= — 4 5 3 1 Enhranhahrhchagaünhan ATTTArTArhrarhahnacrr AEArTananacrn LhT’ *—„ 7* 1 Leihbibliothek 6 von 1 9 Ednard Ottmann in Gießen. 5 Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. H 81 5„„ franz. od. engl.„ 2„ 1 8 Das Abonnement beträgt: 8 1 8 für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Büccher: 1 ( auf Monat. 3f. 30 Kt. 57. Rr. 17 15 Kr. „„. 1 30„ 1„ 12.„.1 j 1„,——„ 36„„ 21„—„ 18„ Walter Scott's ſämmtliche Wer ke. Neu überſetzt.. 1 Hundert und vierundſiebenzigſtes Bändchen. Neue Folge. Vierundzwanzigſtes Bändchen. oooe6600o— Walter Scott's Leben. 4 ———— Stuttgart, Fr. Brodhag'ſche Buchhandlung. 1 8 3 3. 3 Wenn ein Menſch durch den ungeheuern Um⸗ fang ſeiner Studien und ſeiner Kenntniſſe in den verſchiedenſten Zweigen der Wiſſenſchaft, nach⸗ dem er durch ſeine ſchriftſtelleriſchen Leiſtungen kaum bekannt geworden, auch ſchnell die Be⸗ wunderung ſeines Zeitalters ſich erwarb;— wenn ein Dichter durch die raſche Aufeinander⸗ folge berühmter Werke, die wahrhaft verſchwen⸗ deriſch aus ſeiner Feder floßen und in ihrer Art kaum etwas Aehnliches ſich je vorangehen ſahen, ſeinen Namen in weniger als zwei De⸗ cennien durch alle Theile der Erde trug;— wenn ein Schriftſteller durch ſeine ausgedehnte Eorreſpondenz mit den berühmteſten Literaten Europa's nicht nur vertraut, ſondern auch auf's Innigſte von Ihnen hochgeachtet wurde, und dadurch den Beweis lieferte, daß er im Beſitze ebenſo höchſt ſeltenen Reichthums des Geiſtes, für Jahrhunderte unerſetzlich iſt; denn die Na⸗ als hoher menſchlicher Tugenden ſey;— wenn endlich ſein dreißigjähriges Autorleben Schöpfun⸗ gen hervorrief, die beinahe unmittelbar nach ihrem Erſcheinen in alle Sprachen der civiliſtr⸗ ten Welt übertragen wurden, und fortwährend den Leſern das höchſte Vergnügen gewähren: ſo iſt ein ſolcher ſeltener Gelehrter, ein ſolcher, wir möchten ſagen„Univerſal⸗Dichter und Schrift⸗ ſteller,k⸗— ſo iſt Walter Scott, denn wer möchte ihn in dieſen Beziehungen verkennen!? — gewiß eines unvergänglichen Ruhmes, eines ſtets gefeierten Andenkens würdig!— 4 Der große Dichter wandelt ſeit wenig Mon⸗ den nicht mehr unter uns; der weite Kreis ſei⸗ nes zauberähnlichen ſchriftſtelleriſchen Wirkens hat ſich für immer geſchloſſen und wohl wird kein anderes irdiſches Talent ſo bald in die Laufbahn ſeines Ruhmes treten! Schmerzlich fühlbar iſt daher der Verluſt eines ſolchen Men⸗ ſchenlebens; tief betrübend die Vergänglichkeit eines ſolchen Geiſtes; ja um ſo größer dieſer Verluſt für die Wiſſenſchaft, als er vielleicht — 7— tur hat ſtets mit Schöpfungen ſolcher Art ge⸗ geizt! 3 Walter Scott's Hülle iſt dem Staube ver⸗ fallen; aber ſein Andenken wird fortleben für alle Zeiten und ſelbſt an dieſes Andenken des berühmten Todten, an die Darlegung der Ent⸗ ſtehung und nähern Beleuchtung ſeiner Schrif⸗ ten, die ſowohl in der Geſchichte Englands und Schottlands, als in der ſchoͤnen Literatur über⸗ haupt Epoche gemacht haben, wird ſtets derſelbe hohe Reiz, ein Genuß ſich knüpfen, wie ihn ſeine dichteriſche Schöpfungen erzeugten; und wie Alles ungewöhnliches Intereſſe erregt, was von dem Zauber dieſes Namens berührt iſt!— Möge darum unſer Verſuch— das Leben des großen Minſtrels des Nordens in ſſfizzirten Umriſſen und eine Ueberſicht ſeiner ſchriftſtelleri⸗ ſchen Leiſtungen und ihrer Würdigung zu lie⸗ fern,— ſo glücklich ſeyn, bei den zahlreichen deutſchen Bewunderern des unſterblichen ſchotti⸗ ſchen Dichters gleiche Theilnahme ſich zu erwer⸗ ben, welche Allan Cunninghams Biogra⸗ phie deſſelben in Albion ſich errang!— Walter — 8— Scott ſtammte nicht aus niederem Stande. Von väterlicher Seite war er mit vornehmen Familien, unter andern mit der des Herzogs von Buccleuch, und durch ſeine Mutter, Eli⸗ ſabetha Rutherford mit dem Hauſe Swin⸗ ton, hochberühmt in den ſchottiſchen Kriegen, verwandt. Sein Vater, ein Rechtsgelehrter war ein wackerer, fleißiger Mann, ein würdiger Bür⸗ ger, tüchtig in ſeinem Fache, jedoch ſonſt nicht durch glänzende Eigenſchaften ausgezeichnet. Seine Mutter beſaß dagegen den Ruf einer hochgebildeten Frau. Sie war vollkommen fähig, nicht nur eine durch die Zukunft ſo glänzend gerechtfertigte geiſtige Einwirkung auf ihren Sohn hervorzubringen, ſondern auch im Stande derſelben fortwährend die gedeihlichſte Nahrung zu geben. Man will behaupten, ſie ſey ſelbſt Dichterin geweſen und Allan Ramſey, Beattie und Burns hätten in der freund⸗ ſchaftlichſten Verbindung mit ihr geſtanden; es wird aber aus manchen andern Betrachtun⸗ gen wahrſcheinlicher, daß dieſe Angaben irrig ſind, und ſich mit mehr Richtigkeit auf eine andere Dame gleichen Namens beziehen dürf⸗ ten. Dieß ſey indeſſen, wie es wolle, ſo iſt ſo viel gewiß, daß des jungen Walters künftiger Ruhm der weiſen und geiſtreichen Leitung ſei⸗ ner Mutter ſehr viel zu verdanken hatte⸗ Walter Scott wurde den 15. Auguſt 1771 zu Edinburg geboren. Kaum zwei Jahre alt, that er einen ſehr unglücklichen Fall, in deſſen Folge er für ſein ganzes Leben am rechten Fuße hinkend blieb. Dieß traurige Ereigniß gefährdete indeſſen ſeine übrige Geſundheit nicht; ſeine Jugend war und blieb voll Feuer und Lebendigkeit, und in der Vorrede des Mar⸗ mion nennt er ſich ſelbſt:„ein wildes Kind, einen kleinen Teufel.“— Stets war er der Anführer ſeiner Schulgefährten und der Knaben ſeiner ganzen Nachbarſchaft und bewies früh⸗ zeitig ſchon jenen unternehmenden und ausdauern⸗ den Charakter, der ihn ſpäter fähig machte, jedes, ſeinen Neigungen in den Weg gelegte Hinder⸗ niß, zu verachten und glücklich zu beſiegen. In den erſten Anfangsgründen des Wiſſens unterrichtete ihn ſeine Mutter ſelbſt; ſpäterhin 40 übergab ſie ihn der Unterweiſung eines gewiſſen Dr. Adam. Dieſer fand ſein Talent nicht nur nicht ausgezeichnet, ſondern zaͤhlte ihn vielmehr unter ſeine ganz mittelmäßigen Schüler; ja er hielt ihn lange für einen ſehr beſchränkten Kopf, der für nichts Anlage verrathe, als für das Landſchaftszeichnen nach der Natur. Burns war wohl der Einzige, welcher von dem Knaben eine beſſere Meinung hatte, ja ſo⸗ gar vorher ſah, was einſt aus demſelben wer⸗ den dürfte. Dieſer berühmte Dichter war eines Tages bei dem Profeſſor Ferguſſon zum Beſuche und traf auch den jungen Scott da⸗ ſelbſt. An derſelben Stelle des Tiſches, wo Burus zufällig ſaß, waren an den Rand einige Verſe geſchrieben, deren Werth den Dichter überraſchte.„Wer hat dieſe Zeilen geſchrieben?“ fragte Burns erſtaunt, aber Niemand wußte darüber Auskunft zu geben. Endlich brach der junge Walter das Schweigen, und ſagte ver⸗ legen:„Sie ſind— von mir!« Da richtete der Dichter ſeine großen feurigen Augen lange und feſt auf den Knaben, und ſprach zu der — 11— Geſellſchaft:„Gebt Acht, Freunde! von dem Jungen da werden wir in unſerem Alter noch reden hören!“— Wer Schottland kennt, wird ſich keineswegs wundern, daß in dem jungen Scott ſich ſchon ſo frühzeitig die leidenſchaftliche Vorliebe für Dichtungen und Romane ausſprach. Der Land⸗ ſtrich ſeiner Heimath iſt vorzugsweiſe reich an alten anziehenden Volksſagen und wundervollen Liedern; jeder Stein einer Ruine erinnert dort an merkwürdige Thaten, jedes Flüßchen hat ſeine Ballade, jede Spanne Landes beinahe ihre eigene Legende. Darum beſtand auch des jungen Walter's größtes Vergnügen ſchon in der Schule darin, ſeinen Mitſchülern Feen⸗ Mährchen und Geiſtergeſchichten zu erzählen, ſtatt ſeine Aufgaben zu fertigen, und ihr Bei⸗ fall entſchädigte ihn hinlaͤnglich, wenn er ſich dadurch Strafe zugezogen hatte.— Mit glei⸗ cher Vorliebe für die Magie und alles Ueber⸗ natürliche trat Scott im Jahre 1783, der eilfte im Range ſeiner Klaſſe aus der Schule und bezog die Univerſität zu Edinburg. — 12— Jetzt widmete er ſich mit überraſchendem Fleiße ernſteren Beſchäftigungen, und bald dar⸗ auf ſchien er ſeine romantiſchen Geiſtes⸗Aus⸗ ſchweifungen, ſeine Leidenſchaft für Spuck und Wundergeſchichten ſchon ganz beſiegt zu haben, da warf ihn eine langwierige Krankheit nieder, während welcher ihm der Arzt jedes angreifende Studium und alles Sprechen ſtreng unterſagte. Nun war Lektüre ſeine einzige Zerſtreuung. Was die Leihbibliotheken Edinburgs nur immer an Romanen, Komödien, Geſchichten, und wa⸗ ren ſie auch noch ſo alt, beſaßen, verſchlang ſein darnach aufs Neue dürſtender Geiſt mit Entzücken; das Geleſene verſchmolz ſich unwill⸗ kührlich mit den Sagen ſeiner Heimath, und ſo entſtand in ſeiner Phantaſie der reiche Vorrath von romantiſchen Materialien, endlich aus die⸗ ſen die herrliche Sammlung von Dichtungen, worin er alle ſeine Vorgänger weit übertraf.— Als indeſſen Scott wieder ganz geneſen war, kehrte er auch wieder mit dem treueſten unermüdetſten Eifer zu ſeinen Studien zurück und der Fleiß, womit er ſich dieſen widmete, — 13— war wahrhaft bewunderungswürdig, ja es ſchien, als beſchäftigten die Geheimniſſe der Themis ausſchließlich ſeinen Geiſt, und als hätten die Muſen den Ungetreuen gänzlich verlaſſen. Im Jahre 1792 wurde er, 21 Jahre alt, als Anwalt bei den ſchottiſchen Gerichtshöfen aufgenommen. Er erfüllte die Pflichten ſeines Standes mit aller Gewiſſenhaftigkeit und der regeſten Thätigkeit. Aber, obgleich mit einem fließenden und angenehmen Vortrage begabt, konnte er ſich doch nie mit den Spitzfindigkei⸗ ten und Ränken des Prozeſſes ganz vertraut machen, und ſo kam es oft, daß er, in ſeine poetiſche Welt vertieft, der er nur ſcheinbar entſagte, ſich in die proſaiſche Wirklichkeit um ſo weniger zu finden vermochte. Nichtsdeſto⸗ weniger machte er durch mehr als eine Ver⸗ theidigungsrede vor Gericht den tiefſten Ein⸗ druck auf ſeine Zuhörer, und als er einſt die Sache eines unglücklichen alten Mannes zu vertreten hatte, entwickelte er eine ſolche glän⸗ zende Beredtſamkeit, daß die Anweſenden un⸗ willkührlich in den Ausruf der Bewunderung und des lauteſten Beifalls ausbrachen. Der Angeſchuldigte wurde vollkommen freigeſprochen, unnd heute noch erinnern ſich diejenigen, die da⸗ mals das Glück hatten, ihn zu hören, der leb⸗ haften Aufregung, die Walter Scott bei ihnen hervorgebracht hatte.— Um ſein Leben mehr zu regeln, und ſeiner Thaäͤtigkeit wie ſeinen Arbeiten auch einen Zweck für ſich ſelbſt zu geben, verehlichte er ſich im Jahre 1798 mit Miß Carpenter und kaufte ſich zu Edinburg ein Haus. Seine Gattin, eine höchſt liebenswürdige Dame, brachte ihm einiges Vermögen zu und gebar ihm àA Kinder. Im Jahre 1799 gelang es dem Einfluſſe ſeiner Familie, daß Scott zum Sherif der Graf⸗ ſchaft Selkirk mit einem Gehalte von 300 Pfund Sterling ernannt wurde. Seine Ge⸗ ſchicklichkeit, dieſes Amt zu verſehen, wurde auf verſchiedene Weiſe beſprochen; ſo viel iſt in⸗ deſſen gewiß, daß er einen bewunderungswür⸗ digen Scharfſinn, ja die größte Schlauheit zeigte, wenn es darauf ankam, Angeſchuldigte und Zeugen auszuforſchen und das Wahre von — 15— dem Falſchen in ihren Angaben auszuſcheiden. Höchſt charakteriſirend wurde die Wahrnehmung, daß der ſonſt ſo ſtreng gerechte Mann— für Wildſchützen und Schmuggler Parteilichkeit zeige!— Den innigeren Freunden Walter Scott's war es ſchon lange kein Geheimniß mehr, daß ihn die Jurisprudenz nicht allein beſchäftige, und daß ſein ſcheinbarer Vorſatz, ſich der Laufbahn der Rechte ausſchließlich zu weihen nur Maske ſey, um das Vertrauen ſei⸗ ner Klienten ſich dadurch zu bewahren. Oft hatten dieſe Freunde ihn Morgens und Abends über der Lieblingsbeſchäftigung ſeiner Phantaſie überraſcht, und ſelbſt während des Tages, wenn ſie ihn in die Myſterien der Rechtsgelehrſam⸗ keit tief verſunken wähnten, entdeckte ihnen oft eine bei ſeinen Akten liegende Skizze einer Er⸗ zaͤhlung, oder eines Gedichtes, daß ſein Geiſt in ganz anderen Regionen weile. Niemand beſaß ſein volles Vertrauen ſo ſehr, als William Erskine, und dieſer gab ſich auch alle Muͤhe, die poetiſchen Schöpfungen ſeines Freundes auf der Bahn des Klaſſiſchen zu erhalten. Aber Walter Scott liebte zu ſehr ſeine geiſtige Unabhängigkeit und entgeg⸗ 88 nete ihm gewöhnlich:„O laß doch das wilde Füllen auf wilder Weide gedeihen!?— In⸗ deſſen gab er doch das Erſte, was von ihm 1797 gedruckt erſchien, zwei Nachbildungen deutſcher Romanzen, unter dem Titet:„The 4 Chace“ und»William and Heller“(nach Bürgers:»Leonore⸗) nur mit Erskine's Gutachten und Zuſtimmung aus der Hand. Drei Jahre ſpäter folgte eine Ueberſetzung von Göthe’s:„Götz von Berlichingen“— und dieſer einige treffliche Balladen in den Wun⸗ dergeſchichten(,Tales of Wonderö von Lewis, 3. B.„The Ewe of St. John« und„Glenfi- las!“— 3 Das erſte größere Werk, welches den Grund zu ſeinem Ruhme legte, war eine Sammlung „»Balladen von Schottland's Landgränze,“(„The Minstrelsy of the Scottisch border“ in einer prachtvollen Ausgabe von drei Bänden. Die geiſtreichen und belehrenden Anmerkungen, wo⸗ mit Walter Scott dieſe Sammlung ſchmückte, — — 417— dünken uns indeſſen anziehender, als die Bal⸗ laden ſelbſt. Dieſes Werk erregte bei ſeinem Erſcheinen (1802) ſogleich großes Aufſehen, aber wohl nur der Alterthumsforſcher vom Fache bemerkte die Freiheiten, welche ſich der Herausgeber durch die würdigere Geſtaltung der rauhen und ent⸗ ſtellten Geſaͤnge ſeiner kriegeriſchen Vorfahren mit den Originalen erlaubt hatte. Walter Scott war leidenſchaftlicher Freund der Sa⸗ gen ſeines Vaterlandes, aber auch zu harmo⸗ niſcher Dichter, als daß er es hätte über ſich gewinnen können, dieſe Geſänge der alten ſchottiſchen Barden, die noch überdieß von un⸗ wiſſenden Copiſten auf's Grauſamſte verfaͤlſcht waren in dieſem verſtümmelten Zuſtande und in ungeregelten Reimen aus der Hand zu laſſen. Mit Recht kann dieſes vortreffliche Werk als ein ſchottiſches National⸗Denkmal betrach⸗ tet werden, das zu der Dankbarkeit des Vater⸗ landes des großen Dichters, welche daſſelbe ihm ſtets bewies, eine der verdienteſten Veran⸗ laſſungen gegeben hat.— W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1748 Boͤchn. 2 — 18— Um dieſe Balladen zu ſammeln, machte Walter Scott unermüdete und beinahe roman⸗ hafte Wanderungen und Nachforſchungen, er beſuchte die einſamſten Thäler, die abgelegenſten Schäferhüͤtten und hielt ſich vorzüglich an das höhere Alter, dem er ganz beſonders huldigte, dafür aber auch das Vergnügen hatte, zu ſehen, wie aus dieſen lebendigen Chroniken ſich ſeine Sammlung täͤglich mehr bereicherte.— Das geringſte auf dieſe Weiſe erhaltene Fragment eines Liedes oder einer Sage war ihm will⸗ kommen. Gewiß beweißt auch die Art und Weiſe dieſer Sammlung literariſcher Bruch⸗ ſtücke, dieſer Ruinen der uralten Poeſie ſeines Vaterlandes eine ebenſo große Kenntniß des menſchlichen Herzens, die Walter Scott beſaß, als feſte Ausdauer in Verfolgung ſeiner Zwecke und ſeltene Geduld. Beſonders charakteriſirend iſt der Zug, den Laidlaw aus dieſer Zeit von ihm erzählt. Er begleitete Walter Scott gewöhnlich bei ſeinen Wanderungen und kam mit ihm einſt zu einem Schaͤfer Namens Hoggs. In der Hütte deſſelben verweilten — 10— ſie über eine Stunde und die alte Mutter des Schäfers mußte Scott unter andern auch die Ballade von Old Maitland ſingen, die ihn, ſo oft er ſie hörte, jedesmal gleichſam begei⸗ ſterte. Als er den Schäfer verließ, bat er ihn um die Beſorgung von Abſchriften der geſun⸗ genen Lieder. Schon war die Sammlung der Balladen einige Zeit gedruckt, da wurde Scott plötzlich ungewiß, ob die von Hoggs er⸗ haltene Abſchrift des Liedes von Old Mait⸗ land mit dem Geſange der alten Mutter auch wirklich gleichlautend ſey. Sich darüber voll⸗ kommen aufzuklären, durchwanderte er an Laid⸗ law's Seite auf's Neue die Gefilde von Ett⸗ rick und kam auch in Hoggs Hütte noch einmal zurück, woſelbſt die alte Frau das Lied wieder⸗ holt ſingen mußte. Einerſeits befriedigt da⸗ durch, daß jede Bedenklichkeit über die Aecht⸗ heit ſeiner Copie verſchwunden war, fragte er nun die Matrone mit einer gewiſſen Angſt, ob ſie wohl glaube, daß dieſe Ballade ſchon früher ggedruckt worden ſey?—„Nein, mein Herr, aantwortete ſie, das iſt ſicherlich nie geſchehen, 2 8 — 20— denn meine Brüder haben ſie von dem alten Andreas Moor gelernt und dieſer von der alten Babie Maitland ſelbſt, welche in Dienſten des Lairds von Tuſchielan war!“— „Dann, entgegnete Scott, mit leuchtenden Augen, dann iſt die Geſchichte ſehr alt?!«— „Ja wohl eine alte Geſchichte, erwiederte die Greiſin, das glaub' ich,— und ſeyd verſichert, daß weder ſie, noch ein anderes von meinen Liedern bisher gedruckt worden iſt! Aber ihr habt ſie alle verdorben, mein Herr! ſie wurden gedichtet, um geſungen, nicht um gele⸗ ſen zu werden; Ihr habt ſogar die Orthogra⸗ phie davon verdorben und man erkennt ſie gar nicht mehr!«— Ganz unrichtig war indeſſen die Bemerkung der alten Frau nicht; namentlich kann ſie auf die erſten poetiſchen Verſuche Walter Scott's angewendet werden. Wer Lewis Briefe geleſen hat, wird ſich leicht uͤberzeugen, daß der junge Dichter ſich anfangs mehr beſtrebte, das Ohr zu entzücken, als die Kritik zu befriedigen. Die Beſchuldigung Byrons dagegen, daß Lewis — 21— de Gedichte Scotts verbeſſert habe, iſt ohne allen Grund. Lewis kannte den Mechanismus der Verſifikation viel zu wenig, und bekannte ſich auch zu einer ganz anderen Schule, als Scott. Dieſer beſaß die ſpielende Leichtigkeit der alten Poeſie, Jener huldigte dem ſteifen Regelzwang Johnſons.—— Walter Scotts nächſtes Werk war:„Sir Tristrem— ein metriſcher Roman aus dem dreizehnten Jahrhunderte. Es erſchien 1804, fand aber keine beſonders günſtige Aufnahme und iſt auch weder durch Diction, noch poeti⸗ ſchen Werth ausgezeichnet.. Der Tod ſeines Vaters, der in dieſer Zeit erfolgte:(ſeine Mutter war ihrem Gatten ſchon im Jahre 1789 in das beſſere Leben vor⸗ ausgegangen) verſetzte Walter Scott in ein weniger beſchwerliches Leben, weil er nunmehr die läſtigen Arbeiten der Advokatur, was ſchon lange ſein ſehnlichſter Wunſch geweſen war, deſto rückſichtsloſer bei Seite legen konnte. Mit ſeinem Gehalte als Sberif und im Beſitze eines anſehnlichen Vermögens vermochte er jetzt um — 22— ſo ſelbſtſtaͤndiger nach Gefallen den Muſen zu huldigen.—„»Seit dem Tode meines Vaters — erzählt Scott ſelbſt— nahm ich es mir weniger zu Herzen, wenn die Sollicitanten meine Amtsgenoſſen mir vorzogen und dieſe ihres Vertrauens würdiger fanden, als einen Mann, deſſen Kopf ſtets voll Dichtungen war.“ Ehe er ſich indeſſen ganz ſeiner Neigung für die ſchöne Literatur hingab, verhehlte er ſich die Dornen und Verletzungen nicht, die ſeiner auf dem neuen Pfade warten würden, und er erſchrak einen Augenblick bei dem Gedanken an den Hohn der Kritik, der die Eigenliebe eines Dichters mehr als die irgend eines andern Menſchen verwundet; bald aber ermuthigte er ſich wieder durch den beſcheidenen Troſt, daß er ja nicht hoffen dürfe, ſich an die Reihe der glänzenden Geiſter Englands anzuſchließen; daß darum der Neid ihn weniger anfallen würde, als ſie, und daß er ihre Verirrungen, mithin auch ihre Mißgeſchicke nicht zu fürchten habe. Er nahm ſich vor, keine der Schwächen als Menſch zu zeigen, welche den Lorbeer des — 23— Schrifſtellers ſo oft verwelken machen. Mit welcher edlen Strenge er dieſem Entſchluſſe durch ſein ganzes Leben gefolgt und mit welcher zarten Beſcheidenheit er namentlich das Talent der Welt enthüͤllte, das ihm die Natur in ſo reichem Maße verliehen hatte, wird aus dieſen Blättern klar hervorgehen. Als er die Advokatur aufgegeben hatte, war die erſte Frucht ſeiner ſchriftſtelleriſchen Thäͤtig⸗ keit ſein„Lay of the last Minstrel,“ welches 1805 erſchien. Dieſes Lied des letzten Minne⸗ ſängers iſt eines der herrlichſten Werke, welche die Dichtkunſt je erzeugte, und darum ſtieg auch Walter Scott'’s Dichterruhm mit über⸗ raſchender Schnelligkeit. In ſeinen ſpäͤtern Schriften hat er wohl auch des Erhabenen und Ergreifenden viel geliefert, aber das, was im Minſtrel unſere Einbildungskraft gefangen nimmt, bald das Majeſtätiſche, ja Wilde der Schilderung, bald die ſeltene Anmuth, Neuheit und Friſche der Gedanken, der zauberiſche Reiz der Diction, die klaſſiſch reine Sprache voll Wohllaut und Kraft,— Alles dieß iſt von — 24— dem Dichter ſelbſt in dem hohen Grade nimmer erreicht worden, wie in dieſem Meiſter⸗Liede Das Originelle der Entſtehung und das Fort⸗ ſchreiten der Dichtung erläutert Walter Scott auf folgende Weiſe:„Die junge und ſchöne Gräfin Dalkeith kam auf die Güter ihres Gat⸗ ten, des Herzogs von Buccleuch und wünſchte in die Sitten und Gebräuche des Landes ein⸗ geweiht zu werden. Bald fand ſie diejenigen Perſonen aus, welche ihre Neugierde befriedi⸗ gen konnten. Unter ihnen befand ſich Beattie von Mikledale, bewandert in den alten Chro⸗ niken Schottlands, die er auch größtentheils im Gedächtniſſe trug. Aus dieſen Chroniken erzählte er einſt der Herzogin die Geſchichte Gilpin Horners. Die junge Dame entzückt über die Legende und über den Reiz des Ge⸗ horten, gab mir den Auftrag, eine Ballade über dieſen Stoff zu verfertigen. Ich erfullte ihren Wunſch, und ſo wurde die Geſchichte des Poltergeiſtes, ſpäterhin von der Kritik als eine unnöthige Epiſode der Haupt⸗Dichtung ſtark angegriffen, der Grund auf welchem ſich das — 25— Lied des letzten Minneſaͤngers erhob. Das Lay of the last Minstrel kann als das erſte vollſtändige Originalwerk Walter Scott's be⸗ trachtet werden. Eine ſehr gelungene Ueber⸗ ſetzung davon hat Stork geliefert.(Bremen 1820.) Schnell erkannte Schottland den hohen Werth dieſer Dichtung und bewunderte die Waorheit und das Leben, das in ihr herrſcht, die öffent⸗ lichen Blätter ſtrömten über von Lobeserhe⸗ bungen des Dichters; jeder Mund wiederholte anziehende Stellen aus dem Werke, und ſelbſt diejenigen, welche den Verluſt Burns als un⸗ erſetzlich beweint hatten, wurden gezwungen, einzuräumen, daß nicht nur ein größeres Ta⸗ lent an ſeine Stelle getreten ſey, ſondern ſogar ſeine Schöpfungen bereits übertroffen habe.— Nichtsdeſtoweniger lächelten viele bei dem erſten ſelbſtſtäͤndigen Dichter⸗Werke Walter Scott's; zu ihnen gehörten Pitt und Fox. Aber beide hatten auch nur wenig Geſchmack für die Poeſie und ihre Anſichten giengen in kurzer Zeit in dem immer höher ſteigenden und zuletzt allge⸗ — 26— mein gewordenen Enthuſiasmus für den neuen Sänger unter. Dem„Lied des letzten Minneſängers“ folgte eine Sammlung von Balladen und lyriſchen Gedichten(„Ballads and lyrical Pieces“. Dieſer ſein Gedicht„Marmion, a Tale of Fladdenfield“(1808). Die öffentliche Aufmerkſamkeit war auf dieſe Dichtung um ſo geſpannter, als Walter Scott ſelbſt verkündigte„ſie enthalte zugleich ſeine beſte und ſchlechteſte Poeſie.“— Ein Hauptvorwurf der Kritik dieſer Dichtung war, ſie ſey zu ſchnell auf das„Lay of the last Minstrel“ gefolgt, als wenn ein Werk, deſſen Stoff den Geiſt und das Herz des Ver⸗ faſſers vielleicht ſchon lange beſchäftigte, an einen Zwiſchenraum der Zeit nach dem Erſchei⸗ nen einer frühern Schrift gebunden wäre, ehe es in's Leben treten darf!— Marmion iſt indeſſen eine der weniger glück⸗ lichen hiſtoriſchen Dichtungen Walter Scott's, darum aber dennoch in ihrem poetiſchen Theil groß und erhaben. Wer durch die Einzeln⸗ — 27— heiten der Schickſale Clara's und Wiltons ſich nicht angezogen fühlt, dem bietet gewiß die Scene, in welcher Surrey die Till überſchreitet und Jakob von den Höhen des Fladden herunterſteigt, um dieſen anzugreifen, hinlänglichen Erſatz, ja ſeine ganze Phantaſie wird ſich durch dieſe großartige Beſchreibung gefangen fühlen. Es giebt wohl keine Schlacht, weder alter noch neuerer Zeit, welche mit ſolcher Meiſterſchaft, wie die Schlacht von Fladden geſchildert worden wäre. Die Er⸗ habenheit der Handlung, das Furchtbare des ſchrecklichen Kampfes, der finſtere Ernſt der Charaktere, die Ausdauer des Heldenmuths auf beiden Seiten, kurz Alles iſt voll des höchſten⸗ romantiſchen und poetiſchen Intereſſe's. Jakob war ein ritterlicher Fürſt, Surrey ein aben⸗ theuerlicher Krieger, beide konnten nicht mit gewöhnlicher Tapferkeit kämpfen; aber aus der trockenen Wirklichkeit ſchuf der Dichter ein be⸗ wunderungswürdiges Gemälde; ja die Bege⸗ benheit iſt in beinahe zu idealiſcher Schönheit dargeſtellt!— Der größte Theil des Marmion ſoll an der Tafel des Gerichtshofes, deſſen Be⸗ — 28— ſitzer Walter Scott war, von ihm in den müßi⸗ gen Augenblicken zwiſchen dem Protokollieren der Verhandlungen und dem Ausziehen der Befehle des Gerichts geſchrieben worden ſeyn. Die neuen Beifallsbezeugungen, welche dieſe Dichtung ſich erwarb, waren ſo allgemein als anhaltend. Bald fand man das Werk in Je⸗ dermanns Händen, es wurde das Reiſebuch aller Damen, wer es las, fühlte ſich angezogen. Nur wenige Kritiker tadelten, unter ihnen Jeffrey, der früher einigemal, dieſesmal aber 1 wahrſcheinlich nicht von Walter Scott zu Rathe gezogen worden war. Jeffrey trieb die Un⸗ zartheit ſo weit, daß er ſeine tadelnde Recen⸗ ſion ſogar ſelbſt auf den Tiſch des Dichters legte, bei dem er ſich eben als Gaſt befand. Mit der ihm eigenthümlichen Sanftmuth gab Scott das Blatt dem Kritiker zurück und be⸗ dankte ſich für das Aufmerkſammachen auf ſeine Fehler. Weniger geduldig indeſſen nahm die Gattin des Dichters die Beleidigung auf. In der That war die Kritik, obgleich hie und da treffend, weit entfertt, dem Werke die — 29— Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, die es ver⸗ diente; mit der größten Strenge abgefaßt rügte ſie ſogar die Fehler, die aus Unachtſam⸗ keit des Setzers entſtanden und bei der Correktur überſehen worden waren. Wenn man aber Jeff⸗ rey's Anmaßung tadelt, was ſoll man erſt zu dem Vorwurfe Byron's ſagen, der es Walter Scott übel nimmt, daß er ſich für ſeinen Marmion habe 100 Pfund Sterling zahlen laſſen.*) Man weiß recht wohl, daß S. Herr⸗ lichkeit, ungeachtet ihres großen Vermögens Briefe ſchrieb, und ſich dieſelben zu einem hohen Preiße honoriren ließ, obgleich dieſe Briefe eines ſolchen Barden wenig würdig waren! 3 Walter Scott hatte ſeit einiger Zeit ein klei⸗ nes Landgut an dem Ufer der Esk gemiethet *) Dieſes Honorar ſchien indeſſen ſeinen Verlegern bei dem ſtarken Abſatze des Werkes ſo wenig hin⸗ länglich, daß ſie dem Dichter aus freiem Antriebe noch ein Faß des herrlichſten Bordeaux⸗Weins ſchickten. 3 3 —-— 31— Beamten in den Ruheſtand verſetzte und Wal⸗ ter Scott in deſſen Stelle beförderte. Freilich mußte der Dichter bis zum Tode des Penſio⸗ nirten unentgeldliche Dienſte in dieſem Amte leiſten, und erſt unter Fox Miniſterium trat er in den Bezug des Gehaltes, nichtsdeſtowe⸗ niger aber ſprach er ſtets mit der größten Ver⸗ ehrung und lebhafter Dankbarkeit von Pitt, der ſeiner Meinung nach der größte Staats⸗ mann war, den England je beſaß. Im Jahre 1809 kündigte Walter Scott eine Ausgabe der Werke Drydens und eine neue Le⸗ bensbeſchreibung dieſes vielleicht erſt durch Scott ſo berühmt gewordenen Dichters an. Man kannte nämlich damals Drydens Schau⸗ ſpiele und proſaiſche Schriften, weingſtens auf dem Continente, nur wenig, ſo ausgezeichnete Arbeiten ſie auch ſind. Scott fügte ſeiner Aus⸗ gabe höchſt ſchätzbare Notizen bei, welche die Zeit und die neue Biogkaphie nöthig machten, und welche große Sorgfalt in den Nachfor⸗ ſchungen des Herausgebers beweiſen. Beinahe gleichzeitig mit Drydens Werken — 32— erſchienen auch Walter Scott's Beſchreibungen und Erläuterungen zu ſeinem„Lay of the last minstrel“— und unter ſeiner Leitung eine neue Ausgabe von Lord Somer's„Col- lection of historical Tracts.“— Sir RNalph Sadler's„State Paper's“— und Anna Sed⸗ ward's„Poetical Works.“ In weniger als einem Jahre hatte Walter Scott dieſe ſich ſelbſt geſetzten Aufgaben voll⸗ endet. Jedem Anderen weniger ſchnell und ausdauernd Arbeitenden hätten ſie noch einmal ſo viele Zeit gekoſtet. Jetzt ſah ſich der uner⸗ müdliche Dichter wieder in den Stand geſetzt, frei und ungeſtört zu ſeinen romantiſchen Dich⸗ tungen zurückkehren zu können, die doch immer die unver elklichſten Blätter in ſeines Ruhmes Kraͤnzen ſind. Es war im Jahre 1810 als ſeine„Lady of the Lake“ zuerſt erſchien, ein Gedicht, ſo glänzend, ſo maleriſch, ſo reich an ſchönen Stellen und bewunderungswürdigen Schilderun⸗ gen, als an originellen Charakteren. Unſtreitig iſt dieſes Gedicht das populärſte unter allen — 33— ſeinen bisher angeführten Werken, obgleich es Manche dem Lay of the last Minstrel nach⸗ ſetzen wollen.— Der ſtürmiſche Beifall, den es erhielt, iſt zunächſt der unübertrefflichen und getreuen Schilderung der Sitten und Ge⸗ bräuche der ſchottiſchen Hochländer und dem le⸗ bendigen Gemälde der Coſtüme dieſes merkwür⸗ digen Volkes zuzuſchreiben. Dieß gab der Dichtung einen eigenen Reiz, eine ganz be⸗ ſondere Friſche der Neuheit. Dazu kam die neue Bahn der Diction ſelbſt, die Walter Scott einſchlug. Die Dichtungen Oſſians hat⸗ ten den Karakter und die Gefühle einer beinahe antideluvianiſchen Zeit geſchildert, aus der keine Tradition herüberwehte, aus welcher keine Ge⸗ ſchichte der vorgeführten Scenen zur Folie diente. Wohl aber war dieſe bei Scott's neuen roman⸗ tiſchen Gemäͤlden in glänzender Reichhaltigkeit vorhanden. Er ſchrieb die Dame vom See nicht nur mit inniger Begeiſterung, ſondern gefiel ſich darin, ſie aus hiſtoriſchen und philo⸗ ſophiſchen Nachforſchungen jeder Art zuſammen⸗ zuſetzen.„Ich habe viel geleſen, ſagt er ſelbſt, W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1748 Boͤchn. 5 àà— und noch mehr über dieſe romantiſchen Gegen⸗ den von Jugend auf erzählen hören; beinahe jeden Herbſt, brachte ich einige Zeit im Hoch⸗ lande zu, und namentlich iſt die Landſchaft um den Katharinen⸗See mit dem Andenken an mehr als einen theuern Freund, an mehr als eine herrliche Beluſtigung in meinem Herzen enge verbunden.“— Sehr gelungene deutſche Ueberſetzungen von der Lady of the Lake haben geliefert Stork, Willibald Alexis und Henriette Schubart. Bisher war Walter Scott immer nur der Miether, nicht der Eigenthümer der von ihm bewohnten Landhäuſer geweſen. Er wünſchte jetzt lebhafter als je in den Beſitz eines ſchönen Gutes zu kommen; wo er ſich ſelbſt eine Woh⸗ nung bauen und Gärten nach ſeinen eigenen Ideen anlegen könnte. Abbotsford an der Tweed ſechs bis ſieben Meilen unterhalb As⸗ hieſteel ſchien endlich allen ſeinen Wünſchen zu entſprechen.„Dieſer Ort, ſagte er ſelbſt, hatte nicht den großartigen Karakter der Wohnung, die ich verließ, lag aber dennoch höchſt roman⸗ tiſch; was mir beſonders gefiel, war eine ſchöne Wieſe an den Ufern des Fluſſes und vorzüglich die Fruchtbarkeit des Bodens. Ueber Alles dieß gieng mir aber, daß Abbordsford in mei⸗ ner Heimat lag, daß ich alſo mein inniges Verlangen ſtillen konnte„ mich da, wo ich ge⸗ boren war, niederzulaſſen, und dort die mir leichter zugänglichen Erfahrungen zu benutzen, wodurch ich, wie es ſpäter ſchien, eine Art von ſchöpferiſcher Macht in meinen Dichtungen er⸗ langte, die ſich aber auf dieſe Weiſe ſehr leicht erklären läßt.“ Das Haus von Abbortsford, das ein geiſt⸗ reicher franzöſiſcher Reiſender einen Roman von Schutt und Ruinen nannte, iſt im gothiſchen Style erbaut und anmuthig umringt von ſchat⸗ tigem Gehölze, welches die Hand des großen Dichters ſelbſt gepfllanzt hat. Die Bibliothek enthält mehrere ſeltene und koſtbare Werke; der Waffenſaal iſt reich an Wehren, die einſt berühmten Kriegern ange⸗ hörten. Die Kunſt war nicht nöthig, die na⸗ türlichen Schönheiten dieſes Ortes zu erhöhen, 53* 2 — 36— die Tweed fließt majeſtätiſch längs den Mauern des Hauſes hin und ganz nahe erheben ſich ſtolz die Berge von Eildon, von denen, wie Walter Scott ſelbſt ſagte, man mehr als ein halbes Hundert Ortſchaften überſehen kann, die alle in der Geſchichte oder Dichtkunſt verherr⸗ licht ſind; die impoſanten Ruinen der Abtey von Melroſe liegen ebenfalls in der Nachbar⸗ ſchaft und Alles dieß zuſammengenommen bildet eine der maleriſcheſten Gegenden Schottlands. Nachdem Scott ſein Haus nach ſeinem Ge⸗ ſchmacke erweitert und eingerichtet„ſeine Pflan⸗ zungen vollendet“ ſeine Gärten abgetheilt und angelegt hatte, Geſchäfte, die er größtentheils ſelbſt leitete und mit unermüdeter Thätigkeit und Sorgfalt betrieb, kehrte er auch wieder zu ſeinen poetiſchen Schöpfungen zurück. Nach der Dame vom See ſchrieb er(1811) The vi- sion of Don Roderik eine Dichtung ohne be⸗ ſondere Bedeutung und Phantaſie; dieſer folgte (1813)„Rockeby.“« Die Fabel von»„Rockeby iſt bei weitem nicht ſo dramatiſch, als die der Dame vom See. Das Gedicht beſitzt weder —. 37— die glänzenden Scenen von„Marmion« noch die leichte Anmuth, die ſich im„letzten Minne⸗ ſänger“ entwickelt. Doch aber enthält es Seele und Gefühl und die Charaktere Riſſinghams und Edmunds ſind meiſterhaft; ja ſie dürften vielleicht darum über alle früher geſchilderten Scott's geſtellt werden, weil ſie ſich mehr den Helden ſeiner ſpätern Romane nähern. Wäh⸗ rend Walter Scott an„Rockeby“ arbeitete, be⸗ ſchaͤftigte ſeinen Geiſt noch ein anderer Stoff, er enthielt die Schickſale Bruces, welche der Dichter in ſeinem„Lord of the Isles“(1814) erzählte. Sowohl„Rockeby« als den„Lord of the Isles“ empfieng indeſſen das Publikum mit ſehr verringerter Theilnahme.„Es waͤre mir leichter geweſen, ſagt Scott, dieſe Gleichgültig⸗ keit gegen ſeine neueſten Werke gewiſſermaßen in Schutz nehmend,— es wäre mir leicht ge⸗ weſen, Stoffe zu wählen, die mehr Volksthüm⸗ lichkeit für ſich hatten; aber ich glaubte über⸗ zeugt zu ſeyn, daß diejenigen, welche volksthüm⸗ lich heißen, den Ruhm des Verfaſſers nicht er⸗ — 38— heben, während ſie auf der andern Seite das Glück des Verlegers machen. Die Erwartung des Volkes iſt zu lebhaft, ſeine Neugierde zu ſehr geſpannt, wenn es mit den Gegenſtänden oberflächlich vertraut iſt, und nur zu oft wird der wahre Werth des Werkes unter dem Wun⸗ dervollen vergraben, das ſich die Einbildungs⸗ kraft des Leſers verſpricht, aber nicht immer findet!« Walter Scott ſchien indeſſen die allgemeine Meinung über Rockeby zu theilen; er war ſelbſt nicht recht zufrieden mit dieſer Arbeit. Und doch glänzt das Werk durch die Lebendig⸗ keit der Erzählungsweiſe, die dem Dichter ſo eigen iſt. Die Charakterſchilderung der beiden Bruce iſt erhaben, der Tod des Edelknaben eine ungemein rührende Epiſode und die Be⸗ ſchreibung der Schlacht von Bannock kann mit der von Flodden um die Meiſterſchaft ringen. Auch war ein Abſatz von 25,000 Cxemplaren des Rockeby ein ſprechender Beweiß, daß er nicht werthlos ſey. Während man den allgefeierten Scott mit „ einer neuen Dichtung beſchäftigt glaubte, ſetzte die Welt das Erſcheinen eines andern Lieblings der Muſen in den Schranken des Dichterruhms in Erſtaunen, der gleich einem abſichtlich Ver⸗ mummten nur mit geſchloſſenem Viſire käm⸗ pfen wollte, und ſich ſelbſt dann noch weigerte, daſſelbe zu öffnen, als er über Scott'’s bisherige Leiſtungen und alle ſeine Vorgänger ſchon längſt den Sieg errungen hatte. Es war dieß der Verfaſſer des Waverley! Der größte Theil des Publikums, entzückt über die Wunder des neuen romantiſchen Zauberers— denn mit überraſchender Schnelligkeit, und wahrhaft ver⸗ ſchwenderiſch floſſen aus der Feder deſſelben unbekannten Dichters, die unter dem Namen Waverley⸗Novellen ſeit 1844 weltberühmt gewordenen romantiſchen Gemälde!— ſuchte das Geheimniß nicht zu ergründen, mit welchem ſich der Dichter umgeben; beglückt durch den Beſitz der poetiſchen Schöpfungen deſſelben. Aber Vielen drang ſich die Meinung auf: der Verfaſſer dieſer Wunderwerke ſey kein anderer als— Walter Scott!— Dieſer aber ſchwieg, — 40— lehnte jede Huldigung ab und kündigte gleich⸗ zeitig ſein Gedicht:„The battle of Waterloo“ an, welches einer ſtrengen Kritik unterlag. Bald darauf erſchienen auch die ihm beigeleg⸗ ten„Letters to his Kinsfolk« ſeine Ausgabe des„Lebens und der Schriften Swift's« und ſein proſaiſches Werk über die Alterthümer in dem Gränzgebiethe zwiſchen Schottland und England(»The border Antiquities of Eng- land. Mitten unter ſo vielen begonnenen Arbeiten ſchien Niemand weniger beſchäftigt als gerade Walter Scott; ſtets war er zugänglich für die zahlreichen Beſuche, die nach Abbotsford kamen, er widmete den Angelegenheiten ſeiner Beſucher die artigſte und hingebendſte Aufmerkſamkeit, vergaß weder die Pflichten gegen ſeine Familie, noch gegen ſeine Freunde und leitete dabei fort⸗ während die Bauten, Pflanzungen und Ver⸗ ſchönerungen auf ſeinem Gute. Seine bisheri⸗ gen Werke waren Früchte ſeiner Erholung von ſeinen Amtsgeſchäften oder der den häuslichen und geſellſchaftlichen Vergnügungen abgeſtohle⸗ — 41— nen Stunden geweſen. Seine Arbeiten gaben ihm niemals das Anſehen oder legten ihm nie die Pein eines eingezogenen Gelehrtenlebens auf. Die Welt wußte nicht, daß er ein Werk unter den Händen hatte, ſo wenig entſagte er ſeinen Vergnügungen, oder zeigte ſich nachläßig in der Wahrnehmung ſeiner Obliegenheiten und Intereſſen. Niemals waren ſeine literariſchen Beſchäftigungen eine Entſchuldigung, um ſich einem Diner, einer Jagd, oder einem Balle zu entziehen. Auch ſein Amt als Sherif verwal⸗ tete er mit dem angelegentlichſten Eifer und war glücklich, wenn er Uneinigkeiten beſchwich⸗ tigen und Familien wieder verſöhnen konnte, die in langer Feindſchaft getrennt waren. Dieſe unermüdete, außerordentliche Thätigkeit, die allein ſchon die ganze Kraft eines Men⸗ ſchenlebens in Anſpruch zu nehmen geeignet war, ſchien ein großes Argument für alle die, weelche ihn nicht als den Verfaſſer des Waver⸗ ley anerkennen wollten;— ein Argument, wel⸗ hihes dadurch noch verſtärkt wurde, daß diejeni⸗ gen Gelehrten, auf welche die Muthmaßungen — 2— des Publikums für die Autorſchaft Waverley's fielen, ein ſtolzes, zurückhaltendes Weſen an⸗ nahmen, gleich Leuten, die wohlfeil zu fremdem Verdienſte gekommen, oder im Beſitze eines wichtigen Geheimniſſes ſind, und es durch die geringſte Erläuterung zu entdecken fürchten. Auf der andern Seite ſprach für die Iden⸗ tität Walter Seott's und des unbekannten No⸗ velliſten vorzüglich der Umſtand, daß Erſterer ſeit dem Erſcheinen dieſer Romane in ſeinen Poeſien, in denen er früher nicht minder pro⸗ duktiv war, als der Novelliſt in ſeinen roman⸗ tiſchen Schriften, bis auf wenige Gelegenheits⸗ gedichte jetzt beinahe gänzlich verſtummte. Aber hoöchſt ſonderbarer Weiſe wurden in England der Zweifel immer mehr, daß Walter Scott der Verfaſſer der Waverley Novellen ſey, je mehr dieſe auf dem Kontinente ſchwan⸗ den; ja dieſe Romanen erſchienen hier ſchon früh unter ſeinem Namen, als hätte er ſie förmlich als ſeine Kinder anerkannt, während in Brittanien noch länger als ein Jahrzehend darüber die größte Ungewißheit herrſchte.— Walter Scott war wirklich der Verfaſſer dieſer berühmt gewordenen hiſtoriſchen Romane, zu denen er ſich jedoch erſt im Jahre 1827 bekannte, als ein großes Unglück, das ihn be⸗ traf, den Schleier von ſeinem Geheimniſſe riß. Obgleich das Publikum die auf Waverley gefolgten Novellen mit gleichem Enthuſiasmus aufgenommen hatte, und jedes neue Werk des unbekannten Dichters ein neuer Kranz des Ruh⸗ mes für ihn wurde, ſo hatte doch Walter Scott es ſtets ſtandhaft verweigert, die Vaterſchaft ſo hochgeehrter Kinder anzuerkennen und alle an ihn deßhalb ergangenen Fragen ausweichend oder ablehnend beantwortet. Dieſer in der Geſchichte der Wiſſenſchaften und des Ehrgeizes der Menſchen gewiß gleich ſeltene Fall würde unerklärbar ſeyn, wenn ihn nicht das Vorurtheil einigermaßen erläuterte, welches bis zu Walter Scott, in England den Romanenſchreibern die niedrigſte Stufe unter den Gelehrten anwies. Dazu kam, daß der Dichter des Waverley's vielleicht ſelbſt an dem Erfolge dieſes Romans, der ſowohl für die Geſchichte als die Poeſie eine neue Bahn in der ſchönen Literatur öffnen ſollte, einigermaßen zweifelte, und daß er den durch ſeine Dichtun⸗ gen bereits errungenen Ruf nicht aufs Spiel ſetzen wollte. G Als er indeſſen dieſes Vorurtheil Englands gegen die Romanſchreiber ſiegreich überwunden, als er, was keinem ſeiner Vorgänger gelungen war, Poeſie und Charakterſchilderung mit einem hiſtoriſchen Hintergrunde zu vereinigen und dieſen dreifachen Anordnungen der romantiſchen Dichtung zu genügen, als ſeine Romane Mu⸗ ſter einer neuen Gattung wurden, durfte er auch für ſeinen früheren Dichterruhm nicht mehr fürchten, und wahrſcheinlich hat ihn ſpä⸗ ter nur das erhöhte Intereſſe, welches der Schleier des Geheimniſſes über die meiſterhaf⸗ ten Gemälde ſeiner Phantaſie legte, vielleicht auch, um in ſeinem zweifachen richterlichen Amte nicht den Schein der dienſtlichen Unthätigkeit, bei ſo außerordentlicher Thätigkeit des Geiſtes gegen ſich zu erwecken, abgehalten, ſich der locken⸗ den Stimme allgemeiner Huldigung zu nennen. 45— Und nun möge uns vergönnt ſeyn, ehe wir in der Schilderung der Lebensumriſſe Walten Scotts und der Würdigung ſeiner zugleich mit ſeinem Namen erſchienenen Werke fortfahren, ein Ueberſicht, der ſo berühmt gewordenen Waverley⸗ Novellen zu geben, und ihren innern poetiſchen und hiſtoriſchen Werth näher zu beleuchten. „Waverley or'tis sixty years ago“ iſt mehr ein Sittengemälde als Roman, und um⸗ faßt denjenigen Zeitraum aus der engliſchen Geſchichte, in welchem die Stuarts den letzten Verſuch machten, den Thron ihrer Väter wieder zu erkämpfen; ein Streben, welches die un⸗ glückliche Schlacht bei Culloden für immer ver⸗ nichtete. Die Dichtung kann als Einleitung zu den übrigen hochſchottiſchen Romanen Walter Scotts angeſehen werden; auch hat er dieſelbe auf eine ſehr geſchickte Weiſe mit den ältern engliſchen verknüpft; wahrſcheinlich um ſeine beabſichtigte Gruͤndung einer neuen Schule der romantiſchen Dichtung vorzubereiten, dabei je⸗ doch das langgewohnte Vorurtheil der Leſer nicht zu verletzen. 1 — 46— Unſtreitig iſt Waverley die ausgezeichnetſte Novelle Scotts, ja als Sittenſchilderung viel⸗ leicht unerreichbar. Hätte er nichts anders ge⸗ ſchrieben, ſo würde die meiſterhafte Zeichnung der Charaktere eines Fergus Mac Jvor, des Cameronianers, des ritterlichen Prätendenten Karl Eduards, des alten Bradwardine und vor⸗ züglich die Kraft und Zartheit, welche ſein Pin⸗ ſel in dem Lebensgemälde der Flora mit un⸗ nachahmlicher Meiſterſchaft vereinigt hat,— die erſchütternde Macht, womit der Dichter die Phantaſie und das Herz des Leſers erfaßt, die meiſterhafte Reinheit des Styls und die Feſt⸗ haltung einer immer höher ſteigenden Theil⸗ nahme für die Entwickelung des Stoffs bei aller Einfachheit der Darſtellung allein ſchon hingereicht haben, ſeinen Ruhm zu begründen. Durch Lindau zuerſt ins Deutſche ubertragen, erregte Waverley in Deutſchland anfangs wenig Aufmerkſamkeit und erhielt erſt ſpäter den ge⸗ rechten Beifall. Die Geſchichte der Entſtehung dieſes Romans iſt in der That höchſt ſonderbar.„Im Jahre — 47— 1815, ſo erzählt Scott ſelbſt, dichtete ich das erſte Dritttheil des erſten Bandes. Die No⸗ velle ſollte unter dem Titel„Waverley« oder „ſo war es vor 50 Jahren“ erſcheinen. Als ich bis zum ſiebenten Kapitel gekommen war, unterwarf ich die Arbeit der Kritik meiner Freunde; ihr Urtheil fiel nicht günſtig aus; ſie hielten ſie für eine beißende Satyre, konnten auch ſonſt wenig Gefallen an der etwas gedehn⸗ ten Einleitung finden, und riethen mir von der Fortſetzung ab, indem ſie mich gleichzeitig äng⸗ ſtigten, das bischen Ruhm, das ich bisher durch meine Dichtungen erlangt hatte, könne gefähr⸗ det werden. So ließ ich denn das begonnene Werk liegen, ohne daß es meine Autor⸗Liebe beſonders gekränkt hätte. Das Manuſcript ver⸗ grub ich in einen alten Schreibkaſten, der ſpäter zu anderem Gerümpel auf einen der Speicher kam, und dort vergeſſen wurde. In der Folge be⸗ ſchaͤftigte ſich meine Phantaſie noch oft mit dem Gegenſtande dieſes Romans; aber ſo ſehr ich auch ſuchte, ſo konnte ich das begonnene Manuſcript nicht mehr finden und war auch zu träge, den Anfang der Novelle noch einmal zu ſchreiben. Aber unwillkührlich bemächtigte ſich Waverley immer aufs Neue wieder meiner Ein⸗ bildungskraft, und als ich endlich bei meinem Umzuge nach Abbotsford das Manuſcript wie⸗ der fand, hatte ich außerordentliche Freude darüber.— Ohne mir einzubilden den Geiſt, das Gefühl und die bewunderungswürdigen Charakterſchilderungen in den Schriften meiner Freundin Miß Edgeworth zu erreichen, glaubte ich doch auch den Verſuch machen zu dürfen, etwas in der Art über Schottland zu ſchreiben, wie ſie es über Irland that, und ich hoffte das, was meinem Talente fehle, durch meine Kenntniß des Landes, ſeiner Geſchichte, und der Sitten und Gebräuche der Einwohner erſetzen zu können.“—„Nie habe ich größere Zufrie⸗ denheit empfunden, ſagt er an einem andern Orte, als damals, wo ich von einer Reiſe zu⸗ rückgekehrt, Waverley auf der höchſten Stufe der Volksthümlichkeit fand, und als ich durch das Myſteriöſe, das den Roman umgab, Jeder⸗ manns Neugierde aufs Höchſte geſpannt ſah.«— — 4— Um das Geheimniß der Autorſchaft dem Wun⸗ ſche des Dichters gemäß zu ſichern, ließ der Buch haͤndler das Original abſchreiben, die mit Blei⸗ ſtift gemachten Correkturen Scotts überarbeiteten ſeine Freunde mit Dinte; ſo wurde es mit allen folgenden Novellen gehalten, und unter wenig⸗ ſtens 20 Perſonen, die nach und nach in das Geheimniß eingeweiht waren, befand ſich auch nicht ein Einziger, welcher das Vertrauen miß⸗ braucht hätte. Eine andere, bald auf Waverley gefolgte Schöpfung des Dichters, auch durch Lindau überſetzt, und am früheſten von allen Waper⸗ ley⸗Novellen in Deutſchland bekannt, war»Guy Mannering or the Astrologer,« ausgezeichnet durch glänzende Phantaſie und reich an Mo⸗ menten meiſterhafter Compoſitionen. Die Entwickelung iſt ſo natürlich und gleich⸗ artig, als die Handlung voll Lebendigkeit und Friſche. Welch eine bewunderungswürdige Cha⸗ rakterzeichnung iſt die Zigeunerin Meg Merri⸗ lies? welche kräftige Geſtalten ſind Dirk Hette⸗ reik, Magiſter Sampſon, Gloſſin und Dimmont, W. Scott's ſaͤmmtl. Werke. 1748 Bochn. 4 — 50— der Pächter. Der Roman iſt eben ſo reich, als getreu an nationalen Schilderungen, ſpielt aber mehr ins Privatleben hinüber, als geſchichtliche Momente von Intereſſe zu entwickeln.„The Antiquary“ iſt weniger reichhaltig in ſeiner äußern Fabel, deſto reicher aber an innerem Leben. Der Stoff umfaßt Perſonen, welche der Zufall ſcheinbar zuſammengeführt hat, die aber⸗ nichtsdeſtoweniger in inniger, wenn gleich An⸗ fangs unſichtbarer Schickſalsverbindung ſtehen; ihre Charaktere erregen großes Intereſſe. Der Roman ſpielt in der Vorzeit, hat eine vielleicht zu breit gehaltene Entwickelung, wird aber plötzlich höchſt ergreifend, als ein ſchreck⸗ liches Ereigniß ſich vor dem Geiſte des Leſers enthüllt, welches indeſſen der Dichter in ſeinen Folgen wieder auf's Tröſtlichſte unſchädlich zu machen weiß.— Wer hat die berühmte Fluth⸗ ſcene geleſen, ohne daß Furcht und Zagen ſein Haar emporgeſträubt hätte?? wer die Ver⸗ zweiflung der Fiſcherfamilie geleſen, ohne zur innigſten Theilnahme bewegt worden zu ſeyn? wer endlich den Bettler Ochiltree kennen ge⸗ — 51— lernt, ohne dem Schöpfer dieſes merkwürdigen Menſchen⸗Gemäͤldes nicht Bewunderung zu zol⸗ „len?? Je ſchlichter die Fabel, je einfacher die Hauptperſon derſelben, der Alterthümler Old⸗ book in ſeinem humoriſtiſchen Stillleben dar⸗ ſtellt, deſto großartiger contraſtiren ſolche mei⸗ ſterhaften Epiſoden. Beſonderes Intereſſe erregt noch überdieß der deutſche Betrüger Douſter⸗ ſwievel und der ſeltſame Zuſammenhang, zwi⸗ ſchen Vergangenheit und Gegenwart, welcher die ſchöne Dichtung durchweht. Auch dieſen Roman hat Lindau zuerſt unter dem Namen: „der Alterthümler« ins Deutſche überſetzt. An ihn ſchloß ſich„Rob Roy.“ Dieſe No⸗ velle iſt beinahe noch reicher an tief angelegten Charakteren, als„the Antiquary,« hat eine vollendetere Abrundung des Ganzen und mehr Gediegenheit der Form. Ihre Fabel enthält die Sage von einem berühmten Freibeuter, ver⸗ bunden mit der geſchichtlichen Darſtellung der fruchtloſen Anſtrengungen, welche die Anhaͤnger der Stuarts im Jahre 1715 machten, dieſe 4 2* — 52— Dynaſtie wieder auf Schottlands Thron zurück⸗ zuführen. Dieſer wahrhaft claſſiſche Roman, ebenfalls von Lindan zuerſt(unter dem Namen„Robin der Rothe⸗) ins Deutſche überſetzt, hat den Ruhm des Dichters in Deutſchland befeſtigt und den nachfolgenden poetiſchen Schöpfungen deſſel⸗ ben die willkommenſte Aufnahme bereitet.— Weniger Bedeutung hat„the Black dwart,« ja wir möchten ſagen weniger Phantaſie, als ſich von Walter Scott erwarten ließ, auch iſt das Intereſſe für die Dichtung durch keine hi⸗ ſtoriſche Grundlage von Werth unterſtützt. In„Montrose“ erkennen wir nur an der vortrefflichen Charakteriſtik Dalgettys die Mei⸗ ſterſchaft des Waverley⸗Dichters. Die phanta⸗ ſtiſchen Erfindungen, in dieſem Romane ſpre⸗ chen wenig an, ſo ſehr ſich auch Walter Scott bemühte ſeinen Lieblingshelden mit erhebenden Bildern zu umgeben und dem mit vieler Selbſt⸗ gefälligkeit entworfenen Gemälde Aufſehen er⸗ regende Stoffagen in den Vordergrund zu legen. Lotz hat die Legend zuerſt unter dem Namen: 4 3 „Annot Lyle“ im Auszuge geliefert; überſetzt hat ſie vollſtändig zuerſt Sophie May unter dem Titel:„Mac Aulay oder der Seher des Hochlandes.“— Zu Walter Scott's Meiſterwerken reihte ſich dagegen wieder„Old mortality“«— worin ſich der Dichter auch als Menſchenkenner in hohem Grade bewährt. Die Novelle enthält eine Dar⸗ ſtellung der furchtbaren Verfolgung der ſchotti⸗ ſchen Presbyterianer unter Karl dem zweiten; dieſe Verfolgungen, welche vorzüglich die ſoge⸗ nannten Feldconventikler traf, ſucht der Dichter durch die Steigerung der Schwärmerei in den einzelnen Charaktergemälden, deren Baſis Eigen⸗ ſinn bei aller Ehrenfeſtigkeit und deren letzte Graduirung offenbarer Wahnſinn iſt, wo nicht zu rechtfertigen, doch dieſe Schwärmer ſelbſt als einen Krebsſchaden an der Conſtitution der menſchlichen Geſellſchaft darzuthun. Die unglücklichen Verfolgten nehmen das Mitleid des Leſers ſchnell in Anſpruch und in der erſten Hälfte des Romans erregt die Ent⸗ wickelung ihres Schickſals hohes Intereſſe, aber — 54— in dem Verlaufe zeigt ſich auch bei ihnen, und in grauenhaften Zügen der blindeſte Parteihaß und von der Wirklichkeit überraſcht wendet ſich das Herz ſowohl von den verrückten Schwär⸗ mern als ihren rohen Verfolgern mit Abſcheu weg. Wie tief des Dichters Studium der menſchlichen Seele geweſen ſey, bewies er in der Schilderung Belfour von Burley's. Wir beſitzen zwei deutſche Ueberſetzungen von»„Old mortality;“ eine betitelt: die Schwärmer“ von Lindau; eine andere unter dem Namen:„der Presbyterianer.“— —Eine gewiſſermaßen doppelt neue Erſcheinung lieferte„Brid of Lamermoor,“ denn in Hin⸗ ſicht der Darſtellung wich er von ſeiner früheren Weiſe weſentlich ab, und naäͤherte ſich höchſt überraſchend den ältern ſpaniſchen und neueren deutſchen Novellen⸗Dichtern. Die Diction die⸗ ſes Romans iſt voll Harmonie, reich an wahr⸗ haft ſüdlicher Glut der Phantaſie, die Handlung ausgezeichnet durch Einheit, wie die Darſtellung durch Rundung und erweckt wahrhaft innige Rührung, wenn wir den letzten Sprößling eines —⁴j 4— — 55— alten Hauſes in Armuth, Unglück und den Feſſeln der Schwermuth über ſein unverdientes Loos, und trotz allem Kampfe, trotz jugendlicher Schönheit und Kraft vor unſern Augen ſeinem Ge⸗ ſchicke verfallen ſehen. Noch einmal leuchtet in die⸗ ſem Romane die ſchöne alte Zeit der Stuartiſchen Herrſchaft aus der Vergangenheit hervor und bildet einen mächtigen Contraſt mit der Gegenwart und ihrem bittern Beigeſchmacke kalten Eigennutzes und eines abſtoßenden Pietismus. Lindau über⸗ ſetzte auch dieſen in jeder Hinſicht vollendeten Roman unter dem Namen„die Braut“ ins Deutſche. Von der ſchönen eingeſchlagenen Bahn entfernte ſich Walter Scott unbegreiflicher Weiſe wieder weit in ſeinem„the heart of Mid-Lo- thian« und wenn auch dieſer Roman vorzüglich durch die trefflichen weiblichen Charakterſchil⸗ derungen und ſeine meiſterhaften Gemäͤlde der niedern Sphären der menſchlichen Geſellſchaft anfangs Intereſſe erweckt, ſo empört um ſo mehr der Schluß deſſelben, wo die Unſchuld von der blinden Gerechtigkeit ſchrecklicher ge⸗ troffen wird als das Verbrechen ſelbſt, eine — 56— Tendenz, welche nothwendig der Dichtung Ein⸗ trag thun muß. Deutſch beſitzen wir dieſen Roman unter dem Titel„der Kerker von Edin⸗ burg.“— Noch ſchwächer iſt der Bau zweier anderer zuſammenhängender Romane,„the Monastery“ und„the Abbot« wovon erſterer einzelne Mo⸗ mente aus Schottlands Reformationsgeſchichte, letzterer den gelungenen Befreiungsverſuch der Königin Maria Stuart aus ihrer erſten Ge⸗ fangenſchaft zum Inhalte hat. Mariens Cha⸗ rakter iſt trefflich gezeichnet und verſöhnt wieder einigermaßen mit der ſonſt nicht glücklichen Dichtung. Der erſtere Roman wurde von Lin⸗ dau unter dem Namen„das Kloſter,« letzterer von Methuſalem Müller unter dem Titel„der Abt« ins Deutſche übertragen.— Ivanhoe beluſtigt durch die Darſtellung der grellen Sonderung der damaligen Volksſtämme Englands mehr, als er hiſtoriſches Intereſſe bietet, denn unmöglich kann dieſe Darſtellung der Wahrheit getreu ſeyn. Die ganze Dichtung ſcheint uns durch Richard Löwenherz, welcher der Held derſelben iſt und durch die Eigenhei⸗ ten ſeiner romantiſchen Zeit unſere Theilnahme mehr zu beſtechen als ſie dieſelbe verdient; nichtsdeſtoweniger enthält ſie meiſterhafte Cha⸗ rakterſchilderungen und wenn ſie auch wenigen poetiſchen Werth hat, ſo erringt ſie doch dem Verfaſſer Hochachtung für ſeine darin entwickel⸗ ten tiefen Studien. Methuſalem Müller hat dieſen Roman zuerſt ins Deutſche überſetzt.— Mit weit mehr Beifall wurde Kenilworth aufgenommen; aber die Zeiten der gefeierten jungfräulichen Königinn Eliſabeth, der Stolz Englands, ſo wie die Schilderung damaliger Kultur und Sitte liegen uns auch viel näher, und ſind unſerer Civiliſation verwandter als das Jahrhundert des Kreuzzuges, den Löwen⸗ herz unternahm; es war alſo auch für den Dichter leichter, das Intereſſe für dieſe Novelle zu feſſeln, obgleich er auch in ihr mehr Stu⸗ dium als Phantaſie niedergelegt hat. Die Liebe des Grafen Leiceſter zur Emmy Robſart, wenn ſie gleichwohl ein herrlicher dramatiſcher Stoff iſt, im Gegenſatze zu der Liebe Eliſabeths für ihren — 58— Günſtling, bildet auf der andern Seite doch wenig Erſatz für den kühnen Griff, womit der Dichter ohne hiſtoriſche Begründung den Schleier von dieſer leidenſchaftlichen Neigung Eliſabeths zu ziehen und im Verlaufe des Romans ſogar die gefeierte Jungfräulichkeit der Königin zu verdächtigen wagt. Kenilworth wurde zuerſt durch Lotz ins Deutſche überſetzt.— „The Pirate“ iſt eine Nachbildung früher weit beſſer gezeichneter Charaktere, was zur Genüge Norna beweist, welche eine verungluͤckte Meg Merrilies wurde. Die Natur⸗ und Sitten⸗ ſchilderungen der Shetlands Inſeln kennt der Dichter nur aus Reiſebeſchreibungen, denn ge⸗ rade hier iſt die Novelle am ſeichteſten und oberflächlichſten, während in allen andern Ro⸗ manen, die in einem von Scott perſönlich ge⸗ kannten Lande ſpielen, dieſe Schilderungen je⸗ desmal von hohem Werthe und Intereſſe ſind. Ueberſetzt haben The Pirate: Spicker, Henriette von Montenglant und Methuſalem Müller. „The fortunes of Nigle“ ſind dagegen wie⸗ der eine in Einzelnheiten ausgezeichnete Dich⸗ — 59— tung; höchſt anziehend iſt die Schilderung des Hoflebens unter der Regierung Jacobs I., nicht minder die charakteriſchen Gegenſätze der Schott⸗ länder und Engländer. Vorzüglich ſchien uns die Darſtellung des bürgerlichen Lebens der letztern in jener Zeit, die Zierde der Novelle. Methuſalem Müller überſetzte den Roman zu⸗ erſt unter dem Titel„Nigels Schickſale.“ We⸗ niger Wahrheit, ja weniger Wahrſcheinlichkeit ſogar, ein Fehler den wir hier an Walter Scotts Schöpfungen zum erſtenmale zu rügen bemüßigt ſind, enthält„Peveril of the Peak.“ „₰ Die Fabel ſpielt zur Zeit der engliſchen Re⸗ ſtauration und hat zunächſt die Verſchwörung der Papiſten unter Karl II. zum hiſtoriſchen Hintergrunde. Ueberſetzt hat die Novelle Mi⸗ chaelis unter dem Namen„Peveril vom Gipfel.“ Durch Humor wie durch Charakterzeichnung gleich muſterhaft iſt dagegen wieder„Auintin Durward,« die Geſchichte eines ſchottiſchen Abentheurers, welcher am Hofe Ludwigs XI. von Frankreich ſein Glück ſucht und deſſen Schickſal der Düchter höchſt zalungen mit den wichtigſten Lebensmomenten dieſes durch Treu⸗ loſigkeit und Heuchelei gebrandmarkten Königs verknüpft. Erſchütternd iſt die Schilderung des Mordes, welchen der Eber der Ardennen an dem ehrwürdigen Biſchofe von Lüttich verübt und ungemein anziehend die Darſtellung der Perſönlichkeit Karls des kühnen von Burgund und deſſen Zuſammentreffen mit Ludwig XI., der ſich trotz der ihm eigenen Verſchlagenheit dennoch von dem Herzoge überliſtet und in den Schlingen ſeines Feindes ſieht. Phantaſie kön⸗ nen wir übrigens nur in der Einleitung des Romans finden, die in ſceniſcher Anordnung und in der Vorbereitung der hiſtoriſchen Ent⸗ wicklung eines förmlichen Studiums würdig iſt. Ueberſetzt wurde die Novelle von Spicker. Ein gleichzeitiges Produkt des Dichters ſcheint „St. Ronans-Well“ zu ſeyn, denn der im vor⸗ hergehenden Romane mehr als in früheren No⸗ vellen ſich zeigende Humor Walter Scotts wird in dieſer romantiſchen Begebenheit noch vor⸗ herrſchender, ja ſogar zum beißenden Witze, welcher die Modethorheiten der neueren Bade⸗ — 61— geſellſchaften unbarmherzig geißelt. Sophie May hat dieſe Novelle unter dem Titel„St. Ronans⸗ Brunnen überſetzt. Seinen Lieblingsſtoff die Stuartiſche Zeit und die Kämpfe der damaligen ſchottiſchen Factio⸗ nen und Secten hat Walter Scott noch einmal in ſeinem„Redgauntlet“ ſich hervorgeſucht; aber auffallend ſichtbar iſt es namentlich in dieſem Romane, wie der Dichter ſeit ſeinem Waverley in ſeinen ſchottiſchen Novellen immer weniger Eingebung, Diction und Phantaſie an den Tag legt, je ſpäter eine derſelben entſtanden iſt, und daß je mehr ſich in ihnen das Romanhafte häuft, deſto mehr auf der andern Seite,(was bei ſeinen frühern Schöpfungen keineswegs der Fall war) bei dieſen Nachzüglern aus ſeiner paterländiſchen Geſchichte ſich die innere zuſam⸗ menhängende Wahrſcheinlichkeit verliert. Auch Redgauntlet hat Sophie May überſetzt. Die Erzählungen von den Kreuzfahrern(Ta- les of the Crusaders) bilden zwei nicht zu⸗ ſammenhängende, ganz von einander verſchiedene Nomane, wpvon der eine in England ſelbſt zur Zeit der Regierung Heinrichs II. ſpielt, und die Schickſale eines Edelfraͤuleins darſtellt, de⸗ vren maͤnnliche Verwandte nach Paläſtina gezo⸗ gen und zum Theil für den Glauben dort ge⸗ fallen waren. Er iſt„die Verlobten“ betitelt, in einzelnen Partien beſonders in der Schil⸗ derung der Vertheidigung der Burg, mit der alten Meiſterſchaft behandelt, ſonſt aber über⸗ haupt für den magern Stoff zu gedehnt und in den übrigen Theilen nur mechaniſche Arbeit ohne Wärme und Erhebung der Gedanken. Weit beſſer hat der Dichter ſeine Aufgabe, uns etwas aus den Zeiten der Kreuzzüge zu erzäh⸗ len, in dem zweiten Romane gelöst, und eine glückliche Waul in Richard Löwenherz, Sala⸗ din u. ſ. w. getroffen, welche die Hauptfiguren dieſes Gemäldes bilden. Unverantwortlich aber hat er darin gegen die Wahrheiten der Ge⸗ ſchichte verſtoßen und auf ſeine poetiſche Frei⸗ heit ſo ſehr geſündigt, daß man verſucht wer⸗ den könnte, ihm wenigſtens die Kenntniß der deutſchen Geſchichte abzuſprechen wenn es nicht augenſcheinlich wäre, daß ſeine Entſtellungen — 63 zum Nachtheile der Deutſchen vorſätzlich ſind, um dadurch ſeinen engliſchen Helden mehr in den Vordergrund zu bringen. Es wäre nicht unintereſſant, die Maſſe von hiſtoriſchen Un⸗ richtigkeiten, die dieſer Roman enthält, zum Gegenſtande einer eigenen kritiſchen Abhandlung zu machen und die Verläumdungen zurück zu weiſen, welche dieſe vielgeleſene Dichtung allent⸗ halben gegen die Deutſchen ausgeſtreut hat.— „Woodstock,“ oder der letzte Ritter, iſt ein herrlicher dramatiſch⸗hiſtoriſcher Stoff. Die Flucht des unglücklichen Königs Karls II., die felſenfeſte Treue des Hauſes Lee, die ſich bei dem alten Lee ſowohl, als bei Alexis auf zwar ganz verſchiedene aber gleich erſchütternde Weiſe, im Kampfe zwiſchen Pflicht und Neigung be⸗ währt, das gigantiſche Bild Cromwells ꝛc. bie⸗ ten gleich hohes Intereſſe dar. Dieß iſt die Reihe der ſogenannten Waver⸗ ley-Novellen, deren geheimnißvolle Autorſchaft beinahe ein Jahrzehend lang England eben ſo ſehr in der höchſten Spannung gereizten Neu⸗ gierde, als alle diejenigen in einer Art von elektriſchem Enthuſiasmus für den Dichter ver⸗ ſetzte, welche einmal einen dieſer Romane ge⸗ leſen hatten. Die Schickſale ſchlichter Erden⸗ ſöhne, ihr Kämpfen mit dem Mißgeſchicke, ihr Alltagswirken und der abgeſchloſſene bürgerliche Kreis ihres Lebens, das uns in den früheren Romanen einer Vorſcottiſchen Zeit nicht ſelten ſogar auch im Schlafgemache und in der Küche gezeigt worden iſt, genügt nicht mehr für die Novelle. Dieſer hat Scott einen höheren, be⸗ lehrenderen, würdigeren Wirkungskreis ange⸗ wieſen, und gleich Shakespear in der dramati⸗ ſchen Poeſie wurde der ſchottiſche Barde der Reformator der romantiſchen Dichtung, die er ſo innig mit der Geſchichte zu verſchmelzen wußte, daß die Geſammtzahl ſeiner ſchottiſchen Novellen gleichſam als eine Skizze der Ge⸗ ſchichte Schottlands betrachtet werden kann. Welch ungleich höheren Werth haben darum dieſe ppetiſchen Schöpfungen, in denen die großen Momente der Vorzeit und ihre Heroen — 65— der glaͤnzende, feſtſtehende Mittelpunkt ſind,— als die früheren, zu ihrer Zeit auch als Muſter erkannten Romane mit ihren Alltags⸗Menſchen, und ihrem Alltagsleben. Aber darum iſt die hi⸗ ſtoriſche Novelle W. Scott's nicht blos ein aus außerordentlichen Thaten zuſammengedrängtes Epos, ſondern ſie enthält auch den ruhigeren, in der Entwicklung dargeſtellten Lebenslauf des Hel⸗ den und ſeiner Umgebung. Groß iſt beſonders des Dichters Kunſt, den Geiſt, die Eigenthüm⸗ lichkeiten, Sitten, Meinungen und Anſichten der veerrſchiedenen hiſtoriſchen Zeitabſchnitte ſeines Va⸗ terlandes aufzufaſſen, und dieſe Epochen uns in fingirten Perſonen vorzuführen, die ſehr oft die Anſichten, Meinungen und Eigenthümlichkeiten wirklicher hiſtoriſcher Helden einer längſt verklun⸗ genen Zeit ausſprechen und darthun. Gleich tief wie in die Geſchichte dringen ſeine Blicke in das menſchliche Herz, und der größte Werth ſeiner Dichtungen iſt neben der lebendigen Phantaſie und Friſche der Gedanken, neben dem weichen Gefühle und den mit reifem Verſtande begrüͤnde⸗ W. Scott's ſaͤmmtl. Werke, 1748 Bochn. 5 4 — 66— ten Weltanſichten gewiß auch in der höchſt mo⸗ raliſchen Tendenz zu ſuchen, die ſeine Romane durchdringt, und in dem ſchönen Prinzip, die Tu⸗ gend und das Gute an nichts verzweifeln zu laſ⸗ ſen. Nirgends haſcht Scott nach Effect und Spannung; ſeine Dichtungen ſind größtentheils gut abgerundet und vollendet, nur der Fehler der Weitſchweifigkeit und oft unnöthigen Dehnung kann nicht von manchem ſeiner Werke genommen werden, was den noch größeren Fehler erzeugte, daß die Entwicklung alsdann zu plötzlich herein⸗ zubrechen gezwungen iſt, und daß die Maſſe der Schlußſchickſale die ſo herrlich gezeichneten Cha⸗ raktere oft ganz erdrückt.— Im Jahre 1820 wurde Walter Scott zur Wuͤrde eines engliſchen Baronets erhoben, und 1821 zum Praäſidenten der K. Akademie der Wiſſenſchaften zu Edinburg erwählt. Bald dar⸗ auf erſchien auch ein herrliches dramatiſches Werk von ihm„»Halidon Hill.“ Unter den ausgezeichneteren Perſonen unſerer Zeit, welche W. Scott's Talent entzückte, war = 6— König Georg IV. einer ſeiner größten Bewunde⸗ rer. Als dieſer Fürſt im Jahre 1822 Schottland beſuchte, kam ihm W. Scott auf der Rhede von Leith zu Schiffe entgegen, worin ſich auch eine Deputation von ſchottiſchen Damen befand, die den König bewillkommnen, ihm ein reich mit Brillanten beſetztes Andreas⸗Kreuz anbieten, und ihn bitten wollten, es als Sinnbild der Treue der ſchottiſchen Nation zu tragen. Kaum hatte Georg von der Annäherung W. Scott's Kunde erhalten, ſo rief er freudig aus:„Wie, Sir Walter Scott! der Mann Schottlands, den ich zu ſehen das größte Verlangen trage?! Laßt ihn ja ſogleich an unſern Bord ſteigen!« Der Koͤnig empfing ihn hierauf auf das Schmeichelhafteſte, behielt ihn zu Tiſche, und er mußte zu ſeiner Rechten ſitzen. Es war im Jahre 1826, als Walter Scott's Verleger, der Buchhaͤndler Conſtable zu Edin⸗ burg, gezwungen wurde, ſeine Zahlungen einzu⸗ ſtellen. Dieſer unglückſelige Banquerout entriß dem berühmten Dichter alle Früchte eines zwan⸗ — 68— zigjährigen beiſpielloſen Fleißes; er verlor den größten Theil ſeines Vermögens dabei. Nichts⸗ deſtoweniger ertrug er den furchtbaren Schlag mit vielem Muthe.„Es iſt ſehr hart,“ ſagte er, „den Lohn eines thätigen Lebens plötzlich zu ver⸗ lieren, und von Wohlhabenheit zu bitterer Armuth herabzuſinken; wenn mir indeſſen der liebe Gott nur noch wenige Jahre Geſundheit und Kraft verleiht, ſo hoffe ich, mich dieſer ſchrecklichen Lage wieder entwinden zu können!«— Aber es iſt ein unermeßlicher Unterſchied zwiſchen freiwilliger Arbeit, die aus Neigung und mit heiterem Geiſte unternommen wird, und einer Aufgabe, die die ₰4 Pflicht auferlegt, und die zur Unterſtützung der Exiſtenz ausgeführt wird. Dieſe Wahrheit zeigte ſich deutlich in W. Scott's ſeit dieſer Zeit ent⸗ ſtandenen Schriften. In der Einleitung zu den„Chronicles of the Canongate“ theilt der Dichter ſelbſt folgende Nachrichten über ſeine Geldverlegenheiten mit: »Ich habe vielleicht bei früheren Gelegenheiten hinreichend von den Unfällen geſprochen, welche — 69— die Maske fallen machten, unter der ich viele Jahre hindurch in ſo großem Maße die Gunſt des Publikums genoß. Durch den Erfolg meiner literariſchen Arbeiten war ich in den Stand ge⸗ ſetzt, mich den Einfällen hinzugeben, die man bei einer zurückgezogenen Perſon in meinen Verhält⸗ niſſen vorausſetzt. In der Feder dieſes namen⸗ loſen Romanſchreibers ſchien ich gleichſam eine heimliche Geld⸗ und Perlenquelle zu beſitzen, wie ſie dem Reiſenden in der Sage des Oſtens ver⸗ liehen war, und ich glaubte ohne Unklugheit mich weit größeren Ausgaben überlaſſen zu können, als mein ererbtes Vermögen nebſt einem mäßigen Staatseinkommen geſtattet hätte. Ich kaufte, baute und pflanzte, und, wie die Welt, ſo glaubte auch ich im Beſitze eines artigen Vermögens zu ſeyn. Meine Reichthümer waren indeß, wie an⸗ dere Reichthümer dieſer Welt, Zufällen unter⸗ worfen, die ihnen endlich Flügel gaben zu entflie⸗ hen. Das vielen Zweigen des Handels und der Juduſtrie ſo verderbliche Jahr 1825 verſchonte auch den Buchhandel nicht, und der plötzliche — 20— Sturz ſo vieler Buchhändler konnte wohl kaum einen Mann unbeſchädigt laſſen, der nothwendig in ſo ausgedehntem Maße bei den Geldgeſchäͤf⸗ ten deſſelben betheiligt war. Mit einem Worte, beinahe ohne die mindeſte Warnung wurde ich mit einem Male in die Kataſtrophe jener unglück⸗ lichen Zeit verwickelt, und angegangen die Forde⸗ rungen von Glaͤubiger an Handelshäuſer, mit denen ich lange in Verbindung ſtand, bis zu ei⸗ nem Belaufe von 120,000 Pf. zu erfüllen. Da der Autor ſich ſo unbeſonnen in die Gefahren von Handelsſpekulationen mit eingelaſſen hatte, ſo mußte er auch die Folgen tragen, und er über⸗ lieferte, wenn auch mit ſchmerzlichem Gefühle Alles, was er bis jetzt ſein Eigenthum genannt hatte. Es kam in die Hände von Leuten, deren Redlichkeit, Klugheit und Einſicht mit aller nur denkbaren Liberalitaͤt gepaart waren, und die wil⸗ lig zu allen Planen die Hand boten, in deren Erfüllung der Autor die Mittel ſah, ſich endlich noch los zu machen, und die von einer Art wa⸗ ren, daß er ſie ohne ſolchen Beiſtand nicht häͤtte ausführen können!« — 71— Dieſer unglückſelige Banquerout Conſtable's machte die Entdeckung des Geheimniſſes, das bis⸗ her den Autor der Waverley Novellen in dichtes Dunkel gehüllt hatte, unvermeidlich, und nöthigte Walter Scott, der ſich von dieſem Augenblicke an der Verminderung ſeiner ungeheuern Schul⸗ denlaſt mit der größten Redlichkeit widmete, zu einer neuen Art von Schriftſtellerei. Er ſchrieb „The Life of Napoleon“(10 Bände) jedoch ohne ſorgfältiges Studiumeund höchſt parteilich, ja ſogar Predigten ließ er drucken, und eine Anleitung zur Gartenkunſt und zu Baumpflan⸗ zungen. Auch eine neue Ausgabe ſeiner pro⸗ ſaiſchen Schriften kündigte er an,„die Swifts und Drydens Biographie, Skizzen und Charak⸗ terſchilderungen enthalten. Von ſeinen bisher erſchienen Romanen bear⸗ beitete W. Scott jetzt eine neue verbeſſerte, und mit Anmerkungen bereicherte Ausgabe, und er⸗ hielt für das Manuſcript 8,400 Pf.; auch die Hälfte des Ertrages ſollte dem Dichter gehören, die er aber ſogleich ſeinen Gläubigern überwieß. zum Unterpfande erhalten hatten, unter Bezei⸗ — 72— Das Verlangen des Publikums, die ganze Sammlung der Romane W. Scott's zu beſitzen und ſeinem auf ſo ſchmähliche Weiſe zu Grun⸗ de gerichteten Vermögen wieder aufzuhelfen, be⸗ wirkte in kurzer Zeit einen Verkauf von 24,000 Exemplaren. Um ſich einen Begriff von der Thätigkeit zu machen, womit dieſes Unterneh⸗ men betrieben wurde, genügt zu ſagen, daß mehr als 1000 Menſchen dabei beſchäftigt waren. „The Chronicles of the Canongate,“ der erſte Roman, welcher(1827) unter ſeinem Namen erſchien, die„Thales of a grand father,“„Briefe über Dämenologie,“„Karl der Kühne oder die Tochter des Nebels“ und„das ſchöne Naͤdchen von Perth« folgten ſich in wenigen⸗Jahren, und ſetzten den Verfaſſer mit Beihilfe ſeiner„History of Scotland“ in den Stand, zu Ende 1830 un⸗ gefähr die Hälfte ſeiner Schulden bezahlen zu können. Bei dieſer Gelegenheit gaben die Gläu⸗ biger W. Scott's ihm alle ſeine Bücher, Ma⸗ nuſcripte, Alterthümer ꝛc., welche ſie von ihm — 75— gung ihrer innigen Hochachtung für ſeinen edlen Charakter wieder zurück. Erſchöpft durch die außerordentlichen Anſtren⸗ gungen, welche ihm die Erfüllung ſeiner Pflich⸗ ten als Schuldner auferlegten, wurde er zu Anfang des Jahres 1831 ſo ſehr vom Schlage gelähmt, daß er kaum mehr zu ſchreiben ver⸗ mochte; nichts deſtoweniger behielt er die Le⸗ bendigkeit ſeiner Denkkraft und die ihm eigene überraſchende Beredtſamkeit, bei ſeiner ſicht⸗ baren phyſiſchen Schwäche. Als die Kunde von der Erſchütterung der Geſundheit des gefeierten Dichters ins Publi⸗ kum kam, ſprach ſich in allen Klaſſen eine außerordentliche Theilnahme für ihn aus. Fremde kamen aus fernen Ländern um ihn noch zu ſehen, oder wenigſtens das Haus, wel⸗ ches dieſen großen Geiſt einſchloß. Seine Woh⸗ nung war in dieſer Zeit förmlich belagert von ſeinen Verehrern jeden Ranges, die über ſein Befinden täglich ja ſtuͤndlich Erkundigungen einzogen. Die Aerzte riethen zu einer Reiſe nach dem milden Himmelsſtriche Jlaliens. Die Regierung hievon unterrichtet, bot dem kranken Saͤnger ſogleich ein Schiff an; er verließ ſein geliebtes Abbotsford ſehr traurig, denn er fürchtete, es nimmer zu ſehen und gieng vor⸗ erſt nach London. Dort wurde er mit der größten Auszeichnung empfangen, und nachdem er in ſeinem letzten Romane, den er ankündigte („The Castle dangerous«;— erſchien mit „Count Robert of Paris“ wenige Monate vor ſeinem Tode)— der Welt eine Art von Lebe⸗ wohl geſagt hatte, ſegelte er nach Italien. Einen Augenblick ſchien er unterwegs wieder neu auf⸗ zuleben; aber die ſchöne Hoffnung war nur vorübergehend. In Neapel angekommen, be⸗ fand er ſich ſo übel, daß er der Ehrenbezeu⸗ gungen, die man ihm bereitet hatte, nicht theil⸗ haftig werden konnte. Von hier gieng er nach Rom; aber mitten unter den Wunderwerken der Kunſt, nach deren Anblick er ſo oft ſich geſehnt, ſeufzte er nur nach den heimiſchen Uſern der Twed; denn er fuhlte ſeine Kräfte täglich — 75K— abnehmen, und wollte darum ſo bald als mög⸗ lich ſeinen eigenen Heerd wieder erreichen. Der heiße Wunſch, in ſeinem Vaterlande zu ſterben, veranlaßte ihn, mit außerordentlicher Schnellig⸗ keit zu veiſen. So kam er denn bis zum Tode erſchöpft im Herbſte 1832 wieder in London an, und verdankte nur der Aufmerkſamkeit, Anhänglichkeit und Geiſtesgegenwart eines treuen Dieners, daß er Abbotsford wieder ſah, denn ein wiederholter noch weit heftigerer Schlagan⸗ fall traf ihn wenige Tage nach ſeiner Ankunft in London. Kaum ſo weit hergeſtellt, um ſich einſchiffen zu können, gieng er nach Schottland unter Segel. In Abbotsford angelangt, ſchien ſich ſeine Lebenskraft noch einmal zu heben; er bewill⸗ kommte ſeine Freunde und Bekannte mit lauter Freude, und fühlte ſich glückſelig in dem Kreiſe ſeiner Kinder. Seine Wiederankunft in Schott⸗ land erregte um ſo größeren Enthuſiasmus, als die allgemeine Beſorgniß, ihn nicht mehr zu ſehen, jetzt nicht nur beſeitigt war, ſondern — 76— ſich auch Hoffnung zu ſeinem Wiedergeneſen zeigte. Allein die Vorſehung hatte ſein Ziel geſteckt, er wurde wenige Wochen nach ſeiner Rückkehr aufs Neue krank, von Tag zu Tag kraftloſer und endigte das Scheinleben ſeiner letzten Stunden am 20. September 1832 in den Ar⸗ men ſeiner Familie, ruhig und ſchmerzlos in einem Alter von 62 Jahren, ſeit lange ſchon das traurige Ende ſeines Vaters befürchtend, deſſen ſchmerzliche Krankheit er in den Chro- nicles of the Canongate erzählte. Er ſtarb als ein Opfer des eifrigen Wunſches und der außerordentlichen Anſtrengungen, ſeine Schulden zu bezahlen. Seine merkwürdig kräftige Natur und ſein entſchloſſenes Gemüth unterlagen der herkuliſchen Arbeit, welcher er ſich in den letzten Jahren ſeines Lebens unterzogen hatte, ſeine Ehre zu bewahren, ſeine Gläubiger zu befrie⸗ digen und ſeinem Sinne für Unabhängigkeit zu genügen. Er wurde im nördlichen Flügel der alten ver⸗ — 77— fallenen Abtei Dryburgh, einem einſamen und romantiſchen Orte, wo auch ſeine Gattin und ſein Oheim ruhen, zur Erde beſtattet. Seine eigenen Kinder ſenkten ihn in die Gruft. Waͤh⸗ rend ſeiner Beerdigung waren weit umher die Hügel mit der Bevölkerung von Selkirk und der umliegenden Gegend bedeckt; von dem Thurme des alten Schloſſes Darnik wehte eine ſchwarze Fahne und allenthalben gewahrte man tiefen Schmerz und unverſtellte Trauer. Als ſein Tod zu Glasgow bekannt wurde, hißten alle Schiffe im Fluſſe halb ihre Flaggen auf und in Edinburg wurde eine Verſammluung be⸗ rufen, um ihm ein Denkmal zu ſetzen. Der große Dichter iſt inſolvent geſtorben. Bei ſeinem Tode beliefen ſich ſeine Schulden noch auf 70,000 Pfund Sterling. Um dieſe zu decken, waren blos ſein Hausgeräthe, ſeine Bücher, einige unvollendete Manuſcripte und ſeine Correſpondenzen vorhanden, die etwa zehen Baͤnde füllen dürften. Dieß alles ſollte, wie er im Teſtamente verordnet hatte, ſeinen Gläu⸗ bigern ausgehändigt werden, reichte aber na⸗ türlich bei weitem nicht zur Tilgung hin. Es ſtund daher zu erwarten, daß ſein Landgut Ab⸗ botsford verkauft werden müſſe. Dieſes war zwar ſeinem älteſten Sohne, auf den auch der Titet Baronet übergieng(gegenwärtig 32 Jahre alt, und Oberſt des 15ten Huſarenregements) als Fidei⸗Commiß übertragen, aber Scott war bei Abfaſſung der Urkunde ſchon inſolvent, da⸗ her dieſe keine Rechtskraft erhielt. Es wurden hierauf in Schottland und England und allent⸗ halben,(zuerſt durch die Times) die Verehrer des großen Dichters zu Subſcriptionen aufge⸗ fordert, um Abbotsford ſeinem Sohne zu erhal⸗ ten, ſeine Bibliothek und andere Sammlungen von dem Auctionshammer zu retten und die jüngern Glieder ſeiner Familie vor Mangel zu ſchützen. Die Hülfsmittel der Hinterlaſſenen blieben indeſſen nicht lange ſo unbedeutend, als ſie beim Tode ihres berühmten Vaters waren. Der Buchhänder Cadell bot 20,000 Pfund für das Recht, die übrigen Werke Walter Scotts — 79— nach dem Plane der geſammelten und ſeit 1829 verlegten Romane herauszugeben. Hiemit konnte ſchon ein großer Theil der Reklamatio⸗ nen befriedigt werden, ohne Abbotsford an⸗ zutaſten. Bald darauf vermachte ein naher Verwandter der Lady Scott, ihren Kindern 60,000 Pfund. Der älteſte Sohn beſitzt ein großes Vermögen durch ſeine Frau und ſomit verſchwindet die Beforgniß, die Familie Walter Scotts in Dürftigkeit zu ſehen. Den 29. Oktober 1832 fand zu Edinburg eine Verſammlung der Glaͤubiger Walter Scotts Statt, wo der von ſeiner Familie gemachte Ver⸗ gleichungs⸗Vorſchlag, wornach die Gläubiger, außer dem was ſie ſchon als Betrag einer Le⸗ bens⸗Verſicherung des Dichters in Händen hat⸗ ten, noch 9 Schilling vom Pfund und zwar am 2. Februar 1833 erhalten ſollten, von ih⸗ nen einſtimmig angenommen wurden und wo⸗ bei ſie beurkunden ließen, daß dieſes geſchehe, um einen Beweis ihrer höchſten Verehrung für den Verſtorbenen zu geben, und die dankbare — 80— Anerkennung für ſein redliches und unabläßiges Beſtreben, ſie zu befriedigen. Der Tochter Wal⸗ ter Scotts hat König Wilhelm IV. eine lebens⸗ längliche Penſion von jährlich 200 Guineen aus ſeiner Privatkaſſe bewilligt. 4 Walter Scott war ungefäaͤhr ſechs(engliſche) Fuß groß*), gut gebaut und alle ſeine Glie⸗ der verkündeten Kraft und Stärke. Seine Arme waren lang und nervig, ſeine Geſichtszüge er⸗ haben und ausdrucksvoll, und wurden äußerſt belebt, wenn er erzählte. Seine grau⸗blauen Augen lagen etwas tief unter ſehr ſtarken, weißen Augenbraunen und lachten mehr als ſeine Lippen, wenn er eine heitere Mittheilung erhielt. Sein gerade empor gerichtetes Haupt, ſeine dünnen blonden Haare mochten ihn ſchon *) Der engliſche Fuß iſt um einen Zoll kleiner, als der franzöſiſche. — 81— von weitem kenntlich, und es reichte hin, ſeine Stimme ein einziges Mal gehoͤrt zu haben, um ſie für immer zu kennen, denn er hatte etwas Stammelndes in ſeiner Sprache, und vorzüg⸗ lich ſtieß er bei dem Buchſtaben R gerne an, was ihm indeſſen gar nicht übel ſtand. In einer Geſellſchaft von wenigſtens hundert Män⸗ nern fand man keinen engeren Hut, als den ſeinigen, und dieſer paßte keinem andern Kopfe. Er liebte männliche Uebungen zur Stärkung der Körperkraft. In ſeiner Jugend war er der Geſchickteſte in allen Spielen, und immer der Erſte bei irgend einem luſtigen Streiche. Seine Geſundheit blieb bis zum Jahre 1820 vortreff⸗ lich; von dieſer Zeit an wurde er oft von Ma⸗ genkrämpfen und Seitenſtechen angefallen. Sehr gerne ritt er, und trug dann gewöhnlich einen kurzen Rock und weite Pantalons, ſein Lieb⸗ lingspferd war ein kleines lebhaftes Thier von Galloway. Der ſteilſte Berg hielt ihn nicht an, das tiefſte Waſſer erſchreckte ihn nicht bei dieſen Spazierritten. Oft auch erging er ſich W. Scott's ſaͤmmtl. Werke, 1248 Boͤchn. 6 — 82— in ſeinen weitläufigen Pflanzungen; er führte dann ſtets eine Axt und eine Hand⸗Säge bei ſich, womit er entweder zu ſehr wucherndes Ge⸗ ſträuch beſchnitt, oder wohl auch einen ganzen Baum umhieb, wenn er das Wachsthum anderer hinderte. Walter Scott wurde allgemein geliebt. Sein großes Talent wurde von ſeiner Herzensgüte und der Großmuth ſeines Charakters beinahe noch überſtrahlt. Man fand ſeinen Namen zwar nicht immer an der Spitze der Subſcriptions⸗ liſten, die die Journale veröffentlichten; aber er war ſtets der Erſte, wo es galt, beſcheidenem Verdienſte zu helfen. Er gab ſich niemals das Anſehen eines Protectors, wenn er anderen ge⸗ fällig war, ſo wünſchte er glauben zu machen, daß er ſich lediglich ſelbſt habe dadurch einen Dienſt geleiſtet, indem er eine dargebotene Ge⸗ legenheit ergriff, ſeinen Nebenmenſchen nützlich zu ſeyn. Nie hörte man ihn von irgend Je⸗ mand Uebles reden, und wenn ihm je ein pi⸗ kantes Wort entſchlüpfte, ſo ſuchte er die Wir⸗ — 83— kung ſogleich dadurch wieder zu verwiſchen, daß er auch einige liebenswürdige Züge der Perſon mittheilte. Er gefiel ſich darin, alte Ruinen zu beſuchen und ſich mit Greiſen jedes Ranges zu unter⸗ halten; beſonders liebte er bejahrte Schäfer. Sehr viel Achtung hatte er auch vor Grenz⸗ ſteinen und Grenzpfaͤhlen, an den Landesgren⸗ zen. Er kannte alle Schlachtfelder Großbritta⸗ niens und wußte ſie zu beſchreiben. Er hatte perſönlich die Orte beſucht, wo die ſchottiſchen Balladen handelten. Höchſt ungern ſah er Steine aus alten Gemäuern brechen, oder ein durch die Geſchichte berühmt gewordenes Stück Feld anbauen. Er ſtund täglich ſehr früh auf, fetzte ſich ge⸗ wöhnlich um ſieben Uhr an ſeinen Schreibtiſch und arbeitete in der Regel, die kurze Zeit wäh⸗ rend des Fruühſtuͤcks ausgenommen, bis ein auch zwei Uhr Nachmittags unausgeſetzt. Dann raſirte und kleidete er ſich, und ging, von ſeinen zwei Lieblingshunden begleitet in die Berge 6 38 — 84— ſpatzieren. Nach einigen Stunden Bewegung kehrte er nach Hauſe zurück, um ſeine Freunde, die der Zufall oder ſeine Einladung herbeige⸗ führt hatten, zu begrüßen. Durch dieſe Ein⸗ theilung ſeiner Zeit rückte er in ſeinen Dich⸗ tungen ſchnell vorwärts. Wenn er ſich recht wohl befand, war auch ſtets ſeine Phantaſie in reger Thätigkeit; er hatte nicht nöthig, Tage lang auf den Augen⸗ blick der Begeiſterung zu harren, und dann dieſe ſchnell zu benützen, und jeden Tag lieferte er wenigſtens 16 Druckſeiten. Er ſchrieb aͤußerſt ſchnell und ohne vorher das zu überdenken, was er niederſchrieb; nichtsdeſtoweneger hat wohl kein Schriftſteller ſo wenig Verbeſſerungen ſeiner Werke vorzunehmen gehabt, als Walter Scott. Je ſchneller er ſchrieb, je beſſer ſchrieb er, weil er dann im Zuge war. Obgleich er der vollkommenſte Schriftſteller ſeiner Zeit war, ſo gab er ſich dennoch nie das Anſehen, es zu ſeyn, und wenn er aus ſeinem Arbeitszimmer trat, ſo hieng er ſein 1 — — 385— Dichtergewand an den Nagel, und zog die Klei⸗ dung eines ehrbaren Landedelmannes an; er hatte aͤußerſt viele Weltkenntniß, war voll’ Ar⸗ tigkeit und Galanterie, und übte überaus gerne Gaſtfreundſchaft. Er war ſtolz als Mann, nicht als Dichter, noch als Hiſtoriker oder Ro⸗ mantiker. Er ſah ſich lieber als Abkömmling einer alten Familie betrachtet; der ſein Haus Abbotsfort gebaut, ſeine Gärten angelegt und ſeine Grundſtücke bepflanzt, denn als ein Ge⸗ nie, deſſen Werke ſo großen Einfluß auf das menſchliche Geſchlecht gehabt, und zum Vergnü⸗ gen von Millionen beigetragen hatten! Man wird verſucht, das Talent Walter Scott's ein univerſales zu nennen; er glänzte in jeder Bahn, die die Literatur ſeit einem Jahrhundert dem menſchlichen Geiſte geöffnet hat. Shakes⸗ peare, Milton, Burns und Byron übertreffen ihn jeder einzeln in ihrem Fache; aber er über⸗ trifft ſie alle hinwiederum(den Erſteren viel⸗ leicht ausgenommen), durch die Vereinigung von ebenſo zahlreichen als verſchiedenen Talenten. — 86— Er war Dichter, Hiſtoriker, Biograph, Ro⸗ mantiker und Kritiker. Als Dichter kann er kühn um den Vorrang mit dem berühmteſten Barden ſeiner Zeit ſtreiten; als Geſchichtsfor⸗ ſcher ſteht ihm nur Southey gleich; weniger Erfolg hatte er zwar als Biograph, aber daran iſt wohl auch die Wahl ſeiner Lebensbeſchrei⸗ bungen Schuld: des unbeſtändigen Dryden, des veränderlichen Swift; als Kritiker tritt er in eine Linie mit denen, die hierin den erſten Rang behaupten; als Romantiker ſteht er einzig da, unerreicht, ohne Nebenbuhler, wahrſcheinlich nie uͤbertroffen, alle ſeine Vorgänger, mit Ausnahme von ECervantes, weit unter ſich laſſend!— Nie war ein Schriftſteller populärer als Wal⸗ ter Scott. In Paris allein wurden 1,450,000 Bände ſeiner Werke verkauft. In Deutſchland lieferten gleichzeitig vier Buchhandlungen die Ueberſetzungen derſelben und auch ihr Geſammt⸗ abſatz mag eine Million Bände überſteigen. In England gingen von einzelnen ſeiner Werke 20, 25, ja 30,000 Exemplare ab. — — 87— Die Ankündigung eines neuen Werkes aus ſeiner Feder war ein beinahe europäͤiſches Er⸗ eigniß, und ſeine Bewunderer erwarteten die Ausgabe deſſelben mit der höchſten Ungeduld. Und mit Recht; denn nie hat dieſe Feder eine Linie gezogen, in welcher nicht der reinſte Ge⸗ ſchmack und die ſtrengſte Moral vorgeherrſcht hätten. Wohl iſt es der ſchönſte Ruhm eines populaͤren Schriftſtellers, wenn man von ihm ſagen kann, was de Lamartine eben ſo ſchön als wahr in ſeiner Antwort auf Walter Scott's Abſchied von ſeinen Leſern ſagt: Cette gloire sans tache et ces jours sans nuage N'ont point pour la mémoire à dechirer de Page; La main du tendre enfant peut t'ouvrir au — hasard, 3 Sans qu'un mot corrupteur étonne son re- gard, Sans que de tes tableaux la suave décence 7 A 2 Fasse rougir un front couronné d'innocence. — 88— Sur la table du soir, daus la veillée admis, La famille te compte au nombre des amis, Se fie à ton honneur, et laisse sans scrupule Passer de main en main le livre qui eireule; La vierge en te lisant, qui ralentit son pas Si sa mèêre survient, ne te dérobe pas— Mais rélit au grand jour le passage qu'elle aime, Comme en face qu ciel tu l'écrivis toi-méme Et sendort aussi pure après t'avoir fermé, Mais de grace et d'amour le coeur plus par- fumé. Verzeichniß ſämmtlicher, in unſerem Verlage befindlichen Romane Walter Scott's, in Taſchenformat, per Bändchen 2 gr. oder 9 kr. Die Kreuzfahrer,9 Baͤndchen, oder die Verlobten, Der ganzen Rehe Der Talisman, 4 Baͤndchen..... Woodſtock, oder der ſchwarze Ritter 5 Baͤndchen... Redgauntlett, 5 Banoͤchen.......... Quentin Durward, 5 Baͤndchen.... 8.. Leben Napolaons, 35 Baͤndchen 25—32. 38— 42. Kenilworth, 3 Baͤndchen Ivanhoe, 5 Baͤndchen...... 8........ Guy Mannering, oder der Sterndeuter, 5 Baͤndchen............ Der Alterthuͤmler, 5 Baͤndchen........ Das Kloſter, 3 Baͤndchen.... Der Abt, 5 Baͤndchen........ Die Chronik von Canongate, 5 Boͤchen Erzaͤhlungen eines Großvaters. 5 Bdchen Robin der Rothe, 5 Baͤndchen... 2. Der Schwaͤrmer, 5 Bdchen........ Der Pirat, 5 Bdchenn.. 1— 6— 758 80— 85— 90— 95— 5 Bochn; 58 Boch. 98.— 248— 298— 848— 898— 948— 99s— 1001048— 105— 1098— 110—114s— Waverley, 5 Baͤndchen 115— 1196 Boch. Die Braut von Lammermoor, 35 Bdchen 120—1248— Das Herz von Mid Lothian, 5 Boͤchen 125— 1298— Montroſe, 3 Baͤndchen........... 130—1328— Nigels Schickſale, 3 Baͤndchen. 133— 1378— 3 Peveril vom Gipfel, 5 Baͤndche 138— I4as— Der ſchwarze Zwerg, 2 Baͤndche. 143— 1448— Der St. Ronansbrunnen, ö6 Baͤndchen 145— 1508— Das ſchoͤne Maͤdchen von Perth, 6 Bdchn 151—1568— Karl der Kuͤhne, oder die Tochter des Nebels, 6 Baͤndchen...... 157— 1628— Graf Robert von Paris, 2 Baͤndchen. 163— 1698— Das gefaͤhrliche Schloß, 4 Baͤndchen 170— 1738— In Oktav⸗Ausgaben befinden ſich in unſerem Verlage: Die Chronik von Canongate, 2 Baͤnde. — 3 Rthlr. 12 gr.— ðà fl. Erzaͤhlungen eines Großvaters, 3 Baͤnde. 4 Rtblr. 2 fl. Das ſchoͤne Maͤdchen von Perth, 3 Baͤnde. 4 Rthlr. 6 fl. 30 kr. Carl der Kuͤhne, 3 Baͤnde. 4a Rthlr. 6 fl. 30 kr. Leben Napoleon Buonaparte's, 9 Bde. 16 Rthlr. 27 fl. Graf Robert von Paris.— Das gefaͤhrliche Schloß⸗ 4 Baͤnde. 4 Rthlr. 6 fl. 30 kr. ſſinſnnſnffſſFnſſfnfffſſſfſſſffſſſſſſnſſ 8 9 12 13 10 11 14 15 16 17 18