Walter Scott's ſaͤmmtliche Werke. Neu uͤberſetzt. Siebenundſechszigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Dreiunddreißigſter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Frauckh. 18 2 8. Napoleon Buanaparte Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolution. Von W aelt er S. e ot t. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. A Dreiunddreißigſter Theil. Stuttgart, i Gebruüͤder Franckh. 1 8 2 8. Anhang. — Nro. II, (Leben Napoleon's, Band X. Seite 34.) Landung der Franzoſen in Suͤd⸗Wales unter General Tate. Wir haben einige merkwuͤrdige Einzelnheiten in Beziehung auf Tate's Landung in den Denkwuͤrdig⸗ keiten des Theobald Wolf Tone gefunden, der einer der ungluͤcklichen und irregeleiteten Irlaͤnder war, die Antheil an der Rebellion von 1796 gehabt hatten, und der bei ſeiner Ruͤckkehr nach Irland mit einer franzoͤſiſchen Expedition ergriffen, daſelbſt verdammt und hingerichtet wurde. Der Verfaſſer, den wir ſehr bemitleiden, ſcheint ein wackerer, leichtherziger Ir⸗ aͤnder geweſen zu ſeyn, deſſen Kopf mit Fragmenten Theaterſtaͤcken angefuͤllt war, und deſſen Herz des vermeinten Unrechts, das ſein Vaterland zurch Großbrittannien erlitten hatte, von eiuem hef⸗ tigen Fieber befallen war. Sein Haß hatte wirklich eeine Hoͤhe erreicht, die ihn ſelbſt in Erſtaunen geſetzt zu haben ſcheint, wie es ſich aus dem Schluſſe der folgenden Auszuͤge ergibt, welche beweiſen daß nichts Geringeres als die gaͤnzliche Zerſtoͤrung Briſtols von Tate und ſeinen luſtigen Leuten, dem Auswurf des franzoͤſiſchen Heeres, erwartet wurde. Wir haben von dem Buͤrger Wolf Tone die Mei⸗ nung, daß wir glauben, er wuͤrde herzlich geweint haben, wenn er Zeuge des Blutbades geweſen waͤre, deſſen Werkzeug er, wie es ſcheint, zu werden wuͤnſchte. Die Heftigkeit ſeiner Ausdruͤcke zeigt blos, wie ſehr Buͤrgerkrieg und politiſche Wuth die ſittlichen Gefuͤhle entſtellen und herabwuͤrdigen. Allein wir haͤtten Ta⸗ te's Geſicht ſehen moͤgen, als er erfuhr, daß die Bande Noire die Waffen vor einer Handvoll walliſi⸗ ſcher Miliz niedergelegt hatte, die bloß durch das Er⸗ ſcheinen eines Haufens Marketenderinnen, mit rothen Roͤcken(dieß war wirklich der Fall), die ſie fuͤr die Spitze einer Huͤlfskolonne hielt, unterſtuͤtzt ward. Seldſt jene Pluͤnderungsverſuche, in denen man ſie fuͤr ſo geſchickt hielt, wurden durch die Bemuͤhungen der Soͤhne des Owen Glendower vereitelt. Das ein⸗ zige Blut, das vergoſſen wurde, war das eines fran⸗ 7.n zoͤſiſchen Nachzuͤglers, der von einem Walliſer uͤber der Stuͤrmung ſeiner Aähnerſbege wurde. Der kuͤhne Britte ſchlug den ſeinem Dreſchflegel auf den Kopf, und nicht wiſſend, wen er erſchlagen hatte, in den Duͤn⸗ gerhaufen, bis er durch das Geruͤcht erfuhr, daß er einen franzoͤſiſchen Angreifer erſchlagen habe, worauf er uͤber ſeine eigene Tapferkeit ſehr erſtaunt und erfreut war. So endete die Invaſion; Herr Tome wird uns ſagen, was erwartet wurde. 4 1. u. 2. November 1796(Breſt). Oberſt Schee ſagt mir, daß General Quantin von Vlieſſingen mit 2000 Mann, die der groͤßte Aus⸗ wurf des franzoͤſiſchen Heeres ſind, abgeſchickt worden iſt, um in England zu landen, und daſelbit ſoviel Unheil, als moͤglich, anzurichten, und daß wir 3000 Mann von demſelben Gelichter haben, die wir eben⸗ falls an die engliſche Kuͤſte werfen ſollen. 24. u. 25. November. Oberſt Tate, ein amerikaniſcher Offizier, hat ſeine Dienſte angeboten, und der General hat ihm den Rang eines Brigade⸗Chefs, und 1050 Mann der Schwarzen Legion gegeben, um auf ein Seeraͤuber⸗Un⸗ rernehmen nach England ausgeben. nige kleine Irrthuͤmer, hinſichtlich der Lokalitaͤt, r vielleicht nur in Folge meiner Unwiſſenheit Irrthuͤmer erſcheinen, ausgenommen, ſind die In⸗ ruktionen unvergleichlich gut abgefaßt; der General hat ſie ſelbſt entworfen, oder wenigſtens verbeſſert, und wenn Tate ein verwegener Burſche mit militaͤ⸗ riſchen Talenten iſt, ſo kann er den Teufel in Eng⸗ land ſpielen, ehe er gefangen wird. Sein Augenmerk iſt auf Liverpool gerichtet, und ich habe einigen Grund zu glauben, daß der Plan aus einer Unterhaltung entſprungen iſt, die ich vor wenigen Tagen mit dem Obriſten Schee hatte, in der ich ihm ſagte, daß, wenn wir einmal in Irland feſten Fuß gefaßt haͤtten, wir, nach mei⸗ nem Gutduͤnken, einen ſeeraͤuberiſchen Beſuch in dieſer Gegend machen koͤnnten, und in der That, ich wuͤnſchte, wir moͤchten die Ehre und den Nutzen da⸗ von haben. Ich wuͤnſchte, z. B. Liverpool, mit eini⸗ gen der Herrn von Ormond Quai, in eigener Perſon einen Beſuch zu machen, obſchon ich ſagen muß, daß die Buͤrger der Schwarzen Legion nur wenig hinter meinen Landsleuten, ſowohl hinſichtlich des Ausſehens als der Zucht zuruͤckſtehen, welche letztere durch drei oder vier Feldzuͤge in Bretagne und in der Ven⸗ dée erſtaunlich verbeſſert worden iſt. Tauſend dieſer Wagehaͤlſe, in ihren ſchwarzen Jacken, werden den John Bull ungemein gut erbauen, wenn ſie unver⸗ ſehrt nach Lancgſchire gelangen. 9 3 26. November. Heute habe ich, auf Befehl des Generals, eine 8 reine Abſchrift der Inſtruktionen des Obriſten Tdahctee verfertigt, mit einigen Abaͤnderungen des geſtrig3en rohen Entwurfs, beſonders ruͤckſichtlich ſeiner erſten Beſtimmung, die jetzt Briſtol iſt. Wenn er wohlbe⸗ halten ankommt, ſo wird er es wahrſcheinlich durch einen coup de main nehmen, in welchem Falle er es niederbrennen wird. Ich kann nicht umhin, hier zu bemerken, daß ich mit der groͤßten Kaltbluͤtigkeit den Befehl abſchrieb, die dritte Stadt des brittiſchen Ge⸗ biets, in der ſich vielleicht ein Eigenthum von 5,000,000 Pfund befindet, in einen Aſchenhaufen zu verwandeln, ᷣ Nro. III. (Leben Napoleons, Band XI. Seite 33.) Hiſtoriſche Bemerkungen Uber den 18. Brum gire. Die folgenden Thatſachen, die nie bekannt ge⸗ macht worden, die uns aber durch einen authentiſchen Kanal zugekommen ſind, werfen ein beſonderes Licht auf den unruhigen und bewegten Zeitpunkt, in wel⸗ chem Napoleon zur hoͤchſten Gewaͤlt gelangte, ſo wie auf die Gefahr, in ber er ſich befand, ſich von einem Auͤdern auf dem Wege nach ſeinem Ziele uͤberholt zu ſehen, oder es gaͤnzlich zu verfehlen. Zu Ende des Julius 1799, als jenes Mißvergnuͤ⸗ gen, das nachmals die Revolution des 18. Brumaire herbeifuhrte, gaͤhrte, kamen General Augerau und einer der beruͤhmteſten Veteranen des republikaniſchen dr Heeres, begleitet von einer Deputation von ſechs Per⸗ ſonen, unter denen ſich Salicetti und andere Mit⸗ glieder des Konvents befanden, fruͤh Morgens zu Ge⸗ neral Bernadotte, ihrem Kriegsminiſter. Ihre Abſicht war, die Aufmerkſamkeit des Mini⸗ ſters auf ein allgemeines Gerücht zu lenken, demzu⸗ folge eine ſchnelle Aenderung in der Verfaſſung und der beſtehenden Ordnung der Dinge erfolgen ſollte. Sie klagten Barras, Sieyes und Fouché als die Ur⸗ heber dieſer Intriguen an. Man glaubte allgemein, ſagten ſie, daß einer der Direktoren(Barras) die Re⸗ ſtauration der Bourbons wuͤnſche; ein Anderer(wahr⸗ ſcheinlich Sieyes) die Erwaͤhlung des Herzogs von Braunſchweig. Die Deputation machte den General Bernadotte mit ihrer Abſicht bekannt, einen Verhaft⸗ befehl gegen dieſe zwei Beamten zu ſchleudern. Nach⸗ dem der Miniſter ſich nach den Beweiſen, die ſie zur Bekraͤftigung ihrer Behauptungen vorbringen koͤnnten, erkundigt und erfahren hatten, daß ſie keine poſitiven Beweiſe vorzeigen koͤnnten, ſo erklaͤrte er ihnen, daß er an der vorgeſchlagenen Handlung geſetzwidriger Gewaltthaͤtigkeit keinen Antheil haben wolle.„Ich fordere Ihr Ehrenwort,“ ſagte er zu ihnen,„daß Sie von Ihrem Unternehmen abſtehen wollen. Nur unter dieſer Bedingung kann ich Ihnen Stillſchwkigen in dieſer Sache verſprechen.“ Einer von der Deputa⸗ tion, den der Miniſter als einen Mann von der mu⸗ 12² ſterhafteſten Biederkeit zu betrachten Urſache hatte, und mit dem er als Lffizier in Beruͤhrung geſtanden war, erwiederte ihm:„Unſere Abſicht war, Sie in den Beſitz einer großen Macht zu ſetzen, da wir feſt uberzeugt ſind, daß Sie dieſelbe nicht mißbrauchen wuͤrden. Da Sie aber nicht die gleiche Anſicht von der Sache haben, ſo iſt es aus damit. Wir geben unſern Plan auf. Laßt uns die ganze Angelegenheit in eine tiefe Vergeſſenheit begraben.“ In weniger als zwei Monaten nachher gab Buonaparte's Ankunft dem Zuſtande der Dinge eine neue Wendung. Er landete, wie man allgemein weiß, bei Frejus, nachdem er ſein Heer verlaſſen, und die Quarantaine⸗ Geſetze gebrochen hatte. Als dieſe Kunde dem Kriegs⸗ miniſter zu Ohren kam, ſo bedeutete er dem Direk⸗ torium, daß man ihn unverzuͤglich vor ein Kriegs⸗ gericht ſtellen muͤſſe. General Debel erhielt den Auftrag, dieſe Mittheilung einem Mitgliede des Di⸗ rektoriums, das einer ſeiner Freunde war, zu ma⸗ chen. Oberſt St. Martin ſprach mit dieſem Direl⸗ tor uͤber denſelben Punkt. Seine Antwort war: „Wir ſind nicht ſtark genug.“ Als ihm erklaͤrt wurde, daß Bernadotte der Meinung ſey, man ſolle gegen Napoleon nach den Grundſaͤtzen der militaͤriſchen Dis⸗ ciplin verfahren, und die Gelegenheit benuͤtzen, ant⸗ wortete der Direktor:„Laßt uns warten.“ —;’ 13, Buonaparte kam in Paris an. Alle Generale be⸗ ſuchten ihn. Man ſchlug vor, ihm ein oͤffentliches Diner zu geben, und es cirkulirte zu dieſem Ende ein Verzeichniß. Als es dem Kriegsminiſter von zwei Mitgliedern des Raths der Fuͤnfhundert uͤber⸗ reicht wurde, ſagte er zu ihnen:„Ich moͤchte Ihnen rathen, dieſes Diner zu verſchieben, bis er ſich genuͤ⸗ gend dafuͤr verantwortet hat, daß er ſeine Armee verlaſſen*).. Mehr als zwoͤlf Tage verfloßen, ehe Vernadotke Napoleon ſah. Auf die Bitte Joſephs, ſeines Schwa⸗ gers, und der Madame Leclerc, der Schweſter Buo⸗ naparte's, ſtattete Bernadotte ihm endlich einen Be⸗ ſuch ab. Die Unterhaltung wurde auf Aegypten ge⸗ leitet. Als Buonaparte von oͤffentlichen Angelegen⸗ heiten zu reden begonnen hatte, ließ ihn Bernadotte ſich uͤber die Nothwendigkeit eines Wechſels in der Regierung verbreiten; und als er endlich bemerkte, daß Buonaparte, das Mißliche ſeiner Lage einſehend, *) Als Bernadotte ins Miniſterium kam, wurde die Frage aufge⸗ worfen: ob Buonaparte nicht aus Aegypten zuruͤckberufen wer⸗ den ſollte?—„Das Heer meinen Sie,“ ſagte der Miniſter,— „denn was den General betrifft, ſo wiſſen Sie, daß er ein Auge auf das Direktorium hat; und Schiffe abſchicken, um ihn nach Frankreich ngen, hieße es ihm geven.“ Eine franzd llotte krenzte damals in dem mittellaͤndi⸗ ſchen Meere; eniſter beharrte darauf, daß ſie nach Toulon ber n ſollte. 14 die unguͤnſtigen Umſtaͤnde in der Lage Frankreichs ubertrieb,— ſo ſagte er:„Aber General, die Ruſſen ſind in der Schweiz geſchlagen, und haben ſich nach Boͤhmen zuruͤckgezogen; zwiſchen den Alpen und den Liguriſchen Appenninen iſt eine Vertheidigungslinie errichtet, wir ſind im Beſitze von Genua; Holland iſt gerettet. Das ruſſiſche Heer, das ſich daſelbſt be⸗ fand, iſt vernichtet, und das engliſche Heer hat ſich nach England zuruͤckgezogen;— 15,000 Inſurgenten ſind ſo eben in dem Departement der obern Garonne zerſtreut und genoͤthigt worden, in Spanien einen Zufluchtsert zu ſuchen;— in dieſem Augenblicke ſind wir damit beſchaͤftigt, zweihundert Hülfs⸗Bataillone, jedes zu rvoo Mann, und 40,000 Mann Reiterei auszuheben, und in drei Monaten hoͤchſtens werden wir nicht wiſſen, was wir mit dieſer Menge von Leuten thun ſollen, wofern wir ſie nicht gleich Stroͤ⸗ men nach Deutſchland und Italien ſtuͤrzen laſſen. In der That, wenn Sie das aͤgpptiſche Heer haͤtten mit ſich bringen koͤnnen, ſo wuͤrden die Veteranen, aus denen es beſteht, zur Bildung unſerer neuen Corps ſehr nuͤtzlich ſeyn. Obſchon wir dieſes Heer als verloren zu betrachten haben, wofern es nicht kraft eines Vertrags zuruͤckkehrt, ſo verzweifle ich doch nicht an der Rettung der Republik, und ich bin uͤberzeugt, ſie wird ihren Feinden ſowohl von außen, als von innen widerſtehen.“ Als Bernadotte die Worte Feinde von innen ausſprach, blickte er Napoleon, 15 deſſen Verlegenheit augenſcheinlich war, unwillkuͤhrlich ins Geſicht. Madame Buonaparte gab der Unterhal⸗ tung eine andere Wendung, und Bernadotte verab⸗ ſchiedete ſich bald darauf. Einige Tage nachher bat Herr R., vormaliger er⸗ ſter Sekretaͤr des Kriegsmiuniſters, den General Ber⸗ nadotte, ihn bei Buonaparte einzufuͤhren. Der Ge⸗ neral nahm ihn mit ſich. Nach den gebraͤuchlichen Complimenten fingen ſie an, von der Lage Frank⸗ reichs zu ſprechen. Buonaparte ſprach viel von der großen Aufregung unter den Republikanern, und be⸗ ſonbers bei dem Club du manège. Bernadotte er⸗ . wiederte hierauf:„Wenn einmal ein Anſtoß gegeben iſt, ſo iſt er nicht leicht aufzuhaten, dieß haben Sie oͤfters erfahren. Nachdem Sie dem italieniſchen Heere patrioliſche Begeiſterung eingehaucht hatten, konnten Sie dieſes Gefuͤhl nicht mehr unterdruͤcken, als Sie dieß fuͤr gut fanden. Daſſelbe geſchieht jetzt. Eine Anzahl von Individuen, und haͤuxptſaͤchlich ihre eigenen Landsleute, haben den Club, von dem die Rede iſt, gebildet. Ich habe nie dazu gehoͤrt. Ich war zu beſchaͤftigt, und hatte als Miniſter zu viele Pflichten zu erfuͤllen, als daß ich Antheil an demſelben haͤtte nehmen koͤnnen. Sie haben behauptet, ich habe dieſe Verſammlungen beguͤnſtigt; dieß iſt unrichtig. Ich habe in der That manche achtbare Perſonen, die zu dieſem Clubbe gehoͤrten, unterſtuͤtzt, weil ihre Ab⸗ 16 ſichten ehrlich waren, und ſie einem Geiſte der Maͤ⸗ bigkeit und Klugheit, den ehrſuͤchtige Leute im Allge⸗ meinen verwerfen, das Uebergewicht zu verſchaffen hoff⸗ ten. Salicetti, ein beſonderer Freund und geheimer Vertrauter Ihrer Landsleute, war einer von den Di⸗ rektoren dieſer Geſellſchaft. Beobachter haben geglaubt und glauben noch, daß der Zuſtand der Aufregung, uͤber den Sie ſich beklagen, aus den Inſtruktionen, welche Salicetti empfangen hat, entſprungen iſt.“ Hier verlor Buonaparte die Geduld, und erklaͤrte, er wolle lieber in den Waͤldern, als noch laͤnger in der Mitte einer Geſellſchaft leben, welche ihm keine Sicher⸗ heit gewaͤhre. „Was fuͤr eine Sicherheit verlangen Sie?“ ant⸗ wortete General Bernadotte. Frau Buonaparte, die zu befuͤrchten anfing, die Unterhaltung moͤchte zu leb⸗ haft werden, veraͤnderte den Gegenſtand derſelben, und redete Herrn R. an, der ihr bekannt war. General Bernadotte drang nicht weiter in Buonaparte, und entfernte ſich nach einigen allgemeinen Geſpraͤchen. Wenige Tage nachher hatte Joſeph eine große Geſellſchaft in Morfontaine. Buonaparte, der dem aus dem Théätre français kommenden General Ber⸗ nadotte begegnete, fragte: ob er bei der Partie am folgenden Tage ſeyn werde? Als ihm Bernadotte bejahend antwortete, ſagte er:„kann ich wohl 17 morgen fruͤh meinen Kaffee bei Ihnen trinken? Ich muß an Ihrem Hauſe vorbeigehen, und werde erfreut ſeyn, einige Augenblicke bei Ihnen verweilen zu koͤnnen.“ Am naͤchſten Morgen kamen Buonaparte und ſeine Frau, Ludwig folgte ihnen einen Augenblick darauf. Buonaparte betrug ſich ſehr leutſelig*). An dem Abend fand einige Unterhaltung zwiſchen Regnault de St. Jean d'Angely, Joſeph und Lucian ſtatt. Buo⸗ naparte unterhielt ſich mit Bernadotte, der an ſeiner verlegenen Miene und ſeiner haͤufigen Anwandlung von Zerſtreuung ſah, daß ſein Geiſt tief beſchaͤftigt war. Er zweifelte nicht laͤnger, daß Buonaparte feſt entſchloſſen ſey, die Gefahr, die ihm drohte, weil er aus Aegypten entwichen, ſein Heer im Stiche gelaſſen, und die Quarantaine⸗Geſetze verletzt hatte, durch den Umſturz der Verfaſſung von ſich abzuwaͤlzen, und be⸗ ſchloß, ſich ſeinem Entſchluſſe durch alle ihm zu Geebote ſtehenden Mittel zu widerſetzen. Auf ſeiner Nuͤck⸗ kehr nach Paris befand er ſich zufaͤllig in einem Hauſe, das einem Landsmann und Freunde Moreaus ge⸗ hoͤrte. Nachdem der General gefragt hatte: ob er bei der Geſellſchaft zu Morfontaine geweſen ſey? und ob er mit Buonaparte geſprochen habe, und Bernadotte *) Buonaparte kam keineswegs aus Freundſchaft zu Vernadotte bei dieſer Gelegenheit, ſondern um dem Direltorium und den Freunden der Republik Verdacht in Beziehung auf die Abſich⸗ ten dieſes Generals einzufloͤßen. W. Scott's Werke, LXVII. 2 18 ihm dieſes bejaht hatte, ſagte Moreau:„Dieß iſt der Mann, welcher der Republik das groͤßte Weh zuge⸗ fuͤgt hat.“—„uUnd noch zufuͤgen wird,“ fuͤgte Ber⸗ nadotte hinzu.—„Wir werden uns ihm widerſetzen,“ erwiderte Moreau.— Die zwei Generale ſchuͤttelten einander die Haͤude, und verſprachen, dem Ausreißer aus Aegypten einen gemeinſchaftlichen Widerſtand zu leiſten. So nannten ſie ihn in Gegenwart mehrerer Perſonen, unter denen ſich auch der vormalige Miniſter Pethiet befand. Es iſt wahr, das Direktorium erfreute ſich der offentlichen Achtung nicht. Sieyes hatte unter den fuͤnf Mitgliedern den beſten Ruf, allein er galt fuͤr furchtſam und rachſuͤchtig. Man hielt ihn fuͤr ge⸗ neigt, den Herzog von Braunſchweig auf den franzoͤ⸗ ſiichen Thron zu rufen. Barras ſtand bei einigen Verſonen in dem Verdachte, als unterhandle er mit dem Grafen Lille. Gohier, Moulins und Roger Du⸗ cos waren ſehr achtdare Maͤnner, allein man hielt ſie fuͤr unfaͤhig, eine ſo große Nation zu regieren. Go⸗ hier jedoch war als einer der erſten Rechtsgelehrten dieſes Zeitpunktes, als ein Mann von unbeſtechlicher Redlichkeit, und als ein eifriger Freund ſeines Vater⸗ landes bekannt. A’s Sieyes eine Stelle im Direktorium erhielt, wuͤnſchte er den General Bernadotte zum Kriegsmi⸗ 19 niſter zu haben. Einige vertraute Verhaͤltniſſe zwi⸗ ſchen ihnen, und ein gewiſſer Grad von Ehrfurcht, den letzterer gegen Sieves in Folge ſeiner großen Be⸗ ruhmthait hegte, hatten ſeiner Eigenliede geſchmeichelt. Zwei Bruͤder Buonaparte's, Joſeph und Lucian, in der Meinung, ſie wuͤrden in Bernadotte ein williges Werkzeug zur Ausfuͤhrung der Plane ihres Bruders finden, deſſen Landung in Frankreich ſie gerade ver⸗ mutheten, waren mit Sieyes bereingekommen, Ber⸗ nadotte ins Minſterium zu bringen. Gohier, Mou⸗ ins und Roger Ducos vereinigten ſich mit den Buo⸗ naparte's und Sieyes; Barras allein nesgte ſich auf Dubois⸗Crancé's Seite hin, allein er gab mit gutem Anſtande der Meinung ſeiner Kollegen nach. Der Vorſchlag dazu wurde dem General Berna⸗ dotte bei einem Diner in Joſephs Wohnung in der Rue de Rocher gemacht. Jourbert, einer von der Geſellſchaft, der erſt neulich eine vertraute Freund⸗ ſchaft mit dem Kandidaten fuͤr das Kriegsminiſte⸗ rium geſchloſſen hatte, wurde von den Buonaparte's gewaͤhlt, um ihm deuſelben vorzutragen. Der Vor⸗ ſchlag wurde zuruͤckgewieſen, und Ivuberts Gegen⸗ vorſtellungen hatten keine Wirkung auf den Entſchluß Bernadotte's, der um dieſe Zeit unveranderlich ſchien. Die Buonaparte's, welche die hauptſaͤchlichſten Urhe⸗ ber aller vorgehenden Veraͤnderungen waren, und alle wichtigen Poſten austheilten, erſtaunten, als ſie Ge⸗ 20 neral Jouberts Bericht hoͤrten. Sie baten mehrere Mitglieder des Raths, Bernadotte zur Annahme auf⸗ zufordern. Ihre Bemuͤhungen blieben ohne Erfolg; auf jede Aufforderung folgte die hartnaͤckigſte Wei⸗ gerung. Allein was nicht durch Bernadotte's Freund⸗ und Verwandte, die ſich durch die anſcheinende Freund⸗ ſchaft der Buonaparte's fuͤr ihn hatten taͤuſchen laß⸗ ſen, ausgefuͤhrt wurde, kam durch ſeine Frau und ſeine Schwaͤgerinn zu Stande. Nachdem er ſich einige Tage lang hatte bitten loſſen, gab Bernadotte nach, und empfing das Portefeuille aus den Haͤnden des Gene⸗ rals Millet⸗Moreau, der damals dieſen Poſten beklei⸗ dete. Die Buonaparte's legten ohne Zoͤgern den Wunſch an den Tag, einen unmittelbaren Einfluß in dem Kriegsdepartement auszuuͤben. Viele ihrer Ge⸗ ſchoͤpfe wurden von dem neuen Miniſter zu hoͤhern Aentern erhoben; allein die Menge neuer Geſuche, die ihm unaufhoͤrlich vorgelegt wurden, uͤberzeugte ihn, daß ſie der Meinung waͤren, er bekleide ſein Amt blos, um ihre Plane zu befoͤrdern, und den Weg zu ihrer Erhoͤhung zu bereiten. Der Miniſter, welcher ſich regelmaͤßig um 5 Uhr Morgens in das Bureau des Kriegsdepartements be⸗ gab, wo er großen Uebeln abzuhelfen, das Heer zu rekrutiren, Vergendungen Einhalt zu thun, 200 Ba⸗ taillone(jedes zu rvoo Mann) zu organiſiren, 90,000 Mann, die ſich in dem Lauſe weniger Jahre ohne Er⸗ . 2 1 laubniß entfernt hatten, zu ihren Corps zuruͤckzu⸗ bringen, und eine außerordentliche Aushebung von 40,000 Man Reiterei zu bewerkſtelligen hatte, kehrte nicht eher als gegen fuͤnf bis ſechs Uhr Abends in ſein Haus, in der Rue Cisalpine zuruͤck; Joſeph und ſeine Frau waren faſt ſtets da. Joſeph leitete die Unterhaltung zuweilen auf die Unfaͤhigkeit des Direk⸗ toriums, die Unmoͤglichkeit der Fortdauer des gegen⸗ waͤrtigen Standes der Dinge, und die Nothwendig⸗ keit der Umaͤnderung der Verwaltung. Bernadotte im Gegentheil war der Meinung daß wenn die Zahl der fuͤuf Direktoren auf drei beſchraͤnkt wuͤrde, von deuen jeder alle drei Jahre aus ſeinem Amte traͤte, die Verfaſſung ſehr wohl ſortbeſtehen koͤnnte. Er fand in dieſer Regierungsform die Er⸗ richtung eines ausſchließlich mit der Regierung des Staats beauftragten patriziſchen Standes. Die ro⸗ miſche Republik war ſein Vorbild, und er ſah in der Verfaſſung des Jahres II. eine große Aehnlichkeit mit den konſulariſchen Privilegien und den Rechten der Senatoren. Nach dem 135. Artikel dieſer Verfaſſung konnte Niemand nach einer Stelle im Direktorium ſtreben, ohne vorerſt ein Mitglied eines der zwei be⸗ rathenden Koͤrper, ein Staatsminiſter u. ſ. m. gewe⸗ ſen zu ſeyn. Da dieſe Bedingung in ſeinem Falle bereits erfuͤllt war, ſo war es natuͤrlich, daß er die Erhaltung einer Regierungsform wuͤnſchte, die ihn 2 2 auf gleichen Fuß mit Koͤnigen ſeellte, und ihn zu der Hoffnung berechtigte, manche Koͤnige der Republik zinsbar, oder doch wenigſtens von ihr beſchuͤtzt zu ſe⸗ hen. Dieſe Eroͤrterungen wurden zuweilen ziemlich freimuͤthig, und in einem ſolchen Augenblicke ſprach Joſeph mit Bernadotte von der Moͤglichkeit der ſchnel⸗ len Ruͤckkehr ſeines Bruders. Der Miniſter hatte Geiſtesgegenwart genug, um ſeinen Unwillen zu ver⸗ bergen; allein ſein Erſtaunen mar ſo ſichtbar, daß Jo⸗ ſeph dadurch in Beſtuͤrzung gerieth. Er ſuchte den Eindruck zu vermindern, den ſeine Meinung hervor⸗ gebracht batte. Er ſagte, was er aufgeſtellt habe, ſey eine bloße Muthmaßung von ſeiner Seite, die eine Wahrſcheinlichkeit,—„vielleicht,“ fuͤgte er hinzu, „ſelbſt eine Wirklichkeit werden koͤnnte, denn er hat Aegypten erobert, ſein Geſchaͤft iſt beendigt, er hat nichts mehr in dieſer Gegend zu thun.“—„Er⸗ obert?“ erwiderte Bernadotte,„ſagen Sie vielmehr, angegriffen! Dieſe Eroberung, wenn Sie ſie ſo nen⸗ nen wollen, iſt noch lange nicht geſichert, ſie hat der Koalition, die erloſcen war, neues Leben gegeben, ſie hat uns ganz Europa zu Feinden, und die Exiſtenz der Republik zweifelhaft gemacht. Zudem hat Ihr Bruder keine Vollmacht, das Heer zu verlaſſen. Er kennt die Krisgsgeſetze, und ich glaube nicht, daß er geneigt ſeyn oder ſich erkuͤhnen wird, gegen dieſelben zu freveln. Eine ſolche Deſertion wuͤrde eine zu ernſt⸗ hafre Sache ſeyn, und er kennt die Folgen derſelben 29 zu gut. Joſeph entfernte ſich einige Angenblicke nach⸗ her, und da dieſe Unterhaltung ihm bewieſen hatte, daß Bernadotte ſeine Meinungen nicht theilte, ſo ſann er auf Mittel, einen Bruch zwiſchen demſelben und Sieyes zu bewirken. Bernadotte zog ſich aus dem Miniſterium zuruͤck, und Buonaparte kam ungefaͤhr drei Wochen nachher an. Da General Bernadotte nicht zweifeln konnte, daß die Direktoren ſich ſelbſt entweder von Buona⸗ parte's Ehrgeiz taͤuſchen ließen, oder ſeine Mitſchuldi⸗ gen waren, und daß ſie mit ihm auf den Umſturz der beſtehenden Ordnung der Dinge ſannen, ſo fuhr er hartnaͤckig fort, denjenigen Mitgliedern der Regie⸗ rung oder des geſetzgebenden Koͤrpers, welche geneigt waren, ſich dieſen Planen zu widerſetzen, ſeinen Rath und ſeine Dienſte anzubieten; allein die Aufwiegler und Intriguanten gingen raſchen Schrittes auf ihr Ziel los, und jeden Tag vergroͤßerte Buonaparte ſeine Partei durch den Beytritt irgend einer ausgezeich⸗ neten Perſon. Am 16. Brumaire, um fuͤnf Uhr, verfuͤgte ſich Bernadotte in die Wohnung des Generals Buona⸗ parte, wohin er zum Mittageſſen eingeladen war. General Jourdan war bei der Geſellſchaft. Er kam an, nachdem ſie ſchon zu Tiſche geſeſſen waren. Die Unterhaltung betraf blos militaͤriſche Gegenſtaͤnde, und 24 Bernadotte uͤbernahm die Aufgabe, die Marimen zu widerlegen, die Buonaparte in Betreff des Invaſions⸗ ſyſtems aufſtellte. Bernadotte ſchloß mit folgenden Worten:„Es iſt leichter, zu erhalten, als anzugrei⸗ fen,“ wobei er auf die Eroberung Aegyptens anſpielte. Die Geſellſchaft erhob ſich, und begab ſich in das Ver⸗ ſammlungszimmer. Bald nachher kamen mehrere aus⸗ gezeichnete Mitglieder des Raths und viele Gelehrte an, Volney und Talleyrand befand ſich unter ihnen. Die Unterhaltung war allgemein, und betraf die An⸗ gelegenheiten des weſtlichen Frankreichs. Buonaparte ſagte, ſeine Stimme ein wenig erhebend, und ſich an eine neben ihm befindliche Perſon wendend:„Sie ſe⸗ hen einen Chouan in dem General Bernadotte!“ Der General konnte ſich, ihm antwortend, des Laͤ⸗ chelns nicht enthalten.„Sie widerſprechen ſich,“ ſagte er,„erſt geſtern beklagten Sie ſich daruͤber, daß ich den unzeitigen Enthuſiasmus der Freunde der Republik beguͤnſtigen, und jetzt ſagen Sie mir, daß ich die Chouans beguͤnſtige; das iſt ſehr inconſequent.“ Die Geſellſchaft vergroͤßerte ſich jede Minute, und da die Zimmer nicht ſehr geraͤumig waren, entfernte ſich Bernadotte. Viele Perſonen haben gealaubt, die Antworten, welche Bernadotte bei dieſer Gelegenheit ertheilte, ha⸗ ben die vorbereitete Bewegung um 24 Stunden ver⸗ zoͤgert. Andere dagegen haben behauptet, daß Buo⸗ 25 navarte, von Natur aberglaͤubiſch, die Ausfuͤhrung des Plans bis zum z6ten verſchoben habe, weil der 17te ein Freitag geweſen ſey. Den 17. Brumaire, zwiſchen 11 und 12 Uhr Nachts, ſprach Joſeph Buonaparte, der durch die Rue Cisalpine in ſein Haus in der Rue du Rocher zuruͤck⸗ kehrte, im Hauſe Bernadotte's ein. Da ſich der Letztere ſchon im Bette befand, ſo ließ er Joſeph bitten, an dem naͤchſten Tage wieder zu kommen. Er that dieß am Morgen des u8ten vor 7 Uhr. Er ſagte Berna⸗ dotten, daß ſein Bruder mit ihm zu ſprechen wuͤn⸗ ſche, daß die zu ergreifende Maßregel am Abend zu⸗ vor beſprochen worden ſey, und daß ſie ihn von der⸗ ſelben in Kenntniß zu ſetzen wuͤnſchten. Sie begaben ſich beide alsbald in Buonaparte's Haus, in der Straße Victoire. Der Hof, die Hausflur und die Gemaͤcher waren mit Generalen und hohen Offi⸗ ßieren angefuͤllt. Vicle von den Offizieren hatten das Ausſehen von Perſonen, die der Wein in einen Zu⸗ ſtand von Aufregung gebracht hatte. Bernadotte wurde in ein kleines Zimmer gewieſen; Joſeph folgte ihm nicht in daſſelbe. Buonaparte ſaß mit einem ſeiner Adjutanten, der, ſoviel man ſich erinnert, Le⸗ marrois war, beim Fruͤhſtuͤcke. General Lefebvre, nachmals Herzog von Danzig, der damals die ſieben⸗ zehnte Diviſton kommandirte, deren Hauptquatier Paris war, ſtand. Als ihn Bernadotte in dieſer 26 Skellung ſah, zweifelte er nicht, daß er gefangen ge⸗ halten werde. Er nahm ſogleich einen Stuhl, ſetzte ſic nieder, und gab Lefebvre ein Zeichen, ein Glei⸗ ches zu thun; Lefebvre zoͤgerte, aber ein Blick von Buonaparte ermuthigte ihn; er ſetzte ſich, auf Buo⸗ naparte blickend, ehrfurchtsvoll nieder. Der Letztere wandte ſich nun an Bernadotte, und ſagte in verlege⸗ nem Tone:„warum ſind Sie nicht in Uniform?“ Als Vernadotte antwortete:„ich bin nicht in Dienſt,“ ſo erwiderte Buonaparte:„Sie werden es ſogleich ſeyn.“„Ich denke nicht,“ ſagte Bernadotte. Buo⸗ naparte erhob ſich, nahm Bernadotte bei der Hand, und fuͤhrte ihn in ein anſtoßendes Zimmer.„Dieſes Direktorium regiert ſchlecht,“ ſagte er:„es wuͤrde die Republik zerſtoͤren, wenn wir nicht Sorge fuͤr ſie truͤgen. Der Rath der Aelteſten hat mich zum Kom⸗ mandanten der Stadt Paris, der Nationalgarde und aller Truppen der Diviſion ernannt. Entfernen Sie ſich, legen Sie Ihre Uniform an, und treffen Sie mich in den Tuilerien, wohin ich mich jetzt begebe.“ Als Bernadotte dieß ablehnte, ſagte Buonaparte: nich ſehe, Sie glauben auf Moreau, Bournonville und andere Generale rechnen zu koͤnnen; Sie werden ſie alle— ſelbſt Moreau nicht ausgenommen— zu mir kommen ſehen,“ und ſehr ſchnell ſprechend, nannte er ungefaͤhr dreißig Mirglieder des Raths der Aelte⸗ ſten, die Bernadotte fuͤr die groͤßten Freunde der 37 Konſtikntion des Jahres IV. gehalten hatte.„Sie kennen die Menſchen nicht!“ fuͤgte er hinzu,„ſie verſprchen viel, und halten wenig!“ Bernadotte erklaͤrte, daß er ſich nicht in eine Em⸗ voͤrung der Art verwickeln oder eine Verfaſſung um⸗ ſtuͤrzen moͤge, die einer Million Menſchen das Leben gekoſtet habe.„Gut!“ ſagte Buonaparte,„Sie wer⸗ den warten, bis ich das Dekret des Ratbs der Ael⸗ teſten erhalte; denn bis dahin bin ich nichts.“ Ber⸗ nadotte erhob ſeine Stimme und ſagte:„ich bin ein Mann, den Sie toͤdten koͤnnen, den Sie aber nicht gegen ſeinen Willen zuruͤckhalten werden.“„Gut denn,“ ſagte Buonaparte, ſeine Stimme mildernd, „geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie nichts gegen mich unternehmen wollen?“„Ja, als ein Buͤrger; allein wenn ich von dem Direktorium aufgefordert werde, oder wenn mir der geſetzgebende Koͤrper den Befehl uͤber ſeine Garde anvertraut, ſo werde ich mich Ihnen widerſetzen und Sie ſollen die Oberhand nicht erhalten.“—„Was verſtehen Sie unter dem Ausdrucke: als ein Buͤrger?“—„Ich werde nicht in die Buden, noch in die oͤffentlichen Erho⸗ lungshaͤuſer gehen, um die Gemuͤther der Soldaten und des Volkes zu entflammen.“„Ich bin gutes Muths,“ erwiderte Buonaparte,„ich habe meine Mahßregeln ergriffen; Sie werden keinen Auftrag erhalten; Sie fuͤrchten ſich mehr vor Ihrem Chr⸗ 28 geize als vor dem meinigen. Ich wuͤnſche blos die Republik zu retten, und ich brauche nichts fuͤr mich; ich werde mich nach Malmaiſon zuruͤckziehen, wenn ich einen Kreis von Freunden um mich verſammelt haben werde. Wenn Sie dazu gehoͤren wollen, ſo werden Sie willkommen ſeyn!“ Bernadotte erwi⸗ derte, waͤhrend er ſich entfernte:„Was den guten Freund betrifft, der Sie ſeyn wollen, ſo mag dieß ſeyn; allein ich bin uͤberzeugt, daß Sie ſtets der ſchlimmſte Herr ſeyn werden.“ Bernadotte verließ das Zimmer; Napoleon folgte ihm in das Vorzimmer, und ſagte zu Joſeph mit bewegter Stimme:„folge ihm!“ Bernadotte ging durch eine Menge von Generalen und Offizieren von Rang, die den Hof des Hauſes und einen Theil der Straße anfuͤllten, und machte einigen Eindruck auf ſie durch ſeine Blicke, die ſeine Mißbillignng ihres Betragens ausdruͤckten. Joſeph folgte Bernadotten und erreichte ihn in dem Hofe des Hauſes; er bat ihn, ſich in ſein Haus in der Rue du Rocher, wo er verſchiedene Mitglieder des geſetzgebenden Koͤrpers verſammelt habe, zu begeben. Als er in Joſephs Wohnung ankam, fand er ungefaͤhr zwoͤlf Perſonen, unter denen ſich mehrere, Buonaparte ergebene Ab⸗ geordnete, und beſonders Salicetti, befanden. Das Fruͤhſtuͤk wurde aufgetragen. Waͤhrend der wenigen Augenblicke, die man bei Tiſche blieb, ſprachen ſie —— ———— 29 von den Beſchluͤſſen, die gefaßt werden ſollten, und Joſeph wiederholte, daß ſein Bruder nichts als die Be⸗ feſtigung der Freiheit wolle, und daß er alsdann als Philoſoph in Malmaiſon leben zu koͤnnen wuͤnſchte. Bernadotte begab ſich in den Garten der Tullerien, und ging an der Fronte der 79ſten Halbbrigade vor⸗ bei. Als die Offiziere ihn, obſchon er nicht in Uni⸗ form war, erkannt hatten, kamen ſte auf ihn zu, und befragten ihn hinſichtlich deſſen, was vorgehen ſollte⸗ Vernadotte antwortete in allgemeinen Ausdruͤcken, und ſprach ſeinen Wunſch aus, die oͤffentliche Ruhs moͤchte durch dieſe Bewegung nicht gefaͤhrdet werden. Als die Soldaten ihrerſeits den General erkannten, der ſie bei der Belagerung und Einnahme von Ma⸗ ſtricht befehligt hatte, ſo druͤckten ſie laut ihr Er⸗ ſtaunen daruͤber aus, daß er ſich nicht bei den Ge⸗ neralen befinde, die, ſagten ſie, in dem Pallaſte das Schickſal Frankreichs entſcheiden. Als Bernadotte unterſucht hatte, was er im Noth⸗ falle von dieſem Corps und von einigen Abtheilun⸗ gen, von denen er ſich auf dem Boulevard und der pPont de la Révolution gezeigt hatte, erwarten koͤnne, begab er ſich in die Wohnung des Generals Jourdan, in der Vermuthung, das Direktorium werde nach ihm ſchicken, und ihn auffordern, fuͤr die Sicherheit der Regierung zu ſorgen. Er traf bei Jourdan mehrere Mitglieder des Raths der Fuͤnfhundert, un⸗ ter andern Augereau, den nachmaligen Herzog von Caſtiglione, an. Kaum war er angekommen, als eine große Anzahl der Mitglieder kam, um den Beſchluß des Raths der Aelteſten mitzutheilen, der Kraft des 102. Artikels der Verfaſſung, den Sitz des geſetzge⸗ benden Koͤrpers nach St. Cloud verlegte. Bernadotte erfuhr, als er nach Hauſe zuruͤckgekehrt war, von ſeiner Frau, daß der Generaladjutant Rapatel, der zum Stabe des General Moreau gehoͤrte, ſo eben da geweſen ſey, von Buonaparte und Moreau abgeſchickt, um ihn zu uͤberreden, ſich zu ihnen in die Tuilerien zu verfuͤgen. Buonaparte ſagte zu ihm:„Sie haben unter General Bernadotte gedient. Ich weiß, daß er Zutrauen in Sie ſetzt. Sagen Sie ihm, daß alle ſeine Freunde in den Tuilerien verſammelt ſind, und ſie ihn unter ſich zu ſehen wuͤnſchten; fuͤgen Sie hinzu, daß ſie ihr Vaterland eben ſo ſehr lieben als er, und daß ſie ungemein erfreut ſeyn wuͤrden, ihn unter der Zahl derer erſcheinen zu ſehen, denen es heute ſeine Sicherheit verdankt.“ Sieyes und Rogerducos hatten ſich bereits zu Buonaparte in die Tuilerien verfuͤgt. Die drei Di⸗ rektoren, Gohier der Praͤſident, Moulins und Barras blieben in dem Luxemburger Pallaſte. Der General⸗ Sekretaͤr Lagarde war noch der Majoritaͤt des Di⸗ rektoriums treu. Wie General Bernadotte vorher geſehen hatte, ſo warf dieſe Majoritaͤt ihre Augen,. 51 hinſichtlich des Kriegsminiſteriums und des Oberbe⸗ fehls uͤber die Truppen und die Nationalgarden der 17ten Diviſion, auf ihn. Die Abdankung Barras und der Abfall des General⸗Sekretaͤrs verhinderten dieſe Ernennung. Da nun Buonaparte nichts mehr zu befuͤrchten hatte, ſo machte er eine neue Einthei⸗ lung der verſchiedenen Kommando's, und ubertrug Moreau mit 100 Mann Reiterei das Kommando des Luremburger Pallaſtes, wo Gohier und Moulins ge⸗ fangen gehalten wurden. Moreau, mißvergnuͤgt uͤber die Gleichguͤltigkeit, mit der er von Buonaparte behandelt worden war, und bekannt mit ſeinen Abſichten und Planen, war bereits darauf bedacht, ſeine Sache, die er als un⸗ gerecht und verraͤtheriſch gegen die Nation betrachtete, zu verlaſſen. Er forderte Rapatel von Neuem auf, gegen Abend ſich in Bernadotte's Wohnung zu ver⸗ fügen, und ihn von Seite Moreau's aufzuſorderu, ſich in den Luxemburger Pallaſt zu begeben, damit ſie ſich gemeinſchaftlich uͤber die Maßregeln beſpre⸗ chen moͤchten, wodurch Napoleon verhindeet werden könnte, die Diktatorſchaft an ſich zu reißen. Berna⸗ dotte's Antwort auf dieſe Eroͤffnung war: er ſey durch ſein Ehrenwort gebunden, nichts als Buͤrger zu unternehmen; allein er koͤnne frei handeln, wenn er von einer oͤffentlichen Perſon dazu aufgeforder: werde. Wenn nun Moreau von dem Luremburger 92 Pallaſte an der Spitze der Abtheilung, die er befeh⸗ lige, ausziehen, an ſeiner Thuͤre erſcheinen, und ihn im Namen des öffentlichen Wohls auffordern wuͤrde, gemeinſchaftliche Sache mit ihm zur Vertheidigung der Freiheit und der beſchwornen Verfaſſung zu ma⸗ chen, ſo wolle er ſein Pferd mit ſeinen Adjutanten beſteigen, ſich unter Moreau's Befehl begeben, die Truppen anreden, und Buonaparte augenblicklich we⸗ gen ſeiner Deſertion von dem aͤgyptiſchen Heere und ſeiner Verletzung der Verfaſſung durch die Annahme eines Kommando's, das ihm bloß durch einen Theil des geſetzgebenden Koͤrpers üͤbertragen wurde, alsbald verhaften und vor ein Kriegsgericht ſtellen zu laſſen. Moreau, gebunden durch die Pflicht der Kriegszucht, der zufolge er unter den Befehlen des Generals Buo⸗ naparte ſtand, willigte nicht in Bernadotte's Vor⸗ ſchlag, und der Letztere hielt ſich deßwegen nicht be⸗ fugt, ſich nach dem Luremburger Pallſte zu be⸗ geben. Bernadotte hatte von— 10 Uhr Conferenzen mit Salicetti, Augerau, Jourdan, Gareau, und einem Dutzend der einflußreichſten Mitglieder des Raths der Fuͤnfhundert. Es wurde beſchloſſen, daß Verna⸗ dotte am naͤchſten Morgen zum Kommandanten der Garde des geſetzgebenden Koͤrpers und aller Truppen in der Hauptſtadt ernannt werden ſollte. Hierauf trennten ſie ſich; Salicetti eilte nach den Tuilerien, 55 um Buonaparte zu ſagen, was vorgefallen war, und dieſer, der einen ſo muthigen Gegner, wie Beruadotte fuͤrchtete, gab Salicetti den Auftrag, am naͤchſten Morgen um 5 Uhr der vorbereitenden Verſam mlung, die, ehe man nach St. Cloud ging, ſtatt haben ſollte, beizuwohnen und allen Abgeordneten zu ſagen, daß er, Buonaparte, Allem aufgeboten habe, um zu ver⸗ huͤten, daß ein Verbannungsdekret gegen die Depu⸗ tirten erlaſſen wurde, welche den Plan entworfen hatren, Bernadotte den Oberbefehl uͤber die bewaffnere Macht zu uͤbertragen. Den i9ten um 7 Uhr Morgens kamen die Ge⸗ nerale Jourdan und Augereau, begleitet von neun bis zehn Abgeordneten des Raths der Fuͤnfhundert (unter denen ſich Gareau und Talot befanden) in die Wohnung des Generals Bernadotte, in der Rue Cisalpine. Sie benauchrichtigten ihn, Salicetti habe ihnen von Seite Buonaparte's mitgetheilt, daß Sieyes den Vorſchlag gemacht habe, eine Anzahl von Abge⸗ ordneten der beiden geſetzgebenden Koͤrper zu ver⸗ haften, um ihr Erſcheinen in St. Cloud zu verhin⸗ dern. Sie fragten Bernadotte: was er von den Ereigniſſen des Tages denke? Er ſah in der Mit⸗ theilung Salicetti's nichts, als den Wunſch, dieſe Ar⸗ geordneten auf Buongparte's Seite zu bringen. Ei⸗ nige dieſer Geſetzgeber ſchienen Buonaparte fuͤr den W. Scott's Werke. LXVII. 5 Dienſt, den er ihnen den Abend zuvor erwieſen hatte, Dank zu wiſſen. Bernadotte legte dieſer großmuͤ⸗ thigen Handlung nicht denſelben Werth bei, wie ſie; allein er pflichtete ihrer Meinung in Betreff der ver⸗ föhnenden Maßregeln bei, die ſie annehmen zu wollen ſchienen, und ſprach ſich, in ihre Abſichten eingehend, alſo aus:„Es beſteige einer von euch die Redner⸗ buͤhne; er beſchreibe kurz die innere Lage Frankreichs und ſeine Siege im Auslande; er ſage, daß der Abzug eines Heeres nach Aegypten uns nicht nur in Krieg verwickelt, ſondern auch eines Heeres von mehr als 50,000 Veteranen und vieler erfahrner Generale be⸗ raubt hat; daß deſſen ungeachtet die Republik ſiegreich iſt; daß die Koalition ſeit Souwarow's Ruͤckkehr nach Rußland aufgeloͤst iſt; daß die Englaͤnder, mit ei⸗ nem Prinzen vom Gebluͤt an ihrer Spitze, die bata⸗ viſche Republik verlaſſen und ſich nach England zu⸗ ruͤckgezogen haben; daß die Vertheidigungslinie zwi⸗ ſchen den Alpen und den liguriſchen Appenninen be⸗ hauptet werde; daß 200,000 Conſcribirte ſich in Ba⸗ taillone zur Verſtaͤrkung des Heeres ordnen, und 50,000 Mann Reiterei ausgehoben werden; daß der Aufſtand im Weſten auf einige zerſtreute Banden be⸗ ſchraͤnkt, und eine royaliſtiſche Armee im Departement der obern Garonne vernichtet oder zerſtreut worden iſt; daß, um einen ſo ehrenvollen Frieden, wie der zu Campo Formio zu erlangen, Frankreich bloß dieſe vortheilhafte Stellung behaupten duͤrfe, daß, um dieſe ſo werdet ihr ſtets einen General, und wenigſtens 35 zu behaupten, Einigkeit und gegenſeitiges Zutrauen unumgaͤnglich nothwendig ſeyen; daß, obſchon der Rath der Alten die Verfaſſung durch die Ernennung Buonaxnarte's zum Oberbefehlshaber der ſiebenzehnten Diviſion, ſo wie der Nationalgarde, und der Garde des Direktoriums verletzt habe, der Rarh der Fuͤnf⸗ hundert gegenwaͤrtig nicht damit beſchaͤftigt ſey, ſich uͤber dieſe Verletzung der Konſtitution zu berathen, ſondern vielmehr uͤber die Mittel, dem franzoͤſiſchen Volke, den beiden geſetzgebenden Verſammlungen und der Regierung des Staates Sicherheit zu verſchaffen, daß zu dieſem Ende der Rath der Funfhundert den General Bernadotte zum Kollegen des General Buo⸗ naparte ernenne, daß dieſe zwei Generale ſich in Beziehung auf die Anwendung der bewaffneten Macht, und die Austheilung der Kommando's, im Falle der Anwendung dieſer Macht, verſtaͤndigen ſollen, daß aber die Ruhe, welche in Paris und in der Nachbarſchaft herrſcht, die Gewißheit gebe, daß es nicht noͤthig ſeyn werde, dieſe Mackt in Vewegung zu ſetzen. Schickt mir dieſes Dekret; zwanzig Minnten nach dem Em⸗ pfange deſſelben werde ich mit meinen Adjutanten in eurer Mitte ſeyn; ich werde den Befehl des Corps, das ich auf meinem Wege finden werde, uͤbernehmen, und wir werden ſehen, was zu thun iſt. Wenn es nothwendig iſtz, Buonaparte in die Acht zu erklaͤren, 56 einen großen Theil der Truppen auf eurer Seite haben. Die Abgeordneten verfuͤgten ſich alsbald nach St. Cloud. Die unſelige Gewohnheit, geſchriebene Reden von der Buͤhne herab zu halten, hatte den Verluſt einer koſtbaren Zeit zur Folge. Die Berathung wurde lebhaft; und die Beſchwoͤrung der Verfaſſung durch jedes Mitglied verurſachte einen Zeit verluſt von mehr als 1 Stunden. Kein anderer Beſchluß wurde ge⸗ faßt. Buonaparte erſchien, und die Ereigniſſe, die hierauf in St. Clond Statt hatten, ſind bekannt. Nachdem Buonaparte von dem Rath der Fuͤnſ⸗ hundert zuruͤckgewieſen worden war, redete er vor Unwillen ſtammelnd, die Soldaten an:„Haltet ihr es mit mir!“„Wir halten es mit der Republik!“ ſagten ſie.— CUm dieſe Zeit redete Lucian, der Praͤ⸗ ſident des Raths, die Truppen an). Was wuüͤrde aus ihm geworden ſeyn, wenn Bernadotte da gewe⸗ ſen waͤre! Buongparte fuͤhlte dieß ſelbſt, denn er ſagte damals:„ich fuͤrchte mich nicht vor Verna⸗ dotte’s Zuſtimmung zu meiner Ermordung; allein er will die Truppen bearbeiten, und dieß iſt es, was ich zu fuͤrchren habe.“ Buonaparte erfuhr an demſelben Abend, was fuͤr einer Sprache Bernadotte ſich in ſeinem Hauſe in der Rue Cisalpine gegen die Abgeordneten be⸗ dient hatte. Die Ausdruͤcke, welche er wirklich ge⸗ 57 braucht hatte, wurden, obgleich ſie Buonaparte an und fuͤr ſich ſchon unangenehm geweſen ſeyn mußten, beſonders in ſo fern da ſie ſich auf ſein Entweichen aus Aegypten und ſeine fernern Plane gegen die Freiheit Frankreichs bezogen, uͤbertrieben und Buo⸗ naparte ſo dargeſtellt, als ob ſie von perſoͤnlichem Haſſe zeugten. Obſchon Buonaparte nie eine Ge⸗ legenheit fand, eine offene Rache gegen Bernadotte auszuuͤben, ſo ließ er doch keine Gelegenheit ent⸗ ſchluͤpfen, ihn dadurch zu kraͤnken, daß er ihn, als General, in ſchwierige Lagen verſetzte und ihn in den gefaͤhrlichſten und bedenklichſten Umſtaͤnden, ohne Inſtructionen oder Befehle ließ. Folgender Vorfall, der bald nachher Statt hatte, wird dem Leſer einen richtigen Begriff von dieſem Betragen von Seite Buonagparte's geben. Die Maßregeln zur Wiederherſtellung der Ruhe im Weſten von Frankreich im Januar 1800 waren nie ganz vollſtaͤndig bewerkſtelligt worden; denn in demſelben Augenblicke, in welchem ſie ergriffen wur⸗ den, empoͤrten ſich mehrere Departemente. Die Chonans dieſer Departemente waren als Miliz und Guerillas organiſirt, pluͤnderten die Poſtwaͤgen und ermordeten die Perſonen, welche Eigenthuͤmer der Nationalguͤter wurben. Sie wurden regelmaͤßig be⸗ zahlt, und hatten Verbindungen mit den Feinden der Republik vermittelſt der engliſchen Flotte, welche die Kuͤſten bedrohte. In dieſem kritiſchen Augen⸗ 58 blicke wurde dem General Bernadotte das buͤrgerliche und militaͤriſche Kommando dieſer Departemente uͤbertragen. Durch ſein feſtes und kluges Betragen unterdruͤckte er die aufruͤhreriſchen Bewegungen, und ſtellte die Ordnung und den Gehorſam gegen die Geſetze wieder her. Manche Freikorps, bei denen ſich viele Individ uen aus Mangel an einer geeigne⸗ ten Beſchaͤftigung befanden, und die im Solde der Haͤuptlinge der Chouans ſtanden, wurden als regel⸗ maͤßige Truppen organiſirt, und auf dieſe Art ver⸗ ſah er die Regierung mit den Mitteln, Truppen fuͤr das italieniſche Heer aus dieſen Departementen zu ziehen. Allein als dieſe Truppen ihren Marſch nach Diſon beginnen ſollten, brach ein zweiter Auf⸗ ſtand in Vannes, den 28. Fructidor des Jahrs VIII, (4. Septbr. 1800) aus. 3 Die 52ſte Halbbrigade weigerte ſich, zu marſchiren, bis ſie ihren ruͤckſtaͤndigen Sold erhalten haben wuͤrde. Der Kommandant und die Offiziere, welche die Ordnung unter ihnen herſtellen wollten, wurden mißhandelt. Bernadotte von dieſem Vorfalle unter⸗ richtet, eilte nach Vannes, um den Aufſtand zu daͤmpfen; allein das Corps verließ den Platz. Er ertheilte dem General Liebert, der die 22ſte Diviſion befehligte, den Befehl, die 52ͦſte Halbbrigade auf ihrem Wege nach Tours zu verſammeln; mit ſeinem Generalſtabe und Kriegsrathe vor derſelben zu er⸗ ſcheinen, den militaͤriſchen Straf⸗Codex verleſen zu 29 laſſen, und den Obriſten zu befehlen, einen oder zwei Mann in jeder Compagnie, die ſich bei der Empoͤrung des 29ſten am meiſten ausgezeichnet hat⸗ ten, zu bezeichnen; dieſe Leute dem Kriegsgerichte zu uͤbergeben, und ſie auf der Stelle verurtheilen zu laſſen, u. ſ. w. Bernadotte's Befehle wurden den 4. Vendemiaire(25. Sept.), als die Halbbrigade in Tours aufmarſchirt war, vollzogen, und die Anſtifter des Aufruhrs in Gegenwart einer großen Anzahl von Zuſchauern, ohne die geringſte Stoͤrung, verhaf⸗ tet. Bernadotte ſtattete dem erſten Konſul, ſo wie dem Kriegsminiſter Carnor Bericht von dieſem Er⸗ eigniß ab; allein da das Reſultat der von ihm er⸗ griffenen Maßregeln noch nicht bekannt war, ſo ſchrieb der Konſul auf den Rand des Berichts: „General Bernadotte hat nicht gut daran gethan, ſo ſtrenge Maßregeln gegen die 52ſte Halbbrigade zu ergreifen, da er nicht Mittel genug hat, ſie in dem Herzen einer Stadt, in der die Beſatzung zur Un⸗ terdruͤckung von Meutereien nicht ſtark genug iſt, zur Ordnung zuruͤck zu fuͤhren. Der Erfolg widerlegte je doch dieſe Einwendung. Die Soldaten kehrten zu ihrer Pflicht zuruͤck, und gaben ſelbſt die Anſtifter des Aufruhrs an. Die Halbbrigade ſetzte ihren Marſch nach Italien fort; und zwei Tage nachher konnte der Konſul die Klug⸗ heit, die Vorausſicht und die Feſtigkeit des Gene⸗ rals, deſſen Betragen er ſo voreilig getadelt hatte, 40⁰ nicht genug loben.— Der Brief, den er in dieſer Beziehung an Bernadotte ſchrieb, lautet alſo: Paris, 10. Vendemiaire, Jahr IX. Mit Theilnahme, Buͤrger⸗General, habe ich den Bericht uͤber die Verfuͤgungen, welche Sie zur Wie⸗ derherſtellung der Ordnung bei dem 52ſten Regimente getroffen haben, ſo wie auch denjenigen des General Liebert vom 5ten Vendemiaire, geleſen. Verſichern Sie dieſen Offizier der Zufriedenheit der Regierung mit ſeinem Betragen. Ihre Befoͤrderung des Bri⸗ gade Oberſten zum Rang eines Brigade⸗Generals iſt beſtaͤtigt. Ich wuͤnſchte, dieſer tapfere Offtzier kaͤme nach Paris. Er hat ein Beiſpiel von Feſtigkeit und Energie gegeben, das einem Soldaten zur hoͤchſten Ehre gereicht. Ich gruͤße Sie Buonaparte. Ohne Zweifel ſind alle Menſchen dem Irrthum unterworfen; allein die Begierde des Konſuls, das Betragen eines militaͤriſchen und politiſchen Befehls⸗ habers zu tadeln, der mit der Handhabung der Dis⸗ ciplin und des Gehorſams gegen die Geſetze beauf⸗ tragt war, ſcheint offenbar mehr aus Privathaß, als aus irgend einer Pflicht, welche die Regierung zu vollziehen hatte, entſprungen zu ſeyn; denn es war durchaus nicht noͤthig, daß er ſein Urtheil ſo raſch und voreilig ausſprach, und er haͤtte das endliche Re⸗ ſultat der Maßregeln, die er tadelte, um ſo eher abwarten ſollen, als der Auftritt in einem durch Tu mult und Baͤrgerkrieg bewegten Diſtrikte Statt ge habt hatte. Bernadotte's Freunde, die nock im Kriegs Miniſterium waren, und ſogar die Salons des Kon ſuls beſuchten, waren eifrig bemuͤht, ihn mit Buo⸗ naparte's boͤſen Abſichten gegen ihn bekannt zu ma⸗ chen. Jede Depeſche, die er empfing, belehrte ihn, daß die Polizei geheime Umtriebe und Verſchwoͤrun⸗ gen anzettle; daß Agenten unter die Armeen im Weſten und am Rhein verſetzt worden ſeven, um den Generalſtab dieſer Heere zu Exceſſen zu bewegen, damit man einen Vorwand haben moͤchte, die Gene⸗ rale, die ſie befehligten, zu beſchimpfen. Es wurden verſchiedene Geruͤchte unter den Mirgliedern dieſer Generalſtaͤbe in Umlauf gebracht; heute war der Kon ſul todt krank; morgen hatte ſich die Einwohnerſchaft von Paris empoͤrt und die Verfaſſung des Jahrs II. mit den noͤthigen Milderungen wieder ingeführt. Die Perſonen, welche dieſe Geruͤchte ausſtreuten, be⸗ wachten die Blicke der Generale, und berichteten ihre unbedeutendſten Ausdruͤcke. Dieſe Schlingen erreg⸗ ten den Unwillen des General Bernadotte und des Heers, das er befehligte; und man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, daß von dem Heere des Weſtens und dem Rheinheere Plane zur Erhaltung und Si⸗ cherung der conſtitutionellen Freiheit herſtammten. Leute, die durch Pflicht und Beruf gebunden waren, 4 2 ſich der Macht der Kriegszucht zu fuͤgen, und die nichts mit den Verwicklungen der bürgerlichen Po⸗ litik zu thun hatten und zu thun haben wollten, wur⸗ den ploͤtzlich von einem neuen Geiſte beſeelt, und bil⸗ deten ſtillſchweigend eine von ihren Meinungen gelei⸗ tete Verbruͤderung, ſo daß der Konſul im Laufe des Jahrs 180:1 an dem zuruͤckhaltenden Betragen vieler Generale gegen ihn bemerkte, daß eine Veraͤnderung in dem Zutrauen vorgegangen war, das man in ſeine Abſichten, in Betreff der oͤffentlichen Freiheit und der individuellen Sicherheit, ſetzte. Dieſe Zuruͤckhaltung, deren Urſache er durchdrang, veranlaßte ihn, neue Kreaturen zu ſchaffen, und ſich mit Leuten zu umgeben, von denen er uͤberzeugt war, daß er keinen Widerſpruch von ihnen zu befuͤrchten hatte. 3 Seine Annahme dieſes Grundſatzes und ſein wohlbekanntes Syſtem, Alles herabzuwürdigen, waren die Urſachen des Einfalls der fremden Heere in Frank⸗ reich und des Fals ſeiner Dynaſtie. Nro. IV. (Leben Napoleons, Vand XIII. Seite 95.) Inſtruktiyhnen, die Napoleon— Tal⸗ leyrand, dem Fuͤrſten von Benevent ertheilte. Dieſes ſonderbare Memorandum enthaͤlt die In⸗ ſtruktionen, welche Buonaparte dem Fuͤrſten Talley⸗ rand in Betreff der Art ertheilte, auf welche er den Lord Whitworth, der damals im Begriffe ſtand, Pa⸗ ris unter der unmittelbaren Ausſicht auf den Wieder⸗ ausbruch des Krieges zu verlaſſen, von ihm empfan⸗ gen wiſſen wollte. Er verließ ſich, ſcheint es, nicht in dem geringfuͤgigſten Umſtande der Zuſammenkunft auf dieſen vollendeten Staatsmann,„obſchon,“ wie Talleyrand ſelbſt bemerkte, als er dem Herzoge von Wellington das merkwuͤrdige Dokument in Napo⸗ leons eigener Handſchrift uͤbergab,„wenn mir je ir⸗ gend’ Etwas anvertraut werden konnte, es bie Art 44 ſeyn mußte, einen Geſandten zu empfangen und mit ihm zu unterhandeln.“ Aus der Style der Note ſcheint es ſich zu ergeben, daß die Waͤrme, oder viel⸗ mehr die Heftigkeit, die der erſte Konſul bei der Eroͤffnung des Levers an den Tag gelegt hatte, nicht wirklich aus Napoleons Erbitterung gefloſſen war, ſondern ein berechneter Ausdruch von Leidenſchaft, und dazu beſtimmt war, den engliſchen Edelmann zu verwirren und zu uͤberwaͤltigen, welcher Letztere jedoch nicht der Mann war, der ſich durch eine, wenn auch noch ſo große Heſtigkeit erſchuͤttern ließ. Es ver⸗ dient auch bemerkt zu werden, daß Napoleon, waͤh⸗ rend er die Wirkung eines kalten, ernſten und gleich⸗ guͤltigen Betragens gegen den engliſchen Miniſter ver⸗ ſuchen wollte, doch, wenn dieß die Feſtigkeit des Lord Woitworth nicht erſchuͤttern ſollte, wuͤnſchte, Talley⸗ rand moͤchte, auf den Willen des erſten Konſuls ſich beziehend, die Thuͤre zur Widerausſoͤhnung offen zu erhalten ſuchen. Die verſchiedenen orthographiſchen Fehler ſind dem Originale entnommen. St. Cloud à 4%. Je reçois votre Lettre qui m'a été remise à la Malmaison. Je désire que la conférence ne se tourne pas en partage. Montrez vous y froid, al- tier, et mème un peu fier. Si la note contient le mot altimatum, ſailes- 4... lui sentir que ce mot renferme celui de guerre, 2 45 que eette manière de négocier est d'un superieur „ un inférieur. Si la note ne contient pas ee mot, foites qu'il le mette, en lui observant, qu'il faut enfin savoir à qui nous en tenir— que nous som- mes las de cet état d'anxiété— que jamais on n'ob- tiendra de nous, ce que l'on a obtenu des dernièéres années des HBoarbons,— que nous ne sommes nlas ce peuple qui recevra un Commissaire à Danguerque; que, l'ultimatum remis, tout devien- dra rompuú. Effrayez-le sur les suites de cette remise. S'i est inébranlable, accompagnez le dans votre sa- lon....*) de vous quitter dites lui:„mais le Cap et l'isle de Gorée, sont ils évacués?“— radoucis- sez un peu la fin de la contérence, et invitez le ³ revenir avant d'écrire à sa cour, afin que vous puis- siez lui dire l'impression qu'elle a faite sur moi. qu'elle pourrait ètre diminué par les mesures de ces 6vacuations du Cap et de l'isle de Gorée. Ueberſetzung. St. Cloud 8 Uhr. Ich empfing Ihren Brief, der mir zu Malmai⸗ ſen uͤbergeren wurde. Ich wunſche, daß die Zuſam⸗ *¼) illegible. 46 menkunft ſich nicht zerſchlage. Zeigen Sie ſich da⸗ bei kalt, ſtolz und ſelbſt ein wenig hochmurhig. Wenn die Note des Lords das Wort Ultima⸗ tum enthaͤlt, ſo laſſen Sie ihn fuͤhlen, daß dieſes Wort Krieg bedeutet, da eine ſolche Art, zu unter⸗ handeln, blos zwiſchen einem Vorgeſetzten und Unter⸗ gebenen Statt findet. Wenn die Note dieſes Wort nicht enthaͤlt, ſo bewegen Sie ihn, es einzuſchalten, indem Sie ihm bemerken, daß wir endlich wiſſen möͤſſen, auf welchem Fuße wir mit einander ſtehen — daß wir dieſes Zuſtandes der Ungewißheit mude ſind, daß man nie jene Vortheile von uns erhalten wird, die man waͤhrend der letzten Jahre der Regie⸗ rung der Bourbons erzwungen hat— daß wir nicht mehr jenes Volk ſind, das einen engliſchen Kom⸗ miſſaͤr in Duͤnkirchen empfing; daß, wenn das Ulti⸗ matum verweigert wird, alle Unterhandlungen abge⸗ brochen ſind. Beunruhigen Sie ihn wegen der Folgen dieſer Verweigerung. Wenn er unerſchuͤtterlich bleibt, ſo begleiten Ste ihn in Ihr Geſellſchaftszimmer.... und im Augenblicke feiner Entfernung fragen Sie ihn zufaͤllig: aber das Cap und die Inſel Gorea, ſinb ſie geraͤumt? Mildern Sie Ihren Ton gegen das Ende der Unterhaltung ein wenig und laden Sie 47 ihn ein, noch einmal zu kommen, ehe er an ſeinen Hof ſchreibt. Endlich koͤnnen Sie ihm bedeuten, daß der ungünſtige Eindruck, den er auf mich gemacht hat, durch die Raͤumung des Caps und der Inel Goreg vermindert werden kann. —-—M Nro. V. (Leben Napoleons, Band XIV. Seite 35.) Fernere Umſtaͤnde in Betrelf der Ver⸗ haftung, des Verhoͤrs und Todes des Herzogs von Enghien. Dieſe hoͤchſt traur ige Geſchichte Leint mehr Auf⸗ merkſamkeit zu verdienen, als wir ihr widmen konn⸗ ten, ohne den Lauf unſerer Erzaͤhlung zu lange zu unterbrechen. Sie und muß fuͤr immer der ſchwaͤrzeſte und una chlichſte Flecken im Kara⸗ Napoleon Buonaparte's bleiben.„Ein junger prinz⸗“ ſagt der Verfaſſer einer ſcharfſinnigen Abhandlung uͤber dieſen Gegenſtand,„der, in der Bluͤthe ſeines Alters, in einem neutralen Lande, in welchem er unter dem Schutze des Voͤlkerrechts lebte, verraͤtheri⸗ ſcher Weiſe ergriffen, nach Frankreich geſchleppt, vor Richter, die kein Recht hatten, dieſen Karakter anzu⸗ nehmen, geſiell erdichteter Verbrechen angeklagt, 7 des Beiſtandes eines geſetzmaͤßigen Advokaten oder 49 1 Vertheidigers beraubt, und bei Nacht in dem Gra⸗ ben eines Staatsgefaͤngniſſes getoͤdtet wurde; ſo viele falſch ausgelegte Tugenden, ſo viele im Keim erſtickte theure Hoffnungen werden dieſe Kataſtrophe ſtets zu einer der empoͤrendſten Handlungen machen, welche die unumſchraͤnkte Gewalt je zu begehen in Verſuchung gekommen iſt.“ Der Herzog von Enghien war einer der thaͤtig⸗ ſten und entſchloſſenſten der verbannten Prinzen des Hauſes Bourbon, dem die Emigranten und die Royaliſten, die in Frankreich geblieben waren, unge⸗ mein anhingen. Er wußte um viele ihrer G⸗heim⸗ niſſe; und im Julius 1799, als die Angelegenheiten der Republik ſich in einem ſehr gefaͤhrlichen Zuſtande befanden und die Royaliſten einen allgemeinen Auf⸗ ſtand in allen ſuͤdlichen Provinzen Frankreichs or⸗ ganffirten, wurde ſein Name bei der folgenden außer⸗ ordentlichen Gelegenheit gebraucht, Ein fruͤheres Mitglied der Repraͤſentation, das eben ſo ſehr durch ſeinen Karakter als Royaliſt, wie durch ſein Verdienſt und ſeine Rechtlichkeit, bekannt war, bat um eine geheime Unterhaltung mit General Bernadotte, dem damaligen Kriegsminiſter. Als ihm der Miniſter, mit dem er in einiger Verbin⸗ dung ſtand, die Audienz bewilligt hatte, ſo ließ er ſich in eine lange Unterhaltung ein, um eine Sache W. Scott's Werke. LXVII. 4 50 zu beweiſen, die nicht geleugnet werden konnte,— naͤmlich den unheilvollen und gefaͤhrlichen Zuſtand Frankreichs, und fuhr ſodann fort:„Da das repu⸗ blikaniſche Syſtem ſich nicht laͤnger halten kann, ſo iſt eine allgemeine Bewegung zur Wiedereinſetzung des Koͤnigs ihrem Ausbruche nahe, und ſie iſt ſo gut organiſirt, daß ſie ſchwerlich mißlingen kann. Der Herzog von Enghien, Generallieutenant des koͤnig⸗ lichen Heers, befindet ſich in dieſem Augenblicke in Paris, und ich bin von einem ſeiner treueſten An⸗ haͤnger abgeordnet, den General Bernadotte mit die⸗ ſen Umſtaͤnden bekannt zu machen. Der Prinz ach⸗ tet Hie, vertraut ſeine Sicherheit Ihrer Treue, rech⸗ net auf Ihren Beiſtand, und iſt bereit, Ihnen alle diejenigen Bedingungen zu bewilligen, die Sie auf Ihre Dienſte ſetzen moͤgen.“ Bernadotte erwiderte auf dieſe unerwartete Mittheilung; der Herzog von Enghien werde keine Urſache haben, das in ihn ge⸗ jetzte Zutrauen zu bereuen; allein die Treue, die der Herzog ihm zugeſchrieben habe, verbiete ihm, in die Wuͤnſche und Forderungen des Prinzen zu willi⸗ gen. Er fuͤgte hinzu, daß ſeine Ehre ſowohl, als ſein perſoͤnlicher Vortheil, ſeine Anhaͤnglichkeit an die aus dem Willen des Volkes entſprungene Verfaſſung etheiſchen, und daß er nie und nimmer ſeinen Treu⸗ ſchwur brechen, oder die Verfaſſung, die er beſchwo⸗ ren habe, umſtuͤrzen werde.„Beeilen Sie ſich,“ ſo Erloß er,„meine Geſinnungen dem Prinzen mitzu⸗ 51 theilen; ſagen Sie ihm, daß ſie aufrichtig und unab⸗ aͤnderlich ſnd. Ahlein laſſen Sie ihn wiſſen, daß ich drei Tage kang das Geheimniß, das ich ſo eben er⸗ fahren habe, ſorgfaͤltig bewahren werde. Waͤhrend dieſer Zeit muß er Mittel finden, ſich in Sicherbeit zu bringen; allein am vierten Morgen wird das Geheimniß nicht mehr mein ſeyn. Dieſen Morgen ſchon beginnt die Friſt von drei Tagen; beeilen Sie ſich und erinnern Sie ſich, daß die geringſte Un⸗ klugheit von Ihrer Seite unheilpolle Folgen haben wird.“ Man erfuhr nachher, daß der Deputirte ſich irrte, als er behauptete, der Herzog von Enghien befinde ſich in Paris. Er war gar nicht uͤber den Rhein gekommen, und wartete bloß auf die guͤnſtige Ant⸗ wort des Kriegsminiſters, um den Verſuch zu ma⸗ chen. Allein nach dem Lichte zu urtheilen, in wel⸗ chem dem Miniſter der Fall dargeſtellt wurde, ge⸗ reicht Bernadotte ſein edles und feſtes Betragen, be⸗ ſonders wenn es mit Buonaparte's Benehmen ver⸗ glichen wird, ſehr zur Ehre. Es war eine ſtarke Derſuchung, und ſogar ein Schein von Recht vor⸗ handen, den ungluͤcklichen Prinzen, angenommen, er habe ſich in Paris befunden, um Plane gegen die beſtehende Regierung zu unterhandeln, und die Treue ihrer erſten Miniſter zu verſuchen, zu verhaften;— gllein Nine, um ihn in fremden Laͤndern zu ſiehlen, 5² 8 als man ihn zwar im Verdachte haben mochte, allein durch nichts beweiſen konnte, daß der ungluͤckliche Herzog in irgend eine der politiſchen Intriguen, die ihm zur Laſt gelegt wurden, verwickelt war. Der wankende Zuſtand der oͤffentlichen Angelegenheiten, der ſo viele Wachſamkeit und Energie von Seite der Regierung erheiſchte, haͤtte von Bernadotte ebenfalls als ein Entſchuldigungsgrund angefuͤhrt werden koͤn⸗ nen, wenn er den Herzog von Enghien dem Kerker oder dem Blutgeruͤſte uͤberliefert haͤtte; waͤhrend Na⸗ poleon dem ungluͤcklichen Prinzen das Leben in einem Augenblicke nahm, in welchem ſeine Macht in einem ſolchen Grade befeſtigt war, daß er durch die Be⸗ friedigung einer grauſamen Rache ſich eher in Ge⸗ fahr ſetzte, als daß er ſich Sicherheit verſchaffte. Die obige Anekdote, die, glauben wir, nicht allgemein be⸗ kannt iſt, darf als authentiſch betrachtet werden. Napoleon verfuhr vier Jahre ſpaͤter gegen den ungluͤcklichen Prinzen mit jener Strenge, die der Welt bekannt iſt. Als Grund dieſes Betragens gab er an, daß der Herzog gegen die Geſetze des Landes gefrevelt habe, und daß er, um den Verſchwoͤrungen ein Ende zu machen, von Anfang an beſchloſſen habe, dem Geſetze ſeinen Lauf zu laſſen. Er fuͤhrte, wie wir ſpaͤter bemerken werden, mehrere Gruͤnde zur Bemaͤntelung oder Entſchuldigung ſeiner That an; allein ſeine hauptſaͤchlichſte Vertheidigung beſtend in 4₰„ 53 einer Berufung auf die Geſetze. Die Gerechtigkeit gegen das Andenken Napoleons und ſeines Schlacht⸗ opfers erfordert daher, daß wir unterſuchen, ob das gerichtliche Verfahren gegen den Herzog von Enghien in einem geſetzlichen Sinne ſich ganz oder theilweiſe rechtfertigen laͤßt. Die Bemuͤhungen des Herrn Du⸗ pin, des gelehrten Verfaſſers einer bereits angefuͤhr⸗ ten Flugſchrift, haben uns ein vortreffliches Werk in dieſer Hinſicht geliefert. Man muß immerhin zugeben, daß das Schickſal des ungluͤcklichen Herzogs hart war. Dieß laͤugnet ſelbſt Buonaparte nicht; und deßwegen iſt es zur Vertheidigung derer, von welchen ſein Schickſal ab⸗ hing, um ſo nothwendiger, ihr Verfahren in die Schranken des Geſetzes zu ſtellen. Wir ſprechen jetzt nicht davon, die Tragoͤdie mit den allgemeinen Regeln der Gerechtigkeit, der Großmuth oder der Menſchheit zu verſoͤhnen; allein wenn wir den Be⸗ weisgruͤnden, welche dieſe an die Hand geben, ent⸗ ſagen, ſind wir um ſo mehr zu der Erwartung be⸗ rechtigt, daß das gerichtliche Verfahren, das wir an⸗ fechten, ſo hart und grauſam es auch ſeyn mag, doch wenigſtens mit den damals in Frankreich beſtehenden Geſetzen im ſtrengſten Einklange geſtanden, und der Art geweſen ſey, daß es beim Tageslichte und in offenem Gerichte angenommen und vertheidigt werden konnte. Dieß heißt unſere Unterſuchung ſicherlich . 5⁴4 auf den moͤglichſt engen Raum beſchraͤnken; und wir beginnen, uns in dieſem Kreiſe bewegend, den Pro⸗ zeß im Einzelnen zu unterſuchen. Verhaftung des Herzogs von Enghien. Jede Verhaftung, die geſetzmaͤßig ſeyn will, muß dieß in drei Hinſichten ſeyn: 1) hinſichtlich des Orts, an welchem ſie Statt hat; ²) hinſichtlich der Per⸗ ſon, welche ſie betrifft; 3) in Betreff der Gruͤnde, aus welchen ſie erfolgt. Der Herzog hielt ſich in dem Gebiete des Kur⸗ fuͤrſten von Baden auf, eines ſouveraͤnen Fuͤrſten, der ihm dieſe Zuflucht nicht zu bewilligen gewagt hatte, ohne zuvor den franzoͤſiſchen Souverain uͤber dieſen Punkt zu befragen, und der zu dem Glauben berechtigt wurde, daß die Gaſtfreundſchaft, die er dem ungluͤcklichen Prinzen bewilligen wuͤrde, keinen Grund zu einem Bruche mit ſeinem maͤchtigen Nach⸗ bar darbieten werde. Die Einwilligung der franzoͤ⸗ ſiſchen Regierung fuͤhrt nur zu ſehr auf die Ver⸗ muthung, daß die nachher angenommene Maßregel lange zuvor beſchloſſen geweſen war; und daß man die geheime Abſicht hatte, das Schlachtopfer im Be⸗ reiche des Schlags zu erhalten, den man, ſo bald man es fuͤr gut finden wuͤrde, zu thun bereits ent⸗ ſchloſſen war. ——Ng.——— 290 Mochte dieß nun der Fall ſeyn, oder nicht, der Herzog von Enghien lebte nichts deſto weniger unter dem Schutze des Voͤlkerrechts, das die Unverletzbar⸗ keit des Gebiets des einen Staats durch die Sol⸗ daten des andern, ausgenommen in dem Falle eines offen erklaͤrten Kriegs, ausſpricht. Es braucht nicht bewieſen zu werden, daß der Einfall der franzoͤſi⸗ ſchen Truppen in das badiſche Gebiet und die Weg⸗ nahme des Prinzen und ſeines Gefolges dem Staats⸗ geſetze ſchnurſtracks entgegen lief, und bloß mit einem Einfalle von Raͤubern verglichen werden konnte. So war der Ort der Verhaftung in huzem Grade und offenbar ungeſetzlich. Die Anklage, welche die Verhaftung veranlaßte, erhoͤhte die Geſetzmaͤßigkeit der letztern nicht. Die einzigen Geſetze, auf die man ſich bei dieſer Gelegen heit berufen kunnte, ſind die des 28. Maͤrz 2795, und des 25. Brumaire, Jahr III. Tit. 5, Abſchnitt I. Art.. Dieſe verordnen, daß die Emigranten, welche die Waffen gegen Frankreich getragen haben, ſowohl in Frankreich, als in jedem feind⸗ lichen oder eroberten Lande verhaftet, und innerhalb 24 Stunden durch eine Commiſſton von fuͤnf Mitgliedern gerichtet werden ſollen, die der Chef des Generalſtabs derjenigen Diviſion der Ar⸗ mee zu ernennen habe, welcher in dem Diſtrikte, in dem ſie ergriffen werden, einquartirt iſt. Ein drittes 56 Geſetz dehnte dieſe Vorſchrift auf die Emigranten jeder Gattung aus, die im Gebiete der Repu⸗ blik ergriffen werden wuͤrden; allein es ver⸗ ordnete zugleich, daß das Gericht aus ſieben, ſtatt aus fuͤnf Perſonen beſtehen muͤſſe. Dieſe grauſamen Geſetze wurden in der Anwendung in ſo fern ge⸗ mildert, als in die Geſetzbuͤcher eingetragen wurde, daß, obſchon ſie, genau geſprochen, immer noch be⸗ ſtanden, doch„die Regierung die Verurtheilung der⸗ jenigen Emigranten, welche in dem franzoͤſiſchen Ge⸗ biete ergriffen wurden, ſtets auf die Verbannung be⸗ ſchraͤnkte*).“ Ehe man ſie daher in ihrer hoͤchſten Strenge gegen ein einziges Individuum wieder auf⸗ leben ließ, war man doppelt verpflichtet, zu zeigen, daß der angeſchuldigte Theil jenen Anklagen wirklich unterworfen war. Durch keine Auslegung konnte der Herzog von Enghien unter den Einfluß dieſer Geſetze gebracht werden. Er war, eigentlich geſprochen, kein Emigrant, noch beſaß er die Eigenſchaften eines ſolchen. Er war ein Prinz von Frankreich;— als ſolcher fuͤr einen Fremdling erklaͤrt, und fuͤr immer aus Frank⸗ reich verbannt. Allein was noch entſcheidender in dieſer Hinſicht iſt, der Herzog von Enghien war we⸗ *) Moreau Repertoire de Jurisprudencee, au mot Commission. 57 der auf dem franzoͤſiſchen Gebiete, noch innerhalb der Grenzen eines feindlichen oder eroberten Landes, ſon⸗ dern gewaltſamerweiſe aus einem neutralen und in freundſchaftlichen Verhaͤltniſſen mit Frankreich ſtehen⸗ den Gebiete geſchleppt worden, und zwar ohne einen geſetzlichen Verhaftsbefehl. Buonaparte hatte es auf ſich genommen, die Vollziehung dieſer Geſetze gegen Emigranten, die durch einen Sturm an die Kuͤſte von Frankreich verſchlagen worden, und dadurch dem Buchſtaben, obſchon nicht dem Geiſte des Ge⸗ ſetzes verfallen waren, zu verhindern. Wie viel eher haͤtte der Fall des Herzogs von Enghien eine Aus⸗ nahme bilden ſollen, da dieſer bloß vermoͤge der an ſeiner Perſon veruͤbten Gewaltthat in Frankreich war, und ſtatt innerhalb des franzoͤſiſchen Gebiets, wie das Geſetz es verlangte, verhaftet zu werden, in einem neutralen Lande verhaftet, und gegen ſeinen Willen nach Frankreich gebracht wurde. Die Ver⸗ haftung war daher, was die Perſon, an der ſie voll⸗ zogen wurde, betraf, eine Handlung geſetzloſer Ge⸗ waltthaͤtigkeit, und eben ſo in Betreff der Gruͤnde, aus welchen ſie erfolgte; da keine auf irgend ein he⸗ ſtehendes Geſetz gegruͤndete Anklage gegen ihn vorge⸗ bracht werden konnte. Unbefugtheit des Gerichts. In Paris wurde eine Kriegs⸗Commiſſion zuſam⸗ men berufen, um den Herzog von Enghien zu ver⸗ 5³⁸ hoͤren, der angeklaat war, die Waffen gegen die Re⸗ publik getragen zu haben,— im Solde Englands geſtanden zu ſeyn und noch zu ſtehen,— und end⸗ lich an den Verſchwoͤrungen gegen die außere und innere Sicherheit der Republik Theil genommen zu haben. Herr Dupin zeigt durch die entſcheitendſten Be⸗ weisgruͤnde und Zeugniſſe, daß obſchon die Kriegs⸗ Commiſſion in dem Falle, daß der Herzog die Waf⸗ fen gegen die Republik getragen haͤtte, oder im Solde Englands geſtanden waͤre, befugte Behoͤrde haͤtte ſeyn koͤnnen, doch das Erkenntniß uͤber einen wegen politiſcher Verſchwoͤrung angeklagten Verbre⸗ cher gaͤnzlich außerhalb der Gerichtsbarkeit eines Kriegegerichts lag, und nur den ordentlichen Ge⸗ richtshoͤfen zuſtand. Er fuͤhrt Entſcheidungen des Juſtizminiſters uͤber dieſen Punkt der Jurisprudenz an und wendet zum Schluſſe auf die Kriegs⸗Com⸗ miſſion die wohlbekannte juridiſche Stichelrede an: Nllus major defectus, quam potestatis- unregelmaͤßigkeiten in der Procedur. 1) Die Procedur hatte bei ſtiller Nacht, gegen die Geſetze Frankreichs und jedes civiliſirten Lan⸗, des, ſtatt. Der ermuͤdete und erſchoͤpfte Ange⸗ klagte wurde um Mitternacht aus dem erſten 59 Schlafe, den er ſeit drei Naͤchten hatte genießen durfen, aufgejagt und vorgefordert, um ſein Leben zu vertheidigen, waͤhrend er ſich, aus körperlicher und geiſtiger Ermuͤdung kaum wach erhalten konnke. Er beantwortete die Fragen der Commiſſion auf eine maͤnnliche und einfache Weiſe; und nach der franzoͤſiſchen Proceßordnung haͤtten ihm ſeine Antworten vorgeleſen und er aufgefordert werden ſollen, ſeine Bemerkungen uͤber die Ge⸗ nauigkeit, mit der ſie niedergeſchrieben worden waren, zu machen; allein nichts der Art wurde dem Herzog von Enghien vorgeſchlagen. 2) Das franzoͤſiſche Geſetz verordnet, der Berichter⸗ ſtatter ſolle nach dem Schluſſe des Verhoͤrs die angeſchuldigte Perſon auffordern, einen Freund zu waͤhlen, der ſeine Vertheidigung fuͤhre. Der Angeklagte, erklaͤrt es ferner, ſoll die Wahl unter allen anweſenden Perſonen haben, und wenn er keine ſolche Wahl trifft, ſoll der Be⸗ richterſtatter ihm einen Vertheidiger waͤhlen. Keine ſolche Wahl wurde dem Herzog von Eng⸗ hien zugeſtanden; und in der That, es wuͤrde wenig genuͤtzt haben; auch wurde ihm kein ge⸗ ſetzlicher Beiſtand, wie es die ausdruͤckliche Be⸗ ſtimmung des Geſetzes verlangt, zuerkannt. Das 60 Geſetz verlangt ein offenes Verfahren zu einer geſetzmaͤßigen Stunde, und bei hellem Tage. Gegen das den Angeklagten von dem franzoͤſi⸗ ſchen Geſetze zugeſtandene Vorrecht alſo wurde dem Angeſchuldigten die Wohlthat ſowohl einer geſetzlichen Vertheidigung, als eines freundſchaft⸗ lichen Beiſtandes entzogen. Maͤngel der Sentenz. Die eigentliche gerichtliche Unterſuchung, obſchon ſte dieſen Namen nicht verdient, hatte am Tage nach dem Verhoͤre, oder eigentlicher geſprochen, in der Nacht dieſes Tages, welches der 50. Ventoſe war, und gleich dem vorlaͤufigen Verhoͤre, in der Stunde der Mitternacht Statt. Das ganze Schloß Vincennes war mit Bemaffneten angefuͤllt, und Sa⸗ vary hatte wirklich das Commando. Er hat oͤffent⸗ lich behauptet, daß er durch bloße Neugierde dahin gefuͤhrt worden ſey, obſchon es Mitternacht und der Platz gegen Jedermann, außer gegen die dahin Beor⸗ derten, ſo ſtrenge bewacht war, daß ſogar einer von den Offizieren, die dahin berufen waren, nur mit großer Muͤhe Einlaß erhielt. Wir werden ſogleich ſehen, ob ſeine Gegenwart und ſein Betragen die Rolle eines bloßen Zuſchauers andeuteten; denn die Rechtfertigung, welche er bekannt machte, hatte die des Generals Hullin, Praͤſidenten der Kriegs⸗Commiſ⸗ 61 ſion, zur Folge, der uns verſchiedene wichtige Um⸗ ſtaͤnde mitgetheilt hat, die dem Gedaͤchtniſſe des Her⸗ zogs von Rovigo entſchluͤpft waren, die aber nichts deſto weniger ein helles Licht auf den in Rede ſtehen⸗ den Gegenſtand werfen. Als der Gerichtshof gehoͤrig conſtituirt war, wurde die Klageſchrift gegen den Gefangenen ver⸗ leſen. Sie bezuͤchtigte ihn 1) daß er gegen Frank⸗ reich gefochten habe; ²2) daß er im Solde Englands ſtehe; 5) daß er mit der letztern Macht gegen die innere und aͤußere Sicherheit der Republik komplot⸗ tire. Was die zwei erſten Punkte der Anklage be⸗ trifft, ſo haben wir bereits gezeigt, daß keines der damals in Frankreich beſtehenden Geſetze daruͤber er⸗ kennen konnte, wofern ihnen der Umſtand mangelte, daß der angeklagte Emigrant entweder in Frankreich ſelbſt, oder in einem feindlichen oder von Frankreich beſiegten Lande ſich hatte betreffen laſſen, was bei dem Herzoge von Enghien nicht der Fall war. Was den dritten Punkt betrifft, ſo war die Kriegs⸗Commiſ⸗ ſion zur Unterſuchung deſſelben nicht geſetzlich be⸗ rechtigt; die gewoͤhnlichen Gerichtshoͤfe Frankreichs allein hatten uͤber das genannte Verbrechen zu er⸗ kennen. Deſſen ungeachtet zog das Kriegsgericht, die Form, wie das Weſen des Geſetzes verhoͤhnend, zwei Aaklagepunkte in Unterſuchung, die unzulaͤnglich und einen dritten, der incompetent war. 6²2 Die anſcheinende gerichtliche Unterſuchung war eine bloße Wiederholung des Verhoͤrs, dem der Herzog vorlaͤufig unterworfen worden war. Wir geben einen Auszug aus den beiden Verhoͤren, und ſchicken blos die Bemerkung voraus, daß ſich innerhalb der Graͤnzen derſelben der Anfang und das Ende der angeſchul⸗ digten Verbrechen finden muß. Entweder muß die Schuldhaftigkeit des Angeklagten dadurch bewieſen, oder ſeine Unſchuld anerkannt werden, da die Ant⸗ worten des Herzogs die einzigen Beweiſe ſind, die man bei der gerichtlichen Unterſuchung vorbrachte oder vorzubringen ſuchte. Bei der erſten Unterſuchung legte der Angeſchul⸗ digte folgende Bekenntniſſe ab. Der Herzog gab ſei⸗ nen Namen, ſeine Geburt und ſeinen Stand an; ſeine Verbannung aus Frankreich und die Feldzuͤge, welche er mit dem Emigrantenheere, unter ſeinem Großvater, dem Prinzen von Condé, gemacht hatte. Er gab die verſchiedenen Laͤnder an, die er ſeit der Aufloͤfung der Armee Conds's bewohnt hatte, und das er dritthalb Jahre lang ſich in Ettenheim mit Erlaubniß des Kurfuͤrſten aufgehalten habe. Auf die Frage: ob er je in England geweſen ſey, oder ob die engliſche Regierung ihm eine Penſion gebe, antwortete er, daß er nie in dieſem Lande geweſen ſey, daß er aber von England einen Jahresgehalt be⸗ ziehe, von welchem er lebe. Auf die Frage: aus 3 63 4 welchen Gruͤnden er ſich in Ettenheim aufhalte, ant⸗ wortete er: er ſey geſonnen, ſich nach Freiburg im Breisgau, als nach einem angenehmern Aufenthalts⸗ orte, zu begeben, und er ſey bloß in Ettenheim ge⸗ blieben, weil der Kurfuͤrſt ihm eine unbeſchraͤnkte Erlaubniß, in ſeinem Gebiete zu jagen, ertheilt habe, eine Ergoͤtzlichkeit, fuͤr die er eine beſondere Vorliebe habe. Auf die Frage: ob er einen Briefwechſel mit den franzoͤſiſchen Prinzen ſeiner Familie in London führe, und ob er ſie kuͤrzlich geſehen habe, antwortete er: daß er natuͤrlich einen ununterbrochenen Brief⸗ wechſel mit ſeinem Großvater, ſeit er ihn in Wien nach der Aufloͤſung ſeines Heers verlaſſen, gefuͤhrt, ihn aber ſeit dieſem Zeitpunkte nicht mehr geſehen habe; daß er auch mit ſeinem Vater, dem Herzoge von Bourbon, korreſpondire, ihn aber ſeit 1794 und 1795 nicht mehr geſehen habe. Auf die Frage: wel⸗ chen Rang er bei Condés Heer bekleidet habe, ant⸗ wortete er: den eines Kommandanten der Vorhut, und als der Feind in Preußen aufgenommen und in zwei Korps getheilt worden ſey, ſey er zum Oberſten eines dieſer Korps ernannt worden. Dieſe Geſtaͤnd⸗ niſſe haͤtten aus der einfachen Thatſache, daß das vor ihnen ſtehende Individuum der Herzog von Eng⸗ hien war, deſſen Geſchichte und Kriegsdienſte hinlaͤng⸗ lich bekannt waren, abgeleitet oder gemuthmaßt wer⸗ den koͤnnen. 6 ½ Deer nachfolgende Theil der Unterſuchung beſtand in einem Verſuche, den Angeklagten in die Verſchwoͤ⸗ rung des Georges, Pichegru und Moreau zu verwickeln. Der Leſer wird ſehen, in wie weit ſeine Antworten die Anklage aufhoben. Auf die Frage: ob er den General Pichegru kenne und irgend eine Verbindung oder einen Verkehr mit ihm gehabt habe, erwiderte er:„ich kenne ihn nicht; ich habe ihn, glaube ich, nie geſehen; ich habe keinen Verkehr mit ihm gehabt und bin froh, daß ich nicht mit ihm bekannt geworden bin, wenn das Geruͤcht hinſichtlich der ſchlechten Mittel, von denen er Ge⸗ brauch zu machen im Sinne hatte, wahr iſt.“ Auf die Frage: ob er den General Dumonriez kenne oder in irgend einer Verbindung mit ihm ge⸗ ſtanden habe, antwortete er: er kenne ihn eben ſo wenig, als den andern, und habe ihn nie geſehen. Auf die Frage: ob er nicht nach dem Frieden eine Correſpondenz im Innern der Republik gefuͤhrt habe⸗ antwortete er:„ich habe einigen Freunden, die mir noch ergeben ſind, und die mit mir gedient hatten, ſowohl uͤber meine als ihre Angelegenheiten geſchriee⸗ ben. Dieſe Briefe waren nicht von der Art, auf welche man, wie ich glaube, anſpielt.“ Der Bericht ſagt ferner, daß der Herzog ſich, als das Protokoll geſchloſſen war, glſo ausdruͤckte: 65 „Ehe ich das Protokoll unterzeichne, bitte ich drin⸗ gend um eine Privataudienz bei dem erſten Kon⸗ ſul. Mein Name, mein Rang, meine Denkart und das Schauderhafte meiner Lage laſſen mich hoffen, daß er mir meine Bitte nicht verweigern wird.“ In dem zweiten Verhoͤre, in Gegenwart der Kriegs⸗ Commiſſion, blieb der Herzog bei dem ſtehen, was er bei der vorangegangenen Unterſuchung geſagt hatte, und fuͤgte nur noch hinzu, daß er bereit ſey, den Krieg zu erneuern, und bei den bevorſtehenven Feind⸗ ſeligkeiten zwiſchen England und Frankreich Dienſt zu nehmen. Die Commiſſion erhielt, wie es ſich aus den Urkunden ihres Verfahrens ergibt, keinen andern geſchriebenen oder muͤndlichen Beweis irgend einer Art, und unterzog ſich nun dem Geſchaͤfte, das, wie ſie wußte, von ihr erwartet wurde; Gruͤnde zur Verhaͤngung einer Todesſtrafe aus einem Geſtaͤnd⸗ niſſe zu ziehen, aus dem durch eine gewohnliche Fol⸗ gerungsweiſe nichts gezogen werden konnte, als daß die angeſchuldigte Perſon die Waffen gegen Frank⸗ reich getragen hatte, und bereit war, dieß wieder zu thun;— allein im offenen Kriege, und in der Hoff⸗ nung, das wieder zu erlangen, was ſie als die Rechre ihrer Familie betrachtete,— ein Fall, welcher der Todesſtrafe nicht unterliegen konnte, ausgenom⸗ W. Scott's Werke. LXVII. 5 66 men kraft der Geſetze vom 28. Maͤrz 1793 und vom 25. Brumaire des Jahres III., in welchen die Todes⸗ ſtrafe, wie wir wiederholt geſagt haben, auf die Emigranten beſchraͤnkt iſt, die in den Grenzen von Frankreich oder in feindlichen oder durch franzoͤſiſche Waffen eroberten Laͤndern ergriffen wurden. 8 Aus dem Geſtaͤnbniſſe, daß der Herzog eine Pen⸗ ſion von England bezog, folgte keineswegs, daß er in militaͤriſchem Solde deſſelben ſtand. Auch bezogg er in der That dieſe Penſion unter keiner Bedingung, ſondern blos als eine Unterſtuͤtzung, welche ihm bas edelmuͤthige Mitleid der brittiſchen Nation angedeihen ließ. Auch konnte er in Folge ſeines aufrichtigen Geſtaͤndniſſes, daß er den Willen oder ſelbſt den Wunſch habe, in engliſche Dienſte zu treten, nicht als ſchuldig erfunden werden; denn angenommen, die wirkliche Aasfuͤhrung dieſes Vorſatzes ſey ein Verbrechen geweſen, ſo konnte doch die bloße Ab⸗ ſicht, dieß zu thun, nicht als ein ſolches ausgelegt werden, da die Menſchen in dieſer Welt bloß fuͤr ihre Handlungen, nicht aber fuͤr ihre Gedanken oder unausgefuͤhrten Vorſaͤtze ihres Geiſtes verantwortlich ſind. Es wurde kein anderer Beweis vorgebracht, als der Bekicht eines Polizeibeamten oder Staats⸗ ſpionen, der abgeſchickt worden war, um die Bewe⸗ gungen des Herzogs von Enghien zu bewachen, und der erklaͤrte, daß der Herzog von Enghien viele Emi⸗ 67 granten zur Tafel zog, und haͤufig mehrere Tage abweſend war, ohne daß er(der Spion) entdecken konnte, wohin er ging; allein dieſe verdaͤchtigen Thatſachen wurden hinlaͤnglich durch den Umſtand er⸗ klaͤrt, daß et die Mittel hatte, ſeinen Unglucksge⸗ faͤhrten einigen Beiſtand zu geben, ſo wie durch ſeine langen Jagdpartien in vem Schwarzwalde, in wel⸗ chem er zuweilen viele Tage zubrachte. Ebenſo wurde ein Bericht von Shee, dem Praͤfekten des Niederrheins verleſen; allein weder Savary noch Hullin erwaͤhnen ſeines Inhalts, noch wie er in einen Beweis verwandelt wurde, oder von der Schuld oder Uaſchuld des Herzogs von Enghien zeugte, Hullin erwaͤhnt auch eines langen Berichts von dem Staatsrathe Real, in welchem die Sache mit allen ihren Verzweigungen ſo wichtig behandelt wurde, daß die Sicherheit des Staats und der Beſtand der Re⸗ gierung von der Fäͤllung des Urtheils abzuhaͤngen ſchien. Ein ſolcher Bericht konnte bloß von dem Durſte der Regierung nach dem Blute dieſes jungen Mannes zeugen und jene offenbare Einmiſchung in den Gerichtshof, zu der ſie ihre Zuflucht zu nehmen ſich nicht entbloͤdete, die aber ſicherlich in der Sache nichts beweiſen konnte, darthun. Allein ſowohl Hulin als Savary ſind geneigt, die Urſache der Verurtheilung in das freimuͤthige und edle Geſtaͤndniß des Gefangenen zu ſetzen, das ihrer Meinung nach der Kriegs⸗Commiſſion die Nothwen⸗ digkeit auferlegte, ihn zu verdammen. Er behauptete ſtandhaft, daß er bloß das Recht ſeiner Familie ver⸗ theidigt habe, und ein Condé nur mit den Waffen in der Hand das franzoͤſiſche Gebiet betreten koͤnne. „Meine Geburt,“ ſagte er,„und meine Denkart muͤſſen mich in dieſem Punkte ſtets unbeugſam ma⸗ chen.“„Die Feſtigkeit ſeiner Antworten brachte die Richter,“ faͤhrt Hullin fort,„zur Verzweiflung.“ Zehnmal ſtellten wir es ihm frei, ſeine Erklaͤrung zuruͤck zu nehmen, allein er beharrte unabaͤnderlich auf ihr.„Ich ſehe,“ ſagte er, die ehrenvolle Ab⸗ ſicht der Mitglieder der Commiſſion; allein es iſt mir unmoͤglich, meine Zuflucht zu den Sicherheits⸗ mitteln zu nehmen, die ſie mir andeuten.“ Und als man ihm ſagte, daß ihm von dem Ausſpruche der Kriegs⸗Commiſſion keine Appellation geſtattet ſey, antwortete er:„Ich weiß es und verhehle mir die Gefahr nicht, der ich mich aus ſetze. Das Einzige, um was ich bitte, iſt eine Unterredung mit dem erſten Konſul.“ Es iſt hinlaͤnglich klar, daß das ſtanb⸗ hafte und ehrenvolle Betragen des Prinzen ihn unter kein Geſetz bringen konnte, dem er zuvor nicht unter⸗ worfen geweſen war. Allein es ſchadete ihm in ei⸗ nem praktiſchen Sinne nicht wenig. Es erklaͤrte ihn fuͤr den offenen Feind Buonaparte’s, und ſtellte jeden Nichter unter den Einfluß jener Schlußart, 2 169 die Sir Piers Erton zu dem Morde eines abgeſetz⸗ ten Fuͤrſten auf den Wink eines Uſarpators bewog—). Das Schickſal des Gefangenen war von dem Au⸗ genblicke an, in welchem er die Zugbruͤcke dieſes fin⸗ ſtern Staatsgefaͤngniſſes uͤberſchritten hatte, beſtimmt geweſen. Allein es war kein geringer Grad von Geſchicklichkeit noͤthig, den Beweis dem Geſetze ſo anzupaſſen, daß ein ſcheinbares Verbrechen zu Stande kam, das nicht gerade Albernheit und Widerſpruch an der Stirne trug. Dieß war um ſo ſchwieriger, als es bei den franzoͤſiſchen Kriegsgerichten eine aus⸗ druͤckliche geſetzliche Form iſt, in dem Protokoll die genaue Thatſache, wegen welcher die Todesſtrufe auf⸗ erlegt wird, und den ausdruͤcklichen Artikel des Ge⸗ ſetzes, kraft deſſen der Urtheilsſpruch erfolgt iſt, an⸗ zugeben. Die Kriegs⸗Commiſſion fand es weit ſchwie⸗ riger, das Protokoll auf einen leidlichen Fuß zu ſtel⸗ len, als durch die kurze Form des Verhoͤrs, dem ſie den Angeklagten zu unterwerfen fuͤr gut fand, zu gehen. Sie erfuhr die Wahrheit der Bemerkung, *) Haſt du des Koͤnigs Worte nicht vernommen— Wird mich kein Freund von dieſer Furcht erloͤſen— Kein Freund? ſprach er, und ſagt' es abermals— Und blickte, ſprechend, ausdrucksvoll auf mich, Als wollt' er ſagen: waͤrſt du doch der Mann, Der dieſe Angſt von meiner Bruſt entſernte— Den Koͤnig meinte er zu Pomfret— auf! Ein Freund des Koͤnigs, toͤdt' ich ſeinen Feind. 70 das es weit leichter iſt, ein Verbrechen zu begehen, als zu beweiſen. Entſcheidung. Die erſte Schwierigkeit war, die Entſcheidung der Anklage anzupaſſen, deren genaue Antwort ſie haͤtte ſeyn ſollen, da es etwas Ungeheures waͤre, einen Menſchen eines andern Verbrechens, als des gegen ihn vorgebrachten, ſchuldig zu finden, wie z. B. einen Menſchen des Diebſtahls ſchuldig zu finden, wann er des Mords angeklagt worden iſt, oder umgekehrt. Die Richter dieſer Kriegs⸗Commiſſion hatten zu glei⸗ cher Zeit die ſchwierige Aufggbe, die Entſcheidung mit dem Schuldbeweiſe, ſo wie mit den vorgebrachten Anſchuldigungen in Einklang zu bringen. Wenn der Leſer ſich die Muͤhe nehmen will, die folgende Ab⸗ ſchrift des Protokolls mit unſern Bemerkungen zu durchleſen, ſo wird er ſehen, in wie weit das Kriegs⸗ gericht von Vincennes im Stande war, ſeine Ent⸗ ſcheidung mit der Anklageacte und der Sentenz in Einklang zu bringen. Die Entſcheidung lautet:„Nachdem die Stimmen uͤber jede der unterſchriebenen Fragen geſammelt wor⸗ den ſind, erklaͤrt die Commiſſion Ludwig Anton von Bourbon, Herzog von Enghien:— ¹) Einmuͤthig fuͤr ſchuldig, die Waffen gegen die franzoͤſiſche Republik getragen zu haben.— Dieß „ ſtimmt mit der Anklageſchrift, und dem Erweiſe uüͤberein, und iſt in ſo fern regelmäßig. 1 ²) Einmuͤthig fuͤr ſchuldig, ſeine Dienſte der eng⸗ liſchen Regierung, dem Feinde der franzöͤſiſchen Republik, angeboten zu haben.— Dieß ſtimmt nicht mit der Anklage uͤberein. Der Herzog ſante bloß, er ſep geſonnen, bei dem neuen Kriege ſich mit den Englaͤndern zu vereinigen, nicht aber, daß ſeine Dienſte entweder angeboten oder angenommen worden ſeyen. Das erſtere war eine Abſicht, das letztere würde eine Thatſache geweſen ſeyu. 3) Einmuͤthig fuͤr ſchuldig, Agenten der genannten engliſchen Regiernng empfangen und begl ubigt, ihnen die Mittel zu einem geheimen Briefwech⸗ ſel in Frankreich verſchafft, und mit ihnen gegen die innere und außere Sicherheit der Republik ſich verſchworen zu haben.— Man kann an⸗ nehmen, daß die Thatſachen, auf welche ſer Klauſel der Entſcheidung angeſpielt wird, folgerungsweiſe in der allgemeinen Anklage, daß der Her⸗ zog mit England complottirte, ent⸗ halten ſind. Allein ſicherlich ſind ſie hier nicht auf die genaue und be⸗ ſtimmte Weiſe angegeben, auf die eine 4 7² Anklage, von deren Beantwortung das Leben eines Menſchen abhaͤngt, gegen dieſen vorgebracht werden ſollte. Was den Beweis betrifft, ſo findet ſich in dem Verhoͤre des Herzogs nicht das geringſte Wort in Beziehung auf den Thatbeſtand eines ſolchen Ver⸗ brechens von Seite des Herzogs. Hin⸗ * ſichtlich der Verſchwoͤrung mit Eng⸗ land oder des Beitritts zu derſelben, oder deren Anſtiftung wurde keine ein⸗ zige Frage vorgelegt oder beantwortet. 4) Einmuͤthig fuͤr ſchuldig, ſich an die Spitze einer berdeutenden Anzahl franzoͤſiſcher Emigranten und Anderer, die ſich an den Graͤnzen Frank⸗ reichs in der Provinz Freiburg und in Baden ſammelten und von England bezahlt wurden.— Es findet ſich nicht ein Wort von ei⸗ ner ſolchen Anſchuldigung in der An⸗ klage; auch wur de nicht der geringſte Beweis von ihrem Daſeyn vorgebracht, oder bei dem Verhoͤre des Herzogs darnach geforſcht. 5) Einmuͤthig fur ſchuldig, Verbindungen mit der Stadt Straßburg zu dem Zwecke unterhalten zu haben, in den benachbarten Departementen Auf⸗ ruhr zu ſtiften, und dadurch eine Diverſion zu Gunſten Englands zu machen.— Von dieſer 73 Beſchuldigung ſteht kein Wort weder in der Anklage, noch in dem Schuld⸗ beweiſe. 6) Einmuͤthig fuͤr ſchuldig, einer der Beguͤnſtiger und Mitſchuldigen der Verſchwoͤrung der Eng⸗ laͤnder gegen das Leben des erſten Conſuls zu ſeyn und die Abſicht zu haben, in Folge einer ſolchen Verſchwoͤrung in Frankreich einzufallen.— In der Anklageacte geſchieht keine Erwaͤhnung dieſer Beſchuldigung. Der Beweis widerlegt dieſe Anklage geradezu. Der Herzog von Enghien ſagte, er kenne Pichegru nicht, ſtehe auch in keiner Verbindung mit ihm; und fuͤgte hinzu, er freue ſich uͤber dieſen Umſtand, wenn es wahr ſey, daß der General durch ſo abſcheuliche Mittel zu ſiegen gedenke. Das Reſultat des Ganzen iſt, daß dieſe hoͤchſt liberale Commiſſion, als Antwort auf die drei An⸗ klagen eine Entſcheidung uͤber ſechs Anklagepunkte lieferte; und daß man bei der Vergleichung des Schuldbeweiſes mit der Entſcheidung, nicht eine ein⸗ zige von den Antworten durch Beweiſe unterſtuͤtzt findet, die erſte ausgenommen; von den fuͤnf andern, 74 von denen drei wenie ſtens wilkuͤrlich in die Anklage aufgenommen wurden, ſind vier auf keine Art be⸗ wieſen, und die fuͤnfte iſt nicht blos bewieſen, ſondern auch widerlegt, da ſie in geradem Widerſpruche mit dem einzigen der Commiſſion vorgelegten Zeugniſſe ſteht. Sentenz. Nachden dieſer gewiſſenloſe Gerichtshof ſeine Ent⸗ ſcheidung oder Antwort auf die Anklageacte mit geringer Ruͤckſicht auf das Weſen und die Form der Gerrchtigkeitspflege abgefaßt hatte, ſo ſchritt er zu der Sentenz, die nach der regelmaͤßigen Form eine aus⸗ druͤckliche Beziehung auf das Geſetz, durch das ſie gerechtfertigt wurde, haͤtte enthalten ſollen; allein die Auffindung eines ſolchen Geſetzes mußte unfehlbar eine Sache von einiger Schwierigkeit ſeyn, und in⸗ zwiſchen lebte das dem Verderben geweiyte Schlacht⸗ opfer noch. Das Protokoll der Kriegs⸗Commiſſion fuͤhrt das Datum zwei Uhr Morgens ⁵); ſo daß bereits zwei Stunden bei der Unterſuchung, und dem nachfolgenden Verfahren verfloſſen waren, und man hatte beſchloſſen, die Sonne ſolle nicht uͤber dem ver⸗ dammten Haupte des Bourbon aufgeben. Es war daher nothwendig, daß er auf der Stelle ſchuldig ge⸗ *) Dieſe Worte wurden aus Scham ausradirt, allein die Opera⸗ tion hat ſich noch lesbar gelaſſen. Der Verſuch der Verhehlung zeigt das Schuldgefuhl, ohne das Verbrechen zu verbergen. 753 funden und hingerichtet wurde; worin alles beſtand, was als der unmittelbare Zweck, zu welchem die Commiſſion zuſammen berufen worden war, betrachtet wurde. Es wuͤrde, dachte man, Zeit genug ſeyn, wenn er nicht mehr waͤre, zu uͤberlegen, welches Ge ſetz ihn verurtheilt habe, und die Lucken in der Sen⸗ tenz darnach auszufuͤllen. Man haͤtte denken ſollen, ein ſolches Trauerſpiel haͤtte nie in einem civiliſirten Zeitaͤlter und Lande ſtatt dat⸗ en ko Der Schazt⸗ platz, möchte man ſagen, muß eder Fet, oder vieltmnmehr unter den Goll⸗ gala, den Agows, oder Laſta in Abeſſinten geweſen ſeon. Allein wir wollen die Sentenz fuͤr ſich ſelbſt ſprechen laſſen; ſie lautet alſo:—„Als der Gefangene ſich entfernt hatte, berathſchlagte ſich die Commiſſion mit verſchloſſenen Thuͤren. Der Praͤſident ſammelte die Stimmen der Mitglieder, indem er mit dem Junior begann, und endlich ſelbſt ſtimmte, und der Gefan⸗ gene wurde einſtimmig fuͤr ſchuldig erklaͤrt; und Gemaͤßheit des— leer— Artikel des Geſetzes von — leer—— des Inhalts—(wei oder drei Linien ſind zur Einſchaltang des Geſetzes, das man als anwendbar finden wuͤrde, loeer gelaſſen)— zum Tode verurtheilt. Der Generalanwald iſt beauftragt, dafuͤr zu ſorgen, daß der gegenwaͤrtige Ausſpruch augenblicklich vollzegen wird.“ Die meiſten Geſetze geſtehen wenigſtens einen Zeitraum von einigen Tagen zwi chen dem Urtheils⸗ — — 76 ſpruche der Vollziehung deſſelben zu. Einen ſolchen Zwiſchenraum iſt man der Religion und der Menſch⸗ lichkeit ſchuldig; allein in Frankreich wurde er auch zum Behufe der Appellation zugeſtanden. Die Ge⸗ ſetze, 25. Brumaire, Jahr VI., und 27. Ventoſe Jahr VIII. erlaubten die Appellation von den Ausſpruͤchen der Kriegsgeſchichte. Das Dekret des 17. Meſſidor, Jahr XII., das keine Appellation von militaͤriſchen Urtheilsſpruͤchen erlaubte, exiſtirte damals nicht; allein wenn auch dieß der Fall geweſen waͤre, ſo ge⸗ ſtand ſelbſt dieſe ſtrenge und deſpotiſche Verfuͤgung den Gefangenen einen kurzen Zeitraum zwiſchen dieſer Welt und der naͤchſten zu, und ſchickte ein menſchliches Weſen nicht auf das Blutgeruͤſte, ehe der Tumult des Gemuͤthes, der durch eine Unterſuchung auf Le⸗ ben und Tod erregt worden war, ſich gelegt und ſein Herz aufgehoͤrt hatte, zwiſchen Furcht und Hoffnung zu ſchlagen. Vier und zwanzig Stunden wurden zwiſchen dem Gerichtshofe und dem Blutgeruͤſte be⸗ willigt,— ein kleiner Zeitraum im gewoͤhnlichen Leben; allein ein Zeitalter, wenn der Fuß an den Rand des Grabes geſetzt iſt. Allein der Herzog von Eng⸗ hien wurde zu einer augenblicklichen Hinrichtung ver⸗ urtheilt. Nebſt den Luͤcken in dem Urtheilsſpruche dieſes Gerichtes, nach ſeiner urſpruͤnglichen Abfaſſung, die ihn zu einem Spottbilde aller gerichtlichen Formen machten, war die Sentenz auch darin hauptſachlich 77 mangelhaft, daß ſie nicht von dem Greffier, oder Secretaͤr des Gerichts unterzeichnet war. Wir laſſen den Richtern die Gerechtigkeit wider⸗ fahren, zu glauben, daß die Lage des Angeklagten, wie ihre eigene ſie ſchmerzte; daß ſie Mitleid mit dem Schickſale des ungluͤcklichen Herzogs hatten und Scham und Schrecken daruͤber empfanden, daß ſie ſeine Moͤrder wurden. General Hullin machte noch einen Verſuch, das Gericht zu bewegen, den erſten Conſul von dem Geſuche des Gefangenen in Kennt⸗ niß zu ſetzen. Savary widerſetzte ſich ihm.„Es wuͤrde ungelegen ſeyn,“ ſagte dieſer Officier, der auf die Lehne des Praͤſtdentenſtuhls geſtuͤtzt, die Entſchei⸗ dung der Commiſſion bewacht und beherrſcht zu haben ſcheint. General Hullin verſtand den Wink, und ſagte nichts weiter. Wir haben eine Copie von dem Urtheilsſpruche des Gerichtshofs gegeben. Sie war nicht die einzige. „Es wurden verſchiedene Entwuͤrfe dieſes Urtheils⸗ ſpruchs gemacht,“ ſagt Hullin,„unter andern der in der Rede ſtehende; allein als wir ihn unterzeichnet hatten, zweifelten wir(und mit gutem Grunde), ob er regelmaͤßig ſey, und hießen den Secretaͤr einen neuen ausfertigen, der hauptſaͤchlich auf einen Bericht des Geheimenraths Real, und die Antworten des Prinzen gegruͤndet waͤre. Dieſer zweite Entwurf war der wahre, und haͤtte allein aufbewahrt werden ſollen.“ ſo nimmt er doch weder auf den einen, noch auf die 78 Dieſer zweite Enrwurf iſt aufbewahrt worden, und liefert eine merkwurdige Probe von dem Flicken und Stümpern, zu dem man ſeine Zuflucht nahm, um die Procedur in den Augen des Publikums zu rechtfertigen. Ungeachtet deſen, was man nach der, Augabe des Praͤſidenten beabſichtigte, enthaͤlt der neue Entwurf keine Beziehung auf Shee's Bericht, oder Reals Gruͤnde, die beide nichts gegen den Herzog beweiſen konnten. Der einzige Beweisgrund gegen ihn war ſeine Anerkennung des Charakters eines Prinzen von Gebluͤt und eines Feindes der gegen⸗ waͤrtigen Regierung Frankreichs durch Geburt und Grundſaͤtze. Sein einziges wirkliches Verbrechen be⸗ ſtand, wie Savary ſelbſt zugibt, darin, daß er der Herzog von Enghien war. Der einzige Beweis war ſein eigenes Geſtaͤndniß, ohne welches ihn die Com⸗ miſſion, ihrem Vorgeben nach, nicht ſchuldig gefun⸗ den haben wuͤrde. Wir kehren zu der neuen Abfaſſung dieſes Urtheils⸗ ſpruchs zuruͤck. Sie ſtimmt mit dem ur pruͤnglichen Entwurfe uͤberein, in ſo fern ſie den Herzog ſechs verbrrcheriſcher Handlungen, in Folge einer Anklage, 8 ihm bloß drei zur Laſt legt, ſchuldia findet. Allein in andern Hinſtchten findet ein großer Unterſchied ſtatt. Obſchon der neue Entwurf(nach Hullins An⸗ gabe) auf den Bericht des Geheimenraths Real und die Antworten des Herzogs gegruͤndet werden ſollte, 79 andern Ruͤckſicht. Es iſt jedoch in demſelben ein Ver⸗ ſud gemacht, die Lucken der erſten Copie durch die Zuſammenſtellung ber Sentenz mit drei beſtehenden ,,8 Geſetzen auszufuͤlen; allein in wie fern dieſe auf den jedesmaligen Fall anwendbar ſind, ſoll der Leſer ſelbſt zu beurtheilen in den Stand geſetzt werden. Art. II. erſter Brumaire, Jahr v. Jedes Indi⸗ viduum, von welchem Range oder Stande es auch ſeyn mag, das uͤberfuͤhrt worden, daß es ein Spion fuͤr den Feind iſt, ſoll mit dem Tode beſtraft werden. — Der Herzog von Enghien war wedrr angeklagt noch uͤberfuͤhrt, daß er ein Spion fur den Feind war. Art. I. Jede Verſchwoͤrung gegen die Republik ſoll mit dem Tode beſtraft werden.— Es war auf keine Art bewieſen, daß der Herzog in ir⸗ gend eine Verſchwoͤrung verwickelt war; er laͤugnete dieß bei ſeinem Verhoͤre aus⸗ druͤcklich. Art. II. Alle Verſchworungen, welche dahin zie⸗ len, den Staat durch Buͤrgerkrieg zu beunruhigen— die Buͤrger gegen einander, oder gegen die geſetzmaͤ⸗ ßigen Behörden des Staats zu bewaffnen, ſollen mit dem Tode beſtraft werden.— Hier findet derſelbe Mangel an Beweis ſtatt. 4 Im Garnzen ſcheint es, daß weder das Ge ſet ſo gemodelt werden konnte, daß es zu dem Thatb⸗weiſe noch der Thalbeweis ſich ſo verdrehen ließ, N⁸ — 8⁰ daß er unter das Geſetz kam,— die Richter waren genoͤthigt, das Geſetz oder den Schuldbeweis zu un⸗ terdruͤcken, oder ihr Urtheil mit einem offenbaren Widerſpruche auf der Stirne an das Tageslicht ge⸗ langen zu laſſen. Allein dieſer zweite Entwurf des Urtheilsſpruchs ſtimmte in ſofern mit dem Geſetze uͤberein, als er von dem Greffier oder Gerichtsſecretaͤr unterzeichnet war, was bei dem erſten nicht der Fall geweſen war. Er war auch nachſichtiger gegen den Angeklagten; denn der Befehl zu einer augenblicklichen Hinrichtung wurde weggelaſſen, und an die Stelle deſſelben Fol⸗ gendes geſetzt: „Der Berichterſtatter iſt angewieſen, das gegen⸗ waͤrtige Urtheil dem Verurtheilten in Gegenwart der unter den Waffen verſammelten Garde augenblicklich vorzuleſen.“ „Es iſt befohlen, daß der Praͤſident und der Be⸗ richterſtatter den Formen des Geſetzes gemaͤß, Copien von dieſer Procedur dem Kriegsminiſter, dem Juſtip⸗ miniſter und dem General en Chef, Gouverneur von Paris ſchleunigſt zuſchicken.“ Vermittelſt dieſer geſetzlichen Formen wuͤnſchte die. Commiſſion Zeit zu gewinnen, um Buonaparte zu bewegen, ſeinen grauſamen Vorſatz nicht auszufuͤhren. Dieß hat der Praͤſident des Kriegsgerichts, General Hullin ſelbſt behauptet, welcher blind, alt, und von 841 der Welt zuruͤckgezogen, ſich nach der Erſcheinung der Rechtfertigung Savary's wegen ſeines Antheils an der Ermordung des Herzogs von Enghien genoͤthigt ſah, hervorzutreten, nicht um ſein Betragen zu rechtfertigen, ſondern ſeine Reue, wegen ſeines An⸗ theils, den er wirklich an der traurigen Geſchichte hatte, auszudruͤcken, und die hauptſaͤchlichſte Schuld auf den Officier zu ſchieben, der waͤhrend der ganzen Unterſuchung anweſend war, um wie es ſchien, die Kriegs⸗Commiſſion einzuſchuͤchtern, und zu beherr⸗ ſchen. Sein Bericht lautet alſo:— „Kaum war der Urtheilsſpruch unterzeichnet, als ich einen Brief an Napoleon begann, in welchem ich demſelben, dem einmuͤthigen Wunſche der Commiſ⸗ ſion zufolge, das von dem Prinzen ausgedruͤckte Ver⸗ langen nach einer Unterredung mit dem erſten Con⸗ ſul kund that; und ferner den erſten Conſul beſchwor, die Strafe zu mildern, die wir in Betracht unſerer peinlichen Lage nicht abwenden konnten. In dieſem Augenblicke ſchlug ſich ein Mann ins Mittel(Savary), der darauf beharrt hatte, in dem Gerichtszimmer zu bleiben, und den ich ohne Zoͤgern nennen wuͤrde, wenn ich mich nicht erinnerte, daß es mir nicht ge⸗ ziemt, einen Andern anzuklagen, waͤhrend ich mich ſelbſt zu vertheidigen ſuche.„Was thun Sie da?“ ſagte dieſe Perſon, auf mich zukommend.„Ich ſchreibe,“ erwiderte ich,„dem erſten Conſul, um ihm den Wunſch des Gefangenen und die Empfehlung W. Stott's Werke. LXVII. 6 der Commiſſion mitzutheilen.“—„Sie haben Ihr Geſchaͤft vollendet,“ ſagte er, mir die Feder aus der der Hand nehmend,„und das Folgende iſt meine Sache.“—„Ich geſtehe, daß ich in dieſem Augen⸗ blicke gleich mehrerer meiner Collegen glaubte, er wolle damit ſagen, daß es ſeine Sache ſey, dem erſten Conſul dieß mitzutheilen. Seine auf dieſe Art ver⸗ ſtandene Antwort ließ uns noch die Hoffnung, daß dieſe Empfehlung den erſten Conſul erreichen werde. Ich erinnere mich bloß, daß ich in jenem Augenblicke eine Art von Pein empfand, als ich auf dieſe Weiſe den einzigen angenehmen Umſtand der ſchmerzhaften Lage, in der mich befand, mir aus den Haͤnden ge⸗ riſſen ſah. Wie konnten wir uns auch einbilden, daß wir mit einer Perſon umgeben worden waren, die den Auftrag hatte, alle Verfuͤgungen des Geſetzes zu verletzen. Ich war in dem Saale, der an das Sitzungs⸗ zimmer ſtieß, und unterhielt mich uͤber das ſo eben Vorgefallene. Verſchiedene Gruppen von Perſonen hatten ſich in Privatgeſpraͤche eingelaſſen. Ich wartete auf meinen Wagen, der, weil er(gleich den Waͤgen der andern Mitglieder) nicht in den innern Schloß⸗ hof eingelaſſen wurde, meine Abreiſe, ſo wie die ihrige, verhinderte. Wir waren eingeſchloſſen, und konnten mit denen draußen in keine Verbindung treten, als ein Knall erfolgte,— ein furchtbarer Knall, der uns Mark und Bein erſchuͤtterte, und unſere Herzen vor Angſt und Schrecken erſtarren machte. Ja, ich ſchwoͤre 83 es, in meinem und meiner Collegen Namen, daß wir keine Vollmacht zu dieſer Hinrichtung ertheilt hatten; unſer Urtheilsſpruch befahl, daß Abſchriften der Sentenz dem Kriegsminiſter, dem Juſtizminiſter und dem General⸗Gouverneur von Paris uͤberſchickt werden ſollten. Der letztere allein konnte dem Ge⸗ ſetze gemaͤß, die Hinrichtung befehlen; die Abſchriften waren noch nicht fertig, ſie wuͤrden einen bedeutenden Theil des Tages weggenommen haben. Bei meiner Ruͤckkehr nach Paris wuͤrde ich dem Gouverneur, — dem erſten Conſul, meine Aufwartung gemacht haben; wer weiß, was dann geſchehen waͤre?— Al⸗ lein ploͤtzlich ſagte uns die er furchtbare Knall, daß der Prinz nicht mehr war. Wir wiſſen nicht, ob er(Savary), der dieſe furchtbare Hinrichtung ſo ſehr beſchleunigte, Befehl dazu hatte. Wenn dieß nicht der Fall war, ſo iſt er allein verantwortlich; war dieß dagegen der Fall, ſo konnte die Commiſſion, welche nichts von dieſem Befehle wußte, die ſelbſt gefangen gehalten wurde,— und deren letzter Be⸗ ſchluß zu Gunſten des Furſten lautete, die Kataſtrophe weder vorherſehen, noch verhindern⸗ Hinrichtung. Der muthige junge Prinz wurde daher in der Bluͤthe ſeines Alters gemordet, und ſo weit unſere Einſicht und Kenniniß reicht, aus keinem andern Grunde, als weil er ein Sohn des Hauſes Bour⸗ bon, durch ſeine Geburt der Feind des temporaͤren Beherrſchers von Frankreich, aber ſein offentlicher und erklaͤrter Feind war, der nie eine beſondere Pflicht gegen ihn gehabt hatte, und bei keiner thaͤ⸗ tigen Feindſeligkeit gegen ihn ergriffen worden war. Der Abkoͤmmling des großen Condé wurde zu einem blutigen Tode von einem Gerichte verurtheilt, deſſen Richter ſelbſt Gefangene waren; zu einer Stunde verurtheilt, in welcher Diebe und Moͤrder auf ihre Schlachtopfer lauern, und von unbefugten Richtern auf eine unbewieſene Anklage. Die Unterſuchung des Juriſten muß uͤber das namenloſe und blutige Grab des Prinzen hinaus⸗ gehen, um die Vollmacht zu unterſuchen, die ihn in daſſelbe hinabſtuͤrzte. Geſchah dieß kraft des erſten oder zweiten Entwurfs jener Sentenz, welche die militaͤriſche Gelehrſamkeit mit ſo vieler Muͤhe in die Form eines geſetzmaͤßigen Urtheilsſpruchs zuſam⸗ menſtuͤmperte? Wir vermuthen, daß es kraft des erſten Entwurfs geſchehen ſeyn muß, weil dieſer eine augenblickliche Hinrichtung befiehlt. Wenn dieſe Muthmaßung zugegeben wird, ſo wurde der Herzog von Enghien kraft einer Urkunde hingerichtet, die aller Foͤrmlichkeit ermangelte; da ſie in ihren weſent⸗ lichſten Theilen leer geblieben, und von dem Gerichts⸗ Secretaͤr nicht unterzeichnet war,— eine Firmlihtei die das Geſetz ausdruͤcklich befahl. 85⁵ Wenn wir aber annehmen, daß die zweite, nicht die erſte Kopie des Urtheilsſpruchs die Be⸗ vollmaͤchtigung war, von der man Gebrauch machte, ſo wird die Hinrichtung als nicht minder ungefetz⸗ lich erfunden werden. Denn obgleich dieſe zweite Kopie keine Luͤcken hat, von dem Gerichts⸗Secretaͤre unterzeichnet, und in ſoweit regelmaͤßiger iſt, als die erſtere, ſo gibt ſie doch keine Vollmacht zur au⸗ genblicklichen Vollziehung des Urtheilsſpruchs. Im Gegentheil verordnet ſie den gewoͤhnlichen geſetzlichen Aufſchub, bis die Abſchriften ausgefertigt, und den verſchiedenen in der Bevollmaͤchtigung ſelbſt erwaͤhn⸗ ten Staatsbeamten zugeſchickt ſeyn wuͤrden. Die Wirkung dieſes Aufſchubs wuͤrde wahrſcheinlich die Rettung des Lebens des ungluͤcklichen Prinzen gewe⸗ ſen ſeyn; denn wenn Paris ſeinen Tod und ſeine Verhaftung nicht zu gleicher Zeit vernommen haͤtte, ſo wuͤrde Buonaparte wahrſcheinlich der oͤffentlichen Meinung nicht getrotzt und ſeine naͤchtliche Tragoͤdie durch eine Kataſtrophe beim hellen Tage zu ſchließen gewagt haben. Allein dieſe Betrachtung bei Seite geſetzt, genugt es dem Rechtsgelehrten, den Ausſpruch zu thun, daß ein ſolches Urtheil, welches auf eine von ſeiner Be⸗ fugniß verſchiedene Weiſe vollzogen wird, nichts mehr und nichts weniger, als ein Mord iſt, denn als ſol⸗ cher ſind in den Geſetzen jedes civiliſirten Landes die⸗ jenigen Faͤlle ausgelegt, in denen der raſche Wille des Vollſtreckers der Bevollmaͤchtigung des Richters zuvor koͤmmt. Allgemeine Anſicht der Procedur. Wenn wir dieſe ganze Procedur mit einem an juridiſche Schluͤſſe gewoͤhnten Auge uberblicken, ſo koͤnnen wir unmoͤglich die Ueberzeugung unterdruͤcken, daß eine Reihe groͤberer Widerſpruͤche mit einer fre⸗ cheren Kuͤhnheit oder zu einem ſchlimmern Zwecke ausgefuͤhrt, die Jahrbuͤcher der Geſchichte nicht befleckt und entehrt. Die Verhaftung widerſtritt dem Völ⸗⸗ kerrechte; die Zuſammenſetzung des Gerichtes dem Kriegsgeſetze; die Art des Verhoͤrs dem franzoͤſiſchen Geſetze; das Urtheil den gerichtlichen Formen jeder civiliſirten Nation; und die Hinrichtung war eine Uebertretung der goͤtilichen und menſchlichen Geſetze. Es ware albern, den Mord des Herzogs von Eng⸗ hien einen durch das Schwerdt der Gerechtigkeit voll⸗ zogenen Mord zu nennen, es waͤre denn, daß wir Hogarths Parodie jener allegoriſchen Figur mit Ei⸗ nem offenen Auge, einer durch ein Geſchenk nieder⸗ gedruͤckten Wagſchaale, und einem Fleiſchermeſſer ſtatt des gerade geſchwungenen Schwerdts in der Hand verſtaͤnden. 87 Nachdem wir dieſes blutige und grauſame Ver⸗ fahren aus einem geſetzlichen Geſichtspunkte zu be⸗ leuchten verſucht haben, muͤſſen wir, ehe wir den Ge⸗ genſtand verlaſſen, die Entſchuldigungen in Erwaͤgung ziehen, die gegen die ſchwarze Anklage, welche ſich aus den Einzelnheiten ergibt, vorgebracht worden ſind. Die erſte dieſer Bemaͤntelungen wuͤrde ohne Zwei⸗ fel doppelt bequem geweſen ſeyn, vorausgeſetzt, daß ſie haͤtte einleuchtend gemacht werden koͤnnen. Sie beſtand in der Uebertragung des weſentlichſten Theils der Schuld von Napoleon ſelbſt auf Talleyrand; denn dieſen mit dem Haſſe eines Verbrechens zu belaſten, das eine unuͤberſteigbare Kluft zwiſchen dem erkaiſer⸗ lichen Miniſter und der wiederhergeſtellten koͤniglichen Familie errichtet haben wuͤrde, waͤre eine ſuͤße Rache geweſen. Napoleon erklaͤrte daher wiederholt, daß der Tod des Herzogs von Enghien von Talleyrand ihm angerathen worden ſey, und daß er die anempfohlene Maßregel angenommen habe, ohne die Sache gehoͤrig in Erwaͤgung zu ziehen. Es wurde ſpaͤterhin noch dreiſter behauptet, Talleyrand habe einen Brief auf⸗ gefangen, den der Prinz von Straßburg aus geſchrie⸗ ben, und in welchem er um ſein Leben gebeten, und ſich aus Dankbarkeit dafuͤr erboten habe, Napoleon bei ſeinen Heeren zu dienen.„Dieſe Gunſt,“ ſagt Napoleon,„wuͤrde er gewaͤhrt haben, wenn Talley⸗ rand ihm den Brief uͤbergeben haͤtte; allein durch das Auffangen deſſelben ſey dieſer Staatsmann der wirkliche Moͤrder dieſes ungluͤcklichen Prinzen gewor⸗ den.“ Man kann jede Anklage auf zweifache Weiſe in Erwaͤgung ziehen, d. h. nach dem muthmaßlichen, oder poſitiven und direkten Beweiſe, der zur Unter⸗ ſtützung derſelben vorgebracht werden kann. Wenn wir die erſtere erwaͤgen, ſo koͤnnen wir keinen Schat⸗ ten von Beweggrund entdecken, warum Talleyrand, fuͤr ſo laſterhaft wir ihn auch halten moͤgen, ſeinen Herrn zur Begehung eines großen und gehaͤſſigen Verbrechens haͤtte verleiten ſollen, deſſen ganze Unpo⸗ pularitaͤt auf ihn zu fallen drohte, ſobald ſein Vor⸗ geſetzter es fuͤr ſich zu ſchwer fand. Talleyrand war ein Politiker; allein, ſo viel wir wiſſen, war er von Natur nicht blutduͤrſtig, und da er ſelbſt von einer adeligen Familie abſtammte, ſo war es zum wenig⸗ ſten nicht wahrſcheinlich, daß er zu der Hinrichtung eines jungen Fuͤrſten aufforderte, gegen den oder deſe ſen Familie er, wie man glaubt, nie eine beſondere Feindſchaft genaͤhrt hatte. Wenn wir ihn auf der andern Seite dieſes Schrittes, vermoͤge eines thoͤ⸗ richten und irre geleiteten Eifers fuͤr Napoleons ei⸗ genes Intereſſe fuͤr ſchuldig halten, ſo verlaͤumden wir Talleyrands intellectuelle Faͤhigkeit in dem einen Falle eben ſo ſehr, als wir ſeine natuͤrliche Gemuͤths⸗ art in dem andern verlaͤumden wuͤrden. Niemand wußte beſſer, als der Fuͤrſt Benevent, daß die Ge⸗ walt bei aufgeklaͤrten Nationen von der oͤffentlichen 39 Meinung abhaͤngt, und daß das Blut eines unſchul⸗ digen und muthigen Feindes den Thron ſeines Herrn zwar beflecken, aber die Grundlage deſſelben nicht befeſtigen koͤnnte.— Wenn wir ferner das muthige Betragen des Herzogs von Enghien bei ſeinem Ver⸗ hoͤre betrachten, bei welchem er erklaͤrte, daß er ſeine eingeſtandene Feindſchaft gegen die Franzoſen, gemaͤß den Winken, die ihm das Kriegsgericht gegeben hatte, nicht widerrufen werde, wie kann man alsdann von demſelben Individuum annehmen, es ſey zwei Tage zuvor faͤhig geweſen, bei Napoleon wegen ſeines Le⸗ bens zu betteln, oder wie ſollen wir ſein Anerbieten, unter dem erſten Conſul Dienſte zu nehmen, mit ſeiner Erklaͤrung in Einklang bringen, daß es einem Condé nicht gezieme, Frankreich anders, als mit den Waffen in der Hand zu betreten? Wir muͤßten ihn fuͤr einen Tollhaͤusler halten, wenn er, nachdem er um Napoleons Gunſt durch Unterwerfung und Demuͤthigung gebettelt haͤtte, eine hartnaͤckige und trotzige Miene gegen die Richter angenommen haͤtte, die ſein Betragen bei dem Verhoͤre dem erſten Con⸗ ſul zu berichten hatten. Das Daſeyn des Briefes und die Thatſache der Auffangung deſſelben durch Talleyrand wird daher, ſo viel als moͤglich, durch den Charakter des angeblichen Verfaſſers und des Miniſters der auswaͤrtigen Angelegenheiten widerlegt. Allein dieß wird ferner nicht blos durch Gruͤnde a priori, ſondern auch unmittelbar und aus dem That⸗ beſtande, in ſo weit negative Beweiſe moͤglicherweiſe gehen koͤnnen, widerlegt. Das ganze Verfahren ge⸗ gen den Herzog von Enghien hatte unter dem Staats⸗ rathe Real Statt, und wurde gaͤnzlich von der Po⸗ lizei geleitet,— jenen ſichern ſchweigenden Agenten, die nach den unmittelbaren Befehlen des Oberhaupts der Regierung, gleich den ſtummen Dienern des Se⸗ rails handelten, und nicht der Aufſicht eines unter⸗ geordneten Beamten unterworfen waren. Talleyrand miſchte ſich nie in die Sache, und hatte auch nie Ge⸗ legenheit, ſich in ſie zu miſchen. Ein Polizeibeamter wurde abgeſchickt, um den Zuſtand der Dinge in Ettenheim zua unterſuchen; und er ſtattete ſeinen Bericht nicht Talleprand, noch auch ſeinem eigenen Vorgeſetzten Real, ſondern Buonaparte ſelbſt ab. Dieß ergibt ſich aus Savary's eigener Erzaͤhlung, welcher ausdruͤcklich ſagt: daß der erſte Inſpektor der Gensd'armerie den Bericht von dem Beamten empfing, und ihn ſelbſt dem erſten Conſul, ſtatt Herrn Real uͤberbrachte. Die Truppen, welche bei der Gefangennehmung des Herzogs von Enghien gebraucht wurden, waren ebenfalls Gens⸗ d'armen, d. h. Diener der Polizei; und wenn ihr Gefangener zu Straßburg oder ſonſt wo einen Brief geſchrieben haͤtte, ſo wuͤrde er ſicherlich gleich dem oben erwaͤhnten Bericht an den erſten Conſul und nicht an Talleyrand, in's Departement der auswaͤr⸗ tigen Angelegenheiten gelangt ſeyn. Zweitens hat 91 der Herzog eine traurige aber umſtaͤndliche Denk⸗ ſchrift uͤber ſeine Einkerkerung, als eine Art von Tagebuch abgefaßt. In dieſer Urkunde ſteht kein Wort davon, daß er einen ſolchen Vrief geſchrieben habe. Drittens, da der Baron St. Jaques, der Secretaͤr des ungluͤcklichen Fuͤrſten, beſtaͤndig bei ſei⸗ nem Herrn war, bis derſelbe von Straßburg entfernt wurde, ſo war er in der Lage, ein foͤrmliches Zeug⸗ niß gegen die Behauptung, daß ein ſolcher Brief ge⸗ ſchrieben worden ſey, vorzubringen, weil er mit ihm haͤtte bekannt ſeyn muͤſſen, wenn er wirklich vorhan⸗ den geweſen waͤre. Viertens die Gensd'armen, wel⸗ che die wenigen Papiere des Herzogs ſammelten, und ein Verzeichniß derſelben verfertigten, wuͤrden nicht ermangelt haben, ein ſolches Dokument zu ſichern, wenn, wie wir zuvor geſagt haben, ein ſolches Do⸗ kument zu ſichern geweſen waͤre. Aus allen dieſen Gruͤnden muß die Geſchichte des unterdruͤckten Briefes, vom Anfange bis zum Ende, als eine reine Erdichtung betrachtet werden, die den Zweck hatte, Napoleon von einer That frei⸗ zuſprechen, die, wie er ſelbſt einſah, allgemein als ein großes Verbrechen betrachtet wurde, und den Haß auf Talleyrand zu waͤlzen, deſſen thaͤtige Dienſte zu Gunſten der koͤniglichen Familie ſein Herr weder ver⸗ geſſen noch verzeihen konnte. Allein die Geſchichte mit dem Briefe war nicht das Einzige, wozu Napoleon ſeine Zuflucht nahm, um den oͤffentlichen Unwillen zu beſaͤuftigen, der ſich ſo allgemein gegen ihn, als gegen den Urheber dieſer uungluͤcklichen That, erhob. Bei der Unterſuchung der Perſonen, die wegen Antheils an der Verſchwoͤrung Pichegru's und Geor⸗ ges verhaftet wurden, geſchah es, der hoͤchſt apokry⸗ phiſchen Angabe Napoleons zufolge, daß unter den Verſchwornen gelegenheitlich eine Perſon von edler Miene und ausgezeichnetem Benehmen erſchien, gegen welche die Hauptverſchwoͤrer eine Achtung und Ehr⸗ furcht, wie ſie gewoͤhnlich nur Prinzen bezeugt wird, an den Tag legten.„Er ſchien,“ ſagt Savary, „36 Jahre alt, ſein Haar war ſchoͤn, ſeine Stirne offen, ſeine Statur und Groͤße von der mittleren Gattung. Als er in das Gemach trat, erhoben ſich alle Anweſende, ſelbſt die Herren von Polignac und Riviere und blieben in ſeiner Gegenwart ſtehen.“ Die Polizei uͤberlegte, wer dieſe geheimnißvolle Per⸗ ſon ſeyn koͤnne, und fand, daß es der Herzog von Enghien ſeyn muͤſſe. Dem Eindrucke, den dieſe an⸗ gebliche Entdeckung auf das Gemuͤth des erſten Con⸗ ſuls machte, mußte, ſeinem eigenen und General Savary's Berichte zufolge, die Sendung des Polizei⸗ beamten nach Straßburg zugeſchrieben werden. Der Bericht des Spions hinſichtlich der haͤufigen Abweſen⸗ heiten des Herzogs von Enghien von Ettenheim wurde fuͤr hinreichend gehalten, um ihn mit dem geheimnißvollen Fremden zu Paris zu identifiziren. — Der Entſchluß, ihn zu entfuͤhren, wurde gefaßt und ausgefuͤhrt; und obſchon keine Umſtaͤnde ein⸗ traten, die zeigten, daß er in Paris geweſen war, oder die ihn mit der erwaͤhnten unbekannten Perſon identifizirten und obſchon man ſich nicht einmal die Muhe nahm, den Herzog mit den Perſonen, die dieſes Individuum beſchrieben, zu confrontiren, um zu ſehen, ob ſie ihn fuͤr eine und dieſelbe Perſon mit demſelben erkennen konnten, ſo wurde er doch, wie wir zu glauben uns veranlaßt ſehen, in Folge der Ueberzeugung getoͤdtet, daß er der Beſucher und Freund des Georg Cadoudal und die Perſon war, in deren Gegenwart Jedermann eine ſo tiefe Chrfurcht bezeugte. Kaum war jedoch der Herzog in ſein blu⸗ tiges Grab geworfen, als man, ſo ſind wir berichtet worden, entdeckte, daß die ſo oft erwaͤhnte geheim⸗ nißvolle Perſon Niemand anders, als Pichegru war; und der Tadel, den Irrthum des Conſuls unterſtuͤtzt zu haben, wird auf den Fuͤrſten Talleyrand geſchoben, der bei jeder von Napoleon oder ſeinen Beguͤnſtigern herruͤhrenden Erzaͤhlung der Geſchichte der Suͤnden⸗ bock ſeyn muß. Wir behaupten, daß kein Verfaſſer einer Novelle oder Romanze, der am Schluſſe ſeiner Erzaͤhlung ſich 94 genoͤthigt ſah, einen Grund fuͤr die verſchiedenen Vorfaͤlle anzugeben, die er dem Leſer vor Augen ge⸗ legt hat, ſich je einer Reihe ſo unwahrſcheinlicher und folgewidriger Umſtaͤnde bediente. War es glaub⸗ lich, daß ein Prinz vom Gebluͤte, angenommen, er habe ſich waͤhrend des Conſulats nach Paris gewagt, nur unter eine Bande von Verſchwoͤrern gemiſcht, auf den ſeinem Range gebuͤhrenden Ehrenbezeugun⸗ gen beharrte, oder ſie erlaubte, und ſo ſeinen Ka⸗ rakter Leuten verrieth, welche ihn, ihrer Augabe zu⸗ folge, bloß durch dieſen Umſtand erkannten? Die bloße Erwaͤhnung eines ſo unwahrſcheinlichen Betra⸗ gens haͤtte die Legende gleich anfangs verdaͤchtigen ſollen. Wie konnte zweitens moͤglicherweiſe ein Miß⸗ griff zwiſchen der Perſon des Herzogs von Enghien und der des General Pichegru Statt haben? Der erſtere war ſchoͤn, und hatte ein leicht gefaͤrbtes Haar; der etztere war ſchwarz und hatte ein hoch⸗ gefaͤrbtes Geſicht und ſchwarzes Haar. Der Herzog war ſchlank und zierlich von Geſtalt; Pichegru war ſtaͤmmig, robuſt und athletiſch. Der Prinz hatte kaum erſt das dreiſigſte Jahr erreicht; Pichegru war uͤber vierzig Jahre alt. Es ließ ſich kaum eine ein⸗ zige Aehnlichkeit zwiſchen ihnen auffinden. Wie konnten drittens jene Umſtaͤnde Statt haben, welche den angeblichen Mißgriff veranlaßten? Unter welchem erdenkbaren Karakter haͤtte Pichegru die einem Prin⸗ zen vom Gebluͤt bezeugte Ehrfurcht ſich verſchaffen 9⁵ ſollen, und zwar nicht bloß von Seite des royaliſti⸗ ſchen Georges, ſondern auch von Seite der Herrn von Polignac und von Riviere, die, wie behauptet wird, in ſeiner Gegenwart unbedeckt blieben? Endlich, obſchon bei dem weitlaͤufigen Verhoͤre des Georg Cadoudal, das in dem Moniteur bekannt gemacht wurde, verſchiedene Individuen ſeines An⸗ hangs ſich bewegen ließen, gegen ihn zu zeugen, ſo wurde es doch auf keine Art bewieſen, daß entweder ihm, oder ſonſt einer Perſon koͤnigliche Ehreu er⸗ wieſen wurden. Daraus geht alſo hervor, daß die ganze Legende ex post facto als eine Schutzwand und zwar eine ſchwache, hinter welcher Napoleon Schirm ſuchte, erdichtet wurde. Es ergibt ſich ſogar aus ſeinem eigenen, hoͤchſt unwahrſcheinlichen Berichte, daß wenn der Herzog von Enghien in Folge eines Verſehens ſtarb, dieß ein Verſehen war, das Jeder⸗ mann in Folge eines augenblicklichen Nachdenkens haͤtte argwoͤhnen muͤſſen und das die Unterſuchung eines Augenblicks erklaͤrt haben wuͤrde; folglich Na⸗ poleons Leichtglaubigkeit bloß ſeinem Entſchluſſe, ſich taͤuſchen zu laſſen, zugeſchrieben werden kann. Wie Talleyrand haͤtte dazu beitragen koͤnnen, iſt nicht angedeutet; allein General Savary berichtet uns, daß der Conſul ausrief:„Ach unſeliger Talleyrand, wozu haſt du mich verleitet!“ Dieſer Ausruf muß, wenn er je gethan worden iſt, den Zweck gehabt ha⸗ 96 ben, eine kuͤnftige Anklage gegen ſeinen Miniſter zu erheben; denn was den Umſtand betrifft, diß er von Talleyrand in einer Sache, an der ſeine eigenen Leidenſchaften einen ſo tiefen Antheil hatten, an der Naſe herumgefuͤhrt worden ſey, ſo iſt dieß durch⸗ aus mit allem, was von Napoleon aufgezeichnet iſt, ſo wie mit dem Karakter, und ſogar dem beſondern Vortheile ſeines Miniſters unvertraͤglich. Nach dieſer langweiligen Eroͤrterung mag der Leſer vielleicht die wahre Urſache der außerordent⸗ lichen Gewaltthat zu erfahren wuͤnſchen. Napoleons Intereſſe ſchien keineswegs oder nur ſehr leicht be⸗ theiligt, da der Herzog von Enghien unter der gan⸗ zen bourboniſchen Familie von der Thronfolge am weiteſten entfernt war. Der Haß, den die That ohne irgend einen entſprechenden Vortheil erzeugen mußte, haͤtte, moͤchte es ſcheinen, fuͤr den ſtaats⸗ klugen und berechnenden Geiſt, den Napoleon ge⸗ woͤhnlich zeigte, ein hinlaͤnglicher Grund ſeyn ſollen, eine unnoͤthige Gewaltthat zu vermeiden; auch war ſein Gemuͤth von Natur keineswegs ſo wild, daß er ein Vergnuͤgen daran gefunden haͤtte, Ungluͤck zu ſtiften, oder Blut zu vergießen. Alles das zugegeben, muͤſſen wir unſere Leſer erinnern, daß Napoleon, aus Politik ruhig und ge⸗ maͤßigt, von Tempergment wild und feurig war, 97 8 und in ſeinem Blute einen Zug von der wilden und rachſuͤchtigen Gemuͤthsart hatte, durch die ſich ſeine corſiſchen Landsleute von jeher ausgezeichnet haben. Die Verſuchung war bei der gegenwaͤrtigen Gelegen⸗ heit ſtark. Er fuͤhlte ſich der Gefahr der Ermor⸗ dung ausgeſetzt, gegen die ſeine Nerven beſonders empfindlich zu ſeyn ſchienen; er wußte, daß die An⸗ haͤnger der koͤniglichen Familie den Streich“ fuͤhren wuͤrden; und er hegte den Argwohn, daß ſie von den verbannten Prinzen dazu aufgefordert worden ſeyen. Was iſt in einem ſolchen Falle der Grund⸗ ſatz des Wilden oder desjenigen Zuſtandes, der ſich dieſem am meiſten naͤhert? Ein nordamerikaniſcher Indianer, der durch einen weißen Kaufmann, der ſeiner Rache entgeht, beeintraͤchtigt worden iſt, uͤbt an dem erſten Europaͤer, der in ſeine Haͤnde fͤllt, Wiedervergeltung aus. Ein ſchottiſcher Hochlaͤnder, der von einem Individuum eines andern Clans be⸗ leidigt wurde, nahm an dem erſten dieſes Stamms, der ihm zufaͤllig begegnete, Rache. Die Corſikaner ſind nicht minder grauſam und ungerecht in ihren Fehden, die ſich vom Vater auf den Sohn vererben, und die ganze Familie angehen, ohne daß ſich der Groll auf die einzelnen Perſonen, welche das Unrecht angethan haben, beſchraͤnkt. Nach dieſem Grundſatze ſcheint der erſte Conſul gehandelt zu haben, als er⸗ ſein Leben durch die Freunde der Bourbons in Ge⸗ fahr ſehend, wie ein Tiger auf das einzige Mitglied W. Scott's Werke. LXVIT.„ 9³⁶ der Familie losſprang, das im Bereich ſeiner Ge⸗ walt war. Das Völkerrecht und die Geſetze der Staatsge⸗ ſellſchaften wurden uͤber dem Durſte nach Rache gleicherweiſe vergeſſen, und um ein unmittelbares Rachgefuͤhl zu befriedigen, befleckte er ſeine Geſchichte mit einem Verbrechen, deſſen Schande keine Zeit wegzuwaſchen vermag. Der Hang zu Gewaltthaͤtigkeiten, der aus einer wilden und halbbarbariſchen Rachſucht entſprang, wuͤrde ſich vielleicht ohne Napoleons Politik und ſeine Achtung fuͤr die oͤffentliche Meinung, die ſich mit der oͤftern Wiederholung ſolcher Handlungen rachſuch⸗ tiger Grauſamkeit nicht vertragen haben wuͤrde, oͤf⸗ ters gezeigt haben, als in der Wirklichkeit geſchah. Allein obſchon er im Allgemeinen im Stande war, ſeine beſondere Neigung zu unterdruͤcken, ſo konnte er ſie doch denen, von welchen er genau beobachtet wurde, nicht verbergen. Als Jemand in Mounier's Gegenwart eine Lobrede auf Napoleon hielt, und zum Schluſſe alle Zuhoͤrer aufforderte, einen aͤhnlichen Karakter aufzuweiſen, ſo ſagte Monnier:„ich glaube, ich koͤnnte etwas, das Aehnlichkeit mit ihm haͤtte, unter den Montenegrinern finden.“ Nro. VI. (Leben Napoleon's, Band XX, Seite 50.) Betrachtungen uͤber das Betragen Napoleons gegen den Krouprinzen von 6 Schweden. (Aus dem franzoͤſiſchen Originale uͤberſetzt.) Napoleon ſelbſt hatte durch ſeine unertraͤglichen Anſpruͤche Schweben gezwungen, ſich ihm zu wider⸗ ſetzen. Von dem Zeitpunkte der Erwaͤhlung des Fuͤr⸗ ſten von Ponte Corvo an, beſtanden die einzigen Er⸗ oͤrterungen, die der Prinz mit dem Kaiſer hatte, in Weigerungen, von Seite des Prinzen, ſich in Ver⸗ pflichtungen einzulaſſen, welche die Intereſſen der Nation, die ihn zu ihrem Herrſcher erwaͤhlt hatte, verletzten. 4 100 Als ihm die erſten Eroͤffnungen hinſichtlich ſeiner Erwaͤhlung in Schweden durch einen ſchwediſchen Edelmann, und durch den General Grafen von Wrede gemacht worden waren, begab er ſich unverzuͤglich nach St. Cloud, um den Kaiſer davon in Kenntniß zu ſetzen. Dieſer ſagte ihm:„Ich kann Ihnen nicht nuͤtzlich ſeyn— laſſen Sie der Sache ihren Lauf,“ u. ſ. w. Der Prinz ging nach Plombieres. Bei ſeiner Ruͤckkehr machte er dem Kaiſer ſeine Aufwartung, der ihn in Gegenwart mehrerer Perſonen anredete und fragte:„ob er neulich Nachrichten aus Schweden erhal⸗ ten habe.“ „Ja, Sire.“ 3 „Wie lauten ſie?“ erwiderte der Kaiſer. „Daß der Geſchaͤftstraͤger Ew. Majeſtaͤt in Stock⸗ holm ſich meiner Erwaͤhlung widerſetze, und oͤffent⸗ lich ſage, Ew. Majeſtaͤt ziehe den Koͤnig von Daͤne⸗ mark vor.“ Der Kaiſer antwortete uͤberraſcht:„Es iſt nicht moͤglich;“ und lenkte die Anterhaltung anfes einen andern Gegenſtand. Herr Deſaguiers, der franzoͤſiſche Geſchaͤftstraͤger in Stockholm, hatte jedoch, in Folge geheimer Inſtruc⸗ tionen von ſeinem Hofe eine Note zu Gunſten des Koͤnigs von Daͤnemark uͤbergeben; allein Napoleon, der ſich in einer ſo zarten Angelegenheit nicht com⸗ 101 promittiren wollte, erkannte das Betragen bes Herrn Deſaguiers nicht an. Als dieſer Agent bald darauf zuruͤckberufen wurde, ſo geſtand der Herzog von Cadore dem Herrn von Lagerbjelke, ſchwediſchen Geſandten in Paris, offen, „daß man eine unſchuldige Perſon aufgeopfert habe.“ Der Kaiſer hatte ſich gegen den Koͤnig Karl XIII., ſo wie gegen den Fuͤrſten von Ponte Corvo, in Betreff ſeiner Zuſtimmung zu der Annahme des ſchwediſchen Thrones von Seit te des Fuͤrſten auf die freundſchaft⸗ lichſte Weiſe ausgedruͤckt. Die Erwaͤhlungsacte war in dem Moniteur bekannt gemacht worden, und zehn Tage waren verfloſſen, ohne daß der Kaiſer irgend etwas in Betreff der Abreiſe des Fuͤrſten geſagt hatte. Als der Fuͤrſt die Anſtalten zu ſeiner Abreiſe vollen⸗ det hatte und ſah, daß der Kaiſer immer noch daſ⸗ ſelbe Stillſchweigen beobachtete, ſo beſchloß er, ſich wegen eines Patentbriefs, der ihn(den Fuͤrſten) ſei⸗ ner Unterthanenpflicht entband, an ihn zu wenden. Auf dieſes foͤrmliche Geſuch antwortete der Kai⸗ ſer, die Ausfertigung dieſes Briefs ſey einzig und allein durch den Vorſchlag eines Mitglieds des Ge⸗ heimenraths in Betreff einer vorlaͤufigen Bedingung verzoͤgert worden.—„Welche iſt dieſe?“ ſagte der Fuͤrſt.—„Die, daß Sie ſich verpflichten, die Waf⸗ fen nie gegen mich zu tragen.“ Der Fuͤrſt antwor⸗ tete hoͤchſt erſtaunt, ſeine Erwaͤhlung durch den Reichs⸗ tag von Schweden, und die Einwilligung, die der 10²2 Kaiſer ſowohl ihm ſelbſt als dem König Karl XIII. dazu gegeben habe, haben ihn bereits zu einem ſchwe⸗ diſchen Unterthanen gemacht; und in dieſer Eigen⸗ ſchaft koͤnne er eine ſolche Verpflichtung nicht ein⸗ gehen*.—„Ew. Majeſtaͤt ſagten mir,“ fuͤgte er hinzu,„daß dieß der Vorſchlag eines Mitglieds des Geheimenraths iſt. Ich bin uͤberzeugt, daß er nie von Ihnen ſelbſt, Sire, haͤtte herruͤhren koͤnnen; er muß von dem Erzkanzler gemacht worden ſeyn, oder dem Juſtizminiſter, die nicht einſaben, zu welcher Hoͤhe dieſer Vorſchlag mich erheben wuͤrde.“— „Wie meinen Sie das?“—„Setzen Sie dadurch, daß Sie mich abhalten, eine Krone anzunehmen, wo⸗ fern ich mich nicht verpflichte, nie die Waffen gegen Sie zu tragen, Sire, mich nicht in der That als Ge⸗ neral, auf gleiche Linie mit Ihnen?“ Der Kaiſer ſagte nach einem augenblickichen Nachdenken, in ge⸗ daͤmpftem Tone, und mit einer Geberde, die ſeine Bewegung verrieth:— „Gut, unſer Schickſal iſt im Begriff, in Erfuͤl⸗ lung zu gehen.“ „Verzeihen Sie, Sire, ich hoͤrte Sie nicht recht.“ „Gut, unſer Schickſal iſt im Begriff, in Erfuͤl⸗ lung zu gehen,“ wiederholte der Kaiſer mit deutliche⸗ rer, aber gleich bewegter Stimme. **) Hier runzelte der Kaiſer die Stirne und ſchien verlegen. 105 Als das Geruͤcht zuerſt in Umlauf kam, daß man in Schweden die Abſicht habe, den Fuͤrſten von Ponte Corvo zu waͤhlen, ſagte Marſchall Davoust, in der Meinung, ſeinem Herrn zu gefallen, in des Kaiſers Zimmer:„Der Fuͤrſt von Ponte Corvo vermuthet nichts.“ Dieſe ironiſche Bemerkung reizte Napoleon zum Laͤcheln. Er antwortete mit leiſer Stimme: „er iſt noch nicht gewaͤhlt.“ Der Fuͤrſt, der bis dahin unentſchloſſen geweſen war, gab die Abſicht zu erkennen, daß er, falls der Koͤnig und die Staͤnde Schwedens ihre Wahl auf ihn fallen laſſen wuͤrden, das Anerbieten annehmen werde. Waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit ſagte Napoleon, der ihn ſtets abzuhalten ſuchte, der Erbe des ſchwediſchen Throns zu werden, eines Tages zu ihm:„Sie werden wahrſcheinlich nach Schweden gerufen werden. Ich habe im Sinne gehabt, Ihnen Aragonien und Katalonien zu geben; denn Spanien iſt ein zu großes Land fuͤr die Geiſtesfaͤhigkeit meines Bruders.“ Der Fuͤrſt gab keine Antwort. Schon ſeit laͤn⸗ gerer Zeit hatte er, da er fuͤr die Regierung kein Gegenſtand der Beſorgniß ſeyn wollte, auf Mittel geſonnen, Napoleons Zutrauen zu gewinnen. Die Groͤße Frankreichs, die durch ſeine Waffen errungenen Siege und der Glanz, den ſie auf den Befehlshaber zuruͤck warfen, legten dem Fuͤrſten die Pflicht auf, nicht als Nebenbuhler der Macht des Kaiſers aufzutreten. 104 1 In ſeinen Geſpraͤchen mit Napoleon ſuchte er die Geſinnungen, welche der Kaiſer gegen ihn hegte, zu vertilgen. Zu dieſem Ende ſtellte er allgemeine An⸗ ſichten auf, ſprach von den Intereſſen großer Staaten, — den Schickſalen von Maͤnnern, welche die Welt durch ihre Siege in Erſtaunen geſetzt, von den Schwie⸗ rigkeiten und Kinderniſſen, welche dieſe Maͤnner zu uͤberwinden gehabt hatten, und endlich von der oͤffent⸗ lichen Ruhe und Sicherheit, die das Reſultat dieſer Umſtaͤnde von dem Augenblicke an geweſen waren, in welchem Neben⸗Intereſſen ihre Beſriedigung gefun⸗ den hatten. Der Kaiſer hoͤrte aufmerkſam zu, und ſchien faſt ſtets die Grundſaͤtze der Beſtaͤndigkeit und Erhaltung zu billigen, uͤber welche ſich der Fuͤrſt verbreitete. Zuweilen, wenn der letztere den Kaiſer an die uner⸗ meßlichen Belohnungsmittel, die ihm zu Gebot ſtan⸗ den, erinnerte, reichte ihm Napoleon, betroffen uͤber das, was er ſagte, beim Abſchiede liebevoll die Hand, und ſchien ihm auf dieſe Art zu ſagen:„Rechnen Sie ſtets auf meine Freundſchaft und unterſtuͤtzung.“ Wenn der Fuͤrſt von dieſen Zuſammenkuͤnften zuruͤckkehrte, ſo glaubte er nicht laͤnger, daß er dem Kaiſer ein Gegenſtand des Verdachts ſey. Er druͤckte den Mitgliedern der Familie Napoleons dieſen Glau⸗ ben aus, damit ſie ihrerſeits den Kaiſer verſichern moͤchten, daß, da der Fuͤrſt in ſein Syſtem ſowohl 105 aus Pflicht als aus Intereſſe gaͤnzlich eingehe, jedes Mißtrauen gegen ihn beſeitigt werden ſollte. Bei Napoleons Vertrauten waren bei ſolchen Ge⸗ legenheiten Individuen, die uͤber die Einfalt des Fuͤr⸗ ſten lachten und ihm ſagten, was der Kaiſer am Abend zuvor unmittelbar nach der Unterhaltung, welche der Fuͤrſt und er miteinander gehabt, geſagt haͤtte; und alles, was der Kaiſer ſagte, zeugte von dem groͤßten Mangel an Aufrichtigkeit und einem auf ſeine Meinung von dem unbaͤndigen Ehrzeize des Fuͤrſten feſtgegruͤndeten Uebelwollen. Dieſes Uebel⸗ wollen ſchien gemildert, als die Zeit zur Abreiſe des Fuͤrſten nach Schweden gekommen war. Einer ſeiner Freunde ſtand bei Napoleon in hoher Gunſt. Eben am Tage der Abreiſe des Fuͤrſten ging Napoleon, als er dieſen Freund kommen ſah, auf ihn zu und ſagte: „Nun! bedauert der Fuͤrſt Frankreich?“— Ja, ohne Zweifel!—„uUnd ich meinerſeits wuͤrde ſehr erfreut geweſen ſeyn, wenn der Fuͤrſt die Einladung nicht angenommen haͤtte; allein es laͤßt ſich nicht aͤndern.“— Hier hielt er inne und fuͤgte hinzn: „Zudem liebt er mich nicht.“ Auf die Antwort, daß Napoleon ſich irre, daß der Fuͤrſt ſeine Partei ergriffen, und ihm lange Zeit herz⸗ lich und aufrichtig ergeben geweſen ſey, erwiderte der Kai⸗ ſer:„Wir haben einander nicht verſtanden; jetzt iſt es zu ſpaͤt; er hat ſeine eigene Politik, ſeine eigenen Intereſ⸗ ſen, und ich die meinigen.“ 106 Napoleon hatte die Gruͤnde anerkannt, die der Fuͤrſt fuͤr ſeine Weigerung angefuͤhrt hatte, die Ver⸗ pflichtung einzugehen, daß er nie die Waffen gegen ihn ergreifen wolle. Er ſah wohl, daß er eine ſolche Weigerung haͤtte erwarten und ſich derſelben nicht ausſetzen ſollen. Er hatte ſich ſogar bemuͤht, jeden veinlichen Eindruck zu vertilgen, den ſein Vorſchlag auf den Fuͤrſten gemacht hatte, indem er ihm auf die freundſchaftlichſte Weiſe verſprach, ihn fuͤr die Abtre⸗ tung feines Fuͤrſtenthums Ponte Corvo, ſo wie fuͤr ſeine Beſitzungen in Polen, durch die Summe von zwei Millionen zu entſchaͤdigen und ihm alle ſeine uͤbrigen Beſitzungen zu laſſen*). Zudem hatte er ihm erlaubt, alle ſeine Adjudanten mit ſich zu nehmen. Der Fuͤrſt wußte nicht, was der Kaiſer im In⸗ nern ſeines Herzens dachte; allein als er ihn verließ, war er voll Zutrauen zu ihm; und Napoleon hatte keine gerechte Urſache, ihm feindſelige Plane gegen ſein Intereſſe, und noch viel weniger gegen das In⸗ tereſſe Frankreichs, zuzuſchreiben. Dieſe Taͤuſchung von Seite des Furſten war nur von kurzer Dauer. Die Aufnahme, die ihm an allen Orten, durch die er auf ſeiner Reiſe kam, und be⸗ ſonders bei ſeiner Ankunft in Schweden, zu Theil wurde,— die Reden, die an ihn gerichtet wurden, — *) Der Fuͤrſt empfing von den zwei Millianen, die ihm verſprochen worden waren, nie mehr als eine einzige. 107 3 und die Antworten, die er ertheilte,— alles erregte das Mißfallen des Kaiſers. Es ſchien ihm, als ob der Fuͤrſt einen Theil jener Aufmerkſamkeit, die auf ihn allein haͤtte gefeſſelt ſeyn ſollen, an ſich zog. Die patriotiſchen Geſinsungen, welche die Spre⸗ cher der vier Staͤnde ausdruͤckten, waren eben ſo wenig nach ſeinem Geſchmacke, als die Geſinnun⸗ gen des Fuͤrſten in ſeinen Antworten. Er und die Schweden wurden gleicher Weiſe von ihm beſpoͤttelt und ſogar verhoͤhnt; er nannte ſie Jakobiner, Anar⸗ chiſten; und beſonders gegen den Fuͤrſten waren dieſe Angriffe gerichtet. Um dem Fuͤrſten ſein Mißfallen zu bezeugen, annullirte er alle Verſprechungen, die er ihm gemacht, nahm ihm alle Laͤndereien, die er ihm geſchenkt hatte, und vereinigte dieſe wieder mit ſeinen eigenen Domaͤnen. Er rief alle franzoͤſiſche Adjudan⸗ ten des Fuͤrſten zuruͤck. Vergebens ſuchte ihn der Fuͤrſt in ſeiner Correſpondenz zu beſaͤnftigen. Er ſchrieb ihm unter andern folgenden Brief: „In dem Augenblicke, in welchem ich Ew. Majle⸗ ſtät meinen Dank fuͤr die Guͤte ausdruͤcken wollte, daß Sie den Urlaub der franzoͤſiſchen Officiere, die mich begleitet haben, auf ein Jahr lang verlaͤnger⸗ ten, erfahre ich, daß Ew. Majeſtaͤt dieſe Gunſt zu⸗ ruͤckgenommen haben. Dieſer unerwartete Queerſtrich und in der That alles, was mir von Paris aus zu Ohren kommt, uͤberzeugt mich, daß Ew. Majeſtaͤt nicht gut gegen mich geſinnt iſt. Was habe ich ge⸗ 108 than, Sire, um dieſe Behandlung zu verdienen? Ich ver⸗ muthe, daß bloß Verlaͤumdung die Urſachen derſelben ſind. In der neuen Lage, in die mich das Schickſal verſetzt hat, wuͤrde ich derſelben ohne Zweifel mehr als je ausgeſetzt ſeyn, waͤre ich nicht ſo gluͤcklich, in dem eigenen Herzen Ew. Majeſtaͤt einen Vertheidiger zu finden. Was man Ihnen auch ſagen mag, Sire, ich bitte Sie, zu glauben, daß ich mir ſelbſt gegen Sie nichts vorzuwerfen habe, und daß ich Ihrer Perſon im hoͤchſten Grade ergeben bin, nicht bloß durch die Staͤrke meiner alten Verbindungen, ſondern auch durch eine Geſinnung, die unwandelbar iſt. Wenn der Gang der Dinge in Schweden nicht ganz nach dem Wunſche Ew. Majeſtaͤt iſt, ſo ruͤhrt dieß einzig und allein von der Verfaſſung her. Dieſe Verfaſſung zu uͤberſchreiten, liegt nicht in der Gewalt des Koͤnigs, und noch viel weniger in der meinigen. Es ſind hier noch viele beſondere Intereſſen in dem großen Schmelz⸗ tiegel der Nation zu verſchmelzen— vier Staͤnde des Staates in einen Buͤſchel zu vereinigen— und bloß durch ein kluges und richtig abgemeſſenes Betra⸗ gen kann ich hoffen, eines Tages auf dem ſchwedi⸗ ſchen Throne zu ſitzen. Da Hr. Gentil von St. Al⸗ phonſe, mein Adjudant, in Gemaͤßheit der Befehle Ew. Majeſtaͤt, nach Frankreich zuruͤckkehrt, ſo mache ich ihn zum Ueberbringer dieſes Briefs. Ew. Majeſtaͤt kann ihn befragen; er hat alles geſehen; er kann Ew. Majeſtaͤt die Wahrheit ſagen. Sie werden ſehen, 109 in welcher Lage ich mich befinde, und wie viele Ruͤck⸗ ſichten ich zu nehmen habe. Er wird Ew. Majeſtaͤt ſagen, ob es mir daran gelegen iſt oder nicht, Ihnen zu gefallen, und ob ich mich hier nicht in einem Zuſtande beſtaͤndiger Qual zwiſchen der Pein, Ihnen zu mißfallen, und meinen neuen Pflichten befinde.“ „Sire! Ew. Majeſtaͤt hat mich dadurch betruͤbt, daß Sie mir die Officiere, die Sie mir auf ein Jahr zugeſtanden hatten, entzogen haben. Da Sie es be⸗ fehlen, ſchicke ich ſie Ihnen nach Frankreich zuruͤck. Vielleicht wird Ew. Majeſtaͤt geneigt ſeyn, Ihren Ent⸗ ſchluß zu aͤndern; in welchem Falle ich bitte, daß Sie ſelbſt die Zahl beſtimmen moͤgen, die Sie mir zu ſchicken fuͤr gut finden werden. Ich werde ſie mit Dank von Ihnen annehmen. Wenn Ew. Majeſtaͤt ſie im Gegentheil in Frankreich zuruͤckbehaͤlt, ſo empfehle ich ſie Ihrer Guͤte. Sie haben ſtets mit Auszeichnung gedient, und haben keinen Antheil an den Belohnungen gehabt, die nach dem letzten Feld⸗ zuge ausgetheilt worden ſind.“— Napoleons uͤble Laune gegen den Fuͤrſten ver⸗ wandelte ſich in poſitiven Haß. Er bereute es, daß er in ſeine Abreiſe gewilligt hatte, und machte kein Geheimniß daraus; denn deutlich, ſagte er ſogar vor ſeinen Hoͤflingen: Er haͤtte im Sinne, ihn ſeinen Curſus der ſchwediſchen Sprache in Vincennes been⸗ digen zu laſſen.. 8 110 Waͤhrend der Fuͤrſt den Nachrichten, die er in Betreff einer ſolchen Drohung von den Tullerien empfangen hatte, keinen Glauben beimeſſen wollte, war Napoleon wirklich darauf bedacht, dieſelben aus⸗ zufuͤhren, und die Gefangennehmung des Herzogs von Enghien an ihm zu wiederholen. Der Fuͤrſt wurde endlich von der Wahrheit deſſen, was er ge⸗ hoͤrt hatte, durch die Entdeckung eines Complotts uͤberzeugt, das Napoleons Agenten zu dem Zwecke angezettelt hatten, ihn in der Naͤhe von Haga weg⸗ zunehmen, und an Bord eines Schiffes zu bringen, das ſie in Bereitſchaft hatten. Der Verſuch ſchlug durch einen bloßen Zufall fehl. Die Verſchwoͤrer, Fremde, mit Ausnahme eines einzigen, glaubten ſich entdeckt, ſie gingen daher augenblicklich zu Schiffe und ſegelten in der Nacht davon*). *) Herr von Salazar, fruͤher Adjudant des Herzogs von Ra⸗⸗ guſa, der den Kriegsdienſt verlaſſen, und ſich nach Eng⸗ land zuruͤckgezogen hatte, war einer von denen, die von einem in Frankreich zur Entfuͤhrung des Fuͤrſten entworſenen Plane Nachricht gaben. Er machte in dieſer Hinſicht einer erlauchten Perſon in England eine vollſtaͤndige Mittheilung, ſowie auch dem Baron von Rehauſen, dem ſchwediſchen Geſandten zu London, der den Grafen von Engeſtran von den Mittheilungen des Herrn von Salazar in Betreff der Verſſhwoͤrungen gegen die per⸗ ſöͤnliche Sicherheit des Fuͤrſten augenblicklich benachrichtigte. Zur Erleichterung dieſer Mittheilungen erhielt der Baron von Rehauſen den Auftrag, Herrn von Salazar mit Geld öu verſehen, um ihn in den Stand zu ſetzen, nach Schweden zu gehen. Er kam zu Orebo wahrend des⸗ Reichstags vonn . So gehaͤſſig auch dieſes Betragen war, ſo ver⸗ aͤnderte es doch die Geſinnungen des Fuͤrſten gegen Napoleon nicht. Er betrachtete es als die Wirkung von Intriguen, welche die perſoͤnlichen Feinde beider, und die Feinde Frankreichs angeſtiftet hatten. Er ſah zudem nichts darin als einen Grad perſoͤnlicher Feindſeligkeit, der wie er glaubte, verſchwinden, und keinen Einfluß auf die politiſchen Beſchluͤſſe Schwe⸗ dens haben wuͤrde. Allein Napoleon, der blos ſei⸗ nem Haſſe Gehoͤr gab, und ihn nicht laͤnger zu uͤber⸗ fallen hoffte, weil er wußte, daß der Fuͤrſt, mit ſei⸗ nen Abſichten bekannt, jetzt auf ſeiner Hut ſeyn werde, wunſchte den Fuͤrſten in offene Feindſeligkeiten mit ihm zu verwickeln. Er ergriff die ſicherſte Methode zur Ausfuͤhrung dieſes Plans durch die Wegnahme Pommerns, weil er glaubte, dieſe ſchimpfliche Ver⸗ letzung der oͤffentlichen Treue werde den Fuͤrſten zwingen, den Schimpf zu raͤchen, der Schweden da⸗ durch angethan wurde, im Grunde aber gegen den Fuͤrſten perſoͤnlich gerichtet war. Um keinen Raum zum Zweifel in dieſer Sache zu laſſen, hatte der Kai⸗ ſer den Befehl gegeben, die Invaſion ſolle den 26. Ja⸗ nuar, am Geburtstage des Fuͤrſten, erfolgen; allein 1612 an, und wurde zu einigen Pribataudienzen zugelaſſen, in welchen er dem Fuͤrſten die Erklaͤrungen wiedecholte, die er fruͤher dem Baron von Rehauſen und dem Grafen von Engeſtyan gegeben hatte.— 112 dieſe ſo ſehr im Charakter Napoleons liegende verfei⸗ nerte Rache ging verloren; denn die e Invaſion konnte erſt den folgenden Tag, am 2 ten ſtatt finden*). Die Nachricht von dieſer Invaſion kam erſt den 11. Fe⸗ bruar nach Stockholm. Der Fuͤrſt ſchrieb dem Kai⸗ ſer alsbald folgenden Brief: „Die ſo eben eingegangenen Nachrichten belehren mich, daß eine Abtheilung der unter den Befehlen des Fuͤrſten von Eckmuͤhl ſtehenden Armee in das Gebiet des ſchwediſchen Pommerns in der Nacht zwi⸗ ſchen dem 26. und 27. Januar eingefallen iſt; daß dieſe Diviſion ihren Marſch fortgeſetzt hat, in die Hauptſtadt des Herzogthums eingezogen iſt, und Be⸗ ſitz von der Inſel Ruͤgen genommen hat. Der Koͤ⸗ nig erwartet, daß Ew. Maj. die Gruͤnde erklaͤren werden, die Sie bewogen haben, auf eine der Treue der beſtehenden Vertraͤge ſo ſchnurſtracks entgegen laufende Weiſe zu verfahren; meine fruͤhere Verbin⸗ dung mit Ew. Maj. berechtigt mich, Sie zu bitten, Ihre Beweggruͤnde ohne Zoͤgern zu erklaͤren, damit ich in den Stand geſetzt werde, dem Koͤnig meine Meinung in Beziehung auf die kuͤnftige Politik, die *) Es geſchah aus einem aͤhnlichen Grunde, daß der Fuͤrſ Schwedens Haͤfen den 15. Auguſt 1512, als am Geburtstage Napoleons, allen Nationen oͤffnete, und daß der Friede mit England zu gleicher Zeit unterzeichnet wurde. — faͤhig, von dem Volke tief empfunden, und doppelt ſo von mir, Sire, dem die Ehre geworden iſt, daſſelbe zu vertheidigen. Ich habe zu den Siegen Frankreichs beigetragen; wenn ich es immerdar geehrt und gluͤck⸗ lich zu ſehen wuͤnſchte, ſo konnte es mir nie in den Sinn kommen, die Intereſſen, die Ehre, und die na⸗ tionale Unabhaͤngigkeit des Landes, das mich adoptirt hat, aufzuopfern. Ew. Maj., die ſo gut zu entſchei⸗ den wiſſen, was in dem geſchehenen Falle Recht iſt, haben meinen Entſchluß bereits durchdrungen. Ob⸗ ſchon ich nicht eiferſuͤchtig auf den Ruhm und die Gewalt bin, von der Sie. umgeben ſind, Sire, ſo bin ich doch hoͤchſt empfindlich gegen die Unehre, als ein Vaſall betrachtet zu werden. Ew. Maj. herrſcht uͤber den groͤßeren Theil von Europa; allein Ihre Herrſchaft dehnt ſich nicht auf das Land aus, das ich zu regieren berufen worden bin. Mein Ehrgeiz beſchraͤnkt ſich auf die Vertheidigung deſſelben; was ich als das von der Vorſehung mir angewieſene Loos betrac Die Wirkung, welche die Invaſion, uͤber die ich mich beklage, auf das Volk hervorgebracht hat, kann unbereche bare Folgen haben, und obſchon ich kein Corſolanus bin, auch keine Volsker befehlige, ſo habe ich doch eine ſo gute Meinung von den Schweden, erſichern kann, Sire, ſie ſeyen nd zu unternehmen, um un⸗ 18 9 Schweden annehmen ſoll, zu ſagen. Dieſe wigkt uͤhr⸗ liche gegen Schweden begangene Gewaltthaͤtigkeit wird eben.“ verſchuddete Beleidigungen zu raͤchen, und Rechte zu bewahren, die wahrſcheinlich ſo theuer ſind, als ihr Als der Kaiſer dieſen Brief empfing, bemerkte man, daß er vor Wuth ſchaͤumte und ausrief:„Un⸗ terwirf Dich Deiner Abſetzung, oder ſtirb mit den Waffen in der Hand!“ Dieß war in der That die einzige Wechſelwahl, die er dem Fuͤrſten zu laſſen wuͤnſchte, da er wohl wußte, welchen Entſchluß ein Mann faſſen werde, den er ſelbſt nei inen franzoͤſi⸗ ſchen Kopf mit dem Herzen eines Roͤmers“ genannt hatte. 4 2 Es war von keinein Zuruͤcktreten die Rede. Der Fuͤrſt erklaͤrte dem König von England und dem Kai⸗ ſer vo von Rußland, daß er ſich im Kriegszuſtande mit Neunlesn befinde, und ſchrieb dem K⸗ der folgenden, aus Stockholm vom 7. Maͤrz 1612 da⸗ tirten Brief: „Die Occupation des ſchwediſchen Pommerns durch die franzoͤſiſchen Truppen, veranlaßt den Koͤnig, den Grafen von Loͤwenhjelm, ſeinen Adlutanten, an Ew. kaiſerl. Maj. abzuſchicken. Dieſer Offizier, der ſich des vollen Auträuans ſeines Souverains erfrent, hat den Auftrag, Ew. Maj. mit den Beweggruͤnden be⸗ kannt zu Mach n, die zum Vorwande einer den be⸗ iſer Aleran⸗ 115 ſtehenden: Vertraͤgen ſo ſchnurſtracks nuridelufenen Invaſion gedient haben.“ dem franzoͤſiſchen Reiche, und die Unterjochung des Innern von Deutſchland muß ſelbſt dem kurzſichtigſten Fuͤrſten gezeigt haben, daß die Geſetze der Nationen abgeſchafft ſind und einem Syſteme Platz gemacht haben, das, jede Art von Gleichgewicht zerſtoͤrend, eine Menge von Yoͤlkern unter die Herrſchaft eines einzigen Oberhaupts vereinigen moͤchte;— die zins⸗ baren Molarchen, erſchrocken uͤber dieſe beſtaͤndig wach⸗ ſende Herrſchaft, warten beſtuͤrzt auf die Entwicklung dieſes großen Planes.“ v „Mitten in dieſer allgemeinen Betruͤbniß ſind die Augen der Menſchen auf Eure Majeſtaͤt geheftet: ſie richten ſich ſchon mit Zutrauen und Hoffnung zu Ihnen empor; allein laſſen Sie mich Ew. Majeſtaͤt bemerken, daß, bei allen gluͤcklichen Erfolgen des Le⸗ bens, nichts der magiſchen Wirkung des erſten Augen⸗ blicks gleicht;— ſo lange ſein Einfluß dauert, haͤngt alles von der Perſon ab, die ſich zum Handeln ent⸗ ſchließt. Die von Erſtaunen ergriffenen Seelen ſind zum Nachdenken unfaͤhig; und Alles weicht der Macht des Zaubers, den ſie fuͤrchten, oder von dem ſie eingezogen werden.“ „Die allmaͤhlige Einverleibung der Küſten des mittellaͤndiſchen Meers, Hollands und der Oſtſee mit „ Moͤge es Ihnen gefallen, Sire, den Ausdruck meiner Dankbarkeit fuͤr die Geſinnungen, welche Ew. Maj. gegen mich an den Tag gelegt haben, guͤnſtig aufzunehmen. Wenn ich noch einen Wunſch habe, ſo berrifft er die Fortſetzung einer Gluͤckſeligkeit, der ich, in Folge des Werthes, den ich auf ſie lege, ſtets wuͤrdig ſeyn werde.“. 3 Es war damals nicht der Kaiſer von Rußland, der Schweden bewog, die Waffen gegen Napoleon zu ergreifen.— Er war es ſelbſt— und nur er allein— der den Fuͤrſten unwiderſtehlich zwang, ſich der Zahl ſeiner Feinde beizugeſellen. Indem der Furſt ſo handelte, that er bloß, was Napoleon wuͤnſchte; und der letztere wuͤnſchte es, weil ihm Schweden kei⸗ nen Anlaß zum offenen Angriffe deſſelben gegeben hatte, und er daher kein anderes Mittel ſah, die Herrſchaft uͤber das Schickſal des Fuͤrſten wieder zu erlangen, als das, ihn unter die Zahl ſeiner Feinde zu reihen, die er als bereits beſiegt betrachtete, ohne zu argwoͤhnen, daß er ſie endlich zwingen werde, ihn ſelbſt zu beſiegen. Inzwiſchen wuͤnſchte er den Fuͤrſten noch zu taͤu⸗ ſchen und machte ihm Vorſchlaͤhge. Der Fuͤrſt ant⸗ wortete durch folgenden Brief, deſſen Ueberbringer Herr Signeul war: 4 4 117 „Ihre Note iſt mir ſo eben zugekommen: und 3 ich kann mich nicht enthalten, mich in Betreff der⸗ ſelben gegen Ew. Käiſerl. Maſeſtaͤt mit aller der Freimuͤthigkeit, die meinem Charakter eigen iſt, aus⸗ zudruͤcken.“ Ar „Als die Wuͤnſche des ſchwediſchen Volks mich auf den ſchwediſchen Thron riefen, hoffte ich bei mei⸗ ner Abreiſe aus Frankreich im Stande zu ſeyn, meine perſoͤnlichen Zuneigungen mit den Intereſſen meines neuen Vaterlandes zu vereinigen. Mein Herz naͤhrte die Hoffnung, es werde ſich mit den Geſinnungen dieſes Volks verſchmelzen koͤnnen, ohne das Anden⸗ ken an ſeine erſten Neigungen zu verlieren, und ohne den Ruhm Frankreichs, ſo wie die aufrichtige Anhaͤnglichkeit an Eure Majeſtaͤt, eine Anhaͤnglichkeit, die auf eine Waffengeuoſſenſchaft gegruͤndet iſt, die ſo viele große Thaten ausgezeichnet haben, einen Augenblick aus den Augen zu laſſen.“ „Mit dieſer Hoffnung kam ich in Schweden an. — Ich fand eine Nation, die Frankreich allgemein, mehr noch aber ihrer Freiheit und ihren Geſetzen er⸗ geben war;— nach Ihrer Freundſchaft, Sire, ſtreb⸗ te, aber ſie nie auf Koſten ihrer Ehre und Unabhaͤn⸗ gigkeit zu erhalten wuͤnſchte.— Der Geſandte fand fuͤr gut, dieſes Nationalgefuͤhl zu mißachten, und verdarb alles durch ſeine Anmaßung:— Sein Ver⸗ kehr mit uns zeugte auf keine Art von jener Ach⸗ tung, die gekroͤnte Haͤupter einander ſchuldig ſind. 3 118 5 Waͤhrend er, nach den Eingebungen ſeiner eigenen eLeidenſchaften, die Abſichten Ew. Majeſtät erfuͤllte, ſprach Baron Apgnier wie ein roͤmiſcher Proconſul, ohne ſich zu erinnern, daß er es nicht mit Sklaven zu thun hatte.“ „Dieſer Geſandte war daher die erſte Urſache des Mißtrauens, das Schweden hinſichtlich der Abſichten Ew. Majeſtaͤt gegen daſſelbe an den Tag zu legen anfing; nachfolgende Ereigniſſe gaben dieſem Miß⸗ trauen ein neues Gewicht*).“ „Ich habe bereits, Sire, in meinen Briefen vom 19. November und 8. December 1810 die Ehre ge⸗ habt, Ew. Majeſtaͤt mit der Lage Schwedens, und ſeinem Wunſche, in Ew. Majeſtaͤt einen Beſchuͤtzer zu finden, bekannt zu machen. Es konnte das Still⸗ ſchweigen Ew. Majeſtaͤt bloß einer unverdienten Gleich⸗ guͤltigkeit zuſchreiben, und es wurde ſeine Pflicht, Vorkehrungen gegen den Sturm zu treffen, der auf dem Feſtlande auszubrechen drohte. Sire, die Menſchheit hat nur zuviel ſchon gelitten. Seit zwan⸗ zig Jahren wird die Erde mit Menſchenblut uͤber⸗ ſchwemmt: und dieten Leiden ein Ziel ſetzen, iſt das Einzige, was dem Ruhme Ew. Majeſtaͤt noch mangelt.“— „Wenn Ew. Majeſtaͤt wuͤnſcht, daß der Koͤnig Sr. Majeſtaͤt dem Kaiſer Alexander die Moͤglichkeit *) Die Invaſion Pommerns. — eines Vergleichs andeute, ſo glaube ich Ihnen, in — — 119 Betracht der Großmuth dieſes Monarchen, die Ver⸗ ſicherung geben zu koͤnnen, daß er Eroͤffnungen, die ſowohl fuͤr Ihr Reich als fuͤr den Norden billig ſind, ein williges Ohr leihen wird. Wenn ein ſo uner⸗ wartetes und ſo allgemein gewuͤnſchtes Ereigniß ſtatt 8 haben koͤnnte, mit welchen Segnungen wuͤrden die Voͤlker des Feſtlands Ew. Magjeſtaͤt uͤberhaͤuſen? Dann wuͤrde die Dankbarkeit ſich nach Maßgabe des Schreckeus vergroͤßern, den ſie jetzt vor der Ruͤckkehr einer Plage fuͤhlen, die ſie ſchon ſo hart heimgeſucht hat, und deren Verwuͤſtungen ſo grauſame Spuren zuruͤck gelaſſen haben.“ „Sire, einer der gluͤcklichſten Angenblicke, die ich ſeit meiner Entfernung aus Frankreich erlebt habe, war der, in welchem ich verſichert wurde, daß Ew. Majeſtaͤt mich nicht ganz vergeſſen haben. Sie ha⸗ ben hinſichtlich meiner Gefuͤhle richtig geurtheilt. Sie haben eingeſehen, wie ſehr ſie durch die pein⸗ liche Ausſicht haben verwundet werden muͤſſen, ent⸗ weder die Intereſſen Schwedens auf dem Punkte zu ſehen, von den Intereſſen Frankreichs getrennt zu werden, oder genoͤthigt zu ſeyn, die Intereſſen eines Landes aufzuopfern, von dem ich mit ſo graͤnzenloſem Zutrauen adoptirt worden bin.“ „Stre, obſchon ein Schwede, aus Ehre, Pfli cht und Religion haͤngt mein ſehnſuͤchtiges Herz doch noch an jenem ſchönen Frankreich, in welchem ich geboren 120 Treue gedient habe. Jeder Schritt, den ich Schweden thue, und die Huldigungen, die ich em⸗ pfange, erwecken in meiner Seele jene glaͤnzenden dengerungen des Ruhmes wieder, welche das Meiſte zu meiner Erhebung beigetragen haben; auch verhehle ich mir nicht, daß Schweden, durch meine Erwaͤhlung dem franzoͤſiſchen Volke einen Tribut ſeiner Achtung darbrinzen wolkte.“ Napoleon tadelt Jedermann wegen ſeiner Unfaͤlle. Wenn er Niemand mehr zu tadeln hat, klagt er ſein Schickſal an. Blein bloß ſich ſelbſt ſollte er ta⸗ deln; und dieß um ſo eher, weil ſelbſt der Abfall ſeiner Verbuͤndeten von ihm, der ſeinen Fall beſchleu⸗ igte, aus nichts Anderem ent ſprmmaen ſeyn konnte, als aus den tiefen A Stolz und feine un 3 hatten. Er war ſelbſt der Urh und zwar weil er diejenigen beſchimpfte, die zu ſeiner Erbebung beigetragen hatten. Seine eigenen Haͤnde vollfuͤhrten ſeinen Sturz. Er war, nach der vollen Bedeutung dieſes Works, ein politiſcher Selbſtmoͤrder, und nun ſo viel mehr ſchuldig, als er nicht bloß uͤber ſich ſelbſt, ſondern zu gleicher Zeit auch uͤber Frankreich verfuͤgte. despotiſcher gen geſchlagen worden bin, und dem ich von Kinzheit auf mit ſnſſſſ ſffſſinſiſimnſififſſſſſſffſſſffſfcnfiſinſnſnſ 3 9 12 13 14 15 16 17 18 19