aaannr arar Cararhnanhnarhahr at aLAThET Leihbibliothet von Eduard Ottmann in Gießen. aranhnanan. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„ 2„„ franz. od⸗ engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— Aaraaraan. LCananhranhr auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. „ 3„„ 30 5 1„„.—„ 36„ a2r anhnhnhranhnacnnanhr anaperaperaranaacaarr WEhrhnhr E 2LELTErTrrerrarrTeranhrenhr Walter Scott's ſaͤmmtliche W e r k —— Neu uͤberſetzt. Hundertſter Band. Robin der Rothe. 1 Erſter Theil. 6 Stuttgart, V bei Gebruüuͤder Franckh. 1828. Robin der Rothe. Vom 1 Verfaſſer des Waverley, Guy Mannering und des Alterthuͤmlers. ———— Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von . Dr. E. W. — Warum? Die gute, alte Regel Genügt für ſie, der ſchlichte Plan, Daß zugreift, wer die Macht beſitzt, und feſthält, wer da kann.) Robin's Grab.— Wordsworth. ⸗ ——— Erſter Theil. Stuttgart, ei Gebruͤder Frauckh. 1 828. Robin der Rothe. Erſtes Kapitel. Was hab' ich denn geſündigt, daß dieß Unglück So ſchwer auf mir liegt? Keine andern Söhne Hab' ich, und der iſt nicht mehr mein. Verflucht, Wer ſo dich umgewandelt!— Du auf Reiſen? Bald will ich auch mein Pferd auf Reifen ſenden. Thomas. Du bitteſt mich, mein theurer Freund, einen Theil der Muße, womit die Vorſehung den Abend meines Le⸗ bens ſegnete, der Aufzeichnung jener Gefahren und Muͤh⸗ ſeligkeiten zu widmen, von denen meine Jugend begleitet war. Das Andenken an dieſe Abentheuer, wie du ſie nennſt, hat zwar in meiner Seele ein wechſelndes Gefuͤhl von Luſt und Unluſt hinterlaſſen, das jedoch auch mit war⸗ mem Danke und Verehrung gegen den Lenker menſch⸗ licher Schickſale gemiſcht iſt, der meine Jugend mit Ge⸗ fahr und Anſtrengung fuͤllte, damit die behagliche Ru⸗ he, womit er mein Alter ſegnete, durch die Erinnerung und den Contraſt mir um ſo ſuͤßer erſcheinen moͤge. Du haſt oft behauptet, und ich kann auch nicht daran zweifeln, daß meine Schickſale unter einem Volke, das in Regte⸗ rungsform und Sitten der Urwelt ſo nahe ſteht, fuͤr die, welche gerne die Erzaͤhlungen eines alten Mannes von ei⸗ W Scott's Werkr. C. 1 ner jetzt dahin geſchwundnen 3 ſantes und Anziehendes haben Vergiß jedoch nicht, daß eine Gefchicts, die der eine Freund erzaͤhlt, und der andere anboͤrt adie Haͤlfte ihrer Reize verliert, wenn ſie niedergeſchrieben wird; die Erzäh⸗ lung der Abentheuer aus dem Munde doſſen, der ſie ſelbſt erfuhr, haſt du mit Intereſſe augehoͤrt“, vielleſcht wird ſie aber die Aufmerkſamfeit weniger zu verdienen ſcheinen, wenn ſie im einſamen Zimmer geleſen wird. Doch dein zuͤngeres Alter und dein kraͤftiger Koͤrper verſprechen dir ein längeres Leben, als aller menſchlichen Wahrſcheinlich⸗ keit nach der Autheil deines Freundes ſeyn wird. Lege al⸗ ſo dieſe Blaͤtter in ein geheimes Fach deines Schreibtiſches, bis ein Ereigniß uns von einander trennt, das jeden Au⸗ genblick eintreten kann, und im Laufe weniger,— ſehr weniger Jahre eintreten muß. Wenn wir fuͤr dieſe Welt geſchieden ſind, um uns, wie ich hoffe, in einer beſſern wieder zu ſinden, ſo wirſt du, das weiß ich gewiß, das Andenken an deinen abgeſchiedenen Freund treuer bewah⸗ ren, als er es verdient, und du wirſt in jeder Einzeln⸗ heit, die ich jetzt niederzuſchreiben im Begriff bin, Stoff zu wehmuͤthigen, doch nicht unangenehmen Betrachtungen finden. Andere hinterlaſſen ihren vertranten Freunden Abbildungen ihrer aͤußern Zuͤge,— ich lege in die deinige eine treue Aufzeichnung meiner Gebanken und Gefuͤhle, meiner Tugenden und meiner Fehler, mit der ſichern Hoff⸗ nung, daß die Thorheiten und der jaͤhe Ungeſtuͤm melner Jugend dieſelbe freundliche Dentung und Nachſicht ſinden werden, die io oft den Fehler nes beifen Alters zu Kheil wutden.. 1 Daß ich meine Bettbördigketten,—5 Wenn ich dieſen Zeit anbaren, Aias Interef⸗ 2 Blaͤttern einen ſo gewichtigen Namen geben darf,— einem theuern und innigen Freunde widme, verſchafft mir unter manchen andern auch den Vorthell, daß ich manche, in die⸗ ſem Falle unnoͤthige Einzelnheiten weglaſſen kann, die ich einem Fremden erzaͤhlen muͤßte, ehe ich zu intereſſantern Gegenſtaͤnden kaͤme. Soll ich alle meine Langeweile uͤber dich ausgießen, weil ich dich in meiner Gewalt, und Din⸗ te, Feder und Zeit vor mir habe? Doch will ich nicht zum Voraus verſprechen, daß ich nicht die ſo verfuͤhreriſch ge⸗ borene Gelegenheit mißbrauchen, und von mir und meinen Angelegenheiten reden werde, obgleich die Umſtaͤnde dir ſo gut als mir ſelbſt bekannt ſind. Die verfuͤhreriſche Nei⸗ gung, Einzelnheiten zu erzaͤhlen, wenn wir ſelbſt die Hel⸗ den der Begebenheiten ſind, vergißt oft die gebuhrende Ruͤckſicht auf die Zeit und die Geduld der Zuhoͤrer, und die rechtſchaffenſten und weiſeſten Maͤnner haben die ſer Lockung nicht widerſtanden. Ich brauche dich nur an das Beiſpiel zu erinnern, das uns die Form der feltenen Originalaus⸗ gabe von Sully's Denkwuͤrbigkeiten gibt, die du mit der verliebten Eitelkeit eines Buͤcherſammlers beharrlich derje⸗ nigen vorziehſt, welche in die bequeme und gewoͤhuliche Form von Deskwuͤrdigkeiten gebracht iſt; jeue halte ich nur darum fuͤr merkwuͤrdig, weil ſie zeigt, wie ſehr ein ſo großer Mann, als der Verfaſſer iſt, der Schwachheit un⸗ terllegen konnte, auf ſich ſelbſt ſo vlel Wichtigkeit zu le⸗ gen. Wenn ich mich recht erinnere, ſo hatte der ehrwuͤr⸗ dige Pair des Reichs, der große Staatomann, nicht weni⸗ ger als vier Edelleute aus ſeinem Gefolge dazu beſtimmt, um die Ereigniſſe ſeines Lebens aufzuzelchnen unter dem Titel: Denkwürdigkeiten der weiſen und keniglichen in⸗ nern, politiſchen und militariſchen Stagtsangelegenhelten 1. unter Heinrich IV. u. ſ. w. Als dieſe weiſen Geſchicht⸗ ſchreiber mit ihrer Sammlung fertig waren, brachten ſie ie Denkwuͤrdigkeiten, welche alle bemerkenswerthe Begeben⸗ heiten aus dem Leben ihres Herrn enthielten, in eine Er⸗ zaͤhlung, die an ihr ſelbſt in propria persona gerichtet war. Und ſoſtatt ſeine eigene Geſchichte in der dritten Perſon, wie Julius Caͤfar, oder in der erſten zu erzaͤhlen, wie die meiſten oͤffentlichen Sprecher oder einſamen Gelehrten, welche es wagen, die Heiden ihrer eigenen Erzaͤhlung zu ſeyn, erfreute ſich Sully des feinern, wenn auch wunder⸗ lichen Vergnuͤgens, ſich die Ereigniſſe ſeines Lebens von ſeinen Secretairen vorerzaͤhlen zu laſſen, indem er ſelbſt der Zuhorer, der Held und wahrſcheinlich auch der Ver⸗ faſſer des ganzen Buchs war. Es muß ein graßer Anblick geweſen ſeyn, den Erminiſter ſo bolzgerade als ihn eine geſtaͤrkte Krauſe und ein verbraͤmter Leibrock nur machen konnten, in vollem Staate unter ſeinem Thronhimmel ſi⸗ tzen zu ſehen, wie er der Vorlefung ſeiner Sammler zu⸗ hoͤrte, welche mit unbedecktem Haupte vor ihm ſtanden und ihm ernſthaft zu wiſſen thaten. So ſagte der Her⸗ zog— ſo ſchloß der Herzog— dies war Sr. Gnaden Mei⸗ nung uͤber dieſen wichtigen Gegenſtand— dieß waren die geheimen Rathſchlaͤge, welche Ihr bei jenem andern Vor⸗ fall dem Koͤnig gabt,“— lauter Umſtaͤnde die dem Hoͤrer beſſer, als ihnen ſelbſt bekannt ſeyn mutzten, und die ſie nur von ihm ſelhſt erfahren haben konnten. Meine Lage iſt nicht ganz ſo poſſirlich, wie die des großen Sully, und doch würde es von Franz Osbaldiſtone etwas ſeltſam feyn, wenn er William Treſham von ſeiner Geburt, Erziehung und ſelnen Verbindungen in der Welt eine föͤrmliche Nachricht ertheilen wollte. Ich wil deßhalb 9 mit dem verſuchenden Geiſte des Schreibers in unſerem Kirchſprengel kaͤmpfen, ſo aut ich kann, und mich bemuͤhen, dir nichts zu erzaͤhlen, was dir ſchon wohl bekannt iſt. Einiges muß ich jedoch deinem Gedaͤchtniß zuruͤckrufen, denn wenn du es auch fruͤher recht gut wußteſt, ſo kannſt du es doch in der Laͤnge der Zeit veraeſſen haben, und doch bildet es die Grundlage meines Schickfals. Du mußt dich meines Paters, den du von Kindheit an kannteſt, recht gut erinnern, denn der Deinige war ein Geſellſchafter des Handelshauſes. Doch kaum wirſt du ihn in ſeinen beſten Tagen geſehen haben, ehe Alter und Krankheit ſeinen gluͤhenden Unternehmungs⸗ und Speculationsgeiſt niederdruͤckte. Er waͤre wohl aͤrmer, vielleicht aber eben ſo gluͤcklich geweſen, haͤtte er ſeine Thaͤtigkeit, ſeinen ſcharfen Beobachtungsgeiſt, der nur in⸗ kaufmaͤnniſchen Unternehmungen Beſchaͤftigung fand, den Wiſſenſchaften widmen wollen. Doch in der Ebbe und Fluth kaufmänniſcher Speculatlen liegt, ſelbſt abgeſehen von der Hoffnung auf Gewinn, noch etwas anlockendes. Wer auf dieſem unſichern Elemente ſich einſchifft, bedarf nicht nur die Geſchicklichkeit des Steuermanns und die Standhaftigkeit des Seefahrers; wenn das Glück ihm nicht guͤnſtig iſt, kann er dennoch ſcheitern und verloren ſeyn. Dieſe Miſchung von nothwendiger Aufmerkſamkeit und unvermeiblicher Gefahr,— die oftmalige und ſchreck⸗ liche Ungewißheit, ob die Klugheit uͤber das Gluͤck ſiegen, oder das Gluͤck die Plane der Alugheit vereiteln werde, giebt den Kraͤſten, wie den Gefuͤhlen der Seele volle Be⸗ ſchaͤftigung, und der Haudel hat alles lockende des Spiels ohne deſſen ſittlichen Unwerth. Im Anfang des achtzehnten Jahrhundsrts, als ich 10 (Gott ſey mir gnaͤdig!) erſt einige und zwanzig Jahre alt war, erhielt ich ploͤtzlich den Befehl, Bordeaux zu verlaſſen, und wegen Geſchaͤften von Wichtigkeit zu meinem Vater zu⸗ ruͤckzukehren. Nie werde ich unſer erſtes Wiederſehen vergeſſen. Du erkunerſt dich des trockenen, abgebrochenen erwas ſtrengen Tons, worin er denen, die um ihn waren, ſeluen Willen mitzutheilen pflegte. Mir duͤnkt, ich ſehe ihn noch vor mir ſtehen,— ſeine kraͤftige, aufrechte Ge⸗ ſtalt, ſein raſcher, feſter Gang— der ſcharfe, durchdrin⸗ geude Blick ſeines Auges,— die Zuͤge, worein Sorge be⸗ reits Furchen gegraben hatte,— noch glaube ich ſeine Sprache zu hoͤren, die nie ein Wort unnuͤtz verſchwendete, und ſeine Stimme, die manchmal eine gewiſſe Haͤrte an⸗ nahm, wenn auch gegen ſeine Abſicht. uru Sobald ich von meinem Poſtpferde abgeſtlegen war, ellte ich in das Zimmer meines Vaters, der darin auf⸗ und abſchritt, mit einem Geſicht, das ruhige und beſonnene Uebe rlegung ausdruͤckte, die ſelbſt durch die Ankunft des ſeit vier Jahren nicht geſehenen einzigen Sohnes keines⸗ wegs geſtoͤrt wurde, Ich warf mich⸗in ſeine Arme. Er war ein guͤtiger, wenn auch kein zartlicher Vater, und nur einen Augenblick glaͤnzte eine Thraͤne in ſeinem dun⸗ keln Auge. KAe „Dubourg ſchreibt mir, daß er mit dir zuſtleden iſt⸗ Franz.“e. b, n. J98 3844 15 Si„Es freut mich, Sir,— r ſe a2 M 1 Ich habe aber minder Grund dazu,“ fagte et, indem er ſich nn ſeinsm Schreitpult⸗ Niederſetzte. piitici a 114u2 Es thur mur letd, Sir, u) dhn d Thul mit lold, frent int Schluugt 11123 Gh1118891298— 4 ⸗— 11 die in den meiſten Faͤllen wenig oder nichts bedeuten.— Hier iſt dein letzter Brief.““ Er nahm ihn aus einer Menge anderer heraus, die mit einem Stuͤcke rothen Zwirn zuſammengebunden, ſorg⸗ faͤltig bezeichnet und geheftet wardu. Da lag mein armer Brief, deſſen Inhalt mir damals ſonſehr am Herzen lag, den ich in Worten abgefaßt hatte, die nach meiner Mei⸗ nung Mitleiden, wenn nicht Ueberzeugung hervorbriugen mußten,— da lag er mitten unter Brieſen uͤber verſchie⸗ dene Handelsgeſchaͤfte, in welche mein Bater jeden Tag ſich einließ. Ich muß noch innerlich laͤcheln, wenn ich an die Miſchung von beleidigter Eitelkeit und verwundetem Gefühl denke, womit ich den Brief, der die mit mancher Unruhe niedergeſchriebenen dringenden Vorſtellungen ent⸗ hielt, unter den Berichten, Creditbriefen und all dem ge⸗ woͤhnlichen Plunder einer kaufmaͤnniſchen Correſpondenz (ſe dachte ich naͤmlich damals) hervorziehen ſah. Gewiß, meinte ich, verdiente ein Brief von ſolcher Wichtigkeit, und was ich mir ſelbſt nicht recht zu ſagen getraute, ſo gut geſchrieben, nicht nur einen beſondern Platz, ſondern auch eine ſorgfaͤltigere Beherzigung, als die uͤber gewoͤhnliche Geſchaͤfte des Comptoirs. Mein Vater jedoch bemerkte meine Unzufriedenheit nicht, und wuͤrde ohnehin auch nicht darauf geachtet haben. Er trat vor mit dem Briefe in der Hand.„Dieß, Franz, iſt Dein Brief vom 21. letzten Monats, worin Du mich, Ghier las er aus dem Briefe) benachtiatigſt, daß du bei dem ſe wichtigen Geſchaft, einen Lebensheruf zu waͤhlen, durch meine vaͤterliche Guͤte wenigſtens zu einen verneinenden Stimme berschtigt zu werden hoffſt, daß Dy unwiderlegliche— la unwlderlegliche heigt es— gelegentlich geſagt, wuͤnſche ich, 12 daß Du eine deutlichere Currentſchrift ſchreiben moͤchteſt, vergiß nicht, die Striche durch das„“ zu machen, und Deinem oben die gehoͤrige Oeffnung zu geben,— daß Du unwiderlegliche Einwendungen gegen die Dir vorge⸗ ſchlagenen Anordnungen zu machen habeſt. Da iſt dann noch mehr der Artz das vier volle Seiten einnimmt, und wozu bei einiger Aufmerkfamkeit auf beſtimmten und deut⸗ lichen Ausdruck eben ſodiel Zeilen hinreichend geweſen waͤ⸗ ren. Alles, Franz, laͤuft darauf hinaus, daß Du nicht thun willſt, was ich haben will.“ „Daß ich in dieſem Falle nicht kann, Sir, nicht daß ich nicht will.“ „Worte richten bei mir ſehr wenig aus, junger Menſch,“ ſagte mein Vater, der ſeine Unbeugſamkelt ſtets mit der vollkommenſten Ruhe und Selbſtbeherrſchung zu erkennen gab.„Kann nicht, mag etwas hoͤflicher ſeyn, als will nicht, laͤuft aber auf eins hinaus, wo keine mo⸗ raliſche unmöglichkeit vorhanden iſt. Doch ſch bin kein Freund von Uebereilung, wir wollen die Sache nach der Mahlzeit beſprechen.— Owen!“ Owen erſchien, nicht mit den Silberlocken, die dir ſo ehrwuͤrdig waren, denn er hatte nicht viel uͤber fuͤnfzig Jahre, aber er trug daſſelbe oder ein ganz gleiches hellbrau⸗ nes Kleid— dieſelben perlgrauen ſeldenen Struͤmpfe, eben die Halsbinde mit derußlbernen Schnalle, M eben die ge⸗ fältelten feinen Manſchetten, die im Beſuchzimmer den untern Theil der Hand bedeckten, im Arbeitszimmer aber ſergfaͤltig unter die Aufſchlaͤge zuruͤckgeſchlagen wareu, da⸗ mit ſie nicht von der Dinte, die er taͤglich verbrauchte, b22 Emutzt werden neöchtenze mamit elnein Wort, daſſelbe ernſthafte foͤrmihre jeboch wehlwollende Weſen, welches 13 den erſten Schreiber des großen Hauſes Osbaldiſtone und Treſham bis an ſeinen Tod bezeichnete. „Owen, ſagte mein Pater, als der gütige alte Mann mir liebreich die Hand ſchuͤttelte, Ihr muͤßt heute mit uns eſſen, und die Neuigkeiten hoͤren, die Franz uns von un⸗ ſern Freunden zu Bordeaux gebracht hat.“* Owen machte mit reſpeftsvoller Dankbarkeit einen ſei⸗ ner ſtetfen Buͤcklinge, denn damals, wo der Abſtand zwi⸗ ſchen Herrn und Diener weit groͤßer war, als in unſern Zeiten, war eine ſolche Cinladung eine Guaſt von einiger Bedeutung. 1 Lange werde ich mich dieſer Mahlzeit erinnern. Von Beſorgniß ergriffen, und nicht ohne Unmuth, war es mir unmoͤglich, an dem Geſpraͤche einen ſo thaͤtigen Antheil zu nehmen, als mein Vater zu erwarten ſchien,— und nur allzuoft gab' ich auf die Fragen, mit denen er mich beſtuͤrmte, ungenuͤgende Antworten. Owen, ſchwankend zwiſchen Ehrerbietung gegen ſeinen Gebieter, und Liebe zu dem Juͤnglinge, den er als Kind auf ſeinen Knien ge⸗ wiegt hatte, bemuͤhte ſich gleich dem furchtſamen, jedoch beſorgten Verbuͤndeten eines angegriffenen Volks, bei je⸗ dem Bocke, den ich ſchoß, zu erklaͤren, was ich— nicht meinte, und meinen Ruͤckzug zu decken, ein Manoeuver, das meines Vaters reizbaren Unmuth ſteigerte, und auch ihm einige Aeußerungen deſſelben zuzog, ohne mich zu be⸗ ſchutzen. Ich hatte zwar waͤhrend meines Aufenthalts in Dubourgs Hauſe nicht gerade zu dem Willen meines Va⸗ ters entgegengehandelt, und Verschen gemacht, wenn ich am Contohuch haͤtte ſitzen ſollen, doch hatte ich, um die Wahrheit zu fagen, das Comptoir nicht oͤfter befucht, als unumgaͤnglich nothwendig war, um vortheilhafte Berichte 14 an meinen Water von dem Franzofen zu erhalten, der feit langer Zeit Eorrefvondent unſerer Firma war, und von dem ich in die Gebeimniſſe des Handels eingewelht wer⸗ den ſollte. In der Thar war aber meine Aufmerkſamkeit hauptſaͤchlich auf Litteratur und koͤrverliche Fertigkelten ge⸗ richtet. Mein Vater verwarf ſolche geiſtige und koͤrper⸗ liche Uebungen keineswegs! Er hatte zuviel geſunden Ver⸗ ſtand, um nicht zu bemerken, daß ſie jedem Menſchen wohl anſtanden, und er fuͤhlte, daß der Beruf, nach dem ich feinem Wunſche zufolge melne Beſtrebungen richten follte, dadurch geboben und geadelt werde. Das Hauptziel ſeines Ehrgeſzes aber war, doß ich nicht nur ſein Vermoͤ⸗ gen, ſondern auch ſeine Entwuͤrfe und Plane erben moͤch⸗ te, wodurch der mir beſtimmte Relchthum vermehrt und verewigt werden koͤnnte. Neigung zu ſeinem Gewerbe war der Beweggrund, den er am meiſten wollte erſcheinen laſſen, wenn er in mich drang, denſelben Pfad zu betreten, aber er hatte noch an⸗ dere, mit denen ich erſt ſpaͤter bekannt wurde. Eben ſo raſch in ſeinen Plan en, als geſchickt und unternehmend, fand er in jebem neuen gluͤcklich ausgekallenen Wagniß den Reiz zugleich und die Mittel zu weitern Spekulatſonen. Gleich einem ehrgeizigen Eroberer war es fuͤr ihn nothwendig, von That zu That zu eilen, ohne je kune zu halten, um das . Erworbene zu ſichern, umd noch weit wenfger, um es zu genteßen. Gewoͤhnt, ſein ganzes Vermoͤgen in den Schaa⸗ len des Zufalls chwayken zu ſeben, und erfinderiſch in Mitteln) die Waage zu ſeinen Gunſten zu lenken, ſchien feine Geſundheit, ſein Geiſt und ſeine Thaͤtigkeit mit den Gefahren zu wachſen, denen er ſein Vermaͤgen ausfezte, und er glich einem Seemann, der gewohnt iſt, den Wellen — 15 und dem Feinde zu trozen, und deſſen Zuverſicht waͤchst am Abend vor dem Sturm oder der Schlacht. Indeß war er gegen die Aenderung nicht unempfindlich, die Alter und Krankheit in ſeinem Geſundheitszuſtand bewirken konnten, und deßhalb war er darauf bedacht, ſird in mir bei guter Zelt einen Helfer zu ſichern, der ſeiner ermattenden Hand das Steuerruder abnehmen, und des Schiffen Lauf nach ſeinem Rath und ſefner Anordnung lenken moͤchte. Naͤ⸗ terliche Liehe und Foͤrdernng eigener Plane leiteten ihn zu demſelben Entſchluſſe. Dein Vater hatte zwar ſein Ver⸗ moͤgen in dem Haufe angeleat, war aber vur ein fagenann⸗ ter ſtiller Geſellſchafter, und Owen, deſſen Rechtſchaffenheit und Brauchbarkeit in den Einzelnheiten des Rechnungs⸗ weſens ſeine Dienſte als erſter Schrefber unſchazbar mach⸗ ten beſaß aber entweder nicht Kenntniſſe, oder nicht Talente genug, um die Hauptleitung uͤbernehmen zu koͤnnen. Waͤre mein Vater ploͤzlich aus dem Leben abgerufen worden, was waͤre aus der Welt von Planen geworden. die er ent⸗ worfen hatte, wenn nicht ſein Sohn zum kaufmaͤnniſchen Herkules ſich bildete, faͤhig, die Laſt zu tragen, die der fal⸗ lende Atlas zuruͤckließ? und was waͤre aus dem Sohne ſelbſt geworden, wenn er ein Fremdling in ſolchen Arbei⸗ ten, ſich auf einmal in ein Labyrinth von kaufmaͤnnilchen Geſchaͤften verwickelt ſehen wuͤrde, obne die Kenntniſſe z9 beſtzen, die ihm zum Leitfaden dienen konnten, um ſich herauszuhelfen? Aus allen dieſen theils eingeſtandenen, theils geheimen Gruͤnden war mein Vater entſchloſſen, ich ſollte ſein Gewerbe ergrelfen, und hatte er einmal ſeinen Entſchluß gefaßt, ſo konnte niemand unbewezlicher darauf deharren. Ich war indeſſen auch eine Parthei, die man leichfals un Nath frazen mazte, beich erwis gan ſeinenn eigenen Hartnaͤckigkeit, und der Entſchluß, den ich gefaßt hatte, war dem ſeinigen gerade entgegengeſezt. 1 Der Widerſtand, den ich bei dieſer Gelegenheit den Wünſchen meines Vaters entgegenſezte, kann, wie ich hof⸗ fe, darin einige Entſchuldigung finden, daß ich nicht voll⸗ ſtaͤndig einſah, worauf dieſe Wunſche begruͤndet waren, und wie ſehr ſein Gluͤck darauf beruhte. Da ich mich einer rei⸗ chen Erbſchaft in Zukunft, und bis dahin eines reichlichen Auskommens ſicher glaubte, ſo fiel es mir nie ein, daß es noͤthig ſeyn koͤnne, zur Sicherung dieſes Gluͤcks mich Ar⸗ beiten und Beſchraͤnkungen zu unterziehen, die meinem Geſchmack und meiner Neigung ſo wenig zuſagten. In meines Vaters Vorſchlag, mich in die Geſchaͤfte zu werfen, erblickte ich aur den Wunſch, daß ich den von ihm ſchon aufgehaͤuften Reichthum noch vermehren moͤchte, und da ich mich ſelbſt fuͤr den beſten Richter uͤber den Weg zu mei⸗ nem Gluͤcke hielt, ſo begriff ich nicht, wie ich dieß vergroͤ⸗ ſern koͤnne durch Vermehrung meines Vermögens, das ich fuͤr hinrelchend, ja mehr als hinreichend hielt, mir jedes Beduͤrfniß⸗ jede Beguemlichkeit, und jeden feinern Lebens⸗ genuß zu verſchaffen.— Dieſem zufolge hatte ich, ich muß es wiederholen, zu Bordenur meine Zeit nicht ſo angewandt, wie es mein Va⸗ ter ſich gedacht haben mochte. Was er als den Hauptzweck meines Aufenthalts in jener Stadt betrachtete, hatte ich adem andern nachgeſezt, und wuͤrde es, haͤtte ich den Muth dazu gehabt, gaͤnzlich vernachläßigt haben. Dubourg, ein wohl beguͤnſtigter Correſpondent unſeres Handlungshauſes, war zu ſchlan, als daß er an das Haupt der Firma uͤber deſſen einziges Kind Berichte haͤtte machen ſollen, die bei⸗ den mißſallen häͤlten, und er mochte auch, wie arhen oren 17— hoͤren wirſt, aus ſelbſtſuͤchtigen Abſichten geduldet hahen, daß ich den Zweck, um beſſentwillen ich ſeiner Othut un⸗ tergeben war, aus den Augen ließ. Mein Betragen hieit lich tunerhalb der Graͤnzen des Anſtands und der guten Ordnung, und in dieſem Betracht hatte er keine ſchlinmen Berichte zu machen, geſezt anch, er waͤre dazu genelgt ge⸗ weſen; vielleicht aber wuͤrde der kiſtige Franzoſe eben ſo gefaͤllin gewe ſeyn, wenn ich mir ſchlimmeres haͤtte zu Schulden kommen laſſen, als Traͤgheit und Abuet gen kauſmaͤnniſche Geſchaͤfte. Da ſch einen aufl 3 ge⸗ Theil meiner Zekt ben mir von iha empfohlenen kaufmaͤn⸗ niſchen Studlen widmete, fo beneidete er mir auch die Stunden ht, die ich auf audere klaſſiſchere Beſchaͤftigun⸗ gen verwendete, und hnete es mir nie zum Feyler an, daß ich mich lieber mit neille i Poſtlethwayte—( 31 ſchon eriſtirte, und chen koͤnnen) kaufmaͤnniſchen Sa⸗ eif wo einen paffenden Ausbruck den Brief au ſeinen Correſpe alles, ſagte er, was ein 3 aſchen koͤnne.. Mein Vate im elne Redensart, ſo oft ſte auch wieberholt warde, wenn ſie ihm aur beſtimmt und bedeutſam vorkam, und Addiſon ſelbſt haͤtte keine A lsdrüͤcke finden koͤnnen, die ihn genuͤgender geklungen hatten, als: „E. E. Schreiben habe empfangen, und gebuͤhrend Dero Anweiſungen honorirt.“ Da unn Herr Osbaldiſtone recht gut wußte, was ich nach ſeinem Wanſche ſeon kollte, ſo hegte er der oft wie⸗ derholten Leblingspheafe Duͤb.A3s zuſolge keinen Zweifel, W. Sco. s Werke C. 2 7 te irgend⸗ 7 4 Na 7 den, mit dem er le⸗ ten abrundete. Ich ſe dnu ng chA u. 1.IB Saa urolle monis in daß ich ganz das fey, was er wuͤnſche, bis ersin einer boͤ⸗ ſen Stunde meinen Brief er elt, worin ich mit weitlaͤuf⸗n tiger Veredtſamkeit einen Plaz in der Firma ſo wie das Schreitepult und den Stühl in der Ecke des finſtern Compa toirs in Lraue Allez ablehnte, einen Stuhl, der den Owenss und der andern Schreiber uͤberragen, und nur niedriger als der Dreifuß meines Vaters feſbſt feym ſollte. Won dieſem Augenylick au war alles verdorben! Dubourghs⸗ Berichte wurden ſo verdachtig, als waͤren ſeine Wechſet⸗ mit Proteſt zuruͤckgekommen. Ich wurde in aller Eile nach Hauſe entboten, und auf die Dir bereits mitgetheilte Weiſee empfangen. Zweites Kgpitel. Ich fange an, den jungen Mann eines ſchrecklichen Verderb. niſtes gar ſehr zu verdächtigen,— er iſt ein Poet; wenn er von dieſfer argen Krankheit angeſteckt iſt, ſo iſt jede Erwartung von ibm in einer öffentlichen Laufbahn zernichtet. Actum est um ihn als Staatsmann, wenn er einmal in Verſen darauf ausgeht. Ben Johnſon Vartholomäus⸗Marfkt. Mein PVater hatte im Ganzen ſeine Stimmung voͤllig in feiner Gewalt, und ſein Aerger zeigte ſich ſelten in Worten⸗ aasgeamne in einemttrockenen, muͤrriſchen Kone gegenn die, ihm wißfallen hatten. Niemals hoͤrte manu i pdet Ausdrucke eines lauten Un⸗ 7 34 1 4 5„ 3 5 8 3 rillens. Ales gieng bei khim nach einem Syſtem, und es war ſeine Gewohnheit, jederzeit„das Nöthlge zusthun,“ ohne Worte daruͤber zu verlieren. Deßhalb hoͤrte er nur m 19 mit einem bittern Laͤcheln meine unvollſtaͤndigen Antworten hiuſichtlich des Handelszuſtandes von Frankreich an, und unbarmherziger Weiſe geſtattete er mir, mich immer tie⸗⸗ fer undetiefer in die Geheimniſſe von Aglo, Tarif) Datua und Traite zu verwickeln; doch mahlte ſich nicht geradezu Aerger auf ſeinem Geſichte, bis er mich unfaͤhig fand, ge⸗ nau die Wirkung zu erklären, welche die Entwerthung der Louisd'or auf den Wegſelkurs hervorgebracht hatte.„„Das bemerkenswertheſte National⸗ Ereigniß meiner Zelt,“ ſagte mein Vater,(der doch die Revolution geſehen hatte) und er weiß nicht mehr dapon, als ein Wachpoſten an der Schiffslaͤnded44 13 4 ns 9 1 „Herr Franz,“ fiel Owen in ſeinem ſchuͤchkernen und verſohnenden Tone ein,„kann nicht vergeſſen haben, daß nach einem Befehl des franzoͤſiſchen Koͤnigs, datirt vom iten Mai 1700, der Inhaber zehn Tage nach der Verfall⸗ zeit verlangen muß— „Herr Franz,“ ſiel mein Vater ein,„wird ſicherlich ſogleich ſich zlles deſſen erinnern, woruͤber Ihr ihm einen Wink geben wollr.— Aber, um des Himmels willen, wie konnte Dubourg das zugeben!— Hoͤrt, Owen, was iſt es denn mit Clement Dubourg, ſeinem Neffen, hier in un⸗ ſerer Schreibſtube, der ſchwarzkoͤpfige Junge?“ k „Einer, der geſchickteſten Schreiber im Haufe, Eir⸗ ein vortvefflicher junger Mann fuͤr ſein Alter,“ antwortete Owenz denn der Frohſinn und die Artigkeit des jungen Franzoſen hatten ſein Herz gewonnen. 2 „Ja, jais ich glauhe, der weiß etiwas vom Wechſel⸗ conts. Dubourg war entſchloſſen, ich ſoltte wenigſtens ein nen jungen Burſchen hei der. Haud haben, der das Geſchäft verſtunde, aher ich ſehe, wo er hinaug wiſt, und das föll 618965. 4 4 219 114 2 160 er finden, wenn er auf die Bilange blickt. Owen lßt Clements Gehalt am naͤchſten Quc rraltage auszaßlen, er maz nach Botdegur zuruͤckzehen in dem Schiffe ſeines Vg⸗ ters, das dahin unter Segel geht. 7s de 3„Clement Dubourg entlaſſen, Sir? 1 forsch Owen mit zitternder Stimme. „Ja, ia, ſoglelch entlaſſen; es iſt genng, einen dum⸗ men Englaͤnder im Comptoir zu haben, der Boͤcke ſchießt, ic brauche nicht auch noch, einen pfiffigen Franzoſen, der Vortheil daraus zieht. Ich hatte lange genug im Gebiete Ludwigs XIV. ge⸗ lebt, um jede willkuͤrliche Ausuͤbung der Gewalt von Her⸗ zen zu verabſcheuen, waͤre es mir auch nicht von meiner fruͤheſten Jugend an eingefloͤßt worden, und ich konnte mich nicht enthalten, ein Wort darein zu reden, um nicht elnen unſchuldigen und verdienſtvollen jungen Mann dafuͤr ſtrafen zu laſſen, das er eine Geſchicklichkeit erworben hat⸗ te, die mein Vater mir wuͤnſchte. „Verzeihung, Sir, ſagte ich, als Herr Osbaldiſtone. geſprochen hatte, aber ich halte es fuͤr nicht anders als billig, daß ich die Strafe leide, wenn ich in meinen Stu⸗ dien nachläͤgig geweſen bin. Ich habe keinen Grund, Herrn Dubourg zu heſchuldigen, daß er mir keine Gelegenheit zu meiner Ausbildung verſchafft habe, ſo wenig ich auch die⸗ ſelbe benuͤtzt haben mag; und was Herrn Element Dubourg ri. 4 hrnge in een⸗ die 68 vot went eig 3 übe. iſt ſchon di nen Fehler auf deine eigene in aute taßlit z, ſangueg: 3 21 bourg nicht frei ſorechen, ſagte er zu Owen hin, daß er Frans blos die Mittel verſchaffte, ſich nuͤtzliche Kenntniſſe zu erwerben, vhne darauf zu ſehen, ob er ſie benutze, oder mir zu berichten, wenn er es nicht that. Ihr ſeht, Owen, er hat ngtuͤrliche Behriffe von Billigkelt, wie ſie einem bri en Kaufmann geziemen.“ 5 5 ſazte der Buchhalter, mit ſeiner ge⸗ iſen Kopſneigung, und erhob dabei ein wenig Händ, men hatte, ſeine Feder, ehe er ſprach, hinter das Ohr zu ſtecken,„Hert Franz ſchelnt den Grundſatz aller moraliſchen Rechnung zu ve ſtehen, die große ethiſche Regel detri. Laßt A ſich gegen B verhalten, wie er will, daß ſich B gegen ih tte; das Produkt wird dann die verlangte Regel des Beuehmens geben.“ 3 Vater laͤchelte, die goldene Regel in arithme⸗ orm gebracht zu ſehen, fuhr aber ſogleich fort:„Al⸗ les dieß ſagt gar nichts, Franz; du haſt deine Zeit weg⸗ geworfen, wie ein Kuabe, und mußt in Zukunft leben ler⸗ nen, wie ein Manun. Ich ſtelle dich einige Monate unter Owens Aufficht, wo du den verlorenen Boden wieder ge⸗ wianen kannſt.“ Ich wollte eben antworten, aber Owen blickte mich mit einer ſo birrenden und warnenden Geberde an, daß ich unwillkuͤrlich ſchwieg. „Wir wollen nun, fuhr mein Vater fort, den Gegen⸗ ſtand meines Scoretbens vom Iten ultimo wieder aufneh⸗ men, auf welches du mir eine ſo unuberlegte und unbe⸗ friebigende Antwort gegehen haſt. Aber jetzt ſchenke dir ein, und gib Scen die Flafche.“ Mangel an Muth— au Krikheit, weun du willſt,— — — 8122,396 u6 ad n war nie mein Fehler. Ich antwortete feſt: ens that mir 3 leid, daß meine Antwort unhefriedigend war, annuͤberleagt war ſie nicht z denn ich haͤtte feinem gutigen Vorſchlage meine ſorgfaͤltigſte Aufmerkfaätkeit gewidmer; und zu mei⸗ nuem Tnle Leiduflen mich gendthigt Hefaaden⸗ less abgu⸗ ne carfes a er auch, ahweh gicht ohn Baulen öhat, uenn er nur abgebrochene Wor⸗ azwiſchen hinein fallen ließe im ⸗Ich kann unmoͤglich fuͤr einen andern Stand höbere Achtung haben, als fuͤr den Handelsſtand) ane es auch anict der Eurige?“ Wirklich 2 3 nEr verbindet die Nationen, beftiedigr dle Bebüͤrf⸗ viſſe, und vermehrt den Reichthum aller; er iſt fuͤr die geſittete Welt im Ganzen das, was der taͤgliche Verkehr des gewohulichen Lebens für die Geſellſchaft der Einzel⸗ nen, oder vielmehr, was Luft und Mahtung für mnſern Aörper iſt. 4. 4 ⁷ 7So!!“ 5 „und doch. muß ich darauf beſtehen, ein Geſchäft abzu⸗ lehnen, zu deſſen Hührung mit es ſo ſehr an; dens väthigen — Eizenſchaften⸗ n 977 4 8793 ſunes Ss e ſe regſet baß du dir dieſe nothigen Eigenechaffen estehiten Du diſt jeßt nicht mehr der! Gaſt und Ganen Pitbäli. G n ihl duu a-x 68 89195 7Aber leber Vater, ich rede nicht vom Mauaei an Unterricht, ſondelnähön meiner unfahigkolt, denſelben u benuͤtzen.“ 2 6ad Ly— — ε8 ꝗꝙ — —8u 8 Q☚—. 23 „Unſinn! haſt du dein Tagebuch ſo gehalten, wie ich 4 miͤaſche 874 warinaes dogh eesta her.“ tant 898 1 Der verlazste Band war eine Art von„Zamhetbuch, worin ich ader Ermahgung meines Vaters zufolge Bemer⸗ kungen niederſchreiben ſollte uͤber verſchledene wiſſenswur⸗ dige Gegenſtaͤnde, die mir im Laufe meiner Studlen zauf⸗ ſtoßen wurden.„Da ich vorausſah, daß er die Durchſicht dieſes ürkandenbuchs verlangen würde, ſo hatte ich wohl⸗ weislich ſolche Gegenſtaͤnde aufgezeichnet, an denen er wahrſcheinlicher Weiſe Gefallen finden mußte, nur allzuoft hatte aber die Foder das Geſchaͤft vollendet, ohne den Kopf ſonderlich dabei zu Rathe zu ziehen. Da das Buch mir zunaͤchſt zur Hand war, ſo hatte ich gelegentlich auch Be⸗ merkungen hineingeſchrieben, die mit dem Handel wenig gemein hatten. Ich uͤbergab es meinem Vater, und be⸗ tere im Stillen, daß er auf nichts ſtoßen moͤchte, das ſei⸗ nen Unwillen gegen mich ſteigern konnte. Owens Ge⸗ ſicht, das bei der Frage etwas bleich geworden war, klaͤrte ſich bei meiner raſchen Antwort auf, und ein Laͤ⸗ cheln der Hoffnung erſchlen darauf, als ich ein in Kalb⸗ leder gebundenes, ziemlich kaufmaͤnniſch ausſehendes Buch mit meſſingenen Krampen, faſt breiter als lang, aus mei⸗ nem Zimmer holte und vor meinen Vater hinlegte. Dieß ſah geſchaͤftsmaͤßig aus, und ermuthigte meinen wohlwol⸗ leuden⸗ Freund. Zu der That lachte er auch vergnuglich, dals er meinen Vater einige Gegenſtaͤnde des Itthalts uͤber⸗ leſen, und ſeine keitiſchan Vemerongen, daruͤher Anureheln a bördeste man ztin 3637 ſer, alz, Dranmtmeine, nu Seffer, donaen.— 3 4 utes 23. g tei⸗ Snt ſo methoditth zetifen keya ch harte Necat aus, Franz. Kounengold Saxby 6 Tabellen—— das iſt nicht hiehe ſch Stale ſer dem hhn ſn aß 1. Sfhbine— Mittet⸗ 8 Let 755 p.— Wie riel dena in Ner atert 1,. Dwen, der mich in Verfege lrp. Wagte es zn tisde und gläckliches Weiſe begahe e 9 thn. „Achrz ehn Zoll Sir 1 1 4„und ein La bfitc vier und zu ganz recht. E. Nt wich tig, ſich daran zu erinnern gen 83 porkugie⸗ ſiſchen ndels.— Aber was iſe deun Ir2— Vordeaur gegruͤndet: im Jahr— Chatteau Trompe te— Pallaſt des Galliennus— Guk, gut,— auch recht.— Das iſt ſo ein Ar Schmierhuch, Owen, worin alle Tagsvorkelle, Ankaͤu⸗ fe, Auftraͤge, 3 Zahlungen, Einnahmen, Qulttnngen, Trat⸗ 3 Eimmifionen, Aviſen durch einan der eſagtragen welden.““ 1„Damit ſis fodann regelmafig: in Tagebuch und Haupt⸗ buch ubertragen werden, antwortete Owen, es freur mich, daß Hert Franz fo methodiſch iſt.⸗ Ich bemerkte, daß ich ſo ſchnell in Gunſt fuͤrchte ein Vater moͤchte nun noch meh harren, ich Fuße Kanfmgun werde en, 9 6 kam, daß ich daranf be⸗ zum Ge⸗ han Anem Freund Owen zu tor chte, zum mit dite ziehung nichts zu fuͤrchten„aei eiasbertätses 25 pier ſiel aus dem Buche, mein Vaker nahm es auf, und unterbrach ine Bemerkang Owens üͤber dle Not thwendig⸗ keir, loſs Blaͤtter mit ein wenig Kleiſter auzuheften. durch den Ausruft„Dem Andenken Eduards, des ſchwarzen Prinzen,— was iſt das? Merſe Lu inn Himmöl Franz, du biſt ein groͤßeren Dummr yf als ich glaubte l Du mußt dich erinnern, daß meſn Pater als Geſchaͤfts⸗ mann auf Dichterarbeiten mit Neracht tung, hinſah; nach ſeinen religioͤſen Anſichten als Diſſenter, hielt er jolche Beſchaͤftigungen fuͤr nichtewurdig ind unbotlig. Ehen du ihn verdammſt, mußt du dir ins Ghe edaͤchtniß zupuͤckrufen, che Weiſe nur allzuvfele Sicftr des 12ten Jahr⸗ rts lebten, und ihre Talente anw Die Secte, zu der mein Vater gehoͤrte, fuͤhlte, ethte viel⸗ leicht, eine puritaniſche Abveigung gegen eichtern Er⸗ zeugnige der Literatur. So trug dazu bei, das nnangenehme der Ueberraſchung zu verſtärken, welche die unzeltige Entheckung der ungluͤcklichen Verſe bewirkt hatte. Haͤtte die Stirtzperuͤcke des armen Owen ſich ſelbſt entkraͤufeln, und die Haare vor Schrecken gen Berge ſtehen koͤnnen, gewiß waͤre die Morgenarheit des Friſeurs blos durch das Uebermaaß des Erſtaunens vernichtet worden, das ein ſo ent ſetzliches Vergehen bei ihm err regte. Eine angegriffene Kaſſe, eine ausgekraßte Stelle im Haupt⸗ buch, ein Fehler in einer ausgeſtellten Rechnung haͤtte kaum ein unan agenehmeres Exſtaunen bet thm erregt. Mein Vater las die Zeilen zuwe ilen ſo, alg verſtuͤnde er den Sinn nicht, zuweilen in ſyoͤttiſch ho trghendem Tone, im⸗ mer aber mit nachdrücklicher bitterer ranten die den Wer faſſer gufs höchſte relzen mußte. Horc.h n Huns Wie der, Seihenſohm ſan. Iche d. 2 Den tapfern Kämpfey ſchlug„ „Fontarebias Wiederhall! ſagte mein Vatey ſich un⸗ tterbrechend;„der Pahrmark; von n böafſelin. nis beſſer am Phabe geweſen. e rſ⸗ Sa, dck n 3. ge 158 bört! hin über Meer un Land 8 9 frnt bnn 00 Zu Englands fernem Felſenſtrand. Die Klage traurig fliegt 29 Daß der Held von Creſſy und Poi Ahr Englands Hoffnung, Frankreichs 2 Zu Bordeauy ſterbend liegt. 49 1„Poitiers wird, gelegentlich geſagt, mit einem 87 binteu geſorochen, und ich ſehe nicht ein, warum ſich die 1Haahoghnyhie nach dem Reime richten ſoll.”¹ 4 Erhebt das Haupt, ihr Ritter, mir, uUnd öffnet mir des Hauſes Thür, 96„ Laßt mich noch einmal ſchau'n, Im hellen Glanz der Abendſonne Sot 8 . Den Wellenſpiegel der Garonne mutd 6. und Blaye's Purduran'n. „Mtr und Thuͤr iſt ein ſchlechter Reim. Wife, Ftanz, verſtehſt du nicht einmal das mpige Handwen Scdrecken ſier In aügietebi, ateich mir, ſie ſintt/ 8940 Bel ihren Fat der Thauz edinte, 6. iidet iie Thranen'in der Norh. 10 So traurig mögen Englands Srauen 196 ha⸗ Ii Snu And Mädchen vei der Rehhſifu u e, Wym ſhres Edwards⸗ Tod 83 — N 27 Mein Ruhm verſinkt, doch ſchreckensvoll In Frankreſch und in Engrand ſoll Mein Name nie vergehn. Oft ſoll ein Held vom Brutenſtamme nit Ein Stern dürch ein Gewölk von Flamme Am Silderhimmeleſtehen. „Eine Wolke von Flammen iſt ietwas neueßaode Hoͤret und laßt euch ſagen, die Gloche hat zwoͤlf geſchlagen!— der Nachtwaͤchter macht beſſere Verſe ls dnl’ 4a Hier⸗ auf warf er das Papier mit der aͤußerſten Verachtung von ſich, und ſchloß mit den Worten:„Auf mein Wort, Franz, fuͤr einen ſolchen Dumkopf haͤtte ich dich nicht gehalten.“ Was konnte ich lagen, mein lieber Sresham? Da ſtund ich gluͤhend vor Zorn und Aerger, waͤhrend mich meln Vater mit einem ruhigen, aber finſtern Blicke voll Verachtung und Mitleiden anſah, und der arme Owen mit gen Himmel gerichteten Augen und Haͤnden dem ge⸗ malten Entſetzen glich, als haͤtte er ſo eben die Firma fei⸗ nes Gebieters als bankerott in der Zeitung geleſen. End⸗ lich faßte ich Muth zu ſprechen, und bemuͤhte mich ſo viel wie moͤglich, meine Gefuͤhle nicht durch den Ton der Stimme zu verrathen. „Ich ſehe ſehr wohl ein, wie wenig lch dazu tauge, die bedeutende Rolle in der Geſellſchaft zu ſpielen, die Ihr fuͤr mich beſtimmt habt, und gluͤchlicherweiſe trag te ich nicht nach dem Reichthum, den ich mir erwerben. koͤngte. Herr Owen würde ein weit wirkſamerer Beiſtand ſeyn.“ Ich ſagte dieß ein wenig aus Bosbeit, mwell ich der Mei⸗ nung war, Owen Habe meins Saata gein wenig gar zu ſchnell verlaſſennene zanale lätn HiHn2t 8 „Owen 2 ſagt Wein Wated⸗ WenſdernFunge iſt toll, wirklich toll. und 2du du mich fo kalt an Herrn Owen in dein enn Alter als mein Baͤter ni die Kyüre wieß verwieſen haſt,(obwohl ich von jedem andern mehr Auf⸗ merkſamkeit erwarten darf, als vonit iem Sohne) was ſind denn beine didenen welſen Atarhe wenn man fra⸗ gen darf?2“¹ 1 1331„Weun'es mit Ihren u; ten beſt lehen ün) erwle⸗ dertes ich, enadetafftendabei allen Muͤth zufammen, ſo wuͤnſehte ich wohl zwei eder brei Jahtenzu reiſen; im ent⸗ gegengeſetzten Falle moͤchte ich, obgleich es ein wenlg ſpaͤt iſt, Deruen ſo lauge in Ouford dber Cambridge bleiben.“ „Nun, im Namen des geſunden Menſchenverſtandes! hat man je ſo erwas gehoͤrt?—izu die Schule willſt du gehen zu Pebaͤnten und Jakobiten, waͤhrend du dein Gluck in der Welt verfolgen kannſt! Willſt du nicht auch nach Weſtiinſter oder Ekon gehen, Menſch, Grammatik und Woͤrterbuch zur Hand nehmen, und allenfalls auch, wenn es dir gekaͤllt, die Ruthe bekommen?““ „Wenn Ihr glaubt, Sir, daß mein Lernplan zu ſpaͤt koͤmmt, ſo wuͤrde ich gerne wieder auf das feſte Land zu⸗ ruͤckkehren. 7 „Dort, Herr Franz, habt Ihr ſchon zu viel Zeit Rutz⸗ 199 verſchwendet.“ 1 „Dann moͤchte ich den Kriegsdienſt vor jedem andern Verafe waͤhlen. „Waͤhle den T....I, antwortete mein Vater haſtig, faßte ſich aber ſchnell:„bald machſt du mich eben ſo ver⸗ rack, als du felbſt biſt.— JIſt dieß nicht genug, einen rafend zu machen, Swen?— der arme Owen ſchuͤttelte den Kopf und blickte Ilht Erde.— Hore, Franz, fuhr mein Vater fort, ich will die Sache kurz abmachen,— ich war und mein igefetliches Erbe an meinen juͤngern Bruder Wou + sdnd 44 —— 29 uͤhertrug. Ich verließ Osbaldiſtonen Hall auf einem zu Schande gerittenen Jagdklepper mit zehn Guineen in der Taſche, Nie habe ich die Schwelle wieder betreten, und will es auch nie thun. Ich weiß nicht, und kuͤmmere mich auch nicht darum, ob mein Bruder Fuchsjaͤger noch lebt, oder ſeinen Hals gebrochen hat; aber er hat Kinder, Franz, und eines derſelhen wird mein Sohn, wenn du ſerner mir meine Plane durchkreuzeſt.“ Hngps „Ihr moͤgt anit Eurem Eigenthum nach Belieben ſchal⸗ ten,“ antwortete ich, und zwar, wie ich fuͤrchte, mehr mit muͤrriſcher Gleichguͤltigkeit, als mit Eyhrerbietung. „Ja, Franz, was ich haye, iſt mein eigen, wenn An⸗ ſtrengzung beim Erwerben, und Sorgfalt bei der Vermeh⸗ rung ein Recht auf Eigenthum hegruͤnden, und keine Drohne ſoll ſich an meinem Honig fuͤttern. Bedenk es wohl, was ich ſagte, geſchah mit Ueberlegung, und was ich beſchließe, aus.. atheurer Herr, rief Owen mit gen,— Ihr ſeyd nicht gewohnt, in Bichtigkeit abzumachen. Laßt tn Franz die Bilance ziehen, ehe Ihr die Rechnung 1 er Kebt Euch, das weiß ich, und wenn er ſei⸗ ichen Gehorſam ins Sollen ſchteibt, ſo bin ich Einwaͤrfe pe inden.“ 6. lah t. Ihr, ich frage ihn zweimal,““ ſagte meln v, ueohh er mein Freund, mein Beiſtand, mein r ſeyn wil; der Tyeilhaber meiner Sorgen Oaend ich, glaßzb e, Ihr kenntet Geſß Kas ts ochte en norhretwag hinzus Sr Efſich hinergnund enlies Nnö Seich 4 ſet enah e die Vexhandiung mii ke9 er ſo wuͤrde er wohl wenig urſache gehabr 5 n, lich mich zu beklagen. 10 Aber es war zu ſht. 8 9 hefaß viel von ſeiner eige⸗ nen. Hartmaͤckigkeit, und der Himmel hatte beſchloſſen, da 4 meine Sunde auch meine Serafe ſeyn ſollte, obwohl 9 in dem Umfange, als mein Vergehen es verdlente, Als wir allein waren, blickte mich Omwen an mit Augen, di ſich von Zeit zu Zeit mit Thraͤnen fullten, und ſuchte, eh er das Fuͤrbitteramt uͤbernahm, den Punkt zu entdecken auf dem meiner Hartnaͤckigkelt beizukommen ſeyn moͤchte. Enblich bhegann er mit gebrochener und ungewiſſer Stimme. Os Gott! Herr Franz!— Guͤtiger Himmel! daß ich t dieſen Tag ſehen mußte,— und Ihr ſeyd ſo ein junger Herr!— Um des Himmels Willen! ſeht beide Seiten der Rechnung an,— bedenkt, was Ihr verliert,— ein ſchoͤnes Vermögen— eines der beſten Haͤufer in der Altſtadt, ſchon unter der alten Firma, Treſyam und Trent, und jetzt V Osbaldkſtone und Treſham.— Ihr koͤnnt Euch im Gold wälzen, Herr Fragz— und, mein lieber junger Herr Franz,. wenn irgend etwas beſonderes in den Geſchaͤften des Hau⸗ 1 ſes iſt, das Ihr nicht liebt,(hier ſank ſeine Stimme zum Gefluͤſter herab) ich wollte es fuͤr Euch in Ordnung brin⸗ gen, vierteljaͤhrlich, woͤchentlich, taͤglich, wenn Ihr wollt. t Denkt doch an die Chrerkietung, mein lieber Herr Franz, die Ihr Eurem Pater⸗ ſchuttia⸗ ſenden auf mdaß Ihr n lehet im Lande. 4 3.; 7, dna kin SMhnſ 31 am, Wieter frin Geld verweuden ſpuln Er⸗ ſpricht pol meiner Betkeru, mug et imlt felnem Reichthum ſchalten, wie er W, ich will nie meine Frelheite weiß am um Gold verkaufen.“ 17 2Grt a z„Gold, Herr!— Ich wollte, Ihr haͤttet die Vilanten des Gewinns belm lezten Abſchluſſe geſehen.— Es wa⸗ ren fuͤnf Ziffern, ſuͤmf Ziffern fuͤr jedes: Theilhabers Totalſumme, Herr Franz und alles dieß ſoll an einen Papiſten kommen, an einen Toͤlpel aus dem Norden, der keine Zuneigung mitbringt.— Das will mir dus Herz bro⸗ chen, Herr Franz, ich habe gearbeitet, mehr wie ein Hund, als wie ein Menſch, und alles aus Liebe zur Firma.— 4 Bedenkt nur, wie das klingen wird, Osbaldiſtone, Trefham und Osbaldiſtone,—oter vielleicht, wer weiß,(ſeine Stim⸗ me ward wieder leifer) Osbaldiſtone, Osbaldiſtone und Treſham, denn unfer Herr Osbaldiſtone kann ſte alle aus⸗ kaufen.“ „Aber, Herr Owen, meines Vetters Name iſt ja auch Osbaldiſtone, und da kann der Name der Kompagnle eben ſo ſchoͤn in Euren Ohren klingen.“ k „9 pfut, Herr Franz! Ihr wißt, wie ich Euch llebe, — Euer Vetter, nun!— ein Papiſt ohne Zweifel, wie ſein Vater, und der der proteſtantiſchen Erbfolge nicht zu⸗ gethau iſt,— das iſt ein anderes Item ohne Zweifel.“ „Aber es gibt ja viele gute Menſchen unter den Ka⸗ tholiken, Hetr Swen.“ 31 ch l105119 Ais Owen eben mit ungewoͤhnlicher Lebhaftigkeit ant⸗ worken wollre, trat mein Vater wieder in das gimmer. „eIhr habt Recht, Owen,“ ſagte er,„And ſchnhatte⸗ uarecht; wir woöllen uns ieht Zeit nehmen, über die Sa⸗ he nachzudenken.— Juuger Metſch berelten Dich vot d 3 2 mir uͤber dieſe wichtige Sache in vier geben.“ e e 3ch buͤckte mich ſchweigend, ziemiich erfre Aufſchub, und in der Hoffuung⸗ in meines Vaters Ent⸗ ſchluß moͤchte ſchon eine Milderung eingerreten feyn. Die Pruͤfungszeit giens langſam ohne einen beſondern Vorfall voruͤber. Ich gieng und kam, zund ſchaltete nach Gefallen uͤber meine Zeit, ohne daß mein Vater mia fragte oder tadelte. Unterdeſſen ſah ich ihn felten, außer bei Tiſche, wo er ſorgfaͤltig einer Unterredung uͤber den Gegen⸗ ſtand auswich, und daß auch ich mich aicht beeilte, darauf zu dringen, kannſt Du Dir wohl vorſtellen. Unſere Unter⸗ redung betraf Tages⸗Nenigkeiten, oder ſolche augemeine Gegenſcaͤnde, worüͤber Fremde mit einander ſprechen, und gus dem Inhalt haͤlte niemand vermuthen koͤnnen, das eine Frage von ſolcher Wichtigkeit zwiſchen uns unentſchie⸗ den geplieben ſei. Indeſſen drückte es mich oft, wie der Alp. War es moͤglich, daß er ſein Wort hielt, und ſeinen einzigen Sohn zu Gunſten eines Neffen euterbte, von deſ⸗ ſen Daſeyn er vlelleicht nicht einmal recht gewiß war? 4 Meines Großvaters Benehmen unter aͤhnlichen Umſtaͤnden weiſſagte mir nichts gutes, wenn ich haͤtte die Sache ernſt lich in Erwaͤguns ziehen wolles. Aber aus der hohen Gunſt⸗ in der ich bei ihm und ſeiner ganzen Familie vor meine Abreiſe nach Frantreich ſtand, hatre ich mir von dem Cha⸗ rakter meines Vaters eine irrige Anſicht gebildet. Ichb dachte nicht, daß es Leute gibt, die ihren Kindern im fruͤ⸗ hen Alter gar Klanches nachſehen, weil es ſie inrereiſirt und erfreur, und die doch ſehr ſcreng ſeyn koͤnnen, wenn inder in vorgerucktem Alter ihren Erwartu⸗ eden dieſe Kin gen nicht eurſprechen⸗ Im Gezentheil uͤberredete ich mnich, 3 3 glles⸗ —— allet, was ſch zu befuͤrchten hatte, ſel, auf eine kurze Zeit ſeine Aebe zu verlieren;— vkelleſcht eine Verbannung aufs Land von wenkgen Wochen, die inir ſogar angenehm ſeyn konnte, da ſte mit Gelegenheit geben wuͤtde, mich mit meiner unvolloideten Ueberſezung des Orlando Furivſo zu beſchaftigen, den ich in engliſchen Verfen nachbilden wollte. Ich ließ dieſen Glauben eine ſolche Gewalt üͤber mich gewinnen, daß ich meine zerſtreuten Papiere wieder aufnahm, und eben uͤber bie oft wiederkehrenden Reime in der Spenzer'ſchen Stanze nachdachte, als ich leis und vorſichtig an die Thure meines Zimmers klopfen hoͤrte. „Herein!“ fagte ich, und Owen trat ein. Die Bewegun⸗ gen und Gewohnheiten dieſes wuͤrdigen Mannes waren ſo regelmaͤßig, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach dieß das er⸗ ſtemal war, daß er in den zweiren Stock des Hauſes ſei⸗ nes Herrn kam, ſo bekannt er anch im erſten war, und ich welß noch jezt nicht, auf welche Weiſe er mein Zimmer ausfand. 4 „Herr Franz,“ fagte er, indem er meine Aus druͤcke des Erſtannens und der Freude, ihn zu ſehen, unterbrach, nich welß nicht, oy ich recht handle in dem, was ich ſagen will,— es iſt nicht recht von dem, was im Comptoir vor⸗ geht, außerhals der Thuͤren zu ſprechen,— man ſoll, wie man ſagt, bem Wachpoſten im Waarenhauſe nicht auper⸗ trauen, wie viel Zeilen im Hauptbuche ſtehen. Aber der luuge Toineall iſt uͤber vierzehn Tage abweſend geweſen, und erſt ſeit zwei Tazen zurue.“ „Gehr gut, mein lieber Freund, aber gas geht das uns au?⸗ „Selll, Herr Frauz, Euer Bater gab ihm einen gehei⸗ men Auferag, und gewiß weiß ich, daß er nicht nach Fal⸗ W Sert,s Waere. C. 3 nheiten mit Pilchard; das und Comp. iſt beendiat⸗ Trepanion und Treguilliam hlen konnten; alle andern eine Buͤcher gehen, kurz, „„Seit ſeiner Ruͤckkehr ſprach er von nichts, als von ſeinen neuen Stlefeln, ſeinen Sporen aus Rippon*), und von einem Hahnengefecht zu York,— kurz die Sache iſt ſo richtig, als das Einmaleins. Mein liebes Kind, ſeid doch ums Himmelswillen Exrem Vater gefaͤllig, und wer⸗ det ein Mann und ein Kaufmann zugleich.“”“ nan. 3 In dieſem Augenblick fuͤhlte ich eine ſtarke Neigung mich zu unterwerfen, und Owen durch den Auftrag zu er⸗ freuen, meinem Vater zu ſagen, daß ich mich gaͤnzlich ſei⸗ nem Willen fuͤgen wolle. Aber Stolz,— Stolz, die Quelle von ſo viel Gutem und ſo viel Böſem in unſerem Leben, hlelt mich ab. Das Wort, mit dem ſch meine Nachgiebig⸗ keit ausſprechen wollte, ſtockte mir in der Kehle, und als ich huſtete, um es heraufzubringen, hoͤrten wir meines Vaters Stimme, die Owen rief. Er verließ haſtig das Zimmer, und die Gelegenheit war verloren. e Mein Vater war in allem methodiſch. Zu derſelben Zeit, am gleichen Tage, in demſelben Zimmer und mit demſelben Tone, wie vor einem Monate, wiederholte er mit ſeinen damaligen Vorſchlag, mich in ſeine Handelsge, 35 noſſenſchaft aufzunehmen, mir einen Theil ſeiner Geſchäfte zuzuweiſen, und verlangte meinen endlichen Entſchluß. Ich hielt dieß zu fener Zeit fuͤr etwas unfreundlich, und hin noch jezt der Meinung, daß meines Vaters Benehmen nicht ſehr klug war. Mit einer verbindlichern Behandlung wuͤrde er aller Wahrſcheinlichkeit nach ſeinen Zweck erreicht haben. So aber blieb ich feſt, und lehnte, ſo ehrerbietig, als ich gen zu unterwerfen, ſo will ich Dich blos fragen, ob Dnu irgend einen Plan gemacht haſt, der von meiner Beihuͤlfe abhaͤngt?“ Ich antwortete ziemlich niedergeſchlagen, da ich kein Gewerbe erlernt, und auch keine eigenen Mittel haͤtte, ſo ſei es mir durchaus unmoͤglich, ohne Unterſtuͤzung von meie nem Vater zu beſtehen; meine Wuͤnſche ſeien ſehr gemaͤ⸗ bigt; und ich hoffte, meine Abneigung gegen das⸗Gewerde, zu dem er mich beſtimmt habe, wuͤrde keine Veranlaſſung geben, mir ſeine vaͤterliche Unterſtuͤzung und ſeinen Schuz gaͤnzlich zu entziehen.“ 221518E a 121 9 m e. 3 ⁴0ο 3⁶ , Sas heißt, Du miſt Dich auf meinen Arm lehnen, und doch Deinen eigenen Weg gehen? Das wird nicht wohl angehen, Franz; indeffen glaube ich, Du wirſt mei⸗ ner Leitung folgen wollen, in ſo weit es nicht Deinen Nei⸗ gungen geradezu entgegen iſt 24 1 5 Ich wollte reden.—„Sei ſo gut und ſchweige,“ fuhr mein Vater fort.„In dieſem Falle wirſt Du Dich unge⸗ ſaͤumt nach dem Norden Englands auf den Weg machen, Deinen Onkel beſuchen, und Dich nach dem Stand ſeiner Familie erkundigen. Ich haͤbe unter ſeinen Soͤhnen(er hat ſieben, glaube ich) einen ausgewaͤhlt, den ich am ge⸗ eignetſten halte, den Plaz auszufuͤllen, den ich Dir im Comptolr zugedacht hatte. Einige weitere Anordnungen moͤgen aber noch noͤthig ſeyn, und deßhalb iſt Deine Anwe⸗ ſenheit erforderlich. Zu Osbaldiſtone⸗Hall, wo Du blelbſt, bis Du weiter von mir hoͤrſt, wirſt Du fernere Anweiſun⸗ gen erhalten. Morgen fruͤh wird alles zu Deiner Abrelſe bereit ſeyn.“ HAII Mit dieſen Worten verließ mein Vater das Zimmer. „ Was ſoll alles dieß bedeuten, Herr Owen?“ ſagte ich zu dem theilnehmenden Freunde, deſſen Miene die tiefſte Niedergeſchlagenheit ausdruͤckte.. An Ihr habt Euch zu Grunde gerichtet, Herr Franz, das jſt alles; wenn Euer Vater mit dieſer ruhtgen Beſtimmt⸗ heit fpricht, ſo iſt an ihm ſo wenig zu aͤndern, als an ei⸗ ausheſtellten Rechnung;“ 6 Hue Und fo walt; am naͤchſten Morgen um 5 Uhr war SWehze Nach York) bitt ein pemlich gutes Pferd, FAafzih Guiinsen in der Kaſthe; meine Rolſe Aüch dem Zwockzi dit Ahnahme meines 1ih dnd nsch ah e h 57 Nachfolgers im Hauſe und der Gunſt meines Vaters, und ſo piel ich wußte, auch in ſeinem Vermoͤgen, z9 befoͤrdern. Drittes Kapitel. Das ſchlaßfe Segel flieget hin und her, Das lecke Boot verträgt den Sturm nicht mehr, Es ſchießt hinab, hinauf, vom Sturm erfaßt, Zerbrochen iſt das Steuer und der Maſt. 2 Gay.“ Ich habe die Unterabtheilungen dieſer wichtigen Erzaͤh⸗ lung mit gereimten und ungereimten Verſen verbraͤmt, um Deine fortgeſezte Aufmerkſamkeit durch ſtaͤrkere Anzie⸗ hungskraͤfte als die meinigen zu gewinnen. Die vorſtehen⸗ den Zeilen beziehen ſich auf einen ungluͤcklichen Schiffer, der keck, ohne im Stande zu ſeyn, es zu lenken, das Boot von ſeinem Ankertaue loͤste, und es hinaustreiben ließ mitten unter die Wellen des ſchiffbaren Stroms. Kein Schulknabe, der zwiſchen Muthwillen und Troz einen ſo unbeſonnenen Verſuch ausgefuͤhrt hatte, konnte, von der heftigen Stroͤmung ergriffen, ſich in einer widerlichern Lage befinden, als ich, da ich ohne Compaß auf dem Meere des menſchlichen Lebens umbertrieb. Mein Vater hatte mit einer ſo unerwarteten Leichtigkeit das Band gelost, das ſonſt fuͤr das ſiaͤrkſte gilt, das die mentchliche Ge ſellſchaft zuſammenhaͤlt, und ließ mich abreiſen, wie eine Art von Auswuͤrfling aus ſeiner Familie, ſo daß das Zutrauen auf meine perſoͤnlichen Vorzuͤge, das mich bisher aufrecht gehal⸗ ten hatte, nicht wenig geſchwaͤcht wurde. Prinz Prettz⸗ mann im Maͤhrchen, bald ein Prinz und bald ein Fiſcher⸗ 38 ohn, konnte kein widrigeres Gefäabl ſeiner Herabwuͤrdigung haben. Unſer aufgeblaſener Egoismus lehrt uns alle die „Nebendinge, die uns das Gluͤck beſchieden hat, ſo ſehr, als zu uns ſelbſt gehoͤrig betrachten, daß die Entdeckung uaſerer Unwichtigkeit, ſobald wir unſern eisenen Huͤlfsmit⸗ steln überlaſſen werden, unausſprechlich veinlich wird. Als das Gelaͤrm von London nicht mehr mein Ohr traf, riefen mir die fernen Glockentoͤne ein warnendes: Kehre um, zu, und als ich von Highgate auf ihre duͤſtere Pracht hin⸗ abſah, war es mir, als muͤßte ich Wohlhabenheit, Reich⸗ thum, die Reize der Geſellſchaft und alle Genuͤſſe des ge⸗ bildeten Lebens hinter mir laſſen.. 18 Aber die Wuͤrfel waren geworfen. Es war auch kei⸗ neswegs wahrſcheinlich, daß eine ſo ſpaͤte und unfreiwillige Nachgiebigkeit gegen die Wuͤnſche meines Vaters mich wieder in die verlorene Lage gebracht haben wuͤrde. Im Gegentheil, ſtark und feſt in ſeinen Vorſaͤtzen, wie er war, konnte ihn eine ſolche Nachgiebigkeit gegen ſeinen Wunſch in den Handelsſtand zu treten, eher aufbringen als verſoͤh⸗ nen. Mein angeborener Eigenſinn kam auch zu Hulfe, und mein Stolz fluſterte mir zu, was ich fur eine aͤrm⸗ liche Figur ſpielen wuͤrde, wenn eine Syazierreiſe von vier Meilen von London bereits die Entſchluſſe weggeblaſen haͤtte, die ich in monatlanger ernſter Ueberlegung gefaßt hatte. Die Hoffnung endlich, welche die kecke Jugend nie verlaͤßt, Ueh meinen kuͤnftigen Ausſichten auch ihren Glanz. Konnte es denn meinem Vater mit ſeiner Verſtoſſung ernſt ſeyn, die er ſo raſch ausgeſprochen hatte. Es war nur rine Probe, und wenn ich dieſe mit Geduld und Staudhaftigkeit ertrug, ſo wuͤrde mich dieß in ſeiner Ach⸗ tung heben, und eine freundſchaftliche Beilegung des ſtrit⸗ 39 tigen Punkts zwiſchen uns herbeifuͤhren. Ich uͤberlegte ſchon in wie weit ich ihm nachgeben, und auf welchen Ar⸗ tikeln unſers vermeintliwen Traktats ich beſtehen wuͤrde; das Refultat war nach meiner Rechnung, daß ich in alle meine Sohnes Rechte wieder eingeſetzt wurde, und nur mit einer ſcheinbaren Nachgiebigkeit eine leichte Strafe erduldete, um fuͤr meine Empoͤrung zu buͤßen. 4 Inzwiſchen war ich Herr meiner ſelbſt, und genoß das Gefuͤhl der Unabhaͤngigkeit, der die bebende Bruſt des Juͤnglings halb freudig, halb furchtſam ſich oͤffnete. Meine Boͤrſe, obgleich keineswegs reichlich gefuͤllt, war doch im Stande, alle Beduͤrfniſſe und Wuͤnſche eines Reiſenden zu befriedigen. Ich hatte mich ſchon in Bordeaur gewoͤhnt, einen Diener zu entbehren. Mein Pferd war friſch, jung und munter, und mein leichter Muth gewann dald die Oberhand uͤber die truͤben Betrachtungen, mit denen mei⸗ ne Reiſe begann. Wenn der Weg mehr Gegenſtaͤnde der vernuͤnftigen Wißbegierde dargeboten haͤtte, oder durch ein fuͤr den Reiſenden intereſſanteres Land gegangen waͤre, ſo wuͤrde ich in der That vergnuͤgt geweſen ſeyn. Aber der Weg nach Norden war damals und iſt vielleicht noch in dieſer Hinſicht ſehr duͤrftig ausgeſtattet; auch glaube ich nicht, daß man in irgend einer andern Richtung ſo weit durch England reiſen kann, wo man nicht mehr der Aufmerk⸗ ſamkeit wuͤrdige Gegenſtaͤnde faände. Meine Stimmung aber blieb ſich, trotz meiner angenommenen Zuverſicht nicht immer gleich. Auch die Muſe,— die wahre Cpquette, die mich in dieſe Wildniß gelockt hatte, verkieß mich gleich andern ihrer, Art, ieben dauich ſiet am muͤthigſten abrauchte, und ich wuͤrdr in einen ſehr unangenehmen Truͤb⸗ — d d 1 paren u. e und un⸗ en)hfarfer die non einem Beſuche nach 3 ben; Fagter oyer Piehhendler, die von einem fernen Märkte⸗ deſthkehgen,e Schrelber von Naufleuten, dſe umtetreißeſt, um d ihrer Herten in den Proptaztalttadten eäzutaſſtren,, hie und da ein Oifizier, der auf Werhung gugzag, dgs waren zu ieſer Zeit die Leute, von der n Schlagbaͤume und Kellner in Bewegung gefetzt wurden. unſer Geſpräſh drehte ſich daher um Zehn⸗ ten Und Glauhens, fachen, um Mündvieh und Korn, um naſfe und ttockene Waaren, um die Zahlnungsfaͤhigkeit der Kleinkraͤmer, gelegentlich unterbrochen durch die Be⸗ ſchreibung einer Belagerung oder einer Schlacht in Flan⸗ dern, die mir der Erzahler vielleicht nur aus der zweiten Hand gab. Raͤuber, ein furchtbarer und benneahigender Stoff, fuͤllten jede Leere aus, und der Name des golde⸗ nen Paͤchters, des fliegenden Straßenraͤubers, des Jack Needham und anderer Bettleropern⸗Helden waren in unſe⸗ rem Munde ganz gewoͤhnliche Worte. Wie Kinder ſich en⸗ ger zuſammendruͤcken, wenn die Geiſtergeſchichte ihren Hoͤhenpuakt erreicht hat, ſo ruͤckten auch die Reiter naͤher zuſammen, plickten vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts, unterſuchten die Pfanne ihrer Piſtolen, und gelobten einander Beiſtand im Falle der Gefahr⸗ ein Verſprechen, das gleich andern bandniſſen, dem Gedaͤctniß entfiel, wenn Schutz⸗ und drt deihehnn te zeigte. ein Anſchein von pjrtt ſeenü en armer Mennan mit ig je durch folche Schreck⸗ 41 ſeinem Reitkiſſen ein ganz kleines, aber wie es ſchien, ſehr ſchweres Felleiſen, um deſſen Sicherheit er gusneh⸗ mend beſorgt ſchlen, nie ließ er es aus den Augen, und wleß den Dienſteifer der Anfwaͤrter und Hausknechte zu⸗ ruͤk, die es ihm ins Haus tragen wollten. Mit eben ſo viel Vorſicht bemuͤhte er ſich, nicht nur den Zweck ſeiner Reiſe und den Ort ſeiner Beſtimmung, ſondern ſelhit die Richtung des Wegs zu verbergen, den er an jedem Tage einſchlug. Nichts brachte ihn mehr in Verlegenheit als die Frage, ob ihn ſein Weg hinauf oder hinab fuͤhre, oder wo er einzuſtellen gedenke. Sein Nachtlager durch⸗ ſuchte er mit der angſtlichſten Sorgfalt, und vermlied auf gleiche Weiſe ſowohl Einſamkeit, als was er fuͤr elne boͤſe Nachharſch ft hielt; zu Granthom, glaube ich, blieb er gar die ganze Nacht auf, weil im naͤchſten Zimmer eln ſtaͤm⸗ miger, ſchielender Burſche in einer ſchwarzen Peruͤcke und einer verſchoſſenen goldbortirten Weſte ſchlief. Bei all die⸗ ſer Furchtſamkelt war mein Reiſegefaͤhrte nach ſeinem Koͤr⸗ perdau zu ſchließen ein Mann, der jeder Gefahr ſo gut als einer haͤtte trotzen koͤnnen. Er war ſtark und wohl⸗ gebaut, und ſeinem goldbortirten Hut und ſeiner Cockarde zu Folge ſchien er in dem Heere gedient zu haben, oder wentgſtens in elner oder der audern Eigenſchaft dem Kriegs⸗ ſtande anzugehoͤren. Seine Unterhaltung, obgleich immer ziemlich gemein, war die eines verſtaͤndigen Mannes, wenn die Schreckbilder, die ihn verfolgten, einen Augenhlick auf⸗ hoͤrten, ſeine Einbildungskraft zu beſcaͤftigen. Doch jede zufaͤlllge Gedan kenverbindung weckte ſie ſtets wieder. Eine offene Halde, ein dichtes Gehhl) erregten gleiche Be⸗ fürchtung bel ihm, und das Pfelfen eines Sauferlungen verwandelte ſich augenblicklich in ein Raͤuberſignal. Selbſt der Anblick eines Galgens, auch wenn er ihn yerſicherte, daß ein Naͤuber wenigſtens von der Gerechtigkeit in ſiche⸗ tes Gewahrſam genommen ſey, erinnerte ihn ſlets nur daran, wie viele noch nicht gehaͤngt ſeyen.. aun Ich waͤre dieſer Reiſegeſellſchaft bald muͤde geworden, haͤtten mich nicht meine eigenen Gedanken noch mehr ge⸗ plagt. Einige ſeiner wunderbaren Erzaͤhlungen zogen mich an, und eine andere ſeiner Eigenheiten gab mir die er⸗ wuͤnſchte Gelegenhekt, mich auf ſeine Koſten luſtig zu ma⸗ chen. Unter den ungluͤcklichen Reiſenden, die nach ſeinen Erzählungen unter die Raͤuber gefallen waren, hatten manche ihr Schickſal der Unvorſichtigkeit zu danken, ſich auf dem Wege zu einem wohlgekleideten und unterhalten⸗ den Fremdlinge zu geſellen, bei welchen ſie Schutz und Zeitvertreib zu finden hofften; dieſer ergoͤtzte die Reiſen⸗ den mit Erzaͤhlung und Geſang, ſchuͤtzte ſie gegen Ueber⸗ theurungen und unrichtige Rechnungen, bis er zuletzt un⸗ ter dem Vorwand, einen naͤhern Weg uͤber oͤde Haiden zu zeigen, ſeine verdachtloſen Opfer in eine enge Schlucht lockte, ploͤtzlich ſeine Pfeife ertoͤnen ließ, ſeine Cameraden aus ihrem Hinterhalte verſammelte, und ſich nun in ſeiner wahren Geſtalt als Raͤuberhauptmann zeigte, dem ſeine unvorſichtigen Reiſegefaͤhrten ihre Boͤrſe und vielleicht ihr Leben dpfern mußten. Hatte er ſich nun am Schluße ei⸗ ner ſolchen Erzaͤhlung allmählig in ein rechtes Angſtfieber hineingeredet, ſo warf er gewohnlich einen Blick voll Zwel⸗ fel und Argwohn auf mich, als wenn ihm die Möglichkeit beifiele, er koͤnnte in Angenblick, wo er dies ſpreche, in der Geſellſchaft eines ſo gefaͤhrlichen Menſchen ſeyn, als er zeben in ſeiner Erzaͤhlung geſchildert hatte. Und jedes⸗ mal, wenn berlei Beſorgniſſe dieſen ſinnreichen Selbſtaua⸗ 43 ler aͤngſtigten, ritt er aus meiner Naͤhe weg⸗ an die an⸗ dere Seite der Straße, blickte nach allen Seiten herum, mals noch nicht in dem Grade ſtatt, und der hoͤfliche, ge⸗ wandte Gluͤcksritter, der im Wuͤrfel oder Kegelſpiel einem das Geld aus der Taſche nahm, trieb oft zugleich das Ge⸗ werbe des Raͤubers, der ſeinem Bruder ſtutzer auf eln ſa⸗ wenn ich mich recht erinnere, als ob tollkuͤhne Menſchen damals weniger Abſcheu, als jetzt, gefuͤhlt haͤtten, die ver⸗ 44 die minder bevoͤlkerten entfernteren Diſtrickte von jenen berittenen Raͤubern unſicher gemacht, die man vielleicht ei⸗ nes Tages gar nicht mehr kennt, und welche ihr Gewerbe mit einer gewiſſen Hoͤflichkeit trieben, ſo daß ſie ſich, wie Gibbet in dem Luſtſpiele„Stutzerliſt“ ruͤhmen konnten, ſie ſeyen die wohlerzogenſten Leute auf der Landſtraße⸗ und benehmen ſich bei der Ausuͤbung ihres Beruſs mit aller erforderlichen Huflichkeit. Ein junger Mann in mei⸗ ner Lage war deßhalb nicht berechtigt, uͤber den Mißgriff ſehr ungehalten zu ſeyn, ihn mit dieſen wuͤrdigen Raͤuvern in eine Claſſe zu ſetzen. Auch war ich nicht beleidigt, im Gegentheil fand ich eine Beluſtigung dabei, den Verdacht meines furchtſamen Reiſegefaͤhrten bald zu erwecken, bald in Schlaf zu wiegen und dadurch dieſes Gehirn noch mehr zu verwirren, das ſchon von Natur nicht zu den klarſten gehoͤrte, und Furcht⸗ ſamkeit noch meyr geſchwaͤcht hatte. Wenn mein unbefan⸗ genes Geſpraͤch ihn in voͤllige Sicherheit gewiegt hatte, ſo bedurfte es nur einer Zwiſchenfrage nach der Richtung ſeiner Reiſe, oder üͤber die Art ſeines Geſchaͤftes, um ſei⸗ nen Argwohn ſogleich wieder anzuregen. Ein Geſpraͤch uͤber die Starte und Geſchwindigkeit unſerer Pferde nahm z⸗ B. folgende Wendung: „O, Herr,“ ſagte, mein Gefaͤhrte,„was den Galloy betrifft, das gebe ich zu; aber erlaubt mir, Euer Pferd (ein ſchoͤner Wallach, das muß man ſagen) hat zu ſchwa⸗ che Knochen, um ein guter Traber zu ſeyn. Der Trab, Herr⸗(hier gab er ſeinem Bucephalus die Sporen) der Trab iſt der rechte Gang fuͤr ein Miethpferd, und waͤren wiir nahe an einer Stadt, ſo moͤchte ich wohl einmal Eueru 45 Stolperer auf ebenen Wege probiren, ein Quart Claret im naͤchſten Wirthshauſe wollt ich wetten!“ „Es ſoll gelten, Herr, erwiederke ich, und hier iſt der Boden recht guͤnſtig. 4 „Hem— hum,“ antwortete meln Freund zandernd, hes iſt eine Reiſeregel bei mir, nie mein Pferd zwiſchen zwei Stationen matt zu relten, man weſß jannieht,— der Fall kann kommen, daß man dem Thier mehr zumuthen muß; und dann, wenn ich ſagte, ich wollte mit Cuch wer⸗ ten, ſo meinte ich, mit gleichem Gewicht; nun eitet Ihr aber doch um ein aut Theil leichter, als ich.1 A „„ut, ſo nehme ich noch mehr Gewicht auf, was mag denn Ener Felleilen wiegen?“ 1126 „Mein F—— F—— Felleiſen,“ erwiederte er ſtotternd,— o ſehr wenſg,— federleicht— nur ein Paar Hemden und Struͤmpfe.““ 15 4 1 4 3 „Dem Anſchein nach follt es ſchwerer ſeyn; nun ich wette das Quart Elaret, es gleicht das Gewicht zwiſchen uns aus.“ 4¹ „Ihr ſeyd im Irethum, Herr, ſch verſichere Euch; 10 — voͤllig im Irrthum,“ erwiederte mein Freund, und ritt auf die andere Seite der Straße, wie er bei ſolchen beun⸗ ruhigenden Gelegenheiten zu thun pflegte. „Nun, es foll gelten! Ich wette zwei gegen eins, ich nehme Euer Felleiſen uf mein Pferd, und wir wollen ſe⸗ heu, weſſen Pferd am laͤngſten im Trahe Auighalt. a⸗ Dieſer Vorſchlag ſteigerte die Uneuhenmeines Freuu⸗ des aufs hoͤchſte. Die natuͤrliche dunkle Noͤthe ſeiner Nafe, die ſie von manchem guten Schluc Elaret vder Set ber kommen haben mochte, verwandelte ſich nin elne blaſſe Kupferfarbe, und ſeine Zaͤhne klapperten vor Furcht uͤber 46 die unverſchleierte Keckheit meines Vorſchlags, der ihm den frechen Raͤuber in aller Graͤßlichkeit zu enthuͤllen ſchien. Als er mit der Antwort zauderte, befreite ich ihn zum Theil von ſeiner Furcht, indem ich ihn nach einem Kirchthurme fragte, der jetzt ſichtbar wurde, und die Be⸗ merkung hinzufuͤgte, da das Dorf ſo nahe ſey, ſo haͤtten wir wohl nicht mehr zu fuͤrchten, daß unſere Reiſe auf der Landſtraße geſtoͤrt werden moͤchte. Dabei klaͤrte ſich ſein Geſicht auf⸗ aber ich bemerkte leicht, daß es lange dauerte, ehe er einen Vorſchlag vergaß, der ihm ſo hoͤchſt verdaͤchtig geſchienen hatte. Ich bin dir vielleicht laͤſtig mit dieſen Einzelnheiten über die Sinnesart des Mannes, und die Art, wie ich mich gegen ihn benahm, ber dieſe Ein⸗ zelnheiten, ſo unbedeutend ſie au und fuͤr ſich ſeyn mögen, hatten wichtigen Einfluß auf ſpaͤtere Vorfaͤlle. Dumals flöste mir das Benehmen des Mannes Verachtung ein, und beſtaͤrkte mich in der bereits gefaßten Meinung, daß unter allen Neigungen, die den Menſchen zur Selbſtquaͤ⸗ ung verleiten, keine ſo viel Aerger, Muͤhe, Unannehmlich⸗ keit und Mitleiden errege, als ungegruͤndete Furcht. Viertes Kapitel. Arm ſind die Schotten, wie Englands Uevermuth ſpricht,„ Wahr iſt es, und ſie ſelber läugnen's nicht. Silnd alſo die nicht klug⸗ im ſtrengſten Sinn genommen, Die hieher um des Geldes willen kommen. . Churchill. Damals war es auf den engliſchen Landſtraßen eine alte Sitte, die jetzt wohl außer Gebrauch, oder doch nur 4⁷ noch beim gemeinen Volke uͤhlich iſt, daß man auflangen Rei⸗ ſen, die gewoͤhnlich zu Pferd, und alſo in kurzen Stationen ge⸗ macht wurden, am Sonntage in irgend einer Stadt Halt machte, um dem Gottesdienſte beizuwohnen; dem pferde kam die ſer Ruhetag zu Gute, und dieſe Einrichtung war eben ſo menſchlich gegen unſere vernunftloſen Arbeiter, als nuͤtzlich fuͤr uns ſelbſt. Ein Seitenſtuͤck zu dieſer Sitte, und ein Ueberbleibſel altengliſcher Gaſtfreundſchaft war es, daß der Inhaber eines anſehnlichen Gaſthofs an dem ſiebenten Ta⸗ ge den Wirth ablegte, und den Gaſt, der gerade in ſek⸗ nem Hauſe war, einlud, mit ihm und den Seinigen ein Stück Rindflelſch und Pudding zu verzehren. Dieſe Ein⸗ ladung wurde gewoͤhnlich von allen denen angenommen, die ihrem Range dadurch nichts zu vergeben glaubten, und der Vorſchlag, nach dem Eſſen eine Flaſche Wein auf des Wirths Geſundheit zu trinken, war die einzige Verguͤtung, die je angeboten und angenommen wurde. 4 Ich war zum Weltbuͤrger geboren, und melne Nei⸗ gung leitete mich zu allen den Sceuen, wo ich meine Menſchenkenntniß erweitern konnte, uͤbrigens machte ich gar keine Anſpruͤche darauf, mich wegen hoͤherer Wurde abzuſondern, und unterließ daher ſelten, die ſonntaͤgliche Gaſtfreundſchaft im Hoſenbande, im Loͤwen oder Baͤ⸗ ren auzunehmen. Der ehrliche Wirth, der ſich noch einmal ſo wichtig duͤnkte, daß er unter ſeinen Gaͤſten, deren Be⸗ dienung ſein gewoͤhnlichet Geſchaͤft war, den Vorſtz fuͤhrte, war an und für ſich ſchon ein unterhaltendes Schauſpiek, und rings um ſeinen freudigen Kreis vollenderen andere Planeten von niedererer Ordnung ihre Bahnen. Wizlinge und Spaßvoͤgel, die erſten Reſpectsperſonen der Stadt oder des Dorfs, der Apptheker, der Advokat, ja der Pfarrer — ſeidf verſchmaͤheten nicht, an diefer wöchonflichen Feſtlich⸗ keit Theil zu nehmen. Die Gäſte, aus verſchledenen Ge⸗ genden, von verſch'edenen Gewerben, ſtanden durch Sprache, Sitten und Geſinnungen in einem ſo ſonderbaren Contra⸗ ſte gegeneinander, daß ſie dem der Menſchenkenntniß zu erwerben wuͤnſchte, ein ſehr mannigfaches Schauſpiel dar⸗ boten. 4 Als ich an einem ſolchen Tage mit melner furchtſa⸗ men Bekanntſchaft mich gerade an den Tiſch des roth⸗ wangigen Wirths vom ſchwarzen Baͤren zu Darlington im Sprengel des Biſchofs von Durham ſetzen wollte, kuͤndigte uns der Wirth in einem entſchuldigenden Tone an, daß ein ſchottiſcher Herr mit uns ſpeiſen wuͤrde.. „Ein Herr?— was fuͤr ein Herr?“ ſagte mein Ge⸗ faͤhrte ein wenig haſtig, da er vermuthlich ſogleich an die Herren von der Landſtraße dachte, wie man ſie damals nannte. „Je nun, ein ſchottiſcher Herr, wie ich ſagte, entgeg⸗ nete mein Wirth; ſie ſind alle herrenmaͤßig, wenn ſie auch kein ganzes Hemd auf dem Leibe haben; der aber iſt 3 anſtaͤndig— ein ſo guter Nordhritte, als vielleicht je uͤber die Berwik⸗Bruͤcke ging,— ich glaube, ein Viehhaͤndler. „Jedenkalls wuͤnſchen wer ſelne Geſellſchaft,“ antwor⸗ tete mein Gefaͤhrte, wendere ſich dann zu mir, und machte 1 ſeinen eigenen Bemerkungen Luft.„Ich achte die Schot⸗ ten, Sir, ich liebe und ehre dieſe Nation wegen ihrer rechtlichen Geſinnungen. Man ſpricht von ihrem Schmaz und ihrer Armuth, aber ich lobe mir die aͤchte Redlichkeit, auch wenn ſie in Lumpen geklelder iſt, wie der Dichtet ſagt. Ich bin von zuyerlaͤßigen Leuten glaubwurdig ver⸗ ſichert 49— 2 ſichert worden, daß man in Schottland nie etwas von Stra⸗ Henraub hoͤrte.“. 3 „Weil ſie nichts zu verlieren haben,“ ſagte mein Wirth mit lautem Lachen uber ſeinen eigenen Wiz. „Nein, nein, Herr Wirth,“ antworrete eine ſtarke, tiefe Stimme hinter ihm„ſondern weil Eure engliſchen Zoͤllner und Aufſeher, die Ihr uns uͤber die Tweed geſchickt habt, das Diebshandwerk den Leuten im Lande abgenom⸗ men haben.“ „Gut geſagt, Herr Campbell,“ antwortete der Wirth; nich dachte nicht, daß Du uns ſo nahe ſeieſt. Nun, Du keunſt mich, ich muß alles gerade herausſagen.— Wie iſt der Markt im Suden?“ „Wie gewoͤhnlich,“ erwiederte Herr Campbell;„die klugen Leute kaufen und verkaufen, und die Narren wer⸗ den gekauft und verkauft.“. „Aber kluge und naͤrriſche Leute laſſen ſich ihre Mahl⸗ zeit ſchmecken,“ antwortete unſer luſtiger Wirth;„und hie kommt ein Stuͤck Rindfleiſch, ſo gut als je elnes einem Hungrigen unter die Gabel kam.“ Mit dieſen Worten wezte er ruͤſtig ſein Meſſer, nahm ſeinen Herrſcherſitz am obern Ende der Tafel ein, und be⸗ lud die Teller ſeiner Gaͤſte mit koͤttllichen Speiſen. Hier hoͤrte ich zum erſtenmal den ſchottiſchen Accent, oder vielmehr war es das erſtemal, daß ich mit einem Schotten in naͤhere Beruͤhrung kam. Von fruͤher Kindhelt an hatte Schottland meine Einbildungskraft beſchaͤftigt und angezogen. Mein Varer war, wie Du weißr, aus elner alten Northumorlſchen Familie, von deren Srammſtz ich ntchht mehr weit entfernt war. Der Streit zwiſchen ihm und ſeinen Verwandtenswar der Art, daß er kaum je das . Seott's Werte. C. 4 50 Geſchlecht erwaͤhnte, von dem er abſtammte, und die Schwaͤ⸗ che, welche man gewoͤhnlich Familienſtolz nennt, fuͤr die veraͤchtlichſte Art von Eitelkeit hielt. Sein Stolz beſtand allein darin, als William Osbaldiſtone, und als der erſte oder wenkgſtens einer der erſten Wechsler ausgezeichnet zu ſeyn, und wenn man ihm bewieſen haͤtte, daß er in ge⸗ rader Linie von Wilhelm dem Eroberer abſtamme, ſo wuͤrde dieß ſeiner, Eitelkeit weit weniger geſchmeichelt haben, alz der geſchaͤftige Eifer der Wechsler, Maͤckler und Bankerot⸗ tirer bei ſeiner Ankunft an der Stockboͤrſe. Ohne Zwei⸗ fel wuͤnſchte er, ich moͤchte in vollſtaͤndiger Unwiſſenheit hinſichtlich meiner Verwandten und meiner Abkunft blei⸗ ben, damit deſto ſicherer ſeine und meine Gefuͤhle in die⸗ fer Hinſicht uͤbereinſtlnmten. Seine Abſichten aber wur⸗ den, wie es manxmal den kluͤgſten Leuten zu geſchehen pflegt, zum Theil wenigſteus durch ein Weſen vereitelt, von dem ſein Stolz nie geglaubt hatte, daß es in irgend einer Beziehung darauf Einfluß haben wuͤrde. Seine Am⸗ me, eine alte northumbriſche Frau, war die einzige Perſon aus ſeinem Geburtslande, fuͤr welche er einige Achtung hatte, und als ihm das Gluͤck laͤchelte, war faſt der erſte Gedrauch, den er von ſeinen Gunſtbezeugungen machte, daß er der alten Mabel Rickets eine Wohnung in ſeinen Hauſe anwies. Nach dem Tode meiner Mutter fiel der alten Mabel das Geſchaͤft zu, meine kraͤnkliche Kindheit zu pflegen, und mir alle die zaͤrtliche Sorgfalt zu widmen, welche das Kind von weiblicher Zuneigung erwartet. Da ihr von ihrem Herrn unterſagt, mit ihm uͤber die Halden, Waldeplaͤze und Thaͤler ihres geliebten Northumberlands zu reden, ſo ergoß ſie ſich gegen mich in Beſchreibunge der Scenen aus ihrer Jugend und in lange Erzaͤhlungen — 51 von den Ereigniſſen, die der Sage noch dort vorgefallem ſeyn ſollten. Darauf horchte mein Ohr weit williger, als auf die ernſtern, doch minder beſeelten Lehren. Noch jezs glaube ich die alte Mabel zu ſehen, ihren Kopf, der vor Altersſchwaͤche zitterte, und in ein Haͤubchen, ſo weiß wle der Schnee gehuͤllt war,— ihr Geſicht voll Runzeln, das aber immer noch jene geſunde Farbe behalten hatte, die ſie der laͤndlichen Arbeit verdankte. Koch glaube ich ſie auf die Mauern von Ziegelſtein, und die engen Straßem blicken zu ſehen, die man von unſerem Fenſter aus ſah, dann ſchloß ſie mit einem Seufzer ihr altes Lieblingsliede das ich damals,— und warum ſoll ich nicht die Wahrheit ſagen, d icch noch jezt allen Opern⸗Arien vorziehe, die je das griulenhafte Gehirn eines italiaͤniſchen Muſikdoktors entwarf: 3 O die Eiche, die Eſche und der ſchäne Epheubaum, So ſchön, als im Norderland, biühen ſie kaum! In den Sagen der altes Mabel geſchah oft der ſchot⸗ tiſchen Nation Erwaͤhnung mit all der Erbitterung, der die Erzahlerin faͤhig war. Die Bewohner des nahen Graͤnz⸗ lands nehmen in ihren Erzaͤhlunzen die Stelle der Ogers und Rieſen mit Sielenmeilenſtiefeln in den gewöhnlichen Ammenmaͤhrchen ein. Und wie konnte dieß anders ſeyn? War es nicht der ſchwarze Douglas, der mit eigener Haud den Erben der Familie Osbaldiſtone den Tag nach der Be⸗ ſiznahme von ſeinem Land erſchlug, indem er ihn und ſeine Vafallen bei dem deßhalb veranſtalteten Feſt uͤberfiel. Hatte nicht Walter, der Teufel genannt, noch in den Tagen mei⸗ nes Urgroßvaters alle jaͤhrigen Laͤmmer von den Huͤgeln von Lanthornſide hinweggetrieben? Hatten wir nicht manch Siegeszeichen, und, der Ceſchichts⸗Erzaͤhlung der alten Ma⸗ 52 bel zufolge, auf eine weit ehrenwerthere Weiſe errungen, um uns kuͤr das angethane unrecht zu raͤchen! Fuͤhrte nicht Sir Heury Osbaldiſtone, der fuͤnfte Baron dieſes Namens, die ſchoͤne Maid von Cafrnington hinweg, wie Achilles im Alterthum ſelne Chryſeis und Briſeis, und hielt ſie in ſeiner Feſte gegen die ganze Macht ihrer Freunde, die von den mäͤchtigſten ſchottiſchen Helden unterſtuͤzt waren, ge⸗ fangen? Und hatten nicht unſere Schwerter auf den mei⸗ ſten Schlachtfeldern vorangeblizt, auf denen England ſiegte uber ſeinen Nebenbuhler? In den nordiſchen Kriegen wurde all unſer Familienruhm erworben, und all unſer Familten⸗ ungluͤck wurde burch ſie veranlaßt. Durch ſolche Erzaͤhlungen erhizt, betrachtete ich waͤh⸗ rend meiner Jugend die Schotten als ein den ſuͤdlichern Einwohnern dieſes Koͤnigreichs von Natur feindliches Ge⸗ ſchlecht, und dieſe Anſicht wurde durch die Art, wie ſich mein Vater manchmal uͤber ſie aͤußerte, nicht ſehr gebeſ⸗ ſert. Er hatte ſich in einige betraͤchtliche Spekulationen mit Eichenholz, das hochlaͤndiſchen Landbeſtzern gehoͤrte, eingelaſſen, und wollte ſie zwar ſehr bereitwillig gefunden haben, Handelsunternehmungen abzuſchließen, und Kanf⸗ geld herauszuſchlagen, aber nicht ſehr puͤnktlich in Erfuͤb⸗ lung der von ihrer Seite eingegangenen Verpflichtungen. Die ſchottiſchen Kaufleute, die er als Mittelsperſonen da⸗ dei gebrauchen mußte, wurden gleichfalls von meinem Va⸗ ter verdaͤchtigt, durch manche Mittel mehr davon in Si⸗ cherheit gebracht zu haben, als ihr Antheil am Gewinn betrug. Kurz Mabel klagte aber die ſchottiſchen Waffen der Vorzeit, Herr Osbaldiſtone zog nicht weniger gegen die Kunſtgriffe der Zeitgenoſſen los, und auf dieſe Weiſe praͤgten ſie ohne eigentlichen Vorſaz dazu meinem jugend⸗ 53 lichen Gemuͤthe einen wahren Abſcheu gegen die Nordbrit⸗ ten ein, als ein Volk, das blutduͤrſtig im Kriege, verraͤthe⸗ riſch waͤhrend der Waffenruhe, intereſſirt, ſelbſtſuͤctig, hab⸗ ſuͤchtig und betruͤgeri ch im friedlichen Verkehr ſei, und wo⸗ nig gute Eigenſchaften habe, wenn man nicht Wildheit, die dem Muthe glich, im Kriege, und eine Art Verſchwizt⸗ heit, die fuͤr Weisheit gilt, in den gewoͤhnlichen Lebens⸗ verhaͤltniſſen dafuͤr rechnen wolle. Zur Rechtfertigung oder Entſchuldigung derer, dle ſolche Vorurtheile unterhielten, muß ich bemerken, daß die Schotten der damaligen Zei nicht minder ungerecht gegen die Englaͤnder waren, die ſie durchgaͤngig mit dem Namen geldſtolzer, anmaßender Schwel⸗ ger brandmarkten Solche Keime von Nationalhaß btieben zwiſchen beiden Laͤndern, und waren die natuͤrlichen Folgen ihres Beſtehens als getrennte, eiferfuͤchtige Staaten. Dehhalb betrachtere ich den erſten Schotten, mit wel⸗ chem ich in Geſellſchaft zuſammentraf, mit Abneigung. Auch hatte er manches an ſich, das mit meinen vorgefaßten Meinungen zuſammentraf. Er hatte die harten Zuͤge und ie athletiſche Geſtalt, die ſeinen Landsleuten eigen ſeyn ſollen, ſo wie die nationelle Betonung und die langſame pedantiſche Art des Ausdrucks, die aus dem Verlangen hervorgeht, Eigenthuͤmlichkeiten des Dialekts zu vermei⸗ den. Auch konnte ich die Vorſicht und Schlauheit ſeiner Landsleute in manchen ſeiner Bemerkungen und Antworten erkennen. Was ich aber nicht erwartete, war eine Art von ungezwungener Selbſtbeherrſchung und eine gewiſſe Ueber⸗ legenheit, die er über eine Geſellſchaft geltend zu machen ſchien, in die ihn der Zufall gefuͤhrt hatte. Seine Kleidung war ſo grob, als ſie ſeyn konnte, um noch anſtaͤndig zu ſeyn, und zu einer Zeit, wo ſelbſt die Geringſten von de⸗ nen, die auf einen gewiſſen Rang Anſpruch machten, ſehr wiel auf die Kleidung verwaudten, zeigte die ſeine ſehr mittelmaͤßige Gluͤcesumſtaͤnde, wo nicht Armuth an. Sein Geſpraͤch bewieß, daß er einen Viehhandel trieb, ein Ge⸗ werbe, das nicht ſehr im Anſehen ſtand. Und doch, troßz aler dieſer Nachtheile, ſchien er, als ob ſich dieß von ſelbſt verſtuͤnde, die uͤbrige Geſellſchaft mit jener kalten hoͤflichen Herablaſſung zu behandeln, die eine wahre oder eingebil⸗ dete Ueberlegenheit uͤber diejenigen vorausſetzt, gegen die man ſie ausuͤbt. Wenn er ſeine Meinung uͤber irgend etwas aͤußerte, ſo geſchah es mit dem Tone eines Man⸗ nes, der durch Rang oder Bildung uͤber ſeiner Geſellſchaft ſteht, und als ob das, was er ſagte, weder bezweifelt, noch beſtritten werden koͤnne. Mein Wirth und ſeine Sonn⸗ tagszaͤſte ſanken nach einigen vergeblichen Verſuchen durch Geraͤuſch und kuͤhne Behauptung, ihre Wichtigkeit geltend meine Welterfahrung, die durch den Aufenthalt in der Fremde erweitert war, und auf die Keuntniſſe, mit denen eine ziemlich gute Erziehung mich ausgeſtattet hatte. In lezterer Hinſicht fiel es iom nicht ein, mit mir in die Schranken zu treten, und man ſah leicht, daß ſeine na⸗ mit dem damaligen Zuſtand Frankreichs, mit dem Charak⸗ ter des kürzlich zur Regentſchaft dieſes Königreichs gelang⸗ ten Herzogs von Orleans, ſo wie mit dem der Staatsmän⸗ zu machen, allmaͤhlich unter die Autoritaͤt des Herrn Camp⸗ bell, der auf dieſe Weiſe ſich völlig der Fuͤhrung des Ge⸗ ſpraͤchs bemaͤchtigte. Aus Neugierde war ich verſucht, ihm ſelbſt den Boden ſtreitig zu machen, im Vertrauen auf kürliche Anlagen nicht durch Erziehung gebildet waren. Aber mer, die ihn umgaben, fand ich ihn weit beſſer bekannt, als ich es ſelbſt war, und ſeint ſchlauen, kauſtiſchen und etwas 55 ſatyriſchen Bemerkungen zeigten einen Mann an, der die Angelegenheiten dieſes Landes in der Naͤhe beobachtet hatte. Neber politiſche Gegenſtände beobachtete Campbell Still⸗ ſchweigen und eine Mäßigung, wozu Vorſicht ihn bewegen mochte. Die Parteien der Whigs und Tories erſchütterten damals England bis auf den Grund, und eine mächtige Parthei, dem jakobttiſchen Intereſſe ergeben, bedrohte die Dynaſtie von Hannover, die ſo eben auf den Thron gelangt war. Jede Schenke wiederhallte vom Geſchrei ſtreitender Politiker, und da meines Wirths politiſche Grundſäze ſo li⸗ beral waren, daß er mit keinem guten Kunden Streit an⸗ fieng, ſo waren ſeine Sonntagsgäſte oft unvereinbar getrennt in ihren Meinungen. Der Pfarrer und der Apotheker nebſt einem kleinen Mann, der mit ſeinem Berufe ſich nicht brü⸗ ſtete, aber nach dem zierlichen Schnellen mit den Fingern zu urtheilen, der Barbier war, nahmen kräftig die Parthei der hohen Kirche und des Hauſes Stuart. Der pflichtſchuldige Acciſe⸗Einnehmer, und der Advokat, der auf ein kleines Aemt⸗ chen unter der Krone ſpeculirte, nebſt meinem Reiſegefähr⸗ ten, der ganz kühnlich ſich in den Streit einzulaſſen ſchien, unterſtüzten ſtandhaft König Georg und die proteſtantiſche Erbfolge. Gräßlich war das Geſchrei,— ſchrecklich die Be⸗ theurungen. Alle beriefen ſich auf Herrn Campbell, begierig, wie es ſchien, ſeine Billigung zu erlangen. „Ihr ſeid ein Schotte und müßt alſo das erbliche Recht vertheidigen,“ ſchrie die eine Parthei. „Ihr ſeid ein Presbyterianer,“ fiel die andere ein;„Ihr könnt die willkührliche Gewalt nicht begünſtigen.“ „Meine Herren,“ ſagte Campbell, nachdem er ſich mit einiger Mühe Gehöor verſchafft hatte;„ich zweifle ſehr, ob König Georg die Vorliebe ſeiner Freunde ſo verdient; kann 56 er halten, was er gefaßt hat, ſo kann er den Acci seinneh⸗ mer hier zum Oberaufſeher der königlichen Einkünfte ma⸗ chen, unſer Freund Quitam wird General⸗Fiscal, und eben ſo kann auch dem Herrn hier, der lieber auf ſeinem Fellei⸗ ſen, als auf dem Stuhle ſizt, irgend eine Belohnung zu Theil werden.— Zweifels ohne aber iſt König Jakob gleichfalls ein dankbarer Herr, und wenn er einmal ſeine Hand im Spiele hat, ſo kann er, wenn er ſo geſinnt iſt, dieſen ehr⸗ würdigen Herrn zum Erzbiſchof von Lauterburg, unfern Dok⸗ tor hier zu ſeinem Leibarzt machen, und ſeinen königlichen Rort der Sorgfalt meines Freundes Latherum anvertrauen. Da ich aber ſehr zweifle, ob einer von den ſtreitenden Kö⸗ nigen Rob Campbell ein Glas Schnaps gäbe, wenn er es bedarf, ſo gebe ich meine Stimme unſrem Wirth, Jonathan Brown, er ſolt König und Fürſt aller Mundſchenken ſein, unter der Bedingung, daß er uns eine Flaſche liefert, ſo gut als die lezte. Dieſer Einfall wurde mit allgemeinem Beifall aufgenom⸗ men, in den der Wirth von Herzen einſtimmte, und als er Befehl gegeben hatte, die Bedingung ſeiner Erhebung zu er⸗ füllen, ſo unterließ er nicht, ſeinen Gäͤſten bekannt zu ma⸗ 3 chen,„daß ſo ein friedfertiger Herr auch Mr. Campbell wäre, er dennoch mit Löwenmuth— ſieben Räuber allein ge⸗ ſchlagen habe, die ihn auf dem Wege daher angegriffen hät⸗ ten. 74 f „Du betrügſt dich, Freund Jonathan,“ ſagte Camp⸗ bell, ihn unterbrechend; es waren nicht mehr, als zwei, und feige Memmen, mit denen man's alle Tage aufnehme 3 möchte“ „Und habt Ihr wirklich, Herr,“ ſagte er, mein Reiſe⸗ 2. 8 3 gefährte, indem er ſeinen Stuhl(ich Ilollte ſagen, fein Fell⸗ 57 eiſen) näher an Herrn Campbell heranrückte,„in der That zwei Räuber allein geſchlagen?“⸗ „Allerdings, Herr,“ erwiederte Campbell;„und ich denke, es iſt keine ſo große Sache, um ein Lied daraus zu machen.“ „Meiner Treu,“ fuhr mein Begleiter fort;„ich waͤre ſehr erfreut, wenn ich das Vergnügen haben koͤnnte, in Eu⸗ rer Geſellſchaft meine Reiſe zu machen. Ich gehe nordwärts.“ Dieſe freiwillige Eröffnung über das Ziel ſeiner Reiſe, die erſte, welche ich meinen Gefährten an jemand machen hörte, erregte dennoch bei den Schotten kein gleiches Ver⸗ trauen. 3 „Wir koͤnnen ſchwerlich zuſammenreiſen,“ erwiederte er trocken.„Ihr ſeid ohne Zweifel gut beritten, und ich reiſe für jezt wenigſtens zu Fuße, oder auf einem hochlaͤndiſchen Klepper, der mich nicht viel ſchneller vorwärts bringt.“ Mit dieſen Worten verlangte er die Rechnung für den Wein, und als er den Preis für die von ihm geforderte Flaſche hingeworfen hatte, ſtand er auf, als wolle er ſich von uns verabſchieden. Mein Reiſegefaͤhrte machte ſich auf zu ihm, faßte ihn am Rockknopfe und zog ihn ſeitwaͤrts in ein Fenſter. Ich hörte, daß er um etwas dringend bat, ver⸗ muthlich um ſeine Geſellſchaft auf der Reiſe, was Herr Camp⸗ bell abzulehnen ſchien. „Ich will Eure Koſten tragen,“ ſagte der Reiſende in einem Tone, als muͤßte dieſer Grund alle Einwürfe nieder⸗ ſchlagen. „Es iſt ganz unmöglich.“ ſagte Campbell etwas veräͤcht⸗ lich;„ich habe Geſchaͤfte zu Nothburg.“ „Ich aber habe keine Eile; ich kann vom Wege ablen⸗ ken, und ſchlage ein oder ein paar Tage nicht an, wenn ich gute Geſellſchaft habe“ 4 „Meiner Treu,“ ſagte Camphell;„ich kann Euch den Dienſt nicht leiſten, den Ihr zu wünſchen ſcheint. Ich reiſe,“ ſezte er hinzu, indem er ſich ſtolz aufrichtete,„in eigenen Angelegenheiten, und wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, ſo geſellt Euch zu keinem Fremden auf dem Wege, und theilt auch die Richtung Eurer Reiſe denen nicht mit, die nicht danach fragen.“ Hierauf machte er ohne Umſtände den Rockknopf los, und kam, da die Geſellſchaft ſich zerſtreute⸗ zu mir, und bemerkte:„Ihr Freund iſt für den Auftrag, den er hat, viel zu mittheilend.“ „Dieſer Herr,“ erwiederte ich mit einem Blicke auf den Reiſenden,„iſt nicht mein Freund, ſondern blos eine Bekannt⸗ ſchaft, die ich auf dem Wege machte. Ich kenne weder ſei nen Namen, noch ſein Geſchaͤft, und Ihr ſcheint fein Ver⸗ trauen mehr zu beſizen, als ich.“ „Ich meinte blos,“ erwiederte er haſtig:„daß er etwas vorſchnell die Ehre ſeiner Begleitung Leuten anbietet, die ſie nicht wollen.“ 1 „Er ſelbſt,“ ſagte ich,„iſt der beſte Richter über ſeine eigenen Angelegenheiten, und ich möchte mich in keiner Hin⸗ ſicht zum Richter darüber aufwerfen.“ Herr Campbell machte keine weitere Bemerkung, ſondern wünſchte mir eine gute Reiſe, und die Geſellſchaft zerſtreute ſich beim Anbruch des Abends. Am naͤchſten Tage verließ ich die Geſellſchaft meines — furchtſamen Reiſegefaͤhrten, da ich die große noͤrdliche Straße verließ, um mich mehr weſtlich nach Osbaldiſtone⸗ Manor, meines Oheims Wohnſitz, zu wenden. Ich kaun nicht ſagen, ob er ſich durch meinen Abgang erleichtett 4 59 oder verlegen fuͤhlte, weil ich ihm in einem zwelfelhaften Lichte erſchienen war. Was mich betriſſt, ſo beluſtigte mich ſeine Furcht nicht mehr, und, die Wahrheit zu ſagen, ich war herzlich froh, ihn los zu ſeyn. Fuͤnftes Kapitel. Wie ſchmilzt mein pochend Herz, ſo oft ich ſehe Wie jedes Mädchen, unſeres Englands Stolz Das edle Roß antreibt, das leicht hinfliegt, Den rauhen Pfad, den ſteilen Berg nicht ſcheut, Und nimmer ſtrauchelt in dem weiten Thal. Die Jagd. Ich naͤherte mich meiner noͤrdlichen Heimath, denn dafuͤr galt ſie mir, mit jener Begeiſterung, die wilde und romantiſche Seenen dem Freunde der Natur einfloͤßen. Nicht laͤnger gehindert durch das Geſchwaͤtz meines Gefähr⸗ ten, konnte ich nun den Unterſchied zwiſchen dieſem Lande und dem bemerken, das ich bisher durchzogen hatte. Die Stroͤme verdienten jetzt mehr dieſen Namen, denn anſtatt zwiſchen Schilfrohr und Weidenbaͤumen hinzukriechen, rauſch⸗ ten ſie ſort unter dem Schatten eines freigufgeſchoſſenen Gebuͤſches; ſchoßen bald einen Abhang hinab, bald zogen ſte murmelnd langſamer, doch immer noch in ruͤſtiger Be⸗ wegung fort durch kleine einſame Thaͤler, die ſich von Zeit zu Zelt gegen die Landſtraße zu oͤffneten, und den Wan⸗ derer in ihre Einſamkeit zu locken ſchlenen. In duͤſterer Pracht erhoben ſich die Berge von Chevy vor mir, zwar nicht mit der erhabenen Abwechslung von Felſen und Klip⸗ 60 pen, wodurch die Gebirge vom erſten Range ſich auszeich⸗ nen, aber die ungeheuren, runden Haͤupter erhebend, und mit einem bunkeln Gewande bekleidet, machten ſie durch thren Umfang und thre vereinzelre Geſtaltung einen leb⸗ haften Eindruck auf die Seele. 3 Die Wohnung meiner Vorfahren, der ich mich jetzt naͤherte, lag in einem engen Thale, das zwiſchen dieſen Huͤgeln hinanſtieg. Ausgebehnte Laͤndereten, die einſt der Familie gehoͤrten, waren durch Unfalle oder ſchlechte Ver⸗ waltung meiner Vorfahren verloren gegangen, doch gehoͤrte noch genug zu dem alten Schloſſe, um meinem Oheim das Anſehen eines reichen Grundrigenthuͤmers zu verſchafen. Sein Vermoͤgen zehrte er,(wie man mir bet einigen Nachfragen, die ich auf dem Wege machte, zu verſtehen gab) in der verſchwenderiſchen Gaſtfreundſchaft eines nor⸗ diſchen Edelmanns auf, denn dieſe hielt er zur Erhaltung der Wuͤrde ſeiner Famille fuͤr weſentlich. Von einer Anhoͤhe aus hatte ich bereits in der Ent⸗ fernung Osbaldiſtone⸗Hall geſehen, ein großes, veraltetes Gebaͤude, das aus der Tiefe zwiſchen ungeheuern Eichen bervorſah, und ich ritt ſchon in dieſer Richtung und ſo raſch fort, in ſoweit die mannigfachen Krummungen und der ſchlechte Weg es geſtatteten, als mein Pferd, ſo muͤde es auch war, bei dem muntern Hundegebell und den Toͤ⸗ nen eines Waldhorns, das damals bei der Jagd nie fehl⸗ te, die Ohren ſpitzte. Ich zweifelte nicht, daß die Hunde meinem Oheim gehoͤrten, und hielt mein Pferd an, in der Abſicht, die Jaͤger voruͤberziehen zu laſſen, und unbemerkt zu bleiben, da die Jagdhahn nicht der geeignete Ort war, mich einem kuͤhnen Jaͤger vorzuſtellen; wenn ſie voruͤber gezogen waͤren, wollte ich dann nach dem Schloſſe reiten, 61 und dort die Ruͤckkehr des Eigenthuͤmers von der Jagd erwarten. Ich hielt deßhalb auf einer Anhoͤhe, ſelbſt ein wenig von der ſo anſteckenden Jagdluſt ergriffen,(ſo wenig ich auch in dieſem Augenblick Eindruͤcken dieſer Art zu⸗ gaͤnglich war) und erwartete mit einiger Ungeduld die Er⸗ ſcheinung der Jaͤger.. Endlich erſchien der hart verfolgte Fuchs zuerſt aus dem Gebuͤſche, das die rechte Seite des Thals bedeckte. Seine herabhaͤngende Ruthe, ſein ſchmutziges Ausſehen, und der matterwerdende Sprung verkuͤndete ſein nahes Schickſal, und die Kraͤhe, die uͤber ihm ſchwebte, betrach⸗ tete den armen Reinecke bereits als ihre Beute. Er ſetzte uͤber den Fluß, der das kleine Thal durchfließt, und ſchleppte ſich an der andern Seite der wilden Ufer einen Abhang hinan, als die vorderſten Hunde, von der ganzen bellenden Maute gefolgt, aus dem Dickicht brachen, und gleich dar⸗ auf der Jaͤger und drei oder vier Reiter. Die Hunde verfolgten Reineckes Spur mit nie fehlendem Inſtinkt, und die Jaͤger eilten trotz des unebenen und rauhen Bo⸗ dens nach ohne Ruhe und Raſt. Es waren ſchlanke ruͤ⸗ ſtige, junge Leute, gut beritten, und in die gruͤn und rothe Uniform einer unter den Auſpicien des alten Sir Hilde⸗ brand Osbaldiſtone geſtifteten Jagdgenoſſenſchaft gekleidet. Meine Vettern! dachte ich, als ſie an mir voruͤber eilten. Der naͤchſte Gedanke war, wie werden dieſe wuͤrdigen Nimrodsſoͤhne dich aufnehmen? und wie unwahrſcheinllch iſt es, daß ich mich ſelbſt in meines Oheims Familie be⸗ haglich oder gluͤcklich fuͤhlen werde, da ich mit ihren laͤnd⸗ lichen Vergnuͤgungen wenig oder gar nicht bekannt bin? Eine voruͤberziehende Erſcheinung ſtoͤrte mich in dieſen Bea trachtungen, 62 Es war eine junge Dame, deren liebliche, ſehr aus⸗ drucksvolle Zuͤge noch verſchont waren durch die Glut, mit der die anſtrengende Bewegung der Jagd ihre Wangen faͤrbte. Sie ritt ein ſchoͤnes Pferd, voͤllig ſchwarz, nur hie und da durch den ſchneeweißen Schaum, der vom Zü⸗ gel herab fiel, getigert. Sie trug, was damals ſehr un⸗ gewoͤhnlich war, einen Rock, Weſte und Hut, deren der Manner ziemlich gleich. Dieſer Anzug, den man ſeitdem ein Reitkleid nannte, kam waͤhrend meines Aufenthalts in Frankreich auf, und war mir voͤllig neu. Ihr langes ſchwarzes Haar, das ſich waͤhrend der ellfertigen Jagd von dem Bande losgemacht hatte, flog frei im Winde. Der ſehr zerriſſene Boden, durch den ſie ihr Pferd mit der be⸗ wundernswuͤrdigſten Geſchicklichkeit und Geiſtesgegenwart leukte, hielt ihren Lauf auf, und brachte ſie mir naͤher, als die andern Reiter. Ich konnte ungeſtoͤrt ihr unge⸗ mein ſchoͤnes Geſicht und ihre Geſtalt betrachten, deren Reiz die wilde Froͤhlichkeit der Scene, und das Roman⸗ hafte ihrer ſonderbaren Klelbung und unerwarteten Er⸗ ſcheinung noch ungemein erhoͤht Als ſie an mir voruͤber⸗ ſtog, machte ihr ungeſtümmes Pferd eine wilde Bewegung, gerade als ſie auf ebenerem Grunde es aufs neue auttel⸗ ben wollte. Dieß diente mir zur Entſchuldigung, daß ich ihr naͤher ritt, um ihr Beiſtand zu leiſten. Es war je⸗ doch nichts zu befuͤrchten; das Pferd hatte weder geſtrau⸗ chelt, noch einen Fehltritt gethan, und waͤre dieß auch der Fall geweſen, die ſchoͤne Amazone hatte zuviel Geiſtesge⸗ genwart, um ſich dadurch aus der Faſſung bringen zu laſ⸗ ſen. Ste dankte mir indeſſen mit einem Laͤcheln, und ich fübite mich ermutyigt, mein Pferd in denſelben Gang zu bringen, und mich ganz in threr Naͤhe zu halten. Das 4 63 Geſchrei: hol hol todt! und der entſprechende Stoß in das Waldhorn verkuͤndigten uns bald, daß Eile nicht nothwen⸗ dig, und die Jagd zu Ende ſey. Einer der jungen Maͤn⸗ ner, die ich geſehen batte, kam auf uns zu, und ſchwenkte im Triumph die Ruthe des Fuchſes, als wollte er meiner ſchoͤnen Beglelterin einen Vorwurf machen.“ „Ich ſehe, ich ſehe,“ erwiederte ſie;„macht aber nur nicht ſo viel Laͤrm davon; wenn Phoͤbe(hier klopfte ſie dem ſchoͤnen Tyier, das ſie ritt, auf den Nacken), wenn Phoͤbe nicht unter die Felſen gerathen waͤre, haͤttet Ihr wenig Urſache gehabt, Euch ſo zu ruͤbmen.“ Mit dieſen Worten naͤherten ſie ſich einander, und ich bemerkte, daß ſie beide mich anſahen, und einen Augen⸗ blick leiſe ſprachen, wobei die junge Dame augenſcheinlich in den Jaͤger drang, erwas zu thun, was dieſer ſcheu und mit einer Art von toͤlpiſcher Hartnaͤckigkeit ablehnte. So⸗ gleich wandte ſie ihr Pferd gegen mich, indem ſie ſagte,—: „Gut, gut, Thornie, wenn du nicht w das iſt alles.— Mein Herr,“ wandte ſie ſich darauf zu mir,„ich wollte dieſen artigen jungen Herrn bewegen, 1 einem gewißen Herrn Franz Ost e gehoͤrt habt, der ſeit einigen Tagen zu Oshaldiſtone⸗Hall etwartet wird.“ Meir großer Freude ſtellte ich mich ſelbſt als die frag⸗ liche Perſon vor, und dankte fuͤr die verbindliche Erkundi⸗ gung der jungen Dame. „In dieſem Fallg, aerwiederte ſie,„rechne ich mir, da mei Vetters deß okeit noch zu ſchlum mern ſcheint, die Freheit, fuͤr ſo unpaſſend ich es auch halte, als Ceri⸗ monienmeiſterin au zurreten, und Euch Euren jungen Vet⸗ 64 ter, Herrn Thorncliff Osbaldiſtone, und Diana Vernon vorzuſtellen, die gleichfalls die Ehre hat, Eures vortreff⸗ lichen Hetru Vetters arme Verwandte zu ſeyn.“ In der Art, wie Miß Vernon dieſe Worte ſprach, lag eine Miſchung von Keckheit, Spott und Einfachheit. Mei⸗ ne Lebenserfahrung reichte hin, den gleichen Ton zu tref⸗ fen, als ich ihr meinen Dank fuͤr ihre Guͤte und meine ausnehmende Freude uͤber dieſes Zuſammentreffen aus⸗ druͤckte. Das Compliment war freilich ſo ausgedruͤckt, daß die Dame ſich den groͤßten Theil davon zueignen konnte, denn Thorncliff ſchien ein erztoͤlpelhafter Krautjunker, lin⸗ kiſch und ſchuͤchtern zu ſeyn, und noch etwas murrkoͤpfig dazu. Er ſchuͤttelte mir indeſſen die Hand, und erklaͤrte mir darauf, daß er mich verlaſſen muͤſſe, um dem Jaͤger und ſeinen Bruͤdern die Hunde koppeln zu helfen; aber er brachte dieß mehr als eine Nachricht an das Fraͤulein, denn als eine Entſchuldigung gegen mich vor. „Da geht er,“ ſagte die junge Dame, und folgte ihm mit den Augen, worin ſich die Verachtung wunderbar mahl⸗ te;—„da geht er, der Fuͤrſt der Reitknechte, Hahnen⸗ kämpfer und ſchmutzigen Roßtaͤuſcher. Aber es iſt keiner darunter, der die andern beſſer machte.— Habt Ihr Mork⸗ ham geleſen?“ ſagte Miß Veruon. „Geleſen, wen? mein Fraͤuleln!— Ich erinnere mich nicht einmal dieſes Namens.“ „Ums Himmelswillen! auf welchein Strande habt Ihr Schiffbruch gelitten?— Ein armer, verlorener, unwiſſen⸗ der Frembling, unbekannt mit dem wahren Koran dieſes milden Stamms, unter dem Ihr leben ſollt.— Nie von Martham gehoͤrt, dem beruͤhmteſten Schriftſteller zberzde — Roß⸗ 65 Roßarzneikunde! dann fuͤrchte ich, kennt Ihr eben ſo we⸗ nig die neuern Namen eines Gibſon und Bartlett?““ „Ich muß es offen bekennen.“ „Und Ihr erroͤthet nicht einmal bei dieſem Geſtaͤnd⸗ niß?— Nun, wir muͤſſen die Verbindung mit Euch ab⸗ ſchwoͤren. Dann vermuthe ich, koͤnnt Ihr den Pferden eben ſo wenig Pillen oder ein Mengfutter geben?“ „Ich geſtehe, alle dieſe Dinge uͤberlaſſe ich einem Stall⸗ knecht, oder meinem Burſchen.“ „Unglaubliche Sorgloſigkeit!— Und Ihr verſteht auch nicht, ein Pferd zu beſchlagen, ſeine Maͤhne oder Schwanz zu beſchneiden, einem Hunde den Wurm zu nehmen, ihm die Ohren abzuſtutzen, und die Klauen zu beſchneiden; oder einen Falken zuruͤckzurufen, ihm ſeine Abfuͤhrmittel zu geben, oder ſeine Koſt, wenn er die Kappe uͤber hat; oder— „Um Euch meine Bedeutungsloſigkeit in Einem Worte auszudruͤcken; von allen dieſen laͤndlichen Wiſſenſchaften verſtehe ich durchaus gar nichts.“ „Nun denn, ums Himmelswillen, Herr Franz Osbal⸗ diſtone, was verſteht Ihr denn?“ „Sehr wenig in dieſer Hinſicht, mein Fraͤulein! auf Einiges indeß kann ich mich einlaſſen. Wenn mein Burſche das Pferd geſattelt hat, kann ich darauf reiten, und wenn mein Falke los iſt, kann ich ihn aufs Wild richten.“ „Koͤnnt Ihr das?“ ſagte die junge Dame, und ſetzte ihr Pferd in Galop. Ueber unſern Weg zog ſich ein wild verwachſenes Ge⸗ hege hin, mit einem Thor aus unbehauenen Holzſtuͤcken; ich wollte eben vorwaͤrts, um es zu oͤffnen, als Miß Ver⸗ W. Seott's Werke. C.. 5 66 non daruͤber ſetzte. Ehrenhalber mußte ich ihr folgen, und war augenblicklich wieder an ihrer Seite. „Es iſt noch Hoffnung da fuͤr Euch,“ ſagte ſie.„Ich fuͤrchtete, Ihr waͤret ganz aus der Art geſchlagen. Aber was in aller Welt bringt Euch ins Jungenſchloß, denn ſo haben die Nachbarn unſere Jaͤgerburg getauft. Ich glaube, ihr haͤttet wegbleiben koͤnnen, wenn es nach Eurem Willen gegangen waͤre?“ Ich fuͤhlte, daß ich mit der ſchoͤnen Erſcheinung bereits auf einem ſehr vertrauten Fuſſe ſtand, und erwiederte deß⸗ halb mit traulichem Tone:„in der That, mein theures Fraͤulein, ich wuͤrde es fuͤr ein Opfer gehalten haben, mich eine Zeitlang in Osbaldiſtone⸗Hall aufzuhalten, wenn die Einwohner ſo ſind, wie Ihr ſie beſchreibt; aber ich bin uͤberzeugt, es gibt eine Ausnahme, die alle andern Maͤn⸗ gel erſetzt.“ „O, Ihr meint Raſhleigh?“ ſagte Miß Vernon. „In der That nicht; ich dachte, verzeiht, an eine Perſon, die mir weit naͤher iſt.“ „Soll ich mich ſtellen, als verſtuͤnde ich Euer Compli⸗ ment nicht?— Das iſt nicht meine Art; ich mache Euch keinen Knicks, weil ich zu Pferd ſitze. Aber, ernſthaft ge⸗ ſprochen, ich verdiene Eure Ausnahme, denn abgeſehen von dem alten Prieſter und Raſhleigh bin lch das einzige umgaͤngliche Weſen im Schloſſe.“ „ und wer in aller Welt iſt denn dieſer Raſhleigh?“⸗ „Raſhleigh moͤchte gern um ſeiner ſelbſt willen haben, daß jedermann naͤre, wie er.— Er iſt Sir Hildebrands juͤngſter Sohn, ungefaͤhr von Eurem Alter, aber nicht ſo — kurz, er ſieht nicht gut aus. Aber die Natur hat ihm elne Handvoll geſunden Menſchenverſtand gegeben, und der 67 Prieſter einen Armvoll Gelehrſamkeit dazu gethan. Er iſt, was wir einen geſchickten Mann in unſerem Lande nennen, wo geſchickte Leute ſelten ſind. Er iſt fuͤr die Kirche be⸗ ſtimmt, aber nicht ſehr eilig, die Weihen zu empfangen. „Fuͤr die katholiſche Kirche?“ „Fuͤr welche denn? Doch ich vergaß, man hat mir ge⸗ ſagt, Ihr ſeyd ein Ketzer. Iſt das wahr, Herr Osbaldi⸗ ſtone?“ „Ich kanns nicht läugnen.“ „Und doch ſeid Ihr im Ausland und in katholiſchen Laͤndern geweſen?““ „Beinahe vier Jahre lang.“ „Habt Ihr Kloͤſter geſehen?“ „Oft, aber ich ſah nicht viel darin, das mir die katho⸗ liſche Religion empfohlen hätte.“ „Sind die Bewohner nicht glücklich?“ „Ohne Zweifel ſind es einige, die ein tief frommer Sinn, oder erlittene Verfolgungen und Unfaͤlle in der Welt, oder eine natürliche Draͤgheit der Seele in die Einſamkeit führte. Die, welche das abgeſchloſſene Lehen erwählten aus ploͤzlicher, überſpannter Begeiſterung, oder aus raſcher Em⸗ pfindlichkeit über erfahrene Taͤuſchungen und Kränkungen, ſind ſehr elend. Das lebendige Gefühl kehrt bald zurück, und gleich den wilden Thieren in der Gefangenſchaft, bleibt ihnen ein Gefühl der Unruhe unter dem Zwang, während andere in ihren Zellen, die um nichts größer ſind, als die ih⸗ rigen, grübeln und ſich mäſten.“ „Und was,“ fuhr Miß Vernon ſort,„wird aus den Opfern, die der Wille Anderer in das Kloſter verdammt hat? Wem gleichen dieſe? Beſonders dunn, turnn ſie ge⸗ * ——— 1 fühlen?“ boren ſind, das Leben zu genießen, und ſeine Freuden zu „Sie gleichen eingeſperrten Singoögeln, verdammt, ihr Leben in Gefangenſchaft zu verſeufzen, ſie ſuchen ſich durch die Uebung erworbener Geſchicklichkeiten zu betrügen, wodurch ſie eine Zierde der Geſellſchaft geworden wären, wenn man ihnen die Freiheit gelaſſen hätte.“ „Ich werde,“ ſprach Miß Vernon, doch ſchnell ſich ändernd fuhr ſie fort,„ich würde dem wilden Falken glel⸗ chen, der, am freien Aufflug gehemmt, ſich an den Eiſenſtaͤ⸗ ben des Käfigs den Kopf zerſchmettert. Aber, um wieder auf Raſhleigh zu kommen,“ ſagte ſie in einem lebhaftern Tone, „Ihr werdet ihn für den angenehmſten Mann von der Welt halten, Herr Osbaldiſtone, d. h. wenigſtens eine Woche lang. Könnte er eine blinde Geliebte finden, niemand wäre ſeiner Eroberung ſo ſicher; aber die Augen zerſtören den Zauber, der das Ohr einnimmt. Doch da ſind wir an dem Hofe des alten Schloſſes, das ſo wild und altfränkiſch ausſieht, als irgend einer ſeiner Einwohner. Auf Puz wird hier nicht viel gehalten, müßt Ihr wiſſen; aber ich muß dieſe Dinge da ab⸗ nehmen, ſie ſind ſo unangenehm warm, und der Hut drückt mir noch dazu den Kopf,“ fuhr das muntere Mädchen ſfort, indem ſie denſelben abnahm, und zugleich eine Fülle ſchwar⸗ zer Locken herabſchuͤttelte, die ſie halb lachend, halb errothend mit ihren zarten Fingern aus der Stirne ſtrich, um das ſchöne Geſicht und die Gazellen⸗Augen frei zu machen. Wenn Coquetterie dabei war, ſo wurde ſie wenigſtens durch die ſorgloſe Unbefangenheit ihres Weſens gut verſteckt. Ich konnte mich nicht enthalten, ihr zu ſagen,„daß, nach dem zu ſchlieſ⸗ ſen, was ich von der Familie ſehe, die Puzküͤnſte mir etwas ſehr üͤberflüſſiges ſchienen.“ 69 „Recht fein geſagt; obgleich ich vielleicht nicht häͤtte verſtehen ſollen, wie es gemeint ſei,“ erwiederte Miß Ver⸗ non;„aber Ihr werdet eine beſſere Entſchuldigung für eln wenig Nachläßigkeit finden, wenn Ihr die Geſtalten ſeht, un⸗ ter denen Ihr leben ſollt, und an denen keine Puzkunſt et⸗ was verbeſſern kann. Doch— wie ich vorhin ſagte, die akte Tiſchglocke wird in wenigen Minuten ertönen, oder vielmehr erdroͤhnen; denn ſie zerſprang von ſelbſt an dem Tage, wo Koͤnig Wilhelm landete, und wegen dieſer Prophetengabe wollte ſie mein Oheim nie ausbeſſern laſſen. So haltet nun meinen Zelter, als ein treuer Ritter, bis ich unterthänigere Knappen ſende, um Euch die Laſt abzunehmen.“ Sie warf mir den Zügel zu, als haͤtten wir uns von unſerer Kindheit an gekannt, ſprang aus dem Sattel, trippelteüber den Hof, trat in eine Seitenthuͤre, und ließ mich zurück voll Bewunde⸗ rung ihrer Schönhelt und voll Staunen uͤber ihr über⸗freies Be⸗ nehmen, das zu jener Zeit um ſo auſſerordentlicher ſchien, wo die Geſeze der Höflichkeit, wie ſie von dem Hofe des großen Monarchen, Ludwigs XIV ausgiengen, dem ſchönen Ge⸗ ſchlechte einen ungewöhnlich ſtrengen Anſtand vorſchrieben. Ich war ſeltſam genug hingeſtellt mitten in den Hof eines alten Schloſſes, ſitzend auf einem Pferde, und den Zügel des andern in der Hand. Das Gebäude bot einem Fremden wenig intereſſantes dar, wenn ich auch in der Stimmung geweſen waͤre, es aufmerkſam zu betrachten. Die Seiten des Vierecks waren von verſchiedener Bauart, und mit ihren go⸗ woͤlbten, vergitterten Fenſtern, vorſtehenden Thuͤrmchen und maͤchtigem Gebälke glichen ſie der innern Seite eines Klo⸗ ſters, oder einem der altern, minder glaͤnzenden Collegien zu Orford. Ich rief nach einem Diener, aber einige Zeit verge⸗ bens, was um ſo widerlicher war, da ich bemerkte, daß ich 70 der Gegenſtand der Neugierde verſchiedener, ſowohl männli⸗ cher als weiblicher, Dienſtboten war, die aus verſchiedenen Theilen des Gebäudes die Köpfe ſtreckten, und ſogleich, wie Kaninchen im Gehege, wieder zurückzogen, ehe ich mich an einen beſonders wenden konnte. Die Rückkehr der Jäger und Hunde endete meine Verlegenheit, und nicht ohne Schwie⸗ rigkeit bewog ich einen Burſchen, mir die Pferde abzuneh⸗ men, und einen andern dummen Bauer, mich zu Sir Hil⸗ debrand zu führen. Dieſen Dienſt leiſtete er mir ungefähr mit eben ſo viel Bereitwilligkeit, als ein Bauer, den man zwingt, einer feindlichen Streifparthei als Führer zu dienen, und eben ſo war ich gezwungen, darauf Acht zu geben, daß er mir nicht in dem Labyrinth der niedrig gewölbten Durch⸗ gänge entlief, welche zur„Steinhalle“ führten, wie er es nannte, wo ich bei meinem gnädigen Oheim eingeführt wer⸗ den ſollte. Endlich erreichten wir ein langes gewölbtes Zimmer mit ſteinernem Fußboden, wo eine Reihe eichener Tiſche, zu ſchwer und zu groß, um je auf die Seite geſchoben zu werden, be⸗ reits gedeckt war. Dieſes ehrwürdige Zimmer, ſeit Jahrhun⸗ derten der Schauplatz der Feſte in der Familie Osbaldiſtone, trug auch die Beweiſe ihrer Jagdgeſchicklichkeit. Ungeheure Hirſchgeweihe, welche die Trophäen der Chery⸗Jagd hätten ſein können, waren rund umher an den Wänden geordnet, und dazwiſchen ausgeſtopfte Häute von Dachſen, Fiſchottern, Mardern und andern Jagdthieren. Unter verſchiedenen alten Waffen, die vielleicht gegen die Schotten gedient hatten, hiengen die beliebteren Waffen des Waldkriegs, Armbrüſte, Gewehre aller Art, Neze, Angelruthen, Fiſchotter⸗Speere, Jasdſpieße, nebſt manchen andern Werkzeugen zum Fangen oder Todten des Wilds. Einige alte Gemälde, vom Rauche 71 geſchwaͤrzt, und mit Maͤrzbier befleckt, hiengen an den Waͤnden, und ſtellten Ritter und Damen vor, ohne Zwei⸗ fel geehrt und beruͤhmt in ihren Tagen; jene blickten furcht⸗ bar aus ungeheuren Haarbuͤſchen und Baͤrten hervor, waͤh⸗ rend dieſe in allr ihrer Lieblichkeit auf die Roſen blickten, die ſie in den Haͤnden hielten. Ich hatte gerade Zeit, einen Blick auf dieſe Gegen⸗ ſtaͤnde zu werfen, als ungefaͤhr zwoͤlf blau gekleidete Be⸗ diente mit gewaltigem Laͤrm und Geſchwaͤz in die Halle ſtuͤrzten; jeder wollte mehr ſeinen Kameraden befehlen, als ſeine Pflicht thun. Einige brachten große und kleine Holzſcheite fuͤr das Feuer, das ziſchte und flammte und auſſtieg, halb in Rauch, halb in Flamme; die Oeffnung dieſes Kamins war weit genug, um einen Steinſiz anbrin⸗ gen zu koͤnnen in der weiten Woͤlbung, und als Kamin ſtuͤck glaͤnzte eine ſchwerfaͤllige Bauverzlerung, wo die heraldi⸗ ſchen Ungeheuer, von dem Meiſel eines northumbriſchen Kuͤnſtlers ausgearbeitet in rothem Steine, jezt aber von dem Rauch ſeit Jahrhunderten geſchwaͤrzt, zaͤhnebloͤckend ſich aufrichteten. Andere von dieſen altfraͤneiſchen Dienern brachten ungeheure dampfende Schuͤſſeln mit kraͤſtigen Spei⸗ ſen; wieder andere trugen Becher, Flaſchen, Kannen, ja Faͤßchen voll Getraͤnk herein. Alle trappten, und ſtießen und ſchrien, and leiſteten mit mögllchſt viel Laͤrm moͤglichſt wenige Dienſte. Als endlich nach mannigſachen Anſtren⸗ gungen das Mahl aufgetiſcht war, erſcholl ein„Geſchrei von Menſchen und Hunden;“ das Knallen der Peitſchen, um die lezten zuruͤckzuſchrecken, laute, helle Stimmen, das Geklapper der damaligen ſchweren Stiefel, die an den„ſtei⸗ nernen Gaſt“ mahnten, alles verkuͤndigte die Ankunft de⸗ rer, fuͤr welche die Vorbereitungen gemacht worden waren. 72² Als dieſe Criſis eintrat, nahm das Gelaͤrm der Dienſt⸗ boten eher zu, als ab, einige riefen ſchnell, andere lang⸗ ſam,— einige ermahnten, aus dem Wege zu gehen, und fuͤr Sir Hildebrand und die Junker Plaz zu machen,— andere riefen, man ſolle ſich an den Tiſch ſtellen, um bet der Hand zu ſein,— einige oͤffneten, andere ſchloßen die Fluͤgelthuͤre, welche die Halle von einer Art Gallerie, wie ich nachher erfuhr, oder einem Nebenzimmer treunte, das ſchwarz getaͤfelt war. Endlich oͤffneten ſich die Thuͤren, und herein ſtuͤrzten Hunde und Menſchen,— acht Hunde, der Hauskaplan, der Dorfarzt, meine ſechs Vettern und mein Oheim. Sechstes Kapitel. Es wankt die hohe Halle,— ſie kommen, kommen ſchon, Die Mauern hallen wieder von ihrer Stimme Ton; Sie ſchreiten in die Halle in mannigfacher Tracht Herein, und alle ſchütteln der Helmzier bunte Pracht, Von ihren ſtolzen Schritten der weite Boden kracht. 3 Penroſe. Wenn Sir Hlldebrand Osbaldiſtone ſich nicht beeilte, ſeinen Neffen zu gruͤßen, deſſen Ankunft er ſchon ſeit ei⸗ uiger Zeit wiſſen mußte, ſo hatte er wichtige Abhaltungen zu ſeiner Entſchuldigung anzufuͤhren.„Haͤtte Dich baͤlder geſehen, Junge,“ rief er, nachdem er mir derb die Hand geſchuͤttelt, und mich zu Osbaldiſtone⸗Hall herzlich willkom⸗ men geheißen hatte,„aber ich mußte die Hunde erſt ein⸗ ſtallen ſehen. Du biſt willkommen im Schloſſe, Junge— 1 73 hier iſt Dein Vetter Percie, Dein Vetter Thornie und Dein Vetter John,— Euer Vetter Richard, Euer Vetter Wilfred, und— nun wo iſt Raſhleigh— ach hier iſt Raſh⸗ leigh,— Du langer Bengel, Thornie, geh ein wenig auf die Seite, und laß auch ein Stuͤck von Deinem Bruder ſe⸗ hen— Euer Vetter Raſhleigh. So, Dein Vater hat alſo doch endlich an das alte Schloß gedacht und an den alten Sir Hildebrand, nun, beſſer ſpaͤt, als gar nicht.— Du biſt willkommen, Junge, und das iſt genug.— Wo iſt denn meine kleine Dianua, ah, da kommt ſie,— das iſt meine Nichte Diana, melnes Weibes Bruderstochter, das huͤb⸗ ſcheſte Maͤdchen in unſern Thaͤlern, moͤgen die anderu ſeyn, wo ſie wollen,— und nun zum Niernbraten.“ Um eine Anſicht von dem Manne zu gewinnen, der alſo ſprach, mußt Du Dir vorſtellen, mein lieber Treſham, daß er ungelaͤhr ein Sechziger wa, und ein Jagdkleid trug, das einſt reich bordirt, aber ſeinren Glanz durch manchen November⸗ und Dezemberſturm verloren hatte. Sir Hll⸗ debrand hatte troz ſeines jezigen ſchroffen Benehmens zu einer gewiſſen Zeit ſeines Lebens Hoͤfe und Lager gekannt; er hatte in dem Heere, das vor der Revolution auf der Hunslower Haide lagerte, eine Offiziersſtelle bekleidet, und war, viel⸗ leicht durch ſeine Religion empfohlen, um dieſelbe Zeit von dem ungluͤcklichen und uͤbel berathenen Jakob II. zur Rit⸗ terwuͤrde erhoben worden. Aber ſeine Traͤume von ferne⸗ rer Erhebung, wenn er je dergleichen unterbielt, waren mit jener Begebenheit, die ſeinen Goͤnner vom Throne ſuͤrzte, dahin geſchwunden, und ſeit der Zeit hatte er auf ſeinen vaͤterlichen Guͤtern ein einſames Leben gefuͤhrt. So ſehr er indeß verbauert war, ſo hatte er doch den aͤußern Anſtrich eines Mannes von Stande behalten, und nahm 24 ſich unter ſeinen Soͤhnen aus, wie etwa eine halbzertruͤm⸗ merte, mit Flechten bedeckte korinthiſche Saͤule unter den rohen unbehauenen Steinmaſſen von Stonehenge oder ir⸗ gend einem andern Druidentempel. Die Soͤhne waren ſo ſchwere unzierliche Bloͤcke, als man ſie nur ſehen konnte. Schlank, ſtark und wohl gewachſen, ſchlenen die fuͤnf aͤlte⸗ ſten Soͤhne alle nur des Prometheus Funken des Verſtan⸗ des, oder der aͤußern Anmuth und Sitte zu beduͤrfen, die in der Welt ſo oft geiſtige Maͤngel erſezt. Ihre ſchaͤzbarſte moraliſche Eigenſchaft ſchien die gute Laune und Zufrieden⸗ heit zu ſeyn, die auf ihren plumpen Zuͤgen ausgedrückt war, und der einzige Vorzug, auf den ſie Anſpruch mach⸗ ten, war ihre Geſchicklichkeit im Waidwerk, fuͤr das ſie al⸗ lein lebten.— Aber als wollte ſich Mutter Natur fuͤr die ungewoͤhn⸗ liche Einfoͤrmigkeit in ihren Erzeugniſſen entſchaͤdigen, bil⸗ dete ſie in Raſhleigh Osbaldiſtone an Geſtalt und Sitte, und, wie ich nachher erfuhr, an Gemuͤthsart und Anlagen einen ſchneidenden Gegenſatz nicht nur gegen ſeine Bruͤder, ſondern gegen die meiſten Menſchen, die mir bisher aufge⸗ ſtoßen waren. Waͤhrend Percie, Thornie und Compagnie reſpektsvoll nickten, die Zaͤhne fletſchten, und eher die Schulter, als die Hand mir boten, wie ihr Vater ſie ih⸗ rem neuen Vetter benannte, ſchritt Raſyleigh vorwaͤrts, und hieß mich zu Osbaldiſtone mit dem Anſtand und der Sitte eines Weltmanns willkommen. Sein Aeußeres war nicht ſehr einnehmend. Er war von kleiner Statur, waͤh⸗ rend alle ſeine Bruͤder von Anak abzuſtammen ſchienen; ſie waren ſchoͤn gebaut, Raſhleigh dagegen, obgleich von ſtarkem Koͤrper, hatte einen dicken Nacken, war ſchief ge⸗ wachſen, und ein Unfall in ſeiner Jugend war Schuld an 75 einer Unvollkommenheit im Gang, die einem voͤlligen Hin⸗ ken ſo ſehr glich, daß viele behaupteten, dieß ſei das Hin⸗ derniß, weßhalb er die Weihen nicht empfange, da bekannt⸗ lich die roͤmiſche Kirche keinen Verunſtalteten in den geiſt⸗ lichen Stand aufnimmt. Andere ſchrieben aber dieſen un⸗ ſichtbaren Mangel einer bloßen uͤbeln Gewohnheit zu, und wollten darin kein Hinderniß ſehen, das ihn zum Empfang der Weihen untauglich mache. Wenn man Raſhleighs Zuͤge betrachtet hatte, ſo wuͤnſchte man vergebens, ſie aus dem Gedaͤchtniß zu ver⸗ bannen, dem ſie ſich durch eine peinliche Neugterde ſtets wieder aufdraͤugten, obwohl man mit einem Gefuͤhl von Mißbehagen, ja von Widerwillen darauf ruhte. In ſei⸗ nem Geſichte war durchaus nichts auffallendes, aber ein gewiſſer Ausdruck darin, machte dieſen ſo ſtarken Eindruck. Seine Zuͤge waren zwar unregelmaͤßig, aber keineswegs gemein, und ſeine ſcharfen dunkeln Augen, ſo wie ſeine buſchigten Augenbraunen ſchuͤtzten ſein Geſicht gegen den Vorwurf gemeiner Haͤßlichkeit. Aber in dieſen Augen lag ein Ausdruck von Schlauheit und Abſichtlichkeit, und, wenn er gereizt wurde, eine durch Vorſicht gemilderte Wildheit, welche die Natur auch dem allergewoͤhnlichſten Beobachter kenntlich gemacht hat, vielleicht in derſelben Abſicht, mit der ſie der giftigen Schlange die Klapper gab. Als wollte ſie ihn fuͤr dieß unvortheilhafte Aeußere entſchaͤdigen, be⸗ ſaß er dagegen die ſanfteſte, weichſte, klangreichſte Stimme, die ich je hoͤrte, und nie war er verlegen um die Sprache, die zu ſo reizenden Toͤnen paßte. Er hatte kaum ſeine Bewillkommung geendet, als ich Miß Vernon innerlich be⸗ ſtimmte, daß er im Augenblick eine Geliebte gewinnen wuͤrde, die ihn blos mit den Ohren beurtheilen koͤnnte. Er wollte 4 4 — — ſich bei der Mahlzeit neben micch ſetzen, aber Miß Vernon, das einzige weibliche Mitglied der Familie, die alle ſolche Gegenſtaͤnde nach ihrens Gefallen anordnete, wußte es zu machen, daß ich zwiſchen Thorncliff und ſie zu ſitzen kam, und ich brauche kaum zu erwaͤhnen, daß ich dieſe vortheil⸗ hafte Anordnung beguͤnſtigte. „Ich muß mit Euch ſprechen,“ ſagte ſie,„und ich habe abſichtlich den ehrenveſten Thornie zwiſchen Raſhleigh und Euch geſetzt. Er wird— Ein Federbett ſeyn, das die Mauer deckt. Wenn von der Ferne her die Kugel ſchlaͤgt; waͤhrend ich, Eure fruͤheſte Bekanntſchaft in dieſer einſichtsvollen Familie, Euch frage, wie wir alleſammt Euch gefallen.“ „Das iſt viel gefragt, Miß Vernon, wenn Ihr bedenkt, wie kurz ich erſt zu Osbaldiſtone⸗Hall bin.“ „Ob, der Gehalt unſerer Famille liegt auf der Ober⸗ 66 flaͤce,— die einzelnen werden nur durch ſchwache Schat⸗ tirungen unterſchieden, die das Auge des naͤhern Beoback⸗ ters erfordern, aber die Art, ſo, glaube ich, nennen es die Naturforſcher, kann leicht auf einmal bezeichnet werden.“ „Meine fuͤnf aͤltern Vetter alſo ſind, glaube ich, ſo ziemlich von einem Charakter.“ „Ja, ſie bilden eine gluͤckliche Zuſammenſetzung, von Toͤlpel, Jagdteufel, Eiſenfreſſer, Pferdeiungen und Narren; da aber, wie man ſagt, auf einem Vaume nicht zwei ganz gleiche Blaͤtter ſind, ſo finden ſich auch dieſe gluͤcklichen Beſtandtheile in etwas verſchiedenen Verhaͤltniſſen bei je⸗ dem einzelnen gemiſcht, und machen fuͤr den, der Charak⸗ tere ſtudiren will, eine ergoͤtzliche Mannigfaltigkeit aus.“ „Darf ich Euch um eine Skizze bitten, Miß Ver⸗ non.“ 77 „Ihr ſollt ſie alle in einem Familienportralt in Le⸗ bensgroͤße haben,— dieſe Gefaͤlligkeit wird zu leicht be⸗ willigt, um abgeſchlagen zu werden. Percie, der aͤlteſte Sohn und Erbe hat mehr vom Tolpel, als vom Jagdteu⸗ fel, Eiſenfreſſer, Pferdejungen und Narren.— Mein koͤſt⸗ licher Thornie mehr vom Eiſenfreſſer, als vom Toͤlpel, Jagdteufel, Pferdejungen oder Narren.— John, der ganze Wochen auf den Bergen ſchlaͤft, hat am meiſten vom Jagd⸗ teufel.— Der Pferdejunge ſteckt am meiſten im Richard, der reitet 200 Meilen bei Tag und bei Nacht, um ſich bet einem Pferderennen gebrauchen zu laſſen.— Und der Narr herrſcht uͤber Wilfreds andere Eigenſchaften ſo ſehr vor, daß man ihn einen ganzen Narren nennen kaun.“ „Eine ſchoͤne Sammlung, Miß Vernon, und die Ver⸗ ſchiedenheit der einzelnen, beweiſen eine ſehr intereſſante Art; aber iſt auf der Leinwand kein Raum mehr fuͤr Sir Hildebrand?’ „Ich liebe meinen Onkel,“ war ihre Antwort;„er hat mir einige Guͤte erwieſen,(ſo war es wenigſtens ge⸗ meint) und Ihr moͤgt ſelbſt ſein Bildniß entwerfen, wenn Ihr ihn beſſer kennt.“ Aha! dachte ich bei mir ſelbſt;„das freut mich, da iſt doch einige Schonung; wer hätte aber ſolch bittern Spott bei einem ſo jungen und ſo ausgezeichnet ſchoͤnen Geſchoͤpf erwarten ſollen?“ „Eure Gedanken betreffen mich,“ ſagte ſie, und wandte die dunkeln Augen auf mich, als wollten ſie mir durch die Seele ſehen. „In der That,“ erwiederte ich,„eln wenig verlegen ober die raſche Beſtimmtheir der Frage, und bemuhte mich, meinem frelen Geſtaͤndniß eine ſchmeichelhafte Wendung 28 zu geben.“ Wie koͤnnte ich auch in Eurer Naͤhe an irgend etwas anderes denken?— Sie laͤchelte mit einem ſolchen Ausdruck von Stolz, wie nur ſie ihrem Geſichte geben konnte.„Ich muß Euch ein fuͤr allemal ſagen, Herr Osbaldiſtone, daß Complimente an mir gaͤnzlich verloren ſind; werft deshalb Eure huͤb⸗ ſchen Spruͤchlein niht hinweg,— ſie dienen den artigen Herrn, die im Lande herumreiſen, ſtatt der Spielzeuge, Glasperlen und Armbaͤnder, die die Seefahrer mit ſich nehmen, um die wilden Bewohner nen entdeckter Laͤnder ſich geneigt zu machen. Erſchoͤpft nicht Euern Vorrath,— Ihr findet Leute, in Northumberland, bei denen Ihr Ench mit dieſen huͤbſchen Sachen empfehlen koͤnnt,— an mich ſind ſie voͤllig weggeworfen, denn zufaͤlligerweiſe kenne ich ihren wahren Werth.“ Ich ſchwieg verwirrt. „Ihr erinnert mich in dieſem Augenblick,“ ſagte die junge Dame in ihrem vorigen lebhaften und unbefangenen Tone, an das Feenmaͤhrchen, wo der Mann all ſein Geld, das er mit auf den Markt genommen hat, in Schiefer⸗ ſtuͤcchen verwandelt findet. Ich habe Euern ganzen Vor⸗ rath von Schmeichelreden mit einer ungluͤcklichen Bemer⸗ kung verrufen und verdorben. Aber kommt, denkt nicht mehr daran.— Aefft andere nicht nach, Herr Osbaldi⸗ ſtone, denn Ihr tragt eine weit beſſere Unterhaltung in Euch, als dieſe Abgeſchmacktheiten, die jeder friſirte Herr einem ungluͤcklichen Maͤdchen glaubr vorſchwazen zu muͤſſen, blos weil ſie Seide und Flor, und er ein außerſt feines geſticktes Kleid traͤgt. Euer natuͤrlicher Gang, wuͤrde ei⸗ ner meiner fuͤnf Vettern ſagen,— iſt Eurem Complimen⸗ ten— Schritt weit vorzuziehen. Bemuͤht Euch, mein 79. ungluͤcktiches Geſchlecht zu vergeſſen; nennt mich Tom Vernon, wenn Ihr Luſt habt, aber ſprecht mit mir, wie mit einem Freund und Gefaͤhrten, Ihr glaubt nicht, wie gut ich Euch darum ſeyn werde.“ „Das koͤnnte mich in der That beſtechen,“ erwie⸗ derte ich. „Schon wieder,“ ſagte Miß Vernon, und hob den Finger empor;„ich ſage Euch, ich wolle auch nicht den Schatten von einem Complim ente dulden. Nun, wenn Ihr meinem Oheim Beſcheid gethan habt, der Euch mit einem Humpen bedroht, ſo will ich Euch ſagen, was Ihr von mir denkt.“ Als der Humpen, wie es einem gehorſamen Neffen ziemte, geleert war, fing nach einigen allgemeinen Tiſch⸗ geſpraͤchen das geſchaͤftige Klappern der Meſſer und Ga⸗ deln wieder an, und die hohe Aufmerkſamkeit, die Vetter Thorncliff zu meiner Rechten und Vetter Richard zu Miß Vernons Linken der ungeheuren Maſſe von Speiſen wid⸗ meten, die ſie auf ihren Tellern aufgehaͤuft hatten, machte ſie zu bequemen Scheidewaͤnden, daß wir von der uͤbrigen Geſellſchaft getrennt, unſer Zweige ſpraͤch fortſetzen konnten. „Nun,“ ſagte ich,„erlaubt mir, Euch offen zu fragen, was Ihr glaubt, daß ich von Euch deuke.— Ich koͤnnte Euch wohl ſagen, was ich wirklich denke, aber Ihr habt mir das Lob unterſagt.“) „Ich bedarf Eurer Huͤlfe nicht. Ich verſtehe mich hinreichend aufs Beſchwören, um Euch Eure Gedanken ohne das zu ſagen. Ihr braucht das Fenſter Eures Her⸗ zens nicht zu oͤffnen, ich ſehe durch. Ihr haltet mich fuͤr ein ſonderbares, keckes Maͤdchen, halb Coquette, halb Wild⸗ fang, die durch ihr freies Betragen und ihr lautes Ge⸗ ₰„ —— 3 8⁰ ſpraͤch Aufmerkſamkeit erregen moͤchte, weil ſie das nicht kennt, was eine gewiſſe Zeitſchrift die ſanfteren Reize ih⸗ res Geſchlechts nennt; und vielleicht glaubt Ihr, ich haͤtte einen beſondern Plan gemacht, Eure Bewunderung zu er⸗ ſtürmen. Es thut mir leid, wenn ich Eure Selbſtgefaͤllig⸗ keit kraͤnke, aber Ihr ſeyd nie in einem groͤßern Irrthum geweſen. All das Vertrauen, das ich auf Euch ſetze, wuͤr⸗ de ich eben ſo gut Eurem Vater ſchenken, wenn ich der Meinung waͤre, er verſtuͤnde mich. Ich bin in dieſer gluͤck⸗ lichen Familie ſo abgeſchloſſen von allen vernuͤnftigen Zu⸗ hoͤrern, wie Sancho Panſa in der Sierra Morena, und wenn ſich die Gelegenheit bietet, muß ich ſprechen oder ſterden. Ich verſichere Euch, ich haͤtte nicht ein Wort von all dieſen merkwuͤrdigen Dingen mit Euch geſprochen, kuͤm⸗ merte ich mich auch nur im geringſten darum, wer es weiß oder nicht weiß.“ „Es iſt ſehr grauſam von Euch, Miß Vernon, daß Ihr Euern Mittheilungen alle Zeichen von beſonderer Gunſt nehmet, aber ich muß ſie wohl empfangen, wie Ihr ſie bietet.— Ihr habt Raſhlelgh in Eurer haͤuslichen Skizze nicht mit einbegriffen.“ Bei dieſer Bemerkung fuhr ſie, glaube ich, zuſammen⸗ und antwortete haſtig in weit leiſerem Tone.„Nicht ein Wort von Raſhleigh! ſeine Ohren ſind ſo ſcharf, wenn ſeine Selbſtſucht dabei im Spiele iſt, daß die Toͤne ſein Ohr erreichen wuͤrden durch Thorncliffs dicke Perſon hin⸗ durch, ſo ſehr ſie auch mit Rindſleiſch, Wildpretpaſtete und Pudding ausseſtopft iſt.“ „Wohl,“ erwiederte ich⸗„aber ich habe, ehe ich die Frage that, hinter dem lebendigen Schirm, der uns trennt⸗ vor⸗ 81 vorgeblickt, und bemerkt, daß Raſhleighs Stuhl leer iſt, — er hat die Tafel verlaſſen.“— „Ihr duͤrft deſſen nicht allzu ſicher ſeyn,“ antwortete ſie.„Nehmt meinen Rath an, und geht, wenn Ihr von Raſhleigh ſprechen wollt, auf den Gipfel des Otterſcope⸗ Huͤgels, wo Ihr zwanzig Meilen in der Runde herum ſe⸗ hen koͤnnt, ſtellt Euch auf die hoͤchſte Spitze, und ſprecht leiſe, und dann noch ſeid Ihr nicht ſicher, ob nicht der Vogel in der Luft die Sache weiter traͤgt. Raſhleigh iſt vier Jahre lang mein Lehrer geweſen; wir ſind einander gegenſeltig muͤde, und freuen uns herzlich der nahenden Trennung.“ „Raſhleigh verlaͤßt alſo Osbaldiſtone⸗Hall?“ 4 „Ja, in wenigen Tagen;— wißt Ihr das nicht?— Euer Vater muß ſeine Entſchluͤſſe geheimer halten, als Sir Hildekrand. Als mein Oheim benachrichtigt wurde, daß Ihr einige Zeit unſer Gaſt ſeyn wuͤrdet, und Euer Vater einen ſeiner hoffnungsvollen Soͤhne wuͤnſche, um den ein⸗ traͤglichen Poſten in ſeinem Comptoir auszufuͤllen, der durch Enre Hartnaͤckigkeit erledigt war, ſo hielt der gute Ritter feierlichen Famtlienrath, wozu auch Keller⸗, Haus⸗ und Wildmeiſter gezogen wurden. Dieſe achtbare Verſammlung der Pairs und Hausoffiziere von Osbaldiſtone⸗Hall— war nicht, wie Ihr vielleicht glaubt, zuſammenberufen, um Euern Stellvertreter zu erwaͤhlen, denn da Raſhleigh der einzige iſt, der von der Rechenkunſt mehr verſteht, als zur Berechnung der Wetten bei einem Hahnengefecht erforder⸗ lich iſt, ſo konate man keinen andern zu der Stelle fihig halten. Aber eine feierliche Erklaͤrung war nothwendig, daß Raſhleigs Beſtimmung nun geaͤndert ſey, und er ſtatt ein hungernder katholiſcher Piieſter, ein wohlgenaͤhrt W. Scort's Werke. CG. 6 82 reicher Banqufer werden ſolle; und nicht ohne Widerſtre⸗ ben willigte die Verſammlung in dieſe Art von Herabwuͤr⸗ digung.“ „Ich kann mir die Bedenklichkeiten vorſtellen— aber wie wurden ſie uͤberwunden?“ „Durch den allgemeinen Wunſch, glaube ich, Rafb⸗ leigh los zu werden,“ erwiederte Miß Vernon.„Obgleich der juͤngſte in der Familie, hat er ſich doch eine voͤllige Herrſchaft uͤber alle andern in der Familie erworben; allen iſt dieſe Unterwuͤrfigkeit laͤſtig, und doch kann ſie keiner abſchuͤtteln. Widerſetzt ſich ihm einer, ſo bereut er es ge⸗ wiß, ehe das Jahr herum iſt, und leiſtet Ihr ihm einen ſehr wichtigen Dienſt, ſo moͤchter Ihr es leicht noch mehr bereuen.“. „Dann muß ich vorſichtig ſeyn,“ erwiederte ich laͤ⸗ chelnd,„denn ich bin, wenn gleich unabſichtlich, die Ur⸗ ſache der Veraͤnderung ſeiner Lage.“ „Ja, ja! und mag er es nun fuͤr einen Vortheil oder Nachtheil anſehen, er grollt Euch drum. Aber hier kommt Kaͤſe, Radieschen, und ein Humpen fuͤr Kirche und Koͤnig, ein Wink fuͤr Geiſtliche und Frauen, ſich zu entfernen, und ich die einzige Stellvertreterin des weiblichen Geſchlechts zu Osbaldiſtone⸗Hall, ziehe mich zuruͤck, wie ſich's ge⸗ buͤhrt.“ Mit dieſen Worten verſchwand ſie, und ließ mich zu⸗ ruͤck in Erſtaunen uͤber die Schlauheit, Keckheit und Frel⸗ muͤthigkeit, die ſie in ihrer Rede entfaltete. Es iſt mir nicht moͤglich, von ihrem Benehmen auch nur eine Andeu⸗ tung zu geben, obgleich ich Ihre Sprache nachahmte, ſo weit mich immer mein Gebaͤchtuiß unterſtuͤtzte. In ihrem Weſen war eine Miſchung von ungekuͤnſtelter Einfachheit, 83 natuͤrlicher Schlauheit und ſtolzer Keckheit, durch das Spiel der ſchoͤnſten Zuͤge, die ich je ſah, gemildert und verſcho⸗ nert. Man darf nicht denken, ſo ſonderbar und ungewoͤhn⸗ lich mir auch ihre freien und ruͤckſichtsloſen Mittheilungen vorkommen mochten, daß ein junger Mann von zwei und zwanzig Jahren ein junges Maͤdchen von achtzehn ſehr ſtrenge beurtheilen ſollte, weil ſie nicht den gehoͤrigen Ab⸗ ſtand gegen ihn beobachtet; im Gegentheil war ich ehen ſo ergoͤtzt als geſchmeichelt von Miß Vernons Vertrauen, trotz ihrer Erklaͤrung, daß ſie es mir blos darum ſchenke, wei ich der erſte, ihr aufſtoßende Zuhoͤrer ſey, der Vekſtand genug habe, ſie zu faſſen. Mit dem Duͤnkel meines Al⸗ ters, der durch meinen Aufenthalt in Fraakreich ſicher nicht gemindert war, bildete ich mir ein, daß wohlgebildete Zuͤge und eine ſchöne Geſtalt, deren ich mir bewußt war, keine unpaſſenden Eigenſchaften fuͤr den Vertrauten einer jungen Schoͤnheit ſeyen. Da meine Eitelkeit zu Miß Vernons Gunſten ins Spiel kam, ſo war ich weit entfernt. ſte mlt Strenge zu beurtheilen, blos wegen einer Freimütdigkelt, die ich durch mein perſoͤnliches Verdienſt einigermaßen ge⸗ rechtfertigt glaubte, und die partheliſchen Gefuͤhle, die ihre Schoͤnheit, ſo wie ihre beſondere Lage ſchon an und fuͤr ſich erwecken mußten, wurden noch durch meine Meinung von ihrem Scharfſinn und ihrer Urtheilskraft in der Wah eines Freundes erhoͤht. Als Miß Vernon das Zimmer verlaſſen hatte, kreiste die Flaſche, oder vielmehr, ſie flog um den Tiſch in un⸗ aufhoͤrlichem Kreislauf. Meine fremde Erziehung hatte nich der Unmaͤßigkeit abhold gemacht, die damals, wie weh jetzt, ein nur zu gewoͤhnliches Laſter meiner Lands⸗ leute war. Die Unterhaltung, die zu dieſen Gelzgen 0‿. 84 paßte, war eben ſo wenig nach meinem Geſchmack, und wenn irgend etwas das Widerliche vermehren konnte, ſo waren es meine Verwandtſcaftsverhaͤltniſſe mit der Geſelle ſchaft. Ich ergriff deßhalb eine guͤnſtige Gelegenbeit, und eutwiſchte durch eine Seitenthuͤre, die, ich wußte nicht, 1 wohin? fuͤhrte, nur um nicht laͤnger den Anblick aushalten zu müſſen, wie ein Vater und ſeine Soͤhne derſelben ent⸗ wuͤrdigenden Unmaͤßigkeit ſich hingaben, und dieſelben ſchmu⸗ zigen und widerlichen Geſpraͤche fuͤhrten. Ich wurde, wie ich erwartet hatte, verfolgt, um als Ausreiſſer aus dem Heiligthume des Bacchus mit Gewalt zuruͤckgebracht zu werden. Als ich das ho!l und hallo! meiner Verfolger, und das Getrapp ihrer ſchweren Stiefeln auf der Wendel⸗ treppe hoͤrte, die ich hinabſtieg, ſo ſah ich, daß ich einge⸗ holt werden muͤßte, wenn es mir nicht gelang, ins Freie zu gelangen. Ich ſtteß alſo ein Treppenfenſter auf, das in einen altfraͤntiſchen Garten hinausgieng; und da die Hoͤhe nicht uͤber ſechs Fuß betrug, ſprang ich ohne Zaudern hinab, und bald hoͤrte ich hinter mir das he! ho! ent⸗ wiſcht! entwiſcht! meiner getaͤuſchten Verfolger. Ich lief einen Gang hinab, einen andern hinauf, und da ich mich nun meiner Verfolger entledigt ſah, gieng ich langſam wei⸗ rer, und genoß det kuhlen Luft, die mir ſowohl die Hitze des Weins, den ich hatre trinken muͤſſen, als meine eilige doypelt angenehm machte. Sluche, in Werter ſchlenderte, fand ich den Gaͤrtner bef feiner Abeudarbeit, und gruͤßte ihn⸗ als ic ſtehen blieb um ihm zu zuſehen:„Guten Abend, mein Freund.“ „Guten Abend, ſchoͤnen guten Abend⸗“ antwortete er, ohne aufzuſehen, und mit einem Tone, der ſegleich dn Schotten verrieth. 85⁵ 4„Gutes Wetter zu Eurer Arbeit, mein Freund!“ —„Man kann nicht daruͤber klagen,“ antwortete er mit ſienem beſchraͤnkten Lobe, das Gaͤrtner und Paͤchter ge⸗ woͤhulich auch dem beſten Wetter ſpenden. Dann hob er den Kopf, um zu ſehen, mit wem er ſpreche, und griff voll Ehrerbietung nach ſeiner ſchottiſchen Muͤtze, als er mich ſah. Ei! du Himmel, das iſt ein Anblick, eine goldbor⸗ tirte Weſte im Schloßgarten, ſo ſpaͤt am Abend. Die druͤben haben andere Dinge zu thun,— die Weſte aufzu⸗ knoͤpfen, um Raum zu machen, fuͤr Rindfleiſch, Pudding und rothen Wein, obne Zweifel— das iſt der gewoͤhnliche Abendſegen hier zu Laud.“ 4 „In Eurem Lande hat man freilich nicht ſo viel gute Speiſen, mein Freund, daß Ihr verſucht ſeyn koͤnntet, ſo ſpaͤt noch dazu hinzuſitzen.“ „Wie, Herr? Ihr kennt Schottland wenig; da iſt kein Mangel an guten Speiſen,— Fiſch, Fleiſch, Gefluͤgel, al⸗ les vortrefflich, dazu Zwiebel, Bohnen, Nuͤben und andere Gartenfruͤchte. Aber wir ſind verſtaͤndig und genuͤgſam; aber da geht's von der Kuͤche bis ins Herrenzimmer alle Tage vollauf. Und ihre Faſttage,— ſie nennen's Faſten, wenn ſie die beſten Fiſche, Forellen, Lachſe, Salmen Wa⸗ genvoll haben, und ſo machen ſie aus ihrem Faſten ein Praſſen und einen Graͤuel; und dann die furchtbaren Meſ⸗ ſen und Metten der armen betrogenen Seelen,— aber ich ſollte nicht davon ſprechen, denn der Herr iſt wohl auch ein Roͤmiſcher, wie die andern.“ „Nein, mein Freund! 1 9 wurde als engliſcher Pres⸗ byterianer oder Diſſenter erzogen.“ „Nun denn, die rechte Hand der Bruͤderſchaft, Herr,“ rief der Gaͤrtner, mit ſo viel Munterkelt, als ſelne harten 86 9 Zaͤge nur ausdruͤcken konnten, und um zu zeigen, daß ſein guter Wille nicht blos in Worten beſtehe, langte er eine maͤchtige hornene Doſe vor, und bot mir mit der bruͤder⸗ lichſten Grimaſſe eine Priſe. Als ich ihm gedankt hatte, fragte ich ihn, ob er lange zu Osbaldiſtone⸗Hall gedient habe? „Faſt vier und zwanzig Jahre,“ ſagte er mit einem Blicke auf das Schloß,„habe ich mit wilden Thieren zu Epheſus gefochten, ſo wahr ich Andreas Gutdienſt beiße.“ „ Aber, mein wackerer Andreas Gutdienſt, da Eure Religion und Euer Gemüth an den roͤmiſchen Gebräuchen und am lockern Leben hier einen ſo großen Anſtoß nimmt, ſo ſcheint es mir, als haͤttet Ihr Euch ſelbſt all dieſe Zeit uͤber eine unndͤthige Buße aufgelegt, und leicht haͤttet Ihr einen Dienſt finden koͤnnen, wo die Leute weniger eſſen, und rechtglaͤubiger ſind in ihren Meinungen. Mangel an eſchicklichkeit wird Euch auch nicht gehindert haben, einen Platz zu ſinden, der Euch mehr zuſagte.“ „Es ziemt mir nicht von meiner Kunſt zu reden,“ ſagte Andreas, indem er mit großer Selbſtgefaͤlligkeit um⸗ herſah;„aber ohne Zweifel verſteh' ich meine Gaͤrtnerei; ich bin ja in dem Kirchſpiel von Dreepdaly gebohren, und da verſtehen ſie ſich drauf, Langkohl und Fruͤhkohl unter Glaͤ⸗ ſern zu ziehen.— Und, die Wahrheit zu ſagen, nach je⸗ dem Dienſtjahr wollte ich fort, dieſe vier und zwanzig Jah⸗ re lang, aber, wenn die Zeit kommt, da iſt etwas zu ſaͤen, was ich gern geſaet ſehen woͤchte, oder etwas abzumaͤhen, was ich gern abgemaͤht ſehen moͤchte,— oder etwas zur Reife zu bringen, was ich gern reif ſehen moͤchte, und ſo bin ich eben von Jahr zu Jahr immer da geblieben. Im⸗ mer ſagte ich: Lichtmeß gehe ich gewiß, ſo geht es nun 87. ſchon ſeit zwanzig Jahren, und immer ſtehe ich noch da, und grabe nach Maulwuͤrfen. Nehmt mir's nicht uͤbel, wenn ich Euch die Wahrheit ſage, ein beſſerer Platz iſt auch fuͤr den Andreas nicht zu finden. Aber, Herr, koͤnnt Ihr mir einen Platz verſchaffen, wo ich die reine Lehre hoͤre, frei Gras habe fuͤr eine Kuh, elne Huͤtte und einen Hof, mehr als zehn Pfund jaͤhrlichen Lohn, und wo keine Frau iſt, die mir die Aepfel nachzaͤhlt, lieber Herr, da wuͤrde ich mich bei Euch gar ſehr bedanken.“ „Bravo, Andreas, ich ſehe, Ihr verliert einen beſſern Dienſt deßhalb nicht, wei Ihr keine Goͤnner aufſuchen wollt.“ 3. „Ich ſehe nicht ein, warum ich es nicht thun ſollte; die jetzige Zeit iſt nicht danach, daß man wartet, bis man ſeinen Werth erkannt ſieht.“ „Ihr ſeid, wie ich merke, kein Freund von Damen.“ „Nein, meiner Treu'; ich ſtehe mit ihnen im Streit, wie der Gaͤrtner des Paradieſes. Da hat man ſeine liebe Noth,— ſie ſchreien nach Aprikoſen, Birnen, Pflaumen, Aepfeln, Sommer und Winter, ohne Unterſchied; aber hier haben wir kein Schnirtchen von Adams Rippe, Gott ſey gelobt! die alte Martha ausgenommen, die iſt aber zufrie⸗ den, wenn ich ihrer Schweſter Kindern die Stachelteeren Preis gebe, wenn ſie an Feſttagen kommen, um in des Hausmeiſters Zimmer Thee zu trinken, und wenn ich ihr zuweilen einige Kochaͤpfel zu ihrem eigenen Abendbrod zu⸗ kommen laſſe.“ „Ihr vergeßt das junge Fraͤulein.“ „Was fuͤr ein Fraͤulein vergeſſe ich?— was iſt das?— „Nun, Fraͤulein Vernon.“ 3 „Was, das Fraͤulein Vernon?— die iſt nicht meine 88 Herrſchaft.— Ich wollte, ſie waͤre ihre eigene Herrſchaft, oder niemanden anders Herrſchaft— das iſt ein wildes Ding.“ „So!“ ſagte ich, mit mehr Antheil, als ich mir ſelbſt geſtehen, und den Gaͤrtner merken laſſen wollte;„nun, Andreas, Ihr kennt alle Geheimniſſe der Familie.“ „Wenn ich ſie kenne, bewahre ich ſie auch,“ ſagte An⸗ dreas;„ſie gaͤhren in mir nicht, wie die Hefe in einer Tonne, ich verſichere Euch—, Fraͤulein Diana iſt— aber das geht mich nichts an.“ 3 und er fieng wieder an, eifrig zu graben. „Wus iſt Miß Vernon, Andreas? Ich bin ein Freund der Familie, und moͤcke es wiſſen.“ „Nichts ſehr Gutes, fuͤrchte ich,“ ſagte Andreas, in⸗ dem er das eine Auge ſchloß, und mit einem ernſten und geheimulßvollen Blick den Kopf ſchuͤttelte, ein wenig ſchie⸗ lend,„Ihr verſteht mich, Herr.“ „Nichts wenige Andreas,“ ſagte ich; aber ich wuͤnſch⸗ te, Ihr erklaͤrtet Euch deutlicher;“ damit ließ ich einen Thaler in ſeine harte Hand fallen. Der Metallreiz erregte bei ihm ein freundliches Grinſen, er nickte langſam mit dem Kopfe, und ſteckte das Geldſtuͤck in die Hoſentaſche; dann richtete er ſich auf, als ein Mann, der wohl wußte, daß dieß Vergeltung fordere, ſtuͤtzte die Arme auf ſeinen Spaten, und legte ſein Geſicht in Falten, als haͤtte er mir eine ſehr ernſte Mittheilung zu machen.„Laßt Euch alſo ſagen, junger Herr, da Ihr's nun wiſſen wollt, Miß Ver⸗ non iſt.. 3 Hier brach er ab, zog die Backen ein, ſo daß ſeine duͤrren Kinnladen und ſein lauges Kiun ſeinem Geſicht des Anſehen eines Nußknackers gaben, winkte noch einmal, zog 89 die Stirne in Falten, ſchuͤttelte den Kopf, und glaubte nun durch ſeine Grimaſſe mir die Nacvricht vollendet zu haben, die ſeine Zunge nicht voͤllig ausgeſprochen hatte. „Guter Gott,“ ſagte ich;„ſo jung, ſo ſchoͤn, ſo fruͤh verloren.“— „Meiner Treu'! ſo koͤnnt Ihr wohl ſagen, verloren mit Leib und Seele, denn ſie iſt nicht nur eine Papiſtin, ſondern ich halte ſie auch fuͤr...;“ ſeine nordiſche Vor⸗ ſicht gewann die Oberhand, und er ſchwieg abermals. „Wofuͤr?“ fragte ich ernſt.„Ich will wiſſen, was das alles bedeuten ſoll.“ „Je uun, fuͤr die heftigſte Jakobitin in der ganzen Grafſchaft.“ „Pah! eine Jakobitin?— iſt das alles?“ Andreas ſab mich ziemlich erſtaunt an, als ich ſeine Mitthetlung ſo geringſchaͤzig auſnahm.„Doch wahrhaftig das ſchlimmſte, was ich von dem Maͤdchen ſagen kann! murmelte er dann zwiſchen den Zaͤhnen, und griff wieder zu ſeinem Spaten. Stebentes Kapitel. Bardolph. Der Sheriff iſt mit einer ungeheuern Wache an der Thüre. Shakespeare. Nicht ohne Schwierigkeit fend ich das mir beſtimmte Gemach, und nachdem ich mir den nothwendigen guten Willen und die Aufmerkſamkeit der Diener meines Oheims durch die verſtaͤndlichſten Mittel geſichert hatte, ſo ſchloß 9⁰ 3 ich mich fuͤr den uͤbrigen Abend ein, da ich, ſowohl nach dem zu ſchließen, wie ich meine neuen Verwandten ver⸗ laſſen hatte, als nach dem fernen Geraͤuſch, das noch von der Steinhalle, wie ſie den Trinkſaal nannten, heruͤber⸗ toͤnte, wohl nicht mit Unrecht vermuthete, daß ſie fuͤr ei⸗ nen nuͤchternen Menſchen keine paſſende Geſellſchaft mehr ſeyen. Was konnte die Abſicht meines Vaters ſeyn, als er mich zu dieſer ſonderbaren Familie ſandte? dieß war die erſte und natuͤrlichſte Frage, die ſich mir aufdrang. Mein Oheim empfing mich offenbar ſo, als ſollte ich einige Zeit da bleiben, und ſeine rohe Gaſtfreitheit machte ihn gegen die Zahl derer, die ſich an ſeinem Tiſche fuͤtterten, ſo gleichguͤltig, als es in fruͤhern Zeiten ein Koͤnig von Eng⸗ land nur ſeyn konnte; eben ſo offenbar war es aber, daß es in ſeinen Augen eben ſo unwichtig war, ob ich oder iner ſeiner blauroͤckigen Bedienten da oder nicht da ſey. In der Geſellſchaft meiner ungehobelten Vettern konnte— ich wohl, was ich von guter Lebensart und anderen Vorzu⸗ gen mir erworben hatte, wieder verlernen, lernen aber konnte ich nichts, als allenfalls Hunden den Wurm zu neh⸗ men, Pferde zu ſpornen und Fuͤchſe zu jagen. Ich konnte mir nur einen Grund denken und dieß war auch wahr⸗ ſcheinlich der richtige. Mein Vater glaubte, zu der Le⸗ bensweiſe, wie man ſie in Osbaldiſtone⸗Hall beobachte, muͤſſe natuͤrlicher und unvermeidlicher Weiſe jeder Land⸗ edelm ann kommen, und da ſie mich nothwendig aneckeln mußte, ſo wollte er mir Gelegenheit verſchaffen, ein Zeuge davon zu ſeyn, damit ich mich, wo moͤglich, eines andern beſinne, und an ſeinem eigenen Geſchaͤfte einen thaͤtigen Antheil nebme. In der Zwiſchenzeit wollte er!-„Raſhleigh 91 Osbaldiſtone in ſein Comptoir aufnehmen, wollte er ihn aber wieder los werden, ſo hatte er hundert Mittel, fuͤr ihn und zwar auf eine vortheilhafte Art zu ſorgen. Fuͤhlte ich nun gleich einige Gewiſſensblſſe, die Veranlaſſung ge⸗ weſen zu ſeyn, daß ein Menſch, wie Rachleigh, voraus⸗ geſetzt, er war ſo, wie ihn Miß Vernon beſchrieben hatte, in die Geſchichte meines Vaters, und vielleicht in ſein Vertrauen, eingefuͤhrt wurde, ſo unterdruͤckte ich ſie doch durch den Gedanken, daß mein Vater vollſtaͤndig Herr ſei⸗ ner Angelegenheiten ſey, und ein Mann, der ſich von niemand leicht hintergehen, oder leiten ließ, daß ferner alles, was ich zum Nachtheil des jungen Mannes wußte, von einem wunderlichen wilden Maͤdchen herkam, das mir ihre Mittheilungen mit einer unklugen Freimuͤthigkeit macht, daß ich wohl vermuthen durfte, ihre Schluͤſſe ſeyen weder mit Beſonnenheit, noch mit ſonderlicher Genauig⸗ keit gemacht. Dann wandten ſich meine Gedanken auf Miß Vernon ſelbſt, ihre ungemeine Schoͤnheit, ihre ſon⸗ derbare Lage, wo nur ihre eigene Ueberlegung, ihr eige⸗ ner Geiſt ihre Fuͤhrer ſeyn, und ihr Schutz gewaͤhren konnten; ihr ganzer Charakter bot jene Mannigfaltigkeit, jene Lebendigkeit dar, welche faſt gegen unſern Willen un⸗ ſere Neugterde und Aufmerkſamkeit reizt. Ich hatte Ver⸗ ſtand genug, einzuſehen, welche Gefahren mir die Nach⸗ barſch aft dieſes ſonderbaren Maͤdchens bringen mußte, ſo wie der innige und haͤufige Verkehr mit ihr, dagegen mußte dieß auch meinen Aufenthalt in dieſem verwuͤnſchten Schloſſe erheitern. Was indeß mein Verſtand mir daruͤber ſagen mochte, ich konnte dieſe Gefahr, der ich ausgeſetzt war, nicht ſehr beklagenswerth finden. Auch uͤber dieſe Bedeuklichkeit ging ich alſo hinweg, wie junge Leute uͤber 92 die meiſten Bedenklichkeiten der Art hinweggehen,— ich wollte ſehr vorſichtig, ſtets auf meiner Huth ſeyn, wollte Miß Vernon mehr wie eine Geſellſchafterin, als wie eine Freunbin betrachten, und alles wuͤrde gut gehen. Unter dieſen Betrachtungen fiel ich in Schlaf, Miß Vernon war alſo mein letzter Gedanke. DObwp ich von ihr traͤumte oder nicht, kann ich nicht ſa⸗ gen, denn ich war muͤde und ſchlief ſehr feſt; aber ſie war wieder am Mergen mein erſter Gedanke, als ich beim Grauen des Tags durch die froͤhlichen Toͤne des Jagd⸗ horns erweckt wurde. Aufſpringen und mein Pferd ſatteln laſſen, war mein erſtes; in wenigen Minuten war ſch im Hofe, wo Menſchen, Hunde nnd Pferde ſchon in voͤlliger Bereitſchaft waren. Mein Oheim, der ſeinen im Aus⸗ land erzogenen Neffen nicht wohl fuͤr einen ſonderlichen Waidmann halten konnte, ſchien etwas erſtaunt mich zu ſehen, und ſeinem Morgengr uße ſchien etwas von dem herz⸗ lichen, gaſtfreundlichen Tone zu fehlen, der ſeinen erſten Willkommen ausgezeichnet hatte.„Schon da, Burſche, nun ja, die Jugend iſt fruͤh auf, aber nimm dich in Acht, Junge denk an das alte Lied: Er tummelt ſo luſtig ſein Roß daher, Und iſt doch dem Falle ſo nah! Ich glaube, es giebt wenige junge Menſchen, und waͤren ſie noch ſo ſtoͤrrige Moraliſten, die nicht eher einer kleinen Suͤnde, als der Stuͤmperei in der Reltkunſt be⸗ ſchuldigt ſeyn wollen. Da es mir keineswegs weder an Geſchicklichkeit, noch an Muth fehlt, ſo verdroß mich mei⸗ nes Oheims Bemerkunn, und ich verſicherte ihn, er wuͤrde mich ſtets mit den Jagdhunden munter finden.. „Ich zweifte nicht, Junge, du biſt ein tuͤchtiger Rei⸗ 1 93 ter, ich glaube dir's— aber nimm dich in Acht. Dein Vater hat dich hieher geſandt, um dich im Zaume zu hal⸗ ten, und ich werde dich wohl auf die Stange reiten muͤſſen, oder es koͤnnte einer kommen, der dich anf den Strick rei⸗ tet, wenn ich nicht beſſer Acht habe.“ Dieſe Worte waren mir voͤllig unverſtaͤndlich; da es uͤbrigens ſchien, als haͤtte ich ſie nicht hoͤren ſollen, da ſie bei Seite geſprochen waren, und gleichſam nur etwas laut ausſprachen, was meinem ſehr geehrten Oheim durch den Sinn fuhr, ſo glaubte ich, es beziehe ſich entweder auf meine Flucht aus dem Kreiſe der Zecher am vorigen Abend, oder mein Oheim ſei in den Morgenſtunden durch das Gelage der vergangenen Nacht verſtimmt. Will er den unfreundlichen Wirth ſplielen, ſo bleibe ich um ſo kuͤr⸗ zere Zeit ſein Gaſt, dachte ich, und eilte, Miß Vernon zu gruͤßen, die ſich mir herzlich naͤberte. Auch zwiſchen meinen Vettern und mir ging eine Art von Begruͤßung vor, da ich aber ſah, daß ſie meinen Auzug und meine Ausruͤſtung vom Hute bis zu den Steigbuͤgeln boshaft be⸗ krittelten, und alles, was ein neues oder fremdes Anſe⸗ hen hatte, beſpoͤttelten, ſo glaubte ich ihnen nicht viel Auf⸗ merkſamkeit ſchenken zu muͤſſen, ihrem Grinſen und Fluͤ⸗ ſtern gegenuͤber nahm ich die Miene der groͤßten Gleich⸗ guͤltigkeir und Verachtung an, und hielt mich zu Miß Vernon, als der einzigen Perſon, die ich als eine paſſende Geſellſchaft betrachten konnte. An ihrer Seite ging es fort auf den beſtimmten Jaadplatz, einem Gehoͤlz am Ran⸗ de einer ausgedehnten Allmen Als wir dahinritten, machte ich gegen Diana die Bemerkung, daß ich meinen Better Raſhleigh nicht in der Grſellſchaft ſebr, worauf ſie — 3 94 erwiederte:„o, nein! er iſt ein maͤchtiger Jaͤger, aber nach Nimrods Weiſe, und ſein Wild iſt der Menſch.“ Die Hunde brachen nun ins Gehölz von den Stim⸗ Laͤrm und Thaͤtigkeit. Meine Vettern waren bald in das Morgengeſchaͤft zu ſehr vertieft, um ſich weiter um mich zu bekuͤmmern, und ich hoͤrte blos Richard, den Pferde⸗ jungen, Milfred, dem Narren zufluͤſtern:—„gib Acht, wie unſer franzoͤſiſcher Vetter runterpurzelt, wenn's los geht.“ er hat ſeinen Hut ſo ſchief, fremdartig aufgebunden.“ Thomcliff indeſſen der in ſeiner rohen Weiſe gegen die Schoͤnheit ſeiner Verwandten vielleicht nicht ganz un⸗ empfindlich war, ſchien entſchloſſen, naͤher in unſerer Ge⸗ ſellſchaft zu bleiben, als ſeine Bruͤder, vielleicht, um dar⸗ auf zu merken, was zwiſchen Miß Vernon und mir vor⸗ gehe,— vielleicht auch, um ſich an meinem erwarteten Jagdunfalle zu ergoͤzen. In dieſem Betracht wurde jedoch ſeine Hoffnung getaͤuſcht. Ein Fuds wurde aufgejagt, und trotz des ungluͤckweiſſagenden, franzoͤſiſchen Hutaufbinders erprobte ich meine Reitkunſt zur Verwunderung meines Oheims und des Fraͤuleins, und zum geheimen Aerger mei⸗ Meilen weit heftig geiagt hatte, ſeinen Verfolgern zu li⸗ ſtig, und die Hunde verloren die Faͤhrte. Jetzt bemerkte ich an Miß Vernons Benehmen eine Ungeduld uber die nahe Vegleitung Thorneliffs, und da das lebhafte Maͤd⸗ chen nie zauderte, nach dem erſten, beſten Mittel zu grei⸗ fen, um den Wunſch des Augenblicks zu erfuͤllen, ſo ſagte Hierauf antwortete Wilfred:„Wahrſcheinlich, denn men der Jaͤger ermuthigt,— alles war Geſchaͤftigkeit, ner Vettern. Reineke indeß war, nachdem man ihn einige 4 ſie in tadelndem Tone zu ihm:„ich weiß nicht, Thornie, 95⁵ warum du den ganzen Morgen hinter mir her taumelſt, da du doch weißt, daß die Fuchsloͤcher uͤber der Woolver⸗ ton⸗Muͤhle nicht verſtopft ſind.“ „Davon weiß ich gar nichts, Diana, denn der Muͤller verſchwor Stein und Bein, er habe ſie die Nacht um zwoͤlf Uhr zugeſtopft.“ „Vortrefflich, Thornie, auf des Muͤllers Wort ver⸗ laͤßt du dich?— und dieſe Loͤcher, wo wir dieß Jahr ſchon dreimal den Fuchs verloren haben,— du kannſt ja auf deinem Grauſchimmel in zehn Minuten hin und zuruͤck⸗ reiten.“ 3 „Gut, Diana, ſch reite nach Woolverton, und wenn die Loͤcher nicht verſtopft ſind, ſo ſchlage ich den Muͤller lederweich.“ „Recht, mein lieber Thorneliff;“ gib dem Schurken die Peitſche, wie ſich gebuͤhrt; nun fort— ſchnell! Thorncliff flog im Galov davon—„oder bekomm du ſelbſt die Peit⸗ ſche, das taugt mir eben ſo gut. Ich muß ſie olle Zucht und Gehorſam auf mein Kommandowort lehren. Ich er⸗ richte ein Regiment, muͤßt Ihr wiſſen. Thorncliff wird mein Wachtmeiſter, Richard mein Bereiter, und Wilfred mit ſeinen tiefen Stoßtoͤnen, der immer nur drei Silben auf einmal ausſpricht, mein Pauker.“ „Und Raßhleiah?““ „Der wird mein Kundſchafter.“ „Und findet der liebenswuͤrdige Oberſt nicht auch fuͤr mich eine Stelle?“ „Ihr ſollt die Wahl haben, Zahlmeiſter oder Beute⸗ meiſter. Aber ſeht, wie die Hunde ungewiß herumlaufen. Kommt, Kerr Franz, die Faͤhrte iſt kalt; ſie finden ſie 1 96 nicht ſo gleich wieder; folgt mir, ich muß Euch eine Aus⸗ ſicht zeigen.“ Raſch trabte ſie hierauf nach dem Gipfel eines ſchoͤ⸗ nen Huͤgels, der eine weite Ausſicht gewaͤhrte. Sie blickte umher, ob niemand uns nahe ſey, und wandte dann ihr Pferd unter einige Birken, die uns vor den uͤbrigen Jaͤ⸗ gern verbargen.„Seht Ihr dort den ſpitzigen, braunen Huͤgel auf der Haide, der einen weißlichen Fleck an der Seite hat? 3 „Dort am Ende jener langen Strecke Moorland?— Ich ſehe ihn deutlich.“ „Jener weißliche Fleck iſt ein Felſen, genannt Haw⸗ kersmore— Klippe, ſie liegt ſchon in Schottland.“ 3 „So? ich glaubte nicht, Schottland ſo nahe zu ſeyn. „Es iſt ſo, ich verſtchere Euch, und Euer Pferd bringt Euch in zwei Stunden dahin.“ „Ich werde es ſchwerlich darum bemuͤhen; die Ent⸗ fernung muß doch ungefaͤhr achtzehn Meilen betragen.“ „Ihr koͤnnt mein Pferd nehmen, wenn Ihr es fuͤr beſſer haltet.— Ich ſage Euch in zwei Stunden koͤnnt Ihr in Schottland ſeyn.“ „Und ich ſage Euch, ich wuͤnſche ſo wenig dort zu feyn, daß, wann mein Pferd ſchon an der Graͤnze ſtuͤnde, ich es nicht hinuͤber gehen laſſen wollte. Was ſoll ich in Schottland thun?“ „Fuͤr Eure Sicherbeit ſorgen, wenn ſch offen ſprechen foll. Verſteht Ihr mich jetzt, Herr Franz?“ „Nicht im Geringſten; Ihr werdet mir immer dunk⸗ ler.⸗. „Nun wahrlich, ſo mißtraut Ihr mir entweder auf eine 97 eine hoͤchſt ungerechte Art, und wißt Euch noch beſſer zu verſtellen, als Raſhleigh ſelbſt, oder Ihr wißt nichts von dem, deſſen man Euch beſchuldigt, und dann wundere ich mich nicht, daß Ihr mich ſo ſeltſam anſtarrt, daß ich mich des Lachens faſt nicht enthalten kann.“. „Auf Ehre, Miß Vernon,“ ſagte ich, ungeduldig uͤber ihre kindiſche Lachluſt;„ich habe nicht den entfernteſten Begriff davon, was Ihr meint. Es freut mich, daß ich Euch Stoff zum Lacen gebe, aber ich weiß nicht, weßhalb Ihr lacht.“. „Nun, zum Scherzen iſt die Sache eben nichr,“ ſagte Diana ernſter;„man ſieht nur gar zu komiſch aus, wenn man ſo verbluͤfft iſt; aber die Sache iſt ernſthaft genug. Kennt Ihr einen gewiſſen Moraz oder Morris, oder wie er ſonſt heißt?“ „Ich kann mich im Augenblick durchaus nicht be⸗ ſinnen.“ 4 „Denkt ein wenig nach.— Seyd Ihr nicht kuͤrzlich mit jemand gereist, der ſo hieß? „Der einzige Mann, mit dem ich eine Zeitlang reiste, war ein Menſch, deſſen Seele ganz in ſeinem Felleiſen zu liegen ſchien.“ „Ja, wle bei dem Licentiaten Pedro Garzias, deſſen Seele in ſeiner ledernen Boͤrſe unter den Dukaten lag. Der Mann iſt beraubt worden, und hat eine Klage gegen Euch eingelegt, daß Ihr an der gegen ihn veruͤbten Ge⸗ waltthaͤtigkeit Antheil haͤttet.“ „Ihr ſcherzt, Miß Vernon!“ „Gewiß nicht, die Sache iſt ganz zuverlaͤßig.“ „Und glaubt Ihr,“ ſagte ich in heftigem Unwillen, W. Sceott's Werke. C. 7 98 den ich nicht zu unterdruͤcken bemuͤht war,„glaubt Ihr, daß ich eine ſolche Beſchuldigung verdienen koͤnnte?“ „Ihr wuͤrdet mich herausfordern, glaube ich, wenn ich das Gluͤck haͤtte, ein Mann zu ſeyn. Ihr koͤnnt es thun, wann es Euch beliebt;— ich kann ſo gut im Fliehen ſchießen, als uͤber einen Schlagbaum ſetzen.“ „Und Oberſt eines Reiterregiments ſeyd Ihr dazu,“ erwiederte ich, da es einmal nichts half, auf ſie böſe zu ſeyn.—„Aber erklaͤrt mir doch endlich den Scherz!“ „Hier iſt von keinem Scherz die Rede,“ ſagte Diana; „Ihr ſeyd angeklagt, dieſen Mann beraubt zu haben, und mein Oheim glaubt es, ſo gut, als ich es glaubte.“ „Nun, bei meiner Ehre, ich bin meinen Freunden fuͤr ihre gute Meinung ſehr verbunden.“ „Nun ſo ſchnaubt und ſtarrt nicht ſo, wie ein ſcheues Pferd. Hier iſt von keinem ſolchen Verbrechen die Rede, wie Ihr meint. Ihr ſeyd keines gewoͤhnlichen gemeinen Raubs beſchuldigt,— keineswegs. Dieſer Mann hatte Geld von der Regierung bei ſich, ſowohl baar, als in Wech⸗ ſeln, um die Truppen im Norden zu bezahlen; auch ſoll man ihm einige Depeſchen von großer Wichtigkeit abge⸗ nommen haben.“ „Alſo des Hochverraths, nicht eines gemeinen Naubes werde ich beſchuldigt?“ Allerdings, und dieß hat, wie Ihr wißt, zu allen Zelten fuͤr das Verbrechen feiner Herrn gegolten. Ihr findet genug Leute in dieſem Lande, auch jemand nicht weit von Eurem Elbogen, die es fuͤr ein Verdienſt halten, der hannoͤverſchen Regierung auf jede Weiſe Schaden zu⸗ zufuͤgen.“ 99 „Weder meine Politik, noch meine Moral, Miß Ver⸗ non, ſind von ſo geſchmeidiger Art.“ „In der That, ich fange an, zu glauben, Ihr ſeyd ein recht ernſtlicher Presbyteriauer und Hannoverianer. Doch was habt Ihr jetzt im Sinne?“ „Dieſe abſcheuliche Verlaͤumdung ſogleich zu wider⸗ legen. Vor wem hat man dieſe ungewoͤhnliche Beſchuldi⸗ gung angebracht?“ „Vor dem alten Sqauire Inglewood, der ſie ſehr un⸗ gerne annahm. Wie ich vermuthe, hat er meinen Oheim wiſſen laſſen, er ſolle Euch nach Schottland hinuͤberſchmug⸗ geln, wo der Verhaftsbefehl Euch nimmer erreichen kann. Aber mein Oheim weiß, daß ſeine Religion und ſeine al⸗ ten Neigungen ihn der Regierung verdaͤchtig machen, und doß er, wenn man entdeckte, daß er ſeine Haͤnde dabei im Spiele gehabt habe, entwaffnet, und, was wohl das Schlimmſle waͤre, unberitten gemacht werden wuͤrde, als ein Jakobit, Papiſt und verdaͤchtige Perſon.“ „Ich begreife wohl, daß er lieber ſeinen Neffen auf⸗ geben, als ſeine Jagdpferde verlieren will.“ „Seine Neffen Nichten, Soͤhne, Toͤchter, wenn er ſie haͤtte ſein ganzes Geſchlecht,“ ſagte Diana, deßhalb traut ihm nicht, keinen Augenblick, ſondern macht Euch auf den Weg ſo ſchnell, wie moͤglich, ehe man den Verhaftsbeſehl ins Werk ſetzen kann.“ „Auf den Weg mache ich mich, aber zu dem Sauire Inglewood; wo wohnt dieſer?“ „Ungefaͤhr fuͤnf Meilen von hier, in der Niederung— hinter jenem Gehoͤlz— Ihr ſeht dort den Glocken⸗ thurm.“ 2.. 100 „In fuͤnf Minuten bin ich dort,“ ſagte ich, und ſetzte mein Pferd in Bewegung. „Ich gehe mit Euch, und zeige Euch den Weg,“ ſagte Diana, und fieng gleichfalls an zu traben. „Thut es nicht, Miß Vernon; in der That,— ver⸗ zeiht mir meine Freimuͤthigkeit,— es iſt gegen die Schick⸗ lichkeit, gegen alles Zartgefuͤhl, mich bei dieſer Gelegenheit zu begleiten.“ „Ich verſtehe Euch,“ antwortete Miß Vernon, und eine leichte Roͤthe flog uͤber ihre ſtolze Stirne;—„das iſt offen geſprochen, und— ſetzte ſie nach einer Pauſe hin⸗ zu,— wie ich glaube, gut gemeint.“ „In der That, Miß Vernon; koͤnnt Ihr glauben, ich fuͤhlte die Theilnahme nicht, die Ihr mir zeigt, oder ich ſey undankbar dagegen?“ ſagte ich, vielleicht mit mehr An⸗ theil, als ich auszudruͤcken wuͤnſchte.„Die Eure ſtammt aus wahrem Wohlwollen, und zeigt ſich am beſten in der Stunde der Noth. Aber ich darf um Eurer ſelbſt,— um der Mißdeutung willen,— nicht zugeben, daß Ihr den Eingebungen Eures Edelmuths folgt; dließ iſt ſo eine oͤf⸗ fentliche Gelegenheit,— es iſt ja beinahe, als wagtet Ihr Euch in einen offenen Gerichtshof.“ „Und wenn es nicht blos beinahe, wenn es ganz ſo waͤre, glaubt Ihr, ich wuͤrde nicht hingehen, wenn ich es fur Recht hielte, und einen Freund zu beſchuͤtzen wuͤnſchte? Ihr muͤßt jemand bei Euch haben,— Ihr ſeyd ein Fremd⸗ ling, und hier an der Graͤnze des Koͤnigreichs erlauben ſich die Friedensrichter auf dem Lande ſeltſame Dinge. Mein Oheim will ſich nicht in Eure Sache miſchen; Naſhleigh iſt nicht da, und man koͤnnte auch nicht wiſſen, auf welche 101 Seite er traͤte; die uͤbrigen ſind dumm und roh, immer einer aͤrger, als der andere. Ich gehe mit Euch, und kenne keine Furcht, da ich im Stande bin, Euch zu dienen. Ich bin kein ſo zaͤrtliches Geſchoͤpf, um von Geſetzhuͤchern, harten Worten, oder großen Peruͤcken auf den Tod er⸗ ſchreckt zu werden.“ „Aber, mein theures Fraͤulein,—“ „Aber, mein theurer Herr Franz, ſeyd nur ruhig und geduldig, und laßt mich meinen Weg gehen; denn wenn ich einmal den Zuͤgel zwiſchen den Zaͤhnen habe, ſo iſt kein Zaum im Stande, mich zu halten.“ Geſchmeichelt von dem Antheil, den ein ſo liebens⸗ wuͤrdiges Weſen an meinem Schickſal zu nehmen ſchien, doch verdruͤßlich uͤber die laͤcherliche Figur, die ich ſpielen ſollte, indem ein achtzehnjaͤhriges Maͤdchen als Advokat an meiner Seite erſchien, und ernſtlich beſorgt, daß man ihre Beweggruͤnde mißdeuten mochte, bemühte ich mich, ſie von ihrem Entſchluſſe abzubringen, mich zu Squire Ing⸗ lewood zu begleiten. Das eigenwillige Maͤdchen ſagte mir aber rund heraus, alle meine Vorſtellungen ſeyen verge⸗ bens; ſie ſey eine aͤchte Vernon, und kelne Ruͤckſicht, ſelbſt die nicht, daß ihre Huͤlfe von geringem Nutzen ſeyn werde, wuͤrde ſie je dahin bringen, einen Freund in der Noth zu verlaſſen; alles, was ich ihr daruͤber ſagen koͤnne, moͤge recht gut ſeyn fuͤr ein niedliches, wohlgezogenes, feingebil⸗ detes Maͤdchen aus einer ſtaͤdtiſchen Erziebungsanſtalt, fuͤr ſte aber paſſe es nicht, da ſie gewohnt ſey, nur ihrer ei⸗ genen Meinung zu fo’gen. Wahrend ſie ſo redete, naͤherten wir uns eilig der Wohnung Inglewoods, und gleichſam, um mich von ferne⸗ ren Einreden abzubringen, entwarf ſie ein drolliges Ge⸗ 102 maͤlde von dem Friedensrichter und ſeinem Schreiber. Inglewood war, ihrer Beſchreibung zufolge, ein weißge⸗ waſchener Jakobite, d. h. er hatte lange den Eid der Treue verweigert, wie die meiſten Edelleute dieſer Gegend, kuͤrzlich aber der Regierung geſchworen, um Friedensrichter zu werden. Dieß that er auf die dringenden Bitten der uͤbrigen Landjunker, welche mit Bekuͤmmerniß das Palla⸗ dium der Jagdluſt, die Wildgeſetze, in Verfall gerathen ſahen, weil keine Obrigkeit da war, um ſie in Ausuͤbung zu bringen; der naͤchſte Friedensrichter war der Major von Newcaſtle, der lieber das erlegte und gehoͤrig zubereitete Wlld verzehrte, als fuͤr die Erhaltung des lebenden ſorgte, und deßhalb dem Wilddieb geneigter war, als dem Jaͤger. Sie faßten daher den Beſchluß, es muͤſſe einer von ihnen die Bedenklichkeiten ſeiner jakobitiſchen Treue ihrem allſei⸗ tigen Beſten zum Opfer bringen, und ihre Wahl ſiel auf Inglewood, der ihrer Meinung nach als ein Mann von ſehr traͤgen Gefuͤhlen ſich jedem politiſchen Glanbensbe⸗ kenntniſſe ohne großes Widerſtreben fuͤgen wuͤrde. Fuͤr ei⸗ nen leiblichen Friedensrichter hatten ſie geſorgt, nun ſahen ſie ſich nach einem Schreiber um, der ihm als Seele Leben und Bewegung einhauche. Dieſen fanden ſie in einem pfiffigen Advokaten von Newkaſtle, mit Namen Jobſon, der es ſehr vortheilhaft findet, unter Inglewoods Schild einen Kleinhandel mit der Gerechtigkeit zu treiben, und da ſeine Einkuͤnfte von der Menge der verhandelten Geſchaͤfte ab⸗ hangen, ſo haͤufte er mehr Arbeit auf den Friedensrichter, als dieſer je uͤbernommen haͤtte, ſo daß kein Apfelwelb im uUmkreis von zehn Meilen mit einem Obſthaͤndler ab⸗ rechnen kann, ohne vor dem widerwilligen Friedensrichter und ſeinem flinken Schreiber, Herrn Joſeph Jobſon, zu 103 erſcheinen. Aber die laͤcherlichſten Scenen ergeben ſich, wenn Faͤlle vorkommen, wie heute der unſrige, die ins politiſche hinuͤberſpielen. Herr Jobſon iſt ein gewaltiger Eiferer fuͤr den proteſtantiſchen Glauben, ſomit ein großer Freund der jetzigen Anordnung in Kirche und Staat, und dazu hat er ohne Zweifel ſeine eigenen voͤllig zurelchenden Gruͤnde. Nun hat aber ſein Herr und Meiſter eine in⸗ ſtinktartige Anhaͤnglichkeit an die Meinungen beibehalten, die er ehemals offen bekannte, bis er ſein politiſches Glau⸗ bensbekenntniß in der patriotiſchen Abſicht aͤnderte, um die Geſetze gegen die unberechtigten Moͤrder des Roth⸗ und Schwarzwilds— der Rebhuͤhner und Haſen, aufrecht zu er⸗ halten; er kommt nun in eine beſondere Verlegenheit, wenn der Eifer ſeines Gehuͤlfen ihn in gerichtliche Maaß⸗ regeln verwickelt, wobet ſein fruͤherer Glaube betheiligt iſt⸗ und ſtatt ſeinen Eifer zu unterſtuͤtzen, ſetzt er ihm ge⸗ woͤhnlich ein doppeltes Maas von Traͤgheit und Willens⸗ ſchwaͤche entgegen. Dieſe Unthaͤtigkeit entſteht aber keines⸗ wegs aus wirklicher Dummheit. Im Gegenrhell, fuͤr ei⸗ nen Menſchen, deſſen groͤßtes Vergnuͤgen in Eſſen und Trinken beſteht, iſt er munter, froͤhlich und eine lebens⸗ luſtige alte Seele, was ſeine angenommene Stumpfheit noch unterhaltender macht. Bei ſolchen Gelegenheiten nimmt ſich Jobſon wie ein abgetriebener Klepper aus, der einen uͤberladenen Karren ziehen ſoll, er ſchnaubt, baͤumt und ſperrt ſich, um den Friedensrichter in Bewegung zu ſetzen; die Raͤder knarren, krachen, drehen ſich langſam um, und die große, uͤberwiegende Laſt vernichtet die An⸗ ſtrengungen des willigen Thiers, kurz der Karren kommt nicht vorwaͤrts. Ja, man hat den armen Klepper ſchon klagen hoͤren, derſelbe Juſtizkarren, den er bei manchen 1⁰4 Gelegenheiten ſo ſchwer in Bewegung ſetzen kaun, renne manchmal ſchnell genug von ſelbſt den Huͤgel hinab, und reiße das widerſtrebende Thier ruͤckwaͤrts mit ſich, wenn Squire Inglewoods ehemaligen Freunden etwas zu Ge⸗ fallen geſchehen kann. Dann hat Herr Jobſon den Mund voll, er wuͤrde uͤber ſeinen Herrn an den Staatsſekretaͤr des Innern berichten, wenn er nicht beſondere Ruͤckſicht und Freundſchaft fuͤr Herrn Inglewood und ſeine Famille haͤtte. 1 Als Miß Vernon ihre wunderliche Beſchreibung ſchloß, hielten wir vor dem ſchoͤnen, wiewohl altmodiſchen Gebaͤude, das auf das Anſehen der Familie ſchlietzen ließ. —— Achtes Kapitel. Herr! ſprach der Anwalt, Ihr habt da hier . Ein gutes und ſchönes Küchengeſchirr, Wie man ſich's wünſchen kann; es anzunehmen, Dürft' ſich der ſtolzeſte Mann nicht ſchämen. Butler. Unſere Pferde wurden von einem Diener in Sir Hll⸗ debrands Livree, den wir im Hofe fanden, in Empfang ge⸗ nommen, und wir traten in das Haus. In der Vorhalle war ich etwas erſtaunt, und meine ſchoͤne Gefaͤhrtin noch mehr, als wir auf Raſhleigh trafen, der ſeine Verwun⸗ derung uͤber dieß Zuſammentreffen eben ſo wenig verber⸗ gen konnte.. „Raſbleigh,“ ſagte Miß Vernon, ohne ihm Zelt zu einer Frage zu laſſen;„Ihr habt von Herrn Franz Osbal⸗ 105 diſtone’s Angelegenheit gehoͤrt, und mit dem Friedensrich⸗ ter deßbalb geſprochen?“ 4 „Allerdings,“ ſagte Raſhleigh ruhlg,„das war mein Geſchaͤft hier. Ich habe mich bemuͤht,“ ſagte er mit ei⸗ ner Verbeugung gegen mich,„meinem Vetter jeden Dienſt zu leiſten, den ich vermag. Aber es thut mir leid, ihm hier zu begegnen.“ Als Freund und Verwandter, Herr Os baldiſtone, ſoll⸗ te es Euch leid gethan haben, mich irgendwo anders zu treffen, da eine Beſchuldigung gegen meine Ehre meine moͤglichſt ſchnelle Gegenwart hier erfordert. „Richtig; aber nach dem zu ſchließen, was mir mein Vater ſagte, haͤtte ich geglaubt, eine kurze Entfernung nach Schottland,— es waͤre nur, bis die Sache in der Stille beigelegt waͤre.“ Ich antwortete mit Waͤrme,„ich haͤtte keine Vorſichts⸗ maaßregeln zu beobachten, und wuͤnſchte, daß nichts bel⸗ gelegt werde; im Gegentheile ſey ich mit dem Entſchluſſe gekommen, dieſer ſchurkiſchen Verlaͤumdung bis auf den Grund nachzuforſchen.“ „Herr Franz Osbaldiſtone iſt unſchuldig, Raſhleigh, er verlangt eine Unterſuchung der Klage gegen ihn, und ich bin da, um ihn dabel zu unterſtuͤtzen.“ „Ihr, meine ſchoͤne Baſe?— Ich ſollte denken, Herr Franz Osbaldiſtone ſollte jetzt eben ſo wirkſam, und weit anſtaändiger durch meine Gegenwart unterſtuͤtzt werden, als durch die Eurige.“ „O gewiß, doch Ihr wißt, zwei Koͤpfe ſind beſſer, als einer.“ „Beſonders ſo ein Kopf, wie der Eurige, meine ſchoͤ⸗ ne Diang.“ Mit dieſen Worten ergriff er ihre Hand mit 106 einer vert raulichen Zaͤrtlichkeit, die ihn noch zehumal haͤß⸗ licher in meinen Augen machte, als er ſchon war. Sie fuͤhrte ihn indeß ein paar Schritte bei Seite; ſie beſpra⸗ chen ſich mit leiſer Stimme, wobei ſie etwas zu verlangen ſchien, was er nicht erfuͤllen konnte oder wollte. Niemals ſah ich einen ſo ſtarken Gegenſatz in dem Ausdruck zweier Geſichter. Ste wurde erſt ernſt, dann unwillig. Ihre Augen und Wangen wurden belebter, ihre Farbe erhoͤht, ſie ballte die kleine Hand, ſtampfte auf den Boden, und ſchien mit einer Miſchung von Verachtung und Unwillen auf die Entſchuldigungen zu hoͤren, die er in aller Unter⸗ wuͤrfigkeit vorbrachte, wie ich aus ſeinem hoͤflich nachgiebi⸗ gen Benehmen, ſeinem ruhigen, ehrerbietigen Laͤcheln, und elnigen andern Zeichen abnehmen zu können glaubte. End⸗ lich wandte ſie ſich raſch von ihm mit einem:„Ich will's ſo haben.“ „Es ſteht nicht in meiner Macht,— das iſt unmoͤg⸗ lich. Solltet Ihr es glauben, Herr Osbaldiſtone?“ ſagte er, ſich an mich wendend. „Seyd Ihr toll?“ fiel ſie ein. „Koͤnnt Ihr es glauben?“ ſagte er, ohne auf ihren Wink zu achten.—„Miß Vernon deſteht darauf, nicht blos, daß mir Eure Unſchuld bekannt ſey,(wovon freilich niemand ſo ſehr uͤberzeugt ſeyn kann, als ich) ſondern auch, daß ich die wahren Thaͤter der an dieſem Menſchen verub⸗ ten Gewaltthat kenne, wenn uͤberhaupt eine ſolche Gewalt⸗ that veruͤbt wurde. Iſt dieß vernuͤnftig, Herr Osbaldi⸗ ſtone?“ „Ich gebe keine Berufung auf Herrn Osbaldiſtone zu, Raſhleigh,“ ſogte die junge Dame;„er keunt nicht die 8& 22 2— ½— 1⁰⁷ unglaubliche Ausdehnung und Genauigkeit Eurer Nachrich⸗ ten von allen Punkten her.“ „So wahr ich ein Edelmann bin, Ihr thut mir zu viel Ehre an.“ „Gerechtigkeit, Raſhleigh,— blos Gerechtigkeit, und auch nur dieſe erwarte ich jetzt von Euch.“ „Ihr ſeid eine Tyrannin, Dian⸗,“ antwortete er mit einer Art Seufzer,—„eine launenhafte Tyrannin, und regiert Eure Freunde mit eiſerner Ruthe. Doch, es ſoll ſeyn, wie Ihr wuͤnſcht. Aber Ihr ſolltet nicht hier ſeyn, — Ihr wißt es, Ihr ſolltet nicht,— Ihr muͤßt mit mir umkehren.“ Hier wendete er ſich von Diana ab, welche unſchluͤſſig da zu ſtehen ſchien, trat auf die freundlichſte Weiſe zu mir, und ſagte:„Zweifelt nicht, daß ich an Enurer Sache An⸗ theil nehme, Herr Osbaldiſtone. Wenn ich Euch gerade in dieſem Augenblick verlaſſe, ſo geſchieht es vur, um zu Eurem Vortheil zu handeln. Aber Ihr muͤßt Euren Ein⸗ fluß bei Miß Vernon anwenden, daß ſie zuruͤckkehrt; ihre Gegenwart kann Euch nichts nuͤtzen, und muß Ihr ſelbſt ſchaden.“ „Ich verſichere Euch,“ war meine Antwort;„davon kann niemand mehr uͤberzengt ſeyn, als ich; ich habe ſte dringend gebeten, zuruͤckzukehren, ſo dringend, als ſie es mir immer geſtatten wollte.“ „Ich habe daruͤber nachgedacht,“ ſagte Miß Vernon nach einer Pauſe,„und ich werde nicht gehen, bis ich Euch frei weiß aus den Haͤnden der Philiſter. Vetter Raſhleigh, das darf ich Euch verſichern, meint es gut; aber er und ich kennen elnander.— Raſhleigh, ich werde nicht gehen;— ich weiß,“ ſetzte ſie in einem mildern 108 Tone hinzu,„wenn ſch hier bleibe, ſeid Ihr um ſo eilk⸗ ger und thaͤtiger.“ „So bleibt denn, unbeſonnenes, bartnaͤckiges Mädchen. Ihr wißt allzugut, auf wen Ihr vertraut;“ mit dieſen Worten eilte er aus dem Vorſaal hinweg, und bald hörten wir die eiligen Tritte ſeines Pferdes. „Dank dem Himmel, er iſt fort!“ ſagte Diana.„Und nun laßt uns den Friedensrichter aufſuchen.“ „Sollten wir nicht lieber einen Diener rufen?“ „O, keineswegs; ich kenne den Weg in ſeine Hoͤhle, — wir muͤſſen ihn unvermuthet uͤberfallen,— folzt mir.“ Ich folgte ihr alſo, wie ſie eine dunkle Treppe hinan⸗ trkppelte, durch einen halbhellen Gang gieng, und dann in eine Art Vorzimmer trat, an deſſen Waͤnden alte Land⸗ karten, Bauriſſe und Stammbaͤume hiengen. Eine Fluͤgel⸗ thuͤre fuͤhrte in Herrn Inglewoods Wohnzimmer, aus dem wir das Ende eines alten Lieds hörten, von einer Stimme geſungen, die ihrer Zeit zu einem luſtigen Trinklied nicht ſchlecht geklungen haben mochte. Wer zu Schönen ſagt: nein! Kann kein Ehrenmann ſeyn; Ich wünſch' ihm den Strick um die Kehle. 3 „Juchhe!“ ſagte Miß Vernon,„der luſtige Friedens⸗ richter muß ſchon geſpeist haben.— Ich glaubte nicht, daß es ſo ſpaͤt ſey.“ Es war ſo. Herrn Inglewoods Eßluſt war durch ſelue amtlichen Arbeiten erhoͤht worden, er hatte ſein Mittag⸗ eſſen fruͤher beſtellt, und um zwoͤlf Uhr ſtatt um ein Uhr geſpeist, was damals die allgemeine Eßſtunde in England war. Die verſchiedenen Vorfaͤlle dieſes Morgens hatten unſere Ankunft bis einige Zeit nach dieſer Stunde verzoͤ⸗ 3 1⁰9 gert, die dem Friedensrichter die wichtigſte des ganzen Tags war, und die er nicht ungenuͤtzt hatte vorbeigehen laſſen.„Wartet hier,“ ſagte Diana;„ich kenne das Haus, und will einen Bedienten rufen. Eure ploͤtzliche Erſchei⸗ unng koͤnnte den alten Herrn ſo uͤberraſchen, daß ihm der Biſſen im Halſe ſtecken bliebe.“ Damit entrſchluͤpfte ſie mir, und ließ mich unſchluͤſſig, ob ich vorwaͤrts oder zu⸗ ruͤckgehen ſollte. Ich mußte einen Theil von dem hoͤren, was im Speiſezimmer geſprochen wurde, und beſonders mehrere Entſchuldigungen gegen die Einladung zum Ge⸗ ſang, die mit einer niedergeſchlagenen, kraͤchzenden Stim⸗ me vorgebracht wurden, deren Toͤne, wie ich bald bemerk⸗ te, mir nicht völlig fremd waren.„Nicht ſingen, Herr? Nun, wahrhaftig, Ihr muͤßt!— Was? Ihr habt meine ſilberbeſchlagene Kokosnußſchale voll Sekt ausgetrunken, und ſagt mir, Ihr koͤnnt nicht ſingen?— Herr, Sekt kann eine Katze zum Sprechen bringen, und zum Singen dazu; her⸗ aus mit ſo etwas Luſtigem oder trollt Euch aus meiner Thuͤre. Meint Ihr, Ihr duͤrft mir alle meine koſtbare Zeit mit Euren verwuͤnſchten Anzeigen verderben, und dann noch kommen und ſagen:„ich kaun nicht ſingen.“ „Ihr habt vollkommen Recht, edler Herr:“ ſagte eine andere Stimme, die dem geſchwaͤtzigen gezierten Tone nach zu ſchließen die des Schreibers war,„und der Herr wird ſich auch fuͤgen; canet, d. h. er wird ſingen, ſteht ihm auf der Stirne geſchrieben.“ „Heraus alſo damit,“ ſagte der Friedensrichter,„oder bei St. Chriſtoph! Ihr ſollt die Kokosnuß voll Salzwaf⸗ ſer austrinken, wie es fuͤr ſolche Faͤlle verfuͤgt und verord⸗ net iſt.“ 110 So ermahnt und bedroht begann mein ehemaliger Reiſegefaͤhrte, denn ich konnte nicht laͤnger zweifeln, daß er es war, der ſich zu ſingen geweigert hatte, mit einer Stimme gleich einem Verbrecher der auf dem Schaffot ſei⸗ nen letzten Pſalm ſingt, folgendes Jammerlied: Ihr guten Leute, leiht mir's Ohr Ich ſing ein kläglich Lied Euch vor. Es war ein Räuber, ſtark, wte im Felde Nie einer rief: her mit dem Gelde! Mit ſeinem Fidel dum fa lidel dumt Der Schelm, des beſten Strickes werth, Bewaffnet mit Piſtol und Schwert, Hat kühn ſechs Männer angefallen, Die von dem Markt nach Hauſe wallen. Mit ſeinem Fidel u. ſ. w. Die Männer kehren im Wi thshaus ein, Und jeder trinkt ſein Nöſel Wein Der kecke Räuber ich ſtuchend entgegenſtellt: Ihr Hunde! Das Leben oder das Geld! Mit ſeinem Fidel u. ſ. w. Es iſt die Frage, ob die ehrlichen Leute, deren Un⸗ gluͤck in dieſem pathetiſchen Lied erzaͤhlt iſt, uͤber die Er⸗ ſcheinung des kecken Raͤubers ſo erſchrocken waren, als der Saͤnger uͤber die melnige, denn muͤde des Wartens, bis mich jemand ankuͤndigen wuͤrde, und meiner ſeltſamen Lage als Zuhoͤrer uͤberdruͤßig, ſtellte ich mich der Geſellſchaft dar, gerade als mein Freund Morris, denn dieß war, wie es ſcheint, ſein Name, einen neuen Vers ſeiner Jammer⸗ ballade anſtimmen wollte. Der hohe Ton, mit dem er be⸗ sonnen hatte, erſtarb in einem Triller der Beſtuͤrzung, I11 da er ſich einem Manne ſo nahe ſah, den er kaum für minder gefaͤhrlich hielt, als den Helden ſeines Lieds. Er ſchwieg und ſtarrte mich mit offenem Munde an, als haͤtte ich das Meduſenhaupt in meiner Hand getragen. Der Friedensrichter, den die Dudelei des Geſangs ein wenig in den Schlaf gelullt hatte, fuhr in ſeinem Seſſel auf, als derſelbe ploͤtzlich ſchwieg, und ſtarrte mit Verwunderung die unerwartete Zugabe an, welche die Ge⸗ ſellſchaft erhalten hatte. Auch der Schreiber gerieth ſei⸗ nem Geſichte nach zu ſchließen, in Bewegung, denn da er Herrn Morris gegenuͤber ſaß, ſo hatte ſich ihm der Schre⸗ cken dieſes Ehrenmannes mitgetheilt, obgleich er nicht wußte, warum.. Ich unterbrach dieſe Stille des Staunens, die durch meinen raſchen Eintritt entſtanden war.„Mein Name, Herr Inglewood, iſt Franz Osbaldiſtone; ich hoͤre, daß ein gewiſſer Schurke eine Klage vor Euch gebracht hat, worin er mich beſchuldigt, daß ich Theilnehmer eines Raubs ſey, der an ihm veruͤbt worden ſeyn ſoll.“ „Herr,“ ſagte der Friedensrichter etwas muͤrriſch, das ſind Dinge, worauf ich mich nie nach dem Eſſen einlaſſe, — alles hat ſeine Zeit, und ein Friedensrichter muß eſſen, wie andere Leute.“ Das wohlgenaͤhrte Ausſehen Herrn Inglewoods ſchlen beilaͤufig geſagt, weder im Dienſt der Gerechtigkeit noch der Religion, durch Faſten gelitten zu haben. „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich zu unrechter Zeit käme, aber meine Ebre iſt angegriffen, und da die Mahlzeit beendigt ſcheint, „Sie iſt nicht beendigt, Kerr,“ erwiederte der Frie⸗ densrichter;„man will eben ſo gut verdauen, als eſſen, 11² und mir kommt meine Leibesnahrung nicht zu gute, wenn ich nicht nacher zwei Stunden in Ruhe, harmloſer Froͤh⸗ lichkelt, und bei einem maͤßigen Genuß der Flaſche zu⸗ bringe.“ „Verzeiht, edler Herr,“ ſagte Jobſon, der in dem kurzen Zwiſchenraum, den ihm unſer Zweigeſpraͤch darbot, ſeilne Schreiberforderniſſe hervorgeholt, und in Ordnung gebracht hatte;„da dieß ein Fall des Hochverraths iſt, und der Hert etwas ungeduldig ſcheint, die Klage iſt ge⸗ gen Verlezung des Koͤnigs⸗Friedens—“ „Zum Henker mit des Koͤnigs Frieden!“ ſagte der Friedensrichter ungeduldig;—„ich hoffe, es iſt kein Ver⸗ rath, ſo zu ſprechen;— aber iſt es nicht, um einen ra⸗ ſend zu machen, wenn man ſo belaͤſtigt wird,— hab' ich einen Angenblick Ruhe vor lauter Verhaftsbefehlen, An⸗ ordnungen, Verfuͤgungen, Acten, Buͤrgſchaften, Verſchrei⸗ bungen und Erkenntniſſen?— Ich ſag's Euch, Herr Job⸗ ſon, naͤchſter Tage ſchicke ich Euch und die Friedensrichter⸗ ſchaft zum Teufel.“ „Euer Edlen werden die Wuͤrde des Amts bedenken, von dem Sir Eduard Locke weislich ſagt, ſeines gleichen ſey nicht in der Chriſtenheit, ſo es gebuͤhrend gehandhabt werde.“ „Gut,“ ſagte der Friedensrichter, halb verſoͤhnt durch dieſe Lobrede auf die Wuͤrde ſeines Berufs, und ſchwemmte die andere Haͤlfte ſeines Unmuths in einem maͤchtigen Humpen Wein hinab:„laßt uns alſo daran gehen, um ſo ſchnell wie moͤglich wieder los zu kommen.— Heda, Ihr, — Morris,— Ihr Ritter von der traurigen Geſtalt, iſt dieſer Herr Franz Osbaldiſtone der Herr, den Ihr der Theilnahme an Eurer Beraubung anklagt?“ 113 „Ich Herr, erwiederte Morris, der ſeine fuͤnf Sinne noch nicht irecht wieder beiſammen hatte,„ich klage nie⸗ mand an,— ich ſage nichts gegen den Herrn.“ „Dann legen wir Eure Klage bei Selte, Herr, das iſt alles, und wir ſinb der Sache los.— Gebt die Flaſche weiter,— Herr Osbaldiſtone, bedlent Euch ſelbſt.“ Jobſon aber wollte Morris nicht ſo leichten Kaufs aus ſeinen Klauen entkommen laſſen:„Was denkt Ihr, Herr Morris?— da iſt Eure eigene Erklaͤrung— die Dinte iſt kaum trocken,— und jetzt wollt Ihr auf eine ſo ſchmaͤhliche Weiſe widerrufen!“ „Was weiß ich,“ erwiederte dieſer in zitterndem Toue,„wie viel Spitzbuben noch im Hauſe ſind, um ihm zu helfen.— Ich habe in Johnſons Lebensbeſchreibungen der Raͤuber dergleichen geleſen. Ja, wahrhaftig— die Thuͤre oͤffnet ſich.—“ Die Thuͤre oͤffnete ſich in der That, und Diana Ver⸗ non trat herein.„Ihr haltet gute Ordnung hier, Herr Friedensrickter, kein Diener zu ſehen und zu hoͤren.“ „Ach! ſagte der Friedensrichter, und ſprang mit einer Munterkeit auf, welce bewieß, daß er weder der Themis, noch dem Komus ſo ſehr huldigte, um zu vergeſſen, was er der Schoͤnheit ſchuldig ſey,—„ich, Diang Vernon, Röslein auf der Cheviot⸗Haide, Blume an Englands Graͤnze, kommt Ihr zu ſehen, wie der alte Junggeſelle Haus hält,— Du biſt willkommen, Maͤdchen, wie die Blumen im Mai.“ „Ein ſchoͤnes, offenes, gaſtfreundliches Haus, Herr Friedensrichter, das muß man geſtehen, keine Seele da, um einen Beſuch zu empfangen.“ 4 W. Seort's Werke. C. 8 114 „Ach, die Schurken, ſie wußten wohl, daß ſie auf ein Paar Stunden vor mir ſicher ſeyen,— aber warum kommt Ihr nicht fruͤher? Euer Vetter Raſhleigh ſpeiste hier, und rannte weg, gleich einer Memme, nach der erſten Flaſche;— aber Ihr habt noch nicht geſpeist,— ich habe et⸗ was zartes, frauenzimmerliches, ſuͤß und lieblich, wie Ihr ſelbſt,— es ſoll den Augenblick fertig ſeyn.“ Ich kann nicht bleiben, Herr Friedensrichter; ich kam mit meinem Vetter, Franz Osbaldiſtone, hieher, und muß ihm den Weg zuruͤck zum Schloſſe zeigen, ſonſt verirrt er auf der Halde.“ „Aha! blaͤst der Wind daher?“ antwortete der Frie⸗ densrichter, „Sie zeigt ihm den Weg, und ſie zeigt ihm den Weg, Sie zeigt ihm zum Freien den Weg.“ „Alſo kein Gluͤck fuͤr alte Junggeſellen, meine ſuͤße Knosve in der Wildniß?“ „Ganz und gar nicht, Squire Inglewood; wenn Ihr aber ein artiger Friedensrichter ſeyn, und des jungen Franz Sache ſchnell abmachen wollt, daß wir wieder nach Hauſe traben koͤnnen, ſo bringe ich koͤnftige Woche meinen Oheim zu Tiſche mif, und wir wollen dann guter Dinge ſeyn.“ „Das ſollt Ihr ſeyn, mein Perlchen,— meiner Trenu⸗ Maͤdchen, ich beneide das junge Volk nicht um das Reiten und Laufen, wenn ſie mir nur nicht in den Weg kommen. Aber jetzt darf ich Euch, glaube ich, nicht aufhalten?— Ich bin vollkommen zufrieden mit Herrn Franz Osbaldiſto⸗ ne's Erklaͤrung— hier hat ein Mißverſtaͤndniß ſtatt ge⸗ funden, das wir naͤher aufklaͤren wollen, wenn wir mebr Zeit haben.“ * 115 „Verzeiht, Herr,“ ſagte ich,„ich habe die Art der Anklage noch gar nicht gehort.“ „Richtig,“ ſagte der Schreiber, der bei Miß Vernons Eintritt ſchon verzweiflungsvoll die Sache aufgegeben hatte, aber neuen Muth faßte, auf naͤhere Unterſuchung zu drin⸗ gen, da er ſich von einer Seite her unterſtuͤtzt ſah, woher er es ſicherlich nicht erwartet hatte.„Richtig, Herr, und Dalton ſagt, daß derjenige, der eines Verbrechens ange⸗ klagt iſt, von niemand nach Willkuͤr freigelaſſen werden kann, ſondern entweder ins Gefaͤngniß wandern, oder Bürgſchaft leiſten, und dem Schreiber des Friedensrichters die gewoͤhnlichen Gebuͤhren fuͤr die Ausfertigung entrichten muß.“ So gedraͤngt gab mir eudlich der Frledensrichter die gehoͤrige Erklaͤrung. Es ſcheint, die Neckereien, die ich gegen dieſen Mor⸗ ris ausgeuͤbt, hatten einen ſtarken Eindruck auf ſeine Ein⸗ bildungskraft gemacht, denn in dieſem Zeuguiſſe waren ſie mit aller Uebertreibung eines furchtſamen und geaͤngſtigten Gemuͤths aufgefuͤhrt. Am Abend des Tags, wo ich mich von ihm trennte, war er an einer einſamen Stelle aufge⸗ halten, und um ſeinen gellebten Reiſegefaͤhrten, das Fellelſen. von zwei wohlbewaffneten berittenen und verlarvten Maͤnnern leichter gemacht worden. Einer derſelben hatte, wie er be⸗ merken wollte, viel von meiner Geſtalt und meinem Aus⸗ ſeben, und in einem leiſen Geſpraͤch, das zwiſchen den beiden Freibeutern ſtatt fand, wollte er den Namen Osbal⸗ diſtone gehoͤrt haben. Als er ſich bei einem prestyterlani⸗ ſchen Geiſtlichen, an deſſen Hauſe er nach ſeinem Unfalle anhielt, nach der Familie dieſes Namens erkundigte, er⸗ fuhr er von dieſem, daß dieſelbe aus ganz ſchlechten Leu⸗ 116 ten beſtebe, und daß alle Mitglieder derſelben ſeit den Tagen Wilhelms des Eroberers Papiſten und Jakobiten ge⸗ weſen ſeyen. Aus allen dieſen gewichtigen Gruͤnden beſchuldiate er mich der Theilnahme an der veruͤbten Gewaltthat, wodurch er, der in beſondern Geſchaͤften der Regierung reiſe, ge⸗ gewiße wichtige Papiere und Geldſummen bei ſich habe, die an gewiße angeſehene Beamte in Schottland ausgezaylt werden ſollten, beraubt wotden ſey. Auf dieſe ſonderbare Anklage erwiederte ich, daß die Umſtaͤnde, auf die ſie gegruͤndet ſey, keinen Friedens⸗ richrer oder ſonſtigen oͤffentlichen Veamten berechtigten, meine perſoͤnliche Freiheit anzutaſten. Ich gab zu, daß ich meinen ſchreckhaften Reiſegefaͤhrten geneckt habe, aber der⸗ glelchen unbedeutende Dinge haͤtten bei niemand Beſorgniß erwecken koͤnnen, der auch nur um etwas minder furchtſam und aͤngſtlich geweſen waͤre. Doch fuͤgte ich noch hinzu, ſeit unſerer Trennung haͤtte ich ihn nicht wieder geſehen, und wenn ſeine Beſorgniſſe in der That verwirklicht wor⸗ den waͤren, ſo haͤtte ich auf keinen Fall Theil an einer That, der meines Charakters und meines Standes ſo unwuͤrdig ſey. Daß einer der Raͤuber Osbaldiſtone geheißen habe, oder daß dieſer Name in der Unterredung zwiſchen beiden erwähnt worden, ſei ein unbedeutender Umſtand, auf den man kein Gewicht legen duͤrfe. Was die mir vorgeworfene Abveigung gegen die Regierung betreffe, ſo ſey ich erboͤtig, zur Zufriedenheit des Friedensrichters, des Schreibers und des Zeugen ſelbſt, zu beweiſen, daß ich zu denſelben reli⸗ giöſen Meinungen mich bekenne, wie der presbyterianiſche Geiſtliche; daß ich als guter Unterthan in den Grundſätzen der Revolution erzogen, und als ſolcher jetzt den Schutz 117 der Geſeze in Anfpruch nehme, die durch dieß große Er⸗ eignis England geſichert worden ſeyen. Der Friedeusrichter ruͤckte auf ſeinem Seſſel hin und her, nahm eine Priſe, und ſchien in ziemlicher Verlegen⸗ heit, waͤhrend der Advokat Jobſon mit all der Beweg⸗ lichkelt, die ſeinem Gewerbe eigen, ein Statut aus dem zaten Regierungsjahr Eduard III. verlas, welches Frie⸗ densrichtern geſtattet, Beſchuldigte oder Verdaͤchtigte anzu⸗ halten und zu verhaften. Der Schurke wendete meine Zu⸗ geſtaͤndniſſe gegen mich an: da ich eigenen Angaben zufolge geſtaͤndig ſei, Ausſehen und Benehmen eines Raͤubers oder Uebelthaͤters angenommen zu haben, haͤtte ich frei⸗ willig den Verdacht auf mich genommen, uͤber den ich mich beklagte, haͤtte mich in den Bereich des Geſezes geſtellt, da ich freiwillig mein Benehmen in die Farbe und Livree der Schuld gekleidet habe.“ Ich bekaͤmpfte dieſen juridiſchen Unſinn mit verachten⸗ dem Unwillen, und bemerkte:„wenn es nothwendig ſey, wolle ich die Buͤrgſchaft meiner Verwandten beibringen, die man, ohne gegen das Geſetz anzuſtoßen, nicht verwei⸗ gern koͤnne.“ „Verzeiht mir, werther Herr, verzeiht mir,“ ſaste der unerſaͤttliche Schreiber,„das iſt ein Fall, in dem kei⸗ ne Art Buͤrgſchaft angenommen werden kann, der Verbre⸗ cher, der wegen ſchwerer Verdachtsgruͤnde gefangen geſetzt werden ſoll, kann nicht gegen Verbuͤrgung anderer, daß er ſich ſtellen wolle, freigelaſſen werden; denn in dem Geſeze aus dem dritten Regierungsjahre Koͤnig Edwards iſt eine beſondere Ausnahme gemacht in Bezug auf die, welche be⸗ ſchuldigt ſind, eine Gewaltthat angeordnet, ausgeuͤbt oder unterſtuͤtzt zu haben;“ damit gab er dem Friedensrichter 118 einen Wink, daß ſolche weder gegen gewoͤhnliche noch ge⸗ gen außerordentliche Buͤrgſchaft freigegeben werden duͤrfen. Nach dieſen Worten trat ein Diener ein, und gab Herrn Jobſon einen Brief. Kaum hatte er ihn haſtig uͤberleſen, als er mit einem Tone, als ſey er ſehr aͤrger⸗ lich uͤber die Unterbrechung, und fuͤhle ſeine Wichtigkeit, ausrief:„Lieber Himmel! nun kann ich freilich weder an oͤffentliche Geſchaͤſte, noch an meine eigenen denken,— keine Ruhe, keine Raſt.— Wenn doch ein anderer Mann meiner Art hier an meiner Stelle waͤre!“ „Gott behuͤte!“ ſagte der Friedensrichter, halb laut im Tone der Verwuͤnſchung;„unſer eins hat genug an einem von der Zunft.“ „Ein Fall, wo es Tod und Leben gilt, edler Herr!“ „In Gottes Namen! nur keine Amtsgeſchaͤfte mehr,“ autwortete der Friedensrichter beunruhigt. 3 „Nein, nein!“ erwiederte Herr Jobſon ſehr raſch; „der alte Herr Rulledge auf Grime'shill iſt in die Ewig⸗ keit vorgeladen; er hat einen Eilboten nach dem Doktor Killdown geſchickt, um ſich verbuͤrgen zu laſſen— und ei⸗ unen andern nach mir, um ſeine zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.“ „Fort mit Euch alſo,“ ſagte Herr Inglewood haſtig; „der wird dem Geſeze nach auch nicht auf freien Fuß ge⸗ ſtellt, und der Friedensrichter Tod nimmt den Doktor ſchwerlich als Buͤrgen an.“ „Und doch,“ ſagte Jobſon, indem er ſich zoͤgernd der Thuͤre naͤherte,„wenn meine Gegenwart hier nothwendig waͤre,— ich koͤnnte den Verhaftsbefehl in einem Augen⸗ blick ausfertigen, und der Gerichtsdiener iſt ſchon unten. Auch habt Ihr gehoͤrt, was Herr Raſyleigh meinte.“ Dieß * 119 ſagte er mit leiſer Stimme, das Uebrige verlor ſich in ein Gefluͤſter. 3 Der Friedensrichter erwiederte laut:„ich ſage dir, nein, Menſch, nein,— es geſchleht nichts, bis du zuruͤck biſt, es iſt ja nur ein Ritt von ein Paar Meilen.— Gebt die Flaſche weiter, Herr Morris,— ſeyd nicht niederge⸗ ſchlagen, Herr Osbaldiſtone, und Ihr, meine wilde Roſe, einen Becher Wein, um die Roſen auf Euren Wangen wieder aufzufriſchen.“ Diana fuhr aus einer Traͤumerei auf, in die ſie waͤh⸗ rend der Unterredung verſunken ſchien.„Nein, Herr Frie⸗ densrichter, ich moͤchte die Roͤthe nicht auf einen Theil meines Geſichtes verſetzen, wo ſie ſich nicht gut ausneh⸗ men wuͤrde. Aber ich will Euch in einem kühleren Tranke Beſcheid thun;“ mit dieſen Worten fuͤllte ſie ein Glas mit Waſſer, und trank es mit einer unruhigen Haſtigkeit aus, die ihre angenommene Froͤhlichkeit Luͤgen ſtrafte. Ich hatte indeß nicht viel Zeit, um Bemerkungen uͤber ihr Benehmen zu machen, da ſch uͤber die neuen Hinder⸗ niſſe einer augenblicklichen Unterſuchung der widerwaͤrtigen und unverſchaͤmten Anklage aͤrgerlich war. Aber es war keine Moͤglichkeit, den Friedensrichter zu bewegen, die Sache in Abweſenheit ſeindès Schreibers vorzunehmen, die ihm offenbar ſo viel Vergnuͤgen machte, als den Schulkna⸗ ben efn Feiertag. Er wollte mit Gewalt Froͤblichkeit in eine Geſellſchaft bringen, deren Mitglieder weder durch ibre augenblickliche Lage, noch durch ihre Beziehung zu einander zur Freude geſtimmt waren.—„Kommt, Herr Morris, Ibr feyd ja nicht der erſte Mann, der beraubt wurde,— Kummer erſetzt den Verluſt nicht,— und Ihr, Herr Franz Osbaldiſtone, ſeyd auch nicht der erſte Wild⸗ 12²⁰ fang, der einem ehrlichen Manne ſein: Halt! zugerufen hat. Da war in meiner Jugend ein Jack Winterfield,— immer in den beſten Geſellſchaften, bei Pferdereunen und Hahnengefechten immer zu finden,— wir waren unzer⸗ trenglich.— Gebr die Flaſche weiter, Herr Morris, es iſt nicht gut, mit trockenem Munde reden;— manche Fla⸗ ſche habe ich mit dem armen Jack ausgeſtochen,— von gu⸗ ter Familte,— ein offener Kopf— helles Auge, ein ſo ehrlicher Burſche, bis auf den Handel, der ihn ums Leben brachte,— wir wollen auf ſein Andenken trinken, Ihr Herrn.— Der arme Jack Winterfield,— und da wir nun von ihm ſprechen,— und von dergleichen Dingen,— und da mein veroammter Schreiber mit ſeinem Kauderwaͤlſch wo anders iſt, und da wir ſo unter uns ſind, Herr Osbal⸗ diſtone,— wenn Ihr guten Raty annehmen wollt,— das Geſez iſt hart, ſeyr ſtreng,— der arme Jack Winterfield wurde geyangen zu VYork, trotz allen Familtenverbindungen und Puen Fuͤrſorechern,— blos weil er einen fetten Vieh⸗ haͤndler um einige Goldſtuͤcke leichter gemuacht hatte.— Nun, der ehrliche Herr Morris iſt ein wenig erſchreckt worden, und ſo weiter. Zum Teufel, gebt dem armen Mann ſein Felleiſen wieder, und der Spaß hat ein Ende.“ Morris Augen glaͤnzten bei dieſer Aufforderung, und er begann eine Verſicherung herauszuſtammeln, daß er nach keines Menſchen Blut duͤrſte, ich aber ſchnitt die vorge⸗ ſchlagene Bellegung kurz ab, indem ich des Friedensrich⸗ rers Aufforderung als eine Beleidigung aufnahm, da er mich geradezu des Verbrechens fuͤr ſculdig erklaͤrte, das ich voͤllig in Abrede zog. Wir waren noch in dieſem ſelt⸗ ſamen Geſpraͤch begriffen, ais ein Diener die Thuͤre oͤff⸗ nete, und einen fremden Herrn ankuͤndigte, der Sr. Eolen die Aufwartung machen wollte; der Angekuͤndigte trat auch ſogleich vyne weitere Umſtaͤnde ein. —y— —