u 2— E, Srene. e. Vwenonga F2 2 .-₰J. 55 Fã 5 4 r S 2 1 o aucte dla, ce, kn Walter Scott“s ſaͤmmtliche W e tr e. —— Neu uͤberſetzt. Hundert und zweiter Band. — ſſ Robin der Rothe. Dritter Theil. Stuttgarrt, bei Gebruͤder Franckh. 1 82 3. Robin der Rothe. Vom Verfaſſer des Waverley, Guy Mannering und des Alterthuͤmlers. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Dr. E. W. Warum? Die gute, alte Regel Genügt für ſie, der ſchlichte Plan, Daß zugreift, wer die Macht beſitzt⸗ und feſthält, wer da kann. ——;— Dritter Theil.) ————— Stuttgart, dei Gebruͤder Franckh. 182 8. Robin der Rothe. ——— Erſtes Kapitel. — Ich hör' ein Wort, Du hörſt es nicht, Es ſagt mir: bleib nicht hier! und eine Hand, Du ſtiehſt ſie nicht, Zu gehen, winkt ſie mir! 3 Lickell. „Ich habe Dir bereits geſagt, Tresham, wenn Du Dich deſſen erinnern magſt, daß ich meine Abendbeſuche in der Bibliothek ſelten anders, als nach vorhergegangener Verabredung, und dann in Gegenwart der alten Martha machte. Dieß war indeß hlos eine ſchweigende Ueberein⸗ kunft, wozu ich ſelbſt Anlaß gegeben hatte. Seit unſer Verhaͤltniß jedoch durch immer zunehmende Verlegenheiten geſtoͤrt wurde, waren wir gar nie mehr Abends zuſammen⸗ gekommen. Sie hatte deßhalb keinen Grund zu der Ver⸗ muthung, daß ich geneigt ſeyn koͤnnte, dieſe Zuſammen⸗ kuͤnfte zu erneuern, und noch weniger, ohne vorherge⸗ hende Benachrichtigung und Abrede, daß Martha, wie ge⸗ woͤhnlich, ihr Amt verſehe; auf der andern Seite beruhte dieß blos auf einem Einverſtaͤndniß, nicht auf einer aus⸗ druͤcklichen Anordnung. Die Bibliothek ſtand mir, wie den uͤbrigen Gliedern der Familie, zu jeder Stunde des Tags . Sratt's Werke. ClI. 1 6 und der Nacht offen, und man konnte mir nicht den Vor⸗ wurf der Zudringalichkeit machen, ich mochte auch noch ſo ploͤtzlich und unerwartet darin erſcheinen. Ich war ſehr geneigt, zu glauben, daß Miß Vernon in dieſem Zimmer Vaughan oder irgend jemand anders, durch deſſen Meinung ſie ihr Benehmen lenken zu laſſen gewohnt war, zuweilen empfieng, und zwar zu Zeiten, wo ſie am wenigſten Ge⸗ fahr lief, unterbrochen zu werden. Die Lichter, welche zu ungewoͤhnlichen Stunden in der Bibliothek glaͤnzten,— die voruͤberziehenden Schatten, welche ich ſelbſt bemerkt hatte, — die Fußſtapfen, welche zman im Morgenthau von der Thurmthäre nach dem Gartenpfoͤrtchen entdeckte,— die Toͤne und Geſtalten, welche einige Diener, und beſonders der Gaͤrtner, beobachtet un in ihrer Art ſich erklaͤrt hatten, — alles dieß zeigte an, daß dieſer Ort von jemanden be⸗ ſucht werde, der nicht zu den gewoͤhnlichen Schloßdewoh⸗ nern gehoͤre. Dieſer Gaſt mußte wahrſcheinlich in Dlanas Schickſal verwickelt ſeyn, und alsbald entwarf ich einen Plan, um zu entdecken, wer oder was er ſei,— in wie weit ſein Einſluß von guten und boͤſen Folgen fuͤr ſie ſeyn koͤn⸗ ne, vor allem aber, obgleich ich mich ſelbſt uͤberreden wollte, das dieß nur eine untergeordnete Ruͤckſicht ſey, ſuchte ich zu erfahren, durch welche Mittel der Unbekaunte ſeinen inuß auf Diana erworben und behauptet habe, und ob er ſie durch Furcht oder Zuneigung beherrſche. Der Be⸗ weis, daß dieſe eiferſuͤchtige Neugierde der Hauptbeweg⸗ grund war lag darin, daß ich mir Miß Vernons Benehmen als von dem Einfluß eines einzigen Menſchen abhaͤngig dachte, obgleich nach allem, was ich von der Sache wußte, ihre Rathgeber zahllos ſeyn konnten. Ich machte dieſe Be⸗ merkung oft bel mir ſelbſt, aber immer kam ich wieder auf 7 die alte Meinung zuruͤck, daß eine einzelne Perſon, und zwar ein Mann, und aller Wahrſcheinlichkeit nach ein jun⸗ ger, ſchoͤner Mann, im Hintergrunde Dianas Benehmen leite; brennend vor Verlangen, einen ſolchen Nebenbuhler zu entdecken oder vielmehr zu ertappen, gieng ich in den Garten, um den Augenblick zu erlauern, wo die Lichter in den Fenſtern der Bibliothek erſcheinen wuͤrden. So heftig war indeß meine Ungeduld, daß ich lange, ehe das Licht ſichtbar werden konnte, eine volle Stunde vor Einbruch der Dunkelheit an einem Juliabend meine Wache begann. Es war Sonntag, alle Gaͤnge waren ſtill und einſam. Ich gleng eine Zeitlang auf und nieder, ge⸗ noß die erfriſchende Kuͤhle des Sommerabends, und er⸗ wog die vermuthlichen Folgen meines Unternehmens. Die friſche balſamiſche Luft des Gartens, mit dem Dufte der Pflanzen gewürzt, äußerte, wie gewoͤhnlich, ihre beruhigen⸗ den Wirkungen auf meln ſieberhaft erhiztes Blut, der Aufruhr in meiner Seele begann ſich zu legen, ſo das: mir ſelbſt die Frage vorlegte, was ich fuͤr ein Recht haͤtte, mich ich Miß Vernons Geheimniſſe oder in die der Fami⸗ lie meines Oheims zu miſchen. Was geht es mich an, wen mein Oheim in ſeinem Hauſe ververgen will, wo ich ſelbſt nur ein geduldeter Gaſt bin? Und was fuͤr ein Recht hatte ich, Miß Vernons Angelegenheiten aus zukundſchaf⸗ ten, dlie, wie ſie ſelbſt geſtand, mit einem Geheimniß um⸗ huͤllt waren, das ſie nicht erforſcht wiſſen wollte?“ Leldenſchaft und Eigenwille hatten ihre Antworten auf dieſe Fragen gleich in Bereitſchaft. Entdeckte ich den ge⸗ heimen Gaſt, ſo leiſtete ich aller Wahrſcheinlichkeit nach meinem Ohelm einen Dienſt, der vermuth’ich von den in ſeinem Hauſe geſchmiedeten Raͤnken nichts wußte, und 8 einen noch wichtigern Dienſt letſtete ich Miß Vernon ſelbſt, deren offener, einfacher Charakter ſie ſo manchen Gefahren ausſezte, wenn ſie ein geheimes Verſtaͤndniß mit einer Perſon von vielkeicht zweifelhaftem oder gefaͤhrlichem Cha⸗ rakter unterhielt. Wenn es auch ſchien, als draͤnge ich mich in ihr Vertrauen ein, ſo geſchah es in der großmuͤthigen und uneigennuͤtzigen,— ja, ich wagte es zu ſagen, in der uneigennuͤzigen Abſicht, ſie zu leiten, zu vertheidigen, zu ſchuͤtzen gegen Liſt,— gegen Bosheit,— und becon⸗ ders gegen den geheimen Rathgeber, den ſie zu ihrem Ver⸗ trauten gewaͤhlt hatte. Das waren die Gruͤnde, die mein Eigenwille kuͤhn dem Gewiſſen als aͤchte Muͤnze bot, und die das Gewiſſen, gleich einem murrenden Kraͤmer hinnahm, um es nur nicht zum offenen Bruch mit einem Kunden kommen zu laſſen, obgleich es die Aechtheit der Stuͤcke mehr als bezweifelte.— Als ich die gruͤnen Gaͤnge durchſchritt, und das Fuͤr und Wider in Betracht zog, traf ich ploͤtzlich auf Andreas Gutdtenſt, der vor einer Reihe Bienenſtoͤcke, gleich einem Standbild in andaͤchtige Betrachtungen verſunken ſtand ein Auge bewachte die Bewegungen des kleinen reizbaren Voͤlkchens, das in ſeinen Strohkoͤrben Obdach fuͤr den Abend ſuchte, das andere war auf ein Andachksbuch geheftet, das durch haͤnfigen Gebrauch ganz abgegriffen war, und eine eifoͤrmige Geſtalt erhalten hatte; der enge Druck und die verloͤſchten Farben gaben ihm ein Auſehen von hoͤchſt ehr⸗ wuͤrdigem Alterthum.“ „Ich las da eben in dem Buche des wuͤrdigen Kerrn John Quackleben: Suͤß duftende Blumen geſaͤet auf das Miſtheet der Wrlt,“ ſagte Andreas, ſchloß das Buch, und 9 legte zum Merkzeichen an die Stelle, wo er geleſen hatte, ſeine hornene Brille. und die Bienen haben, wie ich ſehe, Eure Aufmerkſam⸗ keit mit dem gelehrten Herrn getheilt?“ „Das iſt ein heilloſes Volk,“ erwiederte der Gärtner; „ſie haben ſechs Tage in der Woche zum Schwärmen, und doch weiß man, daß ſie es immer am Sonntag thun, und die Leute abhalten, Gottes Wort zu hören.— Aber die⸗ ſen Abend iſt keine Predigt in unſerer Kapelle,— das iſt noch gut.“ „Ihr hättet, Andreas, wie ich, in die Pfarrkirche gehen, und eine vortreffliche Predigt hoͤren können.“ „Kalte Suppe,— nichts als kalte Suppe,“ erwiederte Andreas mit höchſt verächtlichem Lächeln,—„gut genug für Hunde, wenn Ihr's nicht übel nehmen wollt,— jal ich haͤtte ohne Zweifel den Pfarrer in ſeinem Kittel ſeine Rede ableierm hören, und die Muſikanten dazu ſpielen auf ihren Pfeifen,— das iſt eine Bauernhochzeit und keine Predigt,— da hörte ich wahrhaftig eben ſo gerne den Pater Docharty ſeine Meſſe mummeln,— das waͤre wohl eben ſo gut.“ „ Docharty!“ ſagte ich,(dieß war der Name eines al⸗ ten, ſoviel ich weiß, iriſchen Prieſters, der manchmal zu Os⸗ baldiſtone Hall die Meſſe las.)„Ich glaubte, Vater Vaug⸗ han ſei im Schloſſe, er war ja geſtern da.“ „Ja,“ erwiederte Andreas;„aber er gieng geſtern wie⸗ der ab nach Greyſtock oder ſonſt wohin in Weſten. Es iſt jezt eine wunderliche Bewegung unter den Leuten. Sie ſind ſo geſchäftig, wie meine Bienen,— der Herr möge ſie behü⸗ ten,— daß ich die armen Dinger da den Papiſten verglei⸗ chen ſollte. Ihr ſeht, das iſt der zweite Schwarm, und manchmal ſchwärmen ſie nocht am Abend.— Der erſte 10 Schwarm kam ſchon dieſen Morgen früh. Jezt aber, glaube ich, wollen ſie ſich zur Ruhe begeben. Nun ſo wünſche ich Euch auch eine gute Nackt, lieber Herr!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Andreas, warf aber noch oft einen Blick zurück auf ſeine Bienenſööcke. Zufälligerweiſe verdankte ich ihm eine wichtige Nachricht daß naͤmlich Vater Vaughan nicht mehr im Schloſſe ſein ſolle. Wenn deßhalb dieſen Abend Licht an den Fenſtern der Bibliothek ſich zeigte, ſo war es nicht das ſeinige, oder ſein Benehmen hatte etwas ſehr geheimnißvolles und ver⸗ dächtiges. Mit Uneduld erwartete ich den Sonnenunter⸗ gang und die Dämmerung. Kaum trat deeſe ein, als ſich an den Fenſtern der Bibliothek ein Schimmer erdlicken ließ⸗ der jedoch wegen der noch fortdaurenden Helle kaum zu un⸗ terſcheiden war. Ich bemerkte indeß den erſten Schein ſo ſchnell, als der umnachtete Schiffer den erſten fernen Schim⸗ mer des Leuchtthurms entdeckt, nach dem er ſeinen Lauf rich⸗ tet. Alle Zweiſel über die Schicklichkeit, die bis jezt noch mit meiner Neugierde und Eiferſucht gekämpft hatten, ver⸗ ſchwanden, als ſich eine Gelegenheit mir bot, die erſtere zu befriedigen. Ich trat wieder in das Haus, vermied die be⸗ ſuchteſten Zimmer mit der Abſichtlichkeit eines Menſchen, der ſeinen Zweck geheim zu halten wünſcht, erreichte die Thüre der Bibliothek,— zauderte einen Augenblick, als ich die Klinke ſchon gefaßt batte,— hörie innen einen leiſen Fuß⸗ tritt,— oͤffnete die Thüre, und— fand Miß Vernon allein. Diana ſchien uͤberraſcht,— ob über meinen plözlichen Eintritt, oder aus irgend einer andern Urſache, konnte ich nicht errathen, aber es war eine ſo lebhafte Unruhe an ihr zu bemerken, wie nie zuvor, und dieſe konnte nur die Folge einer ungewöhnlichen Bewegung ſein. Doch war ſie in ei⸗ 11 nem Augenblick ruhig, und ſo ſtark iſt das böſe Gewiſſen, daß ich, der ſie überraſchen wollte, ſelbſt der überraſchte und ganz gewiß der verlegene Theil war.“ „Iſt etwas vorgefallen?“ ſagte Miß Vernon.„Kam je⸗ mand im Soloſſe an?“ 3 „Nicht, daß ich wüßte“ antwortete ich etwas verwirrt; „ich ſuchte blos den Oclando.“ „Er liegt hier,“ ſagte Miß Vernon, auf den Tiſch deu⸗ tend. 3 Als ich etliche Bücher weglegte, um das zu ſinden, was ich zu ſuchen vorgab, dachte ich bereits daran, mich auf eine gute Weiſe von einer Nachforſchung zurückzuziehen, zu der es mir, wie ich fühlte, an einer Sicherheit des Benehmens fehlte; da fiel mir auf einmal ein Mannshandſchuh in die Augen, der auf dem Tiſche lag. Meine Blicke begegneten denen Miß Vernons, welche tief erröthete. „Es iſt eine meiner Reliquien,“ antwortete ſie nicht meinen Worten, ſondern meinen Blicken,„es iſt einer der Handſchuhe meines Großvaters, deſſen herrliches Bild von Vandyke Ihr bewundert habt.“ Als ſchiene ihr noch etwas mehr, als ihre bloße Behaup⸗ tung nothwendiag, um ſich Glauben zu verſchaffen, öffnete ſie einen Schubkaſten an dem großen eichenen Tiſche, nahm ei⸗ nen andern Handſchuh heraus, und warf ihn mir zu. Wenn ein von Natur aufrichtiges Gemüth zu Zweideutigkeit und Verſtellung ſeine Zuflucht nimmt, ſo erregt gerade die ängſt⸗ liche Mühe, womit die unge vohnte Aufgabe vollzogen wird, bei dem Zuhoͤrer Zweifel an der Wahrheit. Ich warf ſehnell einen Blick auf beide Handſchuhe, und erwiederte ernſt:die Handſchuhe gleichen einander allerdings in Form und Sticke⸗ 1² rei, doch können ſie kein Paar zuſammen ausmachen, denn ſie gehören beide auf die rechte Hand.“ Diana biß vor Unmuth in die Lippen und erröthete abermals. „Ihr habt Recht, mich nicht zu ſchonen,“ erwiederte ſie mit Bitterkeit;„andere Freunde wuͤrden blos aus dem, was ich ſagte, geſchloſſen haben, daß ich keine naͤhere Er⸗ klaͤrung geben will uͤber einen Umſtand, der keiner bedarf, — wenigſtens nicht fuͤr einen Fremden. Ihr habt richti⸗ ger geurtheilt, und mich fuͤhlen laſſen, daß Doppelzuͤngig⸗ keit nicht nur an ſich widrig, ſondern, daß ich auch nicht im Stande ſey, eine Verſtellung durchzufuͤhren. Ich ſage Euch jetzt offen, dieſer Handſchuh gehoͤrt nicht zu jenem, wie Ihr ſehr ſcharfſichtig bemerkt habt. Er gehoͤrt einem Freunde, der mir noch theurer iſt, als das Original von Vandyke's Gemaͤlde,— einem Freunde, durch deſſen Rath⸗ ſchlaͤge ich geleitet wurde, und geleitet ſeyn will,— den ich ehre,— den ich——“ Sie hielt inne. Ihr Ton erbitterte mich, und ich ergaͤnzte die abge⸗ brochene Rede,„den ſie liebt, wollte Fraͤulein Vernon ſagen.“ „und wenn ich ſo ſagte,“ erwiederte ſie ſtolz,„wer wird mich uͤber meine Zuneigung zur Rede ſiellen?“ „Sicherlich nicht ich, Miß Vernon. Ich bitte Euch, mir eine ſolche Anmaßung nicht zuzuſchreiben. Aber,“ fuhr ich mit einigem Nachdruck fort, denn ich war nun auch gereizt,„ich hoffe, Miß Vernon wird einem Freunde, dem ſie dieſen Namen entziehen zu wollen ſcheint, verzei⸗ hen, wenn er bemerkt—— „Bemerket nichts,“ fuhr ſie mit einiger Heftigkeit fert,„als daß ich weder bezweifelt, noch befragt ſeyn will. 13 Es lebt kein Menſch, von dem ich ausgefragt oder gerich⸗ tet ſeyn will, und wenn Ihr dieſe ungrwoͤhnliche Zeit aus⸗ geſucht habt, um hieher zu kommen und meine Geheim⸗ niſſe auszuſpaͤhen, ſo iſt die Freundſchaft oder der An⸗ theil, den Ihr an mir zu nehmen vorgebt, nur eine arm⸗ ſelige Entſchuldigung fuͤr Eure unartige Neuglerde.“ „Ich enthebe Euch meiner Gegenwart,“ ſagte ich mit gleichem Stolze, der ſich auch da nie beugen wollte, wo meine Gefuͤhle aufs hoͤchſte betheiligt waren,—„ich ent⸗ hebe Euch meiner Gegenwart. Ich erwache aus einem angenehmen, aber hoͤchſt taͤuſchenden Traume und— doch wir verſtehen einander.“ Ich hatte die Thuͤre erreicht, als Niß Vernon, de⸗ ren Regungen oft ſo raſch waren, daß ſie inſtinktartig ſchlenen, mir zuvorkam, und mich am Arme feſthielt mit jenem befehlenden Weſen, das ſie oft auf eine ſeltſame Weiſe annehmen konnte, und bei ihrer Unbefangenheit und Einfachheit eine ſo ergreifende Wirkung hervorbrachte. „Haltet, Herr Franz,“ ſagte ſie,„ſo ſollt Ihr nicht von mir ſcheiden; ich bin nicht ſo reichlich mit Freunden verſehen, daß ich ſelbſt die undankbaren und ſelbſtſuͤchti⸗ gen wegſtoßen koͤnnte. Merkt, was ich ſage; Ihr ſollt nichts von dieſem geheimnißvollen Handſchuh wiſſen,“ mit dieſen Worten hob ſie ihn in die Hoͤhe,„nichts,— nein, nicht ein Jota mehr, als Ihr bereits davon wißt, doch kann ich nicht zugeben, daß er ein Fehdehandſchuh zwiſchen uns wird. Meine Zeit hier,“ ſagte ſie, und ihre Stimme wurde ſanfter,„kann unmoͤglich mehr lange dauern, die Eurige noch weniger: bald muͤſſen wir uns trennen, um uns nie wieder zu ſehen; laßt uns alſo nicht zanken, laßt mein geheimnißvolles Ungluͤck nicht zum Vorwand 14 werden, uns die wenigen Stunden noch ferner zu erbit⸗ tern, die wir dieſſeits der Ewigkeit noch beiſammen ſeyn werden. Ich weiß nicht, Treshoam, durch welche geheime Kraft dieß bezaubernde Weſen eine ſo voͤllige Herrſchaft uͤber mein Gemuͤth ausuͤbte, das ich ſelbſt nicht immer beherr⸗ ſchen kann. Ich war beim Eintritt in die Bibliothek ent⸗ ſchloſſen, von Miß Vernon eine vollſtandige Erklaͤrung zu verlangen. Sie verweigerte mir dieſe mit verachtendem Unwillen und geſtand mir offen das Daſeyn eines beguͤn⸗ ſtigten Nebenduhlers; denn welche andere Bedeutung konnte ich der eingeſtandenen Beguͤnſtigung ihres geheimnißvollen Ver trauten geben? Und doch, als ich auf dem Punkt war, das Zimmer zu verlaſſen, und mit ihr auf immer zu bre⸗ chen, brauchte ſie nur Blick und Ton zu ändern, und ſtatt einer ſtolzen Empfindlichkeit eine freundliche und ſcher⸗ zende Gewalt, womit Wehmuth und Ernſt ſich verſchmolz, mir zu zeigen, um mich, als ihren gehorſamen Untertha⸗ nen, auf ihre eigenen harten Bedingungen hin, zuruͤckzu⸗ fuͤhren. 3 „Zu was ſoll dies fuͤhren?“ ſagte ich, als ich mich niederſetzte;„zu was kann dies fuͤhren, Miß Vernon? Warum ſoll ich Zeuge einer Verlegenheit ſeyn, die ich nicht heben kann, von Geheimniſſen, die ich zu durchdrin⸗ gen nicht verſuchen darf, ohne Euch zu beleidigen? So un⸗ erfahren Ihr auch ſeyn moͤgt in der Welt, ſo muͤßt ihr doch einſehen, daß ein ſchoͤnes junges Weib nur einen maͤnnlichen Freund haben kann. Selbſt bei einem maͤnn⸗ lichen Freunde waͤre ich eiferſuͤchtig auf ein Vertrauen, das ich mit einem dritten unbekannten und verborgenen Vertrauten theilen ſollte, aber bei Euch, Miß Vernon.—“ 15 „Ihr ſeid alſo eiferſuͤchtig in alleu Formen und Gra⸗ den dieſer freundſchaftlichen Leidenſchaft. Aber, mein wer⸗ ther Freund, Ihr habt dieſe ganze Zeit uͤber nichts ge⸗ ſprochen, als das jaͤmmerliche Gewaͤſch, das Pinſel aus Schauſpielen und Romanen nachbeten, bis ſolch Kauder⸗ waͤlſch einen wirklichen und maͤchtigen Einfluß auf ihr Ge⸗ muͤth erhaͤlt. Jungen und Naͤdchen ſchwazen ſich in die Liebe hinein, und wenn ihre Liebe in Schlaf fallen will, ſo ſchwazen und plagen ſie ſich in die Eiferſucht hinein. Aber Ihr und ich, Franz, ſind vernuͤnftige Weſen, und we⸗ der albern, noch muͤßig genug, uns in ein anderes Verhaͤlt⸗ niß hineinzuſchwatzen, als das einer offenen, ehrlichen und uneigennutzigen Freundſchaft. Jede andere Verbindung zwiſchen uns iſt unmöglich. Die Wahrheit zu ſagen,“ ſezte ſie nach augenblicklichem Zaude hinzu,„wenn ich auch ſo nachgiebig gegen den Anſtand meines Geſchlechts bin, um ein wenig zu erroͤthen, wenn ich mich ſo offen ausſpreche: wir koͤnnen uns nicht heirathen, wenn wir wollten, und duͤrften nicht, wenn wir koͤnnten.“ Und in der That, Tresham, das lieblichſte Erroͤthen begleitete dieſe grauſame Erklaͤrung. Ich wollte eben ihre beiden Behauptungen angreifen, und vergaß gaͤnzlich den mir waͤhrend des Abends beſtaͤtigten Verdacht, aber ſie fuhr mit einer kalten, faſt ſtrengen Feſtigkeit fort: „Was ich ſage, iſt eine einfache und unbeſtreitbare Wahrheit, woruͤber ich weder Fragen, noch Erklaͤrungen doͤren will. Wir ſind alſo Freunde, Herr Oshaldiſtone?— nicht?“ Sie bot mir die Hand hin, und ergriff die mei⸗ nige:„Wir ſind einander jetzt und kuͤnftig nichts, als Freunde.“ Sie ließ meine Hand frei. Ich ließ ſie und meinen 16 Kopf ſinken, uͤberwaͤltigt von ihrer Guͤte, wie von ihrer Feſtigkeit. Schnell gab ſie dem Geſpraͤch eine andere Wen⸗ dung. „Hier iſt ein Brief an Euch, Herr Osbaldiſtone, rich⸗ tig und deutlich uͤberſchrieben, aber trotz aller Vorſicht deſ⸗ ſen, der ihn ſchrieb und abſendete, moͤchte er wohl ſchwer⸗ lich Euch zugekommen ſeyn, wenn er nicht einem bezauber⸗ ten Zwerg in die Haͤnde gefallen waͤre, den ich, wie alle bedraͤngten Romanfraͤulein, in meinen geheimen Dienſten habe.“ Ich oͤffnete den Brief, und uͤberlas ihn,— das ent⸗ faltete Blatt ſiel mir aus der Hand mit dem unwillkuͤr⸗ lichen Ausruf:„Gerechter Himmel! melne Thorheit und mein Ungehorſam hat meinen Vater zu Grunde gerichtet!“ Diana ſprang auf, ſichtbar bewegt und bekuͤmmert. „Ihr werdet blaß— Euch iſt uͤbel— ſoll ich ein Glas Waſſer bringen? Ermannt Euch, Herr Osbaldiſtone, ſeid ſtark. Iſt Euer Vater— lebt er nicht mehr?“ „Er lebt, Gott ſei Dank! aber in welcher Noth und Bedraͤngniß!“ „Wenn es weiter nichts iſt, ſo duͤrft Ihr nicht ver⸗ zweifeln. Darf ich den Brief leſen?“ fragte ſie, und hob ihn auf. Ich willigte ein, ohne recht zu wiſſen, was ich ſagte. Sie las ihn mit großer Aufmerkſamkeit. „Wer iſt dieſer Tresham, von dem der Brief unterzeich⸗ net iſt?“ „Meines Vaters Handelsgeſellſchafrer, der ſich aber wenig um die Geſchaͤfte des Hauſes bekuͤmmert.“— „Er ſchreibt hier von verſchiedenen Briefen, die fruͤhet ſchon an Euch abgeſendet wurden.“ 30 3 „Ich habe keinen erbalten,“ erwiederte ich. „Uud es ſcheint,“ fuhr ſie fort,„daß Raſhleigh, dem Euer Vater die voͤllige Leltung der Geſchaͤfte waͤhrend ſei⸗ ner Abweſenbeit in Hokand uͤbertrug, ſeit einiger Zelt London verlaſſen hat, nach Schottland gegangen iſt mit Waaren und Wechfeln, um bedeutende Summen in dieſem Lande aufzunehmen, und daß man ſeitdem nichts mehr von ihm geboͤrt hat.“ 4 „Es iſt nur allzuwahr.“ „Und da iſt noch,“ ſetzte ſie mit einem Blick auf den Brief hinzu,„ein Oberſchreiber, oder ſo jemand, Owen⸗ ſon— Owen, nach Glasgow geſendet worden, um Raſhleigh wo moͤglich ausfindig zu machen, und Ihr ſeid gebeten, Euch gleichfalls dahin zu begeben, und ihm in ſeinen Nach⸗ forſchungen beizuſtehen.“„ „Es iſt ſo, und ich muß augenblicklich abreiſen.“ „Haltet einen Augenblick,“ ſagte Miß Vernon.„Das Schlimmſte, was bei der Sache berauskommen kann, ſcheint mir der Verluſt einer gewißen Summe Geldes, und das kann Thraͤnen in Eure Augen bringen? Schaͤmt Euch, Herr Osbaldiſtone!“— „„Ihr thut mir Unrecht, Miß Vernon“, erwiederte ich. „Nicht der Verluſt macht mich bekuͤmmert, ſondern der Einfluß, den dieſer Unfall auf das Gemuͤth und die Ge⸗ ſundheit meines Vaters hervorbringen wird, der kaufmaͤn⸗ niſches Zutrauen ſo hochachtet, als die Ehre; wenn er fuͤr zahlungsunfaͤhig erklaͤrt wird, ſo ſinkt er ins Grab, nieder⸗ gedruͤckt von Kummer, Gewiſſensbiſſen und Verzweiflung, gleich einem der Feigheit uͤberwieſenen Soldaten, oder ei⸗ nem Manne von Ehre, der ſeinen Ruf in der Geſellſchaft verltert. Alles dieß haͤtte ich verhindern koͤnnen durch da W. Seott's merke, CII. 2 1 4 18 geringe Opfer meines thorichten Stolzes und einer Traͤg⸗ heit, die mich abhielt, an den Arbeiten ſeines ehrenvollen und nuͤtzlichen Berufs Theil zu nehmen. Guͤtiger Himmel! wie kann ich die Folgen meines Irrthums wieder gut machen!“ 3 „Indem Ihr augenblicklich nach Glasgow abreist, um was Ihr von dem Schreiber dieſes Briefs beſchworen werdet.“ „Aber, wenn Raſhleigh dieſen niedertraͤchtigen und ge⸗ wiſſenloſen Plan, ſeinen Wohlthaͤter zu pluͤndern, in der That entworfen hat, welche Ausſicht iſt vorhanden, die Mittel zu finden, einen ſo tief angelegten Plan zu ver⸗ eiteln?“ 3 „Die Aus ſicht mag freilich unſicher ſeyn, auf der an⸗ dern Seite aber koͤnnt Ihr Eurem Vater unmoͤglich einen Dienſt thun, wenn Ihr hier bleibt.— Erinnert Euch, daß dieß Ungluͤck ſich nicht ereignet haͤtte, waͤret Ihr an dem fuͤr Euch beſtimmten Poſten geſtanden; eilt an den, der Euch jetzt angewieſen wird, und vielleicht kann es wieder gut gemacht werden— doch, bleibt hier,— verlaßt dieß Zimmer nicht, bis ich zuruͤckkehre.“ So beſtuͤrzt und verwirrt ſie mich auch zuruͤckließ, ſo fand ich doch einen hellen Augenblick, um die Feſtigkeit, Nuhe und Geiſtesgegenwart zu bewundern, welche Diana ſelbſt bei den unerwartetſten Vorfaͤllen zu beſitzen ſchien. In wenigen Minuten kehrte ſie mit einem Blatt Pa⸗ pier in der Hand zuruck, faltete und ſtegelte es, gleich einem Briefe, ohne jedoch eine Addreſſe darauf zu ſetzen. „Ich vertraue Euch,“ ſagte ſie,„dieſe Probe meiner Freundſchaft an, weil ich auf Enre Ehre mit voller Zuver⸗ ſicht baue. Wenn ich recht verſtehe, was es mit dieſem Unfalle füͤr eine Bewandniß hat, ſo muͤſſen die in Raſhleighs — — 19 Haͤnden beſindlichen Anwelſungen an elnem gewißen Tage,— ich glaube, der 12. Sept. iſt genannt,— gedeckt werden, um die fraglichen Wechſel bezahlen zu können. Laſſen ſich alſo vor jener Zeit hinreichende Summen aufbringen, ſo iſt Eures Vaters Credit geſichert.“. „Ganz gewiß,— ſo verſtehe ich Herrn Tresham,“— ich blickte noch einmal in den Brief:„es iſt kein Zwe⸗ fel.“ „Gut,“ ſagte Diana,„in dieſem Falle kann mein Zauberzwerg Euch nützlich werden. Ich habe Euch geſagt, ein Zauber liegt in dem Brief; nehmt ihn, oͤffnet ihn aber nicht, bis andere und gewöhnliche Mittel fehlgeſchlagen ha⸗ ben. Seid Ihr in Eurem Vorhaben glücklich, ſo traue ich auf Euch, als einen Mann von Ehre, daß Ihr den Bĩief vernichten werdet, ohne ihn zu öffnen, oder öffnen zu laſſen. Iſt dieß nicht der Fall, ſo mögt Ihr den Brief erbrechen, zehn Tage vor dem beſtimmten Termin. Die Nachweiſun⸗ gen, die Ihr darin findet, können Euch von Nutzen ſeyn. Lebt wohl, Franz; wir ſehen uns nicht mehr,— aber denkt manchmal an Eure Freundin, Diana Vernon.“ Sie reichte mir die Hand, aber ich drückte ſte an meine Bruſt. Sie ſeufzte, als ſie ſich aus der Umarmung wand, die ſie geſtattete, enteilte durch die Thüre, die zu ihrem eigenen Zimmer fuͤhrte, und ich ſah ſie nicht mehr. 20 Zweites Kapitel. und hurra, hurra, hov, boy, bop, Gings fort in ſauſendem Galopp, Daß Roß und Reuter ſchnoben, Und Kies und Funken ſtoben. Bürger. Wenn Unzälle verſchiedener Art ſich haͤufen, ſo gewäh⸗ ren die entgegengeſetzten Wirkungen derſelben den Vortheil, nicht von einem einzelnen überwaͤltigt zu werden. Dem tie⸗ fen Kummer, den ich über die Trennung von Miß Vernon empfand, wirkte das meinem Vater drohende Unglück ent⸗ gegen, indem es die Kräfte meines Geiſtes in Spannung er⸗ hielt, und die erhaltene Unglücksbotſchaft beugte mich we⸗ niger, weil ſie mich nicht allein beſchäſtigte. Ich war we⸗ der ein untreuer Liebhaber, noch ein gefühlloſer Sohn; aber man kann nur einen gewißen Theil ſchmerzlicher Empfindun⸗ gen den Unfaͤllen widmen, von denen ſie erzeugt werden, und wenn zwei zu gleicher Zeit wirken, ſo erg ht es unſerem Ge⸗ fähl, wie einem Gemeinſchuldner, deſſen Vermögen an die verſchiedenen Gläubiger im Verhältniß zu ihren Forderungen ausgetheilt wird. Dieß waren meine Betrachtungen, als ich in mein Zimmer kam, und nach dem gebrauchten Gleichniß zu ſchließen, hatten ſie bereits einen Anklang vom Handels⸗ weſen.„ Ich zog unn den Brief deines Vaters in ernſthafte Er⸗ waͤgung; er war nicht ſehr klar, und verwieß mich in Be⸗ treff mehrerer Einzelnheiten an Owen, den man mich ſobald wie möglich in einer ſchottiſchen Stadt, Namens Glasgow, aufzuſuchen bat; man benachrichtigte mich ſerner, daß ich ihn bei den Herrn Mac Vittin, Mace Fin und Compagnie *— 4 8 21 in der Galzenſtraße jener Stadt erfragen koͤnne. Eben ſo wurde ich darin auf einige Briefe verwleſen, welche, wie mir ſchien, verloren gegangen oder unkerſchlagen ſeyn mußten, und man beklagte ſich uͤber mein hartnaͤckiges Stillſchweigen in Ausdruͤcken, die höchſt ungerecht geweſen ſeyn waͤrden, wenn meine Briefe an ihre Beſtimmung ge⸗ langt waͤren. Ich war in hohem Grade beſtuͤrzt, und konnte nicht einen Augenblick zweifeln, daß Rafhleighs Geiſt mich umſchwebe, und die Zweiſel und Schwierigkei⸗ ten heraufbeſchwoͤre, die mich umgaben; doch lag etwas ſchauerliches in dem Gedanken an die Groͤße der Nieder⸗ traͤchtigkeit und an die Ausdehnung der Gewalt, die er zur Vollfuͤhrung ſeiner Plaͤne in Anwendung gebracht hatte. In einer Hinſicht muß ich mir ſelbſt Gerechtigkeit widerfahren laſſen; ſo ſehr mich unter andern Ruͤckſichten und zu einer andern Zeit die Trennung von Miß Vernon geſchmerzt haben würde, ſo trat ſie doch in den Hinter⸗ grund, wenn ich an die Gefahren dachte, die meinem Va⸗ ter drohten. Ich ſelbſt legte keinen hohen Werth auf Reichthum, und glaubte, wie die meiſten jungen Leute von lebhafter Einbildungskraft, das Geld leichter entbehren, als meine Zeit und meine Faͤhigkeiten auf die zu Erwer⸗ bung deſſelben noͤthige Arbeit verwenden zu koͤnnen. Aber von meinem Vater wußte ich, daß er einen Bankrott als das groͤßte, unerſetzliche Ungluͤck betrachte, wogegen das Le⸗ ben keinen Troſt, der Tod aber die ſchuellſte und einzise Huͤlfe gewaͤhre. Um dies Ungluͤck abzuwenden, entwikelte mein Geiſt eine Kraft, die der Eigennutz nie geweckt haben wuͤrde, wenn es mein eigenes Vermoͤgen gegolten haͤtte; der Er⸗ folg melner Betrachtungen war, daß ich den Entſchluß 22 faßte, am folgenden Tage Osbaldiſtonee⸗Hall zu verlaſſen, und mich ohne Zeitverluſt nach Glasgow zu wenden, um Owen zu treffen. Ich hielt es nicht fuͤr rathſam, dieſen Entſchluß meinem Oheim auf eine andere Art kund zu thun, als einen zuruͤckgelaſſenen Brief, worin ich ihm fuͤr ſeine Gaſtfreund ſchaft dankte, und ihn verſicherte, daß dringende und wichtige Geſchaͤfte mich abhielten, ihm muͤndlich zu danken. Ich wußte, der ſchlichte alte Ritter wuͤrde einen Verſtoß gegen die Höoͤflichkeit bereitwillig ent⸗ ſchuldigen, und ich glaubte ſo feſt an Raſhleighs weit ver⸗ breitete und entſchloſſene Raͤnke, daß ich ein wenig be⸗ ſorgte, er moͤchte, wenn ich meine Abreiſe oͤffentlich au⸗ kuͤndigte, Mittel in Bereitſchaft haben, eine Reiſe zu hin⸗ dern, die in der Abſicht unternommen wurde, dieſe Raͤnke zu ſtoͤren. Deeshalb beſchloß ich, mit Tagesanbruch mich auf den Weg zu machen, um die nahe Grenze von Schottland zu gewinnen, ehe man im Schloſſe nur an meine Abreiſe denke; aber ein wichtiges Hinderniß konnte dieſe Eile hemmen, wovon der Erfolg abhing. Der kuͤrzeſte Weg oder vielmehr je⸗ der Weg nach Glasgow war mir unbekannt; und da bei der Lage⸗ in der ich mich befand, Eile das wichtigſte war, ſo beſchloß ich, den Gäͤrtner Andreas daruͤber zu fragen. So ſpaͤt es ſchon war, machte ich mich dennoch ſogleich auf den Weg, und befand mich in wenigen Minuten vor ſeiner Wohnung. Dieſe war nicht weit von der aͤußern Gartenmauer entfernt, ein kleines, artiges Haͤuschen aus roh behauenen Steinen aufgebaut, das Dach mit breiten grauens Steinen ſtatt der Ziegel bedeckt. Ein hoher Birnbaum an der ei⸗ nen Seite, ein kleiner Bach, ein Blumenbeet von einer Ruthe im Umfang vornen, ein kleiner Kuͤchengarten hinten⸗ 23] ein Grasplatz fuͤr eine Kuh, und ein kleines Feld, mit Korn bebaut, mehr zum Gebrauche des Haͤuslers, als zum Verkauf, alles verkuͤndigte den erquickenden frohen Lebens⸗ genuß, den Alt England ſelbſt an ſeinem nördlia ſten Ende, auch ſelnem geringſten Bewohner darbietet. Als ich mich der Behauſung des weiſen Andreas naͤ⸗ herte, vernahm ich ein Geraͤuſch, das ſich in ausnehmend feierlichen, langgedehnten Naſentoͤnen hoͤren ließ, und mich auf die Vermuthung brachte, Andreas habe nach dem an⸗ ſtaͤndigen und loͤblichen Gebrauch ſeiner Landsleute einige ſeiner Nachbarn zu einer Abendandacht berufen. Andreas hatte weder Weib, noch Kind, noch irgend einen weibli⸗ chen Hausgenoſſen.„Der erſte Gaͤrtner,“ ſagte er⸗„haͤtte genug von dieſer Waare gehabt.“ Manchmal gelang es ihm, ſich Zuhoͤrer von den benachbarten Katholiken und Anhaͤn⸗ gern der biſchoͤflichen Kirhe zu verſchaffen,— Braͤnde, wie er ſagte, die er aus dem Feuer geriſſen,— an denen er ſeine geiſtlichen Gaben uͤbte trotz Vater Vaughan, Vater Dochartz, Raſhleigh und der ganzen katholiſchen Welt um ihn her, die ſeine Einmiſchung in ſolche Dinge fuͤr eine Art kezeriſchen Schleichhandels erklarten. Darum glaubte ich, einige ſeiner wohlgeſinnten Nachbarn moͤchten auch diesmal ſich zu einer gottesdienſtlichen Feier dieſer Art bei ihm verſammelt haben. Das Geraͤuſch ſchien indeß, als ich aufmerkſamer hinhorchte, blos aus den Lungen des beſagten Andreas zu kommen, und als ich es durch mei⸗ nen Eintritt unterbrach, fand ich ihn allein, indem er zu ſeiner eigenen Erbauung laut aus einer theologiſchen Streitſchrift las, und mit den langen Woͤrtern und ſchwe⸗ ren Namen ſo gut als moͤglich zurecht zu kommen ſuchte. „Ich ſuchte mir eben einen Spruch,“ ſagte er, den maͤch⸗ 24 tigen Foliohand zur Seite legend,„aus dem wuͤrdigen Doctor Leichtfuß.“ »Leichtfuz!“ erwiederte ich mit einem Blick des Er⸗ ſtaunens auf den ſchwerfaͤlligen Band,„in der That, Euer Schriftſteller hat einen unpaſſenden Namen.“ „Leichtfuß war ſein Name Herr, ein Gottesgelehrter war er, wie man ſie heut zu Tage nicht mehr hat. Doch ich bitte um Verzethung, daß ich Euch an der Thüre ſte⸗ hen ließ, aber ich hatte den Abend ſchon meine Noth mit einem Geſpenſt, Gott ſey bei uns! und da wollte ich die Thuͤre nicht gleich oͤffnen, bis ich mit dem Abendſegen fertig waͤre; und ich hatte eben das fuͤnſte Kapitel im Nehemiah geendigt, und wenn das ſie nicht ferne haͤlt, ſo weis ich nicht, was es thun ſoll.“ „Mit einem Geſpenſt zu thun!“ ſagte ich; was wolt Ihr damit ſagen, Andreas? „Ja, la, ich bekam einen Schrecken, daß ich haͤtte aus der Haut fahren moͤgen, obgleich niemand mir die Seele aus dem Lelb ziehen wollte, wie man einen Baum ſchaͤlt.“ „Nun, laßt's jetzt gut ſeyn mit Eurem Schrecken, Andreas; ich moͤchte gerne wiſſen, ob Ihr mir den naͤch⸗ ſten Weg nach einem Ort in Eurem Lande, Namens Glas⸗ gow, angeben koͤnnt?“ „Sinen Ort Glasgow! wlederholte Andreas; Glas⸗ gow iſt eine Stadt, und Ihr fragt, ob ich den Weg nach Glasgow kenne?— Warum ſolte ich ihn nicht kennen? — es iſt gar nicht weit von meinem eigenen Kirchſpiel Dorepdaly, das liegt nur eine kleine Strecke weiter nach Weſten. Aber weshalb wollt Ibr nach Glasgow gehen, Herr?“ „Beſondere Seſchaͤfte.“ 25 „Das heißt ſo viel als: frage nicht, und ich luͤge nicht.— Nach Glasgow?“ er hielt einen Augenblick inne, —„ich denke es ware Euch noch lieber, wenn Euch je⸗ mand den Weg zeigte.“ „Ja wohl, wenn ich jemand faͤnde, der dieſen Wig ginge.“ 1 „Und Ihr wuͤrdet wohl Zeit und Muͤhe in Anſchlag bringen?“ „Ganz gewiß,— mein Geſchaͤft erfordert Eile, und wenn Ihr mir einen Burſchen anweiſen koͤnnt, der mich begleitere, ich wuͤrde ihn gut bezahlen.“ „Das iſt kein Tag, von weltlichen Geſchaͤften zu re⸗ den,“ ſagte Andreas, und blickte gen Himmel,„aber wenn es nicht Sonntag waͤre, ſo moͤchte ich fragen, was Ihr denn geben wolltet, wenn ich Euch einen kurzweiligen Be⸗ gleiter auf den Weg verſchaffte, der Euch die Namen der Schlöſſer und Edelſitze an der Straße ſagte, und die ganze Sippſchaft der Edelleute Euch herzaͤhlte.“ „Ich ſage Euch, alles, was ich zu wiſſen brauche, iſt der Weg, auf dem ich reiſen muß; der Wegweiſer ſoll mit mir zufrieden ſeyn, ich gebe ihm, was billig iſt.““ „Was bigig iſt,“ erwiederte Andreas,„das iſt nichts geſagt; der Burſche, von dem ich ſpreche, kennt alle Ne⸗ benwege und alle Fußpfade uͤber die Berge, und——— „ Jy habe leine Zeit, Andreas, daruͤber zu ſchwatzen; ſchließt den Handel fuͤr mich ab, wie Ihr wollt.“ „Ja, das laͤßt ſich hoͤren,“ antwortete Andreas.„Ich denke, da es ſo iſt, wie es iſt, ſo will ich ſelbſt der Bur⸗ ſche ſeyn, der Euch fuͤhrt.“ „Ihr, Andreas? aber wie koͤnnt Ihr denn Eueru Dlenſt verlaſſen?“ 26 „Ich habe Euch ſchon vor einiger Zeit geſagt, daß ich ſchon lange ans Fortgehen dachte, ſchon vom erſten Jahr an, daß ich hieher kam, nun aber will ich in allem Erunſte geßen, beſſer bald, als ſpaͤt,— beſſer einen Finger ab, als immer gewackelt.“ Ihr verlaßt alſo Euern Dienſt?— aber werdet Ihr Euern Lohn nicht verlieren?“ „Etwas verliere ich freillch, aber ich habe Geld von dem Herrn in der Hand, das ich fuͤr die Aepfel im alten Obſtgarten bekommen habe,— ein ſchlechter Handel fuͤr die Leute,— lauter gruͤnes Zeug,— und doch iſt Sir Hildebrand ſo verſeſſen auf das Geld, das heißt, der Haus⸗ hofmeiſter draͤngt ſo darauf, als obs Goldaͤpfel geweſen wären— und da iſt auch Geld fuͤr Saamen, dnn wird der Lohn wohl herauskommen. Nun, wenn vir nach Glas⸗ gow gekommen ſind, werdet Ihr meinen Verluſt beden⸗ ken,— und wollt Ihr denn ſo bald fort? „Bei Tagesanbruch.“ „Das iſt ein Bischen ſchnell,— wo werde ich denn nun gleich ein Pferd finden?— Halt, ich weiß ſchon das Thier, das für mich paßt.“ „Um fuͤnf Uhr Morgens treffen wir uns am Ende des Gartens?“ „Der T.l ſoll mich,(Gott verzeih mir meine Suͤnde) wenn ich nicht da bin,“ erwiederte Andreas ſehr froͤhlich; aber ich moͤchte Euch rathen, zwei Stunden ſtü⸗ her aufzubrechen. Ich kenne den Weg bei Nacht, wie bei Tag.. Ich billigte Andreas Vorſchlag ſehr, und wir kamen übereinf, um drei Uhr Morgens an dem beſtimmten Platz 27 zuſammen zu treffen. Ploͤtzlich aber ging meinem kuͤnfti⸗ gen Reiſegefaͤhrten eine andere Wendung durch den Kopf. „Das Geſpenſt! das Geſpenſt! wenn das uͤber uns kommen ſollte?— Ich mag mit ſolchen Dingen nicht zwei⸗ mal in vierundzwanzig Stunden zuſammentreffen.“ „Gah! pah!“ rief ich im Weggehen.„Furchtet nichts aus der andern Welt; die Erde hat lebende Teufel, die ohne Beiſtand ihr Weſen ſo gut treiben, als wenn das ganze Heer der gefallenen Engel ihnen zu Huͤlfe kaͤme.“ Mit dieſen Worten, die mir von meiner eigenen Lage eingegeben wurden, verließ ich die Wohnung des Gaͤrtners und kehrte in das Schloß zuruͤck. Ich machte die wenigen Vorbereitungen, die zu mei⸗ ner Reiſe noͤthig waren, unterſuchte und lud meine Piſto⸗ len, und warf mich dann auf das Bett, um wo moglich vor der langen und muͤhſamen Reiſe eines kurzen Schlafs zu genießen. Die Natur, von den ſtuͤrmiſchen Bewegungen dieſes Tages erſchoͤpft, war guͤtiger gegen mich, als ich er⸗ wartete, und ich ſiel in einen tiefen Schlaf, aus dem ich jedoch auffuhr, als die Glocke des nahen Thuͤrmchens zwei Uhr ſchlug. Ich ſtand ſogleich auf, ſchlug ein Licht, ſchrieb den Brief, den ich meinem Oheim zuruͤcklaſſen wollte, ließ einige Kleidungsſtuͤcke da, die mich auf der Reiſe belaͤſtigt haͤtten, packte das uͤbrige in ein Felleiſen, ſchluͤpfte die Treppen hinab, und erreichte den Stall ohne Hinderniß. Ohne ein ſolcher Stallknecht geworden zu ſeyn, wie meine Vettern, hatte ich zu Osbaldiſtone⸗Hall doch gelernt, mein Pferd zu ſatteln und zu zaͤumen, und in wenigen Mi⸗ nuten ſaß ich voͤllig zur Abreiſe bereit zu Pferde⸗ 1 Als ich die alte Allee hinaufritt, auf welche der ab⸗ nehmende Mond ſein bleiches, weißliches Licht warf, blickte 28 ich mit einem tiefen Seufzer zuruͤck auf die Mauern, wo Diana Vernon wohnte, und der niederſchlagende Gedanke kam uͤber mich, daß wir uns wahrſcheinlich getrennt haͤtten, zum Nimmerwiederſehen. Es war unmöglich, in der lan⸗ gen und unregelmaͤßigen Reihe gothiſcher Fenſter, die in dem bleichen Mondlicht geiſterhaft heruͤberſchauten, die ihrigen zu unterſcheiden.„Sie iſt ſchon fuͤr mich verloren,“ ſagte ich, als meine Ausen uͤber den duͤſtern Bau hinſtreiften, „ſte iſt ſchon fuͤr mich verloren, ehe ich den Ort verlaſſe, wo ſie wohnt! Welche Hoffnung habe ich, mit ihr in Ver⸗ bindung zu bleiben, wenn Meilen zwiſchen uns liegen.“ „„Als ich in truͤbſtnulge Traͤumerei verſunken eine Welle anhielt, ſchlug die Thurmuhr drei, und erinnerte mich an die Nothwendigkeit, meine Verabredung mit einer miuder anziehenden Perſon,— Andreas Gutdienſt, einzuhalten.“ „Am Thore fand ich einen Reiter, der ſich in dem Schatten der Mauer aufgeſtellt hatte, und erſt, nachdem ich zweimal gehuſtet, und dann„Andreas!“ geruſen hatte, erwiederte der Gartenkuͤnſtler: ich verſichere Euch, es iſt Andreas.“ „So fuͤhrt mich denn,“ ſagte ich,, und ſchweigt, wenn Ihr koͤnnt, bis wir uͤber das Dorf im Thale hinaus ſind.“ Andreas ritt voran, und zwar weit ſchneller, als ich wuͤnſchte; meiner Ermahnung zu ſchweigen, folgte er ſo gut, daß er auf meine wiederholten Fragen nach der Urſache ſeiner unnoͤthigen Eile keine Autwort gab. Als wir uns auf Nebenwegen, die Andreas kannte, aus den zahlreichen, geeinigen Pfaden, die ſich in der Naͤhe des Schloſſes durch⸗ ſcnitten, herausgewunden hatten, gelangten wir auf die offene Heide, und ritten raſch fort zwiſchen den duͤrren Hu⸗ gela, die Schottland von Eugland ſcheiden. Der Weg war 29 hbald Moor, bald Schiefergrund, nichtsdeſtoweniger aber ritt Andreas immer im ſchaͤrfſten Trott voran. Ich war erſtaunt und unwillig uͤber ſeinen Eigenſinn, denn wirrit⸗ ten ſteile Pfade hinan und hinab uͤber einen Boden, wo man fuͤglich den Hals brechen konnte an Abgruͤnden vorbei, wo ein Ausglitſchen des Pferdes dem Reiter einen ſichern Tod gebracht haͤtte. Der Mond warf ein mattes unge⸗ wiſſes Licht, aber an manchen Stellen waren wir im Schat⸗ ten der Berge in ſo dichter Finſterniß, daß ich meinem Vor⸗ reiter nur von dem Hufſchiag ſeines Pferdes und den Fun⸗ ken, die er aus den Steinen ſchlug, geleitet folgen konnte. Dieſe heftige Bewegung, die Aufmerkſamkeit, die ich um meiner perſoͤnlichen Sicherheit willen, der Fuͤhrung melnes Pferdes widmen mußte, kam mir zu Statten, indem meine Gedanken gewaltſam abgelenkt wurden von den mannigfa⸗ chen ſchmerzlichen Betrachtungen, die mich außerdem nie⸗ dergebeugt haͤtten. Endlich ader, als ich meinen Fuͤhrer wiederholt zuruͤckgerufen hatte, wurde ich im Ernſte zor⸗ nig uͤber ſeine Hartnaͤckigkeit, mir weder gehorchen, noch aatworten zu wollen. Mein Zorn war indeß voͤllig unmaͤch⸗ tig. Ich verſuchte ein paarmal, meinem eigenſinnigen Füh⸗ rer zur Seite zu reiten, in der Abſicht, ihn mit der um⸗ gekehrten Peitſche vom Pferde zu ſchlagen, aber Andreas war beſſer beritten, als ich, und die Lebhaftigkeit ſeines Pferdes, oder wahrſcheinlicher ein gewiſſes Vorgefuͤhl mel⸗ uer guͤtigen Abſichten, ließ ihn noch ſchneller fortſprengen, wenn ich ihn zu erreichen verſuchte. Ich ſelbſt mußte nun die Sporen gebrauchen, um ihn im Geſicht zu behalten, denn ohne einen Fuͤhrer, das ſah ich nur alzzuwohl, würde ich meinen Weg durch die öde Wildniß nicht finden, die wir jezt in ſo ungewoͤhnlicher Eile durchzogen. Endlic 30 wurde ich ſo zornig, daß ich drohte, meine Piſtolen zu neh⸗ men, und dem Herrn Andreas Heisſporn eine Kugel nachzu⸗ ſchicken, die ſeinem tollen Rennen ein Ende machen würde, wenn er es nicht von ſelbſt einſtelle. Erſichtlich machte dieſe Drohung einigen Eindruck auf ſein gegen mildere Bitten tau⸗ bes Ohr, denn als er es hörte, mäßigte er den Lauf ſeines Pferdes, ließ mich an ſeiner Seite reiten, und bemerkte: „Es iſt nicht viel Verſtand dabei, auf eine ſo närriſche Weiſe zu reiten.“ „Wie nun, Schurke, warum habt Ihr es denn doch ge⸗ than?“ erwiederte ich in ſteigender Hitze, worein man, bei⸗ laͤufig geſagt, nicht leichter geräth, als wenn man kurz vor⸗ her ein wenig in Gefahr geweſen iſt, denn die Furcht facht, wie ein Paar Waſſertropfen, die in ein Gluthfeuer geworfen werden, gewiß die Flamme, die ſie nicht dämpfen kann, noch mehr an. „Was iſt denn Euer Wille, lieber Herr?“ fragte Andreas mit unerſchuͤtterlicher Ruhe. „Mein Wille, Schurke?— Ich habe Euch die ganze Stunde zugerufen, langſamer zu reiten, und Ihr habt mir nicht einmal geantwortet.— Seyd Ihr betrunken oder toll, Euch ſo betragen?“ „Ja, lieber Herr, ich höre ein wenig ſchwer, und ich will nicht läugnen, ich habe ein Schlückchen zu mir genom⸗ men, ehe ich das alte Haus verließ, wo ich ſo lange gelebt habe; da hat mir nun niemand Beſcheid gethan, ich mußte es alſo ſelbſt thun, oder das Stümpchen Branntwein den Papiſten zurücklaſſen, und das wäre doch Schade geweſen.“ Das mochte alles ganz wahr ſeyn, und meine Lage er⸗ forderte, mit meinem Führer auf gutem Fuße zu ſtehen; 31 ich begnuͤgte mich deßhalb, ihm zu ſagen, daß er ſich künf⸗ tighin nach meinen Anweiſungen zu richten habe. Andreas durch die Milde meines Tons ermuthigt, er⸗ hob den ſeinen wieder auf die anmaßende, gekünſtelte Weiſe, wie er es oft zu thun gewohnt war. „Ihr werdet mich nicht überreden, Herr, und niemand ſoll mich überreden, daß es geſund oder klug ſey, in der Nacht über dieſe Moore zu gehen, ohne ein Schlückchen Nel⸗ kenwaſſer, ein Glas Branntwein oder ſonſt eine Herzſtärkung zu ſich zu nehmen. Ich bin wohl hundertmal über die Ot⸗ terſcope⸗Berge gegangen, bei TDag und bei Nacht, aber nie konnte ich den Weg finden, wenn ich nicht mein Morgen⸗ ſchlückchen genommen hatte; zuweilen hatte ich ein Paar Faͤß⸗ chen Branntwein auf jeder Seite.“ „Mit andern Worten, Andreas, Ihr habt geſchmuggelt, — wie kann es ein Mann von Euern ſtrengen Grundſaͤtzen über ſich gewinnen, das Zollamt zu betrügen?“ „Es iſt ja nur ein Raub an den Egyptiern,“ erwiederte Andreas;„das arme alte Schottland hat genug gelitten von den ſchmählichen Burſchen, denn Acciſern und Zöllnern, die wie Heuſchrecken über uns gekommen ſind ſeit der unſeligen Union; darum muß ein guter Sohn ihr manchmal eine Herz⸗ ſtärkung bringen, wenn es auch das elende Diebsvolk nicht haben will.“ Bei genauerer Nachfrage erfuhr ich, daß Andreas oſt als Schmuggler über dieſe Bergwege gegangen ſey, vor und während ſeiner Anſtellung im Schloſſe Osbaldiſtone, ein Um⸗ ſtand, der für mich nur in ſo weit von Wichtigkeit war, als ler mir ſeine Tauglichkeit als Fuͤhrer bewies, trotz des Streichs, den er mir anfangs geſpielt hatte. Auch jetzt noch, obwohl er langſamer ritt, ſchien der Abſchiedstrunk, oder was ihn 32 ſonſt ſo angetrieben hatte, ſeine Wirkſamkeit noch nicht ganz verloren zu haben. Er blickte oft heftig und ängſtlich zurück, und wenn es der Weg nur ingend zuließ, ſo kam er in Ver⸗ ſuchung, ſein Pferd wieder ſtärker anzutreiben, als fürchtete er, es möchte ihn jemand verfolgen. Dieſe Anzeigen von Un⸗ ruhe verminderten ſich allmaͤhlig, als wir die Spitze einer hohen graulichen Hügelreihe erreichten, die ſich nach Oſten und Weſten ungefaͤhr eine Meile weit hinzog, und auf beiden Seiten ſteil hinabſenkte. Die bleichen Strahlen des Morgens erhellten lezt den Horizont, Andreas blickte zuruͤck, und da wir auf den Mooren, uͤber die wir geritten waren, kein lebendes Weſen erblickten, erheiterten ſich all⸗ maͤblig ſeine rauhen Zuͤge; erſt pfiff er, dann ſang er, aͤußerſt luſtig aber ſehr unmelodiſch, das Ende eines ſchot⸗ tiſchen Lieds: Run Hannchen! haben wir's Weite, Sind uber'm Moor auf der Heide, Keiner kriegt uns, wie er auch reite. Dabei klovfte er das Thier, das ihn ſo wacker getra⸗ gen hatte, auf den Nacken; dieß erregte meine Aufmerk⸗ ſamkeit, und ich erkannte ſogleich das Lieblingspferd Thorn⸗ cliffs.„Was iſt das?“ ſagte ich finſter;„das iſt ja Jun⸗ ker Thorncliffs Pferd!“ „Ich will nichts ſagen, als daß es ſelner Zeit viel⸗ leicht einmal Junker Thorncliffs Pferd war, jezt iſt es da: meinige.“ „Ihr ſeid ein Soizbube, Ihr haht’s geſtohlen!“ „Nein, nein, Herr, niemand kann mich eines Dieb⸗ ſtahls beſchuldigen. Seht Ihr, die Sache iſt ſo,— Jun⸗ ker Tborncliff entlehnte zehn Pfand von mir, um aufs Pferderennen nach York zu gehen;— da ich nun mein . Geld — 33 Geld wieder haben wollte, ſagte er, er wolle mir die Kno⸗ chen weich dreſchen, wenn ich's wieder verlange,— nun wird er ſich eines andern beſinnen, will er ſein Pferd wie⸗ der haben, muß er mich bei Heller und Pfennig bezahlen, oder er ſieht kein Haar mehr vom Schweife ſeines Pferdes. Ich kenne einen wackern Burſchen zu Lochmaben, einen Schreiber,— der ſagte mir, ich ſolle es ſo machen.— Ein Pferd ſtehlen!— nein, nein, fern ſei dieſe Suͤnde von Andreas Gutdienſt, ich habe nur Beſchlag darauf gelegt, juris dictiones fandandry causcyK. Das ſind gute Geſez⸗ worte, faſt wie die Sprache von uns Gaͤrtnern und andern gelehrten Leuten,— Schade nur, daß ſie ſo theuer ſind, — die drei Worte, das iſt alles, was Andreas gewonnen hat, in einem langen Rechtshandel und fuͤr vier Faͤßchen des beſten Branntweins,— ei ja, das Recht iſt ein theu⸗ res Ding.“ „Ihr koͤnntet es noch weit theurer ſinden, Andreas, als Ihr glaubt, wenn Ihr auf dieſe Weiſe fortfahrt, Euch ſelbſt bezahlt zu machen ohne richterliche Hülfe.“ „Tra la, trala, wir ſind in Schottland(Gott ſel ge⸗ lobt!) und nun kann ich Freunde und Rechtsgelehrte fin⸗ den, und Richter dazu, ſo gut als ein Osbaldiſtone. Mei⸗ ner Großmutter dritter Vetter war ein Vetter vom Land⸗ richter in Dumfries, und der leidet nicht, daß einem Tro⸗ pfen von ſeinem Blute Unrecht geſchieht. Nun iſt's gut, 4 hier werden die Geſetze fuͤr alle gleich gehandhabt; da iſt's nicht, wie dort druͤben, wo der Schreiber Jobſon einen ehr lichen Kerl in's Gefaͤngniß ſetzen laͤßt, ehe er ſich umſieht. Aber ich denke, es wird bald mit Recht und Geſez bei ih⸗ naen ganz aus ſeyn, und hauptſaͤchlich darum habe ich ihnen auch gute Nacht gewuͤnſcht“ B.(SSeotr's Werke. Cl... 3 34 neber dieſen Streich war ich ſehr aufgekracht, und rerwunſchte wein Schickſal, das mich nun ſchon zum zwei⸗ tenmal mit einem Menſchen von ſo ſchlechter Handlungs⸗ veiſe in Verbindung brachte. Ich beſckloß indeß, ihm am Ende nunſerer Reiſe das Pferd abzukaufen, und meinem Netter zuruͤckzuſenden; ven dieſer Abſicht wollte ich mei⸗ nem Oheim von der naͤchſten Poſt aus Nachricht geben. Es fuͤhrte zu nichts, jezt einen Streit mir Andreas anzulan⸗ gen, der im Ganzen betrachtet, ſo gehandelt batte, wie man es von einem Menſchen in ſeiner Lage wohl begrei⸗ fen konnte. Ich maͤßigte deßhalb meinen Unwillen, und fragte ihn, was er mit ſeinem letzten Ausdruck gemeint habe, daß es bald mit Geſez und Recht in Northumber⸗ land aus ſeyn werde?“ 4 „Recht!“ ſagte Andreas,„ja, ja, das Pruͤgelrecht wird gelten. Die Prieſter und die irlaͤrdiſchen Officiere und das Paviſten⸗Volk, das im Ausland Soldat geweſen iſt, weil ſie daheim nicht bleiben durften, die fliegen dick herum in Northumberland, und dieſe Roben verſammeln ſich nur, wenn ſie Aas riechen. Ued ſo wahr Ihr lebt, der Herr Hildebrand bat auch ſeine Naſe darin,— da hoͤrt man von nichts, als ven Kilnten, Miſtolen, Degen und Dolchen,— ich welte, ſie werden dabei ſeyn, die kol⸗ len Junker, denn die fuͤrchten ſich vor nichts.“ Dieſe Aeußerungen erinnerten mſch an einen Verdacht, den ich ſelbſt ſchon geſchipet hatte, daß irgend eine ver⸗ zwelfelte Unternehmung der Jakobiten am Ausbruch ſey. Da es mir aber nicht ziemte, meines Oheims Worten und Handlungen neckzuſpuͤren, ſo hatte ſch die Gelegenheit, die ſich mir bot⸗ auf die Zeichen der Zeit: zu werken, eber vermieden, als auſgeſucht. Andreas, den keine ſolchen Ru ſichten banden, hatte zweifelsohne ſehr richtig bemerkt, daß verzweifelte Anſchlaͤge im Werk ſeyen, und es ließ ſich hoͤren, wenn er dieß als einen Grund angab, warum er das Schloß verlaſſe. „Die Dienſtboten,“ ſagte er,„und was zum Gute gehoͤrt, wurden alle regelmaͤßig aufgezeichnet und gemu⸗ ſtert; auch ich ſollté das Gewehr nehmen. Da kennen ſie aber den Andreas ſchlecht. Ich will fechten, wenn es mir gefaͤllt, aber weder fuͤr die babyloniſche Hure, noch fuͤr irgend eine in England.“ ſ Drittes Kapil el. 3 Dort, wo zu ſtürzen drehn das berſtende Gen äuer, 2 Als wur's ermüdet von der Winde Zug, 3 1. Da ſchlaͤtt des Oichſers Herz⸗ des wirden Kriege s Feuer, Der Liebe Klagen um der Liebe Trug. Langhorne. — In dem erſten ſchottiſchen Orte ſuchte mein Fuͤhrer 1 ſeinen Freund und Rathgeber auf, um mit ihm zu uͤber⸗ n legen, durch welche geeignete und geſezliche Mirtel er„das „ gute Thier“ zu ſeinem Eigenthum machen koͤnnte, das er ſlbis jezt nur durch einen jener Taſchenſplelerſtrelche im Be⸗ „l hatte, die noch manchmal in dieſem einſt geſezloſen Di⸗ „ ſrikte vorkamen. Der niedergeſchlagene Blick bei ſeiner 1. uͤck kehr beluſtigte mich einigermaßen. Er war, wie es d ſceint, gegen ſeinen vertrauten Freund, den Anwalt, ein venig gar zu mittheilend geweſen, und hatte zu ſeinem toßen Schrecken, als Lohn fuͤr ſeine verdachtloſe Freimuͤ⸗ lhi keit erfahren, daß Herr Touthope ſeit ſeiner Abweſen⸗ Sgreiher bei einem Frieoensrichter der Grafſchaft ge⸗ 36 worden, und verbunden ſey, alle dergleichen Streiche, wie ¼ den ſeines Freundes, Herrn Andreas Gutdienſt, bei dem Friedensrichter anzuzeigen. Das Pferd, ſagte der thaͤtige Polizeimann, muͤſſe mit Beſchlag belegt, und gegen taͤgli: che Fuͤtterungskoſten von zwoͤlf Schilling ſchottiſch zur Hand 8 behalten werden, bis die Eigenthums⸗Frage gehoͤrig unter⸗ ſucht und entſchleden ſey. Er ſprach ſogar davon, daß er. Herrn Andreas ſelbſt feſthalten muͤſſe, wenn er die Pflich⸗ ten ſeines Amtes ſtreng vollziehen wolle, und nur auf die beweglichſten Bitten um Schonung ſtand er nicht nur hie⸗ von ab, ſondern machte ihm auch noch ein Geſchenk mit einem keuchigen, ſpathigen Klepper, damit er ſeine Reiſe fortſezen koͤnne. Freilich bezeichnete er dieſe Handlung det Edelmuths damit, daß er ſich von dem armen Andreas alle Rechte und Anſpruͤche auf Thorncliffs wackeres Roß abtre⸗ ten ließ; eine Uebergabe, wie Herr Touthope meinte, von ſehr geringer Wichtigkeit, da ſein ungluͤcklicher Freund, wie er ſcherzend hinzuſezte, wohl ſchwerlich etwas von den Pferde bekommen haͤtte, als das Halfter. Andreas zeigte Kummer und Verlegenheit, als it dieſe Einzelnheiten durch wlederholte Fragen endlich au ihm heraus brachte, denn ſein ſchottiſcher Stolz fuͤhlte ſich nicht wenig gekraͤnkt, da er geſtehen mußte, daß Rechtt⸗ gelehrte uͤberall Rechtsgelehrte ſeyen, und Herr Schreihtt Touthope keinen Heller mehr werth ſey, als Schreibet Jobſon. „Es wuͤrde ihn, ſagte er, nicht halb ſo geaͤrgert hoſ ben, um das Pferd, das er mit ſo viel⸗Gefahr gewonnc habe, betrogen zu werden, wenn es ihm unker Englaͤnden begegnet waͤre; aber es ſei ein ſeltſam Ding, wenn in Kraͤhe der andern die Augen aushacke, oder ein ehrt — ——ð ₰2ꝗꝙ— ——— A —* — 37 Schotte den andern prelle. Aber die Sachen ſind ſeit der unſeligen Union ſonderbar veraͤndert in dieſem Lande. Die⸗ ſem Ereigniß ſchrieb Andreas jede Verſchlechterung und Entartung zu, die er unter ſeinen Landsleuten bemerkte, beſonders die groͤßern Wirthsrechnungen, das kleinere Maaßz und andere Beſchwerden, auf die er mich waͤhrend der Reiſe aufmerkſam machte. Ich ſelbſt hielt mich, wie die Sachen ſtanden, aller Sorge um das Pferd enthoben, und benachrichtete meinen Oheim, auf welche Weiſe es nach Schottland gekommen ſei, und daß es ſich in den Haͤnden des Friedensrichters und ſeiner wuͤrdigen Repraͤſentanten, des Amtmanns Trum⸗ bull und des Schreibers Touthope befinde, an die ich ihn wegen des weitern verwies. Ob der northumbriſche Fuchs⸗ jaͤger das Pferd wiedererhalten, oder ob daſſelbe ferner den ſchottiſchen Advokaten trug, gehoͤrt hier nicht zur Sache. Wir ſezten unſere Reiſe nordweſtlich fort, jedoch weit langſamer, als unſer naͤchtlicher Ruͤckzug aus England be⸗ gonnen hatte. Eine Kette duͤrrer Huͤgel folgte der andern, bis ſich das fruchtbare Thal des Clyde vor uns oͤffnete, und wir endlich den Flecken Glasgow, oder wie mein Fuͤhrer hartnaͤckig ihn nannte, die Stadt Glasgow erreichten. In neuerer Zeit verdient ſie freilich in vollem Maaße dieſen Namen, was mein Fuͤhrer von einer Art politiſcher Wahr⸗ ſagerkunſt geleitet zum voraus erkannt haben muß. Ein ausgedehnter, ſtets wachſender Handel mit Weſtindien und den amerikaniſchen Kolonien hat, wenn ich recht berlchtet bin, den Grund zu dem Reichthum und Wohlſtand gelegt, und wenn man dieſen ſorgfaͤltig befeſtigt, und darauf f. baut, ſo vermag er einſt ein maͤchtiges Gebaͤude ven Han⸗ 2 delsreichthum zu tragen; in der Zeit aber, wovon ich ſpre⸗ che, war die Dämmerung dieſes Glanzes noch nicht aufge⸗ sangen. Die Union hatte zwar Schottland den Handel mit den engliſchen Kolonien geöffnet, aber thels Mangel an Ka⸗ pitalten, theils die National⸗Eiſerſucht der Enzlünder hielt die ſchottiſchen Kaufleute noch großentheils von der Be⸗ nuͤtzung dieſer Privilegien ausgeſchloſſen, welche dieſer merk⸗ würdige Vertrag ihnen ertheilt hatte. Glasgows Lage be⸗ guͤnſtiete nicht den öſtlichen oder Continentalhandel, der den unbedeutenden Verkehr Schottlands in jener Zeit hauptſäch⸗ lich belebte. So wenig es aber damals verſprach, die Han⸗ delshöhe zu erreichen, zu der es jetzt eines Tages gelangen tu wollen ſcheint, ſo beſaß es doch ſchon als Hauptort in der Mirte des weſtlichen Schettlands Anſehen und Wichtig⸗ keit. Der brrite, ziemlich tiefe Clyde, der ſo nahe an feinen Mauern vorbeifloß, gewährte die Mittel zu einer nicht unbe⸗ deutenden binnenländiſchen Saifffahrt. Nicht blos die frucht⸗ baren Ebenen in der naͤchſten Umgebung, ſondern auch die Diſtricte von Air und Dum ries betrachteten Glasgow als ihre Hauptſtadt, wohin ſie ihre Erzeugniſſe brachten, und woraus ſie dagegen die Gegenſtände des Bedürfniſſes und des Luxus bezogen. Die düſtern Berge der weſtlichen Hochlande ſandten oft kbre wilden Stämme auf die Märkte der Stadt. Heer den von wilden, zottigen, zwerghaften Ochſen und Pferden, ge⸗ führt von Hochländern, eben ſo wild, zotzig, und manchmal auch eben ſo zwerghaft, als das in ihrer Obhut befindliche Vieh, durchzogen oft die Straßen von Glasgow. Fremde liicten mit Verwunderung auf die alterthüm iche, phantaſti⸗ ſche Kleidung, und berchten auf die rauhen, unbekannten hrer Sprache, wihrend die Hog er, Lelbſt bei die⸗ 1, 5 —— ſer friedlichen Beſchaͤftigung mit Flinten, Piſtolen, Schwert, Dolch und Tartſche bewaſnet, mit Erſtaunen die Gegen⸗ ſtaͤnde des Luxus betrachteten, deren Gebrauch ſie nicht kann⸗ ten, und mit einer faſt beunruhigenden Begierde auf dasje⸗ nige blickten, was ſie kannten und ſchätzten. Stets verläßt der Hoa länder ſeine öden Berge mit Unwillen, und in je⸗ ner frühen Zeit war es, als riße man eine Fichte von ih⸗ rem Felſen, um ſie anderswohin zu pflanzen. Und doch wa⸗ ren damals die Thäler überoblkert, bis J inger und Schwert die Menſchenzahl allmählig verminderte, und manche hinab⸗ zogen nach Glasgow, dort ſich feſtſetzten, Arbeit ſuchten und fanden, ſo verſchieden ſie auch von der auf ihren heimath⸗ lichen Bergen ſeyn mochte. Dieſer Zu vachs von kraftvollen nützlichen Menſchen war für den Wohlſtand der Stadt von Wichtigkeit, er lieferte die Mittel, die wenigen Manufaktu⸗ ren, deren ſich damals die Stadt rühmte, fortzuführen, und legte den Grund zu ihrem nachfolgenden Wohlſtand. Das Aeußere der Stadt entſorach dieſen günſtigen Um⸗ ſtaͤnden. Die breite, anſehnliche Hauptſtraße war mit öffent⸗ lichen Gebäuden geziert, deren Bauart jedoch mehr auffal⸗ lend, als geſchmackvoll war, und tief zwiſchen ſchmalen ſtei⸗ nernen Häuſern hin, deren Vorderſeite zuweilen reich mit Maurerarbeit verziert war, was der Straße etwas Edles und Großartiges gab, das den meiſten engliſchen Städten bei dem leichten vergänglichen Bau aus Backſteinen einiger⸗ maßen ſehlt. Ich langte an einem Donnerſtag Morgens mit meinem Führer in dieſer Hauptſtadt des weſtlichen Schottlands an. Die Glocken tönten von den Thürmen, und eine zahlreiche Menge, die ſich durch die Straßen nach den Kirchen dräng⸗ te, zeigte uns, daß es ein Zeiertag ſei. Wir ſiegen an der 40 Thuͤre einer artigen Wirthin ab die uns höflich empfteng. Mein erſter Gedanke war, Owen aufzuſuchen, auf Befragen aber erfuhr ich, daß„während der Kirchzeit“ jeder Verſuch vergebens ſeyn würde. Nicht nur ſagten mir meine Wirthin und mein Führer, daß in dem Comptoir der Herren Mac Vittin, Mac Fin und Compagnie, an welche ich gewieſen war, keine lebende Seele ſeyn werde, ſondern auch, daß ich noch weit weniger einen von den Herrn ſelbſt finden würde. Das ſeyen ernſthafte Leute, und ſie würden ſeyn, wo gute Chriſten um dieſe Zeit ſeyn müßten, nämlich in der Kirche. Andreas, deſſen Widerwillen gegen die Rechtsgelehrten ſeines Landes ſich glücklicherweiſe nicht auf die übrigen ge⸗ lehrten Stände ausdehnte, ſang nun ein Loblied auf den 1 Prediger, der den Gottesdienſt halten ſollte, was meine Wir⸗ thin mit lauten Amens bekraͤftigte. So entſchloß ich mich endlich, ſelbſt in die Kirche zu gehen, eben ſo ſehr in der Abſicht, wo möglich zu erfahren, ob Owen angekommen ſey, als in der Erwartung einer beſondern Erbauung. Meine Hoffnung wurde durch die Verſicherung erhöht, daß Herr Ephraim Mac Vittin, ein würdiger Mann, gewiß an dieſem Tage dieſe Kirche mit ſeiner Gegenwart beehren, und wenn er einen Fremden bei ſich beherberge, denſelben ohne Zweifel mitbringen würde. Dieſe Wahrſcheinlichkeit beſtimmte mich, und unter der Leitung des getreuen Andreas machte ich mich auf den Weg. Eines Führers haͤtte ich jedoch dießmal nicht bedurft, denn die Menge, welche ſich die ſteile, rauh gepflaſterte Straße hinaufdrängte, um den beliebteſten Prediger des weſt⸗ lichen Schottlands zu hören, hätte mich von ſelbſt mit fort⸗ geſchoben. Als wir oben auf dem Hügel ankamen, wandten wir uns links, und eine breite Flugelthüre nahm mich mit 41 3 den andern in einen offenen, geräumigen Kirchhof auf, der das Münſter oder die Cathedral⸗Kirche von Glasgow um⸗ gibt. Der Dom war ein düſteres, ſchwerfälliges, nicht eben zierliches Gebäude von gothiſcher Bauart, aber ſein eigen⸗ thümlicher Charakter hat ſich ſo wohl erhalten, und die Um⸗ gebungen paſſen ſo gut dazu, daß der Eindruck des erſten Anblicks in hohem Grade ernſt und feierlich iſt. Ich war ſo ergrifſen, daß Andreas, der mich ins Innere des Gebäudes führen wollte, mich einige Minuten lang nicht von der Stelle brachte, ſo ſehr war ich mit der Betrachtung der Außenſeite beſchäftigt. Trotz ſeiner Lage in einer volkreichen und beträchtlichen Stadt ſteht das feierliche, mächtige Gebäude doch völlig ver⸗ einzelt da. Hohe Mauern trennen es von den Häuſern der Stadt auf der einen Seite, auf der andern iſt es durch eine Schlucht begränzt, in deren Tiefe, dem Auge unſichtbar, ein Bach hinfließt, deſſen Rauſchen die imponirende Feier⸗ lichkeit der Scene noch vermehrt. Das entgegenſtehende ſteile Ufer der Schlucht iſt dicht mit Föhren keſetzt, die ihre dü⸗ ſiern Schatten über den Kirchhof hinwerfen. Dieſer ſelbſt gewaͤhrt einen eigenen Anblick; denn obgleich von ziemlich bedeutender Ausdehnung iſt er doch zu klein für die Zahl der. ar geſehenen Einwohner, die hier begraben werden, und deren Gräber faſt alle mit Grabſteinen bedeckt ſind. Deßhalb iſt bier kein Raum für das wuchernde Gras, das ſonſt gewoͤhn⸗ lich dieſe Stätten zum Theil überdeckt, wo die Böſen auf⸗ hören, Andete zu beunruhigen, und die Ermüdeten ausruhen von ihren Anſtrengungen. Die bunten flachen Denkſteine ſind ſo eng an einander geruͤckt, daß der Boden damit gepflaſtert ſcheint, und obgleich dem Einfluß der Witterung ausgeſetzt, doch dem Fußboden einiger alten eugliſchen Kirchen gleicht, 2 der mit Grabſchriften überdeckt iſt. Der Inben dieſer trau⸗ rigen Denkmale der Sterblichkelt, der eitle Kummer, den ſie ausſprechen, ihre ernſte Lehre uͤber die Nichtigeeit menſchli⸗ cher Dinge, die weite Fläche, die davon bedeckt iſt, ihr ein⸗ förmiger, trauriger Inkalt, alles wahnt mich an die Rolle des Propheten,„die beſchriehen war außen und innen, und es waren darin geſkrieben Klagen und Trauer und Wehe.“ Die Kathedrale entſpricht in ihrer ernſten Heheit dieſen Umzebungen. Wir ſühlen, daß der Bau ſchwerfällig iſt, aber auch, daß der Eindrurk vernichtet ſeyn würde, wenn er leichter oder mehr verziert ware dit Ausnahme der Ka⸗ thedrale von Kirewall in den Oreney⸗Inſeln iſt dieß die einzige Metropolitan⸗Kirche in Schort'and, die zur Zeit der Reformation unangetaſtet blieb, und Andreas, der mit großem Stolze den Eindruck bemerkte, den ſie auf mich mich⸗ te, gab mir folgenden Berict über ihre Erhaltung.„Ja, es iſt eine ſchöne Kirche, nichts von dem Geſchnörkel und Gekraͤufel daran, ein feſter, dauerhafter Ban, der ſo lang ſtehen wird, als die Welr, wenn Menſchenhaͤnde und Schieß⸗ 1 pulver davon bleiben. In der Reformation wäre ſie beinahe zerſtört worden, als man die Kirchen von St. Andrews und Perth und daherum zerſtörte, um ſie zu reinigen von Päpſt⸗ lerei und Götzendienſt, von Beldern, Chorhemden und andern dergleichen Lumpen der großen Hure, die auf den ſieben Hü⸗ geln ſitzt, als ob einer nicht breit genug waͤre für ihr altes Hintertheil. So, da machten ſich die Gemeinden von Ren⸗ frew und der Umgegend an einem ſchöyen Morgen auf nach Slasgow, um Hand anzulegen und die hohe Kirche von päͤpſtlichen Alfanzereten zu reinigen. Aber die Bürger ven Glasgow fürchteten fuͤr ihr altes Gebäude, bei ſo einer ſar⸗ ken Abführung möchte es gar zuſammenfaltn, und zogen die 2 Sturmglocke an, die Trommel rief alles zuſammen,— zum Gluͤck war der wuͤrdige James Rabat Zunftmeiſter in dieſem Jahr— und da wollten ſie ſich lieber mit den Gemeinden ſchlagen, als ihre Kirche zerſtören loſſen, wie anderswo ge⸗ ſchehen war. Es war nicht um des Papſtthums willen,— nein, nein, das kann niemand bon den Buͤrgern in Glargo ſagen. Darum k men ſie auch bald üb rein, die abgötti⸗ ſchen Heiligenbilder— Gott n.bge uns davor bewahren!— aus den Winkeln wegzuthun. Und ſo wurden die Steinbil⸗ der zerſchlagen, wie die Schrift beßehlt, und in den Mübl⸗ graben geworfen, und die alte Kirche ſ und da, ſo glatt, wie eine Kotze, wenn man ihr die Flbhe ab ekätmt hat, und alles war zufrieden. Und ich habe kluge Leute ſa en hbren, wenn man’s in den andern Kirchen von Schottland eben ſo gemacht hätte, die Recormation waͤre eben ſo rein geweſen, als jetzt, und wir haͤtten mehr Kirchen, die criſtlich aus⸗ ſehen. Ja, ich bin lange in England geweſen, und wills nie vergeſſen, daß der Hundeſtall im Schloſſe Osbaldiſtone beſſer iſt, als manches Gotteshaus in Schottland.“ Mit dieſen Worten wollre Andreas in die Kirche gehen. Viertes Kapitel. — Den ſchmerzerfünten Blick Ergreifen Furcht und Schrecken; dieſe Gräber Und Todtengrüfte blicken kalt mich an, Und jagen Schauer in das bange Herz. Die t auernde Praut 4 Trotz der Ungeduld meines Begleiters konnte ich nicht unm hin, noch einige Minuten zu verweilen, und das Aecubere 44 des Gebaͤudes anzuſchauen, das jetzt bei der Einſamkeit, die mich umgab, noch einen ſtaͤrkern Eindruck auf mich machte. Die bisher geoͤffneten Thore waren geſchloſſen worden, als der Kirchhof die Menge aufgenommen hatte, die ſich hereindraͤngte, und jezt in feierlicher Andacht ver⸗ eint war, wie der ſchwellende Chorgeſang uns verkuͤndigte. Der Ton ſo vieler Stimmen, harmoniſch in einander ge⸗ floſſen durch die Entfernung, und frei von den harten Miß⸗ toͤnen, die in der Naͤhe das Ohr zerreißen, dazu das Mur⸗ meln des Bachs und der Wind, der durch die alten Foͤh⸗ ren ſauste, alles dieß hob mein Gefuͤhl. Die ganze Na⸗ tur, wie der Pſalmiſt ſie anrief, deſſen Lied ſie ſangen, ſchien vereint den feierlichen Lobgeſang darzubringen, worin Schauer der Ehrfurcht und Freude ſich verſchmelzen, wenn ſie zu ih⸗ rem Schoͤpfer ſich erhebt. Ich hatte in Frankreich das Hoch⸗ amt geſehen, gefeiert mit allem Glanz, den ihm die aus⸗ gewaͤhlteſte Muſik, die reichſten Kleidungen, die ergrei⸗ fendſten Cerimonien verleihen konnten, und doch machte es weit nicht den Eindruck auf mich, als dieſer einfache pres⸗ byterianiſche Gottesdienſt. Die Andacht, woran jeder Theil nahm, ſchien ſo ſehr vor der auswendig gelernten Muſik den Vorzug zu verdienen, daß ſie dem ſchottiſchen Gottes⸗ dienſt allen Vorzug der Wirklichkeit vor einem Schauſpiel gab. Als ich zoͤgerte, um noch mehr von den ſeierlichen Toͤ⸗ nen zu vernehmen faßte mich Andreas, deſſen Ungeduld ſtieg, beim Aermel:„Kommt, kommt, wir duͤrfen nicht ſo ſpaͤt hineingehen, damit wir den Gottesdienſt nicht ſtoͤren; wenn wir noch laͤnger hier ſtehen, ſo kommen die Aufſeher, und bringen uns auf die Wache, als Muͤßiggaͤnger zur Kirchzeit.“ 45⁵ Auf dieſe Ermahnung folgte ich meinem Fuͤhrer, doch nicht, wie ich glaubte, ins Innere der Kathedrale.„Hie⸗ her! hieher!“ rief er aus, und zog mich ſort, als ich auf den Haupteingang zugieng.„Dort iſt nur laues Geſchwäͤz, — nichts als Moral, ſo kraft⸗ und ſaftlos, wie Rauten⸗ blaͤtter um Weihnachten.— Da iſt der wahre Woylgeruch der reinen Lehre.“ Mit dieſen Worten trat er in ein kleines, niedrig ge⸗ woͤlbtes Pfoͤrtchen, das ein ernſt ausſehender Mann eben ſchließen wollte, und ſtieg mehrere Stufen hinab, als gienge es in ein Grabgewoͤlbe unter der Kirche. Es war auch ſo, und in dieſem unterirdiſchen Raume, weßhalb er zu dieſem derbarer Gottesdienſt gefeiert. Denke Dir eine lange Reihe niedrig gewöͤlbter, dunk⸗ ler Hallen, wie ſie in andern Laͤndern zu Graͤbern gebraucht werden, und auch in dieſem lange zu dem nemlichen Zweck gedient hatten; ein Theil davon war mit Sitzen verſehen, und wurde als Kirche benuͤzt. Dieſer Theil der Hallen, obwohl er mehrere hundert Menſchen faſſen konnte, war weit kleiner, als die dunkeln Gaͤnge und Hoͤhlen, die uns rings umher angaͤhnten. Dunkle Banner und zerbrochene Wappenſchilde zeigten in dieſen oͤden Raͤumen der Ver⸗ geſſenheit wahrſcheinlich die Graͤber derjenigen an, die einſt„Fuͤrſten in Iſrael“ geweſen waren. Inſchriften, die nur der muͤhſame Fleiß der Alterthumsforſcher entziffern konnte, in einer Sprache, ſo veraltet, als die andaͤchtige Mildthäͤtigkeit, die ſie erboten, luden den Leſer ein, fuͤr die Seelen derer zu betey, deren Koͤrper hier ruhten. Um⸗ geben von dieſen Behaͤltniſſen der lezten Reſte der Sterb⸗ lichkelt fand ich eine zaylreiche Verſammlung im Gedete Zwecke ausgewaͤhlt wurde, wußte ich nicht, wurde ein ſon⸗ 46 begrlffen. Die Schotten verrichten dieß ſtehend, nicht fnle⸗ end, vielleicht mehr, um ſich von den roͤmiſchen Gevrauchen moͤglichſt weit zu entfernen, als aus irgend einem andern Grund, denn ich habe bemerkt, daß ſie im haͤuslichen Got⸗ tesdienſt dieſe Stellung annehmen, wie andere Chriſten, weil ſie die demüthigſte und ehrfurchtsvollſte iſt. So ſtan⸗ den mehrere Hunderte von jedem Alter und Geſtblecht um⸗ ber, die Maͤnner mit unbedecktem Hauvte, und horchten ehrerbietig und aufmerkſam auf das Gebet, das ein alter, ſehr beliebter Geiſtlicher der Stadt aus dem Herzen ſprach, wenigſtens nicht ablas. In demſelben Glauben erzogen, nahm ich in ernſter Sammlung an der Andacht Theil, und erſt als die Verſammlung ihre Size einnahm, wurde meine Aufmerkſamkeit durch das, was mich umgab, in Aaſprache genommen.“ Beim Schluſſe des Gebets ſezten die meiſten Maͤnner ihre Hate oder Muͤzen auf, und wer einen Siz bekam, ſezte ſich nieder. Andreas und ich waren zu kpaͤt gekom⸗ men, ſtunden alſo unter mebreren andern, die ſich in dem⸗ ſelben Falle befanden, und einen Kreis um den ſitzenden Theil der Verſammlung ſchloßen. Hinter und um uns waren die bereits beſchriebenen Hallen, vor uns die Schaar der Andächtigen, duͤſter beleuchtet von dem Liant, das durch ein oder zwei niedere gothiſche Fenſter, wie man ſie in Beinhaufern ſindet, auf die Geſichter fiel, und deren Man⸗ nigfaltigkeit zeigte. Sie biickten faſt alle auf den Predi⸗ ger, und waren ſehr aufmerkſam, außer wenn hie und da ein Vater oder eine Mutter die umherſchweifenden Augen eines lebhaften Kindes zuruͤckrfef, oder ein traͤges aus dem Schlummer ruͤttelte. Die ſtarkenochigren, harten Geſichter der Scorten, mit dem Aus ruck von Verſtand und Schlau⸗ 47 heit, der oft darin liegt, zeigt ſich in der Andacht oder im Kriege aut eine vortheilhaftere Weiſe, als bei den froͤhli⸗ chern Zuſammenkuͤnften des gewoͤhnlichen Leben. Dle Rede des Predigers war ſehr geeianet, die m annigfachen Gefuͤhle und Faͤhigkeiten ſeiner Zuhoͤrer anzuregen. Alter und Krankbeiten hatten ſeine urſpruͤnglich ſtarke und ſonore Stimme geſchwaͤcht. Er las ſeinen Text mit einer etwas nndeutlichen Ausſorache, als er aber die Bi⸗ bel ſchloß, und ſeine Prediet begann, wurde ſein Ton all⸗ maͤhlia ſtaͤrker, und er entwickelte mit Lebhe ftigkeit ſeine Beweiſe, die ſich meiſtens auf dee boͤhern, der bloßen menſch⸗ kichen Vernunft nicht faßlichen, tiefen Gl ubenslehren be⸗ zogen die er aber auf eine eben ſo kunſtiofe, als paſſende Weiſe durch Stellen aus der beiligen Schrift erklaͤrte. Ich war nicht vorbereitet, in alle ſeine Auseinanderſetzungen einzugehen, und wußte auch zuweilen nicht, ob ich ſeine Saͤze richtig gefabt vatte. Nichts konnte aber eindringli⸗ cher ſeyn, als der lobhafte, begelſterte Vortraa des guten alten Mannes, und nichts ſinnreicher, als die Entwicklung ſeiner Gruͤnde. Die Schotten ſind, wie bekannt, mehr durch die Uebung ihrer Verſtandeserztte, ala durch die Leß⸗ haftiakeit ihrer Gefuͤhle ausgezeichnet; Schlaͤſſe machen deßhalb mehr Eindruck auf ſie, als Redekunſt, und eine ſcharfſinnige Entwicklung der Geuͤnde(ir Lehrtäze zieht ne mehr an, als begeiſterte Aufforderungen an das Herz und die Leidenſchaften, wodurch beliebte Prediger in andern Laͤndern die Gunſt ihrer Zuhoͤrer gewinnen. Unter der aufmeriſanea Menge ſah ſch mehrere aus⸗ drucksvolle Koͤpfe, die mich an Rufaels Prediat des A po⸗ ſtels Paulus in Athen erinnerten. Hier ſaß ein elf⸗ riger, verſtandiger Lalolaiſt, deſſen geſenkte Augenbraaaen 1 48 tiefe Aufmerkſamkelt verriethen, die Lippen leicht geſchlof⸗ ſen, ſeine Augen auf den Prediger geheftet, mit dem Aus⸗ druck eines anſtaͤndigen Stolzes, als theile er den Triumph ſeiner entwickelten Gruͤnde; der Zeigefinger der rechten Hand beruͤhrte nach einander die Finger der linken, als der Prediger von einem Beweiſe zum andern aufſtieg bis zum Schluſſe. Ein anderer, mit ſtolzerem, ſtrengerem Blick, zeigte damit zugleich ſeine Verachtuug aller derer an, die an dem Glauben des Predigers zwelfelten, und ſeine Freude uͤber die ihnen angedrohten Strafen. Ein dritter, der vielleicht zu einer andern Sekte gehoͤrte, und den Zufall oder Nengier hergeführt hatte, ſchien innerlich einige Glieder aus der Kette der Schluͤſſe anzufechten, und an dem leichten Kopfſchuͤtteln konnte man ſeine Zweifel an der Richtigkeit der Beweisfuͤhrung erkennen. Der groͤßte KCovheil hoͤrte mit ruhiger zufriedener Haltung zu, im Be⸗ wußtſeyn des Verdienſtes, hier anweſend zu ſeyn, und eine ſo ſcharfſinnige Rede anzuhoͤren, obgleich ſie vielleicht voͤllig unfaͤhig waren, dieſelbe zu verſtehen. Die Weiber gehoͤr⸗ ten im Allgemeinen dieſer lezten Klaſſe von Zuhoͤrern an. Die alten indeſſen ſchienen entſetzlich aufmerkſam auf die Darſtellung der Lehrmeinungen, waͤhrend die Juͤngern ihre Augen gelegentlich die Runde machen ließen, und ei⸗ nige davon, wenn meine Eitelkeit mich nicht ſehr betrog, ſuchten Deinen Freund und Diener, mein lieber Tresham, als einen huͤbſchen jungen Fremden und als Englaͤnder aus⸗ zuzeichnen. Von der uͤbrigen Verſammlung gafften, gaͤhn⸗ ten oder ſchliefen die Einfaͤltigen, bis ihre eifrigern Nach⸗ barn ſie auf den Fuß traten, um ſie zu ermuntern, und die Traͤgen zeigten ihre Unaufmerkſamkeit durch fluͤchtiges Umſchauen, ohne daß ſie es gewagt haͤtten, durch deutlichere Zei⸗ 49 4 Zeichen ihren Ueberdruß zu erkennen zu geben. Nebon der gewoͤhnlichen Tracht von Niederſchottland, dem Rock und Mantel, konnte ich auch hie und da einen hochlaͤndiſchen Plaid unterſcheiden, deſſen Traͤger auf ſeinen Degenknopf ſich ſtuͤtzte, zuit der unverhehlten Neugierde und Verwun⸗ derung eines Wilden ſeine Augen in der Verſammlung herumgehen ließ, und aler Wahrſcheinlichkeit nach auf die Predigt ſehr unaufmerkſam war, aus einem ſehr verzeit⸗ lichen Grunde, weil er naͤmlich die Sprache des Predigers nicht verſtand. Der kriegeriſche, wilde Blick dieſer Vraͤn⸗ ner gab indeß der Verſammlung eine Eigenheit, Sie ſſe ohne dieſelbe nicht gehabt haͤtte. Sie waren zahlreicher, als gewoͤhnlich, wie Andreas nachher bemerkte, weil ein Viehmarkt in der Nachbarſchaft war. 3— Das waren die Gruppen, die ich berbachtete, wenn durch die engen gothlſchen Fenſter hellere Sonnenſtrahlen den Weg fanden, die aufmerkſame Verſammlung beleuch⸗ teten, und ſich dann in die hintern Hallen verloren, in de⸗ ren vordern Theile eine matte Daͤmmerung, und in deren Hintergrunde eine tiefe Dunielheit berrſchte, ſo daß ſte ſich endlos auszudehnen ſchienen. Ich habe ſchon geſagt, daß ich mit andern in dem aͤu⸗ ßern Kreiſe ſtand, das Geſicht dem Prediger, den Ruͤcken dieſen Hallen zugekehrt; meine Stellung ſetzte mich haͤu⸗ figen Sroͤrungen aus, denn in dieſen Schwibboͤgen wieder⸗ holte ſich jeder Ton in tauſendfachem Echo. Die Regen⸗ troofen, die zuweilen durch eine Ritze des Daches ein⸗ drangen, und aut dem Pflaſter plazten, machten, daß ich den Kopf mehreremal nach der Stelle umdrehte, woher das Geraͤuſch zu kommen ſchien, und wenn meine Blicke in dieſer Richtung waren, zog ich ſie nur mit Muͤhe zu⸗ W. Scott'’s Werke. CII. 4 50 ruͤck, denn unſere Einbildungskraft wird nur immer mehr gereizt durch den Verſuch, ſo weit als moͤglich in ein La⸗ byrinth einzudringen, das in ſeiner matten Belench⸗ tung Gegenſtaͤnde darbietet, die unſere Neugterde reizen, blos weil das Unbeſtimmte und Zweifelhafte derſelben ih⸗ nen ein geheimnißoolles Intereſſe glebt. Meine Augen gewoͤhnten ſich allmaͤhlig an die Duͤſterheit, und unmerk⸗ lich wurde ich immer geneigter, in dieſen dunkeln Irrgaͤngen, als in den ſpitzfind en Entwickelungen des Predigers kEnt⸗ deckungen zu machen. Mein Vater hatte mich wegen dlieſer Flatterhaftigkeſt, die aus einer ihm fremden Reizbarkeit der Ciubildungs⸗ kraft hervorging, oft getadelt, und da ich jetzt zu einer ſolchen Unaufmerkſamkeit verſucht war, erinnerte ich mich⸗ der Zeit, wo ich an ſeiner Hand zum Bethauſe ging, und ſeine ernſten Ermahnunges anhoͤrte, die verlorenen Stun⸗ den wirder einzubringen, weil die Zeit jetzt ſchlimm ſev. Dieſe Erinnerung zerſtreute vollends den Reſt meiner Aufmerkſamkeit, da ſie mir die Gekahren, die meinem Va⸗ ter drohten, ins Gedaͤchtniß zuruͤckrief. Ich bat deshalb Andreas mo gichſt leiſe, ſich zu erkundigen, ob jemand aus dem Hauſe Mac Vittie gegenwaͤrtig waͤre. Aber Andreas, in Aufmerkſamkeit auf die Predigt verſunken, antwortete nur durch Elbogenſtöße, zum Zeichen, daß ich ſchweizen ſolle. Dann ſtrengte ich mit eben ſo ſchlechtem Erfolg bie Augen an, ob ich unter den vielen, gegen die Kanzel als ibrem gemeinſchaftlichen Mitteipunkt gerichteten Geſich⸗ tern nicht die naͤchterne Geſchaͤftspbyſtognomte Owens ausfindig machen koͤnnte. Aber weder unter den breit⸗ krämoigen Huͤten der Glasgower Buͤrger, noch unter den nech beeitkraͤmpigern Muͤtzen der Bauern von Lararlſhire 51 konnte ich etwas bemerken, das der zierlichen Peruͤcke, den geſtaͤrkten Krauſen, und dem hellbraunen Rock glich, wie ſie der Oberſchreiber des Hauſes Osbaldiſtone und Tres⸗ ham unwandelbar trug. Meine unruhige Ungeduld uͤber⸗ meiſterte mich ſo ſehr, daß mich ſelbſt die Neuheit der Gegenſtaͤnde nicht mehr reizte, und ich ſogar den Anſtand vergaß. Ich zog Andreas ſtark beim Aerwel, und deutete ihm meinen Wunſch an, die Kirche zu verlaſſen, um meine Nachforſchungen fortzuſetzen. Er aber, hartnaͤckig, wee auf den Cheviot⸗Bergen, wuͤrdigte mich eine Zeitlang keiner Antwort, und erſt als er ſah, daß er ſouſt keine Ruhe ha⸗ ben werde, war er ſo guͤtig, mir die Nacheicht zu erthei⸗ len, daß wir die Kfrche nicht verlaſſen koͤnnten, bis der Gottesdienſt voruͤber ſey, weil dle Thuͤren mit dem An⸗ fang des Gebets geſchloſſen wuͤrden. Als er mir dieß kurz und muͤrriſch zugefluͤſtert hatte, nahm er wleder feine kiuge, wichtige Richtermiene an, und hoͤrte aufmerkſam der Predigt zu. Waͤhrend ich mich bemuͤbte, aus der Noth eine Tu⸗ gend zu machen, und wieder auf die Predigt zu hoͤren, wurde ich auf eine ſonderbare Weiſe geſtoͤrt. Elne Stim⸗ me von hinten fluͤßerte mir deutlich ins Ohr:„Ihr ſeyd. in Gefahr in dieſer Stadt.“ Mechaniſch wandte ich den Kopf. Einige ſteife Handwerker mit ganz gemeinen Geſich⸗ tern, ſtunden hinter und neben mir, welche, wie ich, zu ſpaͤt in die Kirche gekommen waren. Ein Blick auf ſe reichte bin,(obgleich ich nicht gerade den Grund angeden konnte) mich zu uͤberzeugen, daß keiner von dieſen mit mir geſprochen habe. Sie ſchienen alle blos auf die Pre⸗ digt zu merken, und keiner von ihnen erwfederte meinen 4.. 52 forſchenden Blt ck durch einen Wink des Einverſtaͤndniſſes. Ein maͤchtiger runder Pfeiler mochte den Sprecher gleich nach ſeiner geheimnißvollen Warnung verborgen haben; aber warum ſie an einem ſolchen Orte gegeben wurde, vor was fuͤr Gefahren ich mich hüten ſollte, von wem ich ge⸗ warnt wurde, das waren Punkte, woruͤber ich mich in Beturnkbungen verlor. Endlc dachte ich, die Sache koͤnne ſich wiederhelen, und beſchloß, mein Geſicht gegen den Geiſtlichen zu richten, damit der Warner in Verſuchung kaͤme, ſeine Mittheilung zu wiederholen, in der Meinung, die erſte ſey uͤberhoͤrt worden. Dieß gelang. Ich hatte noch nicht fuͤnf Minuten larg die Miene angenommen, als hoͤrte ich nur auf den Predi⸗ ger, ſo fluͤſterte die vamliche Stimme:„Merkt auf,— blickt Euch nicht um.“ Ich blickte unverwandt auf die Kanzel.„Ihr ſeyd in Gefahr an dieſem Orte,“ fuhr die Stimme fort;„ich bins auch. Sucht mich dieſe Nacht auf der Bruͤcke mit dem Schlag zwoͤlf. Bleibt zu Hauſe, bis es dunkel wird, und laßt Euch nicht ſehen.“ Die Stimme ſchwieg, und ich wendete mich ſogkeich um. Aher der Sorecher war mit noch groͤßerer Schnelle hinter den Pfeiler geſchluͤpft, und entging meinen Augen. Entſchloſſen, dennoch wo moͤglich ſeiner anſichtig zu werden, machte ich mich aus dem aͤußern Kreis der Zuhorer los, und eilte gleichfalls hinter den Pfeiler. Alles war leer, und ich erblickte blos eine Geſtalt,(ob in einem nieder⸗ ſchottiſchen Mantel oder einem hochlaͤndiſchen Plaid konnte ich nicht unterſcheiden,) welche gleich einer Luſtgeſtalt die duͤſtern leeren Hallen durchſtrich. Unwillkuͤhrlich machte ich einen Verſuch, dies geheim⸗ nißvolle Weſen zu verfolgen, das gleich dem Schatten ei⸗ 53 nes der zablreichen, in dieſen Raume ruhenden Todten entſchluͤpfte, und in dem Todtengewölbe verſchwand. Es war geringe Hoſſnung, einen Menſchen zu erreichen, der ſo offenbar jeder Unterresung ausweichen wollte, aber auch dieſe wenige Hoffnung ſcylug fehl, als ich nach wenigen Schritten ſtolperte und niederfiel. Die Dunkelheit, die meinen Unfall verurſachte, kam mir auch zu gute, denn be⸗ reits hatte der Prediger in Folge jener ſtrengen Oberge⸗ walt, welche die ſchottiſchen Geiſtlichen zur Aufrechthal⸗ tung der Ordnung in ihren Verſammlungen ausuͤben, dem Aufſeher Befehl gegeben, den Stoͤrer der andaͤchtigen Ver⸗ ſammlung in Gewahrſam zu bringen. Da ſich indeß das Geraͤuſch nicht wiederholte, ſo erfolgte keine ſtrenge Un⸗ terſuchung, und ich war im Stande, ohne weitere Auf⸗ merkſamkeit zu erregen, meinen alten Platz an Andreas Seite wieder einzunehmen. Der Gottesdienſt hatte ſei⸗ nen Fortgang, und ſchloß, ohne daß weiter etwas bemer⸗ kenswerthes vorgegangen waͤre. Als die Verſammlung auseinander ging, und ſich zer⸗ ſtreute, rief Andreas:„ſeht, dort iſt der wuͤrdige Herr Mac Vittie und Frau Mac Vittie und Miß Aliſon Mac Vittie und Herr Thomas Mac Fin, der Miß Aliſon hei⸗ rathen ſoll, die ein huͤbſches Stuͤck Geld zur Mitgift be⸗ kaͤme.“ Meine Augen folgten der angedeuteten Richtung, Herr Mec Vittie war ein langer hagerer, aͤltlicher Manu, mit barten Zuͤgen, dlcken grauen Augenbraunen und hel⸗ len Augen, aber in ſelnem Geſicht lag, wie mir ſchien, ein ſo ungluͤckweiſſagender Ausdruck, daß ich davor zuruͤckhebre. Ich gedachte der erhaltenen arnung, und zoͤgerte, ihn 54 anzureden, obwohl ich mir keines vernuͤnftigen Grunds meines Widerwilens oder meines Argwohns bewußt war. Ich ſtand noch unſchluͤſſig da, als Andreas, der meine Zoͤgerung fuͤr Bloͤdigkeit nahm, mich ſort und fort mahute, ſie abzulegen. Sprecht mit ihm, ſprecht mit ihm, Herr Franz, er iſt noch nicht Buͤrgermeiſter, obgleich man ſagt, daß er es im naͤchſten Jahre werden ſoll; ſprecht mit ihm, ſo reich er iſt, er giebt Euch eine artige Antwort, wenn Ihr kein Geld von ihm haben wollt,— er ſoll nicht gerne den Beutel ziehen.“ Augenblicklich ſiel mir bei, wenn dieſer Kaufmann wirklich ſo gelzig und habfuͤchtig ſey, wie ihn Andreas ſchilderte, ſo moͤchte einige Vorſicht noͤthig ſeyn, ehe ich mich ihm vorſtellte, da ich nicht wußte, wie die Rechnun⸗ gen zwiſchen ihm und meinem Vater ſtanden. Dieſe Be⸗ trachtung verſtaͤrkte noch die Wirkung des geheimnißvollen Winks, den ich erhalten, und die Abneigung, die mir ſein Geſicht einfloͤste. Statt mich unmittelbar an ihn zu wen⸗ den, begnuͤgte ich mich mit dem Auftrag an Andreas, in Herrn Mac Vtttie's Hauſe ſich nach Herrn Owen zu er⸗ kandigen, und ich trug ihm dabei auf, meinen Namen ja nicht zu nennen, ſondern mir ſeine Nachricht in den klei⸗ nen Gaſthof zu bringen, wo wir wohnten. Dieß verſprach Andreas. Er deutete zwar auf meine Pflicht, noch dem Abendgottesdleuſte beizuwohnen, ſetzte aber mit dem ihm eigenen beißenden Spotte hinzu: wenn die Leute die Beine nicht ruhig halten könnten, ſondern auf den Leichenſteinen laͤrmten, als ob ſie die Todten aufwecken wollten, ſo ſey eine Kirche mit einem Kamin freilich das paſſendſte für ſie.“ — 55 Fuͤnftes Kapitel. Auf der Rialtobrücke jede Nacht um zwölf Uhr geh' ich ſinnend auf und nieder. Dort wolen wir uns treffen!—— Das gerettete Venedig. Voll von finſtern Ahnungen, wofuͤr ich mir keinen ge⸗ nuͤgenden Grund angeben konnte, ſchloß ich mich im Gaſt⸗ hofe in mein immer ein, nachdem ich Andreas mit einer abſchlaͤglichen Antwort auf ſein ungeſtuͤmmes Zureden, ihn nach der Skt. Enochs⸗Kirche zu begleiten, wo„ein herzruͤh⸗ render Prediger ſich hoͤren laſſen werde,“ entlaſſen hatte. Ich zog nun in ernſte Betrachtung, was nun das beſte ſeyn moͤchte. Nie war ich, was man ſo eigentlich aberglaͤubiſch nennt, ich glaube aber, alle Menſchen ſind in beſonders ungewiſſen und ſchwierigen Lagen, wenn ſie ſehen, daß ihr Verſtand nicht ausreichen will, geneigt, in einer Art von Verzweiflung der Einbildungskraft die Zuͤgel zu laſſen, und ſich entweder ganz vom Zufall, oder von jenen grillenhaf⸗ ten Eindruͤcken leiten zu laſſen, die unſer Gemuth ergrei⸗ fen, und denen wir uns hingeben, als waͤren es unwill⸗ kürliche Eingebungen. In den harten Zuͤgen des ſchotti⸗ ſchen Kaufmanns lag etwas ſo auffallend Zuruͤckſtoßendes, daß ich mich nicht entſchließen konnte, mich in ſeine Haͤnde zu geben; ich baͤtte jede Vorſicht aus den Augen geſetzt, welche mir die Regeln der Phyſiognomik anbefahlen. Auf der andern Seite harte die warnende Stimme hinter mir, die Geſtalt, die gleich einem fluͤchtigen Schatten in jenen Hallen verſchwunden war, die man das Thal, der Schatten des Todes hätte nennen koͤnnen, etwas lockendes fuͤr die 3 56 Einbildungskraſt eines jungen Mannes, der noch dazu ein junger Dichter war.. Wenn Gefahren mich umgaben, wie die geheimniß⸗ volle Mittheilung andeutete, wie konnte ich ſie, oder die Mittel, ſie abzuwenden, kennen lernen, als wenn ich mei⸗ nen unbekannten Warner auffuchte, dem ich vernuͤnftiger⸗ weiſe nur wohlwollende Abſichten zuſchreiben konnte. Raſh⸗ leigh und ſeine Raͤnke kamen mir mehr als einmal ins Gedächtniß, aber meine Reiſe war ſo raſch geweſen, daß ich nicht annehmen konate, er habe ſchon von meiner An⸗ kunſt in Glasgow Kenntniß, und noch weniger, daß er ſchen vorbereitet ſey, einen Anſchlag gegen meine Perſon auszufuͤhren. Dabei feylte es mir nicht an Kuͤhnheit und Zuverſicht, ich war ſtark und ruſtig, und wie damals alle jungen Leute in Frankreich, im Gebrauch der Baffen ziem⸗ lich geübt. Einen einzelnen Gegner hatte ich nicht zu fuͤrchten, Mord war weder das Laſter der Zeir, noch des Landes und der fuͤr die Zuſammenkanft beſtimmte Platz allzu oͤffentlich, um auf den Verdacht einer uͤberlegten Gewaltthat zu gerathen. Mit einem Wort, ich beſchloß, meinen geheimatßvollen Warner ſeinem Verlangen gemaͤß aguf der Bruͤcke aufzuſucen, und mich dann durch die Um⸗ ſtaͤnde leiten zu laſſen. Ich will dir nicht verhehlen, Tres⸗ ham, was ich mir damals ſelbſt zu verheylen ſuchte,— die uaterdruͤckte, und doch heimlich genaͤyrte Hoffnung, Diana Vernon koͤnnte— das Wie? konnte ich mir frei⸗ lich nicht erklaͤren— bei der ſonderbaren und geheimniß⸗ vollen Warnung, die ich unter ſo auffallenden Umſtaͤnden erhalten hatte, mit im Spiele ſeyn. Sie alein, fluͤſterte mir die truͤgeriſche Hoffnung zu,— ſie allein kaunte meine Reiſe,— von ihr ſelbſt wußte ich, daß ſie Freunde und 3 57— Einfluß in Schottland beſaß;— ſie hatte mich mit einem Talisman verſehen, deſſen Kraft mir zu Gebot ſtand, wenn alle andern Mittel fehl ſchluͤgen,— wer ſonſt, als Diana Vernon beſaß Mittel, Kenutniß oder Neigung, die Gefahren abzuwenden, wovon, wie es ſchien, alle meine Schritte umgeben waren. Dieſe ſchmeichelnde Anſicht mei⸗ ner bedenklichen Lage draͤngte ſich immer wieder auf. Sie trat vor der Mahlzeit ziemlich bloͤde vor meine Seele, wurde maͤchtiger waͤhrend meines einfachen Mahls, und ſo muthvoll zudringlich in der darauf folgenden halben Stunde, (wozu vielleicht einige Glaͤſer koͤſtlichen Clarets das ihrige beirrugen) daß ich einen faſt verzweifelten Verſuch machte, dieſer verfuͤhreriſchen Lockung zu entgehen, indem ich Flaſche und Schuͤſſel wegſchob, meinen Hut nahm, und in die friſche Luft hinaus eilte, um meinen eigenen Gedanken zu entfliehen. Doch vielleicht gab ich eher dieſen Geſuͤhlen nach, denen ich entfliehen wollte, denn unmerklich nahm ich meinen Weg nach der Bruͤcke uͤber den Clyde, wo ich mit meinem geheimuizvollen Warner zuſammentreffen ſollte. Obgleich ich meine Mahlzeit erſt nach dem Abendgot⸗ tesdienſt eingenommen hatte, wobei ich mich tbeils den religioͤſen Bedenklichkeiten meiner Wirthin, die zwiſchen den beiden Predigten kein warmes Eſſen auftiſchen wollte, theils der Ermahnung meines unbekannten Freundes folgte, mich bis zur Daͤmmerung in meinem Zimmer zu halten, ſo waren doch noch mehrere Stunden ubrig, bis zu der beſtimmten Zeit. Dieſe waren, wie man leicht denken kann, unangenehm genug, und ich bin kaum im Stande anzugeben, wie ſie voruͤbergiengen. Mehrere Grup⸗ pen, die ihren Geſichtern nach zu ſchließen der Heiligkeit des Tages einzedenk waren, giengen uͤber eine weite, of⸗ 8* 38. fene Wieſe auf dem oͤſtlichen Ufer des Clyde, die als Bleichplatz und Spaziergang diente, oder ſie wandelten langſamen Schritts uber die lange Bruͤcke, die den weſt⸗ lichen Theil der Grafſchaft mit dem oͤſtlichen verbindet. Alles, was ich mich davon erinnere, iſt der Ausdruck von Andacht, der alle bezeichnete, und wenigſtens dei der groͤ⸗ heren Anzahl aufrichtig war. Man ſah, wie ſie die muth⸗ willige Froͤhlichkeit der Jugend zu einem ruhigern, aber nicht minder anziehenden Austauſch der Empfindungen herabſtimmte, und die lebhaften, langen Streitreden der Aeltern unterdruͤckte. So viele auch an mir voruͤbergien⸗ gen, ich hoͤrte nie mehrere laute Stimmen auf einmal; nur wenige kehrten zuruͤck, um noch einmal einige Minuten zu luſtwandeln, wozu die Muße des Tages und die Schoͤn⸗ beit der umliegenden Landſchaſt einzuladen ſchienen. Alle eilten nach Hauſe. Fuͤr einen, der im Ausland geſehen hatte, wie ſelbſt franzöoͤſiſche Kalyiniſten den Sonntag⸗ Abend zubringen, datte dieſe Art, den Felertag heilig zu halten, etwas judiſches, zugleich aber auffallendes und ruh⸗ rendes. Ich ſchlenderte am Ufer auf und sb, trat da⸗ durch manchen Perſonen, die ohne Zoͤgerung voruͤber und nach Haufe giengen in den Weg, und merkte allmaͤylig, daß mich dieß, wean nicht gerade dem Tadel, doch der Be⸗ dbachtung ausſetzen muͤſſe; ich waͤhlte daher einen minder⸗ beſuchten Pfad, und fand eine kleine Zerſtreuung darin, meinen Weg ſo zu nehmen, daß ich mich der Beobachtung am wenigſten ausſetzte. Die mit Baͤumen beſetzten Gaͤnge erleichterten mir dieſe kindiſchen Verſuche. Als ich unter den Baͤumen hinabwandelte, hoͤrte ich zu melnem Erſtaunen den ſcharfen, gezwungenen Ton des Andreas Gutdienſt, der im Gefuͤhl ſeiner eigenen Wichtig⸗ — 4 59 keit etwas lauter ſprach, als die andern mit der Feierlich⸗ keit des Tages vertraͤglich hielten. Hinter die Baͤume zu treten, war zwar nicht gerade die wuͤrdigſte, doch die leich⸗ teſte Art, ſeinen Blicken, ſeiner unverſchämten Zudring⸗ lichkeit und ſeiner noch laͤſtigern Neugier zu entgehen. Im Voruͤbergehen hoͤrte ich ihn einem ernſten Manne in ſchwarzem Rock, herabhaͤngenden Hut und langem Mantel folgende Charakterſkizze mittheilen, die meine Eigenliebe, zwar als Zerrbild beleidigend, doch im Grunde richtig fand. „Ja, ja, Herr Hammergaw, es iſt, wie ich Euch ſagte. Er iſt nicht ſo ganz ohne Verſtand,— er ſieht ſo halb und halb ein, was vernuͤnftig iſt,— da iſt's und weg iſt's,— ein Schimmer und nicht mehr,— aber der Dich⸗ ter— Unſinn verdreht ihm den Kopf. Er kann Euch einen alten Eichenſtamm anſtarren, als waͤre es ein Aepfelbaum mit ſchoͤnen Aepfeln, und einen nackten Felſen mit einem Bach, der daruͤber runter faͤllt, wie einen Garten voll Blumen und Kuͤchenkraͤutern; und er ſchwazt lieber mit einem tollen Maͤdchen, Diana Vernon(man ſollte ſie lie⸗ ber die Diana der Epheſer nennen, denn fie iſt um nichts beſſer, als eine Heidin,— beſſer? ſchlimmer iſt ſie,— eine Papiſtin,— nichts als eine Papiſtin.). Ja mit der ſchwazt er lieber, oder mit anderem muͤgigem Volke, als daß er etwas hoͤren wollte, was ihm gut waͤröe, auf die Tage ſeines Lebens, von Euch, oder von mir, oder von an⸗ dern vernuͤnftigen und bedaͤchtigen Leuten. Vernunft, Herr Hammorgaw, kann er uicht ertragen,— da iſt lauter Ei⸗ telkeit und Flatterhaftigkeit, und einmal hat er mir ge⸗ ſagt, die arme blinde Creatur! Davids Pſalmen waͤren eine herrliche Poeſie! als ob der heilige Pfalmiſt Reime geſchmiedet haͤtte, wie ſein Klingklang, den er Verſe nennt. — 60 Gott helfe ihm! zwei Zellen von Davin Lindſatz ſind mehr werth, als alles, was er je geſchrieben hat.“ „Du wirſt nicht erſtaunt ſeyn, wenn ich Dir ſage, daß ich beim Anhoͤren dieſer verkehrten Schilderung mei⸗ ner Gemuͤthsart und meiner Beſchaͤftigungen zuerſt daran dachte, den Herrn Gutdienſt bei der erſten ſchlcklichen Ge⸗ legenheit mit einer derben Zuͤchtigung unangenehm zu uͤberraſchen. Sein Freund bezeugte ſeine Aufmerkſamkeit nur durch:„ja, ja,“ und„niſt es wirklich ſo?“ und derglei⸗ chen Ausdruͤcke des Antheils, wenn Herr Gutdienſt einmal eine Pauſe machte, bis endlich auf eine laͤngere Bemerkung, deren Inhalt ich erſt aus meines getreuen Fuͤhrers Erwie⸗ derung abnahm, der ehrliche Andreas antwortete:„Meine Meinung ſoll ich ihm ſagen, ſagt Ihr?— Da waͤre Andreas ein rechter Narr.— Er iſt ein hiziger Teufel.— Er iſt wie Giles Heathertap's alter Cber, ſchlagt ein wenig nach ihm, und er iſt gleich oben hinaus.— Geduld mit ihm haben, ſagt Ihr? Meiner Treu’, ich weiß nicht, warum ich Geduld mit ihm haben ſoll? Aber der Junge iſt bei allem dem nicht uͤbel, er braucht nur jemand, der ſo recht fuͤr ihn ſorgt. Das Geld ſchluͤpft ihm durch die Hand wie Waſſer, und da iſt's denn kein ſchlimmes Ding, bei ihm zu ſeyn, wenn er die Hand im Beutel hat, und das iſt oft. Ueberdem iſt er von guten Eltern, und hat eine ſchoͤne Verwandtſchaft. Das Herz wird mir warm fuͤr den armen unbeſonnenen Jungen, Herr Hammergaw,— und dann der Lohn—“ Seine Stimme war in dieſem lezten Theile ſeiner lehrreichen Mittheilung allmaͤhlig leiſer geworden, wie es ſich fuͤr eine Unterrebung auf einem oͤffentllchen Plaze am Abend eines Feſttags auch beſſer ſchickte, und bald waren 61 er und ſein Begleiter zu weit entfernt, als daß ich ſie noch haͤtte hoͤren koͤnnen. Meine Aufwallung legte ſich bald, wenn ich bedachte, daß mir Andreas nach ſeiner Weiſe zurufen koͤnnte:„Der Horcher an der Wand, höoͤrt ſeine eigene Schand.“ Jeder, der zufaͤlliger Weiſe ſich von ſeinen Be⸗ dienten beurtheilen hoͤrt, muß ſich auf ein ſolches Scalptr⸗ meſſer gefaßt machen. Der Vorfall war mir in ſoweit nuͤz⸗ lich, daß er, ſo wie die Gedanken, denen er Entſtehung gab, mir die Zeit verkuͤrzte, die ſo ſchwer auf mir laſtete. Die Nacht war nun eingebrocen, und die wachſende Dunkelheit gab dem breiten, ſtillen Bette des tiefen Fluf⸗ ſes zuerſt eine einfoͤrmig duſtere Farbe, dann ein truͤbes Anſehen, hie und da von dem matten Mondlicht erheut. Die maͤckige alte Bruͤcke war jezt kanm ſichtbar, und glich jener, die nach Mirzas unvergleichlichem Traumbild ube r das Thal von Bagdad ſich wolbte. Die niedrigen Bogen, verdunkelt wie der Strom, glichen eher Hoͤhlen, die das duͤſtre Waſſer verſchlangen, als Oeffnungen fuͤr den Durch⸗ gang. Mit dem Vorruͤcken der Nacht wurde die Seene im⸗ mer ſtiller. Nur zuweilen glitt an dem Fluſſe hin ein ſchimmerndes Licht, das eine kleine Geſellſchaft nach Hauſe begleitete, die nach den Andachtsubungen und der Enthalt⸗ ſamkeir, die der feſtliche Tag auferlegte, ein geſellſchaftli⸗ ches Akeudmahl eiugenemmen hatte, das einzige, das die ſtrengen Presbyterianer am Feſttag ſich Erlauben. Zuwei⸗ len ließ ſich der Hufſchlag eines Pferdes hoͤren, das einen Landmann, der den Feſttag in Glasgow zugebracht hatte, nach Hauſe tragen mochte. Dieſe Toͤne un Erſcheinungen wurden immer ſeltener, endlich hoͤrten ſie ganz auf, und ich genoß nun allein meinen einſamen Spaziergang an den 62 Ufern des Elyde in der feierlichen Stille, die nur durch das Schlagen der Glocken unterbrochen wurde. Meine Ungeduld uͤber die Ungewisheit der Lage, in der ich mich defand, nahm mit jedem Augenblicke zu, und wurde beinahe unertraͤglich. Ich begann mir die Frage aufzuwerfen, ob ich nicht durch den Streich eines Narren, Lurch den Aberwiz eines Tollen, oder den uͤberlegten An⸗ ſchlag eines Schurken hintergangen worden ſey, und in un⸗ beſchrelblicher Unruhe und Verdruß gieng ich anf dem klei⸗ nen Kai, der zum Eingang der Bruͤcke fuͤhrt, auf und ab. Endlich ſchlug von dem Thurme der Metropolitan⸗Kirche herab die zwoͤlfte Stunde, und nach einauder antworteten alle uͤbrigen gleich gehorſamen Dioͤceſanen. Kaum war der Wiederhall des lezten Schlags verklungen, ſo zeigte ſich eine menſchliche Geſtalt,— die erſte, die ich ſeit zwei Stuuden geſehen hatte,— von dem weſtkichen Ufer her auf der Bruͤcke. Ich naͤherte mich ibhr mit einem Gefühle, als hienge mein Schickſal von dem Erfolg diefer Zuſammen⸗ kunft ab, ſo ſehr war meine Erwartung durch die Verzoͤ⸗ gerung hinaufgeſchraubt. Alles, was ich fuͤrs erſte bemer⸗ ken konnte, war, daß ſeine Geſtalt meyhr unter, als uͤber mittlerer Groͤße ſev, aber, ausnebmend ſtark, unterſezt und nervig; ſeine Kleisung war ein Reitermantel. Ich gieng langſamer, und bliel faſt ſteben, in der Erwartung, daß er mich aureden werde. Aber zu meiner unausſprechlichen Taͤu⸗ ſchung gieng er ſchweigend oorüber, und ich hatte keinen Grund, ihn zuerſt anzureden, da er troz ſeines pünktlichen Eintreffens zur beſtiumten Stunde dennoch ein voͤllig frem⸗ der Menſch ſeyn konnte. Als er voruͤber war, blickte ich ihm nach, und blieb ſtehes, ungewiß, ob ich ihm folgen ſellte, oder nicht. Der Fremde gieng fort bis zum oͤſtli⸗ chen Ende der Bruͤcke, blieb ſtehen, ſah ſich um, kehrte zuruͤck, und naͤherte ſich mir wieder. Ich beſchloß, dießmal follte er keine Entſchuldigung fuͤr ſein Stillſchweigen haben, wie die Geiſtererſchetnungen, die nach dem gemeinen Glau⸗ ben, nicht ſoprechen koͤnnen, bis man zu ihnen geſprochen hat.„Ihr ſeid ſpaͤt unterwegs, Herr,“ ſagte ich, als wir uns zum zweitenmal begegneten. „Ich halte mein Wort,“ war die Antwort;„und ſo denke ich, auch Ihr, Herr Osbaldiſtone.“ „Ihr ſeld es alſo, der mich zu dieſer ungewoͤhnlichen Stunde hieber beſchied?“ —„Ich bin’s,“ erwiederte er.„Folgt mir, und Ihr ſollt den Grund wiſſen.“— „„Bevor ich Euch folge, muß ich Euern Namen und Eure Abſicht kennen,“ war meine Antwort. 4 „Ich bin ein Menſch,“ erwiederte er,„und meine Ab. ſicht iſt freundlich.“ „Ein Menſch?“ wiederholte ich;„die Bezeichnung iſt kurz.“ „Hinreichend fuͤr den, der keine audere geben kann,“ ſagte der Frem de.„Wer ohne Namen, ohne Freunde, ohne Hekmath, ohne Vaterland iſt, iſt wenigſtens ein Menſch, und wer alles dieſes hat, iſt nicht mohr.“ „„Doch iſt dieſe Angabe uͤber Euch ſelbſt, zum wenig⸗ ſten gefagt, viel zu allgemein, um bei einem Fremden Vertrau n zu erwecken.“ 3. „Doch iſt es alles was ich zu ſagen geſonnen bin, Ihr koͤnnt waͤhlen, ob Ihr mir folgen, oder ohne die Nachrich⸗ ten zu erhalten, die ich Euch zu geben wuaͤnſche, zuruckblei⸗ ben wollt. 2 „Koͤnnt Ihr mir dieſe Nachrichten nicht hier geben?“ „Ihr muͤßt ſie durch Eure Augen, nicht durch meine Zunge erhalten. Ihr muͤßt mir folgen, oder uͤber die Nachrichten, die ich Euch zu geben habe, in Ungewißbeit bleiben.“ In dem Benehmen des Mannes war etwas kurzes, beſtimmtes, ja finſteres, das nicht ſonderlich geeignet war, voͤlliges Zutrauen zu erlangen. „Was fuͤrchtet Ihr? ſagte er ungeduldig.„Fuͤr wen glaubt Ihr, daß Euer Leben von ſoicher Wichtigkeit ſey, daß man Euch deſſen berauben ſollte?“ „Ich fuͤrchte nichts“ erwiederte ich feſt, doch etwas haſtig,„geht voran, ich folge Euch.“ Wir gingen gegen meine Erwartung wieder in die tadt, und ſchluͤpften gleich ſtummen Geſpenſtern neben einander durch die leeren, ſchweigenden Straßen hin. Die bohen finſtern Vorderſeiten der Haͤuſer mit den mannig⸗ fachen Zierrathen und Fenſterſimſen erſchlenen bei dem ſchwachen Scheine des Mondes noch hoͤher und duͤſterer. Einige Minuten lang ſchwlegen wir ganzlich. Endlich ſprach mein Fuͤhrer. 1 „Fuͤrchtet Ihr Euch?“ 4 „Ich gebe Eure eigenen Worte zuruͤck,“ erwiederte ich, „warum ſoll ich mich fuͤrchten?“ „Well Ihr mit einem Fremden, vielleicht mit elnem Feinde geht, an einem Orte, wo Ihr keine Freunde und viele Feinde habt.“ „Ich faͤrchte weder Euch, noch ſie; ich bin j aͤſtis und bewaffnet.“ ke 7ch lung, tüͤſtin „Ich bin unbewaffnet,“ erwiederte mein Fuͤhrer,„aber das thut nichts, eine willige Hand bedarf keiner Waffe. Ihr 65— Ihr ſagt, Ihr fürchtet nichts, aber wenn Ihr wuaͤßtet, wer an Eurer Seite iſt, ſo moͤchte Euch doch ein kleines Zittern anwandeln.“ „Und warum denn? Ich wiederhole es, ich fuͤrchte nichts, das Ihr thun koͤnntet.“ „Das mag ſeyn. Aber fuͤrchtet Ihr nicht die Folgen, in Geſellſchaft eines Mannes geſunden zu werden, gegen den die Steine aufſtehen wuͤrden, wenn man ihnen ſeinen Namen zufluͤſterte,— auf deſſen Kopf die Haͤlfte der Ein⸗ wohner von Glasgow ihr Gluck grunden wuͤrden, wie auf einen gefundenen Schatz, wenn es ihnen gluͤckte, ihn am Kragen zu faſſen,— deſſen Verhaftnehmung eine ſo willkom⸗ mmaene Botſchaft in Edinburgh ſeyn wuͤrde, als je eine ge⸗ woonnene Schlacht in Flandern.“ 3„Und wer ſeyd Ihr denn, deſſen Namen ein ſo tiefes Gefuͤhl des Schreckens erzeugen wuͤrde?“ fragte ich.— „Kein Feind von Euch, da ich Euch an einen Ort führe, wo, wenn ich erkannt wuͤrde, Eiſen an den Fuͤßen und ein Strick um den Hals gar bald mein Loos ſeyn vuͤrde.“ 4 Ich hielt an und trat ſoweit zuruͤck, daß ich meinen Begleiter ſo genau betrachten konnte, als bei der geringen Helle moͤglich und hinreichend war, mich gegen jeden ploͤtzlichen Angriff zu ſichern. „Ihr habt,“ antwortete ich,„zu viel oder zu wenig geſagt; zu viel, als daß ich auf Euch, einen Fremden, Ver⸗ trauen ſetzen koͤnnte, da Ihr, Eurem eigenen Geſtaͤndniß zufolge, den Geſetzen des Landes verfallen ſeyd, in dem wir uns befinden,— zu wenig, um mir zu zeigen, daß Ihr ungerechter Weiſe ihrer Strenge anheim gefallen ſeyd.“ 3 W. Scott's Werke. CII. 53 — 66 Als ich ſchwieg, that er einen Schritt gegen mich. Inſtinktmaͤßig trat ich zuruͤck, und legte die Hand an den Degen. „Wie?“ ſagte er,„gegen einen Unbewaffneten und einen Freund?“ „Noch weiß ich nicht, ob Ihr das eine oder das an⸗ dere ſeyd,“ erwiederte ich;„und, die Wahrheit zu ſagen, Eure Sprache und Euer Benehmen koͤnnte mich berechtl⸗ gen, an beiden zu zweifeln.“ „Das iſt maͤnnlich geſprochen,“ ſagte mein Fuͤhrer; „und ich achte den, deſſen Hand und Kopf gleich bereit iſt. — Ich will frel und offen gegen Euch ſeyn,— ich fuͤhre Euch ins Gefaͤngniß.“ 3 „Ins Gefaͤngniß!“ rief ich aus.„Mit welchem Recht? was hab ich begangen?— Mein Leben eher, als meine Freiheit.— Ich biete Euch Trot, und gehe keinen Schritt weiter.“ 1 „Ich führe Euch nicht als Gefangenen dahin,“ ſagte er, und ſetzte hinzu, indem er ſich ſtolz in die Hoͤhe rich⸗ tete: nich bin weder ein Gerichtsbote, noch ein Haͤſcher. Ich fuͤhre Euch zu einem Gefangenen, aus deſſen Murde Ihr die Gefahr kennen lernen werdet, in der Ihr Euch jetzt befindet. Eure Fre heit iſt bei dieſem Beſuche nicht gefaͤhrdet, wohl aber die meinige, dennoch wage ich ſie friſch um Euertwillen, denn ich verachte Gefahr, und liebe ein junges Blut, das keinen Beſchuͤtzer kennt als den Degen.“ 1 Waͤhrend er ſo ſprach, hatten wir die Hauptſtraße er⸗ reicht, und ſtanden vor einem großen ſteinernen Gebaͤude, deſſen Fenſter, ſoviel ich bemerken konnte, mit eiſernen Gittern verſehen waren. 67 „Viel,“ ſagte der Fremde, deſſen Sprache immer mehr die Heimath verrieth, je mehr ſie in den Geſpraͤchs⸗ ton uͤbergieng,—„viel wuͤrden Richter und Rathsherren darum geben, wenn ſie den hier ſitzen haͤtten mit eiſernen Strumpfbaͤndern, der jetzt ſo frei da ſtehr auf ſeinen Fuͤſ⸗ ſen, wie ein Reh auf der Haide druͤben. Und wenig wuͤrde es ihnen helfen, wenn ſie mich auch da ſitzen haͤtten mit zwanzig Pfund Eiſen an jedem Knoͤchel, ich wollte ihnen bald eine leere Kammer zeigen, und den Miethsmann aus⸗ geflogen, eh' der Morgen kaͤme.— Aber vorwaͤrts! was zoͤgert Ihr?“ Mit dieſen Worten pochte er an ein niederes Pfoͤrt⸗ chen, und jemand, der aus einem Traume zu erwag en ſchien, antwortete mit heller Stimme.„Was iſts? wer zum T. pocht denn jetzt? Um dieſe Zeit?— Gegen alle Ordnung.“ Der gedehnte Ton der letzten Worte zeigte an, daß der Sprecher ſich wieder zum Schlafe hinlegen wollte. Aber mein Fuͤhrer rief:„Dougal, Dougal! habt Ihr vergeſſen Ha nun Gregaragh?“ G „Alle Wetter!“ war die lebhafte, raſche Antwort, und ich hoͤrte, wie der Thorwaͤchter des Gefaͤngniſſes mit groſ⸗ ſer Munterkeit ſich aufmachte. In einer voͤllig frem⸗ den Sprache wurden nun zwiſchen me egleiter und dem Schließer einige Worte gewechſelt Riegel wur⸗ den zuruͤckgeſchoben, aber init eine weiche die Befuͤrchtung andeutete, das Gera gehoͤrt wer⸗ den; wir ſtanden nun im Vorhof des Gefaͤngniſſes von Giasgow, von dem eine enge Treppe aufwaͤrts fuͤhrte, und ein paar niedere Eingaͤnge zu ſtark verriegelten Gemaͤchern. 55. 3 * 68 Die ſonſt nackten Mauern waren mit eiſernen Feſſeln und andern zu noch grauſamern Zwecken beſtimmten Werkzeugen behangen, daneben mit Partiſanen, Musketen, Piſtolen und andern alten Schutz⸗ und Trutzwaffen. Da ich mich auf eine ſo unerwartete, zufaͤllige und gleichſam verſtohlene Weiſe in einer der Frohnveſten Schott⸗ lands befand, ſo mußte mir nothwendig mein Abenteuer in Northumberland beifallen, und ich argerte mich uͤber die ſeltſamen Umſtaͤnde, die mich abermais ohne meine Ver⸗ ſchuldung in eine gefaͤhrliche und unangenehme Beruͤhrung mit den Geſetzen des Landes zu bringen drohten, das ich nur als Fremder beſuchte. ——ÿä—— Sechstes Kapitel. Blick um dich her, Oſtalfo! dieß der Ort, Wo Menſchen, weil ſie aim ſind, Hungers ſterben, Ein hartes Mittel wohl für ſchwere Krankheit. In dieſen Mauern— erſtickt von Dampf und Dunſt, Erliſcht der Hofnung k ackel, doch zuvor, Eh' ganz erloſchen, hevet wild und ſchrecklich Verzweiflung ſich, ent ndend ihren Brand. Der Hölle Gluthen leuchten dann zu Thaten, Davor Gefang'ne tief erſchandert wären, Eh' Kerkerluſt den Geiſt hinabgewürdigt. Das Gefängniß. 1. Akt 3. Aufz. Bei meinem Eintritt wandte ich ſogleich meine Augen voll Neugier auf meinen Fuͤhrer, aber die Lampe in der Vorhalle branute zu matt, als daß ich meine Neugier durc 6909 eine genaue Betrachtung ſeiner Zuͤge haͤtte befriedigen koͤn⸗ nen. Als der Schließer das Licht in der Hand hielt, fielen die Strahlen mehr auf ſeine eigene minder intereſſante Geſtalt. Es war ein Kerl von furchtbarem Anſehen, deſſen wild herabhaͤngende rothe Haare ſeine Zuͤge bedeckten und verduͤſterten, die ſich nur durch eine unbaͤndige Freude uͤber den Anblick meines Fuͤhrers auszeichneten. Ich habe nie etwas geſehen, das ſo vollkommen der Idee glich, die ich mir von einem rohen haͤßlichen Wilden gemacht hatte, der den Goͤtzen ſeines Stammes anbetet. Er ſeetſchte die Zaͤhne, er zitterte, lachte, ſchrie beinahe.„Wohin ſoll ich nun gehen? was kann ich fuͤr Euch thun?“ das ſprach aus je⸗ dem Zuge; dieſer Ausdruck einer vollſtaͤndigen, aͤngſtlichen Unterwuͤrfigkeit und Ergebung iſt ſchwer auf eine andere Weiſe zu beſchreiben. Das Entzuͤcken erſtickte faſt ſeine Stimme, die ſich nur in Ausrufungen vernehmen ließ: „„o! ol lange nicht geſehen!“ und andere eben ſo kurze Reden, in derſelben unbekannten Sprache, in der er neit meinem Fuͤhrer geſprochen hatte, ſo lange wir noch außen an der Gefaͤngnißthuͤre ſtanden. Mein Fuͤhrer empfing alle dieſe Ausbruͤche einer freudigen Bezluͤckwunſchung ſo ziem⸗ lich, wie ein Fürſt, der ſich zu fruͤhe an die Huldigungen ſeiner umgebung gewoͤhnt hat, um ſehr davon bewegt zu werden, doch aber ſie mit herkoͤmmlicher fuͤrſtlicher Milde vergelten will. Gnaͤdig bot er die Hand mit der hoͤflichen Frage:„Wie gehts Euch, Dougal?“ 3 „Ach! ach!“ rief Dougal, und milderte die ſcharfen Toͤne, die er in der Ueberraſchung ausgeſtoßen hatte, in⸗ dem er mit wachſamer Unruhe umher blickte:„oh! Euch hier zu ſehen,— Euch hier zu ſehen,— oh, was wuͤrde 9 *4— 270 es geben, wenn die Rathsherren Wind kriegten,— die ſchmußigen, gierigen Hallunken!“ Mein Fuͤhrer legte den Finger an den Mund, und ſagte:„fuͤrchte nichts, Dougal; deine Hand ſoll mich nie hier einriegeln.“ „Das ſoll ſie nicht,“ ſagte Dougal;„ſie ſollte,— ſie wuͤrde,— ehe ſollte man ſie mir am Ellbogen abhacken. Aber wann geht Ihr wieder hinunter in's Land? Ihr wer⸗ det mir doch zu wiſſen thun— ich bin Euer armer Vetter, Gott weiß, wenn auch nicht Euer naher Vetter.“ „Ich will es dich wiſſen laſſen, Dougal, ſo bald, als meine Plane reif ſind.“ „Und, meiner Treu! wenn Ihr's thut, waͤre es Samstag Nachts zwoͤlf Uhr, ich werſe dem Buͤrgermeiſter die Schluͤſſel an den Kopf, ehe ich ſie noch einmal um⸗ drehe vor dem Sonntag Morgen,— ſeht, ob ich's nicht thue.“ Mein geheimnißvoller Fremder brach die Ausrufungen ſeines Bekannten kurz ab, indem er ihm in iriſcher, erſi⸗ ſcher, oder gaͤliſcher Sprache, wie ich nachber erfuhr, ſein Verlangen kund that. Die Antwort:„von ganzem Her⸗ zen— von ganzer Seele—, nebſt noch manchem andern aͤhnlichen Gemurmel, zeigte des Schließers Bereitwilligkeit an. Der Kerl pußte ſeine erloͤſchende Lampe, und machte mir ein Zeichen, ihm zu folgen. „Geht Ihr nicht mit uns?“ ſagte ich zu meinem Fuͤhrer. „Es iſt unnoͤthig,“ erwiederte er;„meine Begleitung koͤnnte Euch nachtheilig ſeyn, ich bleibe beſſer hier, um unſern Ruͤckzug zu ſichern.“ 71 „Ich hoffe nicht, daß Ihr mich in Gefähr verlocken wollt?“ ſagte ich. 8„In keine, die ich nicht dopyelt theile,“ antwortete der Fremde mit einem verſichernden Tone, dem ich un⸗ moͤglich mißtrauen konnte. Ich folgte dem Schließer, der das innere Pfoͤrtchen unverriegelt hinter ſich ließ, und mich durch eine Wendel⸗ treppe hinauffuͤhrte; dann gleng es durch einen engen Gang, wo er eine Thuͤre oͤffnete, und mich in ein kleines Gemach treten ließ; nach einem Blick auf das in der einen Ecke befindliche Strohbette, ſagte er mit leiſer Stimme, als er die Lampe auf einen hoͤlzernen Tiſch ſtellte:„Die gute Seele ſchlaͤft.“ „Wer?“ dachte ich.„Kann Diana Vernon in dieſem Aufenthalte des Elends ſeyn?“ Ich wandte meine Augen nach dem Bette, und zu meiner Freude ſah ich, daß ich mich getaͤuſcht hatte. Ich ſah einen weder jungen, noch ſchoͤnen Kopf mit einem ziemlich langen grauen Barte, und einer rothen Nacht⸗ muͤtze. Der erſte Blick ſetzte mich wegen Diana Vernon außer Sorgen; der zweite zeigte mir, als der Schlafende aus einem ſchweren Schlummer erwachte, gaͤhnte, und ſich die Augen rieb,— meinen armen Freund Owen. Einen Augenblick trat ich zuruͤck, um ihm Zeit zu laſſen, ſich zu ſammeln, denn gluͤcklicherweiſe erinnerte ich mich, daß ich ohne geſetzliche Erlaubniß dieſe Wohnungen des Kummers betreten, und jeder Laͤrm von ungluͤcklichen Folgen beglei⸗ tet ſeyn koͤnnte. Deer ungluͤckliche Mann erhob ſich indeß, auf die eine Hand geſtuͤtzt, von ſeinem Strohbette, ruͤckte mit der andern die Nachtmuͤtze, und ſagte noch halb ſchlaftrunken, ſo mur⸗ 72 riſch, als ihm nur moͤglich war:„ich ſage Euch, Herr Dugwell, oder wie Ihr ſonſt heißt, wenn Ihr wieder auf bieſe Weiſe meine Ruhe ſtoͤrt, ſo muß ich mich bei dem Buͤrgermeiſter beklagen.“ „Ein Herr will mit Euch ſprechen,“ erwlederte Dou⸗ gal, wieder in dem muͤrriſchen, finſtern Tone eines Ker⸗ kermeiſters, ſehr verſchieden von dem gellenden Tone der hochlaͤndiſchen Begruͤßung, womit er meinen geheimnißvol⸗ len Fuͤhrer bewillkommt hatte, und verließ darauf das Zimmer. Es dauerte einige Zeit, ehe ſich der ungluͤckliche Schlaͤ⸗ fer hinreichend ermunterte, um mich zu erkennen, und als er mich endlich erkannte, gieng nichts uͤber den Schmerz des wuͤrdigen Mannes, da er natuͤrlicher Weiſe ſich einbil⸗ dete, man habe mich hieher gebracht, um ſeine Gefangen⸗ ſchaft zu theilen. „ Herr Franz, was habt Ihr uͤber Euch ſelbſt und das Haus gebracht?— Ich denke nicht an mich, ich bin nur elne Ziffer, ſo zu ſagen,— aber Ihr waret Eures Vaters Hauptſumma,— haͤttet der erſte Mann im erſten Hauſe in der erſten Stadt ſeyn koͤunnen, und jetzt in einem ſchmutzigen ſchottiſchen Gefaͤngniß, wo man nicht einmal die Kleider buͤrſten laſſen kann.“ Er rieb mit muͤrriſcher Empfindlichkeit den einſt ſo ſau⸗ dern braunen Rock, der jetzt von dem unreinen Boden ſei⸗ nes Gefaͤngniſſes beſchmutzt worden war, und man ſah, daß ſeine gewohnte, aͤngſtliche Reinlichkeit, ohne daß er ſich deſſen bewußt war, ſeinen Kummer vermehrte. „Der Himmel ſei uns gnaͤdig!“ fuhr er fort.„Was fuͤr eine Neulgkeit wird das auf der Boͤrſe ſeyn! Derglei⸗ chen hat man nicht gehoͤrt ſeit der Schlacht von Almanza, . 73 4 wo der geſammte brittiſche Verluſt ſich auf 5ooo Todte und Verwundete belief, neben einer unbeſtimmten Bilange von Verwundeten,— was wird das heißen gegen die Neuig⸗ keit, daß Osbaldiſtone und Tresham eingeſtellt haben?“ Ich unterbrach ſeine Klagen, indem ich ihm bekannt machte, daß ich kein Gefangener ſey, obgleich ich ihm kaum ſagen koͤnne, auf welche Weiſe ich zu dieſer Stunde hieher gekommen ſey. Seinen Fragen daruͤber konnte ich nur durch Gegenfragen abwehren, zu denen mir ſeine Lage dringende Veranlaſſung bot, und ich brachte endlich ſoviel aus ihm heraus, als er mir ſagen konnte. Dieß war aber nicht ſehr deutlich; denn ſo helle Owen in den laufenden Handelsge⸗ ſchaͤften ſah, ſo beſchraͤnkt war er in allem, was außerhalb dieſes Kreiſes lag. Die Hauptſache ſeiner Mittheilungen beſtand in fol⸗ gendem. Von zwei Correſpondenten der Firma meines Vaters zu Glasgow, wo er wegen ſeines fruͤher erwaͤhnten Verkehrs in Schottland bedeutende Geſchaͤfte machte, hatte ſich das Haus Mac Vittie, Mac Fin und Comp. als das gefaͤlligſte und willfaͤhrigſte erwieſen, und bei jeder Gele⸗ genheit die moͤglichſte Nachgiebigkeit gegen das große engliſche Haus gezeigt. Sie begnugten ſich ohne Wider⸗ ſtreben mit dem Antheile des Schakals, der nur das nimmt, was ihm der Loͤwe uͤbrig laͤßt. So klein ihr Antheil aus⸗ fallen mochte, es war immer, wie ſie ſich ausdruͤckten,„ge⸗ nug fuͤr Leute, wie ſie“; ſo viel Muͤhe ſie damit hatten, „ſie fuͤhlten, daß ſie nicht zu viel thun koͤnnten, um den fortdauernden Schuz und die gute Meinung ihrer geehr⸗ ten Freunde in Crane Allez zu verdienen.“ Meines Vaters Anordnungen waren fuͤr Mac Vittie und Mac Fin die Geſeze der Meder und Perſer, die nicht 3 74 veraͤndert, nicht erneuert, nicht einmal beſprochen werden durften, und die uͤbertriebene Genauigkeit Owens, worauf er, zumal wenn er ſie ex cathedra vorſchreiben konnte, be⸗ ſtand, ſchien ihnen nicht minder hetlig zu ſeyn. Dieſen Ton tiefer Ehrerbietung nahm Owen voͤllig fuͤr baare Muͤn⸗ ze, mein Vater aber, der den Leuten etwas mehr auf den Grnnd zu blicken verſtand hatte fortwaͤhrend, entweder weil ihm die uͤbertriebene Unterwuͤrfigkeit verdaͤchtig vorkam, oder well er als Freund der Kuͤrze und Einfachheit in Ge⸗ ſchaͤften der langgedehnten Achtungsbetheurungen jener Her⸗ ren mude war, das Verlangen derſelben, ſeine einzigen Agenten in Schottland zu werden, zuruͤckgewieſen. Im Gegentheil ließ er manche Geſchaͤfte durch einen Correſpon⸗ denten von durchaus verſchiedenem Charakter gehen, durch einen Mann, deſſen gute Meinung von ſich ſelbſt bis zum Duͤnkel ſtieg, der im Allgemeinen den Englaͤndern eben ſo abhold war, als mein Vater den Schotten, und nur auf einen Fuß voͤlliger Gleichhelt an einem Geſchaͤfte Theil nehmen wollte; der uͤbrigens eiferſuͤchtig, manchmal ſtreit⸗ ſüchtig war, in Sachen der Form ſo hartnaͤckig, wie Owen, auf ſeinen Meinungen beſtehen konnte, und voͤllig gleich⸗ guͤltig blieb, wenn auch die Meinung der ganzen Lombard⸗ ſtraße der ſeinigen entgegenſtand. Da dieſe Beſonderheiten den Geſchaͤftsverkehr mit Herrn Nicol Jarvie manchmal erſchwerten, da ſie zuweilen Streit und Kaltſinn zwiſchen dem engliſchen Hauſe und dem Correſpondenten zur Folge hatten, die nur durch die Erkenntniß des gegenſeitigen Vortheils beſeitigt wurden, da uͤberdieß Owens Eigenliebe in dieſen Streitigkeiten manchmal ein wenlg ſich verlezt fuͤhlte, ſo kann man ſich leicht denken, daß der gute Alte ſeinen Einfluß immer zum 75 Vortheil der hoͤflichen, beſcheidenen und willfaͤhrigen Herrn Mac Vittie und Mac Fin in die Waagſchale legte, und von Jaroie als einem trozigen, eingebildeten ſchottiſchen Kraͤmer ſprach, mit dem man ſich in keine Geſchaͤfte ein⸗ laſſen koͤnne. Es war alſo nicht zu verwundern, daß Owen unter dieſen Umſtaͤnden, die ich erſt einige Zeit nachher genauer erfuhr, bei der Verlegenheit, in die das Haus durch die Abweſenheit meines Vaters und Raſhleighs Verſchwinden gerieth, ſich bei ſeiner, zwei Tage vor der meinigen erfolg⸗ ten Ankunft an die freundſchaftlichen Correſpondenten wand⸗ te, die ſich ſtets ſo gefaͤllig, ſo dankbar, ſo ergeben gezeigt hatten. Er wurde im Comptoir der Herren Mac Vittie und Mac Fin in der Galgenſtraße faſt mit der Verehrung eines Katholiken gegen ſeinen Schuzheiligen empfangen. Aber ach! dieſer Sonnenſchein dauerte nicht lange, denn ermuthigt durch dieſe gluͤckliche Hoffnung entdeckte er den freundſchaftlichen Correſpondenten die ſchwierige Lage des Hauſes, und verlangte ihren Rath und ihren Beiſtand. Mac Vittie war hoͤchlich beſtuͤrzt uͤber dieſe Nachricht, und Mac Fin eilte, ehe Owen ausgeredet hatte, zum Haupt⸗ buche hin, und uͤberblickte die vielfachen Rechnungen, um zu ſehen, auf welche Seite ſich der Vortheil neige. Leider neigte ſich die Schaale betraͤchtlich gegen das engliſche Haus, und die Geſichter von Mae Vittie und Mac Fin, bisher bleich und zweifelnd, wurden nun auf einmal un⸗ gluͤckverkuͤndend, muͤrriſch und finſter. Owens Bitte um Häaͤlfe und Unterſtuͤzung beantworteten ſie mit dem Ver⸗ langen ſchneller Sicherſtellung gegen drohenden Verluſt, erklaͤrten ſich endlich deutlicher, und verlaugten, daß ge⸗ wiſſe Zahlungsmittel, die eine audere Beſtimmung hatten, 76 zu dieſem Endzweck ihnen uͤberliefert werden ſollten. Owen wies dieß Verlangen mit Unwillen zuruͤck, als entehrend fuͤr ſein Handlungshaus, als ungerecht gegen die andern Glaͤubiger von Osbaldiſtone und Tresham, und als hoͤchſt undankbar von Seite derer, die dies Verlangen ſtellten. Die ſchottiſchen Handelsfreunde erhielten, was Leu⸗ ten, die Unrecht haben, ſehr zu ſtatten kommt, im Laufe des Streits Gelegenheit und Vorwand, in Hize zu gera⸗ then, und unter dem Vorgeben, daß ſie gereizt worden ſeien, Maßregeln zu ergreifen, wovon ſie das Gefuͤhl fuͤr Schicklichkeit, wenn auch nicht die Anregung des Gewiſſens haͤtte abhalten ſollen. Owen hatte, wie es, glaube ich, gewoͤhnlich iſt, einen kleinen Antheil an den Unternehmungen des Hauſes, deſſen erſter Buchhalter er war, und mußte deßhalb fuͤr alle Ver⸗ bindlichkeiten deſſelben perſoͤnlich haften. Dieß war den Herren Mac Vittie und Mac Fin bekannt, und in der Ab⸗ ſicht, ihn ihre Macht fuͤhlen zu laſſen, oder vielmehr, um ihn bei der Gelegenheit zu den fuͤr ſie vortheilhaften Maß⸗ regeln, die er ſo beſtimmt zuruͤckgewieſen hatte, zu zwin⸗ gen, ließen ſie ihn verhaften, was die ſchottiſchen Geſeze dem Glaͤubiger geſtatten, der einen Eid darauf ablegt, daß der Schuldner das Koͤnigreich zu verlaſſen geſonnen ſei. Kraft dieſes, ſo manchem Mißbrauch ausgeſezten Rechts war der arme Owen gefangen geſezt worden, den Tag zu⸗ vor, ehe ich auf eine ſo ſonderbare Weiſe in ſein Gefaͤng⸗ niß gefuͤhrt wurde. Als ich dieſe beunruhlgenden Umſtaͤnde in Erfahrung gebracht hatte, war die Frage uͤbrig, was iſt jezt zu thun? und dieſe war nicht leicht zu beantworten. Leicht erkannte ich die Gefahren, die uns umgaben, aber ſchwierig war es, 77 ein Gegenmittel ausfindig zu machen. Die bereits erhal⸗ tene Warnung ſchien mir anzudeuten, daß meine eigene Freiheit in Gefahr ſey, wenn ich offen fuͤr Owen auftraͤte. Owen befuͤrchtete dieß ſelbſt, und in ſeinem uͤbertriebenen Schrecken verſicherte er mich, ehe ein Schotte einen Heller bei einem Englaͤnder wage, wuͤrde er ein Geſez finden, nach welchem er ſein Weib, ſeine Kinder, ſeinen Knecht, ſeine Magd, la den Fremden in ſeinem Hauſe verhaften laſſen koͤnnte. Die Geſetze gegen Schuldner ſind in den melſten Laͤndern ſo unbarmherzig ſtreng, daß ich ihm nicht ganz Unrecht geben konnte, und mich unter den jezigen Umſtaͤn⸗ den verhaften zu laſſen, das waͤre ſo viel geweſen, als haͤtte man den Angelegenhelten meines Vaters den Gnadenſtoß gegeben. In dieſer Bedraͤngniß fragte ich Owen, ob er nicht auch daran gedacht habe, zu meines Vaters zweitem Correſpondenten in Glasgow, Herrn Nicol Jarvie ſeine Zu⸗ flucht zu nehmen?“ „Ich habe dieſen Morgen an ihn geſchrieben,“ erwie⸗ derte er;„aber wenn das glattzuͤngige, hoͤfliche Haus in der Galgenſtraße mich ſo behandelt hat, was iſt von dem muͤrriſchen Groblan auf dem Salzmarkt zu erwarten? Ihr koͤnnt eben ſowohl von einem Maͤckler verlangen, daß er ſeine Procente aufgeben ſoll, als eine Gefaͤlligkeit von ihm erwarten, ohne ihn zu bezahlen. Er hat nicht einmal mei⸗ nen Brief beantwortet, ob er ihn gleich dieſen Morgen auf dem Weg nach der Kirche empfangen hat.“ Hier rief der ungluͤckliche Zahlenmann voll Verzwe flung aus:„Mein armer, theurer Herr!— mein armer, theurer Herr! O Herr Franz, Herr Franz, das kommt alles von Eurem Ei⸗ genſinn! Gott vergebe mir, daß ich ſo zu Euch ſpreche in 78 Eurem ungluck! Gott hat es ſo gewollt, und der Menſch muß ſich unterwerfen.“ Ich war nicht ſtark genug, um nicht des ehrlichen Man⸗ nes Kummer zu theilen, und meine Thraͤnen waren um ſo bitterer, da mein Gewiſſen die ſtoͤrriſche Widerſezlich⸗ keit gegen den Willen meines Vaters, die der gutherzige Owen mir nicht vorwerfen wohte, mir als die Urſache des ganzen Ungluͤcks vor Augen ſtellte. Waͤhrend dieſer Trauerſcene wurden wir durch ein lautes Pochen an der aͤußern Thuͤre des Gefaͤngniſſes geſtoͤrt und uͤber⸗ raſcht. Ich eilte an die Wendeltreppe, konnte aber nur die Stimme des Schließers hoͤren, der abwechſelnd bald laut den außen befindlichen Leuten antwortete, bald leis meinem Fuͤhrer zufluͤſterte.„Ich komme, ich komme;— o Herr, o Herr, was wollt Ihr jezt thun?— geht die Treppe hin⸗ auf und verbergt Euch hinter das Bett des Gefangenen. — Ich komme, ſo ſchuell ich kann.— O Himmel, es iſt der Oberrichter, und die Rathsherren und die Wache— und der Aufſeher kommt auch die Treppen herunter— Gott ſchuͤze Euch, geht hinauf, oder er trifft Euch.— Ich komme, ich komme, die Riegel ſind ſo verroſtet. Waͤhrend Dougal widerwillig und mit ſo viel Zoͤgerung als moͤglich, die mannigfachen Schloͤſſer und Riegel oͤffnete, um die Anpochenden, deren Ungeduld laut wurde, einzu⸗ laſſen, eilte mein Fuͤhrer die Wendeltreppe herauf, und ſprang in Owen's Zimmer, wohin ich ihm folgte. Haſtig warf er dann ſeine Augen umher nach einem Orte, wo er ſich verbergen koͤnne, und ſagte dann zu mir:„Leiht mir Eure Piſtolen,— doch nein, ich brauche ſie nicht— was Ihr auch ſeht, achtet nicht darauf, und mengt Euch nicht in anderer Leute Haͤndel.— Das iſt meine Sache, und ich 79 muß damit fertig werden; doch ich bin ſchon mehr in der Klemme geweſen, und ſchlimmer, als dießmal.“ Mit dieſen Worten warf er den ſchweren Mantel ab, in den er gehuͤllr war, ſtellte ſich der Thuͤre gegenuͤber, auf die er einen ſcharfen, entſchloſſenen Blick warf, trat ein wenig zuruͤck, um ſeine Kraft zu ſammeln, gleich einem muntern Roſſe, das uͤber einen Schlagbaum ſezen foll. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß er fich nicht aus ſeiner Verlegenheit retten wollte, indem er bei Oeffnung der Thuͤre dem Eintretenden entgegen ſprang, um ſich troz alles Widerſtandes den Weg auf die Straße zu bahnen. Sein Aeußeres zeigte auch eine ſolche Staͤrke und Gewandt⸗ heit, ſein Blick und Benehmen ſo viel Entſchloſſenheit, daß ich keinen Augenblick zweifelte, daß er ſich durch ſeine Geg⸗ ner durcharbeiten werde, wenn ſie ſich ihm nicht mit Waffen widerſezten. Nach einem Augenblick peinlicher Erwartung oͤffnete ſich die Thuͤre, und es erſchlen— keine Wache mit aufgepflanz⸗ ten Bajonetten, oder mit Keulen, Streitaͤrten und Parti⸗ ſanen, ſondern ein artiges Maͤdchen in elnem Kamelotrok⸗ ke, der fuͤr den Gang durch die Straßen aufgeſchuͤrzt war, und eine Laterne in der Hand. Hierauf folgte eine wich⸗ tigere Perſen, ein ſtarker, kleiner, zlemlich wohlbeleibter Mann in einer Stuzperuͤcke, und, wle ſich hbald erwies, ein Mitglied der Stabtobrigkeit. Laͤrmend und athemlos vor muͤrriſcher Ungeduld trat er herein, und mein Fuͤhrer zeg ſich zuruͤck, als wollte er ſich ſeiner Beobachtung entziehen, er entgieng aber dem forſchenden Blicke nicht, den der Eintretende im Zimmer umherwarf. 3 „Nun, das iſt gut, ſo geziemt ſich's, Stamhells, daß 8⁰ ich draußen eine halbe Stunde warten muß,“ ſagte er zu dem Aufſeher, der ſich jetzt in ſehr unterwürfiger Stel⸗ lung an der Thuͤre zeigte. Ich poche an, um ins Ge⸗ faͤngniß zu kommen, wie die armen Leute pochen wuͤrden, um hinaus zu kommen!— Und was iſt das?— was iſt das? Fremde im Gefaͤngniß nach der Schließzeit! Das will ich unterſuchen, Stamhells, verlaßt Euch darauf.— Verriegelt die Thuͤre, ich will gleich mit dieſen Herren ſprechen,— aber erſt mit meinem alten Bekannten hier. — Herr Owen, Herr Owen, wie ſtehts um Euch?“ „Mit der Geſundheit leidlich, Herr Farvie, ich danke Euch,“ ſagte Owen langſam,„aber im Geiſte ſieht's be⸗ truͤbt aus.“ 4 „Glaubs, glaubs, ja, ja,— das iſt eine arge Ge⸗ ſchichte,— und für ſo einen, der den Kopf ſo hoch trug, — Menſchen, Menſchen, ja, ja,— wir koͤnnen alle fallen. Herr Osbaldiſtone iſt ein guter, wackerer Mann, aber er iſt ei⸗ ner von denen, ich habs immer geſagt, einer von denen die endlich anrennen mit den Hoͤrnern. Mein Vater, der wuͤrdige Zunft⸗ melſter, ſagte immer: Nick, Nick, ſtrecke deinen Arm nie ſo weit aus, daß duihn nicht leicht wieder zuruͤckziehen kannſt! Hoͤrſt du junger Nick!(mein Vater hieß Nicol, wie ich, und da nannten uns die naͤrriſchen Leute nur den jungen und den alten Nick.) Nun ſo habe ich auch zu Herrn Osbal⸗ diſtone geſagt, aber er nahm's nicht ſo gut auf, als es gemeint war,— gut war's gemeint.“ Dieſe Anrede mit wunderſamer Gelaͤufigkeit geſpro⸗ chen, und mit nicht geringer Selbſtgefaͤlligkeit, wie die Erinnerung an ſeinen Rath und ſeine Vorherſagungen be⸗ wieß, gab wenig Hoffnung auf Huͤlfe von der Hand des Herrn Jarvie. Doch bald zeigte es ſich, daß ſein Beneh⸗ men 81 men mehr die Folge eines gaͤnzlichen Mangels an Zart⸗ gefuühl, als an wahrem Wohlwollen war, denn als Owen ſich etwas beleidigt daruͤber zeigt?, daß er ihm in ſeiner jetzigen Lage dieß ins Gedaͤchtniß zuruͤckrufe, nahm ihn der Glasgower bei der Hand, und ſagte:„Seyd guter Din⸗ ge! Meint Ihr denn, ich komme um zwoͤlf Uhr in der Nacht daher, bios um einem Gefallenen zu ſagen, daß er einmal ausgeglitten ſey? Nein, nein, das thut der Rathmann Jarvie nicht, und das that auch vor ihm ſein wuͤrdiger Vater der Zunftmeiſter, nicht. Nun! es iſt meine Regel, am Feſkag nicht an weltliche Geſchaͤfte zu denken, und obgleich ich that, was ich konnte, um mir Euern Brief, den ich dieſes Morgen erhielt, aus dem Kopf zu ſchlagen ſo dachte ich doch des ganzen Tag uͤber mehr daran, als an die Predigt.— Und es iſt meine Regel, genau um zehn Uhr in das Bett mit den gelben Vorhaͤngen zu gehen, außer, wenn ich einen Fiſch mit ei⸗ nem Nachbar eſſe, oder ein Nachbar mit mir,— fragt nur das Maͤdchen da, das iſt eine Grundregel in meinem Haushalte, und da bin ich nun gefeſſen, habe gute Buͤ⸗ cher geleſen und gegafft, als wollte ich die St. Enochs⸗ Kirche hinunter ſchlucken, bis es zwölf ſchlug, das war nun eine erlaubte Stunde, um einen Blick in mein Haupt⸗ bu h zu thun, und zu ſehen, wie die Sachen zwiſchen uns ſtuͤnden, und dann, ja die Zeit wartet auf keinen Menſchen, da ließ ich das Maͤdchen die Laterne nehmen, und kam geſchwinde meines Wegs daher, um za ſehen, was in Euern Angelegenheiten zu machen ſey. Rathmann Jurvie kann ſich Eingang ins Gefaͤngniß verſchaffen zu je⸗ der Stunde, bei Tag oder bei Nacht, und ſo konnte es 8 4 5. 4 W. Scoft's Werke. CII. 82² auch mein Vater zu ſeiner Zeit, der Zunftmeiſter, ein wuͤrdiger Mann, Ehre ſeinem Andenken!“ Obgleich Owen bei Erwaͤhnung des Hauptbuchs ſeufzte, und mich dadurch auf den niederſchlagenden Gedanken brachte, daß es mit der Bilance auch hier ſchlecht ſtehe; obgleich die Rede des wuͤrdigen Ratͤͤmanns viel Selbſt⸗ gefaͤlligkeit und einen unglückweiſſagenden Triumph uͤber ſeine hoͤhern Ein ſichten ausdruͤckte, ſo lag doch ſo viel Freimuthigkeit und gutmuͤthige Offenheit darin, daß ich unwillkuͤrlich Hoffnung ſchoͤpfte. Er verlangte einige Pa⸗ piere zu ſehen, nahm ſie haſtig aus Owens Hand, und ſetzte ſich auf das Bett, um, wie er ſagte, ſeine Beine ruhen zu laſſen, ließ ſich von dem Maͤdchen leuchten und uͤberlas die Schriften mit manchem Pah! Hum! uͤber de⸗ ren Inhalt. Als mein Fuͤhrer ihn auf dieſe Weiſe beſchaͤftigt ſah, ſuchte er ſich ohne alle Complimente zu entfernen. Er machte mir ein Zeichen, zu ſchweigen und ſeine veraͤnderte Stellung zeigte die Abſicht an, ſich allmaͤhlig gegen die Thüre zu ſchleichen, ohne daß jemand darauf aufmerkſam wuͤrde. Aber der aufmerkſame Rathmann, ganz anderer Art, als meim alter Bekannter, der Herr Friedensrichter Inglewood, entdeckte es ſogleich, und rief:„Ich ſage Euch, Stamhells, ſeht nach der Thuͤre, ſchließt und verriegelt ſie, und haltet außen Wache.“ Des Fremden Stirne verfinſterte ſich, und er ſchien einen Augenblick ſich ſeinen Ruͤckweg mit Gewalt bahnen zu wollen, ehe er ſich aber entſchloſſen hatte, waren die ſchweren Riegel bereits vorgeſchoben. Er murmelte et⸗ was heftig in gaͤliſcher Sprache, ſchritt einige Augenblicke auf und nieder, ſetzte ſich dann, als waͤte er bereit, den 83 Ausgang abzuwarten, mit einer Miene muͤrriſcher Ent⸗ ſchloſſenheit an den eichenen Tiſch, und pfiff einen Tanz. Herr Jarvie, der in Geſchaͤſtsſachen einen ſchnellen Ueberblick zu haben ſchien, war bald mit ſeinen Betrach⸗ tungen fertig, und wendete ſich dann auf folgende Weiſe an Owen:„Gut, Herr Owen, gut, Euer Haus iſt einige Summen an Mac Vittie und Mac Fin ſchuldig, die fei⸗ nen Naſen ſollten ſich ſchaͤmen, ſie haben ſich dies und mehr bei dem Handel mit dem Eimenholz aus dem Thal Cailziechat gemacht, den ſie mir aus den Zaͤhnen nahmen, mit Eurer Haͤlfe, Herr Owen, muß ich wohl ſagen,— doch das thut jetzt nichts zur Sache.— Nun, Herr, Euer Haus iſt ihnen dieß ſchuldig, und fuͤr andere Verkindllch⸗ keiten, die ſie fuͤr Euer Haus uͤbernommen haben, hat man Euch hier Quartier gegeben. Nun, Ihr ſeyd ihnen das Geld ſchuldig,— vielleicht auch noch etwas mehr an andere Leute,— vielleicht etwas mir ſelbſt, dem Rath⸗ mann Nicol Jarvie.“ „Ich kann es nicht laͤugnen, Herr Farvie,“ ſagte Owen,„die Bilanpe koͤnnte jetzt gegen uns ausfallen, aber ich bitte Euch zu bedeaken...... 3 „Ich habe jetzt keine Zeit, zu bedenken, Herr Owen. So nah am Feſttag Abend, und in dieſer Nacht, wo unſer eins gern im warmen Bett waͤre,— und ein Gang in der Nachtluft dazu,— das iſt keine Zeit zum Bedenken. Aber, Herr, wie ich ſage, Ihr ſeyd mir Geld ſchuldig— das iſt nicht zu laͤugnen,— ſchuldig ſeyd Ihr mir, viel oder wenig, das will ich beweiſen.— Aber, Herr Owen, ich kann nicht begrecſen, wie Ihr, ein thaͤriger Mann, der das Geſchaͤft verſteht, die Geſchaͤfte in Ordnung bringen könnte, wozu Ihr doch hergekommen ſeyd,— wie Ihr mls .,.* 84 uns allen ins Reine kommen wollt— wozu ich große Hoff⸗ nung habe, wenn Ihr da liegen bleibt im Gefaͤngniß von Glasgow. Nun, wenn Ihr Buͤrgſchaft judieio sisti finden koͤnnt, d. h. daß Ihr nicht aus dem Land fliehen wollt, ſondern vor unſern Gerichtshoͤfen erſcheinen, und Euern Buͤrgen loͤſen wollt, wenn Ihr geladen werdet, ſo koͤnnt Ihr noch dieſen Morgen frei werden.“ „Herr Jarvie,“ ſagte Owen, wenn ein Freund ſich verbuͤrgen wollte, meine Freiheit würde zuverlaͤſſig nuͤtz⸗ lich angewendet werden, fuͤr das Haus ſelbſt und fuͤr alle, die damit in Verbindung ſtehen.“ „Nun wohl,“ fuhr Jarvie fort,„und ohne Zweifel koͤnnte ſo ein Freund hoffen, daß Ihr auf eine Ladung er⸗ ſcheinen, und ſeine Buͤrgſchaft loͤſen werdet.“ „Wenn nicht Krankheit oder Tod mich hindert, ſo werde ich es thun ſo gewiß, als zwei mal zwei vier machen.“ 1„Nun gut, Herr Owen, ich habe kein Mißtrauen ge⸗ gen Euch, das will ich beweiſen, ja beweiſen will ich's. Ich bin ein ſorgſamer Mann, wie man wohl weiß, und jeißia, wie idie ganze Stadt bezeugen kann; ich weiß, wie ich mein Geld gewinnen, wie ichs zuſammenhalten, wie ichs berechnen muß, ſo gut, als einer auf dem Salzmarkt oder auch in der Galgenſtraße. Und ich bin ein vorſichtiger Mann, wie es mein Vater der Zunftmeiſter, vor mir wat, aber ehe ein ehrlicher, wackerer Mann, der das Geſchaͤft verſteht, und jedermann gerecht werden will, hier im Ge⸗ faͤngniß liegen ſoll, nicht im Stande, ſich ſelbſt und au⸗ dern zu helfen,— das leidet mein Gewiſſen nicht.— Ich ſelbſt will Euer Buͤrge ſeyn, aber— merkts Euch, es ſiſt nur Baͤrgſchaft judicio sisti, wie unſer Stadtſchreiber 35 ſagt, nicht judicatum solvi, merkt's Euch wohl, das iſt ein ganz ander Ding.“ 4 Owen verſtcherte ihn, ſo wie die Sachen ſtuͤnden, koͤnne er nicht erwarten, daß irgend jemand Sicherheit fuͤr die Bezahlung der Schuld leiſten werde, aber es ſey auch nicht die entfernteſte Urſache vorhanden, zu befuͤrchten, daß er ſich nicht ſtellen werde, wenn er eine gerichtliche Ladung erhalte. „Ich glaube Euch,— ich glaube Euch,— genug ge⸗ fagt,— genug! Ihr ſollt Eure Beine frei haben bis zum Fruͤhſtuͤck. Und nun laßt uns hoͤren, was Eure Stuben⸗ geſellen da fuͤr ſich anzufuͤhren haben, oder wie ſie gegen alle Ordnung ſo ſpaͤt in der Nacht hereingekommen ſind.“ Siebentes Kapitel⸗ 1 Heim kam der Wirth am Abend, Und heim kam er, Er ſah'nen Bauer ſitzen/ Und zürnte ſehr. Was iſt das nun, du Vettel⸗ Was iſt's, ſprach er. Ohne meine Erlaubniß, Wie kam er her? 865. Altes Lied. Der Nathmann nahm das Licht aus der Hand ſeiner Magd, und begann ſeine Unterſuchung, wie Diogenes ia den Straßen von Athen, die Laterne in der Hand, und vermuthlich mit eben ſo geringer Erwartung, als dieſer, 36 bei ſeinem Suchen irgend einen beſondern Schatz zu fin⸗ den. Meinem geheimnißvollen Fuͤhrer naͤherte er ſich zu⸗ erſt; dieſer ſaß, wie ich oben ſagte, am Tiſche, die Augen feſt auf die Mauer geheftet, die Zuͤge voͤllig unbeweglich, die Arme mit einem Ausdruck von Sorgloſigkeit uͤber der Bruſt gekreuzt, und ſchlug mit den Ferſen auf dem Tiſch⸗ fuß den Takt zu der Weiſe, die er pfiff; der Unterſuchung des Herrn Jarvie unterwarf er ſich mit einer ſo vollkom⸗ menen Zuverſicht, daß das Gedaͤchtniß und der Scharfblick des eifrigen Rathmannes einen Augenblick irre wurden. „Ah!— Eh!— Oh!“ rief er endlich aus.„Es iſt unmoͤglich,— und doch— nein! es kann nicht ſeyn.— Und doch wieder!— der Teufel hole mich! Gott verzeihe mir!— Ihr Raͤuber,— ihr eingefleiſchter Teufel,— nur auf Boͤſes bedacht, nie auf Gutes,— ſeyd Ihr's wirk⸗ lich?“— „Wie Ihr ſeht, Herr Rathmann,“ war die lakoniſche Antwort. „Auf mein Wort! wenn ich nicht ganz verbluͤfft bin, — Ihr, Ihr Galgenſtrick, Ihr wagt Euch hieher ins Ge⸗ ſaͤngniß von Glasgow?— Wie ſchwer glaubt Ihr, daß Euer Kopf ins Gewicht faͤllt? „Hum! gut gewogen, hollaͤndiſch Gewicht, mag er wohl etwas ſchwerer ſeyn, als ein Schultheißkopf, vier Rathsherrnkoͤpfe, ein Stadtſchreiberskopf, ſechs Zunftmel⸗ ſterkoͤpfe, beneben....“ „Ah! Ihr Erzſchelm!“ ſagte Herr Jarvle.„Aber be⸗ kennt nur Eure Sunden, und bereitet Euch vor, denn wenn ich ein Wort ſage..“ „,Ja wohl, Rathmann,“ ſagte der Angeredete, die 87 Haͤnde aͤußerſt nachlaͤßig auf den Nuͤcken gelegt;„aber Iyhr werdet das Wort nie ſagen.“ 3„Und warum ſollt' ich nicht?“ rief der Rathmann aus;— warum ſollt' ich nicht? Sagt mir das,— warum ſollt' ich nicht?“ „Aus drei zureichenden Gruͤnden, Rathmann Jarvie; erſtens wegen alter Geſchichten;— zweitens, um des al⸗ ten Weibes Willen druͤben in Ruckavrallachan, durch die wir ein wenig verwandt ſind, zu meiner eigenen Schande ſey es geſagt, daß ich einen Vetter habe— mit Rechnun⸗ gen und Garnwinden, und Webeſtühlen und Weberſchiff⸗ chen, wie ein gemeiner Handwerksmann,— und endlich, Rathmann, weil ich, ehe eine Menſchenhand Euch retten kann, die Mauer da mit Eurem Hirn bepflaſtern, wenn Ihr nur eine Miene zieht, als ob Ihr mich verrathen wolltet.“ „Ihr ſeyd ein kecker, verzweifelter Kerl,““ erwiederte der unerſchrockene Rathmann;„und Ihr wißt, daß ich's weiß, daß Ihr ſo ſeyd, und mich keinen Augenblick der Gefahr ausſetzen wuͤrde.“ „Ich weiß wohl,“ ſagte der andere,„Ihr habt wacke⸗ res Blut in den Adern, und es wuͤrde mir leid thun, meinen eigenen Vetter zu treffen. Aber ich werde ſo fret von da hinausgehen, als ich herein kam, oder die Waͤnde des Glasgower Gefaͤngniſſes ſollen zehn Jahre davon zu ſagen wiſſen.“— 4. „Ja wohl, ja wohl,“ entgegnete Jarvie;„Blut iſt dicker als Waſſer, und es gehoͤrt nicht zur Verwandtſchaft und Freundſchaft, Flecken in des Anderen Augen zu fehen, wenn ſie der Andere ſelbſt nicht ſieht. Und es waͤre wohl eine traurige Nachricht fuͤr das alte Weib in der Kammet 88 zu Ruckavrallachan, daß Ihr mir das Hirn eingeſchlagen, oder ich Euch zu einem Strick verholfen haͤtte. Aber Ihr muͤßt geſteyen, Ihr muͤrriſcher Teufel, waͤret Ihr's nicht ſelbſt, ich haͤtte den beſten Mann in den Hochlanden ge⸗ fangen.“, „Ihr moͤchtets wohl verſucht haben,“ antwortete mein Fuͤhrer,„das weiß ich wohl; aber ſchwerlich waͤret Ihr ſo kurz weggekommen, denn wir herumſtreifende Hoch laͤnder ſind ein ungeberdiges Volk, wenn man von Gefaͤngniß ſpricht. Wir moͤgen nichts wiſſen von einem guten breiten Stuͤck Tuch um unſere Lenden, nichts von Beinkleidern aus Quaderſteinen und Strumpfbaͤndern von Eiſen.“ „Ihr werdet die ſteinernen Beinkleider und die eiſer⸗ nen Strumpfbaͤnder finden, und die haͤnfene Hals binde dazu. Nie hat jemand in einem civiliſirten Lande ſolche Streiche geſpielt, wie Ihr,— aber jetzt nehmt Euch in Acht, ich habe Euch gewarnt.“ „Gut Vetter,“ erwiederte der andere;„Ihr werdet doch ſchwarz gehen bei meiner Leiche.“ „Schwarz gehen, ja den Teufel! Robin, niemand als Raben und Kraͤhen, darauf geb' ich Euch meine Hand. Aber wo ſind meine tauſend Pfund ſchottiſch, die ich Euch geliehen, wann werde ich die wieder ſehen?“ „Wo ſie ſind,“ erwiederte mein Fuͤhrer, nachdem er ſich einen Augendlick zu beſinnen geſchienen hatte,—„das kann ich Euch nicht gerade ſagen, wahrſcheinlich, wo der Schnee vom vorigen Jahre iſt.“ „Der liegt auf der Spitze des Schehallion, Spitzbube, und ich will mein Geld hier von Euch haben.“ „Ja, ja,“ gab der Hochtander zur Antwort,„aber ich habe weder Schnee, noch Thaler in meiner Taſche⸗ 89 3 Und was die Zeit betrifft, wenn Ihr's wieder ſehen ſollt, — nun, dann, wann der Koͤnig wieder ſein Eigenthum hat, wie's im alten Liede heißt.“ „Das ſchlimmſte von auem, Nobin,— ja, Ihr treuloſer Verraͤther,— das ſchlimmſte von allem!— Wollt Ihr uns wieder das Papſtthum bringen, und die willkuͤrliche Gewalt, die Pfruͤndner, die Chorhemden und die an⸗ dern alten Graͤuel? Da geht lieber wieder auf Beute und Raub aus, und erpreßt Geleiregeld,— beſſer ſtehlen, als ein Land zu Grunde richten.“ 3 „Pfui, pfui, damit koͤnnt Ihr zu Hauſe bleiben,“ aut⸗ wortete der Celte;„wir haben uns ja ſchon lange gekannt. Ich werde ſchon ſorgen, das Euer Laden nicht ausgeraͤumt wird, wenn einmal die Hochlaͤnder uͤber die Glasgower Buden kommen, und die alten Ladenhuter ausraͤumen. Und wenn es nicht gerade Euer Amt verlangt, ſo muͤßt Ihr mich nicht oͤfter ſehen, Nicol, als ich mich ſehen laſ⸗ en will.“.. „Eure Verwegenheit, Robin, kringt Euch noch an den Galgen, das wird man ſehen und hoͤren. Aber ich will nicht der Ungluͤcksvogel ſeyn, und mein Neſt beſchmutzen, wenn es nicht die Norh durchaus verlangt, oder die Pflicht; denn wenn die ruft, ſo darf niemand ungehorſam ſeyn.— Und wer den Teufel iſt denn das?“ fuhr er fort, ſich zu mir wendend,—„wahyrſcheinlich einer, den Ihr angeworben habt.— Er ſieht aus, als haͤtte er einen wackern Muth für die Landſtraßſe, und einen langen Hals fuͤr den Gal⸗ gen.“ „Das, guter Herr Jarvie,“ ſagte Owen, der gleich mir ſtarr vor Erſtaunen dieß feltſame Erkennungsſcene betrachtet, und das nicht minder feltſame Geſpraͤch zwi⸗ 90 ſchen den ſonderbaren Vettern mitangehoͤrt hatte,„das, guter Herr Jarvies, iſt der junge Herr Franz Osbaldiſtone, das einzige Kind des Haupts unſeres Hauſes, der in unſere Firma aufgenommen werden ſollte, zur Zeit als Herr Raſchleigh Osbaldiſtone dieſes Gluͤck hatte,“— hier konnte Owen einen Seufzer nicht unterdruͤcken.— „aber——“ „O, ich habe von dem Burſchen geboͤrt,“ ſagte der ſchottiſche Kaufmann, ihn unterbrechend;„es iſt der, den Euer Prinzlipal, wie ein alter hartnaͤckiger Narr zum Kauf⸗ mann machen wollte, mochte er wollen oder nicht, und der Burſche gebehrdete ſich, wie ein herumziehender Komoͤdiant, weil er die Arbeit ſcheute, wovon ein ehrlicher Mann le⸗ ben muß.— Nun, was meint Ihr denn zu Eurer Ge⸗ ſchichte?— Wird Hamlet, der Daͤne, oder Hamletrs Geiſt eine gute Sicherheit fuͤr Herrn Owen ſeyn?“ „Ich verdiene Euern Spott nicht,“ erwiederte ich, „obgleich ich Euern Beweggrund achte, und allzudankbar fuͤr die Huͤlſe bin, die Ihr Herrn Owen gewaͤhret, um dar⸗ uͤber emyfindlich zu ſeyn. Mein einziges Geiſchaͤft hier war, zu thun, was ich koͤnnte, um Herrn Owen in der Lei⸗ tung der Angelegenheiten meines Vaters beizuſtehen. Meine Abneigung gegen Handelsgeſchaͤfte,— das iſt wohl ein Gegenſtand, woruͤber ich der einzige und der beſte Richter bin.“ „Wahrhaftig,“ ſagte der Hochlaͤnder;„ich hatte ein wenig Reſpett vor dem Burſchen, ehe ich wußte, was an ihm war; ich ehre ſeine Veractung gegen Weber, Spin⸗ ner und andere dergleichen Haudwerker.“ „Ihr ſeyd toll, Rob,“ ſagte der Ratkmann,„toll, mie ein Maͤrzhaſe,— ohgleich ich nicht ſagen kann, warum 91 3 ein Maͤrzhaſe toller ſeyn ſoll, als ein Martinshaſe. We⸗ ber! der Teufel mag Euch aus dem Gewebe ziehen, das Euch der Weber machen wird. Spinner! Ihr moͤgt Euch ſelbſt eine gute Spule ſpinnen. Und dieſer junge Burſche da, den Ihr auf dem geradeſten Wege zum Teufel und zum Galgen fuͤhrt, der wird mit ſeinem Theaterweſen und ſeinen Verſen hier auch nicht helfen, ſo wenig, als Ihr mit Euern Verwuͤnſchungen und blanken Dolchen.— Werden ſeine Reimereien ihm ſagen, wo Raſchleigh Osbaldiſtone iſt? oder wird Maibeth mit allen ſeinen Kernen und Gal⸗ logloſſen, und Ihr ſelbſt dazu, Rob, ihm fuͤnftauſend Pfund verſchaffen, um die in zehn Tagen faͤlligen Wechſel zu be⸗ zahlen?“ 4 „Zehn Tage!“ antwortete ich, zog mechantſch Dia⸗ nas Brief heraus, und erbrach das Siegel, da die Zeit, wo ich es unverletzt erhalten ſollte, voruͤber war. Ein ge⸗ ſiegelter Brief fiel aus einem leeren Umſchlag, als ich ihn haſtig oͤffnete. Ein leichter Windſtoß, der ſeinen Weg durch die zerbrochenen Scheiben gefunden hatte, wehte den Brief⸗ zu Herrn Jarvies Fuͤßen, der ihn aufhob, mit unverhehlter Neugier die Addreſſe las, und ihn zu meinem Erſtaunen ſeinem hochlaͤndiſchen Vetter uͤbergab, mit den Worten: „hier hat der Wind einen Brief ſeinem rechten Eigenthuͤ⸗ mer zugeweht, obgleich zehntauſend gegen eins zu wetten war, daß er nicht in Eure Haͤnde kommen wuͤrde.“ Der Hochlaͤnder las die Addreſſe, und brach den Brief ſogleich ohne weiteres auf. Ich verſuchte ihn zu hindern. „Ihr muͤßt mir vorher beweiſen, daß der Brief an Euch iſt, ehe ich Euch geſtatten kann, ihn zu leſen.“ „Seyd ruhig, Herr Osbaldiſtone,“ ſprach der Bergbe⸗ wohner mit großer Ruhe;—„erinnert Euch an den Frie⸗ 92 densnichter Ingkewood, Schreiber Jobſon, Herrn Morris, — vor allem gedenket Eures gehorſamſten Dieners, Ro⸗ bert Exwmill, und der ſchoͤnen Diana Vernon. Gedenket alles deſſen, und zweifelt nicht laͤnger, daß der Brief an mich iſt.“ 3. Ich erſtaunte uͤber meine Einfalt. Die ganze Nacht hindurch hatte die Stimme, ſelbſt die, wenn auch nur un⸗ vollkommen beebachteten Zuüge des Mannes Erinnerungen in mir geweckt, die ich vergebens an irgend einen beſtimm⸗ ten Ort, an irgend eine beſtimmte Perſon zu knuͤpfen ſuchte. Jezt tagte es bei mir auf einmal,— dieſer Mann war Campbell ſelbſt, mit allen ſeinen Eigenheiten, mit der tiefen, ſtarken Stimme, dem unbeweglichen, ſtrengen, ddooch bedaͤchtlichen Ausdruck in ſeinen Zuͤgen, mit der ſchot⸗ tiſchen Ausſprache und den bilderreichen Reden, die er zwar zuwetllen bei Seite legen konnte, die aber bei jeder Gemüthsbewegung wiederkehrten, und ſeinem Spotte et⸗ was beißendes, ſeinen Vorwuͤrfen eine gewiſſe Heftigkeit verliehen. Mehr unter mittlerer Groͤße, als darüber, war ſein Gliederbau ſo kraͤftig, als es ſich nur immer mit Be⸗ weglichkeit vertrug, und daß er dieſe in hohem Grade be⸗ ſaß, zeigte die auffallende Leichtigkeit und Freiheit ſeiner Bewegungen. Zwei Dinge ſtoͤrten das Ebenmaaß ſeines Baues;— ſeine Schultern waren im Verhaͤltniß zu ſei⸗ ner Groͤße ſo breit, daß er troz ſeiner Hagerkeit ziemlich vierſchroͤtig ausſah, und ſeine Arme, wiewohl rund und nervig, waren ſo lang, daß ſie beinahe haͤßlich ausfielen. Spaͤter hoͤrte ich, daß er auf dieſe langen Arme ſtolz ſei, und wena er ſeine hochlaͤndiſche Kleidung zrug, ſich die Strumpfbaͤnder knuͤpfen koͤnne, ohne ſich zu buͤcken; dieſe langen Arme gewaͤhrten ihm einen großen Vortheil in der 93 Fuͤbrung des Schwertes, das er mit großer Geſchicklichkelt handhabte. Dieſer Mangel an Ebenmaaß nahm ihm den ſonſt wohl begruͤndeten Anſpruch auf maͤnnliche Schoͤnheit, und gab ſeinem Aeußern etwas wildes, unregelmaͤßiges, faſt moͤchte man ſagen, unheimliches, und erinnerte mich unwillkuͤrlich an die Erzaͤhlungen meiner Amme von den alten Picten, die einſt Northumberland verheerten, und ihren Sagen zufolge halb Kobolde, halb Menſchen waren, die ſich, gleich dieſem Manne, durch Muth, Verſchlagen⸗ heit, Wildheit, lange Arme und breite Schultern auszeich⸗ neten. Wenn ich an die Umſtaͤnde dachte, unter denen ich fruͤher mit ihm zuſammengetroffen war, ſo konnte ich nicht zweifeln, daß der Brief höchſt wahrſcheinlich an ihn ſei. Er hatte eine ausgeze ichnete Rolle unter den geheimniß⸗ vollen Perſonen geſpielt, uͤber welche Diana einen Einfluß auszuuͤben ſchien, und die wieder auf ſie Einfluß hatten. Der Gedanfe war mir reinlich, daß das Schickſal eines ſo llebenswuͤrdigen Weſens mit dem Schickſale ſolcher verzwei⸗ felten Menſchen verflochten ſeyn ſollte, und doch konnte ich nicht wohl daran zweifeln. Von welchem Nuzenkonnte in⸗ des dieſer Mann fuͤr die Augelegenheiten meines Vaters ſeyn?— Nur eins konnte ich mir vorſtellen. Raſhleigh hatte auf Dianas Zureden gewis Mittel gefunden, dieſen Campbell zur Stelle zu ſchaffen, als ſeine Gegenwart noth⸗ wensig war, um mich von Morris Anklage zu befreien.— War es nicht moͤglich, daß ihr Einfluß eben ſo auf Camp⸗ bell wirkte, um Raſhleigh zur Stelle zu ſchaffen? In die⸗ ſer Vorausſezung frazte ich, wo mein gefährlicher Vetter ſei, und wo ihn Herr Campbell geſehen habe. Seine Ant⸗ wort war etwas ausweichend. 9½ „Das iſt ein kizliches Spiel, das ſie mir da aufgibt, aber es iſt ein ehrliches Spiel, und ich mag es ihr nicht abſchlagen. Herr Osbaldiſtone, ich wohne nicht weit von hier,— mein Vetter kann Euch den Weg zeigen,— laßt Herrn Owen in Glasgow, er mag thun, was er kann,— Ihr aber beſucht mich in den Thalern, wahrſcheinlich kann ich Euch einen Gefallen thun, und Eurem Vater helſen in ſeiner Noth.— Ich bin ein armer Mann, aber Ver⸗ ſtand iſt beſſer, als Reichthum,— und Vetter,(hier wandte er ſich zu Herrn Jarvie) wenn Ihr ſo viel Herz habt, um ſchottiſche Kaͤlberſchnitten und einen Rehſchlegel mit mir zu eſſen, ſo begleitet dieſen jungen Herrn bis Drymen oder Bucklivte, oder am beſten bis zum Dorfe Aberfoil, da ſoll jemand auf Euch warten, und den Weg weiſen, zu dem Orte, wo ich mich der Zeit aufhalte.— Was ſagt Ihr dazu? Hier iſt meine Hand, ich betruͤge Euch nie.“ „Nein, nein, Robin,“ ſagte der vorſichtige Buͤrger; „ſo weit gehe ich nicht. Er ſteht mir icht frei, in Euern wilden Huͤgeln herumzugehen, Robin, unter Euern rothen Schenkeln mit den Schuͤrzen,— nein, mein Freund, das ſchickt ſich nicht fuͤr mein Amt.“ „Der Teufel hole Euch und Euer Amt dazu!“ fuhr Campbell fort.„Der einzige Tropfen edeln Bluts, der in Euch iſt, kommt von Eurem Urgroßoheim, der zu Dun⸗ barton hingerichtet murde, und Ihr wagt es, mir zu ſa⸗ gen, es wuͤrde Eurer Amtsehre Eintrag thun, mich zu be⸗ ſuchen!— Hort, Freund, meine Schuld iſt faͤllig bis auf den Herbſt,— ich zahle Euch die tauſend Pfund Schottiſch bei Heller und Pfennig, einmal, wenn Ihr ein rechter Kerl ſeyn wollt, und dann, wana Ihr dieſem Manne da das Geleite gebt.“. 995 „Weg mit Eurem edeln Blute,“ erwiederte der Rath⸗ mann,„bringt Euer edles Blut zu Markt, und ſeht, was Ihr dafuͤr kauft.— Aber wenn ich nun wirklich kaͤme, woll et Ihr wirklich und ſogleich mir das Geld zahlen?“ „Ich ſchwoͤr's Euch.“ fagte der Hochlaͤnder,,bei dem heiligen Grab deſſen, der unter dem grauen Steine zu Toch⸗Callleach ſchlaͤft!“ „Nicht weiter, Robin, nicht weiter,— wollen ſehen, was zu thun iſt.— Aber Ihr duͤrft nicht erwarten, daß ich uͤber die hochlaͤndiſche Graͤnze gehe,— das thue ich auf kelnen Fall. Ihr moͤgt mich treffen bei Buckliwie oder beim Wirthshaus zu Aberfoil, und pergeßt das Noͤthige nicht.“ „Fuͤrchtet nicht, fuͤrchtet nicht,“ ſagte Campbell.„So treu will ich ſeyn, als die Stahlklinge, die nie ihrem Herrn verſagte.— Aber, Vetter, ich muß mich fortmachen, die Luft im Gefaͤngniß zu Glasgow iſt der Leibes Beſchaffen⸗ heit eines Hochlaͤnders nicht ſonderlich zutraͤglich.“ „Meiner Treu,“ erwſederte der Kaufmann,„wollte ich meine Pflicht thun, Ihr wuͤrdet keine andere mehr ein⸗ athmen.— Ach, da ich je einem paten fol, der Gerech⸗ tigkeit zu entwiſcen! Es wird ein Schimpf und eine Schande ſeyn fuͤr immer, fuͤr mich und die Meinigen, und fuͤr das Andenken meines Vaters.“ „Nun, nun,“ erwiederte ſein Vetter,„laßt die Fliegen nur an der Mauer ſizen; wenn der Koth trocken iſt, reibt Ihr ihn ab.— Euer Vater, ein ehrlicher Mann, konnte uͤber ſeiner Freunde Fehler wegſehen, ſo gut, als ein an⸗ derer.“ 3 „Ihr moͤgt Recht haben, Robin,“ antwortete der Rath⸗ mann nach einigem Bedenken; er war ein bedaͤchtiger 9 6 Mann, der Zunftmeiſter. Er wußte, daß wir alle unſere Schwaͤchen haͤrten, und liebte ſeine Freunde.— Ihr wer⸗ det ihn doch nicht vergeſſen haben, Robin?“ Dieſe Frage geſchah in einem milderen Tone, der mindeſtens eben ſo ſpaßhaft, als ruͤhrend klang. „Ihn vergeſſen—!“ erwiederte Robin,—„warum ſollte ich ihn vergeſſen haben?— ein ruͤſtiger Weber war er, und hat mein erſtes Paar Hoſen gewoben.— Aber kommt. Vetter, Komm', fülle das Glas und die Kanne, wie recht, Komm'’, ſattle vie Pferde, und ruf mir den Knecht, Komm', öffne die Thore, und laſſe mich frei⸗ Mein Bleiben in Dunder, damit iſts vorbei. „Still, ſtill!“ ſegte der Rathmann im Tone des Ge⸗ bieters.„Singen und jubeln ſo nahe am Ende des Feſt⸗ tags?— Dieß Haus moͤchte Euch leicht in einem an dern Tone ſingen hoͤren.— Je nun, wir ſind ja alle einmal ausgeglitſcht.— Stamhells, oͤffnet die Thuͤre!“ Der Kerkermeiſter gehorchte, und wir alle giengen hin⸗ aus. Stamhells blickte etwas erſtaunt auf die zwei Frem⸗ den, und wunderte ſich vermuthlich, wie ſie ohne ſein Wiſ⸗ ſen hereinkamen, aber Herr Jarvies Worte:„Freunde von mir, Stamhells,— Freunde von mir,“ brachten ſeine ganze Fragluſt zum Schweigen. Wir giengen in den untern Vor⸗ hof hiaab, und riefen mehr, als einmal nach Dougal; als wir keine Antwort erhielten, bemerkte Campbell mit hoͤh⸗ niſchem Laͤcheln:„wenn ich den Burſchen kenne, ſo wird er kaum auf den Dank fuͤr die Arbeit dieſer Nacht warten, ſondern iſt wahrſcheinlich ſchon in vollem Trabe nach der Gränze des Hochlands.“— 4 „Und haͤtte uns,— und vor allen Dingen mic für 2 97 die Nacht ins Gefaͤngniß eingeſperrt!“ rief der Rathmann voll Zorn und Beſtuͤrzung.„Bringt Haͤmmer und Zangen, und ruft nach Zunftmeiſter Yettlin, dem Schmid, und laßt ihn wiſſen, daß Rathmann Jarvie im Gefaͤngniß einge⸗ ſchloſſen iſt von einem hochlaͤndiſchen Spizbuben, der ſo hoch gehaͤngt werden ſoll, als Haman—“ „Wenn Ihr ihn fangt,“ ſagte Campbell ruhig,„aber halt, die Thuͤre iſt gewiß nicht verſchloſſen.“ Bei der Unterſuchung fand ſich, daß die Thuͤre nicht allein offen gelaſſen war, ſondern daß Dougal auch die Schluͤſ⸗ ſel mit ſich genommen hatte, damit nicht ſogleich ſein Schließeramt wieder beſezt werden ſolle. „Er hat einen Schimmer von geſundem Menſchenver⸗ ſtand, der Dougal,“ ſagte Campbell;„er wußte, daß eine offene Thuͤre mir in der Klemme nuͤzlich ſeyn koͤnnte.“ Wir waren jezt auf der Straße. „Hoͤrt, Robin,“ ſagte der Rathmann;„wenn Ihr ſo fort lebt, ſo ſolltet Ihr meinen einfaͤltigen Gedanken nach in jedem Gefaͤngniß in Schottland einen von Euern Geſel⸗ len als Schließer haben, es waͤre fuͤr den ſchlimmſten Fall.“ „Einen von meinen Vettern als Rathmann in jeder Stadt, moͤchte eben ſo gut ſeyn, Vetter Nicol,— nun, gute Nacht oder guten Morgen, und vergeßt nicht das Wirthshaus von Aberfoil.“ 4 Ohne meine Antwort abzuwarten, ſprang er auf die andere Seite der Straße, und verſchwand in der Dunkel⸗ heit. Unmittelbar nach ſeinem Verſchwinden hoͤrten wir ein leiſes, aber ſeltjames Pfeifen, das augenblicklich beant⸗ wortet wurde. „Hoͤrt die hochlaͤndiſchen Teufel,“ ſagte Jarvie.„Sie glauben, ſie ſehen ſchon ams Fuße des Benlomond, wo ſie W. Scott's Werke. CII. 3 98 pfeifen koͤnnen, ohne an Sonntag oder Samſtag zu denken.“ Peaſſelnd ſiel in dieſem Augenblick etwas ſchweres vor uns auf die Straße, und unterbrach ſeine Rede.„Gott ſchuͤze uns! was iſt dieß nun? Mattie, leuchte einmal.— Wahr⸗ haftig, es ſind die Schluͤſſel!— nun, das iſt eben ſo gut, — die haͤtten der Stadt Geld gekoſtet, und es haͤtte ein Geſchwaͤz gegeben, wie ſie verloren gegangen ſeien. O, wenn Nathmann Grahame etwas erfuͤhre von dem Streich dieſer Nacht, da gienge mir's ſchlimm!“ Da wir erſt wenige Schritte von der Gefaͤngnißthuͤre weg waren, ſo brachten wir die Schluͤſſel dem Kerkermei⸗ ſter, der ſtatt wie ſonſt ſein Amt durch Schluͤſſelumdrehen zu verſehen, im Vorhof bis zur Ankunft eines Gehuͤlfen Wache hielt, der die Stelle des gefluͤchteten Celten Dougal verſehen ſollte. Da ich mit dem ehrenfeſten Rathmanne einen Wen hatte, ſo benuͤzte ich das Licht ſeiner Laterne, und er mei⸗ * nen Arm, um den Weg durch die Straßen zu finden, die, was ſie auch jezt ſeyn moͤgen, damals finſter, uneben und ſchlecht gepflaſtert waren. Das Alter iſt leich gewonnen durch Aufmerkſamkelten von Seite der Ingend. Paroie druͤckte mir ſeine Theilnahme aus, und ſezte hinzu:„Da Ihr keiner von den Komoͤdianten feid, die meine Seele haßt, ſo wuͤrde ich mich freuen, wenn Ihr mit mir einen Stockfiſch oder einen friſchen Haͤring am Morgen eſſen woll⸗ tet, Ihr koͤnnt da meinen Freund, Herrn Owen, treffen, affen werde.“ nk angenommen hatte, fuͤr einen Komoͤdian⸗ dem ich bis dahin die Freiheit verſch Als ich ſeine Einladung mit Da Fragte ich ihn, weßhalb er mich denn gen gehalten habe. „Ich weiß nicht, “¹ erwjederte Herr Jarvie;„da kam 99 geſtern Abend ein geſchwaͤziger Burſche, Namens Gutdienſt, der verlangte, man ſolle fruͤh bei Tagesanbruch um Euret⸗ willen den Ausrufer durch die Stadt gehen laſſen. Er ſagte mir, wer Ihr waͤret, und wie Ihr aus Eures Vaters Hauſe weggeſchlckt worden ſeyet, weil Ihr nicht Theil am Geſchaͤfte haͤttet nehmen wollen, und damit Ihr Eure Fa⸗ milie nicht in Schande braͤchtet durch den Auftritt auf dem Theater. Ein gewiſſer Hammorgaw, unſer Vorſaͤnger, brachte ihn her, und fagte, er ſey ein alter Bekannter von ihm. Aber ich ſchickte ſie beide derb heim, daß ſie mir an einem ſolchen Abend mit ſolchen Dingen kaͤmen. Ich ſehe nun, daß er ein Narr iſt, und ganz falſch daran mit Euch. Ihr gefallt mir,“ fuhr er fort,„ich habe jeden gern, der ſeinen Freunden beiſteht in der Noth,— ich thue dieß ſelbſt, und ſo that es auch mein Vater, der Zunftmeiſter, Ruhe und Friede ſey mit ihm. Aber mit den wilden Hoch⸗ laͤndern ſolltet Ihr Euch nicht einlaſſen. Kann man Pech angreifen, ohne ſich zu beſudeln?— Das merkt Euch. Freilich, der Beſte und Kluͤgſte kann irren. Einmal, zwei⸗ mal und dreimal bin ich ausgeglitten dieſe Nacht, und habe drei Dinge gethan,— mein Vater wuͤrde es nicht glauben, wenn er wfeder kaͤme, und ſaͤhe es.“ Unterdeſſen waren wir an die Thuͤre ſeines Hauſes gekommen. Er hielt auf der Schwelle an und gieng in ei⸗ nen feierlichen Ton tiefer Zerknirſchung uͤber:„Erſtlich habe ich an meine Seſchaͤfte gedacht am Feſttag,— zwei⸗ tens habe ich Sicherheit geleiſtet fuͤr einen Englaͤnder, und drittens und letztens habe ich, lelder! einen Uebelthaͤter aus dem Gefaͤngniß entkommen laſſen.— Ader es gibt Balſam in Giilead, Herr Osbaldiſtone,— Mattie, ich kann mich ſeldſt zurecht finden,— leuchte du dem Herrn „ 100 Osbaldiſtone bis ins Wirthshaus an der Ecke.—„Herr Osbaldiſtone,“ fluͤſterte er mir zu,„thut Mattie keinen Schimpf an, ſie iſt eines ehrlichen Mannes Tochter, und eine nahe Baſe des Lairds von Limmerfield.“ Achtes Kapitel. Woller Ihr meine geringen Dienſte annehmen? Ich bitte, laßt mich von Eurem Brod eſſen, wenn es auch das ſchwärzeſte iſt, und von Eurem Tranke trinken, wär' er auch noch ſo dünn; ich will Euch für vierzig Schilling ſo viel Dienſte thun, als ein Anderer für drei Pfund. 2. Chreene. Ich gedachte der Abſchiedsermahnung des ehrlichen Rathmanns hielt es aber fuͤr keinen Schimpf, der halben Krone, womit ich Mattie's Begleitung belohnte, einen Kuß hinzuzufuͤgen, und ihr:„Pfui, Herr!“ ſchien eben keinen ſonderlichen Zorn uͤber die Beleidigung auszudruͤcken. Wiederholtes Pochen weckte zuerſt ein paar verlaufene Hun⸗ de, die mit aller Macht zu bellen anfingen, dann einige Koͤpfe mit Nachtmuͤtzen, die aus den benachbarten Fenſtern ſahen, und mich wegen des ſtoͤrenden Geraͤuſchs in der Nacht eines Feſttags ausſchalten. Waͤhrend ich befuͤrchtete, dem Donner ihres Zorns moͤchte ein Guß folgen, wie aus Pantippe's Hand, erwachte Frau Fiyter ſelbſt, und begann in einem Tone, der fuͤr des Sokrates philoſophiſche Ehehaͤlfte haͤtte paſſen koͤnnen, ein paar Zauderer in der Kuͤche aus⸗ zuſchelten, daß ſie nicht ſchnell an die Thuͤre eilten, um die Wiederholung des Laͤrms zu verhindern. 101 Dieſe Ehrenmaͤnner waren bei dem Geraͤuſche, das ihre Traͤgheit veranlaßte, freilich ſehr betheiligt, denn es war niemand anders, als der getreue Andreas Gutdienſt mit ſeinem Freund, Herrn Hammorgaw, und einem Dritten, der, wie ſich nachher zeigte, der Ausrufer war. Sie ſaſ⸗ ſen bei einem Kruge Bier,(auf meine Koöſten, wie meine Rechnung nachher auswies) und beriethen uͤber die naͤchſten Tages in der Stadt auszurufende Bekanntmachung, damit „der ungluͤckliche, junge Herr“, wie ſie mich unverſchaͤmter⸗ weiſe nannten, ſeinen Freunden ohne fernere Zoͤgerung zu⸗ ruͤckgeſtellt wuͤrde. Begreiflicherweiſe bielt ich meinen Un⸗ willen uͤber dieſe unverſchaͤmte Einmiſchung in meine An⸗ gelegenheiten nicht zuruͤck, aber Andreas uͤberließ ſich ſo lauten Ausbruͤchen ſeiner Freude uͤber meine Ankunft, daß die Aeußerungen metnes Unwillens davor verſtummten. Seine Entzuͤckungen waren vielleicht guten Theils liſtig be⸗ rechnet, und ſeine Freudenthraͤnen entſprangen ſicherlich aus jener edlen Quelle der Ruͤhrung, der Trinkkanne. Die laute Freude, die er uͤber meine Ruͤckkehr fuͤhlte, oder zu fuͤhlen ſich ſtellte, rettete ihn indeſſen von der zweimaligen ihm zugedachten Zuͤchtigung, erſtens wegen ſeiner Unterre⸗ dung mit dem Vorſaͤnger uͤber meine Angelegenheiten, und zweltens wegen der unverſchaͤmten Erzaͤhlung, die er Herrn Jarvie zu geben fuͤr aut gefunden hatte. Ich begnuͤgte wich, ihm die Thuͤre meines Schlafzimmers vor der Naſe zuzuſchlagen, als er mir folgen wollte, dem Himmel fuͤr meine gluͤckliche Raͤckkehr dankte, und ſeine Freudenbezen⸗ gung mit der Erinahaung verband, kuͤnftig vorſichtiger zu ſeyn, wenn ich allein ausgehe. Ich aieng zu Bette mit dem Eatſchluß, es am Morgen mein Erſtes ſeyn zu laſſen, 102 den laͤſtigen, eingebildeten Narren, der ſich mir zum Hof⸗ meiſter aufdringen wollte, zu entlaſſen. Dem zu Folge rief ich am Morgen ihn in mein Zim⸗ mer, und fragte ihn, was ihm fuͤr ſeine Begleitung nach Glasgow gebuͤhre. Herr Gutdienſt erblaßte, denn nicht mit Uarecht ſah er dieſe Fruge als die Einleitung zu einer na⸗ hen Entlaſſung an. „Ihr werdet doch, edler Herr, ſagte er nach einigem Zoͤgern,„Ihr werdet doch“——— „Sprich aus, Schurke, oder ich will dich..“ ſagte ich, als Andreas unſchluͤſſig und gaffend daſtand, bei der doppelten Gefahr, alles zu verlieren, wenn er zu viel ver⸗ lange, oder einen Theil, wenn er weniger verlange, als ich zu geben geſonnen ſeyn moͤchte. Wie ein guͤtiger Schlag auf den Ruͤcken die Luftroͤhre manchmal von etwas Hineingefallenem befreit, ſo kamen aguf meine Drohung, wie ein Pfeil, die Worte heraus: „Achtzehn Pfennige auf den Tag— wird doch nicht unbillig ſeyn.“. Zweimal ſoviel, als gewoͤhnlich, und dreimal ſoviel, ais Ihr verdient; doch da iſt eine Guinee, und nun geht Eurer Wege.“ „ott behuͤt' uns! Seyd Ihr bei Sinnen, edler Herr?“⸗ rief Andreas. 4 „Ja wohl, aber Ihr koͤnntet mich von Sinnen bringen. — Nun ich gab Euch ein Drittheil mehr, als Ihr verlangt habt, und Ihr ſteht da, und ſtarrt mich an, als haͤtt' ich Euch betrogen.— Nehmt Euer Geld, und geht Eurer Wege.“ 4 „Gott behuͤte uns!“ fuhr Andreas fort;„womit habe ich Euer Edeln beleidigt?— Gewiß, alles Fleiſch iſt, wie 103 Gras auf dem Felde, aber wenn trockene Kraͤuter fuͤr der Arzt etwas werth ſind, ſo kann Euch Andreas nicht weni⸗ ger von Nutzen ſeyn. Es iſt ſo viel werth, als Euer Le⸗ ben, wenn ich bei Euch bleibe.“ „Auf meine Ehre,“ erwiederte ich;„es iſt ſchwer zu ſagen, ob Ihr ein groͤßerer Schelm, oder ein groͤßerer Narr ſeyd.— So wollt Ihr alſo bei mir bleiben, ich mag wollen, oder nicht.“ „Meiner Treu, ſo dachte ich,“ ſagte Andreas mit ent⸗ ſcheidendem Tone;„aber wenn Ihr es nicht wiſſet, wenn Ihr einen guten Diener habt, ſo weiß ich es, wenn ich einen guten Herrn habe, und— der Teufel ſoll mir in die Fuͤße fahren, wenn ich Euch verlaſſe,— und daß ich's⸗ rund heraus ſage, ich habe keine gehoͤrige Auffkündigung⸗ meines Dienſtes erhalten.“ „Eures Dienſtes! habe ich Euch zu meinem Diener angenommen? Ihr waret blos mein Fuͤyrer, deſſen Landes⸗ keuntniß ich auf dem Wege benutzte.“ 4 „Ich bin freilich nicht ſo eigentlich ein Bedienter, das gebe ich zu,“ wendete Andreas ein;“ aber Ihr wißt, ich habe auf Euer Bltten einen guten Platz aufgegeben, und nur eine Stunde vorher darum gewußt. Man kann zu Os⸗ haldiſtone Halle ehrlicher Weiſe auf wohlgezaͤhlte zwanzig Pfund Sterling kommen,— und das wollte ich nicht um eine einzige Guinee aufgeben,— ich rechnete darauf, daß ich wenigſtens bis zur Miethzeit bei Euch bleibe,— und ich denke, auf ſo lange gebuͤhrt mir auch Lohn, Koſtgeld und Trinkgeld.“ „Nichts, nichts,“ erwiederte ich,„dieſe unverſchaͤmten Forderungen helfen Euch zu nichts, und wenn ich wieder etwas davon zu hoͤren bekomme, ſo will ich Euch uͤberzeu⸗ — 104 gen, daß Junker Thorniliff nicht der einzige iſt, der ſeine Haͤnde brauchen kann.“ Waͤhrend ich ſo ſprach, kam mir die ganze Sache ſo laͤcherlich vor, daß ich trotz meines Unwillens beinahe laut auf gelacht haͤtte uͤber die Ernſthaftigkeit, mit welcher An⸗ dreas den ſeltſamen Streit fortfuͤhrte. Der Schurke merkte dieß, und wurde um ſo beharrlicher; doch hielt er es fuͤr ſicherer, ſeine Anſpruͤche ein wenig herabzuſtimmen, um meine Geduld nicht auf eine zu harte Probe zu ſetzen. „Zugegeben, daß es auch in meiner Gewalt ſtuͤnde, einen getreuen Diener, der mir und den Meinigen zwanzig Jahre lang bei Tag und Nacht gedient, an einem fremden Orte plötzlich zu entlaſſen, ſo ſey er doch verſichert,“ ſagte er,„daß es mir ſo wenig, als irgend elnem wackern Man⸗ ne, in den Sinn kaͤme, einen armen Teuſel, wie ihn, der vierzig, fuͤnfzig, ja hundert Meilen von ſeinem Wege abgegangen ſey, nur um mir Geſellſchaft zu leiſten, und der nichts haͤtte, als ſein Tagelohn, einem ſolchen Ungluͤck auszuſetzen.“— „Ich glaube, du warſt es, Tresham, der mir einmal ſagte, daß ſch trotz meiner Hartnaͤckigkeit in gewiſſen Din⸗ gen mich aͤußerſt leicht ſchnellen und breitſchlagen laſſe. Nur Widerſpruch macht mich hartnaͤckig, und ſobald ich mich nicht gereizt fuͤhle, einen Vorſchlag zu bekaͤmpfen, ſo bin ich ſtets eher bereit, einzuwilligen, als mich viel plagen zu laſſen. Ich kannte den Burſchen als einen be⸗ gehrlichen, uberlaͤſtigen Geck, doch mußte ich jemand als Fuͤhrer und Bedienten bei mir haben, und ich war an des Menſchen Laune ſo gewoͤhnt, daß ſie mich manchmal be⸗ luſtigte. Noch unſchluͤſſig fraate ich ihn, ob er Wege, Staͤdte u. dgl. im noͤrdlichen Schottland kenne, wohin mich 105 meines Vaters Geſchaͤfte mit den Eigenthuͤmern der Hoch⸗ land Waldungen vielleicht fuͤhren koͤnnten. Ich glaube, wenn ich ihn in dieſem Augenblick um dem Weg nach dem irdiſchen Paradieſe gefragt haͤtte, er haͤtte es unternom⸗ men, mich zu fuͤhren, ſo daß ich mir nachher Gluͤck wuͤnſch⸗ te, daß ſeine Kenntniß nicht ſehr weit hinter ſeinen Be⸗ theuerungen zuruͤckblieb. Ich beſtimmte ihm ſeinen Lohn, und behielt mir das Recht vor, ihn mit dem Geſchenk ei⸗ nes Wochenlohns zu entlaſſen, wann es mir beliebe. Schließlich gab ich ihm noch einen ſtrengen Verweis uͤber ſein Benehmen am vorigen Tage, und entließ ihn dann. Zwar ziemlich kleinlaut, doch freudigen Herzens entfernte er ſich, um ſeinem Freunde, dem Vorſaͤnger, der in der Kuͤche ſein Morgenſchluͤckchen nahm, zu erzaͤhlen, auf wel⸗ che Weiſe er den naͤrriſchen engliſchen Junker zur Ver⸗ nunft gebracht habe. Verabredetermaßen begab ich mich nun zu Herrn Ni⸗ col Jarvie, wo im Beſuchzimmer ein artiges Fruͤhſtuͤck aufgetragen war. Der geſchaͤftige, wohlwollende Rath⸗ mann hatte redlich Wort gehalten; ich fand meinen Freund Owen in Freiheit, und die Erfriſchungen, die Buͤrſte und das Waſchbecken hatten aus dem unreinen, kummervollen und hoffnungsloſen Gefangenen einen ganz andern Menſchen gemacht. Doch die Geldverlegenheit ſaß ihm noch immer im Nacken, und druͤckte ſeinen Geiſt nie⸗ der; die faſt vaͤterliche umarmung des guten Mannes wurde verbittert durch einen Seufzer der tiefſten Beſorg⸗ niß. Die Schwerfaͤlligkeit in ſeinem Benehmen und in feinem Blick, ſo verſchieden von der gewoͤhnlichen, ruhi⸗ gen und gelaſſenen Zufriedenheit, zeigte an, daß er in Ge⸗ danken die Tage, die Stunden, die Minuten zaͤhlte, nach 1⁰6 deren Verlauf die Wechſel proteſtirt werden, und das große Handlungshaus Osbaldiſtone und Treſham fallen wuͤrde. Es blieb mir alſo uͤberlaſſen, dem gaſtfreundlichen Mahl unſeres Wirths ſeine Ehre anzuthun, vornehmlich ſeinem Thee, den er geradenwegs aus Ching erhalten,— ſeinem Kaffee, der, wie er uns durch einen Wink zu ver⸗ ſtehen gab, auf ſeiner elgenen Pflanzung auf Jamaika, ge⸗ nannt Salzmarkt⸗Waͤldchen, gewachſen war,— ſeinem eng⸗ liſchen Bier mit geroͤſteten Brod, ſeinem geraͤucherten ſchottiſchen Salmen, ſeinen Herlngen, und ſelbſt ſein damaſtenes Tiſchtuch mußten wir bewundern, das, wie u dir leicht denken kannſt, von keiner andern Hand gewoben war, als von ſeinem verſtorbenen Vater, dem wuͤrdigen Zunftmeiſter Jarvje. Als ich durch dieſe kleinen Auf⸗ merkſamkeiten, die fuͤr die melſten Menſchen etwas gro⸗ bes ſind, die gute Laune unſeres Wirtös erhoͤht hatte, bemuͤhte ich mich auch, von ihm einige Nachrichten zu be⸗ kommen, die mich bei meinem Benehmen leiten, oder meine Neugier befriedigen konnten. Wir hatten bis jetzt der verfloſſenen Nacht nicht im geringſten erwaͤhnt, wes⸗ wegen meine Frage ziemlich unerwartet kam, als ich ohne vorlaͤufige Einleitung eine augenblickliche Pauſe benuͤtzte, welche die Abnahme des Tiſchtuchs verurſachte.„Aber ſagt mir doch, Herr Jarvie, wer mag denn dieſer Robert Campbell ſeyn, mit dem wir in der letzten Nacht zuſam⸗ mentrafen?“ 1 Die Frage ſchien den ehrlichen Rathmann voͤllig aus der Faſſung zu bringen, und ſtatt zu a worten wieder⸗ holte er die Frage:— Wer Herr Robe 1 — hum,— hum— wer Herr Robert Campbe „Nun, wer und was er iſt?“ ſagte ich. 107 „Nun, er iſt—— hum!— er iſt—— hum. Wo traft Ihr mit Herrn Robert Campbell, wie Ihr ihn nennt, zuſammen?“ „Ich traf ihn zufaͤlligerweiſe,“ erwiederte ich,„vor elnigen Monaten, im Norden von England.“ „Nun, Herr Osbaldiſtone,“ ſagte der Rathmann ver⸗ drießlich;„dann wißt Ihr ſo viel von ihm, als ich.“ „Ich ſollte nicht denten, Herr Jarvie, wie es ſcheint, ſeyd Ihr ſein Verwandter und ſein Freund.“ „Ja, ja, es beſteht eine Verwandtſchaft zwiſchen uns,“ ſagte Jarvie mit ſichtlichem Widerwillen,,aber wir haben einander wenig geſehen, ſeit Roh den Viehhandel aufgab, der arme Menſch, ſie haben ihm hart mitgeſpielt, auch die, um welche er es beſſer verdient haͤtte,— und ſein Geld haben ſie ihm auch abbetrogen. Nun, es giebt jetzt viele, die lieber wollten, man haͤtte den armen Robin nicht aus Glasgow verjagt, und manche noͤchten ihn lieber wieder hinter drei hundert Ochſen drein gehen ſehen, als vor dreißig ſchlimmern Beſtien voraus.“ „ Aber alles dieß, Herr Jarvie ſagt mir noch nichts uͤber ſeinen Rang, ſein Thun und Trachten, und von was er lebt.“ „Rang?“ ſagte Herr Jaroie;„er iſt ein hochlaͤndi⸗ ſcher Edelmann, einen beſſern Rang braucht keiner;— und ſeine Tracht, ich glaube, er traͤgt auf den Bergen die hochländiſche Tracht, obgleich er Hoſen anzieht, wenn er nach Glasgow kommt,— wovon er lebt? darum, wißt Ihr, haben wir uns nicht zu kuͤmmern, ſo lang er nichts von uns verlangt. Aber ich habe jetzt keine Zeit, von ihm zu ſchwazen, weil wir in aller Eile ſehen muͤſſen, wie es um Eures Vaters Angelegenheiten ſteht.“ 10⁰8 Mit dieſen Worten ſetzte er die Brille auf, und be⸗ gann Owens Angaben zu pruͤfen, die ihm dieſer ohne Ruͤck⸗ halt mittheilen zu müſſen glaubte. Ich verſtand genug von Handelsgeſchaͤften, um zu bemerken, mit welchem Scharfſinn Jarvie die ihm vorgelegten Gegenſtaͤnde beur⸗ theilte, und ich muß ihm die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß er nicht nur mit großer Redlichkeit, ſondern ſelbſt mit Großmuth dabet verfuhr. Doch kratzte er ſich dabei ein paarmal hinter den Ohren, wenn er bemerkt, daß das Soll von Seiten des Hauſes Osbaldiſtone und Treſ⸗ ham gegen ihn ſelbſt ſtand. Es kann voͤllig verloren ſeyn,“ bemerkte er,„und, meiner Treu! was auch Eure Goldſchmiede in der Lom⸗ bardſtraße ſagen moͤgen, das iſt auf dem Salzmarkt zu Glasgow kein Spaß. Das iſt ein ſchweres Defickt,— ein gewaltiges noch in meinem Faß. Aber was iſt's denn? Ich denke, Euer Haus wird darum noch nicht fallen, und — wenn auch, ſo will ich nie ſo ſchlecht ſeyn, wie die Ra⸗ ben in der Galgenſtraße,— wenn ich bei Euch verliere, nun, ich will nicht laͤugnen, ich habe auch ſchon manches ſchoͤne Pfund Sterling bei Euch gewonnen.— Und wenn's denn auch zum ſchlimmſten kommen ſollte, ſo legte ich eben den Kopf der Sau zum Schwanz des Ferkels.“ Ich verſtand nicht voͤllig die ſpruͤchwoͤrtlichen Redensar⸗ ten, womit Herr Jarvie ſich ſelbſt troͤſtete, aber ich konnte leicht bemerken, daß er einen freundlichen, wohlwollenden Antheil an der Auselnanderſetzung der Angelegenheiten meines Vaters nahm, mehrere Auskunftsmittel angab, ver⸗ ſchiedene von Owen vorgeſchlagene Maaßregeln billigte, und die truͤbe Stirne des ntedergeſchlagenen Abgeordneten der Firma Osbaldiſone und Treſham ziemlich erhellte. Da ich hiebey ein maͤßiger Zuſchauer war, und viel⸗ leicht mehr, als einmal, Neigung zeigte, das verbotene, und den ehrlichen Rathmann offenbar in Verlegenheit ſe⸗ tzende Geſpraͤch uͤber Campbell wieder aufzunehmen, ſo wurde ich ohne viele Foͤrmlichkeit mit dem Rathe entlaf⸗ ſen, den Gang zu dem Collegium hinaufzugehen, wo ich einige Leute finden wuͤrde, die gut griechiſch und lateiniſch ſpraͤchen, wenigſtens Geld gen ug dafuͤr bekaͤmen, und wenn ſie es nicht thaͤten, ſo ſoll ſie der Henker holen, und dort koͤnnte ich aucheinen Spruch aus der Bibeluͤberfetzung des wuͤrdigen Zacharias Boyd leſen,— beſſere Poeſie koͤnne man nicht finden, wie ihm Leute geſagt haͤtten, die ſich darauf verſtuͤnden, oder wen igſtens verſtehen ſollten.“ Er milderte jedoch dieſe Entlaſſung durch eine guͤtige, freun⸗ ſchaftliche Einladung,„wieder zu kommen, und Theil an ſeinem Mittags mahl zu nehmen, Punkt ein Uhr,— es wuͤrde eine Hammelskeule kommen, und vielleicht ein Hammelskopf, denn dazu ſey jetzt die Zeit,“ vor allem aber, ſollte ich zuruͤckkommen„genau um ein hr,— dieß ſey die Stunde, wo er und der Zunftmeiſter, ſein Vater, ſtets gegeſſen haͤtten,— und davon wichen ſie aus keiner Urſa⸗ che, und um keines Menſchen willen ab.“ —— Neuntes Kapitel. So faßt der thraciſche Hirte den Speer Erwartet muthig den gejagten Bär, And hört ihn im praſſeinden Hott, es zeigen Seinen Lauf die Baumie an, die ſich beugen. Er denkt:„mein Todesfeind nahet ſich, Und im Kampfe muß fallen er oder ich! Palamon und Arnte. Ich nahm den Weg nach dem Collegium, wie mir Heyr Jarvie vorgeſchlagen hatte, weniger in der Abſicht, irgend 110 etwas fuͤr meine Neugterde oder Unterhaltung zu ſuchen, als um meine Gebanken zu ordnen, und uͤber mein kuͤnf⸗ tiges Benehmen nachzudenken. Ich wanderte an der ei⸗ nen Ecke oer altvaͤteriſchen Gebaͤude zur andern, und end⸗ lich in den Garten des Colleglums, worin ich, erfreut uͤber die Einſamkeit des Platzes, da die meiſten Schuͤler ihre Lernzeit hatten, mehreremal auf und abging, in Gedanken mit meinem ſeltſamen Schickeal beſchaͤftigt. Nach den Umſtaͤnden zu ſchließen, von denen mein er⸗ ſtes Zuſammentreffen mit dieſem Campken begleitet war, konnte ich nicht zweifeln, daß er in irgend eine verzwei⸗ felte Unternehmung verflochten ſey, und dieſer Verdacht wurde mir noch beſtaͤtigt theils durch die ganze Scene der verfloſſenen Nacht, theils durch den Widerwillen, welchen Herr Jarvie zeigte, auf ein Geſpraͤch uͤber ſeine Perſon und ſein Treiben näher einzugehen. Doch hatte Diana Vernon, wie es ſchien, keinen Anſtand genommen, mich an dieſen Mann zu verweiſen, und ſelbſt das Benehmen des Stadtbeamten gegen ihn zeigte eine ſeltſame Miſchung von Wohlwollen, ſelbſt von Ehrerbietung auf der einen, von Mitleiden und Tadel auf der andern Seitte. In Campbells Lage und Charakter mußte etwas ungewoͤhnli⸗ ches ſein, und was noch ſonderbarer war, es ſchien meln Verhaͤngniß zu ſein, daß ſein Schickſal auf das meinige einen Elufluß aͤußern und damit verknäpft ſein ſollte. Ich beſchloß, bei erſter Gelegenheit ſtaͤrker in Herrn Jarvie zu dringen, und ſo viel als moͤglich uͤber dieſen geheimniß⸗ vollen Mann in Erſahrung zu bringen, damit ich beurthei⸗ len koͤnnte, ob ich ohne Gefahr fuͤr meinen Ruf mich ſo weit in einen Verkehr mit ihm einlaſſen koͤnne, wozu er mich einzuladen ſchien. K AQ⏑ 8* 111 Waͤhrend ich in Gedanken daruͤber fortſchlenderte, wurde meine Aufmerkſamkeit durch drei Perſonen rege ge⸗ macht, die ſich am obern Ende des Ganges zeigten, und wie es ſchien, in eine ſehr ernſte Unterhaltung verflechten waren. Jene Ahnung, die uns das Nahen eines mit He f⸗ tigkeit gellebten oder gehaßten Menſchen lange vorher an⸗ kuͤndigt, ehe ein gleichguͤltigeres Auge ihre Geſtalt erkennt, durchzuckte meine Bruſt, und ich war uͤberzeugt, der mittle⸗ re von den dreien ſey Raſhligh. Ihn anzureden, war mein erſter Gedanke, mein zweiter, ihn zu bewachen, bis er allein ſey, oder wenteſtens ſeine Vegleiter erſt ins Auge zu faſſen, ehe ich ihn zur Rede ſtellte. Sie waren noch ſo entfernt, und ſo ſehr in ihr Geſpraͤch vertieft, daß ich Zeit hatte, unbeobachtet auf die andere Seite einer kleinen Hecke zu gehen, welcher zum Theil renigſtens einen Schirm gegen den Gang bildete. Es war zu jener Zeit unter muntern Juͤnglingen Sitte, auf den Morgenſpaziergaͤngen eine vielfach mit Treſſen und Stickereien beſetzten Scharlachmantel uͤber den andern Kleidern zu tragen, und Stutzer machten ſich bis⸗ weilen den Spaß, das Geſicht halb damit zu verhuͤllen. Der uͤbergeſchlagene Mantel und die Hecke verdeckten mich wenigſtens ſo weit, daß ich mich meinem Vetter naͤhern konnte, ohne von ihm ſowohl als von den uͤbrigen fuͤr et⸗ was anders als einen voruͤbergehenden Fremden gehalten zu werden. Ich war nicht wenig erſtaunt, in ſeinen Be⸗ gleitern meinen ehematigen Anklaͤger Morris und den Kaufmann Mac Vittie zu erkennen, deſſen ſteifes, ſtarres Ausſehen am vorigen Tage mich zuruͤckgeſtoßen hatte. Schwerlich haͤtten ſich drei Menſchen denken laſſen, deren Vereinigung mir und meinem Vater von ſchlimmerer 2* — ͦ— — 112 Vorbedeutn g haͤtte ſein koͤnnen. Ich bedachte, daß Morrks eben ſo leicht uͤberredet werden koͤnne, ſeine falſche Anklag gegen mich zu erneuern, als er durch Schrecken betrogen worden war, ſie zuruͤckzunehmen; ich erinnerte mich des un⸗ gluͤcklichen Einfluſſes, den Mac Vittie, wie die Einkerke⸗ rung Owens uns wies, auf meines Vaters Angelegenhel⸗ ten hatte, und nun erblickte ich dieſe beiden Menſchen in Geſellſchaft eines dritten, deſſen teufliſche Faͤhigkeit, ungluüͤk zu ſtiften, ich kannte, und gegen den mein Abſcheu faſt bis zum Schrecken ſtieg. Als ſie einige Schritte voruͤber waren, kehrte ich um, und folgte ihnen unbemerkt. Am Ende des Ganges trenn⸗ ten ſie ſich, Morris und Mac Vittie verließen den Garten, und Raſhleigh kam allein den Gang herauf. Ich war ent⸗ ſchloſſen, ihn zur Rede zu ſtellen, und Erſaz zu fordern fuͤr das Unrecht, das er meinem Vater angethan, obgleich ich noch nicht einſah, auf welche Welſe Verguͤtung zu er⸗ warten war. Dieß uͤberließ ich dem Zufall, warf ſchuell den verhuͤllenden Mantel zuruͤck, trat durch eine Luͤcke in der Hecke, und ſtellte mich vor Rahleigh, der in tiefen Ge⸗ danken daherſchritt. Raſhleigh war nicht der Mann, ſich uͤberraſchen, oder durch einen ploͤzlichen Vorfall aus der Faſſung bringen zu laſſen, dennoch war er ſichtlich beſtuͤrzt über eine ſo ploͤs⸗ Üche und ſo drohende Erſcheinung, denn ohne Zweifel ſpie⸗ gelte ſich in meinen Zuͤgen der Unwille, der in meinem In⸗ nern gluͤhte. „Zur rechten Stunde treffe ich Euch,“ ſieng ich an; „ich war eben im Begriff eine lange und zweifelhafte Reiſe zu machen, um Euch aufzuſuchen.“ „Dann kennt Ihr den wenig, den Ihr ſucht,“ derte⸗ erte 113— derte Raſhleigh mit ſeiner gewohnten, unerſchuͤtterlichen Faſſung.„Leicht finden mich meine Freunde, noch leichter meine Feinde; Euer Benehmen zwingt mich, zu fragen, unter welche Klaſſe ich Herrn Franz Osbaldiſtone ſezen ſoll?“ nicht ſogleich gegen meinen Vater, Euern Wohlthaͤter gerecht werdet, und Rechenſchaft ablegt von ſeinem Eigenthum.“ „Und wem, Herr Osbaldiſtone, ſoll ich, ein Mitglied von Eures Vaters Handlungshauſe, Rechenſchaft ablegen von melnem Verfahren in dieſen Angelegenheiten, die in jeder Hinſicht mit melnen eigenen poͤllig eins ſind?— Ge⸗ wiß nicht einem jungen Mann, dem ſein ausgeſuchter Ge⸗ ſchmack fuͤr ſchoͤne Wiſſenſchaften ſolche Unterſuchungen wi⸗ derlich und unverſtaͤndlich macht.“ „Cuer Spott iſt keine Antwort; ich gehe nicht von Cuch, bis ich volle Auskunft habe uͤber Euern beabſichtigten Be⸗ trug.— Ihr ſollt mir vor Gericht folgen.“ „Das kann ich thun,“ ſagte Raſhleigh, und machte einige Schritte, als wolle er mich begleiten, blieb ater ploͤzlich ſtehen:—„Wollte ich thun, was Ihr von mir haben wollt, ſo ſolltet Ihr bald erfahren, wer von uns bei⸗ „Unter Eure Feinde, unter Eure Todfeinde, wenn Ihr den am meiſten Grund hat, den Richter zu fuͤrchten. Aber ich wuͤuſche nicht, Euer Schickſal zu beſchleunigen. Geht, junger Mann, beluſtigt Euch an Euern poetiſchen Bildern, und uͤberlaßt die Geſchaͤfte des Lebens denen, die ſie ver⸗ ſtehen und zu lelten wiſſen.“ 4 Seine Abſicht war, gleube ich, mich zu reizen, und dieß gelang ihm:„Herr Osbaldiſtone, dieſer Ton ruhiger Unverſchaͤmtbeit ſoll Euch zu nichts helfen. Ihr muͤßt wiſ⸗ ſen, daß der Name, den wir beide tragen, nie Beſchimpfun⸗ W. Scott's Werke ClII. 8 114 gen erduldete, und in meiner Perſon ſolchen nicht ausge⸗ ſezt ſeyn ſoll.“. „Ihr erinnert mich,“ ſagte Raſhleigh mit einem ſei⸗ ner finſterſten Blicke,„daß er entehrt wurde in mir!— und Ihr erinnert mich, von wem? Glaubt Ihr, ich haͤtte jenen Abend zu Osbhaldiſtone⸗Hall vergeſſen, wo Ihr leich⸗ en Kaufs und ungeſtraft den Prahler ſpieltet auf meine Koiſten? Fuͤr dieſe Beleldigung, die nur mir Blut abgewa⸗ ſchen werden kann,— dafuͤr, daß Ihr mehr, als einmal mir in den Weg getreten ſeid, und immer zu meinem Nach⸗ theile,— fur die hartnaͤckige Thorheit, mit der Ihr Plane zu durchkreuzen ſucht, deren Wichtigkeit Iyr weder kennt, noch zu wuͤrdigen verſteht,— fuͤr alles dieß ſeid Ihr mir eine lange Rechenſchalt ſchuldig, und der Tag wird zeitig erſcheinen, wo ich ſte Euch abfordere.“ „Fordert ſie, wann Ihr wollt,“ erwiederte ich;„ich din wieig und bereit, ſie Euch zu geben. Aber Ihr ſcheint den ſchlimmſten Punkt vergeſſen zu haben,— daß ich das Vergaugen hatte, dem gefunden Verſtand und dem tu⸗ gendhaften Gefuͤhle des Fraͤuleins Vernon zu Huͤlfe zu kommen, um ſich aus Euern ſchaͤndlichen Schlingen loszu⸗ machen.“ Vei dieſem treffenden Hohne ſchienen ſeine Augen Flammen zu ſpruͤhen, und doch behtelt ſeine Stimme den⸗ ſelben ruhigen Ausdruck, womit er bisher die Unterre⸗ dang gefuͤhrt harte. „Ich hatte andere Abſichten mit Euch, junger Menſch,“ war ſeſne Antwort;„minder gefaͤhrlich fuͤr Euch, und paſ⸗ ſender fuͤr meinen jezigen Stand und meine fruͤhere Er⸗ ziehung. Aber ich ſehe, Ihr wollt Euch mit Gewalt die perſoͤaliche Züchtigung zuziehen, die Euer knabenhafter Ue⸗ bermuth ſo wohl verdient. Folgt mir an eine entferntere Stelle, wo wir minder leicht unterbrochen werden.“ Ich folgte ihm, doch nicht ohne auf ſeine Bewegun⸗ gen genau zu achten, denn ich hielt ihn der ſchlechteſten Handlung faͤhig. Wir erreichten eine offene Stelle in ei⸗ aer Aulage nach hollaͤndiſchem Geſchmack mit geſchnittenen Hecken und einigen Bildſaͤulen. Ich war auf meiner Hut, 115 und that wohl daran, denn Raſhleighs Degen war gezogen, und gegen meine Bruſt gerichtet, ehe ich den Mantel ab⸗ werfen und den Degen ziehen konnte, ſo daß ich mein Le⸗ ben nur dadurch rettete, daß ich einige Schritte zurück⸗ ſprang. Seine Waffe gab ihm einigen Vortheil, denn ſie war laͤnger, als die meinige, und dreiſchneidig, die meinige ſchmal, flach, zweiſchneidig und minder leicht zu handha⸗ ben. Im uͤbrigen war der Kampf ziemlich gleich, denn meine hoͤbere Geſaicklichkeit und Gewandtheit wurde durch Raſyleighs große Staͤrke und Kaltbluͤtigkeit voͤlig aufgeho⸗ ben. Er focht mehr, wie ein Teufel, als wie ein Menſch, — mit blutduͤrſtigem Ingrimm, nur gemaͤßigt durch jene kalte Ueberlegung, welche ſeine ſchlimmſten Handlungen durch den Schein des Vorbedachts in noch ſchlimmerem Lichte erſcheinen ließ. Seine offenbar boͤſe Abſicht machte ihn nicht einen Augenblick unvorſichtig, und er erſchoͤpfte alle Kuͤnſte der Vertheidigung, waͤhrend er zu gleicher Zeit vnſeren Kampf den ſchrecklichſten Ausgang zu geben rachtete. „„Was mich betrifft, ſo focht ich anfangs mit groͤßerer Maͤßigung. Loderte auch mein Zorn ſchnell empor, ſo war er doch nicht boͤsartig, und ein Gang von zwei oder dret Minuten gab mir Zeit zu bedenken, daß Raſhleigh meines Vaters Neffe, und der Sohn eines Oheims ſei, der mich in ſeiner Art guͤtig behandelt hatte, und daß ſein Fall durch melne Hand große Trauer unter meinen Angehoͤrigen ver⸗ urſachen, muͤſſe. Mein erſter Entſchluß war daher, zu ver⸗ ſuchen, ob ich meinen Gegner nicht entwaffnen koͤnne, was ich im Vertrauen auf meine vermeintliche Ueberlegenheit fuͤr nicht ſehr ſchwer hielt. Ich fand indeſſen, daß ich mei⸗ nen Mann gefunden hatte, und einige Stöoͤße, die ich er⸗ hielt, und deren Folgen ich kaum abwandte, noͤthigten mich, vorſichtiger zu fechten. Allmaͤhlig aber wurde ich uͤber den Ingrimm, womit Raſhleigb nach meinem Leben trachtete, erbittert, und erwiederte ſeine Stoͤße faſt mit gleicher Hef⸗ tigkeit, ſo daß es allen Anſchein hatte, der Kampf moͤchte ein tragiſches Ende nehmen. Und faſt waͤre dieß auf meine Koſten geſchehen. Bei einem kraͤftigen Ausfall glitt ich * 116 A aus, und konnte mich nicht raſch genug wieder aufrichten, um ſeinen Gegenſtoß zu pariren. Doch hatte dieſer keinen ſchlimmen Erfolg, denn er gieng mir durch die Weſte und den Nock, und rizte die Rivpe. Raſhleigh hatte aber ſo heftig geſtoßen, daß ſein Degengefaͤß meine Bruſt traf; ich taumelte, und glautte mich einen Augenblick toͤdtlich ver⸗ wundet. Racheduͤrſtend rang ſch mit meinem Gegner, er⸗ griff mit der linken Hand das Gefaͤß ſeines Degens, faßte den meinigen kaͤrzer, um ihn ihm durch den Leib zu ſtoßen. Unſer wuͤthender Kampf wurde in dieſem Augenblick durch einen Mann unterbrochen, der ſich mit Gewalt zwiſchen uns warf, uns von einander trennte, und mit lauter und beſehlender Srimme ausrief:„Wie! die Soͤhne derer die an einer Bruſt getrunten haben, wollen ihr Blut veraleßen, als waͤre es fremdes!— Bei der Hand meines Vaters, den erſten, der noch einen Stoß auf den andern thun wil, ſpalte ich bis auf die Beuſt.“ 3 Voll Erſtaunen blickte ich auf; der Sprecher war kein anderer, als Campbell. Er hielt einen Saͤbel in der Fauſt, den er waͤhrend ſeiner Rede nber dem Haupte ſcwang als wollte er ſeine Vermittlung erzwingen. Raſhleigh und ich ſtarrten ſchweigend dieſen unerwarteten Stoͤrer an, der in ſeinen abwechſelnd bald an jenen, bald an mich gerichreten Ermahnungen fortfuhr:„Glaubt Ihr, Herr Franz, Eures Vaters Credit wieder herzuſtellen, wenn Ihr Euern Vetter erſtecht, oder Euch erſtechen laſſet im Garten des Colle⸗ glums von Glaszow?— Oder d Ihr, Herr Raſbleigh, baß man Euch Leben und Eigenthum anvertrauen wird, wo es große politiſche Intereſſen gilt, wenn Ihr wie ein Trun⸗ kenbold herumlauft, und Haͤndel anfaͤngt?— Nun, blickt mich nicht ſo wild und grimmia an, Menſch,— wenn Ihr zornig ſeid, ſo wißt Ihr, wie Ihr die Schnalle Eurer De⸗ genkuppel wenden muͤßt.“ „Meine jezige Lage macht Euch vermeſſen,“ erwiederte Raſhleigh;„ſonſt haͤttet Ihr ſchwerlich gewagt, Euch in eine Sache zu miſchen, wo meine Ehre betheiligt iſt.“ „Ei! ſeht doch!— Vermeſſen?— Und warum ſollt ich vermeſſen ſein?— Ihr moͤgt reicher ſeyn, Herr Raſh⸗ 117 leigh, wie dieß ſehr wahrſcheinlich iſt, und Ihr moͤgt ge⸗ lehrter ſeyn, was ich Euch nicht ſtreite; aber ich denfe, Ihr ſeyd weder tapferer, noch ein beſſerer Edelmann, als ich, und es waͤre mir etwas neues, wenn ich horte, Ihr ſeiet ein eben ſo guter. Und wagen?— Nun da iſt viel zu wagen? Ich glaube, ich habe ſchon andere Hizkoͤpfe, als Ihr ſeid, zuſammengehauen, und wenn es geſchehen war, nicht einmal ſonderlich an mein Morgenwerk gedacht. Stuͤnde meln Fuß auf der Haide, wie er jezt auf der Landſtraße ſteht, oder dieſem kleinen Plaze da, der wenig beſſer iſt, mir iſt ſchon ſalimmer mitgeſpielt worden, als mir es jezt — Mienge, wenn ich geneigt waͤre, Euch beiden zu geben, was Ihr verdient.““. Raſhleigh hatte ſich indeß voͤllig geſammelt.„Mein Vetter.“ ſagte er,„wird zugeben, daß er mich zum Kampf noͤthigte. Ich habe ihn nicht geſuc,t. Ich freue mich, daß Ihr uns unterbrochen habt, ehe ich ſeine Voretligkeit ſtren⸗ ger zuͤchtigte.“ 4 „Seid Ihr verwundet, Junge?“ fragte mich Camp⸗ bell mit Theilnahme. 5 „Ein kleiner Riz,“ erwiederte ich,„deſſen ſich mein guͤtiger Vetter nicht lange geruͤhmt haͤtte, waͤret Ihr nicht dazwiſchen gekommen“ „Meiner Treu, das iſt wahr, Herr Raſhleigh,“ ſagte Campbell;„das kalte Eiſen und Euer beſtes Blut waͤren nahe mit einander bekannt worden, haͤtte ich Herrn Fran⸗ zens rechte Hand nicht gehalten. Aber ſeht drum nicht ſo graͤmlich aus,— kommt, und geht mit mir. Ich habe Euch etwas Neues zu ſagen, da werdet Ihr Euch abkuͤhlen und zu Euch ſelbſt kommen.“ „Verzeiht mir,“ ſagte ich,„Ihr habt Euch ſchon bei mehreren Gelegenheiten freundlich gegen mich bewieſen, aber ich kann und will dieſen da nicht aus dem Geſicht laſ⸗ ſen, bis er mir die Huͤlfsmittel zur Erfuͤllung der Verbind⸗ lichkeiten meines Vaters uͤbergibt, deren er ſich verraͤthert⸗ ſcher Weiſe bemaͤchtigt hat.“ „Ihr ſeid ein Thor,“ erwiederte Campbell;, das hilft Euch nichts, wenn Ihr uns jezt folgen wollt; Ihr habt ge⸗ 8 118 ude genug an einem, wollt Ihr Euch zwei auf den Hals aden?“ „Swanzig, wenn's nöthig iſt,“ ſagte ich. S Ich faßte Raſhleigh am Kragen, dieſer leiſtete aber kei⸗ nen Widerſtand, ſondern ſagte mit verächtlichem Lächeln: Kahr hörts, Mac Gregor, er rennt ſelbſt in ſein Schickſal. Iſts meine Schuld, wenn er fällt? Die Verhaftsbefehle ſind hereits ausgefertigt, und alles iſt bereit.“* Der Schotte war ſichtlich in Verlegenbeit. Er blickte rings umher, und ſagte dann:„Immer geb' ich's zu, daß man ihm übel mitſpielt, weil er ſich hinſtellt für ſeinene. ater,— veimaledeit ſeyen Friedensrichter und Landrichud chwarze Vieh heißt, die unſer armes Schottland ſeit hun⸗ ert Jahren geplagt haben;— es war wohl ein luſti Leben, wo jeder Mann ſein Hab und Gut mit eigener Fauſß ſchützte, da wurde man im Lande nicht geſchoren mit Ver⸗ haftsbefehlen und Beſchlagnahmen, und all dem Trug. Und nun noch einmal, mein Gewiſſen leidet es nicht, daß man dem armen Jungen übel mitſpielt, und ſonderlich auf dieſe Weiſe. Lieber wollt' ich, Eure Klingen kämen noch einmal an einander, und Ihr ſoͤchtet es aus, wie ehrliche Wänner.“ „Euer Gewiſſen, Mac Gregor!“ ſagte Naſbleigh; „Ihr vergeßt, wie lange Ihr und ich einander kennen.“ „Ja, mein Gewiſſen;“ wiederholte Campbell oder Mac Brrüor, oder wie er ſonſt hieß;„ich habe ein ſolches Ding, und damit möchte es wob! bei mir beſſer ſtehen, als bei Euch. Und was das betrifft, daß wir einander kennen,— wenn Ihr wißt, was ich bin, ſo wißt Ihr auch, welche Verhaudlung mich dazu gemacht hat, und was Ihr auch glauben moͤcht⸗ ich moͤchte nicht tauſchen mit dem ſiol⸗ zeſten von den Unterdruͤckern, die mich aus dem Hauſe ge⸗ trieben, und gezwungen haben, auf der Halde zu wohnen. Was Ihr ſeyd, Herr Raſleigh, und was fuͤr Entſchuldi⸗ gung Ihr habt, fuͤr das, was Ihr ſeyd, das moͤcht Ihr⸗ mit Eurem Herzen und dem juͤngſten Tag ausmachen.— Und nun Herr Franz, laßt ihn los, denn er ſpricht wahr, 8 und Sheriffe, und Conſtable's, und wie das andere — 119 Ihr ſeyd in groͤßerer Gefahr bey dem Richter, als er, und waͤre Eure Sache ſo gerade, wie ein Pfeil, er faände Mit⸗ tel, ſie krumm zu machen. Und nun laßt ſeinen Kragen los, ſag ich Euch.“ Er unterſtuͤtzte dieſe Worte mit einer ſo raſchen und unerwarteten Anſtrengung, daß er Raſhleigh los machte, und mich trotz meines Straͤubens mit ſeiner Herkules⸗ Fauſt feſt hielt: nehmt Reißaus, Herr Raſyleigh. Zeigt, daß zwey Beine ſo viel werth ſind, als vier Haͤnde; es iſt nicht das erſtemal.“ „Dankt es dieſem Herrn, Vetter,“ ſagte Raſhleigh wenn ich einen Theil meiner Schuld Ench jetzt unbezahlt laſſe, und wenn ich Euch jetzt verlaſſe, geſchieht es nur in der Hoffnung, uns bald anderswo zu treffen, wo wir nicht unterbrochen werden.“ Er nahm ſeinen Degen auf, ſteckte ihn ein, und ver⸗ lor ſich ins Gebuͤſche. Der Schotte hinderte mich halb mit Gewalt, halb durch Zureden ihm zu folgen, und ich ſieng auch bald an, einzu⸗ ſehen, daß es wenig helfen waͤrde, 3 Nach einigen fruchtloſen Anſtrengungen, wobei er mich ſehr ſchonend behandelte, ſah er, daß ich ruhig blieb und ſagte dann: meiner Treu! ich ſah nie einen ſo tollen Kampf!— Was wolltet Ihr thun? dem Wolf in ſeine Hoͤhle folgen?— Ich ſage Euch, er hat die alte Falle wieder aufgeſtellt; er hat den Einnehmer Morris dahin gebracht, die alte Geſchichte wieder anzubringen, und jetzt kann ich Euch nicht helfen, wie beym Friedensrichter Ing⸗ lewood. Es iſt fuͤr meine Geſundheit nicht gut, den Be⸗ amten hier in den Weg zu kommen, das ſind eingefleiſchte Whigs. Und jetzt geht nach Hauſe, wie ein ordentlicher Burſche— buͤckt Euch, daß Ihr dem Schlage ausweicht. Bleibt dem Raſhleigh, dem Morris und dem elenden Mac Vittie aus dem Geſicht. Denkt an das Wirthshaus von Aberfoil, wie ich Euch ſagte, auf mein Wort, es ge⸗ ſchieht Euch kein Leid. Aber haltet Euch ruhig, bis wit uns wiederſehen,— ich muß jetzt gehen, und den Raſh⸗ leigh vor der Stadt einholen, ſonſt giebts Unheil, denn 120 wo der die Hand im Sviele hat, da ſetzt es nichts gutes. — Denkt an Aberfoil.. 1 Er wandte ſich um, und ließ mich zuruͤck, nachſinnend uͤber die ſonderbaren Ereigniſſe. Meine erſte Sorge war nun, meine Kleidung in Ordnung zu bringen, und mich ſo in den Mantel zu haͤllen, daß man das Blut nicht ſehen ſollte, das an meiner rechten Seite herab floß. Kaum war dieß geſchehen, ſo fuͤllte ſich der Garten nach geendigten Vorleſungen mit Schuͤlern. Ich entſernte mich deßbalb ſo ſchnell wie moͤglich, und auf meinem Wege zu Herrn Jarvie, deſſen Tiſchzeit herannahte, hielt ich an einem kleinen anſpruchloſen Laden an, deſſen Schild an⸗ zeigte, daß hier Chriſtopher Neilſon, Wundarzt und Apo⸗ theker wohne. Einen kleinen Jungen der etwas in einem Möoͤrſer zerſtieß, bat ich, mir Gehoͤr bey dem gelehrten Arzneimann zu verſchaffen. Er oͤffnete die Thuͤre der Hin⸗ terſtube, wo ich einen lebhaſten, altlichen Mann traf, der unglaͤubig den Kopf ſchuͤttelte⸗ als ich ihm erzaͤhlte, daß ich zukaͤlligerweiſe durch das abgeſprungene Rappier mei⸗ nes Gegners verwundet worden ſey. Als er die undeden⸗ tende Wunde ein wenig verbunden hatte, bemerkte er: „das iſt uimmermehr von einem abgebrochenen Rappler. Ach! junges Blut!— junges Biut! aber wir Wund⸗ aͤrzte ſind verſchwiegene Leute.— Gaͤbe es kein heißes Blut und kein boͤſes Blut, was wollte aus den beiden ge⸗ lehrten Fakultaͤten werden.“ Mit dieſer moraliſchen Betrachtung entließ er mich, und ich fuͤhlte nachber wenig Ungelegenheit von der em⸗ pfangenen Streifwunde. 4* — X ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſiſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 —* 1 1 1 ey 4 4 5 F 4 1 1 Snn! 81 17 1 2 2 4 1 K