Walter Scott's ſaͤmmtliche e r —— — Neu uͤberſetzt. Fuͤnf und Vierzigſter Band. JIJvanhoe. * Dritter Theil. Stuttgart, bNei Gebruͤder Franckh. 182 7. Jvanheo e. Vom Verfaſſer des Waverley ꝛc. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Dr. Leonhard Tafel. ——;— Dritter Theil. Stuttgart, bei Gebruder Franckh. 18.2 2. Erſtes Kapite. Wie viele Jihr' und Stunden ſind entſtoh'n, Seit um die Tafel menſchlche Geſtalten Geſeſſen, ſeit die Lampe auf ihr prangte. Mir iſt, als hörte ich vergangner Zeiten Hait, Durch's finſtere Gewölb, gleich Geiſterſtimmen, Die lange ſchon im Grab geſchlummert hatten. Orra, ein Lrouerſpiet Waͤhrend dieſe Maßregeln zu Cedrics und ſei⸗ ner Gefaͤhrten Befreiung getroffen wurden, fuͤhrten die Bewaffneten ihre Gefangenen ſchnell nach dem zu ih⸗ rein Aufenthalt beſtimmten Orte ab. Es wurde bald dunkel und die Waldpfade ſchienen den Raͤubern doch nur wenig bekannt zu ſein Sie mußten her oft Halt machen, und mehr als einmal zuruͤck⸗ kehren, um ſich auf ihrem Wege wieder zu Recht zu⸗ finden. Schon daͤmmerte der Sommermorgen, ehe ſte vollkommen gewiß ſein konnten, daß ſie auf dem rechten Wege waͤren; aber mit dem vollen Tages⸗ licht kehrte auch ihr Selbſtvertrauen zuruͤck und der Relterzug eilte voſch verwaͤrts. Indeſſen fand i vis 56 ſchen den zwei Fuͤhrern der Banditen folgende Zwie⸗ ſprache Statt.„Es iſt Zeit, daß Du uns verlaͤßt, Sir Maurice,“ ſagte der Templer zu Bracy,„um den zweiten Akt Deines Stuͤckes zu ſpielen. Du mußt nun, wie Du weißt den ritterlichen Befreier machen.“ 3„Ich habe mir's beſſer uͤberlegt,“ ſagte Bracy, „ich werde Euch nicht eher verlaſſen, als bis die Beute auf Front de Boeufs Schloß in Sicherheit iſt, Dort will ich in meiner eigenen Geſtalt vor Lady Rowena erſcheinen, und hoffe, daß ſie dieſen Schritt der Gewalt mit der Heftigkeit meiner Leidenſchaft entſchuldigen wird.“ „Und was veranlaßt Dich, Deinen Plan zu aͤn⸗/ dern, de Bracy?“ fragte der Tempelritter. „Danach haſt Du nichts zu fragen, antwortete ſein Begleiter. „Ich hoffe, Herr Ritter,“ entgegnete der Temp⸗ ler,„die Veraͤnderung Eures Planes hat nicht in Mißtrauen gegen die Rechtlichkeit meiner Abſichten ihren Grund, das Sir Fitzurſe einzufloͤßen ſuchte.“ Gedanken ſind zollfrei,“ antwortete de Bracy; der Teufel lacht, ſagt man, wenn ein Schelm den ande en uͤber's Ohr haut, und bekannt iſt, daß er, wenn er gleich Feuer und Schwefel ausſpie, den Templer nicht von der Verſolgung ſeines Plans ab⸗ brachte.“ „Oder den Fuͤhrer einer Freicompagnie,“ fuhr der Templer fort,„von der Furcht einer Unbilde — 7 A von Seiten ſeines Kameraden und Freundes, wie er ſich gegen Jeden erlaubt.“ „Lauter nutzloſe, geſaͤhrliche Beſchuldigungen!“ entgegnete de Bracy;„es genuͤge Dir, wenn ich Dir ſage, daß ich die Moral der Tempelritter kenne, und Dir keine Gelegenheit geben will, mir die ſchoͤne Beute abzufuͤhren, wegen deren ich ſo viel auf s Spiel geſetzt habe.“ „Pah,“ rief der Templer,„was haſt Du denn zu faͤrchten?— Du kennſt ja die Geluͤbde meines Ordens.“ „Necht,“ ſagte de Bracy,„ und ich weiß auch, wie ſte gehalten werden. Die Geſetze der Galante⸗ rie, Sir Templer, erleiden in Palaͤſtina eine frei⸗ ſinnige Auslegung, und das iſt ein Fall, wo ich Dei⸗ nem Gewiſeen nicht zu viel zumuthen moͤchte.“ „So hoͤre denn die Wahrheit,“ ſagte der Templer; „ich frage den Teufel nach Deiner blauaͤugigen Schoͤn⸗ heit. Ich habe noch einen Fang gemacht, der mir viel beſſer zuſagt.“ „Wie? zu einem Dienſtmaͤdchen wollteſt Du Dich herablaſſen?“ fragte de Bracy. „Nein, Herr Ritter,“ verſetzte ſtolz der Temp⸗ ler.„Zu einem Dienſtmaͤdchen will ich mich nicht herablaſſen. Ich habe unter den Gefangenen eine Priſe gemacht, die der Deinigen nichts nachgibt.“ „Heilige Meſſe! da meinſt Du die ſchoͤne Juͤ⸗ dinn!“ rief de Bracy. „Und wenn dem ſo wuͤre, wer wollte mir es wehren?“ „Niemand, daß ich wuͤßte,“ ſagte de Bracy, „es muͤßte denn Dein Geluͤbde der Keuſchheit ſein, oder eine Anwandlung von Gewiſſen wegen einer Liebſchaft mit einem Judenmaͤdchen.“— „Mein Geluͤbde anlangend,“ erwiederte der Templer,„ſo hat mich deſſen unſer Großmeiſter entbunden. Und mein Gewiſſen— ein Mann, der ſeine dreihundert Sarazenen erſchlagen hat, macht ſich aus ſolchen Lappalien nicht gar viel.“ „Du kennſt Deine Vorrechte am beſten,“ ſagte de Bracy.„Indeſſen haͤtt' ich drauf geſchworen, Dein Augenmerk ſei mehr auf des Wucherers Geld⸗ beutel, als auf die ſchwarzen Augen ſeiner Tochter gerichtet.“ „Ich kann beiden meine Bewunderung zollen,“ antwortete der Templer,„der Jude iſt nur eine halbe Beute; denn hier muß ich mit Front de Boeuf theilen, der uns ſein Schloß nicht umſonſt zum Ge⸗ brauch uͤberlaſſen wird. Ich muß auch etwas allein haben, und dazu habe ich mir die ſchoͤne Juͤdinn er⸗ koren. Du kennſt alſo meine Abſichten, und kannſt Deinen erſten Plan verfolgen, ohne von meiner Da⸗ zwiſchenkunft etwas zu beſorgen.“ „Nein, nein,“ entgegnete Bracy,„ich werde meine auserwaͤhlte Beute nicht verlaſſen. Geſezt auch, Du redeſt hier wahr, ſo liebe ich einmal die — 9 Freiheiten nicht, die Dir Dein Großmeiſter bewillig⸗ te, und die Du Dir durch Erlegung der dreihundert Sarazenen erworben haſt. Du haſt zu große An⸗ fpruͤche auf vollſtaͤndige Abſolution, als daß Du es mit ſolchen kleinen Suͤuden ſo genau nehmen follteſt.“ Waͤhrend dieſes Zwiegeſpraͤchs verſuchte Cedric aus denen, welche ihn bewachten, uͤber ihren Charakter und ihr Vorhaben, Aufſchluͤſſe zu erhalten.„Ihr wollt Englaͤnder ſein,“ ſagte er,„und doch fallt Ihr Eure Landsleute an, als ob ſie Normaͤnner waͤ⸗ ren. Ihr ſolltet als meine Nachbarn auch meine Freunde ſein; denn wann gab ich meinen Nachbarn Veranlaſſung zum Gegentheil? Ich ſag' Euch, Yeo⸗ men, ſelbſt diejenigen unter Euch, welche als Geaͤch⸗ tete gebrandmarkt wurden, hatten ſich meines Schutzes zu erfreuen; ich hatte Mitleid mit ihrem Elend, und verfluchte die Bedruͤckungen ihrer kyranniſchen Edeln. Was wollt Ihr alſo von mir haben? oder wozu kann Euch Eure Gewaltthat helfen? Ihr handelt aͤrger, als die wilden Thiere, wollt Ihr auch ſo ſtumm ſein, wie ſie?““ Umſonſt war es, daß Cedric ſeinen Wachen in's Gewiſſen redete; ſie hatten zu gute Gruͤnde zum Stillſchweigen, als daß ſie es durch ſeinen Zorn oder ſeine Vorwuͤrfe brechen ſollten. Sie eilten nur um ſo ſchneller mit ihm fort, bis ſich endlich am Ende ei⸗ ner Allee von hohen Baͤumen das altergraue Schloß 10 Reginald Front de Boeufs erhob. Es war von nicht großem Umfange, und beſtand aus einem hohen, viereckigen Thurme, von kleineren Gebaͤuden umge⸗ waren. Um den aͤuſſern Wall zog ſich ein tiefer Gra⸗ ben, der von dem nahen Fluſſe Waſſer erhielt. Front de Boeuf, den ſein Charakter in ſtete Fehden mit ſeinen Nachbarn verwickelte, hatte die Befeſtigung des Schloſſes dadurch noch betraͤchtlich erweitert, daß ſie aus allen Ecken beſtrichen. Cedric ſah nicht ſo bald die Thuͤrme von Front Mauern, von der Morgenſonne uinglaͤnzt, aus dem ſie umgebenden Walde emporſteigen, als auch eine zlemlich richtige Ahnung von dem Grund leines Miß⸗ geſchickes in ihm aufſtieg. „ Ich that den Raͤubern und Geaͤchteten dieſes Waldes Unrecht,“ ſagte er,„wenn ich vermuthete, daß ſolche Schurken zu ihrer Bande gehoͤrten; eben ſo gut haͤtte ich die Fuͤchſe in dieſen Forſten mit den Raubwoͤlfen Frankreichs verwechſeln koͤnnen. Sagt mir, Hunde, iſt es mein Leben, oder mein Vermoͤ⸗ gen, wonach Euer Gebieter trachtet? Iſt's noch zu viel, daß zwei Sachſen, ich und der edle Athelſtane in einem Lande Grundeigenthum beſitzen, das unſrem Geſchlechte einſt alleinig zugehoͤrte? Schleppt uns ben, die von einem innern Hofraum umſchloſſen er die aͤußere Mauer mit Thuͤrmchen verſah, welche de Boeufs Schloß, mit ihren grauen, moosbedeckten zum Tode, nehmt uns das Leben, wie Ihr es mit 4 11 unſern Freiheiten gemacht habt, damit Ihr Eurer Tyrannet die Krone aufſetzet. Wenn der Sachſe Cedrie England nicht befreien kann, ſo iſt er bereit, fuͤr daſſelbe zu ſterben. Sagt Eurem tyranniſchen Gebieter, ich erſuche Euch blos, Lady Rowena in Ehre und Sicherheit ziehen zu laſſen. Sie iſt ein Weib, die er nicht zu fuͤrchten hat, und mit uns werden alle ſterben, welche fuͤr ihre Sache zu fech⸗ ten wagen!“ Seine Begleiter blieben ſtumm wie zuvor und ſie ſtanden nun vor dem Thore des Schloſſes. Bracy ſtieß dreimal in ſein Horn, und die Schuͤtzen mit Armbruſt und Bogen, welche bei ihrer Annaͤherung auf dem Walle erſchienen waren, eilten, zu ihrem Empfange die Zugbruͤcke herabzulaſſen. Die Gefan⸗ genen wurden von der Wache gendthigt abzuſteigen, und in ein Gemach gefuͤhrt, wo ihnen ein in Eile bereitetes Mahl angeboten ward, wozu jedoch auſſer Athelſtane Niemand Lnſt bezeigte. Allein guch der Abkoͤmmling Eduards des Bekenners hatte nicht Zeit, der guten Mahlzeit vor ihm ihr Recht widerfahren zu laſſen; denn ihre Wachen kuͤndeten ihnen an, daß ſie in einem andern Zimmer als dem Rowenas ein⸗ guartiert werden muͤßten. Jeder Widerſtand war dergeblich; ſie mußten nach einem großen Gemache folgen, das, auf plumpen Pfeilern in ſaͤchſiſchem Style ſich erhehend, den Refektorien oder Kapitelhaͤuſern glich, wie ſie ſich noch jezt in unſern alteſten Kloͤſtern finden. 12 65 Lady Rowena ward mit Höflichkeit, ohne jedoch um ihre Zuſtimmung befragt zu werden, in ein ent⸗ ferntes Zimmer gefuͤhrt. Dieſelbe beunruhigende Auszeichnung ward Rebekka zu Theil, trotz den fle⸗ hentlichen Bitten ihres Vaters, der im Uebermaße ſeines Schmerzes ſelbſt Geld zu zahlen ſich erbot, wenn es ihr geſtattet wuͤrde, bei ihm zu bleiben.„Un⸗ glaͤubiger Hund!“ fuhr ihn eine der Wachen an, „wenn Du Dein Loch geſehen haͤtteſt, wuͤrdeſt Du Deiner Tochter nicht zumuthen, es mit Dir zu thei⸗ len.“ Und ohne weitere Eroͤrterung ward der alte Jude mit Gewalt nach einer von den uͤbrigen Ge⸗ fangenen entfernten Richtung fortgeſchleppt. Die Dienerſchaft kam, nachdem ſie ſorgfaͤltig durchſucht und entwaffnet worden, in einen andern Theil des Schloſſes; und Rowena ſah ſich ſelbſt des Troſtes der Bedienung ihrer Lieblingszofe Elgitha beraubt. Das Gemach, in welches die ſaͤchſiſchen Haͤupt⸗ linge gebracht wurden, war, obwohl jezt als eine Art Wachſtube benutzt, ehedem der Speiſeſaal des Schloſſes. Es ward jezt zu gemeinerem Gebrauche benutzt, da der gegenwaͤrtige Beſitzer unter anderen Veraͤnderungen zur Sicherheit, Bequemlichkeit und Verſchoͤnerung ſeiner freiherrlichen Reſidenz eine neue Halle in edlerem Style errichtet hatte, deren Decke auf leichteren und zierlichern Pfeilern ruhte, und wie es ſchon damals die Normaͤnner eingefuͤhrt hat⸗ ten, reicher ausgeſtattet war, 2 —— F 13 Cedric ſchritt im Gemache auf und nieder, erfuͤllt von Unwillen und Zorn uͤber das Vergangene und Ge⸗ genwaͤrtige, indeß ſein Leidensgenoſſe ſtatt aller philo⸗ ſophiſchen Geduld durch ſeine Apathie auſſer der Unbe⸗ quemlichkeit der Gegenwart ſich uͤber Alles zu troͤſten wuß⸗ te. Ja er fuͤhlte ſelbſt dieſe ſo wenig, daß er von Zeit zu Zeit aufſtand, um Cedrics leidenſchaftlichen, heftigen Ausfaͤllen zu begegnen. „Ja,“ ſprach Cedrie halb zu ſich ſelbſt, halb gegen Athel⸗ ſtane,„in derſelben Halle war es, wo mein Vater beim feſtlichen Mahle mit Torquil Wolfganger ſaß, da er den tapfern und ungluͤcklichen Harold bewirthete, als er gegen die Norweger aufbrach, die ſich mit dem Re⸗ bellen Toſti vereinigt hatten.— In dieſer Halle war es, wo Harold die großmuͤthige Antwort an den Ge⸗ ſandten ſeines rebelliſchen Bruders ertheilte. Oft ſah ich meinen Vater bei dieſer Erzaͤhlung ergluͤhen.— Der Geſandte ward eingefuͤhrt, als dieſe weite Halle kaum die Menge der edeln Sachſenfuͤhrer faſſen konnte, welche ſich mit ihrem Fuͤrſten in der Mitte in blut⸗ rothem Weine lezten.“ „Ich hoffe doch,“ begann nun Athelſtane, durch die lezten Worte ſeines Freundes etwas aufgeregt,„ſie werden nicht vergeſſen, uns zu Mittag etwas Wein und Erfriſchungen zu ſenden,— Wir hatten zum Mor⸗ genimbiß ja kaum eine Minute Zeit, auch will mir das Mahl nie recht munden, wenn ich gleich nach dem Rei⸗ ten eſſe, obwohl die Aerzte es empfehlen.“ 14 Cedric, ohne den Einwurf ſeines Freundes zu be⸗ achten, fuhr in ſeiner Erzaͤhlung fort: „Der Geſandte Toſti's ſchritt die Halle entlang, unerſchreckt durch die auf ihn gehefteten Blicke der Anweſenden, bis er vor dem Throne Koͤnig Harolds ſtand. „Welche Bedingungen, Herr Koͤnig, hat Dein Bruder Toſti zu gewarten, wenn er die Waffen nieder⸗ legt und Frieden von Dir begehrt?“— „Eines Bruders Liebe!“ rief der edelmuͤthige Ha⸗ rold,“ und die ſchoͤne Grafſchaft Northumberland.“— „Aber wenn Toſti auf dieſe Bedingungen eingeht,“ fuhr der Geſandte fort,„welche Laͤndereien wuͤrden ſei⸗ 3 nem Verbuͤndeten Hardrada⸗ Norwegens Koͤnige, ange⸗ wieſen?“ „Sieben Fuß engliſcher Erde,“ erwiederte Harold ſtolz,„oder da man ſagt, Hardrada ſei ein Rieſe, ſo bewilligen wir ihm noch 12 Zoll weiter.“— „Laut ertoͤnte die Halle von Jubelgeſchrei und Be⸗ cher und Trinkhoͤrner wurden fuͤr den Norweger gefuͤllt, der nun bald im Beſitz dieſes Raumes engliſcher Erde ſein ſollte!“ „Von ganzer Seele haͤtte ich Ihnen Beſcheid ge⸗ than,“ fiel Athelſtane ein;„denn meine Sunge klebt mir am Gaumen an.“ „Der verhoͤhnte Geſandte,“ fuhr Cedric mit Wirme fort, obgleich ſich kein Zuhoͤrer dafuͤr intereſſirte, ent⸗ fernte ſich, um Toſti und ſeinem Verbuͤndeten dieſe Un⸗ 15 heil verkuͤndende Antwort ſeines beleidigten Bruders zu uͤberbringen. Damals war es, daß die Mauern von Stamford und die durch die ungluͤcklichen Prophezeihun⸗ gen beruͤhmten Ufer des Welland Zeugen jenes ſchreck⸗ lichen Kampfes waren, in welchem nach unglaublichen Thaten der Tapferkeit der norwegiſche Koͤnig und Toſti ſammt zehntauſend ihrer tapfern Streiter den Tod fanden. Wer haͤtte gedacht, daß an demſelben ſtolzen Tage, an welchem dieſer Sieg erkaͤmpft ward, der naͤm⸗ liche Wind, der die ſiegenden Banner der Sachſen blaͤh⸗ te, die normaͤnniſchen Segel ſchwellen, und ſie nach der unſeligen Kuͤſte von Suſſer fuͤhren wuͤrde?— Wer haͤtte gedacht, daß eben der Harold in wenigen Tagen ſelbſt nicht mehr von ſeinem Koͤnigreich beſitzen wuͤrde, als er in ſeinem Zorn dem norwegiſchen Heerfuͤhrer verhieß?— Wer haͤtte gedacht, daß Ihr, edler Athel⸗ ſtane,— der Ihr von Harolds Blut abſtammet, und daß ich, deſſen Vater wahrlich nicht der ſchlechteſte Vertheidiger der ſaͤchſiſchen Krone war, im derſel⸗ ben Halle, in welcher unſere Vorfahren ein ſolches Feſt⸗ mahl hielten, eines elenden Normanns Gefangene ſein wuͤrden. „Es iſt traurig genug,“ erwiederte Athelſtane,„ab⸗ lein ich denke wir ſollen ſchon mit einem mäßigen Loͤ⸗ ſegeld davon kommen.— Auf alle Faͤlle kann es nicht ihre Abſicht ſein, uns geradezu Hungers ſterben zu laſſen; und doch iſt es ſchon hoher Mittag, und ich ſehe keine Anſtalten zum Mittagsmahle machen.— Seh⸗ mal zum Fenſter hinaus, Cedric, ob's noch nicht voller Mittag iſt?“. „Es mag ſein,“ verſetzte Cedric,„allein ich kann jenes gefaͤrbte Gitter nicht anſehen, ohne daß andere Betrachtungen in mir erwachen, als ſolche, welche ſich auf unſern augenblicklichen Mangel beziehen. Als das Fenſter da angebracht wurde, mein edler Freund, kann⸗ ten unſre rauhen Vaͤter die Kunſt, Glas zu machen oder es zu faͤrben noch nicht. Der Stolz von Wolf⸗ gangers Vater vermochte ihn, einen normaͤnniſchen Kuͤnſt⸗ ler kommen zu laſſen, um ſeine Halle mit dieſem neu⸗ modiſchen Prunk zu zieren, der das goldne Licht Gottes in ſo viele fantaſtiſche Farben bricht. Der Fremde kam hieher, arm, bettelnd, kriechend, vor dem geringſten Diener des Hauſes demuͤthig die Muͤtze abziehend, und kehrte reich und ſtolz zuruͤck, ſeinen Landslenten von dem Reichthum und der Einfalt der edlen Sachſen er⸗ zaͤhlend, nach Hauſe zuruͤck,— eine Thorheit, Athel⸗ ſtane, welche die Abkoͤmmlinge Hengiſts und ſein gan⸗ zer Stamm, der die Einfachheit ſeiner Sitten beibehielt, wohl vorausgeſehen hat. Wir machten dieſe Fremdlinge zu unſern Buſenfreunden, unſern vertrauten Dienern, vorgten ihre Kuͤnſtler und Kuͤnſte, verachteten die edle Einfalt und Rauhheit unſerer Altvaͤter, und wurden ſo durch die normaͤnniſchen Kuͤnſte entnervt, lange be⸗ vor wir den normaͤnniſchen Waffen erlagen. Wie viel beſſer war unſre heimathliche Koſt⸗ in Frieden und Freiheit 17 Freiheit genoſſen, als dieſe Jagd nach koſtbaren Lek⸗ kerbiſſen, welche uns zu Vaſallen jener fremden Eroberer machte.“ „Mir,“ fiel Athelſtane ein,„wuͤrde jezt die ſchlechteſte Koſt als das leckerſte Mahl erſcheinen, und ich wundre mich, edler Cedric, daß Ihr Euch vergangener Thaten ſo genau erinnern moͤget, in⸗ deß Ihr daruͤber der Mahlzeit vergeßt.“ „Vergebliche Muͤhe,“ brummte Cedric ungedul⸗ dig vor ſich hin,„mit dem von was anderem, als der Befriedigung ſeines Magens zu ſprechen! Die Seele Hardicanuts muß uͤber ihn gekommen ſeyn, denn er hat fuͤr nichts mehr Sinn, als fuͤr's Schlin⸗ gen und Schlucken und noch nach mehrerem Greifen. —„Ach,“ ſprach er, Athelſtane mitleidig anblickend, „daß eine ſo dumpfe Seele in einer ſo gefaͤlligen Geſtalt wohnen mag! daß ein ſolches Unternehmen, wie die Wiedergeburt England's in einer ſolchen An⸗ gel ſich drehen muß! Waͤre er mit Rowena vermaͤhlt, ſo moͤchte vielleicht ihre edlere Seele die beſſere, jezt nur ſheumerde Natur in ihm erwecken. Aber wie ſoll dieß geſchehen, da Athelſtane, Rowena und s ich ſelbſt Gefangene des rohen Raͤubers ſind, und es vielleicht deßhalb ſind, weil unſere Freiheit fuͤr die angemaßte Herrſchaft ſeiner Nation gefaͤhrlich ſcheint.““ Indeß der Sachſe dieſen peinigenden Gedanken nachhing, oͤffnete ſich die Thuͤr ihres Gefaͤngniſſes und herein trat ein Vorſchneider mit einem weißen W. Scott's Werke. XLV. 18 Amtsſtab in der Hand. Dieſer wichtige Mann nä⸗ herte ſich mit ernſtem Schritt, von vier Begleitern gefolgt, welche einen Tiſch mit Speiſen trugen, de⸗ ren Anblick und Geruch Altheſtane augenblicklich hin⸗ reichend fuͤr alle erlittenen Drangſale entſchaͤdigte. Alle dieſe Perſonen waren maskirt und vermummt. „Was ſoll dieſe Mummerei?“ fragte Cedric; „glaubt Ihr, wir wiſſen nicht, weſſen Gefangene wir ſind, wenn wir in dem Schloſſe Eures Gebieters uns befinden? Sagt ihm,“ fuhr er fort, gerne dieſe Ge⸗ legenheit zur Unterhandlung ergreifend—„Sagt Eu⸗ rem Herrn, Reginald Front de Boeuf, daß wir kei⸗ nen Grund wuͤßten, warum er uns unſrer Freiheit beraubt, auſſer dem geſetzwidrigen Verlangen, ſich auf unſre Koſten zu bereichern. Sagt ihm, daß wir bereit ſind, ſeine Raubgier zu befriedigen, wie wir es in aͤhnlichem Falle mit einem wirklichen Raͤuber thun muͤßten. Laßt ihn das Loͤſegeld beſtimmen, womit wir unſre Freiheit erkaufen koͤnnen, und wenn es unſde Kraͤfte nicht uͤberſteigt, ſoll es entrichtet werden.“ 3 Der Vorſchneider verbeugte ſich, ohne eine Ant⸗ wort zu geben. „Und ſagt Sir Reginald Front de Boeuf,“ fuhr Athelſtane fort,„daß ich ihm eine Ausforderung auf Leben und Tod ſende, und von ihm begehre, daß er ſich mir acht Tage nach unſerer Befreiung zu Fuß oder zu Pferd an irgend einem ſichern Orte ſtellen ——y,— 19 ſoll, was er, wenn er ein aͤchter Ritter iſt, unter ſolchen Umſtaͤnden weder verweigern noch aufſchieben wird.“ „Ich werde dem Ritter Eure Herausforderung berichten,“ entgegnete der Vorſchneider,„und laſſe Euch indeſſen bei Eurem Mahle.“ Die Ausforderung Athelſtanes ward nicht mit gehoͤrigem Anſtand vorgebracht; denn der unmaͤßig große Biſſen, der beide Kinnbacken voͤllig in Anſpruch nahm, daͤmpfte noch auſſer der natuͤrlichen Traͤgheit ſeiner Rede zu ſehr die Kuͤhnheit, die ſie verkuͤnden ſollte. Deſſen ungeachtet ſah Cedric dieß als ein Zeichen des wiederauflebenden Geiſtes ſelues Ge⸗ faͤhrten an, deſſen fruhere Gleichgültigkeit, trotz ſei⸗ uer großen Ehrfurcht vor Athelſtane's Abkunft, ſeine Geduld beinahe erſchoͤpft hatte. Jezt aber ſchuͤttelte er ihm beifaͤllig die Hand, ward aber wieder etwas unmuthig, als Athelſtane erklaͤrte,„er wollte ſich mit einem Duzend ſolcher Front de Boeuf ſchlagen, wenn er dadurch ſeine Befreiung aus einem Loche beſchleunigen koͤnnte, wo man ſo vielen Knoblauch in der Suppe bekomme. Trotz dieſem Zeichen eines Nuͤck⸗ falls in ſeine Apathie und Sinnlichkeit ſetzte ſich Cedrie Athelſtane gegenuͤber und bewies bald, daß er, wenn auch das Andenken an das Ungluͤck ſeines Landes bei un⸗ bedecktem Tiſche die Erinnerung an das Eſſen bei ihm verſcheuchen mochte, bei ihrem Genuße die Eßluſt ſeiner ſaͤchſiſchen Vorfahren glorreich zu beurkunden 5 5 . 4 20 1 vermoͤchte. Die Gefangenen hatten ſich jedoch nicht lange ihrer Erfriſchungen erfreut, als ihre Aufmerk⸗ ſamkeit von dieſer ernſten Beſchaͤftigung durch die Toͤne eines Horns abgelenkt wurde, das vor dem Schloßthor erſcholl. Es erklang zu drei Malen mit ſolcher Gewalt, als wuͤrde es vor einem bezauberten Schloſſe von dem erkornen Ritter geblaſen, auf deſ⸗ ſen Toͤne Hallen und Thuͤrme, Bruͤckenkopf und Waͤlle, wie ein leichter Morgennebel, in ihr Nichts zerfließen ſollten. Die Sachſen fuhren vom Tiſche auf und eilten ans Fenſter. Allein ihre Neugierde ward nicht befriedigt; denn die Fenſter gingen auf den Schloßhof und die Toͤne kamen von der auſſer⸗ ſten Wallumgebung her. Die Aufforderung ſchien in⸗ deſſen von Wichtigkeit; denn es ent und ogleich ein . bedeutender Laͤrm. 5 3 weites Kapitel. Mein Tochter— mein Dukaten— o mein Tochter! 2——— o meine chriſtlichen Dukaten Recht und Gericht! mein' Tochter! mein' Dukaten! . Der Kaufmann von Venedig. Wir uͤberlaſſen es den ſaͤchſiſchen Haͤuptlingen, zu ihrem Mabhle zuruͤckzukehren, ſo bald ihre unbe⸗ friedigte Nehgier ihnen verſtattet, den Forderungen 21 ihres nur halb befriedigten Magens Gehoͤr zu ge⸗ ben, und wenden uns jezt zu der weit ſtrengeren Haft Iſaaks von York. Der Jude ward ſogleich in ein Burgverließ geworfen, das, tief unter der Oberflaͤche der Erde, ſehr dumpf und feucht war. Das Licht ſiel blos zu ein Paar Luftloͤchern herein, die ſo hoch waren, daß ſie die Hand des Gefangenen nicht erreichen konnte. Dieſe Oeffnungen ließen ſelbſt am Mittag nur mattes, ungewißes Licht herein, welches ſchon lange zur tiefen Dunkelheit geworden war, wenn ſich das uͤbrige Schloß noch des heitern Tages erfreute. Ketten und eiſerne Klammern, das Erbtheil fruͤherer Gefangener, von denen man Ver⸗ ſuche zur Flucht befuͤrchtete, hingen leer und verroſtet an den Waͤnden des Gefaͤngniſſes umher, ja in den Ringen der einen Kette befand ſich noch ein modern⸗ des Gerippe, das einem Menſchen zugehoͤrt haben mochte, den man hier nicht blos umkommen, ſondern auch zum Skelett vermodern ließ. An einem Ende dieſes ſchaudervollen Ortes war ein großer Feuerroſt angebracht, wo einige eiſerne Stangen, halb ſchon vom Roſte verfreſſen, quer uͤber lagen. Der ganze Anblick dieſes Verließes mochte wohl ein noch muthigeres Herz als das des Juden erſchuͤttern, der ſich jedoch bei der unvermeidlichen Gefahr gefaßter zeigte, als da er ſie noch zu fuͤrch⸗ ten hatte. Die Jagdliebhaber wollen behaupten, daß der Haſe waͤhrend der Verfolgung der Hunde mehr 8 22 Todesangſt empfinde, als wenn ſie ihn ſchon unter den Hauern haben. So iſt es wahrſcheinlich, daß die Juden, bei ſo vielen Anlaͤſſen zur Furcht, auf jede Art von Tyrannei vorbereitet waren, ſo daß keine Bedruͤckung, die ihnen drohte, jenen Schrecken bei ihnen hervorbringen konnte, der jenes Geiſt und Koͤrper laͤhmende Entſetzen bewirkt; auch war es nicht das erſte Mal, daß Iſaak ſich in einer ſo ge⸗ fahrvollen Lage beſand. Er hatte daher die Erfah⸗ rung zur Fuͤhrerinn und die Hoffnung zur Troͤſterinn, daß er auch dießmal, wie ſchon fruͤher, den Schlin⸗ gen des Voglers entrinnen werde. Vor allem aber ſtand ihm jene unerſchuͤtterliche Hartnaͤckigkeit ſeines Volkes und jene unbeugſame Entſchloſſenheit zur Seite, mit der die Juden oft die aͤuſſerſten Be⸗ druͤckungen ertrugen, welche gewaltthaͤtige uͤber ſie verhaͤngen mochte, ehe ſie ihren Vo durch Bewilligung ihrer Forderungen 1 g ſteten.* In dieſer Stimmung leidenden Widerſtandes, ſein Gewand um ſich geſchlagen, um ſich gegen die Feuchtigkeit des Gewoͤlbes zu ſchuͤtzen, ſaß Iſank in einer Ecke ſeines Kerkers, mit gefalteten Haͤnden, zerzauſtem Haar und Bart, in ſeinem pelzverbraͤm⸗ ten Mantel und hoher Muͤtze, in dem ungewißen, gebrochenen Lichte, ein wuͤrdiger Gegenſtand fuͤr das Talent eines Rembrandts, wenn der beruͤhmte Ma⸗ ler zu jener Zeit gelebt haͤtte. Ohne ſeine Stellung 23 zu veraͤndern war der Jude wohl drei Stunden da geſeſſen, bis ſich endlich auf der zum Kerker fuͤhren⸗ den Treppe Schritte hoͤren ließen. Raſſelnd wurden die Riegel zuruͤckgezogen, pfeifend knarrten die Thuͤ⸗ ren in den Angeln und Reginald Front de Boeuf, von den beiden ſarazeniſchen Sklaven des Templers⸗ begleitet, trat in das Gefaͤngniß. Front de Boeuf, eine lause kraͤftige Geſtalt, hatte ſein Leben in oͤffentlichem Kriege oder in Pri⸗ vatfehden zugebracht, und kein Mittel bedeuklich be⸗ funden, ſeine Lohensgewalt zu erweitern; ſeine Geſichtszuͤge, welche ganz eigentlich mit ſeinem Cha⸗ rakter uͤbereinſtimmten, trugen das Gepraͤge von noch ſtolzeren, boshafteren Leidenſchaften. Die vie⸗ len Narben, die ſein Geſicht aufwies, wuͤrden andern Geſichtszuͤgen etwas Anziehendes und Ehrwuͤrdi⸗ ges gegeben haben, allein in den ſeinigen erhoͤhten ſie nur noch den Ausdruck von Wildheit und Schrek⸗ ken, den ſeine Gegenwart einzufloͤßen pflegte. Die⸗ ſer ſurchtbare Baron trug ein ledernes eng anſchlie⸗ ßendes Wamms, das noch Flecken und Beſchaͤdigun⸗ gen von der Ruͤſtung zeigte. Er war, auſſer einem Dolch in ſeinem Guͤrtel, der das Gegengewicht ge⸗ gen einen großen Schluͤſſelbund, der ihm zur Rech⸗ ten hing, halten ſollte, voͤllig unbewaffnet. Die ſchwarzen Sklaven, welche Front de Boeuf begleiteten, waren ihres fantaſtiſchen Anzugs entklei⸗ det, und trugen jezt Jacken und weite Beinkleider 24 von grobem Leinwand, die Aermel waren bis zum Ellbogen aufgeſtreift, wie es die Schlaͤchter zu thun pflegen, wenn ſie ihr Handwerk verrichten. Jeder hatte einen kleinen Korb in der Hand, und beide blieben an der Thuͤr ſtehen, bis Front de Boeuf ſelbſt ſie zwiefach verſchloſſen hatte. Nachdem dieß geſche⸗ hen war, trat er langſam auf den Juden zu, heftete einen ſcharfen Blick auf ihn, als wollte er ihn all ſeiner Faſſung berauben. Es ſchien, als ob der unheimliche, boͤsartige Blick von Front de Boeufs Auge einiger⸗ maßen die Macht eines Baſtlisken beſaͤße. Mit auf⸗ geriſſenem Munde ſtarrte der Jude mit ungeheurem Entſetzen den Freiherrn an, ſo daß ſeine Geſtalt buchſtaͤblich vor ihm einzuſchrumpfen ſchien. Der un⸗ gluͤckliche Iſaak fuͤhlte ſich nicht nur gaͤnzlich der Macht beraubt, ſich zu erheben und demuͤthig zu verbeugen, wie ihm ſeine Augſt befahl, oder ſeine Muͤtze abzunehmen und ſonſt ein Zeichen der Unter⸗ wuͤrfigkeit von ſich zu geben; ſo furchtbar erſchuͤtterte ihn die Ueberzeugung, daß die Folter oder der Tod ſeiner harrte. 8 Auf der andern Seite aber ſchien die rieſige Ge⸗ ſtalt des Normanns noch hoͤher und gewaltiger zu werden, gleich der eines Adlers, der ſein Gefieder aufblaͤſt, wenn er im Begriff iſt, auf ſeine Beute herabzuſtuͤrzen. Drei Schritte von der Ecke, wo der Jude auf einen Knaͤuel zuſammen geſchwunden ſaß, blieb er ſtehen, und gab einem der Sklaven ein Zei⸗ 25 chen, naͤher zu treten. Der ſchwarze Satellit trat vor und zog aus ſeinem Korbe eine Wagſchale und verſchiedene Gewichte, legte ſie zu des Ritters Fuͤ⸗ ßen und trat wieder in die ehrerbietige Entfernung zuruͤck, in der er ſich mit ſeinem Gefaͤhrten aufge⸗ ſtellt hatte. Die Bewegungen dieſer Menſchen ge⸗ ſchahen langſam und feierlich, als ob ſie ſelbſt in ih⸗ rem Innern ein Vorgefuͤhl von Schauder und Ent⸗ ſetzen erregten. Front de Boeuf eroͤffnete den Auf⸗ tritt mit folgender Anrede an ſeinen ungluͤcklichen Gefangenen. „Verfluchteſter Hund eines verfluchten Geſchlechts,“ ſprach er, indeß der Ton ſeiner tiefen, gewaltigen Stimme das duͤſtere Echo des Genoͤlbes erweckte, „ſiehſt Du dieſe Wagſchalen?“ Der ungluͤckliche Jude gab eine leiſe Bejahung. „In dieſen Wagſchalen ſollſt Du mir tauſend Pfund Silber genau nach dem Maß und Geyicht des Towers zu London darwaͤgen.“ „Heiliger Abraham!“ rief der Jude, der in die⸗ ſer aͤuſſerſten Gefahr ſeiner Stimme wieder maͤchtig ward,„hat je eine menſchliche Seele ſolch ungeheure Forderungen vernommen?— Hat je ein Menſch von Fleiſch und Blut von einer ſolchen Summe, als tauſend Pfund Silbers auch nur einen Minſtrel ſin⸗ gen gehoͤrt? Welches Menſchen Antlitz ward je mit dem Anblick ſolch großer Schaͤtze geſegnet?— In ganz York, und wenn Ihr mein Haus und die Haͤu⸗ 26 ſer aller glaͤubigen Iſraeliten durchſuchet, werdet Ihr die ungeheure Summe Silbers, von der Ihr ſprecht, nicht finden!“ „Ich bin billig,“ antwortete Front de Boeuf, „was an Silber abgeht, nehm' ich auch in Gold. Auf eine Mark Goldes ſollen ſechs Pfund Silber ge⸗ hen; ſo kannſt Du Dein unglaͤubiges Gerippe von einer Strafe retten, wie ſie Dein Herz ſich noch nie getraͤumt haben wird.“ „Habt Erbarmen mit mir, edler Herr Ritter!“ rief der Jude,„ich bin alt, bin arm und huͤlflos! Es waͤre unwuͤrdig, wolltet Ihr uͤber mich triumphi⸗ ren!— es iſt eine unruͤhmliche That, einen Wurm zu zertreten!“ „Alt magſt Du ſein,“ erwiederte der Ritter; „Schande fuͤr die, welches es duldeten, daß Du in Wucher und Schelmerei ergrauteſt— Schwach magſt Du ſein; denn wann hatte je ein Jude Herz und Arm?— Aber reich biſt Du, wie alle Welt es weiß!“ „Ich ſchwoͤre Euch, edler Herr Ritter,“ ver⸗ ſetzte der Jude,„bei allem, an was ich glaube, und an was wir gemeinſam glauben—“ 3 „Verſchwoͤre Dich nicht,“ fiel der Normann ein, „und laß Deine Hartnaͤckigkeit nicht Dein Schickſal beſtegeln, bevor Du geſehen und wohl erwogen haſt, was Deiner wartet. Glaube nicht, daß meine Rede Dich nur ſchrecken und die niedrige Feigheit Deines Stammes aͤngſtigen ſoll— ich ſchwoͤre Dir 27 bei dem, an was Du nicht glaubſt, bei dem Evangelium, das unſre Kirche lehrt, bei den Schluͤſſeln, die ihr zum Binden und Loͤſen gegeben ſind, daß mein Vor⸗ ſatz feſt ſteht. Dieſer Kerker eignet ſich nicht zum Scherzen. Zehntauſendmal vornehmere Gefangene als Du, hauchten innerhalb dieſer Mauern ihr Le⸗ ben aus, und ihr Schickſal iſt nie zu Tage gekom⸗ men; Deiner aber wartet ein langſamer Martertod, gegen den der ihrige noch Wonne war.“ Hier winkte er den Sklaven abermals, naͤher zu treten, und ſprach mit ihnen in ihrer eigenen Sprache; denn auch er war in Palaͤſtina geweſen, und hatte hier vielleicht in der Grauſamkeit Unterricht bekommen. Sie nah⸗ men nun aus ihrem Korbe Holzkohlen, ein Paar Blaſebaͤlge und eine Flaſche Oel. Waͤhrend der Eine Feuer ſchlug, bereitete der Andere unter dem oben erwaͤhnten alten Roſte die Kohlen aus und blies ſie an, bis die helle Flamme aus ihnen emporſchlug. „Siehſt Du, Iſaak,“ ſprach Front de Boeuf, „den eiſernen Roſt uͤber den Kohlen?— auf die⸗ ſem warmen Lager ſollſt Du entkleidet wie auf einem Daunenbett liegen! Einer dieſer Sklaven ſoll das Feuer unten ſchuͤren, indeß der andere Deine elenden Glieder mit Oel beſchmiert, damit der Braten nicht verbrennt. Jezt waͤhle zwiſchen dieſem Marterla⸗ ger, und der Bezahlung jener tauſend Pfund Silber; denn bei dem Haupte Deines Vaters, es bleibt Dir keine andere Wahl!“ 28 „Es iſt unmoͤglich!“ ſchrie der ungluͤckliche Jude—„durchaus unmoͤglich, daß Du den Vorſatz ausfuͤhren kannſt. Der allguͤtige Herr der Schoͤpfung hat nie ein Herz erſchaffen, das ſolcher Grauſamkeit faͤhig waͤre!“ 3 „Baue darauf nicht, Iſaakl“ entgegnete Front de Boeuf— es waͤr dieß ein fataler Jerthum. Glaubſt Du, daß ich, der ich eine Stadt im Sturm nehmen und pluͤndern ſah, worin tauſende meiner chriſtli⸗ chen Landsleute durch Schwert, Waſſer und Feuer umkamen, meinen Vorſatz um das Gewinſel eines einzigen elenden Juden aufgeben werde?— oder glaubſt Du, daß die ſchwarzen Sklaven da, die weder Geſetz, noch Vaterland, noch Gewiſſen, nur ihres Gebieters Willen achten— die mit Gift, Spieß, Dolch oder Strick auf ſeinen leiſeſten Wink bereit ſind— glaubſt Du, daß ſie Barmherzigkeit gegen Dich haben werden, da ſie nicht einmal die Sprache verſtehen, in der ſie gefordert wird?— Sei klug, alter Mann, entledige Dich eines Theils Deiner uͤberfluͤſſigen Schaͤtze; bezahle einem Chriſten einen Theil von dem, was Du ſeinen uͤbrigen Glaubens⸗ genoſſen abgewuchert haſt! Deine Schlauheit wird bald wieder die eingeſchrumpfte Boͤrſe fuͤllen, aber weder Arzt noch Arzenei wird Dein geroͤſtet Fleiſch, Deine geſchundene Haut wieder herſtellen, wenn Du auf jenem Roſte gelegen haſt. Ich ſage Dir, zahle Dein Loͤſegeld und freue Dich, daß Du um ſol⸗ 29 chen Preis aus einem Gefaͤngniſſe los kommſt, von deſſen Geheimniſſen nur wenige Lebende zu erzaͤhlen wiſſen. Ich verliere kein Wort mehr, waͤhle! Deine Wahl beſtimmt Dein Schickſall!“ „So moͤge mir Abraham, Jakob und alle Erz⸗ vaͤter unſeres Volkes beiſtehen,“ rief Iſaak,„ich kann nicht waͤhlen, ich habe nicht die Mittel, Eure ungeheuren Forderungen zu erfuͤllen!“ „Ergreift und entkleidet ihn, Sklaven!“ gebot der Ritter—„und moͤgen ſeine Patriarchen ihm beiſtehen, wenn ſie's koͤnnen!“ Dieſe Helfershelfer, welche mehr des Freiherrn Augenmerk als ſeine Sprache verſtanden, traten vor⸗ waͤrts, ſegten Hand an den ungluͤcklichen Iſaak⸗ riſſen ihn vom Boden auf, hielten ihn aufrecht zwi⸗ ſchen ſich und erwarteten des hartherzigen Freiherrn weitere Befehle. Der ungluͤckliche Jude blickte bald auf ihr, bald auf Front de Boeufs Geſicht, in Hoff⸗ nung, ein Zeichen des Erbarmens auf ihnen zu leſen. Allein der Baron hatte immer daſſelbe kalte, un⸗ heimliche, ſataniſche Laͤcheln, das der Vorbote ſeiner Grauſamkeit war; die wilden Augen der Sarazenen dagegen, die finſter unter ihren buſchigen Brauen gluͤhten, nahmen durch den weißen Kreis, der die Pupille umgab, noch einen furchtbarern Ausdruck an, und verriethen eher geheime Freude an dem heran⸗ nahenden Auftritt, als Abneigung dagegen. Jezt blickte der Jude auf den gluͤhenden Herd, auf den 30 er geſtreckt werden ſollte, und da er ſah, daß er keine Hoffnung auf Erbarmen bei ſeinen Quaͤlern hatte, wich ſeine Entſchloſſenheit. „Ich will die tauſend Pfund Silber bezahlen!“ rief er,—„ naͤmlich,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„ich will ſie mit Huͤlfe meiner Bruͤder be⸗ zahlen; denn ich muß als ein Bettler an der Thuͤr unſrer Synagoge flehen, ehe ich eine ſo unerhoͤrte Summe auftreiben kann. Wo und wann muß ſie gezahlt werden?“ „Hier,“ entgegnete Front de Boeuf,„hier muß ſie gezahlt werden,— gewogen und bezahlt werden, oder glaubſt Du, ich werde Dich frei laſſen, bevor ich das Loͤſegeld im Trocknen habe?“ „Und welche Sicherheit verbuͤrgt mir meine Freiheit, wenn das Loͤſegeld bezahlt iſt?“ „Das Wort eines normaͤnniſchen Edelmanns, nwuchernder Sklave!“ antwortete Front de Boeufs; „ das Wort eines normaͤnniſchen Edelmanns, reiner als all Dein Gold und Silber, und alle Schaͤtze Delnes Stammes obenein!“ „Ich bitte um Verzeihung, edler Lord,“ ſagte der Jude ſchuͤchtern;„aber weshalb ſoll ich mich ganz auf das Wort desjenigen verlaſſen, der gar nichts auf das meinige bauen will?“ „Weil Du's nicht anders machen kannſt, Jude!“ verſetzte der Nitter ernſt.„Waͤreſt Du in Deiner Schatzkammer zu York, und ich begehrte ein An⸗ ——ſ 31 lehen bei Dir zu machen, ſo ſtaͤnde es Dir zu, die Bedingungen vorzuſchreiben, und Dir Deine Sicherheit zu nehmen. Dieß aber iſt meine Schatz⸗ kammer. Hier bin ich im Vortheil, und mag Dir die Bedingungen Deiner Freiheit nicht mehr wie⸗ derholen!“ Der Jude ſeufzte tief.—„So gewaͤhrt mir zum mindeſten,“ ſagte er,„mit meiner Sicherheit die meiner Reiſegefaͤhrten. Sie verachteten mich als Juden, aber ſie bemitleideten meine verzweifelte Lage, und da ſie unterwegs ſich verweilten, mir zu helfen, iſt ein Theil meines Ungluͤcks auch uͤber ſie gekommen; uͤberdieß koͤnnen ſie auch etwas zu mei⸗ nem Loͤſegeld beitragen.“ „Wenn Du jene ſaͤchſiſchen Bauern meinſt,“ ſagte Front de Boeuf,„ſo haͤngt ihre Befreiung von andern Bedingungen ab, als die Deinige. Sorg Du fuͤr Dich ſelbſt, Jude, und kuͤmmere Dich nicht um Andere!“ „So ſoll ich alſo allein mit meinem verwundeten Freunde in Freiheit geſetzt werden?“ fragte Iſaak. „Soll ich zum zweiten Male einem Sohne Jſ⸗ raels empfehlen,“ fiel Front de Boeuf ein,„ſich nur um ſich ſelbſt zu kuͤmmern, und ſich nicht in Andrer Angelegenheiten zu miſchen?— Du haſt Deine Wahl getroffen, und es bleibt nichts mehr uͤbrig, als daß Du Dein Loͤſegeld bezahlſt, und das⸗ in kurzer Friſt!.““ 3²— „Aber hoͤrt mich an,“ rief der Jude,„bei eben dem Reichthum, den Ihr erwerben wollt auf Koſten Eures“— hier ſtockte er; denn er fuͤrchtete, den wilden Normann zu erbittern.— Aber Front de Boeuf lachte, und fuͤllte ſelbſt die Luͤcke aus, die der Jude in ſeiner Rede gelaſſen hatte.„Auf Koſten meines Gewiſſens, wollteſt Du ſagen, Iſaak, ſprich nur aus.— Ich ſag Dir, ich bin billig. Ich ertrage die Vorwuͤrfe eines, der im Verluſt iſt, und wenn es auch ein Jude waͤre. Du warſt nicht ſo geduldig, Iſaak, als Du die Gerechtigkeit gegen Jakob Fitze dotterel anriefſt, daß er Dich einen wuchernden Blut⸗ ſanger genannt hatte, als Deine Erpreſſungen ſein Erbtheil verſchlangen.“. „Ich ſchwoͤre beim Talmud,“ ſagte der Jude, „daß Ew. Herrlichkelt hier falſch berichtet iſt. Fitz⸗ dootterel zog ſeinen Dolch auf mich in meinem eige⸗ nen Zimmer, weil ich mein eigen Geld von ihm be⸗ gehrte. Die Zahlungsfriſt war ſchon auf Oſtern ab⸗ gelaufen.“ Ich frage den Teufel danach, was er Alles that,“ ſagte Front de Boeuf;„es handelt ſich jezt 4 darum, wann ich mein Geld erhalten— na, Juͤde, wann ſoll ich die Schekels erhalten?“ Gr, Laßt meine Tochter Rebekka,“ antwortete Iſaak,„unter Eurem ſicheren Geleite nach York gehen, edler Ritter, und ſo ſchnell Roß und Mann 1* zuruͤcktehren, ſoll der Schatz“— hier ſeuſjte er 3 4 3 tief, 8 4 N 33 tief, fuhr aber nach einigen Sekunden fort,—„ſoll der Schatz Euch auf dieſem Boden dargewogen werden.“ „Deine Tochter!“ rief Front de Boeuf, als waͤre er erſtaunt,—„beim Himmel, Iſaak, das haͤtt' ich fruͤher wiſſen ſollen. Ich glaubte, jenes ſchwarz⸗ aͤugige Ding ſei Dein Liebchen, und gab ſie Brian de Bois Guilbert zur Dienerinn, wie es bei den Gelden und Erzvaͤtern in alten Zeiten uͤblich war, die me hierin ein treffliches Beiſpiel gegeben haben.“ Das en tſetzliche Geſchrei, das der Jude bei die⸗ ſer gefuͤhlloſen A de ausſtieß, machte das ganze Gewöͤlbe widerhallen, und erſo reckte ſelbſt die beiden Sara⸗ zenen ſo ſehr, daß ſie zurur fuhren und Iſaak fahren ließen. Er benutzte dieſen Aug. ublick, ſtuͤrzte zur Erde nieder und im hoͤchſten Schmersgefuͤhl Front de Boeufs Knie umklammernd rief er: 1 „Nehmt Alles hin, was Ihr verlangt, err Ritter— nehmt noch zehnmal mehr— macht mich zum Bettler, wenn Ihr wollt,— ſtoßt, mich mit dieſem Dolche nieder, bratet mich auf jenem Herd, nur verſchont meine Tochter und entlaßt ſie unentehrt von dannen! Wenn Ihr von einem Weibe geboren ſeid, verſchonet die Ehre eines huͤlfloſen Maͤdchens! — Sie iſt das Ebenbild meiner entſchlafenen Ra⸗ chel, ſie iſt das lezte von ſechs Pfaͤndern unſrer Lie⸗ be.— Wollt Ihr einen verlaſſenen Vater des einzi⸗ gen, ihm gebliebenen Troſtes berauben?— Wollt Ihr einen Vater zwingen, daß er wuͤnſchen muß⸗ W. Scott's Werke. XLV. 3 34 daß ſein einziges uͤberlebendes Kind bei ſeiner Mut⸗ ter im Grabe ſchlummre?“ „Ich wollte,“ verſetzte der Normanne etwas theil⸗ nehmend,„ich haͤtte das fruͤher gewußt. Ich glaubte Euer Gelichter liebe nichts, als ſeine Geldſaͤcke.“ „Denkt nicht ſo niedrig von uns,“ ſagte Iſaak der den Augenblick anſcheinenden Mitleids begierig ergriff,„der gejagte Fuchs, die gemarterte wilde Katze liebt ihre Jungen— das verachtete und ver⸗ folgte Geſchlecht Abrahams liebt ſeine Kinder!“ „Mag es ſo ſein,“ verſetzte Front de Boeuf, „ich will's in Zukunft glauben, Iſaak, Dir zu Lieb' — aber das bringt uns nicht weiter, fuͤr das was geſchah, oder geſchehen wird, kann ich nicht mehr ſtehen; ich habe meinem Waffenbruder mein Wort gegeben, und wollt' es nicht brechen um zehn Juden und zehn Juͤdinnen in den Kauf. Uebrigens was wuͤrde denn Uebels den Maͤdchen widerfahren, wenn ſie Brian de Bois Gullbert als Beute zufaͤllt?“ „Wohl wird, wohl muß ihr Uebels geſchehen,“ ſaak,„was anders haben je die Templer ge⸗ athmet, als Grauſamkeit gegen Maͤnner, und Schan⸗ de und Entehrung gegen Frauen?“ Mit flammenden Augen und vielleicht nicht un⸗ gern eine Gelegenheit ergreifend, in Leidenſchaft zu gerathen rief Front de Boeuf;„Hund von einem Un⸗ glaͤubigen laͤſtere den heiligen Orden des Tempels Zion nicht, entſchließe Dich augenblicklich, mir das 35 verſprochene Loͤſegeld zu zahlen, oder wehe Deinem juͤdiſchen Schlund.“ „Raͤuber und Boͤſewicht!“ kreiſchte der Jude, die Beleidigungen ſeines Unterdruͤckers mit einer Leidenſchaft erwidernd, die er, trotz ſeiner Unmacht nicht zu bezaͤhmen vermochte,„ich will Dir nichts bezahlen— keinen Silberpfennig will ich Dir bezah⸗ len, bis meine Tochter mir ausgeliefert iſt!“ „Biſt Du bei Sinnen, Jude?“ ſprach der Nor⸗ mann ernſt.—„Sichert ein Zauber Dein Fleiſch und Blut gegen gluͤhendes Eiſen und ſiedendes Oel?“ „Ich fuͤrcht' es nicht,“ rief der Jude durch das Vatergefuͤhl zur Verzweiflung gebracht,—„thue, was Du kannſt! Meine Tochter iſt mein Fleiſch und Blut, das mir tauſendmal theurer iſt als dieſe Glie⸗ der, die Deine Grauſamkeit bedroht. Kein Silber will ich Dir geben, Nazarener, ich muͤßt' es denn geſchmolzen in Deine habſuͤchtige Gurgel gießen!— Keinen Silberpfennig gebe ich Dir, und ſollt' ich damit Deine Seele von der endloſen Verdammniß erretten, der ſie verfallen iſt! Nimm mir das Le⸗ ben, und erzaͤhle, wie ein Jude mitten unter Mar⸗ tern einen Chriſten verachtet!“ „Wir wollen das gleich ſehen,“ verſetzte Front de Boeuf;„denn bei dem geſegneten Kreuze, das Dein verfluchter Stamm verabſcheut, Du ſollſt erfah⸗ ren, was Feuer und Eiſen vermag! zieht ihn aus, Sklaen, und bindet ihn auf den Roſt!“— Troh 3.. 36 dem Widerſtand des alten Mannes hatten die Sa⸗ razenen ihm bald das Oberkleid abgeriſſen und woll⸗ ten ſo eben fortfahren, ihn voͤllig zu entbloͤſen, als der Ton eines Horns, das zweimal vor dem Schloſſe erklang, ſelbſt in dieſe Kerkerhoͤhle drang, und unmittelbar darauf ſich Stimmen hoͤren ließen, die Sir Reginald Front de Boeuf riefen. Nicht ge⸗ meint, bei ſeiner hoͤlliſchen Beſchaͤftigung andere Zeugen zu haben, gab der rohe Baron den Sklaven ein Zeichen, dem Juden ſeine Kleider wieder zuzu⸗ ſtellen, und mit ſeinen Dienern den Kerker verlaſ⸗ ſend, uͤberließ er es Iſaak, dem Himmel fuͤr ſeine Befreiung zu danken, oder ſeiner Tochter Gefangen⸗ ſchaft, und ihr wahrſcheinliches Schickſal zu bejam⸗ mern, ſo wie die perſoͤnlichen oder die Vatergefuͤhle vorherrſchend waren.— Drittes Kapitel. Nun, wenn der Rede milder Sinn Euch nicht in mildre Stimmung bringt, Werb' ich um Euch nach Kriegerart Und lieb' Euch aller Lieb' zum Trotz Swei Ebelleute aus Verona. Das Gemach, worein man Lady Rowena gefuͤhrt hatte, trug einige rohe Spuren von Verzierung und 37 Pracht, und es konnte als beſonderer Beweis von Achtung angeſehen werden, daß man ihr dieſe Woh⸗ nung angewieſen hatte. Allein die Gemahlinn Front de Boeufs, fuͤr welche es urſpruͤnglich eingerichtet war, war laͤngſt ſchon todt, und die wenigen Verzie⸗ rungen, womit ihr Geſchmack es ausgeſtattet, hatte Vernachlaͤſſigung aller Art nach und nach in Verfall kommen laſſen. An vielen Stellen hingen die Tape⸗ ten zerriſſen herab, an andern waren ſie von der Sonne verbleicht, oder durch die Laͤnge der Zeit ver⸗ dorben und vernichtet worden. So zerſtoͤrt es aber auch war, ſo hatte man das Gemach fuͤr die ſaͤch⸗ ſiſche Erbinn noch fuͤr das paſſendſte im ganzen Schloß gehalten. Man uͤberließ ſie hier dem Nach⸗ denken uͤber ihr Schickſal, bis alle die Schauſpieler des ſchaͤndlichen Drama uͤber ihre verſchiedenen Rol⸗ len uͤbereingekommen waren. Es ward von Front de Boeuf, dem Templer und Bracy ein Kriegsrath gehalten, und nach manchem hitzigen Streit, worin jeder den ihm von dieſem kuͤhnen Unternehmen zu⸗ kommenden Vortheil in Anſpruch uahm, ward man endlich uͤber bas Schickſal der armen Gefangenen einig. Es war um die Mittagsſtunde, als Bracy, zu deſſen Vortheil das ganze Unternehmen urſpruͤnglich abgekartet war, erſchien, um ſeine Anſpruͤche auf Lady Rowenas Hand und Beſitzthum geltend zu machen. hewerve wr aer FerNen eren 2 een 38 Die Zwiſchenzeit hatte Bracy nicht blos der Berathung mit ſeinen Verbuͤndeten gewidmet, ſon⸗ dern ſie noch weiter dazu angewandt, ſeine Perſoͤn⸗ lichkeit mit all dem uͤbertriebenen Putz jener Zeiten aufzuſtutzen. Das gruͤne Wamms ſammt der Maske ward alſobald weggeworfen. Sein langes, uͤppiges Haar floß in zierlichen Flechten auf den mit ſchoͤnem Pelz verbraͤmten Mantel herab. Sein Bart war ſorgfaͤltig geſtutzt, das Wamms reichte bis zur Mitte der Beine, und der Guͤrtel, der es umſchloß und ſein maͤchtiges Schmwert trug, war reich mit goldener Stickerei durchwirkt. Die wunderliche Form von Mau⸗ rice de Bracy's Schnabel ſchuhen, ſo wie ſeine Schuh⸗ ſpitzen, wie die Hoͤrner eines Widders gedreht und aufwaͤrts gebogen, konnten denen der galanteſten Herrn den Preis ſtreitig machen. Bracy's ſchoͤne, anmuthige Geſtalt ließ dieſe Tracht der Galans je⸗ ner Zeit in noch vortheilhafterem Lichte erſcheinen, da ſein gewandtes Benehmen ſowohl den Anſtand des Hoͤflings als auch die Ungezwungenheit des Krie⸗ gers verein igte. Er begruͤßte Rowenag durch Abnehmen ſeines Sam⸗ metbarets, das mit einem goldenen Schilde igeziert war, der den heiligen Michael darſtellte, wie er den Fuͤrſten des Boͤſen unter die Fuͤße tritt. Zu gleicher Zeit bot er der Dame hoͤflich einen Sitz an; da ſie aber noch immer ſtehen blieb, zog der Ritter den rechten Handſchuh aus, um ſie zu einem Sit zu 39 faͤhren. Allein Rowena ſchlug durch eine verneinende Bewegung dieß Anerbieten aus und ſprach:„Wenn ich mich in Gegenwart meines Kerkermeiſters befinde, Herr Ritter— und alle Umſtaͤnde laſſen mich's er⸗ warten, ſo geziemt es der Gefangenen am beſten, ſtehend ihr Uͤrtheil anzuhoͤren!“ „Ach! ſchoͤne Rowena,“ entgegnete de Bracy, „Ihr ſteht Eurem Gefangenen, nicht vor Eurem Gefangenwaͤrter, und das Licht Eurer Augen iſt es, das de Bracy ein Urtheil ſpricht, das Ihr thoͤrichter Weiſe von ihm erwartet.“ Mit allem Stolz beleidigten Ranges und ge⸗ kraͤnkter Schoͤnheit ſich erhebend erwiederte Rowena: „Ich kenne Euch nicht, Sir;— ich kenne Euch nicht — und die ſchamloſe Frechheit, womit Ihr das Ge⸗ ſchwaͤtz eines Troubadours mirvorlitaneit, iſt fuͤr die Ge⸗ waltthat des Raͤubers nur ſchlechte Entſchuldigung!“ „Dir ſelbſt, ſchoͤnes Maͤdchen,“ fuhr de Bracy in ſeinem fruͤhern Tone fort,„Dir ſelbſt, Dei⸗ ner eigenen Liebenswuͤrdigkeit mußt Du zuſchreiben, was ich wider die Dir ſchuldige Ehrfurcht ſuͤndigte; Du, die ich zur Koͤniginn meines Herzens und zum Leitſtern meiner Augen erkoren habe!“ „Ich wiederhole Euch, Herr Ritter, daß ich Euch nicht kenne, und daß kein Mann, der die Ritterkette und die Sporen traͤgt, ſich ſo, wie Ihr, einer ſchutz⸗ loſen Dame aufdraͤngen ſollte!“ „Es iſt freilich ein Ungluͤck fuͤr mich, Euch un⸗ 40 bekannt zu ſein; doch laßt mich hoffen, daß de Bra⸗ cys Name Euch nicht ungenannt geblieben iſt, wenn Minſtrels und Herolde die Thaten des Ritterthums, ſei es in den Schranken oder auf dem Schlachtfelde⸗ beſungen haben.“ „So uͤberlaßt den Herolden und Minſtrels Eu⸗ ern Ruhm zu preiſen, Herr Ritter, was beſſer fuͤr ihren Mund, als fuͤr den Eurigen paßt. Aber ſagt mir, wer von ihnen ſoll im Geſang, oder im Tur⸗ nierbuch den merkwuͤrdigen Sieg dieſer Nacht, einen Sieg, uͤber einen alten, von zaghaften Leibeigenen begleiteten Mann beſingen— deſſen Ausbeute ein ungluͤckliches Maͤdchen war, wider ihren Willen auf das Schloß eines Raͤubers geſchleppt?“ „Ihr ſeid ungerecht, Lady Rowena,“ ſagte der Ritter, ſich vor Beſchaͤmung in die Lippe beiſend, und fuhr dann in einem natuͤrlicheren, minder affek⸗ tirten Tone fort:„Da Ihr ſelbſt uͤber alle Leiden⸗ ſchaften erhaben ſeid, ſo wollt Ihr dem Wahnſinn derſelben keine Nachſicht gewaͤhren, obwohl Eure ei⸗ gene Schoͤnheit ſie entzuͤndete.“. „Ich bitte Euch, Herr Ritter, gebt eine Spra⸗ che auf, die man von jedem herumziehenden Baͤnkel⸗ faͤnger hoͤrt, und die ſich nicht fuͤr Ritter und Edle ziemt! Wahrlich Ihr zwingt mich Platz zu nehmen, wenn Ihr auf ſolche Gemeinplaͤtze koͤmmt, woyon jeder elende Harfner einen Vorrath beſitzt, mit dem er von jezt bis Weihnachten ausreichen kann!" 41 „Stolzes Maͤdchen!“ rief Bracy, erzuͤrnt, daß ſeine galanten Reden nichts denn Verachtung erreg⸗ ten;—„ſtolzes Maͤdchen, man kann Dir mit glei⸗ chem Stolze begegnen! So wiſſe denn, daß ich meine Bewerbung um Deine Hand auf die Art begonnen habe, die mir am beſten zuſagt. Paſſender fuͤr Deine Laune ſcheint es mir, mit Schwert und Bogen als mit hoͤflicher Rede um Dich zu freien!“ „Artige Worte,“ entgegnete Rowena,„wenn ſie benuͤtzt werden, um eine buͤbiſche That zu beſchoͤ⸗ nigen, ſind nur das Wehrgehaͤng des Ritters um die Bruſt eines niedrigen Sklaven geworfen! Ich wun⸗ dere mich nicht, daß der Zwang Euch belaͤſtigte!— Eure Ehre wuͤrde beſſer dabei fahren, wenn Ihr das Gewand und die Sprache eines Geaͤchteten beibehlel⸗ tet, als wenn Ihr die Thaten eines ſolchen unter der falſchen Huͤlle hoͤflicher Worte und gezierten Be⸗ nehmens verbergen wollt.“ „Ihr rathet mir gut, Lady,“ verſetzte de Bracy; „und mit der kuͤhnen Sprache, die am beſten die kuͤhne That rechtfertigt, ſag' ich Dir, Du wirſt die⸗ ſes Schloß nicht verlaſſen, Du ſeieſt denn Maurice de Bracy's Weib! Ich bin nicht gewohnt, mich in meinen Unternehmungen ſtoͤren zu laſſen, noch braucht ein normaͤnniſcher Edelmann ſein Benehmen gegen das ſaͤchſiſche Maͤdchen aͤngſtlich zu vertheidigen, das er durch das Anbieten ſeiner Hand auszeichnet. Du biſt ſtolz, Rowena; um ſo beſſer eigneſt Du Dich zu meiner Gattinn. Wodurch anders, als durch Delne Verbindung mit mir kannſt Du zu hoher Ehre und fuͤrſtlichem Rang gelangen? Wie wollteſt Du ſonſt der niedrigen Umgebung des gemeinen Bauerhofs entgehen, wo die Sachſen mit ihrem einzigen Reich⸗ thum, ihren Schweinen, hauſen, und Deinen Platz, wie Du's verdienſt, unter Allem, was England an Schoͤnheit Ausgezeichnetes und an Macht Erhabe⸗ nes beſitzt, einzunehmen?“ „Herr Ritter,“ erwiederte Rowena,„der Bauern⸗ hof, den Ihr verachtet, iſt von Kindheit an mein Obdach geweſen, und glaubt mir, wenn ich ihn ver⸗ laſſe— ſollte der Tag einmal kommen— ſo ſoll es an der Hand eines Mannes geſchehen, der die Woh⸗ nung und Lebensweiſe, in der ich auferzogen worden, nicht verachtet!“ „Ich errathe, wen Ihr meint, Lady,“ verſetzte Bracy,„obwohl Ihr denkt, was Ihr meint, liege zu tief fuͤr meine Faſſungskraft. Aber laßt Euch nicht traͤumen, daß Richard Loͤwenherz je ſeinen Thron wieder beſteigt, noch viel weniger, daß Wilfrid von Ivanhoe, ſein Liebling, Euch zu den Fuͤßen deſ⸗ ſelben fuͤhren wird, damit Ihr dort als Braut des Guͤnſtlings bewillkommt werdet. Ein anderer Be⸗ werber moͤchte bei der Erwaͤhnung dieſes Namens eiferſuͤchtig werden; aber mein Vorſatz laͤßt ſich durch ſolch eine kindiſche, hoffnungsloſe Liebſchaft nicht er⸗ ſchuͤttern. Wiſſet, Lady, daß dieſer Nebenbuhler in 43 meiner Gewalt iſt, und daß es nur bei mir hieß 3 das Geheimniß ſeines Hierſeins an Front de Boeuf zu verrathen, deſſen Eiferſucht ihm hoͤher als die meinige zu ſtehen kommen wird!“ „Wilfrid hier?“ fragte Rowena in veraͤchtlichem Tone,„das iſt eben ſo wahr, als daß Front de Boeuf ſein Nebenbuhler iſt.“ De Bracy ſah ihr einen Augenblick feſt in's Geſicht und fragte dann:„Iſt es Dir wirklich unbe⸗ kannt? wußteſt Du nicht, daß er ſich in der Saͤnfte des Juden befand?— eine unheimliche Reiſegele⸗ genheit fuͤr einen Kreuzfahrer, deſſen maͤchtiger Arm das heilige Grab wieder erobern ſollte.“ „Und wenn er hier iſt,“ fuhr Rowena fort, ſich zu einem Tone von Gleichguͤltigkeit zwingend, ob⸗ gleich ſie die toͤdliche Angſt, die ſie befiel, nicht un⸗ terdruͤcken konnte,„und wenn er hier iſt, worin iſt Front de Boeuf ſein Nebenbuhler?— oder was kann er zu befuͤrchten haben, als ein kurzes Gefaͤng⸗ niß, aus welchem ihn nach Ritterſitte ein ehrenvol⸗ les Loͤſegeld befreit?“ „Rowena!“ fragte Bracy,„biſt Du auch von der gemeinen Taͤuſchung Deines Geſchlechts befan⸗ gen, daß nur Eure Reize Nebenbuhlerſchaft begruͤn⸗ den?— Weißt Du nicht, daß Ehrgeiz und Reichthum ſo gut wie Liebe Eiferſucht erwecken? ja, daß unſer Wirth Front de Boeuf eben ſo willig, eifrig und ruͤckſichtlos den aus dem Wege zu raͤumen ſich beei⸗ 44 len wird, der ſeinen Anſpruͤchen auf die ſchoͤne Ba⸗ ronie Jvanhoe entgegentritt, als wenn er ihm von einem blauaͤugigen Maͤdchen vorgezogen wuͤrde? Nehmt Ihr meine Bewerbung mit Guͤte auf, Lady, ſo ſoll der verwundete Ritter von Front de Boeuf nichts zu fuͤrchten haben, waͤhrend Ihr bald zu betrauern haben wuͤrdet, wenn er in die Haͤnde des Mannes ſiele, der nie Mitleiden kannte.“ „Rett' ihn ums Himmels willen!“ rief Rowena, deren Feſtigkeit von dem Schrecken uͤber das ihrem Geliebten drohende Schickſal uͤberwaͤltigt wurde. „Ich kann— ich will es— es iſt mein Vorſatz!“ ſprach Bracy,„denn willigt Rowena ein, de Bracy's Braut zu ſein, wer darf es wagen, Hand an ihren Ver⸗ wandten— den Sohn ihres Vormunds— den Ge⸗ faͤhrten ihrer Jugend zu legen? Aber Deine Liebe muß ſeinen Schutz erkaufen! Ich bin nicht romanti⸗ ſcher Thor genug, das Gluͤck eines Mannes zu be⸗ foͤrdern, oder ſein boͤſes Geſchick abzuwenden, wenn er ein Hinderniß fuͤr die Erreichung meiner Wuͤnſche ſein wuͤrde. Benuͤtze Deinen Einfluß uͤber mich, ſo iſt Wilfrid gerettet!— verſchmaͤhe ihn, ſo ſtirbt er, ohne daß Du darum Deiner eigennFre iheit naͤher biſt.“ „Deine Rede hat trotz ihrer fuͤhlloſen Kuͤhnheit ein ge⸗ Viſhe Etwas, das ſich nicht ganz mit der Abſcheulich⸗ keit, die ſie ausſpricht, vertraͤgt! Ich glaube nicht, daß Dein Vorſatz ſo abſcheulich, oder Deine Macht ſo groß iſt.“ 45 „Schmeichle Dir immerhin mit dieſem Glauben, bis die Zeit Dich eines Anderen belehrt. Dein Lieb⸗ haber liegt verwundet in dieſem Schloß— Dein be⸗ guͤnſtigter Liebhaber. Er ſteht dem im Wege, was Front de Boeuf hoͤher haͤlt, als Ehrgeiz und Schoͤn⸗ heit. Was bedarf es weiter, als den Stoß eines Dolches oder Speeres, um ſeine Einſpruͤche auf ewig zum Schweigen zu bringen? Fuͤrchtete Front de Boeuf⸗ eine ſo offenbare Gewaltthat nicht rechtfertigen zu koͤnnen, ſo reicht der Arzt ſeinem Kranken ein un⸗ heimlich Traͤnkchen— der Waͤrter, oder. die Waͤrte⸗ rinn zieht ihm, wenn er ſchlaͤft, das Kopfkiſſen weg, und Wilfried iſt ohne Blutvergießen aus der Welt geſchafft! Auch Cedric—“ „Auch Cedric?“ rief Rowena, ſeine Worte wie⸗ derholend,„mein edler, mein großmuͤthiger Vormund! Ich verdiene das Ungluͤck, das mich trifft, da ich ſein Loos, und waͤr' es auch uͤber dem ſeines Sohnes, vergeſſe!“ „Auch Cedric's Schickſal haͤngt von deinem Ent⸗ ſchluſſe ab,“ ſagte Bracy,„und ich verlaſſe Dich, damit Du ihn nach reiflicher Ueberlegung faſſen magſt.“ Bis jezt hatte Rowena ſich mit unerſchuͤtterli⸗ chem Muthe bei der Verſuchung benommen; allein ſie hatte die Gefahr nicht ſo ernſt und ſo groß ge⸗ glaubt. Ihr Charakter war, wie ihn die Phyſiogno⸗ miker immer bei zarten, weiblichen Weſen anneh⸗ men, ſauft, furchtſam und weich, allein die Erziehung ————.— 46 hatte ihm einen Zuſatz von Staͤrke und Kraft ver⸗ liehen. Gewohnt, eines Jeden Willen, ſelbſt den ſonſt unumſchraͤnkten, herriſchen Geiſt Cedric's ſich vor dem ihrigen beugen zu ſehen, hatte ſie ſich jenen Muth und jenes Selbſtvertrauen angeeignet, das Gewohnheit und ſtaͤtes Zuvorkommen unſrer Umge⸗ bung ſo leicht erweckt. Sie konnte ſich kaum die Moͤglichkeit eines Widerſtrebens gegen ihren Wil⸗ len, viel weniger gaͤnzlicher Nichtachtung deſſelben denken. Ihr Stolz und die Gewohnheit zu herrſchen war daher nur ein angenommener Charakter, und mußte verſchwinden, da ihre Augen nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch ihren Vormund und ihren Ge⸗ liebten vor ſolch einem Abgrund von Gefahren fan⸗ den. Eben ſo ſchmerzlich fuͤhlte ſie die Unmacht ih⸗ res Willens, der ſonſt nur Achtung und Ehrerbie⸗ tung, jezt aber einen Gegner fand, der feſt, trotzig und entſchloſſen war, alle Vortheile gegen ſie be⸗ ſaß, und geſonnen war, ſich ſolche zu Nutze zu mg⸗ chen. Nachdem ſie ihre Blicke angſtvoll um ſich her geworfen, als ob ſie Huͤlfe ſuchte, die nirgends ihr nahen wollte, und einige unterbrochenen Ausrufun⸗ gen ausgeſtoßen hatte, hob ſie endlich die Haͤnde zum Himmel empor und brach ploͤzlich in die leidenſchaft⸗ lichſten, jammervollſten Klagen aus. Unmoͤglich war es, ein ſo reizendes Geſchoͤpf in ſolchem Zuſtande 47 zu ſehen, ohne Theilnahme fuͤr ſie zu empfinden, und Bracy war nicht ſo ſehr allem Gefuͤhl entfrem⸗ det, daß er, obgleich verlegen, ſich der Ruͤhrung er⸗ wehrt haͤtte. Er war zu weit gegangen, um zuruͤck⸗ treten zu koͤnnen, und doch vermochte er bei Rowe⸗ na's jeziger Lage weder Gruͤnde noch Drohungen an⸗ zuwenden. Er ſchritt unruhig im Gemache auf und nieder, indem er bald das dem Entſetzen dahingege⸗ bene Maͤdchen zu troͤſten verſuchte, bald die ihm bleiben⸗ den Maßregeln unruhig uͤberdachte.„Wenn ich mich durch den Gram und die Thraͤnen dieſes untroͤſtlichen Maͤdchens bewegen laſſe, was wird mir dafuͤr?— nichts als die Vereitelung all der ſchoͤnen Hoffnungen, fuͤr die ich ſo manche Gefahr beſtand, und der Spott des Prinzen Johann und ſeiner luſtigen Kompan⸗ ſchaft oben drein. Und doch,“ ſprach er bei ſich, „kann ich das liebliche Geſicht in dieſer Todesangſt, die ſtrahlenden Augen in Thraͤnen ſchwimmend nicht anſehen! Ich wollte, ſie haͤtte ihr anfaͤngliches ſtol⸗ zes Benehmen beibehalten, oder mir waͤre eine groͤ⸗ ßere Doſis von Front de Boeuß's eiſerner Harther⸗ zigkeit zu Theil geworden.“ Von dieſen Gedanken bewegt, bat er die ungluͤck⸗ liche Rowena, ſich zu troͤſten, und verſicherte ihr, daß ſie fuͤr jezt noch keinen Grund zu der Verzweif⸗ lung habe, der ſie ſich uͤberlaſſe. In diefem Troͤſtungs⸗ verſuche ward Bracy durch das Horn unterbrochen⸗ „deſſen rauhe Klaͤnge weit und kuͤhn erſchollen,“ und das in demſelben Augenblick die abrigen Bewohner des Schloſſes aufgeſtreckt und die Plaue ihrer Hab⸗ ſucht und niedrigen Luͤſte ſtoͤrte. Von ihnen allen war vielleicht de Bracy am wenigſten unzufrieden uͤbrr dieſe Unterbrechung; denn ſeine Unterredung mit Lady Rowena war auf einen Punkt gekommen, wo er es ſchwer fand, abzubrechen oder in ſeinem Unter⸗ nehmen fortzufahren. Eine ſchmerzliche Wahrheit iſt es, daß derſelbe engliſche Adel, deſſen muthigem Widerſtand gegen die Gewalt der Krone das brittiſche Reich ſeine Freihei⸗ ten verdankt, ſo furchtbare Tyrannen unter ſich zaͤhlte, die nicht nur die Geſetze Englands, ſondern die der Natur und Menſchlichkeit mit Fuͤßen traten. Die ſaͤchſiſche Chronik liefert einen deutlichen Beweis von den Grauſamkeiten, die unter der Re⸗ gierung Koͤnig Stephens von den großen Baronen und Beſitzern feſter Schloͤſſer, lauter Normaͤnnern, veruͤbt wurden.„Schwer belaſteten ſie das arme Volk durch Erbauung feſter Schloͤſſer, und wenn ſie erbaut waren, fuͤllten ſie ſolche mit gottloſen Leuten, Tenſeln, die uͤber Maͤnner und Weiber herfielen, wenn ſie Geld bei ihnen vermutheten, ſie in Kerker warfen und ihnen groͤßere Qualen bereiteten, als ſelbſt die Maͤrtyrer zu erdulden hatten. Einige er⸗ ſtickten ſie im Unrath, Andere haͤngten ſie an den Fuͤſſen, am Kopf oder an den Daumen auf, indem Feuer unrer ihnen anfachten; andern unmanden ie 49 ſie den Kopf mit knotigen Stricken, die ſie mehr und mehr anzogen, bis das Gehirn herausſpritzte, waͤhrend Andere in Kerker geworfen wurden, die von Schlangen, Nattern und Kroͤten wimmelten. Allein zu grauſam waͤre es dem Leſer, weitere Schilderun⸗ gen mitzutheilen. Viertes Kapikel. Ich frei, wie um die Braut der Leue freit. Douglas. Waͤhrend die obenbeſchriebenen Auftritte in an⸗ dern Theilen des Schloſſes ſich zutrugen, erwartete die Juͤdinn Rebekka ihr Schickſal in einem entlege⸗ nen, abgeſonderten Thuͤrmchen. Zwei der vermumm⸗ ten Raͤuber hatten ſie hieher gebracht; und in eine kleine Zelle geſtoßen, fand ſie ſich bei einer alten Spbille, die ſtill vor ſich hin einen ſaͤchſiſchen Reim murmelte, als wollte ſie zu dem fluͤchtigen Tanz ih⸗ rer Spindel auf dem Fußboden den Takt angeben. Als Rebekka eintrat, erhob die Alte ihr Haupt, und geinste die ſchoͤne Juͤdinn mit dem boshaften Neide an, womit Alter und Haͤßlichkeit, wenn ſich Mißge⸗ ſchick damit vereint, Jugend und Schoͤnheit zu be⸗ trachten pflegt. „Du mußt auf und davon, altes Hausgeraͤthe,“ W. Stott's Werke. XI.V. 5⁰ ſegte einer der Maͤnner.„ünſer edler Herr beſiehlt es— Du mußt das Zimmer einem ſchoͤnern Gaſte raͤumen.“ „Ja, ja,“ murrte die Hexe,„ſo werden alte Dienſte vergolten! Ich habe Zeiten gekannt, wo mein bloſes Wort hingereicht haͤtte, den beſten Kriegs⸗ mann unter Euch aus Amt und Dienſt zu bringen; und nun muß ich mich dem Befehl jedes Stallbu⸗ ben fuͤgen!“ 4 „Gute Frau urfried,““ ſagte der andere Mann, „verliert keine Zeit damit, Betrachtungen anzuſtel⸗ len, ſondern packt auf! Die Befehle des Herrn muͤſ⸗ ſen ein flinkes Ohr finden! Du haſt auch Deine Zeiten gehabt, allein ſchon lange iſt Deine Sonne unter⸗ gegangen. Nun biſt Du das treue Bild eines alten Schlachtroſſes, das auf duͤrre Heide verſtoßen wird. Zu Deiner Zelt ſchrittſt Du ſtattlich einher, jezt humpelſt Du freilich nur— ſo komm denn, und humple mit mir fort!“ „Ihr Unheil verkuündenden Hunde!“ ſchrie die Alte—„Moͤge ein Hundezwinger Euer Begraͤbniß⸗ ort ſein!“ Es zerreiße mich der boͤſe Daͤmon Zerne⸗ bock Glied fuͤr Glied, wenn ich meine Zelle hier ver⸗ laſſe, ehe ich den Hanf von meinem Rocken abge⸗ ſponnen habe.“ „Verantworte es ſelbſt bei unſrem Herrn, alter Hausteufel,“ entgegnete der Mann, und zog ſich zu⸗ ruͤck, Rebekka in Geſellſchaft des alten Weibes laſ⸗ 51 ſend, in welche ſie wider ihren Willen elngedraͤngt ward. „Was fuͤr Teufelsſtreiche gehen jezt wieder vor?“ murmelte die Alte vor ſich hin, indem ſie zuwellen einen boshaften Seitenblick auf Rebekka ſchoß.„Leicht errathen— Glaͤnzende Augen, ſchwarze Locken, eine Haut, wie Papier ſo weiß, ehe der Prieſter es mit ſeinem ſchwarzen Saft bekleckst! Leicht errathen, wa⸗ rum ſie in dieß einſame Thuͤrmchen muß, wo eln Schrei ſo wenig durchdringt, als ob er fuͤnfhundert Klafter tief aus der Erde kaͤme. Du wirſt die Eu⸗ len zu Nachbarn haben, ſchoͤnes Kind; und ihr Ge⸗ ſchrei wird man ſo weit als das Deine hoͤren. Aus⸗ laͤndiſch noch dazu,“ verſetzte ſie, als ſie den Anzug und den Turban Rebekka's bemerkte.—„Aus wel⸗ chem Lande biſt Du? biſt Du eine Sarazeninn? oder Egyptierinn? warum antworteſt Du nicht? Du kanuſt doch weinen, warum willſt Du nicht ſprechen?“ „Sei nicht boͤſe, gute Mutter,“ verſetzte die Juͤdinn. „Du brauchſt nicht mehr zu ſagen,“ erwiederte Urfried;„man kennt den Fuchs am Schweif, und die Juͤdinn an der Rede.“ „Um Gotteswillen,“ ſagte Rebekka,„ſag' mir, was muß ich als das Ende der Gewaltthat erwarten, die mich hieher gebracht hat? Iſt es mein Leben, womit ich fur meinen Glauben buͤßen muß? Ich bring es freudig zum Opfer dar!“ 4. 18 52 12 Dein Leben, Schätzchen?“ antwortete die Sy⸗ bille;„was haͤtten ſie davon, Dir das Leben zu nehmen?— glaub mir, Dein Leben iſt nicht in Ge⸗ fahr! Du ſollſt dieſelben Dienſte thun, wie einſt ein Sachſenmaͤdchen. Und darf eine Juͤdinn murren, wenn's Ihr nicht beſſer geht? Sieh mich an— ich war einmal jung und zweimal ſo ſchoͤll, wie Du, als Front de Boeuf, der Vater dieſes Reginald mit ſei⸗ nen Normannen dieſes Schloß erſtuͤrmte. Mein Vater und ſeine ſieben Soͤhne vertheidigten ihr Erb⸗ theil von Stock zu Stock, von Kammer zu Kammer — da war kein Plaͤtzchen, keine Stuf auf der Trep⸗ pe, die nicht von ihrem Blute triefte! Sie fielen Mann fuͤr Mann; und ehe ihre Leiber kalt waren, war ich die Beute und der Spott des Eroberers ge⸗ worden!“ „Gibt es keine Huͤlfe?— kein Mittel zum Ent⸗ fliehn?“ fragte Rebekka,„reichlich, reichlich wollt ich jeden Beiſtand vergelten 16ʃ39 1 2 „Daran denk nicht!“ verſetzte die Alte;„von da entkoͤmmt man nur durch die Thore des Todes; und ſost, erſt ſpaͤt,“ fuhr ſie fort, ihr graues Hanpt ſchuttelnd,„oͤffnen ſich dieſe uns.— Es iſt ein Tyoſt, wenn men denken darf, gleich Elende hinter ſich auf Erden zu laſſen. Leb wohl, Jadiun!— Jud oder Heide, Dein Schickſal wird das naͤmliche ſein Du haſt es mit Leuten zu thun, die weder Gewiſſen 53 noch Erbarmen kennen. Leb' wohl, ſag ich! Mein Faden iſt abgeſponnen— Dein Tagewerk beginnt!* „Halt! halt! um Gotteswillen halt!“ vief Re⸗ bekka;„bleib, und waͤre es auch nur, um mir zu fluchen und mich zu verhoͤhnen— Deine Gegenwart iſt mir doch einiger Schutz!“ „Die Gegenwart ſelbſt der Mutter Gottes koͤnnte Dich nicht ſchuͤtzen,“ antwortete das alte Weib. „Hier ſteht ſie,““ damit wies ſie auf ein rothes Mut⸗ tergottesbild hin,„ſieh, ob ſie das, was Deinen wartet, abwenden kann!“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Gensan, ihre Zuͤge zu einem grinſenden Laͤcheln verzerrend, wodurch ihr Anblick noch graͤßlicher ward. Sie ver⸗ ſchloß die Thuͤr hinter ſich, und Rebekka konnte je⸗ den Fluch vernehmen, womit ſie die ſteilen Stufen belaſtete, indeß ſie langfam und muͤhevoll die Thurm⸗ treppe hinabſtieg. Rebekka hatte jezt ein noch furchtbareres Schick⸗ ſal als Rowena zu erwarten; denn wie wenig war anzunehmen, daß man gegen einen Abkoͤmmling ihres unterdruͤckten Stammes dieſelbe Schonung und Ruͤckſicht anwenden wuͤrde, die man dem Scheine nach gegen die ſaͤchſſſche Erbinn annehmen mochte, Allein die Juͤdinn hatte den Vortheil, daß die Ge⸗ wohnheit ernſtern Nachdenkens und die eigenthuͤm⸗ liche Kraft ihres Geiſtes ſie faͤhiger machte, den drohenden Gefahren ruhig entgegenzutreten Selbſt 54 ſchon von Kindheit an ernſten, tiefbeobachtenden Sinnes, konnte ſie durch die Pracht und die Schaͤtze, die ihr Vater in ſeinem Hauſe aufhaͤufte, und von denen ſie in andern juͤdiſchen Wohnungen Zeuge war, nie ſich des Bewußtſeins der unſichern Lage entſchlagen, worin man ſich ihrer erfreute. Gleich einem Damokles, bei ſeinem Feſtmale, ſah Rebekka ſtets in dieſem prahlenden Prunk das uͤber dem Haupte ihres Volkes an einem Haare ſchwebende Schwert haͤngen. Dieſe Betrachtungen hatten ihren Charak⸗ ter, da er vielleicht in einer andern Lagel hochfahrend, ſtolz und eigenwillig geworden waͤre, gemildert und ihm einen richtigern Blick in ihre Lage gegeben. Ih⸗ res Vaters Beiſpiel und Lehre hatte Rebekka Artig⸗ keit gegen Jeden gelehrt, der ihr nahe kam. Frei⸗ lich konnte ſie ſeine ubermaͤßige unterwuͤrfigkeit nicht gut heißen, denn die Niedrigkeit ſeiner Geſinnung, die ſtete furchtſame Scheue, die Iſaak dazu vermoch⸗ ten, war ihrem Charakter fremd; allein ſie benahm ſich mit der ſtolzen Demuth, die ſich den nothwen⸗ digen Leiden, welche die Tochter eines verachteten: Geſchlechts treffen, zwar unterwirft, aber doch in ihrem Innern fuͤhlt, daß ihr Verdienſt ihr Anſpruͤche auf hoͤhern Rang in der Geſellſchaft gab, als die Despotie religioſer Vorurtheile ſie einnehmen ließ. So vorbereitet, widrigen Begebniſſen Troz zu bieten, beſaß ſie die noͤthige Feſtigkeit, im wichtigen Angenblick handelnd aufzutreten. Ihre gegenwaͤr⸗ 55 tige Lage mußte alle ihre Geiſtesgegenwart auf⸗ bieten. Ihre erſte Sorge war, das Gemach zu unter⸗ ſuchen; es gab nur wenig Hoffnung auf Schutz oder Flucht; denn es hatte weder einen geheimen Aus⸗ gang, noch eine Fallthuͤr, und ausgenommen da, wo die Thuͤr zur Treppe fuͤhrte, ſchienen ſeine Waͤnde zu⸗ gleich die aͤuſſere Thurmmauer zu bilden. Von in⸗ nen hatte die Thuͤr weder Schloß noch Riegel. Das einzige Fenſter fuͤhrte auf einen mit Bruſtwehren umgebenen Naum, der den Thurm uͤberdachte, und Rebekka auf den erſten Anblick Hoffnung zum Entrin⸗ nen gab; allein ſie ſah bald, daß er keine Verbindung mit irgend einem andern Thelle der Zinnen der Ge⸗ baͤnde hatte, ſondern eine Art von Altan war, den, wie gewoͤhnlich, eine Bruſtwehr mit Schießſcharten be⸗ ſchuͤtzte, an welche einige Armbruſtſchuͤtzen zur Verthei⸗ digung des Thurmes geſtellt werden konnten, um die Schloßmauer von dieſer Seite mit ihren Bolzen zu be⸗ ſtreichen. Es blieb demnach keine Hoffnung, als auf leidende Entſchloſſenheit und jenes kraͤftige Vertrauen auf den Himmel, das großen, edeln Seelen eigen⸗ thuͤmlich iſt. Rebekka, ſo irrig man ſie auch gelehrt hatte, die Verheißungen der heiligen Schrift auf das auserwaͤhlte Volk zu deuten, irrte wenigſtens darin nicht, wenn ihr dieß zeitliche Leben als eine Pruͤ⸗ fungszeit erſchien, oder wenn ſie hoſfte, daß die Kinder Zlons einſt mit den Heiden zugleich wuͤrden 756 vorgerufen werden. Jezt zeigte ſihre ganze Umge⸗ bung, daß ihr Zuſtand ein Zuſtand der Strafe und Pruͤfung ſei, und daß ihre Hauptpflicht dahin gehe, zu dulden, ohne zu ſuͤndigen. So vorbereitet, ſich als das geweihte Opfer desUngluͤcks zu betrachten, hatte Rebekka fruͤh ihre Lage ins Auge gefaßt, und ihren Geiſt gewoͤhnt, den Gefahren zu trotzen, die ſie wahrſcheinlich zu beſtehen haben wuͤrde. Doch erbebte und erbleichte die Gefangene, als ſie Tritte auf der Treppe vernahm, die Thuͤr des Thuͤrmchens ſich langſam oͤffnete, und ein großer Mann in der Tracht der Raͤuber, denen ſie ihr Un⸗ gluͤck zuſchreiben mußte, in das Gemach trat und die Thuͤr hinter ſich verſchloß. Seine Muͤtze, tief in die Stirn gedruͤckt, verbarg den obern Theil des Geſichts, waͤhrend er mit dem Mantel den untern Theil zu verhuͤllen fuchte. So, als ſchaͤme er ſich ſelbſt einer That, die er vorhabe, ſtand er vor der erſchrockenen Gefangenen. So ſehr aber auch ſeine Kleldung ihn als Raͤuber bezeichnete, ſchien er doch hoͤchſt verlegen, ſeinen Vorſatz auszuſprechen, ſo daß Rebekka, gewaltſam ſich anſtrengend, Zeit gewann, ſeiner Erklaͤrung zuvorzukommen. Schon hatte ſie zwei koſtbare Armbaͤnder und eine Halskette abge⸗ bunden, welche ſie eilig dem vermeinten Geaͤchteten darbot, indem ſie ſehr natuͤrlich ſchloß, daß ſie durch Befriedigung ſeiner Habſucht ſeine Gunſt erwerben wuͤrde.„Nimm dieß, guter Freund!“ ſagte ſie, 57 „und um Gotteswillen habt Erbarmen mit mir und meinem betagten Vater! Dieſer Schmuck iſt von Werth, allein er ſoll eine Kleinigkeit ſein gegen das, was Du durch unſere frele, ungekraͤnkte Entlaſſung aus dieſem Schloſſe erlangen kannſt!“ „Schoͤne Blume Palaͤſtinas!“ ſprach der Geaͤch⸗ tete,„dieſe Perlen ſind zwar aus dem Orient, al⸗ lein ſie ſtehen der Weiße Eurer Zaͤhne nach. Dieſe Demante ſpruͤhen Feuer, allein ſie ſtehn nicht in Vergleich mit Euern Augen; und ſeit ich dieß wilde Handwerk treibe, hab ich gelobt, der Schoͤnheit den Vorzug vor dem Reichthum zu geben.“ „O thut Euch ſelbſt nicht ſolches Unrecht,“ ſprach Rebekka;„nehmt Loͤſegeld und habt Erbarmen! Gold wird Dir Vergnuͤgen erkaufen,— wenn Ihr uns mißhandelt, kann's Euch nur Reue bringen. Mein Vater wird gerne Deine uͤbertriebenſten Wuͤn⸗ ſche befriedigen; und wenn Du klug ſein willſt, kannſt Du Dir mit dieſer Beute die Ruͤckkehr in die buͤrgerliche Geſellſchaft erkaufen,— kaunſt Verzei⸗ hung fuͤr vergangene Irrthuͤmer erhalten, und der Nothwendigkeit, neue zu begehen, Dich uͤberheben.“ „Wohl geſprochen,“ erwiederte der Geaͤchtete franzoͤſiſch, weil es ihm wahrſcheinlich ſchwer fiel, in ſaͤchſiſcher Sprache eine Unterhaltung fortzuſetzen, die Rebekka in dieſer begonnen hatte;„aber wiſſe, glaͤnzende Lilie vom Thale Bakka! Dein Vater iſt bereits in den Haͤnden eines maͤchtigen Alchymiſten, 58 der ſelbſt die verroſteten Niegel eines Kerkers in Gold und Silber verwandeln kann. Der ehrwuͤr⸗ dige Iſaak iſt einem Deſtillirkolben anheimgefallen, der ihm Alles abdeſtilliren wird, was er Liebes und Theures hat, ohne daß mein Bitten oder Dein Be⸗ gehren von N dthen waͤre. Dein Loͤſegeld muß in Liebe und Schoͤnheit ausgezahlt werden, keine andere Muͤnze wird angenommen!“ „Du biſt kein Geaͤchteter,“ fiel Rebekka ein, in derſelben Sprache, in der er ſich an ſie gewandt; „kein Geaͤchteter hat jemals ſolche Bedingungen ausgeſchlagen. Kein Geaͤchteter in dieſem Lande ſpricht die Sprache, in welcher Du geſprochen haſt. Du biſt kein Geachteter, ſondern ein Normann— ein Normann, edel vielleicht von Geburt— o ſei es auch in Deinen Handlungen, wirf von Dir dieſe Mum⸗ merei der Gewaltthat und Mißhandlung!“ „Und Du, die Du ſo gut errathen kannſt,“ ſprach Brian de Bois Guilbert, ſeinen Mantel vom Geſichte werfend,„biſt keine aͤchte Tochter Iſraels, ſondern, Jugend und Schoͤnheit ausgenommen, die leibhafte Here von Endor. So bin ich denn kein Geaͤchtetere ſchoͤne Roſe von Scharon; bin einer, welcher Dir eher Nacken und Arme voll Perlen und Demanten haͤngt, als daß er Dich dieſes Schmuckes berauben ſollte.“ „Was wollteſt Du denn von mir haben,“ fragte Rebekka,„wenn's nicht mein Reichthum iſt?— 25 kann zwiſchen uns keine andere Gemeinſchaft S 59. finden— Ihr ſeid ein Chriſt— ich bin eine Juͤ⸗ dinn!— Unſere Verbindung waͤrde den Geſetzen ſo⸗ wohl der Kirche, als der Synagoge zuwider laufen.“ „Das waͤre in der That der Fall,““ erwiderte der Templer lachend,„ſich mit einer Juͤdinn ver⸗ heirathen! Des par Dieuxt— nein, und wenn ſie auch die Koͤniginn von Saba waͤre! So wiſſe denn, liebliche Tochter Zions, wenn mir der allerchriſtlichſte Koͤnig ſeine allerchriſtlichſte Tochter⸗ und Languedoe zum Mitgift gaͤbe, ſo koͤnnt ich ſie nicht heirathen. Es iſt gegen mein Geluͤbde, ein Maͤdchen anders zu lieben, als par amour, wie ich Dich lieben will. Ich bin ein Templer. Sieh da das Kreuz meines hei⸗ ligen Ordens.“ „Wagſt Du,“ fragte Rebekka,„bei ſolch einer Gelegenheit Dich darauf zu berufen?“ „und wenn ich's thue,“ erwiederte der Temp⸗ ler,„ſo geht das Dich nichts an, die Du nicht an das heilige Zeichen unſerer Erloͤſung glaubſt.“ „Ich glaube, was meine Vaͤter mich lehrten,“ entgegnete Rebekka;„und moͤge mir Gott verzei⸗ hen, wenn mein Glaube irrig iſt! Aber Ihr⸗ Herr Ritter, was ſeid Ihr, wenn Ihr Euch ohne Beden⸗ ken auf das, was Euch das Heiligſte ſein muß, in eben dem Augenblick beruft, wo Ihr das feierlichſte Eurer Geluͤbde als Ritter und als Prieſter brechen wollt?“ „Eindringlich und ſchoͤn gepredigt, Tochter Si⸗ 60 rachs!“ antwortete der Templer; aber allerliebſte Predigerinn, Deine engherzigen jjuͤdiſchen Vorurtheile machen Dich blind fuͤr unſre hohen Privilegien. Ein Eheverbuͤndniß waͤr ein ewiges und unverzeihliches Verbrechen bei einem Tempelherrn; allein wenn ich ſouſt eine kleinere Thorheit begehe, werde ich ſogleich von dem naͤchſten Vorſteher unſres Ordens abſolvirt. Auch der weiſeſte der Koͤnige, oder ſein Vater, de⸗ ren Vorgang Du fuͤr vollguͤltig anerkennen mußt, machten nicht auf groͤßere Vorrechte Anſpruch, als wir arme Streiter des Tempels Zion durch unſern Ei⸗ fer fuͤr deſſen Vertheidigung erworben haben. Die Beſchuͤtzer von Salomo's Tempel moͤgen immerhin auf den Vorgang Salomo's die Auſprücht ihrer Frei⸗ heiten gruͤnden.“ „Wenn Du die Schriſt 2 verſetzte die Juͤdiun, „und das Leben der Heiligen einzig darum lieſeſt, um Deine Ausſchweifung und Verworfenheit daraus zu rechtfertigen, ſo gleicht Dein Verbrechen dem des Mannes, der Gift aus den heilſamſten und uoth⸗ wendigſten Kraͤutern zieht.“ 2 Die Augen des Templers ſpruͤhten Feuer bei dieſem Vorwurf—„Hoͤre, Rebekka,“ ſprach er, „ich habe bis jezt mild mit Dir geſprochen, nun ſolſt Du aber die Sprache des Eroberers hoͤren. Du biſt durch Speer und Bogen mir als Gefangene verfallen— meinem Willen unterworfen nach den Geſetzen aller Nationen, und keinen Zoll breit will 61 ich von meinem Rechte weichen, oder anſtehen, das mit Gewalt zu eringen, was Du der dringenden Bitte verſagteſt.“ „Halt!“rrief Rebekka—„halt und hoͤre mich, ehe Du Dich unterfaͤngſt, ſolch eine Todſuͤnde zu begehen! Meiner koͤrperlichen Kraft magſt Du viel⸗ leicht obſtegen; denn Gott hat die Weiber ſchwach erſchaffen, und ihre Vertheidigung der Großmuth des Mannes anvertraut. Aber ich will Deine Schaͤnd⸗ lichkeit, Templer, von einem Ende Europens bis zum andern verkuͤndigen. Dem Aberglauben deiner Bruͤ⸗ der will ich verdanken, was ihr Mitleld mir verſa⸗ gen wuͤrde. Jedes Praͤzeptorium— jedes Kapi⸗ tel deines Ordens ſoll erfahren, daß du, gleich einem Ketzer, mit einer Juͤdinn gefuͤndiget haſt. Diejeni⸗ gen, welche nicht bei deinem Verbrechen erbeben, werden dir doch fluchen, daß du das Kreuz, das du traͤgſt, ſo entehrteſt, einer Tochter meines Volks zu begehren!“ „Du biſt nicht verkückt Juͤdinn,“ entgeg⸗ nete der Templer, der die Wahrheit ihrer Wor⸗ te wohl einſah, und wußte, daß die Geſetze ſeines Ordens auf das ausdruͤcklichſte, und unter den ſchwerſten Strafen ſolche Liebeshaͤndel, als er ſo eben begann, unterſagten, ja daß ſogar in eini⸗ gen Faͤllen Verſtoßung aus dem Orden darauf er⸗ kannt wurde.„Dun biſt nicht ungeſcheut,“ ſagte er, „aber laut mußt du die Stimme deiner Klage er⸗ 62 stoͤnen laſſen, wenn ſie durch die eiſernen Mauern dieſes Schloſſes dringen ſollensz innerhalb dieſer ver⸗ hallt Klage, Murren und Rufen um Gerechtigkeit, und Huͤlfe unerhoͤrt. Nur ein's kann Dich retten, Rebekka. „Ergieb Dich in Dein Schickſal— nimm unſern Glau⸗ ben, und Du ſollſt in einem Glanze ausziehn, daß manche normaͤnniſche Schoͤne ſowohl in Pracht als in Schoͤnheit der Favoritinn der beſten Lanze unter den Vertheidigern des Tempels nachſtehn ſoll. „Ergieb Dich in Dein Schickſal!“ wiederholte Rebekka—„und heiliger Himmel! in was fuͤr ein Schickſal!— Deinen Glauben annehmen! was muß das fuͤr ein Glaube ſein, der ſolch einen Boͤſewicht duldet?— Du, die beſte Lanze der Templer!— Schaͤndlicher Ritter!— meineidiger Prieſter! icheſpele Dich an, und trotze Dir.— Der Gott der Verhei⸗ ßungen Abrahams hat ſeiner Tochter eine Zuflucht eroͤffnet— Mit dieſen Worten riß ſie das Fenſter auf, das nach dem Altan fuͤhrte, und in einem Au⸗ genblick ſtand ſie am aͤußerſten Rande der Bruſtwehr, ohne den geringſten Schutz zwiſchen ſich und dem un⸗ geheuren Abgrund, der vor ihr lag, zu haben. Un⸗ vorbereitet auf einen ſo verzweifelten Schritt, denn bis dahin hatte ſie ganz regungslos dageſtanden, blieb de Bois Guilbert keine Zeit, ſie aufzuhalten. Da er jezt naͤher treten wollte, rief ſie aus:„bleib, wo Du biſt, ſtolzer Templer, oder naͤhere Dich, wenn Du willſt noch einen Schritt naͤher, und ich ſtuͤrze mich 63 in den Abgrund; zerſchmettert ſoll mein Koͤrper jede Spur menſchlicher Geſtalt verlieren, ehe er das Op⸗ fer Deiner Gewaltthat wird.“ Als ſie ſo ſprach, faltete ſie ihre Haͤnde und rang ſie gen Himmel, als ob ſie ſein Erbarmen fuͤr den letzten Schritt anflehen wollte. Der Templer zoͤgerte, und ſeine Entſchloſſenheit, die nie dem Mitleid oder der flehenden Klage wich, ward durch die Bewunde⸗ rung ihrer Seelenſtaͤrke uͤberwunden. „Komm hernieder,“ ſprach er,„kuͤhnes Maͤdchen. Ich ſchwoͤre Dir bei der Erde, dem Meer und dem Himmel, ich will Dir nichts zu Leide thun.“ „Ich traue Dir nicht, Templer!“ verſetzte Re⸗ bekka,„Du haſt mich beſſer gelehrt, wie man die Tu⸗ genden Deines Ordens zu ſchaͤtzen hat. Das naͤchſte Praͤzeptorium wuͤrde Dich fuͤr den Bruch eines Schwu⸗ res abſolviren, der ja nichts weiter betraf, als die Ehre oder Unehre eines elenden juͤdiſchen Maͤd⸗ chens.“ „Du thuſt mir uUnrecht,“ verſetzte der Templer; „ich ſchwoͤre Dir beim Namen deſſen, den ich trage — bei dem alten Wappenſchild meiner Vaͤter ſchwoͤre ich, weder Dir, noch Deinem Vater irgend eine Beleidigung anzuthun. Ich will Dein Freund ſein, und in dieſem Schloße bedarfſt Du eines maͤchtigen.“ „Ach!“ rief Rebekka,„ich weiß es nur zu wohl; darf ich Dir trauen?“ 64 „Moͤge mein Wappenſchild umgekehrt und mein Name verunehrt werden,“ ſprach Brian de Bois Guilbert,„wenn Du Grund haben ſollſt, Dich uͤber mich zu beklagen. Manches Geſetz, manchen Befehl hab ich gebrochen, aber mein Wort noch nie!“ „So will ich Dir denn trauen,“ ſagte Rebekka, und ſtieg vom Rande der Bruſtwehr herab, blieb aber dicht bei einem der Einſchnitte, damals machicolles genannt, ſtehen.„Hier bleib ich ſtehn,“ ſprach ſi ſie, „bleibt, wo Ihr ſeid, und wagt Ihr nur mit einem Schritte den Raum zwiſchen uns zu verringern, ſo ſollt Ihr ſehen, daß das juͤdiſche Maͤdchen lieber ih⸗ re Seele Gott anyertraut, als der Ehre des Temp⸗ lers.“ Waͤhrend Rebekka ſo ſprach, gab ihre erhabene und feſte Entſchloſſenheit, die ſo ſehr der ausdrucks⸗ vollen Schoͤnheit ihrer Zuͤge entſprach, ihrem Blick, ihrer Miene, und ihrer Haltung eine mehr denn menſchliche Hoheit. Ihr Blik zagte nicht, ihre Wange erbleichte nicht bei dem Anblik einer ſo nahen und furchtbaren Gefahr; im Gegentheil gab der Gedanke, daß ſie ihr Schickſal in ihrer Macht habe, und vor der Schande ſich in die ſchuͤtzenden Arme des Todes werfen koͤnnte, eine hoͤhere Glut ihren Wan⸗ gen, und einen feurigern Blick ihren Augen. Bols Guilbert, ſelhſt ſtolz und hoch geſinnt, glaubte noch nie eine ſo gebietende und begeiſternde Schoͤnheit geſehon zu haben. „Laßt 65 „Laßt uns Frieden ſchließen, Rebekka,“ ſagte er. „Frieden, wenn Du willſt,“ antwortete Rebekka, „Frieden!— doch bleibt dieſer Raum zwiſchen uns!“ „Du brauchſt mich nicht mehr zu fuͤrchten,“ ſagte Bois Guilbert. „Ich fuͤrchte Dich nicht,“ erwiederte ſie,„Dank ihm, der dieſen Thurm ſo hoch erbaute, daß man nicht von ihm hinabſtuͤrzen und leben kann!— ich fuͤrchte Dich nicht!“ „Du thuſt mir Unrecht,“ ſagte der Templer; „ich ſchwoͤr's bei Erde, Luft und Meer, Du thuſt mir Unrecht. Ich bin nicht von Natur, ſo wie Du mich geſehen haſt, hart, ſelbſtſuͤchtig, erbarmungslos. Ein Weib war es, das mich Grauſamkeit lehrte, und an Weibern hab' ich ſie ausgeuͤbt; aber nicht an ſolchen, wie Du biſt. Hoͤr' mich, Rebekka— Nie fuͤhrte ein Ritter eine Lanze mit ſo inniger Liebe der Geliebten ſeines Herzens zugethan, als Brian de Bois Guilbert. Sie, die Tochter eines unbedeu⸗ tenden Barons, der ſtatt aller Beſitzungen ſich nur einer verfallenen Burg eines unfruchtbaren Wein⸗ bergs, und weniger Grundſtuͤcke duͤrren Bodens im Bordeaurer Lande ruͤhmen konnte. Ihr Name war uͤberall bekannt, wo Maͤnnerthaten geſchahen, ertoͤnte weiter, als der mancher Dame, die eine Grafſchaft zur Morgengabe hatte.„Ja,“ fuhr er fort, auf dem kleinen Balkon auf und niederſchreitend, ſo lebhaft aufgeregt, daß er kaum noch Rebekka's Gegenwart W. Scott's Werke. XLV. 5 66 ſich zu erinnern ſchien—„Ja, meine Thaten, meine Gefahr, mein Blut, machten den Namen Adelheid von Montemare von dem Hofe von Caſtilien bis zu dem von Byzanz beruͤhmt. Und wie ward mir ver⸗ golten?— Als ich mit meinem mit Arbeit und Blut errungenen Ruhm zuruͤckkehrte, fand ich ſie mit einem elenden, gascogniſchen Edelmann ver⸗ maͤhlt, deſſen Name nie auſſerhalb der Graͤnzen ſei⸗ ner armſeligen Beſitzung gehoͤrt ward! Treu liebt' ich ſie, und bitter raͤchte ich ihre gebrochene Treue. Aber meine Nache ſiel auf mich ſelbſt zuruͤck. Seit jenem Tage trennte ich mich von allen ſuͤßen Banden des Lebens.— Meine Mannesjahre kannten kein haͤusliches Gluͤck— kein liebendes Weib verſchoͤnte ſie— mein Alter wirdz keine kindliche Liebe mehr kennen— Mein Grab wird einſam ſein, kein Sproͤß⸗ ling uͤberlebt mich, um den alten Namen Bois Gull⸗ bert zu tragen. Zu den Fuͤßen meines Vorgeſetzten hab' ich das Recht meiner Selbſtſtaͤndigkeit, der freien Willkuͤhr niedergelegt. Der Templer, in allem, den Namen ausgenommen, ein Leibeigener, kann weder Land noch Gut zu eigen beſitzen, er lebt, athmet und bewegt ſich nur nach dem Willen und dem Ge⸗ fallen eines Andern.“ „Und welche Vortheile,“ fragte Rebekka,„koͤn⸗ nen ſolch ein unbedingtes Opfer aufwiegen?“ „Die Macht zu raͤchen, Rebekka,“ erwiederte der Templer,„und die Ausſicht aufbefriedigten Ehrgelz!“ 67 „Ein ſchlechter Lohn,“ ſagte Rebekka,„fuͤr die Entaͤuſſerung aller Rechte, die der Menſchheit die theuerſten ſind!“ „Sag' das nicht, Maͤdchen,“ antwortete der Templer,„Rache iſt ein Goͤtterfeſt! Und wenn ſie, wie die Prieſter ſagen, ſolche ſich vorbehalten, ſo geſchah es nur, weil ſie dieſen Genuß zu gdottlich fuͤr einen Sterblichen fanden.— Und Ehrgeiz? das iſt eine Verſuchung, die einem ſelbſt des Himmels Seligkeiten entlocken vermoͤchte.“ Hier hielt er ei⸗ nen Augenblick inne und fuhr dann fort: Rebekkal ſie, die den Tod der Scha nde vorziehen konnte, ſie muß ein ſtolzer, ein ſtarker Geiſt beſeelen. Mein mußt du ſein!— Nein, erſchrick nicht,„fuhr er fort,“ es ſoll mit deiner eigenen Zuſtimmung, auf Deine eigenen Bedingungen geſchehen. Du mußt einwilligen, mit mir groͤßere, allumfaſſendere Aus⸗ ſichten zu theilen, als vom Thron eines Monarchen herab uͤberſehen werden koͤnnen!— Hoͤre mich, ehe Du antworteſt, und urtheile, bevor Du zuruͤckweiſeſt. Der Templer verliert, wie Du ſagteſt, ſeine geſelli⸗ gen Rechte, die Macht der freien Willkuͤhr; allein er wird dafuͤr ein Theil, ein Glied eines maͤchtigen Koͤrpers, vor welchem allbereits die Throne zittern; ſo wird der einzelne Regentropfen, der in den Ozean fließt, ein unmittelbarer Theil der unwider⸗ ſtehlichen Flut, welche Felſen untergraͤbt und koͤnig⸗ liche Flotten verſchlingt. Solch An anſchwellend 58 Meer iſt jenes gewaltige Buͤndniß. Von dieſem maͤchtigen Orden bin ich kein geringes Mitglied, bin bereits eines der Haͤuptlinge, und bringe es wohl dahin, mir den Herrſcherſtab des Großmeiſters anzueignen. Die armen Streiter des Tempels wer⸗ den nicht blos den Fuß auf den Nacken der Koͤnige ſetzen.— Ein Parfuͤßler im haͤrenen Gewand kann das thun.— Unſer bepanzerter Schritt ſoll ihren Thron beſteigen— unſer Kampfhandſchuh den Zepter ihrer Hand entwinden. Nicht das Reich Eures um⸗ ſonſt erwarteten Meſſias ſoll Euern zerſtreuten Staͤm⸗ men ſo viele Macht darbieten, als mein Ehrgeiz erzielt. Ich ſuchte nur einen verwandten Geiſt, dar⸗ an Theil zu nehmen, und in Dir hab' ich ihn ge⸗ funden!“ „Sagſt Du dieß zu einem meines Volks?“ ant⸗ wortete Rebekka.— Bedenke!— „Antworte mir nicht,“ ſagte der Templer,„indem Du Dich auf die Verſchiedenheit unſeres Glaubens be⸗ rufſt; in unſern Verſammlungen verſpotten wir dieſe Ammenmaͤrvchen. Denk'’ nicht, daß wir lange der Narrheit unſerer abgoͤttiſchen Stifter treu geblieben, die al⸗ lem Lebensgluͤck entſagten, um das Vergnuͤgen zu haben, als Maͤrtyrer durch Hunger, Durſt, Peſt oder das Schwert der Wilden zu ſterben, umſonſt ſich muͤhend, eine todte Wuͤſte zu vertheidigen, die nur fuͤr den Aberglauben Werth hat. Bald eroͤff⸗ nete ſich unſerem Orden ein kuͤhnerer, weiterer Ge⸗ 69 ſichtskreis und fand beſſeren Erfatz fuͤr unſere Opfer. Unſre unermeßlichen Beſitzungen in jedem Koͤnig⸗ relch Europens, unſer hoher Kriegeruhm, der die Bluͤte der Ritterſchaft uns aus allen chriſtlichen Landen zufuͤhrt.— Alles iſt Zwecken geweiht, von denen unſre frommen Ritter ſich wenig traͤumen ließen, die man auch ſorglich vor allen ſchwachen Gei⸗ ſtern verborgen haͤlt, die unſrem Orden ſich nach al⸗ tem Glauben weihen, und die ihr Aberglauben zu fuͤgſamen Werkzeugen in unſern Haͤnden macht. Aber ich will den Schleier unſerer Geheimniſſe nicht weiter luͤften. Dieſer Hoͤrnerſchall verkuͤndet etwas, das meine Gegenwart erheiſcht.— Ueberlege das, was ich Dir ſagte.— Lebe wohl!— Ich ſage nicht, verzeih' mir die Gewaltthat, womit ich Dich bedrohte, ſie war nothwendig, deinen Charakter mir zu ent⸗ huͤllen. Nur der Probierſtein bewaͤhrt die Aechtheit des Goldes. Vald kehre ich zuruͤck, um weiter mit Dir zu ſprechen.“ Er trat wieder in den Thurm, und ſtieg die Treppe hinab, Rebekka kaum mehr erſchuͤttert zu⸗ ruͤcklaſſend durch die Ausſicht auf den nahen Tod, als ſie vor dein wuͤthenden Ehrgeiz des kuͤhnen Mannes erbebte, in deſſen Gewalt ſie ihr Mißge⸗ ſchick gab. Als ſie wieder in das Thurmzimmer trat, war ihre erſte Pflicht, dem Gott Jakobs fuͤr den ihr geleiſteten Schutz zu danken, und ſich und ihren Vater demſelben fuͤr die Zukunft anzuempfehlen. 720 Noch ein auderer Name ſchlich ſich in ihr Gebet ein — es war der des verwundeten Chriſten, deſſen Schickſal in die Haͤnde dieſer blutduͤrſtigen Maͤnner, ſeiner geſchworenen Feinde, gegeben war. Ihr Ge⸗ wiſſen warf ihr vor, daß ſie, indem ſie ſich im Ge⸗ bete der Gottheit nahte, in ihre Andacht die Erin⸗ nerung an einen Mann ſich eindringen ließ, mit dem ihr Schickſal in keinerlei Verbindung ſtehen konnte— an einen Nazarener, einen Feind ihres Glaubens.— Aber ſchon war das Gebet ausgeſpro⸗ chen, und alle engherzigen Vorurtheile ihrer Nation konnten Rebekka nicht zu dem Wunſche vermoͤgen, es zu widerrufen. Fuͤnftes Kapitel. Ein ſo verdammt Stück Schreibekunſt, wie ich noch nie geſehn. Sie beugt ſich, um zu ſingen. Als der Templer in die Schloßhalle trat, fand er ſchon Bracy dort.„Euer Liebeshandel iſt, glaub' ich, wie der meinige durch den gewaltigen Hoͤrnerſchall unterbrochen worden. Ihr koͤmmt ſpaͤ⸗ ter und zoͤgernder, folglich darf ich annehmen, daß Euer Beſuch guͤnſtiger aufgenommen ward, uls der meinige.“ „Wie? ward Eure Bewerbung von der aa ſiſhen 71 Erbinn nicht guͤnſtig aufgenommen?“ fragte der Templer. „Bei den Gebeinen des heiligen Thomas Bek⸗ ket!“ antwortete De Bracy,„die Lady Rowena muß gehoͤrt haben, daß ich den Anblick von Weiber⸗ khraͤnen nicht ertragen kann!“ „Ei zum Henker!“ rief der Templer,„Du ein Anfuͤhrer einer Frelkompagnie und willſt Dich an Weiberthraͤnen kehren! ein Paar ſolcher Tropfen auf die Fackel der Liebe geſpritzt, laͤßt ihre Flamme nur um ſo heller auflodern!“ „Großen Dank fuͤr die Paar Tropfen deines Springbrunnens!“ erwiederte de Bracy,„aber das arme Ding hat ſo viele Thraͤnen geweint, um die Flamme eines Leuchtthurms damit auszuldſchen. Nie gab es ſeit den Tagen der heiligen*) Niobe, von der uns Prior Aymer erzaͤhlte, ſolch eine Thraͤ⸗ nenflut. Ein Waſſerteufel iſt in die ſchoͤne Saͤchſinn gefahren!“ „Eine Legion von Teufeln haust in dem Buſen der Juͤdinn,“ entgegnete der Templer, keiner allein, und waͤr' es Apollyon ſelbſt, haͤtt' ihr ſo unbaͤndigen Stolz und ſolche Entſchloſſenheit ein⸗ *) Ich wünſchte, der Prior hätte ihnen auch erzählt, wann Niobe heilig geſprochen ward, Wahrſcheinlich in den er⸗ leuchteten Zeiten, wo „Pan ſein heidniſch Horn dem Moſes lieh.“ 7² hauchen moͤgen.— Wo iſt aber Front de Boeuf? Immer laͤrmender ertoͤnt das Horn am Thore.“ „Er unterhandelt mit dem Juden, vermuth' ich,“ ſagt Bracy kalt.„Wahrſcheinlich uͤberſchreit Iſaaks Geheul den Hoͤrnerton. Du wirſt aus Erfahrung wiſſen, Sir Brian, daß ein Jude, wenn er ſich auf ſolche Bedingungen, wie ſie ihm unſer Freund Front de Boeuf machen wird, von ſeinem Mammon tren⸗ nen ſoll, elnen Laͤrmen erhebt, der Hoͤrner und Trompeten uͤbertoͤnt. Aber wir wollen ihn durch ſeine Leute rufen laſſen.“ Gleich darauf trat Front de Boeuf ein, der in ſeiner tyranniſchen Grauſamkeit, wie oben erwaͤhnt, geſtoͤrt, ſich nur mit Ertheilung einiger noͤthigen Befel le aufgehalten hatte. „Laßt uns den Grund des verdammten Laͤrmens kennen lernen,“ ſagte Front de Boeuf—„hier iſt ein Brief, und wenn ich mich nicht irre, in ſaͤchſi⸗ ſcher Sprache geſchrieben.“ „Er beſah ihn, drehte ihn hin und her, als ob er wirklich einige Hoffnung haͤtte, den Inhalt deſ⸗ ſelben durch das Drehen des Papiers herauszubrin⸗ gen, und haͤndigte ihn dann de Bracy ein.“ „Das koͤnnen meinethalben eben ſo gut Zauber⸗ figuren ſein,“ meinte de Bracy, der in vollem Maaß in Beſitz jener Unwiſſenheit war, welche die Ritter⸗ ſchaft jener Zeiten charakteriſirte.„Unſer Kaplan ver⸗ ſuchte es, mich das Schreiben zu lehren, aber alle 73 meine Buchſtaben wurden zu Speeren und Degen⸗ klingen, ſo daß er den Verſuch aufgab.“ „Gebt'’s mir her,“ ſagte der Templer.„Wir haben ſo viel von den Prieſtern, daß wir einige Kenntniß haben, unſre Tapferkeit zu erleuchten.“ „So laßt uns denn von Eurer hochwuͤrdigen Weisheit Vortheil ziehen,“ ſagte de Bracy,„was ſagt der Zettel?“ „Es iſt ein foͤrmlicher Ausforderungsbrief,“ ant⸗ wortete der Templer;„aber bei unſrer heiligen Frau von Bethlehem, wenn es nicht ein narrenhafter Scherz iſt, ſo iſt dieß der ſonderbarſte Fahdebrief, der jemals uͤber die Zugbruͤcke eines freiherrlichen Schloſ⸗ ſes geſandt wurde.“ „Scherz!“ rief Front de Boeuf,„ich moͤchte doch wiſſen, wer mit mir in ſolchen Dingen zu ſcher⸗ zen wagte! Lest, Sir Brian.“ Der Templer las demnach folgendes: „„Ich, Wamba, der Sohn des Witzlos, Spaß⸗ macher des edeln und freigebornen Mannes, Cedric von Rotherwood, der Sachſe genannt— und ich, Gurth, der Sohn Beowulphs, der Schweinehirt.“— „Biſt Du toll?“ unterbrach ihn Front de Boeuf. „Beim heiligen Lukas, ſo ſteht es hier!“ antwor⸗ tete der Templer und las dann weiter: Ich, Gurth, Sohn Beowulphs, Schweinehirt unter beſagtem Ce⸗ dric, mit dem Beiſtand unſerer Freunde und Ver⸗ buͤndeten, die in dieſer Fehde gemeinſchaftliche Sa⸗ 74 che mit uns machen, namentlich des tapfern Ritters, Le noir Fainéant zur Zeit genannt, thun kund und zu wiſſen Euch, Reginald Front de Boeuf, und Eu⸗ ren Verbuͤndeten und Genoſſen, wer ſie auch ſein moͤgen, daß Ihr ohne Grund oder erklaͤrte Fehde unrechtmaͤßiger Weiſe durch Uebermacht Euch der Perſon unſres Gebieters, des beſagten Cedric, ſo wie auch der Perſon eines edeln, freigebornen Fraͤu⸗ leins Rowena von Hargottſtandſtede, und des edeln, freigebornen Athelſtane von Coningsburgh bemaͤch⸗ tigt habt, ſo wie auch mehrer Freigebornen, ihrer Vaſallen, und mehrer Leibeigener, ferner eines ge⸗ wiſſen Juden, Namens Iſaak von York, nebſt ſeiner Tochter, einer Juͤdinn, und gewiſſer Pferde und Maul⸗ thiere. Beſagte Perſonen, mit ihren Vaſallen und Leibeigenen, Pferden und Mauleſeln, Jude und Juͤ⸗ dinn, waren in vollkommenem Frieden mit Sr. Ma⸗ jeſtat und reisten als ſeine treuen Lehnsunterthanen auf dem koniglichen Hochweg. Derohalben verlangen und begehren wir, daß beſagte edle Perſonen, naͤm⸗ lich Cedric von Rotherwood, Rowena von Hargott⸗ ſtandſtede, Athelſtane von Coningsburgh, mit ihren Vaſallen, Dienern und Begleitern, Pferden und Maul⸗ thieren, Juden und Juͤdinn, nebſt allem ihnen gehoͤ⸗ rigen Gut nnd ihrer Habe binnen einer Stunde nach Empfang dieſes ungekraͤnkt an Leib und Gut an uns uͤberantwortet werden ſollen; widrigensfalls wir Euch fuͤr Raͤuber und Verraͤther erklaͤren, und Alles da⸗ 75 ran wagen werden, in Schlacht und Belagerung oder auf jede anderweitige Art, Enern Schaden und Euer Verderben herbeizufuͤhren; weßhalb Euch Gott in ſeine Obhut nehmen moͤge.— Von uns unterzeich⸗ net am Abend auf den St. Witholdstag unter der großen Vehmeiche in Harthill Walk. Obiges ward beſchrieben von einem heiligen Manne, einem Die⸗ ner Gottes, unſrer lieben Frauen und des heiligen Dunſtan, in der Kapelle zu Copmanhurſt.“ Unter dieſem Dokument war unten die rohe Skizze eines Hahnenkopfs mit Kamm entworfen, mit einer Umſchrift, welche dieſe Hieroglyphe als das Handzeichen Wambas, des Sohns von Wiz⸗ los guswies. Ein Kreuz ſtand unter dieſem ach⸗ tungswerthen Sinnbild, als Unterſchrift Gurths, des Sohns von Beowulph angegeben. Sodann waren mit kuͤhnen Schriftzuͤgen die Worte le Noir Fainéant unterzeichnet, und um das Ganze zu beſchließen kuͤn⸗ digte ſich ein zierlich genug entworfener Pfeil als Un⸗ terſchrift des Bogenſchuͤtzen Locksley an. Die Ritter hoͤrten dieß ungewoͤhnliche Dokument von Anfang bis zu Ende vorleſen, und ſahen einander mit ſchweigen⸗ dem Erſtaunen an, als koͤnnten ſie durchaus nicht errathen, was dieß Alles bedeuten mochte. De Bracy brach zuerſt das Stillſchweigen durch ein unmaͤßiges Gelaͤchter, worein der Templer, jedoch gemaͤßigter, einſtimmte. Front de Boeuf ſchien dagegen uͤber ihre unzeitige Luſtigkeit ungehalten. „Ich warne Euch, meine ſchoͤnen Herrn,“ ſprach er, „und gebe Euch wohl zu uͤberlegen, wie Ihr Euch unter dieſen Umſtaͤnden zu benehmen habt, um nicht folch unzeitiger Luſtigkeit Raum zu geben.“ „Front de Boeuf iſt ſeit ſeiner lezten Nieder⸗ lage noch nicht zu ſich gekommen,“ ſagte Bracy zu dem Templer.„Er erſchrickt vor dem bloſen Ge⸗ danken an eine Ausforderung, und kaͤm' ſie auch nur von einem Narren und einem Schweinehirten.“ „Beim heiligen Michael,“ antwortete Front de Boeuf,„ich wollte, du koͤnnteſt bei dieſem Abenkeuer allein vor dem Riſſe ſtehen, Bracy. Dieſe Schufte wuͤrden nicht mit ſo unbegreiflicher Frechheit auftre⸗ ten, wuͤrden ſie nicht von ſtarken Banden unter⸗ ſtütt. Es gibt genug Geaͤchtete in den Waͤldern, die ſich fuͤr meine Beſchuͤtzung des Wildes an mir raͤchen moͤchten. Ich ließ nur einmal einen Kerl, der mit blutiger Hand auf der That ertappt ward, an das Gewetih eines Hirſches binden, der ihn nach fuͤnf Minuten zu Tod ſtieß, und es flog mit Pfei⸗ len uͤber mich her, wie auf die Scheibe zu Afhby.— Sag.„Burſche,“ fragte er einen ſeiner Dienſtman⸗ nen,„haſt Du erſpaͤhen laſſen, mit welcher Macht dieſe koſtbare Ausforderung unterſtuͤtzt wird? Ess ſind ihrer zum mindeſten zweihundert Mann in dem Walde beiſammen,“ antwortete ein Knappe von ſeinem Gefolg. 4 27 „Das iſt eine ſchoͤne Geſchichte!“ rief Front de Boeuf;„das hab' ich ich davon, daß ich Euch mein Schloß zu einem Unternehmen lieh, das Ihr nicht ausfuͤhren konntet, ohne Euch dieß Hornißneſt auf den Hals zu ziehen.“ „Horniße?“ fragte de Bracy.—„Hoͤchſtens ſtachelloſe Hummeln! Eine Bande fauler Schelme, die in den Waͤldern hungern, und lieber das Wild wegſtehlen, als daß ſie fuͤr ihr taͤglich Brod arbeite⸗ ten.“ „Stachellos!“ entgegnete Front de Boeuf; „ſtarke, ſcharfgeſpitzte Wurfſpieße von einer Ellen⸗ laͤnge, und dieſe mit Nachdruck in eine franzoͤſiſche Krone geſchleudert, ſind fuͤhlbar genug!“ „Schaͤmt Euch, Herr Ritter!“ ſprach der Tem⸗ pler.„Laßt uns unſre Leute auſrieten und auf ſie losbrechen. Ein Ritter— ja— auch nur ein Bewaffneter nimmt es mit zwanzig ihres Gleichen auf.“ 3 „Genug! uͤbrig genug!“ rief de Bracy;„ich ſchaͤme mich nur, gegen ſie die Lanze einzulegen.“ „Schoͤn recht,“ antwontete Front de Boeuf; „wenn es ſchwarze Tuͤrken oder Mohren waͤren, Herr Templer, oder aͤrmliche franzoͤſiſche Bauernſchlingel, gllertapferſter Herr de Bracy; aber das ſind engli⸗ ſche Yeomen, uͤber die Ihr keine weiteren Vortheile habt, als die Euch Eure Waffen und Pferde gewaͤh⸗ ren, und die uns in den engen Waldthaͤlern von ge⸗ 78 ringem Nutzen ſind. Auf ſie losbrechen, ſagſt Du? Meine beſten Leute ſind zu York, und ſo auch Eure Leute, de Bracy, und auſſer den Wenigen, die bei dieſer Unternehmung halfen, ſind kaum noch zwanzig hier zur Stelle.“ „Du wirſt doch nicht fürchtan,“ ſagte der Temp⸗ ler,“ daß ſie ſich in ſo großer Menge vereinigen, um das Schloß anzugreifen?“ „Das eben nicht, Sir Brian,“ antwortete Front de Boeuf.„Dieſe Geaͤchteten haben zwar einen un⸗ ternehmenden Hauptmann; aber ohne Maſchi nen, Sturmleitern und erfahrene Anfuͤhrer kann mein Schloß ihnen wohl trotzen.“ „Sende zu Deinen Nachbarn,“ ſagte der Temp⸗ ler,„laß ſie ihr Volk verſammeln und zur Befreiung der drei Ritter herbeieilen, die ein Narr und ein Schweinehirt in dem freiherrlichen Schloſſe Reginald Front de Boeufs belagern.“ „Ihr ſcherzt, Herr Ritter,“ antwortete der Ba⸗ ron,„zu wem ſollte ich ſenden?— Malvotſin ſteht zur Zeit mit ſeinen Reiſigen zu York, und ſo alle meine Verbuͤndeten; wo auch ich ſein ſollte, wenn dieß verdammte Unternehmen icht waͤre!“ „So ſende denn nach York, und rufe unſre Leute zuruͤck,“ ſagte de Bracy.„Wenn ſie das Flattern meiner Fahnen oder den Anblick meiner Freicompa⸗ nien ertragen, ſo ſollen ſie die kuͤhnſten Geaͤchteten ſein, die je im gruͤnen Wald den Bogen ſpannten.“ 79 „uUnd wer ſoll die Wotſchaft uͤberbringen?“ fragte Front de Boeuf;„ſie werden alle Wege be⸗ ſetzen, und dem Boten das Geſtaͤndniß ſeines Auf⸗ trages abdringen.— Ich hab's,“ ſagte er nach ei⸗ nem Augenblick—„Herr Templer, du kannſt ja ſo gut ſchreiben als leſen, und wenn wir nur das Schreibzeng meines Kaplans finden, der etwa vor einem Jahr mitten in den Weihnachtsfeierlichkeiten Karb, ſo⸗—— „Mit Eurer Erlaubniß,“ ſagte der Knappe, der ſeiner Befehle gewaͤrtig war—„ich glaube, die alte Barbara hat es aus Liebe fuͤr den Beichtiger, ir⸗ gendwo aufbewahrt. Ich hoͤrte immer von ihr, er ſei der lezte Mann geweſen, der ſo mit ihr geſpro⸗ chen habe, wie es die Hoͤflichkeit verlange, daß ein Mann mit einem Maͤdchen oder einer Matrone ſpreche.“ „Ich thaͤte es lieber mit der Spitze des Schwerts als mit der Feder,“ ſagte Bois Guilbert,„doch ſei es, wie Ihr wollt. Geh' ſuch es, Engelred; und dann, Herr Templer, ſollſt du eine Antwort ſchreiben auf dieſe kuͤhne Ausforderung. Er ſetzte ſich nieder und ſchrieb in franzoͤſiſcher Sprache folgenden Brief: „Sir Reginald Front de Boeuf mit ſeinen ed⸗ len und ritterlichen Verbuͤndeten nimmt keine Aus⸗ forderung von Sklaven, Leibeigenen oder Fluͤchtlin⸗ gen an. Wenn die Perſon, die ſich den ſchwarzen Ritter nennt, wirklich auf die Ehre der Ritterſchaft 80 Anſpruͤche hat, ſo muß er wiſſen, daß ihn ſeine je⸗ zige Verbindung derſelben verluſtig macht, und daß er kein Recht auf die Anerkennung edler, hoher Ritter hat. Die Gefangenen anlangend, die wir einbrachten, ſo erſuchen wir Euch in chriſtlicher Liebe einen Diener der Kirche zu ſenden, um ihre Beichte zu empfangen, damit ſie ihre Rechnung mit dem Him⸗ mel machen, denn es iſt unſer feſter Entſchluß, ſie noch vor morgen Mittag vom Leben zum Tode zu bringen, ſo daß ihre Koͤpfe, auf den Zinnen aufge⸗ ſteckt, aller Welt zeigen ſollen, wie wir diejenigen ſchaͤtzen, die ſich zu ihren Befreiern aufwerfen wol⸗ len. Wir fordern daher Euch beſagter Maßen auf, ihnen einen Prieſter zu ſenden, der ſie mit dem Himmel verſoͤhne, wodurch Ihr ihnen den lezten Dienſt auf Erden erzeigen werdet.“ Der Brief ward zuſammengelegt und dem Knap⸗ pen und von ihm dem Boten als eine Antwort auf ſeine Sendung uͤbergeben.“ Der Yeoman kehrte, nachdem er ſeine Botſchaft ausgerichtet hatte, in das Hauptquartier der Ver⸗ buͤndeten zuruͤck, welches fuͤr jezt unter einer ehr⸗ wuͤrdigen Eiche, etwa drei Bogenſchuͤſſe vom Schloſſe entfernt, aufgeſchlagen war. Hier erwarteten Wamba und Gurth mit ihren Verbuͤndeten, dem ſchwarzen Ritter, Locksley und dem jovialen Einſiedler mit Ungeduld den Erfolg ihrer Sendung. Um ſie her, mehr oder weniger entferut, ſah man viele YNeomen, 1 deren ————ꝑꝑĩ—··· 81 deren Weidmannstracht und von der Luft gebraͤunte Zuͤge ihre gewohnte Beſchaͤftigung beurkundeten. Ueber zweihundert hatten ſich bereits verſammelt, und immer mehre eilten noch herbei. Diejenigen, denen ſie als Anfuͤhrern gehorchten, zeichneten ſich einzig durch eine Feder an der Muͤtze aus, ihr An⸗ zug war in allem Uebrigen der naͤmliche. Auſſer dieſen Banden war auch ein minderge⸗ ordneter und ſchlechter bewaffneter Haufe angelangt, der ſowohl aus den Bewohnern der naͤchſten ſaͤchſi⸗ ſchen Staͤdte als auch aus Cedrics Leibeigenen und Die⸗ nern von ſeinen ausgedehnten Beſitzungen beſtand, die alle herbeitroͤmten, um zu ſeiner Befreiung mitzuwir⸗ ken. Wenige von ihnen hatten andere Waffen, als die laͤndlichen Geraͤthe, welche die Noth zuweilen krie⸗ geriſchen Zwecken weiht. Jagdſpeere, Senſen, Dreſch⸗ flegel und aͤhnliche Dinge waren ihre hauptſaͤchlichen Waffen; denn die Normaͤnner huͤteten ſich nach der gewoͤhnlichen Politik der Eroberer, den Sachſen den Gebrauch der Waffen zu geſtatten. Alle dieſe Umſtaͤnde trugen dazu bei, den Angriff der Sachſen lange nicht ſo gefaͤhrlich fuͤr die Belagerten zu ma⸗ chen, als ihre koͤrperliche Staͤrke, ihre große Anzahl und die Begeiſterung der gerechten Sache erwarten ließ. Den Fuͤhrern dieſer gemiſchten Schaar ward nun der Brief eingehaͤndigt.“ Zuerſt ward der Moͤnch zur Auslegung ſelnes Inhalts aufgefordert. W. Scott's Werke. XL.V. 6 „Beim Hirtenſtab des heiligen Dunſtan,“ ſprach der wuͤrdige Prieſter,„der mehr Schafe in den Schafſtall trieb, als der Hirtenſtab irgend eines andern Heili⸗ gen im Paradies, ich ſchwoͤre, daß ich Euch das Kau⸗ derwelſch nicht auslegen kann, da es, ſei es franzoͤ⸗ ſiſch oder arabiſch, uͤber meinen Horizont geht.“ Dann gab er den Brief Gurth, der ihn den Kopf ſchuͤttelnd weiter an Wamba gehen ließ. Der Narr beguckte ihn von allen vier Ecken, und laͤchelte ſo ſchlau, als ob er den Inhalt zu deuten wuͤßte, wie ein Aff bet aͤhnlicher Veranlaſſung etwa gethan haben wuͤrde, machte einen Bocksſprung und gab den Brief an Locksley. „Waͤren die langen Buchſtaben Bogen, und die kurzen Pfeile, ſo wollt' ich ſchon was herauskriegen,“ verſetzte der ehrliche Bogenſchuͤtz;„ſo wie aber hier die Sachen ſtehn, iſt der Inhalt des Blatts vor mir ſo ſicher, als der zwoͤlf Meilen weit entfernte Hirſch von meinem Schuß.“ „ So muß denn ich den Dolmetſcher machen,“ ſagte der ſchwarze Ritter, nahm den Brief Locksley ab, und theilte, nachdem er ihn uͤberleſen, den In⸗ halt ſeinen Verbuͤzbeten mit. „Den edeln Cedrie hinrichten?“ rief Wamba; „beim heiligen Kreuze, da haſt Du nicht recht gele⸗ ſen, ſchwarzer Ritter.“ „Nein, wuͤrdiger Freund,“ erwiederte der Rit⸗ ter,„ich habe die Worte gedeutet, wie ſie hier ſte⸗ hen.“ „So denn,“ ſprach Gurth,„beim heiligen Thomas von Canterbury das Schloß unſer ſein, und muͤßten wir's mit unſern Faͤuſten niederreißen.“ „Wir haben auch ſonſt weiter nichts dazu,“ meinte Wamba,„aber die meinigen wollen ſich nicht recht dazu ſchicken, die Quaderſteine und Moͤrtel klein zu malmen.“ „Das iſt blos eine Liſt um Zeit zu gewinnen,“ ſagte Locksley.„Sie wagen es nicht, eine That zu vollfuͤhren, fuͤr die ich furchtbare Rache nehmen wuͤrde.“ „Ich wollte,“ ſprach der ſchwarze Ritter,„wir haͤtten einen unter uns, der ſich Eingang in's Schloß verſchaffte, um zu entdecken, wie es mit den Belager⸗ ten ſteht. Ich daͤchte, da ſie die Ueberſendung ei⸗ nes Beichtigers verlangen, ſo koͤnnte der heilige Ein⸗ ſiedler da zugleich ſeinen frommen Beruf ausuͤben, und uns die gewuͤnſchte Nachricht uͤberbringen.“ „Zum Henker mit Dir und Deinem Rath,“ ver⸗ ſetzte der gute Einſtedler,„ich ſag' Dir, Herr fauler Ritter, wenn ich meine Moͤnchskutte ausziehe, ſo iſt meine Geiſtlichkeit ſammt Heiligkeit und Latein zum Teufel. In meiner gruͤnen Jacke kann ich eher zwan⸗ zig Hirſche erlegen, als einen Chriſten Beichte hoͤren.““ „Ich fuͤrchte ſehr,“ ſagte der ſchwarze Ritter, 5. 84 „es iſt keiner unter uns, der ſich berufen fuͤhlt, frei⸗ willig den Beichtiger zu ſpielen.“ Alle ſahen einander an und ſchwiegen. „Ich ſehe ſchon,“ ſprach Wamba nach kurzer Pauſe,„der Narr muß Narr ſein, und ſeinen Nacken an ein Wagſtuͤck ſetzen, vor dem die klugen Leute zuruͤckſchrecken. Ihr muͤßt wiſſen, meine theuren Vettern und Landsleute, daß ich die braune Kutte trug, ehe ich die bunte Narrenjacke anzog, und daß ich als Moͤnch erzogen ward, ehe ich fand, daß ich Witz genug haͤtte, ein Narr zu ſein. Ich getraue mir mit Huͤlfe der Kutte des guten Einſiedlers und der Heiligkeit, Gelehrſamkeit und prieſterlichen Sal⸗ bung, die in ſeiner Kapuze ſteckt, w. rdig befunden u werden, unſern wuͤrdigen Gebieter Cedric und ſeinen Ungluͤcksgefaͤhrten ſowohl geiſtlichen als welt⸗ lichen Troſt zu ertheilen.“ „Glaubſt Du, daß er dazu Verſtand genug hat?“ wandte ſich der ſchwarze Ritter an Gurth. —„Ich weiß es nicht,“ verſetzte Gurth,„allein ſollte es ihm daran gebrechen, ſo waͤr' es das erſte Mal, daß es ihm an Witz gebrach, um von ſeiner Narrhelt zu profitiren.“ „So zieh denn die Kutte an, guter Burſche,“ ſprach der Ritter, und bring uns von Deinem Herren Nachricht uͤber ihre Lage im Schloſſe. Ihre Anzahl muß gering ſein, und es ſtehn fuͤnſe gegen eins, daß 85 ein ploͤzlicher kuͤhner Angriff gelingen koͤnnte. Dle Zeit iſt koſtbar— mach' daß Du aus dem Feld koͤmmſt.“ „Und mittlerweile,“ ſagte Locksley,„wollen wir den Platz ſo eng bewachen, daß keine Floh Nach⸗ richten heraustragen ſoll. So verſichre denn,“ fuhr er an Wamba ſich wendend fort,„dieſe Tyrannen, daß jede Gewaltthat, die ſie an ihren Gefangenen veruͤben, aufs ſtrengſte an ihnen ſelbſt geraͤcht werden ſoll.“ „Pax vobiscum!“ rief Wamba, der ſich in die Kaputze geſteckt hatte. Und mit dieſen Worten ahmte er ganz die feierliche, anſtaͤndige Haltung eines Moͤnchs nach und entfernte ſich, ſeinen Auftrag aus⸗ zurichten. — Sechstes Kapitel. — Ein feurig Roß oft Muth nicht hat, Das träge Feuer ſprüht. Der Mönch oft ſpielt an's Narren Statt, Der Narr die Kutt anzieht. Altes Lied. Als der Narr in der Kutte und Kapuze des Einſiedlers mit einem Strick um den Leib vor dem Thor von Front de Boeufs Schloſſe erſchien, be⸗ gehrte der Thurmwaͤchter ſeinen Namen und Auftrag zu wiſſen. b 86 „Pax vobiscum!“ antwortete der Narr,„ich bin ein armer Bruder vom Orden des heiligen Franzis⸗ kus und gekommen, mein Amt bei gewißen ungluͤck⸗ lichen Geſangenen im Schloße hier zu verrichten.“ „Du biſt ein kuͤhner Moͤnch,“ verſetzte der Thurm⸗ waͤchter,“ daß Du hieher koͤmmſt, wo auſſer unſrem betrunkenen Beichtyater, kein Hahn Deines Gelich⸗ ters ſeit dieſen zwanzig Jahren kraͤhte.“ „und doch bitte ich Dich, meinen Auftrag dem Herrn des Schloßes zu hinterbringen,“ antwortete der vorgebliche Moͤnch;„glaubt mir, ich werde guͤ⸗ tige Aufnahme bei ihm finden, und der Hahn ſoll kraͤhen, daß man's im ganzen Schloße hoͤrt.“ „Schoͤnen Dank!“ ſprach der Waͤchter,„wenn ich aber Ungelegenheit davon habe, daß ich meinen Poſten verlaſſe, ſo werd ich verſuchen, ob eine graue Moͤnchskutte gegen den graubeſiederten Bolzen Stich halten wird.“ Mit dieſer Drohung verließ er den Thurm, und brachte nach der Schloßhalle die ungewohnte Kunde, daß ein heiliger Kloſterbruder vor dem Thore ſtehe und augenblicklichen Einlaß begehre. Mit nicht ge⸗ ringem Erſtaunen vernahm er ſeines Herrn Befehl, den heiligen Mann ſogleich einzulaſſen; und, nach⸗ dem er vorher den Eingang gegen etwaigen Ueber⸗ fall beſetzen ließ, vollzog er ohne Bedenken die er⸗ haltenen Befehle. Das tollkuͤhne Selbſtvertrauen, das Wamba zu dieſem Unternehmen ermuthigte, 87 reichte kaum hin, ihn bei Faſſung zu erhalten, als er vor einem ſo furchtbaren und gefuͤrchteten Mann, wie Reginald Front de Boeuf, ſtand; auch brachte er ſein pax vobiscum, von dem er großen Theils die Aufrechthaltung ſeines angenommenen Charakters hoffte, mit groͤßerer Aengſtlichkeit und Zaghaftigkeit, als bisher, hervor. Allein Front de Boeuf war zu ſehr gewohnt, Leute von allen Klaſſen vor ſich zit⸗ tern zu ſehen, als daß die Schuͤchternheit des ver⸗ meinten Moͤnchs irgend einen Argwohn bei ihm er⸗ regt haͤtte.„Wer und woher biſt Du, Prieſter?“ fragte er. „Pax vobiscum!“ wiederholte der Narr,„ich bin ein armer Diener des heiligen Franziskus, der in dieſen Wildniſſen reiſend, den Dieben in die Haͤnde gefallen iſt,(wie die Schrift ſagt) quidam viator ineidit in latrones, dieſe ſandten mich in dieſes Schloß, um mein geiſtiges Amt bei zwei Per⸗ ſonen zu verrichten, die Eure achtbare Gerechtig⸗ keitspflege zum Tode verurtheilt hat.“ „Ganz recht,“ antwortete Front de Boeuf; „und kannſt Du mir ſagen, wie ſtark die Anzahl die⸗ ſer Banditen iſt?“ „Tapferer Herr,“ antwortete der Narr,„no⸗ men illis legio, ihr Name iſt legio!“ „Sag' mir genau, wie viel es ihrer ſind, Prie⸗ ſter, oder Kutte und Strick ſoll Dich wenig ſchuͤz⸗ zen.“ 88 „Ach!“ ſprach der vermeinte Moͤnch,„cor meum eructavit, das heißt, die Furcht wird mir das Herz zerſprengen! Ich denke, es koͤnnen ihrer — an Yeomen und Gemeinen gegen fuͤnfhundert ſein. „Was?““ fragte der Templer, der in dieſem Augenblick in die Halle trat,„ſchwaͤrmen die We⸗ ſpen ſo dicht hier? Es iſt Zeit, daß man dieſes Un⸗ ziefer zerſtoͤrt. „Dann fragte er Front de Boeuf bei Seite, „kennſt Du den Prieſter?“ „Es iſt ein Fremder aus einem fernen Kloſter,““ ſagte Front de Boeuf,„ich kenn' ihn nicht.“ „So vertrau' ihm Deinen Auftrag nicht muͤnd⸗ lich,“ antwortete der Templer. „Er ſoll einen ſchriftlichen Befehl an Bracys Freikompagnte uͤberbringen, daß ſie, ſogleich ih⸗ rem Anfuͤhrer zu Huͤlfe eilen. Indeſſen, damit der Moͤnch nichts ahne, geſtatte ihm, ſeinem Auf⸗ trag gemaͤß, frei bei den Gefangenen ab und zuzu⸗ gehen, damit er die ſaͤchſiſchen Schweine zur Schlacht⸗ bank vorbereite.“ „Es ſoll geſchehen,“ ſagte Front de Boeuf. Er gebot demnach einem Diener, Wamba in das Gemach zu fuͤhren, in welchem Cedric und Athel⸗ ſtane eingekerkert waren. Die Ungeduld Cedrics ward durch dieſe Ein⸗ kerkerung eher geſteigert als vermindert worden. 89 Er ſchritt im Zimmer auf und nieder, als wollte er zum Angriff des Feindes eilen, oder die Breſche eines belagerten Platzes ſtuͤrmen, bald laut in Aus⸗ rufungen mit ſich ſelbſt ſprechend, bald ſich an Athel⸗ ſtane wendend, der gelaſſen und gleichmuͤthig den Ausgang des Abenteuers erwartend, mit gro⸗ ßer Faſſung das reichliche Mittagsmahl verdaute, und ſich nicht ſehr uͤber die Dauer ſeiner Ge⸗ fangenſchaft beunruhigte, die nach ſeiner Meinung wie alles Uebel auf Erden, auch einmal ſeine End⸗ ſchaft erreichen wuͤrde. „Pax vobiscum,“ ſprach der eintretende Narr. „Der Segen des heiligen Dunſtan, Dennis, Duthuc und aller andern Heiligen ſei mit Euch und uͤber Euch!“ „Salvete et vos,“ erwiederte Cedric dem ver⸗ meintlichen Moͤnch,„in welcher Abſicht koͤmmſt du hieher? „Euch aufzufordern, auf den Tod Euch zu be⸗ reiten,“ antwortete der Narr. „Das iſt unmoͤglich,“ erwiederte Cedric auffah⸗ rend.„So frech und laſterhaft ſie auch ſind, ſo werden ſie doch ſolch offenkundige, zweckloſe Grau⸗ ſamkeit nicht wagen.“ „Ach,“ entgegnete der Narr,„ſie durch menſch⸗ liche Gefuͤhle zuruͤckhalten wollen, hieße ebenſo⸗ viel, als ein ausreißendes Pferd mit einem ſeidenen Zuͤgel zum Stehen bringen. Bedenkt, edler Ce⸗ 1 90 dric und auch ihr tapfrer Athelſtane, Eure im Fleiſch begangenen Suͤnden; denn noch an dieſem Tage wer⸗ det Ihr vor einen hoͤhern Richter abgerufen wer⸗ den.“ „örſt du's, Athelſtane?“ ſprach Cedric,„wir muͤſſen unſer Herz zu dieſem lezten Schritte vorbe⸗ reiten, auf daß wir lieber als Maͤnner ſterben, denn als Sklaven leben.“ „Ich bin,“ antwortete Athelſtane,„bereit, das Schlimmſte zu ertragen, was ihre Bosheit uͤber uns verhaͤngt, und werde meinem Tod mit derſelben Faſſung, wie meinem Mittagsmahl entgegengehen.“ „So laß uns denn unſer heiliges Werk begin⸗ nen, Vater,“ ſagte Cedric. „Wartet noch einen Augenblick, guter Onkel,“ ſagte der Narr mit ſeiner natuͤrlichen Stimme; „beſſer iſt's, ſcharf hinzuſehen, ehe man in's Dunkle ſpringt.“ „Meiner Treu,“ ſprach Cedric,„dieſe Stimme ſollt ich kennen.“ „Sie iſt die Eures treuen Sklaven und Nar⸗ ren,“ antwortete Wamba, die Kapuze zuruͤckwerfend. „Haͤttet Ihr fruͤher eines Narren Rath gefolgt, ſo wuͤrdet Ihr nun nicht hier ſitzen. So nehmt ihn jezt au, und Ihr ſollt nicht mehr lange hier ſein.“ „Wie meinſt Du das, Schelm?“ fragte der Sachſe. „Ich meine,“ erwiederte Wamba;„Ihr nehmt 5 91 die Kutte und den Strick, und macht Euch ruhig aus dem Schloß, indem Ihr Mantel und Guͤrtel mir zuruͤcklaßt, damit ich fuͤr Euch den Sprung ins Dunkle thue.“ „Dich ſtatt meiner zuruͤcklaſſen?“ ſprach Cedric, erſtaunt uͤber den Vorſchlag,„warum, da wuͤrden ſie Dich ſtatt meiner aufknuͤpfen, armer Junge!“ „So laßt ſie thun, was ſie ſich erlauben duͤrfen,“ ſprach Wamba;„ich glaube,— ohne Eurer hohen Geburt zu nahe zu treten— daß der Sohn von Witzlos mit demſelben Anſtand da haͤngen wird, als die Kette an ſeinem Vorfahren, dem Alderman hing.“ „Gut, Wamba,“ antwortete Cedric,„auf eine Art will ich auf Deinen Vorſchlag eingehen; und das iſt, wenn Du Deine Kleidung mit Lord Athelſtane ſtatt meiner tauſcheſt.“„ „Nein beim heiligen Dunſtan!“ verſetzte Wamba; „darin laͤge blutwenig Vernunft. Wohl geziemt es ſich, daß der Sohn von Witzlos ſich fuͤr den Sohn von Hereward opfert; aber es waͤre ſehr unweiſe, wenn er fuͤr Jemand ſterben wollte, deſſen Vaͤter den ſeinigen Fremdlinge waren.“ „Schurke!“ rief Cedric,„die Vaͤter Athelſtanes waren Monarchen von England.“ „Thut All nichts!“ erwiederte Wamba,„mein Hals ſitzt mir zu feſt auf den Schultern, als daß ich mir ihn ihretwegen umdrehen ließe. Deßwegen nehmt entweder Ihr, guter Gebieter, meinen Vor⸗ 92 ſchlag an, oder geſtattet mir, dieſen Kerker ſo frei, als ich eintrat, wieder zu verlaſſen.“ Laß dhen alten Baum verwittern,“ ſagte Cedric, „wenn nur die ſtolze Hoffnung des Waldes gerettet wird. Rette den edlen Athelſtane, treuer Wamba. Es iſt die Pflicht eines Jeden, dem ſaͤchſiſches Blut in den Adern fließt. Du und ich, wir wollen zuſam⸗ men die aͤuſſerſte Wuth unſrer Unterdruͤcker uͤber uns ergehen laſſen, wenn nur er in Sicherheit und Freiheit hen erwachenden Geiſt unſerer Landsleute zur Rach fuͤr uns begeiſtert!“ „Mit nichten, Vater Cedric,“ ſprach Athelſtane, deſſen Denken und Handeln, wenn er einmal zur That erwacht war, ſeiner edlen und hohen Abkunft nicht unwuͤrdig war,„mit nichten! Lieber wollt' ich eine Woche ohne andere Nahrung, als das dem Gefangenen ſparſam zugemeſſene Brod in dieſer Halle zubringen, und nur Waſſer trinken, als daß ich fuͤr mich zur Flucht das Mittel benutzte, das dieſes Sklaven un⸗ erſchrockene Liebe fuͤr ſeinen Herrn erſann.“ „Man heißt Euch, Ihr Herren, weiſe Leute,“ ſprach der Spaßmacher,„und mich einen aberwitzi⸗ gen Narren; aber Onkel Cedrie und Vetter Athel⸗ ſtane, der Narr wird dieſen Streit fuͤr Euch ent⸗ ſcheiden, und Euch die Muͤhe weiterer Umſtaͤn⸗ de erſparen. Ich bin nun einmal wie John a Ducks Stute, die keinen aufſitzen laͤßt, als John a Duck. Ich kam hieher, um meinen Herrn zu retten, 93 willigt er nicht ein— baſta!— ſo geh' ich wieder heim. Freundſchaftsdienſte gehen nicht von Hand zu Hand, wie der Ball oder's Weberſchiſſhen. Ich laß mich fuͤr Niemand haͤngen, als fuͤr meinen ange⸗ ſtammten Herrn.“ „So geh' denn, edler Cedric,“ ſprach Athelſtane. „Verſaͤume die Gelegenheit nicht. Deine Gegenwart kann unſre Freunde zu unſerer Rettung ermuthigen. Dein Hierbleiben ward' uns alle verderben.“ „Iſt Ausſicht auf Rettung von auſſen?“ fragte Cedric Wamba. „Ausſicht? allerdings!“ erwiederte Wamba.„Laß mich Dir ſagen, wenn Du meinen Rock anziehſt, ſo traͤgſt Du einen Generalsrock. Fuͤnfhundert Mann ſtehn in der Naͤhe, und dieſen Morgen war ich noch einer ihrer Anfuͤhrer. Meine Narrenkappe war ein Helm, und meine Pritſche ein Kommandoſtab. Gut, wir wollen ſehen, was fuͤr einen Profit ſie da⸗ von haben, einen Narren gegen einen weiſen Mann einzutauſchen.— In der That ich fuͤrchte, ſie wer⸗ den an Tapferkeit verlieren, was ſie an Weisheit gewinnen moͤgen. So lebt denn wohl, mein Gebie⸗ ter, und ſeid guͤtig gegen Gurth und ſeinen Fangs! — Laßt meine Narrenkappe in der Halle von Rotherwood aufhaͤngen, zum Andenken, daß ich mein Leben fuͤr meinen Gebieter dahin gab, wie ein ge⸗ treuer— Narr!“ 94 Das lezte Wort toͤnte zwiſchen Ernſt und Scherz. Die Thraͤnen ſtanden Cedric in den Augen. „Dein Andenken ſoll bewahrt werden,“ ſagte er,„ſo lange Treue und Anhaͤnglichkeit auf Erden geehrt wird. Aber hoffte ich nicht, Mittel zu finden, Euch, Athelſtane, Rowena und auch Dich, mein ar⸗ mer Wamba, zu retten, ſo ſollteſt Du mich nicht vermoͤgen, Dein Opfer anzunehmen.“ Schon war der Kleidertauſch vor ſich gegangen, als ploͤzlich in Cedric ein Zweifel aufſtieg.„Ich kenne keine Sprache,“ ſagte er,„als die meinige, und nur wenige Worte von ihrem zierlichen Nor⸗ maͤnniſchen. Wie ſoll ich mich als ehrwuͤrdiger Klo⸗ ſterbruder benehmen?“ „Die Kunſt liegt in zwei Worten!“ erwiederte Wamba—„Mit pax vobiscum antwortet Ihr auf jede Frage. Wenn ihr geht oder kommt, eſſet oder trinket, ſegnet oder flucht, die Woͤrtchen pax vobis- cum bringen Euch glorreich durch Alles durch. Sie ſind einem Moͤnch ſo nuͤtzlich, als der Beſenſtiel der Hexe, dem Beſchwoͤrer der Zauberſtab.— Sprecht nur in ernſtem, tiefem Tone— Pax vobiscum!— und es kann Euch nichts widerſtehn.— Wachen und Huͤter, Knappen und Ritter, Fußvolk und Reiter, auf ſie Alle wirkt es gleich einem Zauberſchlag! Ich denke, wenn ſie mich morgen zum Haͤngen fuͤh⸗ ren, ſo will ich ſeine Wirkung an den Urtheilsvoll⸗ ſtreckern erproben.“ 95 „Wenn das der Fall iſt, ſo habe ich ſchnell die Prieſterweihe empfangen,“ ſagte Cedric.„Pax vo- biscum,— ich hoffe, ich werde das Loſungswort behalten.— So lebt denn wohl, edler Athelſtane! — und auch Du, armer Burſche, deſſen Herz fuͤr einen noch ſchwaͤchern Kopf Erſatz ſein wuͤrde, le⸗ be wohl!— Ich will Euch erretten, oder zuruͤck⸗ kehren und mit Euch ſterben. Das rkoͤnigliche Blut unſerer ſaͤchſiſchen Monarchen ſoll nicht vergoſſen wer⸗ den, ſo lang das meinige noch in meinen Adern fließt; auch ſoll kein Haar vom Haupre des treuen Sklaven fallen, der ſich ſelbſt fuͤr ſeinen Gebieter dahingab, ſo lange noch Cedric es mit eigener Gefahr verhin⸗ dern kann.— Lebt wohl!“ „Lebt wohl, edler Cedric,“ ſagte Athelſtane, „erinnert Euch, der Moͤnch muß jede Erfriſchung annehmen, die man ihm anbeut, das erfordert ſeine Rolle.“ „Lebt wohl, Onkel,“ fuhr Wamba fort,„und denkt ans pax vobiscum!“ Damit begann Cedric ſeine Expedition, und nicht lange waͤhrte es, ſo ward ihm Gelegenheit, dieſes Schlagwort anzuwenden, deſſen Allmacht Wamba ge⸗ prieſen hatte. In einem niedrig gewoͤlbten, finſtern Gange, durch den er nach der Halle des Schloſſes zu gelangen ſuchte, trat ihm eine weibliche Geſtalt in den Weg. 4 „Pax vobiscum!“ rief der Pſeudomoͤnch und 96 wollte voruͤbereilen, als ihm eine ſanfte Stimme erwiederte:„Et vobis— quaeso, domine reveren- dissime, pro misericordia vestra.“e „Ich bin etwas taub,“ antwortete Cedric auf gut Saͤchſiſch, und fluchte vor ſich hin,„Ei ſo hol doch der Henker den Narren mit ſeinem pax vobis- cum. Nun hab ich meinen erſten und lezten Pfeil verſandt.“ 3 Es war aber in jenen Zeiten keine Seltenheit, eines Prieſters Ohr taub fuͤr's Latein zu finden, was der Perſon, die Cedric anredete, nicht unbekannt war. „Ich bitte Euch um Eurer chriſtlichen Liebe wil⸗ len, ehrwuͤrdiger Vater,“ entgegnete ſie in ſeiner Sprache,„laßt Euch herab, einen verwundeten Gefangenen in dieſem Schloße mit Eurem geiſtlichen Troſte aufzurichten, und ihm und uns die Barmher⸗ zigkeit zu erzeigen, die Euer heiliges Amt Euch lehrt. — Nie ſoll ein guter Dienſt Eurem Kloſter groͤße⸗ ren Vortheil gebracht haben.“ „Tochter,“ antwortete Cedric ſehr verlegen, „mein kurzer Aufenthalt in dieſem Schloß geſtattet mir nicht, die Pflichten meines Amtes auszuuͤben. — Ich muß fort— Leben und Tod haͤngt von mei⸗ ner Eile ab.“ „Aber, Vater, laßt mich Euch bei Eurem Geluͤbde beſchwoͤren,“ fuhr die Flehende fort,„die Unter⸗ . druͤckten, 923 druͤckten, in Gefahr Schwebenden nicht ohne Bei⸗ ſtand und Rath zu laſſen!“ „Ei ſo hol mich doch der Teufel und bring mich nach Ifrin zu Odins und Thors Seelen!“ rief Cedric ungeduldig, und wuͤrde wahrſcheinlich in dieſem Tone fortgefahren haben, waͤre nicht ihre Unterredung von der kreiſchenden Stimme Urfrieds, der Alten aus dem Thurme unterbrochen worden. „Wie, Schaͤtzchen?“ rief ſie der Sprecherinn zu, „iſt das die Art, wie Du die Guͤte lohnſt, womit Dir geſtattet ward, Dein Gefangenkaͤmmerlein zu verlaſſen?— Willſt Du den ehrwuͤrdigen Herrn da zwingen, ſich unfreundlicher Worte zu bedienen, um von der Zudringlichkeit einer Juͤdinn befreit zu wer⸗ den?“ „Eine Juͤdinn!“ rief Cedric, dieß benuͤtzend, um ſich nicht weiter von ihr unterbrechen zu laſſen.— „Laßt mich vorbei, Weib!— Halte mich nicht auf, bei Gefahr Deiner ſelbſt!— Ich komme ſo eben vom heiligen Amte und muß Verunreinigung ver⸗ meiden!“ „Kommt hieher, Vater!“ ſprach die alte Frau, „Ihr ſeid ein Fremder in dieſem Schloß und werdet Euch ohne Fuͤhrer nicht zu Recht finden.— Und Du, Tochter eines verfluchten Geſchlechts! geh' zum Lager des Kranken, und verpflege ihn bis zu meiner Ruͤck⸗ kehr: Wehe dir, wenn du ihn wieder ohne meine Erlaubniß verlaͤſſeſt.“ W., Scott's Werke XL.V. 7 98 Rebekka zog ſich zuruͤck. Ihre dringenden Bit⸗ ten hatten Urfried vermocht, ihr zu geſtatten, den Thurm zu verlaſſen, und Urfried hatte ihre Dienſte da in Anſpruch genommen, wo ſie von Herzen gern ſie ſelbſt haͤtte angeboten— am Bette des verwun⸗ deten Jvanhoe. Stets wachſam ihre gefahrvolle Lage im Auge behaltend, und jede Gelegenheit zu moͤg⸗ licher Rettung ergreifend, hatte Rebekka von der Anwe⸗ ſenheit eines Prieſters in dieſem gottloſen Schloſſe durch Urfried in Kenntniß geſetzt einige Hoffnung geſchoͤpft. Sie erwartete die Ruͤckkehr des ver⸗ meintlichen Moͤnchs, um ihn anzureden und ſeine Theilnahme fuͤr den Gefangenen zu erwecken; und der Leſer hat ſo eben den ungiclichen Erfolg ihrer Bemuͤhungen vernommen. Siebentes Kapitel. Elender, ſprich! was haſt du zu bekennen, Als Laſterthaten, Schande, Sünde? Dein Thun liegt klar— nicht wirſt du entrinnen Deinem Geſchick; doch komm, verkünde! Aber mich nagen noch ſchlimmere Sorgen, Quaten und Kummer finſtrerer Art, Bis das belaſtete Herz ich geborgen, Bis der geduldige Hörer mir ward. Soll ich den rettenden Freund nicht mehr finden. Will ich zum mind'ſten mein Elend verkünden. Crabbes Gerichtshalte. Als Urfried mit Geſchrei und Drohungen Re⸗ 99 bekka nach dem Zimmer zuruͤckgetrieben hatte, fuͤhrte ſte den unwillig folgenden Cedric nach einem kleinen Gemach, deſſen Thuͤr ſie ſorgſam verſchloß. Dann von einem Schenktiſch eine Weinflaſche und zwei Becher holend, ſagte ſie in mehr verſicherndem als fragenden Tone:„du biſt ein Sachſe, Vater— laͤug⸗ ne es nicht,“ fuhr ſie fort, als ſie ſah, daß Cedrie nicht ſehr mit der Antwort eilte;„die Toͤne meiner Mutterſprache ſind meinem Ohre ſuͤß, obwohl ich ſie ſeit langer Zeit ſelten anders hoͤrte, als aus dem Munde der elenden herabgewuͤrdigten Leibeigenen, denen die ſtolzen Normannen die niedrigſten Dienſte im Haus⸗ halt auferlegen. Du biſt ein Sachſe, Vater— ein Sachſe, und als ein Diener Gottes ein freier Mann.— Deine Toͤne klingen meinem Ohre ſuͤß.“ „Beſuchen denn nicht ſaͤchſiſche Prieſter dieß Schloß?“ fragte Cedric,„es waͤre doch, denk ich, ihre Pflicht, die verſtoßenen und unterdruͤckten Kin⸗ der des Landes aufzurichten.“ „Sie kommen nicht— oder wenn ſie kommen, ſo praſſen ſie lieber an der Tafel ihrer Unterdruͤk⸗ ker, als daß ſie ihr Ohr den Klagen ihrer Lands⸗ leute leihen— ſo heißt es wenigſtens,— ich ſelbſt kann davon nur wenig urtheilen. Seit zehn Jah⸗ ren hat ſich das Schloß keinem Prieſter, als dem betrunkenen normaͤnniſchen Kaplan Front de Boeuf geoͤffnet, der den naͤchtlichen Schwelgereien deſſelben heiwohnte, und jetzt ſchon laug dahin gegangen iſ, „ ⸗e⸗ 100 um Rechenſchaft von ſeinem Haushalt abzulegen.— Aber du biſt ein Sachſe— ein ſaͤchſiſcher Prieſter, dir habe ich eine Frage vorzulegen.“ „Ich bin ein Sachſe,“ antwortete Cedric,„aber in Wahrheit unwuͤrdig des Prieſternamens. Laß mich deshalb meiner Wege gehn— ich ſchwoͤre dir, ich will zuruͤckkehren, oder dir einen unſrer heiligen Vaͤter ſenden, der wuͤrdiger iſt, deine Beichte zu hoͤ⸗ ren.“ „Warte nur noch eine Weile,“ verſetzte Ur⸗ fried;„die Laute der Stimme, welche du jezt ver⸗ nimmſt, werden bald in der kalten Erde verſtum⸗ men, und ich will nicht in ſie hinabſteigen, dem Thiere gleich, wie ich gelebt habe! Aber der Wein muß mir Kraft geben, alle die Schreckniſſe meiner Erzaͤhlung zu berichten.“ Hier ſtuͤrzte ſie einen Be⸗ cher mit einer Gier hinunter, als ob ſie den letzten Tropfen im Becher ausſchluͤrfen wollte. Dann ſprach ſie, aufwaͤrts blickend:„er betaͤubt, aber erheitert nicht! Trinkt auch Ihr, Vater, wenn Ihr meine Erzaͤhlung hoͤren wollt, ohne zu Boden zu ſinken.“ Cedric wuͤrde ſich geſtraͤubt haben, ihrer unheimlichen Gaſtfreundſchaft Beſcheid zu thun, aber das Zeichen, das ſie ihm gab, ſprach Ungeduld und Verzweiflung aus. Er willfahrte ihr, und that ihr mit einem großen Becher Wein Beſcheid. Gleichſam beruhigt durch ſeine Folgſamkeit fuhr ſie jezt fort:„Ich ward nicht als die Elende geboren, Vater, wie du 101 mich vor dir ſiehſt.— Ich war frei, war gluͤcklich, war geehrt, liebte und ward geliebt. Nun bin ich eine Sklavinn, elend und entehrt— der Gegenſtand der Wolluſt meiner Gebieter, ſo lang ich noch Reize beſaß— die Zielſcheibe ihrer Verachtung, ihres Hohnes und ihres Haſſes, als dieſe verſchwunden waren.— Wunderſt du dich noch, Vater, daß ich die Menſchen, daß ich vor allen das Geſchlecht haſſe, das mich in dieſe Lage brachte? Kann das ver⸗ ſchrumpfte, gebrechliche, alte Weib, das vor dir ſteht, deren Wuth in unmaͤchtige Fluͤche erſtirbt, kann ſie vergeſſen, daß ſie einſt die Tochter des edeln Than von Torquilſtone war, vor deſſen Zorn tauſend Vaſallen erbebten?“ „Du die Tochter Torquil Wolfgangers?“ rief Cedric zuruͤckſchaudernd;„du— du— die Tochter des edeln Sachſen, des Freundes und Kriegsgefaͤhr⸗ ten meines Vaters? „Deines Vaters Freund?“ wiederholte Urfried;„ſo ſteht Cedric, der Sachſe, vor mir, denn der edle He⸗ reward von Rotherwood hatte nur einen Sohn, deſ⸗ ſen Name wohl bekannt iſt unter ſeinen Landsleuten. Aber wenn du Cedric von Rotherwood biſt, wozu dieſe gelſtliche Tracht? Haſt du an der Rettung deiner Landsleute verzweifelt, und Zuflucht vor Un⸗ terdruͤckung in dem Schatten des Kloſters geſucht?“ „Gleichviel, wer ich bin,“ ſagte Cedric,„fahre fort, ungluͤckliches Weib, in deiner Erzaͤhlung der 10² Graͤuel und Schuld.— Schuld iſt es— Schuld iſt es, daß du lebſt und ſie erzaͤhlen kannſt!“ „Das iſt es— das iſt es!“ antwortete die Ungluͤckliche,—„tiefe, ſchwarze, verdammungswuͤrdige Schuld— Schuld, die zentnerſchwer auf meinem Herzen laſtet— Schuld, die alle Fegefeuer von Jenſeits nicht tilgen.— Ja, in dieſen Hallen, die das edle, reine Blut meines Vaters, meiner Bruͤ⸗ der befleckte, in eben dieſen Hallen als die Buhlerin ihres Moͤrders, als ſeine Sklavinn und Theilnehme⸗ rinn ſeiner Luͤſte gelebt zu haben, das reicht hin, jeden Athemzug dieſer Bruſt zum Fluch und zum Verbrechen zu machen!“ „Ungluͤckliches Weib!“ rief Cedric.—„Waͤh⸗ rend alſo die Freunde deines Vaters— waͤhrend jedes aͤcht ſaͤchſiſche Herz, wenn es ein Gebet fuͤr die Ruhe ſeiner Seele und ſeiner tapferen Soͤhne zum Himmel ſchickte, in ſeinem Flehen der ermor⸗ deten ulrika nicht vergaß— waͤhrend alle dich als todt betrauerten und ehrten, haſt du gelebt, um unſern Haß und Fluch zu verdienen— gelebt in verbotener Gemeinſchaft mit dem verruchten Tyran⸗ nen, der dir ermordete, was dir das liebſte und theuerſte ſein mußte— der das Blut unmuͤndiger Kinder vergoß, damit kein maͤnnlicher Sproͤßling von Torquil Wolfgangers Hauſe uͤbrig bliebe— mit ihm haſt du gelebt in den Banden ungeſetzlicher Liebe!“ 3 s k. 103 „In ungeſetzlichen Banden allerdings, aber nicht in denen der Liebe,“ antwortete die Alte.„Liebe wird eher die Regionen ewiger Verdammniß, als dieſe unheilige Behaufung heimſuchen.— Nein, dieß wenigſtens kann ich mir nicht vorwerfen. Haß gegen Front de Boeuf und ſein Geſchlecht erfuͤllte meine Seele aufs innigſte ſelbſt in den Stunden ſtrafbarer Genüͤſſe.“. „Du haßteſt ihn, und dennoch lebteſt Du,“ verſetzte Cedric,„Elende, gab es keinen Dolch?— kein Meſ⸗ ſer?— keine Haarnadel?— Gut war es fuͤr dich, da ein ſolches Daſein noch Werth fuͤr dich haben konnte, daß die Geheimniſſe eines normaͤnniſchen Schloſſes dich gleich einem Grabe verbargen. Denn haͤtt ich mir traͤumen laſſen, die Tochter Torquils lebe in niedriger Gemeinſchaft mit dem Moͤrder ih⸗ res Vaters, das Schwert eines treuen Sachſen ſollte dich ſelbſt in den Armen deines Buhlers ge⸗ funden haben.“. „Haͤtteſt Du in der That dem Namen Torquils dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen?“ ſprach Ul⸗ rika;„ſo biſt Du wirklich der aͤchte Sachſe, wie Dich das Geruͤcht nennt! denn ſelbſt in dieſen ver⸗ fluchten Mauern, wo, wie Du ſagſt, das Verderben ſich in undurchdringliches Geheimniß huͤllt, ſelbſt hie⸗ her drang der Klang von Cedrics Namen— und ich, ſo elend und herabgewuͤrdigt, als ich war, habe mit Entzuͤcken den Gedanken gehegt, daß ein Raͤcher 104 unſres ungluͤcklichen Volks noch athmete. Auch mir ſind Stunden der Rache geworden— ich habe Streit unter meinen Feinden angefacht, und trunkene Schwel⸗ ger zu moͤrderiſchen Haͤndeln aufgehetzt— ich hab' ihr Blut fließen ſehen— hab' ihre ſterbenden Seuf⸗ zer gehoͤrt!— Sieh mich an, Cedric— tragen dieſe elenden, verbluͤhten Zuͤge nicht noch Spuren von Torquils Stamm?“ „Frag mich nicht nach ihnen, ulrika,“ erwie⸗ derte Cedric in einem Ton des Grams und des Abſcheus,„dieſe Zuͤge von Aehnlichkeit gleichen denen eines aus dem Grabe erſtandenen Todten, deſſen lebloſen Koͤrper ein boͤſer Feind wieder ins Leben rief.“ „Mag es ſo ſein!“ antwortete Ulrika;„und dennoch wußten dieſe Zuͤge einſt ſich in die eines Engels des Lichts zu verwandeln, als es ihnen gelang, toͤdtli⸗ chen Zwiſt zwiſchen Reginald Front de Boeuf und ſeinem Vater zu entzuͤnden.— Hoͤlliſche Finſterniß ſohte verhuͤllen, was daraus erfolgte,— aber Rache muß den Schleier luͤften und andeuten, was, wenn es ausgeſprochen wuͤrde, die Todten aus ihren Graͤ⸗ bern erwecken muͤßte! Lange ſchon glimmte der Zwie⸗ tracht Funken zwiſchen dem tyranniſchen Vater und ſeinem wilden Sohne unter der Aſche— lange hatte ich heimlich den unnatuͤrlichen Haß genaͤhrt— in ei⸗ ner Stunde wuͤſter Trunkenheit brach er aus, und an ſeinem eigenen Tiſche ſiel mein Unterdruͤcker durch ſeines eigenen Sohnes Hand! das ſind die Geheim⸗ niſſe, die dieſe Gewoͤlbe verbergen!— Stuͤrzet nie⸗ der, Ihr verfluchten Gewoͤlbe,“ rief ſie aufwaͤrts blickend,„und begrabt in Eurem Fall Alle, die um das graͤßliche Geheimniß wiſſen!“ „Und Du, Kreatur von Schuld und Elend,“ fragte Cedric,„was war Dein Loos nach dem Tode Deines Raͤubers?“ „Errathe es, doch frage mich nicht.— Hier— hier wohnte ich, bis Alter, fruͤhzeitiges Alter ſeine Geſpenſterzuͤge auf mein Geſicht ſtempelte— verach⸗ tet und verhoͤhnt, wo mir ſonſt Alles zu Gebot ſtand, und gezwungen, die Rache, die einſt ſo maͤchtig wirk⸗ te, auf die Anſtrengungen kleinlicher Bosheit einer unzufriedenen Dienerinn, oder die nutzloſen unmaͤch⸗ tigen Verwuͤnſchungen einer alten Bas zu beſchraͤn⸗ ken— verurtheilt, von meinem einſamen Thuͤrm⸗ chen aus, die Schwelgereien, die ich einſt theilte, her⸗ uͤher toͤnen zu hoͤren, oder das Angſtgeſchrei und die Seufzer neuer Schlachtopfer der Unterdruͤckung zu hiren.“ 8 „Ulrika,“ ſprach Cedric,„mit einem Herzen, dis jezt, wie ich fuͤrchte, noch eben ſo ſehr den ver⸗ rnen Lohn Deiner Verbrechen beklagt, als es die Thaten bereut, die Dir ſeine Gemeinſchaft erwarben, wie wagſt Du es, Dich an Jemand zu wenden, der dieſe Kleidung traͤgt? Frage Dich ſelhſt, ungluͤckli⸗ ches Weib, was koͤnnte ſelbſt der heilige Eduard fuͤr 106 Dich thun, wenn er leibhaftig vor uns ſtaͤnde? Der koͤnigliche Bekenner ward von dem Himmel mit der Gabe begnadigt, koͤrperliche Schaͤden zu heilen, aber Gott allein kann die Seele vom Ausſatz reinigen!“ „Wende Dich nicht von mir ab, ernſter Pro⸗ phet des goͤttlichen Zorns!“ rief ſie aus,„ſon⸗ dern ſag mir an, wenn Du kannſt, wohin ſollen dieſe neuen, furchtbaren Gefuͤhle mich fuͤhren, die ploͤtlich in meiner Einſamkeit ſchreckend erwachen?— Wes⸗ halb erheben ſich die lang vollbrachten Thaten vor mir mit neuen, unwiderſtehlichen Schreckbildern?— Welches Schickſal iſt jenſeits des Grabes fuͤr die be⸗ reitet, denen Gott auf Erden das Loos ſo unausſyrech⸗ lichen Elends beſchieden hat?— Beſſer waͤre mir, ich wendete mich an Wodan, Hertha und Zernebock — an Miſta und an Skogula, die Goͤtter unſrer ungetauften Vorfahren, als daß ich all die graͤulichen Vorahnungen ertrage, die in dieſer lezten Zeit mich wachend und ſchlafend verfolgen.“ „Ich bin kein Prieſter,“ ſprach Cedric, ſich nit Ekel von dieſem Ebenbild des Laſters, Elends ind der Verzweiflung wendend;„ich bin kein Prieſter, obwohl ich das Prieſtergewand trage.“ „Prieſter oder Laie,“ antwortete Ulrika,„LTu biſt der Erſte, den ich in zwanzig Jahren geſehen, der Gott fuͤrchtet und Menſchen achtet; und De gibſt mich der Verzweiflung zur Beute?“ „Nein, ich verweiſe Dich zur Reue!“ ſagte 3 1 1 107 Cedric.„Bete und thue Buße, und moͤgeſt Du Er⸗ barmen finden! Aber ich kann, ich will nicht laͤnger bei Dir weilen!“ „Bleib noch einen Augenblick!“ rief ulrika, „verlaß mich nicht, Sohn des Freundes meines Va⸗ ters, daß nicht der boͤſe Geiſt, der mein Leben re⸗ gterte, mich zur Rache Deiner hartherzigen Verach⸗ tung verlocke. Glaubſt Du, wenn Front de Boeuf Cedric den Sachſen in ſolcher Verkleidung in ſeinem Schloſſe faͤnde, daß Dein Leben noch von langer Dauer waͤre? Schon lange ſchoß ſein Auge nach Dir, wie das des Falken auf ſeine Beute!“ „Mag dem ſo ſein!“ ſprach Cedric;„mag er mich mit Schnabel und Krallen zerreißen, ehe meine Zunge ein Wort ausſpricht, das nicht aus meinem Herzen koͤmmt. Ich will als Sachſe ſterben— wahr in Wort, offen in That!— Hebe Dich weg von mir! — ruͤhr' mich nicht an— halte mich nicht auf!— Der Anblick von Front de Bocuf iſt mir weniger verhaßt, als der Deinige, entartetes, entwuͤrdigtes Geſchoͤpf!“ „Wohl denn, es ſei!“ ſprach Ulrika, ihn nicht laͤnger unterbrechend;„geh Deiner Wege, und ver⸗ giß in dem Uebermuth Deiner Hoheit, daß die Elende vor Dir die Tochter von Deines Vaters Freunde iſt.— Geh' Deiner Wege— wenn meine Leiden mich von den Menſchen trennen— trennen von denen, deren Huͤlfe ich mit Recht erwartete, 108 ſo will ich auch— nicht minder getrennt von ihnen meine Rache vollbringen!— Niemand ſoll mir hel— fen, aber aller Menſchen Ohren ſollen erbeben ob der That, die ich vollbringen werde!— Lebe wohl! — Deine Verachtung hat das lezte Band zerriſſen, das mich an mein Geſchlecht zu feſſeln ſchien— die Hoffnung mir geraubt, daß mein Elend noch das Mitleid meines Volks erregen koͤnnte!“ „Ulrika,“ ſprach Cedric, durch dieſe Anrede be⸗ ſaͤnftigt,„vermochteſt Du Dich aufrecht zu erhalten, um unter ſolcher Schuld und ſolchem Elende zu le⸗ ben, und willſt Dich jezt der Verzweiflung hingeben, wenn Deine Augen Deiner Schuld geoͤffnet ſind, und Reue Dir ziemen wuͤrde?“ „Cedric,“ entgegnete ſie,„Du kennſt das menſch⸗ liche Herz zu wenig. Zu handeln, wie ich gehandelt, zu denken, wie ich gedacht, dazu bedarf es der wahn⸗ ſinnigen Gier nach Wolluſt vereint mit dem kuͤhnen Durſt nach Rache und dem ſtolzen Bewußtſein der Macht. Zu berauſchend ſind dieſe Getraͤnke, als daß das menſchliche Herz, erfuͤllt von ihnen, noch Kraft zur Reue haͤtte. Schon lange entſchwunden iſt ihre Kraft— das Alter hat kein Vergnuͤgen— Runzeln uͤben keinen Einfluß mehr— ſelbſt der Rache bleiben nur unmaͤchtige Fluͤche. Dann nahen Ge⸗ wiſſensbiſſe mit all ihren Vipern, mit ihren nutzlo⸗ ſen Klagen uͤber's Vergangene, und verzweifelnder Angſt vor der Zukunft!— Dann, wenn jede andere 1⁰9 Leldenſchaft verſtummt, empfinden wir gleich der Hoͤlle Geiſtern, Gewiſſensbiſſe— niemals Reue.— Aber Deine Worte haben einen neuen Geiſt in mir erweckt— wohl haſt Du geſagt, dem, der da ſterben kann, iſt Alles moͤglich!— Du haſt mir die Mitrel zur Rache gezeigt, und ſei verſichert, daß ich ſie er⸗ greife. In dieſem Buſen ſtritten ſich bisher andere Leldenſchaften— Nache ſoll von nun an einzig ihn erfuͤllen, wie auch immer das Leben ulrikens war, ihr Tod ſoll der Tochter des edeln Torquil wuͤrdig ſein. Eine feindliche Macht belagert dieß mit Fluch beladene Schloß— eile, ſie zum Sturme zu fuͤhren, und wenn Du von dem Thuͤrmlein auf dem oſtli⸗ chen Ende des Schloſſes eine rothe Fahne wehen ſiehſt, dann dringe kuͤhn auf die Normannen ein,— genug ſollen ſie dann im Innern beſchaͤftigt ſein, und Ihr koͤnnt trotz Bogen und Steinſchleuder die Mauer erſteigen.— Folge Deinem Schickſal und uͤber⸗ laß mich dem meinigen.“ Cedric wuͤrde noch weiter nach ihrem Vorſatz geforſcht haben, den ſie ſo dunkel andeutete, allein die barſche Stimme Front de Boeufs ertoͤnte:„Wo ſaͤumt der faule Pfaff? Bei der heiligen Jakobsmu⸗ ſchel zu Campoſtella, ich will ihn zum Maͤrtyrer ma⸗ chen, wenn der Schieicher hier Verrath unter mei⸗ nen Dienern ſpinnt.“ „Welch ein guter Prophet,“ ſprach Ulrika,„iſt doch ein boͤſes Gewiſſen! Kehre Dich nicht an ihn! — Hinaus zu Deinem Volke!— Laß Dein ſaͤchſiſches Kriegsgeſchrei erſchallen, laß ſie Rollo's Kriegslied anſtimmen, wenn ſie wollen, daß die Rache ſie ent⸗ zuͤnden ſoll!“ Damit verſchwand ſie durch eine Seitenthuͤr, und Reginald Front de Boeuf trat ins Zimmer. Cedrie zwang ſich mit einiger Muͤhe, dem uͤbermuͤthigen Baron eine Verbeugung zu machen, der ſeine Hoͤflich⸗ keit mit einem lelchten Kopfnicken erwiederte.„Deine Buͤßenden, Vater, haben ſich lange Zeit genommen — um ſo beſſer fuͤr ſie, da es ihre lezte Beichte war. Haſt du ſie zum Tode vorbereitet?“ „Ich fand ſie,“ ſprach Cedric in ſo gutem Fran⸗ zoͤſiſch, als ihm nur immer moͤglich war,„auf das Schlimmſte gefaßt, ſeit ſie wußten, in weſſen Haͤnde ſie gefallen ſind.“ „Er, Herr Moͤnch,“ fragte Front de Boeuf, „mir iſt, als ſchmeckte Cure Sprache nach dem Saͤchſiſchen?“ „Ich ward in dem Kloſter St. Witholds von Bur⸗ ton auferzogen,“ antwortete Cedric. „Nun,“ verſetzte der Baron,„es waͤre beſſer fuͤr Dich geweſen, wenn Du ein Normann waͤreſt, und beſſer auch fuͤr meinen Zweck; aber die Noth⸗ geſtattet keine Wahl des Boten. Das Kloſter Ste⸗ Wlthold iſt ein Eulenneſt, und verdiente auch mal⸗ heimgeſucht zu werden. Es wird noch eine Zeit kom⸗ 111 4 men, wo die Kutte den Sachſen ſo wenig ſchuͤtzt, als das Panzerhemd.“ „Gottes Wille geſchehe!“ ſprach Cedric, mit el⸗ ner vor Leidenſchaft zitternden Stimme, was Front de Boeuf fuͤr Furcht auslegte. „Ich ſehe,“ ſprach er,„es traͤumt Dir ſchon. unſre Reiſigen ſeien hinter Euren Refektorien und Kellergewoͤlben. Aber leiſte mir einen Dienſt Dei⸗ nes heiligen Amtes, ſo ſollſt du, wie es auch an⸗ dern ergehe, in Deiner Zelle ſo ſicher, als die Schnecke in ihrem Gehaͤuſe ſchlafen.“ „Sprecht Eure Befehle aus!“ ſagte Cedric mit unterdruͤckter Leidenſchaft. „So folge mir durch dieſen Gang, und ich will Dich durch die Hinterthuͤr entlaſſen.“ Als er vor dem vermeinten Moͤnch einherſchritt, unterrichtete er ihn in der Rolle, die er zu ſpielen haͤtte. „Du ſiehſt, Herr Moͤnch, jene Herde ſaͤchſiſcher Schweine, die ſich⸗ erfrechten, das Schloß Torquil⸗ ſtone hier zu umlagern.— Sag ihnen, was Du willſt, von der Schwaͤche der Beſatzung, oder was Du ihe⸗ nen ſonſt vorſpiegeln kannſt, um ſie vier und zwan⸗ zig Stunden hier hinzuhalten. Mittlerweile uͤber⸗ bring dieſen Brief— aber ſachte— kannſt Du lo⸗ ſen 2 ⁷ 3 „Nicht ein Jota weiter, als mein Brevier,“ antwortete Cedric,„von dem lerne ich die Buchſt 7 11² ben, weil ich, gelobt ſei die heilige Jungfrau und St. Withold, den heiligen Dienſt auswendig weiß.“. „Deſto beſſer taugſt Du fuͤr meinen Zweck!— bring dieſen Brief auf das Schloß Philipps von Mal⸗ voiſin; ſage, er komme von mir, und ſei von dem Templer Briau de Bois Gullbert geſchrieben, ich laſſe ihn erſuchen, denſelben nach York zu ſenden, ſo eilig als es nur immer Roß und Mann aushal⸗ ten moͤgen. Uebrigens vermeld' ihm, daß er uns geſund und wohl hinter unſern Bollwerken finden werde.— Schande uͤber Schande, daß wir uns vor einem Hauſen Landſtreicher verſtecken muͤſſen, die ſonſt ſchon vor dem Wehen unſrer Fahnen und dem Hufſchlag unſrer Roſſe ſcheu das Weite ſuchten. Ich ſage Dir, Pfaff, erfind irgend eine Liſt, die Schufte hier hinzuhalten, bis unſre Freunde ihre Lanzen aufgeboten haben. Meine Rache iſt wach und iſt ein Falke, der nimmer ſchlummert, bis er geſaͤt⸗ tigt iſt.“ 5 „Bei meinem heiligen Schutzpatron,“ ſprach Ce⸗ dric, mit groͤßerem Nachdruck, als ſich fuͤr ſeinen Stand geziemte,„und bei allen Heiligen, die in England lebten und ſtarben, Eure Befehle ſollen ausgerichtet werden! Kein Sachſe ſoll ſich vor dieſen Mauern ruͤhren, wenn ich noch Liſt und Einfluß ge⸗ nug beſitze, ſie abzuhalten.“ „Ei,“ rief Front de Boeuf,„Du anderſt den Ton, Herr Pfaff, und wirſt ſo kuͤhn und buͤndig⸗ Vls 3 0 113 ob Dir die Abſchlachtung der ſaͤchſiſchen Schweine ſo ſehr am Herzen laͤge, und doch biſt Du ſelbſt mit dieſem Trieb verwandt.“ Cedric war kein Meiſter in der Verſtellung, und haͤtte vielleicht in dieſem Augenblick einen Wink aus Wambas erfindungsreicherem Hirn gut brauchen koͤnnen. Allein die Noth ſchaͤrft den Verſtand, und ſo murmelte er unter ſeiner Kapuze dergleichen was, daß die Belagerer ja von Koͤnig und Kirche in Acht und Bann gethan ſeien. „Des par Dieux!“ rief Front de Boeuf,„Du haſt Recht— ich vergaß, daß die Schufte eben ſo gut einen fetten Abt auszupluͤndern verſtehn, als ob ſie ſuͤdlich von jenem ſalzigen Kanal geboren waͤren. Banden ſie nicht den von St. Jves an einen Eich⸗ baum feſt und zwangen ihn eine Meſſe zu ſingen, waͤhrend ſie ſeine Koffer und Mantelſaͤcke pluͤnder⸗ ten?— Nein, bei unſrer lieben Frauen— den Streich veruͤbte Gualtier von Middleton, einer un⸗ ſerer eigenen Waffenleute. Aber Sachſen waren es, welche aus der Kapelle zu St. Bees die Kelche, Scha⸗ len und Leuchter ſtablen, nicht wahr? „Es waren gottloſe Leute,“ antwortete Cedric. „Ja und tranken noch obenein allen guten Wein und alles Bier weg, die zu manchem geheimen Sauf⸗ gelag dort hinterlegt waren, waͤhrend Ihr vorgebt, Eure Zeit nur mit Nachtwachen und Fruͤhmetten zu verplaͤm⸗ W. Sesrt's Werke. X.V. 8 114 pern.— Pfaffe, Du biſt verpflichtet, ſolche Tempel⸗ ſchaͤndung zu raͤchen.“ „Ja, ich bin in der That zur Rache verpflichtet,“ murmelte Cedric vor ſich hin,„St. Withold kennt mein Innerſtes.“ 4 Front de Boeuf fuͤhrte ihn mittlerweile zur Hin⸗ terthuͤr, durch welche ſie auf einem ſchmalen Bret den Schloßgraben uͤberſchritten, und zu einem kleinen Bruͤckenkopf oder Auſſenwerk gelangten, das vermit⸗ telſt einer wohl verwahrten Ausfallspforte mit dem offenen Feld in Verbindung ſtand. „So geh' denn; und wenn Du meinen Auftrag usgerichtet haſt, und wieder hieher koͤmmſt, ſollſt Du das ſaͤchſiſche Fleiſch ſo wohlfeil finden, als je auf den Fleiſchbaͤnken zu Sheffield das Schweine⸗ fleiſch. Und hoͤrſt Du, Du ſcheinſt mir ein luſtiger Beichtiger zu ſein— komm nach dem Gemetzel hie⸗ her, und Du ſollſt ſo viel Malvaſier haben, daß Dein ganzes Konvent ſich dran voll trinken koͤnnte.“ „Gewißlich wir werden uns wieder treffen,“ ant⸗ wortete Cedric. „Da haſt Du etwas in die Hand einſtweilen,“ fuhr der Normann fort, und druͤckte, als ſie ſich an der Hinterthuͤr trennten, dem widerſtrebenden Cedric einen Byzantiner in die Hand. Merk Dir,“ ſprach er ſchließlich,„ich lieſſe Dir die Haut ſammt der Kutte abzie⸗ hen, wenn Du das Verſprochene nicht ausfuͤhren wuͤrdeſt.“ „Und vollkommene Freiheit ertheile ich Dir zu · — 115 beidem,“ antwortete Cedric, als er froͤhlichen Schrit⸗ tes aus der Hinterthuͤr in das offene Feld enteilte, „wenn ich nicht etwas mehr von Deiner Hand ver⸗ diene, bei unſrem Wiederſehn!“ Dann wandte er ſich gegen das Schloß, warf das Goldſtuͤck dem Ge⸗ ber wieder zu und rief:„Moͤge Dein Geld mit Dir untergehen, falſcher Normann!“ Front de Boeuf hoͤrte die Worte nur unvollkom⸗ men, allein die Handlung mußte Argwohn erregen.— „Schuͤtzen,“ rief er den Thorwaͤchtern der aͤuſſeren Verſchanzungen zu,„ſendet der Moͤnchskutte einen Pfeil nach!— Doch halt!“ fuhr er fort, als ſeine Schuͤtzen den Bogen ſpannten,„es hilft nichts— wir muͤſſen ihm ſchon vertrauen, da wir keinen beſ⸗ ſern Ausweg haben. Er wagte es, glaub' ich, nicht, mich zu verrathen— Im ſchlimmſten Falle kann ich noch mit den ſaͤchſiſchen Hunden unterhandeln, die ich in Gewahrſam habe.— He! Giles, Schließer, laß Cedric von Rotherwood und den andern Schuft, ſeinen Begleiter, vor mich fuͤhren— ich meine den von Coningsburgh— Athelſtane, oder wie man ihn nennt! Ihre Namen allein ſchon ſind eine Plage fuͤr einen normaͤnniſchen Mund, und ſcheinen immer ſo eine Art von Schinkengeruch zu hinterlaſ⸗ ſen.— Gebt mir einen Humpen Wein, um, wie der luſtige Prinz Johann ſagt, den Nachgeſchmack hinun⸗ ter zu ſpuͤlen— Sezt ihn in den Waffenſaal und fuͤhrt die Gefangenen dahin.“ 116 Seine Befehle wurden befolgt; und bei ſeinem Eintritt in das gothiſche, mit manchen Siegeszeichen behangene Gemach, die ſeine eigene Tapferkeit, oder die ſeines Vaters gewonnen hatte, fand er einen Humpen Wein auf der maſſiven, eichenen Tafel, und die zwei ſaͤchſiſchen Gefangenen von vier ſeiner Leute bewacht. Front de Boeuf that einen langen Zug, dann wandte er ſich an ſeine Gefangenen; die Art, wie Wamba ſeine Muͤtze uͤber die Augen gezogen hatte, der Wechſel der Kleidung, das duͤſtere, gebro⸗ chene Licht, und des Barons unvollkommene Bekannt⸗ ſchaft mit Cedrics Geſichtszuͤgen(der ſeinen normaͤn⸗ niſchen Nachbarn auswich, und ſelten die Graͤnzen ſeiner Beſitzungen uͤberſchritt) lieſſen ihn nicht ent⸗ decken, daß der wichtigſte ſeiner Gefangenen ſich aus dem Staub gemacht hatte. „Ihr Tapferen Englands,“ ſprach Front de Boeuf, „wie behagt Euch Eure Bewirthung auf Torquilſto⸗ ne?— Habt Ihr jezt geſehen, was Eure Unver⸗ ſchaͤmtheit und Anmaßung verdient, bei dem Gaſt⸗ mahl eines Prinzen aus dem Hauſe Anjou uns zu verhoͤhnen?— Habt Ihr vergeſſen, wie Ihr die un⸗ verdiente Gaſtfreundſchaft des koͤniglichen Johann vergolten habt? Bei Gott und St. Dennis, wenn Ihr nicht das reichſte Loͤſegeld zahlt, laß ich Euch bei den Fuͤßen an den eiſernen Staͤben dieſer Fen⸗ ſter aufhaͤngen, bis Raben und Geier Euch zu Ske⸗ letten ausgenagt haben!— Sprecht, ſaͤchſiſche Hunde— ——— — ——— 117 was bietet Ihr fuͤr Euer unwuͤrdiges Leben?— Was ſagt Ihr von Rotherwood?“— „Ich? keinen Deut!“ antwortete der arme Wam⸗ ba,„und was das Aufhaͤngen an den Fuͤßen betrifft, ſo wird man ſagen, da mein Hirn uͤberhaupt das un⸗ terſte zu oberſt geweſen ſei, ſeitdem man mir das erſte Kindermuͤtzchen auf meinen Kopf band, ſo koͤnnt' es vielleicht auf dieſe Art wieder in die gehoͤrige Ver⸗ faſſung kommen.“ 4 „Heilige Genoveva!“ rief Front de Boeuf,„was haben wir hier gemacht?“ Mit der umgekehrten Hand ſchlug er Cedrics Muͤtze dem Narren vom Kopf, riß ihm die Halskrauſe auf, und erblickte das ungluͤckliche Zeichen der Leibeigenſchaft, das eiſerne Band um ſeinen Nacken. „Giles!— Clemens— Hunde und Sklaven!“ rief der wuͤthende Normann,„wen habt Ihr mir da gebracht?“ „Ich glaube, ich kann es Euch ſagen,“ fiel Bracy ein, der gerade ins Zimmer trat.„Das iſt Cedries Narr, der den ritterlichen Strauß mit Iſaak von York uͤber den Vorrang beſtanden hat.“ „Ich werde es fuͤr beide entſcheiden!“ entgegnete Front de Bveuf.„Sie ſollen an demſelben Galgen haͤngen, wenn ſein Gebieter und dieſer Eber von Coningsburgh nicht reichlich fuͤr ihr Leben zahlen. Ihr Reichthum iſt das Geringſte, was ſie entrichten muͤſſen, ſie muͤſſen uns auch die Schwaͤrme, die unſer Schloß 118 umlagern, wegfuͤhren, die Entſagung ihrer vorgebli⸗ chen Freiheiten unterſchreiben, und unter uns als Leibeigene und Diener leben, und dauͤrfen von Gluͤck ſagen, wenn wir ihnen in dem neuen Leben, das nun anbrechen ſoll, noch freien Athem ſchenken. Geht,“ ſprach er zu zweien ſeiner Diener,„bringt mir den rechten Cedric hieher,„ich verzeihe Euch dießmal Euren Irrthum; um ſo mehr, da ihr einen Narren fuͤr einen ſaͤchſiſchen Franklin nehmt.“ „Ja, Eure ritterliche Ercellenz,“ fiel Wamba ein,„wird finden, daß es mehr Narren als Frank⸗ lins unter uns gibt.“ „Was meint der Schuft?“ fragte Front de Boeuf ſeine Diener, die zoͤgernd und ſtockend endlich die Erklaͤrung gaben, daß, wenn dieß nicht Ce⸗ dric ſei, ſie nicht wuͤßten, was aus ihm geworden ſei.“ „Alle Heiligen und Engel!“ rief de Bracy,„ſo hat er in der Moͤnchskutte Reißaus genommen!“ „Hoͤlle und Teufell“ ſchrieFront de Boeufſo war es alſo der Eber von Rotterwood, den ich zur Hinter⸗ thuͤr fuͤhrte, und mit eigener Hand entließ.“ und Du,“ ſprach er zu Wamba,„deſſen Narrheit die Weisheit noch groͤßerer Dummkoͤpfe, als Du biſt, uͤber⸗ trifft— ich will Dir eine heilige Weihe ertheilen— und Dir den Schaͤdel ſcheren!— Laßt ihm die Haut uͤber die Ohren ziehen und ſtuͤrzt ihn haͤuptlings von den 119 Zinnen hinunter— Dein Handwerk iſt Spaßmachen, gibt es auch da etwas zu Spaſſen?“ „Ihr meint es beſſer mit mir, als Eure Worte andeuten, edler Ritter,“ ſtotterte der arme Wam⸗ ba, deſſen Gewohnheit, Poſſen zu treiben, ſelbſt die nahe Todesgefahr nicht unterdruͤcken konnte; „wenn Ihr mir, wie Ihr vorſchlagt, die rothe Kappe gebt, ſo macht Ihr aus dem ſchlichten Moͤnchlein ei⸗ nen Kardinal.“* „Der arme Tropf,“ ſprach de Bracy,„iſt ent⸗ ſchloſſen, in ſeinem Verufe zu ſterben. Front de Boeuf, laßt ihn nicht umbringen. Gebt ihn mir, er ſoll meinen Freikompanien was vorſpaſſen.— Was meinſt Du, Schelm?— Willſt Du mit mir in die Kriege ziehen?“ 8 „Ja, wenn mein Herr es erlaubt,“ antwortete Wamba,„denn ſeht,“ fuhr er ſein Halsband beruͤh⸗ rend fort,„ich darf das Halsband nicht ohne ſeine Er⸗ laubniß ablegen.“ „O, eine normaͤnniſche Saͤge wird bald ein ſaͤch⸗ ſiſches Halsband loͤſen,“ ſprach de Bracy. „Ei edler Herr,“ rief Wamba,„und daher koͤmmt wohl das Sprichwort: Normann's Säg' an Englands Eich— Rormann's Joch auf Englands Reich— Normann's Löffel in Englands Gericht— England regiert, wie der Normann ſpricht— Schön Wetter wirds in England nimmer, Bis die Viere zum Henker ſind für immer! 120 „Es iſt ſehr klug von Dir gehandelt, de Bracy,“ ſprach Front de Boeuf,„hier auf eines Narren Kau⸗ derwelſch zu hoͤren, waͤhrend uns der Untergang droht. Siehſt Du nicht, daß wir hinters Licht gefuͤhrt ſind, und daß unſer Plan, mit unſern Freunden in Ver⸗ bindung zu treten, durch eben den bunten Herrn da vereitelt ward, mit dem Du Bruͤderſchaft machen willſt. Was haben wir zu erwarten, als augenblick⸗ lichen Sturm?“ „Wohl denn, auf die Zinnen!“ rief Bracy,„wann ſahſt Du mich je durch den Gedanken an den Kampf ernſthafter werden? Rufe den Templer und laß ihn nur halb ſo gut fuͤr ſein Leben fechten, als er fuͤr ſeinen Orden focht— mache Du Dich ſelbſt mit Dei⸗ ner Goliathsgeſtalt auf die Mauern, und laß Du mich auf meine eigene Art mein Scherflein beitra⸗ gen, und ich ſag Dir, die ſaͤchſiſchen Geaͤchteten ſol⸗ len eher die Wolken als das Schloß Torquilſtone erſteigen; oder wenn wir mit den Banditen unter⸗ handeln, warum bedienſt Du Dich nicht der Vermitt⸗ lung dieſes wuͤrdigen Franklins, der in ſo andaͤchtige Betrachtung der Weinflaſche verſunken ſcheint?— „Hier, Sachſe,“ fuhr er fort ſich an Athelſtane wendend, und ihm den Humpen reichend,„reinige Deinen Schlund mit dieſem edlen Saft, und ſtaͤrke Deine Seele, auf daß Du uns ſageſt, was Du fuͤr Deine Freiheit zu thun bereit biſt.“ „Was ein ſterblicher Mann vermag,“ antwor⸗ 3 121 tete Athelſtane,„vorausgeſetzt, daß es einem wackeren Manne geziemt.— Entlaßt mich frei mit meinen Begleitern, ſo will ich ein Loͤſegeld von tauſend Mark bezahlen.“ „und willſt Du auch noch dafuͤr ſtehen, daß ſich das Geſindel entfernt, das dem Frieden Gottes und des Koͤnigs zum Trotz um dieſes Schloß herum⸗ ſchwaͤrmt?“ fragte Front de Boeuf. „In ſo weit es in meiner Macht ſteht,“ ant⸗ wortete Athelſtane,„will ich ſie dazu zu vermoͤgen ſuchen, und ich zweifle nicht, daß mir Vater Cedric nach beſten Kraͤften darin beiſtehen wird.“ „So waͤren wir denn einig,“ ſprach Front de Boeuf,„Du und Deine Begleiter ſollen gegen Be⸗ zahlung von tauſend Mark in Freiheit geſetzt wer⸗ den. Es iſt ein geringes Loͤſegeld, Sachſe, und Du wirſt es uns Dank wiſſen, daß wir uns mit ſo wenigem begnuͤgen. Aber wohl gemerkt, das erſtreckt ſich nicht uͤber den Juden Iſaak.“ Auch nicht auf Iſaaks Tochter,“ fuhr der ſo eben eintretende Templer fort. „Keiner von ihnen gehoͤrt zu des Sachſen Ge⸗ ſellſchaft,“ ſagte Athelſtane.„Ich waͤre nicht wuͤr⸗ dig ein Chriſt zu heißen, wenn es anders waͤre; verfahrt mit ihnen, wie's Euch beliebt. „Auch ſchließt das Loͤſegeld nicht Lady Rowena ein,“ bemerkte de Bracy.„Man ſoll mir nicht nach⸗ “ 122 ſagen, daß mir ein ſo ſchoͤner Preis ohne Schwert⸗ ſtreich entriſſen wurde.“. „Auch,“ ſetzte Front de Boeuf hinzu,„erſtreckt ſich unſer Vergleich nicht auf dieſen armſeligen Nar⸗ ren da, den ich zuruͤckbehalte, um an ihm ein Exem⸗ pel zu ſtatuiren, fuͤr jeden Schurken, der Scherz in Eruſt verwandelt.“ „Die Lady Rowena,“ entgegnete Athelſtane mit gelaſſener Ruhe,„iſt meine verlobte Braut. Ich will mich eher mit wilden Roſſen zerreißen laſſen, ehe ich einwillige, mich von ihr zu trennen. Der Sklave Wamba hat heute meinem Vater Cedric das Leben gerettet— ich will das meinige verlieren, ehe ihm ein Haar auf ſeinem Haupte gekruͤmmt wird.“ „Deine verlobte Braut? Lady Rowena die ver⸗ lobte Braut eines Vaſallen wie Du?“ rief Bracy; „Sachſe, ich glaube, es traͤumt Dir, die goldnen Tage der ſieben Koͤnigreiche kehren wieder. Ich ſag' Dir, die Fuͤrſten vom Hauſe Anjou werden ihre Muͤndel nicht an Maͤnner ſolcher Abkunft, wie die Deinige, abgeben.“ „Meine Abkunft, ſtolzer Normann,“ entgegnete Athelſtane,„entſpringt aus einem reineren und aͤlte⸗ ren Quell, als die eines bettelhaften Franzoſen, der davon lebt, daß er das Blut der Diebe verkauft, die er unter ſeine armſellge Fahne verſammelt. hnherren, tapfer im Krieg Koͤnige waren meine A die jeden Tag mehr Hun⸗ und weiſe im Rath, * — 3 1²3 derte in ihren Hallen bewirtheten, als Du einzelne Anhaͤnger zaͤhlſt, deren Namen von Minſtrels beſun⸗ gen wurden, und deren Geſetze die Wittenagemots aufbewahrten, deren Gebeine unter dem Gebete von Heiligen beſtattet, und uͤber deren Graͤbern Muͤnſter erbaut wurden.“ „Da haſt Du's, de Bracy!“ ſagte Front de Boeuf, wohl zufrieden uͤber die Zurechtweiſung, die ſein Kompan erhalten,„der Sachſe hat Dich ſchoͤn heim⸗ geſchickt.“ „So ſchoͤn, als es nur immer ein Gefangener kann,“ verſetzte Bracy mit ſcheinbarer Gleichguͤltig⸗ keit;„wem die Haͤnde gebunden ſind, dem ſoll man immerhin die Zunge in Freiheit laſſen. Aber Deine ſpitzige Antwort, Kamerad,“ fuhr er gegen Athelſtane fort,„wird Lady Rowena nicht in Freiheit ſetzen.“ Athelſtane, der bereits gegen ſeine Gewohnheit lang geſprochen hatte, gab keine Antwort darauf. Ihre weitere Unterhandlung ward durch die Ankunft eines Dieners unterbrochen, welcher meldete, daß am Hinterpfoͤrtchen ein Moͤnch Einlaß begehre. „Im Namen des heiligen Bennet, des Fuͤrſten dieſer Bettlerzunft,“ ſprach Front de Boeuf,„ha⸗ ben wir's dießmal mit einem wirklichen Moͤnch oder wieder mit einem Betruͤger zu thun? unterſucht ihn, Sklaven— laßt Ihr einen zweiten Betruͤger herein, um Cuch eine Naſe zu drehen, ſo laß ich Euch die 124 Augen ausreißen und feurige Kohlen in ihre Hoͤlle thun.“ „Es ſoll mich Euer aͤuſſerſter Zorn treffen,“ ſagte Giles,„wenn dieß nicht ein aͤchter Glatzkopf iſt. Euer Knappe Jocelyn kennt ihn wohl und ſteht Euch gut dafuͤr, daß es Bruder Ambroſius, ein Moͤnch aus der Dienerſchaft des Abts von Jor⸗ vaulx iſt.“, „So laßt ihn ein,“ befahl Front de Boeuf, „vielleicht bringt er uns Nachrichten von ſeinem lu⸗ ſtigen Herrn. Sicherlich haͤlt der Teufel wieder ei⸗ nen Feſttag und hat die Pfaffen ihrer Pflichten ent⸗ bunden, daß ſie ſo ledig durch's Land laufen. Bringt die Gefangenen weg; und Du Sachſe, uͤberlege, was Du gehoͤrt haſt.“ „Ich verlange,“ verſetzte Athelſtane,„eine eh⸗ rewolle Gefangenſchaft, mit gehoͤriger Sorgfalt fuͤr Bett und Tiſch, wie es meinem Rang gebuͤhrt und wie es der anſprechen kann, mit dem man um Loͤſegeld in Unterhandlung ſteht. Auſſerdem halte ich denje⸗ nigen, der ſich der Beſte unter Euch daͤucht, mir fuͤr dieſe Beeintraͤchtigung meiner Freiheit zu perſoͤnli⸗ cher Genugthuung verbunden. Schon ward Dir dieſe Ausforderung durch Deinen Vorſchneider geſandt; Du biſt dazu verpflichtet, und mußt Dich mir ſtellen. — Hier liegt mein Handſchuh!“ „Ich nehme keine Ausforderung von meinem Ge⸗ fangenen an,“ entgegnete Front de Boeuf;„noch † T 85 125 ſollſt auch Du es, de Bracy.— Giles,“ fuhr er fort,„haͤnge den Handſchuh des Franklin an jenes Hirſchgeweih; dort ſoll er bleiben, bis er wieder ein freier Mann iſt. Sollte er ſich dann heraus neh⸗ men, ihn zuruͤckzufordern, oder zu behaupten, man habe ihn widerrechtlich zum Gefangenen gemacht, beim Guͤrtel des heiligen Chriſtoph, dann hat er es mit einem zu thun, der ſich nie weigerte, einem Feinde zu Fuß oder zu Pferd, allein, oder mit Huͤlfe ſeiner Vaſallen, Rede zu ſtehen.“ Die ſaͤchſiſchen Gefangenen wurden abgefuͤhrt, als man eben den ſaͤchſiſchen Moͤnch Ambroſius her⸗ einbrachte, der in großer Unruhe zu ſein ſchien. „Das iſt der wahre Deus vobiscum ſprach Wamba, als er an dem ehrwuͤrdigen Kloſterbruder voruͤberkam;„die andern waren alle nachgemacht.“ „Heilige Mutter Gottes!“ rief der Moͤnch, ſich an die verſammelten Ritter wendend,„ſo bin ich nun wieder unter Chriſten.“ „Sicher genug biſt Du,“ erwiederte de Bracy, „und was das Chriſtenthum anbelangt, ſo iſt hier der handfeſte Baron Reginald Front de Boeuf, deſſen groͤßter Abſcheu ein Jude iſt, der gute Tempelritter, Brian de Bois Guilbert, deſſen Handwerk iſt, Sara⸗ zenen zu ſchlachten— wenn das nicht lauter aͤchte Heichen von Chriſtenthum ſind, ſo weiß ich keine Andern, die ſie an ſich truͤgen.“ „Ihr ſeid Freunde und Verbuͤndete unſeres hoch⸗ 126 wuͤrdigen Vaters in Gott des Prior Aymer von Jor⸗ vaulr,“ ſprach der Moͤnch, ohne auf den Ton in de Bracy's Antwort zu achten;„Ihr ſeid ihm ſowohl ritterlichen Beiſtand, als chriſtliche Barmherzigkeit ſchuldig; denn was ſagt der heilige Auguſtin in ſei⸗ nem Buche De civitate Dei“—— „Was ſagt der Teufel?“ unterbrach ihn Front de Boeuf,„oder beſſer, was ſagſt Du, Pfaffe? Wir haben keine Zeit, die Texte der heiligen Kirchenvaͤ⸗ ter anzuhoͤren.“ „Sancta Maria!“ rief Vater Ambroſius,„wie doch die unheiligen Lalen ſo ſchnell in Zorn gerathen, — Ihr muͤßt wiſſen, wackere Ritter, daß einige moͤr⸗ deriſche Schurken, die Furcht Gottes und die Ehrer⸗ bietung gegen ſeine Kirche auſſer Augen ſetzend, und nicht beachtend die Bulle des heiligen Stuhls: Si quis, suadente Diabolo“—— „Bruder Pfaffe,“ rief der Templer,„alles die⸗ ſes wiſſen oder errathen wir— ſag' uns geradezu, iſt Dein Herr, der Prior gefangen, und von wem?“ „Gewißlich,“ ſagte Ambroſius,„er iſt in den Haͤnben der Kinder Belials, die dieſe Waͤlder unſi⸗ cher machen und die heilige Schrift verachten, die da ſagt: Ruͤhrt nicht an meinen Geſalbten, und thut meinen Propheten kein Leid.“ „Ein neuer Grund, unſre Schwerter zu ziehen, meine Herren!“ ſprach Front de Boeuf, gegen ſeine Genoſſen ſich wen dend,„ anſtatt uns Huͤlfe zu —— — ——— 127 leiſten, begehrt der Prior von Jorvaulx des Beiſtands unſrer Arme! Iſt man doch recht angefuͤhrt mit die⸗ ſen faulen Kloſterleuten, wenn man am meiſten in der Patſche iſt. So ſag' doch mal, was erwartet Dein Herr von uns?“ „Wenn Ihr erlaubt,“ ſprach Ambroſius,„man hat gewaltthaͤtig Hand an meinen Vorgeſetzten gelegt, ganz gegen den heiligen Spruch, den ich ſo eben an⸗ gefuͤhrt, ja die Kinder Belials haben ihm ſein Ge⸗ paͤck gepluͤndert, und ihm zweihundert Mark feinen Goldes geraubt und fordern noch uͤberdieß eine große Summe, ehe ſie ihn aus ihren unreinen Haͤn⸗ den entlaſſen wollen. Deßhalb erſucht Euch der hei⸗ lige Vater, ihn durch Erlegung des Loͤſegelds, oder mit gewaffneter Hand, nach Eurem beſten Vermoͤ⸗ gen zu erretten.“ „Der Teufel treibt den Abt!“ ſprach Front de Boeuf.„Er muß einen tiefen Zug zum Morgen⸗ trunk gethan haben. Wann hoͤrte wohl Dein Herr, daß ein normaͤnniſcher Edelmann ſeine Boͤrſe zog, um einen Pfaffen auezulöſen, deſſen Geldſaͤcke im⸗ mer zehnmal ſo ſchwer ſind, als die unſrigen?— und wie koͤnnen wir ihn befreien durch unſre Tapfer⸗ keit, die wir durch eine zehnmal groͤßere Macht ein⸗ geſchloſſen ſind und in jedem Augenblick einen Sturm erwarten?“ „Das war es auch, was ich Euch ſo eben be⸗ richten wollte,“ ſagte der Moͤnch,„waͤret Ihr 128 mir nicht zuvorgekommen. Aber, Gott ſteh' mir bei, ich bin alt, und dieſe tollen Angriffe bringen eines betagten Mannes Gehirn in Bewegung. Deſſen un⸗ geachtet iſt es wahr, daß ſie ſich zum Angriff ſam⸗ meln, und einen Wall gegen die Schloßmauer auf⸗ werfen.“ „Auf die Zinnen!“ rief de Bracy,„wir wollen ſehen, was die Schuſte draußen treiben!“ darsit oͤff⸗ nete er ein Gitterfenſter, das auf eine Art von Bruſt⸗ wehr, oder einen vorſpringenden Balkon ging, und rief dann ſogleich ins Ziaimer zuruͤck:„Saint Den⸗ nis! Der alte Moͤnch hat nur zu wahre Kunde ge⸗ bracht! Sie bringen Schutzdaͤcher(mantelets) und hohe Schilde(pavisses) herbei, und die Bogenſchuͤtzen ſtehen am Saum des Waldes in Reih und Glied, wie eine ſchwarze Wolke vor dem Hagelwetter!“ Reginald Front de Boeuf uͤberſchaute gleichfalls das Feld und ſogleich ins Horn ſtoßend, das laut und weithin erdroͤhnte, gebot er ſeinen Leuten ihre Poſten auf dem Walle einzunehmen. „De Bracy;“ ſprach er,„nimm Du die oͤſtliche Selte, wo die Mauern am niedrigſten ſind!— Ed⸗ ler Bois Guilbert, Dein Kriegshandwerk hat Dich's Angreifen und Vertheidigen gleich gut gelehrt, nimm Du die weſtliche Seite!— Ich ſelbſt will am Bruͤk⸗ kenkopf Poſto faſſen. Beſchraͤnkt Euer Augenmerk nicht auf einen Punkt, meine edlen Freunde!— wir muͤſſen heute allgegenwaͤrtig ſein, und, ſo es moͤglich, 129 moͤglich waͤre, uns vervlelfaͤltigen, um uͤberall durch un⸗ ſere Gegenwart Schutz und Beiſtand zu bringen, wo der Angriff am hizigſten iſt. Unſerer ſind wenige, aber Thaͤtigkeit und Muth ſoll den Mangel erſetzen, da wir's ja nur mit elenden Bauerluͤmmeln zu thun haben.“ „Aber, edle Ritter!“ rief Pater Ambroſius unter dem Laͤrm und Geraͤuſch der Vertheidi⸗ gungsanſtalten aus,„will denn keiner die Bot ſchaft des edlen Prior Aymer von Jorvaulc, unſers hoch⸗ wuͤrdigen Vaters in Gott vernehmen?— Ich be⸗ ſchwoͤre Dich, mich anzuhoͤren, edler Herr Reginald!““ „Geh', plaudre Dein Geſuch dem Himmel vor!“ rief der ſtolze Normann;„wir auf Erden ha⸗ ben keine Zeit, darauf zu hoͤren!— He! Hieher, Anſelm! ſorge, daß ſiedendes Oel und Pech in Be⸗ reltſchaft iſt, um es den frechen Verraͤthern uͤber die Koͤpfe zu gieſſen! Gebt Acht, daß es den Arm⸗ bruſtſchuͤtzen nicht an Bolzen gebricht.— Laßt mein Banner mit dem alten Stierkopf wehen!— Die Schufte ſollen ſehen, mit wem ſie's heute zu thun haben!“ „Aber, edler Herr,“ fuhr der Moͤnch fort, noch immer ſich beſtrebend, Aufmerkſamkeit zu erregen, „bedenkt mein Geluͤbde des Gehorſams, und erlaubt mir, mich des Auftrags meines Gebieters zu ent⸗ ledigen!“ „Fort mit dieſem geſchwaͤtzigen Alten!“ rief Front W. Scott's Werke. XL.V. 9 . 130 de Bveuf.„Sperrt ihn in die Kapelle ein, er mag dort ſein Gebetlein herſagen, bis der Laͤrm vor⸗ uͤber iſt. Es wird fuͤr die Heiligen etwas neues ſein, ein Ave und Paternoſter in, Torquilſtone zu hoͤren. Ich glaube, ſeit ſie aus Stein ausgehauen ſind, iſt ihnen dieſe Ehre nicht widerfahren.“ 4 „Laͤſtert die gebenedeiten Heiligen nicht, Sir Reginald!“ verſetzte Bracy,„wir werden heute ihres Beiſtands beduͤlfen, bis wir dieſer Schufte da los und ledig ſind!“ „Ich erwarte wenig Huͤlfe von ihrer Seit',“ entgegnete Front de Boeuf,„auſſer wenn wir ſie von den Zinnen herak den Schurken auf die Koͤpfe waͤlzen. Da iſt der rieſige St. Chriſtoph dort im Winkel, der reicht allein hin, eine ganze Schaar niederzuſchmettern. Der Templer hatte indeſſen die Belagerer mit mehr Aufmerkſamkeit als der rohe Front de Boeuf oder ſein leichtſinniger Spießgeſelle beobachtet.„Beim Glauben meines Ordens,“ ſprach er,„die Burſche ruͤcken mit mehr Kriegskunſt an, als man von ihnen haͤtte erwarten ſollen. Seht Ihr, wie geſchickt ſie ſich jedes Buſches und Strauchs bedienen, um ſich gegen die Bolzen unſrer Armbruſtſchuͤtzen zu decken? Zwar kann man weder Banner noch ſonſt ein Feldzeichen entdecken, und doch wett' ich meine goldene Kette, daß ſie von einem edlen Ritter oder Edelmann an⸗ gefuͤhrt werden, der im Kriegfuͤhren wohl erfahren iſt.“ „Ha! ich erſpaͤhe ihn,“ rief Bracy,„ich ſehe einen Ritterhelm wehen und ſeine Ruͤſtung gläͤnzen. zer, der den vorderſten Trupp der ſpitzbuͤbiſchen Bo⸗ Mauer zu vertheidigen, erwarteten ſie mit ruhiger 131 Seht dort den großen Mann in dem ſchwarzen Pan⸗ genſchuͤtzen anfuͤhrt.— Beim heiligen Dennis, irr“ ich mich nicht, ſo iſt es derſelbe, den wir den Noir Painéant nannten, der Dich, Front de Boeuf, in den Schranken bei Aſfhby aus dem Sattel hob.“ „Um ſo beſſer,“ verſetzte der Ritter,„daß er bieher koͤmmt, mir Revenge zu geben. Es muß ein elender Burſche ſein, daß er's nicht wagte, ſein Recht an den Preis beim Turniere geltend zu machen, den ihm der Zufall gab. Umſonſt wuͤrde ich ihn geſucht haben, wo Ritter und Edle ihre Gegner aufſuchen, und ſehr bin ich's zufrieden, ihn hier unter der ſchurkiſchen Neomanrie zu treffen.“ Des Feindes unmittelbare Annaͤherung brach ihre weitere Unterredung ab. Jeder Ritter begab ſich auf ſeinen Poſten, und an der Spitze der wenigen Reiſigen, die ſie aufzubringen vermochten, und de⸗ ren Anzahl nicht hinreichte, den ganzen Umkreis der Entſchloſſenheit den drohenden Angriff. 132 Achtes Kapitel. Dieß irrende Geſchlecht, verſtoßen von den Menſchen, Drang doch mit tiefem Blick ins Reich der Wiſſenſchaft. Meer, Wald und Wüſte, wo ſie forſchend weilen, Sehn ſie mit ihrer Schätze heimlichſten vertraut. Das unbemerkte Gras, die Blume, zarte Blüte, Von ihrer Hand gepflückt, zeigt ungeträumte Kraft. Der Jude. unſere Geſchichte muß nothwendig etwas zuruͤck⸗ ſchreiten, damit die weiteren Ereisniſſe verſtaͤndlich werden. Leicht wird man geahnt haben, daß, als Jvanhoe niederſank und von aller Welt verlaſſen zu ſein ſchien, die dringenden Bitten Rebekka's es wa⸗ ren, die ihren Vater vermochten, den tapfern jun⸗ gen Krieger aus den Schranken nach ihrer Wohnung bringen zu laſſen, die ſie fuͤr dieſe Zeit in der Vor⸗ ſtadt von Aſhby bezogen hatten. Unter andern Umſtaͤnden wuͤrde es eben nicht ſchwer gehalten haben, Iſaak zu dieſem Schritte zu bringen; denn er war auſſerſt dankbar und gefaͤllig. Aber er beſaß zugleich die Vorurtheile und die aͤngſt⸗ liche Zaghaftigkeit ſeines verfolgten Stamms, und dieſe mußten vorher beſiegt werden.„Heiliger Abra⸗ ham!“ rief er,„er iſt ein guter Juͤngling, und mein Herz blutet, wenn ich ſein Blut das reich geſtickte Wamms und den ſchoͤnen Panzer durchdringen ſſehe! 133 — Aber ihn nach unſrem Hauſe bringen!— Juͤng⸗ ferchen, haſt Du es auch bedacht? er iſt ein Chriſt, und nach unſrem Geſetze duͤrfen wir mit Fremden und Heiden nur zum Behuf unſres Handels verkehren.“ „Sprecht nicht ſo, theurer Vater,“ entgegnete Rebekka;„wir ſollen nur ihre Gaſtmale und Feſt⸗ lichkeiten nicht mit ihnen theilen; allein, verwundet, und im Elend wird auch der Heide des Juden Bruder.“ „Ich wollte, ich wuͤßte, was Rabbi Jakob Ben Tudela daruͤber daͤchte,“ verſetzte Iſaak;„deſſen ungeachtet ſoll ſich der gute Junge nicht zu Tode blu⸗ ten. Seth und Reuben ſollen ihn nach Afhby tragen.“ „Nein, in meine Saͤnfte ſollen ſie ihn legen!“ ſagte Rebekka,„ich beſteige einen der Zelter.“ „Das wuͤrde Dich den Blicken der Hunde von Ismael und Edom ausſetzen,“ fluſterte Iſaak mit einem argwoͤhniſchen Blick auf das Gedraͤnge der Ritter und Knappen. Aber Rebekka war bereits be⸗ ſchaͤftigt, ihren menſchenfreundllchen Vorſatz auszu⸗ fuͤhren, und achtete nicht auf ſeine Reden, bis Iſaak ſie beim Mantel griff, und mit angſtvoller Sorge rief:„Beim Barte Aarons! wenn der Juͤngling ſtirbt! wenn er ſtirbt unter unſern Haͤnden, ſo kommt ſein Blut uͤber unſer Haupt, und die Menge wird uns in Stuͤcke zerreißen.“ „Er wird nicht ſterben, Vater!“ ſagte Rebekka, ſich gewandt von dem Griffe Iſaaks losmachend—„er wird nicht ſterben, wenn wir ihn nicht verlaſſen, und 134 wenn er ſtirbt, ſo ſind wir allerdings vor Gott und Meuſchen fuͤr ſein Blut verantwortlich.“ ob es eben ſo viele Byzantiner aus meinem eigenen Beutel waͤren; und ich weiß, daß der Unterricht Mi⸗ riams, der Tochter des Rabbi Manaſſe von Byzanz, ddeſſen Seele uunn im Paradieſe iſt, Dich in der Heil⸗ unde geſchickt gemacht hat, und daß Du die Kraft der Kraͤuter und die Wirkung der Elixire kennſt.— Thue deßhalb, wozu Dich der Geiſt treibt.— Du biſt ein gutes Maͤdchen, ein Segen, eine Krone und ein Freudenſang fuͤr mich und mein Haus und fuͤr das Volk meiner Vaͤter.“ Die Beſorgniſſe Iſaaks waren indeſſen nicht un⸗ gegruͤndet; die großmuͤthige und wohlwollende Geſin⸗ aus. Zweimal ritt der Templer auf dem Wege an ihr voruͤber, ſeinen kuͤhnen, gluͤhenden Blick auf die reizende Juͤdinn heftend; und wir haben bereits die Folgen der Bewunderung erfahren, die ihre Reize erregten, als der Zufall ſie in die Gewalt des cha⸗ rakterloſen Wolluͤſtlings gab. tienten nach ihrer zeitigen Wohnung bringen, und zu unterſuchen und zu verbinden. Die juͤngſten Leſer „Nein,“ ſagte Iſaak nachgebend,„es jammert mich ſo ſehr, ſein Blut herabfließen zu ſehen, als nung ſeiner Tochter ſetzte ſie bei ihrer Ruͤckkehr nach Aſhby dem unheiligen Blicke Brian de Bois Gullberts Ohne Zeit zu verlieren ließ Rebekka den Pae begann ſogleich mit eigenen Haͤnden ſeine Wunden von Romanen und romantiſchen Balladen werden ſich er⸗ innern, wie die Frauen in jenem finſtern Zeitalter ſehr pft in die Geheimniſſe der Wundarzneikunſt ein⸗ geweiht waren, und wie die tapſeren Ritter die Hei⸗ lung ihrer Wunden haͤufig denjenigen uͤberlleßen, de⸗ ren Augen ihr Herz noch viel tiefer verwundet hatten. Die Juden beiderlei Geſchlechts aber verſtanden und uͤbten die Heilkunde nach allen ihren Zweigen, und die Fuͤrſten und maͤchtigen Barone jener Zeiten uͤberließen ſich oft, ſowohl bei Verwundungen, als bei innern Krankheiten der Behandlung eines erfahre⸗ nen Weiſen von dieſem verachteten Volke. Man ſuchte den Beiſtand der juͤdiſchen Aerzte nicht we⸗ niger, obgleich der Glaube unter den Chriſten allge⸗ mein war, daß die juͤdiſchen Rabbiner in alle gehei⸗ men Wiſſenſchaften eingewelht, und beſonders in der Kabbala bewandert waͤren, deren Name und Urſprung von dem Studium der juͤdiſchen Weiſen hergeleitet wird. Auch laͤugneten die Rabbiner eine ſolche Kennt⸗ niß uͤbernatuͤrlicher Wiſſenſchaften nicht, die den Haß nicht vermehrte, womit ihr Volk betrach⸗ tet wurde, waͤhrend es die Verachtung verminderte, womit der Haß gegen ſie Hand in Hand zu gehen pflegte. Ein juͤdiſcher Zauberer mochte Gegenſtand gleichen Abſcheues ſein, wie der juͤdiſche Wucherer, allein er konnte nicht gleich verachtet werden. Es iſt jedoch wahrſcheinlich, wenn man die wunderbaren Heilungen bedenkt, die ſie bewirkten, daß die Juden 136 im Beſitze aͤrztlicher Geheimniſſe waren, welche ſie auch mit der aus ihrer buͤrgerlichen Lage entſprin⸗ genden ſelbſtſuͤchtigen Vorſicht vor den Augen der Chriſten, unter denen ſie lebten, zu verbergen ſuch⸗ ten. Die ſchoͤne Rebekka war in allen Wiſſenſchaf⸗ ten ihres Volks ſorgfaͤltig unterrichtet worden; ihr faͤhiger Geiſt faßte, ordnete und erweiterte dieß Wiſſen in kurzer Zeit weit uͤber ihre Jahre, ihr Ge⸗ ſchlecht, ja ſelbſt uͤber ihr Zeitalter hinaus. Ihre aͤrztlichen Kenntniſſe erwarb ſie ſich unter der Lei⸗ tung einer alten Juͤdinn, der Tochter eines ihrer beruͤhmteſten Aerzte, die Rebekka wie ihre Tochter liebte und ihr, wie man glaubte, Geheimniſſe mit⸗ theilte, die ihr von ihrem weiſen Vater unter den⸗ ſelben Verhaͤltniſſen anverkraut wurden. Das Loos Miriams war, als Opfer des Fanatismus ihrer Zeit zu fallen, aber ihre Geheimniſſe uͤberlebten ſie in ihrer Schuͤlerinn. Eben ſowohl mit Wiſſenſchaft als mit Schoͤnheit begabt, ward Rebekka unter ihrem Stamme allge⸗ mein bewundert und verehrt, und als eine der be⸗ gabten Frauen betrachtet, deren in der heiligen Schrift Erwaͤhnung geſchieht. Ihr Vater ſelbſt geſtattete aus Ehrerbietung fuͤr ihre Talente, die ſich unwillkuͤhr⸗ lich in ſeine unbegraͤnzte Liebe zu ihr miſchten, dem Maͤdchen groͤßere Freiheit, als man bei ſeinem Stamme denſelben einzuraͤumen pflegte, und wir haben be⸗ —— 137 reits geſehen, daß er ſich oft von ihrer Meinung uͤberſtimmen ließ. Als Ivanhoe Iſaaks Wohnung erreichte, befand er ſich von dem Blutverluſt waͤhrend ſeiner Anſtrengungen in den Schranken in einem Zuſtand voͤlliger Bewußt⸗ loſigkeit. Rebekka unterſuchte die Wunde, legte die Heilmittel auf, welche ihre Kunſt ihr vorſchrieb, und verſicherte ihren Vater, daß, wenn das Fieber vermie⸗ den werden koͤnnte, das bei ſeiner großen Verblutung nicht zu fuͤrchten war, und der Heilbalſam Miriams noch ſeine Kraft bewaͤhre, fuͤr das Leben ſeines Gaſtes nichts zu beſorgen ſei, ja daß er ohne Schaden mit ihnen am andern Tage nach York reiſen koͤnne. Iſaak ſah ein wenig ſcheel zu dieſer Ankuͤndigung. Seine Barmherzigkeit wuͤrde ſich wohl auf Alhby beſchraͤnkt, oder den Verwundeten in dem Hauſe, wo er ſich jezt befand, in Pflege gelaſſen und dem iſraelitiſchen Be⸗ ſitzer deſſelben die Erſtattung der Koſten verſichert haben. Allein viele Gruͤnde wußte Rebekka gegen dieſen Plan vorzubringen, von denen wir nur zwei erwaͤhnen, da ſie von beſonderer Wichtigkeit fuͤr un⸗ ſern Iſaak waren. Der eine war, daß ſie um kei⸗ nen Preis die Phiole mit dem Wunderbalſam in die Haͤnde eines andern Arztes ſelbſt aus ihrem eigenen Stamme uͤbergeben koͤnnte, damit das Geheimniß nicht verrathen wuͤrde. Der andere, daß der verwun⸗ dete Ritter ein beſonderer Guͤnſtling des Koͤnigs Richard Loͤwenherz ſei, und daß, wenn der Koͤnig 138 zuruͤckkehren ſollte, Iſaak, der ſeinen rebelliſchen Bru⸗ der Johann in ſeinem Empoͤrungsplan mit Geld un⸗ terſtuͤtzt habe, gar ſehr eines maͤcht igen Fuͤrſprechers, der Richards Gunſt beſitze, beduͤrfen moͤchte. „Du ſprichſt nur zu wahr, Rebekka,“ ſagte Iſaak, dieſen wichtigen Gruͤnden nachgebend.—„Es hieße ſich am Himmel verfuͤndigen, wenn man die Geheimniſſe der weiſen Miriam verriethe; denn die Guͤter, die der Himmel uns ſchenkte, duͤrfen wir nicht unbeſonnener Weiſe an Andere weggeben, ſei es um Silber oder Gold, und gar vollends die Ge⸗ heimulſſe eines weiſen Arztes— fuͤrwahr, ſie muͤſ⸗ ſen denen bewahrt werden, welchen die Vorſehung ſie verlieh. Und was ihn betrifft, den die Nazare⸗ ner den Loͤwenherzigen nennen, ſo fiele ich gewiß⸗ lich lieber dem Loͤwen aus Edom in die Klauen, als ihm, wenn er Kunde von meinen Geſchaͤften mit ſeinem Bruder bekoͤmmt. Ich will deßwegen Deinem Rathe mein Ohr leihen, und dieſer Jungling ſoll mit uns nach York, und unſer Haus ſoll ſeine zweite Heimath ſein, bis ſeine Wunden geheilt ſein werden, Und wenn der Loͤwenherzige ins Land zuruͤckkehrt, wie es ſich verlauten laͤßt, ſo ſoll dieſer Wilfried meine Schutzwehr ſein, wenn der Koͤnig in Zorn ent⸗ hrennt gegen Deinen Vater. Kehrt er nicht zuruͤck, ſo kann uns dieſer Wilfried nach und nach unſere Ko⸗ ſten erſetzen, wenn er durch die Kreft ſeines Armes und Schwertes ſich Schaͤtze erwirbt, wie er geſtern 2 und heute that. Denn der Juͤngling iſt brav, er haͤlt ein auf den Tag, er erſtattet das Geborgte wie⸗ der, und hilft dem Iſraeliten, dem Sohn des Hauſes meiner Vaͤter, wenn er von maͤchtigen Raͤubern und Kindern Belials umgeben iſt.“ Erſt am ſpaͤten Abend kehrte Ivanhoe das Be⸗ wußtſein ſeiner Lage zuruͤck. Aus einem unruhigen Schlummer erwachte er mit den verworrenen Ein⸗ druͤcken, die gemeiniglich den aus bewußtloſem Zuſtande Erwachenden umſchweben. Es verging einige Zeit⸗ ehe er ſich die vor ſeinem Niederſinken in den Schran⸗ ken vorhergegangenen Umſtaͤnde wieder genau ins Gedaͤchtniß zuruͤckrufen oder die Begebenheiten von geſtern vergegenwaͤrtigen konnte. Ein Gefuͤhl von Wunden und Schmerz, verbunden mit großer Schwaͤche und Erſchoͤpfung und der verworrenen Erinnerung empfangener und ertheilter Streiche, an einander ſprengender Pferde, bald niederrennend, bald nieder⸗ gerannt— von Geſchrei und Waffengeraſſel, und al⸗ ler Tumult eines wilden Gefechts, alles dieß ging bunt vor ſeinem Geiſte voruͤber. Obwohl ſeine Wun⸗ den es erſchwerten, gelang es ihm endlich doch⸗ die Bettvorhaͤnge zuruͤckzuſchieben. Zu ſeinem großen Erſtaunen ſah er ſich in el⸗ nem prachtvoll ausgeſchmuͤckten Zimmer; allein ſtatt der Stuͤhle fand er Polſter und Alles ſo im Gewande des Morgenlandes, daß er zu zweifeln be⸗ gann, ob er nicht waͤhrend ſeines Schlafes nach Pa⸗ 140 laͤſtina zuruͤckgebracht worden ſei. Dieſe Taͤuſchung ward noch erhoͤht, als er hinter der zuruͤckgezogenen Tapete eine weibliche Geſtalt in reichlicher Kleidung, mehr nach morgenlaͤndiſchem als europaͤiſchem Ge⸗ ſchmack, durch eine verborgene Thuͤr von einem ſchwar⸗ zen Sklaven gefolgt hereintreten ſah. Schon wollte der verwundete Ritter die ſchoͤne Erſcheinung anreden, allein ſie druͤckte den Finger auf die Rubinenlippe und gebot ihm ſo Stillſchweigen, waͤhrend zihr Begleiter ſich ihm nahte, Jvanhoe's Seite aufzudecken, und die liebenswuͤrdige Juͤdinn ſich ſelbſt uͤberzeugte, daß der Verband in Ordnung und daß es gut mit der Wunde ſtehe. Sie erfuͤllte ühr Geſchaͤft mit ſo vleler anſpruchloſen Anmuth und dabel mit ſolcher Wuͤrde, daß ſie ſelbſt in gebildete⸗ ren Zeiten alles Anſtoͤßige, das dem weiblichen Zart⸗ gefuͤhl widerſtrebte, verbannt haben wuͤrde. Der Ge⸗ danke, daß ein ſo junges und liebliches Maͤdchen an dem Krankenbett oder bei den Wunden eines Man⸗ nes thaͤtigen Beiſtand leiſtete, verſchwand vor dem Bild eines wohlthaͤtigen Weſens, das ſeine wirkſame Huͤlfe aufbietet, Leiden zu mildern und den Streich des Todes abzuwenden. Rebekka's kurze und buͤndige Befehle wurden dem alten Diener in hebraͤiſcher Sprache mitgetheilt, der, da er ihr haͤufig in aͤhnli⸗ chen Faͤllen an die Hand gegangen, ohne Widerrede gehorchte. B Die Toͤne einer fremden Sprache, wie rauh 141 ſie auch aus einem andern Munde geklungen haben moͤchten, brachten, aus dem der ſchoͤnen Rebekka er⸗ klingend, den romantiſchen, einnehmenden Eindruck hervor, den die Fantaſie den Zauberworten einer wohlthaͤtigen Fee beilegt, die zwar dem Ohre unver⸗ ſtaͤnblich, durch ihreLieblichkeit aber und die wohlthuende Erſcheinung, von der ſie kommen, ſtets den innigſten, tiefſten Einfluß auf das Herz beweiſen. Ohne wei⸗ tere Frage ließ ſie Ivanhoe ſchweigend alle Vorkeh⸗ rungen treffen, die ſie zu ſeiner Wiederherſtellung fuͤr noͤthig hielten; und erſt, als dieſe beendigt wa⸗ ren, und ſein lieblicher Arzt ſich wieder entfernen zu wollen ſchien, vermochte er ſeine Neugierde nicht laͤnger zu unterdruͤcken.— Liebliches Maͤdchen,“ be⸗ gann er in arabiſcher Sprache, die er auf ſeinen mor⸗ genlaͤndiſchen Reiſen erlernt und fuͤr das in Turban und Kaftan gehuͤllte Maͤdchen am paſſendſten glaubte, „ich bitte Dich, liebliches Maͤdchen“—— Aber ſein ſchoͤner Arzt unterbrach ihn, ein un⸗ willkuͤhrliches Laͤcheln uͤberflog ein Geſicht, deſſen ge⸗ woͤhnlicher Ausdruck ſinnige Schwermuth war,„ich bin in England geboren, Herr Ritter, und ſpreche die engliſche Sprache, obgleich meine Tracht und mein Geſchlecht einem andern Himmel angehoͤrt.“ „Edles Fraͤulein,“— begann nun Ritter Jvan⸗ hoe; und Rebekka fiel wieder eilig ein. „Nennt mich nicht edel, Herr Ritter! Es wird gut ſein, wenn Ihr erfahrt, daß Eure Waͤrterinn eine — 2 == —— 14²— arme Juͤdinn, die Tochter Iſaaks von York iſt, gegen den Ihr erſt noch ein ſo guͤtiger und freundlicher Herr waret. Wohl geziemt es ihm und ſeinem Haus⸗ halt, Euch die ſorgfaͤltige Pflege zu widmen, die Euer jetziger Zuſtand erfordert.“ Ich weiß nicht, ob die ſchoͤne Rowena vollkom⸗ men mit den Empfindungen zufrieden geweſen waͤre, womit der ihr treu zugethane Ritter die reizenden Zuͤge, die ſchoͤne Geſtalt und die ſtrahlenden Augen der lieblichen Rebekka betrachtete; Augen, deren leuchtender Strahl von den langen, ſeidnen Wim⸗ pern beſchattet und gemildert ward, die ein Minſtrel dem Abendſtern verglichen haben wuͤrde, deſſen Strah⸗ len durch eine Jasminlaube dringen. Allein Ivan⸗ hoe war ein zu guter Katholik, als daß er gleiche Gefuͤhle gegen eine Juͤdinn genaͤhrt hatte. Dieß hatte Rebekka vorausgeſehen, und ſich eben deßhalb be⸗ eilt, ihrer Abkunft zu erwaͤhnen. Aber auch Iſaaks ſchoͤne und weiſe Tochter war nicht ganz ohne einen Anflug weiblicher Schwaͤche— ſie konnte nicht umhin, tief aufzuſeufzen, als der Blick ehrerbietiger Bewun⸗ derung nicht ganz ohne den Ausdruck zaͤrtlicherer Emp⸗ findungen, womit Jvanhoe bisher ſeine unbekannte Wohlthaͤterinn betrachtet hatte, gegen ein kaltes, gefaßtes, abgemeſſenes Benehmen ſich umteuſchte, das eben nicht mehr Gefuͤhl, als dankbare Anerren⸗ nung eines von unerwartteter Seite und von unterge⸗ ordneten Perſo nen gele iſteten Dienſtes verrieth. Nicht 143 als ob Jvanhoes fruͤheres Benehmen mehr als allge⸗ meine Huldigung ausgeſprochen haͤtte, welche die Jugend ſtets der Schoͤnheit zollt; aber es war den⸗ noch empfindlich fuͤr die arme Rebekka, daß ein Wort, gleich einem Zauberſpruch, ſie, die ſich ihrer Anſpruͤche auf ſolche Auszeichnung bewußt ſein mußte, ploͤtzlich in eine niedrige Klaſſe herabſtieß, der man mit Ehren keine Aufmerkſamkeit ſchenken konnte. Allein ihr Edelmuth und ihre Herzensguͤte rech⸗ nete es Jvanhoe nicht als Schuld auf, daß er die allgemeinen Vorurtheile ſeines Zeitalters und ſeiner Religion theilte. Im Gegentheil ſaͤumte die ſchoͤne Juͤdinn, obgleich ſie fuͤhlte, daß ihr Patient ſie als ein Mitglied eines verworfenen Geſchlechts anſah, mit dem es Schande bringe, mehr als den noͤthigen Verkehr zu haben, keinen Augenblick, ſeiner Wieder⸗ herſtellung die angeſtrengteſte Muͤhe und Sorgfalt zu widmen. Sie benachrichtigte ihn von der Noth⸗ wendigkeit, nach York aufzubrechen, und daß ihr Va⸗ ter entſchloſſen ſei, ihn dort bis zu ſeiner Wieder⸗ herſtellung in ſeinem eigenen Hauſe zu verpflegen. Ivan⸗ hoe bezeigte keine Luſt, auf dieſen Plan einzugehen, und ſchuͤtzte vor, daß er Anſtand nehme, ſeinen Wohl⸗ thaͤtern noch weitere Muͤhe zu machen. „Waͤre nicht hier in Afhby,“ fragte er,„oder in der Naͤhe ein ſaͤchſiſcher Franklin, oder auch nur ein ſaͤchſiſcher Bauer, der einen verwundeten Landsmann ſo lange aufnehmen wuͤrde, bis er wieder ſeine Ruͤſt⸗ 144 ung tragen koͤnnte? Iſt kein Kloſter ſaͤchſiſcher Stiftung in der Naͤhe, das ihm ein Obdach gewaͤhrte? Oder koͤnnte ich nicht nach Burton gebracht werden, wo ich gewiß bin, bei Waltheoff, dem Abt von St. Withold, meinem Verwandten, guͤtige Aufnahme zu finden?“ „Jede, auch die ſchlechteſte dieſer Herbergen,“ erwiederte ſie mit melancholiſchem Laͤcheln,„iſt ohne Frage ein ſchicklicherer Aufenthalt fuͤr Euch, als das Haus eines verachteten Juden; und doch koͤnnt Ihr, Herr Ritter, ohne Euern Arzt zu wechſeln, Euern Aufenthalt nicht zu aͤndern. Mein Stamm verſteht ſich, wie Euch bekannt iſt, auf die Heilung von Wun⸗ den, obgleich er keine ſchlaͤgt; uͤberdieß ſind unſrer Famille Geheimniſſe eigen, die ſoit Salomos Zeiten von Hand zu Hand gingen, und von denen Ihr bereits einigen Nutzen erfahren habt. Kein Nazarener— ver⸗ zeiht mir den Ausdruck— kein chriſtlicher Arzt in⸗ nerhalb der vier Meere Britanniens ſetzt Euch inStand, binnen Monatsfriſt Euren Panzer zu tragen.“ „und wann willſt Du mich wiederherſtellen?“ fragte Ivanhe mit Ungeduld. „In acht Tagen, wenn Ihr Euch r uhig und ge⸗ duldig in meine Anordnungen fuͤgen wollt,“ verſetzte Robekkag. 3 „Heilige Mutter Gottes!“ rief Wilfried,„wenn es keine Suͤnde iſt, ſie hier zu nennen, es iſt jetzt keine Zeit fuͤr mich oder ſonſt einen wackern Nitlew, das — ꝗ d——— 145 Bett zu huͤten; und wenn Du Dein Verſprechen er⸗ fuͤllſt, Maͤdchen, ſo will ich Dir meinen Helm mit Kronen fuͤllen, mag ich dazu kommen, wie ich will.“ „Ich werde mein Verſprechen erfuͤllen,“ aut⸗ wortete Rebekka,„und Du ſollſt von heute in acht Tagen Deine Ruͤſtung tragen, wenn Du mir ſtatt des Goldes, das Du mir verheißeſt, nur eine Bitte gewaͤhren willſt.“ „Iſt es in meine Macht gegeben und geeignet⸗ daß ein chriſtlicher Ritter ſie einem von deinem Volk gewaͤhren darf,“ verſetzte Ivanhoe,“ ſo will ich gern und dankbar Deine Bitte erfuͤllen.“ „Nun,“ antwortete Nebekka,„ich will Dich blos bitten, in Zukunft zu glauben, daß ein Jude einem Chriſten einen Dienſt erweiſen kann, ohne andern Lohn zu begehren, als den Segen des großen Vaters, der beide, den Juden wie den Heiden erſchaffen hat.“ Es waͤre Suͤnde, daran zu zweifeln, Maͤdchen, und ich uͤberlaſſe mich Deiner Kunſt ohne weitere Zweifel oder Fragen, mit dem vollen Vertrauen, daß Du mich faͤhig machſt, am achten Tage meinen Har⸗ niſch zu tragen. Und nun, mein freundlicher Arzt, laß mich nach Kunde von auſſen forſchen. Was iſt aus dem edeln Cedric und ſeinem Gefolge geworden? Was aus der liebenswuͤrdigen Lady“— hier hielt er inne, als naͤhme er Anſtand, Rowenas Namen im Hauſe eines Juden zu nennen— aus ihr, die zur Koͤniginn des Turniers ernannt wurde?“ . Scott's Werke. XI.V. 10 146 „Und die Ihr zu dieſer Wuͤrde erhobet, Herr Ritter, ein Urtheil, das, gleich Eurer Tapferkeit allent⸗ halben geprieſen ward,“ erwiederte Rebekka. Trotz dem ſtarken Blutverluſt faͤrbten ſich ſeine Wangen fluͤchtig, als er fuͤhlte, daß er den Antheil, welchen er an Rowena nahm, durch ſeinen vorſichti⸗ gen Verſuch, ihn zu verbergen, verrathen habe. „Ich wollte weniger von ihr, als von dem Prin⸗ zen ſprechen,“ ſagte er,„und moͤchte gerne etwas von meinem treuen Knappen wiſſen und warum er mich nicht begleitet.“ „Laßt mich mein aͤrztliches Anſehn anwenden,“ antwortete Rebekka,„und Euch Stillſchweigen und die Verbannung beunruhigenden Nachdenkens empfeh⸗ len, waͤhrend ich Euch von dem, was Ihr zu wiſſen wuͤnſcht, Bericht erſtatte. Prinz Johann hat das Turnier aufgehoben, und ſich in groͤßter Eile, mit allen Edlen, Rittern und Geiſtlichen ſeiner Partei, nach⸗ dem er ſo viel Geld, als er nur immer auf rechtliche oder gewaltſame Weiſe von den ſogenannten Reichen des Landes aufgetrieben, nach York begeben. Man ſagt, er habe die Abſicht, ſich ſeines Bruders Krone zuzueignen.“ 3 „Das ſoll ihm nicht ohne blutigen Kampf zu ihrer Vertheidigung gelingen!“ ſprach Ivanhoe, ſich vom Bette erhebend,„wenn nur noch ein treuer Un⸗ terthan in England iſt. Ich will fuͤr Richards Recht 147 mit den Beſten von ihnen kaͤmpfen, je einer gegen zwei— in jedem gerechten Kampf.“ „Aber damit Ihr dazu faͤhig ſeid,“ ſprach Re⸗ bekka, leicht ſeine Schulter beruͤhrend,„muͤßt Ihr Euch gelaßener und ruhiger verhalten.“ „Recht, Maͤdchen,“ ſagte Ivanhoe,„ſo ruhig, als dieſe ſtuͤrmiſchen Zeiten nur immer es erlauben— Cedric und ſein Gefolge aber?“ „Sein Haushoſmeiſter war vor kurzem hier,“ verſetzte die Juͤdinn,„in groͤßter Eil gewiße Gelder fuͤr die Wolle von Cedrics Huͤrden in Empfang zu nehmen. Von ihm hoͤrte ich, daß ſein Gebieter und Athelſtane von Coningsburgh des Prinzen Wohnſitz in hoͤchſtem unmuth verlaſſen haben, und im Begriff waren, zur Ruͤckkehr nach ihrer Heimath aufzubrechen.“ „Ging eine Lady mit ihnen zum Bankett?“ fragte Wilfried. „Die Lady Rowena,“ antwortete Rebekka be⸗ ſtimmter, als er die Frage geſtellt hatte,„die Lady Rowena ging nicht zu des Prinzen Feſtmahl, und iſt nun, wie der Haushofmeiſter uns berichtete, auf dem Nuͤckweg nach Rotherwood, mit ihrem Vormund Cedric. Und was Euren treuen Knappen Gurth“— „Ha!““ rief der Ritter;„kennſt Du ihn beim Namen? wohl magſt Du ihn kennen, denn von Deiner Hand und, wie ich denke, durch Deine Groß⸗ muth erhielt ich erſt geſtern hundert Zechinen.“ „Sprecht nicht hiepon,“ fiel Rebekka ein, tief 10. 148 errothend;„ich ſehe, wie leicht es der Zunge wird, das zu verrathen, was das Herz gern verborgen haͤtte.“— „Allein meine Ehre erfordert es,“ entgegnete Jvanhoe ernſt,„dieſe Summe Goldes Eurem Vater wieder zuzuſtellen.“ „Wie Ihr wollt,“ ſagte Rebekka,„ nur denke und ſprich jezt nicht von etwas, das Deine Gene⸗ ſung verzoͤgern koͤnnte!“ „Gut, Maͤdchen,“ ſprach Ivanhoe,„es waͤre ſehr undankbar, wenn ich Deinen Befehlen zuwider han⸗ delte. Aber noch ein Wort uͤber des armen Gurths Schickſal, und ich will nicht weiter fragen.“ „Es thut mir Leid, Herr Ritter, Euch ſagen zu muͤſſen,“ antwortete die Juͤdinn,„daß er in Cedric's Gewahrſam iſt.“ Als ſie aber bemerkte, welchen Kummer ihre Nachricht Wilfried verurſachte, ſetzte ſie ſogleich hinzu:„Der Haushofmeiſter Oswald ſagte aber, wenn keine neue Veranlaſſung Cedries Unmuth gegen ihn errege, ſel er gewiß, daß Cedric Gurthen verzeihen wuͤrde, da er ein treuer Diener ſei, und hoch in ſeines Herrn Gunſt ſtehe, und dieſes Ver⸗ gehen ja nur aus Liebe zu dem Sohne ſeines Herrn begangen habe. Auch ſagte er, daß er und ſeine Ka⸗ meraden, und beſonders der Spaßmacher Wamba Gurth warnen wuͤrden, unterwegs zu entſchluͤpfen, im Fall Cedrics Zorn gegen ihn ſich nicht beſchwich⸗ tigen ließe.“ r 149 „Wollte Gott, ſie fuͤhrten ihren Vorſatz aus!“ ſagte Ivanhoe;„es iſt, als ob ich vom Schickſal da⸗ zu beſtimmt waͤre, uͤber Jeden, der mir Liebe er⸗ zeigt, Verderben zu bringen.— Mein Koͤnig, der mich ehrte und auszeichnete,— Du ſiehſt, ſein leib⸗ licher Bruder erhebt den Arm, um ihm die Krone zu enrreißen— meine Huldigung hat Unruhe und Kummer der ſchoͤnſten ihres Geſchlechtes gebracht, — und nun kann mein Vater leicht in ſeinem Zorn dieſen armen Diener erſchlagen fuͤr ſeine Liebe und die guten Dienſte, die er mir leiſtete.— Du ſiehſt, Maͤdchen, welch ein zum Ungluͤck geſchaffenes Weſen Du zu unterſtuͤtzen wagſt; ſei klug und uͤberlaſſe mich meinem Schickſal, ehe das Ungluͤck, das mir auf dem Fuße folgt, gleich einem Bluthund auch Dich vernichtend ergreift.“ „Nein,“ entgegnete Rebekka,„Deine Schwaͤche und Dein Kummer, Herr Ritter, laͤßt Dich die Abſichten des Himmels mißkennen. Du biſt Deinem Vaterland wie⸗ der geſchenkt in einem Augenblick, wo es den Beiſtand eines ſtarken Arms und eines treuen Herzens am noͤthigſten bedurfte, und haſt den Stolz Deiner Feinde, und der Feinde Deines Koͤnigs gedemuͤthigt, als ſie ihr Horn am hoöchſten erhoben hatten; und in den Leiden, die Du erduldet haſt, hat Dir, wie Du ſiehſt, der Himmel unter den Verachtetſten im Lande einen Helfer und Arzt erkoren.— Deßhalb ſel guten Muthes, und glaube, daß der Himmel Dich 150 zu irgend einer großen That aufbewahrt, die Dein Arm im Angeſicht dieſes Volks vollbringen ſoll. Lebe wohl— wenn Du die Arzenet, die ich durch Reuben Dir ſenden werde, genommen haſt, ſo lege Dich wie⸗ der zur Ruhe, daß Du um ſo beſſer die Reiſe des folgenden Tages ausdauern kannſt.“ Jvanhoe war durch dieſe Gruͤnde uͤberzeugt, undge⸗ horchte den Anordnungen Rebekkas. Der Trank, den ſie ihm reichen ließ, war ein beruhigendes Schlaf erregen⸗ des Mittel, das dem Kranken einen geſunden, ruhi⸗ gen Schlummer ſicherte. Am Morgen fand ihn ſein freundlicher Arzt ganz frei von allen Fieberzu⸗ faͤllen, und im Stande, die Beſchwerden der Reiſe zu ertragen. Man legte ihn in die Saͤnfte, die ihn aus den Schranken hieher gebracht hatte, und alle Vorkehrungen zu einer bequemen Reiſe waren getrof⸗ ſen worden. Nur in einer Hinſicht vermochten ſelbſt Rebekkas Bitten nicht, dem verwundeten Rit⸗ ter die erwuͤnſchte Bequemlichkeit zu ſichern. Iſaak, gleich dem reich gewordenen Wanderer in Juvenals Satyre, wurde ſtets von der Furcht vor Raͤubern ge⸗ quaͤlt, indem er uͤberzeugt war, daß er ſowohl von den wegelagernden Normannen als von den ſaͤchſiſchen Geaͤchteten fuͤe gute Beute erklaͤrt werden wuͤr⸗ de. Er reiſte daher mit großer Eile, hielt kurze Raſt und noch kuͤrzere Mahle, ſo daß er Cedric und Athel⸗ ſtane uͤberholte, die einen Vorſprung von mehreren Meilen hatten, aber durch ihren laͤngeren Schmaus 151 im Kloſter zu St. Witholds aufgehalten wurden. Es war jedoch die Kraft von Miriams Balſam ſo groß, oder die koͤrperliche Beſchaffenheit Jvanhoe's ſo gut, daß er von der eiligen Reiſe nicht den Nach⸗ theil hatte, welchen ſein ſorgſamer Arzt befuͤrchtete. In anderer Hinſicht hatte des Juden Eile nicht den gewuͤnſchten Erfolg fuͤr Beſchleunigung ſeiner Reiſe. Sein beſtaͤndiges Treiben erregte zwiſchen ihm und den zu ſeiner Schutzwache gemietheten Sach⸗ ſen manchen Streit. Dieſe waren als ſolche keines⸗ wegs frei von der ihrem Stamme eigenen Gemaͤch⸗ lichkeit und großen Eßluſt, die ihnen die Norman⸗ nen als Faulheit und Gefraͤſſigkeit aufrechneten. Im umgekehrten Verhaͤltniß zu unſrem Shylock gedachten ſie ſich bei dem reichen Juden waͤhrend der Reiſe zu maͤſten, und waren ſehr uͤbel zu ſprechen, als ſie ſich hierin durch die große Beſchleunigung der Reiſe ge⸗ taͤuſcht ſahen. Auch uͤber den ihren Pferden durch dieſe Eile entſtehenden Nachtheil hatten ſie ſich zu beſchweren. Endlich entſpann ſich zwiſchen Iſaak und ſeinen Miethsleuten ein heftiger Streit uͤber das Quantum von Wein und Bier, das ihnen bei jeder Mahlzeit gereicht werden ſollte; und ſo geſchah es denn, daß auf die Nachricht von naher Gefahr die gedungenen Soͤldlinge Iſaak verließen, auf deren Schutz er rechnete, ohne die Mittel, ſich ihrer Er⸗ gebenheit zu verſichern, gehoͤrig anzuwenden. In dieſer verlaſſenen Lage ward der Jude mit 15² einer Tochter und dem verwundeten Ritter von Cedric gefunden, und fiel bald darauf in die Haͤnde de Bracy's und ſeiner Verbuͤndeten. Man nahm an⸗ fangs wenig Notiz von der Saͤnfte und haͤtte ſie vielleicht ganz zuruͤckgelaſſen, wenn nicht de Bracy geglaubt haͤtte, Rowena, die ſich noch nicht entſchleiert hatte, in ihr zu finden. Hoͤchſt erſtaunt fand er darin einen verwundeten Mann, der ſich in der Gewalt ſaͤch⸗ ſiſcher Geaͤchteten waͤhnend, ohne Bedenken als Wil⸗ fried von Ivanhoe ſich ankuͤndigte. Die Begriffe von ritterlicher Ehre, welche trotz ſeinem Leichtſinn und ſeiner Wildheit, nicht gaͤnzlich bei Bracy verſchwunden waren, verboten ihm, dem Ritter in ſeinem huͤlfloſen Zuſtand irgend eine Kraͤn⸗ kung zuzufuͤgen, oder ihn an Front de Boeuf zu ver⸗ rathen, der keinen Anſtand genommen haͤtte, ihm, der ſeinen Anſpruͤchen auf das Lehn von Jvanhve im Wege war, den Tod zu geben. Dagegen hieß, einen von Lady Rowena beguͤnſtigten Nebenbuhler befreien, wie die Vorgaͤnge beim Turnier und Wil⸗ frids Verbannung aus dem vaͤterlichen Hauſe auſſer allen Zweifel ſetzten, von de Bracy's Großmuth in der That zu viel gefordert. Ein Mittelweg zwiſchen Gut und Schlecht war das einzige, wozu er ſich ver⸗ ſtehen konnte; er befahl zweien ſeiner eigenen Knap⸗ pen, ſich dicht neben der Saͤnfte zu halten, und Nie⸗ mand zu geſtatten, ihr zu nahen. Wenn man ſie fragte, waren ſie von ihrem Herrn angewieſen, zu ſagen, die leere Saͤnfte der Lady Rowena wuͤrde zur Fortſchaffung eines ihrer Gefaͤhrten benutzt, der in dem Scharmuͤtzel verwundet worden ſei. Als man in Torquilſtone ankam, brachten die Knappen de Bracy's, waͤhrend der Tempelritter und der Gebieter des Schloſſes ihre eigenen Plane, der eine auf des Juden Schaͤtze, der andere auf deſſen Tochter, ver⸗ folgten, Ivanhoe als einen verwundeten Kameraden nach einem entlegenen Zimmer. Dieſe Erklaͤrung gaben de Bracy's Knappen auch Front de Boeuf, gls er ſie anließ, warum ſie nicht auf den Ruf des Laͤrm⸗ horns auf die Zinnen geellt waͤren. „Ein verwundeter Kamerad!“ rief er in Wuth und Erſtaunen;„Kein Wunder, daß die Bauern und Yeomen ſo anmaßend werden, und ſelbſt Schloͤſſer belagern, und Narren und Schweinehirten den Edlen Abſagebriefe ſenden, wenn die Kriegsleute Kranken⸗ waͤrter werden und Faubeuter am Bette ſterbender Leute wachen, waͤhrend man das Schloß erſtuͤrmen will.— Auf die Zinnen, ihr faulen Burſche!“ rief er, ſeine ſtentoriſche Stimme erhebend, daß die Ge⸗ woͤlbe erdroͤhnten:„Auf die Zinnen, oder ich ſchlage Euch die Beine ab!“ Muͤrriſch entgegneten die Leute:„daß ſie nichts ſehnlicher wuͤnſchten, als auf die Zinnen zu eilen, wenn Front de Boeuf ſie bei ihrem Herrn in Schutz nehmen wollte, der ihnen befohlen habe, des ſterben⸗ den Mannes zu warten.“ 154 „Des ſterbenden Mannes, Ihr Schufte!“ rief der Baron—„Ich ſag' Euch, wir werden bald alle Sterbende ſein, wenn wir uns nicht mehr ruͤhren. Ich will dieſem Lumpenhund von Kamera⸗ den eine andere Wartung geben.— He! Urfried— alte Hexe!— alter Teufel— willſt Du nicht hoͤren? Warte dem bettlaͤgerigen Buben, da man ſchlechter⸗ dings ſeiner warten muß, indeß dieſe Burſche ihre Waffen gebrauchen! Hier ſind zwei Armbruͤſte, Ka⸗ meraden, mit Bolzen und Spannriemen— fort zum Bruͤckenkopf mit Euch, und treibt jedweden Bolzen durch ein Sachſenhirn!“ Knn Die Leute, welche, wie die meiſten ihres Schla⸗ ges, jedes Wagſtuͤck liebten, und jede Unthaͤtigkeit verwuͤnſchten, eilten froͤhlich der Gefahr entgegen, und Jvanhoe's Pflege ward ſo urfried oder Ulrika anvertraut. Allein ſie, deren Hirn von der Erinne⸗ rung an erlittene Kraͤnkungen und von Hoffnungen auf Rache erhitzt war, war leicht dahin zu brin⸗ gen, Rebekka die Sorge fuͤr ihren Kranken zu uͤber⸗ tragen. ——— Neuntes Kayitel. Steig auf die Warte dort, die nach dem Jeld 1 Hin ſteht, und ſag uns⸗ wie die Schlacht ſich wendet. 3 Schillers Jungfrau von Orleans. Der Augenblick der Gefahr wird oft der Augen⸗ 15⁵ blick der herzlichſten Zuneigung und Liebe. Dle leb⸗ hafte Aufreizung„res Innern laͤßt uns der ge⸗ wohnten Vorſicht vergeſſen und verraͤth die tief ver⸗ borgenen Empfindungen, die unſre Klugheit uns in ruhigeren Angenblicken verbergen, wo nicht voͤllig un⸗ terdruͤcken laͤßt. Als ſich Rebekka wieder an Jvanhoe's Seite fand, erſtaunte ſie uͤber den kuͤhnen Aufflug von Freude, die ihre Seele durchzuͤckte, in dem Mo⸗ ment, wo nur Gefahr, wenn nicht Verzweiflung rund um ſie rang. Als ſie ſeinen Pulsſchlag unter⸗ fuchte und nach ſeinem Befinden fragte, war ihre Beruͤhrung, der Ton ihrer Stimme ſo ſanft, daß ſie einen viel lebhafteren Antheil verrieth, als ſie zei⸗ gen wollte. Ihre Stimme ſtockte, ihre Hand zitterte, und nur die kalte Frage Jvanhves:„Biſt Du es, liebes Maͤdchen?“ rief ſie wieder zu ihr ſelbſt zuruͤck, und mahnte ſie, daß ihre Empfindungen weder koͤnn⸗ ten, noch duͤrften erwiedert werden. Ein kaum hoͤr⸗ barer Seufzer ſtahl ſich aus ihrer Bruſt und ihre wei⸗ teren Fragen uͤber den Geſundheitszuſtand des Rit⸗ ters trugen alle nur das Gepraͤge ruhiger Freund⸗ ſchaft. Ivanhoe antwortete ihr haſtig, daß er ſich wohl und wohler fuͤhlte, als er erwarten koͤnnte— „gedankt ſei es,“ ſprach er,„Deiner huͤlfreichen Kunſt, theure Rebekka,.“ „Er nennt mich theure Rebekka,“ dachte das Maͤd⸗ chen bei ſich,„allein der kalte und nachlaͤſſige Ton, in dem er's ſprach, ſtraft ſeine Rede Luͤgen.— Sein 156 Schlachtroß,— ſein Jagdhund ſind ihm theurer als die verachtete Juͤdinn!“ℳ — Mein Geiſt iſt mohr zexruͤttet, liebes M ddchen,“ fuhr Ivanhoe fort,„durch Kummer, als mein Koͤrper durch Schmerzen. Aus den Reden dieſer Leute, die bis jezt meine Waͤrter waren, hab ich erfahren, daß ich Gefangener bin, und wenn ich mich nicht irre in der barſchen, lauten Stimme, die ſie von da zu ei⸗ nem kriegeriſchen Geſchaͤfte abrief, ſo bin ich auf dem Schloſſe Front de Boeufs— wenn dem ſo iſt, wie wird es enden, oder wie kann ich Rowena und mei⸗ nen Vater beſchuͤtzen?“ „Er erwaͤhnt weder des Juden noch der Juͤdinn,“ ſprach Rebekka bei ſich.„Doch was koͤnnen wir ihm ſein? wie gerecht ſtraft mich der Himmel, daß meine Gedanken auf ihm weilten!“ Nach dieſer Selbſtan⸗ klage beeilte ſie ſich, Ivanhoe zu berichten, was ſie wußte; allein es erſtreckte ſich blos Darauf, daß der Templer Bois Guilbert und der Baron Front de Boeuf Gebieter dieſes Schloſſes ſeien, daß es von auſſen belagert wuͤrde, aber von wem? wußte ſie nicht. Sie ſetzte hinzu, daß ein chriſtlicher Prieſter im Schloſſe ſei, der wahrſcheinlich mehr Aufſchluß geben koͤnnen“ „Ein chriſtlicher Prieſter?“ rief der Ritter freu⸗ dig;„bring ihn hieher, Rebekka, wenn Du kannſt! — ſag ihm, ein kranker Mann begehre ſeines geiſt⸗ lichen Zuſpruchs— ſag, was Du willſt— etwas muß ich unternehmen oder verſuchen; wie kann ich aber einen Entſchluß faſſen, ehe ich weiß, wie es auſſen ſteht? Um Jvanhoe's Wuͤnſche zu erfuͤllen, verſuchte Re⸗ bekka Cedric auf des verwundeten Ritters Zimmer zu bringen, was ihr durch die Dazwiſchenkunft Urfrieds vereitelt wurde. Sie zog ſich zuruͤck, um Jyanhoe von dem Mißlingen ihres Unternehmens zu benach⸗ richtigen. Sie hatten nicht Zeit, das Fehlſchlagen dieſer Hoffnung auf Nachrichten zu bedauern; denn das Geraͤuſch, das bisher die Vertheidigungsanſtal⸗ ten im Schloſſe verurſacht hatten, wuchs jezt zu zehn⸗ fachem Laͤrm und Geſchrei an. Die ſchweren, doch haſtigen Schritte der Bewaffneten vernahm man von den Zinnen, oder toͤnten ſie durch die engen, gewundenen Gaͤnge und Treppen wieder, die zu den verſchledenen Bruſtwehren und Befeſtigungswerken fuͤhrten. Man hoͤrte die Stimmen der Ritter, wie ſie ihre Man⸗ nen ermuthigten, oder die Vertheidigung lenkten, waͤhrend ihre Befehle oft von dem Graͤuſch der Waf⸗ fen, oder dem wilden Schlachtruf derer, an die ſie gerichtet waren, uͤbertoͤnt wurden. So furchtbar dleſe Toͤne waren, und noch furchtbarer der Erfolg, den ſie erwarten ließen, ſo lag in ihnen doch zugleich et⸗ was Erhabenes, das Rebekka's hochgeſtimmter Geiſt auch in dieſem Augenblick zu fuͤhlen vermochte. Ihr Auge flammte, obgleich das Blut von ihren Wangen wich, und wunderbar miſchte ſich in ihr das Gefuͤhl der Furcht mit der ſchaurig ergreifenden Begeiſterung 158 kriegeriſcher Hoheit, als ſie halb vor ſich hin, halb zu ihrem Gefaͤhrten gewandt, die Schriftworte ſprach:„Es raſſelt der Koͤcher— es ſchimmert der Speer— der Schild— die Stimme der Hauptleute und der Schlacht⸗ ruf ertoͤnen!“ Aber Ivanhoe gleich dem Schlachtroß, brannte vor Ungeduld uͤber ſeine Unthaͤtigkeit; und vor glühender Begier, den Kampf zu theilen, rief er:„Koͤnnt ich mich nur an jenes Fenſter ſchleppen, daß ich den Verlauf des tapfern Streites mit anſehn koͤnnte. Haͤtt' ich einen Bogen, einen Pfeil zu ſchießen, oder eine Streitart, um nur einen Streich fuͤr unſere Befrelung zu fuͤhren!— Es iſt vergebens! — Es iſt vergebens! Ich bin kraftlos und bin waf⸗ fenlos!“ „Beunruhigt Euch nicht, edler Ritter,“ ant⸗ wortete Rebekka,„ploͤtzlich verſtummte der Laͤrm— vielleicht koͤmmt es nicht zur Schlacht.“ „ Du kennſt das nicht,“ verſetzte Wilfried unge⸗ duldig,„dieſe Todesſtille beweiſt nur, daß nun alle Bewaffnete auf ihren Poſten ſind und einen augen⸗ blicklichen Angriff erwarten; was wir bis jezt hoͤrten, war nur das ferne Brauſen des Sturmes— bald wird er in all ſeiner Wuth ausbrechen!— Koͤnnt ich nur jenes Fenſter erreichen!“ „Du wuͤrdeſt Dir nur ſchaden durch ſolchen Ver⸗ ſuch, edler Ritter,“ entgegnete ſeine Waͤrterinn. Als ſie ſeine große Unruhe bemerkte, fuhr ſie entſchloſſen fort:„Ich ſelbſt will mich an jenes Gitterfenſter ſtel⸗ 159 len, und Euch, ſo gut ich kann, beſchreiben, was auſſen vorgeht.“ „Das ſollſt Du nicht! das darfſt Du nicht!“ rief Jvanhoe;„bald wird jedes Fenſter, jede Oeffnung das Ziel des Schuͤtzen ſein. Irgend ein irrender Pfeil“— „Er ſoll mir willkommen ſein!“ ſprach Rebekka vor ſich hin, indeß ſie mit feſtem Schritt zwei oder drei Stufen erſtieg, die nach dem Fenſter fuͤhrten. „Rebekka! theure Rebekka!“ rief Ivanhoe.„Das iſt keine Kurzweil fuͤr Maͤdchen!— ſetz Dich nicht Wunden oder dem Tode aus, Du wuͤrdeſt mich auf ewig elend machen, daß ich Dir Gelegenheit dazu gab; oder bedeck Dich wenigſtens mit jenem alten Schild und laß Deine Geſtalt ſo wenig als moͤglich am Fenſter ſehen.“ Sie folgte mit wundervoller Behendigkeit Ivanhoes Weiſung, und unter dem Schutze des Schildes, den ſie vor den untern Theil des Fenſters ſtellte, konnte ſie mit leidlicher Sicherheit einen Theil deſſen, was auſſen vorging, beobachten, und die Vorbereitungen der Belagerer zum Sturme Ivanhoe berichten. Ihre Stellung war beſonders dazu geeignet, da das Ge⸗ mach in einer Ecke des Hauptgebaͤudes lag, ſo daß Rebekka nicht nur ſehen konnte, was auſſerhalb des Schloſſes vorging, ſondern auch das Auſſenwerk be⸗ obachtete, das nach allem zu ſchlieſſen, der erſte An⸗ griffspunkt ſein moͤchte. Das Befeſtigungswerk war 160 nicht ſehr hoch und ſtark, und diente zur Beſchuͤtzung der Hinterthuͤr, durch welche kurz vorher Cedric ent⸗ laſſen ward. Der Schloßgraben trennte dieſen Bruͤk⸗ kenkopf von den uͤbrigen Befeſtigungswerken, ſo daß es, im Falle er genommen ward, ein leichtes war, die Verbindung mit dem Hauptgebaͤude durch Zer⸗ ſtoͤrung der Zugbruͤcke abzuſchneiden. Eine Ausfall⸗ pforte war der Hinterthuͤr gegenuͤber im Auſſenwerke augebracht und das Ganze war durch Paliſaden verthei⸗ digt. Rebekka konnte aus der groͤßern Zahl der hier zur Vertheidigung aufgeſtellten Bewaffneten ſchlie⸗ ßen, daß man fuͤr ſeine Haltbarkeit fuͤrchte; ebenſo ſchien es, wenn man die dagegen Anruͤckenden be⸗ trachtete, daß auch ſie dieſen Punkt als den ſchwaͤch⸗ ſten zum Angriff auserſehen hatten. Dieſe Be⸗ merkungen theilte ſie in Kuͤrze Jvanhoe mit, und fuhr fort:„der Raum des Waldes iſt weithin mit Armbruſtſchuͤtzen beſetzt, obwohl nur wenige aus ſei⸗ nem ſtarken Schatten hervorgetreten ſind.“ „Unter weſſen Banner?“ fragte Ivanhoe. „Unter keinem Feldzeichen, ſo weit ich ſehen kann,“ antwortete Rebekka. „Etwas ganz Ungewoͤhnliches!“ murmelte der Ritter,„zum Sturm eines ſolchen Schloſſes ohne ſliegende Fahnen anzuricen!— Siehſt du, wer ihn aufuͤhrt?“ „Ein Ritter in ſchwarzer Ruͤſtung faͤllt am mei⸗ 4 ſten ſten in die Augen,“ ſagte die Juͤdinn;„er allein iſt von Kopf bis zu Fuß gewaffnet, und ſcheint die Leitung des Ganzen zu fuͤhren.“ „Welche Deviſe fuͤhrt er auf dem Schild?“ fragte Jvanhoe. „Es ſieht etwas einer eiſernen Kette gleich und ein Vorlegeſchloß in blauem Feld auf dem ſchwar⸗ zen Schilde,“ ſprach Rebekka. 1 „Eine eiſerne Kette und Vorlegeſchloß auf blauem Felde!“ ſprach Ivanhoe.„Ich kenne Niemand, der dieſe Deviſe fuͤhrte, wohhaber koͤnnt es jezt mit allem Fug die meinige ſeyn. Kannſt du den Wahlſpruch nicht ſehen?“ „Kaum ſeh' ich die Deviſe in ſolcher Entfer⸗ nung,“ erwiederte Rebekka;„wenn aber die Sonne drauf ſcheint, ſo glaube ich ſo was darauf zu ent⸗ decken.“ „Unterſcheideſt du keine weiteren Anfuͤhrer?“ rief der beunruhigte Frager. 3 „So weit ich ſehen kann, unterſcheidet ſich kei⸗ ner beſonders,“ verſetzte Rebekka,„allein ohne Zwei⸗ ffel wird die andre Seite des Schloſſes auch auge⸗ griffen. Sie ſcheinen jezt Miene zum Vorruͤcken zu machen.— Gott Zions ſteh' uns bei.— Welch ein furchtbarer Anblick!— Die Vorderſten der Anruͤk⸗ kenden tragen hohe Schilde aus Brettern; die An⸗ dern folgen und ſpannen im Vorſchreiten den Bo⸗ W. Seott's Werke. X.V. 11 —— ———— ☛ 162. gen.— Jezt erheben ſie ihn!— Gott Moſis vergieb den Geſchoͤpfen, die du erſchaffen haſt!—“ Das Zeichen zum Angriff, das durch den Schall eines ſchrillenden Hornes gegeben ward, und trotzig von einer Fanfare normaͤnniſcher Tromveten von den Zinnen beantwortet ward, und worein noch der dumpfe Klang der Muſcheln, einer Art Keſſelpauken, ſtimm⸗ te, unterbrach jezt ihre Beſchreibung. Das Schlacht⸗ geſchrei beider Parteien vermehrte noch den furcht⸗ baren Laͤrm. Die Stuͤrmenden rleſfen:„St. Georg fuͤr England!“ und der Normaͤnner Feldgeſchrei war: En avant de Bracy!— Beau séant! Boau séant!— Pront de Boeuf à la resscousse!“ je nach dem ver⸗ ſchiedenen Schlachtruf der Anfuͤhrer. Aber durch Laͤrm und Geſchrei ſollte der Kampf nicht entſchieden werden; die verzweifelten An⸗ ſtrengungen der Stuͤrmenden wurden von gleichkraͤf⸗ tiger Gegenwehr von Seiten der Belagerten erwidert. Die Bogenſchuͤtzen, durch ihr Weidmannsleben aufs innigſte mit ihrer Kunſt vertraut, waren ſo ganz„eingeſchoſſen“, daß kein Punkt, auf dem ſich ein Vertheidiger blicken ließ, ihren ſcharfen Pfeilen unzugaͤnglich war. Bei dieſem heftigen Angriff flo⸗ gen, obwohl jeder Bogen ſein eigenes Ziel hatte, die Pfeile hageldicht gegen jede Schießſcharte und Oeffnung in der Bruſtwehr, nach jedem Feu⸗ ſter, wo ſich ein Feind vermuthen ließ;— zwei oder drei Marn der Beſaßung wurden getidet, und —— 163 viele verwundet. Allein auf ihre gute Ruͤſtung ver⸗ trauend, und noch mehr durch ihre Stellung geſchuͤtzt, zeigten Front de Boeuf und ſeine Leute nebſt ihren Ver⸗ buͤndeten eine der Wuth der Angreifenden entſprechende Hartnaͤckigkeit und erwiederten reichlich mit der Arm⸗ bruſt und den langen Bogen, den Schleudern und ande⸗ rem Wurfgeſchuͤtz den Pfeilregen, und thaten denn auch, da die Angreifenden bei weitem nicht ſo gedeckt ſein konnten, groͤßern Schaden; nur das Jubelge⸗ ſchrei, wenn von irgend einer Seite ein bedeutender Verluſt ſich ereignete, unterbrach das Schwirren und Pfeifen der Wurfſpieße und Pfelle. „Und ich muß hier wle ein Tagdieb von Moͤnch auf dem Bette liegen,“ rief Jvanhoe;„indeß der Kampf, der mir Freiheit oder Tod bringt, durch An⸗ dre ausgefochten wird.— Sieh noch'mal aus dem Fenſter, liebes Maͤdchen, doch nimm dich in Acht, daß kein Bogenſchuͤtze dich gewahrt.— Sieh noch 'mal hin und ſag mir, ob ſie zum Sturm anruͤcken.“ Mit muthiger Ergebung, die ſie durch innige Andacht geſtaͤrkt hatte, nahm Rebecka wieder lhren Platz am Fenſter ein, jedoch ſo, daß ſie von auſſen nicht wohl geſehen werden konnte. „Was ſiehſt du, Rebekka?“ fragte der verwun⸗ dete Ritter wieder. „Nichts als eine Wolke von Pſeilen, die ſo dicht 11* 4 164 3 fliegen, daß ſie meine Augen blenden, und die Bo⸗ genſchuͤtzen, die ſie abgeſchoſſen, verbergen.“ 8„Das kann nicht lange dauern,“ ſagte Ivanhoe; „wenn ſie nicht ſcharf andringen, und mit den Waf⸗ fen in der Hand das Schloß ſtuͤrmen, ſo wird ihre Schuͤtzenkunſt wenig gegen ſteinerne Mauern und Sieh nach dem Nitter mit dem wie er ſich ausnimmt, ſo werden auch ſeine Bollwerke ausrichten. Feſſelſchloß, ſchoͤne Rebekka, denn wie der Fuͤhrer iſt, Leute ſein.“ „Ich ſeh' ihn nicht,“ verſetzte Rebekka. 1„Feige Memme!“ rief Ivanhoe;„ſtreicht er wei⸗ chend die Segel, wenn der Wind am luſtigſten weht?“ 8 „Er weicht nicht! er weicht nicht!“ rief Rebekka, „ich ſeh ihn jetzt; dicht unter die unterſte Paliſade des Bruͤckenkopfs fuͤhrt er eine Schaar herbei. Sie reißen die Paliſaden nieder; ſie hauen die Barrie⸗ ren mit den Aexten nieder.— Sein hoher Feder⸗ buſch flattert uͤber dem Gewuͤhl, wie ein Rabe uͤber dem Schlachtſeld!— Sie haben eine Breſche in die Barriere gemacht— Sie draͤngen ein!— Sie en!— Front de Boeuf führt die e ſeine Rieſengeſtalt uͤber Sie draͤngen wieder 1. wird Spanne fuͤr Spanne, Mann fuͤr Mann beſtritten. Gott Jakobs! werden zuruͤckgeworfe Vertheidiger an⸗ ich ſeh das Gedraͤnge hervorragen.— zur Breſche vor; der Platz . 1 — 165 ſo treffen zwei ſtolze Stroͤme— zwei Ozeane von entge⸗ gengeſetzten Sturmwinden aufgeflutet auf einander!“ Sie wandte ihr Geſicht vom Fenſter ab, als koͤnnte ſie den furchtbaren Anblick nicht mehr ertragen. „Sieh wieder hinaus, Rebekka,“ bat Jvanhve, den Grund ihres Zuruͤckſchreckens falſch deutend.„Das Pfeilſchießen muß nun einigermaßen nachgelaſſen ha⸗ ben, da ſie im Handgemenge ſind. Sieh hinaus, es hat jezt weniger Gefahr!“ Rebekka ſah wieder hinaus und rief ſogleich:„Ihr heiligen Propheten! Front de Boeuf und der ſchwarze Ritter fechten Mann gegen Mann auf der Bruͤcke⸗ unter dem Zuruf ihrer Leute, die den Ausgang des Kampfes erwarten— Der Himmel ſtehe der Rache der Unterdruͤckten und Gefangenen bei!“ Dann ſchrie ſie laut auf und rief:„Er unterliegt!— er unter⸗ liegt!“ „Wer unterliegt?“ ſchrie Jvanhoe;„um unſrer lieben Frauen willen, ſag an, wer iſt gefallen?“ „Der ſchwarze Ritter,“ antwortete Rebekka leiſe, ploͤzlich aber rief ſie in entzuͤcktem Jubel:„Nein! nein! Gelobt ſei der Herr der Heerſchaaren! Er iſt wieder auf den Fuͤßen und ſicht, als ob die Staͤrke von zwanzig Maͤnnern ſeinen Arm belebte.“— Sein Schwert iſt zerbrochen!— Er entreißt einem Neoman die Streit⸗ axt— Schlag auf Schlag dringt er auf Front de Boeuf ein— wie eine Eiche unter der Art des Holz⸗ hauers bebt und wankt der Rieſe— er faͤllt— er faͤllt!— 4 8 8 4 ¹ 4 6 15 166 „Front de Boeuf?“ rief Ivanhoe. „Front de Boeuf!“ antwortete die Juͤdinn;„ſeine Leute kommen von dem Templer angefuͤhrt ihm zu Huͤlfe— ihre vereinigte Macht zwingt den Ritter innezuhalten— ſie ſchleppen Front de Boeuf in das Schloß zuruͤck!“ „Haben die Stuͤrmenden die Barrieren gewon⸗ nen, haben ſie nicht?“ fragte Ivanhoe. „Sie haben— ſie haben— und hart bedraͤn⸗ gen ſie die Belagerten auf dem aͤuſſern Walle. Ei⸗ nige richten Leitern auf, Andere ſchwaͤrmen gleich Bienen umher und ſuchen auf den Schultern der Andern emporzuklimmen— man ſchleudert Steine, Balken, Baumſtaͤmme auf ihre Koͤpfe herab, doch eben ſo ſchnell, als man die Verwundeten wegtraͤgt, ruͤckt friſche Mannſchaft zum Sturme heran— Gro⸗ ßer Gott! haſt Du den Menſchen nach Deinem Eben⸗ bild erſchaffen, damit er ſo grauſam ven den Haͤn⸗. den ſeiner Bruͤder entſtellt werden ſoll!“ „Denk nicht an das!“ fiel Ivanhoe ein;„es iſt jezt nicht Zeit zum Denken.— Wer weicht?— wer dringt vor?“ „Die Leitern ſind umgeworfen 1erwiederte Re⸗ bekka ſchaudernd.„Zertretenen Wuͤrmern gleich kruͤm⸗ men ſie ſich unter ihnen— Die Belagerten ſind im Vorthell.*— Heliliger Georg, ſtreite fuͤr uns!“ rief der Rit⸗ ter,„welchen dle verdammten Yeomen?“ * 167 „Nein!“ rief Rebekka,„ſie halten ſich wacker — der ſchwarze Ritter naht ſich der Hinterthuͤr mit ſeiner Streitart— Ihr moͤget hoͤren, wie ſeine don⸗ nernden Schlaͤge das Laͤrmen und Rauſchen der Schlacht uͤbertoͤnen.— Steine und Balken wirft man auf den kuͤhnen Kaͤmpen herab— er achtet nicht mehr auf ſie, als ob es Plumpſaͤcke waͤren.“ „Heiliger Johann von Akka!“ rief Jvanhoe ſich freudig im Bette erhebend,„ich dachte, es ſel nur ein Mann in England, der ſolche Streiche fuͤhren koͤnnte!“ 3 „Das Hinterthor weicht,“ fuhr Reberka fort; „es kracht— es zerſylittert vor ſeinen Streichen — ſie dringen hinein— das Auſſenwerk iſt gewon⸗ neu! O Gott!— ſie ſtuͤrzen die Vertheidiger von den Ziunen— ſie werfen ſie in den Graben!— O Menſchen, ſchont, wenn Ihr Menſchen ſeid, ihrer, die nicht mehr widerſtehen koͤnnen’“ „Die Bruͤcke— die Bruͤcke, die zum Schloſſe fuͤhrt— haben ſie dieſen Paß gewonnen?“ rief Ivanhoe. „Nein!“ verſetzte Rebekka,„der Templer hat die Planke zertruͤmmert, die den Uebergang bildete. — Wenige der Vertheidiger entrannen mit ihm ins Schloß— das Anaſtgeſchrei und Gewinſel, das Ihr hoͤret, verkuͤndet das Schickſal der andern!— Ach! ich ſehe, es iſt noch ſchwerer, einem Sieg als einer Schlacht zuzuſchauen.“ - 168 „Was thun ſie jezt, Maͤdchen,“ fragte Jvanhoe; „ſieh wieder hinaus— es iſt nicht Zeit jezt, beim Blutvergießen ohnmaͤchtig zu werden.“ „Fuͤr den Augenblick iſt es vorbei,“ ſagte Re⸗ bekka;„unſre Freunde ſuchen ſich in dem eroberten Auſſenwerk feſtzuſetzen, und es gewaͤhrt ihnen ſo gu⸗ ten Schutz gegen das Geſchoß ihrer Feinde, daß die Beſatzung nur von Zelt zu Zeit ihnen einige Bolzen 6 zuſendet, mehr um ſie zu beunruhigen, als aͤhnen Schaden zuzufuͤgen.“ „Unſre Freunde,“ ſagte Wilfried,„werden ſicherlich von einem ſo glorreich begonnenen und ſo gluͤcklich fortgeſchrittenen Unternehmen nicht abſte⸗ hen.— Nein! ich ſetze volles Vertrauen auf den gu⸗ ten Ritter, deſſen Streitart der Eiche hartes Herz und Eiſenſtaͤbe zertrwuͤmmert.— Sonderbar!“ mur⸗ melte er vor ſich hin,„ſollte es wohl zwei ſolche Maͤnner geben, die ſolch tollkuͤhner That faͤhig waͤren? Ein Feſſelſchloß und Ketten auf blauem Felde? Was mag das heißen?— Siehſt Du nichts weiter, Rebekka, wodurch ſich der ſchwarze Ritter unterſcheidet?“ 6 „Nichts!“ ſagte die Juͤdinn;„Alles an ihm iſt ſo ſchwarz, als die Schwingen des Raben. Nichts kann ich erſpaͤhen, das ihn weiter bezeichnen moͤchte — aber da ich ihn einmal in der Schlacht ſeine Kraft entwickeln ſah, wollt' ich ihn aus tauſend Kriegern wieder herausfinden. Er ſtuͤrzt ſich in die Schlacht, als ob es zum Bankette ginge. Es iſt mehr als — — 169 blos Staͤrke, es iſt, als ob der Ritter mit Seel und Leib jedem Streich folgte, den er dem Feind ertheilt. Gott vergebe ihm die Suͤnde des Blutvergießens! es iſt furchtbar, und doch erhaben anzuſehen, wie der Arm und das Herz eines Mannes uͤber Hunderte zu triumphiren vermag.“ „Du haſt einen Helden geſchildert, Rebekka,“ ſprach Ivanhoe;„ſicherlich ruhen ſie blos, um neue Kraͤfte zu ſammeln, oder Mittel herbeizuſchaffen, um den Graben zu uͤberſteigen.— Unter ſolch einem Fuͤhrer, wie Du den Ritter geſchildert, gibt's keine feige Furcht, keinen kaltbluͤtigen Aufſchub, kein Zuruͤckwei⸗ chen vor kuͤhner That, da die Beſchwerden, die ſie gefaͤhrlich machen, auch zum Ruhme fuͤhren. Ich ſchwoͤr' es bei meines Hauſes Ehre— bei der Dame meines Herzens— ich wollte zehn Jahre Gefangen⸗ ſchaft dulden, wenn mir vergoͤnnt waͤre, einen Tag an des guten Ritters Seite in einem Streite, wie dieſer, mitzukaͤmpfen.“ „Ach!“ rief Rebekka ihren Poſten verlaſſend und dem Bette des verwundeten Ritters ſich nahend, „Dieſe ungeduldige Sehnſucht nach Thaͤtigkeit— dieß Kaͤmpfen, dieſer Widerwille gegen Eure jezige Schwaͤ⸗ che wird gewiß Eurer wlederkehrenden Geſundheit nachtheilig ſein!— Wie kannſt Du hoffen, Andern Wunden zu ſchlagen, bevor Deine eigenen geheilt ſind?“ „Rebekka,“ entgegnete er,„Du weißt nicht, 3 170 wie unertraͤglich es einem an ritterliche That ge⸗ wohnten Manne iſt, gleich einem Moͤnche, oder ei⸗ nem Weib die Haͤnde in den Schooß zu legen, wenn ruhmvolle Thaten rings um ihn geſchehen! Die Liebe zum Kampf iſt die Nahrung, von der wir leben— der Staub der Schlacht der Lebensathem unſrer Bruſt! Wir leben— wir wuͤnſchen nicht laͤnger zu leben, als ſo lange uns Sieg und Ruhm bekraͤnzt.— Das wollen die Geſeze des Ritterthums, zu dem wir ge⸗ ſchworen, und dem wir Alles opfern, was uns theuer iſt „Ach,“ ſprach die ſchoͤne Juͤdinn,„und was heißt das anders, als dem Daͤmon falſcher Ehre opfern, durch die Feuer des Moloch gehen?— Was bleibt s Blut, das Ihr ver⸗ Euch als Siegespreis fuͤr all das goſſen?— fuͤr alle Muͤhen und Beſchwerden, die Ihr ertragen?— fuͤr alle die Thraͤnen, deren Ur⸗ ſache Ihr ſeid, wenn der Tod des ſtarken Mannes Speer zerbrochen und die Blitzesſchnelle ſeines Streit⸗ roſſes uͤberholt hat?“ „Was uns bleibt?“ rief Ivanhoe;„Ruhme, Maͤdchen, Ruhm! der unſre Grabſtaͤtte verguͤldet und unſere Namen der Nachwelt preist.“ 3 „Nuhm?“ fuhr Rebekka fort,„ach iſt der ro⸗ appenzeichen aͤber der duͤſtern, ſtige Schild, der als W ch modernden Grabſtaͤtte des Ritters haͤngt— iſt die verblichene Inſchrift, die der unwiſſende Moͤnch ilt Muͤhe dem fragenden Pilgersmann entziffert— iſt —,— 171 das Alles genuͤgender Erſatz fuͤr die Aufopferung jed⸗ weden zaͤrtlichen Gefuͤhls, fuͤr ein Leben im Elende zugebracht, um Andre elend zu machen? Oder haben die rohen Reime eines wandernden Barden ſolchen Zauber, daß man fuͤr haͤusliche Liebe, zaͤrtliche Zu⸗ nelgung, Frieden und Gluͤck ſo unbedingt den unbe⸗ dachten Tauſch trifft, um der Held von Balladen zu werden, die heimathloſe Baͤnkelſaͤnger betrunkenen Bauerluͤmmeln beim Abendbiere vorlitaneien?“ „Nein bei der Seele Herewards!“ entgegnet, der Ritter ungeduldig;„Du ſprich wie der Blinde von der Farbe. t reine Licht der Ritterlichkeit verloͤſchen, die allein den Edeln von dem Niedriggeſinnten, den Ritter vom Sklaven und vom Wilden unterſcheidet?— das den Werth unſres Lebens weit, weit unter den der Ehre ſtellt?— uns ſiegreich uͤber Muͤhe, Arbeit und Schmerz erhebt, und uns lehrt, nichts als die Schande zu fuͤrchten? Du biſt keine Chriſtinn, Rebekka; Dir ſind dieſe hohen Geſuͤhle fremd, die den Buſen des edeln Maͤdchens ſchwellen, wenn ihr Liebhaber eine ruhmyolle That vollbrachte, die ſeine Flamme adelt. Ritterlichkeit, Maͤdchen, iſt die Pflegerinn der rein⸗ ſten, hoͤchſten Liebe— der Stab der Unterdruͤckten, die Wiederherſtellerinn des Rechts, die Demuͤthige⸗ rinn der Tyrannenmacht!— Der Adel waͤre ohne ſie ein leerer Schall und Freiheit ſindet den beſten Schutz unter ihrer Lanze und ihrem Schwert!“ — 172 4 „Ich ſtamme freilich“ entgegnete eneee„aus einemGeſchlechte, deſſen uth ſich in der Vertheidigung ſeines Landes hoch bewaͤhrte, das aber nie Krieg fuͤhr⸗ te, als auf Befehl der Gottheit, oder zur Abwehr von Unterdruͤckung. Der Schall der Trompete er⸗ weckt Juda nicht mehr, und ſeine verachteten Kin⸗ der ſind nur die leidenden Opfer feindlicher und kriegeriſcher unterdruͤckung.— Wahr haſt Du geſpro⸗ chen, Herr Ritter, wenn nicht der Gott Jakobs fuͤr ſein auserwaͤhltes Volk einen zweiten Gideon er⸗ weckt, oder einen neuen Makkabaͤus, ſo will es ei⸗ nem juͤdiſchen Maͤdchen nicht geziemen, von Schlacht oder Krieg zu ſprechen.“ Das hochſinnige Maͤdchen ſchloß ihre Worte mit einem kummervollen Tone, der ihren tiefen Schmerz uͤber die Entwuͤrdigung ihres Volkes ausſprach, den wielleicht der Gedanke noch ſteigerte, daß Ivanhpe ſie nicht fuͤr berechtigt, uͤber Ehre mitzuſprechen, und fuͤr unfaͤhig großartiger, erhabener Gefuͤhle halte. „Wie wenig kennt er dieſen Buſen,“ ſprach ſie, „wenn er ſich einbildet, Feigheit und niedriger Sinn muͤßten in ihm wohnen, weil ich die ſchwaͤrmeriſche Ritterlichkeit der Nazarener tadelte! Wollte Gott, ich koͤnnte mit meinem eignen Herzblut den Stamm Juda von ſeiner Gefangenſchaft erloͤſen! Ja, wollte Gott, ich koͤnnte damit meinen Vater und dieſen ſei⸗ nen Wohlthaͤter aus den Banden des unterdruͤckers erloͤſen! Der ſtolze Chriſt ſollte ſehen, ob die Toch⸗ 173 ter von Gottes auserwaͤhltem Volk nicht eben ſo muthig zu ſterben wuͤßte, als das ſtolzeſte Nazarenermaͤdchen, das ſich mit ſeiner Abkunſt aus dem kalten, eiſigen Norden bruͤſtet!“ Dann blickte ſie uͤber das Lager des verwundeten Ritters hin. „Er ſchlaͤft!“ ſagte ſie;„ſeine von Leiden und geiſtiger Aufreizung erſchoͤpfte Natur ergreift den er⸗ ſten Augenblick zeitiger Ruhe, um ſich dem Schlum⸗ mer zu uͤberlaſſen. Iſt es ein Verbrechen, auf ihn mein Auge zu richten, wenn es vielleicht zum lez⸗ ten Mal geſchieht? Vielleicht enteilt nur noch eine kurze Weile, und dieſe ſchoͤnen Zuͤge werden nicht mehr von dem kuͤhnen feurigen Geiſt belebt, deſſen Ausdruck ſelbſt im Schlafe ſie nicht verlaͤßt.— Wenn kein Athem ihn mehr bewegt, der Mund geſchloſſen iſt⸗ die Augen ſtarr und gebrochen ſind, wenn der edle Ritter vielleicht von dem Fußtritt des niedrigſten Sklaven dieſes mit Fluch belaſteten Schloſſes bedroht wird, und ſich nicht mehr aufzuraffen vermag, wenn die Ferſe ſich gegen ihn erhebt!— Und mein Va⸗ ter!— ach mein Vater! Uebel ſteht es mit ſeiner Tochter, wenn ſie ſeine grauen Haare uͤber den gold⸗ nen Locken der Jugend vergißt! Kann ich wiſſen, ob dieſe Schrecken nicht vielleicht die Boten von Je⸗ hovens Zorn uͤber das unnatuͤrliche Kind ſind, das uͤber der Gefangenſchaft eines Fremdlings die ſeines Vaters vergißt?— Aber ich will dieſe Thorheit aus meinem Herzen reißen, und wenn jede Fiber darat blutend zucken ſollte!“? Sie huͤllte ſich dicht in ihren Schleier, und ſette 3 1 ſich in einiger Entfernung von dem Bette des ver⸗ 3 wundeten Ritters nieder, den Ruͤcken gegen ihn ge⸗ wandt, ihren Geiſt waffnend oder zu⸗ waffuen ſtre⸗ bend, nicht blos gegen die drohenden Uebel von auſ⸗ ſen, ſondern auch gegen die verraͤtheriſchen Gefuͤhle, die ſie in ihrem Innern beſtuͤrmten. 8 ſſiſſſſſſſſiiſiſſſſſiſſäiſiiſilſſſf ſſffſſſſſſſſinſſſſnſffſſi 8 9 10 11 12 13 14 15 1 1 8 6 7 1 mklm