o,.“ Walter Scott' 6 ſaͤmmtliche Rer e. 1 Neu aͤberſetzt. Sechsundſechzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Zwei und dreißigſter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2.8. Leben von Napoleon b Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Zwei und dreißigſter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 182 8. 1 Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapite Plane zu Navoleons Flucht.— Plan Johnſtone's, eines küh⸗ nen Schmugglers, ſich St. Helena in einem unter der See ge⸗ henden Schiffe zu nähern, und den Gefangenen an Bord zu nehmen, wird durch die Beſchlagnahme des Schiffes vereitelt. — Der verwirrte Juſtand Italiens und andere Urſachen ma⸗ chen eine neue Sorgfalt in der Bewachung Napoleons nöthig. — Seine Krankheit nimmt zu.— Brief, welcher den Antheil Sr. Majeſtät an der Krankheit Napoleons ausdrückt.— Ein⸗ willigung des Letztern, die Beſuche des Dr. Arnott anzuneh⸗ men.— Napoleon macht ſein Teſtament, und giebt andere Anordnungen, die mit ſeinem Abſterben in Berbindung ſtehen. — Er empfängt die letzte Oelung— Sein Tod, den 5. Mai 3 1821.— Zergliederung ſeines Leichnams.— Sein Leichenbe⸗ gräbniß.— Anhang. ¹ An Planen zu Napoleons Entkommen fehlte es nicht. Ein Obriſt Latapie, der ſich als Parteigaͤn⸗ ger auszeichnete, ſoll an der Spitze eines Verſuchs, Napoleon aus St. Helena zu entfuͤhren, der von ei⸗ ner Bande amerikaniſcher Wagehaͤlſe gemacht wer⸗ den ſollte, geſtanden haben. Allein Napoleon ſagte, ter kenne den Karakter ſolcher Abenteurer zu gut, als daß er einige Hoffnung auf ſie ſetzen koͤnnte⸗ 1. * Die Reglerung ward noch von andern Verſuchen in Kenntniß geſetzt, die von Amerika aus gemacht wer⸗ den ſollten; allein keiner von ihnen ſcheint bis zu einer bedenklichen Reiſe gediehen zu ſeyn. Anders war es mit der Unternehmung Johnſto⸗ ne's, eines Schmugglers von einem ungewoͤhnlich entſchloſſenen Karakter, deſſen Leben ein Gewebe verzweifelter Wageſtuͤcke geweſen war. Er war auf eine merkwuͤrdige Art aus Newgate entflohen und hatte nachher Lord Nelſons Schiff zu dem Angriff von Kopenhagen geſteuert, nachdem die gewoͤhnli⸗ chen Piloten der Flotte das Geſchaͤft abgelehnt hat⸗ ten. Johnſtone ſoll auch einen kuͤhnen Verſuch er⸗ dacht gehabt haben, Napoleon bei einer fruͤhern Ge⸗ legenheit, als er ſich der See anvertraute, um Vließingen zu beſuchen, zu entfuͤhren*). Und das *) So lautet wenigſtens das Gerücht. Der Verſuch ſollte von Johnſtone und ſeinen verzweifelten Geſellen in einem Boote gemacht werden, das ſie durch die Schelde gegen Vließin⸗ gen gerade in dem Augenblicke, in welchem Napoleon dort⸗ — hin fuhr, rudern wollten. Sie wollten die kaiſerliche Barke angreifen, Jedermann, ausgenommen Napoleon, in die See werfen, ihn in ihren eigenen, leichten Ruderkahn bringen und ſodann daron eilen, um ihn dem brittiſchen Geſchwader, das damals auf der Höbe der Inſel kreuzte, zu übergeben. Man züat hinzu, daß Napoleon, in Beſtür⸗ zung geſetzt; als er ein Voot ſehr ſchnell auf ſich zurudern ſah, ſeiner Schiffsmannſchaft befahl, Piatz zu machen, wie man es nennt; ſo daß der Schmuggler, ſtatt quer über auf die Barke anzulauſen, das Schiff umdrehte und die Gele; 7 unternehmen, in das er ſich jetzt einließ, um Na⸗ poleon von St. Helena zu befreien, war ſicherlich ein ſehr ſonderbares. Ein unter der See gehendes Fahrzeug, d. h. ein Schiff, das eine Zeit lang un⸗ ter das Waſſer verſenkt und durch die Loswickelung gewiſſer Gewichte nach Belieben wieder in die Hoͤhe gebracht werden kann, ſollte das Mittel zur Aus⸗ uͤhrung dieſer Unternehmung ſeyn. Man glaubte, dis Schiff werde, wenn man es den Tag uͤber un⸗ ter Waſſer halte, der Bemerkung der brittiſchen Kreuzer entgehen, und ſich, wenn es bei Nacht wie⸗ der in die Hoͤhe gebracht werde, dem bewachten Felſen naͤhern koͤnnen, ohne entdeckt zu werden. Man fieng wirklich an, das Schiff auf einer der Werſten ker Themſe zu erbauen; allein die britti⸗ ſche Regiemug nahm es weg, weil die Eigenthuͤm⸗ lichkeit ſeinis Baues ihren Verdacht erregt hatte. Dieſe und andere, die wir nennen koͤnnten, waren ſehr gefaͤhrliche und gewagte Unternehmun⸗ gen; allein doch darauf berechnet, die Wachſamkeit rege zu erhalten; denn in jedem Falle, in welchem große natuͤrliche Schwierigkeiten durch ſolche Un⸗ ternehmungen uͤberwunden worden ſind, geſchah dieß, weil man zu ſehr auf dieſe Schwierigkeiten vertraute. Allein waͤhrend ſolche unſichere Mittel zur Flucht in Vorſchlag gebracht wurden, entſchwand genheit verloren gleng. Wir haben jedoch dieſe Geſchichte nirgends ſicher verbürgt gefunden. das Ungefaͤhr, von welchem Napoleon im Geheimen ſeine Befreiung von ſeiner gegenwaͤrtigen Lage hoff⸗ te, ſeinen Augen. Seine Lage kam in dem Unterhauſe, allein bloß gelegenheitlich, den 12. Julius 1819 zur Sprache. Herr C. H. Hutchinſon gab bei Gelegenheit einer ſinanziellen Eroͤrterung die jaͤhrliche Ausgabe der Gefangenthaltung Napoleons auf St. Helena auf eine halbe Million Pfund Sterling an, die er fuͤr eine unnuͤtze Verſchwendung des oͤffentlichen Schazes erklaͤrte. Bei dieſer Angabe wurde er von Nie⸗ mand, als von Herrn Joſeph Hume unterſtuͤtzt Der Kanzler der Schatzkammer antwortete ihm, and be⸗ wies, daß die Ausgabe den fuͤnften Thei der an⸗ gefuͤhrten Summe nicht uͤberſteige. Die ungeſehen⸗ ſten Mitglieder der Oppoſitionspartei ſcienen kei⸗ nen Antheil an der Frage zu nehmen; und man glaubte auf St. Helenn, daß die Vernichtung der Hoff⸗ nungen, welche Napoleon auf ihre ſtarke und uͤberwaͤl⸗ tigende Einmiſchung zu ſeinen Gunßen gebaut hatte, zuerſt zu ſeiner geiſtigen Niedergeſchlagenheit und gaͤnzlichen Hoffnungsloſigkeit fuͤhrte. Die Zeitumſtaͤnde hatten ſich in der That ſo geſtaltet, daß ſie jeden fuͤr ſeine Gefangenhaltung vorhandenen Grund verſtaͤrken mußten. Der Zu⸗ ſtand Englands, welcher von der Unzufriedenheit und den Leiden der Manufakturdiſtrikte herruͤhr⸗ te,— und mehr noch der Zuſtand Italiens, das 9 an den Zukungen der fluͤchtigen Revolutionen Nea⸗ pels und Savoyens litt,— machte die ſichere Be⸗ wachung Napoleons zu einer Sache von groͤßerer Wichtigkeit, als ſie ſeit ſeinem Falle je geweſen war. Was die Wirkung ſeines Namens in dieſem Augenblicke allgemeiner Aufregung erzeuagt haben wurde, laͤßt ſich nicht beſtimmen; all in die Folgen ſeiner Flucht haͤtten hoͤchſt furchtbar ſeyn muͤſſen. Das brittiſche Miniſterlum der Macht kundig, die ein ſolcher Geiſt im Wirrwarr der Elemente auszuuͤben vermag, ſchaͤrfte dem Gouverneur von St. Helena eine erhoͤhte Wachſamkeit ein. „Der Sturz der neapolitaniſchen Reglerung, der revolutionaͤre Geiſt, der mehr oder minder in ganz Italien herrſcht, und der zweifelhafte Zuſtand Frankreichs ſelbſt, muͤſſen ſeine Aufmerkſamkeit er⸗ regen und klar zeigen, daß ſich eine Kriſis in wel⸗ cher ſeine Flucht wichtige Folgen erzeugen wuͤrde, mit ſtarken Schritten naͤhert, wenn ſie anders noch nicht gekommen iſt. Daß ſeine Anhaͤnger thaͤtig ſind, kann nicht bezweifelt werden; und wenn er je geſonnen iſt, den Verſuch zu wagen, ſo wird er eine ſolche Gelegenheit nicht entfliehen laſſen. Sie werden daher ſeine Handlungen mit der groͤßten Aufmerkſamkeit beobachten, und den Admiral auf⸗ fordern, ſeiner ganzen Wachſamkeit aufzubleten, da von der Seemacht ſo viel abhaͤngen muß.“*) -) Depeſche an Sir Hudſon Lowe 3oſten September 1820. 10 Der Schrecken war natuͤrlich; allein es war kein wirklicher Grund zu Beſorgniſſen vorhanden. Die Politik und der Krieg ſollten den maͤchtigen Einfluß Napoleon Buonaparte's nie mehr fuͤhlen. Seine entſchwunden en Hoffnungen beſchleunigten die Fort⸗ ſchritte der grauſamen Krankheit, die ihre Quelle in dem Magen hatte, ſo daß ſie fein ganzes Weſen angriff und die Staͤrke der Kouſtitution untergrub. Der Tod ſollte nun endlich die verdruͤßlichen und entwuͤrdigenden Zwiſte beenden, durch die er ſo viele Pein verurſachte und litt, und die Thore eines Ker⸗ kers oͤffnen, fuͤr welchen die Hoffnung ſelbſt kaum einen andern Schluͤſſel darbieten konnte. Die An⸗ zeichen von zerruͤtteter Organiſation in den Verdau⸗ ungswerkzeugen wurden taͤglich augenſcheinlicher, u d feine Weigerung, Arznei zu nehmen, blieb ſo hartnaͤckig, als je, gleich als ob ſie das Reſultat einer inſtinktmaͤßigen Ueberzeugung geweſen waͤre, daß die Huͤlfe der Kunſt nichts vermoͤge. Bei ei⸗ nem der vielen Wortwechſel, die er in dieſer Hin⸗ ſicht fuͤhrte, beantwortete er Antomarchi's Schluͤſſe alſo:—„Doktor, keine Arznei! Wir ſind, wie ich Ihnen bereits geſagt habe, eine Maſchine, die zum Leben geſchaffen worden iſt. Wir ſind dazu organi⸗ ſirt, und ſo iſt unſere Natur. Handeln Sie dem Lebensprinzipe nicht zuwider. Laſſen Sie es allein, — laſſen Sie ihm die Freiheit, ſich ſelbſt zu ver⸗ theidigen— es wird beſſer wirken, als Ihre Arô⸗ 11 neiwaaren. Unſer Koͤrper iſt eine Uhr, die dazu beſtimmt iſt, eine Zeitlang zu gehen. Der Uhrma⸗ cher kann ſie nicht oͤffnen: und muß, bei ihrer Be⸗ handlung im Finſtern und auf Gerathewohl umher⸗ tappen. Denn wenn er ihr einmal dadurch hilft, daß er mit ſeinen krummen Werkzeugen foltert, ſo beſchaͤdigt er ſie zehnmal und vernichtet ſ andlih. Dieß war am 14. Oktober 1820. Daß die geiſtige Niedergeſchlagenheit des Er⸗ kalſers in dem Maße zunahm, in welchem der Zu⸗ ſtand ſeiner Geſundheit ſich verſchlimmerte, kann nicht auffallen. In Ermanglung anderer Zeitver⸗ treibe, hatte er ſich einigermaßen fuͤr die Errichtung eines Springbrunnens und Teiches, in dem Garten von Longwood, der mit kleinen Fiſchen angefuͤllt wurde, intereſſirt. Eine Miſchung von Kupferwaſ⸗ ſer bei dem Kitte, der bei der Erbauung des Be⸗ ckens gebraucht worden war, hatte das Waſſer ver⸗ dorben. Die kleinen Geſchoͤpfe, welche Napoleon's Aufmerkſamkeit in einem bedeutenden Grade be⸗ ſchaͤftigt hatten, fiengen an, zu erkranken und zu ſterben. Dieſer Umſtand betruͤbte ihn tief, und er druͤckte in einer Sprache, die eine ſtarke Aehnlich⸗ keit mit Moore's ſchoönen Verſen hat, ſeine Em⸗ pfindlichkeit uͤber das unheilvolle Verhaͤngniß aus, das ihn zu verfolgen ſchien.„Alles, was ich liebe — alles, was mir gehoͤrt“ rief er aus,„wird als⸗ bald dahingerafft. Der Himmel und die Menſchen 1 8 4 12 vereinigen; ſich, um mich zu betruͤben.“¹*) Zu an⸗ dern Zeiten beklagte er die Abnahme ſeiner Energie. Das Bett, ſagte er, ſey jetzt ein Ort der Ueppig⸗ — keit, den er nicht gegen alle Throne der Welt aus⸗ tauſchen moͤchte. Die Augen, welche ſruͤher ſo wach⸗ ſam waren konnten jetzt kaum geoͤffnet werden. Er erinnerte ſich, daß er vier oder fuͤnf Sekretaͤren zu gleicher Zeit zu dittiren pflegte.„Allein damals,“ ſagte er,„war ich Napoleon— jetzt bin ich nichts mehr— meine Kraft, meine Faͤhigkeiten verlaſſen mich— ich lebe nicht mehr, ich exiſtire nur noch.“ Oft blieb er mehrere Stunden lang ſchweigend und kill, waͤhrend welcher Zeit er, wie man vermuthen kann, große Pein litt, und in einen tiefen Truͤbſinn verſenkt war. um die Zeit des 22ſten Januar 1821 ſchien Na⸗ poleon ſeine fruͤhere Energie einigermaßen wieder“ zu erlangen und ſeine Krankheit durch koͤrperliche Bewegungen beſiegen zu wollen. Er beſtieg ſein Roß und gallopirte, zum letztenmale fuͤnf oder ſechs Stun⸗ den in der Naͤhe von Longwvod umber; allein dieſe Anſtrengung uberwaͤltigte die Natur. Er klagte da⸗ ruͤber, daß ſeine Kraft raſch von ihm ſchwinde. Der Gouverneur von St. Helena hatte bereits *)„Twas ever thus— ſrom childhood's hour P've seen my fondest hopes decay I never loved a tree or Hower But was the frrst to fade away. 13 Berichte von der Abnahme der Geſundheit Napoleons. nach Britan ien geſchickt, ohne jedoch veſtimmen zu oͤnnen, in wie weit ſie wirklich, oder nur ſcheinbar war Der Kranke wollte weder den Beſuch eines eugliſchen Arztes annehmen, noch die Communikatlon des Dr. Antomarchi mit Sir Hudſon Lowe zugeben: Der Gouverneur war gendthigt, ſeine Nachrichten uͤber die abnehmende Geſundheit des Kranken fuͤr Geruͤchte auszugeben, von deren Wahrheit oder Un⸗ wahrheit er ſich keine uͤberzeugenden Beweiſe ver⸗ ſchaffen konnte. Das edle Gefuͤhl der erlauchten Per⸗ ſon, die an der Spitze der brittiſchen Reg erung ſteht, nahm natuͤrlich tiefen Antheil an dem Schickſale des Gefangenen, und bewog ſie, durch alle in ſeiner Macht ſtehenden Mittel, und beſonders durch Aus⸗ drucke ihres eigenen Mitgefuͤhls, Napoleon die Hoff⸗ nung und den Troſt zu gewaͤhren, den er, in Be⸗ tracht der Nothwendigkeit ſeiner fortgeſetzten Gefan⸗ genſchaft, empfangen konnte. Folgende, vom 15ten Fe⸗ bruar 1821 datirte Depeſche ſchickte Lord Bathurſt uͤber dieſen anziehenden Gegenſtand Sir Hudſon Lowe zu: „Ich weiß, wie ſchwierig es iſt, dem General irgend eine Mittheilung zu machen, die keinen An⸗ laß zu Mißrerſtaͤndniſſen gaͤbe; und doch kann es ihm, wenn er ſich wirklich uͤbel befindet, einigen Troſt gewaͤhren, wenn er erfaͤhrt, daß die wiederhol⸗ ten Berichte, die ſeit einiger Zeit uͤber die Abnahme ſeinet Geſundheit eingehen, nicht mit Gleichgultig⸗ t keit aufgenommen worden ſind. Sie werden daher dem General Buonaparte den großen Antheil, den Seine Mazeſtät an den neulichen Berichten uͤber ſeine Unvaͤßlichkeit genommen hat, und die aͤngſtliche Sorgfalt Sr. Majeſtaͤt ihm jede Erleichterung zu veerſchaffen, deren ſeine Lage faͤhig iſt, kund thun. Sie werden den General Buonaparte verſichern, daß 1 es keine aus vermehrter aͤrztlicher Huͤlfe entſprin⸗ gende Erleichterung und. keine mit der ſichern Be⸗ wachung ſeiner Perſon zu St. Helena(und Se. Maj. kann gegenwaͤrtig ihm keine Hoffnung machen, daß er von der Inſel entfernt werden wird) vertraͤgliche Anordnung giebt, die Se. Majeſtaͤt zu bewilligen nicht Wunſch und Willen haͤtte. Sie werden ihm nicht blos das ihm bereits gemachte Anerbieten wie⸗ derholen, ihm den weltern aͤrztlichen Beiſtand zu verſchaßfen, den die Inſel gewaͤhren kann, ſondern Sie werden es ihm auch freiſtellen, ſich einen von den Aerzten zu waͤhlen, die ſich auf dem Kap der guten Hoffnung befinden, wo wenigſtens einer von Auszeichnung in ſeinem Fache iſt; und falls der Ge⸗ neral irgend einen Wunſch nach einem ſolchen aͤrzt⸗ lichen Beiſtande zu erkennen geben ſollte, werden Ste ſich als befugt betrachten, eine Mittheilung nach dem Kap zu machen, und diejenigen andern Maß⸗ regeln zu ergreifen, die noͤthig ſeyn moͤgen, um die numittelbare Gegenwart der Perſon zu ſichern, die der General nennen kann.“ ———᷑—ÿ—ÿ;-F=——— 15 G Nappoleon hatte das Vergnuͤgen nicht, den An⸗ theil zu erfahren, den Se. Maj. an ſeiner Krank⸗ heit nahm, was ihm wahrſcheinlich einigen Troſt ge⸗ waͤhrt haben wuͤrde. Der Inhalt des Briefes haͤtte ihn vielleicht veranlaßt, zu bedenken, daß ſeine eige⸗ ne hartnaͤckige Streitſucht, den Behoͤrden gegenuber, unter deren Aufſicht er geſtellt war, in ſo fern nach⸗ theilig geweſen war, als ſie zu Zwelſeln in Betreff der Wirklichkeit der Kruukheit, der er erlag, Anlaß gegeben hatte; und deßwegen dem Mitleide, das man ſonſt fuͤr eine ſo bemitleidenswuͤrdige Lage ge⸗ fuͤhlt, ſo wie vielleicht der Erleichterung, die man ihr haͤtte angedeihen laſſen, großen Abbruch that. Gegen das Ende des Februars nahm die Krank⸗ heit einen noch furchtbarern Karakter an, und Dr. Antomarchi wuͤnſchte mit irgend einem der engliſchen Aerzte eine Berathung zu halten. Die Abneigung des Kaiſers gegen ihren Beiſtand war durch ein aut⸗ gemeintes Anerbieten des Gouverneurs erhoͤht wor⸗ den, der ihm kund gethan hatte, daß ein ausgezeich⸗ neter Arzt auf der Inſel angekommen ſey und der General Buonaparte uͤber ſeine Dienſte gebieten koͤnne.*) Dieſer Vorſchlag war, gleich jedem andern Anerbieten von Seite des Gouverneurs,aals eine ab⸗ *) Dr. Shortt, Arzt der Landtrupoen, der um dieſe Zeit an die Stelle des Dr. Barter als erſter Arzt zu St. Helena trat, und dem wir manche ſchätzbare Nachrichten verdanken. .„.. ſichtliche moͤchte Europa gern durch falſche Buͤlletins taͤuſchen,“ ſagte Napoleon,„ich werde keinen ſehen, der mit eine Verbindung unterhaͤlt.“ Daß Napoleon n andern Arzt, als den ſeinigen ſehen wollte, war ſicherlich eine Wahl, die ihm uͤberlaſſen blelben mußte, was auch wirklich geſchah. Allein, indem poleon auf dieſe Art ſich hartnaͤckig weigerte, ir⸗ end einen unparteltſchen Arzt zu ſehen, deſſen Be⸗ richt in Betreff des Zuſtandes ſeiner Geſundheit entſcheidend geweſen waͤre, verſtaͤrkte er unſtreitig den Glauben, das ſeine Krankheit nicht ſo verzwei⸗ ſelt waͤre, als es ſich nachher erwies. Endlich gah der Exkaiſer ſeine Einwilligung da⸗ zu, daß ſich Dr. Antomarchi mit Dr. Arnott, Wund⸗ arzt des 2oſten Regiments, berieth. Allein die ver⸗ einigte Meinung dieſer Aerzte konnte die Abneigung Napoleons gegen die Arznei nicht beſiegen, oder ſei⸗ nen Glauben an die finſtern Lehren des Fatalismus erſchuͤttern.„Quod scriptum seriptum, erwiederte er in der Sprache eines Moslems; Alles, was ge⸗ ſchehen ſoll, ſteht geſchrieben. Unſere Stunde iſt bezeichnet, und es liegt nicht in unſerer Macht, ei⸗ nen Augenblick unſeres Lebens weiter in Anſpruch zu nehmen, als das Schickſal zum Voraus fuͤr uns beſtimmt hat.“. Dr. Antomarcht brachte es endlich dahin, daß digung aufgenommen worden.„Er Dr. Arnott in das Gemach und die Gegenwart des Patie n⸗ 17 Patienten zugelaſſen wurde, der hauptſaͤchlich uͤber ſeinen Magen, uͤber Neigung zum Erbrechen und die Mangelhaftigkeit ſeiner Verdauungswerkzeuge— klagte. Er ſah ihn den 1ſten April 1821 das erſte⸗ mal und ſetzte ſeine Beſuche regelmaͤßig fort. Na⸗ poleon aͤußerte feine Meinung, daß ſeine Leber an⸗ gegriffen ſey, Dr. Arnott wurde durch ſeine Beob⸗ achtung auf die Meinung gefuͤhrt, daß obſchon die Thaͤtigkeit der Leber unvollkommen ſeyn moͤchte, doch der Sitz der Krankheit anderswo zu ſuchen waͤre. Und hier muß bemerkt werden, daß, als Antomarcht gweifel uͤber den Zuſtand ſeines Magens aͤußerte, Napoleon dieſe mit Heftigkeit bekaͤmpfte, obſchon er im Geheimen den Glauben naͤhrte, daß er an der Krankheit ſeines Vaters litt. So theilte er mit einer grillenhaften Inkonſequenz, die einem Kran⸗ kenbette natuͤrlich genug iſt, einigen ſeines Gefolges ſeine wahre Meinung uͤber ſeine Krankheit mit, druͤckte aber zugleich, vielleicht aus Furcht, es moͤchte irgend eine Heilart vorgeſchlagen werden, den Wunſch aus, ſein Wundarzt moͤchte nichts von ſeinem Arg⸗ wohne erfahren.*) Vom 15ten bis 25ſten April war Napoleon von Zelt zu Zeit mit der Abfaſſung ſeines Teſtaments beſchaͤftigt, von der wir einige Worte, als ſeinen *) Madame Bertrand ſagte dem Dr. Shortt, Napoleon gliube⸗ er müße am Magenkrebs ſterben, was ſie als eine bloße Grille hetrachtete. W. Scott's Wer ke. LXVI. 2 18 fyaͤrer zu ſagen Gelegenheit haben werden. An dem zuletzt erwaͤhnten Tage war er durch Schreiben ſehr ermuͤdet, und zeigte Symptome einer uͤbermaͤßigen Au legung. Unter ſte kann man auch mit Sicher⸗ veeiit einen, die Ausſoͤhnung aller religiöſen Zwiſte in Frankreich bezweckenden Plan rechnen, den er, wie er ſagte, auszufuͤhren beſchloſſen hatte. In dem Grade, in welchem die Kraft des Pa⸗ ienten abnahm, wurden die Anzeichen ſeiner Krank⸗ helt minder zweideutig, bis den 27. April der Aus⸗ 5 wurf eines ſchwarzfarbigen Fluidums eine weitere Einſicht in die Natur der Krankheit verſchaffte. Dr. Auromarchi beharrte darauf, ſie dem Klima beizule⸗ gen, was dem Wunſche des Patienten ſchmeichelte, der ſeinen Tod ſeiner Gefangenſchaft zu St. Helena zuzuſchreiben wuͤnſchte; wogegen Dr. Arnott den Glau⸗ ben ausſprach, daß die Krankheit dieſelbe ſey, welche ſeinen Vater in der reinen Luft von Montpellier da⸗ G bingerafft habe. Dr. Antomarchi brachte, wie es dem Berichterſtatter eines Streites gewoͤhnlich be⸗ gegnet, ſeinen Gegner in dem ſtreitigen Punkte zum Schweigen, obſchon Dr. Arnott um dieſe Zeit fuͤr ſeine Behauptung die Beſtaͤtigung des Patienten er⸗ halten hatte. Den 238. April ertheilte Napoleon dem Dr. Antomarcht die Weiſung, daß nach ſeinem Tode ſein Leichnam geoͤffnet werden ſolle, daß aber kein engliſcher Arzt ihn beruͤhren duͤrfe, außer wenn 5 beſondern Karakter und ſeine Denkart beleuchtend, 19 weiterer Beiſtand unumgaͤnglich nothwendig ſey, in welchem Falle er dem Dr. Antomarchi die Eviaubniß gab, den Dr. Arnott herbeizurufen. Er verlangte, ſein Herz ſolle nach Parma zu Marie Louiſe geſchickt werden; auch bat er dringend, ſeinen Magen beſon⸗ ders genau zu unterſuchen und den Bericht ſeinem Sohne zu uͤberſchicken.„Das ununterbrochene Er⸗ brechen,“ ſagte er,„bringt mich auf die Vermuthung, daß der Magen von allen meinen Organen das krank⸗ hafteſte iſt; und ich bin zu glauben geneigt, daß er von derſelben Krankheit angegriffen iſt, die meinen Vater toͤdtete,— ich meine eine Verhaͤrtung in dem untern Magenmunde.“ Den zweiten Maͤrz kam der Kranke auf denſelben auziehenden Gegen⸗ ſtand zuruͤck und erinnerte den Doktor Antvmarchi an ſeinen aͤngſtlichen Wunſch, der Magen moͤchte ſorgfaͤltig unterſucht werden.„Die Aerzte von Montpellier hatten erklaͤrt, die Verhaͤrtung in dem untern Magenmunde wuͤrde in meiner Familie erb⸗ lich ſeyn. Ihr Bericht befindet ſich, glaube ich, in Ludwigs Haͤnden. Verlangen Sie ihn, und verglei⸗ chen Sie ihn mit Ihren eigenen Beobachtungen, damit ich meinem Sohne die Leiden erſpare, die ich jetzt erdulde. Am dritten Mai ſh man, daß ſich Napoleons Leben offenbar ſeinem Ende aaͤherte, und ſeine Ve⸗ gleiter, beſonders aber ſein Arzt, wuͤnſchten weite⸗ re aͤrztliche Huͤlfe herbeizurufen. Die des Dr. 2.. die ſich ſo wichtigen und doch ſo raͤthſelhaften Krank⸗ heitsfall zu geben, wofern ihn nicht erlaubt wuͤrde, 20 Shortt, Arztes der Landtruppen, und des Dr. Mit⸗ 2ll, Wundarztes des Flaggenſchiffs, wurden in An⸗ ch genommen. Dr. Shortt fand jedoch fuͤr gut, Wurde ſeines Berufes zu behaupten, und wei⸗ ſich, eine Meinung üͤber einen an und fuͤr een Kranken zu ſehen und zu unterſuchen. Die Offiziere von Napoleons Haushalt entſchuldigten ſich mit der Erklaͤrung, der Kaiſer habe ihnen den ge⸗ meſſenſten Befehl gegeben, keinem enaliſchen Arzte 3 zu erlauben, ſich ſeinem Sterbebette zu naͤhern, Dr. Arnott ausgenommen. Sie ſagten, ſie wuͤrden, wenn er auch den Gebrauch der Sprache verloren haͤtte, den Blick ſeines Auges nicht ertragen koͤn⸗ nen, wenn er es auf ſie wuͤrfe, um ſie fuͤr ihren Ungehorſam zu beſtrafen. Um zwei Uhr deſſelben Tages empfieng ee durch den Prieſter Vignali die letzte Oelung. Einige Ta⸗ ge zuvor hatte Napoleon ihm die Art erklaͤrt, auf welche er ſeinen Leichnam in einem mit Fackeln er⸗ leuchteten Zimmer, oder wie die Katholiken ſich ausdruͤcken, in einer chambre ardente zur Schau ausgeſtellt wiſſen wollte.„Ich bin,“ ſagte er in der⸗ ſelben Phraſe, die wir fruͤher angefuͤhrts haben, „weder ein Philoſoph, noch ein Arzt. Ich glaube an Gott und verehre die Rellgion meines Vaters. Es kann nicht Jedermann ein Atheiſt ſeyn. Ich 21 4 wurde als Katholik geboren und will die Pflichten der katholiſchen Kirche erfuͤllen und den Beiſtand annehmen, den ſie uns darreicht.“ Er wandte ſich hierauf an den Dr. Antomarchie, den er im Ver⸗ dachte der Heterodorke, die der Doktor jedoch ab⸗ laͤugnete, gehabt zu haben ſchien.„Wie koͤnnen Sie es ſo weit treiben?“ ſagte er.„Koͤnnen Sie nicht an Gott glauben, deſſen Daſeyn Alles verkuͤn⸗ det und an welchen die groͤßten Geiſter geglaubt haben?“. um gleichſam eine Schlußaͤhnlichkeit zwiſchen Cromwell und Napoleon zu erzeugen, erhob ſich den 4. Mai, der dem Tage vorangieng, welcher das irdiſche Daſeyn dieſes außerordentlichen Mannes ſchließen ſollte, ein furchtbarer Sturm. Ein Wei⸗ denbaum, der des Verbannten Liebling geweſen war und unter dem er ſich oft der kuͤhlen Luft erfreut hatte, wurde von dem Orkane entwurzelt, und faſt alle Baͤume um Longwood her theilten daſſelbe Schickſal. Den 5. Mai kam Wind und Regen. Napoleons entfliehender Geiſt kaͤmpfte mit wahnſinniger An⸗ ſtrengung einen eben ſo furchtbaren Kampf, als die Elemente um ihn her. Die Worte:„téte d'ar- mee“, die letzten, welche ſeinen Lippen entſchluͤpf⸗ ten, bewieſern, daß ſeine Gedanken den Gang eines hitzigen Gefechtes bewachten. Ungefaͤhr eilf Minu⸗ ten vor ſechs Uhr Abends verſchied Napoleon nach 22 einem ampfe, der von der urſpruͤnglichen Staͤrke ondtäuion zeugte. e Offiziere von Napoleons Haushalte wuͤnſch⸗ Leichnam in geheim anatomiren zu laſſen. Allein Sir Hudſon Lowe hatte eine zu ernſte Mei⸗ * nung von der Verantwortlichkeit, unter der er und fein Vaterland ſtand, als daß er dieß erlaubt haͤt⸗ te. Derſelbe erklaͤrte, darauf zu beharren, daß eng⸗ liſche Aerzte bei der Zergliederung anweſend ſeyen, felbſt wenn er Gewalt zu gebrauchen, genoͤthigt ſeyn ſollte. 8 Die Generale BVertrand und Montholon wohn⸗ ten mit Marchand, dem Kammerdiener des Ver⸗ ſtorbenen, der Operation bei, die den 6. Mai Statt hatte. Sir Thomas Reade und einige brittiſche Stabsoffiziere waren ebenfalls Zeuge derſelben. So waren auch die Doktoren Thomas Shortt, Archi⸗ bald Arnott, Karl Mitchell, Mathaͤus Livingſtone und Francis Burton, insgeſammt Aerzte, anwe⸗ ſend. Die Urſache des Todes war hinlaͤnglich klar. Ein großes Geſchwuͤr verbreitete ſich faſt uͤber den ganzen Magen. Bloß das ſtarke Ankleben der krank⸗ haften Theile dieſes Organs an der konkaven Ober⸗ flaͤche des Leberfluͤgels hatte das Leben des Kranken dadurch verlaͤngert, daß es den Inhalt des Magens in die Hoͤhlung des unterleibes zu dringen verhin⸗ 23 derte. Alle anderen Theile der Eingeweide wurden in einem ziemlich geſunden Zuſtande gefunden. Der Bericht wurde von den anweſenden brittiſchen Aerzten unterzeichnet. Dr. Antomarchi war im Be⸗ griff, ſein Zeugniß hinzuzufuͤgen, als laut Nachrichten, die wir als aͤcht betrachten, General Bertrand ihm dieß verbot, weil der Bericht, als auf den Leichnam des Generals Buonaparte ſich beziehend, ab⸗ gefaßt war. Dr. Antomarchi's eigener Berlcht un⸗ terſcheldet ſich, glauben wir, nicht viel von dem der brittiſchen Aerzte, obſchon er Schluͤſſe daraus gezo⸗ gen hat, die oſfenbar mit der eigenen Ueberzeugung des Kranken und dem graͤßlichen Beweiſe der anato⸗ miſchen Operation unvertraͤglich ſind. Er behauptete immer noch, ſein verſtorbener Beſchuͤtzer ſey nicht an dem Krebſe, den wir beſchrieben haben, oder in der mediziniſchen Sprache, an der Verhaͤrtung des untern Magenmundes, geſtorben, ſondern an einer chronie-gastro hepatitis, einer Krankheit, von der er behauptete, daß ſie auf der Inſel St. Helena epidemiſch ſey; obſchon wir nirgends verſi⸗ chert oder bewieſen finden, daß das Spital der Ju⸗ ſel zu irgend einer Zeit einen einzigen Fall, gleich dem des verſtorbenen Gefangenen, aufzuweiſen hatte. Die Begleiter Napoleons wuͤnſchten⸗ ſein Herz moͤchte aufbewahrt, und ihrer Obhut anvertraut werden. Allein Sir Hudſon Lowe hielt ſich nicht fuͤr beſugt, ihnen dieſes auf ſeine eigene Verantwortung zu 3 24 eeſtatten. Er erlaubte jedoch, das Herz in eine mit piritus angefullte ſilberne Vaſe zu legen und ſie em Leichnam zu begraben; damit ſie, falls uſtruktionen aus England es erlauben ſoll⸗ ten, ſpaͤter wieder ausgegraben und nach Europa geſchickt werden koͤnnte. Der Begraͤbnißort wurde der naͤchſte Gegenſtand der Erörterung. In dieſem Punkte war Napoleon inkonſequent geweſen. Seine teſtamentliche Verfuͤ⸗ gung druͤckte den Wuunſch aus, ſeine Ueberbleibſel moͤchten an den Ufern der Seine niedergelegt wer⸗ den; eine Bitte, von der er keinen Augenblick ver⸗ muthen konnte, daß ſie ihm bewilligt werden wuͤr⸗ de, und die er bloß vorgebracht zu haben ſcheint, um Eindruck zu machen. Die Ueberlegung eines Augenblicks haͤtte hingereicht, um ihm ins Gedaͤcht⸗ niß zu rufen, daß er, waͤbrend der Zeit ſeiner Macht Ludwig XVIII. kein Grab in dem Laude ſei⸗ ner Vaͤter bewilligt haben wuͤrde; auch vergoͤnnte er wirklich den irdiſchen Ueberblelbſeln des Her⸗ zogs von Enghien keine andere Beerdigung, als die, welche dem aͤrmſten Verſtoßenen zu Theil wird, den man auf der Stelle, an welcher er ſtirbt, in die Erde ſcharrt. Allein auch der, jetzt in ganz Italien chen Stimmung empfahl die Maßregel nicht. Ein Grab fuͤr den Kaiſer von Frankreich inner⸗ halb der Graͤnzen der felſigen Inſel, auf die ſeine allgemein gewordene, bewegte Zuſtand der oͤffentli⸗ 1 25 5 e letzten Jahre beſchraͤnkt geweſen waren, war dle Al⸗ ternative, welche noch blieb; und ahnend, daß dieß der Fall ſeyn werde, hatte er ſelbſt den Ort be⸗ zeichnet, wo er begraben zu werden wuͤnſchte. Es war ein kleiner abgelegener Platz, Slane's oder Hal⸗ ne's Thal genannt, wo eine Quelle entſorang, an der ſeine chineſiſchen Bedienten die ſilbernen Kruͤge zu fuͤllen pflegten, die ſie zu Napoleo'ns Gebrauch nach Longwood brachten. Der Fleck hatte mehr Gruͤn und Schatten, als irgend einer in der Nach⸗ barſchaft; und der erlauchte Verbannte hatte ofts mals unter den ſchoͤnen Trauerweiden, welche die Quelle uͤberhiengen ausgeruht. Nachdem der Leichnam in ſeinem kleinen Schlaf⸗ zimmer zur Schau ausgeſtellt geweſen war, waͤhrend welcher Zeit er von jeder Perſon von Stande auf der Inſel geſehen wurde, brachte man ihn den gten May an den Begraͤbnißort. Das Leichentuch, wel⸗ Sches den Sarg bedeckte, war der Kriegsmantel, den Napoleon in der Schlacht von Marengo getra⸗ gen hatte. Die Mitglieder ſeines vormaligen Haus⸗ haltes wohnten der Ceremonie als Leidtragende bey, und ihnen folgten der Gouverneur, der Admiral und alle Civil⸗ und Militaͤrbehoͤrden der Inſel. Alle Truppen ſtanden bei dieſer feierlichen Gelegenheit unter den Waffen. Da die Straße keine nahe An⸗ naͤherung des Lelchenwagens an den Begraͤbnißort erlaubte, ſo hatte eine Abtheilung brittiſcher Gre⸗ adiere die Ehre, den Sarg bis zu dem Grabe zu lagen. Die Gebete las der Prieſter Abké Vig⸗ Von dem Admiral⸗Schiffe wurden Kanonen eefeuert. Hierauf ſenkte man den Sarg in das unter dem Donner von drei aufeinander fol⸗ rtillerieſalven, wobei von fuͤnfzehn Feld⸗ ſtucken jedes Funfzehn Schuͤſſe losbrannte. Ein roßer Stein wurde ſodann auf das Grab gewaͤlzt, und bedeckte den maͤßigen Raum, der jetzt fuͤr den Mann hinreichte, fuͤr welchen Europa einſt zu klein geweſen war. 1 27 Schl uß. An dem Schluſſe dieſer wichkigen Erzähtung an⸗ gekommen, mag der Leſer geneigt ſeyn, einen Au⸗ genblick ſtill zu ſtehen, um uͤber den Karakter die⸗ ſes wunderbaren Mannes nachzudenken, auf den das Schickſal im Anfange und durch die Mitte ſeiner Laufbahn ſo viele Gunſtbezeugungen ausſchuͤttete, um ihr Ende durch ſo tiefe und ſo ungewohnte Truͤb⸗ ſale zu verduͤſtern. Napoleon's aͤußere Geſtalt machte beim erſten Anblicke keinen großen Eindruck, da er nach engli⸗ ſchem Maße bloß fuͤnf Fuß, ſechs Zoll hoch war. Sein Koͤrper, ſchmaͤchtig in der Jugend, und etwas beleibt im Alter, war dem Ausſehen nach mehr zart, als robuſt; allein auf eine Art gebaut, die am faͤhigſten war, Entbehrung und Ermuͤdung zu erdulden. Er Ritt ohne Anſtand und ohne jene Beherrſchung des Roſſes, die einen geſchickten Rei⸗ ter auszeichnet; ſo daß er in keinem vortheilhaften Lichte erſchien, wenn er neben einem Reiter, wie Murat, ritt. Allein er war furchtlos, ſaß feſt im Sattel, ritt ſchnell, und konnte die Anſtrengung laͤnger ertragen, als die meiſten Menſchen. Wir haben ſchon fruͤher in ſeiner Gleichguͤltigkeit gegen die Beſchaffenheit ſeiner Nahrung und ſeiner großen 28 beit erwaͤhnt. Ein Biſſen Speiſe und 9 Wein hiengen an ſeinem Sattelknopfe rnaͤhrten ihn in ſeinen fruͤhern Feldzuͤgen oft lang. In ſeinen letztern Kriegen bediente er haͤufiger eines Wagens; nicht, wie man ver⸗ uthet hat, wegen einer beſondern Krankheit, ſon⸗ dern weil er an einem, ſo beſtaͤndigen Anſtrengun⸗ en ausgeſetzten Kerperbaue, die fruͤhzeitigen Wir⸗ kungen des Alters fuͤhlte. Napoleon's Geſichtsbildung iſt durch Beſchrel⸗ pungen und die Portraite, welche man uͤberall findet, faſt allgemein bekannt. Das ſchwarzbraune Haar zeigte wenige Spuren von der Sorgfalt der Toilette. Die Form des Geſichtes naͤheite ſich mehr, als es bei dem menſchlichen Geſchlechte gewoͤhnlich iſt, ei⸗ nem Vierecke. Seine Augen waren grau und voll Ausdruck, die Augenſterne ziemlich groß, und die Au⸗ genbraunen nicht ſehr ſtark bezeichnet. Die Stirne und der obere Theil des Geſichtes hatte einen ern⸗ ſten Ausdiut. Seine Naſe und ſein Mund waren ſchoͤn gebildet. Die Oberlippe war ſehr kurz. Die Zaͤhne waren alltaͤglich; zeigten ſich aber wenig beim Sprechen.*) Sein Laͤcheln war ungewoͤhnlich mild und ſoll unwiderſtehlich geweſen ſeyn. Das Geſicht hatte eine helle Olivenfarbe, war aber ſonſt im Gan⸗ zen farblos. Der vorherrſchende Karakter ſeiner Ge⸗ „ Auf St. Helena litt er häufig an Za hnweh und Scorbut in dem Jahnſeeiſch. 29 4 ſichtsbildung war ernſthaft, ſelbſt bis zur tel⸗ lie, allein ohne irgend ein Zeichen von Stren Heftigkeit. Nach ſeinem Tode machten und Wuͤrde des Ausdrucks, der noch immer nen Geſichtszuͤgen horrſchte, dieſe ausgezeichne und erregten die Bewudderung aller derer, ſie ſahen. 1s An So war Napoleons Aeußeres. Sein perſoͤn cher und beſonderer Karakter war entſchleden benswuͤrdig, ausgenommen in einem Punkte. Temperament war, wenn er gereizt wurde, oder ge⸗ reizt zu werden glaubte, heftig und rachſuͤchtig. Er war jedoch ſelbſt gegen ſeine Feinde verſoͤhnlich, vor⸗ ausgeſetzt, daß ſie ſich ſeiner Gnade unterwarfen; allein jene Art von Großmuth, welche die Aufrich⸗ tigkelt eines maͤnnlichen und edlen Gegners achtet, beſaß er nicht. Auf der andern Selte gab es kei⸗ nen freigebigeren Belohner der Anhaͤnglichkeit ſeiner Freunde. Er war ein vortrefllicher Gatte, ein guͤti⸗ ger Verwandter, und, ausgenommen wenn die Staats⸗ politik ſich ins Spiel miſchte, ein hoͤchſt liebreicher Bruder. General Gourgaud, deſſen Mittheilungen nicht in jedem Falle zu Napoleons Gunſten lauten, behauptet, er ſey der beſte Herr geweſen, er habe ſich bemuͤht, allen ſeinen Dienern beizuſtehen, ſo oft er es vermocht habe; die Talente, welche ſie wirk⸗ lich beſaßen, habe er in ihrem ganzen Umfange an⸗ erkannt, und in einigen Fallen ſogar ſolchen gute 30 8 ften beigelegt, welche ſie nicht beſeſſen ha⸗ rtigkeit und ſogar Weichheit in ſelnem war geruͤhrt, wenn er uͤber die Schlacht⸗ ie ſein Ehrgeiz mit Todten und Ster⸗ n blos retten zu wollen,— indem er zu dieſem Befehle erließ, die oft nicht befolgt wurden und nicht befolgt werden konnten; ſondern zeigte ſich ſogar jener feinern und idealiſchern Art von Mitleid, die man Empfindſamkeit nennt, unterworfen. Er erwaͤhnt eines Umſtandes, der von tiefem Gefuͤhle zeugt. Als er in Italien mit einigen ſeiner Gene⸗ rale uͤber ein Schlachtfeld ritt, ſah er einen heimat⸗ loſen Hund bei dem Leichname ſeines erſchlagenen Herrn liegen. Das Thier naͤherte ſich ihnen, kehrte dann zu dem Leichname zuruͤck, winſelte erbaͤrmlich und ſchien ſie um ihren Beiſtand zu bitten.„Mochte es nun der Eindruck des Augenblicks,“ fuhr Napo⸗ leon fort,„die Scene, die Stunde, oder der Um⸗ ſtand ſelbſt ſeyn,— ich war nie ſo tief durch irgend etwas, das ich auf einem Schlachtfelde geſehen habe, geruͤhrt. Dieſer Menſch, dachte ich, hat vielleicht ein Haus, Freunde, Bekannte gehabt, und hier liegt er, von Jedermann verlaſſen, ausgenommen von ſei⸗ nem Hunde! Wie geheimnißvoll ſind die Eindruͤcke, denen wir unterworfen ſind! Ich war gewohnt, obne Nuͤhrung Schlachten anzuordnen, die das Schickſal eines Feldzugs entſcheiden mußten, und kon nen Auges ber Ausfuͤhrung von Manoͤu und hier war ich geruͤhrt,— a von vet fuͤhlen ergriffen,— durch das Gewinſel und Kummer eines Hundes. Es iſt gewiß, da tragen des Achilles, der den Leichnam Hektors d Thraͤnen des Priamus zuruͤckgab, beſſer haͤtte be⸗ fen koͤnnen.*)“ Dieſe Anekdote zeigt, daß Napoleon ein, menſchlichen Gefuͤhlen zugaͤngliches Herz beſaß, daß ſie aber gewoͤhnlich den ſtrengen Lehren eines militaͤriſchen Stolcksmus gaͤnzlich unterworfen wa⸗ ren. Es war ſeine gewoͤhnliche und ausdrucksvolle Redensart, ein Politiker muͤſſe das Herz im Kopfe haben; allein ſelne Gefuͤhle uͤberraſchten ihn zuwei⸗ len in einer ſanſteren Gemuͤthsſtimmung. Ein Berechner von Natur und aus Gewohnheit liebte Napoleon die Ordnung und war ein Freund jenes ſittlichen Betragens, in welchem die Ordnung die Hauptrolle ſpielt. Die Schmaͤhſchriften des Ta⸗ ges haben einige anſtoͤßige Behauptu gen dagegen aufgeſtellt; allein ohne die erforderliche Begruͤndung. Napoleon achtete ſich zu ſehr und verſrand den Werth der oͤffentlichen Meinung zu gut, als daß er ſich ei⸗ *) Las Caſes Band I. Theil II. p. 5. 32² inen oder zuͤgelloſen Schwelgerei uͤber⸗ tuͤrliche Gemuͤthsart erwaͤgend, koͤnnen er annehmen, daß, wenn Napoleon in dem n des Privatlebens geblieben waͤre und keine rke Verſuchung zur Leidenſchaft oder Rachgier ſei⸗ Pfad durchkreuzt hätte, er allgemein als ein inn haͤtte betrachtet werden muͤſſen, deſſen Freund⸗ ſchaft in jeder Hinſicht wuͤnſchenswerth war, und eſſen Feindſchaft man ſich nicht ohne Gefahr zuzie⸗ hen konnte. Allein die Gelegenheiten, welche die Zeitumſtaͤnde darboten, und die Triebfeder ſeiner eigenen großen Talente, ſowohl in militaͤriſcher als politiſcher Hin⸗ ſicht, hoben ihn mit beiſpielloſer Schnelligkeit in eine Sphaͤre großer Gewalt und wenigſtens gleicher Ver⸗ ſuchung empor. Ehe wir den Gebrauch betrachten, den er von ſeiner Gewalt machte, wollen wir die urſachen, durch die er ſie erlangte, kurz uͤberblicken. So unheilvoll auch die Folgen der Revolution fuͤr beſendere Familien waren, ſo fuͤllten ſie doch die Lager der Nation mit Heeren von einer Gattung, die Europa zuvor nie geſehen hatte, und wie zu er⸗ warten ſteht, nie wieder ſeben wird. Es gab faſt bei keinem Stande, ausgenommen dem Kriegsſtande, Sicherheir, Ehre oder ſelbſt Unterhalt; und dem⸗ zufolge wurde er der Zufluchtsort der beſten und wackerſten Jaͤnglinge Frankreichs, bis das Heer, wie in 33 es Sta ausgehoben wurde, und aus der Bluͤthe F ſowohl ruͤckchtlich der Geſundbeit, als der ſittlie 8—— zu ſeyn, entſprechende Vortheile zu ſichern. Die mag grohentheils von der Abhaͤngigkeit hergeruhrt haben, in welcher dieſe Aufuͤhrer von den verſchiede⸗ nen Adminiſtratoren der Republik zu Hauſe gehal⸗ ten wurden,— eine Abhaͤngigkeit, die eine Folge der Nothwendigkelt war, wegen der Mittel zur Be⸗ zaͤhlung und Unterhaltung ihrer Heere ihre Zuflucht zu den Machthabern in Paris zu nehmen. Sobald Napoleon die Alpen uͤberſchritten hatte, veraͤnderte er dieſen Zuſtand der Dinge, und noͤthigte die neu⸗ eroberten Laͤnder, nicht blos das Heer durch Kontri⸗ butionen und Konfiskationen zu erhalten, ſondern auch zur Unterſtuͤtzung der Regterung beizutragen. So wurde der Krieg, der bisher eine Buͤrde fuͤr die Republit gewelen war, in ſeinen Haͤnden eine Quelle tlichen Einkommens; waͤhrend der jugend⸗ liche General, der die oͤffentliche Schatzkammer fuͤl⸗ len half, von welcher ſeine Vorgaͤnger abhaͤngig ge⸗ weſen waren, ſich im Stande ſah die Fretheit, nach welcher er raſch ſtrebte, zu behaupten, und mit dem W. Scott's Werke. LXVI. 3 4 34 ktorium auf einem an Gleichbeit graͤnzenden Fuße zu korreſpondiren. Seine Talente als Krieger und ſeine Lage als ſtesreicher Gencral erhoben ihn von der Gleichheit zum Vorrange. Dieſe Talente beſaß er nicht blos in Beziehung uf die allgemeine Entwerfung der Feldzugsplane, ſondern auch in Beziehung auf die Anſtalten zur wirklichen Schlacht. In jedem dieſer großen Kriegs⸗ ſacher war Napoleon nicht blos ein Zögling der be⸗ waͤhrteſten Meiſter der Kunſt,— ſondern ein Ver⸗ begſerer, ein Neuerer und Erfinder. In der Strategie wandte er die Grundſaͤke, jedrich von Preupen befolgt hatte, nach ei⸗ nem rieſenmaͤßigen Maßſtabe an, urd ereberte eine Hauptſtadt vder ein Koͤnigreich, wo Friedrich eine Stadt oder eine Provinz erobert haben wuͤrde! Sein Syſtem war, die ordot oͤgliche Strei itmacht gegen den ver⸗ leßbaren Punlt der Stelle des Feindes zu verſammeln, zwei Theile des feindlicher Heeres zu laͤh⸗ er den dritten vernichtete, un ad bann, g verfolgend, den Reſt aut zureiben Zu dieſem Ende lehrte er ſeine Generale, ihre Heer auf dem Marſche zum Behufe der aeltgt, it der Bemegung und Leichtigkeit der Verſtaͤrkung zutren⸗ nen, und ſe im Augenblicke des Kampfes da zu ver⸗ eini Jen, wo es ſich vorausſehen lle eß, daß einem An⸗ chſten widerſanden merder wuͤrde, wenigſen erwartet wurde. Deßwegen welche g am ſch weil er am 35 beſeitigte er auch zuerſt jede Art von Geyaͤ moͤglicher Weiſe entbehrt werden konnt den Mangel an Magazinen durch die auferlegten oder von den einzelnen dur maͤßiges Raubſyſtem erhobenen Brandfe atunge ſchaffte den Gebrauch der Zelte ab und uͤbernacht unter freiem Himmel mit ſeinen Soldaten, man keine Doͤrfer fand und keine Zeit hatte, Huͤt⸗ ten zu errichten. Sein Syſtem war verderblich füͤr das Leben der Soldaten; denn ſelbſt die Kriegsſpt⸗ taͤler mußte man oft entbehren; allein obſchon Mo⸗ reau Napoleon einen Eroberer zu 10,000 Mann tag⸗ lich nannte, ſo erreichte doch das Opfer in einer gewiſſen Zeit jedesmal den Zweck, zu dem es be⸗ ſcimmt war. Der Feind, der in ſeinen ausgedehn⸗ ten Kantonnirungen gebtieben war, verwirrt durch⸗ die verſchtedenen Berichte von Kelonuen, die ſich in verſchiebenen Richtungen fortbewegten, wurde durch die vereinigte Macht der Franzoſen, die eine Vereinigung an dem Orte und zu der Zeit, wo ſie am wenigſten erwartet wusde, bewerkſtelligte, uͤber⸗ fallen und vernichtet. Erſt nachdem ſie die Kunſt erlernt hatten, ſich ſeinem Angriffe zu entziehen, ſobald er gemacht war verſtanden es die Verbuͤn⸗ deten, die Anſtrengungen dieſer beweglichen Kolon⸗ nen zu vereiteln. So originell Napoleon als Feldherr war, ſo ori⸗ ginell war er auch als Tattiker. Seine Manduvres . 3⁵ dem Schlachteelde hatten die Raſchbelt uns iedenbeit des Biitzes. Bei dem wirklichen wie bei den Vorkebrungen, die er zum l deſſelben getroffen hatte, war ſein Augen⸗ herk darauf gerichtet, den Feind auf vielen Punk⸗ en hinzuhalten, woͤhrend er einen einzigen Punkt urch eine unerwartete Uebermacht vernichtete. Der chbruch einer Linie, das Umgehen einer Flanke, das vom Beginnen der Schlacht an ſein Zweck ge⸗ weſen war, lag gewoͤhnlich unter erver Menge vor⸗ lauſizer Demonſtrationen verborgen, und wurde nicht eher verſucht, als bis fowohl die ſittliche als phyſiſche Kraft des Feindes durch die Laͤnge des Kam⸗ pfes geſchwaͤcht war. In dieſem Zeitvunkte ließ er gewohnlich ſeine Garden vorrücken, die, der Unthaͤ⸗ tigkeit uͤberdruͤſſig, ſeit Stunden in Bereitſchaft ge⸗ halten worden waren, und, welche jetzt, wie von der Koppel losgelaſſene Wolfshunde, vorwaͤrts ei⸗ lend, die ruhmvolle Aufgabe hatten, bet der ſie ſel⸗ ten den Kuͤrzern zogen, den lange beſtandenen Kampf zu eutſchelden. Es kann, als ein weiteres Kennzeichen ſeiner Taktik, hinzugefugt werden, daß er lieber die Schlachtordnung der Koliene, als die der Linie gebrauchte; vielleicht wegen des Zutrauens, das er auf die Tapferkeit der franzoͤſiſchen Offizie⸗ re, die an der Spitze der Kolonne ſtanden, ſetzen Znveigung welche ſich Napoleon bei dem — die, wenn auch weniger frei, doch dauerhofter franzoͤſiſchen Krieger durch eine haͤufig von Belohnungen und Auszeichnungen⸗ ſ ſeine vertraute Kenntniß ihrer Perſonen Aufmerkſamkeit auf ihre Beduͤrfniſſe er Verbindung mit dem unumſchraͤukten und ni gigen Oberbeſehl, der ſeinen Haͤnden nreuir 1 ſich an die Spitze der Ge ſchaßt te zu ſellen, zu ſichern Der groͤßte Theil der Natton war um dieſe geit des fortwaͤhrend unſteten Zuſtandes der Reglerung und der verſchiedenen Wechſel, die ſie durch die traͤumeriſchen Spekulationen der Girondiſten, und durch die thieriſche and blutduͤrſtige Wildheit der Jakodiner und durch die ſchinutzige und unentſchie⸗ dene Veraͤnderlichkeit und Schwaͤche des Direktori⸗ ums erfahren hatte, herzlich muͤde; und das Volk wuͤnſchte im Allgemeinen eine ſeſte Regierungsform, und beſſer darauf berechnet war, dem n den Schutz des Eigenthums und der perſoͤnlichen Frei⸗ heit zu ſichern, als die, welche auf den Sturz der Monarchie gefolgt waren. Ein ſiegreicher General von ſurchtfamerer Gemuͤthsart und zarterem Gewiſ⸗ ſen, als Naͤpoleon, wuͤrde die Reſtauration der Bourbons verſucht haben. Allein Napolcon ſah die Schwierigkeiten vorher, die der Verſuch, die Zu⸗ ruͤcberufung der Emigrauten mit der Sicherheit der Finzel 38 lonal Verkaͤufe zu vereinigen, erzeugen wuͤrde, og den richtigen Schluß, daß die Parteien, wolche erfleiſchten, ſich am leichteſten unter die In den Beſitz der hoͤchſten Gewalt gelangt, eine Hoͤhe, welche ſo viele verblendet und betaͤubt, ſchien Na⸗ 8 poleon bloß ven Standpunkt einzunehmen, fuͤr den er geboren war, fuͤr den ſeine beſondern Faͤhigkeiten lhn geeignet machten und auf den ſein gſaͤnzender Sieges⸗ lauf ihm unter allen Umſtaͤnden den unwiderſtehlich⸗ ſten Anſpruch erwarb. Er fuhr daher mit ruhigem Gelſte und erleuchteter Weisheit unausgeſetzt fort, die Mittel zur Befeſtigung ſeiner Gewalt, zur Ver⸗ nichtung des republikaniſchen Impulſes und zur Er⸗ richtung einer Monarchie, zu deren Oberhaupt er ſich ſelbſt beſtimmt hatte, zu erwaͤgen. Den mei⸗ ſten Menſchen waͤrde der Verſuch, zu Gunſten ei⸗ nes militaͤriſchen Abenteurers, eine Regterung wie⸗ der hersorzurufen, die durch die Stimme der Na⸗ tion mit allgemeinem Zuruf, wie es ſchien, verwor⸗ fen worden war, als eine Handlung der Verzweif⸗ lung erſchlenen ſeyn. Die Anhaͤuger der republika⸗ niſchen Verfaſſung waren geuͤbte Politiker; Maͤnner von uͤberlegenem Talente, und gewoͤhnt, das Steuer der wirden Demokrarie zu fuͤhren und jene Intriguen zu leiten, die Thron und Altar umgeſtuͤrzt hatten. Man konnte daher nicht wohl annehmen, daß ſolche Maͤnner, waͤre es auch nur der Schande halber, dulde wuͤrden, daß das Schwert eines jungen, obſchon tapfern Generals ihre ze hnjaͤhrige Arbeit in einem Nu wegraſf Allein Napoteon kannte ſich und kannte ſie war von der Zuverſicht erfullt, daß die, Theilnehmer an der durch fruͤhere Revolnt ner langten Gewalt geweſen waren, ſich jetzt werde. gnügen muͤſſen, oͤn den Werkzeugen ſeiner Er hung und den unt tergeordneten Dienern femner Ge walt herabzuſinken, zufrieden mit einem Anthel! an der Bente, womit der Loͤwe den Schakal belohnt. Dem veftliaſigru Kinigre iche zuee er bel je⸗ „1† n aniſtet, ſten Giege bekraßg igte 80 aäunfs einer dͤberl egenen Tharkraft; und er nahm die Herrſche ft uͤber Frank⸗ reich unter dem ſtolzen Titel an: Detur dignissimo- Jkaih. Anautere ſeine Handlungen Niemand auf, die Maͤngel oder Gebrechen ſeines Titels zur Spra⸗ che 8 bringen. In vraktiſcher Hinſicht war ſeine Regierung nach Außen glaͤnzend, und mit wenigen Ausnahmen liberal im Innern. Die abſcheuliche Er⸗ mordung des Herzogs von Enghien zeigte das rachſuͤch⸗ tige Gemuͤth eines Wilden; allein im Allgemelnen wa⸗ ren Napoleons Handlungen am Anfange ſeiner Lauf⸗ bahn hoͤchſt lobenswerth. Die Schlacht von Mareng mit ihren Folgen,— die Daͤmpſung des Buͤrgerzwie⸗ ſpalts, die Aueſoͤhnung mit der roͤmiſchen Kirche, ehenaes ſrir gfrat des Waltes cümeibein und Zuneigung gewinnen mußten. in mit einer ihm eigenen Geſchicklichkeit machte ſich Napoleon a, waͤhrend er die Republik ver⸗ 2 nichtete, eben jene demokratiſchen Grundſaͤtze, die der Revublik ihre Entſtehung gegeben und den Ver⸗ ſuch, einen Freiſtaar zu gruͤnden, aufgemuntert hat⸗ ten, dienſtbar. Seine Scharſſicht hatte nicht er⸗ mangelt, zu bemerken, daß die Einwendungen des Volkes gegen die alte Regierung weniger auf einen Vorwurf gegen die koͤnigliche Gewalt an und fuͤr ſich ſelbſt, als auf eine Abneigung, ja einen Ab⸗ ſcheu gegen diejenigen Vorrechte gegruͤndet waren, die ſie dem Adel und der Geiſtlichkeit zugeſtand, welche von Geburts⸗ und Amtswegen das Recht hatten, die obern Stellen in jedem Stande einzu⸗ nehmen, und welche alle andere Mitbewerber, ſo uͤberlegen ihnen dieſe auch an Verdieunſt ſeyn moch⸗ ten, nusſchloſſen. Als daher Nappleon ſeine neue monarchiſche Negierungsſorm gruͤndete, ſo bedachte er weislich, daß er nicht gleich den erb⸗ lichen Monarchen, an beſondere, aus alten Ge⸗ braͤuchen entſpringende Regeln gebunden ſey, ſon⸗ dern daß er als ſelbſteigener Schoͤpfer ſeiner Macht, die Freiheit habe, ſie nach ſeinem eigenen Gutduͤn⸗ — — 41 ken zu modeln. Er war auch ſo leit durc die all⸗ gemeine Anerkennung ſeiner Verdienſte, auf en Thron erhoben worden, daß er des Beiſta eigenen Partei nicht bedurfre; da er ſe keine vorgängigen Betanta angen oder Nothwendigt Ten neue zu erwerben, behunde den war, ſo war ſein tragen in einem hohen Grade frei und unbeſchraͤ Als er daher den Gipfel der menſchlichen G walt erreicht hatte, begann er mit Bedacht und Ueberlegung den Gtund zu ſeinem Throne nach je⸗ nem deme ratiſchen Grundſatze zu legen, der ſeine alte Laufbahn eroͤffnet hatte, und deſſen Weſen dar⸗ in beſtand, daß er dem Verdienſte, obſchon ohne weitern Titel, den Weg zum Gluͤcke in jedem Fache des Staates aufſchloß. Dieß war der geheime Schluͤſſel der Politik Napoleons; und ſo gut wurde er beim Gebrauche deſſelben durch ſeine ſcharfſinni⸗ e Wahrnehmung der Karaktere, ſo wie durch ſeine Butmnenht reie und ſein richtiges Gefuͤhl(beide be⸗ ſaß er in ſeinen kalebluͤtigeren Au genblicken), ſo gut unterſtuͤtzt, daß er bei allen ſeinen Eluͤckswechſeln nie eine Gelegenheit verlor, ſich die Menge durch eine zur rechten Z it an den Tag gelegke Sorgfalt, das Verdienſt aus uzeihnen und zu belohnen, ge⸗ neigt zu machen. Hierauf pielte ſeine Unterre dung beſtaͤudig an, und deßwegen machte er, und zwar mit Recht auf das hoͤchſte Lob Anſpruch. Wir tra⸗ gen kein Bedenken, zu wiederholen, daß dieſe Er⸗ 8. 442 ffaung einer freien Laufdahn für das Talent der Schlußſtein ſeines Ruſes und die Hauptgrundlage ſeiner Macht war. Ungluͤcklicher Weiſe war ſeine Liebe zum Verdienſte und ſeine Neigung, es zu be⸗ lohnen, nicht ausſchließlich auf eine patrloriſche Sorgfalt fuͤr das öͤffentliche Wohl, und noch welt 4 weniger auf den rein⸗ wohlwollenden Wunſch, das Prelswuͤrdige zu belohuen, gegruͤndet, ſondern auf einen Grundſatz ſelbſtſüͤchtiger Polittk, dem ein gro⸗ ßer Theil ſeines Erfolges, kein geringer Theil ſei⸗ nes Ungluͤcks und faſt alle ſeine polltiſchen Verbre⸗ 3 chen zugeſchrieben werden muͤſſen. das ſein Bruder Lucian von dem Katſer, wahrſchein⸗ lich in einem muͤrriſchen Augenblicke, entworfen hat, das aber nichts deſtoweniger faſt von Allen, die in Napoleons Naͤhe geweſen waren, und die wir zu befragen Gelegenheit hatten, beſtaͤtigt worden iſt. „Sein Betragen,“ ſagte ſein Bruder,„wird ganz von ſeiner Politik regiert, und ſeine Politik gruͤn⸗ det ſich ganz auf Egoismus.“ Niemand beſaß viel⸗ leicht je(unter den Beſchraͤnkungen, die im Angen⸗ blicke erwaͤhnt werden ſollen) einen ſo ſtarken An⸗ theil an jenem ſelbſtſuͤchtigen Prinzipe, das der Meuſchheit o gemein iſt. Von der Natur in ſein Herz geoflanzt, wurde es durch die halb moͤnchiſche, halb eriegeriſche Erziehung, die ihn ſo fruͤhe von geſellſchaftlichen Banden trennte, genaͤhrt und durch Wit haben anderswo das Gemaͤlde mitgetheilt, die ſein Lors gewerfen ſchien, und wurde eine be⸗ ſuchte, wahl wenig Andres als Selbirſucht in dem die zu ihrem eigenen beſondern Nußzen beitragen tung, obſchon auf aͤhnliche Beweggruͤnde geſtutzt; 43 1 das Bewustſeyn von Talenten aufgemuntert, die zyn uͤber die gewoͤhnlichen Menſchen erhoben, un er ſtaͤrkte Gewohnheit durch ie verlaſſene Lage, in der er ſich in ſeinem fruͤheren Leben ohne Freund, Be⸗ ſchuͤtzer oder Goͤnner befand. Das Lob, die Befoͤre derung, welche ihm zu Theil wurden, ertheilte man ſeinem Genie, nicht aber ſeiner Perſon; und er, der ſich bewußt war, dasß er ſich ſeine eigene Bahn gebrochen habe, fuͤhlte ſich wenig zur Dankbarkeit oder Guͤte gegen die verpflichtet, die ihm bloß Platz machten, weil ſie es nicht wagten, ſich ihm zu wi⸗ derſetzen. Sein Chrgeiz war eine Modifikation von Selbſtſucht, die, obſchon erhaben in ihren Wirkun⸗ gen und Folzen, doch, wenn man ſie genau unter⸗ Schmelztiezel ließ. Unſere Leſer werden jedoch nicht annehmen, daß die Selbſtfucht Napoleous zu jener gewoͤhnlichen und gehaͤſſigen Gattuns gehoͤrte, welche die Men⸗ ſchen im Privatleben karg, grauſam und trugſuͤchtig nacht, oder die ia einer milderen Geſtalt ihre Be⸗ ſtrebungen auf diejentgen Unternehmungen beſchraͤnkt, koͤnnen und ihr Herz gegen Vaterlandsliebe oder geſellſchaftliches Wohl verſchließt. Napolevus Selbſt⸗ ſucht war von einer edleren und erhabneren Gat⸗ 8 1 1 44 gerade wie die Schwingen des Adlers, der nach den Regionen der Sonne emvorfliegt, ſich nach denfelben Grundſaͤtzen bewegen, wie diejenigen, welche das nie⸗ drige Gefluͤgel nicht uͤber den Bezirk des Huͤhner⸗ hofs erheben koͤnnen. gur Erlaͤuterung unſerer Meinung wollen wir hinzufuͤgen, daß Napoleen Frankreich liebte; denn Frankreich war ſein eigen. Er ſuchte Wohlthaten aͤauf daſſelbe zu haͤufen; denn der Nuten derſelben floß auf ſeinen Kaiſer zuruck, mochten nun ſeine Ein⸗ richtungen verbeſſert oder ſein Gebiet erweitert wer⸗ den. Er ſtelte, wie er ſich ruͤhmte, ſewohl das Volk als den Souverain von Frankreich vor; er vereinigte in ſeiner Perſon die Gerechtſame, die Groͤße, den Ruhm Frankreichs, und war gebunden, ſich ſo zu be⸗ tragen, daß er zu gl icher Zeit den Kaiſer und das Reich erhob. Denuoch aber konnten der Souverain und der Staat getrenne werden und wurden eundlich wirklich getrennt; und der ſelbſtſuchtige Karakter Buonaparte's konnte nach dieſer Tren in dem kleinen Wirkungskreiſe zu Elba, in welchen ſeine Be⸗ ſtrebungen alsdann beſchraͤnkt waren, Beſchaͤftigung und Unterhaltung finden.*) Gleich dem magiſchen Zelte in den arabiſchen Erzaͤhlungen konnten ſeine Gelſtesfaͤhigkeiten zdehnen, um eine halbe Welt mit allen ihren Sergen und Schickſalen zu umſchlie⸗ 9 3 ) Siehe Theil XXVII. p. 29 und 30. —,—— —,—— ſtesfaͤhigkeiten, die vermoͤge einer ſehr emſigen und ungeſtoͤrt durch den Ruf des Ve. zgens, die Reize 45⁵ ßen oder ſich auf die Angelegenheiten eines kleinen 4 Felſens in dem mittellaͤndiſchen Meere und ſeine ei⸗ genen Bequemlichkeiten als er ſich in den Bezirt deſſelben zuruͤckzog, beſchraͤnken.. Wir glauben, daß ſo lange Frankreich Navoleon als Kaiſer anerkannte, er ſein Leben freudig fuͤr daſ⸗ 4 ſelbe aufgeopfert haben wuͤrde; allein wir zweifeln ſehr, ob, wenn er durch das bloße Aufheben ſeines Fingers daſſelbe unter den Bourbons haͤtte gluͤcklich machen koͤnnen, dieſer Finger außer wenn das Ver⸗ dienſt der Handlung zur Vergroͤßerung ſeines eige⸗ nen verſoͤnlichen Rufes beigetragen haͤtte) erhoben worden waͤre. Mit einem Worte, ſeine ſelbſtſuͤchti⸗ n Gefuͤhle waren der Mittelpunkt eines Kreiſes, deſſen Kreislinie nach Belieben erweitert oder zu⸗ ſammengezogey werden kann, deſſen Mittelpunkt aber feſt und unveraͤndert bleibt. Es waͤre nutzlos, zu unterſuchen, in wie weit dieſe aͤngſtliche, und wir muͤſſen hinzufuͤgen, aufgs⸗ klaͤrte Sorgfalt fuͤr ſeinen eigenen Vortheil Napo⸗ leons Emporkommen zur hoͤchſten Gewalt erleichterte. Wir ſehen taͤglich Indlviduen von ſehr maͤßigen Gei⸗ beharrlichen Verfolgung ihres beſondern Zweckes, und der Gemachlichkeit oder andere Unterbrechungen end⸗ lich den Gegenſtand ihrer Wuͤnſche erreichen. Wenn wir uns daher den gewaltigen Geiſt Napoleons vor⸗ 45 8 ſtellen, wie er, angeſpornt durch eine unbaͤndige Leb⸗ hafrigkeit der Cinbildungskraft und eine unbeſieg⸗ 3 bare Hartnaͤckigkeit des Vorſatzes, ohne Abweichung 4 oder Ruhe, der Erreichung ſelnes Zweches entgegen gieng, der nichts Geringeres war, als die Herrſchaft der ganzen Wett, ſo koͤnnen wir uͤber die ungeheure Hoͤhe, zu der er ſich emporſchwang, nicht erſtaunen. Allein wenn die ſeine Handlungen leitende Selbſt⸗ ſucht,— der Thaͤtigseit ſeines vortreſflichen Verſtan⸗ des, und der Foͤrderung ſeines Intereſſes in der öffentlichen Meinung ſters unterworfen— den Er⸗ folg ſeiner verſchiedenen Unternehmungen großen⸗ theils beguͤnſtigte, ſo erzeugte ſie am Ende weit mehr Boͤſes als Gutes fuͤr ihn; da ſie ihn zu ſeinen ver⸗ zweifeltſten Unterneymungen auf rornte, und die Auelle ſeiner unverantwortlichſten Handlungen war. Gemaͤßigte Politiker werden zugeben, daß, nach⸗ dem das kaiſerliche Syſtem an die Stelle des re⸗ publfkaniſchen geſotzt war, das Oberhaupt des Staa⸗ tes einen bedeutenden Grad von Gewalt annebmen und ausäben müßte, um jene Wiederherſtellung der buͤrgerlichen Ordnung, jenen Schutz des beſtehenden Zuſtandes der Dinge, der zur Beendizung der wil⸗ den und wechſelrellen Wiederkehr beſtaͤndiger Re⸗ volutionen nothwendig war, aufrecht zu erhalten. Waͤre Napolern dabei ſlehen geblieben, ſo wuͤrde ſein Betragen tadellos und ungetadelt geblieben ¹ ——-— 47 ſeyn, ausgenommen von den ergebeneren Anhäͤn⸗ gern des Hauſes Bourbon dem die Vorſehung, wie die meiſten Menſchen glaubten, das Thor der Rer ſtauration verſchloſſen hatte. Allein ſeine Selbſtſucht wollte ſch nicht befrledigen laſſen, bis er jede Spur jener frelen Einrichtungen, die durch die Gefahren, das Blut und die Thraͤnen der Revolution erkauft worden waren, gaͤnzlich vernichtet, und Frankreich, den Einfluß der oͤffentlichen Meinung abgerechuet, in die Lage von Conſtantinopel oder Algier verſetzt hatte. Es war ein Verdienſt, den Thron aufzurſchten; es 3 war natuͤrlich, daß der, welcher dieß that, ihn ein⸗ nahm, da er ihn den Bourbons nicht haͤtte abtreten koͤnnen, ohne diejenigen zu verrathen, aus deren Haͤnden er ſeine Macht empfangen hatte; allein der Nation die Vorrechte freigeborner Menſchen rauben, war die Handlung eines Vatermoͤrders. Die Nation verlor unter ſeinen fortgeſetzten Anmabungen alle die Freiheit, welche die alte Regierung ihr gelaſſen hatte, und alle diejenigen Rechte, die ſie durch die Revo⸗ lution errungen hatte. Politiſche Freiheit, beſondere Intereſſen, die Gerechtſame der Municiyalitaͤten, die Fortſchrirte der Erziehn.n der Wiſſenſchaft, des Geiſtes und Gefuͤhls, alles raffte die Regierung au ſich. Frankrelch war ein ungeheures Heer unter der unumſchraͤnkten Obergewalt eines keiner Obsraufſicht oder B aunuwmichkeir unterworfenen Kriegsober⸗ haupts. Bei dieſer kurz zuvor noch durch die naͤmt⸗ 48 lichen Verſammlungen von mehr als tauſend politi⸗ ſchen Klubbs bewegten Nation hatte keine Klaſſe von Buͤrgern, unter welchen Umſtaͤnden es auch immer eyn mochte, das Recht, ihre Geſinnungen gemein⸗ ſchaftlich anszüdrucken. Weder in den Sitern, noch in den Geſetzen, blieb dem Volke irgend ein Mit⸗ tel, den Irrthuͤmern oder Mißbraͤuchen der Staats⸗ verwaltung Einhalt zu thun. Frankreich glich dem politiſchen Aaſe Conſtantinopels, ohne die Unbotmaͤ⸗ ßigkeit der Paſcha's, den verſteckten Widerſtand der Ulema's und die haͤufigen und laͤrmenhaften Meute⸗ reien der Janitſcharen.*) Waͤhrend Napoleon nach und nach jede Schanze der oͤffentlichen Freibeit zerſtoͤrte, waͤhrend er neue Staatsgefaͤngniſſe baute, und eine hohe Polizel ſchuf⸗ die Frankreich mit Spionen und Kerkermeiſtern an⸗ faͤllte, waͤhrend er die Aufſicht uͤber die Preſſe ſich ſelbſt ſo ausſchließlich zuerkannte, veranlaßten ihn ſeine Politik ſowohl, als ſeine Selbſtſucht, zur Un⸗ ternehmung jener ungeheuren oͤffentlichen Werke von groͤßerem oder geri Z12 gerem Nutzen oder Zierde, je nachdem es der Zufall mit ſich brachte, die aber cherlich zu Denkmaͤlern des Glanzes der kziſerlichen Rezierung dienen ſollten. Der ihm von den grheiten⸗ den Klaſſen gegebene Name der„Hauptunt rgehmer“ (entrepre- *) Bistorrie de la Guerle de la Péninsule, par Gengral Fey 4S (entropreneur) war keineswegs uͤbel angebracht; lein in welchem unberechbar groͤßern Grade gedeihen ſolche Werke, wenn ſie durch die Geſchicklichkeit und Induſtrie derer errichtet werden, welche ihr Kapital durch gewagte Unternehmungen zu erhoͤhen ſuchen, als wenn die doppelte Ausgabe nach dem willkuͤhrli⸗ chen Willen eines deſpotiſchen Fuͤrſten verwender wird! Doch waͤre es noch gut geweſen, wenn Bruͤk⸗ ken, Straßen, Haͤfen und oͤffentliche Werke die ein⸗ zige Verguͤtung geweſen waͤren, welche Napoleon dem franzoͤſiſchen Volke fuͤr die Freihelten, die er ihm nahm, dargeboten haͤtte; allein um alle peinlichen und entwuͤrdigenden Erinnerungen zu ertraͤnken, ſchenkte er ihm ein und theilte mit ihm den berau⸗ ſchenden und unheilvollen Trank des Kriegsruhmes und der Univerſalherrſchaft. Die ganze Welt zu den Fuͤßen Frankreichs niederwerfen, waͤhrend Frankreich ſelbſt keinen hoͤhern Rang haben ſollte, als den des erſten unter den Sklaven ſeines Kaiſers, war der Rie⸗ ſenplan, nach welchem er mit ſo hartnaͤckiger Unver⸗ droſſenheit ſtrebte. Es war der Stein des Siſy⸗ phus, den er ſo weit den Huͤgel hinaufwaͤlzte, daß er endlich unter ſeinem ſchnellen Ruͤckſturze zermalmt wurde. Die Hauptgegenſtaͤnde dieſes ungeheuren Unter⸗ nehmungsgeiſtes waren die, welche er ausgefuͤhrt hatte, waͤhrend ſeine Ehrſucht auf ihrem hoͤchſten W. Scöott's Werke. LXVI. 4 50 tel ſtand; und Niemand, ſelbſt in ſeinen Raths⸗ um ungen, wagte es, die Beſchluͤſſe, welche er e, zu bekämpfen. Waͤren dieſe minder glaͤnzend gluͤckt, ſo waͤre er vielleicht ſtillgeſtanden, und te die ruhige Verfolgung eines Ziels, das ein igreich haͤtte frei und gluͤcklich machen koͤnnen, der Unterjochung des ganzen Europa vorgezogen. Allein Napoleons beſtaͤndiger und ununterbrochener Siegeslauf, unter den unguͤnſtigſten Umſtaͤnden, nebſt ſeinem Glauben an ſein Schickſal, verſchwor ſich mit dem ausſchweiſenden Gefuͤhle ſeiner eigenen Wichtigkeit, um ihm den Gedanken einzupraͤgen, daß er nicht in das Verzeichniß gewoͤhnlicher Men⸗ ſchen eingeſchrieben ſey, und bewog ihn, die ver⸗ zweifeitſten Unternehmungen zu wagen, als ob er weniger durch das Reſultat der Vernunft, aus durch den waͤre. Nach großem Mißlingen ſoll er eine ent⸗ ſprechende Niedergeſchlagenheit gezeigt haben; und daher entſagte er viermal der Sorge fuͤr ſein Heer, als er ſeine Lage bedenklich fand, wie wenn er kein Zutrauen mehr auf ſeine Geiſteskraft gefuͤhlt, oder geglaubt haͤtte, er ſey fuͤr den Augenblick von ſei⸗ nem Schußtgeiſte verlaſſen worden. Aehnliche Ver⸗ aͤnderungen bemerkte man, laut der Nachricht des Generals Gourgand, in ſeiner Unterhaltung. Zu eine innere Gewißheit des Sieges augefeuert wor⸗ gewiſſen Zeiten pflegte er wie eine Gottheit zu ſpre⸗ — allgemeinen Hang zum Betrug, welcher ſeine chen, zu andern aber in dem Style einer ſehr g woͤhnlichen Perſon. 3 Der Selbſtſucht Napoleons muͤſſen wir auch den fentliche Politik, und wenn er von Gegenſtaͤnden ſprach, bei denen ſein eigener Karakter betheiligt war, ſeine beſondere Unterhaltung, bezeichnete, zu⸗ ſchreiben. In ſeiner oͤffentlichen Eigenſchaft hatte Napo⸗ leon die Freiheit der Preſſe ſo ſehr vernichtet, daß Frankreich alles nur durch ſeine eigenen Buͤlletins erfahren konnte. Die Schlacht bei Trafalgar wurde erſt mehrere Monate, nachdem ſie geſchlagen wor⸗ den war, berichtet, und dann wurde ſie gaͤnzlich entſtellt, und ſo tief und finſter war der Schl ier, der die Ereigniſſe bedeckte, an denen das Volk den meiſten Antheil nahm, daß an demſelben Abende, an welchem die Schlacht von Mont⸗Martre geliefert wurde, der Moniteur, das Hauptorgan der oͤffent⸗ lichen Mittheilung, mit einem Kommentar uͤber Noſographie und der Kritik eines Drama's, das die keuſche Suſanna zum Gegenſtande hatte, beſchaͤftigt war. Das Verbergen der Wahrheit iſt bloß eln Schritt zur Erfindung der Luͤge, und als ein pe⸗ riodiſcher Verbreiter von Nachrichten wurde Napo⸗ leon in beider Hinſicht ſo ausgezeichnet, daß,„wie ein Buͤlletin luͤgen“, ein gangharer Ausdruck wurde, der ſich nicht ſobald aus der franzoͤſiſchen Sprache 4.. 5 52 1 verlieren wird, und Napoleon um ſo mehr zur Unehre gereicht, weil es wohl bekannt iſt, daß er dieſe of⸗ 1 8 fiziellen urkunden groͤßtentheils ſelbſt geſchrieben hat. Seellbſt dieſes truͤgeriſche Syſtem, dieſer Plan, die Nation abwechslungsweiſe in Unwiſſenheit zu erhalten, oder durch Betrug zu hintergehen, zeugte von Achrung fuͤr die oͤffentliche Meinung. Die Menſchen lieben die Finſterniß, weil ihre Thaten ſchlecht ſind. Napoleon wagte es nicht, dem Publi⸗ kum einen unverſtellten Bericht ſeiner treuloſen und verraͤtheriſchen Angriffe gegen Spanien vorzulegen, die der groͤbſte Bruch allge meiner Treue und beſte⸗ hender Vertraͤge waren, den man ſich denken konn⸗ te. Auch wuͤrde er nicht fuͤr gut gefunden haben, vor den Schranken der oͤffentlichen Meinung die Politie ſeines Kontinental⸗Syſtems zu verfechten, das in Folge einer gaͤnzlichen Unbekanntſchaft mit den Grundſaͤtzen des Staatshaushaltes angenommen worden war, und deſſen Folgen zuerſt allgemeines Ekend, und dann allgemeiner Widerſtand gegen das franzoͤſiſche Joch auf dem ganzen europaͤſchen Feſt⸗ lande waren. Eben ſo unwahrſcheinlich iſt es, daß dieſes raſche Unternehmen je ausgefuͤhrt worden ſeyn wuͤrde, wenn das Publikum ſich ein vorlaͤufi⸗ ges Urtheil uͤber den wahrſcheinlichen Erfolg des ruſſiſchen Feldzuges haͤtte bilden koͤnnen. Indem Napoleon die Stimme der Klugen und Guten, der Verſtaͤndigen und Patrioten, zum Schweigen ge⸗ b 53 bracht, und bloß mit ſolchen Nathgebern zu Rathe 97 gegangen war, welche ſeine eigenen Neigungen zu⸗ ruͤckhallten, hatte er gleich Koͤnig Lear, „den Arzt getödtet, und den Lohn geſchenkt der faulen Seuche.“ Dieß war um ſo beleidigender, als Napoleons Kenntniß der Politik, der Intereſſen und des Ka⸗— rakters der fremden Hoͤfe, Italien ausgenommen, aͤußerſt unvollkommen war. Der Friede von Amiens wuͤrde nicht unterbrochen, und das weſentliche gute Einverſtaͤndniß zwiſchen Frankreich und Schweden nicht aufgehoben worden ſeyn, wenn Napoleon die frele Verfaſſung Englands, welche Jedem zu dru⸗ cken und bekannt zu machen erlaubt, was er will, haͤtte verſtehen koͤnnen oder wollen; oder wenn er haͤtte uͤberzeugt werden koͤnnen, daß die politiſchen Einrichtungen Schwedens der Regierung dieſes Lan⸗ des nicht erlaubten, ihre Flotten und Heere einer fremden Macht zur Verfuͤgung zu ſtellen, oder das alte Koͤnigreich der Gothen zu einer untergeordneten Lehensregierung herab zu wuͤrdigen. Eine ſo empfindliche Selbſtliebe, wie die Na⸗ poleons, ſcheute ſich beſonders vor der Beruͤhrung des Laͤcherlichen. Die Spoͤtteleien der engliſchen Zeitungen, die Karikaturen der Londoner Drucke⸗ reyen, waren die kleinen Stacheln, die großentheils den Bruch des Friedens von Amiens herbeifaͤhrten. Den ſachluſtigen Franzoſen wurde der Gebrauch der Satyre unterſagt, der waͤhrend der Zeiten der Re⸗ 8ſſ . 54 publik gaͤnzlich unbeſchraͤnkt, ſelbſt unter der Mo⸗ 4 narchie nur durch eine kurze und leichte Einkerke⸗ rung in die Baſtille beſtraft worden war. Zur Zeit hes Konſulats hinterbrachte man Napoleon die Nach⸗ richt, daß eine komiſche Opera, einigermaßen nach Stairs(die vornehmthuenden Bedienten, oder die große Weit in der Bedientenſtube) von Monſieur Dupaty gedichtet, und auf die Buͤhne gebracht wor⸗ den ſey, und daß bei dieſer kuͤhnen Auffuͤhrung drei Bediente die Manieren und ſogar die Kleidung der drei Konſuln, und beſonders die ſeinige nachgeaͤfft haben. Er beſahl, die Schauſpleler auf dem Greve⸗ Platze in den Kleidern, die ſte anzunehmen gewagt hatten, und die ihnen durch den Henker vom Leibe geriſſen werden ſoüten, auszuſtellen, und den Ver⸗ faſſer nach St. Domingo zu ſchicken, und als eine unter Requiſition ſtehende Perſon der Verfuͤgung des Oberbefehlshabers anheim zu ſtellen. Der Ur⸗ theilsſpruch wurde nicht vollzogen, denn die Belei⸗ digung hatte nicht ſtatt gefunden, weniaſ us nicht in dem Grade, in welchem man behauptet hatte;*) allein dieſe Abſicht ſtellt Napoleons Anſichten von der Freiheit der Buͤhne in's Licht, und deutet das Schickſal an, das dem Verfaſſer der Beg⸗ gar’s Opera(Bettlersoper) widerfahren waͤre, *) Denkwürdigkeiten über das Konſulat, pag. 148. dem Plane der engliſchen Farce H gh Lile Below alles, was es erblickt, in die Haͤnde giebt. Das wenn er fuͤr die franzoͤſiſche Opera ²omidus geſchrie⸗ ben haͤtte. 1 Allein kein Licht der Vernunft der der Beleh⸗ rung war im Stande, die Heftigkeit ſeines ſelbſt⸗ ſuͤchtigen Ehrgeizes zu leiten, welcher Napoleon wuͤnſchen ließ, die ganze Weltregierung moͤchte nicht bloß entfernt, ſondern ſogar direkt und unmittelbae von ſeinem Belieben abhaͤngen. Als er ſeinen Bruͤ‚ dern Koͤnigreiche austheilte, geſchah es unter der ausdruͤcklichen Bedingung, daß ſie in Allem die Po⸗ litik, welche er vorſchreiben wuͤrde, befolgen muͤß⸗ ten; und nach Allem ſchien er abhaͤnaige Staaten bloß in der Abſicht zu ſchaffen, ſie wieder an ſich zu ziehen. Er entthronte ſelnen Bruder Ludwig, weil er ſich weigerte, die Bedruͤckungen zu unterſtuͤtzen, die er im Namen Frankreichs Holland auferlegte; auch hatte er im Sinne, Joſeph aus Spanijen zu entfernen, als er ſah, uͤber welches ſchoͤne und bluͤ⸗ hende Reich er ihn zum Koͤnig gemacht hatte. In ſeinem wilden und unerſaͤttlichen Wahnſinne, jedes Koͤnigreich, das er eroberte, in eigener Perſon zu verwalten, ſetzte er ſeinen gewaltigen Geiſt auf eine gleiche Linie mit dem des verwoͤhnten Kindes, das ſich nicht zufrieden geben will, wenn man ihm nicht auf einen ſo ungeordneten Ehrgeiz gegruͤndete Sy⸗ ſtem trug in ſeinem Uebermaß die Keime ſeines ei⸗ genen Untergangs in ſich. Der Laͤufer, welcher nie 56 Salt macht, um auszuruhen, muß endlich aus Er⸗ mattung niederſinken. Haͤtte Napoleon in Spanien und Rußland geſiest, ſo wuͤrde er nicht eher geruht 3 haben, als bis ihn die Unfalle von Baylen und Mos⸗ keau anderswo getroffen haͤtten. Die Kolgen der unverantwortlichen Angriffe des franzoͤſiſchen Kaiſers waren eine graͤnzenloſe Aus⸗ dehnung von Blutvergießen, Feuer und menſchll⸗ chem Elende, die bloß aus dem Ehrgeize eines ein⸗ zigen Mannes entſprang, der nie durch das gering⸗ ſte Zeichen verrieth, daß er das graͤnzenloſe Unheil bereut habe, ſondern im Gegentheil die Verwuͤſtun⸗ gen, welche er anrichtete, zu rechtfertigen und ſei⸗ nen Stolz darein zu ſetzen ſchten. Dieſe eben ſo unerſaͤttliche als unheilbare Ehrſucht berechtigte Eu⸗ ropa, ſeine Perſon gefangen zu halten, als ob es die eines Mondfuͤchrigen geweſen waͤre, deſſen irre geleitete Wuth nicht gegen ein Individuum, ſon⸗ dern gegen die civiltſirte Welt gerichtet war, die, faſt uͤberwaͤltigt durch ihn, und ſich nur mit Muͤhe rettend, ein natuͤrliches Recht hatte, gegen die Wiederholung der wahnſinnigen Thaten eines We⸗ ſens geſichert zu ſeyn, das durch mehr als menſch⸗ liche Leidenſchaft geleitet zu werden und faͤhig ſchien, mehr als menſchliche Kraft bei der Ausſührnng ſei⸗ nes Vorfatzes anzuwenden. Die naͤmliche Selbſtſucht, der naͤmliche Geiſt der Selbſttaͤuſchung, die Napoleon waͤhrend ſeiner — y 52⸗ langen und furchtbaren Gluͤcksbahn auszeichneten, folgten ihm ins Ungluͤck. Er erſann Entſchuldigun⸗ gen zum Gebrauche bei ſeiner kleinen Geſellſchaft von Begleitern, wie er fruͤher Buͤlletins verfertigt hatte. Diejenigen, an welche dieſe Entſchuldigun⸗ gen gerichtet waren, Las Caſes und die andern Cdel⸗ lente, aus denen das Gefolge Napoleons beſtand, 3 waren ihm zu ſehr ergeben und zu edelmuͤthig, als 3 daß ſie nach ſeinem Falle Lehren beſtritten haͤtten, welche man waͤhrend der Zeit ſeiner Herrſchaft nicht ohne Gefahr haͤtte bekaͤmpfen koͤnnen. Sie betrach⸗ 8 teten daher Alles, was er ſagte, als prophetiſche Wahrheiten, und ſetzten alles, was auf keine Weiſe mit der Wahrheit in Einklang gebracht werden konn⸗ te, auf Rechnung der goͤttlichen Eingebung. Die ſchrecklichen Uebel, welche Europa in den Jahren ſeines Gluͤckes verheerten, wurden Anderen und vielleicht ſeinem eigenen Geiſte als Folgen darge⸗ ſtellt, die der Kaiſer weder wuͤnſchte, noch in Be⸗ tracht zog, ſondern die nothwendig und unabaͤnder⸗ lich mit der Ausfuͤhrung der großen Plane verknuͤpft waren, die der Mann des Schickſals auf Erden aus⸗ zufuͤhren berufen war, und die in ſo fern dem blaß⸗ gelben und furchterregenden Schweife glichen, der dem raſchen Laufe eines glaͤnzenden Kometen folgt, den die Geſetze des Weltalls in das pfadloſe Fir⸗ mament geworfen haben. Er begieng einige Verbrechen von einer andern 6 58 Gattung, welche nicht wie die allgemeinen Uebel des Krieges, aus der Ausfuͤhrung großer und be⸗ rechneter Plane im Fache der Politik und Kriegs⸗ kunſt entſprungen zu ſeyn ſcheinen, ſondern ihre Auelle in einem von Natur leidenſchaftlichen und rachſuᷣchtigen Gemuͤthe gehabt haben muͤſſen. Die Ermordung des Herzogs von Enghien ſtand an der Spitze dieſes Verzeichniſſes; eine willkuͤrliche Hand⸗ lung der Verraͤtherei und Graufamkeit, die, da ſie unlaͤugbar war, Urſache wurde, daß man Napoleon an⸗ derer, geheimer und blutiger Verbrechen fuͤr faͤhig hielt,— der Ermordung Pichegruͤ's nnd Wright's, — der Entfuͤhrung des Herrn Windham, von dem man nachher nichts mehr hoͤrte und ſah, und an⸗ derer, gleich grauſamer Handlungen. Wir beden⸗ ken uns, ehe wir ihm einige von denjenigen Ver⸗ brechen aufbuͤrden, die nicht klar bewieſen wor⸗ den ſind. Denn waͤhrend es nicht gelaͤugnet wer⸗ den kann, daß er eine Neigung zur perſoͤnlichen Rachſucht hatte, die, wie man ſagt, ſeinem Vater⸗ lande eigen iſt, liegt es nicht weniger am Tage, daß er, von Natur heftig, aus Politik ſanft und mild war, und daß, wenn er der erſtern Neigung ſich ergeben hatte, die Sicherheit, mit der er dieß gethan haben wuͤrde, nebſt dem bereitwilligen und ſchnellen Verfahren ſeiner unheilvollen Polizel, ſel⸗ ne Wuth dem Grimme eines der roͤmiſchen Kaiſer aͤhnlich gemacht haben wuͤrde. Er gewahrte zu ſpaͤt 59 den all emeinen Haß, den er ſich durch die Ermor⸗ dung des Herzogs von Enghien zugezogen hatte, und ſcheint nicht geneigt geweſen zu ſeyn, ſich durch die Verfolgung ſeines beſondern Grolles noch einmal der Gefahr des Volkshaſſes auszuſetzen. Die Archirve ſeiner Polizei und die Verfolgungen, welche dieienne: gen erfuhren, die Napoleon als ſeine perſoͤnlichen Feinde betrachtete, zeigen jedoch, daß die Natur⸗ wenigſtens in Folge ploͤtzlicher Aufregungen, ihre Richtung wieder annahm, und daß er, dem außer ſei⸗ ner Achtung fuͤr die oͤffentliche Meinung kein Zwang auferlegt war, gelegenheitlich der Verſuchung nach⸗ gab, ſeine perſoͤnlichen Beleidigungen zu raͤchen. Er erklaͤrte es fuͤr eine Schwaͤche im Karakter ſeines Lieblings Caͤfar, daß er ſeinen Feinden die Macht ließ, ihn zu beleidigen; und Antomarchi, der dieſe Bemerkung mittheilt, geſteht, daß, wenn er auf die Perſon blickte, die er vor ſich hatte, er anerkennen muͤſſe, daß ſie in einen ſolchen Irrthum wahrſcheln⸗ lich nicht gerathen werde. Wenn Napoleon ohne Ruͤckhalt ſprach und wahr⸗ ſcheinlich ſeine wahren Geſinnungen ausdruͤckte, be⸗ muͤhte er ſich, dielenigen Handlungen ſeiner Regie⸗ rung, welche die Regeln der Rechtlichkeit und Sitt⸗ lichkeit uͤberſchritten, durch politiſche N othwendigkeit und Staatsgruͤnde, oder mit andern Worten, durch den Drang ſeines eigenen Vortheils zu rechtfertigen. 60 Dieß woar jedoch eine Vertheidigung, deren ganzen Vortheil er ſich ſelbſt, zur Rechtfertigung ſeiner Hand⸗ lungen, vorbehielt, den er aber keinem andern Sou⸗ veraͤn zu gebrauchen erlaubte. Er hielt ſich ſelbſt fuͤr berechtigt, das Voͤlkerrecht zu verletzen, wenn ſein Vortheil es erforderte; allein wenn er behaup⸗ tete, daß es von andern verletzt worden ſey, ſo ver⸗ theidigte er die Guͤltigkeit des oͤffentlichen Rechtes ſo warm, als ob er ſelbſt in allen Faͤllen die Lehren deſſelben als unverletzlich geachtet haͤtte. Allein wenn Napoleon ſich zu Zelten auf die Staatsnothwendigkeit, als auf die letzte Quelle von Handlungen, die auf eine andere Weiſe nicht zu recht⸗ fertigen waren, berief, ſo ſuchte er noch haͤufiger ſeine Irrthuͤmer durch Ablaͤugnen zu verbergen, oder ſie durch grundloſe Entſchuldigungen zu rechtfertigen. Seine Gewohnhelt, die Wahrheit zu verhehlen und Luͤgen zu erſinnen, war ſo ſtark geworden, daß ſogar ſein letzter Wille die ſtaͤrkſten Beweiſe ſeines Trug⸗ ſyſtems in ſich traͤgt. Er behauptet, der Herzog von Enghien ſey durch ſein eigenes Geſtaͤndniß uͤberfuͤhrt worden, daß er ſechzig Meuchelmoͤrder zum Behufe der Ermordung Napoleons in Frankreich unterhalten habe. Das Verhoͤr des Herzogs enthaͤlt aber eine ausdruͤckliche Verneinung dieſer Anklage, ſtatt eines Geſtaͤndniſſes; auch wurde nicht der geringſte Verſuch gemacht, ihm durch irgend ein anderes Zeugniß zu widerſprechen. Auf gleiche Weiſe vermachte er ei⸗ 61 nem Schurken ein Vermaͤchtniß, der der Herzog von Wellington zu ermorden geſucht hatte; da der Moͤrder, ſeiner ſonderbaren Schlußart zufolge, in gleichem Grade berechtigt war, ſeinen Nebenbuhler und Sieger zu toͤdten, als die Englaͤnder, ihn auf St. Helena gefangen zu halten. Dieſe Klauſel in dem letzten Willen eines Sterbenden iſt nicht blos wegen ihrer Abſcheulichkeit auffallend, ſondern auch wegen der unrichtigkelt des ſittlichen Urthells, das ſie enthaͤlt. Napoleon hat eine Parallele zwiſchen zwei Faͤllen gezogen, die daher beide gut oder ver⸗ werflich ſeyn muͤſſen. Wenn beide verwerflich waren, warum belohnte er alſo den Boͤſewicht mit einem Vermaͤchtniſſe? Wenn aber beide gut waren, warum beklagte er ſich alsdann daruͤber, daß die brittiſche Regierung ihn auf St. Helena gefangen hielt?!? Allein der ganze Karakter der Selbſtbiographle Napoleons bezeichnet wirklich ſeinen Wunſch, das menſchliche Geſchlecht in zwei Klaſſen,— in ſeine Freun⸗ de und Feinde zu theilen;— von welchen die er⸗ ſtern geprieſen und gerechtfertigt, die letztern aber erniedrigt, getadelt und verdammt werden ſollen, ohne alle Nuͤckſicht auf Wahrheit, Gerechtigkeit oder Folgerichtigkeit. Um ein auffallendes Beiſpiel zu ge⸗ ben, ſo behauptete er feſt, die Schaͤtze, welche im April 1814 aus Paris entfernt und nach Orleans ge⸗ bracht wurden, ſeyen von den Miniſtern der verbuͤn⸗ deten Maͤchte,— Talleyrand, Metternich, Harden⸗ 62 berg und Caſtlereagh weggenommen und vertheilt worden; und das auf dieſe Art eingezogene Geld habe das Heirathsgut der Kaiſerin Marla Luiſe gebildet.*) Waͤre die Geſchichte wahr geweſen, ſo haͤtte ſie Na⸗ poleon ein ſehr einfaches Mittel dargeboten, ſich an Lord Caſtlereagh zu raͤchen, das naͤmlich, dem brit⸗ tiſchen Pubeikum das Geheimniß mitzutheilen. Nicht weniger bemerkenswerth iſt es, daß Na⸗ poleon, obſchon ſelbſt Soldat und zwar ein ausge⸗ zeichneter, den Truppen und Generalen, die ihm ei⸗ ven gluͤcklichen Widerſtand leiſteten, ein aufrichtiges Lob ertheilen konnte. Bei der Erwaͤhnung ſeiner Siege lobt er haͤufig die Tapferkeit und das Betra⸗ gen der Beſtegten. Dieß war eine neue und feinere Ars, ſich und ſeine Truppen, durch welche dieſe Feinde uͤberwaͤltigt worden waren, zu preiſen. Allein nie geſteht er denen ein Verdienſt zu, durch die er ſei⸗ nerſeits beſtegt worden iſt. Er erklaͤrt nie, daß ſich die preußiſchen Truppen gut gehalten haben, ausge⸗ nommen bei Jena, oder die Ruſſen, ausgenommen bei Auſterlitz. Die Heere derſelben Nationen, die her in den Feldzuͤgen 1812 und 1813 ſah und fuͤhlte, — *) Siehe Br. O'Meara's Stimme aus St. Helena, der felbſt über dies Un eheure der Erdichtung in Erſtaunen gerathen zu ſeyn ſcheint. Was die Ungereimtheit dieſer Behauptungt noch vergrößert, iſt der Umſtand, daß Napoleon's Teſtament. über einen Theil deſſelben Schatzes verfügt, als ob er ſich noch in den Händen der Maria Luife befände. 63 und vor welchen er ſo unheilvolle Ruͤckzuͤge, wie die bei Moskau und Leipzig machte, waren ſeinen Ausbrä ken zu Folge, bloßes Geſindel. Ebenſo, wenn er eine Schlacht beſchreibi, in der er geſiegt hat, ruͤhmt er ſich ſicherlich gleich den al⸗ ten Griechen,(ſehr richtig vielleicht), daß das Gluͤck keinen Antheil daran gehabt habe, waͤhrend ſelne Niederlagen gaͤnzlich der Wuth der Elemente, der Vereinigung gewiſſer hoͤchſt außerordentlicher und un⸗ erwarteter Umſtaͤnde, dem Verſehen einiger ſeiner Lieutenants oder Marſchaͤlle, oder endlich der Hart⸗ naͤckigkeit des feindlichen Generals zugeſchrieben wer⸗ den, der aus bloßem Bloͤdſinn dem Siege durch Um⸗ ſtaͤnde, die ſein Verderben haͤtten ſichern ſollen, biind⸗ lings zueilte. Mit einem Worte, von einem Ende der Werke Napoleons bis zum andern, hat er ſich kaum eines einzigen Fehlers, oder einer einzigen Thorheit ſchul⸗ dig bekannt, jene ausgenommen, welche die Men⸗ ſchen, da ſie aus einem Uebermaße von Edelmuth entſpringen, ſich im Geheimen als Verdienſt anroch⸗ nen, waͤhrend ſie ſie fuͤr tadelnswuͤrdig ausgeben. Wenn wir ſeinen eigenen Worten trauen, ſo muͤſſen wir glauben, daß er ein fehlerloſes und unfehlbares Weſen war. Wenn wir dieß aber nicht thun, ſo muͤſſen wir ihn als einen Mann betrachten, der da, wo es ſich um ſeinen eigenen Ruf handelte, ſeine 64 Geſchichte ohne alle Ruͤckſicht auf Wahrheit und Red⸗ lcchkeit erzäͤhlte. Vielleiche war es eine Folge derſelben Gleich⸗ guͤltigkeit gegen die Wahrheit, welche Napoleon bewog, denjenigen franzoͤſiſchen Offizleren, welche durch ihr Entfliehen aus England ihr Wort brachen, ſeine Gunſt zu ſchenken. Dieß war von ſeiner Sei⸗ te, wie er behauptete, eine Handlung der Wieder⸗ vergeltung, da die brittiſche Regierung, ſeinem Vor⸗ geben nach, ein aͤhnliches Betragen befolgt hatte. Die Vertheidigung iſt falſch, was die Thatſache be⸗ trifft; allein wenn ſie auch wahr waͤre, ſo wuͤrde ſie keine Entſchuld igung fuͤr einen Souverain und General ſeyn, der den Treubruch eines Edelmanns und Soldaten in Schutz naͤhme. Die franzoͤſiſchen Offiziere, welche ſich durch ſolche Mittel befreiten, waren nichts deſto weniger entehrte Maͤnner, und unfaͤhig, bei dem franzoͤſiſchen Heere Ehrenſtellen zu bekleiden, wenn ſie ſich auch auf aͤhnliche ſchaͤndliche Beiſpiele in England mit Wahrheit haͤtten berufen koͤnnen.. Allein das außerordentlichſte Beiſpiel von Na⸗ poleons truͤgeriſchem Syſteme, und ſeinem Entſchluſ⸗ ſe, ſich um jeden Preis den Beſchauern in dem vor⸗ theilhaſteſten Lichte zu zeigen, iſt ſein Verſuch, ſich als den Freund und Beſchuͤtzer liberaler und freier Grundſaͤtze darzuſtellen. Er hatte jede Spur von Freiheit in Frankreich vertilgt; er hatte als Jde ———— 65 3 logiſt alle verfelgt, die ihr Andenken werth hiel er hatte ſich geruͤhmt, daß er der Wiederherſteller der monarchiſchen Regierung ſey; der Krieg zwi⸗ ſchen ihm und den Freunden der Verfaſſung, welche— nach der Ruͤckkehr von Elba durch einen leeren Waf⸗ fenſtillſtand bemaͤntelt wurde, war erneuert worden, 4 und die Freiheitsfreunde hatten ihn aus der Haupt⸗ ſtadt vertrieben; er hatte in ſeinem Teſtamente den General Lafayette, einem ihrer fruͤheſten, ergeben⸗ ſten und redlichſten Fuͤhrer Verraͤther genannt; und doch hat er ſich, ungeachtet dieſes beſtaͤndigen Wi⸗ berſtandes gegen die Partei, welche am meiſten durch ſie geleitet worden zu ſeyn bekennt, als den Freund freiſinniger Ideen darzuſtellen gewagt. Er hat dieß gethan, und man hat ihm geglaubt. Es giebt nur eine Erklaͤrung hievon. Die Freun⸗ de der Revolution ſind aus Grundſaͤtzen die Feinde der alten und beſtehenden Regierungen. Napoleon wurde der Gegner der beſt henden Maͤchte aus Um⸗ ſtaͤnden; nicht weil er den Karakter ihrer Regierung beſtritt, ſondern weil ſie ihn nicht in ihren Kreis aufnehmen wollten; und obſchon keine wirkliche Ver⸗ bindung zwiſchen ſeinem Syſteme und dem der Frei⸗ heitsfreunde ſtatt fand, und ſtatt finden konnte, ſo Hhatten doch beide dieſelben Gegner, und jeder liebte in dem andern den Feind ſeiner Feinde. Na⸗ poleon bemuͤhte ſich in ſeinen ſpaͤtern Tagen das Mitgefuͤhl jeder Klaſſe von Politikern, wenn Be⸗ W.Scott/s Werke. LXVI. 5 66 kenntniſſe dieß bewirken konnten, zu gewinnen; waͤhrend es auf der andern Seite derjenigen Klaſſe, die er beguͤnſtigte, nicht gleichguͤltig ſeyn konnte, unter ihre Schuͤler, wenn auch erſt in der zwoͤlften Stunde den Namen Napoleons zu zaͤhlen. Man konnte es mit dem vergleichen, was zuweilen in der katholiſchen Kirche geſchieht, wenn ein reicher und machtiger Suͤnder auf ſeinem Todbette die Ab⸗ ſolution der Kirche unter leichten Bedingungen er⸗ haͤlt, und nach einem Leben, voll Vergehungen und Ausſchweifungen ſtirbt, gehuͤllt in den Mantel, und umguͤrtet mit dem Bande irgend eines Ordens von ungewoͤhnlicher Strenge. Ungeachtet Napoleon als Deſpot und Eroberer lebte, iſt doch ein Andenken von Meuſchen, die ſich ausdruͤcklich die Freunde der Freiheit nannten, geheiligt und bewundert worden. Die Fehler Buonaparte's, wir ſchliteßen, wie. wir begonnen haben, waren nicht ſowohl die des Indlviduums, als die des Souverains und Politi⸗ kers. Weislich ſtehet es geſchrieben, daß, wenn wir ſagen, wir haben keine Suͤnde, wir uns ſelbſt taͤuſchen, und die Wahrheit nicht in uns iſt. Die zuͤgelloſe Macht ſeines Ehrgeizes machte ihn zu ei⸗ ner Geißel Europa's; und ſeine Beſtrebungen die⸗— ſes ſelbſtfuͤchtige Princip zu verhehlen, bewogen ihn, den Betrug mit der Gewalt zu paaren, und ein re⸗ gelmaͤßiges Syſtem zur Taͤuſchung derer, die er nicht bezwingen konnte, zu errichten. Haͤtte ſich ſei⸗ 4 ————yy—;§;:f—— ——————-— — 67 ne nataͤrliche Gemuͤthsart durch eine kaltbl Grauſamkeit ausgezeichnet, wie die des Octavius oder haͤtte er ſich der Waͤrme ſeines Temperan uͤberlaſſen, gleich den andern Deſpoten, ſo haͤtte ſeine Privatgeſchichte, wie die Geſchichte ſeiner Feld⸗ zuͤge mit blutiger Schrift geſchrieben werden muͤſſen. Wenn er ſtatt zu behaupten, daß er ein Verbrechen begangen habe, ſein Selbſtlob auf die Behauptung beſchraͤnkt haͤtte, daß er bei der Erreichung und Handhabung der hoͤchſten Gewalt der Verſuchung widerſtanden ſey, viele Verbrechen zu begehen, ſo haͤtte man ihm nicht widerſprechen koͤnnen. Und das iſt kein geringes Lob. Sein Regierungsſyſtem war im hoͤchſten Grade falſch. Es umfaßte die Sklaverei Frankreichs, und bezweckte die Unterjochung der Welt. Allein, dem erſtern that er viel Gutes, um es fuͤr das Kleinod das er ihm raubte, zu entſchaͤdigen. Er gab ihm eine ordentliche Regierung, Schulen, Einrichtungen Gerichtshöfe und ein Geſetzbuch. In Italien war ſeine Herrſchaft gleich glaͤnzend und wohlthaͤtig. Die guten Wirkungen, welche fuͤr andere Laͤnder aus ſeiner Herrſchaft und aus ſeinem Karakter entſpran⸗ gen, fangen ebenfalls an, gefuͤhlt zu werden, ob⸗ ſchon ſie unſtreitig nicht in ſeinem Plan lagen. Sei⸗ ne Einfaͤlle in fremde Laͤnder, welche die in man⸗ chen Staaten obwaltenden Uneinigkeiten zwiſchen den Unterthanen und den Regenten, ſchlichteten in 5.⸗ e 68 dem ſie ſie auff orderten, ſich gegen einen gemeinſchaft⸗ lichen Feind zu verbinden, haben das Lehnsjoch locker gemacht, den Geiſt der Fürſten und Voͤlker aufge⸗ klaͤrt, und zu manchen bewundernswuͤrdigen Reſul⸗ taten gefuͤhrt, die darum keinen minder dauerhaften Nutzen haben werden, weil ſie langſam und ohne Kampf entſtanden ſind, und noch entſtehen. Indem wir das Leben Napoleon Buona⸗ parte's ſchließen, fuͤhlen wir uns zu der Bemer⸗ kung aufgefordert, daß derſelbe ein Mann war, wel⸗ cher die beiden Extremitaͤten des menſchlichen Le⸗ bens,— den hoͤchſten Gipfel irdiſcher Macht und das tiefſte Elend— erfahren hatte; und wenn er, ſich gelegenheitlich uͤbermuͤthig zeigte, als er von der bewaffneten Macht einer halben Welt unterſtuͤtzt wurde, oder allzuklagſuͤchtig war, als er ſich in die engen Graͤnzen von St. Helena eingekerkert fand, ſo liegt es doch ſchwerlich in der Sphaͤre derer, wel⸗ che ihr Schickſal kaum uͤber den mittleren Pfad des Lebens hinausgefuͤhrt hat, die Macht der Verſu⸗ chungen, welchen er unterlag, oder die Seelenſtaͤr⸗ ke, die er denen entgegenſetzte, welchen er zu wi⸗ derſtehen vermochte, zu wuͤrdigen. Ende. Anhan g. Nro. I. Nachtraͤgliche Bemerkungen uͤber 5 Napoleons fruͤhere Laufbahn. Band III, pag. 17⸗ Zu der in dem Texte gegebenen duͤrftigen Er⸗ zaͤhlung kann noch hinzugefuͤgt werden, daß Napo⸗ leon, obſchon erſt 24 Jahre alt, nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr nach Corſika im Jahr 1793, in die Politik die⸗ ſer Inſel tief verwickelt wurde. Einige Zeit lang war er gleicher Meinung mit ſeinem verehrten Ver⸗ wandten Paoli, der von deſſen fruͤhzeitigen Talenten und der Art ſeines Ausdrucks ergriffen, die Mei⸗ nung aͤußerte, daß er zu den von Plutarch geſchil⸗ derten Karakteren gehoͤre. Um dieſelbe Zeit zeich⸗ nete ſich eine andere merkwuͤrdige Perſon, der wohl⸗ bekannte Staatsmann Graf Pozzo de Borgo, als 1 70 aufſtrebender Karakter auf derſelben Inſel aus. Er war der Verwandte und urſpruͤnglich der Freund und Gefaͤhrte Napoleons und erfreute ſich gleich ihm, einer nicht geringen Achtung unter ſeinen Lands⸗ 3 leuten. Allein als die Buͤrgerunruhen ausbrachen, loͤßte ſich die Freundſchaft zwiſchen den beiden Ver⸗ 3 wandten auf. Pozzo de Borgo, der auf Corſika be⸗ reits eine bedeutende Stelle bekleidete, war ein Anhauger Paoli's. Napoleon ſchlug ſich auf die Seite, welche die Sache der franzoͤſiſch⸗ republika⸗ niſchen Parthei ergriff. Er war um dieſe Zeit Oberſt⸗ Lientenant eines Regiments der Nationalgarde. Der Obriſt deſſelben Regiments hegte andere politiſche Geſinnungen, als ſein junger College. Bei einer ge⸗ wiſſen Gelegenheit verſammelte Napoleon einen Theil des Regiments, der ihm auhieng, und feuerte auf ſelgen Befehlshaber und die uͤbrigen. Nach dieſem Scharmuͤtzel wurde er noch in andere verwickelt, bis die Partei Paoli's die Oberhand gewann, und Na⸗ poleon feierlich aus ſeiner Geburtsinſel verbannt wurde. Er machte dem Grafen Pozzo de Borgo ſtets den Vorwurf, daß er zu ſeiner Verbannung mitge⸗ wirkt habe; und bei dem ſtarken Rachgefuͤhle, das ſeinem Lande eigen ſeyn ſoll, vergaß er uͤber den vielen wichrigen Angelegenheiten, die nachmals ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen, ſeine Fehde mit ſeinem fruhen Nebenbuhler nie. Ueberall, wo 71—* Frankreich die Oberhand gewann, wurde der Aufent⸗ halt fuͤr diejenigen, welche Napoleon haßte, gefaͤhr⸗ Aich. In Folge deſſen ſah Pozzo de Borgo ſich ge⸗ noͤthigt, ſich von einem Koͤnigreiche in das andere zuruͤckzuziehen, bis er endlich nur noch in England Schutz finden konnte. Allein das Schickſal dieſeer zwei fruͤhern Bekannten ſchien dicht in einander ver⸗ woben. Als Napoleon's Gluͤcksſtern zu weichen be⸗ gann, ſchien ſich das Loos ſeines Verwandten zu verbeſſern und Ehrenſtellen und Gluͤcksguͤter floſſen ihm in dem Verhaͤltniſſe zu, in welchem Napoleon von der Hoͤhe ſeines Gluͤckes herabſank. Es war auch ſein merkwuͤrdiges Schickſal, vermoͤge ſeines Einfluſſes in den ruſſiſchen Rathsverſammlungen, kei⸗ nen geringen Antheil an der Entſcheidung des Schick⸗ ſals ſeines maͤchtigen Gegners zu haben. Als die Verbuͤndeten in Betreff des Marſches nach Paris ſchwankren, waren es die Beweisgruͤnde des Grafen Pozzo de Borgo, welche den Kaiſer von Rußland in ſeinem Beſchluſſe, dieſe entſcheidende Maßregel anzu⸗ nehmen, beſtaͤrkten. In demſelben Bande III. pag. 25, iſt/ einer klei⸗ nen jakobiniſchen Schrift,(von Buonaparte) das Souper de Beaucaire genannt, ein politiſches Zwei⸗ geſpraͤch zwiſchen Murat und einem Foͤderirten, oder Girondiſten erwaͤhnt worden, in welchem der Letztere durch die Beweisgruͤnde und die Beredtſamkeit der Freunde des Volks uͤberwaͤltigt und zum Schweigen 88 22 gebracht wurde. Diß iſt ein oberfläͤchlicher Bericht von dem Souper de Beaucaire, von welchem der Herausgeber kein Exemplar hatte auffinden koͤnnen. — iſt ſeitdem eine neue Auflage davon erſchienen, und der Inhalt deſſelben unterſcheidet ſich bedeutend von der Angabe des obigen Tertes. Murat iſt z. B. keine Perſon in dem Zweigeſpraͤch. Die Scene iſt in den Zeitpunkt verlegt, in welchem die Foͤderali⸗ ſten ſich in mehreren Staͤdten Frankreichs, beſonders in Lyon und Marſeille, gegen die jakobiniſche Re⸗ gierung erhoben. Das Datum iſt der 29. Julius 1793. Der Plan des Werks iſt folgender:— Es wird angenommen, daß eine vermiſchte Geſellſchaft an der table d'hote zu Beaucaire waͤhrend des letz⸗ ten Tags der dortigen großen Meſſe ſich verſammelt habe. Die Geſellſchaft beſteht aus einem Krieger, welcher der Verfaſſer ſelbſt iſt, zwei Kaufleuten aus Marſeille, einem Einwohner aus Nismes, und ei⸗ nem Kuͤnſtler aus Montpellier. Sie verfallen natuͤr⸗ lich in ein Geſpraͤch uͤber den Ausgang des Buͤrger⸗ kriegs. Die zwei Kauflente aus Marſeille, die ſo eben den ſchlimmen Erfolg des Angriffs ihrer Lands⸗ leute auf Avignon erfahren haben, aus dem ſie durch die Jakobiner vertrieben worden waren, nach⸗ dem ſie es eine kurze Zeit behauptet hatten(Siehe Band II, pap 236.) glaubten den Zuſtand des De⸗ mokratiſchen Heeres unter Cartaux kennen zu ler⸗ 73 nen, und die Nachrichten, welche ihnen der Krieger gibt, erfuͤllen ſie mit Bangigkeit. Der Soldat. Das Heer des Cartaur 4000 Mann ſtark, als es Avignon(das damam dem Marſeiller Heere beſetzt war) angriff; laͤuft ſich jetzt auf ao00 Mann, und wird ſich, nerhalb 4 Tagen, bis auf 10,000 Mann verſtaͤrken. Es iſt nie von Avignon zuruͤckgeſchlagen werden, da es nie einen foͤrmlichen Angriff gemacht hat; die Truppen mandͤvrirten bloß um den Platz herum, um ſich zu uͤberzeugen, wo ein Verſuch, die Thore durch Petarden zu erſtuͤrmey, mit Vortheil unternommen werden koͤnnte; wenige Kanonen wurden abgefeuert, um den Muth der Beſatzung zu erproben. Hierauf war es nothwendig, daß man ſich ins Lager zuruͤck⸗ zog, um den Nugriff auf den naͤchſten Morgen an⸗ zuordnen. Die Marſeiller waren 3600 Mann ſtark, ſie hatten eine ſchwerere und zahlreichere Artillerie, und dennoch mußten ſie wieder uͤber die Durance zuruͤckgehen. Dieß befremdet Sie, all lein bloß alte und erfahrene Truppen koͤunen die ungewiſſen Vor⸗ faͤlle einer Belagerung beſtehen. Wir waren Mei⸗ ſter von der Rhone von Ville neuve und dem offe⸗ nen Lande; wir hatten ihnen alle Kommunikationen abgeſchnitten. Sie ſahen ſich genothigt, die Stadt Avignon zu raͤumen, wurden von der Reiterei ver⸗ folgt, und verloren viele Gefangene und zwei Ka⸗ nonen.“ 24 Die Marſeiller ſuchen dieſen ſchlimmen Nach⸗ richten die Vortheile entgegen zu. ſtellen, die ſie voon den beabſichtigten Anſtrengungen ihrer Stadt, die das Heer mit neuen Truppen und ſchwerem Ge⸗ ſchuͤtz zu verſehen ſuchte, zu erwarten haben. Al⸗ tein der junge Offizier zeigt die Unzulaͤnglichkeit der 18 und 2. Pfuͤnder, der Feld⸗Artillerie gegenuͤber, da wo die Heere auf offenem Felde zuſammentreffen, die uͤberlegene Geſchicklichkeit der regelmaͤßigen Ar⸗ tilleriſten in der Bedienung der Kanonen, die Vor⸗ zauͤge der disciplinirten Krieger unter Cartaux vor den neuausgehobenen Truppen, welche die Marſeil⸗ ler ins Feld zu ſtellen geſonnen ſeyen, und den Mangel an Lebensmitteln in der Stadt, im Falle einer Belagerung. Der Marſeiller ſpielt in der Antwort die Rolle, welche gewoͤhnlich dem Mitſprecher bei dieſer Art von Dialog, der die von dem Verfaſſer beguͤnſtigten Meinungen bekaͤmpft, zugetheilt wird. Er ſchlaͤgt verſchiedene Vertheidigungsplane vor, deren Schwaͤche von ſeinem ſiegreichen Gegner leicht dargethan wird. Er beweißt ihnen, daß der aͤußerſte Widerſtand von Seite der Marſeiller die groͤßte Thorheit waͤre, und daß ſie keine Mittel befaͤßen, die ihnen den Sieg ſichern koͤnnten. Euer Heer wird aus den reichſten und gebildetſten eurer Stadt beſtehen, denn die Sans Culottes werden die Waffen leicht gegen euch kehren. So werdet ihr die Bluͤthe eurer Jugend, welche gewohnt iſt, das Gleichgewicht des Handels im mittellaͤndiſchen Meere zu erhalten, und ihr Lan durch merkantiliſche Spekulationen zu bereicher dem Verderben Preis geben, wenn ihr ſie den Fiͤ⸗ derirten gegenäber ſtellt, die ſich ſchon hundert Mal der ſich bis aufs Aeußerſte vertheidigen. Der Be⸗ wohner von Vevarals, den Sevennen und Corſika mag ſich ohne Furcht vor dem Auszange der Schlacht, — gen Krieger mit ein paar Flaſchen Champagner auf, 75 mit dem Blute der wuͤthenden Ariſtokraten, und der wilden Preußen gefaͤrbt haben. Moͤgen arme Laͤn⸗ der Gefahr Preis geben. Wenn er die Schlacht ge⸗ winnt, ſo hat er ſeinen Zweck erreicht— wenn er ſie verliert, ſo befindet er ſich, was den zu ſchlie⸗ benden Frieden betrifft, in keiner ſchlimmern Lage, als zuvor. Allein ihr, wenn ihr eine Schlacht ver⸗ liert, ſo wird die Frucht der Arbeit, der Maͤßigkeit, und des Gluckes von tauſend Jahren, die Beute der Soldaten. In dieſem Toue faͤhrt die Eroͤrterung fort, bis die Kaufleute von Marſeille, aus dem Felde geſchla⸗ gen, anerkennen muͤſſen, daß die Unterwuͤrfigkeit das beſte Mittel fuͤr ſie iſt, dem Verderben zu ent⸗ gehen. Sie kommen uberein, ihren Landsleuten dieſes Mittel anzuempfehlen, und warten dem jun⸗ um ihm ihren Dank dafuͤr zu bezeugen, daß er ſich. die Muͤhe gegeben hatte, ſie uͤber dieſen Gegenſtand außzuklaͤren.— ts unrichtiger ſeyn kann, als das Souper de zueaire eine jakobiniſche Flugſchrift zu nennen, ſchon es unſtreitig in der Abſicht geſchrieben wor⸗ iſt, die Foͤderaliſten zu bewegen, ſich ihrem un⸗ vermeidlichen Schickſale zu unterwerfen. Das Werk iſt gaͤnzlich frei von der uͤbertriebenen und unver⸗ ſtaͤndlichen Spkache des Tages. Der Freiheit, Gleich⸗ heit, oder der angeborenen Rechte des Menſchen geſchieht keine Erwaͤhnung— auch findet man keine abſtracte Eroͤrkerung. Der ganze Streit zwiſchen Paris und den Departements iſt nur fluͤchtig beruͤhrt Buonaparte fordert die Marſeiller zur Unterwerfung auf, nicht weil die Grundſaͤtze, die ihre Unre der⸗ fung veranlaßt hatten, irrig waren, ſondern weil es ihnen an den Mitteln zu einem gluͤcklichen Wider⸗ ſtande gebrach; nicht weil ſie von den Jakobinern durch Beweisgruͤnde widerlegt waren, ſondern wefl ſie der Aufgabe nicht gewachſen waren, ſich mit den Waffen in der Hand, mit ihnen zu meſſen. Allein ungeachtet deſſen, was in dem Terte aus Unbekannt⸗ ſchaft mit der Natur dieſer Schrift geſagt worden iſt, ſo enthaͤlt er doch nichts, das mit Napoleons eigener Angabe in Betreff des Urſprungs des Wer⸗ kes, daß es naͤmlich unter dem angenommenen Ka⸗ rakter eines Jakobiners in der freundſchaftlichen Ab⸗ ſicht geſchrieben worden ſey, die Girondiſten zu uͤber⸗ zeugen, daß ſie keine geeignete Zeit zum Aufſtande 22 gewaͤhlt haben, und ihn ohne alle Hoffnung nehmen, im Widerſpruch ſtuͤnde. (Band III. pag. 25.) Nichts deſto weniger e ſogar die Farbe ſeiner Maske den Verfaſſer ſpaͤt hin an. Er ſammelte und vernichtete jedes Exe plar von dem Souper de Beaucaire, das aufgefun⸗ den werden konnte, ſo daß nur noch eines uͤbrig blieb, nach welchem Herr Pancoucke ſeine 2 ite Auf⸗ lage abdrucken ließ. Das Souper de Beaucaire iſt in einem trocke⸗ nen, leidenſchaftsloſen und ungezwungenen Style ge⸗ ſchrieben; allein es iſt noch ein anderes und fruͤheres Werk von Napoleons Jugend vorhanden, das, als den Karakter des Mannes beseichnend, welt erwaͤh⸗ nenswerther iſt. Dies war ſein Brief an Herin Matteo Butto⸗ foco, einen der corſiſchen Abgeordneten in der Na⸗ tionalverſammlung. Die Geſchichte des Werks hat Herr M. J. B. Joly, Buchdrucker zu Dole gegeben, der eine von dem Verfaſſer an zwei Stellen verbeſ⸗ ſerte Kopie ſehr ſorgfaͤltig aufbewahrt hat. Buona⸗ parte ließ 150 Exemplare abdrucken und nach Corſika ſchicken. Zu derſelben Zeit beſchaͤftigte ſich Napoleon mit noch andera litterariſchen Arbeiten. Er war damals Artillerie⸗Lieutenant, in Auxonne einquar⸗ tirt, und hatte ein Werk uͤber die politiſche, buͤr⸗ gerliche und militaͤriſche Geſchichte Corſikas, das zwei Baͤnde haͤtte fuͤllen koͤnnen, verfaßt. Er lud Herrn 78 oly ein, ihn in Auronne zu beſuchen, damit er ſich mit ihm uͤber den Druck und die Herausgabe dieſes Werks beſprechen koͤnnte. Er kam und fand den künftigen Kalſer in einem ſchlechten und armſellgen Zimmer, deſſen einziges Geraͤth ans einem elenden Bette, ohne Vorhaͤnge, einem in der Naͤhe eines Fenſters ſtehenden und mit Buͤchern und Papieren beladenen Tiſche und zwei Stuͤhlen beſtand. Sein Bruder Lucian, den er Mathematik lehrte, lag auf einer armſeligen Matratze in einem anſtoßenden Ka⸗ binette. Herr Joly, und der Verfaſſer kamen uͤber den Preis des Drucks des Buchs uͤberein; allein Napoleon war in dieſer Zeit ungewiß, ob er in Auxonne bleiben werde, oder nicht. Bald darauf wurde er nach Toulon gerufen, wo ſeine außerordent⸗ liche Laufbahn zuerſt begann. Das Werk uͤber Cor⸗ ſika wurde nie gedruckt; auch hat man nie eine Spur davon entdeckt. Herr Joly, der natuͤrlich jede Erinnerung an dieſe Zuſammenkunft mit dem kuͤnftigen Eroberer von Nationen in dem Karakter, und in der Lage ei⸗ nes Grub-street Verfaſſers aufzubowahren wuͤnſchte, meldet, daß die geiſtliche Kleidung und der Schmuck des Regimentspredigers, deſſen Amt man ſo eben abgeſchafft hatte, von den andern Offizeeren bei⸗Na⸗ poleon niedergelegt worden war. Er zeigte ſie ſei⸗ nem Beſucher, und ſprach von den Ceremtonien der 5 Religion ohne Unanſtaͤndigkeit, aber auch ohne Ache — 2 3.„ 79 4 8 tung.„Wenn Sie die Meſſe heute noch nicht hoͤrt haben, ſo kann ich ſie Thnen leſen.“ druͤckte er ſich gegen Herrn Joly aus. Der Brief an Buttafoco iſt eine Diatribe gen jenen corſiſchen Edelmann, der, waͤhrend der 8 Kriege mit Frankreich, der Freund der letztern Na⸗ tion und der Gegner der Freiheit ſeines Landes ge⸗ weſen war. Er war folglich der Feind der Familie Paoli geweſen, mit der Napoleon um dieſe Zeit im Winter 1790) auf dem freundſchaftlichſten Fuße ſtand. Wir haben den Aufſatz ganz mitgetheilt, weil, un⸗ geachtet die Sache kein Intereſſe hat, der lebhafte und haſtige Styl ſeiner Invective uns ein treues Bild von dem Karakter des wilden Juͤnglings giebt, deſſen Bruſt einer ſeiner Lehrer mit einem Vulkane verglich, der mit geſchmolzenem Granit ſo ſehr uͤber⸗ laden iſt, daß dieſer in Stroͤmen hervorſtuͤrzt, ſo⸗ bald ſeine Leidenſchaften in Aufregung gebracht wer⸗ 2 ben. 3 Beief Napoleon Buonaparte's an Herrn Mat⸗ teo Buttafoco, Abgeordneten aus Corſika in der Nationalverſammlung. 338 Sir,. Von Bonifacio bis zum Kup Corfo, von Alac⸗ cio bis Baſtia erſchallen aus Aller Munde Verwuͤn⸗ 80„ gegen Sie. Ihre Freunde entziehen ſich ee, und ſelbſt der denkende Mann, der ſich nicht von der Volksmeinung beherrſchen laͤßt, wird einmal von der allgemeinen Aufwallung hingeriſſen. Allein was haben Sie gethan? Welches ſind die Verbrechen, die einen ſo allgemeinen Unwillen, eine ſo gaͤnzliche Abtruͤnnigkeit rechtfertigen? Dieß, mein Herr, wuͤnschte ich in einer kleinen Eroͤrterung mit Ihnen zu erforſchen. Die Geſchichte Ihres Lebens, ſeit der Zeit we⸗ nigſtens, in welcher Sie auf der Buͤhne des oͤffent⸗ kichen Lebens erſchienen; iſt allgemein bekannt. Seine Hauptzuͤge ſind mit blutiger Schrift aufge⸗ zeichnet. Gleichwohl ſind einige Einzélheiten Ver⸗ gleichungsweiſe noch unbekannt. In Betreff dieſer mag ich mich irren; allein ich rechne auf Ihre Nach⸗ ſicht, und hoffe von Ihnen belehrt zu werden. Nachdem Sie in franzoͤſiſche Dienſte getreten waren, kehrten Sie zuruͤck, um ihre Verwandte zu beſuchen; Sie ſahen die Tyrannen beſiegt, die Na⸗ tionalregierung errichtet, und die Corſtkaner, nur von edlen Geſinnungen beherrſcht, mit einander in taͤglichen Opfern fuͤr die Wohlfahrt des Staates wetteifern. Sie ließen ſich durch den allgemeinen Enthuſtasmus nicht verleiten; Sie blickten vielmehr nur mit Mitleid auf jenes unſinnige Zeug, auf Va⸗ terland, Freiheit, Unabhaͤngigkeit,) und Werfafaßg 81 das bereits bis in die Koͤpfe der niedrigſten Ba gedrungen war. Ein tiefes Nachdenken hatte gelehrt, jene erkuͤnſtelten Geſinnungen, der uͤbung ein allgemeines Uebel iſt, gehoͤrig zu wuͤ gen. In der That, der Bauer muß auf ſeine⸗ beit denken, und nicht den Helden ſpielen, wenn man haben will, daß er nicht verhungern, daß er ſeine Familie ernaͤhren, und der Obrigkeit unterthaͤ⸗ nig ſeyn ſoll. Was diejenigen betrifft, die vermoͤge ihres Rangs und ihres Gluͤcks berufen ſind, hohe Aemter zu bekleiden, ſo koͤnnen ſie nicht lange ſo einfaͤltig bleiben, daß ſie ihre Gemaͤchlichkeiten und ihr Anſehen in der Geſellſchaft einer bloßen Chimaͤre aufopfern, oder ſich herablaſſen, einem Stuͤmper den Hof zu machen, damit ſie endlich die Rolle eines Brutus ſpielen moͤgen. Allein da Sie zum Gelingen Ihrer Plane der Zunſt Paoli's bedurften, ſo muß⸗ ten Sie ſich noch auf einige Zeit verſtellen;— da Paoli der Mittelpunkt aller Bewegungen des politi⸗ ſchen Koͤrpers war. Wir wollen zugeſtehen, daß er Talent— ja einen gewiſſen Grad von Genie beſaß; er hatte in einer kurzen Zeit die Angelegenheit der Inſel auf einen guten Fuß geſtellt; er hatte eine Univerſitaͤt gegruͤndet, auf der zum erſtenmale, ſeit der Schoͤpfung vielleicht, diejenigen Wiſſenſchaften auf unſern Bergen gelehrt wurden, die zur Entwick⸗ lung der Vernunft nuͤzlich ſiad. Er errichtete eine Kanonengießerei, Pulvermuͤhlen und Befetigungen, W. Scott'’s Werke. l. XVI.. — 82 die Vertheidigungsmittel vergroͤßert wur⸗ r hatte Haͤfen gebaut, die ſowohl den Han⸗ unterten, ats den Ackerbau verveſſerten; hatte eine Flotte geſchaffen, die nnſere Verbin⸗ mit andern Laͤndern beſchuͤzte, waͤhrend ſie un⸗ einden Schaden zufuͤgte. Alle dieſe Anſtalten n in ihrer Kindheit ein bloßes Verzeichen deſ⸗ ,was er einſt gethan haben wuͤrde. Einigkeit, Friede und Freiheit ſchienen die Vorlaͤufer der Na⸗ und auf eine ſchlechte Grundlage errichtete Regie⸗ rung noch ſicherere Kennzeichen des bevorſtehenden Ungluͤcks und des gaͤnzlichen Verderbens, in das Al⸗ les gerathen ſollte, dargeboten. Heerr Paoli hatte den Wahn gexaͤhrt, er ſey ein Solon, allein ſeine Nachahn ig nahm ein un⸗ gluͤckliches Ende. Er gab dem Volke oder deſſen Stellvertretern Alles in die Haͤnde, ſo daß man un⸗ moͤglich auch nur exiſtiren konnte, wenn man ihnen nicht gefiel. Ein ſonderbarer Irrthum! der unter die Herrſchaft eines thieriſchen und feilen Plebejers den Mann ſtellt, der durch ſeine Erziehung, ſeine erlauchte Geburt und ſeine Gluͤcksumſtaͤnde allein zum Regieren geeignet iſt. Eine ſo handgreifliche Umkehrung der natuͤrlichen Verhaͤltniſſe muß endlich den Untergang und dle Aufloͤßung des politiſchen Korpers herbeifuͤhren, nachdem ſie ihn jeder Art von eeiden unterworfen hat. tionalwohlfahrt, haͤtte nicht eine ſchlecht organiſirte —.— tig und ſchrecklich betrachtet wird, ſcheint mir ganz lacht ihrerſeits uͤber jene; dieß iſt in wenigen Wor⸗ 83— Sie erreichten das Ziel Ihrer Wuͤnſche. ſtets von enthuſiaſtiſchen und ungeſtuͤmen umgeben, bildete ſich nie ein, daß es eine Leidenſchaft, als die Liebe zur Freiheit und haͤngigkelt geben koͤnne. Da er ſah daß Sie Kenntniß von Frankreich hatten, ſo⸗ begnuͤgte er ich binſichtlich Ihrer ſittlichen Grundſaͤtze, mit Ihrem Worte. Er ließ Sie zum Bevollmaͤchtigten ernen⸗ nen, der in Verſallles hinſichtlich des Vergleichs, der unter der Vermittlung dieſes Kabinets zu Stan⸗ de kommen ſollte, zu unterhandeln hatte. Herr von Choiſeul ſah Sie, und kannte Sie; Geiſter von ei⸗ nem gewiſſen Gepraͤge ſind ſchnell gewuͤrdigt. In kurzer Zeit verwandelten Sie ſich aus dem Stellver⸗ treter eines freien Volkes in den Sekretaͤr eines Miniſters. Sie theilten ihm die Inſtruktionen, die Plaue, die Geheimniſſe des Kabinets von Corſika mit. Dieſes Betragen, welches hier als niedertraͤch⸗ natuͤrlich; allein dieß kommt daher, weil wir bei al⸗ len Angelegenheiten einander verſtehen und kaltbluͤ⸗ tig urtheilen ſollten. Die Sproͤde tadelt die Gefallſuͤchtige, und dieſe ten unſere Geſchichte. Der Mann von Grundſaͤtzen beurtheilt Sie hart; allein Sie glauben nicht, daß es einen Mann von Grundſaͤtzen giebt. Das ge 5 8 4 3 3 meine Volk, das ſters durch tugendhafte Demagoge leitet wird, kann von Ihnen nicht beurtheilt wer⸗ n, da Sie nicht an die Tugend glauben; Sie koͤn⸗ nen nur durch Ihre eigenen Grundſätze, wie ein eerbrecher durch die Geſetze, verdammt werden; aallein dieienigen, welche das Weſen Ihrer Grund⸗ ſätze kennen, finden in Ihrem Betragen nichts Be⸗ fremdendes. Dieß fuͤhrt uns daher auf das zurüͤck, wmas wir bereits gefagt haben, daß bei allen Ange⸗ legenheiten das erſte Erforderniß das iſt, daß man einander verſteht und dann kaltbluͤtig urtheilt. Sie ſind auch durch eine Art untergeordneter Vertheidi⸗ gung geſchuͤtzt, die nicht weniger wirkſam iſt; denn Sie ſtreben nicht nach dem Ruhme eines Cato oder Catinat. Es genuͤgt Ihnen, einer gewiſſen Klaſſe zu gleichen; und unter dieſer gewiſſen Klaſſe be⸗ kennt man ſich zu dem Grundſatze, daß derjenige, welcher Geld gewinnen kann und die Gelegenheit nicht benuͤtzt, ein Dummkopf iſt; denn das Geld verſchafft alles Vergnugen der Sinne, und die Freu⸗ den der Sinne ſind die einzigen Freuden. Nun machte Herr von Choiſeul, der ſehr freigebig war, es Ihnen unmoͤglich, ihm zu widerſtehen— beſon⸗ Dienſte, nach ſeiner laͤcherlichen Gewohnheit, durch die Ehre, ihm zu dienen, bezahlte. Als der Vertrag von Campiegne abgeſchloſſen war, ſo landeten Herr von Chauvelin und 24 Bataillone ders da Ihr laͤcherliches Vaterland Sie fuͤr Ihre ſeine Intereſſen anvertraut. Sie aber, der Sie es ren Gedanken, den Buſen ihres Vaterlandes zu zer⸗ „ 85 an unſerer Kuͤſte. Herr von Choiſeul, dem Schnelligkeit der Expedition ungemein am H. r. lag, hegte Beſorguiſſe, die er Ihnen in ſeinen traulichen Mittheilungen nicht verbergen konnte. gaben ihm den Rath, Sie mit wenigen Millionen dahin abzuſchicken. Da Philipp mit ſeinem Maul⸗ eſel Staͤdte einnahm, ſo verſprachen Sie, es dahin zu bringen, daß ſich Alles ohne Widerſtär ergebe. Geſagt, gethan,— und hier ſind Ste, kommen uͤbers Meer zuruͤck, werfen die Maske ab, und eroͤffnen, mit Ihrem Geld und Ihrer Pollmacht in der Hand, mit Leuten Unterhandlungen, von denen Sie glau⸗ ben, daß ſie am leichteſten zu verfuͤhren ſeyen. Das Kabinet von Corſika, das nicht den ent⸗ fernteſten Gedanken davon hatte, daß ein Corſe ſich ſeinem Vaterlande vorziehen koͤnne, hatte Ihnen ſich nicht einmal im Traume einfallen ließen, daß irgend ein Menſch das Geld und ſich ſeinem, Vater⸗ lande nicht vorziehen werde, verkauften ſich ſelbſt und hofften Jedermann zu erkaufen. Als tiefer Mo⸗ raliſt wußten Sie, wie viel der Enthuſiasmus eines jeden Individnums werth war; einige Pfund Geld weiter oder weniger bildeten in Ihren Augen alle Abſtufungen oder Schattirungen der Karaktere. Sie irrten ſich jedoch: die Schwachmuͤthigen wurden zwar erſchuͤttert; allein ſie erſchraken uͤber den furchtba⸗ 86 iſchen. Sie glaubten isre Vaͤter, ihre Bruͤder, re Freunde, die bei der Vertheidigung deſſelben ben waren, ihre Haͤupter aus dem Grabe em⸗ r heben zu ſehen, um ſie mit Fluͤchen zu belaſten. Dieſe laͤcherlichen Vorurtheile waren ſtark genug, Sie in Ihrem Laufe aufzuhalten; Sie klagten daruͤ⸗ ber, daß Sie es mit einem in ſeinen Begriffen ſo indlſchen Volke zu thun haben. Allein, mein Herr, dieſe Verfeinerung der Geſtunung iſt der Menge muth und im Elende; waͤhrend ein Mans, der ſich richtige Begriffe erwo ben hat, die Art und Weiſe kennt, ſich ſchnell empor zu ſchwingen, wenn die Um⸗ ganz genau getroffen, die Moral Jyrer Geſchichte. Als Sie Ihren Bericht von den Hinderniſſen ab⸗ ſtatteten, die Sie abhielten, Ihr Verſprechen zu ver⸗ wirklichen, machten Sie den Vorſchlag, das eͤnigl. torſikaniſche Regiment dahin zu bringen. Sie hoff⸗ ten, das Beiſpiel deſſelben werde unſere zu einfaͤl⸗ tigen und ehrlichen Bauern erleuchten, und ſie au Dinge gewoͤhnen, gegen die ſie eine ſo große Abnei⸗ gung fuͤhlten. Allein was geſchah? entflammten nicht Roſſi, Marengo und andere Tollhaͤusler die Gemü⸗ ther des Regimenrs in einem ſolchen Grade, das die Offiztere in einer ſchriftlichen Proteſtation ein⸗ muͤthig erklaͤrten, ſie wuͤrden eher ihre Stellen nie⸗ nicht verliehen; und deßwegen lebt ſie in der Ar⸗ 6 ſtaͤnde ihn auch noch ſo wenig begunſtigen. Dieß iſt, —.——.,— ———— derlegen, als ihten Eid oder ihre noch he ller Tflichten verletzen. Auf dieſe Art ſtanden Sie, als ein Veiſpie andere, allein da. Ohne in Beſtuͤrzung zu gerathen warfen Sie ſich an der Spitze weniger Freunde un eines franzoͤſiſchen Detachements in die Feſtung Ver cobato; allein der furchtbare Clemens*) vertrieb Sie von da. 4 Sie zogen ſich mit Ihren Schickſalsgefäͤhrten nach Baſtia zuruͤck. Dieſer kleine Vorfall ſchlug nicht zu Ihrer Ehre aus; Ihr Haus und die Haͤuſer Ihrer Genoſſen wurden nieder gebrannt. Allein da Sie ſich⸗ an einem Orte der Sicherheit befanden, lachten Sie uͤber dieſe ohnmaͤchtigen Bemuͤhungen. 3 Die Leute hier klagen Sie an, daß Sie die ka niglichen Corſikaner gegen ihre Bruͤder zu bewaffnen ) Ciem ens Paoli, der ältere Bruder des Generals, ein tap⸗ ferer Soldat, ein trefflicher Bürger, und ein ächter Philo⸗ ſovh. Beim Beginnen emer Schlacht vermochte er es nicht über ſich, verſönlich mit zu kämpfen; er ertheilte ſeine Be⸗ fehle mit der Kaltvlütigkeit, die dem auten Offiziere eigen iſt ⸗ gllein er ſahe nicht ſo bald ſeine Leute fallen, als er ſeine Waſfſen mit einer krampthaften Bewegung des Unwillens ergriff und ſie mit dem Ausdrucke gebrauchte:—„ungerechte 1 Leute! warum reißt ihr die Schranken der Natur nieder?¹.* wurum müßt iyr Feinde eures Vaterlandes ſeyn? 4 Streng in ſeinen Sitten, und einfach in ſeinen Gewohn⸗ hriten, lebte er ſtets in dee Zurnckaezogenheit. Bios in gro⸗ ßm Nothfällen erſchien er, um ſeine Meinung zu geben, die faſt immer befolgt wurde. 3 E6. 88 gefucht haben. Sie wollen auch Ihren Muth, wegen des geringen Widerſtandes, den Sie bei Vescovato leiſteten, beſtreiten. Dieſe Anklagen ruhen auf ei⸗ ner ſchwachen Grundlage; denn die erſte war eine unmittelbare Folge Ihrer Plane, und in der That elnes von Ihren Mitteln, ſie auszufuͤhren; und da wir bereits bewieſen haben, daß Ihr Betragen ganz einfach und natuͤrlich war, ſo kann dieſe neue Anklage nicht in Anſchlag gebracht werden. Was Ihren Man⸗ gel an Muth betrifft, ſo ſehe ich nicht ein, wie man hieruͤber nach dem Gefechte bei Vescovato entſchei⸗ den kann: Sie gengen nicht in der ernſten Abſicht zu fechten dahin, ſondern um durch Ihr Beiſpiel diejenigen, welche auf der feindlichen Seite wankten, zu ermuthigen. Und nach Allem, welches Recht hatte man, von Ihnen zu fordern, daß Sie Gefahr lau⸗ fen ſollten, die Fruͤchte eines zweijaͤhrigen guter Betragens dadurch zu verlieren, daß Sie gleich ei⸗ nem gemeinen Soldaten erſchoſffen wuͤrden? Allein es muß Sie nicht wenig geſchmerzt haben, ſagen ei⸗ nige Leute, Ihr Haus, und die Haͤuſer Ihrer Freunde einen Raub der Flammen werden zu ſehen. Cuter Gott! wann werden dieſe engherzigen Leute eine 8 Sache richtig beurtheilen? Das Niederbrennen gh⸗ res Hauſes verſetzte Herrn von Choiſeul in die Noth⸗ wendigkeit, Sie zu entſchaͤdigen. Die Erfalrung bewies die Richtigkeit Ihrer Berechnungen, Se em⸗ pfiengen weit mehr, als Sie verloren hatten. Si⸗ —— 89 cherlich klagt man Sie an, daß Sie alles fuͤr ſich be⸗ halten, und den armen Kreaturen, die Sie verfuͤhrt 4 haben, nur eine Kleiuigkeit gegeben haben. Zur Rechtfertigung dieſes Ihres Verfabrens genuͤgt die Unterſuchung, ob Sie dieß mit vollkommener Sicher⸗ heit thun konnten. Nun befanden ſich die armen Leute, die von Ihrem Schutze abhiengen, nicht in der Lage, daß ſie Erſatz häͤtten vetlangen koͤn⸗ nen; auch hatten ſie keine ganz hellen Begriffe von dem ihnen angethanen Unrecht. Sie konnten nicht unzufrieden werden und ſich gegen ihre Gewalt em⸗ poͤren; da ſie von ihren Landsleuten verabſ cheut wur⸗ den, ſo konnte ihre Ruͤckkehr zu ihren G Leſinnungen nicht mehr fuͤr aufrichtig gehalten werden. Es war daher natuͤrlich, daß wenn auf dieſe Art einige tau⸗ ſend Kronen in Ihre Haͤnde kamen, Sie dieſelben nicht weggaben;— wenn Sie dieß gethan haͤtten, ſo wuͤrden Sie ſich ſelbſt betrogen haben. Die Franzoſen, trotz ihtes Goldes, ihter Beſtal⸗ lungen, der Kriegszucht ihrer zahlteichen Bataillone, der Thaͤtigkeit ihret Schwadronen, und der Geſchicklich⸗ keit ihrer Attilleriſten, geſchlagen, und bei La Penta, Vescovato, Loretto, San⸗Nicolai, Borgo Barbaggio, Oletta beſiegt, verſchanzten ſich außerſt muthlos. Der Winter, die Zeit ihrer Ruhe, war fuͤr Sic, mein Hert, ein Zeitpunkt der groͤßten Anſtrengung; und wenn Sie aict. uͤber die Hartnaͤckigkeit der in den Gemuͤthern des Volkes ſo tief gewurzelten Vor⸗ 90 theile triumphiren konnten, ſo fanden Sie Mittel, inige ſeiner Oberhaͤupter zu verfuͤhren, die Ste, ob⸗ ſchon mit einiger Schwierigkeit, auf die rechte Ge⸗ ſinnung und Denkart brachten. Dieß, nebſt den drei⸗ zig Bataillonen, welche Herr von Vaur den naͤchſten Fruͤhling mit ſich brachte, zwang Corſika den Nacken unter das Joch zu beugen, und trieb Paoli und die groͤßten Phantaſten in die Verbannung. Ein Theil der Patrioten war bei der Vertbeidi⸗ gung ihrer Unabhaͤngigkeit geſtorben; ein anderer war aus einem Lande der Verbannung, das von dieſer Zeit an eine Mordergrube der Tyrannen ward, ent⸗ flohen. Allein ein großer Theil konnte weder ſter⸗ ben, noch die Flucht ergreifen; dieſe wurden die Gegenſtaͤnde der Verfolgung. Geiſter, die man un⸗ moͤglich hatte beſtechen koͤnnen, waren ſo hartnaͤckig und muthvoll, daß die Herrſchaft der Franzoſen nur auf ihre gaͤnzliche Vernichtung gegruͤndet werden konnte. Ach! dieſer Plan wurde nur zu puͤnktlich ausgefuͤhrt. Einige ſtarben als Opfer von Verbre⸗ chen, die ihnen ungerechterweiſe aufgebuͤrdet wur⸗ den, andere, durch ihre eigene Gaſtfreundſchaft und ihr eigenes Zutrauen verrathen, buͤßten auf dem Blutgeruͤſte fuͤr die Seufzer und Thraͤnen, bei denen ſie die Heuchelei uͤberraſcht hatte. Eine große An⸗ zahl, von Narbonne⸗Friedzelar in die Stadt Toulen zuſammengedraͤngt, durch ungefunde Nahrung vergiſ⸗ tet, durch ihre Ketten gemartert und der grauſam⸗ 91 ſten Behandlung erliegend, lebten eine kurze Zei ihrem Klende⸗ bloß um den Tod langſam heranna zu ſehen. O Gott, Zeuge ihrer Unſchuld, waru wurdeſt du nicht ihr Raͤcher! Mitten in dieſem allgemeinen Elende, mitte in dieſem Aechzen und Jammern dieſes unglückli 4 Volks ſiengen Sie jedoch an, die Fruͤchte ihrer An⸗ ſtreugungen zu genießen— Ehrenſtellen, Wüͤrden, 3 Penſionen, alles floß Ihnen zu. Ihr Gluͤck wuͤrde noch raſchere Fortſchritte gemacht haben, haͤtte nicht Du Barri Herrn von Choiſeul geſtuͤrzt, und Sie ei⸗ nes Beſchuͤtzers beraubt, der Ihre Verdienſte gehoͤ⸗ rig wuͤrdigte. Dieſer Schlag machte ſie nicht muth⸗ los; Sie lenkten Ihre Aufmerkſamkeit auf die Bu⸗ reaur. Sie fuͤhlten bloß die Nothwendigkeit einer groͤßern Emſigkeit. Dieſe ſchmeichelte den Beamten, Ihre Verdienſte wurden auf dieſe Art bekannt. Alle Ihre Wuͤnſche wurden erfaͤllt. Nicht zufrieden mit dem See Viguglia, verlangten Sie einen Theil der Laͤndereien vieler Gemeinden. Warum, ſagt man, waͤnſchten Sie dieſelben dieſer Laͤndereien zu berau⸗ ben? Ich frage melnerſeits, welche Ruͤckſicht haͤtten Sie auf ein Volk nehmen ſollen, von dem Sie ſich verabſcheut wußten? Ihr Lieblingsplan war, die Inſel unter zehn Ba⸗ rone zu theilen. Wie! nicht zufrieden damit, daß Ste die Ketten ſchmieden halfen, womit Ihr Vater⸗ land gefeſſelt wurde, wuͤnſchten Sie es auch noch 9² her widerſinnigen Feudal⸗Reglerung zu unterwerfen? Allein i ich lobe Sie dafuͤr, daß Sie den Corſikanern ſo viel als möͤglich ſchadeten. Sie waren im Kriege mit ihnen begriffen, und im Kriege iſt es einer der erſten Grundſaͤtze zu ſeinem elgenen Vortheile Scha⸗ den zuzufuͤgen. Laßt uns uͤber alle dieſe armſellgen Dinge weg⸗ gehen, laßt uns zu dem gegenwaͤrtigen Augenblicke kommen, und einen Brief ſchließen, der ſeiner furcht⸗ baren Laͤnge wegen Sie unfehlbar ermuͤden muß. Der Zuſtand der inge in Frankreich weiſſagte außer⸗ ordentliche Dinge. Sie wurden wegen der Wirkung be⸗ ſtuͤrzt, welche dieſelben in Corſika hervorbringen konn⸗ ten. Dieſelbe Narrheit, die ſich vor dem Kriege un⸗ ſerer bemaͤchtigt hatte, fieng zu Ihrem großen Aer⸗ gerniſſe an, dieſes große, liebenswuͤrdige Volk zu be⸗ fallen. Sie ſahen die Folgen vorher; denn wenn edle Geſinnungen die Oberhand in den oͤffentlichen Meinungen wieder erlangren, ſo mußten Sie nichts Beſſeres, als ein Verraͤther werden, ſtatt ein kluger und verſtaͤndiger Mann zu bleiben. Was noch ſchlim⸗ mer war, wenn je edle Geſinnungen das Blut unſe⸗ rer feurigen Landsleute wieder aufregten und wenn ie eine Volksregterung das Reſultat ſolcher Geſin⸗ nungen wurde, was mußte dann aus Ihnen werden? Ihr elgnes Gewiſſen ſieng jetzt an, Sie in Schrecken zu fetzen. So unruhig und ungluͤcklich Sie auch wa⸗ ren, gaben Sie doch Ihrem Geyiſſen aicht nach⸗ ——— . 93 Sie beſchloſſen, Alles fuͤr Alles zu wagen— llein Sie ſpielten Ihre Rolle gut. Durch eine He ath ſuchten Sie Ihr Intereſſe zu verſtaͤrken. Ein barer Mann, der, auf Ihr Wort ſich verlaſſend, ſei⸗ ne Schweſter Ihrem Neffen gegeben hatt fand ſich 3 getaͤuſcht. Ihr Neffe, deſſen⸗ Vermoͤgen Sie ver⸗ 3 ſchlungen hatten, um ein Erbe zu vergroͤßern, das ſein eigen haͤtte ſeyn ſollen, wurde mit einer zahl⸗ reichen Famille in Armuth geſtuͤrzt. Als Sie Ihre haͤuslichen Angelegenheiten ge⸗ ordnet hatten, warfen Sie Ihre Augen auf das Vaterland. Sie ſahen es von dem Blute ſeiner Maͤrtyrer rauchen, mit zahlreichen Schlachtopfern angefuͤllt, und bei jedem Schritte nur Rachegedan⸗ ken einfloͤßen. Allein Sie ſahen den ruchloſen Sol⸗ daten, den uͤbermuͤthigen Advokaten, den luͤſternen Steuerfammler das Land ohne Widerſpruch beherr⸗ ſchen, und den Corſikaner, unter der Laſt dreifacher Ketten ſeufzend, weder an das, was er war, noch an das, was er werden ſollte, denken, Sie ſagten in der Freude Ihres Herzens zu ſich ſelbſt: die Din⸗ ge gehen gut, und es koͤmmt nur noch darauf an, ſie in ihrem gegenwaͤrtigen Zuſtande zu erhalten. und gerades Wegs verbanden Sie ſich mit dem Soldaten, dem Advokaten und dem Steuerſammler. Der einzige Punkt, um den es ſich jetzt handelte⸗ war der, ſich Abgeordnete zu verſchaffen, die von glelchen Geſinnungen beſeelt waͤren; denn was 4 94 felbſt betraf, ſo konnten Sie nie auf den Ge⸗ kommen, daß eine Nation, die Ihr Feind Sie zu ibrem Stellvertreter waͤhlen werde. Sie veräuderten nothwendig Ihre Meinung, als die Einberufungsbriefe, vermoͤze einer vielleicht abſichtlichen Albernhelt, beſagten, daß der Deputirte aus dem Adelſtande durch eine bloß aus 22 Perſo⸗ nen beſtehende Verſammlung gewaͤhlt werden ſolle. Alles, was Noth that, beſchꝛaͤnkte ſich darauf, zwoͤlf Stimmen zu erhalten. Ihre Verbuͤndete in dem hoͤhern Rathe waren ungemein thaͤtig. Drohungen, Verſprechungen, Schmeſcheleien, Getd, alles wurde verſucht. Sie ſetzten Ihre Abſicht darch. Nicht ſo gluͤcklich waren Ihre Frennde unter den Gemeinden⸗ Der erſte Praſident fonnte nicht auf Ihre Seite ge⸗ bracht werden, und zwei Maͤnner von hoher Denk⸗ art— der eine der Sohn, der Bruder, der Neffe der eifrigſten Vertheidiger der gemeinen Sache— der andere ein Mann, der Sionville und Narbonne geſehen hatte, und deſſen Seele voll von den ſchau⸗ ervollen Handlungen war, wovon er Zeuge geweſen, waͤhrend er ſein Unvermoͤgen, ſich ihnen zu wider⸗ ſetzen, bellagte:— dieſe zwei Maͤnner wurden zu Abgeordneten ausgerufen, und ihre Ernennung befriedizte die Wuͤnſche der Nation. Der gebeime 6 Kummer, die unterdruͤckte Wuth, die Ihre Ernen⸗ nung uͤberall verurſachte, ſind die beſte Lobrede auf die Geſchis Lüczeen Ihrer umtriebe und den Ihres Buͤndniſſe Als Sie in S ſailles ankamen, Veren Sie e eifriger Royaliſt. Als Sie jetzt in Paris ankamen muſſen Sie mit Beſtuͤrzung geſehen haben, daß die Regierung, die man nach ſo vielen Umſtuͤrzen zu ganiſiren wuͤnſchte, dieſelbe war, die in unſerm Va⸗ terlande in ſo vielem Blute erſaͤuft worden war. Die Bemuͤhungen der Nichtswuͤrdigen vermoch⸗ ten nichts! Da die neue Verfaſſung von ganz Euro⸗ pa bewundert wurde und ein Gegenſtand der Theil⸗ nahme fur jedes denkende Weſen war, ſo b.ieb Ih⸗ nen nur Eine Huͤlfsquelle. Dieſe beſtand darin, den Glauben zu erregen, daß dieſe Verfaſſang unſerer Inſel nicht angemeſſen ſey; obſchon es genau dieſelbe war, die ſo gute Wirkung erzeugt hatte und die uns nar mit ſo vielem Blute entriſſen werden konnte. Alle Abgeordneten der fruͤhern Adminlſtration, die natuͤrlich Ihre Kabalen beguͤnſtigten, dienten Ihnen mit dem Eifer, den der perſoͤnliche Vortheil erzeugt. Es wurden Denkſchriften geſchrieben, wo⸗ durch bewieſen werden ſollte, wie vortheilhaft fuͤr uns die beſcehende Regierung ſey, und daß jeder Wechſel dem Wunſche der Nation entgegen ſeyn wuͤr⸗ de. Um dieſe Zeit verſchaffte ſich die Stadt Ajaccio⸗ einige Keunntniß von dem, was vorgieng. ieſe Stadt erhob ſich, formirte ihre Mationalgarde und organiſirte ihr Comitté. Dieſer unerwartete Zufall 96 ſeste fi in Beſtuͤrzung— die Gaͤhrung breitete ſich nach allen Richtungen aus. Sie uͤberzeugten die Miniſter, auf die Sie einigen Einfluß in Betreff der Angelegenheiten Corſika's erlangt hatten, daß es von Wichtigkeit ſey, Ihren Schwiegervater, Herrn Gaffory, mit einem Befehle dahin abzuſchicken; und alsbald ſahen wir, wie Herr Gaffory, ein wuͤrdiger Vorlaͤufer des Herrn Narbonne, an der Spitze ſei⸗ ner Truppen, ſich bemuͤhte, durch Waffengewalt jene Tyrannet aufrecht zu erhalten, der ſein verſtorbener Vater, glorreichen Andenkens, durch ſein Genie wi⸗ derſtanden hatte. Unzaͤhlige Fehlgriffe enthuͤllten die Mittelmaͤßigkeit der Talente Ihres Schwieger⸗ vaters; er beſaß keine audere Kunſt, als die, ſich Feinde zu machen. Das Volk verband ſich aller Or⸗ ten gegen ihn. In dieſer dringenden Gefahr ſchlu⸗ gen Sie Ihre Augen auf, und ſahen Narbonne! Narbonne hatte, einen guͤnſtigen Augenblick benutzend, den Plan entworfen, auf einer Inſel, die er mit ſunerhöͤrter Grauſamkeit verwuͤſtet hatte, den De⸗ ſpotismus der auf ihr laſtete, feſt zu begruͤnden. Sie ſteckten Ihre Koͤpfe zuſammen, und die Aus⸗ fuͤhrung des Planes wurde beſchloſſen. 5000 Mann erhielten den Befehl, ſich marſchfertig zu machen; Narbonne brach auf; dieſe arme Nation, entwaffnet und entmuthigt, ohne Hoffnung und Huͤlfe, wird den Haͤnden ihres Henkers uͤberliefert. O ungluͤckliche Landsleute! Welcher gehaglaen Ver⸗ 8 97 Verraͤtherei ſolltet ihr als Opfer fallen! J tet es nicht bemerken, bis es zu ſpaͤt war haͤttet ihr ohne Waſſen 10,000 Mann wid wollen? Ihr wuͤrdet ſelbſt den Akt eurer gung unterzeichnet haben; alle Hoffnung wuͤrd en ſchwunden, und Tage ununterbrochenen Elen folgt ſeyn. Das befreite Frankreich wuͤrde mit V achtung, das betruͤbte Itallen mit Unwillen auff Euch geblickt haben, und Europa erſtaunt uͤber die⸗ ſen beiſpielloſen Grad von Entwuͤrdigung, aus ſei⸗ nen Jahrbuͤchern die Zuͤge vertilgt haben, welche eurem Karakter Ehre machen. Allein eure Abgeord⸗ neten von den Gemeinen durchſchauten dieſe Abſicht und ſetzten euch zur rechten Zeit davon in Kennt⸗ 6 niß. Ein Koͤnig, deſſen einziger Wunſch das Gluͤck ſeines Volkes war, wurde uͤber dieſen Punkt von Herrn Lafayette, dieſem ſtandhaften Freunde der Freiheit, aufgeklaͤrt, und zerſtrerte die Umtriebe el⸗ nes treuloſen Miniſters, der ſicherlich von dem rach⸗ füͤchtigen Wunſche, euch Schaden zu thun, geleitet wurde. Ajaccio zeigte Entſchloſſenheit in ſeiner Ad⸗ dreſſe, in der es den elenden Zuſtand, in den ihr durch die druͤckendſte aller Regierungen verſetzt wor⸗ den ſeyd, mit großer Energie ſchilderte. Baſtia⸗ bis zu jener Zeit ganz betaͤubt, erwachte bei dem Rufe der Gefahr und ergriff die Waffen mit jener Entſchloſſenheit, durch die es ſich ſtets ausgezeich⸗ net Lat. Arena kam von Paris nach Balagon, voll . Scott's. Werke. LXVI. 7 98 i jenen Geſinnungen, welche die Menſchen zu den ſten Unternehmungen anſpornen. Mit den Waf⸗ i der einen und den Beſchluͤſſen der National⸗ verſammlung in der andern Hand, machte er die öffentlichen Feinde zittern. Achilles Meurate, der Eroberer von Caprana, der bis nach Genua Beſtuͤr⸗ zung verbreitet hatte, und dem es, um ein Tuͤren⸗ ne zu ſeyn, an nichts fehlte, als an Gelegenheit und einem ausgedehnteren Felde, erinnerte die Ge⸗ faͤhrten ſeines Ruhmes, daß die Zeit da ſey, einen neuen Ruhm einzuerndten,— daß ihr in Gefahr ſchwebendes Vaterland keiner Umtriebe, von denen er nichts wußte, ſondern Feuer und Schwerdt be⸗ duͤrfe. Bei dem Tumulte eines ſo allge meinen Ausbruches kehrte Gaffory in das Nichts zuruͤck, aus dem er, ſo mal à propos, durch Intriguen gezogen worden war,— er zitterte in der Feſtung Certe⸗ Narbonne floh aus Lyon, um in Rom ſeine Schan⸗ de und ſeine hoͤlliſchen Plane zu verbergen. Wenige Tage nachher wird Corſika mit Frankreich vereinigt, Paoli zuruͤckgerufen, und in einem Augenblicke ver⸗ aͤndert ſich die Ausſicht und eroͤffnet Ihren Blicken einen Gang der Ereigniſſe, den Sie nicht haͤtten hoffen koͤnnen.. 8 Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr; ich ergriff die Feder, um Sie zu vertheidigen; allein mein Herz empoͤrt ſich gegen ein ſo einfoͤrmiges Sy⸗ ſtem von Verrath und Grauſamkeit. Wie? fuͤhlten 4 99 Sie, ein Sohn deſſelben Landes, nie Etwas fuͤr daſſelbe? Wie! fuͤhlte ſich Ihr Herz nie geruͤhrt bei dem Anblicke der Felſen, Baͤume, Haͤuſer und Oerter, welche die Schauplaͤtze der Spiele Ihrer Kkadyeit waren? Als Sie zur Welt kamen, naͤhrte Ihr Vaterland Sie mit ſeinen Fruͤchten; als Sie in die Jahre der Vernunft und des Verſtandes traten, ſetzte es ſeine Hoffnung in Sie; es beehrte Sie mit ſeinem Zutrauen; es ſagte zu Ihnen,„mein Sohn, Sie ſehen den elenden Zuſtand, in den ich durch die Ungerechtigkeit der Menſchen verſetzt worden bin;— vermoͤge meiner natuͤrlichen Kraft erlange ich gegenwaͤrtig wieder einen Grad von Staͤrke, der mir eine ſchnelle und unfehlbare Geneſung verſpricht; allein ich bin noch bedroht! Fliehe mein Sohn, eile nach Verfailles; thue dem großen Koͤnig alles kund, zerſtreue ſeinen Argwohn, bitte um ſeine Freund⸗ ſchaft.“ Gutl! ein wenig Gold bewog Sie, das Zutrauen Ihres Vaterlandes zu verrathen; und ſo fort ſah man Sie um ein Bischen Gold den Buſen deſſelben, gleich einem Vatermoͤrder zerfleiſchen. Ach! mein Herr, ich bin weit entfernt, Ihnen Boͤſes zu wuͤn⸗ ſchen; allein es giebt eine Rache des Gewiſſens! Ihre Landsleute, denen Sie eln Gegenſtand des Schreckens ſind, werden Frankreich hinſichtlich Ih⸗ res Karakters aufklaͤren, Ihr Reichthum, Ihre Pen⸗ ſionen, die Fruͤchte Ihrer Verraͤthereien werden Ih⸗ 7. 100 nen genommen werden. In der Abgelebtheit des Alters, in der Armuth und in der ſchrecklichen Ein⸗ ſamkeit der Ruem ſigkeit werden Sie lange genug leben, eine Beute der Qualen des Gewiſſens zu werden. Der Vater wird Sie ſeinem Sohne, der Lehrer ſeinem Zoͤglinge zeigen, und ſagen:„Jun⸗ ge Leute, lernet euer Vaterland, die Tugend, die Treue, und die Menſchlichkeit achten!“ Und Sie achtungswerthe und ungluͤckliche Frau, deren Jugend, Schoͤnheit und Unſchuld ſo ſchaͤnd⸗ lich mißbraucht wurden, ſchlaͤgt Ihr reines und keu⸗ ſches Herz unter einer ſo frevelhaften Hand? In jenen Augenblicken, in welchen die Natur Reiz zur Liebe einfloͤßt, wenn wir von den Trusbildern des Lebens entfernt, reine Freuden unſere Bruſt in raſcher Folge durchgluͤhen fuͤhlen, wenn die Seele durch das Feuer der Empfindung erweitert, bloß das Veranugen genießt, Freude zu verurſachen, und bloß die Freude fuͤhlt, Gefuͤhle zu erregen,— in dieſen Augenblicken druͤcken Sie jenen kalten und ſelbſtfuͤchtigen Mann an Ihr Herz⸗ der nie von ſei⸗ nem Karakter abgewichen iſt, und in dem Laufe von 60 Jahren nie etwas Anderes gekannt hat, als die Sorge fuͤr ſeinen Vortheil, eine inſtinktmaͤßige Liebe zur Zerſtoͤrung, die ſchaͤndlichſte Habſucht, die niedrigen Freuden der Sinne! Nach und nach wird der Schimmer der Ehre, die Pracht und das Ge⸗ praͤnge des Reichthums verſchwinden, und eine all⸗ 101. gemeine Verachtung Ihr Loos ſeyn. Werden Sie in dem Vuſen des Mannes, welcher der Urheber Ihrer Leiden iſt, einen fuͤr Ihr mildes und liebrei⸗ ches Herz unungaͤnglich nothwendigen Troſt finden? 3 3 Werden Sie in ſeinen Augen verwandte Thranen ſuchen? Wird Ihre wankende, an ſeine Bruſt ge⸗ legte Hand eine der Ihrigen aͤhnliche Regung zu finden ſuchen? Ach wenn Sie ihn bei Thraͤnen uͤber⸗ raſchen, ſo werden es bloß Thraͤnen der Reue ſeyn; wenn ſein Buſen aufſeufzt, ſo wird dieß eine Folge der Zuckungen des Boͤſewichts ſeyn, der, ſterbend, die Natur, ſich ſelbſt, und die Hand, die ihn lei⸗ tet, verflucht; o Lameth! o Robespierre! o Petion! o Volney! o Mirabeau! o Barnave! o Bailly! o La Fayette! dieß iſt der Mann, der ſich euch an die Sei⸗ te zu ſtellen wagt! Triefend von dem Blute ſeiner Bruͤder, befleckt mit allen Laſtern, zeigt er ſich mit Zuverſicht in dem Kleide eines Generals, dem Lohne ſeiner Verbrechen! Er wagt es, ſich den Stellver⸗ treter der Nation zu nennen,— er, der ſie ver⸗ kaufte— und ihr duldet dieß! er wagt es, ſeine Au⸗ gen zu erheben, und auf eure Rede zu horchen, und ihr duldet dieß! Iſt es die Stimme des Volkes, die ihn ſandte? Er hatte nie weiter als die Stim⸗ me zwoͤlf Adeliger fuͤr ſich. Alaccio, Baſtia, und die meiſten Diſtrikte haben ſeinem Bilde das ange⸗ than, was ſie ſeiner Perſon mit Freuden gethan haben wuͤrden. 5. 103 r, die ihr durch den Irrthum des Au⸗ oder vielleicht durch voruͤbergehende Miß⸗ bewogen werdet, euch allen neuen Veraͤn⸗ gen zu widerſetzen, werdet ihr einen Verraͤ⸗ e dulden? Einen Mann, der unter dem kalten en eines verſtaͤndigen Mannes die Habſucht eines Troßbubeun verbirgt? Ich kann dieß nicht glau⸗ ben. Ihr werdet die erſten ſeyn, die ihn mit Schimpf hinweg jagen werden, ſobald ihr die Reihe von Grauſamkeiten, die er begangen hat, erfahren haben werdet. Ich habe die Ehre u. ſ. w. Von meinem Kabinet zu Milleli, 23ten Januar, Jahr 2. Buonaparte.