— Leihbibliothek ff deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — tahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗& den angenommen. 8 4 5 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſIeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe lbinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet JD„) Seih- und Ceſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ wirp. J) 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und d beträaͤgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8————,,——— auf 1 Monat: 1 Mr. f. 1 Mk. 50 Ff. 2 Mt. Pf. 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. 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Leben von Rapoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. — Inſtruktionen des Sir Hudfon Lowe für die Behandlung Napo⸗ leons.— Summe, welche die brittiſche Regierung für die Aus, gaben des Exkatſers bewilligt hat.— Beleuchtung der Behaup⸗ tung, daß für ſeine Tafel nicht reichlich genug geſorgt geweſen ſen.— Napoleons Vorſchlag, ſeine Ausgaben ſelbſt zu beſtrei⸗ ten.— Verkauf ſeines Silbergeſchirrs— in der Abſicht, einen falſchen Eindruck von dem Juſtande, in den er verſetzt war, zu machen.— Beſtätigung der Tbhatſache, daß er um dieſe Zeit eine bedeutende Geldſumme in ſeiner Privatcaſſe hatte.— Erbauung eines hölzernen Hauſes zu London für Buonaparte, und Trans⸗ vort deſſelben nach Sr. Helena.— Zuſammenkunft zwiſchen Sir Hudion Lowe und Napoleou bei der Anrunft des Haufes.— Verzö gerung der Aufrichtung deſſelben.— Verhinderung Napo⸗ leon's an deſſ u Beziehung wegen Krankheit.— Die Verfügung, daß ein brittiſcher Oifizier Napoleon bei ſeinen Spzi⸗rritten be⸗ gleiten müſſe, iſt ein Gegenſtand großen Mißvergnügens für ihn.— Die Bewohner von Longwood unerhalten eine freie Verbindung mir Europa, ohne Wiſſen des Gonverneurs.— Wrrüoung in Betreff des Verkehrs Napoleon's mit den Einwoh⸗ nern der Inſel.— Allgemeine Betrachtungen über die Streitig⸗ kiten zwiſchen ihm und Sir Hudſon Lowe. Ehe wir uns in eine ſo kurze Unterſachung uͤber W. Scotf's Werke. LXV. 1 das Betragen des neuen Gouverneurs gegen Napo⸗ leon einlaſſen, als die Graͤnzen, die wir uns geſetzt haben, erlauben, muͤſſen wir zeigen, welche ſeine, Sier Hudſon Lowe's, Inſtruktionen von der engliſchen Regierung in Betreff der Bewachung des vormali⸗ en Kaiſers waren: Downing⸗Street, 12. Sept. 1846. „Sie werden eingedenk ſeyn, daß es der Wunſch der Reglerung Sr. Majeſtaͤt iſt, dem General Buo⸗ naparte jede Vergaͤnſtigung zu bewilligen, die mit der gaͤnzlichen Sicherheit ſeiner Perſon vertraͤglich iſt. Daß er uicht durch irgend ein Mittel entkommr, oder mit irgend einer Perſon, ausgenommen durch Ihre Vermittlung, eine Verbindung unterhaͤlt, muß Ihre unermuͤdliche Sorge ſeyn; und wenn Sie ſich dieſer Punkte verſichert haben, kann jede Huͤlfsquelle und Beluſtigung, die dazu dienen mag, Napoleon mit ſeiner Geſangenſchaft zu verſöhnen, geſtattet werden.“ 3 Wenige Wochen ſpaͤter ſchrieb der Staats⸗Se⸗ kretaͤr dem Sir Hudſon Lowe einen Brief deſſelben Inhalts. Er war vom 26. Octobe r 1816 datirt und lautete alſo: „In Beziehung auf Napoleon ſelbſt halte ich es fuͤr unndthlg, Ihnen weitere Inſtruktionen zu geben. Ich bin uͤberzeugt, daß Ihr eigenes. Gefuͤhl Sie ver⸗ anlaſſen wird, den Wuͤnſchen Sr. Königl. Hoheit, des Peinz Regenten, zuvorzukommen, und gegen die 7 Wirkung, die ein ſo ploͤtzlicher Gluͤckswechſel auf ei⸗ ne Perſon von ſeinem reitzbaren Gemuͤthe unfehlbar hervorbringen muß, jede Nachſicht zu gebrauchen. Sie werden jedoch Ihrer Schonung oder Großmuth gegen ihn nicht erlauben, irgend einer von den An⸗ ſtalten Abbruch zu thun, die zur Verhuͤtung ſeiner Flucht getroffen worden ſeyn moͤgen, oder die Sie ſpaͤter zur groͤßeren Sicherheit ſeiner Perſon als nothwendig erachten koͤnnten.“ Der gerechte und ehrenvolle Grundſatz, zu dem ſich die Regierung bekannte, iſt einleuchtend. Allein es: war eine außerordentliche und hoͤchſt ſchwierige Aufgabe fuͤr Sir Hudſon Lowe, eine Perſon in enger Haft zu halten, die unter allen andern jeden Zwang wahrſcheinlich am wenigſten ertragen konnte, und ſie zu gleicher Zeit mit einem ſolchen Zartſinne zu be⸗ handeln, daß ihre wahre Lage verborgen blieb, wenn ſie ſich auch nicht damit verſoͤhnte. Wenn dieß Sir Hudſon nicht gelang, ſo kann er zu ſeiner Verthei⸗ digung anfahren, daß er ſich in einem Falle befunden habe, in welchem Wenige ſich eines gluͤcklichen Er⸗ folgs zu erfreuen gehabt haben wuͤrden. Somit wa⸗ ren Napoleon's Klagen gegen den Gouverneur bitker und laͤrmend. Der erſte Klagepunkt von Seite der Mitglieder des Haushalts zu Longwood betraf die von der brit⸗ tiſchen Reglerung zu ihrem Unterhalte bewiligten Summen, von denen ſie behaupteten, daß ſie fuͤr ihre . Beduͤrfuiſſe unzulaͤnglich ſeyen. Dieß war kein Punkt, uͤber welchen Napoleon ſeine Geſinnungen in eigener Perſon auszudruͤcken fuͤr aut fand. Seine Aufmerk⸗ ſamkeit war augenſcheinlich auf die Erlangung ge⸗ wiſſer Punkte der Etiguette gerichtet, die ihn der Lage entreißen wuͤrden, in die er ſich ſo ungerne verſetzt wiſſen wollte— der Lage eines Kriegsgefan⸗ genen. Das Thema von der Unzulaͤnglichkeit der bewilligten Summen wurde jedoch nicht unberuͤhrt gelaſſen, da die Verbannten wohl einſahen, daß kei⸗ ne Beſchwerde dem engliſchen Volke mehr zu Her⸗ zen gehen wuͤrde, als die, welche eine Unzulaͤnglich⸗ keit in der Quantitaͤt oder Qualitaͤt der den Ver⸗ bannten gereichten Nahrung zum Gegenſtande habe. Montholon's Brief erhob uͤber dieſen Gegenſtand ein großes Geſchrei; und Santini behauptet, der Kaiſer habe zuweilen mit gar nichts fuͤrlieb nehmen muͤſſen, waͤre er(Santini) mit ſeiner Flinte nicht gluͤcklich geweſen. Das Wahre der Sache war Folgendes: Die brittiſche Regierung hatte beſchloſſen, Napoleon's Tafel, ſo wie die ſeiner militaͤriſchen Familie, ſolle wie die eines Generals vom erſten Range verſehen werden. Die Ausgabe eines ſolchen Haushalts er⸗ reichte nach den, Sir Hudſon Lowe zugeſtellten, vom 15ten April und 22ſten November 1816 datirten An⸗ ordnungen, die Summe ven achttauſend Pfund jaͤhr⸗ lich, jedoch mit der Erlaubniß, ſie bis auf zwoͤlftau⸗ 8 9 ſend Pfund auszudehnen, wenn er es fuͤr nothwen⸗ dig halten wuͤrde. Die Ausgabe konnte nach Sir Hudſon Lowe's Meinung nicht auf achttauſend Pfund beſchraͤnkt bleiben, weswegen er ſie auch augenblick⸗ lich auf zwoͤlftauſend Pfund ausdehnte, die in mo⸗ natlichen Friſten dem Proviantmeiſter, Herrn Bal⸗ combe, ausbezahlt wurden, der ſie zum Unterhalte des Haushalts von Longwood verwendete. Wenn jedoch ſelbſt zwoͤlftauſend Pfund, die als ein wahr⸗ ſcheinliches Ultimatum feſtgeſetzte Summe, nach der Meinung des Gouverneurs, wegen Theurung, hohem Preiſe der Lebensmittel oder aus andern Gruͤnden als praktiſch unzulaͤnglich erfunden werden ſollten, um die nach einem freisebigen Maßſtabe berechneten Ausgahen einer Generals⸗Familie zu beſtreiten, ſo hatte Sir Hudſon Lowe von der Regierung die Er⸗ laubniß, das Ausgeſetzte des Proviantmeiſters ſo weit zu erhoͤhen, als noͤthig war. Allein wenn auf der andern Seite die Franzoſen ihrem Haushalte etwas beizufuͤgen wuͤnſchten, das der Gouverneur in Betracht des der Hauptperſon angewieſenen Ran⸗ ges, fuͤr uͤberfluͤfſig halten wuͤrde, ſo ſollten ſie ſolche außerordentliche Ausgaben ſelbſt zu beſtreiten ha⸗ ben. Es iſt leicht einzuſehen, daß man von der bekt⸗ tiſchen Regierung nicht erwarten konnte, mehr fuͤr Napoleon's reichlichen Unterhalt zu thun, als dem Gouverneur einen unbeſchraͤnkten Befehl zu gehen, 10 nach dem, auf den Rang eines Offiziers vom erſten Grade, anwendbaren Maßſtabe fuͤr ſie zu ſorgen. Gleichwohl aber war das Reſultat, ſo wie die Sache geleltet wurde, nicht ſo ehrenvoll fuͤr Großbritannien, als die Abſichten der Regierung wirklich bezweckten. Die Wahrheit iſt, daß die Tugenden, wie die La⸗ ſter, in England ihre Modezeit haben; und beim Schluſſe des Friedens, als die Nation mit Sieg ge⸗ ſaͤttiget war, begann man, gleich Epikuraͤern nach einem Feſte, wegen ber Rechnung zu hadern. Je⸗ dermann fuͤhlte den Einfluß der Quart Theure de Rabelais. Er drang bis in die Parlaments⸗Haͤuſer, und Sparſamkeit war das allgemeine Thema des Tages. Es kann kein Zweifel daruͤber obwalten, daß eine kluge Beſchraͤnkung der Ausgaben die einzige blei⸗ bende Haͤlfsquelle des Nationalreichthums iſt; allein gleich allen andern Tugenden kann die Sparſamkeit uͤbertrieben werden, und es gibt Lagen, in welchen ihr die ganze Niedrigkeit der Habſucht anhaͤngt⸗ Der Verbrauch weniger Pfunde Fleiſch, einiger hun⸗ dert Stuͤcke Holz, oder einiger Flaſchen Weins haͤtte nicht einmal einen Scheein von Frage zwiſchen Bri⸗ tannien und Napoleon veranlaſſen ſollen; und es wuͤrde beſſer gewefen ſeyn, die Verſchwendung einer Familie uͤberſehen zu haben, die keine Beweggruͤnde zur Svarſamkelt von ihrer eigenen Seite hatte, als aufgefordert zu ſeyn, ſo kleinlichte haͤusliche Einzeln⸗ 11 heiten in dem großen Rathe der Nation, welcher als Richter zwiſchen England und ihrem Grſangenen ſaß, zu eroͤrtern. Eine kurze Antwort hätte man denen, die in dieſem Falle die Verſchwendung der Reglerung angeklagt haben wuͤrden, geben koͤnnen, wenn man die Tadler auf die unermeßlichen Sum⸗ men, die durch Napoleon's Gefangenhaltung auf St. Helenz erſpart wurden, verwieſen haͤtte. Es iſt ein etwas groͤßerer Aufwand noͤthig, um ungefaͤhr zwau⸗ zig Perſonen, ſelbſt auf die freigebigſte Weiſe zu un⸗ terhalten, als ein Heer von dreimalhunderttaufend Mann. Allein obſchon ſolche Streitigkeiten, wie wir glauben, daraus entſprangen, daß der Gouverneur die Meinung der brittiſchen Miniſter mißverſtand, und wenn er dieß je that, zu Einzelnheiten in Be⸗ treff der Qualitaͤt des in der Kuͤche zu Longwood zu gebrau henden Salzes oder Zuckers ſich herabließ, ſo iſt doch kein Grund zu dem Glauben vorhanden, daß die Gefangenen ſich uͤber eine wirkliche Ein⸗ ſchraͤnkung zu beklagen hatten, obwohl es nicht im⸗ mer der Fall ſeyn mochte, daß man ſich Artikel von der erſten Gattung ſo leicht verſchaffen konnte, als in Paris. Die oſtindiſche Geſellſchaft ſchickte dem Proviantineiſter die Lebensmittel, und dieſe beſtan⸗ den aus allen erdenkbaren Leckereien, ſo daß ſehr ungewöhnliche Leckerbiſſen auf St. Helena, waͤhrend ſich Napolgon daſeldſt aufhielt, von Jedermann, der 1² ſie bezahlen mochte, erhalten werden konnten. Der Wein war im Allgemeinen der Qualitaͤt nach vor⸗ trefflich und von der theuerſten Gattung*); und ob⸗ ſchon uͤber die verbrauchte Quantitaͤt zuviel ge ſagt und gedacht wurde, ſo wurde er doch, wie wir nach⸗ her ſehen werden, in einer Menge gellefert, welche die Graͤnzen der gewoͤhnlichen Tafelfreuden welt uͤberſtieg. In der That, obſchon die franzoͤſiſchen Of⸗ fizlere, waͤhrend ſie Beſchwerden hervorſuchten, uͤber thre Behandlung bei Tiſche klagten, und in Buchern, wie das eines Santini, die groͤbſten Verunglimpfun⸗ gen in dieſer Hinſicht verbreiteten, ſo ließen ſie doch⸗ wenn ſie aufgefordert wurden, ihre Meinung als Eh⸗ renmaͤnner zu ſagen, dem Gouverneur in dieſem Punkte Gerechtigkeit widerfahren. General Bertrand druͤckt ſich in einem Schretben an den Gouvernfur alſo aus: Seyen Sie verſichert, daß wir von den guten Abſichten des Gouverneurs, uns mit allem R othigen zu verſeben, uͤberzeugt ſi ſind, und daß man in Betreff der L Lebensmit: el keine Kla⸗ gen von uns hoͤren wird, oder wenn dieß auch der Fall ſeyn ſollte, ſo werden ſie gegen die Regierung *) Der Claret war zum Beiſpiel der von Carbonelli, zu fochs Piund per Hutzend, ohne die Gebühren. Je er Bediente von höherm Rang erhielt ein⸗ Flaſche dieſes Weins, der gewiß ſo auserwählt und ſo theuer iſt, als er immer nur auf die Tafel von Souverainen gebracht werden könnte. Die Arbeiter und Soldaten hatten jeder ttägtich eine duarche Teneriſf, Wein von vortrefflicher Güte. 13 und nicht gegen den Gouverneur gerichtet ſeyn, von bem die Sache nicht abhaͤngt. Er fuͤgt hinzu, daß dieß die Geſinnungen des Kaiſers ſeyen. Daß ſie zwar mit einigen Schwierigkeiten zu kaͤmpfen gehabt haͤtten, als das Silbergeſchirr verkauft geweſen ſey, daß ſie aber ſeitdem ſtets gut verſehen geweſen ſeyen, und ſich uͤber nichts zu beklagen gehabt haͤtten. Dieß iſt das Zeugniß des Grafen Bertrand, als er dem Gouverneur durch ſeinen Kriegsſekretaͤr mit Bedacht ſchrieb. Allein wir haben auch die Meinung Napoleon's ſelbſt, wie ſie Dr. OMeara uͤberliefert hat, der um dieſe Zeit, wie bereits bemerkt worden iſt, die Ge⸗ wohnheit hatte, dem Gouverneur das, was er in Ge⸗ ſellſchaft zu Longwood gehört hatte, mitzutheilen. Den sSten Junius 2377. Er(Buonaparte) bemerkte, daß Santini's Schrift ein naͤrriſches, ubertriebenes Produkt voll von Spoͤt⸗ terei und einigen Luͤgen ſey: Wahrheiten ſeyen dar⸗ in, allein uͤbertriebene. Nie ſey der von ihm ge⸗ ſchllderte Mangel wirklich vorhanden geweſen, es ſey genug herbelgeſchafft worden, um davon leben zu köoͤnnen, allein nicht genug, um elne anſtaͤndige Ta⸗ fel zu fuͤhren; ſie haben genug Wein gehabt; es habe ſicherlich zuweilen an nothwendigen Artikeln ge⸗ mangelt, allein dieß koͤnne Zufaͤllen zugeſchrieben werden; er glaube, es ſeyen haͤufige Einkaͤufe von Brod und andern Lebens mitteln fuͤr das Lager ge⸗ 14 macht worden, was gelegentlich auch aus dieſer Ur⸗ fache entſprungen ſeyn moͤge. Er fuͤgte hinzu: ir⸗ gend ein Englaͤnder habe es geſchrieben, und nicht Santini. Dr. O'Meara's gedrucktes Buch enthält etwas Aehnliches, aber nicht ſo Umſtaͤndliches. Was Na⸗ poleon's Widerlegung von Santini's Werk um ſo be⸗ luſtigender macht, iſt, daß nach der Mitrheilung, welche Geveral Gourgand der brittiſchen Regierung machte, Napoleon ſelbſt der Verfaſſer des ganzen, oder des groͤßten Theils des fraglichen Werks war. Die Mißhelligkeit zwiſchen dem Gefangenen und dem Gouverneur mag, wenn ſie je wirklich ſtatt fand, ihren Grund in dem urſpruͤnglichen Streite gehabt haben; deun eine Tafel, die dem Range ei⸗ nes Generals angemeſſen war, muß der, welche ein Kaiſer fuͤhren konnte, bedeutend nachgeflanden ſeyn; und waͤhrend die erſtere ſo war, wie der Gouverneur ſie zu unterhalten angewieſen war, war die letztere ſo wie Napoleon ſie zu erwarten ſich berechtigt glaubte. 14ais Die Erlaubniß, welche Napoleon gegeben wurde, und die ihm in der That nicht wohl verweigert wer⸗ den konnte, von ſeinen eigenen Fonds die Artikel zu kaufen, die er noch auſſer den von der brittiſchen Regierung gelieferten wunſchte, bot den Franzoſen⸗ beſondere Annehmlichkeiten dar, die ſie zu beuuͤtzenn nicht ermangelten. Napoleon's Geld war, als er den 15 Belkerophon verlteß, einſtweilen in Verwahrung ge⸗ uommen worden, um ihn der Mittel zu berauben, ſeine Flucht durch Beſtechung zu erleichtern. Die ihm ertheilte Erlaubniß, um Geld nach dem Feſt⸗ lande zu ſchreiben, hieß ihm großentheils den golde⸗ nen Schluͤſſel zuruͤckgeben, dem ſich die Kerkerthore oͤffnen, und diente auch dazu, ihm die Mittel zu ei⸗ nem geheimen Briefwechſel mit denjenigen Freunden zu verſchaffen, die ihm zur Flucht behuͤlflich ſeyn konnten.. 8 In der That, die Vortheile dieſer Art von Cor⸗ reſpondenz waren von einer ſolchen Wichtigkeit, daß Napoleon durch General Montholon folgenden Vor⸗ ſchlag machte, der dem General Bathurſt von dem Gouverneur den Sten September 1816 zugeſchickt wurde. Der Katfer) ſagte er, wuͤnſche Anſtalten zu treffen, um das Ganze ſein er Ausgaben zu baſtrei⸗ ten, vorausgeſetzt, daß irgend ein Haus hier, oder in England, oder auf dem Feſtlande Europa's, das mit Einwilligung des Gouverneurs, ader ſelbſt nach feinem eigenen Gutduͤnken zu erwaͤhlen ſey, aufge⸗ fordert werde, feine Geldgeſchaͤfte zu beſorgen, mit der Verſicherung von General Buonaparte, daß alle feine abgeſchickten Brtefe blos Geldangelegenheiten betreffen werden. Allein ſtets muͤſfe die Bedingung gelten, daß ſolche Briefe verſiegelt und uncroͤff⸗ net an den Ort ihrer Beſtimmung abgehen. 8 Wahrſcheinlich ſchloß. Nanoleon aus der Gaͤhe 16 rung, welche damals im Parlamente in Betreff der Sparſamkeit Statt hatte, daß die engliſche Nation auf dem Punkte ſtehe, Bankerott zu machen, und zweifelte nicht, daß ſein Anerbieten, das ihr jaͤhrlich zwoͤlftauſend Pfund zu erſparen verſprach, von Sir Hudſon Lowe, oder dem eugliſchen Miniſterlum, be⸗ gierig angenommen werden wuͤrde. Allein der Gou⸗ verneur ſah die Gefahr einer Maßregel, die in ih⸗ rer unmittelbaren Tendenz dahin gieng, Gelder bis zu jedem Belauf dem geweſenen Kaiſer zur Verfuͤ⸗ gung zu ſtellen, und welches die Mittel darbieten koͤnnte, den Weg zu Privatkorreſpondenzen jeder Art au bahnen. Napoleon hatte ſich zwar erboten, ſein Wort zum Pfande zu geben, daß die Verbindung zu kel⸗ nen andern als pekuniaͤren Zwecken benuͤtzt werden ſolle; allein Sir Hudſon gefiel eine ſolche Verpfaͤn⸗ dung nicht. Seinerſeits machte der Gouverneur den Vorſchlag, daß die Bräefe an die Banquiers bloß von ihm ſelbſt und dem Lord Bathurſt, dem Sekre⸗ taͤr des Kolonialdedartements, geſeten werden ſoll⸗ ten, und bot ſein Ehrenwort an, daß ſie das unver⸗ bruͤchlichſte Stillſchweigen uͤber den Inhalt derſelben beobachten wuͤrden; allein dieſe Anordnung entſprach Napol⸗vis Abſſchten nicht, und die Sache unterblied daher gaͤnzlich.. aane itss Um dieſelbe Zeit wuͤnſchte Sir Hudſon Lowe die Auszaben des Haushalts auf die Summe von zwoͤlf: tauſend Pfund zu leſchraͤnken. eau dieſemacud⸗ 17 wurde eine Konferenz zwiſchen General Montholon, der das Departement des Haushalts unter ſich hat⸗ te, und Major Gorrequer, der zu Sir Hudſons Ge⸗ neralſtab gehoͤrte und im Namen des Gouverneurs handelte, gehalten. Es ſcheint, daß Sir Hudſon entweder die Inſtruktionen der Regierung mißver⸗ ſtand, und ſich ſtreng verpflichtet glaubte, die Aus⸗ gaben zu Longwood jaͤhrlich auf zwoͤlftauſend Pfund zu beſchraͤnken, ohne zu beachten, daß es ihm frei ſtand, ſie uͤber dieſe Summe auszudehnen; oder daß er der Meinung war, die Zulage zu den tauſend Pfund monatlich ruͤhre von ſolchen be⸗ ſondern Artikeln her, welche die Franzoſen, nach einer freien Erklärung ſeiner Inſtruktionen, ſelbſt zu bezahlen hatten, well ſie außerhalb der Graͤnzen einer nach dem liberalſten Plane verſorgten Gene⸗ raloffiziers⸗Tafel liegen. General Montholon er⸗ klaͤrte, die Koſten des Haushalts koͤnnten ſelbſt nach viclen Verminderungen mit keiner geringern Sum⸗ me, als 15,194 Pfund, beſtritten werden, und dieß das Minimum des Minimums, die moͤglichſt kleine Summe ſey. Er ſagte, der Kalſer wolle die feh⸗ lende Summe aus ſeinen eigenen Mitteln dazu thun, vorausgeſetzt, daß es ihm erlaubt werde, ei⸗ nen verſiegelten Brief an das Wechſelhaus zu ſchi⸗ cken. Major Gorrequer erklaͤrte, dieß koͤnne nicht ugeſtanden werden. Graf Montholon entgegnete hierauf, da dem Kaiſer von der britiſchen Regierung W. Scott's Werke, LXV. 2 18 nicht erlaubt werde, ſeine Gelder in Europa zu be⸗ nuͤtzen, ſo bliebe kein anderes Mittel, als uͤber ſein Eigenthum hier zu verfuͤgen; und wenn der Kaiſer diejenigen Koſten des Haushalts beſtreiten muͤſſe, welche die von Britännien bewilligte Summe uber⸗ ſteigen, ſo ſey er genoͤthigt, uͤber ſein Silbergeſchirr zu verfuͤgen. IgIn dieſen Vorſchlag williate Sir Hudſon Lowe zu raſch ein, da ſeine Inſtruktionen vom 22. No⸗ vember ihn dazu befugten, einen Umſtand zu ver⸗ huͤten, der ſo auffallend darauf berechnet war, allem den Glauben zu verſchaffen, was je in Betreff der gemelnen und ſchmutzigen Art, auf welche der vor⸗ malige Kaiſer von Frankreich behandelt wuͤrde, be⸗ hauptet worden war. Napoleon hatte eine Gelegen⸗ heit, durch die Aufopferung eines Haufens alten Silbergeſchirres ſeine langweiligen und duͤſtern Au⸗ genblicke dadurch zu erheitern, daß er uͤber die wi⸗ derſprechenden Eigenſchaften des engliſchen Volkes lachte,— das ihm jetzt ein Haus und Meubeln von einem Werthe von ſechzig bis ſiebzig tauſend Pfund ſchickte, und nun ihn zwang, ſein Silberge⸗ ſchirr zu verkaufen und ſeine Bedienten zu verabſchie⸗ den, und alles das wegen einiger Flaſchen Weins oder ein Paar Pfunden Fleiſch. Sir Hudſon Lowe haͤtte ſein Vaterland einem ſolchen Voörwurfe nicht aus⸗ ſetzen ſollen; und ſelbſt wenn ſeine Inſteuktionen in dieſem Punkte undeutlich geſchlenen haͤtten, haͤtte 19 er, nach ſeiner eigenen Erklaͤrung derſelben, den Ueberſchuß der Ausgaben bezahlen ſollen, ohne ein ſo allgemeines aͤrgerliches Aufſehen zu verurſachen, als aus Napoleons Verkauf ſeines Silbergeſchirrs nothwendig entſpringen mußte. Allein wenn der Gouverneur eine zu beſchraͤnkte Anſicht von ſeiner Pflicht bei dieſer Gelegenheit hatte, was ſollen wir von dem armſeligen Betra⸗ gen Napoleons ſagen, der, obſchon er ſo viel Geld in ſeiner Kaſſe hatte, daß er die zur Beſtreitung des angefuͤhrten Ueberſchuſſes noͤthige Summe drei Mal haͤtte bezahlen koͤnnen, doch lieber zu dem ſchmutzigen Verkauf, den wir erwaͤhnt haben, ſich entſchloß, damit er vor Europa in forma pauperis erſcheinen und ſich einen Anſpruch auf das Mitleild der Menſchen, als einen Mann erwerben moͤchte, der in eine ſolche elende Lage verſetzt waͤre, daß er das Silbergeſchirr von ſeinem Tiſche entfernen muͤß⸗ te, um ihn mit der noͤthigen Nahrung beſetzen zu koͤnnen. Er wußte wohl, daß man wenig Mitleid mit ihm haben wuͤrde, wenn man wuͤßte, daß er baares Geld genug beſitze, um jedes Defizit der ziemlich bedeutenden Summe, die England zahlte, decken zu koͤnnen; und daß nur die Idee von ſeiner Armuth, die durch einen Schritt erwieſen zu ſeyn ſchien, zu dem ſich ſelbſt Privatperſonen nur in el⸗ nem Falle dringender Nothwendigkeit entſchließen, ſeine Lage als hart und dringend erſcheinen laſſen . 20 koͤnne. Das Gefuͤhl des Mitleids haͤtte einem ganz andern Gefuͤhle Platz machen muͤſſen, wenn die wah⸗ ren Umſtaͤnde der Saches genau bekannt geweſen waͤren. Die Mittheilungen des Generals Gourgaud bei ſeinem Abſchiede von Sir Hudſon Lowe ſetzten den Gouverneur in den Beſitz der merkwuͤrdigen That⸗ ſache, daß der Verkauf des Silbergeſchirrs eine bloße Liſt war, zu der man ſeine Zuflucht bloß des Eindruckes wegen genommen hatte, den ſie in Eng⸗ land und Europa hervorzubringen greignet war; und daß ſie um dieſe Zeit in Longwood Geld genug hat⸗ tten. Sir Hudſon Lowe muthmaßte, der General Gourgaud ſpiele auf den Verkauf eines Vermoͤgens an, das Las Caſes gehoͤrte, und deſſen Werth dieſer ergebene Anhaͤnger Napoleon zur Verfuͤgung geſtellt hatte; allein General Gourgaud erwiederte:„Nein, nein; vor dieſer Transaktion hatten ſie 240,000 Franken, hauptſaͤchlich in ſpaniſchen Doublonen, em⸗ pfangen.“ Er ſagte ferner, daß Prinz Eugen es ſey, der das Geld den Banquiers in die Haͤnde ge⸗ geben habe. In London machte General Gourgaud dieſelbe Mittheilung. Wir entlehnen die Worte, mit denen ſie dem Lord Bathurſt veigetragen wor⸗ den iſt. „General Gourgaud gab an, er ſey a49 da⸗ von geweſen, daß General Buonagparte eine be⸗ deutende Geldſumme in ſpaniſchen Doublonen, naͤm⸗ 21 lich 10,000 Pfund, gerade in dem Zeitpunkte, in welchem er ſein Silbergeſchirr veraͤußerte, empfan⸗ gen habe; allein als ich hinſichtlich der Perſonen, die um die Sache wiſſen, in ihn drang, ſo begnuͤg⸗ te er ſich damit, mich zu verſichern, daß die Art ih⸗ rer Ueberſendung eine rein zufaͤllige geweſen ſey, daß ſie nie wieder vorkommen koͤnne, und daß er unter ſo bewandten Umſtaͤnden hoffe, ich werde nicht auf eine Entdeckung dringen, die, waͤhrend ſie ihre Urheber verrathe, weder in Betreff der Beftrafung der Uebelthaͤter, noch auch in Betreff der Verhuͤ⸗ tung einer aͤhnlichen Handlung in Zukunft, irgend eine Wirkung haben koͤnne. Der wirkliche Beſitz baaren Geldes konnte nach ſeiner Anſicht Buona⸗ parte's Mittel, die Treue derer, die er zu verfuͤh⸗ ren fuͤr rathlich hielt, zu beſtechen, nicht wohl ver⸗ mehren; da man allgemein wuͤßte, daß jeder Wech⸗ ſel, von welchem Betrage er auch ſeyn moͤchte, den General Buonaparte auf den Prinzen Eugen oder auf gewiſſe andere Glieder ſeiner Familie zoͤge, ge⸗ wiſſenhaft honorirt wuͤrde. Er gah ferner an, es ſey Napoleons Politik geweſen, ſich ein Mittel (moyen), einen Fond zur Ausfuͤhrung ſeiner Plane dadurch zu verſchaffen, daß er Geldſummen zu ſei⸗ ner(des Generals Gourgaud) Verfuͤgung ſtellte, und er ſey von Seite Napoleons ubel behandelt und von Bertrand belaͤſtigt worden, weil er ſich ge⸗ 22 weigert habe, zur Erleichterung einer geheimen Kor⸗ reſpondenz mitzuwirken.“ So viel Mitleid Buonaparte auch wegen ſeiner andern Truͤbſale auf St. Helena fordern kann, ſo erhellt es doch aus dieſer wichtigen Entdeckung, daß der Mangel an Geld nicht unter dieſelben gehoͤren konnte; und eben ſo klar iſt es, daß die Liſt, das Silbergeſchirr zu verkaufen, nichts beweiſen kann, als daß Napoleons Syſtem auf Betrug beruhte, und daß jede Augenſcheinlichkeit, die ſich aus ſeinen Worten oder Handlungen ergiebt, mit Vorſicht auf⸗ zunehmen iſt, wenn ein offenbarer Zweck dadurch erreicht werden ſoll. Als Sir Hudſon Lowe's Bericht, daß der Ue⸗ berſchuß der auf 12,000 Pfund feſtgeſetzten Ausga⸗ ben zu Longwood von Napoleon ſelbſt beſtritten wor⸗ den ſey, nach England gelangte, erhielt er den Bei⸗ fall des Minlſtertums nicht. Dieſes gab dem Gou⸗ verneur von neuem den Unterſchied an, den er zwi⸗ ſchen Ausgaben zu machen habe, die zur Unterhal⸗ tung der Tafel und des Haushalts eines General⸗ offiziers nothwendig ſeyen, und ſolchen, die es nicht ſeyen; welche letztere, und dieſe allein, die Fran⸗ zoſen zu beſtreiten haͤtten. Der Befehl iſt vom 20. October 1817 datirt: „Da ich aus der in Ihrer Depeſche Nro. 84. enthaltenen Angabe erſehe, daß die Ausgaben des Haushalts des Generals Buonaparte die Summe 23 von 12,000 Pfund jaͤhrlich uͤberſteigt, und daß der Ueberſchuß dieſer Summe bis zu dem Dakum dieſer Depeſche aus ſeinen eigenen Fonds beſtritten wor⸗ den iſt, ſo halte ich es fuͤr nothwendig, Ihre Auf⸗ merkſamkeit wieder auf jenen Theil meiner Depe⸗ ſche Nro. 15. vom 22. des letzten Novembers zu len⸗ ken, in welchem ich Ihnen die Ausgaben auf 12,000 Pfund jaͤhrlich beſchraͤnkte, Ihnen aber zugleich die Erlaubniß zugeſtand, noch weitere Ausgaben zu be⸗ willigen, wenn Sie es zur Gemaͤchlichkeit des Ge⸗ nerals Buonaparte fuͤr nothwendig erachten wuͤrden; und zu wiederholen, daß wenn Sie die Summe von 12,000 Pfund jaͤhrlich fuͤr unzulaͤnglich halten ſoll⸗ ten, um einen Haushalt, wie er fuͤr einen Gene⸗ raloffizter von Auszeichnung erforderlich iſt, zu un⸗ terhalten, Sie kein Bedenkeu tragen werden, jeden Zuſchuß, den Sie fuͤr nothwendig halten werden, zu bewilligen. Allein wenn auf der andern Seite die Ausgaben, welche General Buonaparte ſelbſt beſtrit⸗ ten hat, das uberſchreiten werden, was nach einer liberalen Auslegung fuͤr einen Generaloffizier von Auszeichnung hinreicht, ſo werden Sie geſtatten, daß dieſelben, wie bisher, aus Napoleons eignen Mitteln beſtritten werden.“ Dieſe beſtimmten und wiederholten Inſtruktio⸗ nen zeigen, daß es nie der Wille Britanniens war, Napoleon hart oder filzig zu behandeln; wie die Bekenntniſſe des Generals Gourgaud auf der an⸗ 24 dern Seite beweiſen, daß wenn der Gouverneur in Betreff der Ausgaben zu ſtreng war, der Gefange⸗ ne hinreichende Mittel beſaß, ſich gegen alle moͤgli⸗ chen Folgen der Selbſtverlaͤugnung zu verwahren, die daraus haͤtten entſpringen koͤnnen, daß er ſich gezwungen ſah, mit der geringen Summe von 12,000 Pfund jaͤhrlich zu leben. Die Wohnung Napoleons veranlaßte fortwaͤh⸗ rend viele Klagen. Wir haben unſere Meinung mitgetheilt, daß von Anfang an Plantationhaus, als die beſte Wohnung auf der Inſel, zu ſeinem Ge⸗ brauche haͤtte auserſehen werden ſollen. Wenn je⸗ doch dleß verworfen worden waͤre, ſo wuͤrde der Bau eines ganz neuen Hauſes, ſelbſt mit den wenigen Mitteln, welche die Inſel darbietet, weit anſehnli⸗ cher und vielleicht oͤkonomiſcher geweſen ſeyn, als die Erbauung eines großen hoͤlzernen Gebaͤudes in London und ſeine Fortſchaffung nach St. Helena, wo es mit den da u beſtimmten Meubeln im Mai 1816 ankam. Es wir kein vollſtaͤndiges Paraplule⸗Haus, wie ſolche Bauten genannt werden, ſondern bloß die Materialten zu Errichtung eines ſolchen; und es konnte daher beſonders errichtet, oder je nachdem Napoleon es wuͤnſchte, zu großen und bequemen Zu⸗ ſaͤtzen zu der Wohnung, die er bereits inne hatte, gebraucht werden. Es war eine Sache der Hoͤflich⸗ keit, nachzufragen, ob es Napoleons Anſicht von Beqguemlichkeit am beſten entſpraͤche, wenn ein gans 25 neues Gebaͤude aufgefuͤhrt wuͤrde, oder ob dieſer Zweck beſſer erreicht wuͤrde, wenn man das fruͤ⸗ here Gebaͤude ſtehen ließe und das neue in Geſtalt eines Anbaues an daſſelbe errichtete. Wir haben eine Zuſammenkunft zwiſchen Napoleon und dem Gouverneur mit den Worten des Erſtern, wie ſie Doktor O'Meara niedergeſchrieben hat, berlchtet. Die gegenwaͤrtige geben wir, wie ſie Sir Hudſon in einer vom 17. Mai 1816 datirten Depeſche an den Lord Vathurſt berichtet hat: „Da es nothwendig wurde, hinſichtlich des Hau⸗ ſes und der Mobilien, die aus England zur Bequem⸗ lichkeit des Generals Buonaparte und ſeiner Beglei⸗ ter geſchickt worden waren, zu einem Entſchluſſe zu kommen, ſo beſchloß ich, ihm meine Aufwartung zu machen, um ihm die Ankunft der verſchiedenen Ma⸗ terialien mitzutheilen, und ihn um ſeine Geſinnung in Betreff ihrer Anwendung zu fragen, ehe ich auf irgend eine Art uͤber ſie verfuͤgte. Ich beſuchte vor⸗ laͤufig den General Bertrand, um ihn zu fragen, ob er glaube, General Buonaparte werde Muße haben, um mich zu empfangen; und auf ſeine bejahende Antwort begab ich mich nach Longwood, wo ich den Grafen Las Caſes traf, den ich bat, der Ueberbringer meiner Botſchaft an den General zu ſeyn, und ihm zu ſagen, daß ich hier ſey, um ihn zu beſuchen, wenn anders ſeine Bequemlichkeit dieß geſtatte. Ich empfieng die Antwort, der Kaiſer wolle meinen Beſuch annehmen.“ 26 „Ich begab mich durch ſein aͤußeres Speiſezim⸗ mer in ſein Geſellſchaftszimmer. Er war allein und ſtand mit ſeinem Hute unter dem Arme ſo da, wie er ſich gewoͤhnlich zeigt, wenn er ſeine kaiſerliche Wuͤrde annimmt. Er ſchwieg ſtill, erwartend, daß ich ihn anreden werde. Da ich ihn nicht geneigt fand, die Unterredung zu eroͤffnen, ſo begann ich in folgenden Worten:— Mein Herr, Sie werden wahr⸗ ſcheinlich aus unſern engliſchen Zeitungen erſehen oder vielleicht durch andere Kanaͤle erfahren haben, daß die brittiſche Regternng die Abſicht hat, die Materialien zu Erbauung eines Haufes mit allen noͤthigen Meublen zum Behufe Ihrer Bequemlich⸗ keit hieher zu ſchicken. Dieſe Artikel ſind jetzt an⸗ gekommen. Inzwiſchen hat die Reglerung die Nach⸗ richt erhalten, daß dieſes Gebaͤude hier zu Ihrem Empfange eingerichtet worden iſt, und ich habe In⸗ ſtruktionen, die Materialien zu verwenden, wie es am beſten ſcheint, ſey es nun zur Errichtung einer neuen Wohnung, oder zur Vergröͤßerung Ihrer ge⸗ genwaͤrtigen. Ehe ich in dieſer Hinſicht irgend eine Anordnung treffe, wuͤnſchte ich zu wiſſen, ob Sie mir daruͤber keine Wuͤnſche mitzutheilen haͤtten.— Er ſtand, wie zuvor da, und gab keine Antwort.“ „Da ich ſein fortwaͤhrendes Stillſchweigen be⸗ merkte, begann ich wieder und ſagte: Ich habe ge⸗ glaubt, mein Herr, daß die Beifuͤgung von zwei oder drei guten Zimmern(deux ou trois salons) zu Ih⸗ 27 rem gegenwaͤrtigen Hauſe, nebſt andern Verbeſfe⸗ rungen deſſelben, Ihre Bequemlichkeit in kuͤrzerer Zeit vergroͤßern koͤnnte, als die Erbauung eines neuen Hauſes.— Er fieng hierauf an zu reden, ſprach aber mit einer ſolchen Raſchheit, Unordnung und Hitze, daß es ſchwer ſeyn wuͤrde, jedes Wort zu wiederho⸗ len, das er gebrauchte. Ohne, wie es ſchien, auf das gemerkt zu haben, was ich ihm ſagte, begann er: — Ich verſtehe das Betragen Ihrer Regierung nicht. Will ſie mich toͤdten? Und kommen Sie hieher, um ſowohl mein Henker, als mein Kerkermeiſter zu ſeyn? Die Nachwelt wird uͤber die Art urtheilen, wie ſie mich behandelt hat. Das Ungluͤck, das ich erdulde, wird auf Ihre Nation zuruͤckfallen; nein, mein Herr, nie werde ich dulden, daß Jemand in das Innere meines Hauſes tritt oder in mein Bett⸗ zimmer dringt, wie Sie befohlen haben. Als ich von Ihrer Ankunft auf dieſer Inſel hoͤrte, glaubte ich„Sie wuͤrden als Offizier des Landheeres einen artigern Karakter beſitzen, als der Admiral, der ein Seeoffizier iſt und rauhere Sitten haben mag. Ich habe keine urſache, mich uͤber ſein Herz zu beklagen. Aber Sie, mein Herr,— auf welche Art be handeln Sie mich? Es iſt ein Schimpf, mich unter dem Na⸗ men, General Buonaparte, zu einem Diner einzula⸗ den. Ich bin nicht General Buonaxarte— ich bin der Kaiſer Napoleon. Ich frage Sie wieder, ſind Sie hierher gekommen, um mein Kerkermeiſter, niem 28 Henker zu ſeyn? Waͤhrend er dieß ſagte, bewegte ſich ſein rechter Arm ruͤck⸗ und vorwaͤrts; ſeine Per⸗ ſon ſtand feſt da; ſeine Augen und ſeine Miene hat⸗ ten jeden Ausdruck, den man bei einer Perſon vor⸗ ausſetzen konnte, die einſchuͤchtern oder erbittern wollte. „Ich ließ ihn for tfabren, nicht ohne mir großen Zwang anzuthun, bis er wirklich auſſer Athem war. Als er inne hielt, ſagte ich: Mein Herr, ich bin nicht hieher gekommen, um mich beſchimpfen zu laſ⸗ ſen, ſondern um uͤber einen Gegenſtand zu ſprechen, der Sie naͤher angeht, als mich. Wenn Sie nicht geneigt ſind, uͤber den Gegenſtand zu ſprechen— „Ich habe keine Abſicht, Sie zu beſchimpfen, mein Herr, erwiederte er; allein auf welche Art ha⸗ ben Sie mich behandelt? auf eine ſoldatiſche Art?“ „Ich antwortete: Mein Herr, ich bin ein Sol⸗ dat nach der Sitte meines Landes, und thue meine Pflicht ihr gemaͤß, und nicht nach der Sitte der Aus⸗ laͤnder. Zudem, wenn Sie glauben, daß Sie einen Grund haben, ſich uͤber mich zu beklagen, ſo duͤrfen Sie Ihre Anklage bloß zu Papier bringen, und ich werde ſie bei der naͤchſten Gelegenheit nach Englant ſchicken.“ 1 „Wozu wuͤrde dieß nuͤtzen? ſagte er; meine Klagen wuͤrden daſelbſt eben ſo wenig oͤffentlich wer⸗ den aals hier.“ 4 nch. will ſie, ſagte ich, in allen Zeitungen des 29 Feſtlandes bekannt machen laſſen, wenn Sie es wuͤn⸗ ſchen. Ich thue meine Pflicht, und alles Uebrige iſt mir gleichguͤltig.“ „Hierauf kam er zum erſten Male auf die Sa⸗ che zu ſprechen, die mich zu ihm gefuͤhrt hatte, und ſagte: Ihre Regierung hat mir keine offizelle An⸗ zeige von der Ankunft dieſes Hauſes gemacht. Soll es errichtet werden, wo ich will, oder an dem Orte, welchen Sie waͤhlen?“ „Ich bin, mein Herr, in der ausdruͤcklichen Ab⸗ ſicht gekommen, Ihnen dieß anzukuͤndigen. Auf den andern Punkt antworte ich ohne Schwierigkeit: Wenn Sie irgend einen beſondern Ort als Bauplatz auser⸗ ſehen haben, ſo will ich ihn unterſuchen, und das Gebaͤude daſelbſt errichten laſſen, wenn ich kein Hin⸗ derniß dagegen ſehe. Wenn ich aber einen Einwurf dagegen ſehe, ſo werde ich Ihnen dieß mittheilen. Um dieſe Sache gewiſſermaßen mit Ihnen zu verab⸗ reden, bin ich hierher gekommen.“ „Dann haͤtten Sie beſſer daran gethan, mit dem Großmarſchall daruber zu ſprechen und ſich mit ihm daruͤber zu vereinigen.“ „Ich ziehe es vor, mein Herr, mich deßwegen an Sie zu wenden. Ich finde, daß ſo manche Miß⸗ verſtaͤndniſſe vorkommen, wenn ich mich anderer Mit⸗ telsperſonen bediene(wie zum Beiſplel in Betreff des Befehls, den ich, wie Sie ſagen, ertheit zaben ſoll, einen Eingang in Ihre, beſondern Zimmer zu 4 30 erzwingen), daß ich es fuͤr raͤthlich halte, mich an Sie ſelbſt zu wenden.“ „Er gab keine beſondere Antwort hierauf, gieng einen Augenblick auf und nieder, und ſtrengte ſich! offenbar an, etwas zu ſagen, das mich, wie er glaub⸗ te, mit außerordentlichem Staunen oder Schrecken erfuͤllen wuͤrde. Endlich ſagte er: Wuͤnſchen Sie, mein Herr, daß ich Ihnen die Wahrheit ſage? Ja, mein Herr, ich frage Si⸗, ob Sie wuͤnſchen, daß ich Ihnen die Wahrheit ſage? Ich glaube, daß Sie Be⸗ fehle erhalten haben, mich zu toͤdten, ja, mich zu toͤdten; ja, mein Herr, ich glaube, daß Sie Befehle erhalten haben, an nichts— nichts einen Anſtand zu nehmen.— Er blickte mich hierauf an, als ob er eine Antwort erwartete. Meine Antwort war: Es ge⸗ ſiel Ihnen, mein Herr, bei unſerer letzten Zuſam⸗ menkunft zu bemerken, daß Sie einen falſchen Be⸗ griff von dem Geiſte des engliſchen Volkes gehabt haben. Erlauben Sie mir, zu ſagen, daß Sie ge⸗ genwaͤrtig einen eben ſo falſchen Begriff von dem Geiſte eines engliſchen Kriegers haben.“ „Hier endigte ſich unſere Unterredung; und als ob keiner von uns etwas Welteres zu ſagen haͤtte, trelinten wir uns gegenſeitig.“ Sk Hudſon empfieng einen Brief als Antwort auf ſeinen Bericht uͤber dieſen ſonderbaren und hef⸗ tigen Auftritt, in welchem ſeine Nachſicht und Fe⸗ ſtigkeit gelobt wurden; allein wir theilen ihn haupt⸗ 31 ſaͤchlich deßwegen mit, weil er die Abſicht der britti⸗ ſchen Regierung in Bezlehung auf Napoleon andeu⸗ tet, und von der Ruͤckſicht, welche ſie fuͤr ſeine be⸗ ſondere Lage hatte, ſo wie von dem Grade der Scho⸗ nung, die ſte von dem Gouverneur von St. Helena gegen ihn beobachtet wiſſen wollte, zeugt: „Es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen dem Be⸗ tragen, das Sie gegen General Buonaparte und ge⸗ gen diejenigen beobachten ſollen, die ſein Schickſal getheilt und ihn nach St. Helena begleitet haben.“ „Es wuͤrde einen Mangel an Großmuth verra⸗ then, wenn man wegen der ungemaͤßigten Sprache, zu der er ſich zuweilen hinreißen laſſen mag, nicht ſehr nachſichtig gegen ihn ſeyn wollte. Die Hoͤhe, von der er herabgeſtuͤrzt worden iſt, und alle Umſtaͤn⸗ de, die ſeinen Fall begleitet haben, reichen hin, ei⸗ nen minder reizbaren Geiſt, als der ſeinige iſt, aus der Faſſung zu bringen, und es ſteht zu befuͤrchten, daß er wenig Troſt in ſeinen Betrachtungen, ſowohl uͤber die Mittel, durch welche er ſeine Macht erlang⸗ te, als uͤber die Art, wie er ſie ausuͤbte, finden kann. So lange ſich daher ſeine Heftigkeit auf Worte beſchraͤnkt, muß ſie erduldet werden— wobei ſtets zu verſtehen iſt, und ihm zu verſtehen gegeben werden muß, daß jede vorſaͤtzliche Uebertre*ung, de⸗ ren er ſich gegen die Regeln, die Sie zur Sicher⸗ heit ſeiner Perſon vorzuſchreiten fuͤr noͤthig halten moͤgen, ſchuldig macht, Sie in die Nothwendigkeit 3² verſetzen wird, ein Zwangsſyſtem anzunehmen, zu dem Sie ſich nur mit dem grißten Schmerze ent⸗ ſchließen wuͤrden.“ „Was ſeine Begleiter betrifft, ſo befinden ſie ſich in einer ganz andern Lage; ſie koͤnnen nicht zu haͤufig erinnert werden, daß ihr Aufenthalt auf der Inſel eine Folge der Nachſicht der brittiſchen Regie⸗ rung iſt, und Sie werden ihnen kund thun, daß Sie ſtrenge Inſtruktionen erhalten haben, ſie von der Perſon des General Buonaparte, ſo wie von der Inſel zu entfernen, wenn ſie ſich nicht mit jener Achtung, welche ihre Lage erheiſcht, und mit jener ſtrengen Beachtung Ihrer Verfuͤgungen, welche die unerlaͤßliche Bedingung iſt, unter der ihnen der Auf⸗ enthalt auf der Inſel geſtattet iſt, betragen.“ Der ſtuͤrmiſche Streit, welcher den 17ten Mal 1816 Statt hatte, ließ in Betreff des Hauſes alles unentſchieden; und in der That, man kann ohne un⸗ gerecht zu ſeyn, muthmaßen, daß Napoleon die alte unbequeme Wohnung, mit dem Rechte, daruͤber Be⸗ ſchwerde zu fuͤhren, der neuen und bequemen vorzog, deren Beſitz ihm den Mund uͤber einen fruchtbaren Gegenſtand des Mißvergnuͤgens geſchloſſen haben muͤßte. Wiederholte und gleich kindiſche Eroͤrterun⸗ gen fanden in dieſer Beziehung waͤhrend des Laufes von zwei oder drei Jahren Statt,— ein Zeitraum, waͤhrend deſſen Napoleon ſich ſtets uͤber die Mangel⸗ haftigkeit des neuen Hauſes beklagte, undg der Gou⸗ rneur ͤ verneur ſeinerſeits behauptete, man koͤnne Napoleon nicht dazu bringen, eine beſtimmte Meinung uͤber die Lage oder den Plan zu aͤußern, oder zu erklaͤ⸗ ren, ob er eine durchgaͤngige Verbeſſerung des alten Hauſes vorziehe, und, bis das Werk vollendet ſeyn wuͤrde, einſtweilen Herrn Bertrand's Zimmer bewoh⸗ nen wolle. Zuweilen ſprach Napoleon davon, die Lage des Hauſes zu aͤndern; allein nie gab er, nach Sir Hudſon Lowe's Verſicherung, einen beſondern Wunſch in dieſer Hinſicht zu erkennen, und wollte ſich auch nicht herablaſſen, zu beſtimmen, an welchem Orte es errichtet werden ſolle. Napoleon ſeinerſeits be⸗ hauptete, er ſey ſeit 3 Jahren in eine ungeſunde Scheune eingeſchloſſen, waͤhrend welcher Zeit der Gouverneur ſtets von einem Hauſe geſprochen habe, das nie angefangen worden ſey. Waͤhrend der Ta⸗ del auf dieſe Art von der einen Partet ſtets auf die andere geſchoben wird, kann der unpartheiiſche Geſchichtſchreiber blos ſagen, daß Sir Hudſon Lowe, wenn er den Bau des Hauſes freiwilllg verzoͤgert haͤtte, ſich ſtrengem Tadel von Seite der Regierung ausgeſetzt haben wuͤrde, da ſeine Depeſchen taͤglich auf die Beſchleunigung des Werkes drangen. Der Gouverneur hatte dieſer ernſten Gefahr nichts ent⸗ gegen zu ſtellen, als die boshafte Abſicht, Napoleon zu kraͤnken; auf der andern Seite handelte Napoleon, indem er ſich lieber einem Mangel an Bequemlich⸗ keit unterwarf, als mit einem Manne, den er ver⸗ , Scott's Werke. LXV, 3. 34 abſcheute, einig wurde, bloß nach ſeinem allgemeinen Syſteme, von welchem dies ein Theil war, und op⸗ ferte lieber ſeine Bequemlichkeit, wie nachher ſeine Geſundheit auf, als daß er ſich in die Verordnun⸗ gen des Orts ſeiner Gefangenhaltung gefuͤgt haͤtte. Herr Ellis, ein unpartheilſcher Zeuge, erklaͤrt, daß das urſpruͤngliche Haus ihm bequem und gut ge⸗ ſchienen habe. Das Schickſal des neuen Hauſes war ſonderbar genug. Es wurde endlich errichtet, und ſoll eine ge⸗ raͤumige und angenehme Wohnung ſeyn. Allein zu⸗ faͤllig ſollte das Haus, nach dem entworfenen Plane, wie ſolches in England gewoͤhnlich iſt, mit einer Art Laufgraben umgeben werden, den ein Gelaͤnder von Gußeiſen zur Zierde umgab. Nicht ſobald hatte Na⸗ poleon dieſe Vorkehrungen bemerkt, als ihm der Gedanke an eine Feſtung und einen Kerker in den Sinn kam; auch war es unmoͤglich, ihn zu uͤberzeu⸗ gen, daß die Gitter und der Graben keineswegs zur Sicherung ſeiner Perſon beſtimmt ſeyen. Als Sir Hudſon Lowe den gemachten Einwurf erfuhr, befahl er, den Grund zu ebnen und das Pfahlwerk zu ent⸗ fernen. Allein ehe dieß bewerkſtelligt war, hatten ſich Napoleon's Geſundheitsumſtaͤnde ſo ſehr ver⸗ ſchlimmert, daß er die neue Wohnung nicht mehr beziehen konnte. Er ſtarb daher unter demſelben Dache, das ihn nach ſeinem temporaͤren Aufenthalte zu Briars aufgenommen hatte. Eine andere Beſchwerde, die Napoleon mit gro⸗ ßer Hartnaͤckigkeit fuͤhrte, war die, daß der Gouver⸗ neur von St. Helena nicht als bloßer Beamter, mit der Obliegenheit, fuͤr die genaue Befolgung der aus England erhaltenen Inſtrukkionen zu ſorgen, auf die Inſel geſetzt worden war, ſondern als ein Eeſetzgeber, der ſelbſt die Macht beſaß und ausuͤbte, die zur ſichern Bewachung ſeines Gefangenen ge⸗ troffenen Einrichtungen zu aͤndern, ſie zuruͤck zu nehmen, zu ſuſpendiren und wieder einzufuͤhren. Hierauf muß geantwortet werden, daß dem Gouver⸗ neur, der einem ſo wichtigen Amte vorſtand, und ſich in einer ſo großen Entfernung von der urſpruͤng⸗ lichen Quelle ſeiner Macht befand, nothwendig ei⸗ nige willkuͤhrliche Gewalt zugeſtanden werden mußte, da Faͤlle vorkommen mußten, in denen er, je nach den zufaͤlligen Umſtaͤnden und Vorfaͤllen, zu handeln haͤtte, und es unumgaͤnglich nothwendig war, daß er die Macht beſaß, dieß zu thun. Es muß auch be⸗ dacht werden, daß die Inſtruktionen des Staatsſe⸗ kretaͤrs verſchieden ausgelegt werden konnten; und es wuͤrde in dieſem Falle eben ſo außergewoͤhnlich als nachtheilig geweſen ſeyn, wenn der Gouverneur nicht befugt geweſen waͤre, die Erklaͤrung anzuneh⸗ men, welche die Umſtaͤnde verlangten; oder, wenn er genoͤthigt geweſen waͤre, ſich mit ſeinem Gefan⸗ genen uͤber den Punkt zu ſtreiten, und, was ein bloßer Beamter haͤtte thun muͤſſen, zu warten, bis 34 36 eine Erklaͤrung uͤber den ſtreitigen Punkt aus Eng⸗ land angekommen waͤre. Eine andere Frage, von der wir weit entfernt ſind, eine eben ſo klare Anſicht zu haben⸗ iſt die, ob Sir Hudſon Lowe dieſes hohe Vorrecht in jedem Falle mit kluger Umſicht ausuͤbte. Es wuͤrde unge⸗ recht ſeyn, ihn ungehoͤrt zu verdammen, beſonders da die Zeugniſſe gegen ihn, wir muͤſſen es wieder⸗ holen, ſehr verdaͤchtiger Art ſind. Doch ſcheint es uns, daß, in ſoweit wir von der Sache unterrichtet ſind, haͤufigere Aenderungen der beſtehenden Verfuͤ⸗ gungen ſtatt hatten, als die Nothwendigkeit, die beſte⸗ wo nicht die einzige Entſchuldigung fuͤr ſolche Ab⸗ wechslungen gerechtfertigt zu haben ſcheint. Eine der ſchwerſten Beſchwerden Napoleon's z. B. betrifft die Beſchraͤnkung der Grenzen, innerhalb welcher er, ohne die Begleitung eines brittiſchen Offiziers, ſich Bewegung machen konnte, und die an⸗ ſtatt bis auf 12 Meilen im Umkreiſe ausgedehnt zu bleiben, auf zwei Drittheile dieſes Raumes be⸗ ſchraͤnkt wurden. Alles in dieſer Welt iſt relativ; und wir koͤnnen annehmen, daß der Verluſt eines Drittheils ſeines freien Raumes, Napoleon in die⸗ ſem Augenblicke ſo tief hetruͤbt hat, als der Verluſt eines Koͤnigreichs, ſo lange er noch Europa beherrſch⸗ te. Als Entſchuldigung hiefuͤr wurde die Neigung angefuͤhrt, welche Napoleon zu zeigen ſchien, ſich mit den Einwohnern von St. Helena naͤher bekannt zu 37 machen, als ihm klugerweiſe geſtattet werden konnte. Wir koͤnnen die Wahrheit dieſer Behauptung leicht begreifen; denn nicht blos mochte Napoleon aus Po⸗ litik geneigt ſeyn, ſich unter den beſſern Klaſſen durch die unwiderſtehliche Gewalt ſeines einnehmenden Betragens, und unter der niedern durch ſeine Ver⸗ traulichkeit und Freigebigkeit Freunde zu erwerben; ſondern es muß auch zugegeben werden, daß er, in Folge von Gefuͤhlen, die der Menſchheit im Ungluͤcke eigen ſind, eine kleine Abwechslung von der Einfoͤr⸗ migkeit ſeines Daſeyns, eine Wiederannaͤherung an das menſchliche Geſchlecht, von dem er, ſeine weni⸗ gen Begleiter ausgenommen, gewiſſermaßen abge⸗ ſchnitten war, ſuchte. Allein dieſe Neigung, ſich un⸗ ter ſolche Geſellſchaft zu miſchen, die ihm der Zufall, in dem ſehr beſchraͤnkten Kreiſe ſeines freien Rau⸗ mes zufuͤhrte, haͤtte man ihn vielleicht ohne die Moͤg⸗ lichkeit, daß er einen ſchlechten Gebrauch davon machte, befriedigen laſſen koͤnnen, beſonders da Niemand ohne Paͤſſe und Befehle in jenen Umkreis gelangen konnte, Die Graͤnzen wurden bald nachher von Sir Hudſon Lowe wieder bis zu ihrer urſpruͤnglichen Aus dehnung erweitert, da Napoleon erklaͤrt hatte, daß, wofern dieß nicht geſchehe, er ſich keine Bewegung machen, oder die gewoͤhnlichen Mittel zur Erhaltung ſeiner Geſundheit beobachten werde. Die Verfuͤgung, daß Buonaparte taͤglich von ei⸗ nem Ordonanz⸗Offizier geſehen werden ſollte, war einen ihm durch ſeine urſpruͤnglichen Inſtruktionen unter Sir Hudſon Lowe, wie unter Sir Georg Cock⸗ burn, fuͤr Napoleon der Gegenſtand des heftigſten Widerſtandes. Er ließ befuͤrchten, daß ſie durch wirkliche Gewalt erzwungen werden muͤſſe, und trieb dieß ſo weit, daß er Feuergewehre in der Abſicht lud, jedem Verſuche eines Ordonanz⸗Offiziers, auf der Erfuͤllung dieſes Theils ſeiner Pflicht zu behar⸗ ren, mit Gewalt zu widerſtehen. Er ſpielte bei ſei⸗ ner muͤrriſchen Zuſammenkunft mit Sir Hudſon Lo⸗ we den 17ten Mai 1816, erbittert auf dieſen Um⸗ ſtand an, allein unter allen unangenehmen Verfuͤgun⸗ gen, denen ſich ein Gefangener unterworfen ſieht, ſcheint diejenige am wenigſten tadelswuͤrdig zu ſeyn⸗ die uns von Zeit zu Zeit verſichert, daß der Gefan⸗ gene anweſend iſt, und uns in der Zwiſchenzeit in den Stand ſetzt, ihm eine groͤßere perſoͤnliche Frei⸗ heit zu laſſen, als ihm ſonſt haͤtte geſtattet werden koͤnnen, weil die Kuͤrze jeder Zwiſchenzeit ihm keine Zeit zum Entfliehen laͤßt. Deſſen ungeachtet gab Sir Hudſon Lowe, wie wir bereits angedeutet haben, in dieſem Falle den maͤchtigen Drohungen Napoleon's nach, und duldete lieber⸗ daß die Verfuͤgung unvoll⸗ kommen und zufaͤllig vollzogen wurde, als daß er ſich der Gefahr ausſetzte, ſeinen Gefangenen in dem Hand⸗ gemenge, womit ſeine Hartnaͤckigkeit drohte, umkom⸗ men zu ſehen. Vielleicht kann der Gouverneur in dieſem Falle eher darum getadelt werden, daß er 39 eingeſchaͤrften Punkt aufgab, als darum, daß er ſei⸗ ne Inſtruktionen gegen die merkwuͤrdige Perſon, die ſein Gefangener war, zu ſtrenge vollzog. Wir koͤnnen nicht umhin, die Meinung zu wiederholen, die wir uns zu bilden veranlaßt worden ſind, daß, haͤtte man ſich Napoleon's wirklicher Gegenwart von Zeit zu Zeit verſichern koͤnnen, man ihm haͤtte er⸗ lauben duͤrfen, auf der ganzen Inſel, auch ohne die Begleitung eines Offiziers, umher zu ſchweifen. Dieſe Anordnung war ein anderer Umſtand, uͤber den ſich Napoleon hoͤchſt bitter beklagte. Er betrach⸗ tete die Geſellſchaft eines ſolchen Begleiters als ein Zeichen ſeiner Beſiegung und Gefangenſchaft, und beſchloß daher lieber innerhalb der feſtgeſetzten Graͤn⸗ zen zu Longwood, ſo eng ſie auch waren, zu bleiben, als ſich durch die Ueberſchreitung derſelben der Noth⸗ wendigkeit auszuſetzen, die Geſellſchaft eines ſolchen gehaͤſſigen Waͤchters zu dulden. Man kann glauben, daß Napoleon in dieſem Punkte nicht nach der am meiſten philoſophiſchen oder auch kluͤgſten Anſicht handelte. Ungluͤck im Kriege iſt kein Schimpf; und die Gefangenſchaft war ſchon fruͤher das Loos von Koͤnigen und Kaiſern geweſen. Auch mochten die Ordonanzoffiziere, welche bereit waren, Napoleon bei ſeinen Spazierritten zu begleiten, oft Maͤnner von Kenntniſſen und Talenten ſeyn; und ihre Ge⸗ ſellſchaft und Unterhaltung haͤtte nicht anders, als 4⁰ einige Mannigfaltigkeit in die einfoͤrmigen Tage Napoleons bringen koͤnnen. 3 Der Gefangene war jedoch unfaͤhig, aus einer ſolchen Quelle einige Unterhaltung herzuleiten. Man haͤtte eben ſowohl erwarten koͤnnen, daß der Bewoh⸗ ner eines Kerkers ſich damit unterhalten wuͤrde, in den ſein Gefaͤngniß umgebenden Graͤben zu botani⸗ ſiren. Napoleon konnte nicht vergeſſen, was er ge⸗ weſen war, und was er jetzt war, und bekannte durch ſein Betragen offen, daß er lieber ſterben, als das Kennzeichen ſeines Schickſals, gleich Einem, der ſich in daſſelbe ergeben hatte, oͤffentlich zur Schau tragen wollte. Waͤhrend Napoleon dieſe Anordnung verabſcheu⸗ te, hatte er nicht die geeignete Maßregel, ſich ih⸗ rem Einfluſſe zu entziehen, ergriffen. Sir Georg Cockburn hatte ihn, in Folge ſeiner Gegenvorſtellung nach ſeiner erſten Ankunft, von der Begleitung ei⸗ nes Ordonanzoffiziers, wenigſtens in ſein er unmit⸗ telbaren Geſellſchaft oder Naͤhe, freigeſprochen. Die⸗ ſes Vorrecht wurde ihm entzogen, ſo lange ſich der Admiral noch auf der Inſel befand, und ſowohl Na⸗ poleon, als die verſchiedenen Schriftſteller auf St. Helena, Las Caſes insbeſondere, ergießen ſich in die bitterſten Klagen uͤber das hoͤhniſchquaͤlende Be⸗ tragen des Sir Georg Cockburn, der eine Gunſt bloß in der grauſamen Abſicht zu ertheilen ſchien, um ſie den naͤchſten Morgen wieder zuruͤckzuneh⸗ 41 men. Es iſt hier die Wahrheit geſagt, aber nicht die ganze Wahrheit. Napoleon hatte ſich gegen den Admiral verpflichtet, daß er ſich, in Erwaͤgung die⸗ ſer Gunſt, in keinen Verkehr mit den Einwohnern, die er waͤhrend der Zeit ſeiner Ausfluͤge treffen wuͤr⸗ de, einlaſſen wolle. Er brach dieſes Verſprechen das erſte Mal, als er allein oder bloß mit ſeinem Gefolge ausritt; und deßwegen nahm Sir Georg Cockburn, da er die Verpflichtung zwiſchen ihnen als aufgehoben betrachtete, die Erlaubniß ganz zuruͤck. Napoleon beklagte ſich alſo nicht mit gutem Anſtande uͤber den Mangel an Neigung von Seite des Gouver⸗ neurs, eine Gunſt wieder zu ertheilen, von der er faſt augenblicklich einen Gebrauch gemacht hatte, der ſeiner ausdruͤcklichen Verpflichtung zuwider war. Die Wahrheit iſt, daß der Erkaiſer ſeine beſondere Art hatte, ſeinen eigenen Fall zu betrachten. Er hielt jede Milderung, die ihm zu irgend einer Zeit bewilligt wurde, fuͤr die Ruͤckerſtattung eines klei⸗ nen Theils jener Freiheit, deren er ſich ungeſetz⸗ maͤßiger und tyranniſcher Weiſe beraubt glaubte; und trug eben ſo wenig Bedenken, das Erlangte zur Errelchung eines weitern Grades von Freiheit zu benuͤtzen, als der Gefangene, deſſen Hand ſich von ihren Feſſeln losgewunden hat, anſtehen wuͤr⸗ de, ſie zur Befreiung ſeines Fußes zu gebrauchen. Es kann nicht bezweifelt werden, daß wenn er durch ein Vorrecht, wie das Ausreiten ohne Begleitung 4² eines Offiziers, irgend eine Art ſeines Entkommens haͤtte anordnen oder erleichtern koͤnnen, er kein Be⸗ denken getragen haben wuͤrde, es zu dieſem Zwecke zu gebrauchen. 4 Da aber auf der andern Seite dieß ſeine un⸗ verhohlene Denkart war, ſo ſetzte ſie den Gouver⸗ neur auf ſeine Hut, irgend eine Milderung der zu ſei⸗ ner wirklichen Gefangenhaltung noͤthigen Bewachung eintreten zu laſſen. Verguͤnſtigungen der Art ſind eine Art Zutrauen, das die Menſchlichkeit des Waͤch⸗ ters in den Gefangenen ſetzt, und koͤnnen bei voll⸗ kommener Redlichkeit nicht zu Zwecken gebraucht werden, die dem, der ſie bewilligt, zum Nachtheile oder vielleicht zum Verderben gereichen. Wenn ſich daher Napoleon entſchloſſen zeigte, einen engern und haͤufigern Verkehr mit den Eingebornen von St. Helena und den Fremden, welche die Inſel be⸗ ſuchten, zu unterhalten, als Sir Hudſon Lowe billi⸗ gen konnte, ſo durfte der Letztere bloß dafuͤr ſorgen, daß ſolche Zuſammenkuͤnfte nicht ohne einen Zeugen Statt hatten, indem er auf den Einſchraͤnkungen beharrte, vermoͤge welcher ein brittiſcher Offizier bei den entfernteren Ausfluͤgen des unbaͤndigen Ge⸗ fangenen anweſend ſeyn ſollte. Es iſt zu bemerken, daß dieſer Verkehr mit den Einwohnern und ſolchen Perſonen, welche St. Helena beſuchten, keine eingebildete Gefahr war, ſondern bis zu einer betraͤchtlichen Ausdehnung wirk⸗ 7 43 lich beſtand, und zwar zu Zwecken, die darauf be⸗ rechnet waren, Sir Hudſon Lowe's Wachſamkeit in Beſtuͤrzung zu ſetzen und die Inſtruktionen, die er von der Regierung erhalten hatte, in einem hoͤchſt weſentlichen Punkte zu uͤberſchreiten. Die Eroͤffnun⸗ gen des Generals Gourgaud ſind in dieſem Punkte entſcheidend. Dieſer Offizier trug kein Bedenken, zu bekennen: daß ſtets eine freie und ununterbro⸗ chene Verbindung zwiſchen den Einwohnern von Longwood und dem feſten Lande, ohne Wiſſen oder Vermittelung des Gouverneurs beſtanden habe; und daß ſie nicht bloß dazu benuͤtzt worden ſey, Briefe zu empfangen und zu uͤberſchicken, ſondern auch Flugſchriften, Geld und andere Artikel, welche die Geſellſchaft von Longwood von Zeit zu Zeit noͤthig haben mochte, zu erhalten; und daß die Korreſpon⸗ denz groͤßtentheils unmittelbar mit Großbritannien gefuͤhrt worden ſey;— daß die dabei gebrauch⸗ ten Perſonen jene Englaͤnder geweſen ſeyen, welche von Zeit zu Zeit St. Helena beſuchten, zu welchen allen die Begleiter und Diener Buonaparte's freien Zugang haͤtten, und die, im Allgemeinen geſprochen, geneigt ſeyen, theils ohne Belohnung, theils aus unbedeutenden pekunlaͤren Ruͤckſchten, alle ihnen an⸗ vertrauten Briefe oder Paquete nach Europa zu bringen. Es ſcheine auch, daß die Kapitaine und andere Perſonen an Bord der nach St. Helena kom⸗ menden Handelsſchiffe, welche entweder der oſtindi⸗ 44 ſchen Geſellſchaft, oder andern Perſonen angehoͤrten, zu Longwood, als dakuͤr angeſehen werden, als ob ſie den verfuͤhreriſchen Talenten Buonaparte's be⸗ ſonders zugaͤnglich ſeyen; und zwar in einem ſol⸗ chen Grade, daß die Einwohner von Longwood es als eine eben nicht ſehr ſchwierige Sache betrachtet haͤtten, fuͤr General Buonaparte an Bord eines die⸗ ſer Schiffe einen Platz zu erhalten, wenn er zu ir⸗ gend einer Zeit zu entfliehen geſonnen ſeyn wuͤrde. Zur Beſtaͤtigung deſſen, was oben von der freien Verbindung zwiſchen St. Helena und Europa geſagt worden iſt, bietet ſich die ſonderbare Geſchichte dar, welche Dr. Antomarchi von einer Anzahl Exempla⸗ rien von Dr. O'Meara's Buche erzaͤhlt, die nach St. Helena unter der Verkleidung von Traktaten, die eine religioͤſe Geſellſchaft ausgetheilt habe, ein⸗ geſchmuggelt worde ſeyen. Eines andern Beiſpiels erwaͤhnt der Graf Las Caſes, der, als er aus Long⸗ wood entfernt, und ihm eine perſoͤnliche Verbin⸗ dung mit ſeinem Herrn verſagt war, es ſehr ſchwie⸗ rig fand, eine Art zu erſinnen, auf welche er ihm eine diamantene Stecknadel von großem Werthe, welche ſeiner Verwahrung anvertraut worden war, und die Napoleon nach ſeiner Abreiſe noͤthig haben mochte, ſchicken koͤnnte. Er wandte ſich zufaͤllig an die erſte Perſon von ehrlichem Ausſehen, die er nach Longwood gehen ſah, und beſchwor ſie in den ruͤh⸗ rendſten Ausdruͤcken, das Paquet zu uͤbernehmen. 4⁵ Der Fremde glieng langſamer einher, ohne ein Wort zu ſprechen, und wies auf ſeine Rocktaſche. Las Ca⸗ ſes warf das Paguet hinein, und die auf dieſe Art der Redlichkeit einer unbekannten Perſon anvertrauten Juwelen erreichten ihren Eigenthuͤmer in Sicherhelt. Es gereicht der Menſchheit zur Ehre, daß das Ungluͤck faſt jeder Art, beſonders aber dasjenige, welches auf die Einbildungskraft durch die Erweckung des Andenkens an eine gefallene Groͤße einwirkt, ſelbſt unter denen, welche die Feinde dieſer Groͤße in der Bluͤthe ihres Gluͤckes waren,“ Unterſtuͤtzer findet. Allein es war die Pflicht des Gouverneurs, dafuͤr zu ſorgen, daß weder uberſpannte Begriffe von romantiſchem Mitleid und Edelmuth, noch die Verſuchung ſchlechterer Beweggruͤnde, zu irgend ei⸗ ner Kombination fuͤhrten, die ſeine Sorgfalt taͤu⸗ ſchen konnte; und da Napoleon ſowohl die Habſucht, als das Uebermaaß von Großmuth zu ſeiner Huͤlfe aufrufen konnte, ſo trennte der Gouverneur ihn natuͤrlich ſo viel als moͤglich von jenen Individuen, die durch ſolche maͤchtige Verfuͤhrungen fuͤr ihn ge⸗ wonnen werden konnten. Den 7. Januar 1818 gab die Regierung Bri⸗ tanniens ihre Einwilligung zu der Erweiterung des Napoleon zu ſeinen koͤrperlichen Bewegungen ange⸗ wieſenen freien Raumes bis auf die fruͤheren Graͤn⸗ zen zu erkennen; und um ihm die Gelegenheit zu eroͤffnen, mit jenen Indivlduen der Inſel Umgang zu pflegen, die er Geſchaͤfte halber oder als Beſu⸗ chende zu ſehen wuͤnſchte, wurde folgende Verfuͤ⸗ gung angenommen: „In Betreff des Verkehrs mit den Einwohnern finde ich kein weſentliches Hinderniß dagegen, daß er auf den unlaͤngſt von dem Grafen Bertrand anempſohlenen Fuß geſtellt werde, da er nach ſeiner Angabe auf dieſe Art mit General Buo⸗ naparte's Wuͤnſchen beſſer im Einklange ſtehen wuͤrde. Des Grafen Vorſchlag iſt, ein Verzeichniß von einer gegebenen Anzahl der Einwohner der In⸗ ſel zu fertigen und dieſelben auf die eigene Einla⸗ dung des Generals, ohne ein vorlaͤufiges Geſuch bei Ew. Exrzellenz wegen jeder Einladung, nach Long⸗ wood zuzulaſſen. Sie werden ſich daher fuͤr befugt betrachten, den Vorſchlaͤgen des Grafen Bertrand beizutreten, und ihn zu dieſem Ende auffordern, Ihnen zu Ihrer Genehmigung ein Verzeichniß von Einwohnern der Inſel vorzulegen, deren Zahl nicht uͤber 50 ſeyn darf, und die Longwood zu einer ſchick⸗ lichen Zeit beſuchen duͤrfen, ohne einen andern Paß, als die Einladung des Generals Buonaparte; mit der Bedingung jedoch, daß ſie bel jeder Gelegenheit die Einladung als ein Zeugniß, nebſt ihrem Namen, bei den Schranken vorweiſen. Bei der Genehmi⸗ gung der Liſte werden Sie, ſo weit es ſich mit Ih⸗ rer Pflicht vertraͤgt, die Wuͤnſche des Generals Buonaparte befragen, allein Sie werden ſich das 47 Recht vorbehalten, von dem Verzeichniſſe zu jeder Zeit alle diejenigen Individuen nach Belieben zu ſtreichen, welchen erweislich ein ſo leichter Zutritt nicht ohne Nachtheile geſtattet werden kann; und Sie werden beſondere Sorge dafuͤr tragen, daß Ihnen von dem Ordonanzoffizier ſtets von den verſchie⸗ denen Perſonen Bericht abgeſtattet wird, die, in Folge der Einladung des Generals Buonaparte, Longwood beſuchen.“— Wir haben dieſe verſchiedenen Beſchwerden nicht als die einzigen Urſachen des Streites oder viel⸗ mehr der heftigen Zwiſte, die zwiſchen dem vorma⸗ ligen Kalſer und dem Gou verneur von St. Helena Statt hatten, beruͤhrt; denn es gab noch manche andere. Allein es liegt weder in unſerm Zwecke, noch in unſerer Macht, eine umſtaͤndliche oder ge⸗ naue Geſchichte jener beſondern Zwiſte zu geben, ſondern bloß, wie unſere Pflicht— in dieſem Falle eine ſehr peinliche— erheiſcht, anzumerken, wel⸗ ches der Karakter und das allgemeine Ziel des Strei⸗ tes war, der auf beiden Seiten mit ſo großer Hef⸗ tigkeit gefuͤhrt wurde. Es war eine natuͤrliche Fol⸗ ge, daß, da zwiſchen den Parteien eine Art offenen Krieges erklaͤrt war, jeder der verſchiedenen Streit⸗ punkte, die ſich nothwendig zwiſchen Sir Hudſon Lowe und Napoleon oder durch ihre gegenſeitigen Anhaͤnger und Begleiter erheben mußten, auf bei⸗ den Seiten in einen Gegenſtand perſoͤnlicher Belei⸗ 48 digungen verwandelt und als ſolcher mit Waͤrme be⸗ ſtritten wurde. So verlieren, wenn zwei Heere ſich einander naͤhern, die friedlichſten Lagen und Stel⸗ lungen ihren gewoͤhnlichen Karakter und werden Ge⸗ genſtaͤnde des Angriffs und der Vertheidigung. Je⸗ der auf Geſchaͤfte oder die Etikette ſich beziehende Umſtand, der auf St. Helena eintrat, erregte ſicher⸗ lich einen Streit zwiſchen Napoleon und Sir Hud⸗ ſon Lowe, der ſelten ohne eine Verſtaͤrkung der ge⸗ genſeitigen Feindſeligkeit voruͤbergieng. Es liegt unter der Wuͤrde der Geſchichte, die⸗ ſen Neckereten nachzuſpuͤren, und außerhalb des Kreiſes der Moͤglichkeit,— ausgenommen fuͤr eine Perſon, die an Ort und Stelle gegenwaͤrtig war und mit dem Verlaufe jeder Streitigkeit genau und umſtaͤndlich bekannt iſt,— zu beurtheilen, wel⸗ cher Theil Recht oder Unrecht hatte. Es wuͤrde in der That fuͤr uns, die wir fern von dieſen aufregenden Kaͤmpfen ſtehen, leicht ſeyn, ein unbedingtes Verdammungsurtheil uͤber die eine oder die andere Partei auszuſprechen, und zu zei⸗ gen, daß Vernunft und Gemuͤthsart auf beiden Seiten zu einem ganz andern Verfahren gefuͤhrt haben wuͤrden, haͤtten es jene menſchlichen Schwaͤ⸗ chen erlaubt, denen ungluͤcklicher Weiſe diejenigen, welche Macht oder Anſpruͤche haben, mehr unter⸗ worfen ſind, als die gewoͤhnliche Menſchenklaſſe, welche 49 welche die eine nie beſaß und ſich die andere nie anmaßt. Auch wuͤrde es nicht ſchwer fuͤr uns ſeyn, uns einen Gouverneur in abstracto zu denken, der die Schmaͤhungen und Vorwuͤrfe, mit denen er von Buo⸗ naparte bei allen Gelegenheiten uberhaͤuft wurde, als das eitle Zuͤrnen eines Sturmes, der alles, was ihm in ſeinem Laufe begegnet, umheulen muß, betrachtet, und mit Geduld und Gleichmuth dem Sturme er⸗ laubt haͤtte, ſeine Wuth auszutoben und endlich zu ermatten; was um ſo baͤlder geſchehen ſeyn wuͤrde, wenn ihm kein Widerſtand geleiſtet worden waͤre. Wir koͤnnen uns denken, daß eine ſolche Perſon ſich in den Mantel ihrer eigenen Tugend gehuͤllt, und waͤhrend ſie ſich der ihr von dem Vaterlande anver⸗ trauten Pflicht entledigt, zu gleicher Zeit ſich be⸗ ſtrebt haͤtte, durch Verguͤnſtigungen, die um ſo mehr erkreut haͤtten, je weniger ſie erwartet oder vielleicht verdient geweſen waͤren, die muͤrriſche Laune, mit der die harte Lage ſeinen Gefangenen natuͤrlich er⸗ fuͤllte, zu beſaͤnftigen. Wir koͤnnen ſogar begreifen, daß ein Mann von einem ſo ſeltenen Karakter in einem gluͤcklichen Augenblicke Mittel gefunden haben wuͤrde, ein ertraͤgliches und dem Anſcheine nach gu⸗ tes Einverſtaͤndniß, wo nicht eine innige Herzlichkelt herzuſtellen, die, wenn ſie haͤtte beſtehen koͤnnen, die Reckereien und Beunruhigungen des Gefangenen, wie des Gouverneurs, in einem ſo hohen Grade W. Scott's Sgerke. LXV. 4 50 verringert haben wuͤrden. Alles dieß laͤßt ſich leicht denken. Allein um uns eine Idee von einem ſolchen Manne zu machen, muͤſſen wir ihn in dem fraglichen Falle als ſtoiſch gleichguͤltig gegen Beleidigungen der groͤbſten Art denken,— Beleidigungen, welche gegen ihn, noch ehe er irgend etwas, das ſie verdienen konnte, gethan hatte, ausgeſchuͤttet und auf eine Art ausgedruͤckt wurden, welche den Entſchluß Napoleons, ſich mit ihm auf den feindſeligſten Fuß zu ſtellen, ankuͤndigten. Dieß haͤtte die ungewoͤhnlichſte Ruhe und Aufrichtigkeit erfordert. Es iſt natuͤrlicher, daß ein Beamter, wie der Gouverneur von St. Helena, der den Impuls der ſchlechten Behandlung von ei⸗ nem Orte her fuͤhlte, wo keine regelmaͤßige Genug⸗ thuung erhalten werden konnte, wenn er nicht die Macht, welche er fuͤr den Augenblick beſaß, zum wirk⸗ lichen Verdruſſe und Aerger der Partei, von der er abſichtlich beleidigt worden war, gebrauchte, wenig⸗ ſtens gleichguͤltig dagegen war, wie viel oder wie we⸗ nig die Maßregeln, die er annahm, ſeinen Gefan⸗ genen kraͤnkten, und die nothwendigen Mittel zu der Gefangenhaltung der Perſon ergriff und vollzog, ohne ſo viel, als ſonſt geſchehen ſeyn wuͤrde, darauf be⸗ dacht zu ſeyn, die Gefuͤhle zu ſchonen. Ein Offizier, den man ins Geſicht hinein einen Luͤgner, einen Straßenraͤuber, einen Moͤrder, einen Dieb, einen Henker genannt hat, hat nur geringe Schonung ge⸗ gen den zu beobachten, von dem er mit ſolchen un⸗ 51 wuͤrdigen Beiwoͤrtern uͤberhaͤuft worden iſt; und der, indem er ſie gebrauchte, gewiſſermaßen einen gegen⸗ ſeltigen Krieg erklaͤrt, und ſowohl auf die Hoͤllichkeit der Perſon, an die er dieſelben richtete, Verzicht ge⸗ leiſtet, als ihre Macht herausgefordert hat. Auf gleiche Weiſe moͤchten wir, mit der Kaͤlte einer dritten Partei urtheilend, behaupten, daß die unmittelbaren Begleiter und Anhaͤnger Napoleons ihrem Herrn weſentlichere Dienſte gelelſtet haben wuͤrden, wenn ſie die Streitigkeiten mit Sir Hudſon Lowe beigelegt haͤtten, ſtatt daß ſie dieſelben durch ihre Eroͤrterungen mit dem Gouverneur und ſeinen Abgeordneten noch erſchwerten und weiter trieben, und auf dieſe Art die Leldenſchaften ihres Herrn durch ihre eigenen erhitzten. Allein obſchon ein ſol⸗ ches Betragen zu wünſchen war, ſo iſt es unmoͤglich zu laͤugnen, daß ein anderes erwartet werden konnte. Die Generale Bertrand, Montholon und Gourgaud waren lauter Krieger von hohem Rufe, die unter Napoleons Augen zum Ruhme emporgeſtlegen waren und mit ſeinen Lorbeeren die ihrigen bluͤhen geſehen hatten. In der Stunde des Ungluͤcks waren ſie ihm hoͤchſt loͤblicher und ehrenvoller Weiſe gefolgt, und theilten jetzt mit ihm die Jahre der Einſamkeit und Verbannung. Man durfte ſich daher nicht wundern, daß ſie, muͤde ihrer eingeſchraͤnkten und einſamen Lage, und wuͤthend erblttert uͤber alles, was das un⸗ gluͤckliche Schlckſal ihres gefallenen Herrn zu vergroͤ⸗ ⸗ 5² ßern ſchien, geneigter waren, die Erbitterung, die ſich auf beiden Seiten offenbarte, zu vergroͤßern, als durch ihre Vermittlung Streitigkeiten zu verhindern, die wohl Napoleons Zuſtand reizbarer und widerwaͤr⸗ tiger machen mochten, allein in keiner Hinſicht zu ſeinem Troſte, ſeinem Frieden oder ſelbſt ſeiner Ach⸗ tungswuͤrdigkeit beitragen konnten. Allein vielleicht waͤren wir berechtigt geweſen, von der hohen Rolle, die Napoleon in der Welt ge⸗ ſpielt hatte, von dem Umfange ſeines Genies und dem natuͤrlichen Stolze, der aus dem Bewußtſeyn des Talentes entſpringt, einige Gleichguͤltigkeit gegen Gegenſtaͤnde bloßer Foͤrmlichkeit und Zeremonien, einiges Vertrauen auf den aͤchten Karakter ſeiner natuͤrlichen Erhabenheit und eine edle Verachtung der Veraͤnderung, welche das Schickſal in den Um⸗ ſtaͤnden um ihn her bewirken konnte, zu erwarten. Wir haͤtten hoffen koͤnnen, daß ein Mann, deſſen. geiſtige Ueberlegenheit uͤber ſein Geſchlecht ſo unbe⸗ ſtreitbar war, der letzte geweſen ſeyn wuͤrde, welcher den Tand und das Flitterwerk, deren der Wind des ungunſtigen Geſchickes ihn beraubt hatte, mit Unge⸗ ſtuͤmm zuruͤckzuhaſchen geſucht haͤtte, oder auf jene Etikette erpicht geweſen waͤre, die ihm jetzt, wenn ſie ihm uͤberhaupt zugeſtanden wurde, nur aus Mit⸗ leid zugeſtanden werden konnte. Wir haͤtten denken koͤnnen, der Sieger in ſo vielen blutigen Schlachten wuͤrde, ſelbſt wenn er dazu aufgefordert worden waͤ⸗ 53 re, es unter ſeiner Wuͤrde gehalten haben, ſich in einen Wortkrieg mit dem Gouverneur eines Inſel⸗ chens in dem atlantiſchen Meere einzulaſſen, in wel⸗ chem Schmaͤhungen die einzige Waffe auf beiden Seiten ſeyn konnten; und es als eine noch groͤßere Herabſetzung und Verunglimpfung betrachtet haben, ſeinen hohen Karakter ſo ſehr zu entwuͤrdigen, daß er der erſte war, der ſich in einen ſolchen Kampf einließ. Eine ſolche Perſon haͤtte nicht nur vorher⸗ ſehen ſollen, daß eine ruhige und geduldige Ertra⸗ gung eines unvermeidlichen Ungluͤcks die edelſte Art der Ueberwindung derſelben iſt, fondern auch, daß in Ruͤckſicht auf ſeine Freiheit ein ſolches Betragen weit raͤthlicher und kluͤger geweſen waͤre. Die Voͤlker Europa's, und beſonders die brittiſche Nation, wuͤr⸗ den viel ſchneller geneigt geworden ſeyn, ſich in dem Wunſch zu vereinigen, ihn ſeiner Haft entlaſſen zu ſehen, wenn er ſich mit philoſophiſcher Ruhe betra⸗ gen haͤtte, als indem es ihn in ſeiner engen Sphaͤre immer noch dieſelbe Raſtloſigkeit und Raͤnkeſucht an den Tag legen ſah, welche die Welt ſo lange beun⸗ ruhigt hatten, und die jetzt ſo ſehr in ſeine Konſti⸗ tution verwachſen ſchienen, daß ſie ihn zu dem un⸗ wuͤrdigen Kampfe, den wir ſo eben beſchrieben ha⸗ ben, verleiteten. Allein die erhabenſten und ſtolze⸗ ſten Weſen der bloßen Menſchheit gleichen dem Vil⸗ de, welches der aſſyriſche Monarch in ſeinem Traume ſah— aus verſchiedenen Metallen zu ſammengeſetzt, 54 vereinigen ſie die groͤbſten mit den edelſten Stoffen; das Schwache, Hinfaͤllige und Unweſentliche mit dem Dauerhafteſten und Staͤrkſten. Napoleon ſank, gleich manchem Kaiſer und Helden vor ihm, unter ſeine eigenen Leidenſchaften herab, nachdem er Nationen beſiegt hatte, und wurde in ſeiner Verbannung das Opfer oder die Beute einer kleinlichen muͤrriſchen Laune, die ihn faſt bis zum Wahnſinne quaͤlte, und ihn bewog, eher ſeine Geſundheit auf's Spiel zu ſe⸗ tzen, oder vielleicht gar ſein Leben wegzuwerfen, als ſich mit wuͤrdevoller Geduld, was ſein Ungluͤck un⸗ vermeidlich gemacht hatte, zu unterwerfen. Zweites Kapitel. Napoleon's häus liche Gewohnheiten.— Art, wie er den Tag zubrachte,— Seine Kleidjuag.— Beſchaffenheit der Bruchſtücke von Denkwürdigkeiten, die er den Herren Gourgand und Mon⸗ tholon diktirte.— Sein beſonderer Geſchmack in den ſchönen Künſten leitete ihn auf die Bewunderung Oſſians⸗— Seine Vor⸗ liebe für das Drama;— er zieht Racine und Corneille Voltaire vor.— Mißfallen an Tacitus.— Seine Vertheidigung von Cä⸗ ſars Karakter.— Sein Benehmen gegen die Perſonen ſeines Haushalts.— Beluſtigungen und Leibetübungen.— Seine Ka⸗ rakterſchilderung des Sir Pulteney Malcolm.— Grad ſeines Verkehrs mit den Inſulanern und denen, weliche die Inſel veſu⸗ chen— Zuſammenkunft mit Kapitain Baſil Hall,— mit Lord Amherſt und den zu der chineſiſchen Geſandtſchaft gehörenden Herren. Die unangenehmen und ſchimpflichen Streitig⸗ 55 kelten, uͤber die wir in dem letzten Kapitel einige Nachrichten gegeben haben, bilden ungluͤcklicherweiſe die hervorſtechendſten Ereigniſſe in Napoleon's ſpaͤ⸗ terem Leben. Waͤhrend der fuͤnf Jahre und ſieben Monate, in welchen er auf der Inſel St. Helena lebte, traten wenige Umſtaͤnde ein, die Mannigfal⸗ tigkeit in den melancholiſchen Gang ſeines Lebens brachten, ausgenommen diejenigen, welche ſein Tem⸗ perament, oder ſeine Geſundheit angriffen. Die all⸗ gemeinen Urſachen, welche auf das erſtere einwirk⸗ ten, haben wir einigermaßen beleuchtet; von der letz⸗ tern werden wir ſpaͤter ſprechen. Unſer gegenwaͤr⸗ tiger Zweck iſt eine kurze und allgemeine Ueberſicht ſeiner perſoͤnlichen und haͤuslichen Gewohnheiten, waͤhrend er dieſen traurigen und einſamen Ort be⸗ wohnte.. Napoleon's Leben trug, bis ſeine Geſundheit abzunehmen begann, den regelmaͤßigſten und einfoͤr⸗ migſten Karakter. Da er ein ſehr gleichguͤltiger Schlaͤfer geworden war, vielleicht in Folge ſeiner Ge⸗ wohnheit, waͤhrend des thaͤtigen Tbeils ſeines Le⸗ bens, keine beſtimmte Zeit zur Ruhe feſtzuſetzen, waren die Stunden ſeines Aufſtehens ungewiß und hingen von der Ruhe ab, die er waͤhrend des fruͤ⸗ hern Theils der Nacht genoſſen hatte. Es war el⸗ ne Folge dieſer Unregelmaͤßigkeit, daß er waͤhrend der Tageszeit gelegentlich auf ſeinem Ruhebette oder in ſeinem Armſtuhle auf einige Augenblicke in Schlaf 56 ſank. Zuweilen las ihm ſein Lieblingskammerdiener, Marchand, waͤhrend er ſich im Bette befand, ſo lan⸗ ge vor, bis er einſchlief, das beſte Mittel vielleicht fuͤr den Andrang der truͤben Einbildungen,“ welche die Ruhe eines Mannes, der ſich in ſo ſonderbaren und traurigen Umſtaͤnden befand, ſo oft geſtoͤrt ha⸗ ben muͤſſen. Sobald Napoleon vom Bette aufgeſtanden war, fieng er entweder an, ſeinen Generalen(Mon⸗ tholon oder Gourgand gewoͤynlich), zu diktiren, und jene Stellen ſeines merkwuͤrdigen Lebens, die er aufgezeichnet wiſſen wollte, der Nachwelt zu uͤberlie⸗ fern; oder wenn die Witterung und ſeine Neigung es zuließen, ritt er auf ein paar Stunden ſpazieren. Er fruͤhſtuͤckte bald in ſeinem eigenen Zimmer, bald mit ſeinem Gefolge, gewoͤhnlich um zehn Uhr, und faſt ſtets à la Fourchette. Den Vormittag brachte er gewoͤhnlich mit Leſen oder damit zu, daß er dem einen oder dem andern ſeines Gefolges diktirte, und um zwei oder drei Uhr empfieng er die Beſuchenden, welche die Erlaubniß hatten, ihm ihre Aufwartung zu machen. Eine Fahrt oder ein Ritt in's Freie folgte gewoͤhnlich auf dieſe Art von Lever, bel wel⸗ ſchen Gelegenheiten er von ſeinem ganzen Gefolge begleitet war. Ihre vom Kap der guten Hoffnung hergeſchafften Pferde waren von einer guten Rage und von huͤbſchem Ausſehen. Nach ſeiner Ruͤckkehr von ſeinen Spazier⸗Fahrten oder Ritten nahm er das Buch wieder zur Hand, oder hieß ſeinen Schrei⸗ 57 ber die Feder bis zur Zeit des Diner nehmen, das gewoͤhnlich um acht Uhr Abends Statt fand. Er zog einfache Nahrung vor und aß reichlich und mit an⸗ ſchelnendem Appetit. Wenige Glaͤſer Claret, die kaum in allem eine engliſche Pinte ausmachten, und die er groͤßtentheils waͤhrend der Zeit des Eſſens trank, vollendeten ſeine Mahlzeit. Zuweilen trank er Champagner; allein ſo ſehr war er an die Nuͤch⸗ ternheit gewoͤhnt, daß ein volles Glas von dieſem edleren Weine alsbald eine gewiſſe Roͤthe uber ſeine Wangen ausgoß. Kein Menſch ſcheint in einem ge⸗ ringern Grade, als Napoleon, dem Einfluſſe jener Begierden unterworfen geweſen zu ſeyn, die der Menſch mit den niedrigern Geſchoͤpfen gemein hat. Er ſpeiste nie mehr als zweimal des Tages, und ſchloß jede Mahlzeit mit einer kleinen Taſſe Kaffee. Nach dem Diner dienten Schach⸗ und Karten⸗Spiel und ein unterhaltendes Buch, das zum Beſten ſei⸗ nes Gefolges laut vorgeleſen wurde, oder ein allge⸗ meines Geſpraͤch, an dem die Damen ſeines Gefol⸗ ges gelegenheitlich Theil nahmen, dazu, den Abend bis zehen oder eilf uhr hinzubringen, um welche Zeit er ſich in ſein Gemach zuruͤckzog und ſich unver⸗ zuͤglich zur Ruhe begab. Wir koͤnnen dieſem kurzen Berichte von Naypo⸗ leon's haͤuslichen Gewohnheiten noch die Bemerkung beifuͤgen, daß er ſehr aufmerkſam auf die Pflichten der Toilette war. Er erſchien des Morgens gewoͤhn⸗ 58 lich in einem weißen Nachtkleide, mit welten Ueber⸗ hoſen und damit zuſammenhaͤngenden Struͤmpfen, ei⸗ nem buntfarbigen rothen Schnupftuche, das um ſeinen Kopf gewunden war, und mit offenem Hemdkragen. Wenn er angekleidet war, rrug er eine ſehr ſchlichte und ſchmuckloſe gruͤne Uniform, jener aͤhnlich, die den Souverain durch ihre Einfachheit unter den glaͤn⸗ zenden Prunkgewaͤndern der Tullerien zu bezeichnen pflegten; eine weiße Weſte, und weiße oder Nankin⸗ Hoſen, mit ſeidenen Struͤmpfen, und Schuhen mit goldenen Schnallen; einen ſchwarzen Stock, einen dreieckigen Hut, von der Art, wie ſie auf allen Kar⸗ rikaturen zu ſehen iſt— mit einer kleinen dreifar⸗ bigen Kokarde. Er trug gewoͤhnlich, wenn er im vollen Putze war, das Band und Großkreuz der Eh⸗ renlegion. Dieß waren die perſoͤnlichen Gewohnheiten Na⸗ poleon's, welche fuͤr die Einbildungskraft wenig An⸗ ziehendes mehr haben, wenn ſie einmal die allge⸗ meine Idee davon aufgefaßt hat. Der Umſtand, daß ein ſo bedeutender Theil ſeiner Zeit mit Dikti⸗ ren hingebracht wurde, erregt allein unſere Neugier⸗ de, und verſucht uns zu erfahren, womit er ſo viele Seiten und Stunden anzufuͤllen Mittel finden konn⸗ te. Die Bruchſtuͤcke uͤber milltaͤriſche Gegenſtaͤnde, die von Zeit zu Zeit den Generalen Gourgand und Montholon diktirt wurden, ſind nicht ſo baͤndereich, daß ſie die auf dieſe Art verwendete Zeit ausgefuͤllt 59 haͤtten; und ſelbſt wenn wir ihnen die Menge von Flugſchriften und Werken, die von St. Helena aus⸗ giengen, beyfuͤgen, finden wir noch Raum zu der Vermuthung, daß entweder noch Manuſkripte da ſind, die das Licht noch nicht erblickt haben, oder daß Napoleon ein langſamer Verfaſſer und ſorgfaͤltig in der Wahl ſeiner Worte war. Die letztere Vermu⸗ thung ſcheint die wahrſcheinlichſte, da die Franzoſen beſonders gewiſſenhaft in den Spitzfindigkeiten der Kompoſition ſind, und Napoleon, da er Kaiſer ge⸗ weſen war, wiſſen mußte, daß er keine Gnade vor den Kritikern in dieſem Punkte zu erwarten habe. Die anerkannten Werke ſelbſt, obgleich es nur Bruchſtuͤcke ſind, haben in militaͤriſcher Hinſicht un⸗ gemeines Intereſſe; und diejenigen, in welchen die italieniſchen Feldzuͤge beſchrieben ſind, enthalten viele unſchaͤtzbare Lehren uͤber die Kriegskunſt. Ihr poli⸗ tiſcher Werth iſt keineswegs ſo betraͤchtlich. Gour⸗ gaud ſcheint ſie nach ihrem wahren Werthe gewuͤr⸗ digt zu haben, als er in einer Antwort auf Baron Stuͤrmer's Nachfrage, ob er ſeine Geſchichte ſchrei⸗ be, ſich alſo ausdruͤckte:„Er ſchreibt abgeriſſene Bruchſtuͤcke, die er nie beendigen wird.“ Wenn man ihn fragte, warum er der Geſchichte nicht die genaue Thatſache uͤberliefere, ſo antwortete er: „es iſt beſſer etwas errathen zu laſſen, als zu viel zu ſagen.“ Es mochte auch ſcheinen, daß er ſein außerordentliches Schickſal als noch nicht ganz vol⸗ 60 lendet betrachtet, und deßwegen Plane nicht eroͤr⸗ tern will, die nicht ausgefuͤhrt worden ſind, und die er eines Tags mit mehr Gluͤck wieder auffaſſen zu koͤnnen hoffe. Als ein weiterer Grund, warum er Luͤcken in ſeiner beabſichtigten Geſchichte ließ, muß noch die Gefahr hinzugefuͤgt werden, die eine treue und ruͤckhaltsloſe Erzaͤhlung uͤber Manche von denen, wel⸗ che eine Rolle bei den Auftritten geſpielt hatten, von welchen er den Schleier hinwegnahm, haͤtte verhaͤngen muͤſſen. Es iſt ohne Zweifel wahr, daß Napoleon ſeine Feinde und beſonders diejenigen, die nicht ſeine Anhaͤnger geweſen waren, mit den gehaͤſſtgſten Farben und beſonders mit ſolchen, die ſie den herrſchenden Maͤchten verhaßt machen konn⸗ ten, ſyſtematiſch geſchildert zu haben ſcheint; allein derſelbe Grundſatz bewog ihn, ſeine Freunde zu ſcho⸗ nen, und keinen Haltpunkt gegen ſie, wegen ihrer fruͤhern Bemuͤhungen zu ſeinen Gunſten, darzubie⸗ ten; ſo wie keinen Beweggrund, ſie der Macht zu berauben, ihm fernere Dienſte zu leiſten, wenn ſie im Stande ſeyn wuͤrden, dieſes zu thun. Dieſe Betrachtungen wirkten hemmend auf die Feder des Geſchichtſchreibers! und man kann in Wahrheit ſagen, daß kein Menſch, der ſo viel von ſeinem Leben geſchrieben hat,— und zwar von ei⸗ nem Leben, das ſo viele ſonderbare und merkwuͤrdi⸗ ge Ereigniſſe umfaßt— von ſich ſelbſt ſo wenig ge⸗ ſagt haͤtte, das nicht fruͤher aus andern Quellen 61 bekannt geweſen waͤre; allein das Geſchenk iſt nichts deſto weniger ſchaͤtzbar; denn das Stillſchweigen deſ⸗ ſen, der ſein eigener Biograph zu ſeyn ſtrebt, iſt zuweilen ſo belehrend, als ſeine Behauptungen; und die Entſchuldigung oder Rechtfertigung des Laufes eines, wenn auch nur theilwelſe beſchriebenen, merk⸗ wuͤrdigen Lebens gewaͤhrt dem Leſer vielleicht die meiſte Belehrung, nebſt jenem aufrichtigen Bekennt⸗ niſſe von Fehlern und Irrthuͤmern, das bei einer Selbſtbiographie ſo ſelten zu erhalten iſt. Napoleons Denkwuͤrdigkeiten, nebſt der Muͤhe, die er augenſcheinlich auf ſeine gegen Sir Hudſon Lowe geſchrlebenen Streitſchriften verwandte, ſchei⸗ nen den groͤßten Theil ſeiner Beſchaͤftigung und wahrſcheinlich auch ſeiner Unterhaltung auf St. He⸗ lena ausgemacht zu haben. Es ſtand nicht zu er⸗ warten, daß er ſich, krank und ungluͤcklich, auf's Studieren legte, ſelbſt wenn ihn auch ſeine Jugend mit groͤßern Vorraͤthen zum Nachdenken verſehen hätte. Man muß ſich erinnern, daß er ſeine ganze Erziehung in der Kriegsſchule zu Brienne erhalten hatte, wo er in der That einen ſtarken Geſchmack fuͤr die Wiſſenſchaften zeigte. Allein das Studium der Mathematik und Algebra war bei ihm ſo fruͤhe mit einer Abſicht auf die militaͤriſchen Plane, bei denen er ſie in Anwendung brachte, gepaart, daß es bezweifelt werden kann, ob er noch einige Nei⸗ Aung zur Verſolgung ſeiner wiſſenſchaftlichen Beſtre⸗ 62 bungen in dem Karakter eines Unterſuchers abſtrak⸗ ter Wahrheiten haben konnte. Die praktiſchen Re⸗ ſultate waren ſo lange ſein Beweggrund, ſo lange ſein Zweck geweſen, daß er aufgehoͤrt hatte, Ver⸗ gnuͤgen an dem Gebrauche der theoretiſchen Mittel zu finden, als durch die Entwicklung ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit, keine Belagerung mehr zu formiren, keine verwickelten Manoͤvers anzuordnen, kein gro⸗ ßer militaͤriſcher Zweck zu erreichen war, ſondern alles mit der Eroͤrterung eines Problems beginnen und enden ſollte. Daß Napoleon eine natuͤrliche Neigung zu den ſchoͤnen Wiſſenſchaften hatte, laͤßt ſich nicht beſtrei⸗ ten; allein ſeine Muſe erlaubte ihm nie, ihr nach⸗ zuhaͤngen, oder ſeinen Geſchmack und ſein urthell in dieſer Hinſicht zu verfeinern. Die Empfehlung, welche ihn im Jahr 1783, fuͤr faͤhig erklaͤrte, in die Kriegsſchule zu Paris geſchickt zu werden, bemerkt, daß er mit der Geſchichte und Geographie leidlich bekannt, allein in den ſchoͤnen Wiſſenſchaften und in der lateiniſchen Sprache noch weit zuruͤck ſey. Im ſiebenzehnten Jahre trat er in die Reihen des Re⸗ giments La Fers, und endete ſo alle ihm dargebo⸗ tenen Gelegenheiten zu einer regelmaͤßigen Erzie⸗ hung. Er las jedoch ſehr viel, allein wie alle jun⸗ gen Leute, mit geringer Unterſcheidung, und mehr um ſich zu unterhalten, als um ſich zu belehren. Ehe er in jene vorgeruͤcktere Lebensperiode eingetre⸗ 63 ten war, in welcher Juͤnglinge, die mit ſolchen Ta⸗ lenten, wie er, und beſonders mit einem ſo gewal⸗ tigen Gedaͤchtniſſe begabt ſind, gewoͤhnlich darauf denken, die Kenntniſſe, welche ſie im Laufe ih⸗ rer fruͤhern gemiſchten Lektuͤre geſammelt haben, zu ordnen und zu klaſſifiziren, verſetzten ihn die Unruhen auf Corſika und ſpaͤter die Belagerung von Toulon unter jene Auftritte des Krieges und der Geſchaͤftigkelt, die waͤhrend ſeines uͤbrigen Le⸗ bens und bis herab zu dem Zeitpunkte, von wel⸗ chem wir ſprechen, ſein Element waren. Den von uns angefuͤhrten Mangel an Kenntniſſen erſetzte er, wie die meiſten talentvollen Maͤnner dadurch, daß er aus der Unterhaltung mit Perſo⸗ nen, welche Kenntniſſe beſaßen, und ſie mittheilen konnten, Belehrung ſchoͤpfte. Niemand beſaß je eine groͤßere Geſchicklichkeit als Napoleon, den Menſchen die Art von Belehrung, dle ein jeder zu gewaͤhren am geeignetſten war, zu entlocken; und in manchen Faͤllen gelang es ihm, waͤhrend er dieß that, ſeine Unbekanntſchaft ſogar mit dem, was er aͤngſtlich zu wiſſen wuͤnſchte, zu verbergen. Allein obſchon er auf dieſe Art Thatſachen und Reſultate ſammeln mochte, ſo konnte er ſich doch unmoͤglich auf eine ſo leichte Welſe, eine gruͤn dliche Kenntniß allgemeiner Grundſaͤtze, ſo wie der Verbindung zwiſchen ihnen, und der Schluͤſſe, zu welchen ſie fuͤhren, erwerhen⸗ Es war nicht minder gewiß, daß, obſchon Na⸗ 64 poleon auf dieſe Art durch Unterredungen mit An⸗ dern, die einzelnen Kenntniſſe, die er zu beſitzen wuͤnſchte, ſich erwerben konnte, und obſchon die auf dieſe Art geſammelten Kenntniſſe ſeinen unmittel⸗ baren Zweck im oͤffentlichen Leben befoͤrderten, dieß doch keine Gewohnheiten waren, die ihn bewegen konnten, ſich wieder zu jenen leichtern Gegenſtaͤn⸗ den des Studiums, die in der Jugend ſo anziehend und ergoͤtzend ſind, mit denen ſich aber ein vorge⸗ ruͤcktes Alter ungerne beſchaͤftigt, und in denen es nur langſame Fortſchritte macht, zu wenden. Er hatte daher ſeinen Geſchmack in den ſchoͤnen Wiſ⸗ ſenſchaften nie verbeſſert, ſondern behielt ſeine Be⸗ wunderung fuͤr Oſſian und andere Buͤcher bei, die ſeine fruͤhere Aufmerkſamkeit gefeſſelt hatten. Der deklamatoriſche Ton, die Ueberfuͤlle des Ausdrucks und die Uebertriebenheit der Karaktere, die in der dem zeltiſchen Barden zugeſchriebenen Poeſie herr⸗ ſchen, entſprechen dem Geſchmacke vieler jungen Leute; allein Napoleon behielt ſeinen Geſchmack fuͤr ſie bis an das Ende ſeines Lebens bei; und in ei⸗ nigen ſeiner Proklamationen und Buͤlletins koͤnnen wir die hyperboliſchen und hochtrabenden Ausdruͤcke nachweiſen, die von uns in der Jugend fuͤr das Er⸗ habene gehalten, allein wenn der Geſchmack und die Vernunft ſich verfeinern und vervollkommnen, ver⸗ worfen werden. Napoleon's fortdauernde Vorliebe fuͤr Oſſtan konnte jedoch dadurch entſchuldigt wer⸗ en, 65 den, daß die italieniſche Ueberſetzung von Coͤſarotti eine der ſchoͤnſten Proben der toscaniſchen Sprache ſeyn ſoll. Das Werk lag faſt beſtaͤndig neben ibm. Zu hiſtoriſchen, philoſophiſchen, oder morali⸗ ſchen Werken ſcheint man in Longwood, der Unter⸗ haltung wegen, ſeltener ſeine Zuflucht genommen zu haben. Man hat uns in der That geſagt, daß die einzigen Buͤcher, fuͤr welche Navoleon eine entſchie⸗ dene Vorliebe zeigte, die Schriften Machiavel's und Montesquieu's waren, die er aber vielleicht nicht als geeignete Gegenſtaͤnde oͤffentlicher Vorleſungen betrachtete. Gegen Tacitus, welcher den Fuͤrſten den Spiegel zu nahe vor das Geſicht haͤlt, ſoll er eine beſtaͤndige Abneigung gezeigt, und ſelten ſeiner ohne tadelnde oder mißfällige Ausdruͤcke erwaͤhnt haben. So wird den Kranken zuweilen der Aublick der heilſamſten Arznei aneckeln; die franzoͤſiſchen Tagesneuigkeiten wurden zuweilen als Huͤlfsquellen in Anſpruch genommen; allein die Ordnung und der Anſtand, welche Napoleon ſtets beobachtete, mach⸗ ten ihre Unzartheiten und Schluͤpfrigkeiten fuͤr eine ſolche Geſellſchaft unpaſfend. Es gab noch ein anderes Fach der Literatur, aus der die Geſellſchaft zu Longwoor haͤufig Unter⸗ „haltung ſchoͤpfte. Das Drama nahm einen bedeu⸗ tenden Theil des Vorleſens ein, womit Napoleon die langweiligen Stunden ſeiner Gefangenſchaft zu verkuͤrzen pfiegte. Dieß war ein Beweis, S ihm W. Scort's Werke. LXV. 66 noch der National⸗Geſchmack Frankreichs anhing, wo Wenige unterlaſſen, in der Zeit zwiſchen dem Mittageſſen und den Abendgeſellſchaften, das Schau⸗ ſpiel in der einen oder der andern Form zu beſuchen. Zu dem Vergnuͤgen ſeinen, alten Lieblingsſchauſpie⸗ ler Talma zu ſehen, kam bei Napoleon noch das Leſen einiger jener Meiſterwerke, welchen er durch ihn Leben und Wirklichkeit geben geſehen und gehoͤrt hatte. Er ſoll ſelbſt mit Geſchmack und Eindruck vorgeleſen haben, was mit den Sagen uͤberein⸗ ſtimmt, nach welchen er eine fruͤhe Vorliebe fuͤr theatraliſche Darſtellungen gezeigt ha ben ſoll. In den auf dieſe Vorleſungen erfolgten Eroͤrterungen, die Las Caſes mit ſo vielem Eifer aufbewahrt hat, gab Buonaparte Beweiſe von ſeiner Unterhaltungs⸗ gabe und druͤckte ſeine beſondern Gewohnheiten und Meinungen aus. Corneille und Racine ſtanden weit hoͤher in ſei⸗ ner Meinung, als Voltaire. Es ſcheint ein guter Grund dafuͤr vorhanden zu ſeyn. Sie ſchrieben ihre unſterblichen Werke fuͤr den Meridian eines Hofes, und auf den Befehl des im hoͤchſten Grade monar⸗ chiſch geſinnten Ludwigs XIV. Ihre Geiſteserzeug⸗ niſſe enthalten daher nichts, was das Ohr des empfindlichſten Monarchen beleldigen koͤnnte. Sie haben nach dem Ausdrucke des Koͤnigs von Daͤne⸗ mark, keine Beleidigung in ſich. Mit Voltaire iſt es anders. Der ſtarke und 67 forſchende Geiſt, der nachmals die franzoͤſiſche Re⸗ volutlon erregte, war zu ſeiner Zeit erwacht, und obſchon unbekannt mit den ausgedehnten. Folgen, zu welchen er fuͤhren konnte, war der Philoſoph von Feruey doch nichts deſto weniger deſſen Proſelyt. Es waren daher in ſeinen Werken viele Stellen, die nicht anders als auf die Wechſel und Erſchuͤtteran⸗ gen der Periode, waͤhrend welcher Napoleon gelebt hatte, auf den deſpotiſchen§ Karakter ſeiner Regie⸗ rung und auf die Freiheitsplane, die unter dem Einfluſſe ſeines Schwertes niedergeſunken waren, angenblicklich angewendet werden konnten; deßwe⸗ gen war Voltaire, deſſen Werke ſchmerzliche Ver⸗ gleichungen und Erinnerungen zurückriefen, bei Na⸗ poleon nicht beliebt. Der Mahomed dieſes Schrift⸗ ſtellers mißſiel ihm beſonders, und er gab zu glei⸗ cher Zeit ſeine Achtung fuͤr den morgenlaͤndiſchen Betruͤger zu erkennen, von dem er behauptete, daß ihn der Dichter verlaͤumde und falſch darſtelle. Viel⸗ lelcht erkannte er im Geheimen einen gewiſſen Grad von Aehnlichkeit zwiſchen ſeiner eigenen Laufbahn und der des jugendlichen Kameeltreibers an, der von einer niedrigen Geburt in ſeinem Stamme ſich emporſchwang, und ſowohl der Eroberer als der Ge⸗ ſetzgeber ſo vieler Nationen wurde. Vielleicht erin⸗ merte er ſich auch an ſeine Proklamationen, die er in Aegypten, in dem angenommenen Karakter eines Moslem erließ, was er mir dem wahren Ausdrucke 53.. 68 Sharlatanerie zu bezeichnen pflegte, jedoch wit dem Beiſatze, daß es Charlatanerie von einer erha⸗ beuen Gatenug ſey. Der Kareee e 86 poleon ſtets zu rechtfer is.n e K ſche General konnte nicht gleichguͤltig gegen den ro⸗ miſchen Heerfuͤhrer ſeyn, welcher gleich ihm durch ſeine Siege uber die Feinde der Republik zuerſt em⸗ porgekommen war, eben ſo wie er die Kaͤmpfe zwi⸗ ſchen den Patriziern und Plebejern des alten Roms dadurch geendet hatte, daß er beide Partas gleiche Weiſe ſeiner unums 8 3 reriwn., W.,.n, utb aseu Souverän, ſelbſt unter dem Zeachteten Titel eines Koͤnigs, ausgerufen haben wuͤrde, wenn er nicht durch eine Verſchwoͤ⸗ rung daran verhindert verben.„ und der, ais er ſein Vaterland erobert 1 bedacht war, als auf vc uv., eines dereits za großen Reiches uͤber die ferren Regionen Scy⸗ thiens und Parthiens. Die pe oͤnlichen Unterſchit⸗ de waren zwar betraͤchtlich; denn Napoleon uͤberließ ſich weder der groben Schwelgerei und Sinnlichkeit, de⸗ ren Caͤſar beſchuldigt wird, noch koͤnnen wir ihm de Talente beitegen, die der Roͤmer als Schriftſteller veſaß, oder den edlen und verſönlichen Karakti, durch den er ſich als Menſch auszeichnete. Allein obſchon Napoleon etwas Rachſuͤchtiges in ſeinem Karatter hutie, dem er ſich zuweilen uͤber⸗ , 69 uß, wo Caͤſar dieß verſchmaͤht haben wuͤrde, ſo war doch ſein Umgang mit ſeinen vertrauten Freun⸗ den hoͤchſt freundſchaftlich, Es iſt zwer wuhr, daß e wie er ſelbſt aumͤhruckten ſich vornahm, deAL9nen. asbooderund ſeinem beſchraͤnkten Gebiete, Kaiſer zu ſeyn, von ſeinen Begleitern die⸗ ſelben Zeichen einer ſerengen Etikette forderte, die den Hof der Tuilerien auszeichneten; allein in an⸗ dern Hinſichten erlaubte er ihnen, ihre Freiheit bei der Beſtreitung ſeiner Auſichten, oder der Beant⸗ in aſeiner Beweisgrunde, faſt uͤber die Graͤn⸗ . usndſwnſtandes auszudehnen. Er ſchien einen Unterſchiedis Rolſchendeenn pülcht als Unterthanen, und ihren Vorrechten als Freunde, zu machen. Alle blieben in ſeiner Gegenwart unbedeckt und ſtehend, anbeſerdſtrdie Perſon, die Schach mit cin ſihezorſad zuweilen Stundenlang nicht aieder. Allein wre unreersdung mit ihm, war in Sprache und Geſinnung, diejenige freier Maͤnner, die zwar mit einem Obern, allein mit keinem De⸗ ſpoten ſich unterhielten. Kapitain Maitland gedenkt eines Streites zwiſchen Napoleon und dem General Bertrand. Der letztere war auf den laͤcherlichen Gedanken gekommen, daß 30,000 Pfund oder irgend eine ſolche uͤbermaͤßige Summe jaͤhrlich auf die Er⸗ haltung der Grundſtuͤcke, Anlagen und Gebaͤude zu Blenheim verwendet werde. Napoleon's Fertigkeit in Berechnungen entdeckte die Unwahrſcheinlichkeit 7o— leicht. Bertrand beharrte auf ſeiner Behauptung, worauf Napoleon raſch ſagte,„Bah! c'est impossib. le.“—„Oh,“ ſagte Bertrand hoͤchſt beleidigt, „wenn Sie auf dieſe Art antworten, ſo hat alle Beweisfuͤhrung ein Ende,“ und wollte einige Zeit lang nicht mehr mit ihm ſprechen. Napoleon war ſo weit davon entfernt, ſich dadurch beleidigt zu fuͤhlen, daß er alles that, um ihn zu beſaͤnftigen und ihn wieder zu guter Laune zu bringen, was nicht ſchwer zu bewirken war. Allein obſchon Napoleon Freiheiten dieſer Art in einem bedeutenden Grad duldete, ſo behielt er ſich doch das koͤnigliche Privilegium vor, den Ge⸗ genſtand der Unterhaltung in Anregung zu bringen und ihn zu leiten, wie er es fuͤr gut fand; ſo daß es in einigen Hinſichten ſchien, es ſey ihm nach dem Verluſte des wirklichen Genuſſes der Macht, mehr als je um die Beobachtung des einfoͤrmigen, laͤſtigen und unnuͤtzen Ceremoniels dieſer Macht zu thun. Allein er konn⸗ te außer der Befriedigung ſeiner Hartnaͤckigkeit, noch einen Grund dafuͤr geben. Die Edelleute, wel⸗ che Longwood bewohnten, waren ihm aus den rein⸗ ſten Beweggruͤnden gefolgt, und es war kein Grund zu der Vermuthung vorhanden, daß ihr Vorſatz wanken, oder ihre Achtung abnehmen werde. Al⸗ lein ihre gegenſeitige Stellung noͤthigte den ent⸗ thronten Souverain und ſeine vormaligen Untertha⸗ nen zu einer ſo innigen Vertraulichkeit, daß ſie viel⸗ 21 leicht, wo nicht Verachtung, doch wenigſtens einen unſchicklichen Grad von Freiheit zwiſchen den Par⸗ teien erzeugt haben wuͤrde, deren bloße Moͤglichkeit ſchon durch eine genaue Schranke der Etikette zu verbannen raͤthlich ſeyn mochte.. Wir kehren zu Napoleons Zeitvertreiben zuruͤck. Die Muſik gehoͤrte nicht unter die Zahl derſelben; obſchon er ein geborner Italiener war und etwas von einem muſtkaliſchen Ohre beſaß, in ſo weit dieß wenigſtens noͤthig war, um ihn in den Stand zu ſetzen, ein Lied zu ſummen, ſo war es doch wahr⸗ ſcheinlich nicht im mi deſten ausgebildet. Er ſcheint nichts von der Begeiſterung fuͤr die Muſik, welche die Italiener karakteriſirt, beſeſſen zu haben; und es iſt wohl bekanat, daß er in Italien den grauſamen Methoden Einhalt that, deren man ſich in dieſem Lande bedient harte, um deſſen Konzerte zu⸗ ver⸗ vollkommnen.— Auch war Napoleon, wie wir Denon ungern eingeſtehen hoͤrten, kein Beurtheiler oder Bewun⸗ derer der Malerei. Er machte einigen Anſpruch darauf, die Bildhauerkunſt zu verſtehen; und es gab ein Gemaͤlde in dem Muſeum, vor welchem er ſtehen zu bleiben pflegte, und das er ſein eigen nannte; auch wollte er ſeinem Beſitzer, dem Herze⸗ ge von Modena*), nicht geſtatten, es durch eine *) Siehe Thl. VIII. pag. 72. 72 bedeutende Summe loszukaufen. Alleln er ſchätzte es nicht wegen ſeines Werthes, obſchon es ein Mei⸗ ſterwerk der Kunſt war, ſondern weil er ſelbſt das Mittel geweſen war, es dem Muſeum durch ein großes Opfer zu ſichern. Den andern Gemaͤlden in dieſer ungeheuren Sammlung, ſo groß auch ihre Vortrefflichkeit war, widmete er ſelten große Auf⸗ merkſamkeit; er beleldigte auch die Bewunderer der Malerei durch die Verachtung, die er gegen die Dauerhaftigkeit der Kunſt zeigte. Als man ihm geſagt hatte, daß ein Gemaͤlde von der erſten Gat⸗ tung nicht uͤber fuͤnf⸗ oder ſechshundert Jahre dau⸗ ern koͤnne, rief er aus:„Bahl! eine ſchoͤne Unſterb⸗ lichkeit!“ Allein durch die Befolgung des Raths eines Denon und anderer Gelehrten behauptete Na⸗ poleon einen hohen Ruf als Aufmunterer der Kuͤn⸗ ſte. Seine Denkmuͤnzen ſind beſonders und verdien⸗ terweiſe bewundert worden. 5 Was ſeine koͤrperlichen Bewegungen auf St. Heleua betriffr, ſo gieng er gelegenheitlich zu Fuß, und vermied, ſo lange er bei guter Geſundheit war, ſteile, rauhe und gefaͤhrliche Pfade nicht. Allein voichon einiges Wild auf der Inſel zu finden iſt, ſo wollte er doch das Vergnuͤgen der Jagd nicht ge⸗ nießen. Es ſcheint in der That nicht, daß er je ein großer Jagdliebhaber war, obſchon er als Kaiſer die Jandanſtalt wieder auf einen praͤchtigern und „.renn 4p geſeht hatte, als vormals. Es 73 laͤßt ſich annehmen, daß er an dieſem fuͤrſtlichen Zeitvertrelbe, wie man ihn genannt hat, mehr aus Prunkſucht, als aus irgend einer wahren Neigung zu dieſer Beluſtigung Theil nahm. Wir wollen hier mit ſeinen eigenen Worten die Gefahr ſchildern, der er einmal bei einer Eberjagd ausgeſetzt war. Das Gemaͤlde wird den Liebhaber an die Stuͤcke eines Rubens und Schneider erinnern.. „Bei einer gewiſſon Gelegenheit zu Marly“, ſagte der Kaiſer,„bei einer Eberiagd, hielt ich mit Soult und Berthier Stand gegen drei ungeheure wilde Eber, die uns, waͤhrend wir das Bajonet vor⸗ hielten, angriffen. Die ganze Jagdgeſellſchaft floh; es war eine vollkom mene militaͤriſche Verwirrung. Wir toͤdteten die drei Thiere; allein ich erhielt von dem meinigen einen Riß und haͤtte faſt meinen Fin⸗ ger verloren(auf welchem noch eine tiefe Narbe ſichtbar war). Allein der Spaß war, die Menge von Leuten zu ſehen, welche von ihren Hunden um⸗ geben, ſich hinter den drei Helden verbargen und aus voller Kehle ſchrien:— dem Kaiſer zu Hülfe! rettet den Kaiſer! helft dem Kaiſer!— u. ſ. w. 3 von denen aber keiner vortrat.“. Indem wir von Nappleons körperlichen Uebun⸗ gen ſprechen, koͤnnen wir an eine andere Gefahr erinnern, in die er bei einer Ergoͤtzlichkeit gerieth⸗ die in England gewoͤhnlicher iſt, als in Frankreich. Er unterzog ſich einmal dem Geſchaͤfte, einen Wg⸗ 83 74 gen zu leiten, den er umwarkf, und erlitt einen ſchweren und gefaͤhrlichen Fall. Joſephine und andere Perſonen befanden ſich in dem Wagen. Der engliſche Leſer muß ſich erinnern, daß ein aͤhnlicher Zufall Cromwell begeg⸗ nete, der, weil er, wie der Geſchichtſchreiber ſagt, drei Natlonen regieren konnte, auf die Vermuthung kam, daß er auch ſechs wilde Pferde, die er ſo eben zum Geſchenk erhalten hatte, regieren koͤnne; allein er war eben ſo ungluͤcklich, als Napoleon in ſpaͤtern Tagen, und warf den Wagen um, zum großen Scha⸗ den des Sekretaͤrs Thurlow, der ſich im Innern des Wagens befand, und zu ſeiner eigenen doppel⸗ ten Gefahr, ſowohl wegen des Falles, als wegen der Losgehung einer Piſtole, die er heimlich bei ſich fuͤhrte. Buonaparte's einzige Bemerkung war: „Ich glaube, Jeder ſollte ſich auf ſein eigenes Hande work beſchraͤnken.“ Der hauptſachlich chſte Zeitvertreib Napoleon’s auf St. Helena war Geſellſchaft und Unterhaltung, de⸗ ren er ſich groͤßtentheils mit den Edelleuten ſeines Gefolges erfreute. Dieß haͤtte nicht der Fall ſeyn düeren, wenn er um jene Zeit im Stande geweſen ware, jene Gemuͤthsſtimmung anzunehmen, die ihm im großen Ungluͤcke nicht gemangelt hatte, die aber jetzt einer Reihe kleinlicher Streitigkeiten und Kraͤn⸗ kungen zu weichen ſchien. Der Gouverneur und ſein Generalſtab waren daher, in Folge des Vernehmens, in welchem Na⸗ 75⁵ poleon mit Sir Hudſon Lowe ſtand, von der Geſell⸗ ſchaft zu Longwood ausgeſchloſſen. Unter den Offi⸗ zieren der Regimenter, die auf der Inſel lagen, befanden ſich ohne Zweifel einige wohlunterrichtete Maͤnner, die in dem kurz vorangegangenen Kriege gedient hatten und daher dem Kaiſer und ſeinem Gefolge gelegenheitlich manche Unterhaltung haͤtten ver⸗ ſchaffen koͤnnen. Allein ſie beſuchten im Allgemei⸗ nen Longwood nicht haͤufig. Dr. O'Meara bemerkt, der Gouverneur habe ſeinen Einfluß dazu gebraucht, die Offiziere abzuhalten, mit den Franzoſen Um⸗ gang zu pflegen, was aber Sir Hudſon Lowe als eine durch die Erklaͤrung der Offiziere des 53. Regiments widerlegte Verlaͤumdung zuruͤcweist. Allein zuge⸗ ſtanden, daß keine Winke von dem feſten Vorſatze, die brittiſchen Offiziere von den ſranzoͤſiſchen Ge⸗ fangenen zu trennen, gegeben wurden, ſo ſloß doch eine ſolche Entfremdung natuͤrlicher Weiſe aus der Abgeneigtheit der brittiſchen Krieger, an einen Ort zu gehen, wo ſie uüͤberzengt ſeyn konnten, daß ſie nicht nur ihren fuͤr den Augenblick kommandirenden Offizier, ſondern auch ihr Vaterland und deſſen Mi⸗ niſter mit den groͤbſten Ausdruͤcken der Verachteng behandeln hoͤren wuͤrden, waͤhrend die Perſon, wel⸗ che ſich ihrer bediente, auf keine Art weder zur Re⸗ chenſchaft noch zur Erklaͤrung an geſbtdert werden konnte. Sowohl Rang als Karakter, erhoben den Sit 76 Pulteney Malcolm, der das Geſchwader auf der Sta tion befehligte, uͤber die Gefuͤhle, welche auf die andern Ofſiziere, ſowohl bei dem Heere, als bei der Flotte, einwirken konnten. Er beſuchte Napo⸗ leon haͤufig, und wurde von ihmein einer Beſchrei⸗ bung gelobt, die(obſchon wir den Vortheil haben, in den Geſichtszuͤgen des Sir Pulteney die eines geehrten Freundes zu ſehen und ihre Richtigkeit be⸗ zeugen zu koͤnnen) um ſo williger entworfen worden ſeyn mochte, als ſie dem Krittler eine Gelegenheit darbot, ſeinen Groll dadurch auszulaſſen, daß er das Geſicht des Admtrals dem des Gouverneurs auf eine fuͤr den letzten hoͤchſt unguͤnſtige Weiſe entge⸗ genſtelre. Nichts deſto weniger legen wir es hiet vem Leſer vor Augen, um zu beweiſen, daß Buo⸗ naparte gelegenheit ich ſelbſt einem Britten Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen und Verdienſte in ihm an⸗ erkennen konnte. 8 Er ſagte, er habe den neuen Admiral geſehen. „Ahl es iſt ein Mann mit einer wirklich angeneh⸗ men, offenen, freien und aufrichtigen Miene. Es iſt das Geſicht eines Englaͤnders. Sein Herz ſpiegelt ſich auf ſeinem Angeſichte ab, und ich bin uͤberzeugt, er iſt ein guter Mann: ich ſah nie einen Meuſchen, von dem ich mir ſo ſchnell eine gute Meinung bil⸗ dete, als von dieſem ſchoͤnen, aͤcht kriegeriſchen ab⸗ ten Manne. Er traͤgt ſeinen Kopf aufrecht und pricht offen und kuͤhn aus, was er denkt, ohne ſich 77 zu ſcheuen, den Leuten dabei ins Geſicht zu blicken. Seine Phyſiognomie wuͤrde bei jeder Perſon den Wunſch nach einer naͤhern Bekanntſchaft erregen und den noch ſo Argwoͤhniſchen mit Zutrauen gegen ihn erfuͤllen. 3 3 Sir Pulteney Malcolm wurde auch Napoleons guͤnſtigem Urtheile dadurch ſehr empfohlen, daß er nichts mit den ſeiner Perſon auferlegten Beſchraͤn⸗ kungen zu thun hatte, und weder eine von den Verfuͤgungen, uͤber die er ſich beklagte, veraͤndern, noch ſie aufheben konnte. Er war auch darin gluͤck⸗ lich, daß er vermoͤge der Ruhe ſeines Tempera⸗ ments im Stande war, der heftigen Sprache Buo⸗ naparte's auszuweichen, ohne weder die Gerechtig⸗ keit ſeiner Klagen zuzugeben, noch durch geraden Widerſpruch ſein Mißfallen zu erregen.„Hat Ihre Regierung im Sinne,“ ſagte Napoleon eines Tages zu dem engliſchen Admiral,„mich an dieſen Felſen bis zu meinem Todestage zu Feſſeln?“„Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu muͤſſen, Sir,“ antworte⸗ te Sir Pulteney,„daß dieß, wie ich fuͤrchte, ihr Vorſatz iſt.“„Dann wird das Ziel meines Lebens bald kommen,“ ſagte Napoleon.—„Ich hoffe nicht, Sir,“ antwortete der Admiral;„ich hoffe, Sie wer⸗ den lange genug leben, um Ihre großen Thaten aufzuzeichnen, die ſo zahlreich ſind, daß dieſe Auf⸗ gabe Ihnen ein langes Lebensalter ſichern wird.“ Nappieon perbeugte ſich und fahlte ſich waͤhrſchein⸗ 78 6 lich als Held und als Schriftſteller geſchmeichelt.— Ehe jedoch Sir Pulteney Malcolm die Inſel ver⸗ ließ, und als er den Gouverneur gegen einige der harten und uͤbertriebenen Anklagen, die Napoleon vorzubringen pfiegte, zu rechtfertigen ſuchte, fing der Letztere an, von ſeinem Urtheile zu appelliren, indem er erklaͤrte, er ſey zu ſehr Englaͤnder, als daß er unpartheiiſcher Richter ſeyn koͤnnte. Sie ſtanden jedoch bei ihrer Trennung im freundſchaft⸗ lichſten Vernehmen mit einander, und Napoleon ſprach nachher oft von dem Vergnuͤgen, weiches ihm die Geſellſchaft des Sirpulteney Malcolm gewaͤhrt habe. Unter den Koloniſten auf St. Helena fanden ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach wenig Individuen, die durch Rang und Erziehung higlaͤnglich geeignet waren, in die Geſellſchaft des Verbannten zuge⸗ kaſſen werden zu koͤnnen. Auch ſie waren denſelben Anſtaͤnden unterworfen, welche die brittiſchen Offi⸗ ziere abhielten, mit Longwood und ſeinen Einwoh⸗ nern zu verkehren. Wenn der Gouverneur Mißfal⸗ len an den zu haͤufigen Aufmerkſamkeiten irgend ei⸗ nes Individuums fand, oder irgend einen aus ei⸗ nem ſolchen Verkehr entſpringenden Argwohn faßte, ſo hatte er die Macht, und nach der Meinung der Koloniſten anch die Neigung, ſeinen Unwillen bitter fuͤhlen zu laſſen. Herr Balcomb jedoch, der das Amt eines Proviantmeiſters bekleidete, beſuchte mit einigen Einwohnern Longwood zuweilen. Der abse⸗ 1 79 meine Verkehr zwiſchen den franzoͤſiſchen Gefange⸗ nen und den Koloniſten hatte vermittelſt der Be⸗ dienten Statt, welche das Vorrecht hatten, James Town ſo oft zu beſuchen, als es ihnen gefiel, und die dadurch keinen nachtheiligen Argwohn erregen konnten. Allein die Geſellſchaft zu Longwood ge⸗ wann nichts durch den Verkehr mit James Town, obſchon die Leichtigkeit der auslaͤndiſchen Verbindung fuͤr die Verbannten dadurch unſtreitig bedeutend vergroͤßert wurde. Ihre Korreſpondenz gieng haupt⸗ ſaͤchlich uͤber Bahia; und es iſt gewiß, daß es ih⸗ nen gelang, viele Briefe nach Europa zu ſchicken, obſchon man glaubt, daß ſie in Betreff des Empfan⸗ ges der Antworten weniger gluͤcklich waren.— Es war zu erwarten, daß die Geſellſchaft zu Longwood durch den Aufenthalt dreier Edelleute von Rang, von denen zwei, wie wir glauben, Frauen und eine Familie hatten, der Kommiſaͤre Oeſter⸗ reichs, Rußlands und Frankreichs, einen Zuwachs er⸗ halten wuͤrde. Allein auch hier thuͤrmte das Zeremoniel eine jener Schranken empor, die, je nach der Meinung derer, zwiſchen denen ſie errichtet ſind, wirkſam oder un⸗ wirkſam ſind. Die Bevollmaͤchtigten der verbuͤndeten Maͤchte hatten verlangt, Napoleon vorgeſtellt zu werden. Als ihm ihr Wunſch mitgetheilt wurde, weigerte er ſich in beſtimmten Ausdruͤcken, ſie in ihrer offiziellen Eigen chaft zu empfangen, da er das Necht der Fuͤrſten Europas nicht auerkenne, ſich in die Bewa⸗ ————— 80 chung ſeiner Perſon zu miſchen und Theil an ihr zu nehmen. Als auf der andern Seite die Bevollmaͤch⸗ tigten fanden, daß ihr oͤffentliches Amt nicht aner⸗ kannt wurde, weigerten ſie ſich, in irgend einen Ver⸗ kehr mit Longwood, wenn nicht in ihrer beſondern Eigenſchaft, einzulaſſen; und ſo wurden von dieſem einſamen Flecke drei Perſonen ausgeſchloſſen, deren Sitten und Gewohnheiten, als Fremde, ziemlich gut zu denen des Verbannten und ſeiner Begleiter gepaßt haben wuͤrden. Die Niederlaſſung zu St. Helena erhaͤlt in den Jahreszeiten, in welchen die Schiffe auf ihrem Wege nach Indien, oder auf ihrer Ruͤckkehr nach Europa hier anlanden, einen bedeutenden temporaͤren Zu⸗ wachs. Natuͤrlich war jeder Offizier und Reiſende bei ſolchen Gelegenheiten begierig, einen ſo beruͤhm⸗ ten Mann, wie Napoleon, zu ſehen; und es moch⸗ ten ſich auch zuweilen unter ihnen Individuen be⸗ finden, die auch er mit Vergnuͤgen empfangen ha⸗ ben wuͤrde. Die Verfuͤgung in Betreff dieſer Be⸗ ſuche zu Longwood ſcheint einer von den wenigen Theilen des allgemeinen Syſtems geweſen zu ſeyn, uͤber den ſich Napoleon nicht beklagte. Er hatte ei⸗ ne natuͤrliche Abneigung, die eitle Neugierde der Fremden zu befriedigen, und die Verfügungen be⸗ ſchuͤtten ihn wirkſam gegen ihre Zudringlichkeit. Diejenigen Perſonen, welche Napol on ihre Auf⸗ wactung zu machen wuͤnſchten, waren gendthigt, ſich 3 uerſt —,— 81 zuerſt an den Gouverneur zu wenden, durch welchen ihre Namen dem General Bertrand, als dem Groß⸗ Marſchall des Haushalts uͤberſchickt wurden, der Na⸗ poleon's Antwort mittheilte, wenn ſie guͤnſtig laute⸗ te, und die Stunde bezeichnete, in welcher er ihre Beſuche annehmen wollte. Bel ſolchen Gelegenhei⸗ ten war Napoleon beſonders dafuͤr beſorgt, daß die Etikette eines katſerlichen Hofes beobachtet wurde, waͤhrend die Beſuchenden von dem Gouverneur die ſtrenge Weiſung erhielten, den Kreis der einem General von Auszeichnung gebuͤhrenden Hoͤſlichkeit nicht zu uͤberſchreiten. Wenn daher, wie es zuwel⸗ len geſchah, die Einfuͤhrung in der freien Luft ſtatt hatte, blieb der franzoͤſiſche Theil der anweſenden Geſellſchaft unbedeckt, waͤhrend die Englaͤnder ihre Huͤte nach der erſten Begruͤßung wieder aufſetzten. Napoleon ſah die Ungereimtheit, die hierin lag, und gah ſeinen Begleitern den Befehl, die Englaͤn⸗ der in dieſem beſondern Punkte nachzuahmen. Man ſagt, daß ſie nicht ohne Murren und Bedenklichkelt gehorchten. Diejenigen Beſuchenden, welche in Longwood ihre Aufwartung machen durften, waren hauptſaͤch⸗ lich Perſonen von ausgezeichneter Geburt, Offiziere von Rang beim Heere und der Flotte, Perſonen von philoſophiſchem Unterſuchungsgeiſte,(fuͤr die er be⸗ ſonders eingenommen war,) oder Reiſende aus frem⸗ den Gegenden, die durch einige Belehrung das Ver⸗ W. Scott's, Werke⸗ LXv. 56 82 gnuͤgen vergelten konnten, das ihnen die Zulaſſung in die Gegenwart eines ſo ausgezeichneten Mannes gewaͤhrte. Von dieſen Zuſammenkuͤnften haben ei⸗ nige, denen ſolche zu Theil wurden, oͤffentlich Be⸗ richt abgeſtattet; und die Bemerkungen anderer, haben wir im Manuſcripte geſehen. Alle ruͤhmen den ungemeinen Anſtand, das Schicklichkeitsgefuͤhl und die wohlwollende Miene, in die ſich Napolevn waͤhrend dieſer Beſuche kleidete, und welche den Zuſchauern kaum erlaubten, zu glauben, daß er, wenn ihn eine Leidenſchaft uͤberraſchte, oder wenn er eine ſolche heuchelte, um Eindruck zu machen, der rauhe, barſche und wilde Deſpot ſeyn konnte, als welchen ihn die andern Berichte darſtellten. Sei⸗ ne Fragen ſtellte er im Allgemeinen mit großem Scharfſinne, ſo daß ſie der gefragten Perſon da⸗ durch angenehm wurden, daß ſie auf irgend einen Gegenſtand fuͤhrte, mit dem ſie bekannt war, waͤh⸗ rend ſie ihn zu gleicher Zeit veranlaßten, irgend ei⸗ nen Schatz neuer oder merkwuͤrdiger Kenntniſſe, die er beſaß, vorzubringen. Das Tagebuch des Kapitaͤns Baſil Hall, deſſen Karakter ſowohl in ſeinem Berufe, als in der Lite⸗ ratur wohl bekannt iſt, bietet ein anziehendes Bei⸗ ſpiel von unſerer Behauptung dar, und liefert zu gleicher Zeit einen Beweis von dem maͤchtigen Um⸗ fange des Gedaͤchtniſſes Buonaparte's. Er erkannte den Namen des Kapitaͤns Hall augenblicklich wieder⸗ 2— weil er ſeinen Vater, Sir James Hall, Bart., ge⸗ ſehen hatte, als er in der Kriegsſchule zu Brienne war, die zu beſuchen Sir James durch ſeine Liebe zur Wiſſenſchaft, die ihn bereits auszeichnete, be⸗ wogen worden war. Buonaparte erklaͤrte die Urfa⸗ che, warum er ſich an eine Privatperſon nach der Dazwiſchenkunft der ſo wichtigen Ereigniſſe ſeines Lebens erinnerte.„Man darf ſich,“ ſagte er„nicht daruͤber wundern. Ihr Vater war der erſte Eng⸗ laͤnder, den ich je ſah; und ich habe mich deßwegen mein ganzes Leben hindurch an ihn erinnert.“ Er zog nachher umſtaͤndliche Erkundigungen uͤber die koͤ⸗ nigliche Geſellſchaft zu Edinburgh ein, deren Praͤſi⸗ dent Sir James Hall lange geweſen war; ſodann kam er auf den ſehr intereſſanten Gegenſtand der neu entdeckten Inſel Loo Choo; und Kapitain Hall ſtattet uͤber die Natur der Fragen, die ihm vorge⸗ legt wurden, einen Bericht ab, deſſen Intereſſe wir, durch einen Verſuch ihn zuſammen zu draͤngen nicht verringern wollen. „Nachdem ich angegeben hatte, wo die Inſel lag, fragte er mich ploͤtzlich uͤber die Einwohner, mmit einer Genauigkeit, ich moͤchte ſagen, mit einer Strenge der Nachforſchung, die bei weitem alles uͤbertrifft, was mir bei irgend einer andern Gele⸗ senheit vorgekommen iſt. Seine Fragen waren kei⸗ neswegs zufaͤllig geſtellt, ſondern jede harte irgend eine beſtimmte Beziehung auf das, was ihr voran⸗ — 8 84 ging, oder ihr nachfolgen ſollte. Ich fuͤhlte mich in kurzer Zeit ſeinem Anblicke ſo vollkommen ausgeſetzt⸗ daß es mir unmoͤglich geweſen ſeyn wuͤrde, den ge⸗ ringſten Umſtand zu verhehlen, oder zu veraͤndern. So groß war in der That die Schnelligkeit ſeiner Auffaſſung der ihn anztehenden Gegenſtaͤnde, und die erſtaunenswuͤrdige Leichtigkeit, mit der er die wenigen Nachrichten, die ich ihm gab, ordnete und zuſammenfaßte, daß er zuweilen meiner Erzaͤhlung voreilte, den Schluß ſah, zu dem ich gelangte, ehe ich ihn ausſprach, und mich eigentlich meiner Er⸗ zaͤhlung beraubte.“ „Jedoch verſchiedene Umſtaͤnde, welche das Volk zu Loo Chov betrafen, ſetzten ihn ſogar nicht wenig in Erſtaunen; und ich hatte das Vergnuͤgen, ihn mehr als einmal voͤllig verlegen und unſaͤhig zu ſe⸗ hen, ſich das Phaͤnomen zu erklaͤren, das ich ihm erzaͤhlte. Nichts fiel ihm ſo ſehr auf, als daß ſie keine Waffen haben.„Point d'armes!(keine Waf⸗ fen)“ rief er aus,, c'est à dire point de canons— s ont des fusils?(d. h. keine Kanonen, ſie haben Flinten?)“ Auch nicht einmal Flinten, erwiederte ich.„Eh bien donc— des lances, ou au moins qes arcs et des fléches?“(Nun denn— Lanzen, oder wenigſtens Bogen und Pfeile?) Ich ſagte ihm, daß ſie weder das eine, noch das andere haͤtten. „Ni poignards?“(auch keine Dolche?) rief er mit ſteigender Heftigkeit aus. Nein, keine.„Mais“ * 8⁵ rief Napoleon, ſeine Fauſt ballend, und ſeine Stim⸗ me verſtaͤrkend,„mais! sans armes, comment se bat-on 2“(Allein, wenn man keine Waffen hat, wie ſchlaͤgt man ſich denn?)“ „Ich konnte blos antworten, daß, ſo viel wir in Erfahrung bringen konnten, ſie nie Kriege ge⸗ fuͤhrt haben, ſondern ſtets in einem Zuſtande in⸗ nern und aͤußern Friedens geblieben ſeyen. Keine Kriege! rief er mit hoͤhniſchem und unglaͤubigem Ausdrucke; als ob des Daſeyn eines Volkes unter der Sonne, das reine Kriege fuͤhrte, eine entſetz⸗ liche Anomalfe waͤre.“ „Auf aleſche Weiſe, allein obne in gleichem Grade davon erariffen zu werden, ſchien er au der Wahrheit der Nachricht zu zweifeln, die ich ihm gab, daß ſie kein Geld haben, und keinen Werth auf unſere Silber, oder Goldmuͤnzen ſenen. Dann blickte er auf und fraate in ſcharfem Tone:„Wie bezahltet ihr alsdann dieſem ſonderbarſten aller Voͤl⸗ ker die Rinder und andere aute Dinge, die ſie euch in ſo großen Quantitaͤten an Vord aeſchickt zu ha⸗ ben ſcheinen.“ Als ich ihm ſaate, daß wir die Ein⸗ wohner von Loo Choo nicht dazu bringen konnten, irgend eine Bezahlung anzunehmen. ſo druͤckte er großes Erſtaunen uͤber ihre Freigebiagkefſt aus, und ließ mich ihm die Liſte der Dinge, mit welchen wir von dieſen gaſtfreundlichen Inſulanern verſehen wor⸗ 3 den waren, zweimal wiederholen.“ 86 „Die Unterhaktung wurde in gleickem Geiſte fortgeſetzt. Aeußerſt merkwuͤrdig iſt der Scharfſinn, mit welchem Napoleon die merkwuͤrdigſten und inte⸗ reſſantenen Thatſachen, ungeachtet der Eile einer zufaͤlligen Unterhaltung, auffaßt. Der niedrige Stand der Prieſterſchaft in Loo Choo war ein Ge⸗ genſtand, auf dem er lange verweilte, ohne jedoch zu einer befriedigenden Erklaͤrung zu gelangen. Ka⸗ pitain Hall ſetzte die Unwiſſenheit des Volkes von Loo Choo in Beziehung auf die ganze Welt, Japan und China ausgenommen, dadurch in's Licht, daß er ſagte, ſie wiſſen durchaus nichts von Europa— nichts von Frankreich und England und haben ſelbhſt nichts von Sr. Majeſtaͤt gehoͤrt; uͤber welchen letz⸗ tern Beweis ihrer unbedingten Abſonderung von der Welt Napoleon herzlich lachte. Waͤhrend der gan⸗ zen Unterhaltung wartete Napoleon mit der hoͤchſten Ungeduld, bis ſeine Fragen beantwortet waren, er⸗ kundigte ſich eifrig nach jedem merkwuͤrdigen Gegen⸗ ſtande, und machte naturlich einen hoͤchſt guͤnſtigen Eindruck auf ſeinen Beſucher.“ „Buonaparte, ſagt der ſcharfſinnige Reiſende, fiel mir beſonders dadurch auf, daß er ſich von den Gemaͤhlden und Buͤſten, die ich von ihm geſehen hatte, bedeutend unterſchied. Sein Geſicht und ſei⸗ ne Geſtalt hatten in jeder Hinſicht ein breiteres und vierſchroͤtigeres Ausſehen, als irgend eine Ab⸗ bildung, die mir von ihm bis dahin zu Geſicht ge⸗ 87 kommen war. Seine Belelbtheit, die man um dieſe Zeit allgemein als uͤbermaͤßig berichtet hatte, war keineswegs auffallend. Sein Fleiſch hatte im Ge⸗ gentheil ein feſtes und muskelhaftes Ausſeben. Auf ſeinen Wangen war nicht die geringſte Spur von Farbe zu ſehen; in der That, ſein Kinn glich mehr dem Marmor, als gewoͤhnlichem Fleiſche. Nicht die geringſte Spur von einer Runzel konnte auf ſeiner Stirne, noch eine Annaͤherung an eine Furche an irgend einem Theile ſeines Geſichts unterſchteden werden. Seine Geſundheit und Gemuͤthsſtimmung waren, dem Anſcheine nach zu urtheilen, vortreff⸗ lich, ob man ſchon in dieſem Zeitpunkte in England allgemein glaubte, daß er unter dem Einfluſſe einer Menge von Krankheiten ſchnell dahin ſinke, und daß die Heiterkeit ſeines Geiſtes gaͤnzlich dahin ſey⸗ Seine Art zu ſprechen war ziemlich langſam und vollkommen deutlich; er wartete mit großer Geduld und Guͤte meine Antworten auf ſeine Fragen ab, und waͤhrend der ganzen Unterhaltung war nur ein⸗ mal eine Beziehung auf den Grafen Bertrand noͤ⸗ thig. Der glaͤnzende und faſt blendende Ausdruck ſeines Auges konnte nicht uͤberfehen werden. Es war jedoch kein fortwaͤhrender Glanz, ſondern er war nur bemerkbar, wenn Napoleon durch irgend einen Punkt, der ihn beſonders intereſſirte, ange⸗ regt wurde. Es iſt unmoͤglich, ſich einen milderen⸗ ich moͤchte ſagen, guͤtigeren und freundlicheren Aus⸗ 88 druck zu denken, als den, welcher waͤhrend der gan⸗ zen Unterredung auf ſeinen Geſſchtszuͤgen ſpielte. Wenn er daher um dieſe Zeit unwohl und nieder⸗ geſchlagen war, ſo muß die Macht ſeiner Selbſtbe⸗ herrſchung noch außerordentlicher geweſen ſeyn, als gewoͤhnlich angenommen wird; denn ſein ganzes Be⸗ nehmen, ſeine Unterredung und der Ausdruck ſeiner Miene, kuͤndigten ein vollkommen geſundes und fro⸗ hes Weſen an.“ Das Datum dieſer Zuſammenkunft war der 13te Auguſt 1817. Bei der obigen Unterredung ſpielte Buonaparte eine natuͤrliche Rolle. Bei einer andern merkwurdi⸗ 3 gen Gelegenheit, den iſten Julius 1817, als er den Lord Amberſt und die Herren, aus welchen die Geſandtſchaft beſtand, die damals aus China zuruͤck⸗ kehrte, empfing, waren ſein Benehmen und ſeine Unterhaltung von einer erkuͤnſtelteren, gezwungene⸗ ren und mehr empiriſchen Art. Er hatte offenbar eine Rolle zu ſpielen, Angaben vorzubringen und Behauptungen aufzuſtellen, bei denen er ſicherlich weder die Abſicht, noch den Wunſch hatte, daß der Saame, den er auaſtreute, auf einen unfruchtbaren Boden fallen ſondern daß er aufbewahrt, geſam⸗ melt und nach Britannien zuruͤckgebracht werden moͤchte, um da in der oͤffentlichen Leichtglaͤubigkeit Wurzel zu faſſen, und ſiebenfaͤltige Fruͤchte zu tra⸗ gen. Er ſturzte ſich ploͤtzlich in eine Fluth von Po⸗ 89 litik und erklaͤrte, daß die Ueberlegenheit Rußlands Europa's Vernichtung zur Folge haben werde; und doch behauptete er zu gleicher Zeit, die Franzoſen und Englaͤnder ſeyen eigentlich die einzigen Trup⸗ pen, die ihrer Zucht und ihrer ſittlichen Eigenſchaf⸗ ten wegen bemerkt zu werden verdienen. Unmittel⸗ bar nachher ſchlug er die Englaͤnder wegen der klei⸗ nen Zahl ihres Heeres aus dem Felde und behaup⸗ tete, daß wir unſere Ueberlegenheit zur See gefaͤhr⸗ den, indem wir auf unſere Landtruppen vertrauen. Er kam ſodann auf einen Lieblingsgegenſtand, die ungemeine Nachlaͤſſigkeit des Lord Caſtlereagh, der einen Handelsvertrag mit Frankreich abzuſchließen, oder vielmehr zu erzwingen und Portugal zur Ruͤck⸗ zahlung unſerer Auslagen zu noͤthigen unterlaſſen habe. Er ſchien dieß als eine Aufopferung der In⸗ tereſſen und der Wohlfahrt ſeines Landes zu be⸗ trachten, und erklaͤrte es fuͤr eine ſolche mit einer Zuverſicht, die darauf berechnet war, dem Zuhoͤrer den Glauben beizubringen, daß es ihm mit den ausſchweifenden Lehren, die er verkuͤndete, voͤllig Ernſt ſey. Er machte folglich keinen Eindruck auf Lord Am⸗ herſt, oder auf Herrn Heinrich Ellis, den dritten Bevollmaͤchtigten der Geſandtſchaft, an den ein großer Theil dieſer gewaltigen Tirade gerichtet war, und der uns erlaubt hat, ſein beſonderes Tagebuch zu durchleſen, das hinſichtlich dieſer Unterredung 90 viel weitlaͤufiger iſt, als der Bericht in der gedruck⸗ ten Erzaͤhlung der Geſandtſchaft, die im Jahre 1817 erſchien*). Nachdem Napoleon Lord Caſtlereagh's vermeint⸗ liche Fehltritte gegen den Staat beruͤhrt hatte, ſchwieg er nicht uͤber das Unrecht, das er ihm ſelbſt angethan hatte. In ſeiner Unterhaltung mit Lord Amherſt hauptſaͤchlich verwetite er mit großer Bit⸗ terkeit auf Sir Hudſon Lowe's Betragen gegen ihn in verſchiedenen Hinſichten; allein es mißlang ihm gaͤnzlich, die Ueberzeugung, die er bezweckte, hervorzubringen. Es ſchien dem Geſandten und ſei⸗ nen Begleitern im Gegentheil, daß es nie einen Gefangenen von Wichtigkeit gegeben habe, deſſen perſoͤnliche Freiheit weniger beſchraͤnkt worden waͤre, als die des vormaligen franzoͤſiſchen Kaiſers. Herr Ellis ſah ſich nach einer perſoͤnlichen Beſichtigung veranlaßt, ſeine Klagen in Betreff der Mundvorraͤ⸗ the und des Weins als gar keiner Beachtung wuͤr⸗ dig zu betrachten, und zu bedauern, daß wirklicher oder angeblicher Aerger einen ſo großen Mann hatte bewegen koͤnnen, ſolche kleinliche Mißver⸗ ſtaͤndniſſe zu unterſtuͤtzen. Das Haus zu Long⸗ wood, als die Reſidenz eines Fuͤrſten betrachtet⸗ ließ Herr Ellis als klein und unangemeſſen gel⸗ *) Siehe Anh ang No. XI. wo einer der beſten und glaub⸗ würdigſten Berichte von Napoleons Unterhaltung und Fol⸗ gerungsart zu finden iſt. 91 ten; allein auf der andern Seite als die Wohnung einer angeſehenen Perſon betrachtet, die in der Zu⸗ ruͤckgezogenheit lebte(und dieß war die Anſicht, wel⸗ che man in England von der Lage des Gefangenen hatte), war es ſeiner Meinung nach ſowohl ange⸗ meſſen, als anſehnlich. Was die Ausdehnung ſeines freien Raumes betrifft, ſo bemerkt Herr Ellis, daß eine groͤßere, mit irgend einem Anſpruche auf Si⸗ cherheit vertraͤgliche, perſoͤnliche Freiheit einem In⸗ dividuum, das als uͤberhaupt irgend einem Zwange unterworfen, betrachtet werden mußte, nicht haͤtte be⸗ willigt werden koͤnnen.„Sein Verkehr mit An⸗ dern,“ bemerkt er,„ſtand ſicherlich unter einer un⸗ mittelbaren Aufſicht, da es Niemand erlaubt war, Longwood oder deſſen Gebiet ohne einen Paß von dem Gouverneur zu betreten. Allein dieſer Paß““ verſichert er,„wurde leicht bewilligt und war nie ein Hinderniß fuͤr diejenigen Beſuchenden gewe⸗ ſen, welche Napoleon zu ſehen wuͤnſchten.“ Die Beſchraͤnkung ſeiner Korreſpondenz wird als unan⸗ genehm und ſeine Gefuͤhle kraͤnkend anerkannt; al⸗ lein als eine„natuͤrliche Folge deſſen, was er jetzt iſt und fruͤher geweſen war, betrachtet.“„Zwei Beweggruͤnde,“ fagte Herr Ellis,, laſſen ſich, glau⸗ be ich, fuͤr Buonapart e's unbillige Klagen nachwei⸗ ſen. Der erſte und hauptſaͤchlichſte geht dahin, das oͤffentliche Intereſſe in Europa, hauvtſaͤchlich aber in England, wo er ſich ſa meichelt, daß er eine Par⸗ 9² tei habe, rege zu erhalten. Und der zweite, glau⸗ be ich, liegt in dem perſoͤnlichen Karakter und den Gewohnheiten Buonaparte's, der eine Beſchaͤftigung in den kleinlichſten Intriguen, wodurch dieſe Klagen befoͤrdert werden, und ein nnwuͤrdiges Vergnuͤgen in den Neckereien und dem Verdruſſe, den ſie an Ort und Stelle verurſachen, findet.“ Die Scharfſicht des Herrn Ellis taͤuſchte ſich nicht; denn General Gourgaud erwaͤhnt unter an⸗ dern Nachrichten des Antheils, welchen Buonaparte an der Unterredung mit der Geſandtſchaft, die aus China nach Britannien zuruͤckkehrte, genommen ha⸗ be, und ſagt, der Kaiſer ſei der Meinung gewe⸗ ſen, ſeine Beweisaruͤnde haben einen ſtarken Ein⸗ druck auf ſie gemacht. Die oͤffentliche Erſcheinung des Geſandtſchaftsberichts des Herrn Ellis verjagte dieſen Traum und veranlaßte auf St. Helena ein verhaͤltnißmaͤßiges Mißvergnuͤgen. Da wir jetzt einige Nachricht von den allgemei⸗ nen Umſtaͤnden, welche Napoleons Aufenthalt auf St. Helena, waͤhrend er ſich einer ziemlich guten Geſundheit erfreute, begleiteten, von ſeiner Le⸗ bensart, ſeinen Studien und Zeitvertreiben gege⸗ ben, und zwei merkwuͤrdige Beiſpiele ſeines Ver⸗ kehrs mit Fremden von Beobachtungsgeiſt und Ein⸗ ſicht angefuͤhrt haben, muͤſſen wir im naͤchſten Kapi⸗ tel der beſondern traurigen Umſtaͤnde der Abnahme ſeiner Geſundheit und der wenigen und unwichtigen — 93 Vorfaͤlle, welche zw ſchen dem Anfange ſeiner Krank⸗ heit und ihrem Ende Statt hatten, erwaͤhnen. Drittes Kapirel. Napoleons Krankheit— nämlich Magenkrebs.— Dr. Arnotts Mecnung, daß ſie nicht die Bzirkung des Klima's war, ſondern ſchon ſeit 1817 an ihm nagte.— Napoleon offenbart die Ge⸗ mürhsſtimmung nicht, die ihm eine Milderung der Beſchränkun⸗ gen ſeiner Gefangenbaltung bhatte verſchaffen können.— Ent⸗ fernung des vas Caſes aus ſeinem Haushalt— Montholons verſchiedene Klagen werden von Lord Houand in dem Overhauſe zur Sprache gebeacht und von Lord Bathurſi beantwortet.— Wirkung des fetlgeſchtagenen Antrags des Lord Hollands in Beziehung auf Buonaparte.— Die Symprome ſeiner Krankheit nehmen zu.— Seine Weigerung ſich Bewegung zu machen, oder Arznei zu nehmen.— Entfernung des Dr. O-⸗Meara aus Napoleons Nahe.— Buonaparte weigert ſich, die Beſuche ir⸗ gend eines andern engliſchen Arzres anzunehmen.— Zwei ro⸗ miſch katholiſche Prieſter werden auf ſein Verlangen nach St. Helena geſchickt.— Napoleons Meinung in Betreff der Religion. — Dr. Antonarchi kommt an und trift an die Stelle des Dr. O'Meara.— Fortgeſetzte Streirigkeiten zwiſchen Napoleon und Sir Hudſon Lowe. Lange ſchon vor der Schlacht von Waterlov wa⸗ ren Geruͤchte in Betreff der Abnahme der Geſundheit Napoleons in Umlauf geweſen; und Manche waren geneigt, ſein Ungluͤck in dieſem entſcheidenden Feld⸗ zuge weniger der Ueberlegenheit ſeiner Feinde, als der Abnahme ſeiner Thaͤtigkeit zuzuſchreiben. Es ſcheint kein Grund zu einem ſolchen Schluſſe vorhanden zu ſeyn; die raſche Art, auf welche er ſein Heer bei Charleroi zuſammenzog, haͤtte ein ſolches Geruͤcht auf immer zum Schweigen bringen ſollen. Er war gelegenheitlich leichten Anfaͤllen von Schlaſſucht un⸗ terworfen, wie ſie bei den meiſten Menſchen, wel⸗ che ſchlecht ſchlafen, fruͤh aufſtehen und hart arbei⸗ ten, beſonders nach dem vierzigſten Jahre gewoͤhn⸗ lich ſind. Als er bei St. Helena landete, ſchien ſeln Ausſehen ſo wenig von Abnahme ſeiner Geſundheit zu zeugen, daß einer der brittiſchen Grenadire, die ihn ſahen, mit dem ſeinem Voike eigenen Schwur aus⸗ rief:„Sie ſagten uns, er werde alt; doch hat er vierzig gute Feldzuͤge in ſeinem Bauche, verdamm ihn Gott!“ Eine Rede, welche die franzoͤſiſchen Edelleute beneideten, da ſie, ſagten ſie, einem von der alten Garde haͤtte angehoͤren ſollen. Wir haben Kapiraͤn Hall's Nachricht von dem anſcheinenden Zu⸗ ſtande ſeiner Geſundheit im Sommer 1817 erwaͤhnt; die des Herrn Ellis um dieſelbe Zeit iſt gleichlau⸗ tend; er ſpricht die Meinung aus, daß Napoleon nie mehr im Stande geweſen ſey, die Strapazen eines Feldzuges zu ertragen, als in dem Augenblicke, in welchem er ihn ſah. Doch ſchuͤtzte Napoleon um dieſe Zeit, naͤmlich im Julins 1817, die Abnahme ſeiner Geſundheit als einen Grund zur Erlangung zr ßerer Verguͤnſtigungen vor, waͤhrend er ſich auf 95 der einen Seite weigerte, die zur Erhaltung ſeiner Geſundheit noͤthigen Bewegungen zu machen, wo⸗ fern ihm nicht eine Milderung der ſeiner Perſon auferlegten Beſchraͤnkungen bewilligt wuͤrde. Es iſt jedoch wahrſcheinlich, daß er ſelbſt in dieſem Zeit⸗ punkte ſchon die Symptome jener innern Krankheit, die ſein Leben verzehrte, fuͤhlte. Es iſt jetzt allge⸗ mein bekannt, daß ſie das grauſame Uebel war, an welchem ſein Vater ſtaxb, naͤmlich ein Magenkrebs, woruͤber er ſeine Beſorgniſſe, ſowohl in Nußland, als anderswo, wiederholt ausgedruͤckt hatte. Der Fortgang dieſer Krankheit iſt jedoch langſam unmd ſchleichend, wenn ſie wirklich ſchon ſo fruͤh, naͤmlich im Jahre 1847 begonnen hatte. Gourgaud erklaͤrte in einem weit ſpaͤtern Zeitpunkte, daß er durchaus nicht an ſeine Krankheit glauben koͤnne. Er geſtand zwar, er ſey ſo mißmuthig, daß er davon ſpreche, ſich und ſeine Geſellſchafter dadurch zu toͤdten, daß er ſich und ſie in ein kleines Gemach mit brennen⸗ den Holzkohlen einſchließe,— ein leichter Tod, den ihm wahrſcheinlich Berthollet, der Chemiker, an⸗ empfohlen hatte. Nichts deſto weniger behauptete General Gourgand, daß die Englaͤnder in Betreff der Geſundheitsumſtaͤnde des Generals Buonaparte ſehr betrogen wuͤrden; denn er ſey, was das koͤr⸗ perliche Wohlſeyn betreffe, keineswegs weſentlich veraͤndert, und die Vorſtellungen in dieſer Hinſicht enthielten wenig oder gar keine Wahrheit. Pr. 96 O'Meara habe ſich ſicherlich von jenem Einfluſſe taͤu⸗ ſchen laſſen, den General Buonaparte ſtets auf die⸗ enigen ausuͤbe, mit denen er haͤufigen Umgang pflege, und obſchon er(General Gourgaud) in in⸗ dividueller Hinſicht Urſache habe, mit Herrn O'Me⸗ ara hoͤchſt zufrieden zu ſeyn, ſo ſetze ihn doch ſeine innige Bekanntſchaft mit dem General Buonaparte in den Stand, zuverſichtlich zu behaupten, daß ſeine Geſundheitsumſtaͤnde durchaus nicht ſchlimmer ſeyen, als einige Zeit vor ſeiner Ankunft auf St. Helena.— Doch ſcheint es, wie bereits bemerkt worden iſt, un⸗ geachtet der Unglaͤubigkeit von Freunden und Fein⸗ den, wahrſcheinlich, daß die ſchreckliche Krankheit, an welcher Napoleon ſtarb, bereits an den Lebens⸗ theilen nagte, obſchon ihr Karakter durch keine aͤuſ⸗ ſerlichen Symptome beſtimmt angekündigt war. Dr. Arnott, Wundarzt beim zoſten Regimente, der beim Todtenbette Napoleons zugegen war, hat fol⸗ gende Bemerkungen uͤber dieſen wichtigen Gegen⸗ ſtand gemacht: „Wir wiſſen aus guter Quelle*), daß dieſe Magenkrankheit nicht ohne eine ziemlich lange Vor⸗ bereitung des Krankheitsſtoffes erzeugt werden kann. Ich will keine Meinung wagen; allein es iſt bemerkens⸗ werth, daß er oft ſagte, ſein Vater ſey Wrber er⸗ *) Siehe Dr. Baillie's unſchätzbares Buch übe die krankhafte Anatomie, p. 141, 142. 4 4 97 Verhaͤrtung des untern Magenmunds geſtorben; der Koͤrper ſey nach ſeinem Tode unterſucht und die Thatſache bekraͤftigt worden. Seine treuen Anhaͤn⸗ ger, der Graf und die Graͤfin Bertrand und Graf Montholon, haben mir wiederholt daſſelbe erklaͤrt.“ „Wenn es daher zugegeben wuͤrde, daß eine vorlaͤufige Diſpoſition der Thelle zu dieſer Krankheit vorhanden war, mochten die nieder druͤckenden Lei⸗ denſchaften des Geiſtes nicht als erregende Urſache wirken? Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß Napo⸗ leon Buonagparte's geiſtige Leiden auf St. Helena ſehr ſtechend waren. Einem Manne von ſo unbe⸗ graͤnztem Ehrgeize, der vordem nach allgemeiner Herrſchaft ſtrebte, muß die Gefangenſchaft ſhmerz⸗ hafte Gefahle perurſacht haben.“ „Das Klima von St. Helena betrachte ich als geſund; die Luft iſt rein und gemaͤßigt, und die Europaͤer erfreuen ſich ihrer Geſundheit, und behal⸗ ten die Staͤrke ihrer Conſti ution, wie in ihrem Ge⸗ burtslande, bev.“ Dr. Arnort giebt weiter an, daß ungeachtet dieſer allgemeinen Behauptung g, die rothe Ruhr und andere hitzige Krankheiten der Eingeweide des Un⸗ terleibs unter den Truppen geherrſcht haben. Dieß ſchreibt er der Sorgloſigkeit und Unmaͤßigkeit der engliſchen Soldaten, ſo wie der Ermadung der ar⸗ beitenden Klaſſe zu; da die Offiziere, welche wenig Dienſt bei Nacht hatten, ihre Gefundheit und 2. W. Scott's Werke. L.XV. 90 Staͤrke, wie in Curopa, behtelren.„Ich kann deß wegen ſicher behaupten, faͤhrt der Arzt fort, da jeder, der maͤßig lebt und keinen großen koͤrperlichen Anſtrengungen, der Nachtluft und atmosphaͤriſchen Veraͤnderungen ausgeſetzt iſt, wie dies bei einem Soldaten der Fall ſeyn muß, auf Sr. Helena ſo ge⸗ Sr ſund bleiben kann, als in pe, und ich kann daher weiter behaupten, daß oie Kraukbeit, an wel⸗ cher Napeleon Burnaxarte ſtarb, nicht die Wirkung des Klima's war.“ Eine Beſtaͤtigu notk iſt der Umſtand, daß von Napoleon's zahlreicher Familie, die faſt aus 50 Perirnen, die enaliſchen Bedienten mir eingeſchloſſen, beſtand, blos einer, waͤhrend der 5 Jahre ihres Aufenthalls auf der In⸗ ſel, ſtarb; und dieſe Perfon(Ckoriani, der Haus⸗ hofmeiſter) hatte ſich die Krankyeit, eie ihn hin⸗ raffte, und die eine Art Auszehrung war, zusezo⸗ gen, ehe er Europa verließ. Dr. Arnott, deſſen Meinung wir großes Ge⸗ wicht beilegen, ſowohl wegen der Prrrreflic kei ſeines Karakters, als weil er die beſte Gelegenveit hatte, ſich zu belehren⸗ behaudter, die Verhartung oder der Kreps des Magens fey elne raͤtb feitafte ng der Behauptung des Dr. Ar⸗ 1. Krankheft, da die Symptome, welche ihn ankuͤndi⸗ geu, anderen Krankheiten in derſelben Gegend ge⸗ mein feyen, und ſie karakteriſiren; doch glaubie er fruͤher, daß irgend eine krankhafte Beraͤnderung der 99 Struktur des Magens Statt gefunden habe, beſon⸗ ders als er erfuhr, daß der Vater ſeines Patienten an der Verhaͤrtung des untern Magenmunds geſtor⸗ ben ſey. Er glaubte, wie bereits bemerkt worden iſt, daß die Krankheit ſchon am Ende des Jahrs 1817 begonnen haͤtte, zu welcher Zeit der Patient mit Schmerzen in dem Magen, Eckel und Erbre⸗ chen, beſonders wenn er Nahrung zu ſich genommem hatte, behaftet war— Symptome, die ihn von bieſem Zeitpunkte an nie mehr verließen, ſondern kufenweiſe bis zum Tage ſeines Todes zunahmen. Von dieſem Zeitpunkte an befand ſich daher Napoleon in einer Lage, die in Betracht ſeiner gro⸗ ben Thaten und der Hoͤhe ſeines fruͤheren Gluͤckes das Mitleid ſeiner bitterſten Feinde, und das Mit⸗ gefuͤhl aller derer verdiente, die geneigt waren, eine ſittliche Lehre aus dem auſſerordentlichſten Wechſel der Dinge, den die Geſchichte je dargeboten hat, zu ziehen. Auch koͤnnen wir nicht zweifeln„daß ſol⸗ che Betrachtungen endlich zu einer großen Milde⸗ rung der Strenge, womit der Gefangene bewacht wurde, und vielleicht endlich zu ſeiner gaͤnzlichen Becreiung haͤtten fuͤhren koͤnnen. Allein zur Errek⸗ chung dieſes Zieles waͤre es noͤthig geweſen, daß Napoleon in feiner Gefangenſchaft ein ganz anderes Betragen g zeigt haͤrte, als das, welches er fuͤr das kluͤgſte und natuͤrlichſte hielt. Um erſtens des Mit⸗ gefuͤhls und der einem Kranken gebuͤhrenden Vos⸗ 7 ◻ 100 rechte theilhaftig zu werden, haͤtte er die Beſuche einer aͤrztlichen Perſon zugeben koͤnnen, deren Be⸗ richt fuͤr voͤllig unpartheiiſch haͤtte gehalten werden duͤrfen. Dieß konnte nicht der Fall mit dem Be⸗ richte des Dr. O' Meara ſeyn, da er ſich in dem vertrauten und ſelbſt geheimen Dienſte des Gefan⸗ genen befand, und auf dem ſchlechteſten Fuße mit dem Gouverneur ſtand; und Napoleons beſtimmte Verwerfung jedes andern Beiſtandes ſchien den, ob⸗ ſchon ungerechten Glauben, zu unterſtuͤtzen, daß er entweder Unzaͤßlichkeit heuchle, oder einige geringe Symptome benuͤtze, um eine Milderung der Wach⸗ ſamkeit des Gouverneurs zu bewirken. Auch konnte das Zeugniß des Dr. Antomarcht, als das eines von Nappleon gaͤnzlich abhaͤngenden Individuums, nicht als glaubwuͤrdig betrachtet werden, bis es durch eine unparteiiſche und zu gleicher Zeit kompetente mediciniſche Autoritaͤt beſtaͤtigt war. Zweitens muß man ſich erinnern, daß als Hauptpunkt der Rechtfertigung der Gefangenhaltung Napoleons angefuͤhrt wurde, daß ſeine Freiheit mit der Ruhe Europas unvertraͤglich geweſen ſey. Um das Gegentheil zu beweiſen, wuͤrde es noͤthig gewe⸗ ſen ſeyn, daß der vormalige Kaiſer den Wunſch, ſich von politiſchen Streitigkeiten zuruͤckzuziehen, an den Tag gelegt und Symptome davon gezeigt haͤtte, daß er jene ehrgeitzigen Plane, welche Europa ſo lange erſchuͤttert hatten, beſeitigt oder vergeſſen habe. 2 101 Mitleid und die Bewunderung großer Talente haͤt⸗ ten alsdann die Staaten Europas bewegen koͤnnen, auf die entſagende Gemuͤthsſtimmung eines Man⸗ nes zu vertrauen, welchen Alter, Schwaͤchen und Leiden geneigt zu machen ſchienen, ſeine Tage der Gemaͤchtichkeit und Zuruͤckgezogenheit zu widmen, und der eine ſichere Buͤrgſchaft fuͤr ſeine friedlichen Abſichten darzubieten ſchien. Allein er war ſo weit entfernt, ſolche Geſinnungen zu aͤußern, daß alles, was von St. Helena ausfloß, bewies, daß der vor⸗ malige Kaiſer alle ſeine fruͤheren Plane hegte und alle ſeine fruͤheren Handlungen rechtfertigte. Er konnre es nicht ertragen, daß die Welt die Mei⸗ nung hegen ſollte, ſein Ehrgeiz ſey geſaͤttigt und ſeine Anſpruͤche aufgegeben. Im Gegentheil bewie⸗ ſen ſeine Bemuͤhungen und diejenigen Werke, wel⸗ chen er ſeinen Geiſt einhauchte, wenn ſie je irgend etwas bewieſen, daß er nie einen ſtrafbaren Ehr⸗ geiz hegte,— daß ſeine Anſpruͤche an Oberherrſchaft auf Nationalgeſetz und Gerechtigkeit gegrundet wa⸗ ren,— daß er das Recht hatte, ſie fruͤher zu be⸗ haupten, und daß er geneigt und berechtigt war, ſie noch zu verfechten. Er war aͤngſtlich bemuͤht, die Welt wiſſen zu laſſen, daß er nicht im Mindeſten veraͤndert war, daß er ſich weder ſeiner Plane ſchaͤmte, noch ihnen entſagt hatte; ſondern daß er, Europa wieder zuruͤckgegeben, in allen Hiuſichten dieſelbe Perſon mit denſelben Anſpruͤchen und einer nur we⸗ 102 nig verminde ten Thaͤrigkeit ſeyn wuͤrde, wie damals, als er in Cannes landete, um das franzoͤſiſche Reich wieder zu erobern. Dieſe Art, ſeine Sache zu verfechten, batte die unvermeidliche Folge, daß ſie alle diejenigen, welche die Beſchraͤnkung ſeiner perſoͤnlichen Freiheit im Anfange fuͤr nothwendig gehalten hatten(und dieſe waren die große Mehrzahl in Europa), in dem Gezuben beſtaͤrkte, daß noch dieſelben Gruͤnde zur Fortſetzung der Beſchraͤnkung vorhanden ſeyen, wel⸗ che ſie urfpruͤnglich veranlaßt hatten. Wir moͤgen das abgenuͤtzte Gleichniß des eingekerkerten Loͤwen nicht wiederholen; allein wenn das koͤnigliche Thier, das Don Quirotte in Freiheit zu ſetzen wuͤnſchte, ſtatt ſich friedlich und artig zu betragen, gebruͤllt, wilde Spruͤnge gemacht und an dem Gitter ſeines Kaͤfigs geriſſen haͤtte, ſo kann man zweifeln, ob der große Abwender des Unrechts ſelbſt ſeine Freiheit vertheidigt haben wuͤrde. Im November 1816 erlitt Napoleon durch die Entfernung des Grafen Las Caſes aus ſeiner Ge⸗ fellſchaft einen Verluſt, der ihn nicht wenig ge⸗ ſchmerzt haben muß. Die ergebene Anhaͤnglichkeit des Grafen an ſeine Perſon konnte nicht bezweifett werden, und ſein Alter, ſo wie ſeine Stellung als ein Civiliſt, machten ihn weniger geneigt, ſich in diejenigen Fehden und Streitigkeiten einzulaſſen, die ſich zuwellen, ungeachtet ihrer allgemeinen Anhaͤng⸗ 103 lichkeit an Navoleon, unter den Offizleren des Haus⸗ halts zu Longmood erhoben zu haben ſcheinen. Er war ein wiſſenſchaftlich gebildeter Mann, und im Stande, uͤber allzemeine Gegenſtaͤnde, ſowohl der Geſchichte, als der Wiſſenſchaft, zu ſprechen. Er war Emigrant geweſen, und konnte, da er mit al⸗ len Mandupers und Intriguen des alten Adels be⸗ kannt war, manches erzaͤhlen, das Napoleon nicht ungerne hoͤrte. Vor allem zeichnete er alles, was Mapoleon ſagte, mit zuverſichtlicher Treue und un⸗ ermuͤdeter Enſigkeit auf. Und gleich dem Verfaſſer eines der unterhaltendſten Buͤcher in der engliſchen Sprache(ohnſon's Leben von Beswell), hielt Graf Las Caſes nichts fuͤr unbedeutend, das ſeinen Ge⸗ genſtand in ein guͤnſtiges eicht ſetzen konnte. Gleich Boswell, hatte er auch eine ſo tiefe Hochachtung fuͤr ſeinen Herrn, deß er in einigen Faͤllen, durch ſei⸗ nen Enrſchluß, Napolron ſtets Recht haben zu laſ⸗ ſen, den genauen Begriff von Recht und unrecht verloren zu haben ſcheint. Allein wenn ſeine An⸗ haͤnglichkeit auch bis zu einem gewiſſen Grade ſein urtheil verblendete, ſo kam es doch warm aus ſei⸗ nem Herzen. Der Graf gab auch einen weſentlichen Beweis von ſeiner Aufrichtigkeit dadurch, daß er eine Summe von 4000 Pfund oder ungefaͤhr ſo viel, ſein ganzes Privatvermoͤgen, das in den engliſchen Fonds niedergelegt war, zum Gebrauche ſeines Herrn beſtimmte. 1⁰4 Zu unſerem Ungluͤcke, ſo wie auch zu dem ſei⸗ nigen, da er ſeine Trennung von Napoleon als ein ſolches betrachtet haben muß, hatte ſich Las Caſes zu einem Betragen hinreißen laſſen, das ſich mit der Verpflichtung, die er, nebſt den andern Beglel⸗ tern des vormaligen Kaiſers eingegangen hatte, keine geheime Verbindung außerhalb des Bezirks der Inſel zu unterhalten, nicht vertrug. Die Gelegen⸗ heit, das einer ſeiner eigenen Diener nach England zuruaͤckkehrte, bewog ihn, dem Bedienten einen Brief anzuvertrauen, der auf ein Stuͤck weißer Seide, das in die Kleider des Purſchen eingenaͤht wurde, ge⸗ ſchrieben war. Er war an den Prinzen Luclan Buo⸗ naparte addreſſirt. Da dieß eine unmittelbare Ue⸗ berſchreitung eines weſentlichen Punktes der Vedin⸗ gungen war, die Graf Las Caſes zu beobachten ver⸗ ſprochen hatte, ſo wurde er aus der Inſel verwie⸗ ſen, und nach dem Kap der guten Hoffnung, und von da nach Europa geſchickt. Sein Tagebuch blieb einige Zeit lang in den Haͤnden des Sir Hudſon Lowe; allein es wurden, wie wir fruͤher zu bemer⸗ ken Gelegenheit hatten, ſpaͤter Veraͤnderungen und 9 Zuſaͤtze gemacht, die im Allgemeinen mehr Tadel und Vorwuͤrfe gegen den Gouverneur enthalten, als . das Manuſcript, wie es urſpruͤnglich beſtand, als der Graf St. Helena verließ. Die Abkuͤrzung des Aufenthalts des Grafen auf der Inſel war ſehr zu bedauern, da ſein Tagebuch das beſte Archiv, nich 4 105 blos der wahren Gedanken Napoleons, ſondern auch derjenigen Meinungen iſt, die er als ſolche aufge⸗ nommen wiſſen wollte. Unſtreitig vergroßerte die Trennung von dieſem treuen Anhaͤnger die untroͤſt⸗ liche Lage des Verbannten zu Longwood nicht we⸗ nig; allein es iſt unmoͤglich, die Bemerkung zu un⸗ kerdruͤcken, daß, wenn ein Edelmann im Gefolge Napoleons ſein gegebenes Ehrenwort zu Gunſten ſeines Herrn auf dieſe Art brechen konnte, Sir Hudſon Lowe hinlaͤnglich dafuͤr gerechtfertigt iſt, daß er den ihm gemachten Verſicherungen wenig Glau⸗ ben beimaß und ſich weigerte, irgend einen vernuͤnf⸗ tigen Grad von Wachſamkeit, den die ſichere Haft ſeines Gefangenen zu fordern ſchien, aufzuheben. Die Klagen Napoleons und ſeiner Begleiter, hatten billiger Weiſe eine Unterſuchung der perſoͤn⸗ lichen Behandlung des vormaligen Kaiſers in dem brittiſchen Parlamente zur Folge, in welchem das allgemeine Urtheil, auf das wir angeſpielt haben, in Verbindung mit der Art, wie die Miniſter die uͤbertriebenen Behauptungen in den aus St. Helena „kommenen Nachrichten beleuchteten, ein entſchie⸗ denes Uebergewicht uͤber die Beweisgruͤnde des mit⸗ leidigen und talentpollen Vertheidigers des vorma⸗ ligen Kaiſers, des Lord Holland, behaupteten. Die Frage kam den 18ten Maͤrz 1817 vor das Oberhaus. Lord Holland wies in einer Rede voll Verſtand und Maͤßigung alle Verſuche von ſich, das 106 Haus zu uͤberreden, daß die allgemeine, in Bezie⸗ hung auf Napoleon angenommene Politik geaͤndert werden ſolle. Sie war gegen ſeine(Lord Hollands) Anſichten angenommen worden; allein das Parla⸗ ment hatte ſie beſtaͤtigt und er hoffte keine Umſtoſ⸗ ſung ihres Urtheiles zu bewirken. Allein wenn die Gefangenhaltung Napoleon's, wie man behauptet hat, eine Maßregel der Nothwendigkeit war, ſo folgte daraus, daß die Nothwendigkeit ſich auf das beſchraͤnken mußte, was ſie geſchaſſen hatte, und daß folglich der Gefangene mit keiner unnoͤthigen Haͤrte behandelt wurde. Seine Herrlichkeit vermaß ſich nicht, die Berichte, die ihr vor Ohren gekommen waren, als unbedingte Thatſachen zu betrachten, ſondern blos als Geruͤchte, welche eine Unterſuchung erheiſchten, bei der die Ehre des Landes in einem ſo hohen Grade betheiligt war. Die meiſten Ve⸗ hauptungen, auf welche Lord Holland ſeinen Antrag gruͤndete, waren in einer Klageſchrift entnalten, die General Montholon uͤberſchickt hatte. Die in die⸗ ſer Schrift enthaltenen einzelnen Punkte waren Um⸗ ſtaͤnde, deren wir bereits erwaͤhnt haben, die aber hier nebſt den Antworten der brittiſchen Regierung eine kurze Wiederholung finden moͤgen. Zuerſt wurde gegen die Beſchraͤnkungen, des Napoleon fruͤher zu ſeinen koͤrperlichen Bewegungen zugeſtandenen freien Raumes Beſchwerde gefuͤhrt. Lord Holland gab zu, daß das Klima von St. He⸗ 107 lena gut ſey; allein er hehauptete, der obere Theil der Inſel, wo Longwood liege, ſey fencht und unge⸗ ſund. Auch wurde uͤber die Unbequemlichkeit des Hauſes Klage gefuͤhrt. Lord Bathurſt, der Staatsſecretaͤr des Kolonicl⸗ weſens, erwiederte auf dieſe Anklage, daß die allge⸗ meinen Nachtichten uͤber Longwood dieſen Ort als geſund beſchreiben. Er war der gewoͤhnliche laͤnd⸗ liche Aufenthaltsort des Gouverncurs geweſen, was deutlich zeigte, daß die Gegend nicht unangenehm ſeyn koante. Auch war der Ort ven Nappoleon vor⸗ gezogen worden, der ſo ſehr darauf drang, Beſt davon zu nehmen, daß er ſogar wuͤnſchte, daß ein Zelt daſelbſt au geſcrlagen wuͤrde, bis das Haus zu ſeinem Emsfange gerichtet waͤre. Die Beſchraͤn⸗ kung des frelen Naumes, erklaͤrte er, ſey dadurch verurſacht worden, daß Napoleon einige Neigung gezeigt habe, die Einwohner auf ſeine Seite zu ringen. Er hatte noch einen Umkreis von 8 Mei⸗ len, innerhalb deſſen er unbegleitet und unbeſchraͤnkt umher ſtreifen konnte. Wenn er weiter zu gehen wuͤnſchte, ſo hatte er dle Freiheit, die Inſel zu durchreiſen, wenn er einen Ordonanz⸗Offizter zu ſeinem Gefolge zuließ. Seine Weigerung, ſich un⸗ ter ſolchen Bedingungen Bewegung zu machen, war nicht die Schuld der brittiſchen Regierung, und wenn Napoleons Geſundheit in Folge deſſen litt, ſo war es nicht das Reſultat der Verfuͤsungen, die à& 108 vernuͤnftig, und unumgaͤnglich nothwendig waren, ſondern ſeiner eigenen beharrlichen Weigerung, ſich nach ihnen zu bequemen. Die zweite Klaſſe der Einwendungen des Lord Holland betraf die nach ſeiner Meinung harten und unbilligen Beſchraͤnkungen in Abſicht auf die Verbin⸗ dung des Verbannten mit Europa. Es ſey ihm, be⸗ merkte Se. Herrlichkeit, nicht erlaubt, Buͤcher zu erhalten, oder auf Journale und Zeitungen zu unter⸗ ſchreiben. Aller briefliche Verkehr ſey dem ausgezeich⸗ neten Gefangenen, ſelbſt mit ſeiner Gemahlin, ſeinem Kinde, ſo wie mit ſeinen naͤchſten und theuerſten Ver⸗ wandten, verſagt; es ſey ihm nicht geſtattet, einen verſiegelten Brief an den Prinz Regenten zu ſchreiben. Auf dieſe verſchiedene Punkte antwortete Lord Bathurſt, daß ein Verzeichniß von Buͤchern, deren Werth ſich auf 1400 oder 1500 Pfund belief(die Ge⸗ neral Montholon wenige Buͤcher gaunte) von Napo⸗ leon nach Britannien geſchickt worden ſey; daß die Kommiſſaͤre das Verzeichniß einem ausgezeichneten franzoͤſiſchen Buchhaͤndler eingehaͤndigt, und dieſer ſo viele Buͤchet heegeſchafft habe, als in London und Paris aufzubringen geweſen ſeyen; gllein meh⸗ rere, beſonders Werke uͤber militaͤriſche Gegenſtaͤn⸗ de, habe man ſich nicht verſchaffen koͤnnen. Die Baͤnde, welche man habe erhalten koͤnnen, ſeyen mit einer Entſchuldigung wegen der ſeblenden, nach St. Helena geſchickt worden; allein die Bewohner — 109 von Longwood haben die Entſchuldigung nicht gelten laſſen. In Betreff der Erlaubniß einer freien Un⸗ terzeichuun von Seite Napoleons auf Zeitungen hielt es Lord Bathurſt fuͤr ſeine Pflicht, dieſe Art von Verguͤnſtigung einigermaßen zu beſchraͤnken, da man Verſuche entdeckt habe, vermittelſt Zeitungen mit Napoleon eine Korreſpondenz zu eroͤffnen. Was den brieflichen Verkehr mit Europa betraf, ſo er⸗ klaͤrte Lord Bathurſt, dieſer ſey ihm nicht verboten, ſondern nur durch die Bedingung beſchraͤnkt, daß kein Brief, welcher Art er auch ſeyn moͤge, abge⸗ ſchickt werden duͤrfe, ohne daß Sir Hudſon Lowe ihn zuvor geleſen habe. Dieſes Recht, gab Lord Bathurſt au, ſey blos durch den Gouverneur in ei⸗ gener Perſon und mit ſtrengem Zartgefuͤhle ausge⸗ uͤbt worden, und er wies mit dem unumwundenſten Widerſpruche die Behauptungen Montholons zuruͤck, daß der Gouverneur von St. Helena Briefe unter dem Vorwande, daß ſie nicht durch die Haͤnde des engliſchen Miniſters gegangen ſeyen, erbrochen und zuruͤck behalten habe. Lord Bathurſt ſagte, Gene⸗ ral Montholon ſey durch Sir Hudſon Lowe aufge⸗ fordert worden, ein einziges Beiſpiel von einer ſol⸗ chen Tirannei vorzubringen; allein der franzoͤſiſche General habe geſchwiegen, da die Behauptung ganz grundlos geweſen ſey. Alle Briefe, welche Napo⸗ leons Verwandte geneigt ſeyen, durch ſein, Lord (Bathurſt s, Buͤreau abzuſchicken, werden, ſagte er, 170 augenblicklich befoͤrdert werden; allein ein nothwen⸗ diger verlaͤuſiger Punkt ſey der, baß ſolche geſchrie⸗ ben wuͤrden. Nun ſey abe ein Brief von ſeinem Bruder Joſeph, der im letzten Ottober erhalten, und augenblicklich befoͤrdert wor en ſey„Fer einzige von Seite eines Gliedes ſeiner Familie, oder ſeiner Verwandten, der das Bureau erreicht habe. Seine Herrlichkeit beruͤhrte hicrauf die Verfuͤgung, vermoͤ⸗ ge welcer ein Brief an den Prinz Regenter durch die Haͤnde des Gouverneurs von St. Kelena unver⸗ ſiegelt gehen mußte. Lord Bathurſt ertlärte, die Verfuͤgung laſſe dem Gouverneur keine Macht oder Wahl in Betreff der Ueberſchigung des Brieſes, den er augenblicklich zu befoͤrdern angewieſen ſey. Die Re⸗ gel erfordere blos, daß Sir Hudſon Lowe de halt kenne, dan it, wenn er eine Anklage ſeines Be⸗ tragens enthisite, ſeine Vertheidigung oder Ent⸗ ſchuldigung, London zugleich mit der Anſchulzigung erreichte. Deeß, bemerkte Seine Heerlichkeit, ſey nothwendig, damit keine Zeit verloren gehen mnoͤch⸗ te, einer Beſchwerde abzuhelten, oder einen nichtl⸗ gen und unweſentlichen Aagriff zuruͤckzuweiſen. Er fuͤgte hinzu, daß, wenn irgend ein verſtegelter Brtef von Napoleon an den Prinz Negenten gerichtet waͤr⸗ de, er, Lord Bathurſt, kein Bedenken tragen wuͤr⸗ de, ihn zu oͤffnen, wenn der Gonverneur dieß nicht zuvor gethan haͤtte. Er werde es fuͤr ſeine Pficht halten, ihn augenblicklich an den Ort ſeiner Be⸗ n Ja⸗ 111 ſtimmung zu ſchicken, ſo bald er mit dem Inhalte bekannt ſey; allein da er in ſeinem Devartement faͤr die Handlungen des Souve raͤns verantwortlich ſey, ſo werde er ſich ſtets fuͤr werpflichtet fuͤhlen, ſich zuvor mit der Natur der Mittheilung bekannt zu machen. Drittens beraͤhrte Lord Holland die Unzulaͤng⸗ lichkeit der zum Unterhalte Napolcons angewieſe⸗ nen Summe, und die Schnoͤdigkeit, dieſe Perſon zu nöͤthigen, ihre eigenen Auslagen tragen zu helfen. Nachdem die Miniſter, ſagte Seine Herrlichkeit, ihn in eine Lage verſetzt hatten, in der große Ausgaben uöthig ſind, wandten ſie ſich nach ihm um, und ver⸗ langten, er ſolle ſie großentheils ſelbſt beſtreiten. Lord Bathurſt antwortkete durch die Aufſtellung der Thatſachen, mit denen der Leſer bereits bekannt iſt. Er ſagte, die Summe von 8000 Pfund ſey nach den ſchweren Ausgaven des erſten Jahrs als ange⸗ meſſen feſtgeſetzt, und in Folge der Vorſtellung des Sir Hudſon Lowe, auf 12000 Pfund erhoͤht worden. Dieſes Firuin fagte er, ſey daſſelbe, welches der Gouverneur erhalte, der die Koſten haͤufiger Gaͤſt⸗ mahle zu tragen habe. Es ſcheine der Regierung nicht, daß der Haushalt Napolcons, welcher nach dem, zar einen Geueral⸗Offizier von Auszeichnung paſſenden Fuße unterbalten werden maßſe, mehr ko⸗ ſten köune, els der Haushalt des Sir Hudſon Lo⸗ we, der dielen Rang wirklich behaupte, und die Ko⸗ 112 ſten ſeines Generalſtabs und alle andern obliegen⸗ den Ausgaben beſtreiten muͤſſe. Er gab einige eln⸗ zelne Punkte in Betreff der Lebeusmittel und des Kellers an, aus welchen hervorging, daß, neben der geringeren Weingattung, der Tiſch Napoleons mit zwei Flaſchen taͤglich von den Weinen beſſerer Gattung fuͤr jedes Individuum beſetzt war. Lord Holland ſchloß mit der Behauptung, daß, ohſchon die Koͤnigin Maria nicht anders, als die bitterſte Feindin der Erlauchten Eliſaheth habe be⸗ trachtet werden koͤnnen, doch der groͤßte Flecken in ih⸗ rem Andenken, nicht die ungerechte,(denn un⸗ gerecht ſey ſie nicht geweſen,) ſondern die harte und unedle Behandlung der Marig ſey. Er ſtellre dem Hauſe vor, daß die Nachwelt nicht in Erwaͤ⸗ gung ziehen werde, ob Buonaparte fuͤr ſeine Ver⸗ brechen auf eine gerechte Weiſe beſtraft worden ſey, ſondern ob Großbritannfen auf jene edle Art, die ſich fuͤr ein großes Land gezieme, gehandelt habe. Er trug ſodann darauf an, diejenigen Papiere und Ar⸗ tikel der Korre ſpondenz zwiſchen St. Helena und der bririſchen Reglerung verzulegen, die am geeisnet⸗ ſten ſcheinen, Licht uͤber die perſoͤnliche Vehandlung Napoleons zu verbreiten. 1 Es lſt zu bemerken, daß Lord Holland bei der redlichen und freiſinnigen Art, auf welche er dieſen Fall angab, zu einer ſeinem eigenen Zwecke unguͤn⸗ ſtigen Vergleichung verleitet wurde. Wenn dep zan 6 113 der Marka,(deſſen Gerechtigkeit der Lord zugab, in⸗ dem er die Großmuth deſſelben in Zweifel zog,) dem Falle Napoleons haͤtte gleich ſeyn ſollen, ſo waͤren zwei bemerkenswerthe Umſtaͤnde noͤthig ge⸗ weſen. Erſtens ſtand Maria, weit entfernt, mit der Koͤnigin Eliſabeth in Krieg verwickelt zu ſeyn, anſcheinend auf dem freundſchaftlichſten Fuße mit ihr, als ſie nach England floh; zweitens, gab das brittiſche Miniſterium auf keine Art die Abſicht zu erkennen, Napoleons Gefangenſchaft durch deſſen Enthauptung zu beenden. Lord Darnley, der zugleich mit Lord Holland auf eine Unterſuchung angetragen hatte, betrachtete jetzt die erwaͤhnten Berichte als gaͤnzlich widerlegt durch die offene und geſchickte Darlegung des Lord Bathurſt, und war nicht der Meinung, daß Lord Holland den Antrag weiter verfolgen ſolle. Die Meinung des Marquis von Buckingham war auf die weite Grundlage der Vergehungen Napoleons gegen Europa, und gegen England insbeſondere, ge⸗ gruͤndet. Er war der Meinung, daß jeder Grad von Zwang, der zu Verhutung ſeiner Flucht noͤthig ſey, auferlegt und erzwungen werden muͤſſe. Der ſtrenge und enge Gewahrſam, dem General Buonaparte unterworfen iſt, wurde, ſagte Seine Herrlichkeit, durch keine Beweggruͤnde der Rache, ſondern der Sicherheit veranlaßt. Es war eine Handlung politiſcher Gerechtigkeit, die wit Europa W. Scott's Werke. 1.XV. 8 114 ſchuldig waren, und deren Unterlaſſung! in dieſem oder in jedem andern Staate der ciriliſirten Welt nie vergeſſen werden wärde. Der Antrag des Lord Holland ſcheint nicht un⸗ terſtuͤtzt worden zu ſeyn, und wurde daher ungetheilt verworfen. 3 Es kann nicht bezweitelt werden, daß das Fehl⸗ ſchlagen dieſes Verſuchs in dem brittiſchen Senate einen tiefen Eindruck auf Napoleons Gemuͤth wach⸗ te und jene Krankheitsanlage in dem Wagen, die, wie man argwoͤhnt, damals ſchon vorhanden war, vergroͤßert haben kann. Nichts iſt bekannter, obſchon vielleicht wenige Dinge ſchwieriger genugſam zu er⸗ klaͤren ſind, als die geheimnißvolle Verbindung zwi⸗ ſchen Seelenkummer und der Thaͤtigkeit der Ver⸗ dauungswerkzeuge. Manche Perſonen fallen in hef⸗ tige Krankheiten durch eine große und ploͤtzliche Be⸗ trübniß, und foͤſt Jedermann fuͤhlt im Magen wehr oder weniger, was den Geiſt maͤchtig und ſchmerz⸗ lich angreift. Und hier koͤnnen wir binzufuͤgen, daß Lord Hollands Guͤre und Mitleid fuͤr einen ſo gro⸗ ßen Mann unter ſo ſtrengen⸗ Umſtaͤnden ſich durch verſchiedene zarte Aufmerkſamkeiten von ſeiner ſo⸗ wie ſeiner Frau Seite zu erkennen gab, und daß die Vorraͤthe von Buͤchern und andern Artikeln, die ſie durch das auslaͤndiſche Bureau abſchickten, das die Ueberſendung auf jede Art erleichterte, Napo⸗ leon von Zeit zu Zeit ihres Mitleids verſicherten. 115 Allein obſchon er ihre Aufmerkſamkeiten dankbar em⸗ pfand, ſo nahm doch ſein koͤrperliches und vielleicht geiſtiges Leiden einen Karakter an, der keinen Troſt zuließ. Dieſer ungluͤckliche Zuſtand wurde durch den un⸗ wandelbaren Entſchluß Buonaparte's, ſich den ver⸗ ſchiedenen Verfuͤgungen in Betreff der Bewachung ſeiner Perſon zu widerſetzen, aufrecht erhalten und vergroͤßert. Alles was in dieſer Hinſicht vorfiel, verurſachte einen Kampf gegen die Gewalt des Sir Hudſon Lowe, oder eine neue Anſtrengung, die kaiſerlichen Auszeichnungen, die er als ſeinem Ran⸗ ge gebuͤhrend betrachtete, zu erlangen. Der letzte Punkt ſcheint bis zu einer kindiſchen Thörheit getrieben worden zu ſeyn. Es war z. B. nothwendig, daß Dr. O'Meara dem Gouverneur der Inſel Bericht von dem Zuſtande der Geſundheit des Gefangenen abſtattete, die zu ernſten Beſorgulſſen Anlaß zu geben begann. Napoleon beharrte darauf, daß O'Meara, den er als in ſeinen Dienſten ſte⸗ hend betrachtete, ihm in ſeinem Baͤlletin den Titel Kaiſer geben ſollte. Vergebeus ſtellte ihm der Dok⸗ tor vor, daß die Inſtruktionen der Regierung, ſo wie die Befehle des General⸗Lieutenants ewwe ihm verboͤten, dieſes vervoͤnte Beiwort zu gebrauchen; und nur mit Muͤhe konnte er ihn endlich bereden, das Wort Perſonage oder Patient an die Stelle des beleidigenden Ausdruckes Gezerret Buone⸗ 4 116 parte ſetzen zu laſſen. Haͤtte man dieſen ſinnrei⸗ chen Ausweg nicht getroffen, ſo haͤtte der Regie⸗ rung in Betreff der Geſundheit Napoleons kein Be⸗ richt abgeſtattet werden koͤnnen. Der Arzt Napoleons hatte bis jetzt ein leichtes Amt gehabt. Seine Geſundheit war von Natur gut, und gleich vielen Perſonen, die ſich dieſes unſchaͤtz⸗ baren Vortheils erfreuen, zweifelte der vormalige Kaiſer an der Heilkraft der Arzneien, die er zu ge⸗ brauchen nie noͤthig hatte. Enthaltſamkeit war ſein Hauptmittel gegen Magenleiden, wenn dieſe ihn zu befallen anfiengen, und haͤufig nahm er ſeine Zu⸗ flucht zum Bade, wenn die Schmerzen ſtechender wurden. Er hielt es auch fuͤr dienlich, ſeine Le⸗ bensart zu aͤndern, wenn er ſich unwohl befand. Wenn dieſe ſitzend geweſen war, ſo ritt er anhal⸗ tend und machte ſich ſtarke Bewegung; wenn er im Gegentheil ſich mehr Bewegung als gewoͤhnlich ge⸗ macht hatte, ſo war er gewoͤhnt, einer verlaͤngerten Ruhe zu genießen. Allein neue er Zeit wuͤnſchte er weder zu reiten, noch ſich uͤberhaupt Bewegung zu machen. Um die Zeit des 25. Sept. 1818 ſchien Napo⸗ leons Geſundheit ernſthaft angegriffen; er klagte ſich ſehr uͤber Ekel, ſeine Glieder ſchwollen an und es zeigten ſich noch andere unguͤnſtige Symptome, die ſeinen Arzt bewogen, ihm zu ſagen, daß er ein Temperament habe, das große Thaͤtigkeit erfordere, 117 daß beſtaͤndige Uebung der Seele und des Koͤrpers fuͤr ihn unumgaͤnglich nothwendig ſey, und daß er ohne Bewegung ſeine Geſundheit bald verlieren muͤſſe. Er erklaͤrte auf der Stelle, daß, ſo lange er dem Anrufen der Schildwachen ausgeſetzt ſey, er ſich keine Vewegung machen werde, ſo noͤthig ſie auch ſey. Dr. O'Meara ſchlug vor, die Huͤlfe des Dr. Barter, eines ausgezeichneten Arztes bei dem Generalſtabe des Sir Hudſon Lowe, beizuziehen. „Er kaͤnnte bloß daſſelbe ſagen,“ erwiederte Napo⸗ leon,„was Sie mir geſagt haben, und mir das Reiten im Freien anempfehien; allein ſo lange das gegenwaͤrtige Syſtem dauert, werde ich meine Woh⸗ nung nicht verlaſſen.“ Zu einer andern Zeit druͤckte er denſelben Vorſatz und ſeinen Entſchluß aus, kei⸗ ne Arznei zu nehmen. Dr. O'⸗Meara erwiederte⸗ daß, wenn der Krankheit nicht zur gehoͤrigen Zeit durch Arzneimittel begegnet werde, ſie ein boͤſes Ende nehmen muͤſſe. Seine Antwort war merkwuͤr⸗ dig.„Ich werde wenigſtens den Troſt haben, daß mein Tod ein ewiger Schimpf fuͤr die engliſche Na⸗ tion ſeyn wird, die mich in dieſes Klima ſchickte, um unter den Haͤnden eines*** zu ſterben.“ Der Anir ſtellte ihm von Neuem vor, daß, wenn er kei⸗ ne Arznei naͤhme, er ſeinen Tod beſchleunige.„Was geſchrieben iſt, iſt geſchrleben,“ ſagte Napsleon auf⸗ blickend,„unſere Tage ſind gezaͤhlt.“ Dieſes beklagenswerthe und verzweifelte Betra⸗ 118 gen ſcheint theils Sir Hudſon Lowe zum Trot r.“ in Folge der ſorgloſen, de.,— ſeine Lage einfloͤßte, angenommen worden zu ſeyn, und war vielleicht einigermaßen die Wielnns der Krankheit ſelbſt, die ihn nothwendig koͤrperlichen Bewegungen abgeneist machen mußte. Nappoleon mochte auch hoffen, daß er durch ſeine Drohung, ſei⸗ ner Geſundheit durch die Vernachläͤſſigung koͤrperli⸗ cher Bewegungen zu ſchaden, die Einwilligung des Gouverneurs in einige ſtreitige Punkte werde erlan⸗ gen koͤnnen. Als der Gouverneur ſich erbot, den ihm zu ſeiner Bewegung angewieſenen Raum zu er⸗ weitern, und Dr. O⸗Meara wuͤnſchte, er moͤchte die Erlaubniß benuͤtzen, er wlederte er das Anrufen ver Schildwachen wuͤrde ihn entruͤſten, ud er moͤchte ſich der Laune des Gouverneurs nicht unterwerfen, der heute eine Verguͤnſtigung gei 87 4 morgen wieder zuruͤcknaͤhme. Aus ſolchen Gruͤnden — die am Ende doch ni. ref binaweljofen er als ein Gefangener, und zwar als ein Gefange⸗ ner von großer Wichtigkeit, unter ein Syſtem von Aufſicht und Wachſamkeit geſtellt war, das durch die beſtaͤndigen Intriggen, die man zum Behufe ſeines Entkommens anzettelte nothwendig gemacht wur⸗ de,— vernecdnctete ce zere Trracismaßregeln der koͤrperlichen Bewegung und Arznei, die zur Er⸗ haltung ſeiner Geſundheit noͤthig wee tregen bei ſolchen Gelegenheiten kann kaum ſeines 11¹ gewaltigen Geiſtes wuͤrdig genannt werden; es glich ionwenehmen des eigenſinnigen Kindes das ſich zuehmen, weil man ihm wi⸗ derſproche« hat. i aſeraang des Dr. O'Meara von Napo⸗ leons Perfen die von ihm als eine große Beleidi⸗ gung betrachtet wurde, war der naͤchſte wichtige Vor⸗ fall in der Eigfoͤrmigfeit ſeines Lebens. Es ſcheint ſich aus Ssweisſtellen, die wir fruͤher in dieſem Bande angefuͤhrt haben, zu ergeben, daß Dr. O'Mea⸗ ra eine Zeit lang ein Vertrauter des Sir Hudſon Lowe geweſen war, und den Miniſtern von ihm als eine Perſon empfohlen wurde, durch die er erfahren konnte, was in Navoleons Haushalte vorgieng. Allein im Fortgange der Zeit wurde Dr. O'Meara, der vielleicht mit dem Gefangenen vertrauter wur⸗ de, abgenelgt, die Nachrichten zu hinterbringen, Aneweenäher ſo verſchwenderiſch geweſen war, und ein Streit hatte zwiſchen ihm und Sir Hud⸗ ore Otatt. Wededer Schilberung der Auftrit⸗ te, die zwiſchen ihm und dem Gouverneur vorfielen, haben wir bereits geſagt, daß Dr. O'Meara mit eeinem gewiſſen Grade perſoͤnlicher Feindſeligkeit ſchreibt, der ſeiner eigenen Glaubwuͤrdigkeit nach⸗ theilig iſt. Allein ſeine Abreiſe von St. Helena wurde durch einen waͤrmeren Beweis des Antheils veranlaßt, den er an Napoleons Schickſal nahm, Rai als durch ſeine bloße Weigerung, Sir Hudſon Löwe 120 das zu hinterbringen, was in Longwood geſagt wurde. Dr. O'Meara ſcheint nicht blos Napoleons Par⸗ tei bei deſſen Streitigkeiten mit dem Gouverneur ergriffen, ſondern auch eine geheime Korreſpondenz mit einem Herrn Holmes, dem Agenten des Exkai⸗ ſers in London, befoͤrdert zu haben. Dieß ſcheint durch einen von dem Agenten empfangenen Brief, der ſich auf bedeutende Gelduͤbermachungen nach St. Helena durch die Nachſicht des Arztes bezleht, klar erwieſen worden zu ſeyn*). Auf dieſen Ver⸗ dacht hin wurde Dr. O'Meara durch Befehl des Gouverneurs aus Napoleons Umgebung entfernt und nach England zuruͤckgeſchickt. Napoleon hatte ſeinen aͤrztlichen Vorſchriften nie gehorcht, und doch be⸗ klagte er ſich bitter, als er aus ſeinem Haushalte zuruͤckgerufen wurde, und aͤußerte ſeinen Glauben, der Umſtand, daß man ihn ſeines Arztes beraube, ſey ein unverhohlener und kuͤhner Schritt in dem zu ſeiner Ermordung erſonnenen Plane. Es iſt je⸗ doch wahrſcheinlich, daß er Dr. O'Meara's geheime Dienſte ſtaͤrker vermißte, als die ſeines Berufes. Sir Hudſon Lowe bot von Neuem den Beklſtand ) Dieſer Brief iſt in dem Quarterly Review(vol. 28. p. 224 to p. 226) vollſtändig mitgetheilt. Er wurde nach Dr. O⸗Mea⸗ ra's Entlaſſung empfangen, die daher durch den bloßen Verdacht deſſen, was ſich nachher eribjss, veranlaßt wor⸗ den ſeyn mußte, 121 des Dr. Baxter an; allein dieß wurde in Longwood als eine neue Beleidigung ausgelegt. Es wurde ſo⸗ gar als ein verdaͤchtiges Anerbieten betrachtet. Der Gouverneur ſuchte, ſagte man, dem Kaiſer ſeinen Leibarzt aufzudringen, ohne Zweifel, damit er ſein Leben beſſer in ſeiner Gewalt haben moͤchte. Auf der andern Seite wuͤnſchten die brittiſchen Miniſter ſehnlichſt, daß alles gethan wuͤrde, was in dieſem Punkte Klagen verhuͤten koͤnnte.„Sie koͤnnen die Wuͤnſche Sr. Majeſtaͤt nicht beſſer erfuͤllen,“ ſagt eine der Depeſchen des Lord Bathurſt au den Gou⸗ verneur,„als dadurch, daß Sie jede Maßregel er⸗ greifen, die Sie fuͤr geeignet halten, jedem gerech⸗ ten Mißvergnuͤgen von Seiten des Generals Buona⸗ parte, hiuſichtlich jeder wahren oder vermeinten Un⸗ zulaͤnglichkeit der aͤrztlichen Huͤlfe, vorzubeugen. Dr. Stockoe, Wundarzt an Bord des Eroberers⸗ wurde zunaͤchſt nach Longwood geruſen. Allein es entſpannen ſich Streitigkeiten zwiſchen ihm und dem Gouverneur, und nach wenigen Beſuchen wurde er ſeines Dienſtes bei Napoleon wieder entlaſſen. Nach dieſem Zeitpunkte druͤckte der Gefangene ſeinen Entſchluß aus, keinem engliſchen Arzte zu erlauben, ihn zu beſuchen, ſo gefaͤhrlich auch ſein Zuſtand ſeyn wuͤrde. In Folge deſſen ſchickte man eine Commiſſion nach Italien, um einen Arzt von Ruf in einem der Seminarien dieſes Landes zu er⸗ halten. Zu gleicher Zeit druͤckte Napoleon ein Ver⸗ 122² lan er nach der Geſellſchaft eines katholiſchen Prie⸗ ſters aus. Der Vorſchlag dazu gelangte durch ſei⸗ nen Oheim, Kardinal Feſch, an die paͤbſtliche Regie⸗ rung und erhielt ſchaell die Genehmtgung des brit⸗ 5 Es moͤchte ſcheinen, Se. Hei⸗ ligkeit habe dieſe Miſſion gewiſſermaßen jenen aͤhn⸗ lich geglaubt, die in fremde und unglaͤubige Lander geſchickt werden; denn ſtatt Eines Geiſtlichen wur⸗ den zwei nach St. Helena geſchickt. 5 Der aͤlteſte Prieſter, Pater Bonavita, war ein aͤltlicher Mann, den ſeiner Lebensperiode eigenen Schwaͤchen unterworfen und durch einen Aufenthalt von 2 Jahren in Merxlko entkraͤſtet. Seine Spra⸗ che war durch einen Schlag einigermaßen gelaͤhmt. Der Grund, warum er zu em Amte, dem er ſich ⸗ jetzt unterzog gewaͤhlt wurde, war der Umſtand, daß der Pater Beichtiger der Mutter Napoleons gewe⸗ tiekon Win: Namen Wignali. Beide waren fromme, gute Maͤn⸗ ner, und ohne Zweiſel geeignet, Napoleon den Troſt zu gewaͤhren, welchen ihre Kirche denjenigen dar⸗ reicht, welche ihre Lehrſaͤtze anerkennen; weniger aber, Irrende zuruͤckzurufen, oder diejenigen zu beſtaͤrken, welche an den Lehren der Kirche zweifeln moͤchten. Allein Beweisgruͤnde oder Glaubensſtreite wa⸗ ren anuoͤthig. Nayoleon batte ſeluen Entſchluß, in dem Glanben ſeiner Vaͤter zu ſterben, erklaͤrt. Er ſen war. Sein Gefaͤhrte war ein junger Abbe, mit ſey weder ein Unglaͤubiger, ſagte er, noch ein Philo⸗ 123— ſoph. Wenn wir zweifeln, ob eine Perſon⸗ dle ſich gegen den Pabſt auf eine Art, wie ſie Napoleons Geſchichte erwaͤhnt, betragen hatte, vnd die einmal in den Kirchenbann gethan geweſen war(wenn der ann je aufgehoben wurde), in feinen bülßrmeenen Bekenntniſſen des Kathd licismus aufrichtig ſeyn koan⸗ te, ſo muͤſſen wir den Verbannten wenigſtens von der Anklage eines uͤberlegten Atheismus freiſprechen. Bei verſchiedenen Gekegenheiten druͤckte er mit Ge⸗ fuͤhlen tiefer Froͤmmigkeit ſeine Ueberzeugung von dem Daſeyn der Gottheit aus,— der großen Wahr⸗ heit, uf welcher das ganze religioͤſe Syſtem beruht; und dieß zu einer Zeit, in welcher die abſcheulichen Lehren des Atheismus und Materialismus in ganz Frankreich allgemein gangbar waren. Unmittelbar nach ſeiner Erhebung zu der Wuͤrde eines erſten Konſuls war er auf die Wiederherſtellung der Relt⸗ gion bedacht, und ſprach ſich in einer Miſchung von Gefuͤhl und Polktik gegen den damaligen Staatsrath Thibaudeau, uͤber dieſen Gegenſtand aus. Nachdem er lange die Syſteme der neuern Philoſophen uͤber verſchiedene Arten von Gottesverehrung, uͤber Deis⸗ mus, natuͤrliche Religion u. ſ. w. beſtritten hatte, fuhr er fort:„Letzten Sonntag Abend gieng ich in der allgemeinen Stille der Natur, in dieſen Umge⸗ bungen(von Malmaiſon) ſpazieren. Der Klang der Thurmglocke von Ruel traf mein Ohr und erneuerte alle Eindruͤcke meiner Jugend. Ich war tief ergrif⸗ 124 fen; ſo groß! iſt die Macht fruͤherer Gewohnheiten und Ideenverbindungen; und ich dachte, wenn die⸗ ſes der Fall bei mir war, welche Wirkung muͤſſen nicht ſolche Erinnerungen auf den einfaͤltigern und leichtglaͤubigern Poͤbel hervorbringen? Laßt eure Phi⸗ loſophen dieß beantworten. Das Volk muß eine Re⸗ ligion haben.“ Er ſetzte hierauf die Bedingungen Nauseinander, nach welchen er mit dem Pabſte unter⸗ handeln wolle, und fuͤgte hinzu:„Man wird ſagen, ich ſey ein Papiſt;— ich bin kein ſolches Ding. Ich war Mahomedaner in Aegypten,— und werde hier zum Beſten des Volkes Katholik ſeyn. Ich glaube nicht an religloͤſe Formen, wohl aber an das Daſeyn eines Gottes!“ Er ſtreckte ſeine Haͤnde gen Him⸗ mel aus und rief:„Wer iſt es, der Alles uͤber und um uns erſchaffen hat?*). Dieſe erhabene Stelle beweist, daß Napoleon(ungluͤcklich dadurch, daß er noch nicht weiter in das Heiligthum der chriſt⸗ lichen Religion eingedrungen war) endlich die Schwelle des Tempels uͤberſchritten hatte, und den großen Vater des Weltalls glaubte und verehrte. Die Miſſionaͤre wurden in St. Helena höflich aufgenommen und der uͤbliche Gottesdlenſt der ka⸗ tholiſchen Kirche in Longwood gelegenheitlich gehal⸗ ten. Allein die Geiſtlichen waren ruhige, unzudring⸗ liche Perſonen, die ſich, auf ihre religloͤſen Pflichten *) Denkwürdigkeiten über das Konſulat 1799 und 1804. 12⁵ beſchraͤnkten, und weder die Faͤhigkeiten, noch den thaͤtigen und raͤnkeſuͤchtigen Geiſt, den die Proteſtan⸗ ten der katholiſchen Prieſterſchaft beizulegen geneigt ſind, zeigten. Daſſelbe Schiff, welches zu St. Helena den 18. September 1810 mit dieſen Seelenaͤrzten ankam, brachte den Dr. F. Antomarchi mit, den anatomiſchen Proſektor(d. i. Gehuͤlfen eines Profeſſors der Ana⸗ tomie) bei dem Spital von Saint Marie Neuve in Florenz, der an die Stelle treten ſollte, welche Dr. O'Meara, und nach ihm Dr. Stokoe proviſoriſch, bei dem Gefangenen bekleidet hatten. Er behielt dieſes Amt bis zu Napoleons Tode, und ſein Bericht von ſeinen letzten Augenblicken, ein Werk von zwei Baͤn⸗ den, iſt, obgleich es weit weniger Scharfſinn verraͤth und minder anziehend iſt, als das des Las Caſes oder des Dr. O'Meara, doch nuͤtzlich und unterhal⸗ tend, in ſo fern es ſich auf die letzten Tage eines ſo außerordentlichen Mannes bezieht. Dr. Antomar⸗ chi ſcheint bei Napoleon beliebt geweſen zu ſeyn, um ſo mehr, als er aus Korſika gebuͤrtig war. Er brachte auch Nachrichten von ſeiner Familte mit. Die Prin⸗ zeſſin Pauline Borgheſe hatte ſich erboten, ihn zu beſuchen.„Laßt ſie bleiben, wo ſie iſt,“ ſagte Na⸗ poleon,„ich moͤchte nicht, daß ſie Zeuge des entwuͤr⸗ digenden Zuſtandes wuͤrde, in den ich verſetzt bin, ſo wie der Befchimpfungen, denen lch mich ausgeſetzt ſehe.. 4 3 126 Es iſt unnoͤthig dieſe angeblichen Beſchimpfun⸗ gen wieder zu beruͤhren. Sie beſtanden in den Vor⸗ ſichtsmaßregeln, welche Sir Hudſon Lowe zur Si⸗⸗ cherheit ſeines Gefangenen zu ergreifen ſich ver⸗ pflichtet fühlte, und deren Hauptpunkte die waren, daß ein brittiſcher Offizier ſich regelmaͤßig von ſeiner . Anweſenheit in Longwood verſichern, und ein Offi⸗ zier, der nicht unter dem Range eines Kapitaͤus ſeyn durfte, ih bei den Streifzuͤgen, die er durch die Inſel machen wolle, begleiten muste. In die⸗ ſen Beziehungen hatte ſich Napoleon zu einem paſ⸗ ſiven Widerſtande entſchloſſen, und wie wir geſehen haben, bereits ſeinen Entſchluß ausgedruͤckt, ſich keine Bewegung zu machen, ſo nothwendig ſie auch fuͤr ſeine Geſundyeit ſeyn moͤchte, ſo lange die Ver⸗ fuͤgungen in Betreff ſeiner Verwahrung nicht gaͤnz⸗ lich aufgehoben, oder nach ſeinem Belieben gemil⸗ dert wuͤrden. Dieß war ein Argument ad miseri- cordiam, das ven Gouverneur ſehr beunruhigt und angefochten haben muß, da er, wenn ſein Gefange⸗ ner ſeine Geſundheit— wenn auch durch ſeine ei⸗ gene Hartnaͤckigkeit— verlor, nicht erwarten konn⸗ te, daß ſein Betragen der Ruͤge entgehen wuͤrde, Allein wenn er dieſer Art von Zwangsgrund nach⸗ gab, ſo konnte er bis zu einem Umfange ausgedeynt werden, der mit der ſichern Bewachung des Gefan⸗ genen ganz unvertraͤglich war. Seine Wechſamkeit wurde auch durch beſtaͤndige Betichte von Planen zu 12²7— Befreiung Napoleons geſchaͤrft; und die Geldſum⸗ men, welche ihm und ſeiner Familie zu Gebore ſtanden, machten es gefaͤhrlich, auf die natuͤrliche Sicherheit der Inſel zu vertrauen. Es iſt auch be⸗ merkenswerth, daß Napoleon, waͤ hrend er die Ve⸗ fretung von den Beſchraͤnkungen, uͤber die er ſich beklagte, als ein Recht verlangte, nie Verwilligun⸗ gen von ſeiner Seite durch das Anerbieten ſeines Wortes oder auf andere Art vorſchlug, die jene Be⸗ ſchraͤnkungen,, welche er aufgehoben wiſſen wollte, durch eine ſittliche Buͤrgſchaft einigermaßen hatte erſetzen koͤnnen. Um ſich gleichwohl in einem gewiſ⸗ ſen Grade nach der Hartnaͤckigkeit ſeines Gefangenen zu bequemen, gab Sir Hupſon Lowe zu, daß der britti⸗ ſche Ofſizier, deſſen Pflicht es war, uͤber die Ge⸗ geywart Napoleons zu Longwood Bericht abzuſtatten, bloß gehalten ſeyn ſollte, ſich durch ſolche mittel⸗ bare Gelegenheiten, welche ihm Buonayartes Spa⸗ zierengehen in dem Garten oder ſein Erſcheinen aim Fenſter darbieten mochten, von derſelben zu uͤber⸗ zeugen, und in ſolchen Faͤllen war ihm befohlen ſeine Perſon verborgen zu halten. Auf dieſe Art vergiengen Tage, ohne daß ein regelmaͤßiger Bericht uͤber dieſen hoͤchſt wichtigen Punkt abgeſtattet wur⸗ de, wofur Sir Hudſon Lowe im hoͤchſten Grade ver⸗ antwortlich geweſen ſeyn wuͤrde, weun eine Flucht bewerkſtelligt worden waͤre. In Dr. Antomarchi's Werk kann der Leſer Beiſplele von den beſoukern und hoͤchſt unzarten Gelegenheiten finden, die ſeine Begleiter benutzten, um zwiſchen der Noth⸗ wendigkeit der Vollziehung dieſer Mahregel des Fal⸗ les und der Hartnaͤckigkeit Napoleons einen Ausweg zu treffen, ſeine Perſon ſichtbar zu machen, ohne daß er es wußte.