Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 1. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —-————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 25. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. 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Tritt ein! und ſchaue her auf dieſes Lag So ſcheidet nicht der gottverſoͤhnte Geiſt, Der gleich der Lerche zu des Himmelshoͤhen Im milden Thau, im zſuͤßen rgenduft Sich ſchwingt auf Fluͤgeln des Gebets der Edeln: Anſelm ſtirbt anders! Altes Schauſpiel. Waͤhrend des Zwiſchenraums von Ruhe, der den erſten gluͤcklichen Anſtrengungen der Belagerer folgte, in⸗ deß die eine Partei ſich zur Verfolgung ihrer Vortheile anſchickte, die andere auf neue Mittel zur Vertheidi⸗ gung ſann, hielt der Templer in der Schloßhalle mit de Bracy eine kurze Berathung. „Wo iſt Front de Boeuf?“ fragte lezterer, der auf der andern Seite des Schloſſes die Vertheidigung geführt hatte;„die Leute ſagen, er ſei erſchlagen.“ „Er lebt,“ verſezte der Templer kalt;„er lebt noch; aber wenn er ſelbſt den Kopf des Stieres, deſ⸗ ſen Namen er fuͤhrt, zehnfach mit Eiſenplatten umnn geben gehabt haͤtte, er haͤtte jener unſeligen Streit⸗ art erliegen muͤſſen. Ueber eine Weile, und Front de Boeuf iſt zu ſeinen Vaͤtern verſammelt, und ein 8 6 bedeutender Ring iſt aus der Kette fuͤr Prinz Johanns Unternehmen geſprungen.“ „Und ein braver Zuwachs fuͤr das Reich des Sa⸗ tans,“ meinte de Bracy.„Das koͤmmt von ſeinem Laͤſtern auf Engel und Heilige, und ſeinem frevelhaf⸗ ten Befehl, die Bildſaͤulen heiliger Maͤnner auf die verdammten Yeomen hinabzuwerfen. „Geh, geh, du biſt din Narr!“ entgegnete der Templer,„um deinen Aberglanben oder Front de Boeufs Unglauben kehre 9 die Hand nicht um, kei⸗ ner von Euch beiden kann fuͤr ſeinen Glauben oder Unglauben einen vernuͤnftigen Grund angeben.“ „Benedicite, Herr Templer,“ erwiederte de Bracy, „ich erſuche Euch, Eure Zunge mehr im Zaum zu halten, wenn ich das Thema bin, heilige Mutter Got⸗ tes! bin ich doch ein beſſerer Chriſt als du und deine ganze Sippſchaft; es geht gar ein uͤbles Geruͤcht, als ob der allerheiligſte Drden vom Tempel Zion nicht wenig Ketzer zaͤhle, und daß Sir Brian de Bois Guilbert einer von dieſen Auserwaͤhlten ſei.“ „Kehre dich nicht an ſolches Gerede!“ ſprach der Templer;„wir wollen auf die Vertheidigung des Schloſſes denken. Wie fochten dieſe Schufte auf dei⸗ ner Seite?“ „Wie eingefleiſchte Teufel,“ erwiederte de Brach. „Sie ſtuͤrmten dicht an die Mauer heran von dem Schurken angefuͤhrt, der, wie ich glaube, bei dem Bo⸗ genſchießen den Preis gewann, ich kenn ihn an ſeinem „ 7 Horn und Bandelier. Das koͤmmt von der geruͤhm⸗ ten Politik des alten Fitzurſe, welche die verdammten Schufte gegen uns in Harniſch jagt! Waͤr' ich nicht ſo gut gewappnet geweſen, der Schurke haͤtte mich mehr denn ſiebenmal niedergeſchoſſen, mit ſo wenig Beden⸗ ken, als ob ich ein Rehbock waͤre. Er hat mir jede Fuge an meinem Harniſch mit ſcharfen Pfei⸗ len gezeichnet, die mir mit ſo wenig Ruͤckſicht gegen die Rippen fuhren, als ob mein Gebein von Eiſen waͤre.— Truͤge ich nicht ein ſpaniſches Panzerhemd unter meinem Harniſch, ich waͤre ordentlich geſpickt.““ „Aber Ihr hieltet Euren Poſten?“ fragte der Templer,„wir haben das Auſſenwerk eingebuͤßt.“ „Das iſt ein boͤſer Verluſt!“ verſetzte de Bracy. „Die Schufte finden dort Schutz, um dem Schloſſe mehr zuzuſetzen, und wenn man nicht ſehr auf der Hut iſt, ſo finden ſie leicht einen Thurm, einen un⸗ bewachten Winkel, oder ein vergeſſenes Fenſter und fallen uͤber uns her. Unſer Haͤufchen iſt zu klein, um jeden Punkt zu decken, und die Leute klagen, daß ſie ſich nirgends zeigen duͤrfen, ohne daß eben ſo viele Pfeile auf ſie zufliegen, wie auf die Zielſcheibe im Kirchſpiel am heiligen Feſtabend. Front de Boeuf liegt auf den Tod, und ſeine Kraft und ſein Stier⸗ haupt kann uns keine Huͤlfe mehr bringen! Was meinſt du, Sir Brian, waͤre es nicht beſſer, wir mach⸗ ten aus der Noth eine Tugend, und faͤnden uns durch Auslieferung unſrer Gefangenen mit den Schur⸗ ken ab?“ „Wie?“ rief der Templer,„unſere Gefangenen ausliefern, und uns zum Geſpoͤtt und zum Gegen⸗ ſtand des Fluches machen, als heldenmuͤthige Ritter, die naͤchtlicher Weile uber wehrloſe Reiſende herfallen und ein ſtarkes Schloß gegen einen heimathloſen Trupp Geaͤchteter nicht zu halten vermoͤgen, die von Schweinehirten, Narren und dem Auswurf der Menſch⸗ heit angefuͤhrt werden? Schaͤm' dich ob deinem Rath, Maurice de Bracy!— Dieſes Schloß ſoll mich und meine Schaar unter ſeinen Truͤmmern begraben, ehe ich zu ſolch' erniedrigendem, entehrenden Vertrag meine Zuſtimmung gebe!“ „Gut denn, auf die Mauern alſo!“ entgegnete ſorglos de Bracy;„Niemand hat je geathmet, ſei es Tuͤrke oder Templer, der weniger als ich ſich aus dem Leben machte. Aber es bringt mir eben keine Schande, wenn ich wuͤnſchte, wir haͤtten hier ein paar Duzend von meinen Freibeutern da. O meine tapferen Lanzen! Koͤnntet Ihr nur ahnen, wie hart Euer Hauptmann heute im Gedraͤnge iſt, wie bald wuͤrd' ich Euer Banner an der Spitze Eures Heerhaufens wehen ſehen! Wie wenig wuͤrden dieſe Schurken Eu⸗ 1 rem Angriffe Stand halten koͤnnen!“ „Wuͤnſche, was du willſt!“ ſagte der Templer, „aber laß uns wenigſtens mit den uns ebleibenden Mannen, ſo gut wir koͤnnen, uns vertheidigen.— 1. Es ſind hauptſaͤchlich Front de Boeufs Reiſige, —— 9 durch tauſend Handlungen roher Gewaltthat und Un⸗ terdruͤckung von den Englaͤndern toͤdtlich gehaßt werden.“ „Um ſo beſſer,“ erwiederte de Bracy,„ſo werden ſich dieſe brutalen Schelmen bis zum lezten Bluts⸗ tropfen wehren, bevor ſie ſich der Rache der belagernden Bauern Preis geben. Auf denn zur That, Brian de Bois Guilbert, auf Leben oder Tod, du ſollſt ſehen, wie Maurice de Bracy ſich heute als Mann von ed⸗ lem Blut und tapfern Ahnen haͤlt!“ „Auf die Mauern!“ rief der Templer; und beide eilten auf die Zinnen, um Alles aufzubieten, was Kriegskunſt erheiſchen und Maͤnnerkraft vollbringen konnte. Sie fanden beide, daß der gefahrvollſte Punkt dem von den Belagerern erſtuͤrmten Auſſenwerk gegen⸗ uͤber war. Zwar trennte der ſumpfige Graben das Schloß von ihm, und unmoͤglich war ein Angriff auf die Hinterpforte, wenn dieſes Hinderniß nicht gehoben war. Aber der Templer und de Bracy mußten befuͤrchten, daß die Belagerer durch einen furchtbaren Sturm auf dieſen Punkt alle Aufmerkſamkeit hieher zu lenken ſuchen wuͤrden, um unvermuthet ſich in Beſitz eines minder beachteten Platzes zu ſetzen. um dagegen ſich zu ſchuͤtzen, geſtattete ihre geringe Anzahl den Nittern blos in Zwiſchenraͤumen einzelne Wachen aufzuſtellen, um ſich gegenſeitig von einer nahenden Gefahr benach⸗ richtigen zu koͤnnen. Auch kam man uͤberein, daß de Bracy die Hinterpforte vertheidigen, der Templer aber mit etwa zwanzig Mann in Reſerpe bleiben ſollte, um jedem bedrohten Punkt zum Schutze herbeizueilen.— Der Verluſt des Auſſenwerks hatte uͤberdieß noch die ungluͤckliche Folge, daß trotz der groͤßeren Hoͤhe der Schloßmauer die Bewegungen des Feindes nicht ſorge⸗ nau mehr beobachtet werden konnten; denn buſchiges Unterholz ſtand hin und wieder ſo nahe der Ausfalls⸗ pforte, daß die Belagerten ſo viel Mannſchaft als ſie nur immer wollten, nie nur ohne Gefahr, ſondern auch ohne Wiſſen der Schloßbeſatzung hineinwerfen konnten. In dieſer Ungewißheit nun ſahen ſich Bracy und ſeine Leute genoͤthigt, auf jede moͤgliche Gefahr gefaßt zu ſein; ſie empfanden bei aller Tapferkeit doch jene ſorgenvolle Niedergeſchlagenheit, die ſich leicht de⸗ ren bemaͤchtigt, welche von Feinden eingeſchloſſen ſind, die Zeit und Ort des Angriffs wahlen koͤnnen. Mitt⸗ lerweile lag der Herr des belagerten und gefaͤhrdeten Schloſſes auf einem Lager der hoͤchſten koͤrperlichen Pein und geiſtiger Todesqual. Ihm blieb nicht die gewoͤhnliche Zuflucht des Aberglaubens in jenem fröͤm⸗ melnden Zeitalter, das durch Freigebigkeit an die Kirche die verſchuldeten Verbrechen abzubuͤßen, und ſo die Gewiſſensbiſſe durch Hoffnung auf Suͤndenver⸗ gebung zu beſchwichtigen ſuchte. Wenn auch die ſo erkaufte Gemuͤthsruhe dem innern Frieden aufrichti⸗ ger Reue nicht mehr gleicht, als geſundem natuͤrlichen Schlummer der betaͤubende Schlaf, den das Opium bewirkt, ſo iſt doch dieſer Gemuͤthszuſtand immer noch dem Erwachen eines verzweiſelnden Gewiſſens vorzu⸗ ☛ 11 ziehen. Aber unter den Laſtern des hartherzigen, habſuͤchtigen Front de Boeuf herrſchte vor allen der Geiz vor; deßhalb hoͤhnte er Kirche und Geiſtlichkeit, ehe er fuͤr Guͤter und Schaͤtze ſich Abſo⸗ lution erkaufte. Daher hatte der Templer, ein Un⸗ glaͤubiger von andrem Schlag, ſeinen Verbuͤndeten nicht ganz richtig gezeichnet, wenn er behauptete, Front de Boeuf wiſſe keinen Grund fuͤr ſeinen Un⸗ glauben anzugeben; denn der Baron haͤtte ihm eut⸗ gegnet, die Kirche verkaufe ihre Waaren um zu hohen Preis, dieſe geiſtige Ausloͤſung komme zu hoch zu ſtehen, und Front de Boeuf wollte lieber die Wirkung der Arznei beſtreiten, als den Arzt bezahlen. Aber jert war der Augenblick erſchienen, wo die Erde mit all ihren Schaͤtzen vor ſeinem Auge wegſchwamm, und auch ſein Herz, obſchon ſo hart wie ein Muͤhlſtein, vor dem Blick in die oͤde, naͤchtliche Finſterniß des Jenſeits erbebte. Das Fieber, das in ſeinen Adern tobte, ſteigerte noch die Ungeduld und Angſt ſeiner Seele, und ſein Todtenbett zeigte, wie die neuer⸗ wachten Gewiſſensbiſſe mit der ihm eigenthuͤmlichen, ein jewurzelten Halsſtarrigkeit in ſeinem Innern kaͤmpf⸗ ten!— Ein furchtbarer Seelenzuſtand, der nur in jenen ſchrecklichen Regionen ſeines Gleichen findet, wo die Klage ohne Hoffnung, Gewiſſensbiſſe ohne Reue erwecken, ein graͤßliches Gefuͤhl der jezigen Qual und eine Vorahnung, daß ſie kein Ende nehmen wuͤrde. 1 2 „Wo ſind nun dieſe Hunde von Prieſtern?“ ſtoͤnte der Baron,„die ſolches Aufheben von ihrer geiſtlichen Mummerei machen?— Wo ſind dieſe unbeſchuhten Karmeliter alle, fuͤr die der alte Front de Boeuf das Kloſter von St. Anna ſtiftete, und ſo ſeinen Erben mancher ſchoͤnen Wieſe, manches fetten Ackers und mancher Huͤtung beraubte?— Wo ſind nun dieſe gierigen Hunde? Ich wette drauf, ſie ſitzen beim Bier, oder ſpielen ihre Kinderpoſſen an dem Bette irgend eines elenden Bauers. Mich, den Erben ih⸗ res Goͤnners— mich, fuͤr den zu beten, ſie vermoͤge der Gruͤndung verpflichtet ſind— mich— die un⸗ dankbaren Schurken! mich laſſen ſie ſterben, gleich dem heimathloſen Hund auf der Gemeinwieſe— ohne Beichte, ohne Abendmahl!— Sagt dem Templer, er ſoll hie⸗ her kommen!— er iſt ein Prieſter, und kann mir vielleicht helfen!— Aber nein!— lieber will ich noch dem Teufel ſelber beichten, als Brian de Bois Guil⸗ bert, der weder an Himmel noch an Hoͤlle glaubt. Ich habe alle Leute vom Beten ſagen hoͤren,— ſelbſt beten mit eigener Stimme— die brauchen nicht den falſchen Prieſtern zu ſchmeicheln, noch ſie zu beſtechen.— Aber ich— ich wag es nicht!“ „Lebt Reginald Front de Boeuf, um ihm zu ſagen, daß es was gibt, das er nicht wagt?“ ſchrillte dicht an ſeinem Bett eine gebrochene Stimme. Das boͤſe Gewiſſen und das erſchuͤtterte Nerven⸗ ſyſtem Front de Boeufs ließ ihn in dieſer befrem⸗ 19 denden Unterbrechung die Stimme eines boͤſen Geiſtes vernehmen, der nach dem Aberglauben jener Zeiten das Bett des Sterbenden heimſuchte, um ſeine Gedan⸗ ken zu zerſtreuen und ſie von den Betrachtungen, die ſeine ewige Wohlfahrt betreffen, abzuziehen. Er ſchau⸗ derte und kruͤmmte ſich zuſammen; aber ſogleich ſeine gewohnte Entſchloſſenheit wieder annehmend, rief er: „Wer iſt hier?— wer biſt du, der du es wagſt, meine Worte wie ein Unheil verkuͤndender Rabe zu wiederholen?— Komm vor mein Bett, daß ich dich ſehen kann!“ „Ich bin dein boͤſer Engel, Reginald Front de Boeuf!“ erwiederte die Stimme. „So laß mich dich in deiner leiblichen Geſtalt ſehen, wenn du in Wahrheit der Teufel biſt!“ ſprach der ſterbende Ritter.„Glaub' nicht, daß ich vor dir erbleichen werde. Hoͤlle und Teufel! koͤnnt' ich nur nit den mich umringenden Schrecken ſo tapfer kaͤm⸗ pfen, als ich mit irdiſchen Gefahren rang, weder Him⸗ mel noch Hoͤlle ſollte ſagen, daß ich vor dem Kampfe zuruͤckſchrak!“ „Denk'’ an deine Suͤnden, Reginald Front de Boeuf — an Aufruhr, Raub, an Mord!— Wer heßzte den ausſchweifenden Johann auf gegen ſeinen graukoͤpfigen Vater?— gegen ſeinen großmuͤthigen Bruder?“ „Magſt du ein boͤſer Geiſt, Prieſter oder der Teu⸗ fel ſelbſt ſein,“ erwiederte Front de Boeuf,„du luͤgſt in den Hals hinab! Nicht ich hetzte Johann zur Re⸗ 14 bellion auf— nicht ich allein— es waren fuͤnzig Ritter und Barone, die Bluͤthe der Grafſchaften in der Mitte des Landes— nie haben beſſere Ritter die Lanze eingelegt— ſoll ich verantworten, was fünzig gethan haben?— Falſcher Teufel, ich trotze dir! Hebe dich weg und beunruhige mein Lager nicht mehr! Laß mich in Frieden ſlerben, wenn du ein Sterblicher biſt — biſt du ein boͤſer Geiſt, ſo hat deine Stunde noch nicht geſchlagen.“ „Du ſollſt nicht in Frieden ſterben,“ wiederholte die Stimme,„auch im Tode ſollſt du deiner Mord⸗ thaten gedenken— der Seußzer, die dieſes Schloß wi⸗ derhallte— des Bluts, das dieſe Fußboden tranken.“ „Du kannſt mich mit deiner kleinlichen Bosheit nicht erſchuͤttern,“ antwortete Front de Boeuf, mit ei⸗ nem graßlichen, grinſenden Lachen.„Der unglaͤubige Jude— ich erwarb mir ein Recht auf die Seligkeit, daß ich ſo mit ihm umſprang, weßhalb wurden ſonſt Menſchen fuͤr das vergoſſene Sarazenenblut heilig ge⸗ ſprochen? Die ſaͤchſiſchen Schweine, die ich erſchlug, waren die Feinde meines Vaterlandes, meines Ge⸗ ſchlechts und meines Oberlehnsherrn.— Ho! Ho! du ſiehſt, mir iſt nicht beizukommen— biſt du geſchla⸗ gen?— biſt du verſtummt?“ „Nein, ſchaͤndlicher Vatermoͤrder!“ entgegnete die Stimme; denk' an deinen Vater!— denk' an ſeinen Tod! denk' an den Bankettſaal, von ſeinem Blute ge⸗ traͤnkt, das ſeines Sohnes Hand vergoß!“ ——. 15 „Ha!“ rief der Baron nach einer langen Pauſe, „weißt du das, ſo biſt du wirklich der Urquell des Boͤ⸗ ſen, ſo allwiſſend, wie dich die Moͤnche beſchreiben!— Dieß Geheimniß glaubte ich in meiner eigenen Bruſt verſchloſſen, und noch in einer andern— bei ihr, der Verſucherinn, der Theilnehmerinn meiner Schuld, Hebe dich weg von mir, Satan! ſuche die ſaͤchſiſche Hexe ulrika auf, die allein kann dir ſagen, wovon ich und ſie allein Zeugen ſind.— Geh, ſage ich, zu ihr, die die Wunden auswuſch, den Koͤrper ausſtreckte, und ihm das Anſehen eines natürlich G ſtorbenen gab.— Geh zu ihr— ſie war meine Verſucherinn, Verfuͤh⸗ rerinn, und die noch ſchaͤndlichere Lohnerinn der That — laß ſie, ſo gut als mich, einen Vorſchmack von den hoͤlliſchen Qualen ſpuͤren.“ 3 „Sie ſchmeckt ſie ſchon,“ ſprach Ulrika, vor Front de Boeufs Lager tretend,„ſie hat lange getrunken aus dieſem Kelch, und daß du ihn theilſt, verſuͤßt ihr ſeine Bitterkeit.— Knirſche nicht mit den Zaͤhnen, Front de Voeuf— rolle nicht deine Augen— balle nicht deine Fauſt, und ſchuͤttle ſie nicht mit ſolch' drohenden Gebaͤrden gegen mich!— Die Hand, welche gleich der deines gefeierten Ahnherrn mit einem maͤchtigen Fauſt⸗ ſchlag dem wilden Stiere vom Gebirg den Hirnſchaͤ⸗ del einſchlug, iſt jetzt nervlos und ohnmaͤchtig gleich der meinigen. „Elende, mordſuͤchtige Hexe!“ rief Font de Boeuf⸗ „Abſcheuliche, Unheil kraͤchzende Eule! So biſt du alſo 16 gekommen, uͤber das Verderben, das du mir gruͤnde⸗ teſt, zu frohlocken?⸗ „Ja, Reginald Front de Boeuf,“ antwortete ſie,„es iſt Uleika!— es iſt die Tochter des ermordeten Torquil Wolfganger— es iſt die Schweſter ſeiner erſchlagenen Soͤhne— ſie fordert von dir und deines Vaters Haus Vater, Verwandte, Namen und Ruf— alles das hat ſie verloren durch das Geſchlecht der Front de Boeuf, — gedenk' an mein Elend, Front de Boeuf, und ant⸗ worte mir, ob ich nicht Wahrheit ſpreche! Du warſt mein böſer Engel, ich will der deinige ſein— ich will dich bis zum Angenblick deiner Aufloͤſung verfolgen!“ „Abſcheuliche Furie!“ rief Front de Boeuf;„die⸗ ſen Augenblick ſollſt du niemals ſehen! He! Giles, Clement, Euſtace, Saint Maur und Steffen! ergreift die verdammte Hexe, werft ſie haͤuptlings die Zinnen hinab!— ſie hat uns an die Sachſen verrathen!— He! Saint Maur! Clement! Falſche Schurken! wo bleibt ihr denn?“ „„Rufe nur noch einmal, tapferer Baron,“ ſagte die Alte mit grinſendem, hoͤhniſchem Laͤcheln;„ſammle all' deine Vaſallen um dich her, verdamme ſie in die unterſte Hoͤlle! Aber wiſſe, maͤchtiger Haͤuptling,„fuhr ſie ploͤtzlich den Ton veraͤndernd fort,„du wirſt von ihnen weder Antwort, noch Huͤlfe, noch Gehorſam haben.— Hoͤre auf die furchtbaren Toͤne,“ denn das Toben des beginnenden Sturmes, und der Vertlſei⸗ 3. digung 8 17 digung drang ſchauerlich von den Zinnen in das Schloß hinab;„dieſer Schlachtruf verkuͤndet den Fall deines Hauſes! Der blutgeduͤngte Bau von Front de Boeufs Macht ſtuͤrzt in ſeinen Grundveſten vor ſeinen verachtet⸗ ſten Feinden zuſammen!— Die Sachſen, Reginald! die verachteten Sachſen erklimmen deine Waͤlle!— Warum liegſt du hier, gleich einem entmannten Skla⸗ ven, indeß die Sachſen dein feſtes Schloß ſtürmen?“ „Hoͤlle und Teufel!“ rief der verwundete Ritter; „nur noch eines Augenblickes Kraft, um mich in den Kampf zu ſchleppen und zu ſterben, wie meinem Na⸗ men ziemt!“ „Hoffe darauf nicht, tapferer Krieger!“ entgegnete ſie;„du ſollſt nicht den Tod des Kriegers ſterben, du ſollſt wie der Fuchs in ſeinem Bau umkommen, wenn die Bauern ringsum Feuer angezuͤndet haben?“ „Verhaßte Here, du luͤgſt!“ rief Front de Boeuf; „meine Mannen halten ſich tapfer— meine Waͤlle ſind hoch und ſtark— meine Waffenbruͤder nehmen's mit einem Heer von Sachſen auf, und waͤren ſie von Hengiſt und Horſa angefuͤhrt!— Hoch uͤber den Schlachtlaͤrm ertoͤnt der Loſungsruf des Templers und der Freibeuter.— Und bei meiner Ehre, wenn wir das hellauflodernde Freudenfeuer uͤber unſere Beſreiung anzuͤnden, ſo ſoll es dich mit Haut und Haar verzeh⸗ ren; und ich will's noch erleben, daß es heißt, du ſeiſt von den irdiſchen Flammen zu denen der Hoͤlle Hinab⸗ 2W. Scott's ſämmtl. Werke, XLVI. gefahren, die noch nie einen eingefleiſchteren Teufel, als dich, ausgeſpieen haben!“ „Bleib auf deinem Glauben,“ entgegnete Ulrika, „bis du die Probe davon machſt!— doch nein!“ fuhr ſie ſich ſelbſt unterbrechend fort;„ſchon jezt ſollſt du dein Schickſal erfahren, das all' deine Macht, Staͤrke und Herzhaftigkeit nicht abwehren kann, obgleich es dir von ſchwacher Hand bereitet iſt.— Spuͤrſt du den dicken, erſtickenden Qualm nicht, der dieß Gemach in ſchwarzen Wolken zu erfuͤllen beginnt?— Glaubſt du, nur dein ſchwaches Auge verfinſtre ſich?— Deinen Athem ſtocke der heranſchleichende Tod?— Nein, Front de Boeuf, das kommt von etwas anderem!— Erin⸗ nerſt du dich nicht des Magazins von Brennmaterial neben dieſen Zimmern?“ „Weib!“ ſchrie der Baron wuͤthend;„du haſt doch nicht Feuer daran gelegt?— Beim Himmel, du haſt es, das Schloß ſteht in Flammen!“ „Sie lodern ſchon hell genug,“ meinte Ulrika mit ſchauerlicher Ruhe;„und ein Zeichen ſoll die Stuͤr⸗ menden auffordern, denen hart zuzuſetzen, welche loͤ⸗ ſchen moͤchten.— Moͤgen Miſta, Skogula und Zerne⸗ bock, die Goͤtter der alten Sachſen— Teufel, wie ſie nun die Prieſter nennen— das Amt der Troͤſter an deinem Sterbebett uͤbernehmen, das Ulrika jezt ver⸗ laͤßt!— Aber vernimm, es wird dir Troſt ſein, zu wiſſen, daß Ulrika zugleich mit dir nach jener finſtern Kuͤſte ſchifft, die Genoſſinn deiner Strafe, wie ſie die 7 19 4 Genoſſinn deiner Schuld geweſen. Und nun, Vater⸗ moͤrder, lebe wohl auf ewig! Koͤnnte jeder Stein dieſer gewoͤlbten Hallen eine Zunge finden, um dir dieſen Namen ins Ohr zu donnern!“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Zimmer; und Front de Boeuf konnte das Raſſeln des gewichtigen Schluͤſſels vernehmen, als ſie doppelt die Thuͤr hinter ſich verſchloß, und ihn ſo jeder Hoffnung zur Flucht beraubte. In dieſer aͤuſſerſten Todesangſt rief er aus allen Kraͤften nach ſeinen Dienern und Verbuͤndeten. —„Steffen, Saint Maux!— Clement, Giles!— Ich muß hier huͤlfelos verbrennen!— Rettung!— Rettung, braver Bois Guilbert! tapferer de Bracyy— es iſt Front de Boeuf, der ruft!— Es iſt euer Ge⸗ bieter, verraͤtheriſche Knappen!— Euer Berbuͤndeter — Euer Waffenbruder, Ihr meineidigen, wortbruͤchi⸗ gen Ritter! Alle Fluͤche, die Verraͤther verdienen, uͤber Euer Haupt, wenn Ihr mich ſo elend umkommen laßt! Sie hoͤren mich nicht— ſie koͤnnen mich nicht hoͤren — meine Stimme verhallt in dem Toben der Schlacht — der Rauch qualmt dicker und dicker!— Das Feuer hat unten die Zimmerflur ergriffen.— Nur noch einen Athemzug friſcher Luft, und ſollt' ich ihn mit augenblicklicher Vernichtung erkaufen!“ In wahnſinniger Verzweiflung ſtimmte der Elende bald in den Schlachtruf der Streitenden ein, bald ſtieß er Fluͤche auf ſich ſelbſt, die Menſchen, und ſogar auf den Himmel aus— 20 „Schon ſchlaͤgt die rothe Flamme durch den dicken Rauch!“ rief er;„der Teufel ruͤckt gegen mich an unter dem Banner ſeines eigenen Elements.— Hinweg von mir, boͤſer Geiſt!— ich gehe nicht mit dir ohne meine Kameraden! Alle, alle ſind dein, die dieſe Mauern ſchuͤtzen!— Glaubſt du, Front de Boeuf werde al⸗ lein mit dir gehen?— Nein— der treuloſe Temp⸗ ler— der ausſchweifende Bracy— Ulrika, die ſchaͤnd⸗ liche, mordſuͤchtige Buhlerinn— all' meine Helfershel⸗ fer— die ſaͤchſiſchen Hunde und die verfluchten Juden, die in meinem Gewahrſam ſind— alle, alle begleiten mich— ein herrlicher Zug, wie noch nie einer in die hoͤlliſchen Regionen einzog!— Ha! ha! ha!“ Und ſein wahnſinniges Gelaͤchter klang von den gewölbten Hallen wider. „Wer lacht hier?“ ſchrie Front de Boeuf, da trotz dem Schlachtlaͤrm der Widerhall ſeines Gelaͤchters ihm zu Ohren drang;—„We lacht hier? Ulrika, warſt du es? Sprich, Hexe, ich vergebe dir— denn nur du oder der Teufel ſelbſt konnte in ſolch' einem Augen⸗ blick lachen.— Hinweg!— Hinweg!“ Aber es waͤre vermeſſen, das Todtenlager des Gotteslaͤſterers und Vatermoͤrders weiter ſchildern zu wollen. 321 Zweites Kapitel. Noch einmal an die Breſche, theure Freunde! Roch einmal! oder fuͤllet aus die Graͤben Mit Euern engellaͤnd'ſchen Leichnamen ————— und Ihr, gute YPeomen, Die Ihr in England ſeid erzeugt, erprobet 3 Den anererdten Muth!— und laßt uns ſchwoͤren, Daß Ihr der heimiſchen Pflege wuͤrdig ſeid: Shakespears Koͤnig Helnrich. Obgleich Cedric den Worten Ulrikas kein großes Vertrauen ſchenkte, ſo unterließ er doch nicht, den ſchwarzen Ritter und Locksley davon in Kenntniß zu ſetzen. Sie waren es wohl zufrieden, einen Freund in dem Platze zu haben, der im Fall der Noth ihr Ein⸗ dringen erleichtern konnte, und kamen bald mit dem Sachſen uͤberein, daß ein Sturm unter was immer fuͤr Nachtheilen als das einzige Mittel verficht wer⸗ den muͤßte, die Gefangenen aus den Haͤnden des grau⸗ ſamen Front de Boeuf zu befreien. „Das konigliche Blut von Alfred iſt in Geſahr,“ ſprach Cedric. „Die Ehre einer edlen Lady iſt gefaͤhrdet,“ ver⸗ ſetzte der ſchwarze Ritter. „Und beim heiligen Chriſtoph auf meinem Bande⸗ lier!“ ſprach der gutmuͤthige Vogenſchuͤtz,„waͤre es auch nichts weiter als die Rettung des armen, treuen Sklaven Wamba, ſo wollt' ich lieber eins meiner Glie⸗ der daran ruͤcken, bevor ihm ein Haar auf ſeinem Haupte gekruͤmmt wuͤrde!“ „Und auch ich,“ ſprach der Moͤnch,„glaube, Ihr Herren, einem Narren, der ein freies Glied ſei⸗ ner Gilde und Meiſter ſeiner Kunſt iſt, und einem Becher eben ſo gut Wuͤrze und Lieblichkeit gibt, als ein Stuͤck Schinken es vermag— ich ſage Bruͤder⸗ einem ſolchen Narren ſoll nie ein weiſer Kleriker ent⸗ ſtehen, der fuͤr ihn bete und fechte, ſo lange er noch Meſſe leſen und eine Partiſane ſchwingen kann!“ und damit warf er ſeinen gewichtigen Kampfſtock um den Kopf, wie ein Schaͤferknabe ſeinen leichten Stab tanzen laͤßt. „Wahr, heiliger Moͤnch,“ ſprach der ſchwarze Rit⸗ ter,„ſo war, als ob es St. Dunſtan ſelbſt geſprochen haͤtte!— Und nun, guter Locksley, waͤr' es nicht gut, wenn der edle Cedric die Leitung des Sturms uͤber⸗ naͤhme?“ „Ich? nein das thu' ich nicht,“ entgegnete Ced⸗ ric;„nie hab' ich es gelernt, die Behauſung der Ty⸗ rannei, welche die Normaͤnner in dieſem bejammerns⸗ werthen Lande errichteten, zu vertheidigen oder anzu⸗ greifen. Ich will unter den Vorderſten kaͤmpfen; aber meine ehrliche Nachbarn wiſſen wohl, ich bin in der Kriegskunſt oder in dem Stuͤrmen feſter Plaͤtze nicht erfahren.“ „Wenn es ſo mit dem edlen Cedrie ſteht,“ ſagte Locksley,„ſo bin ich bereit, die Leitung der Bogen⸗ ſchuͤtzen uͤber mich zu nehmen, und Ihr ſollt mich an meinen eigenen Gerichtsbaum haͤngen, wenn die Be⸗ ———— — 25 lagerten ſich auf den Waͤllen zeigen duͤrfen, ohne mit Pfeilen geſpickt zu werden, wie der Schinken mit Ge⸗ würznelken am Weihnachtfeſt!“ „Gut geſprochen, wackrer Yeoman!“ verſetzte der ſchwarze Ritter;„und wenn Ihr mich wuͤrdig erach⸗ tet, bei dieſer Unternehmung eine Stelle zu begleiten und ich unter dieſen braven Maͤnnern welche finden werde, die einem aͤchten Ritter folgen, denn ſo darf ich mich nennen, ſo bin ich bereit, ſie mit ſolcher Kunſt⸗ als die Erfahrung mich gelehrt hat, zum Sturme die⸗ ſer Mauern anzufuͤhren.“ Nachdem ſo jeder Fuͤhrer ſeine Rolle uͤbernommen, ward der erſte Angriff begonnen, deſſen Erfolg der Leſer bereits vernommen hat. Als der Bruͤckenkopf genommen war, benachrichtigte der ſchwarze Ritter Locksley von dem gluͤcklichen Erfolg, und erſuchte ihn, das Schloß ſo in Athem zu halten, daß ſie ihre Macht nicht zu einem ploͤzlichen Ausfall vereinigen koͤnnten, um das verlorne Auſſenwerk wieder zu gewinnen. Dieß wuͤnſchte der Ritter zu verhindern, weil er be⸗ fuͤrchtete, ſeine Untergebenen, feurige, aber ungeuͤbte Freiwillige, wuͤrden, unbewaffnet und an keine Kriegs⸗ zucht gewoͤhnt, bei einem ploͤzlichen Ausfall gegen die erfahrnen, normaͤnniſchen Krieger in großen Nachtheil kommen; da dieſe mit allen Waffen des Angriffs wie der Vertheidigung verſehen, es leicht mit dem muthi⸗ gen Eifer der Belagerer aufnehmen konnten, da ſie all das Selbſtvertrauen hatten, welches vollkommene 244 Kriegszucht und gewohnter Gebrauch der Waffen ih⸗ nen verleihen mußte. Der Ritter benuͤzte die Zwiſchenzeit, um eine Art von ſchwimmender Bruͤcke oder einen langen Floß zu bauen, womit er, trotz dem Widerſtand der Feinde, uͤber den Graben zu ſetzen hoffte. Da bedurfte es einiger Zeit, was die Fuͤhrer um ſo weniger bedauer⸗ ten, weil Ulrika dadurch Zeit gewann, ihren entworfe⸗ nen Plan, welcher er auch ſein moͤchte, auszufuͤhren. Als aber der Floß fertig war, ſagte der ſchwarze Ritter:„Es iſt von keinem Nutzen, daß wir laͤnger warten. Die Sonne ſinkt am Weſten unter— und ich bin ſo gedraͤngt, daß ich keinen weitern Tag bei Euch verweilen kann. Ueberdieß iſt es ein Wunder, wenn uns die Reiſigen von York nicht uͤbern Hals kommen, ſo wir laͤnger ſaͤumen. Einer von Euch gehe zu Locksley; er ſoll die entgegengeſetzte Seite des Schloſſes mit einer Ladung Pfeile begruͤßen und vor⸗ ruͤcken, als wollte er einen Angriff machen. Und Ihr, treue engliſche Herzen, haltet Euch feſt zu mir, und ſchickt Euch an, das Floß ſchleunig in den Graben zu bringen, ſobald die Thuͤr auf unſrer Seite geoͤffnet wird. Folgt mir kuͤhn daruͤber hin und helft mir dort in dem Hauptwalt des Schloſſes die Ausfallspforte erſtuͤrmen. Welche von Euch nicht daran Theil neh⸗ men wollen, oder zu ſchlecht dafuͤr bewaffnet ſind, die beſetzen die Mauern des Auſſenwerks, ziehen den Bo⸗ gen an's Ohr, und ſchießen Alles nieder, was ſich auf —— ——— 25 den Waͤllen zeigt.— Edler Cedric, willſt du nicht die Fuͤhrung dieſer Zuruͤckbleibenden uͤbernehmen?“ „Nein, bei der Seele Herewards!“ ſprach der Sachſe;„anfuͤhren kann ich nicht; aber die Nachwelt ſoll mich noch in meinem Grab verfluchen, wenn ich nicht folge mit dem Vorderſten, wohin du fuͤhrſt.— Der Streit iſt mein, und wohl geziemt es mir, im Vordertreffen dieſes Kampfs zu ſtehen!“ „Aber bedenke, edler Sachſe,“ ſprach der Ritter, „du haſt weder arniſch, noch Halsberge, nichts als den leichten Helttt, die Tartſche und das Schwert.“ „Deſto beſſer!“ antwortete Cedric;„um ſo leich⸗ ter werde ich die Mauern erklimmen. Und vergib, Herr Ritter, du eute die nackte Bruſt eines Sachſen ebenſo Streichen trotzen ſehen, als den ſtaͤhlernen niſch eines Normanns.“ „In Gotté en denn!“ ſprach der Ritter, „das Thor auf, die ſchwimmende Bruͤcke hinein!“ Das Thor, welches von dem Auſſenwerk am Bru⸗ ckenkopf zum Graben fuͤhrte, und der Ausfallspforte im Hauptwall gegenuͤber war, ward raſch geoffnet, und die Nothbruͤcke uͤber das Waſſer geworfen, ſo daß ſie vom Auſſenwerke bis zum Schloſſe reichte, und nun einen ſchluͤpfrigen, gefahrlichen Uebergang fuͤr zwei Maͤnner neben einander gewaͤhrte. Wohl wiſſend, wie wichtig es ſei, den Feind zu uͤberrumpeln, drang der ſchwarze Ritter, und dicht hinter ihm her Cedric uͤber die Bruͤcke und erreichte 26 gluͤcklich die entgegengeſetzte Seite Hier begann er mit der Streitaxt an das Schloßthor zu donnern, ge⸗ ſchuͤtzt vor den Steinen und Geſchoſſen der Belager⸗ ten durch die Truͤmmer der Zugbruͤcke, welche der Templer bei ſeinem Ruͤckzug vom Bruͤckenkopf hatte zerſtoͤren laſſen, deren oberer Theil aber noch am Por⸗ tal hing, und ſo die Pfeile und Bolze der Belagerten auffing. Die Folgenden hatten nicht denſelben Schutz, weiß derſelben wurden ſogleich i lzen von ſtaͤh⸗ lernen Armbruͤſten durchſchoſſen ſielen in den Graben und die andern zogen ſich in den Bruͤckenkopf zuruͤck. 4 Die Lage Cedrics undez ſchwarzen Ritters wurde nun wirklich ſehr ge und wuͤrde es noch mehr geweſen ſein, wenn muͤdeten Bo⸗ genſchuͤtzen in dem Bruͤckenkopf un ihre Pfeile nach den Mauern atſite ſamkeit derer, die ſie bedrohten, getheilt, und ſo von ihren beiden Fuͤhrern das Ungeſtuͤmm der Pfeile ab⸗ gewandt haͤtten, durch welche ſie ſonſt uͤberwaͤltigt worden waͤren. Dennoch war ihre Lage aͤußerſt ge⸗ faͤhrlich und ward es in jedem Augenblick mehr. „Schande uͤber Euch alle!“ ſchrie de Bracy den Soldaten umher zu;„Ihr wollt Euch Armbruſtſchuͤz⸗ zen nennen, und laßt dieſe zwei Hunde an den Mau⸗ ern des Schloſſes ſich aufpflanzen? Brecht die hervor⸗ ſtehenden Steine der Mauer ab, wenn es nichts Beſſe⸗ res gibt— holt Brecheiſen und Hebel, und herunter * 4 27 mit dem hohen Gemaͤuer!“ er wies damit auf eine maͤchtige Steinmaſſe hin, die uͤber der Bruſtwehr hing. In dieſem Augenblick gewahrten die Stuͤrmenden die rothe Fahne uͤber dem Thurme, den ulrika Ced⸗ ricen beſchrieben hatte. Der ehrliche Neoman Locksley war der erſte, der ſie erblickte, als er ungeduldig auf das Auſſenwerk zueilte, um die Fortſchritte des An⸗ griffs zu ſehen. „Heiliger Georg!“ rief er.„Ha Freude! der heilige Georg fuͤr England!— Zum Angriff, kuͤhne Yeomen!— Warum laßt Ihr den guten Ritter und den edlen Cedric den Paß allein ſtuͤrmen?— hinein, toller Prieſter! zeig', daß du fuͤr deinen Roſenkranz fechten kannſt!— hinein hrave Yeomen! Das Schloß iſt unſer! wir haben Freunde im Schloß. Seht jene Fahne dort, ſie iſt das verabredete Zeichen!— Tor⸗ quilſtone iſt unſer! Denkt an Ehre! denkt an Beute! noch ein Angriff und der Platz iſt unſer!“ Damit ſpannte er ſeinen guten Bogen und ſchoß einem der Bewaffneten einen Pfeil durch die Bruſt, wie er eben unter de Bracys Leitung ein Stuͤck von dem Vorſprung loͤst, um es auf die Koͤpfe Cedrics und des ſchwarzen Ritters herabzuſchleudern. Ein zweiter Soldat nahm aus der Hand des Sterbenden das Brecheiſen und wuͤrde den Stein abgeloͤst haben⸗ wenn ihn nicht ein Pfeil durch den Kopf todt in den Graben geſturzt haͤtte. — 28 „Weicht ihr feile Sklaven!“ rief de Bracy; „Mount joye Saint Dennis!“—„gib mir den Hebel!⸗ Dieſen ergreifend, machte er ſich an den ſchon erſchuͤtterten Vorſprung, der ſchwer genug war, nicht allein den Ueberreſt der Zugbruͤcke, der die beiden Angreifenden ſchuͤtzte, ſondern auch die Planken, auf denen ſie ſtanden, in den Grund zu ſchlagen. Alle ſahen die drohende Gefahr, doch wagte ſelbſt der kuͤhnſte unter ihnen, der unerſchrockene Moͤnch nicht, den Fuß auf den Floß zu ſetzen. Drei⸗ mal ſandte Locksley ſeinen Pfeil auf de Bracy, und ebenſo oft prallte er von ſeinet unburchdringſichen Ruͤ⸗ ſtung zuruͤck.— „Ei ſo hol' doch der ten el dein ſpaniſches Stahl⸗ hemd!“ ſprach Locksley itte es ein engliſcher Schmied geſchmiedet, die pfeil 1 durchgedrungen, und wenn es aus Seide oder Zeibel waͤre!“ dann rief er:„Kameraden! Freunde! edler Cedric! zuruͤck! laßt erſt die Steine fallen.“. Sein Warnungsruf ward nicht gehoͤrt; denn das Geraͤuſch, das der Ritter mit ſeinen Schlaͤgen an der Thuͤr verurſachte, wuͤrde zwanzig Kriegstrompeten uͤbertaͤubt haben. Der treue Gurth ſprang indeſſen vor⸗ wuaͤrts auf den Floß, um ſeinen Herrn vor der dro⸗ henden Gefahr zu warnen, oder ſie mit ihm zu thei⸗ len. Allein zu ſpaͤt waͤre ſeine Warnung gekommen, da die Maſſe bereits zu wanken begann, wenn ihm 29 nicht des Templers Stimme in die Ohren gedrun⸗ gen waͤre. „Alles iſt verloren, de Bracy, das Schloß ſteht in Flammen“ „Biſt du toll?“ erwiederte der Ritter. „Auf der Weſtſeite ſteht Alles ſchon in lichten Flammen, umſonſt verſuchte ich zu loͤſchen!“ Mit der ihm eigenthuͤmlichen, furchtbaren Kaltbluͤtigkeit theilte Brian de Bois Guilbert dieſe furchtbare Kunde mit, die nicht mit gleicher Nuhe von ſeinem erſtaun⸗ ten Kameraden aufgenommen ward. „Heilige im Paradies!“ rief de Bracp;„was iſt nun anzufangen? ich gelobe dem heiligen Nikolas von Limoges einen Leuchter von lauterem Gold!“ „Spare deine Geluͤbde,“ entgegnete der Templer, und hoͤre mich: Fuͤhr' deine Leute hinab, als ob es zum Ausfall ginge und öffne die Hinterpforte. Blos zwei Maͤnner ſtehen auf dem Floße, wirf ſie in den Graben und dringe nach dem Beuͤckenkopf vor. Ich will aus dem Hauptthor ausfallen und den Bruͤcken⸗ kopf von hinten angreifen, und wenn wir dieſen Po⸗ ſten wieder gewinnen, ſo koͤnnen wir uns vertheidigen, bis wir entſetzt werden, oder wenigſtens gute Bedin⸗ gungen erhalten.“ „ Nicht uͤbel erdacht!“ ſprach de Bracy; ich will meine Rolle ſpielen— Templer, du laͤßt mich doch nicht im Stich?“ 3 50 „Hand und Handſchlag darauf, ich verlaſſe dich nicht!“ ſprach Bois Guilbert.„Aber ſpute dich, um Gotteswillen.“ Bracy zog eilig ſeine Leute zuſammen, eilte zur Hinterpforte und ließ ſie ſogleich oͤffnen. Aber kaum war dieß gethan, als die Rieſenſtaͤrke des ſchwarzen Ritters trotz de Bracys und ſeiner Anhaͤnger Anſtren⸗ gungen ſich Bahn machte. Zwei der vorderſten fielen ſogleich, und die Uebrigen flohen trotz allen Bemuͤhun⸗ gen ihres Fuͤhrers. „Hunde!“ rief de Bracy,„wollt Ihr zwei Maͤn⸗ ner uns den einzigen Rettungsweg entreißen laſſen?“ „Das iſt der Teufel ſelbſt!“ rief ein alter Krieger ſich vor den Schlaͤgen ihres ſchwarzen Gegners zuruͤck⸗ ziehend. „Und iſt es der Teufel ſelbſt, wollt Ihr vor ihm in den Rachen der Hoͤlle fliehen? Das Schloß brennt hinter uns, Schufte!— mag Verzweiflung Euch Muth geben, oder laßt mich vorwaͤrts, ich will es mit dem Kaͤmpen ſelbſt aufnehmen. Gut und ritterlich behauptete dieſen Tag de Bracy ſeinen in den Burgerkriegen dieſer ſchreckhaften Zeiten erworbenen Ruf. Der gewoͤlbte Gang, in welchen die Pforte fuͤhrte, wo dieſe zwei furchtbaren Kaͤmpfer Mann gegen Mann ſtritten, widerhallte von den ge⸗ waltigen Streichen, die ſie, de Bracy mit ſeinem Schwert und der ſchwarze Ritter mit ſeiner gewichti⸗ gen Streitart, einander ertheilten, Endlich bekam der 31 Normann einen Schlag, der, wenn ſeine Kraft nicht etwas von dem Schilde parirt worden waͤre, de Bracy ſo getroffen haͤtte, daß er kein Glied mehr haͤtte ruͤh⸗ ren koͤnnen, dennoch aber ſo ſchwer auf ſeinen Helm ſiel, daß er der Laͤnge nach den gepflaſterten Boden maß. „Ergib dich, de Bracy!“ rief der ſchwarze Kaͤmpe ſich uͤber ihn beugend, und gegen ſein Viſir den ver⸗ haͤngnißvollen Dolch zuckend, womit die Ritter ihre Feinde zu toͤdten pflegten(und den man den Dolch der Gnade nannte)— ergib dich, Maurice de Bracy, auf Gnade und Ungnade, oder du biſt ein verlorner Mann!“ „Ich ergebe mich keinem unbekannten Sieger. Sag' mir deinen Namen, oder thue mit mir, wie dir ge⸗ faͤllt. Nie ſoll es heißen, daß Maurice de Bracy ſich einem unbekannten Abenteurer gefangen gegeben hat.“ Der ſchwarze Ritter fluͤſterte dem Beſiegten etwas in's Ohr. „Jezt gebe ich mich Euch gefangen, auf Gnade oder Ungnade,“ antwortete der Normann, indem er ſei⸗ nen finſtern und gebietenden Ton in den der tiefſten Unterwuͤrfigkeit umwandelte. „Geh' auf den Bruͤckenkopf,“ ſprach der Sieger in hohem Tone,„und erwarte dort meine weiteren Be⸗ fehle!“ „Laß mich dir noch vorher etwas ſagen,“ ſprach de Bracy,„das dir wichtig zu wiſſen iſt. Wilfried von Ivanhoe liegt hier verwundet und gefangen in dem ————— 3½ Schloß und kommt in den Flammen um, wenn ihm nicht augenblickliche Huͤlfe wird.“ „Wilfried von Ivanhve!“ rief der ſchwarze Ritter —„Gefangener und kommt um!— jeder in dem Schloß ſok's mit dem Leben bezahlen, wenn ihm ein Haar auf dem Haupte verſengt wird.— Zeig mir ſein Zimmer!“ „Steig jene Wendeltrepp hinauf!— die fuͤhrt zu ſeinem Zimmer!— oder darf ich Euch dahin geleiten?“ „Nein! Nach dem Bruͤckenkopf und erwarte dort meine Befehle. Ich trane dir nicht, de Bracy!“ Wäaͤhrend des Kampfes und der kurzen Zwieſprache hatte Cedric an der Spitze eines Haufens, der uber die Bruͤcke gebrungen war, und unter denen der Moͤnch einer der erſten war, ſobald ſich beſagte Pforte oͤffnete, die entmuthigten und verzweifelnden Begleiter de Bra⸗ eys zuruͤckgetrieben, einige baten um Pardon, andere leiſteten vergeblichen Wiberſtand, und der groͤßere Theil floh nach dem Hofraum. De Bracy ſelbſt erhob ſich und warf einen ſorglichen Blick ſeinem Sieger nach. „Er traut mir nicht!“ wiederholte er;„aber hab' ich auch ſein Zutrauen verdient?“ Er hob ſein Schwert von dem Boden auf, nahm ſeinen Helm ab, zum Zeichen ſeiner Unterwerfung, ging nach dem Bruͤcken⸗ kopf und uͤbergab ſein Schwert an Locksley, den er auf dem Wege traf. Als das Feuer zunghm, drangen auch Spuren da⸗ von 33 von in das Gemach, wo Jvanhoe von der Juͤdinn Re⸗ bekka gepflegt und gewartet wurde. Er war durch das Toben des Sturmes aus einem kurzen Schlummer er⸗ wacht, und ſeine Waͤrterinn, die auf ſeinen ſehnlichen Wunſch ſich wieder ans Fenſter geſtellt hatte, um ihm von dem Gange der Schlacht zu berichten, konnte vor qualmendem Rauch geraume Zeit nichts ſehen. Endlich machten dicke Rauchſaͤulen, die in das Zimmer dran⸗ gen, und das Rufen nach Waſſer, das ſelbſt das Ge⸗ toͤſe der Schlacht uͤbertoͤnte, auf die drohende neue Ge⸗ fahr aufmerkſam. „Das Schloß brennt!“ rief Reberka,„es breunt! Was thun wir, uns zu retten?“ „Fliehe, Rebekka, und rette dein Leben,“ ſprach Ivanhoe,„fkeine menſchliche Huͤlfe kann mich er⸗ retten.“ „Ich will nicht fliehen,“ entgegnete Rebekka,„wir wollen zuſammen gerettet werden oder ſterden!— Und doch, großer Gott!— mein Vater! mein Vater! was wird aus ihm werden?“ In dieſem Augenblicke flog die Thuͤr auf und der Templer ſtand vor ihnen— eine graͤßliche Erſcheinung. — Seine goldene Ruͤſtung war zerbrochen und blutig, halb zerknickt, halb verbrannt ſein Helmbuſch.„Ich habe dich gefunden,“ ſprach er zu Rebekka,„du ſollſt ſehen, wie ich mein Wort halte, Wohl und Weh mit dir zu theilen.— Nur ein Rettungsweg Aeht offen, W. Seon ſaͤmmtl. Werke. XLVI. ich habe mir durch fuͤnfzig Gefahren den Weg gebahnt, um ihn dir zu zeigen!— Auf denn und folge mir!“ „Allein,“ entgegnete Rebekka,„folg' ich dir nicht. Wenn du von einem Weibe geboren biſt— wenn du nur einen Funken Mitieid in dir haſt, wenn dein Herz nicht ſo hart als der Panzer auf deiner Bruſt iſt— rette meinen alten Vater— rette die⸗ ſen verwundeten Ritter!“ „Ein Ritter,“ antwortete der Templer mit der ihm eigenthuͤmlichen Kaͤlte,„ein Ritter, Rebekka, muß ſich in ſein Schickſal ergeben, ob es ihm vom Schwert oder von der Flamme koͤmmt.— Wer aber kuͤmmert ſich, wo oder wie es einen Juden erreicht?“ „Unmenſchlicher Krieger!“ rief Rebekka,„eher will ich in den Flammen ſterben, als Rettung von deiner Hand empfangen.“ „Du ſollſt nicht waͤhlen, Rebekka— einmal haſt du mir obgeſiegt, allein keinem Sterblichen gelingt dieß zum zweiten Male.“ Mit dieſen Worten ergriff er das beſtuͤrzte Maͤd⸗ chen, welches die Luft mit ihrem Geſchrei erfuͤllte, und trug ſie trotz ihrem Angſtgeſchrei in ſeinen Armen aus dem Zimmer, ohne auf die Drohungen und die Aus⸗ forderung Ivanhoes zu achten. „Hund von einem Templer— Schande deines Ordens,— laß das Maͤdchen frei, verraͤtheriſcher Bois Guilbert, es iſt Ivanhoe, der dir's beſiehlt!— dein Herzblut ſoll mir dafuͤr zahlen.“. 33 „Ich haͤtte dich nicht gefunden,“ fiel der ſchwarze Ritter ein, der in dem Augenblick in's Zimmer trat, „haͤtt' ich dich nicht ſchreien gehoͤrt.“ „Wenn du ein aͤchter Ritter biſt,“ unterbrach ihn Wilfried,„ſo denke nicht an mich— verfolge jenen Raͤuber— rette Lady Rowena— ſieh' nach dem ed⸗ len Cedric!“. „Wenn die Reihe an ſie kömmt,“ antwortete der vom Feſſelſchloß, an dich kommt ſie zuerſt!“ Er ergriff Jvanhoe und trug ihn mit derſelben Leichtigkeit, wie der Templer Rebekka, davon und eilte nach der Hinterpforte, und nachdem er ſeine Burde der Sorge zweier Yeomen anvertraut, trat er wieder ins Schloß, um die andern Gefangenen zu retten. Ein Thurm ſtand in lichten Flammen, die furchtbar aus Fenſtern und Schießſcharten ſchlugen; aber an andern Orten wehrten die dicken Mauern und gewoͤlbten Zim⸗ mer den Fortſchritten des Feuers, und hier tobte die Wuth der Menſchen mit dem fuͤrchterlichen Element in die Wette; von Gemach zu Gemach verfolgten die Sieger die Vertheidiger des Schloſſes, und ſaͤttigten in ihrem Vlute die Rache, die ſchon lange gegen die Leute des tyranniſchen Front de Boeuf in ihrem In⸗ nern kochte. 2 Der groͤßte Theil der Beſatzung that den aͤußerſteu Widerſtand— wenige baten um Gnade— keiner er⸗ hielt ſie. Die Luft war mit Wehklagen und Waffen⸗ Leklirr erfüllt.— Der Boten war ſchlupſrig vem demn Blute verzweifelnder und roͤchelnder Sterbenden. Mit⸗ ten durch dieſe Scene der Verwirrung hin drang Ced⸗ ric Rowena zu ſuchen, indeß der treue Gurth ihm auf dem Fuße folgte, und nicht achtend eigener Gefahr, die ſeinem Herrn beſtimmten Streiche abwendete. Der edle Sachſe war ſo gluͤcklich, ſeiner Muͤndel Gemach in dem Augenblick zu erreichen, als ſie ſchon alle Hoff⸗ nung auf Rettung aufgegeben hatte, und angſtvoll ein Kruzifir an ihren Buſen druͤckend den nahen Tod erwartete. Er uͤbergab ſie der Sorgfalt Gurths, um ſie in Sicherheit nach dem Bruͤckenkopf zu geleiten, wohin der Weg nun von Feinden geſaͤubert, und nicht von Flammen unterbrochen war. Hierauf eilte der ehrliche Cedric, ſeinen Freund Abelſtane aufzu⸗ ſuchen, entſchloſſen, mit Gefahr ſeines eigenen Le⸗ bens dieſen lezten Sproͤßling des ſaͤchſiſchen Koͤnigs⸗ bluts zu retten. Ehe aber Cedric noch die alte Halle, in welcher er ſelbſt fruͤher eingeſchloſſen war, erreichte, hatte der erfinderiſche Geiſt Wamba's bereits ihn und ſeinen Leidensgenoſſen in Freiheit geſezt. Als das Toben der Schlacht verkuͤndete, daß ſie am hitzigſten war, begann der Narr aus voller Lunge zu rufen:„Heiliger Georg und der Drache! Der hei⸗ lige Georg fuͤr's geſegnete England!— Das Schloß iſt gewonnen!“ Durch das Zuſammenſchlagen einiger alten Waffenſtuͤcke, die in der Halle umherlagen, ver⸗ mehrte er den furchtbaren Eindruck dieſer Worte. Eine Wache, die im Vorzimmer ſtand, der die 27 Furcht bereits den Kopf verruͤckt hatte, erſchrak uͤber Wambas Laͤrm, und eilte das Zimmer offen laſſend, dem Templer zu bexichten, daß Feinde in der alten Halle waͤren. Mittlerweile fanden die Gefangenen es leicht, in die Vorhalle, und von da in den Schloß⸗ raum zu entfliehen, der jezt der lezte Schauplatz des Kampfes war. Hier ſaß der ſtolze Templer hoch zu Roß, von Fußvolk und Reitern der Beſatzung umgeben, die ſich um dieſen tapfern Fuͤhrer verſam⸗ melt hatten, um ſich den lezten Ausweg zur Rettung und zum Ruͤckzug zu ſichern. Die Zugbruͤcke war auf ſeinen Befehl niedergelaſſen, der Uebergang aber ſogleich von Bogenſchuͤtzen beſetzt worden, die bis da⸗ hin das Schloß mit ihren Geſchoßen beunruhigt hat⸗ ten, ſie gewahrten nicht ſobald die ausbrechenden Flam⸗ men und die herabgelaſſene Bruͤcke, als ſie ſogleich auf den Eingang zueilten, um ſowohl der Peſatzung die Flucht zu wehren, als auch ihren Theil an der Beute zu finden, ehe das Schloß vollends nieder⸗ brannte. Von der andern Seite drangen die Bela⸗ gerer, welche durch die Hinterpforte Eingang gefun⸗ den, in den Schloßhof und griffen den Ueberreſt der Vertheidiger wuͤthend an, die ſich ſo von beiden Sei⸗ ten bedraͤngt fanden. Allein angeſpornt durch Verzweiflung, und er⸗ muthigt durch das Beiſpiel ihres unerſchrockenen Fuͤh⸗ rers fochten die uͤbrig gebliebenen Soldaten vom Schloſſe mit der groͤßten Tapferkeit, und, wohlbewaffnet, wie ſie waren, trieben ſie, obgleich an Mannſchaft ge⸗ ringer, zu wiederholten Malen die Angreifenden zu⸗ ruͤck. Rebekka, zu einem von des Templers Saraze⸗ enſclaven vorn auf's Pferd geſezt, befand ſich in der Mitte des Trupps; und Bois Guilbert trug, trotz der Verwirrung des blutigen Kampfes, alle erdenkliche Sorge fuͤr ihre Sicherheit. Bald war er an ihrer Seite, indem er, eigener Gefahr nicht achtend, ihr den ſchuͤtzenden, dreieckigen Stahlſchild vorhielt, bald von ihr wegſprengend, ſeinen Feldruf ertoͤnen ließ, und vorwarts ſtuͤrmend die kuͤhnſten Vorkaͤmpfer zur Erde ſtreckte, und noch in demſelben Augenblick wie⸗ der dicht an ihrem Zuͤgel war.. Athelſtane, der, wie der Leſer bereits weiß, traͤg, aber nicht feige war, erblickte die weibliche Geſtalt, welche der Templer ſo ſorglich beſchuͤzte, und zweifelte nicht, daß es Rowena ſei, die der Ritter trotz allem Widerſtand entfuͤhren wollte. „Bei der Seele des heiligen Eduard!“ ſprach er⸗ „ich will ſie aus der Hand jenes uͤbermuͤthigen Rit⸗ ters befreien, und er ſoll von meiner Hand ſterben!“ „Bedenkt, was Ihr thut!“ entgegnete Wamba; „die haſtige Hand faͤngt Froͤſche ſtatt Fiſche.— Bei meiner Narrenkappe, das iſt kein Fetzchen von Lady Rowena.— Seht doch nur ihre langen ſchwarzen Locken!— nein, wenn Ihr nicht ſchwarz von weiß unterſcheiden könnt, ſo moͤgt Ihr immerhin voran gehen, ich aber folge nicht. Ich laß mir nicht den “ 59 Hals brechen, wenn ich nicht weiß wofuͤr.— Und Ihr ſeid noch dazu ohne Ruͤſtung!— Bedenkt, die ſeidene Muͤtze haͤlt nicht gegen die ſtaͤhlerne Klinge Stich.— Wer eigenſinnig ſich in's Waſſer wagt, der mag in ſeinem Eigenſinn ertrinken!— Deus vobis- cum, mannhafter Athelſtane!“— Damit ließ er das Gewand des Sachſen los, an dem er ihn bisher ge⸗ halten hatte. Einen Streitkolben vom Boden zu ergreifen, der ne⸗ ben einem Sterbenden lag, deſſen Griff er ſo eben entſank,— auf den Trupp des Templers loszugehn, rechts und links um ſich zu ſchlagen, und mit jedem Streich einen Krieger niederzuſchmettern, war fuͤr Athelſtanes große, jetzt noch durch Wuth geſtaͤhlte Kor⸗ perkraft das Werk eines Augenblicks, und bald war er kaum noch zwei Schritte von Bois Guilbert entfernt, als er ihm mit bruͤllender Stimme zurief: „Hieher, verraͤtheriſcher Templer!— gib die frei, die du zu beruͤhren nicht wuͤrdig biſt— hieher, du Ge⸗ noſſe von Raͤubern und Moͤrdern!“ „Hund!“ rief der Templer zaͤhneknirſchend, „ich will dich lehren, den heiligen Orden des Tempels von Zion zu laͤſtern!“ Mit dieſen Worten halb ſein Pferd herumwerfend, machte er eine halbe Volte gegen den Sachſen, und ſich in den Steigbuͤgel erhebend, um ſich ganz ſeines Vortheils zu bedienen, verſetzte er Athel⸗ ſtane einen furchtbaren Hieb uͤber den Kopf. Wamba hatte gut prophezeiht, daß ihn ſeine ſei⸗ dene Muͤtze nicht gegen die Stahlklinge ſchutzen wuͤrde. So ſcharf war des Templers Schwert, daß es den harten mit Eiſen beſchlagenen Streitkolben, womit der ungluͤckliche Sachſe den Streich zu pariren ſuchte, wie einen Weidenzweig durchhieb. „Ha! Beau seant!“ rief Bois Guilbert, ſo ergehe es Allen, welche die Tempelritter laͤſtern!“ Den Vor⸗ theil wahrnehmend, den ihm Athelſtanes Fall gewaͤhrte, rief er nun laut:„Wer ſich retten will, folge mir!“ Die Bogenſchuͤtzen zerſtreuend, die ihnen den Ueber⸗ gang wehren wollten, ſprengte er, gefolgt von ſeinen Sarazenen, und fuͤnf oder ſechs Reiſigen uͤber die Bruͤcke. Des Templers Ruͤckzug ward durch den Ha⸗ gel von Pfeilen, die auf ihn und ſeinen Trupp her⸗ flogen, aͤußerſt gefahrvoll; allein er ließ ſich nicht ab⸗ halten, auf den Bruͤckenkopf zu zugaloppiren, den er ſeinem fruͤheren Plane zu Folge in de Bracys Beſitze glaubte. „ De Bracy! de Bracy!“ rief er,„biſt du hier?“ „ Jch bin hier,“ antwortete de Bracy,„allein ich bin Gefangener.“ „Kann ich dich befreien?“ ſchrie Bois Guilbert. „Nein,“ erwiederte de Bracy;„ich habe mich auf Gnade und uUngnade ergeben. Ich will ein ehrlicher Gefangener ſein. Rette dich ſelbſt.— Die Falken ſind los,— eile, daß die See dich von England trennt.— Ich wage nicht mehr zu ſagen.“ „Gut,“ antwortete der Templer,„wenn du hie —— 41 bleiben willſt, ſo erinnre dich, daß ich Wort und Hand⸗ ſchlag geloͤst habe. Seien die Falken, wo ſie wollen; ich denke, die Mauern des Praͤzeptoriums von Temple⸗ ſtowe werden mich hinlaͤnglich ſchuͤtzen, dorthin will ich, wie der Reiher nach ſeinem Neſt.“ Mit dieſen Worten galoppirte er nebſt ſeinem Gefolge davon. Die Belagerten, welche nicht zu Pferde entkommen konnten, fochten nach des Templers Abzug verzweif⸗ lungsvoll gegen die Belagernden, nicht ſowohl in der Hoffnung, durchzukommen, als vielmehr in der Gewißheit, keinen Pardon zu erhalten. Das Fener drang mit Wuth durch alle Theile des Schloſſes, als Ulrika, die es zuerſt entzuͤndet hatte, auf einem Thurm erſchien, gleich einer Furie des Al⸗ terthums, einen Schlachtgeſang anſtimmend, wie er vor Zeiten auf dem Schlachtfeld von den Skalden der beidniſchen Sachſen geſungen ward. Ihr langes, auf⸗ geloͤstes graues Haar flog zuruͤck von ihrem unbedeck⸗ ten Haupt; das trunkene Entzuͤcken befriedigter Rache ſtritt mit dem Feuer des Wahnſinns in ihrem Auge. Sie ſchwang den Rocken in ihrer Hand, als waͤre ſie eine der Schickſalsſchweſtern, die den Faden des menſchlichen Lebens ſpinnen und kuͤrzen. Die Ueber⸗ lieferung hat einige Strophen des wilden Hymnus auf⸗ bewahrt, den ſie mitten in dieſer Scene des Feuers und des Schlachtgewuͤhls abſang. . 1. Wetzet den funkelnden Stahl, Soͤhne des weißen Drachen! Schwinge die Fackel, Tochter von Hengiſt! Nicht glaͤnzet der Stahl, beim Feſtmahl vorzuſchneiden, Hart iſt er, breit, iſt ſcharf geſchliffen! Nicht leuchtet die Fackel zur braͤutlichen Kammer. Blaͤulich vom Schwefel qualmt ſie und flackert. Wetzet den Stahl— es kraͤchzet der Rabe! Schwinget die Fackel, Zernebock tobt: Wetzet den Stahl, Söhne des Drachen, Schwinge die Fackel, Tochter von Hengiſt 2. Ueber des Thanen Burg häͤngt ſchwarz die Wolke! Hoͤrt ihr den Adler,— der uͤber ihr ſchwebt? Schrei nicht, grauer Segler auf der Wolke Schwarz, Dein Bankett iſt bereitet! Walhalla's Toͤchter ſchau'n hervor! Es ſendet Hengiſts Geſchlecht ihnen Gaͤſte. Schuͤttelt die ſchwarzen Locken Walhalla's Toͤchter! Laßt laut Eure Zimbeln zum Jubel ertoͤnen! Manch' ſtolzer Tritt ſchreitet zu Euren Hallen! Zu Euch manch' ſtattlich umhelmtes Haupt. 3 3. Schwarz liegt die Nacht auf des Thanen Burg, —— 45 Rund ſammeln ſich die finſtern Wolken! Bald roͤthen ſie, gleich dem Blute des Tapfern. Er, der Palaͤſte und Waͤlder zerſtoͤret, Schuͤttelt ſein flammend Haupt wider ſie. Hoch in die Luͤfte ſein leuchtend Panier Breitet er aus in weiten Falten Ueber des Kampfes Gewuͤhl in der Tiefe.— Jauchzt ob dem Klirren der Schwerter, dem Krachen der Schilde, Leckt das Blut, das warm der Wunde entſtroͤmt. 4. Alles wird der Vernichtung Raub! Helme ſpaltet das Schwert! Speere durchbrechen den Panzer; Feuer verzehrt den Palaſt des Fuͤrſten, Der Sturmbock ſtreckt nieder das Bollwerk des Kriegs. Alles wird der Vernichtung Raub! Hengiſts Stamm iſt hingeſchwunden! Horſas Name iſt nicht mehr! Gleiches erwartet Euch, Soͤhne der Schlacht! Laßt ſchwelgen den Stahl in der Feinde Blut! Feiert das Bankett der Schlacht! Es leuchten Euch die brennenden Hallen! Stark ſei Euer Schwert, weil noch kreiſet das Blut, Schont keinen aus Mitleid, keinen aus Furcht! Die Nache hat nur eine Stunde! Endlich wird der Haß auch ſterben! Auf Ihr zerſtoͤrenden Maͤchte, Auf denn vernichtet auch mich! Die auflodernden Flammen hatten nun jedes Hin⸗ derniß bezwungen, und ſtiegen wie eine ungeheure Feuerſaͤule zum Abendhimmel empor, weithin durch die ganze Umgegend ſichtbar. Thurm nach Thurm ſtuͤrzte nieder, von brennendem Dache und Sparrwerk begleitet; ſo daß die Kaͤmpfenden vom Hofraum ge⸗ trieben wurden. Die wenigen von der Beſatzung noch uͤbrig gebliebenen Dienſtleute zerſtreuten ſich in die be⸗ nachbarten Waͤldern. Die Sieger ſtarrten geſchreckt, ver⸗ wundernd, und nicht ohne Anwandlung von Furcht, in die Flammen, in deren Widerſchein ihre gewaffneten Rei⸗ hen hochroth erglaͤnzten. Die Geſtalt der wahnſinni⸗ gen Saͤchſinn Ulrika war lange Zeit auf dem von ihr erwaͤhlten Standpunkte ſichtbar, wie ſie ihre Arme mit wilder Begeiſterung emporhielt, als ſei ſie die Herrſcherinn des Feuers, das ſie hervorgerufen hatte. Endlich ſtuͤrzte der Thurm mit furchtbarem Krachen zuſammen, und begrub ſie in denſelben Flam⸗ men, die ihrem Tyrannen den Untergang brachten. Eine furchtbare Pauſe des Entſetzens hemmte jeden Laut der Zuſchauer, kein Finger bewegte ſich anders als um das Zeichen des Kreuzes zu machen. Da ver⸗ nahm man endlich Lockles Stimme.„Frohlocket Veomen!— Die Hoͤhle des Tyrannen iſt nicht mehr! 45 Jeder bringe ſeine Beute an unſern Sammelplaß nach dem Gerichtsbaum in Harthillwalk, da wollen wir ſolche mit Anbruch des Tages unter unſerer Bande und unſern wuͤrdigen Verbuͤndeten bei dieſer Rache⸗ that gerecht vertheilen!“ Drittes Kapirel. Geſetze, glaubt mir, braucht jedweder Staat. Urkunden hat die Stadt, das Koͤnigreich Edikte, Die wilde Raͤuberhord im Walde ſelbſt Zeigt rohe Spur von bürgerlicher Zucht. Selt Vater Adam trug die Feigenſchuͤrze Hat ohne enger bindendes Geſetz Der Menſch zum Menſchen niemals ſich geſelkt. Altes Schauſpiel. Das Fruͤhroth daͤmmerte auf den lichten Plaͤtzen des Eichwaldes; die Thauperlen glaͤnzten auf den gruͤnen Zweigen; das Reh fuͤhrte ſeine Jungen aus dem hohen, bergenden Farrenkraut in die offenen Gaͤuge des gruͤnen Waldes; noch lauerte kein Jaͤgers⸗ mann auf den ſtattlichen Hirſch, der kuͤhn an der Spitze ſeiner gehoͤrnten Herde einherſchritt. Die Geaͤchteten waren alle um den Gerichtsbaum in Harthillwalk verſammelt, wo ſie die Nacht zuge⸗ bracht hatten, um ſich von den Beſchwerden der Be⸗ lagerung zu erholen; einige lagen beim Weine, an⸗ dere im Schlaf, noch andere hatten die Begebenheiten des Tages erzaͤhlt, oder den Erzaͤhlern gelauſcht, oder die Beute abgeſchaͤtzt, welche ſie zur Verfuͤgung ihres Hauptmanns geſtellt hatten. Die Beute war ſehr betraͤchtlich; wenn gleich ein großer Theil von den Flammen verzehrt wurde, ſo war doch eine große Menge Silber, reiches Waffen⸗ zeug und koſtbare Kleider durch die Kuͤhnheit der unerſchrockenen Geaͤchteten gerettet worden; denn keine Gefahr war ihnen zu groß, wenn ſolcher Lohn ihrer harrte. Doch waren die Geſetze ihrer Bande ſo ſtreng⸗ daß keiner es wagte, ſich von der Beute etwas anzu⸗ eignen, die zu einer Maſſe vereinigt ward, um von ihrem Hauprmann vertheilt zu werden. Der Verſammlungsplatz war eine alte Eiche, je⸗ doch nicht die, zu welcher Locksley fruͤher Gurth und Wamba gefuͤhrt hatte. Dieſe befand ſich vielmehr im Mittelpuukt eines Waldamphitheaters, eine halbe Meile von dem zerſtoͤrten Schloß Torquilſtone entfernt. Hier nahm Locksley ſeinen Sitz— einen zwiſchen den dich⸗ ten Aeſten der Eiche errichteten Raſenthron, ein. Waͤhrend er den ſchwarzen Ritter zu ſeiner Rechten, und Cedrie zu ſeiner Linken ſich niederzulaſſen bat. „Vergebt mir die Freiheit, meine Herren!“ be⸗ gann er,„allein in dieſen Waͤldern bin ich Monarch — das iſt mein Neich, und meine rohen Unterthanen wuͤrden ſich wenig um meine Obergewalt kuͤmmern, wenn ich in meinem eigenen Gebiete irgend einem Sterblichen meinen Platz einraͤumte.— Wie aber, meine Herren, hat Niemand unſern Kaplan geſehen: 47 Wo iſt unſer ſchelmiſcher Moͤnch? Es iſt gut, wenn bei Chriſtenleuten ein geſchaͤftiger Morgen mit der Meſſe beginnt.“ Niemand wollte den Moͤnch von Copmanhurſt ge⸗ ſehen haben. „So Gott will,“ ſprach der Maͤuberhauptmann, „hat ſich der luſtige Moͤnch nur bei der Weinflaſche verſpaͤtet.— Wer ſah ihn ſeit der Erſtuͤrmung des Schloſſes?“ „Ich,“ ſprach Muͤller,„ſah ihn ſehr geſchaͤftig au der Thuͤr eines Weinkellers arbeiten, und hoͤrte ihn bei allen Heiligen im Kalender ſchwoͤren, er wolle Front de Boeuſs Gascognerwein verſuchen.“ „Nun bei allen Heiligen!“ rief der Hauptmann, „moͤgen ſie ihn bewahren, daß er ſich nicht ganz bei dem Weinhumpen vergeſſen hat, und unter den Truͤm⸗ mern des Schloſſes begraben liegt.— Fort Muͤller, nimm Leute mit dir, und ſuch' ihn auf, wo du ihn zum lezten Mal geſehen haſt.— Gießt Waſſer aus dem Graben auf die rauchenden Ruinen.— Stein fuͤr Stein ſoll umgekehrt werden, ehe ich meinen ſchelmi⸗ ſchen Moͤnch verloren gebe.“ Die Menge, welche zur Ausfuͤhrung dieſes Auf⸗ trags eilte, obgleich man indeſſen zur Vertheilung der Beute ſchreiten ſollte, bewies, wie ſehr ihnen die Ret⸗ zung ihres geiſtlichen Vaters am Herzen lag. „Mittlerweile laßt uns ſortfahren,“ ſagte Lockslep⸗ „denn, wenn dieſe kuͤhne That ruchbar wird, werden —m — 43 de Bracys Freibeuter, Malvoiſins Leute und die an⸗ dern Verbuͤndeten Front de Boeufs ſich gegen uns in Bewegung ſetzen, und die Klugheit erfordert, daß ir bei Zeiten auf unſere Sicherheit bedacht ſind.“ „Edler Cedric,“ ſprach er an den Sachſen ſich wen⸗ dend,„die Beute iſt in zwei Theile getheilt, waͤhle du den einen, um deine Leute, die an dem Abenteuer Antheil nahmen, zu belohnen.“ „Edler Yeoman!“ entgegnete Cedrie,„mein Herz iſt mit Kummer erfuͤllt. Der edle Athelſtane von Coningsbourgh— der letzte Sproͤßling des heili⸗ gen Bekenners iſt nicht mehr! Hoffnungen ſi ſind mit ihm dahingegangen, die nimmer wiederkehren! Ein Funke iſt in ſeinem Blut erloſchen, den kein ſterbli⸗ cher Hauch wieder beleben kann! Meine Leute, die wenigen ausgenommen, die jett bei mir zugegen ſind, erwarten nur meine Gegenwart, um ſeine verehrten Ueberreſte nach ihrer letzten Behauſung zu bringen. Lady Rovena begehrt nach Rotherwood zuruͤckzukehren, und bedarf dazu gehoͤriger Bedeckung, Schon haͤtte ich dieſen Ort verlaſſen ſollen, nur wollte ich,— nicht etwa, ſo wahr mir Gott und der heilige Withold hel⸗ fen, die Theilung der Beute abwarten, denn nie wuͤrde ich, noch der Meinigen einer einen Liar davon anruͤhren,— nur wollte ich zuvor Euch und den tapferen Neomen meinen Dank dafuͤr zu erkennen ge⸗ ben, daß Ihr mir Ehre und Leben gerettet habt.“ „Nein,“ 49 „Nein,“ entgegnete der Hauptmann der Geachte⸗ ten,— wir thaten nur das halbe Werk, nimm nur ſoviel von der Beute, um deine Nachbarn und Anhaͤnger davon zu belohnen.“ „Ich bin reich genug, ſie aus eigenen Mitteln zu belohnen,“ antwortete Cedric.„und einige,“ fiel Wamba ein,„waren weiſe genug, ſich ſelbſt zu be⸗ denken und nicht mit leeren Haͤnden abzuziehen. Wir tragen nicht alle Narrenkappen!“ „Sie thaten wohl daran,“ verſezte Locksley;„un⸗ ſere Geſetze binden nur uns ſelbſt.“ „Aber du, armer Burſche,“ ſprach Cedrik, ſich an ſeinen Narren wendend und ihn umarmend,„wie ſoll ich dich belohnen, der du dich fuͤr mich ins Gefaͤngniß und in den Tod hingegeben haſt? Alles vergaß mich, nur der arme Narr blieb mir treu!“ Thraͤnen ſtanden dem rauhen Than in den Augen,— als er ſprach, — ein Zeichen von Gefuͤhl, das ihm ſelbſt Athelſtanes Tod nicht entlockte; aber es lag etwas in der halb⸗ inſtinktmaͤßigen Anhaͤnglichkeit ſeines Narren, das ihn mehr ergriff, als der tiefſte Kummer. „Nein,“ verſezte der Narr, ſich ſeines Herrn Um⸗ armung entwindend,„nein, wenn Ihr meinen Dienſt mit einer Thraͤne Eures Auges belohnt, dann muß der Narr mit in Geſellſchaft weinen, und wie ſteht es denn mit ſeinem Beruf?— Aber, Onkel, wenn du mir wirklich was zu Gefallen thun willſt, ſo bitte W. Sectt's ſaͤmmtl. Werke. XLVI. 4 50* ich Dich, verzeihe meinem Spielkameraden Gurth, der eine Woche ſeines Dienſtes ſtahl, um ſie dem Deines Sohnes zu widmen.“ 4 „Ihm verzeihen?“ rief Cedric,„ich will ihm ver⸗ zeihen und ihn belohnen.— Kniee nieder, Gurth!“ Der Schweinehirt lag im Augenblick zu ſeines Her⸗ ren Fuͤßen.„Nicht laͤnger biſt du Leibeigener!“ ſprach Cedric, ihn mit ſeinem Stabe beruͤhrend;„ein freier Mann biſt du fortan, in der Stadt, auf dem Feld und im Walde. Ich gebe dir eine Hufe Land in meinem Gebiete Walbrugham, fuͤr dich und deine Nachkommenſchaft, Gottes Zorn auf deſſen Haupt, der dem widerredet!“ Nicht laͤnger ein Sklave, ein freier Mann und Grundeigenthuͤmer ſprang Gurth nun auf, und machte zweimal einen Freudenſprung, ſo hoch als er ſelbſt war.„Einen Schmid und eine Feile her!“ ſchrie er,„um das Halsband vom Nacken des freien Man⸗. nes zu loͤſen!— Edler Gebieter! zwiefach geſraͤhlt iſt mein Arm durch Eure Wohlthat! zwiefach fecht' ich jezt fuͤr Euch!— Hier lebt ein freier Geiſt in mei⸗ ner Bruſt!— Alles in mir und um mich her iit umgewandelt!— Heda, Fangs!“ fuhr er fort. Das 1 treue Thier ſprang, als es ſeinen Herrn ſo frohlocken ſah, hoch an ihm empor, um ſeine Freude auszudruͤ⸗ cken,— kennſt du noch deinen Herrn?“ „Ja,“ ſprach Wamba,„Fangs und ich kennen dich ſtets, Gurth, obgleich wir noch das Halsband — 1 — 51 tragen muͤſſen; du nur könnteſt uns und dich vielleicht vergeſſen!“ 3 „Eher werde ich mich, als dich vergeſſen, treuer Kamerad,“ ſagte Gurth,„und waͤre Freiheit ein Gut fuͤr dich, dein Herr ſollte dir ſie nicht verweigern.“ „Nein,“ entgegnete Wamba,„glaub nicht, daß ich dich beneide, Bruder Gurth, der Stl Feuer in der Halle, wenn der Freie ius ins Feld muß.— Und was ſagt Oldhelm von 9 n y— beſſer ein Narr beim Mahl, als ein Weiſer beim Streit.“ Man vernahm nun ein Pferd— degetran 5 ve ſizt beim eel und Lady Rowena erſchien, von mehreren Reiſigen und ei⸗ nem ſiarken Trupp Fußvolk umgeben. Alle ſchlugen uͤber ihre Befreiung jubelnd Piken und Schilde zuſam⸗ men. Sie ſelbſt ſaß praͤchtig gekleidet auf einem ka⸗ ſtanienbraunen Zelter, und hatte al⸗ ihre Wuͤrde wie⸗ der angenommen, nur verrieth eine ungewohnte Blaͤſſe ihre uͤberſtandenen Leiden. Ihre ſcho etwwas umwoͤlkte Stirn trug das Gep lebender Hoffuung und eines dankerf fuͤr ihre Befreiung. Sie wußte Iy heit und hatte Athelſtanes Tod vernom. erfuͤllte ſie mit dem reinſten Entzuͤcken, und wenn auch das Andere ſie nicht geradezu erfreute, ſo war ſie doch froh, für die Zukunft uͤber den ein⸗ zigen Gegenſtand, wo ſie verſchiedener Meinung mit ihrem Vormund Cedric war, keine weitere Einſprache mehr zu vernehmen, 3 one, wenn auch ige wieder auf⸗ Uten Gen uͤths hoe in Sicher⸗ n. Erſteres 9 52. Als Rowena ihr Pferd nach Locksley's hinlenkte, erhob ſich, wie durch einen Inſtinkt der kuͤhne Yeo⸗ man mit allen ſeinen Untergebenen, um ſie willkom⸗ men zu heißen. Das Blut ſtieg in ihre Wangen, als ſie hoͤflich mit der Hand gruͤßend und ſo tief ſich verbeugend, daß einen Augenblick ihre ſchoͤnen und herabwogenden Flechten ſich mit der fliegenden Maͤhne ihres Zelters miſchten, in wenigen, aber gewichtigen Worten Locksley und ſeinen Untergebenen ihren Dank ausbruͤckte.„Gott ſegne Euch, tapfere Maͤnner!“ ſchloß ſie; 2 Gott und unſre liebe Frau ſegne und lohne Euch, daß Ihr fuͤr die Sache der Unterdruͤckten ſo muthig der Gefahr entgegenginget.— Wenn ei⸗ ner von Euch hungern ſohllte, ſo erinnere er ſich, daß Rowena ihn ſpeiſen kann, wenn er duͤrſten ſollte, daß Rowena Wein und Bier im Ueberfluß hat— und wenn die Normannen Euch aus dieſen Waͤldern ver⸗ treiben ſollten, ſo hat Rowena eigene Forſte, wo ihre tapfern Befreier nach eigenem Willen ſchalten koͤnnen.“ „Dank, freundliche Lady,“ antwortete Locksley, „von meinen Genoſſen und mir ſelbſt; Euch errettet zu haben, iſt Belohnung genug. Wir, die wir in den gruͤnen Waͤldern hauſen, thun manche wilde That, Ladv Rowenas Befreiung wird ein Suͤhnopfer dafuͤr ſein.“ Nachdem ſie ſich wieder tief auf ihrem Zelter ver⸗ beugt, lenkte Rowena dieſen zur Abreiſe um und hielt noch einen Augenblick, bis Cedric, der ſie begleiten 53 wollte, ſich verabſchiedet hatte, unerwartet ſah ſie ſich ganz in der Naͤhe des Gefangenen de Bracy. Er ſtand in tiefem Nachſinnen unter einem Baum, mit uͤber die Bruſt gekreuzten Armen, und Rowena hoffte, von ihm unbemerkt zu kleiben. Er ſah jedoch auf, und da er ihre Gegenwart bemerkte, uͤberflog eine tiefe Schamroͤthe ſein Geſicht. Er war einen Augen⸗ blick unentſchloſſen, trat dann vorwaͤrts, nahm ihren Zelter beim Zuͤgel und ließ ſich auf ein Knie vor ihr nieder.„Wird Lady Rowena einen gefangenen Ril⸗ ter— einen entehrten Krieger eines Blickes wuͤrdigen?“ „Herr Ritter,“ antwortete Rowena,„bei Unter⸗ nehmungen, wie die Eurigen, entehrt das Gelingen mehr, als das Mißlingen.“ „Der Sieg, Lady, ſollte das Herz beſaͤnſtigen,“ antwortete de Bracy;„laßt mich nur wiſſen, daß Lady Rowena die Gewaltthat verzeiht, zu welcher eine un⸗ gluͤckliche Leidenſchaft mich vermocht, und bald ſoll ſie erfahren, daß de Bracy auf edlere Weiſe ihr zu dienen weiß.“ „Ich vergebe Tuch, Herr Ritter, als Chriſtinn.“— „Das heißt ſo viel,“ meinte Wamba,„daß ſie ihm nicht vergibt.“ „Allein ich kann Euch das Elend und den Jam⸗ mer nicht vergeben, den Eure Raſerei veraulaßt hat,“ fuhr Nowena fort. „Laͤßt der Lady Zuͤgel losn rief Cedric herau⸗ ſprengend.„Bei dem hellen Saonnenlicht uͤber uns, 5⁴ waͤre es keine Schande, ich wollte dich mit meinem Jasdſpieß an die Erde heften.— Aber ſei verſichert, Maurice de Bracy, du ſollſt fuͤr deinen Antheil an dieſer Schandthat ſchmerzlich buͤßen.“ „Wer ungeſtraft drohen will, droht einem Gefan⸗ genen,“ entgegnete de Bracy,„wenn hatte aber je ein Sachſe einen Funken von Hoͤflichkeit!“ Dann wandte er ſich zwei Schritte zuruͤck und ließ die Lady ziehen. Cedric druͤckte, ehe ſie ſchieden, ſeinen beſon⸗ dern Dank dem ſchwarzen Ritter aus, und erſuchte ihn angelegentlich, ihn nach Rotherwood zu begleiten. „Ich weiß,“ ſprach er,„daß Ihr irrenden Ritter Euer Gluͤck auf der Spitze Eurer Lanze tragt, und wenig nach Land und Guͤtern fragt; allein das Kriegsgluͤck iſt eine launenhafte Herrinn, und ein⸗ Heimath iſt oft auch einem Kaͤmpfer erwuͤnſcht, der ſen Gewerbe Wandern iſt. Du, edler Ritter, haſt dir eine in den Hallen von Rotherwood erkaͤmpſt. Ced ric hat Reichthuͤmer genug, alle Launen des Gluͤckes auszugleichen, und Alles, was er ſein heißt, heilt er mit ſeinem Befreier— Kommt daher nach Rotherwood, nicht als Gaſt, ſondern als Sohn oder Bruder.“ „Cedric hat mich bereits reich gemacht,“ erwie⸗ derte der Nitter,—„er hat mich gelehrt, der Sachſen Tapferkeit zu ſchaͤtzen. Nach Rotherwood will ich kommen, wackrer Sachſe, und zwar bald, jezt aber halten mich wichtige Geſchaͤfte vom Beſuche Eurer * — — 5⁵ Hallen ab! Vielleicht werde ich, komm ich dahln, Eure Großmuth auf eine harte Probe ſtellen.“ „Es iſt gewaͤhrt, ehe Ihr es ausſprecht,“ verſezte Cedric, indem er ſeine bloſe Hand in die behand⸗ ſchuhte des Ritters legte;„es iſt bereits gewaͤhrt, und ſollt es die Haͤlfte meines Vermoͤgens betreffen.“ „Verpfaͤndet Euer Wort nicht zu unbedacht,“ ent⸗ gegnete der Ritter vom Feſelſchloß;„ich hoſfe aber dennoch die Gunſt zu gewinnen, um die ich Euch bit⸗ ten werde— indeſen lebt wohl!“ „Ich habe blos noch zu erwähnen, daß ich waͤh⸗ rend der Leichenbeſtattung des edeln Athelſtane ein Bewohner ſeiner Burg Coningsburgh ſein werde. Sie wird allen offen ſtehen, die der Feier beiwohnen wollen, und ich ſpreche im Namen der edlen Edith, der Mutter des gefallenen Prinzen— ſie ſoll keinem verſchloſſen ſein, der ſo rapfer, obgleich erfolglos ge⸗ fochten, um Athelſtane vor normaͤnniſchen Ketten und normaͤnniſchem Stahle zu retten.“ „Ja, ja,“ ſiel Wamba ein, der ſeine Stelle bei ſeinem Heren wieder eingenommen hatte,—„es iſt Jammerſchade, daß der edle Alhelſtane nicht ſelbſt bei ſeinem Todtenmahl mit bankettiren kann.— Aber er,“ fuhr der Narr mit zum Himmel gerichteten Au⸗ gen fort,„ſpeist nun im Paradies und wird ohne Zweifel dem Mahle alle Ehre anthun.“— „Schweig, und mache, daß du fortkommſt!“ fiel Cedric ein, ſeinen Aerger uͤber den unziemlichen Scherz 5 56 durch die Erinnerung an Wambas Dienſte maͤßigend. Rowena winkte dem mit dem Feſſelſchloß ein dankbares Lebewohl zu— der Sachſe befahl ihn in Gottes Schutz, und ſie enteilten durch die weiten lichten Gaͤnge des Waldes dahin. Sie waren kaum geſchieden, als ploͤzlich unter den gruͤnen Zweigen ein anderer Zug hervorkam, ſich lang⸗ ſam um das gruͤne Amphitheater bewegte und dann dieſelbe Richtung mit Rowena und deren Gefolge nahm. Die Prieſter eines benachbarten Kloſters wa⸗ ren in Erwartung einer großen Schenkung oder sout scat, welche Cedric ausgeſezt hatte, der Bahre gefolgt, auf welcher Athelſtanes Koͤrper lag, und ſangen geiſt⸗ liche Lieder, waͤhrend er langſam und traurig auf den Schultern ſeiner Vaſallen nach ſeinem Schloſſe Co⸗ ningsbourgh getragen ward, um in der Gruft Hen⸗ giſts, von dem der Entſchlafene ſeinen Stamm ablei⸗ tete, beigeſezt zu werden. Viele ſeiner Vaſallen hatte die Nachricht von ſeinem Tade herbeigelockt, und auch ſie folgten der Bahre, mit allen aͤuſſerlichen Zeichen von Schmerz und Gram. Wieder erho⸗ ben ſich die Geaͤchteten, und zollten dieſelbe rohe, un⸗ willkuͤhrliche Ehrfurcht dem Tode, die ſie ſo eben noch⸗ der Schoͤnheit gezollt hatten,— die leiſe verhallenden Todtengeſaͤnge der Prieſter brachten ihre am geſtri⸗ gen Tage gefallenen Kameraden in ihr Gedaͤchtniß zurück. Aber ſolche Erinnerungen haften nicht lange bei Leuten, welche ihr Leben unter gefahrvollen Unter⸗ . 2 — 57 nehmungen verlebten, und ehe noch die Todtenlieder gaͤnzlich verhallten, waren die Geaͤchteten mit der Vertheilung ihrer Beute beſchaͤftigt. „Tapferer Ritter,“ wandte ſich Locksley an den ſchwarzen Kaͤmpfer, ohne deſſen hohen Muth und maͤchtigen Arm unſer Unternehmen nicht ausgefährt worden waͤre, habt die Guͤte und nehmt von dieſer Beute, was immer Euch geluͤſtet, und erinnert Euch dabei meines Gerichtsbaums.“ „Ich nehme das Anerbieten an,“ verſezte der Ritter,„ſo freimuͤthig, als es dargeboten ward, und bitte Euch um Erlaubniß, uͤber Sir Manrice de Bracy nach Gefallen verfuͤgen zu duͤrfen.“ „Er iſt bereits dein eigen,“ antwortete Locksley, „und wohl ihm, der Tyrann ſollte bereits den hoͤchſten Aſt dieſer Eiche ſchmuͤcken, und ſo viele von ſeinen Freibeutern, als wir nur immer auftrei⸗ ben könnten, ſollten wie Eicheln um ihn haͤngen!— Doch er iſt dein Gefangener und alſo gerettet, ob⸗ gleich er meinen Vater erſchlagen hat.“ „Bracy!“ ſprach der Nitter,„du biſt frei, mache dich aus dem Staub. Er, deſſen Gefangener du biſt, verachtet es, ſich fuͤr das Vergangene zu raͤchen. Aber huͤte dich fuͤr die Zukunft, daß dir's nicht ſchlimmer ergeht.— Maurice de Bracy, ich ſag' dir, nimm dich in Acht!“ De Bracy verbeugte ſich tief und ſchwieg, und war eben im Begriff, ſich zu entfernen, als die Yeomen 58 in Fluͤche und Hohugelaͤchter ausbrachen. Der kuͤhne Ritter ſtand alsbald ſtill und ſich umwendend, und ſeine Haͤnde ballend, erhob er ſtolz ſeine Geſtalt und rief:„ruhig, Ihr bellenden Hunde! warum ließt Ihr Euer Geſchrei nicht ertoͤnen, als der Hirſch noch ge⸗* —. 1 jagt ward? de Bracy verachtet Euern Hohn, wie er 1 Euern Beifall verachten wuͤrde— verkriecht Euch in Eure Hoͤhlen, hinter Eure Dornſtraͤuche, Ihr geaͤchte⸗ ten Diebe! und ſchweigt, wenn man einen Ritter und Edeln eine Meile von Euren Fuchslöchern auch nur mit Namen nennen hoͤrt!“ 4 4 Dieſe unzeitige Rede wuͤrde ohne eiliges Dazwi⸗ ſchentreten des Hauptmanns der Geaͤchteten dem de Bracy einen Hagel von Pfeilen zugezogen haben. 5* Mittlerweile griff der Ritter ſchnell ein Pferd beim Zuͤgel; es ſtanden mehrere aus Front de Boeufs Stalle umher und machten einen betraͤchtlichen Theil der Beute aus, ſchwang ſich in den Sattel und ent⸗ eilte durch den Wald. Als die Unruhe, welche dieſer Vorfall erregt hatte, ſich etwas gelegt, nahm der Hauptmann der Geaͤchte⸗ ten das reiche Horn und Bandelier vom Halſe, das er bei dem Bogenſchießen bei Aſhby gewonnen hatte. „Edler Ritter,“ ſprach er zu dem vom Feſſelſchloß, „wenn Ihr es nicht verſchmaͤht, mein Jagdhorn durch Eure Annahme zu ehren, ſo wuͤrde ich Euch erſuchen, 4 es als Audenken an Eure Ritterlichkeit bei dieſem Strauße zu tragen. Und wenn Ihr irgend etwas vor⸗ * — — —2 59 habt, wie es einem tapfern Ritter oft geſchieht, vder in dem Walde zwiſchen Trent und Tees ins Ge⸗ draͤnge kommt, ſo blaſet nur die drei Worte Waſa — hoal— ⁹) auf dem Horn und Ihr ſollt ſogleich Huͤlfe finden!“ 3 „Großen Dank fuͤr dein Geſchenk, kuͤhner Yeo⸗ man,“ erwiederte der Ritter,„und beſſere Huͤlfe als deine und deiner Untergebenen wuͤrd' ich in der aͤuſ⸗ ſerſten Noth nicht verlangen.“ Drauf ließ er den Ton kuͤhn durch den Wald hin erſchallen. „Schoͤn und klar geblaſen!“ ſprach der Yeoman; „hol' mich der Henker, du verſen dich ſo gut aufs Weidewerk, als auf die Schlacht!— Du haſt wohl ſchon manchen Hirſch verfolgt in delnen Tagen.— Kameraden, merkt Euch dieſe drei Worte,— es iſt der Ruf des Ritters von dem reaue hloß!— und der, welcher ihn hoͤrt, und ihm nicht in Eile beiſpringt in ſeiner Noth, den will ich mit den Sehnen ſeines eignen Bogens aus unſrer Bande peitſchen laſſen.“ „Lauge lebe unſer Hauptmann!“ riefen die Yev⸗ men,„lange lebe der ſchwarze Ritter vom Feſſeel⸗ ſchloß! mag er bald unſrer Dienſte beduͤrfen, damit er ſehe, wie bereit wir ihm zu Huͤlfe kommen!“ *) Die Noten fuͤr das Jagdhorn wurden vor Alters Worte ge⸗ nannt, und werden in alten Jagdgeſchichten nicht durch muſika⸗ liſche Zeichen, ſondern durch Worte ausgedruͤckt. 60 Locksley ſchritt nun zur Vertheilung der Beute, was er mit lobenswuͤrdiger Unpartheilichkeit that. Der zehnte Theil ward fuͤr die Kirche und zu from⸗ men Gebraͤuchen ausgeſchieden, ein Theil fuͤr ihren gemeinſchaftlichen Schatz beſtimmt; ein dritter Theil für die Wittwen und Kinder der Gefallenen oder zu Seelenmeſſen fuͤr die, welche ohne Erben ſtarben, ver⸗ wendet. Der Reſt ward je nach Rang und Verdienſt unter die Geächteten vertheilt, und dabei in ſtreiti⸗ gen Fällen das Urtheil des Hauptmanns als, Entſchei⸗ dung angenommen. Der ſchwarze Ritter war nicht wenig erſtaunt, wie Leute in einem ſo geſetzloſen Zu⸗ ſtand dennoch unter ſich ſo regelmaͤßig regiert wurden, und alles dieß diente dazu, ſeine Meinung von der Gerechtigkeit und der Beurtheilungskraft ihres Fuͤh⸗ rers zu erhoͤhen. Als jeder ſeinen Antheil an der Beute bekommen, entfernte ſich der Schatzmeiſter von vier ſtarken Yeomen begleitet, um das zum oͤffentli⸗ chen Schatz beſtimmte in einen ſicheren Verſteck zu bringen; der Theil der Kirche blieb unberuͤhrt. „Ich wollte,“ ſagte der Hauptmann,„wir haͤtten Nachricht von unſerem luſtigen Kaplan,—„er ließ nie auf ſich warten, wo eine Mahlzeit zu ſegnen oder Beute zu theilen war, und ſeine Schuldigkeit iſt es, fuͤr dieſen Zehnten, die Frucht unſres gluͤcklichen un⸗ ternehmens, Sorge zu tragen. Auch habe ich nicht weit von hier einen heiligen Bruder in Gewahrſam, und wuͤnſchte den Moͤnch bei mir zu haben, damit 61 ich weiß, wie ich mit ihm umſpringen muß. Ich zweifle ſehr, daß der tolle Prieſter in Sicherheit iſt.“ „Das wuͤrde mir ſehr Leid thun,“ ſagte der Ritter von dem Feſſelſchloß, ich bin noch ſein Schuldner fuͤr eine froͤhliche Bewirthung zu Nacht in ſeiner Zelle. Wir wollen nach den Ruinen des Schloſſes, vielleicht erfahren wir dort etwas von ihm.“ Indeß ſie ſo ſprachen, kuͤndigte ein lauter Jubel⸗ ruf die Ankunft desjenigen an, für den ſie beſorgt waren, und von deſſen Annaͤherung ſie die Stentorſtimme des M tige Geſtalt zu Geſicht bekamen. 3 „Macht Platz, meine luſtigen Herren!“ rief er, „macht Platz fuͤr Euern geiſtlichen Vater und ſeinen Gefangenen!— Ruft noch'mal Euren Willkemn Ich komme, edler Hauptmann, gleich einem Adler, mit der Beute in den Klauen!“ Indem er ſich ſo in den Kreis draͤngte, ſchwang er unter dem lauten Gelaͤchter der Verſammlung in majieſtaͤtiſchem Triumph ſeine hohe Partiſane in einer Hand, und in der andern ein Halfter, deſſen Schlinge dem ungluͤcklichen Iſaak von Vork um den Hals ging, der von Gram und Schmer⸗ zen zu Boden gedruͤckt von dem prieſterlichen Sieger dahergeſchleppt wurde. Wo iſt Allan a Dale, um mich in einer Ballade oder einem Liede zu beſingen? Beim heiligen Hermangild, der alberne Geiger iſt nie⸗ mals um den Weg, wenn es ein ordentliches Thena zum Preiſe der Tapferkeit gibt.“ Nonchs noch eher uͤberzeugte, als ſie ſeine kraͤf⸗ 62 „Nun du ſchelmiſcher Prieſter,“ ſagte der Haupt⸗ mann,„du haſt heute fruͤh ſchon eine naſſe Meſſe gehalten. Im Namen des heiligen Nikolas, wen bringſt du hier?“ „Einen Gefangenen durch Schwert und Lanze, edler Hauptmann,“ erwiederte der Moͤnch von Cop⸗ manhurſt.—„Durch Bogen und Stock ſollt' ich ſa⸗ gen, und doch hat ihn meine Heiligkeit aus einer noch ſchlimmern Gefangenſchaft befreit.— Sprich Inde— habe ich dich nicht vom Satan erloͤst?— Hab' ich dich nicht dein Credo, dein Paternoſter und dein Ave Maria gelehrt?— Habe ich nicht die ganze Nacht damit zugebracht, dir zuzutrinken und die Myſterien un res ſeligmachenden Glaubens auseinander zu klauben?“ „Um Gotteswillen!“ rief der arme Jude;„will mich Niemand aus der Hand dieſes raſenden, dieſes heiligen Mannes wollt' ich ſagen, befreien?“ W „Wie, Jude?“ rief der Moͤnch mit droh hender Gebaͤrde; nwiderrufſt du, Jude? Bedenk' dich, wenn du in deinen Unglauben zuruͤckſinkſt, ſo biſt du, ob⸗ wohl nicht ſo zart wie ein Spanferkel— ich wollt⸗ ich haͤtt' eins, mein Faſten zu brechen,— doch nicht zu zaͤh zum Noͤſten! Sei bei Troſt, Jude, und ſprich mir die Worte nach:„Ave Maria!«— —— 77 „Nein, wir wollen das Gebet nicht in ſeinem Mund entheiligen la ſſen, toller Prieſter,“ fiel Locksley immer ſuchen muß, wenn man ſie noͤthig hat, zu ſperrte.— Ein fallendes Gemaͤuer folgte dem Andern. 65 ein;„laß uns lieber vernehmen, wo du den Inden aufgegabelt haſt.“ „Beim heiligen Dunſtan!“ rief der Moͤnch;„ich fand ihn, wo ich nach beſſerer Waare ſuchte. Ich ſtieg in den Kellerraum, ob ſich nicht noch etwas fortbringen ließe. Denn obgleich ein Becher gebrannten Weins, gehörig gewuͤrzt, ein eines Kaiſers wuͤrdiger Abend⸗ trunk ſein mag, ſo glaubt' ich doch, es waͤre Schade, ſo viele geiſtige Getraͤnke auf einmal verbrennen zu laſſen. Schon hatte ich einen Schlauch mit Sekt er⸗ griffen, und wollte dieſe muͤßigen Schelme, die man Huͤlfe rufen, als ich eine ſtarke Thuͤr bemerkte.— Ach, dacht' ich, in dieſer verborgenen Gruft hier iſt noch das köoͤſtlichſte von Allem, uͤnd der Eſel von Kellermeiſter hat, in ſeinem Berufe geſtoͤrt, den Schluͤſſel ſtecken laſſen. Ich machte mich hinein und fand nichts, als einen Vorrath verroſteter Kelten und dieſen Hund von Juden, der ſich mir denn auch ſo⸗ gleich auf Gnade und Ungnade uͤbergab. Ich erfriſcht mich und meinen Unglaͤubigen nach vollbrachter Hel⸗ denthat mit einem Becher ſchaͤumenden Sekts, nnd war auf dem Sprung, mit meinem Gefangenen mich davon zu machen, als Schlag auf Schlag mit furcht⸗ barem Krachen und hoͤlliſchem Feuer das Mauerwerk eines aͤuſſeren Thurms einſtuͤrzte,(daß ihn die Teu⸗ felskerl nicht feſter bauten!) und uns den Ausweg ver⸗ 6½ 3 Ich gab ſchon jeden Gedanken auf Rettung auf, und da ich es fuͤr einen meines Standes unwuͤrdig glaubte, in Geſellſchaft eines Inden aus der Welt zu ſcheiden, hob ich ſchon meinen Kampfſtock auf, ihm den Hirn⸗ kaſten einzuſchlagen; allein-ich hatte Mitleid mit fei⸗ nen grauen Haaren, und hi lelt es fuͤr beſſer, meine geiſtlichen Waffen zum Werle der Bekehrung zu ver⸗ ſuchen. Und Dank ſei es dem heiligen Dunſtan, der Saame fiel auf einen guten Boden, mir hatte das Sprechen von den Myſterien unſres Glaubens die liebe lange Nacht hindurch(denn die wenigen Schluͤcke Sekt, womit ich meinen Witz ſchaͤrfte, koͤnnen nicht in Anſchlag kommen) den Kopf ſo wuͤſte gemacht, daß ich ganz erſchoͤpft war.— Gilbert und Wibbald ſollen ſagen, in welchem Zuſtand ſie mich gefunden haben— ganz und gar erſchopft und abgethan.“ „Wir koͤnnen dieß Zeugniß geben,“ ſagte Gilbert, denn als wir die Truͤmmer weggeraͤumt, und mit Huͤlfe des heiligen Dunſtan die Kellertreppen freige⸗ macht hatten, fanden wir den Sektſchlauch halb ge⸗ leert, den Juden halb todt und den Moͤnch beinahe ganz erſchoͤpft, wie er es heißt.“ „Ihr ſeid Schufte! Ihr luͤgt!“ entgegnete der beleidigte Moͤnch,„Ihr und Eure leckere Begleitung habt den Schlauch geleert und nanntet es Euren Morgentrunk!— Ich will ein Heide ſein, wenn ich ihn nicht fuͤr des Haudtmanns Kehle ſparte!— Doch 8 1 — — * 65 was ſchadet es?— der Jude iſt bekehrt, und verſteht Alles, was ich ihm ſagte, ſo gut beinahe als ich ſelbſt.“ „Jude,“ fragte der Hauptmann,„iſt es wahr? haſt du deinem Unglauben entſagt?“ „Mag ich ſo gewiß in Euren Augen Gnade fin⸗ den,“ verſezte der Jude,„als ich kein Wort mehr weiß von dem, was der ehrwuͤrdige Praͤlat in dieſer Schreckensnacht an mich hin geſprochen hat!— Ach! ich war ſo von Angſt, Furcht und Gram befangen, daß, waͤre unſer heiliger Vater Abraham gekommen und haͤtte mir gepredigt, er nur einen tauben Zuhoͤ⸗ rer gefunden haͤtte.“ „Du luͤgſt, Jude, du wußteſt wohl, was du thateſt,“ ſprach der Moͤnch,„ich will dir noch jedes Wort un⸗ ſerer Unterhaltung ins Gedaͤchtniß rufen. ſprachſt du nicht all' dein Vermoͤgen unſerem heiligen Orden zu vermachen?“ „So wahr ich an die Verheißung glaube, edle Herren!“ rief Iſaak noch beſtuͤrzter als zuvor,„nie Ich bin ein armer, alter Mann— und wie ich fuͤxchte, kinderlos— habt Erbarmen mit mir und laßt mich gehn.“ „Nein,“ ſagte der Moͤnch,„wenn du die Geluͤbde wieder zuruͤcknimmſt, die du fuͤr unſere K irche tha⸗ kam ſo etwas uͤber meine Lippen!— teſt ſo mußt du dafuͤr buͤßen.“ Er erhob ſeinen Kam pfſtab und haͤtte ihn luſtig auf dem Ruͤcken des Juden tanzen laſſen, haͤtte nicht der W. Scott's ſaͤmmtl. Werke XLVI. 5 — ver⸗ 66 ſchwarze Nitter den Schlag aufgefangen und ſo des heiligen Mannes Wuth auf ſich gezogen. „Beim heiligen Thomas von Kent!“ ſprach er, „ich bin einmal aufgelegt, mich zu raufen, und will dich trotz deinem Eiſenkopf da lehren, ſich in Andrer Au⸗ gelegenheiten zu miſchen.“ „Nun, ſei nicht boͤſe auf mich,“ ſagte der Nitter, „du weißt, ich bin dein geſchworner Freund und Ka⸗ merad.“ „Ich weiß nichts davon,“ antwortete der Moͤnch, „und erklare dich fuͤr einen naſeweiſen J Maulaffen.“ „Wie?“ erwiederte der Ritter, der wie es ſchien, Vergnugen daran fand, ſeinen weiland Wirth in Har⸗ niſch zu bringen,„haſt du vergeſſen, daß du(ich will nicht von der Flaſche und der Paſtete ſagen) wegen meiner dein Geluͤbde des Faſtens und Wachens — bracheſt? 2 „Wahrhaftig, Freund,“ ſagte der Moͤnch, ſeine ſtarke Fauſt ballend,„ich muß dir eins aufs Maul geben.“ „Ich nehme keine ſolche Geſchenke an,“ ſagte der Ritter;„ich will dir Alles mit ſo großem Wucher heim⸗ zahlen, als nur jemals dein Gefangener im Schacher erſchwungen hat.“ „Ich will das gleich verſuchen,“ rief der Moͤnch. „Holla!“ rief der Hauptmann.„Und was wird aus dir dann, toller Moͤnch, wenn du Streit unter dem Gerichtsbaum anfaͤngſt?“ ½ 67 „Kein Streit,“ ſagte der Ritter,„es iſt blos ein freundlicher Austauſch von Hoͤflichkeiten. Schlag' zu Moͤnch, wenn du's wagſt— ich will deinem Schlag Stand halten, wenn du dem meinigen ſtehſt.“ „Du haſt den Vortheil deines Eiſendeckels,“ ſprach der geiſtliche Herr;„allein immerhin— du mußt nieder, und ſollteſt du der leibhafte Gath oder Goliath in deinem Stahlhelm ſein.“ Der Moͤnch entbloͤste ſeinen nervigen Arm, und ver⸗ ſezte dem Ritter aus voller Kraft einen Streich, der einen Ochſen gefaͤllt haben wuͤrde. Allein ſein Gegner ſtand unerſchuͤtterlich, wie ein Fels. Ein lauter Schrei ertönte von allen Yeomen. „Nun, Moͤnch!“ rief der Ritter, ſeinen Hand⸗ ſchuh abſtreifend,„wenn ich auch mit dem Kopfe im Vortheil war, ſo will ich doch keinen fuͤr die Hand— Steh' feſt, wie ein Kauz!“ „Genam meam dedi vapulatori,— ich habe meine Wange dem Schlaͤger dargeboten,“— ſagte der Prieſter;„wenn du mich vom Platz bringſt, Alter, ſo uberlaſſe ich dir des Juden Loͤſegeld.“ So ſprach der rieſige Moͤnch in vollem Selbſtver⸗ trauen. Allein wer kann ſeinem Schickſal ent⸗ rinnen? Der Streich ward vom Ritter mit ſol⸗ chem Nachdruck und ſo gutem Willen gefuͤhrt, daß der Moͤnch zu großer Beluſtigung der Zuſchauer Hals über Kopf auf den Raſen hinkollerte. Er erhob ſich je⸗ 68 doch ſogleich, weder aͤrgerlich undch gtebergeflagen uͤber ſeinen Sturz. „Bruder,“ ſprach er zum Ritter,„du haͤtteſt deine Kraft mit mehr Schonung gebrauchen ſollen, denn ich haͤtte nur noch eine lahme Meſſe hermum⸗ meln koͤnnen, wenn du mir den Kinnbacken zerſchla⸗ gen haͤtteſt. Der Pfeifer pfeift ſchlecht, dem die Un⸗ terzaͤhne fehlen. Indeſſen haſt du da meine Hand darauf in Freundſchaft, daß ich mich nie wieder mit dir boxen will; da ich ſo ſchlecht bei der Partie weg⸗ gekommen bin.“ „Der Prieſter,“ meinte Clement,„iſt nicht halb ſo verſeſſen auf ſeine Judenbekehrung, ſeit er die Ohrfeige bekommen hat.“ „Nur zu, Schuft, was ſchwatzeſt du da von Be⸗ kehrungen?— Wie, hat man keinen Reſpekt mehr?— Lauter Meiſter, keine Jungen?— Ich ſag' dir, Bur⸗ ſche, es ſchwindelte mir etwas, als ich des guten Rit⸗ ters Schlag bekam, ſonſt haͤtt' ich nicht den Boden gemeſſen. Wenn du aber mehr davon willſt, ſollſt du lernen, daß ich ebenſo gut geben, als empfangen kann!“ „Ruhig, meine Freunde!“ ſprach der Hauptmann. „Und du, Jude, denk' an dein Loͤſegeld, du weißt, daß dein Stamm verflucht iſt in der Chriſtenheit, und glaube mir, daß wir dich nicht mehr lange in unſrer Gegenwart dulden. Beſinn' dich, was fuͤr ein Bot du machen willſt, indeß ich einen Gefangenen von anderem Kaliber vernehme.“ 8 69 4 „Wie viele von Front de Boeufs Leuten ſind ge⸗ fangen?“ fragte der ſchwarze Ritter. 3 „Keiner, der wichtig genug waͤre, ausgelost zu werden,“ antwortete der Hauptmann;„ſo ein paar furchtſame Jungen hatten wir ſpringen laſſen, damit ſie ſich einen neuen Herrn ſuchen,— genug iſt fuͤr Rache und Profit geſchehen, ein ganzes Pack von ih⸗ nen iſt keinen Heller werth. Der Gefangene, von dem ich ſprach, iſt ein beſſerer Fang,— ein feiner Moͤnch, der eben zu ſeinem Liebchen ritt, wenn man nach dem praͤchtigen Reitzeug und der Kleidung ſchließen darf.— Hier kommt der wuͤrdige Praͤlat, ſo praͤchtig wie ein Pfau!“ Und zwiſchen zwei Veomen ward vor den gruͤnen Thron des Oberherrn der Geaͤchteten un⸗ ſer alter Freund, Prior Aymer von Jorvaulr, gebracht. Viertes Kapitel. —— Der Krieger Blume ſprich! Wie ſieht's mit Titus Lartius?— Martius. Vergraben iſt er in Geſchaͤften, Verdammt zum Tode, an gon⸗ Ldſ't aus, begnadigt, droht den Andern.— Coriolanus. Die Zuͤge und Gebaͤrden des gefangenen Abts tru⸗ gen das Gepraͤge beleidigten Stolzes, der Eitelkeit und doͤrperlichen Schreckens, „‚Nun, was begehrt Ihr, meine Herren?“ rief er mit einem Tone, der alle dieſe Empfindungen kund gab. Was iſt das fuͤr ein Verfahren?— Seid Ihr Turken oder Chriſten, daß Ihr Hand an einen Mann der Kirche legt?— Wißt Ihr, wie es in der Schrift beißt: manus imponere servos Domini?— Ihr habt mein Gepaͤcke gepluͤndert— meinen ſchoͤnverzier⸗ ten Chorrock abgeriſſen, der eines Kardinals wuͤrdig war. Ein Anderer wuͤrde in meiner Statt das ex⸗ communicabo vos uͤber Euch ausgeſprochen haben; allein ich bin verſoͤhnlich, und wenn Ihr meine Zelter vorfuͤhren, meine Bruͤder freigeben und mein Gepaͤck mir zuruͤckſtellen, und mir hundert Kronen zahlen wollt, um an dem Hochaltar der Abtei Jorvaulr Meſſe zu leſen, und das Geluͤbde ablegt, vor naͤchſten Pfingſten kein Wild zu eſſen, ſo ſoll Euch nichts Schlimmes weiter ob dieſem tollen Streich widerfahren.“ „Heiliger Vater,“ erwiederte der Hauptmann der Geaͤchteten,„es thut mir Leid, daß Euch von meinen Untergebenen eine Behandlung widerfuhr, die Euren vaͤterlichen Tadel erregt.“ „Eine Behandlung!“ wiederholte der Prieſter, durch den milden Ton des nhhnaneni er⸗ muthigt, M ſo behandelt man keinen Hund von edler Race, viel weniger einen Chriſten,— am we⸗ nigſten einen Prieſter,— und am allerwenigſten ei⸗ nen Prior der heiligen Bruͤderſchaft von Jorvaulr. Da iſt ein unſauberer, betrunkener Minſtrel Allan a „ 7¹ dale— nebulo quidam— der drohte mir mit köoͤr⸗ perlicher Zuͤchtigung,— ja, mit dem Tode, wenn ich nicht hundert Kronen Loͤſegeld noch zu der Beute, die er mir abgenommen, zahlen wollte— goldene Ketten— Demantringe von unſchaͤtzbarem Werth; das gar nicht einmal gerechnet, was unter ihren un⸗ ſchickten Haͤnden, zerbrochen oder verdorben ward, wie meine Streubuͤchſe und meine ſilberne Kraͤuſelzange.“ „Es iſt nicht moͤglich, daß Allan a dale einen Mann von Eurem ehrwuͤrdigen Anſehen ſo behandelt hat,“ verſezte der Hauptmann. „Es iſt ſo wahr, als das Evangelium des heili⸗ gen Nikodemus,“ ſagte der Prior,„er ſchwor unter vielen nordiſchen Bauerfluͤchen, er wollte mich an den hoͤchſten Baum in dem gruͤnen Walde haͤngen!“ „Chat er das wirklich? Ja, dann thaͤtet Ihr beſ⸗ ſer, ehrwuͤrdiger Vater, Euch ſeinem Willen zufuͤgen,— denn Allau a dale iſt der Mann dazu, ſein Wort zu halten, wenn er's verpfaͤndet hat!“ „Ihr ſcherzt mit mir,“ antwortete der erſtaunte Prior mit erzwungenem Laͤcheln;„und ich liebe einen guten Scherz von ganzem Herzen. Aber, wenn der Spaß eine liebe lange Nacht durch waͤhrt, ha! ha! ha! ſo muß man am Morgen ſchon aft drein ſehen.“ 1 „Und ich bin ſo ernſt, als ein Beichtvater,“ ent⸗ gegnete der Geaͤchtete;„Ihr muͤßt kurz und gut ein Loͤſegeld zahlen, Sir Prior, oder Euer Konvent muß 72 zu einer neuen Priorswahl ſchreiten, denn die laͤngſte Zeit Prior geweſen.“ „Seid Ihr Chriſten,“ rief der Prior,„und fuͤhrt gegen einen Mann der Kirche ſolche Reden?“ „Chriſten?“ ja freilich ſind wir das, und haben noch obenein geiſtlichen Zuſpruch unter uns. Laßt den lu⸗ ſtigen Kaplau vortreten, und ihm den Tert auslegen, woruͤber es handelt.“ Der Moͤnch hatte halbbetrunken eine Moͤnchskutte uͤber ſein gruͤnes Jagdkleid geworfen, und aller ſeiner Gelehrſamkeit aufbietend ſprach er:„Deus faciet sal- vum benignitatem vestrum— Seid willkommen im gruͤnen Wald!“ „Was ſoll dieſe unheilige Mummerei?“ fragte der Prior;„Freund, wenn du wirklich ein Glied der Kirche biſt, ſo thaͤteſt du beſſer, mir anzugeben, wie ich aus den Haͤnden dieſer Leute entkomme, als hier zu ſtehen, dich buͤckend und grinſend wie ein Mohren⸗ taͤnzer.“ 3 „In Wahrheit, ehrwuͤrdiger Vater,“ ſagte der Moͤnch,„ich ſehe nur einen Weg, auf dem du ent⸗ kommen kannſt. Es iſt heute Andreastag bei uns⸗ wir nehmen unſern Zehnten.“ „Aber h nicht von der Kirche, will ich hoffen, guter Veuder, ſprach der Prior. „Von Kirche und Laien,“ antwortete der Moͤnch, „und deßhalb rath' ich Euch, Sir Prior, facite vobis amicos de Mammone iniquitalis,— macht Euch Ihr ſeid —₰ 75 Freunde mit dem ungerechten Mammon. Denn keine andere Freundſchaft kommt Euch hier zu Statten.“ „Ich halte es gern mit dem luſtigen Weidmann,“ ſagte der Prior;„kommt, Ihr muͤßt nicht ſo hart mit mir verfahren,— ich liebe das Weidwerk, und blaſe mein Horn ſo klar und kraͤftig, daß mein Hallo von den Eichen rings umher wiederhallt.— Kommt, Ihr muͤßt nicht ſo hart mit mir umgehen.. „Gebt ihm ein Horn,“ befahl der Geaͤchtete,„wir wollen ſeine Kunſt pruͤfen, deren er ſich alſo ruͤhmt.“ Prior Aymer ließ dem zu Folge das Horn er⸗ klingen. Der Hauptmann ſchuͤttelte den Kopf. „Sir Prior,“ ſprach er,„damit kaufſt du dich nicht los. Wir geben dich nicht fuͤr einen Stoß in's Horn los, wie die Legende von des guten Ritters Schild uns berichtet. Im Gegentheil hab' ich gefun⸗ den, daß du einer von denen biſt, die die altengliſchen Hörnernoten durch dieſe fraͤnkiſchen Traliras verhunzen. — Prior, der lezte Triller am Schluß hat dein Loͤſe⸗ geld um fuͤnfzig Kronen erhoͤht, weil du die alten, mannlichen Jaͤgerweiſen verunſtaltet haſt.“ „Gut denn, Freund,“ verſezte der Abt zaghaft; man kann dir's in deiner Weidmannskunſt nicht zu Gefallen machen. So ſei denn in Betreff meines Loͤſegeldes gefaͤlliger. Mit einem Wort, da ich nun ſchon dem Teufel das Licht halten muß, was ſoll ich dafuͤr zahlen, daß ich ohne eine Bedeckung von fuͤnfzig Mann auf der Watlingſtraße reiste?“ — 274 „Waͤr' es nicht gut,“ ſagte der Lieutenant der Bande heimlich zu dem Hauptmann.„Der Prior beſtimmte des Inden Löſegeld und der Jude das des Priors?⸗ „Du biſt ein Teufelsjunge,“ ſagte der Haupt⸗ mann.„Dein Vorſchlag iſt vortrefflich.— Tritt vor, Jude— ſieh' dieſen heiligen Vater, den Prior Aymer von der reichen Abtei Jorvaulr an, und beſtimme, wie hoch wir ihn anlegen ſollen, Du kennſt die Ein⸗ kuͤnfte ſeines Kloſters, ich bin gut dafuͤr.“ „d ja,“ antwortete Iſaak.„Ich habe oft mit den guten Vaͤtern gehandelt, und Weizen, Gerſte und Erdfrüͤchte, auch viele Wolle eingekauft. O, das iſt eine reiche Abtei, ſie leben wie die Voͤgel in Hanf⸗ ſamen, trinken die beſten Weine von der Welt, dieſe guten Vaͤter von Jorvaulx. Und wenn ein armer, ausgeſtoßener Mann wie ich eine ſolche Heimath und ſolche Einkuͤnſte jaͤhrlich und monatlich haͤtte, ich wollte viel Gold und Silber zahlen, um mich aus meiner Gefangenſchaft loszukaufen.“ „Hund von einem Juden!“ rief der Prior,„Nie⸗ mand weiß beſſer, als du nichtswuͤrdiger Schuft, daß unſer Gotteshaus noch wegen des Baues der Kanzel verſchuldet iſt!“ „Und für die Fuͤllung Eurer Keller mit Gascog⸗ wein vom vorigen Jahr,“— unterbrach ihn der Ju⸗ de.—„Aber das,— das iſt unbedeutend., „Hoͤrt den unglaͤubigen Hund! ſchwatzt er nicht, als ob unſer ganzes Konvent in Schulden komme fuͤr —— 75 7 Weine, die uns zu trinken erlaubt ſind, propter ne- cessitatem et ad frigus depellendum. Der Schuft verleumdet die heilige Kirche, und das hoͤren Chriſten mit an, und zuͤchtigen ihn nicht?“ „Hilft Alles nichts!“ entgegnete der Hauptmann. „Iſaak ſprich, was er bezahlen kann, ohne daß man ihn auf Haut und Haar ſchinden muß.“ „Sechshundert Kronen,“ antwortete Iſaak,„mag der gute Prior Euer Geſtrengen ſchon entrichten, ohne es am Leibe zu ſpuͤren.“ „Sechshundert Kronen!“ ſprach ernſt der Fuͤhrer, „ich bin's zufrieden,— du haſt wohl geſprochen, Iſaak,— es ſoll gelten, Sir Prior.“ „Soll gelten!— ſoll gelten!“ rief die Bande; „Salomo hat nicht weiſer geſprochen, ſo lautet dein Urtheil, Prior,“ ſprach der Hauptmann. „Seid Ihr von Sinnen, meine Herren?“ entgeg⸗ nete der Prior,„und wenn ich Monſtranz und Altarleuchter verkaufte, koͤnnt' ich kaum die Haͤlfte davon aufbringen. Und dazu muͤßte ich noth⸗ wendig ſelbſt zum Kloſter zuruͤck; Ihr koͤnnt indeß meine beiden Prieſter als Geißeln behalten.“ „Daß wir Narren waͤren, Pfaffe,“ ſprach der Ge⸗ aͤchtete,„wir behalten dich zuruͤck, und laſſen das Lo⸗ ſegeld durch jene holen. Es ſoll dir indeſſen nicht an einem Trunk guten Wein, und an Wildbret gebrechen, und wenn du das Weidwerk liebſt, ſo kannſt du es hier treiben, wie nirgends im Nordlande.“ „Oder wenn es Euch gefallt,“ ſprach der Jude, der ſich bei den Geachteten gerne in Gunſt ſetzen wollte,„kann ich nach York nach den ſechhundert Kro⸗ nen ſenden, da ich gerade ſo viele Gelder in Haͤnden habe, wenn mir der Herr hier einen Schein daruͤber ausſtellen will.“ „Er ſoll dir alle Sicherheit geben, meiche du be⸗ gehrſt, Iſaak,“ ſagte der Hauptmann.„So legſt du dann fuͤr den Prior Aymer, wie fuͤr dich das Loͤſegeld hier nieder.“ „Fuͤr mich ſelbſt! ach, meine geſtrenge Herren, ich bin ein geſchlagener, armer Mann, muͤßte mein Lebenlang betteln gehn, wenn ich Euch auch nur fuͤnfzig Kronen zahlen muͤßte.“ „Der Prior ſoll daruͤber entſcheiden,“ verſetzte der Hauptmann,„was meint Ihr, Vater Aymer?— Kann der Jube ein gutes Loͤſegeld entrichten?“ 3 „Ob er ein Loͤſegeld entrichten kann?“ antwortete der Prior.„Iſt nicht der Iſaak von York reich ge⸗ nug, um alle zehn Staͤmme Iſraels aus der aſſyri⸗ ſchen Gefangenſchaft loszukaufen? Ich ſelbſt habe nur wenig von ihm geſehn, aber mein Kellermeiſter und Schatzmeiſter haben viel mit ihm zu thun gehabt, und mir geſagt, ſein Haus zu York ſei voll Gold und Silber, daß es eine Schande ſei fuͤr ein Chriſtenland. Nur wundern muß ſich jede Chriſtenſeele, daß man ſolche Blutſauger in den Eingeweiden des Staates 77 wuͤhlen laͤßt, die ſelbſt die heilige Kirche mit ihren Erpreſſungen und ihrem Wucher druͤcken.“ „Heiliger Vater,“ ſprach der Jude,„maͤſſiget Euern Zorn, ich bitte Ew. Ehrwuͤrden zu bedenken, daß ich Niemanden mein Geld aufdringe. Wenn Laien und Geiſtliche, Fuͤrſten und Aebte, Ritter und Prieſter an Iſaaks Thuͤre pochen, um zu borgen, be⸗ dienen ſie ſich keiner ſo unhoͤſtichen Ausdruͤcke. Da heißt es allemal Freund Iſaak, wollt Ihr uns in die⸗ ſer Verlegenheit gefaͤllig ſein, wir werden mit der Zahlung auf den Tag einhalten, ſo wahr uns Gott helfe! und, lieber Iſaak, wenn Ihr je einen Mann gerettet, bezeigt Euch uns als Freund in der Noth. Fordere ich aber zur Zeit das Meinige zuruͤck, ſo heißt es:„Verdammter Jude! Egyptens Fluch uͤber dich und deinen ganzen Stamm, und was das rohe und ungeſchickte Volk noch mehr gegen arme Fremdlinge auszuſtoßen pflegt.“ L „Prior,“ ſagte der Hauptmann,„der Jude hut fo Unrecht nicht, Beſtimmt indeß ſein Loͤſegeld, wie er das deine beſtimmt hat, ohne weitere harte Worte.“ „Niemand, als ein latro famosus(die Verdol⸗ metſchung ein andermah“ ſagte der Prior,„wuͤrde einen riſtlichen Praͤlaten und einen ungetauften Juden auf eine Bank ſetzen. Doch da Ihr von mir begehrt, dieſen Lumpenhund abzuſchaͤtzen, ſo ſag' ich Euch offen, er wird's Euch uͤbel nehmen, wenn Ihr ihn um einen Pfennig weniger als tauſend Krouen ſpringen ließet.“ „Gilt! gilt!“ rief das Oberhaupt der Geaͤchteten. „Gilt! gilt!“ ſchrieen ſeine Spießgeſellen;„der Chriſt hat ſeine guten Geſinnungen erprobt, daß er noch großmuͤthiger als der Jude gegen uns handelt.“ „Der Gott meiner Vaͤter helfe mir!“ rief der Jude:„wollt Ihr eine arme Kreatur vollends ganz zu Grunde richten? Kinderlos bin ich ſchon, wollt Ihr mich auch des Lebensunterhalts berauben?“ „Biſt du kinderlos, ſo brauchſt du um ſo weniger, Jube!“ verſetzte der Prior. „Ach, mein Herr,“ verſetzte Iſaak,„Eure Geſete erlauben Euch nicht zu empfinden, mit welchen Ban⸗ den ein Kind an unſer Herz gefeſſelt iſt.— O Re⸗ bekka! Tochter meiner geliebten Rachel!— Waͤre je⸗ des Blatt dieſes Baumes eine Zechine, und jede die⸗ ſer Zechinen mein Eigenthum— all' dieſen Reich⸗ thum gaͤbe ich hin, wuͤßt' ich nur, ob du lebteſt, und den Haͤnden der Nazarener entronnen waͤreſt.“ „War nicht deine Tochter ſchwarzlockig?“ fragte einer der Geaͤchteten;„und trug ſie nicht einen Schleier von gewebtem Zindel mit Silber durchwirkt?“⸗ „Ja, ja!“ rief der zalke Mann, vor Begierde, wie fruͤher vor Furcht erzitternd.„Der Segen Jacobs uͤber dich! kannſt du mir etwas von ihrer Rettung ſagen?— 79 3 „Dann war ſie es,“ fuhr der Yeoman fort,„die von dem ſtolzen Templer fortgefuhrt ward, als er geſtern unſre Reihen durchbrach. Ich hatte ſchon meinen Bogen geſpannt, um ihm einen Pfeil nach⸗ zuſenden, aber ich dachte, ich moͤchte das Maͤdchen be⸗ ſchaͤdigen und ſo unterließ ich es.“ „O!“ rief der Jude,„haͤtteſt du ihn abgedruͤckt, und waͤr er ihr durch's Herz gedrungen.— Beſ⸗ ſer im Grab ihrer Vaͤter, als auf dem entehrenden Lager des ausſchweifenden, rohen Templers. Ichobad! Ichobad!— Die Ehre iſt aus meinem Hauſe gewichen!“ „Freunde!“ ſprach der Hauptmann an ſeine Um⸗ gebung gewandt,„der alte Mann iſt zwar nur ein Jude, doch jammert er mich. Sei aufrichtig, Iſaak — werden dich dieſe tauſend Kronen ganz mittellos machen?“ Iſaak zu ſeinen weltlichen Guͤtern zuruͤckgernſen, die ihm durch lange Gewoͤhnung beinahe eben ſo theuer, in ſeinem Innern mit ſeinen Vatergefuͤhlen kaͤmpften. Er ward blaß, ſtammelte, konnte aber doch einen kleinen Ueberſchuß nicht verlaͤugnen. „Gut denn,“ ſprach der Anfuͤhrer,“ zu ſcharf wol⸗ len wir den Ueberſchuß nicht berechnen. Ohne Geld darfſt du ſo wenig hoffen, dein Kind aus den Haͤnden Brian de Bois Guilberts zu befreien, als wir den Koͤnigshirſch mit ſtumpfem Pfeil erlegen. Du zahlſt uns daſſelbe Loͤſegeld wie Prior Aymer, oder vielmehr hundert Kronen weniger, meinen Antheil an der Beute, 8⁰ damit man uns nicht beſchuldige, einen juͤdiſchen Kauf⸗ mann hoͤher als einen chriſtlichen Praͤlaten angelegt zu haben. Dann bleiben dir noch hundert Kronen, um wegen deiner Tochter Ausloͤſung zu unterhandeln. Die Templer lieben den Schimmer des Silbers ſo gut als das Funkeln ſchwarzer Augen,— geh', laß deine Kronen von Bois Guilberts Ohren klingen, ehe ihr was Schlimmeres geſchieht.— Unſern Nachrich⸗ ten zu Folge wirſt du ihn im naͤchſten Praͤzeptorium ſeines Ordens finden.— Hab' ich Recht gethan, meine munteren Geſellen?“ Die Neomen druͤckten ihre gewohnte Uebereinſtim⸗ mung mit ihres Fuͤhrers Willen aus; und Iſaak von der einen Haͤlfte ſeiner Beſorgniſſe befreit, als er hoͤrte, daß ſeine Tochter noch lebe, und moͤglicher Weiſe ausgeloͤst werden koͤnne, warf ſich dem groß⸗ muͤthigen Geaͤchteten zu Fuͤßen und ſuchte den Zipfel ſeines gruͤnen Jagdrockes zu kuͤſſen. Der Hauptmann wandte ſich ab und machte ſich nicht ohne Zeichen der Verachtung von dem Juden los. „Nein, Mann, nein, ſteh' auf! Ich bin ein Eng⸗ laͤnder, und liebe ſolche morgenlaͤndiſche Erniedrigung nicht.— Knie vor Gott, und vor keinem ar⸗ men Suͤnder, wie ich bin!“ „Ja, Jude,“ ſprach Prior Aymer;„knie vor Gott, der in dem Diener des Altars vertreten wird, und der dir auch zu rathen weiß, wenn du aufrichtig 3 be⸗ 81 reueſt und dich mit ſchicklichen Gaben dem Schreine des heiligen Robert naheſt, wo du fuͤr dich und deine Tochter Gnade erlangen kannſt. Es thut mir Leid um das Maͤdchen, ſie iſt ſchoͤn und wohlgeſtaltet; ich ſah ſie in den Schranken von Aſyby.— Auch vermag ich viel uͤber Bois Guilbert; uͤberlege dir's alſo, wie du meine Furſprache bei ihm gewinnen magſt.“ „O Gott!“ rief der Jude,„uberall erheben ſich Raͤuber wider mich— ich bin den Afyriern, und denen von Egypten zur Beute geworden.“ „Und welch' beſſeres Loos verdient dein verfluͤch⸗ ter Stamm?“ antwortete der Prior.„Sagt nicht die Schrift: verbum Domini projecerunt et sapien- tia est nulla in eis— ſie haben das Wort des Herrn verworfen, und keine Weisheit iſt in ihnen; propierea dahomplieres eorum exteris— ich will ihre Wei⸗ ber den Fremdlingen geden, das heißt dem Templer im a sgenden Fall— et lhesaurum eorum bhaerecki- bus alienis,— und fremden Erben ihre Schaͤtze!“ Iſaak ſeufzte tief auf, rang di Haͤnde und fiel in den fruͤhern Zuſtand von Troſtloſi ſigkeit zuruͤck; allein der Fuͤhrer der Yeomen nahm ihn bei Sei te und ſagte: „Beſinne dich wohl, Iſaak, was du in dieſer Sache thun willſt. Mein Rath iſt der, du machſt dir den Geiſtlichen zum Freund. Er iſt eitel, habſuͤchtig, und braucht viel Geld du kannſt ihn beiht befriedi⸗ W. Scott’s ſämmtl. Werke. XLVI. gen; denn glaube nicht, mich mit deiner vorgeſchuͤtzten Armuth zu blenden.— Ich kenne den eiſernen Ka⸗ ſten, worin du deine Geldbeutel bewahrſt.— Auch der große Stein unter dem Apfelbaum iſt mir bekannt, er fuͤhrt nach dem Gewoͤlbe in deinem Garten zu York.“ Der Jude ward blaß wie der Tod.— „Aber fuͤrchte nichts von mir,“ fuhr der Yeoman fort,„denn wir ſind alte Bekannte. Erinnerſt du dich nicht des kranken Yeomans, den deine ſchoͤne Tochter Rebekka zu York vom Tode errettete und im Haus behielt, bis er wieder geneſen war, und wie du ihn dann mit einem Stuͤck Geld entließeſt? So ſehr du auch Wucherer biſt, nie konnteſt du dein Geld auf beſſere Zinſen legen, als jene winzige Silbermark, denn heute hat ſie dir fuͤnfhundert Kronen gerettet.“ „Und biſt du der, den wir Dikkon den Bogenſpan⸗ ner nennen?“ fragte Iſaak,„dacht' ich doch immer, ich kenne deiner Stimme Ton.“ „Ich bin der Bogenſpanner,“ antwortete der Hauptmann,„und heiße Locksley, und habe noch auf⸗ ſerdem einen guten Namen.“ „Aber du irrſt dich, guter Bogenſpanner, in Be⸗ treff des beſagten Gewoͤlbes. Bei Gott, es iſt nichts darin, als einige Waaren, die ich mit Freuden mit dir theile.— Etwa fuͤnfhundert Ellen Linkolner Tuch, zu Waͤmſern fuͤr deine Leute, und hun⸗ dert Staͤbe ſpaniſches Ebenholz, um Bogen draus zu machen, und hundert ſeidene Schnuͤre dazu, ſt eif, rund 83³ und toͤnend.— Die will ich dir ſenden fuͤr deinen guten Willen, wackerer Dikkon, wenn du reinen Mund haͤlſt in Betreff des Gewoͤlbes, guter Dikkon.“ „Das werd' ich!“ verſezte der Geaͤchtete.„Aber glaubt mir, ich bin beſorgt um Eure Tochter. Ich kann ihr nicht helfen,— des Templers Lanzen ſind zu ſtark fuͤr meine Bogenſchuͤtzen, ſie wuͤrden wie Spreu auseinander fliegen. Haͤtte ich damals Re⸗ berra erkannt, als ſie entfuͤhrt ward, ja, da haͤtte ſich noch etwas machen laſſen; doch nun hilft dir blos Schlauheit durch. Soll ich ſtatt deiner mit dem Prior unterhandeln?“ „In Gortes Namen, Dikkon, wenn du mir hilfſt, das Kind meines Herzens wieder gewinnen.“ „Unterbrich mich nicht mit deinem unzeitigen Geiz, ſo will ich ſchon fuͤr dich ſprechen.“ Damit wandte er ſich von dem Juden, der ihm ſo dicht wie ſein Schatten folgte. „Prior Aymer,“ ſagte der Hauptmann,„komm' mit mir bei Seite unter dieſen Baum. Die Leute ſagen, du liebeſt den Wein und das Laͤcheln einer Lady mehr, als es deinem Stand geziemen will, Sir Prior; allein das geht mich nichts an. Ich hoͤrte ferner, du liebeſt eine Kuppel guter Hunde und ein munteres Roß, vor Allem aber eine mit Gold ge⸗ ſpickte Boͤrſe.— Nie aber hoͤrte ich, daß du Unter⸗ drackung und Grauſamkeit liebeſt. Iſaak hier iſt be⸗ reit, dir zur Beſtreitung deiner kleinen Ausgaben er⸗ nen Beutel mit hundert Mark Silber geben, wenn deine Fuͤrſprache beim Templer die Freiheit ſeiner Tochter bewirkt.“ „In Zuͤchten und Ehren, wie ſie mir entriſſen ward,“ ſagte der Jude,„ſonſt gilt der Handel nichts.“ „Still, Iſaak,“ fiel der Geaͤchtete ein;„oder ich gebe deine Sache auf.— Was ſagſt du zu meinem Vorſchlag, Prior Aymer?“ „Die Sache iſt bedenklich,“ meinte der Prior; „denn wenn ich auf der einen Seite eine gute That vollbringe, geſchieht es nur zu Gunſten eines Juden, und alſo wider mein Gewiſſen.— Will dagegen der Iude die Kirche bedenken, und etwas zum Bau des neuen Schlafſaals abgeben, ſo will ich's auf mein Gewiſſen nehmen, und ihm in der Geſchichte mis ſeiner Tochter an die Hand gehen.“ „Auf ein Duzend Mark Silber mehr fuͤr den Schlafſaal,“ erwiederte der Geaͤchtete.—„Schweig', Jſaak, ſage ich!— oder auf ein Paar ſilberne Altar⸗ leuchter kommt es uns nicht an.“ „Nein,— aber guter Dikkon Bogenſpanner,“ rief Iſaak, indem er ihn unterbrechen wollte. „Guter Jude!— gute Beſtie! guter Erden wurm!“ rief der Yeoman ungeduldig,„wenn du dei⸗ nen filzigen Schacher gegen das Leben und die Ehre deiner Tochter in die Wagſchaale legſt, beim Himmel, ſo will ich dir, noch ehe drei Tage um ſind, auch dei⸗ nen lezten Maravedi abgejagt haben.“ ** 8⁵ Iſaak ſchrak zuſammen und ſchwieg. „Und welches unterpfand wird mir fuͤr Alles dieſes?“ „Wenn Jſaak durch Eure Vermittlung gluͤcklich zum Ziele kommt, ſo ſchwoͤr' ich beim heiligen Hu⸗ bert, er ſoll dir das Geld in gutem Silber bezah⸗ len, oder ich will mit ihm auf eine Art abrechnen, daß er zwanzigmal lieber die Summe bezahlen wuͤrde.“ „Wohl denn, Jude,“ ſprach Aymer,„wenn ich mich in die Sache miſchen ſoll, ſo gib mir deine Schreibtafel— doch nein— halt— ehe ich deine Feder brauche, will ich lieber vier und zwanzig Stun⸗ den faſten, doch, wo finde ich Eine?“ „Wenn Euer Gewiſſen zu des Juden Schreib⸗ tafel ſchweigt, ſo weiß ich fuͤr die Feder Rath,“ ſagte der Yeoman, und ſeinen Bogen ſpannend, ſandte er einen Pfeil nach einer wilden Gans, die als Fuͤhre⸗ rinn einer befiederten Heerſchaar uͤber ihrem Haupte ſchwebte, und ihren Weg nach dem einfamen, fernen Moorland von Holderneß nahm. Der Vogel ſank vom Pfleil durchbohrt herab. „Hier, Prior,“ ſprach der Hauptmann,„ſind Fe⸗ dern genug, alle Moͤnche von Jorvaulr fuͤr die naͤch⸗ ſten hundert Jahre damit zu verſorgen, wenn ſie keine Chroniken ſchreiben.“ Der Prior ſaß nieder und ſchrieb in großer Ge⸗ maͤchlichkeit eine Epiſtel an Brian de Bois Guilbert, und nachdem er die Blͤtter ſorgfaͤltig geſiegelt, uͤber⸗ 86 gab er ſie dem Juden mit dem Bedeuten:„Dieß wird dein Freivaß in das Praͤzeptorium zu Temple⸗ ſtowe ſein, und, wie ich hoffe, die Befreiung deiner Tochter bewirken, wenn die Sache durch gehoͤrige An⸗ erbietungen von deiner Seite unterſtuͤtzt wird. Denn wohlverſtanden, der gute Nitter Bois Guilbert gehoͤrt zu der Bruderſchaft, die Nichts fuͤr Nichts thut.“ „Gut denn, Prior,“ ſprach der Geaͤchtete,„ſo will ich dich denn nicht laͤnger hier aufhalten, als bis du dem Iunden einen Schein fuͤr die fuͤnfhundert Kro⸗ nen, auf welche dein Loͤſegeld angeſezt iſt, ausgeſtellt haſt.— Ich nehme ihn zu meinem Zahlmeiſter an, — und wenn ich hoͤre, daß Ihr Schwierigkeiten macht, die Summe zuruͤckzubezahlen, ſo zuͤnd' ich Euch, ſo wahr die heilige Jungfrau helfe, die Abtei uͤber dem Kopfe an, und ſollt' ich auch zehn Jahre früher ge⸗ hangen werden.“ 8 3 Mit weit weniger gutem Willen, als er den Brief an Bois Guilbert abgefaßt hatte, ſchrieb der Prior den Schein, worin er Iſaak von York fuͤnfhundert Kronen zuerkannte, die er ihm in ſeiner Noth als Loſegeld vorgeſtreckt haͤtte, und die er treulich wieder zu erſtatten verſprach. „Und nun,“ ſagte Prior Aymer,„bitte ich Euch um Zuruͤckgabe meiner Maulthiere und Zelter, und die Freiheit der ehrwuͤrdigen Kloſterbruͤder von mei⸗ nem Geſolg, ſo wie auch um die Herausgabe der De⸗ hantringe, Juwelen und Feſtgewaͤnder, die mir ge⸗ 37 raubt wurden, da ich nun als ein ehrlicher Gefangener mein Loͤſegeld bezahlt habe.“ „Was Eure Bruͤder anbelangt, Sir Prior,“ ent⸗ gegnete Locksley,„ſo ſollen ſie gleich auf kreiem Fuße ſein, es waͤre ungerecht, ſie laͤnger zuruͤckhalten zu wollen, auch Eure Pferde und Maulthiere ſollen Euch wieder zugeſtellt werden, nebſt ſo viel Geld, als Ihr braucht, um nach York zu kommen; es waͤre grauſam, Euch die Mittel zur Reiſe zu nehmen. Eure Ringe, Juwelen, Ketten und dergleichen betreffend, muͤßt Ihr wiſſen, daß wir ein zu zartes Gewiſſen haben, um einem ſo ehrwuͤrdigen Manne, wie Ihr ſeid, der fuͤr die Eitelkeit der Welt abgeſtorben ſein ſollte, in die ſtarke Verſuchung zu ſetzen, durch das Tragen von Ringen, Ketten und andrem eiteln Zeug ſein Ordens⸗ gelubde zu brechen.“ „Bedenkt, was Ihr thut, meine Herren,“ verſezte der Prior,„ehe Ihr Hand anlegt an das Eigenthum der Kirche. Dieſe Sachen gehoͤren inter res saeras, und ich weiß nicht, welche Strafe die treffen moͤchte, die ſie mit ihren Laienhaͤnden beſudeln.“ „Ich will dafuͤr Sorge tragen, ehrwuͤrdiger Bru⸗ der,“ entgegnete der Cremit von Kopmanhurſt;„ich will ſie ſelber tragen.“* „Freund oder Bruder,“ erwicderte der Prior als Antwort auf die Loͤſung ſeiner Zweifel,„wenn du wirklich die kirchlichen Weihen empfangen haſt, ſo bitt' ich dich, ſieh' dich vor, wie du vor deinem Vorgeſezten *½ ———— —— — — deinen Antheil an dem heutigen Tagewerk verautwor⸗ ten willſt.“ „Freund Prior,“ ſprach der Eremit,„Ihr muͤßt wiſſen, ich gehoͤre zu einer kleinen Dioͤceſe, wo ich ſelbſt Dioͤceſar bin, und nach dem Biſchof in York ſo wenig, als nach dem Abt, dem Prior und Kloſter von Jorvaulr frage.“ 1 „Du biſt ein regelloſer prieſter,“ ſagte der Prior, „einer von den bheiloſen Leuten, die ohne innern Be⸗ ruf unſern he Heillet ſen Beruf ergreifen, die heiligen Ge⸗ braͤuche ſchaͤnden, und die Seelen derer gefaͤhrden, die Rath bei ihnen holen, lapides pro pane condonantes iis, die ihnen Steine ſtatt des Brodes reichen, wie's die Vulgata hat.“ „Nein,“ rief der Moͤnch,„haͤtt' ich mir den Kopf mit Latein zerbrochen, ſo haͤtt' ich ihn ſchwerlich ſo lange conſervirt. Ich ſag' dir, einen ſo eiteln Prie⸗ ſter, wie du biſt, ſeiner Juwelen und desgleichen ei⸗ teln Plunders zu berauben, iſt eine geſetzliche Plün⸗ derung der Egyptier.“ „Du biſt ein Bettelpfaffe,“ rief der Prior in gro⸗ ßer Wuth,„excommunicabo vos.“« „Ebenſo aufgebracht rief der Moͤnch:„Du ſelbſt biſt ein Dieb und Ketzer. Ich leide keinen ſolchen Schimpf vor meinen Pfarrkindern, wie du dich nicht ſchaͤmſt, mir anzuthun, obgleich ich dein ehrwuͤrdiger Bruder bin, ossa ejus perfringam, ich will dir die Beine brechen, wie's die Vulgata hat.“ 39 „Holla!“ ſchrie der Hauptmann,„kommen die ehrwuͤrdigen Bruͤder ſo auf einander zu ſprechen?— Gib dich zu Frieden, Moͤnch.— Und du, Prior, wenn deine Rechnung mit dem Himmel noch nicht geſtellt iſt, ſo reize den Moͤnch nicht weiter.— Eremit, laß den ehrwuͤrdigen Vater in Chriſto in Frieden ziehen, er iſt ein ausgeloͤster Mann!“ Die Yeomen trennten die erhitzten Prieſter, die ſich noch immer in den heftigſten Scheltworten in ſchlechtem Latein erſchoͤpften, das dem Prior beredt vom Munde floß, und dem Eremiten große Anſtrengung koſtete. Der Prior ſammelte ſich endlich genugſam, um einzuſehen, wie ſehr er durch einen Wortkampf mit ſolch' einem Heckenpfaffen, als dem Kaplan der Geaͤchteten, ſeiner Wuͤrde vergab; und ritt, von den ſeinigen begleitet, mit bedeutend geringerem Pomp, und mit weit mehr apoſtoliſchem Anſtand in ſeinem Aeuſſeren davon, als er angelandet war.“ Nun mußte der Jude noch fuͤr die Zahlung des Löſegeldes des Priors wie fuͤr ſein eigenes Sicherheit leiſten. Er ſtellte eine ſchriftliche Anweiſung an ei⸗ nen Bruder ſeines Stammes zu York aus, worauf der Vorzeiger die Summe von tauſend Kronen nebſt einigen darin genannten Waaren, ausgeliefert erhal⸗ ten ſollte. „Mein Bruder Scheva,“ ſagte er mit einem tie⸗ fen Seufzer,„hat den Schluͤſſel zu meinem Waaren⸗ hauſe.“ ——;— „Nein, nein— um's Himmelswillen, kein Wort davon, verflucht ſei die Stunde, die irgend Jemand in dieß Geheimniß einweihte.“ „Es iſt ſicher vor mir,“ ſprach der Geaͤchtete; „ſobald auf deinen Zettel die genannte Summe rich⸗ tig eingeht. Aber Iſaak, was iſt das? biſt du todt, biſt du verſteinert? hat die Zahlung der tauſend Kro⸗ nen die Gefahr deiner Tochter dir voͤllig aus dem Gedaͤchtniß entruͤckt?“ „Der Jude ſtuͤrzte ſich zu ſeinen Füßen— „Nein, Dikkon, nein.— Ich will ſogleich fort.— Leb' wohl, du, den ich nicht gut nennen kann, und doch auch nicht ſchlimm nennen darf, noch mag.“ Ehe indeſſen der Jude ſich von dannen begab, er⸗ theilte ihm der Hauptmann der Geaͤchteten noch den ſchließlichen Nath:—„Spare nichts zur Befreiung deiner Tochter, Iſaak. Glaub' mir, das Gold, das du in ihrer Sache ſparſt, bringt dir nachmals ſo viele Qual, als ob es dir geſchmolzen in den Hals gegoß ſen waͤre.“ Iſaak ſchwieg mit einem tiefen Seufzer und machts ſich auf den Weg, von zwei handfeſten Waldbewoh⸗ nern begleitet, die ſeine Fuͤhrer und Waͤchter darch den Wald ſein mußten. Der ſchwarze Ritter, der mit nicht geringem In⸗ tereſſe alle dieſe Verhandlungen mit angeſehen hatte, beurlaubte ſich nun auch ſeiner Seits von dem Ge⸗ „Und zu dem Gewoͤlbe?“ fluͤſterte Locksley ihm zu. 91 achteten, und konnte nicht umhin, ihm ſeine Verwun⸗ derung daruͤber zu bezeigen, daß ſo viele Ordnung unter Leuten herrſche, die vom Schutz und Einfluß der Geſetze ausgeſtoßen ſeien.⸗. „Gute Fruͤchte, Herr Ritter„“ verſezte der Yeo⸗ man,„wachſen oft auch auf unſcheinbaren Baͤu⸗ men, und ſchlechte Zeiten bringen nicht immer blos Schlechtes hervor. Unter denen, welche in dieſen ge⸗ ſetzloſen Zuſtand verſezt worden ſind, gibt es gewiß auch ſolche, welche dieſe Freiheit maͤßig benutzen, und manche ſogar, die es beklagen, ſolche Wege gehen zu muͤſſen.“ 3 „und mit einem von dieſen,“ ſprach der Ritter, „ſpreche ich vermuthlich.“ „Herr Ritter,“ eutgegnete der Geaͤchtete,„wir haben beide unſre Geheimniſſe. Es ſteht Euch frei⸗ uͤber mich zu urtheilen, und ich mag meine Muth⸗ maßungen uͤber Euch machen, obgleich keiner von un⸗ ſern Pfeilen das Ziel treffen mag, nach dem er ge⸗ ſchoſſen ward. Allein, wie ich nicht begehre, in Euer Geheimniß eingeweiht zu werden, ſo nehmt's nicht übel, wenn ich auch das meinige fuͤr mich behalte.“ „Ich bitte um Verzeihung, wackerer Geaͤchteter,“ verſezte der Ritter,„Euer Vorwurf iſt gerecht. Es wird eine Zeit kommen, wo wir weniger geheimniß⸗ voll gegen einander ſein werden. Indeſſen ſcheiden wir als Freunde, nicht wahr?“ „Hier meine Hand darauf,“ ſagte Locksley,„ich darf ſie die Hand eines aͤchten Englaͤnders neunen. wenn er jezt gleich ein Geaͤchteter iſt.“ „und hier die meinige dagegen,“ ſprach der Ritter,„und ich halte ſie fuͤr geehrt durch die Be⸗ ruͤhrung der Eurigen. Wer das Beſſere thut, wo er unbeſchraͤnkte Gewalt zum Boͤſen hat, verdient nicht allein Lob fuͤr das Gute, das er thut, ſondern auch fuͤr das Boͤſe, das er unterlaͤßt.— So lebt denn wohl, wackrer Geaͤchteter!“ So ſchieden die guten Leute, der vom Feſſelſchloß beſtieg ſein maͤchtiges Streitroß/ und ritt durch den Wald bahin. Fuͤnftes Kapitel. Koͤnig Johann. Ich will dir's ſagen, Freund. Die Natter iſt er in dem Wege mir. Wohin nur immer meinen Fuß ich ſetze, Liegt ſie vor mir.— Verſtehſt du mich? Shakespears Koͤnig Johann. Im Schloſſe zu York war ein glaͤnzendes Ban⸗ kett, zu dem Prinz Johann die Edeln, Praͤlaten und Anfuͤhrer eingeladen hatte, durch deren Huͤlfe er ſeine chrgeizigen Abſichten auf ſeines Bruders Thron zu er⸗ reichen ſuchte. Waldemar Fitzurſe, ſein faͤhiger, ver⸗ ſchmizter Agent, bearbeitete ſie insgeheim, und ſuchte ihren Muth zu einer Hoͤhe zu ſteigern, die zu der offenen Erklaͤrung ihres Vorhabens nothwendig ſchien. 9⁵ Ihr Unternehmen ward durch die Abweſenheit ſo man⸗ ches nicht unbedeutenden Gliedes der Verſchwoͤrung verzoͤgert. Der kecke, unternehmende, wenn gleich rohe Muth Front de Boeufs, der feurige, kuͤhne Geiſt de Bracy's, die Umſicht, Kriegserfahrung und die be⸗ kannte Tapferkeit Brian de Bois Gunilberts waren zum Gelingen des Unternehmens von großter Wichtigkeit, und indeß ſie im Innern ihre ſinuloſe, unzeitige Ab⸗ weſenheit verwuͤnſchten, wagte es weder Johann noch ſein Rathgeber ohne ſie einen Schritt zu thun. Auch der Jude Iſaak war verſchwunden, und mit ihm die Hoffnung auf die Geldſumme, welche Prinz Johann als Anlehen von dieſem Ifraeliten und ſeinen Glaubensgenoſſen contractmaͤßig erwartete. Dieſer Mangel mußte in dem ſo entſcheidenden Zeitpunkte nicht anders als gefaͤhrlich erſcheinen. Am Morgen nach dem Fall von Torquflſtone ver⸗ breitete ſich in der Umgegend der Stadt Vork ein un⸗ beſtimmtes Geruͤcht, de Bracy und Bois Gullbert ſeien mit ihrem Verbuͤndeten Front de Boeuf gefangen oder erſchlagen. Waldemar hinterbrachte es dem Prinzen Johann mit der Bemerkung, daß er die Wahrheit deſſelben um ſo mehr befuͤrchte, da ſir nur mit geringer Bedeckung ausgezogen ſeien, um den Sachſen Cedric und ſein Gefolge zu überfallen. Z9 jeder andern Zeit wurde der Prinz dieſe Gewaltthat als einen luſtigen Streich behandelt haben; nun aber, da ſie ſeine eigenen Plane durchkreuzte und hinderte 3 94 erklaͤrte er ſich laut gegen die Thaͤter, ſprach von Ueber⸗ tretung der Geſetze, Stoͤrung oͤffentlicher Ordnung und Eingriffen in fremde Eigenthumsrechte in einem Tone, der des Koͤnigs Alfred wuͤrdig geweſen waͤre. „Die geſetzloſen Raͤuber!“ rief er—„bin ich erſt Koͤnig und Herr von England, ſo will ich ſie an den Zugbruͤcken ihrer Eigeſe Schloͤſſer aufhaͤngen laſſen.“ „Allein um Koͤnig von England zu werden,“ end⸗ gegnete kalt ſein Achitophel,„muͤſſen Ew. Gnaden nicht nur die Uebertretungen dieſer geſetzloſen Raͤuber hin⸗ gehen laſſen, ſondern ihnen trotz Eurem loͤbl lichen Ei⸗ fer fuͤr Aufrechthaltung der Geſetze, Euern Schutz ge⸗ waͤhren. Es wuͤrde ſchlimm mit uns ſtehen, wenn die baͤuriſchen Sachſen Ew. Gnaden Viſion wahrge⸗ macht und dieſe Zugbruͤcken ihrer Schloͤſſer in Galgen verwandelt haͤtten,— jener kuͤhne Cedric moͤchte der Mann dazu ſein, einen ſolchen Gedanken auszu⸗ fuͤhren! Ew. Gnaden werden ſelbſt einſehen, wie ge⸗ faͤhrlich es waͤre, ohne Front de Boeuf, de Bracy und den Templer gewagte Schritte zu thun, und doch ſind wir zu weit gegangen, um mit Sicherheit zuruͤcktreten zu koͤnzen.“ Prinz Johann ſchlug ſich ungeduldig vor den Kopf, und ſchritt haſtig im Zimmer auf und nieder. „ Die Schufte,“ rief er,„die verräͤtheriſchen Schufte, mich in ſolcher Klemme im Stich zu laſſen!“ „Sagt lieber, die undeſonnenen Narren,“ perſezte 95 Waldemar;„die ſich mit ſolchen Kindereien umtrei⸗ ben, wenn ſich's um Sachen von ſo großer Wichtigkeit handelt!“ „Was iſt zu thun?“ fragte der Prinz, indem er vor Waldemar trat. „Ich weiß nicht, was weiter zu thun iſt, als wozu ich bereits Befehl gegeben habe,“ antwortete ſein Ge⸗ heimrath.„Ich berichtete Ew. Gnaden dieſen Unſtern nicht fruͤher, als bis ich die gehoͤrigen Gegenmaß⸗ regeln getroffen hatte.“ „Du biſt immer mein guter Engel, Waldemar,“ ſagte der Prinz,„und wenn ich ſtets ſolchen Rath zur Seite haben werde, ſo ſoll die Regierung Johanns beruͤhmt in der Geſchichte werden.— Was haſt du vorgekehrt?“ „Ich ließ de Bracy's Lieutenant Louis Winkelbrand zu Pferde blaſen, und unter fliegendem Vanner nach dem Schloſſe Front de Boeufs eilen, um zu erforſchen, was dort zum Beiſtand unſrer Freunde zu thun iſt.- Prinz Johanns Geſicht ergluͤhte von der Roͤthe eines gekraͤnkten Kindes, dem eine vermeintliche Be⸗ leidigung widerfahren iſt. „Bei Gott, Waldemar,“ ſprach er,„du haſt viel uͤber dich genommen, und uͤbel haſt du dran gethan, daß du ohne unſern ausdruͤcklichen Befehl zu Pferde blaſen ließeſt, um das Banner in einer Stadt wehen zu laſſen, wo wir ſelbſt uns befanden.“ „Ich bitte Ew. Gnaden um Verzeihung,“ erwie⸗ derte Fitzurſe, innerlich die thoͤrichte Eitelkeit ſeiues Gebieters verwuͤnſchend.„Doch, wenn die Zeit draͤngt, und jede Minute koſtbar wird, hielt ich es fuͤr weiſe, in dieſer wichtigen Sache, die das Intereſſe Ew. Hoheit betraf, dieſe Sorge uͤber mich zu nehmen.“ 1„Es ſei dir verziehen, Fitzurſe,“ ſprach der Prinz in ernſtem Tone:„Dein guter Wille en⸗ ſchuldigt dein raſches Handeln.— Aber wer koͤmmt da?— de Bracy ſelbſt, beim heiligen Kreuz!— und in welchem Aufzug erſcheint er vor uns?“ Es war wirtlich de Bracy, mit blutigen Sporen, und gluͤhend vor Eile. Seine Ruͤſtung trug noch alle Spu⸗ ren des lezten, hartnaͤckigen Kampfes, denn ſie war zerbrochen, blutbeſleckt, und vom raſchen Ritte voller Staub. Er nahm ſeinen Helm ab, ſezte ihn vor ſich anf den Tiſch, und ſtand einen Augenblick ſtill, als fuche er ſich zum Bericht ſeiner Nachrichten zu ſammeln. „De Bracy,“ begann Prinz Johann,„was be⸗ dentet das?— Sprich, ich befehl' es dir!— Sind die Sachſen im Aufſtande?“. „Sprich, de Bracy,“ fragte Fitzurſe beinahe zu derſelben Zeit mit ſeinem Herrn,„du warſt ja immer ein Mann.— Wo iſt der Templer?— wo Front de Boeuf?“ „Der Templer iſt entflohen,“ antwortete de Braer⸗ „und Front de Boeuf werdet Ihr nimmer ſehen. Er hat —; 97 hat ein feuriges Grab unter den gluͤhenden Truͤm⸗ mern ſeines eigenen Schloſſes gefunden.— Ich allein bin entkommen, es euch zu melden.“ „Kalte Nachrichten fuͤr uns,“ ſagte Waldemar, „obgleich Ihr Feuer und Brand uns berichtet.“ „Die ſchlimmſte koͤmmt erſt noch,“ antwortete de Braey und auf den Prinzen Johann zugehend, flu⸗ ſterte er ihm in leiſem aber nachdruͤcklichen Tone zu: „Richard iſt in England— ich hab' ihn geſehen und mit ihm geſprochen!“ Prinz Johann ward leichenblaß, ſchwankte und lehnte ſich an eine eichene Bank, um ſich zu halten, gleich einem, dem ein toͤdtlicher Pfeil durch die Bruſt gedrungen iſt. „Du raſeſt, de Bracy,“ rief Fitzurſe,„es kann nicht ſein.“ „Es iſt ſo wahr, als die Wahrheit ſelbſt,“ ver⸗ ſezte de Bracy;„ich war ſein Gefangener und ſprach mit ihm.“ „Mit Richard Plantagenet, ſagſt du? fuhr Fitzurſe fort. „Mit Richard Plantagenet,“ erwieherte de Braey, „mit Richard Loͤwenherz,— mit Richard von England.“ „Und du warſt ſein Gefangener?“ fragte Walde⸗ mar;„ſteht er denn an der Spitze einer Macht?“ „Nein,— blos einige geaͤchtete Yeomen waren um ihn, und dieſen iſt noch unbekannt, wer er iſt. W. Scott's ſaͤmmtl. Werte. XLVI, 7 3 — — 98 Ich hoͤrte ihn ſagen, daß er im Begriff ſei, ſich von ihnen zu entfernen. Er hatte ſich ihnen blos bei Erſtuͤrmung des Schloſſes Torquilſtone angeſchloſſen.“ „Ja,“ ſagte Fitzurſe,„das iſt allerdings Richards Art, ein wahrer irrender Ritter zieht er auf Aben⸗ teuer aus, des Staͤrke ſeines Armes vertrauend, gleich einem Sir Guy, oder Sir Bevis, indeß die wichtig⸗ ſten Angelegenheiten ſeines Reiches ſchlummern, und ſeine eigene Sicherheit gefaͤhrdet iſt. Was gedenkſt du zu thun, de Bracy?“ „Ich?— Ich bot Richard den Dienſt meiner Freicompagnien an,— er ſchlug ſie aus— ſo uͤhr' ich ſie denn nach Hull, nehme ein Schiff und ſegle nach Flandern ab. Dank dieſen ſtuͤrmiſchen Zeiten,. ein ruͤhriger Mann findet uͤberall Beſchaͤftigung. Und du Waldemar, willſt du nicht deiner Politik entſagen, Schild und Lanze nehmen, und mit mir das Schick⸗ 4 ſal theilen, das der Himmel uns bereitet hat?“ „Ich bin zu alt, Maurice, und habe eine Toch⸗ ter,“ antwortete Fitzurſe. „Gib ſie mir, Fitzurſe, ich will ſie mit Huͤlfe meiner Lanze und meines Buͤgels halten, wie's ihr Stand verlangt.“ „Nein,“ verſezte Fitzurſe,„die Kirche von St. Pe⸗ ter ſoll mir Schutz gewaͤhren— der Erzbiſchof iſt mein geſchworner Bruder.“ Waͤhrend dieſes Zwieſprachs war Prinz Johann allmaͤhlich aus der Betaͤubung erwacht, und hatte auf — 99 die Unterredung ſeiner Diener Acht gegeben.„Sie fallen von mir ab,“ ſprach er zu ſich,„wie welkes Laub vom Baum, wenn ein Windſtoß kommt. Hoͤlle und Teufel, ſoll ich mir nicht ſelber helfen koͤnnen, wenn dieſe Memmen mich verlaſſen?“— Er ſchwieg einen Augenblick, dann brach er in ein erzwungenes Lachen aus, womit er den vollen Grimm ſeines teuf⸗ liſchen Gemuͤths ausſprach. „Ha! ha!l ha! meine guten Lords, ich hielt Euch fuͤr dluge, kuͤhne, beſonnene Leute, und nun laßt Ihr Reichthum, Ehre, Vergnuͤgen, Alles im Stich, was unſer ſchoͤn begonnenes Spiel verſprach, im Augen⸗ blice da es durch einen kuͤhnen Streich gewonnen werden ſollte!“ „Ich verſteh' Euch nicht,“ verſezte de Bracy,„ſo⸗ bald ſich der Ruf von Richards Ankunft verbreitet, ſteht er auch an der Spitze eines Heeres, und Alles iſt dann aus mit uns. Ich rathe Euch, Mylord, entweder nach Frankreich zu fliehen, oder Euch unter den Schutz der Koͤniginn Mutter zu begeben.“ „Ich ſuche keine Sicherheit fuͤr mich ſelbſt,“ ent⸗ gegnete Prinz Johann ſtolz;„die mir ein einziges Wort an meinen Bruder gibt. Allein, obgleich Ihr, de Bracy, und Ihr Fitzurſe, ſo bereit ſeid, mich zu verlaſſen, ſo ſoll es mich doch nicht freuen, wenn ich Eure Koͤpfe dort uber dem Kliffordsthor ſehen muͤßte. Glaubſt du, Waldemar, der verſchmizte Erzbiſchof werde dich nicht ſelbſt pon den Hoͤrnern des Altars 100 wegreiſſen laſſen, wenn er dadurch ſeinen Frieden mit König Richard machen kann? Und vergißt du, de Bracy, daß Robert Eſtoteville mit all' ſeiner Macht zwiſchen dir und Hull liegt, und daß der Graf von Eſſer ſeine Leute aufbietet? Hatten wir Gruͤnde, dieſe Truppen⸗ macht ſchon vor Richards Ankunft zu fuͤrchten, glaubſt du, ſie werden zweifelhaft ſein, welche Partei ſie er⸗ greifen ſollen?— Glaube mir, Eſtoteville allein iſt ſtark genug, dich mit all' deinen Freilanzen i in ben Hum⸗ ber zu treiben.“ Waldemar Fiturſe und de Braey ahen einander aͤuſſerſt verlegen an. „Es gibt nur einen Rettungsweg,“ fuhr der Prinz fort, und ſein Blick wurde finſter wie Mitternacht; „der Gegenſtand unſres Schreckens reist allein! Man muß ihm den Weg vertreten.“ „Nur ich nicht,“ fiel haſtig de Bracy ein;„ich war ſein Gefangener, er begnadigte mich— ich will ihm keine Feder an ſeinem Helmbuſch kruͤmmen.“ „Ei, wer ſpricht denn hievon?“ ſagte der Prinz mit teufliſchem Laͤcheln;„der Schelm glaubt wohl gar, ich wolle ihn erſchlaͤgen laſſen? Nein, ein Gewahrſam waͤre beſſer; ſei's nun in Brittania oder Auſtria, was liegt daran?— und die Sachen ſtehn noch wie zuvor, als wir das Unternehmen anfingen,— es ward be⸗ gruͤndet auf die Hoffnung, daß Richard als Gefange⸗ ner in Deutſchland bliebe. Unſer Oheim Robert febts und ſtarb auf dem Schloſſe Cardiffe.“ 4 101 4 „Ja, aber Euer Großvater Heinrich ſaß auch fe⸗ ſter auf ſeinem Thron als Ihr es könnet. Ich ſage Euch, kein Loch iſt ſo feſt, als das, welches der Todtengraͤber macht— kein Thurm ſo ſicher, als der Kirchhof! Ich hab' geſagt, was ich zu ſagen habe.“ „Gefaͤngniß oder Grab,“ ſprach de Vracy,„ich waſche zeine Haͤnde in Unſchuld.“ „Schurke,“ rief Prinz Johann;„du willſt doch unſere Abſichten nicht verrathen?“ „Was nicht zur That gedieh, ward nie von mir verrathen, auch darf der Name de Bracy mit dem Namen eines Schurken nicht in Verbindung kommen 16 entgegnete de Bracy ſtolz. „Ruhig, Herr Ritter!“ ſprach Waldemar;—„und Ihr, mein guter Gebieter;„vergebt den Bedenklich⸗ keiten des tapfern de Bracy; ſie ſollen ſich noch bald genug heben laſſen.“ „Das geht uͤber Eure Beredtſamkeit, Fitzurſe,“ er⸗ wiederte der Ritter. .„Wie, guter Sir Maurice,“ verſezte der ſchlaue Politiker;„ſpringt nicht gleich nebenaus, wie ein ſcheues Pferd; faßt Euch wenigſtens den Gegenſtand Eures Schreckens genauer in's Auge.— Dieſer Richard— es iſt kaum einen Tag her, als es noch dein ſehnlich⸗ ſter Wunſch war, ihm in der Schlacht Mann gegen Mann gegenuͤber zu ſtehn— hundert Mal hoͤrt' ich dich dieſen Wunſch aͤuſſern.“ „Ja,“ ſagte de Bracy;„das ſollte heißen, Mann 10² gegen Mann, in offener Schlacht. Nie hoͤrteſt du von mir, daß ich ihn allein im Walde anfallen wollte.“ „Du biſt kein guter Ritter, wenn du dich daran ſtoͤßeſt;“ entgegnete Waldemar.„War es in der Schlacht, da Lancelot de Lac und Sir Triſtram ſich beruͤhmt machten? geſchah es nicht, als ſie unter dem Schatten tiefer, unbekannter Waͤlder rieſige Ritter beſtanden?“ „Ja, aber das ſag' ich Euch,“ verſetzte de Bracy, „daß weder Triſtram noch Lancelot es mit Richard Plantagenet aufgenommen haͤtten; auch war es, glaub' ich, nicht ihre Art, gegen einen einzelnen Mann in ungleichem Kampfe zu ſiegen.“ „Du biſt nicht recht bei Troſt, de Bracy.— Was verlangen wir denn von dir, dem beſoldeten Fuͤhrer der Freikompanien, deren Schwerter fuͤr Prinz Johanns Dienſte gedungen ſind? Du haſt Kunde von unſrem Feind, und bedenkſt dich noch, obgleich deines Gebieters Gluͤck, das deines Kameraden und dein eigenes, ſowie das Leben eines jeden von uns auf dem Spiele ſteht?“ „Ich ſage Euch,“ verſezte de Bracy muͤrriſch,„er hat mir das Leben geſchenkt. Wahr iſt es, er verbannte mich aus ſeiner Naͤhe, und verſchmaͤhte meine Huldi⸗ gung— in ſofern bin ich ihm weder Treue noch An⸗ haͤnglichkeit ſchuldig— aber doch will ich nicht meine Hand gegen ihn erheben.“ „Das braucht es auch nicht,— ſchick Louis Win⸗ kelbrand und etliche und zwanzig deiner Lanzen mit ihm.“ —³— 3 —— * 105 „Ihr habt genug Raufbolde unter Euern eigenen Leuten,“ ſagte de Bracy,„keiner der meinigen ſoll ſich zu ſo etwas gebrauchen laſſen.“ „Biſt du ſo eigenſinnig, de Bracy?„rief der Prinz, „und willſt mich im Stiche laſſen, nach ſo vielen Be⸗ theurungen von Eifer fuͤr meinen Dienſt?“ „Das thu' ich nicht,“ entgegnete de Bracy,„ich will Euch in Allem beiſtehn, was einem Ritter ziemt, in den Schranken oder im Feld; aber ſolch' meuchle⸗ riſches Wegelagern iſt nicht in meinem Eid mit ein⸗ bedungen.“ „Komm, Waldemar, laß ihn gehn,“ rief Prinz Johann.„Ich bin ein ungluͤcklicher Fuͤrſt. Mein Vater, Koͤnig Heinrich, hatte treue Diener— er durfte nur einen Wink fallen laſſen, daß ihm dieſer oder jener unruhige Prieſter im Wege ſei, und das Blut des Tho⸗ mas a Becket, ſo heilig er war, nezte die Stufen ſeines eigenen Altars.— Tracy, Morville und Brito*) wa⸗ ren noch treue, unternehmende Diener! Euer Name, Euer Geiſt iſt erloſchen! Und obgleich Reginald de Fi⸗ tzurſe einen Sohn hinterließ, ſo iſt er doch von des Vaters Treue und Muth abgefallen.“ „Er iſt von beiden nicht abgefallen!“ entgegnete Wal⸗ demar Fitzurſe,„und da es einmal nicht anders⸗geht, will ich die Leitung dieſer gefaͤhrlichen Unternehmung *) Reginald Fitzurſe, William de Trach, Hugh de Morville und Richard Brito waren Hofcavaliere Heinrichs II, welche auf die lei⸗ denſchaftlichen Ausfaͤlle ihres Fuͤrſten hin den beruͤhmten Thonias a Becket erſchlugen. 104 uͤber mich nehmen. Theuer mußte indeſſen mein Vater den Ruhm eines treuen Freundes bezahlen, und den⸗ noch koͤmmt das, was er fuͤr Heinrich that, nicht in Betracht gegen das, was ich fuͤr Euch unternehmen will; denn lieber wollt' ich alle Heiligen im Kalender auf's Korn nehmen, als mich an den Loͤwenherzi⸗ gen wagen. De Bracy, dir muß ich es uͤberlaſſen, den Muth des Zagenden aufzurichten, und die Perſon des Prinzen Johann zu bewachen. Bekoͤmmt Ihr ſolche Nachrichten, als ich Euch zu ſenden hoffe, ſo wird das Gelingen unſeres Unternehmens nicht mehr in Zweifel ſein. Page,“ rief er,„eile ſchnell nach Hauſe und ſag meinem Waffenmeiſter, er ſoll ſich bereit halten; dann entbiete Stephan Wetheral, Broad Thoresby, und die drei Speeren von Spyinghow, augenblicklich zu mir; auch der Kundſchaftsmeiſter Hugh Bardon ſoll meiner warten!“ Damit verließ er das Zimmer. „Er geht ab, meinen Bruder gefangen zu neh⸗ men,“ ſprach Prinz Johann zu de Bracy;„mit we⸗ nig mehr Gemuͤthsbewegung als ob es der Freiheit eines ſaͤchſiſchen Franklins gaͤlte. Ich hoffe, er wird Unſern Befehlen zu Folge Unſern theuern Bruder Ri⸗ chard mit gebuͤhrender Ehrfurcht behandeln.“ De Bracy antwortete blos durch ein Laͤcheln. „Beim Augenlicht unſerer lieben Frauen,“ ſprach Prinz Johann,„Unſere Befehle waren ſehr beſtimmt, — obgleich es moͤglich iſt, daß Ihr ſie nicht vernom⸗ men habt, wir ſtanden zuſammen unter dem Fenſter 105 dort.— Deutlich und beſtimmt war unſer Befehl, Richards Leben zu ſchonen, und wehe Waldemars Haupt, wenn er ſie uberſchreitet.“ „Es waͤre beſſer, ich ginge noch zu ihm und machte ihn genau mit Ew. Hoheit Willen bekannt; denn ſo gut es meinem Ohr entging, iſt es vielleicht auch Waldemars Ohr entgangen.“ „Nein, nein!“ rief Prinz Johann ungeduldig; nich ſage dir, er hoͤrte mich; und auſſerdem hab' ich noch andere Beſchaͤftigung fuͤr dich. Maurice, komm her, ich will auf deinen Arm mich ſtuͤtzen.“ In dieſer vertraulichen Stellung gingen ſie durch die Halle hin, und Prinz Johann fuhr im Tone der innigſten Zutraulichkeit fort:„Was haͤltſt du von die⸗ ſem Waldemar Fitzurſe, lieber de Brach?— Er hofft Unſer Kanzler zu werden. Allein Wir werden Uns ſehr bedenken, ihm einen ſo hohen Poſten anzuver⸗ trauen, da er ſo deutlich zeigt, wie wenig er unſer Blut achtet, indem er ſo bereitwillig war, das Unternehmen gegen Richard anzufuͤhren. Du glaubſt vielleicht in Unſerer Achtung verloren zu haben, daß du dich kuͤhn⸗ lich weigerteſt, dieß unerfreuliche Geſchaͤft zu üͤberneh⸗ men.— Nein, Maurice! Ich ehre dich fuͤr deine ſtand⸗ hafte Tugend. Es gibt Dinge, die nothwendig gethan werden muͤſſen, ohne daß Wir darum den Vollſtrecker Unſeres Willens liebten und achteten; ſo wie es Dinge zu thun gibt, deren Verweigerung den Werth des Man⸗ nes in Unſern Augen nur erhoͤht. Die Gefangenueh⸗ 106 mung meines ungluͤcklichen Bruders begruͤndet noch keinen ſo guͤltigen Anſpruch auf die Wuͤrde eines Kanz⸗ lers, als deine ritterliche und muthige Ablehnung dir den Stab des Großmarſchalls ſichert. Bedenk's, de Bracy, und geh nun deinem Dienſte nach.“ „Wankelmuͤthiger Tyrann!“ murmelte de Bracy, als er von dem Prinzen ging;„wer ſich auf dich ver⸗ laͤßt, iſt ſchlecht berathen.— Dein Kanzler, ja! wem die Sorge für dein Gewiſſen obliegt, der hat ein ſau⸗ beres Amt ſollt' ich meinen! Aber Großmarſchall von England! Das“— rief er, ſeine Arme ausbreitend, „das iſt ein Preis, fuͤr den ſich etwas wagen laͤßt.“ De Bracy hatte nicht ſobald das Zimmer verlaſſen, als Prinz Johann einen Diener rief. „Hugh Bardon, unſer Kundſchaftsmeiſter, ſoll, ſobald Waldemar Fitzurſe mit ihm geſprochen hat, vor Uns erſcheinen.“ Der Kundſchaftsmeiſter erſchien nach kurzer Weile, indeß Prinz Johann mit unruhigen, ungleichen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und nieder ging. „Bardon,“ fragte er,„was wollte Waldemar von dir haben?“ „Zwei entſchloſſene Maͤnner, die in den Wildniß⸗ ſen wohl bewandert, und im Auffinden der Tritte von Menſchen uad Roſſen geſchickt waͤren.“. „und du haſt ſie ihm verſchafft?“ „Moͤgen mir Ew. Gnaden ſonſt nie wieder tranen,e antwortete der Kundſchaftsmeiſter.„Einer iſt aus V — 4 1 2 107 Hexamſhire, der ſindet die Spuren der Tynedaler und Teviotdaler Diebe auf, wie ein Bluthund die Faͤhrde des verwundeten Wildes findet. Der andere iſt aus York⸗ ſhire, und hat ſeinen Bogen oft im geſegneten Sher⸗ wood geſpannt; der kennt jeden lichten Fleck, jedes Thal, jedes Gebuͤſch zwiſchen hier und Richmond.“ „Wohl denn,“ verſezte der Prinz.„Geht Wal⸗ demar ſelbſt mit ihnen?“ „Im Augenblick,“ antwortete Bardon. „Mit welcher Begleitung?“ fragte John gleichguͤltig. „Broad Thoresby geht mit ihm, und Wetheral, den man wegen ſeiner Grauſamkeit Stephan Stahl⸗ herz nennt, und drei Bewaffnete aus dem Norden, die zu Ralph Middletons Bande gehoͤren— man nennt ſte die Speere von Spyinglaw.“ „Gut!“ ſagte Prinz Johann, und fuhr dann nach augenblicklicher Pauſe fort:„Bardon, es iſt fuͤr Uns von großer Wichtigkeit, daß Ihr ein wachſames Auge auf Maurice de Bracy habt— jedoch ſo, daß er es nicht bemerkt— Laß Uns von Zeit zu Zeit wiſſen, mit wem er umgeht, und was er thut.— Laß es nicht fehlen, du ſteheſt mir dafuͤr.“ Hugh Bardon verbeugte ſich und trat ab. „Wenn Maurice mich verraͤth,“ ſprach Prinz Johann —„wenn er mich verraͤth, wie ſein Benehmen mich be⸗ fuͤrchten laͤßt, ſo ſoll er mir mit ſeinem Kopf dafuͤr buͤſ⸗ ſen, und ſollte Richard ſchon an Yorks Thore donnern.“ 108 Sechstes Kapitel, Erweck' den Tieger in Hyrkaniens Wuͤſten, Käͤmpf' mit dem gier'gen Leuen um die Beute; Nicht gleich iſt die Gefahr, als wenn vom Schlummer du Den wilden Fanatismus weckſt.— Ein Ungenannter. Unſere Erzaͤhlung kehrt nun zu Iſaak von York zuruͤck. Auf einem Mauleſel, dem Geſchenke der Geaͤch⸗ teten, mit zwei Yeomen an der Seite, die zu ſeinem Geleite dienen ſollten, hatte ſich der Jude nach dem Praͤzeptorium zu Templeſtowe auf den Weg, gemacht, in der Abſicht, wegen der Ausloͤſung ſeiner Tochter zu unterhandeln. Das Praͤzeptorium war nur eine Tag⸗ reiſe von dem zerſtoͤrten Schloß Torquilſtone entfernt, und der Jude hoffte, es vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Er hatte demnach ſeine Führer am Saume des Waldes entlaſſen, nachdem er ſie mit einem Sil⸗ berſtuͤck belohnt, und begann nun ſeinen Weg mit ſolcher Eile fortzuſetzen, als ſeine Ermuͤdung nur immer erlauben wollte. Allein ſeine Kraͤfte verließen ihn gaͤnzlich, als er beinahe noch vier Meilen von dem Tempelhofe entfernt war; peinvolle Schmerzen durch⸗ zuckten ihm Ruͤcken und Glieder, und die Angſt ſeines Herzens, vermehrt noch durch koͤrperliche Leiden, mach⸗ ten ihn unfaͤhig, weiter als nach einem kleinen Markt⸗ flecken zu gelangen, wo ein juͤdiſcher Rabbi von ſeinem Stamme wohnte, ausgezeichnet durch aͤrztliche Kennt⸗ niſſe, und mit Iſaak nahe verwandt, Nathan Ben — 109 Iſrael empfing ſeinen leidenden Stammsgenoſſen mit all der Bereitwilligkeit, welche die Geſetze vorſchrieben, und die Juden ſtets unter einander ausuͤbten. Er noͤthigte ihn, ſich zur Ruhe zu begeben, und wandte die damals erprobteſten Mittel an, um dem Fieber Einhalt zu thun, welches Schrecken, Ermattung und Kummer dem armen alten Juden zugezogen hatten. Am andern Morgen, als Iſaak weiter reiſen wollte, widerſezte ſich Nathan dieſem Vorſatz als ſein Wirth und ſein Arzt; weil es ihm, wie er ſagte, das Leben koſten konnte. Allein Iſaak entgegnete, mehr als Leben und Tod haͤnge davon ab, daß er dieſen Morgen noch ſich nach Templeſtowe begebe. „Nach Templeſtowe!“ rief ſein Wirth erſtaunt, fuͤhlte ihm wieder den Puls und murmelte vor ſich hin:„ſein Fieber hat nachgelaſſen, allein ſein Gemuͤth ſcheint zerſtoͤrt und angegriffen.“ „Und warum nicht nach Templeſtowe?“ fragte ſein Patient.„Wohl weiß ich, Nathan, daß es eine Wohnung iſt derer, denen die verachteten Kinder der Verheißung ein Stein des Anſtoßes und ein Abſcheu ſind; allein du weißt auch, daß zuweilen dringende Handelsgeſchaͤfte uns unter dieſe blutduͤrſtigen, naza⸗ reniſchen Soldaten fuͤhren, und daß wir die Praͤzepto⸗ rien der Templer ſo gut als die ſogenannten Komthu⸗ reien der Johanniter zu beſuchen pflegen.“ „Das weiß ich wohl,“ ſagte Nathan,„aber weiß 110* du, daß Lukas de Beaumanoir, das Haupt dieſes Or⸗ dens, den ſie Großmeiſter nennen, jezt ſelbſt zu Temple⸗ ſtowe iſt?“ „Das wuͤßte ich nicht,“ verſezte Iſaak,„unſre lezten Briefe von unſern Bruͤdern in Paris meldeten uns, daß er in dieſer Stadt ſich befinde, um Philipy zum Beiſtand gegen den Sultan Saladin zu vermoͤgen.“ „Er iſt ſeitdem, ſeinen Bruͤdern ganz unerwartet, nach England gekommen, mit ſtarkem, gewaltigem Arm, um ſie zu beſſern und zu zuͤchtigen. Er iſt ſehr erzuͤrnt auf alle diejenigen, welche abgewichen ſind von dem Geluͤbde, das ſie abgelegt, und groß iſt die Furcht dieſer Belialskinder. Gewiß hoͤrteſt du ſchon von ihm.“ „Er iſt mir wohlbekannt,“ ſagte Iſaak;„die Hei⸗ den ſchildern dieſen Lnkas Beaumanoir als einen ge⸗ waltigen Eiferer fuͤr Aufrechthaltung des nazareniſchen Geſetzes, und unſere Bruͤder haben ihn den furchtba⸗ ren Verfolger der Sarazenen und einen grauſamen Tyrannen gegen die Kinder der Verheißung genannt.“ „Und mit Recht haben ſie ihn ſo genannt,“ erwie⸗ dert Arzt Nathan.„Andere Templer moͤgen durch weltliche Freuden, durch den Glanz des Goldes und des Silbers von ihrer Pflicht verlockt werden; allein Beaumanoir iſt aus anderem Stoffe,— er haßt die Sinnlichkeit, verachtet den Reichthum, und ſtrebt eifrig nach dem, was ſie die Krone des Maͤrtyrthums nennen. Möge der Gott Jacobs ſie ihm und ihnen Allen bald 111 gewaͤhren!— Beſonders hat dieſer ſtolze Mann ſeine Hand ausgeſtreckt uͤber die Kinder Juda, wie der hei⸗ lige David uͤber Edom, und haͤlt den Mord eines Ju⸗ den fuͤr ein ebenſo ſuͤßes Opfer, als den Tod eines Sa⸗ razenen. Gottloſe und falſche Dinge hat er von der Kunſt unſerer Aerzte verbreitet— als waͤren es lauter Satanskuͤnſte. Moͤge ihn der Herr dafuͤr zuͤchtigen!“ „Demungeachtet,“ ſagte Iſaak,„muß ich ſelbſt nach Templeſtowe, und waͤre ſein Angeſicht ſo ſchreck⸗ lich, wie ein ſiebenfach geheizter Ofen.“ Er eroͤffnete nun dem Rabbi die dringende Urſache ſeiner Reiſe. Nathan hoͤrte ihm mit Theilnahme zu, und druͤckte nach der Sitte ſeines Volkes ſein Mitleid durch Zerreißung ſeines Gewandes aus.„Ach meine Tochter!“ rief er,„wehe dir Tochter Zions!— Wehe der Gefangenen Iſraels!“ „Du ſiehſt jezt, wie es mit mir ſteht, und wie ich nicht zoͤgern darf,“ fuhr Iſaak fort.„Vielleicht hat die Gegenwart dieſes Lukas Beaumanoir die Kraft, Brian de Bois Guilbert von ſeinen boͤſen Anſchlaͤgen abzulenken, und bewegt ihn, mir meine geliebte Toch⸗ ter Rebekka wieder frei zu geben.“ „Geh' zu,“ ſprach Nathan Ben Iſrael,„und ſei weiſe; denn Weisheit half Daniel in der Loͤwengrube, und moͤg' es dir ſo wohl ergehen, als dein Herz es wuͤnſcht. Kannſt du es aber, ſo vermeide es mit dem Großmeiſter zuſammen zu treffen, denn es iſt früͤh und ſpaͤt ſein Vergnuͤgen, unſer Volk zu beſchimpfen. K 11²— Kannſt du mit Vois Guilbert allein ſprechen, ſo wuͤr⸗ deſt du vielleicht beſſer mit ihm fahren; denn man ſagt, die verfluchten Nazarener in dem Praͤzeptorium ſeien nicht einig unter ſich. Moͤgen ihre Anſchlaͤge verwirrt und zu Schanden werden.— Doch du, Bruder, kehre bei mir ein, wie in dein vaͤterliches Haus, und bringe mir Kunde, wie es dir erging, ich hoffe zu Gott, daß 3 du Rebekka mit dir bringſt,— die Schuͤlerinn der 3 weiſen Miriam, deren Heilkunſt die Heiden 4s e Werk des Satans verſchreien.“ 3— Iſaak ſagte ſeinem Freunde Lebewohl und beſand ſich nach kurzem Ritt vor dem Präzeptorium von Templeſtowe. 3 Dieſe Stiftung der Templer n mitten unter Wieſen und Weiden, welche die Froͤmmigkeir des fruͤ⸗ heren Praͤzeptors dem Orden geſchenkt hatte. Sie war feſt und wohl vertheidigt; was dieſe Rirter nie vernachlaͤſſigt hatten, und was auch durch den damaligen Zuſtand Englands nothwendig wurde. Die Zugbruͤcke bewachten zwei Hellebardierer in ſchwarzer Kleidung; andere in derſelben Tracht ſchritten im Leichengaͤngers⸗ ſchritte, mehr Geſpenſtern als Soldaten aͤhnlich, die Waͤlle auf und nieder. Die niedern Beamten des Ordens trugen dieſelbe Kleidung, denn ihre fruͤhere weiße Ordenstracht hatte gleich denen der Ritter und Obern, Veranlaſſung zu einem Bunde falſcher Bruͤder in den Gebirgen von Pa⸗ 115 Palaͤſtina gegeben, die ſich Templer nannten und dem Orden große Schande brachten. Hin und wieder ſah man einen Ritter im langen weißen Mantel, mit auf die Bruſt geſenktem Kopf und gekreuzten Armen uͤber den Hof wegſchreiten. Wenn ſie einander begegneten, gruͤßten ſie ſich umm und feierlich, nach dem Geſetze ihres Ordens, das auf dem Text beruhte:„in vielen Worten kannſt du Suͤnde nicht vermeiden,“ und„Leben und Tod liegt in der Gewalt der Zunge.“ Kurz die ernſte aszetiſche Strenge der Zucht des Tempels, die ſo lange ſchon durch Ausſchweifung und frevleriſche Nachſicht bei dem Orden der Templer verdraͤngt war, ſchien ploͤz⸗ lich unter dem ſtrengen Auge Lutas Beaumanvir s wieder aufzuleben. Iſaak hielt am Thore, um zu uͤberlegen, wie er auf die beſte Weiſe ſich Eingang verſchaffte; denn er wußte wohl, daß der wiederauflebende Fana⸗ tismus des Ordens ſeinem ungluͤcklichen Geſchlechte ebenſo unheilbringend war, als ſeine fruͤhere aus⸗ ſchweifende Lebensart, und daß ſein Glaube im erſten Falle ihm Haß und Verfolgung zuzog, indeß ſeine Schaͤtze ihn auf der andern Seite den Erpreſſungen tauſendfaͤltiger Unterdruͤckung Preis geben mußten. Indeſſen wandelte Beaumanoir in einem kleinen, dem Praͤzeptorium zugehoͤrigen, von den aͤuſſern Fe⸗ ſtungswerken eingeſchloſſenen Garten auf und nieder, W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. XLVI. 8 114 und hielt mit einem Bruder, der ihn von Palaͤſtina herbegleitet hatte, ernſte aber vertrauliche Zwieſprache. Der Großmeiſter war ein im Alter ſchon vorge⸗ ruͤckter Mann; dieß zeigte ſein langer, grauer Bart, die buſchigen, grauen Braunen uͤber Augen, de⸗ ren Feuer ſelbſt durch die Jahre nicht hatte verloͤſcht werden koͤnnen. Einſt war er ein gefuͤrchteter Krie⸗ ger, und noch jezt ſprach aus ſeinen ſchmalen, ſtark markirten Zuͤgen kriegeriſches Selbſtgefuͤhl, ſo wie ſie nicht weniger die Entbehrung und den geiſtigen Stolz des ſelbſtzufriedenen Froͤmmers beurkundeten. In dieſe ſtrengen Geſichtszuͤge miſchte ſich eine gewiſſe Hoheit und Edelmuth, die wahrſcheinliche Folge der hohen Rolle, welche er Fuͤrſten und Koͤnigen ge⸗ genuͤber zu behaupten wußte, ſo wie auch der gewohn⸗ ten Ausuͤbung der hoͤchſten Gewalt uͤber die tapferen und hochgebornen Ritter, die durch die Regeln des Ordens vereinigt waren. Er war von hoher Geſtalt, und ſeine Haltung, vom Alter ungebeugt, war feſt und ſtolz. Sein weißer Mantel, ſtreng nach den Regeln des heiligen Bernhard geſchnitten, beſtand aus dem Zeuge, den man damals Burreltuch nannte, ſchloß ſich eng an den Leib des Ritters an, und wies auf der linken Schulter das achteckige Kreuz aus rothem Stoff. Kein Hermelin, noch ſonſtiger Schmuck zierte ſein Gewand; in Hinſicht ſeines Alters und ſei⸗ ner Wuͤrde als Großmeiſter trug er, wie es die Ge⸗ ſetze geſtatteten, ſein Gewand mit dem zarteſten Lint. 1 „ » 115 merfell gefuͤttert und ausgeſchlagen, die Wolle nach außen gekehrt; dieß kam nach dem Lurus der darmali⸗ gen Zeit den Pelzverbraͤmungen am naͤchſten. In ſeiner Hand trug er den ſeltſamen Abaaus oder Amts⸗ ſtab, mit dem man die Templer oft abgebildet ſieht, und der am obern Ende eine runde Platte zeigt, auf die das Kreuz des Ordens in einem Zirkel oder Wap⸗ penſaum, wie's die Herolde nennen, eingegraben war. Sein Begleiter trug faſt dieſelbe Kleidung, nur zeigte er durch ſeine tiefe Unterwuͤrfigkeit gegen ſeinen Obern, daß keine andere Gleichheit zwiſchen ihnen beſtehe. Der Praͤzeptor(oder Vorſtand einer Or⸗ densſtiftung) ging nie in gleicher Linie mit dem Groß⸗ meiſter, ſondern gerade ſo weit hinter ihm, daß Beau⸗ manoir, ohne ſich umwenden zu muͤſſen, mit ihm re⸗ den konnte. „Konrad,“ ſprach der Großmeiſter,„theurer Ge⸗ faͤhrte meiner Schlachten und Muͤhen, deinem treuen Buſen allein mag ich meinen Gram und Kummer vertrauen. Dir allein kann ich ſagen, wie oft ich, ſeit ich dieß Koͤnigreich betrat, gewuͤnſcht habe, aufge⸗ löst und zu den Gerechten verſammelt zu werden. Auf keinem Gegenſtand, dem mein Auge begegnet, ruht es mit Vergnuͤgen, auſſer auf den Graͤbern mei⸗ ner Bruͤder unter dem hohen Dache unſrer Tempel⸗ kirche in jener ſtolzen Hauptſtadt. O tapferer Ro⸗ bert de Ros! rief ich unwillkuͤhrlich aus, als ich auff 116 die wackern Streiter des Kreuzes ſchaute, wie ſie auf ihren Graͤbern ausgehauen liegen!— O wuͤrdi⸗ ger William de Mareſchall! Thut auf Eure Marmor⸗ hallen und nehmt Euren muͤden Bruber auf, der lie⸗ ber mit hundert tauſend Heiden fechten, als Zeuge des Verfalls unſres heiligen Ordens ſein moͤchte!“ „Es iſt wahr,“ antwortete Konrad Montfitchet; —„nur zu wahr; und die Ausſchweifungen unſrer Bruͤder in England ſind noch groͤßer, als deren in Frankreich.“ „Well ſie reicher ſind,“ antwortete der Großmei⸗ ſter,„verzeiht mir, Bruder, wenn ich mich ſelbſt et⸗ was lobe. Aber du weißt, wie ſtreng ich ſtets gelebt, wie genau ich die Vorſchriften unſers heiligen Or⸗ dens befolgt habe, wie ich mit leiblichen und unleib⸗ lichen Teufeln ſtritt, den bruͤllenden Loͤwen, der umher⸗ geht und ſucht, welchen er verſchlinge, niedertrat, wie's einem tapfern Ritter, und frommen Prieſter geziemen will,— ſo wie uns der hochgelobte heilige Bernhard im fuͤnf und vierzigſten Kapitel unfrer Ordensregel vorgeſchrieben hat:— at leo semper feriatur, Aber, beim heiligen Tempel! bei der Flamme, die all' mein Le⸗ ben, die Nerven und das Mark meiner Gebeine auf⸗ gezehrt hat,— bei dieſem wahrhaftigen heiligen Tem⸗ pel ſchwoͤr' ich dir, daß ich auſſer dir und einigen wenigen, die noch nach der alten Strenge unſres Or⸗ dens leben, keinen Bruder lehe den ich nach Herzans 117 luſt unter dieſem heiligen Namen umarmen moͤchte. Was ſagen unſre Statuten?— und wie befolgen ſie unſre Bruͤder? Sie ſollten nicht eitle, weltliche Zierde tragen, nicht Buͤſche auf den Helmen, kein Gold an Buͤgel oder Zaum, und wer prangt ſo bunt und ſtolz, als die armen Kaͤmpfer des Tempels? Es iſt ihnen verboten, den Falken zur Jagd auf andere zu tragen, Wild mit Bogen oder Armbruſt zu ſchießen, ein Jasdhorn zu blaſen, oder auf die Hetze zu reiten und nun? wer jagt, falkenirt, und treibt all das eitle Zeug in Wald und See erfahrner, als der Temp⸗ ler?— Es iſt ihnen verboten, zu leſen, auſſer was ihr Oberer ihnen erlaubt, oder was von heiligen Din⸗ gen im Refektorium vorgetragen wird;— ſie ſollten. Zauberei und Ketzerei ausrotten— und ſie ſtudiren die teufliſchen kabbaliſtiſchen Geheimniſſe der Judem und die Zauberei der heidniſchen Sarazenen. Ein⸗ fache Koſt iſt ihnen vorgeſchrieben, Wurzeln, Suppe, Gruͤtze, nur dreimal Fleiſch die Woche, weil das viele Fleiſcheſſen den Leib verderbt, und ihre Tafeln beugen ſich unter der Buͤrde der leckerſten Speiſen! Ihr Getraͤnk ſollte Waſſer ſein; und jezt iſt, gleich einem Templer trinken, das Loſungswort jedes ungebunde⸗ nen Zechers. Selbſt dieſer Garten hier, mit fremden Gewaͤchſen und Baͤumen aus oͤſtlichem Himmelſtrich, gleicht eher dem Harem eines unglaͤubigen Emirs, als dem Ort, wo chriſtliche Moͤnche demuͤthig ihre Sup⸗ penkraͤuter ziehen ſollten.— O Konrad! zufrieden — 118 wäre ich, wenn die Erſchlaffung der Zucht ſich hierauf beſchraͤnkte!— Wohl weißt du, wie uns verboten iſt, dieſe frommen Weiber aufzunehmen, die im Anfang unſers Ordens ihm als Schweſtern zugeſellt waren, weil, wie das ſechsundvierzigſte Kapitel ſagt: der boͤſe Feind ſchon Manchen durch weibliche Gemeinſchaft vom geraden Pfade zum Paradieſe abgelockt hat. Ja im letzten Kapitel, als den Schlußſtein, den unſer zebenedeiter Ritter auf ſeine reine, ungefaͤlſchte Lehre legte, verbot er ſelbſt den leidenſchaftlichen Kuß an Mutter und Schweſtern,— ut omnium mulierum fugiantur oscula. Und— Schande iſt's auszuſpre⸗ chen,— Schande zu denken,— wie die Verfuͤhrung gleich einem reißenden Strom uͤber uns eingebrochen iſt. Die Seelen unſerer reinen Stifter, die Geiſter des Hugh de Payen und Gottfried de Saint Omer, und der gebenedeiten Sieben, die zuerſt ihr Leben dem Dienſte des Tempels widmeten, muͤſſen ſelbſt in den Freuden des Paradieſes geſtoͤrt werden! Ich hab' ſie geſehn, Konrad, in den Geſichten dieſer Nacht,— ihre heiligen Augen vergoßen Thraͤ⸗ nen uͤber die Suͤnden und Thorheiten ihrer Bruͤder, und ob der ſchaͤndlichen, gottloſen Ueppigkeit, der ſie ſich ergeben. Du ſchlummerſt, Beaumanoir,“ ſagten ſie,„erwache! Es haftet ein Flecken auf dem Hauſe der Templer, ein Flecken tief und ſchmutzig, wie das Zeichen des Ausſatzes an den Peſthaͤuſern der Alten. Die Streiter des Kreuzes, welche den Glanz des „ 119 Weiberauges gleich einem Bafiliskenblick fliehen ſoll⸗ ten, leben in offener Suͤnde, nicht blos mit den Wei⸗ bern ihres Stammes, ſondern mit den Toͤchtern der verfluchten Heiden und den noch verabſcheuungswuͤr⸗ digern Juden.— Beaumanoir, du ſchlaͤfſt; auf und raͤche unſre Sache! ſtrafe die Suͤnde!— erſchlage die Suͤnder, Maͤnner und Weiber! Ergreife den Brand des Phineas. Das Traumgeſichte entfloh, Konrad, doch ich vernahm noch beim Erwachen das Geklirre ihrer Panzer und ſah das Wehen ihrer weißen Maͤn⸗ tel.— und nach ihren Worten will ich handeln; ich will ſaͤubern die Werkſtaͤtte des Tempels!— will aus⸗ heben die unſaubern Steine, an denen die Peſt haftet, und ſie aus dem Gebaͤude werfen!“ „Bedenkt jedoch, ehrwuͤrdiger Bruder,“ entgegnete Montfitchet,„der Flecken hat ſich durch Zeit und Ge⸗ wohnheit zu tief eingefreſſen; laßt Eure Reformation behutſam und weiſe ſein!“ „Nein, Montfitchet— ſcharf muß ſie ſein, und ploͤzlich!— Das Schickſal des Ordens geht ſeiner Entſcheidung entgegen. Die Maͤſſigung, Aufopferung und Heiligkeit unſerer Vorgaͤnger ſchaffte uns maͤch⸗ tige Freunde; unſer Uebermuth, unſer Reichthum, unſre Schwelgerei hat uns gewaltige Feinde erweckt. Wir muͤſſen dieſe Reichen austreiben, weil ſie eine Ver⸗ ſuchung fuͤr die Fuͤrſten ſind,— wir muͤſſen die An⸗ maßung ablegen, die ihnen zum Anſtoß wird!— Die Zuͤgelloſigkeit ihrer Auffuͤhrung, die ein Aergerniß der 120 ganzen Chriſtenheit ſind, muß ausgerottet werden.— Oder— gedenke meiner Worte!— der Boden des Tempels wird zerſtört werden— und ſeine Staͤtte ſelbſt wird nicht mehr bekannt ſein unter den Voͤlkern.“ „Moͤge Gott ein ſolches Ungluͤck von uns wen⸗ den!“ verſezte der Praͤzeptor.. „Amen!“ ſprach der Großmeiſter feierlich;„allein wir muͤſſen uns ſeiner Huͤlfe wuͤrdig machen! Ich ſage dir, Konrad, daß weder die Macht im Himmel, noch die auf Erden die Verworfenheit dieſes Geſchlechts laͤn⸗ ger dulden wird.— Ich ſehe richtig.— Der Grund, auf den unſer Gebaͤnde aufgerichtet ward, iſt bereits untergraben, und jeder Zuſatz, den wir zum Bau unſrer Groͤße machen, dient blos dazu, daß ſie um ſo eher in den Abgrund ſinkt. Zir muͤſſen unſre Schritte zuruͤckthun, und uns als treue Kaͤmpen des Kreuzes zeigen, und unſrem Berufe nicht allein unſer Blut und Leben, nicht unſre Luͤſte und boͤſe Angewoͤh⸗ . nungen opfern,— nein unſre Bequemlichkeit, unſer Wohlleben zum Opfer bringen, und manches Vergnuͤ⸗ gen, das andern erlaubt ſein mag, muß uns, den ge⸗ weihten Streitern des Tempels, verſagt ſein.“ In dieſem Augenblick trat ein Knappe in abgetra⸗ genem Gewand(denn die Aſpiranten zum heiligen Or⸗ den trugen waͤhrend ihres Noviziats die abgelegten Kleider der Ritter) in den Garten, verbeugte ſich tief vor dem Großmeiſter, und erwartete ſtillſchweigend deſ⸗ ſen Exlaubniß, ſeine Botſchaft mitzutheilen. 0 121 „Iſt es nicht ſchicklicher,“ ſprach der Großmeiſter, „dieſen Damian in das Gewand der chriſtlichen De⸗ muth gekleidet, und in ehrfurchtsvollem Schwei⸗ gen vor ſeinem Vorgeſezten ſtehn zu ſehen, als zwei Tage fruͤher, wo der Thor in einem geſtickten Wamms erſchien, mit Schellen klingend und ſtolz wie ein Papagai?— Sprich Damian, wir erlauben dir's — Was iſt deine Botſchaft?“ „Ein Jude ſteht vor dem Thor, edler und ehrwuͤr⸗ diger Vater, und bittet mit dem Bruder Brian de Bois Guilbert ſprechen zu duͤrfen.“ „Du haſt Recht gethan, an mich die Botſchaft zu bringen,“ erwiederte der Großmeiſter,„in unſrer Ge⸗ genwart iſt ein Praͤzeptor nur ein gewoͤhnliches Mit⸗ glied unſres Ordens, das nicht ſeinem eigenen Willen, ſondern/ dem ſeines Meiſters folgen muß— wie's der Text verlangt.„Er hoͤrte mich, und gehorchte mir.“ „Es iſt fuͤr mich beſonders wichtig, das Thun die⸗ ſes Bois Guilbert kennen zu lernen,“ ſprach er an ſeinen Begleiter ſich wendend. „Der Ruf unennt ihn brav und tapfer,“ verſezte Konrad. „Und nennt ihn mit Recht ſo,“ ſprach der Groß⸗ meiſter;„in unſrer Tapferkeit allein ſind wir von un⸗ ſern Vorfahren, den Helden des Kreuzes, nicht abge⸗ artet. Allein Rruder Brian kam in unſern Orden als ein unzufriedener, eigenwilliger Mann, nicht aus wahrem innern Drang des Herzens, wie ich glaube, 8* 1 22 zu unſrem Geluͤbde und zur Entſaguug der Welt le⸗ wogen, ſondern mehr als einer, den das Mißlingen irgend eines kleinlichen Wunſches in den Stand der Buße verſezte. Seitdem iſt er ein hoͤswilliger Unruheſtiſter, Aufwiegler und ein Anfuͤhrer derer geworden, die ſich gegen unſer Anſehn auflehnen, und es wenig beachten, daß dem Großmeiſter die Kraft des Geſetzes durch das Symbol des Stabes dienen, und die Ruthe, um die Fehler der Irrenden zu ſtra⸗ fen, verliehen iſt.— Damian,“ fuhr er fort,„fuͤhre den Juden vor uns!“ 3 Der Knappe entfernte ſich mit einer tiefen Ver⸗ bengung und kehrte nach einer Weile mit dem Juden Jiaak zuruͤck. Kein nackter Sklave, vor einen maͤch⸗ tigen Fuͤrſten gefuͤhrt, kann ſeinem Richterſtuhle de⸗ muͤthiger und furchtſamer nahen, als der Inde vor dem Großmeiſter erſchien. Als er ſich auf die Ent⸗ fernung von drei Schritten genaͤhert hatte, machte Beaumanoir ein Zeichen mit dem Stabe, daß er nicht naͤher kommen ſollte. Der Jude kniete nieder zur Erde, die er zum Zeichen ſeiner Unterwuͤrfigkeit kuͤßte, erhob ſich dann und blieb mit uͤber die Bruſt ge⸗ falteten Haͤnden und geſenktem Haupt, nach der ſkla⸗ viſchen Sitte des Morgenlands, vor den Templern ſtehn. „Damian,“ ſprach der Großmeiſter,„entferne dich, ſei aber unſers Ruf gewaͤrtig, und laß Niemand in den Garten treten, bis wir es erlauhen.“ 123 Der Knappe zog ſich mit einer Verbeugung zuruͤck. „Jude,“ fuhr der ſtolze alte Mann fort,„verſteh mich wohl! Es ziemt ſich nicht fuͤr unſern Rang, lange mit dir zu reden, noch koͤnnen wir uͤberhaupt unſre Worte und Zeit verſchwenden. Deßwegen ant⸗ worte kurz auf die Fragen, die ich an dich ſtellen werde, und bleib der Wahrheit treu; denn, wenn deine Zunge falſch iſt gegen mich, laß ich ſie dir aus deinem unglaͤubigen Halſe ziehn!“ Der Jude war im Begriff zu autworten, allein der Großmeiſter fuhr fort: „Stille, unglaubiger!— nicht ein Wort in unſrer Gegenwart! Antworte auf das, was ich dich frage! Was iſt dein Geſchaͤft bei unſtem Bruder Brian de Bois Guilbert?“ Der Jude zitterte vor Schrecken und Ungewißheit. Erzaͤhlte er ſeine Geſchichte, ſo hieß das den Orden beſchimpfen; that er es nicht, wie konnte er hoffen, ſeine Tochter zu befreien? Beaumanoir ſah ſeine toͤd⸗ liche Angſt, und ließ ſich herab, ihm einige Beruhi⸗ gung zu gewaͤhren. „Fuͤrchte nichts,“ ſprach er,„fuͤr deine elende Per⸗ ſon, Jude, wenn du aufrichtig gegen mich biſt!— Ich frage dich, was du mit Brian de Bois Guilbert zu ſchaffen haſt.“ „Ich ſoll,“ ſtammelte der Jude,„ehrwuͤrdiger und geſtrenger Herr, dem guten Ritter vom Prior Aymer, dem Abt von Jorvaulr, einen Brief uͤberbringen.“ 124 „Sagt ich es nicht, Konrad, es ſeien ſchlimme Zeiten?“ ſprach der Großmeiſter.„Ein Ziſterzienſer Prior ſendet einem Krieger des Tempels einen Brief und kann keinen ſchicklicheren Boten, als einen un⸗ glaͤubigen Juden finden. Gib mir den Brief!“ Mit zitternder Hand loͤste der Inde die Falten ſeiner armeniſchen Mutze, in welcher er zu groͤßerer Sicherheit des Priors Schreibtafel verwahrt hatte, und wollte ſich eben mit ausgeſtreckter Hand und ge⸗ kruͤmmtem Ruͤcken naͤhern, um ſie in den Bereich des grimmigen Fragers zu bringen.“. 3 „Zuruͤck, Hund!“ rief der Großmeiſter,„ich ruͤhre die Unglaͤubigen nur mit dem Schwerte an! Konrad, nimm du dem Juden den Brief ab, und gib ihn mir.“ Als Beaumanoir im Beſitz der Schreibtafel war betrachtete er die Außenſeite ſorgfaͤltig und begann dann den Bindfaden abzuloͤſen, der ſie zuſammenhielt. „Ehrwuͤrdiger Vater,“ ſiel Konrad jedoch mit vie⸗ ler Ehrfurcht ein,„willſt du das Siegel brechen?“ „Und warum ſollt' ich nicht?“ ſagte Beaumauoir mit gerunzelter Stirn.„Steht es nicht im zwei und vierzigſten Kapitel de lectione literarum geſchrieben, daß ein Templer keinen Brief ſelbſt von ſeinem Va⸗ ter bekommen ſoll, ohne ihn dem Großmeiſter mitzu⸗ theilen, und ihn in ſeiner Gegenwart zu leſen?“ Er durchlief dann eilig den Brief mit dem Aus⸗ druck des hoͤchſten Erſtaunens und Abſcheus, uͤberlas ihn noch einmal langſamer, und mit der eiuen —† 125 Hand ihn ſeinem Begleiter hinhaltend mit der andern leicht beruͤhrend rief er,—„ein ſchöner Stoff fuͤr den Brief eines Chriſten an einen Andern,— beide Mitglieder— nicht unanſehnliche Mitglieder geiſtlicher Bruͤderſchaften. Wann wirſt du“ ſprach er feierlich gen Himmel blickend,„kommen mit deiner Schwinge, die Tenne zu reinigen?“ Montfitchet nahm den Brief aus der Hand ſeines Obern und wollte ihn leſen.„Lies ihn laut, Kon⸗ rad,“ ſprach der Großmeiſter,„und du Jude, gib auf den Inhalt Acht, du mußt uns uͤber ihn Rede ſtehn.“ Konrad las den Brief, der folgenden Inhalts war: „Aymer, von Gottes Gnaden Prior des Ziſter⸗ zienſerkloſters zur heiligen Maria von Jorvaulr an Sir Vrian de Bois Gullbert, einen Ritter des heil. Tempelordens, Geſundheit und die Gunſt des Bacchus und unſrer lieben Frauen Venus zuvor! Unſre gegenwaͤr⸗ tige Lage anlangend, ſind wir, theurer Bruder, in den Haͤnden einiger geſetz⸗ und gottloſer Menſchen, die ſich nicht entbloͤdet haben, uns gefangen zu neh⸗ nehmen, und ein Loͤſegeld aufzuerlegen, ſo wie ſte uns auch Front de Boeufs Ungluͤck, und deine Flucht mit der juͤdiſchen Zauberinn, die deine Augen beherte, mitgetheilt haben. Sehr erfreut ſind wir ob deiner Rettung, doch warnen wir dich in Hinſicht dieſer zweiten Hexe von Endor auf deiner Hut zu ſein; denn man hat uns insgeheim berichtet, daß Euer Großmeiſter, der ſich nicht auf rothe Wangen und 126 ſchwarze Augen verſteht, aus der Normandie herbeieilt, Eure Freuden zu ſtoͤren, und Eure Miſſethaten zu zuͤchtigen; darum bitten wir Euch angelegentlich, Euch wohl zu huͤten, und fein wachſam zu ſein, wie die Schrift es verlangt: Invenientur vigilantes. Der reiche Jude Iſaak von York, ihr Vater, der mich ihrenthal⸗ ben um einen Brief an Euch gebeten hat, wird Euch ſo viel zahlen, daß Ihr damit fuͤnfzig andere Maͤdchen bei guͤnſtigerer Zeit erhalten koͤnnt, von denen ich dann wohl auch meinen Theil bekomme, wenn wir luſtig bei⸗ ſammen ſind, als treue Bruͤder und auch den Wein⸗ humpen dabei nicht vergeſſen.— Denn was ſagt die Schrift?— Vinum laetificat cor hominis; und dann wieder: Rex delectabitur pulchritudine tua.“ „Bis auf froͤhliches Wiederſehen Gott befohlen, Ge⸗ geben in der Diebshoͤhle zur Morgenſtunde.“ Aymer . Prior S. M. Jorfolcienſis. P. S. Eure goldene Kette hat nicht lange bei mir ausgehalten, ſie haͤngt einem Wilddieb um den Hals und traͤgt die Pfeife, womit er ſeine Hunde lockt.“ „Was meinſt du dazu, Konrad?“ fragte der Groß⸗ meiſter.„Eine Diebshoͤhle! ja eine Diebshoͤhle iſt die paſſendſte Reſidenz fuͤr ſolch' einen Prior. Kein Wunder, daß die Hand des Herrn ſo ſchwer uͤber uns liegt, und wir im gelobten Lande Platz fuͤr Platz, und Fuß fuͤr Fuß an die Unglaͤubigen verlieren, wenn wir 127 ſolche Seelenhirten, wie dieſen Aymer haben.— Und was meint er mit dieſer Here von Endor?“ fragte er ſeinen Vertrauten etwas bei Seite. Konrad war beſſer als ſein Oberer(vielleicht aus Erfahrung) mit den Kunſtausdrucken damaliger Ga⸗ lanterie bekannt, und erklaͤrte ſomit die verfaͤngliche Stelle als eine Redensart, deren ſich die Weltleute fuͤr Perſonen bedienten, die ſie par amours liebten; allein dieſe Erklaͤrung befriedigte den bigotten Beau⸗ manoir nicht. „Dahinter ſteckt mehr, als du glaubſt, Konrad; dein einfacher Sinn kann den tiefen Abgrund von Ver⸗ worfenheit nicht ergruͤnden. Dieſe Rebekka von York war eine Schuͤlerinn Miriams, von der du auch ſchon gehoͤrt haſt.“ „Der Jude ſelbſt ſoll es dir ſagen;“ und ſo ſich an den Juden wendend, fragte er ihn laur:„Deine Tochter iſt alſo die Gefangene Brian de Bois Guil⸗ berts?“ „Ja, hochwuͤrdiger, geſtrenger Herr, und was auch immer fuͤr ein Loͤſegeld ein armer Mann bezahlen kann“— „Still!“ ſprach der Großmeiſter.„Hat deine Toch⸗ ter nicht die Heilkunde ausgeuͤbt, hat ſie nicht?— „Ja, gnaͤdiger Herr, Ritter und Meoman, Knappe und Vaſall werden ſegnen die goͤttliche Gabe, die der Himmel ihr verliehen hat. Viele koͤnnen es bezeu⸗ gen, daß ſie durch ihren Beiſtand geneſen ſind, wo 128 jede andere Menſchenhuͤlfe fruchtlos war; allein der Sezen des Gottes Jacobs ruhte uͤber ihr.“ 3 Beaumanoir wandte ſich mit grimmigem Laͤcheln an Montſitchet.„Da haſt du's, Bruder, das ſind die Schlingen Satans, der umher geht, Alles zu verſchlin⸗ gen. Siehſt du die Netze, womit er die Seelen um⸗ garnt, indem er ihnen eine kurze Friſt irdiſchen Le⸗ bens um ihrer Seele Heil und Seligkeit bietet? Sehr wahr ſpricht unſer ſeegenreiches Geſetz:„Semper per- cutiatur leo vorans!« Auf den Loͤwen! nieder mit dem Verderber!“ rief er, ſeinen geheimnißvollen Stab ſchwingend, als wollte er den Maͤchten der Finſterniß trotzen.„Deine Tochter bewirkte wohl ihre Kuren durch Worte, Siegel und andere kabbaliſtiſche Ge⸗ heimniſſe?“ „Nein, hochwuͤrdiger und geſtrenger Ritter,“ ant⸗ wortete Iſaak,„ſondern durch einen Balſam von wun⸗ derſamer Kraft.“ K „Woher hat ſie das Geheimniß?“ fragte Beau⸗ manoir. „Es ward ihr mitgetheilt,“ antwortete zoͤgernd der Jude,„von Miriam, einer weiſen Matrone unſeres Stammes.“ „Ha, falſcher Inde!“ rief der Großmeiſter ſich kreuzend,„von jener Here Miriam, deren Zaubereien man in allen Chriſtenlanden mit Abſcheu und Entſez⸗ zen vernimmt?— Ihr Koͤrper ward am Pfahl ver⸗ brannt —— 1²9 Frannt, ihre Aſche in die vier Winde geſtreut; und ſo geſchehe mir und meinem Orden, wenn ich nicht gleiches und noch mehr an ihrem Zoͤgling thue! Ich will ſie lehren, Zaubereien uͤber die Streiter des hei⸗ tigen Tempels auszuſprechen!— Ha! Damian, werft den Juden zum Thor hinaus!— ſchlagt ihn zu Tod, wenn er wiederkehrt!— Mit ſeiner Tochter werden wir verfahren, wie das chriſtliche Geſetz und unſer hohes Amt gebeut.“ Der arme Iſaak ward nun hinausgeworfen; alle ſeine Bitten, alle ſeine Anerbietungen blieben un⸗ gehoͤrt und unbeachtet. Es blieb ihm nichts uͤbrig, als nach dem Hauſe des Rabbi zuruͤckzukehren, und durch deſſen Vermittlung zu verſuchen, etwas von dem zu erfahren, was mit ſeiner Tochter vorgenommen wer⸗ den ſollte. Bis dahin hatte er fuͤr ihre Ehre gefuͤrch⸗ tet, nun zitterte er fuͤr ihr Leben. Mittlerweile gab der Großmeiſter Befehl⸗ daß der Praͤzeptor von Tem⸗ pleſtowe vor ihm erſcheinen ſollte. W. Scott's ſämmtl. Werte. XI. VI 150. Siebentes Kapitel. Schilt meine Kunſt nicht Trug— der Schein thut Alles! Ihm dankt der Bettler ſeine Habe— Land,* Ihm Titel, Rang, Gewalt der glatte Höͤfling; Der Mann der Kirch verſchmaͤht ihn nicht der Held Schmuͤckt ſeinen Ruhm damit; Ein Jeder duldet, Ein jeder nuͤtzet ihn— gar wenig gilt NN In Kirche, Feld und Staat, wer ſich begnuget, 4— Zu ſcheinen, was er iſt.— So treibt's die Welt: 4 Altes Schauſpiel. mit Brian de Bois Guilbert eng verbuͤndet. Unter den ausſchweifenden und zuͤgelloſen Mitglie⸗ dern, deren der Tempelorden ſo manche zaͤhlte, ver⸗ diente Philipp von Templeſtowe eine ausgezeichnete zmeiſters nicht ſo unerwartet er⸗* folgt, ſo haͤtte dieſer nicht die mindeſte Spur mangeln⸗ der Disciplin gefunden; obwohl uͤberraſcht und zum i bert Malvoiſin die Strafpredigt Ehrfurcht und ſolchem Schein traf ſo eilig Anſtalt in Abſtel⸗ —y — ———— und geheimen Wi 1321 lung der geruͤgten Mißbraͤuche, und wußte ſeiner allen Ausſchweifungen ſinnlicher Luͤſte ergebenen Gemeinde einen ſolchen Anſtrich von aszetiſcher Froͤmmigkeit zu geben, daß Lukas Beaumanoir begann, eine hoͤhere Mei⸗ nung von des Praͤzeptors Sittlichkeit zu faſſen, als die Stiftung ihn auf den erſten Aublick hatte vermu⸗ theu laſſen. Allein dieſe guͤnſtige Meinung des Großmeiſters er⸗ hielt einen großen Stoß durch die ſo eben erlangte Kunde, daß Albert die juͤdiſche Gefangene, und wie zu fuͤrchten war, die Buhlinn eines Ordensbruders, in das Ordenshaus aufgenommen hatte; als daher Albert vor ihm erſchien, ward er mit ungewohntem Ernſt von ihm empfangen. „u dieſem, dem heiligen Tempel geweihten Hauſe,“ begann der Großmeiſter in ernſtem Ton, „befindet ſich ein juͤdiſches Weib, mit Eurem Vorwiſ⸗ ſen durch einen Ordensbruder hiehergebracht.“ Albert Malvoiſin war vor Beſtuͤrzung auſſer ſich; da die ungluͤckliche Rebekka in einen entfernten l des Gebaͤudes gebracht und jede Vorſicht aufgeboten e, ihre Anweſenheit zu ver⸗ heimlichen. Er las in Beaumanoirs Blicken ſein und Bois Guilberts Verderben, wenn es ihm nicht gelang, den drohenden Sturm abzuwenden. „Weßhalb verſtummt Ihr?“ fragte der Großmeiſter. „Iſt es mir vergoͤnnt, Euch zu antworten?“ begann der Praͤzeptor im Tone der tiefſten Zerknirſchung, ob⸗ 192 gleich er ſich dadurch nur augenblickliche Friſt zu ver⸗ ſchaffen ſuchte, ſeine Gedanken zu ordnen. „Sprecht, es iſt Euch vergoͤnnt!“ verſezte der Großmeiſter;„ſprecht und ſagt, kennt Ihr das erſte unſrer Ordensgeſetze:—„De commilitonibus Templi in sancta civitate, qui cum miserrimis mu- Heribus versantur, propter oblectationem carnis?*. „Gewiß, hochwuͤrdiger Vater!“ antwortete der Praͤzeptor,„ich ward nicht zu dieſem hohen Ordens⸗ amt erhoben, ohne daß mir eines ſeiner wichtigſten Gebote bekannt geweſen waͤre.“— „Wie kommt es denn, frage ich dich noch einmal, daß du geduldet haſt, daß ein Bruder ſeine par amours und noch dazu eine juͤdiſche Zanberinn in dieſe hei⸗ lige Staͤtte gebracht hat, zur Befleckung und Verun⸗ reinigung derſelben?“ 1 „Eine juͤdiſche Zauberinn!“ wiederholte Albert Malvoiſin,„Engel des Himmels bewahret uns!“ „ ,a, Bruder, eine jüͤdiſche Zauberinn!— Kannſt du es laͤugnen, daß jene Rebekka, die Tochter des ruchloſen Wucherers Iſaak von York, der Zogling je⸗ ner hoͤlliſchen Here Miriam, jetzt— Schande, daß man es ausſprechen, ja nur denken muß!— ſich jezt innerhalb dieſes Praͤzeptoriums befindet!“ „Eure Weisheit, hochwuͤrdiger Vater,“ erwiederte der Praͤzeptor,„hat die Finſterniß von meinem Geiſte weggenommen. Immer wunderte mich, wie ein ſo euter Nitter, wie Brian de Bois Guitbert ſo ſehr 8 155 von den Reizen dieſes Weibes bethoͤrt werden konnte, das ich blos in der Abſicht in dieſes Haus aufnahm, um ihrer wachſenden Vertraulichkeit Schranken zu ſetzen, da ſie ſonſt leicht den Fall unſres tapfern und frommen Bruders herbeigefuͤhrt haͤtte.“ „So iſt denn bis jetzt nichts zwiſchen ihnen vor⸗ gefallen, wodurch er ſein Geluͤbde gebrochen haͤtte?“ fragte der Großmeiſter. „Wie, unter dieſem Dache?“ rief der Praͤzeptor ſich bekreuzend,„heilige Magdalene und Ihr zehntau⸗ ſend Jungfrauen, ſeid bei uns!— Nein! Wenn ich ſuͤndigte, daß ich ſie hier aufnahm, ſo geſchah es in der irrigen Meinung, daß ich ſo die wahnſinnige Nei⸗ gung unſers Bruders zu dieſer Juͤdinn unterdruͤcken moͤchte, die mir ſo wild und unnatuͤrlich ſchien, daß ich es einer Art von Geiſtesverwirrung zuſchreiben mußte, die eher durch Mitleid als Vorwurf geheilt werden noͤchte. Seitdem aber Eure ruhmwurdige Weisher in dieſem juͤdiſchen Weibsbild eine Zaube⸗ rinn entdeckt hat, ſo mag ſich vielleicht hiedurch ſein Liebeswahnſinn hinlaͤnglich erklaͤren laffen,“ „So iſt's! ſo iſt's!“ rief Beaumanoir„ teh', Bruder Konrad, welch' eine Gefahr es iſt, ſich der Eingebung und Verblendung des Satans hinzuge⸗ ben! Wir blicken auf die Weiber anfaͤnglich nur, um die Augenluſt zu befriedigen, und uns an dem, was die Leute Schoͤnheit heißen, zu vergnuͤgen, und ſo ge⸗ winnt der alte Erbfeind Macht uͤber uns, um durch 134½ Talisman und Zauberſpruch ein Werk zu vollenden, das aus Thorheit und Muͤßiggang begonnen wurde, Es mag ſein, daß unſer Bruder Bois Guilbert in dieſer Geſchichte mehr Mitleid, als ſtrenge Zuͤchtigung verdient, mehr die Stuͤtze des Stabs, als die Streiche der Ruthe— und daß unſre Ermahnungen und Gebete ihn von ſeinem Wahnſinn heilen, und ihn ſeinen Bruͤdern wieder zuwenden moͤgen.“ „Es waͤre Jammerſchade,“ erwiederte Konrad Montfitchet,„wenn der Orden eine ſeiner beſten Lan⸗ zen verloͤre zu einer Zeit, wo die heilige Bruͤderſchaft ihrer Huͤlfe am dringendſten bedarf. Mit eigner Hand hat Bois Guilbert dreihundert Sarazenen erſchlagen.“ „Das Blut dieſer verfluchten Hunde,“ fiel der Großmeiſter ein,„wird den Heiligen und Engeln, die ſie verachten und laͤſtern, ein ſuͤßes Opfer ſein; und mit ihrer Huͤlfe wollen wir den Zauberkuͤnſten entgegenwirken, worein ſich unſer Bruder verfangen hat. Er ſoll die Bande dieſer Delila zerreißen, wie Simſon die neuen Stricke zerriß, womit die Phili⸗ ſter ihn gebunden hatten; oder die ſchaͤndliche Hexe, aburn Glied des heiligen Tempelordens in ihrem Zauber befangen haͤlt, ſoll des Todes ſterben!“ „Allein die Geſetze Englands,“— entgegnete der Praͤzeptor, der, ſo entzuͤckt er auch war, daß des Groß⸗ meiſters Rache, von ihm und Bois Gailbert ſich ab⸗ wendend, ein neues Ziel gefunden, dennoch befuͤrch⸗ tete, ſie moͤchte ihn zu weit fuͤhren. 135 „Die Geſetze Englands,“ erwiederte Beaumanoir, „erlauben und ermaͤchtigen jeden Richter innerhalb ſeines Gerichtsbezirks Gerechtigkeit zu uͤben. Der ge⸗ ringſte Edelmann kann eine auf ſeinem Gebiet ge⸗ fundene Hexe verhaften und ſie nach gepflogener Un⸗ terſuchung verurtheilen. Sollte dieß Recht dem Groß⸗ meiſter innerhalb ſeines Territoriums verweigert ſein?— Nein! wir wollen richten und verdammen. Die Hexe ſoll von der Erde vertilgt, und der Schwaͤche vergeben werden! Bereitet die Schloßhalle zum Ver⸗ hoͤr der Zauberinn.“ Albert Malvoiſin verbeugte ſich und ging— nicht um Anſtalten zur Zubereitung der Halle zu treffen, ſondern um Brian de Bois Guilbert aufzuſuchen und ihm zu berichten, wie ſich die Geſchichte noch wenden ließe. Bald fand er ihn, wie er ſchaͤumend vor Wuth von einer Zuruͤckweiſung der ſchoͤnen Juͤdinn zuruͤck⸗ kam.„Die Unbeſonnene! die Undankbare!“ rief er, „ihn zu verſchmaͤhen, der ſie mit Gefahr ſeines Le⸗ bens aus Tod und Flammen errettete! Beim Him⸗ mel, Malvoiſin, ich hielt aus, bis Dach und Pfeiler rings um mich krachend zuſammenſtuͤrzten. Ich war das Ziel von hundert Pfeilen; ſie ſchlugen an meine Ruͤſtung, gleich Hagelſteinen an ein Gitterfenſter, und der einzige Gebrauch von meinem Schilde war ihre Beſchuͤtzung. Das that ich fuͤr ſie und nun ſchmaͤht mich das eigenſinnige Geſchoͤpf, daß ich's nicht um⸗ kommen ließ, und verſagt mir nicht nur das geringſte 136 Zeichen der Dankbarkeit, ſondern auch die entfernteſte Hoffnung, daß ſie mir dergleichen je gewaͤhren werde. Der Teufel, der ihr Geſchlecht ſo hartnaͤckig gefangen haͤlt, hat all' ſeine Kraft in dem einzigen Weſen ver⸗ einigt.“ „Ihr ſeid, glaub' ich,“ verſezte der Praͤzeptor, „beide vom Teufel beſeſſen. Wie oft hab' ich Euch Vorſicht, wo nicht Enthaltſamkeit gepredigt? Sagt ich Euch nicht, es gebe genug gutwillige Chriſtenmaͤdchen, die es fuͤr Suͤnde hielten, einem ſo tapfern Ritter le don d'amoureux merci zu verweigern? und den⸗ noch mußtet Ihr Eure Neigung auf die eigenſinnige, ſproͤde Jüdinn werfen! Beim heiligen Meßopfer, ich glaube, der alte Lucas Beaumanoir hat recht gerathen, wenn er behauptet, ſie halte Euch im Zauber be⸗ fangen!“ „Lukas Beaumanoir?“ wiederholte Bois Guilbert. —„Sind das Eure Vorſichtsmaßregeln, Malvoiſin? Wie ließeſt du aber den alten Geck dahinter kommen, daß Rebekka im Praͤzeptorium iſt?“ „ Konnt' ich's verhindern?“ ſagte der Praͤzeptor. „Ich ließ es an nichts fehlen, Euer Geheimniß zu ſichern; allein es iſt Verrath, ob vom Teufel oder ſonſt wem, kann nur der Teufel wiſſen. Ich hab' das Ding noch gedreht, ſo gut es gehen wollte; Ihr ſeid gerettet, ſobald Ihr Rebekka entſagt,— Ihr werdet — als ein Opfer zauberiſcher Kuͤnſte bemitleidet.— Sie iſt eine Zauberinn, und muß als ſolche ſterben!“ —— —— 157 „Beim Himmel, das ſoll ſie nicht!“ rief Vois Guilbert. „Beim Himmel, ſie wird und muß es!“ verſezte Malvoiſin.„Lukas Beaumanoir hat ſich in den Kopf geſezt, daß der Tod der Juͤdinn ein Suͤhnopfer wer⸗ den ſoll für alle Liebesvergehen der Tempelritter, und du weißt, daß er Macht und Willen hat, einen ſo weiſen und frommen Vorſatz auszufuͤhren.“ „Werden zukuͤnftige Geſchlechter jemals glauben, daß ſolcher Aberglauben exiſtirte?“ rief Bois Guibert, im Zimmer auf und nieder ſchreitend. „Was ſie glauben werden, weiß ich nicht, ¹ ver⸗ ſezte Malvoiſin ruhig;„aber ſo viel weiß ich, daß heut zu Tage Laien und Geiſtliche, von hunderten wenigſtens neun und neunzig zu des Großmeiſters urtheilſpruch Amen! ſagen werden!“ „Jezt hab' ich's,“ begann Bois Guilbert.„Al⸗ bert, du biſt mein Freund! du mußt ſie entkommen laſſen, Malvoiſin, und ich will ſie an einen ſichern und heimlichern Ort bringen.“ „Ich kann nicht, wenn ich auch wollte,“ entgeg⸗ nete der Praͤzeptor;„das Haus wimmelt vor Die⸗ nern des Großmeiſters, und von andern, die ihm er⸗ geben ſind. Und um offen mit Euch zu ſprechen, Bruder, ich mag mich mit dieſer Sache nicht befaſſen, und ſollt' ich auch mein Schifflein gluͤcklich in den Ha⸗ fen bringen. Schon zu viel hab' ich fuͤr Euch gewagt. Ich bin nicht geſonnen, mich der Gefahr einer Ab⸗ 1238 ſetzung auszuſetzen, oder mein Praͤzeptorium zu ver⸗ lieren, um ein ſchoͤn gemaltes Stuͤck Juden⸗ fleiſech. Und wenn Ihr meinem Rath folgen wollt, ſo gebt Ihr dieſe Wildgaͤnſejagd auf, und laßt Euern Falken auf anderes Wildbret ſtoßen. Be⸗ denke, Bois Guilbert, dein gegenwaͤrtiger Rang, deine zukuͤnftigen Ehrenſtellen, Alles haͤngt von deiner Stellung im Orden ab. Beharrſt du auf deiner Lei⸗ denſchaft fuͤr Rebekka, ſo gibſt du Beaumanoir die Macht in die Haͤnde, dich auszuſtoßen, und er wird's nicht fehlen laſſen. Er iſt eiferſuͤchtig auf den Stab, den er in zitternder Rechte haͤlt, er weiß, du ſtreckeſt die deinige danach aus. Zweifle nicht, daß er dich zu Grunde richtet, wenn du ihm ſo huͤbſche Gelegen⸗ heit durch deine Beſchuͤtzung der juͤdiſchen Zauberinn gibſt. Laß ihn hierin gewaͤhren, da du's nicht hindern kannſt. Wenn du den Stab in eignen Haͤnden haͤltſt, magſt du die Tochter Juda's ſieden oder braten, wie es dir gefaͤllt.“— „Malvoiſin,“ ſprach Bois Gullbert,„ du biſt ein kaltbluͤtiger,“—— „Freund,“ fiel ſchnell der Praͤzeptor ein,„ein kaltbluͤtiger Freund bin ich, und deßwegen um ſo ge⸗ eigneter, dir Rath zu ſchaffen. Ich ſag' dir weiter, daß du Rebekka nicht retten kannſt,— daß du blos dich mit ihr zu Grunde richteſt. Geh', eile zum Großmeiſter!— wirf dich ihm zu Fuͤßen und beichte ihm“— 3 4 1 1 — 159 „Zu Fuͤßen? nein beim Himmel! nein in den Bart will ich's dem Gecken ſagen!“ 3 „So ſag' ihm in den Bart,“ fuhr Malvoiſin kalt⸗ blaͤtig fort;„daß du dieſe gefangene Juͤdinn bis zur Verzweiflung liebſt; je groͤßer du deine Leidenſchaft ſchilderſt, um ſo mehr beſchleunigſt du den Tod der ſchoͤnen Zauberinn; indeß du, der Suͤnde gegen dein Geluͤbde durch dein eigenes Geſtaͤndniß uͤberfuͤhrt, auf alle die Ausſichten, auf Macht und Ehre verzichtend⸗ vielleicht in einem jaͤmmerlichen Zwiſte der Flamlaͤn⸗ der und Burgunder als Söoͤldling deine Lanze brichſt.“ „Du haſt Recht⸗ Malvoiſin,“ antwortete Brian de Bois Guilbert nach augenblicklicher Ueberlegung. „Ich will dem graukoͤpfigen Froͤmmler keinen Vortheil uͤber mich geben; Rebekka hat es nicht um mich ver⸗ dient, daß ich Ehre und Rang ihretwegen in die Schanze ſchlage. Ich will von ihr laſſen, ſie ihrem Schickſal uͤberlaſſen, wenn nicht“—— „Bedinge deinen weiſen und nothwendigen Ent⸗ ſchluß nicht,“ ſagte Malvoiſin;„Weiber and ja nur das Spielzeug unſerer Laune; Ehre iſt der Hauptzweck unſeres Lebens. Moͤgen noch tauſend ſolcher Zierpup⸗ pen, wie dieſe Juͤdinn, druͤber zu Grunde gehn, ehe dein maͤnnlicher Schritt auf der glaͤnzenden Bahn, die vor dir liegt, ſich hemmen laͤßt. Jezt laß uns ſchei⸗ den; auch darf man uns nicht vertraute Ruͤckſprache nehmen ſehen.— Ich muß nun die Halle zur Ge⸗ richtsſitzung herrichten laſſen.“ 140 „Wie? ſo ſchnell?“ fragte Bois Guilbert. „Ja,“ verſezte der Praͤzeptor,„ein Prozeß geht fchnell von Statten, wenn der Richter den Spruch ſchon im Voraus gethan hat.“ „Rebekka!“ rief Bois Guilbert, als er allein war; „ſehr theuer wirſt du mir zu ſtehen kommen. Warum kann ich dich deinem Schickſal nicht üͤberlaſſen, wie's der kalte Heuchler da verlangt?— Noch einen Ver⸗ ſuch will ich zu deiner Rettung machen!— Aber huͤte dich vor Undankbarkeit! denn verſchmaͤhſt du mich wie⸗ der, ſo ſoll meine Rache meiner Liebe gleichen. Das Le⸗ ben und die Ehre Bois Guilberts ſoll nicht auf dem Spiele ſtehn, wenn mir mit Vorwuͤrfen und Verach⸗ tung vergolten wird.“ Kaum hatte der Praͤzeptor die noͤthigen Befehle ertheilt, als Konrad von Montſitchet ihm den Befehl uͤberbrachte, die Juͤdinn ſogleich wegen Zauberei in Unterſuchung zu nehmen. „Es iſt gewiß ein leerer Traum,“ ſagte der Pro⸗ zeptor,„wir haben viele jüdiſche Aerzte, und Nie⸗ manden faͤllt es ein, ſie ob ihren wundervollen Hei⸗ lungen Zauberer zu nennen.“ „Der Großmeiſter denkt onders,“ verſetzte Mont⸗ fitchet;„und Albert, ich will aufrichtig gegen dich ſein— Hererei oder nicht, beſſer iſt es, die elende Diene ſtirbt, als daß Brian de Bois Guilbert fuͤr den Orden verloren geht, oder der Orden ſich durch innern Zwieſpalt ſchadet. Du kennſt ſeinen hohen 141 Rang, ſeinen Waffenruhm— kennſt die Anhaͤnglich⸗ keit, mit der ihm viele unſrer Bruͤder zugethan ſind. — Aber dieß Alles hilft ihm beim Großmeiſter nicht, ſobald er Brian de Bois Guilbert als Mitſchuldigen und nicht als Opfer dieſer Juͤdinn betrachtet. Und wenn die Seelen aller zwoͤlf Staͤmme Judas in ihr vereinigt waͤren, beſſer iſt's, ſie leidet allein, als daß Bois Guilbert in ihren Untergang verflochten wird.“ „Ich habe ſo eben alles gethan, ihn von ihr abzu⸗ bringen,“ entgegnete Malvoiſin.„Aber gibt es wohl Gruͤnde genng, Rebekka als Zauberinn zu verdam⸗ men?— Wird der Großmeiſter nicht ſeine Meinung aͤndern, wenn er ſieht, daß die Beweiſe ſo ſchwach ſind?“ „Sie muͤſſen verſtaͤrkt werden, Albert,“ meinte Montfitchet,„ſie muͤſſen verſtaͤrkt werden. Verſtehſt du mich?“ „Ja,“ erwiederte der Praͤzeptor,„auch trage ich kein Bedenken, wo es den Vortheil des Ordens gilt!— Allein, es bleibt wenige Zeit, die paſſenden Maſchinen aufzufinden.“ „Malvoiſin, ſie muͤſſen ſich finden,“ ſprach Konrad, „es iſt zu deinem und des Ordens Vortheil. Dieſes Dempleſtowe iſt ein armes Praͤzeptorium— das von Maiſon Dien hat zum mindeſten den doppelten Werth— du kennſt meinen Einfluß auf unſer altes Oberhaupt— find' Leute, welche die Sache durchfuͤh⸗ 142 ren, und du biſt Praͤzeptor von Maiſon Dien in dem fruchtbaren Kent— Was meinſt du?“ „Es ſind unter denen, die mit Bois Guilbert hte⸗ her kamen, zwei Purſche, die ich genau kenne; ſie wa⸗ ren Diener bei meinem Bruder Malvoiſin, und gingen aus ſeinem Dienſt zu Front de Boeuf's uͤber.— Viel⸗ leicht wiſſen ſie etwas von den Hexereien dieſes Weibs.“ „Fort, ſuche ſie ſogleich auf!— und hoͤr''mal, wenn ein oder ein paar Byzantiner ihr Gedaͤchtniß ſchaͤrfen, ſo laß es nicht daran fehlen.“ „Um eine Zechine ſchwoͤrten die, ihre leibliche Mut⸗ ter ſei eine Zauberinn,“ ſprach der Praͤzeptor. „Fort denn!“ verſezte Montfitchet,„um Mittag beginnt das Gericht! Nie ſah' ich unſern Senior noch in ſo ernſter Vorbereitung, ſeit Hamet Alfagi einen Bekehrten, der wieder zum Moslem uͤberging, zum Scheiterhaufen verdammte.“ Die gewichtige Schloßglocke hatte kaum die Mit⸗ tagsſtunde angekuͤndigt, als Rebekka auf der geheimen Treppe, die zu ihrem Gefaͤngniß fuͤhrte, das Geraͤuſch nahender Tritte vernahm. Es verkuͤndete ihr die An⸗ kunft mehrerer Perſonen, ein Umſtand, der ihr bei⸗ nahe Freude machte; denn ſie furchtete die einſamen Beſuche des ſtolzen und leidenſchaftlichen Bois Guil⸗ bert mehr, als irgend ein Uebel, das ihr ſonſt noch drohen konnte. Die Thuͤre des Gemaches oͤffnete ſich; Konrad und der Praͤzeptor Malvoiſin traten ein. 143 Vier ſchwarz gekleidete Waͤchter mit Hellebarden folg⸗ ten ihnen. „Tochter eines verfluchten Stammes!“ ſprach der Praͤzeptor,„ſteh' auf und folge uns!“ „Wohin? und warum?“ fragte Rebekka. „Maͤdchen,“ antwortete Konrad,„es ziemt dir nicht zu fragen, ſondern zu gehorchen. Jedoch magſt du wiſſen, daß du vor den Richterſtuhl des Großmei⸗ ſters unſres heiligen Ordens geſtellt werden wirſt, um dort wegen deiner Verbrechen Rede zu ſtehen.“ „Gelobt ſei der Gott Abrahams!“ ſprach Redekka, ihre Haͤnde faltend;„der Name eines Richters, ob⸗ gleich eines Feindes von unſrem Stamm, iſt fuͤr mich der Name eines Beſchuͤtzers; recht gerne folge ich dir! Geſtatte mir nur, mein Angeſicht zu verſchleiern.“ Mit langſamen, feierlichen Schritten ſtiegen ſie die Treppe hinab, zogen eine lange Gallerie entlang, und traten durch hohe Flugelthuͤren in die große Halle ein, wo fuͤr dießmal der Großmeiſter ſeinen Ge⸗ richtshof aufgeſchlagen hatte. Der niedrige Theil dieſes geraͤumigen Gemachs war mit Knappen und Yeomen angefuͤllt, die nicht ohne Muͤhe den Weg frei machten, daß Rebekka, von dem Praͤzeptor, Montfitchet begleitet und von der Wache der Hellebardiere gefölgt, vorwaͤrts nach dem fuͤr ſie beſtimmten Sitze gelangen konnte. Als ſie mit geſenktem Haupte und uͤber die Bruſt gefalteten Haͤnden durch das Ge⸗ raͤnge ging, ward ihr ein Stuͤck Papier in die 144 Hand geſchoben, das ſie bewußtlos annahm, und ohne ſeinen Inhalt zu unterſuchen, feſthielt. Doch die ue⸗ berzengung, in dieſer furchtbaren Verſammlung ir⸗ gend einen Freund zu haben, gab ihr Muth, um ſich zu ſchauen und zu forſchen, in weſſen Gegenwart ſie ſich befaͤnde. Sie betrachtete nun die Scene, welche wir im folgenden Kapitel zu ſchildern verſuchen werden. Achte s Kapitel. Wohl ſtreng war das Geſetz, das ſelnen Eingewelhten Verbot das Mitgefuͤhl bei fremdem Weh und Schmerz; Wohl ſtreng war das Geſetz, welches zu allen Zeiten Verbot argloſe Freud' und frohen, heitern Scherz. Doch ſchrecklich iſt's, wenn frech die Tyrannei entbrennet, Die Eiſenruthe ſchwingt, es Gottes Willen nennet. Das Mitrelalter. Das Tribunal, zum Gericht uͤber die unſchuldige und ungluͤckliche Rebekka verſammelt, nahm den Dais oder den erhoͤhten Theil am obern Ende der großen Halle ein— eine Erhoͤhung, welche wir ſchon fruͤher als den fuͤr die vornehmſten Bewohner beſtimmten Ehrenplatz bezeichneten. Auf einem erhabenen Sitz, unmittelbar der Ange⸗ klagten gegenuͤber, ſaß der Großmeiſter des Tempelor⸗ dens, in einem weiten, faltigen, weißen Gewande, den myſtiſchen Stab als Sinnbild des Ordens in Haͤnden * 1 145 haltend. Zu ſeinen Fuͤßen ſtand ein Tiſch, an welchem zwei Ordenskaplane ſaßen, welche die Ver⸗ handlungen des Tages zu Prorokoll nehmen mußten. Die ſchwarze Kleidung, die entbloͤßten Haͤupter und das demuͤthige Ausſehen dieſer Geiſtlichen bildeten einen auffallenden Contraſt gegen die kriegeriſche Haltung der gegenwaͤrtigen Ritter, welche ſich entweder als Mit⸗ glieder des Praͤzeptoriums, oder um dem Großmeiſter aufzuwarten, eingefunden hatten. Die Praͤzeptoren, deren vier gegenwaͤrtig waren, ſaßen auf niedrigen Sitzen, etwas hinter dem ihres Obern; die Ritter hingegen, die ſich keines ſolchen Ranges zu ruͤh⸗ men hatten, ſaßen auf noch niedrigern Baͤnken, in derſelben Entfernung von ihren Praͤzeptoren, wie dieſe vom Großmeiſter. Hinter ihnen, aber immer noch auf dem erhoͤhten Theile des Gemaches ſtanden die Ordensknappen gleichfalls in weißer, aber minder koſtbarer Kleidung Die ganze Verſammlung hatte ein ernſtes, wuͤr⸗ devolles Anſehen, und in den Mienen der Ritter ſprach ſich kr egeriſche Kuͤhnheit, verbunden mit der feierli hen Wuͤrde aus, wie ſie dem Geiſtlichen ziemt, und wie man ſie, als in der Gegenwart ihres Großmeiſters⸗ auf jeder Stirne las. Den uͤbrigen niederen Theil der Halle hatten Wachen mit Partiſanen und Nen⸗ gierige eingenommen, die ſich eingeſtellt hatten, um einen Großmeiſter und eins juͤdiſche Zauberinn zu ſe hen. Bei weitem der groͤßere Theil dieſer Perſonen W. Scott's ſämmtl. Werke. XLVI. 10 146 niedrigen Standes waren Dienſtleute des Ordens, und als ſolche durch ihre weiße Kleidung ausgezeichnet. Allein auch den Landleuten aus der Nachbarſchaft war der Zutritt nicht verſagt, denn Beaumanoir ſetzte einen Stolz darein, dieſem erbaulichen Schauſpiel ſeiner Ge⸗ rechtigkeitspflege die moͤglichſte Oeffentlichkeit zu geben. Seine großen, blauen Augen ſchienen ſich zu er⸗ weitern, als er in der Verſammlung umſchaute, und das Bewußtſein der Wuͤrde und des eingebilde⸗ ten Verdienſtes einer Handlung zu ſteigen, die er ſo eben zu vollziehen im Begriffe war. Ein Pfalm, den er ſelbſt mit tiefer aber weicher Stimme, der das Alter ihre Kraft noch nicht benommen, begleitete, begann die Verhandlung des Tages, und die feierlichen Toͤne: Veniie, exultemus, Domine! ſo oft von den Temylern geſungen, bevor ſie zum Kampf gegen ihre irdiſchen Feinde zogen, wurden von Lukas fuͤr beſonders geeig⸗ net gehalten, den nahen vermeintlichen Triumph uͤber die Macht der Finſterniß zu feiern. Die lang gehal⸗ tenen Toͤne von hundert an Chorgeſang gewohnten Maͤn⸗ nerſtimmen ſtiegen maͤchtig erſchallend zu den gewoͤlb⸗ ten Hallen empor, und rollten gleich dem Rauſchen gewaltiger Fluthen majeſtaͤtiſch unter den Bogen hin. Als die Toͤne verklangen, ließ der Großmeiſter ſein Auge langſam durch die Verſammlung hingleiten, und bemerkte, daß einer von den Sitzen der Praͤzeptoren ledig war. Brian de Bois Guilbert, der ihn inne gehgbt, wgr gufgeſtanden, und hatte ſich an das 4. 147 außerſte Ende einer der Baͤnke geſetzt, auf denen die Tempelritter ſaßen, mit einer Hand ſeinen langen Mantel wie zur Bedeckung des Geſichts vorhaltend⸗ indeß er mit der andern ſein Schwert bei dem Kreuß⸗ griff gefaßt hatte, und mit deſſen Spitze, obwohl es in der Scheide ſtak, laugſam Zuͤge auf dem eichenen Boden beſchrieb. „ungluͤcklicher Mann!“ begann der Großmeiſter⸗ nachdem er ihn einen Augenblick mitleidvoll angeſchaut hatte,„Du ſiehſt, Konrad, wie dieſes heilige Werk ihn ergreift. So weit kann der Blick des Weibes unter Mitwirkung des Fuͤrſten dieſer Welt einen ta⸗ pfern und wuͤrdigen Ritter bringen!— Siehſt du, er kann ſeinen Blick nicht zu uns erheben, und wer weiß, durch welche Macht ſeiner Peinigerinn getrieben, er dieſe kabbaliſtiſchen Linien auf dem Boden ziehte Moͤglich iſt's, daß ſie unſerm Leben, unſerer Sicher⸗ heit gelten, aber wir verachten den boͤſen Feind, und trotzen ſeiner Macht!— Semper leo percutiatur!“ Dieß ward jedoch bei Seite zu ſeinem Vertrauten Montfitchet geſprochen. Der Großmeiſter erhob hie⸗ rauf ſeine Stimme, und wandte ſich an die Ver⸗ ſammlung: „Ehrwuͤrdige und tapfere Maͤnner, Ritter, Praͤ⸗ zeptoren und Mitglieder des heiligen Ordens, meine Bruͤder und Kinder!— auch Ihr edelgeborne und fromme Knappen, die Ihr darnach ſtrebt, das heilige Kreuz zu tragen!— und Ihr, hriſtliche 148 Bruͤder jeglichen Standes! Wiſſet, nicht Mangel an Macht hat uns veranlaßt, dieſe Verſammlung zu be⸗ rufen, denn unſerer, wenn auch unwuͤrdigen Perſon, iſt mit dieſem Stabe volle Gewalt verliehen worden, zu unterſuchen und zu beurtheilen Alles, was ſich auf das Wohl unſeres heiligen Ordens bezieht. Der ge⸗ benedeite heilige Bernhard ſagt in den Geſetzen un⸗ ſerer ritterlichen und geiſtlichen Verbuͤndung im ö9ſten Kapitel:„er wolle nicht, daß die Bruͤder jemals zum Rath verſammelt wuͤrden, auſſer auf Begehr und Be⸗ fehl des Großmeiſters,“ unſerm freien Willen, wie dem unſrer wuͤrdigen Vorgaͤnger uͤberlaſſend, die rechte Zeit und den Ort zur Verſammlung eines Ordens⸗ kapitels oder ſonſtigen Rathes zu beſtimmen. So iſt es demnach in allen dieſen Kapiteln unſere Pflicht, den Nath unſrer Bruͤder anzuhoͤren, und dann nach unſerem eigenen Gutduͤnken zu entſcheiden. Aber wenn der reißende Wolf in die theure Herde einfaͤllt, iſt es die Pflicht des Hirten, ſeine Gefaͤhrten zu ver⸗ ſammeln, um mit Bogen und Schleudern den Naͤu⸗ ber zu verfolgen, wie unſere bekannte Regel ſagt:„der Loͤwe muß immer bekaͤmpft werden.“ Dem zu Folge haben wir vor unſer Angeſicht ein juͤdiſches Weib be⸗ ſchieden, Rebekea, Tochter des Iſaak von York— wegen Zaubereien und Hexenkuͤnſten ſchaͤndlich be⸗ ruͤchtigt, wodurch ſie das Blut und Gehirn nicht eines gemeinen Mannes, ſondern eines Ritters,— nicht eines weltlichen Ritters, ſondern eines dem — 44 149 Dienſte des heiligen Tempels geweihten— nicht eines gewoͤhnlichen Ordensritters, ſondern eines Präzeptors, eines der Erſten an Rang und Wuͤrde, erhitzt und bethört hat. Unſer Bruder Brian de Bois Guilbert iſt uns ſelbſt, und allen, welche mich jetzt hoͤren, als ein treuer und eifriger Streiter des Herrn bekannt, durch deſſen Arm manche tapfere Thaten im heiligen Lande vollbracht, und die heiligen Orte von der Ver⸗ unreinigung durch das Blut der Unglaͤubigen, die ſie befleckten, geſaͤubert worden ſind. Auch iſt unſeres Bruders Klugheit und Scharfblick ſeinen Bruͤdern nicht weniger bekannt, ſo daß Ritter in oͤſtlichen und weſtlichen Landen Bois Guilbert als den genannt ha⸗ ben, der wohl zum Nachfolger in meiner Wuͤrde be⸗ rufen werden duͤrfte, ſo es dem Himmel geſiele, mich abzurufen. Wenn wir nun vernehmen, daß ein ſo geehrter und ehrenwerther Mann plöoͤtzlich alle Ruͤck⸗ ſicht fuͤr ſeinen Charakter, ſein Gelübde, ſeine Bruͤ⸗ der und ſeine Ausſichten auf Ehre auſſer Augen ſetzt, ſich zu einem juͤdiſchen Maͤdchen geſellt, und in dieſer unwuͤrdigen Geſellſchaft einſame Orte beſucht, ſie ſelbſt mit Gefahr ſeines Lebens vertheidigt, und endlich ſo verblendet iſt, ſie ſogar in eine unſerer Praͤzeptorien zu bringen,— was koͤnnen wir anders vermuthen, als daß der edle Ritter von einem boͤſen Geiſte be⸗ ſeſſen war, oder durch eine ſchreckliche Zauberei hin⸗ geriſſen wurde? Koͤnnten wir anders denken, ſo glaubt nicht, daß Rang oder Tapferkeit, Ruhm oder 150 irgend eine irdiſche Ruͤckſicht uns verhindern ſollte, ihn mit gerechter Strafe heimzuſuchen, damit das Uebel entfernt wuͤrde, nach Anleitung des Textes: Anferte malum ex vobis!: Denn mannigfaltig und ſchreck⸗ lich ſind die Uebertretungen der Ordensregel in dieſer beklagenswerthen Geſchichte.— Erſtens hat er nach ſeinem eigenen Willen gehandelt gegen das 35ſte Kapitel: Ouod nullus juxta propriam voluntatem incedat.— Zweitens hat er Gemeinſchaft gepflogen mit einer ex⸗ kommunizirten Perſon gegen Kapitel 57: Ut fratres non participent cum excommunicatis, und hat folglich Theil an dem Anathema Maranatha.— Drittens has er ſich mit fremden Weibern unterhalten gegen das Kapi⸗ tel: Ut fratres non conversentur cum extraneis mulieribus.— Viertens hat er nicht nur nicht ver⸗ mieden, nein, wie zu fuͤrchten ſteht, ſogar gefordert den Kuß eines Weibes, wodurch, wie das letzte Geſetz unſers hochberuͤhmten Ordens ſagt: Ut fugiantur oscula, die Streiter des heiligen Kreuzes in eins Falle gerathen. Fuͤr dieſe fluchwuͤrdigen, mannigfalti⸗ gen Verbrechen muͤßte Brian de Bois Guilbert aus unſerer Bruͤderſchaft ausgeſtoßen werden, und waͤre er auch die rechte Hand und das rechte Auge derſelben. Er ſchwieg. Ein leiſes Murren ſchlich durch die Verſammlung hin. Einige der Juͤngern waren zwar bei dem Kapitel: De osculis fugiendis, etwas zum Lä⸗ cheln aufgelegt, wurden aber ernſthaft genug und* harrten aͤngſtlich der weitern Rede des Großmeiſters. ——,— 15¹ „Von der Art,“ fuhr er fort,„und ſo groß muͤste in der That die Strafe des Tempelritters ſein, der mit freier Entſchließung ſich in ſo wichtigen Punkten gegen die Regeln ſeines Ordens verſuͤndigte. Wenn aber durch Huͤlfe von Zauberſpruͤchen und geheimen Kuͤnſten Satan Macht gewonnen hat uͤber den Ritter, weil er ſein Auge vielleicht zu lange auf der Schoͤn⸗ heit eines Weibes verweilen ließ, ſo ſind wir mehr geneigt, ſeine Schwachheit zu bemitleiben, als zu be⸗ ſtrafen, und indem wir ihm eine Buße auferlegen⸗ wodurch er ſich von ſeiner Ungerechtigkeit reinigen kann, wenden wir die ganze Schaͤrfe unſeres Unwillens auf das verfluchte Werkzeug, das ſeinen Abfall bewirkt oder veranlaßt hat. Tretet hervor und gebet Zeug⸗ niß Ihr, die Ihr von dieſen ungluͤcklichen Vergehun⸗ gen, Kenntniß habt, daß wir von der Menge und Schwere derſelben urtheilen, und beſtimmen moͤgen, ob unſere Gerechtigkeit ſich durch die Strafe des ungluͤck⸗ lichen Weibes befriedigen laſſe, oder ob wir, wenn auch mit blutendem Herzen, zu fernerem Verfahren gegen unſern Bruder ſchreiten muͤſſen.“ Es wurden nun verſchiedene Zeugen vorgerufen, um die Gefahren, denen ſich Bois Guilbert ausgeſetzt hatte, um Rebekka aus dem brennenden Schloſſe zu retten, ſo wie die Vernachlaͤſſigung des Schutzes ſei⸗ ner eigenen Perſon zu beſtaͤtigen. Die Maͤnner er⸗ zaͤhlten alles mit der gemeinen Leuten eigenen Ueber⸗ treibung, wenn ſie durch ein merkwuͤrdiges Ereigniß ——— 15²³ aufgeregt werden, und ihre natuͤrliche Neigung zum Wunderbaren ward noch gar ſehr verſtaͤrkt durch die Bemerkung, daß ihr Zeugniß der hohen Perſon zu gefallen ſchien, zu deren Belehrung es abgegeben wurde. So murden die an ſich hinreichend großen Gefahren, welche Bois Guilbert beſtand, bis zum Un⸗ geheuern geſteigert. Die Selbſtaufoſperung des Rit⸗ ters bei Rebekkas Beſchuͤtzung wurde nicht nur als weit uͤber die Graͤnzen der Klugheit gehend, ſondern als wahnſinnige Tollkuͤhnheit geſchildert. Seine Nach⸗ giebigkeit gegen ſie, deren Sprache oft hochfahrend und ſtrenge war, wurde ſo ſehr uͤbertrieben, daß ſie bei einem ſo ſtolzen Charakter, wie dem Seinigen, ganz unnatuͤrlich erſcheinen mußte. Der Praͤzeptor von Templeſtowe ward nun aufgerufen, zu beſchreiben, auf welche Art und Weiſe Bois Guilbert und die Juͤdinn in das Praͤzeptorium gekommen ſeien. Indeß er aber dem Anſcheine nach ſich bemuͤhte, Bois Guilberts Gefuͤhle zu ſchonen, ließ er hin und wieder Winke fallen, welche andeuteten, daß er zuweilen an einer Geiſtesabweſenheit leide, weshalb er auch ſo tief von der Leidenſchaft fuͤr das Maͤdchen befangen geweſen ſei. Unter reuigen Seufzern bekannte der Praͤzeptor ſeine Zerknirſchung, Rebekka und ihren Liebhaber in die Mauern des Praͤzeptortums aufgenommen zu haben. „Allein meine Vertheidigung,“ fugte er hinzu,„habe ich in meinem, dem ehrwuͤrdigen Vater Großmeiſter gethanen Bekenntniſſe gefuͤhrt, er weiß, daß meine 15³ Gruͤnde dafuͤr nicht ſchlecht waren, obgleich mein Be⸗ nehmen der Ordensregel zuwiderlief. Freudig werde ich mich jeder Buße unterwerfen, die er mir aufer⸗ legen wird.“ „Wohl geſprochen, Bruder Albert,“ ſprach Beau⸗ manoir,„deine Beweggruͤnde waren gut, weil du fuͤr recht anerkannteſt, deinen irrenden Bruder auf ſeiner Suͤndenbahn aufzuhalten. Allein dein Benehmen war nicht das rechte, thoͤricht, wie das eines Mannes, der ein ausreißendes Pferd bei den Buͤgeln ſtatt am Zaume faßt, und ſo zu Schaden kommt, ſtatt ſeinen Vorſatz zu erreichen. Dreizehn Paternoſter ſind von unſrem frommen Stifter fuͤr die Morgenandacht, und neune fuͤr die Veſpern beſtimmt, dieſe magſt du ver⸗ doppeln. Dreimal in der Woche iſt den Templern Fleiſch zu eſſen verſtattet, allein du ſollſt dich deſſen die ganze Woche hindurch enthalten. Haſt du dieß ſechs Wochen lang beobachtet, ſo iſt deine Buße vollendet.“ Mit dem heuchleriſchen Blicke der tiefſten Unter wuͤrfigkeit verbeugte ſich der Praͤzeptor von Temple⸗ ſtowe vor ſeinem Obern, und nahm ſeinen Platz wie der ein.„Waͤre es nicht gut, meine Bruͤder,“ ſprach unn der Großmeiſter,„wir unterſuchten noch das fruͤ⸗ here Leben und die Auffuͤhrung dieſes Weibes, beſon⸗ ders, um zu entdecken, ob ſie ſich wohl Zauber⸗ mitteln und magiſchen Reizen ergeben habe, da die Dinge, welche wir gehoͤrt haben, uns geneigt machen, vorauszuſetzen, daß unſer irrender Bruder in dieſer 15½ unglüͤcklichen Geſchichte durch eine Verblendung und Verfuͤhrung der Hoͤlle bethoͤrt worden iſt.“ Hermaun von Goodalricke war der vierte anweſende Praͤzeptor, die andern waren Konrad, Malvoiſin und Bois Guil⸗ bert ſelbſt. Hermann war ein alter Krieger, deſſen Geſicht manche tiefe Narbe von Sarazenenſaͤbeln trug, und der unter ſeinen Bruͤdern in hohem Range und großem Anſehen ſtand. Er ſtand auf, verbeugte ſich vor dem Großmeiſter, und erhielt ſogleich die Erlaub⸗ niß zu ſprechen. „Ich wuͤnſche, verehrter Vater, wir vernehmen von unſrem tapfern Bruder Brian de Bois Guilbert ſelbſt, was er zu dieſen wunderbaren Beſchuldigungen ſagt, und in welchem Lichte er jetzt ſein ungluͤckliches Verhaͤltniß zu dieſem juͤdiſchen Maͤdchen betrachtet.“ „Brian de Bois Guilbert,“ ſprach der Großmei⸗ ſter,„du höͤrſt die Frage, welche unſer Bruder von Goodalrike von dir beantwortet wuͤnſcht. Ich gebiete dir, ihm zu erwiedern.“ Bois Guilbert wandte, ſo angeredet, ſein Geſicht gegen den Großmeiſter, und blieb ſtumm. „„Er iſt von einem ſtummen Teufel beſeſſen!“ rief der Großmeiſter. Hebe dich weg, Satanas!— Sprich⸗ Brian de Bois Guilbert, ich beſchwoͤre dich bei dem Syombol unſres heiligen Ordens!“ Bois Guilbert ſtrengte ſich an, ſeinen Zorn und Unmuth zu unterdruͤcken, deſſen Ausbruch, wie er wohl ſah, wenig geholfen haben wuͤrde.„Brian de Bois — 25⁵ Guilberk,“ antwortete er,„erwiedert nichts auf ſolch unbeſtimmte und rohe Beſchuldigungen, verehrter Va⸗ ter! Wenn ſeine Chre angegriffen wird, wird er ſie mit ſeinem Leben und dieſem Schwerte vertheidig en⸗ das ſchon ſo oft fuͤr die Chriſtenheit gefochten hat.“ „Wir verzeihen dir, Bruder Brian,“ verſetzte der Großmeiſter;„daß du dich deiner Waffenthaten vor uns rühmteſt, iſt eine Lobpreiſung deiner ſelbſt, und koͤmmt vom boͤſen Feind, der uns ſtets verſucht, unſer eigen Thun zu uͤberſchaͤzen. Allein wir verzeihen dir, da wir annehmen muͤſſen, du ſprecheſt weniger aus eigenem Antrieb, als aus dem Antrieb deſſen, den wir mit Huͤlfe Gottes aus dieſer Verſammlung ban⸗ nen und vertreiben wollen.“ Ein Blick der Verachtung ſchoß aus den dunkeln ſtolzen Augen Bois Guilberts, doch erwiederte er nichts.„Und nun,“ fuhr der Großmeiſter fort,„da die Frage unſers Bruders Goodalrike nur unvollkommen beantwortet ward, laßt uns in unſerer Unterſuchung fortſchreiten, meine Bruͤder, um mit Huͤlfe unſeres Schutzpatrons dem Geheimniſſe der Ungerechtigkeit ganz auf den Grund zu kommen. Laßt diejenigen vor uns treten, welche noch etwas uͤber den Lebenswandel des juͤdiſchen Weibes auszuſagen haben!“ Da entſtand in dem niedrigeren Theile der Halle ein Geraͤuſch, und als der Großmeiſter nach der Ur⸗ ſache fragte, ſagte man ihm, es befinde ſich unter der Menge ein Mann, der, ſchwer erkrankt, durch einen N Wunderbalſam der Gefangenen den Gebrauch ſeiner Glieder wieder erhalten habe. Der arme Bauer, ein geborner Sachſe, ward vor die Schranken geſchleppt, erſchrocken uͤber die Strafe, die er dafuͤr zu erwarten habe, daß er ſich durch ein jüdiſches Maͤdchen heilen ließ. Vollkommen hergeſtellt war er nicht, denn er konnte ſich nur auf Kruͤcken vorwaͤrts bewegen, um ſein Zeugniß abzulegen. Sehr ungern und unter Thraͤnen erzaͤhlte er, wie er vor zwei Jahren in York, als er fuͤr den reichen Juden Iſaak als Tiſchler arbeitete, von einer ſchmerzlichen Krankheit befallen ward, ſo, daß es ihm unmoͤglich geweſen ſei, das Bett zu verlaſſen, bis endlich die von Rebekka verordneten Mittel, insbeſondere ein erwaͤr⸗ mender, gewuͤrzhaft duftender Balſam ihm einiger Maßen den Gebrauch ſeiner Glieder wieder geſchenkt habe. Auſſerdem bekannte er, daß ſie ihm eine Buchſe dieſes koſtbaren Balſams nebſt einem Stuͤck Geld ge⸗ geben habe, um damit nach ſeines Vaters Haus in der Naͤhe von Templeſtowe zuruͤckzukehren.„Und moͤgen Ew. hochwuͤrdigen Gnaden erlauben,“ ſetzte der Mann hiw zu,„ich kann nicht glauben, daß mir das Juͤngferchen was zu Leid thun wollte, obgleich ſie das Ungluͤck hat, eine Juͤdinn zu ſeyn, denn ich ſprach ſtets waͤhrend des Gebrauchs das Credo und Pateruoſter, und im⸗ mer war es gleich wohlthuend. „Schweig, Sklave!“ rief der Großineiſter,„und entferne dich! Solchen rohen Geſchoͤpfen, wie du biſt, — 157 mag es wohl anſtehen, hoͤlliſchen Kuren ſich zu unter⸗ werfen, und fuͤr Soͤhne des Unglaubens zu arbeiten. Ich ſage dir, der Boͤſe kann ſchon in der Abſicht Krank⸗ heiten erzeugen, um ſie zu heilen, und dadurch Glauben an ſeine Heilkunſt zu erwecken. Haſt du die Salbe bei dir, von der du ſpracheſt?“ Mit zitternder Hand brachte der Landmann aus ſeinem Buſen eine kleine Buͤchſe zum Vorſchein, auf deren Deckel einige hebraͤiſche Schriftzeichen eingegra⸗ ben waren, was fuͤr den groͤßten Theil der Verſamm⸗ lung der ſicherſte Beweis war, daß der Tenfel den Apotheker dabei machte. Nachdem er ſich ſorgfaͤltig dekrenzt hatte, nahm Beaumanoir die Buͤchſe in die Haͤnde, und wohl bewandert in den morgenlaͤndiſchen Sprachen las er mit Leichtigkeit:„Es hat uͤber wunden der Loͤwe vom Stamme Juda.“ „Seltſame Gewalt des Satanas,“ rief er,„der die Worte der Schrift zur Laͤſterung gebraucht, indem er Gift mit geſunder Nahrung vermiſcht! Iſt kein Heilkundiger zugegen, der uns die Beſtandtheile dieſer geheimnißvollen Salbe nennt?“ Zwei Aerzte, wie ſie ſich nannten, ein Moͤnch und ein Barbier, traten vor, und ſchworen, daß ſie keinen der Beſtandtheile kenneten, daß die Miſchung aber nach Myrrhten und Kampfer rieche, was ſie fuͤr morgen⸗ laͤndiſche Kraͤuter hielten. Allein mit dem gehaͤſſigen Handwerksneid gegen das gluͤcklichere Talent gaben ſie zu verſtehen, daß, da die Arznei ihrem eigenen Wiſſen 158 fremd ſei, fie nothwendig aus unerlaubten magiſchen Mitteln zuſammengeſetzt ſeyn muͤſſe, da ſie ſelbſt, ob⸗ wohl keine Schwarzkunſtler, jedem ihrer Zweige ge⸗ wachſen ſeien, ſoweit man es mit gutem Gewiſſen von einem Ehriſten erwarten koͤnne. Als die mediziniſche Unterſuchung zu Ende war, hat der ſaͤchſiſche Land⸗ mann demuͤthig um Zuruͤckgabe der Arznei, deren Heilkraft er erprobt haͤtte. Allein der Großmeiſter runzelte die Stirn, und fragte den Kruͤppel, wie er hieße. „Higg, der Sohn Snells,“ antwortete der Lanbmann. f „So ſag ich dir denn, Higg, Sohn Snells,“ ſprach der Großmeiſter,„daß es beſſer iſt, bettlaͤgerig zu ſein, als von einem Unglaͤubigen eine Wohlthat anzuneh⸗ men, um wieder ſtehn und gehn zu koͤnnen, beſſer den Unglaͤubigen mit offener Gewalt ihre Schaͤtze zu rauben, als von ihnen Wohlthaten zu empfangen, oder ihnen um Lohn zu dienen. Gehe hin und thue nach meinen Worten!“ „Ach, wenn Ew. Hochwuͤrden nicht unguͤtig neh⸗ men wollen,“ verſetzte der Landmann, die Lehre koͤmmt fuͤr mich zu ſpaͤt, denn ich bin ein verſtuͤmmelter Mann, allein ich will es meinen zwei Bruͤdern ſagen, die bei dem reichen Rabbi Nathan Ben Samuel dienen, daß Ew. Großmeiſterliche Gnaden es fuͤr geeigneter hal⸗ ten, ihn zu berauben als ihm treu zu dienen.“ „Fort mit dem elenden Schwaͤtzer,“ rief Beau⸗ manoir, der nicht darauf vorbereitet war, dieſe prak⸗ 159 tiſche Auwendung ſeines Grundſatzes ſogleich zu wi⸗ derlegen. Higg, der Sohn Snells, zog ſich in den Haufen zuruͤck, allein theilnehmend an dem Schickſal ſeiner Wohlthaͤterinn blieb er ſelbſt auf die Gefahr hin da, dem finſtern Blicke des ſtrengen Richters abermals zu be⸗ gegnen, obwohl ſein innerſtes Herz ihm vor Angſt erbebte. Jezt gebot der Großmeiſter Rebekka, ſich zu ent⸗ ſchleiern, Zum erſten Male ihren Mund oͤffnend, entgegnete ſie gelaſſen, aber mit Wuͤrde:„Es ſei nicht Sitte bei den Töchtern ihres Volkes, ihr Ange⸗ ſicht zu enthuͤllen, wenn ſie ſich allein in großer Ver⸗ ſammluung befaͤnden.“ Der liebliche Ton ihrer Stimme und die Gelaſſenheit ihrer Antwort erregte bei der Verſammlung ein Gefuͤhl des Mitleids und der Theil⸗ nahme. Allein Beaumanoir, dem die Unterdruͤckung jeglichen Gefühls von Menſchlichkeit, das ſeinen ver⸗ meintlichen Pflichten widerſtreiten konnte, ein Ver⸗ dienſt zu ſein ſchien, wiederholte ſeinen Befehl, daß ſein Schlachtopfer entſchleiert werden ſollte. Schon wollten ihr die Wachen den Schleier entreißen, als ſie ſchnell vor den Großmeiſter trat und ſprach:„Um der Liebe willen, die Ihr zu Euern eigenen Toͤch⸗ tern tragt!— Doch,“ fuhr ſie ſich beſinnend fort, „Ihr habt ja keine Toͤchter; bei dem Andenken an Eure Muͤtter!— bei der Liebe Eurer Schweſtern, und bei allem weiblichen Anſtand beſchwoͤre ich Euch, 160 laßt mich nicht ſo in Eurer Gegenwart behandeln, es ziemt ſich nicht, daß ein Maͤdchen von ſo rohen Haͤn⸗ den entkleidet werde. Ich will Euch gehorchen,“ fuhr ſie fort mit einem Ausdruck leidenden Kummers, und dem Ton einer Stimme, der ſelbſt beinahe Beau⸗ manoirs Herz geſchmolzen haͤtte,„ihr gehoͤrt zu den Aelteſten Eures Volkes, ſo will ich Euch auf Euern Befehl das Angeſicht eines ungluͤcklichen Maͤdchens zeigen.* Sie ſchlug den Schleier zuruͤck, und zeigte ein Au⸗ geſicht, in dem ſich Scham mit Wuͤrde einigte. Ihre ausnehmeude Schoͤnheit erregte ein Gemurmel des Erſtaunens, und die juͤngeren Ritter ſagten es ſich durch Blicke, daß Brians beſte Vertheidigung in der Macht ihrer wirklichen Reize liege, und keiner einge⸗ bildeten Zauberei beduͤrfe. Higg, der Sohn Suells, fuͤhlte am tiefſten den Eindruck, welchen der Anblick ſeiner Wohlthaͤterinn auf ihn machte.„Laßt mich fort!“ ſprach er zu den Waͤchtern am Thore der Halle. „Sie nochmals anzuſehen, wuͤrde mich toͤdten, da ich Theil an ihrer Ermordung habe.“ „Sei ruhig, armer Mann,“ ſprach Rebekka, als ſie ſeinen Ruf vernahm,„du haſt mir durch deinen wahrhaften Bericht kein Leid gethan, du kannſt durch dein Klagen und Jammern mir nicht helfen. Sei ruhig, ich bitte dich!— Geh heim, und rette dich ſelbſt!“ Aus Mitleid fuͤr Higg, deſſen laute Klagen ihnen Verweiſe und ihm ſelbſt Strafe zuziehen konn⸗ ten, wollten ihn die Thorwaͤchter hinausfuͤhren. Allein 161 er verſprach, ſich ſtill zu verhalten, und ſo ward ihm zu bleiben geſtattet. Die beiden Dienſtleute, welche Albert Malvoiſin nicht verfehlt hatte, von der Wich⸗ tigkeit ihres Zeugniſſes zu belehren, wurden nun vor⸗ gerufen. Obgleich ſie verhaͤrtete und verſtockte Boͤſe⸗ wichter waren, ſo ſchien ſie doch der Anblick des ge⸗ fangenen Maͤdchens und die auſſerordentliche Schoͤnheit deſſelben fuͤr den erſten Augenblick verwirrt undverlegen zu machen, allein ein bedeutender Blick des Praͤzeptors von Templeſtowe brachte ſie zu ihrer niedertraͤchtigen Entſchloſ⸗ ſenheit zuruͤck. Mit einer Genauigkeit, welche ſelbſt parteyiſcheren Richtern haͤtte verdaͤchtig erſcheinen ſol⸗ len, berichteten ſie eine Menge theils erdichteter, theils an ſich geringfuͤgiger Umſtaͤnde, die nur durch Ueber⸗ treibung und Entſtellung und die unguͤnſtige Deu⸗ tung, welche die Zeugen den Thatſachen beilegten, ein verdaͤchtiges Gewicht erhielten. In neuern Zeiten wuͤrden die gegen die Angeſchuldigte vorgebrachten Zeug⸗ niſſe in zwei Klaſſen zerfallen— in ſolche, die unwe⸗ ſentlich— und in ſolche, die in der That phyſiſch un⸗ moͤglich waren. Allein in jenen Zeiten des Aberglau⸗ bens wurden ſie leicht als Beweiſe von Schuld ange⸗ nommen. Zur erſten Klaſſe gehoͤrte, daß man Re⸗ bekka in unbekannten Sprachen mit ſich ſelbſt reden hoͤrte— daß ihre Geſaͤnge ſo wunderbare und ſuͤße Toͤne enthielten, bei denen der Hoͤrenden Ohr erklun⸗ gen, und das Herz zur Wehmuth geſtimmt worden ſei— daß ſie, wenn ſie allein mit ſich ſelbſt rede, W. Scott's ſaͤnmtl. Werke. XLVI. 11 16² aufwaͤrts nach einer Antwort zu blicken ſcheine— daß ihre Tracht fremdartig, geheimnißvoll und un⸗ aͤhnlich der der Frauen von unbeſcholtenem Rufe ſei,— daß ſie Ringe mit kabbaliſtiſchen Zeichen trage, und daß fremde Schriftzuͤge auf ihren Schleier geſtickt ſeien. Alle dieſe an ſich ſo natuͤrlichen und unbedeuten⸗ den Umſtaͤnde wurden als Beweiſe aufgenommen, oder wenigſtens als Verdachtsgruͤnde betrachtet, daß Rebekka wirklich in einer ſtrafbaren Verbinduug mit geheimen Maͤchten ſtehe. Weniger zweideutige, wenn gleich an ſich unglaubliche Zeugniſſe, die auch von dem groͤßten Theile der leichtglaͤubigen Menge ſo⸗ gleich mit Begierde aufgenommen wurden, waren fol⸗ gende: Einer der Soldaten habe geſehen, wie ſie eine Kur an einem Verwundeten verrichtete, der mit ihnen nach dem Schloſſe Torquilſtone gebracht worden ſei. Sie machte ſeiner Angabe zu Folge uͤber die Wunde verſchiedene Zeichen, und wiederholte geheimnißvolle Worte, die er, Gott ſei Dank, nicht verſtanden habe⸗ da habe ſich die Eiſenſpitze eines Armbruſtbolzen von ſelbſt aus der Wunde gehoben, das Blut ſich geſtill, die Wunde ſich geſchloſſen, und der Sterbenee ſei nach einer Viertelſtunde auf den Waͤllen beſchaͤf⸗ tigt geweſen, ein Steinſchlender zu lenken. Dieſe Anzahe gruͤndete ſich wahrſcheinlich auf die Thatſache⸗ daß Rebekka den kranken Jvanhve auf dem Schloſſe Torquilſtone gepflegt hatte. Es war um ſo ſchwerer, die Wahrheit des Zeugniſſes zu bezweifeln, da der 165 Dienſtmann zum Beleg ſeiner Angabe dieſelbe Volzen⸗ ſpitze aus der Taſche zog, die auf ſo wundervolle Weiſe aus der Wunde gezogen worden war; und weil das Eiſen eine volle Unze wog, war die Wahrheit dieſer Erzaͤhlund 1o wunderbar ſie auch war, uͤber allen Zweifel erhhern. Sein Kamerad war auf einer nahen Baſtion Zeuge der zwiſchen Rebekka und dem Templer vorgefallenen Szene geweſen, wie ſie auf dem Punkte war, ſich vom Gipfel des Thurms hinabzuſtuͤrzen. Um nicht hinter ſeinem Kameraden zuruͤckzubleiben, bezeugte der Bur⸗ ſche, daß er mit angeſehen habe, wie Rebekka ſich auf ie Zinnen des Thurms geſtellt, und hier die Geſtalt eines milchweiſen Schwans angenommen habe, und ſo dreimal um das Schloß Torquilſtone herumgeflo⸗ gen ſei, worauf ſie wieder die Geſtalt eines Weibes angenommen habe. Weniger als die Haͤlfte dieſer wichtigen Zeugniſſe haͤtte hingereicht, ein armes, haͤßliches, altes Weib, ſelbſt wenn ſie keine Juͤdinn war, zu uͤberfuͤhren. Vereint mit dieſem ungluͤcklichen Umſtand war der Beſtand derſelben ſelbſt gegen Rebekkas Jugend und ungemeine Schoͤnheit mehr als vollgewichtig. 3 Der Großmeiſter ſammelte nun die Stimmen, und fragte Rebekka in feierlichem Tone, was ſie gegen dis Verdammungsurtheil, das er uber ſie aus⸗ zuſprechen im Begriffe ſei, einzuwenden habe. 164 „Euer Mitleid anzuſlehen,“ ſprach die liebens⸗ wuͤrdige Judinn mit etwas bebender Stimme,„wuͤrde ebenſo fruchtlos ſein, als ich es meiner unwuͤrdig glaube, anzufuͤhren, daß Huͤlfe und Beiſtand einem, wenn auch nicht gleichglaͤubigen Kurtein geleiſtet, dem Stifter beider Religionen nicht in iüßilig ſein koͤnne, einzuwenden, daß viele Dinge, welche dieſe Men⸗ ſchen(denen der Himmel vergeben moͤge) aufge⸗ bracht haben, durchaus unmoͤglich ſind, wuͤrde mir gleichfalls nicht zu Statten kommen, da Ihr ſie glauben moͤget; noch minder moͤchte es mir von Nutzen ſein, Euch darauf aufmerkſam zu machen, daß die Eigenthuͤmlichkeiten meiner Tracht, meiner Sprache und meiner Sitten, die meines Vol⸗ kes ſind— ich wuͤrde ſagen, meines Landes— allein wir haben ja kein Vaterland! Auch will ich mich nicht vertheidigen, auf Koſten meines Unterdruͤckers, der dort ſteht und den Erdichtungen lauſcht, wo⸗ durch der Tyrann zum leidenden Opfer verwandelt werden ſoll.— Gott ſei Richter zwiſchen ihm und mir!— Aber lieber wollt ich zehn ſolcher Tode, wie der iſt, den Ihr fuͤr mich beſtimmen werdet, erdulden, als in das, was dieſer Belialsſohn von der Unbe⸗ freundeten, Huͤlfloſen und Gefangenen begehrte, zu willigen. Aber er iſt Eures Glaubens, und die geringſte Verſicherung von ſeiner Seite wuͤrde die feierlichſten Schwuͤre der urgluͤcklichen Juͤdinn uͤber⸗ wiegen. Ich will die gegen mich vorgebrachten ſchwe 165 ren Veſchuldigungen nicht gegen ihn kehren. Auf dich ſelbſt— auf dich, Brian de Bois Guilbert, berufe ich mich, daß alle dieſe Anklagen eben ſo falſch und verleumderiſch, als ungeheuer ſind?“ Es entſtand eine Pauſe, aller Augen wandten ſich auf Brian de Bois Guilbert.— Er ſchwieg.—„Sprich, wenn du ein Mann biſt,“— fuhr Rebekka fort— „wenn du ein Chriſt biſt, ſprich! ich beſchwoͤre dich bei dem Gewand, das du traͤgſt, bei dem Namen, den du entehrſt— bei dem Ritterthum, deſſen du dich ruͤhmſt— bei der Ehre deiner Mutter— bei dem Grabe und den Gebeinen deines Vaters— be⸗ ſchwoͤre ich dich, zu ſagen, ob dieſe Beſchuldigungen der Wahrheit gemaͤß ſind?“ „Antworte ihr, Bruder,“ ſprach der Großmeiſter, „wenn der Feind, mit dem du ringſt, es dir verſtattet.“ In der That ſchien Bois Guilbert von widerſtrei⸗ tenden Leidenſchaften, die ſeine Zuͤge krampfhaft ver⸗ zerrten, beſtuͤrmt zu werden, und nur mit faſt er⸗ ſtickter Stimme vermochte er, auf Rebelka blickend, die Worte hervorzuſtammeln:„das Blatt! das Blatt!“ „Ja,“ ſprach Beaumanoir,„in der That ein Be⸗ weis!— das Opfer ihrer Zauberkuͤnſte kann blos den Namen des ungluͤcklichen Blattes erwaͤhnen, das ohne Zweifel den Zauberbann enthaͤlt, der Urſache ſeines Schweigens iſt!“ Allein Rebekka deutete die Bois Guilbert abge⸗ 166 drungenen Worte anders, und ſchnell ihr Auge auf das Pergamentſtuͤck heſtend, das ſie in der Hand hielt, las ſie in arabiſchen Schriftzeichen: Fordere einen Kaͤmpfer! Die Bemerkungen uͤber Bois Guilberts ſeltſame Antwort, welche murmelnd durch die Verſammlung hinliefen, gaben Rebekken Gelegen⸗ heit, das Blatt unbemerki zu leſen und zu vernich⸗ ten. Als das Gemurmel aufgehoͤrt hatte, ſprach der Großmeiſter:„Rebekka, du kannſt aus dem Zeug⸗ niſſe dieſes ungluͤcklichen Ritters, uͤber den, wie wir deutlich ſehen, der boͤſe Feind noch zu maͤchtig iſt, keinen Vortheil fuͤr dich ziehen. Haſt du noch etwas weiter zu ſagen?“ „Nach Euern eigenen ſtolzen Geſetzen bleibt mir noch ein Mittel, mein Leben zu retten,“ entgegnete Rebekka.„Zwar iſt es mir beſonders in dieſer letzten Zeit ſehr haſſenswerth geworden, allein es iſt eine Gabe Gottes, die ich nicht von mir werfen will, da er ſelbſt ein Mitlel gibt, es zu vertheidigen. Ich laͤugne die Beſchuldigung— ich behaupte meine Un⸗ ſchuld, und erklaͤre die Anklage fuͤr falſch!— Ich for⸗ dere einen Gottesgerichtskampf, und mein Kaͤmpfer wird mich vertreren!“ „Und wer wird fuͤr eine Zauberinn die Lanze ein⸗ legen, Rebekka?“ fragte der Großmeiſter,„wer wird der Kaͤmpe einer Juͤdinn werden wollen?“ 1 „Gott wird mir einen Kaͤmpen erwecken,“ ent⸗ gegnete Rebekka,„es iſt nicht moͤglich, daß in dem 167 gluͤcklichen England, dem wirthlichen, edlen, freien,— wo ſo viele bereit ſind, ihr Leben fuͤr die Ehre zu wagen, ſich keiner finden ſollte, der fuͤr die Ehre foͤchte. Genug, ich fordere Rechtsſpruch durch den Zweikampf!— Hier liegt mein Handſchuh!“ Sie zog den geſtickten Handſchuh von ihrer Hand, und warf ihn vor den Großmeiſter hin, mit einem Ausdruck, in dem man beides, Einfalt und Wuͤrde, as, und der allgemein Erſtaunen und Bewunde⸗ ung erregte. 3 41 1