* 5 Pvanhoe. ₰ Walter Sceott's ſaͤmmtliche r —.— Neu uͤberfetzt. Sieben und vierzigſter B Jvanhoe. Fuͤnfter Thei l. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1822. —— JIJvanhoe. Vom Verfaſſer des Waverley c. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Dr. Leonhard Tafel. Fuͤnfter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1827. —————. Erſtes Kapitel. Daß Du es biſt, bier werf ich bin mein Pfand, Dirs zu beweiſen bis zum letzten Hauch Des Menſchenothems. 3 Shakeſpears Richard It. Selbſt Lukas Beaumanior wurde durch Rebekkens Benehmen und Haltung geruͤhrt. Er war eigentlich von Natur weder grauſam, noch ſehr ſtreng; allein ohne ſtarke Leidenſchaften, mit einem hohen, ob⸗ gleich mißverſtandenen Pflichtgefuͤhl hatte ſein Gemuͤth almaͤlich durch das aszetiſche Leben, welches er fuͤhrte, eine gewiße Haͤrte angenommen, welche durch die hohe Amtsgewalt, und die ihm nach ſeiner Meinung beſonders obliegende Sorge, Ketzerei und Unglauben auszurotten, noch geſteigert wurde. Seine Geſichts⸗ zuͤge verloren viel von der gewohnten Strenge, als er das ſchoͤne Geſchoͤpf vor ihm betrachtete, das ver⸗ laſſen und freundlos, ſich mit ſo viel Geiſt und Muth vertheidigte. Er bekreuzte ſich zweimal, als wuͤßte er nicht recht, woher ihm die ungewohnke Be⸗ 3 6 ſaͤnftigung des Herzens gekommen war, das ſonſt ſo hart, wie der Stahl ſeines Schwertes war. Endlich begann er: „Naͤdchen, wenn das Mitleid, das Du mir einfloͤßeſt, ein Werk Deiner Hoͤllenkuͤnſte iſt, ſo iſt Deine Schuld ſehr groß. Allein ich ſchreibe es lieber den ſanften Gefuͤhlen der Natur zu, die es ſchmerz⸗ lich verwundet, daß eine ſo anmuthige Huͤlle das Gefaͤß der Verworfenheit ſein ſoll. Geh' in Dich, meine Tochter! bekenne Deine Zaubereien!— Ver⸗ laß Deinen falſchen Glauben!— Umfaſſe dieß heilige Sinnbild, und Alles ſoll hier und jenſeits gut fuͤr Dich enden. In irgend einer Schweſterſchaft des ſtrengſten Ordens ſollſt Du Zeit haben zu Gebet und Buße und zu jener Reue, die man nie bereut. Thue alſo und lebe!— Was hat das Geſetz Moſes fuͤr Dich gethan, daß Du dafuͤr ſterben wollteſt?“ „Es war das Geſetz meiner Vaͤter!“ ſprach Rebekka;„aus feurigen Wolken, unter Sturm und Donner ward es auf dem Berge Sinai gegeben. Dieß glaubt Ihr doch, wenn Ihr Chriſten ſeid?— es wurde, wie Ihr ſagt, widerrufen; allein meine Lehrer haben mich das nicht gelehrt.“ „Laßt unſern Kaplan vortreten“, ſprach Beau⸗ manoir,„und die verſtockte Unglaͤubige belehren.“—— „Verzeiht, daß ich Euch unterbreche,“ fiel fanft Rebekka ein,„ich bin ein Maͤdchen, ungeſchickt, fuͤr meinen Glauben mit Worten zu ſtreiten, gber ſuͤr — —— 3 7. ihn ſterben kann ich, wenn es Gottes Wille iſt.— Laßt mich Eure Antwort auf mein Begehr eines Kaͤmpfers vernehmen!“ „Gebt mir den Handſchuh. Ein ſchwaches, gebrechliches Pfand fuͤr einen ſo toͤdtlichen Zweck!“ ſprach Beaumanoir das feine Gewirk und die zarten, kleinen Finger betrachtend.„Siehſt Du, Rebekka, wie ſich Dein kleiner, leichter Handſchuh zu unſern ſchweren, ſtaͤhlernen verhaͤlt, ſo verhaͤlt ſich Deine Sache zu der des Tempels; denn es iſt unſer Orden, den Du herausgefordert haſt.“ „Werft meine Unſchuld in die andere Schale,“ antwortete Rebekka,„und der ſeidene Handſchuh wird den eiſernen aufwiegen.“ „So weigerſi Du Dich alſo beharrlich, Deine Schuld zu bekennen, und verbleibſt bei Deiner kuͤhn⸗ lichen Ausforderung?“ „Ja, edler Herr,“ antwortete Rebekka. „So ſei es denn im Namen Gottes,“ ſprach der Großmeiſter,„und moͤge Gott das Recht aus Licht foͤrdern.“ „Amen!“ riefen die ihn umgebenden Praͤzeptoren; und das Wort hallte dumpf durch die Verſammlung hin. „Bruͤder!“ ſprach Beaumanoir,„Ihr ſeht, d wir dem Weibe die Wohlthat des Rechtſpruchs durch Zweikampf abſchlagen konnten;— allein obgleich ſie eine Juͤdinn und Unglaͤubige iſt, ſo iſt ſie ja auch eine ſchutzloſe Fremde, und Gott verbietet, wenn ſie die Milde unſerer Geſetze in Anſpruch nimmt, ihr ſolches zu verſagen. Ueberdieß ſind wir ebenſowohl Ritter und Krieger, als Diener der Kirche, und Schande waͤr' es fuͤr uns, unter irgend einem Vorwand einen angebotenen Kampf auszuſchlagen. So ſteht jetzt die Sache! Rebekka, die Tochter Iſaaks von York iſt durch viele und verdaͤchtige Um⸗ ſtände der Zauberei beſchuldigt, die ſie an der Perſon eines edlen Ritters unſers heiligen Ordens veruͤbt haben ſoll, und hat zu Erhaͤrtung ihrer Unſchuld auf einen Zweikampf angetragen. Wem, ehrwuͤrdige Bruͤder, meint Ihr, daß wir das Pfand des Kampfes uͤberliefern ſollen, um ihn zu unſerem Kaͤmpfer zu erwaͤhlen?“— 1 „Dem Brian de Bois Guilbert,“ verſetzte der Praͤzeptor von Goodalricke,„den es vornehmlich be⸗ trifft, und der am beſten weiß, wie es um die Wahrheit ſteht.“ „Aber,“ entgegnete der Großmeiſter„wenn unſer Bruder Brian unter dem Einfluß irgend eines Zanbers ſteht— wir ſprechen blos der Vorſicht wegen,— denn keinem Arme des Ordens wuͤrden wir lieber dieſe und ſelbſt eine noch wichtigere Angelegenheit anvertrauen.“ „Hochwuͤrdiger Vater,“ erwiederte der Praͤzeptor von Goodalricke,„kein Zauberbann vermag etwas uͤber den Ritter, der ſich zum Kampfe fuͤr ein Gottes⸗ urtheil, ſtellt.“ 2: it. 8 — „Wohl geſprochen, Bruder,“ ſprach der Groß⸗ melſter.„Albert Malvoiſin, uͤbergib dieſen Fehde⸗ handſchuh dem Brian de Bois Guilbert.— Und wir befehlen Dir,“ fuhr er an Bois Guilbert ſich wendend fort,„Deinen Kampf mannlich suszukaͤmpfen, und nicht zu zweifeln, daß die gute Sache ſiegen wird. und Dir, Rebekka, beſtimmen wir den dritten Tag vom heutigen an, wo Du Deinen Kaͤmpfer zu ſtellen haſt. 7 „Das iſt eine kurze Friſt,“ autwo rrete Rebekka, „fuͤr eine Fremde, die nicht Eures Glaubens iſt, Jemand aufzufinden, der Ehre und Leben fuͤr ihre Sache wagt. 2 „Wir koͤnnen ſie nicht verlaͤngern,“ entgegnete der Großmeiſter;„der Kampf muß in unſrer Gegen⸗ wart ausgefochken werden; und vichtige Geſchaͤfte rufen uns am vierten Tage von hier ab.“ „Gottes Wille geſchehe!“ ſprach Rebekks;„ich ſetze mein Vertrauen auf ihn, dem ein Augenblick zur Rettung eben ſo viel iſt, als Jahrhunderte.“ „Wohl geſprochen, Juͤngferchen,“ verſetzte der Großmeiſter;„allein wir kennen ſebr wohl ihn, der ſich als ein Engel des Lichtes zu gebaͤrden weiß⸗. Es bleibt nur noch uͤbrig, den Kampfplatz und, wenn ſichs ſo fuͤgt, den Richtplatz zu beſtimmen. Wo iſt der Praͤzeptor dieſes Hauſes?“ Albert Mabooöüin„noch immer Rehekteid Huad⸗ ſchuh haltend, ſprach leiſe aber ernſthaft mit Bois Guilbert. „Wie?“ fragte der Großmeiſter,„will er das Pfand nicht annehmen?“ „Er will!— Er nimmt es, hochwuͤrdigſter Vater,“ ſagte Malvoiſin, den Handſchuh ſchnell unter ſeinen eigenen Mantel verbergend.„Zum Kampfplatz halt ich die Schranken zu St. Georg am paſſendſten; ſie gehoͤren zur Praͤzeptorei und werden von uns ge⸗ woͤhnlich zu kriegeriſchen Uebungen benutzt.“ „Gut!“ erwiederte der Großmeiſter.„Rebekka, in dieſe Schranken ſollſt Du Deinen Kaͤmpfer be⸗ rufen, und wenn Dus nicht thuſt, oder Dein Kaͤmpfer im Gottesurtheil faͤllt, ſo ſollſt Du nach dem Urtheil den Tod einer Zauberinn ſterben. Dieſen unſern Urtheilsſpruch laßt bekannt machen und ausrufen, daß Niemand ſich mit Unwiſſenheit ntſchuldigen koͤnne.“ Einer der Kaplane, der als Ordensſchreiber zu⸗ gegen war, trug ſogleich den Befehl in ein großes Buch ein, das die Verhandlungen der Tempelherrn bei dergleichen Verſammlungen enthielt; und als er dieß beendet hatte, las der Andere das Urtheil des Großmeiſters mit lauter Stimme vor; es war aus dem Normaͤnniſchfranzoͤſiſchen ins Engliſche betttae gen und lautete wie folgt: „Rebekka, eine Juͤdinn, Tochter des Iſaak von NDork, der Zauberei, Verfuͤhrung und anderer ver⸗ 11 dammungswuͤrdiger Kuͤnſte verdaͤchtig, gegen einen Ritter des heiligen Ordens des Tempels von Zion ver⸗ uͤbt, laͤugnet die Anklage. Sie erklaͤrt das gegen ſie abgelegte Zeugniß fuͤr falſch, hinterliſtig und frevel⸗ haft; und in Hinſicht ihres Geſchlechts nach dem Geſetze unfaͤhig, ſelbſt fuͤr ihre Sache zu kaͤmpfen, erbietet ſie ſich, einen Kaͤmpfer zu ſtellen, der durch Ausuͤbung ſeiner Ritterpflicht in jeder Weiſe und mit zu ſolchem Kampfe tauglichen Waffen ihr Recht auf ihre eigene Gefahr und Koſten vertreten wird. Dafuͤr ſteht ſie mit einem Pfande ein. Dieß Pfand, dem edeln Lord und Ritter des heiligen Tempels auf Zion, Brian de Bois Gullbert eingehaͤndigt, be⸗ ſtimmte dieſen im Namen ſeiner und des Ordens, als durch die Kuͤnſte der Angeklagten gefaͤhrdet und ge⸗ peinigt, den Kampf auszufechten. Deßwegen hat der hochwuͤrdigſte Vater und maͤchtige Lord Lukas, Marquis von Beaumanoir beſagte Ausforderung und Vertretung der Angeklagten geſtattet, den dritten Tag zum Kampfe ſeſtgeſetzt und die Schranken zu St. Georg, in der Naͤhe von Templeſtowe zum Kampf⸗ platz beſtimmt. Der Großmeiſter gebietet der An⸗ geklagten, dort ihren Kaͤmpfer zu ſtellen, bei Strafe als eine der Zauberei uͤberwieſene Perſon verurtheilt zu werden. Auch dem Vertheidiger wird geboten, zu erſcheinen, bei Strafe, im Weigerungsfalle als Ab⸗ truͤnniger verurtheilt zu werden. Auch hat der oben benannte hochwuͤrdigſte Vater feſtgeſetzt, daß der 12 Kampf in ſeiner Gegenwart, nach Sitte und Schick⸗ lichkeit Statt finden ſoll.— Moͤge Gott der gerech⸗ ten Sache beiſtehn!“ „Amen!“ ſprach der Großmeiſter, und ringsum toͤnte das Wort wieder. Rebekka ſprach nicht, ſon⸗ dern blickte mit gefalteten Haͤnden zum Himmel auf, und blieb eine Minute in dieſer Stellung. Dann ſtellte ſie beſcheiden dem Großmeiſter vor, wie man ihr Gelegenheit goͤnnen muͤßte, ihren Freunden von ihrer Lage Nachricht zu geben, damtt es ihr moͤg⸗ lich werde, einen Streiter fuͤr ihre Sache zu ſtellen.“ „Das iſt gerecht und geſetzlich,“ ſprach der Groß⸗ meiſter.„Waͤhle Dir einen Boten, dem Du trauen magſt, ſo ſoll er freien Zutritt in Dein Gefaͤngniß erhalten.“ „Iſt Niemand hier,“ fragte Rebekka,„der aus Liebe fuͤr die gute Sache, oder gegen reichliche Be⸗ lohnung die Botſchaft eines ungluͤcklichen Weſens uͤber⸗ nimmt?“ Alles ſchwieg; denn Niemand hielt es fuͤr ſicher, in Gegenwart des Großmeiſters einen Antheil an dem Schickſal der verleumdeten Gefangenen zu zeigen, damit er nicht einer Beguͤnſtigung des Juden⸗ thums auch nur von weitem verdaͤchtig wuͤrde. Selbſt nicht die Ausſſicht auf reichen Lohn, noch viel weni⸗ ger bloſes Mitleid konnte dieſe Furcht uͤberwinden. NRebekka ſtand einen Augenblick in unbeſchreib⸗ licher Angſt; endlich rief ſie aus:„So iſt es denn wirklich ſo?— Hier auf Englands Boden bin ich — — 8 ſelbſt des armſeligen Mittels, das mir noch zur Ret⸗ tung bleibt, beraubt, aus Mangel an Menſchlichkeit, die man ſelbſt dem niedrigſten Verbrecher nicht ver⸗ ſagt!“ Higg, der Sohn Snells ſprach endlich:„Zwar bin ich nur ein verkruͤppelter Mann, allein, daß ich mich noch ruͤhren und bewegen kann, verdank' ich ih⸗ rer mitleidigen Huͤlfe. Ich will Deine Botſchaft beſorgen,“ fuhr er ſort, ſich an Rebekka wendend, „ſo gut, als es ein Kruͤppel kann, und waͤre gluͤck⸗ lich, wenn ich durch den Gebrauch meiner Glieder das Unrecht verguͤtete, das Dir meine Zunge zuge⸗ fügt hat. Als ich Deine Guͤte ruͤhmte, kam es mir nicht in den Sinn, daß ich Dich damit in Gefahr bringen wuͤrde.“ „Es waltet ein Gott uͤber uns,“ ſprach Rebelka, „auch durch das ſchwaͤchſte Werkzeug kann er Juda’s Gefangenſchaft enden! Um ſeine Botſchaft auszurich⸗ ten, iſt die Schnecke ein ſo ſicherer Bote, als der Falke. Suche Iſaak von York auf,— hier iſt, wo⸗ von Mann und Roß bezahlt werden kann,— und ſtell ihm dieſes Blatt zu!— Ich weiß nicht, ob es Eingebung des Himmels iſt, die mich beſeelt, ich glaube zuverſichtlich, ich ſoll dieſen Tod nicht leiden, es wird mir ein Kaͤmpfer erſtehen. Lebe wohl!— Leben und Tod haͤngt von Deiner Eile ab!“ Der Landmann nahm das Blatt, welches nur wenige hebraͤiſche Worte enthielt. Viele von den 4 14 Anweſenden wollten ihm abreden, ſich mit einem ſo verdaͤchtigen Dokument zu befaſſen; allein Higg war entſchloſſen, ſeiner Wohlthaͤterinn zu dienen.„Sie hat meinen Leib gerettet,“ ſprach er,„und ich bin feſt uͤberzeugt, daß ſie meiner Seele keinen Scha⸗ den thut!“ „Ich will mir meines Nachbars Butham guten Klepper nehmen, und in York ſein, ſo ſchnell als Roß und Mann es vermoͤgen.“ Allein das Gluͤck wollte, daß er nicht ſo weif zu eilen brauchte; kaum eine Viertelmeile von der raͤ⸗ zeptorei ſtieß er auf zwei Reiter, die er an ihrer Kleidung und ihren hohen blauen Muͤtzen ſogleich fuͤr Juden erkannte. Als er naͤher kam, fand er in einem ſeinen alten Brodherrn Iſaak von York. Der Andere war der Rabbi Ben Samuel, und beide hat⸗ ten ſich der Praͤzeptorei ſo weit genaht, als ſie es wagen durften, da ſie vernahmen, daß der Großmei⸗ ſter eine Unterſuchung wegen eines Herenprozeſſes eingeleitet habe. „Bruder Ben Samuel,“ ſagte Zſaak;„meine Seele iſt geaͤngſtiget, ich weiß nicht warum. Oft ſchon hat man ſich der Beſchuldigung der Schwarz⸗ kuͤnſtelei bedient, um unſrem Volke Boͤſes zuzufuͤgen.“ „Sei getroſt, Bruder,“ ſprach der Arzt;„Du kannſt Dich ja mit den Nazarenern abfinden, da Du im Beſitz des ungerechten Mammons biſt, und leicht wird es Dir, ſie von der Strafe loszukaufen. — -——— Seine Kraft bezaͤhmt den wilden Sinn jener gottlo⸗ ſen Menſchen, wie das Siegel Salomo's der Sage nach die boͤſen Geiſter beherrſchte. Freund,“ fuhr der Arzt zu Higg fort,„ nicht verſage ich Dir den Beiſtand meiner Kunſt, aber keinen Heller geb ich denen, die auf der Straße betteln. Fort mit Dir! Haſt Du die Gicht in den Beinen, ſo kannſt Du Dir mit Handarbeit Dein Brod verdienen, kannſt Du nicht Hirte werden, oder Bote oder Soldat, ſo gibt es ja noch Beſchaͤftigungen— Was iſt Dir, Bru⸗ der?“ rief er, ſeine Predigt unterbrechend und auf Iſaak blickend, der, nachdem er einen Blick auf das Blatt geworfen hatte, das ihm Higg reichte, wie ein Sterbender vom Maulthiere ſank, und einen Augen⸗ blick beſinnungslos liegen blieb.. In großer Beſtuͤrzung ſtieg der Rabbi ab, und wollte ſchleunigſt die Mittel ſeiner Kunſt anwenden, um ſeinen Gefaͤhrten wieder ins Leben zu bringen. Schon nahm er ſeinen chirurgiſchen Apparat aus der Taſche, ihm eine Ader zu ſchlagen, als der Gegen⸗ ſtand ſeiner aͤngſtlichen Beſorgniß ſich wieder von ſelbſt zu erholen begann; allein es geſchah nur, um ſich die Muͤtze vom Kopfe zu reißen und Staub auf ſein graues Haupthaar zu ſtreuen. Der Arzt glaubte fur den Augenblick ihn ploͤzlich wahnſinnig geworden und fing ſchon an ſeine Geraͤthſchaften wieder zur ) Hand zu nehmen. Allein Iſaak benahm ihm bald ſeinen Irrthum. 16 „Kind meines Kummers,“ rief er,„wohl ſoll⸗ teſt Du Beuoni, ſtatt Rebekka heißen. Warum muß Dein Tod dieſe grauen Haare in die Grube bringen, auf daß ich in der Bitterkeit meines Herzens Gott fluche und ſterbe?“ „Bruder,“ erwiederte Rabbi ſehr erſtaunt,„biſt Du ein Vater in Iſrael und ſtoͤßeſt ſolche Worte aus? Ich glaube gewiß, daß das Kind Deines Hau⸗ ſes noch lebt.“ „Sie lebt,“ antwortete Iſaak,„allein bie Da⸗ niel, genannt Belſazar, in der Loͤwengrube; eine Gefangene jener Belialskinder; ſie werden ihre Grau⸗ ſamkeit an zvr auslaſſen und weder mit ihrer Jugend noch ihrer lieblichen Geſtalt Erbarmen haben! O! ſie war eine Palmenkrone auf mein graues Haar, und ſie mußte in einer Nacht, gleich dem Kuͤrbis des Jonas, verwelken!— Kind meiner Liebe!— Kind meines Alters!— O Rebekka, Rachels Toch⸗ ter! die finſtern Todesſchatten hahen Dich um⸗ fangen!“ „Lest doch das Blatt,“ rief der Nabti:;„wielk leicht finden wir einen Weg zu ihrer Rettung!“ „Lies Du ihn, Bruder,“ antwortete Iſaak; „denn meine Augen ſind ein Thraͤnenquell geworden.“ Der Arzt las, jedoch in ihrer Mutterſprache, fol⸗ sende Worte: 1 „An Ifaak, den Sohn Adonikams, den die Hel⸗ den Iſaak von York nennen.— Der Friede nn die —x — 3 17 die Segnungen der Verheißung werden vervielfaͤltigt uͤber Dir! Mein Vater, ich bin verurtheilt zu ſter⸗ ben fuͤr etwas, das meiner Seele unbekannt iſt— für das Verbrechen der Zauberei.— Mein Vater⸗ follte ſich ein ſtarker Mann finden laſſen, der fuͤr meine Sache mit Schwert und Lanze nach der Sitte der Nazarener in den Schranken von Godſtowe am dritten Tage von heute an kaͤmpfen will, ſo mag vielleicht der Gott unſrer Vater ihm Kraft verlei⸗ hen, die Unſchuld zu vertheidigen, die huͤlflos und verlaſſen iſt. Kann aber dieß nicht geſchehen, ſo laßt die Jungfrauen unſres Volkes trauern uͤber mich, als eine Hinweggeriſſene, ein vom Jaͤger erlegtes Wild, eine unter der Sichel des Schnitters gefallene Blume. Siehe Dich daher um, was zu thun, und ob noch Huͤlfe zu hoffen iſt. Ein nazareniſcher Krieger moͤchte vielleicht die Waffen fuͤr mich nehmen, und das iſt Wilfried, der Sohn Cedries, den die Heiden Jvanhde nennen. Allein er wird die Ruͤſtung noch nicht tra⸗ gen koͤnnen. Deſſenungeachtet ſendet ihm die Nach⸗ richt zu, Vater; er hat Freunde unter den Starken ſeines Volkes, und da er unſer Gefaͤhrte in dem Hauſe der Knechtſchaft war, ſo wird er vielleicht Je⸗ mand finden, der fuͤr mich kaͤmpft. Sag ihm aber, Vater, nur ihm, ihm, Wilfrieden, dem Sohne Co⸗ drics, daß Rebekka, ob ſie leht oder ſtirbt, lebt oder Kirbr, gaͤnzlich frei von der Schuld, deren man ſie an⸗ klagt! Und wenn es der Wille Gottes iſt, daß Du Dei⸗ W. Seott's Werke. XLVII. 2 laͤnger in dem Lande der Blutſchuld und Grauſam⸗ keit, alter Mann! wende Dich nach Cordova, wo Dein Bruder ruhig lebte unter dem Schatten eines Thrones, unter dem Schatten des Thrones Boabdils des Sarazenen; denn weniger grauſam iſt das Ver⸗ fahren der Mauren gegen das Geſchlecht Jakobs, als das der Nazarener in England.“ Mit leidlicher Faſſung hoͤrte Iſaak der Vorle⸗ ſung Ben Samuels zu, dann uͤberließ er ſich aber ganz den Gebaͤrden und dem Jammergeſchrei der Morgenlaͤnder, zerriß ſeine Kleider, ſtreute Staub auf ſein Haupt und ſchrie:„O meine Tochter! meine Tochter! Fleiſch von meinem Fleiſch! Gebein von mei⸗ nem Gebeine!“ „Faſſe Muth, Iſaak!“ ſprach der Rabbi;„denn Dein Kummer hilft Dir nichts. Umguͤrte Deine Lenden und ſuche Wilfried, den Sohn Cedrics auf. Wieleicht vermag ſein Rath oder ſeine Kraft Dir zu helfen; denn der Juͤngling hat Gnade gefunden in A den Augen Richards, von den Nazarenern Loͤwenherz genannt, und die Sage von ſeiner Ruͤckkehr erhaͤlt ſich fortwaͤhrend im Lande. Vielleicht erhaͤlt er von ihm Brief und Siegel, wodurch dieſen blutgierigen Men⸗ ſchen, die zur Schande des Tempels ſeinen Namen fuͤhren, gebietet, in ihrer beabſichtigten Bosheit nicht weiter zu gehn.“ „Ich will ihn aufſuchen,“ ſprach Iſaak;„denn ner Tochter beraubt werden ſollſt, ſo verweile nicht 4 3 3 19 er iſt ein guter Juͤngling, der Erbarmen hat mit den Vertriebenen Jakobs.— Aber er kann ſeine Ruͤ⸗ ſtung nicht tragen, und welcher andere Chriſt wuͤrde fuͤr das unterdruͤckte Zion kaͤmpfen?“ „Nein,“ ſagte der Rabbi,„da ſprichſt Du, wie einer, der die Heiden nicht kennt. Mit Gold erkauſſt Du ihre Tapferkeit ſo gut als Deine Sicherheit. Sei guten Muthes und mache Dich auf den Weg, dieſen Wilfried von Ivanhoe aufzuſuchen. Auch ich will das Meinige thun; denn große Suͤnde waͤr' es, Dich in dieſer Noth zu verlaſſen. Ich eile nach der Stadt York, wo viele Krieger und ſtarke Streiter ver⸗ ſammelt ſind; ich zweifle nicht, dort einen Kaͤmpfer fuͤr Deine Tochter zu finden; denn Gold iſt ihr Goͤtze, und fuͤr Reichthum ſetzen ſie ihr Leben wie ihre Guͤ⸗ ter ein. Du wirſr doch die Verſprechungen, die ich in Deinem Namen eingehe, halten?“ „Gewißlich, Bruder! Dem Himmel ſei Dank, der mir in meinem Elend einen Troͤſter ſendet. Aber bewillige ihnen ihre Forderungen nicht auf einmal; denn Du wirſt finden, daß das verfluchte Volk Pfunde fordert und mit Unzen ſich begnuͤgt.— Aber es ſei Alles, wie Du willſt; denn ich weiß mich nicht zu faſſen; was haͤlfe mir auch all mein Gold, wenn das Kind meines Herzens untergehn ſollte?“ „Lebe wohl!“ ſprach der Arzt,„und moͤge es Dir ergehen, wie es Dein Herz wuͤnſcht.“ Sie umarmten ſich und ſchlugen verſchiedene Wege 2.. 20 ein. Der verkruͤppelte Landmann blieb noch hnen Augenblick und ſah ihnen nach. „Die Hunde von Inden!“ rief er,„die ſich nicht mehr um einen freien Handwerksmann bekuͤm⸗ mern, als ob ich ein Leibeigener, ein Tuͤrke oder ein beſchnittener Hebraͤer wie ſie ſelber waͤre! Sie haͤt⸗ ten mir doch ein oder ein Paar Silberſtucke zuwer⸗ fen koͤnnen. Ich war nicht verpflichtet, das unheilige Geſchreibſel zu uͤberbrengen und Gefahr zu laufen, behert zu werden, wie mir die Leute ſagten. Was mache ich mir aus dem Bißchen Gold, das mir die Dirne gab, wenn ich bis naͤchſte Oſtern bei der Beichte dafuͤr vom Prieſter gequaͤlt werde, und zweimal ſo viel geben muß, als ich erhielt, um die Sache mit ihm abzuthun, und uͤberdieß mein Lebenlang die ſtie⸗ gende Judenpoſt heiße?— Ich glaube in allem Ernſt, daß ich behert war, als ich ihr zur Seite ſtand. Aber das war ja mit Allen, Juden oder Chriſten der Fall, die ihr nahe kamen!— Keiner konnte ſtehn bleiben, wenn ſie einen Boten brauchte,— noch jezt wollt ich, wenn ich an ſie denke, Laden und Werkzeng ge⸗ ben, um ihr Leben zu retten.“ w— † 21 Zweites Kayitel. Wie kalt und mitleidlos Du, Mädchen, biſt, Mir ſchwellt den Buſen gleicher Stolz.— 7 Es war im Zwielicht des Tages, an welchem die Unterſuchung, wenn man ſie ſo nennen durfte, Statt fand, als ſich ein leiſes Pochen an Rebekka's Ker⸗ kerthuͤr hoͤren ließ. Es ſtoͤrte die Bewohnerinn nicht, die ſich mit den in ihrem Glauben vorgeſchriebenen Gebeten beſchaͤftigte und mit einer Hymne ſchloß welche in unſrer Sprache etwa alſo lauten wuͤrde: as Ifrael, geliebt noch vom Herrn s der Knechtſchaft Bande⸗ Zog ſeiner Bäter Gott als Führer ihm voran, In Rauch und Flammen hoch er brannte. Am Tage ſahen die erſtaunten Lande Die Wolkenſäule an dem Himmel ziehn Bei Nacht auf Arabiens rötblichem Sande Weithin die Flammenſäule ergtühn. Seward. Heimkehrte au Da erhob ſich vielſtimmiger Lobgeſang⸗ Ihn hallten Zimbein und Trompeten wieder, Der Töchter Zions Jubelklang ſtimmt' ein IFn ihrer Prieſter, ihrer Krieger Lieder. Ein Wunder ſchreckt jezt unſre Feinde nicht/ Iſrael wandert allein, verlaſſen Es ſuchten unſre Väter nicht Dein Licht, Drum haſt Du ſir dem Irrwahn überlaſſen. 8 Allgegenwärtiger, ob auch umgeſehn Wenn glänzend mir der Tag des Glückes ſirahler 22 Sei der Gedank' an Dich das Wolkenkleid, Das meinem Aug' des Truges Täuſchung mahlet, Und ach! wenn über Juda's Pfade Auch Sturm und Nacht das Unglück breitet, Sei Deine Langmuth, Deine Gnade Der Stern, der mich durchs Dunkel leitet. An Babels Strom blieb unſer Harfenſpiel, Der Heiden Spott, und des Tyrannen Hohn, Kein Weihrauch duftet mehr auf dem Altar, Es ſchweigt der Hörner, der Trompeten Ton. Doch Du haſt ja geſagt:„nicht Ziegenblut, Nicht Fleiſch vom Widder Euch mag frommen, Ein reuig Herz, ein ſtilt ergebner Muth, Nur ſolch ein Opfer iſt willkommen.“ Als die Toͤne von Rebekkens frommem Geſange verklungen waren, ließ ſich das leiſe Pochen an der Thuͤre abermals vernehmen.„Critt ein!“ ſprach ſie,„wenn Du ein Freund biſt; biſt Du ein Feind, ſo ſteht es nicht in meiner Mächt, Dir den Eingang zu verwehren!“ „Ich bin,“ ſprach Brian de Bois Gullbert, ins Zimmer tretend,„Freund oder Feind, zu was mich der Ausgang dieſer Unterredung machen wird.“ Beſtuͤrzt uͤber den Anblick dieſes Mannes, deſ⸗ ſen ausſchweifende Leidenſchaft ſie als die Wurzel ih⸗ res Ungluͤcks betrachtete, ſchrak Rebekka zuruͤck und wich vorſichtig und beunruhigt, jedoch nicht furchtſam Iin die aͤuſſerſte Ecke des Gemaches, als ſei ſie ent⸗ ſchloſſen, ſich ſo weit als moͤglich zuruͤckzuziehen, doch wenn die Flucht nicht moͤglich waͤre, feſt ihren Platz — —— 23 zu behauvten. Sie ſetzte ſich in eine zwar nicht heraus⸗ fordernde, aber entſchloſſene Stellung, um ihn mit der àuſſerſten Anſtrengung zuruͤckzuweiſen. „JIhr habt nicht Grund, mich zu fuͤrchten, Re⸗ bekka,“ begann der Templer;„oder wenn ich mich genauer ausſprechen ſoll, wenigſtens jezt keinen Grund, mich zu fuͤrchten.“ „ZIch fuͤrchte Euch nicht, Herr Ritter,“ entgeg⸗ nete Rebekka, obgleich ihr kurzer Athemzug ihre hel⸗ denmuͤthige Rede Luͤgen zu ſtrafen ſchien;„mein Vertrauen iſt ſtark, ich fuͤrchte Euch nicht!“ „Auch habt Jyr's nicht Urſache,“ erwiederte Bois Gullbert ernſt;„meine fruͤheren wahnſinnigen Verſuche habt Ihr jezt nicht zu fuͤrchten! Eine Wa⸗ che, uͤber welche ich keine Macht habe, koͤnnt Ihr zu Eurem Beiſtand rufen; ſie iſt zwar beſtimmt, Euch zum Tode zu fuͤhren, Rebekka, wird aber nicht dul⸗ den, daß Euch Jemand beleidigt, ſelbſt wenn mich mein Wahnſinn— denn Wahnſinn iſt es— ſo weit treiben ſollte.“ „Gott ſei gelobt!“ rief die Juͤdinn,„der Tod iſt das Geringſte, was ich in dieſer Hoͤhle des Un⸗ gluͤcks fuͤrchte.“ „Ja,“ erwiederte der Templer,„leicht vermag ein muthiger Geiſt die Gedanken des Todes zu faſ⸗ ſen, wenn der Weg dazu gerade und offen iſt. Ein Stoß mit der Lanze, ein Streich mit dem Schwert iſt mir unbedeutend— Euch iſt ein Sprung von der 1——— ————— 24 chwindelnden Zinne, ein Stich mit der Schaͤrfe des Dolches nichts Schreckliches in Vergleich mit dem, was uns Schande duͤnkt. Verſteh mich wohl, Re⸗ bekka, vielleicht ſind meine Begriffe von Ehre nicht minder fantaſtiſch, als die Deinigen; doch wiſſen wir Beide fuͤr ſie zu ſterben.“⸗ „Ungluͤcklicher Mann,“ ſagte die Juͤdinn,„ſo biſt Du alſo verdammt, Dein Leben fuͤr Grundſaͤtze zu wagen, deren Haltbarkeit Dein richtigeres Urtheil nicht anerkennt? Das heißt, ſeine Schaͤtze fuͤr ge⸗ haltloſe Wagre opfern!— ſo iſt es nicht bei mir. Dein Entſchluß mag auf den wilden und unſichern Wogen menſchlichen Irrwahns unſtaͤt umhertreiben, der meinige ankert feſt auf dem Helſen der Jahr⸗ hunderte!“* „Schweig, Maͤdchen,“ antwortete der Templer, „ſfolche Rede fuͤhrt zu nichts— Du biſt verurtheilt keines plözlichen, ſchmerzloſen Todes zu ſterben, wie ihn das Elend ſucht und die Verzweiflung wuͤnſcht — nein, eines langſamen, elenden qualvollen Todes, wie ihn der teufliſche Aberglauben dieſer Menſchen Deines vermeintlichen Verbrechens fuͤr wuͤrdig haͤlt.“ „Und wen— wenn dieß mein Schickſal iſt— wen hab ich deſſen anzuklagen?“ fragte Rebekka; „ſicherlich blos den, der aus ſelbſtſuͤchtiger, unedler Abſicht mich hieyer ſchleppte, und nun aus mir un⸗ 4 bekannten Gruͤnden das elende Loos, das meiner wartet, mit uͤbertriebenen Farben ſchildert?“ 25 „Denke nicht,“ verſetzte der Templer,„daß ich es war, der Dich ihm Preis gab. Gern haͤtte ich Dich gegen ſolche Gefahr mit meinem eignen Leben geſchutzt, ſo wie ich mich den Pfeilen darbot, die Dein Leben bedrohten.“— „Waͤre Deine Abſicht geweſen⸗ die Unſchuld zu beſchuͤtzen,“ ſagte Rebekka,„ſo wuͤrd' ich Dir deſſen Dank wiſſen; allein ſchon zu oft haſt Du mir Dein Verdienſt deßhalb geruͤhmt, und ich erklaͤre Dir, daß mir Dein Leben nichts gilt fuͤr den Preis, den Du dafuͤr forderſt.“ „Halt ein mit Deinen Vorwuͤrfen, Rebekka,“ ſiel der Templer ein;„ich habe der Gruͤnde zum Kummer ſchon genug, und nicht noͤthig iſt es, daß Deine Anklagen ſie noch vermehren.“ „Was iſt alſo Dein Begehr, Herr Ritter?“ fragte die Juͤdinn;„ſprich es kurz aus.— Haſt Du was andres vor, als das Elend mit anzuſehn, das Du herbeigefuͤhrt, ſo laß michs wiſſen, und dann verlaß mich, wenn es Dir gefaͤllt!— Kurz aber furchtbar iſt der nebertritt aus der Zeit in die Ewig⸗ keit, und ich habe nur wenige Minuten, mich dar⸗ auf vorzubereiten.“* „Ich ſehe, Rebekka,“ ſprach Bois Guilbert,„daß Du mir noch immer die Laſt des Unglucks aufbuͤr⸗ deſt, das ich ſo gern von Dir abgewandt haͤtte.“ „Herr Ritter,“ erwiederte Rebekka;„gern moͤcht ich es vermeiden, Euch Vorwuͤrfe zu machen, allein 26 es iſt nur zu gewiß, daß Deine ungezuͤgelte Leiden⸗ ſchaft meinen Tod herbeigefuͤhrt hat.“ „Ihr irrt Ihr irrt—“ ſprach der Templer haſtig, „wenn Ihr, was ich w der ahnen, noch vorausſehen konn⸗ te, mir als Vorſaz oder Plan zurechnet. Konnte ich die unerwartete Ankunft jenes aberwizigen Gecken vermu⸗ then, den ein Auflodern wilder Tapſerkeit und das Lob einer dummen Selbſtpeinigung fuͤr den Augen⸗ blick weit uͤber ſeine eigenen Verdienſte, uͤber den geſunden Menſchenverſtand, uͤber mich, uͤber Hun⸗ derte meines Ordens erhoben haben, welche ſich von ſolchen uͤberhirniſchen Vorurtheilen frei wiſſen, die ſeine Anſichten und Handlungen leiten.“ „und doch,“ ſprach Rebekka,„ſaßet Ihr als Richter uͤber mich, die Ihr als unſchuldig, als ganz un⸗ ſchuldig kanntet— ſtimmtet mit in meine Verur⸗ theilung ein, und wolltet, wenn ich recht verſtand, lelbſt in den Waffen erſcheinen, um meine Schuld zu beweiſen und meine Strafe zu ſichern.“ „Geduld, Maͤdchen,“ erwiederte der Templer, „kein Stamm kennt die Tugend ſich in die Zeit zu ſchicken, beſſer, als der Deinige, und das Schiff ſo zu ſteuern, daß man auch den unguͤnſtigen Wind benuͤtzt.“ „nuunſelige Stunde,“ entgegnete Rebekka,„die ſolche Kunſt das Haus Iſrael lehrte— Aber das Ungluͤck beugt die Herzen, wie das Feuer den ſproͤ⸗ den Stahl, und welche ſich ſelbſt nicht mehr behert⸗ * „ 27 ſchen moͤgen und nicht mehr freie Buͤrger eines frelen Staates ſind, muͤſſen ſich vor dem Fremden beugen; aber Ihr, die Ihr Euch Eurer Freiheit als eines angebornen Rechtes ruͤhmt,— um wie viel groͤßer iſt Euer Unrecht, daß Ihr Euch gegen Eure beſſere Ueberzeugung unter fremde Vorurtheile erniedrigt!“ „Eure Worte ſind bitter, Rebekka,“ begann Bois Guilbert, im Zimmer unruhig auf und nieder ſchreitend,—„allein ich bin nicht hieher gekommen⸗ Vorwuͤrfe mit Dir auszutauſchen.— Wiſſe, daß Bois Guilbert keinem erſchaffenen Manne nachgibt, wenn auch die Umſtaͤnde ihn fuͤr den Augenblick ſeine Plane taͤuſchen laſſen. Sein Wille iſt gleich dem Gekirgs⸗ ſtrom, der ſich wohl um den Felſen beugt, aber ſeinen Weg zum Ozean nicht verfehlt. Das Blatt, das Dir den Wink gab, Dir einen Kaͤmpen zu ver⸗ langen, von wem konnteſt Du glauben, daß es kom⸗ men koͤnne, auſſer von Bois Guilbert? Bei wem ſonſt konnteſt Du ſolche Theilnahme erwarten?“ „Ein kurzer Aufſchub des augenblicklichen To⸗ des,“ erwiederte Rebekka,„der nur wenig hilft.— War dieß Alles, was Du thun konnteſt fuͤr ein Maͤd⸗ chen, auf deren Haupt Du bittern Gram gewaͤlzt, und die Du an den Rand des Grabes gebracht haſt 5 1 „Nein Maͤdchen,“ entgegnete Bois Guilbert, „das war nicht Alles, was ich beabſichtigte. Haͤtte ſich nicht jener aberwitzige Geck und der Natr von Goodalricke eingemiſcht, der, obwohl ein Templer, 28 vorgibt, nach den gewoͤhnlichen Geſetzen der Menſch⸗ lichkeit zu denken und zu handeln, ſo wuͤrde das Amt eines Kaͤmpfers nicht einem Praͤzeptor, ſondern einem gewoͤhnlichen Mitglied des Ordens anheim⸗ gefallen ſein. Dann waͤr' ich ſelbſt— ſo war mein Vorſatz— auf den Klang der Trompete in den Schranken als Dein Kaͤmpe erſchienen, verkleidet als ein irrender Ritter, der Abenteuer aufſucht, um Schwert und Lanze zu bewaͤhren; und dann ſollte Lukas auch zwei oder drei der hier verſammelten Bruͤ⸗ der erwaͤhlen, ich haͤtte ſie gewiß mit einem einzi⸗ gen Lanzenſtoß aus dem Sattel gehoben. So, Re⸗ bekka, wuͤrde Deine Unſchuld bewaͤhrt worden ſein, und Deiner eignen Dankbarkeit hͦtt ich den Lohn des Siegs uͤberlaſſen.“ „Das iſt nur eitles Gerede, Herr Ritter,“' ver⸗ ſetzte Rebekka,—„wenn Ihr Euch ruͤhmt ob dem, was Ihr gethan haben wuͤrdet, wenn Ihr es nicht peguemer gefunden haͤttet, anders zu handeln. Ihr nah⸗ met meinen Handſchuh an, und mein Kaͤmpfe, wenn ein ſo verlaſſenes Geſchoͤpf, wie ich, einen finden mag, muß ſich Eurer Lanze in den Schranken ſtellen, und doch— doch nehmt Ihr noch die Miene meines Freundes und Beſchuͤtzers an?“ „ Deines Freundes und Beſchuͤtzers, ja!“ ſprach der Templer ernſt,„ich will es dennoch ſein,— aber merke mit welcher Gefahr und welcher Gewiß⸗ heit von Schande, und tadle mich nicht, wenn ich . 29 meine Bedingungen mache, ehe ich Alles, was mir bisher das Daſein theuer machte, aufopfere, um das Leben eines juͤdiſchen Maͤdchens zu retten!“ „Sprich,“ ſagte Rebekka,„ich verſteh' Dich nicht.“ 2 „Gut denn,“ ſprach Bois Guilbert,„ich will ſo frei und offen ſprechen, als nur je ein reui⸗ ger Suͤnder vor ſeinem geiſtlichen Vater im Beicht⸗ ſtuhle that.— Rebekka, ich erſcheine nicht in den Schranken, verliere Ehre und Rang,— verliere das, was das Element meines Lebens iſt, die Achtung meiner Bruͤder, und die Hoffnung einſt an die maͤch⸗ tige Stelle zu kommen, die jezt der aberglaͤubiſche, ſchwachkoͤpfige Lukas de Beaumanoir einnimmt. Das iſt mein unausbleibliches Loos, wenn ich nicht gegen Dich in den Schranken erſcheine. Verflucht ſei der von Goodalricke, der mir eine ſolche Falle legte! und zweimal verflucht ſei Albert de Malvoiſin, der mich zuruͤckhielt, den Handſchuh dem aberglaͤubiſchen gek⸗ kenhaften Narren ins Geſicht zu werfen, der auf ein ſo albernes Geſchwaͤtz gegen ein ſo hochgeſinntes, liebenswuͤrdiges Weſen, wie Du biſt, hoͤren konnte!“ „Und was ſollen jezt dieſe Schmeichelreden nuͤz⸗ zen?“ entgegnete Rebekka.„Du haſt Deine Wahl getroffen zwiſchen dem Vergießen des Bluts eines unſchuldigen Weibes und Deinen elgenen irdiſchen Hoffnungen. Was hilfts, daruͤber noch weiter zu ſprechen? Deine Wahl iſt getroffen!“ 4 30 „Nein, Rebekka,“ ſprach der Ritter in einem ſanfteren Tone naͤher tretend;„meine Wahl iſt noch nicht getroffen— hoͤr' es wohl, Du biſt es, welche die Wahl beſtimmen ſoll. Wenn ich in den Schranken erſcheine, muß ich meinen Waffenruhm behaupten; und wenn ich es thue, ſo ſtirbſt Du, magſt Du einen Kaͤmpfer bekommen, oder nicht, am Pfahl oder auf dem Scheiterhaufen; kein Ritter lebt, der es mit mir mit gleichem Erfolg oder mit Vortheil aufnehmen koͤnnte, als Richard Loͤwenherz und ſein Liebling Jvanhoe. Ivanhoe iſt, wie Du wohl weißt, unfaͤhig, ſeine Ruͤſtung zu tragen und Richard ſitzt in fernen Landen gefangen. Wenn ich erſcheine, ſo ſtirbſt Du, und wenn auch Deine Reize irgend einen jugendlichen Hitzkopf entzuͤndeten, zu Deiner Vertheidigung in den Schranken zu er⸗ ſcheinen.“ „Und wozu dient es, dieß ſo oft zu wiederho⸗ len?“ fragte Rebekka. 3„Wozu?,“ erwiederte der Templer,„Du mußt Dein Schickſal von allen Seiten ins Auge faſſen.“ „ Wohl denn, ſo wende das Blatt, und laß mich die Kehrſeite ſehn,“ verſezte die Juͤdinn. „Wenn ich in den unſeligen Schranken erſchei⸗ ne,“ ſagte Bois Guilbert,„ſo ſtirbſt Du einen langſamen und grauſamen Tod, voll Qualen, wie ſie den Laſterhaften jenſeits warten ſollen. Erſcheine ich nicht, ſo bin ich ein entehrter Ritter, der Zau⸗ 7 — — 31 berei und Gemeinſchaft mit den Unglaͤubigen bezuͤch⸗ tigt.— Der erlauchte Name, der durch mich zu ſol⸗ chem Ruhm gedieh, wird zum Schimpf und zum Vorwurf. Ich verliere Ehre, Ruf, die Ausſicht auf eine Hoͤhe, wie ſie noch kein Kaiſer erſtlegen— ich opfere ungeheure Plaͤne des Ehrgeizes auf— Plaͤne ſo hoch aufgethuͤrmt, daß nach der Sage der Heiden beinahe ihr Himmel erſtuͤrmt worden waͤre,— und doch Rebek⸗ ka,“ ſetzte er hinzu, ſich zu ihren Fuͤßen ſtuͤrzend —„doch will ich dieſe Groͤße opfern, dieſem Ruhm entſagen, dieſe Macht aus Haͤnden laſſen, ſelbſt jezt noch, da ich ſie erfaßt habe, wenn Du erklaͤrſt: Bois Guilbert, ich nehme Dich zu meinem Geliebten an.“ „Denkt nicht an ſolche Thorheit, Herr Ritter,“ antwortete Rebekka;„aber eilt zum Regenten, zum Prinzen Johann.— Er kann, zur Ehre der Krone, nicht das Vorhaben Eures Großmeiſters billigen. So konnt Ihr mir ohne Opfer von Eurer Seite, ohne An⸗ ſpruͤche auf lohnende Dankbarkeit Beiſtand verleihen.“ „Mit jenem Menſchen habe ich nichts zu ſchaß⸗ fen!“ rief der Templer, immer noch den Saum ih⸗ res Gewandes feſthaltend.„Nur an Dich will ich mich wenden; was kann Deiner Wahl entgegenſtehen? Bedenk Dich, waͤr' ich Dein Feind, der ſchlimmere noch iſt der Tod; und der Tod allein iſt mein Ne⸗ benbuhler.“* „Ich waͤge dieſe Uebel nicht gegen einander ab,““ ſprach Rebekka, ſich fuͤrchtend, den wilden Ritter zu reizen, und bendoch entſchloſeen, ſeiner Leidenſchaft weder wirkliche noch ſcheinbare Nahrung zu geben. „Sei ein Mann! ſei ein Chriſt!— Gebietet wirklich Dein Glaube jene Barmherzigkeit, die viel⸗ mehr Eure Zunge als Euer Handeln anempfiehlt, ſo rette mich von dieſem furchtbaren Tode, ohne ei⸗ nen Lohn zu begehren, der Deinen Edelmuth in ei⸗ nen unedeln Tauſch verwandeln wuͤrde.“ „Nein Maͤdchen!“ rief der ſtolze Templer, auf⸗ ſpringend,„ſo ſollſt Du mich nicht taͤuſchen! Wenn ich dem jezigen Ruhm und kuͤnftiger Groͤße entſage, ſo geſchieht es blos um Deinetwillen, und wir ent⸗ fliehn zuſammen. Hoͤr' mich, Rebekka,“ ſprach er wieder in ſanfterm Tone;„England, Europa— iſt nicht die Welt. Es gibt Sfaͤren, wo ich ſelbſt fuͤr meinen Ehrgeiz noch genug Spielraum ſinde. Wir ziehn nach Palaͤſting zu meinem Freunde Konrad,⸗ Marquis von Montſerrat— ein Freund, ſo frei, wie ich, von all den Bedenklichkeiten, die eine frei⸗ geborene Vernunft in Feſſeln legen— lieber mit Saladin verbuͤnden wir uns, als wir den Hohn die⸗ ſer verruͤckten Schwaͤrmer dulden, die wir verachten! Neue Bahnen zur Groͤße will ich oͤffnen,“ fuhr er fort mit haſtigen Schritten durchs Zimmer ſchreitend —„Europa ſoll vernehmen den lauten Tritt deſſen, den es aus der Zahl ſeiner Soͤhne verſtieß!— Nicht die Millionen, die ihre Kreuzfahrer zur Schlacht⸗ bank fuͤhren, koͤnnen ſo viel zur Vertheidigung von Palaͤſtina 33 Palaͤſtina thun— nicht die Saͤbel von tauſend und zehntauſend Sarazenen koͤnnen ſich den Weg ſo tief in das Land bahnen, um welches Nationen kaͤmpfen, als meine Kraft und Schlauheit, mit der meiner Bruͤder vereint, die, dem verruͤckten Alten zum Troz, mir im Guten und Boͤſen anhaͤngen wuͤrden. Du ſollſt eine Koͤniginn werden, Rebekka!— auf dem Berge Karmel wollen wir den Thron errichten, den meine Tapferkeit Dir gewinnen ſoll und ich will den lang erſehnten Stab mit einem Zepter vertauſchen.“ „Ein Traum,“ verſezte Rebekka,„ein eitles Traumbild, das, wenn es auch verwirklicht wuͤrde, keinen Reiz fuͤr mich haͤtte; genug, daß ich die Macht, die Du Dir einſt erringen magſt, nie mit Dir theilen werde; auch denk' ich von Vaterland und Glauben nicht ſo gering, daß ich den ſchaͤtzen ſollte, der dieſe Bande zerreißt, und die Verbindung des Or⸗ dens, deſſen geſchwornes Mitglied er iſt, aufloͤſen will, um eine regelloſe Leidenſchaft fuͤr die Tochter eines fremden Volkes zu befriedigen. Sezt keinen Preis auf meine Befreiung, Herr Ritter, verkauft nicht eine Handlung der Großmuth, beſchuͤzt den Unterdruͤckten aus Menſchlichkeit und nicht aus Gruͤn⸗ den der Selbſtſucht!— Tretet vor Englands Thron! Richard wird meine Berufung auf ihn von dieſem grauſamen Wuͤthrich nicht verwerfen!“ „Niemals, Rebekka,“ entgegnete ſtotz der Temp⸗ ler.„Wenn ich meinem Orden entſage, geſchieht W. Sceott's Werke. XLVII. 3 34 es nicht blos zu Deinen Gunſten!— Nur Ehrgeiz gebie⸗ tet uͤber meine Schritte, wenn Du meine Liebe ver⸗ ſchmaͤhſt. Ich laſſe mir nicht beide aus den Haͤnden fpielen.— Mein Haupt vor Richard beugen?— von dieſem ſtolzen Herzen eine Gnade erflehn?— Niemals, Rebekka, ſoll ſich ihm der Orden des Tempels in meiner Perſon zu Fuͤßen legen. Wohl mag ich den Or⸗ den vergeſſen, nie aber ihn entehren oder verrathen!“ „Nun, ſo ſei mir Gott gnaͤdig!“ ſprach Rebekka, „denn auf Menſchenhuͤlfe darf ich nimmer hoffen!“ „So iſt es in der That,“ ſprach der Templer, „denn Dein Stolz hat ſeinen Mann in mir gefunden. Wenn ich mit eingelegter Lanze in die Schranken trete, dann glaube nicht, daß irgend eine menſchli⸗ che Ruͤckſicht mich hindern ſoll, all meine Kraft aufzubieten.— Bedenke Dein eigen Schickſal— den furchtbarſten Tod der niedrigſten Verbrecher zu ſterben— auf einem brennenden Holzſtoß verzehrt zu werden— aufgeloͤst zu werden in die Elemente, aus denen unſre Form ſeltſam zuſammengeſetzt iſt— wo nicht ein Staͤubchen uͤbrig bleibt von der anmuthvollen Geſtalt, die wir vor uns leben und ſich bewegen ſahen — Rebekka, es iſt keinem Weibe gegeben, ſolch eine Ausſicht zu ertragen— Du willigſt in meine Be⸗ werbung!“ „Bois Guilbert,“ antwortete die Juͤdinn,„Du kennſt nicht das Herz des Weibes, oder haſt nur mit ſolchen Umgaug gepflogen, die ihren beſſeren 35 Gefuͤhlen abtrünnig geworden. Ich ſage Dir, ſtolzer Templer, in Deinen ſtolzeſten Schlachten haſt Du nicht mehr von Deinem geruͤhmten Muth entwickelt, als Weiber bewieſen, wenn Liebe oder Pflicht ge⸗ bot. Ich bin ein Weib, zaͤrtlich erzogen, das von Natur vor Gefahren erbebt, und vor Schmerzen zagt, und doch wird, wenn wir in die Schranken treten, unſer Schickſal entſcheiden, Du um zu kaͤmpfen, ich um zu dulden, ich lebe der ſtolzen Zuverſicht, die mein Muth den Deinen uͤberſteigen. Lebe wohl! Ich verſchwende keine Worte mehr an Dich!— Die Lebensfriſt, die der Tochter Zions auf Erden noch uͤbrig bleibt, muß anders angewendet werden!— Sie muß den Troͤſter ſuchen, der zwar ſein Antlitz vor ſeinem Volke verbergen mag, aber ſtets ſein 1* Ohr dem Rufe derer oͤffnet, die ihn in Wahrheit und mit aufeichtigem Herzen ſuchen.“ „So ſcheiden wir denn!“ ſprach der Templer nach kurzer Pauſe;„wollte Gott, wir haͤtten uns nie getroffen, oder Du waͤreſt von edler Geburt und chriſtlichem Glauben! Nein, beim Himmel! wenn ich Dich ſo anſchaue, und bedenke, wann und wie wir uns wieder treffen ſollen, ſo koͤnnt' ich ſogar wuͤn⸗ ſchen, daß ich einer von Deiner entwuͤrdigten Nation, daß meine Hand lieber mit Goldklumpen und Beu⸗ teln, als mit Lanze und Schwert vertraut waͤre, daß mein Haupt ſich vor jedem winzigen Edelmann beugte⸗ und mein Bäick nur dem huͤlfloſen Schuldner fuͤrch⸗ ... 36 terlich waͤre— Dieß koͤnnte ich wuͤnſchen, Rebekka, um Dir im Leben nahe zu ſtehen, und dem furcht⸗ baren Antheil zu entgehen, den ich an Deinem Tode nehmen ſoll.“ Du ſprichſt von Juden,“ entgegnete Rebekka, „wie ſie die Verfolgung derer, die Dir gleichen, ge⸗ macht hat. Der Himmel hat ſie in ſeinem Zorn aus ihrem Vaterland vertrieben; Erwerbfleiß iſt der einzige Weg zur Macht und zum Einfluß, den ihnen die unterdrückung offen ließ. Lest die alte Geſchichte vom Volke Gottes, und ſagt mir, ob jene, durch welche Jehova ſo große Wunder unter den Voͤlkern that, ein Volk von Elenden und Wu⸗ cherern waren?— Wiſſe, ſtolzer Ritter, wir ha⸗ ben Geſchlechter aufzuweiſen, gegen deren Alterthum der geprieſene Adel Eures Nordlandes wie die Kuͤr⸗ bis gegen die Ceder iſt— Namen, die weit in jene hoch erhabenen Zeiten zuruͤckgehn, wo die Gegenwart Gottes den Gnadenſtuhl zwiſchen den Cherubim er⸗ füllte, und welche ihren Glanz nicht von irdiſchen Fuͤrſten ableiten, ſondern von jener majeſtaͤtiſchen Stimme, die einſt ihre Vaͤter vor das Antlitz Got⸗ tes rief. Das waren die Fuͤrſten vom Hauſe Jakobs.“ Rebekka's Wange faͤrbte ſich hoͤher, als ſie den alten Ruhm ihres Geſchlechts beſchrieb, aber ſie er⸗ dleichte, als ſie mit einem Seufzer hinzufuͤgte:„Dieß waren die Fuͤrſten Juda's, nun ſind ſie es nicht mehr! — ſie ſind niedergetreten, wie das abgemaͤhte Gras 37 und beſudelt mit dem Staube des Weges. Doch gibt es noch einige unter ihnen, die ihrer hohen Abkunft nicht Schande bringen, und unter dieſen ſoll ſein die Tochter Iſaaks des Sohnes Adonikams!— Lebt wohl! Ich beneide Euch nicht um die mit Blut getraͤnkte Ehre!— Ich beneide nicht Eure bar⸗ bariſche Abkunft von den Heiden des Nordens— Ich beneide Euch nicht um Euren Glauben, der ſtets zwar aus Eurem Munde, nie aus Eurem Herzen oder Eurem Handeln ſpricht!“ „Beim Himmel, ich bin im Zauber befan⸗ gen!“ rief der Templer,„faſt glaube ich, jenes al⸗ berne Gerippe ſprach Wahrheit; und dieſer Wider⸗ wille, womit ich von Dir ſcheide, iſt etwas Ueberna⸗ tuͤrliches!— Schoͤnes Geſchoͤpf!“ ſprach er, ſich ihr, jedoch mit großer Achtung naͤhernd,„ſo jung, ſo ohne Furcht vor dem Tode, und dennoch verdammt, unter Qualen, mit Schande bedeckt zu ſterben! Wer ſollte nicht weinen um Dich?— Die Thraͤnen, ſeit zwanzig Jahren dieſen Augen fremd, beuetzen ſie, wenn ich auf Dich blicke!— Aber es muß ſein, jezt kann nichts mehr Dein Leben retten!— Du und ich, wir beide ſind nur blinde Werkzeuge einer unwider⸗ ſtehlichen Macht, die uns vorwaͤrts treibt, wie der Sturm zwei Schiffe gegen einander wirft und zu Grun⸗ de richtet.— Vergieb mir und laß uns wenigſtens als Freunde ſcheiden! Umſonſt habe ich Deine Entſchloſ⸗ 38 ſenheit beſtuͤrmt; mein Entſchluß ſteht feſt, wie die demantnen Schickfalstafeln!“ „So buͤrden die Menſchen,“ ſprach Rebekka, „dem Schickſal die Folgen ihrer eignen wilden Lei⸗ denſchaften auf! Allein ich verzeihe Dir, Bois Guil⸗ bert, obwohl Du die Urſache meines fruͤhen Todes biſt. Dein kraͤftiges Gemuͤth hat fuͤr etwas Hoͤhe⸗ res Sinn, aber es gleicht dem Garten des Traͤgen, hoch iſt das Unkraut aufgeſchoſſen, und hat ſich ver⸗ ſchworen, die edleren Gewaͤchſe zu erſticken.“ „Ja,“ verſetzte der Templer, ich bin, wie Du geſagt haſt, Rebekka, unlenkſam und ungezaͤhmt, und ſtolz darauf, daß ich unter dem Haufen ſcha⸗ ler Thoren und verſchmizter froͤmmelnder Heuchler jene hervorragende Kraft erhalten, welche ſie ſo weit unter mich ſtellt. Ich bin von Jugend auf ein Kind der Schlachten geweſen, hoch ſtrebend in meinen Planen, und feſt und unerſchuͤtterlich in Verfolgung derſelben. So bleib ich ſtolz, unbeugſam, unwandel⸗ bar; die Welt ſoll Beweiſe davon haben!— Aber, Rebekka, Du vergibſt mir?“—— „So vollkommen, als nur immer ein Schlacht⸗ opfer ſeinem Henker vergab!“ „So leb' denn wohl,“ ſprach der Templer, und verließ das Gemach.— Derr Praͤzeptor Albert hakte im anſtoßenden Zim⸗ mer der Ruͤckkehr Bois Guilberts gewartet.“ „Du biſt lange geblieben!“ ſagte er.„Ich habe 39 indeſſen auf gluͤhenden Kohlen gelegen. Wie? wenn der Großmeiſter oder ſein Spion Konrad hieher ge⸗ kommen waͤre? Meine Gefalligkeit kaͤme mir theuer zu ſtehn?— Aber was iſt Dir, Bruder?— Dein Tritt ſchwankt! Deine Stirn iſt ſo finſter, wie die Nacht! Biſt Du wohl, Bois Guilbert?“ „Ja,“ antwortete der Templer,„ſo wohl, als der Elende, der in einer Stunde ſterben ſoll!— Nein, beim heiligen Kreuz, nicht halb ſo wohl— Es gibt derer, welche das Leben wie ein abgetrage⸗ nes Kleid ablegen! Bei Gott, Malvoiſin, das Maͤd⸗ chen da drinnen hat mich beinahe uͤbermannt. Halb bin ich entſchloſſen, zum Großmeiſter zu gehn, An⸗ geſichts ſeiner den Orden abzuſchwoͤren, und mich der Grauſamkeit zu entziehen, zu deren Vollbringung mich ſeine Tyrannei auserſehen hat.“ „Biſt Du von Sinnen?“ rief Malvoiſin;„Du magſt Dich wohl ſelbſt dadurch zu Grunde richten⸗ allein das Leben dieſer Juͤdinn nicht retten, das Dir ſo koſtbar ſcheint. Beaumanoir wird einen andern Kaͤmpfer fuͤr ſein Urtheil waͤhlen, und die Angeklagte geht eben ſo gewiß unter, als wenn Du ſelbſt dieſe Pflicht uͤbernommen haͤtteſt.“ „Das iſt falſch!— Ich ſelbſt will fuͤr ſie in die Schranken treten,“ antwortete der Templer ſtolz; „und in dieſem Falle denk ich⸗ Malvoiſin, wirſt Du mir keinen im Orden aufbringen, der ſich vor mei⸗ ner Lanze im Sattel hielte.“ 3 4⁰ „Allein Du vergißt, daß Du weder Zeit noch Gelegenheit haſt, dleſen tollen Vorſatz auszufuͤhren. Geh' zu Lukas Beaumanoir, erklaͤr' ihm, Du ſageſt Dich von dem Geluͤbde des Gehorſams los, und ſieh zu, wie lange Dir der tyranniſche Alte freie Hand laſſen wird. Kaum ſind Dir die Worte uͤber die Lippen hinweg, ſo iſt dem abtruͤnnigen Ritter eine Wohnung hundert Fuß unter der Erde im Burgver⸗ ließ der Praͤzeptorei angewieſen, und wenn man glaubt ſich Deiner Perſon verſichern zu muͤſſen, ſo wirſt Du in irgend einer abgelegenen Kloſterzelle in Nacht und Finſterniß auf Stroh gebettet und in Ketten geſchmiedet mit dem Erorzismus gequaͤlt, mit Weihwaſ⸗ ſer uͤbergoſſen, um den boͤſen Feind, in deſſen Beſitz er Dich waͤhnt, auszutrelben. Du mußt in die Schranken, Brian, oder Du biſt ein ehrloſer, verlorner Mann!“ „Ich breche durch und entfliehe,“ war Bois Guilberts Antwort, nentfliehe in ein fernes Land, zu dem Thorheit und Fanatismus noch nicht ihren Wes gefunden haben. Kein Tropfen Blut dieſes vor⸗ trefflichen Geſchoͤpfs ſoll mit meiner Zuſtimmung ver⸗ goſſen werden!“ „Du kannſt nicht entfliehn,“ ſprach der Praͤzep⸗ tor;„Deine Raſerei hat Verdacht erregt, man wird Dir nicht geſtatten, die Praͤzeptorei zu verlaſſen. Geh' und verſuch's einmal. Erſchelne am Thor, und befiehl die Zugbruͤcke niederzulaſſen, und gieb Acht, was man Dir antworten wird.— Du ſtaunſt! ———— . 41 Du biſt gekraͤnkt!— und doch iſt es nicht anders. Was waͤre die Folge Deiner Flucht, als die Zerbre⸗ chung Deines Wappenſchildes, die Beſchimpfung Dei⸗ ner Ahnen und Deine Ausſtoßung aus dem Orden? Bedenke!— Wohin ſollen Deine Waffenbruͤder ihr Geſicht verbergen, wenn Brian de Bois Guilbert, die beſte Lanze unter den Templern, unter dem Hohn und Geſpoͤtte der verſammelten Menge als Abtruͤn⸗ niger erklaͤrt wird? Welche Trauer wird am Hofe von England ſein! Mit welcher Freude wird der ſtolze Richard die Kunde vernehmen, daß der Ritter, der ihm in Palaͤſtina ſo hart zuſetzte, ſeinen Ruhm beinahe uͤberſtrahlte, Ruhm und Ehre um ein Juden⸗ maͤdchen einbuͤßte, das er nicht einmal durch dieſes Opfer retten konnte.“ „Malvoiſin,“ rief der Ritter,„ich danke Dir! — Du haſt eine Saite beruͤhrt, durch die mein Herz am lebendigſten widerklingt!— Komme, was da will, nie ſoll man das Wort Abtruͤnniger bei Brian's Namen hoͤren. Wollte Gott, Richard, oder einer ſeiner hochgeprieſenen Lieblinge erſchiene in den Schranken!— Aber ſie werden wohl leer blei⸗ ben!— Niemand wird es wagen, eine Lanze zu bre⸗ chen fuͤr ſie, die Unſchuldige, Verlorne!“ „Um ſo beſſer fuͤr Dich, wenn's ſo ablaͤuft. Er⸗ ſcheint kein Ritter, ſo iſt es nicht Dein Arm, der bleſem ungluͤcklichen Maͤdchen den Tod bringt; auf 4² des Großmeiſters Urtheilſpruch haſtet aller Schimpf, und er wird ihn fuͤr Lob und Ehre halten.“ „Wahr iſt's,“ verſetzte Bois Guilbert.„Erſcheint kein Kaͤmpfer, ſo habe ich eigentlich eine ſtumme Rolle zu ſpielen. Zwar muß ich zu Pferde in den Schranken bleiben, allein ich habe keinen Theil an dem, was folgt.“ „So wenig als das Bild des heiligen Georg, wenn es bei einem Feſtaufzuge paradirt.“ „Gut, ich bleibe bei meinem Entſchluß. Sie hat mich verſchmaͤht— zuruͤckgeſtoßen— verworfen! — Weßhalb ſoll ich all das Anſehn fuͤr ſie hingeben, in dem ich bei Andern ſtehe?— Malvoiſin, ich er⸗ ſcheine in den Schranken!“ Damit verließ er in Eile das Zimmer, und der Praͤzeptor folgte ihm, um ihn im Auge zu behalten, und in ſeinem Entſchluſſe zu beſtaͤrken. Er nahm großen Antheil an Bois Guilberts Schickſal, da er große Vortheile von ihm erwartete, wenn er einſt Oberhaupt des Ordens war; nicht zu gedenken der Befoͤrderung, die ihm Montſitchet dafuͤr zugedacht hatte, wenn er bei Verdammung der ungluͤcklichen Rebekka Vorſchub thaͤte. Obwohl er zur Unterdruͤckung der beſſeren Gefuͤhle ſeines Freundes alle die Vor⸗ theile beſaß, welche ein ſchmiegſamer, beſonnener, ſelbſtſuͤchtiger Geiſt uͤber ein leidenſchaftlich zerriſſe⸗ nes Gemuͤth behauptet, ſo mußte doch Malvoiſin alle ſeine Kunſt aufbieten, Bois Guilbert dem Ent⸗ ſchluſſe treu zu erhalten, zu dem er ihn vermocht hatte. Er mußte ihn enge bewachen laſſen, damit er nicht wieder auf den Gedanken zur Flucht kaͤme; eben ſo mußte auch jedes Zuſammentreffen deſſelben mit dem Großmeiſter vermieden werden, daß es nicht zu offenem Bruch mit ſeinem Obern kam. Auch war es noͤthig, ihm von Zeit zu Zeit die verſchiedenen Gruͤnde wieder zuruͤckzurufen, wodurch er bewies, daß Bois Guilbert, indem er bei dieſer Gelegenheit als Kaͤmpfer erſcheine, ohne Rebekkens Schickſal zu verſchlimmern oder zu beſchleunigen, den einzigen Weg einſchlage, der ihn vor Schande und Entehrung ſichere. ——— Drittes Kapitel. Ihr Schatten weicht!— Richard iſt's wieder ſelberel Shakeſpear's Richard III. Als der ſchwarze Ritter den Gerichtsbaum des edelmuͤthigen Geaͤchteten verlaſſen hatte, richtete er ſeinen Weg nach einem benachbarten geiſtlichen Hauſe von geringem Umfang und Einkommen, die Priorei von St. Botolph genannt, wohin der verwundete Jvanhoe nach der Einnahme des Schloſſes unter der Aufficht des treuen Gurth und des großherzigen Wamba gebracht worden war. Es iſt nicht noͤthig, zu erwaͤhnen, was dort zwiſchen Wilfried und ſeinem Befreier vorging; genug iſt, daß nach langen, ern⸗ ſten Verathungen von dem Prior Boten nach allen Richtungen ausgeſandt wurden, und daß am ſol⸗ 44 genden Morgen der ſchwarze Ritter ſich anſchickte, von dem Narren Wamba als Wegweiſer begleitet ſeine Reiſe fortzuſetzen. „Wir treffen uns zu Coningsburg,“ ſagte er zu Jvanhoe,„auf dem Schloß des verſtorbenen Athelſtane; denn Dein Vater Cedric haͤlt dort das Leichenfeſt fuͤr ſeinen edeln Anverwandten. Ich moͤchte gern Eure ſaͤchſiſche Verwandtſchaft beiſammen ſehn, um mich beſſer mit ihr zu befreunden. Du trifſt mich alſo dort, und mein Amt ſoll es ſein, Dich mit Deinem Vater auszuſoͤhnen.“ Mit dieſen Worten nahm er zaͤrtlichen Abſchied von Ivanhoe, der den dringendſten Wunſch zeigte, ſeinen Befreier begleiten zu duͤrfen. Allein der ſchwarze Ritter wollte nichts hievon wiſſen. Er ſagte: „Ruhe noch heute; kaum wirſt Du hinreichend erſtarkt ſein, morgen zu reiſen. Ich begehre keinen andern Fuͤhrer, als meinen ehrlichen Wamba, der mir nach Herzenswunſch bald den Narren, bald den Prieſter ſpielt.“ „Und ich,“ ſagte Wamba,„begleite Euch von Herzen gern. Ich moͤchte gar zu gern Athelſtanes Leichenfeſt mit anſehen; denn wenn nicht Alles in Fuͤlle vorh anden iſt, ſo ſteht er von den Todten auf, und blaͤut Koch, Kellner und Mundſchenken durch, und das waͤre ſchon der Muͤhe werth, mit anzuſehn. Auf jeden Fall rechne ich darauf, das Ew. Tapferkeit —* 45 4 mich bei Cedric entſchuldigt, falls es meiner Weis⸗ heit nicht gelingen ſollte.“ „Und wie ſollte was meiner armen Tapferkeit gelingen, Herr Spaßvogel, wo Du mit Deinem glaͤn⸗ zenden Witze nicht zu Rechte kamſt?“. „Witz, Herr Ritter,“ entgegnete der Narr, „mag viel thun. Er iſt ein flinker, wachſamer Schelm, ſieht ſeinem Nachbarn gleich die ſchwache Seite ab und weiß ihm unter'n Wind zu kommen, wenn der Sturm ſeiner Leidenſchaften aufbraust. Allein Tapfer⸗ keit iſt ein Trotzkopf, der Alles, was ihm unter die Fuͤße koͤmmt, zerſchellt, gegen Wind und Ebbe ſteuert und durch beides ſich ſeine Bahn ertrotzt. Deßwe⸗ gen, Herr Ritter, ziehe ich Vortheil vom ſchoͤnen Wetter in der Laune meines Herrn, und verſehe mich zu Eurem Beiſtand, wenn's bei ihm ſtuͤrmiſch wird.“ „Herr Ritter vom Feſſelſchloß, da Ihr einmal ſo genannt ſein wollt,“o ſprach Ivanhoe,„ich fuͤrchte, Ihr habt da einen unruhigen, unbequemen Narren zum Fuͤhrer gewaͤhlt; allein er kennt jeden Pfad und Gang in den Waͤldern ſo gut als der Jaͤger, der ſie beſucht; auch iſt der arme Schelm, wie Ihr ſchon ſelbſt geſehen habt, ſo treu wie Stahl.“ „Nun,“ ſagte der Ritter,„wenn er mir den Weg nur ordentlich zeigt, ſo werd' ich's ihm nicht verargen, wenn er mir ihn unterhaltend zu machen ſucht.— Lebe wohl, guter Wilfried! unternimm ja die Reiſe vor Morgen nicht!“ Damit reichte er Ivanhoe die Hand, der ſie an ſeine Lippen druͤckte, nahm Abſchied vom Prior, ſtieg zu Roß und zog in Wambas Geſellſchaft von dannen. Jvanhoe folgte ihnen mit den Augen, bis ſie ſich in den Schatten des Waldes verloren, und kehrte dann ins Kloſter zuruͤck. Gleich nach ſeiner Morgenandacht verlangte er den Prior zu ſprechen. Der alte Mann erſchien ſo⸗ gleich und erkundigte ſich ſorglich nach ſeinem Ge⸗ ſundheitszuſtand. „Es ſteht beſſer mit mir,“ verſetzte er,„als meine kuͤhnſten Hoffnungen mich erwarten ließen. Entwe⸗ der war meine Wunde leichter, als mich der Blut⸗ verluſt ſchließen ließ, oder dieſer Balſam hat Wun⸗ der gewirkt. Ich fuͤhle mich bereits im Stande, meine Ruͤſtung zu tragen. Es iſt dieß um ſo beſſer, da Gedanken in meiner Seele aufſteigen, die mir jede fernere Unthaͤtigkeit peinigend machen.“ „Nun, moͤgen es alle Heiligen verhuͤten,“ ſprach der Prior,„daß der Sohn des Sachſen Cedrie unſer Kloſter verlaſſe, ehe ſeine Wunden geheilt ſind. Schande waͤr' es fuͤr unſre Kunſt, wenn wir es zu⸗ ließen.“ „Ich wuͤrde Euer wirthliches Dach nicht verlaſ⸗ ſen, ehrwuͤrdiger Vater,“ ſagte Ivanhoe,„fuͤhlt' ich mich nicht faͤhig, und zugleich dringend aufgeſordert, 18 die Reiſe auzutreten.“ 47 „Und was kann Euch zu ſo ploͤtzlichem Aufbruch beſtimmen?“ fragte der Prior. „Habt Ihr, heiliger Vater,“ antwortete Ivanhoe, „nie eine Ahnung eines nahenden Uebels gehabt, wo⸗ fuͤr Ihr Euch keinen Grund anzugeben vermochtet? Habt Ihr nie Euer Gemuth verduͤſtert gefunden, wie die ſonnige Landſchaft durch den ploͤzlichen Wol⸗ kenſchatten, der den kommenden Sturm verkuͤndet? — Glaubt Ihr nicht, daß ſolch unwillkuͤhrliche Re⸗ gungen unſre Beachtung verdienen, ja Winke unſe⸗ rer Schutzgeiſter fuͤr drohende Gefahren ſind?“ „Ich kann nicht laͤugnen,“ verſetzte der Prior, ſich bekreuzend,„daß ſolches geſchehen kann, ja daß es vom Himmel koͤmmt; dann aber hat es einen ſichtbaren, heilſamen Zweck. Was hilft es aber, wenn Du verwundet, wie Du biſt, den Schritten deſſen folgſt, dem Du nicht beiſtehn kannſt, wenn er an⸗ gegriffen wird.“ „Ihr irret Euch, Prior!“ entgegnete Ivanhve, „wenn Ihr glaubt, ich ſei nicht Manns genug, mit jedem, der ſich ſolches unterfaͤngt, Puͤffe zu wech⸗ ſeln. Allein, wenn dem auch nicht ſo waͤre, koͤnnt' ich ihm im Fall der Noth nicht noch auf andere Weiſe, als durch die Staͤrke meines Armes beiſtehn? Nur zu bekannt iſt es, daß die Sachſen das Geſchlecht der Normannen nicht lieben, und wer weiß, was daraus entſteht, wenn er ſich abwirft mit ihnen, da ihre Herzen noch durch den Tod Athelſtanes ſchmerz⸗ 43 lich ergriffen und ihre Koͤpfe durch das Zechgelage, dem ſie ſich uͤberlaſſen, erhizt ſind! Ich halte ſein ploͤzliches Erſcheinen in dieſem Augenblick fuͤr hoͤchſt gefaͤhrlich; ſo bin ich alſo entſchloſſen, die Gefahr abzuwenden, oder mit ihm zu theilen, und erſuche Euch deßhalb um einen Klepper, der einen leichteren, ſanfteren Gang als mein Schlachtroß hat.“ „Ihr ſollt meinen eigenen Paßgaͤnger haben,“ erwiederte der wuͤrdige Geiſtliche;„ich wollt’, er truͤge Euch ſo ſanft, als der des Abts von Saint Albans. Doch ſag ich Euch von Malchen, denn ſo nenne ich meine Stute, daß, wenn Ihr Euch nicht des Gauklers Pferd borgt, das nach dem Takt der Sackpfeife zwiſchen Eiern hin tanzt, Ihr kein ſanfteres, leichteres Thierchen kriegt. Mehr als eine Predigt hab ich ſchon von ſeinem Ruͤcken herab zur Erbauung meiner Kloſterbruͤder und mancher ar⸗ men Chriſtenſeele gehalten.“ „Ich bitte Euch, ehrwuͤrdiger Vater, laßt Mal⸗ chen ſogleich ſatteln, und ſagt Gurth, daß er mir mit meinen Waffen folgt.“ „Ja, aber bedenkt wohl, theurer Herr, daß Mal⸗ chen eben ſo wenig mit Waffen umzuſpringen weiß, als ſein Herr; daß ich Euch auch nicht dafuͤr ſtehe, daß es den Anblick und das Gewicht Eurer vollſtaͤn⸗ digen Nuͤſtung ertraͤgt. Malchen, ſag ich Euch, iſt ein kluges Thier, es ſtraͤubt ſich gegen jede zu ſchwere Laſt. Ich lieh mir nur neulich den Fructus tempo- 2 rum bewaff 49 rum vom Abte zu St. Bees, und ich verſichere Euch, es war nicht zum Thor hinauszubringen, bis ich das dicke Buch gegen meinen Brevier vertauſcht hatte.“ „Ihr duͤrft Euch drauf verlaſſen, heiliger Va⸗ ter,“ verſetzte Ivanhoe,„ich will es gewiß nicht mit zu großer Laſt beſchweren; und will es ſich wider⸗ ſetzen, ſo ſoll es gewiß den Kuͤrzeren ziehen.“ Dieſe Antwort gab er, als Gurth eben dem Rit⸗ ter ein Paar große, goldene Sporen anſchnallte, die das widerſpaͤnſtige Thier lehren konnten, daß es am kluͤgſten ſei, ſich des Reiters Willen zu fuͤgen.“ Die ſcharfen, großen Raͤder, womit Ivanhoes Ferſen net waren, ließen den wuͤrdigen Prior beinahe ſeine Hoͤflichkeit bereuen; er wollte dem Ritter ein anderes Pferd von einem Diener des Kloſters an⸗ bieten, allein Ivanhoe ließ ſich nicht darauf ein, ſon⸗ dern entgegnete: „Ich will doch lieber bei Eurem fruͤheren Aner⸗ bieten bl iben⸗ da ich ſehe, daß Malchen bereits ge⸗ ſattelt am Thore ſteht. Gurth ſoll meine Ruͤſtung bringen; im Uebrigen verlaßt Euch auf mich, daß ich weder Malchens Ruͤcken uͤherladen will, noch daß es meine Geduld ermuͤden ſoll. Und damit— Gott befohlen!“ Schneller und leichter, als ſeine Wunden zu er⸗ lauben ſchienen, eilte Jvanhoe die Treppe hinab, um den eindringlichen Vorſtellungen des Priors zu entgehen, der ihm ſo raſch folgte, als Alter ung W. Stort s Werke. XL.VII 4 50 Wohlbeleibtheit nur immer geſtatten wollten, um ihm bald Malchens Lob zu preiſen, bald ſolches der ſchonenden Behandlung des Ritters zu empfehlen. Ueber ſeinen eigenen Scherz lachend, ſchloß endlich der Alte:„Sie iſt in dem gefaͤhrlichſten Alter fur Maͤdchen und Stuten, ſie iſt ins fuͤnfzehnte Jahr getreten.“ Jrvanhoe, der mehr zu thun hatte, als uͤber die Verdienſte des Kleppers mit dem Eigner zu ſchwa⸗ zen, lieh den ernſten Vorſtellungen und ſchwerfaͤlli⸗ gen Scherzen des geiſtlichen Herrn nur ein taubes Ohr, ſchwang ſich aufs Pferd, und befahl ſeinem Knappen, denn ſo nannte ſich Gurth, ihm dicht zur Seite zu bleiben, und folgte der Spur des ſchwar⸗ zen Ritters in den Wald, indeß der Prior ihm nach⸗ ſah und ausrief:„Heilige Mutter Gottes, wie raſch und feurig doch dieſe Kriegsleute ſind! Ich wollte, ich haͤtte ihm Malchen nicht gegeben; denn ich ar⸗ mer, mit der Gicht geplagter Mann bin in toͤdtlicher Verlegenheit, wenn ihr was Uebles zuſtoͤßt. Und dennoch,“ fuhr er ſich ermannend fort,„muß, ſo gut wie ich zum Wohl alt Englands meine alten, gebrechlichen Glieder nicht ſchonen wuͤrde, auch Mal⸗ chen etwas dafuͤr thun; und vielleicht bedenken ſie dafuͤr einmal unſer armes Haus, oder ſchicken dem alten Prior einen guten, geduldigen Klepper zum Lohn. Und wenn ſie's auch vergeſſen, wie's den Großen oft bei geringer Leute Dienſten geſchieht, ſo 51 fuͤhl' ich mich ſchon darin belohnt, daß ich that, was recht iſt. Es iſt wohl Zeit, daß ich die Bruͤder zum Fruͤhſtuͤck ins Refektorium rufe. Zweifelsohne gehor⸗ chen ſie dem Rufe williger, als der Glocke, die ſie zu den Fruͤhmetten und zur Morgenandacht rief.“ Damit humyelte der Prior von St. Botolph zuruͤck zum Refektorium, um beim Stockſiſch und Bier, das ſo eben zum Fruͤhſtuͤck der Bruͤderſchaft gufgetragen ward, den Vorſitz zu fuͤhren. Keuchend und mit wichtiger Miene ſezte er ſich an den Tiſch nieder, und ließ manches dunkle Wort uͤber Vortheile, die das Kloſter zu erwarten haͤtte, und verdienſtvolle Thaten, die er gethan, verlauten, die zu anderer Zeit große Aufmerkſamkeit erregt ha⸗ hen wuͤrden. Da aber der Stockſiſch gut geſalzen, und das Bier ſeine gehoͤrige Staͤrke hatte, war der Aypetit ſeiner Gemeinde zu ſehr in Anſpruch genom⸗ men, als daß ihre Ohren viel Spielraum uͤbrig hatten; auch leſen wir nicht, daß ein Mitglied der Geſellſchaft Zeit gefunden haͤtte, uͤber die geheim⸗ nißvollen Winke ihres Obern nachzudenken, den Pa⸗ ter Diggory ausgenommen, der wegen heftiger Zahn⸗ ſchmerzen nur auf einer Seite kauen konnte. Indeſſen zog der ſchwarze Ritter mit ſeinem Fuhrer gemaͤchlich durch die duͤſtere Waldung. Der wackere Rittersmann humſte irgend eine Saug⸗ weiſe eines verliebten Troubadours vor ſich hin, in⸗ dem er durch Fragen die Laune ſeines Gefaͤhrten 4. auſmunterte, ſo daß ihre Unterhaltung eine ſeltſame Miſchung von Scherz und Ernſt bildete, wovon wir unſern Leſern gerne ein Bild entwerfen moͤchten. Man denke ſich den Ritter als einen großen, breit⸗ ſchultrigen, kraͤftigen Mann, auf ſeinem gewaltigen, ſchwarzen Streitroß ſitzend, das, ſo recht fuͤr ſeine Groͤße und Laſt geſchaffen, ohne viele Muͤhe unter ihm dahin ſchritt; er hatte das Viſir ſeines Helmes aufgeſchlagen, um leichter Athem zu holen, waͤhrend der noch verſchloſſene untere Theil deſſelben ſeine Zuͤge nur undeutlich unterſcheiden ließ. Allein ſeine ge⸗ braͤunten Wangen, ſeine großen blauen Augen, die unter dem dunkeln Schatten des erhobenen Viſirs mit ungewoͤhnlicher Kuͤhnheit hervor flammten, die Haltung und das Benehmen des Ritters ſprachen ſorgloſe Heiterkelt und die furchtloſe Ruhe einer Seele aus, welche die Gefahr nicht fuͤrchtete, und kuͤhn ihr trozte, wenn ſie erſchien. Sie war ihm Lieblingsgedanke, deſſen Gewerbe Krieg und Aben⸗ teuer waren. Der Narr trug ſeine gewoͤhnliche fantaſtiſche Kleidung; doch hatten ihn die lezten Begebenheiten veranlaßt, ſich einen guten, krummen Saͤbel und ei⸗ nen dazu paſſenden Schild gegen ſeinen hoͤlzernen Saͤbel einzutauſchen. Von beiden Waffen hatte er ſeiner Profeſſion ungeachtet waͤhrend der Belagerung von Torquilſtone einen recht guten Gebrauch gemacht. Auch beſtand Wambas Geiſtesſchwaͤche mehr in ei⸗ 53 ner ungeduldigen Reizbarkeit, die ihn keiner laͤn⸗ gern Beſchaͤftigung, keinem gewißen, feſten Ideen⸗ gang folgen ließ, obwohl er einige Minuten aufmerk⸗ ſam genug war, ein augenblickliches Geſchaͤft zu thun, oder dem Sinne des Geſpraͤches nachzugehn. So pflegte er ſich beim Reiten fortwaͤhrend von vorn nach hinten zu ſchwingen, bald dicht an des Pferdes Oh⸗ ren, bald nahe beim Schwanze zu ſitzen— jezt beide Fuͤße auf eine Seite haͤngend, dann nach dem Schwanze gekehrt, Geſichter ſchneidend, tauſend affenartige Ge⸗ baͤrden machend, bis ſein Klepper endlich, ſeiner Poſ⸗ ſenſtreiche muͤde, boͤſe ward, und ihn zu großer Be⸗ luſtigung des Ritters ins Gras abwarf,— ein Vor⸗ fall, der den Betheiligten noͤthigte, hinfort ruhiger zu ſitzen. In dem Augenblick, in welchem wir ſie auf ih⸗ rer Reiſe einholen, ſang dieß luſtige Paar ein Vire⸗ lai, wie man es nannte, wobei der Narr mit ziem⸗ lich unbeholfenen, unmelodiſchen Toͤnen den geuͤb⸗ teren Ritter vom Feſſelſchloß begleitete. Es lau⸗ tete ſo: Lieb Anna Marei, die Sonn' iſt herauf, Lieb Anna Marei, die Nacht höret auf, Nebel verwehn, Lieb, Vögel ſingen frei. Auf in den Morgen, lieb Anna Marei! Auf! auf! lieb Anna Marei, es iſt Zeit! Der Jäger blaſt luſtig, zum Weidwerk bereit. Das Echo ſpringt munter vom Felſen, juchhei! Auf! auf! und erheb Dich, lieb Anna Maref! 54 Wamba. 9 Tybald, lieb Tybald, wecke mich nit, Da an mein ſüs Bett mir der ſüße Traum tritt. Was ſind wohl die Freuden der wachenden Welt, Gegen ſolch ein Entzücken, lieb Tybald, geſtellt, Laß die Vögel in die ſchwindenden Nevel ſingen, Laß das Jägerhorn laut an dem Hügel erklingen, Süßrer Ton, ſüßre Freuden entzückten mich hier, Doch, denk nicht, lieb Tybald, ich träumte von Dir! „Ein lieblicher Sang!“ verſetzte Wamba, als ſie damit zu Ende waren;„und, ich ſchwoͤr es bei meiner Narrenkappe, eine huͤbſche Moral!— Ich ſang es oft mit Gurth, der einſt mein Spielkamerad⸗ jezt aber durch die Gnade Gottes und unſres Gebieters nichts Geringeres, als ein freler Mann geworden iſt; wir bekamen einmal Pruͤgel ob dieſer Melodie, da ſie uns ſo wohl gefiel, daß wir ſie zwei Stunden nach Sonnenaufgang— noch zwiſchen Wachen und Schlafen im Bette ſangen— es juckt mir noch in den Gliedern, wenn mir dieſe Sangweiſe in den Mund kommt. Deſſen ungeachtet hab' ich Euch zu Gefallen die Rolle Anna Marei's uͤbernommen. Darauf begann dann der Narr ein neues Lied, in welches der Ritter, ſchnell die Sangweiſe erfaſ⸗ ſend, mit einſtimmte: Der Ritter und Wamba. Drei muntre Geſellen von Nord, Weſt und Süd Die ſangen ſtets luſtig ihr Ringellied, Zu gewinnen die Wittwe von Wycombe fein.— Und wo war die Wittwe, die ſagte nein? — 55⁵ Der erſte, ein Ritter, von Tynedale kam⸗ Der ſang ſein Ringellied lobeſam. Seine Ahnen rühmt er, von Mackel ſo rein, Wo iſt die Wittwe, die ihm ſagte: nein? Seinen Vater, den Laird, und den tapfern Oheim Pries er in ſeinem Ringelreim. Sie hieß ihn ſich wärmen am Ofen zu Haus, Und wies den Herrn Ritter zur Thüre hinaus. Der nächſte ſchwor vei Nägelmal und Blut, Sang auch ſein Ringellied wohlgemuth Er ſei ein Edelmann, ſtämm' aus dem Walliſerland— War er es, der bei ihr Gnade fand 2 — Pries David av Morgan ap Griffith gp Hugh Ap Tudor ay Rhice und andre dazu. 4 Sie ſagt ihm, eine Wittwe ſei nicht für zehn Und hieß den Waliſer des Weges gehn. Der dritte aus Kent ein YReoman Stimmt auch ſein Ringelliedlein an⸗ Sang der Wittwe viel von Hab und Gut, Auch ihn die Wittwe abweiſen thut? Im Kothe ſtehn Ritter und Squire von Rang, um drauſſen zu ſingen den Ringelgeſang Den Yeoman von Kent mit der jährlichen Rent Läßt ein zu der Thüre die Wittwe geſchwind. „Ich wollte, Wamba,“ verſetzte der Ritter,„un⸗ ſer Wirth vom Gerichtsbaum oder ſein Kaplan, der zuſtige Moͤnch, haͤtte dieſes Lied zum Arolſe des ver⸗ wegenen Neomans gehoͤrt.“ „Das wuͤnſcht' ich eben nicht,“ verſezte Wamba, „geſchaͤhe es auch nur wegen des Horns, das an Eurer Seite haͤngt.“ „Ei nun,“ entgegnete der Ritter—„das iſt ein Pfand von Lockleys gutem Willen, aber zu brau⸗ chen gedenk ich's eben nicht. Im Falle der Noth bin ich gewiß, drei Worte in dieſes Horn geſtoßen, wuͤrden ein munteres Haͤuflein jener guten Yeomen um uns verſammeln.“ „Ich moͤchte ſagen, der Himmel behuͤte uns da⸗ vor,“ ſprach der Narr,„waͤre dieſes Horn nicht zu⸗ gleich ein Unterpfand, daß ſie uns in Frieden ziehen ließen.“ 199 Seg „Wie meinſt Du das?“ fragte der Ritter; „glaubſt Du, ſie wuͤrden uns ohne dieſes Unterpfand unſerer Kameradſchaft was zu Leide thun?“ „Nein, ich will nichts geſagt haben,“ meinte Wamba.„Gruͤne Baͤume haben ſo gut Ohren, als ſteinerne Mauern. Aber kannſt Du mir das Naͤth⸗ ſel beantworten, Herr Ritter— iſt es beſſer, wenn Dein Weinbecher und Dein Beutel leer oder voll iſt?“ „Ei, niemals iſt es beſſer!“ erwiederte der Ritter. „So verdienteſt Du niemals, ſie voll in der Hand zu halten, fuͤr ſolch eine einfaͤltige Antwort. Beſſer iſts, Deine Flaſche iſt leer, als daß Du ſie einem Sachſen abgibſt; beſſer iſt's, Du laͤßt Dein Geld zu Haus, ehe Du den gruͤnen Wald betrittſt,“ 1 „So haͤltſt Du alſo unſre Freunde fuͤr Raͤu⸗ ber?“ fragte der Ritter vom Feſſelſchloß. „Das will ich eben nicht geſagt haben, guter 52. Herr,“ verſezte Wamba,„es mag eine Erleichterung fuͤr das Pferd des Reiters ſein, wenn man ihm den Mantelſack abnimmt, zumal wenn es eine weite Neiſe vor ſich hat; auch mag es ſeiner Seele gut thun, wenn man ſie von dem befreit, was doch die Wur⸗ zel alles Uebels iſt; deßhalb will ich den Burſchen, die dafuͤr ſorgen, keinen harten Namen geben. Nur wuͤnſcht' ich den Mantelſack zu Hauſe und meinen Beutel in der Kammer, wenn ich mit dieſen guten Burſchen zu thun haben ſoll; es wird ihnen immer⸗ hin einige Muͤhe erſparen.“ „Trotz dem ſchoͤnen Charakter, den Du ihnen beilegſt, ſind wir dennoch verbunden, fuͤr ſie zu be⸗ ten, mein Freund.“ „Betet fuͤr ſie von ganzem Herzen,“ ſagte Wamba;„aber in der Stadt, nur nicht im gruͤnen Wald, wie der Abt von St. Bees, der in einem al⸗ ten hohlen Eichbaum ihnen Meſſe leſen mußte.“ „Sag, was Du willſt, Wamba,“ entgegnete der Ritter,„dieſe YNeomen thaten Deinem Gebieter vor Torquilſtone gute Dienſte.“ „Ja freilich,“ antwortete Wamba,„das iſt ſo ihre Art, wenn ſie mit dem Himmel unterhandeln.“ „Mit dem Himmel unterhandeln, Wamba?— wie meinſt Du das?“ „Ei Potztauſend, ſie machen durch eine ſolche Gegenrechnung, wie ungefaͤhr der Jude Iſaak mit ſeinen Schuldnern, die ihrige quitt; ſie ſtrecken blutwenig vor und laſſen ſich ſtarke Zinſen zahlen; zigkeit verheißt.“ „Mache mir Deine Meinung durch ein Beiſpiel deutlicher.— Ich verſtehe nichts von dieſem Teufels⸗ zeug,“ antwortete der Ritter. „Nun wenn Ihr, geſtrenger Herr, ſo vor den Kopf geſchlagen ſeid, ſo laßt Euch bedeuten, wie dieſe ehrlichen Burſche immer eine gute That mit einer aufwaͤgen, die minder loͤblich iſt, ſo ſetzen ſie zum Beiſpiel gegen die Krone, welche ein Bettelmoͤnch empfing, hundert Byzantiner aus der Boͤrſe eines reichen Abts, ſie kuͤſſen ein Juͤngferchen im gruͤnen Wald, und laſſen dafuͤr einer armen Witwe was zu Gute kommen.“ „Welche von beiden war nun die gute, welche die ſchlimme That?“ fiel der Ritter ein. „Nicht uͤbel! nicht uͤbel,“ meinte Wamba, „kluge Kompanſchaft waſcht den Verſtand. Gewiß, Ihr ſprachet nicht halb ſo klug, als Ihr mit dem tollen Einſtedler Saufveſpern hieltet! Aber weiter iin Text!— Die luſtigen Waldleute laſſen eine Huͤtte aufbauen, und brennen ein Schloß dafuͤr ab— ſchmuͤk⸗ ken die Kanzel und pluͤndern die Kirche— ſetzen einen armen Gefangenen in Freiheit und morden da⸗ fuͤr einen ſtolzen Sheriff— oder um unſrem Falle naͤher zu kommen— ſie befreien einen ſaͤchſiſchen und rechnen zweifelsohne fuͤr ſich den ſiebenfachen Lohn, wie’s die Schrift den Werken ber Barmher⸗ 59 Franklin und verbrennen einen normaͤnniſchen Frei⸗ herrn bei lebendigem Leibe. Artige Diebe ſind's, das iſt wahr, und hoͤfliche Raͤuber; aber am beſten iſt's immer, man hat's mit ihnen zu thun, wenn ihre Rechnung am ſchlimmſten ſteht.“ „Wie ſo, Wamba?“ fragte der Ritter. „Nun, wenn ſie in der Zerknirſchung ſind, und ſich mit dem Himmel abfinden muͤſſen. Sind ſie wieder quitt, ſo helfe der Himmel denen, die ihnen zuerſt unter die Haͤnde kommen. Die Reiſenden, die ihnen zuerſt nach ihren guten Werken vor Tor⸗ quilſtone aufſtoßen, bekommen einen ſchweren Stand. uUnd dennoch,“ fuhr Wamba, dem Hitter dicht zur Seite reitend, fort,„gibt es Geſellen, die den Rei⸗ enden noch viel gefaͤhrlicher ſind, als jene Geaͤch⸗ teten!“ „und wer ſind dieſe wohl, da Ihr keine Baͤren und Woͤlfe habt?“ fragte der Ritter. „Dafuͤr haben wir Malvoiſin's Reiſige,“ ver⸗ ſezte Wamba;„ich ſage Dir, in Zeiten buͤrger⸗ licher Kriege iſt ein halb Duzend von ihnen mehr werth, als eine ganze Herde Woͤlfe zu jeder Zeit. Jezt iſt's bel ihnen Aerntezeit, auch ſind ſie noch durch die Fluͤchtlinge aus Torquilſtone verſtaͤrkt worden; ſollten wir auf einen Trupp ſolcher Leute ſtoßen, ſo koͤnnten uns unſre Heldenthaten theuer zu ſtehen kommen.— Nun ſagt mir, Herr Ritter⸗ was wuͤrdet Ihr thun, begegneten?“ „Die Schufte mit der Lanze an den Boden na⸗ geln. Wamba, wenn ſie uns einige Unbequemlichkeit verurſachten.“ „Wie aber, wenn's ihrer Viere waͤren?“ „Dann ſollten ſie aus derſelben Schuͤſſel eſ⸗ ſen!“ antwortete der Ritter. „Wenn nun aber ſechſe anruͤckten,“ fuhr Wamba fort,„und wir waͤren, wie jezt, nur unſrer zwei? Wuͤrdet Ihr Euch dann nicht an Lockley's Horn er⸗ innern?“ „Was? gegen zwanzig ſolcher Schufte um Huͤlfe rufen, die ein guter Ritter vor ſich hertreibt, wie der Wind das abgefall'ne Laub?“ rief der Ritter. „Nun ſo laßt mich doch Euer Horn, das einen ſo gewaltigen Klang hat, etwas naͤher betrachten,“ er⸗ wiederte Wamba. Der Ritter ſchnallte ſein Wehrgehaͤng auf und befriedigte den Wunſch ſeines Gefaͤhrten, der es ſich ſogleich um den eigenen Nacken hing. „ WTra— lira— la,“ ſagte er und brummte die Noten,„ich kann's ſchon ſo gut als ein anderer.“ „Was ſoll das, Schelm?“ fragte der Ritter. „Gieb mir das Horn ſogleich zuruͤck.“ „Seid ruhig, Herr Ritter, es iſt in guten Haͤn⸗ den. Wenn Tapferkeit und Thorheit zuſammen wenn wir zweien derſelben 61 reiſen, ſo ſollte die Thorheit das Horn um ſich haͤn⸗ gen, denn ſie kann am beſten blaſen.“ „Nein, Schuft,“ ſprach der ſchwarze Ritter, „das geht uͤber Deine Graͤnze.— Fordere meine Geduld nicht heraus.“ „Dringt nicht ſo gewaltthaͤtig auf mich ein,“ rief der Narr ſich etwas zuruͤckziehend dem ungedul⸗ digen Ritter zu,„ſonſt zeigt Euch die Thorheit ein Paar leichtfuͤßige Hacken und uͤberlaͤßt es der Tapfer⸗ keit, ſich ſelbſt den Weg durch den Wald zu finden.“ „Nun, Du haſt mich allerdings im Sacke,“ ver⸗ ſezte der Ritter,„und in Wahrheit, ich habe we⸗ nig Zeit mit Dir zu ſcherzen. Behalte das Horn, wenn Du willſt, und laß uns weiter ziehen.“ „So wollt Ihr mir alſo nichts zu Leide thun?“ fragte Wamba. „Ich ſag Dir nein, Du Schelm!“ „Ja, aber gebt mir Euer Ritterwort darauf 7* fuhr Wamba fort, ſich mit großer Vorſicht nahend. „Mein Ritterwort! ſo komm nur naͤher mit Dei⸗ ner naͤrriſchen Perſon!“ „Nun denn, ſo ſind Tapferkeit und Thorheit wieder gute Kameraden,“ ſprach der Narr, und ritt frei dem Ritter zur Seite.„Aber in Wahrheit, ich liebe ſolche Puͤffe nicht, wie Ihr ſie dem tollen Moͤnche gabet, da Se. Heiligkeit wie ein Kegelkoͤ⸗ nig auf dem Gras hinrollte. Und nun, da die Thor⸗ heit das Horn traͤgt, ſo laßt die Tapferkeit ſich erheben 62 und ihre Maͤhne ſchuͤtteln; denn irre ich mich nicht, ſo ſtecken in jenem Dickicht Geſellen, die ein Auge auf uns haben.“ „Woraus ſchließeſt Du das?“ fragte der Ritter. „Weil ich zwei oder drei Mal den Schimmer einer Sturmhaube zwiſchen den gruͤnen Zwelgen her⸗ vorblitzen ſah. Waͤren's ehrliche Leute, ſo wuͤrden ſie auf dem Wege bleiben; aber jenes Gebuͤſch iſt eine auserwaͤhlte Kapelle fuͤr die Juͤnger des heili⸗ gen Nikolas.“ 1 „Meiner Treu,“ ſagte der Ritter, ſein Viſir ſchließend,„ich glaube, Du haſt recht geſehen!“ Und zu rechter Zeit hatte er ſein Viſir geſchlof⸗ ſen; denn drei Pfeile flogen aus dem verdaͤchtigen Ort gegen ſein Haupt und ſeine Bruſt; der eine waͤre ihm durch's Gehirn gedrungen, waͤr' er nicht an dem ſtarken, ſtaͤhlernen Viſir abgeprallt. Die beiden Andern prallten an der Halsberge und dem Schilde ab, der um des Ritters Nacken hing. „Dank Euch, Ihr braven Waffenſchmiede!“ rie, der Ritter.„Auf, Wamba, laß uns auf ſie losren⸗ nen.“ Damit ſprengte er gegen das Dickicht heran. Sechs oder ſieben Reiſige rannten mit eingelegter Lanze in vollem Galopp auf ihn an. Drei ihrer Speere trafen auf ihn und zerſplitterten an ſeinem Harniſche, wie an einem Thurme von Stahl. Des ſchwarzen Ritters Augen ſchienen durch die Oeffnung des Viſires Flammen zu ſpruhen. Er erhob ſich in 63 den Buͤgeln und rief mit einem Ausdruck unaus⸗ ſprechlicher Hoheit:„Was ſoll das heißen, meine Herrn?“ Allein die Bewaffneten gaben keine Ant⸗ wort, ſondern zogen ihre Schwerter und drangen von allen Seiten mit dem Rufe:„Stirb, Tyrann!“ auf ihn ein. „Ha! Saint Edward! Saint Georg!“ rief der Ritter, mit jedem Rufe einen Gegner zu Boden ſtreckend,„haben wir's mit Verraͤthern zu thun?“ So verzweifelt auch der Muth der Angreifenden war, ſo wichen ſie doch vor einem Arme zuruͤs, der mit jedem Streiche den Tod gab, und es ſchien,— als ob die furchtbare Staͤrke des einzelnen Arms gegen alle dieſe Boͤſewichter das Feld gewinnen ſollte,— als ein Ritter in blauer Nuͤſtung, der ſich bisher hinter den Andern gehalten hatte, mit eingelegter Lanze vorſprengte, und nicht auf den Reiter, ſondern auf das Pferd zielend, das edle Thier toͤdlich verwundete. „Das war ein Bubenſtuͤck!“ rief der ſchwarze Rit⸗ ter, als ſein Roß zuſammenſtuͤrzte und den Reiter mit ſich niederriß. In dieſem Augeublick ſtieß. Wamba maͤchtig in das Horn,— denn Alles war ſo raſch auf einander gefolgt, daß er nicht fruͤher dazukommen konnte. Der ploͤzliche Schall machte, daß die Moͤrder nochmals zuruͤckwichen, und Wamba, ſo unvollkommen auch ſeine Bewaffnung war, ohne Bedenken dem RNitter zu Huͤlfe eilte. 8 64 „Schande uͤber Euch, Ihr feigen Memmen!“ rief der Ritter, welcher der Anfuͤhrer der Angreifen⸗ den zu ſein ſchien.„Flieht Ihr vor dem leeren Schall, den ein Narr ertoͤnen laͤßt?“ Durch dieſe Worte ermuthigt, drangen ſie von Neuem auf den Ritter ein, der mit dem Ruͤcken an eine Eiche ſich lehnend, mit ſeinem Schwerte ſich verthei⸗ digte. Der ſchurkiſche Ritter, der einen neuen Speer er⸗ griffen hatte, wartete den Augenblick ab, wo ſein furcht⸗ barer Gegner am heftigſten bedraͤngt war, und ſprengte, in der Hoffnung, ihn mit der Lanze an den Baum zu na⸗ geln, auf ihn heran, als ſein Vorhaben durch Wamba vereitelt ward. Der Narr, welcher den Mangel an Kraft durch Gewandtheit zu erſetzen ſuchte, und von den mit ihrem wichtigeren Gegner beſchaͤftigten Bewaff⸗ neten wenig beachtet ward, nahm zwar nur entfern⸗ ten Antheil an dem Gefecht, unterbrach aber durch einen Hieb in die Knieſcheibe des Pferdes den Un⸗ heil drohenden Angriff des blauen Ritters. Pferd und Mann ſtuͤrzten zu Boden; dennoch blieb die Lage ddes Ritters vom Feſſelſchloß bedenklich genug, da er poon mehrern Naͤnnern in vollſtaͤndiger Ruͤſtung be⸗ draͤngt wurde, und durch die außerordentliche zu ſei⸗ ner Vertheidigung nothwendige Anſtrengung ermu⸗ det zu werden begann. Da ſtreckte ploͤtzlich ein grau⸗ befiederter Pfeil den furchtbarſten ſeiner Gegner nie⸗ der und unter der Anfuͤhrung Lockley's und des lu⸗ ſtigen Moͤnchs brach ploͤzlich eine Bande Gecherer 65⁵ aus dem Dickicht, die ſogleich nachdruͤcklichen Antheil an dem Scharmuͤtzel nahmen, ſo daß ſie bald mit den Feinden fertig wurden, von denen in kurzem alle tod oder toͤdlich verwundet auf dem Boden lagen. Der ſchwarze Ritter dankte ſeinen Befreiern mit einer Hoheit, die ſie in ſeinem fruͤhern Benehmen noch nicht gefunden hatten, das bisher mehr das eines rauhen, kuͤhnen Kriegers, als eines Mannes von hohem Range war. „Es liegt mir viel daran,“ ſprach er,„ſelbſt ehe ich meinen Freunden meinen vollen Dank aus⸗ ſpreche, zu entdecken, wer denn eigentlich meine un⸗ berufenen Gegner waren.— Oeffne das Viſir des blauen Ritters, Wamba, der ſcheint mir der Anfuͤh⸗ rer dieſer Elenden zu ſein.“ „Kommt, geſtrenger Herr,“ rief Wamba,„ich ſehe ſchon, ich muß ſo gut Euer Wappner, als Euer Stallmeiſter ſein!— Ich hab Euch vom Pferde ge⸗ holfen, und will Euch nun auch den Helm abnehmen.“ Damit machte er ſich ſogleich hinter den Fuͤhrer der Meuchelmoͤrder, der unter ſeinem verwundeten Pferde liegend nicht im Stande war, zu fliehen oder Wi⸗ derxand zu leiſten. Und mit großer Artigkeit loͤſte er ihm den Helm, der auf den gruͤnen Grund hin⸗ rollend dem Ritter vom Feſſelſchloß ein graugelocktes Haar und ein Geſicht entdeckte, das er unter ſolchen Umſtaͤnden zu erblicken nicht erwartet hatte. „Waldemar Fitzurſe,“ rief er erſtaunt;„was D. Scott's Werke. XI.VII. 5 66 konnte einen Mann von Deinem Rang und Deiner Wuͤrde zu ſolch einem niedertraͤchtigen Unternehmen vermoͤgen?“ „Richard!“ entgegnete der gefangene Ritter, ihn anblickend,„Du kennſt die Menſchen zu wenig, wenn Du nicht weißt, wozu Ehrſucht und Rache je⸗ des Adamskind verleiten moͤgen.“ Mhache; antwortete der ſchwarze Ritter,„ich that Dir nie was zu Leide.— Au mir haſt Du nichts zu rich en 14 „Meine Tochter, Richard, deren Hand Du ver⸗ ſchmaͤht haſt!— War das nicht eine Beleidigung fuͤr einen Normann, deſſen Blut ſo edel iſt, als das Deinige?“ —„Deine Tochter!“ erwiederte der ſchwarze Rit⸗ ter;„ein huͤbſcher Grund zur Feindſchaft und zu ſolch bluriger That!— Tretet zuruͤck, meine Herrn, ich muß mit ihm allein ſprechen!— Nun, Walde⸗ mar Fitzurſe, ſprecht die Wahrheit und geſteht, wer Euch zu der verraͤtheriſchen That verleitet hat!““ „Deines Vaters Sohn!“ antwortete Waldemar, „der durch dieſe That an Dir nur Deinen eigenean. Ungehorſam gegen Deinen Vater raͤc te.“ Richards Augen gluͤhten vor Unwillen, allein ſein beſſeres Ich behielt die Oberhand. Er druͤckte einen Augendtis die. and gegen die Stirn, und lc. aule 67 dem gedemüthigten Varon ins Geſicht, in deſſen Zuͤ⸗ gen Stolz mit Scham kaͤmpfte. „Du bitteſt nicht um Dein Leben, Waldemar,“ ſagte der Koͤnig. „Wer ſich in den Klauen des Loͤwen befindet,“ entgegnete Fitzurſe,„weiß, daß ſolche Bitte frucht⸗ les waͤre.“ „So nimm es denn ungebeten!“ ſprach Richard. „Vorgeworfene Leichname ſind nicht des Loͤwen Beute. — Ich ſchenke Dir das Leben, jedoch mit der Be⸗ dingung, daß Du binnen drei Tagen England verlaͤſ⸗ ſeſt, Deine Niedertraͤchtigkeit in Deinem normaͤnni⸗ ſchen Schloſſe verbirgſt, und nie den Namen Johzn⸗ nes von Anjou als des Theilnehmers an Deiner Schurkerei zu nennen wagſt. Wenn Du nach dieſer Friſt Dich auf engliſchem Grund und Boden blickem aͤſſeſt, ſo ſollſt Du des Todes ſterben!— oder wagſt Du irgend etwas gegen die Ehre meines Hauſes, keim hetligen Georg, ſo iſt ſelbſt der Altar kein Schutz fuͤr Dich!— Ich laſſe Dich an den Zinnen Deines eigenen Hauſes den Raben zur Speiſe auf⸗ haͤngen!— Gebt dieſem Ritter ein Pferd, Locksley, denn ich ſehe, Eure Neoomen haben die herrenlos umherlaufenden aufgefangen, und laßt ihn ungefaͤhr⸗ det von dannen ziehen.“ „Wenn ich nicht vermuthete, daß ich einer Stimme gehorchte, der nicht widerſprochen werden darf,“ ante wortete der Nooman,„ſo wuͤrde ich dem ſchurkiſeen .. 63 Verraͤther einen Pfeil nachſenden, der ihm jede wei⸗ tere Reiſe erſparte,“ 3 „Dir ſchlaͤgt ein aͤcht engliſches Herz in dem Buſen, Locksley,“ ſprach der ſchwarze Ritter,„mit Recht haͤltſt Du Dich zum Gehorſam gegen mich ver⸗ pflichtet— ich bin Richard von England!“ Bei dieſen Worten, die Loͤwenherz mit der ſei⸗ nem hohen Nange und erhabenen Charakter angemeſ⸗ ſenen Hoheit ſprach, knieten die Yeomen alle mit ei⸗ nem Mal vor ihm nieder, ihre Huldigung ihm dar⸗ bringend und ihn um Vergebung flehend. „Erhebt Cuch, meine Freunde,“ ſprach Richard in ſanftem Tone, indem er ſie mit einem Blicke an⸗ ſah, worin ſeine gewohnte Milde an die Stelle des Unmuths getreten war, auch zeigte ſich auf ſeinem Geſichte keine Spur des lezten verzweifelten Kampfes, einige von der heftigen Anſtrengung erzeugte Roͤthe vusgenommen.„Erhebt Euch, meine Freunde! Eure Vergehen gegen Jagd und andere Geſetze ſind durch Euern treuen und muthigen Beiſtand gegen meine unterdruͤckten Unterthanen vor den Mauern vor Tor⸗ guilſtone, und durch die Rottung Eures Fuͤrſten am heutigen Tage gofuͤhnt,— Steht auf, meine Lehns⸗ leute, ſeid binfort treue Unterthanen!— Und Du, wackerer Locksley— „Nennt mich nicht laͤnger Locksley, mein Lehns⸗ herr, ſondern lernt mich unter dem Namen kennen, den, wie ich faͤrchte, der Ruf nur zu weit verbreitet 69 hat, als daß er Enern koͤnlalichen Ohren fremd ge⸗ blicben waͤre. Ich bin Robin Hood, aus dem Sher⸗ wooder Wald.“ 2 „Der Koͤnig der Geaͤchteten, und Fuͤrſt wackerer Geſellen!“ rief der Koͤnig;„wer haͤtte nicht einen Namen gehoͤrt, der ſetbſt nach Palaͤſtina drang! Aber ſei verſichert, braver Geaͤchteter, keiner That, die unſre Abweſenheit in dieſen unruhigen Zeiten veranlaßte, ſoll fernerhin zu Deinem Nachtheile ge⸗ dacht werden.“ „Das Sprichwort hat Recht,“ fiel Wamba je⸗ doch mit weniger Dreiſtigkeit in die Rede: Iſt die Katz nicht zu Haus Springt 8 Mäuschen heraus. „Wie, Wamba, biſt Du auch hier?“ ſagte Ri⸗ chard,„ſchon lange her iſt es, daß ich nichts mehr von Dir hoͤrte, ich baute, On habeſt das Haſenpanier ergriffen.“ „Ich das oſenpunſere⸗ fragte Wamba.„Wann fahet Ihr je, daß ſich die Thorheit von der Tapfer⸗ keit treunte? Hier liegt die Trophaͤe meines Schwer⸗ tes, das gute graue Thier da, das ich von Herzeu gern wieder auf die Beine wuͤnſchte, wenn ſein Herr dafuͤr hier in der Knieſperre laͤge. Wahr iſt es, ich konnte Anfangs nicht recht beikommen, denn meine Narreniacke haͤlt nicht wie das Stablwamms Stich gegen die Lanzenſpitzen. Aber wenn ich mich auch 70 nicht aufs Schwertgefecht einließ, ſo muͤßt Ihr doch ſagen, daß ich tapfer geblaſen habe.“ „Ja, und zwar zur xechten Zeit, ehrlicher Wam⸗ ba,“ verſezte der Koͤnig.„Deine guten D jenſte ſol⸗ len nicht vergeſſen ſein.“ „Confteor! confiteor!“ rief in demuͤthigem Ton eine Stimme dicht neben dem Koͤnig.—„Mein Latein will ſich nicht weiter ſtrecken; allein ich be⸗ kenne meine toͤdliche Schuld und flehe um Abſolution, ehe ich zur Richtſtaͤtte gefuͤhrt werde.“ Richard ſah ſich um und fand den luſtigen Moͤnch zu ſeinen Fuͤßen den Roſenkranz betend knien, indeß ſein Kampfſtock, der im Geſechte nicht muͤßig geblie⸗ ben war, neben ihm im Graſe lag. Sein Geſicht hatte den verzerrten Ausdruck großer Zerknirſchung; ſeine Augen waren aufwaͤrts gekeyrt, indeß die Maul⸗ winkel herabhingen, gleich den Quaſten eines Geld⸗ beutels, wie Wamba meinte. Allein dieſen Anſchein gaͤnzltcher Zerknirſchung ſtrafte komiſch genng Luͤgen ein ſpoͤttiſcher Zug, der auf dem grotesken Geſichte lag, und ſchien Furcht und Reue als erheuchelt dar⸗ zuſtellen. „Warum ſo niedergeſchlagen, toller Moͤnch?“ fragte Richard.„Fuͤrchteſt Du eiwa, Dein Didͤzeſan moͤchte erfahren, wie Du unſrer lieben Frauen und dem heiligen Dunſtan dieneſt?— Sei unbeſorgt, Freund! Richard von England verraͤth nicht die Ge⸗ heimniſſe, die ihm bei der Flafche vertraut wurden.“ 4 4 71 „Nein, allergnädigſter Koͤnig!“ antwortete der Einſiedler(in den Volksſagen unter dem Namen Bruder Tuck bekannt);„nicht vor dem Krummſtab — vor dem Zepter fuͤrcht' ich mich!— O Him⸗ mel, daß meine gotteslaͤſterliche Fauſt das Ohr des Geſalbten des Herrn beruͤhren mußte!“ „Aha!“ rief der Koͤnig;„daher blaͤſt der Wind! — In Wahrheit, ich hatte die Ohrfeige ſchon laͤngſt vergeſſen, obgleich das Ohr mir den ganzen Tag ſummte. Allein wenn die Ohrfeige auch über die Maßen gut ausfiel, ſo ſollen dieſe unſre Freunde hier entſcheiden, ob ſie nicht puͤnktlich heimbezahlt ward.— Wenn Du aber glaubſt, Du habeſt nicht volle Zahlung erhalten, ſo ſteht Dir eine zweite zu Dienſt.“ 4 „Nein, nein, bei Leibe nicht!'s iſt Alles mit Wucher bezahlt!“ entgegnete Bruder Tuck.—„Mo⸗ gen Ew. Majeſtaͤt alle Schulden ſo vollwichtig be⸗ zahlen.“ „Wenn ich's mit Puͤffen koͤnnte,“ verſetzte der Koͤnig,„dann ſollten meine Glaͤubiger ſich nicht uͤber leere Beutel zu beklagen haben!“ „Und doch,“ fuhr der Moͤnch wieder mit ſeinem Armenſuͤndergeſicht fort,„weiß ich nicht, wie ich die⸗ ſen gottesläͤſterlichen Schlag wieder fuͤhnen kann. 1, 8 „Nichts weiter davon, Moͤnch!“ ſprach der Koͤ⸗ nig;„nach ſo manchem Streich von Heiden und Un⸗ glaͤubigen waͤre es ſehr thoͤricht, ſich uͤber einen —ę—⸗C———ꝛ—ꝛ—⸗——ꝛ—ꝛℳ———nun 7² von ſo heiliger Hand, wie von der des Moͤnchs von Kopmanhurſt aufzulaſſen. Und doch glaub' ich, ehr⸗ licher Bruder, waͤre es fuͤr Dich und die Kirche bef⸗ ſer, Du erhielteſt die Erlaubniß, die Kutte auszu⸗ zienn, und als Yeoman bei meiner Leibwache einzu⸗ ſtehn, damit Du blos unſrer Perfon dienteſt, wie Du fruͤher dem Altar des heitigen Dunſtan gedient haſt.““ „Mein Lehnsherr,“ entgegnete der Moͤnch, nich bitte demuͤthigſt um Verzeihung! gern wuͤrdet Ihr meine Entſchuldigung gelten laſſen, wenn Ihr wuͤßtet, wie fehr ich mit der Suͤnde der Faulhe t behaftet bin.— Der heilige Dunſtan— gnaͤdlg ſei er uns!— ſteht geduldig in ſeiner Blende, wenn ich gleich zuweilen uͤber dem Gang nach einem fet⸗ ten Rehbock meine Gebete vergaß; ich bin wohl auch manchmal Nachts aus meiner Zelle abweſend— und der heilige Dunſtan war nie verdrießlich daruͤ⸗ ber; er iſt ein ſo ruhiger, friedliebender Herr, als nur je einer aus Holz geſchnitzt wurde; aber befinde ich mich als Neoman um die Perſon meines Herrn, des Koͤnigs,— obgleich die Ehre zweifelsohne unend⸗ lich groͤßer iſt,— und woltte mich auf die Seite ſchlei⸗ chen, um dort eine junge Wittwe zu troͤſten, oder mir anderswo ein Wild wegſchießen, da hieß es dann gleich: wo iſt der Hund von Pfaffe?— oder wer hat den vermaledelten Tuck geſehn? der entkuttete Schuft richtet mehr Wild zu Schanden, als das halbe — 73 Laud! ſchrie dann der Foͤrſter— oder— der jagt wieder nach einem Stuͤck Weibsbild im Gaͤu!— Kurz, mein gnaͤdiger Lehnsherr, ich bitte Ench, laßt mich, wo ich bin, oder wenn Ihr geruhen wollt, mich, den armen Geiſtlichen von Kopmanhurſt, Eure Gnade fuͤhlen zu laſſen, ſo wird er„eine kleine milde Scheu⸗ kung“ mit geruͤhrteſtem Danke empfangen.“ „Verſtehe, verſtehe,“ fiel der Koͤnig ein.„Der heilige Moͤnch von Kopmanhurſt ſoll eine Huͤtung und Jagd in meinen Forſten von Warnkliſſe ha⸗ ben. Aber wohlgemerkt, drei Rehboͤcke ſind Dir jede Jagdzeit geſtattet; wenn dieß aber nicht eine Entſchuldigung fuͤr dreißig wird, ſo will ich kein chriſt⸗ licher Ritter noch aͤchter Koͤnig fein!“ „Ew. Majeſtaͤt duͤrfen verſichert ſein,“ erwie⸗ derte der Moͤnch,„daß ich mit Huͤlfe des heiligen Dunſtan Mittel finden werde, Euer allergnaͤdigſtes Geſchenk zu vervielfältigen.“ „Ich zweifle nicht daran, guter Bruder,“ ſagte der Koͤnig;„und da das Wildbret eigentlich ein trock⸗ nes Futter iſt, ſo ſoll unſer Kellermeiſter Befehl er⸗ halten, Dir jaͤhrlich einen Schlauch Sekt, ein Faͤß⸗ chen Malvaſier und drei Oxrhoft Bier von der beſten Sorte zu verabfolgen.— Und ſtillt das Dir den Durſt noch nicht, ſo mußt Du nach Hofe kommen, und mit meinem Mundſchenken Bruͤderſchaft trinken.“ „Was erhaͤlt aber mein heiliger Dunſtan?“ fragte der Moͤnch. 4 74 „Nun, eine Kappe, eine Stola und eine Altar⸗ bekieidung ſollſt Du auch erhalten,“ fuhr der Koͤnig ſich bekreuzend fort—„doch wir wollen unſern Scherz nicht in Ernſt verwandeln, damit uns Gott nicht ſtrafe, daß wir mehr an unſre Thorheiten, als an ſeine Ehre und feinen Dienſt gedacht haben.“ „Fuͤr meinen Schutzpatron will ich ſtehn,“ ant⸗ wortete der Prieſter ſcherzhaft. Steh' Du fuͤr Dich ſelbſt, Moͤnch,“ verſezte Koͤ⸗ nig Richard etwas finſter; reichte aber gleich darauf dem Einſiedler die Hand, der ſie etwas beſchaͤmt das Knie beugend kuͤßte.„Du erzeigſt meiner offen dargebotenen Hand weniger Ehre,“ ſprach der Mo⸗ narch,„als der geballten; vor der einen knieteſt Du nur, vor der andern lagſt Du auf den Boden ge⸗ ſer ckt!“ Der Möͤnch aber, vielleicht fuͤrchtend, durch Fortietzung einer zu jovialen Unterhaltung au den Kenig einen ungunſtigen Eindruck zu machen,— wo⸗ vor ſich die, welche mit Fuͤrſten umgehen, beſonders zu haten haben— verbeugte ſich demuthigſt und zog ſth zuruck. In dem elben Augenblick erſchlenen zwei neue Geſtatten auf dem Schauplatze. Viertes Kapitel. Alles Glück und Heil dem du chlauchtigen Sir, Oo großee, lebt er nicht grücklicher als wir Im grü ienden Raum Unter jeglichem Vaum Wlit uns Euch zu freun, ſeid wilkkommen mir! Macdonald Die neuen Ankoͤmmlinge waren Wilfried von Ivanhoe, auf dem Klepper des Priors von Botolph, und Gurth, der ihn auf des Richters eigenem Streit⸗ roß begleitete. Jvanhoe's Erſtaunen laͤßt ſich nicht beſchreiben, als er ſeinen Fuͤrſten mit Blut beſpritzt und ſechs bis ſieben Leichname auf der kleinen offe⸗ nen Waldebene ſah, wo das Scharmuͤtzel Statt ge⸗ funden hatte. Nicht weniger uberraſcht war er, als er ſich in der Mitte ſo vieler Waldbewohner beſand, die als Geachtele fur einen Furſten ein gefaͤhrliches Ge⸗ ls ſcheinen mußten. Er wußte nicht, ob er in ih⸗ rer Gegenwart den Koͤnig als den ſchwarzen fahren⸗ den Rirter begräßen oder auf welch andere Art aureden ſollte. Richard ſah ſeine Verlegenheit. „Scheue Dich nicht, Wilfried,“ ſprach er,„Richard Plantageuet als ſolchen anzureden, da Du ihn in der Mitte treuer engliſcher Herzen findeſt, obwohl ſie ihr warmes engliſches Blut einige Schritte vom Itceee Wege abgefuͤhrt haben mag.“ Sir Wilfried von Ivanhoe,“ ſprach der lapſere — ———— 76 Geaͤchtete, einige Schritte vortretend,„meine Ver⸗ ſicherungen vermoͤgen nichts zu denen unſeres Mo⸗ narchen hinzuzufuͤgen; dennoch erlaubt mir, kuͤhnlich auszuſprechen, unter allen ſeinen Unterthanen, die viel erduldet haben, hat er keine treuere, als die welche um ihn ſtehen!“ „Da Ihr zu ihnen gehoͤrt, wackrer Mann, kann ich es nimmer bezweifeln,“ verſetzte Jvanhoe.„Aber was bedeuten dieſe Zeichen von Tod und Gefahr? Dieſe Erſchlagenen? Das Blut auf der Ruͤſtung mei⸗ nes Fuͤrſten?“ „Verrath drohte unſrem Leben, Ivanhoe!“ antwortete der Koͤnig;„allein godankt ſei es dieſen wackern Maͤnnern, der Verrath hat ſeinen Lohn ge⸗ funden.— Aber da faͤllt mir oben ein, Du biſt ein Verraͤther!“ ſuhr Richard laͤchelnd fort,„ein unge⸗ horſamer Verraͤther; war es nicht unſer aus druͤckli⸗ cher Vefehl, daß Du in St. Botolphs Abtei ruhig verweilen ſollteſt, bis Deine Wunde geheilt waͤre?“ „Sie iſt geheilt,“ rief Ivanhoe,„ſie macht mir nun nicht mehr zu ſchaffen, als der Stich einer Haar⸗ nadel. Aber weshalb, mein edler Fuͤrſt, wollt Ihn ſo die Herzen Eurer treuen Diener kraͤnken, und Cuer Leben durch einſams Reiſen und kuͤhne Aben⸗ teuer in Gefahr ſetzen, als ob es nicht mebr werth⸗ waͤre, als das jedes andern irrenden Ritters, der nur das ſein auf Erden nennt, was Lanze und Schwert ihm erwerben.“ 7⁷ „Und Richard Plantagenet,“ ſagte der Koͤnig, „begehrt keinen groͤßern Ruhm, als ihm ſeine gute Lanze und ſein Schwert erwerben.— Richard Plan⸗ tagenet iſt ſtolzer auf das ſiegreiche Beſtehen eines Abenteuers mit ſeinem eigenen guten Herzen und ſeinem ſtarken Arm, als wenn er ein Heer von Hun⸗ derttauſenden in die Schlacht fuͤhren koͤnnte!“ „Aber Euer Koͤnigreich, Mylord, iſt von Buür⸗ gerkrieg und Empoͤrung bedroht— Euern Untertha⸗ nen drohen Schrecken jeder Art, wenn ſie in einer diefer Gefahren, denen Ihr Euch taͤglich auszuſetzen beliebt, ja, denen Ihr oft kaum zu entrinnen ver⸗ mochtet, ihres Monarchen beraubt wuͤrden.“ „Hoho! mein Koͤnigreich, meine Unterthanen!“ rief der Koͤnig ungeduldig—„Ich ſage Dir, Sir Wil⸗ fried, die Beſten von ihnen ſind bereit, meine Thor⸗ heiten durch aͤhnliche zu verſohnen. So z. B. mein getreuer Diener, Wilfried von Jvanhve, handelt meinen ausdruͤcklichen Befehlen zuwider, und haͤlt ſeinem Koͤnige eine Strafpredigt, weil er nicht puͤnkt⸗ lich nach ſeinem Willen handelt. Wer von uns bei⸗ den hat mehr Urſache, dem andern Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen? Doch vergieb mir, treuer Wilfried.— Die Zeit, die ich in Verborgenheit zugebracht, und noch zubringen werde, iſt, wie ich Dir ſchon zu St. Bo⸗ tolph erklaͤrte, nothwendig, um meinen Freunden und getreuen Edeln Zeit zu laſſen, ihre Streitkraͤfte zu ſammeln, damit, wenn Richards Ruͤckkehr angekuͤn⸗ 78 digt wird, er an der Spitze einer Macht erſcheint, vor der ſeine Feinde erzittern, und ſo der beabſich⸗ tigte Verrath vereitelt wird, ohne daß man ein Schwert zu ziehen braucht. Eſtoteville und Bohun werden nicht ſtark genug ſein, vor vierundzwanzig Stunden gegen York vorzuruͤcken. Auch muß ich Nachrichten von Salisbury aus Saͤden, von Beauchamp in War⸗ wickſhirr und von Multon und Percy im Norden ha⸗ ben. Der Kanzler muß ſich Londons verſichern. Ein voreiliges Hervortreten wuͤrde mich Gefahren aus⸗ ſetzen, deuen meine Lanze und mein Schwert ſelbſt von des kuͤhnen Robins Bogen und dem Kampfſtock des Bruders Tuck, oder dem Horne des klugen Wamba unterſtuͤtzt, mich ſchwerlich zu entreißen vermoͤchten.“ 3 Wilfried verbeugte ſich unterwuͤrfig, wohl wiſ⸗ ſend, wie vergeblich es ſei, den wilden, ritterlichen Geiſt zu baͤndigen, der ſeinen Herrn ſo oft in Ge⸗ fahren trieb, die er leicht haͤtte vermeiden koͤnnen, ja deren Aufſuchen ſogar unverzeihlich war. Wilfried ſeufzte und ſchwieg, indeß Richard ſich reuke, ſeinen Rathgeber zum Schweigen gebracht zu haben, obwohl er ſich innerlich die Wahrheit ſeiner Beſchuldigungen geſtehen mußte. Dann wandte er ſich an Robin W od und fragte ihn:„Koͤnig der Geächteten, hab ahr Eurem Bruder Koͤnig kei⸗ ne Erfriſchungen„zußieten? Die tedten Burſhe hier haben mir ſo vohl Be oegung als Ayppetit ze⸗ macht.“* 79 „In Wahrheit,“ verſetzte der Geaͤchtete,„ich verachte es, Ew. Majeſtaͤt erwas vorzuluͤgen— unſre Speiſekammer iſt hauptſaͤchlich nur verſehen“— hier ſtockte er verlegen. „Mit Wildbraͤt, willſt Du ſagen,“ fiel Richard ſcherzhaft ein;„nun beſſere Koſt kann der Hunger nicht wuͤnſchen— und in der That, wenn ein Koͤnig nicht zu Hauſe bleiben will, um ſein Wild ſelbſt zu ſchießen, ſollte er auch nicht boͤſe werden, wenn's audre fuͤr ihn thun.“ „Wenn Ew. Majeſtaͤt alſo wieder einen unſrer Sammelplaͤtze mit Ihrer Gegenwart beehren will,“ ſagte Robin,„ſo ſoll es an Wildbraͤt nicht mangeln; auch ein Trank Bier, vielleicht auch ein Becher er⸗ traͤglichen Weins wird nicht fehlen, es ſchmackhafter zu machen.“ Der Geaͤchtete zeigte ihnen jezt den Weg; ihm folgte der joviale Fuͤrſt, gluͤcklicher ohne Zweifel in dieſem Zuſammentreffen mit Robin Hood und ſei⸗ nen Waldgeſellen, als wenn er in ſeiner koͤniglichen Hofſtadt der Erſte im Kreiſe edler Pairs und Gro⸗ ßen den Vorſitz haͤtte. Immer neue Geſellſchaft und Abenteuer waren dem loͤwenherzigen Richard die Wuͤrze des Lebens, und zwar um ſo mehr, da Ge⸗ fahren dabei zu beſtehen und uͤberwinden waren. Der glaͤnzende, doch nutzloſe Charakter des romen⸗ tiſchen Ritters war in Richard vollkemmen verwirklicht, und ſeiner aufgeregten Einbildungekraft galt der 80 Ruhm, den er ſich durch eigene Waffenthaten erwor⸗ ben hatte, weit mehr, als der, welchen Klugheit und Weisheit ſeiner Regierung erworben bhaͤtten. So war ſeine Regierung dem Lauf eines ſchnellen, glaͤn⸗ zenden Meteors zu vergleichen, das am Himmel herabſchießt, und, nachdem es ein nutzloſes, furcht⸗ bares Licht um ſich geſtrahlt, von der allgemeinen Finſterniß verſchlungen wird. Seine ritterlichen Tha⸗ ten beten zwar den Barden und Minſtrels reichen Stoff, gewaͤhrten ſeinem Lande aber keinen jener blei⸗ benden Vortheile, bei denen die Geſchichte gern ver⸗ weilt und die ſie der Nachwelt als Muſter aufſtellt. In ſeiner gegenwaͤrtigen Geſellſchaft erſchien Ri⸗ chard im vortheilhafteſten Lichte. Er war luſtig, gut gelaunt, und wußte Maͤnnlichkeit in jedem Stande zu ſchaͤtzen. Scohnell ward unter einem mäͤchtigen, alten Eich⸗ baum das laͤndliche Mahl for den Koͤnig von Eng⸗ land bereitet, der ſich hier von Menſchen umgeben ſah, welche, noch vor Kurzem von der Regierung ge⸗ aͤchtet, jezt ſeinen Hof und ſeine Wache bildeten. Als die Flaſche umherhing, vecloren die rauhen Wald⸗ bewohner allmaͤlig ihre Scheu vor Sr. Majeſtaͤt. Geſang und Scherz wechſelten— fruͤhere Thaten wurden umſtaͤndlich erzaͤhlt, und indeß man ſich fo der gluͤcklichen Uebertretung der Geſetze ruͤhmte, ge⸗ dachte nicht Einer mehr, daß es in Gegenwart des rechtmaͤßigen Beſchuͤtzers derſelben geſchah. Det jo⸗ * v 8¹1 viale Koͤnig, ſeiner Wuͤrde vergeſſend, lachte, trank und ſcherzte mit dem froͤhlichen Haufen. Robin Hoods natuͤrlicher, wenn auch ungebildeter Verſtand ließ ihn wuͤnſchen, daß dieſer Auftritt enden moͤchte, ehe irgend etwas die froͤhliche Stimmung und Ein⸗ tracht ſtoͤren wuͤrde; zumal da er bemerkte, daß ſich auf Ivanhves Stirn Wolken der Beſorgniß und Aengſtlichkeit ſammelten.„Wir fuͤhlen uns zwar,“ ſprach er zu dem Baron bei Seite,„durch die Ge⸗ genwart unſeres tapfern Monarchen hochgeehrt, in⸗ deſſen wuͤnſchte ich doch, daß er die Zeit, welche die Lage des Landes ſo koſtbar macht, hier nicht unnuͤtz verſchwendete.“ „Wohl und weiſe geſprochen, wackrer Robiu Hood,“ ſprach der Ritter;„wiſſe uͤberdieß, daß der⸗ jenige, der mit der Majeſtaͤt ſcherzt, ſelbſt wenn ſie am beſten gelaunt iſt, doch ſtets mit der Maͤhne des Loͤwen ſpielt, der bei dem kleinſten Anlaß Zaͤhne und Klauen weiſt.“ „Das iſt eben auch meine hauptſaͤchlichſte Be⸗ ſorgniß,“ erwiederte der Geaͤchtete.„Natur und Gewohnheit haben meine Untergebenen rauh und wild gemacht; der Koͤnig iſt eben ſo jaͤhzornig als gutmuͤthig; ich kann nicht wiſſen, wie bald ſich eine Urſache zur Beleidigung darbietet, und wie hitzig ſie aufgenommen wird— Es in hohe Zeit, dieß 7 Zech⸗ gelage abzubrechen.“ „Ja, und es muß durch Enre Berwitetung ge⸗ W. Scott's Werke. XLV II. 8² ſſchehen, tapferer Deoman,“ ſagte Ivanhoe;„denn jeder Wink, welchen ich ihm zu geben verſuchte, diente nur dazu, ihn zur Verlaͤngerung deſſelben zu vermoͤgen.“ „So muß ich denn ſo bald die Gunſt und Gnade meines Fuͤrſten aufs Spiel ſetzen?“ rief Robin Hood kelnen Augenblick nachſinnend;„aber beim heiligen Chriſtoph, es muß geſchehen. Ich waͤre ſei⸗ ner Gnade unwerth, ſcheute ich die Gefahr, wo es ſein Wohl gilt.— Hoͤre, Skathlock, geh hinter das Dickicht und blaſe auf Deinem Horn eine normaͤn⸗ niſche Weiſe, aber ſogleich, wenn Dir Dein Leben lieb iſt!““ Skathlock gehorchte ſeinem Hauptmann, und in weniger denn fuͤnf Minuten waren die Zechenden durch den Schall des Horns auf die Beine gebracht. „Das iſt Malvoiſin's Horn,“ rief Muͤller, in⸗ dem er aufſprang und ſeinen Bogen ergriff. Der Moͤnch ließ die Flaſche fallen, und griff nach ſeinem Kampfſtocke. Wamba blieb ein Spaß im Halſe ſtecken, und ſchnell faßte er Schwert und Schild. Alle Andern bewaffneten ſich. 5 MNaͤnner, deren Leben ſolch ein Spiel des Zu⸗ falls iſt, eilen ſchnell bereit vom Schmauſe zur Schlacht, und Richard ſchien dieſer Wechſel blos eine Erhoͤ⸗ hung ſeiner Luſt zu ſein. Er ließ ſich den Helm und den beſchwerlichern Theil ſeiner Ruͤſtung, den er abgelegt hatte, reichen, und indeß Gurth beſchaͤftigt —— 83 war, ſie ihm anzulegen, gebot er Jvanhoe unter An⸗ drohung ſeiner hoͤchſten Ungnade, ſich nicht in den, wie er glaubte, bevorſtehenden Kampf zu miſchen. „Du haſt hundertmal fuͤr mich gefochten, Wil⸗ fried,“ ſagte er,„und ich habe zugeſehen. Heute ſollſt Du ſehen, wie Richard fuͤr ſeinen Freund und Lehnsmann kaͤmpfen wird.“. Indeſſen hatte Robin Hood verſchiedene ſeiner Leute abgeſchickt, um den Feind zu erſpaͤhen; als er aber bemerkte, daß die Geſellſchaft wirklich aufge⸗ brochen war, trat er vor Richard, ließ ſich vor ihm auf ein Knie nieder und bat ihn um Verzeihung. „Wofuͤr denn, guter Neoman?“ fragte Richard etwas ungeduldig.„Haben wir Dir nicht ſchon voll⸗ kommene Verzeihung fuͤr alle Deine Vergehen be⸗ willigt? Glaubſt Du denn, Unſer Wort ſei eine Fe⸗ der, die der Hauch bald vor⸗ bald ruͤckwaͤrts traͤgt? Du haſt indeſſen nicht Zeit gefunden, ein neues Un⸗ recht zu begehen.“ „Unb doch hab ich's begangen,“ antwortete der Yeoman;„wenn es ein unrecht iſt, meinen aller⸗ gnaͤdigſten Fuͤrſten zu ſeinem eignen Vortheil zu hintergehen. Das Horn, welches Ihr hoͤrtet, kam nicht von Malvoiſin; ich ſelbſt ließ es blaſen, um das Mahl abzubrechen; damit es Euch nicht hoͤchſt wichtige Stunden rauben moͤchte, die beſſer verwandt wer⸗ den koͤnnten.“ Jezt erhob er ſich, kreuzte die Arme über die 0 84 Bruſt, und erwartete in mehr ehrerbietiger als un⸗ terwuͤrfiger Stellung die Antwort des Koͤnigs— gleich einem, der ſich bewußt iſt, beleidigt zu haben, aber der Rechtlichkeit ſeiner Abſicht vertraut. Zornes⸗ roͤthe uͤberflog Richards Geſicht; allein dieſer augen⸗ blicklichen Aufwallung Herr werdend, ſiegte ſogleich ſein beſſeres Ich. „Der Koͤnig von Sherwood,“ ſprach er,„miß⸗ goͤnnt ſein Wildbraͤt und ſeine Weinflaſche dem Koͤ⸗ nig von England doch wohl nicht?— ſchon gut, kuͤh⸗ ner Robin! wenn Ihr mich einmal in London be⸗ ſucht, ſo ſollt Ihr in mir keinen ſo knickerigen Wirth finden. Du haſt jedoch Recht, guter Burſche. Zu Pferde alſo und fort!— Wilfried iſt ſchon eine ganze Stunde her ungeduldig. Sag mir, kkuͤhner Robin, haſt Du nicht einen Freund in Deinem Trupp, der nicht zufrieden, Dir zu rathen, auch Deine Bewe⸗ aungen muſtern will, und jaͤmmerliche Geſichter ſchnei⸗ det, wenn Du Dir heraus nimmſt, nach Deinem ei⸗ genen Kopfe zu handeln?“ 8 „Gerade ſo,“ antwortete Robin,„iſt mein Lkeu⸗ tenant, der kleine John, der eben auf einen Zug an die Graͤnze von Schottland verſendet iſt. Ich go⸗ ſtehe Ew. Majeſtaͤt, daß ich ſeine freimuͤthigen Raͤthe oft verwuͤnſche,— wenn ich ſie aber noch mal uͤber⸗ denke, kann ich ihm nicht lange boͤſe ſein, da e keinen andern Grund zu ſeiner Aengſtlich keit hat, 446. den Dienſt und das Wohl ſeines Herrn.“ 85⁵ „Du haſt Recht, guter Yeoman,“ verſetzte Ri⸗ chard,„und wenn ich auf der einen Seite Jvanhoe haͤtte, um mir ernſten Rath zu ertheilen, und die⸗ ſem mit den Runzeln auf ſeiner Stirn zu ſekundiren, Dich aber auf der andern, um mich durch Liſt zu meinem Beſten, wie du ſagſt, zu taͤuſchen, ſo haͤtte ich ſo wenig meinen eigenen, freien Willen, als ein anderer chriſtlicher oder heidniſcher Koͤnig. Aber kommt, Ihr Herrn, laßt uns nach Koningsburgh auf⸗ brechen, denken wir nicht mehr an das Andere.“ Robin Hood verſicherte nun den Koͤnig, daß er auf dem Wege, den ſie einſchlagen muͤßten, einen Trupp abgeſendet habe, der Alles durchſpaͤhen, je⸗ den Hinterhalt entdecken und Euch ſogleich davon Nachricht geben wuͤrde; er zweifle nicht, daß ſie den Weg ſicher finden wuͤrden, wo nicht, ſo muͤßte ih⸗ nen bald genug Kunde werden, um dann einen Trupp Bogenſchuͤtzen an ſich zu zjehen⸗ mit dem er ihnen folgen wolle. Ddieſe kluge Vorſicht fuͤr ceine Sicherheit ruͤhrte Richards Herz, und verbannte vollends jede Empfind⸗ lichkeit uͤber die Taͤuſchung, welche der Anfuͤhrer der Geaͤchteten ſich gegen ihn erlaubt hatte. Noch ein⸗ mal reichte er Nobin Hood ſeine Hand, und verſt⸗ cherte ihn ſeiner vollen Verzeihung und kuͤnftigen Gunſt, ſo wie ſeines feſten Entſchluſſes, die tyran⸗ niſche Ausuͤbung der Forſtrechte und anderer druͤcken⸗ den Geſetze, wodurch ſo mancher engliſche Veoman 4 96 zum Widerſtand veranlaßt ward, beſchraͤnken zu wol⸗ len. Allein Richards Abſichten zu Gunſten der wak⸗ kern Geaͤchteten wurden durch ſeinen fruͤhzei⸗ tigen Tod vereitelt, und der Forſtbrief wurde den widerſtrebenden Haͤnden Koͤnig Johanns entriſſen, als er ſeinem heldenmuͤthigen Bruder in der Re⸗ gierung folgte. Die Zuſage des Geaͤchteten bewaͤhrte ſich, und der Koͤnig langte von Ivanhoe, Gurth und Wamba begleitet, ohne weitere Unterbrechung im Angeſicht des Schloſſes Koningsburgh an, als die Sonne noch am Horizonte ſtand. 1 Es gibt wenig ſchoͤnere und ergreifendere Land⸗ ſchaftsſzenen, als die Umgebung dieſer alten, ſaͤchſt⸗ ſchen Burg. Der ſanfte, anmuthige Don fließt durch ein Amphitheater, das die reichſte Abwechs⸗ lung von Wald und bluͤhenden Feldern vor Au⸗ gen ſtellt; auf einer am Fluſſe aufſteigenden, von Waͤllen und Graͤben wohl vertheidigten Anhoͤhe er⸗ hebt ſich das alterthaͤmliche Gebaͤude, das, wie ſchon der ſaͤchſiſche Name ausweiſt, vor den Zeiten der Eroberung ein Reſidenzſchloß ſächſiſcher Koͤnige war. Die auſſern Waͤlle und Mauern waren wahr⸗ ſcheinlich in der normaͤnniſchen Zeit hinzugefuͤgt wor⸗ den, der innere Thurm aber traͤgt Spuren des hoͤch⸗ ſten Alterthums. Mit einer Ecke des innern Hofes liegt er auf einer Anhoͤhe, und bildet einen vollkom⸗ menen Kreis von etwa funfundzwanzig Fuß im Durch⸗ — 87 3 meſſer. Die Maner iſt von ungeheuxer Staͤrke, und von ſechs aͤuſſeren, breiten Strebepfeilern umgeben und vertheidigt, welche auſſerhalb des Kreiſes gegen die Seiten des Thurmes ſich erheben, als ſollten ſie ihm noch groͤßere Befeſtigung geben. Dieſe maſſt⸗ ven Pfeiler ſind nach oben ausgeboͤlt, und bilden zu⸗ lezt kleinere, mit dem Hauptgebaͤude in Verbindung ſtehende Thuͤrmchen. Der Anblick dieſes ungeheuern Gebaͤudes nebſt ſeinen ſeltſamen Nebenwerken, iſt fuͤr die Liebhaber maleriſcher Anſichten ſchon in der Ferne ſo anziehend, als das Innere des Schloſſes fuͤr den Alterthuͤmler, den ſeine Fantaſie in die Zei⸗ ten der Heptarchie zuruͤckfuͤhrt. Eine Gruft in der Naͤhe des Schloſſes wird als die des beruͤhm⸗ ten Hengiſt angenommen; auch zeigt man auf dem nahen Kirchhofe verſchiedene Denktaͤler von hohem Alterthum und großer Seltenheit. Als Richard Loͤwenherz mit ſeinem Gefolge die⸗ ſem rohen, doch ſtattlichen Gebaͤude nahte, war es noch nicht, wie jezt, mit aͤuſſeren Feſtungswerken umgeben. Der ſaͤchſiſche Baumeiſter hatte alle ſeine Kunſt aufgeboten, das Hauptgebaͤude in gehoͤrigen Vertheidigungsſtand zu ſetzen, und nur eine rohe Paliſade bildete die uͤbrigen Schutzwerke. 1 Eine ungeheure, ſchwarze Fahne, welche vom Gipfel des Thurmes wehte, verkuͤndete, daß man mit dem Leichenbegaͤngniß des Eigenthuͦ⸗ umers be⸗ ſchaͤftigt war. Kein Sinnbild von des Verſtorbenen 88 Rang und Abkunft trug die Fahne, denn ſelbſt unter der norrmaͤnniſchen Ritterſchaft war dieß etwas Neues, den Sachſen aber voͤllig unbekannt. Allein uͤbrr dem Thor ſah man noch eine andere Fahne, auf dee die Geſtalt eines weißen Pferdes, roh gemalt, den Rang und die Nazion des Verſtorbenen durch dieß wohl bekannte Sinnbild Hengiſts und ſeiner Krkeger, andeutete. Um das Schloß herum war Alles in ge⸗ ſchaͤftiger, lebhafter Bewegung; ſolche Leichenbegaͤng⸗ niſſe naͤmlich waren jedesmal eine Zeit allgemeiner⸗ verſchwenderiſcher Gaſtfreiheit, auf welche nicht allein alle mit dem Verſtorbenen im entfernteſten Ver⸗ wandte Anſpruͤche hatten, man lud auch jeden Vor⸗ uͤbergehenden, der eintreten wollte, dazu ein. Der Reichthnm und das Anſehen des verſtorbenen Athel⸗ ſtane machte, daß dieſe Sitte in der vollſten Aus⸗ dehnung ihre Anwendung fand. Man ſah daher zahlloſe Haufen den Schloßhuͤgel hinauf und herab⸗ ziehen, und der Anblick, welcher ſich dem Koͤnig und ſeinen Begleitern bei ihrem Eintritt in das offene Thor der aͤuſſeren Barriere darbot, war nicht leicht mit der Veranlaſſung dieſer Verſammlung in Ein⸗ klang zu bringen. Hier waren Koͤche beſchaͤftigt, un⸗ geheure Ochſen und fette Schoͤpſe zu braten, dort zapfte man maͤchtige Bierfäͤſſer an, um den Durſt der Ankommenden zu ſiillen. Man fah die verſchie⸗ denartigſten Gruppen in Thaͤtigkeit, die ihrer Gier uͤberlaſſenen Speiſen undGetraͤnke zu verſchlingen. Der — —— 89 halbnackte ſaͤchſiſche Lelbeigene erſaͤufte das Andenken an halbjaͤhrigen Hunger und Durſt durch die Schwel⸗ gerei eines einzigen Tages; der feinere Buͤrgers⸗ mann aß ſein Stuͤck Fleiſch mit Wohlgeſchmack und bekritelte bei dem Trunk den Brauer oder die Guͤte des Malzes. Man konnte auch einige ver⸗ armte normaͤnniſche Edelleute ſehen, die ſich durch ihr geſchornes, bartloſes Kinn und ihre kurzen Maͤns tel ſo wie durch das beſtaͤndige Zuſammenhalten der⸗ ſelben auszeichneten, und mit großer Verachtung auf die ganze Feſtlichkeit hinblickten, indeß ſie ſich herab⸗ ließen, bei der nahrhaften Koſt, die man ihnen ſo reichlich ſpendete, ſich guͤtlich zu thun. Auch an Bettlern fehlte es nicht, noch an Krke⸗ gern, die ihrer Ausſage nach von Palaͤſtina zuruͤck⸗ kehrten. Kraͤmer legten ihre Waaren aus, reiſende Handwerker ſuchten Arbeit, Pilger, Heckenmoͤnche⸗ ſaͤchſiſche Minſtrels und welſche Barden murmel⸗ ten Gebete her, und entlockten ihren verſtimmten Harfen, Geigen und Zithern unharmoniſche Toͤne. Der eine pries in einem jaͤmmerlichen Lobgeſang Athelſtane, ein anderer erhob in einem ſaͤchſiſchen Liede die rauhen und ſeltſamen Namen ſeiner edlen Vorfahren. Auch an Gauklern und Poſſenreiſern war kein Mangel; denn man hielt die Ausuͤbung ihrer Kuͤnſte und ihre Scherzreden bei ſolchen Ge⸗ legenheiten durchaus nicht fuͤr unpaſſend. Die Begriffe der Sachſen waren hierin eben ſo rein natuͤrlich gle 90 ungebildet. Duͤrſtete den Bekuͤmmerten, ſo trank er, war er hungrig, ſo aß er— druckte der Kummer den Geiſt zu ſehr nieder, ſo gab es Mittel zur Erheiterung, oder Zerſtreuung. Man machte ſich kein Gewiſſen daraus, ſich der dargebotenen Troſt⸗ gruͤnde zu bedienen, wenn gleich hier und da Je⸗ mand der Urſache ſich erinnerte, die ſie zuſammen⸗ gefuͤhrt hatte, und mit Andern in ein lautes Weh⸗ klagen ausbrach, in das die Weiber mit ſchrillenden Stimmen einfielen. Dieß war der Schauplatz, den der Schloßhof zu Koningsburgh Richarden und ſeinen Begleitern bei ihrem Eintritte darbot. Der Seneſchall oder Haus⸗ hofmeiſter, welcher die gemeineren ab und zu⸗ ſtroͤmenden Gaͤſte keiner beſonderen Aufmerkſamkeit wuͤrdigte, auſſer ſofern es noͤthig war, ſie zur Ord⸗ zumal da ihm die Zuͤge des leztern etwas bekannt zu ſein ſchienen. Ueberdieß war die Erſcheinung zweier Ritter, als welche ihre Kleidung ſie beur⸗ kundete, bei einer ſaͤchſiſchen Feierlichkeit eine Seltenheit, und konnte nur als eine große Ehre fuͤr den Verſtorbenen und deſſen Familie betrachtet werden. In ſeiner ſchwarzen Kleidung, mit feinem weißen Amtsſtab in der Hand, machte dieſer hoch⸗ anſehnliche Vuͤrdetraͤger ſogleich Platz unter dem vermiſchten Haufen der Gaͤſte, um Nichard und — 91 Jvanhve nach dem Eingang des Thurmes zu fuͤhren. Gurth und Wamba fanden ſogleich Bekannte auf dem Hofraum, und maßten ſich nicht an, weiter vorzudraͤngen, bis man ihre Gegenwart begehren wuͤrde. Fuͤnftes Kapitel. O— Ich fand ſie bei Marcello's Leichname So feierlich erklang die Trauerweiſe Des Grabgeſangs, der Thränen, Klagelieder Wie alte Mütter wachend bei den Todten Die Naͤchte kürzen mit Geſangestönen. Altes Schauſpiel. Der Eingang zum großen Thurm des Schloſſes Koningsburgh iſt ſehr eigenthuͤmlich und mahnt an die rohe Einfachheit der fruhern Zeiten, in welchen er erbaut ward. Eine Reihe Stufen, ſo eng und ſteil, daß es gefaͤhrlich iſt, ſie zu betreten, fuͤhrt zu einer niedrigen Pforte an der Suͤdſeite des Thurms, durch welche der Alterthuͤmler noch jezt oder we⸗ nigſtens noch vor wenigen Jahren zu einer kleinen Treppe in der Dicke der Mauer gelangen konnte, die zu dem dritten Stockwerk des Gebäudes fuͤhrt. Die beiden untern ſind Gefaͤngniſſe oder Gewoͤlbe, welcho nur durch eine viereckige Oeffnung im deitten Stocke⸗ mit dem ſie vermittelſt einer Leiter in Verbinduns 92 zu ſtehen ſchienen Luft und Licht erhielten. In die oberen Gemaͤcher des Thurmes, der im ganzen vier Stockwerke hatte, gelangte man auf Treppen, die in den aͤuſſeren Pfeilern angebracht waren. Durch dieſen ſchwierigen und verwickelten Ein⸗ sang ward der tapfere Koͤnig Richard, von dem treuen Ivanhoe gefolgt, in die runde Halle gefuͤhrt, welche das ganze dritte Stockwerk einnahm. Lezte⸗ rer verſaͤumte nicht, ſein Geſicht mit ſeinem Man⸗ tel zu verhuͤllen, damit er nicht eher von ſeinem Vater erkannt werden moͤchte, als der Koͤnig ihm das verabredete Zeichen geben wuͤrde. In dieſer Halle ſaßen um eine große eiche⸗ ne Tafel etwa zwoͤlf der ausgezeichnetſten ſaͤch⸗ ſiſchen Haͤuptlinge aus der Nachbarſchaft. Alle wa⸗ ren alte, oder zum mindeſten aͤltliche Maͤnner; denn das juͤngere Geſchlecht hatte zum großen Ver⸗ druſſe der Vaͤter, gleich Jvanhoe, manche der Schran⸗ ken niedergeriſſen, wodurch feit einem halben Jahr⸗ hundert die normaͤnniſchen Sieger von den be⸗ ſiegten Sachſen geſchieden waren. Die niederge⸗ ſchlagenen, duͤſteren Blicke dieſer ehrwuͤrdigen Maͤnner, ihr Schweigen und ihre kummervolle Hal⸗ tung bildeten einen ſtarken Gegenſatz zu dem Leicht⸗ ſinn der Zecher vor dem Schloſſe. Ihr graues Haupthaar und die langen, ſtarken Baͤrte nebſt ih⸗ den alterthuͤmlichen Leibroͤcken und weiten ſchwarzen 9³ 2 Maͤnteln ſtimmten gut zu der einfachen rohen Bau⸗ art des Gemachs, in dem ſie ſaßen, und gaben ihnen das Anſehn einer Geſellſchaft von Anbetern des Wodans in alten Zeiten, die ins Leben zuruͤck⸗ gekehrt waren, um den Verfall des Ruhms ihrer Nazion zu betrauern. Cedric, obgleich in gleichem Rang unter ſeinen Landsleuten ſitzend, ſchien jedoch durch allgemeines Einverſtaͤndniß als Haupt der Verſammlung zu han⸗ deln. Beim Eintritte Richards(den er nur als den tapfern Ritter vom Feſſelſchloß kannte) erhob er ſich ernſt und bot ihm den uͤblichen Willkomm, Waes Hael, indem er den Becher zu ſeinem Haupte erhob. Der Koͤnig, nicht unbekannt mit den Sitten ſeiner engliſchen Unterthanen, erwie⸗ derte den Gruß mit dem geeigneten Drink Hael und ergriff den Becher, den ihm der Mund⸗ ſchenk reichte. Dieſelbe Hoͤflichkeit ward auch gegen Ivanhoe beobachtet, der ſeinem Vater ſchweigend Veſcheid that, durch eine Neigung des Hauptes die ſonſt gewohnte Erwiederung erſetzend, um ſich nicht durch ſeine Stimme zu verrathen. Als dieſe Einfuͤhrungszeremonie voruͤber war, ſtand Cedric auf, und fuͤhrte Richarden die Hand gebend, in eine kleine, voͤllig kunſtloſe Kapelle, die, wle es ſchien, in einem der aͤuſſern Pfeiler au⸗ gebracht war. Da auſſer einem ſehr engen Lufde loch keine Oeffnung zu ſehen war, ſo wuͤrde hier 94 gaͤnzliche Finſterniß geherrſcht haben, wenn nicht zwei Fackeln oder Kienbraͤnde mit ihrem roͤthlichen, gualmenden Licht die Woͤlbung, die nackten Waͤn⸗ de, den rohen, ſteinernen Altar und das gleichfalls ſteinerne Kruzifix beleuchtet haͤtten. Vor dem Altar ſtand ein Sarg und auf je⸗ der Seite deſſelben knieten drei Prieſter, die ihren Roſenkranz drehten und mit allen Zeichen aͤuſſerer Andacht ihre Gebete murmelten. Fuͤr dieſen Dienſt ward von der Mutter des Verſtorbenen dem Klo⸗ ſter des heiligen Edmund ein anſehnliches Soul-⸗ scat bezahlt. Damit der Gottesdienſt treu verrich⸗ tet wuͤrde, hatten ſich die ſaͤmmtlichen Kloſterbruͤ⸗ der, den lahmen Sakriſtan ausgenommen, nach Ko⸗ ningsburgh begeben; wo denn, indeß ſechs davon fortwaͤhrend an der Bahre Athelſtanes den geiſtlichen Dienſt verſahen, die uͤbrigen nicht ermangelten, an den Erfriſchungen und Unterhaltungen, welche das Schloß darbot, Theil zu nehmen. Bei dieſer from⸗ men Wache waren die Moͤnche beſonders darauf be⸗ dacht, ihre feierlichen Geſaͤnge keinen Augenblick zu unterbrechen, damit nicht Zernebock, der alte Sachſengott nach dem verſchledenen Athelſtane ſei⸗ ne Klauen ausſtrecken moͤchte. Eben ſo ſorglich huͤ⸗ teten ſie das auf der Bahre liegende Grabtuch, wel⸗ ches einſt bei der Beſtattung des heiligen Edmund ge⸗ braucht worden war, daß es nicht durch die Beruͤh⸗ rung einer Laienhand entweiht werden moͤchte. Wenn 95 dleſe Aufmerkſamkelten wirklich dem Verewigten Nuz⸗ zen bringen konnten, ſo hatte er volles Recht, ſie von den Bruͤdern des heiligen Edmund zu erwarten, da auſſer den hundert Goldſtuͤcken Seelenloͤſegeld, Athelſtanes Mutter noch ihre Abſicht kund ge⸗ geben hatte, den beſſern Theil der Laͤndereien des Verewigten der Bruͤderſchaft abzutreten, damit fuͤr thren hingeſchiedenen Sohn und ihren Gatten auf ewige Zeiten Seelenmeſſen gelefen wuͤrden. Richard und Jvanhoe folgten dem Sachſen Cedrie in die Todtenkammer, und als ihr Fuͤhrer mit fei⸗ erlicher Miene auf die Bahre des Fruͤhverſchiedenen hindeutete, folgten ſie ſeinem Vorgang, indem ſie ſich bekreuzten und ein kurzes Gebet fuͤr die Seele des Verſtorbenen verrichteten. Nachdem dieß fromme Werk vollbracht war, gab ihnen Cedric ein Zeichen, ihm zu folgen, und glitt mit leiſem Tritt vor ih⸗ nen uͤber die ſteinerne Flur dahin. Nachdem er ei⸗ nige Stufen hinaufgeſtiegen war, oͤffnete er die Thuͤr eines kleinen Betſtuhls, der an die Kapelle ſtieß. Er war ungefaͤhr acht Fuß im Viereck, und wie jene in der Dicke der Mauer angebracht; das Luft⸗ loch, das ihm Licht ertheilte, war nach innen betraͤcht⸗ lich erweitert, ſo daß ein Strahl der untergehenden Sonne in dieſenm duͤſtern Winkel eindrang, und eine weibliche Geſtalt beleuchtete, die ein hoͤchht ehrwuͤrdiges Anſehen und in ihren Zuͤgen noch Spu⸗ ren majeſtaͤtiſcher Schöͤnheit trug. Ihr langes 96 Tranergewand, der wezthin wogende Schleier von ſchwarzem Flor, erhoͤhten die Weiße ihrer Haut, und den Glanz ihrer blonden, langen und wallenden Haarflechten, welche die Zeit weder gelichtet, noch mit Silber gemiſcht hatte. Ihre Zuͤge druͤckten den tkefſten Seelenſchmerz zugleich aber Ergebung in den Willen der Gottheit aus. Auf dem ſteinernen Tiſche vor ihr ſtand ein Kruzifix von Elfenbein, daneben lag ein Meßbuch, auf ſeinen Blaͤttern reich bemalt, und am Einbande mit goldenen Spannen und Buckeln verziert. „Edle Editha,“ ſprach Cedric, nachdem er einen Angenblick ſchweigend dageſtanden, als wollte er Richard und Jvanhoe Zeit laſſen, die Gebieterinn des Herren⸗ hauſes genauer zu betrachten,„dieſe wuͤrdigen Gaͤſte kommen, um an Deinem Kummer Theil zu nehmen. Dieß iſt der tapfere Ritter, der ſo muthig fuͤr die Befreiung deſſen focht, um den wir heute trauern.“ „Seine Tapferkeit verdient meinen Dank,“ er⸗ 4 wiederte dieLady;„ob es gleich der Wille des Himmels war, daß ſeine Bemuͤhung fruchtlos blieb. Ueberdieß danke ich ihm und ſeinem Begleiter fuͤr ihre Artig⸗ keit, die ſie hieher fuͤhrte, die Wittwe Adelings, die Mutter Athelſtanes in den Stunden ihres tiefen Schmerzes und Kummers heimzuſuchen. Ich uͤber⸗ gebe ſie Enrer Sorge, theurer Verwandter, und ver ſehe mich dazu, daß es ihnen an nichts fehlen wird, was 97 was die Gaſtfreundſchaft in dieſen Mauern der Trauer gewaͤhren kann.“ Die Gaͤſte verbeugten ſich tief gegen die trau⸗ ernde Mutter und entfernten ſich mit ihrem gaſt⸗ freundlichen Fuͤhrer. Eine andere Wendeltreppe fuͤhrte ſie zu einem Gemache von gleichem Umfang, wie dasjenige, in welches ſie zuerſt eingetreten waren. Aus dieſem Zimmer drang ihnen, noch ehe die Thuͤr geoͤffnet war, ein leiſer, melaacholiſcher Geſang entgegen. Als ſie eintraten, fanden ſie mehr als zwanzig ſaͤchſiſche Frauen und Maͤdchen verſammelt. Vier Jung⸗ frauen, deren Chor Nowena anfuͤhrte, ſangen ein geiſtlich Lied fuͤr die Seele des Verſtorbenen, von denen wir nur drei Stanzen entziffern konnten: Staub zum Staub Des Grabes Raub! Der Geiſt iſt entfloh'n, Die Hülle fällt Zur Moderwelt, Verweſung naht ſchon. Auf finſterem Stea Geht der Seele Weg Zum Reich', wo der Schmerz regieret, Wo Feuerspein Die Befleckte macht rein 7 Von Thaten, die die Erde gebieret. W. Scott's Warke. XL.VII. 7 . 98 Am düſteren Ort Mariens Hort Wird kürzen Dein Leid Bis Gebet und Sang Zum Himmel drang, Die Gefangene befreit. Indeß dieſer Geſang in langen, melancholiſchen Weiſen von dem weiblichen Chore abgeſungen wurde, waren die andern Frauen in zwei Parteien getheilt, wovon die eine ſich damit beſchaͤftigte, ein großes, ſeidenes Leichentuch, das Athelſtane's Sarg ſchmuͤk⸗ ken ſollte, zu ſticken, die andere zu gleichem Zwecke aus den vor ihnen ſtehenden Blumenkoͤrben Kraͤnze zu winden. Das Benehmen der Maͤdchen war an⸗ ſtaͤndig, wenn es gleich nicht von tiefer Betruͤb⸗ niß zeugte; nur hin und wieder veranlaßte ein Laͤcheln oder ein Fluͤſtern die ſtrengeren Matronen zu einigem Tadel; auch mochte es hier und da ſchei⸗ nen, als ob ein oder das andere Maͤdchen mehr da⸗ mit beſchaͤftigt waͤre, zu pruͤfen, wie ihr das Trauer⸗ kleid ſtaͤnde, als ſich mit dem Gedanken zu befreun⸗ den, daß ſie zu ernſter Zeremonie ſich bereiteten. Auch wurde, die Wahrheit zu geſtehen, dieſe Stim⸗ mung durch die Erſcheinung der zwei fremden Rit⸗ ter nicht vermindert, die manches Aufblicken, Um⸗ herſchauen und Gefluͤſter unter den Arbeiterinnen herbeifuͤhrte. Rowena allein, zu ſtolz fuͤr ſolch kin⸗ diſche Eitelkeit begruͤßte ihren Befreier mit anmuths⸗ voller Artigkeit. Ihr Benehmen war ernſt, jedch 99— nicht kummervoll; ja es ſtand ſehr zu bezweifeln, ob der Gedanke an Jvanhoe und die Ungewißheit ſeines Schickſals nicht eben ſo viel Theil an ihrer ernſten Stimmung hatte, als der Tod ihres Verwandten. ½ „Ledric indeſſen, der, wie wir wiſſen, kein zu ſchar⸗ fer Beobachter in ſolchen Faͤllen war, fand den Kuͤm⸗ mer ſeiner Muͤndel viel tiefer, als den der andern Maͤdchen, ſo daß er fuͤr nothwendig erachtete, den Rittern zuzufluͤſtern:„Sie war die Verlobte des edeln Athelſtane.“ Es laͤßt ſich jedoch bezweifeln, ob Ivanhoes Stimmung mit den Trauernden von Koͤnigsburg nicht noch mehr befoͤrdert wurde. Nachdem Cedric ſeine Gaͤſte nach den einzel⸗ nen Gemaͤchern gefuͤhrt hatte, wo man unter ver⸗ ſchiedenen Geſtalten das Leichenbegaͤngniß Athelſtanes vorbereitete, fuͤhrte er ſie in ein kleines Zimmer, das, wie er ihnen ſagte, ausſchließlich zur Aufnah⸗ me ſolcher Gaͤſte beſtimmt war, deren entferntere Verbindung mit dem Verſtorbenen ſie nicht geneigt machte, ſich an diejenigen anzuſchließen, die durch das ungluͤckliche Ereigniß unmittelbar betrof⸗ fen waͤren. Er ſorgte reichlich fuͤr ihre Bequemlich⸗ keiten, und war im Begriff ſich zu entfernen, als der ſchwarze Ritter ihn bei der Hand nahm. „Edler Than,“ ſprach er,„ich bitte Euch zu er⸗ innern, daß Ihr, als wir zulezt uns trennten, mir verſprachet, fuͤr den Dienſt, den ich ſo gluͤcklich war, Euch zu leiſten, mir eine Bitte zu erfuͤllen.“ 100 „Sie ſei gewaͤhrt, ehe ſie ausgeſprochen iſt, ed⸗ lnler Ritter,“ erwiederte Cedric,„allein in dieſem „traurigen Zeitpunkt“—— „Daran habe ich allerdings auch ſchon gedacht,“ ſagte der Koͤnig,—„allein meine Zeit iſt kurz— auch ſcheint es mir nicht ungeziemend, daß wir, wenn die Gruft des edlen Athelſtane geſchloſſen wird, darein auch gewiße Vorurtheile und vorgefaßte Mei⸗ nungen verſchließen.“ „Herr Ritter vom Feſſelſchloß,“ entgegnete Ce⸗ dric, erroͤthend und den Koͤnig unterbrechend,„ich hoffe, Eure Bitte betrifft Euch ſelbſt und keinen An⸗ dern; denn in Dingen, welche/ die Ehre meines Hau⸗ ſes betreffen, will es ſich nicht wohl ziemen, daß ein Fremder ſich einmiſcht.“ „Auch wuͤnſche ich mich nicht weiter drein zu „miſchen,“ ſagte der Koͤnig ſanft, als Ihr mir ſelbſt geſtatten wollt. Doch da Ihr mich bisher blos als den Ritter vom Feſſelſchloß kanntet, ſo wißt denn, ich bin Richard von Plantagenet!“ „Richard von Anjoul!“ rief Cedrie, voll Er⸗ ſtaunen zuruͤckſchreckend. „Nein edler Cedric,— Richard von England! deſſen theuerſtes Intereſſe— deſſen hoͤchſter Wunſch iſt, Englands Soͤhne vereinigt zu ſehen. Und nun, wuͤrdiger Tban, beugt ſich dein Knie vor deinem Fuͤrſten nicht?“ 101 „Nie hat es ſich vor normaͤnniſchem Blure ge⸗ beugt!“ entgegnete Cedric. „Nun ſo ſpare deine Huldigung,“ ſagte der Koͤnig,„bis ich mein Recht darauf durch gleiche Be⸗ ſchuͤtzung der Normaͤnner und Englaͤnder bewieſen haben.“ „Prinz,“ antwortete Cedric,„ich habe deiner Tapferkeit und deinem Werthe immer Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Auch ſind mir deine Auſpruͤche auf die Krone durch deine Abkunft von Mathilden, der Nichte Edgar Athelings und der Tochter Malkolms von Schottland, nicht unbekannt. Allein Mathilde, obgleich aus ſaͤchſiſchem Blut, war nicht die Erbinn des Reiches.“ „Ich will nicht uͤber meine Anſpruͤche auf den Thron mit dir ſtreiten, edler Than, ſondern dich blos bitten, um dich zu ſchauen, und mir zu ſagen, ob du einen findeſt, der die ſeintgen in die Wagſchale legen mag!“ „ und kamſt du blos hieher, Prinz, um mir das zu ſagen?“ ſprach Cedric— mir den Verfall mei⸗ nes Geſchlechts vorzuruͤcken, ehe ſich noch das Grab uͤber den letzten Sproͤßling des ſaͤchſiſchen Koͤnig⸗ ſtammes geſchloſſen hat?“— Seine Miene verfinſter⸗ te ſich, als er ſo ſprach.—„Es war kuͤhn! es war kuͤhn! es war unbedacht!“ „Nein, beim heiligen Kreuz!“ entgegnete der Koͤnig;„mich draͤngte jenes offene Vertrauen, das, 2 102 ohne einen Schatten von Gefahr zu fuͤrchten„ ein Biedermann zum andern hegt.“ „Wohl geſprochen, Herr Köͤnig— denn Koͤnig biſt du, ich geſtehe es, und wirſt es troß meinem ſchwachen Widerſtande bleiben.— Ich wage es nicht, das einzige Mittel zu ergreifen, es zu verhindern, ob⸗ gleich du mir die Verſuchung ſehr nahe gelegt haſt.“ „Und nun zu meiner Bitte,“ ſagte der Koͤnig, „die ich mit nicht geringerem Vertrauen an dich thue, obgleich du meine rechtlichen Anſpruͤche auf die Krone in Abrede ziehſt. Ich begehre von dir, auf dein Manneswort, und bei Strafe fuͤr wort⸗ bruͤchig, treulos, nidering(ehrlos) erklaͤrt zu werden, daß du dem tapfern Ritter, Wilfried von Jvanhoe verzeihſt und ihm deine vaͤterliche Liebe wieder zu⸗ wendeſt. Du wirſt mir geſtehen, daß ich bei dieſer Verſoͤhnung ſelbſt betheiligt bin— ſie ſtiftet das Gluͤck meines Freundes, und erſtickt die Spaltung zwiſchen meinem getreuen Volke.“ „Und iſt dieß, Wilfried?“ fragte Cedric auf ſeinen Sohn deutend. „Mein Vater! mein Vater!“ rief Jvanhoe, ſich zu ſeines Vaters Fuͤßen wer fend,„Eure Verzei⸗ hung! Eure Verzeihung!“ „Du haſt ſie, mein Sohn,“ ſprach Cedric, ihn erhebend.„Der Sohn Herewards weiß ſein Wort zu erfuͤllen, und wenn er es auch einem Normannen gab. Aber laß mich dich in der Tracht und der Kleidung d 103 deiner engliſchen Altvordern ſehen— keine kurze Maͤntel, keine bunte Muͤtzen, keinen fantaſtiſchen Federkram in meinem ehrſamen Haushalt. Er, der ſich den Sohn Cedries nennen will, muß ſich als der engliſchen Abſtammung wuͤrdig bewaͤhren.— Du willſt reden,“ ſetzte er ernſt hinzu,„und ich erra⸗ the, was.— Zwei Jahre muß Lady Rowena um ihn, wie um einen angetrauten Gemahl trauern! — All unſere ſaͤchſiſchen Vorfahren wuͤrden uns ver⸗ kennen, wollten wir an eine neue Verbindung fuͤr ſie denken, ehe noch das Grab desjenigen, dem ſie vermaͤhlt werden ſollte,— desjenigen, den Rang und Geburt ihrer Hand ſo wuͤrdig machten— ge⸗ ſchloſſen iſt. Der Geiſt Athelſtanes ſelbſt wuͤrde ſeine blutigen Leichentuͤcher zerſprengen und vor uns treten, um ſolche Entweihung ſeines Andenkens zu verbieten. Es ſchien, als haͤtten Cedries Worte einen Geiſt beſchworen; denn kaum waren ſie aus⸗ geſprochen, als die Thuͤr aufflog und Athelſtane im Todtenkleide, blaß und abgemagert wie ein dem Grabe Entſtieg ner vor ihnen ſtand. Die Wirkung, welche ſeine Erſcheinung auf alle hervorbrachte, laͤßt ſich nicht beſchreiben. Cedri⸗ fuhr zuruͤck, ſo weit es die Wand geſtattete, dann lehnte er ſich an dieſelbe, als ſei er unfaͤhig, ſich aufrecht zu erhalten, und ſtaunte die Geſtalt ſeines Freundes mit ſtarren Augen und geoͤffnetem Munde an. Jvanhoe bekreuzte ſich und ſprach bald ſaͤchſiſch 10⁰4 bald lateiniſch, bald normaͤnniſch franzoͤſiſch Gebete her, wie ſie ihm einfielen, indeß Richard bald ein Benedicite hoͤren ließ, bald mort de ma vie ſchwor. Mittlerweile hoͤrte man einen tobenden Laͤrm auf der Treppe. Einige riefen:„Ergreift die ver⸗ rätheriſchen Moͤnche!“ andere:„in den tiefſten Ker⸗ ker mit ihnen.“— Wieder andere:„ſtuͤrzt ſie vom oberſten Walle hinab:“„Im Namen Gottes!“ ſprach Cedric, ſich an den vermeintlichen Geiſt ſeines ver⸗ ſtorbenen Freundes wendend:„ſprich, wenn du ein ſterbliches Weſen biſt!— biſt du ein Geiſt, ſo ſag uns, weshalb du hier erſcheinſt, oder ob ich irgend etwas zu thun vermag, das dir ewige Ruhe ver⸗ ſchaffen kaun. Lebend oder todt, edler Athelſtome, erklaͤre dich gegen Cedric.“„Das will ich,“ verſetzte das Geſpenſt⸗ gelaſſen,“ ſobald ich bei Athem bin, und Ihr mir Zeit dazu laſſet.— Ob ich lebe, fragſt du? Ei nun ja, ſo viel Leben habe ich noch, wie ei⸗ ner, der ſeit drei Tagen, die ihm Jahrhunderte dunkten, bei Waſſer und Brod leben mußte.— Ja. Waſſer und Brod, Vater Cedric! Himmel und alle Heilige, beſſeres iſt in den drei langen Tagen nicht uͤber meinen Mund gekommen! und nur durch Got⸗ tes beſondere Fuͤgung bin ich hier, es zu erzaͤhlen. „Aber, edler Athelſtane,“ verſetzte der ſchwar⸗ ze Ritter,„ich ſah doch ſelbſt, wie Euch der ſtolze Templer gegen das Ende der Erſtuͤrmung von Tor⸗ quilſtone niederſtreckte, und wie ich waͤhnte und 105 Wamba erzaͤhlte, ward Euch der Schaͤdel bis auf die Zaͤhne geſpalten.“ „Ihr ſahet falſch, Herr Ritter,“ ſagte Athel⸗ ſtane,„und Wamba log. Meine Zaͤhne ſind in guter Ordnung, das ſoll Euch mein Abendbrod ſo⸗ gleich beweiſen. Keinen Dank deshalb dem Temp⸗ ler, dem ſich blos zufaͤllig das Schwert in der Hand drehte, ſo daß mich nur die Flaͤche der Klinge traf, haͤtt' ich meine Stahlhaube aufgehabt, der Hieb haͤtte mir kein Haar gekruͤmmt. So aber ſtuͤrzte ich nieder, zwar betaͤubt, aber unverwundet. Zu mei⸗ nen Seiten wurden Andere erſchlagen und uͤber mich gehaͤuft, ſo daß ich erſt dann wieder meiner Sinne maͤchtig ward, als ich in einem Sarge(zum Gluͤck in einem offenen) vor dem Altare in der Kir⸗ che des heiligen Edmund ſtand. Ich nieste mehr⸗ mals— ſtoͤhnte— ruͤhrte mich, und wuͤrde aufge⸗ ſtanden ſein, wenn nicht der Sakriſtan und der Abt, voller Schrecken uͤber das Geraͤuſch, herbeigeellt waͤ⸗ ren, entſetzt und Zweifelsohne keineswegs erfreut, einen Mann noch am Leben zu finden, als deſſen Erben ſie ſich bereits gedacht haben mochten. Ich bat um Wein— ſie gaben mir etwas; allein es mußte ſtark verſetzt ſein, denn ich ſchlief mehrere Stunden lang nur noch tiefch, als zuvor. Da fand ich mei⸗ ne Arme ſtraff niedergebunden, die Fuͤße feſt um⸗ wickelt, ſo feſt, daß mich die Gelenke bei der Erinnerung daran noch ſchmerzen,— tiefe Finſter⸗ 106 niß herrſchte um mich— wahrſcheinlich lag ich in der Oubliette ihres fluchwuͤrdigen Kloſters, und aus der beengenden, dicken Moderluft ſchloß ich, daß ſie zugleich zur Leichengruft benutzt wurde. Wunderli⸗ che Gedanken kamen mir uͤber das, was mir zuge⸗ ſtoßen ſei, als die Thuͤr meines Kerkers knarrte, und zwei ſchurkiſche Moͤnche eintraten. Sie ſuchten mich zu uͤberreden, ich ſei im Fegefeuer, aber zu gut war mir die kurzathmige, keuchende Stimme des Pater Abts bekannt! Heiliger Jeremias! wie ver⸗ ſchieden war jezt ſein Ton von dem, womit er mich ſonſt um ein weiteres Stuͤck Braten zu bitten pflegte! — Der Hund hatte mit mir von Weihnachten bis zu den zwoͤlf Naͤchten geſchwelgt.“ 5 „Nehmt Euch nur Zeit, edler Athelſtane,“ ſag⸗ te der Koͤnig,„ſchoͤpft erſt Athem— und erzaͤhlt uns Eure Geſchichte nach Bequemlichkeit— glaubt mir, ſie iſt des Zuhoͤrens ſo nuͤrdig, als die beſte Romanze!“ „Ja, aber beim Kreuz von Bromeholm,'s war nichts romantiſches daran!— ein Gerſtenbrod und elnen Krug Waſſer— gaben mir die ſchaͤndlichen Ver⸗ raͤther, die mein Vater und ich ſo ſehr bereicherten, als ihre beſten Einkuͤnfte noch die Speckſeiten und Kornſpen⸗ den waren, die ſie fuͤr ihre Gebetg den armen Dienſt⸗ leuten und Leibeigenen abnahmen. Dieß Schlan⸗ genneſt— trocknes Brod und Waſſer einem Schutz⸗ berrn, wie ich einer war! Ich will ihnen ihr Neſt 2 107 uͤber den Koͤpfen zuſammenbrennen, und ſollt' ich druͤber in den Kirchenbann kommen! Aber hei⸗ lige Mutter Gottes!“ rief Cedric, die Hand ſeines Freundes ergreifend,„wie gelaug es dir, aus die⸗ ſem Abgrund von Gefahr zu entrinnen? erweichten ſich ihre Herzen?“ „Die und erweichen!“ wiederholte Athelſtane —„Schmilzt der Fels von der Sonne?— Noch waͤre ich daſelbſt, waͤre nicht eine Unruhe im Kloſter entſtanden, welche, wie ich ſehe, durch ihre Prozeſ⸗ ſion hieher entſtand, um mein Leichenmahl zu ver⸗ zehren, da ſie recht gut wußten, wie und wo ich le⸗ bendig begraben war. Aber dieß trieb eben den Schwarm aus dem Stocke. Ich hoͤrte ſie ihre Tod⸗ tenlieder ſingen, nicht ahnend, daß ſie meiner Seele ſo viel Ehre erwieſen, indeß ſie meinen Koͤrper alſo aushungerten. Sie zogen fort und lange mußt ich auf Nahrung warten— kein Wunder— der gicht⸗ bruͤchige Sakriſtan war zu beſchaͤftigt, fuͤr ſeine ei⸗ genen Beduͤrfniſſe zu ſorgen, um der meinigen zu ge⸗ denken. Endlich kam er mit unſicheren Schritten her⸗ ab, und ſtarken Geruch von Wein und Gewuͤrzen um ſich verbreitend. Die Freuden des Mahls hatten ſein Herz der Milde geoͤffnet, er brachte mir ein Stuͤck Paſtete und eine aſche Wein, ſtatt meiner ſonſti⸗ gen Koſt. Ich aß, trank und fuͤhlte mich geſtaͤrkr; zu gutem Gluͤcke war der Sakriſtan zu benebelt, um ſein Amt als Thuͤrſchließer gehoͤrig verſehen zu koͤn⸗ 4 108 nen; er ſchloß die Thuͤr ſo genau, daß ſie ſperrweit offen blieb. Das Licht, die Speiſen, der Wein, Alles hatte meine Einbildungskraft aufgeregt. Den Ei⸗ ſeuring, an dem meine Kette befeſtigt war, hatte der Roſt mehr zernagt, als ich oder der Abt vermu⸗ thet hatte.— Selbſt das Eiſen konnte dem dumpfen Moder jenes hoͤlliſchen Kerkers nicht widerſtehn.“ „Schoͤpft Athem, edler Athelſtane,“ ſagte Ri⸗ chard,„und nehmt einige Erfriſchungen zu Euch, ehe Ihr in der ſchauerlichen Geſchichte weiter geht.“ „Recht gern!“ verſetzte Athelſtane,—„ſchon fuͤnfmal that ich's heute— und doch wuͤrde ein Stuck dieſes ſaftigen Schinkens da nicht am unrechten Orte ſein; ich bitte Euch, lieber Herr, thut mir mit einem Becher Wein Beſcheid.“ Die Gaͤſte, obglelch von Erſtaunen faſt auſſer ſich, thaten ihrem von den Todten erſtandenen Wirthe den verlangten Beſcheid, und dieſer fuhr dann in ſeiner Erzaͤhlung fort. Indeſſen hatten ſich mehrere Zuhoͤrer verſammelt; ſobald Editha die noͤ⸗ thigen Befehle zur Erhaltung der Ordnung im Schloſſe ertheilt hatte, folgte ſie dem Lebendigtodten nach dem Fremdenzimmer, von ſo vielen maͤnnlichen und weiblichen Gaͤſten begleitet, als das enge Gemach zu faſſen vermochte, indeß Andeid, auf der Treppe herangedraͤngt, nur eine entſtellte Ausgabe des Be⸗ richts bekamen, und dieſen noch entſtellter denen unten mittheilten, die ſie nun wieder auf eine Art 109 uͤberlieferten, die gar keine Aehnlichkeit mehr mit der Wahrheit hatte. Athelſtane fuhr in der Er⸗ zaͤhlung ſeiner Flucht alſo fort: „Als ich mich frei von dem Ringe ſah, ſchleppte ich mich die Treppe hinauf, ſo gut es bei einem mit Ketten helaſtoken⸗ vom Faſten entkraͤfteten Manne gehen wollte. Nachde im ich uͤberall umhergetappt, brachte mich endlich der Schall eines luſtigen Rund⸗ geſanges nach dem Zimmer, wo der wuͤrdige Sakri⸗ ſtan mit einem großen, dickkoͤpfigen breitſchultri⸗ gen Bruder Kapuziner, der mehr einem Raͤuber als einem Geiſtlichen glich, eine Teufelsmeſſe hielt. Ich ſtuͤrzte zu ihnen herein, und meine Todtenkleider, und das Geraſſel meiner Ketten machte mich mehr zu einem Bewohner der andern, als dieſer Welts Beide ſtanden da, wie in den Boden gewurzeit; al⸗ ich aber den Sakriſtan mit einem Fauſtſchlag nie⸗ derſtreckte, wollte mir der andere Kerl, ſein Sauf⸗ bruder, mit dem Kampfſtock eins verſetzen.“ „Ich wette zehen gegen eins, das war unfer Bruder Tuck,“ ſprach Richard, Jvanhoe anblickend. „Mag's der Teufel geweſen ſein, wenn er will!“ ſagte Athelſtane.„Gluͤcklicherweiſe verfehlte er ſein Ziel, und da ich auf ihn zu wollte, nahm er Reiß⸗ aus. Ich verfehlte nicht, mich mit dem Schluͤſſel zu mei⸗ nen Ketten, welchen ich unter andern an dem Guͤr⸗ tel des Sakriſtans fand, derſelben zu en tledi⸗ gen. Ich hatte große Luſt, ihm mit dem Schluͤſ⸗ ſelbund das Gehirn einzuſchlagen, aber ich dachte an die Paſtete und den Wein, den mir der Burſche in meiner Gefangenſchaft beſcheerte, und ließ ihn mit ei⸗ nem tuͤchtigen Puffe auf dem Boden liegen, ſteckte erwas von dem Gebackenen und eine Flaſche Wein, wovon ſich die beiden geiſtlichen Herren guͤtlich ge⸗ than hatten, zu mir, eilte nach dem Stall, und fand da in einem beſondern Verſchlage meinen eigenen Zelter, der ohne Zweifel zum beſondern Gebrauche des Abts aufbewahrt wurde; auf ihm eilte ich nun ſo ſchnell als das Thier laufen konnte, hieher— al⸗ les, was Fuͤße hatte, floh vor meinem Anblick, denn ſie hielten mich fuͤr ein Geſpenſt, zumal da ich, um nicht erkannt zu werden, die Leichenkappe uͤber's Geſicht gezogen hatte. Ich wuͤrde vielleicht in mei⸗ nem eignen Schloſſe nicht zugelaſſen worden ſein, haͤtte man mich nicht fuͤr einen Genoſſen des Gauk⸗ lers gehalten, der im Schloßhoſe zur Beluſtigung des Volkes, das ſich zur Lelchenfeier ſeines Herrn verſammelt hatte, ſeine Kuͤnſte zum Beſteu gab. So glaubte der Haushofmeiſter, ich haͤtte mich vermummt, um an des Gauklers Poſſenſpiel Antheil zu nehmen, und ließ mich ein. Nur meiner Mutter entdeckte ich mich, und nahm ſchnell etwas zu mir, ehe ich Euch, mein edler Freund, aufſuchen konnte.“ „Und Ihr findet mich,“ ſprach Cedric,„berelt, unſre edlen Plane fuͤr Ehre und Freiheit wieder auf⸗ zunehmen. Ich ſage Dir, nie tagt ein Morgen ſo . 111 guͤnſtig als der naͤchſte fuͤr die Befreiung des edeln Geſchlechtes der Sachſen!“ „Sprecht mir nicht davon, noch jemanden zu be⸗ freien,“ antwortete Athelſtane,„Gluͤck genug, daß ich ſelbſt wieder frei bin. Mehr Luſt habe ich, den ſchaͤndlichen Abt zu zuͤchtigen. Er ſoll an der ober⸗ ſten Spitze des Schloſſes Koningsburgh in Kutte und Stola haͤngen; und wenn die Treppen fuͤr das ge⸗ maͤſtete Aas zu eng ſind, ſo laß ich ihn von auſſen hinaufziehen.“ „ Aber, mein Sohn, bedenke ſein heiliges nm Wraa Sditha. „Bedenkt mein dreitaͤgiges Faſten,“ erwiderte Athelſtane;„ſie ſollen mir alle dafuͤr bluten. Front de Boeuf ward lebendig verbrannt wegen weit gerin⸗ gerer Schuld; er gab ſeinen Gefangenen doch guten Tiſch— nur war zu viel Knoblauch in der Suppe.— Aber dieſe undankbaren, heuchler riſchen Schufte, die ſo oft ſich ſelbſt an meine Tafel luden, wollten mir nicht einmal Suppe, Knoblauch, noch ſonſt etwas ge⸗ ben— nein, ſie muͤſſen ſterben, bei Hengiſts Seele!“ „Aber der Pabſt, mein edler Freund,“— ſel Cedric ein.“ „Aber der Teufel, mein edler Freund, 1⁄— un⸗ terbrach ihn Athelſtane;„und nun nichts mehr von ihnen. Und waͤren ſie die beſten Moͤnche von der Welt— die Welt wird auch ohne ſie beſtehen.“ 112 „Schaͤmt Euch, edler Athelſtane,“ ſprach Cedric; „vergeßt dieſer Elenden uͤber der ehrenvollen Lauf⸗ bahn, die ſich Euch eroͤffnet. Sagt dieſem normaͤn⸗ niſchen Prinzen, Richard von Anjou, daß er, ſo loͤ⸗ woenherzig er auch iſt, den Thron Alfreds nicht un⸗ beſtritten einnehmen ſoll, ſo lange ein Sproͤßling des heiligen Bekenners lebt, der ihn ihm ſtreitig machen kann.“ „Wie?“ rief Athelſtane,„iſt dieß der edle Koͤ⸗ nig Richard?“ „Es iſt Richard Plantagenet,“ ſprach Cedric; „ich brauche Dich nicht zu erinnern, daß, da er aus freien Stuͤcken als Gaſt hieher gekommen, er weder beleidigt, noch als Gefangener behandelt werden darf, Du kennſt Deine Pflicht gegen ihn als Deinen Gaſt!“ „Ich keune ſie, bei meiner Ritterehre!“ ſprach Athelſtane,„und meine Unterthanenpflicht noch uͤber⸗ dieß, und huldige ihm hier mit Herz und Hand!“ „Mein Sohn,“ fiel Editha ein,„bedenke Deine koͤniglichen Anſpruͤche.“ 4 „Bedenke die Freiheit Englands, entarteter Fuͤrſt!“ rief Cedric. „Mutter und Freund!“ entgegnete Athelſtane; „haltet ein mit Euren Vorwuͤrfen!— Waſſer und Brod und ein Kerker ſind wunderſame Arznei fuͤr Alles, was Ehrgeiz heißt, und ich erſtehe aus dem Grabe als ein viel weiſerer Mann, als der ich hinabgeſtlegen war. Die Haͤlfte dieſer eitlen Thorheiten neden 113 mir von dem treuloſen Abt Wolfram hinter's Ohr geſetzt; und nun ſagt ſelbſt, was fuͤr ein zuverlaͤßi⸗ ger Rathgeber er iſt. Seitdem dieſe Plane umge⸗ trieben werden, ward mir nichts weiter zu Theil, als uͤbermachte Reiſen, Unverdaulichkeiten, Puͤffe und Schrammen, Gefaͤngniß und Hunger; uͤberdieß koͤnnten ſie noch Tauſenden friedſamer Leute das Le⸗ ben koſten! Ich ſage Euch, nur auf meinen eigenen Beſitzungen, ſonſt nirgends will ich Koͤnig ſein, und mein erſtes Regierungsgeſchaͤft ſoll ſein, den Abt auf⸗ haͤngen zu laſſen!“ „Und meine Muͤndel Rowena—“ ſagte Cedric⸗ „Ihr wollt ihr untreu werden?“ „Vater Cedric,“ verſetzte Athelſtane,„ſeid vernuͤnftig. Lady Rowena fragt nichts nach mir! Ihr iſt der kleine Finger von meines Vetters Wil⸗ fried Handſchuh lieber, als ich mit Haut und Haar. Da ſteht ſie und kann es ſelbſt bezeugen!— Nun erroͤthet nicht, Muͤhmchen, es iſt keine Schande, einen am Hof gebildeten Ritter einem unbeholfenen Franklin vorzuziehen!— Aber lach auch nicht, Ro⸗ wena, denn Grablieder und abgefallene hohle Wan⸗ gen ſind, Gott weiß es, kein Gegenſtand des Spot⸗ tes!— Und wenn Du durchaus lachen mußt, ſo will ich Dir ein beſſeres Spiel dafuͤr geben.— Gib mir Deine Hand, oder leihe mir ſie vielmehr, ich will ſie nur als Freund.— Hier, Vetter Wilfried von Jvanhoe, zu Deinen Gunſten entſage ich und W. Scott's Werke. XLVII. 8 114 ſchwoͤre ſie ab!— Il beim helligen Dunſtan, un⸗ ſer Vetter Wilfried iſt verſchwunden! Und doch, wenn meine Augen nicht vom Faſten gelitten haben, ſah ich ihn noch eben hier!“ Alles ſah ſich um, Jvanhoe zu erſpaͤhen, allein er war und blieb verſchwunden. Endlich erfuhr man, daß ein Jude nach ihm gefragt und daß er nach kurzem Geſpraͤch nach Gurth und ſeiner Ruͤſtung ge⸗ rufen und das Schloß verlaſſen habe. „Schoͤne Muhme,“ ſagte Athelſtane zu Rowe⸗ na,„koͤnnt' ich vermuthen, daß Jvanhoe aus einem andern, als dem wichtigſten Grunde das Schloß ver⸗ laſſen haͤtte, ſo wuͤrde ich zuruͤcknehmen, was“—— Allein er hatte nicht ſo bald ihre Hand losge⸗ laſſen, da er bemerkte, daß Jvanhoe verſchwunden war, als Rowena, die in ihrer Lage ſehr verlegen war, die erſte Gelegenheit wahrnahm, aus dem Zim⸗ mer zu entkommen. „Gewißlich, von allen Geſchoͤpfen kann man ſich, Moͤnche und Aebte ausgenommen— am wenigſten auf Weiber verlaſſen!— Ich will ein Heide ſein, wenn ich nicht Dank und vielleicht noch einen Kuß oben⸗ drein von ihr erwartete.— Die verdammten Tod⸗ tenkleider ſind verhext, Alles nimmt vor mir Reiß⸗ aus! zu Euch wende ich mich, edler Koͤnig Ri⸗ chard, Euch, als meinem Lehensherrn meinen Hul⸗ digungseid zu ſchwoͤren.“ Allein auch Koͤnig Richard war verſchwunden und * 115 Niemand wußte wohin. Endlich ergab ſich, daß er in den Schloßhof hinabgeeilt war, und den Juden, der mit Jvanhoe geſprochen hatte, vor ſich gefordert, und nach einer kurzen Unterredung mit ihm, ſein Pferd begehrt, dieſen genoͤthigt, ein anderes zu be⸗ ſteigen, und ſich ſo ſchleunig mit ihm davon gemacht hatte, daß Wamba ſagte, er haͤtte um des Juden Nacken keinen Pfennig geben moͤgen.“ „Heilige Mutter Gottes!“ rief Athelſtane, „Zernebock muß in Perſon in meiner Abweſenheit von meinem Schloſſe Beſitz genommen haben. Ich kehre in meinen Sterbehabit zuruͤck, ein dem Grabe erſtandener Mann, und Jeder, mit dem ich ſpreche, verſchwindet, ſobald er meine Stimme hoͤrt. Doch laſſen wir's gut ſein. Kommt, meine Freunde, die Ihr noch uͤbrig ſeid, folgt mir nach der Banketthalle, daß nicht noch mehr von Euch unſichtbar werden, ich denke, es ſoll dort ertraͤglich aufgetiſcht ſein, wie ſich's beim Leichenmahl eines ſaͤchſiſchen Edel⸗ manns von guter Abkunft ziemen will; und verwek⸗ len wir noch laͤnger hier, wer weiß, ob uns der Teu⸗ fel nicht noch das Abendeſſen entfuͤhrt.“ 4 —— 116 Sechstes Kapitel. Sei Moworays ad' im Buſen ihm ſo ſchwer⸗ Daß ſein beſchaͤumtes Raß den Rücken bricht, ½ Und in die Bahn den Reiter häuprlings wirft, 3 Die feige Sklavenſeele.—-—— Shakeſpears Richard II. Der Schauplatz unſerer Geſchichte wird nun in die aͤuſſere umgebung des Schloſſes oder des Prä⸗ zeptoriums von Tempelſtowe verlegr, und zwar in eben die Stunde, wo der blutige Wuͤrfel uͤber Re⸗ bekkens Tod oder Leben geworfen werden ſollte. Es war ein Anblick des regſten Lebens, gleich als haͤtte die ganze Umgegend ihre Bewohner zu einer Kirch⸗ meſſe oder ſonſt einem laͤndlichen Feſte ausgeſchickt. Indeſſen iſt der rege Trieb, einem blutigen Schau⸗ ſplele beizuwohnen, nicht blos jenen finſtern Zeiten eigen; obgleich ſie durch die gladiatoriſchen Auftritte von Zweikaͤmpfen und Turnieren daran gewohnt wa⸗ ren, mit anzuſehen, wie ein tapfrer Mann durch die Hand eines andern ſiel;— auch in unſern Tagen, wo man ſich beſſer ouf Moral zu verſtehen glaubt, fuͤhrt eine Hinrichtung, eine Pruͤgelei, ein Aufſtand, eine Zuſammenkunft von Nadikalreformers ſelbſt mit Le⸗ bensgefahr eine Unzahl von Zuſchauern zuſammen, die ohne perſoͤnliches Intereſſe fuͤr die Sache ſelbſt, nur ſehen wollen, wie Aller vor ſich geht; vder ob 117 die Helden des Tages, nach der der Kraftſpracheder in⸗ ſurgirten Schneider und Schuhmacher, Feuerſteine oder Miſthaufen ſind. Die Augen einer großen Menge Zuſchauer waren demnach auf das Thor des Praͤzep⸗ toriums von Tempelſtowe gerichtet, um die Prozeſ⸗ ſion mit anzuſehen, indeß eine noch groͤßere An⸗ zahl den zu demſelben gehoͤrigen Turnierplatz um⸗ en waren auf einem nahen gen Grundſtüuck errichtet, ringt hatte. Die Schr zum Praͤzeptorlum g das man ſorgfaͤltig fuͤr die kriegeriſchen Uebungen der Ritter geebnet hatte. Sie lagen auf dem Ruͤk⸗ ken einer ſanften Anhoͤhe und waren ringsum mit Pfahlwerk umgeben, und da die Templer gerne bei ihren Waffenuͤbungen Zeugen ihrer Geſchicklichkelt hatten, waren ſie ringsum zur Bequemlichkeit der Zuſchauer mit Gallerien und Baͤnken verſehen. Im gegenwaͤrtigen Falle war an dem oͤſtlichen Ende der Schranken fuͤr den Großmeiſter ein Thron errichtet, und mit Ehrenſitzen fuͤr die Praͤzeptoren und Ritter des Ordens umgeben. Ueber denſelben wehte das heilige Banner, Le beau seant genannt, ſo wie dieſes Wort auch das Feldgeſchrei der Temp⸗ ler war. Am entgegengeſetzten Ende der Schranken war ein Haufen Reißholz um einen tief in der Erde befeſtig⸗ ten Block geſchichtet, und fuͤr das Schlachtopfer, das hier verbrannt werden ſollte, Raum gelaſſen, in den verhaͤngnißvollen Kreis einzutreten, und mit 118 den Ketten, die an dem Blocke hingen, dort angefeſ⸗ ſelt zu werden. Neben dieſen Vorrichtungen zum Tode ſtanden vier ſchwarze Sklaven, deren afrika⸗ niſche Farbe und Geſichtsbildung die ſtaunende Menge mit Schrecken erfuͤllte, ſo daß ſie auf dieſelben wie auf zu ihrem hoͤlliſchen Werke bereite boͤſe Geiſter, hinſtarrte. Die Menſchen waren regungslos, wenn ſie nicht unter der Anleitung eines Mannes, der ihr Oberhaupt zu ſein ſchien, die Brennſtoffe ordne⸗ ten und zu Recht legten. Sie blickten gar nicht auf die Menge hin, und ſchienen in der That fuͤr nichts, als fuͤr die Vollziehung ihres furchtbaren Ge⸗ ſchaͤftes Sinn zu haben. Und wenn ſie mit einan⸗ der redend die dicken, aufgeworfenen Lippen öoͤff⸗ neten, und ihre weißen Zaͤhne zeigten, als lachten ſie haͤmiſch uͤber das zu erwartende Trauerſpiel, konnte die entſetzte Menge ſich kaum des Gedankens erwehren, ob ſie in der That nicht boͤſe Geiſter waͤ⸗ ren, mit denen die Hexe in Verbindung geſtanden baͤtte; und die jezt nach abgelaufener Friſt ſich anſchick⸗ ten, bei ihrer ſchrecklichen Strafe ſelbſt huͤlfreiche Hand zu leiſten. Man fluͤſterte ſich zu und ermangelte nicht, alle die Thaten, welche der Satan der Sa⸗ ge nach in dieſer unruhigen, verworrenen Zeit ver⸗ uͤbt hatte, ſich mitzutheilen, wobei denn auf Rechnung des Teufels welt mehr geſetzt wurde, als ihm ge⸗ buͤhrte. „Habt Ihr nicht gehoͤrt, Vater Dennet,“ fragte 119 ein Bauer einen andern, etwas bejahrteren,„daß der Teufel den großen ſaͤchſiſchen Thane, Athelſtane von Koningsburgh, bei lebendigem Leibe geholt hat?“ „Ja, aber gelobt ſei Gott und der heilige Dun⸗ ſtan, er hat ihn wieder zuruͤckgebracht.“ „Wie ſo?“ fragte ein kecker junger Burſche in einer gruͤnen mit Gold geſtickten Jacke, der einen derben Jungen mit einer Harfe auf dem Ruͤcken hin⸗ ter ſich ſtehen hatte, wodurch ſich der Beruf des erſtern genuͤgſam beurkundete. Der Minſtrel ſchien nicht gemeinen Ranges; denn außer dem Glanze ſeiner reichgeſtickten Kleidung trug er um ſei⸗ nen Nacken eine ſilberne Kette, an welcher der Schluͤſſel hing, womit er ſeine Harfe zu ſtimmen pflegte. An dem rechten Arm trug ex ein ſilbernes Schild, das, ſtatt wie gewoͤhnlich das Wappen oder den Familiennamen des Großen, dem er zugehoͤrte, zu zeigen, blos mit dem eingegrabenen: Sherwood bezeichnet war.„Wie meint Ihr das?“ fragte der muntere Minſtrel, ſich in die Unterhaltung der Land⸗ leute miſchend;„ich kam hieher, um Stoff fuͤr mei⸗ nen Reim zu finden, und bei unſrer lieben Frauen, es ſollte mich freuen, Stoff zu zweien zu finden.“ „Das iſt landkundig,“ ſagte der aͤltere Bauer, „daß Athelſtane von Koningsburgh vier Wochen todt war.“ „Das iſt unmoͤglich,“ fagte der Minſtrel;„ich 120 5 H ſah ihn noch am Leben bei dem Waffengang zu Afhby la Zouche.“ „Und doch war er todt, oder vom Teufel ge⸗ holt,“ meinte der juͤngere Landmann;„denn ich hoͤrte die Moͤnche von St. Emunds das Todtenlied fuͤr ihn ſingen; uͤberdieß ward ein reiches Todten⸗ mahl auf dem Schloß Koningsburg gefeiert, ich waͤr auch hingegangen, aber Mabel Parkins“—— „Ja, ja, Athelſtane war todt!“ ſagte der aͤltere Landmann den Kopf ſchuͤttelnd.„Es war um ſo mehr Schade, wegen des ſaͤchſiſchen Blutes“— „Eure Geſchichte! Eure Geſchichte, meine Herrn!“ verſetzte der Minſtrel etwas ungeduldig. „Ja, ja, ſtoppelt nur Eure Geſchichte zuſam⸗ men!“ rief ein wohl beleibter Moͤnch), der neben ih⸗ nen ſtand, auf einen Stock gelehnt, der zwiſchen ei⸗ nem Pilgerſtab und einem Kampfſtock das Mittel hielt, und wahrſcheinlich bei Gelegenheit zu beidem diente. „Eure Geſchichte!“ ſagte der handfeſte Moͤnch, „macht ſchnell, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Wenn Ew. Hochwuͤrden alſo erlauben,“ ſagte Dennet,„ein betrunkener Prieſter kam, den Sakri⸗ ſtan zu St. Edmunds zu beſuchen.“ „ Mr. Hochwuͤrden erlaubt nicht,“ antwortete der geiſtliche Herr,„daß es eine ſolche Beſtie von betrunkenem Prieſter gibt, oder gaͤb es einen, daß ein Laie ihn ſo nennen darf. Sei manierlich, Freund; ſtell Dir vor, daß ſich der heilige Mann nur tief⸗ ſinnigen Betrachtungen hingab, welche den Kopf ſo ſchwindelnd und den Fuß ſo unſicher machen, als ob der Magen mit jungem Wein angefuͤllt waͤre. Ich habe das ſchon ſelbſt empfunden.“ „Nun gut,“ fuhr Dennet fort,„ein heiliger Bruder kam, den Sakriſtan zu Saint Edmunds zu beſuchen— ſo eine Art Heckenprieſter war es, der die Haͤlfte des geſtolenen Wildes in den Waͤldern erlegt, der das Klingen der Weinbecher lieber, als das Laͤuten der Betglocke hoͤrt, und eine Scheibe Schinken lieber hat, als zehn Blaͤtter in ſeinem Brevier, im Uebrigen aber ein guter, luſtiger Burſche, der trotz jedem Mann in Yorkſhire ſeinen Kampf⸗ ſtock ſchwingt, ſeinen Bogen ſpannt und ſeinen Che⸗ ſhirer Rundtanz macht.“ „Der lezte Theil Deiner Rede, Dennet,“ ſagte der Minſtrel,„hat Dir ein oder ein Paar zerbro⸗ chene Rippen erſpart.“ „Still, Mann, ich fuͤrchte ihn nicht,“ ſagte Dennet,„ich bin zwar etwas alt und ſteif, als ich aber zu Donkaſter fuͤr die Glocke focht“—— „Die Geſchichte!— Die Geſchichte, mein Freund!“ begann der Minſtrel wieder. „Wie? Die Geſchichte iſt die: Athelſtane von Koningsburg ward zu Saint Edmunds begraben.“ „Das iſt eine handgreifliche Luͤge,“ rief der Noͤnch,„ich ſelbſt ſah ihn nach ſeinem Schloß Ko⸗ ningsburgh tragen.“. „Nun denn, ſo erzaͤhlt Euch die Geſchichte ſelbſt, meine Herren!“ entgegnete Dennet, uͤber die vie⸗ len Einreden verdrießlich ſich abwendend; und nur mit Muͤhe ward er von ſeinem Kameraden und dem Minſtrel zur Fortſetzung ſeiner Erzaͤhlung vermocht. —,„Die beiden nuͤchternen Moͤnche alſo,“ fuhr er endlich fort,„da dieſer ehrwuͤrdige Herr ſie durch⸗ aus ſo haben will, hatten gutes Bier, und Wein, und Gott weiß, was Alles noch, einen lieben, lan⸗ gen Sommertag hindurch getrunken, als ſie von ei⸗ nem Kettengeraſſel und tiefen Stoͤhnen aufgeſtoͤrt wurden, und der Geiſt des verſtorbenen Athelſtane ins Zimmer trat und ſprach: Ihr boͤſe Hirten!“— „Oho! Bruder Tuck!“ rief der Minſtrel, ihn bei Seite nehmend,„ich glaube, wir haben einen neuen Haſen aufgejagt.“ „Ich ſag' Dir, Allan a Dale,“ verſetzte der Einſiedler,„ich ſah Athelſtane von Koningsburgh mit eigenen Augen, wie er leibt und lebet, vor uns ſtehn. Er hatte ſein Todtenkleid an, und Moder⸗ duft umgab ihn.— Ein ganzer Schlauch Sekt wird mir's nicht aus dem Gedaͤchtniß waſchen.“ „Pah!“ rief der Minſtrel,„Du haſt Deinen guaͤdigen Spaß mit mir!“ F. „Glaube mir nie mehr,“ erwiederte der Moͤnch, wenn ich mit meinem Kampfſtock nicht einen Streich nach ihm fuͤhrte, der einen Ochſen haͤtte faͤllen ſol⸗ —,— 1²³ len, aber durch ſeinen Leib, wie durch eine Rauch⸗ ſaͤule wirkungslos hinglitt!“ „Beim heiligen Hubert!“ rief der Minſtrel, „das iſt eine wunderbare Geſchichte, und ganz ge⸗ eignet nach der alten Weiſe der Ballade„der Schmerz zum alten Moͤnche kam,“ in Reim gebracht zu werden.“ „Lache. Du, wie Du willſt,“ ſagte Bruder Tuck,„wenn Du mich aber dahin bringſt, uͤber ſolch einen Gegenſtand zu ſingen, ſo mag der naͤchſte Geiſt oder Teufel mit mir kopfuͤber dahinfahren! Nein, nein!— ich nahm mir ſogleich vor, irgend einem guten Werke, als da iſt das Verbrennen einer Hexe, ein Gottesgerichtskampf und dergleichen mehr, bei⸗ nwohnen.“. Indeß ſie ſich ſo unterhielten, unterbrach ihr Geſpraͤch der Schall der maͤchtigen Glocke auf der Kirche zum heiligen Michael von Templeſtowe, ei⸗ nem ehrwuͤrdigen Gebaͤnde in der Naͤhe des Praͤ⸗ zeptoriums. Die duͤſtern Toͤne folgten ſo auf ein⸗ ander, daß der Nachhall kaum verklungen war, als ſchon die Luft von der neuen Schwingung erbebte. Aller Herzen wurden davon, als von dem Zeichen der beginnenden ernſten Feierlichkeit aufs tiefſte er⸗ griffen, und jedes Auge wandte ſich nach dem Praͤ⸗ zeptorium, die Ankunft des Großmeiſters, des Kaͤm⸗ pen und der Verbrecherinn erwartend. Endlich fiel die Zugbruͤcke; die Thore oͤffneten 124 ſich, und ein Ritter das große Ordensbanner tragend, ritt zum Schloſſe heraus, von ſechs Trompetern begleitet; ihm folgten paarweiſe die Praͤzeptoren und zulezt kam der Großmeiſter auf einem Pracht⸗ roſſe, deſſen Geſchirr hoͤchſt einfach war; hinter ihm ritt Brian de Bois Guilbert, von Kopf bis auf den Fuß in glaͤnzender Ruͤſtung, doch ohne Lanze, Schild oder Schwert, welche von ſeinen zwei Knappen ihm nachgetragen wurden. Sein Angeſicht, obgleich zum Theil von einer wogenden Feder beſchattet, die von ſeinem Barette herabfloß, zeigte einen heftigen Kampf von Leidenſchaften, unter denen ſich Stolz und Un⸗ entſchloſſenheit um die Herrſchaft ſtritten. Er ſah geiſterbleich aus, als haͤtte er ſeit mehreren Naͤch⸗ ten nicht geſchlafen; indeß regierte er mit gewohn⸗ ter Leichtigkelt und mit dem Anſtand, der dem tapfer⸗ ſten Kaͤmpfer des Ordens geziemte, ſein muthiges Schlachtroß. Sein Ausſehen hatte etwas Großarti⸗ ges und Gebieteriſches, alleln wenn man ihn aufmerkſa⸗ mer betrachtete, las man in ſeinen Zuͤgen bald et⸗ s wovon man gern den Blick abwendete. hm zu Seiten ritten Konrad von Montfitchet und aber von Malvolſin. Sie trugen ihre Frie⸗ denskleider, die weiße Ordenstracht. Ihnen folgten andere Tempelritter mit einem langen Zuge von Knappen und Lelbdienern in ſchwarzer Kleidung, An: waͤrter der Ehre, Ritter des Ordens zu werden. Hinter ihnen folgte eine Wache von Fußvolk in der⸗ 125⁵ ſelben Kleidung, und in ihrer Mitte erblickte man die bleiche Geſtalt der Angeklagten, wie ſie mit langſa⸗ mem, aber furchtloſen Schritte ihrem Schickſal ent⸗ gegenging. Sie war alles ihres Schmuckes beraubt, damit nicht irgend ein Amulet darunter waͤre, das, wie man glaubte, Satan ſeinen Opfern zu geben pflegte, um ſie auch unter den Martern vom Be⸗ kenntniß ihrer Schuld abzuhalten. Ein grobes, weiß⸗ es Kleid von der einfachſten Art vertrat die Stelle ihrer morgenlaͤndiſchen Tracht; aber ihre Zuͤge ſpra⸗ chen eine ſolche Miſchung von Muth und Ergebung aus, daß ſie ſelbſt in dieſem Anzug, ohne weiteren Schmuck, als ihre langwallenden, ſchwarzen Haare, jedem Auge Thraͤnen entlockte, und der verhaͤrtet⸗ ſte Fanatiker das Schickſal eines ſo herrlichen Ge⸗ ſchoͤpfes bejammerte, das zum Gefaͤſſe des Zorns und zur Sklavinn des Satanas geworden war. Ein Haufe der dem Orden zugehoͤrigen Unter⸗ gebenen folgte dem Schlachtopfer, in groͤßter Ord⸗ nung mit gefalteten Haͤnden und zur Erde gehefte⸗ ten Blicken. Dieſer Zug bewegte ſich langſam die kleine An⸗ hoͤhe hinauf, auf deren Gipfel der Turnierplatz ſich befand; als ſie in dieſelben eintraten, zogen ſie ringsherum von der linken zur rechten Seite, bis der Kreis vollendet war, worauf Halt gemacht wur⸗ de. Es entſtand ein augenblickliches Geraͤuſch⸗ als der Großmeiſter und alle ſeine Begleiter, den 126 Kaͤmpfer und ſeine Pathen ausgenommen, von den Roſſen ſtiegen. Die bereitſtehenden Knappen fuͤhr⸗ ten ſogleich die Pferde aus den Schranken. Die ungluͤckliche Rebekka ward nach dem ſchwar⸗ zen Stuhle nahe am Scheiterhaufen gefuͤhrt. Bei dem erſten Blick, den ſie auf den Ort warf, wo Vor⸗ bereitungen gemacht waren, gleich entmuthigend fuͤr den Geiſt, als qualvoll fuͤr den Koͤrper, ſchauderte ſie zuſammen und ſchloß die Augen, wahrſcheinlich ſtill innerlich betend, denn man ſah ihre Lippen ſich regen, obwohl man keinen Laut vernahm. Nach ei⸗ ner Minute etwa oͤffnete ſie das Auge, und blickte entſchloſſen auf den Holzſtoß, als wollte ſie ſich mit ſeinem Aublick befreunden, und wandte dann lang⸗ ſam und ungezwungen ihr Haupt davon ab. Mittlerweile hatte der Großmeiſter ſeinen Sitz eingenommen; und als die Ritterſchaft um und hin⸗ ter ihm nach eines jeden Range Platz genommen verkuͤndete eine lang gehaltene Fanfare der Trom⸗ peten den Aufang des Gerichts. Malvoiſin als Pa⸗ the des Kaͤmpfers, ſprengte vor und legte den Hand⸗ ſchuh der Juͤdinn, als Pfand des Kampfes zu den Fuͤßen des Großmeiſters nieder.„Geſtrenger Herr, hochwuͤrdiger Vater!“ begann er,„hier ſteht der gute Ritter Brian de Bois Guilbert, Praͤzeptor des Tempelordens, der durch Annahme jenes Pfandes, das ich zu Ew. Hochwuͤrden Fuͤßen niederlegte, ſich verbunden hat, am heutigen Tage ſeine Pflicht im 127 Kampfe zu thun, und zu bewaͤhren, daß dieſes Ju⸗ 3 denmaͤdchen, mit Namen Rebekka, das Urtheil von Rechtswegen verdient hat, welches in dem Kapitel des heiligen Tempelordens von Zion uͤber ſie ge⸗ ſprochen, und wodurch ſie als Zauberin zum Tode verurtheilt ward.— Hier, ſage ich, ſteht er, bereit, dieſen Kampf ritterlich und ehrenvoll auszukaͤm⸗ pfen, wenn es ſo Euer edler, heiliger Wille iſt!“ „Hat er den Eid abgelegt,“ fragte der Groß⸗ meiſter,„daß dieſer Kampf gerecht und ehrenhaft iſt, bringt das Kruziſir und das Te igitur herbei.“ „Herr und hochwuͤrdiger Vater,“ antwortete Malvoiſin ſchnell,„unſer hier gegenwaͤrtiger Bru⸗ der hat die Wahrheit ſeiner Anklage bereits in die Hand des guten Ritters Konrad de Montfitchet be⸗ ſchworen; und auf andre Weiſe darf er nicht verei⸗ det werden, da ſeine Gegnerin eine Unglaͤubige iſt, und keinen Eid aufnehmen kann.“ Dieſe Erklaͤrung ward zu großer Freude Mal⸗ voiſins genuͤgend befunden; denn der ſchlaue Ritter hatte vorausgeſehn, welche Muͤhe es koſten wuͤrde, oder wie unmoͤglich es ſei, Brian de Bols Guilbert zu vermoͤgen, ſolch einen Eid vor der verſammelten Menge zu ſchwoͤren, und dieſen Ausweg erſonnen, dieſer Nothwendigkeit auszuweichen. Der Großmeiſter nahm Albert de Malvoiſins Entſchuldigung an, und befahl dem Herold vorzutre⸗ ten und ſeine Pflicht zu thun. Die Trompeten er⸗ 128 toͤnten abermals und der Herold vortretend rief mit lauter Stimme:„Hoͤrt! hoͤrt! hoͤrt!— Hier ſteht der gute Ritter, Sir Brian de Bois Guilbert, be⸗ reit zu kaͤmpfen mit jedem freigebornen Ritter, welcher den der Juͤdin Rebekka zugeſtandenen und von ihr angenommenen Kampf beſtehen will, in Be⸗ tracht, daß ſie ſelbſt nicht geſetzmaͤßig ſich dazu ſtel⸗ len kann; und einem ſolchen Kaͤmpfer bewilligt der hochwuͤrdige, geſtrenge hier gegenwaͤrtige Großmei⸗ ſter, freies Kampffeld, gleichen Vortheil von Sonne und Wind, und was immer ſonſt zu gerechtem Kam⸗ pfe gefordert wird.“ Die Trompeten erſchollen von Ne uem, und eine Todtenſtille von mehreren Minu⸗ ten erfolgte. „Kein Kaͤmpfer erſcheint fuͤr die Angeklagte!“ ſprach der Großmeiſter.„Geh, Herold, und frage ſie, ob ſie Jemand erwartet, der fuͤr ihre Sache kaͤmpfen ſoll?“ Der Herold begab ſich nach dem Stuhle, worauf Rebekka ſaß, und Bois Guͤllbert, eilig ſein Roß, trotz allen Winken von Seiten Mal⸗ voiſins und Montſichets, nach jenem Ende der Schran⸗ ken ſpornend, ſtand eben ſo ſchnell an Rebekkas Seite. „Ziemt ſich das und iſt es den Geſetzen des Ordens gemaͤß?“ fragte Malvoiſin den Großmeiſter. „,Ja, Albert de Malvoiſin,“ antwortete Beau⸗ manoir;„bei einem Gottesurtheil moͤgen wir den Parteien nicht verwehren, miteinander die Ruͤckſpra⸗ che 1²9 ſprache zu nehmen, wie die Wahrheit am beſten zu Tage gefoͤrdert wuͤrde.“ 4 Waͤhrend deſſen redete der Herold das Maͤd⸗ chen folgendermaßen an:—„Maͤgdelein, der hoch⸗ zuverehrende, hochwuͤrdige Großmeiſter fragt dich, ob du einen Kaͤmpfer erwaͤhlt haſt, heute fuͤr deine Sache zu kaͤmpfen, oder ob du dich deinem Urtheil als einer gerechten Strafe unterwirfſt?“ „Sage dem Großmeiſter,“ entgegnete Rebekka, „daß ich meine Unſchuld behaupte, und mich nicht fuͤr gerecht verurtheilt halten kann, wenn ich nicht an meinem eigenen Blute zur Verbrecherinn wer⸗ den ſoll. Sage ihm, daß ich ſolchen Aufſchub ver⸗ lange, wie ihn die Geſetze zu ertheilen erlauben, damit ich ſehe, ob nicht Gott, der dem Menſchen in der hoͤchſten Noth am naͤchſten iſt, auch mir einen Retter erwecken wird, und iſt dieſe lezte Friſt vor⸗ uͤber, ſo geſchehe ſein heiliger Wille!“ Der Herold entſernte ſich, um dem Großmeiſter dieſe Antwort zu bringen.„Behuͤte Gott,“ ſprach Lukas Beau⸗ manoir,„daß ein Jude oder Heide mich der Unge⸗ rechtigkeit zeihen ſollte. Bis die Schatten von We⸗ ſten nach Oſten reichen, wollen wir warten, ob ein Kaͤmpfer erſcheint fuͤr dieſes ungluͤckliche Weib. Iſt der Tag ſo weit hinabgeſunken, mag li ſich zum Tode bereiten!“ Der Herold meldete dieſen Ausſp ruch des Gtoß⸗ 2 meiſters Rebekken, welche demuͤthig ſich verneigte, S Scott's Werke. XLVII. 9 130 ihre Haͤnde kreuzte, und auf zum Himmel blickte, als wollte ſie von oben herab jene Huͤlfe erflehen, welche ſie kaum noch von Menſchen ſich verſprechen durfte. Waͤhrend dieſer furchtbaren Pauſe drang die Stimme Bois Guilberts in ihr Ohr.— Es war nur ein Fluͤſtern, allein es ſchreckte ſie ſtaͤrker auf, als die Aufforderung des Herolds gethan. „Rebekka,“ ſprach der Templer,„hoͤrſt du mich?“ „Ich habe keinen Theil an dir, grauſamer, hart⸗ herziger Mann!“ entgegnete das ungluͤckliche Maͤd⸗ chen. „Aber du verſtehſt doch wenigſtens meine Wor⸗ te?“ verſetzte der Templer,„denn graͤßlich klingt die eigne Stimme meinem Ohr. Kaum weiß ich, auf welchem Boden wir ſtehn, zu welchem Zwecke wir hieher gebracht ſind.— Die Schranken— die⸗ ſer Stuhl— ich kenne ihre Beſtimmung— und doch ſcheint es mir nicht Wirklichkeit— nein nur das ſchreckhafte Bild eines Traumes, der meine Sinne mit ſchauderhaften Erſcheinungen erſchreckt, die meine Vernunft nicht uͤberzeugen.“ „Mein Geiſt und meine Sinne faſſen klar Zeit und Ort,“ antwortete Rebekka,„und kuͤnden mir an, daß dieſer Holzſtoß beſtimmt iſt, meine irdi⸗ ſche Huͤlle zu verzehren, und meiner Seele qualvol⸗ len aber kurzen Uebertritt in eine beſſere Welt zu bereiten.“ 131 „Traͤume, Rebekka— Traͤume,“ antwortete der Templer,„eitle Trugbilder von der Weisheit Eu⸗ rer eigenen Sadduzaͤer verworfen! Hoͤre mich, Re⸗ bekka,“ ſyrach er, mit lebhafter Bewegung fortfah⸗ rend.„Eine beſſere Ausſicht auf Leben und Freiheit bleibt dir, als jene Dummkoͤpfe und Buben waͤhnen. Schwinge dich hinter mich aufs Roß, es iſt das be⸗ ſte, das je einen Reiter trug— auf Zamor, das edle Roß, das nie gegen ſeinen Herrn widerſpaͤn⸗ ſtig war. Ich gewann es im Zweikampf vom Sul⸗ tan von Trebizond— ſteig hinter mir auf, ſag ich — in einer kurzen Stunde ſind wir aller Verfol⸗ gung und Nachfrage enthoben— eine neue Welt der Luſt oͤffnet ſich dir— eine neue Laufbahn des Ruhms mir! Laßt ſie dann das Urtheil faͤllen, das ich verachte, und meinen Namen vertilgen aus dem Verzeichniß der moͤnchiſchen Sklaven! Jeden Flek⸗ ken, den ſie auf mein Wappenſchild bringen, will ich mit Blut abwaſchen.“ „Verſucher,“ ſprach Rebekka,„hebe dich weg von mir! Nicht ſollſt du mich in dieſer aͤußer⸗ ſten Noth auf nur ein Haar breit von dieſerz Stel⸗ le bringen.— Umgeben wie ich bin, von Feinden, halt ich dich fuͤr den ſchlimmſten, ſchrecklichſten von allen!— Im Namen Gottes hebe dich weg von mir!““ 4 9 ⸗ 13² Albert Malvoiſin, beunruhigt und ungeduldig uͤber die Dauer ihrer Unterredung, nahte ſich jetzt, um ſie abzubrechen. 4 „Hat das Maͤdchen ihre Schuld anerkannt?“ fragte er Bois Guilbert;„oder beharrt ſie entſchloſ⸗ ſen auf ihrem Laͤugnen?“ „Sie iſt in der That entſchloſſen,“ verſeß⸗ te Bois Gullbert. „Nun denn,“ ſprach Malvoiſin,„ſo mußt du, edler Bruder, deinen Platz wieder einnehmen, um den Ausgang zu erwarten. Schon wechſeln die Schatten auf dem Sonnenzeiger.— Komm, tapfe⸗ rer Bois Guilbert— komm, du Hoffnung unſeres Ordens— bald das Haupt deſſelben!“ Indem er dieß mit beſaͤnftigendem Tone ſprach, legte er die Hand an den Zuͤgel von Bois Guilberts Roſſe, als wolle er ihn zu ſeinem Platz zuruͤckgelei⸗ ten. „Falſcher Bube! was willſt du mit der Hand an dem Zuͤgel meines Roſſes?“ rief Sir Brian ent⸗ ruͤſtet. Und ſeines Kameraden Hand zuruͤckſtoßend ritt er nach dem oberen Ende der Schranken zuruͤck. „Noch ſpruͤht Feuergeiſt in ihm,“ ſprach Mal⸗ voiſin leiſe zu Montfitchet,„wird er nur recht geleitet, aber gleich dem griechiſchen Feuer verbrennt er Al⸗ les, was ihm nahe kommt.“ Die Richter waren nun ſchon zwei volle Stun⸗ — 133 den in den Schranken, und hatten vergebens das Erſcheinen eines Kaͤmpfers erwartet. „Kein Wunder,“ meinte Bruder Tuck,„da ſte eine Juͤdinn iſt!— Und doch, bei meinem Orden, es iſt hart, daß ſo ein junges ſchoͤnes Geſchoͤpf um⸗ kommen ſoll, ohne daß in ihrer Sache ein Schwert⸗ ſtreich fiel. Und waͤr' ſie auch zehnmal eine Hexe, und waͤre nur ein Biſſen Chriſtenfleiſch an ihr, mein Kampfſtock ſollte auf der Stahlhaube des Templers tanzen, ehe es ſo weit kaͤme.“ Es herrſchte jedoch der allgemeine Glaube, Niemand koͤnnte oder wollte fuͤr eine der Hexeret beſchuldigte Juͤdinn kaͤmpfen; ſo daß die Rit⸗ ter, von Malvoiſin aufgereizt, einander bereits zu⸗ lluͤſterten, daß es Zeit ſei, Rebekkens Pfand fuͤr verfallen zu erklaͤren. In dieſem Augenblick erſchien ein Ritter, der auf der Ebene in vollem Roßlauf gegen die Schranken daher geſprengt kam. Hundert Stimmen riefen:„Ein Kaͤmpfer! ein Kaͤmpfer!“ Und trotz allen Vorurtheilen ward er, als er in die Schran⸗ ken einritt, mit lautem Jubel empfangen. Allein ein zweiter Blick auf ihn mußte leider wieder alle Hoffnung zerſtoͤren, die ſein zeitiches Erſcheinen erregt hatte. Sein Roß, das viele Meilen in hoͤch⸗ ſter Eile zuruͤckgelegt haben mochte, ſchien vor Er⸗ ſchoͤpfung zu taumeln, und der Ritter ſelbſt, ſo un⸗ erſchrocken er in die Schranken ritt, ſchien doch kaum im Stande, ſich im Sattel zu halten. 134 Die Aufforderung des Herolds, der ihn um Rang, Namen und Abſicht fragte, beantwortete der frem⸗ de Ritter ſchnell und kuͤhn:„Ich bin ein guter und edler Ritter, und komme hieher, mit Lanze und Schwert die gerechte und geſetzmaͤßige Sache dieſer Jungfrau, Rebekka, der Tochter Iſaaks von York zu verfechten, zu behaupten, daß das uͤber ſie gefaͤllte Urtheil falſch und ungerecht iſt, und den Sir Brian de Bois Guilbert als einen Verraͤther, Moͤrder und Luͤgner auszuſordern; ſo wie ich dieß auf dieſem Kampfplatz mit Huͤlfe Gottes, unſrer lie⸗ ben Frauen und heiligen Georg, des guten Ritters mit meinem Leben gegen das ſeinige beweiſen will.“ „Der Fremde muß zuerſt darthun,“ ſprach Mal⸗ voiſin,„daß er ein guter, freigeborner Ritter iſt; der Tempel ſtellt keine Streiter gegen namenloſe Leute!“ „Mein Name,“ entgegnete der Ritter, den Helm aufſchlagend,„iſt ruͤhmlicher bekaͤnnt und meine Ab⸗ kunft edler und reiner, als die Deinige, Malvoiſin. Ich bin Wilfried von Ivanhoel „Mit dir fecht' ich nicht,“ ſprach der Templer mit veraͤnderter, hohler Stimme.„Laß deine Wun⸗ den erſt heilen, und ſuche dir eln beſſeres Pferd; dann erſt werd’ ich's vielleicht fuͤr der Muͤhe werth halten, dir deine kindiſche Prahlerei auszutreiben!“ „Hal ſtolzer Templer,“ rief Ivanhoe,„h vergeſſen, daß du zweimal vor dieſer Lan 135 ſankeſt?— Erinnre dich an die Schranken von Acre — erinnre dich an den Waffengang zu Ahſby— er⸗ innre dich an deine ſtolze Prahlerei in der Halle von Rotherwood, und die Verpfaͤndung deiner gol⸗ denen Kette gegen mein Reliquienkaͤſtchen, daß du mit Wilfried von Jvanhoe kaͤmpfen, und die verlor⸗ ne Ehre wieder erringen wollteſt? Bei dieſem Reli⸗ qulenkaͤſtchen, und der Reliquie, die es enthaͤlt, ich will dich, Templer, an jedem Hofe von Europa— vor jedem Praͤzeptorium deines Ordens fuͤr einen Feigen erklaͤren— wenn du dich nicht zu unverzuͤg⸗ lichem Kampfe ſtellſt!“ Bois Guilbert wandte ſich unentſchloſſen gegen Rebekka und rief dann mit ei⸗ nem ſtolzen Blicke auf Ivanhoe:„ſaͤchſiſcher Hund, ſo nimm deine Lanze und bereite dich zum Tode, den du durchaus begehrſt!“ „Geſtattet mir der Großmeiſter den Kampf?“ fragte Ivanhoe. „Ich muß Eure Ausforderung gewaͤhren laſſen,“ erwiederte der Großmeiſter,„vorausgeſetzt, daß das Maͤdchen Dich zu ihrem Kaͤmpfer annimmt. Jedoch wuͤnſcht' ich Euch, es geſchaͤhe in beſſerem Kampfe. Du warſt ſtets ein Feind unſeres Ordens, indeß wuͤnſch ich auf ehrenhafte Weiſe mit dir zuſammen zu kom⸗ men.“ „ So, und nicht anders,“ ſprach Ivanhoe;„es iſt ein Gottesurtheil!„ſeinem Schutze empfehle ich mich! Rebekka,“ fragte er, nach dem verhaͤngniß⸗ 136 vollen Stuhl zureitend,„nimmſt du mich zu deinem Ritter au?“ „Ja,“ antwortete ſie.„Ja!“ ſtammelte ſie, mit einer Gemuͤthsbewegung, die ſelbſt die Todes⸗ furcht nicht in ihr hatte hervorbringen koͤnnen,„ich nehme dich zu dem Kaͤmpfer an, den der Himmel mir ſandte. Doch, nein! nein!— deine Wunden ſind noch nicht geheilt!— Stelle dich nicht dem ſtol⸗ zen Mann!— Warum ſollteſt du gleichfalls unter⸗ gehen?“ Doch Jvanhoe ſtand ſchon auf ſeinem Po⸗ ſten, hatte ſein Viſir geſchloſſen und ſeine Lanze ein⸗ gelegt. Bois Guilbert that das naͤmliche. Sein Knappe aber bemerkte, als er ſein Viſir ſchloß, daß ſein Geſicht, das trotz den manchfachen Stoͤßen, die ſein Gemuͤth beſtuͤrmt hatten, den ganzen Mor⸗ gen aͤußerſt blaß geweſen war, jezt ploͤzlich von gluͤ⸗ hender Roͤthe uͤberzogen war.— Als der Herold ſah, daß jeder Ritter auf ſei⸗ nem Platze ſich befand, ließ er laut ſeine Stimme erſchallen und rief drei Mal:— Faites vos devoirs Preux Chevaliers!“ Nach dem dritten Ruf zog er ſich auf eine Seite der Schranken zuruͤck und ver⸗ kuͤndete nun, daß Niemand, bei Gefahr augenblick⸗ lichen Todes, wagen duͤrfte, durch Wort, Ruf oder That ſich in das Gefecht zu miſchen, oder daſſelbe zu ſtoͤren. Der Großmeiſter, welcher den Handſchuß Rebekkens als Pfand des Kampfes in Haͤnd 1 137 warf ihn jetzt in die Schranken und rief die verhaͤng⸗ nißvollen Worte: Laissez aller!“ Die Trompeten erſchallten, und in vollem Roſſe⸗ lauf ſprengten die Ritter auf einander los. Das erſchoͤpfte Pferd Ivanhoe's und ſein nicht minder er⸗ ſchoͤpfter Reiter ſanken, wie man allgemein erwartet hatte, der guten Lanze und dem kraftvollen Renner des Templers. Dieſer Ausgang des Kampfes ward allgemein erwartet. Aber obwohl im Vergleich mit dem ihm gewordenen Stoße Jvanhoe's Lanze kaum Bois Guilberts Schild beruͤhrt hatte, wankte auch die⸗ ſer Ritter zum allgemeinen Erſtaunen im Sattel, verlor die Buͤgel und fiel in die Schranken⸗ Jvanhoe ſchnell ſich unter ſeinem gefallenen Roſſe hervorarbeitend war ſchnell auf den Veinen und eilte, ſein Gluͤck mit dem Schwert zu verſuchen; allein ſein Gegner ſtand nicht wieder auf. Wilfried ſetzte ihm den Fuß an die Bruſt, die Spitze des Schwertes auf die Kehle, und gebot ihm, ſich zu ergeben, oder auf der Stelle zu ſterben. Bois Gullbert gab keine Antwort. „Toͤdet ihn nicht, Herr Ritter!“ rief der Groß⸗ meiſter,„ohne Beichte und Abſolution!— toͤdet nicht Seele und Leib zumal! Wir erklaͤren ihn fuͤr beſiegt!““ Er ſtieg in die Schranken herab, und be⸗ fahl dem beſtegten Kaͤmpfer den Helm abzunehmen. Seine Augen waren geſchloſſen und die dunkle Roͤthe lag noch auf ſeinem Angeſicht. Als ihn nun alle mit 138 Erſtaunen betrachteten, oͤffneten ſich die Augen wie⸗ der, allein ſie waren ſtarr und gebrochen. Die Glut⸗ roͤthe verſchwand und Todtenblaͤſſe trat an ihre Stelle. Unbeſchaͤdigt von der Lanze ſeines Gegners war er, ein Opfer ſeiner eigenen, unbezaͤhmbaren Leidenſchaften, gefallen. „Das iſt in der That ein Gottesurtheillu ſ ſprach der Großmeiſter, zum Himmel blickend:„Fiat vo- luntas tualtc Siebentes Kapitel. So! nun iſt's aus, wie's Alteweibermährchen! Webſter. Als der erſte Augenblick des Erſtaunens voruͤber war, fragte Wilfried von Jvanhoe den Großmeiſter, als Kampfrichter,„ob er den Kampf mannlich und rechtlich ausgefochten habe?“ „Maͤnnlich und rechtlich ward er ge ochten,“ zut⸗ wortete der Großmeiſter,„ich erklaͤre das Maͤdchen fuͤr frei und ſchuldlos.— Die Waffen und der eich nam des entſeelten Ritters ſind der Willkuͤhr des Siegers verfallen.“ „Ich will ihn nicht ſeiner Waffen berauben. erwiederte der Ritter von Jvanhoe,„noch feinen Leichnam beſchimpfen laſſen. Er unt fuͤr das Ehrlſten⸗ 1³⁰ thum gefochten— Gottes Arm, nicht Menſchenhand, hat ihn heute zu Boden geſtreckt. Aber laßt ihn im Stillen beiſetzen, als einen, der in ungerechtem Kampfe fiel. Was das Maͤdchen betrifft“— Hier ward er durch ein Getrappel von Pferden unterbrochen, die in ſolcher Anzahl und ſolcher Eile heranſprengten, daß der Erdboden erdroͤhnte. Der ſchwarze Ritter ſprengte in die Schranken; ihm folgte eine zahlreiche Menge Reiſiger und mehrere Ritter in voͤlliger Ruͤſtung. „Ha! ich komme zu ſpaͤt!“ rief er um ſich her ſchauend.„Ich hatte mir Bois Guilbert fuͤr mein eigen Theil auserſehen. Ivanhse, war das recht, daß Du Dich ſolchem Abenteuer unterzogſt, da Du Dich ſelbſt kaum im Sattel halten kannſt?“ „Der Himmel, mein Lehnsherr,“ ſprach Ivanhoe, „hat dieſen ſtolzen Mann als Opfer auserkoren. Er ſollte nicht alſo geehrt werden, wie Euer Wille ihm beſtimmte.“ „Friede ſet mit ihm!“ ſagte Richard feſt auf die Leiche blickend,„ſei ihm, wie ihm wolle— er war ein tapferer Mann, und ſtarb ritterlich im Stahl⸗ harniſch. Allein wir duͤrfen keine Zeit verlieren— 85 5 Bohun thue, was Deines Amtes iſt!“ Ein Ritter trat aus des Koͤnigs Gefolge her⸗ vor, legte die Hand auf Albert Malvoiſins Schulter und rief:„Ich verhafte Dich wegen Hochverrath.“ Erſtaunt uͤber die Erſcheinung ſo vieler Bewaff⸗ EHNo neten war der Großmeiſter bisher ſtumm geſtanden. Jezt ſprach er: „Wer wagt es, einen Ritter des Tempelordens im Bezirke ſeines eigenen Praͤzeptorkums, in Ge⸗ genwart des Großmeiſters ſelbſt zu verhaften? Auf weſſen Befehl geſchieht dieſe kuͤhne Beleidigung?“ „Ich verhafte ihn,“ erwiederte der Ritter— vich, Heinrich Bohum, Graf von Eſſex, Lord Groß⸗ conſtabel von England!“ „Und er verhaftet Malvoiſin,“ ſprach der Koͤ⸗ nig, ſein Viſir aufſchlagend,„auf Befehl des hier gegenwaͤrtigen Nichard Plantagenet. Wohl Dir, Konrad von Monktfitchet, daß Du nicht mein geborner Unterthan biſt.— Aber Du, Malvolſin, ſtirbſt mit Deinem Bruder Phillpp, ehe die Welt um eine Woche aͤlter iſt!“ „Ich widerſpreche Deinem Urtheil!“ ſprach der „Großmeiſter. „Stolzer Templer!“ entgegnete Richard,„Du kannſt es nicht!— Schau auf und ſieh das koͤnig⸗ liche Banner Englands ſtatt Deines Templerbanners auf Deinen Thuͤrmen wehen!— Sei weiſe, Beau⸗ manoir, und verſuche keinen vergeblichen Widerſtand! — Deine Hand liegt in des Loͤwen Rachen!“ „Ich appellire nach Rom gegen Dich,“ ſprach der Großmeiſter,„daß Du wagſt, die Freiheiten aud Vorrechte unſres Ordens anzutaſten!“ „Immerhin!“ verſetzte der Koͤnig,„abe 141 Dein Selbſt willen, komm mir jezt nicht damit.— Loͤſo Dein Kapitel auf und begieb Dich mit Deinen Ge⸗ faͤhrten nach der naͤchſten Praͤzeptorei(wenn Du eine finden kannſt) die ſich noch nicht zur Werkſtaͤtte ver⸗ raͤtheriſcher Verſchwoͤrung gegen den Koͤnig von Eng⸗ land ſchuldig gemacht hat. Oder willſt Du blelben, ſo ſei unſer Gaſt, und ſei Zeuge unſerer Gerechtig⸗ keitspflege.“ „Soll ich ein Gaſt ſein in dem Hauſe, wo ich zu befehlen habe?“ entgegnete der Templer.„Nim⸗ mermehr! Kaplane, ſtimmt an den Pſalm: Quarp fremuerunt gentes!— Ritter, Knappen und Die⸗ ner des heiligen Tempels, bereitet Euch dem Ban⸗ ner des Beauséant zu folgen.“ Der Großmeiſter ſprach mit einer Wuͤrde, die ſelbſt Englands Koͤnig in Verlegenheit ſetzte, und ſeinen erſtaunten und niedergeſchlagenen untergebenen Muth einfloͤßte. Sie draͤngten ſich um ihn her, wie die Schafe um den Waͤchterhund, wenn ſie den Wolf heulen hoͤren; al⸗ lein ſie bewieſen nicht die Furchtſamkeit der Herde— Trotz las man auf jeder Stirn und herausfordernde Drohung in jedem Blicke. Sie zogen ſich in dunkle Linien von erhobenen Speeren zuſammen, zwiſchen welchen man die weißen Gewaͤnder der Ritter un⸗ ter den ſchwarzen Kleidungen ihres Gefolgs, wie die lichthellen Saͤume eines ſchwarzen Gewoͤlks her⸗ vorſchimmern ſah. Die Menge, welche ein lautes Geſchrei des Mißfallens hatte hoͤren laſſen, ſchwieg ¹ 142 und ſtaunte ſchweigend den gewaltigen Haufen er⸗ fahrener Krieger an, dem ſie unkriegeriſchen Trotz geboten und jezt ſcheu vor ihm zuruͤckbebte. Der Graf von Eſſer gab, als er die Templer ihre Macht zuſammenziehen ſah, ſeinem Roße die Sporen, und ſprengte vor und ruͤckwaͤrts, ſeine Be⸗ gleiter gegen einen ſo ſurchtbaren Feind zu ordnen. Nur Richard allein, als liebe er die Gefahr, die ſeine Gegenwart veranlaßte, ritt langſam an der Fronte der Templer hinab und rief:„Wie, Sirs? Iſt un⸗ ter ſo vielen tapfern Rittern keiner, der es wagt, mit Richard eine Lanze zu brechen? Ihr Herren vom Tempel, Eure Damen koͤnnen nur ſonnverbrannte Schoͤnheiten ſein, wenn ſie nicht den Splitter einer Lanze werth ſind.“ „Die Bruͤder vom Tempel,“ entgegnete der Großmeiſter vor die Fronte reitend,„kaͤmpfen nicht ſo eitler, unheiliger Zwecke wegen— und in mei⸗ ner Gegenwart ſoll kein Templer mit Dir, Richard von England, eine Lanze brechen! Der Pabſt und die Fuͤrſten Europas ſollen unſern Streit entſcheiden, ſollen entſcheiden, ob es einem chriſtlichen Fuͤrſten ziemt, eine Sache zu verfechten, die Du heute verfochteſt. Wo nicht angegriffen, entfernen wir uns, ohne das, Schwert zu zuͤcken. Deiner Ehre vertrauen wir die Waffen und die Fahrniſſe des Ordenshauſes an, die wir hinter uns laſſen; auf Dein Gewiſſen waͤlzen 143 wir das Aergerniß und die Kraͤnkung, die Du heute der Chriſtenheit zufuͤgteſt.“ Mit diefen Worten und ohne eine Antwort zu erwarten, gab der Großmeiſter das Zeichen zum Auf⸗ bruch. Ihre Trompeten blieſen einen wilden mor⸗ genlaͤndiſchen Marſch, das gewoͤhnliche Zeichen zum Vorruͤcken bei den Templern. Sie verwandelten ihre Schlachtlinie in eine Marſchkolonne und ritten ſo langſam, als nur immer der Schritt der Roſſe zu maͤßigen war, davon, als wollten ſie zeigen, daß es nur der Wille des Großmeiſters, nicht aber die Furcht vor ihren Gegnern ſei, was ſie zum Abzug bewege. „Bei dem Glanze des Augenlichts unſrer lieben Frauen!“ rief Richard,„es iſt Jammerſchade, daß dieſe Templer nicht eben ſo zuverlaͤßig ſind, als tapfer und disziplinirt.“ Die Menge gleich einem furchtſamen Hunde, der erſt bellt, wenn der Gegenſtand ſeiner Furcht den Ruͤcken zugewandt, erhob ein ſchwaches Jubelge⸗ ſchrei, als der Nachtrab des Reiterzuges den Platz verließ. Waͤhrend des Laͤrmes, den der Ruͤckzug der Temp⸗ ler verurſachte, ſah und hoͤrte Rebekka nichts. Sie lag faſt bewußtlos in den Armen ihres betagten Va⸗ ters, der ihr erſchuͤttertes Gemuͤth endlich zur Faſ⸗ ſung zuruͤckrief. 2 —„Laß uns gehen,“ ſprach er,„meine theure Tochter, mein wieder gefundener Schatz!— um uns unſrem Wohlthaͤter zu Fuͤßen zu werfen!“ „Nein!“ rief Rebekka. Nein— nein— nein— In dieſem Augenblick wage ich nicht, mit ihm zu re⸗ den.— Ach, ich wuͤrde mehr ſagen, als— laß uns augenblicklich dieſen ſchrecklichen Ort verlaſſen!“ „Aber, meine Tochter, ſollen wir ihn verlaſſen, der als ein tapfrer Mann mit Schwert und Schild erſchien, und ſeines eignen Lebens nicht achtete, um Deine Gefangenſchaft zu loͤſen? Du, die Tochter ei⸗ nes ganz fremden Volkes!— Das iſt ein Dienſt, der reichlichen Dank verdient!“ „Ja! ja!— Den hoͤchſten, innigſten Dank!— Stets ſoll er ihm geweiht ſein— aber jezt nicht! — O um Deiner geliebten Rachel willen, Vater, gewaͤhre mir meine Bitte!— nur jezt nicht!“ „Aber, nein,“ ſagte Iſaak, noch immer in ſie dringend,„ſie werden uns undankbarer, als elende Hunde ſchelten!“ „Siehſt Du nicht, Vater, daß Koͤnig Richard zugegen iſt, und daß“— „Du haſt Recht, theuerſte, weiſeſte Rebekka!— Laß uns hinwegeilen— laß uns fort!— Er wird Geld beduͤrfen, er koͤmmt ſo eben aus Palaͤſtina, ja, wie man ſagt, aus dem Gefaͤngniß, und einen Vor⸗ wand, es mir abzupreſſen, wenn es deſſen bei ihm noch bedarf, werden ihm meine ehrlichen Geldgeſchaͤfte mit ſeinem Bruder Johann an die Han 145 Hand geben. Fort alſo! fort!— Laßt uns von hin⸗ nen eilen!“ Damit riß er ſeine Tochter mit ſich fort aus den Schranken und brachte ſie auf der dazu bereit gehaltenen Saͤnſte nach dem Hauſe Rabbi Nathans. Kaum war die Juͤdinn, deren Schickſal das Haupt⸗ intereſſe des Tages ausgemacht hatte, unbemerkt entfernt worden, ſo wandte ſich die Aufmerkſamkeit der Menge auf den ſchwarzen Ritter. Die Luft er⸗ ſcholl nun von dem Rufe:„Lang lebe Richard der Loͤwenherzigel Nieder mit den anmaßenden Templern!“ „Trotz aller dieſer Maultreue,“ ſagte Jvanhoe zu dem Grafen von Eſſer,„war es wohl bedacht von dem Koͤnig, daß er Euch, edler Graf, und ſo viele zu⸗ verlaͤßige Begleiter mit ſich brachte!“ Der Graf laͤchelte und ſchuͤttelte den Kopf. „Tapfrer Ivanhoe, kennſt Du unſern Gebieter ſo gut, daß Du ihn einer klugen Vorſicht faͤhig glaubſt? Ich zog gegen York heran, weil ich gehoͤrt hatte, daß Prinz Johann ſich dort an die Spitze ſeiner Partei ſtellen wolle, und traf da auf Koͤnig Richard, der als aͤchter fahrender Ritter hieher eilte, um das Abenteuer des Templers mit der Juͤdinn mit hoͤchſt eigener Hand abzumachen. Faſt wider ſeinen Willen ſchloß ich mich an ihn an.“ „Und was bringſt Du neues von York, tapfrer W. Seott's Werke. XLVII. 10 3 Graf?“ fragte Jvanhoe,„werden die Empoͤrer uns Stand halten?“ „Nicht mehr als der Dezemberſchnee der Juli⸗ ſonne!“ erwiderte der Graf;„ſchon zerſtreuen ſie ſich; und wer anders haͤtte uns die Poſt uͤberbrin⸗ gen ſollen, als Johann ſelbſt?““ „Der Verraͤther! der undankbare, freche Verraͤ⸗ ther!“ rief Ivanhoe;„ließ ihn Richard nicht gleich gefangen ſetzen?“ R „O ja, er empfing ihn, als traͤfen ſie ſich nach einer Jagdpartie; und auf mich und meine Bewaff⸗ neten deutend ſprach er:„Du ſieyſt, Bruder, ich hahe einige zornige Leute bei mir— Du thuſt am beſten, wenn Du zur Mutter gehſt, ihr meinen pflicht⸗ maͤßigen, ehrerbietigen Gruß uͤberbringſt, und dort verbleibſt, bis die Gemuͤther beruhigt ſind.“ „Und das war Alles, was er ſagte?“ fragte Jvanhoe;„ſollte man nicht ſagen, der Koͤnig for⸗ dere durch ſeine Milde zu Verrath heraus?“ „Juſt ſo,“ verſetzte der Graf,„wie man ſagen koͤnnte, der fordere den Tod heraus, welcher mit ei⸗ ner ungeheilten gefaͤhrlichen Wunde einen Kampf beſtehen will.“ 4 „Ich vergeb' Dir den Scherz, Herr Graf,“ ſagte Jvanhoe,„aber bedenke, ich wagte nur mein eigen Leben!— Richard die Wohlſahrt ſeines Reichs!! „Die,“ verſetzte der Graf,„welche ihre eigene Wohlfahrt außer Augen ſetzen, fragen ſelten - 147 nach der der Anderen.— Aber laßt uns nach dem Schloſfe eilen; denn Richard iſt Willens, einige der untergeordneten Mitglieder der Verſchwoͤrung zu be⸗ ſtrafen, obwohl er ihr Haupt begnadigt hat.“ Aus den gerichtlichen Verhandlungen bei dieſer Gelegenheit, welche man weitlaͤufig dargeſtellt in dem Wardour Manufkript lieſt, ergibt ſich, daß Mau⸗ rice de Bracy uͤber die See entwich und bei Philipp von Frankreich Dienſte nahm; waͤhrend Philtpp de Malvoiſin, und ſein Bruder Albert, der Praͤzeptor von Templeſtowe hingerichtet wurden, obgleich Wal⸗ demar Fitzurſe, die Seele der ganzen Verſchwoͤrung, mit Verbannung davon kam, und Prinz Johann, zu deſſen Gunſten Alles unternommen wurde, von ſeinem Bruder nicht einmal harten Tadel er⸗ fuhr. Niemand beklagte indeß das Schickſal der bei⸗ den Malvoiſin, da ſie eine Strafe erlitten, welche ſie durch tauſend Handlungen der Verraͤtherei, der Grauſamkeit und Unterdruͤckung im Uebermaße ver⸗ dient hatren. Kurz nach dem gerichtlichen Zweikampf ward Cedric der Sachſe an Richards Hoflager be⸗ ſchieden, das zur Beruhigung der Grafſchaften, die durch die Ehrſucht ſeines Bruders aufgewiegelt wa⸗ ren, zu York gehalten wurde. Cedrie ſchuͤttelte den Kopf ob dieſer Botſchaft, nahm aber die Einla⸗ dung an. Die Ruͤckkehr Richards hatte in der Fhat alle Hoffnungen, die er auf Wiederherſtehung der mntſhen; Oberherrfchaft iu England grüͤndete, 1 10.. 148 vernichtet; denn welchen Anfuͤhrer die Sachſen in einem Buͤrgerkrieg auch erwaͤhlen mochten, ſo lag doch klar am Tage, daß nichts gegen die unbeſtrittene Herrſchaft Richards unternommen werden konnte, da ſeine perſoͤnlichen Eigenſchaften und ſein Kriegs⸗ ruhm ihm die Herzen des Volkes gewonnen hatten; wenn auch ſeine Regierung ſelbſt bald zu nachſichtig war, bald ſich zu despotiſcher Willkuͤhr hinneigte. AUeberdieß konnte es nun ſelbſt Cedrics wider⸗ ſtrebender Beobachtung nicht entgehen, daß ſein Plan einer voͤlligen Vereinigung unter den Sachſen durch Rowenas und Athelſtanes Vermaͤhlung an der ge⸗ genſeitigen Abneigung beider Theile ſcheiterte. Dieß war freilich ein umſtand, den er in ſeinem Eifer fuͤr die Sache der Sachſen nicht vorausſehen konnte; und ſelbſt dann, als ſich dieſe Stimmung laut ge⸗ nug ausgeſprochen hatte, konnte er es kaum uͤber ſich erhalten, zu glauben, daß zwei Sproͤßlinge des ſaͤchſiſchen Koͤnigſtammes gegen eine fuͤr das gemein⸗ ſame Wohl einer Nation ſo vortheilhafte Verbindung, aus perſoͤnlichen Ruͤckſichten ein Aber haben koͤnnten. Allein es war darum nicht weniger ausgemacht; Ro⸗ wena hatte bereits ihre Abneigung gegen Athelſtane zu offen ausgeſprochen, und Athelſtane eben ſo of⸗ fen und beſtimmt ſeinen Entſchluß erklaͤrt, nie wie⸗ der ſeine Bewerbungen um Lady Rowena zu erneu⸗ en. Selbſt Cedrics eigenthuͤmliche Beharrlichkeit erlag dieſen Hinderniſſen, da er, auf ſeinem Willen 149 beſtehend, ein gleich widerſtrebendes Paar zuſammen⸗ bringen mußte. Er tthat indeſſen noch einen lezten⸗ kraͤftigen Angriff auf Athelſtane; allein er fand die⸗ ſen von den Todten erſtandenen Sproͤßling des ſäͤch⸗ ſiſchen Koͤnigshauſes gleich den Landjunkern unſerer Tage, in einem wuͤthenden Krieg mit der Geiſtlich⸗ keit begriffen. Es ſcheint, daß nach all ſeinen furchtbaren C Dro⸗ hungen gegen den Abt von Saint Edmunds, Athel⸗ ſtanes Rache, theils wegen ſeiner natuͤrlichen Indo⸗ lenz, theils durch die Bitten ſeiner Mutter Editha⸗ die, wie die meiſten Frauen jener Zeiten, der Geiſt⸗ lichkeit ſehr zugethan war, in ſo weit beſchwichtigt ward, daß ſie ſich darauf beſchraͤnkte, den Abt und ſeine Moͤnche drei Tage bei magerer Koſt in den Gefaͤngniſſen von Koningsburgh einzuſperren. We⸗ gen dieſer Haͤrte bedrohte ihn der Abt mit dem Kirchenbann, und ſetzte eine furchtbare Liſte von Beſchwerden auf, die er mit ſeinen Moͤnchen durch ihre widerrechtliche Einkerkerung erlitten haͤt⸗ te. Mit dieſem Streite, ſo wie mit den Maß⸗ regeln, der Verfolgung der Geiſtlichkeit zu entge⸗ hen, fand Cedric ſeines Freundes Geiſt ſo ſehr be⸗ ſchaͤftigt, daß er fauͤr keinen andern Gedanken mehr Raum hatte. Als Rowenas Namen erwaͤhnt wurde⸗ erbat ſich der edle Athelſtane die Erlaubniß einen vollen Becher auf ihr Wohl zu leeren, mit dem Wun⸗ ſche, ſie bald als Braut ſeines Vetters Wilfried be⸗ 15⁰ gruͤßen zu duͤrfen. So war die Lage des Sachſen verzweiflungsvoll. Es lag am Tage, daß mit Athel⸗ ſtane nichts mehr zu machen war; oder wie Wamba nach einem Sprichworte ſich ausdruͤckte, das von den Sachſenzelten bis auf unſere Tage ſich vererbte: „er war ein Hahn, der nimmer kaͤmpfen wollte!“ Zwiſchen Cedric und dem Entſchluſſe, zu dem es nach den Wuͤnſchen der Liebenden bei ihm kommen follte, ſtanden noch zwei Hinderniſſe— ſeine eigene Hartnaͤckigkeit und ſeine Abneigung gegen den nor⸗ maͤnniſchen Herrſcherſtamm. Die erſtere fing allmaͤ⸗ lig an zu weichen vor der Liebe zu ſeiner Muͤndel, und dem Stolze, den er nicht umhin konnte, uͤber dem Ruhm ſeines tapfern Sohns zu empfinden. Auch war er nicht unempfindlich gegen die Ehre, ſein Haus mit dem Geſchlechte Alfreds zu verbinden; als die hoͤheren Anſpruͤche des Abkoͤmmlings von Eduard dem Bekenner fuͤr immer aufgegeben waren. Auch wurde Cedrics Abneigung gegen den nor⸗ maͤnniſchen Herrſcherſtamm bedeutend erſchuͤttert,— erſtlich durch die Bemerkung, daß es unmoͤglich ſei, England von der Obergewalt des neuen Herrſcher⸗ hauſes zu befreien; ein Gefuͤhl, das ſogar wirklichen Treuſinn bei dem unterthan erſetzt; und zweitens durch die perſoͤnliche Aufmerkſamkeit, die ihm Kö⸗ nig Richard ſchenkte, der an Cedries derber Gerad⸗ heit großes Gefallen fand, und, um mich der Worte —— — ⁰—— 151 des Wardourmanuſkripts zu bedienen, ſo ſich gegen ihn benahm, daß der edle Sachſe, noch ehe er ſie⸗ ben Tage Gaſt am Hofe war, bereits ſeine Einwil⸗ ligung in die Verbindung ſeiner Muͤndel Rowena mit ſeinem Sohne Wilfried von Jvanhoe gegeben hatte. Die Vermaͤhlung unſeres Helden, die nun die foͤrmliche Zuſtimmung Vater Cedrics hatte, ward in dem erhabenſten der Tempel, dem Muͤnſter von YVork gefeiert. Der Koͤnig ſelbſt wohnte ihr bei, und ſein Benehmen, das er bei dieſer ſo wie bei andern Ge⸗ legenheiten gegen die unterdruͤckten, bisher verach⸗ teten Sachſen bezeigte, eroͤffnete dieſen eine ſicherere Ausſicht auf freien Genuß ihrer Rechte, als ſie von dem wechſelnden Schickſal eines Buͤrgerkriegs erwar⸗ ten durften. Die Kirche entfaltete bei dieſer Gele⸗ genheit allen feierlichen Pomp, den der roͤmiſche Ri⸗ tus mit ſo gluͤcklichem Erfolg zur Schau zu ſtellen weiß. 8 Gurth, ſtattlich ausſtaffirt, folgte ſeinem jungen 8 Heern, dem er ſo treu gedient hatte, als Knappe, und der großmuͤthige Wamba trug an dieſem Tage eine neue Kappe mit einer dichten Reihe ſilberner Gloͤckchen behangen. So wie ſie Theilnehmer der Gefahren und Leiden Wilfrieds waren, blieben ſie nun Genoſſen ſeines gluͤcklicheren Looſes. Außer dieſem Dienergefolge wurde dieſe beruͤhmte † Vermaͤhlung noch verherrlicht durch den Beſuch hoch⸗ — geborner Normaͤnner und Sachſen, wozu ſich noch der allgemeine Jubel der niederen Staͤnde geſellte, welche in dieſer Verbindung ein Pfand kuͤnftigen Friedens zwiſchen zwei Geſchlechtern erblickten, die ſich ſeit jener Zeit ſo gaͤnzlich vermiſcht haben, daß jeder Unterſchied verſchwand. Cedric lebte noch lange genug, dieſe Annaͤherung ihrer Reife entgegen gedei⸗ hen zu ſehen; denn als Normaͤnner und Sachſen ſich durch Geſelligkeit und Verbindungen zuſammen fan⸗ den, minderte ſich der Uebermuth der Normaͤnner, und der Sachſen rohe Sitten milderten ſich; allein erſt unter der Regierung Eduards III. wurde die ge⸗ miſchte Sprache, jezt Engliſch genannt, am Londoner Hofe geſprochen, und jede Spur jenes feindlichen Unterſchieds zwiſchen Normaͤnnern und Sachſen ge⸗ tilgt. Am andern Morgen nach dieſem gluͤcklichen Hochzeittage ward Lady Rowena von ihrer Kammer⸗ zofe Elgitha gemeldet, daß ein Maͤdchen vorgelaſſen und mit ihr allein zu ſprechen wuͤnſchte. Rowena wunderte ſich, zoͤgerte, ward jedoch neugierig und gab endlich Befehl, das Maͤdchen vorzulaſſen, und hieß ihre Leute ſich entfernen. Die Fremde trat ein— eine edle, majeſtaͤtiſche Geſtalt; der lange, weiße Schleier, der ſie umfloß, uͤberſchattete die Aumuth und Hoheit ihrer Geſtalt mehr, als daß er ſie verhuͤllte. Ihr Benehmen war ehrerbietig, ohne den geringſten Anſchein von Furcht oder das Beſtreben, Gunſt zu erwerben. Rowena 153 war ſtets bereit, den Anſpruͤchen Anderer Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen und fremde Gefuͤhle zu achten. Sie erhob ſich, und wuͤrde die liebenswuͤr⸗ dige Fremde zu einem Sitze gefuͤhrt haben; allein dieſe, auf Rowena blickend, wiederholte ihren Wunſch, Noweng allein zu ſprechen. Elgitha hatte ſich nicht ſo bald mit widerſtrebenden Schritten entfernt, als zum Erſtaunen der Lady von Ivanhve die ſchoͤne Be⸗ ſucherinn ſich auf ein Kniee niederließ, ihre Hand vor die Stirn legte und das Haupt zur Erde beugte, und trotz Rowenas Widerſtand den geſtickten Saum ihres Kleides kuͤßte. „Wozu das 2“ fragte die uͤberraſchte junge Frau; „warum beweiſt Ihr mir ſo ungewoͤhnliche Ehrer⸗ bietung?“. „Weil ich Euch, Lady von Ivanhoe,“ ſprach Re⸗ bekka, ſich erhebend und ihre eigenthuͤmliche, ruhige Wuͤrde wieder annehmend,„geſetzlich und ohne Ein⸗ ſprache die Schuld tiefen Dankes abtragen kann, den ich Wilfried von Ivanhve ſchulde. Ich bin— ver⸗ gebt mir die Kuͤhnheit, womit ich Euch die Huldi⸗ gung meines Vaterlandes darbrachte— ich bin die ungluͤckliche Juͤdinn, fuͤr welche Euer Gemahl ſein Leben gegen ſo furchtbare Gefahren in den Schran⸗ ken von Templeſtowe gewagt hat.“ „Maͤdchen,“ entgegnete Rowena,„Wilfried von Jvanhoe hat an jenem Tage nur in geringem Maße Eure unermuͤdete Sorgfalt in Heilung feiner Wunden und in ſeinem ungluͤck vergolten. Sprich, gibt es etwas, worin er und ich Dir dienen koͤnnen?“ „Nichts!“ antwortete Rebekka ruhig;„doch bitt⸗ ich Euch, ihm mein dankbares Lebewohl zu ſagen.“ „So wollt Ihr denn England verlaſſen?“ fragte Rowena, kaum ſich von ihrem Erſtaunen uͤber dieſen ungewoͤhnlichen Beſuch erholend. „Ich verlaſſe es, Lady, ehe der Mond wieder wechſelt; mein Vater hat einen Bruder, der bei Mu⸗ hammed Boaddil, Koͤnig in Grenada in hoher Gunſt ſteht.— Dorthin gehen wir, um gegen Entrichtung eines Schutzgeldes, das die Moslem von unſrem Volke fordern, Schutz und Frieden zu finden.“ Findet Ihr aber in England nicht denſelben Schutz?“ fragte Rowena.„Mein Gemahl ſteht in Gunſt bei dem Koͤnig— der Koͤnig ſelbſt iſt gerecht und edelmuͤthig.“ „Lady,“ entgegnete Rebekka,„ich zweifle nicht daran— aber Englands Volk iſt ein ſtolzes Geſchlecht, das ſtets mit, dem Nachbar oder ſich ſelbſt Kriege fuͤhrt, wo man immer bereit iſt, dem Gegner das Schwert in die Seite zu ſtoßen. Das iſt kein ſicherer Auf⸗ enthalt fuͤr die Kinder meines Volkes. Ephraim iſt eine muthloſe Taube— Iſaſchar ein gedruͤckter Sklave, der zwiſchen zwei Laſten einherwankt. In keinem Lande des Kriegs und des Blutes, von feind⸗ ſeligen Nachbarn zumringt und durch innern Zwie⸗ 155 ſpalt zerriſſen, kann Iſrael hoffen, auf ſeiner Wan⸗ derung zu raſten.“ 1„Aber Ihr, Maͤdchen,“ verſetzte Rowena— „Ihr habt doch ſicherlich nichts zu befuͤrchten. Die⸗ jenige, welche am Krankenlager Ivanhoes ſaß,“ fuhr ſie mit ſreigender Begeiſterung fort,—„ſie kann nichts zu befuͤrchten haben, wo Sachſen und Normannen wetteifern werden, wer ihr die meiſte Ehre erweiſe.“ „Eure Rede iſt ſchoͤn, Lady,“ fprach Rebekka, „und Eure Abſicht noch ſchoͤner! Aber es kann nicht ſein— es iſt eine Kluft zwiſchen uns befeſtigt. Un⸗ ſere Erziehung, unſer Glaube verbietet uns gleich ſehr, ſie zu uͤberſchreiten. So lebt denn wohl! doch ehe ich ſcheide, gewaͤhrt mir noch eine Bitte! Der braͤutliche Schleier bedeckt dein Angeſicht, erhebe es und laß mich das Antlit ſchauen, von dem der Ruf mit ſolcher Bewunderung ſpricht.. 3 „Es iſt kaum des Anſchauens werth,“ verſetzte Rowena;„allein ein Gleiches von meinem Gaſte erwartend, hebe ich den Schleyer auf.“ Sie that es, und theils von dem Bewußtſein ihrer Reitze, theils aus Scham erroͤthete ſie derge⸗ ſtalt, daß Wangen, Stirn, Nacken und Buſen mit Purpur uͤbergoſſen waren. Rebekka erroͤthete gleich⸗ falls; allein es war nur ein voruͤbergehender An⸗ flug, und bald von ergreifenderen Gefuͤhlen uͤber⸗ manat entſchwand er aus ihren zuͤgen, wie die Pur⸗ 156 purwolke ſich entfaͤrbt, wenn die Sonne ſich binter den Hortzont birgt. 3 „Lady,“ ſprach ſie,„die Geſichtszage⸗ die⸗ Ihr mich anzuſchauen wuͤrdigtet, werden lange in mei⸗ ner Erinnerung bleiben. Anmuth und. Guͤte beſeelt darin, und ſollte ſich auch eine leichte Spur von weltlichem Stolze und von Eitelkeit in Zuͤge von ſolcher Lieblichkeit eindraͤngen, wie moͤgen wir tadeln, daß das, was von der Erde ſtammt, die Far⸗ be ſeines Urſprungs kraͤgt? lang, lang werden Eure Zuͤge in meiner Erinnerung leben, und ich will Gott ſegnen, daß ich meinen edlen Be freier verlaſſe ver⸗ einigt mit“—-— Sie ſtockte,— und Thraͤnen fuͤllten ihre Augen. Schnell aber trocknete ſie ſolche und erwiederte Ro⸗ wenas beſorgliche Fragen:„Ich bin wohl, Lady 5 ganz wohl.— Aber das Herz ſchwillt mir in der Bruſt, wenn ich an Torquilſtone und an die Schran⸗ ken von Templeſtowe denke.— Lebt wohl,— Noch eine, die geringſte meiner Pllicht iſt noch unerfuͤllt! — Empfangt dieß Kaͤſtchen— erſchreckt nicht uͤber ſeinen Inhalt. Rowena oͤffnete das kleine mit Silber beſchla⸗ gene Kaͤſrchen und erblickte einen Halsſchmuck und Ohrengehaͤnge von Demanten, ſichtbar von uner⸗ meßlichem Werthe. „Es iſt unmoͤglich!“ ſprach ſie, das Kaͤſtchen ihr 157 zuruͤckreichend,„ich kann unmoͤglich ein Geſchenk von ſolchem Werthe annehmen.“ „Nehmt es, Lady,“ entgegnete Rebekka. „Ihr habt Macht, Rang, Einfluß, Gewicht; wir haben Schaͤtze, die Quelle ſowohl unſrer Kraft als Schwaͤche; der Werth dieſer Spielſachen anch zehn⸗ fach erhoͤht, wuͤrde nicht halb ſo viel vermoͤgen, als Euer leiſeſter Wunſch. Fuͤr Euch hat dieſe Gabe nur geringen Werth— und fuͤr mich, die ich ſiegele, noch viei weniger. Laßt mich nicht glauben, daß Ihr ſo niedrig von meinem Volke denkt, als Euer gemeineres Volk. Glaubt Ihr, daß ich dieſe ſchimmernden Steinchen hoͤher als meine Freiheit ſchaͤtze? oder daß mein Vater ſie in Anſchlag bringt gegen die Ehre ſeines einzigen Kindes? Nehmt ſie, Lady, mir ſind ſie oh⸗ ne Werth. Nie werd' ich wieder Edelſteine tragen!“ „So ſeid Ihr denn ungluͤcklich?“ fragte Rowe⸗ na, von dem Ausdruck der lezten Worte Rebekkens ergriffen.—„Bleibt bei uns! der Rath heiliger Maͤnner wird Euch von Eurem ungluͤcklichen Geſez⸗ ze abwenden, und ich will Euch Schweſter ſein!“ „Nein, Lady,“ antwortete Rebekka, mit derſel⸗ ben ruhigen Schwermuth in ihrer ſanſten Stimme und in ihren reizenden Zuͤgen,„das kann nicht ſein. Ich kann den Glauben meiner Vaͤter nicht wechſeln wie ein Kleid, das nicht mehr paßt fuͤr den Himmel, unter dem ich wohnen ſoll, und ungluͤcklich, Lady, werd' ich nicht ſein. Er, dem ich mein kuͤnftiges 158 Leben weihe, wird mein Troͤſter ſein, wenn ich ſei⸗ nen Willen thue.“ 28 „Habt Ihr denn Kloͤſter, daß du dich in eins derſelben zuruͤckziehen koͤnnteſt?“ fragte Rowena. „Nein, Lady,“ antwortete die Juͤdinn,„aber unter unſerem Volk hat es ſeit Abrahams Zeiten Frauen gegeben, welche ihre Gedanken dem Himmel weihten, und ihr Thun Werken der Menſchenliebe, der Pflege der Kranken, dem Speiſen der Hungri⸗ gen und dem Troͤſten der Betruͤbten. Unter dieſe ſoll Rebekka gezaͤhlt werden. Sage dieß deinem Ge⸗ mahl, ſollte er nach dem Schickſal derjenigen fragen, der er das Leben rettete.“ Ein unwillkuͤhrliches Beben in Rebekkens Stim⸗ me und eine Innigkeit in ihrem Ton verrieth viel⸗ leicht mehr als ſie wuͤnſchte. Sie eilte, von Rowe⸗ ua Abſchied zu nehmen. Leb wohl!“ ſprach ſie. Moͤge er, der Juden und Chriſten ſchuf, ſeine be⸗ ſten Segnungen uͤber dich ergießen!“—„Die Bar⸗ ke, die uns von hinnen traͤgt, kann unter Segel ſein, ehe wir den Hafen erreichen!“ Sie glitt aus dem Zimmer und ließ Rowena in einem Staunen zuruͤck, als waͤre ein Traumgeſicht vor ihr voruͤbergegangen. Die ſchoͤne Saͤchſinn be⸗ richtete die ſonderbare Unterredung ihrem Gemahl, auf deſſen Gemuͤth ſie einen tiefen Eindruck machte. Lange und glärklich lebte er mit Nowena, denn ſie waren ſich mir der reinſten Liebe zugethan, und 159 die Erinnerung an die Schwlerigkeiten, mit denen ihre Verbindung zu kaͤmpfen hatte, erhoͤhte noch ih⸗ re Neigung. Allein es waͤre Unrecht, wenn man ſtreng unterſuchen wollte, ob nicht die Erinnerung an Rebekkens Schoͤnheit und Hochherzigkeit oͤfter vor des Ritters Seele trat, als der ſchoͤne Sproͤß⸗ ling Alfreds gebilligt haben moͤchte. Ivanhoe zeichnete ſich in Richards Dienſten aus nug erhielt noch viele Beweiſe koͤniglicher Huld. Er wuͤrde auch wohl noch hoͤher geſtiegen ſein, wenn nicht der fruͤhzeitige Tod des heldenmuͤthigen Loͤwenherz vor dem Schloſſe Chaluz nahe bei Limoges er⸗ folgt waͤre. Mit dem Leben des edelmuͤthigen aber zu kuͤhn romantiſchen Fuͤrſten gingen alle die Plane unter, die ſein Ehrgeiz und ſein Edelmuth entwor⸗ fen hatten; und auf ihn moͤgen mit geringer Ver⸗ aͤnderung die von Johnſon auf Karl von Schweden? gedichtet wurden, ihre Anwendung finden: „Sein Schickſal ihn erreichte auf fremdem Strand, Vor einer kleinen Burg durch eine niedre Hand. Er ließ'nen Namen nach, vor dem die Welt ward bleich, Gab Stoff für Sittenlehr, und den Roman zugleich.“ ſrnnſnmmmſnſnſſnſſſſiſſſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18