Lare anaranhanenannnr rananränenrarhehrrSrurhrarrarcarhranbrn Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Irarararananananr auhnhnar auarnh Tägſüher eſepreir für ein deutſches Duch 1 Kr. „ franz. od. engl.„ 2„„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Wüicher: auf 6 Monat 1 fl. 30 Kr. 2 fl. 8 Kr. 1 fl. Se t Kr. 45 „ 18„ rarar L „„ Lara ara 12 acauhnanancraranrarr aanananunahnhnhnhnhnhelräh 2 e —— S. — Ker Rale — — Se Trn oe 4 A 7' Walter Scott's ſaͤmmtliche B enr ke. —— Neuuͤberſetzt. Hundert und dritter Band. Robin der Rothe. — Vierter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Fraunckh. 182 8. Robin der Rothe. Vom Verfaſſer des Waverley, Guy Mannering und des Alterthuͤmlers. ———————— Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Dr. E. W. Warum? Die gute, alte Regel Genügt für ſie, der ſchlichte Plan, Daß zugreift, wer die Macht beſitzt⸗ Und feſthält, wer da kann. — Vierter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1828. Robin der Rothe. ——õ— Erſtes Kapitel. Auf Felſen wohnt, zu trotz'ger That vereint, Ein hart Geſchlecht, der milden Eb'ne feind. Die Felſenwälle ſind ihr Schirm und Hort, Der armen Freiheit rauher Zufluchtsort, Der Reichthum, den des Thales Fleiß erſchafft, Wird leicht die Beute ihrer rohen Kraft. Gray. „Warum kommt Ihr ſo ſpaͤt?“ ſagte Herr Jarvie, als ich in das Speiſezimmer des wackern Mannes trat, nes iſt beinahe ſchon fuͤnf Minuten uͤber Ein Uhr. Mat⸗ tie iſt ſchon zweimal mit dem Eſſen an der Thuͤre gewe⸗ ſen, und zum Gluͤck fuͤr Euch iſt's ein Widderkopf, dem chadet’s nicht, wenn er etwas laͤnger im Topf iſt. Ein uͤberſottener Schaafskopf aber iſt ein reines Gift, wie mein wuͤrdiger Vater zu ſagen pflegte,— er aß die Ohren da⸗ von ſehr gerne, der wackere Mann.“ Ich entſchuldigte meinen Mangel an Puͤnktlichkeit ſo gut, wie moͤglich, und ſaß bald am Tiſche, wo Herr Jar⸗ vie ſehr munter den Vorſitz fuͤhrte, und meinen Freund Owen und mich zu ſeinen ſchottiſchen Leckerbiſſen mehr noͤ⸗ thigte, als unſern ſuͤdlichen Gaumen gerade behagen woll⸗ te. Bekannt mit den Sitten des geſelligen Lebens, wo⸗ durch man ſolchen gutgemeinten Verfolgungen zu entgehen W. Scott's Werke. CIII. 3 I uͤber die Schwierigkeit, Ladungen, die nicht in Eugland 6 im Stande iſt, kam ich noch ziemlich leidlich davon. Luſtig ge⸗ nug aber war es anzuſehen, wie Owen, deſſen Hoflichkeits⸗ anſichten ſtrenger und foͤrmlicher waren, jeder Noͤthigung nachgab, um dem Freunde der Firma ſeine Achtung zu be⸗ zeugen, und widerwillig aus Gefaͤlligkeit fort und fort aß, und alles vortrefflich nannte, in einem Tone, in der Wi⸗ derwille faſt die Hoͤflichkeir uͤberwog. Als das Tiſchtuch abgenommen war, bereitete Herr Jarvie mit eigenen Haͤnden eine ſehr kleine Bowle Brannt⸗ weinpunſch, den erſten, der mir zu Geſicht kam. „Die Limonen,“ verſicherte er uns,„ſeyen von ſeiner eigenen Pachtung druͤben(eine Wendung mit den Schultern deutete hier Weſtindien an),“ und er hatte die Art, ihn zu bereiten, von dem alten Kapitain Coffinkez gelernt, „der es,“ ſetzte er fluͤſternd hinzn,„wie die meiſten Leute glauben, unter den Flibuſtiern lernte. Aber es iſt ein vor⸗ teeffliches Traͤnkchen,“ ſagte er uns einſchenkend;„und es iſt oft von einem ſchlechten Markt eine gute Waare gekom⸗ men. Und was Kapitain Coffinkez anbelangt, ſo war er ein rechter Mann, als ich ihn kannte,— nur fluchte er ſchrecklich.— Aber er iſt todt, und gegangen, um Rech⸗ nung abzulegen, und ich hoffe, er iſt angenommen worden, — hoffe, er iſt angenommen worden.“ 8 Wir fanden den Trank ausnehmend wohlſchmeckend, und er fuͤhrte zu einer langen Unterredung uͤber die Union, welche den Handel mit den brittiſchen Colonien in Amerika und in Weſtindien fuͤr Glasgow geoͤffnet hatte, und uͤber die Leichtigkeit, mit welcher dieſe Stadt gangbare Waaren fuͤr jenen Markt abſenden koͤnne. Einige Einwuͤrfe Owens 7 gekauft ſeyen, nach Amerika abzuſenden, beantwortete Jar⸗ vie mit Heftigkeit und gelaͤuſiger Zunge. 3„Nein, nein, Herr, wir ſtehen auf unſern eigenen Fuͤſ⸗ ſen, und greifen in unſere eigene Taſche. Wir haben auch unſere Wollenwaaren, und unſere Linnen ſind beſſer und wohlfeiler, als Ihr ſie in London ſelbſt habt,— und wir koͤnnen unſere Waaren aus dem Norden Englands ſo wohl⸗ feil bekommen, als Ihr zu Liverpool,— auch machen wir ſchoͤne Kattune und Mouſſeline.— Nein, nein! laßt jeden Haͤring an ſeinem Kopf hangen, und jedes Schaaf an ſei⸗ nem Bein, Ihr werdet finden, wir Glasgower ſind nicht ſo gar weit zuruͤck.— Dieß iſt aber eine ſchlechte Unterhal⸗ tung fuͤr Euch“ ſagte er zu mir gewendet, als er bemerkt hatte, daß ich ſeit einiger Zeit ſchwieg;„aber Ihr wißt, die Kaͤrrner ſprechen gern von dem, was ſie geladen haben.“ Ich entſchuldigte mich, und fuͤhrte als Urſachen mek⸗ ner Zerſtreuung das Peinliche meiner jetzigen Lage und die beſondern Vorfaͤlle dieſes Morgens an. So erreichte ich, was ich wollte,— eine Gelegenheit, meine Geſchichte ge⸗ nau und ohne Unterbrechung zu erzaͤhlen. Blos meiner unbedeutenden Wunde erwaͤhnte ich nicht. Herr Jarvie hoͤrte mir mit großer Aufmerkſamkeit, und, wie es ſchlen, auch mit Theilnahme zu, blinzelte mit ſeinen kleinen grauen Augen, nahm Taback, und unterbrach mich nur durch kurze Ausrufungen. Als ich zu dem Bericht von dem Zweikampfe kam, welchen Owen, das wahre Bild ſchmerzlichen Erſtau⸗ nens mit gefalteten Haͤnden und gen Himmel gerichteten Augen anhoͤrte, unterbrach mich Herr Jarvie:„da habt Ihr Unrecht,— offenbar Unrecht,— den Degen zu ziehen desen ſeinen Verwandten, das iſt durch goͤttliche und menſch⸗ 1˙ 8 liche Geſetze verboten,— und den Degen zu ziehen in den Straßen eines koͤntglichen Fleckens, darauf ſind Geld⸗ und Gefaͤngnißſtrafen geſetzt,— der Schulgarten hat auch kein Borrecht, der ſollte ein Ort des Friedens und der Ruhe ſeyn, meine ich. Das Collegium bekommt nicht gute 600 Pfund des Jahrs aus des Biſchofs Renten,(verdammt ſey die Biſchofsbrut mit ihren Renten!) auch nicht den Pacht voon dem Erzbisthum Glasgow, daß man die Leute ſich die Haͤlſe brechen laſſen ſoll in dem Garten, oder die wilden Schuͤ⸗ ler Schneeballen da werfen, wie ſie immer thun, daß ich und Mattie, wenn wir dort ſpazleren gehen, uns nur zu bie⸗ gen und zu buͤcken haben, um uns nicht das Hirn einwer⸗ fen zu laſſen,— darauf ſollte man ſehen.— Aber erzaͤhlt weiter,— was kam dann?“ Als ich die Erſcheinung Campbells erwähnte, ſtand Jar⸗ vie höchſt erſtaunt auf, und ſchritt im Zimmer auf und ab mit dem Ausrufe:„Robin wiederum? Robert iſt toll,— rein toll, und noch ſchlimmer,— Rob wird gehaͤngt wer⸗ den und ſeine ganze Verwandtſchaft ins Ungluͤck bringen, das wird man ſehen. Mein Vater, der Zunftmeiſter, machte ihm die erſten Hoſen,— unſer Zunftmeiſter Three⸗ plin, der Seiler, wird ihm das letzte Halstuch drehen. Za, ja, der arme Robin iſt auf einem guten Wege, ge⸗ haͤngt zu werden. Aber weiter, weiter!“ Ich erzaͤhlte die ganze Geſchichte ſo genau ich konnte, ſabher Herr Jarvie fand immer noch, daß etwas zur voͤlligen Klarheit fehle, bis ich, obgleich widerſtrebend, auf die ganze Geſchichte von Morris und mein Zuſammentreffen mit Campbell bei dem Friedensrichter Inglewood zuruͤckkam. Herr Jarvie hoͤrte alles ganz ernſthaft an, und ſchwieg auch noch einige Zeit, als ich meine Erzaͤhlung geendet hatte. 9 „Ueber alle dieſe Gegenſtaͤnde, Herr Jarvie, will ich nun um Euern Rath bitten, denn ſicherlich werdet Ihr mir am beſten ſagen koͤnnen, was ich zum Vortheil mei⸗ ues Vaters und fuͤr meine Ehre thun kann.“ „Ihr habt ganz Recht, junger Mann, ganz Recht,“ ſagte Jarvie.„Ja, man muß die, die alter und verſtaͤn⸗ diger ſind, um Rath fragen, und nicht ſeyn, wie der gott⸗ loſe Rehabeam, der junge, unbaͤrtige Burſche zu Rathe zog, und die alten Raͤthe vernachlaͤßigte, die zu den Fuͤſ⸗ ſen ſeines Vaters Salomo geſeſſen waren. Aber ich mag nichts hoͤren von der Ehre,— wir wiſſen hier nur etwas vom Credit. Die Ehre iſt ein Tobtſchlaͤger und Blutver⸗ gießer, geht auf den Straßen umher, und faͤngt Zank an, der Credit aber iſt ein anſtaͤndiger, ehrlicher Mann, der zu Hauſe ſitzt und fleißig rechnet.“ „Gewiß, Herr Jarvie,“ ſagte unſer Freund Owen; „Credit iſt die Hauptſumme, und wenn wir nun die ret⸗ ten, auf jede Gefahr.“ „Ihr habt Recht, Herr Owen,— Ihr habt Recht. Ihr ſprecht wohl und weislich;— nun ich hoffe, die Sache wird ſchon auch wieder gerade gehen, wenn ſie gleich jetzt ein wenig ſchief ſteht. Aber, um wieder auf Robin zu kommen, ich glaube, er wird dem jungen Mann gefaͤllig ſeyn, wenn es in ſeiner Macht iſt. Er hat ein gutes Herz, der arme Robin, und wenn ich gleich bei ſeinen fruͤhern Geſchaͤften zweihundert Pfund verlor, und nicht viel Hoff⸗ nung habe, wieder etwas von meinen tauſend Pfund Schot⸗ tiſch zu ſehen, die er mir jetzt verſpricht, ſo will ich doch nie ſagen, daß Robin es boͤſe mit allen Menſchen meine.“ „Ich habe ihn demnach als einen rechtlichen Mann zu betrachten?“ fragte ich. . 10 „Hum!“ erwiederte Jarvie mit einem zoͤgernden Hu⸗ ſten,—„ja, er hat eine Art von hochlaͤndiſcher Ehrlich⸗ keit,— er iſt ehrlich in ſeiner Art, wie man ſagt.“ „Glaubt Ihr alſo,“ ſagte ich,„daß dieſer Mann mir ſo in ſeiner Art Dienſte leiſten wird, und ſoll ich mich an den beſtimmten Platz wagen, den er benannt hat?“ „Offen und frei zu ſprechen, das iſt des Verſuchs werth. Ihr ſeht ſelbſt, es iſt einige Gefahr dabei, wenn Ihr hier bleibt. Der Kerl, der Morris hat nun eine Zoll⸗ einnehmerſtelle erhalten bei Greenock, das iſt ein Hafen an dem Firth drunten, und obgleich die ganze Welt weiß, daß er nur ein zweibeiniges Thier iſt, mit einem Gaͤnſe⸗ kopf und einem Haſenherz, der auf dem Kay auf und ab geht, und die Leute plagt mit Zollſcheinen, Erlaubnißſchei⸗ neu und all' dem aͤrgerlichen Zeuge, doch wenn er eine Klage einbringt, ſo muß die Obrigkeit freilich darauf ein⸗ gehen, und Ihr koͤnntet zwiſchen vier Mauern geſetzt wer⸗ den, was fuͤr Eures Vaters Angelegenheiten ſchlecht aus⸗ 71 „Richtig,“ bemerkte ich;„aber was fuͤr einen Dienſt kann ich ihm leiſten, wenn ich Glasgow verlaſſe, welches wahrſcheinlich der Hauptſchauplatz von Raſhleighs Raͤnken iſt, und wenn ich mich der zweifelhaften Treue eines Man⸗ nes anvertraue, von dem ich wenig weiß, als daß er die Gerechtigkeit fuͤrchtet, wozu er ohne Zweifel gute Gruͤnde hat, und daß er zu einem geheimen und wahrſcheinlich gefaͤhrlichen Zwecke in enger Verbindung ſteht mit demſel⸗ ben Menſchen, der der Urheber unſeres Ungluͤcks iſt.“ „Ach! Ihr beurtheilt den armen Rob hart,“ ſagte der Rathmann;„wahrhaſtig zu hart, es iſt aber nur, weil Ihr die Hochlaͤnder nicht kennt. Das iſt ein ganz anderer II Schlag Menſchen, als wir; unter ihnen giebt es keine Gerichtshoͤfe, keine Obrigkeiten, die den Degen nicht um⸗ ſonſt an der Seite tragen, wie der wuͤrdige Zunftmeiſter, mein Vater, und ich darf ſagen, wie ich ſelbſt, und an⸗ dere Rathmaͤnner in dieſer Stadt.— Aber dort gilt nur des Lairds Befehl, dem muͤſſen die Kerle folgen, und die haben nie ein anderes Geſetz, als die Laͤnge ihrer Dolche, — das Schwert iſt der Klaͤger, der Schild der Beklagte, und der ſtaͤrkſte haͤlt am laͤngſten aus, das iſt ein hochlaͤn⸗ diſcher Prozeß.“ Oweun ſeufzte tief, und ich geſtehe, die Beſchreibung erhoͤhte nicht ſonderlich mein Verlangen, mich in ein ſo geſetzloſes Land zu wagen. „Wir ſprechen wenig von ſolchen Dingen,“ fuhr Jar⸗ vie fort;„weil ſie uns zu bekannt ſind, und was hilft es, ſein eigenes Land herabzuſetzen, und ſeine eigene Ver⸗ wandtſchaft in Mißkredit zu bringen vor Englaͤndern und Fremden?— Das iſt ein ſchlechter Vogel, der ſein eige⸗ nes Neſt beſchmutzt.“ „Gut, Herr Jarvie, aber da es keine unartige Neu⸗ gier von mir iſt, ſondern die Noth es erfordert, dieſe Frage zu machen, ſo hoffe ich, Ihr werdet es mir niat verargen, wenn ich Euch noch um eine etwas umſtaͤndle⸗ chere Erklaͤrung bitte. Ich habe fuͤr meinen Vater mit mehreren Edelleuten dieſer wilden Gegenden Geſchaͤfte ab⸗ zumachen, und muß von Eurer Einſicht und Erfahrung die noͤthige Aufklaͤrung uͤber dieſen Gegenſtand erwarten.“ Dieſe kleine Schmeichelei blieb nicht ohne Wirkung. „Erfahrung!“ ſagte der Rathmann; die habe ich al⸗ lerdings, und ich habe auch einige Berechnungen gemacht, — ja, und da vir ſo unter uns ſind, ich habe auch einige Nachforſchungen anſtellen laſſen, durch Andreas Wylie, mei⸗ nen alten Schreiber; er iſt jetzt bei Mac Vittie und Comp., aber er trinkt ſo manchmal ein Glaͤschen am Sonnabend Nachmittag mit ſeinem alten Herrn. Und da Ihr guten Rath annehmen wollt von dem Glasgower Weber, und ich nicht der Mann bin, ſolchen dem Sohne meines alten Cor⸗ reſpondenten zu verweigern, wie es auch mein Vater, der unftmeiſter, nicht that. Und ich habe auch ſchon darau gedacht, mein Licht leuchten zu laſſen vor dem Herzog von Argyle oder ſeinem Bruder, Lord Ilay,(denn warum ſollte ich es unter den Scheffel ſtellen?) aber ſolche große Ker⸗ ren kuͤmmern ſich nicht um meinesgleichen, um einen armen Weber, die denken mehr daran, wer etwas ſaat, als was man ſagt. Um ſo mehr iſts Schade,— um ſo mehr Schade.— Nicht, daß ich etwas boͤſes ſprechen wollte von Mac Callumore,— fluche nicht dem Reichen in deiner Kammer, ſagt der Sohn Strach, denn die Voͤgel des Him⸗ mels ſagen es nach.“ Ich unterbrach dieſe, etwas breit werdende Vorrede, indem ich ihn bat, ſich auf meine und Herrn Owens Ver⸗ ſchwiegenheit ſicher zu verlaſſen. „Es iſt nicht darum,“ erwiederte er;„denn ich fuͤrchte niemand,— was ſollte ich auch? Ich ſpreche nichts, das Hochverrath wäre. Aber die Hochlaͤnder haben lange Arme, und wenn ich ein wenig in die Thaͤler hinauf will, um einige alte Verwandte zu ſehen, ſo moͤchte ich nicht gerne mit einem ihrer Clans in ſchlechtem Vernehmen ſtehen. Doch weiter!— Ibhr muͤßt wiſſen, daß ich nur fo meine Bemerkungen uͤber Zahlen gemacht habe, denn das ſind, wie Herr Owen weiß, die einzigen menſchlichen Kenntniſſe, die ſich beweiſen laſſen.“ 3 13 Bereitwillig gab Owen ſeine Beiſtimmung zu diefer ihm ſo zuſagenden Behauptung, und unſer Redner fuhr fort. „Dieſe Hochlande ſind an und fuͤr ſich eine wilde wuͤſte Gegend, voll Huͤgel und Berge, Waͤlder, Hoͤhlen, Seen und Fluͤſſen,— der Teufel ſelbſt moͤchte muͤde wer⸗ den, ehe er auf die Spitzen der Berge kaͤme. In dieſem Lande nun, und auf den Inſeln, die wenig beſſer, oder, die Wahrheit zu ſagen, noch ſchlechter ſind, gibt es unge⸗ faͤhr zweihundert und dreißig Kirchſpiele, die Orkneyinſeln mit eingeſchloſſen; ob ſie alle gaͤliſch ſprechen, oder nicht, das weiß ich nicht, aber ſie ſind ein wildes Volk.— Rechne ich nun nur jedes Kirchſpiel in maͤßigem Auſchlage zu acht⸗ hundert Menſchen, Weiber und Kinder unter neun Jah⸗ ren abgerechnet, ſo kommt eine Bevoͤlkerung von 124 oco Menſchen heraus, und da in dieſen Hochlaͤndern alle Maͤn⸗ ner von achtzehn bis ſechs und fuͤnfzig Jahren die Waffen fuͤhren koͤnnen, ſo moͤgen wohl zwiſchen fuͤnfzig und ſechzig⸗ tauſend Mann herauskommen. Nun iſt es eine traurige Wahrheit, daß Ackerbau, Viehzucht, Fiſcherei und andere ehrliche Beſchaͤftigungen nicht der Haͤlfte davon Arbeit ge⸗ ben, wenn dieſe auch noch ſo laͤßig arbeiten wollen, und ſie arbeiten auch, als brennte ihnen der Pflug oder der Spaten in den Haͤnden. Dieſe Haͤlfte muͤßiger Leute nun, die die Waffen tragen koͤnnen,— die ſehen nicht nach ehr⸗ lichen Mitteln zum Lebensunterhalt, auch wenn ſie ſolche haͤtten, aber— leider haben ſie ſolche nicht.“ „Iſt es moͤglich, Herr Jarvie,“ ſagte ich, daß dieß ein treues Gemaͤlde eines ſo großen Theils der brittiſchen Inſel ſeyn ſollte.“ Herr, das will ich Euch ſo klar machen, als das Ein⸗ 14 mal Eins.— Ich will annehmen, daß jedes Kirchſpiel im Durchſchnitt fuͤnfzig Pfluͤge beſchaͤftigt, und dos iſt viel angenommen in einem ſo elenden Boden, als dieſe Leute zu bearbeiten haben, und daß es Walde genug gibt fuͤr ihre Pflugpferde und Ochſen, und fuͤr vierzig bis fuͤnfzig Kuͤhe; wir wollen nun annehmen, Pflug und Waide beſchaͤftigten fuͤnf und ſiebenzig Familien zu ſechs Seelen gerechnet, und wir wollen noch kuͤnfzig hinzu thun, um die Zahl voll zu machen, dann habt Ihr fuͤnfhundert Seelen, oder ungefaͤhr die halbe Bevoͤlkerung, ordentlich beſchaͤftigt und unterhal⸗ ten mit ſaurer Milch und Haberbrei?— Aber ich moͤchte, nun wiſſen, was die andern fuͤnfhundert thun ſollen?“ „Um Gottes Willen!“ ſagte ich;„Herr Jarvie, was thun denn die? mich ſchaudert, wenn ich an ihre Lage denke.“ „Ja,“ erwiederte dieſer,„Ihr wuͤrdet noch mehr ſchaudern, wenn Ihr unter ihnen lebtet. Nehmt auch an, daß ein Theil davon ſich etwas weniges ehrlich erwirbt durch Mähen in der Erndte, durch Viehtreiben und der⸗ gleichen im niedern Lande; da ſind dann aber noch viele Hunderte und Tauſende langbeiniger Hochlaͤnder, die we⸗ der arbeiten, noch etwas beduͤrfen, die bey ihren Bekann⸗ ten herumziehen und ſchmarozen, oder davon leben, daß ſſe thun, was der Laird befiehlt, ſey es nun Recht oder Unrecht. Viele Hundert kommen herab an die Graͤnze des untern Landes, wo ſie rauben und ſtehlen, Vieh weg⸗ treiben und dergleichen! Das iſt zu bejammern in einem Chriſtenlande! und noch mehr, daß ſie darauf ſtolz ſind, und eine Heerde wegzutreiben fuͤr eine tapfere, maͤnnliche That halten, die ſich fuͤr brave Leute, wie ſie ſich ſelbſt nengen, beſſer ſchicke, als ſich einen Taglohn zu verdienen 15 durch ehrliche Arbeit. Und die Lalrds ſind ſo ſchlimm, als die gemeinen Burſche; ſie befehlen ihnen zwar nicht, zu ſtehlen, verbleten's ihnen aber auch nicht, und ſchuͤtzen ſie, oder laſſen ſie ſich ſelbſt vertheidigen in ihren Waͤldern und. Bergen und feſten Burgen, wenn die Sache geſchehen iſt. So ein Laird haͤlt ſo viele Leute ſeines Namens oder ſei⸗ nes Claus, wie wir ſagen, als er bekommen und unterbal⸗ ten kann, oder, was das naͤmliche iſt, ſo viele, als auf irgend eine Weiſe, ſey es nun gut oder boͤs, ſich ſelbſt verhalten koͤnnen,— da ſtreifen ſie denn umher mit Flin⸗ ten und Piſtolen, Dolchen und Schwertern, und ſtoͤren den Frieden des Landes, wenn es dem Laird gefaͤllt; das iſt nun die Klage uͤber die Hochlaͤnder ſeit tauſend Jah⸗ ren, es ſey ein Schwarm unchriſtlicher, geſetzloſer Burſche, die ſtets die Ruhe einer friedlichen, gottesfuͤrchtigen Nach⸗ barſchaft ſtoͤrten, wie die unſere hier iſt im Weſten.“ „Und dieſer Euer Vetter und mein Freund iſt eiger von den großen Eigenthuͤmern, welche ein Kriegsgefolge unterhalten, wovon Ihr ſprecht?“ „Nein, nein,“ ſagte Jarvie;„er iſt keiner von den Haͤuptlingen, wie man ſie neunt, obwohl er von guter Herkunſt iſt. Ich kenne ſein Geſchlecht, ja, er iſt ein naher Vetter von mir, und, wie ich ſagte, gutes, edles, hochlaͤndiſches Blut, obwohl Ihr leicht denken koͤnnt, daß ich mich um ſolchen Unſinn nicht kuͤmmere,— das iſt ekn Mondſchein im Waſſer,— Trumm und grob Garn, wie wir ſagen,— aber ich koͤnnte Euch Briefe zeigen von ſei⸗ nem Vater an den meinen, den Zunftmeiſter Jarvie, Friede ſey mit ſeinem Andenken!“ „Wenn er aber nicht einer ihrer Haͤuptlinge iſt,“ fieng ich wieder an;„von denen ich meinen Vater oft ſprechen 16 hoͤrte, ſo hat er doch wenigſtens, wie es ſcheint, in den Hoch⸗ landen viel zu ſagen.“ „Das mag wohl ſeyn,— kein Name iſt beſſer bekannt zwiſchen Lennox und Breadalbane. Robin war einſt ein tuͤchtiger, thaͤtiger Viehhaͤndler, wie Ihr Tauſende unter ihnen ſehen koͤnnt.— Es war eine Freude, ihn zu ſehen in ſeinem Plaid und mit ſeinen Riemenſchuhen, den Schild auf dem Ruͤcken, Schwert und Dolch im Guͤrtel, hinter einem Hundert Ochſen drein, und ein Dutzend Burſche dabei, ſo wild und rauh, wie die Thiere, die ſie trieben. Er war hoͤflich und billig im Handel, und wenn er glaubte, ſein Kundmann haͤtte einen ſchweren Handel gemacht, ſo gab er ihm gern ein Stuͤck Geld zum Erſatz heraus. Ich weiß, daß er fuͤnf Schilling von dem Pfund Sterling zu⸗ ruͤckzegeben hat.“ „Fuͤnf und zwanzig Procent,“ ſagte Owen,„ein ſchwe⸗ res Dis conto.“ 3 „Er gab es doch, wie ich Euch ſage, beſonders wenn er glaubte, der Kaͤufer ſey ein armer Mann, und koͤnne ſo einen Verluſt nicht tragen. Aber die Zeiten wurden ſchwer, und Rob wagte zu viel. Es war nicht mein Feh⸗ ler,— es war nicht mein Fehler, das kann er mir nicht vorwerfen. Ich habe es immer geſagt;— nun die Glaͤu⸗ biger, beſonders einige maͤchtige Nachbarn von ihm, die griffen nach ſeinem Vermoͤgen und ſeinen Guͤtern; und man ſagt, ſie haͤtten ſein Weib aus dem Hauſe geworfen, und noch dazu mißhandelt. Abſcheulich! abſcheulich! ich bin ein friedlicher Mann und eine obrigkeitliche Perſon, aber haͤtte jemand meiner Magd, der Mattie, ſo mitge⸗ ſpielt, wie ſie es Robs Weib gethan haben ſollen, ich glaube, ich haͤtte das Schwert noch einmal genom men, bas mein 17 mein Vater, der Zunftmeiſter in der Schlacht an der Bothwellbruͤcke trug. Nun Rob kam heim, und fand, gnaͤ⸗ diger Gott! die Verwuͤſtung, wo er Ueberfluß verlaſſen hatte; da blickte er nach allen vier Winden, und ſah we⸗ der Halt, noch Hoffnung,— nirgend Schutz, noch Zuflucht; da druͤckte er die Muͤze in die Stirne, guͤrtete das Schwert um, gieng ins Gebirge, und ward ein verlorener Mann.“ Die Stimme des ehrlichen Mannes brach bei dieſen widerſtreitenden Gefuͤhlen. Waͤhrend er ſeine Verachtung des Stammbaums ſeines hochlaͤndiſchen Vetters ausdruͤck⸗ te, war es doch offenbar, daß er ſich im geheimen auf ſei⸗ nen Vetter etwas einbildete, und er ſprach von der gluͤck⸗ lichern Zeit ſeines Freundes mit einer uͤberſtroͤmenden Zu⸗ neigung, welche ſein Mitleid mit deſſen Ungluͤck, und ſein Bedauern uͤber die Folgen deſſelben nur um ſo inniger machte. „So zur Verzweiflung gebracht,“ ſagte ich, da Jarvie nicht weirer erzaͤhlte,„wurde wohl Euer Vetter einer der Raͤuber, die Ihr uns beſchrieben habt?“ „So ganz ſchlimm iſt es nicht,“ erwiederte er,„aber er erhob ſchwarz Geld, mehr als je einer vor ihm, und trieb ſein Weſen in Lennox und Menleith, und bis hinauf zum Schloſſe Stirling.“ „Schwarz Geld?— Dieß verſtehe ich nicht.“ „Nun ſeht, Rob ſammelte bald einen Haufen Blau⸗ maͤzen um ſich, denn er fuͤhrr einen alten und furchtbaren Namen, der ſich lange gehalten hat gegen König und Par⸗ lament,— und gegen die Kirche, ſo viel ich weiß,— einen alten und ehrenwerthen Namen, ſo ſehr man ihn herun⸗ tergebracht und unterdruͤckt hat. Meine Mutter war eine Ma⸗ Gregor, das mag wiſſen, wer es will,— nun ſo hatte Rob W. Scom's Werke. CIII. 23 bald einen tuͤchtigen Haufen, und da es ihn bekuͤmmerte, wie er ſagte, daß an der ſuͤdlichen Graͤnze des Hochlands ſo viel Raub und Verwuͤſtung vorgieng, ſo machte ſich Rob anheiſchig, den Eigenthuͤmer oder Paͤchter, der ihm von hundert Pfund Einkommen vier Pfund zahlte, was gewiß eine maͤßige Rechnung iſt, vor Schaden zu bewahren,— wenn ſie zu ihm ſchickten, und auch nur eine Klaue durch Raub verloren hatten, ſo ſchaffte es ihnen Rob wieder, 1 oder zahlte den Werth und er hielt ſein Wort,— ich kann nicht laͤugnen, er hielt ſein Wort, das geſteht ihm jeder⸗ mann zu.“ „Das iſt eine ſeltſame Aſſekuranz,“ ſagte Owen. „Ganz gegen unſere Geſeze, das iſt freilich wahr,“ ſagte Jarvie;„Schwarzgeld zu erheben und zu zahlen, iſt beides verboten, aber wenn das Geſez meine Scheune und meinen Stall nicht beſchuͤzt, ſoll ich mich nicht mit einem Hochlaͤn⸗ der einlaſſen, der es thun kann?— antwortet mir dar⸗ auf!“ „Aber, Herr Jarvie,“ fieng ich an;„iſt dieſer Ver⸗ trag mit dem Schwarzgeld, wie Ihr's nennt, voͤllig freiwil⸗ lig auf der Seite des Eigenthuͤmers oder Paͤchters, der die Schuzverſicherung zahlt? oder was geſchieht, wenn er die Zahlung verweigert?“ „Aha!“ ſagte der Rathmann lachend, und legte den Finger an die Naſe.„Ihr denkt, da habt Ihr mich. Nun, ich will jedem Freunde treulich rathen, ſich mit Rob zu vertragen, denn ſie moͤgen wachen, wie ſie wollen, ſie moͤ⸗ gen thun, was ſie wollen, ſie werden eben beraubt, wenn die langen Naͤchte kommen. Einige Landedelleute von Gra⸗ hame und Cohoon wollten's nicht thun; was war's nun? — ſie verloren all ihr Vieh im erſten Winter; da haltens — B 9˙— 19 denn die meiſten Leute fuͤrs beſte, ſich mit Rob zu vertra⸗ gen. Er laͤßt mit ſich handeln, wenn man's ehrlich meint, aber wenn man ihn aufbringt, da koͤnnte man eben ſo gut mit dem Teufel aubinden.“ „Und dadurch,“ fuhr ich fort,„iſt er nun den Geſezen des Landes verfallen?“ „Verfallen?— ja, es mag ſeyn, und ſein Hals wuͤrde erfahren, wie ſchwer er iſt, wenn ſie Rob ſiengen. Aber er hat gute Freunde unter den großen Herren, und ich koͤnnte Euch eine große Familie nennen, die ihn ſchüzt, ſo viel ſie immer mit Ehren thun kann, damit er der Dorn ſei, der andere ſticht; und dann iſt er ein ſo pfiffiger, durch⸗ telebener Burſche, er hat ſchon ſo manchen Streich ausge⸗ fuͤhrt, daß man ein ganzes Buch von ihm ſchreiben koͤnnte, wie von Robin Hood oder William Wallace,— voll kuͤh⸗ ner Thaten und wunderſamer Rettungen, wie man ſie ſich beim Feuer an Winterabenden gern erzaͤhlt. Es iſt ein naͤrriſch Ding von mir, Ihr Herrn, ich bin ſelbſt ein fried⸗ licher Mann, und eines friedlichen Mannes Sohn, denn mein Vater, der Zunftmeiſter zankte mit niemand, als mit den andern Rathsherren,— es iſt ein naͤrriſch Ding, ſage ich, aber ich glaube, das hochlaͤndiſche Blut regt ſich in mir bei ſolchen Erzaͤhlungen, und manchmal hoͤre ich ſie lieber, als ſonſt ein heilſames Wort,— Gott verzeihe mir's! — aber das ſind Eitelkeiten, fündhafte Eitelkeiten,— und noch mehr,— gegen Geſez und Evangelium.“ Ich ſuchte nun ferner zu erfahren, welchen Einfluß moͤg⸗ licher Weiſe dieſer Robert Campbell auf meine und meines Vaters Angelegenheiten haben koͤnnte.“ „Ihr muͤßt wiſſen,“ ſagte Jarvie in leiſerem Tone,— nich ſpreche im Vertrauen, und zu Freunden.— Ihr muͤßt . wiſſen, daß die Hochlande ruhig geblieben ſind ſeit dem Jahre 1689, wo ſie bei Killicrankie geſchlagen wurden. Aber, wie meint Ihr, daß ſie in Ruhe erhalten worden ſeien?— Durch Geld, Herr Owen,— durch Geld, Herr Osbaldiſtone. Koͤnig Wilhelm ließ gute zwanzigtauſend Pfund Sterling unter ſie austheilen, und die verſtorbene Koͤnigin Anna gab den Haͤuptlingen Jahrgelder, womit ſie denn ihre Geſellen unterhielten, die nicht arbeiten, wie ich vorhin ſagte; ſie blieben auch ſo ziemlich ruhig, bis auf einige Raͤubereien jm untern Lande, wie es ihre Gewohnheit iſt, und manch⸗ mal brachen ſie ſich unter einander die Haͤlſe.— Nun aber iſt eine andere Zeit angegangen mit Koͤnig Georg(Gott ſesne ihn!)— und jezt iſt es mit den Geldzahlungen aus, da haben ſie nun keine Mittel mehr die Clans zu verhal⸗ ten, die bei ihnen zehren, wie ich Euch fruͤher ſagte, mit ihrem Credit im untern Lande iſts vorbei, und ein Mann, der mir einem Pfiff tauſend bis fuͤnfzehnhundert Burſche auf die Beine bringt, bekommt keine fuͤnfzig Pfund auf ſeine Bande geborgt in Glasgow.— Das kann nicht lang ſo bleiben,— es gibt einen Aufſtand fuͤr die Stuarts,— es gibt einen Aufſtand,— da kommen ſie herunter ins un⸗ tere Land, wie eine Suͤndfluth, wie vor ſechzig Jahren un⸗ ter Montroſe, und davon wird man hoͤren und ſehen, ehe zwoͤlf Monate herum ſind.“ „Aber noch ſehe ich nichr ein, was dieß auf Herrn Camp⸗ bell, und noch weniger, was es fuͤr einen Bezug auf mei⸗ nes Vaters Angelegenheiten hat.“ „Rob,“ fuhr Herr Jarvie fort,„kann fuͤnfhundert Mann aufbringen, und deßhalb geht ihn der Krieg ſo viel an, als die meiſten Leute, denn es nuͤzt ihn im Frieden weit weniger. Nun denn, die Wahrheit zu ſagen, ich glau⸗ ——— 21 be, daß er der Hauptunterhaͤndler zwiſchen unſern hochlaͤn⸗ diſchen Haͤuptlingen und den Edelleuten im Norden von England geweſen iſt. Wir haben alle gehoͤrt, daß dem Mor⸗ ris in den Cheviotbergen von Rob und einem der jungen Osbaldiſtone's oͤffentliche Gelder abgenommen wurden, und, die Wahrheit zu ſagen, die Sage gieng, Ihr ſeier es ſelbſt geweſen, Herr Franz, und es that mir leid, daß Eures Va⸗ ters Sohn in ſolche Sachen ſich einließ,— nein, ſagt mir nicht ein Wort daruͤber,— ich ſehe wohl, daß ich falſch daran war, aber ich glaubte alles von einem Schauſpieler, fuͤr den ich Euch hielt. Jezt aber zweifle ich nicht, daß es Raſhleigh ſelbſt oder ſonſt einer Eurer Vettern geweſen iſt, — die ſind alle von einem Schlag,— Erzjskobiten und Papiſten,— und halten das Geld und die Papiere der Re⸗ gierung fuͤr eine gute Priſe. Und der Morris, das iſt ſo eine feige Memme, daß er es bis auf dieſe Stunde nicht zu ſagen wagt, daß ihm Rob das Felleiſen abgenommen hat, und daraa thut er wahrlich Recht, denn Eure Zollhaͤu⸗ ſer und das Acciſevolk iſt uͤherall verhaßt, und Rob moͤchte ihm eins verſetzen, ehe ihm das Oberzollamt helfen koͤnnte.“ „Das habe ich ſchon lange vermuthet, Herr Jarvie,“ ſagte ich,„und ſtimme Euch voͤllig bei. Aber was meines Vaters Angelegenheit betrifft,. 44 .. „Vermuthet?— es iſt gewiß, es iſt gewiß.— Ich kenne Leute, die einlge von den Papieren ſahen, die man dem Morris abgenommen hat,— es iſt unnoͤthig, zu ſagen, wo. Aber Eures Vaters Angelegenheiten,— Ihr koͤnnt denken, daß in den zwanzig Jahren daher einige von den hochlaͤndiſchen Lairds und Haͤuptlingen uͤber ihren Vortheil ein wenig zu Verſtand gekommen ſind.— Euer Vater und 1 andere haben große Waldungen angekauft, und Eures Va⸗ — S —— ters Haus hat ſtarke Wechſel an Zahlungsſtatt gegeben, — und da nun Oshaldiſtone und Treſham guten Kredit hatten,— denn ich ſag' es dem Herrn Owen ins Angeſicht, wie hinter ſeinem Ruͤcken, das lezte Ungluͤck ausgenom⸗ men, das der Herr geſendet hat, war niemand redlicher im Handel— die hochlaͤndiſchen Edelleute fanden mit die⸗ ſen Wechſeln leicht Credit in Glasgow und Edinburgh(faſt moͤchte ich ſagen in Glasgow allein, denn was das ſtolze Edinburgher Volk dabei betheiligt war, iſt unbedeutend) und konnten ſie in Geld umſezen; ſo— Aha!l verſteht Ihr mich jezt?“ Ich geſtand, daß ich noch nicht ganz abſehen koͤnne, wo er hinauswolle. „Nun,“ ſagte er,„wenn die Wechſel nicht bezahlt werden, ſo gehen die Glasgower Kaufleute den hochlaͤndi⸗ ſchen Lairds zu Leibe, die haben aber kein Geld, denn ſie koͤnnen nicht wieder herausgeben, was ſchon durchgebracht iſt.— Die kommen dann in Verzweiflung,— fuͤnfhundert, die ruhig daheim geſeſſen waͤren, ſtehen auf,— der Teu⸗ fel kommt uͤber uns Leute in der Stadt, und der Banke⸗ rot Eures Vaters beſchleunigt den Ausbruch, der uns ſchon lang bedroht hat.“ „Ihr glaubt alſo,“ ſagte ich, erſtaunt uͤber dieſe ſon⸗ derbare Anſicht der Sache,„daß Raſhleigh meinen Vater blos darum betrogen hat, um einen Aufſtand in den Hoch⸗ landen zu beſchleunigen, indem er die Edelleute, welchen die Wechſel urſpruͤnglich bewilligt wurden, in eine ſchlimme Lage verſezt.“. „Ohne Zweifel,— ohne Zweifel iſt dieß ein Haupt⸗ grund geweſen. Was aber das baare Geld betrifft, das er mit ſich nahm, dazu hat er wohl einen andern Grund ge⸗ 23 habt. Das iſt aber verhaͤltnißmaͤßig nur ein kleiner Verluſt Eures Vaters, obgleich es das meiſte ſeyn moͤchte, was Raſhleigh dabei gewinnt. Die Papiere, die er mitgenom⸗ men hat, ſind fuͤr ihn nicht mehr werth, als daß er die Pfeife daran anzuͤndet. Er verſuchte, ob Mac Vittie und Comp. ihm Geld daraufgeben wuͤrden,— das weiß ich von meinem alten Schreiber Wylie,— aber die ſchlauen Fuͤchſe wollten nichts davon wiſſen, und ſpeisten ihn mit ſchoͤnen Worten ab. Raſhleigh Osbaldiſtone iſt in Glasgow zu gut gekannt, als daß man ihm traute; denn er iſt im Jahr 1707 in Angelegenheiten der Jacobiten und Papiſten ſchon einmal hier geweſen, und hat Schulden zuruͤckgelaſſen. Nein, nein, er kann die Papiere hier nicht los werden, man traut ihm nicht, wie er dazu kam. Nein, nein, er wird ſie noch alle in einer der Veſten in den Hochlanden haben, und ich glaube faſt, mein Vetter Rob koͤnnte ſie bekommen, wenn er wollte.“ „Aber moͤchte er wohl geneigt ſeyn, uns in dieſer Noth zu dienen, Herr Jarvie? Ihr habt ihn als einen Unter⸗ haͤndler der jakobitiſchen Parthei beſchrieben, in deren Plane er tlef verflochten ſeyn ſoll; wird er geneigt ſeyn, um mei⸗ netwillen, oder, wenn Ihr wollt, um der Gerechtigkeit wil⸗ len, die Papiere mir zuruͤckzugeben, wenn dieß auch in ſei⸗ ner Gewalt ſeyn ſollte, da dieſelben, Eurer Anſicht zufol⸗ ge, ſo nothwendig zur Ausfuͤhrung jener Plane ſind?“ „Das kann ich nicht genau ſagen,— die Großen un⸗ ter ihnen trauen Rob nicht ganz, und er ihnen nicht,— er iſt eng befreundet mit der Familie Argyle, und waͤre er nicht in ſo bedraͤngten Umſtaͤnden, ſo traͤte er lieber auf die Seite von Argyle, als von Breadalbane, denn es iſt eine alte Abneigung zwiſchen der Familie Breadalbane und ſeiner Verwandtſchaft. Die Wahrheit iſt, Rob ſteht auf ſeine eigene Fauſt.— Er wird auf die Seite treten, die ihm am beſten zuſchlaͤgt; wenn der Teufel Lalrd waͤre, Rob wuͤrde ſein Lehensmann, und wenn Ihr ſeine Lage in Be⸗ tracht zieht, ſo koͤnnt Ihr den armen Menſchen erſt nicht darum tadeln. Aber etwas iſt ſehr gegen Euch,— Rob hat eine graue Maͤhre in ſeinem Stalle.“ „Eine graue Maͤhre?“ ſagte ich.„Was gehoͤrt die hieher?“ 1 „Das Weib, das Weib,— das iſt ein ſchreckliches Weib. Sie kann keinen ehrlichen Schotten ſehen, der aus dem untern Lande kommt, viel weniger einen Englaͤnder, und ſie iſt ſcharf auf alles bedacht, was dem Koͤnig Jakob helfen, und dem Koͤnig Georg ſchaden kann.“ „Es iſt ſehr ſonderbar,“ erwiederte ich,„daß die kauf⸗ maͤnniſchen Geſchaͤfte von Londner Buͤrgern mit Aufſtaͤnden und Empoͤrungen in Verbindung kommen.“ „Ganz und gar nicht ſonderbar,— ganz und gar nicht,“ gab Jarvie zur Antwort;„das ſind nur Eure thoͤrichten Vorurtheile. Ich leſe manchmal in den langen Naͤchten, und da fand ich in Backer's Chronik, daß die Kaufleute von London die Bank von Genua hinderten, dem Koͤnig von Spanien eine maͤchtige Summe, wie ſie verſprochen hatte, vorzuſchießen, dadurch wurde die Abſendung der gro⸗ ßen ſpaniſchen Armada ein ganzes Jahr lang aufgehalten. — Was haltet Ihr davon?“ „Daß die Kaufleute ihrem Lande einen herrlichen Dienſt leiſteten, der in unſerer Geſchichte ehrenvoll erwaͤhnt wer⸗ den ſollte.“. „Nun ſo denke ich auch, und die Kaufleute wuͤrden wohl thun, und ſich um den Staat und um die Menſch⸗ 25 heit verdient machen, die drei oder vier ehrliche hochlaͤn⸗ diſche Edelleute davor behuͤten wollten, daß ſie nicht uͤber Hals und Kopf ins Verderben rennen, mit allen ihren armen, unbedachtſamen Anhaͤngern, blos weil ſie das Geld nicht zuruͤckzahlen koͤnnen, das ſie mit allem Recht als ihr eigenes erhoben haben,— und die Eures Vaters Credit retten wollten;— und mein eigenes gutes Geld, das mir Osbaldiſtone und Treſham ſchuldig iſt,— ich ſage, wenn einer alles dieß machen koͤnnte, den ſollte man, und wenn er auch nur ein armer Weber waͤre, halten und loben, wie einen, den der Koͤnig ehren will.“ „Wie weit die oͤffentliche Dankbarkeit gehen würde, Herr Jarvie, das weiß ich nicht, aber die unſrige wuͤrde ſicherlich dem geleiſteten Dienſte gemäß ſeyn.“ „Den mir. fuͤgte Owen hinzu,„uus beſtreben wuͤr⸗ den durch ein Haben wieder auszugleichen, ſobald unſer Herr Osbaldiſtone aus Holland zuruck waͤre.“ „Ich zweifle nicht,— ich zweifle nicht, er iſt ein ſehr wuͤrdiger Mann und zuverlaͤßig, und mit meinen Erfah⸗ rungen hier in Schottland koͤnnte er gute Geſchaͤfte machen. Nun, wenn dieſe Anweiſungen den Haͤnden der Philiſter entriſſen werden koͤnnten, es ſind gute Papiere,— ſie waͤ⸗ ren die rechte Waare in der rechten Hand, und die rechte Hand waͤre die Eurige, Herr Owen.— Und ich will Euch drei Maͤnner in Glasgow ausfindig machen,— ſo wenig Ihr auch von uns halten moͤgt, Herr Owen,— das iſt Sandie Reenſon und John Pirie, und den dritten mag ich jezt nicht nennen, die ſollen die Summen vorſchießen, wel⸗ che hinreichend ſind, den Credit Eures Hauſes zu halten, und die keine weitere Sicherheit verlangen.“ Owens Augen glaͤnzten bei dieſer Aus ſicht vor Freude, 26 aber ſein Geſicht verdunkelte ſich bald wieder, als er be⸗ dachte, wie unwahrſcheinlich es ſei, die Anwelſungen wie⸗ der zu erhalten. 8 „Verzweifelt nicht,— verzweifelt nicht,““ ſagte Herr Jarvie;„ich habe ſchon ſoviel Antheil an Euern Angele⸗ genheiten genommen, daß ich mich nun ſchon mit Leib und Seele ergeben muß. Ich bin gerade, wie mein Vater, der Zunftmeiſter, ich kann mich nicht in eines Freunds Geſchaͤfte miſchen, ohne ſie am Ende zu meinen eigenen zu machen. So will ich mich denn morgen mit Herrn Franz hier zu Pferde ſezen, und ſehen, ob nicht Rob und ſeine Frau Ver⸗ nunft annehmen wollen. Ich bin gefaͤllig gegen ſie geweſen ſonſt ſchon, um nichts von der geſtrigen Nacht zu ſagen, weun ich da ſeinen Namen genannt haͤtte, wuͤrde es ihn das Leben gekoſtet haben. Das werde ich in der Raths⸗ ſtube hoͤren muͤſſen von Grahame und Mac Vittie und ei⸗ nigen andern. Sie haben mir ſchon meine Verwandtſchaft mit Rob vorgeworfen,— und die Naſen geruͤmpft. Ich ſagte ihnen, ich wollte niemands Fehler entſchuldigen, aber abgeſehen davon, was er gegen die Landesgeſeze gethan, und außer dem Ungluͤck, daß einige Leute unter ſeiner Hand gekallen ſind, ſei er ein ehrlicherer Mann, als einer von ihnen.— Und warum ſoll ich mich um ihr Geſchwaͤz kuͤm⸗ mern? Wenn Rob geaͤchtet iſt, ihm ſelbſt will ich das ins Geſicht ſagen,— ſo ſind jezt keine Geſeze mehr gegen den Umgang mit Geaͤchteten, wie in den ſchlimmen Zeiten der lezten Stuarts.— Nun, ich habe eine ſchottiſche Zunge im Munde,— wenn ſie ſprechen, ſo will ich antwor⸗ ten.“ Mii großem Vergnuͤgen bemerkte ich, daß der Rath⸗ mann allmaͤhlig die Schranken angſtlicher Vorſicht uͤber⸗ 27 ſchritt; Vaterlands⸗Geiſt, gutmuͤthige Theilnahme an un⸗ ſeren Angelegenheiten, der natuͤrliche Wunſch, Verluſt zu vermeiden und etwas zu gewinnen, beneben einem guten Theilchen unſchaͤdlicher Eitelkeit wirkten vereint auf ihn, ſo daß er den mannhaften Entſchluß faßte, ſelbſt ins Feld zu ruͤcken, um meines Vaters Eigenthum wieder zu gewin⸗ nen. Alles, was er mir ſagte, brachte mich zu dem Glau⸗ ben, wenn die Papiere im Beſize des hochlaͤndiſchen Aben⸗ theurers ſelen, ſo waͤre es moͤglich, ſie von ihm zuruͤckzu⸗ erhalten, da er nicht die mindeſte Ausſicht auf einen per⸗ ſoͤnlichen Vortheil dabei hatte, wenn er ſie laͤnger behielt; und ich wußte, daß die Gegenwart ſeines Vetters bedeu⸗ tenden Einfluß auf ihn haben wuͤrde. Ich ſtimmte deßhalb freudig in Herrn Jarvie's Vorſchlag, mit dem naͤchſten Mor⸗ gen uns auf den Weg zu machen. Der wackere Mann war in der Ausfuͤhrung ſeines Vor⸗ ſazes ſo munter und lebhaft, als er ihn langſam und be⸗ daͤchtig gefaßt hatte. Er rief ſeiner getreuen Mattie zu, ſeinen Reitrock zu luͤften, ſeine Stiefeln zu ſchmieren, und die Nacht uͤber ans Feuer zu ſtellen, fuͤr ſein Pferd ſorgen zu laſſen, und ſein Reitzeug in Ordnung zu halten. Als wir uͤbereingekommen waren, daß ich ihn bis fuͤnf Uhr am andern Morgen abholen, und daß Owen, deſſen Gegenwart uns auf dieſem Zuge von keinem Nuzen ſeyn konnte, un⸗ ſere Ruͤckkehr nach Glasgow abwarten ſolle, nahmen win herzlichen Abſchied von dieſem unerwartet eiſrigen Freun⸗ de. Ich guartierte Owen neben mir ein, gab meinem ge⸗ treuen Andreas Befehl, mich am andern Morgen zur be⸗ ſtimmten Stunde zu erwarten, und legte mich mit weit beſſern Hoffnungen nleder, als ich fe ſeit geraumer Zeit gehegt hatte. 28 4 Zweites Kapitel. Rings kann das Auge keinen Baum erſpähen, Kein lieblich Grün auf brauner Erde ſehen. Zugvögel nur hört man die Luft durchſchwirren, Kein Bienchen ſummen, keine Taube girren, Kein Strom wälzt hier an dieſem öden Ort Mit ſanftem Rauſchen ſeine Welle fort. 3 Pprophezeihung einer Hungersnoth. Es war ein warmer Erndtemorgen, als ich verabredeter⸗ maßen Andreas mit den Pferden vor Herrn Jarvie's Hauſe traf, das von dem Wirthshauſe, wo ich wohnte, nur wenig Schritte entfernt war. Das Erſte, was meine Aufmerkſam⸗ keit erregte, war, daß Andreas ſeinen Klepper, das groß⸗ müͤthige Geſchenk ſeines geſetzkundigen Freundes, des Schrei⸗ bers Touthope, gegen ein ſo vollſtändig lahmes Thier ver⸗ tauſcht hatte, daß es nur auf drei Füßen fortzuſchleichen, und den vierten blos zur Geſellſchaft in der Luft zu ſchwen⸗ ken ſchien.„Was ſoll das heißen, daß Ihr ein ſolches Thier daher bringt? wo iſt der Klepper, den Ihr bis nach Glasgow geritten habt?„Das waren meine natürlichen und ungeduldigen Fragen. „Ich hab's verkauft. Es war ein gefräßiges Thier, und bätte im Wirthshaus mehr gefreſſen, als es werth war. Ich habe dieß auf Eure Rechnung gekauft. Das iſt ein guter Kauf,— koſtet nur ein Pfund Sterling der Fuß, das macht zuſammen vier Pfund. Der Spaten verliert ſich, wenn wir einmal eine Meile weit ſind, und es iſt ein wohlbekannter Läufer.“ meine Peitſche und Eure Schultern Bekanntſchaft gemacht „Meiner Treu, Ihr werdet nicht eher ruhen, als bis 29 haben. Geht Ihr nicht augenblicklich, und holt Euer ande⸗ res Pferd wieder, ſo ſollt Ihr nach Gebühr bedient werden.“ Trotz meiner Drohungen wollte Andreas doch auf ſeinem Kopf bleiben, indem er behauptere, der Wiederkauf würde ihn eine Guinee koſten. Obgleich ich merkte, daß mich der Schurke betrüge, ſo war ich doch als ein ächter Engländer im Begriff, lieber mich prellen zu laſſen, als Zeit zu verlieren, da erſchien Herr Jarvie in Ueberrock, Mantel und Kappe eingehüllt, wie fuͤr einen ſibiriſchen Winter; unter Mattie's unmittelbarer Leitung führten zwei Lehrburſchen den ſittſa⸗ men Zelter herbei, der bei ſolchen Gelegenheiten den ehrſa⸗ men Herrn trug. Ehe er aufſtieg, fragte er nach der Ur⸗ ſache des Streits zwiſchen meinem Bedienten und mir. Als er den Anſchlag des ehrlichen Andreas erfahren hatte, ſchnitt esnallen Streit kurz ab, indem er den Ausſpruch that: wenn Herr Gutdienſt nicht augenblicklich das dreibeinige Roß fort⸗ ſchaffe, und das brauchbarere vierfüßige, das er verkauft habe, zur Stelle bringe, ſo werde er ihn in's Gefängniß ſchicken, und um die Häͤlfte ſeines Lohns ſtrafen.„Herr Osbaldiſtone,“ ſagte er.„hat Euer Pferd und Euch gemie⸗ thet,— zwei Stück Vieh auf einmal,— Ihr gewiſſenloſer Schurke,— ich werde wäͤhrend der Reiſe Euch ſchon auf die Finger ſehen.“ „Mich um Geld ſtrafen!“ ſagte Andreas keck,„das hätte keinen Sinn, denn ich habe ja keinen rothen Heller. Nehmt einmal einem Hochlaͤnder die Hoſen.“ „Habt Ihr kein Geld zu Braͤchen, wird Euch der Ruͤcken geſtrichen,“ erwiederte der Rathmann,„und ich will ſchon dafuͤr ſorgen, daß Ench auf dem einen oder andern Wege zu Theil wird, was Ihr verdient.“ Dieſem Befehle mußte ſich Andreas unterwerfen, and 3⁰ murmelte nur zwiſchen den Zähnen:„O viele Herren, viele Herren,“ ſagte die Kröte zur Egge, als alle Zähne ſie ſtachen. Er mochte wenig Schwierigkeit bei ſeinem Reukauf ge⸗ funden haben, da er ſchon nach einigen Minuten auf ſeinem alten Bucephalus zurückkehrte, und nachher nichts erwähnte, daß er Reukaufgeld haͤtte bezahlen müſſen. Wir brachen nun auf, hatten aber kaum das Ende der Straße erreicht, wo Herr Jarvie wohnte, als ein lautes Hallo! und ein athemloſes Haltrufen ſich hinter uns hören ließ. Wir hielten an, und die beiden Lehrjungen holten uns ein, welche noch zum Asſchied zwei Merkmale von Matties Sorgfalt für ihren Herrn uͤberbrachten. Das erſte war ein ungeheures ſeidenes Tuch, ſo groß, als das Hauptſegel ei⸗ nes Weſtindienfahrers, was Mattie ihn um den Hals zu le⸗ gen bat. Das zweite war blos eine mündliche Ermahaung, die der Schelm von Lehrjungen nur mit unterdruͤcktem Lachen aus⸗ richtete, der liebe Herr möge ſich ja bei den Waſſern in Acht nehmen.„Pah! Pah! das alberne Ding!“ antwortete Jar⸗ vie, ſetzte aber zu mir gewendet hinzu:„es ſcheint ein gutes Herz durch,— Mattie iſt ein ſorgſames Mädchen.“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen, und wir verließen die Stadt ohne weitere Störung. Als wir gemaͤchlich auf einer Straße fortritten, die uns nordweſtlich von der Stadt führte, hatte ich Gelegenheit, die guten Eigenſchaften meines neuen Freundes kennen zu lernen und zu bewundern. Obgleich er, wie mein Vater, Handels⸗ geſchäfte für die wichtigſten Gegenſtaͤnde des menſchlichen Le⸗ beus hielt, ſo war er ihnen doch nicht ſo ſehr ergeben, um allgemeinere Kenntniſſe deßhalb herabzuſetzen. Im Gegen⸗ theil, bei einem ſehr ſonderbaren und gemeinen Benehmen,— 1 AnSeon u— A* 2— ð& 2 31 bei einer Eitelkeit, die um ſo lächerlicher war, als er ſie zu⸗ weilen unter einem leichten Schleier von Demuth zu verdecken ſuchte, und bei allem Mangel einer wiſſenſchaftlichen Erzie⸗ hung zeigte Herrn Jarvie's Unterhaltung eine ſcharfe Beob⸗ achtung, freie Anſichten und einen ſo gebildeten Geiſt, als man nur immer von ihm erwarten konnte. Er kannte die Alterthümer ſeines Landes, und unterhielt mich mit der Er⸗ zählung bemerkenswerther Vorfälle, die in den Gegenden, durch welche wir kamen, ſich ereignet hatten. Da er auch in der alten Geſchichte ſeiner Heimath wohl bewandert war, ſo ſah er mit dem vorſchauenden Blicke eines einſichtsvollen Va⸗ terlandsfreundes manche Vortheile ſchon im Keime, die erſt ſeit kurzer Zeit zur Bluͤthe und zur Keife gelangt ſind. Ob⸗ gleich er ein Schotte und ſehr für die Ehre ſeines Landes eingenommen war, ſo bemerkte ich doch mit Vergnuͤgen, daß er kein engherziges Vorurtheil gegen das Schweſter⸗König⸗ reich hege. Als Andreas, den. Jarvie, gelegentlich geſagt, nicht ausſtehen konnte, den Verluſt eines Hufeiſens dem ſchlimmen Einfluß der Union zuſchrieb, zog er ſich eine derbe Zurechtweiſung zu. „Still, ſtill! das ſind böſe Zungen, wie die Eurige, die ſtiften Unheil zwiſchen Nachbarn und Völkern. Nichts auf der Erde iſt ſo gut, daß es nicht beſſer ſeyn könnte, und das kann man auch von der Union ſagen. Niemand war mehr dagegen, als das Volk von Glasgow mit ihren Aufſtanden und Unruhen und Bewegungen. Das iſt aber ein böſer Wind, der fär niemanden gut bläst, laßt jeden das Fahrwaſſer loben, wie er's findet,— ich meine, laßt Glasgow blühen, welche Worte ſo richtig und ſchön um das Stadtwapyen her ſtehen. Nun, ſeit Skt. Mungo Häringe im Clyde ſieng, was war je ſo geeignet, die Stadt bluͤhend 3² zu machen, als der Zucker⸗ und Tabacks⸗Handel? Wer dieß weiß, wird nun doch nicht mit mir ſtreiten wollen über den Vertrag, der uns den Weg nach Weſtindien öffnet!“ Andreas war weit entfernt, ſich bei dieſen Gründen zu beruhigen, und wagte es ſogar, die ſeltſame Behauptung außzu⸗ ſtellen: es ſey eine unſelige Veränderung fuͤr Schottland, daß ſeine Geſetze in England gemacht würden, und daß er, ſei⸗ ner Seits, um alle Härings⸗ und Tabackfäſſer in Glasgow das ſchottiſche Parlament nicht aufgegeben hätte, und die Krone, das Schwert und den Seepter von den engliſchen Puddingfreſſern im Tower von London bewahren laſſen wür⸗ de. Was hätte Sir William Wollace oder der alte Davie Lindſay zu der Union geſagt, oder zu denen, die ſie ab⸗ ſchloſſen?“⸗ 4 Während wir uns durch ſolche Geſpräche den Weg kürz⸗ ten, wurde die Gegend, ſobald wir Glasgow einige Meilen hinter uns hatten, allmählig wilder und rauher. Ungeheure Haiden dehnten ſich vor, hinter und um uns in hoffnungs⸗ loſer Oede aus, bald eben und von Sümpfen, die ein trü⸗ geriſches Grün bedeckte, und von torfbewachſenen Sandflächen unterbrochen, bald ſtiegen ſie mächtig empor, und boten dem Wanderer neue Beſchwerde, ohne ihn durch die Geſtalt von Bergen zu vergnügen. Weder Baum, noch Buſch gewaͤhrte dem Auge eine Abwechslung von dem fahlen Anblick bölliger Unfruchtbarkeit. Nichts wuchs hier, als die ärmlichſte Decke, womit die Mutter Erde ſich bekleiden kann, das Haidekraut, nur hie und da mit einigen Blumen untermiſcht. Lebende Weſen erblickten wir keine, als hier und da ein umherirren⸗ des Schaaf von ſeltſam bunter Farbe, als ſchwarz, bläulich und hochgelb, doch Kopf und Beine waren meiſtens ſchwarz. Die Vögel ſelbſt ſchienen dieſe Wüſten zu meiden, unp deh T⸗ 33 hörte nichts, als den eintönigen klagenden Ruf des Kibitzes und des Waſſerhuhns. Bei der Mahlzeit indeß, die wir Nachmittags in einer erbärmlichen Bierſchenke einnahmen, fanden wir zum Gluͤck, daß jene laͤſtigen Schreier nicht die einzigen Bewohner der Moore waren Die Wirthin ſagte uns, der Wirth ſey auf dem Hügel geweſen, und wir erfreuten uns demzufolge ſeiner Jagdbeute, einiger Vögel, die wir gebraten aufgetiſcht erhiel⸗ ten, nebſt Schaafkäſe, getrockneten Salmen und Haferbrod; dieß war alles, was uns das Haus bot. Einige Flaſchen ſchlechtes Bier und ein Glas vortrefflichen Branntweins krön⸗ ten unſer Mahl, und da unſere Pferde inzwiſchen auch ihrem Hafer Ehre angethan hatten, ſo ſetzten wir mit erneuter Kraſt unſere Reiſe fort. Ich bedurfte aller Stärkung, die ein gutes Mahl mir hätte geben koͤnnen, um der Niedergeſchlagenheit zu entgehen, die unvermerkt über mich Herr wurde, als ich die ſeltſame Ungewißheit meiner Fahrt mit dem troſtloſen Anblick des Lan⸗ des verglich, durch den ſie mich führte. Unſer Weg wurde wo möglich noch oͤder und wilder, als am Vormittag. Die wenigen elenden Hütten, die hie und da zeigten, daß die Ge⸗ gend von Menſchen bewohnt ſei, wurden nun noch ſeltener, und verſchwanden endlich ganz, als das Moor bergan zu ſtei⸗ gen begann. Das Einzige, woran ſich die Einbildungskraft halten konnte, waren die dunkelblauen Berge, die ſich weſt⸗ lich und nordweſtlich von uns ausdehnten, wenn eine Krüm⸗ mung des Wegs ſie uns zeigte. Ihre Thäler und Schluch⸗ ten ſchienen ein vielleicht nicht minder wildes, doch gewiß an⸗ zehenderes Land einzuſchließen, als dasjenige, welches wir lett durchzogen. Die Gipfel dieſer Berge waren ſo mannig⸗ fach geſtaltet, als die Hügel, die wir auf der rechten Seite W. Scott's Werke. CIII. 3 geſehen hatten, kahl und plump ſich darſtellten, und waͤh⸗ rend ich dieſe Alpen⸗Gegend betrachtete, fuͤhlte ich ein Verlangen, in dieſelbe, wenn auch mit Muͤhe und Gefahr, einzudringen, gleich dem Schiffer, der die Gefahr und die Aufregung einer Schlacht oder eines Sturms wuͤnſcht, ſtatt der unertraͤglichen Einfoͤrmigkeit einer fortdauernden Wind⸗ ſtille. Ich machte verſchiedene Fragen an Herrn Jarvie uͤber Namen und Lage jener ausgezeichneten Berge, aber er wußte entweder nichts daruͤber, oder wollte ſich nicht mittheilen.„Das ſind die Hochland⸗Berge,— die Hoch⸗ land⸗Berge,— werdet noch genug ſehen und hoͤren dgvon, ehe Ihr nach Glasgow zuruͤckkommt. Ich mag nicht hinſe⸗ hen, es graut mir,— nicht aus Furcht,— nicht aus Furcht, ſondern aus Kummer uͤber die armen verblendeten, halbverhungerten Menſchen, die da wohnen. Aber ſprecht nicht mehr davon,— es iſt nicht gut reden von den Hoch⸗ laͤndern, ſo nah an ihrer Graͤnze. Ich habe manchen red⸗ lichen Mann gekannt, der ſich nicht ſo weit wagte, ohne ſein Teſtament zu machen.— Mattie ſah es nicht gern, daß ich mich auf den Weg machte, und weinte ein wenig, das naͤrriſche Ding; aber man darf ſich nicht mehr wun⸗ dern, wenn ein Weib weint, als wenn eine Gans barfuß geht.“ Ich verſuchte nun, das Geſpraͤch auf den Charakter und die Geſchichte des Mannes zu lenken, den wir beſu⸗ chen wollten, aber uͤber dieſe Punkt war Herr Jarvie voͤl⸗ lig unzugaͤnglich, woran vielleicht zum Theil die Begleitung des Herrn Andreas Gutdienſt Schuld hatte, der ſo nahe hinter uns ritt, daß er jedes Wort hören mußte; dabel nahm er ſich auch noch die Freiheit, ſich in unſer Geſpraͤch zu 35 miſchen, ſo oft er eine Gelegenheit erſah. Deßhalb erfuhr er zuweilen Herrn Jarvie's Zurechtweiſung. „Haltet Euch zuruͤck, wie's Euch geziemt,“ ſagte der Rathmann, als Andreas vorwaͤrts draͤngte, um die Ant⸗ wort auf eine Frage zu hoͤren, die ich in Betreff Campbells gemacht hatte.—„Ihr wuͤrdet gern ganz vorne reiten, wenn Ihr wuͤßtet———, der Burſche da ſtreckt ſeinen Kopf immer aus dem Kaͤsfaß heraus, wohin er gehoͤrt.— Was nun Eure Fragen betrifft, Herr Osbaldigone, ſo kann uns jezt dieſer Burſche nicht mehr hoͤren, es ſteht Euch frei, zu fragen, und mir ſteht es frei, zu antworten, oder nicht. Gutes kann ich nicht viel ſagen von Robin, Boͤſes mag ich nicht ſagen, denn einmal iſt er mein Vetter, und zweitens kommen wir jezt ſeiner Hefmath nahe, da koͤnnte hinter jedem Buſch einer ſeiner Geſellen ſtecken.— Und wenn Ihr guten Rath annehmen wollt, je weniger Ihr ſprecht, ſei es von ihm, oder wohin wir gehen, und was wir dort thun wollen, deſto mehr wird unſere Sache ge⸗ foͤrdert. Es iſt wohl moͤglich, daß wir unter ſeine Feinde fielen,— denn es giebt ihrer viele da herum, und doch ſizt ſeine Muͤze noch eben ſo gut auf ſeinem Kopfe, aber endlich werden ſie doch uͤber ihn Meiſter werden, denn fruͤ⸗ her oder ſpaͤter kommt das Meſſer uͤber den Fuchsbalg.“ „Ich will mich voͤllig durch Eure Erfahrung leiten laſ⸗ ſen,“ erwiederte ich. „Recht, Herr Osbaldiſtone,— recht,— aber ich muß jezt auch das Plappermaul ſtopfen, denn nur Kinder und Narren ſprechen auf der Straße, was ſie am Kaminfeuer hoͤren.— Hoͤrt Ihr, Andreas— wie heißt er— Gut⸗ dienſt.“ Andreas, der auf das lezte Zuruͤckweiſen weit hinten *2 3 36 geblieben war, ſchien die Aufforderung nicht hoͤren zu wollen. „Andreas, Ihr Schurke,“ wiederholte Jarvie;„daher, daher!“ „So ruft man dem Hunde,“ ſagte Andreas, indem er verdrießlich vorwaͤrts kam. „Ich will Euch Hundefutter geben, Ihr Schurke, wenn Ihr nicht aufmerkt, auf das, was ich ſage.— Wir gehen ein wenig itz die Hochlande,——“ „Das habe ich gemerkt,“ ſagte Andreas. „Seid ſtill, und hoͤrt, was ich Euch ſage.— Wir ge⸗ hen ein wenig in die Hochlande——“ „Das habt Ihr mir ſchon geſagt,“ erwiederte der un⸗ verbeſſerliche Andreas. „Ich ſchlage Euch den Kopf ein,“ ſagte Jarvie zornig, „wenn Ihr nicht das Maul haltet.“ „Eine verhaltene Zunge macht einen geifernden Mund,“ erwiederte Andreas. Jezt mußte ich mich darein miſchen, und legte ihm mit befehlendem Tone Stillſchweigen auf, ſo lieb ihm ſein Ruͤk⸗ ken ſei. „Ich ſchweige,“ ſagte Andreas.„Was Ihr mir be⸗ fehlt, thue ich ohne Nein. Meine arme Mutter pflegte zu ſagen: Sei es beſſer, ſei es ſchlimmer, Wer das Geld har, dem folg' immer. So moͤgt Ihr denn zu Andreas ſprechen, ſo lange Ihr wollt, der Eine, wie der Andere.“ Anweiſungen zu geben. „So lieb Euch Ener Leben iſt, merkt darauf, was ich Er ſchoieg, und Jarvie fieng nun an, ihm di ie noͤthigen 37 Euch ſage. Auf dieſem Wege hier, und da, wo wir uͤber Nacht bleiben muͤſſen, finden ſich Leute von allen Clans ein, aus dem Hochland und Niederland,— nehmt Euch in Acht. Denn da ſieht man, wenn der Branntwein den Leuten zu Kopfe ſteigt, mehr gezogene Dolche, als offene Bibeln. Miſcht Euch in nichts, beleidigt niemand mit Eurer ge⸗ ſchwaͤzigen Zunge, haltet Euch ruhig, und laßt einen Jeden ſeinen Streit ausfechten.“ „Das braucht's viel mir zu ſagen,“ erwiederte An⸗ dreas veraͤchtlich,„als haͤtte ich nie einen Hochlaͤnder ge⸗ ſehen, und wuͤßte nicht mit ihnen umzugehen. Kein Menſch kann mit ihnen beſſer auskommen, als ich. Ich habe mit ihnen gehandelt, mit ihnen gegeſſen, und mit ihnen ge⸗ trunken.“ „Habt Ihr auch mit ihnen gefochten?“ fragte Jarvie. „Nein, nein,“ ſagte Andreas;„das ließ ich bleiben, das haͤtte ſich uͤbel fuͤr mich geſchickt; denn ich bin ein Kuͤnſtler und ein halber Gelehrter in meinem Fache, dieſe ohnehoſigen Burſche wiſſen ja keine Pflanze oder Blume in breitem ſchottiſch, viel weniger auf lateiniſch zu nen⸗ nen.“ „Nun dann,“ ſaate Herr Jarvie;„wollt Ihr Eure Zunge im Munde und Eure Ohren am Kopfe behalten, ſo ſprecht mit niemand im Wirthshaus ein Wort, es ſei gut oder boͤs. Und vor allem laßt Euch ſagen, daß Ihr nicht den Namen Eures Herrn und den meinen nennt, und da⸗ mit groß thut, oder ſprecht, daß dieß der Herr Rathmann Nicol Jaroie vom Salzmarkt, Sohn des wuͤrdigen Zunft⸗ meiſters, Nicol Jarvie, iſt, von dem alle Welt weiß, und daß dieß Herr Franz Osbaldiſtone iſt, der Sohn des Vor⸗ 38 ſtehers des großen Handelshauſes Osbaldiſtone und Treſ⸗ ham in London.“ „Genug! genug!“ antwortete Andreas.„Was glaubt Ihr denn, daß ich noͤthig haͤtte, von Euern Namen zu ſpre⸗ 8— Ich glaube, ich kann von wichtigern Dingen re⸗ en.“² „Gerade dieß iſt das Wichtige, woran mir etwas liegt, Ihr ſchnatternde Gans. Ihr ſollt nichts ſprechen, weder Gutes noch Boͤſes, ſo viel es immer moͤglich iſt.⸗ „Wenn Ihr nicht glaubt, ich koͤnnte ſprechen, wie an⸗ dere Leute,“ erwiederte Andreas trozig,„ſo gebt mir mei⸗ nen Lohn und mein Trinkgeld, und ich gehe zuruͤck nach Glasgow.— Das Scheiden thut mir nicht weh, ſagte die alte Maͤhre zum zerbrochenen Karren.“ Da ſeine Stoͤrrigkeit wieder bis zu einem Grad ſtleg, der mir Unannehmlichkeiten machen konnte, ſo mußte ich ihm endlich erklaͤren, er koͤnne umkehren, wenn es ihm be⸗ llebe, aber dann wuͤrde ich ihm fuͤr ſeine lezten Dienſte keinen Heller zahlen. Dieſer Grund, der ſeinen Siz im Beutel hat, iſt bei den meiſten Menſchen von Gewicht, und Andreas war weit entfernt, den Sonderling ſpielen zu wollen. Er zog, wie Jarvie zu ſagen pflegte, die Hoͤrner augenblicklich ein und betheuerte, es ſei nicht ſeine Abſicht, ſich mein Mißfallen zuzuziehen, und er wolle allen meinen Befehlen puͤnktlich nachkommen. Da die Einigkeit gluͤcklich unter uns hergeſtellt war, ſezten wir unſere Reiſe fort. Der Weg, der ſechs bis ſie⸗ ben engliſche Meilen weit bergan gegangen war, gieng jezt eben ſo lange bergab, das Land wurde aber weder frucht⸗ barer, noch anziehender, und bot durchaus keine Abwechs⸗ lung dar, auſſer daß hie und da ein himmelanſtrebender 3 39 Gipfel der Hochlandberge ſich in der Ferne zeigte. Wir ritten ohne Aufenthalt fort, und ſelbſt, als die Nacht ein⸗ fiel, und die oͤden Wuͤſten, die wir durchzogen, uͤberſchatte⸗ te, waren wir noch etwas uͤber drei Meilen von dem Orte enrfernt, wo wir die Nacht zubringen ſollten. ——— Drittes Kapitel. Baron von Bucklivie, Was zum Henker macht Ihr hie? Euch ſoll der Teufel in Stücke hauen, Einen ſolch verwünſchten Ort zu bauen, Wo's nichts für Roß und Reiter giebt, und auch kein Stuhl zu ſchauen. Schottiſche Volksreime auf ein . ſchlechtes Wirthshaus. Die Nacht war angenehm, und der Mond leuchtete uns zur Reiſe. Unter ſeinen Strahlen gewann der Bo⸗ den ein anziehenderes Ausſehen, als in dem hellen Tages⸗ licht, das die ganze Ausdehnung der oͤden Wuͤſte erblicken ließ. Die Miſchung von Licht und Schatten gab der Ge⸗ gend etwas Anziehendes, was ſie an und fuͤr ſich nicht be⸗ ſaß, und wie der Schleier, der ein unbedeutendes Frauen⸗ geſicht verhuͤllt, lenkte ſie unſere Neugier auf einen an ſich nicht erfreulichen Anblick. Der Pfad ſenkte ſich fortwaͤhrend, lief in manchen Kruͤmmungen fort, verlies die offene Haide, und fuͤhrte in ſteilere Abhaͤnge, die uns die Naͤhe eines Baches oder Fluͤßchens anzuzeigen ſchienen, wie es auch in der That der 40 Fall war. Wir gelangten an das Ufer eines Fluſſes, der mehr jenen in England glich, als denen, die ich bisher in Schottland geſehen hatte. Er war ſchmal, tief und ſtill, obgleich wir uns bereits in den hohen Bergen befanden, die ſeine Wiege waren.„Das iſt der Forth,“ ſagte Jar⸗ vie mit einer Art von CEhrfurcht, die ich oft bei Schotten bemerkte, wenn ſie von ihren bedeutenden Fluͤſſen redeten. Der Clyde, der Tweed, der Forth, der Spey werden von denen, die an ihren Ufern wohnen, mit einer Art von Hochachtung und Stolz genannt, und ich weiß, daß ein ge⸗ ringſchätziges Wort Zweikaͤmpfe herbeigefuͤhrt hat. Ich habe gegen dieſe un ſchuldige Begeiſterung nicht das min⸗ deſte zu ſagen, und nahm auch die Mittheilung meines Freundes als eine ſo wichtige Nachricht auf, wofür er ſie anzuſehen ſchien. Ich freute mich auch in der That nicht wenig, nach einer ſo langweiligen Reiſe mich einer Gegend zu naͤhern, die der Einbildungskraft mehr RNeize darzubie⸗ ten verſprach. Mein getreuer Knappe Andreas ſchien nicht ganz dieſer Meinung, denn er empfieng die feierliche Nach⸗ richt:„Dies iſt der Forth!“ mit einem„Hum! wenn er geſagt haͤtte, dieß iſt das Wirthshaus, ſo waͤre es mir ge⸗ legener gekommen.“ So weit das matte Licht mich beurtheilen ließ, ſchien indeß der Forth die Bewunderung zu verdienen, womit die Anwohner ihn betrachten. Ein ſchoͤner, voͤllig runder Huͤ⸗ gel, mit Haſelſtauden, Bergeſchen und Zwergeichen bewach⸗ ſen, uͤber welche einige prachtvolle alte Baͤume mit ihren duͤrren Aeſten im Mondlicht emvorragten, ſchien die Quelle des Fluſſes zu ſchirmen. Nach der Sage der umwohnenden Landleute enthielt dieſer ſchoͤne, ſo regelmaͤßig geformte, mit alten Baͤumen und uͤppigem Unterholz geſchmuͤckte Huͤ⸗ . 41 gel in ſeinen unſichtbaren Hoͤhlen die Palaͤſte der Feen, Mittelweſen zwiſchen Menſchen und boͤſen Geiſtern, den Sterblichen nicht gerade abhold, doch muß man ſie meiden und fuͤrchten wegen ihres launiſchen Weſens, ihrer Rach⸗ ſucht und Reizbarkeit. So erzaͤhlte mir Jarvie, und nahm dabei die Miene an, als glaube er kein Wort davon, doch ſprach er aͤußerſt leiſe, und ſein Ton ſchien Furcht anzu⸗ deuten. „Man nennt ſie,“ ſagte er fluͤſternd,„Daoine Schie, was„friedliche Leute“ bedeutet, und will ſie ſich damit geneigt machen. Und ſo wollen wir ſie auch nen⸗ nen, Herr Osbaldiſtone, denn es iſt nicht gut, uͤbels zu ſprechen von dem Laird in ſeinen eigenen Graͤnzen.“ Als aber einige Lichter vor uns ſchimmerten, ſezte er ſogleich hinzu:„es iſt doch Satanstrug, und ich fuͤrchte mich nicht, es zu ſagen, denn wir ſind nun nahe am Hauſe, die Lich⸗ ter dort druͤben ſind in dem Wirthshaus von Aberfoil.““ Ich geſtehe, ich war daruͤber nicht wenig erfreut, we⸗ niger weil mein Begleiter nun glaubte, ſeine wahre Mei⸗ nung uͤber die Feen ausſprechen zu koͤnnen, als well les uns und unſern Pferden einige Stunden Ruhe verſprach, deren wir nach einem ſo anſtrengenden Ritte beide ſehr bedurften.“ Eine alte, ſehr hohe und ſchmale ſteinerne Bruͤcke fuͤhrte uns uͤber den Forth nicht weit von ſeinem Urſprun⸗ ge. Der gewoͤhnliche Weg aus dem Hochlande in den Suͤ⸗ den gieng, wie mir mein Begleiter ſagte, uͤber die Furth von Frew, wo der Strom ſtets tief und reißend, oft auch voͤllig ungangbar iſt. Von dieſer Furth oſtlich bis zur Bruͤcke von Stirling gibt es keinen Uebergangspunkt mehr, ſo daß der Fort eine Vertheidigungslinie zwiſchen Hoch⸗ und Nie⸗ 4² derſchottland bildet von ſeiner Quelle bis zu dem Frith, oder Meeresarme, der ihn aufnimmt. Die Ereigniſſe, de⸗ ren Zeuge ich bald darauf war, zeigten mir die Richtigkeit der Bemerkung Jarvies, der in ſeiner ſprichwoͤrtlichen Rede weiſe ſagte:„der Forth zügelt den Hochlaͤnder.“ Nach einem kurzen Ritt jenſeits der Bruͤcke befanden wir uns an der Thuͤre des Wirthshauſes, wo wir den Abend zubringen ſollten. Die Huͤtte war eher ſchlechter, als beſſer, im Vergleich mit jener, wo wir Mittag gehalten hatten, aber die kleinen Fenſter waren erleuchtet, man hoͤrte Stim⸗ men innen, und alles ſchien uns Nahrung und Obdach zu verſprechen, wogegen wir keineswegs gleichguͤltig waren. ALçAnndreas bemerkte zuerſt, daß ein geſchaͤlter Weidenſtab quer uͤber die halb offene Thuͤre angebracht war. Er zoͤ⸗ gerte, und rieth uns, nicht einzutreten,„denn,“ ſagte er, „einige ihrer Haͤuptlinge ſind darin, und wollen ſich nicht ſtoͤren laſſen; das wenigſte, was uns geſchieht, wenn wir unbedachtſam hineingehen, iſt, daß wir tuͤchtig zerſchlagen werden, wenn wir nicht gar ihre kalten Dolche in den Leib bekommen, was eben ſo leicht geſchehen kann.“ Ich ſah Jarvie an, der iym Recht gab⸗ indem er mir zufluͤſterte:„Der Guckuk kann auch einmal im Jahre ſin⸗ gen.“ Der Hufſchlag unſerer Pferde hatte etliche halbnackte Dirnen aus dem Wirthshaus und den umliegenden Huͤtten herbeigelockt. Niemand hieß uns willkommen, niemand wollte uns die Pferde abnehmen, als wir abgeſtiegen wa⸗ ren, und die einzige troſtloſe Antwort, die wir auf unſere widerholten Fragen herausbrachten, war:„nerſtehe nicht ſaͤchſiſch.“ Jarvie, der aus Erfahrung ſchon ein Mittel kaunte, ſie engliſch ſprechen zu lehren, ſagte zu einem klei⸗ — 43³ nen zehnjaͤhrigen Igel in einem zerriſſenen Plaid:„wenn ich Dir einen Pfennig gebe, willſt Du ſa⅛ͤchſiſch verſtehen?“ „Ja, ja, das will ich,“ erwiederte der Junge in ſehr gutem Engliſch. „So geh, Kleiner, und ſage Deiner Mutter, es woll⸗ ten zwei ſaͤchſiſche Herren mit ihr ſprechen.“ Die Wirthin erſchien ſogleich mit einem brennenden Kienſpan in der Hand, den die Hochlaͤnder meiſtens aus den in Torflagern gefundenen Fichten ſchnelden, und als Licht brauchen. Das flackernde Licht der Fackel beleuch⸗ tete die wilden und aͤngſtlichen Zuͤge einer bleichen, hagern Frau von mehr als mittlerer Groͤße, deren ſchmuziger, zer⸗ lumpter Anzug kaum ihre Bloͤße deckte. Ihr ſchwarzes Haar, das in ungekaͤmmten Zoͤpfen unter ihrer Haube vor⸗ drang, ſo wie der ſonderbare und verlegene Blick, mit dem ſie uns betrachtete, gaben mir das Bild einer Hexe, die mitten in ihrem unheimlichen Treiben geſtoͤrt wird. Sie weigerte ſich durchaus, uns aufzunehmen. Vergebens wa⸗ ren unſere Voꝛſtellungen, vergebens fuͤhrten wir die Laͤnge unſerer Reiſe, die Ermuͤdung unſerer Pferde, und die Ge⸗ wißheit an, nicht eher als zu Callander, das noch ſieben ſchottiſche Meilen entfernt ſei, ein Unterkommen zu finden. Die hartnaͤckige Wirthin antwortete auf alle unſere heftigen Klagen nur mit Verachtung—„beſſer weiter gegangen, als ſchlecht gebettet,“ ſagte ſie in niederſchottiſcher Mund⸗ art, und ſie war auch wirklich aus dem Gebiete von Lennor gebuͤrtig.—„In ihrem Hauſe ſeien Leute, die keine Frem⸗ den bei ſich haben wollten,— ſie wuͤßte nicht, wer noch mehr da ſei,— Rothroͤcke koͤnnten's ſeyn von der Beſa⸗ zung,“(ſezte ſie leiſer und mit beſonderem Nachdruck hin⸗ zu).„Die Nacht,“ fuhr ſie fort,„ſei ſchoͤn,— eine 1 44 7 Nacht auf der Haide wuͤrde unſer Blut kuͤhlen,— wir koͤnnten in unſern Kleidern ſo gut ſchlafen, als ein Degen in der Scheide,— es ſei nicht viel Moraſt im Walde wenn wir nur den Plaz ausſuchen wollten, und wir koͤnn⸗ ten unſere Pferde graſen laſſen bis zum Huͤgel, niemand wuͤrde etwas dagegen ſagen.“ „Aber meine gute Frau,“ fiel ich ein, waͤhrend Jar⸗ vie ſeufzte und unſchluͤſſig blieb,„es iſt ſechs Stunden, ſeit wir gegeſſen, und wir haben nicht das mindeſte ſeit⸗ dem zu uns genommen. Ich ſterbe im woͤrtlichſten Verſtand vor Hunger, und habe nicht Luſt, ohne Abendeſſen die Nacht auf Euern Bergen da zuzubringen. Ich muß durchaus hinein, entſchuldigt es bei Euern Gaͤſten, ſo gut Ihr koͤnnt, daß noch ein Paar Gaͤſte zu ihnen kommen.— Andreas, ſeht nach den Pferden. Die alte Hexe blickte mich erſtaunt an, und rief dann aus:„wer ſeinen Kopf haben will, dem muß man ihn laſ⸗ ſen!— Da ſeht doch die Englaͤnder! Der Bauch iſt Euer Gott! er hat nun ſchon einmal den Tag gegeſſen, und wagt lieber Leben und Freiheit, als er ein warmes Abendeſſen aufgibt,— aber ich waſche meine Haͤnde in Unſchuld.— Folgt mir,(zu Andreas) und ich will Euch zeigen, wo Ihr die Pferde unterbringen koͤnnt.“ Ich geſtehe, die Worte der Wirthin, die eine nahe Gefahr anzudeuten ſchienen, machten mich etwas beſtuͤrzt. Doch wollte ich, nachdem ich einmal meinen Entſchluß er⸗ klaͤrt hatte, nicht wieder umkehren, und trat keck ins Haus; als ich mir in dem engen Eingang an einem Haufen Torf auf der einen, und einem Poͤckelfaſſe auf der andern Seite beinahe die Schienbeine zerſtoßen hatte, oͤffnete ich eine wackelnde zerbrechliche Thuͤre, die nicht aus Bretern, ſon⸗ —— —— 45 dern einem Weidengeflecht beſtand, und trat, gefolgt von Jarvie in das Hauptgemach des ſchottiſchen Karavanen⸗ ſerais. Das Innere bot einen Anblick dar, der einem Eng⸗ laͤnder ſeltſam genug vorkam. Das Feuer, mit flackerndem Torf und duͤrrem Reiß genaͤhrt, flammte luſtig in der Mit⸗ te, aber der Rauch, der keinen andern Ausgang hatte, als ein Loch im Dache, wirbelte um die Querbaiken der Huͤtte, und hieng in duͤſtern Wolken in einer Hoͤhe von etwa fuͤnf Fuß vom Boden. Der mittiere Raum war ziemlich helle, da durch das Weidengeflecht, welches als Thuͤre diente, durch zwei viereckige Loͤcher, welche die Fenſter vorſtellten, und beide, das eine mit einem Plaid, das andere mit el⸗ nem zerriſſenen grauen Mantel, zugeſtopft waren, und fer⸗ ner noch durch ſo manche nicht ſo leicht zu unterſcheidende Oeffnungen und Riſſe Luftſtrome genng eindrangen, und die Flamme anfachten. An einem alten eichenen Tiſch ſaßen drei Maͤnner, die man unmöglich mit Gleichguͤltigkeit betrachten konnte. Sie waren offenbar Gaͤſte, zwei davon waren in hochlaͤn⸗ diſcher Kleidung, der dritte, ein kleiner Mann von dunk⸗ ler Geſichtsfarbe, und einem lebhaften, muntern Ausdruck in den Zuͤgen, trug enge Hoſen von wuͤrfelig gewirktem Zeuge. Jarvie fluͤſterte mir zu, der Mann muͤſſe etwas be⸗ deuten, denn nur ihre Duinhewaſſels, d. h. ihre Vorneh⸗ men, truͤgen ſolche Hoſen, die ſchwer zu weben ſeien, wenn ſie nach dem Geſchmack der Hochlaͤnder ſeyn ſollten.“ Der eine Gebirgsbewohner war ein ſehr ſchlanker, ſtar⸗ ker Mann, mit einer Fuͤlle von rothem Haar, Sommer⸗ ſproſſen, hohen Backenknochen, und einem langen Kinn,— eine wahre Karrikatur der ſchottiſchen Nationalzuͤge. Sein 3 46. Tartan war verſchieden von dem ſeines Begleiters, er hatte weit mehr Scharlach, waͤhrend ſchwarz und dunkelgruͤn in dem wuͤrſeligen Gewande des andern vorherrſchten. Der dritte, der an demſelben Tiſche ſaß, trug niederſchottiſche Kleidung, war ein Mann von kuͤhnem trozigem Ausſehen, und hatte in ſeinem Blick und Benehmen eine kriegeriſche Keckheit; praͤchtig und reich mit Treſſen beſezt war ſein Reitkleid, und ſein aufgeſtuͤlpter Hut von ungeheurer Groͤ⸗ ße. Sein kurzes Seitengewehr und ein Paar Piſtolen la⸗ gen vor ihm auf dem Tiſche. Die beiden Hochlaͤnder hat⸗ ten ihre Dolche vor ſich in den Tiſch geſtoßen, was, wie ich nachher erfuhr, ein, freilich ſonderbares Merkzeichen war, daß ihr Gelage nicht durch Streit geſtoͤrt werden. ſolle. Vor den Zechern ſtand eine maͤchtige Kanne mit Us⸗ quebaugh, einem Getraͤnk, faſt ſo ſtark, wie Branntwein, das die Hochländer aus Malz brauen, und unverduͤnnt in betraͤchtliceer Menge genießen. Ein zerbrochenes Glas mit einem höoͤlzernen Fuße diente der ganzen Geſellſchaft als Becher, und kreiste mit einer Schnelligkeit, uͤber die ich bei der Starke des Getraͤuks nicht genug ſtaunen konnte. Dieſe Maͤnner ſprachen laut und eifrig mit einander, bald gaͤliſch, bald engliſch. Ein anderer Hochlaͤnder in ſeinen Plaid gewickelt, lag auf dem Boden, ſeinen Kopf auf ei⸗ nen, nur mit einem Wiſch Stroh bedeckten Stein geſtuͤzt, und ſchlief, oder ſchien zu ſchlafen, und guf das, was um ihn vorgteng, nicht zu achten. Er war vermuthlich auch ein Fremder, da er in vollem Anzuge war, mit Schwert und Schild geruͤſtet, den gewoͤhnlichen Waffen ſeiner Lands⸗ leute auf Reiſen. Krippen von verſchledener Groͤße, theils von zerbrochenen Brettern, theils von zerriſſenem Welden⸗ gefleht, waren au den Waͤnden umher angebracht; darin —— — 47 ſchlief die ganze Familie, Maͤnner, Weiber und Kinder, und nur die duͤſtern Rauchwolken verbargen die Schlaf⸗ ſtaͤtte. unſer Eintritt war ſo ruhig geſchehen, und die Zecher waren in ihre Unterredung ſo vertieft, daß wir einige Ml⸗ nuten lang ihrer Beachtung entgiengen. Nur bemerkte ich, daß der Hochlaͤnder, der am Feuer lag, ſich aufrichtete, auf den Elbogen ſtemmte, ſeinen Plaid uͤber den untern Theil ſeines Geſichts herzog, und uns einige Augenblicke, ſcharf anblickte, worauf er ſeine alte Lage einnahm, und wieder des Schlummers zu pflegen ſchien, woran ihn un⸗ ſer Eintijitt geſtoͤrt hatte. Wir naͤherten uns dem Feuer, das uns nach einem langen Ritte in der kalten Nacht uͤber die Berge eine angenehme Erquickung verſprach, und zogen jetzt erſt durch unſer Rufen nach der Wirthin die Aufmerkſamkeit der aͤl⸗ tern Gaͤſte auf uns. Ungewiß und furchtſam blickte die Wirthin bald auf uns, bald auf die andern Gaͤſte, und antwortete nur zoͤgernd und unſicher auf unſere Frage, ob ſie etwas zu eſſen habe. „Ich weiß nicht,“ ſagte ſie;„ich bin nicht gewiß, ob etwas im Hauſe iſt,— wenigſtens, was fuͤr ſolche Herren paßt.“ 3 „Ich verſicherte ſie, es ſey uns gleichguͤltig, was wir bekaͤmen, und ſah mich dann nach Bequemlichkeiten um, die nicht leicht zu haben waren; einen alten Huͤhnerſtall machte ich zum Sitze fuͤr Herrn Jarvie zurecht, und ſtuͤrzte einen zerbrochenen Zuber fuͤr mich ſelbſt um. Andreas trat nun auch ein, und nahm ſchweigend hinter uns Platz. Die Gaͤſte ſtarrten uns fortwaͤhrend an, als waͤren ſie durch unſere Zuverſicht aus der Faſſung gebracht, und wir, ſtuͤlpten Hut wild in die Stirne;„wir wollen weder Euern — wenigſtens ich,— ſuchten ſo gut wie moͤglich unter 1 dem Anſcheine von Gleichguͤltigkeit die geheime Beſorgniß zu verbergen, wie wir wohl von unſern Vorgaͤngern em⸗ pfangen werden moͤchten. 4 Endlich wandte ſich der kleinete Hochländer an mich, und ſagte in ſehr gurem Engliſch und nicht minder ſtol⸗ zem Tone:„Ihr macht es Euch bequem, wie ich ſehe.“ 7 „So mache ich mir es gewoͤhnlich in einem oͤffentli- chen Wirthshaus,“ war meine Antwort.— „Und habt Ihr,“ fing der groͤßere an,„den weißen Stab an der Thuͤre nicht geſehen, Zum Zeichen, daß an⸗ dere die Schenke ſchon fuͤr ſich beſetzt hatten.“ „Ich mache keinen Anſpruch darauf, die Sitten dieſes Landes zu kennen,“ erwiederte ich;„aber ich moͤchte wohl wiſſen, warum drei Perſonen berechtigt ſeyn ſollten, alle andern Neiſenden von dem einzigen Hauſe auszuſchließen,— wo man meilenweit in der Runde Obdach und Erfriſchung* finden kann.“» „Dazu iſt kein Grund vorhanden, Ihr Herren,“ ſagte 2. Jarvie;„wir wollen niemand beleidigen, aber dazu habt* Ihr weder Fug, noch Recht,— wenn aber eine Kanne guten Branntweins dem Streit ein Ende machen kann, ſo,—— wir ſind friedliche Leute,——“ „Zum Henker mit Eurem Branntwein!“ ſprach der Mann aus dem Niederlande, und druͤckte ſeinen aufge⸗ v Branntwein, noch Eure Geſellſchaft,„und auf ſprang er von ſeinem Sitze. Seine Gefaͤhrten folgten, murmelten gegen einander, zogen ihre Plaids herauf, und begannen zu ſchnauben nach Art ihrer Landsleute, wenn ſie ſich in Zorn bringen wollen. „Hab' — v 3 49 „Hab' ich's Euch nicht geſagt?“ fieng die Wirthin an; naber ihr wolltet Euch nicht weiſen laſſen,— geht mir aus dem Hauſe, und macht mir keine Stoͤrung bier,— niemand ſoll bei Jeanie Mac Alpine geſtoͤrt werden, wenn ich's hindern kann. Ein paar muͤßige engliſche Burſche zie⸗ hen da in der Nacht im Lande herum, und ſtoͤren ehrliche Leute, die ihr Troͤpfchen am Feuer trinken wollen.“ Ein Kampf ſtand bevor. Aufgebracht uͤber den unpaß⸗ lichen Uebermuth, mit dem man mich behandelte, machte ich mir nichts daraus, und war nur um Jarvie bekuͤmmert, deſſen koͤrperliche und geiſtige Eigenſchaften, wenig zu ei⸗ nem ſolchen Abentheuer taugten. Als ich die andern ſich erbeben ſah, ſprang ich„eeichfalls auf, und warf den Man⸗ tel uͤber die Schultern zuruͤck, um zur Vertheidigung ge⸗ faßt zu ſeyn. „Wir ſind drei gegen drei,“ ſagte der kleinere Hoch⸗ laͤnder mit einem Blick auf uns;„wenn Ihr rechte Leute ſeyd, ſo zieht;“ mit dieſen Worten zog er ſein Schwert, und gieng auf mich los. Ich ſetzte mich in Vertheidigung, und war bei der Ueberlegenheit meiner Waffe um den Ausgang wenig verlegen. Jarvie benahm ſich mit uner⸗ wartetem Muthe. Als er den rieſigen Hochlaͤnder mit ge⸗ zogener Waffe gegen ſie ommen ſah, zog er einige Au⸗ genblicke an ſeinem Saͤbet, da aber die verroſtete Waffe nicht aus der Scheide gieng, ergriff er ſtatt ihrer das gluͤ⸗ hende Pflugmeſſer, welches man als Schuͤreiſen braucthte, und ſchwang es mit ſolchem Erfolg, daß beim erſter Gang des Schottlaͤnders Plaid Feuer fieng, worauf dieer, um das brennende Gewand zu doͤſchen, ſich in achtungsvoller Entfernung halten mußte. Andreas, der es mit dem die⸗ derſchottiſchen Kaͤmpfer haͤtte aufnehmen ſollen, hatte ſid W. Scott's Werke. CIII. 4 gleich beim Anfang des Gefechts aus dem Staube gemacht. Sein Gegner rief:„ehrlich Spiel! ehrlich Spiel!“ und ſchien geneigt, am Kampfe nicht weiter Theil zu nehmen. So begannen wir das Gefecht, wenisſtens in gleicher Au⸗ zahl. Meine Abſicht war, mich wo moͤglich der Waffe mei⸗ nes Gegners zu bemaͤchtigen aber aus Furcht vor dem Dolche, den er in der linken Hand fuͤhrte, und damit meine Stoͤße abwehrte, mochte ich ihm nicht zu nahe kommen. Inzwiſchen ſah ſich Jarvie, trotz ſeines erſten gluͤcklichen Ausfalls, hart bedraͤngt. Das Gewicht ſeiner Waffe, ſeine Wohlbelelbtheit und ſelbſt ſein aufbrauſender Zorn er⸗ ſchöpften ſchnell ſeine Kraͤfte und ſeinen Athem, ſo daß er nahe daran war, ſeinem Gegner zu erliegen, als ploͤtzlich der Schlaͤfer vom Boden aufſprang, und ſich mit Schild und Schwert zwiſchen den armen Rathmann und ſeinen Gegner warf:„Ich habe mein Brod gegeſſen in der Stadt Glasgow, und meiner Treul! ich will fechten fuͤr Rath⸗ mann Jarvie in dem Wirthshaus zu Aberfoit— ja, das will ich.“ Uund unerwartet ließ er ſeinem langen Lands⸗ mann das Schwert um die Ohren pfeifen, der ihm indeß ſeine Streiche mit Ziaſen zuruͤckgab. Beide trugen aber runde hoͤlzerne, mit kupfernen Naͤgeln beſchlagene und mit Leder uͤberzogene Schilde, womit ſie die Hiebe auffiengen, ſo daß bei ihrem Kampf mehr Geraͤuſch und Geklapper, als ernſte Gefahr war. Es ſchien uͤberhaupt mehr auf eine Prahlerei, als auf einen ernſtlichen Angriff abge⸗ ſehen; denn der Niederlaͤnder, der, weil er keinen Gegner hatte, rubig zur Selte ſtehen geblieben war, trat jetzt als Ver⸗ mittler und Friedensſtifter auſf. 3 „Halt ein! halt ein! genug! genug! der Streit geht nicht auf Tod und Leben. Dte fremden Herrn haben ge⸗ 33 51 zeigt, daß ſie Maͤnner von Ehre ſind, und gehoͤrig Genug⸗ thuung gegeben. Ich halte auf meine Ehre ſo gut, als einer, aber ich haſſe unnuͤtzes Blurvergießen.“ Ich wuͤnſchte begreiflicherweiſe nicht, den Kampf zu verlaͤngern,— auch mein Gegner ſchien bereit, ſein Schwert in die Scheide zu ſtecken,— Jarvie, der nach Athem ſchnappte, konnte als kampfunfaͤhig betrachtet werden, und die zwei Schwert⸗ und Schild⸗Maͤnner gaben ihr Ge⸗ fecht ſo gleichguͤltig auf, als ſte es begonnen hatten. „Und nun,“ ſagte unſer Friedensſtifter;„laßt uns trinken und uns vertragen als ehrliche Leute. Das Haus kann uns alle aufnehmen. Ich ſchlage vor, dieſer kleine Herr, den der Kampf ſehr mitgenommen zu haben ſcheint, ſoll einen Becher Branntwein holen laſſen, ich bezahle den zweiten, und dann wollen wir unſere Pfennige mit einau⸗ der vertrinken, wie Bruͤder.“ „Und wer bezahlt mir meinen neuen Plald? ſagte der große Hochlaͤnder;“ es iſt ein Loch hinein— gebrannt, daß man die Hand durchſtecken koͤnnte. Hat denn je ein ehrlicher Mann mit einem Feuerbrand gefochten?“ „Laßt Euch das nicht leid ſeyn,“ ſagte Jarvie, der indeſſen wieder Athem geſchoͤpft hatte, und ſich ſeines be⸗ wieſenen Murhes freute, aber nicht noch einmal eine ge⸗ faͤhrliche und zweifelhafte Entſcheidung wagen wollte;„für dieſe Wunde weiß ich ein Pflaſter. Einen neuen Plaid follt' Ihr haben, und von den beßten,— mit Euren Clan⸗ farben; ſagt mir nur, wohin ich ihn Euch ſenden ſol von Glasgow.“ „Ich brauche meinen Clan nicht zu nennen,— 1 bin von des Koͤnigs Clan, und der iſt wohl bekannt,“ ſagte der Hochlaͤnder;, aber Ihr koͤnnt ein Stuͤck von dem A 5² Plaid nehmen,— pfni, er ſtinkt, wie ein verſengter Schaafskopf!— Da koͤnnt Ihr das Muſter daran ſehen; ein Vetter von mir, der nach Glasgow handelt, wird ihn abholen am Martinstag, wenn Ihr mir ſagen wollt, wo Ihr wohnt. Aber, lieber Herr, wenn Ihr wieder fechtet, ſo nehmt ein Schwert, Ihr tragt ja eins, und ſchlagt nicht mit heißen Pflugmeſſern und mit Feuerbraͤnden zu, wie ein wilder Indianer.“ „Meiner Treu!“ ſprach Jarvie; jeder muß es machen, wie er kann.— Mein Schwert hat das Licht nicht geſehen, ſeit der Schlacht an der Borhwellbruͤcke, wo es mein ſeli⸗ ger Vater trug, und ich weiß nicht, ob es da herausgekom⸗ men iſt, denn das Fechten dauerte dort nicht lange.— Jedenfalls ſteckt es jetzt ſo feſt in der Scheide, daß ich es dicht herausringen kann, und als ich's merkte, nahm ich das erſte beſte Ding, das mir helfen konnte. Ich denke, die Tage ſind voruͤber, wo ich fechten konnte, aber darum laſſe ich mir nichts bieten.— Aber wo iſt denn der ehr⸗ liche Kerl, der ſo keck auf meine Seite trat. Ich gebe ihm ein Kaͤnnchen Branntwein, und ſollt ich nie wieder eins fordern.“ Der Kaͤmpfer, nach welchem er ſich umſah, war indeß nicht mehr zu ſehen. Er war, ohne von Jarvie beobachtet zu ſeyn, gleich nach dem Kampfe davon gegangen, doch nicht ſo ſchnell, daß ich nicht an den wilden Zuͤgen und dem ſtruppigen rothen Haar unſern alten Bekannten Dou⸗ gal, den entflohenen Schließer des Glasgower Gefaͤng⸗ niſſes, haͤtte erkennen ſollen. Ich theilte Jarvie meine Bemerkung leiſe mit, und dieſer antwortete mir in dem⸗ Ffr- — ſelben Tone: je, ja, ich ſehe, der bewußte Mann hatte Recht. Er hat einen Schimmer von geſundem Menſchen⸗ 53 verſtand, dieſer Dougal. Ich muß ſehen und denken, wie ich ihm wieder etwas gutes erzeige.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich nieder, und als er ſich erholt hatte, rief er der Wirthin:„ich denke, Muͤt⸗ terchen, da ich, ſo viel ich ſehe, kein Loch im Leibe habe, was in Eurem Hauſe wohl zu fuͤrchten iſt, ſo waͤre es das Beſte, etwas hin inzufuͤllen.“ Die Wirthin, die, ſeit der Sturm ausgetobt hatte, lauter Gefaͤlligkeit war, ſchickte ſich ſogleich an, uns mit einem Mahle zu erquicken. Nichts ſetzte mich auch bei der ganzen Sache mehr in Erſtaunen, als die Kaltbluͤtig⸗ keit, womit ſie und die uͤbrigen Hausleute dem kriegeri⸗ ſchen Laͤrm zugeſehen hatten. Die gute Frau hatte nur einem Knechte zugerufen:„die Thuͤre zu! moͤgen ſie todt⸗ ſchlagen, oder todtgeſchlagen werden, hinaus kommt nie⸗ mand, wer nicht die Zeche bezahlt hat!„Die Schlaͤfer in den Krippen an der Wand hoben bei dem Gefechte nur ihre nackten Leiber ein wenig empor, und riefen je nach Alter und Geſchlecht:„oh! oh!“; ich glaube, ſte waren wieder eingeſchlafen, ehe wir unſere Degen eingeſteckt hatten. Unſere Wirthin machte ſich nun viel zu ſchaffen, bi⸗ ſie unſere Mahlzeit fertig hatte, und bereftete uns zu meinem Erſtaunen ein ſo wohlſchmeckendes Wildpretge⸗ richt, daß ein Schlemmer, geſchweige hungrige Reiſende, ſich deſſen haͤtte erfreuen koͤnnen. Inzwiſchen ſetzte ſie uns Branntwein vor, dem ſich auch die Hochlaͤnder, trotz ihrer Vorliebe fuͤr ihr Nationalgetraͤnk, gar nicht abhold zeigten, und als der erſte Becher herumgegangen war, wollte der Niederſchotte wiſſen, was unſer Gewerbe, und der Zweck unſerer Reiſe ſey. 8 54 „Wir ſind Leute aus Glasgow, Euer Edlen,“ ſagte Jarvie mit angenommener Demuth;„und reiſen nach Stirling, um etwas Geld einzufordern, das man uns ſchuldig iſt.“ Ich war albern genug, uͤber dieſe Anſpruchsloſigkeit etwas ungehalten zu ſeyn, erinnerte mich aber meines Verſprechens zu ſchweigen, und Jarvie es zu uͤberlaſſen, die Sachen auf ſeine Art zu leiten. Und in der That, wenn ich daran dachte, daß ich den wackern Mann nicht nur zu einer weiten Reiſe von Hauſe bewogen hatte, die ſchon an ſich nicht ohne Beſchwerde war,(nach dem ſicht⸗ lichen Schmerzgefuͤhl zu ſchließen, mit dem er ſich nieder⸗ fetzte oder aufſtand), ſondern ihn noch dazu in augenſchein⸗ liche Lebensgefahr gebracht, ſo konnte ich ihm eine ſolche Gefaͤlligkeit unmoͤglich verſagen. Der Sprecher der andern Geſellſvaft zog ſchnaubend den Athem ein, und ſagte et⸗ was höhniſch:„Ihr Glasgower Kaufmanns⸗Volk habt nichts zu thun, als Weſtſchottland von einem Ende zum andern zu durchziehen, und ehrliche Leute zu plagen, denen es einmal ein wenig fehlt, wie mir.“ „Wenn unſere Schuldner ſo ehrliche Leute waͤren, als Ihr, Garſchottachien,“ erwiederte Jarvle;„meiner Treu! wir koͤnnten uns eine Muͤhe erſparen, denn die kaͤmen ſelbſt zu uns.“ „Ei! was! wie!“ rief der Angeredete aus;„ſo wahr ich von Brod lebe(Rindfleiſch und Branntwein nicht zu vergeſſen), das iſt mein alter Freund Nicol Jarvie, der beſte Mann, der jemals einem bedraͤngten Ehrenmann Geld auf Handſchrift geliehen hat. Kommt Ihr nicht zu mir? kommt Ihr nicht nach Garſchottachin?“ „Meiner Treu, nein! ich habe etwas anderes auf dem r 55 Korn,“ erwiederte Jarvie,—„ich glaubte, Ihr wolltet ſagen, ich kaͤme, um nach den Zinſen zu ſehen, die verfal⸗ len ſind.“ „Zum Henker mit dem Zins!“ ſagte der Laird, dem Anſchein nach aͤußerſt luſtig.„Aber zum Teufel, was ſprechen wir von Geſchaͤften, da Ihr ſo nah an meiner Heimath ſeyd.— Wie kann doch ein Reitrock einen Mann verſtellen?— daß ich meinen alten Freund, den Zunft⸗ meiſter, nicht erkannte!“ 3 „Den Rathmann, wenn es Euch beliebt,“ erwiederte mein Begleiter;„aber ich ſehe wohl, woher das Mißver⸗ ſtaͤndniß kommt,— der Schuldſchein iſt von meinem ſeli⸗ gen Vater, und der war Zunftmeiſter, aber ſein Name war Nicol, wie der meinige. Und ſo viel ich mich ent⸗ ſinne, iſt zu meiner Zeit noch keine Zahlung von Kapital und Zinſen gemacht worden, und daher kommt das Miß⸗ verſtaͤndniß.“ „Zum Teufel mit dem Mißverſtaͤndniß und allem, was ſchuld daran iſt!“ erwiederte Herr Galbralth.„Aber es freut mich, daß Ihr Rathmann ſeyd. Ihr Herrn, fuͤllt ein Glas, das iſt mein alter Freund,— Rathmann Nicol Jarvies Geſundheit!— Ich kenne ihn und ſeinen Vater ſeit zwanzig Jahren.— Ausgetrunken?— fuͤllt ein zwei⸗ tes. Auf den kuͤnftigen Stadtrichter!— ich ſage Stadt⸗ richter,— Lord Jarvie! und wer ſagt, daß in den Stra⸗ ßen von Glasgow ein Mann geht, der beſſer dazu taugt, der hat es mit mir zu thun, mit Duncan Galbraith von Garſchottachin.„Und damit ſetzte er trotzig ſeinen Hut auf die eine Seite des Kopfs.“ Der Branntwein war vermuthlich die beſte Empfeh⸗ lung dieſer hoͤflichen Trinkſpruͤche bei den beiden Hochlän⸗ 56 dern, denn ſie thaten Beſcheid, ohne ſich ſonderlich um diefellen zu bekuͤmmern. Sie fiengen eine Unterredung in gaͤliſcher Sprache mit Herrn Galbraith an, der ſie voͤllig gelaͤufig ſprach, da er, wie ich ſpaͤter erfuhr, ein naher Nachbar der Hochlande war. „Ich kannte den kargen Burſchen gleich von Aufang an,“ fluͤſterte mir jezt Jarvie zu,„aber als das Blut er⸗ hizt und die Degen einmal gezogen waren, wer weiß, auf welche Weiſe er ſeine Schulden haͤtte bezahlen wollen? es wird lange dauern, bis er es auf gewoͤhnliche Art thut. Aber er iſt ein ehrlicher Burſche und hat ein gutes Herz. Er kommrt nicht oft nach Glasgow, aber manchen Rehbock und manches Birkhuhn ſchickt er uns aus den Bergen. Auch brauche ich das Geld nicht gerade. Mein Vater, der Zunftmeiſter, hatte viel Achtung fuͤr die Familie Garſchot⸗ tachin.“ Als unſer Abendbrod bereitet war, ſah ich mich nach Andreas um, aber der Vielgetreue war ſeit dem Anfang des Kampfs verſchwunden. Die Wirthin ſagte mir, ſie glaube, er ſei in den Stall gegangen, und bot mir an, mir dahin zu leuchten.„Keine Bitte, weder der Kinder, noch von ihr haͤtte ihn bewogen, Antwort zu geben, und um dieſe Stunde traue ſfe ſich ſelbſt nicht in den Stall, denn es ſei ein Kobold darin, und ſie koͤnne darum keinen Stallknecht behalten. Als ſie mir zu dem elenden Schuppen leuchtete, wo unſere armen Pferde zuſammengepfercht waren, und mit einem Heu vorlieb nehmen mußten, das ſo grob war, wie We⸗ berſpulen, zeigte es ſich, daß ſie mich aus einem andern Grunde von der Geſellſchaft abgerufen hatte.„Leſet das,“ ſagte ſie, und ſchob mir an der Stallthuͤre ein Blatt Papier in —— 57 die Hand.„Ich danke Gott, daß ich's los bin. Unter Soldaten und Sachſen, unter Raͤubern und Viehdieben, unter Pluͤnderung und Blutvergießen, ein ehrliches Weib köͤnnte wahrhaftig in der Hoͤlle ruhiger leben, als an der hochlaͤndiſchen Graͤnze.“ Mit dieſen Worten gab ſie mir die Kieufackel in die Hand, und kehrte in's Haus zuruͤck. — Viertes Kapitel. Die Leier nicht, der Dudelſack im Hochland⸗Wald, Mac Lean's laut Halloh, Mae Gregors Horn erſchallt.“ John Cowyver. Ich trat in den Stall, weun man naͤmlich einer Stelle dieſen Namen geben kann, wo Pferde neben Ziegen, Fe⸗ dervieh, Ferkeln und Kuͤhen unter einem Dach mit dem Wohnhauſe ſtanden, obwohl Jenny Mac Alpine, unſere Wirthin, aus einer, den uͤbrigen Dorfbewohnern noch un⸗ bekannten und deßhalb ihrem Stolze zugeſchriebenen, Ver⸗ feinerungsluſt dem Behaͤltniſſe einen andern Eingang ge⸗ geben hatte, als den, der fuͤr ihre zweibeinigen Kunden beſtimmt war. Bei dem Scheine der Lampe entzifferte ich den Brief, der auf ein feuchtes, zerknittertes, ſchmutziges Stuͤck Papier goſchrieben, und addreſſirt war: An H. F. O., einen jungen ſaͤchſiſchen Herrn, zu zerhtien Haͤnden.“ 4 Der Inhalt war folgender: 8 Mein Herr! Es ſind Nachteulen draußen, ſo daß ich mit Euch nind meinem geehrten Vetter, R. N. J., nicht im Wirthshaus 58 zu Alberfoil zuſammentreffen konnte, wie ich vorhatte. Laßt Euch nicht unnöthigerweiſe mit den Leuten ein, die Ihr da finden werdet, es koͤnnte Berdruß daraus entſte⸗ hen. Die Perſon, die Euch dieß uͤbergiebt, iſt treu, Ihr koͤnnt ihr trauen, und ſie wird Euch ſicher an einen Ort fuͤhren, wo ich Ench, ſo Gott will, ſicher treffen kann, denn ich hoffe, mein Vetter und Ihr werdet mich in meinem armen Hauſe beſuchen, wo ich Euch troz meinen Feinden ein ſo gutes Mahl verſprechen kann, als irgend ein Hoch⸗ lͤnder ſeinen Freunden gibt. Da wollen wir feierlich die Geſundheit einer gewiſſen D. V. trinken, und gewiſſe An⸗ gelegenheiten beſprechen, worin ich Euch wohl werde Bei⸗ ſtand leiſten koͤnnen; uͤbrigens verbleibe ich, wie es unter artigen Leuten Sitte iſt, Euer dienſtwilliger 7 R. M. C. Ich war uͤber den Inhalt dieſes Briefs ziemlich ver⸗ drießlich, denn er ſchien den Dienſt, den ich von Campbell erwartete, weiter hinauszuſchieben. Indeſſen lag ein Troſt darin, duß ich wußte, er nehme fortwaͤhrend Antheil, denn ohne ihn hatte ich ja gar kelne Hoffnung, meines Vaters Papiere wieder zu erhalten. Ich entſchloß mich alſo, ſei⸗ nen Anordnungen zu folgen, mich vor den Gaͤſten moͤglichſt in Acht zu nehmen, und die erſte gute Gelegenheit zu er⸗ ereiſen⸗ die Wirthin zu fragen, auf welche Weiſe ich mit dem geheimnißvollen Mann zuſammentreffen koͤnne. . Mein naͤchſtes Geſchaͤft war es nun, meinen Andreas aufzuſuchen, den ich mehreremal bel Namen rief, ohne Antwort za erhalten; ich durchſuchte den Stall rings um⸗ her nicht ohne Gefahr, denſelben in Brand zu ſtecken, was ohne die Menge von feuchter Streu und Moder ſicherlich geſchehen waͤre. Auf mein wiederholtes Geſchrei:„An⸗ 3 59 85 dreas!— Andreas!— Dummkopf!— Eſel! wo ſeid Ihr? — ertoͤnte endlich ein ſchmerzvolles„hier,“ in einem aͤch⸗ zenden Tone, als kaͤme er von dem Kobold ſelbſt. Von dieſem Laut geleitet kam ich in einen Winkel des Schup⸗ pens, wo ich den mannhaften Andreas in der Ecke hinter einem Faſſe fand, welches alle Federn des Gefluͤgels ent⸗ hielt, das ſeit einem Monate in dem Wirthshaufe hatte ſterben muͤſſen; theils durch Gewalt, theils durch Ermah⸗ nungen und Befehl brachte ich ihn endlich aus ſeinem Schlupfwinkel hervor. Seine erſten Worte waren:„ich bin ein ehrlicher Menſch.“ „Wer den Teufel fragt jezt nach Eurer Ehrlichkeit?“ ſagte ich;„was haben wir jezt damit zu ſchaffen? Kommt, und wartet uns auf bei dem Abendeſſen.“ „Ja,“ wiederholte Andreas, offenbar ohne mich ver⸗ ſtanden zu haben;„ich bin ein ehrlicher Menſch, was auch Herr Jarvie dagegen ſagen mag. Frellich, mein Herz haͤngt an den Guͤtern der Welt, wie bei vielen andern,— aber ich bin ein ehrlicher Meuſch, und wenn ich auch auf der Halde etwas davon ſagte, Euch zu verlaſſen, Gott weiß, es war ferne von mir,— es war nur ſo eine leere Rede, wie man's macht, wenn man einen guten Handel ſchließen will. Und ich habe Euer Edlen ſo lieb, als man unr ei⸗ nen ſo jungen Herrn haben kann, und moͤchte Euch nicht gerne verlaſſen.“ „Aber, zum Henker, was wollt Ihr denn damit? Iſt nicht alles zu Eurer Befriedigung abgemacht? Wollt Ihr alle Augenblicke davon ſchwazen, mich zu verlaſſen, ohne allen Grund?“ „Ja, bis jezt war's nur ſo ein Gerede,“ erwiederte Andreas;„aber jezt kommt's im Ernſte an mich.— Mag 60 ich verlieren oder gewinnen,— ich wag's, nicht weiter zu gehen mit Euer Edlen, und wenn Ihr meinen thoͤrichten Rath annehmen wollt, ſo brecht lieber Euer Wort und geht nicht weiter. Es iſt mir aufrichtig um Euch, und ich weiß, Ihr werdet Euern Freunden Ehre machen, wenn Ihr nur erſt die Hoͤrner abgelaufen habt, und etwas kluͤger und beſtaͤndiger geworden ſeid.— Aber ich kann Euch nicht weiter folgen, wenn Ihr auch auf dem Wege ſtraucheln und umkommen ſolltet aus Mangel an Fuͤhrung und Rath, — aber in das Land zu gehen, wo Robin der Rothe Herr iſt, das heißt Gott verſuchen.“ 4 „Robin der Rothe?“ ſagte ich etwas erſtaunt;„ich kenne niemand, der ſo heißt. Was ſind das wieder fuͤs Poſſen?“. „Es iſt hart,“ ſagte Andreas,„ſehr hart, daß man einem nicht glauben will, wenn man doch die lautere Wahr⸗ heit ſpricht, blos weil man zuweilen auch luͤgt, wenn man ſich nicht anders helfen kann. Ihr braucht nicht zu fra⸗ gen, wer Robin der Rothe iſt, der Erzraͤuber,— Gott ſchuͤze mich! ich hoffe, es hoͤrt uns niemand,— Ihr habt ja einen Brief von ihm in der Taſche. Ich hoͤrte, wie ei⸗ ner ſeiner Geſellen der alten Vettel auftrug, ihn Euch zu geben. Sie glaubte, ich verſtuͤnde ihr Kauderwaͤlſch nicht, aber, wenn ich gleich nicht viel ſprechen kann, ich errathe doch recht gut, wenn ich's hoͤre.— Ich dachte Euch dieß nie zu ſagen, aber in der Angſt kommt alles heraus, was man bei ſich behalten will. O, Herr Franz, alle Thorhei⸗ ten Eures Oheims und alle tollen Streiche Eurer Vettern ſind nichts dagegen.— Trinkt den Humpen rein aus, wie Sir Hildebrand, fangt am lieben Morgen an mit Brod⸗ ſchnitten in Branntwein, wie Junker Percie, poltert, wie 61 Junker Thormcliff, lauft den Maͤdchen nach, wie Junker John, ſpielt, wie Richard, gewinnt Seelen dem Pabſt und dem Teufel, wie Raſhleigh, laͤrmt, tobt und entheiligt den Sabbath und thut des Pabſts Gebote, wie ſie alle mitein⸗ ander— aber, barmherziger Himmel! ſchont Euer junges Blut, und kommt dem rothen Robin nicht zu nahe!“ Die Bekuͤmmerniß des Menſchen war zu aufrichtig, als daß ich ſie fuͤr Verſtellung haͤtte halten koͤnnen. Ich be⸗ gnuͤgte mich daher, ihm zu ſagen, ich haͤtte im Sinne, die Nacht uͤber in der Schenke zu bleiben, und er ſolle die Pferde wohl beſorgen. Ruͤckſichtlich des Uebrigen gebot ich ihm auf's Strengſte, uͤber den Gegenſtand ſeiner Beſorg⸗ niſſe zu ſchweigen, er koͤnne ſich darauf verlaſſen, daß ich mich ohne gehoͤrige Vorſicht in keine ernſtliche Gefahr be⸗ geben werde. Niedergeſchlagen folgte er mir in's Haus, und murmelte zwiſchen den Zaͤhnen:„Menſchen muͤſſen eher bedient werden, als das Vieh,⸗ und ich habe keinen Biſſen im Munde gehabt den lieben langen Tag, als die zaͤhen Schenfel von dem alten Waſſerhuhn.“ Die Eintracht der Gaͤſte ſchien ſeit meiner Entfernung einige Stoͤrung erlitten zu haben, denn ich fand Herrn Galbraith und meinen Freund Jarvie in lautem Streite. „„Ich will keine ſolche Sprache hoͤren uͤber den Herzog von Argyle und den Namen Campbell,“ ſagte der Leztevs bei meinem Eintreten.“ Er iſt ein wackerer Edelmann, der's gut mit dem Lande meint, er hat Anſehen im Lan⸗ de, und iſt ein Freund und Beſchuͤzer des Handels von Glasgow.“ „Ich ſage nichts gegen Mac Callumore und ſeinen Stamm,“ ſaate der kleinere Hochlaͤnder lachend. „Unſer See ſah nie Campbells Galeeren,“ ſagte der 6² dickere Hochlaͤnder.„Ich ſpreche frei, und fuͤrchte niemand. Ich ſchaͤtze einen Campbell nicht mehr, als einen Lowan, und Ihr mögt Mac Callumore ſagen, daß Allan Jverach dieß geſagt hat.“ 24 Galbraith, auf den der Branntwein, den er wieder⸗ holt in ganzen Glaͤſern hinabgeſtuͤrzt hatte, ſeine Wirkung zu aͤußern begann, ſchlug maͤchtig mit der Fauſt auf den Tiſch, und ſagte mit ranher Stimme:„auf der Familie haftet eine blutige Schuld, und ſie ſoll eines Tages bezah⸗ len. Die Gebeine eines treuen und tapfern Grahame ha⸗ ben lange in ihrem Sarge gepoltert um Rache an dieſen Herzogen und Lords. Nie war ein Verrath in Schottland, an dem nicht ein Campbell ſchuldig war, und jetzt, da die unrechte Seite oben iſt, wer als die Campbells haͤlt die rechte nieder? Aber dieß wird nicht lange dauern, und es wird Zeit ſeyn, das Schwert zu ſchaͤrfen, das die Nacken und Kehlen abſcheeren ſoll. Ich hoffe, das alte roſtige Ding ſoll bald eine blutige Erndte haben.“ „Schaͤmt Euch, Garſchottachtn!“ rief Jarvie;„ſchaͤmt Euch! So was zu ſagen vor einer obrigkeitlichen Perſon, und Euch ſelbſt in Ungelegenheit zu bringen!— Wie denkt Ihr Eure Famtlie zu erhalten, und Eure Glaͤubiger zu be⸗ friedigen(mich ſelbſt und andere), wenn Ihr auf dieſem wilden Wege fortgeht, wo Ihr dem Geſetz verfallen muͤßt zum Schaden von allen, die in Berbanduns mit Euch ſtehen?“ „Zum Henker mit meinen Gläͤubigern!!“ erwiederte der ruͤſtige Galbralth,„und mit Euch auch, wenn Ihr ei⸗ ner davon ſeyd. Ich ſage, bald wirds anders gehen,— und wir werden keine Campbells mehr ſehen, die die Muͤtzen ſo hoch tragen, und ihre Hunde hinjagen, wo ſte 6² nicht ſelbſt hinzukommen ſich getrauen, Diebe und Moͤrder beſchuͤtzen, um ehrlichere Leute und treuere Clans, als ſie ſelbſt, zu pluͤndern und zu berauben.“ Jarvie hatte große Luſt, den Streit fortzuſetzen, aber der wohlriechende Dampf des Wildpretbratens, den die Wirthin uns jetzt vorſetzte, war ein ſo maͤchtiger Vermitt⸗ ler, daß er ihn ſelbſt mit großem Eifer zerſchnitt, und es den Fremden uͤberließ, den Streit unter ſich fortzuſetzen. „Und das iſt wahr,“ ſagte der groͤßere Hochlaͤnder, der Stuart hieß;„wir waͤren nicht geſchoren und geplagt, uns hier zu verſammeln, um den rothen Robin hinunter zu bringen, wenn nicht die Campbells ihm Schutz gaͤben. Wir waren unſerer dreißig, und jagten die Mac Gregors, wie die Rehe, bis wir nach Glenfalloch kamen, da ſtanden dle Campbells auf, hinderten uns am Verfolgen, und ver⸗ loren war unſere Arbeit; ich gaͤbe aber weiß nicht was dar⸗ um, dem Robin noch einmal ſo nahe zu kommen, als an jenem Tag.“ Ungluͤcklicherweiſe lag fuͤr meinen Freund Jarvie in je⸗ der Wendung des Geſpraͤchs etwas, das ihn beleidigte. „Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich meine Meinung ſage, aber Ihr haͤttet, glaube ich, weiß nicht was darum gege⸗ ben, dem Robin ſo ferne zu ſeyn, als jetzt.— Meiner Treu! mein heißes Pflugmeſſer waͤre nichts geweſen gegen ſein Schwert.“ „Ihr thaͤtet wohl, nichts mehr von Eurem Meſſer zu ſprechen, oder beim——, Ihr ſolltet mir Eure Worte hinunter wuͤrgen, und mein kaltes Eiſen ſollte nachhel⸗ f n.“ und mit einem ſehr verdaͤchtigen, drohenden Blick griff der Hochlaͤnder nach ſeinem Dolche. „Wir wollen jetzt nicht zanken, Allan,“ ſagte ſein klei⸗ 64 nerer Gefaͤhrte;„wenn der Herr aus Glasgow etwas auf den rothen Robin haͤlt, ſo kann er ihn die Nacht noch in Feſſeln, und morgen am Strick baumeln ſehen; denn das Land war lange genug von ihm geplagt, und nun geht's auf die Neige mit ſeinem Geſchlechte.— Aber es iſt Zeit, Allan, daß wir zu unſern Leuten gehen.“ „Ei was, Inveraſchalloch,“ ſagte Galbraith,„wir wer den doch nicht vor einer andern Flaſche erſchrecken.“— „Fch habe Flaſchen genug gehabt,“ ſagte Inveraſchab⸗ loch;„ich trinke meine Flaſche Usquebaugh oder Brannt⸗ wein mit jedem ehrlichen Kerl, aber, beim Teufel! keinen Tropfen mehr, wenn ich am Morgen zu thun habe. Und nach meinen einfaͤltigen Gedanken, Garſchottachin, ich glau⸗ be, Ihr thaͤtet beſſer, Eure Reiter vor Tag bis zum Wirths⸗ haus zu bringen, daß wir Alle mit einander anfangen koͤnn⸗ ten.“ 4 „Was habt Ihr denn ſo eilig?“ ſagte Garſchottachin; „Speiſe und Trank hindern nie an der Arbeit. Haͤtte ich etwas zu ſagen gehabt, ich haͤtte Euch ſicherlich ruhig in Euren Thaͤlern gelaſſen. Die Beſatzung und unſere Reiter haͤtten den rothen Robin leicht genug gefangen. Da iſt die Hand,“ ſagte er, und hielt die ſeinige empor,„die haͤtte ihn auf den Raſen gelegt, und nie einen Hochlaͤnder zu Hülfe gerufen.“ „Da haͤttet Ihr uns laſſen koͤnnen, wo wir waren,“ ſagte Inveraſchalloch.„Ich komme nicht ſechzig Meilen da⸗ her, wenn man nicht nach mir ſchickt. Aber wenn Ihr meine Meinung annehmen wollt, ſo huͤtet Eure Zunge beſ⸗ ſer, wenn Ihr Euer Werk foͤrdern wollt. Wer eine Stuͤtze hat, haͤlt ſich lange, und ſo mags der Mann, den Ihs kennt. Wenn man einen Vogel fangen will, wirft ahis ni 65 nicht die Muͤtze nach ihm. Und ſo haben auch dieſe Herren elniges gehoͤrt, das ſie nicht haͤtten hoͤren ſollen, aber der Branntwein iſt Euch zu Kopf geſtiegen, Major Galbraith. Nun, Ihr braucht den Hut nicht ſo hinaufzuſchieben⸗ Freund, und gegen mich den Eiſenfreſſer zu machen, das leid' ich nicht.“ „Ich habe es ſchon geſagt,“ erwiederte Galbraith in dem langſamen Tone eines Betrunkenen, der an ſich halken will,„ich will dieſe Nacht nicht mehr zanken weder mit einem Niederſchotten noch mit einem Hochlaͤnder. Aber wenn ich außer Dienſt bin, nehme ich's mit Jedem auf, aber nicht im Dienſte,— nein— nein. Ich wollte aber, wir hoͤrten einmal etwas von dleſen Rothroͤcken. Gaͤbe es etwas gegen Koͤnig Jakob zu thun, wir haͤtten ſie lange ſchon geſehen, aber wenn es gilt, die Ruhe im Lande zu erhalten, da ſind ſie ſo traͤge, wie ihre Nachbarn.“ Wie er noch ſprach, hoͤrten wir die gemeſſenen Fuß⸗ tritte einer Schaar Fußvolks, und ein Offizier, gefolgt von etlichen Soldaten, trat in das Gemach. Sein engliſcher Accent toͤnte meinen Ohren, die ſo lange nur das ſchottiſche Kauderwaͤlſch gehoͤrt hatten, aͤußerſt angenehm. „Ihr ſeyd vermuthlich Major Galbratth von der Mi⸗ liz⸗Reiterei von Lennox, und dieß ſind wohl die zwei hoch⸗ laͤndiſchen Herrn, die ich hier treffen ſollte?“ Sie bejahten, und luden den Offzier ein, Theil an ihren Erfriſchungen zu nehmen, was er ablehnte. „Ich habe mich bereits verſpaͤtet, Ihr Herrn, und muß mich beeilen. Ich habe Befehl, zwet Perſonen, die verraͤtheriſcher Anſchläge beſchuldigt werden, aufzuſuchen, und zu verhaften.“ W. Scotu's Werke. CIII 3 5 66 „Dabei haben wir nichts zu thun,“ ſagte Inveraſch⸗ alloch.„Ich kam hieher mit meinen Leuten, um gegen den rothen Mac Gregor zu fechten, der meinen Vetter er⸗ ſchlagen hat, aber ich will nichts mit ehrlichen Leuten zu thun haben, die im Lande ihren eigenen Geſchaͤften nach⸗ gehen.“ „Auch ich nicht,“ ſagte Jverach. Major Galdralth nahm die Sache felerlicher, und hob nach einem guten Schlucke alſo an: „Ich will nichts ſagen gegen Koͤnig Georg, Herr Haupt⸗ mann, weil es ſeyn koͤnnte, daß meine Beſtallung von ihm waͤre,— aber eine Beſtallung kann gut ſeyn, das macht aber die andere noch nicht ſchlecht, und manche glauben, daß Jacob ein ſo guter Name iſt, als Georg.— Dieſer iſt Konig, und jeuer ſollte es von Rechtswegen ſeyn.— Ich denke, ein eyhrlicher Mann kann's mit beiden zut meinen. — Aber ich bin jetzt der Meinung des Lord⸗ Lieutenants, wie es einem Milizoffizier zukommt,— und von Verrath⸗ und dergleichen zu ſprechen, das iſt verlorene Zeit,— je weniger man ſagt, deſto weniger hat man zu verant⸗ worten.“ 3 „Ich ſehe mit Bedauern, wie Ihr Eure Zeit angewen⸗ det habt,“ erwiebderte der engliſche Offtzter, denn die Rede des ehrenveſten Galbraith verrieth deutlich, wie viel er ge⸗ trunten;„ich wuͤnſchte, Ihr haͤttet ſie bei einer Sache von ſolcher Wichttgteit anders verwerdet. Ich moͤchte Euch ra⸗ ihen, eine Stunde auszuſchlafen.— Gehoͤren dieſe Herren zu Eurer Geſellſchaft?“ fragte er, auf Jarvie und mich deu tend; mit dem Eſſen beſchäͤftigt hatten wir beide auf den cintrerenden Offizier wenig geachtet. — 67 „Reiſende,“ ſagte Galbraith,„ehrliche Reiſende zu Waſſer und zu Land, wie's im Gebetbuch heißt.“ „Ich habe den Befehl erhalten,“ fuhr der Hauptmann fort, mit dem Lichte in der Hand uns naͤher betrachtend, „einen aͤltlichen und einen jungen Mann zu verhaften, und die Beſchreibung ſcheint auf dieſe Herrn zu paſſen.“ „Bedenkt wohl, was Ihr ſprecht,“ ſagte Jarvie; „weder Euer rother Rock, noch Euer Treſſenhut wird Euch ſchuͤtzen, wenn Ihr mich beleidigt. Ich klage Euch an we⸗ gen willkuͤrlicher Verhaftung.— Ich bin ein freier Buͤrger und obrigkeitliche Perſon von Glasgow; Nicol Jarvie iſt mein Name, ſo hies auch mein Vater,— ich bin Rath⸗ mann, eine Ehre fuͤr mich, und mein Bater war Zunft⸗ meiſter.“ „Er war ein alter Spitzkopf,“ fiel Major Galbraith ein,„und focht gegen den Koͤnig auf der Bothwell⸗Braͤcke.“ „Er zahlte, was er brauchte und kaufte, Herr Gal⸗ braith,“ ſagte Jarvie;„und war ein ehrlicherer Mann, als je einer auf Euern Fuͤßen ſtand.“ 3 „Ich babe keine Zeit, alles das anzuhoͤren,“ ſagte der Offizter;„ich muß Euch gefangen nehmen, wenn Ihr nicht hinreichende Buͤrgſchaft beibringt, daß Ihr treue Untertha⸗ nen ſeyd.“ „Ich will vor eine buͤrgerliche Obrigkeit gebracht wer⸗ den, vor den Sheriff oder den Grafſchaftsrichter,“ ſagte Jarole;„ichenen nicht verbunden, jedem Rothrock zu ant⸗ worten, der Hitgen an mich machen will.“ „Gut, ich weiß, was ich zu thun habe, wenn Ihr nicht antworten wollt,— und Ihr,(zu mir gewendet) wie heißt Ihr?“ „Franz Osbaldiſtone.“ 4 7 68 „Was? ein Sohn von Sir Hildebrand Osbaldiſtone in Northumberland?“ „Nein,“ fiel der Rathmann ein,„ein Sohn des groſ⸗ ſen William Osbaldiſtone, von dem Hauſe Osbaldiſtone und Tdresham in London.“ „Ich erſchrecke,“ ſprach der Offizier;„Euer Name al⸗ lein vermehrt den Verdacht gegen Euch, und verſetzt mich in die Nothwendigkeit, Euch alle Papiere abzufordern, die Ihr bei Euch habt.“ Ich bemerkte, daß die Hochlaͤnder ſich aͤngſtlich anſa. hen, als dieß verlangt wurde.„Ich habe keine zu uͤber⸗ liefern,“ ſagte ich. Der Offizier befahl, mich zu entwaffnen und zu durch⸗ ſuchen. Widerſtand waͤre Unſinn geweſen. Ich gab alſo meine Waffen ab, und ließ nie durchſuchen, was ſo hoͤf⸗ lich, wie moͤglich, geſchah. Sie fanden nichts, als den Zettel, den ich dieſen Abend von der Wirthin erhalten hatte. „Ich habe etwas anderes erwartet,“ ſagte der Offi⸗ zier;„aber es gibt mir sinreichenben Grund, Euch feſtzu⸗ halten. Hier finde ich eine ſchriftliche Mittheilung von dem geaͤchteten Raͤuber, Robert Mac Gregor Campbell, der ſo lange die Plage dieſer Gegend geweſen iſt. Was ſoll ich davon halten?“ „Kundſchafter Robins!“ ſagte Inveraſchalloch,„denen geſchaͤhe Recht, wenn wir ſie an den näͤchſner Baum haͤng⸗ ten.“ dr „Wir ſind ausgereist nach einigen Sachen, die durch Zufall in ſeine Haͤnde gefallen ſind,“ ſagte Jarvie;„es iſt, hoffe ich, kein Verbrechen, nach ſeinem Eigenthum zu ſchauen.“ 659 „Wie kommt Ihr zu dieſem Brief?“ fragte mich der Offizier. Ich dachte nicht daran, das arme Weib zu verrathen, und ſchwieg. „Weißt Du etwas davon, Burſche?“ ſagte der Offi⸗ zier zu Andreas, deſſen Kinnladen bei der von den Hoch⸗ laͤndern ausgeſprochenen Drohung klapperten, wie ein Paar Caſtagnetten. „O ja, ich weiß alles,— es war ein Burſche aus dem Hochlande, der gab ihn der Frau hier,— ich will ſchwoͤren, mein Herr hat nichts davon gewußt, aber er will hinauf gehen in die Berge, und mit Robin ſprechen;— o Herr, erzeigt ihm die Gnade, und ſendet ihn mit eln Paar von Euern Rothroͤcken ſicher nach Glasgow zuruͤck, er mag wol⸗ len oder nicht. Den Herrn Jarvie könnt Ihr behalten, ſo lange Ihr wollt, der ſteht gut fuͤr jede Geldbuße, die Ihr ihm auflegen wollt, und ſo auch mein Herr, was das betrifft, ich,— ich bin ein armer Gäͤrtnerburſche, und nicht werth, daß Ihr Euch mit mir beheligt.“ „Ich glaube,“ ſagte der Offizier,„es iſt das beſte, ich ſende dieſe Leute unter Bedeckung nach der Veßung. — Sie ſcheinen im unmittelbaren Verkehr mit dem Feinde zu ſtehen, und ich kann es nicht verantworten, ſie in Frei⸗ heit zu laſſen. Ihr Herrn, betrachtet Euch als meine Ge⸗ faugene. Mit Tagesanbruch ſende ich Euch ab. Seid Ihr diejenigen, fuͤr die Ihr Euch ausgebt, ſo wird es ſich bald zeigen, und eine Gefangenſchaft von ein Paar Tagen kann Euch keinen großen Schaden bringen.— Ich kann keine Gegenvorſtellungen anhoͤren,“ fuhr er fort, ſich von Jarvie abwendend, der ihn anreden wollte,„der Dienſt, der mir obliegt, laͤßt mir keine Zeit zu muͤßigen Unterſuchungen.“ „Gut, gut,“ ſagte dieſer;„ſo mags denn nach Eurer Pfeife gehen, aber ſeht Euch wohl vor, ob ich Euch nicht danach tanzen laſſe, ehe aller Tage Abend iſt.“ Eine eifrige Berathung erfolgte nun zwiſchen dem Offizier und den Hochlaͤndern, aber ſo leiſe, daß ich un⸗ moͤglich etwas verſtehen konnte. Sobald ſie zu Ende war, verließen alle das Haus. Nach ihrer Entfernung ſagte Jarvie:„Dieſe Hochlaͤnder ſind von den weſtlichen Clans, und ihre Haͤnde ſind eben ſo wenig ſauber, als die ihrer Nachbarn, wenn's wahr iſt, was man ſagt,— da kom⸗ men ſie nun, um gegen den armen Robin zu fechten, wei ſie einen alten Groll gegen ihn und ſeinen Stamm haben. — Da ſind nun die Grahames, die Buchanans und der Landadel von Lennor, alle beritten und geruſtet.— Ich weiß wohl, warum ſie ſtreiten, und tadle ſie nicht darum, — niemand verliert gern ſein Vieh,— und nun vollends auch die Soldaten. Der arme Robin wird alle Haͤnde voll zu thun haben, bis die Sonne uͤber den Huͤgel heraufkommt. — Es iſt wohl Unrecht fuͤr einen Rathmann, etwas gegen den Lauf des Rechts zu wuͤnſchen, aber, der Henker ſoll mich holen, es wuͤrde mir das Herz nicht brechen, wenn ich hoͤrte, Rob habe ihnen allen ihren Lohn gegeben.“ ,— 5 71 Fuͤnftes Kapit el. — Mein Feldherr, Hört mich, und merkt wohl auf, und blickt auf mich,. Gerade ins Geſicht, ich bin ein Weib, Seht, ob die Furcht, ein Schatten nur von Furcht, Ob Bläße drauf ſich zeiat, wenn nicht vor Zorn, Daß ich von euch die Gnade ſoll empfahn. Bonduea. Man erlaubte uns, den Reſt der Nacht zu ſchlafen, ſo gut als es ſich in der elenden Schenke thun ließ. Jarvie, durch die Reiſe und die darauf folgenden Auftritte ermuͤ⸗ det, uber unſere Verhaftung, die fuͤr ihn nur eine vor⸗ uͤbergehende Unbequemlichkeit ſeyn konnte, minder bekuͤm⸗ mert, und vielleicht auch minder ekel, als ich, in Bezug auf die Reinlichkeit ſeines Lagers, warf ſich in eine der obenbeſchriebenen Kripvpen, und ſchnarchte wacker. Ich legte den Kopf auf den Tiſch, und ein unruhiger, oft unterbro⸗ chener Schlaf war meine einzige Erquickung. Waͤhrend der Nacht hatte ich Gelegenheit, zu bemerken, daß die Bewe⸗ gungen der Soldaten Zweifel und Unſchluͤſſigkeit verriethen. Leute wurden ausgeſendet um Kundſchaft einzuziehen, und kehrten offenbar ohne genuͤgende Nachrichten zu ibrem Be⸗ fehlshaber zuruͤck. Unverkennbar war er ungeduldig und beſorgt, und ſandte kleine Streifwachen von zwei bis drei Mann aus, von denen, wie ich aus dem Fluͤſtern der an⸗ dern vernahm, nict alle ins Dorf zuruͤckkehrten. Der Morgen war angebrochen, als ein Korporal und zwei Mann hereinſtuͤrmten, und in einer Art von Triumph einen Hochläͤnder nachſchleppten, in welchem ich ſogleich den Ex⸗Gefaͤngnißſchließer von Glasgow erkannte. Jarvie blickte 7² bei dem Geraͤuſche auf, machte ſogleich dieſelbe Entdeckung, und rief:„Gott erbarms! Da haben ſie den armen Dou⸗ gal erwiſcht,— Herr Hauptmann, ich ſtelle Buͤrgſchaft, hinlaͤngliche Buͤrgſchaft fuͤr dieſen Dougal.“ Auf dieſes Anerbieten, das ihm ohne Zweifel eine dankbare Erinnerung an die lezten Dienſtleiſtungen des Hochlaͤnders eingab, antwortete der Hauptmann blos:„denkt an Eure eigenen Angelegenheiten, und erinnert Euch, daß Ihr ſelbſt jezt Gefangener ſeid!“ „Ich nehme Euch zum Zeugen, Herr Osbaldiſtone,“ ſagte der Rathmann, dem vermuthlich das buͤrgerliche Rechtsverfahren gelaͤufiger war, als das militaͤriſche,„daß er genuͤgende Buͤrgſchaft anzunehmen ſich geweigert hat. Der Dougal kann eine Klage wegen unrechtmaͤßiger Ver⸗ haftung und auf Schadenerſaz gegen ihn einlegen, nach der ſiebenhundert und erſten Acte, und ich will ihm zu ſeinem Recht verhelfen.“ Der Offizier, der Thornton hieß, nahm keine Ruͤekſicht auf Jarvies Drohungen und Beſchwerden, ſondern ſtellte ein ſcharfes Verhoͤr uͤber Dougals Leben und Wandel au, und brachte ihn nach und nach troz ſeines Widerſtrebens zu dem Geſtaͤndniß, daß er Robin Mac Gregor kenne, daß er ihn in den lezten zwoͤlf,— ſechs Monaten,— in die⸗ ſem Monat,— in dieſer Woche geſehen habe, endlich, er habe ihn erſt vor einer Stunde verlaſſen. Alles dieß kam, wie einzelne Blutstropfen, aus dem Gefangenen, und war, allem Anſcheine nach, nur durch des Hauptmanns Drohung, wenn er nicht ganz bekenne, ihn an den naͤchſten Baum haͤngen zu laſſen, von ihm ausgepreßt. „Und nun, mein Freund,“ ſagte der Offizier;„ſei —&&. K —4—8—yj, * 73 endlich ſo guͤtig, mir zu ſagen, wie viele Leute jezt Euer Herr bei ſich hat.“ Dougal blickte nach allen Seiten, nur nicht auf den Frager, und antwortete endlich:„Das kann man ſo genau nicht ſagen.“ „Seht mich an,“ ſagte der Offizier,„und bedenkt, daß Euer Leben von Eurer Antwort abhaͤngt. Wie viel Spizbuben hatte der geaͤchtete Schelm bei ſich, als Ihr giengt?“ 3 „O, nicht mehr, als ſechs Spizbuben, wie ich wegge⸗ gangen war.“ „Und wo ſind denn die uͤbrigen Banditen?“ „Gegen die Burſche im Weſtland gezogen.“ „Gegen die weſtlichen Claus?“ ſagte der Hauptmann; „das iſt wahrſcheinlich genug; und auf was fuͤr einen Schelmſtreich waret denn Ihr ausgeſchickt?“ „Nur, um zu ſehen, was Enuer Edlen und die Herrn Rothroͤcke hier im Dorfe machen.“ „Der Kerl wird am Ende doch treulos,“ ſagte Jarvie, der ſich indeſſen hinter mich geſtellt hatte;„es iſt ein Gluͤck, daß ich mich ſeinetwegen nicht in Koſten geſezt habe.“ 3 „Und nun, mein Freund,“ ſagte der Hauptmann;„laß ſehen, wie wir uns mit einander verſtehen. Ihr habt Euch ſelbſt als Spion bekannt, und ſolltet am naͤchſten Baume haͤngen. Aber hoͤrt, wollt Ihr mir einen Dienſt leiſten, ſo leiſte ich Euch einen andern. Ihr ſollt mich mit eini⸗ gen Leuten dahin fuͤhren, wo Ihr Euern Herrn gelaſſen habt, ich wuͤnſchte uͤber ernſthafte Geſchaͤfte ein Wort mit ihm zu reden; ich laſſe Euch dann Eurem Geſchaͤft nachge⸗ hen, und ich ſchenke Euch noch fuͤnf Guineen.“ 24 „Oh! Oh!“ rief Dougal in der hoͤchſten Beſtuͤrzung, „kanns nicht thun,— kanns nicht thun,— laßt mich lie⸗ ber haͤngen.“ „Haͤngen? das kann geſcheben,“ ſagte der Ofſizier; „Euer Blut uͤber Euch.— Corvoral Cramp,— macht Ihr den Profoßen,— fort mit ihm.“ 3 Der Corporal hatte indeß dem armen Dougal immer einen Strick vor den Augen ſpielen laſſen. Er warf ihn nun dem armen Suͤnder um den Hals, und ſchleppte ihn mit Huͤlfe von zwei Soldaten bis an die Thuͤre, da aber kam der Schrecken des Todes uͤber ihn, und er rief:„Halt, Ihr Herrn, halt,— ich will thun, was der Herr verlangt, — halt!“ „Fort mit dem Kerl,“ ſagte Jaroie;„jezt verdient er das Haͤngen mehr, wie vorher,— fort mit ihm, Corpo⸗ ral,— warum nehmt Ihr ihn nicht mit fort?“ „Ich daͤchte, mein edler Herr!“ ſagte der Corporal⸗ „wenn Ihr ſelbſt gehaͤngt werden ſolltet, ſo waͤret Ihr nicht ſo verdammt eilig.“. „Dieß Zwiſchengeſpraͤch verhinderte mich, zu hoͤren, was zwiſchen dem Gefangenen und dem Hauptmann vor⸗ gleng, aber ich hoͤrte den erſten leiſe kraͤczen:„und Ihr werdet nicht verlangen, daß ich weiter gehe, als bis ich Euch gezeigt habe, wo Mae Gregor iſt?— Au! Au!“ „Schweigt mit Eurem Geheul, Schurke! nein, ich gebe Euch mein Wort, ich will nicht verlangen, daß Ihr weiter gehen ſollt.— Korporal, laßt die Leute antreten vor dem Haufe. Man ſoll die Pferde dieſer Herrn herausfuͤhren, ſie muͤſſen mit uns. Ich kann keine Leute entbehren, um ſie hier bewachen zu laſſen. Kommt, Burſche, unter's Ge⸗ wehr.“ 1 75 4 Die Soldaten eilten hinaus, und waren bald zum Auf⸗ bruch bereit. Wir wurden mit Dougal als Gefangene hin⸗ ausgefuͤhrt. Als wir die Huͤtte verließen, boͤrte ich, wie dieſer den Hauptmann an die fuͤnf Guineen erinnerte. „Da habt Ihr ſie,“ ſagte der Ofſizier, und gab ihm einige Goldſtuͤcke;„aber merkts Euch, fuͤhrt Ihr mich falſch, ſo jage ich Euch ſelbſt die Kugel durch den Kopf.“ „Der Burſche iſt ſchlimmer, als ich dachte,“ ſagte Jar⸗ vie;„er iſt ein treuloſer Menſch. O wie ſich die Leute dem Gewinn ergeben! Mein Vater, der Zunftmeiſter, pflegte zu ſagen:„Das Geld hat mehr Seelen getedtet, als das Schwert Leiber.“ Die Wirthin erſchien nun, und verlangte die Bezahlung ihrer Rechnung, mit Einſchluß alles deſſen, was Major Galbraith und ſeine hochlaͤndiſchen Freunde getrunken hatten. Der engliſche Offizier wollte Einwendungen machen, aber Frau Mac Alvine erklaͤrte, haͤtte ſie nicht dem Namen des edlen Herrn vertraut, auf den ſie ſich berufen, ſo haͤtte ſie nie einen Tropfen eingeſchenkt, denn ſie moͤge nun Herrn Galbraith wieder ſehen, oder nicht, ſo haͤtte ſie wenig Hoff⸗ nung, ihr Geld wieder zu ſehen, ſie ſei eine arme Wittwe, und muͤſſe ſich an ihre Kunden balten.“ Hauptmann Thornton machte dem Gerede ein Ende, indem er die kleine Zeche bezahlte, die nur nach ſchotti⸗ ſcher Muͤnze furchtbar klang, im Engliſchen aber nur wenige Schillinge ausmachte. Großmuͤthig wollte er auch Jarvie und mich in dieſe allgemeine Schuldentilgung einſchließen, dieß litt aber der Rathmann nicht, und troz des Winkes der Wirthin, man muͤſſe von den Englaͤndern ſo viel Geld bekommen, als moͤglich, man haͤtte genug Plage von ihnen,“ verlangte er unſern Antheil an der Rechnung zu viſſen, 76 und bezahlte denſelben. Der Hauptmann ergriff die Gele⸗ genheit, ſich ein wenig zu entſchuldigen, daß er uns gefan⸗ gen halten maͤſſe.„Wenn wir getreue, friedliche Unter⸗ thanen ſeien, ſo wuͤrden wir nicht bedauern, einen Tag auf⸗ gehalten zu ſeyn, wenn es dem Dienſte des Koͤnigs nazlich ſeyn koͤnne; uͤbrigens handle er ſeiner Pflicht gemaͤß. Wir mußten dieſe Entſchuldigung, deren Wiederlegung nichts gefruchtet haͤtte, gelten laſſen, und begleiteten ihn azuf ſeinem Marſch.“ Nie werde ich die angenehme Empfindung vergeſſen, mit der ich den duͤſtern, rauchigen, erſtickenden Dunſtlreis der hochlaͤndiſchen Huͤtte gegen die erfriſchende Morgenluft und die heitern Strahlen der aufgehenden Sonne vertauſch⸗ te, die wie aus einem Zelte von purpurnen und goldenen Wollken ſich uͤber eine ſo romantiſch ſchoͤne Landſchaft ergo⸗ Hen, wie mein Auge nie eine erblickt hatte. Links lag das Thal, in dem der Forth um den ſchoͤgen, waldumkraͤnzten Huͤgel floß. Rechts zwiſchen Gebuͤſch, Huͤgeln und Felſen dehnte ſich das Bett eines Bergſees aus, der von dem Mor⸗ genwinde leicht gekraͤuſelt, tauſendfach die Sonnenſtrahlen zuruͤckwarf. Berge und Felſen, mit Eichen⸗ und Birken⸗ waͤldern gekroͤnt, begraͤnzten dleſe bezaubernde Waſſerflaͤche, und die rauſchenden Blaͤtter, die in der Sonne glaͤnzten, gaben der tiefen Einſamkeit Leben und Bewegung. Der Menſch allein ſchien zuruͤckzuſtehen in dieſer Landſchaft, wo die ganze Natur große und erhabene Zuͤge trug. Die elen⸗ den Huͤtten, deren ein Duzend ungefaͤhr das Dorf bildete, waren aus Steinen erbaut, die der Lehm ſtatt des Moͤr⸗ tels verband, und mit Raſen gedeckt, die auf unbehauenen Querbalken lagen. Die Daͤcher hiengen ſo weit zum Bo⸗ den herab, daß Andreas die Bemerkung machte, wir haͤtten 77 in der Nacht uͤber das Dorf wegreiten koͤnnen, und nicht erfahren, daß wir dem Dorf ſo nahe waͤren, wenn nicht al⸗ lenfalls die Pferde durch das Dach getreten haͤtten.“ Das Geraͤuſch unſeres Abzugs ſtoͤrte die Bewohner die⸗ ſer elenden Huͤtten, und da unſer Trupp von ungefaͤhr zwanzig Soldaten ſich vor dem Abmarſch in Reih und Glied ſtellte, ſo wurden wir von manchem alten Muͤtterchen aus der halbgeoͤffneten Thuͤre gemuſtert. Als ſie die grauen, von ihren flanellenen Hauben nur unvolſtaͤndig bedeckten Köpfe vorſtreckten, ihre runzeligen Stirnen, ihre duͤrren Arme unter mancherlei Geberden und Achſelzucken zeigten, und mit einander in gaͤliſcher Sprache murmelten, ſielen mir die Hexen im Macbeth ein, und ich glaubte in den Geſichtszügen dieſer alten Weiber die Bosbeit der Schick⸗ ſalsſchweſtern zu leſen. Auch die kleinen Kinder, die kaum erſt fortkriechen konnten, kamen hervor, theils ganz nackt, theils aͤrmlich mit Lumpen bedeckt, klatſchten in die kleinen Haͤnde, und grinsten die engliſchen Soldaten mit einem Ausdruck von Nationalhaß und Bosheit an, der uͤber ihre Jahre ſchien. Beſonders ſiel mir auf, daß ich in dem ver⸗ haͤltnißmaͤßig ſtark bevoͤlkerten Orte nicht einen Mann, nur einen Knaben von etwa zehn oder zwoͤlf Jahren erblickte, und mir kam der Gedanke, wir möchten im Laufe unſerer Reiſe von dieſen wirkſamere Beweiſe ihres boͤſen Willens erhalten, als auf den Geſichtern der Weiber und Kinder zu leſen, und aus ihrem Gemurmel zu entnehmen war. Erſt, als wir aufbrachen, ließ ſich der boͤſe Wille der aͤltern Leute in Worte aus. Das lezte Glied der Mann⸗ ſchaft hatte das Dorf verlaſſen, und folgte einer ſchmalen unterbrochenen Spur von Torf⸗Schlitten, welche durch das, den untern Theil des Sees begraͤnzende Gehoͤlz fuͤhrte, als M. 78. ein gellender Ausruf der Weiber, untermiſcht mit dem Ge⸗ ſchrei der Kinder und dem Haͤndeklatſchen, womit die hoch⸗ laͤndiſchen Weiber jedes Geſchrei, des Zorns oder der Trau⸗ er, verſtaͤrken, uns nachtoͤnte. Ich fragte den todtbleichen Andreas, was alles das bedeute. „Ich glaube, wir werdens nur zu bald inne werden,“ ſagte er.„Was es bedeutet?— Es bedeutet, daß die hochlaͤndiſchen Weiber die Rothroͤcke verfluchen, und ihnen, ſo wie jedem, der ſaͤchſiſch ſpricht, alles boͤſe nachwuͤnſchen, Ich habe Weiber in England und Schottland zanken hoͤren, — das kann man uͤberall hoͤren, aber ſo verfluchte Zungen, als dieſe Weiber haben, ſo graͤßliche Verwunſchungen, daß die Menſchen ſollten geſchlachtet werden, wie Schaafe, daß man die Arme bis an den Elbogen in ihr Herzblut tauchen ſolle,— daß ſie ſterben ſollten, wie Walter Cuming, von dem nicht ſoviel uͤbrig blieb, als zum Abendbrod fuͤr einen Hund nothwendig waͤre,— eine ſo grauſame Sprache habe ich nie aus einer menſchlichen Kehle oͤrt,— und wenn ihnen der Teufel ſelbſt Unterricht geben wollte, ich glaube, ihre Verwuͤnſchuagen koͤnnten nicht arger werden. Das ſchlimmſte iſt, daßb ſte ſagen, wir ſollten nur am See hin⸗ aufgehen, wir wuͤrden ſchon ſehen, was kaͤme.“ Wenn ich dieſe Nachricht mit meinen eigenen Beobach⸗ tungen zuſammenhielt, ſo konnte ich kaum zweifeln, daß ein Angriff auf unſere Truppe im Werk ſei. Zu einer ſo unwilkkommenen Uuterbrechung unſeres Marſches ſchien auch die Gegend ganz geeignet. Der Weg wand ſich ſeit⸗ waͤrts vom See uͤber einen frnpfigen mit Unterholz be⸗ wachſenen Wieſengrund, wo ein Hinterhalt ſich wenige Schritte von uns im dichten Gebuͤſch haͤtte verbergen koͤn⸗ nen; wilde Bergwaſſer durchkreuzten haͤufig denſelben, die⸗ — — 79 zum Theil den Soldaten bis an die Kniee reichten, und ſo reißend waren, daß ſie die einzelnen Soldaten fortgeriſ⸗ ſen haͤtten, und dieſe ſich feſt an einander halten mußten. Obgleich ohne alle Kriegskenntniß, ſchien es mir doch un⸗ zweifelhaft, daß halbwilde Krieger, wie man die Hochlaͤn⸗ der ſchilderte, auf einem ſolchen Boden regulaͤre Truppen mit großem Vortheil angreifen koͤnnten. Jarvies geſundem Verſtand und ſcharfer Beobachtung ſchien dieß eben ſo we⸗ nig zu entgehen, wie ich daraus abnahm, daß er den Hauptmann zu ſprechen verlangte, und ihn folgendermaßen anredete:„Herr Hauptmann, es geſchieht nicht, um eine Gunſthezeugung von Euch zu erhalten,— denn ich will keine,— auch behalte ich mir meine Klage wegen Unter⸗ druͤckung und unrechtmaͤßiger Verhaftung vor,— ſondern nur, weil ich ein Freund Koͤnig Georgs und ſeiner Armee bin, nehme ich mir die Freiheit, Euch zu fragen: glaubt Ihr nicht, Ihr haͤttet zu einer beſſern Zeit dieſes Thal hinauf⸗ ziehen koͤnnen? Wenn Ihr den rothen Robin ſucht, ſo muͤßt Ihr wiſſen daß er aufs mindeſte immer ein halbes Hundert Leute um ſich hat, zieht er aber ſeine Leute gaus den naͤchſten Thaͤlern zuſammen, ſo kommt von Euch kein Glied ganz nach Hauſe; und es iſt mein gut gemeinter Rath, als ein Freund des Koͤnigs, Ihr wuͤrdet beſſer thun, wieder ins Dorf zuruͤckzukehren, dean die Weiber von Aberſoil ſind wie die Seemoven, wenn die ſchreien, giedts immer ſchlecht Wetter.“ „Seyd unbeſorgt,“ erwiederte Hauptmann Thornton, „ich vollziehe meine Befeyle. Und wenn Ihr ein Freund Konig Georgs ſeyd, ſo werdet Ihr mit Freude ſehen, daß. dieſe Horde Spitzbuben, deren Frechheit das Land ſchon ſo lange beunruhigt hat, den jetzt z9 ihre nuterdruͤckung er⸗ 80 griffenen Maaßregeln nicht entgehen kann. Die Millz⸗ Reiterei unter Major Galbralth iſt bereits mit zwei an⸗ dern Reiterhaufen vereinigt, und hat alle untern Paͤſſe dieſes wilden Landes beſetzt; dreihundert Hochlaͤnder un⸗ ter den Befehlen der beiden Herrn, die Ihr im Wirths⸗ haus geſehen habt, haben die hoͤhere Gegend inne, waͤh⸗ rend ſtarke Parthelen die Huͤgel und Thaͤler in verſchie⸗ denen Richtungen ſichern. Unſere letzten Nachrichten uͤber den rothen Robin ſtimmen damit uͤberein, was dieſer Burſche bekannt hat, daß er, von allen Seiten eingeſchloſ⸗ ſen, den groͤßten Theil ſeiner Anhaͤnger entlaſſen hat, ent⸗ weder in der Abſicht ſich zu verbergen, oder bei ſeiner großen Kenntniß der Gegend zu entkommen.“ „Aber,“ ſagte Jarvie, ſo viel ich weiß, hat Garſchat⸗ tachin dieſen Morgen mehr Branntwein, als Hirn im Kopfe,— und wenn ich an Eurer Stelle waͤre, moͤchte ich znich nicht hauptſaͤchlich auf die Hochlaͤnder verlaſſen,— es hackt keine Kraͤhe der andern die Augen aus. Sie moͤgen ſich wohl unter einander zanken,— einander boͤſe Namen geben, auch wohl die Schwerter gegen einander ziehen, aber am Ende verbinden ſie ſich doch immer gegen geſittete Leute, die Hoſen an—, und Gold in der Taſche haben.“ Dieſe Ermahnungen waren an Hauptmann Thornton, wie es ſchien, nicht ganz verloren. Er ordnete den Zug anders, befahl den Soldaten, ſich ſchußgerecht zu halten, und die Bajonerte aufzupflanzen, und bildete eine Vor⸗ und Nachhut, die aus einem Unteroſſizier und zwei Sol⸗ daten beſtanden, und den gemeſſenen Befehl hatten, woyhl auf ihrer Hut zu ſeyn. Dougal wurde noch einmal ſcharf ausgefragt, blieb aber feſt auf ſeinen frauͤhern Behauptun⸗ gen, und als man ihm den verduͤchtigen und gefaͤhrlichen 3. Weg 81 Weg vorhielt, auf dem er die Truppe fuͤhre, ſo antwor⸗ tete er muͤrriſch,— er habe den Weg nicht ſelbſt gemacht, und wenn die Herrn große Straßen liebten, ſo haͤtten ſie zu Glasgow bleiben ollen. Alles das ließ ſich hoͤren, und wir ſetzten unſern Weg fort, gegen den See, auf deſſen ſcoͤne Waſſerflaͤche wir wegen des dichten Geyoͤlzes nur hie und da einen Biick hatten werten koͤnnen. Jetzt aber verließ der Weg ploͤtz⸗ lich den Wald, zog ſich am Ufer des Sees hin, und ge⸗ wahrte uns den vollen Anblick des weiten Spiegels, der, da kein Luftchen ſich regte, in ſtiller Pracht die hohen dun⸗ keln Halbeberge, vie maͤchtigen grauen Felſen und die wild⸗ bewachſenen Ufer zuruͤckwarf, die ihn umſchloßen. Die Huͤ⸗ gel ſenkten ſich jetzt ſo nahe an das Ufer herab, und waren ſo zerriſſen und ſteil, daß gerade nur der ſchmale Pfad, auf dem wir zogen, uͤbrig blieb; uͤber demſelben hlengen Felſen, von welchen aus wir blos durch herabge⸗ rohte Steine haͤtten vernichtet werden koͤnnen, ohne daß es uns moͤglich geweſen waͤre, Widerſtaad zu leiſten. Da⸗ bei wand ſich der Weg um jeden vorſpringenden Huͤgel, um jede Bucht, daß wir ſelten etliche hundert Schritte vor uns ſehen konnten. Der Befehlshaber ſchien daruͤber etwas beunruhigt, wie der wiederholte Befehl an die Soldaten, auf ihrer Hut zu ſeyn, und die vielen Bedro⸗ hungen Dougals mit augenblicklichem Tode bewiefen, falls er ſie einer Gefahr ausgeſetzt haͤrte. Dougal nahm dieſe Drohungen mit ſtumpfer Gefuͤhlloſigkeit auf, die ſowohl in dem Bewußtſeyn ſeiner Unſchuld, als in einer Kördiſchen Eutſchloſſenheit ihren Grund haben konnte. „Wenn die Herren den rothen Gregaragh luchen, W. Seott's Werke. CIII. 6 3² ſagte er,„ſo duͤrfen ſie nicht erwarten, ihn ohne Gefahr zu finden.“ 3 Gerade als der Hochlaͤnder dieſe Worte ausſprach, ließ der die Vorhut kommandbirende Corporal Halt machen, und ſaudte einen ſeiner Leute zuruͤck, um dem Hauptmann an⸗ zuſagen, daß der Weg vorn mit Hochlaͤndern in einer ſehr vortheilhaften Stellung beſetzt ſey. Faſt zu gleicher Zeit kam ein Soldat von der Nachhut, um zu melden, daß man in dem Walde, den wir ſo eben durchzogen hatten, den Ton einer Sackpfeiſe gehoͤrt habe. Thornton, eben ſo er⸗ fahren als muthvoll, beſchloß, den Paß vorn zu ſtuͤrmen, ehe er von hinten angegriffen werde; er verſicherte ſeine Soldaten, die Sackpfeifen verkuͤndigten die Naͤhe der ver⸗ buͤndeten Hochlaͤnder, und zeigte ihnen, wie wichtig es ſei⸗ vorzudringen, und ſich des rothen Robins zu verſichern, ehe dieſe Huͤlfsmannſchaft herankaͤme und die Ehre ſowohl, als die Belohnung, die auf den Kepf dieies beruͤhmten Frei⸗ beuters geſezt war, mit ihnen theilten. Er befahl der Nachbut, ſich mit ihm zu vereinigen, und fuͤhrte ſie, zwei Zuͤge neben einander, um die ganze Breite des Wegs ein⸗ zunehmen, raſch der Vorhut nach.„Wenn du mich betro⸗ gen haſt, Schurke, ſo ſollſt du dafuͤr ſterben,“ ſtüſterte er leiſe Dougal zu, und ließ ihn in die Mitte nehmen zwi⸗ ſchen zwei Soldaten, die den gemeſſenſten Befehl erhielten, ihn niederzuſchießen, ſo wie er einen Verſuch zur Flucht mache. Jarvie urnd ich wurden gleichfalls zu größerer Si⸗ cherheit in die Mitte des Hauſens genommen, und Thorn⸗ ton nahm ſeinen Esponton dem Soldaten, der ihn trug, aus der Hand, ſtellte ſich an die Spize, und rief: Marſch! Der Haufe ruͤckte vor mit der Feſtigkeit engliſcher Sol⸗ daten; nicht ſe Andans Gutdienſt⸗ dem die Angſt alle Be⸗ 584 — »* . 83 finnung geraubt hatte, und, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, eben ſo wenig Jarvie und ich, da wir, zwar nicht in gleichem Grade furchtſam, doch nicht mit ſtoiſchem Gleich⸗ muth unſer Leben der Gefahr ausgeſezt ſehen konnten, in einem Gefecht, das uns durchaus nichts angieng. Doch, es war weder zu Gegenvorſtellungen, noch zur Abhuͤlfe Zeit. 4 Wir naͤherten uns bis auf etliche und zwanzig Schritte dem Ort, wo die Vorhut Feinde geſehen haben wollte. Eln Berg ſprang hier vor in den See, der Weg wand ſich aber nicht, wie bisher, um denſelben herum, ſondern ſtieg in ſchroffem Zickzack an dem ſteilen Schieferfelſen hinan, der ſonſt voͤllig unzugaͤnglich geweſen waͤre. Auf dem Gip⸗ fel dieſes Felſens, wohin nur jener ſchmale Pfad fuͤhrre, wollte der Korporal die Muͤtzen und laugen Gewehre von mehreren Hochlaͤndern bemerkt haben, die ſich wahrſchein⸗ lich in dem hohen Haidekraut und dem Gebuͤſche verbargen, womit der Gipfel bedeckt war. Hauptmann Thornton be⸗ fahl ihm, mit drei Rotten den Feind aus dem vermuthe⸗ ten Hinterhalte zu vertreiben, waͤhrend er langſamen, doch feſten Schritts mit den Uebrigen zu ſeiner Unterſtuͤzung nachfolgte. Der beabſichtigte Angriff wurde durch das plöͤzliche Erſcheinen eines Weibes auf dem Gipfel des Felſen ver⸗ hindert.„Halt!“ ſagte ſie in gebieteriſchem Tone;„was ſucht Ihr in Mac Gregors Land?“ Ich habe ſelten eine ſchoͤnere, erhabenere Geſtalt ge⸗ ſehen, als dieſes Weib. Sie mochte zwiſchen vierzig und fuͤnfzig Jahren, und ihr Geſicht muß einſt faſt maͤnnlich ſchoͤn geweſen ſein, wiewohl ihre Zuͤge durch die Einwir⸗ kung rauher Witterung, und vielleicht der den verderbli⸗ 4 .84 chen Einflus des Kummers und der Leidenſchaft tief ge⸗ furcht, kraͤftig, hart und ausdrucksvoll waren. Ste trug ihren Plaid nicht um Kopf und Schultern, wie es die Sitte der Weiber in Schottland iſt, ſondern um den Koͤr⸗ per geſchlungen, wie die hochlaͤndiſchen Krieger. Sie trug eine Maͤnnermuͤze mit einer Feder, ein bloßes Schwert in der Hand, und ein Paar Piſtolen im Guͤrtel. „Es iſt Helene Campbell, Robins Weib,“ fluͤſterte mir Jarvie ziemlich heſtuͤrzt zu;„und es wird biutige Koͤpfe unter uns geben, das werden wir beld ſehen.“ „Was ſucht Ihr hier?“ fragte ſie abermals den Haupt⸗ mann Thornton, der ſich ihr genaͤhert hatte. „Wir ſuchen den geaͤchteten Robin Mac Gregor Camp⸗ bell,“ antwortere der Offizier,„und fuͤhren nicht mit Wei⸗ bern Krieg, darum leiſtet den Truppen des Koͤnigs keinen vergeblichen Widerſtand, und ſeid einer freundlichen Be⸗ handlung verſichert“ „Ah!“ erwiederte die Amazone;„ich kenne Eure ſanfte Gnade. Ihr habt mir meinen guten Namen und Ruf genommen. Meiner Mutter Gebeine werden ſich im Grabe abwenden, wenn die meinigen neben ſie gelegt wer⸗ den. Ihr habt mir und den Meinigen weder Haus, noch Heimath gelaſſen, weder Bett, noch Lager, kein Vieh, uns zu naͤhren, keine Schaafe, uns zu kleiden; Ihr habt uns alles,— alles genommen,— ſelbſt den Namen unſe⸗ rer Vorfahren, und nun trachtet Ihr auch nach unſerem Leben.“ „Ich trachte nach keines Menſchen geben,“ erwiederte der Hauptmann;„ich vollziehe nur meine Befehle. Wenn Ihr allein ſeid, gute Frau, ſo habt Ihr nichts zu fuͤrch⸗ ten,— habt Ihr aber Leute bei Euch, die unbeſonnen ge⸗ 85 nug waͤren, nuzloſen Widerſtand zu leiſten, ſo komme ihr Blut uͤber ihr eigenes Haupt.— Vorwaͤrts, Feld⸗ webel!“ „Vorwaͤrts marſch!“ rief dieſer.„Hurrah, Jungen, Robins Kopf, oder einen Beutel voll Gold!“ Er beſchleunigte ſeinen Schritt und ſechs Soldaten folgten ihm, aber kaum war er zur erſten Wendung des Wegs gelangt, als ein Duzend Schuͤſſe ſchnell nach einan⸗ der und wohlgezielt fielen. Der Feldwebel, mitten durch den Leib geſchoſſen, ſuchte zwar noch, mit den Haͤnden ſich anhaltend, die Hoͤhe zu erklimmen, aber ſeine Kraͤfte lieſ⸗ ſen nach, und er ſtuͤrzte von der Klippe rettungslos in den tiefen See hinab. Von den Soldaten ſielen drei todt oder todtlic verwundet, die audern zogen ſich alle, mehr oder minder verwundet, auf die Haupttruppe zuruͤck. „Grenadiere vorwaͤrts!“ rief Thornton.(Dieſe fuͤhr⸗ ten damals noch die zerſtoͤrende Waffe, von der ſie den Namen hatten.) Die vier Grenadiere ruͤckten vor. Der Offtzier befahl der uͤbrigen Truppe, ſich zu ihrer Unterſtuͤ⸗ zung bexreit zu halten, und ſagte blos zu uns:„Ihr Herrn, ſorgt fuͤr Eure Sicherheit!“ Alles ruͤckte unter Kampfgeſchrei vorwaͤrts, die Grena⸗ diere warfen ihre Granaden in das Gebuͤſche, wo der Hin⸗ terhalt lag, und die Musketiere draͤngten zum raichen Angriff nach. Dougal, den man in der Verwirrung ver⸗ gaß, kroch weislich in das Dickicht, das uͤber dem Tyeile des Wegs hieng, wo wir zuerſt Halt machten, und kletter⸗ te mit der Gewandtheit einer wilden Kaze hinan. Ich folgte unwillkuͤhrlich ſeinem Beiſpiel, da das Feuer der Hochlaͤnder den offenen Weg beſtreichen mußte. Das fort⸗ wahrende Knattern des Gewehrfeuers, welches tauſendſach 8⁵ an den Felſen wiederhallte, das Ziſchen der angezuͤndeten Granadenbraͤnder, der Knall dieſes Wurſgeſchuͤzes, das Hurrah der Soldaten, der laute Ruf ihrer hochlaͤndiſchen Gegner,— alles dieß, ich ſchaͤme mich nicht, es zu geſte⸗ hen, befluͤgelte mein Verlangen, einen ſichern Ort zu er⸗ reichen. Das Klertern wurde allmaͤhlig ſo ſchwierig, daß ich daran verzweifelte, Dougal zu erreichen, der von Fel⸗ ſen zu Felſen, von einem Baumſtrunk zum andern mit der Leichtigkeit eines Eichhoͤrnchens ſich fortſchwang, und ich wandte deßhalb meine Augen, um zu ſehen, was aus mei⸗ nen andern Gefaͤhrten geworden ſei. Beide waren in ei⸗ nen ſeltſamen Ruheſtand verſezt. Jarvie, dem die Furcht vermuthlich eine augenblickliche Gewandtheit gegeben hatte, war ungefaͤhr zwanzig Fuß hoch vom Pfade emporgeklettert, als ſein Fuß ausglitt, bei ei⸗ nem gewaltigen Schritt von einem Felſenblock zum andern. Wahrſcheinlich waͤre er verſammelt worden zu ſeinem Va⸗ ter, dem Zunftmeiſter, deſſen Thaten und Worte er ſo gerne anfuͤhrte, wenn nicht die Zweige eines Dernſtrauchs die Schoͤtze ſeines Reitrocks gefaßt, und ihn ſchwebend in der Luft erhalten haͤtren. Andreas war gluͤcklich fortgeklettert, bis er den Gipfel einer nackten Felsklippe erreichte, die uͤber das Gehoͤlz her⸗ vorragend, ihn, wenigſteus ſeiner Meinung nach, allen Ge⸗ fahren des nahen Gefechts blos ſtellte, dabet aber ſo ſleil und unzugaͤnglich war, daß er weder vorwaͤrts, noch ruͤck⸗ waͤrts zu gehen wagte. Auf der ſchmalen Spitze hin und her gehend, flehte er bald auf gaͤliſch, bald auf engliſch um Gnabe, je nachdem ſich der Sieg auf die eine oder die an⸗ dere Weiſe zu neigen ſchien, und ſeine klaͤglichen Ausru⸗ ungen wurden nur von dem Stoͤhnen Jarvle's beantwor⸗ 7 7 8² 1 tet, den ſowohl die Furcht, als ſeine haͤngende Lage quaͤl⸗ te. Als ich ſeinen Nothſtand ſah, war mein erſter Ge⸗ danke, ihm Hülfe zu leiſten; dieß war aber ohne Andreas Beiſtand unmöͤgliv, und dieſem konnten weder Bitten noch Befehle den Muth eirſoͤßen, von ſeiner beaͤngſtigenden Höhe herabzuſteigen, wo er, wie ein ungeſchickter, verru⸗ fener Miniſter, der nicht von dem hohen Platze kommen kann, den er ſich zu erklimmen vermeſſen hat, fortwaͤhrend um Erbarmen flehte, ohne von irgend jemand gehoͤrt zu werden, und ſich in allen moͤglichen ſeltſamen Windun⸗ gen beugte, um den Kugeln auszuweichen, die er um ſich pfeifen zu hoͤren glau In wenigen Mi uten hoͤrte indeß dieſe Urſache ſeines Schreckens auf, denn das, anfangs ſo heftig unterhaltene Feuer verſtummte plozlich⸗ ein ſicheres Zeichen, daß der Kampf voruͤber ſey. Ich ſuchte nun einen Standort, wo ich den Erfolg des Kampfes ſehen koͤnnte, um das Mitleid der Sieger anzurufen, damit der ehrliche Rathmann nicht laͤnger gleich Mabsmets Sarge zwiſchen Himmel und Erde ſchweben moͤchte ohne eine huͤlfrelche Hand zu ſeiner Erlo⸗ ſung. Endlich fand ich nach muͤhſamem Klettern einen Platz, von wo aus ich das Schlacht feld uͤberſehen konnte. Der Kampf war wirklich geendet, und zwar, wie ich bereits aus der Stelle deſſelben und den Umſtaͤnden geſchloſſen hat⸗ te, zum Nachtheil Thorntons. Ich ſah einen Haufen Hoch⸗ laͤnder beſchaͤftigt, dieſen Offizier und den kleinen Reſt ſei⸗ ner Schaar zu entwaffuen. Sie beſtand noch aus zwoͤlf Mann, meiſtens verwundet, denn ſie waren, von einer drei⸗ fachen Anzahl umringt, nicht im Stande vorwaͤrts zu ge⸗ hen, oder ſich zuruckzuziehen, und einem moͤrderiſchen, wohlgezielten Feuer ausgeſetzt, das ſie nicht wirkſam erwie⸗ 88 dern konnten. So hatten ſie endlich die Waffen geſtreckt auf Befehl ihres Offtziers, als dieſer ſah, daß er im Ruͤcken bedroht ſey, und nur unnuͤtz das Leben ſeiner ta⸗ pfern Gefaͤhrten aufopfern wuͤrde. Die Hochlaͤnder, welche gedeckt ſtanden, hatten den Sieg wohlfeil erkauft, nur ein Mann war durch die Granaten getoͤdtet, und zwei verwun⸗ det worden. Alles dieß erfuhr ich erſt ſpaͤter. In dieſem Augeablicke ſah ich nur im Allgemeinen den Ausgang des Tages; der engliſche Offizier, deſſen Geſicht mit Blut be⸗ deckt war, ſtand ohne Hut und ohne Waffen nebſt ſeinen niedergeſchlagenen Gefaͤhrten unter den wilden kriegeriſchen Geſtalten, und erfuhr die ſtrengen Maasregeln, denen die Geſetze des Kriegs den Beſiegten zur Sicherheit der Sie⸗ ger unterwarfen. 2* Sechstes Kapitel. Weh dem, der unterliegt! ſprach Brenno, ſtahlbewehrt, Als Romas Uebermuth ſank unter Galliens Schwert, Als ſein gewicht'ger Stahl die Schale niederzog, Worin das Löſegeld ihm der Beſiegte wog. 1 So lang der Sieger will, noch jetzt gilt jenes Wort! Währt der Beſtegten Weh auf jedem Schlachtfeid fort. Die Galliade. Ich gab mir viele Muͤhe, Dougal unter den Siegern zu entdecken, da ich kaum zweifelte, daß er eine abge⸗ machte Rolle geſpielt habe, um den engliſchen Offizier in den Engpaß zu locken, und ich konnte nicht umhin, die Geſchicklichkeit, womit der unwiſſende, und, wie es ſchien, halbthieriſche Wilde ſeine Abſicht verborgen hatte, und das — 89 verſtellte Widerſtreben zu bewundern, womit er die falſche Nachricht, deren Mittheilung von Anfang an ſeine Abſicht ſeyn mußte, ſich hatte abzwingen laſſen. Ich ſah voraus⸗ daß wir einige Gefahr laufen wuͤrden, wenn wir uns den Siegern im erſten Rauſche des erhaltenen Erfolgs naͤher⸗ ten, der nicht unbefleckt blieb, denn einige Soldaten, de⸗ ren Wunden ſie am Aufſtehen hinderten, wurden von den Stegern, oder vielmehr von ein Paar zerlumpren hochlaͤn⸗ diſchen Jungen erdolcht, die ſich unter dieſelben gemiſcht hatten. Da ich mich alſo nicht ohne Vermittler zeigen wollte, und Campbelln, den ich nun mit dem rothen Ro⸗ bin, den beruͤchtigten Freibeuter, fuͤr eine Perſon halten mußte, nirgends erblickte, ſo entſchloß ich mich, den Schutz Dougals in Anſpruch zu nehmen. Als ich mich vergebens uͤberall umgeſchaut hatte, gieng ich endlich zuruͤck, um zu ſehen, ob ich nicht allein meinem ungluͤcklichen Freund helfen koͤnne, und fand ihn zu meiner großen Freude ſchon aus ſeiner mißlichen Lage erloͤst, und, wenn gleich im hoͤchſten Grade erhitzt und in unordentlicher Kleidung, dennoch wohlbehalten unten an dem Felſen ſitzen, vor welchem er ſo eben noch in der Luft geſchwebt hatte. Ich eilte zu ihm, um ihm meinen Gluͤckwunſch zu bringen, den er anfangs keineswegs ſo herzlich annahm, als ich ihn dar⸗ brachte. Ein heftiger Huſten ließ ihm kaum ſo viel Athem, um ſeine Zweifel an meiner Aufrichtigkeit auszudruͤcken. „Uh! uh! uh! uh!— man ſagt, ein Freund— uh! uh!— ein Freund haͤlt feſter, als ein Bruder,— uy! uh! uh!— Als ich hieher kam, Herr Osbaldiſtone, in dieß von Gott und Menſchen verfluchte Land,— uh! uh! — Gott verzeihe mir, wenn ich fluchte,— es geſchah nur um Euretwillen,— halret ihr's fuͤr ſchoͤn,— uh! uh!— 90 mich zu verlaſſen, erſtlich in der Gefahr, zwiſchen rothen, tollen Hochlaͤndern und Rothroͤcken erſchoſſen oder ertraͤnkt zu werden,— und dann zwiſchen Erde und Himmel auf⸗ gehangen, wie eine alte Feldſcheuche, ohne auch nur zu verſuchen,— uhl uhl!— ohne auch nur zu verſuchen, mir zu helfen?“ Ich machte tauſend Entſchuldigungen, und bemuͤhte mich, ihm die Unmoͤglichkeit vorzuſtellen, daß ich ohne Bei⸗ ſtand eines Dritten ihm haͤtte helfen koͤnnen. Es gelang endlich, und Jarvie, der eben ſo verſoöhnlich, als raſch auſ⸗ wallend war, ſchenkte mir ſeine Gunſt wieder. Ich nahm mir nun die Freiheit, ihn zu fragen, wie es ihm gelungen ſey, ſich ſelbſt loszumachen. 3 „Mich loszumachen! Ich hienge noch da oben bis an p den jängſten Taz, wenn ich mir ſelbſt hätte helfen ſollen. Es war der Dougal, der mich losmachte, wie geſtern. Er ſchnitt mit ſeinem Dolch die Schoͤße von meinem Rocke ab, und ſtellte mich dann mit noch einem ſeiner Geſellen ganz ſaͤuberlich auf die Beine. Aber da kann man ſehen, was ein gutes derbes Tuch iſt, haͤtte ich ſo ein elendes franzoͤſiſches Zeug getragen, es waͤre geriſſen, wie ein al⸗ ter Fetzen, bei einem Gewicht, wie das meinige. Wohl ergeh's dem Weber, der es gewoben hat,— ich ſchauckelte und baumelte da ſo ſicher, wie ein Boot an einem dreifa⸗ chen Ankertau.“ Ich fragte ihn, was aus ſeinem Retter geworden ſey. „Der Dougal ſagte mir,“ fuhr er fort,„es waͤre ge⸗ faͤhrlich, gleich zu der Lady zu gehen, ich ſolle hier war⸗ ten, bis er kaͤme.— Ich glaube, er ſucht Euch,— er iſt ein bedaͤchtiger Menſch, und meiner Treul ich wollte ſchwö⸗ ren, er hat Recht mit der Lady, wie er ſie nennt, ſie war v — v — 91 4 nicht das ſanfteſte Maͤdchen, iſt auch nicht nicht die ſanf⸗ teſte Frau, und die Leute ſagen, Rob ſelber fuͤrchte ſich vor ihr. Sie wird mich nicht mehr kennen, denn ſie hat mich ſeit vielen Jahren nicht geſehen. Ich denke, wir warten auf den Dougal, ehe wir zu ihr gehen.“ Ich war voͤllig ſeiner Meinung, aber es war des Schick⸗ ſals Wille, daß an dieſem Tage Jarvie's Klugheit weder ihm ſelbſt, noch irgend einem andern zu Gute kommen ſolle.. Andreas hatte zwar auſgehoͤrt, auf ſeiner Felſenſpitze umher zu tanzen, ſobald ihn das Gewehrfeuer nicht mehr angſtigte, war aber auf ſeiner Felſenſpitze oben ein zu auf⸗ fallender Gegenſtand, um den ſcharfen Augen der Hochlaͤn⸗ der zu entgehen, als ſie Zeit hatten, ein wenig um ſich zu blicken. Ein kautes Halloh der verſammelten Sieger be⸗ nachrichtigte uns, daß er entdeckt ſey; drei oder vier war⸗ fen ſich ſogleich ins Gehoͤlz, und erſtiegen den Felſen in verſchiedenen Richtangen nach der Stelle zu, wo ſie die ſeltfame Erſcheinung erblickt hatten. 3 Die, welche dem armen Andreas zuerſt auf Schußweite nahe kamen, nahmen ſich nicht erſt die Muͤhe, ihm in ſei⸗ ner bedenklichen Lage Beiſtand anzubieten, ſondern legten ihre langen Gewehre auf ihn an, und gaben ihm durch un⸗ zweideutige Zeichen zu verſtehen, er ſolle herabkommen, nd ſich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben, wenn er nicht thre Zielſcheibe ſeyn wolle. Bei einem ſo drohenden ink konnte Andreas nicht laͤnger zaudern, das Wagſtuͤck zu beſtehen; die gewißere Gefahr uͤberwog die Furcht vor einer noch ungewißen, und er begann von ſeiner Felſen⸗ klippe herabzuſtelgen, indem er die Baumſtruͤnke und her⸗ vorragenden Felſenſpitzen in Fleberangſt umfaßte, und, ſo 92 wie er eine Hand frei hatte, ſie flehend gegen die Plaid⸗ männer erhob, welche immer noch mit angelegten Geweh⸗ ren unten ſtanden. Mit einem Wort, der Burſche kam endlich gluͤcklich von ſeiner gefaͤhrlichen Hoͤhe herab, wozu ihn freilich nur die Furcht eines augenblicklichen Todes be⸗ wegen konnte, denn die Hochlaͤnder unten, die ſich an dem ungeſchickten Kletterer hoͤchlich ergoͤtzten, feuerten ein paar⸗ mal ihre Gewehre ab, nicht um ihn zu treffen, ſondern um den Spaß zu vermehren, den ihnen ſeine Todesangſt und ſeine jedesmal erhoͤhte Behendigkeit machte. Endlich erreichte er feſten und ziemlich ebenen Boden, oder vielmehr, um richtiger zu ſprechen, auf dem letzten Felſenabſatz glitt er aus, fiel der Laͤnge nach auf den Bo⸗ den, und wurde von den Hochlaͤndern in Empfang genom⸗ men, die ihm, ehe er noch auf die Beine kam, nicht nur ſeine Taſchen ausleerten, ſondern ihm auch Peruͤcke, Hut, Rock, Weſte, Struͤmpfe und Schuhe abnahmen mit ſo be⸗ wundernswuͤrdiger Schnelligkeit, daß der arme Burſche, der als wohlgekleideter, buͤrgerlich ausſehender Dlenſtbote auf den Ruͤcken gefallen war, als eine nackte, kahlkoͤpfige Vogel⸗ ſcheuche wieder aufſtand. Darauf ſchleppten ſie den Barfuͤ⸗ ßigen unbarmherzig uͤber Feiſenſpizen und durch dichtes Gebuͤſch auf die Straße. Auf dieſem Wege wurden ihre Luchsaugen auch Herrn Jarvies und meiner anſichtig, ein halbes Duzend bewaff⸗ neter Hochlaͤnder draͤngte ſich um uns her, und richteten ihre Dolche, Schwerter und die geſpannten Piſtolen auf unſere Bruſt. Widerſtand waͤre Tollneit geweſen, beſon⸗ ders da wir keine Waffen hatten, uns genen einen ſolchen Angriff zu vertheidigen. Wir unterwarfen uns alſo unſe⸗ tem Schickſal, und die unfreundlichen Haͤnde der Hochlaͤu⸗ —— — 93 der waren eben im Begriff, uns in denſelben Zuſtand zu verſetzen, wie den armen Andreas, der ſchauernd vor Furcht und Käͤlte einige Schritte von uns daſtand. Ein guͤnſtiger Zufall rettete uns vom ſchlimmſten, denn kaum hatien ſie mich meiner mit Spizen beſezten Halsbinde, und Jarvie des Ueberreſts ſeines Reitrocks beraubt, ſo erſchien Dou⸗ gal, und die Scene aͤnderte ſich. Mit heftigtadelndem To⸗ ne, untermiſcht mit Drohungen und Fluͤchen(ſo weit ich naͤmlich den Jahalt ſeiner Rede aus ſeinen drohenden Ge⸗ berden entnehmen konnte) zwang er die Pluͤnderer nicht nur von fernerer Beraubung abzuſtehen, ſondern auch das bereits geraubte zuruͤdzuſtellen. Er riß meine Halsbinde dem Burſchen, der ſie genommen hatte, aus der Hand, und ſchlang ſie mir in ſeinem Eifer ſo kraͤftig um den Hals, als waͤre er in Glasgew nicht blos Gefaͤngnißſchließer, ſon⸗ dern auch Lehrburſche des Henkers geweſen. Er ſchlug die zerriſſenen Ueberreſte des Reitrocks Herrn Jarvie um die Schultern, und als noch mehr Hochlaͤnder ſich um uns ver⸗ ſammelten, gieng Dougal hinab, und wies die uͤbrigen an, uns, und namentlich dem Rathmanne den noͤthigen Bei⸗ ſtand beim Hinabſteigen zu leiſten. Andreas aber ſtrengte vergebens ſeine Lungen an, um ſich gleichfalls Dougals Schuz zu erflehen, oder wenigſtens durch ſeine Vermitt⸗ lung wieder zu ſeinen Schuhen zu kommen. „Nein, nein,“ ſagte Dougal dagegen,„der iſt nicht weit her, ich muͤßte ſehr falſch daran ſeyn, oder ſeine Vor⸗ fahren ſind auch barfuß gegangen.“ Somit uͤberließ er es dem armen Andreas, uns zu folgen, ſo gut er konnte, oder vielmehr ſo, wie es der ihn umgebende Haufe zuließ, und fuͤhrte uns eilig hinab zu dem Engpaſſe, wo das Gefecht vorgefallen war, um uns als eine Zugabe von Gefangenen 94— dem weiblichen Anfuͤhrer der ſiegreichen Schaar vorzuſtel⸗ len. Dougal ſtritt und laͤrmte heſtig mit ſeinen Gefaͤhr⸗ ten, und wies diejenigen, die ſich einen naͤhern Antheil an unſerer Gefangennehmung anmaßen wollten, mit Drohun⸗ gen und Gewalt zuruͤck. Endlich gelangten wir vor die Heldin des Tags, deren Anblick mir, die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, nicht minder Beſorgniß einſtoͤste, als die wilden, rauhen und kriegeriſchen Geſtalten, die uns umgaben. Ich weiß nicht, ob Helena Mae Grezor perſoͤnlich Antheil am Kampfe nahm, und erhlelt auch nachher Urſache, das Ge⸗ gentheil zu vermuthen, aber die Blutſlecken auf ihrem Ge⸗ ſicht, ihren Haͤnden und entbloͤsten Armen, ſo wie auf dem Schwert, das ſie noch immer in der Hand hielt, ihr gluͤ⸗ hendes Geſicht und die wildfliegenden Rabenlocken, die un⸗ ter ihrer rothen Muͤze hervorquollen, alles ſchlen mir an⸗ zudeuten, das ſie ſelbſt mitgefochten habe. Ihre durchdrin⸗ genden ſchwarzen Augen und ihre Zuͤge ſtrahlten von dem ſtolzen Gefuͤhl der Siegesfreude und befriedigter Rache. Dennoch zeigte ihr Benehmen nicht geradezu Blut durſt oder Grauſamkeit an, und ihr Bild erlnnerte mich, als die erſte Regung von Unruhe verſchwunden war, au einige Ge⸗ maͤlde von begeiſterten Heldinnen, die ich in den ka ho⸗ liſchen Kirchen Frankreichs geſehen hatte. Sie war freilich nicht ſchoͤn genug fuͤr eine Judith, noch hatte ſie den be⸗ geiſterten Ausdruck der Zuͤge einer Debora, aber die Begel⸗ ſterung, von der ſie ergriffen war, gab ihrem Geſicht und ihrem Benehmen, worin an ſich ſchon eine wilde Erhaben⸗ heit lag, eine große Aehnlichkeit mit den Bildern jeuer wundervollen Kuͤnſtler, welche die Heldinnen der bibliſchen Geſchichte verherrlichten. Ich war noch ungewiß, wie ich ein ſo ſeltſames Weib „ „ V 95 anreden ſollte, als Jarvie mit einem vorbereitenden Huſten, denn der raſche Gang hatte ihn abermals außer Athem geſezt, das Eis brach, und ſie folgendermaßen anredete: „uh! uh! u. ſ. w., ich freue mich ſehr, daß ich dieſe freu⸗ dige Gelegenheit habe,(ein Zittern der Stimme ſtrafte den Nachdruck Luͤgen, den er auf das Wort freudige legte)—„dieſe freudige Gelegenheit habe,(hier ſuchte er das Beiworr paſſender zu betonen) der Frau meines Vetters Robin einen guten Morgen zu wuͤnſchen. Uh!l uhl! — Wie geht es Euch?(unterdeſſen hatte er ſich in ſeinen gewoͤhnlichen Hundetrab hineingeſchwazt, worin eine Mi⸗ ſchung von Vertrarulichkeit und Wichtighuerei lag)— Wie iſt es Euch die ganze Zeit daher ergangen?— Ihr habt mich, Euern Vetter, wehl vergeſſen, Frau Mac Gregor Campbell?— uhl! uh!— wenn ein,— aber Ihr werdet Euch meines Vaters erinnern, des Zunftmeiſters Nicol Jarvie auf dem Salzmarkt u Glasgow,— ein ehrlicher Mann, und zuverlaͤhig, und achtete Euch und die Eurigen. — So, wie ich vorhin ſagte, ich bin ſehr erfreut, Euch zu ſehen, Frau Mac Grezor Campbell, meines Vetters Frau. Ich moͤchte um die Erlaubniß bitten, Euch zu gruͤßen als Vetter, aber Eure Leute halten mich ſo abſcheulich feſt an den Armen, und, die reine Wahrheit zu ſagen, es waͤre nicht ſchlimm, wenn Ihr ein wenig Waſſer naͤhmet, ehe Ihr Eure Freunde bewillkommt.“ Dieſe vertrauliche Begruͤßung vaßte ziemlich ſchlecht zu dem aufgereizten Gemuͤthszuſtand der Heldin, die erhizt von der Freude des Siegs in einem gefahrvollen Kampf, und noch damit beſchaͤftigt war, Todeslooſe auszutheilen. „Wer ſeid Ihr,“ ſegte ſie,„daß Ihr es wagt, auf Verwandtſchaft mit Mac Gregor Anſpruch zu machen, da 9⁵ Ihr doch weder ſeine Kleidung tragt, noch ſeine Sprache ſorect? Wer ſeid Ihr, doß Ihr Sorache und Sitte des Hundes hadt, und Euch niederlegen wollt mit dem Reh?“ „ ch weiß nicht,“ ſagte der unerſchrockene Rathmann, „ob man Euch die Verwandtſchaft le genau aus einander geſezt hat, aber ſie iſt bekannt, und kann bewie en werden. Meine Mutter Elsbeth Mac Farlane war das Weib mei⸗ nes Vaters, Zunftmeiſters Nicol Jarvie(Friede ſei mit ihnen!) und Elsbeth war die Tochter von Parlane Mac Farlane, der am See Sloy wohnte. Nun dieſer Parlane Mac Farlaue, wie ſeine noch lebende Tochter Maggz Mac Farlane, welche Duncan Mac Nab von Stuckavrallachan heirathete, bezeugen kann, war mit Eurem Eheherrn, Ro⸗ bin Mac Gregor, im vierten Grade verwandt, denn—— Die Heldinn beſchnitt hier kurz den Stammbaum mit der ſtolzen Frage:„od ein maͤchtiger Strom auch noch das Waſſer welches jeine Anwohner zu geringem Hausgebrau⸗ iche ſchoͤpften, noch als das ſeinige erkenne?“ „Sehr wahr, Baſe,“ ſagte der Nathmann;„aber doch wuͤrde der Bach froh ſeyn, den Muͤhlgraben wieder zu ha⸗ ben im Sommer, wo ſeine Kieſel weiß ſind von der Sonne. Ich weisß wohl, Jor Hochlaͤnder haltet nicht viel auf uns Leute in Glasgow wegen unſerer Kleidung und unſerer Spra⸗ che, aber jeder ſpricht, wie er es gelernt hat als Kind, und es wuͤrde naͤrriſch ausſehen, wenn mein runder Bauch in einem kurzen hochlaͤndiſchen Rock ſaͤhe, und meine kurzen Beine unterm Knie gezuͤrtet waͤren, wie bei Euern lang⸗ beinigen Burſchen. Aber noch eins,“ fuhr er fort troz Dougals Winken und der merklichen Ungednld der Amazone uͤber ſeine Geſchwaͤzigkeit,„Ihr ſolltet bedenken, daß ſelbſt der Koͤnig manchmal mit einem Hoͤcker etwas zu ſaaſfen . 4 haben 97 haben kann, und wie hoch Ihr auch Euern Mann halten moͤget,— und es iſt recht, daß eine Frau Ihren Ehemann ehrt, wie geſchrieben ſteht,— ſo hoch Ihr ihn auch halten moͤget, wie ich eben ſagte, ich bin wohl kuͤrzlich erſt Robin zu Dienſten geweſen,— habe auch Euch eine Perlenſchnur geſchickt zu Eurer Hochzeit,— damals aber war Robin ein ehrlicher Viehhaͤndler, hatte nichts zu ſchaffen mit derglei⸗ chen ungerechten Dingen, nichts mit Fechten und Streiten, ſtoͤrte nicht des Koͤnigs Frieden im Lande, und entwaffnete ſeine Soldaten.“ Hier hatte er offenbar einen Ton angeſchlagen, den ſeine Verwandte nicht dulden konnte. Sie richtete ſich ſtolz empor, und verrieth die Heftigkeit ihrer Gefuͤhle durch ein halb hoͤhniſches, halb bitteres Lachen. „Ihr und Eures gleichen koͤnnten einen Anſpruch ha⸗ ben auf Verwandtſchaft mit uns, wenn wir zu der Erbaͤrm⸗ lichkeit herabſaͤnken, unter Eurer Herrſchaft zu leben, wie Eure Holzhauer und Waſſertraͤger,— um Vieh zu finden fuͤr Eure Gaſtmahle, und Knechte, um ſich von Euern Ge⸗ ſezen unterdruͤcken und niedertreten zu laſſen.— Aber jezt noch ſind wir frei,— frei durch eben die That, die uns weder Haus, noch Heerd, weder Nahrung, noch Kleidung ließ,— die uns alles,— alles raubte, und mir Seufzer auspreßt, wenn ich daran denke, daß ich noch fuͤr etwas an⸗ deres der Erde eine Laſt ſeyn ſoll, als um Rache zu neh⸗ men. Und ich will das Werk fortfuͤhren, womit dieſer Tag ſo gut anſieng, durch eine That, die alle Bande zwiſchen Mac Gregor und den Schurken im Niederlande zerreißen ſoll.— Hier— Allan,— Dougal, bindet dieſe Sachſen an Hals und Fuͤßen zuſammen, und werft ſie in den hoch⸗ W. Scott's Werke. CIII. 7 98 laͤndiſchen See,— dort moͤgen ſie ihre hochlaͤndiſchen Ver⸗ wandten ſuchen.“ Beſtuͤrzt uͤber dieſen Befehl wollte eben Jarvie eine Beſchwerde erheben, die den Zorn der Hochlaͤnderin wahr⸗ ſcheinlich noch mehr entflammt haben wuͤrde, als ſich Dou⸗ gal dazwiſchen warf, und auf gaͤliſch, das er mit einer Ge⸗ laͤufigkeit ſprach, welche gegen die langſame, unvollkommene und pinſelhafte Art, mit der er ſich im Engliſchen ausdruͤck⸗ te, ſeltſam abſtach, ſich lebhaft fuͤr uns zu verwenden ſchien. Seine Gebieterin unterbrach ihn in engliſcher Sprache, gerade, als ob ſie uns die ganze Bitterkeit des Todes zum voraus haͤtte fuͤhlen laſſen wollen.„Elender Hund! Du widerſprichſt meinen Befehlen? Wenn ich Dir befuͤhle, ih⸗ nen die Zungen auszuſchneiden, und in einen andern Hals zu ſezen, raͤtheriſche Anſchl und ſolches geſchah in den alten Tagen der Rache, wenn unſere Vaͤter Unre Dir dieß, waͤre es De derſprechen?“ „Seid gewi ine Sache, meinen Befehlen zu wi⸗ es waͤre,— das t rothroͤckigen Hauptmann da und feinen Korporal Eramy und zwei oder drei andere Rotbroͤcke in den See zu wer⸗ fen, das wuͤrde ich thun mit großer Freude, aber thut den guten Leuten da nichts, das ſind Freunde von Gregaragb⸗ und auf ſein vrath bas kann ich ſelbſt bezeugen.¹⁰ um zu hoͤren, wer damtt am beſten ſaͤchſiſch ſpraͤ⸗ che, oder ihnen die Herzen auszureißen, und ſie in des andern Bruſt zu ſezen, um zu ſehen, wer am beſten ver⸗ 4 laͤge gegen Mac Gregor erſinnen koͤnne,— ct zu vergelten hatten,— beſoͤhle ich z, ſeid gewiß⸗“ erwiederte er,„Euer Wille ſollte geſchehen,— nicht mehr, wie Recht,— aber wenn heißt, wenn es Cuch einerlei waͤre, den Wort hieher gekommen, denken nicht en Ver⸗ —3 1828——— 99 Die Dame wollte eben antworten, als die wilden Toͤne einer Sackpfeife auf dem Wege von Aberfoil her ſich hoͤ⸗ ren ließen, vermuthlich dieſelben, die Hauptmann Thorn⸗ tons Nachhut vernommen, und wodurch dieſer hewogen wur⸗ de, lieber den or ihm liegenden Engpaß zu ſtuͤrmen, als in das Dorf zuruͤckzukehren. Das Gefecht hatte ſo kurz gedauert, daß die Bewaffneten, welche dieſer Kriegsmelo⸗ die folgten, keinen Theil mehr daran nehmen konnten, un⸗ geachtet ſie bei dem Schalle des Gewehrfeuers ihre Schritte beſchleunigt hatten. Der Sieg war vollſtaͤndig ohne ſie, und ſie kamen jezt, um den Triumph ihrer Landsleute zu theilen. Die neuen Ankoͤmmlinge unterſchieden ſich auffallend, und ſehr zu ihrem Vortheile von dem Haufen, welcher die Soldaten uͤberwunden hatte. Unter den Hochlaͤndern, weh⸗ che die Gebieterin umgaben, waren hochbejahrte Greiſe, Knaben, kaum faͤhig, die Waffen zu tragen, ſelbſt Weiben, kurz Menſchen, die nur in der dringendſten Noth die Waf⸗ fen ergreifen, und die Niedergeſchlagenheit, die Thorntons maͤnnliche Zuͤge umwoͤlkte, wurde noch durch die bittere Schaam erhoͤbt, als er ſah, daß es einem ſonſt ſo veraͤcht⸗ lichen Feinde durch Uebermacht und gluͤckliche Stellung ge⸗ lungen war, ſeine tapfern Veteranen zu beſiegen. Aber die drelßig oder vierzig Hochlaͤnder, die jezt heran kamen, wa⸗ ren lauter Maͤnner in der Bluͤ he der Jugend oder des maͤnnlichen Alters, ruͤſtige, wehlgebildete Leute, deren ner⸗ vige Glieder in den furzen Struͤmpfen und den aufgeſck uͤrz⸗ ten Plaids ſich vortheilhaft usnahmen. Ihre Waffen, ſo wie ihre Kleider und thr ganzer Aufzug, waren beſſer, als die der erſten Schaar. Die Begleiter der Antuͤhrerin tru⸗ gen Aexte, Sicheln, allerlei alte Waſſen neben ihren Feuer⸗ 7.. 100 gewehren, und einige hatten blos Keulen, Dolche und lange Meſſer. Von der zweiten Schaar aber hatten die meiſten Piſtolen im Guͤrtel und beinahe alle Dolche neben ihren Patrontaſchen, die ſie vorne trugen. Jeder hatte ein gutes Feuergewehr in der Hand, ein Schwert an der Seite und einen ſtarken runden Schild aus leichtem Holze, der mit Leder uͤberzogen, zierlich mit kupfernen Buckeln verſehen war, und in der Mitte eine eingeſchraubte ſtaͤhlerne Spize hatte. Dieſe hiengen waͤhrend des Marſches und beim Feuern auf dem Ruͤcken, und wurden am linken Arme getragen, wenn ſie mit dem Schwert in der Fauſt angriffen. Aber es war leicht zu ſehen, daß dieſe auserleſene Schaar nicht von einem ſolchen Siege heimkam, wie ihre ſchlechter geruͤſteten Gefaͤhrten erfochten hatten. Die Sack⸗ pfeife ließ zuweilen klagende Toͤne hoͤren, die ein ganz an⸗ deres Gefuͤhl, als die Siegesfreude ausdrückten, und ſchwei⸗ gend mit geſenkten, duͤſtern Blicken nahten ſie ſich der Gattin ihres Haͤuptlings. Als ſie vor ihr ſtanden, ertoͤn⸗ ten noch einmal die wilden, klagenden Toͤne der Sack⸗ pfeife. 3 Helene ſtuͤrzte vorwaͤrts mit einem Blicke, in dem ſich Zorn und Beſorgniß ausſprachen. Was bedeutet dieß, Al⸗ laſter?“ ſagte ſie zu dem Spielmann.„Warum eine Klage im Augenblicke des Siegs?— Rubert,— Jakob— Wo iſt Mac Gregor?— wo iſt Euer Vater?“ Ihre Soͤhne, welche die Schaar fuͤhrten, traten mit langſamen, ungewiſſen Schritten vor, und murmelten ei⸗ nige gaͤliſche Worte, worauf die Mutter einen gellenden Schrei ausſtieß, in den alle Weiber und Kinder einſtimm⸗ ten, wozu ſie in die Haͤnde ſchlugen und heulten, als ob ihr Leben in den Toͤnen hinſterben ſolle. Das Echo der 101 Berge, ſeit dem Laͤrme des Kampfs verſtummt, antwortete nun auf das verzweiflungsvolle, mißtoͤnige Jammergeheul, das ſelbſt die Nachtvoͤgel aus ihrem Lager in den Felſen aufſcheuchte, als waͤren ſie erſchrocken daruͤber, ein ſcheußli⸗ cheres, ungluͤckweiſſagenderes Geſchrei, als das ihrige, am hellen Tage zu hoͤren. „Gefangen?“ wiederholte Helene, als das Geſchref ſchwieg,—„gefangen?— und Ihr lebt noch, es mir zu ſagen?— Feige Memmen? habe ich Euch darum geſaͤugt, daß Ihr Euer Blut ſchonen ſollt gegen Eures Vaters Feinde? oder ihn, gefangen zu ſehen, und zuruͤckzukommen, es mir zu ſagen?“ Mar Gregors Soͤhne, an welche ſie dieſe ſtrafenden Worte richtete, waren Juͤnglinge, von denen der aͤlteſte kaum ſein zwanzigſtes Jahr erreicht hatte. Er hieß Ro⸗ bert, um ihn aber von ſeinem Vater zu unterſcheiden, nannten ihn die Hochlaͤnder Og, d. h. den Kleinen. Dunk⸗ les Haar, finſtre Zuͤge mit der Gluth friſcher Geſundheit, eine ſtarke, uͤber ſeine Jahre gedrungene Geſtalt, dieß war das Bild des jungen Bergbewohners— Jakob war ſchlan⸗ ker und weit huͤbſcher, als ſein Bruder; ſeine hellblauen Augen und die Fuͤlle des ſchoͤnen Haars, das unter der dunkelblauen Muͤze hervorwallte, machten ihn zu einem freundlichen Bilde eines hochlaͤndiſchen Juͤnglings. Beide ſtanden jetzt vor ihrer Mutter, Schmerz und Schaam im Geſichte, und hoͤrten mit ehefurchtsvoller Un⸗ terwerfung auf die Tadelreden, womltt ſie uͤberſchuͤttet wurden. Endlich, als der Unwille der Gebieterin ſich zu mildern ſchien, ſuchte der aͤltere in engliſcher Sprache⸗ wahrſcheinlich, um von den uͤbrigen nicht verſtanden zu⸗ werden, ehrfurchtsyoll ſich und ſeinen Bruder zu rechtferti⸗ 102 gen. Ich war nahe genug, um beinahe alles zu verſtehen, und da es mir ſehr wichtig war, in dieſer ſonderbaren Laze ſo gut wie moglich berichtet zu ſeyn, ſo horchte ich mit geſpannter Aufmerkſamkeit. „Mac Gregor,“ erzaͤhlte der Sohn,„ſey zu elner ver⸗ abredeten Zuſammenkunft berufen worden mit einem Nie⸗ derſchotten, der ein Zeichen brachte von—(hier murmelte er ſehr leiſe einen Namon, und ich glaubte, den meinigen zu verſtehen).„Mac Gregor nahm die Einladung an, befahl aber, den Sachſen, der die Botſchaft uͤberbracht hatte, als Geiſel zuruͤckzubehalten, daß man redlich gegen ihn verfahre. Er kam auf den verabredeten Platz, nur von zwei Maͤnnern begleitet, und ertheilte Befehl, daß niemand ihm folgen ſolle. Nach einer halben Stunde kam der eine zuruͤck mit der traurigen Nachricht, Mac Gregor ſey von einer Abtheilung der Lennox⸗Miliz unter Gal⸗ bralth von Garſchattachin uͤberfallen und gefangen genom⸗ men worden. Galbraith habe auf die Drohung Mac Gre⸗ gors, man werde an dem Geiſel Vergeltungsrecht uͤben⸗ veraͤchtlich geantwortet: Laßt jeden Theil ſeinen Mann haͤngen; wir haͤngen den Raͤuber, und Eure Geſellen, Robin, moͤgen den Zoͤllner haͤngen, das Land wird ſo zwei verwuͤ iſchte Dinge auf einmal los. Angus Breck, der mit Mac Gregor gefangen genommen, aber nicht ſo ſtreng be⸗ wacht wurde, war ihnen entflohen, nachdem er lange genuz in ihrem Gewahrſam geblieben war, um dieſe Unterredung mit anzuhoͤren, und die ungluͤckliche Nachticht den Seini⸗ gen zu bringen.“ 3 „Und du, falſcher Verraͤther, hoͤrteſt dieß,“ ſprach Mac Gregors Weib,„und eilteſt nicht ſogleich, deinen Vater zu retten, oder dein Leben dort zu laſſen?“ 103 Der junge Mac Gregor ſtellte beſcheiden die Ueber⸗ legenheit des Feindes vor, und ſagte, da ſie keine Anſtalt gemacht haͤtten, das Land zu verlaſſen, ſo habe er fuͤx das Beſte gehalten, ſich zuruͤckzuziehen in das Thal, um eine Schaar zu ſammeln, zahlreich genug, die Befreiung mit einiger Hoffnung eines gluͤcklichen Erfolgs zu verſuchen. Die Milizen wollten in dem alten Schloſſe am See oder in irgend einer andern Veſte bleiben, die obgleich ſtark und haltbar, doch uberfallen werden koͤnnten, wenn man nur eine hinreichende Mannſchaft ſammle.“ Ich erfuhr ſpaͤter, daß ſich die Anhaͤnger des Freibeu⸗ ters in zwei ſtarke Haufen getheilt haͤtten, deren einer den Ueberreſt der Beſatzung von Taversnaid, wovon ein Theil unter Hauptmann Thornton geſchlagen worden war, — beobachten, der andere ſich den hochlaͤndiſchen Clans entgegenſtellen ſollte, die ſich mit den regulaͤren Truppen und den Niederſchotten vereinigt hatten, um dieſen Ein⸗ fall in das rauhe Gebirgsland zwiſchen den Seen von Lo⸗ mond, Katrine und Ord zu machen, das man damals ge⸗ meinhin des rothen Robins Land nannte. Boten wurden eilig ausgeſendet, vermuthlich, um die ganze Macht zu dem beabſichtigten Angriff auf die Niederſchotten zu ver⸗ einigen, und die Niedergeſchlagenheit und Verzweiflung, die ſich anfangs auf jedem Geſichte zeigten, wichen der Hoffnung, ihren Anfuͤhrer zu retten, und dem Durſt nach Rache. Von dieſer Leidenſchaft entflammt, befahl Mac Gregors Welb, den Mann, der als Geiſel zuruͤckgelaſſen worden war, vor ſie zu bringen. Ich glaube, ihre Soͤhne hatten aus Furcht vor den Folgen den Ungluͤcklichen ihr aus den Augen gebracht, aber dieſe menſchenfreundliche Vorſorge konnte ſein Schickſal hoͤchſtens verzoͤgern. Auf 104 ihren Befehl ſchleppte man den Armen herbei, der ſchon vor Schrecken halb todt war, und in deſſen von Todesangſt entſtellten Zuͤgen ich mit Entſetzen und Erſtaunen meinen alten Anklaͤger Morris erkannte. Er fiel vor der Anführerin nieder, um ihre Knie zu umfaſſen, aber ſie wich zuruͤck, als wuͤrde ſie von ſeiner Beruͤhrung entweiht, ſo daß er zum Zeichen ſeiner tiefen Demuͤthigung nur den Saum ihres Plaids zu kuͤſſen ver⸗ mochte. Niemals hoͤrte ich mit ſolcher Seelenangſt um das Leben bitten. Seine Furcht war ſo heftig, daß ſie ſtatt ſeine Zunge zu laͤhmen, ihn beredt machte, und mit todt⸗ bleichen Wangen, mit krampfhaft gerungenen Haͤnden, mit Blicken, die ſich zum letztenmal auf irdiſche Dinge zu hef⸗ ten ſchienen, betheuerte er unter den ſchrecklichſten Schwuͤ⸗ ren ſeine voͤllige Unwiſſenheit an jedem Anſchlag auf Robin, den er wie ſeine eigene Seele liebe und achte.— In dem Widerſpruche, worein ihn ſeine Angſt verwickelte, ſetzte er hinzu, er ſey nur das Werkzeug anderer, und murmelte den Namen Raſhleigh.— Nur um ſein Leben bat er,— um ſein Leben wolle er alles geben, was er in der Welt beſitze,— nur um ſein Leben, waͤre es auch unter verlaͤn⸗ gerten Qualen und Entbehrungen,— nur um den Athem, waͤre es auch in den Duͤnſten der tiefſten Berghoͤhle.“ Es iſt unmoͤglich, den Hohn, den Widerwillen und die Verachtung zu beſchreiben, womit Mac Gregor's Weib auf den Elenden herabſah, der nur um das armſelige Geſchenk des Daſeyns bettelte. „Ich haͤtte Euch das Leben erhalten,“ ſagte ſie,„wenn das Leben fuͤr Euch die druͤckende Buͤrde waͤre, wie fuͤr mich,— wie fuͤr jedes edle, großherzige Gemuͤth.— Aber Du, Elender! du koͤnnteſt durch das Leben kriechen, un⸗ 10⁰5 geruͤhrt von dem mannigfachen Ungluͤck, dem unſaͤglichen Elend, ſeiner ſtets wachſenden Maſſe von Verbrechen und Kummer,— du koͤnnteſt leben, und des Lebens genießen, waͤhrend der Edelgeſinnte verrathen wird,— waͤhrend Schurken ohne Namen und ohne Geburt auf den Nacken der ahnenreichen Tapfern treten,— du koͤnnteſt dich des Lebens freuen, wie ein Fleiſcherhund an der Schlachtbank, waͤhrend rund umher die Tapfern geſchlachtet werden! Du ſollſt nicht leben, dieſe Freude zu theilen; du ſollſt ſterben, niedriger Hund, und zwar, ehe jene Wolke uͤber die Sonne hingezogen iſt.“ Drauf ertheilte ſie in gaͤliſcher Sprache Befehle an ihre Begleiter, von denen zwei den Flehenden, der noch immer auf den Knieen lag, ergriffen, und ihn fortrißen an den Rand der Klippe, die uͤber den See hinaus hieng. Er ſtieß die durchdringendſten Toͤne aus, welche je die Furcht auspreßte,— und wohl kann ich ſie grauenvoll nen⸗ nen, denn ſie ſtoͤrten noch lange nachher meinen Schlaf. Als ihn die Moͤrder oder Henker, wie man ſie nennen will, fortſchleppten, erkannte er mich, und die letzten deutlichen Worte, die ich von ihm hoͤrte, waren: o Herr Dsbaldiſtone, rettet mich! rettet mich!“ Ich war von dieſem ſchrecklichen Augenblick ſo ergrf⸗ fen, daß ich, obgleich ich jeden Augenblick erwarten mußte, ſein Schickſal zu theilen, doch verſuchte, zu ſeinen Gunſten zu ſprechen, meine Fuͤrbitte wurde aber, wie man leicht denken kann, mit finſterem Ernſte zuruͤckgewieſen. Das Opfer wurde von einigen feſtgehalten, waͤhrend andere einen ſchweren Stein in einen Plaid banden, das ſie ihm um den Hals knuͤpften, und ihn zugleich eines Theils ſei⸗ ner Kleider beraubten. Halb nackt ſtuͤrzten ſie ihn in den 1⁰6 See, der hier ungefaͤhr zwoͤlf Fuß tief iſt, und ſuchten ſei⸗ nen letzten Todesruf durch ein lautes Freudengeſchrei der befriedigten Rache zu uͤbertaͤuben, doch deutlich drang der gellende Ton hindurch. Die ſchwere Buͤrde plumpte in die tiefblauen Waſſer des Sees, und die Hochlaͤnder mit ihren Streitaͤrten und Schwertern in der Hand, wachten einige Augenblicke, damit er ſich nicht von ſeiner Laſt los⸗ machen, und ans Ufer zu retten ſuchen moͤchte. Aber der Knoten war zu feſt gebunden, das Opfer ſank nieder, und die durch ſeinen Fall bewegten Wellen wogten bald wieder ruhig uͤber ſeinem Grabe. Siebentes Kapitel. Wenn je noch Rache ein gekränktes Herz durchdringt, Noch Kraft iſt ſie zu üben in bewehrter Hand, So ſoll es ſchrecklich büßen euer eigen Land, Wenn ihm nicht Freiheit wird, eh' noch die Sonne ſinkt. Altes Schauſpiel. Ich weiß nicht, warum eine einzelne grauſame Ge⸗ waltthat unſere Nerven heftiger erſchuͤttert, als wenn eine groͤßere Anzahl darunter leidet. Ich hatte an dieſem Tage mehrere meiner tapfern Landsleute im Gefechte fallen ſehen,— es ſchien mir, es haͤtte ſie nur das gewoͤhnliche Loos der Menſchheit getroffen, und ſo lebhaft auch die Theilnahme war, welche meine Bruſt durchzitterte, ſo empfand ich doch nicht jenes Entſetzen, womit ich den un⸗ gluͤcklichen Morris ohne Widerſtand und mit kaltem Blute ermorden ſah. Ich blickte Herrn Jarvie an, auf deſſen 107 Geſichte ſich diefelben Gefuͤhle mahlten, und er konnte ſei⸗ nen Abſcheu nicht ganz unterdruͤcken, ſo daß er mir die Worte zulluͤſterte: „Das iſt eine blutige That, ein grauſamer Mord, Gott wird es raͤchen zu ſeiner Zeit.“ „Ihr fuͤrchtet alſo nicht, daß Ihr ihm folgen muͤßt?“ fragte Helene mit einem furchtbaren Blicke auf ihn, unge⸗ faͤhr wie der Habicht auf ſeine Beute, ehe er niederfaͤhrt. „Baſe,“ erwiederte Jarvie; niemand wird mit Wil⸗ len ſeinen Lebensfaden abſchneiden, ehe man das Ende des Knaͤuels gehoͤrig auf die Garnwinde gewunden hat. Und ich habe noch viel zu thun in dieſer Welt, wenn man meines Lebens ſchont,— oͤffentliche und eigene Geſchaͤfte, und habe auch Angehoͤrige, wie meine arme Mattie, die eine Watlſe iſt,— ſie iſt eine ferne Baſe des Lairds von Limmerfields,— ja, wenn man alles bedenkt, ſo gibt ein Mann fuͤr ſein Leben alles, was er hat.“ „Und wenn ich Euch in Freiheit ſetzte, was wuͤrdet Ihr dem Erſaͤufen des ſaͤchſiſchen Hundes fuͤr einen Na⸗ men geben?“ „Uhl uh!— hum! hum!“ ſagte der Rathmann, und ſuchte durch Huſten ſeine Kehle ſo rein als moͤglich zu machen. Ich wuͤrde mich bemuͤhen, ſo wenig daruͤber zu ſagen, wie moͤglich. Mit Schweigen ſich verred't Nie⸗ mand!“ „Wenn Ihr aber vor Euren Gerichtshoͤfen gefragt wuͤrdet, was waͤre da Eure Antwort?“ Der Rathmann blickte hin und her, als ſuchte er eine Auskunft, und antwortete endlich, wie einer, der ſich nicht mehr zuruͤckziehen kann, und ſich zum Kampfe ruͤſten muß: „ich ſehe wohl, wohin Ihr mich treiben wollt. Aber ich 108 will Euch die reine Wahrhbeit fagen, Baſe, zoie es ſich fuͤr mich ziemt, nach beſtem Gewiſſen; Euer Mann, den ich um ſeinet⸗ und um meinetwillen hier wuͤnſchte,— und auch der Dougal, die wiſſen's beide, daß Nicol Jarvie bei den Fehlern eines Freundes ſo gut durch die Finger ſieht, als einer, aber doch muß ich Euch ſagen, Baſe, meine Sache iſt es nie, anders zu denken, als zu reden, und ehe ich ſagte, daß der arme Burſche mit Recht umgebracht worden ſey, wollt' ich lieber an ſeiner Seite liegen,— doch ich denke, Ihr waͤret das erſte hochlaͤndiſche Weib, das dem nahen Vetter ihres Mannes ein ſolches Schickſal bereitete. Dieſer feſte Ton ſchlen auf das harte Herz ſeiner Baſe mehr Eindruck zu machen, als vorher ſeine flehende Bitte, ſo wie Edelſteine wohl mit Stahl, doch nicht mit weichern Metallen geſchnitten werden koͤnnen. Sie befahl uns beiden, vor ſſe zu treten.„Euer Name iſt Osbaldi⸗ ſtone?“ ſagte ſie zu mir.„Der Elende, von deſſen Tode Ihr Zeuge geweſen ſeyd, nannte Euch ſo.“ „So heiße ich,“ war meine Antwort. „Raſhleigh iſt dann vermuthlich Euer Taufname?“ fuhr ſie fort. „Nein, mein Name iſt Franz.“ „Aber Ihr kennt Raſbleiah Osbaldiſtone?“— Er iſt Euer Bruder, wenn ich mich nicht irre, wenigſtens Euer naher Vetter und Freund.“ „Er iſt mein Vetter,“ erwiederte ich,„aber nicht mein Freund. Wir ſtanden neulich im Zweikampf einander ge⸗ genuͤber, als uns jemand trennte, der, wie ich hoͤre, Euer Mann iſt. Mein Blut iſt kaum trocken an ſeinem Degen und die ———— ——— 109 Wunde an meiner Seite noch friſch. Ich habe wenig Ur⸗ ſache, ihn als meinen Freund zu erkennen.“ „Wenn Ihr alſo nichts mit dieſen Raͤnken zu thun habt, ſo koͤnnt Ihr ſicher zu Garſchattachin und ſeiner Parthie gehen, ohne Furcht, feſtgehalten zu werden, und koͤnnt ihnen eine Botſchaft von Mac Gregors Weibe brin⸗ gen.“ Ich antwortete, ich wuͤßte keinen Grund, warum die Miliz mich feſthalten ſollte, und daß ich fuͤr mich nichts zu fuͤrchten haben wuͤrde, wenn ich in ihre Gewalt kaͤme; wenn ich durch dieſe Geſandtſchaft meinem Freunde und meinem Diener Schutz verſchaffen koͤnnte, ſo wuͤrde ich mich augenblicklich auf den Weg machen. Zugleich ergriff ich die Gelegenheit,— ihr zu ſagen:„ich ſey in dieß Land gekommen auf ihres Mannes Einladung und auf ſei⸗ ne Verſicherung hin, daß er mich in einer Sache von Wich⸗ tigkeit unterſtuͤtzen werde; mein Gefaͤhrte hier, Herr Jar⸗ vie, haͤtte mich auf dieſer Fahrt begleitet.“ „Und dieſer wuͤnſcht, ſeine Stiefeln waͤren voll ſieden⸗ den Waſſers geweſen, als er ſie zur Reiſe anziehen woll⸗ te,“ unterbrach mich Jarvie. „Daran koͤnnt Ihr Euern Vater erkennen,“ ſagte He⸗ lene Mac Gregor zu ihren Soͤhnen.„Weiſe iſt er nur, wenn er die Muͤtze auf dem Kopf und das Schwert in der Hand hat, ſobald er aber den Tartan mit dem Tuchkleide vertauſcht, wird er ein Opfer der elenden Raͤnke der Nie⸗ derlaͤnder, und nach allem, was er gelitten hat, ihr Ge⸗ ſchaͤftsfuͤhrer, ihr Werkzeug,— ihr Sklave.“ „Setzt auch hinzu,“ ſagte ich,„— ihr Wohlthaͤter.“ „Mag ſeyn,“ ſagte ſie,„das iſt der leerſte Titel von allen, denn wenn er auch Wohlthaten ausgeſaͤet hat, uͤber⸗ 110 all hat er nur den ſchaͤndlichſten Undank geerndtet.— Aber genug davon,— ich werde Euch zu den Außenpoſten des Feindes fuͤhren laſſen; fragt nach ihrem Befehlshaber, und richtet ihm folgende Botſchaft von Helene Mac Gregor aus: wenn ſie ein Haar kruͤmmten auf Mar Gregors Haupt, und ihn nicht binnen zwoͤlf Stunden in Freiheit ſetzten, ſo ſoll keine Frau in Lennox ſeyn, die nicht, ehe Weihnachten kommt, die Todtenklage ruft uͤber die, die ſie ungern ver⸗ liert,— kein Paͤchter, der nicht Ach! und Wehl ſoll ſchreien uͤber eine abgebrannte Scheuer oder einen leeren Stall,— kein Laird, kein Landbeſitzer ſoll Nachts ſein Haupt mit der Gewißheit niederlegen, ob er am Morgen noch lebt,— und um zu beginnen, wie wir enden wollen, ſo werde ich, wenn die Friſt abgelaufen iſt, dieſen Glasgower Rathmann, dieſen ſaͤchſiſchen Hauptmann und alle meine uͤbrigen Ge⸗ fangenen ihnen zuſenden, jeden in ein Plaid gewickelt und in ſo viele Stuͤcke zerhackt, als Wuͤrfel in dem Tartan ſind.“ Als ſie mit ihrer Ankuͤndigung endigte, ſetzte Haupt⸗ mann Thornton, der alles angehoͤrt hatte, mit großer Kaltbluͤtigkeit hinzu:„Bringt meine, des Hauptmann Thornton, Empfehlung dem kommandirenden Lffizier, und ſagt ihm, er ſolle ſeine Pflicht thun, und den Gefangenen feſthalten, ohne auf mich Ruͤckſicht zu nehmen. Wenn ich Thor genug geweſen bin, mich von dieſen ſchlauen Wilden in einen Hinterbalt locken zu laſſen, ſo bin ich klug genug, um zu wiſſen, wie ich ſterben muß, ohne meinen Dienſt zu entehren. Ich bedauere nur meine tapfern Waffenge⸗ faͤhrten, daß ſie in die Haͤnde ſolcher Schlaͤchter gefallen ſind.“ 3 „Still! ſtill!“ rief Jarvie;„ſeyd Ihr des Lebens ſo⸗ 111 muͤde? Vermeldet auch meine Empfehlung dem kommandk⸗ renden Offizier,— die Empfehlung des Rathmanns Nicol Jarvie von Glasgow, und meldet ihm, hier ſeien ein paar ehrliche Leute in großer Verlegenheit, mit denen es leicht noch ſchlimmer werden koͤnnte, und er koͤnne fuͤr's allge⸗ meine Wohl nichts Beſſeres thun, als wenn er Robin in ſeine Heimath gehen laͤßt. Es iſt hier ſchon etwas Boͤſes geſchehen, hat aber meiſt nur den Zoͤllner betroffen, und da iſt's nicht der Muͤhe werth, viel Laͤrmen darum zu machen.“ Mit dleſen ſo widerſprechenden Weiſungen der bei dem Erfolg meiner Geſandtſchaft hauptſaͤchlich betheiligten Par⸗ theien, und mit dem wiederholten Auftrag von Mac Gre⸗ gors Frau, ihre Botſchaft genau und buchſtaͤblich zu uͤber⸗ bringen, wurde ich endlich entlaſſen, und Andreas erhielt, hauptſaͤchlich, glaube ich, um ſeiner klaͤglichen Bitten los zu werden, die Erlaubniß, mich zu begleiten. Da man je⸗ doch beſorgte, ich moͤchte mit Huͤlfe meines Pferdes mei⸗ nen Fuͤhrern entrinnen, vielleicht auch, um ein Unrerpfand von einigem Werthe zu behalten, gab man mir zu verſte⸗ hen, daß ich meinen Weg zu Fuß zu machen haͤtte, unter Begleitung Jakobs, des juͤngern Bruders, der nebſt zwei Gefaͤhrten theils mir den Weg zeigen, theils die Staͤrke und Stellung des Feindes auskundſchaften ſollte. Dougal follte mitgehen, wußte aber dem Auftrage auszuwelchen, und zwar, wie wir ſpaͤter erfuhren, in der Abſicht, uͤber Jarvie zu wachen, dem er nach ſeinen rohen Begriffen von Treue Dienſtleiſtungen ſchuldig zu ſeyn glaubte, weil der Rathmann einſt ſein Goͤnner oder Gebieter geweſen war⸗ Als wir etwa eine Stunde ſehr raſch gegangen waren, gelangten wir auf eine mit Buſchwerk bedeckte Anhohe, 112 welche uns eine weite Ueberſicht des Thals und der Poſten gewaͤhrte, welche die Miliz beſetzt hielt. Da ſie meiſt aus Reiterei beſtand, ſo hatte ſie kluͤglich jeden Verſuch ver⸗ mieden, in den Engpaß einzudringen, wo Hauptmann Thornton ſo ungluͤcklich geweſen war. Sie hatten ihre Stellung ziemlich geſchickt auf einer Anhoͤhe in der Mitte des kleinen Thals von Aberfoil genommen, worin der Forth fließt, der hier ſeiner Quelle noch nahe iſt, und welches von zwei Huͤgelreihen gebildet und in der Ferne von hoͤhern Bergen begraͤnzt wird. Dieſe Huͤgelreihen ließen indeß dem Thale Breite genug, um die Reiterci gegen einen ploͤtzli⸗ chen Ueberfall der Hochlaͤnder zu ſichern, und ſie hatten auch nach allen Richtungen in geeigneter Entfernung Poſten und Schildwachen ausgeſtellt, um bei dem geringſten Laͤrm Zeit genug zu haben, aufzuſitzen und unter die Waffen zu treten. Damals erwartete man von Hochlaͤndern keinen Angriff auf Reiterei in offener Ebene, obwohl ſpaͤtere Vor⸗ faͤlle bewieſen, daß ſie es mit Erfolg wagen konnten. Als ich die Hochlaͤnder zuerſt kennen lernte, hatten ſie eine faſt aberglaͤubiſche Furcht vor Reiterſchaaren, da die ſuͤdlaͤndi⸗ ſchen Pferde ein weit ſtolzeres Ausſehen hatten, als die kleinen Pferde aus ihren Gebirgen, und da das gemeine Volk glaubte, man haͤtte ſie abgerichtet, auch mit Fuͤßen und Zaͤhnen zu fechten. „Die angepfloͤckten waldenden Pferde, die Soldaten, welche in mannigfachen Gruppen an dem ſchoͤnen kleinen Fluße ſaßen, ſtanden, oder umherwandelten, die Formen der duͤrren romantiſchen Felſen, welche auf beiden Seiten die Landſchaft begraͤnzen, bildeten einen ſchoͤnen Vorder⸗ grund, waͤhrend auf der oͤſtlichen Seite der See Menteith hervorblickte, und das Schloß Stirling in daͤmmernder Fer⸗ ne —— pS S, 113 ne mit den blauen Umriſſen der Ochill⸗ Berge den Hinter⸗ grund ſchloß. Als der junge Mac Gregor einen ſehr ernſten Blick auf dieſe Scene geworfen hatte, deutete er mir an, daß ich zu der Miliz hinabgehen, und an ihren Befehlshaber meine Botſchaft ausrichten ſollte, wobei er mir mit dro⸗ hender Geberde einſchaͤrfte, nicht zu verrathen, wer mein Wegweiſer geweſen waͤre, und wo ich mein Geleite ver⸗ laſſen haͤtte. Mit dieſer Ermahnung gieng ich hinab gegen den militäriſchen Poſten, begleitet von Andreas, der von ſeiner engliſchen Kleidung nur noch Hoſen und Struͤmpfe anhatte, aber ohne Hut war, Riamenſchuhe trug, welche Dougal ihm aus Mitleiden gegeben, und daher nur mit einem alten zerriſſenen Plaid den Mangel der Oberkleider erſetzte, ſo ſah er aus, als ſpielte er die Rolle eines Ra⸗ „ſenden aus dem Hochlande. Wir waren noch nicht weit gegangen, als eine der ausgeſtellten Vedetten an uns her⸗ anritt, und mit vorgehaltenem Karabiner uns ſtille zu ſte⸗ hen befahl. Ich gehorchte, und bat den Soldaten, mich zu dem kommandirenden Offizier zu fuͤhren. Ich wurde ſogleich zu einem Kreis von Offizieren hinbeſchieden, die auf dem Raſen ſitzend einen Mann von hoͤherem Range umgaben. Dieſer trug einen Panzer von hellglaͤnzendem Stahl, worauf die Zeichen des alten ſchottiſchen Diſtelor⸗ dens hiengen. Mein Freuud Garſchattachin und viele an⸗ dere Herren, theils in Uniform, tbeils in ihrer gewoͤhnli⸗ chen Kleidung, aber alle mit Waffen wohl verſehen, ſchie⸗ nen von dieſem Mann Befehle zu erhalten. Viele Diener in reichen Lioreen, die zu ſeinem Haushalt zu gehoͤren ſchienen, erwarteten gleichfalls Befehle von ihm. W. Scott's Berke. CIII. 114: Als ich dieſen Herrn mit der ſeinem Range gebuͤhren⸗ den Ehrfurcht begruͤßt hatte, erzaͤhlte ich ihm, daß ich un⸗ freiwillig Zeuge von der Niederlage geweſen, welche die Soldaten am Engpaſſe des Ard⸗Sees von den Hochlaͤndern erlitten, und daß die Sieger ſowohl ihre Gefangene, als das ganze Niederland mit dem Aeußerſten bedrohten, wenn nicht ihr Anfuͤhrer, der dieſen Morgen gefangen ge⸗ nommen worden ſey, ungekraͤnkt entlaſſen werde. Der Her⸗ zog hoͤrte mir mit großer Ruhe zu, und erwiederte dann: es wuͤrde ihm ungemein leid thun, die ungluͤcklichen Herrn, die in Gefangenſchaft gerathen ſeyen, der Grauſamkeit die⸗ Ihr koͤnnt zuruͤckkehren zu denen, die Euch ſandten, und der mit den Waffen in der Hand gefangen genommen wurde daß ich mich in den Augen der Welt herabſetzen würde, wenn ich anders handelte, daß ich das Land gegen ihre über muͤthigen Drohungen zu ſchuͤtzen wiſſen wuͤrde, und wenn 1 walt gerathen ſeyen, auch nur ein Haar kruͤmmten, ſo wuͤr de ich eine ſolche Rache dafuͤr nehmen, daß die Steine ihrg Thaͤler hundert Jahre. Wehe daruͤber ſahrelen ſollten!“ V ſie benachtichtigen, daß ich ſicherlich bei Tagesanbruch den rothen Robin Campbell, den ſie Mac Gregor nennen, bei Tagesanbruch hinrichten laſſen werde, als einen Geaͤchteten, und durch unzaͤhlige Gewaltthaten den Tod verdient⸗ hat; 1 ſer rohen Barbaren auszuſetzen, aber es ſey Thorheit, zu glauben, daß er deßhalb den Urheber aller dieſer Unordnun⸗ gen und Miſſethaten auf frefen Fuß ſtellen, und dadurch ſeine Anhaͤnger in ihrer Frechheit noch aufmuntern werde. V den ungluͤcklichen Herren, die durch einen unfall in ihre Ge 1. 2 Fͤꝗ— 8 A — 115 Ich bat unterhaͤnig, die ehrenvolle Botſchaft abléhnen zu duͤrfen bei der augenſcheinlichen Gefahr, der ſie mich ausſetze, worauf der Herzog erwiederte:„wenn dieß der Fall iſt, ſo koͤnnt Ihr Euern Bedienten ſenden.“ „Da ſollte der Teufel mir in die Beine fahren,“ ſagte Andreas, ohne zu bedenken, vor wem er ſtand, und ohne meine Antwort abzuwarten;„da ſollte mir der Teufel in die Fuͤße fahren, wenn ich einen Schritt gienge. Glauben die Herren, ich haͤtte eine andere Kehle in der Taſche, wenn die Hochlaͤnder mir dieſe abgeſchnitten haͤtten? oder daß ich an der einen Seite des Sees untertauchen, und auf der an⸗ dern wieder herauskommen kann, wie eine wilde Ente? — Nein,— nein,— jeder für ſich ſelbſt— und Gott für uns alle. Moͤgen ſich die Leute alte Pagen nehmen, und ſich ſelbſt bedienen, bis die Jungen groß genug wären, und ſelbſt ihre Boten ſeyna Der rothe Robin iſt nie in das Kirch⸗ ſpiel von Dreepdailz gekommen, und hat mir und den meini⸗ gen weder Aepfel, noch Birnen geſtohlen.“ Als ich den Burſchen mit einiger Mühe zum Schweigen gebracht hatte, ſtellte ich dem Herzog die große Gefahr bor, der Hauptmann Thornton und Herr Jarvie gewiß ausgeſezt ſeyn würden, und bat ihn, mich zum Ueberbringer ſolcher Vorſchläge zu machen, wodurch wenigſtens ihr Leben geſichert würde. Ich verſicherte ihn, ich würde keine Gefahr ſcheuen,⸗ wenn ich nüzlich zu ſeyn hoffen durfte, nach dem aber zu: ſchließen, was ich gehört und geſehen hätte, könnte ich nicht: zweifeln, daß ſie augenblicklich ermordet werden würden, wenn der Anführer der Geächteten den Tod erleiden würde⸗ 8.. 116 Der Herzog war ſichtbar bewegt.„Es ſei ein ſchwie⸗ riger Fall, ſagte er, und er fühle dieß, aber er habe eine eine höhere Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen,— der rothe Robin muß ſterben!“ 4 4 Ich geſtehe, ich war ſelbſt bewegt, als ich hörte, wel⸗ ches Schickſal Campbelln bevorſtand, der ſeine wohlwollend⸗ Geſinnung gegen mich ſo oft bewieſen hatte. Mehrere theile ten dieß Gefühl, und ſuchten fuͤr ihn zu ſprechen.„Es waͤre rathſamer, ihn nach dem Schloſſe Stirling zu ſenden, und dort gefangen zu halten, als Unterpfand für die Unterwerfung und Zerſtreuung ſeiner Bande. Es würde großes Unheil bringen, das Land einer Plünderung auszuſezen, der jezt, da die langen Nächte herannahten, ſehr ſchwer zu begegnen ſeyn würde, es ſei unmöglich, jeden Punkt zu bewachen, und die Hochländer würden gewiß die unbeſezten Zugänge zu ſinden wiſſen. Auch waͤre es ſehr hart,“ ſezten ſie hinzu, „die unglücklichen Gefangenen einer faſt gewißen Ermordung auszuſezen, die in dem erſten Ausbruch der Rache mit Ge⸗ wißheit zu erwarten ſei.“. Garſchattachin wagte, auf die Ehre des Herzogs ver⸗ trauend, noch mehr, obwohl er wußte, daß dieſer beſondere Gruͤnde habe, dem Gefangenen abhold zu ſeyn.„Der rothe Robin ſei zwar ein boͤſer Nachbar fuͤr das Nieder⸗ land, und beſonders fuͤr den Herzog, habe auch die Sache weiter getrieben, als irgend einer in dieſen Tagen, ſey aber doch ein grundgeſcheidter Kerl, und es moͤchte wohl ſonſt Mittel geben, ihn zur Vernunft zu bringen; ſein Weib und ſeine Soͤhne aber ſeyen ruchloſe Feinde, ohne 117 Furcht und ohne Erbarmen, und wuͤrden an der Spize ſei⸗ ner Geſellen eine ſchlimmere Plage für das Land werden, als er je geweſen ſey.“ „Pah! pah!“ erwiederte der Herzog;„nur ſeine Klug⸗ heit und Liſt hat ſeine Herrſchaft ſo lange aufrecht erhal⸗ ten,— waͤre er nichts mehr, als eln hochlaͤndiſcher Raͤuber geweſen, er waͤre in ſo vielen Wochen unterdruͤckt worden, als er Jahre ſein Weſen getrieben hat. Seine Rotte ohne ihn wird uns nicht lange mehr bedraͤngen,— ſie wird nicht laͤnger mehr leben, als eine Wespe ohne ihren Kopf, die vielleicht noch einmal ſticht, aber dann ſogleich vernichtet iſt. 74 Garſchattachin ließ ſich nicht ſo leicht abweiſen. „Sicherlich, Herr Herzog,“ erwiederte er,„hege ich keine Freundſchaft fuͤr Robin, und er eben ſo wenig gegen mich, er hat zweimal meine Staͤlle ausgeleert, und meinen Paͤchtern manchen Schaden zugefuͤgt, aber“——— „Aber, Garſchattachin,“ ſagte der Herzog mit einem bedeutſamen Laͤcheln;„ich glaube, Ihr meint, eine ſolche Freiheit koͤnne man ſchon dem Freunde eines Freundes verzeihen, und Robin ſoll kein Feind von Major Galbraiths Freunden jenſelts des Waſſers ſeyn.“ „Nun, wenn es ſo waͤre, Mylord,“ antwortete Gar⸗ ſchattachin in demſelben ſcherzhaften Tone,„das iſt nicht das chlimmſte, das ich von ihm hoͤrte. Aber ich wuͤnſchte wir hoͤrten etwas von den Clans, auf die wir ſo lang gewartet Yaben. Ich glaube, ſie werden ihr Wort halten, wie— 1118 Hochlaͤnder; ich kenne ſie ſchon, es taugt nicht, den Man⸗ tel uͤber den Plaid zu ziehen.“ „Ich kann das nicht glauben,“ ſagte der Herzog,„dieſe Herren ſind als Maͤnner von Ehre bekannt, und ich muß alſo annehmen, ſie treffen zur beſtimmten Stunde ein. Sendet noch zwei Reiter aus, um nach ihnen zu ſehen. Wir koͤnnen vor ihrer Ankunft den Engvaß nicht angrei⸗ fen, wo ſich Hauptmann Thornton uͤberfallen ließ, und wo ſich, ſo viel ich weiß, zehn Mann zu Fuß gegen das beſte Reiterregiment in Europa vertheidigen koͤnnen.— Laßt in⸗ deſſen Erfriſchungen unter die Leute austheilen.“ Dieſer lezte Befehl kam auch mir zu gut, was mir um ſo nothwendiger und angenehmer war, da ich ſeit unſerer Abendmahlzeit zu Aberſoil nichts genoſſen hatte. Die ab⸗ geſchickten Vedetten kehrten ohne Nachricht von den erwar⸗ teten Hilfstruppen zuruͤck, und der Abend war bereits nicht mehr weit entfernt, als ein Hochlaͤnder, der zu den Clans gevoͤrte, auf deren Mitwirkung man rechnete, mit einem Brlefe erſchien, und ihn dem Herzog mit einer tiefen Ver⸗ beugung uͤberreichte. 3 „Nun wette ich ein Faß Claret,“ ſagte Garſchattachin, „daß dies eine Botſchalt von den verdammten Hochlaͤndern iſt, die wir mit ſo viel Muͤhe und Plage hergeholt haben, worin ſie uns melden, daß ſie abziehen, und es uns uͤber⸗ laſſen, wie wir fertig werden wollen.“ „Es iſt ſo,“ ſagte der Herzog, glühend vor Unwillen, nachdem er den Brief geleſen hatte, der auf einen ſchmu⸗ zigen Fezen Papier geſchrieben, aber genau mit der gehuͤh⸗ ——ÿ—ÿ—ÿ—ͦ—ᷣ—— 119 renden Aufſchrift an den Herzog verſehen war.„unſere Verbuͤndete,“ fuhr er ſort,„haben uns verlaſſen, und ih⸗ ren Frieden fuͤr ſich mit dem Feinde geſchloſſen.“ „So geht's mit allen Allianzen,“ ſagte Garſchatta⸗ chin;„die Hollaͤnder haͤtten es uns kuͤrzlich eben ſo ge⸗ macht, wenn wir ihnen nicht den Vorſprung abgewonnen haͤtten.“ „Ihr ſeyd in ſpaßhafter Laune,“ ſagte der Herzog mit einem Blicke, der ſeinen Unwillen uͤber den Scherz verrieth; „uuſere Geſchaͤfte ſind jezt von ziemlich ernſter Art. Ich glaube, keiner von den Herrn wird zu dem Verſuche ra⸗ then, weiter in dieſes Land einzudringen, ohne Unterſtuͤzung von befreundeten Hochlaͤndern, oder von der Beſazung zu Inversnaid.“ Die allgemeine Antwort war, daß ein ſolcher Verſuch eine reine Tollheit ſeyn wuͤrde. „Auch waͤre es nicht ſehr klug,“ fuhr der Herzog fort, „ſich an dieſem Orte einem naͤchtlichen Angriffe auszuſe⸗ zen. Ich ſchlage deßhalb vor, uns bis zu den Schloͤſſern von Duchraz und Gartarton zuruͤckzuziehen, und bis zum Morgen fleißig Wachen auszuſtellen. Ehe wir uns aber trennen, will ich den rothen Robin vor Euch allen verhoͤ⸗ ren, damit Ihr Euh ſelbſt uͤberzeugt, wie hoͤchſt unpaſſend ⸗ 21„ Au es ſeyn wuͤrbe, wi Weleveleleit ac ennen e. valtthatigrei⸗ ten zu geben.“ Auf ſeinen Befehl wurde der Gefangene vor ihn gebracht; ſeine Haͤnde waren mit einem Sattel⸗ gurt auf dem Ruͤcken zuſammengeſchnuͤrt, zwei Unteroffiziere 120 und zwei Rotten Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten bewachten ihn.. Ich hatte dieſen Mann nie vorher in feiner National⸗ tracht geſehen, welche die Eigenheiten ſeiner Geſtalt noch auffallender machte. Ein buſchiates rothes Haar, das der „Hut und die Peruͤcke der niederſchottiſchen Kleidung gro⸗ ßentheils verbarg, wallte unter der hochlaͤndiſchen Muͤze vor, und rechtfertigte ſeinen Beinamen„der Rothe,“ un⸗ ter dem er in Niederſchottland am bekannteſten war. Die⸗ ſer Name wurde auch noch durch die Farbe desjenigen Theils ſeiner Beine gerechtfertigt, welche die hochlaͤndiſche Landestracht nackt laͤßt, und der beſonders um die Knie mit einem rothhaarigen Felle bedeckt war, ſo daß geie Beine theils hiedurch, theils durch ihre nervige Derbheit den Schenkeln eines rothen hochlaͤndiſchen Stiers glichen. Bei ſeinem veraͤnderten Anzuge und meiner neuerlich er⸗ langten Kenntniß ſeiner furchtbaren Sinnesart hatte er in meinen Augen ein weit wilderes und auffallenderes An⸗ ſehen, ſo daß ich ihn kaum wieder als denſelben erkannte. Sein Benehmen war keck, ungezwungen, ſo weit ihn nicht ſeine Bande hinderten, und ſelbſt wuͤrdig. Er ver⸗ beugte ſich gegen den Herzog, nickte Garſchattachin und ei⸗ nigen andern zu, und zeigte ſich etwas erſtaunt, mich auch in dieſer Geſellſchaft zu ſehen. „Es iſt lange, ſeit wir uns nicht geſehen haben, Herr Campbell,“ ſagte der Herzog. „Allerdings, Mylord; und ich wuͤnſchte,(hier blickte ter auf ſeine Bande) es waͤre zu einer Zeit geſchehen, wo 121 ich Ench beſſer meine ſchuldige Ehrfurcht haͤtte bezeugen können,— laber es wird ſchon wieder gute Zeit kom⸗ men.“ „Keine Zeit, wie die jezige, Herr Campbell,“ antwor⸗ tete der Herzog;„denn die Stunden entfliehen ſchnell, wo Ihr Eure Rechnung uͤber alle zeitlichen Dinge abzuſchlie⸗ ßen habt. Ich ſage dieß nicht, um Euch zu beleidigen, aber Ihr muͤßt ſelbſt einſehen, daß das Ende Eurer Lauf⸗ bahn nahe iſt. Ich laͤugne nicht, daß Ihr manchmal weni⸗ ger Ungluͤck angerichtet habt, als andere Eures ungluͤcklichen Gewerbs, und daß Ihr oft Beweiſe von Talent und ſelbſt von einer Denkart gegeben habt, die etwas beſſeres verſprachen. Aber Ihr wißt, wie lange Ihr der Schrecken und die Gei⸗ ſel einer friedlichen Nachbarſchaft geweſen ſeyd, und durch welche Gewaltthaͤtigkeiten Ihr Eure angemaßte Gewalt be⸗ hauptet und ausgedehnt habt. Kurz, Ihr wißt, daß Ihr den Tod verdient, und Euch dazu bereiten mußt. „Mylord,“ ſagte Robin,„obwohl ich mein Ungluͤck gar wohl Euch vor die Thuͤre legen koͤnnte, ſo will ich doch nicht ſagen, daß Ihr mit Wiſſen und Willen der Uͤrheber davon geweſen ſeyd. Ich dachte nicht, daß Ihr an dem heutigen Tage uͤber mich zu Gerichte ſitzen wuͤrdet, denn Ihr ſeyd dreimal nur auf Schußweite von mir entfernt geweſen, als Ihr nur ans Wild dachtet, und man weiß, daß ich mein Ziel nicht leicht verfehle. Man hat mich bel Euch angeſchwaͤrzt, und Euch aufgehezt gegen einen Mann, der einſt ſo friedlich war, als irgend einer im Lande, und man hat Euern Namen gebraucht, mich aufs Aeußerſte zu 12² treiben,— das habe ich dieſen Menſchen vergolten, und ich hoffe, daß ich auch das noch vergelten werde, was Ihr jetzt ſagt.“ „Ich weiß,“ ſagte der Herzog in aufſteigendem Un⸗ willen,—„daß Ihr ein kuͤhner, unverſchaͤmter Bube ſeyd, der ſeinen Eid halten wird, wenn er Unheil zu ſtiften ſchwoͤrt, aber es ſoll meine Sorge ſeyn, dieß zu verhin⸗ dern. Ihr habt keine Feinde, als Eure boͤſen Thaten.“ „Hieße ich Grahame ſtatt Campbell, ſo wuͤrde ich wohl weniger davon gehoͤrt haben,„antwortete Robin mit ſtoͤrriſcher Entſchloſſenheit. „Ihr werdet wohl thun,„ſagte der Herzog,„Euer Weib, Cure Kinder und Anhaͤnger zu warnen, daß ſie ſich wohl vorſehen moͤgen, wie ſie die Leute behandeln, die jetzt in ihrer Gewalt ſind, denn ich will zehnfach an ihnen, 1 —— ihren Verwandten und Verbuͤndeten das geringſte Unrecht vergelten, das ſie des Koͤnigs treuen Unterthanen zufuͤgen.“ „Mylord,“ antwortete Robin,„keiner meiner Feinde wird ſagen koͤnnen, daß ich ein blutduͤrſtiger Mann ſey, und waͤre ich bei meinen Leuten, ich koͤnnte vier— oder fuͤnfhundert wilde Hochlaͤnder ſo leicht lenken, als Ihr dieſe acht oder zehn Lacquaien hier. Nehmt Ihr aber ei⸗ nem Hauſe das Haupt, ſo giebt es ſicherlich Unordnung. Mag indeß daraus werden, was da will, es iſt ein ehrli⸗ cher Mann dabei, ein Verwandter von mir,— dem darf kein Leid geſchehen. Iſt niemand hier, der fuͤr Mac Gre⸗ gor eine gute That thun will,— er kann ſie wohl noch belohnen, wenn auch jetzt ſeine Haͤnde gebunde ind.“ 1123 Der Hochlaͤnder, der dem Herzog den Brief uͤberliefert hatte, trat vor:„ich will Euern Willen thun, Mar Gre⸗ gor, und fuͤr Euch gehen ins Thal.“ Er empfieng von dem Gefangenen eine Botſchaft an ſeine Frau, die ich nicht verſtand, da er gaͤliſch ſprach, vermuthlich aber war von einigen Maaßregeln zu Jarvies Sicherheit die Rede. „Hoͤrt Ihr des Burſchen Unverſchaͤmtheit?“ ſagte der Herzog;„er verlaͤßt ſich auf ſein Amt als Botſchafter. Sein Benehmen iſt von einem Stuͤck mit dem ſeiner Her⸗ ren, die uns einluden, gemeinſchaftliche Sache mit ihnen gegen die Freibeuter zu machen, und uns verließen, ſo bald ſie ſich uͤber die Laͤndereien vertragen hatten, um die ſie ſich zankten. Es bleibt doch wahr: bei Plaids und Tar⸗ tans iſ keine Treue noch Glauben zu finden.“ „Euer großer Ahnherr ſagte nie ſo, Mylord,“ ant⸗ wortete Major Galbraith; und mit Erlaubuiß ſey es ge⸗ ſagt, auch Ihr wuͤrdet nicht Urſache haben, ſo zu ſprechen, wenn Ihr nur an der Quelle mit der Gerechtigkeit be⸗ ginnen wolltet.— Gebt dem ehrlichen Mann ſein Pferd wieder.— Laßt doch jeden Kopf ſeine eigene Muͤtze tragen, und es wird ſchon ein Ende nehmen mit dem Gezaͤnke im 2.8 474 Tunn. „Still! ſtill! Garſchattachin,“ ſagte der Herzog;„das iſt eine gefaͤhrliche Sprache, die duͤrft Ihr zu niemand reden, und beſonders nicht mit mir; oder haltet Ihr Euch fuͤr bevorrechtet dazu? Fuͤhrt Eure Schaar gegen Gartar⸗ an; ich ſelbſt will den Gefangenen gegen Duchraz geleiten 124 laſſen, und Euch morgen fruͤh Befehle ſenden. Sorgt da⸗ fuͤr, daß keiner von Eurer Schaar ſich entfernt.“ „Wie immer, Befehl und Gegenbefehl,“ murmelte Garſchattachin zwiſchen den Zaͤhnen;„aber Geduld, Ge⸗ duld, eines Tags wechſeln die Sitze, der Koͤnig kommt.“ Die beiden Reiterſchaaren ruͤſteten ſich nun zum Auf⸗ bruche, um noch vor Einbruch der Nacht die beſtimmten Quartiere zu beziehen. Ich erbielt nicht ſowohl die Ein⸗ ladung, als die Weiſung, die Schaar zu begleiten, und ſah, daß ich zwar nicht gerade als Gefangener, aber doch fuͤr verdaͤchtig angeſehen wurde. Die Zeiten waren auch, da das Land durch die großen Partheifragen der Jakobiten und Hannoveraner getheilt war, ſo gefaͤhrlich, und die ſteten Streitigkeiten zwiſchen Hochlaͤndern und Niederlaͤndern, ſo wie die unzaͤhligen Anlaͤſſe zu Fehden zwiſchen den maͤch⸗ tigen Familien Schottlands erweckten ſo allgemeinen Arg⸗ wohn, daß ein einzelner, unbeſchuͤtzter Fremdling beinahe gewiß ſeyn konnte, es werde ihm auf ſeinen Reiſen etwas unangenehmes aufſtoßen. Ich ergab mich daher geduldig in mein Schickſal, und troͤſtete mich mit der Hoffnung, daß ich von dem gefangenen Freibeuter einige Nachricht uͤber Rafhleigh und ſeine Raͤnke erhalten koͤnne. Es waͤre eine Ungerechtigkeit gegen mich ſelbſt, wenn ich ſagen wollte, daß meine Abſichten blos eigennuͤtzig geweſen ſeyen. Ich nahm zuviel Antheil an meinem ſonderbaren Bekann⸗ ten, um nicht zu wuͤnſchen, ihm alle die Dienſte zu leiſten,⸗ welche ſeine ungluͤckliche Lage erforderte oder geſtattete.