9 —— hbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —-——— auf 1 Monat: 1 M. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3——— „ n 3„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8. — Srr hatt. Byanhoe 4 Walter Scott's ſaͤmmtliche Wer k e. — Neu uͤberſetzt. Drei und vierzigſter Band. Iv anh o e. 4 8 Erſter Theil. 1 I Stuttgart, bei Gebruͤder Frauckh. 18 27. JZyvan h o e. 4 Vom 4 Verfaſſer des Waverley ꝛc. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt 1 von I Pr. Leonhard Tafel. Erſter Theit. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1827. 8 3 Erſtes Kapitel. — So ſprachen ſie; weil mit dem Abende 4 Unwillig, träg, dem Stock nur ſolgend +.2 Mit mürriſchem Grunzen, undankbar Die ſatten Schwein' zum niedern Obdach kehren. .* 4 3 5 Pope's Odyſſee. In jener lieblichen Gegend Englands, welche der Fluß Don bewaͤſſert, erſtreckte ſich vor alten Zeiten ein anſehnlicher Wald, der den groͤßten Theil der ſchö⸗ nen Huͤgel und Thaͤler bedeckte, welche zwiſchen Schef⸗ field und der freundlichen Stadt Doncaſter liegen. Noch jezt finden ſich Ueberbleibſel dieſer Waldung im ddeer Naͤhe der Ritterſitze von Wentworth, Warneliſſe Park und um Rotherham. Hier hauſte vor Alters der fabelhafte Drache von Wantley; hier ward man⸗ che verzweifelte Schlacht in den Buͤrgerkriegen der Roſen gefochten; und hier war es, wo in allen W. Stott's Werke. XLIII. 4 54 Zeiten jene Banden tapferer Geaͤchteten ihr Weſen trieben, deren Thaten in den alten engliſchen Volks⸗ liedern beſungen werden. Dieß iſt der Schauplatz unſrer Erzaͤhlung, deren Zeitalter in das Ende der Regierung Richard des 1. faͤllt, als ſeine Ruckkehr aus langer Gefangenſchaft fuͤr ſein verzweifelndes Volk mehr ein Gegenſtand er Wuͤnſche, als der Hoffnungen war, da dieſes in der Zwiſchenzeit jeder Art von Unterdruͤckung Preis Zegeben war. Die Ebeln, deren Macht waͤhrend der Regicrung Stephans keine Graͤnzen mehr kannte, die Heinrich der II. mit der groͤßten Anſtrengung kaum in einige Abhaͤngigkeit von der Krone zu bringen ver⸗ mochte, uͤberließen ſich nun wieder in vollem Maße der fruͤheren Ungebundenheit, und kehrten ſich wenig an die ſchwache Vermittlung des engliſchen Staats⸗ raths, befeſtigten ihre Schloͤßer, vermehrten die Zahl ihrer Reiſigen, und brachten Alles um ſich her in ei⸗ nen Zuſtand von Abhaͤngichkeit, indem ſie alle Mittel anwandten, ſich an die Spitze einer Macht zu ſtel⸗ len, woburch ſie in Stand geſetzt wuͤrden, bei den, wie man allgemein glaubte, bevorſtehenden Erſchuͤt⸗ terungen des Staates eine bedeutende Rolle zu ſpielen. Die Lage des niedern Adels oder der ſogenann⸗ ten Franklins, welche nach den Geſetzen und dem Geiſt der engliſchen Konſtitution berechtigt waren, ſich von der Feudaltyrannei unabhaͤngig zu erhalten, muß⸗ te in hohem Grade ſchmankend und unſicher werden. — 7 Dadurch, daß ſie ſich, wie es gewoͤhnlich der Fall war, unter den Schutz eines der kleinen Koͤnige ihrer Nach⸗ barſchaft ſtellten, und gewiße Lehnsdienſte in deſſen Haushalt ubernahmen, oder durch gegenſeitige Schutz⸗ und Trutzbuͤndniße ſich verbindlich machten, ihm Heer⸗ folge zu leiſten, mochten ſie ſich fuͤr den Augenblick Ruhe erkaufen; aber dieß geſchah nur mit Aufopfer⸗ ung der jeder engliſchen Bruſt ſo theuern Unabhaͤn⸗ gigkeit, wodurch ſie in dem Falle waren, in jedes un⸗ beſonnene Wagniß, das der Ehrgeiz ihres Schutzherrn herbeifuͤhrte, verwickelt zu werden. Auf der andern Seite ſtanden jenen maͤchtigen Baronen ſo viele Mittel der Verfolgung und Unter⸗ druͤckung zu Gebot, daß es ihnen nie an Vorwand und ſelten an Willen fehlte, ihre weniger maͤchtigen Nachbarn, die es wagten, in jenen gefaͤhrlichen Zei⸗ ten, im Vertrauen auf die Geſetze des Landes und bei dem Beſtreben, keine Veranlaßung zu Gewalt⸗ that zu geben, ſich ihrer Obhut zu entziehen. Ein Umſtand, der ſehr viel dazu beitrug, die Tyrannei des Adels und die Leiden der untern Klaſſen zu er⸗ hoͤhen, entſprang aus der Eroberung Englands durch Herzog Wilhelm von der Normandie. Vier Genera⸗ tionen hatten nicht vermocht, das feindliche Blut der Normannen und Angelſachſen zu vermiſchen, oder durch gleiche Sprache und gemeinſchaftliches Intereſſe die beiden feindlichen Staͤmme zu vereinigen, von de⸗ nen der eine immer noch im Uebermuthe des Sieges auſtrat, waͤhrend der andere unter allen den Folgen der Niederlage ſeufzte. Durch den Sieg bei Haſtings war alle Macht in die Haͤnde des normaͤnniſchen Adels gekommen, der ſie, nach dem Zeugniß unſerer Ge⸗ ſchichtſchreiber, keineswegs mit Maͤßigung handhabte. Das Geſchlecht der ſaͤchſiſchen Fuͤrſten und Edeln war mit wenigen Ausnahmen entweder gaͤnzlich ausgerot⸗ tet, oder ſeines Erbes beraubt. Nicht groß war die Anzahl derer, welche, es ſei nun als Eigenthuͤmer der zweiten oder einer noch geringeren Klaſſe, Laͤn⸗ dereien in dem Erbe ihrer Vorfahren beſaßen. Lange Zeit war es Politik der Herrſcher, jedes Mit⸗ tel, gleichviel ob geſetzlich oder ungeſetzlich, anzuwen⸗ den, um die Macht derjenigen Unterthanen zu ſchwaͤ⸗ chen, die man mit Recht als diejenigen zu betrachten 7 hatte, die den eingewurzeltſten Haß gegen ihre Unter⸗ druͤcker naͤhrten. Alle Monarchen aus dem Geſchlech⸗ te der Normannen hatien die entſchiedenſte Vorliebe fuͤr ihre normaͤnniſchen Unterthanen gezeigt; die 1 Jagdgeſetze und noch manche andere dem mildern, freien Geiſte der ſaͤchſiſchen Konſtitution unbekannte Beſchraͤnkungen wurden den unterjochten Unterthanen 1 aufgebuͤrdet, als geſchehe es nur, um die druͤckenden Ketten der Feudaldespotie noch druͤckender zu machen. An den Hoͤfen ſo wie auf den Schloͤßern des hohen* Adels, wo man die Pracht der Hofhaltungen nach⸗ ahmte, ward nur das Normaͤnniſchfranzoͤſiſche geſpro⸗ chen; an den Gerichtshoͤfen fanden die Verhandlungen —— — 9 und Erkenntniſſe in derſelben Mundart Statt. Kurz die franzoͤſiſche Sprache war die Sprache der Ehre, der Ritterlichkeit, ſo wie der Gerichte, indeß die weit maͤnnlichere, ausdrucksvollere angelſaͤchſiſche in den Kreis der Bauern und des Pöoͤbels uͤberhaupt, wo man keine andere kannte, verbannt worden war. Indeſſen entſtand durch die Beruͤhrung der Her⸗ ren des Bodens mit den untergebenen Bebauern deſ⸗ ſelben nach und nach eine eigene aus dem Franzoͤſiſchen und dem Angelſaͤchſiſchen gebildete Mundart, wodurch ſie ſich einander verſtaͤndlich machten; und aus dieſer Nothwendigkeit der Verſtaͤndigung iſt endlich die jetzige engliſche Sprache entſtanden, in der ſich die Sprachen der Sieger und der Beſiegten ſo gluͤcklich vereinten, und welche ſeitdem aus dem Schatze der klaſſiſchen Spra⸗ chen ſowohl als aus denen der ſuͤdlichern Nationen Europens ſo reichlich bedacht worden iſt. Dieſen Stand der Dinge glaubte ich dem Leſer im Ueberblick darlegen zu muͤßen, da er vielleicht ver⸗ geſſen mochte, wie, obgleich keine große geſchichtli⸗ che Ereigniſſe, Kriege oder Empoͤrungen nach den Zeiten Wilhelms des Zweiten die Angelſachſen als ein fuͤr ſich beſtehendes Volk auftreten laſſen, dennoch die große eigenthuͤmliche Verſchiedenheit zwiſchen ihnen und ihren Siegern fortdauerte. Die Erinnerung an das, was ſie waren, und worauf ſie beſchraͤnkt wur⸗ den, ließ ſelbſt noch unter der Regierung Eduard des dritten die Wunden nicht verharſchen, welche die Un⸗ 10 terjochung geſchlagen hatte, und immer noch beſtand ei⸗ ne Scheidewand zwiſchen den Abkoͤmmlingen der ſieg⸗ reichen Normannen und denen der beſiegten Angel⸗ ſachſen. Die untergehende Sonne beſchien einen der uͤp⸗ pigen Grasplaͤtze des Waldes, deſſen wir zu Anfang des Kapitels erwaͤhnten. Hunderte von breiten kurzſtaͤm⸗ migen Eichen, die vielleicht ſchon den ſtattlichen Zug der roͤmiſchen Legionen mit angeſehen hatten, breiteten ihre knotigen Arme uͤber das dichte, friſche Gruͤn aus. Buchen und andere Waldbaͤume, oft ſo dick, daß der Strahl der Sonne nicht durchdringen konnte, zeigten ſich an manchen Stellen; auf andern waren ſie wieder ſo regelmaͤßig geordnet, daß üe lange an⸗ ziehende Durchſichten bildeten, worin das Auge ſich gerne verliert, und welche der Fantaſte mit der Ah⸗ nung noch dichterer Einſamkeit ſchmeicheln. Hier gaben die rothen Strahlen der Soune ein ungewißes, glanzloſes Licht, das auf den dickbelaubten Aeſten und den mooſigen Staͤmmen zitterte; dort beleuchteten ſie mit glaͤnzendem Scheine die Stellen des Raſens, zu denen ſie durchzudringen vermochten. Ein ziemlich großer, offener Raum in der Mitte die⸗ ſer Ebene ſchien ehedem dem Gottesdienſte der Drui⸗ den geweiht zu ſein; denn auf der Spitze eines, wie es ſchien, durch Kunſt gebildeten Huͤgels, fand man. noch immer einen Kreis von großen unbehauenen Steinen. Sieben ſtanden noch aufrecht; die uͤbrigen 4 ◻ 41 aber waren wahrſcheinlich durch den Eifer eines chriſt⸗ lichen Bekehrers umgeworfen und lagen zerſtreut umher, einer dieſer großen Steine war ganz hinab gerollt und hatte den Lauf eines kleinen Baches gehemmt, der ſanft um den Fuß des Huͤgels ſich herumwand, und nun einen kleinen Fall bildend in leiſem Mur⸗ meln dahinfloß. Die menſchlichen Geſtalten, welche dieſes Land⸗ ſchaftsgemaͤlde vollendeten, waren zwei an der Zahl, die in Kleidung und Anſehen den wilden und rauhen Charakter der Waldbewohner des weſtlichen Theiles von Yorkſhire darboten. Der aͤltere dieſer Maͤnner hatte ein finſteres, rauhes und wildes Auſehn; ſeine Kleidung war die einfachſte, die man ſich denken kann; denn ſie beſtand aus einer engen Jacke mit Aermeln, die aus dem gegaͤrbren Felle eines Thieres gemacht war, worauf ſich noch das urſpruͤngliche Haar befand, an vielen Stellen aber ſo abgetragen war, daß man ſchwer beſtimmen konnte, welcher Thierart es eigent⸗ lich angehoͤrt hatte. Dieſe alterthuͤmliche von der Bruſt bis zu den Knieen reichende Kleidung, vertrat die Stelle aller andern Kleidungsſtuͤcke, und hatte blos oben eine Oeffnung, um den Kopf durchzulaßen, ſo daß man es wie ein Hemd der heutigen Zeit oder einen alterthuͤmlichen Kuͤraß uͤberwerfen konnte. San⸗ dalen mit Riemen von Schweinsleder ſchuͤtzten die Fuͤße, duͤnnes Leder war kuͤnſtlich um die Beine ge⸗ wunden bis uͤber die Waden hinauf, und ließ die 12² Kuiee nackt, wie bei den ſchottiſchen Hochlaͤndern. Damit ſich die Jacke noch enger an den Leib anſchloͤſ⸗ ſe, ward ſie in der Mitte mit einem breiten leder⸗ nen Gurth vermittelſt einer metallenen Schnalle zu⸗„ ſammengehalten; an der einen Seite deſſelben hing eine Art Taſche, auf der andern ein Widderhorn, 3 ℳ durch ein Mundſtuͤck zum Blaſen eingerichtet, auch ſtak in ihm ein langes breites, ſcharfgeſpitztes, 1 zweiſchneidiges Meſſer mit hoͤrnenem Griff, wie folche, in der Nachbarſchaft verfertigt, ſchon in jener fruͤhen Zeit unter dem Namen Scheffildormeſſer be⸗ kannt waren. Der Mann hatte keine andere Kopfbe⸗ deckung, als ſein eigenes, dickes Haar, das, in einan⸗ 4 der verworren und verfilzt, durch die Sonne zu einer 4 roſtigen, rothſchwarzen Farbe ausgedoͤrrt war, die ei⸗ nen wunderlichen Gegenſatz gegen den Bart bildete, der Backen und Kinn bedeckte, und eine gelbere berna ſteinaͤhnliche Farbe hatte. Ein Theil ſeiner Kleidung darf nicht uͤbergangen werden; es war dieß ein eiſer⸗ ner Ring, dem Halsbande eines Hundes aͤhnlich, der jedoch ohne irgend eine Oeffnung um den Hals geſchmiedet und nur ſo weit war, daß das Athmen 8 4 dadurch nicht verhindert wurde. Auf dem Halsſchmuk⸗ ke ſtand mit ſaͤchſtſchen Buchſtaben eingegraben:„Gurth, der Sohn Beowulphs iſt der geborne Leibeigene Ced⸗ ries von Rotherwood.“ 3 Neben dem Schweinehirten, denn das war Gurths Amt, ſaß auf einem der umgeſtuͤrzten Druidenſteine 13 ein Menſch, dem Anſcheine nach, wohl zehn Jahre juͤnger, deſſen Kleidung aber, obwohl der ſeines Ge⸗ faͤhrten im Schnitte gleich, doch von beſſerem Stoffe und einem fantaſtiſcheren Anſehen war, ſeine Jacke war einſt glaͤnzend purpurfarben geweſen und zeigte noch einige groteske Verſuche verſchiedenfarbiger Ver⸗ zierungen auf derſelben. Er trug uͤberdieß einen kurzen Mantel, der kaum bis zur Haͤlfte ſeines Koͤr⸗ pers reichte, von carmoiſinrothem Tuche, ziemlich be⸗ ſchmutzt und mit einem gelben Streifen eingefaßt war; und da er ihn rund um den Leib geſchlagen hatte, bildete die Weite gegen die fehlende Laͤnge ei⸗ nen ſeltſamen Kontraſt. Er trug duͤnne, ſilberne Armbaͤnder, und um den Nacken ein Halsband von gleichem Metalle mit der Inſchrift:„Wamba, der Sohn von Witleß iſt der Leibeigne Cedrics von Ro⸗ therwood.“ Auch er trug dieſelben Sandalen, wie ſein Gefaͤhrte, ſtatt der ledernen Bedeckung der Bei⸗ ne aber eine Art Kamaſchen, die eine roth, die an⸗ re gelb. An ſeiner Muͤtze hingen mehrere Schellen von der Groͤße derer, welche man den Falken um⸗ haͤngt, womit er, bei jeder Wendung des Kopfes ein Klingeln hervorbrachte, und da er ſelten einen Augenblick in derſelben Stellung blieb, toͤnte beſtaͤn⸗ dig ſort. Den Rand der Muͤtze aber umgab ein Band von ſteifem Leder, welches, auf der hoͤchſten Spitze getheilt, eine Art von Krone bildete, aus der ein laͤnglicher Beutel, wie bei unſern Huſarenmu⸗ ſͤ — 14 zen, bis auf die Schulter herabhing. An dieſem Theile der Muͤtze befanden ſich die Schellen, was eben ſowohl, als die Form ſeines Kopfputzes, und der halb verwirrte, halb liſtige Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes in ihm einen jener Hofnarren, oder Poſſen⸗ reiſſer erkennen ließ, deren man ſich in den Haͤuſern der Reichen zum Zeitvertreib und zur Aufheiterung bediente. Wie ſein Gefaͤhrte trug auch er am Guͤr⸗ tel eine Taſche, aber weder Horn, noch Meſſer, da man es vermuthlich fuͤr gefaͤhrlich hielt, Leuten ſei⸗ ner Art ſchneidende Inſtrumente anzuyertrauen. Statt deſſen war er mit einem ledernen Schwerte bewaffnet, dem aͤhnlich, womit der Harlekin auf der neuen Buͤhne ſeine Wunder thut. Das Aeußere dieſer beiden Leute bildete kaum einen ſtaͤrkeren Kontraſt, als ihr Blick und Beneh⸗ men. Das des Hirten war finſter und murriſch; mit dem Anſchein tiefer Niedergeſchlagenheit blickte er auf den Boden, und man haͤtte es leicht fuͤr Ge⸗ fuͤhlloſigkeit halten koͤnnen, haͤtte nicht das Feuer, das aus ſeinem roͤthlichen Auge ſpaͤhte, deutlich ge⸗ zeigt, daß unter dem Scheine muͤrriſcher Unterthaͤnig⸗ keit ein Gefuͤhl der Unterdruͤckung und eine Neigung zur Widerſetzlichkeit ſchlummere. In Wambas Blicken dagegen las man die Leu⸗ ten ſeines Schlags eigene, mußige Neugier und raſt⸗ loſe Unruhe, innigſt vereint mit der hoͤchſten Selbſt⸗ zufriedenheit mit ſeiner eigenen Lage und ſeiner guſ⸗ — ͦ— — * 15⁵ fern Erſcheinung. Ihr Geſpraͤch ward in angelſaͤchſt⸗ ſcher Mundart gefuͤhrt, die, wie wir ſchon erwaͤhn⸗ ten, mit Ausnahme der normaͤnniſchen Soldaten, und der unmittelbaren Diener der großen Lehnsherrn ſelbſt, allgemein von den niedern Klaſſen geſprochen wurde. Die Mittheilung deſſelben in der Urſprache wuͤrde dem Leſer wenig Unterhaltung gewaͤhren, zu ſeinen Gunſten folgt hier nachſtehende Uebertragung. „St. Witholds Fluch uͤber die verdammten Schweine!“ rief der Hirt, nachdem er nach Leibeskraͤften in das Horn geſtoſſen, um die zerſtreuten Schweine zu ſammeln, welche ſeinen Ruf zwar mit gleich me⸗ lodiſchen Toͤnen beantworteten, ſich aber nicht ſehr 4 beeilten, das leckere Mahl von Eicheln und Buͤcheln, 3 das ſich ihnen darbot, zu verlaſſen, oder ſich von dem ſchlammigen Ufer des Fluſſes zu trennen, an wel⸗ chem mehrere halbverſunken im Moraſt gemuͤthlich ausgeſtreckt lagen, ohne auf den Ruf ihres Gebieters nur im mindeſten zu achten. „Hol der heilige Withold ſie und mich!⸗ ſprach Gurth;„wenn die zweibeinigen Woͤlfe nicht noch vor Nacht einige von ihnen wegſchnappen, ſo bin ich kein ehrlicher Mann. Heda! Fangs! Fangs!“ rief er mit voller Stimme einem zottigen, wolfarti⸗ „ gen Thiere zu, halb Wind⸗halb Kettenhund, der laͤſ⸗ ſig hin und her hinkte, als ob er ſeinem Gebieter im Zuſammentreiben der widerſpaͤnſtigen Grunzer beiſtehen wollte 3 der aber, die Signale des Hirten A** falſch deutend, aus Uebel aͤrger machte und ſie immer mehr noch auseinander trieb. „Der Teufel moͤge dem Waldlaͤufer die Zaͤhne ausreißen und ſeine Großmutter der Buſchklepper vollends zu Schanden bringen, der unſern Hunden. die Vorderklauen ſtutzt und ſie zu ihrem Geſchaͤft un⸗ tauglich macht! auf Wamba! und ſteh mir bey, wen du ein Kerl auf den Platz biſt; lauf dort um den Huͤgel herum, gewinn ihnen den Wind ab, dann treibſt du ſie wie unſchuldige Laͤmmer vor dir her.“ Ohne ſich zu ruͤhren, entgegnete Wamba:„Fuͤr⸗ wahr, ich habe meine Beine hieruͤber zu Rathe ge⸗ zogen und ſie ſind der Meinung, daß es ſehr un⸗ freundſchaftlich gegen meine geſtrenge Perſon und koͤnigliche Garderobe ſein wuͤrde, wenn ich meine ſchoͤnen Kleidungsſtuͤcke in die Moraͤſte wagen wollte; deßhalb rathe ich dir, Gurth, ruf Fangs zuruͤck und uberlaß die Herde ihrem Schickſal, welches, moͤgen ſie nun auf umherſtreifende Soldaten, oder Geaͤcht 4 oder wandernde Pilgrimme ſtoßen, nichts weiter wird, als wenn ſie, noch ehe der Morgen tagt in Normaͤnner verwandelt wuͤrden, zu deiner nicht ge ringen Freude und Bequemlichkeit. „Die Schweine, in Normaͤnner verwandelt, meiner Bequemlichkeit?“ fragte Gurth;„erklaͤr mir das, Wamba, denn mein Gehirn iſt mir zu ſtum und mein Gemuͤth zu geplagt, um Raͤthſel zu loͤſen „Nun, wie nennſt denn du die grunzenden B. 4 ſtien 17 ſtten da, die hier auf ihren Vieren herum laufen 2“ fragte Wamba. „Schweine, Narr, Schweine!“ verſezte der Hirt, mjeder Narr weiß das.“ „Und Schweine iſt gut ſaͤchſt ſch?“ ſagte der Narr; „aber wie nennſt du denn die Sau, wenn ſie aus⸗ genommen, abgebruht, geviertelt und an den Hacken wie ein Hochverraͤther aufgehaͤngt iſt?“ „„P ork!* verſetzte der Schweirn ahirt. „Das freut mich ſehr, daß 34 er Narr dieß weißn⸗ ſagte Wamba,„und Pork iſt, duͤnkt mich, gut nor⸗ manniſch⸗franzoͤſiſch. So lang nun das Thier lebt, und von einem ſaͤchſiſchen Leibeigenen bewacht wird, da laͤuft es unter ſeinem ſaͤchſiſchen Namen; es wird aber normaͤnniſch, und wird Pork genannt, wenn es in der Halle des Schloßes zum Feſte der Großen ge⸗ bracht wird— nun, was meinſt du dazu, Freund Gurth, he“? 9 „Ia, ja das iſt nur zu wahr, Freund Wa amba, obgleich es in deinem Narrenhirn gewachſen iſt.“ „ Ich kann dir noch mehr ſagen,“ fuhr Wamba lichen Tone fort;„da 8 ein Alderman Ochs, der behaͤlt ſeinen ſachſiſchen Namen, wenn er unter der Bewachung der Sklaven und Leibeigenen bleibt, wie du einer biſt, aber er wird zum boeuf, zu einem tolzen⸗ galanten Franzoſen, wenn er vor die geſtrengen Kinnbacken koͤmmt, die ihn zu Wies ren beſtimmt find. n Heer Kalb wird auf gleiche W. Seotts Werke, XLIII. 2 Weiſe zum Monsieur de veau; es iſt Sachſe, ſo lang es der Wartung bedarf, und nimmt einen normaͤn⸗ niſchen Namen an, wenn es zum Genuſſe dient.“ „Beim heiligen Dunſtan,“ antwortete Gurth, „Du ſprichſt eine traurige Wahrheit; wenig mehr, als die Luft, die wir einathmen, iſt uns geblieben, und auch dieſe ſcheint man uns ungern und blos dar⸗ um zu laſſen, daß wir faͤhig ſind, die Laſten zu tra⸗ gen, die man uns auferlegt. Der fetteſte und fein⸗ ſte Biſſen koͤmmt auf ihren Tiſch, das Schmukeſte in ihr Bett; die Beſten und Tapferſten ergaͤnzen ih⸗ re Heere in der Fremde, und bleichen entfernte Laͤn⸗ der mit ihren Gebeinen; waͤhrend wenige zuruͤckblei⸗ ben, die den Willen und die Macht haͤtten, die un⸗ gluͤcklichen Sachſen zu beſchuͤzen. Gottes Segen üͤber unſern Herrn Cedric, der hat gehandelt wie ein Mann und ſich vor den Riß geſtellt; aber Reginald Front de Boeuf koumt in Perſon ins Land, da wer⸗ den wir ſehen, wie wenig Cedrics Bemuͤhungen nutzen werden.— Hieher, hieher,“ rief er wieder aus, ſei⸗ ne Stimme erhebend,„hoho! hoho! recht ſo, Fangs! jezt haſt du ſie glle vor dir und bringſt ſie ordentlich zuſammen.“ 1 „Gurth,“ ſagte der Spaßmacher,„ich w iß, du haͤltſt mich fuͤr einen Narren, ſonſt wuͤrdeſt du nicht ſo unbeſonnen deinen Kopf in meinen Rachen ſteckeu. Ein einziges Wort an Reginald Front de Boeuf oder Philipp de Malvoiſin, daß du verraͤtheriſch gegen die 13 Normannen geſprochen, und du biſt amt längſten Schweinhirt geweſen,— du muͤßteſt hier an einem dieſer Baͤume zappeln, ein warnendes Exempel fuͤr alle, die gegen wuͤrdige Leute ubels reden.“ „Hund, du wirſt mich doch nicht verrathen wol⸗ ken,“ verſetzte Gurth,„da du mich ſelbſt dahin fuͤhr⸗ teſt, daß ich Nachtheiliges von ihnen ſprach?“ Dich verrathen!“ antwortete der Spaßmacher; „nein, das könnte nur ein weiſer Mann thun; ein Narr kann ſich nicht halb ſo aut helfen— aber ſtill — wer iſt denn das?“ fragte er, dem jezt hoͤrbar werdenden Pferdegetrappel lauſchend. „Ei, ſo kuͤmmere dich nicht darum,“ antworteke Gurth, der nun ſeine Herde beiſammen hatte, und mit Huͤlfe Fang's eine lange, dunkle Allee hinabtrieb. „Nein, ich muß erſt die Reiterei ſehen,“ ant⸗ wortete Wamba;„ſie kommen vielleicht aus dem Feenlande mit einer Botſchaft vom Koͤnig Oberon.“ „Hol dich der Teufel,“ erwiederte der Schwein⸗ hirt;„wie magſt du nur auch ſolch Zeug reden, da ein ſolches Unwetter mit Donner und Blitz gegen uns im Anzuge iſt?— Horch, wie der Donner rollt! Nie ſah ich bei einem Sommerregen ſo ſtarke Tropfen ſenkrecht aus den Wolken fallen. Trotz der Windſtille ſeufzen und krachen die Eichen mit ihren großen Aeſten, als wollten ſie einen Sturm verkuͤn⸗ den. Du kannſt meinethalben den Starkglaubigen ma⸗ chen, aber ſpute dich, daß wir nach Hauſe kommen, 2„ ehe der Sturm zu wuͤthen beginnt; die Nacht wird furchtbar ſein.“ Wamba ſchien die Kraft ſeiner Gruͤnde zu fuͤh⸗ len und begleitete ſeinen Gefaͤhrten, der, nachdem er einen langen Knittel, der ihm zur Seite lag, ergrif⸗ fen, ſeine Reiſe antrat. Schnell ſchritt dieſer zweite Eumaͤus, indem er die ganze Herde ſeiner unhar⸗ moniſchen Pflegbefohlenen vor ſich her trieb, durch die Waldebene hin. —— Zweites Kapitel. Da war ein Mönch der ſchmuckſte Cavalier, Zog Tag für Tag ins luſtige Waldrevier. Die ſtattliche Figur war wohl des Krummſtabs werth: Ihm wiehert in dem Stall manch ſtolzes Pferd Und wenn ey ritt, ſo drang zu manchem Ohr Des Zügels Klingen wie Gefang empor. So ſcharf und laut, als wollte Dir ſein Läuten Den Lord als Hüter der Kapelle deuten⸗ Chaucer⸗ Trotz den Ermahnungen und Vorwuͤrfen ſeines Gefaͤhrten, konnte ſich Wamba nicht enthalten, unter mancherlei Vorwand auf der Straße ſich umzuſehn und auf die immer naͤher toͤnenden Hufſchlaͤge zu ach⸗ ten; bald riß er ſich einen Buͤſchel halbreifer Haſel⸗ 24 nuͤße ab, bald wandte er ſich um, einem Bauerninaͤb⸗ chen nachzuſehn, das des Weges daherkam; die Rei⸗ ter hatten ſie deßhalb auch ſe hr bald eingeholt, Es waren ihrer zehn; die beiden Vorausreiten⸗ den ſchienen Leute von Bebeutung zu ſein, die au⸗ dern ihr Gefolge auszumachen; auch fiel es nicht ſchwer, Stand und Charakter der einen dieſer beiden Perſonen zu beſtimmen. Er war augenſcheinlich ein Geiſtlicher von hohem Nange; ſeine Kleidung war die eines ziſterzienſer Moͤnches, nur daß ſie aus feinern Stoffen beſtand, als ſonſt die Regel des Ordens ge⸗ ſtattete. Mantel und Kapuze von dem feinſten flan⸗ driſchen Tuche umgaben in weiten, nicht unzierli⸗ chen Falten den ſchoͤnen, wenn gleich etwas wohlge⸗ naͤhrten Mann. Sein Aeußeres trug ſo wenig die Spuren der Selbſtverlaͤugnung, als ſeine Kleidung Verachtung weltlichen Glanzes zeigte. Man konnte ſeine Zuͤge ſchoͤn nennen, wenn nicht unter dem ge⸗ ſenkten Augenliede jenes ſchlaue epikuraͤiſche Blinſeln gelauſcht haͤtte, das den vorſichtigen geiſtlichen Wol⸗ luſtling bezeichnet. Stand und Lage hatten ihn ſonſt vollkommen gelehrt, den Ausdruck ſeines Geſichtes zu beherrſchen, ſo daß er nach Gefallen die Miene der andaͤchtigſten Feierlichkeit annahm, obgleich der natuͤr⸗ liche Ausdruck deſſelben der einer wohlgelaunten ge⸗ ſelligen Jovialitaͤt war. Trotz den Regeln des Klo⸗ ſters und den Verboten der Paͤbſte und Konzilien wa⸗ ren die Aermel dieſes Ehrenmannes mit koſtbarem Pelzwwerk gefuͤttert und beſetzt, der Mantel uͤber der Bruſt mit goldnen Spangen befeſtigt, und die ganze Ordenskleidung ſo verſchoͤnert und verziert, wie die einer heutigen Quaͤckerſchoͤnheit, welche, aller Einfach⸗ heit in Schnitt und Farbe ungeachtet, durch die Wahl des Stoffes und die Art, ihn zu verwenden, derſel⸗ ben einen Anſtrich von Koketterie zu geben verſteht, der nur gar zu ſehr nach den Eitelkeiten der Welt⸗ kinder ſchmeckt. Dieſer wuͤrdige Sohn der Kirche ritt ein wohlge⸗ der Zaum aber nach der Sitte jener Zeit mit ſilber⸗ nen Gloͤckchen behangen war; ſeine Haltung verrieth ders, ſondern zeigte vielmehr den ungezwungenen leichten Anſtand eines wohlgeuͤbten Reiters; in der That ſchien auch das demuͤthige Maulthier, ſo gut es zu werden. Einer der Laienbruͤder ſeines Gefolges fuͤhrte zu ſeinem anderweitigen Gebrauche einen der ſchoͤnſten, andeinſiſchen Hengſte, wie ſie damals mit großer Gefahr und Muͤhe fuͤr Perſonen von bedeuten⸗ der Wichtigkeit durch Handelsleute eingebracht wur⸗ den. Sattel und Schabracke dieſes praͤchtigen Zelters waren mit einer langen Decke belegt, die faſt bis zur ke geiſtliche Sinnbilder prangten, Ein anderer Laten⸗ naͤhrtes Maulthier, deſſen Reitzeug reich verziert, keineswegs das linkiſche Benehmen eines Kloſterbru⸗ im Stande und ſo bequem es zugeritten war, von dem galanten Moͤnche nur auf der Landſtraße benuͤtzt 14 Erde hing, worauf Biſchofsmuͤtzen, Kreunze und ande: bruder fuͤhrte ein zweites Saumthier, das wahrſchein⸗ lich das Gepacke des geiſtlichen Herru trug, und zwei Moͤnche des Ordens von geringerer Klaße ritten la⸗ chend und ſchwatzend, ohne ſich viel um die uͤbrigen Reiter zu bekuüͤmmern, hinten nach. Der Gefaͤhrte des Praͤlaten war ein Mann uͤber bie vierzig hinaus, ſchlauk, aber ſtark und kraͤftig ge⸗ baut, eine wahre Athletengeſtalt, welcher lange Stra⸗ patzen und Anſtrengungen keinen Zug der zaͤrtern menſchlichen Form mehr gelaſſen, ſondern Alles auf Knochen, Sehnen und Adern verwandt hatten, die tau⸗ ſendfache Anſtrengungen ertragen und bereit waren es mit noch taufenden aufzunehmen. Eine ſcharlach⸗ ne mit Pelz verbraͤmte Muͤtze von der Art, welche die Franzoſen wegen der Aehnlichkett mit einem um⸗ gekehrten Moͤrſer Mortier nennen, bedeckte ſein Haupt. Sein Geſicht war ſomit voͤlig frei, und ſei⸗ ne Miene geeignet, Achtung wo nicht Furcht ein⸗ zufloͤßen. Seine von Natur ſtolzen, ſtrengen aber hoͤchſt ausdrucksvollen Zuͤge waren durch die tropiſche Sonne faſt negerartig gebraͤunt, und ſchienen in ih⸗ rein gewoͤhnlichen Zuſtande zu ſchlummern, nachdem der Sturm der Leſdenſchaften daruber hinweggegangen war; allein die ſtark hervortretenden Adern auf der Stirn, das Zucken der Oberlippe und des ſtarken, ſchwarzen Stutzbartes, das bei der leichteſten Aufre⸗ gung erfolgte, zeigten deutlich, daß der Sturm ſchnell und eicht wieder zu wecken ſei. Seine kuͤhnen, 19 den, ſchwarzen Augen verkuͤndeten mit jedem de ick die Geſchichte uͤberwundener Schwierig⸗ keiten und Gefahren und ſchienen einen Widerſtand gegen ſeine Wuͤnſche herauszuſodern, um das Ver⸗* gnuͤgen zu haben, ihn durch entſch luſſenen Willen und feſten Muth aus dem Wege zu raͤumen; eine tiefe Narbe uͤber den Augenbraunen rhihen den Eruſt ſeiner Zuͤge, und gab dem einen Auge einen unheimlichen ſinſtern Ausdruck, da es durch ſie leicht beſchaͤdigt war, und die Pupille obwohl vollkommen wieder ihre Sehkraft, dennoch einen etwas ſchiefen Blick erhalten hatte. Das Oberkleid dieſes Mannes glich im Schnitte dem ſeines Gefährten, da es ebenfalls ein langer Moͤnchsmantel war; allein die ſcharlachrothe 5* deſſelben bewies, daß er keinem der gewoͤhnlichen vie Moͤnchsorden angehoͤrte. Auf der rechten Seite Mantels befand ſich ein Kreuz von weißem Tu aber ganz beſonderer Form. Dieß Oberkleid verbarg etwas, das beim erſten Aubhlick nicht zu ſeiner Form zu paſſen ſchien; es war ein Panzerhemd mit Aer⸗ meln und Handſchuhen vom nehmlichen S Ztoffe, das ſich ebenſo ſch nie eoſamn dem Koͤrper aupaßte, wie dieteni⸗ gen Hemd he jezt auf den Strumpfwirker, uͤhlen aus minder hartem Materialgefertigt werden. Die Vor⸗ derſeite ſeiner Veine, wo der fättige Mantel ihren Anblic geſtattete, war gleichfalls mit Metallſchnppen bedeckt, Kuie und Fuße ſchätzten Stahlplatten kunſilish Per⸗ — 82 einander gelegt, indeß ein Schuppenſtrumpf die Bei⸗ ne vom Knoͤchel bis zum Knie um loß. Im Guͤr⸗ tel trug er einen langen, zweiſchneidigen Dolch, die einzige Angriffst waffe, die er bei ſich fuͤhrte. Er ritt nicht wie ſein Gefaͤhrte ein Maulthier, ſondern einen tuͤchtigen Klepper, um ſein Streitroß zu ſchonen, das von einem Knappen nachgefuͤhrt wur⸗ de, volkommen in Schlachtruͤſtung gehuͤllt, mit ei⸗ ner ſtaͤhlernen Kaype uͤber dem Kopf, die vorn mit einer kurzen Pike verſehen war. An der einen Sei⸗ te des Sattels hing eine kurze Streitart, reich da⸗ Faszirt, au der andern des Ritters Helm mit wal⸗ lenden Federn und der Sturmhaube, und das lange Schwert, das die Ritte r jexer Zeit au n andere ſeines Herrn. an deren Sy erte, worauf ein Kreuz v Form, wie das auf den Mantel geſtik ſehen war. Auch trug er den kleinen dreieckigen Schild, der am obern Ende breit genng war, die Bruſt zu ſchuͤtzen, dann aber ſpizig zulief, und mit einem ſcharlachnen Tuche bedeckt war, ſo daß man die Deviſe darauf nicht erkennen konnte. Dieſen beiden Knappen folgten n zivet Diener, de⸗ ren dunkle Geſichtsfarbe, weiße Turbane und mor⸗ genlaͤndiſche Tracht ſie als Söoͤh oͤhne des fernen SMens Perhne eten. Wild und fre md war der Aufzug Kriegers, ſo wie ſeiner Begletter, die Kleid Knappen waren koſtbar, und die morgenlaͤndiſche Die⸗ ner trugen ſilberne Halsbaͤnder um den Nacken, und Spangen von demſelben Metall um ihre ſchwarzbrau⸗ nen Arme und Beine, deren erſtere bis zum Ellbo⸗ gen, die lezteren vom Knoͤchel bis zum halben Beine entbleſſt waren. Seide und Stickerei zierte ihre Klei⸗ dung und zeugte von dem Reichthum ihres Gebieters, indeß ſie zugleich einen auffallenden Kontraſt gegen ſei⸗ nen eigenen Anzug bildeten. Sie waren mit krum⸗ men Saͤbeln bewaffnet, deren Griff und Gehaͤnge mit Gold ausgelegt waren; ihre tuͤrkiſchen Dolche waren beinahe von noch koͤſtlicherer Arbeit. Jeder von ih⸗ nen hatte an dem Sattelknopf einen Buͤndel Pfeile oder Wurfſpieße, die etwa vier Fnß lang waren und ſtarke Stahlſpitzen hatten, eine Waſſe, welche da⸗ mals bei den Sarazenen ſehr gewoͤhnlich war; und deren Andenken ſich noch in dem kriegeriſchen Spiele el lerrid erhalten hat, das noch im ganzen Morgen⸗ lande uͤblich iſt. 3 Auch die Pferde dieſer Diener erſchienen eben ſo fremd, als ihre Reiter; ſarazeniſchen Urſprungs, wa⸗ ren ſie folglich von arabiſcher Rasge, und ihre feine⸗ ren, ſchlanckeren Glieder, ihre duͤnnen Maͤhnen und 2 ſchmalen Hufe nebſt ihrem leichten, raſchen Gang bildeten einen ſtarken Gegenſatz gegen die ſchweren, ſtarkgebauten Roſſe, die ſowohl in Flandern, als in der Normandie gezogen wurden, um die Krieger je⸗ ner Zeit in ihrer vollen Waffenruͤſtung zu tragen; beide nebeneinander geſtellt, ſchienen die morgenlaͤn⸗ diſchen Renner der bloſe Schatten ihrer abendaͤndi⸗ ſchen Bruͤder zu ſein. Das ſonderbare Aeuſſere die⸗ ſes Reiterzuges erregte nicht nur Wambas Neugier⸗ de, ſondern auch die ſeines minder beweglichen Ge⸗ faͤhrten. Den Moͤnch erkannte er ſogleich als den Prior der Abtei von Jorvaulx viele Meilen in der Runde wohl bekannt als ein Liebhaber der Jagd, der Taſelfreuden, und wenn ihm die boͤſe Welt nicht zu viel that, noch anderer weltlichen Zeitvertreibe, die ſich noch weniger mit ſeinem Kloſtergeluͤbde ver⸗ trugen. 15 Aber ſo wenig ſtreng waren die Begriſſe je⸗ ner Zeit ſowohl in Hinſicht der weltlichen als der kloͤſterlichen Geiſtlichkeit, daß Prior Aymer bei all dem in ſeiner N⸗ bbarſchaft in gutem Rufe tand. Seine offene Jovialitaͤt, und die Willfaͤhrig⸗ keit, fuͤr gewoͤhnliche Suͤnden Abſolution zu ertheilen, machten ihn zum Liebling des Adels und der vorneh⸗ meren Baronen der Umgegend, zumal da er, aus einer angeſehenen normanniſchen Familie entſproſſen, mit vielen von ihnen in Verwandtſchaft ſtand. Die Damen insbeſondere waren gar nicht gelaunt, die Sitten eines Mannes zu ſtrenge zu richten, der ein ſo erklaͤrter Bewunderer ihres Geſchlechtes war, und ſo manche Mittel beſaß, die Langeweile zu verſcheu⸗ chen, welche ſich nur zu leicht in die Hallen und Garten der damaligen Abelsſchloßer einſchliech, 28 Mit mehr als gebuͤhrendem Eifer hing der Prior den Jagdbeluſtigungen nach, und ward fuͤr den Be⸗ ſitzer der beſten Falken und Jagdhunde in der noͤrdli⸗ chen Umgegend gehalten; lauter Vorzuͤge, die ihn bei dem jungen Adel fehr empfehlen mußten. Mit den Alten wußte er ſich mit großem Anſtand andern Luſt⸗ barkeiten zu uͤberlaſſen. Seine wenn auch nur ober⸗ flaͤchlichen Kenntniſſe waren mehr denn hinreichend, ih⸗ rer Unwißenheit zu imponiren, ſo wie das Feierliche in ſeinem Benehmen und ſeiner Sprache, der hohe Ton, womit er von der Macht und Gewalt der Kir⸗ che ſprach, nicht verfehlte, ihnen eine groſſe Meinung von ſeiner Heiligkeit beizubringen. Selbſt der ge⸗ meine Mann, ſonſt der ſtrengſte Richter der Vor⸗ nehmern, hatte Nachſicht mit den Schwaͤchen des Prior Aymer. Er war feigebig, und Liebe bedecket bekanntlich auch in einem andern Sinne, als dem der Schrift, der Suͤnden Menge. Die betraͤchtlichen Einkuͤnfte der Abtet, von denen ein großer Theil ihm zu Gebote ſtand, gaben ihm eben ſowohl die Mittel, ſei⸗ ne eigenen Ausgaben zu beſtreiten, als auch groß⸗ muͤthige Spenden an die Landleute zu vertheilen und ſie in ihrem Elend zu troͤſten. Sah man Prior Ay⸗ mer in geſtrecktem Gallop auf die Jagd ausreiten— zu lange beim Gaſtmahl verweilen— ſah man ihn bei Tagesanbruch von irgend einem naͤchtlichen Ren⸗ devous zum Hinterpfoͤrtchen in die Abtei hinein ſchluͤpfen, ſo zuͤckten die Leute die Achſeln, und verſoͤhn⸗ 29 ten ſich mit ſeiner Unregelmaͤßigkeit mit der Erinne⸗ rung, daß viele ſeiner geiſtlichen Bruͤder ſich dieſel⸗ ben Unordnungen zu Schuld kommen ließen, ohne durch beßere Eigenſchaften Erſatz dafuͤr zu geben. Unſern ſaͤchſiſchen Leibeigenen war alſo Prior Aymer nach ſeinem Thun und Treiben wohl bekannt, und gerne bezeugten ſie ihm ihre linkiſche, baͤuriſche Ver⸗ ehrung, wofur ſie ſein benedicite mes Fils(meinen Segen uͤber euch, geliebte Soͤhne) zum Lohn empfin⸗ gen. Die ſonderbare Erſcheinung ſeines Gefaͤhrten und ihrer Begleiter nahm jedoch ihre Neugierde ſo ſehr in Anſpruch, daß ſie kaum auf die Frage des Prior von Jorvaulr achteten, ob ſie nicht irgend ei⸗ ne Herberge in der Nachbarſchaft wuͤßten; ſo ſehr waren ſie uͤber die halb moͤnchiſche, halb ritterliche Erſcheinung des ſonnverbrannten Fremdlings und die ungewoͤhnliche Tracht und Bewaffnung ſeiner mor⸗ genlaͤndiſchen Begleiter erſtaunt. Wahrſcheinlich mochte die Sprache, womit der Segen ertheilt wor⸗ den und die Frage gethan ward, in den Ohren der ſaͤchſiſchen Landleute unangenehm, wenn auch nicht unverſtaͤndlich klingen. Deßhalb wiederholte alſo der Prior, die Stimme erhebend, ſeine Frage, indem er ſich der lingua fanca bediente, wie man jene aus normaͤnniſch franzoͤſiſch und angelſaͤchſtſch gemiſchte Sprache zu nennen pflegte:„Ich fragte Euch, meine Kinder, ob ſich hier in der Naͤhe irgend ein freund⸗ licher Hauswirth beſinde, der um Gottes Willen und aus Liebe zur Mutter Kirche zweien ihrer de⸗ muͤthigſten Diener fuͤr dieſe Nacht mit ihrem Ge⸗ folge gaſtfreies Obdach und Erquickung gewaͤhren moͤchte?“ Dieß ſprach er mit ſo ſelbſtgefaͤlligem, wichtigem Tone, daß es auffallend gegen die beſcheidenen Aus⸗ druͤcke abſtach, deren er ſich zu bedienen fuͤr gut fand. „Zwei der demuͤthigſten Diener der Mutter Kirche!“ wiederholte Wamba bei ſich ſelbſt.— So ſehr er auch Narr war, trug er doch Bedenken, ſei⸗ ne Bemerkung laut werden zu laſſen;„nun wahr⸗ haftig, da moͤchte ich doch ihre Seneſchalle, Ober⸗ kellermeiſter und andere hohe Hausbeamten ſehen.“ Nachdem er des Priors Frage auf ſolche Weiſe kom mentirt, erhob er ſeine Augen und erwiederte. „Wenn die ehrwuͤrdigen Vaͤter,“ ſagte er,„ei⸗ ne leckere Koſt und begueme Wohnung lieben, ſo duͤrfen ſie nur noch ein Paar Meilen weiter reiten, um in die Abtei Brinrworth zu gelangen, wo ihr Stand ihnen die ehrenvolſſte Aufnahme ſichert; oder wollen ſie die Nacht lieber in Buße und Gebet zu⸗ bringen, ſo moͤgen ſie nur den freien Platz dort im Auge behalten, ſo kommen ſie nach der Einſiedelei von Copmanhurſt, wo der fromme Waldbruder ihnen gerne den Schutz ſeiner Klauſe und die Wohl⸗ thar ſeiner Gedete goͤnnen wird.“ Der Prior ſchuͤttelte auf beide Vorſchlaͤge den Kopf. „Mein ehrlicher Freund,“ ſprach er,„wenn das 34 Laͤuten deiner Schellen dir nicht den Verſtand ge⸗ ſtoͤrt haͤtte, ſo muͤßteſt du den Spruch wiſſen: Cle⸗ ricus clerieum non decimat, das will naͤmlich ſagen, wir Geiſtlichen lieben es nicht, gegenſeitige Gaſtfrei⸗ heit in Anſpruch zu nehmen, ſondern ziehen es vor, bei Laien einzutreten, indem wir ihnen ſo Gelegen⸗ heit geben, durch Verehrung und Erquickung der Diener Gottes ſich dieſem wohlgefällig zu machen.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Wamba,„daß ich, der ich nur ein Eſel bin, dem ungeachtet die Ehre habe, mit Ew. Hochwuͤrden Schellen zu tragen. Aber ich haͤtte doch geglaubt, daß die Wohlthaͤtigkeit der Mut⸗ ter Kirche und ihrer Diener, gleich andrer Wohlthaͤ⸗ tigkeit zu Hauſe bei ſich anfangen muͤßte.“ „Schweig, frecher Burſche,“ verſetzte der bewaff⸗ nete Reiter, indem er mit ſtarker und ernſter Stim⸗ me ſein Geſchwäͤtz unterbrach,„ſag' uns, wenn du kannſt, den Weg zu— nun wie nennt Ihr Euern Franklin, Prior Aymer? „Cedric,“ antwortete der Prior;„Cedric, dem Sachſen.— Sag mir guter Burſche, haben wis weit zu ſeiner Wohnung, kannſt du uns den Weg dahin zeigen?“ „Der Weg wirdb ſchwer zu finden ſein,“ antwor⸗ tete Gurth, der jezt zum erſten Mal den Mund auf⸗ that,„auch geht man in Cedries Hauſe fruh zur Ruhe.“ „Schweig damit, Kerl,“ rief der kriegeriſche Rei⸗ ter,„ſie koͤnnen leicht wieder zufſehen, um Reiſen⸗ 32 de, wie wir ſind, aufzunehmen; wir betteln nicht um Gaſtfreundſchaft, wo wir ein Recht ſie zu for⸗ dern haben.“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte muͤrriſch Gurth,„ob ich denen den Weg zu meines Gebieters Hauſe zei⸗ gen ſoll, die das Obdach, welches die Leute ſonſt als Gunſt erflehen, als ein Recht anſprechen wollen.“ „Willſt du mir widerſprechen, Sklave?“ rief der Kriegsmann, und dem Roße die Sporen gebend ließ er es eine halbe Volte über den Weg hin ma⸗ chen, indem er zugleich die Reitpeitſche erhob, um das, was er Unverſchaͤmtheit des Bauern nannte, zu beſtrafen. Gurth ſchoß einen wilden rachſuͤchtigen Blick auf ihn und legte mit zoͤgernder aber kuͤhner Bewegung die Hand an den Griff ſeines Meſſers; allein Prior Aymer, der ſich mit ſeinem Maulthier zwiſchen ſei⸗ nen Gefahrten und den Schweinhirten ſchob, verhin⸗ derte die beabſichtigte Gewaltthaͤtigkeit. „Nein, bei der heiligen Mutter, Bruder Brian, Ihr mußt nicht glauben, daß Ihr in Palaͤſting ſeid, und uͤber Heiden und Sarazenen zu gebieten habt; 4 wir Inſulaner lieben keine Schlaͤge, als die der hei⸗ ligen Kirche, welche diejenigen zuͤchtiget, die ſie lieb hat.— Zeig' mir, guter Menſch,“ wandte er ſich an Wamba, indem er ſeiner Frage durch eine Sil⸗ bermuͤnze Nachdruck gab, den Weg zu Cedrics, des Sachſen Haus;„er kann dir nicht unbekannt ſein, und 33 und es iſt deine Pilicht, Wanderer auf den rechten Weg zu weiſen, wenn ſie auch von minder heiligem Stande waͤren, als wir.“ „In Wahrheit, ehrwuͤrdiger Vater,“ antwortete der Spaßmacher,„der Sarazenenkopf Eures verehrten Gefaͤhrten hat mir den Heimweg gaͤnzlich aus dem meinen hinausgeſchreckt— ich bin ſelbſt nicht ſicher, ob ich den Weg bei Nacht dahin finden werde.“ „Schweig,“ ſagte der Abt,„du kannſt ihn uns zeigen, wenn du willſt. Der ehrwuͤrdige Bruder da hat ſein ganzes Leben um die Wiedererlangung des heiligen Grabes gefochten; er iſt vom Orden der Tempelherren, von dem Ihr gehoͤrt haben werdet, er iſt halb Moͤnp, halb Krieger.“ „Und wenn er auch nur ein halber Moͤnch iſt,“ ſprach der Spaßmacher,„ſo ſollte er nicht ſo ganz ungebuͤhrlich gegen diejenigen verfahren, die er auf der Straße trifft, und wenn ſie ſich auch nicht beeilen ſonten, ihm auf Fragen zu antworten, die ſie nichts angehen.“ „Ich vergeb' dir deinen Spaß,“ erwiederte der Abt,„unter der Bedingung, daß du uns den Weg zu Cedries Wohnung zeigſt.“ „Wohl denn, antwortete Wamba,„Ew. Hoch⸗ wuͤrden bleiben immer auf dieſem Wege, bis ſie zu einem verſunkenen Kreuze kommen, das kaum noch einen Fuß hoch vom Boden hervorragt; dann ſchlagt Ihr den zur Linken ein, ſo hoff ich, werden Ew⸗ W. Scott’s Werke. XLIII, 3 Hochwuͤrden unter Dach kommen noch ehe das Wet⸗ ter heraufzieht.“ 3 Der Abt dankte ſeinem weiſen Rathgeber; und den Pferden die Sporen gebend flogen die Reiter da⸗ hin, um noch vor Ausbruch des naͤchtlichen Sturmes ein Obdach zu ſinden. Als der Schall der Hufſchlage verhallte, ſagte Gurth zu ſeinem Gefaͤhrten:„wenn ſie deinem klugen Rathe folgen, ſo werden die ehr⸗ wuͤrdigen Vaͤter in dieſer Nacht ſchwerlich Rotherwood erreichen.“— „Nein,“ erwiederte ſchmunzelnd der Narr,„aber nach Scheffield kommen ſie gewiß, wenn das Gluͤck ihnen guͤnſtig iſt, und das iſt ein wohlgeziemender Ort fuͤr ſie. Ich bin kein ſo ſchlechter Jaͤgersmann, um dem Hunde das Lager des Hirſches zu zeigen, wenn es mir nicht anſteht, daß er ihn jagen ſoll.“ „Du haſt Recht,“ ſagte Gurth;„es waͤre ſchlimm, wenn dieſer Aymer die Lady Rowena zu Geſicht be: kaͤme, und noch ſchlimmer vielleicht, wenn Cedric mit dieſem kriegeriſchen Moͤnch in Streit kommen wuͤrde. So laß uns alſo als treue Diener Alles hoͤren und ſehen und nichts dazu ſagen.“ Wir kehren zu unſern Reitern zuruͤck, welche ſich kaum von ihren Wegweiſern getrennt hatten, als ſie in der normaͤnniſch franzoͤſiſchen Sprache der hoͤheren Klaſſe folgende Unterredung anknupften: „Was waren dieſe unverſchaͤmten Kerls, und — —— warum verhindertet Ihr mich, ſie zu zuͤchtigen?“ fragte der Templer den Benediktiner. „Meiner Treu, Bruder Brian,“ verſetzte der Prior, es waͤr ein boͤſes Ding, wenn ich in Hinſicht des einen Rechenſchaft ablegen ſollte; der andere Kerl aber gehoͤrt zu der wilden, ſtolzen und unbengſamen Rage, von der es noch einige gibt, die man, wie ich Euch oft ſchon ſagte, noch immer unter den Ab⸗ koͤmmlingen der beſiegten Sachſen findet, deren hoͤch⸗ ſtes Vergnuͤgen iſt, durch alle ihnen zu Gebot ſte⸗ henden Mittel ihren Widerwillen gegen ihre Beſie⸗ ger an den Tag zu legen.“ „Ich wollt ihm gleich Hoͤflichkeit eingeblaͤut ha⸗ ben,“ bemerkte Brian;„und bin es gewohnt, mit ſolchen Starrkoͤpfen umzuſpringen; unſre tuͤrkiſchen Gefangenen ſind ſo trotzig und unbeugſam als Odin ſelbſt ſein konnte, zwei Monate in meinem Haus⸗ halt, unter der Fuchtel meines Sklavenmeiſters, ſind ſie ſo demuͤthig, unterwuͤrfig und dienſtfertig, als man ſich nur immer wuͤnſchen kann. Nur vor Gift und Dolch muͤßt Ihr auf Eurer Hut ſein; denn da⸗ mit ſind ſie gleich bei der Hand, wenn Ihr ihnen die geringſte Gelegenheit dazu gebt.“ „Ei nun, ein jedes Land hat ſeine eigenen Sit⸗ ten, und außer dem, daß die Zuͤchtigung dieſes Bur⸗ ſchen uns nicht den Weg zu Cedrics Wohnung ge⸗ zeigt haͤrte, ſo wuͤrde ſie nur zu Haͤndel zwiſchen n gefuͤhrt haben, wenn wir den Weg ge⸗ 36 funden haͤtten. Erinnert Euch, was ich Euch ſagte; dieſer reiche Franklin iſt ein ſtolzer, jaͤhzorniger und reizbarer Menſch, und haͤlt dem Adel ſowohl als ſei⸗ nen Nachbarn Reginalt Front de Boeuf und Philipp Malveiſin, die eben keinen Scherz verſtehen, Wider⸗ part. Er tritt ſo muthig zum Schutz der Rechte ſeines Stammes auf, und iſt ſo ſtolz auf ſeine gerade Abkunft von Hereward, einem beruͤhmten Kaͤmpen der Heptrachie, daß er gewoͤhnlich nur Cedric der Sachſe heißt, und eine Ehre darein ſetzt, von einem Volke abzuſtammen, das ſo viele andere aus Furcht kluͤglich zu verlaugnen ſuchen, damit ihnen nicht ein Theil des vae victis, der Leiden, die den Beſiegten treffen, auferlegt werden moͤchte.“ „Prior Aymer,“ entgegnete der Templer,„Ihr ſeid ein galanter Mann, wohl erfahren im Dienſte der Damen, und trotz einem Troubadour in Liebes⸗ angelegenheiten bewandert; indeßen muß dieſe beruͤhmte Rowena ſehr ſchoͤn ſein, wenn ſie die Selbſtverlaͤug⸗ nung und Geduld aufwiegen ſoll, welche ich aufbieten muß, um mir die Gunſt dieſes groben Trotzkopfes zu ſichern, wie Ihr mir ihren Vater Cedric beſchrie⸗ ben habt.“ „Ledric iſt nicht ihr Vater,“ entgegnete der Pri⸗ or,„er iſt blos entfernt mit ihr verwandt; ſie iſt von hoͤherer Abkunft, als er ſich ruͤhmt, zu ihrem Vormunde hat er ſich ſelbſt, wie ich glaube, beſtellt; allein ſeine Muͤndel iſt ihm ſo theuer, wie ſein eigen 37 Kind. Von ihrer Schoͤnheit ſollt Ihr bald ſelbſt ur⸗ theilen koͤnnen, und wenn die Vollkommenheit ihrer Geſtalt, und der majeſtaͤtiſche, wenn gleich ſanfte Ausdruck des blauen Auges Euch nicht alle ſchwarz⸗ lockigen Maͤdchen Palaͤſtinas, ja ſelbſt die Houris in Mahomeds Paradies vergeſſen laͤßt, ſo bin ich ein Unglaͤubiger und kein achter Sohn der Kirche.“ „Sollte aber Eure geruͤhmte Schoͤnheit auf der Wage zu leicht befunden werden,“ ſprach der Temp⸗ ler,„ſo wißt Ihr unſre Wette?“ „Meine goldene Halskette antwortete der Pri⸗ or,„gegen zehen Flaſchen Chierwein; ſie ſind mir ſo ſicher, als laͤgen ſie ſchon in dem Kloſterkeller unter dem Schloß und Riegel des alten Kellermeiſters Dennis.“ „Und ich ſelbſt ſoll Richter ſein,“ ſagte der Temp⸗ ler;„und meine eigene Ueberzeugung ſoll mich zum Geſtaͤndniß bringen, daß ich ſeit Pfingſten vor'm Jahr kein ſchoͤnres Maͤdchen ſah?— Prior, Eure Halsket⸗ te ſteht in großer Gefahr. Ich will ihn uͤber meinen Ringkragen in den Schranken von Aſhby de la Zouche tragen.“ „Gewinnt ſie mit Recht,“ verſetzte der Prior, „und traat ſie, wo Ihr wollt. Ich baue auf Euer Wort als Ritter und Geiſtlicher, daß Ihr die Wahr⸗ heit ſaget. Aber, Bruder, folgt meinem Rathe und zwingt Eure Zunge zu etwas mehr Hoͤflichkeit, als Eure Gewohnheit bei unglaubigen Gefangenen und morgenlaͤndiſchen Sklaven Euch zu eigen machte. Ce⸗ drie der Sachſe iſt leicht beleidigt, und da mochte er auf Eure und meine hohe Wuͤrde, ſo wie auf Euer Ritterthum wenig Ruckſicht nehmen, uns bei Nacht und Nebel aus dem Hauſe werfen, und ein Quar⸗ tier bei den Lerchen anweiſen, habt auch Acht auf Eure Blicke, womit Ihr Lady Rowena betrachtet, denn er bewacht ſie mit der aͤngſtlichſten Sorgfalt, und ſollte er nur den geringſten Argwohn faßen, ſo ſind wir verloren. Man ſagt, er habe ſeinen einzi⸗ gen Sohn aus dem vaͤterlichen Hauſe verbannt, weil dieſer es wagte, ſein Auge liebend zu ihrer Schoͤn⸗ heit zu erheben, die man, wie es ſcheint, nun aus der Ferne anbeten, ſich ihr aber nicht mit andern Gedanken, als der heiligen Jungfrau ſelbſt, naͤhern darf.“ „Schon gut,“ antwortete der Templer,„ich will mir dieſe Nacht den noͤthigen Zwang anthun, und mich ſo verſchaͤmt als ein Maͤdchen gebaͤrden, was aber das Hinauswerfen anbelangt, dagegen will ich Euch mit meinen Knappen und Hamed und Ab⸗ dallah hinlaͤnglich ſchutzen. Zweifelt nicht, daß wir Manns genug ſind, unſer Quartier zu behaupten.“ „Wir dürfen es nicht ſo weit kommen laßen,“ antwortete der Prior,„aber da iſt des Narren ver⸗ ſunkenes Kreuz, und die Nacht iſt ſo finſter, daß wir kaum etwas von einem Wege unterſcheiden koͤnnen. Er hieß uns, glaub ich, den zur Linken nehmen.“ 55 „Den zur Rechten,“ ſo viel ich mich erinnere,“ meinte Brian. „Den Linken ganz gewiß, den Linken! ich erin⸗ nere mich, wie er dahin mit ſeinem hoͤlzernen Schwer⸗ te wies.“ „Ei, er hielt das Schwert in ſeiner Linken und deutete quer uͤber ſeinen Koͤrper hin,“ erwiederte der Templer. Jeder behauptete ſeine Meinung mit großer Hartnaͤckigkeit, wie es immer in ſolchen Faͤllen zu gehen pflegt; man rief die Diener heran; allein ſie ſtanden zu fern, als daß ſie Wambas Weiſung haͤt⸗ ten verſtehen koͤnnen. Endlich bemerkte Brian einen Gegenſtand, der ihm zuvor in der Dunkelheit ent⸗ gangen war;„hier liegt ein Schlafender, oder ein Todter an dem Fuße des Kreuzes— Hugo, ſtoß ihn mit der Lanze an.“ Dieß war nicht ſobald geſchehen, als die Geſtalt ſich erheb, und in gutem Franzoͤſiſch ausrief:„Wer du auch biſt, es iſt ſehr unhoͤflich von dir, mich in meinem Nachſinnen zu ſtoͤren.“ „Wir wuͤnſchten nur von dir zu wiſſen,“ ſprach der Prior,„wohin es nach Rotherwood, der Woh⸗ nung Cedries des Sachſen geht.“ „Ich muß auch dorthin,“ erwiederte der Frem⸗ de;„wenn ich nur ein Pferd haͤtte, ich wollt Euch dahin fuͤhren, der Weg iſt ſchwer zu finden, obwohl er mir vollkommen gut bekannt iſt.“ 40 „Dir ſoll Dank und Belohnung werden, mein Freund, wenn du uns gluͤcklich dahin bringen willſt,“ verſetzte der Prior, und gebot einem ſeiner Beglei⸗ ter, ſein eignes, lediges Pferd zu beſteigen, und ſei⸗ nen Klepper dem Fremden zu geben, der ihnen zum Wegweiſer dienen ſollte. Ihr Führer ſchlug nun den entgegengeſetzten Weg von demjenigen ein, den ihnen Wamba gezeigt hatte, um ſie irre zu leiten. Bald fuͤhrte ſie ihr Weg tiefer in den Wald, und uͤber mehrere Baͤche, denen zu naͤhern, die ſie umgebenden Morzſte gefaͤhr⸗ lich machten; allein inſtinktmaͤßig ſchien der Fremde den ſicherſten Weg und den beſten Uebergangspunkt zu finden; und vorſichtig und aufmerkſam auf die Richtung, brachte er die Reiter auf einen breiteren Waldweg, als ſie bis jezt gefunden hatten und auf ein weitlaͤufiges, niedriges Gebande am Ende deſſel⸗ ben deutend, ſprach er zu dem Prior:„Dort liegt Rotherwood, der Sitz Cedrics des Sachſen,“ dieß war eine erf euliche Nachricht fuͤr Aymer, deßen Nerven keine von den ſtaͤrkſten waren, und der bei dem Durchreiten jener gefaͤhrlichen Suͤmpfe ſo viel Angſt und Sorge empfand, daß er noch keine einzige Frage an ſeinen Wegweiſer gethan hatte. Als er ſich nun aber in Sicherheit und in der Naͤhe eines Obdachs fah, erwachte ſeine Neugierde, und er fragte nun ſeinen Fuͤhrer wer und was er ſei. — 41 „Ein Pilger, der gerade aus dem heiligen Lan⸗ de zuruͤckkehrt,“ war die Antwort. „Da haͤtteſt du beſſer gethan, dort zu bleiben und fuͤr die Eroberung des heiligen Grabes mit zu kaͤmpfen,“ verſetzte der Templer. „Wohl wahr, hochwuͤrdiger Herr,“ antwortete der Pilger, dem der Anblick eines Tempelherrn nichts Fremdes zu ſein ſchien;„wenn aber dielenigen, die unter Eid und Pflicht ſtehen, die heilige Stadt zu erobern, ſo weit entfernt von dem Schauplatze ihrer Pflichten umherreiſen, koͤnnet Ihr Euch verwundern, daß ein friedlicher Landmann, wie ich, ein Unterneh⸗ men aufgibt, dem jene ſich entzogen haben?“ Der Templer hatte eine zornige Antwort in Be⸗ reitſchaft, allein der Prior kam ihm zuvor, und gab ſeine Verwunderung zu erkennen, wie er, ihr Fuͤh⸗ rer, nach ſo langer Abweſenheit die verſchlungenen Pfade des Waldes ſo vollkommen wieder zu finden vermochte. „Ich bin in dieſer Gegend geboren,“ verſetzte ihr Fuͤhrer; und bei dieſen Worten ſtanden ſie vor Cedrics Wohnung, einem niedrigen, unregelmaͤßigen Gebaͤude, das mehrere Hofraͤume und Umzaͤunungen von bedeutendem Umfang in ſich ſchloß; obgleich man daraus auf den Reichthum des Eigenthuͤmers ſchlieſ⸗ ſen konnte, ſo war doch das Haus gaͤnzlich verſchie⸗ den von den hohen, ſchloßartigen, mit Thuͤrmen ver⸗ ſehenen Gebaͤuden, in denen der normaͤnniſche Adel wohnte, und deren Styl der herrſchende durch ganz England geworden iſt. Indeßen war Rotherwood doch auch nicht ganz ohne Vertheidigungsmittel, was in jener unruhigen Zeit keine Wohnung ſein konnte, ohne Gefahr zu laufen, noch vor dem naͤchſten Morgen gepluͤndert und verbrannt zu werden. Ein tieſer Graben, den der nahe Strom mit reichlichem Waſſer verſah, umgab das ganze Gebaͤude. Doppelte Paliſaden, welche der nahe Wald lieferte, beſchuͤtzten den Garten von auſ⸗ ſen und innen; von Weſten her fuͤhrte ein Eingang durch die aͤußern Schutzwehren uͤber eine Zugbruͤcke, die eine gleiche Oeffnung nach den innern Schutz⸗ wehren hatte. Die Eingaͤnge waren auf beiden Sei⸗ ten der Bruͤcke durch hervorſpringende Ecke verthei⸗ digt, welche im Falle der Noth mit Bogenſchuͤtzen oder Schleuderern beſetzt werden konnten. Vor dieſem Eingange nun ſtieß der Templer laut in ſein Horn; denn der Regen, welcher ſchon lange gedroht hatte, begann ſich im Stroͤmen zu ergießen. — — —— . * 43 Drittes Kapitel. Dann(ſchlimmer Troſt) kam von der bleichen Küſte, Die Deutſchlands Ozean umbrüllt, in blühn'der Kraſt Goldlockig, das blauäugige Volk der Sachſen. Thomſons Freiheitsſang. In einer Halle, deren Hoͤhe mit ihrer Laͤnge und Breite in keinem Verhaͤltniſſe ſtand, befand ſich ein langer, eichener Tiſch von rohbehauenen Planken aus dem nahen Walde, der kaum einige Politur er⸗ halten hatte, zu Cedrics des Sachſen Abendmahl in Bereitſchaft. Das aus Stangen und Balken beſtehen⸗ de Dach trennte nur vermittelſt einer Lage von Boh⸗ len und Stroh das Gemach von dem Himmel; un⸗ geheure Kamine befanden ſich an jedem Ende der Halle; da aber der Rauchfang hoͤchſt ungeſchickt und plump eingerichtet war, ſo drang zum wenigſten eben ſoviel Rauch ins? Gemach, als durch den Rauchzug abgefuͤhrt wurde, auch hatte dieſer dem zu Folge die Balken der niedrig gebauten Halle mit einem Firniß von Ruß uͤberzogen. An den Waͤnden der Halle hin⸗ gen Jagd⸗ und Kriegsgeraͤthe, und an jeder Ecke be⸗ fanden ſich Fluͤgelthuͤren, welche zu andern Gemaͤchern des weitlaufigen Gebaͤudes fuͤhrte. Die andern Einrichtungen im Hauſe zeugten ebenfalls von der rohen Einfachheit der alten Sachſen⸗ 44½ zeit, deren Andenken Cedrie uͤberall ſo gerne aufrecht zu erhalten ſuchte. Die Hausflur beſtand aus Erde mit Lehm gemiſcht und zu einer feſten Maße ge⸗ ſtampft, wie man es heut zu Tage bei unſern Scheu⸗ nentennen findet; ungefaͤhr ein Viertel der Laͤnge des Gemaches war durch eine Stufe erhöht, und die⸗ ſer Raum, Dais genannt, ward nur von den Mit⸗ gliedern der Familie und den vornehmſten Gaͤſten eingenommen, zu dieſem Zwecke ſtand dort ein Tiſch, reich mit Scharlach bedeckt in der Breite des Zim⸗ mers, von deſſen Mitte der niedrigere und laͤngere Tiſch ſich bis in die Tiefe der Halle ausdehnte, an dem die Dienerſchaft und die untergeordnetern Gaͤſte ihren Platz einnahmen. Das Ganze hatte die Form eines T, oder jener alten Mittagstafeln, die zu glei⸗ chen Zwecken eingerichtet ſich noch jezt in den Kolle⸗ gien zu Orford und Kambridge finden. Maſſive Stuͤhle von ausgeſchnitztem Eichenholze ſtanden auf der Hohe des Dais, und uͤber dieſen Sitzen ſo wie uͤber dem erhoͤhteren Tiſche war eine Art von Thron⸗ himmel angebracht, der einigermaßen dazu diente, die Vornehmen, die dieſen Ehrenplatz einnahmen, ge⸗ gen Sturm und Regen zu ſchuͤtzen, der hier und da durch das ſchlechte Dach ſich Bahn zu machen wußte. Die Waͤnde des obern Theils der Halle waren, ſo weit jene Erhoͤhung reichte, mit Vorhaͤngen oder Gardinen, der Fußboden aber mit einem Teppich be⸗ deckt, auf dem eine Art von Srickerei in glaͤnzenden oder vielmehr ſchreienden Farben zu ſehen war. Ue⸗ ber dem niedrigeren Tiſche war, wie wir ſchon er⸗ waͤhnten, von innen kein weiterer Schutz. Die rohen Gipswaͤnde waren hier nackt und der Fußboden un⸗ bedeckt; kein Tiſchtuch war uͤbergebreitet, und rohe Baͤnke erſetzten die Stuͤhle. In der Mitte des obern Tiſches ſtanden zwei Stuͤhle, etwas erhoͤhter, als die uͤbrigen, fuͤr den Herrn und die Gebieterinn des Hauſes, die den Vorſitz bei dem gaſtlichen Mahle fuͤhrten, und davon ihren ſaͤchſiſchen Ehrentitel Brod⸗ vertheiler erhielten. Zu jedem dieſer Stuͤhle gehorte ein Fußbaͤnkchen, ſorgſam geſchnitzt und mit Elfenbein ausgelegt, um eine beſondere Auszeichnung kund zu geben. Einen dieſer Sitze hatte jetzt Cedric der Sachſe eingenommen, der, wenn auch nur ein Than, oder, wie ihn die Normaͤnner nannten, ein Franklin, bei der Verzoͤgerung dieſelbe reizbare Unge⸗ duld verrieth, die einem Alderman aͤlterer und neue⸗ rer Zeit wohl angeſtanden haͤtte. Der Ausdruck der Zuͤge dieſes Gutsbeſitzers ließ auf eine offene aber heftige und jaͤhzornige Gemuͤths⸗ art ſchließen. Er war von mittlerer Groͤße aber breit⸗ ſchulterig, und von kraͤftigem, ſtarkem Gliederbau; man erkannte in ihm einen Mann, der an die An⸗ ſtrengungen des Kriegs und der Jagd gewoͤhnt iſt; ſein Geſicht war breit, mit großen, blauen Augen, offenen, freien Zuͤgen, feinen Zaͤhnen; ſein Kopf war wohlgebildet, und hatte jenen Ausdruck gutmuͤthiger 46 Froͤhlichkeit, der ſich ſehr oft mit einem heftigen, auf⸗ brauſenden Gemuͤthe paart. Stolz und Eiferſucht ſprach aus ſeinem Auge; denn ſein ganzes Leben war der Vertheidigung beſtaͤndig beſtrittener Rechte ge⸗ weiht; und eben dieſe Lage hatte ihm ſtol den trotzi⸗ gen, entſchloſſenen, raſchen Sinn in Wachſamkeit er⸗ halten. Seine langen, gelben Hante, vom Scheirel bis auf die Stirn getheilt, fielen zu beiden Seiten auf die Schultern herab, und obgleich Cedric dem ſechzigſten Jahre nahe ſtand, zeigten ſich nur wenig Spuren des Ergrauens. Sein Anzug war ein Leibrock von laubgruͤner, am Hals und an den Aermeln mit einem Pelzwerk von geringerem Werthe als Hermelin beſetzt, das wie man ſagt, von grauen Eichhoͤrnchen genommen ward. Dieſer Rock hing ungeknoͤpft uͤber ein enges, ſcharlachnes Unterkleid; ſeine Beinkleider waren von demſelben Stoffe und reichten nur bis zum unbedeckten Knie hinab. Sandalen von gleicher Form, wie die der Landleute, nur von feinerem Stoffe, vorn mit gol⸗ denen Heſteln befeſtigt, bedeckten ſeine Fuͤße. An den Armen trug er Armbaͤnder von Gold, und einen breiten Halsſchmuck von demſelben Metall um den Nacken. Sein Unterkleid umſchloß ein reich verzier⸗ ter Gurtel, woran ein kurzes, gerades, zweiſchneidiges Schwert mit einer ſcharfen Spitze faſt ſenkrecht herab hing. Hinter ſeinem Sitze hing ein ſcharlachner Tuch⸗ Mantel mit Pelz beſetzt, und eine aus gleichem Stoſfe 47 beſtehende Muͤtze vollendete die Kleidung des wohlha⸗ benden Gutsbeſitzers, wenn er ausgehen ſollte. Ein kurzer Eberſpieß mit breiter, glaͤnzender Stahlſpitze lehnte ebenfalls an ſeinem Sitze, und diente ihm, wenn er ausging, als Stab und Waffe, je nachdem es der Zufall erheiſchte. Verſchiedene Diener, die in ihrem Anzug beſon⸗ dere Abſtufungen von der reichen Tracht ihres Gebie⸗ ters bis zu der rohen, einfachen Kleidung des Schwei⸗ nehirten Gurths darſtellten, waren des Winks ihres ſaͤchſiſchen Haͤuptlings gewaͤrtig. Zwei oder drei Die⸗ ner von hoͤherem Range ſtanden hinter ihrem Gebie⸗ ter auf dem Dais; die uͤbrigen hielten ſich in dem niedrigeren Naum der Halle auf. Noch eine andere Gattung Hausgenoſſen beſand ſich hier; zwei oder drei große, geſprenkelte Windhunde, wie man ſie da⸗ mals zur Wolf⸗ oder Hirſchjagd hielt; ebenſo viele Spuͤrhunde mit dickem Halſe, großen Koͤpfen und langen Ohren; und ein oder zwei kleinere Hunde, jezt Dachſe genannt, warteten mit Ungeduld auf die Ankunft des Abendeſſens; allein mit der klugen Kennt⸗ niß der Phyſtognomie, die dieſer Thierart eigen iſt, wagten ſie es nicht, das muͤrriſche Schweigen ihres Gebieters zu unterbrechen, da ſie wahrſcheinlich einen kleinen Stab fuͤrchteten, der bei Cedries Teller lag, um die Zudringlichkeit ſeiner vierfuͤßigen Leibeigenen zuruͤckzuweiſen. Nur ein grauer, alter Wolfshund hatte ſich gls beguͤnſtigter Liebling dicht neben dem 48 Staatsſeſſel gelagert, und wagte, ſeinen Gebieter gelegentlich von ſeiner Gegenwart in Kenntniß zu ſetzen, indem er ſein zottiges Haupt auf ſeines Herrn Knie legie und ſeine Naſe unter deſſen Hand ſchob. Doch auch er ward durch das ſtrenge Gebot zur Ru⸗ he verwieſen:„Nieder, Balder, nieder! ich bin jetzt nicht zu deinen Poſſen aufgelegt.“ In der That war Cedric, wie wir ſchon bemerk⸗ ten, nicht in der beſten Laune. Lady Rowena, die in einer entfernten Kirche Meſſe gehört, war nur eben von da zuruͤckgekehrt und wechſelte jetzt ihre durch Sturm und Regen durchnaͤßte Kleidung. Auch von Gurth und ſeiner Herde, der ſchon lange vom Wald haͤtte eintreiben koͤnnen, wollte ſich noch nichts hoͤren laſſen; ſo wenig war damals das Eigenthum geſichert, daß man aus dieſem Verzug auf Beraubung durch Geaͤchtete, von denen der nahe Forſt uberfuͤllt war, oder auf irgend eine Gewaltthat eines der be⸗ nachbarten Baronen ſchließen durfte, die ihrer Macht ſich bewußt, kein Recht auf Eigenthum zu ach⸗ ten pflegten. Der Gegenſtand war bedeutend genug; denn ein großer Theil des haͤuslichen Wohlſtandes der ſaͤchſiſchen Gutsbeſitzer beſtand in zahlreichen Schwein⸗ herden, beſonders in waldigen Gegenden, wo dieſe Thiere reichliche Nahrung fanden. Auſſer dieſen Ge⸗ genſtaͤnden der Beſorgniß ſehnte ſich der ſaͤchſiſche Than auch nach der Gegenwart ſeines Lieblingsnarren Wam⸗ ba; deſſen Spaͤſſe, wie ſie auch ſein mochten, ihm als 49 als Wuͤrze ſeines Abendmahls und der herzhaften Zuͤge dienen mußten, womit er ſolches zu begleiten pflegte. Zu all dieſem kam noch, daß Cedric ſeit Mit⸗ tng nichts zu ſich genommen hatte, und ſeine gewohn⸗ te Stunde zum Abendeſſen ſchon laͤngſt vorbei war— wohl ein wichtiger Grund zum Unwillen der Landedel⸗ leute alter und neuer Zeit.— Er druͤckte ſein Mißbe⸗ hagen in einigen hervorgeſtoßenen Worten aus, die er balb vor ſich hin murmelte, bald gegen ſeine Dienſtboten in der Naͤhe, beſonders aber gegen ſei⸗ nen Mundſchenken, laut werden ließ, der ihm von Zeit zu Zeit den ſilbernen Becher als ein Beruhi⸗ gungsmittel fuͤllte:„Wo bleibt denn Lady Rowena ſo lange?“ „Sie macht nur ihren Kopfputz zu Recht,“ er⸗ wiederte eine Dienerinn mit einer Zuverſicht, wie ſich nur die Zofe der Lieblingstochter heut zu Tage gegen den Hausherrn erlauben wuͤrde;„Ihr werdet Ihr doch nicht zumuthen, daß ſie mit Mantel und Haube beim Mahle erſcheinen ſoll? keine Lady in der ganzen Grafſchaft kann wohl ſchneller ihren Anzug ordnen, als meine Gebieterinn.“ Dieſer unwider⸗ legbare Grund bewirkte ein beifaͤlliges Hm! bei dem Sachſen:„ich wuͤnſchte nur, ihre Andacht waͤhlte ſich beſſeres Wetter zum naͤchſten Kirchenbeſuch zu St. Johns;— aber ins drei Teufels Namen“— fuhr er an den Mundſchenken gewandt mit er! Stimme fort, als ſei er zufrieden, einen W. Scott's Werke. XLII. 4 50 gefunden zu haben, ohne Zwang und Scheu ſeinen Unwillen auszulaſſen—„was haͤlt denn in's drei Teufels Namen Gurth ſo lange draußen? Ich fürchte, wir werden nichts Gutes von der Herde hoͤ⸗ ven; er war ſonſt immer ein treuer und vorſichtiger Kerl, und ich hatte ihn ſchon zu etwas Beſſerem be⸗ ſtimmt; vielleicht haͤtte ich ihn zu einem meiner Oberauſſeher*) gemacht.“ Der Mundſchenk Oswald wandte beſcheiden ein; „es ſei kaum eine Stund, ſeit die(Abend⸗) Löſchglocke gelaͤutet habe;“ eine ubelgewaͤhlte Entſchuldigung für ein ſaͤchſiſches Ohr. „Der boͤſe Feind,“ rief Cedric aus,„hole die Loſchglocke ſammt dem tyranniſchen Baſtard, der ſie eingefuͤhrt, und dem herzloſen Sklaven, der ſie mit ſaͤchſiſcher Zunge vor ſaͤchſiſchen Ohren ausſpricht! Die Loͤſchglocke,“ fuhr er nach einer Pauſe ſort,„ja die Loͤſchglocke, die ehrlichen Leuten befiehlt, die Lichter aus⸗ zuloͤſchen, daß Raͤuber und Diebe im Dunkeln ihr Weſen treiben koͤnnen!— Die Loͤſchglocke! Reginald de Front de Boeuf und Philipp de Malvoiſin kennen den Nutzen *) Das Original hat Cnichts, worunter die Sachſen eine Art kriegeriſcher Diener, zuweilen Freie, zuweilen auch Leibeige⸗ ne, aber ſiets höhere als die gewöhnlichen Diener ſowohl bei Königen, als bei Thans verſtanden zu haben ſcheinen. Da aber Cnicht, jezt Knight ſpäter das normänniſche Chevalier bedeutete, ſo vermied ich es in ſeiner alterthümlichen Bedeutung zu nehmen. Der Verſaſſer. 54 4 1 541 der Loͤſchglocke ſo gut als der Baſtard ſelbſt, oder ir⸗ gend einer der normaͤnniſchen Abenteurer, die bei Haſtings kaͤmpften. Ich denke, man wird mir die Nach⸗ richt bringen, daß mein Eigenthum fortgetrieben worden iſt, um die lungernden Banditen vom Hun⸗ gertode zu retten, die ihr Leben vom Raub und Diebſtahl friſten. Mein treuer Sklave iſt ermordet, und mein Eigenthum ihnen zur Beute geworden— und Wamba— wo iſt Wamba? Sagte nicht einer, er habe Gurth begleitet?“ Oswald belahte die Frage. „Ja, es koͤmmt immer beſſer; auch er iſt mit fortgeſchleppt, der ſaͤchſiſche Narr, um dem normaͤn⸗ niſchen Lord zu dienen. Wir ſind alle Narren, wie wir gehn und ſtehen, daß wir ihnen dienen, und ſind beſſere Gegenſtaͤnde fuͤr ihren Hohn und ihr Ge⸗ laͤchter, als wenn wir nur mit halbem Verſtand ge⸗ boren waͤren. Aber ich will mich raͤchen,“ rief er, vom Stuhl aufſpringend, und voll Ungeduld ob der vermeinten Unbilde nach ſeinem Eberſpieß greifend, „ich will mit meiner Klage vor dem großen Rath auftreten; ich habe Freunde, habe Anhaͤnger— Mann gegen Mann will den Normann in die Schranken fordern; mag er mit ſeinem Stahlpanzer und allem, was den Feigen zum Helden macht, kommen; ſchon oft hab ich ſo einen durch eine feſtere Ninde gewor⸗ fen, als drei ihrer Schilde ſind!— Sie halten mich fuͤr alt; allein ſie ſollen finden, daß, ohgleich ich al⸗ 4„. lein und kinderlos bin, das Blut von Hereward in in Cedrics Adern ſtroͤmt.— Ach Wilfried, Wil⸗ fried!“ rief er in leiſerem Tone,„haͤtteſt du deine unvernuͤnftige Leidenſchaft bezaͤhmt, dein Vater wuͤr⸗ de nicht in ſeinem Alter der einſamen Eiche gleich daſtehn, die ihre vom Sturm entblaͤtterten, unbe⸗ ſchuͤtzten Aeſte dem ſtuͤrmenden Ungewitter entgegen⸗ ſtreckt!“ dieſe Betrachtung ſchien ſeinen aufgereizten Unmuth in Truͤbſinn zu verſenken. Den Speer anlehnend, nahm er ſeinen Sitz wieder ein, ſchlug die Augen zu Boden und ſchien in kummervolles Nach⸗ denken zu verſinken. Aus dieſer Stimmung ward Cedric ploͤzlich durch den Schall eines Horns geweckt, worauf ſogleich das Gebell und Geheul der Hunde im Gemach ſowohl als von noch zwanzig oder dreißig andern von den verſchiedenen Theilen des weitlaͤufigen Gebaͤudes ant⸗ wortete. Es bedurfte der Huͤlfe des weißen Stabes und der emſigen Bemuhung der Dienerſchaft, dem Hundegebell ein Ende zu machen. „Zum Thor, Buben!“ rief Cedric haſtig, ſobald der Tumult in ſo weit beſchwichtigt war, daß die Die⸗ ner ſeine Stimme vernehmen konnten.„Seht, wel⸗ che Zeitung das Horn uns bringt— ich fuͤrchte, es kuͤndet mir Gewaltthat und Raub auf meinem Ge⸗ biete an.“ In weniger als drei Minuten berichtete ein Ober⸗ aufſeher, daß Prior Aymer von Jorvanlr und der ed⸗ 5³3 le Ritter Brian de Bois Guilbert, Comthur des tapfern und hochwuͤrdigen Ordens der Tempelherren, nebſt einem kleinen Gefolge, gaſtliche Aufnahme und Herberge begehrten, da ſie auf dem Wege zum Tur⸗ nier waͤren, welches nicht weit von Aſoby de la Zouche binnen zwei Tagen gehalten werden ſollte. „Der Prior Aymer? Brian de Bois Guilbert?“ murmelte Cedric;„beide Normaͤnner;— aber Nor⸗ mann oder Sachſe, gleichviel, die Gaſtfreundſchaft von Rotherwood ſoll Niemand ſchmaͤhen duͤrfen; ſie ſind willkommen, da ſie hier einſprechen wollen— will⸗ kommener waͤre es mir, wenn ſie ihres Weges weiter geritten waͤren— aber es waͤre unwuͤrdig, ob einer Nachtherberge und einem Abendeſſen zu murren; als Gaͤſte wenigſtes duͤrfen auch die Normannen ihren Ue⸗ bermuth nicht gewaͤhren laſſen.— Geh, Hundebert,“ ſprach er zu ſeinem Majordomo(Haushofmeiſter) der mit einem weißen Stabe hinter ihm ſtand;„Geh, nimm ſechs Diener mit dir, und fuͤhre die Gaͤſte in das Gaſtzimmer. Sieh nach ihren Pferden und Mauleſeln und ſorge, daß ihrem Gefolge nichts abge⸗ he. Laß ſie, wenn ſie es wuͤnſchen, ihre Kleider wech⸗ ſeln; beſorge Feuer, Waſchwaſſer, Wein und Ale; auch den Koͤchen gebiete, das Abendeſſen, ſo gut ſie es in der Eile koͤnnen, einzurichten; und laß es auftragen, ſobald die Fremden zu Tiſche kommen können. Sag ihnen, Hundebert, Cedric ſelbſt wuͤr⸗ de ſie begruͤßen, es binde ihn aber ein Geluͤbde, 54 nie weiter als drei Schritte von dem Dais ſeiner Halle, Gaͤſten entgegenzutreten, in deren Adern nicht etwa das koͤnigliche Blut der Sachſen fließe. Geh und ſieh, daß ſie ſorgfaͤltig verpflegt werden, daß ſie nicht in ihrem Stolze ſagen, der ſaͤchſiſche Kerl habe zu⸗ g eich ſeine Armuth und ſeinen Geiz zeigen wollen!“ Der Majordomo entfernte ſich mit einigen Dienern, um ſeines Gebieters Beſehle zu erfuͤllen. „Der Prior Aymer!“ wiederholte Cedric, Oswald an⸗ blickend,„wenn ich nicht irre, der Vruder von Giles von Mauleverer, jetzt Lord von Middleham?“ Ehrer⸗ bietig bejahend neigte ſich Oswald. „Sein Bruder iſt im Beſitze des Guts und der Rechte eines beſſern Geſchlechts, des Geſchlechts der Ulfgar von Middleham; aber welcher normaͤnniſche Lord that nicht das naͤmliche?„Dieſer Prior iſt, ſagen ſie, ein freidenkender jovialiſcher Prieſter, dem das Wein⸗ glas und das Jagdhorn lieber ſind, als die Betglocke und das Meßbuch— gut, laßt ihn kommen; er ſoll willkommen ſein. Wie nanntet Ihr den Templer?“ „Brian de Bois Guilbert.“ „Bois Guilbert,“ wiederholte Cedric in dem nachdenkenden Tone, der mehr einem Selbſtgeſpraͤch, als einer an ſeine Umgebung gerichteten Rede glich, als ein Mann, der nur unter Untergebenen zu leben gewohnt iſt.—„Bois Guilbert!“— Boͤſer und gu⸗ ter Leumund ward von dieſem Namen weit umher werbreitet. Man ſagt, er ſei einer der tapferſten ſei⸗ 5⁵ nes Ordens, aber auch mit allen Fehlern deſſelben, Hochmuth, Anmaßung, Graufan nkeit und Wolluſt be⸗ haftet, ein hartherziger Mann, der weder Furcht vor der Welt, noch Scheu vor dem Himmel habe, ſo ſa⸗ gen die wenigen Krieger, die aus Palaͤſtina zuruͤck⸗ kehrten.— Gut; es iſt ja nur fuͤr eine Nacht; auch er ſoll willkommen ſein!— Oswald, zapfe das aͤlteſte Weinfaß an; ſtelle den beſten Meth, den vornehmſten Morat, den ſchaͤumendſten Cyder, den duftendſten Pigment auf den Tiſch;*) fuͤlle die groͤßten Trinkhoͤr⸗ ner— Templer und Aebte lieben guten Wein und reich⸗ liches Maß.— Du, Elgitha, ſage deiner 2 Lady Rowena, wir wuͤrden ſie dieſen Abend nicht bei Tiſch erwarten, es muͤßte ihr denn beſonderes Vergnuͤgen machen.“ Es wird ihr aber beſonderes Vergnuͤgen machen,“ antwortete Elgitha ſchnell,„denn ſie liebt es ſehr⸗ das Neueſte aus Palaͤſtina zu hoͤren.“ Cedric warf auf das vorlaute Juͤngferchen einen un⸗ muthigen, zornigen Blick; aber Rowena und Alles, was ihr zugehoͤrte, war vor den Ausbruͤchen ſeines Zorns geſichert. Er eutgegnete der Zofe nur:„Still, Maͤdchen; deine Zunge laͤuft doch immer mit deinem Verſtand davon; uͤberbringe deiner Gebieterinn meine *) Dieß waren, wie Herr Turner berichtet, die gewöhnlichen Getränke der alten Sachſen. Von Honig mit Maulbeerſaſt gemiſcht ward der Morat bereitet. Pigment war ein ſtar⸗ kes, ſüßes Getränke, das aus ſtark gewürztem Wein mir Sonig geſüßt beſtand; die andern Getränke bedürfen keiner Erläuterung. Botſchaft, und laß ſie nach Gefallen handeln. Hier zum mindeſten ſoll Alfreds Sproͤßling noch als Fuͤr⸗ ſtinn herrſchen!“ Elgitha verließ das Zimmer. „Palaͤſtina!“ wiederholte der Sachſe;„Palaͤſtina! wie manches Ohr lauſcht den Berichten, welche aus⸗ ſchweifende Kreuzfahrer, oder heuchleriſche Pilgrimme aus dieſem unſeligen Lande bringen.— Auch ich moͤch⸗ te fragen— auch ich moͤchte forſchen— moͤchte mit klopfendem Herzen den Maͤhrchen zuhoͤren, die der verſchmitzte Landſtreicher uns zum Lohn fuͤr unſre Gaſtſreundſchaft auftiſcht— aber nein— der Sohn, der mir den Geherſam verweigerte, iſt nicht mehr mein Sohn; auch will ich mich um ſein Schickſal nicht mehr kuͤmmern, als um das der Werthloſeſten, der Unwuͤrdigſten unter den Nationen, die das Kreuz auf die Schultern heften, ſich in Ausſchweifung und Blutſchuld ſtuͤrzen und dieß Gotteswillen erfuͤllen heiſſen.“ Er runzelte die Stirn, und heftete ſeine Augen auf den Boden; als er ſie wieder erhob, oͤffneten ſich d f us zuen am unteren Ende der Halle, imd ——— 57 Viertes Kapite. — Es füeßt der Schafe, Ziegen, Schweine Vlut Und todt der Stier liegt auf der Marmorflur; Die Biſſen, ſeuergar, man in die Runde beut; Vom Purpurwein die hohen Pokale perlen: Allein geſetzt theilt Held Uiyß ihr Mahl, Dreifüß'gen Tiſch und niedrigeren Sitz Der Fürſt ihm weiſet an.—— Odyſſee, Prior Aymer hatte die Gelegenheit benuͤtzt, ſein Reitkleid mit einem andern Kleide von köͤſtlicherem Stoffe zu vertauſchen, uͤber welches er ein prachtvoll geſticktes Chorhemd trug. Außer dem großen goldnen Siegelringe, dem Zeichen ſeiner geiſtlichen Wuͤrde, waren ſeine Finger gegen die Regel des Ordens mit koͤſtlichen Edelſteinen beladen; ſeine Sandalen waren. aus dem feinſten Leder, das aus Spanien eingefuͤhrt wurde, ſein Bart ſo zierlich und klein geſtutzt, als es nur immer die Geſetze des Ordens geſtatteten, ſeine Tonſur aber hatte er unter einer ſcharlachrothen reich⸗ geſtickten Muͤtze verborgen. Auch das Aeußere des Tempelritters war veraͤn⸗ dert; und wenn er auch weniger ſorgſam geſchmuͤckt erſchien, ſo war doch ſeine Kleidung eben ſo reich, und ſeine Haltung Ehrfurcht gebietender, als die ſei⸗ 4 nes Gefaͤhrten. Er hatte ſein Panzerhemd mit einem ſeidenen purpurrothen Untergewand mit Gold beſetzt vertauſcht, ubex dieſes floß ſein langes, weißes Ober⸗ gewand herab; ſein achteckiges Ordenskreuz auf der Schulter war von ſchwarzem Sammet ausgeſchnitten. Die hohe Muͤtze bedeckte nicht laͤnger ſeine Stirn, welche einzig von dem kurzen, grauſen, rabenſchwar⸗ zen Haar beſchattet wurde, das, mit ſeiner uͤbrigen ungewoͤhnlich dunkeln Hautfarbe voͤllig uͤbereinſtimm⸗ te. Nichts konnte majeſtaͤtiſcher erſcheinen, als ſein Gang und ſeine Haltung, waͤren nicht beide durch ei⸗ nen vorherrſchenden Ausdruck von Hochmuth entſtellt worden, den ein unumſchraͤnktes Anſehn nur zu leicht annehmen laͤßt. Den beiden Ehrenmaͤnnern folgten ihre Beglei⸗ ter, und in einer demuͤthigen Entfernung ihr Fuͤh⸗ rer, deſſen Aeußeres nichts Auffallendes hatte, als das gewoͤhnliche Pilgergewand. Ein Mantel von gro⸗ bem, ſchwarzwollenem Zeuge umhuͤllte ſeinen ganzen Koͤrper. Der Schnitt glich dem eines jetzigen Huſa⸗ renmantels, hatte eben ſolche Zipfel zur Bedeckung der Arme, und wurde ein Sclaveyn oder Slavo⸗ nier genannt. Grobe Sandalen, mit Riemen an die bloſen Fuͤſſe gebunden, ein breiter ſchattiger Hut am Rande mit Muſchelſchalen beſetzt, und ein langer, mit Eiſen beſchlagener Stab vollendeten des Pilgers Aufzug. Beſcheiden folgte er dem lezten der Eintre⸗ tenden, und da er bemerkte, daß der untere Tiſch 59 kaum hinreichenden Raum fuͤr die Dienerſchaft Cedries und das Geſolge ſeiner Gaͤſte darbot, zog er ſich auf einen Sitz zuruͤck, der neben oder faſt unter einem der breiten Kamine ſtand, und ſchien ſich mit dem Trocknen ſeiner Kleider zu beſchaͤftigen, bis ein Sitz am Tiſche erledigt wuͤrde, oder die Gaſtfreiheit des Haushofmeiſters ihn an dem Platze, den er einge⸗ nommen, mit Erfriſchungen verſorgen wuͤrde. Mit wuͤrdevoller Gaſtfreundlichkeit erhob ſich Ce⸗ dric, ſeine Gaͤſte zu empfangen, trat von dem Dais herab, ging drei Schritte weit denſelben entgegen und erwartete ſo ihre Annaͤherung. „Ich bedaure“ ſagte er,„hochwuͤrdiger Prior, daß mein Geluͤbde mich bindet, in dieſen meinen vaͤterli⸗ chen Hallen nicht weiter vorwaͤrts zu treten, ſelbſt auch nicht um ſo edle Gaͤſte, als Euch und dieſen tapfern Ritter des heiligen Tempels, zu empfangen. Aber mein Haushormeiſter hat Eunch ſchon den Grund von meiner anſcheinenden Unhoͤflichkeit angegeben. Wollet mich alſo auch entſchuldigen, wenn ich in der Sprache meiner Vaͤter zu Euch rede, und daß ich Euch bitte, mir darin zu antworten, wenn Ihr ſo viel Kenntniß davon habt, wo nicht, ſo verſtehe ich Nor⸗ maͤnniſch genug, dem Sinn Eurer Rede zu ſolgen.“ „Geluͤbde,“ erwiederte der Abt,„muͤſſen gehal⸗ ten werden, wuͤrdiger Franklin, oder erlaubt mir vielmehr zu ſagen, wuͤrdiger Than, obwohl der Titel etwas veraltet iſi. Geluͤbde ſind die Bande, welche 69 uns an den Himmel knupfen— ſie ſind die Stricke, welche das Opfer an den Altar binden, wenn nicht die heilige Mutter Kirche das Gegentheil gebie⸗ tet. Was die Sprache anbelangt— ſo unterhalte ich mich gern in der Mundart meiner Großmutter Hilda von Middleſam, die im Geruch der Heiligkeit ſtarb, und wenig nachgibt ihrer Namensſchweſter, der hochge⸗ lobten heiligen Hilda von Whitby, Gott ſei ihrer Seele gnaͤdig!“ Als der Prior dieſe freundliche, und wie er mein⸗ te, beguͤtigende Rede beendet hatte, ſagte fein Gefaͤhr⸗ te kurz und nachdrücklich:„ich ſpreche ſtets Franzoͤ⸗ ſiſch, die Sprache Richards und feiner Edeln; aber ich verſtehe Engliſch genug, um mich den Eingeborenen des Landes verſtaͤndlich zu machen.“ Cedric warf auf den Sprecher einen jener hefti⸗ gen, ungeduldigen Blicke, den eine Vergleichung der nebenbuhleriſchen Nationen ſtets hervorzurufen pfleg⸗ te; allein der Pflichten der Gaſtfreundſchaft eingedenk unterdruͤckte er jede fernere Aufwahung und lud ſeine Gaͤſte mit einer Bewegung der Hand ein, ſich auf zwei Sitzen niederzulaſſen, die, etwas niedriger als der ſeinige, dicht neben ihm ſich befanden, und gab dann ein Zeichen, das Abendeſſen aufzutragen. Waͤhrend die Diener ſich beeilten, Cedrics Be⸗ fehlen zu gehorchen, entdeckte ſein Auge Gurth, den Schweinhirten, der mit ſeinem Begleiter Wamba ſo eben ins Zimmer trat.„Laßt jene ſaumſeligen 2 61 Schlingel hieher kommen,“ ſprach der Sachſe unge⸗ duldig, und fuhr, als die Schuldigen vor den Dais traten, fort:„wie kommt es, Ihr Tagdiebe, daß Ihr heute ſo lange ausgeblieben ſeid? Haſt du deine Her⸗ de gluͤcklich eingetrieben, Gurth, oder haſt du ſie den Geaͤchteten und Raͤubern uͤberlaſſen?“ „Die Herde iſt in Sicherheit, wenn Ihr er⸗ laubt,“ erwiederte Gurth. „Aber es gefaͤllt mir nicht, Schuft,“ verſetzte Cedric,„daß du mich zwei Stunden lang was anders fuͤrchten ließeſt, und daß ich hier auf Rache gegen meine Nachbarn ſann fuͤr Boͤſes, das ſie mir nicht zugefuͤgt hatten. Ich ſag dir, Pruͤgel und Gefaͤngniß warten deiner bei dem naͤchſten Vergehen dieſer Art.“ Gurth, ſeines Gebieters reizbare Gemuͤthsart ken⸗ nend, wagte keinen Verſuch, ſich zu entſchuldigen, aber der Spaßmacher, der vermittelſt ſeiner Vorrech⸗ te als Narr auf Cedrics Nachſicht rechnen konnte, ent⸗ gegnete fuͤr beide:„in Wahrheir, Ohm Cedric, du biſt heute Abend weder geſcheut noch vernuͤnftig.“ „Wie, Sir?“ fragte ſein Gebieter;„ich werde dich beim Thorwaͤchter einquartieren, und dort die Geißel koſten laſſen, wenn du deiner Narrheit ſo freien Spielraum laͤſſeſt!“ „Zuerſt ſoll mir deine Weisheit ſagen,“ entgeg⸗ nete Wamba,„ob es recht und billig iſt, den einen fuͤr den Fehler des Andern zu beſtrafen.“ „„Gewiß nicht, Narr!“ ſagte Cedric. 62 „Nun, warum wo teſt du denn den armen Gurth ſchlagen laſſen, Ohm, für den Fehler ſeines Fangs? ich kann dir ſchwoͤren, wir verweilten keine Minute laͤnger, als die Herde beiſammen war, was aber Fangs nicht eher zu Stande brachte, als bis wir die Veſper⸗ glocke hoͤrten.“ „So haͤng Fangs auf!“ ſprach Cedrie, ſich ſchnell an den Schweinehirten wendend,„wenn der Fehler an ihm liegt, und ſchaff dir einen andern Hund.“ „Mit Verlaub, Herr Ohm,“ ſiel der Spaßma⸗ cher ein,„das waͤre wieder eine ſaubere Juſtiz; es iſt auch nicht Fangs's Schuld, daß er hinkt, und die Herde nicht zuſammenbringt; es faͤllt dem zur Laſt, der ihm zwei ſeiner Vorderzehen wegſchnitt, wozu das arme Thier, wenn man es um ſeinen Rath gefragt haͤtte, wohl ſchwerlich ſeine Zuſtimmung gegeben ha⸗ ben wuͤrde.“ „Und wer wagte es, ein Thier lahm zu machen, das meinem Leibeigenen gehoͤrt?“ fragte der Sachſe vor Zorn ergluͤhend. „Zum Henker, das that der alte Hubert,“ ant⸗ wortete Wamba,„Sir Philipp de Malvoiſins Jagdauf⸗ ſeher. Er griff Fangs, als er im Forſte umherlief, und ſagte, er habe das Wild gejagt, gegen das Jagd⸗ recht ſeines Herrn, als der Huͤter uͤber den Forſt.“ „Der Teufel hole Malvoiſin,“ antwortete der Sachſe,„und ſeinen Jagdaufſeher obenein! Ich will ſie lehren, wie nach der großen Forſtordnung jener 63 Wald nicht zum Forſte gehoͤrt. Aber genug hievon. Geh, Schuft, an deinen Platz— und du, Gurth, nimm dir einen andern Hund, und ſollte der Jagd⸗ aufſeher ſich unterſtehen, ihn wieder anzuruͤhren, ſo will ich ihm ſchon das Handwerk legen. Der Fluch eines Feiglings uͤber mein Haupt, wenn ich ihm nicht din Vorderfinger der rechten Hand abſtutze!— er ſoll keinen Bogenſtrang mehr ſpannen.— Um Verzeihung, meine wuͤrdigen Gaͤſte.— Ich habe Nachbarn, Herr Ritter, die Euern Unglaͤubigen im heiligen Lande den Rang ablaufen. Abe. Euer geringes Mahl iſt nun aufgetragen; bedienet Euch, und laßt freundli⸗ chen Zuſpruch die magere Koſt Euch wuͤrzen!“ Das Mahl, welches aufgetragen war, bedurfte der Entſchuldigung des Hausherrn nicht. Schweine⸗ fleiſch, auf verſchiedene Art zubereitet, ſtand auf dem niederen Tiſche; Vogel⸗Hirſch⸗Ziegen⸗ und Haſen⸗ braten ebenfalls, nebſt mancherlei Arten von Fiſchen, ungeheuern Brodkuchen und mehrerem Eingemachten von Fruͤchten und Honig. Das kleinere Vogelwild⸗ bret ward nicht auf Schuͤſſeln aufgetragen, ſondern auf duͤnnen, hoͤlzernen Bratſpießen von den Dienern den Gaͤſten herumgeboten, welche ſich davon das, was ihnen gefaͤllig war, abſchnitten. Vor jedem Vor⸗ nehmeren ſtand ein ſilberner Becher; der niedere Tiſch dagegen erhielt große Trinkhoͤrner. Als eben das Gaſtmahl beginnen ſollte, rief der Majordomo ploͤtzlich den weißen Stab erhebend: 64 „Haltet ein!— Platz fur Lady Rowena!“ Eine Sei⸗ tenthuͤr am obern Ende der Halle oͤffnete ſich jezt hin⸗ ter der Tafel, und Ronena, von vier ihrer Frauen begleitet, trat in das Gemach. Cedric, obgleich durch ihr Erſcheinen bei dieſer Gelegenheit vielleicht nicht auf das Angenehmſte uͤberraſcht, eilte ihr jedoch ent⸗ gegen und fuͤhrte ſie mit ehrerbietiger Feierlichkeit auf den erhabenen Sitz zu ſeiner Rechten, welcher der Gebieterinn des Hauſes beſtimmt war. Alle erhoben ſich, ſie zu empfangen, und die Hoflichkeit mit einer ſtummen Verbeugung erwiedernd trat ſie anmuthyvoll zum Tiſche, um ihren Platz einzunehmen. Ehe ſie noch denſelben erreicht hatte, fluͤſterte der Templer dem Prior ins Ohr:„Ich werde wohl Euren Hals⸗ ſchmuck nicht beim Turniere tragen. Der Chierwein iſt Euer!“ „Sagt ichs nicht?“ verſetzte der Prior,„aber maͤßigt Euer Entzuͤcken, der Franklin beobachtet Euch.“ Trotz dieſer Vorſtellung, und gewohnt nur dem An⸗ trieb ſeiner eigenen Wunſche zu folgen, ließ Brian de Bois Guilbert ſeine Augen feſt auf der ſaͤchſiſchen Schoͤnheit haften, die ſeine Einbildungskraft um ſo mehr in Anſpruch nahm, wReil ſie von der der mor⸗ genlaͤndiſchen Sultaninnen ſo ſehr verſchieden war. In den ſchoͤnſten und anmuthigſten Verhaͤltnißen ibres Geſchlechts gebaut, war Rowena von ſchlankem Wuchſe, jedoch nicht in dem Grade, daß ſie ſich durch beſondere Groͤße ausgezeichnet haͤtte. Ihre Haut war außer⸗ — — — außerordentlich fein, allein die edle Form ihres Haup⸗ tes und der Ausdruck ihrer Zuͤge benahmen ihr das matte und geiſtloſe, das zuweilen regelmaͤßigen Schoͤn⸗ heiten eigen iſt. Ihr klares, blaues Auge, ſchoͤn um⸗ woͤlbt von den anmuthigen Vrauen, gab ihrer Stirn den hohen Ausdruck, ebenſowohl zum Zuͤnden als Schmachten, zum Befehlen wie zum Bitten geeignet. Wenn auch ſolchen Zuͤgen die zarteſte Milde natuͤrlich ſein mußte, ſo fiel es doch ins Auge, daß in dieſer Lage die Gewohnheit uͤber allen erhaben zu ſtehen und allgemeine Huldigung zu finden, der ſaͤchſiſchen Lady ein ſtolzeres Weſen gegeben hatte, das, mit ihrem eigenthuͤmlichen C arakter verſchmolzen, dieſem eine wuͤrdigere Hoheit verlieh. Ihr reich wallendes Haar, deßen Farbe zwiſchen braun und blond ſpielte, war anmuthig in zahlloſe Locken geordnet. Dieſe Locken waren mit Edelſteinen geſchmuͤckt, und frei in ihrer natuͤrlichen Laͤnge herabwallend, gaben ſie die edle Abkunft und freie Geburt des Maͤdchens kund. Eine goldne Kette, an welcher eine kleine Reliquie von gleichem Metalle ſich befand, hing um ihren Nacken. Ihre Kleidung beſtand aus einem unterkleide und Mieder von blaßem ſeegruͤnen Seidenzeuge, uber wel⸗ ches ein langes, offenes Gewand, das bis zur Erde reichte, geworfen war, deßen ſehr weite Aermel nur wenig uͤber den Ellbogen hinab reichten; dieſes von der feinſten Wolle gewebte Kleid war carmeiſinroth. Ein ſeidner mit Gold durchwirkter Schleier, der an W. Scott's Werke. XLllI. 5 66 dem obern Ende deßelben befeſtigt war, konnte nach ſpaniſcher Sitte nach Belieben uͤber Geſicht und Bu⸗ ſen geworfen werden oder auch nur zu einer verzie⸗ renden Draperie uͤber die Schulter dienen. Als Ro⸗ wena des Tempelritters Augen mit einer Gluth auf ſich ruhen ſah, die ihnen in den finſtern Hoͤhlen, wor⸗ in ſie ſich bewegten, das Anſehen leuchtender Kohlen gab, zog ſie mit Hoheit den Schleier uͤber ihr Geſicht, zum Zeichen, daß ihr die Dreiſtigkeit ſeiner Blicke unangenehm ſei. Cedric bemerkte dieſe Bewegung und ihren Grund.„Herr Templer,“ ſagte er,„unſre ſaͤchſiſchen Maͤdchen ſind des Anblicks der Sonne zu wenig gewohnt, um den kuͤhnen Blick eines Kreuz⸗ fahrers ertragen zu koͤnnen.“ 1 „Wenn ich beleidigt habe,“ entgegnete Sir Bri⸗ an,„ſo bitte ich Euch um Verzeihung— das heißt, ich bitte die Lady Rowena um Verzeihung,— denn weiter erniedrigt ſich meine Demuth nicht.“ „Die Lady Roweng,“ ſagte der Prior,„hat uns alle beſtraft, indem ſie die Kuͤhnheit meines Freun⸗ des zu Recht wies. Ich will hoffen, daß ſie in der glaͤnzenden Verſammlung bei dem Turniere nicht ſo grauſam ſein wird.“ 1 „Es iſt noch ungewiß,“ verſetzte Cedric,„ob wir dahin gehen werden, ich liebe dieſe Eitelkeiten nicht, die meinen Väͤtern, als England noch frei war, un⸗ bekannt waren.“ „Laßt uns demungeachtet hoffen,“ verſetzte der NNn 67 Prior,„daß unſre Begleitung Euch dazu beſtimmen moͤge; bei der Unſicherheit der Wege iſt Sir Brigm⸗ de Bois Guilberts Geleite nicht zu verachten!“ „Herr Prior,“ antwortete der Sachſe,„wo ich auch noch hier zu Lande gereiſt bin, habe ich mich bis jezt mit Huͤlfe meines guten Schwerts und meiner treuen Diener keines andern Schutzes benoͤthigt ge⸗ funden, wenn wir uns jetzt nach Aſhby de la Zouche zu begeben geſonnen waͤren, wuͤrden wir dahin mit unſerm Nachbar und Landsmann Athelſtane von Co⸗ ningsburgh und mit einem ſolchen Gefolge kommen, das alle Geaͤchtete ſowohl als Lehensfeinde im Reſpekt erhielte.— Ich bringe Euch, Herr Prior, dieſen Becher Wein, der, wie ich hoffe, Euch munden wird, und danke Euch fuͤr Eure Hoͤflichkelt. Solltet Ihr ſo ſtreng Eurer Regel getreu bleiben, um Euren herben Milch⸗ trank vorzuziehen, ſo bitte ich, Euch keinen Zwang anzuthun, um mir Beſcheid zu geben.“ „8 nein,“ entgegnete lachend der Prieſter,„blos in unſrer Abtei beſchraͤnken wir uns auf das lao dulce oder lao acidum. Im Umgange mit der Welt richten wir uns nach ihren Sitten; deßhalb thue ich Euch in dieſem lautern Wein Beſcheid, und uberlaſſe das ſchwaͤchere Getraͤnk meinen Laienbruͤdern.“ „Und ich,“ ſagte der Tempelherr, indem er ſei⸗ nen Becher fuͤllte,„triake aufs Wohlſein der ſchoͤnen Rowena; denn ſeitdem ihre Namensſchweſter dieſe Sitte nach England gebracht hat, war nie eine Frau 5„ 68 eines ſolchen Tributes wuͤrdiger. Meiner Treu ich koͤnnte dem ungluͤcklichen Vortiger vergeben, daß er an Ehre und Koͤnigreich Schiffbruch litt, haͤtte er da⸗ zu nur halb ſo viel Grund, als unſre Augen hier.“ Mit Hoheit und ohne ſich zu entſchleiern erwie⸗ derte Rowena,„ſpart Eure Artigkeit, Herr Ritter, oder ich nehme ſie in ſofern in Anſpruch, daß ich Euch um die neueſten Nachrichten von Palaͤſtina bitte, ein Thema, das unſern engliſchen Ohren weit angenehmer iſt, als die Artigkeiten, welche Eure franzoͤſiſche Sitte Euch lehrt.“ „Ich habe Euch wenig Wichtiges zu berichten, Lady,“ antwortete Sir Brian de Bois Guilbert,„aus⸗ genommen, daß ſich die Nachricht von einem Waffen⸗ ſtillſtand beſtaͤtigt.“ Hier wurde er von Wamba un⸗ terbrochen, der ſeinen Sitz auf einem mit zwei Eſels⸗ ohren gezierten Stuhle eingenommen, der ungefaͤhr zwei Schritte hinter dem ſeines Herrn ſtand, welcher ihn von Zeit zu Zeit mit Speiſen von ſeinem eignen Tel⸗ ler verſorgte; eine Gunſt, die der Narr jedoch mit den Lieblingshunden theilte, welche, wie wir bereits bemertten, in ſeiner Naͤhe waren. Hier ſaß Wamba, einen kleinen Tiſch vor ſich, die Beine gegen die hin⸗ teren Fuͤße des Stuhls zuruͤckgezogen, die Backen ſo aufgeblaſen, daß ſeine Kinnbacken denen eines Nuß⸗ knakers gli hen, die Augen halb geſchloſſen, allein mit Schlauheit jede Gelegenheit erhaſchend, ſeine Narren⸗ rechte auszuuͤben, 69 „Dieſe Waffenſtillſtaͤnde mit den Unglaͤubigen ma⸗ chen mich noch zum alten Manne,“ fiel er ohne viel Umſtaͤnde dem ſtattlichen Templer ins Wert. „Wie ſo, Schelm?“ fragte Cedric, deſſen Geſicht verrieth, daß er dem beabſichtigten Scherze gern ent⸗ gegen ſah. „Weil ich mich deren in meinen Tagen drei er⸗ innere,“ erwiederte Wamba,„deren jeder fuͤnfzig Jahre dauern ſollte, ſo daß ich alle zuſammengenom⸗ men zum mindeſten hundert und fuͤnfzig Jahr alt bin.“ „Und doch verſichere ich Euch, daß Ihr kein ho⸗ hes Alter erreichen ſollt,“ ſagte der Temoler, der in ihm jetzt ſeinen Freund vom Walde wieder erkannte. „Ich bin Euch gut dafuͤr, daß Ihr nur eines gewalt⸗ ſamen Todes ſterben werdet, wenn Ihr den Verirr⸗ ten ſolche Wege weiſet, wie Ihr's dem Prior und mir heute Abend thatet.“ „Wie, Schurke?“ rief Cedric,„Reiſende irre leiten? Da haſt du die Peitſche verdient; du biſt zum wenigſten ein ebenſo großer Schelm als Narr.“ „Ich bitte dich, Ohm,“ antwortete der Narr, „,‚ſo laß denn nur dießmal meine Narrheit meine Schelmerei in Schutz nehmen. Ich habe mich blos in meiner rechten und linken Hand geirrt, und der, welcher einen Narren zum Rathgeber und Wegweiſer nahm, haͤtte ihm noch Groͤßeres zu Gute halten ſollen.“ Ihre Unterhaltung ward hier durch den Eintritt eines Dieners vom Thorwaͤchter unterbrochen, wel⸗ — 70 cer meldete, daß ein Fremder am Thor um Aufnah⸗ me und Herberge bitte. „Laßt ihn ein,“ ſprach Cedric,„ſei er, wer er wolle;— eine ſo ungeſtuͤm tobende Nacht treibt ſelbſt die wilden Thiere zum Herde des Menſchen, ihres Todfeindes, um Schutz gegen den Aufruhr der Ele⸗ mente zu ſuchen. Verſorgt ihn mit Allem, was ihm gebricht— und du, Oswald, hab Acht darauf!“ Der Haushofmeiſter verließ die gaſtliche Halle, um den Befehl ſeines Gebieters vollziehen zu laſſen⸗ Fuͤnſtes Kapitel. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Sinne, Neigungen, Leidenſchaften? m derſelben Speiſe genährt, mit denſelben Waffen verlezt, denſelben Krankheiten unterworfen, mit denſelben Mit⸗ teln geheilt, gewärmt und erkältet von eben dem Winter und Sommer, wie ein Ehriſi? Shakeſpears Kaufmann von Venedig. Oswald kehrte zuruͤck und fluͤſterte ſeinem Gebie⸗ ter ins Ohr:„Es iſt ein Jude, der ſich Iſaak von York nennt; ſchickt es ſich, daß ich ihn in die Halle führe?“ 3 8 „Laß Gurth dein Amt verſehen, Oswald,“ rief Wamba mit gewohnter Dreiſtigkeit;„der Schweinhirt ooöoöoöoöoöoöoöoͤͤoͤͤͤſͤͤͤͤ“ 4 wird ein paſſenderer Zeremonienmeiſter fuͤr unſern Juden ſein!“ „Heilige Maria!“ rief der Abt ſich bekreuzend, „ein ungläubiger Jude und hier in unſre Gegenwart zugelaſſen! 174 „ Ein Ir 18 denhund, 7 wiederholte der Tem einem Verthe diger des heiligen Grabes nahe „Meiner Treu!“ fiel Wamba ein,„ ſcheiat es doch, als haͤtten die Tempelherrn das Erbtheil der Juden mehr, als ihre Perſon liebgewonnen.“ „Ruhig, meine gnaͤdigen Gaͤſte,“ ſagte Cedric; „Eure Abneigung darf meiner Gaſtfreund Graͤnzen ſetzen; wenn der Himmel das D ganzen Nation dieſer hartnaͤckigen Unglaubigen laͤnger als ein Laie zaͤhlen kann, ertrug; ſo moͤgen wir wohl einige Stunden lang die Gegenwart eines einzige Juden ertragen. Ich muthe jedoch Niemand zu, mit ihm umzugehen, oder mit ihm zu eſſen, er mag Tiſch und Schuͤßel fuͤr ſich allein haben,— wenn nicht et⸗ wa,“ ſetzte er lachelnd hinzu,„dieſe beturbanten Fremd⸗ linge ihn in ihre Geſellſchaft aufnehmen wollen.“ „Sir Franklin,“ verſetzte der Templer,„meine Sarazenenſklaven ſind aͤchte Muſelmaͤnner und verach⸗ ten die Juden ſo ſehr wie die Chriften.“ „Nun, meiner Treu,“ ſagte Wamba,„ich ſeh doch nicht ein, weßhalb die Anbeter des Mahumed und Termagunt ſo viel vor dem einſt vom Himmel auserwaͤhlten Volke voraus haben ſollen?“ pler,„ſoll u 2“ 72 „Er kann mit dir zuſammen ſizen, Wamba,“ ſagte Cedric,„der Narr und der Schelm paßen gut zuſammen.“ „Der Narr,“ antwortete Wamba, ein Schinken⸗ bein in die Hoͤhe haltend,„wird Sorge tragen, ein Bollwerk gegen den Schelm aufzufuͤhren.“ „Still,“ ſagte Cedric,„da koͤmmt er!“ Mit wenig Umſtaͤnden eingefuͤhrt, naͤherte ſich ſchen und zoͤgernd unter vielen tiefen Buͤcklingen ein langer, magerer, alter Mann, der jedoch durch die Gewohnheit, ſich zu kruͤmmen, viel von ſeiner natuͤr⸗ lichen Laͤnge eingebuͤßt hatte. Seine Zuͤge waren re⸗ gelmaͤßig und ſcharf; die Adlernaße, die durchdringen⸗ den ſchwarzen Augen, die hohe, gerunzelte Stirn, das lange graue Haar des Kopfes und Bartes haͤtten fuͤr ſchoͤn gelten koͤnnen, waͤren ſie nicht die eigenthuͤm⸗ lichen Zuͤge eines Geſchlechtes geweſen, das in jenen finſtern Zeiten von dem leichtglaͤubigen vorurtheilvol⸗ len Pöbel eben ſo verabſcheut, als von dem gierigen raͤuberiſchen Adel verfolgt wurde, und das vielleicht eben durch dieſen Haß und dieſe Verſolgung einen Nationalcharakter angenommen hatte, der aufs gelin⸗ deſte geſprochen, viel Niedertraͤchtiges und Unliebens⸗ wuͤrdiges hat. Des Juden Kleidung, welche vom Unwetter ziem⸗ lich gelitten zu haben ſchien, beſtand in einem dunkel⸗ braunen, weiten Mantel uͤber einem purpurfarbnen Leibrock. Er trug große, mit Pelz beſetzte Stiefel, 7³ und um das Unterkleid einen Guͤrtel, an welchem ein kleines Meſſer nebſt Schreibzeug befeſtigt war. Dabei trug er eine ſehr breite, viereckige, gelbe Muͤtze, die ſeinem Stamme zur Unterſcheidung von den Chriſten ertheilt worden war, und die er ſehr de⸗ muthig an der Thuͤr der Halle abnahm. Die Aufnahme dieſes Menſchen in ſeine Halle von Seiten Cedrics des Sachſen war von der Art, daß ſie auch den vorurtheilvollſten Feind der Staͤmme Iſraels befriedigt haben wuͤrde. Auf die wiederhol⸗ ten Verbeugungen des Juden nickte Cedric kalt, und bedeutete ihm ſchweigend am untern Ende des Tiſches Platz zu nehmen, wo ſich jedoch Niemand anſchickte, ihm Platz zu machen. Im Gegentheil, als er die Reihe hinabging und mit ſchuͤchternem, bittenden Blicke jeden anſah, der an dem Tiſche ſaß, zuckten die ſaͤchſiſchen Dienſtboten die Achſeln, und fuhren fort, mit großer Beharrlichkeit ihr Abendeſſen zu ver⸗ zehren, ohne den Beduͤrfniſſen des neuen Gaſtes die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Die Diener des Abtes aber bekreuzten ſich voll frommen Abſcheus; und ſelbſt die heidniſchen Sarazenen drehten, als Iſaak ſich ihnen naͤherte, veraͤchtlich ihre Knebelbaͤrte in die Hoͤhe, und legten die Haͤnde an ihre Dolche, als wollten ſie durch dieſes verzweiſelte Mittel der gefuͤrchteten Verunreinigung ſich erwehren. Wahrſcheinlich wuͤrden dieſelben Gruͤnde, welche Cedric bewogen hatten, den Sohn eines ſo verachte⸗ ten Volkes in ſeine Halle aufzunehmen, ihn auch ver⸗ anlaßt haben, ſeinen Dienern mehr Hoͤflichkeit gegen denſelben zu empfehlen, waͤre er nicht gerade von dem Abt durch ein Geſpraͤch uͤber ſeine Lieblingshunde in Anſpruch genommen worden, woruͤber er wohl wichtigere Dinge vergeſſen haben wuͤrde, als daß ein Jude ohne Eſſen zu Bett gehen ſollte. Indeß nun Iſaak von der Geſellſchaft wie ſein Volk unter den Nationen, ausgeſchloſſen daſtand, und ſich vergeblich um eine Aufnahme oder ein Ruhepläͤtzchen umſah, er⸗ barmte ſich ſeiner der am Kamin ſitzende Pilger. „Alter Mann, meine Kleider ſind getrocknet,“ ſprach er, ihm ſeinen Sitz anbietend,„mein Hunger iſt geſtillt; du biſt durchnaͤßt und hungerſt.“ Mit dieſen Worten ſchuͤrte er die zerſtoͤrt auf dem geraͤumigen Herd umherliegenden Braͤnde, daß ſie zu neuer Flamme ergluͤhten, nahm von dem groſ⸗ ſen Tiſche eine Schuͤſſel Suppe und gekochtes Ziegen⸗ fleiſch, und begab ſich, ohne des Juden Dank zu er⸗ warten, auf die andere Seite der Halle;— war es nun Widerwillen, weitere Gemeinſchaft mit dem Ge⸗ genſtand ſeiner Wohlthaͤtigkeit zu unterhalten, oder der Wunſch, ſich dem obern Ende des Tiſches zu naͤ⸗ yern, was ihn dazu veranlaßte. Der Iude, ſo wie er am Kamin die erſtarrten Haͤn⸗ de waͤrmte, ſah ganz ſo aus, wie man den Winter zu malen pflegt. Nachdem er ſich erwaͤrmt hatte, wandte er ſich gierig zu den dampfenden Speiſen auf 75⁵ dem Tiſche und aß mit einer Haſt und ſo ſichtlicher Erquickung, daß es ſchien, er habe ſchon lang? nichts mehr uͤber den Mund gebracht. Mittlerweile ſetzten der Abt und Cedric ihre Jagdgeſpraͤche fort; Lady Rowena ſchien ſich mit einer ihrer Begleiterinnen zu unterhalten; und der ſtolze Templer, deſſen Augen von dem Juden zur ſaͤchſiſchen Schöonheit zu wandern ſchienen, war in tiefes Nach⸗ ſinnen verſunken. „Ich wundre mich, wuͤrdiger Cedric,“ ſprach der Abt, als ihr Geſpraͤch ſich weiter entſpann,„daß ſo groß auch Eure Vorliebe fuͤr Eure maͤnnliche Mut⸗ terſprache iſt, Ihr nicht wenigſtens dem Normaͤnniſch⸗ franzoͤſiſchen in ſoweit Eure Gunſt ſchenkt, als es die Moſterien des Weidwerks betrifft. Gewiß, keine Sprache iſt ſo reich an verſchiednen Ausdruͤcken fuͤr die einzelnen Jagdbeluſtigungen, und bietet dem er⸗ fahrnen Jaͤger ſo gute Mittel dar, ſeine muntre Kunſt zu ſchildern.“ „Guter Bater Aymer,“ entgegnete der Sachſe, „Ihr muͤßt wiſſen, daß ich mich wenig um ſolche uͤber⸗ ſeeiſche Verfeinerungen bekuͤmmre, die ich keineswegs bedarf, um in den Waͤldern meine Luſt zu buͤßen. Weithin laſſe ich mein Horn erſchallen, ohne ſeinen Ton ein recheate oder morte zu nennen. Ich hetze meine Hunde auf das Wild, haͤute und zerlege das Thier, wenn es geworfen iſt, ohne das neumodiſche Geſchwaͤtz von curée, arbor, nombles, und alles das fabelhafte Gewaͤſch des Sir Triſtrem zu beduͤrfen.“ „Die Frankenſprache,“ verſetzte der Templer mit dem anmaßenden, gebieteriſchen Tone, den er bei je⸗ der Gelegenheit anzunehmen pflegte, ſeine Stimme erhebend,„iſt nicht allein die natuͤrliche Sprache der Jagd, ſondern auch der Liebe und des Kriegs, in der die Damen gewonnen und die Feinde gefodert wer⸗ den ſollten.“ „Herr Templer, thut mir auf einen Becher Wein Beſcheid,“ ſagte Sir Cedric,„und fuͤllt einen An⸗ dern dem Abt, waͤhrend ich mich einige dreißig Jahre zuruͤckverſetze, um Euch eine andre Mahre zu erzaͤh⸗ len. Als damals Cedric der Sachſe auftrat, bedurfte ſeine einfache, engliſche Rede nicht der Verzierungen, wodurch ſie die franzoͤſiſchen Troubadours aufſtutzen, um das Ohr der Schoͤnheit fuͤr ſich zu gewinnen; und das Schlachtfeld von Northallerton, am Tage der heiligen Fahne kann bezeugen, daß man den Schlacht⸗ ruf der ſaͤchſiſchen Kaͤmpen eben ſoweit in die Reihen der Schotten eindringen hoͤrte, als das cri de guerre des kuͤhnſten normaͤnniſchen Barons. Auf das Anden⸗ ken der Tapfern, die dort fochten!— thut mir Be⸗ ſcheid, meine Gaͤſte!“ Er that einen tiefen Zug und fuhr dann mit ſteigender Waͤrme fort.„Ja das war ein Tag wo Schilde zerſtoben, als hundert Banner uͤber dem Haupt der Tapfern dahin flatterten, und das Blut wie Waſſer ſie umſtroͤmte, und maͤnnlicher Tod jeder Flucht vorgezogen ward! Ein ſaͤchſiſcher Barde nannte ihn das Feſt der Schwerter— die Verſammlung der Adler um ihre Beute— den droͤh⸗ nenden Schwertſchlag auf Schild und Helm,— den wilden Schlachtruf, erfreulicher als hochzeitlicher Ju⸗ bel. Aber unſre Barden ſind nicht mehr,“ ſprach er, nunſre Thaten ſind von denen eines andern Geſchlechts verdraͤngt— unſre Sprache— ſelbſt unſer Nanze eilt einer baldigen Vernichtung entgegen, und Niemand trauert daruͤber, als ein einſamer alter Mann. Mundſchenk, fuͤll die Becher— dem Waffenhelden, Herr Templer, was auch ſein Stamm, ſeine Sprache ſei, der ſich jezt als der erſte der Kreuzfahrer in Pa⸗ laͤſtina zeigt.“ „Es will ſich nicht ziemen fuͤr einen, der dieſes Ordenskreuz trägt, auf dieſen Trinkſpruch Beſcheid zu thun,“ ſagte Brian de Bois Guilbert;„denn wem, außer den geſchwornen Rittern des heiligen Grabes, kann unter den Kaͤmpen des Kreuzes die Siegespalme zuerkannt werden?“ „Den Rittern des Hoſpitals,“ verſetzte der Abt; „ich habe einen Bruder in ihrem Orden.“ „Ich will ihren Ruhm nicht ſchmaͤlern,“ verſetzte der Templer; nindeſſen—“ „Ich glaube, Freund Ce ric,“ fiel Wamba ein, „daß, haͤtte Richard Loͤwenherz Weisheit genug be⸗ ſeſſen, einen Narren um Rath zu fragen, er mit ſeinen muntern Englaͤndern lieber zu Haus geblieben 78 waͤre, und die Eroberung des heiligen Grabes eben den Rittern uͤberlaſſen haͤtte, die am meiſten zum Verluſt deſſelben beigetragen hatten.“ „Gibt es denn keine Ritter in dem engliſchen Heer,“ fragte Lady Rowena,„deren Namen wuͤrdig waͤren, mit denen der Ritter des Tempels und St. Johannes genannt zu werden?“ „Verzeiht, Lady,“ erwiederte Brian de Bois Guilbert;„allerdings fuͤhrte Englands Monarch eine Schaar tapfrer Krieger nach Palaͤſtina, die nur den⸗ jenigen nachſtanden, welche ihre Bruſt zum ſteten Bollwerk des heiligen Landes weihten.“ „Die keinem nachſtanden!“ rief der Pilger, der nahe genug dabei ſtand, um des Ritters Worte zu verſtehen und mit ſichtbarer Ungeduld dieer Unter⸗ haltung zuhoͤrte. Alle Blicke wandten ſich nach dem Orte, von dem ſich dieſer unerwartete Widerſpruch er⸗ hob.„Ich behaupte,“ ſprach der Pilger in feſtem, entſchiedenem Tone,„daß die engliſche Ritterſchaft keinem nachſtand, der das Schwert zur Vertheidigung des heiligen Grabes zog. Ich behaupte ferner, daß ich ſah, wie Koͤnig Richard ſelbſt nebſt fuͤnfen ſeiner Ritter nach der Einnahme von Jean d' Acre ein Tur⸗ nier gegen jeden hielt, der ſich mit ihnen meſſen woll⸗ te, ich behaupte ferner, daß an jenem Tage jeder der Ritter drei Gaͤnge machte, und drei Gegner in den Sand ſtreckte, ich behaupte ſchließlich, daß ſieben ih⸗ rer Angreifer Tempelritter waren, und Sir Brigan 79 de Bois Guilbert kennt vollkommen die Wahrheit mei⸗ ner Behauptung!“ Unmöglich iſt es, die Wuth und den Ingrimm zu beſchreiben, die das ſchwarzbraune Geſicht des Templers nur noch ſchwaͤrzer und finſtrer machte. Im Uebermaß ſeiner Verwirrung und Rache zuckte ſeine Hand nach dem Griffe des Schwerts, und vielleicht hielt ihn nur das Bewußtſein, daß eine Gewaltthat an ſolchem Ort und in ſolcher Gegenwart nicht mit Sicherheit ausgeuͤbt werden koͤnne, von frevelhaftem Beginnen ab. Cedric, deſſen Gefuͤhle, ſtets offen und einfach, ſelten mehr als einen Gegenſtand auf einmal beachte en, uͤberſah in der Freude ſeines Herzens, den Ruhm ſeiner Landsleute preiſen zu hoͤren, die unmu⸗ thige Verlegenheit ſeines Gaſtes und rief:„Ich woll⸗ te dir dieß goldene Armband geben, Pilger, koͤnn⸗ teſt du mir die Namen der Ritter nennen, die ſo tapfer den Ruhm des ſchoͤnen Englands wahrten!“ „Das will ich gerne thun,“ ſagte der Pilger, „und zwar ohne Lohn; mein Geluͤbde verbietet mir zur Zeit Gold anzuruͤhren.“ „Ich will das Ding ſtatt deiner tragen, wenn du willſt, Freund Pilger,“ ſiel Wamba ein. „Der erſte in Ehre wie in den Waffen, ſo an Ruhm und an Nang, war der tapfere Richard, Koͤ⸗ nig von England.“ „Ich vergeb ihm,“ ſprach Cedric,„ich vergeb ihm ſeine Abkunft von dem Wuͤtrich Herzog William.“ „Der Graf von Leiceſter war der zweite,“ fuhr der Pilger fort,„Sir Thomas Multon von Gilsland der dritte.“ „Der wenigſtens ein Sachſe,“ verſetzte Cedric frohlockend. „Sir Foulk Doilly der vierte,“ ſagte der Pilger. „Auch ein Sachſe, wenigſtens von muͤtterlicher Seite,“ fuhr Cedric fort, der mit der groͤßten Auf⸗ merkſamkeit zuhoͤrte, und wenigſtens zum Theil ſei⸗ nen Haß gegen die Normaͤnner in dem gemeinſamen Triumpf vergaß, den Englands Koͤnig mit ſeinen In⸗ ſulanern davon trug.„Und wer war der fuͤnfte,“ fragte er. „Der fuͤnfte war Sir Edwin Terneham.“ „Ein aͤchter Sachſe, bei Hengiſts Seele,“ jubel⸗ te Cedric.„Und der Sechste?“ fuhr er ungedaldig fort—„wie hieß der Sechste?“ „Der Sechste,“ ſagte der Pilger nach einer Pau⸗ ſe, in der er ſich zu beſinnen ſchien,„war ein junger Ritter von geringerem Waffenruhm und Rang, der in jene geehrte Geſellſchaft aufgenommen ward, weni⸗ ger ihr Unternehmen zu unterſtuͤtzen, als ihre Zahl voll zu machen— ſein Name faͤllt mir nicht bei.“ „Herr Pilger,“ rief Sir Brian de Bois Guil⸗ bert zornerfuͤllt,„dieſe ſcheinbare Vergeſſenheit, nach⸗ dem Ihr Euch an Alles wohl erinnert habt, koͤmmt zu ſpaͤt, um Euch noch was zu helfen. Ich nenne felbſt den Namen des Ritters, von deſſen Lanze ich durch 8¹ durch Zufall und einen Fehltritt meines Pferdes den Kuͤrzern zog— es war der Ritter von Ivanhoe; und keiner der Sechſe beſaß in Hinſicht ſeiner Jahre größern Waffenruhm.— Aber das will ich ſagen und laut verkuͤnden— waͤre er in England und wagte in dem nahen Turniere die Ausforderung von St John d' Acre zu erneuen, ſo wollt' ich bewaffnet und berit⸗ ten, wie ich bin, ihm jeden Vortheil der Waffen zu⸗ geſtehen und ruhig den Ausgang erwarten.“ „Eure Ausforderung wuͤrde ſchnell beantwortet ſein, waͤre Euer Gegner bei der Hand,“ erwiederte der Pilger.„Wie aber nun die Sachen ſtehen, ſo ſtoͤrt nicht den Frieden dieſer Halle durch Prahlereien uͤber den Ausgang eines Kampfes, der, wie Ihr wohl wißt, nicht Statt finden kann. Kehrt Jvanhoe je wieder von Palaͤſtina zuruͤck, ſo bin ich Buͤrge dafuͤr, daß er Euch treffen wird!“ „Eine vortreffliche Buͤrgſchaft!“ fiel der Tempel⸗ ritter ein,„und was bietet Ihr zum Pfande?“ „Dieſe Reliquie!“ verſetzte der Pilger, ein klei⸗ nes elfenbeinenes Kaͤſtchen aus dem Buſen nehmend und ſich bekreuzend,„es enthaͤlt ein Stuͤckchen vom wahren Kreuze aus dem Kloſter vom Berge Karmel.“ Der Prior von Jorvaulr bekreuzte ſich und betete ein Paternoſter, in welches alle andaͤchtig einſtimm⸗ ten, auſſer dem Juden, den Mahomedanern und dem Templer, welch lezterer, ohne ſeine Muͤtze zu beruͤh⸗ ren oder irgend eine Ehrfurcht vor der angegebenen W. Scott's Werke. XLIII. 6 Heiligkeit der Reliquie zu bezeugen, eine goldene Kette vom Halſe nahm und ſie mit den Worten auf den Tiſch ſchleuderte:„ſo mag Prior Aymer mein Pfand und das dieſes namenloſen Landſtreichers be⸗ wahren, zum Zeichen, daß, wenn der Ritter von Jvandve zwiſchen den vier britanniſchen Seen erſcheint, er der Ausforderung von Brian de Bois Guilbert unterliegt, der ihn, wenn er ihm keinen Beſcheid gibt, in jedem Tempelhof Europens fuͤr einen Feig⸗ ling erklaͤren wird.“ „Das wird nicht nothig ſein,“ ſprach Lady Nowe⸗ na, das Stillſchweigen brechend;„wenn ſich keine an⸗ dere Stimme in dieſer Halle fuͤr den abweſenden Jvanhoe erhebt, ſo ſoll zum wenigſten die meinige vernommen werden! Ich ſtehe gut dafuͤr, daß er kei⸗ ne ehrenhafte Ausforderung ausſchlagen wird. Koͤnn⸗ te meine ſchwache Buͤrgſchatt dem unſchaͤtzbaren Pfan⸗ de des heiligen Pilgrims noch mehr Sicherheit erthei⸗ len, ſo wollte ich Ehre und Ruf darauf verpfaͤnden, daß Ivanhoe dieſem ſtolzen Ritter den Kampf, den er begehrt, nicht verweigern wird!“ Ein Meer widerſtreitender Gefuͤhle ſchien in Ce⸗ drics Bruſt zu toben, und er ſchwieg waͤhrend der ganzen Verhandlung. Befriedigter Stolz, Verdruß und Verlegenheit ſtritten ſich auf ſeiner offnen Stirn, gleich den Wolkenſchatten, die uͤber ein Aerntefeld ja⸗ gen, waͤhrend ſeine Diener, auf welche der Name des ſechsten Ritters eine elektriſche Wirkung hervorbrach⸗ te, erwartungsvoll an ihres Gebieters Blicken hin⸗ gen. Als aber Rowena ſprach, ſchien der Ton ihrer Stimme ihn aus ſeinem Schweigen aufzuſchrecken. „Lady,“ ſprach Cedric,„das will ſich nicht zie⸗ men; beduͤrfte es eines weiteren Pfandes, ſo wollte ich ſelbſt, beleidigt, und mit Recht beleidigt, wie ich bin, meine Ehre fuͤr Ivanhoes Ehre verpfaͤnden. Aber die Buͤrgſchaft des Kampfes iſt ſelbſt nach den fantaſtiſchen Regeln der normaͤnniſchen Ritterſchaft vollſtaͤndig.— Iſt dem nicht ſo, Vater Aymer?“ „So iſt's,“ verſetzte der Prior;„ich werde die gebenedeite Reliquie und die reiche Kette in Sicher⸗ heit im Kloſterſchatze aufbewahren, bis dieſe kriegeri⸗ ſche Ausforderung entſchieden iſt.“ Nach dieſen Worten ſich vielfach bekreuzend uͤber⸗ gab er unter mannigfachen Kniebeugungen und her⸗ gemurmelten Gebeten die Reliquie dem Bruder Am⸗ broſins, einem ihn zu ſeinem Dienſte begleitenden Moͤnch, waͤhrend er ſelbſt die Kette mit geringerer Feierlichkeit, aber mit nicht weniger innerer Freude in einen unter ſeinem Arm befindlichen Beutel von wohlriechendem Leder ſteckte.„Und nun, Sir Ce⸗ dric,“ ſprach er,„da es in meinen Ohren vermoͤge Eures guten Weins faſt wie das Gelaͤute der Veſper⸗ glocke toͤnt, erlaubt uns noch einen Becher auf Lady Rowenas Wohl zu leeren und dann uns nach unſrem Schlafgemache zuruͤckziehen.“ „Beim Kreuz von Bromholme!“ ſagte der Sachſe, 6„„ 84 „Ihr macht Eurem Rufe wenig Ehre, Herr Prior; man haͤlt Euch allgemein fuͤr einen luſtigen Moͤnch, der ſeinen Becher nicht vor der Fruͤhglocke verlaͤßt, und ich dachte ſchon, ich wuͤrde es, bei meinem Al⸗ ter, nicht mit Euch aufnehmen koͤnnen. Aber, mei⸗ ner Treu, zu meiner Zeit haͤtte ein zwoͤlfjaͤhriger Sachſenknabe nicht ſobald ſeinen Becher im Stich ge⸗ laſſen.“ Der Prior hatte jedoch ſeine beſondern Gruͤnde, ſich dießmal nicht aus dem Geleiſe der Maͤßigung brin⸗ gen zu laſſen. Er war nicht blos von Amtswegen ein beſtellter Friedensſtifter, ſondern auch ſtets ein Feind aller Zwiſtigkeiten und Fehden. Liebe zum Naͤch⸗ ſten oder zu ſich ſelbſt oder eine Miſchung von bei⸗ dem bewogen ihn hiezu. Im gegenwaͤrtigen Fall hat⸗ te er eine inſtinktmaͤſſige Furcht vor der hitzigen Ge⸗ muͤthsart des Sachſen und ſah im Geiſte die Gefahr voraus, daß bei dem Stolze und der Anmaßung ſei⸗ nes Begleiters das Ganze in die Laͤnge ein boͤſes Ende nehmen koͤnnte. Er berief ſich daher mit vieler Artigkeit auf die Unfaͤhigkeit jeder andern Nation, es beim Becher den Sachſen gleich zu thun, bemerkte nur leicht hin, was er ſeinem heiligen Stande ſchul⸗ dig ſei, und blieb babei, daß ſie ſich nun zu Ruhe begeben wollten. Der Abſchiedstrunk ward demnach herumgereicht, und die Gaͤſte erhoben ſich, verneigten ſich tief gegen Cedric und die Lady Rowena und zogen ſich in die — Halle zuruͤck, waͤhrend die Haͤupter der Familie ſich durch verſchiedene Thuͤren mit ihren Dienern entfernten. „Unglaͤubiger Hund!“ rief der Templer dem Ju⸗ den Iſaak zu, als er bei ihm voruͤberging,„geht dein Weg auch nach dem Turniere?“ „Ja,“ verſetzte Iſaak, indem er ſich demuͤthig verbeugte,„wenn Ihr es erlaubt, hochwuͤrdiger Ritter!“ „„Ja,“ ſagte der Ritter,„um die Eingeweide unſeres Adels mit deinem Wucher zu benagen, und die Weiber und Kinder mit Eurem Spielwerk ums Geld zu prellen. Ich ſtehe dafuͤr, du haſt guten Vor⸗ rath in deiner Judentaſche.“ „Keinen Pfennig, keinen Heller— ſo wahr mir der Gott Abrahams helfe!“ rief der Jude, ſeine Haͤn⸗ de faltend.„Ich gehe blos dahin, den Beiſtand ei⸗ niger Bruͤder meines Stammes anzuſprechen, daß ſie mir die Geldbuße bezahlen helfen, die mir der Schatz⸗ meiſter der Juden*) auferlegt hat— Vater Jakob ſei mein Schutz!— ich bin ein armer Wurm— ſelbſt der Regenmantel, den ich trage, iſt von Reuben von Tadcaſter geborgt!“ Der Templer laͤchelte hoͤhniſch, als er erwieder⸗ te:„verflucht ſeiſt du, falſchzuͤngiger Luͤgner!“ und weiter gehend, als verſchmaͤhe er eine weitere Unter⸗ haltung mit ihm, ertheilte er ſeinen mahumedaniſchen n ſenen Zeiten ſianden die Juden unter einem Schatzmei⸗ ſter, der eigens hiezu aufgeſtellt war. 86 Sklaven in einer den Umſtehenden unbekannten Spra⸗ che einige Befehle. Der arme Iſraelite ſchien durch die Anrede des kriegeriſchen Moͤnchs ſo beſtuͤrzt, daß der Templer das Ende der Halle erreicht hatte, ehe er ſich aus ſeiner demuͤthigen Stellung wieder erhob, und ſeine Entfernung bemerkte. Und als er ſich umſah, geſchah es mit dem ſtaunenden Entſetzen eines Men⸗ ſchen, vor deſſen Fuͤßen ein Blitzſtrahl niederfuhr, und der noch den betaͤubenden Donnerſchlag in ſebien Ohren hoͤrt. Der Abt und der Templer wurden durch den Haushofmeiſter und den Mundſchenken nach ibrem Schlafgemach gefuͤhrt, jeder von zwei Fakeltraͤgern und zwei Dienern begleitet, welche Erfriſchungen tru⸗ gen; indeß die geringere Dienerſchaft ihrem Gefolge und den andern Gaͤſten ihre verſchiedenen Nuhedlase anwies. Sechstes Kapitel. — Ihm zu Geſallen biet ich dieſen Dienſt Wenn er ihn annimmt, gut! wo nicht, lebt wohl Und bitt Euch, kränkt mich nicht für meine Liebe. Der zKaufmann von Venedig. Als der Pilger unter dem Vortritt eines eine Fak⸗ kel tragenden Dieners durch die verſchlungenen Gema⸗ . — 87 cher dieſes geraͤumigen, unregelmaͤßigen Gebaͤudes ging, fluͤſterte ihm der Mundſchenk ins Ohr, daß, wenn er nicht verſchmaͤhe, einen Becher guten Meth auf ſeinem Zimmer mit ihm zu trinken, ſo gebe es viele Diener vom Hauſe, die gerne Neuigkeiten von Palaͤſtina und insbeſondere in Beziehung auf den Rit⸗ ter von Ivanhoe hoͤren wuͤrden. Wamba ſtimmte gleichfalls in die Bitte mit der Bemerkung ein, daß ein Becher nach Mitternacht drei nach der Veſperglocke aufwiege. Ohne einen Satz zu beſtreiten, den eine ſo bedeutende Autoritaͤt vertheidigte, dankte ihnen der Pilger fuͤr ihre Hoͤflichkeir und bemerkte, ſein Geluͤbde verpflichte ihn, nie in der Kuͤche von Dingen zu ſpre⸗ chen, die in der Halle verboten waͤren.„Dieß Geluͤb⸗ de,“ bemerkte Wamba gegen den Mundſchenken, „moͤchte einem Dienſtboten eben nicht ſehr zuſagen.“ Der Mundſchenk zuckte mißmuthig die Achſeln und ſagte.„Ich hatte ihm ein huͤbſches Zimmer zuge⸗ dacht; da er aber ſo ungeſellig gegen Chriſtenleute iſt, mag er in dem Loch neben dem Juden JIſaakt ſein Quartier nehmen.—„Anwold,“ rief er dem Fackel⸗ traͤger zu,„fuͤhre den Pilger in die Zelle gegen Suͤ⸗ den. Gute Nacht, Herr Pilger,“ ſetzte er hinzu, „ſchlechten Dank fuͤr kurze Hoͤflichkeit.“ „Gute Nacht, und den Segen unſrer lieben Frau!“ verſetzte der Pilger mit Ruhe und ſolgte ſeinem Fuͤhrer. In einem engen Vorzimmer, in welches verſchie⸗ dene Thuͤren fuͤhrten, und das nur eine kleine eiſerne 88 Lampe erleuchtete, erwartete ſie eine zweite Unterbre⸗ chung, indem ihnen die Cammerzofe Rowenas gebie⸗ teriſch ankuͤndigte, daß ihre Herrſchaft den Pilger zu ſpvechen wuͤnſche, und die Fackel aus der Hand An⸗ wolds nehmend dieſem bis zu ihrer Ruͤckkehr zu war⸗ ten befahl, und dem Pilger ihr zu folgen winkte. Wahrſcheinlich hielt er es nicht fuͤr paſſend, dieſe Einladung wie die fruͤhere, auszuſchkagen, obgleich er einige Verwunderung hieruͤber ausdruͤckte, und ge⸗ horchte, ohne irgend eine Einwendung zu machen. 1 Ein kurzer Durchgang und eine Treppe von ſie⸗ ben Stufen, deren jede aus einem feſten, eichenen Balken beſtand, fuͤhrte ihn nach dem Gemach der Lady Rowena, deſſen rohe Pracht von der ihr vom Haus⸗ herrn gezollten Ehrfurcht zeugte. Die Waͤnde waren mit geſtickten Tapeten behangen, deren Verzierung an farbiger Seide verſchiedene in Gold und Silber nach aller Kunſt der damaligen Zeiten gewirkte Jagd⸗ ßenen darſtellte. Mit gleich koſtbaren Teppichen war das Bett geziert und von purpurfarbenen Vorhaͤngen umgeben. Die Sitze hatten gleichfalls buntgewirkte Polſter, und der eine, welcher hoͤher war als die üͤbrigen, war noch mit einer elfenbeinenen, kuͤnſtlich⸗ geſchnitzten Fußbank verſehen. Nicht weniger als vier große ſilberne Leuchter, mit hohen Wachskerzen, dien⸗ ken zur Beleuchtung des Zimmers. Doch mochte wohl keine Schoͤnheit unſrer Zeit die Pracht der ſaͤchſiſchen Fürſtinn beneiden. Die Waͤnde des Gemachs waren — 89 ſo ſchlecht gearbeitet, und ſo voller Spalten, daß die reichen Teppiche bei jedem Hauche des Nachtwindes ſich bewegten, und trotz den ſorgſam angebrachten Schirmen dieſer mit der Flamme der Wachskerzen wie mit den Wimpeln des Schiffes ſpielte. Es herrſch⸗ te zwar Pracht, die einen rohen Anflug von Geſchmack verrieth; aber Bequemlichkeit kannte man nicht und fuͤhlte daher auch ihre Entbehrung nicht. Lady Rowe⸗ na ſaß mit dreien ihrer Zofen, die ihr Haar zur Nachtruhe ordneten, oben auf ihrem Thronſeſſel, und ſchien ganz dazu geboren, allgemeine Huldigung zu empfangen. Auch der Pilger erkannte ihre Anſpruͤche durch eine tiefe Kniebeugung an. „Steh auf, Pilger,“ ſprach ſie huldreich.„Der Vertheidiger eines Abweſenden hat ein Recht auf guͤnſtige Aufnahme bei allen denen, welche Wahrheit ſchaͤzen und Maͤnnlichkeit ehren.“⸗ Dann wandte ſie ſich an ihr Gefolge und ſagte: „Entfernt Euch, nur Elgitha bleibe; ich habe mit dieſem heiligen Pilger zu ſprechen.“ Ohne das Zimmer zu verlaſſen, zogen ſich die Zo⸗ fen in das aͤuſſerſte Ende deſſelben zuruͤck, und ſetz⸗ ten ſich auf eine kleine Bank an der Wand, wo ſie ſtumm wie Bildſaͤulen blieben, obgleich ſie ſo entſernt waren, daß ihr Fluͤſtern die Unterhaltung ihrer Ge⸗ bieterinn nicht haͤtte ſtoͤren koͤnnen. „Pilger,“ begann die Lady nach einer augenblick⸗ lichen Pauſe, waͤhrend welcher ſie ungewiß ſchien, wie 9⁰0 ſie ihn anreden ſollte:„Ihr nanntet heute Nacht ei⸗ nen Namen— ich meine,“ fuhr ſie mit einiger An⸗ ſtrengung fort,„ich meine den Namen Jvanhoes, in einer Halle, wo Natur und Verwandtſchaft ihn haͤtten viel willkommener heiſſen ſollen; und doch iſt das Spiel des Schickſals ſo verkehrt, daß unter den vie⸗ len, deren Herzen bei dem Klange deſſelben hoch auf⸗ wallen ſollten, ich die einzige bin, die es wagt, Euch zu fragen, wo und in welcher Lage Ihr ihn, von dem Ihr ſprachet, verlaſſen habt?— Wir hoͤrten, daß, da ſeine leidende Geſundheit ihn zwang, nach dem Abzug des engliſchen Heeres, in Palaͤſtina zuruͤckzu⸗ bleiben, er von der franzoͤſiſchen Partei, zu der, wie bekannt, auch die Tempelherrn gehoͤren, Verſolgun⸗ gen zu erdulden hatte.“ „Ich weiß nur wenig von dem Ritter von Jvan⸗ hoe,“ antwortete der Pilger mit unſicherer Stimme. „Ich wollte, ich wuͤßte mehr von ihm, da Ihr, Lady, an ſeinem Schickſal Antheil zu nehmen ſcheint. Er hat, ſo viel ich weiß, die Verfolgungen ſeiner Feinde in Palaͤſtina uͤberſtanden, und iſt auf der Ruͤckkehr nach England begriffen, wo Ihr, Lady, beſſer als ich wiſſen werdet, welches Gluck er zu hoffen hat.“ Die Lady Rowena ſeuzfte tief und fragte ihn noch genauer, wann der Ritter von Jvanhoe in ſei⸗ ner Heimath erwartet werden koͤnne, und ob er nicht auf dem Wege Gefahren ausgeſetzt ſei. Was den er⸗ ſten Grund betrifft, ſchuͤtzte der Pilger Unwiſſenheit 91 vor, auf den zweiten aber erwiederte er, daß die Rei⸗ ſe uͤber Venedig und Genua und von da durch Frank⸗ reich nach England ohne Gefahr zu machen ſei;„Ivan⸗ hoe,“ ſagte er,„iſt auf jeden Fall mit der franzoͤſi⸗ ſchen Sprache und Sitte zu vertraut, als daß er auf dieſer Reiſe irgend eine Gefahr zu fuͤrchten haͤtte.“ „Wollte Gott,“ ſagte die Lady Rowena,„er waͤ⸗ re gluͤcklich hieher zuruͤckgekehrt, und im Stande, bei dem nahen Turnier als Kaͤmpfer aufzutreten, wo die geſammte Ritterſchaft des Landes ihre Gewandt⸗ heit und Tapferkeit zeigen wird. Sollte Athelſtane von Coningsburgh den Preis davon tragen, ſo wird Jvanhoe bei ſe ner Ankunft in England hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich uͤble Zeitungen erfahren. Wie ſah er aus, Fremdling, als Ihr ihn zum lezten Mal ſahet? Hat die Krankheit ſeiner Kraft und ſeiner Anmuth großen Eintrag gethan?“ 4 „Er war ſonnverbrannter und magerer,“ verſetz⸗ te der Pilger,„als da er von Cypern im Gefolge des Lowenherzigen kam, auch ſchien die Sorge ſchwer auf ſeiner Stirn zu liegen, allein ich naͤherte mich ihm nie, da ich ihn nicht genauer kannte.“ „Er wird, fuͤrcht' ich, in ſeiner Heimath wenig Veranlaſſung finden, dieſe Wolken zu verſcheuchen. Ich danke Euch, guter Pilger, fuͤr die Nachrichten, die Ihr mir von dem Gefaͤhrten meiner Kindheit brach⸗ tet. Maͤdchen,“ ſagte ſie,„bietet dem heiligen Mann den Nachttrunk dar, da ich ihn nicht laͤnger von ſei⸗ ner Nachtruhe abhalten will.“ Eins der Maͤdchen brachte einen ſilbernen Becher herbei, der ſtark gewuͤrzten Wein enthielt. Rowena beruͤhrte ihn mit ihren Lippen, dann ward er dem Pilger dargereicht, der nach einer ehrerbietigen Ver⸗ beugung einige Tropfen trank. „Nehmt dieſe Gabe,“ Freund,“ fuhr die Lady fort, ihm ein Goldſtuͤck reichend,„als Erkenntlichkeit fuͤr Eure mühevolle Reiſe und aus Achtung für die Heiligthuͤmer, die Ihr beſuchtet.“ e Mit einer zweiten tiefen Verbeugung nahm der Pilger das Almoſen und Edwinen folgend verließ er das Zimmer. Im Vorgemach fand er ſeinen Begleiter Anwold, der nun die Fackel aus der Hand der Zofe nehmend ihn mit mehr Eile als Umſtaͤnde nach einem aͤuſſeren ſchlechteren Theile des Gebaͤudes fuͤhrte, wo eine Rei⸗ he von Kammern oder vielmehr Zellen den niederen Bedienten und Fremden von geringerem Stande zu Schlafſtellen dienten. „In welcher dieſer Kammern ſchlaͤft der Jude?“ fragte der Pilger. „Der unglaͤubige Hund hat neben Ew. Heiligkeit ſeinen Stall. Heiliger Dunſtan, wie muß das Loch gereinigt und geſcheuert werden, bis es wieder ein Chriſtenmenſch brauchen kann!“ 93 „Und wo ſchlaͤft Gurth, der Schweinhirt?“ fragte er weiter. „Gurth,“ verſetzte der Leibeigene,„ſchlaͤft Euch zur Rechten, wie der Jud zur Linken. Ihr ſollt zum Mittel dienen, den Sohn der Beſchneidung von dem Abſcheu ſeines Stamms getrennt zu halten. Es wuͤrde Euch ein ehrenvollerer Platz angewieſen worden ſein, wenn Ihr Oswalds Anerbieten angenommen haͤttet.“ „Es iſt ganz gut, wie es iſt!“ antwortete der Pilger,„ſelbſt eines Juden Nachbarſchaft kann un⸗ moͤglich durch eine eichene Scheidewand Anſteckung ver⸗ breiten.“ Mit dieſen Worten trat er in die ihm angewie⸗ ſene Kammer, nahm dem Diener die Fackel ab, und wuͤnſchte ihm dankend eine gute Nacht. Nachdem er die Thuͤr verſchloſſen, ſteckte er die Fackel in den hiezu beſtimmten hoͤlzernen Leuchter und ſah ſich in ſeinem Schlafgemache um, deſſen Geraͤthſchaft denn auch das einfachſte von der Welt war. Es beſtand in einem plumpen, hoͤlzernen Schaͤmel und einer noch ro⸗ her gearbeiteten Bettſtelle, welche mit reinlichem Stroh gefuͤllt einige Schaffelle zur Bettdecke hatte. Nachdem der Pilger ſeine Fackel ausgeloͤſcht, warf er ſich ohne ſeine Kleider abzulegen auf ſein hartes Lager und ſchlief, oder verharrte wenigſtens in der ruhenden Lage, bis die erſten Strahlen der Sonne ſich den Weg durch das kleine vergitterte Fenſter bra⸗ chen, weiches der unheimlichen Zelle ſowohl Luft als 9⁴ Licht ertheilen mußte. Dann ſprang er auf, ſprach ſeine Fruhmette, ordnete ſeine Kleidung, und trat ſo leiſe als moglich die Klinke zuruͤckſchiebend in das Zimmer des Juden. 2 Der Iſraelite lag auf einem dem ſeinigen aͤhnli⸗ chen Lager in unruhigem Schlummer. Der Theil ſei⸗ ner Kleidung, den er beim Schlafengehen abgelegt hatte, lag ſorgſam geordnet um ihn herum, als haͤt⸗ te er verhindern wollen, daß man ſie ihm nicht waͤh⸗ rend der Nacht entwende. Es lag eine toͤdtliche Un⸗ ruhe auf ſeiner Stirn. Konvulſiviſch, als raͤnge er mit dem Alb, zuckten Haͤnde und Arme; auſſer mehrern hebraͤtſchen Ausrufungen hoͤrte man ihn deutlich in der vermiſchten normaͤnniſchengliſchen Landesſprache folgendes ſagen:„um des Gottes Abrahams Willen ſchont einen ungluͤcklichen, armen Mann!— Ich bin arm, habe keinen Pfennig Geld — und wenn Ihr mir mit Euren Eiſen all meine Glieder verrenkt, ich kann Euch nicht befriedigen.“ Der Pilger erwartete nicht das Ende von des Zuden Traumgeſicht, ſondern beruͤhrte ihn mit ſei⸗ nem Pilgerſtab; wahrſcheinlich verband ſich aber, wie es oft geſchieht, dieſe Beruͤhrung mit den Schreckbil⸗ dern ſeines Traumes; denn der alte Mann ſprang auf; das graue Haar ſiraͤubte ſich empor, und ſchnell einen Theil ſeiner Kleidung üͤberwerfend, waͤhrend er den andern mit Falkengier ergriff, ſtarrte er mit ſei⸗ 95 nen durchdringenden ſchwarzen Augen voll Entſetzen und Beſtuͤrzung den Pilger an. „Fuͤrchtet nichts von mir, Iſaak,“ ſprach der Pilger,„ich kommn als Euer Freund zu Euch.“ „Der Gott Iſraels lohne es Euch,“ rief der Ju⸗ de ſehr erleichtert;„ich traͤumte— aber Vater Abra⸗ ham ſei geprieſen, es war nur ein Traum!“ Dann faßte er ſich wieder und fuhr in ſeinem gewoͤhnlichen Tone fort:„Und was koͤnnt Ihr ſo fruͤh am Tage von einem armen Juden begehren?“ „Ich will Euch blos ſagen,“ verſetzte der Pil⸗ ger,„daß, wenn Ihr nicht ſogleich dieſe Behau⸗ ſung verlaßt, und Eure Reiſe etwas beeilt, ſie ſehr gefaͤhrlich werden kann.“ „Heiliger Vater!“ rief der Jude,„wem koͤnnte es Vortheil bringen, einem ſo armen Wurm, wie ich bin, nachzuſtellen?“ „Das moͤget Ihr beſſer errathen, als ich,“ erwie⸗ derte der Pilger;„aber glaubt mir, als der Templer geſtern Abend durch die Halle hinſchritt, befahl er ſei⸗ nen muſelmaͤnniſchen Sklaven in ſarazeniſcher Spra⸗ che, der ich kundig bin, dem Juden in einiger Entfernung von da aufzuxvaſſen und ihn auf das Schloß des Philipp von Malvoiſin oder auf das des Neginald Front de Boeuf zu bringen.“ Unmoͤglich iſt es, den Schrecken zu beſchreiben, der den Juden bei dieſer Nachricht uͤberfiel und ſeine Geiſteskraͤfte gaͤnzlich zu uͤberwaͤltigen ſchien, Seine 96 Arme ſanken ſchlaff herab, das Haupt fiel auf ſeine Bruſt, ſeine Kniee bogen ſich unter der Laſt ſeines Koͤrpers, jede Nerve und Muskel ſchien ihren Dienſt zu verſagen; ſo ſank er dem Pilger zu Fuͤßen, nicht als ob er freiwillig Mitleiden erflehend ſeine Knie umfaßte, ſondern als ob ihn eine unwiderſtehliche Gewalt zu Boden ſchmetterte. „Heiliger Gott Abrahams!“ war ſein erſter Schreckensruf, welchen er mit gefalteten, gerungenen Haͤnden ohne ſein graues Haupt vom Boden zu erhe⸗ ben ausſtieß;„Ach, heiliger Moſes! Segensaaron! nicht umſonſr habe ich getraͤumt! nicht umſonſt das Traumggeſichte gehabt. Schon fuͤhle ich, wie ihre Ei⸗ ſen meine Sehnen zerreißen!— wie ihre Foltern uͤber meinen Koͤrper hingehen, wie die Saͤgen, Eggen, ei⸗ ſernen Achſen uͤber die Maͤnner von Rabbah und uͤber die Staͤdte der Kinder Ammons dahinraſſelten!“ „Steh auf, Iſaak, und hoͤre mich,“ ſagte der Pilger, der das Uebermaß ſeines Jammers mit Mit⸗ leid und Verachtung zugleich betrachtete.„Du haſt allerdings Urſache zur Furcht, wenn du bedenkſt, wie deine Bruͤder von Fuͤrſten und Edeln behandelt wur⸗ den, um ihnen ihre Schaͤtze abzupreſſen; aber erhebe dich, ich will dir die Mittel zeigen, der drohenden Gefahr zu entgehen. Verlaſſe dieß Haus ſogleich, waͤhrend ſeine Bewohner noch vom geſtrigen Gelag in tiefem Schlafe liegen. Ich will dich durch geheime Vaulbinde fuͤhren, die mir ſo gut als den Waldhuͤtern vekannt 97 bekannt ſind, und will dich nicht verlaſſen, bis du ſi⸗ cheres Geleit im Gefolge irgend eines Ritters oder Barons gefunden haſt, deſſen Schutz du dir zu er⸗ werben wahrſcheinlich Mittel haben wirſt.“ Als Iſaak von einer Hoffnung zu entkommen hoͤrte, begann er allmahlig Zoll fuͤr Zoll ſich aufzu⸗ richten, bis er endlich auf den Knien liegen blieb, ſeine langen grauen Haare und den Vart zuruͤckwer⸗ fend und die durchdringenden, ſchwarzen Augen auf des Pilgers Angeſicht mit einem Blicke heftend, in dem ſich Hoffnung und Furcht nicht ohne eine Miſchung von Argwohn ausſprach; als er aber den Schlußſatz ſeiner Rede vernommen, ſchien ſein urſpruͤnglicher Schrecken wieder in vollem Maße zu erwachen, er ſiel noch einmal auf ſein Angeſicht nieder, und rief aus:„Na, ich die Mittel haben, nmich ſeines gu⸗ ten Willen zu verſichern! Na mein! es gibt nur ein Mittel, zur Barmherzigkeit des Chriſten den Wez zu finden, und wie kann der arme Juͤd ihn finden, da ſeine Bedruͤckungen ihn allbereits zum armen La⸗ zarus gemacht haben? Dann fuhr er ploͤtzlich fort, als ob der Argwohn alle ſeine uͤbrigen Gefuhle uberwaͤl⸗ tigte:„Um Gattes Willen, junger Mann, verra⸗ thet mich nicht um des großen Vaters willen, der düden und Heiden, Ifraeliten und Ismaeliten ge⸗ haffen hat— ſpinnt keinen Verrath! Ich habe 8 iine Mittel, mich des guten Willens eines chriſtli⸗ chen Bettlers zu verſichern, und wuͤrd, er auch nur W. Seott's Werke. XLII. 98 einen Pfennig verlangen.“ Bei dieſen Worten erhob er ſich und faßte mit der flehendſten Bitte den Man⸗ telſaum des Pilgers. Dieſer entwand ſich ihm, als ob er durch ſeine Beruͤhrung angeſteckt wuͤrde, und ſprach. „Und waͤreſt du auch mit allen Schaͤtzen deines Stammes beladen, welchen Vortheil koͤnnte es mir bringen, dir was zu Leid zu thun?— In dieſer Klei⸗ dung bin ich zur Armuth geweiht, und nur gegen ein Pferd und einen Panzer vertauſch ich ſie. Aber glaube nicht, daß es mir um deine Geſellſchaft zu thun iſt, oder daß ich mir Vortheil davon verſpreche — bleib' hier, wenn du willſt.— Cedric der Sachſe mag dich ſchuͤtzen.“ „Ach!“ ſeufzte der Jude,„er wird mich nicht in ſeinem Gefolge reiſen laſſen.— Der Sackſe wie der Normann wird ſich des armen Iſraeliten ſchaͤ⸗ men;— und allein durch das Gebiet Philipps von Malvoiſin und Reginald Front de Boeuſs zu reiſen! — ich wil mit Euch gehen!— Laßt uns eilen— laßt uns unſre Lenden guͤrten— laßt uns fliehen!— Hier iſt Euer Stab, warum zoͤgert Ihr 2 „Ich zoͤgre nicht,“ ſprach der genden Vitte ſeines Gefaͤhrten nachges muß mich in den Stand ſetzen, dieſen zu koͤnnen— folge mir.“ Er fuͤhrte ihn nach der anſtoßenden Zelle, die, wie der Leſer bereits erſuhr, der Schweinhirt Gurth eer, der drin⸗ 99 bewohnte.„Auf, Gurth, rief der Pilger, die Hinterthuͤr und laß mich ſammt dem Juden hinaus.“ Gurth, deſſen jezt ſo gering geſchaͤtzte Beſchaͤfti⸗ gung ihm in dem ſächſiſchen England dieſelbe Vebem. tung gab, wie dem Eumzzus in Ithaka, fuͤhlte ſich durch den ruͤckſichtloſen, gebietenden Ton des Pilgers beleidigt.„Der Inde will Rotherwood verlaſſen,“ ſprach er auf den Ellbogen ſich ſtuͤtzend und ihn arg⸗ woͤhniſch betrachtend,„und noch obendrein in Geſell⸗ ſchaft des Pilgers will er fort?“ „Ebenſo leicht haͤtte ich mir traͤumen laſſen,“ fiel Wamba ein, der eben ins Zimmer trat,„daß er mit einem geſtolenen Schinken ſich davon machen wollte.“ „Und dennoch,“ ſagte Gurth ſich wieder auf den Holzklotz zuruͤcklegend, der ihm zum Kopfkuͤſſen diens te,„muß ſowohl Jude als Heide warten, bis das große Thor geoͤffnet wird; wir leidens nicht, daß ſich ein Gaſt zu ſo ungewoͤhnlicher Stunde wegſtielt.“ „Und dennoch,“ ſprach der Pilger in einem ger bietenden Ton,„werdet Ihr mir dieſe Gunſt, denr ich, nicht verſagen.“— Damit beugte er ſich uͤber das Bett des Schwein⸗ hirten und fluͤſtette ihm in ſaͤchſtſcher Sprache etwas⸗ ins Ohr. Wie elektriſirt ſprang der Schweinhirt auft Der Pilger erhob ſeinen Finger, als wollte er ihm Vorſicht anempfehlen, und fuhr fort,„Gurth, du diſt ja ſonſt geſcheut. Ich ſage, oͤfne die Hinlerthaͤr — du ſollſt bald mehr erfahren,“ 10⁰0 Mit haſtiger Eile gehorchte ihm Gurth, waͤhrend Wamba und der Jude ihnen folgend uͤber den ſchnel⸗ len Wechſel in dem Benehmen des Schweinhirten ſich wunderten. „Mein Maulthier, mein Maulthier!“ rief der Jude, ſobald ſie auſſerhalb des Pfoͤrtchens ſtanden. „Hol ihm ſein Thier,“ ſagte der Pilger,„und hoͤrſt du— verſchaff mir auch eins, daß ich ihn be⸗ gleiten kann, bis er dieſe Graͤnzen hinter ſich hat— das Thier ſoll an Cedrics Gefolge in Aſhby wieder abgegeben werden und du“— das uͤbrige fluͤſterte er Gurch ins Ohr. „Gern, recht gern,“ erwiederte Gurth, und eilte fort, ſeinen Auftrag auszurich en. „Ich wuͤnſchte nur zu wiſſen,“ begann nun Wam⸗ ba, als ſein Kamerad ſich entfernt hatte,„was Ihr wilgersleute Alles im heiligen Lande lernet.“ „Unſere Gebete herſagen, Narr,“ antwortete der pilger,„unſere Suͤnden bereuen und uns durch Faſten, langes Wachen und Beten abkaſtéien.“ „Und noch etwas mehr,“ fiel der Spaßmacher ein,„denn wann wuͤrde wohl vhe Gebet Gurth ſo höͤflich gemacht, wann Faſten und Beten ihn vermocht haben, Euch ein Maulthier zu leihen? Mei⸗ ner Treu, Ihr haͤttet eben ſo leicht ſeinem ſchwarzen Lieblingseber vom Faſten und Buͤßen vorſchwatzen und eine gleich hoͤfliche Antwort erhalten koͤnnen.“ 10¹1 „Nur zu,“ ſagte der Pilger.„Du biſt und bleibſt eben ein ſaͤchſiſcher Narr.“ „Da haſt du wahr geſprochen,“ verſetzte der Spaß⸗ macher,„waͤr' ich als Normann gevoren, wofuͤr ich dich halte, da wollt' ich ſchon mein Gluͤck gemacht und nicht weit zum Geruche der Weirheit haben.“ In dieſem Augenblick erſchien Gurth an der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Grabens mit den Maulthie⸗ ren. Ueber eine nur zwei Bretter breite Zugbrücke gelangten die Reiſenden uͤber den Graden. Kaum hat⸗ ten ſie die Maulthiere erreicht, als der Jude eiligſt und mit zitternden Haͤnden ein kleines Paket in blaues, ſtarkes Zeug eingeſchlagen, welches, wie er herſtotterte nur etwas Waͤſche zum Wechſeln enthielt, auf den Sattel in Sicherheit brachte. Dann ſchwang er ſich mit mehr Eilfertigkeit, als ſich von ſeinen Jah⸗ ren erwarten ließ, auf das Thier, und nahm ſich nicht einmal Zeit genug, ſeinen Reitmantel ſo weit auszu⸗ breiten, als zur voͤlligen Verheimlichung des Paͤck⸗ chens noͤthig war, das er hinter ſich genommen hatte. Mit mehr Bedaͤchtlichkeit ſaß der Pilger auf, und reichte Gurthen zum Abſchied die Hand, welche dieſer mit der groͤßten Ehrſurcht kuͤßte. Der Schweinhirt ſah ihnen noch lange nach, bis ſie ſich unter den Schat⸗ ten des waldigen Weges verloren hatten, als ihn Wambas Stimnite aus ſeinen Traͤumereien weckte. „Weißt du auch,“ ſprach der Narr,„mein guter Freund Gurth, daß du an dieſem Sammermorgen Banz nußerordentlich hoͤflich und guͤtig biſt?— ich woll⸗ te, ich waͤre ſo ein ſchwarzer Prior oder barfußiger Pilger, um mich deines ungewohnten Eifers und dei⸗ ner Artigkeit zu erfreuen,— gewiß, es ſollte dir me vi elutragen, als die Erlaubniß eines Handkuſſes.,“ „Du biſt nicht ſo dumm, als du aus ſiehſt, Wam⸗ ba,“ antwortete Gurth,„obgleich du nur nach dem Scheine urtheilſt, und der kluͤgſte von uns kann nicht weiter thun,— jedoch es iſt Zeit, an mein Geſchaͤft zu gehen.“ Mit dieſen Worten kehrte er mit dem Narren nach dem Herrenhauſe zuruͤck. Indeſſen ſetzten die Reiſenden ihren Weg mit ei⸗ ner Schnelligkeit fort, die des Juden ungemeine Furcht verrieth, da Leute von ſeinem Alter ſonſt nicht ſo eil⸗ fertig ſind. Der Pilger, welcher mit allen Schlichen und Pfaden des Waldes vertraut zu ſein ſchien, waͤhl⸗ te immer die unbetretenſten und erregte dadurch auſs neue den Argwohn des Iſraeliten, er moͤchte ihn in irgend einen Hinterhalt ſeiner Feinde fuͤhren. Seine Beſorgniſſe waren ihm um ſo eher zu verzeihen, da die Inden in jenen Zeiten einer allgemeinen unauf⸗ hoͤrlichen Verfolgung ausgeſetzt waren. Unter den ſchlechteſten, urvernuͤnttigſten Vorwaͤnden, und auf die ungereimteſten, grundloſeſten Beſchuldigungen hin mußt en ſie jede Bedruͤckung uͤber ſich ergehen laſſen; denn Normaͤnner, Sachſen, Daͤnen und Britten, ſo erbittert alle dieſe Staͤmme anf einander waren, ran⸗ vN „ 103 gen dennoch gemeinſchaftlich um den Preis, mit dem groͤßten Abſcheu ein Volk zu behandeln, das zu haf⸗ ſen, zu verachten, mit Fuͤßen zu treten, zu pluͤn⸗ dern und zu verfolgen zur Glaubensſache geworden war. Die Koͤnige normaͤnniſchen Geſchlechts, uͤnd die unabhaͤngigen Edelleute, die ihrem Beiſpiel in jeder Art von Tyrannei nacheiferten, verhaͤngten uͤber die⸗ ſes ungluͤckliche Volk die regelmaͤßigſte, berechnetſte und ſelbſtfüchtigſte Verſolgung. Es iſt allgemein be⸗ kannt, wie Koͤnig Johann einen reichen Inden auf eines ſeiner koͤniglichen Schloͤſſer einſperren und ihm jeden Tag einen Zahn ausreißen ließ, bis der halb zahnloſe Jude endlich einwilligte, ihm eine große Sum⸗ me zu zahlen, die der Koͤnig von ihm erpreſſen woll⸗ te. Das wenige baare Geld im Lande war beinahe ausſchließlich in den Haͤnden dieſes verſolgten Volkes, und der Adel trug kein Bedenken dem Beiſpiel ſeines Fuͤrſten zu folgen, und es ihnen durch jede Art von unterdruͤckung und perſoͤnlicher Mißhandlung zu ent⸗ reißen. Allein die leidende Standhaftigkeit, wozu die angeborene Liebe zu klingender Muͤnze die Iſraeliten vermochte, ließ ſie alle uͤber ſie ergehenden Uebel er⸗ tragen, da ihnen das ſo natuͤrlich reiche England zu lockende Anſichten auf Vortheil gewaͤhrte. Trotz allen dieſen Entmuthigungen, trotz dem eigens zu dem Zwecke, ſie zu pluͤndern und zu druͤcken, errichteten Schatzungshofe, den man den Indenſchatzmeiſter nanmte, haͤuften die Juden Schatze uͤber Schätze, die ſie aus einer Hand in die andere durch Wechſel uͤber⸗ machten,— eine Erfindung, welche, wie man ſagt, der Handel ihnen verdankt, und die ſie in den Stand ſetz⸗ te, ihre Reichthuͤmer von Land zu Land zu verbrei⸗ ten; ſo daß, wenn ihren Schaͤtzen in dem einen Lande Gefahr drohte, ſie in dem andern geſichert waren. Die Hartnaͤckigkeit und die Habſucht der Juden, die dem Fanatismus und der Tyrannei ihrer Bedruͤk⸗ ker ſo die Wage hielt, ſchien mit den ſie betreffenden Gefahren in gleichem Maße zu ſteigen; und die un⸗ geheuern Reichthuͤmer dienten, wenn ſie dieſelben auch oft Gefahren ausſetzten, dennoch zu andern Zeiten dazu, ihnen ausgebreiteten Einfluß und einen gewißen Grad von Schuß zu verſchaffen. So war ihre Lage, und eine natuͤrliche Folge davon war, daß ſie wachſam, argwoͤhniſch, furchtſam, zugleich aber hartnaͤckig, un⸗ gefaͤllig und hoͤchſt verſchlagen wurden, um ſich den ihnen drohenden Gefahren zu entziehen. Nachdem ſie eine Zeitlang auf manchem abgele⸗ genen Pfade fortgerziten waren, brach endlich der Pilger das Stilſchweigen. „Dieſe alte morſche Eiche,“ ſagte er,„bezeichnet die Gränzen, uͤber welche ſich Front de Boeuf die Herrſchaft anmaßt.— Schon lange ſind wir aus dem Bereich Philipps von Malvoiſin. Es iſt nun keine weitere Verfolgung zu befuͤrchten.“ „Moͤgen die Raͤber ihrer Wagen abgezogen wer⸗ den, gleich denen der Heere Pharaos,“ ſagte der Ju⸗ —y—·˖·———— 195 de;„aber verlaß mich nicht, guter Pilger! bedenke, daß dieſer ſtolze Tempelherr mit ſeinen Sarazener⸗ ſklaven weder Landeshoheit noch Gutsrecht achtet.“ „Unſer Weg,“ verſetzte der Pilger,„ſollte hier ſich trennen, denn es geziemt einem Manne meines Standes nicht, mit einem des Deinigen laͤnger zu reiſen, als es die Noth erfordert. Welchen Beiſtand kannſt du uͤberdieß von einem friedlichen Pilger gegen zwei bewaffnete Heiden erwarten?“ „Guter Juͤngling, du kannſt mich vertheidigen, und ich weiß, du willſt es,“ antwortete der Jude. „So arm ich bin, will ich es dir dech lohnen— nicht mit Geld, denn Geld, ſowahr mir der Gott Abra⸗ hams helſe, habe ich nicht— aber“— „Geld und Belohnung,“ fiel der Pilger ein,„be⸗ gehre ich nicht von dir, wie ich dir ſchon geſagt habe. Ich kann dich fuͤhren, ja vielleicht ſogar vertheidigen, da einen Juden gegen einen Sarazenen zu vertheidi⸗ gen, eines Chriſten nicht wohl unwuͤrdig ſein kann. Deßwegen will ich dich, Inde, an einen ſichern Platz bringen. Wir haben nicht mehr weit nach der Stadt Sheffield, wo du leicht bei irgend Jemand von deinem Stamme eine Zuflucht finden kannſt.“. „Der Segen Jakobs uͤber dich, guter Juͤngling!“ ſprach der Jude;„in Sheſſield kehr ich bei einem Verwandten Zareth ein und kann Mittel finden, in Sicherheit weiter zu reiſen.“ „Sei es ſo!“ verſetzte der Pilger;„in Sheffield 406 alſo trennen wir uns, in einer halben Stunde Rei⸗ tens haben wir die Stadt vor Geſicht.“ Die halbe Stunde legten beide in vollkommenem Stillſchweigen zuruͤck; der Pilger fand es vielleicht unter ſeiner Wuͤrde, mit dem Juden anders als im hochſten Nothfall zu reden, und der Jude nahm ſich nicht heraus, eine Unterredung mit einem Manne zu erzwingen, dem ſeine Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande eine Art von Heiligkeit beilegte. Auf dem Gipfel eines anmuthigen Huͤgels hielten ſie an und auf die am Fuße deſſelben liegende Stadt Sheffield deutend ſagte der Pilger:„hier trennen wir uns.“ „Nicht bevor Ihr des armen Juden Dank em⸗ pfangen habt,“ ſprach Iſaak.„Denn ich wage es nicht, Euch zu bitten, mich nach dem Hauſe meines Verwandten Zareth zu begleiten, der mich vielleicht in den Stand ſetzen wuͤrde, Eure freundlichen Dien⸗ ſte zu belohnen.“ „Ich habe dir bereits geſagt,“ antwortete der Pilger,„daß ich keine Belohnung von dir begehre. Willſt du aber unter deiner großen Liſte von Schuld⸗ nern um meinetwillen irgend einen ungluͤcklichen Chri⸗ ſten mit den ihm drohenden Feſſeln und dem Kerker verſchonen, ſo werde ich den dir an dieſem Morgen geleiſteten Dienſt reichlich belohnt finden.“ „Halt, halt!“ rief der Jude, indem er ihn am Kleide faßte;„noch etwas mehr moͤchte ich thun, noch etwas fuͤr Euch ſelbſt.— Gort weiß es, der Jud iſt 107 arm— ja, Iſaak iſt der Bettler ſeines Stämmes— doch verzeiht mir, wenn ich errathen haben ſollte, was Ihr eben jezt am meiſten beduͤrfet.“ „Wenn du es auch richtig erraͤthſt,“ erwiederte der Pilger,„ſo iſt es doch etwas, was du mir nicht ſchaffen kannſt, und waͤrſt du auch ſo reich, als du arm zu ſein betheuerſt.“ „Als ich betheure?“ wiederholte der Jude.„O, glaubt mir, es iſt reine Wahrheit, was ich ſage! ich bin ein beraubter, verſchuldeter, ungluͤcklicher Mann. Grauſame Haͤnde haben mir Alles, was ich beſaß⸗ entriſſen, Geld, Gut und Schiffe.— Allein ich kann dir ſagen, was du bedarfſt, und kann dir vielleicht damit aushelfen. Du wuͤnſcheſt ein Pferd und eine Ruͤſtung!“ Der Pilger ſtutzte und wandte ſich ſchnell mit der Frage an den Juden:„Welcher boͤſe Feind ließ dich das errathen?“. „Hat nichts zu ſagen,“ verſetzte laͤchelnd der Ju⸗ de,„wenn ich nur wahr gerathen habe— und wie ich deinen Mangel exrieth, ſo kann ich ihm auch abhelfen.“ „Aber bedenkt doch meinen Stand, meine Tracht und mein Geluͤbde.“ „O, ich kenne Euch Chriſten,“ entgegnete der Jude,„und weiß, daß die Vornehmſten unter Euch aus aberglaͤubiſcher Buße den Stab und die Sanda⸗ ten ergreiffen, um zu Fuß die entfernten Graͤber tod⸗ ter Leute zu beſuchen.“ „Laſtere nicht, Jube,“ ſprach in ernſtem Tone der Pilger. „Verzeiht mir!“ erwiederte der Jude; nich ſprach unuͤberlegt. Aber einzelne abgebrochene Worte, wel⸗ che Euch geſtern Nacht und dieſen Morgen entfielen, verriethen wie Funken vom Feuerſtein den inneren Gehalt, und in dem Buſen Eures Pilgerkleides buͤrgt ſich eine Ritterkette und goldene Sporen. Sie ſchim⸗ merten mir entgegen, als Ihr Euch dieſen Morgen uͤber mein Bett herbeugtet.“ Der Pilger konnte ſich eines Laͤchelns nicht ent⸗ halten.„Wuͤrden deine Kleider von einem gleich neu⸗ gierigen Blicke durchforſcht, Iſaak, ſo koͤnnte man vielleicht aͤhnliche Entdeckungen machen.“ G „Nichts weiter davon,“ ſprach der Jude, ſeine Farbe wechſelnd und eilig ſeine Schreibmaterialien er⸗ greifend, als wollte er ſo die Unterredung abbrechen, begann er, ohne vom Maulthier abzuſteigen, auf dem Deckel ſeiner gelben Muͤtze zu ſchreiben. Als er ge⸗ endet hatte, gab er die hebraͤiſche Schrift dem Pilger mit den Worten: In der Stadt deiceſter kennen alle Leute den reichen Juden Kirgath Jairam aus der Lombardei; dem gebt dieſes Blatt— er hat ſechs maillaͤndiſche Ruͤſtungen zum Verkauf, wovon die ſchlechteſte fuͤr einen Koͤnig nicht zu ſchlecht ſein wuͤr⸗ de— hat ferner zehn ſtattliche Hengſte im Stall, von welchen den gering ten ein Fuͤrt beſteigen duͤrfte, wenn er zum Kampf fuͤr ſeinen Thron auszieht.— Er 8 wird Euch die Wahl darunter laſſen, und Euch mit allem werſehen, was Ihr ſonſt zum Turniere beduͤr⸗ fen ſolltet. Wenn es voruͤber iſt, ſo werdet Ihr es ihm zuruckgeben, wenn Ihr nicht im Stande ſein ſoll⸗ tet, den Werth davon dem Eigenthuͤmer zu bezahlen.“ „Aber, Iſaak,“ verſetzte laͤh elnd der Pilger,„weißt du nicht, daß bei dieſen Waffenſpielen Ruͤſtung und Roß dem Sieger verfallen? Nun kann ich aber ſo ungluͤcklich ſein, zu verlieren, was ich zu bezahlen und zu erſetzen unfaͤhig bin.“ Der Jude ſtutzte ein wenig bei dieſer Moͤglich⸗ keit; faßte ſich aber wieder Muth und entgegnete ſchnell: „Nein— nein— nein— es iſt nicht moͤglich— ich will es mir nicht moͤglich denken. Der Segen deines Vaters wird mit dir ſein.— Deine Lanze wird ſich gleich dem Stabe Moſis bewaͤhren. Mit dieſen Worten wollte er ſeines Maulthieres Kopf herumwenden, als der Pilger jezt ſeinerſeits ihn beim Mantel feſthielt.„Nein, Iſaak, du kennſt nicht alle die Gefahren. Das Pferd kann getoͤdtet, die Ruͤſtung beſchaͤdigt werden— denn ich werde we⸗ der mich noch das Streitroß ſchonen. Ueberdieß gibt dein Stamm nichts fuͤr nichts; auch fuͤr den Ge⸗ brauch muß etwas entrichtet werden.“ Der Jude wand ſich aͤngſtlich auf ſeinem Sattel, we ein Menſch, den die Darmgicht befaͤllt; allein ſein beſſeres Ich bekam die Oberhand uͤber ſeine gewoͤhn⸗ lichen Gefuͤhle.„Meinetwegen,“ ſagte er,„meinet⸗ Wird etwas beſchaͤdigt, es foll Euch nichts koſten— iſt Mierhgeld gebraͤuchlich, ſo wird's Euch Kirgath Jairam um ſeines Vetters 1 Iſaak willen erlaſſen.— So lebt denn wohl!— Doch hoͤrt, guter Juͤngling, ſturzt Euch nicht gar zu wild A in das laͤrmende Toben— nicht wegen des Noſſes 4* und der Ruͤſtung, ſondern Eures eigenen Lebens und Eurer Glieder wegen.“ „Ich danke dir fuͤr deine theilnehmende Beſorg⸗ niß,“ erwiederte laͤchelnd der Pilger;„ich werde dei⸗ 4 ne Gefaͤlligkeit benuͤtzen, und es muͤßte mir ſchlimm ergehen, wenn ich ſie dir nicht einſt noch lohnte.“ Sie trennten ſich und ſchlugen verſchiedene Wege nach der Stadt Sheffield ein. Siebentes K a pitel. Von Knappen ſtolz umringt erſcheint der Ritter Schaar, Und bunter, reicher Putz der Diener Zierde war, Der Eine ſchnürt den Helm, der Andre hält die Lanze, Der Dritte prunkend zeigt den Schild in ſeinem Glanze, Und ſchnaubend ſchäumt das Roß und ſprühet weißen Schaum Und ſcharrt und ſtampſt und beißt in ſeinen goldnen Zaum⸗ Die Waffenſchmied, herbet auf ihren Kleppern reiten Die Feile in der Hand, den Hammer an der Seiten, Wenn Schild und Speer zerbricht im muthig kühnen Streitem Der ehrvarn Yewmen Reiben zum Schutz der Straße ſiand⸗ Das Landvolk drängt herbei, den Knittel in der Hand alamon und Areite:. Die Lage des engliſchen Voltes war in jenen Zei⸗ 4* ten aͤuſſerſt traurig. Koͤnig Richard war akweſend und als Geſangener in der Gewalt des treuloſen und grauſamen Herzogs von Oeſtreich. Selbſt der Ort ſei⸗ ner Gefangenſchaft war unbekannt und ſein Schickſal ſeinen Unterthanen nur hoͤchſt unvollkommen bekannt geworden, waͤhrend dieſe jeder Art von Unterdruͤckung zur Beute wurden. Im Einverſtaͤndniß mit Philipp von Frankreich, Richards Todfeind, wandte Prinz Johann alle ihm zu Gebot ſtehenden Mittel an, die Gefangenſchaft ſei⸗ nes Bruders Nichard zu verlaͤngern, dem er doch ſo manche Wohlthat verdankte. Zu gleicher Zeit ſuchte er ſeine Partei in dem Koͤnigreich zu verſtaͤrken, da er, falls der Konig ſtuͤrbe, die Erbfolge dem rechtmaͤßigen Kronerben Arthur, Herzog von Britannien, Sohn des Plantagenet, ſeines aͤltern Bruders Gottfried, ſtreitig zu machen gedachte. Bekanntlich gelang ihm ſpaͤter dieſe Uſurpation. Da Johann von ſchlech⸗ tem, treuloſem, verſchwenderiſchen Charakter war, verbanden ſich leicht mit ſeiner Perſon und Sache alle, welche die Nache Richards wegen ihres Beneh⸗ mens in ſeiner Abweſenheit zu fuͤrchten hatten; eben⸗ ſo alle„geſetzloſen Wagehaͤlſe,“ welche die Kreuzzuͤge in das Vaterland zuruͤckſandten, vollendet in den La⸗ ſtern des Morgenlandes, verarmt an Vermoͤgen, und von frechem Sinn, die alle ihre Hoffnungen nur auf die Aernte gruͤndeten, die ihnen in buͤrgerlichen Un⸗ nuhen werden konnte, 11² Zu dieſen Urſachen öͤffentlichen Elends und gerech⸗ ter Beſorguniſſe war noch die Menge Geaͤchteter zu rechnen, welche durch die Tyrannei der Feudalherr⸗ ſchaft und die ſtrenge Ausuͤbung der Jagdgeſetze auf das auſſerſte getrieben, ſich in den Waͤldern und Ein⸗ oͤden aufhielten und vereint den Gerichten und Obrigkeiten des Landes Trotz boten. Die Edeln ſelbſt, von denen jeder ſich in ſeinem Schloße befeſtigte und den Souveraͤn auf ſeinen Beſitzungen ſpielte, ſtanden an der Spitze von Soͤldnerbanden, welche ebenſo ge⸗ ſetzlos und gewaltthaͤtig als die erklaͤrten Raͤuber ver⸗ fuhren. Um dieſe Reiſigen zu unterhalten, und den prachtvollen Aufwand zu beſtreiten, den ihr Ueber⸗ muth ſie machen ließ, borgten ſie auf die ungeheuer⸗ ſten Intereſſen Summen von den Juden, die nun gleich einem verzehrenden Krebsſchaden an ihren Be⸗ ſitzungen nasten, wenn ſich nicht eine Gelegenheit dar⸗ vor, durch irgend eine Handlung der Gewalt ihre Glaͤu⸗ biger zu befriedigen. Von allen dieſen Laſten bedruͤckt litt das engli⸗ ſche Volk nicht nur in der Gegen wart ungemein, ſon⸗ dern hatte auch von der Zukunft Alles zu fuͤrchten. Ei⸗ ne anſteckende Krankheit mußte noch das Landeselend erhoͤhen, und noch giftiger wurde ſie durch die Un⸗ reinlichkeit der elenden Wohnungen der niederen Klaſ⸗ ſe und raffte manche dahin, deſſen Schickſal der Ue⸗ berlebende zu beneiden geneigt war, da es ihn den drohenden Uebeln der Zukunft entriß. 3 . Allein 11³ Allein mitten unter dieſem vielſachen Elend em⸗ pfand dennoch der Arme wie der Reiche, der gemei⸗ ne Mann wie der Große bei dem herannahenden Tur⸗ nier dieſelbe Theilnahme, welche der halbverhungerte Bewohner Madrids, der keinen Real beſitzt, den Sei⸗ nigen Speiſe zu kaufen, an einem Stiergefechte nimmt. Weder Pflicht noch Krankheit konnte Alt oder Jung von einem ſolchen Schauſpiele entfernt halten. Der Waffengang,(wie man es nannte) der in Aſfhby in der Grafſchaft Leiceſter Statt finden ſollte, hatte Je⸗ dermann in Anſpruch genommen. Die beruͤhmteſten Ritter ſollten hier in Gegenwart des Prinzen Johann das Feld halten, und eine ungeheure Menſchenmenge von jedem Alter und Stand eilte an dem beſtimmten Morgen dem Kampfplatze zu. Ausgezeichnet romantiſch war der Anblick des Ganzen. An dem Saum eines Waldes, der etwa eine Meile von der Stadt Aſhby entlegen war, brei⸗ tete ſich ein großer Anger, mit dem ſchoͤnſten Raſenteppich, aus, den von der einen Seite der Wald, von der andern eine Reihe Eichbaͤume be⸗ graͤnzte, deren einige zu einer ungeheuern Groͤße emporgewachſen waren. Als ob ſie eigens zu dieſem Zwecke angelegt waͤre, ſenkte ſich die Gegend nach al⸗ len Seiten allmaͤhlig zu einem ebenen Grunde her⸗ ab, der etwa eine Viertelmeile in die Laͤnge und halb ſo breit mit feſtem Pfahlwerk umſchloſſen war. Die Form bildete ein kaͤngliches, zur groͤßern W. Scott's Werke. XLlII. 8 114 Bequemlichkeit der Zuſchauer an den Ecken ſtark ab⸗ gerundetes Viereck. Die Eingaͤnge fuͤr die Kaͤmpfen⸗ den befanden ſich an dem noͤrdlichen und ſuͤdlichen En⸗ de der Schranken und waren geraͤumig genng, zwei vollkommen geruͤſtete Ritter nebeneinander einzulaſ⸗ ſen. An jedem dieſer Portale waren zwei Herolde aufgeſtellt, mit ſechs Trompetern und Dienern um⸗ geben, nebſt einer betraͤchtlichen Anzahl Bewaffneter, um Ordnung zu erhalten und die Eigenſchaften der Ritter zu pruͤfen, die ſich zur Theilnahme an dieſem kriegeriſchen Spiele meldeten. Auf einer ebenen Anhoͤhe am uͤdlichen Eingange, welche eine natuͤrliche Erhohung des Bodens bildete, waren fuͤnf praͤchtige Helte aufgeſchlagen, mit ſchwar⸗ zen und rothen Wimpeln, als den Farben der fuͤnf ausfordernden Kitter, verziert. Auch die Seile der Zelte waren von gleicher Farbe. Vor jedem der Zelte hing der Schild des Ritters, der es inne hatte, und neben demſelben ſtand ein Knappe, entweder als Wil⸗ der oder Waldbewohner, oder auf irgend eine andere fantaſtiſche Weiſe verkleidet, je nach dem Geſchmacke ſeines Gebieters und dem Charakter, den er waͤhrend des Spieles zu behaupten gedachte.„ Das Mittelzelt war, als Ehrenplatz, dem Brian de Bois Guilbert angewieſen worden, deſſen Ruhm en allen ritterlichen Uebungen nicht minder als ſeine Verbindung mit den Rittern, welche dieſen Waffengang unternommen hatten, machte, daß er von den Ausfor⸗ 3 4 4 145 derern nicht blos freudig als Gefaͤhrten empfangen, ſondern auch zum Anfuͤhrer erwaͤhlt wurde. Auf der einen Seite ſeines Zeltes befanden ſich die Reginald Front de Boeufs und Richard de Mal⸗ voiſins, und auf der andern das eines vornehmen, benachbarten Barons, Hugh de Grantmesnil, deſſen Vorfahr Lord Großſteward von England zur Zeit des Eroberers und ſeines Sohns William Rufus gewe⸗ ſen war. Ralph de Vipont, ein Ritter des heiligen Johann von Jeruſalem, der einige alte Beſitzungen an einem Orte, Heather genannt, nahe bei Aſhby de la Zouche, beſaß, hatte das fuͤnfte inne. Von dem Eingang zu den Schranken fuͤhrte ein allmaͤhlig auf⸗ waͤrts ſteigender Weg zu der erhoͤhten Ebene, auf der die Zelte ſtanden. Sie war auf jeder Seite ſo wie auch die Esplanadevor den Zelten mit einem ſtarken Pfahlwerk eingefriedigt, und das Ganze durch Bewaff⸗ nete bewacht. Der noͤrdliche Zugang zu den Zelten endigte ſich in einen aͤhnlichen dreißig Fuß breiten Eingang. Am aͤuſſerſten Ende deſſelben war ein großer Raum einge⸗ haͤgt fuͤr die Ritter, welche Luſt hatten, gegen die Ausforderer in die Schranken zu treten. Hinter ih⸗ nen waren Zelte aufgeſchlagen, welche Erfriſchungen aller Art fuͤr ſie enthielten, nebſt Waſfen⸗ und Huf⸗ ſchmieden und andern Handwerkern, die im Noth⸗ fall ſogleich die erforderlichen Dienſte leiſten konnten. Der auſſere Umfang der Schranken war zum Theil 8„ mit Gallerien beſetzt, die zur Bequemlichkeit der Da⸗ men und Edeln, die als Zuſchauer bei der Feſtlichkeit erwartet wurden, mit Teppichen und Kiſſen verſehen waren. Ein enger Raum zwiſchen dieſer Gallerie und den Schranken gewaͤhrte den Freiſaſſen und den Zuſchauern des Mittelſtandes volle Bequemlich⸗ keit, und mochte ſich einigermaßen mit den Parterren unſerer Theater vergleichen laſſen. Der Pobel mußte ſich auf den großen Raſenbaͤn⸗ ken, die zu dieſem Zwecke eingerichtet waren, und von der ſteigenden Hoͤhe des Terrains beguͤnſtigt uͤber die Balkone her eine freie Ausſicht auf den Kampfplatz gaben, zu Recht zu finden ſuchen. Auſſer dieſen Be⸗ quemlichkeiten hatten ſich noch viele Hunderte Baͤume zu ihrem Standpunkt erleſen, in deren Aeſten ſie hin⸗ gen, und ſelbſt die Thurmſpitze einer nahen Dorfkirche war mit Schauluſtigen angefuͤllt. In Anſehung der allgemeinen Vorkehrungen bleibt nur noch zu bemerken, daß eine Gallerie gerade im Mittelpunkte der oſtlilhen Seite der Schranken, folg⸗ lich gerade der Stelle gegenuͤber, wo der Kampf ſelbſt Statt ſinden ſollte, hoͤher als die Uebrigen und rei⸗ cher verziert, und durch eine Art von Thron und Baldachin ausgezeichnet war, auf welchem das koͤnig⸗ liche Wappen prangte. Knappen, Pagen und Bewaff⸗ nete in reichen Livreen umgaben dieſen fuͤr den Prin⸗ zen Johann beſtimmten Ehrenplatz. Dieſer koͤnigli⸗ chen Gallerie gegenuͤber befand ſich eine andere gleich⸗ hohe an der weſtlichen Seite der Schranken, und war wenn auch minder praͤchtig, doch freundlicher als ſelbſt der fuͤr den Prinzen ausgeſchmuͤckt. Eine Menge von Pa⸗ gen und Maͤdchen, die ſchoͤnſten, welche man zuſam⸗ menbringen konnte, umringten, fantaſtiſch in Gruͤn und Roth gekleidet, einen mit gleichen Farben geſchmuͤck⸗ ten Thron. Unter Wimpeln und Flaggen, auf wel⸗ chen verwundete, blutende Herzen, Bogen und Pfeile zu ſehen weren, verkuͤndete eine ſchimmernde Inſchrift dem Leſer, daß dieſer Ehrenplatz fuͤr„La Royne de la Beaulté ei des Amours beſtimmt war. Al⸗ lein wer die Königinn der Schoͤnheit und Liebe ſein ſollte, konnte Niemand errathen. Mittlerweile draͤngten ſich Zuſchauer aller Klaſſen vorwaͤrts, Sitze und Staͤnde einzunehmen, nicht ohne vielfachen Streit in Anſehung derer, die ſie einzuneh⸗ men berechtigt waren. Einige derſelben wurden zum Theil ohne viele Umſtaͤnde von den Bewaffneten ge⸗ ſchlichtet; da die Griffe ihrer Streitaͤrte und Schwerter die triftigſten Gruͤnde waren, die Widerſpaͤnſtigen zur Ruhe zu bringen. Andere, welche zwiſchen Per⸗ ſonen hoͤheren Rangs entſtanden, wurden von Herol⸗ den oder den zwei Turniermarſchaͤllen William de Wyvil und Stephan de Martival vermittelt, die, vollkommen geruͤſtet, innerhalb der Schranken auf und abſpreng⸗ ten, und Ordnung hielten. Nach und nach fuͤllten ſich auch die Gallerien mit Rittern und Edeln in ihren friedlichen Feierkleidern, 118 deren lange, reichgeſtickte Maͤntel ſehr gegen die buns⸗ farbigen, glaͤnzenden Gewaͤnder der Damen abſtachen, welche in groͤßerer Anzahl als die Maͤnner ſich zu ei⸗ nem Schauſpiel draͤngten, das man fuͤr zu blutig und gefaͤhrlich haͤtte erachten ſollen, als daß es ihnen viel Vergnuͤgen machen koͤnnte. Der niedrige, innere Raum fuͤllte ſich bald mit wohlhabenden Freiſaſſen und Buͤrgern, und ſolchen von dem niedrigen Adel, wel⸗ che aus Beſcheidenheit, Armuth oder z“ ifelhaftem Titel keinen hoͤhern Platz einzunehmen wagten. Na⸗ tuͤrlich war es, daß hier ſich am haͤufigſten Streit über Vorrang entſpann. „Hund von Unglaͤubigem!“ rief ein alter Mann, deſſen abgetragenes Oberkleid ſeine Armuth eben ſo gut bezeugte, als Schwert, Dolch und goldene Kette ſeine Anſpruͤche auf Rang beurkundeten.—„Du Wolfsbrut, du, wagſt du einen Chriſten, einen nor⸗ maͤnniſchen Edelmann aus dem Hauſe der Montdi⸗ dier zu draͤngen?“ Dieſe rauhe unſanfte Rede war an Niemand an⸗ ders, als unſern alten Bekannten Iſaak gerichtet, der in einen mit Treſſen beſetzten und mit Pelz gefuͤtterten, langen Talar gekleidet, ſich beſtrebte, in der vorderſten Reihe an der Gallerie einen Platz fuͤr ſeine Tochter, die ſchoͤne Rebekka, zu ge⸗ winnen, die ihn in Aſhby getroffen und nun an des Vaters Arm haͤngend nicht wenig uͤber den Unmuth erſchrak, den ihres Paters Anmaßung uͤberall zu er⸗ 4 1¹9 regen ſchien. So furchtſam wir aber Iſaak auch bei andern Gelegenheiten geſehen haben, ſo wußte er doch recht wohl, daß er bei der gegenwaͤrtigen nichts zu befuͤrchten habe. An ſolchen Orten oͤffentlicher Belu⸗ ſtigungen oder wo ſich mehrere ſeines Gleichen verſammel⸗ ten, durfte kein habſuͤchtiger oder uͤbelwollender Edelmann es wagen, ihn zu beleidigen. Hier ſtanden die Juden un⸗ ter dem Schutze des Geſetzes und wo ſich dieſe Schutzwehr nicht maͤchtig genug erwies, fanden ſich doch wenig⸗ ſtens unter den Verſammelten einige Baronen, wel⸗ che ſich ihres eigenen Vortheils wegen zu ihren Beſchuͤtzern aufwarfen. Bei der jetzigen Gelegen⸗ heit aber fuͤhlte Iſzak ein mehr als gewoͤhnliches Vertrauen, da er wußte, daß Prinz Johann eben damals durch Verpfaͤndung von Guͤtern und Juwelen von den Juden eine große Summe von York borgen wollte. Iſaaks eigener Antheil an dieſem Geſchaͤfte war betraͤchtlich, und er wußte recht wohl, daß der Prinz, der es gerne bald abgeſchloſſen ſah, ihm in der Verlegenheit, worin er ſich befand, ſeinen Schutz nicht verſagen wuͤrde. Durch dieſe Betrachtungen kuͤhn ge⸗ macht, verfolgte der Jude ſeinen Zweck, und draͤngte den normaͤnniſchen Chriſten, ohne Ruͤckſicht auf Ab⸗ kunft, Eigenſchaften oder Religion zu nehmen, im⸗ mer weiter. Die Klagen des alten Mannes erregten indeſſen den Unwillen der Umſtehenden. Einer der⸗ ſelben, ein handfeſter Freiſaße in Lincolner Gruͤn ge⸗ kleidet mit ſilbernem Wehrgehaͤnge, zwoͤlf Pfeile in 120 ſeinem Koͤcher und einen ſechs Fuß hohen Bogen in der Hand haltend, wandte ſich ſchnell um und rief dem Juden zu, waͤhrend ſein von der Sonne ver⸗ branntes Geſicht noch dunkler vor Aerger ward, er ſollte ſich erinnern, daß all der Reichthum, den er durch Ausſaugung ſeiner elenden Schlachtopfer er⸗ worben, ihn wie eine Kreuzſpinne aufgeſchwellt habe, die man, ſo lange ſie in ihrem Verſteck bliebe, uͤberſehe, fobald ſie ſich ans Licht hervorwage, mit den Fuͤßen zertrete. Dieſe Weiſung, mit feſter Stimme und finſterem Blick in normaͤnniſchem Fran⸗ zoͤſiſch gegeben, ſchreckte den Juden zuruͤck, und er wurde ſich aus dieſer gefaͤhrlichen Nachbarſchaft zuruͤck⸗ gezogen haben, waͤre nicht die Aufmerkſamkeit der Leute auf den Prinzen Johann gerichtet worden, der in dieſem Augenblick in die Schranken ein⸗ ritt, begleitet von einem anſehnlichen Gefolge von Laien und Kloſterverwandten, die in Kleidung und Benehmen, ſo wie an Glanz und Ungebundenheit ih⸗ ren Geſaͤhrten nichts nachgaben. Unter den letztern befand ſich auch der Prior von Jorvaulr in dem galan⸗ teſten Anzug, den ihm nur immer ſeine kirchliche Wuͤrde geſtattete. Weder Pelzwerk noch Gold war an ſeiner Kleidung geſpart; ja die Spitzen ſeiner Stie⸗ ſeln bogen ſich, die uͤbertriebene Mode ſeiner Zeit noch uͤberbietend, ſo weit aufwaͤrts, daß ſie nicht blos die Knie, ſondern beinahe den Guͤrtel beruͤhrten und ihn hinderten, den Fuß in den Steigbuͤgel zu ſetzen, 124 Dieß inkommodirte aber den galanten Abt ſo wenig, daß er ſich vielmehr freute, bei dieſer Gelegenheit vor ſo vielen Zuſchauern, beſonders vom ſchoͤnen Geſchlecht, ſeine Geſchicklichkeit im Reiten zeigen zu koͤnnen. Der Reſt von Prinz Johanns Gefolge beſtand hauptſaͤch⸗ lich aus den beguͤnſtigten Anfuͤhrern ſeiner Soͤld⸗ linge, einigen raubluſtigen Baronen, nichtswuͤr⸗ digen Hofſchranzen nebſt einigen Tempelherrn und Johanniterrittern. Es iſt noch zu bemerken, daß die Ritter dieſer beiden Orden feindlich geſinnt gegen Richard waren und bei allen Streitigkeiten zwiſchen dem loͤwenherzi⸗ gen Koͤnig von England und Philipp von Frankreich es mit lezterem gehalten hatten. Wohl bekannt war, daß die Folgen dieſer Zwiſtigkeiten Richards wiederholte Siege fruchtlos machten, ſeine roman⸗ haften Plane, Jeruſalem zu belagern, vereitel⸗ ten, und aller Ruhm, den er errungen hatte, end⸗ lich in einen unſichern Waffenſtillſtand mit Saladin dahingeſchwunden war. Mit derſelben Politik, welche das Benehmen ihrer Bruͤder in dem heiligen Lande leitete, ſchlugen ſich die Templer und Johanniter in England und der Normandie zu der Partei des Prin⸗ zen Johann, indem ſie keinen Grund hatten, die Ruͤckkehr Richards nach England, oder die Erbfolge Arthurs, ſeines rechtmaͤßigen Thronerben zu wuͤn⸗ ſchen. Prinz Johann haßte und verachtete aus dieſem Grunde die wenigen ſaͤchſiſchen Familien von Bedeu⸗ 122 tung, welche England noch zaͤhlte, und benutzte jede Gelegenheit, ſie zu kraͤnken und zu beleidigen; weil er wußte, daß ſowohl ſie als die engliſchen Gemeinden feinen Anſpruͤchen ſo wie ſeiner Perſon abhold waren, indem ſie von einem Monarchen der Idhanns zuͤgelloſe, tyranniſche Neigungen beſaß, Eingeiffe in ihre Rechte und Freiheiten befuͤrchteten. Von dieſem glaͤnzenden Geſolge begleitet, wohl⸗ beritten, koſtbar in Carmeiſin und Gold gekleidet, auf der Fauſrt einen Falken tragend, eine koſtbare Pelz⸗ muͤtze, mit einem Juwelenkranz umgeben, auf dem Kopf, von dem ſein langes, gelocktes Haar uͤber ſeine Schultern herabſtoß, galoppirte Prinz Johann auf ei⸗ nem feurig ſchnaubenden Grauſchimmel an der Spitze ſeines luſtigen Zuges der Gallerien, laut mit ſeinem Geſolge lachend, und mit aller Kuͤhnheit eines koͤnig⸗ lichen Kritikers die Schoͤnheiten in den Schranken umher muſternd. Dieienigen, welche in den Zuͤgen des Prinzen eine ausſchweifende Frechheit verbunden mit ungemeſ⸗ fenem Stolz und Gleichguͤltigkeit gegen das Urtheil anderer laſen, konnten jedoch ſeinem Weſen eine Art von Aumuth nicht abſprechen, die offenen, von der Natur wohlgebildeten Geſichtszuͤgen eigen bleibt, wel⸗ che die Kunſt den gewoͤhnlichen Formen der Hoͤflich⸗ keit zwar unterworfen hat, die dieſen Zwang aber mit ſolcher Offenheit und Ehrlichkeit zur Schau ſtellen, als weigerten ſie ſich, das innere Treiben der Seele zu 1²³ verhuͤllen. Ein ſolcher Ausdruck wird oft faͤlſchlich fuͤr maͤnnlichen Freimuth genommen, da er doch nur aus der ruͤckſichtloſen Gleichguͤltigkeit eines ausſchwei⸗ fenden Gemuͤths entſpringt, und dem Bewußkſein ho⸗ her Geburt oder Reichthums, oder ſonſt einem zufaͤl⸗ ligen mit perſoͤnlichem Verdienſt gar nicht zuſammen⸗ haͤngenden Vorzug ſein Daſein verdankt. Fuͤr dieje⸗ nigen, welche keinen tiefern Blick hatten, und es gab deren Hunderte gegen einen, war die Pracht von Prinz Johanns rheno(Petzkragen) ſo wie die ſeines mit dem koſtbarſten Zobel beſetzten Mantels, ſeiner Maroquinſtiefeln und goldenen Sporen, verbunden mit dem Anſtand, womit er ſein Roß zu lenken wuß⸗ te, vollkommen genuͤgend, den lauteſten Beifall zu er⸗ regen. Bei dieſem luſtigen Umritt in den Schranken ward die Aufmerkſamkeit des Prinzen durch die noch nicht beſeitigte Unruhe erregt, die Iſaaks ehrgeiziges Stre⸗ ben, nach hoͤheren Plaͤtzen ſich hinzudraͤngen, verurſacht hatte. Das immer bewegliche Auge des Prinzen Jo⸗ hann hatte ſogleich den Juden erkannt, ward aber noch angenehmer angezogen durch die ſchoͤne Tochter Zions, welche erſchreckt durch den Laͤrm ſich aͤngſtlich an ihres Vaters Arm angeſchmiegt hatte. Die Geſtalt Rebekkas konnte ſich in der That ſelbſt nach dem Urtheil eines ſo ſchlauen Kenners, wie Prinz Johann war, mit der ſtolzeſten Schoͤnheit Eng⸗ lands meſſen. Ihre Formen ſtanden in dem ſchoͤnſten Ebeumaße und traten in der morgenlaͤndiſchen Tracht 124 ihres Stammes hoͤchſt vortheilhaft ins Auge. Ihr gelbſeidner Turban ſtand ſehr gut zu dem dunkeln Haar und ihrer bruͤnetten Hautfarbe. Der ſtrahlen⸗ de Glanz ihrer Augen, die ſchoͤn gewoͤlbten Augen⸗ brauen, die wohlgeformte Adlersnaſe, die perlenweißen Zaͤhne, die Fülle von Locken, die ſchlangenfoͤrmig ge⸗ wunden auf einen ſchneeweißen Nacken und Bußen herabfielen, ſo viel ein fliegendes Gewand von dem reichſten perſiſchen Seidenzeuge auf purpurfarbnem Grunde Blumen in ihren natuͤrlichen Farben zeigend, davon zu ſehen erlaubte— alles dieß vereinte ſich zu einem Ausbund von Lieblichkeit, der von kei⸗ ner der ſie umgebenden Schoͤnheiten erreicht ward. Von den mit Gold und Perlen beſetzten Schleifen, wel⸗ che ihr Leibchen von der Bruſt bis auf den Gürtel umſchloſſen, waren die drei oberen der Hitze wegen offen geblieben und gewaͤhrten dem obenerwaͤhnten rei⸗ zenden Anblick noch groͤßeren Spielraum; ſo ward denn auch ein brillantes Halsband und Ohrgehaͤnge von un⸗ ſchaͤtbarem Werthe mehr ſichtbar. Ein mit einer bril⸗ lanten Agraffe an dem Turban der ſchoͤnen Juͤdinn befeſtigte Reiherfeder war ferner eine Auszeichnung, um welche ſie von den ſtolzen, uͤber ihr ſitzenden Damen, ſo ſehr ſie ſich bemuͤhten, ſie zu verſpotten, insge⸗ heim beneidet wurde. „Beim kahlen Haupte Abrahams!“ ſprach Prinz Johann,„die Juͤdinn dort muß das treue Ebenbild jener vollkommenen Schoͤnheit ſein, deren —— —— 1²³ Reize den weiſeſten Koͤnig, der je lebte, zu bethoͤren vermochten. Was ſagſt du dazu, Prior Aymer? Beim Tempel, den mein weiſerer Bruder Richard nicht wieder erobern konnte, ſie iſt die wahre Braut des hohen Liedes!“ „Die Roſe Savons und die Lilie des Thales!“ erwiederte der Prior mit etwas gedaͤmpfter Stimme; „aber Ew. Gnaden muͤſſen bedenken, daß es immer nur eine Juͤdinn iſt.“ „Ja,“ fuhr Prinz Johann fort, ohne auf ihn zu achten,„und da iſt auch mein ungerechter Haushal⸗ ter— mein Kapermarquis, der Baron von Bpzanz, der ſich um einen Platz mit den armen Tropfen balgt, deren abgetragene Kleider nicht einen Heller in ihren Taſchen beherbergen, um den Teufel zu beſchwoͤren, daß er nicht Ball drin halte. Beim Leichnam des hei⸗ ligen Markus, mein Subſidienfuͤrſt ſoll mit ſeiner lieb⸗ lichen Juͤdinn einen Platz auf der Gallerie einnehmen. Wer iſt ſie, Iſaak? iſts dein Weib oder deine Toch⸗ ter, die morgenlaͤndiſche Honri da, die du am Arme haͤltſt?“ „Meine Tochter Rebekka, wenn Ew. Gnaden er⸗ lauben wollen,“ antwortete der Jude mit einem tie⸗ fen Buͤckling, keinesweges durch des Prinzen Anrede verlegen, die indeſſen eben ſo viel Spott als Hoͤflich⸗ keit enthalten ſollte. „So biſt du um ſo kluͤger!“ verſetzte Johann, ein Gelaͤchter aufſchlagend, in das ſeine luſtigen Beglei⸗ 3 ter geziemend einſtimmten.„Doch Tochter oder Weib, ſie muß den Vorzug haben, der ihren Reizen und deinem Verdienſte gebuͤhrt.— Wer ſitzt uͤber ihr?“ fuhr er fort zur Gallerie aufblickend,„Saͤchſi⸗ ſche Luͤmmel!— weg mit ihnen!— Laßt ſie zuſam⸗ menruͤcken und Platz machen fuͤr meinen Wucherfuͤr⸗ ſten und ſeine liebenswuͤrdige Tochter. Ich will die Kerls lehren, die erſten Plaͤtze in den Synagogen mit denen zu theilen, denen die Synagoge gehoͤrt.“ Diejenigen, an welche dieſe unhoͤfliche und unpo⸗ litiſche Rede gerichtet war, war die Fsmilie Ce⸗ dries des Sachſen und ſeines Verbuͤndeten und Ver⸗ wandten, Athelſtane von Conigsmark, ein Mann, der ruͤckſichtlich ſeiner Abſtammung von den lezten ſaͤch⸗ ſiſchen Monarchen Englands bei allen ſaͤchſtſchen Ein⸗ gebornen im Norden von England in hoͤchſtem Anſe⸗ hen ſtand. Allein mit dem Blute dieſes alten Koͤ⸗ nigſtammes waren auch manche ſeiner Schwachheiten auf Athelſtane vererbt worden. Er hatte ein ſehr gu⸗ tes Aeuſſere, war von ſiarkem Gliederbau und ſtand in der Bluͤthe ſeiner Jahre— ſeine Zuͤge aber waren ausdrucklos, ſein Auge ſchlaͤfrig, matt und unbeholfen, in allen ſeinen Bewegungen und ſeine Unentſchloſſenheit ſo groß, daß der Beiname eines ſeiner Ahnherrn auf ihn uͤbertragen und er allgemein Athelſtane der Un⸗ entſchloſen genannt wurde. Seine Freunde— und er beſaß deren viele die ſich wie Cedric, leidenſchaft⸗ lich an ihn anſchloſſen— behaupleten, daß dieſe Traͤg⸗ — 127 heit nicht aus Mangel an Muth, ſondern aus bloßer Unentſchloſſenheit entſtehe; andere dagegen mein⸗ ten, daß ſein anererbter Fehler die Trunkenheit ſeine nie ſehr ſcharfe Faͤhigkeit abgeſtumpft habe, und daß ſeine leidende Geduld und weichliche Gutmuͤthig⸗ keit nur noch die Hefen eines Charakters waͤren, der preiswuͤrdig haͤtte ſein koͤnnen, von welchem aber der beſſere Theil durch grobe Ausſchweifungen verflogen ſei. An dieſen ſo eben geſchilderten Mann richtete der Prinz ſeinen Befehl, fuͤr Iſaak und Nebekka Platz zu machen. Athelſtane, verbluͤfft uͤber ein nach den Sit⸗ ten und der Denkart jener Zeiten ſo hoͤchſt beleidigen⸗ des Gebot war nicht Willens zu gehorchen und doch auch ungewiß, wie er Widerſtand leiſten ſollte, ſetzte dem Willen des Prinzen blos die vis inertiae entge⸗ gen. Ohne ſich zu ruͤhren oder irgend ein Zeichen ſeiner Bereitwilligkeit zu geben, riß er blos ſeine großen, grauen Augen auf, und ſtarrte den Prinzen mit einer Verwunderung an, die aͤußerſt komiſch war. Allein nicht in dieſem Lichte betrachtete es der unge⸗ duldige Johann. „Das ſaͤchſiſche Schwein,“ ſprach er,„hoͤrt mich entweder nicht oder ſchlaͤft— weck ihn mit dei⸗ ner Lanze auf, Bracy!“ ſprach er zu einem Ritter, der dicht bei ihm ritt und einer der Anfuͤhrer der Freicompagnien oder Condotlieri war, die keiner Na⸗ rion zugehoͤrend blos fuͤr einige Zeit dem Fuͤrſten dien⸗ ten, der ſie bezahlte, 128 Selbſt unter dem Gefolge des Prinzen Johann entſtand ein Gemurmel; allein Bracy, deſſen Gewer⸗ be ihn ſchon laͤngſt jeder Bedenklichkeit enthob, ſtreck⸗ te ſeine lange Lanze aus und wuͤrde den Befehl des Prinzen vollzogen haben, ehe Athelſtane der Unenk⸗ ſchloſſene eine Bewegung gemacht haͤtte, ſich dem Stoße zu entziehen, wenn nicht Cedrie eben ſo raſch, als ſein Gefaͤhrte traͤg, mit Blitzesſchnelle ſein kurzes Schwert gezogen und mit einem Hieb die Spitze der Lanze vom Schaft getrennt haͤtte. Das Blut ſchoß dem Prinzen Johann ins Geſicht. Er ſtieß einen furchtbaren Schwur aus und wuͤrde eine entſprechen⸗ de Gewaltthat haben folgen laſſen, wenn er nicht theils durch die eindringlichen Vorſtellungen ſeiner Umge⸗ bung, theils durch den laͤrmenden Beifall, womit die Menge Cedries Geiſtesgegenwart und Benehmen prei⸗ ſend belohnte, von ſeinem Vorſatz abgehalten worden waͤre. Wuthend warf der Prinz ſeine Augen umher, als ſuche er ein gewißes und leichter zu erreichendes Opfer, und da es ſich traf, daß er dem feſten Blicke des ſchon erwaͤhnten Bogenſchuͤtzen begegnete, der bei ſeinen Bei⸗ fallsaͤuſſerungen, trotz dem zuͤrnenden Blicke des Prin⸗ zen, abſichtlich zu verweilen ſchien, ließ er ihn an, warum er ſo heftig ſchreie. „Ich rufe ſtets mein Hallo mit,“ ſprach der Frei⸗ ſaſſe,„wenn ich einen guten Schuß, oder einen kraͤf⸗ tigen Hieb ſehe.“ „Das waͤre!“ antwortete der Prinz;„dann triffſt 129 triffſt du wohl das Weiße immer ſelbſt, weit ich.“ „Ja, Weidmannsziel auf Weidmanns Weite tref⸗ fe ich!“ ſagte der Bogenſchuͤtz.„Er trifft Wat Tyr⸗ rells Ziel auf hundert Ellen!“ rief eine Stimme aus dem Hintergrund, aber man konnte nicht unter⸗ ſcheiden, von wem ſie kam. Dieſe Anſpielung auf. das Schickſal ſeines Groß⸗ vaters William Rufus entruͤſtete und beunruhigte den Prinzen Johann zugleich. Er befahl daher den Bewaffneten, welche die Schranken umgaben, auf die⸗ ſen Prahlhans, wie er den Landmann nannte, ein wachſames Auge zu haben. „Bei St. Grizzel,“ fuhr er fort,„wir wollen ſeine Geſchicklichkeit verſuchen, da er ſo bereit iſt, den Thaten anderer ſeinen Beifall zu ſchenken.“ „Ich werde den Verſuch nicht ſcheuen,“ verſetzte der Freiſaſſe, mit einer ruhigen Haltung in ſeinem ganzen Benehmen. „Indeſſen Ihr da, Ihr ſaͤchſiſchen Bauern,“ ſprach der ſtolze Prinz;„beim Licht des Himmels, da ich's einmal geſagt habe, ſoll der Jude auch unter Euch Platz nehmen.“. „Auf keine Weiſe, wenn Ew. Gnaden erlauben wollen— es ziemt ſich nicht fuͤr uns, bei den Ober⸗ haͤuptern des Landes zu ſitzen,“ fiel der Jude ein, deſ⸗ ſen Ehrgeiz, obwohl er ihn verleitete, mit dem herab⸗ gekommenen, verarmten Geſchlechte der Mont Didier W. Scott's Werke, XLIII. 9 1³⁰ ſich um den Vorrang zu ſtreiten, deſſen ungeachtet ſeineswegs antrieb, ſich in die Vorrechte der rei⸗ chen Sachſen einzudraͤngen. „Auf, unglaͤubiger Hund, wenn ich's befehle,“ rief Prinz Johann,„oder ich will dir dein zaͤhes Fell abziehen und zur Satteldecke gaͤrben laſſen.“ So genoͤthigt begann der Jude die Stufen zu der obern Gallerie hinaufzuſteigen. „Ich will doch ſehen, wer ihn zuruͤckzuweiſen wagt,“ ſprach der Prinz auf Cedric blickend, deſſen Stellung die Abſicht verrieth, den Juden hinabzuwerfen. Dieſe Kataſtrofe ward durch den tolpiſchen Wam⸗ ba vermieden, der zwiſchen ſeinen Herrn und Iſaak ſpringend als Erwiederung auf des Prinzen Gebot entgegnete:„Zum Henker, das will ich thun,“ indem er vor des Juden Bart ein Stuͤck geraͤuchertes Schwei⸗ nefleiſch hielt, das er unter ſeinem Kleide verborgen hatte, um wahrſcheinlich, wenn das Turnier zu lange dauerte, ſeinen Hunger damit zu ſtillen. Als er ſo den Gegenſtand des Abſcheues ſeines Stammes ploͤzlich unmittelbar vor ſeiner Naſe fand, waͤhrend der Narr zu gleicher Zeit ſein hoͤlzernes Schwert uͤber ihn ſchwang, fuhr der Jude zuruͤck und ſiel, die Stufen verfehlend, ruͤcklings die Treppe herab zur großen Beluſtigung der Zuſchauer, die in ein lautes Gelaͤchter ausbrachen, worein Prinz Johann und ſein Begleiter von ganzem Herzen mit einſtimmten. „Gib mir den Kampfpreis Vetter Prinz!“ rief 13¹1 Wamba;„ich habe meinen Feind in ehrlichem Kampf mit Schild und Schwert beſtegt.“ Prahlend ſchwang er den Schinken und das hoͤlzerne Schwert. Immer noch lachend rief Prinz Johann,„wer oder was biſt du, edler Kaͤmpe?“ „Meiner Abkunft nach ein Narr,“ antwortete der Spaßmacher;„ich bin Wamba, der Sohn von Witzlos, der war ein Sohn Ohnehirns; der war ein Sohn eines Aldermanns.“ „Macht Platz fuͤr den Juden in dem unteren Kreiſe,“ befahl nun der Prinz, vielleicht nicht ungern eine Veranlaſſung ergreifend, die ihm eine Entſchul⸗ digung darbot, ſeinen fruͤhern Vorſatz aufzugeben. „Es waͤre gegen die Kampfgeſetze, den Beſiegten ne⸗ ben den Sieger zu ſetzen.“ „Den Schelm neben den Narren, waͤr noch ſchlim⸗ mer,“ fiel der Spaßmacher ein,„und den Juden ne⸗ ben den Schinken am allerſchlimmſten.“ „Großen Dank, guter Burſche,“ rief Prinz Jo⸗ hann,„Du gefaͤllſt mir— hoͤr' mal, Iſaak, leih mir eine Handvoll Byzantiner.“ Da der Jude uͤber dieſe Forderung erſchrocken nicht wagte, ſie abzulehnen, und doch auch nicht gerne erfuͤllend lange in der Taſche herumſuchte, die an ſei⸗ nem Guͤrtel hing, wahrſcheinlich um zu ſehen, wie viel wohl Stuͤcke auf eine Handvoll gingen, ſprang Johann ungeduldig vom Pferde, entriß dem Juden den Beutel und warf Wamba einige Goldſtuͤcke zu und 9. 1³² ſetzte dann ſeine Runde fort; den Juden dem Spott und Hohn ſeiner Umgebung uͤberlaſſend, aͤrntete er ſelbſt ſo viel Beifall ein, als ob er eine edle, hren⸗ volle That vollbracht haͤtte. Achtes Kapitel. Mit Stolz ruſt jezt der Kämpſer zum Streite, Es ſchäumet das Roß, die Trompete ertönt, Er fordert den Feind aus trennender Weite Der Himmel hallt wieder, die Erde erdröhnt. Mit geſchloßnem Viſir, mit erhobenem Speer Nach dem Heline zielend, des Hauptes Wehr, In kriegriſchem Toben ſie ſprengen heran Zu tapferem Strauß auf erzitternder Bahn. Palamon und Arcite. Mitten in ſeinem Ritt hielt Prinz Johann ploͤz⸗ lich inne und erklaͤrte, ſich an Prior Aymer wendend, daß man das Hauptgeſchaͤft des Tages doch vergeſſen habe. „Heilige Jungfrau! wir haben ja vergeſſen, die holde Königinn der Liebe und der Schoͤnheit zu er⸗ nennen, durch deren weiße Hand die Palme des Sie⸗ ges ertheilt werden ſoll. Was mich betrifft, ſo waͤre ich vorurtheilsfrei genug, der ſchwarzaͤugigen Rebekka meine Stimme zu geben.“ „Heilige Mutter Gottes!“ antwortete der Prior 13³ ſeine Augen mit Entſetzen gen Himmel wendend,„ei⸗ ner Juͤdinn!— Wir verdienten aus den Schranken hinausgeſteinigt zu werden, und noch zu jung bin ich fuͤr einen Maͤrtyrer. Ueberdieß ſchwoͤr' ichs bei mei⸗ nem Schutzpatron, ſie reicht der liebenswuͤrdigen Saͤch⸗ ſinn Rowena das Waſſer nicht.“ „Saͤchſinn oder Juͤdinn,“ antwortete der Prinz, „Sachs oder Jud, welch ein Unterſchied? Ernennet Rebekka, und waͤr' es auch nur, die ſaͤchſiſchen Flegel zu aͤrgern.“ Ein Murren erhob ſich jezt unter ſeinem eigenen, unmittelbaren Gefolge! „Dieß geht uͤber den Scherz, mein Gebieter!“ ſagte Bracy.„Kein Ritter wird hier eine Lanze bre⸗ chen, wenn ihnen ſolch oͤffentlicher Schimpf angethan wuͤrde.“ „Es iſt uͤberdieß eine ganz muthwillige Beſchim⸗ pfung,“ ſagte einer der aͤlteſten Begleiter des Prin⸗ zen Johann, Waldemar Fitzzurſe;„und wenn Ew. Ho⸗ heit ſie wirklich wagen, ſo muß ſie Euren Planen den groͤßten Eintrag thun.“ „Ich beſoldete Euch, mein Herr,“ ſprach Johann ſtolz ſein Roß baͤumen laſſend,„als meinen Begleiter, nicht als meinen Rathgeber.“ Mit gedaͤmpfter Stimme erwiederte Waldemar, „diejenigen, welche Ew. Hoheit auf den Pfaden fol⸗ gen, die Ihr eingeſchlagen habt, erwerben das Recht des Rathgebers, denn Eure Sicherheit und Euer 1³⁴ Vortheil ſteht nicht mehr als das ihrige auf dem Spiel.“ Der Ton dieſer Worte zeigte dem Prinzen die Nothwendigkeit nachzugeben.„Ich ſcherzte blos,“ ſprach er;„und Ihr fallt gleich wie ziſchende Nattern uͤber mich her. So ernennt doch in's Teufels Namen, wen Ihr wollt.“ „Nein, nein,“ ſprach Bracy,„laßt der ſchoͤnen Koͤniginn Thron noch unbeſetzt, bis der Sieger ge⸗ nannt iſt, der mag dann die Dame erwaͤhlen, die ihn einnehmen ſoll. Dieß wird dem Sieg einen neuen Reiz verleihen und die ſchoͤnen Frauen lehren, die Lie⸗ be tapferer Ritter zu ſchaͤtzen, die ſie zu ſolcher Ehre erheben moͤgen.“ „Wenn Brian de Bois Guilbert den Preis ge⸗ winnt,“ ſprach der Prior,„ſo ſetz' ich meinen Roſen⸗ kranz zum Pfand, daß ich die Koͤniginn der Liebe und Schoͤnheit nennen will.“ „Bois Guilbert,“ antwortete Bracy,„fuͤhrt eine gute Lanze; allein es gibt noch andre innerhalb dieſer Schranken, Herr Prior, die ſich nicht fuͤrchten, es mit ihm aufzunehmen.“ „Ruhig, meine Herrn,“ verſetzte Waldemar, „und laßt den Prinzen ſeinen Thron einnehmen. Die Ritter und Zuſchauer werden ungeduldig, die Zeit ruͤckt heran, das Kampfſpiel muß beginnen.“ Prinz John, obgleich noch nicht Monarch, hatte in Waldemar Fitzurſe alle Unbequemlichkeiten eines 82 ¹ ¹ ¹ 135 begüͤnſtigten Miniſters, der im Dienſte ſeines Herrn ſeine eignen Wege geht. Er gab nach; obgleich ſeine Gemuͤthsart eine ſolche war, die ſich ſelbſt in Klei⸗ nigkeiten eigenwillig bewies, nahm ſeinen Thron ein und gab, nachdem ſein Gefolge ſich um ihn verſam⸗ melt hatte, den Herolden das Zeichen, die Turnier⸗ geſetze bekannt zu machen, welche kuͤrzlich folgende waren: Erſtens: Die fuͤnf das Feld haltenden Ritter nehmen es mit allen gegen ſie auftretenden Gegnern auf. Zweitens: Jeder, der ſich zum Kampfe ſtellt, kann ſich nach Gefallen einen beſondern Gegner unter den Ausforderern durch Beruͤhrung ſeines Schildes waͤhlen. (Geſchah dieß mit umgekehrter Lanze, ſo verſtand man einen Kampf mit den ſogenannten Waſſen der Cour⸗ toiſie, das heißt, mit Lanzen, an deren Spitze eine runde Platte befeſtigt war, ſo daß keine weitere Ge⸗ fahr auſſer etwa durch das Aneinanderrennen der Pferde und der Lanzen, zu befuͤrchten blieb. Beruͤhrte er aber den Schild mit der Spitze der Lanze, ſo galt es einen ernſten Kampf(à outrance) und die Rit⸗ ter ſtritten mit ſcharfen Waffen wie in der Schlacht.) Drittens: Wenn die gegenwaͤrtigen Ritter ihr Geluͤbde durch das Brechen von je fuͤnf Lanzen er⸗ fuͤllt haͤtten, ſoll der Prinz den Sieger des erſten Turniertages ernennen, und dieſer als Kampfpreis ein Streitroß von ausgezeichneter Schoͤnheit und unvergleichlicher Staͤrke erhalten, und uͤberdieß das 436 Recht haben, die Koͤniginn der Schoͤnheit und Liebe zu nennen, durch welche am folgenden Tage der Preis des Kampfes ertheilt werden ſollte. Viertens ward bekannt gemacht, daß am zwei⸗ ten Tag ein allgemeines Turnier Statt finden ſollte, an welchem alle gegenwaͤrtigen Ritter, die Ruhm ge⸗ winnen wollten, Theil nehmen koͤnnten. In zwei glei⸗ che Parteien geordnet ſollen ſie ſo lange maͤnnlich ge⸗ geneinander kaͤmpfen, bis der Prinz das Zeichen zur Beendigung des Kampfes geben wuͤrde. Die auserwaͤhlte Koöniginn der Liebe und der Schoͤnheit ſollte den Ritter, welchen Prinz Jo⸗ hann fuͤr den ausgezeichnetſten erkennen wuͤrde, mit einer goldenen Lorbeerkranze kroͤnen. An dieſem zwei⸗ ten Tag waren die Ritterſpiele zu Ende, An den nachfolgenden aber ſollten Bogenſchießen, Stiergefech⸗ te und andere volksthuͤmliche Vergnuͤgungen gegeben werden. Auf dieſe Weiſe ſuchte Prinz John den Grund zur Beliebtheit beim Volke zu legen, die er aber im⸗ mer wieder durch unbedachtſames Angreifen der Denk⸗ art und der Vorurtheile des Volks zerſtoͤrte. Die Schranken boten nun ein prachtvolles Schau⸗ ſwiel dar. Die umherlaufenden Gallerien waren mit allem angefuͤllt, was Nord⸗ und Mittelengland Gro⸗ ßes, Vornehmes, Reiches und Schoͤnes hatte. Die mannichfachen Kleidungen der Zuſchauer gewaͤhrten ei⸗ nen ebenſo heiteren als glaͤnzenden Anblick, waͤhrend der innere, niedere Raum von wohlhabenden Buͤrgern — 1³⁷ und Freiſaſſen des gluͤcklichen Englands gefuͤllt, in ih⸗ rer einfacheren Tracht einen dunkleren Saum um ſei⸗ ne glaͤnzenden Stickereien bildere, deſſen Gegenſatz durch dieſe mehr gehoben und in volleres Licht geſetzt wurde. Die Herolde ſchloßen ihre Proklamation mit dem gewoͤhnlichen Rufe:„Largesse, largesse(ſeid mildthä⸗ tig) tapfre Ritter;“ und es regnete Gold und Sil⸗ berſtuͤcke von den Gallerien herab; denn man hielt es fuͤr einen Ehrenpunkt des Ritterthums, großmuͤthige Freigebigkeit gegen die auszuuͤben, welche nach dem Gebrauche des Zeitalters zugleich die beſtallten Ge⸗ heimſchreiber und Verkuͤnder der Ehre waren. Der Mildthaͤtigkeit der Zuſchauer ward durch den gewohnten Zuruf:„Liebe den Damen!— Tod dem Gegner!— Ehre dem Edelmuͤthigen!— Ruhm dem Tapfern!“ gedankt.— Auch die geringeren Zuſchauer ſtimmten in den laͤrmenden Beifallruf und eine zahl⸗ reiche Schaar Trompeten fiel mit dem Klange ihrer wirbelnden Inſtrumente in den allgemeinen Jubel ein. Als dieſe Toͤne verklungen waren, zogen ſich die He⸗ rolde in luſtig prunkendem Zuge aus den Schranken zuruͤckk, wo Niemand als die Marſchaͤlle blieben, die vom Haupt bis zu den Fuͤßen bewaffnet an den beiden Eingaͤngen gleich zwei Bildſaͤulen bewegungslos auf ihren Pferden hielten. Indeſſen fuͤllte ſich der einge⸗ ſchloſſene Raum am noͤrdlichen Ende der Schranken, ſo groß er war, ganz mit Rittern an, die vor Be⸗ 4 138 gierde brannten, ihre Kunſt gegen die Herausforderer an den Tag zu legen; und von den Gallerien herab glich das Ganze einem wogenden Meer von Feder⸗ buſchen, unter denen glaͤnzende Helme hervorblitzten und hochragende Lanzen, an deren aͤuſſerſtem Ende kleine bunte Faͤhnchen und Wimpel befeſtigt waren, ſich zeigten; wodurch die lebendige Regſamkeit des Ge⸗ maldes gar ſehr erhoͤht wurde. Endlich oͤffneten ſich die Schranken, und fuͤnf Ritter, durchs Loos gewaͤhlt, ritten langſam auf den Kampfplatz, ein Ritter voran, die beiden Andern paar⸗ weiſe folgend. Alle waren glaͤnzend bewaffnet und mein ſaͤchſiſcher Berichterſtatter(im Wardourmanu⸗ ſtript) erzaͤhlt der Laͤnge und Breite nach ihre Devi⸗ ſen, Farben und die Stickereien ihrer Pferdedecken. Wir koͤnnen dieß fuͤglich uͤbergehen; denn wir ge⸗ denken der Worte eines gleichzeitigen Dichters, der nur zu wenig geſchrieben hat: Die Ritter ſind jezt Staub, Die Schwerter Roſtes Raub, Die Seelen heiligt der Glaub. Schon lange vermoderten ihre Wappenſchilde an den Waͤnden ihrer Schloͤſſer. Ihre Schloͤſſer ſelbſt ſind gruͤnbemooßtẽ, verfallene Ruinen— oft iſt kaum noch die Stelle bekannt, wo ſie ſtanden,— und man⸗ ches Geſchlecht iſt ſeitdem an dem Orte ihres Aufent⸗ haltes, mit allem lehnsherrlichen Eigenthum und al⸗ len Rechten ausgeſtorben und in Vergeſſenheit begra⸗ V V — — ben. Was wuͤrde es alſo dem Leſer nuͤtzen, ihre Na⸗ men oder die verſchiedenen Sinnoilder ihres kriegeri⸗ ſchen Ranges zu kennen?— Damals aber, als ihr Geiſt nichts von der ihre Namen und Thaten einſt erwartenden Vergeſſenheit traͤumte, zogen die Ri⸗ter durch die Schranken, ihre murhigen Roſſe zuͤgelnd, waͤhrend ſie zugleich ih⸗ re Kunſtfertigkeit im Reiten entfalteten. Als der Zug in den Schranken erſchien, ließ ſich eine wilde, barbariſche Kriegsmuſik hinter den Zelten der Ausfor⸗ derer vernehmen. Morgenlaͤndiſchen Urſprungs, da man dieſe Gattung aus dem heiligen Lande mitgebracht hatte, ſchienen die eingemiſchten Zimbeln und Glocken den nahenden Rittern zugleich Willkomm und Trotz zu bieten. Unter den Augen einer unermeßlichen Men⸗ ge von Zuſchauern, ritten die fuͤnf Ritter der erhoͤh⸗ ten Stelle zu, wo die Zelte der Ausforderer ſtanden⸗ und hier ſich trennend, beruͤhrte jeder Einzelne mit der umgekehrten Lanze leicht den Schild des Gegners, den er ſich auserleſen hatte. Die niederere Klaße der Zuſchauer insgemein, ja ſogar viele hoͤheren Ran⸗ ges, und ſelbſt einige Damen waren unzufrieden, daß die Kaͤmpfer nur die Waffen der Hoͤflichkeit ge⸗ waͤhlt hatten. Denn eben dieſelben, denen jezt die ſchauervollſten Trauerſpiele immer die Liebſten ſind, nahmen damals bei dem Turniere um ſo groͤßeren An⸗ theil, je drohender die Gefahr fuͤr die Kaͤmpfenden war. Nachdem ſie ihre friedlichere Abſicht kund gegeben⸗ 14⁴⁰ zogen ſich die Kämpen nach dem aͤußerſten Ende der Schranken zuruͤck, wo ſie in einer Linie hielten, in⸗ deß die Ausforderer ihre Zelte verließen, ihre Roße beſtiegen und, an ihrer Spitze Brian de Bois Guil⸗ bert, von der Ebene herabritten, jeder ſich dem Geg⸗ ner gegenuͤber ſtellend, der ſeinen Schild beruͤhrt hatte. Unter dem Schmettern der Hoͤrner und Trom⸗ peten ſprengten ſie im Galopp auf einander los, und die Geſchicklichkeit oder das Gluͤck der Ausforderer wollte es, daß die Gegner Bois Guilberts, Malvoi⸗ ſins und Front de Boeufs ſogleich auf den Sand ge⸗ ſezt wurden. Der Gegner Grantmeſuils, ſtatt ſeine Lanze gegen den Helm oder den Schild deſſelben zu brechen, verfehlte ſein Ziel dergeſtalt, daß er mit der Lanze quer uͤber den Leib deſſelben fuhr— ein Unſall, der noch fuͤr ſchimpflicher gehalten wurde, als wenn er aus dem Sattel gehoben worden waͤre, weil dieß Leztere ein Werk des Zufalls ſein konnte, indeß das andere Ungeſchicklichkeit in Fuͤhrung der Waffe und Regierung des Pferdes bewies. Nur der fuͤnfte Ritter rettete die Ehre ſeiner Partei und brach, oh⸗ ne Schaden zu nehmen oder zu geben, ritterlich ſei⸗ ne Lanze mit dem Johanniterritter. Der Jubelruf der Menge, ſo wie der Nuf der Herolde, und das Schmettern der Trompeten, ver⸗ kündeten den Triumph der Sieger und die Niederlage der Ueberwundenen, die erſteren zogen ſich in ihre Zelte zuruck, und die lezteren, ſo gut es gehen woll⸗ te, ſich aufraffend begaben ſich mißmuthig und be⸗ ſchämt aus den Schranken, um ſich mit ihren Sie⸗ geru uͤber die Ausloͤſung ihrer Ruͤſtung und Pferde zu verſtaͤndigen, welche ſie nach den Turniergeſetzen verwirkt hatten. Nur der Fuͤnfte verweilte lange ge⸗ nug in den Schranken, um den Beiſall der Zuſchauer hinzunehmen, und zog ſich endlich, von dieſem beglei⸗ tet, langſam von dem Kampfplatze zuruͤck, indem er 1³½ hiedurch ohne Zweifel den Aerger ſeiner Gefaͤhrten noch vermehrte. Eine zweite und dritte Partei der Ritter er⸗ ſchien nun auf dem Kampfplatze; aber, obwohl auch manche unter ihnen ruͤhmlichen Beifall errangen, ſo blieb doch im Ganzen der Vorzugeauf Seite der Aus⸗ forderer, da nicht einer aus dem Sattel gehoben wur⸗ de, oder ſein Ziel verfehlte— Unfalle, welche dem einen oder dem andern ihrer Gegner bei jedem Zu⸗ ſammentreffen widerfuhren. Der Muth der Gegner war daher ſehr geſunken. Beim vierten Gange erſchienen nur drei Ritter, welche, die Schilde Bois Guilberts und Frout de Boeufs vermeidend ſich be⸗ gnugten, die der drei andern Ritter zu beruͤhren, die ſammtlich nicht dieſelbe Staͤrk ke und Gewandt⸗ heit bewiefen harten. Dieſe politiſche Wahl aber aͤnderte das Gluͤck des Tages nicht, das den Ausfor⸗ derern guͤnſtig blieb; einer ihrer Gegner ward nieder⸗ geworfen, und beiden mißlang der ſogenaunte Altaint, das heißt, der Verſuch ſo ſtark gegen Schild und Helm des Feindes anzulaufen, daß die Lauze zerſplittern, oder der Feind zu Boden geworfen werden muß. Nach dieſem vierten Gange entſtand eine betraͤcht⸗ liche Pauſe. Es ſchien als waͤre Niemand weiter nach dem Kampfe luͤſtern. Die Zuſchauer murrten unter einander, denn von den Ausforderern waren Mal⸗ woiſin und Front de Boeuf wegen ihres Charakters beim Volke nicht beliebr, und die Andern waren auf⸗ ſer Grantmesnil Fremde und Auslaͤnder. 1 Keiner aber fuͤhlte die allgemeine Unzufriedenheit tiefer als Cedric der Sachſe, welcher in jedem durch die normaͤnniſchen Ausforderer gewonnenen Vortheil einen wiederholten Triumph uͤber die Ehre Englands ſah. Seine eigene Erziehung hatte ihm keine Erfah⸗ rung in den ritterlichen Kampfſpielen gegeben, od er gleich mit den Waffen ſeiner ſachſiſchen Vorfahren bei manchen Gelegenheiten als einen tapfern, ent⸗ 14² ſchloſſenen Krieger gezeigt hatte. Mit angſtlicher Sehnſucht blickte er auf Athelſtane, der ſich in den galanten Ritterkuͤnſten der neueren Zeiten verſucht hatte, als wuͤnſchte er, dieſer moͤchte durch perſönli⸗ che Anſtrengungen den Sieg wieder erringen, der jezt dem Templer und ſeinen Verbuͤndeten zufallen muß⸗ te; allein obwohl er Muth und perſonliche Staͤrke be⸗ ſaß, ſo war Athelſtane doch zu traͤg und zu wenig ehrgeizig, um ſich den Muͤhen zu unterziehen, wie Eedric es von ihm zu erwarten ſchien. „Der Tag iſt gegen England, Mylord,“ ſprach Cedric mit einem nachdruͤcklichen Ton,„fuͤhlt Ihr keine Luſt, die Lanze zu ergreifen?“ 3 „Morgen werde ich im mélée(allgemeinen Tref⸗ fen) kaͤmpfen; es iſt nicht der Muͤhe werth, mich heute noch zu waffnen.“ Zwei Dinge mißfielen Cedric in dieſer Rede. Erſtlich das normaͤnniſche Wort maélee(allgemei⸗ ner Kampf) und dann, daß er einige Gleichgultigkeit gegen die Ehre des Vaterlandes verrieth; allein die Rede kam von Athelſtane, gegen den er ſo tiefe Ehr⸗ furcht empfand, daß er ſich nie unterſtanden haͤtte„ ſeine Bewegungsgruͤnde und Schwaͤchen zu tadeln. Auch hatte er nicht Zeit, eine Bemerkung zu machen; denn Wamba kam mit der Bemerkung dazwiſchen: Es ſei immer beſſer der Tapferſte unter Hunderten, als unter Zweien zu ſein. Athelſtane nahm dieſe Worte als ernſtliches Compliment auf; allein Cedric, der beſſer verſtand, was der Spaßmacher ſagen wollte, warf ihm einen finſtern, drohenden Blick zu; und es war vielleicht ein Gluͤck fuͤr den Narren, daß Zeit und Ort ihn vor nachdruͤcklichern Beweiſen des Unwillens ſeines Gebieters ſchuͤtzten. Noch immer waͤhrte die Pauſe im Turniere fort, und ward nur hin und wieder durch den Ruf der Herolde unterbrochen:„Liebe der Damen, Lanzenge⸗ 4143 ſplitter! kaͤmpft, tapſere Ritter, kaͤmpft! ſchoͤne Au⸗ gen blicken auf Eure Thaten!“ Von Zeit zu Zeit ertoͤnte im wilden Siegerton, trotzig zum Kamvfe fordernd die Sarazenenmuſik der Ausforderer, waͤhrend der Poͤbel murrte, daß der Feſttag in ſolcher Unthaͤtigkeit voruͤber gehen ſollte; alte Ritter und Edle klagten uͤber den Verfall des kriegeriſchen Sinns, ſprachen von den Siegen ih⸗ rer juͤngeren Jahren, und wurden einig, daß das Land jezt auch nicht mehr ſolch auſſerordentliche Schoͤnheiten auszuweiſen habe, als die Feſte fruͤhe⸗ rer Zeiten verherrlicht haͤtten. Prinz Johann fing ſchon an, mit ſeiner Umgebung zu Rathe zu ge⸗ hen, ob es nicht Zeit ſei, das Bankett zu beginnen, und wie er genothigt ſei, Brian de Bois Guilbert den Preis zu zuerkennen; da er mit einer Lanze zwei Ritter niedergeworfen und den dritten buͤgellos gemacht habe. Endlich, als eben die Sarazenenmuſik der Ausfor⸗ derer eine jener lange gehaltenen, ſtolzen Fanfaren beendigt hatte, welche man durch die ſchweigenden Schranken von Zeit zu Zeit vernahm, wurde ſie von einer einzelnen Trompete beantwortet, welche von der noͤrdlichen Seite her zum Kampf ausforderte. Aller Augen wandten ſich, den neuen Kaͤmpfer zu ſehen, den dieſe Toͤne verkuͤndeten; und die Schranken wa⸗ ren nicht ſobald geoffnet, als er in dieſelben einritt. So viel man einen vollkommen in die Ruͤſtung ge⸗ huͤllten Mann beurtheilen konnte, ſchien der neue Abenteurer nicht viel uͤber der mittleren Groͤße und mehr ſchlank als ſtark gebaut zu ſein. Seine Ruͤſtung war von Stahl, reich mit Gold ausgelegt, und die Deviſe auf ſeinem Schilde war ein junger mit der Wurzel ausgeriſſener Baum mit dem ſpaniſchen Wort Desdichado(Enterbter) umgeben. Er ritt ein feuri⸗ ges, ſchwarzes Roß, und wie er durch die Schranken kam, gruͤßte er den Prinzen und die Damen durch 144 Senkung der Lanze. Die Geſchicklichkeit, womit er ſein Roß tummelte, und eine gewiſſe jugendliche An⸗ muth in ſeinen Bewegungen gewannen ihm den Bei⸗ den Zuruf ausſprach:„Beruͤhrt Ralph de Viponts Schild!— beruhrt des Johanniters Schild!'s iſt der wohlfeilſte Kauf; der ſitzt am wenigſten feſt.“ Der Kaͤmpfer ritt unter dem wohlgemeinten Zu⸗ rufen des Haufens nach dem erhoͤhten Platz, und zum Erſtannen aller Anweſenden gerade aufs mittulſte Zelt zu, und beruͤhrte mit dem ſpitzigen Ende ſeines Speers den Schild Brian de Bois Guilberts, daß er wider⸗ klang. Alle erſtaunten uͤber die Kuͤhnheit, aber nie⸗ mand mehr als der zum Kampf auf Leben und Tod geforderte Ritter ſelbſt. „Habt Ihr gebeichtet, Bruder 2“ fragte der Temp⸗ ler,„habt Ihr dieſen Morgen die Meſſe gehoͤrt, daß Ihr Euer Leben ſo keck in Gefahr ſetzt?“ „Ich bin mehr vorbereitst, demn Tod zu trotzen, als Ihr.“ entgegnete der enterbte Ritter; denn unter dieſem Namen hatte er ſich ins Turnierbuch ein⸗ tragen laſſen. „So nehmt Euern Platz in den Schranken,“ ſagte de Bois Guilbert,„und ſchaut Euch noch'mal die Sonne an, denn dieſe Nacht follt Ihr im Paradieſe ſchlafen.“ 3 „Großen Dank fuͤr deine Artigkeit,“ erwiederte der enterbte Ritter,„darum rathe ich dir, nimm ein friſches Pferd und eine neue Lanze, denn bei meiner Ehre, du wirſt beides brauchen.“ Nachdem er ſich ſo zuverſichtlich ausgedruͤckt, lenk⸗ te er ſein Roß nach dem Abhang und ritt an das nordliche Ende der Schranken zuruͤck, wo er ſeinen Gegner erwartend ſtille hielt. Der Beifallsruf der Menge begleitete ihn auch dießmal. Dbgleich ergrimmt uͤber die ihm ven ſeinem Geg⸗ ner fall der Menge, die ſich bei den untern Klaſſen durch —--— iſſen koͤnnen; ich we⸗ wen ich rathen ſollte— wenn n iſt, die Koͤnig Richard ſein ſollen, aus dem ſagen werd nigſtens n 3 es nicht eine der guten Lanz begleiteten, und nun im Begr helligen Lande heimzukehren.“ 3 „Es kann der Graf von Salisbury ſein,“ meinte Bracy,„der hat ungefaͤhr dieſelbe Groͤße.“ „Sir Thomas de Multon, der Ritter von Gils⸗ land noch eher,“ entgegnete Fitzurſe;„Salisbury iſt unterſetzterer Statur.“ Ein Gefluſter entſtand unter dem Gefolge; doch wußte man nicht, von wem es ausging:„es iſt wohl gar der Koͤnig ſelbſt— Richard der Löwenherzige.“ 4 „Das wolle Gott verhuͤten!“ rief Prinz Jo⸗ hann, indem er ſich unwillkuͤhrlich todtenbleich um⸗ wandte und wie vom Blitz getroffen erbebte;„Walde⸗ mar!— Bracy! tapfere Ritter und Edle, erinnert Euch meiner Verſprechen und ſteht mir treulich bei!“ „Die Gefahr iſt nicht ſo nahe!“ ſagte Walde⸗ mar Fitzurſe;„kennt Ihr ſo wenig die Riſengeſtalt des Sohns Eures Vaters, daß Ihr glaubt, ſie laſſe ſich in den umfang jener Ruͤſtung bergen?— De Wy⸗ vil und Martival, Ihr werdet dem Prinzen am beſten dienen, wenn Ihr den Sieger ſogleich zum Throne fuͤhrt, und ſo den Irrthum wegraͤumt, der ihm alles Blut von den Wangen getrieben hat.— Seht ihn nur recht an,“ fuhr er fort,„Ew. Hoheit wird fin⸗ den, daß ihm drei Zoll zur Groͤße Koͤnig Richards fehlen und zwei zum wenigſten zu ſeiner Schulter⸗ breite. Auch haͤtte das Roß, welches er reitet, den Koͤnig Richard nicht auf einem einzigen Gange ge⸗ tragen.“ Waͤhrend er ſo ſprach, hatten die Marſchaͤlle den enterbten Ritter zu dem Fuße der hoͤlzernen Stufen geführt, auf denen man aus den Schranken zu des Prin⸗ zen Sitz gelangte. Noch immer von dem Gedanken be⸗ unruhigt, daß ſein von ihm ſo ſehr beleidigter Bruder, 15² dem er ſo hoch verpflichtet war, unerwartet in ſein angeſtammtes Koͤnigreich zuruͤckgekehrt ſein mochte, konnte er ſelbſt auf die richtige Bemerkung Fitzurſes ſeine Beſorguiſſe nicht ganz unterdruͤcken, und indeß er nach einer kurzen, befangenen Lobrede auf des Rit⸗ ters Tapferkeit befahl, das als Preis ausgeſetzte Streitroß ihm zu uͤberliefern, fuͤrchtete er immer noch, aus dem vergitterten Viſir der gepanzerten Geſtalt vor ihm die tiefe, Ehrfurcht gebietende Stimme des löwenherzigen Richard zu vernehmen⸗ Allein der enterbte Nitter ſprach kein Wort der Erwiederung auf die ehrende Anrede des Prinzen und dankte blos durch eine tiefe Verbeugung. Das Roß wurde jezt von zwei reich gekleideten Dienern in die Schranken gefuͤhrt; es war mit der reichſten Schlachtruͤſtung ausgeſtattet und ſo trefflich, daß es hiedurch in den Angen der Kenner nicht mehr an Werth gewinnen konnte. Eine Hand auf den Sattelknopf legend ſchwang ſich der enterbte Rit⸗ ter, ohne ſich der Steigbuͤgel zu bedienen auf den Rücken des Thiers und ſprengte mit erhobener Lan⸗ ze, mit der Geſchicklichkeit eines vollendeten Reiters zweimal um die Schranken herum. Die anſcheinende Eitelkeit, die man ſonſt wohl in dieſem Benehmen hat⸗ te finden konnen, ward dadurch, daß er ſo auf ſchick⸗ liche Weiſe die empfangene fuͤrſtliche Belohnung in das glaͤnzendſte Licht ſtellte, gerechtſertigt, und von allen Seiten wurde auſs neue dem Nitter der lauteſte Beifall gezollt. Mittlerweile hatte der geſchaͤftige Prior von Jor⸗ vaulr dem Prinzen Johann zuge ſuͤſtert, daß der Sie⸗ ger nun auch ſeinen guten Geſchmack dadurch zu beurkunden habe, daß er aus der Mitte der Da⸗ men auf den Gallerien diejenige auswaͤhle, welche den Thron der Liebe und Schoͤnheit einnehmen und am folgenden Tag den Kamofpreis ertheilen jollre. Als der Rilter daher zum zweiten Mal 2. — 153 voruͤberſprengte, gab ihm der Prinz mit dem Stabe ein Zeichen; worauf jener dem Throne ſich nahete und ſeine Lanze einen Fuß hoch vom Boden ſenkend re⸗ gungslos hielt, als erwarte er die Befehle Johanns; waͤhrend alle Anweſenden die hohe Geſchicklichkeit bewunderten, womit er ſein feuriges Roß aus der hef⸗ tigſten Bewegnng ploͤtzlich zur Ruhe einer Bildſaͤule brachte. „Herr enterbter Ritter,“ ſprach nun Prinz John, „denn dieß iſt der einzige Titel, den wir fuͤr jezt Euch zu geben wiſſen, es iſt nun Eure Pflicht ſowohl, als Euer Vorrecht, die ſchoͤne Dame zu nennen, die als Koͤniginn der Schoͤnheit und Liebe den Vorſitz bei der Feſtlichkeit des morgenden Tages fuͤhren ſoll. Wenn Ihr aber als Fremdling in unſerem Lande den Bei⸗ ſtand eines andern Urtheils begehren ſolltet, ſo dient Euch zu wiſſen, daß Alicia, die Tochter unſres tapfern Ritters Waldemar Fitzurſe, an unſerem Hofe ſeit lan⸗ ger Zeit die Erſte an Rang und Schoͤnheit iſt. In⸗ deſſen ſteht Euch frei, welcher Dame Ihr wollt, dieſe Krone zu ertheilen, wodurch ſolche nach Fug und Recht zur Koͤniginn der Liebe und Schoͤnheit erklaͤrt werden ſoll.— Erhebt Eure Lanze!“ Der Ritter gehorchte, und Prinz Johann ſteckte auf die Spitze der Lanze eine Krone von gruͤnem Atlas, mit einem goldenen Reiſe umgeben, an deſſen oberem Ende Pfeilſpitzen und Herzen, gleich den Stachelbeer⸗ blaͤttern und Kugeln an einer Herzogskrone auge⸗ bracht waren. Zu dem unverholenen Winke in Hinſicht der Toch⸗ ter Waldemar Fitzurſes hatte der Prinz mehr als ei⸗ nen Grund, deren jeder ſeinen Urſprung in einem Geiſte hatte, welcher ein ſonderbares Gemiſch von Unbe⸗ dachtſamkeit, Anmaßung, niedriger Raͤnkeſucht und Ver chmitzheit war. Er wunſchte aus dem Andenken der ihn umgebenden Ritterſchaft das Andenken an ſei⸗ 154 nen unziemenden, unpaſſenden Scherz in Bekreff der Judinn Redetka zu verwiſchen, und Alicias Vater wieder zu verſoͤhnen, den er fuͤrchtere, und der mehr als einmal im Verlauſe des Tages ſeine Unzufrieden⸗ heit zu erkennen gegeben. Auch hatte er die Ab⸗ ſicht, ſich ſelbſt in die Gunſt dieſer Dame zu ſetzen; denn Johann war wenigſtens ebenſo ausſchweifend in ſeinen Vergnuͤgungen, als er gewiſſenlos in Verfol⸗ gung ſeiner ehrgeizigen Plane war. Vor allem aber ünſchte er dem enterbten Nitter(gegen welchen er bereits eine große Abneigung empfand) einen maͤchti⸗ gen Feind in der Perſon Waldemar Fitzurſes zu er⸗ wecken, da dieſen, wie er meinte, die ſeiner Tochter angethane Beſchimpfung tief verwunden wuͤrde, im Falle der Sieger, wie es leicht geſchehen konnte, eine andere Wahl treffen ſollte. Und ſo geſchah es denn auch. Der ent erbte Rit⸗ ter ritt an der dicht neben dem Prinzen befin Galle⸗ rie, wo die Lady Alicia im vollen Zelbſtgef hl umphi⸗ render Schoͤnheit ſaß, voruͤber ien nun ebenſo lang⸗ ſe ſam als zuvor raſch durch die Schranken hinreitend, den glaͤnzenden Kreis der Schonheiten pruͤfend zu betrachten. Es war auſſerſt intereſſant, das verſchiedene Be⸗ nehmen der Schoͤnheiten waͤhrend der Muſterung zu be⸗ obachten. Einige errotheten, andere gaben ſich den Ausdruck von Stolz und Wuͤrde, andere blickten gera⸗ de vor ſich hin, und ſuchten ſich den Schein zu geben, als waͤren ſie deſſen unbewußt, was um ſie vor⸗ ging, andere ſuchten ein Lacheln zu unterdruͤcken, in⸗ deß zwei oder drei dagegen auflachten. Da waren wieder Andere, welche den Schleier uͤber ihre Reize fallen ließen; aber nach dem Verichte des 23a dour⸗ manuſtripts waren dieß S oͤnheiten, welche bereits ihre zehen Jahre in voller Bluͤte ſtanden und dieſe ei⸗ teln Triumphe ſo zur nuͤge genoſſen hatten, daß ſie 5 enkfagten, um dem neu⸗ t das Spiel zu verderben. 7 155 Endlich hielt der Ritter var dem Balkon, auf welchem Lady Rowena ſaß und die Erwartung der Zu⸗ ſcheler war Hechſte geſpaunt. Man muß veſtehei, daß„wenn der Anrtei an ſeinem Gluͤcke den enterbten Nitter beſtochen hatte, eben dieſer Punkt in den Schranken, vor dem er hielt, ſeine Vorliebe allerdings verdient haben mochte. Auſfer ſich vor Freude uͤber die Niederlage des Templers, und noch entzuͤckter uͤber die Beſiegung ſeiner beiden uͤbelgeſinnuten Nachbarn Front de Boeuf und N Nalvoiſin hatte Cedric der Sachſe ſich mit halbem Leibe uͤber die Schranken hi nausgelehnt, und war dem Sieger nicht blos mit den a, ſondern mit ganzem Herzen und ganzer Seele geſolgt. Eine andere Gruppe unter der von den Sachſen beſetzten Gallerie hatte nicht geringern Antheil an den Ereigniſſen des Tages genommen. „Vater Abraham!“ rief Iſaak von York, als us erſte Rennen zwiſ ſchen dem Templer und dem ent⸗ erbten Ritter voruͤber war, vie kuͤhn der Heide rei⸗ tet! na mein, das ſchoͤne Roß, das ge ebracht ward aus ſo ferne Lande, er tril 506's ein Fülle vom wilden Eſel waͤr— dle R die Joſeph Pareira, dem mailaͤndiſchen Waffer enſchmiet ſo viele koſtbare Zechi⸗ nen koſtete, ſiebzig Proz zent abgerechnet, er geht ſo da⸗ mit um, als haͤtt' er ſie auf der Landſtraße gefunden!“ „Wenn er ſeinen eigenen Leib und ſeine Glieder derſelben Gefahr ausſetzt,“ verſetzte Rebekka,„indem er einen ſo furchtbaren Kampf wagt, ſo kann man nicht erwarten, daß er Pferd und Ruͤſtung ſchonen wird.“ „Ki ud! erwiederte Iſaak etwas hitzig,„du wfißt nicht, was du ſprichſt— Sein Hals un 5 ſeine Glieder ſind ſein eigen, ſein Pferd und ſeine Ruͤſtung geh bren— Heiliger Jakob, na was wollt ich da ſagen! — und dennoch iſt er ein guter Junge— ſieh, Re⸗ bekka! ſieh, er will wieder gegen den Philiſter die Lenden guͤrten— bete, Kind,— bete fuͤr die Wohlfahrt des guten Jungen— und das feurige Pferd und de reiche Ruͤſtung— Gott meiner Vaͤter!“ rief er wieder aus, Mehat goſiont, 1 49 d ſchni ne Philiſter iſt ge allen unter ſdind der uübeſchn ee wie Ogg, der Konig von Baſchan und Sihon, der Ko⸗ nig der Amoriter ſiel vor dem Schwert unſrer Vaͤ⸗ ter! gewißlich wird er nun ihr Gold und Silber und ihre Streitroſſe und ihre Ruͤſtung von Erz und von Stahl, alles— Alles als Beute nehmen.“ Denſelben ſorglichen Antheil zeigte der wuͤrdige Jude bei jedem neuen Gange und verfehlte ſelten ei⸗ nen ſchnellen Ueberſchlag uͤber den Werth der Pferde und Waffen zu machen, die dem Sieger zufielen. Man hatte alſo an dem Orte, wo der enterbte Ritter hielt, nicht geringe Theilnahme fuͤr ihn ausgeſprochen. Sei es nun aus Unentſchloſſenheit oder aus ſonſt einem Grunde, genug der Ritter hielt laͤnger als eine Minute, waͤhrend aller Augen ſeine Bewegunger ſchweigend bewachten; endlich ſenkte er allmaͤlig ſeine Lanze und legte die darauf befeſtigte Krone zu den Fuͤßen der ſchoͤnen Rowena nieder. Im Augenblick ertönten die Trompeten, und die Herolde ver⸗ kuͤndeten Ladv Rowena für den folgenden Tag als die Koͤniginn der Liebe und Schoͤnheit und bedrohten mit geziemenden Strafen alle diejenigen, die es wa⸗ gen wuͤrden, ihrer Herrſchaft den Gehorſam zu verſg⸗ gen. Sie wiederholten ihren Ausruf:„ſeid mildthaͤ⸗ tig, Ihr Ritter!“ und Cedric beantwortete dieſen in der Freude ſeines Herzens durch eine ſehr reichliche Gabe, zu welcher Athelſtane, obwohl weniger ſchnell, eine ebenſo reiche Spende fuͤgte. Unter den Damen normaͤnniſchen Geſchlechts ließ ſich einiger Unmuth bemerken, da ſie ebenſo unge⸗ wohnt waren, ſich eine ſaͤchſiſche Schoͤnheit vorgezogen, als ihre Edeln in den von ihnen ſelbſt eingefuͤhrten Kampfſoielen beſieat zu ſehen. Allein dieſes Murren erſtarb unker dem lauten Judelruf der Menge:„lan⸗ ge lebe Lady Roweng, die erwaͤhlte, geſetzmaͤßige Koͤ⸗ eigene Wahl 11 beſtimmen. Meine Tochter 1⁵7 niginn der Schoͤnheit und Liebe!“ wozu noch mancher beifuͤgte:„lange lebe die ſaͤchſiſche Fuͤrſtinn! lang le⸗ be das Geſchlecht des unſterblichen Alfred!“ So unangenehm auch dieſe Toͤne dem Prinzen Jo⸗ hann ſein mochten, ſo ſah er ſich doch genoͤth igt, die Wahl des Siegers zu beſtaͤtigen; er verließ ſei⸗ nen Thron, ſtieg zu Pferd und ritt von ſeinem Gefolge begleitet wieder in die Schranken. Der Prinz hielt einen Augenblick unter der Gallerie der Lady Alicia, machte ihr ſein Compliment und be⸗ merkte gegen ſeine Umgebung:„heilige Jungfrau, meine Herrn, wenn des Ritters Waffenthaten gezeigt haben, daß er Glieder und Nerven hat, ſo beweißt doch ſeine getroffene Wahl, daß ſeine Augen nicht zu den klarſten gehoͤren.“ Bei dieſer Gelegenheit, wie uͤberhaupt waͤhrend eines ganzen Lebens hatte Johann das Ungluͤck, den Vharakter derer nicht zu kennen, die er für ſich zu ge⸗ winnen ſuchte. Waldemar Fitzurſe fand ſich mehr be⸗ leidigt, als geſchmeichelt, daß der Prinz ſo laut auſſer⸗ te, daß ſeine Tochter verſchmaͤht worden ſei. „Ich kenne kein Recht des Ritterthums,“ ſprach er,„das koſtbarer und unveraͤußferlicher waͤre, als das jedes freien Ritters, die Dame ſeiner durch buhlt um Niemandes Auszeichnung und wird in ihrer eigenen Sphaͤre und in ihrem Rang ſtets das, was ihr gehuͤhrt, und in reichlichem Maſſe zu erhalten wiſſen. Prinz Johann erwiederte nichts, ſondern ſpornte ſein Roß, als wollte er ſeinem Unm uthe Luft Ing chen, und ſprengte vor die Gallerie hin, wo Lady Rowena ſaß, indeß die Krone noch immer zu ihren Fuße I „Empfangt, ſchoͤne Lady.ſt 2 Eurer Herrſchaft, der Niemand ti Wir ſelbſt; und wenn es Euch heute gefaͤllt, mit Eurem edlen Varer und Enern Freunden Unſer Bankett auf dem Schloſſe zu Aſhby mit Eurer Gegenwart zu beeh⸗ 158 ren, ſo werden wir erfahren, wer die Gebieterinn iſt, deren Dienſte wir uns morgen weihen ſollen.“ Rowena ſchwieg, Cedric aber antwortete fuͤr ſie in ſeiner ſaͤchſiſchen Mutterſprache. „Die Lady Rowena,“ begann er,„verſteht die Sprache nicht, auf Eure Artigkeit antworten oder Theil an Eurem Feſte zu nehmen.— Auch ich und der edle Athelſtane von Loningsburgh ſprechen nur die Sprache und kennen nur die Sitten unſerer Vaͤter. Wir muͤßen daher mit Dank Eure höfliche Einladung zu dem Bankette ablehnen. Morgen wird Lady Ro⸗ wena den Platz einnehmen, zu dem ſie durch die freie Wahl des ritterlichen Siegers, die der Zuruf des Volkes beſtaͤtigte, berufen ward.“ Mit dieſen Worten hob er die Krone auf und ſezte ſie Rowena zum 3 lichen der An⸗ nahme der ihr ertheilten zeitichen Wuͤrde aufs Haupt. „Was ſagt er 2“ fragte der Prinz Johaun, inden⸗ er ſich ſtellte, als waͤre er der ſochſiſchen Sprache un⸗ kundig, obwohl er derſelben vollkommen maͤchtig war. Der Inhalt der Rede Cedrics ward ihm nun ſranzo⸗ ſiſch wiederhokt.„Gut,“ ſprach er,„morgen werden wir dieſe ſtumme Herſcherinn in Perſon nach ihrem Throne fuͤhren.— Ihr wenigſtens, Herr Ritter,“ fuhr er an den Sieger ſich wendend ſort, der noch im⸗ mer dicchht bey der Gallerie geblieben war,„werder we⸗ nigſtens heute unſer Feſtmal theilen.“ Mit leiſer verlegener Stimme entſchuldigte ſich der Ritter, Ermuͤdung und nothwendige Norbereitun⸗ gen auf den morgenden Kampf vorſchuͤtzend. 3 „Wohl denn,“ entgegnete ſtolz der Prinz;„Wenn wir auch wenig ſolcher abſchlaͤgigen Antworten gewohnt find, wollen wir doch verſuchen⸗ unſer Mahl ſo gut zu verdauen⸗ als es geht, obgleich nicht beehrt durch die Gegenwart des gluͤcklichen Kaͤmpfers und ſeiner erkorenen Koͤniginn der Schoͤnheit 18 Mit dieſen Worten wandte er ſich um, ver⸗ ließ mit ſeinem glaͤnzenden Gefolge die Schranken 159 und gab ſo das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. Indeſſen hatte ſich Johann kaum drei Schrit te ent⸗ fernt, a1s er mit dem rachſuͤchtigen Gedaͤchtniß, das beleidigtem Stoize eigen iſt, be ſonders wenn es mit dem Bewußtſeln m mangelnden? Verdienſtes verbunden iſt, ſich umwendend, einen finſtern, zornigen Blick auf den Freiſaſſen warf, der ihm am Morgen mißfallen hatte, und den Dewaffneten, die um ihn waren, den Befehl zurief:„bei Eurem Leben laßt mir den Bur⸗ ſchen micht entſchluͤpfen!“ Der Bogenſchutz ertrug den zuͤrnenden Blick des Prinzen mit eben der unerſchuͤtterten Feſtigkeit, die ſein fruͤheres Benehmen bezeichnet hatte, und ſagte laͤ⸗ chelnd:„ich gedenke Aſyhby vor uͤbermorgen nicht zu verlaſſen;— ich muß es mit anſehen, wie die aus Stafford und Leiceſter ihre Bogen zu ſpannen verſte⸗ hen Needwood und Chornwood zunßen auch gute Schutzen liefern.“ Ich will ſehen,“ ſagte Prinz Johann zu ſeiner umgebung, nicht als unmittelbare Antwort auf ſeine Rede,„ich will ſehen, wie er ſeinen eigenen ſpan nt, und wehe ihm, wenn ſeine Geſchicklichkeit nicht ſeine Frechheit entſchuldigt.“ „Es iſt hohe Zeit,“ verſetzte Bracy,„daß man ocetrocuidau(dem Uebermuth) dieſer Bauel 3 durch ein auffallendes Beyſpiel Einhalt gethan wir Waldemar Fitzurſe, der war rſcheinlich der Mei⸗ nung war, daß ſein Herr nicht den geradeſten Weg zur Volksgunſt einſchlage, zuͤckte die Achſeln und ſchwieg. Prinz Johann verließ nun die Schranken, und Alles ging auseinder. Auf verſchiedenen Wegen ſah man jezt die manchfachen Gruppen der Zuſchauer ſich uͤber die Ebene hinziehen. Bei weitem der groͤßere Theil ſtroͤmte Aſhby zu, wo viele der Vornehmen in dem Schloſſe ſelbſt wohnten, und Ande in der Stadt ein Unterkommen fanden. Darunter 1. nden ſich die Meiſten der Ritter, die bereits bei dem Turnier er⸗ ſchienen, auch am morgenden Tag ſich zu fech⸗ ten vorgenommen, und jezt langſam dahin rei⸗ tend ſich über die Ereigniſſe des Tages beſprachen und von dem lauten Jubel des Volies begrußt wurden⸗ Gleicher Zuruf ward dem Prinzen John zu Theil, ob⸗ gleich er ihn mehr ſeinem glanzenden Aufzug als ſei⸗ ner Beliebtheir beim Volke zu danken hatte. Ein aufrichtigeres, allgemeineres ſo wie verdiente⸗ res Beifallrufen begleitete den Sieger des Tages, bis er, um ſich der oͤffentlichen Aufmerkſamkeit zu entziehen, ei⸗ nes der Zelte annahm, die an den Enden der Schranken aufgeſchlagen waren und deſſen Gebrauch ihm von den Marſchaͤllen des Feldes hoͤflichſt angeboten wurde. Na ſeiner Entfernung zerſtreuten ſich guch diejenigen, wel⸗ che, um ihn zu ſehen und ihre Vermuthungen uͤber ihn zu berichtigen, noch in den Schranken verweilt hatten. Das Laͤrmen der unruhigen, zuſammengedraͤngten Menge, welche durch die Ereigniſſe des Tages lebhaft bewegt wurde, erſtarb jezt in ein immer ferner toͤnen⸗ des Murmeln der verſchiedenen Gruppen, die nach allen Richtungen ſich entſernten bis es endlich voͤllig verhallte. Man hoͤrte faſt keinen andern Laut als die Stimmen der Diener, welche die Kiſſen und Teppiche zur Nacht in Sicherheit brachten und ſich um die Ue⸗ berreſte von Wein und Erfriſchungen balgten, die hin und wieder von den Zuſchauern uͤbrig gelaſſen wurden. Innerhalb der aͤuſſern Schrauken waren mehrere Schmieden errichtet worden; und in der hereinbrechen⸗ den Abenddaͤmmerung begannen ſie jezt zu gluͤhen, die Thatigteit der Schmiede verkuͤndend, welche die ganze Nacht damit zubrachten, die Ruſtungen, welche am folgenden Morgen gebraucht werden ſollten, auszu⸗ beſſern oder umzuaͤndern. Eine ſtarke Anzahl Bewaffueter, die von Zeit zu Zeit abgeldßt wurden, umgab die Schranken um die Nacht hindurch Wache zu halten. —;ÿᷣ