Walter Scott's ſaͤmmtliche e r k Neu uͤberſetzt. Vier und Vierzigſter Band. JIyvanhoe. Zweiter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 627. Jvanhoe. Vom Verfaſſer des Waverley ec. Aus dem Engliſchen üͤberſetzt von. Dr. Leonhard Tafel. ——Oℳ Zweiter Theil. Stuttgart, bei Gebruder Franckh. 1 5 2 7. Erſtes Kapitel. Dem Raben gleich, dem Unglücksboten, der Aus hohler Kehl des kranken Mannes Tod Ankrächzet, in der Nächte ödem Schweigen Unheil der ſchwarzen Schwing' entſchüttelt, Der arme Barrabas gepeinigt fluchet Verderben her auf alles Chriſtenvolk. Der Jude von Malta. Der enterbte Ritter hatte nicht ſobald ſein Zelt er⸗ reicht, als ſich Knappen und Pagen in Menge um ihn herdraͤngten, ihm ihre Dienſte anzubieten, die Ruͤ⸗ ſtung abzunehmen, Kleider herheizuholen, und ein er⸗ auickendes Bad zu bereiten. Vielleicht ward ihr Eifer durch ihre Neugierde noch mehr angeſpornt, da Jeder zu wiſſen wuͤnſchte, wer der Ritter ſei, der ſo viele Lorbeere erworben, und dennoch ſich geweigert hatie, das Viſir zu oͤffnen oder ſeinen Namen zu nennen. Allein ihre dienſtfertige Wißbegier ward nicht befrie⸗ digt. Der enterbte Ritter ſchlug allen Beiſtand aus, auſſer dem ſeines eigenen Knappen oder Reiſigen— eines Burſchen von baͤuriſchem Ausſehen, der, in einen dunkelfarbigen Mantel gehuͤllt, Kopf und Geſicht zur Haͤlfte in eine normaͤnniſche Muͤtze von ſchwarzem Pelz⸗ werk vergrabend, das Incognito ſo ſehr als ſein Herr zu beobachten ſchien. — 6 Nachdem ſich alle Uebrigen aus dem Zelte entfernt hatten, entledigte dieſer Diener ſeinen Herrn der be⸗ ſchwerlichſten Beſtandtheile ſeiner Ruͤſtung, und ſetzte ihm Wein und Speiſe vor, welche ihm die Anſtreu⸗ gungen dieſes Tages hoͤchſt willkommen machten. Kaum war er mit ſeinem eiligen Male zu Ende, als ihm ſein Diener berichtete, daß fuͤnf Maͤnner, deren jeder ein Streitroß mit voller Ruͤſtung am Zaume fuͤhre, ihn zu ſprechen wuͤnſchten. Der enterbte Ritter hatte ſeine Ruͤſtung gegen ein langes Gewand umggetauſcht, wie es gewoͤhnlich Leute ſeines Standes trugen. Es war mit einer Art von Kappe verſehen, wodurch man das Geſicht nach Gefallen faſt wie durch ein Viſir verhuͤllen konnte; allein das Zwielicht, das ſchon in Dunkelheit uͤberzugehen anfing, machte jede Verhuͤllung uͤberfluͤſſig, es muͤßte denn Jemand des Andern Zuͤge ſehr genau gekannt haben. Der enterbte Ritter trat daher kuͤhnlich vor das Zelt und fand hier die Knappen der Ausforderer, die er leicht⸗ lich an ihrer ſchwarz und rothen Kleidung erkannte, und deren jeder das Streitroß ſeines Gebieters mit der Ruͤ⸗ ſtung, in welcher er an dieſem Tage gefochten, herbei⸗ fuͤhrte. „In Gemaͤßheit der Geſetze der Ritterſchaft,“ be⸗ gann der erſte von ihnen,„biete ich, Balduin de Oy⸗ key, der Knappe des gefuͤrchteten Ritters Brian de Bois Guilbert, Euch, der Ihr Euch ſelbſt den enterbten Ritter nennt, das Strei troß und die Ruͤſtung an, welche 7 beſagter Brian de Bois Guilbert in dem heutigen Waſ⸗ fengange trug, es Eurer freien Wahl uͤberlaſſend, ob Ihr ſie behalten, oder ein Löſegeld dafuͤr beſtimmen wollt; denn alſo lautet das Turniergeſetz!“ Faſt dieſelben Worte wiederholten die andern Knap⸗ pen, und erwarteten die Entſcheidung des enterbten Ritters. „Fuͤr Euch, Ihr vier Herren,“ erwiederte der Rit⸗ ter, an diejenigen ſich wendend, welche zulezt geſprochen hatten,„und fuͤr Eure ehrenfeſten und tapfern Ge⸗ bieter habe ich nur eine Antwort. Empfehlt mich Euern edeln Rittern und Gebietern, und ſagt ihnen, ich wuͤrde uͤbel thun, wenn ich ſie ihrer Roſſe und Waffen berau⸗ ben wollte, die von keinen tapferern Maͤnnern benuͤtzt werden koͤnnen.— Ich wuͤnſchte, damit meine Ant⸗ wort an die mannhaften Ritter enden zu koͤnnen; da ich aber, wie ich mich der vollen Wahrheit gemaͤß nenne, ein Enterbter bin, ſo muß ich Eurer Herren Anerbie⸗ ten in ſofern annehmen, daß es ihnen gefallen moͤge, wenigſtens ihre Ruͤſtung auszuloͤſen, weil ich ſelbſt die, welche ich trage, kaum mein eigen nennen kann.“ „Wir ſind beauftragt,“ antwortete der Knappe⸗Re⸗ ginald Front de Boeufs,„je hundert Zechinen als Loͤſe⸗ geld fuͤr Pferd und Ruͤſtung anzubieten.“ „Es iſt hinreichend,“ verſetzte der enterbte Ritter. „Die Haͤlfte dieſer Summe noͤthigt mich mein gegen⸗ waͤrtiges Beduͤrfniß anzunehmen. Die andere Haͤlfte moͤget Ihr Herren Knappen theils unter Euch ſelbſt, 3 theils unter die Herolde, Minſtrels und Turnierknechte theilen.“ 4 Die Muͤtzen in der Hand druͤckten die Knappen mit tiefen Verbeugungen ihren Dank fuͤr eine Hoͤflichkeit aus, welche ſelten und am wenigſten in ſo reichem Maße vorzukommen pflegte. Dann wandte er ſich an Balduin, den Knappen Brian de Bois Guilberts, mit den Worten:„Von Eurem Herrn nehme ich weder Waffen noch Loͤſegeld. Sagt ihm in meinem Namen, unſer Streit ſei noch nicht beendigt— nicht eher, als bis wir mit Schwert und Lanze ſowohl zu Fuß als zu Roß mit einander gefochten haben. Zu ſolchem Kampfe auf Leben und Tod hat er ſelbſt mich ausgefordert, und ich werde ſeiner Ausforderung nicht entſtehen. Thut ihm daher zu wiſſen, daß ich mich gegen ihn nicht wie gegen ſeine Gefaͤhrten benehmen kann, mit denen ich gerne Hoͤflichkeitsbeweiſe wechſeln will, ſondern, daß ich ihn vielmehr als einen ſolchen anzuſehen habe, gegen den ich in toͤdlicher Ausforderung ſtehe.“ „Mein Gebieter,“ entgegnete Balduin,„weiß Hohn mit Hohn, Schlag mit Schlag, Artigkeit mit Artigkeit zu erwidern. Da Ihr es verſchmaͤht, von ihm, wie von den andern Riktern, einen Theil des Loͤſegeldes anzunehmen, ſo muß ich ſein Pferd und ſeine Ruͤſtung hier laſſen, weil ich uͤberzeugt bin, daß er ſich beider nie wieder bedienen wird.“ —„Ihr habt wohl geſprochen, guter Knappe,“ ver⸗ 7 ſetzte der enterbte Ritter,„gut und kuͤhn, wie es ſich 9 geziemt, fuͤr ſeinen abweſenden Herrn zu ſprechen. Al⸗ lein, Roß und Ruͤſtung laßt Ihr doch nicht hier« Stellt ſie Eurem Herrn wieder zu, und verſchmaͤht er, ſie an⸗ zunehmen, ſo behaltet ſie, guter Freund, zu Eurem eigenen Gebrauch. So weit ich ſie mein eigen nennen kann, uͤbertrage ich Euch vollkommen meine Rechte.“ Balduin verbeugte ſich tief und entfernte ſich mit ſeinen Begleitern; der enterbte Ritter trat ins Zelt zuruͤck. 4 „Bis hieher, Gurth,“ ſprach er, an ſeinen Diener ſich wendend,„hat der Ruhm der engliſchen Ritter⸗ ſchaft durch mich keinen Schaden gelitten.“ „Und ich,“ verſetzte Gurth,„habe fuͤr einen ſaͤch⸗ ſiſchen Schweinehirten die Rolle eines normaͤnniſchen Schildknappen nicht uͤbel geſpielt.“ „Ja, Du haſt mich aber in beſtaͤndiger Angſt erhalten, es moͤchte Dich Dein baͤuriſches Benehmen entdecken.“ „Pah!“ ſprach Gurth,„ich fuͤrchte nicht von Je⸗ mand entdeckt zu werden, außer von meinem Spiel⸗ kameraden Wamba, denn ich weiß noch immer nicht, ob er mehr Schelm als Narr iſt. Ich konnte mich kaum des Lachens entwehren, als mein alter Gebieter ſo nah an mir voruͤberging, und ſich's gar nicht anders traͤumen ließ, als daß Gurth manche Meile entfernt ſeine Schweine in den Waͤldern und Moraͤſten von Rotherwood huͤte. Wenn ich entdecht werde—“ „Genug,“ fiel der enterbte Ritter ein,„Du weißt⸗ was ich Dir verſprochen habe.“ 10 „Ja, was das betrifft, ſo werde ich nie aus Furcht, daß mir das Fell gegaͤrbt werden moͤchte, einen Freund im Stiche laſſen; ich habe eine dicke Haut, die ver⸗ traͤgt die Peitſche eben ſo gut, als die eines Ebers in meiner Herde.“ „Ich ſtehe Dir fuͤr jede Gefahr, der Du mir zu Lieb Dich ausſetzeſt,“ erwiederte der enterbte Ritter,„doch nimm einſtweilen dieſe Goldſtuͤcke da.“ „Nun bin ich reicher,“ ſagte Gurth, indem er das Geld einſteckte,„als je ein Schweinehirt oder Leibei⸗ gener war.“ 4 „Trag dieſen Geldbeutel nach Ahſby,“ fuhr ſein Herr fort,„ſuche dort den Juden Iſaak von York auf und laß ihn ſich ſelbſt davon Bezahlung nehmen für das Roß und die Rüſtung, welche er mir geliehen hat. 11 „ Nein beim heiligen Dunſtan, 2 entgegnete Gurth „das thu' ich nicht.“ „Wie, Schurke?“ fragte ſein Herr,„du willſt mei⸗ nen Befehlen nicht gehorchen?“ „O ja! aber es muͤſſen ehrliche, vernuͤnftige und chr iſtliche Befehle ſein, der aber iſt es nicht. Den J Ju⸗ den ſich ſelbſt bezahlt machen laſſen, waͤre nicht ehrlich, denn es hieße meinen Herrn betrügen, und unvernuͤnf⸗ tis, denn es waͤre ein Narrenſtuͤckchen, und unchriſtlich, denn es hieße einen Glaͤubigen pluͤndern, um einen Unglaͤubigen damit zu bereichern.“ 11 „Du ſollſt ihn aber zufrieden ſtellen, Baͤrenhaͤuter, ſag' ich,“ entgegnete der enterbte Ritter. „Ich will, es thun,“ ſagte Gurth, den Beutel un⸗ ter den Arm nehmend, and das Gemach verlaſſend, „aber es muͤßte ſchlimm gehen,“ murmelte er vor ſich hin,„wenn ich mich nicht mit einem Viertheil ſeiner Forderung mit ihm abfinde.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und uͤberließ den enterbten Ritter ſei⸗ nen eigenen mißmuthigen Gedanken, die in mehr als einer jezt noch nicht zu enthuͤllenden Ruͤckſicht peinlich und beunruhigend fuͤr ihn waren. Wir muͤſſen nun den Schauplatz nach dem Dorfe Aſhby oder vielmehr nach einem Landhaus in der Naͤhe deſſelben verlegen, das einem reichen Juden zugehoͤrte, bei dem Iſaak mit ſeiner Tochter und ihren Begleitern abgetreten war. In einem kleinen, aber mit Verzierungen nach mor⸗ genlaͤndiſchem Geſchmacke reichlich ausgeſtatteten Zim⸗ mer ſaß Rebekka auf mehrern uͤbereinander gelegten Kiſſen, welche gleich der Eſtrada der Spanier rings im Zimmer umher die Stelle von Stuͤhlen und Seſſeln vertraten. Sie beobachtete die Bewegungen ihres Va⸗ ters mit kindlicher, ſorglicher Theilnahme, wie er mit unruhigem Schritte und niedergeſchlagener Miene im Zimmer auf⸗ und abging, bisweilen jammernd die Haͤnde rang, und die Augen nach der Decke des Zim⸗ mers erhob, als ob er ein großes Seelenleiden haͤtte. „O, Jakob!“ rief er aus—„und all ihr zwoͤlf hei⸗ — — 6 6 —— ligen Väter unſres Stammes! welch ein Verluſt iſt das fuͤr einen Mann, der jedes Jod, jedes Ditel⸗ chen im Geſetze Moſis puͤnktlich erfuͤllt hat!— Fuͤnf⸗ zig Zechinen mit einem Griffe durch die Klauen eines Tyrannen mir entriſſen zu ſehen!“ „Aber Vater,“ ſprach Rebekka,„es ſchien ja, Ihr gabet das Gold dem Prinzen Johann aus freien Stuͤcken.“ „Aus freien Stuͤcken? Der Fluch Egyptens uber ihn! Aus freien Stuͤcken, ſagſt du?— ja ſo freiwil⸗ lig, als ich in dem Meerbuſen von Lyon meine Waa⸗ ren über Bord warf, um das Schiff in dem wuͤthenden Sturm zu erleichtern— da kleidete ich die ſchaͤumen⸗ den Wellen in meine koſtbaren Seidenſtoffe— durch⸗ duͤftete ſie mit Myrrhen und Aloe— bereicherte des Meeres Hoͤhlen mit Gold⸗ und Silberſtoffen!— war das nicht eine Stunde unausſprechlichen Elends, ob⸗ wohl meine eigenen Haͤnde das Opfer brachten?“ „Aber es galt, unſer Leben zu retten, Vater,“ antwortete Rebekka,„und der Gott unſrer Vaͤter hat ſeitdem Euer Waarenlager und Euern Handel aufs reichlichſte geſegnet.“ 3 „Ja,“ antwortete Iſaak,„wenn aber der Tyrann ſte gewaltſam mit Beſchlag belegt, wie er es heute that, und mich zwingt, dabei zu lachen, wenn er mich pluͤndert.— Ach, DTochter, erblos und unſtaͤt, wie wir ſind, iſt doch das groͤßte Uebel, das unſern Stamm befaͤllt, noch das, daß alle Welt. uns aus⸗ 13 lacht, wenn wir mißhandelt und gepluͤndert werden, und daß wir gezwungen werden, unſern Schmerz zu verbeißen, und feige zu laͤcheln, wo wir uns tapfer raͤchen follten.“ „Denkt nicht ſo, Vater,“ erwiederte Rebekka, „wir haben auch unſre Vortheile. Dieſe Heiden, ſo grauſame Unterdruͤcker ſie auch ſind⸗ ſind doch einiger⸗ maßen abhaͤngig von den zerſtreuten Kindern Zions, die ſie verachten und verfolgen. Ohne unſere Reichthu⸗ mer könnten ſie weder im Kriege ihre Heere, noch im Frieden ihre Triumphe bezahlen; und das Gold, wel⸗ ches wir ihnen leihen, kehrt vermehrt in unſre Schreine zuruͤck. Wir gleichen dem Raſen, der am beſten gruͤnt, wenn er am meiſten getreten wird. Selbſt die heutige Feſtlichkeit waͤre nicht ohne den Beiſtand des verachte⸗ ten Juden, der die Mittel dazu hergab, vor ſich ge⸗ gangen.“ 3 „Tochter!“ ſagte Iſaak,„da beruͤhrſt du eine neue Kummerſaite! das gute Roß und die reiche Ruͤſtung⸗ der ganze Profit meines Geſchaͤfts mit unſerem Kirjath Jairam zu Leiceſter— das auch hin! der ganze Ge⸗ winnſt einer Woche hin!— Alles hin!— der Gewinnſt zweier Sabbathe dahin!— ynd doch kann es beſſer enden, als ich denke,— er iſt ein guter Junge!“ „Sicherlich,“ fiel Rebekka ein,„werdet Ihr nit bereuen, den Dienſt, den Euch der fremde Ritter that⸗ belohnt zu haben!“ „Ich hoff as, Tochter,“ erwiederte Iſaak,„und 414 hoffe auch auf die Wiedererbauung Zions! aber ſo gewiß ich hoffen darf, daß ich mit meinen leiblichen Augen die Zinnen und Mauern des neuen Dempels ſchauen werde, ſo gewiß darf ich hoffen, einen Chri⸗ ſten zu finden, und waͤre er auch der Beſte unter ihnen, der einem Juden eine Schuld bezahlt, wenn er ſich nicht vor dem Richter und Kerkermeiſter fuͤrchtet!”“ Mitt dieſen Worten ſetzte er ſeinen unruhigen Gang durch das Zimmer fort, und Rebekka, welche be⸗ merkte, daß, ihre Troſtgruͤnde nur dazu dienten, ihm neuen Kummer zu erwecken, ſtand kluͤglich von dem nutzloſen Unternehmen ab— eine Vorſichtsmaßregel, die wir allen Droͤſtern und Rathgehern empfehlen, wenn ſie in aͤhnliche Lagen kommen. Es war nun finſtere Nacht geworden, als ein juͤdi⸗ ſcher Diener zwei ſilberne Lampen mit wohlriechendem Oele gefüllt herbeibrachte. Die koſtbarſten Weine und die leckerſten Erfriſchungen ſetzte ein anderer auf ei⸗ nen kleinen mit Silber eingelegten Tiſch von Eben⸗ holz— im Innern ihrer Haͤuſer verſagten ſich die Ju⸗ den keinerlei Genuͤſſe.— Zu gleicher Zeit benachrich⸗ tigte der Diener den Juden, daß ein Nazarener(ſo nannten die Juden un er ſich die Chriſten) mit ihm iu ſprechen wuͤnſche. Wer vom Handel leben will, muß ſeine Zeit ſtets dem opfern, der Geſchaͤfte mit ihm zu machen koͤmmt. Spogleich ſetzte Iſaak das noch unberührte Glas griechiſchen Wein, das er be⸗ reits an den Mund gehoben hatte, wieder nieder und 15 rief ſeiner Tochter zu:„Verſchleiere dich, Rebekka!“ dann befahl er, den Fremden einzufuͤhren. Gerade als Rebekka einen Schleier von Silberflor, der bis zu ihren Füßen ſiel, niedergelaſſen, oͤffnete ſich die Thuͤr, und Gurth, in ſeinen weiten normaͤnniſchen Mantel gehuͤllt, trat ins Zimmer. Se ine Erſcheinung war mehr geeignet, ihn verdaͤchtig„u machen, als fuͤr ihn einzunehmen, beſonders da er, ſtatt die Muͤtze ab⸗ zunehmen, ſich ſolche nur noch tiefer uͤber die ſonnver⸗ brannte Stirn druͤckte. „Biſt Du der Jude Iſaak von York? fragte ihn Gurth auf Saͤchſiſch. „Das bin ich,“ verſetzte Iſaak in derſelben Spra⸗ che(denn ſein Handel hatte ihm jede Mundart in Britannien zu eigen gemacht)—„und wer biſt Du 7 „Das geht Dich nichts an,“ ſchnauzte Gurth ihn an. „So gut als mein Name Dich angeht,“ erwiederte Iſaak;„denn wie kann ich ohne deinen Namen zu wiſſen, Geſchaͤfte mit Dir machen?“ „Ganz leicht,“ verſetzte Gurth,„denn wenn ich Geld bezahlen will, ſo muß ich die Perſon kennen, der ichs ausliefere; Dich, der Du es empfaͤngſt, wird es nicht ſehr aͤngſtigen, aus weſſen Haͤnden Du es erhaͤltſt.““ „Ach,“ rief der Jude,„Ihr kommt, um Geld zu bezahlen— O heiliger Vater Abraham! das veraͤndert unſre Sache! Und von wem bringſt du es?“ „Von dem enterbten Ritter,“ ſprach Gurth, „dem Sieger im heutigen Turnier! Es iſt das Geld . 16 für die Ruͤſtung, die ihm auf Deine Empfehlung von Kirjath Jairam von Leiceſter geliehen wurde. Das Pferd iſt wieder in Deinen Stall geführt. Ich wuͤnſchte nun zu wiſſen, wie viel ich eigentlich fuͤr die Ruͤſtung zu zahlen haͤtte.“ „Sagt' ich's doch, er ſei ein guter Junge!“ rief der Jude, voll Enduͤcken.„Ein Becher Wein wird Dir nichts ſchaden,“ fuhr er foͤrt, dem Schweinehirten ein volleres Glas fuͤllend, als er ſelbſt für ſich beſtimmt hatte.„Und wie viel haſt Du Geld mit Dir gebracht?“ „beilige Jungfrau!“ ſagte Gurth und ſetzte den Becher nieder,„was doch die unglaͤubigen Hunde fuͤr einen Nektar trinken, indeß wir ehrliche Chriſtenleute Gott danken, venn wir nur Bier in die Gurgel krie⸗ gen, das ſo trube und dick iſt, wie das Spuͤlicht, das man den Saͤuen gibt! Wie vier Geld ich zait mir ge⸗ bracht habe?“— fuühr der Sachſe fort, als er dieſe unhoͤfliche Aeußerung gethan hatte.„Nun's iſt eben nicht viel, indeſſen wiegt es immer noch etwas auf der Hand. Du mußt ein Gewiſſen im Leibe haben, und wenn es auch nur ein juͤdiſches waͤre“. „Ei, aber Dein Herr hat ja ſchoͤne Pferde und reiche Nuͤſtungen mit der Kraft ſeines Armes und ſeiner Lan⸗ ze gewonnen!— aber er iſt ein guter Juͤngling— der Jüde will nehme dieſe an Zahlungsſtatt und ihm den Ueberſchuß herauszahlen.“ „Mein Herr hat bereits daruͤber verfuͤgt ſprach Gurth. 4. „Ach, —— 17 „Ach, das iſt unrecht,“ rief der Jude,„das war ein Narrenſtreich! Kein Chriſt hier vermag ſo viele Pferde und Ruͤſtungen zu kaufen— kein Jude au ſer mir wird ihm den halben Werth dafür geben! Du haſt doch hundert Zechinen in dem Beutel?“ fragte er, unter Gurths Mantel greifend,„er iſt ſchwer!“ „Ich habe Armbruſtbolzenpfroͤpfe darin,“ erwie⸗ derte ſchnell beſonnen der Schweinhirt. „Wohl denn,“ ſagte Iſaak,„wenn ich nun ſage, daß ich achtzig Zechinen fuͤr das gute Pferd und die reiche Rüſtung begehre, wobei ich keinen Gulden Pro⸗ ſit habe, na— wirſt du mich bezahlen?“ „Baar auf der Stelle,“ verſetzte Gurth,„und meinem Herrn bleibt dann kein rother Heller in der Taſche. Und doch, wenn dieß Euer letztes Gebot iſt, muß ichs zufrieden ſein.“ „Fuͤll Dir einen andern Becher Wein,“ fprach der Jude.„Achtzig Zechinen ſind zu wenig. Da bleiben ja gar keine Zinſen fuͤr den Genießbrauch des Geldes, und uͤberdieß kann das Pferd bei dem heutigen Strauße Schaden genommen haben; ſtuͤrmnten doch Mann und Roß auf einander los, als ob ſie Stiere von Baſchan waͤren. Das Pferd muß durchaus dabei gelitten haben.“ „Wenn ich Euch aber ſage,“ erwiederte Gurth,„daß es geſund und woyl an Gliedern und Lungen blieb? Ihr moͤget es ſogleich in Eurem Stalle in Augenſchein nehmen. Und ich ſage Euch noch dazu, daß die Ruͤ⸗ ſtung mit ſiebzig Zechinen uͤbrig genug bezahlt iſt; und W. Scott's Werke. XLlV. 2 18 ich glaube, ein Chriſtenwort gilt noch ſoviel als ein Judenwort. Wenn Ihr nicht mit ſiebzig Zechinen zufrieden ſeid, ſo bring ich den Beutel(dabei ſchuͤttelte er ihn, daß der Inhalt erklang) wieder meinem Herrn zuruͤck.“ „ Na, naͤ!“ rief Iſaak,„zahle aus die Talente— die Schekels, und Du ſollſt ſehen, daß ich Dich reich⸗ lich werde bedenken.“ Gurth ließ ſichs endlich ge⸗ fallen, und zaͤhlte achtzig Zechinen auf den Tiſch, wo⸗ fuͤr der Jude uͤber die Bezahlung der Ruͤſtung quittirte. Des Juden Hand zitterte vor Freude, als er die erſten ſiebzig Goldſtuͤcke einſtrich. Die lezten zehn uͤberzaͤhlte er mit mehr Ueberlegung, hielt jedesmal inne und ſprach etwas in den Bart, ſo wie er ſie in ſeinen Beu⸗ tel gleiten ließ. Es ſchien, als ob ſein Geiz im Kam⸗ pfe mit ſeinem beſſern Ich ihn zwinge, Zechine nach Zechine einzuſtreichen, indeß ſeine Dankbarkeit ihn mahnte, wenigſtens einen Theil davon ſeinem Wohl⸗ thaͤter zuruͤckzugeben. Seine Worte lauteten etwa folgendermaßen:„Ein und ſiebzig— zwei und ſieb⸗ zig; ſein Herr iſt ein guter Junge— drei und ſiebzig, ein köſtlicher Junge— vier und ſiebzig— dieſes Stuͤck iſt etwas beſchnitten— fuͤnf und ſiebzig— und das hat nicht ſein volles Gewicht— ſechs und ſiebzig— wenn dein Herr Geld braucht, ſo ſoll er nur zum Iſaak von York kommen— ſieben und ſiebzig— verſteht ſich gegen billige Sicherheit. Hier machte er eine lange Pauſe, und Gurth hoffte ſchon, die lezten drei Stuͤcke 19 wuͤrden dem Schickſal ihrer Kameraden entgehen; al⸗ lein die Zaͤhlung ging vor ſich.—„Acht und ſiebzig — Du biſt ein guter Burſche— neun und ſiebzig— und ve dienſt auch etwas fuͤr Dich.“ Hier hielt der Jude wieder ein und betrachtete die Zechine, ohne Zweifel in der Abſicht, ſie Gurthen zu ſchenken. Er wog ſie auf ſeiner Fingerſpitze, und ließ ſie auf dem Tiſche niederktingen. Haͤtte ſie ſchlecht geklungen, oder waͤre ſie nur um ein Haar zu leicht befunden worden, ſo haͤtte die Großmuth des Juden geſiegt; aber zum Ungluͤck für Gurth ertoͤnte der Gold⸗ klang zu rein, die Zechine war neu gepraͤgt, und wog ſogar einen Gran über das Gewicht. Iſaak konnte es nicht uͤbers Herz bringen, ſich von ihr zu trennen, und ließ ſie wie in einer Art von Geiſtesabweſenheit mit den Worten in den Beutel cleiten:„Achtzig voll; ich hoffe, Dein Herr wird Dich reichlich belohnen. Gewiß haſt Du,“ fuhr er mit gierigen Blicken auf den Beu⸗ tel ſehend,„noch mehr Gold in dem Beutel.“ Mit grinzendem Laͤcheln verſetzte Gurth:„Beinahe noch eben ſo viel, als Du hier ſo ſorglich gezaͤhlt haſt.“ Dann faltete er die Quittung zuſammen, ſteckte ſie un⸗ ter die Muͤtze und ſagte:„daß ſie ja, bei Gefahr Dei⸗ nes Bartes, richtig ausgeſtellt iſt!“ Jezt ſich unge⸗ heißen noch einen dritten Becher Wein fuͤllend, leerte er ihn und verließ ohne Abſchied das Zimmer. „Rebekka,“ ſagte der Jude,„dieſer Ismaelite hat mirs doch zuvorgethan. Indeſſen ſein Herr iſt ein bra⸗ — 20 ver Junge, ja und ich bins wohl zufrieden, daß er ge⸗ wonnen hat Schekels von Gold und Schekels von Sil⸗ ber durch die Schnelligkeit ſeines Roſſes und die Kraft ſeiner Lanze, welche wie die des Philiſters Goliath mit einem Weberbalken vergleichbar iſt.“ Als er ſich umwandte, Rebekkas Antwort zu verneh⸗ men, ſah er, daß ſie waͤhrend ſeines Schachers mit Gurth das Zimmer verlaſſen hatte. Als Gurth die Treppe hinabgeſtiegen war, und in der finſtern Vorhalle nach der Thuͤr umhertappte, er⸗ blickte er eine weiße Geſtalt, die beim Schein einer kleinen, ſilbernen Lampe, welche ſie in der Hand hielt, ihm in ein Seitenkabinet winkte. Gurth fuͤhlte einige Abneigung, der Einladung zu folgen. Raub und unseſtuͤm, wie ein wilder Eber, wo irdiſche Gewalt ihm entgegenſtand, empfand er alle aberglaͤubiſche Furcht vor Geſpenſtern, Wald⸗ teufeln, weißen Frauen und andern Schreckniſſen, wie ſie die Sachſen aus den deutſchen Wildniſſen mitge⸗ bracht hatten. Er erinnerte ſich aber, daß er im Hauſe eines Juden ſei, und dieſe wurden zu jener Zeit fuͤr Schwarzkuͤnſtler und Zauberer gehalten. Nach au⸗ genblicklicher Ueberlegung folgte er indeſſen dem Wink der Erſcheinung und trat in das Seitenzimmer. „Mein Vater hat nur mit Dir geſcherzt, guter Burſche,“ ſprach Rebekka;„er verdankt Deinem Herrn viel mehr, als dieſe Waffen und Roſſe vergelten koͤnn⸗ —„ Schloß und Niegel hinter ihm zuzumachen.“ ich mein Horn und meinen Schweinhirtenſtab nieder⸗ 21 ten, und waͤren ſis auch zehnmal meh: werth! wie viel haſt Du meinem Vater bezahlt?“ „Achtzig Zechinen,“ antwortete Gurth uͤber dieſe Fragen erſtaunt. „In dieſem Beutel,“ ſprach Rebekka,„wirſt Du hundert ſinden. Stell Deinem Herrn davon zuͤruͤck, was ſein iſt, und behalte den Reſt fuͤr Dich.— Eile — geh— verweile dich nicht mit Danken, und nimm Dich in Acht, daß Du gluͤcklich durch die Stadt kommſt, und man Dir nicht Deine Bürde ſammt dem Leben nimmt.— Ruben,“ fuhr ſie fort, in die Hoͤnde klat⸗ ſchend,„leuchte dem Fremden und dann vergiß nicht, „Beim heiligen Dunſtan,“ rief Gurth, als er in dem dunkeln Baumgang vor dem Hauſe fortſtolperte⸗ „das iſt keine Juͤdinn, das iſt ein Engel vom Himmel! Zehn Zechinen von meinem braven Herrn— zwanzig von dieſer Perle Zions— d glücklicher Tdag— noch ei⸗ nen ſolchen, Gurth, und du kaufſt dich, ſo gut wie ein Anderer aus der Leibeigenſchaft los, und biſt ſo frei⸗ als der freieſte Mann auf Erden! Dann aber lege nehme das Schwert und den Schild eines freien Man⸗ nes, und folge meinem jungen Herrn bis in den Tod⸗ ohne mein Geſicht oder meinen Namen zu verbergen!“ 22 Zweites Kapitel. 2 Geächteter. Steht, Herr, und werfet uns zu, was Ihr bei Euch habt, 3 Wo nicht, ſo machen wir Euch ſtehn, und plündern Euch. Speed. Wir ſind verloren, Herr, das ſind Räuber! Val. Meine Freunde—— Erſter Geächt. Nicht doch, mein Herr, wir ſind Eure Feinde! Zweit. Geächt. So ſeid doch ruhig! wir wollen ihn hören. Dritt. Geächt. Ja, ja, bei meinem Bart, das wollen wir— Er ſcheint ein Ehrenmann. 3 Zwei Edelleute aus Verona. Die naͤchtlichen Abenteuer Gurths waren noch nicht beendigt; er wurde ſelbſt dieſer Meinung, als er an eini⸗ gen einzelnen Haͤuſern, die an der aͤuſſern Graͤnze des Dorfes lagen, vorübergegangen, und ſich in einem tiefen Hohlwege befand, der von beiden Seiten mit Haſelnuß⸗ und Hollunderſtauden bewachſen war, indeß hier und da eine Zwergeiche ihre Aeſte uͤber den Weg hinſtreckte. Der Weg ſelbſt war holprig und durch die vielen Fuhr⸗ werke, welche kuͤrzlich mancherkei Erforderniſſe zum Turnier herbeifuͤhrten, ſehr verdorhen. Es war dunkel auf dem Wege, denn die dichten Gebuͤſche und Zweige der Eichen ließen die Mondſtrahlen der milden Som⸗ mernacht nicht durchdringen. Vom Orte hea haͤrte man das ferne Gelaͤrm mun⸗ teren Luſtharkeit, mit lautem Lachen untermiſcht und wohl auch von wildjubelnder Muſik uͤbertoͤnt. Alle diee Täne zaugten von dem unordentlichen Zuſtand des 8 23 3 Staͤdtchens, das mit Edeln und deren ausſchweifendem Gefolge uͤberfuͤllt war, und erregte in Gurth ein ge⸗ wiſſes unheimliches Gefühl.„Die Juͤdinn hatte Recht,“ ſprach er bei ſich.„Beim Himmel und dem heiligen Dunſtan, ich wollte, ich waͤre mit allen meinen Schaͤtzen gluͤcklich und wohlbehalten am Ziele meiner Wander⸗ ſchaft. Da giebt es ſo eine Menge, ich will nicht ſagen heimathloſer Diebe, aber irrender Ritter und verirrter Knappen, Moͤnche, Ninſtrels, Gaukler und Spaßmacher, daß ein Mann mit einer einzigen Mark in der Taſche in Gefahr kommen wuͤrde, geſchweige denn ein Schweine⸗ hirt mit einem Sack voll Dukaten. Ich wollte, ich waͤr' aus dem Schatten diefer verteufelten Gebuͤſche heraus, daß ich zum mindeſten die Geſellen des heiligen Nikolas*) ſehen koͤnnte, bevor fie mir auf dem Nacken ſitzen.“ Gurth beſchkeunigte nun, ſo viel er konnte, ſeine Schritte, um das offene Feld zu gewinnen, wohin der Hohlweg führte, war aber nicht ſo gluͤcklich, ſeinen Vorſatz auszufuͤhren.— Gerade, als er das obere Ende des Hohlwegs erreichte, wo das Unterholz am dichteſten war, ſprangen vier Maͤnner, zwei von jeder Seite, auf ihn zu, und packten ihn ſo gewaltig, daß jeder Widerſtand vergeblich war.„Gieb her, was Du haſt!“ rief einer von ihnen,„wir ſind Leute, die Jedermann ſeiner Buͤrde entledigen.“ *) So bießen ſich die Räuberbanden und Geächteten der dama ligen Zeit. 3 24 werden,“ murmelte Gurth, deſſen Rechtlichkeit auch der augenſcheinlichſten Gefahr nicht unterlag,—„ſtaͤnde es in meiner Macht, drei Streiche zu ihrer Verthei⸗ digung zu fuͤhren.“ 4 „Das werden wir gleich ſehen,“ ſprach der Raͤuber, und ſetzte, zu ſeinen Gefaͤhrten gewandt, hinzu:„bringt den Kerl hinauf. Ich ſehe, er will ſich den Hirnſchaͤdel zerſchlagen, wie den Beutel oͤffnen laſſen, ſo mag er denn aus zwei Adern auf einmal bluten.“ Gurth wurde nun dem Befehle gemaͤß fortgeſchleppt; und ziemlich unſanft uͤber die linke Wand des Hohl⸗ wegs hinaufgeriſſen, fand er ſich in einem wilden Ge⸗ ſtruͤpp, das zwiſchen dieſem und der offenen Gegend lag. Er ward genoͤthigt, ſeinen Fuͤhrern tiefer ins Gebuͤſch zu folgen, und ſah ſich unerwartet auf einem poffenen, unregelmaͤßigen Platze, der, nur an den Seiten vollen Zugang geſtattete. Hier ſtießen noch zwei an⸗ dere, wahrſcheinlich zur Bande gehoͤrige Perſonen zu ihnen. Sie hatten kurze Schwerter und ſtarke Stoͤcke in Haͤnden; auch konnte jezt Gurth bemerken, daß ſie ſaͤmmtlich Larven vorhatten, wodurch denn ihr Ge⸗ verbe außer Zweifel geſetzt wurde, wenn er nach dieſen Vorgaͤngen daruͤber noch haͤtte in Zweifel ſein koͤnnen. 3„Was haſt Du fuͤr Geld bei Dir, Kerl?“ fragte einer der Raͤuber. „So leicht ſoll es Euch mit der meinigen nicht von Baͤumen umgeben, den Strahlen des Mondes 25 „Dreißig Zechinen, die mein Eigenthum ſind,“ ant⸗ wortete Gurth muͤrriſch. „Verwirkt, verwirkt!“ ſchrien die Raͤuber.„Ein Sachſe mit dreißig Zechinen kehrt nuͤchtern aus der Stadt zuruͤck! Alles verwirkt, was er bei ſich hat!“ „Ich hielt es zuſammen, um mich frei zu kaufen!“ ſagte Gurth. „Du biſt ein Eſel,“ fiel einer der Diebe ein.„Drei Flaſchen Doppelbier haͤtten Dich ſo frei gemacht, als 3 Deinen Herrn, ja noch freier, wenn er gleich Dir ein Sachſe iſt.“. „Eine traurige Wahrheit!“ ſprach Gurth;„allein, wenn dreißig Zechinen meine Freiheit von Euch erkau⸗ fen koͤnnen, ſo laßt meine Haͤnde los, ich will ſie Euch bezahlen.“ „alt!“ rief einer von ihnen, der eine Art von Herrſchaft uͤber die Andern auszuuͤben ſchien;„der Beutel, den Du da traͤgſt, enthaͤlt mehr Geld, als Du uns ſagteſt, wie ich durch Deinen Mantel fuͤh⸗ len kann.“ „Das gehoͤrt dem guten Ritter, meinem Herrn,“ antwortete Gurth,„und ich haͤtte kein Wort davon geſprochen, waͤret Ihr mit dem Raube meines Eigen⸗ thums zufrieden geweſen.“ „Du biſt ein ehrlicher Kerl,“ erwiederte der Raͤuber; „ich ſtehe gut für Dich, und wie verehren nicht, wie ſichs gebuͤhrt, den heiligen Nikolas, wenn Deine dreißig Zechinen Dir nicht nnangetaldet bleiben, ſofern Du 26 3 aufrichtig gegen uns biſt. Indeſſen uͤbergieb uns Dein anvertrautes Gut.“ Damit nahm er Gurth den großen ledernen Beutel ab, der die ihm von Rebekka uͤberge⸗ bene Boͤrſe und den Reſt der Zechinen enthielt, und fuhr dann mit ſeinen Fragen fort.„Wer iſt Dein Herr?“ „Der enterbte Ritter,“ antwortete Gurth. „Deſſen gute Lanze den Preis im Turnier gewann? Wie heißt er? woher ſtammt er?“ fragte der Raͤuber. „Es iſt ſein Wille, daß beides verheimlicht bleibt; folglich werdet Ihr von mir gewißlich nichts erfahren,“ entgegnete Gurth. „Dein Name und Stand?“ „Sagte ich das,“ verſetzte Gurth,„ſo koͤnnte leicht der meines Herrn verrathen werden.“ „Du biſt ein frecher Burſche,“ ſprach der Raͤuber; „doch davon hernach. Wie kommt Dein Herr zu dieſem Gold? Hat er's noch von ſeines Vaters Gut geret⸗ tet, oder ſonſt ervorben?“ „Durch ſeine gute Lanze,“ antwortete Gurth.— „Dieſe Beutel enthalten das Loͤſegeld fuͤr vier gute Roſſe und vier ſchoͤne Waffenruͤſtungen.“ „Wie viel iſt es?“ fragte der Raͤuber. eihunderf Zechinen.“ „Nur zweihundert Zechinen?“ fragte der Bandit. „Dein Herr iſt ſehr gnädig mit den Beſiegten verfah⸗ ren, unb hat ihnen geringes Loͤſegeld auferlegt. Nenne mir bie⸗ welche das Gold bezahlten!“ 7 27 Gurth nannte ſie ihm. „Aber die Ruͤſtung und das Pferd des Templers Brian de Bois Guilbert, wie viel iſt dafuͤr Loͤſegeld bezahlt worden?— Du ſiehſt, Du kannſt mich nicht hintergehen.“„ „Mein Herr,“ erwiederte Gurth,„will von dem Sempler nichts als ſein Herzblut nehmen. Sie haben ſich auf Leben und Tod gefordert, und koͤnnen unter ſich keine Hoͤflichkeit wechſeln.““* „Wirklich?“ fragte der Raͤuber, und ſchwieg einen Augenblick—„und was wollteſt Du denn mit einem ſolchen Schatz zu Ahſby thun?“ „Ich ging dahin, um dem Juden Iſaak von Vork den Preis der Waffenruͤſtung zu bezahlen, die er meinem Herrn zum Turnier verſchafft hatte.“ „und wie viet bezahlteſt Du an Iſaak. Nach dem Gewichte zu urtheilen, enthaͤlt der Beut! immer noch ſeine zweihundert Zechinen.“ 3 „Ich zahlte an Iſaak,“ ſprach der Sachſe,„achtzig Zechinen, und er gab mir hundert dafuͤr zurück.“ „Wie? was?“ riefen alle Raͤuber mit einem Mal; „wagſt Du, uns zum Beſten zu haben, daß Du uns ſo handgreifliche Luͤgen erzaͤhlſt?“² „Was ich Euch ſagte,“ entgegnete Gurth,„iſt ſo wahr, als der Mond dort am Himmel ſteht. Ihr werdet die gerade Summe in einer ſeidenen Boͤrſe, getrennt vom uͤbrigen Gelde, finden.“ „S ieh Dich wohl vor, Mann,“ bedeutete ihm der 3 28. Anfuͤhrer.„Du ſprachſt von einem Juden— einem Iſraeliten— der und Geld herausgeben! eben ſo wohl moͤchte der Sand der Wuͤſte den Becher Waſſers zuruͤck⸗ geben, den der Pilger auf ihn gießt.“ „Der fühlt ſo wenig Erbarmen,“ ſagte ein anderer Raͤuber,„als ein unbeſtochener Sheriff.“ „ und doch iſt es ſo, wie ich ſage,“ ſprach Gurth. „Bringt ſogleich ein Licht,“ ſprach der Hauptmann; „ich will die Boͤrſe unterſuchen; und iſt es, wie der Burſche ſagt, ſo iſt des Juden Freigebigkeit faſt ein ſo großes Wunder, als die Quelle, die ſeine Vaͤter in der Wuͤſte traͤnkte.“ Man brachte ein Licht, und der Raͤuber ſchickte ſich an, die Boͤrſe zu unterſuchen. Die andern draͤngten ſich um ihn her, und ſelbſt die Beiden, welche Gurth hielten, ließen etwas nach, indem ſie ihre Koͤpfe vor⸗ ſtreckten, um den Befund der Unterſuchung mit anzu⸗ ſehen. Ihre Nachlaͤſſigkeit benutzend, machte ſich Gurth durch eine ploͤzliche Kraftanſtrengung los, und wuͤrde entwiſcht ſein, haͤtte er das Eigenthum ſeines Herrn im Stiche laſſen wollen Allein dieß war nicht ſeine Abſicht. Er entriß einem der Raͤuber ſeinen Stock, ſchlug den Hauptmann, der ſeinen Vorſatz nicht ahnete, nieder, und war nahe dabei, ſich wieder in den Beſitz ſeines Beutels zu ſetzen. Allein, die Raͤuber waren ihm zu raſch und hatten ſich bald wieder ſeiner und ſeines Beutels bemaͤchtigt. „Schurke,“ ſprach der Hauptmann aufſpringend, 29 „Du haſt mir beinahe den Schaͤdel zerſchmettert und würdeſt bei andern Leuten unſres Schlags fuͤr Deine Frechheit uͤbel weggekommen ſein. Allein, Du ſollſt ſogleich Dein Schickſal erfahren. Erſt aber wollen wir von Deinem Herrn ſprechen; des Ritters Angelegen⸗ heit muß vor des Knappen kommen, ſo wollens der Ritterſchaft Geſetze. Stehe indeſſen ſtill! Rührſt Du Dich noch einmal, ſo ſollſt Du fuͤr Dein Lebetage zur Ruhe gebracht werden! Kameraden!“ fuhr er zu ſeiner Bande gewandt fort,„die Boͤrſe iſt mit hebraͤiſchen Schriftzeichen geſtickt, und ich glaube, der Burſche hat wahr geſprochen. Der irrende Ritter, ſein Ge⸗ bieter, muß bei uns zollfrei ausgehen. Er iſt zu ſehr unſres Gleichen, als daß wir an ihm Beute machen ſollten; denn Hunde ſollen nicht Hunde hetzen, ſo lang es noch Woͤlfe und Fuͤchſe im Ueberfluß gibt.“ „Unſeres Gleichen?“ fragte einer aus der Bande, „ich moͤchte doch wohl wiſſen, wie das kaͤme.“ „Wie, Thor?“ antwortete der Hauptmann,„iſt er nicht arm und erblos, wie wir alle ſind? Gewann er nicht ſein Eigenthum mit des Schwertes Spitze, wie wir alle thun? Hat er nicht Front de Boeuf und Malvoiſin geſchlagen, wie wir ſie ſchlagen wuͤrden, wenn wir ihrer habhaft wuͤrden? Iſt er nicht der Tod⸗ feind Brian de Bois Guilberts, den wir ſo ſehr zu fuͤrchten haben? Und waͤre das auch Alles nicht, wollen wir ein ſchlechteres Gewiſſen, als ein unglaͤu⸗ biger Jude haben?“ 3 30 „Nein, das waͤre eine Schande,“ rief ein anderer Raͤuber;„und doch hatten wir, als ich in der Bande des mannhaften alten Gandelyn diente, nicht ſolche Gewiſſensſkrupel, und doch wird, wett' ich, dieſer freche Geſelle da ſelbſt ohne Schlaͤge davonkommen.“ „Nicht ganz, wenn Du ſie ihm geben willſt,“ ent⸗ gegnete der Hauptmann.„Hoͤre, Burſche,“ fuhr er, an Gurth ſich wendend, fort,„weißt Du den Stock zu fuͤhren, auf den Du ſo hinſtarrſt?“ „Ich meine,“ verſetzte Gurth,„Du ſollteſt die Frage am beſten beantworten koͤnnen.“— „Ja, meiner Sreu, Du gabſt mir einen tuͤchtigen Schlag,“ verſetzte der Hauptmann;„gieb dem da einen gleichen, und Du ſollſt frei ausgehen; und thuſt Du's nicht, ſo will ich, meiner Sechs! ſelbſt das Loͤſegeld fuͤr Dich zahlen. Nimm Deinen Stock zur Hand, Müller,“ fuhr er fort,„und nimm Deinen Kopf in Acht; Ihr Andern laßt den Burſchen los, und gebt ihm gleichfalls einen Stock, hier iſt es hell genug zum Kampfe.“ Die beiden Kaͤmpfer traten nun, mit Kampfſtoͤcken bewaffnet, in die Mitte des offenen Platzes hervor, um das volle Mondlicht zu erhalten. Die Raͤuber lach⸗ ten auf, und riefen ihrem Kameraden zu:„Muͤller, nimm Deinen Krauskopf in Acht!“ Der Muͤller da⸗ gegen griff ſeinen Stock in der Mitte, ſchwang ihn gewandt um den Kopf,— ein Manoͤvre, das die Fran⸗ zoſen Moulinet heißen, und rief dann prahlend ſeinem 31 3 Gegner zu:„Nun komm' heran, Schuft, wenn Du s wagſt! Du ſollſt die Kraft meiner Muͤllerfauſt ver⸗ ſpuͤren!“ „Nun, wenn Du ein Muͤller biſt,“ entgegnete Gurth unerſchrocken, mit gleicher Gewandtheit ſeinen Stock um den Kopf ſchwingend,„ſo biſt Du ein doppelter Schelm; und ich, als ein ehrlicher Kerl, biete Dir Trotz.“ 3 Mit dieſen Worten griffen ſich die beiden Kaͤmpfer an und entwickelten einige Minuten lang gleiche Kraft, Herdzhaftigkeit und Kunſt, die Schlaͤge mit gleicher Gewandtheit empfangend und erwiedernd, ſo daß man von dem unaufhörlichen Zuſammenſchlagen ihrer Waffen in der Entfernung wenigſtens ſechs Per⸗ ſonen auf jeder Seite im Streit begriffen geglaubt haͤtte. Weniger hartnaͤckige und gefaͤhrliche Kaͤmpfe find in ſchoͤnen Heldengedichten beſungen worden, allein Gurths und des Muͤllers Kampf bleibt unbeſungen, da es an einem heiligen Dichter fehlt, der ihren Thaten Gerechtigkeit widerfahren ließe; allein, obwohl der Stockkampf nicht mehr an der Tagesordnung iſt, ſo wollen wir, ſo weit wirs in Proſa vermoͤgen, den kühnen Streitern ihr Recht erzeigen. Lange fochten ſie mit gleichem Vortheil, bis der Müller die Faſſung zu verlieren begann, da er ſah, daß ers mit einem kraͤf⸗ tigen Gegner zu thun hatte, und das Gelaͤchter ſeiner Gefaͤhrten hoͤrte, die ſich, wie es bei ſolchen Faͤllen gewoͤhnlich iſt, uͤber ſeinen Aerger luſtig machten. Dieß 12. 8 32 war kein fuͤr den edeln Stockkampf guͤnſtiger Gemuͤths⸗ zuſtand, bei welchem, wie beim gewoͤhnlichen Knittel⸗ kampf, die groͤßte Kallvlutigkeit erfordert wird; er gab ſo Gurth, deſſen muͤrriſches Gemuͤth nicht leicht in Wallung gerieth, ein entſchiedenes Uebergewicht, deſſen er ſich auch meiſterlich zu bedienen wußte. Der Muͤller drang wuthend auf ihn ein, ſchlug mit beiden Enden des Stockes tuchtig drein, und ſuchte ſo in die halbe Stockweite zu kommen. Gurth vertheidigte ſich gegen fein Ungeſtum, indem er deſſen Haͤnde ſtets mehr als eine Elle von ſich entfernt hielt, und ſich mit großer Gewandtheit gegen ſeine Waffe deckte, um Kopf und Leib zu ſchuͤtzen. So hielt er ſich blos im Vertheidi⸗ gungoſtand, mit Auge, Hand und Fuß den rechten Augenblick erſehend, und als ſein Gegner den Wind verlor, ſchwang er den Stock rechts nach des Gegners Geſicht, und als der Muͤlter den Schlag zu pariren ſuchte, gab er ihm mit der vollen Kraft ſeiner Waffe einen ſo derben Schlag an die linke Seite des Kopfes, daß er ſogleich der Lange nach auf den Raſen nieder⸗ ſtuͤrzte. „Gut, das heißt wie ein Neoman gefochten!“ riefen die Raͤuber.„Ehrlicher Kampf und alt Eng⸗ land in Ewigkeit! Der Sachſe hat ſeinen Beutel und ſeine Haut gerettet, und der Muller hat ſeinen Mann gefunden.“ 3 „Du kannſt nun Deiner Wege gehen, Freund,“ bpun der Hauptmann, an Gurth ſich wendend und dem allge⸗ 8* 33 8 allgemeinen Urtheil eine Stimme gebend,„zwei meiner Kameraden ſollen Dich den beſten Weg zum Zelte Deines Herrn ſuͤhren, um Dich vor Nachtwandlern zu beſchuͤtzen, welche weniger Zartgefuͤhl haben, als wir; denn in einer Nacht, wie dieſe iſt, wimmelt es von Leuten ſolcher Art. Huüte Dich aber,“ fuhr er in ernſtem Tone fort,„bedenke, daß Du mir Deinen Namen nicht ſagen wollteſt, frage nicht nach dem unſrigen, und ſuche nicht zu erforſchen, wer wir ſind; wenn Du einen ſolchen Verſuch wagſt, ſo wird es Dir ſchlechter als heute be⸗ kommen.“ Gurth dankte dem Hauptmann fuͤr ſeine Guͤte, und verſprach ihm, ſeinem Rathe zu folgen. Zwei der Geaͤch⸗ teten nahmen ihre Stoͤcke, hikßen Gurth ihnen folgen, und gingen einen Fußpfad entlang, der das Gebuͤſch und den daran ſtoßenden Moor durchſchnitt. Auſſen vor dem Dickicht traten ihnen zwei Leute entgegen, zogen ſich aber auf einige Worte, welche ihnen Gurths Be⸗ gleiter zuflüſterten, wieder zuruͤck, und ließen ſie unan⸗ gefochten voruͤbergehen. Dieſer Umſtand erregte bei Gurth die Vermuthung, daß die Bande ſehr ſtark ſei, und ordentliche Wachen in der Naͤhe ihres Lagerplatzes aufgeſtellt habe. Als ſie auf dem freien Felde waren, wo es Gurth ſchwer geworden waͤre, den Weg zu finden, führten ihn die Raͤuber gerade feldeinwaͤrts nach dem Gipfel einer kleinen Anhoͤhe, von welcher aus er vor ſich vom Monde erleuchtet die Paliſaden der Schranken und die ſchimmernden Zelte am Ende derſelben mit den W. Seott Werke, XILIV. 34 im Mondlicht flatternden Faͤhnlein ſehen, und die Ge⸗ ſangstoͤne der Wachen, womit ſee ſich in naͤchtlicher Weile die Zeit vertrieben, vernehmen konnte. Hier hielten die Naͤuber. „Weiter gehen wir nicht mit Euch,“ ſagten ſie;„es waͤre nicht geheuer fuͤr uns.— Erinnert Euch der Euch gewordenen Warnung— haltet geheim, was Euch dieſe Nacht widerfuhr, ſo werdet Ihr's nie zu bereuen haben— thut Ihrs nicht, ſo wird der Tower in London Euch nicht vor unſrer Nache ſchuͤtzen.“ „Gute Nacht, liebe Herren!“ ſagte Gurth,„ich werde Eurer Weiſung eingedenk ſein, hoffe aber, daß es Euch nicht beleidigen wird, wenn ich Euch ein ſichereres und ehrenvolleres Gewerbe wuͤnſche“ So ſchieden ſie, die Geaͤchteten nahmen ihre Richtung dahin zuruͤck, woher ſie gekommen waren, und Gurth begab ſich nach dem Zelte ſeines Herrn, dem er trotz der emp fangenen Warnung ſein ganzes naͤchtliches Abenteuer erzaͤhlte. 4 Der enterbte Ritter erſtaunte nicht weniger uͤber Re⸗ bekkas Edelmuth, von dem er jedoch keinen Nutzen zu ziehen beſchloß, als uͤber den der Raͤuber, deren Ge⸗ werbe eine ſolche Eigenſchaft gaͤnzlich fremd zu ſein ſchien. Sein Nachdenken uͤber dieſe ſeltſamen Dinge ward jedoch durch das Beduͤrſniß der Ruhe unterbrochen, die ihm die Anſtrengungen des vergangenen, ſo wie die zu erwartenden des naͤchſten Tages unumgänglich nothwendig machten. Der Nitter legte ſich demnach auf das prachtvelle — — — — — 35 Lager, womit das Zelt verſehen war, und der treue Gurth ſtreckte ſeine muͤden Glieder auf eine Baͤrenhaut, welche dem Zelte als Teppich diente, am Eingange deſ⸗ ſelben nieder, ſo daß Niemand eintreten konnte, ohne ihn zu wecken. Drittes Kapitel. Nicht jagt der Herold länger auf und ab⸗ Trompeten nun und Hörner laut ertönen. Von Oſt und Weſt naht ſich in vollem Trab Das Heer der Ritter vor dem Aug' der Schönen. Jezt pflüat der Svorn, es droht der ſtarre Speer, Kunſtrecht zu Roſſe ſliegt die Schaar daher— Die Lanze trifft den Schild mit hartem Stoß,⸗ Hoch durch die Luft der Speere Splitter ſpringen⸗ Der Ritter wankt im Sattel bügellos, 4 Der Helme Fugen hört man brechend klingen; Jezt zukt der Blitz des Schwertes ſilberhell— Es ſtrömt dahin des Blutes rother Quell. Chaucer. In unumwolkter Klarheit brach der Morgen an; und ehe noch die Sonne ſich viel uͤber den Horizont erhob, war ſchon die Ebene mit herbeieilenden Zuſchauern uͤber⸗ deckt, welche dem allgemeinen Ziele, den Schranken, zuſtroͤmten, um ſich einen vortheilhaften Platz fuͤr die erwarteten Spiele zu ſichern. Die Marſchaͤlle und ihr Gefolge erſchienen mnrn auf dem Platze, mit ihnen die Herolde, um die Namen der Ritter aufzuzeichnen, die ſich zum Turnier ſtellen wollten, mit Bezeichnung der Seite, auf welcher jeder 3 02 36 zu kaͤmpfen gedachte. Dieß war eine nothwendige Vor⸗ ſichtsmaßregel, um einige Gleichheit zwiſchen beiden kaͤm⸗ pfenden Parteien feſtzuſtellen. Der herkoͤmmlichen Sitte gemaͤß ward der enterbte Ritter als der Anfuͤhrer der einen Partei angeſehen, waͤhrend Brian de Bois Guil⸗ bert, der nach ihm als der zweite Tapferſte am vergan⸗ genen Tag anerkannt worden war, als erſter Kaͤmpfer der andern Partei genannt wurde. Die Ausforderer ſchloſſen ſich natuͤrlich an ihn an, mit Ausnahme Nalph de Viponts, den ſein Fall unfaͤhig gemacht hatte, am heutigen Tage eine Ruͤſtung zu tragen. Es fehlte nicht an edeln und ausgezeichneten Bewerbern, um auf beiden Seiten die Zahl zu fuͤllen. Obgleich die allgemeinen Tur⸗ niere, wo alle Ritter zugleich ſochten, gefaͤhrlicher waren, als der einzelne Kampf, ſo wurden ſie doch von der Ritterſchaft jener Zeit mehr geliebt und geuͤbt, als die lezteren. Manche Ritter, welche nicht genug Vertrauen hatten, es allein mit einem Ritter von ſo hohem Rufe aufzunehmen, wuͤnſchten doch ihren Anſpruch auf Ruhm in einem allgemeinen Kampfe zu bewaͤhren, wo ſie An⸗ dern zu begegnen hofften, denen ſie ſich gewachſen fuͤhlten. Bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit hatten ſich gegen fuͤnfzig Ritter auf jeder Seite einſchreiben laſſen, und die Marſchaͤlle erklaͤrten nun, zum großen Mißvergnuͤgen der Zuſchauer, daß Niemand mehr angenommen werden kennte. Ungefaͤhr um zehn Uhr war die ganze Ebene von Reitern und Fußgaͤngern angefuͤllt, die zum Turniere 37 3 eilten; und bald darauf kuͤndigte eine große Fanfare der Trompeten den Prinzen Johann und ſein Gefolge nebſt vielen Rittern an, welche theils mit zu kämpfen beab⸗ ſichtigten, theils bloſe Zuſchauer bleiben wollten. Um dieſelbe Stunde fand ſich auch Cedric der Sachſe mit Lady Rowena ein, ohne jedoch von Athelſtane begleitet zu ſein. Dieſer Baron hatte ſeine große, kraͤftige Ge⸗ ſtalt in eine Ruͤſtung gezwaͤngt, um eine Stelle unter den Kaͤmpfenden einzunehmen; zu Cedrics großem Er⸗ ſtaunen aber waͤhlte er die Schaar des Templers zu ſeiner Partei. Der Sachſe hatte nicht unterlaſſen, ſei⸗ nem Freunde die ernſtlichſten Vorſtellungen uͤber ſeine unpaſſende Wahl zu machen, hatte aber die gewoͤhnliche Antwort ſolcher Leute erhalten, welche mehr auf dem ein⸗ mal gefaßten Entſchluß zu beharren, als ihn mit Gruͤn⸗ den zu rechtfertigen bereit und willig ſind. Seinen beſten, wo nicht einzigen Grund fuͤr die Er⸗ greifung der Partei Brian de Bois Guilberts behielt Athelſtane kluͤglich fuͤr ſich. Obgleich ſein großes Phlegma ihn alle Mittel vernachlaͤſſigen ließ, ſich der Lady Ro⸗ wena beſonders zu empfehlen, ſo war er doch keines⸗ weges gleichgultig gegen ihre Reize und betrachtete ſeine kuͤnftige Verbindung mit ihr durch Cedrics und ihrer andern Verwandten Beſtimmung als eine ausgemachte Sache. Er hatte daher mit unterdrücktem Mißbehagen den Sieger des vergangenen Tages Lady Rowena zum Gegenſtand der Ehre erwaͤhlen ſehen, die er doch zu ver⸗ leihen das Recht haͤtte. Um ihn fuͤr eine Anmaßung zu ſtrafen, welche ihm als ein Eingriff in ſeine Bewerbung erſchien, hatte Athelſtane, im Vertrauen auf ſeine große Koͤrperkraft und ſeine Geſchicklichkeit, wie ſie wenigſtens Schmeichler ihm prieſen, nicht nur beſchloſſen, den enterbten Ritter ſeines maͤchtigen Beiſtandes zu berau⸗ ben, ſondern ihn noch gelegentlich die Schwere ſeiner Streitaxt füͤhlen zu laſſen. Bracy und andere Ritter aus des Prinzen Gefolge hatten ſich, da Johann dieſer Partei wo moͤglich den Sieg zu ſichern wuͤnſchte, gleichfalls den Ausforderern angeſchloſſen. Dagegen nahmen viele engliſche und nor⸗ maͤnniſche Ritter, Eingeborne und Fremde, gern die Partei, welche ein ſo mannhafter Kaͤmpe, als der ent⸗ erbte Ritter, anfuͤhren ſollte. Sobald der Prinz bemerkte, daß die erwaͤhlte Koͤ⸗ niginn des Tages ſich den Schranken nahte, ritt er mit der ihm, wenn er wollte, zu Gebot ſtehenden, anmu⸗ thigen Freundlichkeit zu ihr hin, ſtieg vom Pferde, nahm ſeine Muͤtze ab, und half Lady Rowena von dem ihrigen, indeß einer aus ſeinem Gefolge gleichfal ls abffüg, um ihr den Zelter zu halten. „So geben wir,“ ſagte Prinz Johaun,„albſt das gebuͤhrende Beiſpiel treuer Huldigung der Koͤniginn der Liebe und Schoͤnheit, und fuͤhren ſie zu dem Throne, den ſie dieſen Tag einnehmen ſoll. Ladies,“ ſprach er, folgt Eurer Monarchinn, wenn Ihr einſt wuͤnſchet, durch gleiche Ehre ausgezeichnet zu werden!“ Mit dieſen Worten fuͤhrte ber Prinz Rowena nach — 1 39 einem dem ſeinen gegenuͤber errichteten Ehrenplatz, waͤh⸗ rend die vornehmſten und ſchoͤnſten der gegonwaͤrtigen Damen ſich um ſie draͤngten, die naͤchſten Sitze bei der Monarchinn dieſer kluͤchtigen Stunden einzunehmen. Kaum ſaß Rowena, als eine rauſchende Fanfare, faſt uͤbertoͤnt von dem Jubelruf der Menge, ihrer neuen Wuͤrde huldiate. Mittlerweile ſtrahlte die Sonne in ſtolzem Glauze auf die ſchimmernde Nuͤſtung der Ritter, die ſich an den entgegengeſetzten Enden der Schranken verſammelt hatten, um ſich uͤber die beſte Einrichtung der Schlachtordnung und die Fuͤhrung des Kampfes zu berathen.. Hierauf geboten die Herolde Stillſchweigen, bis die Turniergeſetze verleſen waͤren. Sie waren zum Theil darauf berechnet, die Gefahren des Tages zu vermin⸗ dern; eine Vorſicht, die um ſo noͤthiger wurde, da der Kampf mit ſcharfen Schwertern und ſpitzigen Lanzen ge⸗ fochten werden ſollte. 3 So war den Kaͤmpfern der Stoß mit dem Schwerte unterſagt und nur der Hieb geſtattet. Der Ritter durfte die Streitaxt und den Kolben fuͤhren, allein der Dolch war eine verbotne Waffe. Ein vom Pferde geworfener Ritter konnte den Kampf mit einem Ritter der Gegenpartei, der ſich in gleichem Falle befand, fortſetzen, allein zu Pferde durfte ihn Niemand angreiſen. Konnte ein Ritter den andern bis an das aͤuſſerſte Ende der Schranken drangen ſo daß er die Paliſaden mit dem Koͤrper oder den Waffen beraͤhrte, ſo mußte er ſich beſiegt geben, und Pferd und 40 „Raͤſtung waren der Verfuͤgung des Siegers verfallen. Ein Ritter, der ſo beſiegt ward, durfte nicht weiter an dem Kampfe des Tages Theil nehmen; wurde einer nie⸗ dergeworfen, und unfaͤhig, ſich wieder ſelbſt zu erheben, ſo ſollte ſeinem Knappen geſtattet ſein, in die Schranken zu treten, um ihn dem Gedraͤnge zu entziehen; allein auch in dieſem Fall war der Ritter uͤberwunden, und Nuͤſtung ſammt Streitroß dem Sieger verfallen. Der Kampf ſollte zu Ende ſein, wenn Prinz Johann mit ſeinem Stabe das Zeichen geben wuͤrde, damit nicht durch zu lange Fortſetzung des Kampfes unnoͤthiger Weiſe zu viel Blut vergoſſen wuͤrde. Jeder Ritter, der die Tur⸗ niergeſetze uͤberſchritt, oder auf andere Weiſe die Re⸗ geln des ehrenfeſten Ritterthums verletzen wuͤrde, ſollte ſeiner Waffen beraubt, der Schild ihm umgekehrt, und er ſo auf den Paliſaden reitend zur Strafe ſeines unrit⸗ terlichen Benehmens dem oͤffentlichen Gelaͤchter Preis gegeben werden. Nachdem die Herolde dieſe Geſetze ver⸗ kuͤndigt hatten, ſchloſſen ſie mit einer Ermahnung an jeden guten Ritter, ſeine Schuldigkeit zu thun, und die Gunſt der Koͤniginn der Liebe und Schoͤnheit zu verdienen. Jezt begaben ſich die Herolde auf ihre Plaͤtze zuruͤck; die Ritter zogen in langem Zuge an den beiden Enden der Schranken ein und ordneten ſich in einer doppelten Reihe einander gegenuͤber. Gerade in der Mitte des Zu⸗ ges nahm der Fuͤhrer jeder Partei ſeinen Platz, doch be⸗ gab er ſich nicht eher dahin, als er alle ſeine Begleiter ſorg⸗ — — 4¹ ſam geordnet und jedem in ſeiner Schaar ſeine Stelle angewieſen hatte. X 3 Es war ein ſchoͤner, aber zugleich auch beunruhigen⸗ der Anblick, ſo manchen tapfern Kaͤmpfer wohl berit⸗ ten und reich bewaffnet zu dem furchtbaren Kam⸗ pfe bereit zu ſehen; gleich eben ſo vielen Pfeilern ſa⸗ ßen ſie regungslos in ihren Streitſaͤtteln, das Zeichen zum Angriff mit gleicher Begierde erwartend, wie ihre muthigen Hengſte, welche, vor Ungeduld wiehernd, mit dem Hufe den Boden zerwuͤhlten. Jezt hielten die Ritter ihre langen Speere aufrecht in die Hoͤhe, und die Spitzen derſelben funkelten in der Sonne, indeß die daran befindlichen Faͤhnlein uͤber den Federbuͤſchen der Helme flatterten.— So blieben ſie, waͤhrend die Marſchaͤlle des Feldes, ihre Reihen mit der groͤßten Genauigkeit durchforſchten, ob keine Partei mehr oder weniger als die beſtimmte Anzahl habe. Al⸗ les ward richtig befunden. Die Marſchaͤlle zogen ſich aus den Schranken zuruck, und William de Wyvil rief mit donnernder Stimme:„Laissez aller!“ Die Trom⸗ peten ertoͤnten, die Speere der Kaͤmpfer ſenkten ſich, und zum Angriff bereit— die Sporen in die Flanken der Pferde gedruͤckt— ſtuͤrmte die Vorderreihe jeder Partei in geſtrecktem Galopp auf einander ein, und das don⸗ nernde Krachen, womit ſie in der Mitte der Schranken zu⸗ ſammentrafen, ward auf eine Meile weit gehoͤrt. Die Folgen des Zuſammentreffens ließen ſich nicht ſo⸗ gleich uͤberſehen, denn eine himmelan wirbelnde Staub⸗ 42 wolke, die ſich rings erhob, verdunkelte weit umher den Geſichtskreis, und es dauerte wohl eine Minute, ehe die aͤngſtlich harrenden Zuſchauer das Schickſal des Kampfes erkannten. Als man endlich den Kampfplatz wieder uͤber⸗ ſehen konnte, war die Haͤlfte der Ritter auf jeder Seite von ihrer Gegner Lanze abgeworfen— bald hatte Ge⸗ ſchicklichkeit, bald groͤßere Koͤrperkraft den Sieg davon getragen.— Manche lagen auf der Erde, als wollten ſie „ nie wieder aufſtehen— andere waren ſchon wieder auf den Beinen, und drangen jezt im Fußkampf auf die gleichfalls hiezu gensthigten Gegner ein. Zwei oder drei nur ſuch⸗ ten ſich mit ihren Schaͤrpen die empfangenen Wunden zu verbinden und zu fernerem Kampfe untuͤchtig, ſich aus dem Gewuͤhle zuruͤckzuziehen. Die noch berittenen Käͤmpfer hatten, da ihre Lanzen deinahe ſaͤmmtlich durch den Unge⸗ ſtuͤm des Zuſammentreffens zerſplittert waren, die Schwerter gegen einander gezogen, ließen ihr Feldgeſchrei ertoͤnen und theilten Streiche aus, als ob Ehre und Leben vom Ausgang des Kampfes abhaͤngen ſollte. Der Tumult wurde durch das Anruͤcken der zweiten Schlachtreihe ver⸗ mehrt, die zur Unterſtuͤtzung ihrer Gefayrten herangeeilt kam. Die Kampfgenoſſen Beian de Bois Guilberts riefen: —„Ha! Beauseant! Beauseant!*)— fuͤr den Tampel! fuͤr den Tempel!“ Die Gegenpartei dagegen Desdichado! *) Beauseant war der Name des Templerbanners, das halb ſchwarz, halb weiß war; um, wie man ſaare, anzudeuten, daß ſie redlich und gut geſinnt gegen Chriſten, aber furcht⸗ bar und erbarmungsles gegen die ungläubigen wären. — . 43. Desdichado! den Wahlſpruch ihres Fuͤhrers zum Lo⸗ ſungswort nehmend. 3 Mit der aͤuſſerſten Wuth und mit wechſelndem Gluͤck ſchwankte die Ebbe und Flut der Schlacht bald nach dem ſuͤdlichen Ende der Schranken, bald nach dem nordlichen, je nachdem die eine oder die andere Partei die Oberhand hatte. Furchtbar mit dem Schmettern der Trompeten gemiſcht erklangeu die raſſelnden Streiche und das jubelnde Kriegsgeſchrei, das Stoͤhnen der Fallenden uͤbertoͤnend, die ſich vertheidigungslos unter den Fuͤßen der Pferde waͤlzten. Staub und Blut bedeckte die glaͤnzenden Ruͤ⸗ ſtungen, welche den Streichen der Schwerter und Streit⸗ aͤrte nicht widerſtanden. Die prangenden Helmbuͤſche flogen zerſtuͤckt wie Schneeflocken umher. Alles Schoͤne und Prachtvolle der kriegeriſchen Schlachtreihe war ver⸗ ſchwunden, und was ſich dem Auge darbot, war geeig⸗ neter, Schrecken und Mitleid einzufloͤßen. 6 Aber ſo groß iſt die Macht der Gewohnheit, daß nicht blos die gemeineren Zuſchauer, die gern von Grauſen erregenden Anblicken angeſprochen werden, ſondern ſelbſt die Damen, welche die Gallerien fuͤllten, mir ſteigender Theilnahme, ohne die Augen von der ſo erſchuͤtternden Szene abwenden zu koͤnnen, dem Kar⸗ ſe zuſahen. Hier und da erbleichte freilich eine Roſenwange⸗ oder ließ ſich ein Schrei der Angſt vernehinen, wenn etwa ein Gelieb⸗ ter, Gatte oder Bruder vom Pferde geſuͤrzt war; allein im Allgemeinen feuerten die Damen die Kaͤmpfer nicht pios durch Klatſchen, ſondeen ſogat durch Zuruf anz 44 „Tapfere Lanze! Kuͤhnes Schwert!“ wenn ein ſieg⸗ reicher Stoß oder Hieb in ihrer Naͤhe fiel. Da das ſchoͤne Geſchlecht ſchon ſolch lebhaften Antheil an dem blutigen Spiele nahm, ſo laͤßt ſich der der Maͤnner um ſo leichter begreifen. Bei jedem Wechſel der Schlacht ſchien es, waͤhrend aller Zuſchauer Augen auf den Kampfplatz geheftet waren, als ob die Zuſchauer ſelbſt die in ſo reichlichem Maße fallenden Streiche bekaͤmen. Bei jeder Pauſe vernahm man die ermunternden Stim⸗ men der Herolde:„Kaͤmpft, kaͤmpft, tapfere Krieger! der Mann ſtirbt, der Ruhm lebt in Ewigkeit!— Kaͤmpft, kaͤmpft, lieber todt als beſiegt! Kaͤmpft, kaͤmpft, tapfere Ritter! ſchoͤne Augen ſchauen Eure Thaten!“ Mitten unter den wechſelnden Erſcheinungen des Kumpfes ſuchten Aller Augen die Fuͤhrer der Schaaren zu unterſcheiden, welche in dem dichteſten Haufen ſich tum⸗ melnd mit Wort und That ihre Gefaͤhrten anfeuerten. Beide verrichteten große Thaten der Tapferkeit; weder Bois Guilbert noch der enterbte Ritter fanden in den feindlichen Reihen einen Kaͤmpfer, der ihnen gleich zu achten war. Zu wiederholten Malen verſuchten ſie, ſich im Gefechte perſoͤnlich zu begegnen, da ſowohl ihr gegen⸗ ſeitiger Haß, als auch die Ueberzeugung, daß der Fall des Anfuͤhrers den Sieg fuͤr die Gegenpartei entſcheiden wuͤrde, ſie maͤchtig dazu anſpornte. So groß aber war das Gedraͤnge und die Verwirrung in der erſten Zeit des Kampfes, daß alle ihre Verſuche, einander zu treffen, vereitelt, und ſie wiederholt von ihren Begleitern getrennt 8— 45 A XXX wurden, deren jeder ſtrebte, durch einen Kampf mit dem Anfuͤhrer der Gegenpartei ſich Ruhm zu erwerben. Als aber der Kampfplatz durch alle diejenigen, welche von beiden Seiten gezwungen wurden, ſich fuͤr beſiegt zu er⸗ klaͤren, leerer ward, trafen endlich der Templer und der enterbte Ritter mit all der Wuth auf einander, welche tödtlicher Haß und flammender Ehrgeiz zu entzuͤnden ver⸗ mochten. So große Gewandtheit entwickelten beide im Pariren und Ertheilen der Streiche, daß alle Zuſchauer unwillkuͤhrlich in einen allgemeinen Jubel der Bewun⸗ derung ausbrachen. Aber nachthrilig wandte ſich in dieſem Augenblick das Gluͤck fuͤr die Partei des enterbten Ritters; denn der Rieſenarm Front de Boeufs, und die gewichtige Staͤrke Athelſtanes warfen und zerſtreuten Alles, was ſich ihnen nahte; und da ſie ſich nun von allen Gegnern befreit ſa⸗ hen, kamen ſie beide zugleich auf den Gedanken, ihrer Partei den entſcheidenden Vortheil dadurch zu ſichern, daß ſie den Templer gegen ſeinen Nebenbuhler unterſtuͤtz⸗ ten. Zu gleicher Zeit ihre Pferde herumwerfend, eilte der Normann auf der einen und der Sachſe auf der andern Seite zu ſeinem Beiſtande herbei. Durchaus unmoͤglich waͤre es geweſen, daß der enterbte Ritter dieſen uner⸗ warteten und ungleichen Angriff ertragen haͤtte, waͤre er nicht von dem allgemeinen Angſtruf der Zuſchauer ge⸗ warnt geworden, die dem ſo hart Bedrohten ihren An⸗ theil nicht verſagen konnten. „Vorgeſehen! vorgeſehen! Herr enterbter Ritter!“ 45 ertoͤnte der allgemeine Ruf, ſo daß der Ritter, ſeine Ge⸗ fahr entdeckend, dem Templer nur noch einen kraftvollen Hieb verſetzte, ſein Roß ſchnell zuruͤckriß, und ſo dem Zu⸗ ſammentreffen mit Athelſtane und Front de Boeufentging, welche, ihres Zweckes verfehlend, nun beinahe auf einan⸗ der gerannt waͤren, ſo ſtuͤrmend kamen ſie auf einander zu. Indeſſen wurden ſie noch zeitig genug ihrer Roſſe Meiſter und verfolgten alle drei ihr gemeinſames Ziel, den ent⸗ erbten Ritter zu Boden zu ſtrecken. 3 Nur die auſſerordentliche Staͤrke und Gewandthelt ſeines edeln Roſſes, das er den Tag zuvor gewonnen hatte, vermochte ihn zu retten. Dieß brachte ihm deſto groͤßeren Vortheil, da Bois Guilberts Pferd verwundet und Athel⸗ ſtanes und Front de Boeufs ſowohl von der Laſt ihrer in volle Rüſtung gehuͤllten rieſenhaften Reiter, als auch von den fruͤheren Anſtrengungen ermuͤdet waren; die vollen⸗ dete Reitkunſt des enterbten Ritters und die Gewandtheit des edeln Thiers, das er ritt, ſetzten ihn in Stand, einige Minuten ſeine drei Gegner auf Schwertes Laͤnge von ſich entfernt zu halten; und mit der Schnelligkeit eines Fal⸗ ken ſich hin und her wendend, bald dieſen, bald jenen an⸗ greifend, ſuchte er ſeine Gegner moͤglichſt weit von einander zu trennen, und ihnen Streiche zu verſetzen, ohne die ihm zugedachten abzuwarten. Obgleich die Schranken von dem ſeiner Geſchicklich keit gezollten Beifall widerhallten, ſo war es doch offen⸗ bar, daß er endlich wuͤrde unterliegen muͤſſen; und die umgebung des Pr inzen Johann bat einſtimmig, er moͤchte 47 das Zeichen zur Beendigung des Kampfes geben, und den Ritter unverdienter Beſchimpfung entreiſſen. „Nein, beim Lichte des Himmels!“ antwortete Prinz Johann;„dieſer Abenteurer, der ſeinen Namen ver⸗ hehlt, und unſre Gaſtfreundſchaft verſchmaͤht, hat bereits einen Preis gewonnen, und mag nun auch Andern etwas zukommen laſſen!“ Wie er ſo ſprach, wandte ein uner⸗ wartetes Ereigniß mit einem Mal das Schickſal des Ta⸗ ges. Es war auf Seiten des Enterbten ein Ritter in ſchwarzer Ruͤſtung auf einem ſchwarzen Roſſe, groß und breitſchultrig, und allem Anſchein nach kraftvoll und ganz zum Kampfe geeignet. Dieſer Ritter, der auf feinem Schilde keine Deviſe trug, ſchien bis jezt nur wenig An⸗ theil am Kampfe zu nehmen, indem er mit Bequemlich⸗ keit diejenigen bekaͤmpfte, die ihn angriffen, aber weder ſeinen Vortheil verfolgte, noch einen Angriff machte. Kurz, er ſpielte mehr die Rolle eines Zuſchauers, als eines Theilnehmers am Turnier, was ihm unter den Zu⸗ ſchauern den Beinamen Ze Noir Fainéant(der ſchwarze Faulenzer) zugezogen hatte. Mit einem Male aber ſchien ſich dieſer Ritter ſeiner Gleichgültigkeit zu entſchlagen, als er den Fuͤhrer ſeiner Partei alſo im Gedraͤnge ſah; er gab ſeinem Roſſe die Sporen und kam mit Blitzesſchnelle dem Bedraͤngten zu Huͤlfe, indem er mit einer Donnerſtimme rief:„Desdi- chado, ich konme!“ Es war hohe Zeit; denn waͤh⸗ rend der enterbte Ritter dem Dempler zuſetzte, hatte ſich Front de Boeuf ihm genaͤhert, um ihm mit erhobenem 48 Schwerte eins zu verſetzen, als der ſchvarze Ritter, ehe er den Streich fuͤhren konnte, Roß und Mann zu Boden rannte. Le Noir Fainéant wandte nun ſein Roß gegen Athelſtane von Coningburgh, und da ſein Schwert bei ſei⸗ nem Angriff auf Front de Boeuf zerbrochen war, riß er einem handfeſten Sachſen die Streitaxt aus der Hand, und fuͤhrte damit einen ſolchen Streich auf des Gegners Helm, daß Athelſtane ſogleich bewußtlos zu Boden ſank. Nachdem er dieſe That vollbracht hatte, die um ſo groͤßern Beifall erregte, da man ſich deren ſo wenig verſehen hatte, ſchien ſich der Ritter ſeiner fruͤheren Unthaͤtigkeit wieder hinzugeben, indem er ruhig nach dem noͤrdlichen Ende der Schranken zuruͤckritt, ſeinem Anfuͤhrer uͤberlaſſend, ſo gut er konnte, mit Brian de Bois Guilbert fertig zu werden. Dieß war nun keine ſo ſchwierige Arbeit mehr. Des Demplers Pferd blutete aus mehreren Wunden und vermochte dem Stoße des Enterbten nicht mehr zu wider⸗ ſtehen. Brian de Bois Guilbert ſtuͤrzte zu Boden, und verwickelte ſich in die Steigbuͤgel, aus denen er die Fuͤße nicht mehr freimachen konnte. Sein Gegner ſprang vom Pferde, und befahl ihm, ſich beſiegt zu geben, als Prinz Johann, dem des Templers Gefahr naͤher ging, als fruͤher die ſeines Nebenbuhlers, ihn der Beſchaͤmung, ſeine Niederlage zu geſtehen, entriß, indem er ſeinen Com⸗ mandoſtab hinabwarf und dem Kampf ein Ende machte. Es war dieſer auch wirklich beinahe gaͤnzlich einge⸗ ſtellt; denn diejenigen Ritter, welche noch in den Schran⸗ ken waren, waren grͤßten Theils durch ſtillſchweigende Ueber⸗ 49 Uebereinkunft ſeit einigen Augenblicken vom Kampfe ab⸗ geſtanden, die Entſcheidung dem Streite der Anfuͤhrer uͤberlaſſend. Die Knappen, welche es gefaͤhrlich und ſchwierig fan⸗ den, waͤhrend des Gefechtes ihren Gebietern zu folgen, draͤngten ſich jezt in die Schranken, um ihrer Pflicht gegen die Verwundeten wahrzunehmen, und brachten ſie mit moͤglichſter Sorgfalt nach den nahen Gezelten, oder in die in den umliegenden Doͤrfern für ſie bereiteten Woh⸗ nungen. So endete das denkwurdige Turnier zu Aſhby de la Zouche, eines der glaͤnzendſten Waffenfeſte jener Zeiten; denn obwohl nur vier Ritter, von denen einer durch das Gewicht ſeiner Ruͤſtung erdruckt ward, auf dem Platze blieben, ſo waren doch mehr als dreißig gefaͤhrlich ver⸗ wundet, von denen vier oder fuͤnfe nie wieder genaſen⸗ Mehrere waren auf iyr ganzes Leben zum Kampfe un⸗ fähig, und trugen dir Narben davon mit ſich ins Grab. Deßwegen wird dieſes Turnier in den alten Sagen ſtets als der edle und freie Waffen⸗ gang zu Aſhby de la Zouche erwaͤhnt. Da es nun die Pflicht des Prinzen Johann war, den Ritter namhaft zu machen, der ſich am meiſten ausge⸗ zeichnet hatte, entſchied er, daß die Ehre dieſes Tages dem Ritter gebuͤhre, den die Stimme der Menge mit dem Kamen des Noir Fainéant belegte. Man entgegnete aber dem Prinzen, daß der Sies durch den enterbten Ritter gewonnen worden ſei, der im Verlauf des Tages W. Scott's Werke. LIV. 4 ———— 50 mit eigener Hand nicht nur ſechs Ritter niedergeworfen, ſondern zulezt ſogar den Anfuͤhrer der Gegenpartei aus dem Sattel gehoben und zu Boden geworfen habe. Allein Prinz Johann beſtand auf ſeiner Entſcheidung aus dem Grunde, daß der enterbte Ritter und feine Partei ohne den Beiſtand des Ritters in der ſchwarzen Ruͤſtung uͤber⸗ wunden worden waͤre. Zum Erſtaunen aller Anweſenden aber war der Rit⸗ ter, dem dieſer Vorzug werden ſollte, nirgends mehr zu finden. Er hatte gleich nach Beendigung des Gefechts die Schranken verlaſſen, und einige Zuſchauer hatten ge⸗ ſehen, wie er eine der Waldalleen mit derſelben nach⸗ laͤfſigen Gleichguͤltigkeit, die ihm den Namen des ſchwar⸗ zen Muͤſſiggaͤngers erwarb, hinab geritten war. Nachdem er zweimal vergeblich durch den Schall der Trompeten und den Ruf der Herolde aufgefoördert war, ſo mußte ein anderer aufgefordert werden, die Ehrenzeichen zu empfan⸗ gen, die jenem zugedacht waren. Prinz Johann, dem jezt keine weitere Ausflucht blieb, ſah ſich gezwungen, die nſpruͤche des enterbten Rüters anzuerkennen, den er nun auch zum Sieger des Tages erklaͤrte. Ueber den vom Blute ſchluͤpfrig gewordenen und mit zerbrochenen Waffen und den Leichnamen erſchlagener und verwundeter Pferde bedeckten Sammelplatz fuͤhrten die Turnzermarſchaͤlle den Sieger des Tages zu den Stufen von Prinz Johanns Thron. „Enterbter Ritter,“ ſprach nun Prinz Johann,„denn unter dieſen Namen wollt Ihr Uns bekannt ſein, Wir 3 1 erkennen Euch zum zweiten Male den Siegespreis des Turnieres zu, und thun Eunch kund und zu wiſſen, daß Ihr das Recht habt, aus den Haͤnden der Koͤniginn der Liebe und Schoͤnheit die Ehrenkrone zu fordern und zu empfangen, auf die Eure Tapferkeit Euch ſo gerechte Anſpruͤche gibt.“ Der Ritter machte eine anmuths⸗ volle, tiefe Verbeugung, ließ aber keine Antwort von⸗ ſich vernehmen. Unter dem Schmettern der Trom upeten und dem Rufe der Herolde, Ehre den Tapfern und Ruhm dem Sieger zu verkuͤnden, wuͤhrend die Damen ihre ſeidenen, ge⸗ ſtickten Tuͤcher ſchwenkten, und laͤrmender Beifall von allen Seiten erſcholl, fuͤhrten die Marſchaͤlle den enterb⸗ ten Ritter quer über den Platz zu dem Fuße des Ehren⸗ throns, den Lady Rowena eingenommen hatte. An der unterſten Stufe ihres Thrones mußte der Sie⸗ ger niederknien. In der That ſchien ſein ganzes Beneh⸗ men ſeit der Beendigung des Turniers mehr von den ihn Umgebenden, als von ſeinem freien Willen beſtimmt zu werden; auch bemerkte man, daß er ſichtlich wankte, als er zum zweiten Male durch die Schranken gefuͤhrt wurde. Mit Wuͤrde und Anmuth von ihrem Throne herabſteigend wollte ſo eben Rowena den Kranz) den ſie in ihren Haͤnden hielt, auf den Helm des Ritters ſetzen, als die Marſchaͤlle einſtimmig riefen:„Nicht doch— das Haupt muß ent⸗ blöſt ſein!“ Der Ritter murmelte einigr unverſtaͤndliche, in der Hoͤhlung des Helms verklingende Worte, deren 2 4. 3. 5² Sinn ſein mochte, daß der Helm ihm nicht abgenom⸗ men werden ſollte. Sei es nun aus Neugierde, oder daß die hergebrachte Sitte es ſo verlangte, die Marſchaͤlle kehrten ſich an ſein Widerſtreben nicht, und enthelmten ihn, indem ſie Helm⸗ baͤnder und Kragen loͤſten. Jezt erblickte man das wohl⸗ gebildete, aber ſonnverbrannte Antlitz eines etwa fuͤnf⸗ undzwanzigjaͤhrigen Jünglings,zdas von einer Fuͤlle dunk⸗ ler L. en umwallt wurde. Sein Geſicht war bleich wie der Tod, und hin und wieder mit Blntſeeiſen bezeichnet. Rowena hatte nicht ſobald einen Blick auf ſein Ge⸗ ſicht geworfen, als ſie einen ſchwachen Schrei ausſtieß; ploͤzlies aber nahm ſie ſich zuſammen, gewann ihre volle Faſſung wieder, ſchritt vorwaͤrts, indeß ſie von der Ge⸗ walt einer heftigen Gemuͤthsbewegung erbebte, und ſetzte auf das bluttriefende Haupt den glaͤnzenden Ehrenkranz, der zur Verherrlachung des Tages beſtimmt war, und ſprach mit vernehmlicher Stimme dieſe Worte:„Ich reiche Dir, Herr Ritter, dieſen Kranz, als Preis der Tapferkeit dem Sieger dieſes Dags!”“ Hier hielt ſie einen Augenblick inne, und fuhr dann mit ſanfter Stimme fort:; „und nie konnte der Lohn edler Ritterlichkeit eine wuͤr⸗ digere Stirn ſchmuͤcken!“ Der Ritter beugte ſein Haupt, und küßte die Hand der jiebenswuͤrdigen Monarchinn, durch welche ſeine Tapfer⸗ keit belohnt wurde; dann ſank er, ſich verneigend, beſin⸗ nungslos zu ihren Fuͤßen nieder. Eine älläemeine Beſtuͤrzung ergriff die Anmweſenben. . 1 53 1 Cedriec, der bei der ploͤzlichen Erſcheinung feines verbann⸗ ten Sohnes verſtummt war, eilte jezt vor, um ihn von Rowena zu trennen. Allein die Marſchaͤlle des Turniers waren ihn: bereits zuvorgekommen, und den Grund der ploͤzlichen Ohnmacht Ivanhoes vermuthend, nahmen ſie ihm eilig die Nuſtung ab, wo es ſich dann fand, daß die Spitze einer Lanze, durch das Armſtuͤck des Harniſches ge⸗ drungen, ihm eine Wunde in der Seite beigebracht hatte. Viertes Kapitel. „Ihr Helden naht!“ rief der Atride laut;⸗ „Daß man ihn jezt vor allen Andern ſchaut!. „Ihn, deſſen Kunſt und mannliche Armes Kraft „Ruhmwürd'gen Sieg über die Gegner ſchafft.— „Die Kuh werth zwangig Stier', dem Sieger bringt⸗ „Ihm, deſſen ſchneller Pfeil zum fernſten Ziele dringt.“ Ilias. Der Name Ivanhoe war nicht ſobald ausgeſprochen, als er auch mit all der Schnelligkeit der Neugier von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr flog. Es waͤhrte nicht lange, ſo drang es auch zum Kreiſe des Prinzen, deſſen Stirn ſich verſinſterte, als er die Kunde erhielt. Mit einem Blicke der Verachtung ſah er im Kreiſe um⸗ her;„Mylords“ ſprach er,„und beſonders Ihr, Sir Prior, was haltet Ihr von der Anſicht der Gelehrten uͤber angeborne Sympathie und Antipathie? War es mir doch, als ob ich das Schoßkind meines Bruders in meiner Naͤhe fuͤhlte, als ich ihn noch gar nicht hinter jener Nuͤſtung vermuthen konnte.“. 3 54 „Front de Boeuf mag ſich bereit halten, ſein Lehen Ivanhoe zuruͤckzuerſtatten,“ ſprach Bracy, der, nachdem er im Turnier mit Ehre gefochten, Schild und Helm ab⸗ legte und wieder in des Prinzen Gefolge erſchien. „Ja,“ verſetzte Waldemar Fitzurſe,„dieſer Held iſt Manns genug, Schloß und Gebict zuruͤckzufordern, das Richard ihm anwies, und Ew. Hoheit Großmuth ſeit⸗ dem an Front de Boeuf verlieh.“ „Front de Boeuf,“ entgegnete Johann,„iſt ein Mann, der eher drei Herrſchaften, wie die Ivanhoes, ver⸗ ſchlingt, als daß er eine davon herausgibt. Uebrigens hoffe ich, meine Herrn, daß mir Niemand hier das Recht wird ſtreitig machen wollen, die Kronlehen an ſolche zu verleihen, die in meiner Naͤhe und ſtets bereit ſind, Kriegsdienſte fuͤr mich zu leiſten, ſtatt ſolcher, die in fremde Laͤnder zogen, und keine Dienſte zu leiſten ver⸗ moͤgen, wenn ſie dazu aufgefordert werden.“ Die Zuhoͤrer waren zu ſehr in dieſem fraglichen Punkte betheiligt, als daß ſie dieſes angemaßte Recht des Prin⸗ zen haͤtten fuͤr unbezweifelt halten ſollen.„Ein edelmuͤ⸗ thiger Fuͤrſt, ein trefflicher Herr, der ſeine treuen Diener ſo zu belohnen verſpricht!“ das waren die Worte, die um Gefolge deſſelben erſchollen, in welchem Alle gleiche Verleihungen auf Koſten der Anhaͤnger und Guͤnſtlinge Koͤnig Richards erwarteten, wenn ſie deren nicht ſchon erhalten hatten. Prior Aymer ſtimmte dieſer allgemeinen Anſicht gleichfalls bei, nur meinte er:„daß das geſeg⸗ nete Jeruſalem eigentlich kein fremdes Land genannt —— Wundarzt ſoll ihn behandeln.“ 55 werden koͤnnte. Es ſei ja communis mater— die Mutter aller Chriſten. Er ſehe aber nicht ein,“ fuhr er fort,⸗ „wie der Ritter von Jvanhoe daraus einen Vortheil fuͤr ſich ableiten koͤnnte, da er(der Prior) uͤberzeugt ſei, daß die Kreuzfahrer unter Richard nicht weiter als nach As⸗ kalon gekommen ſeien, das⸗ wie alle Welt wiſſe, eine Stadt der Philiſter ſei, und auf kein Vorrecht der hei⸗ ligen Stadt Anſprüche habe.“ Waldemar, deſſen Neugierde ihn vorwaͤrts zu der Stelle getriehenhatte, wo Ivanhoe zu Boden geſunken war, kehrtemit den Worten zuruͤck:„der Tapfere wird,“ ſprach er,„Ew. Hoheit, wie es ſcheint, wenig Sorge mehr machen, und Front de Bveuf im ruhigen Beſitz ſeines Gewinns laſſen— er iſt ſehr ſchwer verwundet.“ „Was auch immer aus ihm werden mag,“ verſetzte Prinz Johann,„er iſt der Sieger des Tages; und waͤr er zehnmal unſer Feind, oder der treuergebene Freund unſres Bruders, was vielleicht das naͤmliche iſt, ſo müͤſſen ſeine Wunden unterſucht werden— unſer eigener Ein bitteres Laͤcheln lief bei dieſen Worten über des Prinzen Lippen hin. Waldemar Fitzurſe beeilte ſich, hierauf zu erwiedern, daß Jvanhoe bereits aus den Schranken geſchafft ſei und ſich in der Pflege ſeiner Freunde befinde. „Es wollte mir in der That etwas nahe gehen, den Kummer der Koͤniginn der Liebe und Schoͤnheit zu ſehen,“ ſprach Fitzurſe,„deren zeitige Herrſchaft durch dieſen 56— Vorfall in Trauer verwandelt wurde. Ich bin nicht der Mann, den eines Weibes Klage uͤber ihren Liebhaber ruͤhrt; allein dieſe Lady Rowena unterdruͤckte ihren Kum⸗ mer mit ſo viel Wuͤrde, daß man ihn nur in den ſchmerzlich gefalteten Haͤnden und dem thräͤnenlos, doch bebend, auf den lebloſen Koͤrper gerichteten Auge erkennen konnte.“ „Wer iſt dieſe Lady Rowena,“ fragte der Prinz,„von der Wir ſchon ſo Vieles gehoͤrt haben?“ „Eine reiche, ſaͤchſiſche Erbinn,“ erwiederte Prior Aymer,„eine Roſe von Liebenswuͤrdigkeit, und eine Ju⸗ wele an Schaͤtzen, unter Tauſenden die Schoͤnſte, eine Myrrhenbuͤſchel, eine Kampfertraube.“ „Wir wollen ihren Kummer mildern,“ ſprach Prinz Johann,„und ihr Blut durch eine Verbindung mit einem Normann verbeſſern. Sie ſcheint noch unmuͤndig und ſteht deßhalb in Hinſicht ihrer Verehelichung unter Unfrer koͤniglichen Vormundſchaft. Was fagſt Du dazu, Brach? Wie waͤre es, wenn Du die ſchoͤnen Laͤndereien und Ein⸗ Aunfte durch die Verheirathung mit einer Saͤchſinn nach Sitte der Ritter des Eroberers gewinnen koͤnnteſt?“ „Wenn mir die Guter gefallen, mein Gebieter,“ ant⸗ wortete Bracy,„ſo muͤßte es ſchwer halten, wenn mir die Braut auch nicht behagte; und hoͤchlich wuͤrde ich Ew. Hoh. verpflichtet ſein fuͤr eine ſolche Gunſt, wodurch alle Ver⸗ ſprechungen in reichun Maße in Erfuͤllung gingen, die Ihr Eurem Diener und Vaſallen zu machen geruhtet.“ „Wir werden es nicht vergeſſen,“ verſetzte Prinz IJy⸗ hann, nund um ſogleich Hand ans Werk zu legen, be⸗ 57 fehlt Unſrem Seneſchall, er ſoll Lady Rowena und ihre Geſellſchaft— d. i. den Grobian, ihren Vormund, und den ſaͤchſiſchen Stier, den der ſchwarze Ritter in dem Turniere niederrannte, auf dieſen Abend zum Bankett entbieten.— De Bigot,“ fuhr er gegen ſeinen Sene⸗ ſchall fort,„Du wirſt dieſe zweite Einladung ſo hoͤflich einrichten, daß der geſchmeichelte Stolz dieſen Sachſen eine abſchlaͤgige Antwort unmoͤglich macht; obgleich, bei des heiligen Becket Gebeinen, Hoͤflichkeit gegen ſie die Perlen vor die Schweine werfen heißt!“ Als er dieſe Worte geſprochen hatte, wollte er das Zeichen geben, die Schranken zu verlaſſen, da wurde ihm ein kleiner Zettel eingehaͤndigt. „ Woher?“ fragte Prinz Johann, indem er ſich nach der Perſon umſah, die ihn uͤberbracht hatte. 3 „Vom Austande, gnaͤdiger Herr, woher aber, weiß ich nicht,“ erwiderte der Diener.„Ein Franzmann brachte— ihn hieher, welcher ſagte, er ſei Tag und Nacht geritten, um ihn in Ew. Hoheit Haͤnde zu uͤberliefern.“ Der Prinz betrachtete Aufſchrift und Siegel aufs ge naueſte. Letzteres beſtaͤtigte die den Brief umſchließende 7.* Seidenſchnur, drei Lilien waren im Abdruk zu erkennen. Johann oͤffnete das Billet mit ſichtbarer Bewegung, die noch bedeutend zunahm, als er den Inhalt las, der fol⸗ gendermaßen lautete: „Nimm Deißen Kopf in Acht, der Teufel iſt los!“ Der Prinz wandte ſich todtenbleich um ſah zur Erde, 53 ⁵ dann an den Himmel, wie Jemand, der ſo eben das uͤber ihn geſprochene Todesurtheil erhalten hat. Nachdem er ſich von dem erſten Schrecken erholt hatte, nahm er Wal⸗ demar Fitzurſe und Bracy bei Seite, und gab jedem das Billet beſonders zu leſen. „Kann ein falſcher Laͤrm ſein, oder der Brief iſt un⸗ terſchoben,“ ſprach Bracy.“. „Es iſt Frankreichs eigene Hand und Siegel,“ ent⸗ gegnete Prinz Johann. „So iſt denn Zeit,“ verſetzte Fitzurſe,„unſre Partei unter einem Haupt zu York oder in einem andern Mittel⸗ punkte zu ſammeln. Wenige Tage ſpaͤter kann es zu ſpaͤt ſein. Ew. Hodeit müſſen dieſen Poſſen ein Ende machen.“ „Die Yeomen und Gemeinen,“ meinte dagegen de Bracy,„duͤrfen nicht unzufrieden entlaſſen werden, noch darf man ihnen den gebuͤhrenden Theil an den Feſtlich⸗ keiten vorenthalten.“ 3 „Der Tag iſt noch nicht weit vorgeruͤckt,“ erwiederte Waldemar,„laßt die Bogenſchuͤtzen einige Mal nach der Scheibe ſchießen und dann den Preis ertheilen. Das iſt eine hinlaͤngliche Erfuͤllung des fuͤrſtlichen Verſprechens, in ſofern es die Herde dieſer ſaͤchſiſchen Sklaven betrifft.“ „Ich danke Dir, Waldemar,“ ſprach der Prinz, „Du erinnerſt mich, daß ich jenem ungeſchliffenen Bauern noch eine Schuld entrichten muß, der geſtern Unſre Per⸗ ſon beſchimpfte. Auch Unſer Bankln ſoll dieſen Abend vor ſich gehen, nnd waͤre dieß die lezte Stunde meiner 59 Macht, ſie ſei der Rache und dem Vergnuͤgen geweiht.— Jeder Tag hat ſeine eigene Plag!“ Trompetenſchall rief ſchnell die Zuſchauer zuruͤck, die ſich nach allen Seiten zu entfernen begannen; es ward oͤffentlich bekannt gemacht, daß Prinz Johann, durch dringende Geſchaͤfte abgehalten, die Feſtlichkeiten des folgenden Tages unterbrechen muͤſſe, da es ihm jedoch ſehr Leid waͤre, wenn ſo viele gute Bogenſchuͤtzen, ohne eine Probe ihrer Geſchicklichkeit abzulegen, ſich entfernen ſollten, ſo ſei es ſein Wille, daß ſie den auf den folgenden Tag brſtimmten Wettſtreit heute beginnen. Dem beſten Bogenſchuͤtzen ward als Preis ein in Silber gefaßtes Jagdhorn und eine ſeidene, reich verzierte Jagdtaſche, mit dem Bilde des heiligen Hubert, des Schutzheiligen der Jagd, ausgeſetzt. Mehr als dreiß'g Bogenſchützen traten zuerſt als Preisbewerber auf, von denen verſchiedene Aufſeher und unterfoͤrſter in den königlichen Waldungen zu Needwood und Charnwood waren. Als aber die Bogenſchuͤtzen ſahen, mit wem ſie es aufnehmen muͤßten, zogen ſich mehr denn zwanzig zuruͤck, um der Schande einer faſt gewißen Nie⸗ derlage zu entgehen; denn in jenen Tagen war der Ruf eines geſchickten Bogenſchützen auf viele Meilen weit eben ſo bekannt, als jezt die Eigenſchaften eines nach New⸗ market gefuͤhrten Pferdes denen bekannt ſind, welche jenes beruͤhmte Wettrennen zu beſuchen pflegen. Noch immer aber belief ſich die Zahl der Bewerber um den Jasdruhm auf acht Schuͤtzen. Prinz Iohann ſtand 4 1 60. von ſeinem koͤniglichen Sitze auf, um die Landleute, deren mehrere die koͤnigliche Livree trugen, noch naͤher zu be⸗ trachten. Als er ſeine Neugierde befriedigt hatte, wandte er ſein Auge auf den Gegenſtand ſeines Unmuths, der mit eben der unerſchuͤtterlichen Ruhe, welche er am ver⸗ gangenen Tage gezeigt, auf ſeinem alten Platze ſtand. „Burſche,“ ſprach nun Prinz Johann,„an Deinem ungeziemenden Geſchwaͤtz errieth ich gleich, daß Du kein aͤchter Freund der langen Bogen biſt, und ich ſehe jezt, daß Du's nicht wagſt, mit jenen Maͤnnern dort Deine Geſchicklichkeit zu verſuchen.“ „Mit Verlaub, Herr,“ entgegnete der Bogenſchuͤtze, „ich habe noch andre Gruͤnde, die mich, auſſer der Furcht vor dem Mißlingen meines Schuſſes„vom Schießen ab⸗ halten.“ „Und was waͤren dieſe Gruͤnde?“ fragte Prinz Jo⸗ hann, welcher aus einem, ihm vielleicht ſelbſt unerklaͤr⸗ lichen Antrieb dieſen Menſchen mit einer peinlichen Neu⸗ gierde betrachtete. „Weil,“ erwiederte der Weidmann,„ich erſtlich nicht weiß, ob jene Schuͤtzen mit mir ein gleiches Ziel zu treffen geuͤbt ſind; zweitens, weil ich nicht weiß, wie es Ew⸗ Hoheit aufnehmen wuͤrde, wenn auch nur der dritte Preis Jemanden zufiele, der ſich unfreiwillig Eure Ungnade zugezagen hat.“ Prinz Johann erroͤthete bei dieſen Worten und fragte: „Wie heißt Du, Bogenſchuͤtz?“— „Locksley,“ antwortete der Mann. 61 „Dann ſollſt Du, Locksley,“ ſagte der Prins,„wenn jene Schuͤtzen ihre Kunſt erprobt haben, auch zum Schuſſe kommen. Wenn Du den Preis gewinnſt, bekoͤmmſt Du 3 noch zwanzig Roſenobel; fehlſt Du aber, ſo ſoll Dir Dein linkolngruͤner Rock ausgezogen und Du ſelbſt mit Bogenſehnen aus den Schranken gepeitſcht werden, wie es einem unver chaͤmten Prahlhans gebührt.“ „Wie aber, wenn ich nun auf ſolche Bedingungen gar nicht ſchieße?“ fragte der Bogenſchütz.— Ew. Gnaden koͤnnen mich allerdings, von ſo vielen Bewaffneten un⸗ terſtuͤtzt, leicht entkleiden und peitſchen laſſen, aber nicht zwingen, meinen Bogen zu ſpannen und die Sehne los⸗ zuſchnellen.“ 3 19 „Nimmſt Du mein ehrliches Anerbieten nicht an,“ verſetzte der Prinz,„ſo ſoll der Profos Deine Bogenſehne zerſchneiden, Bogen und Pfeil Dir zerbrechen und Dich als feige Memme zu den Schranken hinausjagen.“ „Es iſt keine billige Wahl, die Ihr mich machen laßt, ſtolzer Prin;,“ ſprac der Yeoman,„daß Ihr mich zwingt, meine Kunſt gegen die beſten Schuͤtzen von Leiceſter und Staffordſhire zu verſuchen, unter der Strafe, entehrt zu werden, wenn ſte mich uͤberwinden. Dem ungeachtet bin ich bereit, Euern Willen zu erfüllen.“ „Gebt genau auf ihn Acht, Soldaten,“ ſagte Prinz Johann.„Das Herz iſt ihm entfallen; ich fuͤrchte, er ſucht der Probe zu entſchluͤpfen. Und ihr, brave Leute, ſchießt muthig nach der Scheibes iſt der Preis gewonnen⸗ ſo erwartet Euch zur Erquickung Wein und Brgten.“ 33 62 An dem obern Ende des ſuͤdlichen Baumgangs, der zu den Schranken fuͤhrte, ward nun eine Scheibe aufge⸗ ſtellt. Die Bogenſchuͤtzen nahmen ihren Stand an dem fudlichen Eingange ſelbſt, und die Entfernung von da bis zum Ziele gewaͤhrte hinreichenden Raum fuͤr das, was man einen Schuß aufs Gerathewohl zu nennen pflegte. Wie das Loos ihnen die Reihe beſtimmte, ſollte jeder Schuͤtze drei Schuͤſſe thun. Ein Unterbeamter, Spiel⸗ profos genannt, ordnete das Ganze; denn die Turnier⸗ marſchalle wuͤrben ihren hohen Rang entehrt gefunden haben, wenn ſie ſich herabgelaſſen haͤtten, den Spielen der Yeomen vorzuſtehen. Einer nach dem andern trat nun vor und choß kühn und brav. Von den vierundzwanzig⸗Pfeilen trafen zehn die Scheibe ſelbſt, und die andern kamen derſelben ſo nahe, daß die Schuͤſſe in ſolcher Entfernung ſaͤmmtlich für vollkommen gut erkannt werden mußten. Von den zehn in der Scheibe befindlichen Pfeilen hatte Hubert, ein Foͤrſter Malvoiſins, zwei in den innern Ring der Scheibe abgeſchuffen, und ward demnach als Sieger an⸗ erkannt. „Nun, Locksley,“ ſprach Prinz Johann zu dem demuͤ⸗ thigen Landmann mit bitterem Laͤcheln,„willſt Du's noch mit Hubert aufnehmen, oder Bogen, Jagdtaſche und Koͤcher dem Spielprofos überlaſſen?“ „Da es einmal nicht anders ſein kann,“ perſegte Locksley,„ſo bin ichs zufrieden, mein Glück zu verſuchen: doch mit der Bedengung, daß, wenn ich zwei Pfeile in 63 Huberts Ziel getroffen habe, er verpflichtet ſein ſoll, einen Pfeil nach dem Ziele zu entſenden, das ich ihm aufſtecken werde.“ 5 „Das iſt nicht mehr als billig,“ antwortete Prinz Johann,„es ſoll Dir gewaͤhrt ſein! Beſiegſt Du den Großprahler, Hubert, ſo fülle ich Dein Jagdhorn mit Silberpfennigen.“ 3 „Ein Hundsfott thut mehr, als er kann,“ verſetzte Hubert,„aber mein Urgroßvater hat zu Haſtings einen Kernſchuß gethan, und ich will ſeinem Andenken keine Unehre machen!“ Die vorige Scheibe ward nun weggenommen und eine andere von gleicher Groͤße an ihre Stelle geſetzt. Hu⸗ bert, der als Sieger im erſten Schießen das Recht des erſten Schuſſes hatte, nahm mit großem Bedacht ſein Ziel, maß die Entfernungmit den Augen, hielt den geſpann⸗ ten Bogen feſt in der Hand, und den Pfeit auf der S ehne. Endlich trat er vorwaͤrts, und⸗ den Bogen mit der vollen Laͤnge des linken Armes erhebend, bis der Mittekpunkt oder Griff in gleicher Richtung mit ſeinem Geſichte war, zog er ploͤlich die Bogenſehne nach ſeinem Ohre. Der Pfeil ſchwirrte durch die Luft und traf den innern Ring der Scheibe, doch nicht ganz in den Mittelpunkt. „Ihr habt den Wind nicht berechnet, Hubert“ ſprach ſein Gegner, indem er ſeinen Bogen ſpannte—„es haͤtte ſonſt ein beſſrer Schuß werden muͤſſen“ Mit dieſen Worten, und ohne die geringſte Aengſtlichkeit zu verra⸗ then, trat Locksley auf ſeinen Poſten und ſchoß den Pfeil 64 mit einer Schnelligkeit ab, welche kaum vermuthen ließ, daß er wirklich gezielt hatte. Er ſprach beinahe noch, als der Pfeil von der S Sehne flog, und doch traf er an den weißen Zweck im Mittelpunkte um zwei Zoll naͤher, als Hubert getroffen hatte. „Beim Licht des Himmels!“ rief Prinz Johann Hu⸗ berten zu,„Du koͤmmſt auf die Galeeren, wenn Du Dich von dem hergelaufenen Schuft da uͤbertreffen laͤßt!“ Hubert hatte immer nur dieſelbe Antwort.„Und wenn Ew. Hoheit mich haͤngen laſſen,“ ſprach er,„ein Hundsſatt thut mehr, als er kann. Indeſſen— mein Urgroßvater fuͤhrte einen guten Bogen“— „Ei, ſo geh' zum Deufel mit Deinem Urgroß⸗ vater und Deiner ganzen Sippſchaft!“ ſiel Prinz Jo⸗ hann ein.„Schieß zu, Kerl, und ſchies gut, daß Dich die ſchwere Noth!“ Auf dieſen Zuſpruch nahm Hubert ſeinen Stand wie⸗ der ein, und den vorher erhaltenen Wink ſeines Gegners benutzend, nahm er gehoͤrigen Bedacht auf das leiſe Luͤftchen und ſchoß ſo gluͤcklich, daß ſein Pfeil in dem Mittelpunkt der Scheibe haften blieb. „Brav, Hubert, brav, Hubert!“ jubelte das Volk, das ſich mehr für den Bekannten, als den Fremdling zu intereſſiren pflegt.„In den Zweck! in den Smecke Hu⸗ bert lebe hoch!“ „Den Schuß, Locksley, kannſt Du nichtuͤbertreffen!, 4 ſagte der Prinz mit hoͤhniſchem Laͤcheln. 4 4 3„So 65 „So will ich ihm zum mindeſten eine Kerbe in den Pfeil machen,“ entgegnete Locksley. Und mit etwas mehr Sorgfalt, als zudor zielend, traf ſein Pfeil ſo ſicher auf den ſeines Mitbewerbors, daß er ihn entzwei ſpaltete. Das umſtehende Volk war über ſolcheGeſchicklichkeit ſo auſſer ſich, daß es ſeinem Er ſtaunen nicht einmal durch den gewoͤhnlichen Freudenruf Luft zu machen vermochte. „Das muß der Deufel ſelbſt ſein, und kein Menſch von Fleiſch und Blut,“ fluͤſterten die Schuͤtzen einander zu;„ſolch ein Bogenſchießen iſt noch nie in England, ſeitdem ein Bogen geſpannt ward, erhoͤrt worden!“ „Und nun,“ ſagte Locksley,„bitte ich Ew. Hoheit, mir zu erlauben, ein Ziel aufzuſtecken, wie es in den Nordlanden uͤblich iſt. Willkommen ſei jeder tapfere⸗ Schuͤtze, der einen Pfeil darnach abſenden will, um ein Lächeln von ſeinem Licbchen zu verdienen! 1 Er wandte ſich nun, um die Schrank ken zu verlaſſen, und ſagte:„Ew. Wachen mögen mich begkeiten, wenn es Euch gefaͤllig iſt.— Ich will nur im naͤchſten Buſche einen. Zweig abſchneiden.“ Prinz Johann machte bereits ein Zeichen, daß einige Bewaffnete ihm folgen ſollten, falls er zu entrinnen verſuchte, allein der laute Ruf:„Schaͤmt Euch, ſchaͤmt Euch!“ den die Menge vernehmen ließ, machte, daß der unedle Vorſatz nicht in Ausfuͤhrung kam. Faſt im Augenblick kehrte Locksley mit einer etwa ſechs Fuß langen, geraden Weidenruthe, die kaum einen. W. Scott's Werke, XLlV. 5 66 Mannsdaumen dick war, zuruͤck. Er begann nun die⸗ ſelbe mit großer Bedaͤchtlichkeit abzuſchaͤlen, indem er waͤhrend deſſen bemerkte, es ſei eine Schande fuͤr einen guten Weidmann, nach einem ſo breiten Ziele, wie das vorige, zu ſchießen.„Er ſeinerſeits,“ fuhr er fort, „und die Leute bei ihm zu Lande ließen ſichs ebenſowohl gefallen, Koͤnig Arthurs runde Tafel, woran ſechzig Ritter Platz finden koͤnnten, zur Zielſcheibe zu nehmen. Das koͤnne ein Kind von ſieben Jahren mit einem haupt⸗ loſen Pfeil erreichen; aber,“ fuhr er fort, indem er lang⸗ ſam nach dem andern Ende der Schranken zu ging, und den Weidenzweig aufrecht in den Boden ſteckte,„wer dieſes Ziel auf hundert Ellen triſſt, den heiß ich einen Schuͤtzen, der Bogen und Koͤcher fuͤhren mag, ſelbſt vor dem Koͤnige, und wenn's der tapfere Richard ſelber waͤre.“ „Mein Urgroßvater,“ ſagte Hubert,„fuͤhrte bei Ha⸗ ſtings ſeinen guten Bogen, allein ſeln Lebetag ſchoß er nach keinem ſolchen Ziele, noch will auch ich mich deſſen unterfangen. Wenn dieſer Schuͤtze da die Ruthe ſpalten kann, ſo geb ich ihm gewonnen Spiel— oder vielmehr, ich weiche dem Teufel, der ihm im Wamſe ſitzt, und keiner Kunſt von Menſchen; ein Hundsfott, wer mehr thut, als er kann, ich ſchieße nicht, wo ich gewiß bin, daß ich's Ziel vexfehle. Eben ſo leicht moͤchts ich auf 32.,„ 9.-— 5 einen Strohhalm, obzer auf einen Strahl der Sonne halten, als auf ſolch einen weißen Strich, den ich kaum mit dem Auge unterſcheiden kann.“ Feiger Hund!“ rief Prinz Johann;„ſchieß zu, 79 hagen Teil uſten— Was meint Ihr, Beim Licht des Himmels, es wird am beſten fein, u ſuchen unſre Galeeren wieder auf und kehren bei Zeiten nach der Normandie zuruͤck!“ „Aus Furcht vor den Sachſen?“ fragte de Brach lnchenn wir beduͤrfen nichts als unſere Jagdſpeere, en 3 um dieſe Eber zu benen. 4 dnß Euern Spott, Herr tter,“ ſagte Fitzurſe, t. 4 und fuhr gegen der Prinzen fort: es waͤre gut, 1 wenn Ew. Hoheit den braven Cedric verſicherte, daß 1 er durch dieſe Spaͤße nicht ſollte beleidigt werden, ob⸗ 3 wohl ſie in dem Ohre eines Fremden ni icht eben lieblich klingen moͤgen.“ „Beleidigt?“ fragte Prinz Johann. ſeine hoͤfliche Miene wieder annehmend,„ich hoffe, man wird ni icht glauben, daß ich ſelbſt ſo was be abſichtigte, oder in 1— meiner Gezenwart zu thun geſtattete. Hier, ich bringe 8 dieſen Becher KnG ie eigenes We aus, da e r ſich weigert, auf ſeines Sohnes Geſundheit zu trinken.“. Unter dem hlorrſe ten Beiſa lruf der Hoſleute ging der Becher in die Runde, berfehlte aber dennoch den beabſichtigten Eindruck auf das Gemuth des Sach⸗ ſen.— Er war zwar von Natur nicht t gerade ſcharf⸗ ſichtig, allein diejenigen, welche meinten, dieſe ſchmei⸗ chelhafte Artigkeit wuͤrde das N. ezen an die fruͤhere Hraͤnkung vertilgen ‚ſchaͤtzten ſelnten: Verſtand doch zu ge⸗ ring Er ſchwieg; und da der Becher wieder herumkam, ſagte er:„Fuͤr Sir Athelſtane von Ceningsburgh!“ Der Ritter that Beſcheid, und bewies ſein Ehrge⸗ füͤpr dadurch, daß er einen Ungeheuern Humpen leerte. „und nun, Ihr Herrn,“ ſagte. Prinz Johann, den der genoſſene Wein etwas zu erhitzenbegann,„da Wir Anfern fschſiſchen Gaſten Gerechtigkeit widerfahren ließen, ſo erſuchen Wir ſie um einige Erwiederung Unſerer Höſtichkeit. Wuͤrdiger Than!“ fuhr er, an Eedric ſich wendend, fort,„duͤrfen Wir Euch büten, Uns einen Normann bu nennen, deſſen Namen Euern Mund am wenigſten beflecken mug, um mit einem Becher Wein alle Bitterkeit hinunter zu waſchen, welche der Klang deſſelben noch zurucklaffen konnie?“ 3 Fitzurſe ſtand auf, wäͤhrend der Prinz ſprach, und hinter den Sitz des Sachſen ſchluͤpfend, fluͤſterte er ihin zu, die Gelegenheit nicht vorbeigehen zu laſſen, alle Spannung wiſchen den beiden Staͤmmen dadurch zu enden, daß er den Prinzen Johann nenne. Der Sachſe erwiederte güf dieſe politiſche Einſlüſterung nichts, erhob ſich, fuͤllte ſeinen Becher bis zum Rande, und wandte ſich an Prinz Johann mit folgenden Worten;— „Ew. Hoheit haben verlangt, daß ich den Namen eines Normanns nenne, der bei dieſem Feſtmahl be⸗ ſonders verdient erwahnt zu werden. Es iſt immer viel C. gefordert, daß Iyhr den Sklaven zwingt, den Ruhm feines Zwingyerrn zu verkuͤnden— den Beſiegten, in⸗ deß alle Uebel der Unterdruckang auf ihm laſten, das Loh der Eroberers zu ſingen. Jadeſſen will ich doch inen Normanz kennen, den Erſten an Nang und in den. 81 den Waffen den Beſten und Edelſten ſeines Stamms, und die Lippen, welg e nicht mit mir auf ſeinen wohl⸗ erworbenen Ruhm Beſcheid thun wollen, nenne ich ehrlos und falſch, und trete dafuͤr mit meinem Leben ein:— ich trinke dieſen Becher auf das Wohl des loͤwenherzigen Richard!“⸗ Prinz Johann, welcher nichts gewiſſer erwartet hatte, als daß ſein eigener Name die Rede des Sachſen ſchlieſ⸗ ſen wuͤrde, erſchrak nicht wenig, als der ſeines Bruders ſo unerwartet genannt wurde. j den Becher zu den Lippen, hin, um das Beneh 7 weigern. ie aͤ und erfahrneren Hoͤflinge ahmten treulich das Beiſpiel ihres Gebieters nach, indem ſie den Becher zu den Lippen boben, und wieder nieder⸗ ſetzten. Viele aber, von edlerem Gefuhl ergriſſen, riefen: „Lang' lebe Koͤnig Richard, moͤge er bald uns wie⸗ derkehren!“ Einige wenige, unter welchen Front de Boeuf und der Templer waren, ließen in finſterem Un⸗ muth die Becher unberührt vor ſich ſtehen. Niemand wagte jedoch gerade und beſtimmt der dem regierenden Fuͤrſten dargebrachten Huldigung zu widerſprechen. Nachdem Cedrie etwa eine Minute ſeinen Triumph genoſſen hatte ſprach er zu ſeinem Begleiter:„Komm, edler Athelſtane! wir ſind lange genng hier geweſen, und haben nun die gaſtliche Hoͤflichkeit des Arinzen Iohann W. Scott's Werke. XLIV. 56 erwiedert. Diejenigen, welche mehr von unſern rauhen ſachſiſchen Sitten zu erfahren wuͤnſchen, moͤgen uns küͤnftig in den Wohnungen unſrer Vaͤter aufſuchen, da wir genug von koͤniglichen Feſtmahlen und normaͤnni⸗ ſcher Hoͤflichkeit geſehen haben!“ Mit dieſen Worten erhob er ſich und verließ den Bankettſaal, begleitet von Athelſtane und einigen an⸗ dern Gaͤſten, die ſich, mit den Sachſen verwandt, durch die Spoͤttereien des Prinzen und ſeiner Hoͤflinge belei⸗ digt fauden 1 Bei den Gebeinen des heiligen Thomas!“ rief — Peinz Johann, als ſie ſich entfernten,„die ſaͤchſiſchen Bauern haben das Beſte vom Tage davon getragen, und ziehen ſiegreich von dannen!“ „Lonclamatum est, poculatum est!“ rief Prior Ay⸗ mer;„wir haben getrunken und gejubelt!— Es iſt Zeit, den Weinflaſchen Lebewohl zu ſagen!“ „Der Moͤnch hat irgend eine ſchöne Buͤßerinn die Nacht zur Beichte zu hoͤren, da er ſo Lüehat⸗⸗ meinte de Br ch. „Nein, Herr Ritter,“ entgegncte der Abt;„ich muß dieſen Abend noch einige Meilen auf meiner Reiſe nach Hauſe zuruͤcklegen.“ „Sie brechen auf,“ ſagte der Prinz leiſe zu Fitzurfe, der Hund ſchreit vor dem Schlag, der feige Pfaff da iſt der Erſte, der von mir abfaͤllt!“ „Fürchtet nichts, mein Gebieter,“ entgegnete Wal⸗ deinar, nich will ihm ſchon ſo triftige Gründe vor legen, 89 83 daß ſie ihn beſtimmen ſollen, bei unſerm Vereine zu York ſich einzuſtellen.— Herr Prior,“ rief er,„ich muß Euch, bevor Ihr Euern Zelter beſteigt, noch insgeheim ₰/ 989 auf einige Worte ſprechen.“ Die andern Gaͤſte, die unmittelbare Umgebung des Prinzen ausgenommen, zerſtreuten ſich; und Prinz Johann wandte ſi zu d an Fitzurſe mit den Worten: „Das iſt alſo der Er folg Eures Rath ß ich mich an meinem eignen Tiſche von einem betrunkenen faͤchſi⸗ ſchen Bauerluͤmmel verhoͤhnen laſſen mußte, und daß ſich die Leute beim bloſen Schall von meines Bruders Na⸗ men bor mir zuruͤckziehen, als ob ich ausſaͤtzig waͤre.“ abt Geduld, Herr,“ entgegnete ſein Rathgeber, uch Eure Bef⸗ huldigung zurüͤckgeben, und ten Leichtſinn tadeln, der meine Plane er beſſeres Urtheil mißleitete; allein Zeit zu Vorwuͤrfen. Bracy und ich wollen er die Furchtſamen treten und ſie uͤberzeu⸗ gen, daß ſie zu weit gegangen ſind, um ſich wieder zu⸗ ziehen zu koͤnnen.“ „Es wird umſonſt ſein,“ verſetzte Prinz Johann, mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und nieder ge⸗ hend—„es wird umſonſt ſein— ſie haben die Hand⸗ ſchrift an der Wand geſehen— ſie haben den Tritt des Loͤwen im Sande gewahrt— ſie haben ihn durch den Wald hin bruͤtlen gehoͤrt— nichts wird den Muth ihnen wieder geben!“ „Wollte Gott,“ ſagte Fitzurſe zu Bracy,„daß nur 6„, 84 8 erſt wieder dem ſeinigen aufgeholfen waͤre! Der bloſe Name ſeines Bruders ſchuͤttelt ihn wie Fieberfroſt. Beklagenswerth ſind die Nathgeber eines Fürſten, dem es ſowohl im Guten als im Voͤſen an Feſtigkeit und Ausdauer gebricht!“ Sechstes Kapitel. Und ſieh, er denkt— ha, ha— er denkt, daß ich Ein dienſtbar Werkzeug ſeiner Plane ſei. Wohl denn, es ſei! wenn ich durch das Gewirre⸗ Das Tyrannei und niedre Ränk' ihm ſchufen, Den Weg mir nur zu höhern Dingen bahne:— Wer ſagt dann noch, daß unrecht ich gethan? Baſil, ein Trauerſpiel. Keine Spinne ſuchte jemals mit groͤßerer Sorgfalt ihr zerriſſenes Gewebe auszubeſſern, als Waldemar Fitzurſe ſich beſtrebte, die zerſtobenen Glieder von Prinz Johanns Partei wieder zu vereinen. Wenige von ihnen waren ihm aus Neigung zugethan, keiner aus perſoͤn⸗ licher Anhaͤnglichkeit. Fitzurſe mußte daher jedem Aus⸗ ſicht auf Vortheile vorſpiegeln, deren Erreichung ihm durch Johanns laͤngere Regierung verbürgt würde, ſo wie ſie deren zu erinnern, die ſie bereits genoͤßen. Die jungen und ausſchweifenden Edelleute wußte er durch Hoffnung auf ungeſtrafte Zuͤgelloſigkeit zu koͤdern, die Ehrgeizigen durch Macht, die Habſüchtigen durch Reich⸗ thum und Erweiterung ihrer Beſitzungen zu kirren. Die Führer der Miethtruppen erhielten Gold, als die einzige —— o 8 85 Waare, um welche man ihre Ergebenheit eintauſchen konnte. Noch freigebiger wurden Verſprechen geſpendet; kurz, dieſer thaͤtige Sachwalter verſaͤumte nichts, wo⸗ durch er den Wankenden und Zaghaften wieder ermu⸗ thigen konnt⸗. Von der Ruͤckkehr Richards ward als von einer Sache geſprochen, die auſſer dem Bereich der Moͤglichkeiten liege. Wenn er jedoch bemerkte, daß ge⸗ rade dieſe Furcht am meiſten aus den ſcheuen Blicken und den ungewiſſen Antworten ſprach, ſo behauptete er ihnen kuͤhn ins Geficht, daß auch dieſer Fall des Prinzen Anhaͤnger in ihrem politiſchen Benehmen nicht irre machen duͤrfte. „Wenn Richard zuruͤckkehrt,“ argumentirte Fitzurte, „‚kehrt er zuruͤck, um ſeine darbenden und verarmten Kreuzfahrer auf Koſten derer zu bereichern, die ihm nicht nach dem heiligen Lande folgten. Er kehrt zuruͤck, um diejenigen zu ſtrenger Rechenſchaft zu fordern, die ſich waͤhrend ſeiner Abweſenheit was zu Schuld kommen ließen, das man als einen Eingriff in die Geſetze des Landes und die Rechte der Krone betrachten könnte. Er kehrt zuruͤck, um ſich an den beiden Bruͤderſchaften des Tempels und St. Johanns dafuͤr zu raͤchen, daß ſie Philipp von Frankreich in den Kriegen im heiligen Lande beguͤnſtigten. Er kehrt endlich zuruͤck, um die Anhaͤnger ſeines Bruders Johann als Rebellen zu beſtrafen.— Fuͤrchtet Ihr ſeine Macht?“ fuhr der ſchlaue Vertraute des Prinzen fort;„wir geben zu, daß er ein tapferer, mannhafter Ritter iſt, allein wir leben nicht in den Zeiten 86 3 Koͤnig Arthurs, wo ein einziger Ritter es mit einem ganzen Heer aufnahm. Kehrt Richard wirklich zuruͤck,— allein— unbegleitet— freundlos wird er erſcheinen. Die Gebeine ſeines tapfern Heeres bleichen auf Palaͤ⸗ ſtinas Gefilden. Die wenigen Anhaͤnger, welche hieher zuruͤckkehrten, ſind, wie jener Wilfried von Ivanhoe, als Bettler zuruͤckgekehrt. Und was wollt Ihr von Richards Erſtgeburtsrecht ſagen?“— fuhr er gegen diejenigen fort, die ihm dieſen Einwurf machten.„Iſt Richards Erſtgeburtsrecht entſchiedener als das des Herzogs Ro⸗ bert von der Normandie, des Eroberers aͤlteſtem Sohne? Und doch wurden ihm Wilhelm der Rothe und Heinrich, ſein zweiter und dritter Bruder, durch die Stimme des Volks vorgezogen! Jedes Verdienſt, das man an Ri⸗ chard preiſt, beſaß auch Robert; er war ein kuͤhner Rit⸗ ter, ein guter Feldherr, edelmuͤthig gegen Freunde und Kirche, ja, um dem Ganzen die Krone aufzu⸗ ſetzen, ein Kreuzfahrer und Eroberer des heiligen Grabes, und dennoch ſtarb er als ein elender, blinder Gefangener auf dem Schloſſe Cardiffe, weil er ſich dem Willen des Volkes widerſetzte, welches ſich nicht von ihm beherr⸗ ſchen laſſen wollte. Wir haben das Recht,“ fuhr er fort, „aus dem koͤniglichen Blute den Prinzen uns zu waͤhlen, der ſich am beſten eignet, die hoͤchſte Gewalt zu beklei⸗ den— das heißt, den, deſſen Wahl die Intereſſen des Adels am beſten foͤrdert. An perſoͤnlichen Eigenſchaften,“ ſagte er,„moͤge vielleicht Prinz Johann ſeinem Bruder Richard nachſtehen; wenn man aber bedenke, daß Lezterer 87 zuruͤckkehre, mit dem Racheſchwert in der Hand, indeß Erſterer Belohnungen, Vorrechte, Schaͤtze und Wuͤrden zu ſpenden bereit ſei, ſo koͤnne kein Zweifel mehr daruͤber obwalten, welches der Fuͤrſt ſei, fuͤr den ſich der Adel entſcheiden muͤßte.- Dieſe und andere Gruͤnde, welche fuͤr die beſondern Verhaͤltniſſe und die Lagen der Einzelnen paßten, machten den erwarteten Eindruck auf die Edeln von Prinz Jo⸗ hanns Partei. Die meiſten erklaͤrten ſich bereit, bei der beſchloſſenen Zuſammenkunft in York ſich einzufinden, um die noͤthigen Vorkehrungen zur Uebertragung der Krone an Prinz Johann zu treffen. Es war ſchon ſpaͤt in der Nacht, als Fitzurſe, huͤchſt ermuͤdet und erſchoͤpft von ſeinen manchfachen Anſtren⸗ gungen, obgleich mit deren Erfolg zufrieden, nach dem Schloſſe von Aſhby zuruͤckkehrte, und hier de Bracy be⸗ gegnete, der ſtatt ſeines feſtlichen Anzugs einen kurzen, gruͤnen Ueberwurf, eben ſolche Beinkleider, eine lederne Muͤtze, ein kurzes Schwert nebſt Hifthorn angelegt hatte, einen langen Bogen in der Hand, und im Guͤrtel einen Buͤndel Pfeile trug. Waͤre Fitzurſe dieſer Geſtalt in der Vorhalle begegnet, ſo haͤtte er ihn unhbe⸗ denklich fuͤr einen Veoman von der Leibwache gehalten, und waͤre voruͤber geſchritten, da er ihn aber in den in⸗ nern Gemaͤchern traf, betrachtete er ihn genauer und er⸗ kannte in ihm den normaͤnniſchen Ritter in der Dracht eines engliſchen Bogenſchützen. „Was ſoll dieſe Mummerei, de Bracy?“ fragte 88 Fitzurſe etwas aͤrgerlich;„iſt's jezt Zeit zu Faſtnachts⸗ ſpruͤngen und Zierpuppereien, wenn das Schickſal un⸗ ſeres Gebieters auf dem Punkte der Entſcheidung ſteht? Warum machteſt Du Dich nicht gleich mir hinter dieſe feigen Memmen, die ſchon der Name des Koͤnigs Richard, wie Sarazenenkinder, ins Bockshorn jagt?“ „Ich habe meinen eigenen Vortheil ſo gut wahrge⸗ nommen, wie Ihr den Euren, Fitzurſe,“ entgegnete de Bracy.: „Ich meinen Vortheil?“ wiederholte Waldemar, „ich war auf den des Prinzen, unſeres gemeinſchaftlichen Beſchuͤtzers, aus!“ „Als ob Du dazu einen andern Grund haͤtteſt, Wal⸗ demar,“ verſetzte de Bracy,„als die Befoͤrderung Dei⸗ nes eigenen Vortheils. Geh', Fitzurſe, wir kennen einander— Du jagſt nach Ehrgeiz, ich nach Vergnuͤ⸗ gen— wie ſich's fuͤr eines Jeden Alter ziemt. Von Prinz Johann denkſt Du wie ich, daß er zu ſchwach iſt, um ein entſchloſſener, zu tyranniſch, um ein lenkſamer, zu uͤbermuͤthig und anmaßend, um ein beliebter, zu furcht⸗ ſam und wankelmuͤthig, um uͤberhaupt lange Monarch zu ſein. Er iſt ein Fuͤrſt, durch den Fitzurſe und Bracy ihr Gluͤck zu machen hoffen; deßhalb unterſtuͤtzſt Du ihn mit Deiner Klugheit und ich mit meinen Frei⸗ compagnien.“. „Ein hoffnungsvoller Bundesgenoſſe,“ entgegnete Fitzurſe ungeduldig, der im Augenblick der dringendſten Noth die Narrenkappe nimmt!— Was in aller Welt 89 willſt Du in dieſem wichtigen Zeitpunkt mit dieſer Ver⸗ kleidung?“ „Mir ein Weib gewinnen, nach der Weiſe des Stam⸗ mes Benjamin,“ antwortete de Bracy kalt. „Des Stammes Benjamin?“ wiederholte Fitzurſe, „ich verſtehe Dich nicht.“ „Warſt Du geſtern Abend nicht dabei,“ fragte de Bracy,„als uns der Prior Aymer zur Erwiederung der Romanze, welche der Minſtrel ſang, eine Geſchichte zum Beſten gab?— Er erzäͤhlte, wie vor langer Zeit in Palaͤſtina ſich eine toͤdtliche Fehde zwiſchen den andern Staͤmmen Iſraels und dem Stamme Benjamin ent⸗ ſpann— wie faſt die ganze Ritterſchaft dieſes Klans in Stuͤcke gehauen ward, und wie ſie bei unſrer lieben Frauen ſchworen, daß die Ueberbleibenden nie ein Weib aus dem andern Stamme heirathen ſollten, wie ſie aber bald ihr Geluͤbde bereueten, und deßhalb eine Geſandt⸗ ſchaft an Se. Heiligkeit den Pabſt abſchickten, ihn um Rath zu fragen, wie ſie von ſothanem Geluͤbde entbun⸗ den werden koͤnnten; wie endlich, nach der Weiſung des heiligen Vaters, die Jugend des Stammes Benjamin bei einem glaͤnzenden Durniere alle anweſenden Damen ergriffen und entfuͤhrten, und ſo ſich Weiber ohne Zu⸗ ſtimmung der Braͤute und der Familien verſchafften 2 „Ich hörte die Geſchichte,“ verſetzie Fitzurſe,„ob⸗ gleich Du oder der Prior ſich in Datum und Nebenum⸗ ſtaͤnden einige Veraͤnderungen erlaubte.“ —— 7 9 „Ich ſag Dir,“ fuhr de Bracy fort,„daß ich nun einmal Willens bin, mir auf die Weiſe des Stammes Beniamin ein Weib zu erwerben; in dieſer Kleidung will ich uͤber die Herde ſaͤchſiſcher Ochſen herfallen, die dieſe Nacht das Schloß verlaſſen haben und die liebenswuͤr⸗ dige Rowena mit ſich fuͤhren.“ „Biſt Du verruͤckt, de Brach?“ fragte Fitzurſe. „Bedenke, daß dieſe Leute, obgleich ſie nur Sachſen ſind, Macht und Reichthum beſitzen, und eben deßwegen um ſo mehr bei ihren Landsleuten in Achtung ſtehen, weil wenige Abkoͤmmlinge der Sachſen ſich ſolchen Neich⸗ thums und ſolcher Ehre ruͤhmen duͤrfen.“ „uUnd keiner ſich zu ruͤhmen haben ſollte,“ ſiel be Bracy ein;„dann wuͤrde das Werk der Eroberung voll⸗ endet ſein.“ „Dafuͤr iſt wenigſtens jezt nicht Zeit,“ ſagte Fitzurſe, „die herannahende Kriſis macht die Gunſt der Menge unentbehrlich, und Prinz Johann kann diejenigen, die deſſen Lieblinge beleidigen, der gerechten Strafe nicht entziehen.“ „Er mag's verſuchen, wenn er's wagt,“ ſprach Bracy, „er wird bald finden, was es fuͤr ein Unterſchied zwiſchen einem Haufen luſtiger Speere, wie die meinen, und der Huͤlfe des feigen ſaͤchſiſchen Poͤbels iſt. Ich habe jedoch nicht die Abſicht, mich ſo bald kenntlich zu machen. Sehe ich in dieſem Anzug nicht eben ſo kuͤhn drein, als je ein Jaͤgersmann, der in's Hiſthorn ſtieß? Der Schimpf der Gewaltthat ſoll auf den Geaͤchteten der “ — — *ℳ 91 Yorkſhirer Waͤlder haften. Ich hab' ſichere Kundſchaft von dem Wege, den der Sachſe nimmt— heute uͤber⸗ nachten ſie in dem Kloſter des heiligen Wittoloder Wit⸗ hold, oder wie ſie ſonſt den Flegel von ſaͤchſiſchem Hei⸗ ligen in Courton on T ſiei B n Trent heißen. Der naͤchſte Tag uͤber ſie her. Bald nachher erſcheine ich in meiner eigenen Geſtalt, ſpiele den artigen Ritter, errette die ungluͤckliche Schoͤne aus den Haͤnden der rohen Raͤuber, führe ſie auf Front de Boeufs Schloß, oder nach der Nor⸗ mandie, und bringe ſie nur dann wieder zu ihrer Ver⸗ wandtſchaft zuruͤck, wenn ſie die Braut und Gattinn von Maurice de Bracy iſt.“ „Ein verdammt kluger Plan,“ verſetzte Fitzurſe, „und wie mir daͤucht, nicht ganz in Deinem Kopfe ge⸗ chfen— komm, gieb der Wahrheit die Ehre, de Bracy, wer half Dir auf dieſes Plaͤnchen? wer wird Dir bei der Ausfuͤhrung zu Gevatter ſtehen? ſo viel ich deine Bande weit von da.“ weiß, liegt D nker, wenn Du es denn durchaus wiſſen wa „Ei zum Hen mußt, der Templer Brian de Bois Guilbert hatte den Gedanken, das 2 mit den Juͤnglingen des Stammes Venj fuͤhren. Er wird mir beim Angriff hyelfen, u ſeine Begleiter ſollen die Geaͤchteten vorſtell denen mein tapferer Arm, n abgelegter Verkl ng, die Dame entreißen ſoll.“ „Heilige Mutter Gottes!“ rief Fitzurſe„der † iſt Eurer vereinten Weisheit wuͤrdig; und Deine K . 9² heit, de Braey, zeigt ſich beſonders darin, daß Du Deine Braut in den Haͤnden Deines würdigen Verbuͤn⸗ deten laſſen willſt. Ihren ſaͤchſiſchen Freunden magſt Du ſie abhetzen, wie Du ſie aber den Klauen de Bois Guil⸗ berts entreißen wirſt, iſt eine andere Frage! Der iſt ein. 4 Falke, der ſich wohl darauf verſteht, auf das Rebhuhn zu ſtoßen, die Beute aber fuͤr ſich behaͤlt.“ 58 4„Er iſt ja Tempelritter,“ entgegnete de Bracy, 4„und kann folglich nicht als mein Nebenbuhler bei dieſer 1 4 Erbinn auftreten— und einen entehrenden Verſuch gegen * j * die erwaͤhlte Braut de Bracys zu wagen— beim Himmel, waͤre auch das ganze Ordenskapitel in ſeiner einzigen Perſon vereinigt, er wagte es nicht, mich ſo zu beleidigen.“ „Da alſo keine Gegenvorſtellung Dir den tollen Streich aus dem Kopfe bringt— ich kenne Deinen Ei⸗ genſinn— ſo zoͤgere wenigſtens nicht lange damit.“ 5„Ich ſag' Dir,“ antwortete de Bracy,„es wird in*† . 4 wenigen Stunden abgethan ſein, und ich bin an der ei Spitze meiner kuͤhnen und tapfern Schaar ſo ſchnell in ſon Dork, als nur immer Deine unternehmende Weisheit ge einen Plan erdenken mag.— Aber ich hoͤre im Hofe 1 ſei meine Kameraden ſich verſammeln— die Pferde ſtam⸗. 29 pfen und wiehern— lebe wohl— ich gehe nach aͤchter Rit⸗— 87 ter Weiſe, mir das Laͤcheln der Schoͤnheit zu erringen.“ eiu 4„Nach aͤchter Nitter Weiſe 2* wiederholte Fitzurſe, 1 ihm nachſehend,„ja, wie ein Narr, ſag ich, wie ein Kind, welches das ernſthafteſte, noͤthigſte Geſchäft an den Nagel haͤngt, um den weißen Flocken der Diſtel nach⸗ —A— A 93 zujagen, die der Wind an ihm voruͤberfuͤhrt? Und mit ſolchen Werkzeugen ſoll ich wirken, und zu weſſen Vor⸗ theil? Zu eines Fuͤrſten Vortheil, der ſo unbedachtſam als ausſchweifend iſt— der hoͤchſt wahrſcheinlich ein eben ſo undankbarer Gebieter iſt, als er bereits ein rebelli⸗ ſcher Sohn und unnatuͤrlicher Bruder war. Doch auch er— auch er iſt eines der Werkzeuge, womit ich zu wir⸗ ken habe; und ſollte er vermoͤge ſeines Stolzes ſeinen Vortheil von dem meinigen trennen wollen, ſo ſoll er bald das Geheimniß erfahren—— Die Betrachtungen des Staatsmannes wurden hier durch die Stimme des Prinzen unterbrochen, der aus einem innern Zimmer rief:„Edler Waldemar Fitzurſe!“ und mit abgezogener Muͤtze eilte der zukuͤnftige Kanzler, enn nach ſolchem Range trachtete der verſchmitzte Nor⸗ mann, die Befehle des kuͤnftigen Monarchen zu ver⸗ nehmen. Siebentes Kapitel. In öder Wildniß, einſam, ungekannt Von Alt und Jung, dem Klausaer fromm das Leben ſchwand, Das Moß ſein Bett, die Höhle ſeine Zelle— Die Speiſe Obſt, ſein Trank die klare Quelle— Fern von dem Lärm der Welt, nur Gott ergeben, Iſt all ſein Thun Gebet— ſein Glück den Herrn erheben. Parnell. Der Leſer wird ſich erinnern, daß ein unbekannter Ritter den Ausgang des Turniers entſchieden hatte, dem die Zuſchauer wegen ſeines leidenden und gleich⸗ guͤltigen Benehmens im Verlaufe des Tages den N men le Noir Painéant beigelegt hatten. Dieſer Rirter hatte ſogleich nach entſchiedenem Siege den Kampfplatz verlaſſen, und als er au fgefordert wurde, den Lohn ſei⸗ ner Tapferkeit zu empfangen, war er nirgends mehr zu ſehen, und hatte, waͤhrend Herolde und Trompeten ihn zur Ruͤckkehr aufforderten, alle beſuchten Pfade vermei⸗ dend— und den kuͤrzeſten durch die Waldgegend ver⸗ folgend, ſeinen Weg nach Daacden genommen. Die Nacht hatte er in einer kleinen, von der Landſtraße abwaͤrts lie⸗ genden Herberge zugebr ehr wo er jedoch von einem wandernden Minſtrel Nachrichten uͤber den Ausgang des Turniers erhielt. Am folgenden Morgen brach der Ritter fruͤh auf, in der Abſicht, einen weiten Weg zuruͤckzulegen; die Be⸗ ſchaſſenheit ſeines Noſs, d das er am vergangenen Dage ſorgfaͤltig t Reiſe d bhne verworrenen Pfade Ausfuͤhrung ſeines Vorſatzes ſ erſchwerten ihm ehr, daß er bei ein⸗ dbrechendem Abend erſt die weſtliche Graͤnze von Vork⸗ fhire erreicht hatte; da bedurfte Mann ln⸗ los der d der Reiter mußt Pin gung, und t wo ſich der Reiſende refend⸗ ſs Erjuickung irgendwo zu ve Ihn IusEA‚S 5 en, die gewoͤhnliche Auskunſt irrender Ritt * 5 ſchraͤnken, die bei ſolchen Gelegenheiten ihre P raſen ließen, und ſich daneben niederſtreckten, um i Gedanken an die Gebieterinn ihres Herzens nachzu⸗ haͤngen. Allein der ſchwarze R* entweder kein o gleichg Liebchen, oder war er in der Liebe guͤltig, wi im Kampfe, ku irz, ſeine ſchwaͤrmeri Gend Betrachtungen u ber ihre S Schönheit und Grauſamkeit vermochten nicht, ſeiner Ermuͤdung und ſeinem Hung Stand zu halten, und Liebestraͤume ihm als Erſatz fuͤr Troſtgruͤnde einer Abendmahlzeit und des Bettes unter⸗ zuſchieben. Er war deßhalb ſehr mißvergnuͤgt, a umherblickend ſich tief in einem Walde fand, durch w chen wohl hin und wieder Pfade und Oeffnungen führ hr⸗ ten, allein nur von weidenden Herden, die ſich zahlrei ch im? Walde umhertrieben„ oder vielleicht auch vom Wild und von Jaͤgern herruͤhrten, die Jagd auf ſolches: nach⸗ ten. Die Sonne, welche bisher dem Ritter; r Wegwei⸗ ſerinn gedient, war nun zu ſeiner Linken binter Derby⸗ fhires Huͤgeln hinabgeſunke en, und jede Anſt. rengung, die er machte, ſeine Reiſe weiter fortzuſetzen, konnte ihn eben ſowohl vom rechten Wege ableiten, als ſeinem Ziele naͤhern. Nachdem er ſich umſonſt bemuͤht hadte, felbſt den betretenſten Pfas zu waͤhlen, in der Hof⸗ nung, er werde ihn zu der Hutte irgend eines Hirten od Waldhüͤters br ingen, uͤben eieß er ſich n Schafs uatgee Karh 6, ſich elbſt n zu ziehen. — 3 96 Das eble Roß, durch einen ſo weiten Ritt unter der Laſt eines voͤllig gepanzerten Reiters aͤuſſerſt ermuͤdet, 4 fühlte nicht ſobald, daß die ſchlaffen Zügel es ſeiner eigenen Willkuͤhr uͤberließen, als es neue Kraft und neuen Muth zu bekommen ſchien; vorher die Mahnung des Sporns faſt nur durch Stöoͤhnen erwiedernd, ſchien es jezt auf das ihm geſchenkte Vertrauen ſtolz zu ſein, ſpitzte die Ohren und ſetzte ſich in ſchnellere Bewegung, Der Weg aber, den der Vierfüßler einſchlug, wandte ſich immer mehr von dem ab, den der Ritter den Dag uͤber eingeſchlagen hatte; da aber das Pferd ſeine Wahl ver⸗ trauensvoll zu verfolgen ſchien, überließ ſich der Reiter ſeiner Mentorſchaft. 8 Der Erfolg rechtfertigte fein Vertrauen; bald ward der Pfad breiter und betretener, und das Laͤuten einer kleinen Glocke verkuͤndete die Naͤhe irgend einer Kapelle oder Einſiedelei. Er erreichte dem zu Folge bald einen offenen Raſen⸗ platz, an deſſen entgegengeſetztem Ende ein bvon einem ſanften Abhang ſich ſteil erhebender Fels ſeine graue, verwitterte Stirn dem Reiſenden entgegen ſtreckte. Epheu bekleidete ſelne Seiten an manchen Stellen, Eichen und Haſelbüſche, deren Wurzeln in den Spalten des Felſen Nahrung fandenz ſchwankten uͤher dem unten befind⸗ lichen Abgrund huitie der Helm ſch des Kriegers dem ſonſt furchtbaren Gegenſtand Anmuth verleiht. Am Fuße des Feiſen, als lehnte ſie ſich daran, war eine Hütte von roher Bauart, aus Baumſaͤmmen vom nahen 1 Wald, 3 97 Wald aufgefuͤhrt, und gegen das Wetter durch Fuͤllung der Spalten mit Moos und Lehm geſchuͤtzt. Der Stamm einer jungen Fichte, fein er Zweige beraubt, mit einem Stuͤck Holz am Gipfel gekreuzt, war als rohes Sinn⸗ bild des heiligen Kreuzes vor der Thuͤr aufgepflanzt. In geringer Entfernung zur Rechten ſickerte eine kleine Quelle des reinſten Waſſers aus dem Felſen hervor, und wurde in einem hohlen Stein aufgefangen, dem Menſchen⸗ hand Aehnlichkeit mit einem Baſſin gegeben hatte; von da entſchluͤpfend rieſelte ſie in einem ſchmalen Kanal den Abhang hinab, und verlor ſich uͤber eine kleine Ebene hinfließend im Walde. Neben der Quelle ſah man die Ruinen einer klei⸗ nen Kapelle, deren Dach groͤßtentheils eingeſtuͤrzt war. Als das Gebaͤude noch unzerſtoͤrt war, hatte es nicht uͤber ſechszehn Fuß in die Laͤnge und zwoͤlf in die Breite, und das verhaͤltnißmaͤßig niedrige Dach ruhte auf vier hervorſpringenden Bogen, welche ſich aus den vier Ecken des Gebaͤudes, je von einem kurzen Pfeiler unter⸗ ſtuͤtzt, erhoben. Zwei dieſer Bogen, zwiſchen welchen das Dach eingeſtuͤrzt, ragten unbedeckt empor, waͤh⸗ rend es uͤber den beiden andern noch unverſehrt war. Den Eingang zu dieſem alterthuͤmlichen Bethaus bil⸗ dete ein ſehr'niebriger Bogen, den jene Zickzackſpitzen ver⸗ zierten, die, den Haifiſchzaͤhnen aͤhnlich, noch jezt in den alten ſaͤchſiſchen Kirchen zu ſehen ſind. Auf vier kleinen Pfeilern erhob ſich uͤber bem Portal der Glockenſtuhl, in welchem die gruͤnangelaufene verwitterte Glockel hing, W. Scott's Werke. LXIV 7 deren ſchwache Doͤne noch vor kurzer Zeit in den Ohren des ſwarzen Ritters erklangen. Die ganze, friedliche Szene lag in unſicherm Zwje⸗ licht vor den Augen des Reiſenden, und gewaͤhrte ihm die frohe Ausſicht auf ein Unterkommen für dieſe Nacht; da es eine beſondere Pflicht dieſer einſiedleriſchen Wald⸗ bewohner war, gegen verſpaͤtete oder verirrte Wanderer Gaſtfreundſchaft zu uͤben. Dennoch verlor der Ritter keine Zeit damit, die von uns geſchilderten Einzelnheiten genau zu betpachten, ſon⸗ dern dem heiligen Julian(dem Schutzpatron der Rei⸗ ſenden) dankend, daß er ihm dieſe Herberge wies, ſchwang er ſich von ſeinem Pferde, um ſich Einlaß zu verſchaffen, und pochte mit dem Schaft ſeiner Lanze an die Thuͤr der Einſiedelei. 3 3 Einige Zeit verging, ehe man Notiz von ihm nahm, und die Antwort, welche er endlich erhielt, war nicht ſehr einladend. 4 „Nur voruͤber, wer Du auch biſt,“ war die Antwort einer tiefen, rauhen Stimme aus der Huͤtte,„und ſtoͤre den Diener Gottes und des heiligen Dunſtan nicht in ſeiner Abendandacht.“ 88 „Wuͤrdigen Vater,“ antwortete der Ritter,„ein ar⸗ mer Wanderer, der ſich im Walde berirrte, gibt Dir Gelegenheit, Milde und Gaſtfreundſchaft zu üben.“ „Guter Bruder,“ erwiederte der Bewohner der Ein⸗ ſiedelei,„es hat unſerer lieben Frouen und dem heiligen Dunſtan gefallen, mich mehr zum empfangenden als zum 8 99 ausübenden Gegenſtande dieſer Tugenden zu machen. Ich habe keine Lebensmittel hier, die auch nur ein Hund mit mir theilen wollte, und ein nur einigermaßen zaͤrt⸗ liches Pferd wuͤrde das Lager verſchmaͤhen, das mir ge⸗ nügt— zieh alſo immerhin Deines Weges und Gott ge⸗ leite Dich! „Wie iſt es aber moͤglich,“ entgegnete der Ritter, „daß ich den Weg durch einen Wald, wie dieſen, ſinde, da die Nacht ſo finſter einbricht? Ich bitte Euch, ehr⸗ wuͤrdiger Vater, oͤffnet mir wenigſtens Eure Thuͤr und zeigt mir den rechten Weg!“ 3 „Und ich bitte Euch, guter Bruder in Chriſto, verſetzte der Einſiedler,„ſtoͤrt mich nicht weiter. Schon habt Ihr mich um ein Paternoſter, zwei Abe und ein Credo gebracht, die ich elender Suͤnder, meinem Geluͤbde gemaͤß, vor Aufgang des Mondes gebetet haben ſollte.“ „Den Weg, den Weg!“ rief der Ritter,„wenn ich einmal nichts weiter von Dir zu erwarten habe.“ „Der Weg,“ erwiederte der Eremit,„iſt leicht zu finden. Der Walbpfad fuͤhrt nach einem Moraſt und von da zu einer Fuhrt, welche, da die Regen jezt nicht ſo haͤufig ſind, wohl gangbar ſein wird. Wenn Ihr uͤber die Fuhrt weg ſeid, muͤßt Ihr ſorgſam auf den Weg am linken Ufer achten, denn es iſt etwas abſchuͤſſig, und der Pfad ſoll, wie ich hoͤre(denn ich verlaſſe ſelten die Ka⸗ velle), an einigen Stellen unterwaſchen ſein. D reitet Ihr ganz gerade aus—“ „Ein unterwaſchener Pf Dann ad,— ein Abgrund— eine 7*4½ 100 Fuhrt und ein Moraſt!“ rief der Ritter, ihn unter⸗ brechend—„Herr Einſiedler, und waͤret Ihr der Hei⸗ ligſte von Allen, die je einen Bart getragen und einen Ro⸗ ſenkranz abgebetet haben, Ihr werdet mich ſchwer⸗ lich dahin vermoͤgen, einen ſolchen Weg zur Nachtzeit einzuſchlagen. Ich fage Dir, daß Du, der Du von der Barmherzigkeit der Umgegend lebſt— ſo ſchlecht Du ſie auch verdienſt, wie ich ſehe— kein Recht haſt, dem Wanderer ein Obdach zu verſagen. Deffne ſogleich die Thuͤr, oder beim heiligen Kreuz, ich ſchlag ſie ein und bahne mir den Eingang ſelbſt! „Freund Wanderer,“ entgegnete der Eremit,„ſei nicht unverſchaͤmt! wenn Du mich noͤthigſt, zur Noth⸗ wehr fleiſchliche Waffen gegen Dich zu gebrauchen, ſo moͤchteſt Du ſchlimm dabei fahren!“ In dieſem Augenblick ward ein entferntes Geheul und Gebell, das der Reiſende ſchon ſeit einiger Zeit hoͤrte, vernehmbarer und lauter, und ließ den Ritter vermu⸗ then, daß der Einſiedler von ſeiner Drohung, mit Ge⸗ walt einzubrechen, erſchreckt, die Hunde hervorgerufen hatte. Erzuͤrnt uͤber die Anſtalten des Einſied lers, ſeinem ungaſtlichen Benehmen Nachdruck zu geben, ſtieß der Ritter fo wuͤthend mit dem Fuß gegen die Thuͤr, daß Pfoſten und Angein erbebten. 3 Der Einſiedler, der eben keine Luſt haben mochte, ſeine Thuͤr einer wiederholten Erſchuͤtterung auszuſetzen, rief nun laut:„Gebuld, Geduld!— Spare Deine Kraft, guter Reiſender, ich will Dir die Thuͤr auf⸗ 7 5 101 ſchließen, ob es Dir gleich eben nicht zu großem Ver⸗ gnügen gereichen moͤchte!“ Die Thuͤr oͤffnete ſich; und der Einſiedler, ein breit⸗ ſchultriger Mann bon ſtarkem Gliederbau, in grobem Gewand nehſt Kappe, und einem Guͤrtel von Binſen ſtand vor dem Ritter. In der einen Hand hielt er eine Kienfackel, in der andern einen Stock von wildem Apfel⸗ baumholz, ſo dick und ſchwer, daß man ihn fuͤglich eine Keule nennen konnte. Zwei große zottige Hunde, halb Jagdhunde, halb Bullenbeißer, ſtanden bereit, auf den Fremden loszuſtuͤrzen, ſobald die Thuͤr ganz geoͤffnet ſein würde. Als aber die Fackel von der Ruͤſtung des Ritters widerſtrahlte, kam der Einſiedler von ſeinem fruͤheren Plane zuruͤck, beſchwichtigte die Wuth ſeiner Bundesgenoſſen und lud den Ritter mit baͤuriſcher Hoͤf⸗ lichkeit ein, in ſeine Zelle einzutreten, inden er ſein fruͤheres Betragen damit entſchuldigte, daß es, da rings umher Geaͤchtete und Naͤuber, die ſich wenig um unſere liebe Frau, St. Tunſtan und die ſeinem Dienſte Ge⸗ weihten kümmernd, in großen Banden umherſtreiften, gefaͤhrlich ſei, nach Sonnenuntergang Jemand aufzu⸗ nehmen. „Die Armuth Eurer Zelle, guter Vater,“ verſetzte der Ritter, um ſich blickend und nichts als ein Blaͤtter⸗ lager, ein roh aus Eichenholz geſchnitztes Kruzifir, ein Meßbuch, einen plump gearbeiteten Siſch und zwei Stuͤhle nebſt etwas ſchlechten Hausrath gewahrend, „müßte Euch, ſollt⸗ ich meinen, hinlaͤnglich gegen Raͤu⸗ 102 beranfaͤlle ſichern, der beiden tuͤchtigen Hunde nicht zu gedenken, die groß und ſtark genug ſind, einen Hirſch niederzuwerfen, und es folglich mit den meiſten Men⸗ ſchen aufzunehmen vermoͤgen.“ „Der freundliche Waldhuͤter,“ berſetzte der Ein⸗ fiedler,„hat mir bis auf beſſere Zeiten dieſe Thiere zu meinem Schutze zu halten geſtattet.“ 33 Nach dieſen Worten befeſtigte er die Fackel auf einem gedrehten Stuͤck Eiſen, das zum Leuchter diente, ſetzte den eichenen Diſch an den Feuerherd, deſſen faſt erlo⸗ ſchene Kohlen er mit einigem duͤrren Holz wieder an⸗ aachte, ſtellte ſich einen Stuhl an die eine Seite, und erſuchte den Ritter, ein gleiches auf der andern zu thun. Sie ſetzten ſich und betrachteten einander mit großem Ernſte, indem Jeder im Herzen denken mochte, daß er nie, oder zum wenigſten ſelten eine ſo kraͤftige, athleti⸗ ſche Geſtalt ſich gegenüber geſehen habe. „Ehrwürdiger Eremit,“ begann der Ritter, nach⸗ dem er einen langen, ſcharfen Blick auf ſeinen Wirth geheftet hatte,„wuͤ de ich nicht befürchten, Euch in Euren andaͤchtigen Betrachtungen zu ſtoͤren, ſo wollt' ich Ew. Keiligkeit um drei Dinge fragen; erſtlich, wo ich mein Pferd hinſtellen ſoll, zweitens, was Ihr mir zum Abendimbiß reichen koͤnnt, und drittens, wo Ihr mir ſelbſt dieſen Abend mein Lager anweiſen wollt?“ „Das will ich Euch,“ verſetzte der Eremit,„mit meinem Finger bedeuten, da es gegen meine Sitte iſt, Worte zu gebrauchen, wo Zeichen genuͤgen.“ Damit 2**— — 103 wies er nach ein ander auf zwei Ecken der Huͤtte bin:— „hier Euer Stall— dort Euer Bett, und da—(hiemit nahm er eine Schuüſſel mit einer Handvoll geroͤſteter Erb⸗ ſen von einem nahen Geſumſe herab und ſetzte ſie auf den Siſch) Euer Abendeſſen.“ Der Ritter zuckte die Achſeln, verlleß die Huͤtte, brachte ſein Pferd— das er an einen Baum gebunden hatte— herein, ſattelte es ſorgſam ab, und breiteke ſei⸗ nen eigenen Mantel über den breiten Ruͤcken deſſelben. Der Eremit ſchien durch die Fuͤrſorge und Gewandt⸗ heit, womit der Fremde ſein Roß verpflegte, zur Cheil⸗ nahme geruͤhrt, brachte etwas Futter, das fuͤr das Pferd des Waldhuͤters zurückgeblieben wor, nebſt einem Bün⸗ del Heu aus einem Schlupfwinkel herbei, und ſetzte es dem Streitroß des Ritters vor, und ſchuͤttete in die Ecke, welche er dem Ritter zur Schlafſt elle angewieſen hatte, einen Haufen getrockneten Farrenkrauts hin. Der Nitter dankte ihm fuͤr dieſe Hoͤflichkeit, und Beide ſetzten ſich, nachdem dieſe Pflichten erfuͤllt waren, an den Diſch, wo die Schuͤſſel mit Erbſen ſtand. Nach einem langen Gebet, das urſpruͤnglich lateiniſch war, von dem man aber in feinem Munde nur noch einige Spuren erkennen konnte, ging er feinem Gaſte mit gu⸗ tem Beiſpiel boran, indem er zwei bis drei getrocknete Erbſen in den ziemlich großen Mund ſteckte, der mit Zaͤh⸗ nen beſetzt war, die es an Schaͤrfe und Weiße mit denen eines Ebers aufnehmen konnten— fuͤr ein ſo großes und kraͤftiges Muͤhlwerk freilich ein ziemlich ſchmaler Biſfen. 10½ Der Ritter legte, um einem ſo loͤblichen Beiſpiel zu folgen, Helm, Bruſtharniſch und den groͤßten Theil ſeiner Ruͤſtung ab, und zeigte ſo dem Einſted er ein gelb⸗ umlocktes Haupt, hohe Züge, blaue, große und feurige Augen und einen wohlgebildeten Mund, deſſen Oberlippe ein etwas dunklerer Stutzbart, als das Haupthaar war, bedeckte, kurz, ganz den kuͤhnen, unt⸗ ehmenden Aus⸗ druck eines Mannes, wie ſeine kraͤftige Geſtalt erwarten ließ. Der Einſiedler, als wollte er das Vertrauen ſeines Gaſtes erwiedern, warf ſeine Kappe zurüͤck, und zeigte dem Fremden das Vollmondgeſicht eines wohlgenaͤhrten Mannes in ſeinen beſten Jahren. Sein geſchornes Vorderhaupt, von einem enggekrausten„ ſchwarzen Lockenhaar umgeben, erinnerte an eine von hohen Hecken eingefriedigte Gemeinwieſe. Seine Züge hatten nichts von moͤnchiſcher Strenge, oder aszetiſcher Entſagung, im Gegentheil fand man einen gewißen kühnen, trotzigen Blick, breite, runde Augenbraunen, einen wohlgebildeten Vorderkopf, und Wangen, gleich denen eines Trompe⸗ ters, voll und aufgeblaſen, uͤber welche der lange, krauſe, ſchwarze Bart herabhing. Ein ſolches Geſicht, mit dem Koͤrperbau des heiligen Mannes zuſammengeſtellt, ließ mehr auf den Genuß von Rindsbraten und dergleichen gediegener Koſt, denn auf geroͤſtete Erbſen und aͤhn⸗ liches Hungermahl ſchließen. Dieſer Widerſpruch ent⸗ ging dem Gaſte nicht. Nachdem er mit großer Schwie⸗ rigkeit die Zermalmung eines Mundvollo geroͤſteter Erbſen zu Stande brachte, fand er es ſchlechterdings 4 —— 105 nothwendig, ſeinen frommen Wirth um einen Trunk zu bitten. Dieſer ſetzte ihm ſogleich einen Krug des reinſten Quellwaſſers vor. Er iſt von der St. Dunſtan squelle,“ meinte er, „in welcher dieſer Heilige— geſegnet ſei ſein Name!— von einem Sonnenaufgang bis zumfandern fuͤnfhundert heidniſche Daͤnen und Britten taufte.“ Und den Krug an den ſchwarzen Bart erhebend, that er einen viel be⸗ ſcheidenern Zug, als ſeine Lobrede erwarten ließ. „Es ſcheint mir, ehrwuͤrdiger Voter,“ begann der Ritter,„daß die ſchmalen Biſſen, welche Ihr eſſet, ſo wie das heilige, aber doch erwas dunne Getraͤnk, womit Ibr Euch ſtaͤrkt, wunderbar bei Euch angeſchlagen haben. Ihr kommt mir eher vor wie ein Mann, der ſich geſchickter den Preis im Ringſpiele, Stockkampf oder Schwertſtreit erringt, als ſeine Zeit in dieſer Wildniß mit Meſſen ver⸗ litaneit, und von getrockneten Erbſen und geweihtem Iaſſer lebt.“ 3 „Herr Ritter,“ entgegnete der Eremit,„Eure Ge⸗ danken ſind, wie die der unwiſſenden Laien, nur fleiſch⸗ licher Art. Es hat unſerer lieben Frauen und dein hei⸗ ligen Dunſtan, meinem Schutzpatron, gefallen, die Entſagung zu ſegnen, welche ich mir auferlegt; ſo wie einſt Huͤlſen fruͤchte und Waſſer die Kinder Sadrach, Me⸗ ſchech und Abednego ſegnete, welche lieber dieſe Nahrung waͤhlten, als daß ſie die koͤſtlichen Gerichte genoſſen, die ihnen von dem Könige der Sarazenen angeboten wurden.“ * 106 „Heiliger Vater,“ verſetzte der Nitter,„da der Himmel an Deinem Leibe ſolche Wunderdinge gethan hat, ſo erlaube mir, Dich nach Deinem Namen zu fragen.“ „Du magſt mich den Moͤnch von Copmanhurſt nen⸗ nen; ſo heiße ich in dieſer Gegend. Sie ſetzen frei⸗— lich noch das Wort heilig hinzu, allein ich mache keine Anſpruͤche auf dieſe Ehre.— Und nun, tapferer Ritter, darf ich um den Namen meines verehrlichen Gaſtes bitten?“ „Wehl!“ ſagte der Ritter,„die Leute in dieſer Ge⸗ gend nennen mich den ſchwarzen Ritter; manche fetzen noch das Wort Faulenzer hinzu, allein auch ich lege keinen großen Werth auf dieſe Auszeichnung.“ Der Eremit konnte ſich bei der Antwort ſeines Gaſtes* kaum eines Laͤchelns erwehren. 3 „Ich ſehe,“ fagte er,„Herr fauler Ritter, daß Du ein Mann von Verſtand und Klugheit biſt; und fehe ferner, daß Dir meine magere Koſt nicht behagt, da Du vielleicht an den Ueberfluß der Hoͤfe, Lager oder Staͤbte gewohnt biſt; nun faͤllt mir bei, Herr Faulenzer, daß der mildgeſinnte Aufſeher des Forſtes, der mir dieſe ‿ Hunde zum Schutz und dieſe wenigen Buͤndel Heu zur 4 Fuͤtterung ſeines Pferdes zuruͤckließ, auch noch etwas Svpeiſe gab, an die ich, da ich ſie nicht brauchen konnte, im Migenblick nicht gedacht hatte.“ „Auch ich haͤtte darauf geſchworen, heiliger Vater,“ entgegnete der Ritter.„Seit dem Augenblick, als Ihr 3 Eure Kappe zurückwarfet, war ich überzeugt, es muͤßte 1⁰7 beßre Nah rung in dieſer Huͤtte ſich finden. Euer Forſt⸗ aufſeher iſt doch ein luſtiger Schalk! und wahrhaftig, wer Deine Mahlzaͤhne mit ſolchen Erbſen ſich abquaͤlen, und Deine Gurgel mit ſolch ungeiſtigem Element ſich be⸗ freunden ſieht, konnte Dich nicht zu ſolchem Pferde⸗ futter und Pferdewein verdammt wiſſen, ohne ſich ver⸗ ſucht zu ſehen, Deine Koſt in etwas zu verbeſſern. Laß uns daher unverzuͤglich des Wald huͤters Guͤte betrachten.“ Der Einſiedler warf einen pruͤfenden Blick auf den Ritter, worin eine komiſche Zaghaftigkeit lag, als ob er ungewiß waͤre, in wie weit ihm die Klugheit riethe, ſeinem Gaſt zu trauen. Allein in dem ganzen Weſen des Ritters lag ſo viel Offenheit, ſein Laͤcheln hatte einen ſo unwiderſtehlich komiſchen Ausdruck, und erſchien ſo offen und bieder, daß ſein Wirth ſich einer Vertran⸗ lichkeit gegen ihn nicht erwehren konnte. Nachdem der Eremit einen oder zwei Blicke mit ihm gewechſelt hatte, ging er nach einer entferntern Seite der Huͤtte, und oͤffnete eine Thuͤr, welche in ſorgfaͤltigem Verſtecke angebracht war. Aus einer dunkeln Zelle, zu welcher j ene Oeffnung fuͤhrte, brachte er nun eine große Paſtete in einer zinnernen Schuͤſſel von ungemeiner Groͤße zum Vorſchein, und ſetzte dieſes gewaltige Gericht ſeinem Gaſte bvor, der mit dem Dolche ſie zerlegend, keine Zeit verlor⸗dmit dem Inhalt genauere Bekannt⸗ ſchaft zu machen. „Wie lang iſt es denn, daß der gute Aufſeher bier war?“ fragte der Ritter ſeinen Wirth, nachdem er gierig 108 einige Biſſen von dem Zuſatz zu ſeines Wirthes Abend⸗ imbiß verſchlungen hatte. „Faſt zwei Monate,“ antwortete der Einſiedler ſchnell. „Himmel! iſt doch Alles, Alles in Eurer Zelle wun⸗— derbar, heiliger Vater! ich haͤtte darauf geſchworen, der fette Rehbock, welcher den Inhalt zu dieſer Paſtete geliefert, ſei noch dieſe Woche auf ſeinen Fuͤßen umher⸗ geſprungen.“ 4 Der Einſiedler ſchien uͤber dieſe Bemerkung etwas betrofſen, auch ſchnitt er ein ſaures Geſicht, als er die Abnahme der Paſtete gewahr wurde, in welche ſein Gat verzweifelt hinein geleuchtet hatte— ein Kriegsma⸗ noͤuvre, woran ihn ſeine fruͤhere Enthaltſamkeitserklaͤ⸗ rung durchaus nicht Theil nehmen ließ. „Ich bin in Palaͤſtina geweſen, heiliger Vater,““ ſagte der Ritter, indem er ploͤzlich mit dem Eſſen inne hielt,„und erinnere mich einer daſelbſt herrſchenden 3 Siltte, daß jeder Wirth ſeinen Gaſt von der guten Be⸗ ſchaffenheit der ihm dargebotenen Speiſe durch Theil⸗ nahme an dem Mahle überzeugen muß. Es ſei ferne von mir, auf einen ſo heiligen Mann, wie Ihr ſeid, 3 einen Verdacht zu werfen; indeſſen wuͤrde ich Euch doch ſehr verbunden ſein, wenn Ihr Euch dieſer morgenlaͤn⸗ diſchen Sitte unterwerfen wolltet.“ num Euchaller unnoͤthigen Bedenklichkeiten zu üͤber⸗. „Heben, Herr Ritter, will ich einmal von meiner Regel abweichen?“ verſetzte der Einſiedler, und da man in. — 109 jenen Zeiten keine Gabeln kannte, waren ſeine Finger ſogleich in den Eingeweiden der Paſtete beſchaͤftigt. Da nun das Eis der Zeremonie einmal gebrochen war, ſchienen Gaſt und Wirth zu wetteifern, wer den beſten Appetit entwickeln wuͤrde, und wenn auch der Er⸗ ſtere wahrſcheinlich am laͤngſten gefaſtet hatte, ſo ward er dennoch vom Einſiedler bei weitem uͤbertroffen. „Heiliger Vater,“ begann der Ritter, als ſeine Eß⸗ luſt befriedigt war,„ich wollte meinen Gaul gegen eine Zechine wetten, daß derſelbe ehrliche Forſtaufſeher, dem wir das koͤſtliche Mahl verdanken„Euch auch mit einem Schluck Wein ober Kanarienſekt, oder dergleichen was zur Begleitung deſſelben zurückließ. Es iſt dieß freilich ein Umſtand, der nicht wuͤrdig iſt, in dem Gedaͤchtniß eines ſo ſirengen Anachoreten zu haften; indeßen ſucht nur noch'mal recht nach, Ihr werdet gewiß fenden, daß ich nicht Unrecht hatte.“ Der Eremit antwortete blos mit einem Grinſen, kehrte nach der Zelle zuruͤck und holte eine lederne Flaſche hervor, die etwa vier Quart Wein enthalten mochte, ſo wie zwei Becher aus dem Horn eines Auerochſen, ſtark mit Silber eingelegt. Nachdem er ſo gehoͤrige Anſtalten getroffen hatte, das Abendmahl binunterzuſpuͤlen, glaubte er aller Zeremonien überhoben zu ſein, fuͤllte die Becher und ſagte in ſchwaͤbiſcher Mundart:„Waes Hael(Euer Wohl), Herr fauler Ritter!“ und leerte den ſeinigen auf einen Zug. „Drink Hael(auf das Eure), heiliger Vater von I10 Copmanhurſt!“ erwiederte der Krieger, und that ihm mit gleicher Fertigkeit Beſcheid. „Heiliger Vater!“ ſprach der Fremde, nachdem der erſte Becher geleert war,„ich kann nicht umhin, mich zu verwundern, wie ein Mann von ſolchen Sehnen und Knochen, der ſich ſo tuͤchtig bei der Tafel erweiſt, daran denken kann, ſich in eine Wildniß zu begraben. Nach meiner Anſicht taugtet Ihr beſſer, ein Schloß oder Fort zu behaupten, etwas Gutes zu eſſen und zu trinken, als von Hülſenfru chten und der Milde der Forſtbeamten zu leben. Ich wenigſtens wuͤrde mich an Eurer Stelle auf der koͤniglichen Jagd vergnuͤgen und mit Vorrath ver⸗ ſorgen. Es wimmelt von Wild in den Waͤldern, und ein Rehbock für den Dienſt der Kapelle des heiligen Dun⸗ ſtan wuͤrde doch wohl nicht ſehr vermißt werden.“ „Herr fauler Ritter,“ verſetzte der Moͤnch,„Ihr führt da gefaͤhrliche Reden, und ich bitte Euch, ſolche unterweges zu laſſen. Ich bin ein Einſiedler, dem Koͤ⸗ nig und dem Geſetze unterthan; wollt ich mich an meines Herrn Wild vergreifen, ſo waͤre mir das Gefaͤngniß gewiß genug, ja mein Kleid wuͤrde mich ſelbſt vor dem Galgen nicht ſchuͤtzen.“ „Nun ſo machte ich, wenn ich Du waͤre,“ ſagte der Nitter,„meinen Gang beim Mondlicht, wo die Huͤter und Foͤrſter in den warmen Betten liegen, murmelte „ meine Gebete her und ließe zuweilen einen Pfeil unter die Herden fliegen.— Sagt mir, heiliger Vater, habt — Shr nuch keinen ſolchen Zeitvertreih verſucht?“ Nr 111 „Freund Faulenzer,“ antwortete der Eremit,„Du haſt Alles geſehen, was Dich in meinem Haushalt in⸗ tereſſiren kann, und vielleicht noch etwas mehr, als der verdient, welcher ſich gewaltſam einquartiert; glaube mir, es iſt beſſer, des Guten zu genießen, das Dir Gott beſchert, ohne zudringlich zu forſchen, woher es koͤmmt. Fülle Deinen Becher und ſei guter Dinge, und ſetze mich nicht durch weitere Nachforſchungen in die Nothwendig⸗ keit, Dir zu zeigen, daß Du ſchwerlich ein gutes Quar⸗ tier gefunden haͤtteſt, waͤre es mein Wille geweſen, mich Dir ernſtlich zu widerſetzen.“ „Bei meiner Ehre,“ fuhr der Ritter fort,„Du machſt mich immer noch neugieriger! Du biſt mir der unerklaͤrlichſte Einſiedler von der Welt, und ich muß noch mehr von Dir kennen lernen, ehe wir uns trennen. Was Deine Drohungen anbelangt, ſo wiſſe, heiliger Mann, daß Du mit Jemand ſprichſt, deſſen Gewerbe es iſt, Ge⸗ fahren aufzuſuchen, wo er ſie finden mag.“ „Herr fauler Ritter, ich trink Dir zu,“ ſprach der Eremit;„Deine Tapferkeit in allen Ehren, allein, wenn Du gleiche Waffen mit mir fuͤhren willſt, ſo will ich Dir in aller Freundſchaft und bruͤderlichen Liebe eine ſo hinreichende Buße auferlegen und ſo vollſtaͤndige Abſolution geben, daß Du in den naͤchſten zwoͤlf Mo⸗ naten nicht wieder aus Neugier ſuͤndigen ſollſt.“ Der Ritter nahm ihn beim Wort, und erſuchte ihn, die Waffen zu beſtimmen. „Es gibt deren keine,“ verſetzte der Eremit,„von 112 der Schere der Delila und dem Zehnpfennigsnagel des Joel bis zu dem Schwerte des Goliath, worin ichs nicht mit Dir aufnehmen wollte.— Wenn ich aber zu waͤhlen habe, was ſagſt Du, guter Freund, zu dieſem Spiel⸗ zeuge?“ Damit öͤffnete er einen andern Verſchlag, und nahm ein Paar breite Schwerter und Schilde heraus, wie ſie die Yeomanrie jener Zeit zu gebrauchen pflegte. Der Rit⸗ ter, der ſeime Bewegungen beobachtete, bemerkte, daß dieſer zweite Raum zwei oder drei lange Bogen, eine Armbruſt, ein Bündel Pfeile für die erſtere, und Bolzen fuͤr die leztere enthielt. Eine Harfe nebſt andern Din⸗ gen, von eben nicht kanoniſchem Ausſehen, war gleich⸗ falls in dem Verſteck zu ſehen. 1 „SIch verfpreche Dir, Bruder Moͤnch,“ ſagte der Rit⸗ ter,„daß ich Dir keine beleidigenden Fragen mehr vorle⸗ gen mill. Der Inhalt dieſes Verſchlags hat mich fuͤr alle meine Neugierde befriedigt, und ich erblicke hier eine Waffe(er holte die Harfe hervor), auf der ich lieber meine Kunſt gegen Dich zeigen moͤchte, als mit Schwert und Schild.“ „Ich hoffe, Herr Ritter, Du haſt doch nicht in der That Urſache zu Deinem Beinamen des Faulenzers ge⸗ geben? Ich geſtehe, Du wirſt mir verdaͤchtig, da Du indeſſen mein Gaſt biſt, ſo will ich Deine Tapferkeit nicht ohne Deinen freien Willen auf die Probe ſtellen, Setze Dich alſo und fülle Deinen Pecher, laß uns trinken⸗ ſingen und guter Dinge ſein. Wenn Du Dich auf ein huͤbſches 113 huͤbſches Lied verſtehſt, ſo ſollſt du immer auf ein Stüͤck Paſtete in Copmanhurſt willkommen ſein, ſo lange ich die Kapelle des heiligen Dunſtan bediene, was, ſo Gott will, ſo lange Slatt finden ſoll, bis ich mein graues — Gewand mit einem von grünen Raſen vertauſche. Aber komm, fuͤlll den Becher, es wird einige Zeit beduͤrfen, die Harfe zu ſtimmen, und nichts ſchaͤrft das Ohr und ſchmeidigt die Stimme mehr, als ein Becher Wein.— Ich fuͤr meinen Theil ſpuͤre gern den Traubenſaft in den Fingerſpetzen, ehe ich die Harfenſaiten erklingen laſſe... Achtes Kapitel. Am Abend öffn' ich an einſamer Stelle Das Buch der Zeiten, der Wiſſenſchaft Quelle, und ſchaue im Geiſt manch' heilige That, Die dem Dulder die Krone erworben hat. Eh' die Lampe verglimmt, und der Schlaf michumfängt, Mein Lied noch zum Throne des Ewigen dringt. 3.* 4 — Er, der ſich dem Tunde der Erde entwindet,] Und der Welt geräuſchvollem Treiben enteilt,. Seine Ruh' im Gewande der Demuth findet, In der Einſamkeit heiligem Schooſe weilt. — Warton. 4 Trotz der Vorſchrift des genialen Einſtedlers, welche ſein Gaſt ſehr gern erfuͤllte, fand es dieſer doch nicht leicht, die Harfe rein zu ſtimmen.„M ich dünkt, hei⸗ liger Vater,“ ſagte er,„dem Inſtrument fehlt eine 1 Saite, und die ubrigen ſind verſtimmt.“⸗ 1 28. Scott's Werke. 2LIV. 3 114 „So, merkſt Du das?“ verſetzte der Einſiedler; „das zeigt, daß Du ein Meiſter in der Kunſt biſt— Wein und Schmaus,“ fuhr er in ernſtem Tone fort, in⸗ dem er das Auge erhob,„Alles Folgen von Wein und Schmaus. Ich ſagte es dem Minſtrel vom Norden, Allan a Dale, gleich, daß er die Harfe verſtimmen wuͤrde, wenn er ſie nach dem ſiebenten Becher ſpielte, aber er wollte nicht hoͤren— Freund! ich trinke Dir einen Becher auf den gluͤcklichen Erfolg Deines Geſanges zu.“ Mit dieſen Worten ergriff er mit Feierlichkeit den Becher und ſchuͤttelte den Kopf uͤber die Unmaͤßigkeit des Min⸗ ſtrels vom Norden. Der Ritter hatte indeſſen die Saiten etwas in Ord⸗ nung gebracht, und nach einem kleinen Vorſpiel fragte er ſeinen Wirth, ob er eine Eirdente in morgenlaͤndi⸗ ſcher Sprache, oder ein franzöͤſiſches Liedchen, oder eine 3— Ballade in der gewoͤhnlichen engliſchen Mundart ſingen ſollte? „Eine Ballade, eine Ballabe!“ rief der Einſiedler, „weg mit allen den oes und ouis der Franken. Ich bin 3 ein gerader, ſchlichter Englaͤnder, Herr Ritter, und 3 ein guter, ehrlicher Englaͤnder war auch mein Schutz⸗ patron St. Dunſtan, und verachtete alle oes und ouis, wie er den Abfall von des Roſſes Hufen verachtet haͤtte— nur Engliſch ſoll in dieſer Zelle gefungen werden.“ 3 „Ss will ich's denn mit einer Balae verſuchen; 1 1 — — — † f 115 die ein luſtiger Sachſe dichtete, den ich im heiligen Lande kennen lernte.“ Man merkte bald, daß der Ritter, wenn er auch kein voll⸗ kommener Meiſter in der Kunſt der Minſtrel war, ſich doch unter den beſten Meiſtern gebildet hatte. Kunſt hatte ihn gelehrt, ſeiner an ſich mehr rauhen als ſanften Stinme, der es an natuͤrlichem Wohlklang fehlte, doch ſo viel Anmuth zu geben, daß die natuͤrlichen Fehler in etwas verbeſſert wurden. Sein Geſang wuͤrde daher auch beſſere Richter, als der Einſiedler war, befriedigt haben, be⸗ ſonders, da der Ritter in die Toͤne einen Grad von Ge⸗ fühl! und Begeiſterung zu legen wußte, die dem Liede Kraft und Nachdruck gaben: Hoher Thaten übt' der Nitter Fern im heil'gen Lande viel, Und das Kreuz auf ſeiner Schulter Bleichte rauhes Schlachtgewühl. Manche Narb' auf ſeinem Schilde Trun er von dem Kamprfgefllde, An fein Liebchens Fenſter dicht Saung er ſo im Mondenlicht. Heil der Schönen! aus der Ferne Iſt der Ritter heimgekehrt, Doch nichts durft' er mit ſich nehmen, Als ſein trenes Roß und Schwert, Seine Lanze, ſeine Svoren Sind allein ihm unverloren, Dieß iſt all ſein irdiſch Glück, Dieß und Thyeklas Liebesblick!—. Waͤhrend Heil der Schönen, was der Ritter That, verdankt er ihrer Gunſt, Darum oll ihr Lob verkünden Stets des Minſtruls ſüſſe Kunſt! „Sebt, das iſt ſie,“ wird es heißen, Wenn ſie ihre Schöne preiſen, „Deren Augen Himmelalanz „Gab bei Askalon den Kranz! Schaut ihr Lächeln! fünfzig Männer Streckt er leblos in den Staub! und Ikonium, ob ſein Sultan Muthig ſtritt, ward ihm zum Raub! Dieſe Locken, wie ſie golden Schwimmen um die Bruſt der Holden, Legten manchem Muſelmann Feſſeen unzerreißbar an. Heil der Schönen! Dir geföret, Holde, was Dein Ritter that— Oeffne darum ihm die Pforte, Nachtluft ſtreift, die Stund iſt ſpat! Dort in Syriens heißen Zonen Mußt' er ſich des Nords entwohnen! Lieb', erſticke jezt die Schaam, Weil von ihr der Ruhm Dir kam! dieſes Geſangs hatte der Einſiedler ſich wie ein Kritiker unſerer Zeit im Theater benommen. Mit halb geſchloſſenen Augen lehnte er ſich auf ſeinen Stuhl zuruͤck, faltete bald die Haͤnde, drehle die Dau⸗ men, und ſchien ganz in Aufmerkſamkeit verſunken, dald ſchlug er mit ausgebreiteter Hand den Dakt, und folgte der Melodie. Bei ein Paar Liebl lingscadenzen 4. —* 117 ſtimmte er wohl auch ein wenig mit ein, wenn des Rit⸗ ters Stimme unfaͤhig ſchien, die Cadenze ſo hoch hinauf⸗ zufuͤhren, als ſein Kunſtgefuhl ihn wuͤnſchen ließ. Als der Geſang zu Ende war, erklaͤrte ihn der Waldbruder für ſchoͤn und gut gelungen. 2 „Und doch denke ich,“ fuhr er fort,„hat ſich mein Landsmann, der Sachſe, zu lang mit den Normaͤnnern herumgetrieben, um nicht in ihre melancholiſche Ton⸗ weiſe zu gerathen. Weßhalb mußte ſich auch der ehrliche Ritter von Hauſe entfernen? Mußte er nicht befuͤrchten, bei ſeiner Ruͤckkehr die Gebieterinn ſeines Herzens in allerliebſtem Verein mit ſeinem Nebenbuhler zu finden, ſo daß ſie ſein Staͤndchen eben ſo wenig beachtet haͤtte, als wenn eine Katze auf der Dachrinne miaute? Deſſen un⸗ geachtet trinke ich Dir, Herr Ritter, dieſen Becher auf das Gluͤck aller Treuliebenden zu. Ich fuͤrchte aber, Du biſt keiner dieſer Auserwaͤhlten“— ſetzte er hinzu, als er bemerkte, daß der Ritter, dem ſchon die Glut des Weines von dem wiederholten Zutrinken zu Kopf zu ſteigen begann, ſeinen Becher aus dem Waſſerkrug ver⸗ duͤnnte. FEi⸗“ fragte der Ritter,„ſagteſt Du mir nicht, daß dieſes Waſſer aus der Quelle Eures gebenedeiten Schutz⸗ patrons, des St. Dunſtan ſei?“ „Allerdings,“ verſetzte der Eremit,„und viele hun⸗ dert Heiden taufte er daraus, daß er aber daraus ge⸗ trunken haͤtte, habe ich noch nie gehoͤrt. Jedes Ding in der Welt hat ſeinen eigenen Zweck. St. Dunſtan kannte 118 ſo gut als einer die Vorrechte der luſtigen Kloſter⸗ bruͤder.“ Mit dieſen Worten grif er nach der Harfe und unter⸗ hielt ſeinen Gaſt mit folgendem charakteriſtiſchen Geſang, der eine Art Derrydownchorus*) war, zu dem der alt⸗ engliſche Gefang ſich ganz beſonders eignete: Jc. geb', guter Burſch, Dir ein Jahr, auch wohl zwei, Such Land für Land bis zur Tartarei— Doch, wie Du Dich müheſt, in keinem Reich Triffſt Du'nen glücklichen Mann dem Barfuͤßler gleich. Der Rittersmann eilt für ſein Llebchen zur Schlacht, Wird vom Speere durchrennt nach Hauſe gebracht; Er beichtet in Eil' ihm— ſein Liebchen begehrt Nur den Troſt noch, den ſie vom Barfüßler hört. Der König?— Pah! mancher Fürſt, wie bekannt⸗ Tauſcht den Königsrock um ein Kloſtergewand! Doch ſagt, wem fiel's von uns wohl ein, Statt des Barfüßlers lieber König zu ſein? Der Varfüßler wandert— wohin er nur geht, Des Landes Fülle zu Gebot ihm ſteht. Er ſchwärmt, wo er will, bleibt, wo's ihm gefällt, Dem Barfüßler gehöret die ganze Welt. Zu Mittag harret— nicht rührt man das Mahl— Der Ehrenplatz ſeiner, ihm bleibet die Wahl *) Der Derrydown iſt ein alter, nicht nur aus den Zeiten der Heprarchie, ſondern ſelbſt noch von den Druiden her⸗ ſtammender Gebrauch, und ſcheint ihre Hymnen begleitet zu haben, wenn dieſe ehrwürdigen Leute ſich in den Wald pegaben, um Mispeln zu ſammeln. x Des leckerſten Biſkens, den Sitz an dem Herd Wählt der Barfüßler ſich und Niemand ihm wehrt. Man wärmit die Paſtet, kömmt dbends er an, Am Braunbier ertabt ſich der Kuttenmann. Das Wetöchen ſtieße den Mann in den Koth, Daß nur der Barfuüßler nicht litte Noth! Es lebe die Sohl', die Kapuze, der Strick! Der Schrecken des TCeufets, des Mönches Glück; Die Roſen zu pflücken, von Dornen rein, Dieß Loos ſüel dem guten Barfüßler alein! „Meiner Treu“ rief der Ritter,„ein ſchoͤnes, lu⸗ ſtiges Liedchen, zum Ruhme Deines Ordens. Aber, da wir nun einmal vom Deufel ſprechen, heiliger Vater, fuͤrchteſt Du nicht, er moͤchte Dir einmal bei Deinem ungeiſtlichen Zeitvertreib einen Beſuch abſtatten.“ „Ungeiſtlich?“ fragte der Einſtedler,„ich verachte Eure Beſchuldigung— ich ſchere mich den Teufel darum. Ich verrichte den Dienſt bei der Kapelle nach Pflicht und Gewiſſen— zwei Meſſen taͤglich, Morgens und Abends, Fruͤhmette und Veſper, Ave, Eredo, Paternoſter⸗— „Mit Ausnahme der mondhellen Naͤchte, wenn's 9 2 Wildbret an der Zeit iſt,“ verſetzte ſein Gaſt. „Lxceptis excipiendis,“ entgegnete der Einſiedler, „lehrte mich mein Abt ſagen, wenn Laien zudringliche Fragen an mich thaͤten.“ „Recht, heiliger Vater, allein der Deufel hat ein Auge auf ſolche Ausnahmen; du weißt, er geht umher, wie ein brüllender Loͤwe.“ —— ⸗ 120 „Laßt ihn bruͤllen, wenn er es wagt,“ verſetzte der Waldbruder; ſein Streich mit meinem Strick wird ihn ſo laut bruͤllen machen, als nur jemals St. Dunſtans Zangen thaten. Nie hab' ich mich noch vor einem Menſchen und eben ſo wenig vor dem Deu⸗ fel und ſeinen Kobolden gefuͤrchtei.— St. Dunſtan, St. Dubric, St. Winibald, St. Winifried, St. Swi⸗ bert, St. Willick, St. Thomas a Kent nicht zu ver⸗ geſſen und meine eigenen geringen Verdienſte noch oben⸗ drein— ich biete jedem Teufel mit und ohne Schweif Trotz!— Aber um Euch in ein Geheimniß einzuweihen, ich ſpreche nicht gern von ſolchen Dingen vor den Fruͤhmetten.“ Er kenkte die Unterhaltung auf andere Dinge. Hoͤher und hoͤher ſtieg die Luſtigkeit der Zecher, man⸗ ches Lied ward abwechſelnd von ihnen geſungen, als ihre Luſt durch ein ploͤtzliches Pochen an die Thuͤr der Huͤtte unterbrochen ward. Die Veranlaſſung dieſes Pochens koͤnnen wir blos dadurch erklaͤren, wenn wir einen Ruͤckblick auf die Abenteuer anderer Perſonen in dieſer Erzaͤhlung thun; denn gleich dem alten Arioſt ſetzen wir keinen beſondern Ruhm darein, ununterbrochen irgend eine Perſon unſres Drama's zu begleiten. 121 Neuntes Kapitel. Hinweg! durch Berg und Schlucht führt unſer Weg Wois zarte Hirſchkalb ſcheu ſich an die Mutter ſchmiegt, Der Eiche äſtig Haus dem Sonnenſtrahl. Den Durchgang zu dem grünen Raen wehrt. Auf und daxon! Wohl lieblich ſind die Pfade, Wenn hoch am Himmel toront des heitern Tags Geſtirn Doch minder lieblich, ſicher, wenn Cynthia Mit zweifelhaftem Licht die Waldesnacht beſcheint. Ettrick Foreſt. Als Cedric der Sachſe ſeinen Sohn in den Schran⸗ ken des Turnierplatzes bewußtlos niederſinken ſah, war ſein erſter Impuls, ihn der Fuͤrforge und Obhut ſeines eigenen Gefolges uͤbergeben zu wollen; allein die Worte erſtickten ihm in ſeiner Bruſt. Er vermochte es nicht uͤber ſich, vor einer ſolchen Ver⸗ ſammlung den Sohn anzuerkennen, dem er entſagt und den er enterbt hatte. Er gab jedoch Oswalden auf, ein Auge auf ihn zu haben, und ihn ſobald die Menge ſich zerſtreut haͤtte, durch einige Leibeigene nach Afhby bringen zu laſſen. Allein man war Os⸗ wald hierin ſchon zuvorgekommen, und als der Haufen ſich zerſtreut hatte, war von Ivanhoe keine Spur mehr zu ſehen. Umſonſt forſchte Cedrics Mundſchenk nach ſeinem jungen Herrn umher— wohl fand er den blutigen Platz, wo er kurz vorher zu Boden geſunken 1 6 122 3 war, aber ihn ſelbſt gewahrte er nirgends mehr; es war, als ob er durch Zauberei entruͤckt worden waͤre. Bielleicht wuͤrde Oswald(denn die Sachſen waren ſehr aberglaͤubiſch) dieſem Glauben nicht abhold gewe⸗ ſen ſein, durch eine ſolche Annahme ſich Ivanhoes Verſchwinden zu erklaͤren, wenn er nicht ploͤzlich ei⸗ nen in Knappentracht gekleideten Mann fuͤr ſeinen Mitdienſtmann Gurth erkannt haͤtte. Bekuͤmmert uͤber — 5. 3 das unerwartete Verſch vinden und das Schickſal ſeines Herrn hatte ihn der Schweinhirt aufgeſucht und dabei nicht bedacht, daß er ſich um ſeiner Sicher⸗ heit willen durchaus nicht verrathen duͤrfe. Oswald hielt es für iu ern, nber deſſen Schickſal ſein Ge⸗ hieter zu den habe. Seine erſchungen uͤber Jyanhoes Schickſal fartſetzend konnte der Mundſchenk von den Umſtehenden endlich nur ſo viel erfahren, daß gut gekleibete Diene den Ritter ſorgſam aufgehoben und in einer Saͤnfte, die einer Dame unter den Zuſchauern gehoͤrte, aus dem Gedraͤnge hinweggetragen haͤtten. Nachdem Os⸗ wald ſo viel Aufſchluß erhalten hatte, beſchloß er es ſeinem Herrn zu melden und nene Anweiſungen ein⸗ zuholen, indem er zugleich Gurth mit ſich nahm, den er als einen aus Cedrics Dienſt Entlaufenen betrachtete. Mit zagender, toͤdlicher Angſt harrte der Sachſe einem Bericht uͤber das Schickſal ſeines Sohnes ent⸗ gegen; denn trotz ſeinem patriotiſchen Stoizismus hatte Pllicht, ſich Gurths als eines Fluͤcht⸗ 123 die Natur dennoch ihre Rechte behauptet. Er hatte aber nicht ſo bald vernemmen, daß ſich Ivanhoe in Freundes Hand und Pflege befand, ſo wich auch das Vatergefuͤhl wieder dem beleidigten Stolz und der Ent⸗ ruͤſtung uͤber das, was er Wilfrieds Ungehorſam nann⸗ te.„Laßt ihn ſeiner Wege gehn,“ ſprach er—„moͤ⸗ gen die ſeine Wunden lecken, um derentwillen er ſie empfangen hat. Er eignet ſich mehr, die prunkhaften Gauklerſpiele der Normannen mitzumachen, als den Ruhm und die Ehre ſeiner engliſchen Vorvordern mit dem Schlachtſchwert und der Keule, den guten, alten Waffen ſeines Landes aufrecht zu erhalten.“ „Wenn es zur Erhaltung des Ruhms unfrer Vaͤter hinreicht,“ meinte Lady Roweng, im Rathe klug, und bei der Ausfuührung tapfer— der Kuühn⸗ ſte unter den Kuͤhnen— der Artigſte unter den Ar⸗ tigen zu ſein, ſo kenne ich auſſer ſeinem Vater kei⸗ nen Beſſern als ihn.“— „Schweigt, Lady Rowena!— über dieſen Gegen⸗ ſtand allein will ich Euch nicht hoͤren. Haltet Euch bereit zu dem Feſtmahl des Prinzen. Wir ſind dazu mit ungewohnter Artigkeit und Auszeichnung aufgefor⸗ dert worden, wie ſie ſeit dem Ungluͤckstage bei Haſtings nicht mehr gegen uns zu thun pflegten. Ich gehe hin, waͤre es auch nur, um den Stolzen zu zeigen, wie wenig das Schickſal ſelbſt eines Sohnes einen Sachſen zu ruͤhren vermag, und wenn dieſer auch ihren Tap⸗ derſten obgeſtegt haͤtte,“ 124 „Ich,“ verſetzte Rowena,„gehe nicht hin, und bitte Euch zu bedenken, daß man das, was Ihr füͤr Muth und Feſtigkeit haltet, fuͤr Hartherzigkeit neh⸗ men wird.“ „So bleib' denn zu Hauſe, undankbare Lady,“ entgegnete Cedric,„Du biſt hartherzig, die Du das Wohl eines unterdruͤckten Volkes einer thoͤrichten, un⸗ geſetzmaͤßigen Neigung nicht aufzuopfern vermagſt. Ich gehe, den edeln Athelſtane aufzuſuchen, um mit ihm dem Gaſtmahle Johanns von Aniou beizuwohnen.“ Er begab ſich demnach zu dem Bankett, deſſen vornehmſte Umſtaͤnde wir bereits erwaͤhnt haben. So⸗ gleich nach ihrer Entfernung von dem Schloß begaben ſich die ſaͤchſiſchen Thane mit ihrem Gefolge zu Pferd, und waͤhrend des Getuͤmmels, das damit verbunden war, warf Cedric zum erſten Mal ſeine Au⸗ gen auf den entlaufenen Gurth. Der edle Sachſe war, wie wir ſchon wiſſen, nicht in der beſten Laune vom Mahle zuruͤckgekehrt, und bedurfte nur eines leich⸗ ten Vorwands, ſeine Wuth auszulaſſen.„Ketten!“ rief er,„Ketten! Oswald, Hundibert! Ihr Hunde, Ihr Schufte! warum laßt Ihr den Buben ungefeſſelt?“ Ohne eine Gegenvorſtellung zu wagen, banden Gurths Gefährten ihn mit einem Halfter, als dem erſten beſten, was ihnen in der Eile ſich darbot. Er unterwarf ſich ohne Widerrede, außer daß er ei⸗ nem vorwurfsvollen Blick auf ſeinen Herrn heftend *₰ 125 ſagte:„dis hat man davon, wenn man Euer Fleiſch und Blut mehr liebt, als ſein eigenes!“ „Zu Pferde und vorwaͤrts!“ rief Cedrie. „Es iſt auch hohe Zeit,“ fuhr der edle Athelſtane fort,„denn wenn wir nicht recht zureiten, ſo hat der würdige Abt Waltheoff ſeine Anſtalten zu dem Nach⸗ abendeſſen(rere supper) umſonſt gemacht. Die Reiſenden ſputeten ſich auch ſo ſehr, daß fie im Kloſter von St. Withold noch eher eintrafen, als das befurchtete Uebel ſich ereignet hatte. Der Abt, ſelbſt von alt ſaͤchſſcher Abkunft, empfing die edeln Sachſen mit der verſchwendeeiſchen Gaſtfreundſchaft ſeines Volkes, auch verließen ſie ihren Wirth am Mor⸗ gen nicht eher, als bis ſie ein reichliches Frühſtuͤck eingenommen hatten. Als der Zug den Kloſterhof verließ, ereignete ſich ein für die Sachſen einigermaßen beunruhigender Vor⸗ fall. Unter allen Voͤlkern Europens hielten ſie am meiſten auf Vorbedeutungen, wovon man überall noch Spuren in unſern volkothuͤmlichen Vorſtellungen findet. Die Normaͤnner hingegen, als ein gemiſchter Stamm und aufgeklaͤrter durch die Fortſchritte des Zeitalters, hatten vieles von den aberglaͤubiſchen Vor⸗ urtheilen aufgegeben, welche ihre Vorfahren aus Skan⸗ dinavien milbrachten und ſetzten einen Stolz darein, uber deeſe Gegenſtaͤnde freier zu denken. Dießmal beſtand die Unheil verkuͤndende Vorbe⸗ deutung in keinem achtungswertheren Propheten, als einem großen, ſchwarzen Hunde, der aufrecht fi⸗ tzend furchtbar heulte, als die erſten Reiter den Hof⸗ raum verließen und dann wild bellend unruhig hin und her ſprang, als wollte er ſich der Parthie aus freiem Willen anſchließen. „Ich liebe dieſe Muſik nicht, Vater Cedric,“ ſagte Athelſtane, denn mit dieſem Ehrennamen plegte er ihn gewoͤhnlich anzure den. 1 „Aach ich nicht, Onkel,“ ſagte Wamba,„ich fuͤrchte fehr, wir werden am Ende die Zeche bezahlen „Nach meiner Meinang,“ ſagte Athelſtane, bei dem des Abts gutes Bier(denn ſchon damals war Zurton wegen dieſes koͤſtlichen Getraͤnks berühmt) eine ſehr angenehme Erinnerung zuruͤckgelaſſen hatke,„nach meiner Meinung thun wir beſſer daran, umzukehren und bei dem Abte bis Nachmittag zu verweilen, es iſt nicht gut zu reiſen, wenn einem ein Moͤnch, ein Haſe, oder ein heulender Hund uͤber den Weg laͤuft, ehe man das naͤchſte Mahl zu ſich genommen hat.“ „Fort!“ vief Cedric ungeduldig;„der Dag iſt hnehin ſchon zu kurz fuͤr unſere Reiſe. Den Hinnd kenn' ich, das iſt Gurths Hund, des entlaufenen Sklaven, ein unnutzer Herumlaͤufer, wie ſein Herr!“ „Miit dieſen Worten erhob er ſich unwillig über die Unterbrechung des Zuges, in den Steigbuͤgeln, und warf ſeinen Wurfſpieß auf den armen Fangs: denn Fangs war es, der ſeinen Herrn auffuchend Nachdem er umſonſt verſ trabe gehalten hatt 127 auf dieſe unmanierliche Weiſe ſeine Freude uͤber ſein Wiedererſcheinen an den Dag legte. Der Jagdſpieß verwundete das Thier an der Schulter und haͤtte es beinahe an die Erde geſpießt; Fangs entfloh⸗ daher heulend aus dem Angeſicht des erzuürnten Thans. Gurths Herz ſchwoll ihm im Buſen, denn viel tiefer kraͤnkte ihn der beabſichtigte Mord ſeines treuen An⸗ haͤngers, als die ihm geworden⸗ harte Behandlung. ſucht hatte, die Hand zu den Augen zu bringen, ſagte er zu Wamba, der, weil er ſeines Herrn uͤble Laut * und trockne mir die Augen mit dem Zipfel deinss Mantels; das Waffer da hindert mich, und wegen † meiner Bande kann ich mir nit anders helfen!“ Wamiba that ihm den verlangten Dienſt, und fie ritten nun neben einander hin, waͤhrend Gurth in duͤſterem Stillſchweigen verharrte. Endlich aber konnte er ſeine Gefuͤhle nicht luͤnger unterdrücken.„Freund Wamba,“ begann er,„unter allen denen, welche Thoren genug ſind, Cedricen zu dienen, biſt du der einzige, der das Geſchick hat, ihm ſeine Narrheit angenehm zu machen. Geh' zu ihm und ſag ihm, daß Gurth ihm weder aus Liebe noch aus Furcht luͤnger dienen will, er mag mir den Kopf abſchlagen— mich geißeln— mir Ketten anlegen— nie ſoll er mich wie⸗ der dahin bringen, ihn zu lieben, noch ihm zu ge⸗ 128 horchen. Geh' alſo zu ihm und ſag' ihm, daß Gurth, der Sohn Bevwolfs, ſeinem Dienſt entſagt.“ „Gerviß lich,“ entgegnete Wamba,„ſo ſehr ich Narr bin, werde ich doch deinen Narrenauftrag nicht ausrichten. Cedric hat noch einen andern Spieß im Guͤrtel ſtecken, und du weißt, er verfehlt nichit leicht ſein Ziel.“ „Ich mache mir nichts daraus, und ſollte er mich ſelbſt zur Zielſcheibe machen. Geſtern hat er Wilfried, meinen jungen Herrn, in ſeinem Blute liegen laſſen, und heute vor meinen Augen das einz ige Weſen um⸗ einamn wollen, das noch Liebe zu mir zeigte. Beim heiligen Edmund, Dunſtan, Withold, Eduard dem Bekenner und allen andern ſachſiſchen Heiligen im Kalender(denn Cedrie ſchwor nie bei einem andern, der nicht von ſaͤchſiſcher Abkunft war und ſein ganzer Hausſtand folgte dieſer beſchränkten Verehrung). das werd ich ihm nie verzeihen.“ „So viel ich mir abmerkte,“ wandte der Narr ein, der oft den Friedensſeifter im Hauſe machte,„war s nicht die Abſicht unſers Herrn, Fangs was zu Leid zu thun, er wollte ihn nur erſchrecken. Denn ſieh nur, er richtete ſich im Steigbuͤgel auf, als wollt er über's Ziel hinauswerfen; und dieß waͤre auch gewiß der Fall geweſen, wenn nicht Fangs gevade eben ſo hoch auf⸗ geſprungen waͤre, und ſo eine Schramme davon trug, die ich mich verbindlich mache, mit einem Pfeunigs⸗ werth Theer wieder zu heilen.“ „Wenn ich das daͤchte,— denken koͤnnte“— ver⸗ ſetzte Gurth—„aber nein— ich ſah es, wie er den Wurfſpieß gerade auf ihn richtete— ich hoͤrt' ihn durch die Luft ſchwirren, ganz die boshafte Wuth verkündend, ja er zitterte noch, da er in die Erde fuhr, als reue es ihn, das d verfehlt zu haben. Beim Lieblings⸗ ſchwein des heiligen Anton ich kuͤnd' ihm den Dienſt atrd 42 Der empörte Schweinehirt verſank wieder in ſein n, das keine Anſtr hen vermochte. koͤniglichen Familie, die Fehden und Streiliskeiten der normaͤnniſchen Barone, und die Ausſichten der unterdruͤckten Sachſen, ſich durch die urgerlachen Unruhen, die bevorſtänden, vom Joche der Normaͤnner zu befreien, oder mindeſtens zu Wichtigkeit und Unabhaͤngigkeit zu erheben. Altes dieß beſchaftigte ſie. Cedric war ganz Leben bei dieſem Gegenſtand. Das Idol ſeines Lebens war die Wieder⸗ herſtellung der Freiheit ſeines Stammes und mit Freu⸗ den opferte er ihm ſein haͤusliches Gluͤck, ja ſeinen leiblichen Sohn. Allein um dieſe große Umwaͤlzung zum Vortheil der Sachſen zu bewirken, mußten ſie ſch auf's innigſte aneinander anſchließen und unter einem anerkannten Oberhaupte handeln. Die Nothwendigkeit, ein ſolches aus dem koͤniglichen Blute W. Scort's Wecie. XLlV. 4 9 igung des 130 der Sachſen zu waͤhlen war nicht blos an und fur ſich 1 1 klar, ſie war ihm auch von denen, welchen Cedric ſeine geheimen Plane und Wuͤnſche mittheilte, zur aus⸗ drücklichen Bedingung gemacht worden. Dieſe Eigen⸗ ſchaft beſaß Athelſtane wenigſtens, und wenn er gleich wenig geiſtige Vollkommenheiten beſaß, die ihn zum Anführer befaͤhigen mochten, ſo war er doch nicht feig, war an kriegeriſche Rebungen gewoͤhnt, und ſchien wil⸗ lig dem Rathe weiſerer Maͤnner, als er war, nachzu⸗ geben. Vorzüglich aber war er als freigebig und gaſt⸗ freundſchaftlich bekannt, und dabei galt er auch fuͤr gut⸗ muͤthig. Welche Anſprüche Athelſtane aber immer haben mochte, ſich zum Haupte einer ſächſiſchen Ver⸗ ſchwoͤrung aufzuwerfen, ſo waren doch viele von der Nation geneigt, der Lady Nowena in dieſer Hinſicht den Vorzug zu geben; denn ſie leitete ihre Abkun Lilfred ab, und ihr Vater war ein durch ſeine. heit, Tapferkeit und Großmuth hoch beruͤhmter Haͤupt⸗ ling geweſen, deſſen Andenken bei ſeinen unterdräͤckten Landsleuten hoch verehrt wurde. Es wuͤrde Cedriken nicht ſchwer geweſen ſein, ſich an die Spitze einer dritten, eben ſo maͤchtigen Partei zu ſtellen, wenn er dazu geneigt geweſen waͤre. Gegen den Abgang koͤniglicher Abkunft konnte er Muth, Thaͤtig⸗ keit, Kraft und vornehmlich jene unerſchuͤtterliche An⸗ haͤnglichkeit an die gemeine Sache in die Wagſchale legen, die ihm den Zunamen des Sachſen erworben hatte, und tand an Geburt einzig Athelſtane und Ro⸗ 131 wena nach. Eigenſchaften, delche uͤberdieß durch kei⸗ nen Schatten von Selbſtſucht beſteckt wurden. Allein ſtatt ſeine Nation durch Aufſtellung einer neuen Partei noch mehr zut theilen, ging Cedrics Lieblingsplan dahin, die noch b nde Trennung durch eine Verbindung Athelſtanes mit Ro wena zu heben. Die fruͤh erwachende Neigung zwiſchen ſeiner Mundel und ſeinem Sohne ſtand ſeinen Abſichten im Wege, und war auch der urſprüngliche Grund der Verbannung Wilfrieds aus dem vaͤterlichen Hauſe. Dieſe ſtrengen Maßregeln hatte Cedric getroffen in der Hoffnung, daß Rowena waͤhrend Wilfrieds Ab⸗ weſenheit aufhoͤren wuͤrde, dieſem den Vorzug zu geben; allein er kaͤuſchte ſich in dieſer Erwartung; eine Taͤu⸗ ſchung, die zum Cheil in der Art und Weiſe ihren Grund hatte, auf die ſeine Muͤndel erzogen worden war. Cedric, der h dem Namen Aif ed beinahe goͤttliche Verehrung weihte, hatte den einzigen Sproͤßling die⸗ ſes Fuͤrſten mit einer Ehrfurcht Vrhandelt, wie man ſie in jenen Dettan kaum einer anerkannten Fuͤrſtinn gezollt haͤtte. Faſt in allen Stucken war Rowenas Wille Geſetz fuͤr Cedrics ganzes Haus, deſſen Gebieter ſelbſt, als haͤtte er ihre Herrſchaft wenigſtens in dieſem kleinen Kreiſe anerkannt wiſſen wollen, einen Stolz darin zu ſuchen ſchien, nur als der erſte ihrer Unter⸗ thanen zu handeln. So, nicht nur an vollkommene Freiheit ihres Wil⸗ tens, ſondern ſogar an despotiſche Herrſchaft gewohnt, 9.„ 132 war Rowena geneigt, nicht nur jedem a Verſuche, ihren Neigungen Zwang anzuthun, zu widerſt kehen, und ihre Unabhaͤngigkeit um ſo mehr in einem Falle zu be⸗ haupten, wo ſelbſt Frauen, die ſonſt zu groͤßerem Ge⸗ horſam erzogen ſind, nicht ſeiten dem Anſehen und uß von Eltern und Vormundern widerſtreben. Sie prach ſich hieruͤber kuͤhn und offen aus; und Cedric, der ſich den gewohnten Ruͤckſichten fuͤr ihren Willen nicht zu entziehen wußte, tinne ſich ganz auffer Stand, ſein Anſehen als Vermund geltend zu machen. umſonſt ſuchte er, ſie durch Ausſichten auf einen eingehitde: T'hru un reizen. RNowena betrachtete ver⸗ einen ſolchen Plan 9, ſollte er gelingen, als Manrjeunens Dune ihre Neigung fuͤr Wilfried rklaͤrte ſie, daß, wenn ſelbſt nzlich entruͤckt wuͤrde, ſie cht in ein Kloſter nehmen, als einen Thron mit Alhelſtane theilen wollte, den ſie ſieis ver⸗ achtet hatte, und nun, da er ihr Unruhe und Verdruß zu verurſachen hegann, von ganzem Herzen verab⸗ ſcheute. 3 3 Deſſen ungeachtet beharrte Cedric, deſſen Meinun⸗ von weiblicher Standhaftigkeit nicht ſehr hoc ch ſtand, feſt darauf, alle Mittel aufßzubicten, cine Verbindung zu Stande zu bringen, wodurch er den Sachſen einen ent⸗ ſchiedenen Vortheil zu ſichern gedaste. Die plaͤtzliche und romanliſche Erſcheinung ſein Sohnes in den d ehr Liet 5 reich gegeben. Sein Pa⸗ berherz ſiegte e einen Angenbti e uͤber Stolz und Patrio⸗ tismus; bald aber traten beide wieder in ihre vollen Rechte ein, und durch ihren vereinten Einſluß beſtimmt, war er eniſchloſſen, einen entſcheidenden Verſuch zur Verbindung Athelſtanes mit Roweng zu machen, und damit alles andere in Bewegung zu ſetzen, was ihm zur Wiederherſtellung der ſaͤchſiſchen Unabhaͤngigkeit erforderlich ſchien. Zu dieſem wichtigen Zweck ſuchte er nun Athelſtane zu bearbeiten, ohne jedoch Grund zu haben, wie Heiß ſporn(Heinrich Percy) zu klagen, daß er„zu ehrenvol⸗ ler That eine Schuͤſſel abgeſahnter Milch b te.“ Athelſtane war eitel genug, und hoͤrte ſich gern von ſeiner hohen Abkunft, von Erbrechten auf Hoheit und Huldigung was vorreden. Allein ſeine kleinliche Eirelkeit hatte Nahrung genng, wenn er von ſeinen eigenen Dienern und den ihm nahenden Sachſen ſolche Ehrfurchtsbezeugungen erhielt. Wenn er auch Muth beſaß, Gefahren nicht auszuwe ichen, ſo ſcheute er doch die Muͤhe, ſie aufzuſuchen. So war er mit den allgemein geaͤußerten Anſichten Cedrics in Betreff der Rechte der Sachſen auf Unabhaͤngigkeit vollkommen einverſtanden, ließ ſich auch leicht von ihm uͤberzeugen, daß er zum Herrſcher uͤber ſie berufen ſei, wenn ſie dieſe Freiheit errungen haͤtten; wenn es aber galt, zur Er⸗ reichung dieſes Ziels Anſtrengungen zu machen, ſo 5 65 ‿ S — 3 ſoll ewegen ſoll⸗ langſam, zaghaft, ohne Feſiaedit und Unternehmungs⸗ kraft. Cedrics Zuſpruͤche hatten auf den gleichguͤltigen Charakter ſo wenig Wirkung, als gluhende Kugeln, wenn ſie auf's Waſſer fallen, wo ſie zwar ein fluͤchtiges Ziſchen erregen, dann aber augenblicklich verloͤſchen. Wenn nun Cedric von dieſer Bemuͤhung abſtand, die man mit dem Anſpornen eines ermudeten Kleppers oder dem Haͤmmern von kaltem Eiſen vergleichen mochte, und ſich an ſeine Muͤndel Rowena wandte, ward ihm eben ſo wenig Freude zu Cheil; denn da ſeine Gegen⸗ wart die Unterhaltung der Lady mit ihrer Lieblingszoſe uͤber die Tapferkeit und das Schichſal Wilfrieds unter⸗ brach, verfehlte Elgitha nicht, ſich und ihre Gebieterinn zu raͤchen, indem ſie das Geſpraͤch auf Athelſtanes Nie⸗ derlage in den Schranken wandte und ſo den unange⸗ nehmſten Gegenſtand fuͤr Cedrics Ohren auf's Tapet Brachte. So wurde denn dem eigenſinnigen Sachſen die Reiſe auf jede Weiſe vergaͤllt, und mehr als ein⸗ mal verfluchte er innerlich das Turnier, ſo wie den, der es ausgerufen, und ſeine Thorheit, es beſucht zu haben. um Mittag hielten die Reiſenden auf Athelſtanes Vorſchlag in einer ſchattigen Waldgegend unweit einer Quelle an, um ihre Pferde ausruhen zu laſſen und ſelbſt die Erfriſchungen zu genießen, womit der gaſt⸗ freundliche Abt einen Mauleſel beladen hatte. Ihr Mahl dauerte geraume Zeit, ſo daß ſie die Hoſſnung blieb er nach wie vor Athe Iſan der Unentſchloſſene, —— —— 135 aufgeben mußten, Rotherwood zu erreichen, ohne die ganze Nacht durch zu reiſen, weßhalb denn beſchloſſen wurde, den Weg ununterbrochen und in groͤßerer Eile, als bioh er, fortzuſetzen. ——————————Vxã:; Zehntes Kapitel. — Ein Zug von ern, eine Ed ldame Geleitend(w erſpäht' ich unbemerkt Zum Zuge mich geſellend) wer ganz nah! Dabei, und meinte bieſe Nacht das Schloß Noch zu erreichen.— Orra, eine Tragödie. Die Reiſenden hatten jetzt den Saum der eigent⸗ lichen Waldgegend erreicht und waren im Begriff, ihre dunklen Pfade zu betreten, die beſonders durch die zahlreichen Banden von Geaͤchteten unſicher gemacht wurden, welche Unterdruͤckung und Armuth zur Ver⸗ zweiſlung gebracht hatte, wo ſie nun leicht der ſchwachen Polizei jener Zeiten Widerſtand leiſteten. Vor dieſen Raͤubern fürchtete ſich jedoch Cedric und Athelſtane der ſpaͤten Nachtzeit ungeachtet nicht, beſon⸗ ders da ſie auſſer Gurth und Wamba noch zehn Diener in ihrem Gefolge hatten; dabei verließen ſie ſich auf ihre Abkunft und ihren Muth. Die Geaͤchteten, welche die Strenge der Jagdgeſetze zu dieſer verzweifelten Lage gebracht hatte, waren hauptſaͤchlich Bauern ie ſ und Yeomen ſaͤchſiſcher Abkunft und achteten gewoͤhn⸗ lich die Perſon und das Eigenthum ihrer Landsleute. Als unſere Reiſenden ihres Weges zogen, wurden ſie auf einmal durch wiederholtes Rufen um Huͤlfe aufgeſchreckt; und als ſie naͤher hinzu ritten, erſtaun⸗ ten ſie nicht wenig eine Saͤnfte zu finden, neben der ein auf juͤdiſche Art reich gekleidetes junges Frauen⸗ zimmer ſaß, indeß ein alter Mann, deſſen gelbe Kappe in ihm gleichfalls einen Juden erkennen ließ, mit dem Ausdruck der hoͤchſten Verzweiflung haͤnderingend auf und nieder ging, als ob er ein ſchreckliches Ungluͤck beklagte. Auf Athelſtanes und Cedrics Fragen vermochte der alte Jude einige Zeit blos damit zu antworten, daß er alle Patriarchen des alten Teſtaments um Hülfe anrief und Verwuͤnſchungen gegen die Kinder Iſmaels ausſtieß, wel⸗ che gekommen waͤren, ihn mit der Schaͤrfe des Schwertes zu ſchlagen. Als er ſich endlich ein wenig von ſeinem Schrecken erholt hatte, begann Iſaak von York(denn es war unſer guter alter Freund) zu erzaͤhlen, daß er zu Afhby ſechs Mann Wache und Mauleſel gedungen habe, um die Saͤnfte eines kranken Freundes fortzu⸗ ſchaffen. Dieſe Leute haͤtten ſich verpflichtet, ihn bis Donkaſter zu begleiten; bis hieher ſeien ſie nun in Sicherheit gekommen; als ſie aber hier von einem Hol⸗⸗ ſchlaͤger erfahren, daß eine große Bande Geaͤchteter im nahen Walde liege, ſo haͤtten dieſe Miethlinge Iſaaks nicht nur die Flucht ergriffen, ſondern auch die Thiere — 137 h genommen, welche die Saͤnfte getragen, und ſo den Juden und ſeine Tochter ohne Schutz oder Mit⸗ Ew. Gnaden erlauben, daß der arme Juͤd unter Eu⸗ rem Schutze reiſen darf; ich ſchwoͤre es bei unſern Geſetztafeln, nie ſoll eine Gunſt ſeit unſerer Gefangen⸗ ſchaft mit mehr Dankbarkeit von einem Kinde Iſraels erkannt worden ſein.“ „Hund von einem Inden!“ rief Athelſtane, deſſen Gedaͤchtniß fuͤr Kleinigkeiten jeder Art und beſonders für unbedeutende Beleidigungen aͤußerſt getren war, „erinnerſt du dich nicht, wie du uns auf der Gallerie beim Turniere Trotz zu bieten wagteſt? Ficht oder fliehe, oder finde dich mit den Geachteten ab, wie du's fuͤr gut ſindeſt, von uns haſt du keine Hülfe zu erwarten; wenn ſie blos dich berauben, der du die ganze Welt ausbeutelſt, ſo will ich ſie fuͤr ehrliche Leute halten.“ Cedric ſtimmte der ſtrengen Entſcheidung ſeines Gefaͤhrten nicht bei.„Wir werden,“ ſagte er,„beſ⸗ ſer thun, ihnen zwei unſerer Diener nebſt zwei Pferden zu uͤberlaſſen, damit ſie ſie zum naͤchſten Dorfe führen. Unſere Staͤrke wird dadurch nicht vermindert und mit Eurem guten Schwerte, Athelſtane, und der Huͤlfe derer, die uns bleiben, wird es uns ein leichtes ſein, es mit zwanzig dieſer Landſtreicher aufzunehmen. 138 Nowena, durch die Erwaͤhnung bewaffneter Geaͤch⸗ teter in ihrer Naͤhe etwas beunruhigt, unterſtuͤtzte den Vorſchlag ihres Vormundes. Aber Rebekka verließ auf einmal ihre gebuckte Stellung, draͤngte ſich durch das Gefolge nach dem Zelter der ſaͤchſiſchen Dame, kniete nieder und kuͤßte nach Art der Morgenlaͤnder, wenn ſie ſich an Hoͤhere wenden, den Saum von Ro⸗ wenas Gewand, dann ſtand ſie auf und beſchwor ſie im Namen des Gottes, den ſie beide verehrten, und bei dein geoffenbarten Geſetz, woran ſie beibe glaubten, ſich ihrer zu erbarmen und ihnen zu erlauben, daß ſie unter ihrem Schutze weiter reiſen duͤrften. Nicht für mich ſelbſt,“ fuhr Rebekka fort,„flehe ich um dieſe Gunſt, auch nicht fuͤr dieſen alten Mann, ich weiß, die Chriſten halten es fuͤr keine große 6 — ade, unſer Bolk zu mißhandeln und zu berauben, eb dieß in Staͤd⸗ ten, in Wuͤſten oder auf offenem Felde geſchieht, iſt einer⸗ lei. Allein es iſt Jemand hier, der auch Euch theuer iſt, und in deſſen Namen flehe ich zu Euch, laßt den armen Kranken ſorgſam unter Eurem Schutze fortge⸗ bracht werden, denn ſollte ihm ein Unfall begegnen, ſo wird der letzte Augenblick Eures Lebens noch von Neue verbittert werden, daß Ihr mir verſagtet, um was ich Euch flehte.“ Der edle und feierliche Ton, womit Rebekka ihre Bitte vortrug, gab ihr bei der ſchoͤnen Saͤchſinn dop⸗ peltes Gewicht. „Der Mann iſt alt und ſchwach,“ ſprach ſie zu ihrem Vormunder,„das Maͤdchen jung und ſchoͤn, ihr — Er 139 Freund krank und in Lebensgefahr.— Ob ſie gleich Juden ſind, ſo koͤnnen wir ſie nicht in ihrer hoͤchſten Noth verlaſſen. Laßt zwei der Saumthiere abpacken und das Gepaͤck hinten auf die Pferde der Leibeigenen bringen. Die Mauleſel koͤnnen die Saͤnfte tragen, und für den alten Mann und ſeine Tochter ſind Hand⸗ pferde da. Gerne gab Cedric ihrem Vorſchlag ſeine Zuſtim⸗ mung, und Athelſtane machte blos zur 2 Bedingung, daß ſie hinten im Zuge reiten muͤßten,„wo Wamba ſie mit ſeinem Schild von Schinken beſchuͤtzen moͤge.“ „Ich habe meinen Schild auf dem Turnierplatz gelaſſen,“ verſetzte der Narr,„wie es guch wohl beſ⸗ ſern Rittern ergangen iſt, als ich bin.“ Athelſtane erroͤlhete vor Zorn, denn dieß Schiekſal war auch das ſeinige geweſen, waͤhrend Rowena deß⸗ halb ſehr aufgeraͤumt, als wollte ſie den derben Scherz ihres Verfolgers verguͤten, Rebekka aufforderte, an ihrer Seite zu reiten. „Es wuͤrde mir nicht ziemen, ſo zu thun,“ entgeg⸗ nete Rebekka mit ſtolzer Demuth, da meine Geſekſchaft eine Herabwuͤrdigung meiner Beſchuͤtzerinn waͤre.“ Indeſſen war das Umpacken ſchnell beendigt; denn das einzige Wort„Geachtete“ ſetzte Alles in Bewegung, zumal da die hereinbrechende Nacht demfelben noch groͤßere Bedeutung gab. Waͤhrend die⸗ ſer unordentlichen Geſchaͤftigkeit ward Gurth vom Pferde gehoben; ſogleich bat er den Narren, ihn etwas locke⸗ — ——— 140 rer zu binden, und ſo nachlaͤßig ſchlang Wamba den Knoten, daß Gurth keine Scht wierigkeit fand, ſich bald gaͤnzlich ſeiner Bande zu entledigen, und ins Gebuͤſch entſchluͤpfend auf und davon zu machen. Die Unruhe war groß, iit es verging eine geraume Zeit, ehe Gurt) vermißt ward, denn da er hinter einen der Diener auf s Pf ferd genommtn wer⸗ den ſollte, ſo glaubte Jeder, er ſei unter der Obhut eines andern ſeiner Beſähe ten, und als ſie einander zuzußüſtern begannen, daß Gurth verſchwunden ſei war Alles ſhun von 8 10 reger burcht vor den chle befangen, da 8 8 ſeiner Abweſen ꝛeh Der Pias, auf welchem jetzt der Zug ſich fortbe⸗ wegte, ward nun ſo eng, daß nicht wehr als zwei Reiter neben einander reiten konnten, und zog ſich all⸗ maͤhlig in ein enges Thal hinab, durch welches ein Bach dahin floß, deſſen Ufer zerr iſſen, ſumpug und mit kurzen Weidenbuͤſchen bewachſen waren. Cedric und Athelſtane, welche ſich an der Spitze des Zuges . belanden⸗ ſahen ſehr wohl, welche Gefahr ihnen ein Angriff an dieſem Orte drohen konnte, da aber beide wenig von Taktik verſtanden, ſo fanden ſie kein beſſeres Mittel der Gefahr zu entkommen, als ſoviel wie mög⸗ lich zu eilen. Sie ruͤckten daher ohne viele Ordnung vor, und hatten kaum mit einem Theile des Gefolges den Bach uͤberſchritten, als ſie auf einmal von vorn, von der Seite und im Ruͤcken mit einem Ungeſume 141 angegriffen wurden, dem ſtie, unvorbereitet, wie fle wa⸗ ren, keinen wirkſamen Widerſtand entgegenſetzen konn⸗ ten. Das Geſchrei:„ein weißer Drache! ein weißer Drache!— der heilige Georg f fur's wackere England! — ein Krie das die Angreifenden ihrem vorgeblichen Charakter gemaͤß angenommen hatten, er⸗ toͤnte von allen Seiten, und in immer groͤßerer Menge erſchienen die Feinde uberall her, ſo ſchnell und thaͤtig ihren Angriff verfolgend, daß man i ihre Zahl dadurch ſehr vervielfaltigt glaubte. Beide ſaͤchſiſche Haͤuptlinge wurden in de mſelben Augenblicke gefangen genommen, und jeder unter um⸗ ſtaͤnden, die ſeinen Charakter bezeichneten. Sobald einer der Feinde ſich naͤherte, ſchleuderte C ehric ſiuen der denn auch beſſere Wirkung ſeinen 8 ann baum feſtnagelte. Nach ſolch i ichem Erfolg prengte er gegen einen zweiten an. Schwert mit ſo unbe⸗ dachter whin dat es auf einen dicken Aſt traf, der über ihm hing, und er ſo durch die Heftigkeit ſeines eigenen Streiches wehrlos wurde. Er ward ſogleich gefangen genommen und von zwei oder drei der ſich um ihn draͤngenden Raͤuber vom Pferde geriſſen. Athel⸗ ſtane theilte ſeine Gefangenſchaft, uͤberfallen und vom Pferde geriſſen, noch ehe er ſich zur Gegenwehr ſez⸗ zen konnte. Das Gefolge, durch das Gepack gehindert, uber⸗ an den hinter ———] ihm. . 142 raſcht, und beſtuͤrzt durch das Schickſal ihrer Gebieter fiel den Angreifern als leichte Beute anheim; waͤhrend Lady Rowena in der Mitte des Zuges nebſt dem Juden und ſeiner Sochter im Hintergrunde daſſelbe Mißge⸗ ſchick theilten. Von dem ganzen Zuge entrann Niemand als Wamba, der bei die Gelegenheit weit mehr Muth zeigte, als man bei ſeinem Verſtande erwarten konnte. Nachdem er ſich eines Schwertes bemaͤchtigt, verſuchte er ſogar ſeinem Herrn zu Huͤlfe zu kommen; da dieß unmoͤglich war, ſprang er vom Pferde nnd ent⸗ ſchluͤpfte in das Dickicht der Waldung. Kaum fuͤhlte ſich jedoch der wackere Narr in Sicherheit, als er ſich mehr denn einmal verſucht fuͤhlte, umzukehren, und die Gefangenſchaft mit einem Herrn zu theilen, dem er mit treuer Anhaͤnglichkeit zugethan war. „Schon oft hoͤrte ich die Leute das Glͤck der Freiheit preiſen,“ ch er bei ſich,„aber ich wollts, ſo ein Salomo lehrte mich, was ich nun, ſo ich ſie habe, mit ihr aufangen ſoll.“ Kaum hatteer dieſe Worte vor ſich hin geſprochen, als ihm eine Stimme leiſe und vorſichtig rief:„Wam⸗ ba!“ und zu gleicher Zeit ſprang ein Hund, den er fuͤr 3 d Fangs erkannte, an guf!„Gurth!“ erwiederte Wamba, und im Augenblick ſtand der Schweinehirt vor „Was ſoll das?“ fragte er aͤngſtlich,„was bedeutet das Geſchrei, das Schwertergeklirr?“ 143 „Nichts als ein Fruchtchen unſrer Zeit!“ verſetzte Wamba,„ſie ſind alle gefangen.“ „Wer iſt gefangen?“ vief Gurth voll Ungeduld. „Mylord, Mylady und Athelſtane und Hundibert und Oswald!“ „Um Gotteswillen!“ fiel Gurth ein;„und wie konnten ſie denn gefangen werden? und von wem?2“ „Unſer Herr hieb gewaltig drein,“ verſetzte der Narr,„und Athelſtane war nicht flink genug, und bei den Andern wollt es gar nicht gehen. So ſind nun alle Gefangene der Gruͤnjacken und ſchwarzen Viſire. Alle liegen ſie da wie Holzaͤpfel auf dem Boden, wie du ſie für deine Schweine ſchüttelſt; ich muͤßte lachen, wenn ich vor Weinen dazu kommen koͤnnte,“ fuhr der ehrliche Narr fort, und Thraͤnen rollten ihm uͤber die Wangen. Gurth leiſtete ihm treulich Geſellſchaft.—„Wam⸗ ba!“ ſprach er,„dn haſt eine Waffe, und dein Muth war immer ſtaͤrker als dein Gehirn,— wir ſind unſrer nur zwei— allein ein ploͤtzlicher Angriff von entſchloſ⸗ ſenen Maͤnnern vermag viel— folg' mir.“ Wohin? und wozu?“ fragte der Narr. „VLedric zu befreien.“ „Ihr habt ja aber ſo eben noch ſeinem Dienſt ent⸗ ſagt,“ verſetzte Wamba. Ja,“ ſagte Gurth,„aber nur, als er im Glͤcke war— folg' mir.“ Ais der Narr ſich eben anſchickte, ihm zu folgen, erſchien plötzlich noch eine dritte Perſon und befahl ih⸗ — 144 nechen. Nach ſeiner Kleidung und ſeinen eßen mußte ihn Wamba beinahe fuͤr einen der Geauteten a halten„ die ſeinen Herrn angefallen hat⸗ ten; allein auf m, daß er keine Maske trug, ließ das glaͤnzende Baudelier uͤber ſeine Schulter mit dem reich einzefaßten Jag hornd, ſo wie der ruhige, ge⸗ bietende Ton ſeiner Stimme Waniba trotz dem Zwie⸗ licht in ihm den Noman Loksley erkennen, der in dem Bogenſchießen unter ſo ungunſtigen Umſtänden den Sieg davon getragen. „Was ſoll dieß alles bedeuten?“ fraate er,„wer ranbt und plundert hier und macht Gefangene?“ „Das konnt Ihr gleich an ihren gruͤnen Jacken ſehen,“ b ſesi Wamba,„und dann entſcheiden, ob es deiner Kinder Kleider ſind— ſie gleichen dem deinen wie eine gruͤne Schote der andern.“ „Ich w vll ds ſogleich erfahren,“ antwortete Loks⸗ ley;„aber Ihr entſernt Euch nicht von dem Fleck, wo Ihr ſteht, bis ich wieder komne. Gehorcht Ihr mir, ſo ſell es Euch und Eurem Gebieter um ſo groͤßern Vortheil bringen.— Jetzt wartet, ich muß mich die⸗ ſen Leuten ſo aͤhnlich als moͤglich machen. 74 Mit dieſen Worten nahm er ſein Horn und Ban⸗ delier nebſt der geder von ſeiner Muͤtze ab, und gab ſie an Wamba, dann zog er eine Maske aus ſeiner Taſche, befahl ihnen nochmals ſtill zu ſtehen, und ging, ſeine Nachforſchung auszufuͤhren. Sollen 145 „Sollen wir ſtehen bleiben, Gurth?“ ſagte Wam⸗ ba,„oder ſuchen wir lieber das Weite? Mein Narren⸗ verſtand ſagt mir, daß er die Diebst racht zu ſehr bei der Hand hat, um ſelbſt ein rechtlicher Mann zu ſein.“ „Und waͤr' er auch der Teufel ſelbſt,“ verſetzte Gurth,„wenn's ihm beliebt. Es kann uns nichts ſchlim⸗ meres durch ſeine Ruͤckkehr widerfahren. Wenn er zu der Bande gehoͤrt, ſo macht er Laͤrm, und we der Fech⸗ ten noch Fliehen hilft uns was. Uebrigens habe ich noch kuͤrzlich erfahr en, daß dieſe Erzſchelme gerade nicht die ſchlimmſten Leute ſind, mit denen man zu thun ha⸗ ben kann.“ In wenigen Augenblicken war der Yeomen zuruͤck. „Freund Gurth,“ ſprach er,„ich habe mich un⸗ ter die Kerl gemiſcht und erfahren, wem ſie ange⸗ hoͤren. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ſie zu irgens einer Gewaltthat gegen ihre Gefangenen ſchreiten. Fuͤr rei Perſonen waͤre in dieſem Augenblick ein Angriff Raſerei, denn ſie ſind gewandte Kriegsleute und haben ihre Wachen ausgeſtellt, ſie zu warnen, ſobald huen Gefahr droht. Allein ich hoffe, bald eine Macht bei⸗ ſammen zu haben, die alle ihre Vorſicht zu Schanden mache n ſoll. Ihr ſeid beide Diener und, wie ich glau⸗ be, treue Diener von Cedric, dem Sachſen, dem Freunde der Rechte der Englaͤnder. Nun ſoll es ihm nicht an engliſchen Haͤnden fehlen, ihn aus dieſer Noth zu erret⸗ ten. Kommt denn mit mir, bis ich weitere Huͤlfe ſchaffe.“ W. Scott's Werke. XLIV. 19 — 146 Damit ſchritt er mit großen Schritten durch den Wald dahin, indeß der Narr und Schweinehirt ihm folg⸗ ten. Es lag aber nicht in Wambas Art, lange ſtill⸗ ſchweigend forkzuwandeln. „Ich glaube,“ ſagte er, auf das Bandelier und das Horn blickend, das jener an der Seite trug,„ich ſah den Bogen, der dieſen Pfeil abſchoß und dieſen ſchoͤnen Preis gewann, und das nicht ſo lang als von Weih⸗ uachten her.“ „Und ich,“ verſetzte Gurth,„wollte darauf ſchwö⸗ ren, daß ich die Stimme des guten Bogenſchuͤtzen, der den Preis gewann, bei Nacht ſowohl als bei Tage hoͤrte, ig daß der Mond ſeitdem noch nicht drei Tage aͤlter ward.“ „Meine ehrlichen Freunde,“ entgegnete der Yeo⸗ man,„wer oder was ich bin, gehoͤrt jetzt nicht zur Sache; kann ich Euren Herrn befreien, ſo ſollt Ihr Grund haben, mich fuͤr den beſten Freund zu halten, den Ihr je in Eurem Leben hattet. Ob ich nun den einen, oder den andern Namen fuͤhre— ob ich einen Bogen ſo gut oder beſſer als ein Kuͤhhirt ſpannen kann — vb ich lieber im Mond⸗ oder Sonnenſchein ſpazieren Zehe,— das ſind lauter Dinge, um welche Ihr Euch, da ſie Euch nichts angehn, auch nichts zu bekuͤmmern habt.“ „Unſere Koͤnfe ſtecken in des Lowen Rachen,“ fluͤ⸗ ſterte Wamba Gurthen zu,„ziehen wir ſie herans, ſo zuk es gehen will. 147 „Still,“ ſagte Gurth,„beleidige ihn nicht durch deine unbedachtſamen Reden,— ich denke, es ſoll ſchon Alles wieder gut werden.“ Eilftes Kapitel. Der Pilger wandert in duſterer Nacht Im herbſtlichen, ſchaurigen Wald, Da tönt ihm zum Herzen mit himmliſcher Macht Das Lied, das von Klausner erſchallt. Das Lied ſich erhebt mit der Andacht Flug Andacht borget der Töne Klang. Wie der Vonel, den aufwä ts der Fittig trug, Die Schwingen belebt durch Geſana. Der Einſiedler vom St. Clemensquell. Nach dreiſtuͤndigem raſchem Gehen gelangten Cedrics Diener mit ihrem geheimnißvollen Fuhrer in ein ſchma⸗ les Waldthal, in deſſen Mitte ein ungeheurer Eich⸗ baum ſtand, der ſeine Arme nach allen Richtungen ausſtreckte. Unter dieſem Baum gelagert ſchliefen vier oder fuͤnf Neomen, waͤhrend ein anderer als Schild⸗ wache im Mondlicht auf und nieder ging. So wie die Wache das Geraͤuſch nahender Fußtritte vernahm machte ſie ſogleich Laͤrm; die Schlaͤfer fuhren auf und ſpannten den Bogen. Sechs auf der Sehne liegende Pfeile waren dem Orte zugekehrt, woher die Reiſenden ſich nahten, als ihr Fuͤhrer erkannt und mit allen Zeichen der Ehrerbietung und Anhaͤnglichkeit bewill⸗ kommt wurde.. 10. 148 „Wo iſt der Muͤller?“ war ſeine erſte Frage⸗ „Auf dem Wege nach Rotherham.“ „Mit wie viel Leuten?“ fragte der Fuͤhrer, denn ein ſolcher ſchien er zu ſein. „Mit ſechs Mann und guter Hoffnung auf Beute, wenn's dem heiligen Nikolaus gefaͤllt.“ „Sehr andaͤchtis geſprochen,“ ſagte Loksley,„und wo iſt Allan a Dale?“ „Der ging nach Watlingſtreet, um gegen den Prior von Jorvaulrx zu wegelagern.“ „Gut ausgedacht,“ verſetzte bar Hauptmann,„und wo iſt der Moͤnch?“ „In ſeiner Zelle!“ „Ich will hin gehen,“ verſetzte Loksley.„Zer⸗ ſtreut Euch und ſucht Eure Kameraden auf. Sammelt ſo viel Mannſchaft, als Ihr koͤnnt, denn es gilt, ein Wild zu fangen, das ſtarker Hetze bedarf, um unſer zu werden. Erwartet in ch hier mit Tagesanbruch.— Doch— halt— ich vergaß das Nothwendigſte.— Ziwei von Euch müßen nach dem Schloſſe Front de Boeufs. Ein kecker Trupp, in an ſre Kleidung vermummt, fuͤhrt eine Anzahl Gefangen er dort hin.— Bewacht ſie genau; denn ſelbſt, wenn ſie das Schloß erreichen, ehe wir un⸗ fre Macht beiſammen haben, gilt es unſre Ehre, ſie zu zuͤchtigen, und wir werden dazu ſchon Mittel und Wege finden.— Sitzt ihnen daher ſcharf auf dem Nacken, und den leichtfuͤßiaſten Eurer Leute ſendet umher zu den entfernten Neomen, um ſie hier zu verſammeln.“ 3 149 Sie verſprachen unbedingten Gehorſam, und ent⸗ fernten ſich nach verſchiedenen Richtungen hin mit größ⸗ ter Schnelligkeit. Indeſſen ſetzte ihr Fuͤhrer nebſt ſeinen zwei Begleitern, die iin mit großer Ehrfurcht betrach⸗ teten, ſeinen Weg nach der Kapelle von Copmanhurſt fort. 3 Als ſie das kleine, von Mondlicht erhellte Thal erreichten, und die ehrwuͤrdige, wenn gleich etwas ver⸗ fallene Kapelle, und die prunkloſe Huͤtte zu ent ſagender Froͤmmigkeit geeignet zu Geſicht bekamen, fluͤſterte Wamba Gurthen zu,„Wenn das die Wohnung eines Diebes iſt, ſo trifft das alte Sprichwort ein: je naͤher der Kirche, je ferner von Gott. Und bei meiner Narrenkappe, ich glaube, hier trifft es zu. Hoͤr' nur den Sanctus, den man in der Einſiedelei ſingt.“ In der That ſangen der Einſiedler und ſein Gaſt aus vol⸗ ler Kehle ein altes Trinklied, deſſen Schlußreime al⸗ ſo lauteten:— Komm, reich den braunen Humpen mir, Toller Burſch, toller Burſch! Komm reich den braunen Humpen mir He, luſtiger Hans, ich ſpür' den Schelm im Trinken Komm, reich den braunen Humpen mir! „Nun das klingt gar nicht uͤbel,“ meinte W Vamba, der einige Gaͤnge mit eingeſtimmt hatte, um den Chor vollſtimmiger zu machen.„Wer ums Himmelswillen haͤtte wohl erwartet, um Mitternacht gus der Zelle eines es Cinſiehlers ſolchen Geſang zu hoͤren?“ 150 4 „Ei, zum Henker,“ verſetzte Gurth,„der luſtige Möͤnch von Copmanhurſt iſt in der Gegend wohlbe⸗ kannt; er iſt es, der die Haͤlfte des Wildes allein er⸗ legt, das hier geſtohlen wird Die Leute ſagen, der Waldhuͤter habe bei ſeinem Vorgeſetzten uͤber ihn Klage er nicht beſſere Ordnung haͤlt.“ Waͤhrend ſie ſo ſprachen, hatte Loksleys wiederhol⸗ tes, lautes Pochen endlich den Einſiedler und ſeinen Gaſt aufgeſtoͤrt.„Bei meinem Roſenkranz,“ ſagte der Eremit,„da kommen noch mehr verſpaͤtete Gaͤſte; ſie duͤrfen uns nicht in unſern frommen Uebungen uͤber⸗ raſchen. Jeder hat ſeine Feinde, guter Herr Faulen⸗ zer und manche ſind boshaft genug, die gaſtliche Er⸗ guickung, die ich Euch, als einem ermuͤdeten Wande⸗ rer zu Theil werden ließ, fuͤr Schwelgerei und Trun⸗ kenheit auszulegen, Fehler, die meinem Amte wie mei⸗ ner Neigung zuwider laufen.“ „Niedrige Verleumder!“ erwiderte der Ritter; hich wollr ich duͤrfre ſie zur Strafe ziehen. Uebrigens iſt es wahr, heiliger Vater, jeder hat ſeine Feinde; zudem gibt es hier zu Lande einige, die ich lieber durch das Viſir meines Helmes, als von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht ſpreche.“ 4 4 „So ſetze Deinen eiſernen Topf auf, Freund Faulenzer,“ ſagte der Einſiedler,„indeß ich die⸗ ſe Flaſchen wegnehme, deren fruͤherer Inhalt gar wunderlich in meinem Kopfe haußt. Und damit man gefuͤhrt, er werde aus Kutte und Zelle muͤſſen, wenn 5 151 das Geraͤuſch nicht hoͤre, ſtimme mit ein in das, was Du mich ſingen hoͤrſt, auf die Worte koͤmmts nicht an, ich weiß ſie ſelber kaum.“ Damit brach er in ein donnerndes De profundis clamavi aus, waͤhrend er die Trinkgeraͤthe wegraͤumte, und der Ritter herzlich lachend, ſich waffnete, und mit ſeinem Wirth von Zeit zu Zeit einſtimmte, ſo wie es ihm ſeine Luſtigkeit erlaubte. „Was fuͤr Teufelsfruͤhmetten ſind das zu dieſer Stunde?“ rief eine Stimme von auſſen. Der Einſiedler, den ſein eigener Laͤrm und viel⸗ leicht ſeine naͤchtlichen Libationen hindern mochten, eine ihm ſonſt vertraute Stimme zu erkennen, ſagte:„der Himmel vergeb Euch, Herr Reiſender! zieht Eures Weges in des Himmels und des heiligen Dunſtans Namen, und ſtoͤrt mich und meinen frommen Bruder in ſeinen Andachtsuͤbungen nicht.“ „Toller Prieſter,“ antwortete eine Stimme von auſſen,„oͤffne Loksley.“ „s iſt Alles ſicher, Alles recht,“ ſprach nun der Einſiedler zu ſeinem Kameraden. „Aber wer iſt er?“ fragte der ſchwarze Ritter, „es liegt mir viel daran, es zu wiſſen.“ „Wer er iſt?“ antwortete der Einſiedler,„ich ſag’ Dir, er iſt ein Freund.“ „Weſſen Freund?“ fragte der Ritter;„er mag ein Freund von Dir ſein, ohne damit noch der meinige zu ſein.“ 3 15² 3 „Weſſen Freund?“ entgegnete der Einſiedler, „das iſt nun freilich eine Frage, die ſich leichter ma⸗ chen, als beantworten laͤßt. Weſſen Freund?— Ei nun beſinne ich mich, er iſt der ehrliche Waldauf⸗ ſeher, von dem ich Dir erſt noch erzaͤhlte.“ „Ein ehrlicher Waldaufſeher, wie Du ein frommer Einſiedler biſt,“ erwiderte der Ritter,„ohne Zweifel. „ Aber oͤffne ihm nur die Thuͤr, ehe er ſie aus den An⸗ geln bricht.“ Die Hunde, welche bis dahin ein furchtbares Ge⸗ heul erhoden hatten, ſchienen nun die Stimme deſſen zu erkennen, der auſſen war, denn ſie begannen an der Thuͤr zu kratzen und zu winſeln, als wollten ſie ſeine Zulaſ⸗ ſung erbitten. Der Einſiedler riegelte ſchnell die Thuͤr auf und ließ Loksley und ſeine beiden Begleiter ein. „Nun, Eremit,“ war des Yeomens erſte Frage, als er des Ritters anſichtig wurde,„welch' wackern Geſellen haſt Du hier?“ „inen Bruder von unſerem Orden,“ erwiederte der Moͤnch, mit dem Kopfe winkend,„wir ſind die ganze Nacht im Gebete gelegen.“ „Er iſt ein Moͤnch von der ſtreitbaren Kirche, denk ich,“ antwortete Loksley;„es ſind ihrer noch mehr auf dem Wege. Ich ſags Dir, Bruder, Du mußt jetzt Deinen Roſenkranz bei Seite legen, und den Kampf⸗ ſtock nehmen; wir beduͤrfen eines Jeden unſerer Freun⸗ de, ſei er nun Laie oder Kloſterbruder. Aber,“ fuhr er fort, indem er mit dem Moͤnch bei Seite trat, — 155 „biſt Du verruͤckt, daß Du einen Ritter aufninunf, den Du nicht kennſt? Haſt Du unſre Artikel vergeſſen?“ „Ihn nicht kennſt!“ wiederholte kecklich der Moͤnch, „ich kenn' ihn ſo gut, als der Bettler die Schuͤſſel kennt.“ Wie heißt er denn?“ fragte Lolsle „Sein Name,“ antwortete der Ein ni dler,„ſein Name iſt Sir Anton von Swableſtan— als ob ich mit einem Manne trinken wuͤrde, deſſen Namen ich nicht kenne!“ „Du haſt mehr als zu viel getrunken, Bruder!“ ſprach der Weidmann,„und ich fuͤrchte, mehr als gut iſt, dabei geſchwatzt.“ „Guter Yeomen,“ ſprach der Ritter vortretend, „ſei nicht boͤſe auf meinen luſtigen Wirth; er ließ mir nur die Gaſtfreundſchaft angedeihen, zu der ich ihn gezwungen haben wuͤrde, wenn er ſie mir verſagt haͤtte.“ „Du mich gezwungen!“ rief der Moͤnch,„warte nur, bis ich die graue Kutte gegen eine gruͤne Jacke vertauſcht habe, und wenn ich meinen vierkantigen Stock nicht zwoͤlt Mal um Deinen Kopf tanzen laſſe, ſo bin ich weder ein aͤchter Moͤnch, noch ein wackerer Jaͤgersmann.“ Mit dieſen Worten ſtreifte er ſeine Kutte ab, und ſtand in einer engen ſchwarzen Jacke und Unterkleidern von gruͤner Farbe da.„Ich bitte Dich,“ wandte er ſich an Wamba,„binde meine Schnuͤre zu, Du ſollſt einen Becher Sekt zum Lohn fuͤr deine Muͤhe haben.“ 15 4 „Großen Dank fuͤr Deinen Sekt,“ entgegnete Wam⸗ ba;„aber denkſt Du denn, daß ich m it gutem Gewiſſen Dir helfen kann, einen heiligen Einſiedler in einen ſuͤnd⸗ haften Jaͤgersmann umzuwandeln?“ „Haſt ausgeſorgt,“ verſetzte der Einſiedler,„ich will nur die Suͤnden meines Graurocks meinem Gruͤnrock beichten, und Alles iſt wieder in Ordnung. 34 „Amen!“ antwortete der Spaßmacher;„ein in feines Tuch gekleideter Buͤßender muß einen ſacktuchnen Beichtiger haben, und Eure Kutte kann alſo meine buntſcheckige Narrenjacke noch mit in den Kauf abſol⸗ viren.“ Waͤhrend dieſer Unterredung war er dem Moͤnch bei Befeſtigung der zahlloſen Schnuͤre behulflich, womit damals die Beinkleider an das Wamms geneſtelt wur⸗ den. Loksley hatte indeß den Ritter bei Seite gefuͤhrt und redete ihn alſo an:„Laͤugnet es nur nicht, Herr Nit⸗ ter— Ihr ſeid derjenige, der am zweiten Tag des Turniers bei Afhby den Sieg gegen die Fremden zu Gunſten der Englaͤnder entſchieden hat.“ „und was ſolgt daraus, wenn Ihr wahr gerathen habt, guter Bogenſchütze? 2“¹ fragte dagegen der Ritter. „Ich wuͤrd' Euch in dieſem Fall fuͤr einen Be⸗ ſchuͤtzer der Schwaͤchern halten,“ erwiederte der Neomen. „Das iſt zum wenigſten die Pflicht jedes Ritters,“ verſetzte der ſchwarze Kaͤmpe;„und ich wuͤnſchte nicht daß man Urſache haͤtte, mich anders zu beurtheilen.“ „Fuͤr meinen Zweck,“ ſprach der Bogenſchuͤtze, 4 — 155 ſollſt du ein eben ſo guter Englaͤnder ſein, als du ein guter Ritter biſt; denn das, was ich mit dir zu ſpre⸗ chen habe, geht jedem ehrlichen Mann insbeſondere aber jedem eingebornen Engländer nahe.“ „Ihr kennt Euch an Niemand wenden,“ verſetzte der Ritter,„dem England und das Leben jedes Eng⸗ laͤnders theurer iſt als mir.“ „Gerne glaube ich Euch,“ ſprach der Weidmann, „nie war dieſes Land mehr der unterſtuͤtzung derer be⸗ noͤthigt, die es lieben. Hoͤrt mich, ich will Euch ein Un⸗ ternehmen mittheilen, woran Ihr, wenn Ihr wirklich der ſeid, welcher Ihr ſcheint, ehrenvollen Antheil neh⸗ men koͤnnet. Eine Bande von Boͤſewichtern, in der Verkleidung beſſerer Leute, als ſie ſind, haben ſich der Perſon eines edeln Englaͤnders, Cedrics des Sachſen g⸗ naunt, bemaͤchtigt, und ihn ſammt ſeiner Tochter und ſeinem Freunde Athelſtane von Coningsburgh nach einem Schloß in dieſem Walde, Torauilſtone gebracht. Ich frage Dich nun, als tapferen Ritter und wackern Englaͤnder, ob Du uns zu ihrer Befreiung beiſtehen willſt?“ „Mein Geluͤbde verpflichtet mich dazu,“ erwiederte der Ritter;„allein ich wuͤßte gern, wer Ihr ſeid, der Ihr meinen Beiſtand fuͤr ſie ſordert.“ „Ich bin,“ erwiederte der Waldbewohner,„nur ein namenloſer Mann; aber ein Freund meines Vaterlandes und der Freunde deſſelben.— Mit die⸗ ſer Auskunft uͤber mich muͤßt Ihr Euch fuͤr jezt zu⸗ 5 156 rieden geben, zumal da auch Ihr noch vor der Hand unbekannt zu bleiben wuͤnſcht.— Seid aber uͤberzeugk, daß mein einmal gegebenes Wort ebenſo unverbruͤchlich iſt, als ob ich goldne Sporen truͤge.“ „Gern und willig glaube ich Dir,“ verſetzte der Rit⸗ ter;„gewohnt der Menſchen Geſichtszuͤge pruͤfend zu betrachten leſe ich in den deinigen Ehrlichkeit und Ent⸗ ſchloſſenheit— ich frage Dich daher nicht weiter, ſondern 1S will Dir beiſtehen, dieſe unterdruͤckten Gefangenen in Freiheit zu ſetzen; iſt dieß geſchehen, ſo hoffe ich, wer⸗ den wir beſſer mit einander bekannt werden, und mit einander zufrieden ſein.“ „Nun,“ agte Wamba zu Gurth, dem dieſe letz⸗ ten Worte nicht entgangen waren, da er ſich, nachdem der Moͤnch vollkommen gekleidet war, den Redenden genaͤhert hatte,„ſo haͤtten wir alſo einen neuen Ver⸗ baͤndeten, und auf die Tapferkeit des Nitters traue ich mehr, als auf die Froͤmmigkeit des Einſiedlers oder die Chrlichkeit des Bogenſchuͤtzen; denn dieſer Loks⸗ ley ſieht mir aus, wie ein geborner Wilddieb und der Pfaff wie ein ſchlauer Phariſaͤer.“ „Schweig, Wamba,“ erwiederte Gurth.„Wohl mag es ſo ſein, wie Du ſagſt,— aber waͤr's auch der gehoͤrnte Teufel, der mir ſeinen Beiſtand zur Befrei⸗ ung Cedries und der Laby Rowena anboͤte, ich fuͤrchte faſt, ich wuͤrde kaum fromm genug ſein, ſein guͤtiges Anerbieten nicht anzunehmen.“ — 157 Jezt war der Moͤnch vollkommen als Peomen ge⸗ kleidet, mit Schwert und Schild, Bogen und Koͤcher, und einer ſtarken Partiſane auf der Schulter. Er ver⸗ ließ nun an der Spitze des Haufens die Zelle, und nachdem er ſorgfaͤltig die Thuͤr verriegelt hatte, verbarg er den Schluͤſſel unter der Schwelle. „Nun, biſt Du im Stande, guten Dienſt zu lei⸗ ſten, Bruder, oder ſpukt Dir der Dunſt der Flaſche noch immer in dem Kopfe?“ fragte Loksley. Nur noch einen Trunk aus der St. Dunſtans Quelle!“ antwortete der Prieſter,„es ſchwindelt mir ſo was im Gehirn, und meine Beine wollen nicht mehr recht parieren, aber das ſoll in einem Hui hin⸗ weg geblaſen ſein!“ Damit neigte er ſich auf den Baſſin herab, in welchem das herabſtroͤmende Waſſer Blaſen ſchlug, die in dem weißen Mondlichte tanzten, und that einen ſo langen Zug, als ob er die Quelle erſchoͤpfen wollte. „Wann thateſt Du fruͤher ſo einen tiefen Zug heiliger Vater von Copmanhurſt?“ fragte der ſchwarze Ritter. „Niemals, als wenn mein Weinfaß leck ward, und ſich ſeines Inhalts auf eine unrechtmaͤßige Weiſe entledigte,“ entgegnete der Moͤnch,„und mir nichts uͤbrig ließ, als was meines Schutzpatrous Guͤte mir hier ſpendete.“ Damit tauchte er Kopf und Haͤnde in die Quelle und wuſch ſich alle Spuren ſeiner Nachtſchwaͤrmerei hinweg. 158 So erquickt und nuͤchtern geworden ſchwang der luſtige Monch ſeine gewichtige Partiſane mit drei Fin⸗ gern, als vb es ein Rohr waͤre, und rief:„Wo ſind die elenden Raͤuber, die Weiber gegen ihren Willen entfuͤhren? Holz mich der boͤſe Feind, wenn ich es nicht mit einem Duzend von ihnen aufnehmen will.“ „Ei, Du kannſt auch fluchen, heiliger Vater?“ fragte der ſchwarze Ritter. „Nennt mich nicht heilig!“ erwiederte der umge⸗ ſchaffne Prieſter; ich bin nur ſo lang Pfaffe, als ich die Kutt auf dem Leibe habe;— ſteck' ich in meinem Gruͤn⸗ rock, ſo trinke, fluche ich und hab's mit den Weibſen, trotz einem Weidmann im weſtlichen Revier.“. „So komm denn Du, Blitzpfaff,“ fiel Loksley ein, „und halt's Maul; Du machſt ja Laͤrm fuͤr ein ganzes Kapitel am heiligen Abend, wenn der Abt zu Bette iſt.— Kommt denn auch Ihr, meine Herrn, und laßt das Plaudern.— Kommt, wir muͤſſen alle unſre Streitkraft zuſammen ziehen, und werden immer noch wenige ſein, um das Schloß Reginald Front de Boeufs zu ſtuͤrmen.“ „Was? iſt es Front de Boeuf,“ fragte der ſchwarze Ritter,„der auf offener Landſtraße des Koͤnigs Un⸗ terthanen üͤberfaͤllt?— Iſt er zum Dieb und Unter⸗ druͤcker geworden?“ 1 „LEin Unterdruͤcker war er immer,“ ſagte Lokslev. „Und was den Dieb betrifft,“ fuhr der Prieſter 4 — 159 fort,„ſo zweifle ich ſehr, ob er nur halb ſo ehrlich iſt, als einer von meinen Bekannten.“ „Vorwaͤrts, Pfaffe, und halt's Maul,“ ſagte der Bogenſchuͤtze,„es waͤre beſſer, Du zeigteſt uns den Weg zum Sammelplatz, als daß Du ausſprichſt, was Anſtand und Klugheit zu verſchweigen gebietet.“