen und Kleinlichgeſinnten keinen Vortheil. Sie wurde in ehrenvoller Gefahr gewonnen, und muß mit eh⸗ renvoller Freigebigkeit ausgeſpendet werden. Der Schatz⸗ welcher unter dem kalten Heerde liegt, wird eines Tages, wie das vergrabene Talent, gegen ſeine habſuͤchtigen Beſi⸗ tzer zeugen! 1 Dieſe letzte dunkele Andeutung ſchien die Unruhe und, die Verwunderung der Jungfrau Baby und ihres Bruders auf das Peußerſte zu ſteigern. Die erſtere ſtammelte et⸗ was hervor, das einer Einladung an Norna glich, die Nacht uͤber bei ihnen zu bleiben, oder wenigſtens Theil an dem„Mirtagseſſen zu nehmen, wie ſie es anfaͤnglich nannte; als ſie aber auf die Geſellſchaft ſah, und ſich des kargen Inhalts des Topfes erinnerte, verbeſſerte ſie den 105 Ausdruck und hoffte nun, ſie wuͤrde mit einem Theil des „Imbiſſes“ verlieb nehmen, der auf dem Tiſche ſtehen ſolle, ehe ein Mann den Pflug abſpannen koͤnne. „Jch eſſe hier nicht, ich ſchlafe hier nicht,“ erwiederte Norna:„ja, ich enthebe Euch nicht allein meiner Gegen⸗ wart, vondern ich werde Euch auch von Eueren unwill⸗ kommenen Gaͤſten befreien.— Mordaunt“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich an den jungen Mordaunt wandte:„die ſchwarze Stunde iſt vorüber, und Dein Vater erwartet Dich die ſen Abend.“ Fuͤhrt Dich Dein Weg in jene Gegend? ſagte Mor⸗ daunt: ich will nur einen Biſſen eſſen und Dich dann auf dem Wege nnterſtuͤtzen, gute Mutter. Die Baͤche muͤſ⸗ ſen ausgetreten und die Reiſe ſehr gefahrlich ſeyn. „Unſere Wege liegen nach verſchiedener Nichtung,“ antwortete die Syville:„und Norna bedarf keines ſterb⸗ lichen Arms zu ihrer Unterſtuͤtzung auf dem Wege. Ich bin weit nach Oſten hin berufen, vor diejenigen, die meine Bahn zu ehnen wiſſen, Du aber, Bryce Suailsfoot,“ fuhr ſie fort, indem ſie zu dem Hauſirer fprach:„eile nach Sumbourgh; der Ruſt wird D ir eine reichliche Erndte be⸗ reitet haben, die des Einholens wohl werth iſt. Viel gute Waare wird jetzt auf einen neuen Eigenthuͤmer war⸗ tten, und der einſt ſorgſame Schiffer ſchläft ruhig im tiefen Meer und kufmmert ſich nicht darum, daß Ballen und Ki⸗ ſten gegen das ufer treiben.“ Nun, nun, gute Frau, euntwortete Snails ſoot: ich wuͤnſche niemanden den Tod meines eigenen Vortheils willen, und bin dankbar, wenn die Vorſehung meinem kleinen Gewerbe einiges Gedethen ſchenkt. Aber freilich iſt des einen Verluſt, des Andern Gewinn, und da dieſe 106 3 Stuͤrme alles am Lande zerſtoͤren, ſo iſt es ganz billig, daß ſie uns etwas zur See zukommen laſſen. So wlll ich denn auch, wie Ihr, Mutter, mir die Freihelt nehmen, ein Stuͤck Gerſtenbrod zu eſſen und einen Schluck Bland zu trinken, auch dieſem guten Herrn und der Frau guten Tag ſagen und danken, und mich ſogleich, nach Euerem Rath, auf den Weg nach Jarlshof machen. „Ja“ erwiederte die Seherin:„wo ein Aas iſt, ſam⸗ meln ſich die Adler, und wo ein Wrack am Ufer liegt, iſt der Hauſirer geſchaͤftig, zu kaufen, wie der Hayfiſch auf die Todten lauert.“ Dieſer Vorwurf, wenn es anders wirklich als ein ſolcher gemeint war, ſchien die Faſſungskraft des reiſenden Haͤndlers zu uͤberſteigen, der, ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf den zu erwartenden Gewinn gerichtet, den Schnapſack und die Elle ergriff und mit der in einem wilden Lande erlaubten Vertraulichkeit Mordauat fragte, ob er ihn nicht begleiten wolle. „Ich will noch mit Herrn Hellowley und Jungfran Barbara etwas zu Mittag eſſen und werde in einer halben Stunde aufbrechen.“ So will ich denn mein CTheil in die Hand nehmen, ſagte der Hauſirer. Mit dieſen Worten murmelte er ei⸗ nen kurzen Segen hin, nahm, ſo viel es Jungfrau Babys ſcharfe Augen anſchlugen, ungefaͤhr zwei Dritttheile des Brodes, that einen langen Zug aus dem Kruge mit Bland packte eine Handvoll der kleinen Fiſche, die man Sillochs nennt, und welche die Magd ſo eben auf den Tiſch geſetzt hatte, zuſammen, und verließ dann ohne weiteres das Zim⸗ mer. „Wahrhaftig,“ ſagte die ſo gepluͤnderte Jungfrau Ba⸗ 107 by:„das iſt Handelsmann Hunger und Durſt, wie die Leute ſagen. Wenn nur die Geſetze gegen die Landſtreicher in der Art vollſrreckt würden;— es verſteht ſich, daß ich meine Thür nicht vor verſtändigen Leuten ſchließen würde,“ ſagte ſie, indem ſie auf Mordaunt hinſah:„vorzuͤglich bei ſolchem zuͤngſten Tags Wetter. Aber ich ſehe, das arme Ding, die Gans ſteht auf dem Tiſche.“ Dieſe Worte ſprach ſie mit einem gewiſſen Tone des An⸗ theils an der geräucherten Gans, die, wenn ſie gleich ſeit langer Zeit eine lebloſe Bewohnerin ihres Schornſteins ge⸗ weſen war, doch der Jungfrau Baby in dieſem Zuſtande weit mehr nahe gieng, als jemals, wo ſie noch in den Wol⸗ ken ihr Geſchrei ertönen ließ. Mordaunt lachte, nahm ei⸗ nen Seſſel und wandte ſich dann um, noch Norna zu ſehen: allein dieſe war waͤhrend der Erörterung mit dem Hauſirer verſchwunden. „Ich bin froh, daß ſie fort iſt, das böͤſe Weib,“ ſagte Jungfrau Baby;„od ſie gleich das Geldſtück uns zur ewi⸗ gen Schande hier gelaſſen hat.“ „Still, Frau, ums Himmelswillen,“ ſagte Tronda Dronstochter:„wer weiß, wo ſie in dieſem Augenblicke ſeyn mag;— wir ſind nicht ſicher, daß ſie uns nicht hoͤrt, weun wir ſie auch nicht ſehen. Jungfrau Baby ſah ſich erſchrocken um, ſammelte ſich aber ſogleich wieder(denn ſie war von Natur eben ſo beherzt als heftig) und ſagte:„ich hieß ſie vorher ſich entfernen, und ich heiße ſie es noch, ſie mag mich hören oder ſehen, oder ſchon weit weg ſeyn, uͤber Block und Stein.— Und Du, Du einfältiger Dropf,“ ſagte ſie zu dem armen Yellowley: „was ſtehſt Du da und glotzeſt mich an?— Du willſt ein Student von St. Andrews ſeyn! Du haſt Gelehrſamkeit und lateiniſche Humanität ſtudiert, wie Du es nennſt, und fürchteſt Dich vor dem Gewäſch eines alten Bettelweibes? Sage Dein beſes Diſchgebet vom College, Menſch, und mag ſie nun eine Hexe ſeyn oder nicht, ſo wollen wir unſer Mit⸗ tagseſſen, ihr zum Trotz, verzehren, und was ihr Goldſtück betrifft, ſo ſoll man nie ſagen koͤnnen, daß ich ihr Geld ge⸗ nommen haͤtte. Ich will es irgend einem Armen gesen, das heißt, ich will es nach meinem Tode vermachen und es bis zu dem Tage als ein Zackpfennig behalten, und das heißt doch, es nicht wie gewoͤhnliches Geld brauchen. Sage alſo Dein beſtes diſchgebet her, Menſch, und laßt uns nun el⸗ ſen und trinken.“ Weit beſſer wär' es. Ihr ſagtet ein oremnus an den St. Nonald und würfet einen Sixpence über Euere linke Schul⸗ ter, Herr, ſagte Tronda. „Duamit Du ihn aufnehmen könneſt, Weibsbild,“ ver⸗ ſetzte die unverſoͤhnliche Junfrau Baby:„es wird lange dauern, bis Du auf eine andere Weiſe ſoviel verdienſt.— Setze Dich, Triptolemus, und höre auf die Worte des al⸗ bernen Weibes nicht.“ „Albern oder klug,“ autwortete Yellowley, ſehr betre⸗ ten:„ſie weiß mehr, als mir lieb iſt. Es war immer furcht⸗ bar, einen ſolchen Wind auf die Stimme von Fleiſch und Blut, wie wir ſelbſt, ſich legen zu ſehen,— und das, was ſie über den Herd ſagte, ich kann nicht umhin zu denken... „Wenu Du nicht umhin kannſt zu denken,“ ſagte Jung⸗ frau Baby ſehe ſpitzig:„ſo wirſt Du wenigſtens das Maul halten können.“ 3 Der Landwirth erwiederte nichts hierauf, ſondern ſetzte ſich zu dem kärglichen Mahle nieder und benahm ſich als Wirth mit ungewöhnlicher Herzlichkeit gegen ſeinen Gaſt, den 10⁰9 erſten der angekommenen Ungebetenen und der letzte von die⸗ ſen, der ſie verlaſſen ſollte. Die Sillochs verſchwanden ſehr ſchnell vom Tiſcde, und die geraͤucherte Gans mit ihrem Zu⸗ behör flog ſo gaͤnzlich davon, daß Tronda, welcher die Kno⸗ chen, zum Abſchälen, beſtimmt waren, wenig oder nichts mehr zu thun fand. Nach Tiſche brachte der Wirth ſeine Brantweinflaſche zum Vorſchein, allein Mordaunt, der über⸗ haupt beinahe ſo mäßig als ſein Vater war, machte von die⸗ ſem ungewöhnlichen Aufwande nur wenig Gebrauch. Während der Mahlzeit erfuhren jene Beiden ſo viel über den jungen Mordaunt und ſeinem Vater, daß ſelbſt Baby es nicht zugeben wollte, daß er ſeine naſſen Kleider wieder anlege und(auf die Gefahr, die Ausgaben dieſes Tages noch durch ein koſtbares Abendeſſen vergrößert zu ſe⸗ hen) in ihn drang, bis zum naͤchſten Morgen bei ihnen zu bleiben. Allein, was Norna geſagt, hatte das Verlangen des Jünglings, nach Hauſe zu kommen, doppelt ſtark erregt, auch bot das Haus(wie weit ſelbſt die Gaſtfreundlichkeit von Stourbourgh ſeinetwegen ausgedehnt worden war) keine beſonderen Anreizungen dar, ihn zum längeren Verweilen zu veranlaſſen. Er nahm alſo das Anerbieten des Verwal⸗ ters an, in deſſen Kleidern zu bleiben, verſprach, ſie zurück⸗ zuſenden und die ſeinigen holen zu laſſen, und nahm nun freundlichen Abſchied von ſeinem Wirthe und der Jungfrau Baby, welche letztere, ſo ſehr ſie den Verluſt ihrer Gans bedauerte, doch— da der Aufwand einmal gemacht werden mußte— ſich damit tröſtete, daß er eines ſo ſchbnen und muntern Jünglings wegen gemacht worden ſey. Siebentes Kapitel. Er thut nichts halb, der wilde Oesan: Die er erwürat, verſchlingt er; und ſo wird Sein graufer Schlund des Seemanns Tod; und Grab zugleich. Altes Schauſpiel. Zwiſchen Stourbourgh und Jarlshof waren zehn lange ſchottiſche Meilen, und obgleich der Wanderer nickt alle die Hinderniſſe zaͤhlte, welche Tamo' Shanter in den Weg tra⸗ ten— denn in einem Lande, wo es weder Hecken noch ſtei⸗ nerne Einfaſſungen giebt, können auch weder Oeffnungen noch Thore ſeyn— ſo war doch die Anzahl der Sewaͤſſer und Moore, uͤber die er auf ſeiner Wand ung zu gehen hatte, binreichend, um mit jenen in Vergleich zu treteu und ſeine Reiſe ſo beſchwerlich und gefahrvoll zu machen, als den berühmten Rückzug von Ayr. Indeſſen kamen we⸗ der Zauberer noch Hexen Mordaunt in den Weg. Der Tag war ſchon bedeutend lang, und er kam gluͤcklich um eilf Uhr Abends in Jarlshof an. Alles war ſtill und finſter um das Haus her, und erſt nachdem er zwei oder dreimal unter Swertha's Fenſter gepfiffen hatte, war das Zeichen beant: wortet. Bei dem erſten Tone verfiel Swertha in einen angeneh⸗ men Traum von einem jungen Wallfiſchfaͤnger, der vor ei⸗ nigen vierzig Jahren ein ſolches Zeichen unter dem Fenſter hes Hutte zu geben pflegte; bei dem zweiten erwachte ſie und erinnerte ſich jetzt, daß Johnnie Fea ſchon ſeit vielen Jahren unter dem Eiſe von Groͤnland ruhe, und daß ſie 111 jezt Herrn Morton's Haushaͤlterin zu Jarlshof ſey; bei dem dritten ſtand ſie auf und oͤffnete das Fenſter. 4 „Wer iſt denn noch,“ fragte ſie:„zu einer ſolchen Stunde in der Nacht da?“ „Ich bin's,“ antwortete der Juͤngling. „Und warum kommt Ihr denn nicht herein? Die Thuͤr iſt nur eingektinkt, und auf dem Kuͤchenherde iſt glimmen⸗ der Torf und ein Span daneben; Ihr koͤnnt Euer Licht daran anzuͤnden. Gauz gut, erwiederte Mordaunt: ich wollte aber nur wiſſen, wie ſich mein Vater beſindet. „Wie gewoͤhnlich, der gute Herr.— Er fragte nach Euch, Junker Mordaunt, Ihr macht aber auch zu weite und zu lange Spatziergaͤnge, junger Herr.“ Die finſtere Stunde iſt alſo voruͤber, Swerkha⸗ „Ja wohl, Junker Mordaunt,“ antwortete die Haus⸗ baͤlterin:„und Euer Vater iſt, nach ſeiner Ait, wirklich techt vernuͤnftig und gurmuͤthig. Ich ſprach ihn geſtern zweimal an, ohne daß er zuerſt zu mir geſprochen hatte; das erſte Mal antwortete er mir ſo hoͤflich, als Ihr es nur thun koͤnntet, und das naͤchſte Nal ſagte er, ich ſollte Ihn in Ruhe laſſen, und da dacht' ich dann, drei Male waͤre gerade Recht, und verſuchte es noch einmal, und da nannte er mich einen plaudrigen alten Satan, aber mit al⸗ ler Art und Hoͤflichkeit.“ Genug, genug Swertha, antwortete Mordaunt: nun ſteh' aber auf und ſchaffe mir etwas zu eſſen, denn ichhabe nur ein ſchlechtes Mittagsbrod gehabt. „Da ſeyd Ihr alſo gewiß bei den neuen Leuten in Stourbourgh geweſen, denn ich wuͤßte doch kein Haus auf den Inſeln, wo man Euch nicht das Beſte vom Beſten 112 gaͤbe, Habt Ihr Norna von Fitful⸗Head geſehen? Sie ging dieſen Morgen nach Stoursourgh, kam aber am Abend wieder zuruͤck.“ Kam zuruͤck? So iſt ſie hier? Aber wie konnte ſie drei Meilen und daruͤber in ſo kurzer Zeit zurucklegen? „Wer weiß es denn, wie ſie reiste?“ erwiederte Swer⸗ tha:„aber ich hoͤrte es mit meinen eigenen Ohren, wie ſie dem Ranzelmann erzaͤhlte, daß ſie heute nach Burgh⸗ Weſtra habe gehen wollen, um mit Minna Troil zu ſpre⸗ chen, daß ſie aber in Stourbourgh(ſie ſagte indeß Harfra, denn anders nannte ſie es nicht) etwas geſehen, das ſie be⸗ wogen habe, wieder hieher an unſern Ort zuruck zu kom⸗ men. Aber, geht nur herum, und Ihr ſollt ein gutes Abendeſſen haben. Unſere Speiſekammer iſt weder leer noch verſchloſſen, obgleich mein Herr ein Fremder und es bei ihm da oben nicht recht richtig iſt, wie der Ranzelmann ſagt.“. Mordaunt gieng alſo nach der Kuͤche herum wo Swer⸗ tha's Sorgfalt ihm bald ein reichliches, obgleich ganz eine faches Mahl verſetzte, welches ihn fuͤr die karge Bewirthung in Stourbourgh entſchaͤdigte. Am Morgen verließ der junge Mertonn, der ſich et⸗ 1 was erſchoͤpft fuͤhlte, das Bett ſpaͤter als gewoͤhnlich, ſo daß er, was ſonſt nicht der Fall war, ſeinen Vater bereits in dem Zimmer fand, wo ſie zu eſſen pflegten, und das uberhaupt zu ihren haͤuslichen Zwecken diente, ausgenom⸗ — men, daß es nicht als Schlafzimmer oder Kuͤche gebraucht wurde. Der Sohn begruͤßte den Vater mit ſtummer Chr⸗ furcht, und wartete, bis dieſer ihn anreden wuͤrde, „Du wareſtgeſtern nicht hier, Mordaunt,“ ſagte de Vater. Mordaunt war laͤnger als eine Woche ahweſend ge⸗ 113 geweſen, aber er hatte oͤfter bemerkt, daß ſein Vater ule gewahr wurde, wie die Zeit verging, ſo lange er ſeine truͤbe Laune hatte. Er bejahte alſo die Bemerkung des alten Herrn Mertoun. „Du wareſt in Burgh⸗Weſtra, nicht wahr?“ fuhr ſein Vater fort. Ja Vater!— erwiederte Mordaunt. Der aͤltere Mer⸗ toun ſchwieg eine Zeitlang, gieng die Stube, in tiefem Still⸗ ſchweigen und mit der Miene des duͤſteren Nachdenkens, auf und ab, und es ſchien, als ob er wieder in ſeine truͤbe Stimmung verfallen wollte. Ploͤtzlich wandte er ſich aber gegen ſeinen Sohn und ſagte, in fragendem Tone:„Mag⸗ nus Troil hat zwei Toͤchter,— es muͤſſen jetzt erwachſene Maͤdchen ſeyn; man halt ſie fuͤr ſchoͤn, nicht wahr?“ Allgemein, Vater! antwortete Mordaunt, uͤberraſcht, ſeinen Vater nach Perſonen von einem Geſchlecht fragen zu höͤren, von dem er gewoͤhnlich mit Geringſchaͤtzung zu ſprechen ſchien. Dieſe Ueberraſchung wuchs aber noch bei des Vaters naͤchſter Frage, die eben ſo kurz, als die erſtere gethan wurde. „Welche haͤltſt Du fuͤr die ſchoͤnſte?“. Ich, Vater? erwiederte der Sohn mit einiger Ver⸗ wunderung, aber ohne Verlegenheit: wahrhaftig, ich kann daruͤber nicht urtheilen, ich habe nie daruͤber nachgedacht, welche die ſchoͤnſte ſey. Es ſind beides ſehr huͤbſche junge Frauenzimmer. 4 „Du weichſt meiner Frage aus, Mordaunt, und doch habe ich vielleicht beſondere Gruͤnde, deren wegen ich es wuͤnſchen moͤchte, Deinen Geſchmack in dieſer Hinſicht zu wiſſen. Ichzverliere nicht gern unnutz meine Worte. Ich W. Scoti's Werke. CX. 3 838 114 frage Dich noch einmal, welche von Magnus Troil's Töch⸗ tern Du fur die ſchönſte häͤltſt?“ Wahrhaftig, Vater.... antwortete Mordaunt: aber Sie ſcherzen nur, daß Sie mir eine ſolche Frage verlegen. „Junger Menſch,“ antwortete Mertoun, mit Augen, die vor Ungeduld zu rollen und zu blitzen begannen:„ich ſcherze nie. Ich verlange eine Antwort auf meine Frage.“ Nun, auf mein Wort, Vater, ſagte Mordaunt: ich kann zwi⸗ ſchen den jungen Damen nicht entſcheiden,— ſie ſind Beide ſehr hübſch, aber keinesweges einander ähnlich. Minna hat dunkles Haar und iſt ernſter, als ihre Schweſter,— eenſter, aber keineswegs gräͤmlich oder düſter. „Hm,“ antwortete der Vater:„Du biſt ſehr ernſt er⸗ zogen, und dieſe Minna gefällt Dir alo am beſten?“ Nein Vater, wahrhaftig, ich kann ihr keinen Vorzug vor ihrer Schweſter Brenda geben, die ſo ſröhlich iſt, als ein Lamm an einem Frühlingsmorgen; ſie iſt nicht ſo groß, als ihre Schweſter, aber ſo wohlgebaut und eine ſo vortreffliche Tän⸗ zerin.... „Daß ſie ſich am beſten dazu ſchickt, einen jungen Mann zu erheitern, der ein langweiliges Haus und einen trübſinni⸗ gen Vater hat,“ ſagte Herr Mertoun. Nichts war in ſeines Vaters Betragen Mordaunt je ſo als die Beharrlichkeit, mit der er ein Thema zu das ſeiner gewohnten Gedankenrichtung und Geſprächsweiſe ſo wenig entſprach. Er begnügte ſich indeſſen, noch einmal zu antworten.: daß die beiden jungen Damen die hoͤchſte Bewunderung verdienten, daß er ſie aber nie in Gedanken verglichen, und dann Eine niedriger als die An⸗ dere geſtelt habe; daß ein Anderer vielleicht beſſer zwiſchen znen eniſcheiden könnte, je nachdem er einer ernſten oder.ei⸗ aufgefallen, vertolgen ſchien, 115 ner fröhlichen Gemuͤthsſtimmung, einer dunkeln oder lichten Geſichtsfarbe den Vorzug gäbe; daß Er aber an der Einen keine ausgezeichnete Eigenſchaft bemerkt, die nicht von einer gleich anziehenden bei der Andern aufgewogen werde. Es iſt leicht möglich, daß die Ruhe, mit welcher Mor⸗ daunt dieſe Erklärung von ſich gab, den Vater, in Rückſicht auf das, was er zu erfahren wünſchte, nicht ſonderlich be⸗ friedigen mochte; allein Swertha trat in dieſem Augenblicke mit dem Frühſtück ein, und der Jüngling nahm, trotz des ſpaͤten Abendeſſens, das er genoſſen, das Mahl mit ſo großer Eßhluſt zu ſich, daß Mertoun ſich bald uͤberzeugt hielt, ſein Sohn ſehe dieß als etwas bei weitem Wichtigeres an, als die vorhergegangene Unterhaltung, und habe über den Ge⸗ genſtand nichis weiter zu ſagen, als was er ſchon erklaͤrt habe. Er hielt daher die Hand über die Augen, und blickte den Jüngling lange unverwandt an, der mit ſeinem Morgen⸗ mahle emſig beſchäftigt war. Keine ſeiner Bewegungen ver⸗ rieth Befangenheit oder das Bewußtſeyn, als werde er be⸗ obachtet; alles war frei, natürlich und offen. „Sein Gemüuͤth iſt noch uneingenommen,“ ſagte Mertoun für ſich hin:„ſo jung, ſo lebendig, ſo voll von Einbildungs⸗ kraft, ſo ſchön und ſo anziehend von Geſicht und Geſtalt, iſt es ſonderbar, daß er, in ſeinem Alter und unter ſeinen Verhältniſſen, den Schlingen entgangen ſeyn ſollte, in wel⸗ chen ſich die ganze Welt fängt.“ Als das Frühſtuck vorüber war, nahm der ältere Mer⸗ toun, ſtatt wie gewöhnlich anzuordnen, daß ſein Sohn, der ſeiner Befehle wartete, dieſes ober jenes Studium vornehmen ſolle, ſeinen Hut und Stock, und hieß Mordaunt ihn auf die Spitze der Klippe, Sumburgh⸗Head geuannt, begleiten, um von dort aus auf dasi Meer zu ſehen, das von dem Sturme .» 116 des vorigen Tages her noch in großer Bemegung ſeyn mußte. Mordaunt war in dem Alter, wo junge Leute willig ſitzende Beſchäftigungen mit thätiger Bewegung vertauſchen; er ſprang daher ſogleich auf, ſeines Vaters Befehlen zu gehorchen, und nach wenigen Minuten ſtiegen ſie ſchon den Hügel hinan, der— vvn der Landſeite einen langen, ſteil hinangehenden, mir Gras bewachſenen Abhang bildend— vom Gipfel herab bis zur See plötzlich in einen ſchroffen, furchtbaren Abgrund ſehen laßt. Der Tag war herrlich, und die Luft gerade ſo bewegt, daß die kleinen wolligen Woͤlkchen, welche am Horizont ver⸗ ſtreut waren, nicht an einer Stelle blieben, ſondern, von Zeit zu Zeit über die Sonne hinweggehend, die Landſchaft abwechſelnd in dem Licht und Schatten erſcheinen ließen, der oft einer kablen, dem Auge unabgeſchloſſen erſcheinenden Ge⸗ gend, wenigſtens auf einige Zeit, eine Art von Zauber leiht, welcher etwas von der Mannigfaltigkeit eines angebauten und bepſlanzten Geſildes verräth. Tauſend flüchtige Tinten von Schatten und Lic 3 Felſen und Buchten, welche, je höher die Wanderer hinan⸗ klimmten, ſich immer weiter und weiter vor ihnen ausbrei⸗ teten. Der aͤltere Mert eine Zeit lang glaubte der Sohn, heiten der Gegend zu genießen; al her hinaufſtiegen, bemerkte er, daß ſein Athem kürzer und ſeine Schritte wankender und mühſamer wurden, und ſah, nicht ohne einige Unruhe, daß ſeines Vaters Kraft für den Augenblick erſchöpft ſey⸗ ſchw daher näher an ihn er verweile, um die Schöͤn⸗ ht flogen über das wilde Moor, und die pun blieb oft ſtehen und blickte umber; s ſie aber den Hügel hb⸗ und daß er das Hinanſteigen be⸗ erlicher und angreifender als gewöhnlich finde. Er ging heran, und freichte ihm tiillſchweigend ſeinen Arm, ein Dienſt, welchen die Ehrerbietung der Jugend gegen das Alter und Mordaunt's kindliche Liebe natürlich machte und den Mertoun Anfangs in dieſem Sinne zu ge⸗ nehmigen ſchien, denn er nahm ſtillſchweigend die ihm dar⸗ gebotene Hülfe an. n Der Pater bediente ſich indeß nur einige Minuten lang der Unterſtutzung ſeines Sohnes. Sie waren noch nicht hun⸗ dert Schritte weiter gegangen, als er Mordaunt plötzlich, ja beinahe mit Nauhheit, von ſich ſtieß, und, als ob irgend eine Erinnerung ihm doppelte Kräfte gäbe, mit ſo großen und ſchnellen Schritten den Abhang hinanzuſteigen begann, daß Mordaunt alle Mühe hatte, ihm zur Seite zu bleiben. Er kannte ſeines Vaters eigenthümliches Weſen und wußte aus manchen unbedeutenden Umſtänden, daß er, trotz der Sors⸗ falt, die er auf ſeine Erziehung verwendet, und obgleich er der einzige Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit auf Erden zu ſeyn ſchien, ihn dennoch nicht liebte. Nie hatte er indeß dieſe Ueberzeugung lebendiger erhaten, als durch die haſtige Rauhheit mit der Mertoun von ſeinem Sohne den Beiſtand zurückwies, welchen ſonſt ältere Leute gern von jüngeren an⸗ nehmen, mit denen ſie ſelbſt nur entfernter bekannt ſind, und zwar als einen Zoll, der gleich angenehm zu entrichten und zu empfangen iſt. Mertoun ſchien indeß den Eindruck nicht zu bemerken, welchen ſeine Unfreundlichkeit auf die Gefühle ſeines Sohnes hervorgebracht hatte. Er blieb auf einer Flaͤ⸗ che ſtehen, die ſie jetzt erreicht hatten, und ſagte zu ſeinem Sohne in einem Ton der Gleichguͤltigkeit, der etwas erkün⸗ ſtelt zu ſeyn ſchien: „Da Du ſo wenig Veranlaſſung haſt, Mordaunt, auf dieſen wilden Inſeln zu bleiben, ſo haſt Du wohl zuweilen den Wunſch gehabt, Dich etwas weiter in ſehen?“ 4 Auf mein Wort, Vater, erwiederte Mordaunt: ich kann nicht ſagen, daß ich je an ſo etwas gedacht hätte. „Und warum nicht, junger Menſch? fragte der Vater: „ich dächte, das waͤre in Deinem Alter ſehr natuͤrlich. In Deinem Alter konnte mir das ſchöne lachende England kaum genügen, geſchweige denn ſo ein ſeeumgürtetes Stück Torf⸗ moor, wie dieß.“ Ich habe nie daran gedacht, Shetland zu verlaſſen, Va⸗ ter, erwiederte der Sohn: ich bin hier glücklich, und habe Freunde hier. Selbſt Sie, Vater, würden mich vermiſſen, wenn Sie nicht etwa... „Du wirſt mich doch nicht uͤberreden wollen,“ ſagte der Vater etwas haſtig:„daß Du meinetwegen hier bleibſt, oder länger hier bleiben wilſt?“ Warum nicht, Vater? antwortete Mordaunt ſanft: es iſt meine Pflicht, und ich hoffe, ich habe ſie bis jetzt er⸗ füllt. „Ja ſo,“ wiederholte der Vater in dem vorigen Tone: „Deine Pflicht— Deine Pflicht. So iſt es auch die Pflicht des Hundes, dem Diener des Hauſes zu folgen, der ihn fuͤttert.“ Und thut er das nicht immer? ſagte Mordaunt. „O ja,“ ſagte der Vater, indem er ſich abwandte: „aber er wedelt nur, wenn man ihm liebkost.“ Ich hoffe, Vater, antwortete Mordaunt: daß mir darin nichts vorzuwerfen iſt? „Nichts mehr davon,— nichts mehr davon,“ ſagte Mertoun kurz:„wir haben lang Beide genug für einander gethan,— wir müſſen uns bald treunen,— laß das aunſere der Welt umzu⸗ — Beruhigung ſeyn, wenn unſere Trennung eine ſolche erfordern ſollte.“. Ich werde immer bereit ſeyn, Ihren Wünſchen nachzu⸗ leben, ſagte Mordaunt, der mit der Ausſicht, weiter in die Welt zu kommen, gar nicht unzufrieden war: Wahrſcheinlich werden Sie mich meine Reiſe mit einer Ausflucht auf den Wallfiſchfang beginnen laſſen? „Wallfiſchfang!“ erwiederte Mertoun:„das wäͤre aller⸗ dings ein Weg, die Welt zu ſehen, aber Du ſprichſt, wie Du es verſtehſt. Genug davon fuͤr jetzt. Sage mir, wo fandeſt Du ein Obdach bei dem geſtrigen Sturm?“ In Stourbourgh, dem Hauſe des neuen Verwalters aus Schottland. „Ein pedantiſcher, überſpannter, träumender Planma⸗ cher,“ ſagte Merioun;„und wen fandeſt Du dort?““ Seine! Schweſter, erwiederte Mertoun: und die alte Norna von Fitful⸗Head. „Was! die die ſo mächtige Zauberſprüche weiß,“ ant⸗ wortete Mertoun mit einem höhniſchen Lächeln:„die den Wind wenden kann, wenn ſie ihr Kopfluch auf die eine Seite zieht, wie König Erich, wenn er ſeine Mütze umwandte? Die Frau macht weite Reiſen,— wie geht es ihr? Hat ſie ſchon viele Reichthümer damit erworben, daß ſie denen, die in den Hafen einlaufen wollen, günſtigen Wind verkauft?“ Ich weiß es wirklich nicht, Vater, ſagte Mordaunt, den gewiſſe Erinnerungen nicht in ſeines Vaters Laune einſtim⸗ men ließen. „Du hältſt die Sache für zu ernſthaft, um damit Scherz zu treiben, oder vielleicht die Waare fuͤr zu leicht, Dich dar⸗ um zu bekuͤmmern,“ ſuhr Mertoun in demſelben ſpöttiſchen Tone fort, die einzige Anſtrengung, die ſeine Laune zu ge⸗ 120 ſtatten ſchien:„aber überlege nur die Sache genauer. Alles in der Welt wird gelauft und verkauft, warum nicht auch der Wind, wenn der Kaufmann Käufer finden kann? Die Erde iſt verpachtet, von ihrer Oberfläde bis zu den Berg⸗ werken in ihrem Innerſten; das Feuer und die Mittel, es zu nähren, werden ganz in der Ordnung gekauft und ver⸗ kauft; die Elenden, welche den ungeſtümen Ocean mit ihren Netzen beſtreichen, bezahlen ihren Zoll für das Vorrecht, darin zu ertrinken. Und warum ſollte die Luft von dieſem allge⸗ meinen Handel ausgeſchloſſen blelben? Alles auf der Erde, unter ihr, um ſie her, hat ſeinen Preis, ſeine Verkäufer, ſeine Käaufer. In vielen Laͤndern verkaufen Dir die Prieſter einen Theil des Himmels,— überall aber ſind die Leute bereit, gegen Geſundheit, Reichthum und Gewiſſensfrieden einen ge⸗ börigen Theil der Hölle zu kaufen. Und warum ſollte Norna nicht ihren Handel treiben?“ Nun ich weiß keinen Grund dagegen anzuführen, erwie⸗ derte Mordaunt: nur wünſche ich, ſie ſchluͤge ihre Waare in kleineren Quantitäten ios. Geſtern handelte ſie im Gan⸗ zen,— wer mit ihr ſich einließ, bekam zu viel fuͤr ſein Geld. „So iſt es,“ ſagte der Vater, indem er am Rande des wilden Vorgebirges ſtehen blieb, den ſie erreicht hatten, und wo der Felſen ſchroff zum weiten und ſtürmiſchen Meere hin⸗ abgeht:„und die Spuren ſind noch ſichtbar.““ Der Vordertheil dieſes hohen Vorgebirges beſteht aus weichem und bröckligem Sandſtein, der allmählig der Einwir⸗ kung der Atmoſphäre weicht und ſich in große Maſſen zer⸗ ſpaltet, welche locker üͤber dem Rande des Argrundes hangen, und, durch die Wuth der Stürme losgeriſſen, oft mit großer Gewalt in die toſenden Wogen hinabſtürzen, welche den Juß 121 1 des Felſens peitſchen. Viele von dieſen gewaltigen Bruch⸗ ſtuͤcken liegen am Fuße der Klippen umber, von denen ſie herabgeſtuͤrzt ſind, und zwiſchen dleſen ſchaͤumt und brauſt die Flut mit einer dieſen Breiten eigenthuͤmlichen Wuth. In dem Augenblicke. wo Mertonn und ſein Sohn von der Spitze des Felſens herabblickten war das weite Meer noch von dem geſtrigen Sturme unruhig dewegt, der zu heftig gewefen war, um ſich ſchnell zu legen. Die Flut ſchlug deswegen mit einem Geraͤuſch an das Ufer, welches das Ohr betaͤubte und das Auge ſchwindeln machte, Allem, das ſie in ihre Gewalt hinabzieben wuͤrde, angenblickliche Zerſtoͤrung drohend. Der Anhlick der Natur in ihrer Pracht, in ihrer Schoͤnbeit, oder in ihren Schrecken, hat zu jeder Zeit etwas Ueberwaͤltigendes, deſſen Elndrued ſelbſt die Gewohnheit nicht ſchwaͤchen kann, und Vater und Sohn ſetzten ſich auf die Klippe, auf den ungemeſſenen Kampf der Wellen hinzublicken, welche in ihrem Zorn bis aun den Fuß des Abgrundes rollten.— Auf einmal ſprang Mordaunt, deſſen Augen ſchaͤrfer und deſſen Aufmerkſamkeit wahrſcheinlich reger wan⸗ als die ſeines Vaters, auf, und rief:„Gott im Himmell ds iſt ein Fahrzeng im Ruſt 1*) Mertoun dlickte nach Nordweſten und ſah einen Ge⸗ genſtand in der ſchaͤumenden Flut.„Ich ſehe kein Segel darauf,“ ſagte er, und fuͤgte gleich darauf, als er burch ſein Augenglas hingeſehen hatte, binzu:„es iſt entma⸗ ket und liegt als Wrack auf dem Waſſer.““ Und tkeibt auf Sumburgh⸗Head zu, ſagte Mordaunt 42 In der Stroömung, voll Schrecken: ohne das geringſte Mittel, um das Vor⸗ gebuͤrge zu kommen. „Es macht keine Bewegung,“ erwjederte der Vater: „wahrſcheinlich iſt es von der Mannſchaft verlaſſen.“ Und an einem ſoſchen Tage, wie geſtern, ſagte Mor⸗ daunt: wo kein offenes Boot auf der See bleiben konnte, ware es auch mit den beſten Seeleuten bemannt geweſen, die je ein Ruder gefuͤhrt haben, muͤſſen Alle untergegan⸗ gen ſeyn... „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte ſein Vater mit ernſter Faſſung:„und einſt ſpaͤter oder fruͤher, muͤßten doch alle untergegangen ſeyn. Was liegt daran, ob der Vogel⸗ ſteller, dem uſchts entgeht, ſie auf einmal von jenem zer⸗ truͤmmerten Verdeck weghaſchte, oder ob er ſie einzeln, wie der Zufall ſie ihm uͤberlieferte, in ſeine Krallen bekam? Was liegt daran? Das Verdeck, das Schlachtfeld haben eben die Gefahren fuͤr uns, wie unſer Tiſch und unſer Bett, und wir entgehen nur dem einen, um ein unbefrie⸗ digendes und ermuͤdendes Daſeyn fortzuleben, bis wir an dem andern ſterben. Ich wollte, die Stunde ware gekom⸗ men— die Stunde, deren Annaͤherung die Vernunft uns wuͤnſchen ließe, wenn nicht die Natur die Funcht davor uns ſo tief eingepflanzt haͤtte! Du wunderſt Dich uͤber ſol⸗ che Betrachtungen, weil das Leben Dir noch neu iſt. Ehe Du mein Alrer erreicht haben wirſt, werden ſie ſchon mit Deinen Gedanken verſchwiſtert ſeyn.“ Aber Vater, erwiederte Mordaunt: eln ſoſcher Wider⸗ willen gegen das Leben iſt doch nicht die natuͤrliche Folge eines vorgeruͤckten Alters? „Bei allen denen, welche nur das wahrhaft Schaͤtz⸗ bare zu ſchaͤtzen wiſſen, ſagte Mertonn.„Diejenigen, ——— ——— welche, wie Magnus Troll, ſoviel von den thieriſchen Nei⸗ gungen an ſich haben, daß ſie an der Sinnesbefriedigung Geſchmack finden, werden vielleicht wie die Thiere, mit dem reinen Daſeyn ſchon befeledigt ſeyn.“ Mordaunt gefiel weder die Lehre, noch das Beiſplel. Er war der Meinung, daß ein Mann, der ſeine Pflichten gegen Andre ſo gut beobachtete, als der gute alte Udaller, ein groͤßeres Recht darauf habe, die Sonne hell auf ſei⸗ nen Untergang ſcheinen zu ſehen, als das, welches ihm die bloße Unempfindlichkeit gebe. Aber er verfolgte das Geſvräch nicht welter, denn wenn er mit ſeinem Vater zu ſtreiten begann, ſo hatte dieß im⸗ mer die Folge, daß dieſer aufgebracht wurde, und ſo wand⸗ te er denn abermals ſeine Aufmerkſamkeit auf das Wrack. Der Schiffsrumpf, denn es war nichts weiter als das, war jetzt in der Mitte der Stroͤmung, und trieb mir gro⸗ ßer Schnelligkeit zu dem Fuße der Klippe hin, an deren Rande ſie ſtanden. Es dauerte indeſſen lange, ehe ſie den Gegenſtand deutlich erkennen konnten, welchen ſie zuerſt als ſchwarzen Fleck im Waſſer geſehen hatten, und der, etwas naͤher, wie ein Wallfiiſch erſchien, der bald kaum die Ruͤ⸗ ckenfloſſe uͤber das Waſſer erhebt, bald ſeine große ſchwar⸗ ze Seite zeigt. Jetzt konnten ſie indeß deutlicher die Ge⸗ ſtalt des Schiffes bemerken, denn die gewaltigen rollenden Wogen, welche es an die Kuͤſte hintrugen, hoben es bald hoch uͤber den Spiegel des Meeres empor, bald begruben ſie es in deſſen Tiefe. Es ſchien ein Fahrzeug von zwei bis drei hundert Tonnen und zur Vertheidigung eingerich⸗ tet zu ſeyn, denn man konnte die Stüͤckpforten ſehen. Es hatte wahrſcheinlich in dem Sturme am vorigen Tage ſeine Maſten verloren, und lag nun, mit Waſſer angefuͤllt, war das 124 auf den Wellen, eine Beute ihrer Wuth. Es ſchien ge⸗ wis, daß die Mannſchaft, als ſie geſehen, daß es un⸗ moͤglich ſey, des Soiffes Lauf zu lenken, oder es durch Pumpen zu retten, ſich in die Boote geworfen und das Schiff ſeinen Schickſale uͤberlaſſen habe. Alle Beſorgniſſe waren deswegen unnuͤtz, in ſo weit ſie den Untergang der Meuſch betrafen, und doch konnte Mordaunt und ſein Vater nicht ohne ein Gefuͤhl der lommenbeit das Schiff — des ſeltene Meiſterſtuͤck, wodurch der Menſch r Wellen zu werden, und mit den Winden zu erſucht, in jedem Augenblick in Gefahr, ihre Beute zu werden. Jetzt kam ſie heran, die große ſchwarze Truͤmmer, die mit jeder Fad dß werden ſchien. Sie Lam naͤher, emvorgetragen, 1 bis dieſe ſammt brallte, und nun war der Jene Welle zeigte das zer⸗ ganzen Groͤße, als ſie es Felſenwand hintrug. Als F des Felſens zuruͤckrollte, b die zuruͤckkammende Woge Schiff noch in d es nur geg truͤmmerte emporhob, n brachte nur eine 4 licher Gegenſtaͤnde, d 3 In dieſem Augenblick glaubte Mordaunt einen Men⸗ ſchen auf einer Planke oder einem Waſſerfaſſe ſchwimmen zu ſehen, welcher, abwaͤrts von der Hauptſtroͤmung, auf ei⸗ * das Werk der menſchlichen —— .. 125 nen kleinen Sandfleck zuzulenken ſchien, wo das Waſſer ſeicht war und die Wellen ſich mit wenigerem Ungeſtuͤm brachen. Die Gefahr zu ſehen, auszurufen:„er lebt, und kann noch gerettet werden!“ war die erſte Aufwallung des furchtloſen Mordaunt; die naͤchſte, nach eluem ſchnellen Ueberblick der Felsflaͤche ſich von der Spitze herabzuſtuͤrzen (ſo ſchnell ſchien die Bewegung) und, die Spalter, Vor⸗ ſpruͤnge und Riſſe des Felſens beuutzend, herabzuklettern, — ein Unternehmen, welches jedem Zuſchauer als das ei⸗ nes Raſenden erſchlenen ſeyn wuͤrde. „Halt an, ich befehle es Dir, unbeſonnener Knabe,“ ſagte der Vater:„dieſes Wageſtuͤck bringt Dir den Tod. Halt an, und uimm den ſicheren Pfad zur linken.“ Abes Mordaunt war ſchon zu weit in ſeinem gefaͤhrlichen Unter⸗ nehmen vorgeſche Und warum ſollte ich ihn auch hindern? ſagte der Vater, indem die ſtrenge und unem⸗ pfind iche Denkweiſe⸗ die er ſich angeeignet, alle Beſorg⸗ niß bei ihm unterdruͤckte.„Sollte er jetzt umkommen⸗ erfuͤllt von einem großartigen hohen Gefuüͤhl, voll Gluth fuͤr die Sache der Meuſchichkeit, gluͤcklich in der Anwendung ſeiner eigenen ſelbſtbewußten Beheadigkeit und ſeiner ju⸗ gendlichen Staͤrke,— ſolte er jetzt umkommen, entginge er dann nich 8 enhaße den Gewiſſensbiſſen, dem Alter und dem der abnehmenden Kraft der Seele er und des 3 72 4 pers?— Ich will indeß nicht binblicken— nein— ich kann dieſe jugendliche Flamme nicht ſo ploͤtzlich erloͤſchen ſehen.“ Er trat daher von dem weiter als eine Viertelmeile zur Linke oder Spalte hin, in welcher ein Pfad, genannt, lag, der zwar weder ſicher noch bequem, ab Abhange zuruͤck und ging n, nach einer Riva die Erichs⸗Stufen aber der gen wollten. Lange zuvor, ehe Mertoun ſelbſt das obere Ende des Pfades erreicht, hatte ſein kühner und behender Sohn ſchon ſein gefahrvolles Unternehmen beſtanden. Vergebens hatten Schwierigkeit en, die er von oben nicht geahnet, ſich ihm entgegengeſtellt und ihn von der geraden Richtung, einzige war, welchen die Bewohner von Jarlshof einzu⸗ ſchlagen pflegten, wenn ſie an den Fuß des Felſens gelan⸗ bei dem Herabſteigen, algehalten; ſein Weg ward zwar laͤnger, allein er konnte dadurch nicht zuruͤckgehalten wer⸗ den. Mehr als einmal leßen große Felsſtuͤcke, auf denen er fußen wollte, nach, und rollten in das gepeitſchte Meer hinab, und in einem oder zwei Fäͤllen, ſtuͤrzten ihm ſolche losgeriſſene Maſſen nach, als ob ſie ihn ihrem Falle mit ſich fortreißen wollten. Sein muthiges Herz, ſein ruhlges Auge, ſeine kraͤftige Hand und ſein feſter Fuß, halfen ihn das Wageſtuͤck gluͤcklich vollenden, und in. ſteben Minuten ſtand er am Fuße der Klippen. Der Ort, wo er jetzt anhielt, war ein kleiner, von Steinen, Sand und Kies gebildeter Vorſprung, welcher ſich etwas in die See binaus erſtreckte, die zur Rechten den Fuß der Klippe beſpuͤlte, und zur Linken von demſel⸗ ben nur durch einen ſchmalen, von den Wellen zerriſſenen ferſtreif getrennt war, der ſich bis zum Fuße der Erlchs⸗ Stufen hinzog, auf denen Mordaunts Vater hinabzuſtei⸗ gen gevachte. Als das Schiff zerſchellte und in Stuͤcke ging, ver⸗ ſchlang der Ocean alles, was man, nach dem erſten Stoße noch hatte auf den Wellen ſchwimmen ſehen, einige weni⸗ ge Truͤmmer, Faͤſſer, Kiſten und bergleichen ausgenommen⸗ welche ein ſtarker Strudel, den das Zuruͤckſtuͤrmen der 1²⁷ Wellen verurſachte, da an das Land geworfen hatte, wo Mordaunt jetzt ſtand. Unter dieſen entdeckte ſein forſchen⸗ des Auge bald den Gegenſtand, der zuerſt ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich gezogen hatte, und den er jetzt, in der Naͤhe wirklich fuͤr einen Menſchen erkannte, der aber in einer höchſt mißlichen Lage war. Er hatte die Arme feſt und krampfhaft um den Balken geſchlungen, an den er ſich in dem Augenblicke des Stoßes angeklammert hatte, aber Bewußtſeyn und Bewegung hatten ihn verlaſſen, und die Lage, in welcher die Planke halb auf dem Ufer, halb noch im Meere lag, machten es moͤglich, daß ſie wieder vom Ufer hinweggeſpuͤlt wurde, in welchem Falle des Mannes Tod unvermeidlich war. Gerade als dieſe Umſtaͤnde dem jungen Merteun einzuleuchten begannen, ſah er eine ge⸗ waltige Welle ſich naͤhern, und eilte nun, zu Huͤlfe zu kommen, ehe ſie ſich braͤche, da das Zuruͤckſtroͤmen derſel⸗ ben hoͤchſt wahrſcheinlich den Ungluͤcklichen wieder mit fort⸗ reißen muͤßte. Er warf ſich daher in die Brandung und packte den Koͤrper mit einer Gewalt, der aͤhnlich, mit der ein Hund auf ſeine Beute ſtuͤrzt. Die Staͤrke der zuruͤckrollenden Woge war groͤßer, als er erwartet hatte, und Mordaunt mußte einen harten Kampf fuͤr ſein eigenes und des Frem⸗ den Leben beſtehen, um nicht von ihr in das offene Meer hinausgeriſſen zu werden, wo er, obgleich eln gewandter— Schwimmer, von der Staͤrke der Flut entweder gegen die Felſen geſchmettert, oder in die weite See geſchleudert worden waͤre. Er behauptete indeß ſeinen Platz, und ehe die zweite Welle zum Angriff zuruͤckgekehrt war, hatte er ſchon den Koͤrper und die Planke, woran ſich dieſer feſt⸗ hielt, auf den Streifen trockenen Sandes gezogen. Wie aber den Funken des verloͤſchenden Lebens und der Kraft anfachen und den Ungluͤcklichen, der zu ſeiner eigenen Rettung nichts zu thun im Stande war, an einen ſiche⸗ ren Ort ſchaffen? dieß waren Fragen, die Mordaunt ſich nicht zu beantworten wußte. 4 Er blickte zur Spitze der Klippe hinauf, wo er ſel⸗ nen Vater zuruͤckgelaſſen hatte, und rief dieſem zu, ihm Beiſtand zu ſchicken, aber ſein Auge konnte vbeſſen Geſtalt nicht unterſcheiden, und nur das Geſchrei der Seevoͤgel antwortete auf ſeinen Ruf.— Er blickte den Ungluͤcklichen noch einmal an; ein, nach der Art jener Zeit, reich mit Treſſen beſetztes Kleid, feines Leinen, Ringe an den Fin⸗ gern, bewieſen, daß er ein Mann von bedeutendem Nange ſev, und auf ſeinem bleichen entſtellten Geſicht, ſprach Ju⸗ gend und Annehmlichkeit. Er athmete noch, aber ſo ſchwach, daß man kaum eine Spur ſeines Athemholens he⸗ merken konnte, und das Leben ſchien nur noch mit einem ſo dünnen Faden an den Koͤrper geknupft, daß ſich befuͤrch⸗ ten ließ, dieſer moͤge gaͤnzlich zerreißen, wenn er nicht bald verſtaͤrkt wuͤrde. Ihm die Halsbinde abzuloͤfen, ihn mit dem Geſicht gegen den Wind zu drehen, und ihn mit ſeinen Armen zu unterſtuͤtzen, war Alles, was Mordaunt zu ſeinem Beiſtande thun konnte, waͤbrend er ſehulichſt nach jemanden umherblickte, der ihm helfen koͤnne, den Unglucklichen nach einem ſichern Platze zu ſchleppen. In dieſem Augenblicke ſah er einen Mann langſam und vorſichtig am Uſer herkommen. Er hoffte Anfangs⸗ es ſey ſein Vater, beſann ſich aber ſogleich, daß dieſer noch nicht den weiten Weg zuruͤckgelegt haben koͤnne, den er nothwendig eingeſchlagen haben müßte, und ſah auch, 4 daß — 12²9 daß der Mann, der ſich naͤherte, kleiner war. Als er noch naͤher kam, erkannte Mordaunt den Hauſirer, mit dem er am vorigen Tage in Harfra zuſammengetroffen war, und den er fruͤher ſchon bei manchen Gelegenheiten kennen ge⸗ lernt hatte. Er rief ihm daher ſo laut er konnte zu?: „Holla Bryce! Komm her, Bryce!“ aber der Haͤndler, der an nichts weiter dachte, als einige Ueberbleibſel aus dem Schiffbruche aufzufiſchen und dieſe aus dem Bereich der Flut zu ziehen, ſchien eine Zeitlang auf ſein Rufen gar nicht Acht zu geben. Als er ſich endlich Mordaunt naͤherte, ſo kam er nicht ihm beizuſpringen, ſondern ihm die Unbeſonnenheit ſeines Unternehmens vorzuwerfen.„Seyd Ihr toll?“ ſagte er: „„Ihr, der Ihr ſo lange auf Shetland gelebt habt, wollt es wagen, einen Ertrinkenden zu retten? Wißt Ihr nicht, daß, wenn Ihr ihn wieder in das Leben zuruͤckbringet, er Luch gewiß ein Leides zufuͤgt?— Kommt, Junker Mor⸗ daunt, ſteht mir bei, etwas Beſſeres zu thun. Helft mir eine oder zwei von dieſen Kiſten, ehe ein Anderer kommt, an das Ufer bringen, und wir wollen uns in das, was Gott giebt, theilen und ihm danken.“ Mordaunt war mit dem ſonderbaren Aberglauben nicht unbekannt, welcher, in fruͤhern Zeiten, unter der niederen Klaſſe der Shetlaͤnder wirklich gaͤng und gebe war, und dem viellelcht um ſo mehr nachgelebt wurde, da er zu ei⸗ nem Vorwande dienen konnte, den ungluͤcklichen Opfern des Schiffbruchs Beiſtand zu verſagen, waͤhrend man ihre Guͤter plunderte. Wie dem nun auch ſeyn mag, ſo bil⸗ dete doch der Glaube, daß, einen Ertrinkenden retten, im⸗ mer einer ſchlechten Wiedervergeltung ausfe zte, einen ſonder⸗ W. Scatt's Werke. C.c. 1 —— baren Gegenſatz in dem Charakter dieſer Inſelbewohner, die gaſtfreundſchaftlich, großmuͤthig und eigennuͤtzig bei al⸗ len andern Gelegenheiten, doch zuwellen, von die ſem Aber⸗ glauben angeregt, ihre Huͤlfe bei dieſer Art Lebensgefah⸗ ren verſagten, welche an ihrer felſigen und ſtuͤrmiſchen Kuͤ⸗ ſte ſo haͤufig waren. Wir koͤnnen indeß, Gottlob! jetzt ſagen, daß die Ermahnunaen und das Beiſpiel der Grund⸗ beſitzer ſelbſt die Spuren dieſes unmenſchlichen Vorur⸗ theils vertilgt haben, wovon man zu jener Zeit noch Bei⸗ ſpiele hatte. Buryce hielt ſehr feſt an dieſem, vielleicht um ſo mehr, weil der Vorrath in ſeinem Pack weniger aus dem in den Niederlagen zu Lerwick oder Kirkwall, als durch die Folgen eines ſolchen Nordweſt Windes, wie der am vorigen Tage ſich vermehrte, fuͤr welchen er(als ein, nach ſeiner Art ſehr frommer Mann) nie dem Himmel zu danken verfeyl⸗ te. Ja man ſsgte von ihm, daß wenn er ſo viel Zeit zur Huͤlfe der ſchiffbruͤchigen Seeleute verwandt haͤtte, als er zur Pluͤnderung ihrer Klſten und Kaſten gebraucht, er man⸗ ches Leben gerettet, aber auch manchen Ballen Leinen we⸗ niger gehabt haben wuͤrde. Er achrete auf die wlederhol⸗ ten Bitten Mordaunt's durchaus nicht, obgleich er jetzt dicht bei ihm ſtand(Bryce kannte dieſen zuferſtreif als einen Ort, wohin der Strudel alle die Beute zu führen pflegte, welche der Ocean auswarf,) ſondern beſchaftigte ſich eifrig damit, dasjeulge in Sicherheit zu bringen und ſich zuzueignen, was ihm am leichteſten fortzuſchaffen und den groͤßren Werth zu haben ſchlen. Endlich ſah Mor⸗ daunt den ehrlichen Handelsnann ſeinen Blick auf eine ſtarke Schiſſstiſte richten, welche aus irgend ei em indi⸗ ſchen Kolze gemacht, durch Meſſingplatten wee! verwahrt ———— ——P—P—— 131 und von fremder Arbeit zu ſeyn ſchten. Das ſtarke Schloß widerſtand allen Anſtrengungen Bryces, es zu oͤffnen, bis er, mit großer Ruhe, Hammer und Meiſſel aus der Ta⸗ ſche zog und nun die Hespen aufzubrechen anfing. Ergrimmt uͤber dieſe Theilnahmloſigkeit, ergriff Mor⸗ daunt ein Queerholz, das neben ihm lag, legte ſeine Buͤrde ſanft auf den Sand nieder, naͤherte ſich Bryce mit drohender Geberde und rief aus:„Du kaltbluͤtiger Unmenſch! Du ſtehſt entweder ſogleich auf, und hilfſt mir dieſen Mann wieder ins Leben zuruͤckzurufen, oder ich ſchlage Dich nicht allein windelweich auf dieſer Stelle, ſon⸗ dern zeige noch Magnus Troil Deine Diebereien an, da⸗ mit er Dich peitſchen laſſe, bis das Fleiſch von Deinen Knochen fallt, und Dich nachher vom Feſtlande verbanne.“ Der Deckel der Kiſte war gerade aufgeſprungen, als dieſer kraͤfrige Zuſpruch in Bryces Ohr drang, und das Innere des Fundes bot eine ſehr anlockende Ausſicht auf einen Vorrath von Sachen fuͤr See⸗ und Landgebrauch dar: Hemden, einfach und mit Spitzen⸗Manſchetten, ein ſilber⸗ ner Kompaß, ein Degen mit einem ſilbernen Griff, und andere Gegenſtaͤnde von Werth, von welchen der Hauffrer wohl wußte, daß ſie im Handel etwas gelten. Btyce war ſchon im Begriff aufzuſpringen, den Degen zu ziehen, der zugleich ein Stoß⸗ und Hiebdegen war, und„zum Gefecht ſich anzuſchicken“ wie Spencer ſagt, um nur nicht ſeine Beute fahren oder ſich bei ſeinem Geſchaͤft unterbrechen zu laſſen;— und da er, obgleich klein, doch ein ſtarker, vier⸗ ſchroͤtiger Kerl, noch in der vollen Kraft der Jahre, und uͤber ieß beſſer bewaffnet war, als ſein Gegner, ſo duͤrfte er icht Morda mehr zu ſchaffen gemacht haben, als dieſer ſeiner irrenden Ritter⸗Thaten willen verdiente. 9.. Schon hatte— als Mordaunt mit Heftigkeit ſeine Anfoderungen wiederholte, das Bryce von ſeiner Pluͤnde⸗ rung abſtehen und zur Unterſtuͤtzung des Sterbenden her⸗ beikommen ſollte— der Hauſirer im trotzigen Tone ge⸗ antwortet:„Flucht nicht, Herr! flucht nicht; ich leide kein Fluchen in meiner Gegenwart, und wenn Ihr Hand an mich legt, weil ich dieß mir rechtmaͤßig zukommende Gut der Aegypter nehme, ſo will ich Euch einen Denkzet⸗ tel geben, den Ihr von heute bis Weihnachten nicht ver⸗ geſſen ſollt.“ Mordaunt war im Bexgriff, die Herzhaftigkeit des Hauſirers auf die Probe zu ſtellen, als eine Stimme hin⸗ ter ihm ploͤtzlich„Halt ein!“ rief. Es war die Stimme Norna's von Fitful⸗Head, welche, in der Hitze des Streits, ſich den Beiden unbemerkt genaͤhert hatte.„Halt ein!“ wiederholte ſie:„und Du, Bryce, leiſte Mordaunt den Bei⸗ ſtand, den er perlangt; ich bin es, die Dir ſagt, daß Dir dieß mehr Vortheil bringen wird, als alles, was Du heute verdienen koͤnnteſt, „Es iſt ſiebenzehnbunderts Leinwand,“ ſagte der Hauſirex, eines der Hemden mit der Kennerart befühlend, womit Frauen und Sachverſtaͤndige das Gewebe beurthei⸗ len;„es iſt ſtebzehnhunderts Leinwand, ſo ſtark, als ob es Creas waͤre. Indeſſen, Mutter ſoll Euer Wllle geſche⸗ hen. Ich wuͤrde Herrn Mordaunts Willen ebenfalls gethan haben,“ fuͤgte er hinzu, indem er von dem Tone des Trotzes zu dem der dienſtbefliſſenen Ergebenheit uberging, deſſen er ſich gegen ſeine Kunden bediente:„wenn er nicht ſo gotteglaͤſterliche Fluͤche ausgeſtoßen haͤtte, welche mir die Haut ſchauern machten, ſo daß ich mich wirklich beinahe vergeſſen haͤtte.“ Er zog hierauf eine Flaſche aus 133 der Taſche und naͤherte ſich dem Schiffbruͤchigen.„Es iſt vom beſten Brandwein,“ ſagte er: und wenn ihn das nicht wieder in das Leben bringt, ſo weiß ich nicht, was es thun ſoll.“ Mit dieſen Worten nahm er ſelbſt einen Schluck im Voraus, gleichſam um die Vorzuͤglichkeit des Getraͤnkes zu beweiſen, und war im Begriff, dem Manne etwas da⸗ von in den Mund zu gießen, als er auf einmal die Hand zuruͤckzog, und umdrehend ſagte:„Norna, Ihr bürgt mit fuͤr alles Uebel, das mir von ihm geſchehen koͤnnte, wenn ich ihm Huͤlfe leiſte?— Ihr wißt ſelbſt am beſten, Mut⸗ ter, was die Leute ſagen.“ Statt aller Antwort nahm ihm Norna die Flaſche aus der Hand, und begann, dem Schiffbruͤchigen die Schlaͤfe und den Hals damit zu reiben, wobei ſie Mordaunt die nöthige Anweiſung gab, wie er deſſen Kopf halten ſolle, damit er das eingeſchluckte Seewaſſer wieder von ſich gaͤbe. Der Hauſirer fah unthaͤtig einen Angenblick zu, und fagte dann:„Nun, es iſt nicht mehr ſo gefaͤhrlich, ihm zu hel⸗ fen, da er aus dem Waſſer iſt, und hoch und trocken am Ufer liegt; die Hauptgefahr iſt immer fuͤr die, welche ihn zuerſt beruͤhren. Aber es iſt ein Jammer, zu ſehen, wie dieſe Ringe der armen Menſchen geſchwollene Finger preſ⸗ ſen: wahrhaftig, ſeine Hand iſt ſo blau, wie der Ruͤcken el⸗ ner Krabbe, ehe ſie gekocht wird.“ Mir dieſen Worten ergriff er eine der kalten Haͤnde des Menſchen, deren zitternde Bewe⸗ gung ſo eben eine Spur des zuruͤckkehrenden Lebens an⸗ deutete, und ging an ſein Werk der Barmherzigkeit, indem er die Ringe, welche von einigem Werthe zu ſein ſchienen, von den Fingern zu ziehen begann. Wenn Dn Dein Leben lieb haſt⸗ laß ab, ſagte Norna ernſt: oder ſch lege etwas auf Dich, das Dir Deine Reiſe durch die Inſeln gewiß verderden ſoll. „Um Gotteswillen, Mutter nichts mehr davon,“ ſagte der Hauſirer:„ich will ja gerne thun, was Ihr ha⸗ ben wollt. Ich fuͤhlte wirklich geſtern ſchon einen Rheu⸗ matismus im Ruͤcken, und es waͤre ein großes Ungluͤck fuͤr mich, wenn ich nicht meinen ruhigen Gang durch das Land machen koͤnnte, meinen Handel zu treiben, mir mein Brod mit Ehren zu verdienen, und das mitzunehmen, was die Vorſicht an unſere Kuͤſte kommen laͤßt.“ Nun, ſo ſey ruhig, ſagte die Frau: ſey ruhig, wenn Du es nicht bereuen willſt, und nimm dieſen Mann auf Deine breiten Schultern. Es iſt an ſeinem Leben gele⸗ gen, und Du fuͤr belohnt werden. „Das thut mir auch wohl Noth,“ antwortete der Hauſirer, indem er gedankenvoll den deckelloſen Kaſten und die andern Sachen anſchaute, welche auf dem Sande um⸗ herlagen:„denn er hat mich an einem Erwerbe gehin⸗ dert, der fuͤr mein uͤbriges Leben einen Mann aus mir ge⸗ macht haben wuͤrde; und nun muß er hier liegen bleiben, bis die naͤchſte Fluth es in die Strömung hinabführt, de⸗ nen nach, die es noch geſtern Morgen beſaßen.“ Sey urbeſorgt, ſagte Norna: es wird ſchon jeman⸗ den zu Statten kommen. Sieh, dort kommen Raubvögel, die ein ſo ſcharfes Auge haben, als Du. Sie redet wahr, denn mehrere Leute aus dem Dorſe Jarlshof eilten jetzt nach dim Ufer, um ebenfalls ihren Antheil an der Beute zu erhalten. Der Hauſirer ſah ſie mit einem tiefen Seufzer herankommen.„Ja, ja,“ ſagte er:„die Leute von Jarlshef werden bald reinen Tiſch machen, ſie ſind weit und breit dafuͤr bekannt; ſie laſſen 135 3 nicht ſoviel liegen, wie eine vermoderte Ratte werth iſt, und was noch ſchlimmer iſt, es iſt nicht Einer unter ihnen, der Sinn und Verſtand genug haͤtte, fuͤr die Waare zu danken, wenn er ſie bekommen hat. Da iſt der alte Ranzelmann, Neil Ronaldſon, der nicht eine Meile gehen kann, wenn er den Prediger hoͤren ſoll, aber zehn Meilen weit hum⸗ pelt, ſobald er hoͤrt, daß ein Schiff geſtrandet iſt.“ Norna ſchien indeß ein ſo unbeſchraͤnktes Uebergewicht uͤber ihn zu haben, daß er ſich nicht laͤnger bedachte, den Mann auf ſeine Schultern zu nehmen(der jetzt deutliche Kennzeichen des zuruͤckkehrenden Lebens gab), ſondern mit Mordaunt's Huͤlfe, ohne weiter erinnert werden zu duͤrfen, ſeine Buͤrde am Meeresſtrande dahin trug. Der Fremde deutete, ehe er weggetragen wurde, noch auf den Kaſten, und ſchien etwas her zu ſtammeln, worauf Norna erwie⸗ derte:„Schon gut. Er ſoll in Sicherheit gebracht wer⸗ den.“ 4 Als ſie an die ſogenannten Erichs⸗Stufen kamen, wel⸗ che ſie hinanſteigen mußten, begegneten ſie den Leuten von Jarlshof, welche nach der entgegengeſetzten Seite hineil⸗ ten. Maͤnner und Frauen machten, als ſie vorbeigingen, ehrerbietig der Norna Platz und gruͤßten ſie, wobei man auf den Geſichtern Einiger den Ausdruck der Furcht deut⸗ lich gewahr werden konnte. Sie war kaum einige Schritte bei ihnen voruͤber, als ſie ſich umwandte und dem Ranzel⸗ mann, der(obgleich die Sache mehr Gebrauch als geſetz⸗ liche Handlung war) die uͤbrigen Leute aus dem Orte auf dieſe Unternehmung begleitete, zurief: Niel Ronaldſon, hoͤre, was ich Dir ſage; dort ſteht ein Kaſten, von dem der Deckel ſo eben abgeſprengt worden iſt. Sorge dafuͤr, daß er nach Deinem leigenen Hauſe in Jarlshof gebracht 136 werde, ſo, wle er da iſt. Hute Dich, das Geringſte darin von der Stelle zu ruͤcken oder zu beruͤhren. Der iſt des Todes, der den Inhalt nur anſieht. Ich ſage dies nicht umſonſt, und will, daß man mir puünktlich Gehorſam leiſte.“ Euer Wille ſoll geſchehen, Mutter, ſagte Ronaldſon. Ich ſtehe dafuͤr, daß nicht angeruͤhrt werden ſoll, da Ihr es ſo haben wollt. Weit hinter den uͤbrigen Dorfbewohnern kam eine al⸗ te Frau, die mit ſich ſelbſt ſprach, und ihre Gebrechlichkeit verwuͤnſchte, die ſie zwänge, ſo weit zuruͤckzublelben, je⸗ doch mit aller Macht vorwaͤrts ſtrebte, um auch ihren Theil an der Beute zu erhaſchen. Als ſie ihr naͤher kamen, war Mordaunt nicht weni⸗ get erſtaunt in ihr ſeines Vaters alte Haushaͤlterin zu er⸗ kennen. Was iſt das, Swertha, ſagte er: wie kommſt Du hieher? 3 „Ich war nur ſo hinausgeſchlendert, um nach melnem alten Herrn und nach Euer Geſtrengen auszuſehen,“ ant⸗ wortete Swertha, wie ein Verdrecher, der auf der That ertappt wird; denn bei mehr als einer Gelegenheit hatte Herr Mertoun ſein großes Mihfallen uber dergleichen Gaͤnge zu erkennen gegeben, wie der, auf dem ſie jetzt begriffen war. 3 Mordaunt war indeſſen zu ſehr mit ſeinen elgenen Gedanken beſchaͤftigt, als daß er auf ihr Treiben haͤtte achten ſollen. Haſt Du meinen Vater geſehen? ſag⸗ te er. „Ja wohl, habe ich ihn,“ antwortete Swertha.„Der gute Herr war im Begriff, die Erichs Srnfen hinunter⸗ zuklimmen, was ihm den Tod gebracht haben koͤnnte, da er 137 keinesweges ein guter Kletterer iſt; ſo vermochte ich ihn denn, nach Hauſe zu gehen, und ich ſuchte ſo eben Euch auf, damit Ihr Euch in das Herrenhaus zu ihm begebt; denn meines Beduͤnkens iſt er nichts weniger als wohl.“ Mein Vater nicht wohl? ſagte Mordaunt, da er ſich jetzt der Anwandlung von Schwaͤche erinnerte, die er zu Unfange des Morgenſpazierganges an ihm bemerkt hatte. „Nichts weniger als wohl,— nichts weniger als wohl,“ ſtoͤhnte Swertha, mit einem mitleidigen Kopf⸗ ſchuͤtteln.„Kreldeweiße Backen,— kreideweiße Backen, und noch die Riva hinabſteigen zu wollen!“ Geh nach Hauſe, Mordauut— ſagte Norna, welche das Geſpraͤch mit angehoͤrt hatte.— Ich werde dafuͤt ſor⸗ gen, daß alles Noͤthige zur Pflege dieſes Munnoo geſche⸗ be, und Du wirſt ihn bei dem Ranzelmann finden, wenn Du Dich nach ihm erkundigen willſt; Du kannſt ulcht mehr thun, als Du ſchon fuͤr ihn gethan haſt. Mordaunt fuͤhlte, daß dies wahr ſey, befahl Swertha, ihm ſogleich zu folgen, und eilte mit ſchnellen Schritten nach Hauſe.. Swertha humpelte unwillig hinter ihrem Herrn her; ſobald ſie ihn aber aus dem Geſicht verloren, als er eden in die Spalte des Felſens eindog, drehte ſie um und brummte für ſich:„und ich fallte nach Hauſe gehen und die beſte Gelegenheit verlieren, einen neuen Mantel und Rock zu bekommen, die mir ſeit zehn Jahren vorgekom⸗ men iſt?— Nein wahrhaftig nicht— ſolche reiche Gotten⸗ gaben kommen nicht oft; man weiß nichts davon, ſeit⸗ dem die Jenny und James in Koͤnig Karls Zeiten an un⸗ ſere Kuͤſten ſtrandeten. 138 Mit dieſen Worten beflügelte ſe ihre Schritte, ſo gut ſie konnte, und da der willige Geiſt dem ſchwachen Fleiſche zu Huͤlfe kam, ſo erreichte ſie bald den Strand, wo der Ran⸗ zelmann, während er ſeine eigenen Taſchen vollklopfte, die Uebrigen ermahnte, ehrlich zu theilen, nachbarliche Geſinnun⸗ gen zu haben, und den Alten und Hülfloſen auch ihren An⸗ theil zu gönnen, was, wie er andächtig bemerkte, die Küſte ſegnen und ihnen vor dem Winter noch manche Schiffbrüche bringen wuͤrde. Achtes Kapitel. Schön war der Jüngling von Geſtalt, Der Panther in dem dichten Wald, War nicht ſo ſchön als er. 3 Und wenn dem Scherz er ſich gelieh'n, So war nicht froher der Delphin Auf fernem weitem Meer. 4 Wordsworth. Mordaunts leichter Fuß trug ihn bald nach Jarlshof⸗ Haſtig trat er in das Haus; denn was er ſelbſt dieſen Mor⸗ gen bemerkt, ſtimmte mit den Beſorgniſſen überein, die Swer⸗ tha's Nachrichten wohl erregen konnten. Er fand indeſſen ſeinen Vater in ſeinem Zimmer, wohin er ſich zurückgezogen hatte, um ſich nach ſeinen Anſtrengungen zu erholen, und ſeine erſte Frage überzeugte ihn, daß die ehrliche Frau ihnen Bei⸗ den etwas aufgebunden habe, um ſie los zu werden. „Wo iſt der Sterbende, zu deſſen Rettung Du ſo kluger Weiſe Deinen eigenen Hals gewagt haſt?“ fragte der aältere Mertoun den juͤngeren.z 139 „Norna hat ihn unter ihrer Obhut, Vater,“ erwiederte Mordaunt:„ſie verſteht ſich auf ſo etwas.“ „Sie iſt alſo Quackſalberin und Hexe zugleich?“ fragte Herr Mertoun:„deſto beſſer, das erſpart Andern die Muͤhe. Aber ich war auf Swertha's Ausſage nach Hauſe geeilt, um Scharpie und Bandage zu ſuchen, da ſie von gebrochenen Gliedern ſprach.“ Mordaunt ſchwieg, da er wohl wußte, daß ſein Vater über den Gegenſtand nicht weiter nachforſchen würde, und da er weder der alten Haushaͤlterin zu nahe treten, noch ſeinen Vater zu einem jener Ausbrüche der Leidenſchaft reizen woll⸗ te, denen er ſich ſo leicht überließ, wenn er, gegen ſeine Ge⸗ wohnheit, ee fur nörhig hielt, ſeiner Dienerin einen Verweis zu geben. Es war ſchon ſpaͤt, als Swertha von ihrem Gange, ſehr ermuͤdet und mit einem ziemlich großen Bündel verſehen, zuruͤckkam, das, wie es ſchien, ihren Antheil an der Beute enthielt. Mordaunt ſuchte ſie ſogleich auf, um ihr Vorwürfe über die falſchen Nachrichten zu machen, mit denen ſie ihn und ſeinen Vater hintergangen; allein die Angeklagte blieb ihm die Antwort nicht ſchuldig. In der That, ſagte ſie, habe ſie geglaubt, es ſey Zeit, daß Herr Mertoun nach Hauſe gehe und Bandagen hole, als ſie mit eigenen Augen geſehen, wie Mordaunt die Klippen, wie eine wilde Katze hinabgeklet⸗ tert ſey; ſie habe gedacht, er werde ſich alle Glieder zerſchmet⸗ tern, und es werde ein Gluͤck ſeyn, wenn am Ende Banda⸗ gen noch hülfen, und eben ſo habe ſie auch ihm, Mordaunt, wohl ſagen können, ſein Vater ſey unwohl und habe kreide⸗ weiße Backen, da man dieß ja in dieſem Augenblicke noch nicht läugnen kann.. „Aber, Swertha,“ ſagte Mordaunt, ſobald ihre ge⸗ 140 räuſchvolle Vertheidigung ihm Zeit zur Antwort ließ:„wie kamſt Du, die Du im Hauſe und bei Deinem Spinnrade haͤtteſt beſchäftigt ſeyn ſollen, heute Morgen nach den Erichs⸗ Stufen, und giebſt Dir alle dieſe unnöthige Mühe um mei⸗ nen Vater und mich? Und was iſt in dem Buͤndel, Swer⸗ thar Ich fürchte ſehr, Du haſt wider das Geſetz geſündigt, und biſt hinaus geweſen, um aus dem Schiffbruche etwas fuͤr Dich zu retten.“ Der Himmel behüte Euer liebes Antlitz, und der Segen des heil. Ronald ſey mit Euch, ſagte Swertha, in einem halb ſchmeichelnden, halb muthwilligen Tone: Ihr werdet doch nicht einem armen Geſchöpfe verwehren wollen, ſich etwas zu ver⸗ beſſern, und nicht haben wollen, daß ſo vieles Gut auf dem Sande unaugerührt liegen bleiben ſoll?— Hört, Junker Mordaunt, ein geſtrandetes Schiff iſt ein Anblick, der den Prediger mitten in der Predigt von der Kanzel herablocken koͤnnte, geſchweige denn ein altes ungelehrtes Weib von ih⸗ rem Rocken und ihrem Faden. Und wahrhaftig, ich habe von meiner Mühe nicht viel gehabt! Einige Lumpen Kam⸗ wertuch, und ein oder zwei Stück grodes Zeug und derglei⸗ chen— die Staͤrkeren und Dreiſteren bekommen ja alles in der Welt! „Ja Swertha,“ erwiederte Mordaunt:„und das iſt um ſo ſchlimmer, da Du in dieſer, ſo wie in jener Welt doch eben ſo gut Deine Strafe dafuͤr erhalten wirſt, daß Du die armen Seeleute beraubt haſt.“ Wer wird denn aber ein altes Weib, wie mich, um ei⸗ niger weniger Lumpen willen ſtrafen? Die Leute ſprachen viel Böſes von dem Grafen Patrick, aber er beſchützte das Strand⸗ kecht, und gab weiſe Geſetze dagegen, daß irgend jemand Schiffern beiſtehen ſolle, welche in die Brandung gerathen 141 möchten. Und die Seeleute verlieren— wie Bryce, der Hauſirer, ſagt— ihr Recht von dem Augenblicke an, wo der Jiel den Sand berührt; und übrigens ſind ſie mauſetodt, die armen Leute, mauſetodt, und kuͤmmern ſich wenig um den Reichthum dieſer Welt,— wahrhaftig, nicht mehr, als die großen Grafen und Könige des Meeres, zu den Zeiten der Norweger, um die Schätze, die ſie in ihren Graͤbern und Grabſtätten vergruben. Habe ich Euch wohl erzahlt, Junker Mordaunt, von Olaf Trygwaſon, wie er fünf goldene Kronen mit in ſeinem Grabe verbarg? „Nein Swertha,“ ſagie Mordaunt, der nun ein Ver⸗ gnügen darin fand, die liſtige alte Diebin zu quälen:„Du erzählteſt mir dieß nie; aber ich ſage Dir dagegen, daß der Fremde, den Norna mit in den Ort genemmen yut, maraen wohl genug ſeyn wird, Dich zu befragen, wohin Du alles das aus dem Schiſſbruche geborgene Gut gebracht haſt.“ „Aber wer wird ihm'was davon ſagen, Kind? ſagte Swertha, indem ſie ſchlau ihrem Gebieter in's Geſicht ſahe: — und was noch mehr iſt, ich muß Euch nur ſagen, ich habe noch ein ſchönes Stuͤckchen Seidenzeug übrig, das eine gar nette Weſte für Euch abgeben kann, für die erſte Luſtbarkeit, zu der Ihr hingeht.“ Mordaunt konnte ſich nicht laͤnger des Lachens enthal⸗ ten, über die liſtize Art, auf welche die Alte ihn durch einen Theil ihres Raubes zu beſtechen ſuchte, und indem er ihr he⸗ fahl, alles zum Mittageſſen in Bereitſchaft zu ſetzen, kehrte er zu ſeinem Vater zurück, den er noch auf demſelben Platze und beinahe auch in derſelben Stellung, wie vorher, ſitzen fand. Als ihr kurzes und mäßiges Mahl beendet Bar, ſagte Mordaunt zu ſeinem Vater, daß er jetzt in die Stadt, oder 142² Dorf, hinabgeben wolle, ſich nach demſchiffbrüchigen Seemanng zu erkundigen Herr Mertoun gab durch ein Kopfnicken ſeine Einwilli⸗ gung. 4 „Er muß dort ein nicht ſehr behagliches Unterkommen gefunden haben, Vater!“ fügte der Sohn hinzu; eine Be⸗ merkung, welche weiter nichts, als ein zweites Kopfnicken zur Folge hatte.„Er ſchien, dem Anſehn nach,“ fuhr Mor⸗ daunt fort:„ein Mann von gutem Herkommen zu ſeyn, und wenn auch jene armen Leute alles mögliche gethan ha⸗ ben, ihn gut aufzunehmen, bei ſeinem jezigen ſchwachen Zu⸗ ſtand, ſo..“ Ich weiß recht gut, was Du ſagen willſt, unterbrach ihn ſoin Buter: wir ſollten, meinſt Du, etwas zu ſeiner Hülfe thun. Wohlan, ſo geh' zu ihm; fehlt ihm Geld, ſo mag er ſagen, wieviel er braucht, und er ſoll es haben; was aber das betrifft, daß ich den Fremden in mein Haus aufnehmen und ihn ſehen ſoll, ſo kann ich das weder, noch mag ich es thun. Ich habe mich auf die außerſte Gränze der brit⸗ tiſchen Inſeln gefluͤchtet, weil ich keine neuen Freunde haben und keine neuen Geſichter ſehen will, und niemand ſoll mich weder mit ſeinem Glück, noch mit ſeinem Unglück beläſtigen. Wenn Du die Welt ein Jahrzehend länger gekannt haben wirſt, ſo werden Deine älteren Freunde ſich Dir werth ge⸗ macht und ihr Umgang Dich dazu beſtimmt haben, die neuen für den übrigen Theil Deines Lebens zu vermeiden. Jezt geh,— warum gehſt Du nicht? Mache, daß der Mann aus der Gegend kommt; ich will niemanden um mich ſehen, als dieſe gemeinen Geſichter deren Art und Weiſe, mich zu be⸗ truͤgen, ich kenne und dulde, als Uebel, das zu klein iſt, als daß ich darüber in Beweg erathen könnte. Mit 143 dieſen? Worten warf er ſeinem Sohne ſeine Boͤrſe hin, und gab ihm ein Zeichen, ſich ſchnell zu entfernen. 1. Mordaunt hatte bald das Dorf erreicht. In der düſtern Wohnung Neil Ronaldſon's, des Ranzelmanns, fand er den Fremden, der auf derſelben Kiſte, welche die Raubgier des frommen Bryce Sailsfoot angezogen hatte, am Torffeuer ſaß. Der Ranzelmann ſelbſt war nicht zu Hauſe, ſondern mit der unpartheiiſchen Theilung der Güter des geſtrandeten Schiffs unter die Bewohner des Orts beſchäftigt, wobei er ihre Klagen über ungleiche Vertheilung anhörte und beſek⸗ tigte, und(wenn die ganze Sache vom Anfang bis zum Ende, nicht höchſt ungerecht und auf keine Weiſe zu entſchuldigen geweſen wäre) das Amt einer weiſen und wohlbedächtigen Magiſtratsperſon in allen kleinen Obliegenheiten derſelben getreulich verwaltete. Margaretha Bimbiſter, die ehrwürdige Ehehälfte des Ranzelmannes, welche die Aufſicht über das Haus hatte, führte Mordaunt zu ihrem Gaſte und ſagte, ohne alle wei⸗ tere Umſtände:„hier iſt der junge Tacksmann; vielleicht werdet Ihr ihm Euern Namen ſagen, da Ihr ihn uns nicht ſagen wollt. Wenn es nicht ſeinetwillen geweſen wäre, wür⸗ den wir auch wohl wenig genug von Euch gehört haben.“ Der Fremde ſtand auf, ſchuͤttelte Mordaunt die Hand, und ſagte, er habe vernommen, daß er der Retzer ſeines Le⸗ bens und ſeiner Kiſte geweſen ſey.„Das Uebrige,“ ſagte er:„iſt in die weite Welt, denn die Leute ſind hier ſo flink dabei her, wie der Teufel beim Sturme.“ 18 K Und wozu half Euch denn Eure Steuermannskunſt, ſagte Margaretha: wenn Ihr nicht von Sumburgh⸗Head abblei⸗ ben konntet? Sumburgh⸗ Head wuͤrde nicht ſobald zu Euch hingekommen ſeyn. 144 „Laß uns einen Augenblick allein, gute Margarelhn Bimbiſter,“ ſagte Mordaunt:„ich habe mit dem Herrn et⸗ was zu reden.“ Herrnl ſagte Margaretha mit beſonderer Betonung: nicht, daß der Mann nicht gut genug ausſehe— fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ihn abermals von oben bis unten anſah— aber ich glaube nicht, daß viel von einem Herrn an ihm iſt⸗ Mordaunt ſah den Fremden an, und dachte anders. Er hatte mehr, als mittlere Größe, und war gut, kräftig gebaut. Mordaunt hatte nicht viel Weltkenntniß, aber er glaubte, in ſeinem neuen Bekannten, bei einem kecken, ſonnverbrannten, ſchönen Geſicht, welches manchen Himmelsſtrich geſehen zu haben ſchien, das freie und offene Weſen eines Seemannes zu enedecken. Er antwortete ganz munter auf die Fragen Mordaunts nach ſeinem Befinden, und verſicherte, daß eine Nacdt Ruhe ihn gänzlich von den Folgen des erlittenen Miß⸗ geſchicks herſtellen würde. Mit Erbitterung ſprach er dags⸗ gen von der Habſucht und der Neugierde des Ranzelmannes und ſeiner Ehehälfte. „Dieſes geſchwätzige alte Weib,“ ſagte der Fremde: „hat mich den ganzen Tag über mit ihren Fragen nach dem Namen des Schiffes verfolgt. Ich dächte, ſie könnte mit dem Antheile zufrieden ſeyn, den ſie daran erhalten hat. Ich war der Haupteigenthümer des Schiffes, das dort unterging, und es iſt mir nichts übrig geblieben, als meine Kleider. Giebt es denn keine obrigkeitliche Perſon, keinen Friedensrich⸗ ter in dieſem wilden Lande, der jemanden zu Hülfe kommt⸗ wenn er in ſolcher Noth iſt?“ Mordaunt erwshnte Magnus Troil, den vornehmſhen Grundbeſitzer, ſo wie den Fand sder Bezirksrichter, als die⸗ jenigen, von denen er am erſten Hülfe erhalten thn., 100 3 5 bedauerte, daß ſeine eigene Jugend und die Lage ſeines Vaters, als eines in Zuruͤckgezogenheit lebenden Frem⸗ den, es nicht geſtatteten, ihm den gewuͤnſchten Schuß an⸗ gedeihen zu laſſen. „Ihr habt, fuͤr Euer Theil, genug gethan,“ ſagte der Seemann:„haͤtte ich aber nur noch fuͤnf von den vierzig handfeſten Kerlen, die jetzt den Fiſchen zur Speiſe gewor⸗ den ſind, ſo ſollte mich der Teufel nicht dazu bringen, da um Gerechtigkeit zu bitten, wo ich ſie mir ſelbſt verſchaf⸗ fen koͤnnte.“ „Vierzig Leute!“ ſagte Mordaunt:„eine ſtarke Be⸗ mannung für die Groͤße des Schiffs.“ „Und doch nicht ſo ſtark, als ſie haͤtte ſeyn ſollen. Wir fuͤhrten zehn Kanonen, die Jagdſtuͤcke ungerechnet; aber unſer Kreuzzug auf dem großen Ocean hatte unſere Mann⸗ ſchaft geſchwaͤcht und uns mit Guͤtern uͤberladen. Sechs von unſern Kanonen waren als Ballaſt am Bord. Leute! Haͤtte ich nur Leute genug gehabt, ſo wuͤrden wir nie in dieß verwuͤnſchte Ungluͤck gerathen ſeyn. Die Leute waren erſchoͤpft durch das Arbeiten an den Pumpen, und ſo war⸗ fen ſie ſich in die Boote und ließen mich auf dem Schiffe zuruͤck, mit ihm zu ſinken oder uͤber dem Waſſer zu blei⸗ ben. Aber die Hunde wurden dafuͤr bezahlt, und ich kann es ihnen jezt immer vergeben. Die Boote ſchlugen um in der Stroͤmung— alle ertranken— und hier bin ich. „Ihr kommt von Norden her, von Weſtindien?“ „Ja wohl; das Schiff war die gute Hoffnung, von Briſtol, ein Kaper. Er hatte gutes Gluͤck auf dem ſpani⸗ ſchen Meere, ſowohl im Handel, als beim Kapern, aber es iſt nun vorbei damit. Mein Name iſt Clemens Cleve⸗ land, Capktaͤn und zum Theil Eigenthuͤmer des Schiffs, W. Scott's Werke. CX.. 10 Bater war auf dem Zollhauſe wohl bekannt— der alte Clem Cleveland vom College⸗green. Mordaunt hatte kein Recht, ſich genauer zu erkundigen, ob er gleich wohl fuͤhlte, daß er nur halb befriedigt ſey. Es lag eine gewiße Rauhheit, eine Art von Trotz in dem Benehmen des Fremden, zu welchen die Umſtaͤnde nicht berechtigten, Capitaͤn Cleveland war von den Inſelbewoh⸗ nern beeintraͤchtigt worden, Mordaunt hatte ihm aber nur Wohlwollen erwieſen und Schuß gewaͤhrt, und doch ſchien es, als ob er Alles, ohne Ausnahme, der Ungerechtigkeit anklage, deren man ſich gegen ihn ſchuldig gemacht. Mor⸗ daunt ſah vor ſich hin und ſchwieg, ungewiß, ob er beſſer daran thaͤte, ſich zu entfernen, oder die Verſicherungen ſeines Beiſtandes zu wiederholen. Cleveland ſchien ſeine Gedanken zu errathen, denn er fuͤgte augenblicklich in ei⸗ nem entſchuldigenden Tone hinzu:„Ich bin ein ſchlichter Mann, Junker Mertoun, denn das iſt, wie ich hoͤre, Euer Name, und zu Grunde gerichtet obendrein, und ſo etwas traͤgt eben nicht dazu bei, feineren Ton zu geben. Aber Ihr habt wohlwollend und freundlich gegen mich gehandelt, und ich fuͤhle dieß eben ſo gut, als ob ich Euch mit meh⸗ reren Worten dankte. Und ſo will ich Euch, ehe ich von hier weggehe, meine Vogelflinte ſcheuken: ſie ſchießt Euch hundert Schrotkoͤrner durch eine Hollaͤndermuͤtze auf achtzig Schritt; Ihr koͤnnt auch Kugeln damit ſchießen, ich ſelbſt habe einen Stier auf hundert und fuͤnfzig Nards damit er⸗ legt; aber ich habe noch zwei eben ſo gute oder beſſere, und ſo möͤgt Ihr dieſe, als ein Andenken von mir, behalten.“ „Das hieße ja einen Antheil vom Geſtrandeten nehmen,“ antwortete Mordaunt lachend. wie ich vorher geſagt habe. Ich bin von Briſtol; mein 5 147 „Bewahre,“ ſagte Cleveland, indem er einen Kaſten oͤffnete, in welchem mehrere Flinten und Piſtolen lagen: „Ihr ſeht, ich habe meine Privat⸗Gewehrkiſte gerettet, ſo gut wie meine Kleider; das habe ich der großen alten Frau in der dunkeln Tagelage zu danken. Und, unter uns, dieß wiegt alles auf, was ich verloren habe; denn,“ fuͤgte er mit gedaͤmpſter Stimme, und nachdem er ſich vorſichtig umgeſehen, hinzu:„wenn ich in Gegenwart dieſer Land⸗ Raubfiſche von zu Grunde gerichtet ſeyn ſpreche, ſo meine ich doch nicht ganz und gar. Nein, hier iſt noch etwas, womit man mehr thun kann, als bloße Seevoͤgel ſchießen.“ Bei dieſen Worten zog er einen großen Schrootbeutel her⸗ vor, auf welchem grobes Schroot geſchrieben ſtand, und zeigte Mordaunt fluͤchtig, daß er mit ſpaniſchen Piſto⸗ len und Portugieſern angefuͤllt ſey.—„Nein, nein,“ fuͤgte er mit einem ſchlauen Laͤcheln hinzu:„ich habe noch Bal⸗ laſt genug, mein Schiff wieder in See zu bringen, und nun, wollt Ihr die Flinte nehmen?“ „Da Ihr ſie mir einmal geben wollt,“ ſagte Mordaunt lachend:„von Herzen gern. Ich wollte Euch ſo eben in meines Vaters Namen fragen— fuͤgte er hinzu, indem er die Boͤrſe vorwies— ob Ihr etwa von dem Ballaſt etwas brauchen koͤnntet.“ „Ich danke Euch; aber ihr ſeht, ich bin verſehen. Nehmt meine alte Geſaͤhrtin hin, und moͤge ſie Euch ſo gut dienen, als ſie mir gedient hat, aber Ihr werdet nie eine ſo gute Reiſe mit ihr machen, als ich. Ihr koͤnnt doch ſchießen, nicht wahr?“ 3 „So ziemlich,“ antwortete Mordaunt, der die Flinte bewunderte. Es war ein ſchoͤnes ſpaniſches Rohr, mit Gold ausgelegt, von kleinem Kaliber und ungewoͤhnlicher 10*.* 148 Laͤnge, von der Art, wie man ſie gewoͤhnlich braucht, um Seevoͤgel und nach der Scheibe damit zu ſchießen. „Schroot,“ ſagte der Geber,„haͤlt keine Flinte beſ⸗ ſer zuſammen, und mit der Kugel koͤnnt Ihr einen See⸗ hund auf zweihundert Yards in der See, von der hoͤchſten „Gpihe dieſer Eurer ſtahlumpanzerten Kuͤſte ſchießen. Aber, ich wiederhole es, die alte Donnerbuͤchſe wird Euch nie die Dienſte leiſten, die ſie mir geleiſtet hat.“ „Ich werde ſie vielleicht nicht ſo geſchickt brauchen koͤn⸗ nen,“ ſagte Mordaunt. „Hm! vielleicht nicht,“ antwortete Cleveland:„jedoch davon iſt nicht die Rede. Was ſagt Ihr aber dazu, den Mann vom Steuerrade wegzuſchießen, verade⸗ als wir einen Spanier enterten? So faßten wir den Don von hin⸗ ten, legten ihn quer vor die Kluͤſen und nahmen ihn mit dem Saͤbel in der Hand. Und wohl war es der Muͤhe werth; es war eine ſtarke Brigantine, el San Francisco — nach Portobello beſtimmt und mit Gold und Negern beladen. Das kleine Stuͤckchen Blei war zwanzigtauſend Piſtolen werth.“ „Ich habe bis jetzt noch kein ſolches Wildpret erlegt,“ ſagte Mordaunt. „Nun, Alles zu ſeiner Zeit, man kann nicht die Anker lichten, ſo lange Ebbe iſt. Aber Ihr ſeyd ein ruͤſtiger, huͤb⸗ ſcher, thaͤtiger junger Mann. Was wuͤrde es Euch ſchaden, wenn Ihr'mal eine Fahrt nach ſolchem Zeuge mach tet?“ Mit dieſen Worten legte er die Hand auf den Geldſack. „Mein Vater ſpricht davon, daß ich bald reiſen ſoll,“ erwiederte Mordaunt, der, gewohnt vor Seeoffizieren große Ehrfurcht zu haben, ſich durch dieſe Einladung eines ächten Seemanns ſehr geſchmeichelt fuͤhlte, g———— . 119 „Der Gedanke macht ihm Ehre,“ fagte der Capitaͤn: „und ich werde ihn beſuchen ehe ich die Anker lichte. Ich habe auf der Hoͤhe dieſer Inſeln noch ein verwuͤnſchtes Schiff, das, wie ich hoffe, mich irgendwo aufſuchen wird, obgleich es bei dem Windſtoße von mir abkam, wenn es nicht auch zum Teufel gegangen iſt! Nun, es war in beſ⸗ ſerem Stande, als wir, und nicht ſo tief geladen— es muß den Sturm uͤberſtanden haben. Wir wollen Euch eine Hangematte an Bord geben und auf einer Fahrt einen Mann und einen Seefahrer aus Euch machen.“ „Ich haͤtte nichts dawider“— ſagte Mordaunt, der gern mehr von der Welt geſehen haͤtte, als die Einſamkeit, worin er lebte, ihn bisher kennen zu lernen verſtattet hatte—„aber mein Vater muß daruͤber entſcheiden.“ „Euer Vater! Bah!“ ſagte Capitaͤn Cleveland:„doch Ihr habt Recht, fuͤgte er hinzu, ſchnell ſich zuſammen⸗ nehmend.„Wahrhaftig, ich bin ſo lange zur See gewe⸗ ſen, daß ich mir kaum denken kann, daß jemand, auſſer dem Capitaͤn und dem Schiffer, ein Recht zu denken habe. Aber Ihr habt ganz Recht. Ich will ſogleich zu dem alten Herrn hingehen und mit ihm reden. Er wohnt in dem ſchoͤnen, neumodiſch ausſehenden Hauſe, das ungefaͤhr eine Viertelmeile von hier liegt, nicht wahr?“ „In dem alten, halbzertruͤmmerten Hauſe wohnt er al⸗ lerdings,“ ſagte Mordaunt:„allein er nimmt keine Be⸗ ſuche an.“ „Dann muͤßt Ihr ſelbſt die Sache ausmachen, denn ich kann nicht lange unter dieſer Breite bleiben. Da Euer Vater keine obrigkeitliche Perſon iſt, ſo muß ich wohl zu dem Magnus— wie heißt er?— gehen, der nicht Frie⸗ densrichter iſt, gber etwas Anderes, das am Ende eben 150 ſo gut iſt. Jene Kerle haben zwei oder drei Sachen ge⸗ nommen, die ich zuruͤck haben will und muß— das U brige moͤgen ſie in des Teufels Namen behalten! Wollt Jur mir einen Brief an ihn mitgeben, nur ſo als Auftrag?“ „Das wird nicht noͤthig ſeyn,“ erwiederte Mordaunt: „es iſt genug, daß Ihr Schiffbruch gelitten habt und ſei⸗ ner Huͤlfe beduͤrft; indeſſen kann ich Euch einen Empfeh⸗ lungsbrief geben.“ „Hier,“ ſagte der Seemann, indem er ein Schreibzeug aus ſeiner Kiſte nahm:„ſind Schreibmaterialien.— Un⸗ terdeſſen will ich, da einmal zu loͤſchen angefangen worden iſt, die Luͤcken zunageln und die Ladung ſchern.“ Waͤhrend Mordaunt einen Brief an Troil ſchrieb, wo⸗ rin er die Umſtaͤnde auseinanderſetzte, unter welchen Ca⸗ pitaͤn Cleveland an die Kuͤſte der Inſel geworfen worden ſey, nahm der Capitaͤn— als er einige Kleidungsſtuͤcke und ſo viel nothwendige Sachen herausgenommen, als ein Raͤnzel faſſen konnte— Hammer und Naͤgel zur Hand, ſchloß den Deckel der Kiſte auf eine kunſtgerechte Weiſe, und befeſtigte ſie dann noch mit einer Schnur, die er mit ſeemaͤnniſcher Geſchicklichkeit zuſammendrehte und knotete. „Ich laſſe dieß alles unter Eurer Aufſicht,“ ſagte er: „alles, dieß ausgenommen,“ indem er auf einen Herſch⸗ faͤnger und Piſtolen wies:„die vielleicht der Gefahr, von meinen Portugaleſern gerrennt zu werden ,„ vorbeugen koͤnnen.“ „Ihr werdet in dieſem Lande Eure Waffen nicht brau⸗ chen, Capitaͤn Cleveland,“ erwiederte Mordaunt:„ein Kind koͤnnte mit einem Beutel voll Geld von Sumbourgh⸗Head nach dem Felslande von Unſt gehen und niemand wuͤrde ihm etwas zu Leide thun,“ 151 „Das heißt wirklich eine ſehr dreiſte Behauptung, jun⸗ ger Mann, in Ruͤckſicht auf das, was in dieſem Augenblicke draußen vorgeht.“ „O,“ erwiederte Mordaunt, etwas verlegen; was mit der Fluth an das Land kommt, halten dieſe Leute fuͤr ihr rechtmaͤßiges Eigenthum. Man ſollte glauben, ſie haͤtten unter Sir Arthegal ſtudirt, der da ſagt: Denn gleiches Recht in gleſchen Dingen ruht, Und was der mächt'ge Ocean beſeſſen, Was aus des Eigners Hand er riß in wilder Wuth, Was denen er entwand, die ſich mit ihm bemeſſen, Das gibt er, in der Fülle ſeiner Macht, Als ein verlornes Gut, wem er es zugedacht. „Ich werde von nun an, dieſer Worte willen, mehr von Schauſpielen und Balladen halten,“ ſagte Capitaͤn Cleve⸗ land:„und doch, ich habe ſte, zu meiner Zeit, auch gern gehabt. Aber das iſt eine ganz gute Lehre, und mehr als Einer wuͤrde wohl thun, ſeine Segel nach einem ſol⸗ chen Winde zu drehen. Was das Meer uns ſendet, iſt allerdings unſer. Indeſſen ſollten Eure guten Leute hier etwa der Meinung ſeyn, 1daß das Land ſie eben ſo gut wie die See mit Heimfaͤllen und unerworbenem Beſitz⸗ thum verſehen kann, ſo werde ich mich meines Hirſchfaͤn⸗ gers und meiner Piſtolen zu bedienen wiſſen. Wollt Ihr wohl meinen Kaſten in Eurem Hauſe gufheben, bis Ihr von mir hoͤrt, und mir einen Fuͤhrer verſchaffen, der mir den Weg zeige und mein Buͤndel trage?“ „Wollt Ihr zu Waſſer oder zu Lande gehen?“ fragte Mordaunt. „Zu Waſſer?“ rief Cleveland aus.„Was? in einer. 1⁵². dieſer Nußſchaalen, und noch dazu in einem zerbrochenen? Nein, nein, Land, Land, wenn ich nicht meine Mann⸗ ſchaft, mein Schiff und meine Fahrt kenne.“ „Damit trennten ſie ſich. Capitaͤn Cleveland erhielt einen Fuͤhrer, ihn nach Burg⸗Weſtra zu bringen, und ſeine Kiſte wurde nach dem Herrenhauſe von Jarlshof in Ge⸗ wahrſam gebracht. V