Walter Scott's ſaͤmmtliche W e r k e. Neu uͤberſetzt. [ 3wei und fuͤnfzigſter Baud. Leben von Napoleon Buonaparte. 7 Ach tzehnter Thel. —— 4 Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1827. Erſtes Kapitel. Vertbeidigungsplan der ſpaniſchen Junten.— Er mißlingt durch die Hitze der Inſurrektionsarmeen.— Grauſamkeit der franzoͤſtſchen * Truppen, und Verſtocktheit der Spanier.— Fortſchritte der Franzoſen.— Niederlage bei Rio Secco.— Frohlocken Napo⸗ leons.— Joſeyh zieht in Madrid ein.— Empfang deſſelben.— Duhesme muß ſich nach Barcelona zuruͤckziehen und Moncey ſeine Stelle vor Valencia verlaſſen.— Dupont wird zu Baylen von Caſtanos aufs Haupt geſchlagen.— Seine Armee wird kriegsgefangen.— Wirkungen dieſes Sieges und dieſer Kapitu⸗ lation.— Uebertriebene Erwartungen des brittiſchen Publikums. Joſeph verlaͤßt Madrid und kehrt nach Vittorig zurüͤck.— Vertheidigung von Saragoſſa, 3 In der Mitte eines aufgeſtandenen Volkes kann⸗ ten die franzoͤſiſchen Generale, die das ſpaniſche Ge⸗ biet betreten hatten, keine Furcht, uͤberzeugt, daß die Spanier gegen die von ihnen angefuͤhrten krieg⸗ gewohnten und trefflich disciplinirten Truppen nichts vermoͤgen wuͤrden. Die franzöſiſchen Armeen ſtanden nicht laͤnger unter den Befehlen von Murat; dieſer war bereits von Madrid abgereist, um den durch die Verſetzung des Koͤnigs Joſeph erledigten Thron von Neapel in Beſitz zu nehmen, auf den er, wie einſt in ſeinem Regiment zu einem hoͤhern Range, beför⸗ dert worden war. Savarv, der, wſe wir geſehen, Ferdinanden zu der unſeligen Reiſe nach Bayonne be⸗ redet hatte, blieb als Oberbefehlshaber zu Madrid, und bemuͤhte ſich durch die kraͤftigſten Maßregeln, dem Aufſtunde ein Ende zu machen, der jetzt uͤberall, wo die Franzoſen nicht eine entſchiedene Uebermacht hat⸗ ten, ausgebrochen war. Wir koͤnnen den Charakter, den der Krieg gleich anfangs annahm, nur andenter, und muͤſſen uns begnuͤgen, nur die wichtigſten Vor⸗ faͤlle deſſelben zu berichten. Weislich hatten die ſpaniſchen Junten ihren Lands⸗ leuten empfohlen, ſich in kein allgemeines Gefecht ein⸗ zulaſſen— die verſchiedenen Vortheile ihres Bodens zu benuͤtzen und der angreifenden Armee Abbruch zu thun— auf den Flanken und im Ruͤcken derſelben zu operiren, ihre Communicationen zu faſſen— und den Feind in einen Poſtenkrieg zu verwickeln, in wel⸗ chem der eingeborne Scharfſchuͤtze durch ſeinen Muth und uatuͤrlichen Inſtinkt gegen den abgerichteten und eingeuͤbten Soldaten mehr vermag, als von den Kriegs⸗ kuͤnſtlern zu allen Zeiten hat zugegeben werden wol⸗ len. So trefflich dieſer Plan aber auch angelegt war, und obgleich er in allen Faͤllen, wo er befolgt wurde, ſich als vorzuͤglich bewaͤhrte, ſo ward es doch auch in manchen Faͤllen den ſpaniſchen Anfuͤhrern nachgerade unmoglich, groͤßere Gefechte zu vermeiden, in welchen ſte dann nothwendig den Kuͤrzern zogen und großen Verluſt erliten. Der Charakter der Inſurrektions⸗ „ 7 armeen, oder beſſer der Maſſen bewaffueter Buͤrger⸗ die man ſo nannte, fuͤhrte zu vielen ungluͤalichen Mißgriffen dieſer Art. Sie vertrauten ihrer Zahl und ihrem Muthe um ſo mehr, je weniger ſie den Vor⸗ theil kannten, den regelmaͤßige Truppen ihrer beſſern Mannszucht, dem Beiſtande der Reiterei und Artil⸗ jerie und ihrer Fertigkeit in der Ausfuhrung wohlbe⸗ rechneter und zuſammenſtimmender Bewegungen zu verdanken haben. Auch konnten ſie ſich in die Drang⸗ ſale, die ein langwieriger und ſyſtematiſcher Verthei⸗ digungskrieg uͤber das Land bringen mußte, ſo wie in die Entbehrungen, die ihnen dadurch auferlegt wur⸗ den, nicht recht finden. In manchen Faͤllen, wo ſie vor den Feind gefuͤhrt zu werden verlaugten, um, wie ſie hofften, dem Kriege mit einem einzigen kraͤftigen Schlage ein Ende zu machen, war es fuͤr die Offtziere gefaͤhrlich, dieſes zu verweigern; ſie kamen dadurch leicht in den Verdacht der Feigheit oder des Verraths, und ein ſolcher Verdacht kam einem Todesurtheil gleich. Manchmal wurden dieſe Inſurgentenkorps, wider ihren Willen und gegen ihre beſſere Ueberzeugung, zu einem allgemelnen Gefechte genoͤthigt, entweder durch den Mangel an Lebensmitteln, woran es ihnen faſt immer gebrach, oder durch die uͤberlegenen Manoͤvers eines geſchickten Feindes. In den meiſten Gefechten, die durch dieſe verſchiedenen Urſachen herbeigefuͤhrt wurden, trug die franzoͤſiſche Disciplin uͤber den un⸗ geregelten Muth der Inſurgenten den Sieg davon, — und die Patrioten wurden mit großem Verluſte ge⸗ ſchlagen. „Nur zu haͤufig ließen ſich bei dieſer Gelegenheit die Sieger die groͤste Grauſamkeit zu Schulden kom⸗ men, und thaten dadurch der Sache, fuͤr welche ſie den Sieg erſochten hatten, weſentlichen Schaden. Sie wollten in den Spaniern, die ſich einem fremden Joche und einem eingedrungenen Koͤnige mit den Waf⸗ fen in der Hand widerſetzten, nur Rebellen ſehen, und beſtraften die Gefangenen, die ihnen in die Haͤnde fielen, als ſolche mit dem Tode; die Doͤrfer, wo ſie Widerſtand fanden, wurden der zuͤgelloſen Wuth der Soldaten preisgegeben, die kein Geſchlecht noch Alter ſchonten. Vielleicht mochten ſich die Franzoſen erin⸗ nern, daß einige Beiſpiele einer ſolchen blutigen Strenge im Anfang der italieniſchen Feldzuͤge die In⸗ ſuͤrgenten in der Lombardei entwaffnet, und die von Napoleon gegen die Oeſterreicher erfochtenen Vortheile geſichert hatten. Aber in Spanten war das Reſultat ein ganz anderes. Jede Grauſamkeit dieſer Art mußte als eine neue Unbild geraͤcht werden, und ward als eine ſolche von einer Nation aufgenommen, die weger ihrer Verſoͤhnlichkeit zu keiner Zeit beruͤhmt war. Die Kranken, die Verwundeten, die vielen Nachzuͤgler der franzoͤſiſchen Armee wurden, wenn ſie den Spaniern in die Haͤnde fielen, was haͤufig geſchah, mit barba⸗ iſcher Grauſamkeit behandelt; durch dieſe Wiederver⸗ geltung wurden die Herzen beider Pandaltn verhaͤrtet — 2 —ͤ 9 und ihre Leidenſchaften entflammt, weil beide dadurch litten, und der Krieg nahm eine wilde, blutige und abſcheuliche Geſtalt an; ſein Zweck ſchien nicht mehr die Unterwerfung, ſondern die gaͤnzliche Vertilgung des Beſiegten zu ſeyn. Die dem franzoͤſiſchen Verpflegungsſyſteme ſo we⸗ nig guͤnſtige Beſchaffenheit des Landes war fuͤr die Spanier auch eine Waffe. Es gibt in Spanien aller⸗ dings aͤußerſt fruchtbare Gegenden, aber auch unfrucht⸗ bare Steppen und Gebirge, wo die Eingebornen kaum beſtehen und fuͤr ungebetene Gaͤſte eben nichts eruͤbri⸗ gen koͤnnen. Um in ſolchen Gegenden Lebensmittel aufzutreiben, mußten die Marodeurs rechts und links des Marſchweges große Abſtecher machen— eine beſchwerliche und gefahrliche Operation, weil, wie gut auch die Hauptſtraßen in Spanien ſeyn moͤgen, die davon auslaufenden Seitenwege über alle Beſchreibung ſchlecht ſind und ſich ſowohl unmittelbar durch Poſten, als durch Hinterhalte vertheidigen laſſen, auch gaͤnzlich geſperrt und unzugaͤnglich gemacht werden koͤnnen. Darum hat auch ſchon Heinrich der Vierte geſagt, daß eine kleine Armee in Spanien geſchlagen werde, eine große aber verhungern muͤſſe; und es ſchien auch, daß das rieſenhafte Beginnen Napoleons entweder aus dem einen oder aus dem andern Grunde nicht wohl gelingen koͤnnr. Bei der erſten Ueberziehung der im Aufſtande be⸗ griffenen Provinzen ſchien das Gluck die Franzoſen 10 bei jedem Schritte zu begleiten. Lefebvre Desnouettes brachte den Spaniern in Arragonien am gten Juni eine Niederlage bei; Beſſières ſchlug die Inſurgenten in demſelben Monate in mehreren partiellen Gefechten, brachte Navarra und Biscaya zum Gehorſam, und hielt die Inſurgenten in Altcaſtilien im Zaum. Doch dieſe Vortheile waren ganz unerheblich, in Vergleichung mit denjenigen, die er in einer großen Feldſchlacht uͤber die ſpaniſchen Armeen davon trug, die aus den vereinigten Streitkraͤften von Caſtilien, Leon und Ga⸗ lieien beſtanden. Die erſte dieſer Armeen waͤr von Cueſta befehligt, den Southey als einen wackern alten Mann ſchildert, der durch ſeine Energie, ſein raſches Weſen, ſeinen Starrſinn, ſeine Entſchloſſenheit und Unfuͤgſamkeit ganz den achten ſpaniſchen Charakter verrieth. Seine Leute waren voll Kampfluſt, dagegen aber ſo ohne alle Zucht, daß ſie erſt neuerlich auf den bloßen Ver⸗ dacht einer Verraͤtherei hin einen ihrer Generale um⸗ gebracht hatten. Auch in der Armee von Galicien war die Zucht nicht beſſer beſtellt; auch ſie hatte ihren General Filangieri erſt vor Kurzem in Stuͤcke zerriſ⸗ ſeu, blos weil er lieber defenſiv als offenſiv verfahren wollte. Blake, ein guter Soldat, der das Vertrauen der Armee genoß, deſſen militaͤriſche Talente aber nicht die beſten waren, war der Nachfolger von Fi⸗ langieri in einem ſo gefaͤhrlichen Poſten; und nach⸗ dem er ſeine galiciſchen Aufgebote in das Lager von a—— 21 — p-„ 3— 1 1 Cueſta gefuͤhrt hatte, zogen beide mit einander gegen Burgos. Beide Generale waren ganz verſchiedener Meinung. Cueſta, der erſt vor Kurzem bei Cabezon eine Niederlage erlitten hatte, wollte eine Schlacht, wahrſcheinlich, weil er die Schwierigkeit ſah, ſo unge⸗ regelte Truppen beiſammen zu behalten; Blake dage⸗ gen hielt ein allgemeines Gefecht wegen der überlege⸗ nen Kriegszucht der Franzoſen ſuͤr zu gewagt. Aber Beſſieres ließ ihnen keine Wahl. Er uberraſchte ſie in ihrem Lager bei Medina del Nio Secco, wo die vereinigten Armeen von Galicien und Caſtilien am :4ten Juli eine bis dahin in Spanien unerhoͤrte Nie⸗ derlage erlitten. Die Patrioten fochten mit der groͤß⸗ ten Tapferkeit, und es ſollen mehr als 20,000 Mann auf dem Schlachtfelde geblieben ſeyn. Napoleon empfing die Nachricht von dieſem Siege mit Entzuͤcken.„Es iſt dieß,“ ſagte er,„die Schlacht von Villa Vicioſa. Beſſieres hat Joſeph die Krone aufs Haupt geſetzt. Die Spanier,“ fuͤgte er hinzu, „haben vielleicht jetzt noch 15,000 Mann, mit irgend einem alten Dummkopf an ihrer Spitze— der Wi⸗ derſtand der Halbinſel hoͤrt jetzt auf.“ Und in der That, der Sieg von Medina del Rio Secco bahnte Joſeph den Weg von Villevia nach Madrid, das er ungeſaͤhrdet erreichte. Er hielt ſeinen feierlichen Ein⸗ zug in die Hauptſtadt, ohne von dem Volke begruͤßt zu werden; nur die ſtaͤdtiſchen Behoͤrden bezeigten ihm, dazu aufgefordert, ihre Ehrfurcht. Das Geld, das man unter das Volk warf, wurde allein von den Franzoſen aufgeleſen, und in dem Theater, das man, dem neuen Herrſcher zu Ehren, dein Publikum oͤff⸗ nete, ließen ſich nur Franzoſen ſehen. Inzwiſchen ſchienen die Vortheile, die Beſſières in Caſtilien errungen, durch den Verluſt wieder auf⸗ gewogen zu werben, den die Franzoſen in andern Provinzen erlitten. Mit denſelben Truppen, die auf eine ſo treuloſe Weiſe ſich in den Beſitz von Barce⸗ lona und Figueras geſetzt hatten, glaubte Duhesme gleich anfangs, ſich nicht nur in Catalonien behaup⸗ een, ſondern auch zur Unterwerfung von Valencia und Arragonien noch beitragen zu koͤnnen. Allein die Ca⸗ talonier ſind und waren von jeher ein ſtreitbares Volk; ſie wiſſen mit dem Feuergewehr umzugehen und laſſen ſich, wie die Tyroler, gern als Scharfſchuͤtzen gebrauchen. Ungeſchreckt durch einige partielle Ver⸗ laſte wußten ſie ſich im Beſitze des beſten Gebirgs⸗ paſſes von Bruch und anderer Defileen zu behaupten, und zwangen den frauzoͤſiſchen General zum Ruͤckzug nach Bareelong, nicht ohne Verluſt an Mannſchaft und Ruhw. 3 Dem Marſchall Moncey ging es bei Valencia noch ſchlimmer. Als er gegen dieſe Stadt vorruͤckte, trieb er die Inſurgenten ohne Muͤhe vor ſich her; als er aber den Platz ſelbſt in einem raſchen Anlauf nehmen wollte, fard er den groͤßten Widerſtand von Seiten des Volkes. Die Buͤrger eilten auf die Waͤlle; von — 13 den Moͤnchen, die in der einen Hand das Schwerdt, in der andern das Kruzifir hielten, im Namen Got⸗ tes und des Koͤnigs zum Streit angefeuert; ſelbſt Weiber miſchten ſich in das Gefecht und brachten den Streitenden Munition und Erfriſchungen. Jeder Verſuch, in die Stadt zu dringen, ſchlug fehl; und Moncey, der die Verſtaͤrkungen, die ihm Duhesme von Barcelona aus haͤtte zuſenden ſollen, nicht fand, ſah ſich genoͤthigt, ſein Unternehmen auf zugeben und ſich, von den Inſurgenten hart bedraͤngt, auf die Hauptarmee, die Alt⸗ und Neuecaſtilien beſetzt hielt, zuruͤckzuziehen. Es war in den Kriegen Napoleons fuͤr ſeine Trup⸗ pen und Generale etwas Seltenes, auf dieſe Art einen Plan vereitelt zu ſehen und davon abſtehen zu muͤſſen. Allein der Diviſion Dupont ſollte etwas noch weit Schlimmeres begegnen, als das, was dem Ge⸗ neral Duhesme in Catald jen und dem Marſchall Moncey vor Valencia widerfahren war. Gleich nach ſeinem erſten Einruͤcken in Madrid hatte Murat den General Dupont, der in großem Rufe ſtand, nach Cadix entſandt, und ihn zum Gon⸗ verneur dieſes Platzes beſtellt. Napoleon ſcheint die⸗ ſen Verſuch, ſich einer ſo wichtigen Stadt zu bemäͤch⸗ tigen und der franzoͤſiſchen Flotte, die dort vor Anker lag, Schutz zu gewaͤhren, fuͤr zu voreilig gehalten zu haben, wahrſcheinlich, weil er gern Kark dem Vierten den Weg offen laſſen wollte, ſich von Cadix aus nach Suͤdamerika zu fluͤchten, falls er ſich dazu entſchließen ſollte. Dupont erhielt deßwegen Befehl, ſeinen Marſch dahin einſtweilen einzuſtellen, und blieb bei Toledo ſtehen. Als aber die Andaluſier, und beſonders die Einwohner von Cadir, die feindſeligſten Geſinnungen gegen die Franzoſen blicken ließen, ſo ward ihm zum zweiten Mal aufgegeben, auf jede Geſohr hin vorzi⸗ ruͤcken und ſich dieſes wichtigen Seehafens mit Huͤlfe des franzoͤſiſchen Geſchwaders, das darin lag, zu verſichern. Der franzoͤſiſche General trat alſo von Neuem den Marſch an, durchzog die ſogenannte Sierra Morena, eine wuͤſte Gebirgskette, die durch den Roman von Cervantes klaſſiſch geworden iſt; er ging hierauf auf der Bruͤcke von Arcolea uͤber den Guadalquivir und unterwarf ſich die alte Stadt Cordova. So hatte Dupont die Grenzen von Andaluſien er⸗ reicht; allein das Schicktal von Cadix war bereits entſchieden. Dieſe reiche Handelsſtadt hatte ſich fuͤr die Sache des Vaterlands erklaͤrt, und das franzoͤſt⸗ ſche Geſchwader war in den Haͤnden der Spanier; Sevilla war in vollem Aufſtande und die dortige Junta, die thaͤtigſte in ganz Spanien, bot zahlreiche Streitkraͤfte auf, durch welche das regulaͤre, aus 10,000 Mann beſtehende Korps des Generals Ca⸗ ſtanos in dem Lager von St. Roche, unweit Gibral⸗ tar, mir jedem Tage verſtaͤrkt wurde.. 15 Haͤtte ſich Dupont bei ſo bewandten Umſtaͤnden noch weiter vorwaͤrts gewagt, ſo wuͤrde er in zu große Gefahr gerathen ſeyn. Andererſeits war ſeine Stellung bei Cordova und in der Umgegend bedenk⸗ lich. Er war von der franzoͤſiſchen Hauptarmee durch die Sierra Morena getrennt, wo die Inſurgenten ihr. Weſen trieben und ſich der Paͤſſe verſichert hatten; er konnte von der andaluſiſchen Armee angegriffen werden, ſobald es Caſtanos fuͤr gut fand. Dupont bat daher, ſowohl von Portugal aus, als von der franzoͤſiſchen Armee in Caſtilien, verſtaͤrkt zu werden. Er bedurfte dieſer Verſtaͤrkungen, wenn er in Andalu⸗ ſien eindringen, oder auch nur ſeine Stellung behaup⸗ ten ſollte; ſelbſt zur Sicherung ſeines Ruͤckzugs konnte er derſelben nicht entbehren. Junot, der in Portugal befehligte, beſchaͤftigt zugleich durch den Aufſtand der Einwohner und durch eine gedrohte Landung der Eng⸗ laͤnder, war, wie wir nachher ſehen werden, nicht im Stande, Dupont die verlangte Huͤlfe zu ſenden. Nur zwei Brigaden, unter den Generalen Vedel und Gobert, ſtießen von Caſtilien her zu Dupont, nachdem ſie eini⸗ gen Verluſt von ſehr ſchlimmer Vorbedentung erlitten hatten; denn dieſer konnte den bewaffneten Bauern in der Sierra weder vergolten, noch an denſelben ge⸗ raͤcht werden. 3 Durch dieſe Verſtaͤrkungen ward die Diviſion Du⸗ pont auf 20,000 Mann gebracht, mit denen man in Andaluſien etwas Entſcheidendes ausrichten zu koͤnnen — 15 glaubte, falls Caſtanos vermocht werden konnte, ſich in ein allgemeines Gefecht einzulaſſen. Dupont ſetzte ſich demzufolge in Bewegung, beſetzte Baylen und La Carolina in Andaluſien, und nahm die alte man⸗ riſche Stadt Jaen mit ſtuͤrmender Hand. Der kluge alte ſpaniſche General hatte indeſſen ſeine neu aushe⸗ gehobenen Truppen organiſilt und abgerichtet, und die Franzoſen waren daher ſehr uͤberraſcht, als ſie in Jaen mit dem groͤßten Nachdruck und von über⸗ legenen Streitkraͤften angegriffen wurden; nach einem furchtbaren Widerſtande blieb ihnen nichts üͤbrig, als die Stadt wieder zu raumen und ſich nach Buylen zuruͤckzuziehen. Von hier ſchrieb Dupont nach Madrid an Savarp, um ihm ſeine bedenkliche Lage zu ſchil⸗ dern. Seine Leute, ſagte er, haͤtten kein Brod, ſie müßten das Korn auf den Feldern ſelbſt ſchneiden, zer⸗ ſtampfen und, ſo gut es anging, kneten und backen— die Bauern haͤtten die Feldarbeit eingeſtellt und die Waf⸗ fen ergriſſen— die Inſurgenten wuͤrden von Tag zu Tag frecher— ſie gingen nun ſchon angreifend zu Werke, und er beduͤrfte einer bedeutenden Verſtaͤrkung, um ſich entweder zu halten oder dem Feinde einiger⸗ maßen Abbruch thun zu koͤnnen. Dieſe Deveſche ſiel in die Haͤnde von Enſtanos, der darnach ſeine Maß. reßalu nahm. Am noten Juli griffen zwei ſtarte ſpaniſche Divl⸗ ſionen die Franzoſen auf verſchiedenen Punkten an. Sie vertrieben dieſelben aus Bpier und warfen ſie 17 3 3 bis nach Menjiibar zurüͤck, waͤhrend Caſtanos mit einer betraͤchtlichen Streitmacht Dupont im Zaum hielt und ihn verhinderte, ſeinen Brigadegeneralen, von denen der eine, Gobert, getoͤdtet wurde, Hulfe zu ſenden. In der Nacht vom u6ten kam es zu ei⸗ nem neuen Gefecht, indem die Franzoſen Baylen wieder zu nehmen ſuchten. Auf beiden Seiten ward mit Wuth gefochten; allein die Spanier, die ſich un⸗ kerſtuͤßt wußten, behaupteten den Ort. Dupont that Alles, um ſich den Sieg zu verſchaffen; er nahm alle ſeine Truppen zuſammen, um ſein Heil in einem all⸗ semeinen verzweifelten Angriffe zu verſuchen, ward ader auf alle Punkten zuruͤckgeſchlagen und von den Spaniern ſo eng eingeſchloſſen, daß ihm kein Ruͤck⸗ zugsweg mehr offen blieb. Er mußte ſich zu einer Kapitulation verſtehen, und ward ſelbſt mit allen Trup⸗ pen, die er unter ſeinen unmittelbaren Beſehlen hatte, kriegsgefangen; die Brigade von Vedel aber, die nicht ins Gefecht gekommen und von den Spa⸗ niern weniger bedraͤngt war, ſollte auf ſpaniſchen Schiffen nach Frankreich gebracht werden. Dieſer Ar⸗ tikel der Convention von Baylen wurde aber ſpaͤter von den Spaniern gebrochen und die ganze franzoͤſiſche Diviſion als kriegsgefangen zuruͤckgehalten. Zu die. ſem Treubruch ließen ſich die Spanier zum Theul durch die Meinung verleiten, daß die franzoͤſiſchen Generale ihren Gegner Caſtanos in dieſer Convention uͤberliſtet haͤtten— il e eer Werke. Lum Thell auch 2un die gaa 18. irrige Meinung, daß man den Franzoſen wegen ihres treuloſen Verfahrens gegen Spanien nicht verbunden ſev, Wort zu halten— kenblich auch durch das Zure⸗ den von Morla, dem Nachfolger des ungluͤcklichen Solano, der kein Bedenken trug, ſeinen Landsleuten die Marimen zu empfehlen, daß die Ehre dem Nutzen nachſtehen muͤſſe— eine Maxime, die er ſpaͤter ſelbſt befolgte, als er die Sache ſeines Vater⸗ lands verließ und ſich zu des eingedrungenen Koͤnigs ſchlug⸗ A 3 1 2 2 Die Schlacht von Baylen und die darauf folgende Kapitulation war an und fuͤr ſich ein ſehr großes Un⸗ glück, das groͤßte, das die Franzoſen, ſeitdem Napo⸗ leon's Stern aufgegangen, betroffen hatte; er ſelbſt nennt dieſe Schlacht die karcae caudinae in ſeiner militaͤriſchen Geſchichte. Mehr als 3000 Franzoſen waren in dem Gefechte umgekommen—= 17,00o hatten ſich ergeben— Andaluſien, die reichſte Provinz Spa⸗ niens, war von den franzoͤſiſchen Armeen gereinigt und die reichen Staͤdte Sevilla und Cadir hatten nun Zeit, eine zahlreiche und eingeuͤbte Mannſchaft, und ihre Schaͤtze zur Vertheidigung der Nationalſache zu ſtellen und abzugeben. Auch mochte Napoleon, als er zu Bordeaur Kunde von dieſem ungluck erhielt, daſſelbe fuͤhlen, wie ſener roͤmiſche Kaiſer, der von Varus ſeine verlornen Legionen zuruͤckforderte. Aber der Schmerz und die Beſorgniß Napoleon's hatten mehr Grund, als die des Auguſtus. Der letztere 19 3 hatte nur Soldaten verloren, die ſich leicht wieder er⸗ ſetzen ließen; durch die Niederlage von Baylen ward dagegen jene Meinung von der Unwiderſtehlichkeit und dem Gluͤcke Napoleon’'s widerlegt, die wie ein Talis⸗ man die Plane ſeiner Feinde ſo oft zerriſſen, ihre Anſtrengungen vereitelt und ſie auf den Gedanken ge⸗ bracht hatte, daß ſich ihm zu widerſetzen, ſo viel ſey, als gegen den Strom des Schickſals ſelbſt anzuwogen. Auch ward das ganze Geheimniß und das Dunkel, in welches Buonaparte die ſpaniſchen Angelegenheiten gehuͤllt hatte, um ſeine rieſenhaften Abſichten auf dieſes Konigreich zu verbergen, der ganzen Welt auf einmal offenbart. Die Nachricht von Dupont's Ka⸗ pitulation wirkte wie ein Wirbelwind auf einen dich⸗ ten Nebel, und zeigte ganz Europa, was Napoleon ſo ſehr zu verheelen ſuchte— daß er in einen aͤußerſt bedenklichen Nationalkrieg verwickelt ſey, der mit gro⸗ ßem Verluſte fuͤr Frankreich begonnen, und den er einzig ſeiner ungemeſſenen Herrſchſucht zu verdanken habe. Daß man ſeine Armeen ſchlagen und ſie zwin⸗ gen koͤnne, ſich zu ergeben, war nun fuͤr Spanten und fuͤr ganz Europa klar. Jenem wuchs der Muth, auf einem ſo gluͤcklich begonnenen Unternehmen zu beharren, und die Nationen, die ſich noch unter dem franzoͤſiſchen Joche befanden, fingen an, Hoffnung zu ſchoͤpfen, indem ſie den Kampf beobachteten; und nachdem der Zauber, der ſie ſo fuͤgſam gemacht hatte, einmal geloͤst war, ergoͤtzten ſie ſich an der Ausſicht, 7 20 balb tnit den Kaͤmpfern zu wetteifern, die ſie einſt⸗ weilen nur bewundern konnten. r Doch hatte der herzerhebende Sieg von Caſtanos auch einige nachtheilige Folgen fuͤr die Spanier und die uͤbrigen Nationen von Europa. Es ward dadurch dem ruͤbertriebenen Selbſtvertrauen, einem National⸗ fehler der Spanier⸗ Vorſchub geleiſtet— einem Feh⸗ 4 ler, der im Angenblick der Schlacht Muth einfloͤßt, und in ſofern nuͤtzlich iſt, der aber ſehr gefährlich wird, wenn er, wie es in den ſpaniſchen Armeen ſo oft ge⸗ ſchah, zum Behuf des Sieges die noͤthigen Vorſichts⸗ maßregein verſäumen laͤßt. Kurz, während der Sieg von Bahlen die Spanier veranlaßte, den Rath der Erfahrung und der Kunſt zu verwerfen, als etwas, das gewiſſermaßen geinen Zweiſel an dem fernern Gluͤcke Spentens anzudeuten ſchien, ſo erregte er die thorichtſten Erwart in in den andern Laͤn⸗ Curspa) beſonders in Großbrittonnien, wo die Menſchei) was ſie in Beziehung auf eine Lieb⸗ lngsfache wünſchen, ſofort anch zu hoffen geneigt ſiad. DOone die mannigfaltigen Umſtaͤnde zu beachten, die Durch ihr Zuſammentreſſen zu dem Siege bon Baylen mirgewirkt hatten, meinten ſie, derſelbe koͤnne ſich wwerall wiederholen, wo immer die Spauier dieſelrle Eaergie zeigen wuͤrden, und weil ſo den Patrioken ein großes und ſchwieriges Unternehmen gelungen mar, erwarteten ſie von ihnen bei allen Gelegenheiten nicht nur Wunder, ſondern manchmal ſogar das Un⸗ 4 21 muͤgliche. Wenn dieſe thoͤrichten Erwartungen ſich als ſolche erwieſen, ſo wurden die Politiker, die der⸗ gleichen ausgeſprochen hatten, daruͤber ſoꝛaͤrgerlich und erbost, daß ſie leicht, auf das entgegengeſetzte Extrem überſpringend, den Eifer der Spanier fuͤr die Sache ihres Vaterlandes, oder das Vermoͤgen derſelben, ei⸗ nen dauernden Widerſtand zu leiſten, in Zweifel zo⸗ gen. Und ſo erkaltete, wie die Schrift ſagt, die Liebe von nicht Wenigen, und die kleinmuͤthigeren Menſchen aͤußerten auch wohl den Wunſch, England moͤchte ſich nicht in einen Streit miſchen, der keinen guten Ausgang verſyreche, und die Mittel verſagen, ohne die ſolcher kaum fortgeſetzt werden konnte.) iſr utran uz haltin, 19 Aun Der Vorfall von Baylen ward zu Madrid erſt acht oder zehn Tage, nachdem er Statt gefunden, bekannt. Joſeph Buonaparte, der eingedrungene Konig, ſah ader ſogleich ein, daß er nicht laͤnger mit Sicherheit in der Hauptſtadt bleiben koͤnne, und dachte daher auf ſeine Ab⸗ reiſe. Er ließ den von ihm angeſtellten Regierungsbeam⸗ ten auf eine großmuͤthige Weiſe die Wahl, entweder ihr Schickſal mit ihm zu theilen, oder, falls ſie es vorzoͤgen, ſich auf die Seite der Nation zu ſchlagen, und verlies Madrid, um ſich nach Vittoria zu begeben, wo er, durch eine franzoͤſiſche Garniſon geſichert, und, unfern der Grenze, ohne Gefahr die Ereigniſſe des Krieges 141 abwarten konnte. eingefaßt iſt, und der 9 tine vorſtellt, keine gus und einſpringenden Winkel bildet, und ſonach keine eeitenvertheidigung hat. Ihre Veſabzung heſtsnd größtenthell und der Gouperneur, Joſeph Palafor der weil er ſich gerg bisher dur frivolen Vergnu Da es der fehlte, und da nien den Bef⸗ Felde erſchiene er, daß er Hauprſtadt de ofes bemerklich gemacht. Vertheidigungsmitteln esnouettes, der in Atrago⸗ . alle Inſurgenten, die im waren, geſchlagen hatte, ſo meinte nur zeigen durfe, um ſich ſofort der Provinz zu bemäͤchtigen. Aber nie hat die Welt eine Vertheidigung geſehen, in welcher die Vertheidiger mit ſo vielem Muthe und ſo krͤftig die Angriffe eines Feindes gushielten, der mit allen den Mitteln ausgeruſtet war, woran es ihnen fehlte. Am a5ten Juni verſuchten es die Franzoſen, den 25 Platz durch einen Handſtreich zu nehmen, wurden aber mit großem Verluſte zuruͤckgeſchlagen. Nachdem ſie ſich verſtaͤrkt und ſich mit Moͤrſern verſehen hatten, gingen ſie am 2 ten bei ihrem Angriff regelmaͤßiget zu Werke, und es gelang ihnen, ſich der B. vorſtadr, Terrero geuannt, zu bemaͤchtigen. Hierauf ſchloßen ſie die Stadt enger ein, uͤberſchutteren dieſelbe mit Bomben, nid verſuchten waͤhrend des dadurch verurſachten Bra ndes einige Thore zu ſtuͤrmen und in die Stadt einzudrihr⸗ gen. Allein die ganze Bevoͤlkerung von Suragoͤſſa warf ſich ihnen entgegen— kein Stand, kein Alter, kein Geſchlecht entzog ſich dieſer heiligen Pflicht, die Möͤnche fochten neben den Laien, und manche Weiber zeigten einen mehr als maͤnnlichen Muth. Leſebvre ergriemte über die W. theid gumg eines Platzes, der nach allen Kriegsregein nnhalihar war. Er hieit ſich auch ſeinerſeits jetzt n t mehr an dieſe Regeln und bereitete ſeinen druppen en unermeßlichen Verluſt durch die wiederholten V ſuche, den Platz mit dem Bajonet zu nehmen. Indeſſen ging den Buͤrgern allmaͤhlig die Munition aus— aber ſie lern⸗ ten in der Noth ſelbſt Schießpulver verfertigen. Der Hunger ſtellte ſich ein— man ertrug ihn. Seu⸗ chen lichteten die Reihen der Vertheidiger—die Ueberlebenden erſetzten willig die Abgegangenen. Es half den Franzoſen zu nichts, daß ſie ſie ſch des großen Kloſters Santa Engracia bemaͤchtigten, und dadurch in der Stadt ſelbſt feſten Fuß gewannen. Der fran⸗ pont's Niederlage es Lefebvre am aten Auguſt fuͤr das kluͤgſte, den Theil der Stadt, fochten ven Straße zu Straße, von Haus zu Haus, von Kammer zu Kammer— die Kaͤmpfenden theilten ſich oft die Gemcher deſſelben Hauſes— die Zu⸗ 4 gaͤnge von einem zum andern waren mit Todten ge⸗ ſperrt. Nachdem dieſer ſchreckliche Kampf wochenlang gedauert hatte, ſo weckte die heldenmuͤthige Vertheidi⸗ gung von Saragoſſa den Muth und das Mitgefuͤhl derjenigen, welche die Geſinnungen der Buͤrger theilten, und zu Anfang des Monats Auguſt warf ſich eine betraͤchtliche Verſtaͤrkung lin die Stadt. Hierauf ge⸗ wannen die Buͤrg allen ihren Gefechten wieder Voden gegen die Belagerer; und als nun auch Du⸗ feentlich bekannt wurde, ſo hielt „den er inne hatte, zu raͤumen. Er ſprengte die Kirche Santa Engracia in die Luft, legte in mehrere Haͤuſer, die er erobert hatte, Feuer, und zog ſich endlich aus der Stadt zuruͤck, die ſeinen Waffen ſo tapfern Widerſtand geleiſtet hatte. Der unbeugſame Muth, den die Spanier bei die⸗ ſer Gelegenheit an den Tag legten, findet vielleicht nicht ſeines Gleichen in der Geſchichte, wenn nicht der Muth, mit dem ihre Altvordern einſt Numantia . 25 vertheidigten. Die Hoffnung und das Selbſtvertrauen der Patrioten wurde dadurch noch mehr belebt, als durch den Sieg von Baylen; und ein Land, das Maͤnner wie Palafor und ſeine Genoſſen hervorge⸗ bracht hatte, konnte nicht ohne Grund fuͤr unbeſtegbar gehalten werden. 1 Es liegt uns jetzt ob, zu beigen, welche Folgen dieſe wichtige Revolution ſowohl in England, als in dem Portagisſiſcen Theile der dilbinſt hate hat. 861 ““ Ka it et. Geoßbrittannien intereſſirt ſich fuͤr die Spanier.— Es. wixd beſchloſ⸗ ſen, Truppen nach Portugal zu ſenden.— Ruͤckblick auf die Ereigniſſe in dieſem Lande.— Verufung der portugieſiſchen No⸗ tabeln nach Bayonne.— Sonderbare Audienz derſelben bei Buongparte.— Wirkungen der gluͤcklichen Erfolge in Spanien auf Portugal.— Sir Arthur Wellesley.— Sein C Charakter als General.— Er wird nach Portugal geſchickt.— Er greiſt die Franzoſen vei Roliſſa an und ſchlaͤgt ſie.— Der Auſſtand greift um ſich und wird allgemein.— Schlacht und Sieg von Vimeira. — Sir Harry Burrard Neale uͤbernimmt das Kommando und vereitelt die Reſultate, die Sir Arthur Weltesley durch die Schlacht hatte erreichen wollen.— Sir Harry Burxard wird von Sir Hew Dalrymple abgelost, ſo daß die brittiſche Armee in Zeit von 24 Stunden drei Generale hat.— Convention von Eintra. Unpopularitaͤt derſelben in England.— Ein Unteyſuchungsga⸗ richt wird niedergeſetzt. In dem brittiſchen, oder vielmehr in dem engli⸗ ſchen Charakter— denn die Engländer ſind es, die in dieſer Hinſicht den beiden andern brittiſchen Natio⸗ 256 nen das Beiſpiel geben— iſt nichts preiswuͤrdiger, als die edle Offenheit, mit welcher die vereinigten Na⸗ tionen mit Hintanſetzung aller kleinlichen Ruͤckſicten des Parteigeiſtes in Beziehung auf eine große und edle Sache jederzeit dieſelbe Geſinnung an den Tag gelegt haben. Dieſe Einheit der Geſinnungen zeigte ſich nie ſtaͤrker, als bei der Nachricht, daß die ſpaniſche Nation, dieſes Schlachtopfer des ſchaͤndlichſten Verraths, entſchloſſen ſey, die Netze, mit denen man ſie umſtrickt hatte, zu durchbrechen und fuͤr ihre Unabhaͤngigkeit auf Leben und Tod zu fechten.„Der Krieg,“ ſagt der vortreffliche Geſchichtſchreiber“), dem wir in dem vorliegenden Theile unſeres Werkes groͤßtestheils ge⸗ folgt ſind,„nahm einen hoͤhern und heiligern Cha⸗ rakter an, und die Menſchen ſahen mit Glauben wie mit Hoffnung auf den Ausgang.“ Dieſer Glaube und dieſe Hoffnung ſchienen wie zwei glaͤnzende Sterne aus der tiefſten Nacht des Zweifels aufzuleuchten, der in Hinſicht auf das Daſepns eines oͤffentlichen Geiſtes in Spanien allgemein verbreitet geweſen. Den Spaniern in ihrem ehrenvollen Kampfe jeden moͤglichen Beiſtand zu gewaͤhren, war der Gedanke, mit dem ſich ganz Großbrittannien beſchaͤftigt. Sheri⸗ dan erklaͤrte, es ſey die Zeit gekommen, zur Befreiung von Europa etwas Entſcheidendes zu thun; und ein ) Southey'a Histony of he Feninsulau War. vol. I. . 346.. 8 22 anderes ausgezeichnetes Mitglied der Oppoſttion, das ſich uͤber denſelben Gegenſtand nicht ſo beſtimmt aus⸗ ſprach, glaubte bemerken zu muͤſſen, daß es deßwegen nicht gemeint ſey, die heldenmuͤrhigen Spanier ihrem Schickſale zu uͤberlaſſen. Am meiſten gefiel aber den Freunden ihres Vaterlandes die maͤnnliche Erklaͤrung des Herrn Canning, der, unter Verlengnung jener falſchen und kleinlichen, blos auf ſogenannte brittiſche Zwecke gerichteten Politik, fuͤr ſich ſelbſt und fuͤr das Miniſterium, zu dem er gehoͤrte, die Verbindlichkeit einging, zum Behuf der ſpaniſchen Sache die kraͤftig⸗ ſten Maßregeln zu ergreifen, weil dieſe Sache die weſentlichſten Intereſſen, nicht nur Englands, ſondern auch der ganzen Welt, in ſich faſſe. Der Entſchluß, Spanien in ſeinem Kampfe zu unterſtuͤtzen, der auf ſo triftigen und edlen Grüͤnden beruhte, erhielt den Beifall des ganzen Landes. 3 1249 Es blieb nur noch die Frage, von welcher Art die Huͤlfe Großbrittanniens ſeyn ſollte, um ſo vortheil⸗ haft als moͤglich fuͤr die Sache der Unabhängkeit Spa⸗ nieus zu machen. Die Deputirten, die von der Junta von Aſturien in alle Eile nach England ge⸗ ſchickt worden waren, ſcheinen die Meinung der groͤß⸗ ten Theils ihrer Landsleute ausgeſprochen zu haben, als ſie den Beiſtand einer engliſchen Armee ablehnten. „An Menſchen,“ ſagten ſie,„hat Spanien keinen Mangel; es hat deren mehr als genug.“ Es wur⸗ den daher Waffen, Munition und alles, was zur Ausruͤſtung gehoͤrt, in dem reichlichſten Maße nach Spanien geſchickt, auch erfahrene und geſchickte Offi⸗ ziere dahin beordert, die den Inſurgenten an die Hand gehen ſollten. Der Krieg Englands mit Spa⸗ genen wurden auf freien Fuß daaſteht, gekfeidet, auf Koſten Englands bewirthet, und ihrem Vaterlande wie im Triumphe zuruͤckgegeben. Daß die Spanier den Beiſtand brittiſcher Teuppen ablehnten, hatte vielleicht ſeinen Grund zum Theil in dem uͤbermuͤthigen Selbſtvertrauen, das wir bereits als eine ihrer Hauptſchwaͤchen bezeichnet haben; es ließ ſich aber auch zum Theil dadurch rechtfertigen, daß es eben nicht leicht ſchien, die Operationen einer Maſſe von eingebornen Inſurgenten mit denjenigen einer geregelten Streitmacht in Einklang zu bringen, die aus Fremden beſtand, welche ſich zu einer andern Religion bekannten, und deren Sprache eine andere war. Dieſe Gruͤnde hatten in Beziehung auf Portu⸗ gal nicht daſſelbe Gewicht, indem dort der National⸗ ſtolz, der zwar dem Spaniſchen nicht nachſteht, ſich doch zufolge des unterwuͤrfigen Zuſtandes des Landes nicht denſelben hohen Ton erlauben konnte; auch wa⸗ ren dort die Englander, ungeachtet ihres ketzeriſchen Slaubens und ihres fremden urſprungs, wegen der langjaͤhrigen Allianz zwiſchen beiden Laͤndern immer mit Vorliebe geſehen worden. Man beſchloß deßhalb⸗ ein betraͤchtliches Truppenkorps nach Portugal zu ſen⸗ ☛ 29— den, um deſſen Befreiung zu bewirken, wozu wegen der Fortſchritte der ſpaniſchen Inſurrektion die Zeit ganz geeignet ſchien. Wir haben Portugal unter dem proviſoriſchen Kommando des Generals Junot verlaſſen, der von Napoleon ſelbſt als ein Mann geſchildert wird, deſſen. Eitelkeit und Raubſucht gleichen Schritt hielten; er be⸗ nahm ſich gegen die Eingebornen, die ſich ihm doch nicht widerſetzten, wie ein Tyrann, und erlaubte ſie 9 die aͤrgſten Bedruͤckungen gegen dieſelben. Man weiß durchaus nicht, wie Napoleon uͤber „dieſes alte Koͤnigreich zu verfügen gedachte. Der zu Fontaineblegu unterzeichnere Theilungsvertrag, der den Verwand zur Ueberziehung Portugals gegeben hat⸗ war nie deſtimutt, das Schickſal deſſelben zu entſchei⸗ den, und blieb ſo unbeachtet, als haͤlte er nie beſtan⸗ den. Buonaparte ſcheint in der Folge damit umge⸗ gangen zu ſeyn, dieſem Koͤnigreich eine andere Geſtalt zu geben, und in dieſer Abſicht berief er eine Ver⸗ fummlung von portugieſiſchen Notabeln nach Bayonne, die der Veraͤnderung, die er vor hatte, eine Art von Sanktion ertheilen ſollte. Die Einberufenen erſchienen auch wirklich; und obgleich ihre Verhandlungen keine weſentlichen Folgen hatten, ſo iſt doch der Bericht, den Abbé de Pradt als auweſender Zeuge uns daruͤber mittheilt, viel zu ſehr geeignet, die Denkart und Handlungsweiſe Na⸗ poleons ins Licht zu ſesan als däß et hier ubergan⸗ 360 gen werden koͤnnte. Nachdem er die Anrede des Sra⸗ fen von Lima, eines alten portugieſiſchen Edelmanns und Praͤſidenten der Deputation, mit Gleichguͤltigkeit angehoͤrt hatte, ging er mit der größten Leichtigkeit und ohne Umſtaͤnde an das Geſchaͤft, indem er ſagte: —„Meine Herren! ich weiß kaum, was ich mit Ihnen anfangen ſoll— es haͤngt dieß von den Er⸗ eigniſſen in Spanien ab. Und dann, ſind Sie auch dedeutend genus, um ein eigenes Volk zu bilden?— Iſt Ihr Land groß genng dazu? Ihr Fuͤrſt hat ſich von den Englaͤndern nach Braſilien bringen laſſen—— er hat da einen dummen Streich gemacht, den er bald bereuen wird. Ein Fuͤrſt⸗““ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er ſich laͤchelnd an den Abbé de Pradt wandte, „iſt wie ein Biſchof— er wuß in ſeinem Sprengel bleiben.“— Dann ſprach er wieder mit dem Grafen von Lima und frug ihn nach der Bevölkerung von Portugal, indem er zugleich ſelbſt auf ſeine Frage antwortete:„Zwei Millionen, nicht wahr?“ „Mehr als drei, Sire,“ entgegnete der Graf. „Ha— ich wußte das nicht.— Und Liſſabon— es ſind dort wohl 150,000 Einwohner?“ „Mehr als doppekt ſo viel, Sire.“ „So— das war mir entgangen.“ 1 Nachdem er noch mehrere aͤhnliche Fragen uͤber Dinge geſtellt, von denen er eben keine große Kennt⸗ niß verrieth, kam er wieder auf das eigentliche Thema zuruck.„Nun, Ihr Portugieſen, was wollt Ihr denn 51 eigentlich? Wollt Ihr Spanier werden?“ Dieſe Frage, wenn gleich von Napoleon geſtellt, erweckte den ganzen Stonn der Portugieſen; denn es iſt be⸗ kannt genug, mit welchem Groll und welcher Eifer⸗ ſucht ſie das Schweſterland der Halbinſel betrachten, gegen das ſie ihre Unabhaͤngigkeir ſo lange behauptet haben. Der Graf von Lima warf ſich in die Bruſt, legte die Hand an ſeinen Degen und beantwortete die beleidigende Frage mit einem lauten Nein, das durch das ganze Gemach erſcholl. Buonaparte nahm dieſes nicht uͤbel, dieſer Zug des N Kationalcharakters ergötzte .ihn vielmehr. Er entließ die Verſammlung, ohne weiter von den Gegenſtaͤnden zu ſprechen, uͤber die er ihre Meinung hatte hoͤren wollen, und er ſagte her⸗ nach zu ſeinen Umgebungen, der Graf von Lima habe ihn mit einem praͤchtigen Nein abgefertigt. Er zeigte ſogar einige verſoͤnliche Zuneigung zu dieſem ſtolzen Edelmann, gab aber den Verkehr mit den portugieſt⸗ ſchen Deputirten auf. Die ganze Seene iſt merkwur⸗ dig, in ſofern ſie beweist, wie unbedeutend in ſeinen Augen das Verhaͤltniß zwiſchen Herrſchern und Unter⸗ thanen war, ſintemal er in dem vorliegenden Falle, wo es ſich von dem kuͤnftigen Zuſtande des ſchon we⸗ gen ſeines alten Ruhms nicht unwichtigen Koͤnigreichs Portugal handelte, ſo wenig Kenntniß von deſſen in⸗ nern Verhaͤltniſſen nahm, und ſich mit ſolchem Lcche ſinn betrug. Koͤnigreiche waren in ſeinen Augen Karten geer⸗ den, die er nach Gutduͤnken miſchte und mit dem Gleichmuth eines fertigen Spielers austheilte. Da er der Dienſte der portugieſiſchen Motabeln nicht laͤn⸗ ger hedurfte, ſo wurden ſie nach Bordeaur geſchickt⸗ wo ſie in Armuth und Vergeſſenheit lebten⸗ bis der allgemeine Friede ſie wieder in ihr Vaterland fuͤhrte. Aus einigen Stellen in dem fruͤher angefuͤhrten Schreiben Napoleons an Murat könnte man ſchließen, daß die Krone des Hauſes Braganza zuerſt fuͤr dieſen beſtimmt war; allein er erhielt die von Neapel, und das Schickſal Portugals war noch nicht entſchieden, Jals die Folgen der ſpaniſchen Revolution daſſelbe dem Einſluſſe Napoleons ganz zu entruͤcken ſchienen. Eine ſo große und durchgreifende Beweguns, wie der Aufſtand der ſpaniſchen Provinzen, mußte auch in Portugal fuͤhlbar werden, auf welchem das franzoͤ⸗ ſiſche Joch noch weit ſchwerer lag, wo nicht nur der Nationalſtolz verletzt, die Unabhaͤngigkeit des Landes vernichtet, ſondern auch das Eigenthum geplaͤndert und an den Einwohnern jede Mißhandlung veruͤbt wurde. Der Geiſt, welcher die Spanier belebte, zeigte ſich auch bald unter den Portugieſen. Oporto, die zweite Stadt des Koͤnigreichs, machte nach einem erſten Inſurrektionsverſuche, den die Franzoſen mit Huͤlfe der unterwuͤrfigen Ortsbehoͤrden unterdruͤckt hatten, einen zweiten, der beſſer gelang; die Einwoh⸗ ner vertrieben die Franzoſen aus der Stadt und der umliegenden Gegend, und ſiellten ſich unter den Ober⸗ 33— befehl einer proviſoriſchen Junta, an deren Spitze der Biſchof von Opotto ſtand. Die Flamme griff rechts und kinks und in jeder Richtung um ſich; und über⸗ all, wo die Franzoſen nicht uber eine uͤberlegene be⸗ waſfnete Macht verfägen konnten, war das Land im Aufſtande gegen ſie. Dieß geſchah jedoch nicht ohne viel Blutvergießen. Die Franzoſen zogen, unter dem Kommando von Loiſon, aus der Grenzfeſtung Almeida, um den Aufſtand zu Oporto zu unterbruͤcken; aber General Silviera, ein vorkugieſiſcher Ehelmann, der ſich ſelbſt an die Spitze des bewaffneten Volks geſtellt hatte, that dem Feinde auf ſeinem Marſche ſo dielen Ab⸗ bruch, daß er ſein Vorhaben aufgeben und nach Al⸗ meida zuruͤckkehren mußte, vbzleich er 000 Mann ſtark war. Zu Beia, Leiria, Evora und andern Maͤtzen wußten die Franzoſen den Widerſtand der Burger und Bauern zu uͤberwaͤltigen; um Schrecken zu verhreiten, wurden in dieſen ungluͤcklichen Staͤdten und Bezitken blutige militariſche Hinrichtungen veranſtaltet. Aber die Unmenſchlichkeit der Sieger diente nur, die An⸗ zahl und den Grimm ihrer Feinde zu vermehren. Leute, deren Haͤuſer man verbrannt, deren Weinberge man verwuͤſtet, deren Weiber man geſchaͤndet hatte, konnten nur auf Rache ſinnen, und uͤberall, wo hie Portugieſen ſich im Vortheil fanden, ermangelten ſie nicht, dieſe zu nehmen. 3 Hätte Innot ſeine ganze Macht gegen die Inkar⸗ genten verwenden koͤnnen, ſo wuͤrde dieſet unſelige W. Scort's Werke. LlI. 3 — 34. Krieg in einem ſo beeugten Lande durch die deſpoti⸗ ſchen Anſtrengungen unwiderſtehlicher militaͤriſcher Ge⸗ walt wahrſcheinlich bald beendigt worden ſeyn. Allein der franzoͤſiſche General war noch von einer andern Seite her bedroht, und daher genothigt, einen heträͤcht⸗ ſichen Theil ſeiner Streitkraͤfte, beiſammen zu behalten⸗ deſſen er ſich ſonſt zur voͤlligen Unterwerfung von Por⸗ tugal haͤtte bedienen koͤnnen. England, ſchon ſo lange vom Continent ausgeſchloſſen, hatte gegen denſelben die Stellung des griechiſchen Helden angenommen, der, indem er die Lanze gegen ſeinen Feind einlegt⸗ deſſen Ruſtung vom Kopf bis zum Fuß durchmuſtert, um irgend einen Riß oder Fuge zu entdecken, durch die er ihm eine Wunde beibringen kann. Junot er⸗ kannte ſehr richtig⸗ daß der Zuſtand der Halbinſel⸗ und insbeſondere derjenige von Portugal, die Englaͤn⸗ der zu einer Landung beſtimmen wuͤrde. Es war auch wirklich bereits eine Erpedition von 10,900 Mann von Cork ausgelaufen, und⸗ was noch wichtiger war, als waͤre ſie dreimal ſtaͤrker geweſen, ſie ſtand unter den Befehlen von Sir Arthur Wellesley, eines juͤn⸗ gern Sohnes des Grafen von Mornington⸗ eines jener hochbegabten Maͤnner, durch welche der Gang der Weltbegebenheiten vermittelt zu ſeyn ſcheint. au Sir Arthur Wellesley hatte in Oſtindien den gro⸗ ßen Krieg geſehen und gefuͤtrt, den die Generale in der europaͤlſchen Armee Englands nur wenig oder gar nicht kaunten. Er verſtand ſich treſſlich darauf, eine Armee im Felde keben zu machen. Er hatte bie Kunſt der ſtrategiſchen Bewegungen auf einem großen Kriegsſchauplatze ſtudirt, und die Regeln des Krieges aus dem, mas er in Oſtindien geſehen, wo gkickkich abgezogen, daß er ſie auch in andern Landern gegen andere Feinde anzuwenden wußte. Furchtbar in(ſet⸗ ſien Vorbereitungen zur Schlacht, im Gefechte ſelbſt gluͤcklich, zeichnete er ſich noch mehr durch die Behen⸗ digkeit und die Sagacitaͤt aus, mit der er, eien nutzloſen Sieg verſchmaͤhend, die Vortheile, die er fei⸗ nen meiſterhaften Anordnungen und der Tapferkelt ſeiner Truppen zu vetdanken hatte, auf eine erſchöpfen⸗ de Weife benuͤtzte. Ueber der Gegenwark, ſo wichttg ſie auch war, vergaß er weder die Vergangenhoit, noch die Zukunft, und die Folgerungen, die er aus der anſeitigen Betrachtung eines Gegenſtandes zog, waren ſo einfach und ſo richtig, als waͤren ſie durch unmittelbare Anſchauung erkannt, nicht aber durch die Urtheilskraft erſchloſſen worden. Der Geiſt dieſes ſon⸗ derbaren und ausgezeichneten Mannes ſchien in der That jenen falſchen und taͤuſchenden Anſichten, durch welche ſich gewoͤhnliche Denker irre führen laſfen, ganz unzugaͤnglich zu ſeyn, feine geſunde Urthetlekraft wieß dleſelben von ſich, wie gewiſſe Erdarten kein ſchaͤdli⸗ ches Unkraut aufkommen laſſen; und man kunn von ihm fagen„ daß ſeine Auſichten von den Dingen, br⸗ ten er feine Aufmerkſamkeit medireten der Prlise⸗ din Ing 56 menheit ſo nahe kamen, als es bei der Schwaͤche der menſchlichen Natur moͤglich iſt. nerne Mit dieſer ſo ſeltenen Gabe des Vorherwiſſens verband Sir Arthur Wellesley die groͤßte Entſchieden⸗ heit, ſo daß, wenn er einmal ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, er den Ausgang ganz gelgſſen erwarten konnte, nicht geſturt, nicht geͤngſtigt durch jene Zweifel und Bedenklichkeiten, die man in ſchwierigen Faͤllen auch bei den entſchloſſenſten Maͤnnern bemerkt hat⸗ und 19* durch welche die Energie und der Muth ihrer Unter⸗ gebenen nothwendig geſchwaͤcht und gelaͤhmt awird. Eine unperwuͤſtliche Geſundheit, der die Muͤhſale, die Wechſel und die Entbehrungen, die der Krieg bringt, nichts anhaben konnten; das Vermoͤgen, ſeinen Schlaf nach Gefallen zu verſchieben und ſich gelegen⸗ heitlich durch einen Schlummer von wenigen Augen⸗ blichen zu erguicken; ein ungemein ſcharfes Ge⸗ ſicht— vollendeten die Ausſtattung von Sir Arthur Wellesley, dem die Vorſehung eine ſo außerordentliche Beſtimmung angewieſen hatte. Man kann noch hin⸗ zufuͤgen, daß in der Klarheit der Gedanken, in der Schaͤrfe des Urthells, der Schnelligkeit und der Feſtig⸗ keit des Entſchluſſes eine große Aehnlichkeit zwiſchen Napoleon und dem engliſchen Feldherrn, der ſein Ne⸗ benbuhler werden ſollten Statt fand; und daß beide den Beweis fuͤhren, wie die groͤßten Dinge nicht eben durch ſolche Maͤnner geſchehen⸗ die gewiſſe, ſel⸗ tene und beſondere Eigenſchaften beſitzen, ſondern —— 37 durch diejenigen, bei denen Urtheilskraft, Feſtigkeit des Willens, Berechnungskunſt und Schnelligkeit in der Ausfuͤhrung— Eigenſchaften, die ſich bei gewoͤhnlichen Menſchen in gewoͤhnlichem Grade vorfinden auf den hoͤchſten und ungewoͤhnlichſten Grad der Vollkom⸗ menheit geſteigert ſind. 1 1 Die vorzuͤglichſten Eigenſchaften von Sir Arthur Wellesley waren bekannt genug in Oſtindien, wo er in dem glaͤnzenden Feldzuge von Aſſaye die geſammte Macht der Maratten geſchlagen und mit Triumph einen langen und ungewiſſen Krieg geendet hatte. Folgende Stelle, deſſen Abreiſe von Oſtindien betref⸗ fend, findet ſich in einem vertraulichen Briefe eines trefflichen Menſchenkenners, der, wie wir hoffen, den Erfolg ſeiner Prophezeihung erlebt haben wico:— „Man iſt, wie es ſcheint,“ ſo ſchrieb er an ſeinen europaͤiſchen Korreſpondenten in Engkand, wegen eines Generals verlegen. In dieſem Augenblick kehrt einer aus Oſtindien zuruck; man ſetze ſich uͤber das Herkom⸗ men und uͤber die Regel des Dienſtalters hinweg, und ſtelle denſelben ohne Weiters an die Spitze der brittiſchen Armee, denn er iſt der Mann, der, wenn nicht ganz Europa, wenigſtens England aus den Ge⸗ fahren, die auf daſſelbe einſtuͤrmen, zu retten ver⸗ mag.“— Zum Gluͤck fuͤr England und fuͤr Eunropa vermochten die Bedenklichkeiten, die das Em porſteigen eines jeden andern Offiziers in demſelben Falle ver⸗ hindert haben wuͤrden, nicht eben ſo viel gegen Sir 3 Arthut Welleslen“ Sein Bruder, der Marauis Wellesley, der unſer Reich in Oſtindien mit vielem Talente regiert und erweitert hatte, genoß bereits das Vertrauen unſerer Regierung,! die ihn einige Monate ſpiter auf einen ſehr bedeutenden Poſten in Er wurde in dieſer wichtigen Kriſis zum bevoll⸗ maͤchtigten Gefandten in Spanien ernannt, als ein Mann) auf deſſen Klugheit und Erfahrung man das groͤßte Vertrauen ſetzen konnte. Der Marquis, der die Talente ſeines Brudets wohl kaunte, und uͤberzeugt war) daß durch die Befoͤrderung deſſelben den brittiſchen Waffen der beſte Dienſt geleiſtet werde, erbat ſich den Beiſtand ſeines kraͤftigen Armes zur Ausfuͤhrung der⸗ jenigen alane, die groͤßtentheils von ihm, als dem Haupte, ansgehen follten. darditsaan 2885ſ1 Die Armee und das Publikum hatten die Verdien⸗ ſte von Sir Arthur waͤhrend des kurzen Feldzugs von Kopenhagen kennen gelernt— ſein Name weckte be⸗ reits Hoffnungen und Vertrauen im ganzen Lande— als daher der Bruder des Marquis Wellesley das Commando uͤber die nach der Halbinſel beſtimmte Erpedition erhielt, gab es Niemand, der dieſe Wahl der Partheilichkeit bezuͤchtigt haͤtte; und die nachfolgen⸗ den Ereigniſſe belehrten die Nation gar bald, daß ihr Vertrauen in ſofern es Sir Arthur Wellesley betraf⸗ nicht nur gegruͤndet geweſen, ſondern daß es ſelbſt noch unbegrenzter häͤtte ſeyn ſollenn. —— — y 39 Unter dieſen Auſpieien ging die Erpebition nach Sorunna unter Segel, wo Sir Arthur Wellesley durch die Nachrichten, die von allen Seiten eingingen, be⸗ ſtimmt wurde, Portugal zum Schauplatze ſeiner Ope⸗ rationen zu waͤhlen, weil dort ein gluͤcklicher Erfolg die allgemeine Sache am beſten befoͤrdern konnte. Er knuͤpfte Verbindungen mit Oporto an, und erfuhr bald die wichtige Nachricht von Dupont's Niederlage und der Flucht des eingedrungenen Königs aus Ma⸗ drid. Dieſe Nachrichten waren allerdings ſehr wich⸗ tig, in ſofern daraus zu ſchließen war, daß die ſieg⸗ reiche Armee von Beſſieres in Spanien vollauf zu thun bekommen, und dadurch verhindert werden wuͤr⸗ de, in Portugal einzufallen und im Einverſtaͤndniß mit Junot zu operiren. Zu gleicher Zeit war ein brittiſchee Truppenkorps, fruͤher zur Unterſtuͤtzung von Caſtanos beſtimmt, durch die Kapitulation von Baylen entbehrlich geworden, hatte ſich nach Portugal eingeſchifft und ſich ſo eben mit Sir Arthur Wellesley vereinigt. Endlich kam auch noch die wichtige Nach⸗ richt, daß die Armee von Sir Arthur unverzuͤglich mit 15,000 Mann verſtaͤrkt und unter den Befehl von Sir Hew Dalrymple geſtellt werden ſollte. Die⸗ ſer Offizier war Gouverneur von Gibraltar, und hatte waͤhrend der ſpaniſchen Inſurrektion ſich den Patrioten durch kraͤftigen Beiſtand und klugen Rath ſehr nuͤtzlich erwieſen; aber man thut ihm nicht un⸗ eecht, wenn man behauptet, daß ihm jene ſeltenen, 40 ſowohl politiſchen als militäriſchen Talente gefehlt zu haben ſcheinen, die ein engliſcher Obergeneral in Portugal hei ſo bedenklichen Umſtuͤnden nicht wohl entbohren konnte. oſe 36 uullnune did Ghrnhe aiun Dieſer Huͤlfe verſichert, ſchiffte Sir Arthur Welles⸗ ley ſeine Armee in der Mondego Bay aus und ruͤckte an der Seekuͤſte in der Richtung von Leiria vor, um in Werbinbung mit der Flotte zu bleiben, von der er ſeinen Bedarf bezog. Die franzöͤſiſchen Generale La⸗ bordenund Thomieres wurden von Liſſabon aus den Enzlaͤndern entgegen geſandt, und Lviſon, von Alen⸗ teſo kommend, war bereit, ſich mit ſeinen Landsleu⸗ ten zu vereinigen. Der brittiſche General kam zu gleicher Seit in eine unangenehme Beruͤhrung mit einer portugieſiſchen Inſurgentenarmee, die zuerſt die uͤbertriebenſten Auſpruche machte, und ſich zuletzt foͤrm⸗ lich weigerte, gemeinſchaftlich mit ihm zu operiren. Dieſe Armee war von General Freire befehligt, einem eigenſinnigen und tollen Manne, der ſpaͤter des Ver⸗ raths an der Sache des Vaterlands, wie es ſcheint⸗ nicht mit Unrecht, beſchuldigt und hingerichtet wurde. Einen gewoͤhnlichen General wuͤrde ein ſolches Betra⸗ gen von Seiten derer, denen er zu Huͤlfe kommen wollte, erzuͤrnt und deſſen Eifer fuͤr eine Sache ge⸗ ſchwaͤcht haben, die denen, die ſie zunaͤchſt anging⸗ ſo gleichguͤltig ſchien. Allein Sir Arthur Wellesley⸗ eben ſo ausgezeichnet durch ſeine Menſchenkenntniß⸗ als durch ſeine militaͤriſchen Talente, ließ ſich durch 41 den Eigenſinn eines Mannes, der ploͤtzlich zu einem Kommando berufen worden war, zu dem er ſich durch ſeine fruͤhere Lebensweiſe vielleicht nicht eignete, ſo wie durch die Aufwallung des Nationalgeiſtes in einem inſurgirten Volkshaufen nicht irre machen. Ueber⸗ zeugt, daß er nur durch einen Sieg uͤber die Franzoſen das Zutrauen der Portugieſen gewinnen koͤnne, wußte er durch ſeine Thaͤtigkeit und Behendigkeit die Ver⸗ einigung von Loiſon und Laborde hinzuhalten, und ruͤckte am yten Auguſt gegen den letztern franzoͤſi⸗ ſchen General vor, der in einer feſten Stellung un⸗ weit Roliſſa die Ankunft ſeines Kollegen erwartete. Indem er ſie zugleich in der Front und in der Flanke angriff, brachte er beide zum Weichen. Dieß war der erſte bleibende und bedeutende Vortheil, den die brittiſche Armee in dem ereignißvollen Kampfe auf der Halbinſel erfocht. Laborde zog ſich nach Torres Vedras zuruͤck, wohin auch Lviſon ſeinen Weg ge⸗ nommen hatte. Imwer allgemeiner wurde der Aufſtand der Por⸗ tugieſen, und Junot ſah kein anderes Mittel, den Brand zu loͤſchen, als einen Sieg uͤber die Englaͤnder in offener Feldſchlacht zu erfechten. Zu dieſem Zwecke ließ er nirgends Beſatzungen, als in Liſſabon, Elvas, Almeida und Peniche, und zog alle Truppen, die er aufbringen konnte, zu Vimeira, unweit Torres Vedras⸗ zuſammen, eutſchloſſen, das Waffengluͤck zu verſuchen. Sir Arthur Wellesley war mittlerweile durch ei⸗ . 7 43 nige, der ihm fruͤher verſprochenen Huͤlfstruppen ver⸗ ſtaͤrkt worden, die nicht ohne Muͤhe auf der gefaͤhr⸗ lichen Kuͤſte gelandet und ſich an das Hauptkorps, das ſo eben gegen den Feind zog, angeſchloſſen hatken. Nicht eben ſo gluͤcklich war der Umſtand, daß auch Sir Harry Burrard Neale, ein Offizier von höherem Range, an der Kuͤſte erſchien und ſich mit Sir Arthur Wellesley in Verbindung ſetzte. Letzterer erklaͤrte ihm ſeinen Plan, die feunzoͤſiſche Armee anzugreifen und nach Liſfabon zuruͤckzuwerfen, wodurch ſogleich ein Aufſtaud ausgebrochen ſeyn wuͤrde, und Portugal durch einen einzigen Schlag befreit worden waͤre, Aber Sir Harry Burrard, obgleich ein tapferer Offizier, ſcheint nicht jenes Zutrauen zu den brittiſchen Solda⸗ ten gehabt zu haben, das ſie von ihren Anfuͤhrern doch ſo ſehr verdienen. Er empfahl ein defenſives Verfah⸗ ren, bis die noch uͤbrigen Verſtaͤrkungen aus England eingetroffen ſeyn wuͤrden; er begriff nicht, wie viel im Kriege von einer ploͤtzlichen und maͤchtigen Anſtren⸗ gung abhaͤnge, und bedachte nicht, daß die Franzoſen die Muße, die ihnen ihr Gegner aus Furcht oder Un⸗ entſchloſſenheit gewaͤhrt, beſſer als andere Menſehen zu ihram Vortheil zu benuͤtzen wiſſen. Es fuͤgte ſich aber jetzt, daß Junvt ſalbſt durch die Mißlichkeit ſeiner Lage beſtimmt wurde, ein allge⸗ meines Treffen zu wagen; und da die beiderſeitigen Armeen ſich bereits ſchon ziemlich nahe ſtanden, ſo hatte die Einſchreitung des neuerlich angeſommenen 45 brittiſchen Generals keine andere Folge, als daß Sir Arthur Wellesley, ſtatt, wie er vorgeſchlagen hatte, angriffsweiſe zu verfahren, an dem denkwuͤrdigen arſten Augzuſt bei der. Stadt Vimeira von Junot ſelbſt angegriffen murde. Die brittiſche Armee beſtand aus ungefaͤhr 16,000 Mann, von denen aber nur die eine Haͤlfte am Gefechte Theil nahm; die Franzoſen waren 44 ooo Mann ſtark und kamen alle ins Feuer. Sie griffen in zwei Diviſionen an; die zur Linken war von Laborde befehligt und zaͤhlte etwa 5000 Mann; die rechte unter Loiſon war hedeutend ſtaͤrkern Das Centrum oder die Reſerve, unter Kellermann, fuͤllte den Raum zwiſchen den beiden Angriffsdiviſtonen und verband die eine mit der andern Das Gefecht war fuͤr Maͤnner vom Fache intereſſant: die Franzoſen bedienten ſich dabei derſelben Angriffsmethode, durch die ſie ſich mehr als einmal den Sieg uͤber die geuͤb⸗ teſten Truppen des Feſtlandes verſchafft hatten; die Englaͤnder dagegen zeigten, wie dieſem Angriffe zu begegnen ſey, und wie der franzoͤſtſche Ungeſtuͤm durch Entſchloſſenheit und Ausdauer gehrchen aberden koͤnne. 1 Die Franzoſen griffen, wie wir ſchon oft Bemerkt haben, am liebſten in diche aufgeſchloſſenen Maſſen oder Kolonnen, an deren vorderſte Glieder durch die mittlern und hinterſten Glieder unaufhaltſam auf die duͤnne Schlachtordnung des Feindes hingedraͤngt wut⸗ den, die den Stoß nicht aushalten konnte, und noth⸗ . 44 wendig durchbrochen wurde. Auf dieſe Weiſe und im vollen Vertrauen auf einen gluͤcklichen Erfolg, drang General Laborde mit einer Kolonne von mehr als 2000 Mann auf den brittiſchen Vortrab ein, der aus dem 5oſten Regiment mit einigen Feldſtuͤcken und ei⸗ ner einzigen Kompagnie Scharf chuͤtzen beſtand. Die⸗ ſes Regiment von nur 00 Mann, auf dem Kamm einer Anhoͤhe in Schlachtordnung aufgeſtellt, ſchien in Vergleichung mit der feindlichen Angriffskolonne ſo ohnmaͤchtig, daß man haͤtte glauben ſollen, es wuͤrde ſchon durch das Geraͤuſch ihres Aumarſches aus ſeiner Stellung vertrieben werden. Allein der Oberſte Wal⸗ ker ſtellte ſein Regiment ploͤtzlich in der Flanke der anruͤckenden Kolonne auf, und empfing dieſelbe mit einem moͤrderiſchen und anhaltenden Musketen⸗ und Kartaͤtſchen Feuer, das in der dichten Maſſe große Verwuͤſtungen anrichtete. Hierauf ließ er mit dem Bajanet angreifen, ſo daß der Feind, der ſich nicht mehr entwickeln konnte, durch die wenige Mannſchaft, die er auf den erſten Anlauf auseinander zu ſprengen gedachte, ſich in der Flanke genommen ſah. Dieß entſchied ſogleich; die Franzoſen, die ſich bisher mit der groͤßten Standhaftigkeit benommen hatten, zer⸗ ſtiebten, indem ſie drei Viertel ihrer Zahl an Tod⸗ ten, Verwundeten und Gefangenen zuruͤckließen*). *) Nach der Kapitulation von Centra verlangte General Loiſon dem Oberſten Walker vorgeſtellt zu werden, um ihm ſeinen Gruͤckwunſch daruͤber zu bezeigen, daß er durch ſeine Stand⸗ 45⁵ Dieſes Handgemenge fand auf dem ganzen Schlacht⸗ felde Statt. Die Brigade des Generals Ferguſſon auf dem rechten Fluͤgel wurde von General Loiſon mit einem Ungeſtuͤm und einem Nachdruck angegriffen, der demienigen, den Laborde bewieſen, nicht nachſtand. Es kam zu einem Bajonetgefechte, und hier, wie zu Maidn, ruͤckten die Franzoſen zwar mit großer Faſ⸗ ſung an, ließen aber in dem Angenblick des Zuſam⸗ mentreffens den Muth ſinken; denn, wie laͤßt ſich die unleuabare Thatſache, daß ihr vorderſtes Glied, das aus 5 00 Grenadieren beſtand, in einem Nu nedse. geſtreckt ward, wohl anders erklaͤren? t Die Franzoſen waren jetzt uͤberall zurütkgewichen. Sie hatten ihr Geſchuͤtz im Stich gelaſſen und flohen in Unordnung— die Schlacht war gewonnen der Sieger durfte nur die Hand ausſtrecken, um ſich die Vortheile des Sieges ganz anzueignen. Sir Arthur Wellesley wollte mit dem einen Theile ſeiner Armee nach Torzes Vedras, auf der kuͤrzeſten Verbindungs⸗ linie der Franzoſen mit Liſſabon, vorraͤcken, und mit dem andern die geſchlagene Armes verfolgen, ſb daß dieſe nur auf umwegen und durch ein im Aufſtande beſtndliches Land nach Liſſabon haͤtte entkommen koͤn⸗ nen.⸗Ungluͤcklicherweiſe ging jetzt die Zeit von Sir TS haſtigkeit und ſein Talent den Kolonnenangriff, Napsleowes Liehlingsmandyer, auf die angezeigte Weiſe zu Schanden ge⸗ mack Mt hatte.. 46 Aerthur Wellesley's Oberbefehl zu Ende. Sir Harry Burrard hatte waͤhrend des Gefechts ſeine Landung bewerkſtelligt und mit geziemender Liberalitaͤt jedes Kommando abgelehnt, bis die Schlacht beendigt ſchien; da fiel es ihm aber unglücklicherweiſe ein, trotz der Gegenvorſtellungen von Sir Arthur Wellesley, des Generals Ferguſſon und anderer Generale, von ſeiner Vollmacht Gebrauch zu machen, und die weitere Ver⸗ ſolgung des Feindes einzuſtellen. Er hielt dieſe fuͤr zu gewagt, weil der Feind an Reiterei uberlegen war, und mochte auch wohl einen zu hohen Begriff von der franzoͤſtſchen Taktik haben. Und ſo ſchien der Sieg von Vimeira, wie ſo mancher andere, den die Englaͤnder erfochten, in ſeinen naͤchſten Reſultaten auch wieder erkuͤmmert zu werden; man ſah wieder einen jener zahlreichen Faͤlle, wo die Soldaten, im Vertrauen auf ihren Muth und auf ihre Waffen, den Sieg erfechten, den ihr General unbenutzt laͤßt, weil er in ſeine Geſchicklichkeit und ſeine Talente ein nicht minder gerechtes Mißtrauen ſetzt. Mittlerweile trat Sir Hew Dalrymple, der auf einer Fregatte von Gibraltar kam, an die Stelle von Sir Harry Burrard, wie dieſer an die Stelle von Sir Arthur getreten war; und ſo geſchah es, daß die engliſche Armee in Zeit von vierundzwanzig Stunden drei Obergenerale zaͤhlte. Aber ehe noch Sir Hew Dalromple ans Land ſtieg, lonnte der Sieg nicht mehr weiter verfolgt werden— denn es war den⸗ 55 47 Franzoſen bereits gelungen, die Stellung von Torkes Vedras zu gewinnen, von welcher Sir Arthur Welles⸗ ley ſie hatte abſchneiden wollen. Dieſer General wußte ſchon damals, wie dieſe Stellung zur Verthei⸗ gung und Behauptung von Liſſabon bent werden koͤnne. Aber Junot hakte in ader Schlacht von Vimeita zu großen Perluſt erlitten, und mit zu vielen Hin⸗ derniſſen zu kaͤmpfen, als daß er an eine hartnaͤckige Vertheidigung haͤtte denken koͤnnen. Die ſiegreiche brittiſche Armee ſtand vor ihm— die Inſurgenten, durch den Ausgang der Schlacht ermuthigt, waren auf ſeinen Flanken— in ſeinem Ruͤcken konnte die engliſche Flotte operiren— und die volkneiche Stadt Liſſabon ſelbſt konnte nur mit einer großen Truppen⸗ macht im Zaum gehalten werden Zudem konnten die ſpaniſchen Armeen, zufolge der Vortheile, die ſie in Andaluſien errungen hatten, in Yortugal eindringen und in Gemeinſchaft mit den Englaͤndern operiren. Durch dieſe Umſtaͤnde bewogen, ſchlug der franzoͤſiſche Geveral jene Raͤumung von Portugal, ſeiner Staͤdte und Feſtungen vor, die nachher durch den Vertrag von Cintrn genehmigt wurde. Zufolge dieſer Convention ſollten die Franzoſen mit ihren Waſſen, ihrem Ge⸗ ſchutz und Eigenthum— worunter auch die Beute, die ſie den Portugieſen abgenommen batten, begriffen war— zu Schiff in ihr Vaterland gebracht werden. Eine ruſſiſche Flotte im Tajo, unter dem Befehl des 43 5 Admirals Siniavin, wurde, wie es hieß, den Eng⸗ 5 Jaͤndern in Gewahrſam gegeben; ſo ungern bedienten wir uns gegen Rußland der Sprache und der Praxis des Krieges, obgleich die beiderſeitigen Staaten offen⸗ kundige Feinde waren. In militaͤriſcher Hinſicht wuß⸗ ten die brittiſchen Generale gegen die Convention nichts einzuwenden. Sir Arthur Wellesley, der wahr⸗ ſcheinlich beſſer, als ſeine Kollegen, einſah, wie ſehr ſich der Krieg in die Laͤnge ziehen koͤnne, nachdem man den guͤnſtigen Augenblick zur Benuͤtzung des Sieges verſaͤumt hatte, hielt die Raͤumung von Portugal, mit ſeiner Seekuͤſte, ſeinen Haͤfen, ſeinen Feſtungen, ſeiner oͤſtlichen, eine ſo leichte Verbindung mit Spa⸗ nien gewaͤhrenden Grenze fuͤr einen hoͤchſt wichtilen Vortheil, den man durch die den Franzoſen bewilligten j Bedingungen ſehr wohlfeil erkauft habe. Aber das engliſche Volk ſah die Convention von Eintra in einem ganz andern Lichte. Es uͤberlaͤßt ſich gern den uͤbertriebenſten Hoffnungen, und wird begreiflicherweiſe ſehr aufgebracht, wenn dieſe uner⸗ fuͤllt bleiben. Das Publikum war uͤberhaupt nie ſo ſehr zum Tadel geneigt; und obgleich in dieſem Falle ſein Aerger auf Unwiſſenheit und Vorurtheilen be⸗ ruhte, ſo waren doch einige Umſtaͤnde bei dieſer Ver⸗ handlung allerdings geeignet, den allgemeinen Unwil⸗ len einigermaßen zu rechtfertigen. Das Aufeinander⸗ folgen der drei Generale verglich man mit den Triumph⸗ karten im Whiſtſpiel; und es mochte nun zufaͤllig oder 49 abſichtlich Statt gefunden haben, ſo ſchlen es doch von einer faſt laͤcherlichen Unentſchloſſenheit zu zeigen. Sodann lag es am Tage, daß der juͤngſte von dieſen Generalen durch die andern verhindert worden ſey, ſeinen Sieg zu verſolgen, und daß man dieſer Ein⸗ ſchreitung die Convention zu verdanken hatte, die Eng⸗ land als nachtheilig fuͤr Portugal und als ſchimpflich fuͤr ſich ſelbſt anzuſehen nun einmal entſchloſſen ſchien. Ein Unterſuchungsgericht ſtellte die Sache, in Bezie⸗ hung auf die beiden aͤltern Generale, etwas gunſtiger dar, indem denſelben nichts anderes zur Laſt gelegt wurde, als daß ſie den Fall, vielleicht aus zu großer Vorſicht, nicht recht beurtheilt hatten. Aber der Un⸗ wille des Volks, der ſich bei dieſer Gelegenheit unver⸗ holen ansſprach, blieb nicht ohne wichtige Folgen; von dieſer Zeit an ward es, abgeſehen von einigen ſeltenen Faͤllen, verhaͤltnißmaͤßig ſchwer und gefahrlich. zum Kommando iraend einer Unternehmung einen Offizier in Vorſchlag zu bringen, der ſich nicht durch ſeine Talente das Zutrauen des Volks erwor⸗ ben hatte, W Scyott's Worke. I. II. Drittes Kapirel. Duplicitaͤt Napoleon's bei ſeiner Rückkehr nach Paris.— Offizielle Anzeigen im Moniteur;— ſie ſind elend und ſchimpflich.— Zwei Berichte von Champagny, dem Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten.— Sie weichen von einander ab;— in dem zweiten wird auf eine Aushebung von 20,000 Mann angetra⸗ gen; ſie wird vom Senate bewilligt.— Ueberſicht der Ver⸗ haͤltniſſe Frankreichs zu den verſchiedenen europaͤifchen Maͤch⸗ ten.. Geiſt der Widerſetzlichkeit in Deutſchland.— Rußland. — Napoleon und Alexander kommen am 27ten September zu Erfurt zuſammen und ſcheiden, wie es ſcheint, als gute Freunde am 17ten Oktober.— Wirkliche Geſinnungen der beiden Selbſt⸗ herrſcher.— Ihr gemeinſchaſtliches Schreiben an den Koͤnig von Großbrittannien, worin ſie den Frieden auf die Baſis des uti possidetis vorſchlagen.— Warum derſelbe abgelehnt wird. Verfahren in Spanien.— Catakonien.— Romana kehrt nach Spanien zuruͤck.— Die Armeen von Blacke, Caſtanos und Palaſox.— Expedition des Generals Moore.— Deſſen uͤble Mei⸗ nung von der ſpaniſchen Sache.— Seine Plane.— Niederlage von Vlacke und Caſtanos.— Verraherei des Morla.— Sir John Moore zieht ſich nach Corunna zuruͤck.— Ungluͤck auf dem Marſche.— Schlacht von Corunna iund Tod des Sir John Myore. In keiner Periode ſeiner Geſchichte zeigte ſich Buongparte in einem gemeineren und veraͤchtlicheren Lichte, als unmittelbar nach dem Ausbruche der ſpa⸗ niſchen Revolution. Als groͤßeres Ungluͤck auf ihn einſtuͤrmte, gab der Muth, mit dem er gegen ſein boͤfſes Geſchick ankaͤmpfte, ſeinen vergeblichen Anſtren⸗ gungen die Wuͤrde der ſinkenden Groͤße; aber in dem vorliegenden Falle erſchien er vor Frankreich und vor Europa in der ſchmaͤhlichen Stellung eines Mannes, der, durch ſelbſtiſche Gier zu einem großen Verbrechen * ——— 51 verleitet, nichts als Schande und durchaus keinen Vortheil davon geerntet, und ſich im Gegentheil, in Beziehung auf das Reſultat ſeines frevelhaften Be⸗ ginnens, eben ſo kurzſichtig, als gewiſſenlos in der Wahl ſeiner Mittel gezeigt hatte. Dießmal, wie in ſo vielen andern denkwuͤrdigen Faͤllen, erwies ſich die Ungerechtigkeit zugleich als die groͤßte Thorheit. 7 Nachdem er wie im Triumphe nach Paris zuruͤck⸗ gekommen, beobachtete Buonaparte eine zeitlang ein gaͤnzliches Stillſchweigen uͤber die Angelegenheit der Halbinſel; er begnuͤgte ſich, zu verſichern, daß Alles gut gehe, und daß die wenigen, von engliſchen Agen⸗ ten erregten Unruhen durch die Weisheit des Staats⸗ rathes und den bereitwilligen Beiſtand der guten Buͤr⸗ ger unterdruͤckt worden ſeyen, die fuͤr Spanien uberall kein Heil ſaͤhen, als in der Erneuerung des bourboni⸗ ſchen Familienvertrags in der gluͤcklicheren Dynaſtie Napoleon's. um dieſen Angaben Glauben zu verſchaffen, wurden in den— Spanien zunaͤchſt geſegenen— Provin⸗ zen verſchiedene Nachrichten in Umlauf geſetzt, die darauf berechnet waren, den Inſurgenten Muth und Hoff⸗ nung zu nehmen. So mußte Herr pon Champagny an den Praͤfecten des Departements der Gironde ſchreiben, Georg der Dritte, Koͤnig von England, ſey geſtorben; ſein Nachfolger, Georg der Vierte, habe ſogleich eine gaͤnzliche Veraͤnderung mit dem Miniſte⸗ rium vorgenommen, ſo daß ſich ſogleich die Wieder⸗ herſtellung des allgemeinen Friedens erwarten lagſe. 5²2 Eben dieſer Artikel ward auch mit den andern aͤhn⸗ lichen in das offtzielle Blatt zu Madrid aufge⸗ nommen. Aber ein ſolches Luͤgenwſtem gleicht einem nicht recht gehaͤrteten Schwerdte, das in der Hand desjeni⸗ gen, der damit einen Hieb fuͤhren will, nicht nur gerne zerbricht, ſondern ihn auch burch die Splitter verwunden kann. Die Wahrheit kam allmaͤhlig an den Tag. Es ließ ſich nicht laͤnger verheelen, daß das Koͤnigreich Portugal ſeine Unabhaͤngigkeit wieder erlingt habe— daß Junot und ſeine Armee aus Liſſa⸗ bon vererieben worden— daß Dupont im Suͤden von Spmien ſich ergeben— daß Koͤnig Joſeph Madrid habe verlaſſen muͤſſen— und daß in allen Haͤfen der Halbinſel, die im Monate Maͤrz den briktiſchen Schif⸗ fen gleichſam hermetiſch verſchloſſen geweſen, die Eng⸗ länder jest als Freunde und Alltirte aufgenommen wuͤrden. Auch konnte man es ſich ſelbſt nicht leug⸗ nen, daß alle dieſe Unfalle die Frucht der unbaͤndigen Herrſchſucht Napoleon's ſeyen, der, nicht zufrieden, uͤber die Huͤlfszuellen Spaniens im Namen ſeines angeſtammten Herrſchers nach Gefallen zu verfuͤgen, durch Anmaßung der hoͤcſten Gewalt das Volk in Wuth gebracht, und aus einem gefaͤlligen Alliirten einen tollen und unerbittlichen Feind gemacht hatte. Es war ſelbſt fuͤr die Keckheit und die Talente Na⸗ poleon's keine leichte Sache, dieſe Mißgriffe und ihre Folgen, wenn gleich beſchoͤnigt und bemaͤntelt, vor ——— ganz Frankreich einzugeſtehen. Auch muſſen wir be⸗ kennen, daß die Ausſagen eines Miſſethaͤters, der, zum Geſtaͤndniß ſeines Verbrechens gebracht, die graͤß⸗ licheren Umſtaͤnde deſſelben zu verbergen, andere zu entſchuldigen ſucht, uns nicht elender und veraͤchtlicher vorkommen, als die unredliche, ungereimte und un⸗ maͤnnliche T Darſtellung, die Napoleon in ſeinem offi⸗ ziellen Blatte zu Beſten gab, als die Wahrheit ſich nicht laͤnger verbergen ließ, und vielleicht noch durch Uebertreibungen entſtellt, ruchbar werden mußte. Auf einmal erſchien am aten September im Mo⸗ niteur, der ſich bis dahin meiſtens nur mit wiſſen⸗ ſchaftlichen Details, lyriſchen Ge dichten oder Theater⸗ kritiken abgegeben hatte, ein umſt ſeͤndlicher und auſge⸗ 3 ſtutzter Bericht uͤber den Aufſtand in Spanien. Auf die blutigen Ausſchweifungen der J Jaſurgenten ward der Accent gelegt, die von den frens⸗ iſchen Armeen errungenen Vortheile wurden vergroͤßert, ihre Ver⸗ luſte, welche ſie erlitten, verkleinert oder uͤbergangen. Von Dupont hieß es, er habe ſich wie ein Narr oder ein V Lerraͤther benommen. Von dem, was Saragoſſa waͤhrend der Belagerung gelitten, geſchah ausfuͤhrliche Meldung; des Reſult ats ward nicht gedacht. Am meiſten erhob man den Sieg von Medina del Rio Secco, und den Ruͤckzug des Königs Joſeph aus Madrid ſchrieb man dem un aſtande zu, daß die Luft dieſer Hauptſtadt der Geſundheit des Konigs nicht zuſage. Es waren zwei i erhrs über die ſſ paniſchen 54 Angelegenheiten, beide von Champagny, Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten, verfaßt, und beide an den Kaiſer gerichtet. Durch den erſten ſollte das Ver⸗ fahren Napoleon's gegen Spanien gerechtfertigt wer⸗ den. Er war angeblich am 14ten April in Bayonne erſtattet worden, d. h. zu einer Zeit, wo ſich Buonaparte wenig um die Rechtsfrage bekümmerte, weil er die Sache mit Gewalt durchſetzen zu können glaubte, und uͤberzeugt war, daß der Vortheil und die Chre, die fuͤr Frankreich aus der Unteriochung Spaniens erwuch⸗ ſen, dieſe in den Augen der großen Nation ohne Wei⸗ tters rechtfertigen wuͤrden. Nachdem aber ſeine erſten Verſuche fehlgeſchlagen hatten und weitere Anſtrengun⸗ gen noͤthig wurden, mußte man die Sache populaͤr machen und zeigen, daß die Maßregeln, die zum Zwecke fuͤhrten, wenigſtens der Politik gemaͤß, wenn auch nicht moraliſch und gerecht ſeyen. Um die Wahrheit zu ſagen, ſo befaßt ſich der Be⸗ richt nur mit dem erſten Punkte. Von den feindli⸗ ſchen Geſinnungen der ſpaniſchen Regierung gegen Frankreich und von dem Manifeſt des Godoy zur Zeit des preußiſchen Krieges geſchieht nur fluͤchtige Erwaͤhnung; das Hauptprincip, auf das ſich Herr von Champagny beruft, und das er gerazu aufſtellt, iſt weiter nichts, als ein grobes und unwuͤrdiges So⸗ phisma.„Was durch die Politik geboten iſt,“ ſagt dieſer Staatsmann,„muß nothwendig auch der Ge⸗ rechtigkeit angemeſſen ſeyn.“ So ſtellt er unum⸗ „ — 5⁵ wunden das Nuͤtzliche dem Ehrbaren und Wuͤrdigen geradezu entgegen; oder, mit andern Worten, er rechtfertigt die Immoralitaͤt der Handlung durch die Groͤße der Verſuchung. Dieß iſt aber daſſelbe Prin⸗ cip, das den Raͤuber auf die Straße fuͤhrt, und nach welchem uͤberhaupt jede Schandthat veruͤbt wird, mit Ausnahme jener ſelteneren Graͤuel, deren Beweggrund nicht ausfindig zu machen iſt. Um ſeine Logik auf den gegebenen Fall anzuwenden, ſetzt Champagny die verſchiedenen Vortheile auseinander, die fuͤr Frankreich aus einer innigeren Verbindung mit Spanien erwach⸗ ſen wuͤrden— die dadurch gegebene Leichtigkeit, das Continentalſyſtem gegen England durchzuſetzen— die Nothwendigkeit, daß Spanien von einem Fuͤrſten re⸗ giert werde, auf deſſen treue Anhaͤnglichkeit Frankreich ſich verlaſſen koͤnne— die Zweckmaͤßigkeit, ein Werk, welches das Ziel der Politik Ludwigs des Vierzehnten geweſen, von Neuem zu beginnen. Nachdem er ſol⸗ chergeſtalt gezeigt hat, wie vortheilhaft es fuͤr Frank⸗ reich ſeyn wuͤrde, ſich der Krone und der Rechte Spaniens zu bemaͤchtigen, glaubt der Berichterſtatter ſeine Aufgabe geloͤst zu haben, und faßt ſeinen Antrag in folgenden merkwuͤrdigen Worten zuſammen:— „Die Politik verlangt von Euer Majeſtaͤt eine große Maßregel— ſie wird von der Gerechtigkeit gutgeheißen — und iſt durch die ſpaniſchen Unruhen ſchlechterdings geboten.“ In ſeinem zweiten, am erſten September zu Pa⸗ 56 ris ausgefertigten Berichte fuͤhrt Herr von Cham⸗ pagny eine andere, noch ominoͤſere Sprache. Nach einer etwas dunkeln Andeutung, daß das Gold und die Umtriebe Englands Unruhen in Spanien bewirkt, und die Abſichten Seiner kaiſerlichen Majeſtaͤt, dieſes Land zu beglucken, vereitelt haͤtten, beſchwoͤrt er mit der Ehrfurcht, mit der ein Prieſter zu ſeinem Goͤtzen betet, den Kaiſer Napoleon, er wolle doch nicht zuge⸗ ben, daß die Anarchie ſich uͤber Spanien verbreite, und daß die brittiſche Flagge, die aus der Oſtſee und der Lexante verwieſen worden, triumphirend an den Kuͤſten des Koͤnigreichs wehe, das Frankreichs naͤch⸗ ſter Nachbar ſey. Nachdem er auf dieſe Weiſe mittel⸗ bar zu verſtehen gegeben hat, daß Spanien aufgeſtan⸗ den ſey, und daß die engliſche Flotte an deſſen Kuͤſten den Meiſter ſpiele, faßt der Verichterſtatter ein edles Vertrauen in die Macht und die Gewalt deſſen, den er anrief.—„Nein, Sire, das darf nicht ſeyn. Zwei Millionen brave Maͤnner ſind bereit, wenn es ſeyn muß, uͤber die Pyrenaͤen zu gehen und die Eng⸗ laͤnder aus der Halbinſel zu verjagen; wenn⸗ die Fran⸗ zoſen fuͤr die Freiheit der Meere kaͤmpfen wollen, ſo muͤſſen ſie vor allen Dingen Spanien dem engliſchen Einfluſſe entziehen.“. Es kommt in dieſem Berichte noch manches vor, um die franzoͤſiſche Nation wenigſtens mittelbar davon zu benachrichtigen, daß des Kaiſers Plan auf Spanien vereitelt worden, daß er ſtatt unbedingter Unterwer⸗ 6 5) fung einmuͤthiger Widerſtand gefunden; und daß von Seiten Frankreichs die größten Opfer noͤthig ſeyen, um den Kaiſer in den Stand zu ſetzen, das, was er ſo unvorſichtig unternommen, vollends auszufuͤh⸗ ren. Außer dieſen ſo hochſt dringenden ſpaniſchen Angelegenteiten wurden aber auch die Verhaͤltniſſe mit Oeſterreich als ſolche bezeichnet, welche die Aufmerk⸗ ſamkeit Frankreichs und die Vermehrung ſeiner Streit⸗ kraͤfte erforderten, indem Oe eſterreich in der neueſten Zeit auch die ſeinigen bedeutend verſtaͤrkt habe. Durch al' dieſes ſollte der Antrag auf eine neue Aushebung von 3⁰,000 Mann, mit welchem der Bericht ſchloß, begruͤndet werden. Der Senat, dem dieſe Berichte zugleich mit einer Botſchaft vom Kaiſer mitgetheilt wurden, ermangelte nicht, dieſe neue Tratte auf die franzöſiſche Bevölke⸗ rung, oder vielmehr auf das Fliiſch und das Herx⸗ blut derſelben zu beſtaͤtigen. Wie der Richter in dem Drama, aber ohne Bedauern und ohne Gegen⸗ rede, bewilligte er die Forderung des unerbittlichen Glaͤubigers.„Der Gerichtshof geſtattete und das Ge⸗ ſetz gab es.“„Der Wille Hrankreichs,“ ſagten dieſe kuechtiſchen Senatoren,„iſt einerlei mit dem Willen des Kaiſers. Der Krieg mit Spanien iſt politiſch, gerecht und nothwendig.. So mit all' der Macht ausgeruͤſtet, die ihm ſein gewaltiges Reich geben konnte, wollte Napoleon in ei⸗ geuer Perſon das Geſchaͤft uͤbernehmen, den ſpaniſchen 538 Aufſtand zu unterdruͤcken und die Englaͤnder, die Bun⸗ desgenoſſen der Inſurgenten, aus der Halbinſel zu ver⸗ treiben. Während aber alle Anſtalten nach dem groͤß⸗ ten Maßſtabe zum Behuf einer Unternehmung ge⸗ troffen wurden, deren Schwierigkeiten er durch Er⸗ fahrung kennen gelernt hatte, wollte er vor allen Din⸗ gen ſich ſelbſt uͤberzeugen, ob und in wiefern ſeine Verhaͤltniſſe zu den wenigen, noch einigermaßen unab⸗ haͤngigen europaͤiſchen Maͤchten durch das Mißlingen ſeiner Plane in Spanien verſchlimmert worden ſeyen. Seit dem Frieden von Preßburg, durch den ſeine Macht ſo ſehr verkuͤmmert wurde, glich Oeſterreich einem niedergeworfenen Fechter, dem es nicht an Wil⸗ len, aber an Kraft fehlt, den Kampf wieder zu be⸗ ginnen. Im Jahre 1806 war ſeine Freundſchaft von Nutzen fuͤr Napoleon, der damals mit Preußen und Rußland zu thun hatte. Die Abtretung von Brau⸗ nau und einiger Gebietstheile an der Muͤndung des Cattaro war der Lohn, den Oeſterreich fuͤr ſeine Neu⸗ tralität von Frankreich erhielt. Aber in den Jabrer 1807 und 1808 begann die oͤſterreichiſche Regierung, die mehr Verdruß uͤber das, was man ihr abgenom men, als Dank fuͤr das, was man ihr gelaſſen hatte fuͤhlte, in Beziehung auf das Kriegsweſen die groͤßt Thaͤtigkeit zu entwickeln. Es wurden Mißbraͤuch abgeſtellt, eine beſſere Disciplin eingefuͤhrt, ehemalig Soldaten wieder zum Dienſt berufen, neue Aushebun gen nach einem großen Maßſtabe veranſtaltet, Re —-— —— — — 59- ſerbearmeen gebildet, in allen Provinzen Landwehren oder Nationalgarden errichtet, und, wie die Miliz in England, zum Dienſt verpflichtet, auch die Linien⸗ truppen bedeutend vermehrt. Der ungariſche Land⸗ tag hatte 12,000 Rekruten fuͤr das Jahr 180z und 80,000 fuͤr das Jahr 1808 bewilligt, 30,000 Mann, worunter 30,000 Reiter, bildeten die furchtbare Re⸗ ſerve dieſes kriegeriſchen Landes. Alles deutete auf Krieg, ſo ſehr auch die Antworten des Hofes auf die Vorſtellungen Frankreichs die Liebe zum Frieden ver⸗ riethen.— Allein die Ruͤſtungen Oeſterreichs waren es nicht allein, die den deutſchen Horizont zu truͤben ſchienen. Napoleon hatte das Streben Oeſterreichs vereitelt und ſeinen Armeen getrotzt, zu einer Zeit, wo deſſen Macht noch viel bedeutender war. Dagegen war in Deutſch⸗ land, beſonders in deſſen noͤrdlichen Provinzen, all⸗ maͤhlig ein Geiſt erwacht und erſtarkt, der ſich mit der Herrſchaft Frankreichs oder jeder andern fremden Macht im ehemaligen deutſchen Reiche nicht laͤnger vertrug. Das Verſchwinden verſchiedener kleiner Staaten. denen die ſchonungsloſe Gewalt der franzoͤſiſchen nfur⸗ pation ein Ende gemacht hatte, und das allgemeine Unterdrackungsſpſtem, durch welches das ganze Land mehr oder weniger litt, hatten die Scheidewand, die zwiſchen den verſchiedenen deutſchen Volksſtaͤmmen be⸗ ſtand, niedergeriſſen; und wie Blutsverwandte, die unter dem Drucke einer gemeirſſchaftlichen Noth ihren 66— 3 unterbrochenen freundſchaftlichen Verkehr wieder her⸗ ſtellen, ſo vergaßen die Deutſchen, daß ſie Hanovera⸗ ner, Heſſen, Sachſen, Preußen waͤren, um ſich zu er⸗ innern, daß ſie als Deutſche nur Eine Sache zu ver⸗ fechten, nur Ein ihnen allen zugefuͤgtes Unrecht zu raͤchen haͤtten. Weniger feurig als die Spanier, aber nicht weniger eines tiefen und leidenſchaftlichen Ge⸗ fuͤhls faͤhig, naͤhrten die deutſchen Juͤnglinge, beſon⸗ ders diejenigen, die den Wiſſenſchaften oblagen, in ihrem Buſen und mit Vorſicht einen tieſen Haß ge⸗ gen die franzoͤſiſchen Eroberer und den ernſten Ent⸗ ſchluß, die erſte beſte Gelegenheit zur Wiederherſtel⸗ lung der Nationalſelbſtſtaͤndigkeit zu benuͤzen. Die tauſend Preſſen in Deutſchland konnten doch nicht alle zum Schweigen gebracht werden, ſo ſehr es ſich auch die Polizei Napoleons angelegen ſeyn ließ, politiſche Schriften uͤberall zu unterdruͤcken, wo ſie Eindruck machen konnten. Aber das Gefuh, das jetzt unter der deutſchen Jugend herrſchte, war von der Art, daß es nicht durch Ermahnungen und durch An⸗ fuͤhrung von Gruͤnden, die ſich unmittelbar und aus⸗ drücklich auf den Gegenſtand bezogen, geſtaͤrkt werden durfte. Jegliches Buch, von der heiligen Schrift bis zum flachſten Roman herab; jede poetiſche Sentenz aus den Schriften eines Schiller oder eines Goethe, ſelbſt das gemeinſte Gaſſenlied— ließ ſich als Loſungs⸗ wort oder als Kriegsgeſchrei benuͤtzen. Die herrſchen⸗ —— den Meinungen gaben, je weiter ſie um ſich griffen⸗ 61 Aullaß zu der Stiftung geheimer Vereine, welche die Beſreiung Deutſchlands zum Zwecke hatten. Der be⸗ kannteſte von dieſen war der ſogenannte Tugendbund. Die jungen Akademiker traten mit vielem Eifer und um ſo lieber in dieſe Bruͤderſchaften, weil dieſel⸗ ben durch die Burſchenſchaften oder die Lands⸗ mannſchaften auf den Hochſchulen ſchon eingeleitet waren, und weil die Idee von geheimen Gerichten, Tribunalen und Umtrieben in der Geſchichte Deutſch⸗ lands einheimiſch und hoͤchſt intereſſant fur ein Volk iſt, das am Geheimnißvollen und Schrecklichen Ge⸗ ſchmack findet. Die Profeſſoren auf den Hochſchulen traten dieſer patriotiſchen Stimmung nicht in den Weg, oder ſie befoͤrderten ſie wohl gar, indem ſie ih⸗ ren Schuͤlern die Pllicht einſchaͤrften, ſich der Befreiung von Deutſchland— das jetzt Teutonia hieß— zu weihen. Die Franzoſen, deren Denkart derjenigen der Deut⸗ ſchen ſo ganz entgegengecetzt iſt, ſahen all' dieß mit Verachtung und Spott. Sie lachten uͤber das Ge⸗ munkel von Juͤnglingen, die ſich mit einer Art von politiſcher Manrerei befaßten, und nannten die patriotiſche, der Befreiung Deutſchlands ge⸗ widmete Geſinnung, eine ideologiſche Verirrung, durch welchen Spottnamen der franzoͤſiſche Gewalt⸗ haber jede nicht auf der praktiſchen Grundlage der Selbſtſucht beruhende Theorie zu bezeichnen pflegte, und von der er glaubte, daß ſie nur bei jungen Hitz⸗ köpfen und tollen Schwaͤrmern Eingang finden koͤnne. 62 Napoleon erkannte und wuͤrdigte indeſſen den wach⸗ ſenden Einfluß dieſer volksthuͤmlichen Meinungen weit richtiger, als man aus ſeinen Aeußerungen haͤtte ſchließen ſollen. Er wußte, daß man mit Huͤlfe der Gewalt eine Regierung ſtuͤrzen oder veraͤndern, eine Armee ſchlagen und vernichten kann, daß aber das Prinzip des Widerſtandes gegen Unterdruͤckung, wo es einmal Wurzel gefaßt hat, immer weiter um ſich greift, je mehr die Bekenner deſſelben verfolgt werden. Der Erbe der Revolution ſprach uͤber dieſe Dinge, wie nur der legitimſte Monarch haͤtte thun koͤnnen; er eiferte gegen den Tugendbund, indem er ver⸗ ſicherte, daß die Lehre deſſelben geeignet ſey, das ganze Gebaͤude der geſellſchaftlichen Ordnung uͤber den Hau⸗ fen zu werfen. Wegen der drohenden Stellung, die Oeſterreich zu nehmen ſchien, und wegen der Verbreitung antigalli⸗ ſcher Grundſaͤtze und Geſinnungen in Deutſchland, hielt es Buonaparte fuͤr nothwendig, ſich der Freundſchaft des ruſſiſchen Kaiſers zu verſichern. In einer ſo wichtigen Angelegenheit ſeinen Miniſtern nur wenig vertrauend, wuͤnſchte er eine perſoͤnliche Zuſammen⸗ kunft mit dem Kaiſer Alexander, wozu ſich dieſer auch willig finden ließ. Wir haben bereits bemerkt, wie eine ſolche unmittelbar von den Herrſchern ge⸗ pflogene Unterhandlung ihrer Wuͤrde nicht angemeſſen iſt und der Aufrechthaltung der Traktate keine wei⸗ tere Gewaͤhr gibt. Es iſt unziemlich fuͤr ſie, entge⸗ genzukommen, zuruͤckzutreten, zu verzichten, auf einen ſchon abgehunde'ten Gegenſtand wieder zuruͤckzukommen, auf etwas zu beharren oder ſich zu Ausfluͤchten zu be⸗ quemen— mit einem Wort dasjenige zu thun, was bei jeder Unterhandlung mehr oder weniger vorkom⸗ men muß. Zu gleicher Zeit ſind ſolche perſoͤnlich ge⸗ fuͤhrte Unterhandlungen für die Fuͤrſten ſchmeichelhaft, wenn ſie zu beweiſen ſcheinen, daß ſie ihre Miniſter entbehren koͤnnen; und in ſofern moͤgen ſie Gefallen daran finden. Buonaparte und Alexander kamen zu Erfurt am 27. September mit demſelben Anſchein von Herzlich⸗ keit zuſammen, mit dem ſie fruͤher von einander ge⸗ ſchieden waren— ihre Freundſchaft ſchien auch nicht durch einen Schatten von Verdacht getruͤbt. Die glaͤnzendſten Feſte verherrlichten ihre Zuſammenkunft, und die Theater von Paris ſandten ihre vortrefflichſten Schauſpieler, um auch ihre Abende zu beleben. Unter dieſen Genuſſen ward jedoch die Politik nicht hintangeſetzt, und Buonaparte fand ſeinen großen Bun⸗ desgenoſſen ſo gefaͤllig, als zu Tilſit. Alexander be⸗ ſtaͤtigte nicht nur die Sache mit Spanien, ſondern auch den weitern Akt, durch welchen Napoleon ſich das Koͤnigreich Hetrurien zueignete, das, zufolge des e ſten, zu Tilſtt vorgelegten Planes, dem entthronten 1 Ferdinand haͤtte angewieſen werden ſollen. Der Czaar bedung ſich dagegen ſeinerſeits aus, daß Buonaparte auf keine Weiſe Rußtend verhindern ſolle, ſich auf X 64 Koſten der Tuͤrkei zu vergroͤßern. Er verſprach auch, im Falle eines Kriegs mit Oeſterreich, als Alliirter Napoleon's aufzutreten. Dazu war er allerdings trak⸗ tatenmaͤßig verpflichtet, und er konnte ſich dieſer Ver⸗ bindlichkeit auf keine Weiſe entziehen. Die Konferen⸗ zen zu Erſurt endigten am 17ten Oktoher, wie ſie begonnen hatten, mit den glaͤnzendſten Feſten. Ein ſolches ward auch auf dem Schlachtfelde von Jena gefeiert, wo Preußen, der huͤlfloſe Bundesgenoſſe Alexanders, einen ſo ſchrecklichen Schlag erlitten hatte. Tvrotz all' dieſer Zeichen von Herzlichkeit zwiſchen den Kaiſern iſt es doch wahrſcheinlich, daß Alexander auch ohne die Erinnerungen, die dieſes Schlachtfeld wecken mußte, nicht ohne geheime Eiferſucht auf ſei⸗ nen maͤchtigen Bundesgenoſſen ſehen mochte. Er ſah ſogar bereits die Moͤglichkeit ein, daß er ſich mit demſelben entzweien koͤnnte, und wuͤnſchte daher recht ſehr, daß Oeſterreich ſeine Huͤlfsquellen nicht in einem uͤbereilten Kriege verſchleudern möge, in welchem er gegen daſſelbe wuͤrde Partei nehmen muͤſſen. Auch kehrte Napoleon nicht mit demſelben unerſchuͤtterten Vertrauen auf ſeinen kaiſerlichen Freund von Erfurt zurück. Eine Heirarh zwiſchen dem franzoͤſiſchen Kai⸗ ſer und einer der ruſſiſchen Großfuͤrſtinnen war auch wieder zur Sprache gekommen, und, angeblich wegen der Verſchiedenheit der Re ligionen, abgelchnt worden. Man hat behauptet, die⸗Kaiſerinn Mutter ſowohl, als 65 die regierende Kaiſerinn haͤtten nichts von dieſer Hei⸗ rath gewollt, und ſich dabei auf den Charakter Napo⸗ poleon's und die Unrechtmaͤßigkeit ſeiner Anſpruͤche auf die ihm gewordene Groͤße berufen. Ein ſelcher Vorſchlag konnte auch mit der groͤßtmoͤglichen Schonung und Zartheit nicht abgelehnt oder beſeitigt werden, ohne daß ſich Napoleon perſoͤnlich verletzt fuͤhlte; und da es ihm nicht entgehen konnte, daß noch etwas au⸗ deres, als der Religionsunterſchied ſeinem Wunſche im Wege ſtehe, ſo mußte er ſich noch mehr beleidigt und beſchimpft fuͤhlen. Obgleich aber zwiſchen dieſen bei⸗ den großen Herrſchern nicht mehr dieſelbe Herzlichkeit beſtand, ſo waren ſie doch durch ihr gegenſeitiges In⸗ tereſſe noch immer ſo feng verbunden, daß Napo⸗ leon auf den dermaligen Beiſtand Rußlands zaͤhlen konnte. Um dieſe Verbinduug noch weiter zu beſtaͤti⸗ gen, und ihre gegenwaͤrtige Freundſchaft der ganzen Welt recht laut zu verkuͤnden, erließen die beiden Kaiſer ein gemeinſchaftliches Schreiben an den Koͤnig von Großbrittannien, worin ſie einen allgemeinen Frie⸗ den vorſchlugen, und zwar auf die Baſis des ati possidetis, nach welchem die contrahirenden Maͤchte im Beſitze alles deſſen, was ſie im Kriege an ſich gebracht hatten, bleiben ſollten. Dieſer Vorſchlag ward, wie man vorausſehen konnte, von Großbrittan⸗ nien durch die Forderung erwiedert, daß auch die ſpa⸗ niſche Regierung und der Koͤnig von Schweden an den Friedens⸗Unterhandlungen Theil nehmen müßten. M. Scott's Werke. LII. 5 Allein das Schreiben der beiden Kaiſer that im⸗ merhin ſeine Dienſte, indem es zeigte, wie innig Frankreich und Rußland verbunden ſeyen; und im Vertrauen hierauf ſah ſich Napoleon im Stande, die gigantiſche Macht, die er bereits aufgebracht hatte, zur Unterjochung Spaniens und zur Vertreibung der „ſcheußlichen Leoparden“*), wie er die engliſchen Ban⸗ ner zu nennen beliebte, zu verwenden. Mittlerweile waren die Spanier ihrer Sache nicht untreu geworden. Sie hatten die oberſte Leitung der Angelegenheiten ihres bedraͤngten Koͤnigreichs einer oberſten oder Centraljunta uͤbertragen, die, aus Ab⸗ geordneten von allen Provinzialjunten zuſammengeſetzt, ihren Sitz in der wieder eroberten Hauptſtadt auf⸗ ſchlug, und alles, was ſie vermochte, that, um den Widerſtand gegen die eingedrungenen Fremden zu be⸗ treiben. Allein ihre Anſtrengungen wurden, ob ſie gleich weder unklug noch unzeitig waren, bedeutend durch zwei Haupturſachen geſchwaͤcht, die beide aus derſelben Auelle entſprangen. Die Eintheilung Spaniens in mehrere von einan⸗ der geſchiedene, nur wenig mit einander verbundene *) Es war eine kleinliche und kindiſche Eigenheit von Buonaparte, daß er in ſeinem Aerger uͤber die brittiſche Narion die Loͤwen auf der brittiſchen Flagge, die ſeit 5oo Jahren in dem Wappen Englands vorkommen, ſiets Leoparden nannte. Dieſer Groll gleicht demjenigen jenes armen Buͤrgers, der ſich an dem Gra⸗ ſen von Oxrford dadurch zu raͤchen glaubte, daß er den Schwan in ſeinem Wappen eine Gans nannte. 67 Provinzen und Koͤnigreiche hatte zwar, wie wir be⸗ reits bemerkt haben, dem Aufſtande keinen geringen Vorſchub geleiſtet, in ſofern jede Provinz, um das Schickſal der andern oder der Hauptſtadt unbekuͤm⸗ mert, ihre eigenen Widerſtandsmittel entwickelte; als aber der Krieg einen allgemeineren Charakter annahm, ſo fanden die Verordnungen der oberſten Junta keinen rechten Gehorſam. General Cueſta, deſſen reiner und redlicher Patriotismus durch ſeinen hochmuͤthigen, duͤnkelhaften und unbotmaͤßigen Cha⸗ rakter in Schatten geſtellt wurde, war der erſte, der das unſelige Beiſpiel des Ungehorſams gegen diejeni⸗ gen gab, die man zu Vertretern der hoͤchſten Gewalt beſtellt hatte. Er ließ zwei Mitglieder der oberſten Junka ins Gefaͤngniß werfen, weil er durch die Wah derſelben ſich in ſeinen Rechten als Generalkapitain von Caſtilien und Leon verletzt glaubte, und beging, indem er durch einen ſolchen Gewaltſtreich die Ein⸗ tracht der Patrioten ſtoͤrte, einen Fehler, den er durch ſeine Energie und aufrichtige Vaterlandsliebe in der Folge kaum wieder gut machen konnte. Zu dieſer auch noch durch andere Beiſpiele bekun⸗ deten Nichtachtung deſſen, was die oberſte Junta ver⸗ fuͤgte, kam noch ein anderer, hoͤchſt nachtheiliger und weitgreifender Irrthum, der aus derſelben Quelle floß. Jede einzelne Provinz glaubte, zufolge der hohen Mei⸗ nung, welche die Bewohner von ſich hatten, ſich ſtark genug, ihr eigenes Gebiet beſchuͤtzen zu koͤnnen, und ſah die Nothwendigkeit nicht ein, oder wollte ſie nicht einſehen, einen Theil ihrer beſondern Streitmacht zur Vertheidigung des ganzen Staatsgebietes abzugeben. Diejenigen, die ihren eigenen Herd und Altar mit dem kraͤftigſten Muthe, und oft mit Gluͤck vertheidigt hatten, hoͤrten nicht ſo willig, als es die Klugheit ge⸗ bot, auf den Ruf, der ſie an die Grenze zur Ver⸗ theidigung des ganzen Staatsgebiets aufrief. Sie hatten ſich ungluͤcklicherweiſe daran gewoͤhnt, die uner⸗ meßliche Macht, von der ſie uͤberzogen werden ſollten, zu gering anzuſchlagen, und begriffen nicht, daß zur Sicherung der entfernteren Bezirke der Krieg mit der vereinigten Macht des ganzen Koͤnigreichs gefuͤhrt wer⸗ den muͤſſe. Zu dieſer Verrechnung geſellte ſich noch ein Fehler des Nationalcharakters, uͤber den ſich Wil⸗ helm der Dritte von England, als Obergeneral einer Armee, zu der Spanien auch ein Contingent geſtellt hatte, ſchon vor einem Jahrhundert bitterlich beklagte. „Die ſpaniſchen Generale waren ſo ſtolz auf den Ruf ihrer Truppen und ihres Landes,“ ſagte dieſer erfah⸗ rene Krieger,„daß ſie nie zugeben wollten, es mangle ihnen an Mannſchaft, Munition, Geſchuͤtz und andern Kriegsbedürfniſſen, bis der Augenblick der Schlacht kam, wo es ſich dann zeigte, daß es ihnen an Allem fehle, womit ſie ausgeruͤſtet zu ſeyn vorgegeben hatten.“ Durch eben dieſes uͤbertriebene Selbſtvertrauen und die ſelbſtverſchuldete Unkenntniß der feindlichen 3 69 Streitkraͤfte ward die Sache des Vaterlandes auch wieder bedeutend geſaͤhrdet und zu Schaden gebracht. Wenn man Truppenaushebungen und andere Ruͤſtun⸗ gen beſchloſſen hatten, glaubte man nur zu oſt, das Beſchloſſene ſey eben darum auch ſchon ausgefuͤhrt; und man hielt es fuͤr unwuͤrdig und unpatriotiſch, die Eriſtenz desjenigen in Zweifel zu ziehen, was von der oberſten oder von der Provinzial⸗Junta als uner⸗ laͤßlich bezeichnet worden war. Auf dieſe Weiſe taͤuſch⸗ ten die Spanier nicht nur ſich ſelbſt, ſondern auch ihre Bundesgenoſſen, die Britten, uͤber den wahren Stand ihrer Huͤlfsquellen; die Folge davon war, daß die brittiſchen Officiere, durch ſolche Angabe getäuſcht, geneigt waren, ihren Eifer in Zweifel zu ziehen oder ihren ferneren Verſicherungen keinen Glauben zu ſchenken. Trotz dieſer unſeligen Fehler wuͤrde die zur Ver⸗ theidigung des Koͤnigreichs aufgebotene ſpaniſche Streit⸗ macht dieſem Geſchaͤft vielleicht gewachſen geweſen ſeyn, waͤren ſie von einem General befehligt worden, der ſich durch ſeine hoͤhere Energie Gehorſam zu verſchaf⸗ fen und den Krieg mit Ruͤckſicht auf Zeit und den Charakter der feindlichen Armee zu fuͤhren gewußt haͤtte. Aber ungluͤcklicher weiſe ſtand damals in Spa⸗ nien kein Robert Bruce, kein Washington auf; und die National⸗Vertheidigung wurde Maͤnnern anver⸗ traut, die von dem Kriege nur wenig verſtanden, obgleich ihr Muth und ihr Eifer keinem Zpeifel unterlagen. Doch wurden dieſe Nachtheile durch gluͤck⸗ liche Zufaͤlle einigermaßen wieder aufgewogen, und eine zeitlang ſchien die fehlende Eintracht unter den Spaniern, und die Mittelmäͤßigkeit ihrer Generale durch den Muth der letztern und die Energie ihrer Untergebenen bis auf einen gewiſſen Grad hin erſetzt zu werden. Die kriegeriſchen Bewohner von Catalonien ſind, wie die Tyroler, geborne Schutzen, und laſſen ſich un⸗ ter dem Namen Somatenes oder Miquelets als leichte Truppen gebrauchen. Sie ſtanden faſt alle unter den Waffen, und unternahmen es, von etwa 4000 Mann andaluſiſcher Truppen unterſtützt, ohne Magazine, ohne Kriegskaſſe, ohne alle militaͤriſchen Vorkehrungen, die von General Dutesme belagerte Feſtung Gerona zu entſetzen, und thaten dem Feinde uͤberhaupt ſo vielen Abbruch, daß ein engliſches Huͤlfskorps unter einem General, der ſo unterneymend und ſo erfahren ge⸗ weſen waͤre, als der Grafvon Peterborough, gleich dieſem tapfern Fuͤhrer, Barcelona und Monjouic den Fran⸗ zoſen entriſſen, und ihnen keinen Quadratfuß Landes in dieſer Gegend gelaſſen haben wuͤrde. Die hiezu noͤthigen Truppen haͤtte man aus Sicilien, wo ein betraͤchtliches engliſches Korps ſich befand, heranziehen kͤnnen; an guten und erfahrenen Officieren, die die gewoͤhnlichen Pflichten eines Generals verſehen konnten, wuͤrde es auch nicht gefehlt haben. Aber das Genie, das ſich von den pedantiſchen Vorurtheilen des 21½ Herkommens und des Handwerks losmacht, und zu beurtheilen vermag, in wie weit man ſich auf Land⸗ ſturmstruppen verlaſſen kann; das erfinderiſche Talent, das ſich zu helfen weiß, wo die gewoͤhnlichen Mittel nur in geringem Maße oder gar nicht vorhanden ſind, iſt eine ſeltene Gabe; und ungluͤcklicher Weiſe gibt es kein Mittel, die Officiere ausfindig zu machen, die damit ausgeruͤſtet ſind, wenn nicht der Zufall ſie dahin ſtellt, wo ſie ihre Faͤhigkeiten zeigen koͤnnen. Ein anderer, fuͤr die ſpaniſche Sache guͤnſtiger Umſtand war die Ruͤckkehr des Generals Romana nach Spanien, um zur Vertheidigung ſeines Vater⸗ landes mitzuwirken. Dieſer Edelmann, einer der be⸗ ſten Krieger, die Spanien damals hatte, und uͤberdieß ein ſehr patriotiſch⸗geſinnter und talent⸗ volter Mann, befehligte das ſpaniſche Auriliarcorps von 10,000 Mann, das Buonaparte dem Godoy abgedrungen und nach dem Norden geſchickt hatte, um die Vertheidigungsmittel Spaniens, auf deſſen Ueberziehung er ſann, zu ſchwaͤchen. Dieſe Truppen waren groͤßtentheils auf der Inſel Fuͤnen in der Oſt⸗ ſee gewiſſermaßen eingeſperrt, damit ſie gegen den Wigen Napoleons nichts erfuͤhren, was in Spanien vorging. Demungeachtet gelang es einem gewandten und verwegenen Agenten, einem katholiſchen Geiſtlichen von ſchottiſcher Abkunft, der ſich Robertſon nannte, und verkleidet auf die Inſel kam, zwiſchen dem ſpani⸗ ſchen General und dem brittiſchen Admiral Keates eine Korreſpondenz einzuleiten, zufolge welcher Ro⸗ mana durch kuͤhne und geſchickte Vorkehrungen den groͤßten Theil ſeiner Truppen aus ihrer bedraͤngten Lage zu ziehen und nach Spanien einzuſchiffen wußte. Es war der Plan dieſes einſichtsvollen Officiers, aus dieſem kleinen Korps von 9 bis 10,000 Mann die Einfaſſung einer regelmaͤßigen Armee durch Zerkaͤllung eines jeden Regiments in drei Bataillons zu bilden. Ob er gleich nun dieſes nicht durchſetzen konnte, ſo trug doch dieſer Kern von Veteranen nicht wenig dazu bei, den Muth und das Vertrauen der Spanier zu beleben. 2 Man hatte in Spanien drei Armeen gebildet, die gemeinſchaftlich mit einander operiren ſollten; ſie wurden auf 130,000 Mann angeſchlagen, waren aber hoͤchſtens„00,000 Mann ſtark. Das Verpflegungs⸗ weſen war bei dieſen Armeen aͤußerſt ſchlecht beſtellt, und noch vor Eroͤffnung des Feldzugs mußten ſie Mangel leiden. Drei felbſtſtaͤndige, von einander un⸗ abhaͤngige Generale(ein Uebel des Landes und der Zeit) befehligten die ſpaniſchen Armeen. Auf der weſtlichen Grenze dehnte Blake ſeine Linie von Bur⸗ gos bis Bilbao aus, und deckte dieſe Hauptſtadt von Biscaha, in deren Beſitz er ſich auch behauptete. Das Hauptquartier der Centralarmee, unter Caſtanos, war rückwaͤrts in Soria, waͤhrend die oͤſtliche Armee, un⸗ ter Palafor, ſich zwiſchen Saragoſſa und Sangueſa ausdehnte, ſo daß die beiden Fluͤgelkorps bis an die — y— 73 Grenze vorgeſchoben waren, das Centrum aber ſich ruͤckwaͤrts befand, und die ganze Stellung die Geſtalt eines Halbmonds hatte, deſſen hohle Seite dem Feinde zugekehrt war. Die franzoͤſiſchen Armeen, etwa 60,000 Mann ſtark, waren dagegen in dem noͤrdlichen Spa⸗ nien, das ſie inne hatten, vortheilhaft aufgeſtellt und durch Feſtungen gedeckt, und erwarten die Ankunft Nayoleons und der fuͤr ſie beſtimmten Verſtaͤrkungen, um die Offenſive wieder zu ergreifen. Die Mitwir⸗ kung eines brittiſchen Huͤlfskorps ward nun ein Ge⸗ genſtand von der hoͤchſten Wichtigkeit; und das Be⸗ tragen Großbrittanniens ließ allerdings erwarten, daß von ſeiner Seite etwas fuͤr die ſpaniſche Sache, der es bisher fremd geblieben war, geſchehen wuͤrde. Als die beiden Kaiſer von Frankreich und Rußland in Erfurt zuſammen kamen, beſchloßen ſie, wie bereits bemerkt worden, Großbrittannien den Frieden anzubie⸗ ten, entweder in der Hoffnung, daß dieſer unter Be⸗ dingungen zu Stande kommen wuͤrde, die ſich mit Napoleons Anſpruͤchen auf die Univerſalherrſchaft und mit den Abſichten Aleranders auf die Tuͤrkei vertruͤ⸗ gen, oder aber um ſich das Anſehen zu geben, als ſeyen ſie zum Frieden geneigt. Deßhalb ward ein Schreiben an den Koͤnig von England ausgefertigt und von den beiden Kaiſern, die darin den Wunſch eines allgemeinen Friedens bezeigten, unterzeichnet. Die brittiſche Regierung erwiederte dieſes Schreiben durch eine officielle Note, worin ſie erklaͤrte, der f Koͤnig von England ſey bereit, ſich in Friedens⸗ unterhandlungen einzulaſſen, jedoch mit Beiziehung ſeiner Alliirten, des Koͤnigs von Schweden und der gegenwaͤrtigen, im Namen Ferdinands des Siebenten handelnden Gewalthaber in Spanien. Die Zulaſſung der genannten Maͤchte wuͤrde ſich mit den Planen Frankreichs und Rußlands durchaus nicht vertragen haben. Das letztere hatte ein Auge auf Finnland, und das erſtere hielt den Frieden mit England fuͤr hoͤchſt wuͤnſchenswerth, um Zeit zu gewinnen, allen Widerſtand in Spanien zu unterdruͤcken; dieſer Friede aber nuͤtzte ihm zu nichts, wenn die Unabhaͤngigkeit Spainens durch denſelben gefordert werden ſollte. Die Unterhandlung zerſchlug ſich demnach, waͤhrend Großbrittannien den maͤnnlichen Entſchluß zeigte, mit den ſpaniſchen Patrioten gemeinſchaftliche Sache zu machen.— England handelte ſofort ſeiner Erklaͤrung gemaͤß. Man beſchloß, wie wir bereits gemeldet haben, die Armee in Portugal mit 10,000 Mann zu verſtaͤrken, und das Ganze wurde unter den Oberbefehl des General Moore geſtellt, der in der brittiſchen Armee ſehr beliebt und der einzige General war, den man, da der Sieger von Vimeira wegen ſeines geringeren Dienſt⸗ alters nicht gewaͤhlt werden konnte, fuͤr faͤhig hielt, eine ſo hochwichtige Aufgabe zu loͤſen. Aber ohgleich die engliſche Regierung den erforderlichen Grad von Energie zeigte, ſo war ſie doch noch nicht hinreichend daran gewoͤhnt, ihre Entſchluͤſſe mit Schnelligkeit aus⸗ zufuͤhren. Die Ankunft der Armee des Generals Moore wurde ſchon auf den 22ſten Auguſt von denjenigen erwartet, die von den Abſichten der Regierung am beſten unterrichtet ſeyn konnten, und doch ſetzten ſich Sir John Moore und ſeine Armee erſt zu Anfang Oktobers in Bewegung, obgleich jeder Tag, der auf dieſe Art durch Zaudern und Unentſchloſſenheit ver⸗ loren ging, fuͤr die Sache Spaniens von der hoͤchſten Bedeutung war. An dieſer Verſpaͤtung hatte der Ge⸗ neral, und ſelbſt die Regierung keine Schuld. In den verſchiedenen Departenzents des Kriegsweſens war man an Eile und Anſtrengung noch nicht recht gewoͤhnt, und diezenigen, die ſich zum erſten Mal zu einer großen und entſcheidenden Maßregel entſchloßen, hat⸗ ten noch ihre Bedenklichkeiten; ſelbſt als die Expedi⸗ tion ankam, war man noch ungewiß und unent⸗ ſchieden. Auch hatte Sir John Moore, der uͤbrigens in jeder andern Hinſicht einer der ausgezeichnetſten Kriegs⸗ maͤnner war, eine unguͤnſtige Meinung von dem Er⸗ folge des ſpaniſchen Kampfes gefaßt. Er ſah die Fehler und Unvollkommenheiten des von den Spa⸗ niern befolgten Syſtems, die allerdings hoͤchſt gefaͤhr⸗ lich ſchienen. Dieſe unabhaͤngigen Generale— dieſe unbezahlte und ſchlecht verpflegte Armee— dieſe oberſte Junta, die ſich keinen Gehorſam verſchaffen konnte— ließen in Baͤlde einen ungluͤcklichen Ausgang befuͤrch⸗ ten, beſonders wenn man dagegen die Vortrefflichkeit der franzoͤſiſchen Armee erwog, die General Moore aus Erfahrung kannte. Sonach mehr fuͤrchtend als hoffend, zugleich aber auch durch Pflicht und Neigung beſtimmt, der ſpaniſchen Sache einen Dienſt zu leiſten, glaubte er ſo operiren zu muͤſſen, daß er ſich im Nothfalle zuruͤckziehen koͤnnte, ohne einen betraͤchtlichen Verluſt zu erleiden. Zu dieſem Ende haͤtte er die brittiſche Armee gerne nach Cadir verſetzt, wo ihr der Weg nach Andaluſien offen ſtand, und im ſchlimmſten Falle ihre Wiedereinſchiffung ge⸗ ſichert war. Allein die engliſchen Miniſter hatten ei⸗ nen kuͤhneren und entſcheidonderen Operationsplan entworfen— einen Plan, der vielleicht das Schickſal Napoleons, wenigſtens in Beziehung auf Spanien, entſchieden haben wuͤrde, wenn naͤmlich die Spanier daſſelbe Geſchick wie bei Baylen, oder dieſelbe Begei⸗ ſterung wie bei der Vertheidigung von Saxagoſſa be⸗ wieſen haͤtten, oder wenn es den brittiſchen Truppen gelungen waͤre, ſich mit den ſpaniſchen Armeen zu vereinigen, noch ehe dieſe vom Kaiſer geſchlagen und uͤberwaͤltigt waren. Nach dieſem Plaue ſollten die brittiſchen Truppen nach dem Norden von Spanien, dem gegebenen Schauplatze der Operationen, zumal vorruͤcken, ſich mit Blacke und den andern ſaniſchen Armeen vereinigen, welche beſtimmt waren, die Haupt⸗ ſtadt zu decken und den erſten Angriff des Feindes auszuhalten. Es blieb dem Urtheil des Obergenerals 77 uͤberlaſſen, entweder zu Land von Portugal aus in Spanien einzuruͤcken, oder ſeine Truppen zur See nach Corunna zu ſchaffen, und dann durch Gallicien auf dem kürzeſten Wege an den Feind zu kommen. Um den Plan der Regierung auszufuͤhren, hielt es Sir John Moore fuͤr das angemeſſenſte, ſeine Streitkraͤfte zu theilen. Er ſandte 10,000 Mann unter Sir David Baird zur See nach Corunna, und beſchloß, mit dem Reſt ſeiner Armee, der etwa noch 16,000 Mann betrug, von Portugal aus nach dem Norden von Spanien zu ziehen. Das Detail der großen Kriegsoperationen war damals den engliſchen Generalen ſo wenig bekannt, daß man zum Behuf einer zweckmaͤßigen Anoroͤnung des Marſches das Land nicht etwa vorerſt durch geſchickte Offiziere er⸗ kunden ließ, ſondern ſich begnuͤgte, uͤber die Beſchaf⸗ fenheit deſſelben die Landleute zu befragen. Die un⸗ vollkommenen Notizen, die man auf dieſe Weiſe er⸗ hielt, beſtimmten den General Moore, ſeine Armee in fuͤnf Diviſtonen abzutheilen, die nach Salamanca ruͤcken und dort, oder zu Valladolid ſich mit den Truppen des Sir David Baird, der von Corunna her erwartet wurde, vereinigen ſollten. Sie traten ihren Marſch am ten November an; aber noch ehe dieſe Huͤlfstruppen im Felde erſchienen, waren die ſpaniſchen Armeen bereits geſchlagen, zerſprengt und faſt aucgerieben. Bei Napoleon ſah man kein Zaudern, kein Zei⸗ 78 chen von Unentſchloſſenheit, kein Vergeuden der koſt⸗ baren Zeit. Wie ein Komet den Himmelsraum, ſo durcheilte er die Laͤnder der Menſchen, uͤberall aufre⸗ gend und wirkend. Der Kongreß von Erfurt war am anuten Oktober zu Ende; am 5öſten deſſelben Menats eroͤffnete er in Perſon die Sitzung des ge⸗ ſetzgebenden Koͤrpers, und zwei Tage darauf war er auf dem Wege nach der ſpaniſchen Grenze, wo er alle Mit⸗ tel zum Siege in vollem Maße vorbereitet hatte; denn bei allem Vertrauen, das er in ſeinen Gluͤcksſtern ſetzte oder zu ſetzen ſchien, befolgte er doch ſtets die Marime der Klugheit, nichts dem Zufall zu uͤberlaſſen und ſeine Mittel ſtets ſeinen Zwecken anzupaſſen. Eine franzoͤſiſche Armee von 100, 000 Mann war nach und nach in der Stellung am Cbro verſammelt worden. Vittoria, die Reſidenz des eingedrungenen Koͤnigs, ſollte noch mehr geehrt werden: Buonaparte nahm dort ſein Hauptquartier, eine Woche fruͤher, als die brittiſche Armee ihren Marſch von Portugal ober Corunna aus antrat. Die Armee von Blacke, die den Franzoſen in der rechten Flanke ſtand, zu vertilgen, noch ehe ſie von den Britten unterſtuͤtzt werden konnte, war jetzt fuͤr Napoleon das wichtigſte und dringendſte Geſchäͤft. Marſchall Victor griff dieſelbe nach einigen vorlaͤufi⸗ gen Gefechten in ihrer Stellung bei Espinoſa an. Das ſpaͤt Abends eroͤffnete Gefecht wurde nach dreiſtuͤndiger Dauer abgebrochen, am folgenden Tage aber wieder fortgeſetzt, 79 wo Blacke, umgangen und gaͤnzlich geſchlagen, das Schlachtfeld raͤumte, in der Abſicht, bei Reynoſa Stand zu halten, wo ſeine Reſerven und Magazine waren.— Mittlerweile hatte Buonaparte den Spaniern auch noch auf einem andern Punkte ihrer Vertheidi⸗ gungslinie einen großen Verluſt beigebracht. Zur De⸗ ckung von Burgos und zur Unterſtuͤtzung des rechten Flügels von Blacke war eine beſondere Armee gebil⸗ det worden; Graf Belvidere, ein junger Mann voll Muth, aber ohne Erfahrung, befehligte dieſelbe. Er hatte unter ſeinem Commando einige Reſte der alten ſpaniſchen Linientruppen, walloniſche und ſpaniſche Garden, und ein Bataillon freiwilliger Studenten von Salamanca und Leon. Die Franzoſen ſiegten auch hier. Die Juͤnglinge, die der Patriotismus ins Feld gefuͤhrt, trotzten der Gefahr und ſielen in ihren Rei⸗ hea; ihr Tod verſetzte manche der angeſehenſten ſpa⸗ niſchen Familien in die tieſſte Trauer. 3 Die naͤchſte Folge der Niederlage des Grafen Belvidere war, daß Burgos genommen und der Her⸗ zog von Dalmatien in Stand geſetzt wurde, mit an⸗ dern franzoͤſiſchen Generalen gegen den ungluͤcklichen Blacke, der ſich in die Stellung von Reynoſa gefluͤch⸗ tet hatte, zu operiren. Von allen Seiten eingeſchloſ⸗ ſen, ſah der ſpaniſche General fuͤr den Reſt ſeiner Truppen kein Heil mehr, als in einem Ruͤckzuge nach Socet Andero, der in ſolcher Haſt und Unordnung ins Werk geſetzt wurde, daß man ſeine Armee als gänzlich zerruͤttet und aufgeloͤst anſehen konnte. Die⸗ ſes Ungluͤck von Blacke war um ſo mehr zu beklagen, als auch das ſchöne Corps, das Nomana aus der Inſel Fuͤnen entfernt hatte, davon betroffen wurde; unvernunftigerweiſe in einzelnen Trupps ins Feuer gefuͤhrt, fand daſſelbe einen ruhmloſen Tod in dem Felſengekluͤfte von Espinoſa. Der ganze linke Fluͤgel der ſpaniſchen Armee, der noch vor Kurzem die Strecke von Bilbao bis Burgos eingenommen hatte, und zu deſſen Unterſtuͤtzung die brittiſchen Truppen heranzogen, ward nun gaͤnzlich vernichtet, und die auf ihrem linken Fluͤgel entbloͤste Centralarmee von Caſtanos in der groͤßten Gefahr. Gerne haͤtte dieſer Veteran eine Schlacht vermieden und ſich zuruͤckgezogen, um ſeine Truppen fuͤr eine guͤnſtigere Zeit aufzuſparen; allein Palafor war mit der Armee von Arragonien, die er als ſelbſtſtaͤudiger General befehligte, zu ihm geſtoßen, und die oberſte Junta, die in dieſem Falle nach der Weiſe des fran⸗ zoͤſiſchen Convents verfuhr, hatte einen Kommiſſaͤr in ſein Lager geſandt, um darauf zu ſehen, daß er ſeine Pflicht thaͤte. Dieſer vereinigte ſich mit Palafor und andern Generalen, um Caſtanos Gruͤnde zu widerle⸗ gen, und zwangen ihn, indem ſie ihn der Feig⸗ heit und der Verraͤtherei hezüchticen⸗ eine Schlacht zu wagen. 3 Ddieſe fand am 22. November 8 Tudela Statt, 81 und fiel ganz ſo aus, wie Caſtanos befuͤrchtet hatte, Eine große Anzahl Spanier kam um; Geſchuͤtz und Bagage gingen verloren, und die Franzoſen machten zum erſten Mal viele Gefangene. Caſtanos floh mit dem Ueberreſte ſeiner geſchlagenen Armee nach Cala⸗ tayud, waͤhrend Palafox ſich wieder nach dem hel⸗ denmuͤthigen Saragoſſa zuruͤckzog, das neue Leiden er⸗ dulden, ſich mit neuem Ruhm bedecken ſollte. Der Weg nach Madrid ſtand nun dem Sieger offen, wenn nicht der Paß von Samoſierra, der zehn Mei⸗ len von der Hauptſtadt uͤber das Gebirge fuͤhrt, von einigen Truppen behauptet, oder wenn nicht die Buͤr⸗ ger ſelbſt den verzweifelten Entſchluß faßten, Wider⸗ ſtand zu leiſten. Ein Theil des Volks ſetzte ſeine Hoffnungen auf die Vertheidigung dieſes Paſſes, nicht ahnend, wie leicht man bei der neuen Kriegsart ſol⸗ che Paͤſſe entweder erſtuͤrmt oder umgeht. Aber die meiſten Buͤrger nahmen jene duͤſtere und trotzige Miene an, die bei dem Spanier den nahen Ausbruch der heftigſten Wuth verkuͤndet. Viele tauſend Bauern ſtroͤmten aus der Umgegend nach der Hauptſtadt, um, wie ſie ſagten, an der Vertheidigung derſelben Theil zu nehmen, und, ermuthigt durch das Beiſpiel von Saragoſſa, den Krieg mit dem Meſſer auszufechten. Es waren ungefaͤhr 83000 Mann Linientruppen in Madrid; Widerſtand war ohne Zweifel moͤglich und das Volk ſchien dazu entſchloſſen. Ein Beſchluß der oberſten Junta rief die Einwohner unter die Waffen, W,. Seott's Werke, LII. 6 8³ und man traf ſofort die erſten Vorkehrungen mit dem willigſten Eifer. Man riß das Pflaſter in den Stra⸗ ßen auf, um dieſe mit den Steinen zu ſperren; die Haͤuſer wurden in haltbare Poſten umgeſchaffen; Schanzen und Batterien wurden aufgeworfen; die ganze Bevoͤlkerung war Tag und Nacht damit be⸗ ſchaͤftigt. Haͤtte Palafor zu Madrid den Beſehl gefuͤhrt, ſo waͤre der Widerſtand auf jede Gefahr hin verſucht worden. Allein Don Thomas Morla, der Nachſolger von Solano zu Cadir, war jetzt Gouverneur der Hauptſtadt. Sein nunmehriges Betragen ſchien zu „zeigen, daß er, an der Sache ſeines Vaterlandes ver⸗ zweifelnd, bereits darauf dachte, ſich auf die Seite des Uſurpators zu ſchlagen, ſo daß die Buͤrger von Madrid, als ſie ſeinen Rath und amtlichen Beiſtand verlangten, weder Aufmunterungen, noch Anweiſun⸗ gen, noch Mittel zur Vertheidigung erhielten. Wir werden ſogleich ſehen, auf welche Art die edelmuͤ⸗ thigen Anſtrengungen des Volts betrogen und vereitelt wurden. Indem die Sache Spaniens ſolchergeſtalt durch eine Fluth von Ungluͤcksfaͤllen uͤberwaͤltigt wurde, kam Sir John Moore zu Salamanca, Sir David Baird zu Aſtorga an. General Moore befand ſich in einer großen Verlegenheit. Er kannte die Staͤrke und die Art der franzoͤſiſchen Armeen, und war nicht geneigt, zu viel Vertrauen in die Spanier zu ſetzen, deren 85 Weisheit, wie er behauptete, nicht die Weisheit der Schlacht und des Handelns war. Auf der andern Seite kannte er aber auch die Begeiſterung der Englaͤnder fuͤr die ſpaniſche Sache; er wußte, wie viel ſie von ihm und ſeiner Armee, der ſchoͤnſten, die England je ausgeruͤſtet hatte, erwarteten; er fuͤhlte, daß etwas beider Wuͤrdiges unternommen werden ſollte, auch die Offiziere und Soldaten wollten nicht mußig bleiben. Allein die Niederlage von Caſtanos bei Tudela ſcheint dem brittiſchen Feldherrn vollends jede Hoffnung be⸗ nommen zu haben; er beſchloß jetzt ſeinen Ruͤckzug nach Portugal anzutreten. Doch glaubte er vorerſt noch Hrn. Frere, den brittiſchen Miniſter, ſchriftlich befragen zu muͤſſen, ob er den kuͤhnen Marſch nach Madrid unter den vorliegenden Umſtaͤnden fuͤr zweckmaͤßiger halte, als den Ruͤckzug nach Portugal. Die Anſichten beider Korres⸗ pondenten waren begreiflicherweiſe verſchieden, wie ihr Temperament und ihre ganze Individualitaͤt. Herr Frere, ein Gelehrter und ein Dichter, in der littera⸗ riſchen Welt wohl hekannt, fuͤr die Sache Spaniens begeiſtert, ſah Alles im Widerſchein ſeines eigenen hochherzigen Gefuͤhls. Er rieth, wie ein Spartaner gerathen haben wuͤrde. General Moore, meinte er, folle Alles auf's Spiel ſetzen und Madrid zu Huͤlfe eilen. Der verantwortliche General ſah die Sache in einem ganz andern Lichte; als Soldat von Profeſſion konnte er von dem Widerſtande ungeregelter Truppen 8½ gegen die disciplinirte franzoͤſiſche Armee nicht viel erwarten; doch ließ er ſich ſowohl durch ſein eigenes Gefuͤhl, als durch die dringenden Vorſtellungen der ſpaniſchen Regierung zu dem Entſchluß bewegen, et⸗ was gegen den in nordweſtlicher Nichtung vorruͤcken⸗ den Theil der franzoͤſiſchen Armee zu unternehmen, und dadurch nicht nur dem General Romana, der mit unermuͤdlichem Eifer die Trummer der geſchlage⸗ nen Armee von Cueſta ſammelte, Luft zu machen, ſondern auch die Franzoſen zu verhindern, ſich zum Behuf der gaͤnzlichen Unterjochung der Halbinſel nach dem Suͤden zu wenden. General Moore wußte gar wohl, was er wagte; er ſah ein, daß er eine uͤberlegene Macht des Feindes ſich auf den Hals ziehen wuͤrde und in's Gedraͤnge kommen koͤnne; demungeachtet wies er Sir David, der ſchon auf dem Wege nach Corunna war, an, wieder nach Aſtorga umzukehren; er benachrichtigte ihn von ſeinem Vorhaben, auf jede Gefahr hin vor⸗ zuruͤcken, ſchloß aber mit den omnioͤſen Worken:„Ich gedenke vorzuruͤcken, den Zuͤgel in der Hand; denn wenn die Blaſe nlatzt und Madrid ſallt, werden wir ubel wegkommen.“ Madrid's Schickſal war bald entſchieden, aber, wie man allgemein glaubt, nicht ohne großen Ver⸗ rath von Seiten derer, welche dem Anſchein nach am eifrigſten fuͤr ſeine Vereheidigung waren. Die Paͤſſe von Guadarama und Samoſierra waren den Franzoſen 35 in die Haͤnde gefallen. Der letztere in den Augen des Volks von Madrid ein zweites Thermopplaͤ oder Ronceswalles, wurde durch einen Angriff polniſcher Lanzentraͤger genommen. Da General Moore auf dieſe ſchlimmen Nachrichten gefaßt war, ſo ließ er ſich dadurch von ſeinem Marſche auf die franzoͤſiſchen Verbindungslinien nicht abhalten. Auf dieſe Weiſe konnte er in Gemeinſchaft mit General Romana und ſeiner Armee operiren, und, wenn er von den Fran⸗ zoſen mit Uebermacht gedraͤngt wurde, ſeinen Ruͤckzug durch Galicien nach Corunna nehmen, wo die Trans⸗ portſchiffe zur Aufnahme der Truppen bereit lagen. General Moore verließ Salamanca am 1. De⸗ eember, und ruͤckte gegen Mayorga vor, wo er ſich am ꝛoſten mit Sir David Baird vereinigte. Auf dem Vor⸗ marſche nach Sahagun wurde der Muth ſeiner Trup⸗ pen durch das ſchoͤne Gefecht gehoben, in welchem das 15. Huſarenregiment, etwa fuͤnfhundert Mann ſtark, faſt zweimal ſo viel franzoͤſiſche Reiter nieder⸗ hieb oder auseinanderſprengte. Alles glaubte nun, daß es zu einem Gefechte mit Soult kommen wuͤrde, der ſeine Streitkraͤfte hinter dem Fluſſe Carion verei⸗ nigt hatte und den Angriff erwartete. Die brittiſche Armee war voll Kampfluſt, als ploͤtzlich die Nachricht einging, Soult ſey bedeutend verſtaͤrkt worden, Buo⸗ naparte komme mit 10,000 Mann von ſeiner Garde von Madrid, und die franzöſiſchen Korps, die auf dem Marſche nach dem Suͤden begriffen geweſen, 36 haͤtten Halt gemacht und ſich nach Nordweſten gewen⸗ det, um die brittiſche Armee zu umzingeln und auf⸗ zureiben. Dieß war gerade die Gefahr, die Moore ſtets beſorgt hatte, ſelbſt auf dem Marſche, durch den er ſich dieſelbe zuzog. Ein Ruͤckzug nach, wenn nicht durch Galicien, war das einzige Mittel, der Gefahr, die der brittiſchen Armee drohte, zu entgehen. Der Plan, dieſe ſtarke und gebirgige Provinz zu verthei⸗ digen, oder wenigſtens einen Ruͤckzug mit Ordnung und Beſonnenheit durch dieſelbe zu bewerkſtelligen, war ſchon ſeit mehreren Wochen ein Gegenſtand der Be⸗ achtung geweſen. Sir David Baird war mit ſeiner Diviſion auf dem Vormarſche nach Aſtorga durch dieſe Provinz gekommen; aber, ſo ſchlecht war damals der brittiſche Generalſtab beſtellt, daß man die Straßen, die durch dieſes Land ziehen, die vielen vortheilhaften Stellungen und andere Vertheidigungsmittel, die ſich darin befanden, nur wenig zu kennen ſchien. Ein anderer Fehler in unſerem Kriegsweſen zu jener Zeit war die ſchlechte Einrichtung unſeres Proviantweſens, worauf ſchon Sir Arthur Wellesley aufmerkſam ge⸗ macht, dem man aber noch immer nicht abgeholfen hatte*). ——„ *) Indem Sir Arthur Wellesley die bei der brittiſchen Armee in Portugal Angeſtellten von aller Schuld frei ſprach, ſchloß er mit der ſolgenden Vemerkung:„Die Wahrheit iſt, daß ich die Aufmerkſamkeit der Regierung auf dieſen wichtigen Theil des oͤffentlichen Dienſtes richten moͤchte, von dem man bei uns nur wenig verſteht. Der Grund hievon liegt in unſerer politiſchen MNiit etwas mehr Thäͤtigkeit und Induſtrie haͤtte man von Corunna aus Vorraͤthe von Lebensmitteln vorwaͤrts ſchaffen und mit denienigen vereinigen koͤn⸗ nen, die ſich in Galicien vorfanden; und die Trup⸗ pen, die, von einer Stellung in die andere zuruͤck⸗ weichend, aus ihren eigenen Vorraͤthen haͤtten zehren koͤnnen, wuͤrden dem Verluſte und der Schande eines Ruͤckzugs entgangen ſeyn, der, wenn man den Schre⸗ cken, den man nicht kannte, ausmmmt, in jeder Hin⸗ ſicht einer Flucht glich. Zu dieſen großen Fehlern geſellte ſich noch ein hoͤchſt beklagenswerther Nachtheil, der aus der den brittiſchen Truppen ganz eigenen Abneigung gegen ruͤck⸗ waͤrtige Bewegungen entſtand. Voll Hoffnung und Vertrauen, wenn es vorwaͤrts geht, ermangelt der engliſche Soldat jener Fuͤgſamkeit und Elaſticitaͤt des Charakters, die den Franzoſen in Stand ſetzt, auf einem Nuͤckzug ſich durch ſeine Intelligenz⸗ Diseiplin und Gewandtheit auszuzeichnen. Aufgebracht, ver⸗ druͤßlich und mißmuthig wurden die Soldaten bald Stellung, die uns keine großen militaͤriſchen Operationen ge⸗ ſtattet, bei welchen die Verpflegung der Armeen ein ſehr wich⸗ tiges und ſchwieriges Geſchaͤft iſt; die Uebel, woruͤber ich klage, ruͤhren daher, daß faſt Niemand die Methode kennt, die Mittel zur Verpflegung aufzubringen, an Ort und Stelle zu ſchaffen und zu vertheilen.“ Er bat, dieſe Vemeriung moͤchte in den offiziellen Bericht aufgenommen werden.— Siehe„Geſchichte des Krieges, auf der Halbinſel von Southey.“. Band, Seite 540. 88 unbotmaͤßig und zuͤgellos; erbittert uͤber die Spanier, durch deren Gleichguͤltigkeit ſie ſich verrathen glaubten, beginnen ſie die unverantwortlichſten Erceſſe an den Einwohnern, die ſich nicht widerſetzten. Trotz der wiederholten Befehle des Obergenerals, der die Leiden⸗ ſchaften der Soldaten bäͤndigen und beſanftigen wollte, hoͤrten dieſe ſchaͤndlichen Gewaltthaͤtigkeiten nicht auf. Doch gewaͤhrt es noch einigen Troſt, daß ſie, obgleich ſie auch die Kriegszucht hintanſetzten, doch den Muth nicht verloren. Die Franzoſen, die ſich bei Benevente zu nahe an den brittiſchen Nachtrab gewagt und ein ſtarkes Reiterkorps uͤber den Bach geſchickt hatten, wurden am 29. December geworfen und geſchlagen; und da ſie den General Lefebvre Desnouettes als Ge⸗ fangenen zuruͤcklaſſen mußten, begnuͤgten ſie ſich fort⸗ an, den Ruͤckzug der Englaͤnder zu beobachten, ohne ihn zu necken. Zu Aſtorga fand der Obergeneral am 30. Decem⸗ ber ungefaͤhr 5000 Spanier, die Reſte der galieiſchen Armee unter Romana. Dieſe Truppen waren ohne Kleidung, ohne Waffen, ohne Munition, ohne Sold— es fehlte ihnen mit Einem Worte an Allem, nur nicht an Muth und Eifer fuͤr die Sache ihres Vater⸗ landes, ſo daß ſie ein beſſeres Loos verdient haben wuͤrden. Romana ſchlug vor, hier Stellung zu nehmen; wie groß aber auch das Talent des ſpaniſchen Gene⸗ rals und der Muth ſeines Gefaͤhrten ſeyn mochte, 39 ſo waren ſeine Truppen doch nicht ſo beſchaffen, daß Sir John Moore es fuͤr raͤthlich hielt, Halt zu ma⸗ chen; er ſetzte ſeinen Ruͤckzug in der Richtung von Corunna fort. Der Mangel an Lebensmitteln noͤthigte zu Eil⸗ maͤrſchen, die wegen der Unkenntniß des Landes in militaͤriſcher Hinſicht nicht gehoͤrig entworfen werden konnten. Dieß hatte die Folge, daß viele Soldeten zuruͤckblieben und die friedlichen Einwohner pluͤnder⸗ ten und auf das Aergſte mißhandelten, was ihnen von dieſen auch wieder vergolten wurde. Das truͤbe und regneriſche Wetter— die von dem halbgeſchmolzenen Schnee geſperrten Wege— die faſt unbrauchbaren Fuhrten— vermehrten noch die Schwierigkeiten eines Ruͤckzugs, der ganz dem einer geſchlagenen Armee glich, die in ein ihr gaͤnzlich unbekanntes Land gewor⸗ fen iſt, wo jeder Fluͤchtling ſehen muß, wie er durch⸗ komme. Die Bagage der Armee und ihre Muni⸗ tion wurden im Stich gelaſſen und verdorben. Die Kranken, die Verwundeten, konnten nicht fortgebracht werden, und da ſich in dieſer Stunde der Verzweif⸗ lung viele dem Nationallaſter, der Trunkenheit, erga⸗ ben, ſo wurde die Zahl der Huͤlfloſen und Undienſt⸗ baren dadurch bedeutend vermehrt. Selbſt die Kriegs⸗ kaſſe der Armee ging verloren. Nie hat man einen ungluͤcklicheren Ruͤckzug geſehen. Ein einziger umſtand, den wir bereits erwaͤhnt haben, hielt die Truppen noch einigermaßen in Schran⸗ 9⁰ ken; ſo oft es naͤmlich hieß, daß eine Schlacht bevor⸗ ſtehe, ſchien der Muth, und ſelbſt die Disciplin der Soldaten wieder aufzuleben. Dieß war beſonders der Fall am 6. Januar, als die Franzoſen einen Angriff auf unſern Nachtrab, nahe bei Lugo, wagten. Sobald die Ausſicht auf ein Gefecht gegeben war, beeilten ſich die Nachzuͤgler, in ihre Reihen einzutreten— die Widerſpenſtigen wurden auf einmal botmaͤßig, wie auf einer Parade, und es zeigte ſich, daß der Ruf zur Schlacht, ſtatt ſolche in Unordnung gebrachte Truppen vollends auseinander zu ſcheichen, im Gegentheil das Mittel war, in der engliſchen Armee Ordnung, Zucht und Vertrauen wieder herzuſtellen. Nachdem die Franzoſen das angebotene Gefecht ausgeſchlagen hatten, ſetzte Sir John Moore ſeinen Ruͤckzug unter denſelben nachtheiligen Umſtaͤnden vol⸗ lends bis Corunna, dem urſpruͤnglichen Ziele ſeines Marſches, fort. Schon traf er Anſtalt, ſeine Trup⸗ pen einzuſchiffen, als der ſchnell aufoͤringende Soult ihm keine Wahl ließ, als zu dieſem Behuf entweder ſich zu einer Convention zu verſtehen, oder eine Schlacht zu wagen. Sir John Moore waͤhlte mit der ſeinem Charakter geziemenden Wufrde das letztere, und nahm vor der Stadt eine nicht ſehr feſte Stellung, um die Einſchiffung zu decken. Am 16. Januar griffen die Franzoſen in dichten Kolonnen und mit ihrem ge⸗ woͤhnlichen Ungeſtum an, wurden aber auf allen Punk⸗ ten mit dem groͤßten Nachdruck zuruͤckgeſchlagen. Der —— — —— 9¹ tapfere General erhielt eine toͤdtliche Wunde, als er eben den Vergſchotten vom zeſten Regiment zurief: „Denkt an Aegypten; wenn es Euch auch an Muni⸗ tion fehlt, ſo habt Ihr doch Bajonette.“ So ſtarb auf dem Felde des Sieges, der mit dem erlittenen Ungemache ausſoͤhnte, einer der tapferſten und beſten Officiere der brittiſchen Armee. Sein Leichnam ward in ſeinen Kriegsmantel, nicht in das gewoͤhnliche Sterbekleid gehuͤllt, und in einem auf den Waͤllen von Corunna ſchleunig aufgeworfenen Grabe beſtattet: und da die Armee am folgenden Tag vol⸗ lends zu Schiffe ging, ſo ließ ſie ihren verblichenen Geueral„mit ſeinem Ruhme allein zuruͤck.“ So endete mit einer Erndte von duͤrren, mit vielen Cypreſſen untermiſchten Lorbeeren der Feldzug einer ſo ſchoͤnen und tuͤchtigen, von einem ſo verſuchten Feldherrn angefuͤhrten Armee. Der Verzug, dieſelbe zur rechten Zeit auf den Kriegsſchauplatz zu bringen, war eine Haupturſache des uͤblen Ausgangs; dafuͤr kann aber der hochverdiente General oder ſein Anden⸗ ken nicht verantwortlich gemacht werden. Eine ſolche Macht bei Salamanca, ſo lange die Franzoſen noch ſchwaͤcher waren, als die Spanier, wuͤrde die wichtig⸗ ſten Reſultate herbeigefuͤhrt haben. Spaͤter, als die patriotiſchen Armeen bereits geſchlagen waren, hatte General Moore bei der Meinung, die er von den Spaniern gefaßt, durchaus keinen Grund, das Schick⸗ ſal der brittiſchen Armee, die— man darf es nicht 9² uͤberſehen— nur als Huͤlfsmacht, nicht als Haupt⸗ macht auftrat, aufs Spiel zu ſetzen; die Spanier konnten und mußten fuͤr ihre eigene Sache allerdings mehr wagen. Die unfaͤlle des Ruͤckzugs hatten, wie es ſcheint, ihren Grund in der Unkenntniß des Lan⸗ des und in der ſchlechten Einrichtung des Ver⸗ pflegungsweſens, das, ungeachtet ſeiner uͤberaus großen Wichtigkeit fuͤr die Armee, zu jener Zeit dem Ober⸗ general noch nicht ganz untergeordnet war. Wir ſind ſeinem Andenken das Zeugniß ſchuldig, daß er durch den letzten Act ſeines ehrenvollen Lebeus den Ruhm der von ihm befehligten Armee allerdings wieder her⸗ geſtellt hat. Viertes Kapi 1 e l. General Belliard beſetzt Madrid am z. December 1808.— Napoleon kehrt nach Paris zuruͤck.— Merkwuͤrdiges Geſpraͤch zu Valla⸗ dolid zwiſchen ihm und dem Abbé de Pradt.— Urſache ſeiner eiligen Ruͤckkehr.— Ueberſicht der Umſtaͤnde, die zu einem Bruche mit Oeſterreich fuͤhrten.— Geſinnungen Rußlands bet dieſer Gelegenheit.— Geheime Intriken Talleyrand's, den Frie⸗ den zu erhalten.— Unermeßliche Anſtrengungen Oeſterreichs.— Vertheilung ſeiner Armeen.— Gegenwirkungen Navoleons.— Die oͤſterreichiſche Armee ruͤckt am 9. April 1909 in Baiern ein.— Napoleon eilt ihr entgegen.— Er ſchlaͤgt die Oeſterrei⸗ cher am 20. bei Abensberg.— Am 22. bei Eckmuͤhl,— vertreint ſie am 25. aus Regensburg.— Der Erzherzog Karl zieht ſich nach Boͤhmen zuruͤck.— Napoleon ruͤckt nach Wien vor,— das nach kurzem Widerſtande am 12. Mai von den Franzoſen beſetzt wird.— Ruͤckblick auf die Kriegsereigniſſe in Polen, Italien, Norddeutſchland und Tyrol.— Unternehmungen von 9⁵ Schill,— des Herzogs von Braunſchweig⸗Oels.— Bewegungen im Tyrol.— Charakter und Sitten der Tyroler.— Rückzug des Erzherzogs Johann nach Ungarn. Von dem epiſodiſchen Feldzuge des verewigten Moore kehren wir jetzt zu den Fortſchritten Napoleons zuruͤck, dem die aufeinanderfolgenden Siege von Ra⸗ guſa, Burgos und Tudelg einen Weg nach Madrid geoffnet hatten. In dem Dorfe St. Auguſtino, wo am 1. December ſein Hauptauartier war, hatte er die Hauptſtadt im Geſicht, und konnte beinahe die Glocken hoͤ⸗ ren, deren dumpfes und fortwaͤhrendes Gelaͤute einen all⸗ gemeinen Aufſtand und den verzweiſeltſten Widerſtand verkuͤndete. Auch war der Eifer der Einwohner, waͤre er nur recht geleitet und angefeuert worden, den Um⸗ ſtanden allerdings angemeſſen. Sie ergriffen den fran⸗ zoͤſiſchen Officier, der eine Aufforderung zur Uebergabe brachte, und konnten nur mit Muͤhe verhindert wer⸗ den, ihn in Stuͤcke zu reißen. Am dritten griffen die Franzoſen den Bale⸗Retiro an, einen Pallaſt, den man wie eine Zitadelle befeſtigt hatte. Tauſend Spa⸗ nier blieben in der Vertheidigung dieſer Burg. Am 4. eroͤffnete Morla eine Kapitulation mit Napoleon. Er und Yriarte, ein anderer ſpaniſcher Edelmann, von dem man Beſſeres gehofft hatte, kamen, um ihm ihre Reue uͤber ihre unbeſonnene Unternehmung zu bezeigen. Sie ſtellten ihm zugleich vor, daß, ungeach⸗ tet die Stadt auf keine Weiſe vertheidigt werden koͤnne, der Poͤbel und die Freiwilligen dennoch dazu entſchloſſen ſeyen, und daß daher einiger Verſchub noͤ⸗ 94 thig waͤre, um ihren Eifer erkalten zu laſſen und dieſe Menſchen durch die Furcht auf andere Gedanken zu bringen. Buonaparte ließ dieſe Abgeſandten vor ſich und hielt ihnen in der kecken Sprache, deren er ſich zuweilen bedienen konnte, eine derbe Strafpredigt uͤber die ent⸗ ſetzliche Treuloſigkeit, die ſie durch die Nichtachtung der Kapitulation von Baylen, durch die meuchleriſche Ermordung ſo vieler Franzoſen, durch die Wegnahme des franzoͤſiſchen Geſchwaders zu Cadix bewieſen haͤt⸗ ten. Solche Vorwuͤrfe erlaubte ſich derſelbe Mann, der die gegen ihn ſo unterwuͤrfige, um ſeine Gunſt buhlende Koͤnigsfamilie von Spanien weggeſchnappt, die Feſtungen, wo ſeine Truppen eine gaſtliche Auf⸗ nahme gefunden, ſich zugeeignet, die Straßen der Hauptſtadt mit dem Blute ihrer Bewohner uber⸗ ſchwemmt, und es ſich endlich herausgenommen hatte, uͤber die Krone von Spanien zu verfuͤgen, nur weil er dergleichen thun koͤnne, und thun wolle. Haͤtte ein Spanier dem Herrn der Legionen antworten und mit ihm abrechnen duͤrfen, uͤber Unrecht und Unrecht, Falſchheit und Falſchheit. Blutstropfen und Bluts⸗ tropfen, wie ſchrecklich wuͤrde die Rechnung fuͤr ihn 1 ausgefallen ſeyn. Indeſſen begannen die Buͤrger von Madrid, die ſich zum Wiederſtande entſchloſſen hatten, allmaͤhlig einzuſehen, daß ſie von denen verlaſſen ſeyen, die an ihrer Spitze haͤtten ſtehen ſollen; dieß kuͤhlte ihren 95 Eifer und erfuͤllte ſie mit Furcht und Mißtrauen. Es kam endlich eine Kapitulation zu Stande, nach welcher General Belliard am 4. December Beſitz von der Stadt nahm. Die Bedingungen waren ſo guͤn⸗ ſtig, daß man ſah, Buonaparte wolle, waͤhrend er das Widerſtandsvermoͤgen des Volkes zu verachten ſchien, letzteres doch nicht auf das Aeußerſte treiben. Hierauf erließ er eine Proklamation, worin er ſeinen Wunſch, der Wiederherſteller Spaniens zu wer⸗ den, mit dem Beifuͤgen verkuͤndete, daß, falls ſeine guͤtige und heilſame Vermittlung abermals verworfen werden ſollte, er Spanien als ein eroberkes Land behandeln, und ſeinem Bruder einen andern Thron anweiſen wuͤrde.„In dieſem Fall will ich die Krone von Spa⸗ nien auf mein eigenes Haupt ſetzen, und ich werde ihr Achtung zu verſchaffen wiſſen; denn Gott,“ ſo ſchloß dieſes außerordentliche Dokument,„hat mir den Wil⸗ len gegeben, alle Schwierigkeiten zu beſiegen.“ Zwei Gegenſtaͤnde nahmen jetzt die Thaͤtigkeit Na⸗ poleons zunaͤchſt in Anſpruch. Der erſte war, die Zerſtreuung der Truppen von Caſtanos, die aus der ungluͤcklichen Schlacht von Tudela entkommen waren, ſo wie diejenigen Corps, die im Suͤden Spaniens noch unter den Waffen ſtanden. Dieß war anfangs fuͤr die Franzoſen ein leichtes Geſchaͤft, da die ſpaniſchen Soldaten in der Wuth uͤber ihre Unfaͤlle ſich wohl gar an ihren Generalen vergriffen, die hinwiederum alles Zutrauen zu ihren aufruͤhreriſchen Truppen ver⸗ „ 96 loren hatten. Napoleons erſtes Vorhaben war, noch ehe er ſeine Vortheile im Suͤden verfolgte, einen Theil ſeiner Armee uͤber Talavera nach Portugal zu ent⸗ ſenden, und durch die Beſetzung von Liſſabon der brit⸗ tiſchen Armee unter Sir John Moore den Ruͤckzug ab⸗ zuſchneiden. Das Vorruͤcken des letztern ſtoͤrte dieſen Plan, deſſen zweiter Theil demnach verſchoben ward. Napoleon glaubte noch nicht genng Truppen zu haben, um Sir John Moore zu gleicher Zeit von Vornen und von Hinten anzugreifen, und auf der andern Seite in Portugal einzudringen, und ſich Liſſabons bemaͤchtigen zu koͤnnen. Den letztern Theil des Plans verſchob man. Buonaparte ſteltte ſich, wie wir geſehen haben, ſelbſt an die Spitze ſeiner Garde, zog gegen Valladolid, und war Zeuge des Ruͤckzugs von Sir John Moore. Er hatte das Vergnuͤgen, mit eigenen Augen die Britten, die er am meiſten haßte und ge⸗ wiß nicht am wenigſten fuͤrchtete, in vollem Ruͤckzug zu ſehen, und man bemerkte, daß er kaum je ſo froh⸗ lich und munter geweſen ſey, als waͤhrend der Ver⸗ folgung, die von den franzoͤſiſchen Officieren der Wett⸗ lauf von Benevente genannt wurde. Weniger ange⸗ nehm war es dagegen fuͤr ihn, Zeuge des Gefechts zu ſeyn, in welchem die Reiterei ſeiner kaiſerlichen Garde geworfen wurde, und Geueral Lefebvre, ſein Guͤnſtling, in Gefangenſchaft gerieth. Er machte mit ſeiner Garde zu Aſtorga Halt, ließ Ney mit 18, 00 Mann zuruͤck, um das Land im Gehorſam zu erhalten, und 97— wies Soult das ehrenvolle Geſchaͤft an, die Englaͤnder zu verfolgen und ſie vollends zu vernichten. Wir haben bereits geſehen, wie weit ihm dieſes ge⸗ lungen iſt. Mittlerweile kehrte der Kaiſer ſelbſt nach Valla⸗ dolid zuruͤck, und reiste von da in der groͤßten Eile nach Frankreich ab. Sein letztes Geſchaͤft war, ſeinen Bruder Joſeph zum Generaliſſimus der franzoͤſiſchen Truppen zu ernennen; doch hat man ungeachtet die⸗ ſes Beweiſes von Zutrauen, Grund zu glauben, daß es ihn bereits gereute, einem Andern, ob es gleich ſein eigener Bruder war, eine ſo glaͤnzende Appanage angewieſen zu haben, die wahrſcheinlich ſo viel Blut und Geld koſten wuͤrde. Dieß erhellt ſchon einiger⸗ maßen aus ſeiner Proklamation an das Volk von Madrid, und er ſprach ſich deutlicher daruͤber in einer verkrauten Unterredung mit dem Abbs de Pradt aus, mit dem der Kaiſer bei ſeiner Ruͤckkehr von Be⸗ nevente zu Valladolid zuſammen traf. Sie waren allein, waͤhrend einer ſtuͤrmiſchen Nacht; und Buonaparte, der von Zeit zu Zeit das Fenſter oͤffnete, um zu ſehen, ob es moͤglich ſey, weiter zu reiſen, wandte ſich nur davon ab, um Herrn de Prade mit Fragen uͤber den Zuſtand der Hauptſtadt zu be⸗ ſtuͤrmen, die dieſer ſo eben verlaſſen hatte. Der Abbé geſtand, daß man dort nicht zufrieden ſey. Napoleon verwunderte ſich daruͤber und ſprach von den großen Wohlthaten, die er Spanien durch die Aſchelans W. Scott's Werke. LII. 98 der Zehnten, der Leibeigenſchaft und anderer Miß⸗ braͤuche der alten Regierung erwieſen habe. Der Abbé behauptete dagegen, die Spanier wuͤßten dem Kaiſer füͤr all' dieſes keinen Dank; ſie haͤtten die Uebel, von denen er ſie befreit, gar nicht gefuͤhlt; man koͤnne ſie nur mit dem Weib des Sganarelle in der Poſſe ver⸗ gleichen, die es einem Fremden uͤbel nimmt, daß er ihrem Mann, der ſie pruͤgelt, Einhalt thun will. Buonaparte lachte und fuhr in dieſen merkwuͤrdigen Worten fort:—„Ich wußte gar nicht, was an Spanien iſt. Das Land iſt ſchoͤner, als ich glaubte, und ich habe meinem Bruder ein weit beſſeres Ge⸗ ſchenk gemacht, als ich wollte. Aber ſie werden ſehen, es kann nicht fehlen, daß die Spanier bald wieder irgend einen dummen Streich begehen, der ihr Land wieder zu meiner Verſuͤgung ſtellen wird; geſchieht dieß, ſo behalte ich es fuͤr mich und mache fuͤnf große Statthalterſchaften daraus. 11. Indem der Guͤnſtling des Gluͤcks ſich an dieſen ſchwaͤrmeriſchen Planen des Ehrgeizes ergoͤtzte, ſchien auch ſeine koͤrperliche Kraft dadurch geſtaͤrkt zu werden; denn als das Wetter es ihm erlaubte, ſein Pferd zu beſteigen, ſoll er den Weg von Valladolid nach Bur⸗ gos von 35 ſpaniſchen Stunden oder 7o engliſchen Meilen ohne anzuhalten, außer um die Pferde zu wechſeln, in fuͤnf und einer halben Stunde zuruͤckgelegt haben. Die unglaubliche Schnelligkeit, mit der Napoleon 99 ſeine Ruͤckkehr nach Frankreich betrieb, ohne Ma⸗ drid noch einmal zu beſuchen oder Halt zu machen, um das Schickſal der engliſchen Armee zu erfahren, ſetzte ſeine Umgebungen in Erſtaunen. Einige ver⸗ mutheten, man habe zu Paris eine Verſchwoͤrung gegen ihn entdeckt; Andere, eine Bande Spanier haͤtte ſich verſchworen, ihn zu ermorden; noch Andere gaben wieder andere Gruͤnde an; aber es zeigte ſich bald, daß dieſe Eilee durch den nahen Bruch mit Oeſterreich veranlaßt worden ſey. Dieſer Bruch war öͤſterreichiſcherſeits offenbar durch keinen jener Gruͤnde motivirt, auf die ſich die Natio⸗ nen bei ihren Fehden zu berufen pflegen. Dieſe Macht klagte durchaus nicht, daß ſie in der neueſten Zeit von Frankreich in irgend einer Hinſicht beleidigt worden ſey. Abbé de Pradt bemerkt hiebei mit ſeiner bekannten Schlauheit, daß, wenn Nappleon eben kein gewiſſenhafter Beobachter der Vertraͤge geweſen ſev, man nicht behaupten koͤnne, daß andere Staaten ſich in dieſem Punkte tadelloſer gegen ihn benommen haͤt: ten. Buonaparte hat ſelbſt behauptet, die meiſten ſeiner Kriege ſeyen, was die unmittelbare P Veranlaſſung des Streites betrifft, von ſeiner Seite reine⸗Defen⸗ ſivkriege geweſen; und dieß iſt in einem gewiſſen Sinne des Wortes auch wahr. Dieß war aber die natuͤrliche Folge der Tendenz ſeines Regierungsſyſtems, das, ganz auf die Univerſalherrſchaft gerichtet, ihn zum gemeinſchaftlichen Feinde aller Nai vnen, zum 100 Gegenſtand ihres Angriffs machte) ſobald er mit Vor⸗ theil angegriffen werden konnte, weil er ſelbſt keine Gelegenheit verſaͤumte, der Unabhaͤngigkeit von Europa, ſo viel er konnte, Abbruch zu thun. Wegen ſeiner unangreifbaren Stellung konnte ſich Großbrittannien laut dieſer Doctrin bekennen, und je⸗ den Frieden, den Napoleon ihm anbot, ſo vortheilhaft auch deſſen Bedingungen ſeyn mochten, ablehnen, wenn nicht zugleich die Sicherheit derjenigen Staaten dadurch verbuͤrgt wurde, denen es, wenn der Krieg fortdauerte, Schutz gewaͤhren konnte. So ſchlug es den Frieden aus, nach welchem Frankreich Sieilien erhal⸗ ten ſollte; ſo hatte es in der Periode, von der hier die Rede iſt, die ihm von Erfurt aus vorſchlagenen Friedensbedingungen verworfen, weil es in Gzemäßheit derſelben die Sache Spaniens haͤtte aufgeben muüͤſſen. Das Princip des ewigen Krieges gegen Buona⸗ parte, oder vielmehr gegen ſeine fortſchreitende Herrſch⸗ ſucht, leitete und beſtimmte jeden Staat in Europa, der noch einigen Anſpruch auf Unabhaͤngigkeit machen konnte. Wegen ihrer militaͤriſchen Unfaͤlle konnten lie freilich die Flagge des Widerſtandes nicht immer wehen laſſen; aber die Abtretungen, zu denen ſie ſich nach ihren Niederlagen verſtehen mußten, ſteigerten nur ihre Erbitterung, ſie lauerten nur um ſo begie⸗ riger auf den Augenblick, wo die Wiederherſtellung ihrer Kraͤfte oder die Schwaͤche des gemeinſchaftlichen Feindes ſie in Stand ſetzen wuͤrde, den Kampf von 101 Neuem zu beginnen. Nach den Anſichten Napoleons ſollte der Friede, wie wir bereits bemerkt haben, der Macht, mit der er geſchloſſen wurde, durchaus nichts gewaͤhren, als was die Artikel deſſelben aus⸗ druͤcklich beſagten. So lange er z. B. alle Punkte des Friedens von Preßburg beobachtete, des letzten, welchen er Oeſterreich vorgeſchrieben, hatte dieſe Macht nach ſeiner Anſicht kein weiteres Recht weder zu einer Gegenvorſtellung noch Einſprache, und mußte Alles geſchehen laſſen, was der Kaiſer in Beziehung auf den allgemeinen Zuſtand von Europa zu verfuͤgen belieben mochte. Eine ſolche Auslegung war allerdings bequem fuͤr den, der, nach der Univerſalherrſchaft ſtrebend, in der Aus⸗ fuͤhrung ſeines großen Planes ſo wenig als moͤglich gehindert ſeyn wollte; ſie ſteht aber geradezu im Wi⸗ derſpruch mit derjenigen, welche die Juriſten von den Vertraͤgen geben; und waͤre dieß auch nicht der Fall, ſo kaͤmpft ſie doch gegen das Gefuͤhl der menſchlichen Natur an, durch welches die Politik der Staaten, wie die Handlungsweiſe der Individuen, beſtimmt wird. Da Buonaparte ſich unaufhoͤrlich Eingriffe in die Rechte von Europa erlaubte, ſo mußten die Staa⸗ ten, die er nicht ganz ihrer Unabhaͤngigkeit hatte be⸗ rauben koͤnnen, ohne weitere, ihr Intereſſe naͤher be⸗ ruͤhrende Veranlaſſung zu einem Kriege jede Gelegen⸗ heit erlauern, um ſeine ſchreckliche Macht zu vernich⸗ ten, oder doch zu vermindern. In dieſer Bezichung . 102². tentſtand fuͤr Oeſterreich die Frage nicht, ob der Krieg ggerecht oder zweckmaͤpig ſey, nicht, ob es befugt ſey, dem gemeinſchaftlichen Feinde der europaͤiſchen Freiheit Widerſtand zu leiſten, ſondern nur, ob es die Mittel dazu habe. Der Erfolg zeigte, daß deſtemneich die letzteren überſchätzt hatte. Die Gelegenheit, die ſich jetzt darbot, war aller⸗ dings verfuͤhreriſch. Buonaparte war in dem entfern⸗ ten Spanien mit einem hoͤchſt unpopulaͤren Kriege beſchaͤfrigt, der ihm mehr zu thun gab, als irgend einer in einer fruͤhern Periode ſeiner Geſchichte; er hatte einen ſo ernſtlichen Widerſtand gefunden, daß die Meinung von ſeiner Unuͤberwindlichkeit dadurch gerſchuͤttert wurde. Auf der andern Seite hatte Oeſter⸗ reich ſich durch organiſche Geſetze die Mittel verſchafft, ſeine ganze unermeßliche Bevoͤlkerung unter die Waf⸗ fen zu rufen; und es beging, wie es ſchien, nur den Fehler, daß es den Kampf nicht ſo lange aufſchob, bis dieſe neuen Aufgebote beſſer disciplinirt und ein⸗ geubt waren. Der Kaiſer von Rußland fuͤhlte dieß wohl, und ſah mit großer Beſorgniß das Vorhaben Deſterreichs, es mit Frankreich allein aufzunehmen; denn trotz der innigen Freundſchaft, die fuͤr jetzt zwi⸗ ſchen Alerander und Napoleon beſtand, konnte jener die Gefahr nicht verkennen, mit der Europa bedroht war, wenn es Frankreich endlich gelang, die Unab⸗ haͤngigkeit Oeſterreichs vollends zu vernichten. Dieß 103 gab Anlaß, daß zu Paris ſeltſame Intriken angeſpon⸗ nen wurden, um den Frieden zu erhalten. Talleyrand, der, vielleicht Napoleons ſowohl als Frankreichs wegen, keinen neuen Krieg auf dem Continent wollte, ſann auf Mittel, einen ſolchen zu verhindern. Er kam in den Abendzirkeln, die der Fuͤrſt von Thurn und Taris gab, taͤglich mit den Grafen Metternich und Roman⸗ zow zuſammen, um ohne Vorwiſſen Napoleons ſich mit dieſen uͤber den genannten Gegenſtand zu bera⸗ then;— ſo gewiß iſt es, daß ſelbſt der tuͤchtigſte und unumſchraͤnkteſte Herrſcher, ganz wie ein gewoͤhnlicher Fuͤrſt, von ſeinen Dienern betrogen werden konnte. Allein der Scharfſinn dieſer ausgezeichneten Staats⸗ maͤnner wußte doch kein Mittel ausfindig zu ma⸗ chen, die Intereſſen Oeſterreichs und Napoleons mit einander zu verſoͤhnen— Oeſterreich glaubte von Na⸗ poleon in der Stunde ſeiner Schwaͤche das wieder er⸗ haiten zu koͤnnen, was er ihm in der Stunde ſeiner Staͤrke abgedrungen hatte. Buonaparte wußte, daß, ſobald er einmal der Gewalt nachgab, er ſeinem mili⸗ taͤriſchen Rufe, auf dem ſeine Macht beruhte, großen Abbruch thun wuͤrde. Es laͤßt ſich mit gntem Grunde glauben, daß, wie die Sachen in Spanien ſtanden, er den Kampf gerne verſchoben haben wuͤrde; aber der Klang der Trompete war fuͤr ihn eine Auffor⸗ derung, der er folgen mußte, in welcher Verlegenheit er ſich auch gerade befinden mochte. /1⁰½ Die Anſtrengungen Oeſterreichs waren rieſenhaft, ſeine Truppen waren zahlreicher als je. Mit Ein⸗ ſchluß der Reſervearmee belief ſich ſeine Kriegsmacht auf 550,000 Mann, uͤber welche der Erzherzog Karl wieder als Generaliſſimus den Oberbefehl uͤbernahm. Man behauptet, dieſer tapfere Prinz habe den Krieg, wenigſtens die dazu gewaͤhlte Zeit, nicht gut geheißen; doch verzichtete er gerne auf ſeine eigene Meinung, um ſeine großen Talente dem Dienſte ſeines Bruders und ſeines Vaterlandes unbedingt zu weihen. Sechs Armeekorps, jedes von 30,000 Mann, ſoll⸗ ten unter dem unmittelbaren Befehl des Erzherzogs als Hauptarmee den Krieg in Deutſchland fuͤhren; ein ſiebentes Armeekorps, unter dem Erzherzog Fer⸗ dinand, wurde in Galicien aufgeſtellt, und fuͤr hin⸗ reichend gehalten, den Truppen, die Rußland, zufolge ſeiner mit Napoleon eingegangenen Verbindlichkeit, in jener Gegend verwenden moͤchte, Einhalt zu thun; zwei Diviſionen, die Erzherzog Johann befehligte, waren beſtimmt, durch die Paͤſſe von Kaͤrnthen und Krain in das noͤrdliche Italien einzudringen und dort die Feindſeligkeiten zu eroͤffnen. Dieſen furchtbaren Maſſen konnte Buonaparte nicht die gleichen entgegen ſtellen; er mußte ſeine Zuflucht zu ſeinem alten ſtrategiſchen Kunſtgriff neh⸗ men und durch ſchnelle Concentrirung ſeiner Streit⸗ 105 kraͤfte ſich den Vortheil der Uebermacht, der ihm im Ganzen genommen absging, wenigſtens auf irgend einem entſcheidenden Punkte zu verſchaffen ſuchen. Er bot die Truppeu des Rheinbundes und die des Koͤnigs von Sachſen auf. Er rief viele von den Truppen, die bereits auf dem Marſche nach Spanien begriffen waren, zuruͤck, verſchob aber, indem er dieſes that, die Unterjochung dieſes Landes, die, wie wir ſehen werden, eben darum ſpaͤter ganz aufgegeben werden mußte. In Deutſchland ſtanden bereits die Korps von Davoust und Oudinot. Dazu kamen noch die franzöſiſchen Beſatzungen in Preußen und im noͤrdlichen Deutſchland, die gleichfalls ins Feld ruͤcken mußten; und doch waren alle dieſe vereinigten Streit⸗ kraͤfte um Vieles geringer, als die des Erzherzogs Karl. G Am 9. April 1809 ging der Erzherzog uͤber den Inn; und ſo eroͤffnete Oeſterreich ſeinen Kampf mit Frankreich zum zweiten Mal durch eine Ueberziehung von Deutſchland. Man verſprach ſich dabei etwas von dem allgemeinen Mißvergnuͤgen, das unter den Deutſchen, beſonders in den Staaten des Rheinbun⸗ des, herrſchte, und von ihrem Haſſe gegen ein Syſtem, wodurch ſie bei jeder Gelegenheit zu Werkzeugen der franzoͤſiſchen Politik wurden. Der Erzherzog verſicherte in ſeinem Maniſeſt, die Sache ſeines Bruders ſey die Sache der Unabhaͤngigkeit aller Staaten, nicht der 106 individuellen Vergroͤßerung; er wandte ſich insbeſondere an diejenigen ſeiner deutſchen Mitbruͤder, die, durch die Umſtaͤnde gezwungen, ſich fuͤr jetzt noch in den Reihen des Feindes befaͤnden. Wie viel auch durch einen ſolchen Aufruf unter gewiſſen Bedingungen haͤtte bewirkt werden moͤgen, ſo blieb ſie doch ohne allen Erfolg wegen der Schnelligkeit Napoleons, durch die er das Fluͤck immer an ſich zu feſſeln wußte. Waͤhrend die oͤſterreichiſche Armee, vielen Troß mit ſich ſchleppend, nur langſam vorruͤckte, und von Zeit zu Zeit Halt machte, hatte Napoleon nicht ſobald den wirklichen Einfall in Baiern durch den Telegra⸗ phen erfahren, als er unverzuͤglich Paris verließ und nach Stuttgart eilte, ohne Garden, ohne Troß, faſt allein, nur von der treuen Joſephine bis Straßburg begleitet, wo ſie einige Zeit verweilte, um den Fort⸗ gang des Feldzugs abzuwarten, deſſen Ausgang einen ſo traurigen Einfluß auf ihr eigenes Gluͤck haben ſollte. Der Plan des Erzherzogs war, die Offenſive zu ergreifen. Seine Talente unterlagen keinem Zweifel, ſeine Armee war der franzoͤſiſchen an Zahl weit uͤber⸗ legen, und ſowohl fuͤr den Angriff, als zur Verthei⸗ digung vortheilhaft angeordnet; und doch wußte Na⸗ poleon durch eine Reihe der ſchoͤnſten und kuͤhnſten Mandvers, die in der Geſchichte eines ſo ausgezeich⸗ 107 neten Feldherrn vorkommen, die furchtbaren Maſſen, die ihm entgegenſtanden, in Zeit von fuͤnf Tagen gaͤnzlich zu ſchlagen. Napoleon fand ſeine Armee auf der langen Strecke zwiſchen Augsburg und Regensburg eben nicht vor⸗ theilhaft aufgeſtellt; ihre beiden Fluͤgel waren, angeb⸗ lich durch ein Verſehen von Berthier, durch eine gefaͤhr⸗ liche Luͤcke in der Mitte vereinzelt und in Gefahr, durch den eindringenden Feind voͤllig von einander getrennt und in der Flanke genommen zu werden. Napoleon, die moͤgli⸗ chen, hoͤchſt verderblichen Folgen einer ſolchen, dem Feinde gegebenen Bloͤße ſogleich durchſchauend, entſchloß ſich ſofort zu dem gewagten Verſuche, ſeine Armee durch einen von beiden Fluͤgeln zugleich auszufuͤhrenden Flanken⸗ marſch zuſammenzuziehen. Zu dieſem Ende behab er ſich in die Mitte, als den am meiſten bedrohten Punkt, und befahl dem Marſchall Maſſena, eine Seiten⸗ bewegung von Augsburg nach Pfaffenhofen zu machen; dem Marſchall Dav⸗ust, durch eine aͤhnliche Bewegung von Regensburg nach Neuſtadt ſich dem Centrum zu naͤhern. Dieß konnke nur durch Gewaltmaͤrſche ge⸗ ſchehen, da Davoust acht, Maſſena zwoͤlf bis dreizehn Meilen zuruͤcklegen mußte. Der Befehl zu dieſer kuͤhnen Operation ward an Maſſena in der Nacht vom 17. ausgefertigt; er ſchloß mit einer ernſtlichen An⸗ empfehlung ſchleuuiger und verſtaͤndiger Ausfuͤhrung. Buonaparte ſtellte ſich hierauf an die Spitze ſeiner 108 im Centrum befindlichen Truppen und fiel plötzlich uͤber die beiden oͤſterreichiſchen Diviſionen des Erz⸗ herzogs Ludwig und des Generals Hiller mit dem großten Ungeſtuͤm her. Dieß war ſo gut berechnet, daß die Erſcheinung von Davoust auf dem linken Flü⸗ gel die öͤſterreichiſchen Armeekorps, durch welche die angegriffenen Diviſionen haͤtten unterſtuͤtzt werden koͤnnen, im Schach hielt, waͤhrend die noch furcht⸗ bareren Operationen von Maſſena im Ruͤcken des Erzherzogs Ludwig die Niederlage des Feindes vol⸗ lendeten. Durch dieſen am 20. April zu Abensberg erfochtenen Sieg wurden die Oeſterreicher in ihrem Centrum durchbrochen und weitern Unfaͤllen ausgeſetzt. Der Kaiſer griff die Fluͤchtlinge den naͤchſten Tag zu Landshut an, wo die Oeſterreicher 50 Kanonen, 9000 Gefangene, und viel Ariegsporräthe und Gepaͤcke ver⸗ loren. Nach dieſer gluͤcklichen Eroͤffnung des Feldzugs fuͤhrte Buonaparte am 22. April ſeine ganze, in ver⸗ ſchiedene Korps abgetheilte, Streitmacht auf verſchie⸗ denen Straßen gegen die öͤſterreichiſche Hauptarmee, die Erzherzog Karl waͤhrend dieſer Unfaͤlle bei Eckmuͤhl concentrirt hatte. Dieſe Schlacht ſoll eine der glaͤn⸗ zendſten geweſen ſeyn, welche die Kriegskunſt aufwei⸗ ſen konnte. Mehr als 100,000 Mann wurden durch den wohlberechneten Angriff ihres kriegsverſtaͤndigen Gegners aus allen ihren Stellungen vertrieben; alle 8— 109 Diviſionen erſchienen jede an ihrem Orte und mit ſo vieler Ordnung, wie die Steine auf dem Schachbrett. Alle verwundeten Oeſterreicher, ein großer Theil ihres Geſchuͤtzes, 15 Fahnen und 20,000 Gefangene fielen den Franzoſen in die Haͤnde. Auf dem Ruͤckzuge ward noch Vieles verloren, und Oeſterreich, in der Hoff⸗ nung, ſeinen Einfluß in Deutſchland wieder zu ge⸗ winnen, abermals betrogen, kam wieder in den Fal, fur ſeine Exiſtenz unter den Nationen fechten zu muͤſſen. Am folgenden Tage verſuchten es die Oſterreicher, durch die Vertheidigung von Regensburg ihren Ruͤck⸗ zug zu decken. Eine Breſche war in den alten Ring⸗ mauern bald zu Stande gebracht; aber das Muske⸗ tenfeuer der Vertheidiger hielt die ſtuͤrmenden Fran⸗ zoſen einige Zeit auf. Es wollten ſich zuletzt keine Freiwilligen mehr finden laſſen, um den Angriff zu erneuern; da ergriff der feurige Lannes, der ſie be⸗ fehligte, eine Leiter, und rannte vor, um dieſelbe an die Mauer zu legen.„Ihr ſollt ſehen,“ rief er, „daß Euer General noch Grenadier iſt.“ Dieß wirkte. Die Mauer ward erſtiegen, und das Gefecht in den Straßen der Stadt, die bald im Feuer ſtand, fortge⸗ ſetzt ober erneuert. Ein franzoͤſiſches Regiment, das den Oeſterreichern, die noch an dem einen Ende einer brennenden Straße Stand hielten, zu Leibe gehen wollte, ſah ſich durch einen Zug feindlicher Ruͤſtwagen 110 aufgehalten.„Es ſind Pulverwagen!“ rief der oͤſter⸗ reichiſchee Anführer den Franzoſen zu;„wenn die Flammen ſie erreichen, ſo ſind beide Theile verloren.“ Der Kampf hoͤrte auf, und beide Theile vereinigten ſich, ein Ungluͤck abzuwenden, welches fuͤr beide ver⸗ derblich haͤtte ſeyn muͤſſen, und retteten endlich die Munition aus den Flammen. Endlich wurden die Oeſterreicher aus Regensburg vertrieben, wobei ſie noch viele Kanonen, Gepaͤcke und Gefangene im Stich ließen. 3 Waͤhrend dieſes letzten Handgemenges wurde Buonaparte, der, mit ſeinem Adindanten Duroc ſprechend, dem Geſechte in einiger Entfernung zuſah, durch eine matte Flintenkugel an den Fuß getroffen, die eine ſtarke Contuſion verurſachte.„Das muß ein Tyroler geweſen ſeyn,“ ſagte der Kaiſer ganz kalt⸗ blütig,„der mich in ſolcher Entfernung auf's Korn genommen hat. Dieſe Burſche ſind treffliche Schuͤ⸗ tzen.“ Seine Umgebungen machten ihm Vorſtellun⸗ gen daruͤber, daß er ſeine Perſon ſo ausſetze.„Je nun,“ erwiederte er,„was ſoll ich thun; ich muß doch ſehen, was vorgeht.“ Auf die Nachricht⸗ daß er verwundet ſey, draͤngten ſich ſeine Soldaten um ihn herum; aber er wollte es kaum zugeben, daß man ihn verband, ſo eifrig war er, ſich zu Pferde zu ſeßzen und der Unruhe ſeiner Armee ein Ende 111 zu machen, indem er ſich oͤffentlich den Truppen zeigte. So wurde in fuͤnf Tagen— in demſelben Zeit⸗ raum und in demſelben Monate, die Buonaparte beſtimmt hatte, um die Angelegenheiten Deutſchlands in Ordnung zu bringen— die ganze Geſtalt des Krieges veraͤndert; und Oeſterreich, das denſelben in der ſtolzen Hoffnung, ſeinen ehemahligen Einfluß in Europa wieder zu gewinnen, begonnen hatte, war dahin gebracht, den Kampf zur Friſtung ſeines Da⸗ ſeyns unter den unguͤnſtigſten Verhaͤltniſſen fortſetzen zu muͤſſen. In keiner Periode ſeines wundervollen Wirkens ſchien das Genie Napoleons allen Wider⸗ ſtand ſo ganz zu zertruͤmmern; nie uͤbten die Ta⸗ lente eines einzelnen Mannes einen ſo maͤchtigen Ein⸗ fluß auf das Schickſal der Welt. Die Streitkraͤfte, uͤber die er verfuͤgen konnte, waren nicht nur ſchwaͤ⸗ cher als die ſeindlichen, ſondern auch in militaͤriſcher Hinſicht ſchlecht geſtellt und ſchlecht befehligt. Unter ſo unguͤnſtigen Verhaͤltniſſen erſchien Napoleon allein, einzig von ſeinem Genie berathen, und doch wußte er in Zeit von fuͤnf Tagen vollſtaͤndig in einem Kampfe zu ſiegen, der hoͤchſt bedenklich ausſah. Es war kein Wunder, wenn der große Haufe, wenn er ſelbſt auf den Gedanken kam, es wohne ihm eine Zauberkraft bei, wie jenen auserwaͤhlten Werkzeugen des Schick⸗ 8 11²2 ſals, denen man nicht in den Weg treten darf, nicht widerſtehen kann.. Waͤhrend die Truͤmmer der Armee des Erzher⸗ zogs Karl in vollem Ruͤckzuge nach Boͤhmen begriffen waren, benuͤtzte Napoleon den 25. und 24. April, um ſeine Truppen zu muſtern und mit freigebiger Hand Chrenzeichen und Belohnungen unter ſie zu vertheilen. In dieſer Sphaͤre zeigte er ſich am vor⸗ theilhafteſten; denn, obgleich fuͤr einen Herrſcher zu ſehr Soldat, ſo war doch Niemand mehr Herrſcher unter den Soldaten als er. Bei dieſer Gelegenheit war es, daß er einen Soldaten, indem er ihn mit einer vertranlichen Geberde zum Ritter ſchlug, um ſeinen Namen befragte. „Sie ſollten mich kennen,“ erwiederte der Sol⸗ dat;„ich bin der Mann, der ſie in der ſyriſchen „Wuͤſte, als Sie duͤrſteten, aus ſeiner Flaſche gelabt hat.“ Napoleon erinnerte ſich ſogleich des Mannes und des Umſtandes wieder und ſagte:„Ich mache Dich zum Ritter und ſetze Dir einen jaͤhrlichen Gehalt von 1200 Franken aus— was willſt du Du mit ſo viel Geld anfangen?“„Mit melnen Kameraden auf die Geſundheit deſſen trinken, der uns ſo noͤthig iſt.“ 115 Auch die Generale hatten ſich der Huld des Kai⸗ ſers zu erfreuen, beſonders Davoust, der durch die glaͤnzende Ausfuͤhrung der ihm von Napoleon befohle⸗ nen Mandoͤvers den Sieg zunaͤchſt entſchieden hatte. Er wurde zum Fuͤrſten von Eckmuͤhl ernannt. Es war eine Maxime Napoleons, die Namen der Sieges⸗ felder mit den Namen derjenigen, die zu dem Siege am meiſten beigetragen hatten, in Verbindung zu ſetzen, und ſo das Andenken ihrer Verdienſte mit ſei⸗ ner eigenen dankbaren Anerkennung derſelben zu ver⸗ maͤhlen. So war der Titel eines jeden erhobenen Marſchalls ein neuer Antrieb fuͤr Officiere, die nach Auszeichnung ſtrebten. Nach der ungluͤcklichen Schlacht von Eckmuͤhl zog ſich der Erzherzog Karl, wie wir geſehen haben, nach Boͤhmen zuruͤck, in ein Gebirgsland, deſſen Engpaͤſſe ſich leicht vertheidigen laſſen und wo er ſeine zerruͤt⸗ tete Armee wieder herſtellen, Verſtaͤrkungen aller Art an ſich ziehen und ſich lange vertheidigen konnte, falls ihn Napoleon in dieſer Richtung verſolgen ſollte. Aber durch die Siege in dieſen fuͤnf denkwuͤrdigen Tagen hatte ſich der franzoͤſiſche Kaiſer des rechten Donauufers und der Straße verſichert, die auf eben dieſem Ufer nach Wien fuͤhrt. Getreu ſeinem Grund⸗ ſatze, ſeinen Geguer ins Herz zu treffen, beſchloß Na⸗ poleon nach der Hauptſtadt von Oeſterreich zu mar⸗ ſchiren, ſtatt dem Erzherzog nach Söhnen zu folgen. W. Scott's Werke. LII⸗ 114 Durch das letztere konnte der Krieg leicht in die Laͤnge gezogen werden, was Napoleon ſtets zu vermeiden ſuchte, auch wuͤrde Rußland, das den immer ſteigen⸗ den Einfluß Frankreichs nicht ohne Beſorgniß ſah, und das jetzt ſchon nur ungern die Rolle eines Alliirten Napoleons ſpielte, in einem ſolchen Falle ſeine Ver⸗ mittlung augeboten und nüthigenſans auch aufgedrun⸗ gen haben. Auf der andern Seite war es dem oͤſterreichiſchen General Hiller nach ſeiner Niederlage bei Landshut, wodurch er außer Verbindung mit dem Erzherzog kam, gelungen, ſich mit einer bedeutenden Reſerve zu vereinigen; und er verrieth jetzt die Abſicht, die Straße nach der Hauptſtadt vertheidigen zu wollen. Buona⸗ parte hatte demnach einen nicht unbedeutenden Feind vor ſich, waͤhrend Erzherzog Karl in ſeinem Ruͤcken operiren konnte, und die Tyroler, die ſich erhoben hatten, die Franzoſen und die Baiern nicht nur aus ihren Bergen zu vertreiben, ſondern ſelbſt nach Baiern vorzudringen drohten. Dazu kumen noch die Symptome eines Aufſtandes in ganz Deutſchland, der, wenn ſich das Kriegsgluͤck gegen die Franzoſen erklaͤrte, beſonders in Norddeutſchland, nothwendig ausbrechen mußte. Dieſe Gefahren, die jeden, weniger entſchloſſenen Mann ab⸗ geſchreckt haben wuͤrden, beſtaͤrkten Napoleon in ſei⸗ nem Entſchluſſe, an der Donau hinabzuziehen, ſich der oͤſterreichiſchen Hauptſtadt zum zweiten Mal zu be⸗ ——ÿ— 115 maͤchtigen und dadurch Oeſterreich zum Frieden zu zwingen. Man ſchritt ſogleich zur Ausfuͤhrung. General Hiller, zu ſchwach, die Vertheidigung des Inns zu verſuchen, zog ſich nach Ebersberg zuruͤck. Dieſes kleine Staͤdtchen, zu dem ein feſtes Schloß gehoͤrt, liegt an der Traun auf dem rechten, von der Natur ſteil geboͤſchten Ufer dieſes Fluſſes, der faſt keine Fuhrten hat, und uͤber den bei Ebersberg eine Bruͤcke fuͤhrt. Lieſe war der einzige Zugang zu der furcht⸗ baren, in der Fronte faſt unangreifbaren Stellung, die Hiller mit 30,000 Mann und vielem Geſchuͤtz be⸗ ſetzt hatte. Er glaubte in dieſer feſten Vertheidigungs⸗ linie ſeine Wiedervereinigung mit dem Erzherzog Karl bewerkſteligen, und dann gemeinſchaftlich mit dieſem Prinzen die Straße nach Wien vertheidigen zu koͤnnen. Am 3. Mai wurde die Stellung von Ebersberg von Maſſena angegriffen, und nach einer verzweifelten Gegenwehr erſtuͤrmt, wobei die Sieger wohl eben ſo viel Leute verloren, als die Beſtegten. Die Verwe⸗ genheit dieſes Angriffs iſt von einigen militaͤriſchen Kunſtrichtern getadelt worden; dieſe behaupten, daß, wenn Maſſena ſich auf einen Scheinangriff beſchraͤnkt haͤtte, der oͤſterreichiſche General eben ſo gewiß und viel wohlfeilern Kaufs aus ſeiner Stellung vertrieben worden waͤre, und zwar durch ein Flankenmanoͤver 8 116 des Generals Lannes, der zu dieſem Zwecke bei Wels uͤber die Traun gegangen war. Allein Maſſena, ent⸗ weder von ſeiner Hitze hingeriſſen, oder aus unde⸗ dingtem Gehorſam gegen die Befehle des Kaiſers, oder auch aus Furcht, Lannes moͤchte zu ſpaͤt kommen, zu einer Zeit, wo jeder Augenblick im Preiſe ſtieg, weil in jedem Augenblick eine Vereinigung zwiſchen dem Erzherzog und dem General Hiller zu Stande kommen koͤnnte— verſuchte das verzweifelte Wage⸗ ſtück, den öſterreichiſchen General mit Gewalt aus ſeiner Stellung zu werfen, und dieſes Wa ſuͤck ge⸗ lang ihm auch. General Hiller zog ſich nach St. Poͤlten zuruͤck, ging dann auf der Bruͤcke von Mautern, die er hinter ſich abtragen ließ, uͤber die Donau, um ſich mit dem Erzherzog Karl zu vereinigen, ſo daß jetzt die Straße nach Wien auf dem rechten Donauufer den Franzoſen offen ſtand. Napoleon beſchleunigte ſeinen Vormarſch, um wo moͤglich dem Erzherzog den Vorſprung nach Wien abzugewinnen; doch uͤbereilte er ſich dabei nicht, und ergriff die noͤthigen Maaßregeln, um ſeine Opera⸗ tionslinie ſicher zu ſtellen. Die eigentliche Stadt Wien iſt mit den alten Feſtungswerken umgeben, die im Jahre 1685 die Be⸗ lagerung der Tuͤrken aushielten. Ein aͤußerer Wall, der nicht ſo ſeſt iſt, aber doch von einer großen A * 11 7 1 Armee, als eine treffliche Feldverſchanzung vertheidigt werden kann, umgibt die weitlaͤufigen Vorſtaͤdte. Wäre es dem Erzherzog gelungen, ſich mit ſeiner Armee nach Wien zu werfen, ehe Buonaparte unter deſſen Mauern ankam, ſo wuͤrde wahrſcheinlich eine furchtbare Vertheidigung Statt gefunden haben. Die Buͤrger waren ſehr patriotiſch geſinnt. Sie feuerten von den Waͤllen auf die franzoͤſiſchen Vortruppen und verwarfen jeden Vorſchlag zur Uebergabe. Der Erzherzog Marimilian war Gouverneur der Feſtung, in der ſich zehn Bataillons Linientruppen und eben ſoviel Landwehrbataillons befanden. Ein Hagel von Haubitzgranaden machte die Be⸗ wohner zuerſt auf die Gefahren aufmerkſam, die ih⸗ nen im Falle eines Widerſtandes bevorſtanden. Der Palaſt des Kaiſers von Oeſterreich lag gerade in dem Strich der franzoͤſiſchen Batterien. Der Kaiſer ſelbſt war mit dem groͤßten Theil ſeiner Familie nach Ofen in Ungarn abgereist; nur ein Mitglied dieſer Familie, die junge Erzherzoginn Marie Louiſe, die bald darauf Kaiſerinn von Frankreich werden ſollte, war wegen Un⸗ paͤßlichkeit zuruͤckgeblieben. Als man Buonaparte dar⸗ auf aufmerkſam machte, ließ er dieſen furchtbaren Ge⸗ ſchoßen eine andere Richtung geben. Das Vorhaben, die Hauptſtadt zu vertheidigen, ward bald aufgegeben. Der Erzherzog Marimilian raͤumte mit ſeinen Linien⸗ 118 truppen die Stadt; und am ꝛ2ten unterzeichnete der General O'Reilly, der einige Landwehrbataillons be⸗ fehligte, die Kapitulation mit den Franzoſen. Napoleon zog nicht ſelbſt in Wien ein; er nahm ſein Hauptquartier zu Schoͤnbrunn, einem Palaſte des Kaiſers, in der Naͤhe der Hauptſtadt. Erzherzog Karl, der den Fall von Wien nicht hatte verhindern koͤnnen, kam mittlerweile heran, um den⸗ ſelben zu raͤchen. Auf ſeinem Marſche durch Boͤhmen hatte er ſeine Armee betraͤchtlich verſtaͤrkt, und die Vorfaͤlle im noͤrdlichen Deutſchland und im Tyrol wurden den Franzoſen ſo nachtheilig, daß die erbitter⸗ ten Vaſallen des Eroberers nur durch die Schlacht von Eck⸗ muͤhl in die Unterwuͤrfigkeit zuruͤckgeſchreckt werden konnten. Ehe wir aber den Gang der merkwuͤrdigen Kriegsereigniſſe an der Donau darſtellen, muͤſſen wir den Leſer erſuchen, einen Blick auf den Krieg zu wer⸗ fen, der in Polen, in Italien, im noͤrdlichen Deutſch⸗ land und im Tyrol gefuͤhrt wurde; denn kein geringer Theil der civiliſirten Welt war in jener ereignißvollen Periode der Schauplatz der Feindſeligkeiten. In Polen hatte der Erzherzog Ferdinand das Großherzogthum Warſchau, das fruͤher zu Preußen gehoͤrte, uͤberzogen und ſich in den Beſitz von War⸗ ſchau geſetzt; von da war er ſo raſch gegen Norden — 119 geruͤckt, daß, waͤhrend Fuͤrſt Poniatowsky nur mit vieler Muͤhe eine kleine Defenſivarmee zwiſchen der Narew und der Weichſel zuſammenbringen konnte, der Erzherzog ſchon vor Thorn erſchien, und in der Lage war, Preußen unter die Waffen zu rufen. Man wuͤrde dieſem Aufrufe gewiß gerne Folge geleiſtet haben, haͤtte der Erzherzog Karl zu Anfang des Feld⸗ zugs auch nur einige Vortheile erhalten. Allein da die Franzoſen die wichtigſten preußiſchen Feſtungen im Beſitz hatten, ſo konnte Preußen nicht wohl eher den Schild erheben, als bis ſich Oeſterreich ein entſchiede⸗ nes Uebergewicht verſchafft hatte, was dieſem aber dießmal nicht gelingen ſollte, Aber die Entruͤſtung uͤber das Joch der Fremden war bereits tief in die Bruſt der Preußen eingedrun⸗ gen. Die Lehren des Tugendbundes hatten in den hoͤhern und mittlern Volksklaſſen allgemeinen Eingang gefunden— das gemeine Volk zog nur ſeinen Muth und ſeinen Patriotismus zu Nathe. Die Freiheit von Europa— Unabhaͤngigkeit Deutſchlands— die Befreiung Preußens von fremder Knechtſchaft— der Wunſch, alles das, was dem Menſchen theuer und werth iſt, zu ſichern, bewogen den preußiſchen Hu⸗ ſarenmajor Schill, auch ohne Befehle ſeines Koͤ⸗ nigs, zur Entjochung ſeines Vaterlandes Alles zu wagen. 120 In dem fruͤhern ungluͤcklichen Kriege hatte Schill, wie Bluͤcher, den groͤßten Eifer fuͤr die Sache des Vakerlandes bewieſen, und ſich zu einer Zeit, wo Muth und Standhaftigkeit etwas Seltenes waren, als Parteigaͤnger ruͤhmlichſt ausgezeichnet. In dem vorliegenden Falle glich ſein kuͤhner Verſuch einer himmelwaͤrts fliegenden Rakete, die, wenn ſie auf ein Magazin herabfaͤllt, die ſchrecklichſten Verwuͤſtungen anrichten kann, wenn ſie aber in hoher Luft zer platzt, nur eine fluͤchtige und glaͤnzende Erſcheinung iſt. Schill ſollte auf die letztere Weiſe enden; aber ſein Name muß in die Liſte jener Helden eingetragen wer⸗ den, die ihr Leben zur Rettung ihres bedraͤngten Vaterlandes hingeopfert haben, deren Muth manch⸗ mal wieder fuͤr Andere der ſtaͤrkſte Antrieb wird, das Heldenſtuͤck, das ihnen zu vollbringen nicht vergoͤnnt war, wieder zu wagen. Das Beginnen dieſes kuͤhnen Soldaten war mit einem Plane eines allgemeinen Aufſtandes verbunden, der aber zu fruͤhe entdeckt wurde. Oberſt Doͤrnberg, ein Officier von der weſtphaͤliſchen Garde, hatte als Mitverſchworner ſich anheiſchig gemacht, ſich der Per⸗ ſon des Hieronymus Buonaparte zu bemaͤchtigen. Sein Vorhaben ward entdeckt; und unter ſeinen Pa⸗ pieren fanden ſich einige, welche Schill in dieſe auf⸗ ruͤhreriſchen Plane verwickelt zeigten; Hieronymus be⸗ ſchwerte ſich daruͤber bei dem Koͤnig von Preußen, 1²¹ der es nicht abſchlagen konnte, den angeklagten Officier auszuliefern. Schill, der jetzt die Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens beſchleunigen mußte, ſtellte ſich ſofort an die Spitze ſeines Regiments, das von ſeinem Geiſte beſeelt war, und zog aus Berlin, um die Unabhaͤngis⸗ keit ſeines Vaterlandes auszurufen. In ſeinen mili⸗ tariſchen Bewegungen zeigte er ſich eben ſo behend als gewandt, und brachte bald eine kleine Armee von 5000 oder 6000 Mann zuſammen, mit der er ſich einiger Staͤdte und der kleinen Feſtung Domitz be⸗ maͤchtigte. Katt, ein anderer Inſurgent, ſtellte ſich zu Caſſel an die Spitze eines Aufſtandes, und ein noch furcht⸗ barerer Chef, durch ſeine Geburt, ſeine Tapferkeit und ſein Ungluͤck gleich ſehr ausgezeichnet, erſchien auch im Felde. Dieſer Chef war der Herzog von Braunſchweig⸗ Oels, ein Sohn deſſen, der zu Jena toͤhtlich verwun⸗ det wurde. Dem jungen Fuͤrſten ſchwebte noch immer ſein Vater vor Augen, dem Napoleons Feindſchaft nicht einmal eine Stunde Zeit goͤnnen wollte, um in ſeinem Palaſte zu ſterben. Der Ausbruch des Krie⸗ ges zwiſchen Frankreich und Oeſterreich ſchien ihm den Weg zur Rache bahnen zu wollen. Der Herzog machte ſich verbindlich, ein Truppenkorps fuͤr Oeſter⸗ reich zu ſtellen, und erhielt die dazu noͤthigen Geld⸗ 1 22 mittel von England. Sein Name, ſein Ungluͤck, ſein Charakter, ſein Vorhaben, verſchafften dieſem Korps großen Zulauf. Die ganze Phyſiognomie dieſes Korps ſollte tiefe Trauer und das Beduͤrfniß der Rache aus⸗ druͤcken. Es war ſchwarz gekleidet, zur Erinnerung an des Vaters Tod; die Luͤtzen oder Schnuͤre auf den Kollern der Reiter nahmen ſich aus, wie die Rippen⸗ beine an einem Skelett, auf den Helmen und den Muͤtzen war vorne ein Todtenkopf angebracht. Der brave junge Krieger trat zu ſpaͤt auf. Haͤtte er ſeine Truppen mit denen von Schill, Doͤrnberg, Katt und den andern Inſurgenten vereinigen koͤnnen, ſo moͤchte es ihm wohl gelungen ſeyn, einen allgemei⸗ nen Aufſtand im Norden zu bewirken; aber der Sieg von Eckmuͤhl und die Einnahme Wiens hatten bereits den in Deutſchland erwachenden Geiſt gezuͤgelt, und die folgenden Unfaͤlle trugen dazu bei, wenigſtens auf einige Zeit die Luſt zum allgemeinen Widerſtande zu unterdruͤcken, der ſich ſonſt gewiß gezeigt haben wuͤrde. Erſt in der Mitte des Maimonats ruͤckte der Herzog von Braunſchweig aus Boͤhmen in die Lauſitz, und zu jener Zeit wurden die aufgeſtandenen Koxps, das von Schill mit eingeſchloſſen, als vereinzelte Banden von den Anhaͤngern Frankreichs, denen die Siege Na⸗ poleons neuen Muth gegeben hatten, umringt oder verfolgt. 129 General Thielmann zog mit einem ſͤchſiſchen Truppenkorps dem Herzog entgegen, und verſperrte ihm den Weg nach dem mittlern Deutſchland, wo ſeine Erſcheinung große Bewegungen verurſacht haben wuͤrde. Obgleich die Plane der Inſurgenten ſolcherge⸗ ſtalt vereitelt wurden, ſo blieben ſie noch immer unter den Waffen und waren wegen Ler Stimmung der Nation immer noch furchtbar. Waͤhrend der Inſurrektionsgeiſt, der die Deutſchen beſeelte, in einigen Gegenden wie ein unterirdiſches Feuer glim mte, in andern hin und wieder ausbrach, ſtand ganz Tyrol in Flammen. Dieſes wilde Gebirgsland, eines der aͤlteſten Erblaͤnder Oeſterreichs, war durch den Vertrag von Preßburg von dem Gebiere dieſer Monarchie abgeloͤst und zu dem neuen Koͤnigreich Baiern geſchlagen worden, ohne daß man bei dieſer Veraͤnderung auf den Willen der Einwohner die ge⸗ ringſte Ruͤckſicht genommen haͤtte. Von der oͤſterrei⸗ chiſchen Regierung ſtets mit vieler Milde und mit Beachtung der Sitten ihres Landes behandelt, hatten die Tyroler dieſelbe liebgewonnen und konnten nicht begreifen, wie man ihre kindliche Anhaͤnglichkeit an dieſelbe auf einen fremden Herrn, fuͤr den ſie nicht fuͤhlten, ohne ihre Einwilligung habe uͤbertragen koͤn⸗ nen. Eine ſolche Denkart darf bei einem Volke nicht befremden, das ſich faſt noch ganz im primitiven Zu⸗ ſtande befindet. Von den aͤußerſten Stufen des Ranges und des Reichthums weiß man in dieſem Hirtenlande 124 nichts; es iſt zwiſchen den Einwohnern faſt gar kein Unterſchied. Da gibt es weder Herren noch Knechte, weder Beamte noch Unterthaͤnige. Alle Gleichheit, die ſich mit dem geſellſchaftlichen Zuſtande nur immer vertragen kann, iſt im Tyrol zu finden. Die Tyroler ſind ein lebhaftes und munteres Volk; ſie lieben die Weinflaſche und den Tanz, ſind Dichter aus dem Stegreife und nicht ſelten gute Muſiker. Damit ver⸗ binden ſie die kraͤftigeren Eigenſchaften des Bergbe⸗ wohners, der als Schaͤfer und Jaͤger in dem Gekluͤfte der Alpen oftmals in Lebensgefahr kommt. Die Ty⸗ roler ſind vielleicht die beſten Schuͤtzen in Europa, und die Bereitwilligkeit, mit der ſie dem Kriegsrufe Oeſter⸗ reichs ederzeit gefolgt ſind, beweist, daß ſie in ihren laͤnd⸗ lichen Beſchaͤftigungen den Sinn fuͤr kriegeriſche Unter⸗ nehmungen bewahrt haben. Ihre Obrigkeiten im Frieden n Anfuͤhrer im Kriege unterſcheiden ſich von dem uͤbrigen Volke durch nichts, als durch ihre Einſichten und ihren geſunden Menſchenver ſtand; und da ſich dieſe Eigen⸗ ſchaften gewoͤhnlich bei Gaſtwirthen finden, die in einem Lande, wie Tyrol, am meiſten Gelegenheit haben, ſich zu unterrichten, ſo wurden in dem denk⸗ wuͤrdigen Kriege von 1809 viele aus dieſer Klaſſe zu Anfuͤhrern gewaͤhlt. Dieſe Maͤnner konnten vielleicht nicht einmal ſchreiben oder leſen, zeigten aber im Ganzen ſo viel natuͤrlichen Verſtand und Geiſtesgegen⸗ wart, ſo viele Geſchicklichkeit in der Behandlung ihrer Truppen, ſo viele Kenntniß des Landes und der Vortheile — 125 des Bodens, baß ſie den beſten Generalen und geuͤb⸗ tsſten Soldaten Achtung einfloͤßten*). 3 Im Anfange des Aprilmonats ſtanden dieſe allzeit fertigen Krieger auf, und in Zeit von vier Tagen war, außer in der kleinen Feſtung Kufſtein, die ſich hielt, kein Franzoſe und kein Baier in ganz Tyrol,⸗ die Gefangenen abgerechnet. Dieſer heldenmuͤthige Krieg verdient ein eigenes Blatt in der Geſchichte. Uns genuͤgt es, hier zu ſagen, daß die Tyroler von den Oeſterreichern, die in ihrer eigenen Heimath ſelbſt ſo viel zu thun hatten, kaum unterſtuͤtzt, doch unter den ſchlimmſten Umſtaͤnden den hochherzigſten und be⸗ harrlichſten Widerſtand leiſteten. Es half nichts, daß eine franzoͤſiſche Armee unter Lefebvre in das Land eindrang und ſich der Hauptſtadt Innsbruck bemaͤch⸗ tigte. Die Franzoſen wurden von dieſen wackern Bergbauern gezwungen, ſich mit unermeßlichem Ver⸗ luſt zuruͤckzuziehen; und wenn Oeſterreich ſeinen eige⸗ nen Kampf gluͤcklich haͤtte ausfechten können, ſo wuͤr⸗ den die treuen Tyroler und Vorarlberger aus dem ihrigen als Sieger hervorgegangen ſeyn. *) Dle Oeſterreicher machten den Tyrolern ihre Unkenntniß der Taktik zum Vorwurf. Ein poetiſcher Scharſſchuͤtze vertheidigte dagegen ſeine Landsleute durch folgendes Eyigramm: 8 „Dem, der von Taktik nichts verſteht, Durch Zufall nur der Sieg entſteht, So ſchulgerechte Krieger ſagen Und zu uns Armen Mitleid tragen; Doch beſſer iſt's durch Zufall ſiegem Als Taitik lehrend Schlaͤge kriegen.“ 126 Allein eie Unfälle des Erzherzogs Karl, die den Aufſtand in Deutſchland neutraliſirt und die von den Tyrolern erfochtenen Vortheile faſt unnuͤtz ge⸗ macht hatten, ſetzten auch den Siegen, mit denen der Erzherzog Johann in Italien den Feldzug begon⸗ nen, ein Ziel. Wir haben bereits bemerkt, daß, nach⸗ dem fuͤr die Sicherheit und die Ehre Oeſterreichs durch Aufſtellung der Hauptarmee, wie man glaubte, hin⸗ reichend geſorgt war, man dieſen jungen Prinzen nach Italien ſandte, ſo wie den Erzherzog Ferdinand nach Polen, um das Intereſſe ihres Hauſes in dieſen alten Beſitzungen zu wahren; Eugen, der Stiefſohn Napoleons und Vicekoͤnig von Italien, wurde am 15. April von dem Erzherzog Johann bei Sacile ge⸗ ſchlagen und genoͤthigt, ſich nach Caldiero an der Etſch zuruͤckzuziehen. Doch ehe noch der oͤſterreichiſche Prinz ſeine Vortheile benuͤtzen konnte, erhielt er die Nach⸗ richt von der Niederlage bei Eckmuͤhl und von der Geſahr, von der Wien bedroht war. Er ſah ſich da⸗ durch genoͤthigt, ſeinen Ruͤckzug in der Richtung von Ungarn anzutreten, wo er vielleicht die weſentlichſten Dienſte leiſten konnte. Er wurde auf dieſem Ruͤck⸗ zug hinwiederum von Eugen verfolgt, der jetzt das Korps von Marmont, das bis dahin in Dalmatien iſolirt geweſen, an ſich ziehen und, durch daſſelbe ver⸗ ſtaͤrkt, die Offenſtve ergeifen konnte. So dauerte der gewaltige Kampf von der Oſtſee anbis zum adriatiſchen Meer, von den oͤſtlichen Pro⸗ 1 27 vinzen Deutſchlands an bis nach Ungarn hinein in verſchiedenen Formen fort. Aber die Augen aller Menſchen ſahen jetzt von den entfernteren und unbe⸗ deutenderen Auftritten ab und nah dem Kampfe hin, der unter den Waͤllen von Wien zwiſchen Buonaparte und dem Erzherzog Karl vorfallen, und, wie man be⸗ fuͤrchtete, uͤber das kuͤnftige Schickſal, vielleicht gar uͤber die Exiſtenz des öͤſterreichiſchen Kaiſerthums ent⸗ ſcheiden mußte. * ———— hhunxunnwunanEEEennnrmxnu 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18