———— X S O 8 S O d X 8 Walter Scott's ſaͤmmtliche l r k k. — Neu uͤberſetzt. Hundert und erſter Band. Robin der Rothe. Zweiter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Frauckh. 1828. —ꝑ— Robin der Rothe. Vom Verfaſſer des Waverley, Guy Mannering und des Alterthuͤmlers. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Dr. E. W. Warum? Die gute, alte Regel Genügt für ſie, der ſchlichte Plan, Daß zugreift, wer die Macht beſitzt/ und feſthält, wer da kann. Robin's Grab.— Wordsworth. Zweiter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1828. Robin der Rothe. Erſtes Kapitel. Der eine Dieb kommt wieder, doch ich bleibe, Hier fällt er mich nicht an, ſo nah am Hauſe, Und ſchreien iſt umſonſt., bis er mir droht. 4 Die Wittwe. „Ein Fremder!“ wiederholte der Friedensrichter,— „doch keine Geſchaͤfte, hoffe ich, denn ich will—8 Seine Einwendung wurde durch die Antwort des Frem⸗ den ſelbſt raſch unterbrochen.„Mein Geſchaͤft iſt etwas laͤſtig und ſonderbar,“ ſagte Herr Campbell, denn dieſer Schotte war es, den ich zu⸗Northallerton geſehen hatte;„ich muß Ew. Edeln bitten, es ſogleich in ernſte Erwaͤgung zu zie⸗ hen.— Ich glaube, Herr Morris,“ mit dieſen Worten hef⸗ tete er einen ſtrengen, faſt wilden Blick auf dieſen,— „ich glaube, Ihr kennt mich recht gut, unmoͤglich koͤnnt Ihr vergeſſen haben, was bei unſerem lezten Zuſammen⸗ treffen auf der Straße vorgieng.“ Des armen Morris Kinnlade zog ſich herab,— ſeine Farbe wurde leichenfahl⸗ ſeine Zaͤhne klapperten, und ſein ganzes Weſen verrieth die aͤußerſte Beſtuͤrzung.„Faßt ein Herz, Mann,“ ſagte Campbell,„und laßt Eure Kinnladen nicht zuſammenſchla⸗ gen, wie ein Paar Caſtagnetten.— Es kann Euch doch nicht ſchwer fallen, dem Herrn Friedensrichter zu ſagen, 6 daß Ihr mich ehemals ſchon geſehen habt, und als einen Mann von Vermoͤgen und Ehre kennt.— Ihr wißht recht gut, daß Ihr eine Zeitlang in meiner Nachbarſchaft woh⸗ nen werdet, wo ich denn die Macht, ſo wie die Neigung habe, Euch alles Gute zu erweiſen.“ „Herr,— Herr,— ich glaube, Ihr ſeyd ein Mann von Ehre, und, wie Ihr ſagt, ein Mann von Vermoͤgen. — Ja, Herr Inglewood,“ ſezte er mit erhobener Stimme hinzu,„ich glaube, daß ſich dieß alſo verhaͤlt.“ „Und was will denn dieſer Herr von mir?“ ſagte der Frledensrichter etwas muͤrriſch.„Der eine bringt den an⸗ dern herein, und ich komme zu Geſellſchaft, ohne zu Ruhe und Unterhaltung zu kommen.“ „Beldes ſoll Euch in kurzem zu Theil werden,“ ant⸗ wortete Campbell.„Ich komme, um Euch von Einer laͤſei⸗ gen Pflicht zu befreten, nicht Euch noch mehr zu belaͤſti⸗ gen.“ „Nun, wahrbhaftig! Dann ſollt Ihr ſo willkommen ſeyn, als je ein Schotte in England; aber laßt hoͤren, was Ihr zu ſagen habt.“ „ Vermuthlich hat dieſer Herr,“ fuhr der Nordbritte fort,„Euch geſagt, daß ein gewiſſer Campbell mit ihm reiste, als er den Unfall hatte, ſein Felleiſen zu verlie⸗ ren.“ „Er hat dieſen Namen von Anfang bis zu Ende nicht erwaͤhnt,“ ſagte der Friedensrichter. „Ah, ſo,— ich begreife,— ich begreife,“ erwiederte Herr Campbell;„Ihr wolltet in Eurer guͤtigen Beſorgniß einen Fremden nicht in gerichtliche Haͤndel bringen; da ich aber hoͤre, daß mein Zeugniß noͤthig iſt, dieſen ehrenwer⸗ then Herrn da, Herrn Franz Osbaldiſtone von einem ſehr 2. ungerechten Verdacht zu reinigen, ſo erlaſſe ich Euch die Vorſicht.— Ihr werdet deßhalb ſo guͤtig ſeyn, dem Herrn Friedensrichter Inglewood zu ſagen, ob ich nicht mehrere Meilen weit mit Euch reiste, in Folge Eurer eigenen aͤngſt⸗ lichen und wiederholten Bitte und Aufforderung, die ich an jenem Abend zu Northallerton ablehnte, nachher aber annahm, als ich Euch auf dem Wege bei Cloberry Allers einholte, und ob ich nicht durch Euer Zudringen bewogen, meinen Vorſatz aufgab, nach Rothbury zu gehen, und zu meinem Ungluͤck Euch auf dem von Euch vorgeſchlagenen Wege begleitete.“ „Leider wahr!“ antwortete Morris, das Haupt ſeu⸗-⸗ kend, als er die lange Frage Campbells kurz und mit klaͤg⸗ licher Folgſamkeit beantwortete. „Nun, dann koͤnnt Ihr auch wahrſcheinlich den acht⸗ baren Herrn verſichern, daß niemand beſſer im Stande iſt, von dieſem Vorfalle Zeugniß abzulegen, als ich, da ich waͤhrend des ganzen Vorfalls ſo nahe bei Euch war?“ „In der That, niemand iſt es beſſer im Stande,“ ſagte Morris mit einem tiefen, verlegenen Seufzer. „Ei, den Teufel, warum habt Ihr ihm denn nicht Beiſtand geleiſtet?“ ſagte der Friedensrichter,„nach Herrn Morris Erzaͤhlung waren es ja nur zwei Raͤuber, ſo wa⸗ ret Ihr ja zwei gegen zwei, und Ihr beide ſeid doch ſtark und ruͤſtig.“ „Ertaubt, edler Herr,“ antwortete Campbell,„ich bin mein Lebenlang ein reblicher, ruhiger Mann geweſen, zu Haͤudeln und Schlaͤgereien nie geneigt. Herr Morris, der, wie ich hoͤre, zu ſeiner Majeſtaͤt Armee gehoͤrt, oder ge⸗ hoͤrt hat, haͤtte nach Belieben Widerſtand leiſten mögen, da er, wie ich gleichfalls hoͤrre, mit einem anſehnlichen 8 Schatze reiste; ich aber hatte nur mein bischen Eigenthum zu vertheidigen, und als ein Mann von friedlicher Beſchaͤf⸗ tigung wollte ich mich nicht in Gefahr begeben.“ Bei dieſen Worten blickte ich Campbell an, und erin⸗ nere mich nie einen ſo ſonderbaren Contraſt geſehen zu haben, als zwiſchen der trozigen Keckheit in ſeinen harten Zuͤgen und der angenommenen Schwaͤche und Einfalt in ſeiner Sprache. Um die Mundwinkel ließ ſich ſogar ein leichtes kroniſches Laͤcheln bemerken, das, eben weil es ganz unabſichtlich ſich zeigte, die Verachtung der ruhigen und friedlichen Geſinnung auszudruͤcken ſchien, die er anzuneh⸗ men fuͤr gut fand, und mich auf den ſonderbaren Verdacht brachte, ſein Antheil an der gegen Morris veruͤbten Gewalt⸗ that ſey gar nicht der eines Leidensgefaͤhrten, oder auch nur eines bloſen Zuſchauers. Dem Friedensrichter mochte ein aͤhnlicher Verdacht in dieſem Augenblick durch den Kopf gehen, denn er rief ploͤz⸗ lich aus:„Meiner Treu! das iſt eine ſeltſame Geſchichte.“ Der Schotte mochte ahnen, was in ſeiner Seele vor⸗ gieng, denn er aͤnderte Ton und Benehmen, und ließ aus ſeinem Geſichte etwas von der heuchleriſchen Demuth ver⸗ ſchwinden, die ihn dem Verdacht ausgeſetzt hatte, und ſagte mit einem freiern und unbefangeneren Tone:„Die Wahr⸗ heit zu ſagen, ich bin einer von den ſittigen Leuten, die nicht fechten moͤgen, wenn ſie nicht wiſſen, wofuͤr, und dieß war gerade bei mir der Fall, als ich mit dieſen Burſchen zuſammentraf. Aber damit Ihr ſehet, edler Herr, daß ich ein Mann von gutem Ruf und Charakter bin, ſo werft nur gefäͤlligſt einen Blick auf dieſes Blatt.“ Herr Inglewood nahm es aus ſeiner Hand, und las halblaut:„Es wird hiemit beſcheinigt, daß der Vorzeige 9 dieſes, Robert Campbell von... den Namen kann ich nicht ausſprechen,„ein Mann von guter Herkunft und friedlichem Benehmen iſt, der in ſeinen eigenen Angelegen⸗ heiten nach England reist, u. ſ. w., u. ſ. w. Gegeben in unſerem Schloſſe zu Inver.. Invera... rara— Argyle.“ „Ein kleines Zeugniß, Herr, das ich mir von dieſem wuͤrdigen Edelmann,(hier erhoh er die Hand, als wollte er an den Hut greifen) Mac Callumore, verſchaffen zu muͤſ⸗ ſen glaubte.“ 3 „Mac Callu m, Herr, wer iſt das?“ ſagte der Friedens⸗ richter. 3 „Im Suͤden nennen ſie ihn Herzeg von Argyle.“ „Ich kenne den Herzog von Argyle ſehr wohl als ei⸗ nen hoͤchſt wuͤrdigen, ausgezeichneten Edelmann und als wahren Freund ſeines Landes. Ich war einer von denen, die im Jahr 1714 auf ſeiner Seite ſtanden, als er den Herzog von Marlborough aus dem Sattel hob. Ich woll⸗ te, wir haͤtten mehr Edell eute, wie ihn. Er war damals ein ehrlicher Tory und feſt vereint mit Ormond. Er hat ſich auch der jezigen Regierung unterworfen, wie ich ſelbſt, um des Friedens und der Ruhe ſeines Landes willen; denn ich kann nicht glauben, wie unruhige Leute behaup⸗ ten, daß dieſer große Mann aus Furcht, ſeine Stellen zu verlieren, ſo gehandelt habe. Sein Zeugniß, wie Ihr es nennt, Herr Campbell, iſt voͤllig genuͤgend, und nun laßt hoͤren, was Ihr uͤber dieſe Raͤubergeſchichte zu ſagen habt?“ „Nur ganz kurz, edler Herr, daß Herr Morris eben ſo wohl das ungeborene Kind, oder gar mich ſelbſt haͤtte beſchuldigen koͤnnen, als dieſen jungen Mann hier, Herrn Osbaldiſtone; denn der Mann, den er dafuͤr anſah, war nicht nur kuͤrzer und dicker, ſondern er hatte auch, wie ich 10 bemerkte, als ſeine Larve ſich verſchob, ganz andere Zuͤge und eine andere Geſichtsfarbe, als dieſer junge Herr hier. Und ich glaube,“ bei dieſen Worten wendete er ſich mit unbefangener, doch etwas ernſter Miene zu Herrn Morris, „ich glaube, Ihr werdet mir zugeſtehen, daß ich beſſer Ge⸗ legenheit hatte, zu bemerken, was vorgieng, weil ich ver⸗ muthlich der kaltbluͤtigſte von uns beiden war.“ „Ich gebe es zu, Herr,— ich gehe es vollkommen zu,“ ſagte Morris, und bebte zuruͤck, als ihm Campbell mit dem Stuhle naͤher ruͤckte, um ſeiner Berufung auf ihn mehr Nachdruck zu geben.—„Und ich bin Willens, edler Herr,“ fuhr er gegen Herrn Inglewood gewendet fort,„meine Ausſage gegen Herrn Osbaldiſtone zu widerrufen, und er⸗ ſuche Euch, daß Ihr ihm geſtattet, ſeinem Geſchaͤfte nach⸗ zugehen, und mir gleichfalls. Ihr habt vermuthlich noch etwas mit Herrn Campbell abzumachen, und ich habe große Eile.“ „Dann gehoͤren Eure Ausſagen dahin,“ ſagte der Frie⸗ densrichter, und warf das Blatt ins Feuer.„Und nun ſeyd Ihr voͤllig frei, Herr Osbaldiſtone,— und Ihr, Herr Morris, koͤnnt nun ruhig Eures Weges gehen.“ „Ja,“ ſagte Campbell, mit einem Blick auf Morris, der mit klaͤglichen Geberden den Bemerkungen des Frie⸗ densrichters beiſtimmte,„ja, ſo ruhig, als eine Kroͤte, die unter der Egge liegt.— Aber fuͤrchtet Euch nicht, Herr Morris,— Ihr und ich verlaſſen das Haus mit einander. Ich will Euch in Sicherheit ſehen,— ich hoffe, Ihr zwei⸗ felt an meiner Ehre nicht, wenn ich ſo ſpreche,— ſicher bis auf die naͤchſte Landſtraße; dann trennen wir uns, und wenn wir nicht als Freunde in Schottland zuſammentref⸗ fen, ſo iſt es Euer eigener Fehler.“ 11 Mit dem matten Mlicke des Entſezens, gleich einem ver⸗ urtheilten Verbrecher, dem man ankündigt, daß ihn der Hen⸗ kerskarren erwartet, ſtand Morris auf, aber auch da noch ſchien er zu zaudern.„Ich ſage dir Menſch, fürchte nichts,“ wiederholte Campbell;„ich halte Euch mein Wort,— und wie wißt Ihr denn. Haſenherz, ob wir nicht eine Spur fin⸗ den von Eurem Felleiſen, wenn Ihr guten Rath annehmen wollt?— Unſere Pferde ſind bereit,— ſagt dem Herrn Friedensrichter Lebewohl, und zeigt, daß Ihr engliſche Le⸗ bensart habt.“ Morris, ſo ermahnt und ermuthigt, nahm Abſchied, und entfernte ſich unter Campbells Geleite; aber offenbar muß⸗ ten, ehe ſie das Haus verließen neue Zweifel und Schrecken in ihm aufgeſtiegen ſein, denn ich hörte Campbell die Ver⸗ ſicherungen ſeines Schuzes wiederholen, als ſie das Vorzim⸗ mer verließen.—„Nun, bei meiner armen Seele, du biſt ſo ſicher, Menſch, als in deines Vaters Kohlgarten,— Sap⸗ perment! Daß ein Kerl mit ſo einem ſchwarzen Barte nicht mehr Herz im Leibe hat, als ein Rebhuhn— kommt, kommt nur dreiſt, ein für allemal.“ Die Stimme erſtarb und bald verkündigte das Getrap⸗ pel ihrer Pferde, daß ſie die Wohnung des Friedensrichters Inglewood verlaſſen hatten. Die Freude, die der würdige Friedensrichter über dieſen leichten Ausgang einer Sache fühlte, die ſeine richterliche Fähigkeit einigermaßen beunruhigte, wurde etwas gedämpft bei der Betrachtung, was wohl ſein Schreiber bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr über die Verhandlung ſagen werde.„Nun werde ich den Jobſon auf dem Halſe haben wegen der verdammten Papiere,— ich hätte ſie, glaube ich, doch nicht verbrennen ſollen,— doch, es iſt ihm nur um ſeine Gebühren, die glei⸗ 1² chen alles aus. Und nun, Fräulein Diana Vernon, habe ich die ander alle in Freiheit geſezt, gegen Euch aber werde ich einen Verhaftsbefehl erlaſſen, und Euch für dieſen Aben“ dem Gewahrſam der Mutter Blakes, meiner alten Haushäl⸗ terin übergeben; wir wollen dann nach meiner Nachbarin, der Frau Musgrave und nach Miß Dawkins, nach Euern Vett ern und dem alten Cobs, dem Geiger, ſenden, und lu⸗ ſtig ſein, wie die Mädchen; Herr Franz und ich wollen ein Paar Flaſchen ausſtechen, und dann bald eine eben ſo luſtige Geſellſchaft abgeben, asl Ihr.“ „Danke, Verehrteſter,“ erwiederte Miß Vernon;„aber, wie die Sachen ſtehen, müſſen wir ſogleich nach Osbaldiſtone⸗ Hall zurück, wo ſie nicht wiſſen, was aus uns geworden iſt, und meinen Oheim von ſeiner Angſt um meinen Vetter be⸗ freien, die ſo groß iſt, als wäre er einer ſeiner Söhne.“ „Ich glaube es wohl,“ ſagte der Friedensrichter;„denn als ſein älteſter Sohn, Archimbald, zu einem boͤſen Ende kam bei der unglücklichen Geſchichte mit Sir John Jemwick, brachte der alte Hildebrand ſeinen Namen ſo ſchnell heraus, als die ſeiner übrigen fünf Söhne, und beklagte ſich dann, er könne ſich nicht mehr erinnern, welcher von ſeinen Söhnen gehängt worden ſei. So eilt denn nach Hauſe, und erlöst ihn von ſeiner väterlichen Beſorgniß, da Ihr gehen müßt. — Aber nimmt Euch in Acht, mein Heideblümchen,“ ſagte er in einem launigen Tone, und zog ſie mit der Hand zu ſich,„ein andermal laßt dem Geſeze ſeinen Lauf, und ſteckt nicht Eure artigen Finger in die alte ſchimmlige Paſtete voll Brocken von Geſezlatein, Franzöſiſchlatein und Hundelatein — Und, meine ſchöne Diana, laßt junge Burſche einander den Weg zeigen über die Haide, Ihr möchtet ſonſt Euern ei⸗ 13 genen Weg verlieren, wenn Ihr ihnen den ihrigen zeigt, mein artiges Irrlichtchen.“— Mit dieſen Worten nahm er Abſchied von Miß Vernon, und ſagte mir dann ein eben ſo herzliches Lebewohl. „ Du ſcheinſt ein recht guter Junge zu ſein, Herr Franz, und ich erinnere mich deines Vaters wohl,— er war mein Spielgeſelle in der Schule. Nimm dich in Acht, Junge, reite bei Zeit in der Nacht heim, und ſcherze nicht mit un⸗ bekannten Reiſenden auf der Landſtraße. Nicht jeder Unter⸗ than des Königs verſteht Spaß, und mit Verbrechen iſt nicht zu ſcherzen. Und da iſt noch die arme Diana Vernon, ſo allein und verlaſſen auf der weiten Welt, und reitet und rennt und reißt aus nach ihrem Gefallen. Nimm ſie mir wohl in Acht, oder gib Acht, Junge, ich werde noch einmal jung, und fechte ſelbſt mit dir, ſo ſchwer es mir auch fallen möchte. Doch nun geht, und laßt mich bei meiner Pfeife Ta⸗ bak und meinen Betrachtungen, es heißt ja im Liede: Gar ſchnell verbrennt das braune Blatt, So wird des Menſchen Stärke matt, Und iſt das Jugendfeuer ausgeglommen, Wird trocken und weiß das Alter kommen. Bedenkt dieß, wenn die Pfeife dampft. Ich war ſehr erfreut über dieſe Funken von Verſtand und Gefühl, die aus dem Nebel von Trägheit und Faulheit hervorbrachen, dankte ihm für ſeine Ermahnungen und nahm herzlichen Abſchied von dem wackern Friedensrichter und ſei⸗ nem gaſtfreundlichen Hauſe. Wir fanden denſelben Diener Sir Hildebrands, der uns bei unſerer Ankunft die Pferde abgenommen, und, wie er Miß Vernon berichtete, von Raſhleigh Befehl erhalten hatte, aauf uns zu warten und uns nach Hauſe zu begleiten. Wir 14.. ritten eine Zeitlang ſchweigend fort, denn, die Wahrheit zu ſagen, mein Kopf war von den Ereigniſſen dieſes Morgens zu ſehr eingenommen, als daß ich geneigt geweſen wäre, es zu brechen. Endlich, als machte ſie ihren eigenen Gedanken Luft, rief Miß Vernon aus:„In der That, Raſhleigh iſt ein Mann, den man fürchten und bewundern, nur nicht lie⸗ ben muß; er thut, was ihm gefällt, und macht alle andere zu ſeinen Puppen,— hat einen Schauſpieler in Bereitſchaft fuͤr jede Rolle, die ihm einfällt, und ſeine raſche Erfindung ſchafft Mittel für alle Vorfälle.“ „Ihr glaubt alſo,“ ſagte ich, mehr den Sinn ihrer Rede, als ihre Worte beachtend,„daß dieſer Herr Campbell, der zu ſo gelegener Zeit kam, meinen Ankläger anfiel und fortführte, wie ein Falke auf ein Rebhuhn ſlößt, ein Abge⸗ ſandter Raſhleighs war?“— „Nicht anders,“ erwiederte Diana,„und eben ſo arg⸗ wöhne ich, daß er wohl kaum ſo gerade zu rechter Zeit ge⸗ kommen wäre, wenn ich nicht glücklicherweiſe Raſhleigh im Hauſe des Friedensrichters getroffen hätte.“ „In dieſem Falle bin ich Euch hauptſächlich Dank ſchul⸗ dig, meine ſchöne Retterin.“ „Das ſeid Ihr in der That,“ erwiederte Diana;„und ich bitte Euch, nehmet an, er ſei abgeſtattet und mit freund⸗ lichem Lächeln angenommen, denn ich mag nicht damit belaͤ⸗ ſtigt werden, ihn anzuhoͤren, und bin geneigter, dabei zu gaͤhnen, als mich geziemend zu benehmen. Kurz, Herr Franz, ich wuͤnſchte Euch zu dienen, und glücklicherweiſe war ich im Stande, es zu thun; die einzige Gunſt, die ich mir dagegen ausbitte, iſt, ſprecht nicht mehr davon.— Aber wer kommt denn da uns entgegen,„mit blutenden Sporen und 15 glühend von der eiligen Fahrt?“ Ich glaube, es iſt der un⸗ tergeordnete Mann des Geſezes, Herr Joſeph Jobſon.“ Herr Joſeph Jobſon war es in der That, hatte große Eile, und war, wie ſogleich ſich zeigte, in möglichſt ſchlechter Laune. Er ritt zu uns heran, als wir mit flüchtiger Begruͤ⸗ ßung an ihm vorüber reiten wollten. „So, Herr,— ſo, Miß Vernon,— ja,— ich ſehe wohl, wie es ſteht,— Bürgſchaft eingelegt waͤhrend meiner Abweſenheit, vermuthe ich,— möchte doch wiſſen, wer die Ausfertigung entworfen hat. Wenn der Herr Friedensrichter oft ſo verfährt, ſo rathe ich ihm, einen andern Schreiber zu bekommen, denn ich nehme ſicherlich meinen Abſchied.“ „Oder nehmt an, Herr Jobſon, ſein jeziger Schreiber wäre ihm an den Aermel geheftet,“ ſagte Diana;„würde dieß nicht eben ſo viel ſein? Und wie befindet ſich denn der Pächter Rutledge, Herr Jobſon, ich hoffe, er war doch wohl im Stande, ſeinen Willen zu erklären, zu unterſchreiben und zu beſiegeln?“ Dieſe Frage ſchien den Zorn des Rechtsgelehrten ſehr zu erhöhen. Er blickte mit ſo viel Groll und Aerger auf — Miß Vernon, daß ich ſtark in Verſuchung gerieth, ihn mit der umgekehrten Peitſche vom Pferde herunter zu ſchlagen, und ich unterdrückte meinen Zorn nur, weil ſeine Perſon all⸗ zu unbedeutend war. „Pächter Rutledge, Fräulein,“ fieng der Schreiber an, ſobald ihm der Zorn zu ſprechen erlaubte,„Pächter Rutledge iſt ſo geſund, als Ihr,... alles iſt ein Blendwerk, Fräu⸗ lein,— die ganze Krankheit iſt ein hinterliſtiger Streich,— menn Ihr's nicht allenfalls vorher ſo gut gewußt habt, als jezt. „Was Ihyr ſagt, Herr Jobſon?“ erwiederte Miß Ver⸗ non mit erküͤnſtelter Verwunderung;„iſt das möglich?“ „Ja, ja!“ ſagte der erzürnte Schreiber;„und noch mehr, der alte elende Torfſtecher hat mich einen Zungendre⸗ ſcher genannt, einen Zungendreſcher,— und geſagt, ich käme nur, um den Mäckler zu machen, was man zu mir ſo wenig ſagen kann, als zu einem andern Mann von meinem Berufe, beſonders da ich Schreiber bei einem Friedensrichter bin, und meine Beſtallung habe gemäß der Akte aus dem 77. Re⸗ gierungsjahre Heinrichs VIII. und aus dem erſten Regie⸗ rungsjahre König Wilhelms, Fräulein, glorreichen und un⸗ ſterblichen Andenkens,— unſers unſterblichen Befreiers von Papiſten und Praͤtendenten, von Holzſchuhen und Waͤrm⸗ pfannen, Miß Vernon.“ „Craurige Dinge, dieſe Holzſchuhe und Wärmpfannen,“ ſpottete ſie, und ſchien ihr Vergnügen daran zu ſinden, ſei⸗ nen Zorn zu ſteigern;„glücklicherweiſe ſcheint Ihr jezt kei⸗ ner Waͤrmpfanne zu bedürfen, Herr Jobſon. Ich fürchte⸗ Pächter Rutledge hat ſeine Unhöflichkeit nicht blos auf Worte beſchränkt; hat er Euch nicht etwa auch einen Schlag ge⸗ geben?“ „Einen Schlag, Fräulein! nein,—(ſehr ſchnell) keine lebendige Seele ſoll mich ſchlagen, das verſpreche ich Euch, Fräulein.“ 3 „Je nachdem Ihr's verdient,“ ſagte ich;„denn Eure Art, mit dieſer Dame zu ſprechen, iſt ſo unziemlich, daß ich Euch ſelbſt züchtige, wenn Ihr Euern Ton nicht ändert.“ „Züchtigen, Herr? und mich?— Wißt Ihr, mit wem Ihr ſprecht?“ „O ja,“ erwiederte ich;„wie Ihr ſelbſt ſagt, ſeid Ihr Pachter 6 der Schreiber eines Friedensrichters in der Graſſchaft; wie 5 4 — 17 Pachter Rutledge ſagt, ein Zungendreſcher, und in keiner dieſer Eigenſchaften ſeid Ihr berechtigt, gegen eine junge Dame von Stand unverſchaͤmt zu ſeyn.“ Miß Vernon legte ihre Hand auf meinen Arm, und rief:„Kommt, Herr Osbaldiſtone, ich will keinen Angriff anf Heren Jobſon, keine Schlaͤgerei mit ihm haben; ich bin nicht ſo guͤtig fuͤr ihn geſinnt, ihm einen einzigen Schlag Eurer Peitſche zu goͤnnen, denn er wuͤrde wenig⸗ ſtens eine Zeitlang davon leben. Uebrigens habt Ihr ihn ſchon hinreichend gekraͤnkt,— Ihr habt ihn unverſchaͤmt genannt.“ „Seine Reden kuͤmmern mich nicht, Fraͤulein,“ ſagte der Schreiber etwas kleinlaut;„uͤbrigens iſt das Wort „unverſchaͤmt“ keine Injurie, aber Zungendreſcher iſt eine Schimpfrede der ſchlimmſten Art, und das ſoll Pachter Rut⸗ ledge zu ſeinem Schaden erfahren, und alle die, welche boshafterweiſe daſſelbe wiederholen, um die oͤffentliche Ruhe zu ſtoͤren, und mir meinen guten Namen zu nehmen.“ „Laßt das ſeyn, Herr Jobſon,“ ſagte Miß Vernon, „Ihr wißt, wo nichts iſt, da hat der Kaiſer das Recht verloren, und was Euern guten Namen betrifft, ſo be⸗ daure ich den armen Teufel, der ihn bekommt, und wuͤn⸗ ſche Euch von Herzen Gluͤck zu dem Verluſte.“ „Sehr gut, Fraͤulein,— guten Abend, Fraͤulein,— ich habe nichts weiter zu ſagen, als daß es Geſetze gegen Papiſten giebt, deren ſtrengere Ausuͤbung dem Land vor⸗ theilhaft waͤre. Da iſt eins vom dritten und vierten Jahre Eduards VI. gegen Meßbuͤcher, Legenden, Meßga⸗ ſchirre und gegen alle, die dergleichen Tand in Haͤnden haben,— und es beſtehen Aufforderungen an die Papiſten, den Eid abzulegen, und es gebt Strafen gegen die be⸗ W. Soott's Werke. Cl. 2 18. harrlichen Papiſten und ſolche, die Meſſe hoͤren. Ma ſehe das Statut aus dem 23. Regierungsjahre der Koͤ⸗ niain Eliſabeth, und dem dritten Jakobs I.— Und von ihnen ſollen uͤber Urkunden, Teſtamente und dergleichen doppelte Taren erhoben werden in Gemaͤßheit der Ak⸗ ten—— „Siehe die neue Ausgabe der Statuten, bekannt ge⸗ macht nach der ſorgfaͤltigen Reviſion Herrn Jobſons Schrelbers beim Friedensgerichte,“ ſagte Miß Vernon. „Ferner, und vor allem,“ fuhr Jobſon fort,„denn ich ſage es Euch zur Warnung— Euch, Diana Vernon, die Ihr unverheirathet ſeyd, und keinen geſetzlichen Be⸗ ſchutzer habt, die Ihr eine uͤberwieſene, wiederſpenſtige Papiſtin, und gehalten ſeid, Euch nach Eurer Wohnung zu verfuͤgen, und zwar auf dem naͤchſten Wege, bei Strafe des Houverraths gegen den Koͤnig,— Ihyr ſollt fleißig bei gemeinen Faͤhren und Fuhrten den Uebergang verſu⸗ chen, und nicht laͤnger, als waͤhrend einer Ebbe und Fluth daſelbſt bleiben, und wenn's an ſolchen Stellen nicht ge⸗ ſchehen kann, ſo hat man taͤglich ins Waſſer zu waten bis an die Knie, um den Uebergang zu verſuchen.“ „Eine proreſtantiſche Bußaufgabe fuͤr meine katholi⸗ ſchen Irrthuͤmer, glaube ich,“ ſagte Miß Vernon lachend. „Gut, ich danke Euch fuͤr die Nachricht, Herr Jobſon, und werde mich ſo ſchuell wie moͤglich nach Haus verfuͤgen, und in Zutunft häuslicher leben. Gute Nackt, mein theurer 4 „Gute Nacht, Fräulein, und erinnert Euch, daß das Geſez nicht mit ſich ſa erzen laͤßt.“ Somit ritten wir nach entgegengeſetzten Wegen fort. „Da geht er hin, der Un eilſtifter,“ ſagte Miß Ver⸗ ⸗ 19 nnoon ihm nachblickend;„es iſt hart, daß Perſonen von Stand +— und Vermoͤgen den amtlichen Unverſchaͤmtheiten ſolcher elenden Ohrenblaͤfer ausgeſetzt ſind, blos weil ſie glauben, wie vor nicht viel mehr, als hundert Jahren die ganze Welt glaubte, denn ſicherlich hat unſer katholiſcher Glaube wenigſtens das hoͤhere Alter fuͤr ſich.“ „Ich war ſehr verſucht, vem Schurken uͤber den Kopf zu hauen,“ erwiederte ich. „Das waͤre ſehr uͤbereilt geweſen,“ ſagte Miß Ver⸗ non;„und doch, waͤre meine Hand nur eine Unze ſchwe⸗ rer, ich glaube, ich haͤtte ſie ihn fuͤhlen laſſen.— Nun⸗ Klagen helfen nichts, aber um dreier Dinge wihen bin ich ſeyr zu bemitleiden, wenn es irgend jemand der Muͤhe werth haͤtt, Mitleiden an mich wegzuwerfen.“ „Und was ſind dieſe drei Dinge, Miß Vernon?“ „Verſprecht Ihr mir Euer tiefſtes Mitleiden, wenn ich ſie Euch nenne?“ „Gewiß;— koͤnnt Ihr daran zweifeln?“ erwiederte ich, und naͤherte mich ihr mit rem Ausdrucke einer Theil⸗ naome, die ich nicht zu verbergen ſuchte. „Gut, es iſt auf alle Fäͤlle ſehr verfuͤhreriſch, Mitleid zu finden. So hoͤrt denn meine drei Beſchwerden.— Er⸗ ſtens bia ich ein Maͤdchen, und nicht ein Junge, und wuͤrde in ein Tollhaus geſverrt, wenn ich die Haͤltte von dem thaͤte, wozu ich Luſt habe; haͤtte ich dagegen das Vorrecht, wie Ihr, zu handeln, wie mir beliebt, ſo wuͤrde die ganze Welt toll vor lauter Nachahmen und Beifallrufen.“ „Hier kann ich Euch nicht gonz das Mitleid ſchenken, das Jor erwartet,“ entgegnete ich;„dieß Mißneſchick iſt ſo all emein, baß es die eine Haͤlfte des Menſchengeſchlechts trißt, und die andere Haͤlfte———“ 20 5 „Iſt um ſo viel beſſer daran, denn ſie iſt eiferſuͤchtig auf ihre Vorrechte,“ unterbrach mich Miß Vernon;„ich vergaß, daß Ihr dabei ſelbſt intereſſirt ſeyd; nein,“ ſagte ſie, als ich ſprechen wollte,„dieſes ſanfte Laͤcheln ſoll die Vorrede eines ganz artigen Compliments ſeyn uͤber die beſondern Vortheile, deren iang Vernons Freunde und Verwandte erfreuen, daß ſie als eine ihrer Sklavin⸗ nen geboren iſt, aber erſpart es mir, mein lieber Freund, und laßt uns verſuchen, ob wir beſſer zuſammenſtimmen uͤber m zweite Anklage gegen das Gluͤck, wie dieſer ha⸗ ſenfuͤßige Schmierer es nennen wuͤrde. Ich gehoͤre einer unterdraͤtten Sekte, einem verdraͤngten Glauben an, und anſtatt Beifall zu finden fuͤr meine Andacht, wie alle au⸗ dchen, kann mein guter Freund, der Frie⸗ F 54 19 dern frommen Maͤ densrichter Inglewood, mich in ein Beſſerungshaus ſchi⸗ cken, blos weil ich Gott nach der Weiſe meiner Vorfahren verehre, und kann zu mir ſagen, wie einfr der alte Pem⸗ broke zu der Aebtiſſtn von Wilton, als er ſie aus ihrem Kloſter und Beſitzthum vertrieb: gehe hin, Weib, und ſpinne.“ „Dieſem Uebel kann abgeholfen werden,“ ſagte ich ernſt.„Sprecht mit einigen unſerer gelehrten Geiſtlichen⸗ oder befragt Euern eigenen tre efflichen Verſtand, und ſeyd gewiß, die Einzelnheiten, worin unſer rel iglüſer Glaube von dem verſchieden iſt, worin Ihr erzogen ſeid—— „Still!“ ſagte Diana, und legte den Zeigeſinger auf. den Mund,—„ſtill, nichts mehr davon,— dem Glauben meiner tapfern Vater emfagen!— Eher wollt' ich als Mann im wildeſten Sturm der Schlacht ihre Fahne ver⸗ laſſen, und gleich einem feigen Miethling zu dem ſiegen⸗ ven Feind mich wenden.“ 4 21 „Ich ehre Euern Muth, Miß Vern 8 und was die Unannehmlichkeiten betrifft, denen er Euch ausſetzt, ſo kann ich blos ſagen, daß ſolche Wunden, die man um des Ge⸗ wiſſens willen leidet ihren Balſam in ſich tragen.“ „Ja, aber ſie ſind widerlſch, und ſchmerzen tief. Doch ich ſehe, hartherzig, wie Ihr ſeyd, ruͤhrt es Euch eben ſo wenig, daß ich Flachs klodken, oder Hin⸗ in grobe Faͤden ſpinnen ſoll, als daß ic eine Haube ſtatt des Filzhuts tra⸗ gen musß; demnach will ich mir es erſparen, den dritten H g 4 ſr Grund meines Kummars zu erze M;: 5„ e. 18 8 zioh 51 „Nein, meine theure Miß Vern non, ent zieht mir Euer Vertrauen nicht, und ich verſpreche Theikuahmne, die Euer ſehr ungewd ient, ganz und ungethe 2 werden ſoll, vorausg zeſs 61, bern, oder mit alle — noch immer„Buit ſegne e Sn„ als 1 teſtanten in un erem Eifer fuͤr Kirche und Staat wuͤn⸗ ſchen.“ „Es iſt in der That,“ ſagte Diana ernſter, als ich ſie je geſehen hatte,„ein Ungluͤck, welches Mitleid wohl ver⸗ ient. Ich bin, wie Ihr leicht bemerken koͤnnt, von Natu ftei und ohne Zuruͤckhaltung, ein offenes, ehrliches Maͤd⸗ chen, das gern offen und ehrlich gegen die ganze Welt har deln moͤchte, und doch hat mich das Schickſal in ſo viel⸗ Netze und Schlingen verwickelt, daß ich kaum ein Wort zu ſp rechen wage, aus Furcht, es moͤchte Folgen haben, nicht für mich, ſondern fuͤr andere.“ „Das iſt in der That ein Ungluͤck, Miß Vernon, das ich ganz eufrichtig bemitleide, aber kaum vermurhet haͤtte.“ „O, Herr Osbaldiſtone, wenn Ihr nur wuͤßtet,—wenn 2² irgend jemand wuͤßte, wie ſchwer es mir manchmal wird, mein ſchweres Herz unter einer heitern Stirne zu verber⸗ gen,— Inr wuͤrder mich in der That bemitleiden.— Es iſt wielleicht Unrecht, daß ich isit ſo weit gegen Euch uͤber meine Lage heraus laſſe, aber Ihr ſeyd ein verſtaͤndiger und ſchartſichtiger Mann,— Ih muͤßt wuͤnſchen, uͤber die Begebenheiten dlieſes Tags hundert Fragen an mich zu machen,— uͤber den Antheil, den Raſhleigh an Eurer Be⸗ freiung aus dieſer kleinen Verlegenyeit hat,— uͤber man⸗ che andere Punkte, die Enre Aufmerkſamkeit erregen muͤſ⸗ ſen,— und ich kann unmoͤglich Euch mit der noͤthigen Falſchheit und Feinheit antworten,— es wuͤrde ſeltſam her⸗ auskommen,— ich wuͤrde Eure gute Meinung verlieren, wenn ich ſie irgendebeſize, und noch dazu meine eigene. Es iſt das Beſte, Euch auf einmal zu ſagen: fragt mich nicht; das Antworten ſteht nicht in meiner Gewalt.“ Miß Vernon ſprach dieſe Werte mit einem Gefuͤhl, das mich ergreifen mußte. Ich verſicherte ſie, daß ſie von mir keine zudringlichen Fragen hoͤren wuͤrde, und eben ſo wenig waͤrde ich es mißdeuten, wenn ſie die Antwort auf Fragen ablehnte, die an und fuͤr ſich vernünftig oder wenig⸗ ſtens natürlich ſeyen.„Ich ſey, ſaste ich, durch den An⸗ theil, den ſie an meiner Sache nahm, ihr allzuſehr verbun⸗ den, um die Gelegenheit zu mißbrauchen, die ſich mir dar⸗ bieten koͤnnte, in ihre Augelegenheiten einzudringen,— ich vertrante nur auf ſie, und baͤte ſie, wenn meine Dieuſte ihr je nützlich ſeyn koͤnnten, daß ſie ohne Zaudern gebieren moͤchte.“ —„Ich danke Euch,— ich danke Euch,“ erwiederte ſe; „Eure Stimme hat nicht den gewoͤhnlichen Kuckukston der Schmeichelei, ſondern toͤnt, wie die eines Mannes, der — — 23 weiß, wozu er ſich verbuͤrgt. Wenn— doch dieß iſt un⸗ moͤgiich,— aber doch, wenn eine Gelegenheit ſich bieten ſollte, ſo will ich Euch an Euer Verſprechen mahnen, und ſeyd ſicher, daß ich es nicht uͤbel nehmen werde, wenn Ihr es vergeſſen habt, denn es iſt genug, daß Ihr jetzt es auf⸗ richtig meint,— manches kann kommen, das in Eurer Geſinnung eine Aenderung macht, ehe ich Euch mahne,— wenn dieſer Augenblick je kommen ſollte,— Diana Ver⸗ non zu unterſtuͤtzen, als waͤret Ihr ihr Bruder.“ „Und wenn ich Diangs Brnder waͤre, ſo koͤnnte die Moͤglichkeit, Euch meinen Beiſtand zu verſagen, nickt ge⸗ ringer ſeyn.— Jetzt aber fuͤrchte ich mich, ob ich fragen darf, ob Raſhleigh freiwillig zu meiner Befreiung mit⸗ wirkte?“ „Fragt mich nicht, fragt ihn ſelbſt, und ſeid verſichert, er ſagt ja, denn ehe eine gute Handlung ohne El enthuͤ⸗ mer durch die Welt laͤuft, iſt er ſtets geneigt, ſie fuͤr ſich in Anſpruch zu nehmen.“ „Und darf ich euch nicht fragen, ob dieſer Campbell ſelbſt es war, der den Herr Morris um ſein Felleiſen leich⸗ ter machte, oder ob der Brief, den unſer Freund, der Ad⸗ vokat eryielt, nicht eine Liſt war, ihn aus der Scene zu entfernen, damit er meine Befrefung nicht hindern ſollre? Und darf ich nicht fragen——“ „Ihr muͤßt mich gar nichts fragen, und alſo iſt es ganz unnuͤtz, Fälle aufzuſtellen. Ihr muͤßt von mir gerade ſo gat denken, als ov ich alle dieſe Fragen beantwortet haͤt⸗ te, und noch zwanziz andere dazu, ſo gelaͤuftz, als Raſh⸗ leigh ſie nur immer beantworten kann; merkt Euch nur, ſo oft ich mein Kinn ſo beruͤhre, ſo iſt es ein Zeichen daß ich uͤber den Gegenſtand, der gerade Eure Aufmerkſamkeit 24 beſchaͤftigt, nichts ſagen kann. Wir muͤſſen gewiſſe Zei⸗ chen zwiſchen uns feſtſetzen, da Ihr mein Vertrauter und mein Rathgeber ſeid, nur duͤrft Ihr nichts von meinen Angelegenheiten wiſſen.“ „Nichts kann vernuͤnftiger ſeyn,“ erwiederte ich la⸗ chend;„und Ihr koͤnnt Euch darauf verlaſſen, der, Groͤße Eures Vertrauens wird nur die Klugheit meiner Rath⸗ ſchlaͤge gleichkommen.“ Dteſe Unterredung brachte mich in der beſten Laune nach Os baldiſtone⸗Hall, wo die Famille in ihrem Abend⸗ gelage ſchon ziemlich weit vorgeruͤckt war. „Laͤßt etwas zu eſſen fuͤr Herrn Osbaldiſtone und mich in die Bibliothek bringen,“ ſagte Miß Vernon zu einem Diener.„Ich muß ein wenig Mitleiden mit Euch ha⸗ ben,“ fuhr ſie gegen mich fort,„und Euch in dieſem Hauſe des rohen Uederfluſſes gegen das Verhungern ſchuͤtzen; ſonſt wuͤrde ich Euch meinen heimlichen Schlupfwinkel wohl ſchwexlich zeigen. Dieſe Bibliothek iſt meine Hoͤhle,— der einzige Winkel im ganzen Schloſſe, wo ich vor den Orang⸗ Utangs, meinen Vettern, ſicher bin. Nie wagen ſie ſich hieher, vielleicht aus Furcht, die Foliobaͤnde moͤchten her⸗ unter fallen, und ihnen den Schaͤdel einſchlagen, denn auf einem andern Wege werden die Koͤyfe nie mit denſelben in Beruͤhrung kommen. Folgt mir.“ 5 Und ich ſolgte ihr durch Saal und Zimmer, durch ge⸗ woͤlbte Gaͤnge und Wendeltreppen, bis wir an den Ort ka⸗ men, wohin ſie fuͤr uns hatte Erfriſchungen bringen laſſen. ——— 25 Zweites Kapitel. In weiten Bau, von Anderen verſchmäht, Ein ſtilles Plätzchen hat ſich erwählt, Wo in dem Schrank, auf krummen Brettern ſteht, Was Geiſteshunger ſtillt, und ihn fürs Unglück ſtählt. . Ungenannter. diſone⸗Hall war ein duͤſteres ter ſich bogen unter der Laſt te ahrhundert ſo theuren Foliobaͤnde, it Erlaubniß geſagt, unſere Quart⸗ und n, und welche, noch eint nal unter den unſere Soͤhne, falls dieſe noch ſeyn ſollten, auf Duodezbaͤndchen und Flugſchrif laſſen. Die Sammlung be⸗ ſtand haupt zichen und roͤmiſchen Schrift⸗ ſtellern, auslaͤndiſcher und alt ter Ge Aarchte, und vor allem aus theologlſchen Schriften⸗ Prlieſter, welche nach ein⸗ ander als Kaplam im Sch Fioſſe weſen, waren viele Jahre lang die einzigen perſonen, bie das Gemach betraten, bis Raſhleighs Leſeluſt den ehrwuͤrdigen Spinngeweben, womit die Schraͤnke tapezurt waren„auf einmul et u Ende machte. Seine Beſt immung faͤr die Kirche machte dieß in den Au⸗ gen feines Baters ninder abgeſchmackt, als wenn einer ſeiner andern Abkoͤnmlinge eine ſo ſeltſame Neigung ge⸗ zeigt haͤtte, und Sir Hildebrand ließ nun Einige Ausbeſ⸗ ſerungen darin anbringen, um das Zimmer etwas wohnlk⸗ cher zu machen Doch hatte das ganze noch ein wuͤſtes Ausſehen, das eben ſo auffallend, als une rfreulich war, und die Vernachlaͤtgung ankuͤndigte, gegen die es durch die in Gemach, deſſen alte der dem ſſ aus d Octavb gen, Diſtillirkolben gebracht etwas frivoler, a — 2 ſeinen Mauern enthaltene Gelehrſamkeit nickt geſchuͤtzt war. Die zerriſſenen Tapeten, die von den Wuͤrmern an⸗ gefreſſenen Huͤcherbretter, die ungebeuern, plumpen und doch wankenden Tiſche, Pulte und Stuühle und der von Roſt an⸗ gefreſſene Kaminheerd zeigten die Verachtung der Beſitzer von Osbaldiſtone⸗Hall gegen die Schaͤtze der Geleyrſam⸗ keit. „Ibr haltet dieſen Ort fuͤr etwas oͤde, glaube ich,“ ſagte Diana, als ich mich in dem verlaſſenen Gemache rund umſah;„mir aber ſcheint es ein kleines Paradies, denn es iſt mein eigen, und ſch habe hier keine Stoͤrung zu fuͤrchten. Raſhleigh war Mitbeſitzer, als wir noch Freunde waren.“ „Und Ihr ſeyd es nicht mehr?“ war meine naturliche Frage. Ihr Zeigefinger beruͤhrte ſogleich das Gruͤbchen im Kinn, was nebſt einem ſchlauen Blicke das Fragen verbot. „Wir ſiad noch Verbundete,“ fuhr ſie fort,„gleich andern verbuͤndeten Maͤchten durch gegenſeitiges Intereſſe verkuuͤpft, aber ich fuͤrchte, es moͤchte hier, wie in andern Faͤllen, gehen, und der Bundesvertrag de freundſchaftlichen Geſinnungen uͤberdauern, denen er ſeinen Urſprung ver⸗ dankte. Jedenfalls leben wir weniger uſammen, unk wenn er durch jene Thuͤre herein kommt, H gehe ich durch dieſe oa hinaus; da wir alſo die Entdeckung gemackt haben, daß, wenn wir beilde da ſind, einer zu viel im Zimmer iſt, ſo groß es ſcheint, ſo hat Raſhleigh, deſſen Beſchäfti⸗ gungen ihn oft anders wohin rufen, großnuͤthiger Weiſe mir alle ſeine Rechte abgetreten, ſo daß ig nun fuͤr mich allein die Studien fortzuſetzen ſuche, wobei er fruͤher mein Fuͤhrer war.“ 27 „And was ſind dieſe Studlev, wenn id fragen darf?“ „Allerdings duͤrft Ihr done die geringſte Furcht, d 26 ſich tnein Zeigefinzer an das Ki inn crheben moͤlhte. LWoiſ⸗ ſenſchal ten und Geſchichte woren meint etangedeherſinns de, doch ſtudiere ich auch Dau ung und die Alte 1. „Die Alten? Lesk Idt ſte der hnur ache?“ „Allerdings; Raſt leigh, der darin nicht zemeise Kennt⸗ niſſe beſitt, lehrte mich gri⸗ hiſch und lateiniſch, ſo wie die meiſten neuern europaͤiſchen Sprachen. Ich verſichere Euch, man hat ſich mit meiner Erziehnng einise Muhe gegebern, obgleich ich weder einen Buſenſtreif naͤhen, noch einen Kreuzſtich machen, weder einen Pudding bereiten, nech, wie die dicke Frau des Mfaders mit eben ſo viel Wahrhelt, als Zierlichkeit, Wohlwollen und Hoͤflichkeit von mir zu ſa⸗ gen beliebte, irgenb etwas nuͤtzliches fuͤr dieſe ganze Welt zu Stande bringen kann.“ „Und wer har dieſe Beſchaͤfrigungen au sgewaͤhlt, Raſh⸗ leigh, oder Idhr ſeloſt, Miß Bert non?“ „Hum!“ ſagte ſie, als zoͤgerte ſie mit der Antwort⸗ —„es. iſt nicht der Muͤhe werth, den Finger deßhalb auf⸗ zuheben,— theils er, thells ich. Da ich auserhalb der Thuͤre lernte, ein Pferd zu reiten, nöthigenfalls zu 3 men und zu ſatteln, uͤber einen S lagbaum zu ſetzen, rin Gewehr loszuſchießen, ohne zu plinzeln, und alle dieſe männlichen Fertigkeiten, denen meine rohen Vettern wie toll nachrennen, ſo war es mir auch, gleich meinem vernänf⸗ tigen Vetter ein Beduͤrfniß, innerhalb der? Thüre grlechtſch und leteiniich zu leſen, und mich vol lig dem Baume der Erkenntniß zu nahen, von dem Ihr Maͤnuer Euch gerne allein waͤſten moͤchtet, vernrhltc aus Rache für den Dn⸗ theil unſerer gemeinſchaftlichen Murter an der Erbeunde.“ „Und gab Raſhleigh bereitwillig Eurem Hang zur Ge⸗ lehrſamkeit nach?“ „Nun, er wuͤnſchte mich zu ſeiner Schuͤlerin zu haben, und konnte mich blos das lehren, was er ſelbſt wußte. — Das Geheimniß, Spitzen⸗Manſchetten zu waſchen, oder ein feines Schnupftuch zu ſaͤumen, konnte er mich doch wohl nicht lehren!“ „Ich glaube wohl, die Verſuchung, eine ſolche Schuͤle⸗ rin zu erhalten, mochte von Seite des Lehrers ſehr in Be⸗ tracht kommen.“ „Ja, wenn Ihr nach Raſhleighs Beweggruͤnden zu fra⸗ gen anfa ingt, ſo muß mein Finger wieder das Kinn beruͤh⸗ ren. Ich kann blos offen ſeyn, wenn Ihr mich nach den meinigen fragt; doch wieder zur Sache. Er hat zu meinen Gunſten die Bibliothek aufgegeben, und betritt ſie nie, ohne um Erlaubniß gebeten, und ſie erhalten zu haben. Dadurch iſt mir die Fretheit zu Theil worden, ſie zu einer Nlederlage einiger meinet Habſeligkeiten zu machen, wie Ihr ſehen koͤnnt, wean Ihr rund um Euch blickt.“ „Ich bitte um Verzeihung, Miß Vernon, aber ich ſehe in der That an dieſen Mauern herum nichts, das ſich mir beſonders als das Eurige auszeichnete.“ „Vermuthlich weil Ihr weder einen Schaͤfer, noch eine Schaͤfer in von Wollgarn ſeht, in einem zierlichen Rahmen von ſchwarzem Ebenholz,— oder einen ausgeſtopften Pa⸗ pagei,— oder elne Hecke Kanarienvogel,— oder einen mit verblichenem Silber ausgelegten Wirthſchaft zraſan.— der einen Putztiſch mit einem Einſatz von lackirten Kaͤſt⸗ chen mit eben ſo viel Ecken, als die Chriſtragsplatzchen,— oder ein zerbrochenes Klavier, oder eine Laute mit drei Saliten,— oder einen Rocken,— ein Muſchelwerk,— oder 1 29 eine Nadelarbeit, oder ſonſt eine Arbeit irgend einer Art, — oder ein Schooßhuͤndchen mit blinden Jungen.— Von allen dieſen Schaͤtzen beſitze ich nichts,“ fuhr ſie an einer Pauſe fort, indem ſie Athem ſchoͤpfte, der ihr bei der Auf⸗ zaͤhlung ſo vieler Dinge ausgegangen war.— Aber hier ſteht das Schwert meines Ahnherrn, Sir Richard Vernon, der bei Schrewsbury erſchlagen, und elend verlaͤumdet wurde von einem argen Burſchen, mit Namen William Shakespeare, deſſen lankaſter'ſche Partheilichkeit, und eine gewiſſe Kunſt in der Darſtellung das oberſte der Geſchichte zu unterſt, oder vielmeyr die innere Selte auswaͤrts ge⸗ kehrt hat,— neben dieſer furchtharen Waffe haͤngt der Panzer eines noch aͤltern Vernon, eines Knappen des ſchwar⸗ zen Prinzen, der gerade das umgekehrte Schickſal mit ſei⸗ nem Nachkommen hatte, denn er iſt dem Barden, der es unternahm, ihn zu preiſen, mehr Dank fuͤr ſeinen guten Wihen, als füͤr ſeine Talente ſchuldig—— Da könnt Ihr einen tapfern Ritter erkennen, Mit Pfeifen im Schild, den ſie Herrn Vernon nennen; Dem böſen Feinde gleich hört man durchs Feld ihn ſchnauben/ Auf wilden Mord nur geht er aus, wo andre rauben. Hier iſt das Modell zu einem neuen Sprungriemen, den ich ſelbſt erfand, und welcher den des Herzogs von New⸗ kaſtle weſentlich verbeſſert,— hier iſt die Kappe und die Glocken meines Fa Cheviot, der ſich ſelbſt an dem Schna⸗ bel eines Reibers ſpieste,— armer Falke, ſo iſt keiner drunten auf den Stangen, die ſind nur Habichte und ge⸗ meine Stoßvoͤgel gegen ihn; hier iſt meine eigene leichte Jagdflinte, mit einem verbeſſerten Feuerſchlos, und noch zwanzig andern Seltenheiten, immer eine ſchaͤtzbarer, als die andere.— Das hier aber ſpricht fuͤr ſich ſelbſt.“ 30 Mit dieſen Worten zeigte ſie auf den geſchnitzten Ei⸗ chenrahmen eines lebensgroßen Bildes von Vandyke, wor⸗ auf in gothiſchen Buchſtaben die Worte ſtanden: Ver non semper viret*). Ich ſoh ſie fragend an;—„kennt Ihr,“ ſagte ſie mit einigem Erſtennen,„unſern Wahlſpruch nicht, — den doppelſtanigen Waylſpruch der Vernons? und keunt Ihr unſer Wappenzelchen nicht, die Pfeifen?“ hier zeigte ſie auf das in den eichenen Schild eingegrabeue Wapp en um welches die Worte ſtanden. „Vfeifen!— ſie ſeben aus, wie Pfennigpfeifen.— Werdet nicht unwlllig uͤber meine Unwiſſenhelt,“ fuhr ich fort, ais ich die Roͤthe auf ibren Wangen ſtetgen ſah.„Ich kann numöoglich dadurch Euer Wapven ſchmaͤhen, denn ich kenne mein eigenes nicht.“ 3 „Ibr, ein Osbaldiſtone, geſteht das ſelbſü!“ rief ſie aus.„Percte, Thornie, John, Richard,— Wilfred ſelbſt könnte Euer Lehrer ſein.— Ja die Unniſſenheit ſelbſt koͤnnte ſich mit Euch meſſen.“ Mit Schaam bekenne ich, meine theure Miß Vernon, die Geheimniſſe, welche die griimmigen Hieroglyphen der Wappenkunde verbergen, ſind for mich eben ſo unleſerlich, als die auf den Pyramiden Egyptens.“ „Wie? iſt das moͤglich?— Mein Oheim ſelbſt liest manchmal in euer indernacht Ewillym's Wappenkunde, — nicht die Wa⸗ zuren zu kennen?— woran hat denn Euer Vater gedacht?“ „An die Zahlenſigzuren,“ antwortete ich;„die unbe⸗ deutendſte Verbindung berſelben ſchaͤtzt er hoͤher, als alle — *) Entweder:„Vert on wüd immer grünen,“ oder,„der Fruͤhlina wied nicht inmer grünen.“ 1 31 Wappen der Ritterſchaft. Obwohl ich aber ſo unausſprech⸗ lich unwiſſend bin, ſo habe ich doch Kenntniſſe und Geſchmack genug, um dieß herrliche Gemaͤlde zu bewundern, wotin ich eine Familien⸗Aehnlichkeit mit Euch zu entdecken glau⸗ be.— Welche Leichtigkeit und Wuͤrde in der Stellung— welcher Reichthum des Colorits,— welche Breite und Tiefe des Schattens!“ „Iſt das Gemaͤlde wirklich ſchoͤn?“ fragte ſie. „Ich habe viele Werke des beruͤhmten Kuͤnſtlers geſe⸗ her,“ ſagte ich,„nie aber eines, das mir ſo gefallen haͤtte.“ „Nun, ich verſtehe ſo wenig von Gemaͤlden, als Ihr von Wappen,“ erwieder te Miß Vernon;„doch habe ich einen Vortheil vor Euch voraus, weil ich ſtets das Gemaͤlde bewunderte, ohne ſeinen Werth zu kennen.“ „Ich habe michenicht um Trommeln und Pfeifen, und alle die wunderlichen Wappengebilde bekuͤmmert, doch weiß ich, daß ſie einſt glaͤnzten im Felde des Ruhns. Ihr werdet mir indeß zugeben, daß ihre aͤußere Erſcheinung fuͤr den ununterrichteten Zuſchauer nicht ſo intereſſant iſt, als dies ſchoͤne Gemaͤlde.— Wen ſtellt das Bild vor?“ „Meinen Grrßvater,— er theilte das Ungluͤck Karls 1. und, es thut mir leid, es ſagen zu muͤſſen, die Ausſchwei⸗ fungen ſeines Soyns. Unſer vaͤterliches Erbe verminderte ſich ſehr durch ſeine Verſchwendung, und gieng unter ſei⸗ nem Nachfolger, unſerm ungluͤcklichen Vater, voͤllig verlo⸗ ren.— Doch Friede ſei mit denen, die es erhielten,— es wurde verloren im Kampfe fuͤr die Treue.“ „Euer Vater litt vermuthlich in den duͤrgerlichen Zai⸗ ſtigkeiten jener Zeit?““ „So iſt es, er verlor alles. Und darum iſt ſein Kind 8 32 eine abhaͤngige Weiſe, ißt fremdes Brod, iſt den Launen anderer unterworſen, und genothigt, ihre Neigungen aus⸗ zuforſchen. Und doch bin ich ſtolzer auf einen ſolchen Va⸗ ter, als wenn er vorſichtiger, aber minder edel gehaudelt, und mir alle die ſchoͤnen Baronien hinterlaſſen haͤtte, die ſeine Familie einſt beſaß.“ Hier traten die Diener mit dem Eſſen herein, und unſer Geſpraͤch wendete ſich auf allgemeine Gegenſtaͤnde. Als die Mahlzeit ſchnell beendigt, und der Wein auf den Tiſch geſetzt war, benachrichtigte uns ein Bedienter, „Herr Rathleigh habe gewünſcht, in Kenntuiß geſetzt zu werden, wenn das Mahl zu Ende ſey.“ „Sagt ihm,“ antwortete Diana,„wir wuͤrden uns freuen, ihn hier zu ſehen,— ſtellt noch ein Weinglas und einen Stuhl her, und verlaßt das Zimmer.— Ihr muͤßt Euch mit ihm entſernen,“ fuhr ſie zu mir gewendet ſort; „bei aller meiner Nachſicht kann ich von vierundzwanzig Stunden nicht mehr als acht einem Herrn ſchenken, und ſo lange, glaube ich, ſind wir wenigſtens beiſammen ge⸗ weſen.“ „Der alte Senſenmann gieng ſo ſchnell,“ antwortete ich,„daß ich ſeine Schritte nicht zaͤhlen konnte.“ „Still!“ ſagte Miß Vernon;„Raſhleigh kommt⸗;“ damit zog ſie ihren Stuhl etwas weg, dem ich mit dem meinigen ziemlich nahe gekommen war. Ein beſcheidenes Klopfen an der Thuͤre, das leiſe Oeff⸗ nen, als hereingerufen war, eine ſtudierte Sanftheit in Gang und Benehmen kuͤndigten den Zoͤgling von St. Omer an, und zeigten mir, daß meine Anſichten uͤber das Beneh⸗ men eines vollendeten Jeſuiten, die bei meinem feſten Proteſtantismus begreiflicher Weiſe nicht die guͤnſtigſten waren, —— — 33 waren, ſo ziemlich richtig ſeyen.„Warum habt Ihr ange⸗ klopft,“ ſagte Miß Vernon,„da Ihr doch wußtet, daß ich nicht allein ſey?“ Sie ſprach dieſe Worte in einem Ausbruch von Unge⸗ duld, als ob ſie gefuͤhlt haͤtte, daß Raſbleigys vorſichtiges, zuruͤckhaltendes Benehmen einen beleidigenden Argwohn verrathe.„Ihr habt mich das Anklopfen an dieſer Thuͤre ſo vollkommen gelehrt, meine ſchoͤne Baſe,“ antwortete Rafhleigh, ohne Ton und Benehmen zu aͤndern,„daß die Gewohnheit mir zur andern Natur geworden iſt.“ „Ich ſchaͤtze Aufrichtigkeit hoͤher, als Hoͤflichkeit, das wißt Ihr,“ war Dianas Antwort. „Han chkeit iſt arrig und munter, hat Namen and Ge⸗ werbe vom Hofmann,“ erwiederte Raſhleigh,„und darum paßt ſie am beſten fuͤr das Zimmer einer Dame.“ „Aber Aufrichtigkeit iſt ein treuer Ritter, und deßhalb weit wintwmmenet, 22 Madhes Miß Vernon ein.„Doch um einen fuͤr Euern Vetter nicht ſonderlich unterhaltenden Streit zu endigen, ſetzt En nieder, Raſhleigh, und thut Herrn Franz Osbaldiſtone beim Weinglaſe Beſcheid; ich habe bei der Tafel die Hausehre gerettet.“ „Raſhleigh ſetzte ſich, fuͤllte ſein Glus, und wandte ſeine Augen von Diana auf mich mit einer Verlegenheit, die er trotz aller ſeiner Anſtrengung, nicht ganz verbergen konnte. Er war, wie mir ſchien, ungewiß uͤber den Grad des Vertrauens, das ſie auf mich geſetzt hatte, und ich beeilte mich deßhalb, das Geſpraͤch auf eine Weiſe zu lei⸗ ten, daß ſein Verdacht ſchwinden muͤſſe, als haͤtte Diana mir Geheimniſſe verrathen, die zwiſchen ihnen beiden blei⸗ ben ſollten.„Herr Raſhleigh, Miß Vernon hat mir em⸗ pfohlen, Euch meinen Dank fuͤr die ſchnelle Bef eiung ven W. Stott's Werke. CI. 3 * 34 der laͤcherlichen Anklage des Herrn Morris auszudruͤcken, und da ſie ungerechter Weiſe fuͤrchtete, meine Dankbarkeit moͤchte nicht ſo groß ſeyn, um mich allein darau zu eriu⸗ nern, hat ſie auch meine Neugierde dabei in Bewegung geſetzt, indem ſie mich wegen einer Erklaͤrung der Vorfaͤlle des Tags an Euch verwies.“ „Sol“ antwortete Raſhleigh mit einem ſcharfen Blick auf Miß Vernon;„ich haͤtte geglaubt, das Fraͤulein ſelbſt ſey der Dollmetſcher geweſen;“ damit wandte er wieder ſeine Augen auf mich, um in meinen Zuͤgen zu leſen, ob Dianas Mittheilung in der That ſo beſchraͤnkt geweſen ſey, als ich angab. Seine korſchenden Blicke erwiederte Miß Vernon mit einem Blicke entſchiedener Verachtung, waͤhrend ich, ungewiß, ob ich ſeinem offenbaren Verdacht mit einer Bitte oder einem Tadel entgegnen ſolle, ant⸗ wortete:„wenn es Euer Wille iſt, Herr Raſöleigh, mich eben ſo in Unwiſſenheit zu laſſen, wie Fraͤulein Vernon, ſo muß ich mich zufrieden geben, aber ich bitte Euch, mir Eure Nachricht darum nicht vorzuenthalten, weil Ihr Euch vorſtellt, ich haͤtte bereits Nachricht empfangen; denn ich ſage Euch als Mann ven Ehre, das ausgenommen, was mir Miß Vernon von Eurer guͤtigen Mitwirkung ſagte, verſtehe ich von den Vorfaͤllen, deren Zeuge ich heute war, ſo wenig, als dieß Gemaͤlde hier.“ „Miß Vernon hat meine geringen Bemuͤhungen uͤber⸗ ſchaͤtzt,“ ſagte Raſhleig⸗„obgleich mein Eifer Eure volle Anerkennung verdient. Die Wahrheit iſt, als ich hinweg⸗ ſprengte, um einen von unſerer Familie aufzufinden, der mit mir Buͤrge fuͤr Euch wuͤrde,(denn dieß war der ein⸗ fachſte, ja ich mnoͤchte ſagen, der elnzige Weg, Euch zu die⸗ nen, der ſich meiner Beſchraͤnktheit darbot) ſo begegnete * 7 35 ich dem Cawmill,— Colville,— Campbell, oder wie er heißt. Ich hatte von Morris gehoͤrt, daß er bei ſeiner Beraubung gegenwaͤrtig war, und mein gutes Gluͤck woll⸗ te, daß ich ihn bewog, freilich nicht ohne einige Schwie⸗ rigkeit, zu Eurer Entſchuldigung ſein Zeugniß abzulegen, und dieß hat Euch vermuthlich gus der unangenehmen Lage befreit.“ „Wirklich?— Ich bin ſehr Euer Schuldner, daß Ihr ſo ſehr zu rechter Zeit einen Zeugen zu meinen Gumſten beigebracht habt. Aber da er, wie er ſagte, ein Ungluͤckt⸗ gefaͤhrte des Herrn Morris war, ſo ſehe ich nicht ein, wie es viel Muͤhe gekoſtet haben ſollte, ihn zur Ablegung ſei⸗ nes Zeugniſſes zu bewegen, ſey es nun, um den wirklichen Raͤuber zu uͤberfuͤhren, oder einen Unſchuldigen zu be⸗ freien.“ „Ihr kennt nicht den Geiſt ſeiner Landsleute,“ erwie⸗ derte Raſhleigh;„Ueberlegung, Klugheit, Vorſicht ſind ihre Haupteigenſchaften, nur ſtehen ſie unter dem Einfluſſe eines engherzigen, jedoch gluͤhenden Patriotismus, der gleichſam das Außenwerk der ineinandergreifenden Boll⸗ werke bildet, womit ein Schotte ſich gegen alle Angrife eines edlen menſcheufreundlichen Grundſatzes umſchanzr. Habt Ihr dieſen Wall uͤberſtiegen, ſo ſindet Ihr ein inne⸗ res, noch wertheres Bollwerk, die Liebe zu ſeiner Provinz⸗ ſeinem Dorf oder hoͤchſt wabhrſcheinlich ſeinem Clan; ſtuͤrme Ihr auch dieles, ſo erſcheint ein drittes,— ſeine Anhaͤng⸗ lichkeit an ſeine Familie,— ſeinen Vater, Mutter, Soͤhne, Toͤchter, Oheime, Muhmen und Vettern bis ins neunte Glied. Innerhalb dieſer Graͤnzen breiten ſich die geſelligen Neigungen eines Schotten aus, nie verbreiten ſie ſich wes⸗ ter, dis alle Mittel, in den innern Kreiſen Befriedigung 210 36 zu finden, erſchoͤpft ſind. Innerhalb dieſer Kreiſe ſchlaͤgt ſein Herz, und immer ſchwaͤcher und ſchwaͤcher wird ſein Pulsſchlag, bis er jenſeits der weiteſten Graͤnze faſt unfuͤhlbar iſt. Was noch das ſchlimmſte von allem iſt, koͤnntet Jyr alle dieſe koncentriſchen Außenwerke uͤberſteigen, ſo findet Ihr iunen eine hoͤhere ſraͤrkere Citadelle, als die andern alle,*. — die Liebe eines Scotten zu ſich ſelbſt.“ „Alles das iſt ſehr beredt und bilderreich geſagt, Raſh⸗ leigh,“ ſagte Miß Vernon, die mit unverheylter Ungeduld zugehoͤrt hatte;„es ſind nur zwei Einwuͤrfe dagegen zu machen, erſtens iſt es nicht wahr, und zweitens, wenn es auch wahr waͤre, ſo gehoͤrt es nicht zur Sache.“ „Es iſt wahr, meine ſchoͤnſte Diana,“ erwiederte Raſhleigh;„und noch mehr, es gehoͤrt ganz eigentlich zum Zweck. Es iſt wahr, denn Ihr koͤnnt nicht laͤugnen, daß V ich das Land und das Volk genau kenne, und die Schilde⸗ rung nach einer ſcharfen und genauen Beobachtung entwor⸗ fen iſt; und es gehoͤrt zum Zweck, weil es Herrn Franz Osbaldiſtones Frage beantwortet, und zeigt, warum dieſer vorſichtige Schotte, in Betracht, daß unſer Vetter weder ſein Landsmann, noch ein Campbell, noch ſein Vetter in irgend einem der endloſen Nebenzweige iſt, in die ſich ihre Stamm⸗ baͤume verlieren; und vor allem, weil er keinen perſoͤnli⸗ chen Vortheil dabei ſah, im Gegentheil nur Zeitverluſt und Verzögerung ſeiner Geſchaͤfte....“ „Nebſt andern Unannehmlichkeiten, vielleicht von einer furchtharern Art,“ unterbrach ihn Miß Vernon. „Deren ohne Zweifel manche ſeyn konnten,“ ſagte Naſhleigh in demſelben Tone ſorrfahrend,—„kurz, meins Theorie zeigt, warum es bei dieſem Mann, der keine Hoff⸗ nung auf Vortheil haben konnte, und nur Unanngehmlich⸗ 37 keiten fuͤrchtete, vieler Ueberredung bedurfte, ehe er bewo⸗ gen wurde, ſein Zeugniß zu Gunſten des Herrn Osbaldiſtone abzugeben.“ „Es ſcheint mir auffallend,“ bemerkte ich,„daß, ſo viel ich von der Erklaͤrung des Herrn Morris, oder wie man es ſonſt nennen mag, geleſen habe, dieſer nie erwaͤhn⸗ te, daß Campbell in ſeiner Geſellſchaft war, als ihn die Raͤuber angriffen.“ „Ich erfuhr von Campbell, daß er ihm das feierliche Verſprechen abgenommen habe, dieſes Umſtands nicht zu erwaͤhnen,“ erwlederte Raſhleigh;„ſeinen Grund, ein ſolches Verſprechen von ihm zu verlangen, koͤnnt Ihr aus dem Wink abnehmen, dey ich Euch vorhin gab,— er wuͤnſchte ohne Aufſchub in ſein Land zuruͤckzukehren, ohne durch eine richterliche Unterſuchung in Verlegenheit geſetzt zu werden, die er jedenfalls haͤtte erwarten muͤſſen, waͤre der Thatumſtand ſeiner Gegenwart bei der Beraubung kund geworden, ſo lange er noch auf dieſer Seite des Fluſ⸗ ſes war. Iſt er einmal uͤber den Forth, ſo wird Morris ſicerfis mit allem berausruͤcken, was er uͤber ihn weiß, und vielleicht noch mit einem guten Theil mehr. Uebri⸗ gens iſt Campbell ein ſehr bedeutender Viebhaͤndler, der manchmal betraͤchtliche Heerden nach Northum berland treibt, und bei dieſem Handel waͤre er ein aroßer Narr, wenn er ſich mit unſern northumbriſchen Raͤubern einlaſſen wollte, die die rachluͤchtigſten Menſchen ſind, die ich kenne.“ „Das wollte ſch beſchwoͤren!“ rief Miß Vernon aus, mit einem Tone, der mehr, als nur ein einſaches Zuge⸗ ſtaͤndniß in ſich ſchloß. „Ich will zugeben,“ hob ich wieder an,„daß Camp⸗ bell triftige Gruͤnde haben konnte, von Morris Stillſchwei⸗ 4 38 gen zu verlangen, aber ich kann doch nicht einſehen, wie er ſo viel Einfluß auf den Mann gewonnen haben kann, daß dieſer ſein Zeugniß uͤber dieſen Gegenſtand unterdruͤckt, bei der augenſcheinlichen Gefahr, Mißtrauen gegen ſeine ganze Geſchichte zu erwecken.“ Raſhleigh ſtimmte mir bei, daß dieß ſehr ſonderbar ſey, und daß er bedaure, den Schotten nicht naͤher uͤber dieſen Punkt gefragt zu haben, der ihm ſelbſt geheimniß⸗ voll vorkomme.„Aber,“ fragte er unmittelbar darauf, „„ſeyd Ihr ganz ſicher, daß Morris den Umſtand der Be⸗ gleitung Camppbells in ſeiner Angabe wirklich gar nicht er⸗ waͤhnte?“ „Ich uͤberlas das Papier eilig,“ war meine Antwort, „aber es ſchwebt mir ſehr lebhaft vor, daß kein ſolcher Umſtand erwaͤhnt wurde; wenigſtens mußte es nur ſehr leicht beruͤhrt ſeyn, da es meiner Aufmerkſamkeit ent⸗ gieng.“ „Richtig, richtig,“ erwiederte Raſhleigh meine Worte aufnehmend,„ich bin mit Euch geneigt, zu glanben, daß der Umſtand in der That erwaͤhnt war, aber ſo leichthin, daß es Eure Aufmerkſamkeit nicht erregte. Campbell mag die Furchtſamkeit des Mannes gefaßt haben, um ihn auf ſeine Seite zu ziehen. Dieſer haſenherzige Morris iſt, wie ich höre, nach Schottland geſendet, um einige geringe Geſchaͤfte fuͤr die Regierung zu beſorgen, und da er nur ſo viel Muth beſitzt, als eine zornige Taube oder eine hochherzige Maus, ſo mochte er es wohl nicht gerne mit dieſem gewaltigen Campbell verderben, vor deſſen Anblick ſchon ſein bischen Muth ſchwindet. Campbell hat, wie Ihr bemerktet, zu⸗ wellen ein heftiges, lebhaftes Benehmen,— etwas kriege⸗ riſches in Ton und Betragen.“ 39 „Ich geſtehe,“ erwiederte ich,„ſein Benehmen kam mir zuweilen wild und furchtbar vor, und ſchien wenig zu ſeinen friedlichen Verſicherungen zu paſſen.— Hat er im Heere gedient?““ „Ja,— nein,— nicht gerade, was man ſagt ge⸗ dient, aber er iſt, glaube ich, wie die meiſten ſeiner Landsleute, zu den Waffen erzogen worden. In den Ge⸗ birgen traͤgt man ſie von der Kindheit bis ins Grab. Wenn Euch nun Euer Reiſegefaͤhrte irgend bekannt iſt, ſo koͤnnt Ihr leicht erachten, daß er ſich auf ſeiner Reiſe in ein ſol⸗ ches Land wohl in Acht nimmt, mit einem der Eingebore⸗ nen in Streit zu kommen, wenn er es irgend unigehen kann.— Aber kommt, ich ſehe, Euer Wein geht auf die Neige,— und ich bin, was die Flaſche betrifft, ein ent⸗ arteter Osbaldiſtone. Wollt Ihr in mein Zimmer kommen, ſo bin ich der Eurige beim Piquet.“ Wir ſtanden auf, um uns von Miß Vernon zu verab⸗ ſchleden, welche mit ſichtlicher Anſtrengung von Zeit zu Zeit eine ſtarke Verſuchung unterdruͤckt hatte, Raſhleigh zu un⸗ terbrechen. Als wir das Zimmer verließen, brach die un⸗ terdruͤckte Flamme aus.„Herr Osbaldiſtone,“ ſagte ſie, „Eure eigene Beobachtung wird Euch in Stand ſetzen, die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit von Raſhleighs Aeußerun⸗ gen uͤber Leute, wie Campbell und Morris zu wuͤrdigen. Aber in ſeinen Schmaͤhungen uͤber Schottland hat er falſch Zeugniß abgelegt gegen ein ganzes Land, und ich bitte Euch, dieſem Zeugniß kein Gewicht beizulegen.“ „Vielleicht wird es mir etwas ſchwer, Eurer Ermah⸗ nung Folge zu leiſten, Miß Vernon, denn ich muß geſte⸗ hen, daß man mir bei meiner Erziehung keine allzuguͤnſtige Anſicht von unſern noͤrdlichen Nachbarn beigebracht hat.“ 40 „Mißtraut dieſem Theil Eurer Erziehung,“ erwiederte ſie,„und laßt die Tochter einer Schottin Euch bitten, das Land zu achten, das ihre Mutter gebar, bis eigene Beob⸗ achtung Euch zeigt, ob es Eurer guten Meinung unwür⸗ dig iſt. Bewahrt Euern Haß und Eure Verachtung gegen Verſtellung, Niederkraͤchtigkeit und Falſchheit, wo ſie Euch auch aufſtoſſen moͤgen. Ihr koͤnnt genug davon finden, ohne England zu verlaſſen.— Gott befohlen, Ihr Herrn,— ich wuͤnſche Euch guten Abend.“ 3 Und ſie wies nach der Thuͤre gleich einer Prinzeſſin, die ihr Gefolge entlaͤßt. Wir begaben uns nach Naſhleighs Zimmer, wohin ein Diener uns Kaffee und Karten brachte. Ich hatte den Ent⸗ ſchluß gefaßt, wegen der Ereigniſſe des Tags nicht weiter in Raſhleigh zu dringen. Ein Geheimniß, und zwar mei⸗ ner Meinung nach nicht von der vortheilhafteſten Art, ſchien uͤber ſeinem Benehmen zu ſchweben, wollte ich mich aber der Richtigkeit meines Argwohns gewiß machen, ſo mußte ich ihn voͤllig ſicher machen. Wir hoben ab, und waren bald ſehr in unſer Spiel vertieft. Ich glaubte in dieſem unbedeutenden Zeitvertreib.— denn der von Raſh⸗ leigh vorgeſchlagene Satz war eine voͤllige Kleinigkeit,— die Anzeigen einer heftigen und ehrgeizigen Gemuͤthsart zu erkennen. Er ſchien das angenehme Spiel vollkommen zu verſtehen, doch zog er, gleich als waͤre es aus Grund⸗ ſatz, die kuͤhnen und gewagten Schlaͤge den gewoͤhnlichen Spielregeln vor, vernachlaͤßigte die geringern und beſſer abgewogenen Vortheile, und wagte alles, um einen Sech⸗ ziger, Neunziger, oder ſeinen Gegner Matſch zu machen. Sobald eine oder zwei Parthien, gleich der Muſik zwiſchen den Acten eines Dramas, unſere vorherige Unterredung — 41 volll unterbrochen hatte, ſchien Raſhleigh des Spiels muͤde zu werden, und legte die Karten bei Seite, um wieder ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen.“ Mehr gelehrt, als wahrhaft weiſe, beſſer bekannt mit dem menſchlichen Gemuͤthe, als mit den ſittlichen Grund⸗ ſaͤtzen des Handelns, beſaß er eine Gewalt in der Unterre⸗ dung, die ich ſelten erreicht, nie uͤbertroffen ſah. Sein Benehmen zeigte, daß er ſich deſſen bewußt war, wenig⸗ ſteus ſchien es mir, als haͤtte er ſich große Muͤhe gegeben, die natuͤrlichen Vortheile einer melodiſchen Stimme, eines fließenden, gluͤcklichen Ausdrucks, einer angemeſſenen Spra⸗ ſche und einer gluͤhenden Einbildungskraft noch zu erhöhen. Er war nie laut, nie hochfahrend, nie ſo ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchaͤftigt, daß er die Geduld oder die Faſſungskraft derjenigen, mit denen er ſich unterredete, er⸗ muͤdet haͤtte. Seine Gedanken folgten einander ſtill und ununterbrochen, gleich einer vollen, reichen Quelle, waͤhrend die Rede anderer, die nach dem Ruhme einer vorzuͤglichen Unterhaltung ſtrebten, hervorſtuͤrzte gleich dem truͤben Strom aus der Schleuſe eines Muͤhlenteichs, raſch, und eben ſo ſchnell erſchoͤpft.. Es war ſpaͤt in der Nacht, ehe ich mich von einem ſo einnehmenden Geſellſchafter trennen konnte, und als ich mein Zimmer erreicht hatte, koſtete es mich nicht geringe Anſtrengung, mir den Charakter Raſhleighs ſo ins Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, wie ich mir ihn vor die⸗ ſem Zwiegeſpraͤch ausgemahlt hatte. So ſehr ſchwaͤcht das Gefuͤhl, angenehm unterhalten worden zu ſeyn, unſere Faͤhigkeit, Charaktere aufzufaſſen, undzu beurtheilen, daß ich es nur dem Genuß gewiſſer überſuͤſſer und zugleich ſcharfer Fruͤchte vergleichen kann, die unſera Gaumen fuͤr andere Speiſen voͤllig abſtumpfen. ——— 4² Drittes Kapitel. Was ſohnt ihr, ihr luſtigen Leute all2 Was ſitzt ihr ſo traurig hie? Was hängt ihr den Kopf ſo ſehr in der Hall' Des Schloſſes von Balwearie? Alte ſchottiſche Ballade. Der naͤchſte Tag war ein Sonntag, an dem man zu Osbaldiſtone⸗Hall beſondere Muhe hatte, die Stunden hinzubringen; denn nach dem Morgengottesdienſt, bei dem ſich die ganze Familie regelmaͤßig einfand, war es, wenn man Miß Vernon und Raſhleigh ausnahm, ſchwer zu ſa⸗ gen, uͤber wen der boͤſe Feind der Langenweile ſeinen Geiſt am reichlichſten ausgoß. Von meinem geſtrigen Abentheuer zu ſprechen, ergoͤtzte Sir Hildebranden eine Zeitlang, und er wuͤnſchte mir Gluͤck, dem Gefaͤngniß von Morpeth oder Hexham entgangen zu ſeyn, ungefaͤhr ſo, wie er es gethan haͤtte, wenn ich bei einem mißlungenen Verſuch, uͤber ei⸗ nen Schlagbaum zu ſetzen, geſtuͤrzt, und ohne Schaden da⸗ von gekommen waͤre. „Nun, s iſt gut gegangen, Junge, aber wage Dich nicht noch einmal daran. Weißt Du nicht, die Landſtraße iſt frei fuͤr alle, ſeyen ſie Whigs oder Tories.“ „Auf mein Wort, Sir, ich bin unſchuldig, und es em⸗ poͤrt mich, es von jedermann als bekannt angenommen zu ſehen, daß ich an einem Verbrechen Theil haben ſoll. das ich verachte und verabſcheue, und das mich verdientermaſ⸗ ſen der Ahndung der Geſetze preisgeben wuͤrde.“ „Ja, ja, Junge; es mag ſeyn, ich frage nach nichts⸗ — — ,— 13 niemand iſt gezwungen, gegen ſich ſelbſt auszuſagen,— das iſt klar, ſonſt möchte der Teufel drin ſtecken.“ Naſyleigh kam mir hier zu Huͤlfe, aber ich muß offen geſtehen, daß ich ſeine Gruͤnde mehr fuͤr Winke hielt, die er ſeinem Vater gab, er moͤge ſich ſtellen, er glaube den Betheurungen meiner Unſchuld, als daß er dieſe in der That habe vertheidigen wollen. „In Eurem eigenen Hauſe, lieber Vater— und Euer eigener Neffe— Ihr werdet doch nicht ferner die Gefuͤhle deſſelben verwunden wollen, indem Ihr Mißtrauen zeigt gegen ſeine Behauptungen, wobei er ſo ſehr betheiligt iſt. Ohne Zweifel verdient Ihr ſein volles Zutrauen, und ge⸗ wiß, haͤttet Ihr ihn in dieſer ſonderbaren Sache unterſtuͤ⸗ zen koͤnnen, ſo haͤtte er gewiß zu Eurer Guͤte ſeine Zu⸗ flucht genommen. Aber mein Vetter Franz wurde als un⸗ ſchuldiger Mann entlaſſen, und niemand iſt berechtigt, ihn fuͤr ſchuldig zu halten. Ich ſelbſt zweifle nicht im gering⸗ ſten an ſeiner Unſchuld, und unſere Familten⸗Ehre erfor⸗ dert, daß wir ſie mit Wort’und Schwert gegen jeden be⸗ haupten.“ „Raſyleigh,“ ſprach Sir Hildebrand mit einem ſchar⸗ fen Blicke;„Du biſt ein ſchlauer Burſche, Du biſt mir und den meiſten Leuten immer zu liſtig geweſen. Nimm Dich in Acht, daß Du nicht Dir ſelbſt zu liſtig wirſt,— zwei Geſichter unter einen Kappe iſt gegen die aͤchte Wap⸗ penkunde.— Doch da wir von Wappenkunde reden, ſo will ich im Gwillym leſen.“ Dieſen Entſchluß zeigte er mit einem Gaͤhnen an, dem er ſo wenig widerſtehen konnte, als die Goͤttin in der Dun⸗ ciade, und ſeine Rieſenſoͤhne gaͤhnten ihm nach, als ſie da und dort hin giengen, um irgend einen Zeitvertreib aufzu⸗ 44 ſuchen, wie er ihnen behagte,— Percie, um eine Flaſche Maͤrzbier mit dem Hausmeiſter in der Kellerel auszuſte⸗ chen,— Thorncliff, um ein Paar Pruͤgel zu ſchneiden, und mit dem Griff von Weidengeflecht auszuruͤſten,— John. um Maienkaͤfer abzurichten,— Richard, um Muͤnz oder Flach mit ſich ſelbſt zu ſpielen, die rechte Hand gegen die linke, und— Wilfred, um an den Naͤgeln zu kauen, und ſich in den Schlaf zu brummen, der wo moͤglich bis zum Miktageſſen dauern ſollte. Miß Vernon hatte ſich in die Bibliothek zuruͤckgezogen. Raſhleigh und ich blieben allein in der alten Halle, aus welcher die Diener mit gewoͤhnlichem Laͤrm und Un⸗ geſchick allmaͤhlig die Reſte unſeres kraͤftigen Fruͤhſtuͤcks wegraͤumten. Ich ergriff die Gelegenheit, ihm uͤber die Ark, wie er zu ſeinem Vater von meiner Angelegenheit geſprochen hatte, Vorwürfe zu machen, und ſagte ihm of⸗ fen, ſie ſey ſehr beleidigend fuͤr mich, da er ſeinen Vater mehr zu ermahnen ſchien, ſeinen Verdacht zu verbergen, als ihn aufzugeben. „Was konnte ich thun, mein theurer Freund?“ er⸗ wiederte Raſhleigh;„mein Vater haͤlt jeden Verdacht, wenn er einmal bei ihm Wurzel geſchlagen hat, was, um ihm Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren zu laſſen, nicht leicht geſchieht, ſo feſt, daß ich es ſtets fuͤr das Beſte hielt, ihn daruͤber zum Stillſchweigen zu bringen, ſtatt mich in Eroͤrterungen ein⸗ zulaſſen. So komme ich mit dem Unkraute beſſer zu rech⸗ te, ausrotten kann ich es nicht, deßhalb ſchneide ich es ab, ſo oft es auf der Oberflaͤche erſcheint, bis es endlich von ſelbſt abſtirbt. Es iſt weder klug, noch nuͤtzlich, ſich mit ſolchen Leuten, wie Sir Hildebrand iſt, in Streit einzulaf⸗ ſen, ſie verharten ſich ſelbſt gegen die Ueberzeugung, und 45 glauben an ihre eigenen Eingebungen ſo feſt, als ein guter Katholik an die des heili gen Vaters in Rom.“ „Es iſt doch ſehr hart, in dem Hauſe eines Mannes zu leben, der noch dazu ein naher Verwandter iſt, und feſt darauf beharrt, mich eines Straſſenraubs fuͤr ſchuldig zu hal ken.“ „Meines Vaters thoͤrichte Meinung,— wenn man die eines Vaters ſo nennen darf— kann Eure Unſchuld nicht kraͤnken; auch koͤnnt Ihr mir aufs Wort glauben, daß Ser Hildebrand die That, in jeder Ruͤckſicht betrachtet, in politiſcher, wie in moraliſcher, fuͤr verdienſtlich anſieht,— denn ſie ſchwaͤcht ja einen Feind,— iſt eine Beraubung der Amalekiten,— und Ihr ſteht fuͤr Eure vermuthete Mitwirkung in ſeiner Achtung um ſo hoͤher.“ „Herr Raſhleigh, ich wuͤnſche keines Mannes Achtung auf eine Weiſe zu erwerben, wodurch ich in meiner eige⸗ nen ſinke, und dieſer ehrenrübrige Verdacht wird mich be⸗ wegen, Osbaldiſtone⸗Hall zu verlaſſen, ſobald ich deßhalb mit meinem Vater Rückſprache nehmen kann.“ Obwohl Raſhleighs finſteres Geſicht ſelten ſeine Ge⸗ fuͤhle verrieth, ſo erſchien doch darauf ein unterdruͤcktes Laͤ⸗ cheln, das er ſchnell durch einen Seufzer zaͤhmte. „Ihr ſeyd gluͤcklich, Franz; wie der Wind weht, wo⸗ hin er will, ſo geht und kommt Ihr. Mit Eurer Geſchick⸗ lichkeit, Eurem Geſchmack und Talenten werdet Ihr bald Zirkel ſinden, wo man dieſe Eigenſchaften mehr ſaaͤtzt, als unter den ſtumpfen Bewohnern dieſes Hauſes, waͤhrend ich——— er hielt inne. „Und was iſt Euer Loos, daß Ihr oder irgend jemand das meinige beneiden ſollte, da ich aus meines VPaters Haus und Gurnſt, ich kann ſagen verſtoßen bin.“ 46 „Ja, aber bedenkt die Annehmlichkeit des unabhaͤngi⸗ gen Lebens, das Ihr durch ein augenblickliches Oyſer er⸗ rungen habt, denn lange wird dieſe Verſtoßung doch ge⸗ wiß nicht dauern,— bedenkt, daß Ihr ungebunden ſeyd, und frei Eure Anlagen auf dem Wege ausbilden koͤnnt, der Eurem Geſchmack zuſagt, und auf dem Ihr Euch ge⸗ wiß auszeichnen werdet. Ruhm und Freiheit ſind wohl⸗ feil erkauft durch einen kurzen Aufenthalt im Norden, wenn auch Euer Verbannungsort Osbaldiſtone⸗Hall ſeyn ſoll.— Ein zweiter Ovid in Thracien, habt Ihr doch keine ſolchen Gruͤnde, Klagelieder zu ſchreiben.“ „Ich weiß nicht,“ ſagte ich mit dem Erroͤthen eines jungen Schriftſtellers;„woher Ihr meine Beſchaͤftigung in Faulenzerſtunden ſo gut kennt.“ „Vor einiger Zeit war ein Abgeſandter Eures Vaters bier, ein junger Geck, Namens Twineall, von dem ich er⸗ fuhr, daß Ihr heimlich den Muſen opfert, und hinzuſetzte, einige Eurer Verſe ſeyen von den beſten Richtern ſehr be⸗ wundert worden.“ Treſham, du haſt dich, glaube ich, niemals der Vers⸗ macherei ſchuldig gemacht, gewiß aber in deiner Zeit man⸗ chen Lehrling und Geſellen gekannt, vielleicht auch einige Meiſter am Bau des Apollotempels. Eitelkeit iſt ihre all⸗ gemeine Schwaͤche, von Pope an bis zu dem Schmierer, den er in ſeiner Dunciade geißelte. Ich hatte auch mei⸗ nen Theil daran, und ohne zu bedenken, wie wenig jener junge Menſch irgend Anſpruch machen konnte, ein Paar kleine Gedichte zu beurtheilen, die ich auf Buttons Kaffee⸗ haus vorgeleſen hatte, oder die Meinung der Kritiker wie⸗ der mitzutheilen, die ſich dort zu verſammeln pflegten, ſo biß ich doch gleich in die Angel, und ſo wie dieß Raſh⸗ —— 47 1 leigh bemerkte, ergriff er die Gelegenheit, auf eine ſchuͤch⸗ terne, aber anſcheinend inſtaͤndige Weiſe in mich zu drin⸗ gen, ich moͤchte ihm doch einige von meinen Arbeiten in der Handſchrift mittheilen. „Ihr ſollt mir einen Abend ſchenken in meinem eige⸗ nen Zimmer,“ fuhr er fort,„denn ich werde nun bald die Reize einer litterariſchen Unterhaltung mit den Pla⸗ ckereien der Handelsgeſchaͤfte, und dem plumpen Tagwerk gemeiner Arbeit vertauſchen. Ich wiederhole es, meine Nachgiebigkeit gegen die Wuͤnſche meines Vaters zum Nu⸗ zen meiner Familie iſt ein Opfer, beſonders in Betracht des ruhigen und friedlichen Berufs, zu dem mich meine Erziehung beſtimmte.“ Ich war eitel, aber kein Narr, und dieſe Heuchelei war zu ſtark, um ſie zu verdauen.—„Ihr werdet mich nicht uͤberreden,“ erwiederte ich,„daß Ihr es in der That bedauert, die Loge eines unbekannten katholiſchen Prieſters mit allen ihren Entbehrungen gegen Reichthum, Geſellſchaft und die Freuden der Welt zu vertauſchen.“ Raſhleigh ſah, daß er ſeine erkuͤnſtelte Maͤßigung mit allzuſtarken Farben aufgetragen habe, und nach einer klek⸗ nen Pauſe, waͤhrend deren er vermutylich den Grad des Vertrauens berechnete, das er mir zu zeigen habe,(eine Eigenſchaft, womit er nie unnoͤthiger Weiſe freigebig war) antwortete er lachelnd:„In meinem Alter zu Relchthum und weltlichen Geſchaͤften, wie Ihr ſagt, verurtheilt zu ſeyn, klingt vielleicht nicht ſo beunruhigend, als es thun ſollte.— Aber mit Eurer Erlaubniß Ihr habt meine Be⸗ ſtimmung verkannt; ein katholiſcher Prieſter, ja, aber nicht ſo unbekannt uein, Raſyleigh Osbaldiſtone wird, wenn er der reichſte Buͤrger Londons werden ſollte, unbekannter ſeyn, denn als ein Mitglied der Kirche, deren Diener, wie jemand ſagt, die Sandalen an ihren Fuͤßen auf den Na⸗ cken der Fuͤrſten ſetzen. Meine Familie ſteht in hohem Anſehen an einem gewiſſen verbannten Hofe,— und noch hoͤher ſteht das Gewicht, das dieſer Hof zu Rom beſitt, und beſitzen muß,— meine Anlagen ſteben nicht ganz hin⸗ ter der Erziehung zuruͤck, die ich empfing— und ſo haͤtte ich in beſonnener Berechnung wohl die Ausſicht auf eine hohe Wuͤrde in der Kirche, ja den Traͤumen meiner Phan⸗ taſie nach auf die hoͤchſte haben koͤnnen.— Warum ſollte nicht,“ ſetzte er lachend hinzu, denn es war ſeine Gewohn⸗ heit, einen Theil des Geſpraͤchs ſcheinbar zwiſchen Scherz und Ernſt zu halten—„warum ſollte nicht Cardinal Os⸗ bal iſtone das Schickſal der Reiche haben lenken koͤnnen, er, von hoher Geburt und guͤnſtigen Verbindungen, eben ſo gut, als der niedrig geborene Mazarin, oder Alberoni, der Sohn eines itallaͤniſchen Gaͤrtners?“ „Nun ich kann Euch keine Gruͤnde dagegen anfuͤhren, an Eurer Stelle aber wuͤrde ich nicht ſehr bedauern, die Hoffnung auf eine ſo ungewiſſe und gehaͤßige Erhebung zu verlieren.“ „Auch ich wuͤrde es nicht thun,“ erwiederte er;„waͤre ich nur gewiß, daß meine jetzige Stellung ſicherer waͤre; dies haͤngt aber von Umſtaͤnden ab, die ich nur aus Erfah⸗ rung kennen lernen kann,— zum Beiſpiel von den Ge⸗ ſinnungen Eures Vaters.“ „Sagt doch die Wahrheit gerade heraus,“ Raſhleigh; Ihr moͤchtet gerne von mir etwas uͤber ihn hoͤren?“ „Da Ihr, wie Oiana Vernon, dem Banner des guten Ritters Offenherz folgen wollt, ſo erwiedere ich gerade zu — ig.“ „Nun — — 49 „Nun denn, Ihr werdet an meinem Vater eſnen Mann finden, welcher die Bahn eines eintraͤglichen Ge⸗ werbs mehr um der Uebung willen verfolgte, die ſie ſeinen geiſtigen Kraͤften bot, als aus Liebe zu dem Golde, womit ſie beſtreut war. Sein thaͤtiger Geiſt waͤre in jeder Lage gluͤcklich geweſen, die ſelner Kraftanſtrengung ein Ziel ge⸗ geben haͤtte, weil dieſe Anſtrengung ſein einziger Lohn ge⸗ weſen waͤre. Aber ſein Vermoͤgen mehrte ſich, da bei ſeiner maͤßigen Lebensweiſe mit dem ſteigenden Einkommen nicht auch neue Ausgabequellen ſich oͤffneten. Er iſt ein Mann, der Verſtellung an andern haßt, und nie ſie ſelbſt ausuͤbt, und er beſitzt eine beſondere Geſchicklichkeit, die wahren Beweggruͤnde aus einem Schwall von Worten heraus zu finden. Aus Gewohnheit ſchweigſam kann er Schwaͤzer nicht leiden, um ſo mehr, da die Gegenſtaͤnde, die ihn am meiſten anziehen, nicht viel Stoff zu Unterredungen ga⸗ ben. Er iſt ſehr ſtrenge in den Pflichten der Religion, aber daß er ſich in Eure Glaubensmeinungen miſchen wird, därft Ihr nicht beſorgen, er betrachtet Duldung als einen heiligen Grundſatz im Staatsleben. Habt Ihr aber, wie ich vermuthen muß, eine Vorliebe fuͤr das vertriebene Koͤ⸗ nigsgeſchlecht, ſo thut Ihr wohl, dieß ſowohl, als alle Tory⸗Hrundſaͤtze in ſeiner Gegenwart zu unterdruͤcken, denn beides verabſcheuet er ſehr. Sein Wort iſt uͤbrigens unverlezlich, und muß es allen ſeyn, die unter ihm ſte⸗ hen. Er wird nie ſeine Pflicht gegen jemand verlezen duldet es aber auch von niemand gegen ſich; ſtrebt Ihr nach ſeiner Gunſt, ſo muͤst Jör ſeine Befehle vollziehen, ſtatt der Wiederhall ſeiner Meinungen ſeyn. Seine groͤß⸗ ten Feyler entſoringen aus Vorurtheilen, die mit ſeinem Berufe verbunden ſind, oder 1 ut der vielmehr aus einer ſo aus⸗ W. Scott't Werke. cl. 5 4 icht uͤber die Geographie der leigh.„Das iſt nicht der Muͤh * 50 5 ſchließenden Hinneigung zu ſeinem Gewerbe, daß er wenig des Lobs oder der Aufmerkſamkeit werth haͤlt, was nicht wenigſtens einigermaßen, mit dem Handel in Verbindung ſteht.“ „Eine herrliche Abbildung!“ rief Raſhleigh aus, als ich geendet hatte,—„Vandyke war ein Sudler gegen Euch. Ich ſehe deinen Vater vor mir mit all ſeinen ſtar⸗ ken und ſchwachen Seiten, er liebt und ehrt den Koͤnig, wie eine Art Oberbuͤrgermeiſter des Reichs, oder Vorſte⸗ her einer Handelskammer;— er verehrt das Haus der Gemeinen wegen der Acten uͤber den Ausfuhrhandel,— und die Pairs, weil der Lordkanzler auf einem Woll ack ſißt. „Das meinige war ein Bild, Raſhleigh, das Eurige iſt ein Zerrbild. Aber zum Lohne fuͤr die Landkarte, die ich vor Euern Augen entrollte, gebt mir nun einiges unbekannten Laͤnder....“ gelitten habt,“ ſagte Raſh⸗ e werth, es iſt keine Ka⸗ hattiger Baͤume und verſclungener Gaͤnge,— ſondern ein oͤdes, duͤrres northumbriſches Moor, das eden ſo wenig die Neugierde reizen, als das Auge ergoͤtzen kann; nach einem kurzen Ueberblick koͤnnt Ihr es in all ſeiner Nacktheit ſo gut beſchreiben, als laͤge es gemeſſen und gezeichnet vor Euch.“ „Doch iſt manches da, was einer naͤhern Aufmerkſam⸗ keit werth iſt.— Was ſagt ahr zu Miß Vernon? Iſt ſie nicht ein intereſſanter Pun in der Landſchaft, waͤre ſie auch rin s umher ſo rauh, als Islands Kuͤſte?“. Ich ſah deutlich, daß Raſhleigh ungern auf das Ge⸗ ſpraͤch einging, das ich anknuͤpfen wollte, aber meine frei⸗ „Woran Ihr Schiffbruch lypſo Inſel voll ſ * 51 maͤthige Mittheilung hatte mir das vortheilhafte Anrecht gegeben, gleichfalls Fragen zu machen. Raſhleigh fuͤhl⸗ te dieß, zund ſah ſich genoͤthigt, meiner Aufforderung zu folgen, ſo ſchwer es ihm auch ſeyn mochte, die Kar, ten zu ſeinem Vortheil zu miſchen.„Seit einiger Zeit,“ ſagte er, weiß ich weniger von Miß Vernon, als fruͤher. In ihrem fruͤbern Alter war ich ihr Lehrer, als ſie aber heranreifte, machten meine mannigfachen Abhal⸗ tungen,— das ernſte Amt, zu dem ich beſtimmt war,— ihre ganz beſondern Verbindungen— kurz unſere gegen⸗ ſeitige Lage eine nahe und dauernde Vertraulichkeit ge⸗ faͤhrlich und unſchicklic. Miß Vernon mochte meine Zu⸗ ruͤckhaltung als Unfreundlichkeit betrachten, es war aber meine Pflicht, und es war mir ſo empfindlich, als es ihr u ſeyn ſcheint, daß ich der Stimme der Vorſicht folgen mußte. Wo war aber Sicherheit, wenn ich ein vertrautes Verhaͤltniß mit einem ſchänen und empkaͤnglichen Maͤdchen fortſetzte, deſſen Herz, wie Ihr ſeht, dem Kloͤſter oder ei⸗ nem verlobten Braͤutigam gehoͤren muß?“ „Dem Kioſter oder einem verlobten Braͤutigam?“ wie⸗ derbolte ich.„Iſt das die Wabl, die ihr bevorſteht?“ „Allerdings,“ ſagte Raſbleigh mit einem Seufzer. „Ich habe vermuthlich nicht noͤthig, Euch vor der Gefahr zu warnen, eine zu enge Freundſchaft mit Miß Vernon zu ſchließen. Ihr ſeyd ein Mann von Welt, und wißt wie weit Ihr Euc ihrere Geſellſchaft hingeben koͤnnt, wenn es ſich mit Sicherheit fuͤr Euch, und Gerechtigkeit gegen ſie verkragen ſoll. Aber ich warne Euch, bei threm feurigen Temperament muß Eure Erfayrung eben ſo wohl über ſie, als uͤber Euch ſelbſt wachen, und der geſtrige Fall kand 4.. 2 52 Euch ihre Unbeſonnenheit und ihre Nichtachtung der Schick⸗ lichkeit zeigen.“ Ich fuͤhlte, daß hierin etwas wahres, und ein geſan⸗ der Verſtand lag, es ſchien mir eine freundliche War⸗ nung, und ich hatte kein Recht, es uͤbel zu nehmen, und doch haͤtte ich Raſhleigh waͤhrend er ſprach mit Vergnuͤ⸗ gen durchbohren koͤnnen. Zum T. l mit ſeiner Unver⸗ ſchaͤmtheit! dachte ich. Wollte er mir zu verſteben geben, Miß Vernon habe ſich in ſeine Fraze verliebt, und ſey ſo tief geſunken, daß ſeine Zuruͤckgezogenheit noͤthig ſey, um ſie von einer unverſtaͤndigen Leidenſchaft zu heilen? Er muß mir ſeine Meinung offen ſagen, und ſollte ich ſie ihm mit Gewalt entreiſſen. Aus dieſem Grund nahm ich mich moͤglichſt zuſammen und bemerkte:„fuͤr eine Dame von ihrem Verſtand und ihren Kenntniſſen, ſey es zu bedauern, daß ihr Betragen etwas unzart und roh ſey.“ „Frei und ohne Nuͤckhalt wenigſtens im hoͤchſten Gra- de,“ erwiederte Rafhleigh; doch glault mir, ſie hat ein vorkreffliches Herz. Um Euch die Wahrheit zu ſagen, ſollte ſie in ihrer voͤlligen Abneigung gegen das Kloſter und den ihr beſtimmten Braͤutigam fortfahren, und ſollten meine Arbeiten in den Goldgruben des Plutus mir eine an ſtaͤndige Unabhaͤngigkeit ſichern, ſo denke ich unſere Be⸗ kanntſchaft zu erneuern, und mein Vermoͤgen mit ihr zu theilen.“ Troz ſeiner ſa zuen Stimme und ſeinen wohlgeſetzben NReben kam mir Naſbleigh als der haͤßlichſte und einge⸗ vpildetſte Geck ver, den ich je ſah. „Aber,“ fuhr Rafhleigh fort, gleichſem als ſpraͤche er nur fuͤr ſich, ich moͤchte nicht an Thorncliſs Stelle treten. 53 „Thorncliff?— Iſt Euer Bruder Thorneliff der fuͤr Diana Vernon beſtimmte Braͤutigam?“ fragte ich voll Er⸗ ſtaunen. „Nan ja, der Befehl ihres Vaters, und ein gewiſſer Familienvertrag machen es ihr zur Pflicht, einen von Sir Hildebrands Soͤhnen zu heirathen. In der von Rom er⸗ haltenen Diſpenſation ſteht blos der Familienname Os⸗ baldiſtone, Sohn Sir Hildebrands Osbaldiſtones u. ſ. w.; es iſt nur noch noͤthig, den gluͤcklichen heraus zu finden, deſſen Name die Luͤcke ausfuͤllen ſoll. Da nun Perlie ſel⸗ ten nuͤchtern iſt, ſo hat nun mein Vater Thorneliff dazu beſtimmt, als den zweiten Sproſſen der Familie, und des⸗ halb am geeignetſten, den Stamm Osbaldiſtone fortzu⸗ fuͤhren.“ „Das Fraͤulein,“ ſagte ich, mich zu einem ſcherzhaften Tone zwingend', der mir aber glaube ich, ausnehmend ſchlecht ſtand,„das Fraͤulein wuͤrde vielleicht lieber etwas tiefer am Familienbaume hinabgeblickt haben, um den Zweig zu finden, um den ſie ſich ſchlingen moͤchte.“ „Ich kann es nicht ſagen,“ erwiederte er.„In un⸗ ſerer Familie iſt wenig Wahl. Richard iſt ein Spieler, John ein Bauer, und Wilfred ein Eſel. Ich glaube, mein Vater hat doch am Ende fuͤr die arme Diana am beſten gewaͤhlt.“ „ Meine jetzige Geſellſchaft jedoch,“ ſagte ich,„ſtets ausgenommen.“ „Meine Beſtimmung fuͤr die Kirche ließ mich hier nicht in Betracht kommen, übrigens will ich auch nicht ſagen, daß man darum in mir eine beſſere Wahl, als bez meinen aͤltern Bruͤdern getroffen haben wuͤrde, weil meine . 54 3 Erziehung mich faͤhig machte, Miß Vernon zu unterrich ten und zu leiten.“ „Ohne Zweifel war das Fraͤulein dieſer Meinung?“ —„Dus duͤrft Ihr nicht gerade vorausſetzen,“ antwor⸗ tete Raſhleigh verneinend, waͤhrend der Ton eine voͤllige Bejahung ausdruͤckte,„— Freundſchaft,— blos Freund⸗ ſchaft knuͤpfte das Band zwiſchen uns, und die zaͤrtliche Zuneigung eines jugendlich offenen Gemuͤths an ſeinen ein⸗ zigen Lehrer. Liebe blieb uns fern,— ich ſagte Euch, ich wäͤrde fruͤyzeitig weiſe.“ Ich fuͤhlte keine Neigung, dieſe Unterredung noch wei⸗ ter fortzuſetzen, machte mich von Raſhleigh los, und zog mich in mein Zimmer zurück, worin ich, ſo viel ich mich entſiane, heftig bewegt auf⸗ und abging, und die Ausdrücke, die mich am meiſten beleidigt hatten, laut wiederholte.— „Empfaͤnglich,— feurig,— zaͤrtliche Neigung— Liebe!— Diana Vernon, das ſchoͤnſte Geſchoͤpf, das ich je ſah, ihn lieben, den ſaͤbelbeinigen, dicknaͤckigen, hinkenden Schur⸗ ken! Der ganze Richard bis auf den Buckel!— Und doch, die Gelegenheit, die er waͤhrend ſeiner verfluchten Unter⸗ richtsſtanden haben mußte,— die fließende Leichtigkeit des Menſchen, ſeine Gedanken auszudruͤcken;— ihre voͤllige Trennung von allen, die mit geſundem Menſchenverſtand ſprachen und handelten, ja, und ihr offenbarer Unmuth ge⸗ gen ihn, bei der Bewunderung ſeiner Talente, das ſieht der Empfindlichkeit uͤber eine vernachlaͤßigte Zuneigung ſo aͤhnlich, als etwas.— Nun, und warum ſtuͤrme und raſe denn ich deshalb? Iſt Diana Vernon das erſte buͤbſche Maͤdchen, das einen haͤßlichen Burſchen geliebt oder ge⸗ heirathet hat? Und wenn ſie von jedem dieſer Osbaldi⸗ ſtones frei waͤre, was ging das mich an? Eine Katholi⸗ kin,— eine Jakobitin,— ein Wildfang oben drein,— daran zu denken, waͤre reiner Wahnſinn.“ Durch dieſe Betrachtungen daͤmpfte ich die Flamme des Unwillens, ſo daß ſie nur verzehrend im Innern des Herzens vrannte, und, wie man ſich leicht vorſtellen kann, erſchien ich bei der Tafel in ziemlich muͤrriſcher Laune. —— Viertes Kapitel. Trunken?— und wie ein Papagayſchwanzen? Streit anfan⸗ gen?— Großthun?— Fiuchen?— und mit ſeinem eigenen Schatten Unſinn ſchwazen? Othello. — Ich habe dir ſchon geſagt, mein lieber Tresham, was dir vermuthlich nichts neues iſt, daß mein Hauptfehler ſtets ein unbezwinglicher Stolz war, der mich haͤufigen Kraͤn⸗ kungen ausſetzte. Ich hatte mir noch nicht zugefluͤſtert, daß ich Diana Vernon liebe, kaum hatte aber Raſhleigh von ihr, als von einem Preiſe geſprochen, zu dem er ſich herablaſſen koͤnne, ihn zu erringen, oder den er auch nach Gefallen bei Seite ſetzen koͤnne, als jeder Schritt, den das arme Maͤdcen in der Unſchuld und Offenheit ihres Her⸗ zens gethan hatte, um ein freundſchaftliches Band mit mir zu knuͤpfen, ſich mir als die beleidigendſte Coquetterie dar⸗ ſtellte. So! ſie wollte mich alſo als Luͤckenbuͤſſer ſichern, im Fall Herr Raſhyleigh Osbaldiſtone nicht Mitleid mit ihr hatte! aber ich will ihr zeigen, daß ich mich nicht auf dieſe Weiſe hintergehen laſſe,— ich will ſie fuͤhlen laſſen, daß ich ihre Kuͤnſte durchſchaue, und ſie verachte.“ 56 Ich bedachte in dieſem Augenblick nicht, daß mein ganzer Uamuath, zu dem ich doch durchaus kein Recht hatte, weiter nichts bewieß, als daß ich gegen Miß Ver⸗ non Reize nicht gleichguͤltig ſey, und ſetzte mich des halb in hoͤchſt uͤbler Laune gegen ſie und alle Eveustoͤchter zu Liſche. Miß Vernon hoͤrte mit Erſtaunen meinen unartigen Antworten auf einige ſatyriſche Schlaͤge, die ſie mit ge⸗ wohnter Freimar igkeit austheilte, da ſie aber nicht daran dachte, daß ich boſe ſey, ſo erwiederte ſie meine rauhen Antworten mit aͤhnlichen Scherzreden, die, obwohl von ih⸗ rem Witze geſchaͤrft, doch durch ihre gute Laune gemildert waren. Endlich bemerkte ſie, daß ich ernſtlich verſtimmt ſey, und antwortete auf eine meiner unfreundlichen Re⸗ den.„Man ſagt, Herr Franz, daß ſich auch von Narren etwas kluges lernen laͤßt— ich hoͤrte Vetter Wilfred ſich weigern, laͤnger mit Vetter Thorncliff das Pruͤgelſpiel zu ſoielen, weil Vetter Thorncliff zornig wurde, und ſtaͤrker zuſchlug, als die Regel eines freundſchaftlichen Kampfs ge⸗ ſtattete.„Wollte ich dir im Ernſte den Kopf einſchlagen,“ ſagte Wilfred,„ſo wuͤrde ich mich um deinen Zorn nicht kuͤmmern, denn es waͤre nur um ſo leichter gethan, aber es iſt hart, daß ich ernſte Pruͤgel bekommen, und ich da⸗ gegen nur Lufthiebe austheilen ſoll.— Koͤnnt Ihr die An⸗ wendung machen, Herr Franz?“ Ich habe nie die Nothwendigkeit gefuͤblt, gnaͤdiges Fraͤulein, das bischen Verſtand herauszuſuchen, womit dieſe Familie ihre Unterhaltung wuͤrzen will.“ „Nothwendigkeit!— gnaͤdiges Fraͤulein!— ich bin erſtaunt, Herr Osbaldiſtone,“ „Das thut mir leid.“ 3 5 57 Soll ich dieſen launiſchen Ton fuͤr Ernſt halten, oder iſt er nur asgenommen, um Eurer guten Laune deſto mehr Werth zu geben?“ „Ihr habt ein Recht auf die Aufmerkſamkeit ſo vieler Herrn aus dieſer Familie, Miß Vernon, daß Ihr es nicht der Muͤhe werth finden koͤnnt, nach den Urſachen meines Stumpfſinnes und meiner ubeln Laune zu fragen.“ „Wie? ſoll ich es ſo verſtehen, daß Ihr meine Par⸗ thei verlaſſen habt, und zu dem Feinde uͤbergegangen ſeyd?“ 3 Dann blickte ſie uͤber den Tiſch, und als ſte bemerkte, daß Raſhleigh, der gegenuͤber ſaß, uns mit einem beſon⸗ dern Ausdruck von Theilnahme auf den harten Zuͤgen be⸗ obachtete, fuhr er fort „Entſetzlicher Gedanke!— es iſt wahr Ich ſehe es, denn Raſhleighs grimmiges Geſicht Blickt lächelnd auf mich her, und zeigt auf dich Als ſeinen—“ „Nun dank dem Himmel und dem ſchuldloſen Zuſtan⸗ de, der mich dulden gelehrt hat, ich werde nicht ſo leicht empfindlich; und damit ich nicht gezwungen werde, einen Zank anzufangen, ich mag wollen oder nicht, ſo habe ich die Ehre, Euch fruͤher als gewoͤhnlich eine gluͤckliche Ver⸗ dauung Eurer Mahlzeit und Eurer ſchlechten Laune zu wuͤnſchen.“ 1 Mit dieſen Worten verließ ſie die Tafel. Als ſie ſich entfernt hatte, war ich mit meinem Be⸗ nehmen ſehr wenig zufrieden. Ich hatte das Woblwollen, womit ſie mir entgegen kam, und deſſen treue Aufrichtig⸗ keit ſich erſt kuͤrzlich erprobt hatte, zuruͤckgeſtoßen, und war nahe daran geweſen, das ſchoͤne, und wie ſie ſich ſelbſß mit 8 S einigem Nachdruck genannt hatte, das unbeſchuͤtzte Ge⸗ ſchoͤpf zu beleidigen. Mein Benehmen ſchien mir ſelbſt roh. Um dieſe unangenehmen Betrachtungen zu bekaͤmpfen, hielt ich mich mehr als gewoͤhnlich an die Flaſche, die um die Tafel kreiste. Mein auſgeregter Zuſtand und meine ſonſtige Maͤßig⸗ keit machten, daß ich die Wirkung des Weins um ſo ſchnel⸗ ler fuhlte. Geuͤbte Zecher koͤnnen, glaube ich, eine betraͤcht⸗ liche Menge geiſtiger Getraͤnke in ſich hineingießen, die einen Verſtand kaum trüben, der im nuͤchternen Zuſtande nicht zu den klarſten gehoͤrt; wer aber kein gewohnter Trin⸗ ker iſt, auf den wirkt der Wein deſto maͤchtiger. Meine ohnehin erregten Lebensgeiſter wurden uͤber alle Graͤnzen im Taumel hingeriſſen. Ich ſprach viel, beſtritt Dinge, von denen ich nichts verſtand, erzäͤhlte Geſchichten, deren Ende ich vergaß, und lachte dann ſelbſt unmaͤßig uͤber meine Vergeßlichkeit; ich nahm Wetten an, ohne die mindeſte Beurtheilung der Sache, und forderte den Rieſen John zum Ringen auf, was mir ſicherlich ſchlecht bekommen waͤ⸗ re, wenn nicht die Guͤte meines Oheims dieſe Tollheit ver⸗ hindert haͤtte. Boͤſe Zungen behaupten ſogar, ich haͤtte in dieſem Zuſtand geſungen, da ich mich aber deſſen gar nicht erinnere, und nie in meinem Leben, weder vor, noch nach⸗ her, je verſuchte, einen Ton herauszubringen, ſo hoffe ich, dieſe Verlaumdung ſoll ohne Grund ſeyn. Ich war ohne⸗ hin abgeſchmackt genug. Ohne voͤllig meine Beſinnung zu verlieren, war ich doch bald meiner durchaus nicht mehr maͤch⸗ tig, und meine ſtuͤrmiſchen Leidenſchaften riſſen mich fort. Ich hatte mich muͤrriſch, unzufrieden und ſchweigſam nie⸗ dergeſetzt, der Wein machte mich geſchwaͤtzig, ſtreit⸗ und zaukſuͤchtig. Ich widerſprach allen Behauptungen, und griff 59 ohne Naͤckſicht auf meinen Oheim ſeine Politik und ſeine Religion an. Die erkuͤnſtelte Maͤßigung Raſhleighs, wo⸗ bei er es aber ſehr gut verſtand, mich immer ſtaͤr ker zu reizen, brachte mich noch mehr auf, als die geraͤuſchvollen, polternden Reden ſeiner Bruͤder. Mein Oheim, ich muß ihm dieſe Gerechtigkeir wiederfahren laſſen, verſuchte, uns zur Ordnung zu bringen, aber ſein Anſehen vermochte uichts gegen den Taumel, den Wein und Leidenſchaft erzeugt hatte. Endlich, ergrimmt uͤber eine wahre oder vermeint⸗ liche Beleidigung, ſchl ug ich mit der Fauſt nach Raſhleigh. Kein Stoiker, der hoch uͤber eigener und fremder Leiden⸗ ſchaft ſteht, haͤtte eine Beleldigung mit kaͤlterer Verachtung aufgenommen; woruͤber er aber ſcheinbar es ſelbſt nicht der Muͤbe werth achtete, ſich zu erzuͤrnen, daruͤber ergrimmte Thorncliff an ſeiner Statt. Die Degen wurden gezogen, wir machten einen oder ein Paar Gaͤnge, aber die andern Bruͤder brachten uns mit Gewalt auseinander, und nie werde ich das teufliſche Laͤcheln vergeſſen, das uͤber Raſh⸗ leighs widrige Zuͤge zuckte, als ich durch die uͤberlegene Staͤrke zweier dieſer jungen Titanen aus dem Zimmer gebracht wurde. Um mich auf meinem Zimmer feſtzuhal⸗ ten, verriegelten ſie die Thuͤre, und zu meiner unausſprech⸗ lichen Wuth hoͤrte ich ſie herzlich lachen, als ſie die Treppe hinabgiengen. Ich verſuchte in meiner Wuth hinauszubre⸗ cchen, aber dle Fenſtergitter und die eiſenbeſchlagene Thuͤre ſpotteten meiner Anſtreugungen. Endlich warf ich mich auf das Bett, und ſchlief ein mitten unter heißen Wuͤn⸗ ſchen nach Rache, die ich am folgenden Tag nehmen wollte. 3 Aber mit dem Morgen kam die kuͤhle Reue. Die Hef⸗ igkeit und Abgeſchmacktheit meines Benehmens peinigte mlch, und ich mußte geſtehen, daß Wein und Leidenſchaf⸗ ten meinen Verſtand unter den Wilfreds herabgewuͤrdigt hatten, den ich doch ſo fehr verachtete. Meine unange⸗ nehmen Betrachtungen wurden keineswegs gemildert, wenn⸗ ich die Nothwendigkelt erwog, mein ungeeignetes Beneh⸗ men zu entſchuldigen, und wenn ich bedachte, daß Miß Vernon Zeugin meiner Demuͤthigung ſeyn wuͤrde. Mein unfreundliches und unſchickliches Benehmen gegen ſie er⸗ hoͤhte noch das Quaͤlende jener Betrachtungen, und dafuͤr konnte ich nicht einmal die armſelige Entſchuldigung eines Rauſches anfuͤhren. Unter allen dieſen druͤckenden Gefuͤhlen von Schaam und Erniedrigung gieng ich hinab zum Fruͤhſtuͤcke, gleich einem Verbrecher, der ſeinen Urtheilsſpruch empfangen foll. Zufaͤlligerweiſe hatte ein harter Froſt es unmdglich gemacht, die Hunde hinauszufaͤhren, und ſo hatte ich auch Raſhleighs und Miß Vernons, in voller Verſammlung zu finden. Sie waren ſehr munter, als ich eintrat, und leicht hemerkte ich, daß man ſich auf meine Koſten luſtig mach⸗ te. Und in der That, was mich ſo ſchmerzlich bekuͤmmer⸗ te, wurde von meinem Oheim und dem groͤßten Theil mei⸗ ner Vettern als ein herrlicher Spaß betrachtet. Sir Hil⸗ noch die Demuͤthigung, die ganze Familie mit Ausnahme debrand neckte mich mit den Vorfaͤllen des geſtrigen Abends, und ſchwor, es ſey beſſer, ein junger Menſch betrinke ſich dreimal des Tags, als daß er gleich einem Presbyteria⸗ ner nuͤchtern zu Bett ſchliche, und eine luſtige Geſellſchaft bei der Flaſche zuruͤcklaſſe. Zur Unterſtuͤtzung dieſer Troſt⸗ rede leerte er einen tuͤchtigen Humpen Branntwein, und er⸗ mahnte mich, ein Haar von dem Hund hinabzuſchlucken, der mich gebiſſen habe, „ — 61 „Merke nicht auf dieſe lachenden Jungen da, Neffe,“ fuhr er fort,„ſie wuͤrden alle eben ſolche Milchſuppen⸗ geſichter ſeyn, wie Du, haͤtte ich ſie nicht, ſo zu ſagen, beim Humpen großgezogen.“ Boͤsartigkeit war im Ganzen nicht der Fehler meiner Vettern, ſie ſahen, daß das Andenken an den vorigen Abend mir laͤſtig und peinlich war, und bemuͤhten ſich mit vlum⸗ per Freundlichkeit, den unangenehmen Eindruck auszuloͤ⸗ ſchen, den es auf mich gemacht hatte. Thorneliff allein ſah finſter und unverſoͤhnt aus. Dieſem jungen Manu war ich von Anfang an zuwider geweſen, und er allein hatte an den Merkmalen von Aufmerkſamkeit, die mir, ſo plump ſie auch ſeyn mochten, ſeine Bruͤder erwieſen, nie Theil genommen. War es richtig, daß ihn die Familie, oder er ſelbſt ſich als den beſtimmten Braͤutigam von Miß Vernon anſah, woran ich indeß zu zweifeln begann, ſo mochte ein Gefuͤhl von Eiferſucht in ſeiner Seele entſtan⸗ den ſeyn durch den auff llenden Vorzug, den ſie mir gab⸗ und Thorncliff mochte vielleicht denken, ich koͤnnte ein ge⸗ faͤhrlicher Nebenbuhler werden. Endlich trat Raſhleigh herein, mit einem Geſicht, fin⸗ ſter, wie ein Trauergewand, und ich konnte nicht zweifeln, daß er uͤber die unverzeihliche und ſchimpfliche Beleidigung bruͤtete, die ich ihm angethan hatte. Ich war bereits mit mir einig, wie ich mich bei der Gelegenheit benehmen wolle, und war zu der Ueberzeugung gelangt, daß wahre Ebre darin beſtehe, eine Beleidigung, die mit irgend ei⸗ ner vermeintlichen Herauskorderuns in gar keinem Verhaͤlt⸗ niß ſtand, zu entſchuldigen, aber nicht zu vertheidigen Ich eilt deßhalb Raſtleigh entgegen, und druͤcte ihm 62 mein lebhafteſtes Bedauern uͤber meine geſtrige Heftigkeit aus. „Nur das eigene Bewußtſeyn, wie unſchicktich mein geſtriges Venehmen war, konnte mich zu einer ſolchen Entſchuldigung bewegen. Ich hoffte, mein Vetter wuͤrde mein offenherzig ausgedruͤcktes Bedauern guͤtig aufnehmen, und bedenken, daß mein unangemeſſenes Benehmen zum groſſen Theil auf Rechnung der auſſerordentlichen Gaſtfrei⸗ heit zu Osbaldiſtone⸗Hall komme.“ „Er ſoll wieder gut Freund mit Dir ſeyn, Junge,“ rief der wackere Ritter im vollen Erguß ſeines Herzens, „ober Gott ſtraf mich, ich neune ihn nicht mehr Sohn. Nun, Raſbleigh, warum ſtehſt Du denn da, wie ein Stock? Es iſt mir leid, das iſt alles, was ein Ehrenmann ſa⸗ gen kann, wenn er etwas Unrechtes gethan hat, beſonders bei der Flaſche.— Ich bin Soldat geweſen, und verſtehe, glaube ich, etwas von Ehrenſachen. Laßt mich nichts mehr davon hoͤren, und nun gehen wir mit einander, und jagen den Dachs aus dem Birkenwalde heraus.“ Raſhleighs Geſicht glich, wie ich Dir ſchon einmal be⸗ merkte, keinem, das mir je im Leben vorkam. Die Son⸗ derbarkeit lag aber nicht nur in den Zuͤgen, ſondern auch in der Art, wie ihr Ausdruck ſich aͤnderte. Wenn auf an⸗ dern Geſichtern Kummer in Freude, Unwillen in Zufrie⸗ denheit uͤbergeht, ſo findet ein kurzer Zwiſchenzuſtand ſtatt, ehe der Ausdruck der vorherrſchenden Leidenſchaft voͤllig uͤber die vorhergehende das Uebergewicht gewinnt. Es iſt eine Art Zwielicht, gleich dem zwiſchen der Aufhellung der Finſterniß und dem Aufgehen der Sonne, waͤhrend deſſen die geſchwollenen Muskeln wieder ſinken, das dunkle Auge ſich aufklaͤrt, die Stirue ſich glaͤttet, das ganze Geſicht“ den 63 ſtrengeren Ausdruck verliert, und heiter und ruhig wird. Raſhleighs Geſicht zeigte keine dieſer Abſtufungen, ſon⸗ dern der Uebergang von dem Ausdruck der einen Leiden⸗ ſchaft zu der entgegengeſetzten war die Rache eines Augen⸗ blicks. Ich kann dieß nur dem ploͤtzlichen Scenenwechſel auf dem Theater vergleichen, wo anf den Pfiff des Aufſe⸗ hers eine Hoͤhle verſchwindet, und ein Luſtwald erſcheint. Meine geſpannte Aufmerkſamkeit war in dem Augen⸗ blicke auf dieſe Sonderbarkeit gerichtet.„Schwarz, wie die Nacht,“ ſtand Raſhleigh bei ſeinem Eintritt da. Mit demſelben unbeweglichen Geſichte hatte er meine Entſchul⸗ digung und ſeines Vaters Ermahnung angehoͤrt, und erſt, als Sir Hildebrand zu ſprechen aufhoͤrte, verſchwand mit einemmal die Wolke, und in den freundlichſten und hoͤf⸗ lichſten Ausdruͤcken druͤckte er ſeine vollſtaͤndige Zufrieden⸗ heit mit meiner voͤllig guͤltigen Entſchuldigung aus. „Ich habe in der That,“ ſagte er,„ein ſo ſchwaches Gehirn, wenn ich mir mehr, als meine gewoͤhnlichen drei Glaͤſer aufbuͤrde, daß ich, wie der ehrliche Caſſio, nur ein undeſtimmtes Bild von der Verwirrung der letzten Nacht habe,— ich erinnere mich an eine Menge Gegenſtaͤnde, aber an nichts deutlich,— an einen Streit, aber nicht weß⸗ halb. Ihr ſeht, mein theurer Vetter,“ fuhr er fort, in⸗ dem er mir freundlich die Hand ſchuͤttelte,„wie ſehr ich erfreut bin, das ich eine Entſchuldigung zu empfangen, ſtatt zu machen habe,— ich will kein Wort mehr daruͤber hoͤren; eine Unterſuchung uͤber die Sache anzuſtellen, waͤre ſeyr thöricht, da die Bilance, die ich gegen mich erwarte⸗ te, ſo unverhofft und erfreulich zu meinem Vortheil ſich gewendet hat. Ihr ſeht, Venter, daß ich bereits die Spra⸗ che meines Berufs rede.“ 5 64 Als ich antworten wollte, und die Augen erhob, begeg⸗ neten meine Blicke denen Miß Vernons, die während der Unterredung unbemerkt eingetreten war, und aufmerkſam zu⸗ gehört hatte. Beſchämt und verwirrt blickte ich zu Boden, und flüchtete mich hinter den wohlbeſetzten Tiſch zu meinen geſchäftigen Vettern. Damit die Creigniſſe des geſtrigen Tages nicht ohne eine praktiſche gute Lehre aus unſerem Gebächtniſſe verſchwinden möchten, gab mein Oheim mir und Raſhleigh den ernſtlichen Rath, unſere Milchſuppengewohnheit, wie er es nannte, zu ändern, und allmählig unſer Gehirn daran zu gewöhnen, ine herrenmäßige Menge Getränke einzunehmen, ohne in Zank und Balgerei zu verfallen. Er empfahl uns täglich ſpielend mit einem Quart Claret den Anfang zu machen, was mit Hülfe von Maͤrzbier und Branntwein eine hübſche Gabe für einen Lehrling in der Zechkunſt ſey. Zu unſerer Ermuthi⸗ gung verſicherte er, er habe viele Leute gekannt, die bis in unſer Alter keine Flaſche Wein auf einmal hätten trinken können, dann aber in artige Geſellſchaft gekommen, dem fröh⸗ lichen Beiſpiel gefolgt und dann unter die beſten Drinker ih⸗ rer Zeit gerechnet worden ſeyen, die ihre ſechs Flaſchen ru⸗ hig und gemächlich austranken, ohne zu zanken und zu ſchwa⸗ zen, oder am Morgen krank und unmuthig zu ſeyn. So weiſe der Rath, und ſo angenehm die Ausſicht war, die er mir bot, ſo benützte ich doch die Ermahnung nur we⸗ nig, zum TCheil vielleicht darum, weil ich oft meine Augen erhob, und Miß Vernons Blicke auf mich gerichtet ſah, in denen ich Mitleid, Bedauern und Unwillen las. Ich ſieng an, mich zu bedenken, auf welche Weile ich eine Erklaͤrungs⸗ und Entſchuldigungsſcene mit ihr herbeiführen könne, als ſie mir zu verſtehen gab, ſie wolle mir die Verlegenheit erſpa⸗ ren, 65 ren, ſie um eine Unterredung zu bitten.„Vetter Franz,“ ſagte ſie, mich mit demſelben Titel anredend, den ſie gewöhn⸗ lich den übrigen Osbaldiſtones gab, obgleich ich nicht berech⸗ tigt war, mich zu ihren Verwandten zu zählen,„ich bin die⸗ ſen Morgen auf eine ſchwere Stelle in Dantes goͤttlicher Co⸗ mödie geſtoßen, wollt Ihr die Güte haben, in die Bibliothek zu kommen, und mir Euern Beiſtand zu leihen? wenn Ihr mir den Sinn des dunkeln Florentiners herausgegraben habt, ſo wollen wir den übrigen in den Birkenwald folgen, und ſehen, wie ſie den Dachs herausgraben.“ Ich bezeigte ſogleich meine Bereitwilligkeit, ihr zu fol⸗ gen. Raſbleigh machte Miene, uns zu begleiten.„Ich bin vielleicht beſſer im Stande,“ ſagte er,„in den Bildern und Auslaſſungen des wilden und düſtern Gedichts Dante's Sinn aufzuſpüren, als den armen harmloſen Einſiedler aus ſeiner Höhle aufzujagen.“ „Verzeiht mir Raſhleigh,“ ſagte Miß Vernon,„da Ihr Eures Vetters Stelle im Comptoir einnehmen ſollt, ſo müßt Ihr ihm dagegen die Sorge überlaſſen, hier die Erziehung Eurer Schülerin fortzuſetzen. Wir wollen Euch indeß her⸗ einrufen, wenn es eine Gelegenheit hiezu giebt; blickt doch nicht ſo ernſthaft darein. Es iſt ohnehin eine Schande, daß Ihr vom Waidwerk nichts verſteht.“ „Ja, ja, Diana,— Du haſt Recht,“ ſagte Sir Hilde⸗ brand mit einem Seufzer.„Raſhleigh mochte ſchlecht beſte⸗ hen, wenn man ihn ausfragen wollte. Hätte er was nütz⸗ liches gelernt, wie ſeine Brüder, er iſt erzogen, wo die auf⸗ wuchſen; aber franzöſiſche Poſſen und Buͤchergelehrſamkeit mit den neuen Rüben, und den Ratten und den Hanovera⸗ nern, das har alles umgekehrt in unſerem Altengland.— Aber komm nur mit uns, Raſhie, und trag' meinen Jagd⸗ W. Scott's Werke. CI, 5 65 ſock; Deine Baſe will jetzt nichts von Deiner Geſellſchaft wiſſen, und man ſoll ihr nichts zuwider thun, das leid ich nicht.— Man ſoll nie ſagen, es ſei nur ein Weib zu Os⸗ baldiſtone⸗Hall, und die ſterbe, weil man ihr den Willen nicht thue.“ Raſhleigh folgte befohlenermaſſen ſeinem Vater, doch nicht ohne Diana zuzuflüſtern:„ich muß wohl in Geſellſchaft der Dame Höflichkeit kommen und anklopfen, wenn ich mich der Thüre der Bibliothek nähere?“ „Nein, nein, Raſhleigh,“ ſagte Miß Vernon,„laßt nur die Erzhexe Heuchelei aus Eurer Geſellſchaft, und Ihr ſeid eines freien Zutritts zu unſern gelehrten Berathungen dann weit ſicherer.“. Mit dieſen Worten gieng ſie nach der Bibliothek, und ich folgte,— gleich einem Verbrecher, den man zum Riecht⸗ platz fuͤhrt,— doch ich beſinne mich, ich habe das Gleichniß ſchon ein, wo nicht zweimal gebraucht. Alſo ohne Gleich⸗ niß, ich folgte ihr mit dem Gefuͤhl eines böſen Gewiſſens und einer ſeltſamen Verlegenheit, das ich um jeden Preis hätte los ſeyn mögen. Es kam mir erniedrigend und un⸗ wuͤrdig vor, unter dieſen Umſtänden einen Beſuch zu ma⸗ chen. Ich hatte lange genug auf dem feſten Lande gelebt, um zu wiſſen, daß Leichtigkeit, Artigkeit und ein gewiſſes Selbſtvertrauen den Mann auszeichnen müſſe, den eine ſchöne Frau zu ihrem Geſellſchafter in einem geheimen Zwiegeſpraͤch wählt. Aber meine engliſchen Gefühle ſiegten über meine franzöſiſche Erziehung, und ich machte, glaube ich, eine ſehr mitleidswürdige Perſon, als Miß Vernon in der Bibliothek ſich majeſtätiſch, gleich einem Richter, der eine wichtige Sa⸗ che anhoͤren und entſcheiden ſoll, in einen Lehnſtuhl ſetzte, und mir ein Zeichen gab, auf dem gegenüberſtehenden Stuhle 67 Platz zu nehmen,(was ich that, dem armen Sünder gleich, der ſein Todesurtheil empfangen ſoll) und dann mit einem Tone bitterer Ironie das Geſpräch begann. Fuͤnftes Kapitel. Fluch, Fluch dem Manne, der zuerſt in Gift Die Todeswaffe tauchte,— doch noch mehr Fluch der Verdamniß jenem, der das Gift, Des Todes in den frohen Becher tröpfelt, und Tod ſtatt Leben in die Adern gießt. 3 Ungenannter. „Auf mein Wort, Herr Franz Osbaldiſtone,“ ſagte Miß Vernon mit einem Tone, der deutlich verrieth, daß ſie ſich zu dieſem ironiſchen Tadel, den ſie über mich ausgießen wollte, völlig berechtigt hielt,„in der That, Ihr ſeid auf dem Wege, uns zu übertreffen. Den geſtrigen Tag könnte man als Euer Probeſtück betrachten, daß Ihr ein Recht habt, Euch von der Zunft des Schloſſes Osbaldiſtone loszuſagen; aber es war ein Meiſterſtück.“ „Ich fühle ganz mein unanſtändiges Benehmen, Miß Vernon, und kann nichts fuͤr mich anführen, als daß ich ei⸗ nige Mittheilungen erhalten hatte, die mich in eine unge⸗ wöhnliche Unruhe verſetzten. Ich weiß, daß ich unartig und abgeſchmackt war.“ „Ihr thut Euch großes Unrecht,“ fuhr ſie in ihrer ſcho⸗ nungsloſen Strafpredigt fort,„nach dem, was ich ſah und dörte, habt Ihr an einem Abend alle die verſchiedenen herr⸗ ·*2 lichen Eigenſchaften, durch die ſich Eure verſchiedenen Vet⸗ ter auszeichnen, glücklich entfaltet;— die Artigkeit und den Edelmuth des wohlwollenden Raſhleigh,— die Mäͤßigkeit Percivals,— den kalten Muth Thorncliffs,— Johns Ge⸗ ſchicklichkeit im Hundebändigen,— Richards Geſchicklichkeit im Wetten,— alles dieß hat ein einziger, Herr Franz, gelei⸗ ſtet, und zwar mit einer Auswahl der Zeit, des Orts und der Umſtände, die dem Geſchmack und dem Scharfſinn Wil⸗ freds Ehre machen würden.“ 3 „Seid doch ein wenig barmherzig, Miß Vernon,“ ſagte ich, denn ich geſtehe, ich hielt die Züchtigung für ſo ſtrenge, als ich ſie verdiente, beſonders wenn ich bedachte, von welcher Seite ſie kam;„verzeiht mir, wenn ich als eine Ent⸗ ſchuldigung fuͤr eine Thorheit, der ich mich nicht gewöhn⸗ lich ſchuldig mache, die Sitte des Hauſes und des Landes anfüͤhre. Ich bin weit entfernt, ſie zu billigen, aber Sha⸗ kespeare ſagt ſelbſt, ein guter Wein ſei ein geſelliges Ding, und jeder Mann könne ſich auch einmal davon werfen laſ⸗ ſen.“ „Richtig, Herr Franz, aber er legt dieß Lob und dieſe Entſchuldigung dem größten Schurken in den Mund, den ſein Pinſel gezeichnet hat. Indeſſen will ich den Vortheil nicht mißbrauchen, den mir Eure Anführung gibt, indem ich Euch entgegenhalte, was der arme Caſſio dem Verführer Jago erwiedert. Ich wuͤnſche blos, daß Ihr wiſſet, hier be⸗ finde ſich wenigſtens eine Perſon, der es leid thut, daß ein junger Mann, deſſen Talente zu ſolchen Erwartungen berech⸗ tigen, in den Schlamm hineinſinkt, in dem die Bewohner dieſes Hauſes ſich jede Nacht wälzen.“ „Ich habe mir nur die Schuhe naß gemacht, ich ver⸗ 69 ſichere Euch, Miß Vernon, und der Schmutz widert mich all⸗ zu ſehr an, als daß ich weiter in die Pfüze hineingehen möchte.““ „Das iſt ein weiſer Entſchluß,“ erwiederte ſie.„Was ich hörte, war mir ſo peinlich, daß ich meine Angelegenhei⸗ ten über den Eurigen vergaß.— Ihr habt mich geſtern waͤhrend des Eſſens auf eine Art behandelt, als hätte man Euch etwas geſagt, das mich in Eurer guten Meinung her⸗ unterſetzte.— Darf ich Euch fragen, was es war?“ Ich erſtarrte,— die offene Dreiſtigkeit der Frage glich ziemlich der Art, wie ein Ehrenmann einem andern uͤber ei⸗ nen Theil ſeines Benehmens in freundlichem, doch beſtimm⸗ tem Tone Erklärung abfordert, und war von allen Umſchrei⸗ bungen, Milderungen, Umſchweifen, wovon Erklärungen zwi⸗ chen Perſonen verſchiedenen Geſchlechts in den höhern Klaſ⸗ ſen der Geſellſchaft ſonſt begleitet ſind, völlig entblöst. Ich blieb immer noch durchaus verlegen, denn ich erin⸗ nerte mich nur zu wohl, daß Raſhleighs Mittheilungen, auch ihre Richtigkeit angenommen, mehr mein Mitleiden, als mei⸗ nen kleinlichen Zorn hätten rege machen ſollen; und haͤtten ſie auch die beſtmöglichſte Entſchuldigung für mein eigenes Benehmen abgegeben, ſo mußte es mir doch äußerſt ſchwer werden, Miß Vernon etwas mitzutheilen, was nothwendiger und natürlicher Weiſe ihr Gefuhl beleidigen mußte. Sie bemerkte mein Zaudern, und drang in einem etwas ſtärkern, doch immer noch gemaͤßigten und höflichen Tone in mich. „Ich hoffe, Herr Osbaldiſtone, Ihr werdet mir das Recht nicht ſtreitig machen, dieſe Erklärung zu begehren. Ich habe keinen Verwandten, der mich ſchützt; es iſt deß⸗ halb gerecht, mir zu erlauben, daß ich mich ſelbſt beſchütze.“ Stotternd bemühte ich mich, die Schuld meines unarti⸗ gen Benehmens auf Uupäßlichkelt,— auf unangenehme 70 Nachrichten von London zu ſchieben. Sie ließ mich mit mei⸗ nen Entſchuldigungen zu Ende kommen, machte mich aber ſogleich völlig matt, indem ſie mir die ganze Zeit über mit einem völlig ungläubigen Laͤcheln zuhörte. „Und nun, Herr Franz, ſeid Ihr mit Eurem Prolog von Entſchuldigungen fertig, aber dieſer Prolog hat kein beſ⸗ ſeres Schickſal, als die andern alle, zieht nun endlich den Vorhang auf und zeigt mir, was ich ſehen will. Mit ei nem Wort, laßt mich wiſſen, was Raſhleigh von mir ſagt, denn er iſt der große Werkmeiſter und Maſchiniſt zu Osbal⸗ diſtone⸗Hall.“ 3 „Aber, Miß Vernon, vorausgeſetzt, daß ich Euch etwas zu ſagen hätte, was verdient der, der die Geheimniſſe eines Verbündeten an den andern verräth?— Raſhleigh iſt, wie Ihr ſelbſt mir ſagtet, Euer Verbündeter geblieben, obgleich er nicht mehr Euer Freund iſt.“ „Ich bin weder geduldig genug, über den vorliegenden Gegenſtand Ausflüchte anzuhören, noch geneigt, darüber zu ſcherzen. Raſhleigh kann nicht,— darf nicht,— wagt es nicht, irgend etwas wider mich, Diana Vernon, zu ſagen, was ich nicht verlangen könnte, wieder zu hören. Allerdings gibt es Gehelmniſſe zwiſchen mir und ihm, aber darauf können ſeine Mittheilungen an Euch keinen Bezug haben, und darin bin ich für meine Perſon auch nicht betheiligt.“ Ich hatte inzwiſchen meine ganze Faſſung wieder errun⸗ gen, und ſchnell mich entſchloſſen, jede Entdeckung deſſen, was Raſhleigh mir gewiſſermaſſen im Vertrauen geſagt hatte, zu vermeiden. Es ſchien mir etwas unwürdiges darin zu liegen, eine vertraute Erzählung einem Dritten mitzutheilen; es konnte meiner Meinung nach nichts gut machen, und mußte nothwendig Miß Vernon ſehr ſchmerzen. Ich erwie⸗ 71 derte deßhalb feſt, es habe zwiſchen Raſhleigh und mir nur ein unbedeutendes Geſpräch über die Lage der Familie ſtatt gefunden, und betheuerte, daß nichts geſprochen worden ſei, was einen für ſie nachtheiligen Eindruck zuruͤckgelaſſen habe. Als rechtlicher Mann könne ich mich nicht weiter über eine vertraute Unterredung erklären. Sie ſtand auf in heftiger Bewegung.„Das hilft Euch zu nichts,— ich muß eine andere Antwort von Euch ha⸗ ben.“ In ihren Zügen drückte ſich ihre Bewegung aus,— ihre Stirn gluͤhte,— ihr Auge ſprühte ein wildes Feuer, als ſie fortfuhr.„Ich verlange eine ſolche Erklärung, wie ein ſchändlich geläſtertes Weib von jedem zu verlangen ein Recht hat, der ſich einen Ehrenmann nennt,— wie ein mut⸗ ter⸗ und freundloſes Geſchöpf, allein in der Welt, ihrer ei⸗ genen Führung, ihrem eigenen Schutz uͤberlaſſen, zu verlan⸗ gen ein Recht hat, von jedem Weſen, dem ein glücklicheres Loos fiel, im Namen des Gottes, der dieſe auf die Welt ſandte, um zu genießen,— mich, um zu dulden. Ihr wer⸗ det mir nicht verweigern,— oder,“ ſetzte ſie mit einem feier⸗ lichen Blick gen Himmel hinzu,„Eure Weigerung mwöchte Euch reuen, wenn es noch eine Gerechtigkeit im Himmel oder auf Erden gibt.“ e1 Ich war höchſt erſtaunt uͤber ihre Heftigkeit, aber fühlte bei dieſer feierlichen Aufforderung, daß es jetzt meine Pflicht ſei, jede Bedenklichkeit des Zartgefühls bei Seite zu ſetzen, und gab ihr kurz, aber beſtimmt, das Hauptſächliche von dem an, was mir Raſhleigh geſagt hatte.„ Sie ſetzte ſich nieder, und wurde wieder ruhig, ſobald ich auf den Gegenſtand eingieng, und mehreremale, als ich inne hielt, um mildere Ausdrücke zu ſuchen, unterbrach ſie mich mit einem:„nur weiter,— ich bitte, nur weiter, das erſte Wort, das Euch einfaͤllt, iſt das offenſte, und alſo das beſte. Denkt nicht an meine Gefühle und ſprecht, wie zu einem unbetheiligten Dritten.“ So gedraͤngt und ermuthigt ſtotterte ich allmählig alles heraus, was mir Raſhleigh von einem fruͤhen Vertrag, daß ſie einen Osbaldiſtone heirathen ſolle, ſo wie von der Unſi⸗ cherheit und Schwierigkeit ihrer Wahl geſagt hatte. Dabei wäre ich nun gerne ſtehen geblieben, aber ihr durchdringen⸗ der Verſtand entdeckte, daß noch etwas zurück war, und vermuthete, worauf es ſich bezog.. „Es war ſchlecht von Raſhleigh, dieß von mir zu er⸗ zählen. Ich gleiche dem armen Mädchen im Feenmaͤhrchen, die von der Wiege an dem ſchwarzen Bären von Norwegen verlobt war, ſich aber hauptſächlich darüber beklagte, daß ſie von ihren Mitſchuͤlerinnen die Bärenbraut genannt wur⸗ de. Aber außerdem hat Raſhleigh noch etwas von ſich ſelbſt in Beziehung auf mich geſagt,— nicht wahr?“ „Er gab mir in der That zu verſtehen, wenn er nicht ſei⸗ nen Bruder zu verdrängen ſich ſcheute, ſo würde er jetzt in Folge der Aenderung ſeines Standes es gerne ſehen, wenn die leere Stelle in der Heirathserlaubniß mit ſeinem ſtatt mit Thorncliffs Namen ausgefüllt würde.“ „So? wirklich?“ erwiederte ſie;„war er ſo berablaſ⸗ ſend?— Zu viel Ehre für ſeine unterthänige Magd, Diana Vernon.— Und ſie müßte wohl höchlich entzückt ſeyn, wenn eine ſolche Veraͤnderung ſtatt finden könnte?“ „Die Wahrheit zu geſtehen, er deutete dieß an, und ließ noch ferner merken.. „Was?— laßt mich alles hören!“ rief ſie haſtig aus. „Daß er den vertraulichern Umgang abgebrochen habe, um nicht eine Neigung entſtehen zu laſſen, die er bei ſei⸗ 73 ner Beſtimmung für die Kirche nicht hätte erwiedern dürfen.“ d „Ich bin ihm für ſeine gütige Rückſicht verbunden,“ erwiederte Miß Vernon, und jeder Zug ihres ſchönen Ge⸗ ſichts druͤckt den tiefſten Hohn und Verachtung aus. Sie hielt einen Augenblick inne, und ſagte ſodann mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Ruhe.„Beinahe alles dieſes habe ich zu hören erwartet, und mußte es erwarten, weil, einen Umſtand ab⸗ gerechnet, alles völlig wahr iſt. Aber wie es Giſte giebt, die ſo ſtark ſind, daß einige Dropfen eine ganze Quelle ver⸗ giften ſollen, ſo iſt auch eine Falſchheit in den Mittheilun⸗ gen Naſhleiohs, mächtig genug den ganzen Born zu verder⸗ ben, in dem die Wayrheit ſelbſt gewohnt haben ſoll. Das iſt aber dieſe Grundfalſchheit, als ob ſo wie ich Raſhleigh nur allzugut kenne, irgend ein Umſtand auf der Erde mich je bewegen könnte, mein Loos mit ihm zu theilen. Nein,“ fuhr ſie fort mit einem innern Schauder, der ein unwill⸗ kührliches Entſetzen zu verrathen ſchien;„lieber jedes Loos als dieſes,— den Tölpel, den Spieler, den Eiſenfreſſer, den Pferdejungen, den ſtumpfſinnigen Narren, alle tauſend mal lieber, als Raſhleigh,— Kloſter,— Kerker,— Grab willkommener als ſie alle!“ Traurig und wehmüthig, im Einklang mit ihrer ſonder⸗ baren und romanhatten Lage, ſank hier allmählig der Ton ihrer Stimme. So jung, ſo ſchön, ſo unerfahren, fo ſehr ſich ſelbſt uͤberlaſſen und aller der Unterſtützung beraubt, den Frauen in dem Schutze weiblicher Freunde ſinden,— ſelbſt jener Vertheidigung beraubt, die aus den Formen her⸗ vorgeht, womit man im geſitteten Leben den Frauen ſich nä⸗ hert,— ich konnte nicht daran denken, ohne daß mein Herz im wörtlichſten Verſtande für ſie blutete. Doch war ein Ausdruck von Würde in ihrer Verachtung der Höflichkeits⸗ formeln,— ein ſtolzes Gefühl in ihrem Unwillen gegen Falſchheit,— ein feſter Entſchluß in der Art, wie ſie die Gefahren überſchaute, von denen ſie umgeben war, daß mein Mitleid ſich mit der waͤrmſten Bewunderung paarte. Sie glich einer Fürſtin, die, verlaſſen von i hren Untrthanen, und ihrer Macht beraubt, doch noch die gewoͤhnlichen Geſell⸗ ſchaftsformen verachtet, die nur für Perſonen niederern Ran⸗ ges da ſind, die unter allen Drangſalen ſich kühn und ver⸗ trauensvoll auf die Gerechtigkeit des Himmels verläßt und auf den unerſchütterten Muth ihrer Seele. Ich wollte meine von Mitleid und Bewunderung ge⸗ miſchten Gefühle ausdrücken, womit ihre unglückliche Lage und ihr hoher Geiſt gemeinſam mich erfüllte, aber ſie legte mir mit einemmale Stillſchweigen auf. „Ich verſicherte Euch im Scherz,“ ſagte ſie,„daß ich Schmeicheleien verſchmaͤhe,— jetzt ſage ich Euch im Ernſte, daß ich kein Mitleid verlange, und Troſt verachte. Was ich getragen habe, habe ich getragen;— was ich noch zu tragen habe, ich will es dulden, ſo lange ich es vermag; kein Wort des Troſtes kann die Laſt, die der Sklave tragen muß, um eines Athems Schwere erlelchtern. Es giebt nur einen Menſchen, der mich hätte unterſtützen können, er hat es vorgezogen, meine Drangſale zu erſchweren, und dieß iſt — Raſhleigh Osbaldiſtone.— Ja! es war eine Zeit, wo ich dieſen Mann hätte lieben lernen können,— aber, großer Gott! Die Abſicht, um derentwillen er ſich in das Ver⸗ trauen eines ſchon ſo unglücklichen Mädchens einſchmei⸗ chelte,— der beharrliche Eifer, womit er von einem Jahr zum andern ſeinen Zweck verfolgte, ohne je zu wanken, ohne auch nur einen Augenblick Mitleiden oder Gewiſſensbiſſe zu 75⁵ fühlen,— die Abſicht, in welcher er die Nahrung in Gift ver⸗ wandelt haben wü die er meinem Geiſte reichte.— Ewige Vorſehung! was wäre ich in dieſer und jener Welt, an Körper und Seele geworden, wäre ich unter den Kuͤnſten dieſes vollendeten Schurken gefallen! Das Bild der hinterliſtigen Verrätherei, das ſie mit dieſen Worten vor meinen Augen entrollte, ergriff mich ſo heftig, daß ich, kaum meiner ſelbſt mächtig, vom Stuhle aufſprang, die Hand an den Degen legte, und im Begriff war, das Zimmer zu verlaſſen, um meinen gerechten Zorn gegen ihn zu entladen. Faſt athemlos, mit Augen und Bli⸗ cken, die von Verachtung und Zorn zur lebhafteſten Unrube übergingen, vertrat mir Miß Vernon die Chuͤre. .„Bleibt,“ ſagte ſie,„bleibt, ſo gerecht auch Euer Un⸗ wille ſeyn mag, Ihr kennt nur halb die Geheimniſſe dieſes urchtbaren Gefängnißhauſes.“ Aengſtlich blickte ſie bei die⸗ ſen Worten im Zimmer umher, und ihre Stimme ſank her⸗ ab zum Flüſtern:„er trägt ein bezaubertes Leben in ſich; Ihr könnt Ihn nicht angreifen, ohne das Leben anderer in Gefahr zu ſetzen, und noch mehr Menſchen zu verderben. Wäre es andess, in mancher Stunde der Gerechtigkeit wäre er vor dieſer ſchwachen Hand nicht ſicher geweſen. Ich ver⸗ ſicherte Euch,“ ſagte ſie, mich zu meinem Sitze zuruͤckwei⸗ ſend,„daß ich keinen Tröſter bedürfe,— und jetzt ſage ich Euch, ich bedarf keinen Raͤcher.“ Ich ſetzte mich wieder, unwillkürlich in Gedanken ver⸗ ſunken über ihre Worte, und beſann mich zugleich, was mir in der erſten Gluth des Zornes entgangen war, daß ich durchaus kein Recht hätte, mich zu Miß Vernons Kämpfer aufzuwerfen. Sie ſchwieg einen Augenblick, um ihre und meine Bewegung ruhiger werden zu laſſen, und wandte ſich dann gefaßter zu mir. „Ich habe ſchon geſagt, ein Geheimniß gefährlicher und unheilbringender Art verbindet mich mit Naſhleigh. Ob⸗ gleich er ein Schurke iſt, und weiß, daß er als ſolcher über⸗ wieſen vor mir ſteht, ich kann nicht, darf nicht offen mit ihm brechen, oder ihm Troz bieten. Auch Ihr müßt ihn mit Geduld ertragen, ſeine Kunſtgriffe zu nichte machen durch Klugheit, nicht durch Gewalt, und vor allem müßt Ihr ſolche Scenen vermeiden, wie die der geſtrigen Nacht, die ihm gefaͤhrliche Vortheile über Euch geben muß. Dieſe Vor⸗ ſicht wollte ich Euch anrathen, und deßhalb wünſchte ich dieſe Zuſammenkunft, aber mein Vertrauen iſt weiter gegangen, als ich beabſichtigte.“ Ich verſicherte ſie, daß ſie es keinem Unwürdigen ge⸗ ſchenkt habe. „Ich glaube es,“ erwiederte ſie;„Ihr habt in Eurem Benehmen das, was Zutrauen erweckt. Laßt uns ferner Freunde ſeyn, Ibr dürft nicht fürchten,“ ſagte ſie lachend und mit einigem Erröthen, doch mit freier, unbefangener Stimme,„daß Freundſchaft zwiſchen uns nur ein beſchöni⸗ gender Name für ein anderes Gefuͤhl iſt. Ich gehöre mei⸗ ner Denk⸗ und Handlungsweiſe noch mehr zu Eurem Ge⸗ ſchlecht, unter dem ich auferzogen wurde, als dem meinigen an. Ueberdieß iſt der verhängnißvolle Schleier mir ſchon in der Wiege umgeworfen worden, und Ihr könnt Euch leicht denken, daß ich nie an die abſcheuliche Bedingung dachte, unter der ich ſeiner enthoben ſeyn koͤnnte. Die Zeit, mei⸗ nen letzten Entſchluß auszuſprechen, iſt noch nicht gekommen, und ich möchte gern die freie wilde Heide und die friſche Luft mit den andern Kindern der Natur genießen, ſo lange 77 ich kann. Und jetzt, da die Stelle im Danke ſo klar iſt, bitte ich Euch, geht und ſeht, was aus unſern Dachsjägern geworden iſt.— Mein Kopf ſchmerzt mich ſo, daß ich Euch nicht begleiten kann.“ Ich verließ die Bibliothek, doch nicht, um den Jaͤgern zu folgen. Ich fühlte, ein einſamer Spaziergang ſey mir nothwendig, um meine aufgeregten Lebensgeiſter zu beru⸗ higen, ehe ich mich wieder in Raſhleighs Geſellſchaſt wagen konnte, deſſen tiefe, berechnende Bosheit mir mit ſo ſcharfen Zügen geſchildert worden war. In der Familie Dubourgs, der ein Reformirter war, hatte ich manche Erzählungen von katholiſchen Prieſtern gehört, die unter dem Deckmantel der Freundſchaft, Gaſtfreiheit und der heiligſten Bande der Ge⸗ ſellſchaft den Leidenſchaften fröhnten, deren tadelloſe Befrie⸗ digung ihnen die Geſetze ihres Standes verſagen. Aber der überdachte Plan, die Erziehung einer verlaſſenen, mit ſeiner eigenen Familie ſo eng verbundenen Waiſe von edler Geburt in der hinterliſtigen Abſicht zu übernehmen, ſie am Ende zu verführen, dieſer Plan, geſchildert von den auserſehenen Opfer ſelbſt, mit aller Glut eines tugendhaften Unwillens, ſchien mir ſchändlicher, als die ſchlimmſte der Erzaͤhlungen, die ich zu Bordeaux gehört hatte, und ich fühlte die aus⸗ nehmende Schwierigkeit, in Raſhleighs Gegenwart den Ab⸗ ſcheu zu unterdrücken, den er mir einflöste. Doch dies war unumgänglich nothwendig, nicht blos wegen der geheimniß⸗ vollen Ermahnung, die mir Diana gegeben hatte, ſondern auch darum, weil ich keine Urſache namhaft machen konnte⸗ einen Streit mit ihm anzufangen. Ich entſchloß mich daher, ſo lange wir im Schloſſe mit⸗ einander leben mußten, der Verſtellung Raſhleighs ſo viel als möglich gleiche Verſtellung entgegen zu ſetzen, und wenn 78 er nach London abreiſe, wenigſtens einen Wink zu geben, auf meines Vaters Vortheil ein wachſames Auge zu haben. Habſucht oder Ehrgeiz, dachte ich, müſſe für einen Menſchen von Raſhleighs Sinnesart einen eben ſo großen oder noch größern Reiz haben, als ſinnliche Genüſſe; die Energie ſei⸗ nes Charakters, ſeine Gewandheit, alle guten Eigenſchaften zum Scheine anzunehmen, waren geeignet, ihm einen hohen Grad von Zutrauen zu verſchaffen, und es war nicht zu hoffen, daß Redlichkeit oder Dankbarkeit ihn abhalten werde, es zu miß⸗ brauchen. Die Aufgabe war etwas ſchwierig, beſon ders in meiner Lage, wo eine Warnung, die ich gab, mir als Eiferſucht gegen mei⸗ nen Nebenbuhler oder vielmehr meinen Nachfolger in meines Vaters Gunſt ausgelegt werden konnte. Dennoch hielt ich einen ſolchen Brief für unumgänglich nothwendig, und ich konnte es Owen überlaſſen, wie er die Kenntniß von Raſh⸗ leighs wahrem Charakter benutzen wollte. Einen ſolchen Brief entwarf ich alſo, und ſandte ihn bei der naͤchſten Ge⸗ legenheit nach dem Poſthauſe. Als ich mit Raſhleigh zuſammentraf ſchien es, als trä⸗ ten wir beide von einander zurück, und ſuchten jeden Anlaß zu Streit zu vermeiden. Er mochte vermuthen, daß Miß Vernons Mittheilungen ihm ungünſtig geweſen ſeyen, obgleich er nicht wiſſen konnte, daß ſie mir auch ſeinen ſchurkiſchen Plan gegen ſie mitgetheilt habe. In unſeren Unterredun⸗ gen waren wir deßhalb beide zurückhaltend, und ſprachen nur von unbedeutenden Gegenſtaͤnden. Sein Aufenthalt zu Osbaldiſtone⸗Hall dauerte auch nur noch einige Tage, während deren mir nur zwei Umſtände auffielen. Das erſte war, die raſche Auffaſſung, man koͤnnte faſt ſagen, die An⸗ ſchauung, womit ſein kraͤftiger thätiger Geiſt ſich die nöthigen 79 Grundkenntniſſe ſeines neuen Berufs zu eigen machte; er beſchäftigte ſich eifrig damit, und ſuchte auch gelegentlich mit ſeinen Fortſchritten zu glaͤnzen, gleichſam um zu zeigen, wie leicht es ihm ſein werde, die Laſt zu tragen, die ich aus Trägheit und Unfähigkeit abgeworfen hatte. Der zweite be⸗ merkenswerthe Umſtand war, daß Miß Vernon und Raſh⸗ leigh, trotz der Unbilden, deren ſie ihn beſchuldigte, doch mehrere geheime Unterredungen mit einander hatten, die ziemlich lange dauerten, obwohl ſie ſich öffentlich nicht herz⸗ licher gegen einander zu benehmen ſchienen, als gewöhnlich. Als der Dag ſeiner Abreiſe erſchien, ſagte ihm ſein Va⸗ ter mit Gleichgültigkeit Lebewohl, ſeine Bruͤder mit dem ſchlecht verhehlten Vergnügen von Schulknaben die ihren Zuchtmeiſter für einige Zeit abreiſen ſehen, und ihre Freude nicht zu zeigen wagen; ich ſelbſt that es mit kalter Höflich⸗ keit. Als er ſich Miß Vernon näherte, und ſie umarmen wollte, wandte ſie ſich mit einem Blick ſtolzer Verachtung ab, und ſagte, indem ſie ihm die Hand bot:„Gott belohne Euch für das Gute, das Ihr gethan, und vergebe Euch das Böſe, das Ihr habt thun wollen.“ „Amen, meine ſchöne Baſe,“ erwiederte er mit einer frommen Miene, die glaube ich, dem Seminar von St. Omer angehörte;„glücklich iſt der, deſſen gute Abſichten Früchte ge⸗ tragen haben in Thaten, und deſſen böſe Gedanken in der Blüthe verdarben.““ Dieß waren ſeine Abſchiedsworte.„Vollendeter Heuch⸗ ler!“ ſagte Miß Vernon zu mir, als die Thüre hinter ibm ſchloß;„wie nahe iſt doch oft dem äußern Anſchein nach das veraͤchtlichſte und haſſenswuͤrdigſte dem, was wir am höch⸗ ſten verehren!“ Ich hatte durch Raſhleigh an meinen Vater geſchrieben, 80 auch ein Paar Zeilen an Owen außer jenem bereits erwähn⸗ ten vertraulichen Schreiben, das ich für geeigneter und kluͤ⸗ ger hielt, durch eine andere Gelegenheit abzuſenden. In dieſen Briefen hätte ich meinem Vater und meinem Freund bemerklich machen ſollen, daß ich in einer Lage ſey, wo ich in nichts Fortſchritte machen könne, als in der Jagd und in der Falkenbeize; daß ich in der Geſellſchaft roher Stall⸗ knechte und Pferdejungen jede mir erworbene mögliche Kennt⸗ niß, jede feinere Sitte verlernen muͤße. Ich haͤtte eben ſo den Eckel und den Widerwillen ausdrücken ſollen, den ich unter Menſchen fühlen mußte, die nur für Jagd und entehrenden Zeitvertreib Sinn hatten; ich hätte mich über die gewöhn⸗ liche Unmaͤßigkeit der Familte beklagen ſollen, deren Gaſt ich war, ſo wie über die Empfindlichkeit, womit mein Oheim jede Entſchuldigung aufnahm, unter der ich mich der Fla⸗ ſche entziehen wollte. Dieß letztere war ein Punkt, uͤber den mein Vater, ſelbſt ein Mann von ſtrengerer Mäßigkeit leicht in Unruhe gerathen konnte, und haͤtte ich dieſen be⸗ rührt, ſo haͤtten ſich gewiß bie Thüren meines Gefängniſſes geöffnet, meine Verbannung waͤre abgekuͤrzt, oder wenigſtens mein Aufenthaltsort während derſelben geaͤndert worden. Wenn ich bedachte, mein lieber Tresham, wie höchſt un⸗ angenehm einem jungen Mann von meinem Alter und mei⸗ nen Gewohnheiten ein verlaͤngerter Aufenthalt zu Osbaldi⸗ ſtone⸗Hall ſeyn mußte, ſo hätte es mir ganz ſolgerichtig vor⸗ kommen ſollen, meinem Vater alle dieſe Nachtheile bemerk⸗ lich zu machen, um ſeine Einwilligung zu erhalten, meines Oheims Haus zu verlaſſen. Dennoch ſagte ich in den Brie⸗ fen an meinen Vater und an Owen nicht das Mindeſte da⸗ von. Wäre Osbaldiſtone⸗Hall ein Athen in allem Glanze ſelner ehemaligen Bildung geweſen, und bewohnt von Wei⸗ ſen, 81 ſen, Helden und Dichtern, ich hätte nicht weniger Neigung blicken laſſen koͤnnen, es zu verlaſſen. Wenn Du noch etwas von dem Salz der Jugend in Dir haſt, Dreſham, ſo wirſt Du den Grund meines Schwei⸗ gens über einen ſcheinbar ſo nahe liegenden Gegenſtand leicht auffinden; Miß Vernons ungemeine Schönheit, wovon ſie ſelbſt ſo wenig zu wiſſen ſchien,— ihre romantiſche und ge⸗ heimnißvolle Lage,— die Leiden, denen ſie ausgeſetzt war, — der Muth, mit dem ſie ihnen zu trotzen ſchien,— ihr Benehmen, zwar freier, als ihrem Geſchlecht zukam, was aber, wie mir ſchien, nur aus dem unerſchrockenen Bewußt⸗ ſeyn ihrer Unſchuld hervorgieng,— beſonders aber die ſchmei⸗ chelhafte Art, womit ſie mich ſichtbar vor allen andern aus⸗ zeichnete; alles dieß zuſammen mußte mein edelſtes Gefühl anſprechen, meine Neugierde wecken, meine Einbildungskraft reizen, und meiner Eitelkeit ſchmeicheln. Ich wagte mir freilich ſelbſt noch nicht zu geſtehen, welche warme Theilnah⸗ me ſie mir einflöste, und wie ſehr ſie meine Gedanken be⸗ ſchäftigte. Wir laſen, luſtwandelten, ritten mit einander, und ſaßen bei einander, wenn ſie die Beſchäftigungen wie⸗ der hervorſuchte, die ſie uͤber ihrem Streit mit Raſhleigh abgebrochen, und nun unter der Leitung eines Lehrers fort⸗ ſetzte, deſſen Abſichten reiner, aber deſſen Fähigkeiten weit beſchränkter waren. Ich war in der That keineswegs geeignet, ihr in der Fortſetzung einiger mit Naſyleigh begonnenen tief gelehrten Beſchäftigungen behulflich zu ſeyn, die mehr fuͤr einen Geiſt⸗ lichen, als für ein ſchönes Mädchen paſſend ſchienen. Ich kann nicht begreifen, in welcher Abſicht er Diana in die dunkeln Irrgänge der Caſuiſtik hineinführte, oder in die efen ſo trockenen, jedoch auf ſicherern Grundlagen ruhenden Wi⸗ W. Scott's Werke CI. 6 4 ſenſchaften der Mathematik und Aſtronomie, er mußte denn die Abſicht gehabt haben, ſie zu verleiten, über den Unter⸗ ſchied der Geſchlechter völlig hinwegzuſehen, und ſie an ſpitz⸗ findige Vernünftelei zu gewöhnen, um ſeiner Zeit deſto leich⸗ ter dem Unrecht die Farbe des Rechts geben zu können. In derſelben Abſicht, die jedoch hier weniger verſteckt war, hatte Raſhleigh Miß Vernon dahin gebracht, die gewöhnlichen Umgangsformen, womit die neuere Geſellſchaft die Frauen umgeben hat, völlig hintan zu ſetzen. Sie war freilich von aller weiblichen Geſellſchaft getrennt, und konnte deßhalb die gewöhnlichen Regeln des Wohlſtands weder durch Lehre, noch Beiſtand lernen. Doch hatte ſie ſoviel Beſcheidenheit, einen ſo feinen Sinn für Recht und Unrecht, daß ſie das kühne freie Benehmen, das mich bei unſerer erſten Bekannt⸗ ſchaft ſo ſehr in Erſtaunen ſetzte, nicht von ſelbſt angenom⸗ men haben würde, hätte ihr nicht Raſhleigh die Meinung beigebracht, daß Verachtung der Umgangsſitte ſowohl Ueber⸗ legenheit des Verſtandes, als auch die Zuverſicht der ſich be⸗ wußten Unſchuld anzeige. Ihr ſchlauer Lehrer hatte ohne gweifel ſeine eigenen Abſichten dabei, dieſe Au ßewerke zu ſchleifen, welche ein zurückhaltendes, vorſichtiges Benehmen um die Dugend her errichten. Aber für dieſe und andere Verbrechen hat er ſchon⸗ längſt vor einem höhern Richter Rede und Antwort geben müſſen. Außer den Fortſchritten, welche Miß Vernon, deren kräftiger Geiſt jedes Bildungsmittel raſch ergriff, in den hö⸗ hern Wiſſenſchaften gemacht hatte, war ſie auch in den Spra⸗ chen ziemlich bewandert, und wohl bekannt mit der alten. und neuern Literatur. Wenn nicht große Anlagen gerade darum oft die größten Fortſchritte. machten, wenn ſie am we⸗ nigſten. Beiſtand zu. haben ſcheinen, ſo wären die raſchen. 83 Fortſchritte, die Miß Vernon in allen Kenntniſſen machte, beinahe unglaublich, und ſie erſchienen um ſo außerordentli⸗ cher, wenn man ihre gelehrten Buͤcherkenntniſſe mit ihrer völligen Unwiſſenheit hinſichtlich des wirklichen Lebens ver⸗ glich. Sie ſchien alles zu ſehen und zu wiſſen, nur nicht, was in der Welt um ſie vorgieng, und ich glaube, es war dieſe voͤllige Unwiſſenheit und dieſe einfache Denkungsart hinſichtlich der gewöhnlichen Gegenſtaͤnde, was ihrer Unter⸗ haltung einen ſo unwiderſtehlichen Reiz gab, und die Auf⸗ merkſamkeit auf alle ihre Reden und Handlungen feſſelte; denn es war voͤllig unmöglich, voraus zu wiſſen, ob ihr näch⸗ ſtes Wort die ſcharfſinnigſte Auffaſſung oder die auffallendſte Einfalt verrathen würde. Der Grad der Gefahr, dem ein Juüngling von meinem Alter und meinen heſtigen Gefühlen ausgeſetzt war, wenn er mit einem ſo liebenswuͤrdtgen, ſo höchſt anziehenden Geſchoͤpfe fortwaͤhrend in enger Vertrau⸗ lichkeit blieb, können alle die leicht ermeſſen, welche ſich ih⸗ rer eigenen Gefühle in meinem Alter erinnern. —ʒõ2Hↄꝑ— Sechstes Kapitel. Dort drüben glänzt der Lampe Schein, Wo Liebchens Auge lacht. Muß denn ſo hell die Lampe ſeyn In ſtiller Mitternacht? Alte Ballade. uunſere Lebensweiſe zu Osbaldiſtone⸗Hall war zu ein⸗ foͤrmig, um eine Beſchreibung zuzuſaſſén⸗, Diana Vernon 84— und ich brachten einen großen Theil unſerer ei mit unſern beiderſeitigen Studien zu, die übrigen von der Familie töd⸗ teten die ihrige in ſolchen Jagdbelnſtigungen und andern Zeitvertreiben, wie ſie die Jahrszeit mit ſich brachte, und auch wir nahmen unſern Theil daran. Mein Oheim war ein Gewohnheits⸗Menſch, und wurde meine Gegenwart, ſo wie meine Lebensart nach und nach ſo gewohnt, daß er mir im Ganzen ziemlich gewogen war. Vermuthlich wäre ich in ſeiner Gunſt noch höher geſtiegen, haͤtte ich zu dieſem Zwecke dieſelben Mittel anwenden wollen, wie Raſhleigh, der, ſei⸗ nes Vaters Abneigung gegen Geſchäfte benützend, ſich all⸗ mählig die Leitung ſeines Vermögens zugeeignet hatte. Ob⸗ wohl ich aber bereitwillig meinem Oheim mit meiner Feder und meiner Rechenkunſt zu Dienſten ſtand, ſo oft er an ei⸗ nen Nachbar ſchreiben, oder mit einem Paͤchter abrechnen wollte, und in ſo weit ein nützlicherer Genoſſe ſeiger Fami⸗ lie war, als irgend einer ſeiner Söhne, ſo war ich doch nicht Willens, ihn mir durch die völlige Uebernahme ſeiner Geſchaͤfte zu verbinden, ſo daß der gute Ritter zwar zugab⸗ ſein Neffe Franz ſei ein wackerer, geſchickter Burſche, jedoch ſelten unterließ, die Bemerkung beizuſetzen, er haͤtte nicht geglaubt, daß er Naſhleigh ſo ſehr vermiſſen würde. Da es etwas beſonders unangenehmes hat, in einer Fa⸗ milie zu wohnen, und mit irgend einem Theil derſelben in unfreundlichen Verhältniſſen zu ſtehen, ſo machte ich einige Verſuche, die Abneigung meiner Veitern gegen mich zu be⸗ ſiegen. Ich vertauſchte meinen Treſſenhut gegen eine Reit⸗ kappe, und machte dadurch einige Fortſchrilte in ihrer guten Meinung; ich zaͤhmte ein junges Pferd auf eine Weiſe, die mich in ihrer Gunſt noch hoher brachte. Eine oder zweige⸗ legentlich an Richard verlorene Wetten, und eine Extra⸗ 85 Geſundheit, die ich Percie zubrachte, ſetzte mich auf einen freundlichen und vertraulichen Fuß mit allen den jungen Herrn, Thorncliff allein ausgenommen. Ich habe ſchon der Abneigung dieſes jungen Menſchen gegen mich erwaͤhnt, der zwar etwas mehr Verſtand, aber auch eine weit ſchlimmere Gemüthsart, als irgend einer ſeiner Brüder hatte. Finſter, muͤrriſch, zankſüchtig betrachtete er mich als einen überlaͤſtigen Gaſt zu Osbaldiſtone⸗Hall, und ſah mit neidiſchen, eiferſüchtigen Augen meine enge Verbin⸗ dung mit Diana Vernon, die er jenem Familien⸗Vertrag zufolge als ſeine beſtimmte Braut betrachtete. Daß er ſie liebe, konnte man ſo im eigentlichen Sinne des Worts kaum ſagen, aber er betrachtete ſie als etwas, das ihm gehöre, und grollte über dieſe Dazwiſchenkunft eines Dritten, die er we⸗ der zu hindern, noch zu ſtören wußte. Ich verſuchte bei ver⸗ ſchiedenen Gelegenheiten einen verſöhnenden Ton gegen ihn anzuſtimmen, aber er wies mein Entgegenkommen auf eine beinahe ſo zierliche Weiſe zurück, wie ein knurrender Flei⸗ ſcherbund, der uͤber das verſuchte Anlocken eines Fremden bofe wird. Ich überließ ihn deßhalb ſeiner übeln Laune, und kuͤmmerte mich nicht weiter darum. Auf dieſem Fuße ſtand ich mit der Familie zu Osbal⸗ diſtone⸗Hall; ich muß aber auch noch eines andern Haus⸗ genoſſen erwähnen, mit dem ich gelegentlich ins Geſpräch kam. Dieß war Andreas Gutdienſt, der Gärtner, welcher ſeit ſeiner Entdeckung, daß ich ein Proteſtant ſei, mich ſelten vorübergehen ließ, ohne mir aus ſeiner ſchottiſchen Doſe eine freun dſchaftliche Priſe auzubieten. Aus dieſer Höflichkeit erwuchſen immer mehrere Vortheile. Erſtens koſtete ſie ihn nichts,— denn ich ſchnupfte nie, und zweitens war es eine vortreffliche Entſchuldigung für Andreas, der kein ſender⸗ 86— licher Freund von harter Arbeit war, ſeinen Spaten auf einige Minuten bei Seite zu legen. Vor allem aber fand Andreas bei dieſen kurzen Zuſammenkuͤnften eine Gelegen⸗ heit, ſeine geſammelten Neuigkeiten oder ſeine ſchlauen ſpoͤttiſchen Bemerkungen, die Kinder einer aͤcht ſchottiſchen Laune, an Mann zu bringen. „Was ich ſage, Herr,“ fieng er eines Abends mit ei⸗ nem hoͤchſt bedeutſamen Geſichte an;„ich bin im Dorfe unten geweſen.“ „So, Andreas; vermuthlich habt Ihr einige Neuig⸗ keiten im Bierhauſe gehoͤrt?“ „Nein, Herr, ich gehe nie ins Bierhaus,— außer wenn ein Nachbar mir eine Flaſche oder ſonſt was gibt; denn auf eigene Koſten dahin gehen, das heißt ſeine koſt⸗ bare Zeit und ſein ſauer verdientes Geld wegwerfen.— Nun, wie ich ſagte, ich war im Dorfe drunten wegen ei⸗ nes kleinen Geſchaͤftchens mit Mattie Simpſon, der eine halbe Metze Birnen braucht, die man im Herrenhaus nie miſſen wird,— und wie wir ſo im beſten Handel drin wa⸗ ren,— wer kommt herein,— Pate Macready, der rel⸗ ſende Kaufmann.“ 3 „Den Landkraͤmer meint Ihr vermuthlich.“ „J nun, wle Ihr ihn nennen wollt, aber es iſt ein huͤbſcher Handel und bringt was ein,— bei unſern Leuten hat man ihn lang getrieben.— Pate iſt ein entfernter Vetter von mir, und wir waren erfreut, einander zu tref⸗ fen.“ „Und Ihr giengt dann, und habt eine Flaſche Bier mit einander ausgetrunken, Andreas?— Um's Himmels willen, macht Eure Geſchichte kurz.“ „Ein wenig Geduld, ein wenig Geduld; Ihr Herren aus dem Suͤden ſeid gar ſo eilig, und dieß iſt etwas, das Euch ſelbſt betrifft; wartet alſo, und hoͤrt mich an.— Bier? ja, keinen Tropfen hat mir Pate angeboten, aber Mattie gab uns beiden ein wenig abgerahmte Milch, und einen von ihren dicken Haberkuchen, der war ſo ſchliffig und zaͤh, wie eine Schuhſohle; da lob ich mir die guten Kuchen im Norden!— nun, wir ſetzten uns nieder, und plauderten.“ „Ich wollte, Ihr plaudertet jetzt. Sagt mir doch die Neuigkeiten, wenn Ihr etwas erfahren habt, das des Er⸗ zaͤhlens werth iſt, denn ich kann nicht die ganze Nacht da bleiben.“ „Nun, wenn Ihr's denn wiſſen wollt, die Leute in Lendun ſind ganz toll uͤber den kleinen Streich im Norden hier.“ „Ganz toll! wie ſo?“ 8 „Nun, ganz oben hinaus,— nicht zu halten, noch zu baͤndigen,— ganz durch einander,— der Teufel iſt uͤber Jack Webſter.“ „Aber was ſoll das alles bedeuten? was hab ich mit dem Teufel oder Jack Webſter zu thun?“ „Hum!“ ſagte Andreas mit einem aͤuſſerſt klugen Geſicht,„es iſt nur, weil—— es iſt eben der Laͤrmen wegen des Felleiſens?“ „Weſſen Felleiſens? was meint Ihr da?“ „Nun, der Morris will ja eins da herum verloren haben, aber wenn die Sache Euch nichts angeht, ſo geht ſie mich noch weniger an, und ich mag den koͤſtlichen Abend nicht verlieren.“ und als haͤtte ihn ploͤtzlich die Wuth des Fleiſſes be⸗ fallen, begann Andreas ſehr eifrig zu arbeiten. Der liſtige Kerl hatte vorausgeſehen, daß jetzt meine Aufmerkſamkeit geweckt war, da ich aber doch durch offene Fragen keinen beſondern Antheil an der Sache zu erken⸗ nen geben wollte, ſo wartete ich eine Zeltlang, ob ihn der Geiſt der Mittheilung von ſelbſt bewegen wuͤrde, die Er⸗ zaͤhlung wieder aufzunehmen. Andreas grub eifrig fort, ſprach hie und da etwas, doch nichts von Macready's Neuig⸗ keiten, und ich ſtand und hoͤrte zu, verwuͤnſchte ihn in meinem Herzen, und wollte doch auch zugleich ſehen, wie lange der Gelſt des Widerſpruchs es uͤber ſeinen Wunſch gewinnen wuͤrde, von einer Sache zu reden, die ihm offen⸗ bar auf der Zunge brannte. „Habe Spargel umgegraben, und einige Bohnen ge⸗ eckt;— es ſoll ihnen zu ihrem Schweinefleiſch nicht daran mangeln,— ſie werden ihnen wohl ſchmecken.— Was mir da der Aufſeher fuͤr Duͤnger gegeben hat, es ſollte Walzen⸗ ſtroh, oder wenigſtens Haberſtroh ſeyn, und das iſt drecki⸗ ges Erbſenſtroh, ſo hart, wie Kieſelſteine. Aber der Jaͤger holt fuͤr ſeinen Hundeſtall, was er will, und doch hat er ſiccherlich die beſten Jungen verkauft,— mags ſeyn.— Apber den Sonnabend mag ich doch nicht verlieren, denn dem Wetter iſt nicht zu trauen, und wenn unter den ſie⸗ ben Tagen der Woche ein ſchoͤner Tag iſt, ſo iſt gewiß der Sonntag ſchlecht.— Doch, es kann ſich machen bis Montag Morgen, wenn's des Himmels Wille iſt, und dar⸗ um mag ich mir jetzt kein Ruͤckenweh machen.— Ich den⸗ ke, ich will jetzt heim, denn druͤben laͤutet man die Abend⸗ glocke.“ Mit dieſen Worten faßte er den Spaten mit beiden Haͤnden, und ſtleß ihn aufrecht in den Graben, an dem er gegraben hatte; er blickte dabei auf mich mit der Ueber⸗ 89 legenheit eines Menſchen, der ſich einer wichtigen Nach⸗ richt bewußt iſt, die er nach ſeinem Gefallen mittheilen oder verweigern kann, ſtreifte ſodaun ſeine Hemdaͤrmel nie⸗ der, und gieng langſam nach der Gartenbank, wo ſein ſorg⸗ faͤltig zuſammengelegter Ueberrock lag. „Ich muß die Strafe zahlen, dachte ich bei mir ſeldſt, daß ich den langweiligen Spitzbuben unterbrochen habe, und ihm den Willen laſſen, mir ſeine Nachrichten auf ſeine Weiſe zu erzaͤhlen. Ich ſagte alſo laut zu ihm: Nun, Andreas, was ſind denn die Lond'ner Neuigkeiten, die Ihr von Eurem Vetter, dem reiſenden Kaufmann gehoͤrt habt?“ „Den Landkraͤmer meint Ihr?“ erwiederte Andreas; —„aber nennt ihn, wie Ihr wollt, ſolche Leute ſind recht gut in einem Lande, wo ſo wenig Staͤdte ſind, wie hier in Northumberland. Das iſt jetzt auders in Schottland,— da iſt das Koͤnigreich Fife, das iſt von einem Ende zum andern nur eine große Stadt.— Soviel koͤnigliche Flecken, einer am andern mit ihren ſchoͤnen Straßen, und ihren Kauflaͤden, ihren Buden, und Haͤuſern von Stein, und ih⸗ ren Vortreppen,— Kirkaldy iſt laͤnger, als irgend eine Stadt in England.“ „Nun wohl, es iſt alles praͤchtig und ſchoͤn,— aber, Andreas, Ihr habt vor einer kleinen Welle von den Lond⸗ ner Neuigkeiten geſprochen.“ „Ja,“ erwiederte Andreas;„aber ich glaubte nicht, daß Ihr es hoͤren wolltet,— indeſſen,“ fuhr er mit ei⸗ ner entſetzlichen Grimaſſe fort,„Pate Macready ſagt, daß ſie in ihrem Parlaments⸗Haus ſehr zornig ſind uͤber die⸗ ſen Raub an Herrn Morris, oder wie der Burſche heißt.“ „Im Parlament, Andreas! Wie kam denn da die Rede drauf?“ „Nun, ſo habe ich gerade auch zu Pate geſagt, wenn es Euch gefaͤllt, ſo ſage ich es Euch mit den naͤmlichen Wor⸗ ten wieder,— es iſt nicht der Mühe werth, deßhalb zu luͤgen— Pate, ſagte ich, was hatten denn die Lords und Herren zu London mit dem Kerl und ſeinem Felleiſen zu thun?— Als wir noch ein ſchottiſches Parlament hatten, und der Teufel ſoll denen die Kehle zuſchnuͤren, die es uns nahmen,— da ſaßen ſie gelaſſen nieder, und machten Geſetze fuͤrs ganze Land und Koͤnigreich, und ſteckten die Naſen nicht in Dinge, die vor den Richter gehoͤrten,— aber ich glaube, ſagte ich, wenn jetzt ein altes Hoͤckerweib ihrer Nachbarin die Muͤtze abreist, ſo muͤßen ſie beide vors Parlament. Es iſt faſt ſo toll, als wenn unſer alter lu⸗ ſtiger Herr hier mit ſeinen Soͤhnen, Jaͤgern und Hunden ganze Tage lang einem kleinen Vieh nachreitet, das nicht ſechs Pfund ſchwer iſt, wenn es gefangen iſt,““ „Ihr urtheilt vortrefflich, Andreas,“ ſagte ich, um ihn zu ermuthg en, nun recht auf die Sache einzugehen; „und was ſagte denn Pate?“. „Nun, er ſagte, was koͤnne man denn beſſeres erwar⸗ ten von den Puddingfreſſern.— Nun, der Raub, da haben ſie einmal wieder gezankt, die Whigs und die Tories, und haben einander geſchimyft, wie die ungehaͤngten Diebe, und da iſt einer aufgeſtanden, und hat geſagt, im Norden von England waͤren lauter Erzjakobiten, da mochte er ſo gar Unrecht nicht haben; ſie haͤtten faſt offenen Krieg an⸗ gefangen, einen Boten des Koͤnigs angehalten und beraubt, die erſten Edelleute ſeyen dabei geweſen, und haͤtten ihm viel Geld und wichtige Papiere abgenommen; er habe kein 91 Recht finden koͤnnen, denn der erſte Friedensrichter, zu dem er nach ſelner Beraubung ging, haͤtte die beiden Burſche, die es gethan, bei ſich ſchmauſen und trinken laſ⸗ ſen, und das Zeugniß des Einen zu Ganſten des andern angenommen, dann haͤtte man Buͤrgſchaft geſtellt, und der ehrliche Mann, der ſein Geld verloren, haͤtte froh ſeyn muͤſſen, mit heiler Haut das Land zu verlaſſen.“ „Iſt dieß wirklich wahr?“ ſagte ich. „Pate ſchwoͤrt, es ſey ſo gewiß wahr, als er eine rich⸗ tige Elle habe,— und daran fehlt auch in der Tbat nur ein Zoll zum engliſchen Maaß.— Als nun der Herr aus⸗ geredet hatte, war ein entſetzliches Geſchrei nach den Na⸗ men, und er nannte Morris, Euern Oheim, Saufrre Inglewood und andere Leute,“ ſetzte Andreas mit einem ſchlauen Blick auf mich hinzu.—„Aber da ſtand dann von der andern Seite Einer auf, man ſolle nicht die erſten Edel⸗ leute des Lands anklagen auf das Wort einer feigen Memme hin, der von dem Heere in Flandern weggejagt worden ſey, weil er's Kanonenfieber bekommen habe; die ganze Sache ſey zwiſchen dem Miniſter und ihm abgekar⸗ tet worden, ehe er von London wegging, und wenn man recht nachſuchen wollte, ſo wuͤrde man das Geld wohl nicht weit vom koͤniglichen Schloß finden. Nun gut, Morris wurde vor die Schranken gerufen, wie ſies nennen, um zu hoͤren, was er uͤber den Streich zu ſagen habe, aber die Leute, welche ihm ent gegen waren, machten einen ſo entſetzlichen Laͤrmen uͤber ſein Reißausnehmen, und von allem Boͤſen,— was er fruͤher gethan hatte, daß er, wie Pate ſagt, mehr todt als lebendig war; und ſie konnten kein vernuͤnftiges Wort aus ihm herausbringen, ſo erſchro⸗ cken war er uͤber ihr Gelaͤrm und Geſchrei. Das muß ein 92 rechter Talgluͤmmel ſeyn, mit einem Kopf, nicht beſſer, als eine erfroren Ruͤbe.“ 1 „Und wie ging denn die Sache aus, Andreas? hat Euer Freund das nicht auch erfahren?“ 3 „Ja wohl, denn da er in dieſem Lande gewoͤhnlich herumzieht, ſo hat er ſeine Abreiſe eine Woche lang un⸗ gefaͤhr hinausgeſchoben, um ſeinen Kunden auch eine arti⸗ ge Neuigkeit zu bringen.— Nun der Mann, der zuerſt auftrat, zog bald die Hoͤrner ein, und ſagte, obwohl er glaube, daß der Mann beraubt worden ſey, ſo gebe er doch zu, daß er in den beſondern Unſtaͤnden falſch berich⸗ tet worden ſeyn koͤnne. Dann ſtand der andere wieder auf, und ſagte, er kuͤmmere ſich nicht darum, ob Morris beraubt worden ſey oder nicht, wenn nur kein Flecken an der Ehre und dem Ruf eines Edelmanns, beſonders aus dem Norden Eng lands haͤnge, er komme ſelbſt aus dem Norden, und wiſſe ſo gut als einer, wie es da ausſehe. So was nennen ſie nun eine Erklaͤrung, der eine ſchwazt eine Zeit, und nun ſind ſie wieder gute Freunde. Als ſie nun im Unterhauſe die Sache der Laͤnge und Breite nach beſprochen hatten, bis ſiei es muͤde waren, da wollten die Lords auch ihren T heil davon haben. Im guten, alten Schottland, da ſaßen ſie beide beiſammen, und brauch⸗ ten die Sachen nicht zweimal zu kauen. Nun gingen aber die Herren vom Oberhauſe mit ſo friſchem Appetit daran, als ob es etwas ganz nagelnenes waͤre. Da wurde nun etwas von einem gewiſſen Campbell geſagt, der mehr oder weniger in den Raub verflochten ſeyn ſollte, und dieſer haͤtte ein gutes Zeugniß von dem Herzog von Argyle ge⸗ habt. Daruͤber gerieth nun Mac Callumore in Httze, wo⸗ zu er auch Ürſache hatte, und gebehrdete ſich gar ſeltſam, 0 93 blickte hin und her, und haͤtte es ihnen allen recht in den Hals hineinſtoßen moͤgen, die Campbells ſeyen alle ſammt und ſonders von jeher muthige, kluge, krlegeriſche und wuͤrdige Leute geweſen. Wenn Ihr nun ſicher ſeyd, daß nicht ein Tropfen Blut von Euch mit den Campbells ver⸗ wandt iſt, wie ich es auch nicht bin, ſo weit ich meine Verwandſchaft berechnen kann, ſo will ich Euch meine An⸗ ſicht von der Sache ſagen.“ „Seyd verſichert, ich ſtehe in keiner Verbindung ir⸗ gend einer Art mit einem Manne dieſes Namens.“ „Nun, dann koͤnnen wirs ruhig beſprechen. Von den Campbells iſt, wie von andern Namen, gutes und böͤſes zu ſagen. Aber uͤber den Mac ⸗ Callumore iſt jetzt ein wunderliches Gerede unter den großen Leuten in London; man kann es nicht ſo recht ſagen, auf welcher Seite er ſteht, ſo daß niemand mit ihm anbinden mag; nun hieß es am Ende, die Sache mit Morris ſey eine bloße Laͤſte⸗ rung, und haͤtte er nicht Buͤrgſchaft geleiſtet, ſo waͤre er beinahe an den Schandpfahl gekommen.“ Mit dieſen Worten nahm der ehrliche Andreas ſeine Hacken, Spaten und Rechen zuſammen, warf ſie gemaͤchlich in einen Schubkarren, und ließ mir, waͤhrend er ſie wegſchaffte, volle Zeit zu weitern Fragen. Ich hielt es fürs beſte, ge⸗ rade alles auf einmal zu ſagen, damit der zudringliche Kerl nicht wichtigere Urſachen meinem Schweigen unterle⸗ gen moͤchte. 3 d „Ich moͤchte Euern Landsmann ſehen, und ſeine Neu⸗ ggkeiten von ihm ſebſt hoͤren. Ihr wißt vermuthlich, daß ich durch die unverſchaͤmte Thorheit dieſes Morris(An⸗ dreas ſchmunzelte bedeutſam) in einige Ungelegenheit ge⸗ kommen bin, und ich moͤchte nun Euern Vetter den Kauf⸗ mann, ſehen, um ihn ſelbſt zu fragen, was er denn eigent⸗ lich hoͤrte, wenn ſich dieß naͤmlich ohne viele Muͤhe thun laͤßt.“ „Nichts iſt leichter,“ bemerkte Andreas;„ich darf nur meinem Vetter zu verſtehen geben, daß Ihr ein oder wei Paar Struͤmpfe braucht, und er geht mit mir den Augenblick.“ „O ja, verſichert ihn, daß ich ihm abkaufen werde, und da der Abend ſchoͤn wird, wie Ihr ſagt, ſo gehe ich im Garten ſpazieren, bis er kommt, der Mond wird bald aufgehen. Ihr koͤnnt ihn an das kleine hintere Thor brin⸗ gen, und ich will indeſſen in der hellen friſchen Mondnacht die Buͤſche und Hecken von Immergruͤn betrachten.“ „Recht gut, recht gut,— das iſts, was ich oft ſagte; „die Kohlblaͤtter glaͤnzen im Mondſchein ſo lieblich, wie eine Dame in ihren Diamanten.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich Andreas Gutdienſt aͤußerſt wlohgemuth. Mit dem groͤßten Vergnuͤgen ging er den ziemlich weiten Weg, um ſeinem Vetter den Ver⸗ ſchluß einiger Handelsartikel zu verſchaffen, obgleich er wahrſcheinlich nicht ſo viel Geld aufgewendet haͤtte, daß er ihn mit einem Auart Bier haͤtte bewirthen koͤnnen. Die Zuneigung eines Englaͤnders, haͤtte ſich auf eine voͤllig ent⸗ gegengeſetzte Weiſe geaͤußert, dachte ich, als ich durch die weichen, kurzgeſchorenen Raſengaͤnge hinſchritt, welche mit hohen Hecken von Eibenbaͤumen und Stechpalmen einge⸗ faßt, den alterthuͤmlichen Garten von Osbaldiſtone⸗Hall durchſchnitten. Als ich mich umwandte, blickte ich unwillkuͤhrlich nach den Fenſtern der Bibliothek, die zwar von geringer Groͤße, doch in ziemlicher Anzahl laͤngs dem zweiten Stocke auf 95 dieſer Seite des Hauſes hinliefen, vor der ich ſtand. Ich erblickte Licht darinnen, und dieß uͤberraſchte mich nicht, da ich wußte, daß Miß Vernon oft den Abend dort zu⸗ brachte, obgleich ich es mir, aus Ruͤckſichten des Zartge⸗ fuͤhls zum ſtrengen Geſetz gemacht hatte, ſie nicht zu ei⸗ ner Zeit dort aufzuſuchen, wo ich die uͤbrige Famille fuͤr den Abend beſchaͤftigt wußte, und unſere Zuſammenkuͤnfte nothwendig unter vier Augen haͤtten ſtatt finden müßen. Morgens laſen wir oft miteinander in einem Zimmer, dann aber trat manchmal einer unſerer Vettern herein, um ein Pergamentbaͤndchen zu ſuchen, das trotz ſeiner Vergoldungen und gemalten Zierrathen ſich in eine Tiſch⸗ geraͤthſchaft umwandeln laſſen mußte, oder um uns von ir⸗ gend einer Jagdluſt etwas zu erzaͤhlen, oder auch aus blo⸗ ßer Langerweile. Kurz, Morgens war die Bibliothek eine Art Freizimmer, wo Mann und Frau wie auf neutralem Bodenſich finden konnten. Abends jedoch war die Sache ganz anders, und da ich in einem Lande erzogen war, wo man der aͤußern Wohlanſtaͤndigkeit ſo viele Aufmerkſam⸗ keit ſchenkt, oder wenigſtens damals ſchenkte, wollte ich für Miß Vernon an dieſe Forderungen der Sitte denken, woran ſie bei ihrem Mangel an Erfahrung nicht denken konnte. Ich machte ihr daher auf eine moͤglichſt zarte Weiſe begreiflich, daß, wenn wir am Abend mit einander leſen wollten, die Gegenwart einer dritten Perſon ſchicklich⸗ ſey. Miß Vernon lachte anfangs, dann erroͤthete ſſe, und wollte boͤſe werden, faßte ſich aber ploͤtzlich, und ſagte: „ich glaube, Ihr habt ganz Recht, und wenn ſch mich ge⸗ neigt fuͤyle, eine fleißige Schülerin zu ſeyn, ſo will. ich⸗ 96 die alte Martha mit einer Taſſe Thee beſtechen, daß ſie ſich zu mir ſetzt, und mein Schirm iſt.“ Martha, die alte Haushaͤlterin, hatte indeß mit der gayzen Familie gleichen Geſchmack, und ein tuͤchtiger Hum⸗ pen waͤre ihr lieber geweſen, als aller Thee in China. Da aber dieß Getraͤnk damals noch nur unter Vornehmern gewöhnlich war, ſo ſchmeichelte es ihrer Eitelkeit, dazu eingeladen zu ſeyn, und vermittelſt einer gehörigen Menge Zucker, eben ſo ſuͤßer Worte und einem Ueberfluß an ge⸗ röſtetem Brod und Butter ließ ſie manchmal ſich bewe⸗ gen, uns Geſellſchaft zu leiſten. Sonſt vermieden die Dienſtboten faſt ſaͤmmtlich die Bibliothek nach dem Ein⸗ tritt der Nacht, weil ſie naͤrriſcher Weiſe glaubten, dieß ſey die unheimliche Seite des Hauſes. Die Furchtſamſten hatten hier Geſichte geſehen, Toͤne gehoͤrt, wenn ſonſt al⸗ les im Hauſe ruhig war, und ſelbſt die jungen Herren waren weit von dem Wunſche entfernt, dieſen furchtbaren Bezirk nach Eintritt der Nacht ohne Noth zu betreten. Daß die Bibliothek einſt RaſhleighsLieblings⸗ Aufenthalt ge⸗ weſen, daß eine Seitenthuͤre ſie mit dem abgeſonderten, ent⸗ fernten Zimmer in Verbindung ſetzte, das er ſich ausge⸗ waͤhlt hatte, war eher geeignet, die Furcht, welche die Dienerſchaft vor der Bibliothek hegte, zu vergroͤßern, als zu vermindern. Seine ansgebreitete Kunde von dem, was in der Welt vorging,— ſelne grundlichen Kenntniſſe in Wiſſenſchaften jeder Art,— etliche phyſikaliſche Experi⸗ mente, die er gelegentlich ſehen ließ, galten in dieſem 4 Hauſe der Unwiſſenheit und Bigotterie fuͤr hinreichende Gruͤnde, an ſeine Gewalt uͤber die Geiſterwelt zu glauben. Er verſtand Griechiſch, Lateiniſch und Hebräiſch, brauchte alſo 97 alſo der gemeinen Meinung und dem Ausdruck ſeines Bru⸗ ders Wilfred nach, ſich um Geiſter und Geſpenſter, um Teufel und Koholde nicht zu bekümmern. Ja, die Dienſt⸗ boten behaupteten, ſie haͤtten gehoͤrt, wie er ſich in der Bibliothek mit Jemand unterredete, wenn jede lebende Seele in der Famille zu Bette geweſen ſey; er hätte die Naͤchte wachend mit Geiſtern zugebracht, und morgens noch im Bette geſchlafen, wo er als ein aͤchter Osbaldiſtone an der Spitze der Hunde haͤtte ſein ſollen. Alle dieſe abgeſchmakten Geruͤchte hatte ich mir aus halben Winken und abgebrochenen Reden entnommen, und wie man ſich leicht vorſtellen kann, ſpoͤttiſch daruͤber gelacht. Die völlige Einſamteit dieſes uͤbel berüchtigten Zimmers nach der Abendglocke war fuͤr mich ein Grund mehr, Miß Vernon nicht zu ſtoͤren, wenn ſie Abends darin war. Daruͤber alſo, daß Licht im Bibliothekzimmer war, konnte ich nicht erſtaunt ſeyn, aber ich war etwas betroffen, als ich deutlich die Schatten von zwei Perſonen hingleiten, und das erſte Fenſter verdunkeln ſah. Das muß die alte Martha ſeyn, dachte ich, welche von Diana gebeten wurde, ißr dieſen Abend Geſellſchaft zu leiſten, oder ich muß mich getaͤuſcht, und Dianas Schatten fuͤr eine zweite Perſon genommen haben. Nein! bei Gott! jeztiauch am zweiten Fen⸗ ſter,— zwei Geſtalten deutlich gezeichnet,— jetzt verlie⸗ ren ſie ſich wieder,— jetzt ſind ſie am dritten, jetzt am vierten; wer kann in Dianas Geſellſchaft ſeyn?— Die Schatten ſtrichen zweimal zwiſchen dem Licht und den Fen⸗ ſtern hin, gleichſam als ſollte ich mich von der Richtigkeit meiner Beobachtung überzeugen; dann wurden die Lichter ausgelöſcht, und die Schatten verſchwanden mir ihnen. Sott's Werke. CI. 3 7 938 So unbedeutend dieſer Umſtand war, ſo beſchaͤftigte er mich doch geraume Zeit. Ich wollte mir ſelbſt nicht ge⸗ ſtehen, daß meine Freundſchaft fuͤr Miß Vernon ſich mit irgend einer eigennuͤtzigen Abſicht verbaͤnde, doch war mir der Gedanke aͤußerſt unbehaglich, daß ſie irgend jemand eine geheime Zuſammenkunſt zu einer Zeit und an einem Orte geſtatte, wo ich ihr um ihrer ſelbſt willen mit eini⸗ ger Verlegenheit von meiner Seite zu zeigen mich bemuͤht hatte, daß es ſich fuͤr mich nicht ſchicke, ſie zu beſuchen. „Thoͤrichtes, leichtſinniges, unfolgſames. Mädchen!“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„an das jeder gute Rath und jede zarte Ruͤckſicht weggeworfen ſind. Ich bin getaͤuſcht wor⸗ den, durch die Einfachheit ihres Weſens, das ſie, blos um ſich auszuzeichnen, ſo leicht aunehmen kann, als ſie einen Strohhut aufſetzt, wenn er mode wird. Ich glaube trotz ihres ausgezeichneten Verſtandes gibt ihr die Geſellſcaft von einem Dutzend Tölpel, mit denen ſie Karten ſpielen kann, mehr Vergnuͤgen, als wenn Arloſto ſelbſt vom Tode erwachte.“ Dieſer Gedanke draͤngte ſich mir um ſo ſtaͤrker auf, weil ich meinen Muth zuſammengenommen, und Diana gebeten hatte, Martha auf dieſen Abend zu einer Thee⸗ parthie in die B bliothek einzuladen, indem ich ihr meine Ueberſezung des erſten Buchs von Arioſto zeigen wollte. Dieß war von Diana unter einem Vorwand, den ich fuͤr nictig hielt, abgelehnt worden. Dieſer unangenehme Ge⸗ genſtand hatte mich indes nicht lange beſchaͤftigt, als die yintere Gortenthuͤre ſich oͤffnete, und Audreas mit feinem ſchwerbepackten Landomann den vom Mrondſchein erhellten Gang heraufkam, und meiner Aufmerkſamkeit eine andete Richtung gab⸗ ͤ——- ☚ 2 99 Ich fand, wie ich erwartet hatte, an Macready einen ſchlauen, ſteifen, ſpitzkopfigen Schotten, den Neigung und Gewerbe zum Negigkeitskraͤmer machten. Er gab mir ge⸗ nauen Bericht uͤber das, was in beiden Parlamentshaͤu⸗ fern uͤber die Angelegenheit von Morris vorgegaugen war, aus der beide Parteien, wie es ſcheint, einen Prüfſtein gemacht hatten, um die Stimmung des Parlaments zu erforſchen, und das Miniſterium war, wie ich ſchon aus den Augaben von Andreas entnommen hatte, zu ſchwech geweſen, eine Sache durchzufuͤhren, wobei Maͤnner von Rang und Wichtigkeit mit ins Spiel kamen, und die nur auf den Angaben eines Mannes ven ſo ungewiſſem Rufe als Morris, beruhte, der bei der Erzählung ſeiner Ge⸗ ſchichte ſich verwirrt und in Widerſpruͤche verwickelt hatte. Macready konnte mir auch eine Zeitung,— damals au⸗ herhalb der Hauptſtadt eine ſeltene Sache,— mittheilen, wonin ein Auszug aus den Dehatten ſtand, ſo wie auch die R de des Herzogs von Argyle, wovon er mehr re Erem⸗ piare aufgekauft hatte, da er ſie in Schottland mit Vor⸗ theil abzusetzen hoffte. Das erſtere war eine magere Dar⸗ ſtehung mit vielen leeren Stellen und Kreuzchen, woraus ſich wenig mehr entnehmen ließ, als mir der Scholte bereits mundlich mitgetheilt hatte, und des Herzogs Rede, oheleich geiſtvoll und beredt, war hauptſaͤchlich nur eine Lobiede auf ſein Land, ſeine Familie, ſeinen Clan, mit el⸗ nigen vielleicht eben ſo aufrichtig gemeinten, ledoch minder feurigen Complimenten fuͤr ſich ſelbſt, wozu er eine ſo guͤnſtige Gelegenheit benuͤtzen wollte. Ich keunte nicht er⸗ kahren, ob melne eigene Etre geradezu verdaͤchtig gemacht worden war, obgleich ich bewerkte, daß man die Ehre der Familie meines Oheims angriff, und daß dieſer Campbel, 4. 100 nach den Angaben von Morris der thätigſte der beiden Raͤuber, von denen er angefallen wurde, einem Herrn Os⸗ baldiſtone zu Huͤlfe gekommen, und ihm durch die Nach⸗ ſicht des Friedensrichters die Freiheit verſchafft hatte. Darin traf die Erzaͤhlung von Morris mit meinem eigenen Ver⸗ dacht zuſammen, den ich gegen Campbell von dem Augen⸗ blicke ſeiner Erſcheinung bei dem Friedensrichter Ingle⸗ wood an hegte. Aergerlich und beſtuͤrzt uͤber dieſe ganze Geſchichte, entließ ich die beiden Schotten, als ich dem Kraͤmer etwas abgekauft, und dem Gaͤrtner fuͤr ſeine Be⸗ mühung gedankt hatte; auf meinem Zimmer fing ich nun an zu uͤberlegen, was ich zur Verkheidigung meines ſo öͤffentlich angegriffenen Charakters thun muͤſſe. Siebentes Kapitel. Woher und wer biſt du?. Milton. Nachdem ich eine ſchlafloſe Nacht damit zugebracht hatte, die erhaltenen Nachrichten in Erwaͤgung zu ziehen, hlelr ich es anfangs fur paſſend, ſo eilig wie moͤglich nach London zuruͤckzukehren, und durch meine offene Erſcheinung te gegen mich ausgeſtreute Verlaͤumdung zu widerlegen. Doch ich zauderte, wenn ich an meines Vaters Gemüthsart dachte, welche einen Widerſpruch gegen ſeine Ent ſcheidun⸗ geu in allem, was ſeine Familie betraf, durg aus nicht vet⸗ ſtattete. Auch machte ihn ſicherlich ſeine Erfahrung am geeignetſten, meine Sorite zu leiten, und bei ſeiner Be⸗ kanntſchaft mit den ausgezeichnerſen Whigs, die damals 101 im Beſitz der Gewalt waren, konnte er zuverſia tlich darauf rechnen, ſich in meiner Sache Genoͤr zu verſcha fen. Da⸗ rum hielt ich es am Ende fuͤr das ſicherſte, den ganzen Vorfall in die Form einer an meinen Vater gerichteten Erzaͤhlung zu bringen, und da der gewoͤhnliche Verkehr zwiſchen dem Schloſſe und der Poſt ziemlich gering war, ſo entſchloß ich mich, ſelbſt nach der ungefaͤhr zehn Meilen entfernten Stadt zu reiten, und meinen Brief eigenhaͤngig dem Poſtamt zu uͤbergeben. Bereits fing es an, mir ſonderbar vorzukommen, daß ich, obgleich ſchon ſeit mehreren Wochen von Hauſe ent⸗ fernt, doch noch keinen Brief weder von meinem Vater, noch von Owen erhalten, obgleich Raſhleigh ſeinem Varer bereits ſeine gluͤckliche Ankunft in London und den gütigen Empfang von Seiten ſeines Oheims gemeldet hatte. Moch⸗ te ich auch zu tadeln ſeyn, ſo verdiente ich, wenigſtens mei⸗ ner Meinung nach, doch nicht, von meinem Vater ſo voͤl⸗ lig vergeſſen zu werden, und ich dachte, mein jetziger Aus⸗ flug koͤnnte vielleicht einen Brief von ihm fruͤber in meine Hand bringen, als es außerdem geſchehen waͤre. Am Schluſſe des Briefs uͤber die Angelegenheit mit Morris unterließ ich nicht, dringend meine Hoffnung und meinen Wunſch auszudruͤcken, daß mein Vater mich mit einigen Zeilen beehren werde, waͤre es auch nur, um mir ſeinen Rath und ſeine Befehle in einer etwas ſchwierigen Ange⸗ legenheit zu kommen zu laſſen, wo meine Lebenserfahrung nicht ausreiche, mich gehoͤrig zu leiten. Ich konnte es in⸗ deß nicht uͤber mich gewinnen, auf meine Ruͤckkehr nach London, als meinen bleibenden Aufenthalt, zu dringen, verſteckte alſo meine Abneigung dagegen unter eine ſchein⸗ bare Unterwurfigkeit gegen den Willen meines Vaters,— 1⁰²³ und da ich d nir ſelbſt als einen hinreichenden Grund e en vorſpi agelte. 5 meine endliche Abreiſe von Osbaldiſtove⸗ Hall nichr zu dringen, ſo nahm ich es als unbezwelfelt an, daß auch mein Vater es ſo an hen werde. Doch bat ich um Erlaubnis wenigſtens auf eine kurze Zelt nach London kommen zu durfen, um den ehrenruͤhrigen Verlaͤumdungen entgegenzutreten, die auf eine ſo oͤffentliche Weiſe gegen mich in Umtauf gebracht werden waren. Als ich dieſen Brief, worin mein ernſtliches Verlangen, meinen Ruf zu retten, auf eine ſo ſonderbare Weiſe mit dem Widerwillen gemiſcht war, meinen jezigen Aufenthaltsort zu verlaſſen, ſelbſt auf die Poſt beforderte, empfieng ich dort einen Brief von mei⸗ nem Freund Owen, der mir außerdem etwas ſpaͤter zuge⸗ kommen ſeyn wuͤrde. Werther Herr Franz! Habe Dero Werthes durch Guͤte des Herrn R Osbal⸗ diſtone erhalten, und den Inhalt bemerkt. Werde Herrn R. O. alle Hoͤflichkeiten erweiſen, ſo in meiner Macht ſtehen, und habe ihm bereits die Bank und das Zollhaus gezeigt. Er ſcheint ein verſtaͤndiger zuverlaͤßiger junger Mann, und legt Hand an das Geſchaͤft, wird daher der Firma von Nutzen ſeyn. Haͤtte freilich gewuͤnſcht, jemand anders moͤchte ſein Gemuͤth auf dieſen Weg gerichtet ha⸗ ben, doch Gottes Wille geſchehe. Inmaſſen Baarſchaft in jenen Gegenden ſelten ſeyn moͤchte, ſo hoffe, daß Ihr ent⸗ ſchuldigen werdet, daß inliegend einen Wechſel auf die H. Hooper und Girder zu Newkaſtle auf 100 Pf., zahlbar ſechs Tage nach Sicht ſende, welcher, wie ich nicht zweif⸗ le, wird gebuͤhrend honorirt werden.— Ich verbleibe, wer⸗ 103 ther Herr Franz, pflichtſchuldig Euer reſpektsvollſter und gehorſamſter Diener Joſeph Owen. Postscriptum.„Hoffe, Ihr werdet den rictigen Em⸗ pfang des Obigen melden. Bedaure, daß wir von Euch ſo wenig ſehen. Cuer Vater ſagt, er iſt, wie gewoͤhnlich, ſieht aber dabei traurig aus.“ Mit Erſtaunen erſah ich aus dem in des alten Owens foͤrmlichem Styl geſchriebenen Briefe, daß er des vertrau⸗ lichen Briefs nicht erwaͤhnte, den ich ihm in der Abſicht geſchrieben hatte, ihn uͤber Raſhleighs wahren Charakter in Kenntniß zu ſetzen; nach dem Poſtenlauf mußte er ihn beſtimmt ſchon erhalten haben. Ich hatte ihn doch mit der gewoͤhnlichen Gelegenheit von dem Schloſſe abgeſchickt, und keinen Grund zur Vermuthung, daß er unterwegs verloren gehen koͤnnte. Da er Dinge von großer Wichtig⸗ keit fuͤr meinen Vater und mich ſelbſt enthielt, ſo ſetzte ich mich im Poſthauſe hin, ſchrieb abermals an Owen, wie⸗ derholte die Hauptgegenſtaͤnde meines fruͤhern Briefs, und verlangte zu wiſſen, ob er ihn ſicher erhalten haͤtte. Zu⸗ gleich beſcheinigte ich den Empfang des Wechſels, und ver⸗ ſprach, Gebrauch davon zu machen, ſo bald ich des Geldes beduͤrfe; indeſſen kam es mir ſonderbar vor, daß mein Va⸗ ter die Sorge, meine Beduͤrfniſſe zu beſriedigen, ſeinem Schreiber uͤberließ, doch mochte das wohl zwiſchen ihnen verabredet ſfeyn. Jedenfalls war Owen ein Junggeſelle, in ſelner Art reich, und mir leidenſchaftlich zugethan, ſo daß ich keinen Anſtand nahm, für eine kleine Summe in ſeiner Veryllichtung zu ſtehen, die ich als ein Anlehen be⸗ trachten konnte, das ich ſo bald wie moͤglich zuruͤckzuzahlen haͤtte, im Fall es nicht fruͤher ſchon von meinem Vater ge⸗ 104 ſchehe; in dieſem Sinne druͤckte ich mich auch an Owen daruͤber aus. Ein Kraͤmer in der kleinen Stadt, an den nich der Poſtmeiſter wies, zahlte mir bereitwillig den Be⸗ trag meines Wechſels aus, ſo daß ich um ein gutes Theil reicher zuruͤckkehrte, als ich ausgegangen war. Dieſe Her⸗ ſtellung meiger Finanzen war keine gleichguͤltige Sache, da ich zu Osbaldiſtone Hall manche Ausgaben unmoͤglich um⸗ gehen konnte, und ich hatte mit einiger Unbehaglichkeit die Summe, die mir von meiner Reiſe uͤbrig geblieben war, unmerklich abnehmen ſehen. Dieſe Beſorgniß war alſo fuͤr den Augenblick entfernt. Bei meiner Ruͤckkunft erfuhr ich, daß Ser Hlldebrand mit ſeiner ganzen Nachkommenſchaft in das nahe Dorf hinabgegangen war,„um,“ wie Andreas Gutdienſt ſich ausdruͤckte,„zu ſehen, wie ein Paar armer Haͤhne ſich das Gehirn aushackten.“ 3 „Das iſt in der That ein rohes Vergnuͤgen, Andreas; ich vermuthe, in Schottland habt Ihr dergleichen nicht,“ „Nein, nein,“ erwiederte Andreas dreiſt, hob aber ſeine Verneinung ſogleich wieder auf durch die Worte:„au⸗ ßer am Faſtuachtabend und ſolchen Feſten.— Doch es liegt nicht viel daran, was die Leute mit den Haͤhnen ma⸗ chen, denn die picken und ſcharren in unſern Gaͤrten, daß man kaum eine Bohne oder Erbſe vor ihnen huͤten kann. — Aber ich wundere mich, warum dort die Thurmthuͤre offen ſteht. Herr Raſhleigh iſt ja fort, der kann's doch nicht ſeyn.“ Die Thurmthuͤre, von der er ſprach, gieng in den Gar⸗ ten hinaus am Fuße einer Wendeltreppe, die in Raſhleighs Zimmer fuͤhrte. Dieß lag, wie ich bereits erwihnte, in einem abgeſonderten Theile des Hauſes, ſtand durch einen gehelmen Eingang mit der Bibliothek in Verbindung, und 105 durch einen dunkeln gewoͤlbten Gang mit dem uͤbrigen Hauſe. Ein enger ſchmaler Raſengang zwiſchen hohen Stech⸗ palmenbecken fuͤhrte von der Thurmthuͤre zu einem Hin⸗ terthuͤrchen in der Gartenmauer. Auf dieſem Wege konnte Rachleigh, deſſen Tyun und Laſſen gar nicht von dem der uͤbrigen Familie abhieng, nach Gefallen das Schloß verlaſ⸗ ſen oder dahin zuruͤckkehren, ohne daß ſeine Abweſenheit oder ſeine Gegenwart von irgend jemand bemerkt wurde. Seit ſeiner Abreiſe waren Treppe und Thurmthuͤre gar nicht benuͤtzt, und dieß machte des Gaͤrtners Bemerkung allerdings ein wenig auffallend. „Habt Ihr die Thuͤre oft offen geſehen?“ war meine Frage. „Nicht gerade oft; ungefaͤhr zwei⸗ oder dreimal. Ich glaube der Prieſter, Vater Vaughan wie ſie ihn nennen, mag's ſeyn. Ihr werdet keinen von den Bedienten finden, der die Treppe hinauegienge, das ſind arme erſchrockene Heiden, die fuͤrchten ſich vor Geſpenſtern, Kobolden und langnaſigen Weſen aus der andern Welt. Aber Vater Vaughan glaubt, die Geiſter koͤnnten ihm nichts anhaben! Der ſchlechteſte Prediger in Schottland, der je eine Pre⸗ dint ableierte, wuͤrde zweimal ſo ſchnell einen Geiſt ban⸗ nen, als er mit ſeinem heiligen Waſſer und abgoͤttiſchen Poſſen. Ich glaube nicht einmal, daß er gut Latein ſpricht, er verſteht mich ja kaum, wenn ich ihm die Belehiten Na⸗ men der Pflanzen ſage.“ Von Vater Paughan, der ſeine Zeit und ſeine geiſtli⸗ che Fuͤrſorge zwiſchen der Familie meines Oheims und un⸗ gefaͤhr einem halben Duzend anderer katholiſcher Edelleute in der Nachbarſchaft theilte, habe ich bis jetzt noch nichts geſagt, weil ich ihn nur wenig geſehen hatte. Er war un⸗ 106 gefaͤhr ſechzig Jahre alt, und, ſo viel man mir zu vetſte⸗ hen gab, von einer guten Familie aus dem Norden; ſein Aeußeres hatte etwas auffallendes und imponirendes, in ſeinem Benehmen lag eine ernſte Wuͤrde, und er war nn⸗ ter den Katholiken Northumberlands als ein wuͤrdiger red⸗ licher Mann geſchaͤtzt. Doch war Vater Vaughan nicht frei von den Eigenheiten, die ſeinen Stand auszeichnen. Es war etwas geheimnißvolles in ſeinem Weſen, das in proteſtantiſchen Angen nach Prieſterliſt ſchmeckte. Die Be⸗ wohner des Schloſſes blickten mehr mit Furcht, oder we⸗ nigſtens mit Scheu auf ihn, als mit Liebe. Ihre Gelage mißdbillizte er offenbar, denn waͤhrend ſeiner Anweſenbeit im Schloſſe wurden ſie einigermaßen ausgeſetzt. Selbſt Sir Hildebrand legte ſich in ſolchen Zeiten einigen Zwang auf, was vielleicht ſeinen Anfenthalt etwas laͤſtig machte. Er hatte das feine, einnehmende, faſt einſchmeichelnde We⸗ ſen, das den Prieſtern ſeines Glaubens, beſonders in Eng⸗ land, eigen iſt, wo der katholiſche Lale, durch Strafgeſeze, durch die Beſchraͤnkungen ſeines Glaubens und die Ermah⸗ nungen ſeines Seelſorgers gedruͤckt, oft ein zuruͤckhhalten⸗ des, faſt furchtſames Benehmen in der Geſellſchaft von Proteſtanten beobachtet, indeß der Prieſter, durch ſeinen Stand berechtigt, mit Perſonen jedes Glaubens umzuge⸗ hen, offen, munter, freiſinnig im Umgange iſt, ſich beitebt zu machen ſucht, und meiſtentheils auch geſchickt genug iſt, ſeinen Zweck zu erreichen. Vater Vanghan war beſonders nahe mit Raſhleigh bekannt, ſonſt wuͤrde er ſich wahrſcheinlich auch kaum auf dieſem Fuße in Schloſſe erhalten haben. Aus dieſem Grunde wuͤnſchte ich nicht, ſeine naͤhere Bekanntſchaft zu machen, und er ſchien mir nicht entgegenkommen zu wollen; ſo war 107 uſer gelegentliches Zuſammentreffen auf den Anstauſch gewoͤhnlicher Hoͤflichkeiten heſchtaͤnkt. Ich betrachtete es als ſehr wahrſcheinlich, daß Herr Vaughan waͤhrend ſeines Aufenthalts im Schloſſe Rafhleighs Zimmer einnehmen wuͤrde, und ſein Stand ließ erwarten, daß er gelegentlich auch die Bibliothek beſuchen werde. Nichts war wahrſchein⸗ licher, als daß ſein Licht am vorkgen Adend meine Auf⸗ merkſamkeit erregt hatte. Dieß leitete mich unwillkuͤrlich zu der Bemerkung, daß dem Verkehr zwiſchen Miß Ver⸗ non und dem Prieſter beinahe derſelbe Stem el des Ge⸗ heima iſſes aufgedrückt ſei, wie ihrer Verbindung mit Raſh⸗ leigh. Sle hatte nie Vanughaus Namen genannt, oder auch nur darauf angeſpielt, auser bei unſerem erſten Zuſam⸗ meutreffen, wo ſie den alten Prieſter und Raſlelgh nebſt ihr, als die einzigen umgänglichen Weſen im Schloſſe er⸗ waͤhnte. Doch trotz dieſes Schweigens uͤber ihn, wurde ſie jedesmal bei ſeiner Ankunft von einem aͤngſtlichen, un⸗ rubigen Zittern ergriffen, was ſo lange dauerte, bis ſie einige bedeutende Blicke ausgewechſelt hatten. Was auch das Geheimniß ſeyn mochte, worin das Schickſal des ſchoͤnen und intereſſanten Maͤdchens gehuͤllt war, Vater Vaughan war offeabar darein verwickelt, den Fall ausgenommen, daß er den Auftrag hatte, ſie ins Klo⸗ ſter zu bringen, wenn ſie die Verbindung mit einem mei⸗ ner Vettern ausſchlug,— daraus freilich ließe ſich ihre offenbare Bewegung bei ſeinem Erſcheinen erklaͤren. Uebri⸗ gens ſchien es nicht, als ob ſie viel mit einander verkehr⸗ ten, oder auch nur eines des andern Geſellſchaft aufſuchte. Beſtand ein Bund zwiſchen ihnen, ſo war es ein ſtilles Einverſtaͤndniß, das ihre Handlungen leitste, ohne der Spra⸗ che zu beduͤrfen. Ich erinnerte mich indeſſen, daß ich ſie 1⁰8 ein⸗ oder zweimal gewiſſe Zeichen wechſeln ſah, die ich da⸗ mals fuͤr Winke uͤber die Beobachtung von Glaubensvpflich⸗ ten hielt, da ich wußte, wie ſcrlou die katholiſchen Geiſt⸗ lichen ihren Einfluß auf die Gemuͤther ihrer Glaubensge⸗ noſſen zu jeder Zeit und unter allen Umſtaͤnden behaupten. Jetzt war ich aber geneigt, dieſen Mittheilungen eine tie⸗ fere und geheimere Bedeutung beizulegen. Eine Frage, die melne Gedanken beſchaͤftigte, war: hat er geheime Zu⸗ ſammenkuͤnfte mit Diana in der Bebliothek? und wenn dieß der Fall iſt, in welcher Abſicht? Und warum ſollte ſie einem Vertrauten des raͤnkevollen Raſhleigs ein ſolches Zutrauen ſchenken? Dieſe Fragen und Zweifel regten mein Gemuͤth um ſo heftiger an, da ich es fuͤr moͤglich hielt, ſie aufzulölen. Ich hatte ſchon angefangen, zu argwohnen, daß meine Freundſchaft fuͤr Diana Vernon nicht ſo ganz uneigennuͤzig ſey, als ſie nach den Regeln der Klugheit haͤtte ſeyn ſol⸗ len. Bereits hatte ich gekuͤhlt, daß ich auf den veraͤchtli⸗ chen Luͤmmel Thorncliff eiferſuͤchtig werde, und ſeine thoͤ⸗ richten Verſuche, mich zu reizen, mehr bewacht, als Klug⸗ heit und edle Denkart es zulaſſen wollten. Und jetzt un⸗ terſuchte ich Dianas Benehmen mit einem Eifer und ei⸗ ner Heftigkeit, die nicht aus einer maͤßigen Neugierde ent⸗ ſprangen, wie ich mir ſelbſt vergebens vorredete. Alles dieß waren Zeichen, daß der junge Mann verliebt ſey, und mein Verſtand, der immer noch laͤugnen wollte, daß ich mich einer ſo unbeſonnenen Neigung ſchuldig gemacht habe, glich den unwiſſenden Wegweiſern, welche, wenn ſie den Reiſenden voͤllig irre geleitet haben, doch hartnaͤckig darauf beharren, es ſey unmoͤglich, daß ſie den Weg verfehlt ha⸗ ben koͤnnten. ——— 109 Achtes Kapitel. Als ich eines Mittags zu meinem Boote gieng, erblickte ich zu meinem großen Erſtaunen die Spur eines nackten Menſchenfu⸗ ßes im Sande. Robinſon Cruſpe. Die vereinten Gefuͤhle der Theilnahme und Eiferſucht, welche Miß Vernons ſonderbare Lage in mir erweckten, ſchaͤrften meine Aufmerkſamkeit auf ihre Blicke und Hand⸗ lungen in einem ſolchen Grade, daß es trotz aller meiner Bemuͤhungen, es zu verbergen, ihr dennoch nicht ent⸗ gieng. Das Gefuͤhl, beobachtet, oder eigentlicher zu reden, von meinen Blicken bewacht zu ſeyn, ſchien Diana verlegen, leidend und verdrießlich zu machen. Manchmal ſuchte ſie eine Gelegenheit, ihrem Verdruſſe uͤber ein Benehmen Luſt zu machen, das ſie beleidigen mußte, da ſie mit ſo viel Offenheit von der ſchwierigen Lage geſprochen hatte, in der ſie ſich befand; ein andermal ſchien ſie bereit, Be⸗ ſchwerde daruͤber zu fuͤhren. Aber es mangelte ihr entwe⸗ der der Muth, oder irgend ein anderes Gefuͤhl hinderte ſie, Aufklaͤrung zu ſuchen. Ihr Unmuth verflog in einer ſpizigen Gegenrede, und die Beſchwerde erſtarb auf ihren Lippen. Wir ſtanden in einem ſonderbaren Verhaͤltniß zu einander, da wir nach beiderſeitiger Wahl einen großen Theil unſerer Zeit mit einander zubrachten, dennoch aber unſere Gefuͤhle vor einander verbargen, und auf unſer bei⸗ derſeitiges Benehmen eiferſuͤchtig, oder dadurch beleidigt waren. Es war eine Vertraulichkeit zwiſchen uns ohne Verrrauen; auf der einen Seite Liebe ohne Hoffnung oder men.“ 110 Abſicht, und Neugierde ohne einen vernänftigen oder zu rechtfertigenden Beweggrund, auf der andern Verlegen⸗ heit, Zweifel, und nicht ſelten auch Unmuth. Dennoch glaude ich, und ſo iſt das menſchliche Herz, dieſe Bewe⸗ gung der Leidenſchaften, die fortdauernd durch tauſend anreizende und anziehende, wenn auch unbedeutende Um⸗ ſtaͤnde un beide dabin brachte, ſtets an einander zu den⸗ ken, hat nicht wenig dazu beigetragen, die Neigung zu er⸗ hoͤhen, von der wir uns zu einander hingezogen fuͤhlten. Obgleich aber meine Eitelkeit bald entdeckte, daß ſie ſeit meiner Arweſeuheit noch einen Grund mehr zur Abnei⸗ gung gegen das Kloſter habe, ſo konnte ich doch keines⸗ wegs auf eine Neignag vertrauen, die den Geheimniſſen ihrer Lage voͤllig untergeordnet ſchien. Sie beſaß einen zu ausgebildeten feſten Charakter, als daß ihre Liebe zu mir das Gefuͤyl der Pflicht oder der Klugheit haͤtte uͤberwaͤlti⸗ gen follen, und davon gab ſie mir eine Probe in einer Unterredung, die wir um dieſe Zeit mit einander hatten. Wir ſaßen in der oft erwaͤhnten Bitliothek beiſam⸗ men. Miß Vernon bläͤtterte in einer Ausgabe des Or⸗ lando Furioſo, die mir gehorte; ein beſchriebenes Blatt ſiel heraus, ich wollte es ſchnell aufheben, aber ſie kam mir zuvrr. „Das ſind Verſe,“ ſagte ſie mit einem Blick auf das Papier; langfam entfaltete ſie es, als wartete ſie meine Antwort ab,—„nun, darf ich?— ja, wenn Ihr erroͤthet und ſtammelt, ſo muß ich Eurer Beſcheiden heit Gewalt anthun, und die Erlaubniß als gegeben anneh⸗ Es it nicht der Muͤbe werth, das Ihr's durchleſet, — der Entaurf einer Ueberſezung,— mein theares Frär 111 lein, es kaͤme ein zu ſtrenger Spruch heraus, wenn Ihr, die Ihr das Original ſo gur verſteht, daruͤber zu Gericht ſizen ſolltet.“ „Mein ehrlicher Freund,“ erwiederte Diana,„wenn Ihr guten Rath annehmen wollt, ſo haͤngt nicht zu viel Demuth an Euern Angelhacken, denn, zehn gegen eins, Ihr faͤngt nicht ein einziges Compliment. Ihr wißt, ich gehoͤre zu der unbeliebten Familte der Wahrheitsſprecher, und wauͤrde Apollo keine Schmeichelei uͤber ſeine Leier ſa⸗ gen.“ Sie las einige Strophen.„Es iſt ja noch recht viel,“ ſagte ſie dann, die lieblichſten Toͤne unterbrechend, die ein menſchliches Ohr hoͤren kann,— den Klang der Verſe ei⸗ nes jungen Dichters, von geliebten Lippen ausgeſpro⸗ chen. „Weit mehr, mein Fraͤulein, als Eure Aufmerkſam⸗ keit erregen koͤnnte,“ ſagte ich, und nahm die Verſe, ein wenig empfindlich aus threr nicht widerſtrebenden Haud, —„und doch,“ fuhr ich fort,„fuͤhlte ich manchmal in meiner zuruͤckgezogenen Lage, daß ich mich nicht beſſer un⸗ terhalten koͤnnte, als wenn ich— verſtehr ſich, blos zu meinem eigenen Vergnuͤgen— die Ueberſezung des bezau⸗ bernden Dichters wieder vornaͤhme, die ich vor einigen Mo⸗ naten noch an den Ufern der Garonne begann.“ „Die Frage waͤre nur,“ ſagte Dians ernſt,„ob Ibr Eure Zeit nicht beſſer beraitzen koͤnntet?“ „Ihr meint zu gehen Arbeiten,“ ſagte ich ſehr ge⸗ ſchmeichelt;„die Wahrheit zu ſagen, meine Anlage beſteht mehr darin, Worte und Reime, als Ideen zu finden, und deßyalb freue ich mich, die zu benuͤtzen, welche Arioſto mie 11² liefert Wenn Ihr indeß, mein Fraͤulein, mir eine Auffor⸗ derung—— „Verzeiht, Franz, die Aufmunterung habe ich nicht gegeben, Ihr habt ſie genommen. Ich meinte weder ei⸗ gene Arbeit, noch Uederſetzung, da ich glaubte, daß Ihr Eure Zeit zu etwas beſſerem anwenden koͤnntet, als zu beiden. Ihr ſeid empfindlich,“ fuhr ſie fort,„und es thut mir Leld, die Urſache davon zu ſeyn.“ „Nicht empfindlich,— gewiß nicht empfindlich,“ ſagte ich in moglichſt guter Laune, es wollte aber damit nicht gelingen.„Ich bin Euch ſehr verbunden durch die Theil⸗ nahme, die Ihr mir beweist.“ „Nein, nein,“ fuhr ſie unbarmherzig fort;„in die⸗ fem gezwungenen Tone liegt Empfindlichkeit und ein we⸗ nig Verdruß. Seid nicht unmuthig, daß ich Eure Gefuͤhle bis auf den Grund beruͤhre, vielleicht geſchieht dieß noch mehr durch das, was ich Euch zu ſagen habe.“ Ich fuͤhlte mein kindiſches Betragen, daß ſie ſich da⸗ gegen weit maͤnnlicher benehme, und verſicherte ſie, ſie duͤrfe nicht fuͤrchten, daß ich uͤber einen Tadel unwillig werden wuͤrde, der ſo gut gemeint ſei. „Das war ehrlich gemeint und geſagt,“ erwiederde ſte;„ic wußte wohl, daß dieſe Dichterempfindlichkeit mit dem Raͤuſpern verflog, das Eure Antwort ankuͤndigte. Aber jetzt muß ich ernſthaft ſeyn.— Habt Ihr kuͤrzlich nichts von Eurem Vater gehoͤrt?“ „Nicht ein Wort,“ erwiederte ich;„er hat mich eit einer 113. einer Trennung von mehreren Monaten nicht mit einer Zeile beehrt.“ „Das iſt ſonderbar;— Ihr ſeid ein wunderliches Ge⸗ ſchlecht, Ihr kuͤhnen Osbaldiſtones.— Dann wißt Ihr auch nicht, daß er nach Holland gegangen iſt, um einige drin⸗ gende Geſchaͤfte in Ordnung zu bringen, die ſeine eigene Gegenwart erforderten?“ „Bis dieſen Augenblick habe ich nicht ein Wort davon gehoͤrt.“ „Ferner muß es Euch auch eine Neuigkeit ſeyn, und ſchwerlich eine angenehme, daß er Raſhleigh die faſt unbe⸗ ſchraänkte Leitung ſeiner Angelegenheiten uͤberlaſſen hat bis⸗ zu ſeiner Ruͤckkehr.“ Heftig beſtuͤrzt konnte ich mein Erſtaunen und meine Beſorgniſſe nicht unterdruͤcken. „Ihr habt Grund, unruhig zu ſeyn,“ ſagte Miß Ver⸗ non ſehr ernſt;„und wäre ich an Eurer Stelle, ich würde mich beſtreben, den Gefahren entgegenzutreten, die aus einer ſo unerwuͤnſchten Anordnung hervorgehen müſſen.“ „Aber wie kann ich dieß thun 2* „Wer Muth und Thaͤtigkeit beſitzt, kann alles thun,““ ſagte ſie mit dem Blick einer Heldin aus der Ritterzeit, deren Ermuthigung einem Kaͤmpfer doppelten Muth ver⸗ lieh in der Stunde der Gefahr;„dem furchtſamen und unentſchloſſenen iſt jedes Ding unmoͤglich, weil es ſo ſcheint.“ „Und was wuͤrdet Ihr mir rathen, Miß Vernon? fragte ich, ihre Antwort wuͤnſchend und fuͤrchtend. W. Scott's Werke. CI. 3 8 . Sie ſchwieg einen Augenblick und ſprach dann feſt: „das Ihr augenblicklich Osbaldiſtone⸗Hall verlaßt, und nach London zuruͤckkehrt. Ihr ſeyd vielleicht,“ fuhr ſie in einem ſanfteren Tone fort,„ſchon zu lange hier geweſen; doch das war nicht Euer Fehler. Jeder weitere Augen⸗ blick, den Ihr hier verſchwendet, iſt ein Verbrechen. Ja, ein Verbrechen; denn ich ſage Euch offen, wenn Raſh⸗ leigh lange Eures Vaters Angelegenheiten leitet, ſo könnt Ihr ſeinen Untergang fuͤr gewiß anſehen.“ „Wie iſt dieß moͤglich?“ „Fragt mich nicht,“ ſagte ſie;„ſondern glaubt mir, Rafhleighs Abſichten gehen viel weiter, als auf den Be⸗ ſitz oder die Vermehrung von Handelsreichthum. Er wird die Leitung der Einkuͤnfte und des Vermoͤgens Eures Vaters nur dazu benuͤzen, ſich die Mittel zu ſeinen ehr⸗ geizigen und ausgedehnten Entwürfen zu verſchaffen. Dieß war unmoͤglich, ſo lange Euer Vater in England war; während ſeiner Abweſenheit werden ſich Rafhleigh manche Gelegenheiten darbieten, und er wird ſie nicht ungenuzt voruͤbergehen laſſen.“ „ Aber wie kann ich, mit meinem Vater in Unfrieden, und von allem Antheil an ſeinen Geſchäͤften ausgeſchloſſen, dieſer Gefahr durch meine bloſe Anweſenheit in London zuvorkommen?“ „Dieſe Anweſenheit allein wird ſchon viel thun.— Euer Anſpruch auf Mitaufſicht iſt ein Theil Eures Ge⸗ burtsrechts und iſt unverlkerbar: Ihr werdet wenigſtens den Beiſtand des Oberſchreibers und der Handelsfreunde 115 Eures Vaters haben. Ueberhaupt ſind Raſhleighs Ent⸗ wuͤrfe von einer Art, daß...(ſie brach plötzlich ab, als fuͤrchtete ſie ſich, zu viel zu ſagen)— kurz, ſie ſind von der Art aller ſelbſtſuͤchtigen und gewiſſenloſen Plaͤne, die man ſchnell aufgiebt, ſobald die, welche ſie hegen, bemerken, daß ſie entdeckt und bewacht ſind. Darum rufe ich Euch mit Eurem Lieblingsdichter zu: 4 Zu Roß! zu Roß! nur Furcht mag zweifelnd zagen! Ein unwiderſtehliches Gefuͤhl riß mich fort:„Ach, Diana, Ihr koͤnnt mir den Rath geben, als Osbaldiſtone⸗ Hall zu berlaſſen⸗— dann, ja dann bin ich allzulange hier geweſen.“ Miß Vernon erroͤthete, fuhr aber mit großer Feſtlg⸗ keit fort:„ja, ich gebe Euch dieſen Rath, nicht blos Os⸗ baldiſtone⸗Hall zu verlaſſen, ſondern auch den, nie zuruͤck⸗ zukehren. Ihr laßt hier nur Ein freundich ⸗geſiuntes Weſen zuruͤck,“ fuhr ſie mit einem gezwungenen Laͤcheln fort,„und dieſe iſt lange gewohnt, ihre Freundſchaft und ihren Troſt der Wohlfahrt anderer aufzuopfern. In der Welt werdet Ihr hundert ſinden, deren Freundſchaft eben ſo uneigennuͤtzig,— weit nuͤtzlicher,— minder mit widrigen Umſtaͤnden belaſtet,— minder unter dem Einfluß boͤſer Zungen und böſer Zeiten iſt.“ „Nlemals!“ rief ich aus,„niemals! die Welt kann mir nichts bieten für das, was ich zuruͤcklaſſen muß.„Hier ergriff ich ihre Hand, und druͤckte ſie an meine Lippen. „Das iſt Thorheit!“ rief ſie aus.—„Das iſt Toll⸗ 8„ 116 heit!“ ſie ſuchte mir dabei ihre Hand zu entziehen, doch nicht ſo hartnaͤckig, als ob es ihr augenblicklich gelingen ſollte, und ich hielt ſie beinahe eine Minute feſt.„Hoͤrt mich, und baͤndigt dieſen unmaͤnnlichen Ausbruch der Lei⸗ denſchaft. Ich bin durch einen feierlichen Vertrag die Braut des Himmels, wenn ich mich nicht lieber der Schändlichkeit in der Perſon Raſhleighs, oder der Rohheit in der Perſon ſeines Bruders antrauen laſſen will. Dar⸗ um bin ich die Braut des Himmels, dem Kloſter verlobt von meiner Wiege an. Bei mir ſind alſo dieſe Entzuͤ⸗ ckungen uͤbel angebracht, ſie bewieſen nur noch mehr, wie nothwendig es iſt, daß Ihr, und zwar ohne Aufſchub, ab⸗ reiſet.“ Mit dieſen Worten brach ſie ploͤtzlich ab, und ſagte mit unterdruͤckter Stimme:„Verlaßt mich ſogleich,— wir wer⸗ den uns hier wiederfinden, aber zum leztenmale.“ Meine Augen folgten den ihrigen, und ich glaubte ei⸗ ne Bewegung an der Tapete zu bemerken, welche die Thuͤre des geheimen Gangs von Raſhleighs Zimmer in der Bi⸗ bliothek bedeckte. Ich merkte, daß wir beobachtet waren, und wandte einen forſchenden Blick auf Miß Vernon. „Es iſt nichts,“ ſagte ſie mit ſchwacher Stimme;„ei⸗ ne Ratte hinter der Tapete.“ Ein heftiger Unwille hob ſich in meiner Bruſt, wenn ich daran dachte, bei einer ſolchen Gelegenheit behorcht wor⸗ den zu ſeyn. Klugheit, die Nothwendigkeit, meine Leiden⸗ ſchaft zu bezwingen, und Dianas wiederholtes Gebot, ſie zu verlaſſen, kamen noch zu rechter Zeit einer unbeſonnenen 117 Handlung zuvor. Ich eilte hinaus mit einem wilden Stur⸗ me in der Bruſt, den ich vergebens zu beruhigen ſtrebte, als ich mich auf meinem Zimmer befand. Eine Menge Gedanken draͤngten ſich in meinem Kopfe gleich den Nebeln in bergigen Gegenden, die in dunkeln Maſſen ſich herabſenken, und die gewoͤhnlichen Merkmale, welche dem Reiſenden ſeinen Weg durch die Wildniſſe be⸗ zeichnen, entſtellen oder verdunkeln. Die dunkle und un⸗ beſtimmte Befuͤrchtung einer Gefahr, die fuͤr meinen Vater aus den Anſchläͤgen eines Menſchen, wie Raſhleigh, hervor⸗ gehen konnte,— die halbe Liebeserklaͤrung an Miß Ver⸗ non,— ihre unverkennbar ſchwierige Lage, da ſie durch ei⸗ nen fruͤhern Vertrag gebunden war, ſich ſelbſt dem Kloſter zu opfern, oder eine unpaſſende Heirath zu ſchließen,— alles draͤngte ſich mit einemmale meinem Gedaͤchtniß auf, waͤhrend meine Urtheilskraft unfaͤhig war, auch nur einen dieſer Gegenſtaͤnde in ſeinem wahren Lichte und von der richtigen Seite zu betrachten. Hauptſaͤchlich aber war ich durch die Art verbluͤfft, wie Miß Vernon meine zaͤrtliche Neigung aufgenommen hatte, denn ſichtbarlich ſchwankte ſie zwiſchen Mitgefuͤhl und Feſtigkeit, und eine Neigung ſchien ſich in ihrer Bruſt zu regen, die nur nicht ſtark ge⸗ nug war, die Hinderniſſe zu beſiegen, die ſich dem Geſtaͤnd⸗ niß ihrer Neigung entgegenſezten. Der Blick, mit dem ſie die Bewegung der Tapetenthuͤre beobachtet hatte, verrieth mehr Furcht, als Ueberraſchung, und deutete die Beſorgniß einer Gefahr an, die ich nur fuͤr allzugegruͤndet halten mußte, denn Diana Vernon wußte nichts von der gewoͤhn⸗ 118 lichen Anwandlung weiblicher Nerbenſchwäche, und war gar nicht dazu gemacht, ohne eine wirkliche und gegruͤndete Urſache Furcht zu empfinden. Von welcher Art konnten dieſe Geheimuiſſe ſeyn, von denen ſie, wie mit einem Zau⸗ ber umgeben war, und welche auf ihre Gedanken und Hand⸗ lungen fortwährend einen thätigen Einfluß auszuüben ſchie⸗ nen, obgleich die Lenker derſelben nie ſichtbar waren? Dieſer Zweifel hielt zulezt meine Seele feſt, als wäre ſie erfreut, die Unterſuchung über die Schicklichkeit und Klugheit mei⸗ nes eigenen Benehmens von ſich abzuſchütteln, und dagegen Dianas Benehmen einer Pruͤfung zu unterwerfen. Ich bin entſchloſſen, rief ich endlich, ehe ich Osbaldiſtone⸗Hall ver⸗ laſſe, muß ich wiſſen, in welchem Lichte ich künftig dieß be⸗ zaubernde Weſen zu betrachten habe, in deſſen Leben ſich Offenheit und Geheimniß getheilt zu haben ſcheinen, jene, um ihr Worte und Gefuͤhle einzuflößen, dieſes um über alle ihre Handlungen einen trüben Nebel auszubreiten. Zu dieſer Neugierde, und meiner ungeduldigen Leiden⸗ ſchaft geſellte ſich noch eine lebhafte Regung heimlicher Ei⸗ ferſucht, die ich mir ſelbſt nicht geſtehen wollte. Wie das Unkraut mit dem Waizen, ſproßt dieß Gefühl zugleich mit der Liebe auf, und wurde hier gereizt durch den Einfluß, welchen Diana den unſichtbaren Weſen zu geſtatten ſchien, die ihre Handlungen lenkten. Je mehr ich daruͤber nach⸗ dachte, deſtomehr war ich innerlich, wenn auch wider Wil⸗ len überzeugt, daß ſie jeder Aufſicht und Leitüng trozen müͤrde, die nicht aus Zuneigung entſtünde, und heftig nag⸗ 119 te an mir der bittere Verdacht, daß dieß die Grundlage des Einflußes ſey, der ſie in Furcht ſetzte. Dieſe quälenden Zweifel verſtärkten mein Verlangen, in das uͤber Miß Vernons Benehmen verbreitete Geheim⸗ niß einzudringen, und zur Ausführung dieſes Abentheuers faßte ich einen Entſchluß, deſſen Erfolg du, wenn dich die⸗ ſe Einzelnheiten nicht ermüden, in dem näͤchſten Abſchnitte erfahren ſollſt.