Crom=u Caüu es. S W. Dar Leed. at an db, Sce Slarle, cne Scetl dalen ue. las, ichnn 2lur Aber As Mikn, 4 b Walter Scott's ſaͤmmtliche r —— Neu überſetzt. Hundert und vierter Band. Robin der Rothe. Fuͤufter Theil. Stuttgarr, bei Gebruͤder Franckh. 1828. Robin der Rothe. Vom Verfaſſer des Waverley, Guy Mannering und des Alterthuͤmlers. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Dr. E. W. —PI Warum? Die gute, alte Regel Genugt für ſie, der ſchlichte Plau, Daß zugreift, wer die Macht beſitzt/ und feſthält, wer da kann. Fuͤnfter Theil. ——;4ꝛ— Stuttgart, bei Gebruͤder Franuckh. 182 8. Robin der Rothe. Erſtes Kapitel. Als er zur gebrochenen Brücke kam, Schwamm er, den Bogen in der Hand Als er zum anderen Uter kam, Eilt er durch's grasbewachſene Land. Chil Morrice. Die Felſen und Kluͤfte hallten jetzt wieder von den Trompetenſtoͤßen, als die Reiterſchaar in zwei beſondern Haufen langſam das Thal hinabtrabte. Der unter Major Galbralth wandte ſich bald rechts, und ging uͤber den Forth, um ein altes Schloß in der Nachbarſchaft zu beſetzen, das zu ihrem Nachtquartier beſtimmt war. Ihr Uebergang uͤber den Strom gab ein lebendiges Gemaͤlde, aber bald verlo⸗ ren wir ſie aus dem Geſichte, als der Wald auf dem jen⸗ ſeitigen Ufet ſie aufnahm. Wir ſetzten unſern Marſch in ziemlich guter Ordnung fort. Der Herzog ließ den Gefangenen zu groͤßerer Sicher⸗ heit hinter einem ſeiner Vaſallen, Namens Ewan von Brigg⸗ lands, der ſich durch ſeine Groͤße und Staͤrke auszeichnete, auf's Pferd ſetzen. Ein Sattelgurt, der um beide geſchlun⸗ gen, und vorne auf des Reiters Bruſt geſchnallt war, mach⸗ te es Robin unmöglich, ſich ſelbſt zu befreien. Ich mußte mich neben ihnen halten, und erhielt zu dem Ende ein W. Scott's Werke. CIV. 1 . 6 3 Handpferd. Wir waren ſo dicht von Soldaten umringt, als die Breite des Wegs nur immer erlaubte, und we⸗ nigſtens einer, wo nicht zwei, hatten auf jeder Seite im⸗ mer die Piſtolen in der Hand. Andreas, mit einem hoch⸗ laͤndiſchen Klepper verſehen, den man irgendwo erbeutet hatte, ritt unter den Dienſtboten, welche in großer Anzahl dem Zuge der Miliz folgten. Auf dieſe Weiſe zogen wit eine Strecke fort, bis wir an den Ort kamen, wo auch wir den Forth uͤberſchreiten mußten. Der Forth, der aus einem See ſtroͤmt, iſt auch bei geringer Breite ziemlich tief, und den Eingang zur Furth machte eine rauhe ſteile Schlucht, wo nut ein Rei⸗ ter auf einmal hinabgehen konnte. Dieß verurſachte eine bedeutende Zoͤgerung, und ſelbſt Verwirrung, da mehrere Reiter, die nicht zum eigentlichen Geſchwader gehoͤrten, ſich an die Furth draͤngten, und ſo die Milizreiterei, die ſonſt ziemlich gut geuͤbt war, gleichfalls in einige Unord⸗ nung brachten. Als wir ſo am Ufer zuſammengedraͤngt waren, hoͤrte ich, wie Robin dem Manne, hinter dem er ſaß, die Worte zufluͤſterte:„Euer Vater, Ewan, haͤtte fuͤr alle Herzege der Chriſtenheit einen alten Freund nicht ſo, wie ein Kalb, zur Schlachtbank gefuͤhrt.“ Ewan antwortete nicht, aber ſein Achſelzucken deutete an, daß es nicht mit ſeinem Willen geſchehe. „Und wenn die Mac Gregors das Thal herabkommen, und Ihr ſeht die leeren Schaafſtelle, den blutigen Heerd und das Feuer zu Eurem Dache herausſchlagen, ſo werdet Ihr daran denken, waͤre Euer Freund Robin an der Spitze, ſo wuͤrde alles ſicher ſeyn, was Ihr mit ſchwerem Herze⸗ leid verliert.“ 1 7 Ewan von Brigglands zuckte wieder die Achſeln, und ſeufzte, aber ſchwieg. „Es iſt wohl traurig,“ ſuhr Rob fort, und fluͤſterte ſeine Schmeichelworte ſo leife in Ewans Ohren, daß nur ich ſie hoͤren konnte, der ich gar keinen Beruf in mir fuͤhl⸗ te, ſeine Hoffnungen auf Flucht zu zerſtoͤren;—„es iſt doch traurig, daß Ewan von Brigglands, den der rothe Mac Gregor mit Hand und Schwert und mit Geld unter⸗ ſtuͤtzt hat, eines vornehmen Mannes Mißfallen mehr ach⸗ tet, als eines Freunds Leben.“ Ewan ſchien ſchmerzlich bewegt zu ſeyn, aber er ſchwieg. Wir hoͤrten des Herzogs Stimme vom jenſeitigen Ufer heruͤber rufen:„Bringt den Gefangenen heruͤber.“ Ewan ſetzte ſein Pferd in Bewegung, und eben als ich Robin ſagen hoͤrte:„Legt doch nicht eines Mac Gre⸗ gors Blut gegen einen zerſchnittenen Riemen in die Waag⸗ ſchale, denn Ihr werdet davon Rechenſchaft geben muͤſſen hier und dort;“ da ritten ſie haſtig an mir voruͤber, und eilten in den Strom. „Noch nicht,— noch nicht,“ riefen mir einige Rei⸗ ter zu, als ich jenen folgen wollte, und mich hindurch draͤngte. Ich ſah in der Daͤmmerung den Herzog auf der an⸗ dern Seite ſeine Leute, die der eine weiter oben, der andere weiter unten aus Land kamen, in Ordnung ſtellen. Viele waren ſchon hinuͤber, einige im Waſſer und die uͤbrigen be⸗ reiteten ſich, zu folgen, als ein ploͤtzliches Hineinplumpen ins Waſſer mir anzeigte, daß Mac Gregors Beredtſamkeit uͤber Ewan geſiegt hatte. Der Herzog hörte gleichfalls das Geraͤuſch, und errieth ſogleich die Bedeutung.„Schurke!“ rief er dem landenden Ewan zu,„wo iſt Euer Gefange⸗ * 8 ner?“ und ohne die Vertheidigung abzuwarten, die der erſchreckte Vaſall hervorzuſtottern begann, feuerte er ein Piſtol nach ihm ab,— ob mit toͤdtlichem Erfolge, weiß ich nicht,— und rief ſeinen Leuten zu:„theilt Euch, und verfolgt den Schurken. Hundert Guineen dem, der den Robin faͤngt.“ Alles kam ſogleich in dle lebhafteſte Unordnung. Ro⸗ bin, den Ewan vermuthlich durch Loͤſung des Sattelgurts frei gemacht hatte, war ſogleich ins Waſſer geſprungen, und untergetaucht unter den Bauch des Pferdes, das ihm zur Linken war. Da er aber, um Luft zu ſchoͤpfen, einen Augeublick an die Oberflaͤche des Waſſers kommen mußte, ſo erregte ſein Plald die Aufmerkſamkeit einiger Reiter, und einige ſtuͤrzten ſich theils mit ihren Pferden, theils ohne ſie ins Waſſer, ohne alle Ruͤckſicht auf ihre eigene Sicherheit. Andere, minder eifrig oder vorſichtiger, ritten nach verſchiedenen Richtungen am Fluſſe auf und uleder, um die Stellen zu bewachen, wo der Fluͤchtling moͤglicher⸗ weiſe landen konnte. Das Ho! Halloh!, der mehrſeitige Ruf um Beiſtand, wo ſie eine Spur von ihm ſahen oder zu ſehen glaubten,— das Abfeuern der Gewehre nach al⸗ lem, was auch nur den mindeſten Verdacht erregte,— der Anblick ſo vieler Reiter in und am Fluſſe, die ihre langen Schwerter gegen alles ſchwangen, was ihre Aufmerkſamkeit reizte, vereint mit den vergeblichen Bemuͤhungen ihrer Of⸗ fiziere, ſte wieder in Ordnung zu bringen,— alles dieß in einer ſo wilden Landſchaft, bei der matten Daͤmmerung ei⸗ nes Herbſtabends machte die ſeltſamſte Scene, die ich je geſehen. Ich konnte ſie ganz ungeſtoͤrt allein betrachten, denn alles war weggeritten, theils zur Verfolgung, theils um den Erfolg derſelben zu ſehen. Auch wuͤnſchten, wie 9 ich ſchon damals vermuthete, und nachmals mit Gewißheit erfuhr, viele von denen, die am eifrigſten bemuͤht ſchie⸗ nen, den Entronnenen einzuholen, gar nicht ſo ſehr, daß er wieder beigefangen werden moͤchte, und ſtimmten nur in das Geſchrei ein, um die Verwirrung zu vergroͤßern, und Robin deſto beſſer Gelegenheit zu geben, ſich zu fluͤchten. Einem ſo geſchickten Schwimmer, wie Robin, wurde dieß auch gar nicht ſchwer, ſobald nur der erſte Verfol⸗ gungseifer voruͤber war. Einmal war er ſehr bedraͤngt, und mehrere Saͤbelhiebe ſielen neben ihm ins Waſſer. Das Ganze glich der Otterjagd, die ich im Schloſſe Osbaldiſtone geſehen hatte, wo das Thier von den Hunden entdeckt wird, weil es, um Athem zu ſchoͤpfen, die Naſe uͤber das Waſſer emporhalten muß, ihnen aber ſchnell wieder entgeht, ſo⸗ bald es untertaucht. Mac Gregor half ſich noch ſchlauer, als die Otter, denn als er ſich ſo hart verfolgt ſah, macht er ſich unbemerkt von ſeinem Plaid los, und ließ ihn den Strom hinabſchwimmen, wo er bald die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit erregte; mehrere Reiter wurden dadurch auf eine falſche Spur gelockt, und Schuͤſſe und Hlebe von dem abgewandt, dem ſie galten. Als er ihnen einmal aus dem eſicht war, wurde es faſt unmoͤglich, ſich ſeiner wieder zu bemaͤchtigen, da der Fluß wegen ſeiner ſteilen Ufer an vielen Stellen unzugaͤnglich war, oder das dichte Gebuͤſch die Annaͤherung der Reiter verhinderte. Einzelne Irrun⸗ gen und Unfaͤlle, ſo wie die einbrechende Nacht, machten alle Bemuͤhungen mit jedem Augenblicke hoffnungsloſer. Einige wurden von den Wirbeln des Stroms fortgeriſſen, und riefen ihre Gefaͤhrten um Huͤlfe an, andere, in der Verwirrung von Schuͤſſen oder Hieben getroffen, baten um 10 Huͤlfe oder droheten mit Rache, und einigemal wurden blutige Kaͤmpfe dadurch veranlaßt. Die Trompeten riefen daher zur Ruͤckkehr, da der Herzog, wie ſchwer es ihm auch werden mochte, fuͤr den Augenblick die Hoffnung auf⸗ gab, die ſo unerwartet entſchluͤpfte Beute wieder zu er⸗ langen, und die Reiter kehrten langſam, widerwillig und mit einander zankend in ihre Reihen zuruͤck. Ich ſah, wie ſie ſich ordneten auf dem fuͤdlichen Ufer des Fluſſes, deſſen Gemurmel lange uͤbertaͤubt von dem lauten Geſchrei rach⸗ gieriger Verfolger, jetzt dumpf zwiſchen die tiefen, unmu⸗ thigen Stimmen der getaͤuſchten Reiter hineintoͤnte. Bis jetzt war ich blos ein, wenn gleich nicht ganz un⸗ betheiligter Zuſchauer der ſonderbaren Scene geweſen. Jetzt aber rief ploͤtzlich eine Stimme:„wo iſt der engliſche Fremde?“ er gab Robin das Meſſer, um den Gurt zu durchſchneiden. „Haut den Puddingfreſſer in Stuͤcken!“ rief eine Stimme. „Jagt ihm ein Paar Kugeln durch's Hirn,“ rief eine zweite. „Das Schwert ihm in den Leib geſtoſſen,“ bruͤllte ein Dritter. Da ich mehrere auf und nieder ſprengen hoͤrte, ver⸗ muthlich in der guͤtigen Abſicht, dieſe Drohungen auszu⸗ fuͤhren, ſo erwachte ploͤtzlich in mir das Gefuͤhl meiner Lage, und ich fuͤrchtete, daß Bewaffnete, deren gereizte Leidenſchaften durch nichts gezuͤgelt waren, vermuthlich damit aufangen wuͤrden, mich vom Pferde zu ſchießen ober zu hauen, und hintennach erſt unterſuchen wuͤrden, ob ſie auch Recht gethan haͤtten. Ich ſprang deßhalb vom Pferde, laß es laufen, und eilte in ein Erlengebuͤſch, wo ich bei 11 der wachſenden Dunkelheit nicht leicht entdeckt werden konnte. Waͤre ich dem Herzog nahe genug geweſen, ſo hätte ich ſeinen perſoͤnlichen Schutz angerufen, aber dieſer hatte ſich bereits entfernt, und ich ſah auf dem linken uUfer des Fluſſes keinen Offtzier, der mich haͤtte ſchuͤtzen konnen. Ich glaubte, daß unter ſolchen Umſtaͤnden mir die Ehre nicht vorſchreibe, mein Leben unnuͤtzerweiſe auf⸗ zuopfern. Als der Tumult aufhoͤrte, und der Hufſchlag der Pferde in der Naͤhe meines Verſtecks ſich ſeltener hoͤren ließ, war mein erſter Gedanke, das Quartier des Herzogs aufzuſuchen, ſobald alles ruhig ſeyn wuͤrde, und mich ihm zu ergeben als ein treuer Unterthan, der von ſeiner Ge⸗ rechtigkeit nichts zu fuͤrchten, und als ein Fremder, der alles Recht auf ſeinen Schutz und ſeine Gaſtfreiheit habe. Mit dieſer Abſicht verließ ich meinen Verſteck, und blickte rings umher.. Die Daͤmmerung gieng jetzt in Dunkelheit uͤber; we⸗ nige oder gar keine von den Reitern waren mehr auf die⸗ ſer Seite des Forths,⸗ und auf der andern Seite toͤnte der ferne Hufſchlag der Roſſe und der klagende, nachhallende Ton der Trompeten durch den Wald, um die Nachzuͤgler zuſammenzurufen. Meine Lage war jetzt ziemlich bedenk⸗ lich. Ich hatte kein Pferd, und der tiefe Fluß der jetzt nach dem Tumulte truͤbe hinfloß, und im matten Mond⸗ licht noch truͤber erſchien, hatte nichts einladendes fuͤr ei⸗ nen Fußgaͤnger, der nicht gewohnt war, Fluͤſſe zu durch⸗ waten, und eben erſt Reiter bei dieſer gefaͤhrlichen Furth bis uͤber den Sattel hatte hineinſinken ſehen. Blieb ich aber auf der Seite des Fluſſes, wo ich war, ſo hatte ich keine andere Ausſicht, als nach den mannigfachen Anſtren⸗ gungen dieſes Tags auch noch die Nacht unter freiem Him⸗ 12 mel auf einem hochlaͤndiſchen Berge zuzubringen. Nach kurzer Erwaͤgung glaubte ich, daß Andreas, der ohne Zwei⸗ fel mit den andern Bedienten uͤber den Fluß gegangen war, bei ſeiner gewohnten Zudringlichkeit nicht ermangeln werde, dem Herzoge uͤber meine Verhaͤltniſſe Auskunft zu geben. Darum ſchlen es mir nicht durchaus nothwendig, ſo⸗ gleich zu erſcheinen, bei der Gefahr, im Fluſſe zu ertrin⸗ ken, oder auch, wenn ich gluͤcklich das jenſeitige Ufer er⸗ reichte, die Spur der Reiter zu verfehlen, oder endlich von irgend einem Nachzuͤgler zuſammengehauen zu wer⸗ den, der eine ſolche Dienſtleiſtung als hinreichende Ent⸗ ſcchuldigung fuͤr ſich anfuͤhren mochte, weßhalb er nicht baͤl⸗ der wieder in die Reihen eingeruͤckt ſey. So entſchloß ich mich endlich in das kleine Wirthshaus zuruͤckzukehren, wo ich die vorige Nacht zugebracht hatte. Von dem rothen Robin hatte ich nichts zu fuͤrchten. Er war jetzt in Frei⸗ heit, und wenn ich auch ſeinen Leuten in die Haͤnde fiel, ſo war ich gewiß, daß die Nachricht von ſeiner Freiheit mir Schutz verſchaffen wuͤrde. Auf dieſe Weiſe zeigte ich zugleich, daß ich nicht die Abſicht habe, Herrn Jarvie in der haͤklichen Lage zu veriaſſen, worein er ſich hauptſaͤch⸗ lich um meinetwillen begeben hatte. Endlich konnte ich nur hier Nachrichten uͤber Raſhleigh und meines Vaters Papiere erwarten, was die urſpruͤngliche Veranlaſſung ei⸗ ner Reiſe war, auf der ich ſo gefaͤhrliche Abentheuer zu beſtehen hatte. Ich gab daher jeden Gedanken auf, die⸗ ſen Abend uͤber den Forth zu gehen, und lenkte meine Schritte gegen das kleine Dorf Aberfoil. Ein ſcharfer kalter Wind entfernte die Nebelwolken, die ſich ſonſt bis zum Morgen in dem Thale gelagert haben wuͤrden, und nur einzelne, wechſelnde Maſſen blieben uͤbrig, 13 die bald um die Haͤupter der Berge ſchwebten, bald wie in dichten Dampfwolken die Vertiefungen fuͤllten, wo maͤchtige Felsbloͤcke in das Thal gerollt waren, und tiefe Schluchten gleich trockenen Betten verſiegter Bergſtroͤme hinter ſich gelaſſen hatten. Der Mond, welcher jetzt hoch und hell am froſtigen Nachthimmel glaͤnzte, verſilberte die Windungen des Fluſſes, die Felſenſpitzen und ſchroffen Waͤnde, die der Nebel nicht verhuͤllte, waͤhrend die dich⸗ ten, weißen Nebelmaſſen ſeine Strahlen einzuſaugen ſchie⸗ nen, und die leichtern ſich wie ein durchſichtiger Glanz⸗ ſchleier uͤber das Gehoͤlz hinbreiteten. Dieſer romantiſche Anblick und der belebende Einfluß des Froſtes, der meine Nerven ſpannte, erhoͤhte meinen Muth trotz der Ungewiß⸗ heit meiner Lage. Ich war in der Stimmung, jede Sorge abzuwerfen, jeder Gefahr Trotz zu bieten, und pfiff un⸗ willkuͤhrlich einen Marſch, da die Kaͤlte mich zwang, meine Schritte zu beſchleunigen; meine Lebenspulſe ſchlugen ſtol⸗ zer und hoͤher in gleichem Maaße, wie mein Vertrauen auf meine Staͤrke und meinen Muth zunahm. Ich war in dieſe Gedanken und in die Gefuͤhle, die ſie erweckten, ſo vertieft, daß Reiter hart hinter mich kamen, ohne daß ich ſie hoͤrte, bis der eine zu meiner Rechten und der an⸗ dere zu meiner Linken war. Der letztere hielt ſein Pferd an, und ſagte guf engliſch:„Heda, Freund, wohin ſo ſpaͤt?“ „Zu meinem Abendbrod und Nachtlager in Aberfoil,“ erwiederte ich „Sind die Engpaͤſſe offen?“ fragte er in demſelben gebieteriſchen Ton der Stimme. „Ich weiß nicht,“ war meine Antwort;“ wenn ich hin⸗ komme, werde ich's wohl erfahren, aber(hier fiel mir das 14 Schickſal des ungluͤcklichen Morris ein), wenn Ihr ein Englaͤnder ſeyd, ſo rathe ich Euch, bis zum Anbruch des Tages zuruͤckzukehren; es ſind Stoͤrungen vorgefallen in der Nachbarſchaft, und ich moͤchte nicht ſagen, daß es fuͤr Fremde ganz ſicher ſey.“ „Die Soldaten ſind unterlegen?— nicht?“ fragte der Relter. „Allerdings, die Abtheilung eines Offiziers iſt theils getoͤdtet, theils gefangen genommen worden.“ „Seyd Ihr deſſen gewiß?“ „So gewiß, als ich Euch ſprechen hoͤre,“ war meine Ankwort;„ich war ein unfreiwilliger Zuſchauer des Ge⸗ fechts.“ „ Unfreiwillig?— Ihr waret alſo nicht darein ver⸗ wickelt?“ „Nein,“ erwiederte ich;“ ich wurde von dem koͤnig⸗ lichen Offtzier gefangen gehalten.“ „Aus welchem Verdacht?— wer ſeyd Ihr? was iſt Euer Name?“ fuhr er fort. „Ich weiß in der That nicht,“ ſagte ich,„warum ich einem unbekannten Fremden auf ſo viele Fragen antwor⸗ ten ſoll. Ich habe Euch genug geſagt, um Euch zu bewei⸗ ſen, daß Ihr in einer gefaͤhrlichen, unruhigen Gegend ſeyd.— Wollt Ihr weiter gehen, ſo iſt dieß Eure Sache; da ich aber nicht nach Eurem Namen und nach Euren Geſchaͤften frage, ſo werdet Ihr mich verbinden, wenn Ihr auch nicht nach den meinigen fragen wollt.“ „Herr Franz Osbaldiſtone,“ ſagte der andere Reiter mit einer Stimme, die durch alle meine Nerven bebte, „ſollte nicht ſein Lieblingsliedchen pfeifen, wenn er uner⸗ kannt bleiben will.“ Und Diana Vernon,— denn ſie war 15 es, die der Reitermantel verhuͤllte,— pfiff luſtig, mich nachaͤffend den zweiten Theil der Weiſe, die auf meinen Lippen war, als ſie mich erreichten. „Guter Gott!“ rief ich, wie vom Donner geruͤhrt; „iſt es moͤglich, Miß Vernon, an dieſem Ort,— zu einer ſolchen Stunde,— in einem ſo geſetzloſen Lande,— in“——— „In maͤnnlicher Kleidung, wolltet Ihr ſagen. Aber was ſoll das bedeuten? Am Ende bleibt es doch die beſte Philoſophie, laßt die Welt gehen, wie ſie geht.“ Waͤhrend ſie ſo ſprach, benußte ich eifrig einen unge⸗ woͤhnlich hellen Mondſtrahl, um ihren Begleiter ins Auge zu faſſen, denn man kann ſich leicht vorſtellen, daß ich zu lebhafter Eiferſucht gereizt, und überraſcht ſeyn mußte, als ich Diaua an einem ſo einſamen Orte, auf einer ſo gefahrvollen Reiſe und unter dem Schutze eines einzigen Mannes fand. Es war nicht Raſhleighs tiefe, melodlſche Stimme, ſein Ton war hoͤher und befehlender, dabei war er groͤßer, als jener Hauptgegenſtand meines Haſſes und Arg⸗ wohns. Eben ſo wenig glich er einem meiner andern Vet⸗ tern; ſeine Anrede hatte jenen nicht zu beſchreibenden Ton, woran man gleich in den erſten Worten den Mann von Verſtand und Bildung erkennt. Mein forſchender Blick ſchien ihm laͤſtig zu ſeyn. „Diana,“ ſagte er, halb guͤtig, halb gebieteriſch,„gebt Eurem Vetter ſein Eigenthum, wir duͤrfen hier keine Zeit verlieren.“ Miß Vernon hatte inzwiſchen ein kleines Futteral her⸗ vorgeholt, beugte ſich vom Pferde zu mir herab, und ſagte in einem Tone, worin ihre gewohnte Leichtigkeit im Aus⸗ drucke mit einer tiefern ernſtern Empfindung ſtritt.„Ihr 16 ſeht, mein theurer Vetter, ich war zu Eurem guten Engel geboren. Raſhleigh wurde gezwungen, ſeinen Naub abzu⸗ geben, und haͤtten wir in der letzten Nacht Aberfoil er⸗ reicht, ſo haͤtte ich wohl irgend einen dienſtbaren Geiſt aus dem Hochlande gefunden, der Euch dieſe Stellvertreter des Handelsreichthums zugeweht haͤtte. Aber es waren Rie⸗ ſen und Drachen im Wege, und irrende Ritter und Damen der neuern Zeit, ſo kuͤhn ſie auch ſeyn moͤgen, muͤſſen nicht, wie ehemals, ſich in unnoͤthige Gefahr begeben. Thut auch Ihr dies nicht, mein lieber Vetter.“— „Diana,“ ſagte ihr Begleiter,„ich warne Euch noch einmal, es wird ſehr ſpaͤt, und wir haben noch weit nach Hauſe.“ 5 „Ich komme, ich komme,— bedenkt doch,“ ſetzte ſte mit einem Seufzer hinzu,„wie ſpaͤt ich erſt an ſolche Einſchraͤnkung gewohnt wurde,— uͤbrigens habe ich ja auch meinem Vetter das Packet noch nicht gegeben,— und ihm Lebewohl geſagt— fuͤr immer.— Ja, Franz,“ ſagte ſie,„fuͤr immer, es iſt eine Kluft zwiſchen uns,— ein Abgrund des gewiſſen Verderbens,— wohin wir auch ge⸗ hen, Ihr duͤrft uns nicht folgen,— was wir auch thun, Ihr duͤrft nicht Theil daran nehmen.— Lebt wohl— ſeyd gluͤcklich.“ 1 Als ſie ſich von ihrem hochlaͤndiſchen Pferdchen herab beugte, beruͤhrte ihr Geſicht, vielleicht nicht ganz wider Willen, das meinige.— Sie druͤckte meine Hand, waͤhrend eine Thraͤne aus ihrem Auge auf meine Wange fiel. Es war ein unvergeßlicher Augenblick, unausſprechlich bitter, und doch verſchmolzen mit einem ſo ianig ruͤhrenden, fuͤßen Wonnegefuͤhle, daß noch einmal alle Empfindungen meines Herzens ſich ergoßen. Es war nur ein Augen⸗ blick, t 17 blick, denn ſchnell ſich faſſend nach der Regung, der ſie ſich unwillkuyrlich uͤberlaſſen hatte, fagte Diana ihrem Reiſe⸗ gefaͤhrten, ſie ſey bereit, ihm zu folgen; ſie ſetzten ihre Pferde in raſchen Trab, und waren bald ferne von der Stelle, wo ich ſtehen geblieben war. Gott weiß, es war nicht Fuhlloſigkeit, was ſo ſchwer auf mir lag, und meine Zunge ſo feſſelte, daß ich Dianas halbe Umarmung nicht erwiedern, und ihr Lebewohl nicht zu beantworten vermochte. Das Wort erſtarb auf meinen Lippen, ſo ſehr hatten mich Uebe eraſchung und Kummer betaͤubt. Regungslos blieb ich ſtehen mit dem Packet in der Hand, und ſtarrte ihnen nach, als wollte ich die Fun⸗ ken zaͤhlen, die der Hufſchlag ihrer Pferde aus den Steinen ſchlug. Ich blickte ihnen noch nach, als ſelbſt dieſe nicht mehr ſichtbar waron, und horchte noch, als ſchon lange der lezte ferne Hufſchlag in meinen Ohren verhallt war. End⸗ lich ſielen Thraͤnen aus meinen Augen, mechaniſch wiſchte ich ſie weg, faſt ohne zu bemerken, daß ſie immer haͤufiger unnd haͤufiger lamen. Ich fuͤhlte jenes Zuſammenpreſſen der Kehle und der Bruſt, das der jaͤhe Schmerz erzeugt, ſezte mich nieder am Wege, und weinte die erſten und bit⸗ terſten Thraͤnen, die ſeit der Kindheit meinen Augen ent⸗ Kuntanean Zweites Kapitel. 3 Ei ja, ich glaube, die Erklärung iſt ſchwerer zu verſtehen, Hals der Text. * Der Kritiker. Kaäum hatte ich auf dieſe Weiſe meinen Gefählen den . Seott's Werke. CIV. 18 Lauf gelaſſen, als ich anſieng, mich meiner Schwaͤche zu ſchaͤmen. Ich erinnerte mich, daß ich ſeit einiger Zeit mich bemüht hatte, Diana Vernon, wenn ihr Bild vor meine Seele trat, als eine Freundin zu betrachten, an deren Wohl ich zwar immer innigen Antheil nehmen wuͤrde, ohne fer⸗ ner eine naͤhere Verbindung mit ihr unterhalten zu koͤn⸗ nen. Aber ihre kaum zuruͤckgehaltene Zaͤrtlichkeit, verbun⸗ den mit dem romanhaſten unſeres ploͤzlichen Zuſammen⸗ treffens, wo es ſich ſo wenig erwarten ließ, ließ mich jeden Vorſaz vergeſſen. Doch ermannte ich mich bald, und ohne mir Zeit zu nehmen, meine Beweggruͤnde zu unterſuchen, verfolgte ich den Weg, den ich bereits eingeſchlagen hatte, ehe dieſe ſonderbare und unerwartete Erſcheinung mich überraſchte. 8 „Ich ubertrete,“ dachte ich,„ihre ruͤhrende Ermah⸗ nung nicht, da ich uur meine Reiſe auf dem einzigen offe⸗ nen Wege fortſeze. Zwar habe ich meines Vaters Eigen⸗ thum wieder gewonnen, aber noch liegt mir die Pflicht ob, meinen Glasgower Freund aus der Lage befreit zu ſehen, in der er ſich um meinetwillen befindet; wo kann ich auch ſonſt die Nacht zubeingen, als in dem kleinen Wirthshaus von Aberfoil? Auch ſie muͤſſen dort bleiben, denn Reiſende zu Pferde koͤnnen unmoͤglich weiter geben,— voran denn, wir werden uns wieder treffen,— uns wieder ſehen, viel⸗ leicht zum leztenmal,— aber ich werde ſie ſehen und hoͤ⸗ hören,— ich werde erfahren, wer der gluͤckliche iſt, der uͤber ſie die Gewalt eines Ehemanns ausuͤbt,— ich werde erfahren, ob es in ihrer bedenklichen Lage eine Schwierig⸗ keit giebt, die ich entfernen, oder ob ich irgend etwas thun kann, um ihr meine Dankbarkeit auszudruͤcken fuͤr ihren Edelmuth— füͤr ihre uneigennüzige Freundſchaft.“ ₰ 19 Als ich mich ſo meinen Gedanken uͤberließ, und meine leldenſchaftliche Begierde, ſie wieder zu ſehen und zu ſpre⸗ chen mit jedem Vorwand beſchoͤnigte, der ſich meinem Scharf⸗ ſinn darbieten wollte, wurde ich ploͤzlich durch einen leich⸗ ten Schlag auf die Schulter und die tiefe Stimme eines Hochlaͤnders begruͤßt, der noch ſchneller gieng, als ich, und an meine Seite trat mit den Worten:„eine ſchoͤne Nacht, Herr Osbaldiſtone,— kuͤrzlich haben wir uns zanderſelben Stunde getroffen.“ Macx Gregors Stimme war nicht zu verkennen, er war den Verfolgungen ſeiner Feinde entgangen, und in vollem Ruͤckzug zu ſeiner Wildniß und zu ſeinen Anhaͤngern. Auch hatte er ſich bereits bewaffnet, wahrſcheinlich in dem Hauſe eines heimlichen Freundes; denn er hatte eine Flinte auf der Schulter und an ſeiner Seite die gewoͤhnliche Waffe der Hochlaͤnder. Mit einem ſolchen Manne in ſolcher Lage und zu dieſer Stunde der Nacht mich allein zu finden, waͤre mir in jeder gewoͤhnlichen Stimmung unangenehm geweſen, denn obwohl ich gewohnt war, den rothen Robin als meinen Freund zu betrachten, ſo will ich doch nicht laͤugnen, daß alles, was ich ihn je ſagen hoͤrte, mir einen Schauder erweckte. Die Betonung dieſer Gebirgsbewohner gibt dem Klang ihrer Worte etwas tiefes und hohles, was eine Folge der vielen in ihrer Landesſprache vorkommen⸗ den Kehllaute iſt, die ſie noch dazu mit ſtarkem Nachdruck ausſprechen. Zu dieſen heimathlichen Eigenheiten kam bei Robin noch eine barſche Gleichguͤltigkeit in Betonung und Benehmen, wodurch ein Sinn ſich ankuͤndigte, der ſich durch nichts ſchrecken, überraſchen oder ruͤhren ließ, ſo ſchrecklich, unerwartet oder niederſchlagend es auch ſeyn mochte. Ge⸗ woͤhnung an Gefahren, ein unbegraͤnztes Zutrauen auf 3 4 20 feine eigene Staͤrke und ſeinen Scharfſinn hatten ihn der Furcht unzugaͤnglich gemacht, und das geſezlofe, gefahrvolle Leben, das er fuͤhrte, hatte ſein Gefuͤhl fuͤr andere zwar nicht zerſtoͤrt, doch abgeſtumpft. Dabei muß man ſich er⸗ janern, daß ich kuͤrzlich die Anhaͤnger dieſes Mannes einen Mord an einem wehrloſen Flehenden veruͤden ſah. nuoch war meine Stimmung der Art, daß mir die 1 llkommen war, um edanken los zu wer⸗ h der Hoffnung, durch grauſg eir d verwickelt batte. Ich antwortete deß⸗ zlich auf ſeine Begruͤßung, und wuͤnſchte ihm Gluͤck, mmeu ſey unter Umſtaͤnden, wo Flucht unmoͤg⸗ nt ha baß er entko lich ſchien. „Je nun)“ erwiederte er,„zwiſchen dem Halſe und dem Galgen iſt es gerade ſo weit, als zwiſchen dem Becher und den Lippen. Aber meine Gefahr war nicht ſo groß, als Ihr bei Eurer Unbekanntſchaft mit dieſem Lande den⸗ ken moͤcht, Von allen denen, die aufgeboren wurden, mich zu fangen, mich feſt zu halten, und mich wieder zu fangen, davon wollte mich die Haͤlfte weder fangen, noch feſthal⸗ ten, noch wiederfangen, und von der andern Haͤlfte fuͤrch⸗ rere wieder die Haͤlfte, mich zu reizen, ſo hatte ich nur den vierten Theil oder faͤufzig bis ſechzig Mann gegen mich.“ „Immer genug, ſollte ich denken,“ war meine Antwort. „Das moͤchte ſeyn,“ ſagte er,„aber ich koante ihnen immer etwas dagegen auf den Hals ſchicken.“ 5 Er fragte mich nun um meine Abentheuer ſeit meinem Eintritt in dieß Land, und lachte herzlich uͤber meine Er⸗ zaͤhlung von nnſerem Gefecht in dem Wirthshauſe und dem 21 von den Thaten des Rathmanns mit dem gluͤhenden Pflug⸗ meſſer. „Glasgow ſoll bluͤhen!“ rief er aus;„Den Haupt⸗ ſtoß haͤtte ich ſehen mögen, wie Vetter Nicol Jarvie Jve⸗ rachs Plaid verſengte, wie einen Schaafskopf. Aber mein Vetter Jarvie,“ ſezte er ernſter hinzu,„hat ein weulg edles Blut im Leibe, obgleich er ungluͤcklicherwelſe zu ei⸗ nem friedlichen Gewerbe auferzogen wurde, das nur den Muth eines wackern Mannes abſtumpfen muß.— JIhr koͤnnt Euch jezt den Grund denken, warum ich Euch nicht im Wirthshauſe zu Aberfoil traf, wie ich vorgeſchlagen hat⸗ te. Sie hatten mir waͤhrend meiner zwei⸗ oder dreitaͤgi⸗ gen Entfernung nach Glasgow in des Koͤnigs Geſchäften eine artige Schlinge gelegt,— aber ich denke, ich habe ihnen ein Schnippchen geſchlagen,— ſie ſollen kuͤnftig kel⸗ nnen Clan mehr gegen den andern aufhezen, wie ſie es dießmal gethan haben.— Ich hoffe bald den Tag zu ſe⸗ hen, wo die Hochlaͤnder feſt vereint bei einander ſtehen werden.— Nun, und was gab's weiter?“ Ich erzaͤhlte ihm die Ankunft des Hauptmanns Thorn⸗ ton und ſeiner Schaar, ſo wie meine und des Rathmanns Verhaftung unter dem Vorwand, wir ſeien verdaͤchtige Per⸗ ſonen; als er mich hieruͤber naͤher befragte, beſann ich mich, daß der Offizter, außer dem, daß ihm mein Name verdaͤch⸗ tig klang, erwaͤhnt hatte, er habe Befehle, einen alten und einen jungen Mann feſtzuhalten. Dieß erregte abermals ſein Gelaͤchter. „So wahr ich lebe, die Dummkoͤpfe haben meinen Freund Jarvle fuͤr Seine Excellenz und Euch fuͤr Dlang Vernon gehalten.— O die allerliebſten Nachteulen.“ „Miß Vernon?“ fragte ich zoͤgernd, und erwartete zitterud 1 6 22 die Antwort.„KTraͤgt ſte noch dieſen Namen?— Sie kam ſo eben hier voruͤber mit einem Herrn, der Gewalt uͤber ſie zu haben ſchien.“ 11 1 ac Tn9le. nen ,ehel „Ja, ja,“ antwortete Robin;„ſie ſteht nun untet keckk⸗ mäßiger Gewalt, es war auch hohe Zeit, das wiide Ding! Aber ein herzhaftes Maͤdchen iſt ſie,— es iſt Schade, daß Seine Excellenz ein bischen altlich iſt. So einer, wie Ihr, oder mein Sohn Robert oder mein Jakob hätten we⸗ gen der Jahre beſſer fuͤr ſie gepaßt.“ Dieß ries mit einem Mal die Kartenhaͤufer nieder, die meine Phantaſie der Vernunft zum Troze ſo vielfach aufgebaut hatte. Obgleich ich kaum etwas anders vermu⸗ then konnte, als daß Diana in einem ſolchen Lande und zu einer ſolchen Stunde mit niemand reiſen werde, der nicht ein geſezliches Recht zu ihrem Schuze habe, ſo fuͤhlte ich darum den Schlag nicht minder hart, und die Stimme Mac Gregors, der mich meine Erzaͤhlung forkzuſezen bat, toͤnte in meine Ohren, ohne daß ich recht darauf gemerkt haͤtte. „Ihr ſeid nicht wohl,“ ſagte er endlich, nachdem er zweimal geſprochen hatte, ohne eine Antwort zu erhalten; „dieß Tagewerk iſt vermuthlich zu viel geweſen fuͤr einen, der nicht daran gewoͤhnt iſt.“ 4 Der wohlwellende Ton, womit dieß geſprochen wurde, brachte mich zu mir ſelbſt, und ich ſezte meine Erzaͤhlung fort, ſo gut ich konnte. Robin war uͤber das gluͤckliche Ge⸗ fecht im Engpaſſe hoͤchlich erfreut.— „Man ſagt,“ bemerkte er,„des Koͤnigs Spreu ſei beſe ſer, als anderer Leute Korn, aber ich denke, das laͤßt ſich von des Koͤnigs Soldaten nicht ſagen, wenn ſie ſich ſchla⸗ gen laſſen von ein Paar alten Kerlen, die nicht mehr fech⸗ Len können, von Buben, die es erſt lernen ſollen, und von 23 Weibern mit Rocken und Spindeln,— und der Dougal, wer haͤtte gedacht, daß der ſoviel Gruͤze in ſeinem Kopfe haͤtte, der ute mit etwas anders bedeckt war als mit ſeinem zottigen Haar.— Aber weiter, ich fuͤrchte ſchon, was kom⸗ men wird, meine Helene iſt ein eingeflelſchter Teufel, wenn ihr’s Blut warm wird,— das arme Weib,— ſie hat nur zu viel Urſache dazu.“ 337 Ich ſchilderte ihm nun ſo ſchonend, wie moͤglich, un⸗ ſern Empfang, aber ich ſah deutlich, wie peinlich ihm meine Erzaͤhlung war. „Ich gaͤbe tauſend Mark darum,“ ſagte er,„wenn ich zu Hauſe geweſen waͤre,— Fremde zu mißhandeln, und noch dazu meinen eigenen Vetter, der ſo gefaͤllig gegen mich war,— ich wollte lieber, ſie haͤtten in der Tollheit das halbe Lennox verbrannt. Aber ſo kommt's, wenn man ſich auf Weiber und ihre Jungen verlaßt, die kennen we⸗ der Maaß, noch Ziel,— das kommt aber alles von dem verfluchten Zoͤllner, der mich durch das Vorgeben einer Bot⸗ ſchaft von Raſchleigh betrog, den ich in des Koͤnigs Ange⸗ legenheiten treffen follte,— ich dachte ſchon, Garſchatka⸗ chin und ein Theil der Lennox⸗Miliz wuͤrde ſich fuͤr Koͤnig Jakob erklaͤren. Als ich aber hoͤrte, der Herzog ſei da, ſah ich, daß ich rein betrogen ſei, und als ſie mir den Pferd⸗ gurt um die Arme ſchlangen, da mußte ich errathen, was mich erwartete; denn ich kannte Euern Vetter, der, mit Erlaubniß, ein glatter Burſche iſt, und gerne Leute ſeiner Art gebraucht.— Ich wuͤnſche, er moͤchte hier nicht die Hand im Spiele gehabt haben— der Burſche, der Morris, ſah verzwelfelt ſchief darein, als ich mich entſchloß, ihn als Geiſel fuͤr meine Sicherheit zuruͤckzulaſſen,— aber ich bin dennoch zuruͤckgekommen, troz ihm und denen, die ihn 24 abſchickten, und es wird nun die Frage ſeyn, ob der Zöͤll⸗ ner ſelbſt zuruͤckkommt,— ohne Loͤſegeld gewißlich nicht.“ „Morris,“ ſagte ich,„hat ſchon das leßte Loͤſegeld hs zahlt, das ein Menſch zahlen kann.“ „Wie? was?“ rief mein Gefaͤhrte haſtig; 146. hoffe, er wurde im Gefecht getoͤdzet.““ „Nein, Herr Campbell, er wurde nach dem Gefecht mit kaltem Bint ermordet.“ „Mit kaltem Blut?— Perdammt!“ murmelteer zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen.— Wie kam das?— Sprecht aus, und nennt mich nicht mehr Herr, und nicht mehr Sampbell, — ich ſtehe jest auf heimathlicher Haide, und mein Name iſt Mac Gregor.“ 4 Er war offenbar in leidenſchaftlicher Stimmung, ohne aber ſeinen rauhen Ton zu beachten, gab ich ihm kurzen und genauen Bericht von Morris Tode. Er ſtieß heftig ſein Gewehr auf den Boden, und rief aus:„nun, bei Gott! nach einer alchen That koͤnnte man Verwandte, Clan, Vaterland, Weib und Kinder abſchwoͤren! Und doch hatte es der Bnhun lange verdient. Und am Ende iſt's eins, ob man ſich unter dem Waſſer mit einem Steine am Hals abquaͤlt, oder mit einem Strick um den Hals in der Luft baumelt. Man erſtickt eben, und er iſt in die Grube gefallen, die er mir gegraben hat. Doch waͤre es mir lie⸗ ber geweſen, ſie haͤtten ihm eine Kugel durch den Kopf, oder den Dolch in den Leib gejagt, denn die Art, wie man ihn aus der Welt ſchaffte, wird viel unnuͤzes Geſchwaͤz er⸗ regen. Aber jeden trifft ſein Schickſal, wenn ſein Tag kommt,— und niemand wird laͤugnen, daß Helene Mac Gregor großes Unrecht zu raͤchen hat.“ 4 Mit dieſen Worten ſchien er den Gedanken f ich ganz 25 aus dem Sinne zu ſchlagen, und fragte weiter, wie ich von den Soldaten losgeworden wäre, in deren Händen er mich geſe⸗ hen habe. Meine Erzaͤhlung war kurz, und ich fügte hinzu, wie ich wieder in den Beſiz der Papiere meines Vaters gekommen ſei, aber ich wagte es nicht, Dianas Namen auszuſprechen. „Ich war ſicher, daß Ihr ſie wieder bekommen würdet,“ ſagte Mac Gregor. Der Brief, den Ihr mir milbrachtet, ſagte mir, daß Seine Excellenz darein willige, und es war mein Wille, Euch dabei behülflich zu ſein. Darum habe ich Euch eingeladen, ins Gebirge zu kommen. Aber Seine Ex⸗ ceellenz hat den Raſhleigh bälder getroffen, als ich erwartete. Der erſte Theil dieſer Antwort überraſchte mich ſehr. „War alſo der Brief, den ich Euch brachte, von dem Manne, den Ihr Excellenz nennt. Wer iſt er? was iſt ſein Rang und ſein eigentlicher Name?“ „Wenn Ihr dieß noch nicht wißt,“ ſagte Mae Gregor, „ſo kann es Euch auch nur von geringer Wichtigkeit ſeyn⸗ und darum werde ich Euch nichts hierüber ſagen. Aber ich wußte es, daß der Brief von ſeiner eigenen Hand ſei, und ich habe beſondere Geſchäfte mit ihm abzumachen, ſonſt, das kann ich Euch wohl ſagen, würde ich mich nicht ſo viel mit der Sache befaßt haben.“ Mir ſielen jetzt die Lichter ein, die ich in der Biblio⸗ thek geſehen hatte,— die verſchiedenen Umſtaͤnde, die meine „Eiferſucht erregten,— der Handſchuh,— die Bewegung der Tapetenthüre, welche den geheimen Gang nach Raſh⸗ leighs Zimmer bedeckte, und vor allem fiel mir jetzt ein, daß ſich Diana entfernte, um, wie ich damals glaubte, den Brief zu ſchreiben, zu dem ich im letzten Nothfalle meine Zuflucht nehmen ſollte. Sie brachte alſo ihre Studien nicht einſam hin, ſondern in Geſellſchaft eines verwegenen Anhaͤngers 26 jaeobitkſcher Verrätherei, dem ihr Oheim einen heimlichen Aufenthalt im Schloſſe gewährte. Andere Maͤdchen laſſen ſich durch Gold gewinnen, oder durch Eitelkeit ihrer erſten Liebe untren machen, aber Diana hatte meine und ihre Nei⸗ gung aufgeopfert, um das Schickſal eines verzweifelten Abenteurers zu theilen, um in mitternäͤchtlichen Wildniſſen die Schlupfwintel von Freibeutern außuſuchen, ohne eine beſſere Hoffnung auf Rang und Glück, als ſie der linattiſche Scheinkönig zu geben vermochte. „Ich will ſie,“ ſagte ich,„wo moͤglich noch wiamal ſe⸗ hen. Ich will als Freund, als Verwandter mit ihr reden über die Gefahr, der ſie ſich ausſetzt,— ich will ihr die Flucht nach Frankreich erleichtern, wo ſie auf angenehmere, anſtändigere Weiſe und mit mehr Sicherheit den Ausgang der Unruhen abwarten kann, die der Betrüger, mit welchem ſie ihr Schickſal vereinigt hat, zweifelsohne zu erregen be⸗ ſchäftigt iſt.“ „Ich muß alſo glauben,“ ſagte ich nach der Pauſe von einigen Minuten zu Mac Gregor,„daß Seine Excellenz, wie Ihr ihn nennt, im Schloſſe Osbaldiſtone zu eben der Zeit ſich aufhielt, wie ich.“ „Ganz gewiß, und im Zimmer der jungen Dame, wie es auch am beſten war,“ ſagte Robin. Dieſe freiwillige Mittheilung erhöhte noch die Bitterkeit meiner Empfindung. „Wenige aber wußten,“ fuhr er fort,„daß er hier verſteckt ſei, außer Raſhleigh und Sir Hildebrand. Von Euch konnte die Rede nicht ſein, und die andern Jungen hatten nicht Wiz genug, die Katze von der Milch zu jagen.— Aber es iſt ein hübſches altväteriſches Haus, und was ich beſonders daran bewunderte, das ſind die vielen Höhlen und Löcher und Verſtecke., Ihr könnt da zwanzig, dreißig Mann in ei⸗ 27 nen Winkel ſtellen, und es könnte eine ganze Woche hingehen, ehe die Hausbewohner ſie enneckten, was invorkommenden Fäͤllen ein beſonderer Vortheil iſt. Ich wollten wirbhätten ſo etwas; wie Osbaldiſtone⸗Hall in unſern Bergen, aber wir urme Hochtaͤnder muſſen uns mit Wäldern und Höhlen be⸗ gnügen. 1 1 5151121 59: „ Ich vermuthe, Seine Excellenz wußte um den erſten Uneäll des—;“ ich ſtockte. in Pnunfas „Ihr wolltet Morris ſagen,“ ſprach Robin ganz kalt, denn er war zu ſehr an Gewaltthaten gewöhnt, als daß ſeine aanfängliche Bewegung lange hätte dauern ſollen.„Ich lachte ſonſt herzlich über den Spaß, aber ſeit der unglücklichen Ge⸗ ſchichte am See habe ich nicht mehr Recht das Herz dazu. Nein, nein, Seine Excellenz wußte nichts davon, es war nur zwiſchen Raſhleigh und mir verabredet. Aber der Spaß, der nachkam, als Raſhleigh den Verdacht auf Euch ſchieben wollte, dem er von Anfang an nicht ſonderlich wohl wollte,— und Fräulein Diana haben wollte, daß wir unſere Spinnge⸗ webe wieder wegfegen, und Euch aus den Klauen der Ge⸗ rechtigkeit herausreißen ſollten,— und dann die erſchreckte Memme, der Morris, der vollends ſeine fünf Sinne verlor, als er den rechten Mann ſah, während er den unrechten an⸗ klagte,— und der Schuft von Schreiber,— zulezt noch der betrunkene Friedensrichter— ohl oh! darüber habe ich noch oft lachen müſſen, und alles, was ich jezt für den armen Teufel thun kann, iſt, daß ich ein paar Meſſen für ihn le⸗ ſen laſſe.“ 5„Darf ich fragen,“ ſagte ich,„auf welche Weiſe Diana Vernon zu einem ſolchen Einfluß auf Raſhleigh und ſeine Theilnehmer kam, daß ſie-Eure Anſchläͤge zerſtören konnte?7“ „Meine? es waren Jnicht meine Anſchläge. Niemand 28 kann ſagen, daß ich je meine Bürde auf anderer Leute Schul⸗ tern gewälzt hätte,— es war Raſhleighs Sache.— Aber ſie hatte großen Einfluß auf uns beide, theils wegen der Zu⸗ neigung Seiner Excellenz, theils weil ſie gar manche derglei⸗ chen Geheimniſſe kannte.— Der Henker hole den,“ rief er aus,„der Weibern Geheimniſſe aufzubewahren gibt, und Macht laßt, die ſie mißbrauchen können,— Narren ſoll man keine Stöcke in die Hände geben.“ Wir waren indeſſen dem Dorfe ſehr naßeig ge drei bewaffnete Hochländer auf uns los ſpra befahlen, ſtill zu ſtehen, und Rede und An Das einzige Wort Gregaragh, das mein Beg tiefem, befehlendem Tone ausſprach, wurde oon dem lauten Freudenrufe des Wiedererkennens beantwortet. Der eine warf ſein Gewehr weg, umfaßte die Kniee ſeines Anführers ſo feſt, daß dieſer ſich nicht loswinden konnte, und ergoß ſich in gäliſcher Sprache in einen Strom von kwünſchen, die jeden Augenbliek zum Freudengeſchrei wurden. Die beiden andern flogen, als der erſte Ausbruch der Freude vorüber war, wie gejagte Rehe nach dem von einen E a der Mac Gregors beſezten Dorfe, wettei freudige Nachricht von Robins Beſfreinn kündigen könnte. Dieſe Kunde erregte ein 1 fokch es Ftaudere geſchrei, daß die Berge ringoumher d lt und Jung, Männer, eiber und Kinde das 8 Chal zerab uns entgegenrannten, gleich einem koſenden Bergſtrom. Als ſich das Geſchrei der freudigen Menge uns nabtrn hielt ich es fuͤr eine nöthige Vorſicht, Mac Gregor zu erinnern, daß ich ein Fremder ſei, und ſeines Schutzes bedürfe. Er hielt mich deßbalb an der Hand, während die Verſammlung un⸗ ter wahrhaft ruͤhrenden Aeußerungen inniger Anhänglichkeit ommen, als mund uns 29 und Freude über ſeine Rückkehr uns umdrängte, und nicht eher überließ er ſeinen Genoſſen die Hand, nach der alle de gierig haſchten, bis er ihnen eingeprägt hatte, mich freund⸗ lich und zuvorkommend zu behandeln. Das Gebot eines Sultans hätte nicht bereitwilliger be⸗ folgt werden können, und ihre wohlgemeinte Aufmerkſamkeit wurde mir jezt faſt n g, als vorher ihre Rohheit. Sie wollten den Fr ihres Anführers kaum auf ſeinen ei⸗ genen Beine„ſo ernſtlich waren ſie darauf be⸗ dacht, micl ge zu unterſtützen, und als ich end⸗ lich über einen ſolperte, den ich im Gedränge nicht bemerken konnt aßt n ſie mich, und trugen mich auf ih⸗ ren Armen im Srlumph bis zum Wirthshaus. Bei der Ankunft vor dieſer gaſtlichen Huͤtte fand ich, daß N und Volksgunſt in den Hochlanden, wie anders⸗ wo ihre Unbeguemlichkeiten hätte; denn ehe Mas Gregor ins Haus tr nte, um Nuhe und Erquickung zu finden, hatte hichte ſeiner Flucht wenigſtens ſchon ein Duzen len müſſen, wie mir ein dienſtfertiger alter Mann„der ſe mir zu meiner Erbauung wenigſtens eben ſo oft überſezte, und dem ich Höflichkeits halber doch meine Aufmerkſamkeit ſchenken mußte. Die Zuhörerſchaft war end⸗ lich befriedigt, Gruppe um Gruppe zog ab, um ſich auf der Haide oder in den benachbarten Hütten ein Nachtlager zu ſuchen. Einige verwuͤnſchten den Herzog und Garſchottachin, andere beklagten das Unglück, welches Ewan um ſeiner Freund⸗ ſchaft für Mac Gregor willen erfahren hatte, alle aber ſtimm⸗ ten überein, Robins Rettung könne mit den Ohaten jedes ihrer Häuptlinge verglichen werden ſeit den Tagen Dougal⸗ Liars, des Stifters ſeines Geſchlechts. Robin faßte mich nun am Arme, und füͤhrte mich Ns 30. Haus. Meine Augen ſuchten in den rauchigen Winkeln nach Diana und ihrem Gefaͤhrten, ſie waren aber nirgendsn zzu ſe⸗ hen, und ich fühlte, daß Erkundigungen von meiner Seite geheime Beweggründe verrathen würden, die beſſer verborgen blieben. Das einzige bekannte Geſicht, das ich traf, war mein Freund Jarvie, der in einem Stuhl am Fauer ſaß, und mit einer Art von zurückhaltender Würde Röbins Willkom⸗ men, deſſen Entſchuldigungen über die wenig gemächliche Lage, worin er ihn fand, ſo wie die Erkundigungen mnach ſeinem Befinden aufnahm. „Ich bin ziemlich wohl, Vetter,“ ſagte er ganz leidlich, „ich danke Euch, und was die Bequemlichkeiten betrifft, ſo kann man eben ſeine vier Pfähle nicht mit ſich führen, wie eine Schnecke ihr Haus. Ich bin froh, daß Ihr den Hän⸗ den Eurer Widerſacher entgangen ſeld.“ an „Nun, nun,“ antwortete Robin;„laßt es Euch nicht kümmern,— Ende gut, alles gut,— kommt, laßt uns eins trinken,— Euer Vater, der Zunftmeiſter, ſchlugs nie aus, wenn er eine übrige Stunde hatte.“ „Mag ſein, Robin, wenn er müde war, und das i heute bei mir mehr, wie je der Fall. Aber,“ fuht er fort, und füllte langſam einen nicht ganz kleinen hölzernen Be⸗ cher,„er war im Trinten ein mäßiger Mann, wie ich ſelbſt. — Auf Eure Geſundheit, Robin, und Eure Wohlſahrt hier und dort! Auch meine Baſe Helene ſoll leben, und Eure bei⸗ den hoffnungsvollen Jungen, wovon nachher mehr.“ Mit dieſen Worten trank er ſeinen Becher ſehr eruſt und bedächtig aus, Mac Gregor aber gab mir einen ſpotti⸗ ſchen Wink wegen des Anſehens von Weisheit vnd Ueberle⸗ genheit, das der Rathmann gegen ihn im Geſpräche jezt, wo Robin an der Spize ſeines bewaffneten Clans ſtand, eben ſo 31 oder noch mehr annahm, als wo er im Gefäͤngniſſe zu Glas⸗ gow in des Rathmannes Gewalt war. Es ſchien, Mac Gre⸗ gor wolle mir, als einem Fremden Hur verſtehen geben, er dulden dieſen Ton ſeines Vetters theils aus Achtung gegen die Rechte der Gaſtfreundſchaft, theils, und noch mehr des Spaſſesnwegen. Als der Nathmann ſeinen Becher niederſetzie, erkannte er mich, bewillkkommte mich herzlich, wieß aber für den Au⸗ genblick jede Mittheilung zurück. „Ich will nachher von Euern Angelegenheiten ſprechen; jezt beginne ich, wie es Recht iſt, mit denen meines Vetters. — Ich hoffe, Robin, es iſt niemand hier, der das, was ich ſagen will, zu meinem oder Eurem Nachtheil nach Glasgow oder ſonſt wohin trägt.“ „Seid unbeſorgt, Vetter Nicol,“ antwortete Mac Gre⸗ gor;„die eine Hälfte von den Leuten hier verſteht nicht was Ihr ſagt, und die andere kümmert ſich nicht darum,— uüͤbri⸗ gens würde ich jedem die Zunge ausreißen, der ſich unter⸗ ſtaͤnde, etwas auszuplaudern, was in ſeiner Gegenwart zu mir geſagt wurde.“ „Gut, Vetter, wenns ſo iſt, der Herr Osbaldiſtone hier iſt ein verſtändiger Mann und ein zuverlaͤßiger Freund.— Ich will offen ſprechen, Ihr erzieht Eure Kinder zu einem hoͤſen Wegu⸗“ Jezt huſtete er, ſein vertrauliches Laͤchekn verwandelte ſich in einen ſtrengen Blick des Tadels, und dann fuhr er fort:„Ihr wißt ſelbſt, wie Ihr mit der Ge⸗ rechtigkeit ſteht,— und meine Baſe Helene— ich will nichts ſagen, wie ſie mich empfangen hat, nicht ſehr freundlich, aber ich entſchuldige es mit ihrer Gemüthsunruhe,— aber was ich von Eurer Frau ſagen muß—“ „Sagt nichts von ihr, Vetter,“ ſiel. Robin ernſt und 3² finſter ein,„als was ſich für einen Freund ziemt zu ſagen, und für einen Ehemann zu hören. Von mir könnt Ihr ſas en was Ihr wollt, ganz nach Belieben.“ „Gut, gut,“ ſagte der Rathmann, etwas auſſer Faſſung; ſo wollen wir dieß laſſen,— ich mag kein Unheil ſtiften in Familien. Aber da ſind Eure beiden Jungen, Robert und Hamiſche was Jacob bedeuten ſoll,— ich hoffe, Ihr werdet ihn künftig ſo nennen,— von den Hamish und Eachim und Augus weiß man ni Gutes, man hört ſie im Weſtlande bei den Gerichten alle Atigenblieke, wenn vom Viehſtehlen die Rede iſt,— nun Eure Jungen, wollt ich ſagen, die haben auch nicht ein dischen gute Erziehung,— ſie kennen nicht einmal das Einmal Eins, was doch die Wurzel aller nüz⸗ lichen Kenntniſſe iſt, und lachten und ſpotteten nur, wenn ich ihnen über ihre Unwiſſenheit die Meinung ſagte,— ich glaube, ſie können weder leſen, noch ſchreiben, noch rechnen,— wenn man ſo was glauben könnte von ſelnen eigenen Ver⸗ wandten in einem chriſtlichen Land.“⸗ 4 „„Wenn ſies könnten, Vetter,“ ſagte Mae Gregor ſehr gleichguͤltig,— ſo müßten ſie's von ſelbſt gelernt haben, denn wo zum Deufel ſollte ich einen Lehrer herbekommen?— ſollte ich am Collegium zu Glasgow anſchlagen laſſen: Der rothe Robin ſucht einen Hofmeiſter für ſeine Knaben? „Nein, Vetter,“ erwiederte Jarvie,„aber Ihr hättet die Burſchen wohin ſenden können, wo ſie Gottesfurcht und die Sitten gebildeter Leute gelernt hätten. Sie ſind ſo un⸗ wiſſend, wie die Ochſen, die Ihr ſonſt zu Markte getrieben habt, oder wie die engliſchen Bauern, denen Ihr ſie verkauf⸗ zet, und verſtehen durchaus nichts nüzliches.“ „Hum!“ antwortete deobin; 6* 1 nnſh dolt einen Birk⸗ hahn 83 hahn mit der Kugel aus der Luft herunter, und Robert ſtößt einen Dolch durch ein zweizölliges Brett.“ „Um ſo ſchlimmer für ſie, um ſo ſchlimmer für beide, Vetter,“ antwortete der Glasgower Kaufmann in einem ſehr entſchiedenen Tone;„wenn ſie nichts Beſſeres kennen, als das, ſo wäre es beſſer, ſie kennten auch das nicht. Sagt mir ſelbſt, was habt Ihr mit dieſem Hauen und Stechen und Schießen gewonnen? waret Ihr nicht glücklicher, wie Ihr hinter Eurem Vieh herzoget, in ehrlichem Gewerbe, als an der Spize Eurer hochlaͤndiſchen Kernen und Gallowglaſ⸗ ſen? FSch bemerkte, daß Mac Gregor, während ſein wohlmei⸗ nender Vetter alſo ſprach, ſich drehnte und wand, wie ein Mann, der heftige Schmerzen leidet, aber keinen Seufzer ſeinen Lippen entſchluͤpfen laſſen will, und ich wartete auf eine Gelegenheit, dieſen wohlgemeinten, aber offenbar bei dieſem ſonderbaren Manne voͤllig verfehlten Ton zu unter⸗ brechen. Das Geſpräch kam indeß ohne meine Einmiſchung zu Ende. „Und ſo habe ich gedacht, Robin,“ fuhr der Rathmann fort;„da Ihr ſchon zu ſehr im ſchwarzen Regiſter ſteht, um noch Verzeihung zu erhalten, und zu alt ſind, um Euch zu beſſern, daß es Schade waͤre, Eure zwei hoffnungsvollen Jun⸗ gen zu einem ſo gottloſen Gewerbe zu erziehen, wie das Eu⸗ rige, und ich wollte ſie gerne als Lehrlinge an den Webſtuhl ſetzen, wie ich anfieng, und mein Vater, der Zunftmeiſter, vor mir, obwohl ich jetzt, Dank dem Geber alles Guten,— nur im Großen handle, und,—— und“—— Er ſah, daß auf Robins Stirne ſich ein Sturm ſam⸗ melte, und als Beſaͤnftigungsmittel fuͤr ſeinen mißfaͤlligen Vorſchlag ruͤckte er ſchnell damit heraus, Pe ſeinen Edel⸗ W. Scotis Werke. CIV. 34 muth haͤtte kroͤnen ſollen.„Seht doch nicht ſo finſter aus, Robin, ich will das Lehrgeld bezahlen, und Euch nie wie⸗ der um die tanſend Mark plagen.“ „Alle Teufel!“ rief Robin, ſtand auf, und ſchritt heftig im Zimmer auf und ab.„Meine Soͤhne Weber! Eher wollte ich alle Webeſtuͤhle, Baͤume und Schiſſchen in Glasgow lichterloh brennen ſehen!“ Mit einiger Muͤhe machte ich meinem Freund, der eine Antwort in Bereitſchaft hatte, begreiflich, wie gefaͤhr⸗ lich und unpaſſend es ſey, uͤber dieſen Punkt weiter in un ſern Wirth zu dringen. Robin hatte in wenigen Augen⸗ blicken ſich geſammelt, und ſeine vorige Heiterkeit wieder gewonnen. „Aver Ihr meint es gut,— Ihr meint es gut,“ ſagte er,„ſo, gebr mir Eure Hand, Nicol, und wenn ich je meine Soͤhne in die Lehre gebe, ſo will ich Euch die Wahl laſſen. Und da Ihr von den tauſend Mark ſprecht. Heda, Mec⸗Analeiſter, bringt mir meine Taſche.“ —— Der Angeredete, ein langer ſtarker Hochlaͤnder, de: Mae Gregor ſteter Begleiter zu ſeyn ſchien, brachte aus ſicherem Gewahrſam einen großen ledernen Beutel, wie ihn vornehme Hochlaͤnder in vollem Staate vor ſich zu tra⸗ gen pflegen, von Seeotterfell, reich mit ſilbernen Zlerra⸗ then und Buckeln verziert.. „Ich will niemand rathen, dieſe Taſche zu oͤffnen, der nicht das Geheimniß kennt,“ ſagte Robin, drehte dann 8 den einen Knopf in dieſer, den andern in jener Nichtung, hob den einen Beutel auf, druͤckte den andern nieder, bis die Oeffuung der Taſche, die mit einer maſſiven Silber⸗ Platte bedeckt war, aufſprang. Er zeigte mir,— als hätie er den Gegenſtand, wovon Jarvie ſprach, mit einem⸗ —————— 3⁵ mal abbrechen wollen,— ein kleines in der Taſche verbor⸗ genes Piſtol, deſſen Druͤcker mit dem Beſchlaͤge in Verbin⸗ dung ſtand, daß jeden Unkundigen, der an dem Schloſſe ruͤtteln wollte, die Ladung aller Wahrſcheinlichkeit nach in den Leib traf.„Dieß,“ ſprach er, auf das Piſtol deutend, „iſt mein Schatzmeiſter.“ Der Rathmann ſetzte ſeine Brille auf, um die Vor⸗ richtung zu betrachten, und als er ſeine Neugier befriedigt hatte, gab er die Taſche, halb laͤchelnd, halb ſeufzend zu⸗ ruͤck, und ſagte:„ach Robin, wenn andere Leute ihre Beutel eben ſo gut verwahrt haͤtten, ſo waͤre eure Taſche 4 ſchwerlich ſo gut gefuͤllt, als ſie es dem Gewichte nach zu ſeyn ſcheint. „Kuͤmmert Euch nicht darum,“ ſagte Robin lachend, —„ſie iſt immer offen fuͤr einen Freund, oder zur Bezahlung einer ehrlichen Schuld,— und hier,“— damit ſchob er ihm eine Rolle Gold hin,—„hier ſind die tauſend Mark, — zaͤhlt ſie, Ihr werdet ſehen, daß Ihr richtig bezahlt ſeyd.“ Jarvie nahm das Geld ſchweigend, wog es einen Au⸗ genblick in der Hand, legte es dann auf den Tiſch, und ſagte:„Robin, ich kann's nicht nehmen,— da mag ich mmich nicht darauf einlaſſen,— daraus kommt nichts Gu⸗ tes,— ich habe nur zuriel den Tag uͤber geſehen, auf welche Weiſe Ihr Euer Geld erwerbt. Unrecht Gut ge⸗ deiht nicht,— und um es gerade heraus zu ſagen, ich mags nicht anrühren, es ſieht aus, als ob Blut daran waͤre.“ „Meiner Treu!“ ſprach Robin mit angenommener Gleichguͤltigkeit, die vielleicht nicht ganz aufrichtig war, „es iſt gutes franzoͤſiſches Geld, und war nie in eines Schotten Taſche, ehe es in die meinige kam,— ſeht her, 62* 36 — lauter ſchoͤne glaͤnzende Loulsd'or, als kaͤmen ſie eben erſt aus der Muͤnze.“ „Um ſo ſchlimmer, um ſo ſchlimmer,— nur deſto ſchlimmer, Robin,“ ſprach Jarvie, die Augen von dem Gelde abwendend, obgleich alle ſeine Finger danach zu jucken ſchtenen.„Aufruhr iſt noch ſchlimmer, als Hexerei oder Raͤuberei, iſt gegen Gottes Wort.“ „Seyd ohne Sorgen, Vetter,“ ſagte der Freibeuter; „Ihr kommt ehrlich zu dem Gelde, als Bezahlung fuͤr eine rechtliche Scould,— es kommt von dem einen Koͤnige, und Ihr koͤnnt es dem andern geben, wenn Ihr wollt, es wird dann nur dazu dienen, den Feind zu ſchwaͤchen, und zwar in einem Punkte, wo der arme Koͤnig Jakob am ſchwaͤchſten iſt, denn Gott weiß, Haͤnde und Herzen hat er genug, aber am Gelde wird's fehlen.“ G „Er wird alſo nicht viel Hochlaͤnder bekommen, Ro⸗ bin,“ ſagte Jarvie, ſetzte wiederum die Brille auf, oͤffe nete die Rolle, und begann zu zaͤhlen.. „Auch nicht viel Niederländer,“ ſagte Robin, und zog die Augenbraunen in die Höhe. Er ſah mich an, winkte dann auf ſeinen Vetter, der, ohne zu bedenken, wie laͤ⸗ cherlich es ſey, jedes Goldſtuͤck mit gewohnter Vorſicht auf dem Finger wog, und nachdem er die Summe zweimal. überzaͤhlt hatte, drei Goldſtücke zuruͤckgab zu einem Klelde fuͤr ſeine Baſe, wie er ſagte, und noch ein Paar fuͤr die beiden Buben, wie er ſie nannte, wofuͤr ſie ſich kaufen könnten, was ſie wollten, nur kein Schießpulver. Der Hochlaͤnder erſtaunte uͤber ſeines Vetters unerwartete Groß⸗ muth, nahm aber hollich die Gabe an, und legte ſie einſt⸗ weilen in die wohlverwahrte Taſche. Der Rathmann zog nun die Schuldurkunde hervor, 32 auf deren Rückſeite er nach allen Formen eine Quittung geſchrieben hatte, die er unterzeichnete, und auch mich bar, dieß als Zeuge zu thun. Er ſah ſich aͤngſtlich nach einem andern um, da die ſchottiſchen Geſetze zur Guͤltig⸗ keit einer ſolchen Urkunde zwei Zeugen verlangen.„Auf drei Meilen in der Runde findet Ihr wohl ſchwerlich je⸗ mand, der ſchreiben kann, als uns ſelbſt,“ ſagte Robin, „aber ich will die Sache kurz abmachen;“ mit dieſen Wor⸗ ten nahm er die Schrift, und warf ſie ins Feuer. Jetzt ſtaunte Jarvie ſeinen Vetter an, dieſer aber fuhr fort: „das iſt hochlaͤndiſche Art, Rechnungen abzumachen,— die Zeit moͤchte kommen, Vetter, wo dieſe Verſchreibun⸗ gen und Quittungen, wenn ich ſie aufbewahren wollte, meine Freunde in Ungelegenheit bringen koͤnnten.“ Dagegen hatte Jarvie nichts einzuwenden, und uͤber⸗ dieß erſchien nun unſer Abendeſſen, reichlicher und leckerer, als man es an dieſem Orte haͤtte erwarteu ſollen. Die meiſten Speiſen waren indeß kalt, und dieß verrieth mir, daß ſie in einiger Entfernung zubereitet worden waren; und zu den Wildbretpaſteten fehlten auch einige Flaſchen franzoͤſiſcher Weine nicht. Ich bemerkre, daß Mac Gregor, waͤhrend er ſehr eifrig den Wirth machte, uns um Ent⸗ ſchuldigung uͤber den Umſtand bat, daß eine Paſtete, ehe er ſie uns anbot, bereits angebrochen war.„Ihr muͤßt wiſſen,“ ſagte er zu Herrn Jarvie, ohne mich anzublicken, daß Ihr dieſe Nacht nicht die einzigen Gaͤſte in Mac Gre⸗ gors Land ſeyd, ſonſt wuͤrde meine Frau mit den beiden Jungen auch hier ſeyn, wie ſich's gebuͤhrte.“ Jarvie ſah aus, als freute er ſich ihrer Abweſenheit, und ich waͤre vollkommen ſeiner Meinung geweſen, wenn nicht Robins Entſchuldigung die Vermuthung in mir er⸗ 38 weckt haͤtte, ſie leiſteten Diana und ihrem Gefaͤhrten Ge⸗ ſellſchaft, den ich auch nicht einmal in Gedanken ihren Ehe⸗ mann nennen konnte.. Die unangenehmen Gefuͤhle, welche dieſe Vermuthung in mir erweckten, machten mich unempfindlicher gegen die gute, freundliche Bewirthung. Robin hatte, wie ich in⸗ zwiſchen bemerkte, ſeine Aufmerkſamkeit auch auf ein beſ⸗ ſeres Nachtlager ausgedehnt, als wir in der letzten Nacht gehabt hatten. Die zwei am wenigſten gebrechliche Bett⸗ ſtellen, die an der Wand der Huͤtte ſtanden, waren mit Haidekraut, das eben in voller Bluͤthe ſtand, ſo kuͤnſtlich ausgefuͤllt, daß die Bluͤthen aufwaͤrts gekehrt lagen. Die⸗ ſes zugleich elaſtiſche und duftende Lager war mit Maͤnteln und allem Bettzeug, das man hatte auftreiben koͤnnen, belegt. Jarvie ſchien von den Beſchwerden des Tages er⸗ ſchoͤpft. Ich wollte daher meine Mittheilungen auf den naͤchſten Morgen verſparen, und ließ ihn zu Bette gehen, ſobald er mit ſeiner reichlichen Mahlzeit fertig war. So müde und erſchoͤpft ich mich auch fuͤhlte, ſo fuͤhlte ich doch nicht dieſelbe Neigung zum Schlaf, den mir eine unruhige, fleberhafte Aengſtlichkeit raubte, und ich blieb ſitzen, um noch ferner mich mit Mac Gregor zu unterhalten. Drittes Kapitel. Nacht breitet hoffnungslos ſich um mich her, Mein Aua' ſah ihren letzten Liebesblick, Mein Ohr vernahm den letzten Liebeston, Ich ſah dem Blick das theure Bild entſchwinden; Mein Schickſal iſt beſtimmt. Baſit „Ich weiß nicht, was ich aus Euch machen ſoll, Herr 39 Osbaldiſtone“ ſagte Mac Gregor, indem er mir die Flaſche hinſchob.„Ihr eßt nicht, Ihr zeigt keinen Wunſch nach Ruhe, und doch trinkt Ihr auch nicht, obwohl diefe Flaſche Bordeaurx aus Sir Hildebrands eigenem Keller gekommen ſeyn koͤnnte. Waͤret Ihr immer ſo enthaltſam geweſen, Ihr wuͤrdet den toͤdtlichen Haß Raſhleighs nicht auf Euch geladen haben.“ „Waͤre ich immer vorſichtig geweſen,“ ſagte ich, erroͤ⸗ thend uber den Auftritt, den er mir ins Gedaͤchtniß zuruͤck⸗ rief,„ich waͤre einem ſchlimmern Uebel entgangen,— den Vorwuͤrfen meines Gewiſſens“ Mac Gregor warf einen ſcharfen, faſt wilden Blick auf mich, als wollte er etforſchen, ob der Vorwurf, den er au⸗ genſcheinlich fuͤhlte, abſichtlich geweſen ſey. Er ſay, daß ich an mich felbſt dachte, nicht an ihn, und wandte ſein Geſicht mit einem tiefen Seufzer gegen das Feuer. Ich folgte ſeinem Beiſpiel, und wir blieben beide einige Minuten in peinliche Gedanken verſenkt. Alles in der Hutte ſchlief⸗ oder war wenigſtens ſtill, uns beide ausgenommen. Mac Gregor brach zuerſt das Schweigen mit dem Tyne eines Mannes, der entichloſſen iſt, auf einen unangeneh⸗ men Gegenſtand einzugehen.„Mein Vetter Nicol Jarvie meint es gut, aber ſezt einem Mann von meiner Gemuͤths⸗ ſtimmung und in meiner Lage zu dart zu, und bedenkt nicht recht, was ich geweſen bin, was man mich zu werden zwang, und vor allem bedenkt er nicht, was mich gezwungen hat, das zu werden, was ich bin.“ Er ſchwieg, und obgleich ich fuͤhlte, wie kizlich das be⸗ gonnene Geſpraͤch ſei, ſo konnte ich mich doch nicht enthal⸗ ten, ihm zu erwiedern, daß ſeine Lage fur ſein Gefuͤhl wohl ſehr viel unangenehmes haben muͤſſe.„Es wuͤrde 7 1 4⁰ mich fteuen,“ ſezte ich hinzu,„wenn ich erfuͤhre, daß es irgend ein ehrenvolles Mittel gebe, Euch herauszureißen.“ „Ihr ſprecht, wie ein Knabe,“ erwiederte Mac Gre⸗ gor in einem Tone, der dem fernen Rollen des Donners glich;„wie ein Knabe, der meint, die alte knor rige Eiche laſſe ſich biegen, wie ein junger Zweig. Kann ich vergeſſen, daß man mich entehrt hat, als einen Geaͤchteten,— ge⸗ brandmarkt, als einen Verraͤther,— einen Preis geſezt auf meinen Kopf, als waͤre ich ein Wolf,— die Meinigen behandelt, wie eine Fuͤchſin mit ihren Jungen, die jeder auaͤlen, entehren und verhoͤhnen vanir,— meinen Namen elbſt, den ich von einer maien d Reihe edler tapferer Ahn⸗ herrn erhielt, verrufen, als waͤre er ein Zauber, um damit den Teufel herauf zu deratrze 47 Ich ſah deutlich, daß er durch die Aufzaͤhlung erlitte ner Kraͤnkungen ſich ſelbſt in Wuth jagte, um in ſeinen ei⸗ genen Augen die Fehler zu rechtfertigen, wozu er ſich durch jene hatte verleiten laſſen. Dieß gelang ihm anch vollkom⸗ men; ſeine lichtgrauen Augen ſpruͤhten Flammen, waͤhrend er ſeinen Fuß vorwaͤrts ſtieß und zuruͤckzog, den Griff ſeines Dolches faßte, ſeinen Arm ausſtreckte, die Fauſt ballte, und endlich vom Size aufſtand. „Und ſie werden ihu finden,“ ſagte er in demſelben tiefen, leidenſchaftlichen, faſt erſtickten Tone;„ſie werden finden, daß der Name, den ſie zu aͤchten wagten,— daß der Name Mac Gregor ein Zauber iſt, mit dem man den wilden Teufel rufen kann.— Die ſollen hoͤren von mei⸗ ner Rache, die nicht hoͤren wollten, wenn ich von erlitte⸗ nem Unrecht erzaͤhlte.— Der elende hochlaͤndiſche Vieh⸗ treiber, den ſie ausgeraubt, entehrt und niedergehezt haben, weil die Habſucht anderer nach mehr griff, als der Arme — 41 bezahlen konnte, ſoll in furchtbarer Verwandlung uͤber ſie herſtuͤrzen. Die, welche den kriechenden Wurm verſpotteten und zertraten, mögen ſchreien und heulen, wenn ſie ſehen, daß der fliegende, feuerſpeiende Drache auf ſie herabſchießt.— — Doch warum ſpreche ich von allem/dem?“ ſagte er in ei⸗ nem ruhigern Tone, und ſezte ſich wieder.—„Ihr koͤnnt glauben, Herr Osbaldiſtone, es zehrt meine Geduld auf, gejagt zu werden, wie eine Otter oder wie ein Lachs in den Untiefen, und noch dazu von meinen Freunden und Nachbarn.— Ein Heiliger haͤtte die Geduld verloren, wenn man ihn mit ſo viel Saͤbelhieben, mit ſo viel Piſtolenſchuͤſe ſen beleht haͤtte, wie mich heute in der Furth von Avon⸗ dow, und wie viel mehr Hochlaͤnder, welche, wie Ihr wißt, mit dieſer Gabe nicht allzureichlich verſehen ſind.— Aber etwas von dem, was Nicol geſagt hat, quaͤlt mich,— ich bin in Angſt um meine Soͤhne,— ich bin in Angſt, wenn ich denke, daß Robert und Hamiſh das Leben ihres Vaters fuͤhren ſollen.“ Gebeugt von dem Gedanken an das Schick⸗ ſal ſeiner Soͤhne, nicht von dem eigenen, ſtuͤzte der Vater den Kopf in die Hand.— Ich war ſehr ergriffen. Mein ganzes Leben hat mich das Ungluͤck, dem ein ſtarkes, ſtolzes, kraͤftiges Gemuͤth erllegt, mehr bewegt, als der leicht erregte Kummer ſchwaͤ⸗ cherer Naturen. Der Wunſch, ihm zu helfen, draͤngte ſich in mir auf, ſo ſchwierig, ja unmoͤglich es auch zu ſeyn ſchien.. „Wir haben ausgedehnte Verbindungen auswaͤrts,“ ſagte ich;„koͤnnten Eure Soͤhne bei einiger Unterſtuͤzung — und ſie haben ein gutes Recht auf alles, was mein Va⸗ ter thun kann,— nicht eine ehrenvolle Unterkunft in rem⸗ den Kriegsdienſten finden?“ 8 Ich glaube, mein Geſicht verrieth aufrichtige Ruͤhrung, aber mein Gefaͤhrte faßte mich bei der Hand, als ich wei⸗ ter ſprechen wollte, und ſagte:„ich danke,— ich danke Euch,— aber laßt uns nichts weiter davon ſprechen;— ich glaubte nict, daß ein Menſchenauge noch eine Thraͤne in Mac Gregors Augenwimpern ſehen wuͤrde.“ Dabe wiſchte er mit dem Ruͤcken der Hand die naſſen von den buſchigen rothen Braunen beſchatteten Augen.„Morgen fruͤh wollen wir davon ſprechen, und auch von Euern Ange⸗ legenheiten,— denn wir gehen fruͤh heraus, auch wenn wir das Gluͤck haben, gute Betten zu bekommen. Wollt Ihr mir nicht Beſcheid thun beim lezten Glas?“ Ichlehnte die Einladung ab.. „Nun denn, bei der Seele Skt. Marvonochs! ſo muß ich mir ſeldſt Beſcheid thun.“ Damit ſtuͤrzte er wenig⸗ ſtens eine halbe Flaſche Wein hinab. Ich legte mich zum Schlafen nieder mit dem Entſchluß, meine Nachforſchungen aufzuſchteben, bis ich Robins Ge⸗ muͤth ruhiger ſehe. Der ſonderbare Mann hatte meine Einbildungskraft ſo erfuͤllt, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihn noch einige Minuten zu bewachen, als ich mich 1 ſchon auf mein Lager von Haldekraut zum ſcheinbaren Schlummer niedergelegt hatte. Er gieng auf und nieder, bekreuzigte ſich elnigemal, waͤhrend er ein lateiniſches Ge⸗ bet murmelte; dann wickelte er ſich in ſein Plaid, legte das bloße Schwert auf die eine, ſeine Piſtole auf die an⸗ dere Seite, und ordnete die Falten ſeines Mantels ſo, daß er nach erhaltener Warnung augenblicklich aufſpringen, und mit einer Wehre in jeder Hand ſogleich zum Kampf bereit ſeyn koͤnne. Nach wenigen Minuten zeigte ſein chwerer Athem, daß er feſt ſchlafe. Von Muͤdigkeit er⸗ 43 3 ſchöpft, und von den mannigfachen unerwarteten und au⸗ ßerordentlichen Scenen des Tags betaͤubt wurde ich endlich von einem tiefen Schlafe uͤberwaͤltigt, und troz aller Gruͤn⸗ de, die ich zur Wachſamkeit hatte, ſchlief ich dennoch fort bis zum Morgen. Als ich die Augen oͤffnete, und mich beſann, wo ich war, bemerkte ich, daß Mac Gregor bereits die Huͤtte ver⸗ aaſſen hatte. Ich weckte den Rathmann auf, der nach man⸗ chhem Schnauben und Stoͤhnen, und einigen ſchweren Kla⸗ gen, daß in Folge der ungewohnten Anſtrengungen des vo⸗ rigen Tages alle ſeine Glieder wie zerſchlagen ſeien, end⸗ lich im Stande war, die frohe Nachricht zu faſſen, daß die von Raſhleigh mitgenommenen Handelspapiere gluͤcklich wieder erlangt ſetien. Sobald er meine Mittheilung ver⸗ ſtanden hatte, vergaß er alle ſeine Beſchwerden, ſprang ge⸗ ſchaͤftig auf, und verglich augenblicklich die Papiere mit den Angaben Owens. Bis auf eine nicht bedentende Summe fand ſich alles.„Gott ſei gelobt!“ ſagte er,„das iſt'’s, wmas wir brauchen, nun fort aus dieſem traurigen Lande! Ich will nie wieder an den Ardſee denken, der Gedanke macht mich ſchaundern!“ „Es thut mir leid, Vetter,“ ſagte Mac Gregok⸗ der bei den lezten Worten in die Huͤtte trat,„daß die Um⸗ ſtaͤnde nicht erlaubt haben, Euch zu empfangen, wie ich ge⸗ wuͤnſcht haͤtte, wenn Ihr aber meine geringe Wohnung be⸗ ſuchen wollt,“——— „Sehr verbunden, ſehr verbunden,“ antwortete Jarvle haſtig.„Aber wir muͤſſen aufbrechen, wir muͤſſen gehen, Herr Osbaldiſtone und ich,— Geſchaͤfte koͤnnen nicht war⸗ ten.“ „Gut, Vetter,“ erwiederte der Hochlaͤnder,„Ihr kennt 1 44 unſere Sitte, ſpeiſe den Gaſt, der kommt, foͤrdre den, der geht. Aber Ihr koͤnnt nicht uber Drymen heimkehren,— ich muß Euch an den See bringen, und nach der Faͤhre von Balloch hinuͤberrudern laſſen,— Eure Pferde ſende ich um den See herum, daß Ihr ſie dort trefft. Ein kluger Mann kehrt nie auf der Straße heim, auf der er gekom⸗ men iſt, wenn er eine audere frei hat.“ „Ja, ja, Robin, das iſt eine von den Regeln, die Ihr gelernt habt als Viehhaͤndler. Ihr hattet nicht Luſt, die Landleute wieder zu ſehen, denen Euer Vieh das Gras abgewaidet hatte,— und ich fuͤrchte, jezt iſt Euer Weg noch ſchlimmer bezeichnet, als damals.“ 2 „Um ſo weniger muß man ſie oft gehen, Vetter,“ er⸗ wiederte Robin,„ich werde den Dougal, der zu dem Ende in Euern Bedienten verwandelt iſt, herumſenden mit Euern Pferden.— Seht, da iſt er.“ „Ich haͤtte den Burſchen nicht wieder erkannt,“ ſagte Jar⸗ vie, und es war auch in der Tyat nicht leicht, den wilden Hoch⸗ laͤnder zu erkennen, als er an der Thuͤre erſchien in einem Hut, Peruͤcke und Reitrock, der einſt dem Herrn Andreas Gutdienſt gehoͤrt hatte. Er ritt auf Jarvies Pferd, fuͤhrte das meinige, und erhielt noch einige Befehle von ſeinem Herrn, gewiſſe Stellen zu meiden, wo er ſich dem Verdacht ausſeze, Nachrichten auf dem Wege einzuziehen, und uns an dem beſtimmten Plaze, bei der Faͤhre von Balloch zu erwarten. Mac Gregor lud uns ein, den Weg mit ihm zu machen, und das Morgenſchluͤckchen nicht zu vergeſſen, da wir vor dem Fruͤhſtuͤck eine gute Strecke Wegs zu ma⸗ chen haͤtten. Er trank Jarvie ein Glas Branntwein zu, der es aber eine unrechte und gefaͤhrliche Gewohnheit nannte, den Tag mit geiſtigen Getraͤnken anzufangen, aus⸗ ͤ— 8 45 genommen, um den Magen gegen Morgennebel zu ſchuͤzen, in welchem Falle auch ſein Vater, der Zunftmeiſter, durch Lehre und Beiſpiel ein Schluͤckchen empfohlen habe.“ „Sehr richtig, Vetter,“ erwiederte Robin,„und darum haben auch wir Kinder des Uebels ein Recht, vom Mor⸗ gen bis zum Abend Branntwein zu trinken.“ Der Rathmann, auf dieſe Weiſe erfriſcht, beſtieg ei⸗ nen kleinen hochlaͤndiſchen Klepper, ein anderer wurde mir angeboten, ich ſchlug ihn aber aus, und wir zogen nun deſ⸗ ſelben Wegs, wie am Tage vorher, aber unter ganz an⸗ derem Schuz und Geleit. Dieß beſtand aus Mac Gregor und fuͤnf oder ſechs der ſchoͤnſten, beſthewaffneten und ruͤſtigſten Hochlaͤnder aus ſeiner Schaar, die gewoͤhnlich an ſeiner Seite waren. Als wir uns dem Engpaſſe naͤherten, wo am vorigen Tage das Gefecht, und die darauf folgende Graͤuelthat vorgefallen war, nahm Mac Gregor ſchnell das Wort, um auf die Gedanken zu antworten, welche nothwendig in mir aufſteigen mußten. „Ihr muͤßt ſchlimm von uns denken, Herr Osbaldi⸗ ſtone, und es kann auch nicht wohl anders ſeyn.— Aber erinnert Euch wenigſtens, daß wir herausgefordert wur⸗ den,— wir ſind ein rohes und unwiſſendes Volk, vielleicht heftig und leidenſchaftlich, aber nicht grauſam,— das Land koͤnnte in Ruhe und Frieden vor uns leben, wollte man uns eines friedlichen Rechts genießen laſſen.— Aber wir waren verfolgte Leute.“ „und Verfolgung,“ ſagte Jarvie,„macht kluge Leute toll.“ 4 „Und was muß ſie aus Leuten machen, wie wir, die wir leben, wie unſere Vaͤter ſeit tauſend Jahren, und 46 ſchwerlich mehr Einſicht haben, als ſie?— Koͤnnen wir zu⸗ ſehen, wie ſie blutige Befehle gegen uns erlaſſen,— wenn ſie haͤngen, enthaupten, und einen alten ehrenvollen Na⸗ men unterdruͤcken, da wir doch ein befferes Loos verdienen, als Feinde von Feinden erhalten!— Hier ſtehe ich, bin in zwanzig Gefechten geweſen, und habe nie einen Men⸗ ſchen verwundet, außer wenn mein Blut erhitzt war, und doch wollten ſie mich verrathen, mich gleich einem herren⸗ loſen Hunde aufhaͤngen an dem Thor eines vornehmen Mannes, der einen Groll gegen mich hat.“ Ich erwiederte, daß die Achtung ſeines Namens und ſeiner Familie einem Englaͤnder als ein ſehr grauſames und willkuͤhrliches Geſetz erſcheinen muͤſſe, und als ich ihn dadurch beruhigt hatte, wiederholte ich meine Antraͤge, ihm ſelbſt, wenn er wolle, und ſeinen Soͤhnen in einem frem⸗ den Lande Kriegsdienſte zu verſchaffen. Mac Gregor ſchuͤt⸗ telte mir herzlich die Hand, hielt mich zuruͤck, um Jarvie auf dem engen Wege voran gehen zu laſſen, und ſagte: „Ihr ſeyd ein gutherziger, wackerer junger Mann, und wißt die Gefuͤhle eines Mannes von Ehre zu ſchaͤtzen.— Aber die Halde, auf der ich umherwandelte im Leben, ſoll uͤber mir bluͤhen, wenn ich todt bin,— das Herz wuͤrde mir brechen,— mein Arm zuſammenſchrumpfen und ver⸗ welken, wie Farrnkraut im Froſte, ſaͤhe ich nicht mehr meine heimatylichen Berge,— die Welt hat keinen Ork, der mich rroͤſten koͤnnte uͤber den Verluſt der Felſen und Klippen, die Ihr rings herum ſeht, ſo wild ſie auch ſind. — Und Helene— was wuͤrde aus ihr werden, wenn ich ſte neuen Beleidigungen und Grauſamkeiten ausſetzte? Wie koͤnnte ſie eine Gegend verlaſſen, wo das Andenken an erlittenes Untecht immer noch gemildert iſt durch die 47 Erinnerung an ihre Rache? Ich war einſt von meinem großen Feinde, wie ich ihn wohl nennen kann, ſo hart be⸗ draͤngt, daß ich, um dem Sturme auszuweichen, mit meinen Leuten und mit meiner Familie unſer Heimathland ver⸗ ies, und hinuͤberzog in Mac Callumores Beſitzungen,— da machte Helene ein Klaglied auf unſern Abzug, beſſer haͤtte es Mac Rimmon ſelbſt nicht gemacht,— ſo traurig und wehmuthig, daß unſere Herzen faſt brachen, als wir da ſaßen und ihr zuhoͤrten,— es war wie die Klage eines Kindes um ſeine Mutter, die es trug,— die Thraͤnen rollten uͤber die rauhen Geſichter unſerer Leute, als ſie es hörten. Nein, das Herzeleid moͤchte ich nicht mehr haben, um alle Laͤnder nicht, die einſt dem Stamm Mac Gregor angehoͤrten.“ „Aber Eure Soͤhne,“ ſagte ich,„ſie ſind in dem Alter, wo Enre Landsleute gewoͤhnlich gerne die Welt ſehen.“ „Ich waͤre es zufrieden,“ erwiederte er,„daß ſie ihr Gluͤck verſuchten in franzoͤſiſchen oder ſpaniſchen Dienſten, wie es ſchottiſche Edelleute zu thun pflegen, und geſtern Nacht kam mir Euer Plan auch ganz thunlich vor,— aber ich habe dieſen Morgen, ehe Ihr auf waret, Seine Excel⸗ lenz geſehen.“ „Hat er die Nacht ſo nahe bei uns zugebracht?“ — fragte ich mit aͤngſtlich klopfendem Herzen. „Naͤher, als Ihr glaubtet,“ war die Antwort;„aber er ſchien ein wenig eiferſuchtig zu ſeyn, und es nicht gern zu ſehen, daß Ihr mit der jungen Dame ſpracht, da“— „Zur Eiferſucht hatte er keinen Grund,“ antworteke ich etwas ſtolz;„ich wuͤrde ſeine Heimlichkelt nicht geſtort haben.“ 48. „Nun, Ihr muͤßt nicht boͤſe werden, und aus Euern Locken herausſehen, wie eine wilde Katze aus einem Epheubuſch, denn Ihr muͤßt wiſſen, daß er Euch recht wohl will, und er hat es bewieſen. Und das iſt es jetzt auch zum Theil, was die Haide in Feuer geſetzt hat.“ „Die Haide in Feuer?“ ſagte ich.„Ich verſtehe Euch nicht.“ „Nun,“ fuhr Mac Gregor fort;„Ihr wißt, daß Wei⸗ ber und Geld am Ende an allem Uebel in der Welt ſchuld ſind. Ich habe Eurem Vetter Raſhleigh mißtraut, ſeit der Zeit, daß Diana Vernon nicht ſeine Liebſte werden wollre, und ich glaube, daß er darum einen Groll gegen Seine Excellenz gefaßt hat. Nun kam aber der Spaß mit Euern Papieren, die er herausgeben ſollte,— wir wiſſens jetzt recht gut,— ſo bald er gezwungen wurde, ſie heraus⸗ zugeben, flog er nach Stirling, und ſagte der Regierung alles, und mehr als alles, was in der Stille in unſern Bergen vorgieng, und dieß war ohne Zweifel der Grund, warum man das Land aufbot, um Seine Excellenz zu fan⸗ sen, und einen ſo unerwarteten Angriff auf mich zu ma⸗ chen. Auch kann ich nicht zweifeln, daß der arme Teufel Morris, dem er alles aufſchwatzen konnte, ſich von ihm und einigen Edelleuten aus dem Niederland hat bereden laſſen, um mich in die Falle zu locken.— Aber waͤre Rafh⸗ leigh Osbaldiſtone der letzte und der beſte ſeines Ge⸗ ſchlechts, wenn wir je wieder uns treffen, ich will ver⸗ dammt ſeyn, wenn wir uns trennen, ehe mein Dolch und ſein beſtes Blut gute Bekanntſchaft mit einander gemacht haben.“ Er ſprach dieſe Drohung mit furchtbarem Stirnfalten, und faßte den Griff ſeines Dolches, „3c. 1 49 „Ich wuͤrde mich beinahe freuen uͤber das, was vor⸗ gefallen iſt,“ ſagte ich,„wenn Raſhleighs Verraͤtherei den Ausbruch eines unbeſonnenen und verzweifelten Unterneh⸗ mens verhindern ſollte, wovon er, wie ich ſchon lange arg⸗ wohnte, das Hauptwerkzeng geweſen iſt.“ „Glaubt das nicht,“ ſagte Robin;„eines Verraͤthers Wort hat noch nie eine gute Sache zu Grunde gerichtet. Er war tief in unſern Geheimniſſen, das iſt wahr, und waͤre es nicht ſo, die Schloͤſſer von Stirling und Edin⸗ burgh waͤren jetzt, oder in kurzer Zeit in unſerer Hand, was kaum mehr zu hoffen iſt. Es ſind zu viele darein verwickelt, und die Sache iſt zu gut, daß ſie um eines Vexrraͤthers willen nicht aufgegeben wird, davon wird man in kurzer Zeit ſehen und hoͤren. Nun, was ich ſagen wollre, meinen beſten Dank für Euer Anerbieten in Betreff meiner Söhne, das ich vorige Nacht anzunehmen gedachte. Aber der Verrath dieſes Schurken wird unſere großen Herrn über⸗ zengen, daß ſie ſich augenblicklich aufmachen, und einen Streich führen müſſen, wenn ſie nicht in ihren Häuſern über⸗ fallen, und wie Hunde zuſammengekoppelt nach London ge⸗ trieben werden wollen, wie die wackern Männer im Jahre 1707. Bürgerkrieg iſt ein Baſilisk, wir haben zehn Jahre darüber gebrütet, und hätten noch zehn darüber brüten kön⸗ nen, da kommt Raſbleigh, zerbricht die Schaale, und heraus tritt das Wunderthier, und ruft zu Feuer und Schwert. Da brauche ich nun alle Hände, die ich aufbringen zann, und— alle Achtung vor den Koͤnigen von Frankreich und Spanien, denen ich alles Gute wünſche,— aber König Jakob iſt eben 8 ſo gut, als einer von ihnen, und hat das erſte Recht an Ro⸗ bert und Hamiſh, denn ſie ſind ſeine geborne Unterthanen.“ Ich begriff leicht, daß dieſe Worle auf einen allgemel⸗ W. Scott's Werke. CIV. 4 50 * nen Volksauſſtand deuteten, und da es eben ſo nuzlos, al⸗ gefährlich geweſen wäre, die politiſchen Meinungen meines Führers an dieſem Orte und zu dieſer Zeit zu beſtreiten, ſo begnügte ich mich, die Verwirrung und das Unglück zu be⸗ klagen, welche aus einem allgemeinen Aufſtand zu Gunſten der vertriebenen Könige entſtehen müßten.“ „Laßt's nur kommen, Freund, laßt's nur kommen,“ ſagte Mac Gregor;„boͤſes Wetter klärt ſich nicht auf oyne Regenſchauer. Mag's ein wenig drunter und drüber gehen, ehrliche Leute kommen dann deſto eber zu einem Stück Brod.“ Ich verſuchte ihn wieder auf Diana zu bringen, aber ſo frei er über die meiſten Dinge ſprach, die mir nicht ſon⸗ derlich erfreulich waren, über dieſen Gegenſtand, der für mich der anziehendſte war, beobachtete er eine ſtrenge Zurückhal⸗ tung, und begnügte ſich, mir anzudeuten, er hoffe, das Fraͤu⸗ lein werde bald in einem ruhigern Lande leben, als Schott⸗ land nun für einige Zeit ſein werde.“ Damit mußte ich mich zufrieden geben, und mich der Hoffnung überlaſſen, daß der Zufall wieder, wie früher, ſich als mein Freund erwei⸗ ſen und mir wenigſtens das traurige Vergnügen gewähren werde, derjenigen ein Lebewohl zu ſagen, die meine Zunei⸗ gung in weit höͤherem Grade beſaß, als ich ſelbſt geglaubt hatte, ehe ich mich von ihr aufi mmer trennen ſollte. Wir ſezten unſern Weg am Ufer des Sees ungefähr ſechs engliſche Meilen weit fort auf einem vielfach ſich krüm⸗ menden, aumuthigen Pfade, bis wir zu einem hochländiſchen Maierhofe kamen, der an der Spize des ſchönen Lediartſees lag. Hier war eine zahlreiche Schaar von Mac Gregors Leuten aufgeſtellt, um uns zu empfangen. Der Geſchmack ſowohl, als die Beredtſamkeit wilder, oder um eigentlicher z1 reden, roher Velksſtäame iſt gewöhnlich richtig, weil er 51 weder durch vorgefaßte Meinungen, noch durch Ziererei ge⸗ feſſelt iſt; ein Beiſpiel davon gab mir die Auswahl des Pla⸗ zes, wo dieſe Gebirgsbewohner ihre Gaͤſte empfiengen. Man hat geſagt, ein brittiſcher Monarch ſolle die Geſandten eines mächtigen Nebenbuhlers in der Kajüte eines Kriegsſchiffs empfangen, und ein hochländiſcher Haͤuptling handelte alſo ganz richtig, als er eine Stelle wählte, wo die großartigen Naturſcenen ſeines Heimathlandes das Gemüt ſeiner Gätte am lebhafteſten ergreifen mußten. Wir ſtiegen am Rande eines rtauſchenden Baches einige hundert Schritte vom Ufer des Sees aufwärts, und ließen rechts vier oder fuͤnf hochländiſche Hütten liegen, umgeben von kleinen Stücken Ackerlands, das aus dem umgebenden Gebuͤſche gleichſam herausgehauen, und mit Gerſte und Ha⸗ fer bebaut war. Ueber dieſer ſchmalen Stelle wurde der Hä⸗ gel noch ſteiler, und auf dem ſchroffen Rande deſſelben ge⸗ wahrten wir die blizenden Waffen und die wehenden Gewaͤn⸗ der von ungefähr fünfzig von Mac Gregors Leuten. Sie ſtanden auf einer Stelle, deren ich mich immer noch mit Be⸗ wunderung erinnere. Der Bach, der von dem Berge herab⸗ rauſchte, war hier auf einen Felſen geſtoßen, über den er in zwei Abſätzen hinabſtürzte. Der erſte Fall, über den eine herrliche alte Eiche vom jenſeitigen Ufer ſich herüberwölbte, mochte ungefähr zwölf Fuß betragen. Der gebrochene Strom wurde in einem Felſenbecken aufgefangen, das ſo regelmäͤßig war, als wäre es mit dem Meiſel ausgehauen, und als er an deſſen Rande ſich in ſchäumenden Wirbeln gedreht hatte, ſtürzte er durch eine dunkle, enge Schlucht, wenigſtens fünſs zig Fuß hoch herab, und eilte dann dem See zu. Mit dem natürlichen Geſchmacke von Gebirgsbewohnern und beſonders der ſchottiſchen Hochlaͤnder, in dereu Gefüh⸗ 4 52 len, wie ich oft bemerkte, ein romantiſcher dichteriſcher Hauch weht, hatten Robins Frau und Gefolge unſer Frühſtück an einer Stelle bereitet, die in einem Fremden ein Gefühl von Ehrfurcht erwecken mußte. Sie ſind von Natur ein ernſtes und ſtolzes Volk, und gehen, ſo roh ſie uns auch erſcheinen mögen, in Beobachtung der Umgangſitte und Höflichkeit zu einem Grade, der übertrieben ſcheinen wuͤrde, wenn nicht der Ausdruck überiegener Kraft damit verbunden wäre. Denn man muß geſtehen, dieſe ſtrenggemeſſene Höflichkeit, die bei einem gewöhnlichen Bauern lacherlich ſein würde, erſcheint bei einem vollſtändig bewaffneten Hochländer gar nicht un⸗ paſſend. Wie man ſich denken kann, war alſo unſer Em⸗ pfang aͤußerſt 4 eſt förmlich. Die Hochlaͤnder, die an der Seite des Berges zerſtreut gewe⸗ ſen waren, zogen ſich, als man unſerer anſichtig wurde, zuſam⸗ men, und ſtanden ſtill und regungslos in geſchloſſener Reihe binter drei Geſtalten, in denen ich bald Helene Mae Gregor und ihre beiden Söhne erkannte. Mac Gregor ordnete gleich⸗ falls ſein Gefolge, bat Jarvie, als der Weg ſteiler wurde, abzuſteigen, und führte uns, langſam an der Spize des Hau⸗ fens ziehend, hinauf. Bald vernahmen wir die wilden Töne der Sack felfen, die, mit dem Tofen des Waſſerfalls verſchmol⸗ zen, ihren natürlichen Mißklang verloren. Als wir näher ka⸗ men, trat uns Mac Gregors Frau entgegen. Ihre Kleidung war ſorgfältiger und weiblicher geordnet, als am vorigen Tage, aber aus ihren Zügen ſprach noch derſelbe ſtolze, unbeugſame Sinn, und als ſie meinen Freund mit einer unerwarteten und augenſcheinlich unwillkommenen Umarmung empfieng⸗ verrieth mir die Bewegung ſeiner Perücke, ſeines Ruͤcens und ſeiner Beine, daß ihm ungefähr zu Muthe war, wie einem, der ſich plözlich von einem Baͤren umſaßt ſieht, ohne =— 53 daß er unterſcheiden kann, ob das TChier freundlich oder grimmig iſt. „Vetter,“ ſaste ſie,„Ihr ſeid willkommen, und auch Ihr, Fremdling,“— ſezte ſie hinzu, als ſie meinen beſorg⸗ ten Freund los ließ, der inſtinktmäßig zuruͤcktrat, und ſeine Peruͤcke in Ordnung brachte,—„auch Ihr ſeid willkom⸗ men,— Ihr kamt,“ fuhr ſie fort,„in unſer unglückliches Land, als unſer Blut erhizt und unſere Hand roth war. Ent⸗ ſchuldigt den rauhen Willkommen, und legt ihn der bölen Zeit und nicht uns zur Laſt.“ Alles dieß ſprach ſie mit dem Anſtand einer Fuͤrſtin, und mit Feinheit in Ton und Ausdruck. Da war nicht der mindeſte Anſtrich von jener Gemeinheit, die wir in der niederſchottiſchen Sprache finden. Zwar ließ ſie ſtark die heimathliche Betonung hören, ſonſt aber ſprach ſie anmuthig, fließend und ſtierlich, denn ſie überſezte aus dem dichteriſchen Gäliſchen ins Engliſche, das ſie, wie eine gelehrte Sprache erlernt, doch wahrſcheinlich nie im gemeinen Lebensverkehr gehoͤrt hatte. Ihr Mann, der in ſeinem Leben mancherlei Rollen geſpielt hatte, drückte ſich minder erhaben und hochtönend aus,— aber ſelbſt ſeine Sprache wurde reiner, wenn wichtige Gegenſtände zur Sprache kamen, die ſein Gemüth aufregten, und ich habe an ihm, ſo wie an einigen ändern Hochlä dern, die ich kannte, be⸗ merkt, daß ſie ſich im vertraulichen ſcherzenden Tone des niederſchottiſchen Dialekts bedienten, ſo bald ſie aber ernſt und leidenſchaftlich werden, ordnen ſie ihre Gedanken nach ihrer Landesſprache, und laſſen dann im Engliſchen wilderha⸗ bene dichteriſche Ausdrücke hören. Die Sprache der Leiden⸗ ſchaft iſt auch in der That faſt immer eben ſo rein als hef⸗ tig, und nicht ſelten kann man einen Schotten, wenn ein Landsmann ihm mit geläufiger Zunge bittere Vorwürſe 54. macht, ſpöttiſch ſeinem Gegner ſagen hören:„Ihr ſeid zu Eurem Engliſch gekommen.“ Helene lud uns zu einer Mahlzeit ein, welche auf einem Grasplaze ausgebreitet war, und alles darbot, was die Berge hefern konnten, aber theils der unwandelbare düſtere Ernſt, der auf der Stirne unſerer Wirthin ſaß, theils die quaͤlen⸗ den Erinnerungen an die Ereigniſſe des vorigen Tags ließ keine fröhliche Stimmung aufkommen, ſo ſehr ſich auch Ro⸗ bin bemühte. Ein Schauer hieng über uns, als wäre es ein Leichenmahl, und jeder fühlte ſich erleichtert, als es zu Ende war. „Lebt wohl, Vetter,“ ſagte ſie zu Jarvie, als wir auf⸗ ſtanden;„der beſte Wunſch den Helene Mac Gregor einem Freunde geben kann, iſt, daß er ſie nicht mehr ſehen möge.“ Der Rathmann wollte antworten, vermuthlich mit einem Gemeinplaz, aber der ruhige, ſchwermüthige Ernſt ihres Ge⸗ ſichts brachte die ſteife, förmliche Amtsmäßigkeit Jarvies ganz aus der Faſſung. Er huſtete,— räuſperte,— bückte ſich, und ſchwieg. „Für Euch, Fremdling,“ ſagte ſte,„habe ich ein Zei⸗ chen von jemand, den Ihr——“ „Helene,“ ſiel Mac Gregor mit lauter, ernſter Stimme en; was ſoll das heißen?— Haſt du die Ermahnung ver⸗ deſſen?“ „Mac Gregor,“ erwiederte ſie„ich ha'e nicht verg⸗Tea, woran zu gedenken mir z emt. Nicht dieſer Hand⸗(vier ſtreckte ſie den langen, nervigen entblösten Arm aus) ziemte es, Liebeszeichen zu überliefern, wäre die Gabe nicht mit Jammer verknüpft. Junger Mann, fuhr ſie fort mir einen Ring überreichend, den, wie ich mich wohl erinnerte, Diana manchmal trug;„dieſer kömmt von einer, die Ihr nicht wie⸗ 5⁵ der ſehen werdet. Iſt es ein freudelofes Liebespfand, ſo tangt es wohl, daß es durch die Hand derjenigen geht, die nie wieder Freude kennen wird. Ihre letzten Worte wa⸗ ren: Er mag mich vergeſſen fuͤr immer.“ „Und kann ſie,„ſagte ich halb bewußtlos,„kann ſie dieß fuͤr moͤglich halten?“ „Alles kann man vergeſſen,“ ſagte das ſonderbare Weib,—„alles, nur nicht das Gefuͤhl der Schande und den Wunſch nach Rache.“ 3„Aufgeſpielt!“ ſchrie Mae Gregor, ſtampfend vor Un⸗ geduld. Die Sackpfeiſſen erſchallten, und ihre durchdrin⸗ genden, ſchnarrenden Toͤne brachen die Unterredung kurz ab. Schweigend nahmen wir Abſchied von unſerer Wirthin, und ſetzten unſere Reiſe fort, mit verſtaͤrkter Ueberzeugung von meiner Seire, daß ich von Diana geliebt, und von ihr auf immer getrennt ſey. ——— Viertes Kapitel. Leb wohl, o Land wo gleich dem Todtenkleid Der Nebel um der Verge Bruſt ſich zieht, Vom Waſſerfall der Adler aufwärts flieht, Die ſtille Bruſt der See dem Hinmmiel heut. Unſer Weg fuͤhrte durch eine wildromantiſche Gegend, auf welche ich aber bei meiner Seelenſtimmung nicht be⸗ ſonders achtete, und darum nicht zu beſchreiben verſuchen will. Die aufſtrebende Spitze des Lomondberges, der hler uͤber alle hervorragt, diente zur maͤchtigen Laͤnderſchelde. Ich erwachte erſt aus meiner Faͤhlloſigkeit, als wir uns 56 nach einem langen, muͤhſamen Marſche aus einem Eng⸗ paſſe herausarbeiteten, und der Lamondſee ſich vor uns oͤffnete. Wer kann dieſe Landſchaft beſchreihen! Zahlloſe reizende Eilande tauchen aus dieſem ſchoͤnen See auf, der in ſeiner noͤblichen Ausdehnung immer enger wird, bis er ſich zwiſchen den dunkeln Bergen verliert, waͤhrend er ge⸗ gen Suͤden ſich immer weiter ausbreitet, in mannigfachen Buchten ein ſchoͤnes und fruchtbares Land umſpuͤlt, und eines der ergrelfendſten, ſchoͤnſten und erhabenſten Natur⸗ ſchauſpiele darbietet. Die oͤſtliche, beſonders rauhe und wilde Seite war zu dieſer Zeit der Hauptſitz von Mac Gregors Clan, zu deſſen Baͤndigung eine kleine Beſatzung zwiſchen dem Lomond⸗ und einem andern See ihren Standort hatte. Doch das Land war durch zahlreiche Eng⸗ paͤſſe, Suͤmpfe, Hoͤhlen und andere Schlupfwinkel allzugut geſchuͤtzt, ſo daß die kleine Veſte mehr die Gefahr andeu⸗ tete, als Sicherheit dagegen gewaͤhrte. Bei mehr als ei⸗ ner Gelegenheit hatte ſchon die Beſatzung den verwegenen Muth des Geaͤchteten und ſeiner Anhaͤnger erfahren. Die errungenen Vortheile wurden jedoch nie durch Grauſam⸗ keft befleckt, wenn er ſelbſt befehligte; denn er war wohl⸗ meinend und ſcharfſinnig genug, ſich keinem unndͤthigen Haſſe auszuſetzen, der ihm nur Gefahr bringen konnte. Mit Vergnuͤgen vernahm ich, daß er die im letzten Ge⸗ fecht gemachten Gefangenen in Freiheit geſetzt hatte, und die Sage erzaͤhlt pon dieſem merkwuͤrdigen Manne mauche Zäge von Milde und ſelbſt von Großmuth bei aͤhnlichen Gelegenheiten. Unterhalb eines maͤchtigen Felſens erwartete nus ein Bost, mit vier muntern hochlaͤndiſchen Ruderern bemannt, und unſer Wirth nahm mit großer Herzlichkeit, ja mit 57 Ruͤhrung, von uns Abſchied. Zwiſchen ihm und Jarvie ſchien eine gegenſeitige Achtung zu beſtehen, die mit ihren verſchiedenartigen Beſchaͤftigungen und Gewohnheiten ei⸗ nen ſcharfen Gegenſatz bildete. Als ſie ſich lobreich ge⸗ kuͤßt hatten, und eben ſcheiden wollten, verſicherte Jarvie in der Fuͤlle ſeines Herzens ſeinem Vetter mit ungewiſſer Stimme:„wenn=—n oder ſeine Familte zu einer feſten Einrichtung einmal ein⸗ auch zweihundert Pfund beduͤrfe, ſo brauche er nur eine Zeile auf den Salzmarkt zu ſchi⸗ cken;“ Robin aber faßte mit der einen Hand den Griff ſeines Schwertes, ſchuͤttelte mit der andern herzlich Jarvies Hand, und bethenerte,„wenn irgend jemand ſei⸗ nen Vetter kraͤnken, und er es ihn wiſſen laſſen wolle, ſo werde er dem Beleidiger die Ohren vom Kopſe hauen, und waͤre er der erſte Mann in Glasgow.“ unter dieſen Verſicherungen gegenſeitiger Huͤlfe und fortwaͤhrender Freundſchaft ſtießen wir vom Ufer, und nah⸗ men unſere Richtung gegen die ſuͤdweſtliche Spitze des Sees, wo der Fluß Leven demſelben entſtroͤmt. Robin blieb lange auf dem Felſen ſtehen, von dem unſer Boot ab⸗ geſtoßen war, in weiter Ferne noch ſichtbar durch ſein lan⸗ ges Gewehr, ſeinen wehenden Tartan, und die einzelne Feder auf ſeiner Mutze, welche in jener Zeit den hochlaͤn⸗ diſchen Edelmann und Krieger bezeichnete, obwohl jetzt die hochlaͤndiſche Muͤtze mit einer Menge ſchwarzer Federn ge⸗ ſchmuͤckt iſt. Endlich ſahen wir ihn langſam den Huͤgel hinangehen geſolgt von den Leuten, die ſeine Leibwache bildeten. Lange ſetzten wir unſere Fahrt ſchweigend fort, und nichts unterbrach die Stille, als der tiefe, unregelmaͤßige 538 Geſang eines der Ruderer, der manchmal zu einem wil⸗ den Chor ſich erhob, in den die andern einftelen. 3 Schwermuth lag auf meiner Seele, doch ich fuͤhlte, daß mein Schmerz ſich lindere beim Anblick der prachtvollen Scene, die mich umgab, und in der ſchwaͤrmeriſchen Stim⸗ mung des Augenblicks haͤtte ich, waͤre meine Religion die katholiſche geweſen, als Einſtedler auf einer der romanti⸗ ſchen Juſeln, zwiſchen denen unſer Boot hingleitete, leben und ſterben moͤgen. Auch der Rathmann hatte ſeine Betrachtungen, ſie waren aber von etwas anderer Art, wie ich fand, als er nach langem Stillſchweigen, waͤhrend deſſen er ſeine Be⸗ rechnungen angeſtellt hatte, mir die Moͤglichkeit zu bewei⸗ ſen ſuchte, den See trocken zu legen, und„manches Hun⸗ dert, ja manches Tauſend Acker fuͤr Pflug und Egge zu ge⸗ winnen, von denen man jetzt keinen Ertrag haͤtte, als hie und da ein Gericht Fiſche.“ Von der langen Eroͤrterung, mit der er mein wider⸗ williges Ohr plagte, erinnere ich mich nichts, als daß er vom See doch auch noch einen Canal uͤbrig laſſen wuͤrde⸗ tief und breit genug, um Kohlenſchiffe zu tragen. Endlich erreichten wir unſern Landungsplatz, nahe an den Truͤmmern eines alten Schloſſes, wo der See ſein Waſſer in den Leven ergoß. Hier fanden wir Dougal mit den Pferden. Der Rathmann hatte ſich mit dem armen Kerl einen Plan gemacht, wie mit der Trockenlegung des Sees, und vielleicht in beiden Faͤllen mehr die Nuͤtzlichkeit als die Moͤglichkeit ſeines Plans in Betracht gezogen. „Dougal,“ ſagte er,„Ihr habt ein gutes Herz, und wißt was Vornehmeren gebuͤhrt;— ich bin bekuͤmmert um Euch, denn das Leben, das Ihr fuͤhrt, muß fruͤher oder ſpaͤter „»»——· 59 ein ſchlechtes Ende nehmen. Ich glaube, ich habe durch meine Dienſte als Rathmann, wie mein Vater der Zunft⸗ meiſter vor mir, hinlaͤngliches Anſehen, und koͤnnte die Herren vom Rath bewegen, auch bei einem ſchlinmern Fehler, als der Eurige, durch die Finger zu ſehen. So habe ich denn gedacht, Ihr ſolltet mit mir nach Glasgow gehen, Ihr ſeyd ein ſtarker Burſche, und koͤnntet im Waa⸗ renhauſe gebraucht werden, bis ſich etwas beſſeres zeigte.“ „Bin Euch ſehr verbunden, Herr Rathmann,“ erwie⸗ derte Dougal,„aber der Teufel ſoll mir in die Beine fah⸗ ren, ehe ich die Galgenſtraße hinaufgehe, wenn man mich nicht wieder mit Stricken hinaufſchleppt, wie das erſte⸗ mal.“ Wie ich nachher erfuhr, war Dougal wirklich als Ge⸗ fangener nach Glasgow gekommen, weil er bei einem ver⸗ uͤbten Raube betheiligt war, hatte aber bald in den Augen des Gefaͤngnißwaͤrters ſoviel Gnade gefunden, daß er ihm ein wenig allzuviel getraut, und als Schließer in ſeinem Dienſte behalten hatte; Dougal hatte indeß ſeine Pflicht, ſo weit man wußte, treulich erfuͤllt, bis bei der unerwar⸗ teten Erſcheinung ſeines alten Anfuͤhrers ſeine angeſtamm⸗ ten Vorurtheile die Oberhand gewannen. Verwundert, ein ſo guͤnſtiges Angebot ſo rund abge⸗ ſchlagen zu ſehen, wandte ſich der Rathmann zu mir, und ſagte, der Kerl ſei ein geborner Dummkopf. Einige Gold⸗ ſtuͤcke, die ich Dougaln in die Hand druͤckte, bezeugten meine Dankbarkelt auf eine Art, an der er welt mehr Geſchmack fand. Kaum fuͤhlte er das Gold in der Hand, als er mit der Behendigkeit eines Rehbocks einige Spruͤnge machte, indem er erſt das eine, dann das andere Bein ausſtreckte, auf eine Weiſe, die ein franzoͤſiſcher Tanzmeiſter angeſtaunt 60 haͤtte. Er rannte zu den Ruderern, und ein kleiner An⸗ theil den er ihnen zufließen ließ, verſezte ſie in eine eben ſo froͤhlice Stimmung. Endlich entfernte er ſich, Jarvie und ich beſtiegen unſere Pferde, und nahmen unſern Weg nach Glasgow. Als wir den See und dſe prachtvolle Bergreihe, die ihn einſchloß, aus dem Geſichte verloren, fieng ich an, mit Begeillerung von den Reizen der Landſchaft zu ſprechen, obwohl ich wußte, daß Jarvie in diefem Punkt ein ſehr un⸗ verwandter Geiſt ſei. „Ihr ſeid ein junger Mann und ein Englaͤnder,“ ſagte er,„und alles dieß mag Euch ſehr ſchoͤn vorkommen; ich aber, der ich ein einfaͤltiger Mann bin, jedoch wohl weiß, was Laͤndereien werth ſind, gebe die ſchoͤnſte Aus⸗ ſicht, die wir in den Hochlanden geſehen haben, fuͤr das erſte Dach von Glasgow, das wir ſehen. Sind wir nur etnmal erſt da,— ſo werde ich ſicherlich nicht um jedes Narren willen,— Verzeihung, Herr Franz,— wieder den Kirchthurm von Skt. Mungo aus den Augen verlieren.“ Des ehrlichen Mannes Wunſch wurde erfuͤllt; nach el⸗ nem raſchen Ritte hielten wir ſehr ſpaͤt in der Nacht an ſeinem Hauſe. Als ich meinen wuͤrdigen Reiſegefaͤhrten in ſicherem Gewahrſam der bedachtſamen und dienſtfertigen Mattie ſah, begab ich mich in mein alies Wirthshaus, wo ich troz der ungewoͤhnlichen Stunde noch Licht ſah. Die Thuͤre wurde geoͤffnet, von niemand anders, als— Andreas Gutdienſt, der beim erſten Ton meiner Stimme einen Freudenruf ertoͤnen ließ, und ohne weiteres wieder die Treppe hinaufrannte in ein Zimmer im zweiten Stock, wo⸗ rin ich das Licht geſehen hatte. Ich vermuthete, er werde meine Ankunft dem aͤngſtlich wartenden Owen ankuͤndigen, 61 8 und folgte ihm auf dem Fuße. Owen war nicht aleln im Zimmer, ſondern neben ihm ſaß— wei Vater. Seine erſte Regung war ein Verſuch, ſeinen Glelch⸗ muth zu bewahren:—„Franz, es freut mich, Dich zu ſe⸗ hen.“ Im naͤchſten Augenblicke aber umarmte er mich zaͤrtk⸗ lich.—„Mein theurer,— theurer Sohn!“ Owen hielt die eine meiner Haͤnde feſt, und nezte ſie mit ſeinen Thraͤ⸗ nen, waͤhrend er mir zur Ruͤckkehr Gluͤck wuͤnſchte. Solche Scenen heruͤhren mehr das Auge und das Herz, aͤls das Ohr.— Noch jezt in melnem Alter werden mir die Augen naß, wenn ich an dies mmentreffen denke. Als ſich die Erfe Aufwallung der k Ftrude gelegt Vatte⸗ erfuhr ich, daß mein Vater Schottland von Heland zurz und raſch in ſe hun hatte er 6 h nur ſo Helange 4. Ma gehalten, als n war, um die Mittel zur D Verdindlichkeiten ſeines H4 ſes he rbei zuſchaffe n. Bei ſei⸗ nen ausgedehnten Huͤlfsmitteln, im Beſttze groͤßerer Geld⸗ ſummen und eines befeſtigten Credits, die er dem gluͤck⸗ lichen Erfolg ſeiner Unternehmungen auf dem Feſtlande verdankte, brachre er leicht zu Stande, was vielelcht allein ſeine Abweſenheit ſchwierig machte, und er machte ſich nach Schottland auf den Weg, ſowohl um Raſhleigh zur Rechen⸗ ſchaft zu ziehen, als um ſeine Angelepenheiten in dieſem Lande in Ordnung zu bringen. Meines Vaters Erſchei⸗ nung in ſo guͤnſtiger Lage war ein Donnerſtreich fuͤr Mas Nittie und Comp., welche geglaubt hatten, ſein Stern ſei fuͤr immer untergegangen. Hoͤchſt erbittert uͤber die Be⸗ handlung, welche ſein vertrauter Buchhalter erkahren hat⸗ te, wies mein Vater alle Cutſchuldigungen und Vergleichs⸗ vorſchlaͤge ab, und nachdem er die lauſenden Rechnungen 62 berichtigt hatte, erklaͤrte er ihnen, daß jede Verbindung mit ihnen mit allen daraus entſpringenden Vortheilen voͤl⸗ lig und für immer abgebrochen ſei. Waͤhrend er ſich ſeines Triumphs uͤber falſche Freunde erfreute, war er um mich nicht wenig beſorgt. Owen, der gute Mann, glaubte nicht, daß eine Reiſe von wenigen Meilen, die man von London aus nach jeder Richtung ſo leicht und ſicher machte, mit irgend einer Gefahr verknuͤpft ſeyn koͤnnte. Aber ihn ſteckte die Beſorgniß meines Va⸗ ters an, der das Land und die Geſezloſigkeit ſeiner Bewoh⸗ ner beſſer kannte.— Dieſe Beſorgniſſe ſtiegen zu ſchmerzlicher Angſt, als, wenige Stunden vor meiner Ankunft, Andreas erſchien, und die ungluͤckliche und noch dazu uͤbertriebene Nachricht von der bedenklichen Lage brachte, in der er mich zuruͤckge⸗ laſſen hatte. Der Herzog, von deſſen Kriegsleuten er weg⸗ gefuͤhrt worden war, hatte ihn nach einem kurzen Verboͤr nicht blos entlaſſen, ſondern ihm auch die Mittel verſchafft, ſchnell nach Glasgow zuruͤckzukehren, um meinen Freunden meine mißliche Lage zu melden. Andreas gehoͤrte zu den Leuten, die gerue Aufmerkſamkeit erregen und darum auch traurige, wenn auch kurze Wichtigkeit erwerben wollen, wel⸗ che dem Ueberbringer ſchlimmer Botſchaften ſchon von ſelbſt beigelegt wird, und hatte deßhalb keineswegs ſich bemuͤht, ſeine Erzaͤhlung zu mildern, beſonders da der reiche Lond⸗ ner Kaufmann ſelbſt unerwartet ſein Zuhoͤrer wurde. Er zaͤhlte der Laͤnge und der Breite nach die Gefahren auf, denen ich beſonders durch ſeine Erfahrung, Thaͤtigkeit und Klugheit entgangen war. 3 „Was nun aus mir werden ſolle, wenn mein guter Eagel in ſeiner(des Andreas) Perſon von mir entferut 8 63 ſei, waͤre ein Gegenſtand trauriger Vermuthungen; der Rathmann ſei ſo gut wie gar nichts in einer Gefahr, denn er ſel ein duͤnkelhafter Mann, und Andreas haſſe den Duͤnkel. Leider aber werde es mir wohl ſchlimm genug ergangen ſeyn zwiſchen den Piſtolen und Carabinern der Soldaten auf der einen, und den Dolchen und Schwertern der Hoch⸗ laͤnder auf der andern Seite, und in dem tiefen Waſſer und den Strudeln an der Furth von Avondow.“ Dieſe Botſchaft würde den armen Owen in Verzweif⸗ lung gebracht haben, waͤre er allein und ohne Unterſtuͤzung geweſen, aber meines Vaters vollkommene Menſchenkennt⸗ niß ſezte ihn in den Stand, den Charakter des Erzaͤhlers und den wahren Werth ſeiner Nachricht zu ſchaͤzen. Aber auch von aller Uebertreibung entbloͤst, blieb doch noch genug beunruhigendes fuͤr einen Vater darin. Er faßte den Ent⸗ ſchluß, ſich in eigener Perſon auf den Wes zu machen, um durch Unterhandlung oder ein Löſegeld meine Freiheit zu erhalten, und war bis ſpaͤt in die Nacht mit Owen beſchaͤf⸗ tigt, Briefſchaften durchzugehen, um ihm waͤhrend ſeiner Abweſenheit elnige Geſchaͤfte zu uͤbertragen; daher kam es, daß ich ſie noch wachend fand. Spaͤt erſt treunten wir uns, und zu ungeduldig, um kange der Ruhe genießen zu koͤnnen, war ich fruͤhe wieder auf. Andreas erſchien pflichtſchuldigſt bei meinem Lever, und anſtatt der Vogelſcheuchgeſtalt, in die ihn die Hoch⸗ laͤnder verſezt hatten, erſchien er in einer ganz anſtaͤndigen Kleidung, aber von einer Farbe, wie ſie nur fuͤr die tiefſte Trauer paßt. Erſt nach mehreren Fragen, die der Spiz⸗ bube ſo lang als moͤglich nicht verſtehen wollte, erfuhr ich, „er habe es fuͤr anſtaͤndig gehalten, meinetwegen Trauer anzulegen, und da nan der Tradier die Kleider nicht wie⸗ 64 der nehmen wolle und er die ſeinigen in meinem Dienſte verloren habe, ſo werde ich und mein geehrter Vater, den 8 die Vorſehung geſegnet haͤtte, gewiß nicht einen armen Teufel im Schaden laſſen; eine Kieidung ſei doch gewiß keine große Sache fuͤr einen Osbaldiſtone, beſonders wenn es einem ſo alten treuen Diener zu gute komme.“ Die Liſt gelang ihm, da ſeine Beſchwerde uͤber Verluſt in meinem Dienſe allerdings einigen Grund hatte, und ſo kam er zu einen guten Trauerklelde fuͤr ſeinen Herrn, der geſund und munter war. Meines Vaters erſte Sorge, als er aufſtand, war, Herrn Jarvie zu beſuchen, fuͤr deſſen Guͤte er die groͤßte Dankbarkeft hegte, und ſie in wenigen, aber maͤnnlichen und kraͤft Worten ausde geanver tand ſeiner Angelegenheiten, und bot ihm auf hoͤchſt Geſchaͤften an, den bisher Mae Vittie und Comp. gehadt hatte. Jarvie begloͤckwuͤ uͤber den geaͤnderten S rei, er habe ſein Beſtes gethan, als die Sachen aaders ausſahen;„er habe nur gethan, was er wuͤnſche, daß man ihm wue.“ Die angebotene Geſchaͤftserweiterung naͤhm er ehne Umſtaͤnde dankbar an.„Hatten Mac Virtie und Como.“, ſagte er,„als ehrliche Leute gehandelt, ſo haͤrte Bed ilhafte Bed ich ihnen nicht gern auf dieſe Weiſe den Rang abgelaufen. Da es aber nun anders iſt, ſo moͤgen ſie den Schaden tra⸗ gen.“ Der Rathmann zupfte mich dann beim Aermel, und zog mich in eine Ecke; nachdem er mir noch einmal Gluͤck gewuͤnſcht hatte, fuhr er in etwas verlegenerem Tone fort „ Ich wuͤnſchte ſehr, Herr Franz, man moͤchte von den . ell⸗ uͤckte. Er ſchilderte ihm den ugungen den Theil an ſeinen vuͤnſchte meinen Vater und Owen and der Dinge, ſaste ohne Ziere⸗ —————--—— — —————,„ — 65 feltſamen Dingen, die wir dort geſehen haben, ſo wenig, vie moͤgliv ſprechen.— Es thut nicht gut, wenn man nicht vor Gericht gefragt wird, etwas von der ſchrecklichen Ge⸗ ſchichte mit Morris zu ſagen.— In unſerer Rathsſtube moͤchte man es nicht fuͤr ziemlich halten, daß einer von uns mit ein Paar Hochlaͤndern gefochten, und einen Plald verſengt hat.— Und vor allem, ich bin ein ſittſamer, an⸗ ſtaͤndiger Mann wenn ich in meiner Ordnung bin, ich mag aber eine ſonderbare Figur geſpielt haben, als ich ohne Hut und ohne Peruͤcke am Strauche in der Luft hieng. Der Rathmann Grahame wuͤrde mich ſchoͤn aufziehen, wenn er die Geſchichte hoͤrte.“ Ich konnte ein Laͤcheln nicht unterdruͤcken, wenn ich an Jarvies Lage dachte, obgleich ſie mir damals nicht laͤcher⸗ lich vorkam. Der gutmuͤthige Kaufmann war ein wenig perlegen, laͤchelte aber doch, als er mit Kopfſchuͤtteln ſag⸗ te:„ich ſehe wohl, wie es iſt,— ich ſehe, wie es iſt. Aber ſagt nichts davon, mein lieber Freund, und befehlt CEurem geſchwaͤzigen, eingebildeten, anmaagenden Burſchen, auch nichts davon zu ſagen. Ich moͤchte nicht einmal, daß Nattie etwas davon erfuͤhre, es wuͤrde des Redens daruͤ⸗ ber kein Ende ſeyn.“ Die Beſorgniß des guten Mannes, in einem laͤcherli⸗ chen Lichte zu erſcheinen, wurde ſichtlich gemildert, als ich ihm ſagte, daß mein Vater die Abſicht habe, Glasgow bald⸗ moͤglichſt zu verlaſſen. Er hatte in der That keinen Grund, laͤuger zu bleiben, denn die wichtigſten Papiere, die Raſh⸗ leigh mit fortgenommen hatte, waren wieder herbeigeſchafft. Was er bereits zu Gelde gemacht, und fuͤr ſich oder fuͤr ſſeine politiſchen Entwuͤrfe verwendet hatte, war nur durch W. Scott's IWerke. CIV.. 5 66 einen Proceß wieder zu erlangen, der auch ſogleich anhaͤn⸗ gig gemacht wurde. Wir brachten noch einen Tag bei dem gaſtfreundlichen Jarvie zu und nahmen ſodann von ihm Abſchied, wie hier auch die Erzaͤhlung. Er nahm zu an Wohlſtand und Ehre, und ſtieg endlich zu den hoͤchſten Wuͤrden in ſeiner Vater⸗ ſradt. Ungefaͤhr zwei Jahre nach dieſer Periode war er ſeines Junggeſellenlebens muͤde, und befoͤrderte Mattie von ihrem Size am Kuͤchenfeuer zum oberſten Plaz an ſeiner Tafel. Rathmann Grahame, die Mac Vitties und andere (denn alle Menſchen haben ihre Feinde, beſonders in der Rathsſtube eines koͤniglichen Fleckens) machten dieſe Um⸗ wandlung laͤcherlich.„Laßt ſie ſchwatzen,“ ſagte Jarvie; „ich will mich nicht aͤrgern uͤber eine Klatſcheret, die nicht laͤnger, als neun Tage dauert, und thue darum doch, was ich mag. Mein ehrlicher Vater, der Zunftmeiſter, hatte ein Sprichwort: 3 Eine glatte Stirn, eine Wange, die blüht, Ein liebendes Herz und ein redlich Gemüth Iſt beſſer, als Reichthum und edel Geblüt. Uebrigens,“ ſetzte er immer hinzu,„war Mattie keine ge⸗ woͤhuliche Magd; ſie war verwandt mit dem Laird von Limmerſield.“ Mattie benahm ſich vortrefflich bei ihrer Erhebung, und zerſtreute dadurch die Beſorgniſſe einiger Freunde Jar⸗ vie's, die den Verinch etwas gewagt gefunden hatten. Ob dies in ihrer Abkunft oder in ihren guten Anlagen ſei⸗ nen Grund hatte, wage ich nicht zu entſcheiben, ſo wit mir auch voͤllig unbekannt iſt, ob ihm waͤhrend ſeines ru⸗ higen und nuͤtzlichen Lebens noch irgend eiwas auſſtieß, dat einer beſondern Beachtung werth waͤre. — —uö——n— 67 Funfſtes Kavitel. Kommt her, ſechs gute Söhne mein, Voll wackern Muths ſeid Ihr. Wie viele von Euch wollen nun Beim Graſen ſtehn und mir. Und fünf von ihnen treten vor: Ja albereit ſind wir, Wir wollen bis zum letzten Hauch — Beim Grafen ſtehn und Dir. 3 Der Aufſtand im Norden. Am Morgen, wo wir abreiſen wollten, ſtuͤrzte An⸗ dreas wie ein Toller in mein Zimmer, ſprang auf und nieder, und ſang oder kreiſchte vielmehr: Die Darre brennt„ die Darre brennt, Sie ſteht in hellen Flammen. Mit einiger Schwierigkeit machte ich endlich ſeinem verwirrten Geſchrei ein Ende, und erfuhr, was ich wußte. Er verkuͤndigte mir, als waͤre es die erfreulichſte Nachricht, die Hochlaͤnder ſeyen alle losgebrochen, der rothe Robin ziehe mit allen ſelnen hoſenloſen Banden heran, und wer⸗ de in Glasgow ſeyn, ehe vier und zwanzig Stunden ver⸗ giengen. „Schweiat Schurke,“ ſagte ich,„Ihr muͤßt betrunken oder toll ſeyn, und wenn an Eurer Neuigkeit etwas Wah⸗ bes iſt, ſo iſt da nichts zu ſingen und zu tanzen, Dumm⸗ opf.“ 3 „Betrunken oder toll?“ erwiederte Andreas ohne Schen, „allerdings, man iſt betrunken oder toll, wenn man etwas ſagt, was vornehme Leute nicht hoͤren moͤgen.— Singen? 6 68 meiner Treu, die Clans werden uns ein boͤſes Lied ſingen laſſen, wenn wir ſo betrunken oder ſo toll ſind, ihre An⸗ runft abzuwarten.“ Ich ſtand eilig auf, und fand meinen Vater und Owen nicht wenig in Unruhe. 3 Andreas Neuigkeiten waren in der Hauptſache nur all⸗ zuwahr. Der große Aufſtand, der Britannien im Jahr 1715 erſchuͤtterte, war berelts ausgebrochen, indem der ungluͤckliche Graf von Marr in boͤſer de zum Verder⸗ hben vieler angeſehenen Familien in England und Schott⸗ land die Fahne der Stuarts aufpflanzte. Die Verraͤtherei einiger jakobitiſchen Agenten, unter denen auch Raſhleigh war, und die Verhaftung anderer hatten Georgs I. Regie⸗ rung mit den ausgedehnten Verzweigungen einer lange an⸗ gelegten Verſchwoͤrung bekannt gemacht, die endlich vorei⸗ lig und in einem zu entlegenen Theile des Koͤnigreichs ausbrach, um die Regierung des Staats ſtuͤrzen zu koͤn⸗ nen, der jedoch in große Verwirrung gerieth. 3 3 Dieſes große Ereigniß beſtaͤtigte und erläͤuterte mir die Winke, welche ich von Mac Gregor erbalten hatte, und ich ſah nun leicht ein, warum die weſtlichen Clans ihren beſonderen Zwiſt verglichen haͤtten, da ſie wohl wußten, daß ſie bald in gemeinſamer Sache vereint ſeyn wuͤrden. Ein trauriger Gedanke fuͤr mich war, daß Diana Vernon die Gartin eines Mannes ſey, der am thaͤtigſten die all⸗ gemeine Umwaͤlzung befoͤrderte, und daß ſie ſelbſt allen Entbehrungen und Gefahren ausgeſetzt ſey, die mit ihres Mannes Unternehmungen nothwendig verbunden waren. Wir uͤberlegten augenblicklich, was in dieſer Kriſis zu thun ſey, und billigten meines Vaters Entſchluß, ſogleich nach London zu reiſen. Ich aͤußerte den Wunſch, dem 7 — — 2 — 8* 22 2 69 Staate in einem der freiwilligen Heerhaufen zu dienen, die gebildet werden ſollten, und mein Vater ſagte bereit⸗ willig ja, denn obgleich er dem Krieg als einem Gewerbe durchaus abhold war, ſo wuͤrde doch niemand williger, als er, ſein Leben zur Vertheidigung buͤrgerlicher und religid⸗ ſer Freiheit der Gefahr ausgeſetzt haben. Wir reisten etlig und unter manchen Gefahren durch einen Theil von Schottland und die noͤrdlichen Grafſchaften Englands; denn hier ruͤſteten ſich die Tory⸗Edebeute auf dem Lande, waͤhrend die Wolgs in den betraͤchtlichſten Staͤdten ſich verſammelten, die Bewohner derſelben be⸗ waffneten und zum Kriege vorbereiteten. Wir wurden an mehreren Orten aufgehalten, entkamen mit Muͤhe, und mußten oft Umwege nehmen, um die Punkte zu vermeiden, wo Kriegsvoͤlker ſich ſammelten. Nach unſerer ⸗Ankunft in London vereinigten wir uns ſogleich mit den Banquiers und ausgezeichneten Kaufleu⸗ ten, welche den Credit der Regierung unterſtuͤtzen, und das Fallen der Staatspapiere vermeiden wollten, worauf die Verſchworenen hauptſaͤchlich die Hoffnungen eines guͤn⸗ ſtigen Erfolgs gebaut hatten, da ſie glaubten, der Staats⸗ bankerott werde ausbrechen. Mein Vater wurde zum Mit⸗ glied dieſer maͤchtigen Vereinigung der Geldintereſſen ge⸗ waͤhlte, da jedermann ein vollkommenes Vertrauen in ſei⸗ nen Eifer, ſeine Geſchicklichkeit und Thaͤtigkeit ſeßzte. Er war auch das Organ, wodurch die Kaufmannſchaft mit der Regierung in Verbindung ſtand, und es gelaug ihm theils durch eigene Mittel, theils durch fremde, die zu ſeinem Gebot ſtanden, Kaͤufer fuͤr eine große Menge Staatspa⸗ piere zu finden, welche im Augenblicke des Ausbruchs zu einem niedern Preiſe auf den Markt geworfen wurden. 70⁰ Ich war auch nicht muͤßig, ſondern ließ mich als Offizier anſtellen, und warb auf meines Vaters Koſten ungefaͤhr 200 Mann, mit denen ich zu General Carpenter ſtieß. Der Aufſtand hatte ſich inzwiſchen ſelbſt nach England ausgedehut. Der ungluͤckliche Graf von Derwentwater hatte die Waffen ergriffen zugleich mit General Forſter. Mein armer Oheim, Sir Hildebrand, deſſen Vermoͤgen durch ei⸗ gene Sorgloſigkeit und die Ausſchweifungen ſeiner Soͤhne und ſeines Hausgeſinds faſt auf nichts herabgeſunken war, wurde leicht uberredet, der ungluͤcklichen Fahne zu folgen. Ehe er aber dieſen Schritt that, traf er eine Vorſichts⸗ maaßregel, die ich ihm kaum zugetraut haͤtte,— er machte ſein Teſtament. Zufolge dieſer Urkunde ſollte ſein ſaͤmmt⸗ liches Vermoͤgen auf ſeine Soͤhne und deren maͤnnliche Er⸗ ben nach der Reihenfolge fallen, aber nicht auf Raſhleigh, den er wegen ſeiner Verraͤtherei aufs tiefſte verabſcheute: er wurde enterbt, und die Guͤter auf mich als den naͤch⸗ ſten Erben uͤbergetragen. Ich war zwar immer bei meinem Oheim in Gunſt geſtanden, wahrſcheinlich betrachtete er im Vertrauen auf die Anzahl ſelner Rieſenſoͤhne, die ſich jetzt mit ihm bewaffneten, dieſe Verfuͤgung blos als einen todten Buchſtaben, und nahm ſie nur in der Abſicht auf, um ſeinen Abſcheu an der doppelten Verraͤtherei, die Rafh⸗ leigh an ſeiner Partei und an ſeinem Hauſe begangen hatte, an den Tag zu legen. Auch vermachte er der Nichte ſeiner verſtorbenen Gattia, Diana Vernon, jetzt Lady Diana Vernon Beauchamp, einige Diamanten, die ihrer Tante gehoͤrt hatten, und ein großes ſilbernes Becken, worauf die verſchraͤnkten Wappenſchilde der Haͤuſer Vernon und Osbaldiſtone eingegraben waren.* ————— 71 Aber der Himmel hatte beſchloſſen, daß ſein zahlreicher und kraftvoller Stamm raſcher zu Ende gehen ſollte, als er wahrſcheinlicher Weiſe gedacht hatte. Bet der erſten Mu⸗ ſterung der Verſchworenen gerieth Thorncliff mit einem an⸗ dern northumbriſchen Edelmann, der eben ſo ſtolz und un⸗ biegſam war, als er ſelbſt, in Streit. Trotz aller Vorſtel⸗ lungen gaben ſie ihrem Anfuͤhrer ein Beiſpiel, in wie weit er ſich auf ihre Kriegszucht verlaſſen koͤnne; ſie fochten ih⸗ ren Streit mit dem Degen aus, und mein Vetter blieb auf dem Platze. Sein Tod war ein großer Verluſt fuͤr Sir Hildebrand, denn trotz ſeiner boshaften Gemuͤthsart hatte er doch ein Paar Gran geſunden Menſchenverſtand mehr, als ſeine Bruͤder, Raſhleigh ausgenommen, wie ſich von ſelbſt verſteht. Percigal, der Trunkenbold, kam gleichfalls in ſeinem Berufe um. Er wettete mit einem andern Edelmann, der von ſeinen Heldenthaten im Trinken den Namen Branntweinfaß erhalten hatte, wer an dem Tage, wo Koͤnig Jakob zu Morvpeth als Koͤnig ausgerufen werde, den groͤßten Becher Branntwein austrinken wuͤrde. Die Folge dieſes Wettkamofs war ein Fieber, woran er nach weni⸗ gen Tagen unter dem ſteten Ausruf: Waſſer, Waſſer! ſtarb. Richard brach das Genick, als er mit einem ſteifen Pferde, das er einem Kaufmann aus Mancheſter, der ſich mit den Inſurgenten vereinigt hatte, aufſchwaͤtzen wollte, uͤber einen Schlagbaum ſetzte. Wilfred, der Pinſel, hatte, wie es ſeines gleichen oft geht, das glücklichſte Loos. Er fiel in der Schlacht bei Preſton, wo er mit großer Tapferkeit focht, obwohl er nie recht begriffen hatte, was eigentlich der Gegenſtand des . 72 Kampfes war, und ſich nicht immer beſinnen konnte, fuͤr welchen Koͤnig er die Waffen fuͤhre. Auch John ſtritt ſehr tapfer in jenem Gefechte, und empfieng mehrere Wunden, an denen er ungluͤcklicher Weiſe nicht ſogleich ſtarb. Der alte Sir William, dem dieſe auf einander folgen⸗ den Verluſte das Herz gebrochen hatten, war am folgen⸗ den Tage, als alle Anhänger ſeiner Partei ſich ergeben mußten, unter den Gefangenen, und wurde mit ſeinem verwundeten Sohne John in das Gefaͤngniß Newgate ge⸗ bracht. Ich war jetzt von meinem Kriegsdienſt frei, und ver⸗ lor keine Zeit, das Ungluͤck dieſer nahen Verwandten moͤg⸗ lichſt zu lindern. Meines Vaters Verbindung mit der Regierung und das allgemeine Mitleiden mit einem Man⸗ ne, der in ſo kurzer Zeit ſo viele Soͤhne verloren hatte, haͤtten wahrſcheinlich meinen Oheim und meinen Vetter von der Anklage wegen Hochverraths befrelt, aber ein höͤ⸗ herer Richter ſprach uͤber ſie das Urtheil. John ſtarb an ſeinen Wunden im Gefaͤngniß, und empfahl mir ſter⸗ bend einige Falken im Schloſſe und einen ſchwarzen Wach⸗ telhund. Mein armer Oheim war durch ſein Familien⸗Ungluͤck und ſeine Lage, in die er ſo unerwartet verſetzt worden war, tief gebeugt. Er ſprach wenig, ſchien aber dankbar fuͤr die Aufmerkſamkeiten, die ich ihm erzeigen konnte. Ich war nicht Zeuge der erſten Zuſammenkunft mit mei⸗ nem Vater nach ſo vielen Jahren und unter ſo traurigen Umſtaͤnden, aber, nach meines Vaters⸗Niedergeſchlagenheit zu urtheilen, muß ſie ſehr ſchmerzlich geweſen ſeyn. Sir Hildebrand ſprach mit großer Erbitterung gegen Raſhleigh, ſeigen einzigen noch lebenden Sohn, legte ihm den Sturz 73 4 ſeines Hauſes und den Tod aller ſeiner Bruͤder zur Laſt, und verſicherte, weder er, noch ſie haͤtten ſich in politiſche Naͤnke eingelaſſen, wenn Raſylelgh ſie nicht verleitet haͤtte, der ſie dann zuerſt verließ. Er nannte einigemal Diana mit großer Zuneigung, und ſagte einmal, als ich an ſeinem Bette ſaß:—„Neſfe, da Thorncliff und alle todt ſind, ſo thut es mir leid, daß Ihr ſie nicht haben koͤnnt.“ Der Ausdruͤcke Thorncliff und alle, ruͤhrte mich tief, denn wenn der gute alte Ritter ſonſt frohlich Morgens auf die Jagd auszog, nannte er immer ſeinen Kebling Thorncliff beſonders, und der laute freudige Ruf:„Ruft Thorncliff,— ruft ſie alle!“ ſtach traurig ab von dem wehmuͤthigen, ergebungsvollen Tone, womit er jene troſt⸗ loſen Worte ausſprach. Er gab mir Nachricht von dem Inhalte ſeines letzten Willens, wovon er mir eine beglau⸗ bigte Abſchrift uͤbergab,— das Original harte er bei mei⸗ nem alten Bekannten, dem Friedensrichter Inglewood niedergelegt; bei ihm, den niemand fuͤrchtete, und dem alle vertrauten, waren die Teſtamente der halben Graf⸗ ſchaft Northumberland niedergelegt worden. Meines Oheims letzte Stunden waren meiſt mit den Andachtsuͤbungen ausgefuͤllt, die ſein Glaube vorſchreibt⸗ unter Leitung des Kaplans bei der ſardiniſchen Geſandtſchaft, dem wir nicht ohne Muͤhe Zutritt verſchafften. So viel ich, und ſelbſt die Aerzte bemerken konnten, ſtarb er durch⸗ aus an keiner Krankheit, die man namhaft machen konnte, man moͤchte ſagen, er ſtarb nicht, ſondern hoͤrte auf zu leben in Folge der vollſtaͤndigſten Erſchoͤpfung durch geiſtige und koͤrperliche Leiden, gleich einem Schiffe, das durch fort⸗ waͤhrende Stuͤrme erſchuͤttert, und deſſen Fugen geloͤst ſind, 74 ſo daß es Ecke und Riſſe bekommt, ohne augenfaͤllige Ur⸗ ſachen ſeiner Zerſtoͤrung. Es war ein bemerkenswerther Umſtand, daß mein Va⸗ ter, nachdem er ſeinem Bruder die letzte Pflicht bezahlt hatte, ploͤtzlich ein ſehr lebhaftes Verlangen aͤußerte, daß ich den letzten Willen meines Oheims annehmen, und die Familienrechte vertreten ſolle. Vorzuͤge dieſer Art ſchie⸗ nen fruͤher durchaus keinen Reiz fuͤr ihn zu haben, aber er glich nur dem Fuchs in der Fabel, und ſchien gleichguͤltig gegen etwas zu ſeyn, weil er es nicht erreichen konnte; wahrſcheinlich wurde jedoch meines Vaters Wunſch, ſelnes Vruders Verfuͤgung aufrecht zu erhalten, ſehr durch ſeine heftige Abneigung gegen Raſyleigh verſtaͤrkt, welcher laut drohte, ſeines Vaters letzten Willen anzufechten. „Er ſey,“ ſagte mein Vater,„auf eine hoͤchſt unge⸗ rechte Weiſe enterbt worden,— ſeines Bruders letzter Wille habe nur den Schimpf, nicht das Unrecht verguͤtet, als er den Reſt des Permoͤgens an Franz, den natuͤrlichen Erben, uͤdertrug, und er ſey entſchloſſen, das Vermaͤchtniß anzuſprechen.“ Indeſſen war Raſhleigh kein veraͤchtlicher Gegner. Er hatte zu ſeinem Verrath die Zeit ſo gut gewaͤhlt, ſeine Nachrichten waren ſo ausgedehnt, er hatte auf eine ſchlaue Weiſe ihr einen ſolchen Schein zu geben, und ſich ein Verdienſt zuzueignen gewußt, daß er bis zu einem gewiſ⸗ ſen Grade ſelbſt unter den Miniſtern ſich Goͤnner erwor⸗ ben hatte. Wir waren gerade in vollem Streit mit ihm wegen ſeines Raubs an der Firma Osbaldiſtone und Treſ⸗ ham, und nach dem Gange dieſes einfachen Rechtshandels zu urtheilen, konnte der neue uͤber unſere ganze Lebenszeit hinaus verlaͤngert werden. Um dieſe Zoͤgerung moͤglichſt 75 abzukuͤrzen, loͤste mein Vater nach dem Rathe ſeines An⸗ walds gewiſſe anſehnliche Pfandſchaften ein, die auf dem Schloſſe Osbaldiſtone hafteten, und trug ſie auf mich uͤber. Die guͤnſtige Gelegenheit, einen greßzen Theil des bedeu⸗ tenden Gewinns, der ihm durch das ſchnelle Steigen der Staatspapiere nach der Unterdruͤckung des Aufſtands zu Theil geworden war, und die kurzlich gemachte Erfahrung uͤber die Gefahren des Handels ermunterten ihn vielleicht, einen betraͤchtlichen Theil ſeines Vermoͤgens auf dieſe Weiſe anzulegen. Doch dem ſey⸗ wie ihm wolle, ſtatt mich in die Schrelbſtube zu ſetzen, wie ich erwartete, und wozu ich ihm meine Bereitwilligkeit erklaͤrt hatte, ſandte er mich nach Osbaldiſtone⸗Hall, um als Erbe und Repraͤſen⸗ tant der Familie davon Beſitz zu nehmen. Von dem Frie⸗ densrichter Inglewood ſollte ich die Urſchrift des Teſtaments empfangen, und alle noͤthigen Maaßregeln ergreifen, um mir den rechtlichen Beſitz zu ſichern. Zu einer andern Zeit wuͤrde mich dieſe veraͤnderte Be⸗ ſtimmung ungemein erfreut haben, jetzt aber knuͤpften ſich manche peinliche Erinnerungen an Osbaldiſtone⸗Hall. Doch glaubte ich allein in jener Nachbarſchaft etwas von Diana Vernons Schickſal erfahren zu koͤnnen. Ich hatte Grund zu der Befuͤrchtung, es moͤchte ganz anders ſeyn, als ich wuͤnſchte. Ich konnte kein Licht erhalten uͤber ihr Schick⸗ ſal. Vergebens hatte ich mich bemuͤht, durch thaͤtige Be⸗ weiſe von Theilnahme mir das Vertrauen einiger entfern⸗ ten Verwandten zu erwerben, die ſich unter den Gefange⸗ nen in Newgate befanden. Ein Stolz, den ich nicht ver⸗ dammen konnte, und ein ſehr begreiflicher Verdacht gegen den Wyig, Franz Osbaldtſtone, den Vetter des doppelten Verraͤthers Raſyleigh verſchloß jedes Herz und jede Zunge, 25⁵ und for alle Wohlthaten, die ich ihnen erweiſen konnte, empfieng ich nur kalten und erzwungenen Dank. Der Arm des Geſetzes verminderte allmaͤhlig die Anzahl derer, de⸗ nen ich Dienſte zu leiſten bemuͤht war, und die Herzen der Ueberlebenden wurden mehr und mehr verhaͤrtet gegen alle die mit der beſtehenden Regierung in Verbindung waren. Als man ſie nach und nach in einzelnen Abtheilungen auf den Richtplatz fuͤhrte, verloren sie Uebrigen allen Antheil an andern Menſchen und den Wunſch, mit ihnen zu ver⸗ kehren. Ich werde mich lange an einen derſelben, Na⸗ mens Ned Szofton erinnern, der auf meine dringende Frage, ob ich ihm nicht etwas angenehmes erweiſen koͤnne, mir erwiederte:„Herr Franz Osbaldiſtone, ich glaube, Ihr meint es gut, und darum danke ich Euch. Aber, bei Gott, Meunſchen laſſen ſich nicht fuͤttern, wie Federvieh⸗ wenn ſie ihre Nachbarn Tag vor Tag zur Hinrichtung fuͤh⸗, ren ſehen, und wiſſen, daß die Reihe auch bald an ſie kommt.“ 4 Ich war in der That froh, London und Newgate und die Scene, die beide darboten, zu verlaſſen, und die freie Luft Northumberlands einzuathmen. Andreas war mehr nach meines Vaters, als nach meinem Willen in meinem Dienſte geblieben. Seine Kenntniß der Umgegend von Osbaldiſtone⸗Hall konnte mir vielleicht jetzt nuͤtlich ſeyn, und ſo begleitete er mich auf meiner Reiſe; durch ſeine Wiederanſtellung als Gaͤrtner hoffte ich ihn los zu werden. Ich weiß nicht, auf welche Weiſe er ſich bei meinen Vater einſchmeichelte, vielleicht nur durch ſeine ungemeine Ge⸗ wandtheit in der Kunſt, ſich den Anſchein großer Anhaͤng⸗ lichkeit an ſeinen Herrn zu geben, was ihn indeß nicht hin⸗ derte, ſeinem Herrn alle moͤglichen Streiche zu ſpielen, 72. und das einzige Gute war, daß er ſeinen Herrn von nie⸗ mand, ihn ſelbſt ausgenommen, betruͤgen ließ. Wir vollendeten unſere Reiſe ohne einen beſonderen Vorfall, und fanden das juͤngſt noch von Aufruhr bewegte Land in Frieden und Ruhe. Je mehr wir uns Osbaldiſtone⸗ Hall näherten, deſto mehr bangte mir bei dem Gedanken, die verlaſſene Wohnung zu betreten, und um den boͤſen Tag noch etwas hinauszuſchleben, beſchloß ich, zuerſt dem Frledensrichter Inglewood meinen Veſuch zu machen. Der gute Mann war von den Gedanken, was er ge⸗ weſen, und was er jeßzt ſey, nicht wenig beunruhigt wor⸗ den, und ſehr natuͤrliche Erinnerungen an die Vergangen⸗ heit hatten auf ſein amtliches Benehmen nicht geringen Einfluß gehabt. Er war indeß in einem Betracht gluͤck⸗ lich: er war ſeinen Schreiber Jobſon los geworden, der ihn endlich ſeiner Arbeltsſcheu uͤberlaſſen hatte, und nun dieſelbe Stelle bei einem gewiſſen Squire Standish be⸗ kleidete, der ſeit einiger Zeit Friedensrichter geworden war, und einen ſolchen Eifer fuͤr Koͤnig Georg und die proteſtantiſche Erbfolge an den Tag legte, daß Jobſon oͤf⸗ ter ſich genoͤthigt ſah, ihn in den Schranken des Geſetzes zu halten, als zur Thaͤtigkeit aufzumuntern. Der alte Friedensrichter Inglewood empfieng mich ſehr hoͤflich, und lieferte mir bereitwillig das Teſtament meines Oheims aus, das ohne Maͤngel zu ſeyn ſchien. Er war einige Zeit offenbar verlegen, wie er in meiner Gegen⸗ wart ſprechen und handeln ſolle, ſo bald er aber ſah, daß ich, obgleich der jetzigen Regierung aus Grundſaͤtzen zuge⸗ than, doch zum Mitleiden mit denlenigen geſtimmt war, die aus falſchen Anſichten von Treue und Pllicht ſich ihr widerſetzt hatten, ſo warde ſein Geſpraͤch ein luſtiges Ge⸗ 78 miſch von dem, was er gethan, und was er unterlaſſen hatte,— von den Bemuͤhungen, einige Edelleute von dem Unternehmen abzuhalten, und von ſeiner Nachſicht bei der Flucht anderer, die ſich ungluͤcklicherweiſe darein hatten verwickeln laſſen. Wir waren allein, und mehrere Humpen bereits ge⸗ keert, als er mich ploͤtzlich aufforderte, ein volles Glas auf die Geſundheit der guten, lieben Diana Vernon zu trin⸗ ken, des Roͤsleins in der Wildniß, der Glockenblume auf den Cheviot⸗Bergen, der Blume, die in ein verwuͤnſchtes Kloſter verpflanzt ſey. „Iſt Miß Vernon nicht verheirathet?“ rief ich hoͤchſt erſtaunt aus.„Ich glaubte Seine Excellenz“——— „Pah!, pah! Seine Excellenz und Seine Herrlichkeit, das iſt nun alles Schnickſchnack, muͤßt Ihr wiſſen,— Titel vom Hofe der Stuarts,— Graf von Beauchamp, Botſchaf⸗ ter von Frankreich! und der Herzog von Orleans wußte kaum, daß er lebte. Aber Ihr muͤßt den alten Sir Fre⸗ derick Vernon geſehen haben im Schloſſe, als er die Rolle des Pater Vaughan ſpielte.“ „Iſts moͤglich? ſo war alſo Vaughan Miß Vernons Vater!“ „Allerdings,“ ſagte der Friedensrichter ganz ruhig; „jetzt braucht man es nicht mehr geheim zu halten, denn er muß jetzt aus dem Lande ſeyn, ſonſt muͤßte ich ihn ſelbſt feſthalten.— Wohlan! Euer Glas geleert auf das Wohl meiner armen verlorenen Diana: Sie lebe hoch! geh rund, rund, rund, Sie lebe hoch! geh rund. Und iſt von Seide auch der Strumpf Küßt dennoch euer Knie den Grund, Grund, Grund. 79. „Ich konnte, wie der Leſer ſich leicht einbilden kann⸗ in den luſtigen Ton des Friedensrichters nicht mit einſtim⸗ men. Mir ſchwindelte der Kopf.„Ich hoͤrte nie, ſagte ich, daß Miß Vernons Pater am Leben ſei.“ „Nicht der Fehler unſerer Regierung,“ erwiederte Ing⸗ lewood;„denn ſchwerlich moͤchte eines andern Menſchen Kopf ſo viel Geld eingetragen habey. Bei Femwicks Ver⸗ ſchwörung wurde er zum Tode verurtheilt, und ſoll ſeine Hand auch noch in einer andern Geſchichte gehabt haben, zu dem war er durch ſeine Heirath in Schottland mit der Familie Breadalbane verwandt, und beſaß großen Einfluß auf alle hochlaͤndiſchen Haͤuptlinge. Bei dem Frieden von Ryswick ſoll ſeine Auslieferung verlangt worden ſeyn, aber er ſtellte ſich krank, und die franzoͤſiſchen Zeitungen ver⸗ kuͤndigten ſeinen Tod. Als er hieher zuruͤckkam, kannten wir Alten ihn recht gut, da aber keine Anzeige gegen ihn kam, und mein Gedaͤchtniß durch haͤufige Gichtanſaͤlle ge⸗ ſchwaͤcht war, ſo haͤtte ich doch nicht auf ihn ſchwoͤren wol⸗ len.“. „Kannte man ihn denn nicht im Schloſſe?“ fragte ich. „Niemand, als ſeine Tochter, der alte Ritter und Raſhleigh, der hinter dieß Geheimniß gekommen war, wie er hinter ales kam, und daran hielt er die arme Diana, wie an einem Stricke feſt. Ich habe hundertmal geſehen, wie ſie ihn gerne angeſpuckt haͤtte, aber ſie fuͤrchtete fuͤr ihren Vater, deſſen Leben keinen Pfennig werth geweſen waͤre, wenn man ihn der Regierung verrathen haͤtte.— Mißdeutet mich nicht, ich ſage die Regierung iſt gut, gnäͤ⸗ dig und gerecht, und wenn ſie auch die eine Haͤlfte der ar⸗ men Teufel, der Rebellen, haͤngen ließ, ſo muß man doch 4 So. anerkennen, daß man ihnen kein Haar gekruͤmmt haͤtte, wenn ſie zu Hauſe geblieben waͤren.“ 3 Ich wich dem Geſpraͤch uͤber Staatsangelegenheiten aus, und brachte Herrn Inglewood wieder auf den erſten Gegenſtand zuruͤck: ſo erfuhr ich, daß Diana es beſtimmtt abgelehnt, einen von den Osbaldiſtones zu heirathen, und ihren beſondern Abſcheu gegen Raſhleigh ausgedruͤckt ha⸗ be; von dieſer Zeit an ſei deſſen Eifer in der Sache des Praͤtendenten erkaltet, die er als der juͤngſte von ſechs Bruͤ⸗ dern und als kuͤhner, ſchlauer, gewandter Mann als ein Mittel, ſein Gluͤck zu befoͤrdern, betrachtet hatte. Daß. ihm durch den vereinten Einfluß Sir Frederick Vernons und der ſchottiſchen Haͤuptlinge ſein Raub wieder abgenom⸗ men wurde, hatte ihn zu dem Entſchluſſe gebracht, ſein Gluͤck durch Abfall und Verrath zu ſuchen. Er hatte viel⸗ leicht auch,— denn wenige Menſchen verſtanden ſich beſſer darauf, eine Sache zu beurtheilen, wo ſein Vortheil im Spiele war,— die Unzulaͤnglichkeit der Hilfsmittel und Faͤhigkeit der Anfuͤhrer zu einer ſo bedeutenden Unterneh⸗ mung erkannt, als die iſt, eine beſtehende Reglerung uͤber den Haufen zu werfen. Sir Frederick Vernon, oder wie ihn die Jakobiten nannten, Seine Excellenz Viscount Beau⸗ champ, war nebſt ſeiner Tochter nur mit Muͤhe den Folgen von Raſhleighs Verrath entgangen. Von hier an mangel⸗ ten Inglewoods Nachrichten; da man jedoch nicht vernom⸗ men hatte, daß Sir Frederick in den Haͤnden der Regie⸗ rung ſei, ſo war er vermuthlich ſchon uͤber die See ent⸗ kommen, und Diana werde nun nach der grauſamen Ueber⸗ einkunft mit ſeinem Schwager ins Kloſter gehen muͤſſen. Die Urſache dieſer ſonderbaren Uebereinkunft konnte mir Herr Inglewood nicht voͤllig erklaͤren, er hatte aber Hehre, . 3 er 81 der Vertrag waͤre in der Abſiht gemacht worden, um dem alten Vernon die Renten von dem Reſt ſeiner ehemali⸗ gen großen Guter zu ſichern, welcher durch einige Advoka⸗ tenkniffe auf die Famille Osbaldiſtone uͤbertragen worden war; kurz, es war eine Familienuͤbereinkunft, dergleichen zu jener Zeit viele geſchloſſen wurden, wobei man die Ge⸗ fuͤhle der Betheiligten nicht mehr beachtete, als ob ſie zum Vieyſtande des Guts gehoͤrt haͤtten. Ich kann in der That nicht ſagen, ſo ſeltſam iſt das menſchliche Herz, ob dieſe Nachricht mich freute oder be⸗ truͤbte. Es ſchien mir, als waͤre mein Schmerz uͤber den Verluſt Dianas eher erhoͤht, als vermindert, ſeit ich wuß⸗ te, daß ſie mir nicht durch Verheirathung mit einem an⸗ dern, ſondern durch die Einſperrung in ein Kloſter, um ei⸗ nen ſo widerſinnigen Vertrag zu erfuͤllen, auf immer ent⸗ riſſen ſei. Ich wurde ſo trubſinnig, niedergeſchlagen und zerſtreut, daß ich nicht im Stande war, die Unterhaltung mit Inglewood gehörig fortzuſezen; dieſer begann endlich ſelbſt zu gaͤhnen, und machte den Vorſchlag, mich zeitig zur Nuhe zu begeben. Ich ſagte ihm endlich gute Nacht mit dem Entſchluſſe, am folgenden Tage vor dem Fr. ſtuͤck nach Osbaldiſtone⸗Hall zu reiten. Herr Inglewood billigte dieſen Vorſchlag.„Es wuͤrde gut ſeyn,“ ſagte er,„dort aufzutreten, ehe meine Anweſenheit im Lande bekannt wer⸗ de, beſonders da Raſhleigh, wie er erfahren habe, ſich in Jabſons Hauſe beſinde, und ſicher uͤber einem Unheil bruͤte. Sie waͤren eine paſſende Geſellſchaft,“ ſezte er hinzu, „denn Raſhleigh darf ſich in Geſellſchaft von Ehrenmaͤnnern nicht mehr blicken laſſen, aber es iſt faſt nicht moͤglich, daß W. Seott's Werke. CIV. 6 82² zwei ſo verdammte Schurken ſich mit einander beſprechen, ohne Ungluͤck auszuhecken uͤber ehrliche Leute.“ — z— Sechstes Kapitel. Sein Herr iſt fort, und niemand mehr Wohnt jezt in Ivors Halten; Mann, Hund und Roß und alles todt, ⸗ Er lebt allein von allen. Wordsworthe. d4 Es gibt wenig traurigere Gefuͤhle, als diejenigen, wo⸗ ait wir den verwandelten und verlaſſenen Schauplaz ent⸗ flohener Freuden betrachten. Auf meinem Ritt nach Os⸗ baldiſeenee he ſah ich dieſelben Gegenſtaͤnde, die ich eluſt n Dianas Seite auf jenem denkwuͤrdigen Ruͤckweg von H. rrn Inglewood geſehen hatte. Ihr Geiſt ſchten mich zu begleiten, und als ich an die Stelle kam, wo ich ſie zuerſt geſehen hatte, waͤre ich beinahe ſtillgeſtanden, um auf d Gebell der Hunde und auf die Toͤne des Jagdhorns zu hor⸗ chen, und mein Auge ſtarrte auf die leere Stelle, als muͤßte die ne Jaͤgerin wieder gleich einer Erſcheinung von dem dkommen. Aber alles war ſtill und oͤde. Als oß erreichte, machten die geſchloſſenen Thuͤren ud d r, das mit Gras uͤberwachſene Pflaſter in den ezt n llea Hoͤfen einen ſtarken Conkraſt gegen die froͤh⸗ liche, de Scene, die ſie ſonſt darboten, wenn die mun⸗ tern d Norgens auszogen oder des Abends heim⸗ keörken. Das frohe Gebell der entkuppelten Hunde, das G Geſchrei der Jaͤger, der Hufſchlag der Pferde, das laute Lachen des alten Ritters an der Spize ſeiner r ſtarken, zahl⸗ reichen Nachkommenſchaft, alles war verſtummt fuͤr immer. 4 wir begehrten. mein alter uaer die S 88 Als ich auf dieſem oͤden, einſan um ah, wurde ich unaus ſprechlich geruͤh Andenken an diejenigen, die auf mein 8 Auſpruch hatten. Aber der Gedanke, daß Juͤnzlinge, in der Bluͤthe des Lebens und nach einer ſo kurzen Zeit kalt im Grabe lagen, Alle hinge⸗ rafft von einem gewaltſamen⸗ unerwarteten Tode, gab mir ein Bild der Sterblichkeit, wovor meine Seele erbebte. Daß ich als Eigenthuͤmer in das Schloß zuruͤckkehrte, das ich faſt als Fluͤchtling verlaſſen, gewaͤhrte mir wenig Troſt. Ich war noch nicht gewoͤhnt, dieſe Umgebungen fuͤr mein Eigenthum zu halten, und fuͤhlte mich gleichſam als un⸗ rechtmäßigen Beſizer, wenigſtens als eingedrungenen Fremd⸗ ling, und kaum konnte ich den Gedanken los werden, einige von den kraͤftigen Geſtalten meiner verſtorbenen Vettern men Schauplaze mich e rt, ſ e wuͤrden gleich rieſenhaften Geſpenſtern am Eingang erſchei⸗ nen, und mir den Weg vertreten. Waͤhrend ich dieſen traurigen Gedanken nachhieng, hatte Andreas, in dem ganz andere Gefuͤhle ſich regten, abwechſelnd an alle Thuͤren des Gebaͤudes gedonnert, und zu gleicher Zeit in einem ſo lauten Tone Einlaß begehrt, als wolle er andeuten, daß er wenigſtens ſeine neuerlangte Wichtigkeit als Knappe des neuen Burgyerrn in vollem Maaße fuͤhle. Endlich zeigte ſich furchtlam und widerſtre⸗ bend Syddall, meines Oheims alter Haushofmeiſter an ei⸗ nem niedrigen wohl vergitterten Fenſter, und fragte, was „Wlr ſind gekommen, Euch Euer Geſchaͤft abzunehmen, reund;“ ſagte Audreas Gutdienſt;„Ihr moͤgt ſel abliefern, ſobald es Euch beliebt. Ich will das Silber⸗ und Tiſchzeug zur Hand nehmen. Ihr 6.. 8 84 habt's lange anter den Haͤnden gehabt, aber jede Bohne hat ihr Fleckchen und jeder Weg ſeine Pfuͤze, und es wird Euch wohl ziemen, von nun an ans Ende des Tiſches zu ſizen, wo Andreas lange genug geweſen iſt.“ Nicht ohne Muͤhe wies ich die Voreiligkeit des Bur⸗ ſchen in ihre Schranken, erklaͤrte dem alten Diener, auf welches Recht ich meinen Anſpruch gruͤnde, und verlangte in das Schloß als in mein Eigenthum eingelaſſen zu wer⸗ den. Syddall ſchien ſehr bewegt und bekuͤmmert zu ſeyn, und zeigte troz ſeines demuͤthigen, unterwuͤrfigen Tons of⸗ fenbares Widerſtreben, mich einzulaſſen. Ich hatte Nach⸗ ſicht mit dieſer ſehr natuͤrlichen Aufregung ſeiner Gefuͤhle, die dem alten Manne Ehre machten, beſtand aber feſt dar⸗ auf, eingelaſſen zu werden, und erklaͤrte ihm, daß ſeine Weigerung mich noͤthigen würde, richterliche Huͤlfe aufzu⸗ fordern. „Wir kommen dieſen Morgen vom Friedensrichter Ing⸗ lewood,“ ſagte Andreas, um die Drohung zu verſtaͤrken, „und ich habe, wie ich vorbei kam, den Konſtabel Rutledge geſehen,— das Land iſt nicht mehr geſezlos, Herr Syddall, wie es geweſen iſt, man laͤßt die Rebellen und Papiſten nicht mehr hauſen, wie ſie moͤgen.“ Die Drohung mit richterlicher Huͤlfe toͤnte ſchrecklich tinu den Ohren des alten Mannes, der wohl wußte, daß er ſeibſt wegen ſeiner Religion und ſeiner Anhaͤnglichkeit an Sir Hildebrand und ſeine Soͤhne verdaͤchtig war. Unter Furcht und Zittern oͤffnete er ein Nebenpfoͤrtchen, das mit vielen Riegeln und Stangen verſchloſſen war, und ſprach demuͤthig eine Hoffnung aus, daß man ihm die Treue in Erfüllung ſeiner Dienſtpflicht nicht zum Fehler aurechnen 85 8 werde.— Ich verſicherte ihn, daß ich darum nur eine um ſo beſſere Meinung von ſeiner Vorſicht haͤtte. „Ich nicht,“ ſagte Andreas,„Syddall iſt ein alter Schleicher; er wuͤrde nicht ſo bleich ausſehen, wie die Wand, und ſeine Kniee wuͤrden nicht ſchlottern, wenn er nicht mehr auf dem Herzen haͤtte, als er uns ſagen will.“ „Gott verzeih's Euch, Herr Gutdienſt,“ erweederte der Hausmeiſter,„daß Ihr ſo was von einem alten Freund ſagt! Wo,“— hier folgte er mir demuͤthig in dem Gange nach,—„wo ſoll ich Euch Feuer aufmachen laſſen? Ihr werdets recht traurig und oͤde finden im Schloſſe.— Aber Ihr reitet wohl zu Mittag wieder zu Herrn Inglewood?““ „Macht Feuer an in der Bibliothek,“ war meine Ant⸗ wort. „In der Bibliothek!“— antwortete der alte Mann; „da iſt lange niemand drinn geweſen, und das Zimmer raucht, denn die Dohlen haben dieß Fruͤhjahr drinn gebaut, und wir hatten keine jungen Leute im Schloſſe, um ſie herauszuſtoßen.“ 3 „Unſer Rauch iſt beſſer, als anderer Leute Feuer,“ ſagte Andreas;„mein Herr liebt die Bibliothek. Er iſt keiner von Euern blinden Papiſten, die in Ungewißheit da⸗ hinleben wollen.“ Sehr widerſtrebend, wie mir ſchien, fuͤhrte mich der Hausmeiſter in die Bibliothek, die ich gegen alles, was er mich hatte erwarten laſſen, bequemer und wohnlicher einge⸗ richtet fand, als gewoͤhnlich. Auf dem Roſte braunte das Feuer hell, troz allem, was Syddall vom Rauche geſagt hatte. Er nahm die Zange, um das Feuer zu ſchuͤren, oder wohl eher, um ſeine Verlegenheit zu verbergen, und ſagte:„es brennt jezt hell, hat aber dieſen Morgen entſezlich geraucht.“ 86 Ich waͤnſchte allein zu ſeyn, um mich von den ſchmerz⸗ lichen Gefuͤhlen zu erholen, welche die ganze Umgebung in mir aufregte, und gab dem alten Syddall den Auftrag, den Zinseinnehmer zu rufen, der eine Strecke vom Schloſſe entfernt wohnte. Er entfernte ſich mit ſichtbarem Wider⸗ ſtreben. Jezt befahl ich Andreas, fuͤr ein Paat tüchtige Burſche zu ſorg die ganze Bevd leigh, der vor bedte, war in h trag ſehr freudig, verſprach,„zwei Burſche zu brin⸗ gen, ſo aͤchte Presbyterlaner, als er ſelbſt, die es mit dem Pabſt, dem Teufel und dem Praͤtendenten aufnaͤhmen. umher waren Payiſten, und Raſh⸗ erzweifelten Untern⸗hmang zuruͤck⸗ Andreas üͤbern ahm dieſen Auf⸗ Mir ſoll auch die Geſellſchaft recht angenehm ſeyn,“ ſezte er hinzu,„denn in der lezten Nacht, als ich hier im Schloſſe war, ſah ich jenes Bild(er deutete auf das lebensgroße Bild von Miß Vernons Großvater)— ſo wahr ich lebe, im Mondlicht durch den Garten gehen! Ich ſagte Euch ja, ein Kobold haͤtte mich Erſcheeier, aber Ihr wolltet nicht hoͤ⸗ ren,— ich habe immer geglan Mbe, es gaͤbe Zauberei und Teufelswerk unter den. Pa ber ich habe nichts mit Augen geſehen, bis „Geht““ fagte d. ſagt, aber kähne haben, als Ihr, n Mann gegolten, Pruig aber mit bö⸗ ſen Geißen laſſe i ich Mit dieſen Worten gieng er hinaus, und innehm er trat herein. 1 Er war ein verſtändiger, ehrlicher Mann, ohne deſſen Sorgfalt mein Oheim ſein Hausweſen nüicht ſo lans erhal⸗ die er ſich verlaſſen koͤnne, denn di ute, wovon Ihr 87 ten hätte. Er unterſuchte meine Anſpröche genau, und kannte ſie aufrichtig an. Für jeden audern würde die Erb⸗ ſchaft armſelig geweſen ſein, ſo ſehr war dgs zut mit Schul⸗ den und Pfandſchaften belaſtet. Die n von meinem Pater bereits eingel id er fuhr fork, die n indeß waren uͤbrigen vollends an ſich zu kaufen; ſei beträchtlicher Ge⸗ winn bei dem kürzlichen Steigen der Staatsy apiere machte ihm dieß leicht Ich nahm die nöthigen Geſchäfte mit dem Zinseinneh⸗ mer vor, und behielt lhn zum Mittageſſen zurack. Auch dieß nahmen wir in der Bibliothek ein, obgleich S Syddall dringend empfahl, uns in die Steinhalle zu begeben, die er deßhalb hatte herrichten laſſen. Unterdeſſen kam auch An⸗ dreas mit ſeinen Refruten heran, die er als nüchterne, ehr⸗ bare, rechtgläubige und vor allem als löwenkühne Männer pries. Ich befahl ihnen zu trinken zu geben, und ſie ver ließen das 3 mmer. Der nnt Syddal ſchüttelte, als he ⸗ ausgingen, den Kopf, ich ſah es, und verlanste die Urſache zu wiſfen. „Ich kann nicht erwarten,“ ſagte er,„daß Ihr mei⸗ nen Worten ohne weiteres glan aben werdet, aber es iſt nichts, als die lautere ahrheit. Es ſind zwei Brüder, der eine iſt ein grundehrlicher Mann, aber wenn es einen falſchen Buben im Lande gibt, ſo iſt es ſein Bruder,— das ganie Land weiß, daß er Schreiber Jobſons Spion war, un die Sdelleute ins Unglück zu bringen, die mit den Unruhen zu hun hatten,— aber er iſt ein Presbyteri er, und dieß ſe heint heut zu Tase genug z zu ſein.“ 1 r 18 Ich war nicht in der Stimmung, auf die Worte des al⸗ ten Hausmeiſters cehörig zu achten; er hene den Wei auf den 1. ſch, und verließ das Zimmer. 5 . 88 Der Beamte blieb bei mir bis zum Abend, band danu endlich ſeine Papiere zuſammen, entfernte ſich nach ſeiner ei. genen Wohnung, und ließ mich in jenem verwirrten Zuſtande zurück, wo wir ſelbſt nicht wiſſen, ob wir Geſellſchaft oder Einſamkeit wünſchen. Ich hatte indeſſen nicht die Wahl, denn ich war allein gelaſſen in dem Zimmer, das vor allen andern mich mit duſtern Betrachtung n erfüllen mußte. Bei Einbruch der Dämmerung hatte Andreas die Vor⸗ ſicht, den Kopf zur Thuͤre hereinzuſtrecken, nicht um mich zu fragen, ob ich Licht wolle, ſondern es mir als eine Vorſichts⸗ naaßregel gegen die Geſpenſter anzurathen, die noch immer ſeine Einbildungskraft quälten. Ich wieß ſeinen Vorſchlag ziemlich muͤrriſch e, ſchuͤrte das Fuer, warf mich in einen der großen ledernen Stühle, die zur Seite des alten gothi⸗ ſchen Kamins ſtanden, und ſtarrte träumend in die kniſternde Flamme.„Das iſt der Fortgang und das Ende menſchli⸗ cher Wünſche!“ ſprach ich zu mir ſelbſt. Sie werden genährt durch Kleinigkeiten, entflammt von der Phantaſie, und ge⸗ naͤhrt vom Hauche der Hoffnung, bis ſie endlich verzehren, was ſie entzündet haben, und der Menſch mit ſeinen Hoff⸗ nungen, Leidenſchaften und Wünſchen zu einem veraͤchtli⸗ chen Aſchenhaufen zuſammenſinkt.“ 4 Ein tiefer Seutzer von der entgegengeſezten Seite des Zimmers ſchien meinen Betrachtungen zu antworten. Ich ſtarrte auf— Diana Vernon ſtand vor mir, gelehnt auf den Arm eines Mannes, der dem ofterwähnten Bildniſſe ſo auf⸗ fallend glich, daß ich haſtig auf den Rahmen blickte, ob er nicht leer ſei. War ich wahnſinnig geworden, oder ſtanden die Geiſter der Todten auf? Ein zweiter Blick überzeugte mich aber, daß ich bet Sinnen ſei, und lebende Geſtalten vor mir ſtunden. Es war Diana ſelbſt, obgleich bleicher und 89 hagerer als ſonſt, und neben ihr ſtand kein Bewohner des Grabes, ſondern Vaughan oder vielmehr Sir Frederick Ver⸗ non in einem Anzuge, gleich dem ſeines Vorfaßren, mit dem er eine Familienähnlichkeit beſaß. Er ſprach zuerſt. denn Diana heſtete ihre Augen auf den Boden, und das Erſtau⸗ nen hielt noch meine Zunge gebunden. „Wir kommen als Bittende, Herr Osbaldiſtone,“ ſagte er,„und ſuchen unter Eurem Dache Zuſucht und Schuz, bis wir eine Reiſe fortſezen können, wo Gefaͤngniß und Tod mir auf jedem Schritte drohen.“ 3 „Gewiß,“ ſtammelte ich,—„Miß Vernon wird nicht denken,— Ihr, mein Herr, duͤrft nicht glauben, daß ich Eure Hülfe in meinem Bedrängniß vergaß, oder daß ich fähig ſei, irgend jemand zu verrathen, am wenigſten Euch.“— „Ich weiß es,“ ſazte Sir Frederick;„und doch ſeze ich. nur mit unausſprechlichem Widerſtreben ein, vielleicht un⸗ angenehmes,— geiriß gefahrvolles Vertrauen auf Euch, und das ich lieber auf jeden andern ſezen möchte. Aber mein Schickſal, das mich durch ein gefahrvolles Leben trieb, liegt jezt hart auf mir, und ich habe keine Wahl.“ V In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thuͤre, und die Stimme des dienſtfertigen Andreas ließ ſich hören:„Ich bringe die Lichter, Ihr könnt ſie dann anſtecken, wenns Euch beliebt.“ 3 sich ellte zur Thüre, damit er nicht ſehen moͤchte, wer im Zimmer ſei, und glaubte ſie auch noch fruͤh genug er⸗ reicht zu haben. Ich ſchob ihn mit haſtiger Heftigkelt hin⸗ aus, verſchloß die Thuͤre, und verriegelte ſie,— ploͤzlich aber erinnerte ich mich, daß ſeine beiden Geſellen unten ſeyen, und da ich ſeine Schwazhaftigkeit kannte, und mir zugleich Syddalls Bemerkung einfiel, daß einer von den 90 Burſchen fuͤr einen Spfon gelte, ſo folgte ich ihm ſo eilig, wie moͤglich, in die Bedientenſtube, wo ſie ver ammelt waren. Andreas Stimme war laut, als ich die Thuͤre oͤff⸗ nete, aber meine unerwartete Erſche einung brachte ihn zum Schweigen. 3 „Was iſt Euch?“ fragte ich,„Ihr ſeht ja ſtier und wild aus, als haͤttet Ihr ein Geſpenſt geſehen.“. „N— n— ni— nichts,“ ſagte Andreas,„aber Euer Edlen waren— ſo haſtig.“ „Weil Ihr mich aus einem geſunden Schlaf geſtoͤrt habt, Ihr Toͤlyel. Syddal ſagt mir, er koͤnne keine Bet⸗ ten fär dieſe guten Leute auf die Nacht finden, und der Zinseinnehmer ſagte mir auch, es ſey nicht noͤthig, ſie hier zu behalten. Hier iſt eine Krone, ſie ſollen auf meine Geſundheit trinken, und ich danke fuͤr ihren guten Willen. Ihr koͤnnt ſogleich gehen, liebe Leute.“ Die Leute dantten fuͤr meine Guͤte, nahmen das Geld, und giengen, wie es ſchien, ohne Argwohn und zufeieden fort. Ich blieb, bis ich ſicher war, daß ſie dieſe Nacht nicht mehr ſich mit Andreas beſprechen koͤnnten. Ich war ihm ſo ſchnell auf den Ferſen geſolgt, daß ich glaubte, er haͤtte nicht Zeit gehabt, zwei Worke zu ſprechen, ehe ich ihn unkerbrach. Aber wie viel Unheil koͤnnen nicht zwei Worte anrichten. Hier koſteten ſie zwei Menſch aleben. Nach dieſen Anordnungen, die mir im Drange des Au⸗ genblicks die paſſendſten ſchienen, um die Verborgenheit meiner Gäͤſte zu ſichern, kehrte ich zuruͤck, um ihnen hie⸗ von Nachticht zu geben, und ſetzte hinzu, Syddall haͤtte von mir den Au aftrag erhalten, jedem ihrer Befehle nach⸗ zukommen, da ich vermuthen muͤßte, daß durch ſeine Nach⸗ ſicht ihnen der heimliche Aufenthalt im Schloſſe Heräpft 91 worden ſey. Dianag erhob die Augen, um mir fuͤr die Vorſicht zu danken. „Ihr kennt jetzt mein Gehelmniß,“ ſarte ſie,„Ihr wißt vermuthlich, wie nahe und theuer mir der V Verwandte iſt, der ſo oft hier S nd, und we rdet deßhalb nicht laͤnger erſtann Raſhleigh im Beſitze eines ſol⸗ chen Geheimniſſes mich eiſerner Ruthe beherrſchte.“ Ihr Vater ſetzte hinzu,„ es ſet ihre Abſicht, mich mit ihrer Gegenwart nur ſo kurz wie moͤglich zu belaͤſtig n. 24 Ich bat die Fluͤchtlinge, jede Ruͤckſicht, als die fuͤr ihre Sicherheit voͤllig aus den Augen zu ſetzen, und ſich darauf zu verlaſſen, daß ich allem aufbieten werde, um ihnen dieſe zu derſchae. Dieß fuͤhrte zu einer naͤhern Erklaͤrung uͤber ihre Lage „Raſhleigh war mir immer verdaͤchtig,“ ſagte Sir Frederick;“ aber ſein Wen zehmen gegen mein unbeſchuͤtztes Kind, das ſie mir nur nach langem Andringen geſtand, und ſeine Treuloſigkeit gegen Euern Vater floͤßten mir Haß und Verachtung gegen ihn ein. Bei unſerer letzten Zuſammenkunft verhehlt ich ihm meine Geſinnungen nicht, was ich aus Klugheit haͤtte thun ſallene und im Zorne uͤber die Verachtung, womit ich ihn deh ermehrte er noch die Zahl Fereer Verbrechen durch Wertaf und Abkall von ſeinem Slaube Damals hoffte ich, daß ſeine Ver⸗ ratherei von Leragen Folgen ſeyn werde. Der Graf von Mare. härte eine tapfere Armee in Schottland, und Lord gore, Winton und andern aͤnze. Da meine Ver⸗ euten ſehr ausgedehnt tet, daß ich eine Ab⸗ die unter Brigadler waren, thellung Hi völan — 9²2 Maec Intoſh von Borlum uͤber den Forth gieng, Nieder⸗ ſchottland durchzog, und ſich an der Graͤnze mit den engli⸗ ſchen Inſurgenten vereinigte. Meine Tochter begleitete mich trotz aller Gefahren und Muͤhſeligkeiten auf dieſem langen und beſchwerlichen Marſche.“ „Und ſie wird ihren theuern Vater nie verlaſſen!“ rief Diana aus, und ſchmiegte ſich zaͤrtlich an ſeinen Arm. „Nicht ſobald hatte ich mich mit unſern engliſchen Freunden vereinigt, als ich ſah, daß unſere Sache verloren ſey. Unſere Zahl minderte ſich, ſtatt zu wachſen, und nie⸗ mand, als unſere Glaubensbruͤder, vereinigte ſich mit uns. Die Tories der hohen Kirche blieben meiſt unſchluͤſſig, und endlich wurden wir in der kleinen Stadt Preſton von uͤber⸗ legener Macht eingeſchloſſen. Wir vertheidigten uns einen Tag lang aufs tapferſte. Am ſolgenden aber ſank unſern Anfuͤhrern der Muth, und ſie beſchloſſen, ſich auf Gnade und Ungnabe zu uͤbergeben. Mich dieſen Bedingungen un⸗ terwerfen, hieß meinen Kopf auf den Block legen. Unge⸗ faͤhr zwanzig oder dreißig Edelleute waren gleicher Meinung mit mir. Wir beſtiegen unſere Pferde, und nahmen mei⸗ ne Tochter, die darauf beſtand, mein Schickſal zu theilen, in die Mitte. Meine Gefaͤhrten, erſtaunt uͤber ihren Muth und ihre kindliche Liebe, erklaͤrten, daß ſie lieber ſterben. als ſie zuruͤcklaſſen wollten. Wir ritten nun die Fiſcherſtraße hinab, welche zu einem ſumpfigen Wieſengrund fuͤhrt, der ſich bis an den Fluß Ribble ausdehnt. Ei⸗ ner von unſerer Schaar kannte eine Furth; die Stelle war ſchwach vom Feinde beſetzt, ſo daß wir nur mit einer Streifwache von Dragonern zu thun bekamen, die theils zerſprengt, theils in Stuͤcken gehauen wurden. Wir ka⸗ men gluͤcklich uͤber den Fluß, gewannen die Landſtraße von 9³3. Liverpool, und trennten uns dann, um an verſchiedenen Orten Zuflucht und Sicherheit zu ſuchen. Mein gutes Gluͤck fuͤhrte mich nach Wales, wo viele Edelleute von mei⸗ ner religioͤſen und politiſchen Ueberzeugung ſend. Dennoch fand ich keine ſichere Gelegenheit zur See zu entkommen, und mußte mich wieder gegen Norden wenden. Ein er⸗ probter Freund wollte mich hier in der Nachbarſchaft tref⸗ fen, und zu einem Seehafen am Solway geleiten, wo ein Schiff bereit liegt, das mich auf immer aus meinem Va⸗ terlande fuͤhren ſoll. Da Orbaldiſtone⸗Hall fuͤr den Au⸗ genblick unbewohnt war, und unter der Aufſicht des alten Syddal ſtand, der fruͤher ſchon unſer Vertrauter geweſen war, ſo bezogen wir dieſen uns bekannten, ſichern Zu⸗ fluchtsort. Ich legte eine Kleidung an, in der ich fruͤher ſchon die aberglaͤubigen Landleute und Dienſtboren geſchreckt hatte, und wir erwarteten von einem Tag zum andern durch Syddal die Ankunft unſeres wohlgeſinnten Fuͤhrers zu erfahren, als Eure unerwartete Erſcheinung uns zwang, Eure Theilnahme anzuflehen.“ Hier ſchloß Sir Frederick ſeine Erzaͤhlung, die mir wie eine Traumgeſchichte klang, und kaum konnte ich mich uͤber⸗ reden, daß ich ſeine Tochter noch einmal lebend, obgleich in verminderter Schoͤnheit und geſunkenem Muthe vor mis ſah. Der lebendige Muth, mit dem ſie jede Widerwaͤrtig⸗ keit ertragen hatte, hatte jetzt einer ruhigen, ergebungs⸗ vollen, doch unerſchuͤtterlichen Entſchloſſenheit und Stand⸗ haftigkeit Platz gemacht. Obgleich ihr Vater den Eindruck kannte, den ſein Lob auf mich machen mußte, ſo konnte er doch nicht umhin, ihr es zu erthellen. „Sie hat Pruͤfungen erduldet,“ ſagte er,„welche die Geſchichte eines Maͤrtyrers zieren wuͤrden; ſie hat Gejah⸗ 1 94 ren und dem Tod in mannigfachen Geſtalten getrotzt;— ſie hat Beſchwerden und Entbehrungen erduldet, vor denen die ſtaͤrkſten Maͤnner zuruckgebebt ſeyn wuͤrden;— ſie hat die Tage in Dunkelheit, die Naͤchte wachend zugebracht, und nie einen Laut der Schwaͤche oder Klage hoͤren laſſen. Mit einem Wort, Herr Osdatelſone, ſie iſt wuͤrdig, daß ich ſie dem Gott opfere,—“ er bekreuzt ſich,—„dem ich ſie weihe, als das Theuerſte und Koſtbarte, was mir uͤbrig geblieben iſt.“ Nach dieſen Worten trat eine Pauſe ein, deren trau⸗ rige Bedentung ich nur allzugut verſtand. Dianas Pater war noch eden ſo ſehr beeifert, meine Hoffnungen auf eine Vereinignng mit ihr zu zerſtoͤren, als er es bei unſerem kurzen Zutammentreffen in Schottland geweſen war. „Wir wollen nun,“ ſagte er zu ſeiner Tochter,„Herrn Osbaldiſtone nicht laͤnger ſtoͤren, da wir ihn mit der un⸗ gluͤcklichen Lage ſeiner Gaͤſte bekannt gemacht haben, die ſeinen Schutz anſprachen.“ Ich bak ſie zu bleiben und bot ihnen an, das Zimmer zu verlaſſen. Sir Frederick bemerkte, dieß moͤchte den Verdach: meines Dieners erwecken, ihr Zufluchtsort ſey in jeder Hlaſicht heguem, und durch Sydhall mit auem Noth⸗ wendigen verſehen.„Wir haͤtten daſelbſt bleiben koͤnnen, vielleicht, ohne von Euch bemerit zu werden, aber es waͤre ungerecht geweſen, das gerlugſte Mißtrauen auf Eure Chre zu ſetzen.“ „Ihr ſeyd blos gerecht gegen mich geweſen,“ er⸗ wiederte ich.„Ihr, Sir Frederick kennt mich nur we⸗ nig, ader Miß Vernon wird mir gewiß das Zeugniß ge⸗ ben,“——— 9 2 d „Ich bedarf meiner Tochter Zeugniß nicht,“ ſagte er 9⁵ verbindlich, aber ſichtbar bemuͤht, es zu verhindern, daß ich mich ſelbſt an Diana wende;„ich bin geneigt, von Herrn Franz Osbaldiſtone alles Ehrenwerthe zu glauen. Erlaubt uns, daß wir uns zuruͤckzlehen, wir muͤſſen ruhen, wann wir koͤnnen, da wir voͤllig ungewiß ſind, wann wir unſere gefaͤbrliche Reiſe fort zen muͤſſen.“ Mit dieſen Worten faßte er ſ. Tochter Arm, und verſchwand nach einer tiefen Verbeugung hinter der Tapete. Siebentes Kapitel. Den Vorhang hat des Schickſals Hand gefaßt, und wil jetzt Licht der Bühne geben. Don Sebaſtian. Ich fuͤhlte mich betaͤubt und muthlos, als ſie giengen. Die Einbildungskraft mahlt ſich den abweſenden Gegen⸗ ſtand unſerer Zuneigung nicht nur im ſa oͤnſten Lichte, ſon⸗ dern auch in dem, worin wir ihn am liehſten ſehen. Dia⸗ na ſtand vor mir, wie ihre Abſchiedsthraͤne auf meine Wange ſiel, wie ihr Audenken, das ich von Mac Gregors Weibe erhtelt, mir ihren Wunſch verrleth, die Erinne⸗ rung an meine Zuneigung in die Verbannung und in dle Abgeſchiedenheit eines Kloſters mirzunehmen. Ich ſah ſie, und ihr kaltes leidendes Weſen, das wenig mehr, als ſiille „Schwermuth ausdruͤckte, ſtoͤrte meine Taͤuſchung, und kraͤuk⸗ te mich beinahe. Mein ſelbſtiſches Geſuͤhl klagte ſie der Gleicguͤltigkeit,— der Forlloſigkeit an. Ich warf ihrem . 96 Vater Stolz, Grauſamkeit, Fanatismus vor, und vergaß, aß beide ihren Vortheil, und Diang ihre Neigung, dem ferten, was ſie fuͤr ihre Allicht hielten. Sir Frederick war ein eifriger Katholik, der den Pfad des Heils fuͤr zu ſchmal hielt, als daß ein Ketzer ihn be⸗ treten koͤnne, und Diana, fuͤr welche ihres Vaters Sicher⸗ heit ſeit Jahren die vorzuͤglichſte Triebfeder ihrer Gedan⸗ ken, Hoffnungen und Handlungen war, glaubte nur ihre Pflicht zu thun, als ſie nicht nur ihr Vermöͤgen, ſondern auch die theuerſten Neigungen ihres Herzens ſeinem Willen opferte. Man darf aber nicht daruͤber erſtaunen, daß ich in einem ſolchen Angenblicke dieſe ehrenvollen Beweggruͤnde nicht nach ihrem vollen Werthe ſchaͤtzen konnte, doch machte ſich meine uͤble Laune auf keine unedle Weiſe Luft. „Man verſchmaͤht mich alſo,“ ſagte ich, als ich Sir Fredericks Mittheilungen erwog,„man verſchmaht mich, und haͤlt mich fuͤr unwuͤrdig, auch nur mit ihr zu reden. Nun, es mag ſeyn; dieß ſoll mich wenigſtens nicht ver⸗ hindern, uͤber ihre Sicherheit zu wachen. Hier will ich als Wache bleiben, und unter meinem Dache wenigſtens ſoll keine Gefahr ihr drohen, wenn der Arm eines ent⸗ ſchloſſenen Mannes ſie abwenden kann.“ Ich rief Syddall herein. Er kam, aber von dem ewi⸗ gen Andreas begleitet, der in Folge meiner Beſitzergrei⸗ fung vom Schloſſe und den dazu gehoͤrigen Laͤndereien ſchon von großen Dingen traͤumte, und, um ja nichts zu ver⸗ lieren, mich nicht aus dem Geſichte laſſen wollte; wie es aber Leuten mit eigennuͤtzigen Abſichten oft geht, er uͤber⸗ ſchoß das Ziel, und ſeine Aufmerkſamkeiten wurden mir widrig und beſchwerlich. Seine underlangte Gegenwart hinderte mich, vffen 97 mit Syddall zu ſprechen, und ich wagte nicht, ihn wegzu⸗ ſchicken, aus Furcyt, den Argwohn zu vermehren, den die letzte raſche Entfernung aus der Bibliothek ſchon in ihm erwellt haben mochte.„Ich will hier ſchlafen,“ ſagte ich, und ließ ein altvaͤteriſches Ruhebett naͤher an das Feuer bringen;„ich habe viel zu thun, und werde mich erſt ſpaͤt niederlegen.“ Syddall, der meinen Blick zu verſtehen ſchien, wollte mir eine Matraze und Betten geben. Ich nahm dieß an, entließ meinen Diener, und befahl, mich vor ſieben Uhr Morgenas nicht zu ſtoͤren. Ich blieb allein, meinen ſchmerzlichen verwirrten Be⸗ trachtungen uͤberlaſſen, bis die erſchoͤpfte Natur Ruhe for⸗ dern wuͤrde. Gewaltſam ſuchte ich meine Gedanken von der ſonderbaren Lage abzuwenden, in der ich mich befand. Gefuͤhle, die ich muthig bekaͤmpft hatte, als der Gegen⸗ ſtand, der ſie erweckte, ferne war, erwachten jetzt mit neuer Heftigkeit, da ich mich ihr ſo nahe befand, und bald auf ewig von ihr trennen ſollte. Ihr Name ſtand in je⸗ dem Buche, das ich durchleſen, ihr Bild drangte ſich in jede Gedankenreihe ein, die ich anzuknüpfen mich bemuͤhte. Bald gab ich dieſen Gedanken nach, bald bekämpfte ich ſie; zuweilen gab ich mich einer weichen, ſchmelzenden Weh⸗ muth hin die mir nicht ſehr natuͤrlich war, mauchmal waffnete ich mich mit dem beleldigten Stolze, der ſich durch unverdiente Zurüͤckſetzung gekraͤnkt fuͤhlt. Ich gieng auf und ab, dis ich mich in eine fieberhafte Hitze hinein⸗ gegrbeitet hatte. Dann warf ich mich auf das Lager, und verſuchte zu ſchlafen, ich blieb bewegungslos liegen, als waͤre ich bereirs eine Leiche, ich verſuchtr, meine beun⸗ ruhigenden Gedanken auf jede moͤgliche Weiſe zu verhan⸗ W. Scott's Werke. CIV. 7 98 nen,— umſonſt, mein Blut floß gleich einem Feuerſtrom durch die Adern, und meine Pulſe klopften fieberiſch. Endlich ſtand ich auf, oͤffnete das Fenſter, und blickte eine Zeitlang in die helle Mondnacht hinaus, deren Kuͤhle und Stille mich erfriſchte, und den Sturm meiner Seele in etwas beſchwichtigte. Ich nahm mein Lager wieder ein, der Himmel weiß, nicht mit erleichtertem Herzen, aber feſter und entſchloſſener, mein Schickſal zu tragen. In kurzer Zeit uͤberſchlich mich der Schlaf, aber wenn auch 1 meine Sinne ſchlummerten, meine Seele erwachte zu dem peinlichen Gefuͤhl meiner Lage, und eine innere Angſt und ſchreckbare Geſtalten fuͤllten meine Traͤume. Ich erinnere mich eines ſolchen Traumbilds noch jetzt. Ich war mit Diana in der Gewalt von Mac Gregors Weib, und wir ſollten vom Felſen in den See hinabge⸗ ſtürzt werden; Sir Frederick, der in Kardinalskleidung zu⸗ gegen war, ſollte das Zeichen durch Abfeurung einer Ka⸗ none geben. Unbeſchreiblich lebhaft war der Eindruck, den dieſe Scene auf meine Einbildungskraft machte. Noch jetzt könnte ich ſie mahlen, die ſtumme, muthvolle Erge⸗ bung in Dianas Zuͤgen, die wilden, verzerrten Geſichter der Henker, die mit Freudengeſchrei uns umdraͤngten, die ſtets wechſelnden Frazen, immer eine haͤßlicher, als die an⸗ dere. Ich ſah den ſtarren, unbeugſamen Fanatismus aff dem Geſichte des Vaters,— ich ſah ihn die verhaͤngnih⸗ volle Lunte erheben,— das Zeichen zum Tode erſcholl, es wurde in tauſendfachem Donner von den umgebenden Fel⸗ ſen wiederholt, und ich erwachte von eingebildetem Schre⸗⸗ cken zu wirklichen Beſorgniſſen. 4 Die Toͤne melnes Traums trafen auch mein wachen⸗ des Ohr, aber es vergiengen etliche Minuten ehe. ich mich⸗ 4 99. o weit ſammeln konnte, um deutlich zu unterſcheiden, daß ſie von einem heftigen Pochen am Thore herkamen, Ich ſprang ſehr beſorgt vom Lager auf, nahm den Degen unter den Arm, und eilte hinaus, um jedermann den Eintritt zu verwehren. Aber ich mußte einen Umweg machen, da die Fenſter der Bibliothek nicht vorn heraus, ſondern in den Garten giengen. Als ich die Wendeltreppe erreicht hatte, deren Fenſter in den vordern Hofraum giengen, hoͤrte ich Syddalls ſchwache und furchtſame Toͤne im Wort⸗ wechſel mit rauhen Stimmen, welche Kraft eines Befehls des Friedensrichters Standiſh und in des Koͤnigs Namen Einlaß forderten, und den alten Diener mit den ſchwer⸗ ſten Strafen bedrohten, wenn er nicht augenblicklich ge⸗ horche. Waͤhrend ſie noch ſprachen, ließ ſich zu meinem unausſprechlichen Zorne die Stimme des Andreas hoͤren, der Syddall auf die Seite treten hieß, und ſelbſt das Thor oͤffnen wollte. „Wenn ſie in des Koͤrigs Namen kommen, ſo haben wir nichts zu fuͤrchten,— wir haben Gut und Blut faͤr ihn gegeben,— wir brauchen uns nicht zu ſcheuen, wie gewiſſe andere Leute, Herr Syddall,— wir ſind weder Pa⸗ piſten, noch Jakobiten, denke ich.“ Vergebens beſchleunigte ich meine Schritte; ich boͤrte den dienſtfertigen Schurken Riegel um Riegel zuruͤckſchie⸗ ben, waͤhrend er ſeine und ſeines Herren Treue gegen Koͤnig Georg ruͤhmte, und ich konnte leicht berechnen, daß die Gerichtsbeamten hereingedrungen ſeyn muͤßten, ehe ich die Riegel wieder vorſchieben koͤnnte. Ich beſtimmte einſt⸗ weilen in Gedanken dem Ruͤcken des Herrn Andreas Gut⸗ dienſt ſeinen verdienten Lohn. Ich eilte in die Bibliothek zuruͤck, verrammelte die Thuͤre, ſo gut ich konnte, eilte an . 100 jene, durch welche Diana und ihr Vater eingetreten wa⸗ ren, und begehrte augenblicklichen Einlaß. Diana oͤffnete ſelbſt. Sie war voͤllig angekleidet, und verrieth weder Un⸗ ruhe noch Furcht. „Wir ſind an Gefahr ſo gewoͤhnt,“ ſagte ſie,„daß wir ſtets darauf vorbereitet ſind,— mein Vater iſt bereits auf,— er iſt in Raſhleighs Zimmer,— wir wollen in den Garten hinausſchluͤpfen, und dann durch die Hinterthüre (ich habe von Syddall den Schluͤſſel fuͤr den Nothfall er⸗ halten) in den Wald.— Niemand kennt die Schluchten beſſer, als ich,— haltet ſie nur noch etliche Minuten auf. — Mein theurer, theurer Franz, noch einmal, lebt wohl!“ 3 Sie verſchwand, wie eine Lufterſcheinung, um zu ihrem Vater zurückzueilen. Man pochte heftig an der Thuͤre, und ſuchte ſie zu ſprengen, als ich ins Zimmer zuruͤckkam. „Ihr Raͤuber!“ rief ic, abſichtlich die Stoͤrung miß⸗ verſtehend,„verlaßt augenblicklich das Haus, oder ich ſchieße durch die Thuͤre.“ „Narrenspoſſen!“ ſagte Andreas;„es iſt der Herr Jobſon mit einem geſetzlic en Verhaftsbefehle,—— 1 „Zu ſuchen, zu ergreifen und zu verhaften,“ ſagte die Stimme des verdammten Zungendreſchers,„gewiſſe, in meinem Verhaftosefehl benannte Perſonen, als des Hoch⸗ verraths ſchuldig, Kraft der Verordnung aus dem drei⸗ zehnten Regierungsjahre Koͤnig Wilhelms im dritten Kapitel.“ Man pochte von neuem mit verdoppelter Heftigkeit⸗ „Ich ſtehe auf, Ihr Herrn,“ ſagte ich, um ſo viel Zeit als moͤglich zu gewinnen,— braucht keine Gewalt, laßt mich den Verhaftsbefehl ſehen, und wenn er in den geſetz⸗ 101 lichen Formen abgefaßt iſt, werde ich mich nicht wider⸗ ſetzen.“ „Den Koͤnig Georg ſegne Gott!“ ſchrie Andreas. „Sagte ich's Euch nicht, Ihr wuͤrdet kelne Jakobiten hier finden.“ Nachdem ich ſo lange, wie nur immer moͤglich gezoͤgert hatte, mußte ich endlich die Thuͤre oͤffnen, die ſonſt einge⸗ ſchlagen worden waͤre. Herr Jobſon trat ein mit mehreren Gehuͤlfen, unter denen ſich auch der Burſche befand, den mir Spdall ver⸗ daͤchtig gemacht hatte, und der vermuthlich der Zutraͤger geweſen war. Jobſon zeigte mir ſeinen Verhaftsbefehl, der nicht nur gegen Frederick Vernon, als uͤberwieſenen Verraͤther, ſondern auch gegen Diana Vernon und Franz Osbaldiſtone wegen unterlaſſener Anzeige lautete. Wider⸗ ſtand wäre Tollheit geweſen, ich gab mich daher nach ei⸗ nem Hin⸗ und Herreden von einigen Minuten gefangen. Zu meinem Verdruſſe gieng Jobſon gerades Wegs nach Miß Vernons Zimmer, und von da, ohne ſich lange zu bedenken oder zu ſuchen, an den Ort, wo Sir Frederick geſchlafen hatte.„Der Haſe iſt entwiſcht,“ ſagte der rohe Kerl,„aber das Lager iſt noch warm, unſere Hunde werden ihn ſchon beim Felle haben.“ Ein Angſtgeſchrei im Garten verrieth mir, daß er nur allzuſehr recht hatte. Nach wenigen Minuten trat Raſh⸗ leigh mit Sir Frederick Vernon und Diana als Gefangenen in die Bibliothek.„Der Fuchs,“ ſagte er,„kannte ſein altes Loch, aber er vergaß, daß ein ſorgfaͤltiger Jaͤger es verſtopfen koͤnne,— ich hatte den Gartenweg nicht ver⸗ geſſen, Sir Frederick, oder wenn es Euch beſſer gefaͤllt, edler Lord Beauchamp.“ 10⁰2 „Naſhleigh,“ ſagte Sir Frederick,„du biſt ein ab⸗ ſcheulicher Bube.“ „Den Namen verdiente ich eher, Herr Ritter oder Mylord, als ich unter Leitung eines geſchickten Lehrers den Bürgerkrieg in ein friedliches Land zu bringen ſtrebte. Aber ich habe mein moͤglichſtes gethan, um meine Verir⸗ rungen gut zu machen,“ ſagte er mit gen Himmel gerich⸗ tetem Auge. Jezt konnte ich mich nicht mehr halten. Ich hatte alles ſchweigend anhoͤren wollen, aber es haͤtte mir das Herz abgedruͤckt, wenn ich jezt geſchwiegen haͤtte.„Wenn die Hoͤlle eine Geſtalt hat, die ſcheußlicher, als die andere iſt, ſo iſt es die Niedertraͤchtigkeit in der Larve der Heu⸗ chelei.“ 1 „Aha! mein feiner Herr Vetter,“ ſagte Raſhleigh, und nahm ein Licht, um mich vom Kopfe bis zum Fuß zu betrachten;„recht willkommen zu Osbaldiſtone⸗Hall,— Euch kann ich die boͤſe Laune verzeihen,— es iſt hart, ein Gut und eine Geliebte in einer Nacht zu verlieren, denn wir werden jezt Beſiz ergreifen von dieſem Schloſſe im Namen des rechtmaͤßigen Erben, Sir Raihleigh Osbaldi⸗ ſtone.“ Troz dieſer prahleriſchen Rede unterdruͤckte er, wie ich deutlich bemerkte, ſeinen Zorn und ſeine Schaam nur mit Muͤhe. Aber noch ſichtbarer wurde ſeine Gemuͤthsſtim⸗ mung, als Diana ihn anredete.„Raſhleigh, ich bemitleide Euch, denn ſo viel Ihr mir auch boͤſes anthun wolltet, und angethan habt, ſo kann ich Euch doch nicht ſo ſehr haſſen, als ich Euch bemitleide. Was Ihr jezt gethan habt, mag das Werk einer Stunde ſeyn, es wird Euch aber Stoffzum Nachdenken geben fuͤr Euer ganzes Leben,— welcher Art, 103 das uͤberlaſſe ich Eurem Gewiſſen, das nicht ewig ſchlum⸗ mern wird.“ Raſhleigh gieng einigemal im Zimmer auf und ab, trat dann an einen Seitentiſch, wo noch Wein ſtand, und ſchenkte mit zitternder Hand ein Glas ein; als er ſah, daß wir ſein Zittern bemerkten, unterdruͤckte er es mit kraͤftiger Anſtrengung, ſah uns feſt und keck ins Geſicht, und ſührte das Glas zum Munde, ohne einen Tropfen zu verſchütten. „Das iſt meines Vaters alter Burgunder,“ ſagte er zu Jobſon;„es freut mich, daß noch etwas davon uͤbrig iſt.— Laßt paffende Leute da, welche in meinem Namen fuͤr das Haus und die Guͤter Sorge tragen. Dieſem aber⸗ wizigen alten Tafeldecker und jenem ſchottiſchen Narren koͤnnt Ihr die Thuͤre weiſen.— Inzwiſchen wollen wir die Gefangenen in ſicheres Gewahrſam bringen.— Ich habe zu Eurer Beguemlichkeit eine alte Familienkutſche anſpan⸗ nen laſſen,“ ſagte er,„obgleich ich wohl weiß, daß ſelbſt die Dame hier der Nachtluft zu Fuß und zu Pferde tlo⸗ zen koͤnnte, wenn die Reiſe mehr nach ihrem Geſchmack waͤre.““ Andreas rang die Haͤnde.—„Ich habe blos geſagt, mein Herr haͤtte gewiß in der Bibliothek mit einem Geiſt geſprochen,— und der Schurke da verraͤth einen alten Freund, der zwanzig Jahre lang mit ihm jeden Sonntag aus einem Pſalmbuch ſang.“ Man ließ ihn ſein Klagelied nicht endigen, ſondern wies ihn nebſt Syddall zum Hauſe hinaus. Seine Vertrei⸗ bung fuͤhrte wichtige Folgen herbei. Seiner nachherigen Erzaͤhlung zufolge wollte er eine alte Bekannte im Dorfe um ein Nachtquartier bitten, als er aber kaum den Baumgang 104 hinter ſich hatte, und auf ein Stuͤck Waldeland gekommen war, ſtieß er ploͤzlich auf eine ſchottiſche Viehherde, welche hier fuͤr die Nacht ſich gelagert hatte. Daruͤber war Andreas nicht erſtaunt, da es eine wohlbekannte Sitte ſeiner Lands⸗ leute war, ihre Viehheerden Nachts auf den naͤchſten be⸗ ſten uneingezaͤumten Waideplaz zu treiben, und Morgens vor Tagesanbruch wieder aufzubrechen, um nicht das Nacht⸗ lager bezahlen zu muͤſſen. Aber er erſtaunte und erſchrack, als ein Hochlaͤnder aufſprang, ihn beſchuldigte, er haͤtte das Vieh geſtoͤrt, und duͤrfe nicht weiter gehen, bis er mit ſeinem Herrn geſprochen habe. Er mußte dem Hoch⸗ laͤnder ins Dickicht folgen, wo er noch mehrere von ſeinen Landsleuten fand.„Ich merkte auch bald,“ ſagte Andreas, „daß ihrer zu viel fuͤr den Viehtrieb ſeien, und aus ihren Fragen merkte ich, daß ſie anderes Werg an der Kun⸗ kel haͤtten.“ Sie fragten ihn genau aus uͤber alles, was im Schloſſe vorgegangen ſei, und ſchienen ſehr erſtaunt und bekuͤmmert uͤber ſeinen Bericht. „Und, meiner Treu!“ ſezte Andreas hinzu;„ich ſagte ihnen alles, was ich wußte, denn den Dolchen und Piſtolen habe ich mein Lebenlang keine Nachricht verwei⸗ gert.“ Sie ſprachen ſodann leiſe unter ſich, triehen dann ihr Vieh zufammen nahe an den Eingang der Allee, ſchlepp⸗ ten einige gefaͤllte Baͤume zuſammen, die in der Naͤhe la⸗ gen, und machten etwa zwanzig Schritte von der Allee ei⸗ nen Verhack quer uͤber den Weg. Der Tag begann nun zu grauen, ein bleicher Schimmer im Oſten verſchmolz mit dem ſchwindenden Mondlicht, und man konnte die Gegen⸗ ſtände ziemlich deutlich unterſcheiden. Das Rumpeln ei⸗ 105 ner Kutſche, die von vier Pferden gezogen, und von ſechs Reitern begleitet war, ließ ſich nun die Allee herauf hoͤren. Die Hochlaͤnder horchten aufmerkſam. In dem Wagen be⸗ fand ſich Jobſon und ſeine ungluͤcklichen Gefangenen. Das Geleite beſtand aus Raſoleigh und einigen andern Reitern, Gerichtsbeamten und Gehuͤlfen. So nie wir uͤber das Thor am Ende der Allee hinaus waren, wurde es von ei⸗ nem zu dem Ende aufgeſtellten Hochlaͤnder geſchloſſen. Zu⸗ gleich wurde der Wagen durch das Vieh, zwiſchen welches wir bineinkamen, und durch den Verhack aufgehalten. Zwei Reiter ſtiegen ab, um die gefallten Baͤume wegzuſchaffen, die, wie ſie glaubten, aus Zufall oder Nachlaͤßigkeit liegen gelaſſen worden ſeien. Die andern fiengen an, mit ihren Peitſchen das Vieb vom Wege zu treiben. 5 „Wer wagt's, unſer Vieh zu mißhandeln?“ rief eine rauhe Stimme.—„Schieß nach ihm, Angus.“ „Man will ſie befreien!“ ſchrie Raſhleigh augenblick⸗ lich, feuerte ſein Piſtol ab, und verwundete den⸗ der ge⸗ ſprochen hatte.“ „Zum Schwert!“ donnerte der Anfuͤhrer der Hoch⸗ laͤnder, und augenblicklich begann ein Gefecht. Die Ge⸗ richtsdiener, beſtuͤrzt uͤber den ploͤzlichen Angriff, und uͤber⸗ haupt nicht uberfluͤſſig mit Muthe verſehen, vertheidigten ſich nur ſchwach. Einige wollten ins Schloß zuruͤckreiten, als aber ein Piſtol hinter dem Thore vor gegen ſie abge⸗ feuert wurde, ſprengten ſie endlich in verſchiedenen Rich⸗ tungen davon. Raſhleigh war inzwiſchen abgeſtiegen, und focht zu Fuße wuͤthend mit dem Anfuͤhrer der Bande. Aus dem offenen Kutſchfenſter an meiner Seite ſah ich dem Kampfe zu. Endlich ſiel Raſhleish. „Wollt Ihr um Vergebung bitten um Gottes, Koͤnig 106 Jakobs und alter Freundſchaft willen?“ ſagte eine Stim⸗ 3 me, die ich nur allzugut kannte.. „Nein, niemals,“ ſagte Raſhleigh feſt. „So ſtirb denn, Verraͤther, in Deinen Suͤnden!“ rief Mac Gregor, und ſtieß dem gefallenen Gegner das Schwert in die Bruſt. 3 Im naͤchſten Augenblicke war er an der Thuͤre des Wa⸗ gens, hob Miß Vernon heraus, reichte ihrem Vater und mir beim Ausſteigen die Hand, und ries dann den Schrei⸗ ber heraus, den er unter die Raͤder warf. „Herr Osbaldiſtone,“ ſagte er leiſe zu mir,„Ihr habt nichts zu fuͤrchten,— ich muß fuͤr die ſorgen, die in Ge⸗ fahr ſind,— Eure Freunde ſollen bald in Sicherheit ſeyn, — lebet wohl, und vergeßt Mac Gregor nicht! Er pfiff,— ſeine Geſellen ſammelten ſich um ihn, nahmen Dlana und ihren Vater mit ſich fort, und verlo⸗ ren ſich ſogleich im Walde. Der Kutſcher hatte ſeine Pferde im Stich gelaſſen und war bei den erſten Schuͤſſen entflohen, die Pferde aber blieben durch den Verhack auf⸗ gehalten voͤllig ruhig ſtehen, zum Gluͤck Jobſons, der bei der geringſten Bewegung geraͤdert worden waͤre. Mein erſtes war nun, ihn aufzuheben, denn der Schurke war von Schrecken ſo betaͤubt, daß er nicht im Stande war, ſich ſelbſt zu helfen. Sodann forderte ich ihn auf, zu bemer⸗ ken, daß ich an der Befreiung keinen Theil genommen, noch ſelber zu entfliehen verſucht haͤtte, und wies ihn an⸗ in das Schloß zuruͤck zu kehren, und einige von ſeinen dortgelaſſenen Leuten zu rufen, um den Verwundeten bei⸗ zuſtehen. Jobſon war aber vor Schrecken ſo ganz außer ſich, daß er voͤllig außer Stands war, ſich von der Stelle zu bewegen. Ich entſchloß mich, nun ſelbſt zu gehen, ſtol⸗ — 107 perte aber auf meinem Wege uͤber einen Menſchen, den ich fuͤr todt oder ſchwer verwundet hielt, es war aber An⸗ dreas Gutdienſt, ſo geſund und ganz, als je in ſeinem Le⸗ ben, und er hatte dieſe Lage nur darum angenommen, um den Saͤbelhieben und Schuͤſſen auszuweichen, die einen Au⸗ genblick nach allen Richtungen geflogen waren. Ich war ſo erfreut, ihn zu finden, daß ich nicht erſt fragte, wie er hieher kam, ſondern ihm ſogleich befahl, mir Beiſtand zu leiſten. Raſyleigh bedurfte zuerſt unſerer Huͤlfe. Er ſtoͤhnte, als ich mich ihm naͤherte, eben ſo wohl aus Trotz, als aus Schmerz, und ſchloß ſeine Augen, als ſey er entſchloſſen, nie mehr u reden. Wir hoben ihn in den Wagen nebhſt einem andern Verwundeten, der auf dem Kampfplatz lag. Mit Muͤhe machte ich Jobſon begreiflich, daß er ſich gleich⸗ falls in den Wagen ſetzen muͤſſe, um Raſhleigh zu unter⸗ ſtuͤtzen. Er gehorchte, aber mit einer Miene, als haͤtte er mich nur halb begriffen. Andreas und ich wandten den Wagen um, oͤffaeten das Thor der Allee, und fuhren langſam in das Schloß zuruͤck. Einige Flüchtlinge waren bereits auf Umwegen dahin gekommen, und hatten die Be⸗ ſatzung durch die Botſchaft erſchreckt, Sir Raſhleigh, Schreiber Jobſon und das ganze Geleite, ſie, die Erzaͤh⸗ ler allein ausgenommen, ſeyen am Ausgang der Allee von einem ganzen Regiment wilder Hochlaͤnder zuſammenge⸗ hauen worden. Im Schloſſe war ein Geſumſe, wie von einem Bienenſchwarm. Jaodfen, der indeſſen einigermaven wieder zur Beſinnung gekommen war, gab ſich jetzt mit lauter Stimme zu erkennen. Er war um ſo ungeduldiger aus der Kutſche erloͤſt zu werden, da einer ſeiner Beglei⸗ Schuld.— Mein eigenes Erbe iſt das Eure geworden,— 108 8 4 ter zu feinem unausſprechlichen Schrecken unter entſetzli⸗ chem Geſtoͤhne an ſeiner Seite verſchieden war. Raſhleigh lebt noch, war aber ſo ſchrecklich verwun⸗ der, daß der Boden der Kutſche mit ſeinem Blute angefuͤllt war, und lange Spuren den Weg bis in die Steinhalle bezeichneten, wo man ihn in einen Stuhl ſetzte, und eini⸗ ge das Blut zu ſtillen ſuchten, andere nach einem Wund⸗ arzt riefen, und niemand Willens ſchien, einen zu holen. „Quaͤlt mich nicht,“ ſagte der Verwundete;„fuͤr mich iſt keine Huͤlfe, ich ſterbe.“ Er richtete ſich auf in dem Leynſtuhle, obgleich ſchon Todtenblaͤſſe ſeine Stirne bedeckte, und ſprach mit einer Feſtigkeit, die uͤber ſeine Kraͤfte zu gehen ſchien:„Vetter Franz, tretet naͤher.“* Seinem Verlangen gemaͤß trat ich zu ihm.„Ich wil Euch blos ſagen, daß auch die Todesqual meine Geſinnungen ge⸗ gen Euch nicht aͤnderte. Ich haſſe Euch!„ſagte er, und der Ausdruck der Wuth entzuͤndete noch einmal ein ſcheuß⸗ liches Feuer in den Augen, die bald fuͤr immer geſchloſſen ſeyn ſouten,—„ich haſſe Euch jetzt noch, da ich blutend vor Euch liege, ſo heftig, als ob mein Fuß auf Eurem Na⸗ cken ſtuͤnde. 2 „Ich habe Euch keine Urſache dazu gegeben, und um Euretwillen wuͤnſche ich, daß Ihr in einer ruhigern Stim⸗ mung ſeyn moͤchtet.“ „Ihr habit mir Urfache gegeben,“ erwiederte er,„in der Liebe, auf dem Pfade des Ehrgeizes und des Vor⸗ theils ſeyd Ihr mir in den Weg getreten, und habt mich gehindert. Ich war geboren, die Ehre meines Hauſes zu werden, und bin ſeine Schande geworden,— das iſt Eure —— — 109 nehmt es,— die Verwuͤnſchung eines Sterbenden moͤge daran haͤngen!“ Als er dieſen ſchrecklichen Wunſch herausgeſtoßen hatte, ſank er in den Lehnſtuhl zuruͤck, ſein Auge brach, ſeine Glieder erſtarrten, aber das Grinſen eines toͤdtlichen Haſ⸗ ſes blieb auch noch in den entſeelten Zuͤren. Ich will bei einem ſo widerlichen Gemaͤlde nicht laͤnger verweilen, und von Raſhleighs Tode nichts ſagen, als daß er mich im unbeſtrittenen Beſitze des Erbes ließ, und Jobſon ſelbſt geſtehen mußte, daß die laͤcherliche Anklage auf unterlaſ⸗ ſene Anzeige des Hochverraths nur Raſhleigh zu Liebe ge⸗ macht worden ſey, um mich aus dem Schloß zu entfernen. Der Name des Schurken wurde aus der Zahl der Advo⸗ katen geſtrichen, und er ſank in Armuth und Verachtung. Als ich meine Angelegenheiten zu Osbaldiſtone⸗Hall in Ordnung gebracht hatte, kehrte ich nach London zuruͤck, und fuͤhlte mich gluͤcklich, einem Orte zu entrinnen, der fuͤr mich ſo peinliche Erinnerungen in ſich ſchloß. Ich war aͤngſtlich bekuͤmmert um das Schickſal Dianas und ihres Vaters. Endlich bekam ich burch einen franzoͤſtſchen Kauf⸗ mann einen Brief von ihr, der mich uͤber ihre Sicherheit beruhigte. Darin war auch angedeutet, daß die Erſchei⸗ nung Mae Gregors mit ſeiner Schaar nicht zuſfällig gewe⸗ ſen ſey. Sowohl die ſchottiſchen, als die engliſchen Edel⸗ leute, die bei dem Aufſtand betheiligt waren, waren ſehr darauf bedacht, die Flucht Sir Frederick Vernons zu befoͤr⸗ dern, weil er, als ein alter, vertrauter Unterhaͤndler des Hauſes Stuart das halbe Schottland haͤtte ins Verderben ſtuͤrzen koͤnnen. Der rothe Robin, deſſen Verſchiagenheit und Muth ſie aus ſo vielen Proben kannten, Auftrag, ſelne Flucht zu unterſtuͤtzen, und Osbaldiſte 110 Hall wurde als der Ort der Zuſammenkunft beſtimmt. Beinahe waͤre der Plan durch die Thaͤtigkeit des unſeligen Raſhleigh vereitelt worden, aber er gelang vollſtaͤndig. Vernon und ſeine Tochter fanden in einiger Entfernung Pferde bereit, und bei Mac Gregors genauer Kenntniß des Landes, gelangten ſie glücklich an die weſtliche See⸗ kuͤſte, und ſch fften ſich nach Frankreich ein. Von demſel⸗ ben Kaufmann erfuhr ich auch, daß Sir Frederick in Folge der erduldeten Beſchwerden und Drangſale in ein Zehrfie⸗ ber verfahren ſey, und wohl ſchwerlich länger, als einige Monate leben koͤnne. Seine Tochter befand ſich in einem Kloſter, und ſollte daſeldſt nach ihres Vaters Wuͤnſche den Schleier nehmen. Als ich dieſe Nachrichten erhielt, geſtand ich meinem Pater offenherzig meine Neigung; er war zwar nicht we⸗ nig beſtuͤrzt daruͤber, daß ich eine Katholikin heirathen wollte, aber wuͤnſchte, wie er ſagte, meinen Lebensplan be⸗ ſtimmt zu ſehen, und fuͤhlte, daß ich durch die freiwillige Theilnahme an ſeinen Handelsgeſchaͤften ihm meine Abnei⸗ gung zum Opfer gebracht habe. Nach kurzem Bedenken, und nach einigen Fragen, deren Beantwortung zu ſeiner Zufriedenheit ausfielen, brach er in die Worte aus:„ich haͤtte mir nicht traͤumen laſſen, daß ein Sehn von mir Herr des Schloſſes Osbatdiſtone werden, und noch weit weniger, daß er ſeine Braut aus einem franzoͤſiſchen Klo⸗ ſter holen werde. Aber eine ſo gute Tochter muß auch eine wackere Frau werden. Du haſt mir zu Gefallen am Schreibtiſch gearbeitet, es iſt nicht mehr wie billig, daß ich dich nach delnem Gefallen heirathen laſſe.“ Wie ſchnell ich mit meiner Bewerbung war, brauch icht dir nicht zu ſagen, mein lieber Treſham. Du weißt, daß⸗ —— 111 ich lange und gluͤcklich mit Diana lebte,— du weißt wie ich ſte beweinte, aber Du weißt nicht,— du kannſt nicht wiſſen, wie ſehr ſie der Thraͤnen ihres Gatten werth war. Ich habe Dir keine romantiſche Abentheuer zu erzaͤh⸗ len, auch ſonſt weiter nichts mitzutheilen, da die ſpaͤtern Ereigniſſe meines Lebens dem Freunde ſo wohl bekannt ſind, der meine Freuden und meine Leiden ſo liebreich theilte. Ich beſuchte Schottland oft, aber nie ſah ich den kuͤhnen Hochlaͤnder wieder, der auf die fruͤhern Ereigniſſe meines Lebens einen ſolchen Einfluß gehabt hatte. Ich erfuhr indeß von Zeit zu Zeit, daß er ſich immer noch trotz aller Macht ſeiner Feinde in den Bergen um den Lomondſee behaupte, ja ſogar in ſeinem ſelbſtgewaͤhlten Amte als Beſchuͤtzer der Grafſchaft Lennor bis zu einem gewiſſen Grade geduldet werde, und ſein Schutzgeld ſo re⸗⸗ gelmaͤßis erhob, als ein Eigenthuͤmer ſeine Renten. Man haͤtte erwarten ſollen, daß ſein Leben ein gewaltſames Ende nehmen ſollte, aber er ſtarb in hohem Alter eines friedlichen Todes ungefaͤhr im Jahr 1736, und lebt noch im Andenken ſeiner Landsleute als der ſchottiſche Robin Hood, das Schrecken der Reichen, aber der Freund der Armen, der mehrere Eigenſchaften des Geiſtes und Her⸗ zeus beſaß, die einem minder zweideutigen Beruf zur Ehre gereicht haͤtten, als wozu ihn ſein Schickſal verdammte. Der alte Andreas Gutdienſt, den du als Gaͤrtner zu Osbaldiſtone⸗Hall gekannt haſt, pflegte zu ſagen:„es giebt viele Dinge, die zu ſchlecht ſind, um ſie zu loben, und zu gut, um ſie zu tadeln⸗ wie Robin der Rothe.“ ——— —— ſnſſnſfffſſfſſnſiſſnffſfſnſnnff 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1 ☛ n⸗7 m