Walter Scott's ſaͤmmtliche W er k e. Neu uͤberſetzt. — Vierundſechzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Dreißigſte: Theil. 3 Stuttgart,. bei Gebruͤder Frauckh. 18 2 3. L. eb en von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich. Mit einer Ueberſicht der franzoͤſi ſchen Revolu⸗ tion. Von Walter — Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von Geueral J. o. Scott. Theobald. —— Dreißigſter Theil. — Stutt gart, bei Gebruder Frauckh. 18˙2 8. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Napoleon beglbt ſich an Bord des Begeeropbon den 15. Julius. — Sein Betragen während der Fahrt— ſeine Ankunft auf der Höhe von Torbay— von Piymouth.— Anter dem engliſchen Volke herrſcht eine große Neugierde, ihn zu ſeten.— Jedermann nähert ſich dem verbotenen Schiffe.— Der endliche Beſchluß der engliſchen Regierung, daß Naydleon nach St. Helenng ge⸗ ſchickt werden ſoll, wird ihm mitgetheilt.— Seine Proteſtation und Vorſtellungen dagegen.— Napoleon's wahre Anſicht der Maßregel ſeiner Abſendung nach St. Helena.— Widerlegung der Behauptung, daß Kapitain Maitland einen Vergleich mit ihm eingegangen habe.— Wahrſcheinlichkeit, daß dieſe Einflä⸗ ſtrung von Las Caſes herrührte, der mißvergnügt darüber war, daß eine Unterhandlung, die er geleitet hatte, nicht gelunzen war.— Plan, Napoleon von dem Bellerophon zu entfernen. um ihn bei einer Klagſache als Zeugen auftreten zu laſſen.— Dro⸗ hungen Napoleoms, ſich ſelbſt zu vernichten— ſeiner Bealeiter, ihn zu tödten— blos in der Abſicht ausgeſprochen, die Reale⸗ rung einzuſchüchtern.— Navoleon begiebt ſich an Bord des Northumberland, der nach St Helena unter Segel geht.— Sein Betragen während der Reiſe.— Die Art, auf welche er von Sir Georg Cockburn behandelt wurde.— Er kommt bei St. Helena an, und landet den 16. Oktober. Den 15. Julius 1815. verließ Napoleon endlich W. Scott's Werke. LXIV. 1 6 Frankreich, deſſen Geſchichte er ſo viele Siege und ſo viele Nisderlagen einverleibt hatte; das Land, welches ſeine Erhebung gegen Zwieſpalt im Innern und Angriff von Außen geſchuͤtzt harte, und das ſein Sturz beiden preisgab; mit einem Worte, jenes ſchoͤne Land, dem er ſv lange Zeit gleichſam eine Gottheit geweſen war, und dem er in Zukunft von geringerer Wichtigkeit ſeyn ſollte, als der niedrigſte Bauer. Er war begleitet von vieren feiner Generale — Bertrand, Savary, Lällemand, Montholon, und dem Grafen Las Eaſes, der wiederholt als Staats⸗ rath erwaͤhnt worden iſt. Unter dieſen hatten Ber⸗ trand und Monthvlon ihre Frauen an Bord, nebſt vier Kindern, wovon drei dem Grafen Bertrand, und eines dem Grafen Montholon gehoͤrte. Der Sohn bes Las Eaſes begleitete den Kalſer als Page. Zu 4 dieſen kamen noch 9 Offiziere von niedrigerem Ran⸗ ge und 39 Bediente. Die Hauptperfonen wurden un aufgenommen. 54 Buonaparte verlleß die Rheden der Inſel Air an BVord des Sperbers. Da Wind und Fluth der Brigg entgegen waren, ſo ſchickte Kapitaln Maitland die Barke des Bellerophon aus, um ihn in dieſes Schiff zu bringen. Der groͤßte Theil der Offtziere und des Schiffsvolks auf dem Sperber hatten Thraͤnen in den Augen, und begleiteten den Kalſer ſo lange mit ih⸗ rem Zurufe, als ihre Stimmen gehoͤrt werden konn⸗ Bord des Bellerophon, die andern in die Corpette 7 ten. Er wurde an Bord des Bellerophon ehrfurchts⸗ voll, aber ohne irgend eine Begruͤßung oder ausge⸗ zeichnete Ehrenbezeugungen, empfangen. Als Kapi⸗ tain Maitland ihm auf der Hinterdecke entgegentrat, nahm Napoleon ſeinen Hut ab, und ſagte, ſich mit feſter Stimme an ihn wendend:„Ich komme, mich unter den Schutz Ihres Prinzen und Ihrer Geſetze zu ſtellen.“ Sein Benehmen war ungemein gefaͤl⸗ lig; und er zeigte große Gewandtheit in der Art⸗ wie er Gelegenheit nahm, den Zuhoͤrern, die er fuͤr ſich einzunehmen wuͤnſchte, ſchsjchelhaſte Dinge zu ſagen, Wie fruͤher an Vord des von Kapitain Uſcher befehligten Schiffs zeigte Buonaparte große Neu⸗ gierde in Betreff der Schiffszucht, und druͤckte gro⸗ ßes Erſtaunen daruͤber aus, daß die brittiſchen Schiffe die franzoͤſiſchen ſo leicht beſtegen ſollten, welche ſchwerer, groͤßer und beſſer bemannt ſeyen, als jene. 3 Kapitgin Maitland ſchrieb dieß der groͤßern Erfah⸗ rung der Offizlere und der Schiffsmannſchaft zu. Der Er⸗Kaiſer pruͤfte auch die Seetruppen, und, erfreut uͤber ihr Ausſehen, ſagte er zu Bertrand:„Wie viel koͤnnte mit hunderttauſend Maun ſolcher Leute ausgefuͤhrt werden.“ Was die innere Einrichtung des Schiffes betraf, ſo bewunderte er beſonders die Stille und gute Ordnung der Schiſfsmannſchaft bei der Ausfuͤhrung ihrer Mandver, in Vergleichung mit einem franzoͤſiſchen Schiffe,„wo Jedermann,“ ſagte 1 4—6 3 8 er,„zugleich ſchwatzt und Befehle gibt.“ Als er im Begriff war, den Bellerophon zu verlaſſen, beruͤhrte er denſelben Gegenſtand und ſagte, es ſey am Bord dieſes Schiffes mit 600 Mann auf der ganzen Fahrt von Rochefort weniger Geraͤuſch gemacht worden, als das Schiffsvolk des Sperbers mit blos 100 Mann zwiſchen der Inſel Air und den Baskiſchen Rheden gemacht habe. Er ſprach auch von dem brittiſchen Heere mit gleichem Lobe, worin ihm ſeine Offiziere beipflichte⸗ ten. Als einer der franzoͤſiſchen Offiziere bemerkte, die engliſche Reiterei ſey herrlich, ſagte Kapitain Maitland, daß man in England eine hoͤhere Mei⸗ nung von dem Fußvolke habe.„Sie haben recht,“ ſagte der franzoͤſiſche Edelmann,„es giebt kein ſol⸗ ches in der Welt; Nichts macht einen Eindruck auf daſſelbe; man koͤnnte eben ſowohl durch eine Mauer einzudringen ſuchen, und ſein Feuer iſt furchtbar.“ Bertrand erzaͤhlte dem Kapitain Maitland, daß Na⸗ poleon ihm ſeine Meinung von dem Herzog von Wel⸗ lington in folgenden Worten mitgetheilt habe:— „Der Herzog von Wellington gleicht mir bei der Leitung einer Armee vollkommen, mit dem Vorthei⸗ le, daß er mehr Klughelt beſitzt.“ Dieß iſt, glau⸗ ben wir, das aͤchte, unpartheilſche Urtheil eines gro⸗ ßen Soldaten uͤber einen andern. Es iſt zu bedau⸗ ern, daß Napoleon bei andern Gelegenheiten von einem Nebenbuhler in der Kriegskunſt in einem ab⸗ ſchaͤtzigen Tone ſprechen konnte, der blos den, wel⸗ cher ſich deſſelben bediente, zu erniedrigen ver⸗ mochte. Waͤhrend der ganzen Ueberfahrt ſchien Napoleon, ungeachtet ſeiner Lage und der peinlichen Ungewiß⸗ heit, in der er ſich befand, ſtets ruhig und gut ge⸗ launt, zuwellen naͤherte er ſich ſogar der Froͤhlichkeit. Er ſprach mit Zaͤrtlichkeit von ſeinem Weibe und ſeiner Familie, klagte uͤber ſeine Trounnung von ih⸗ nen, und Thraͤnen ſtanden ihm in den Augen, als er dem Kapitain Maitland ihre Bildniſſe zeigte. Selne Geſundheit ſchien vollkommen gut; allein er war gelegenheitlich der Schlafſucht unterworfen, die vielleicht eine Folge der Erſchoͤpfung einer Conſtitu⸗ tion war, die ſo viele Strapazen erlitten hatte. Den 23. Julius fuhren ſie an Uſhant vorbet; Napoleon blieb lange auf dem Verdecke und warf manchen ſchwermuͤthigen Blick auf die Kuͤſte Frank⸗ reichs, machte aber keine Bemerkungen. Den 24. bei Tagesaubruch befand ſich der Bellerophon auf der Hoͤhe von Dartmouth, und Napoleon war zuerſt uͤber die Kuͤhnheit der Kuͤſte, und dann, als er in Torbay einlief, uͤber die wohlbekannte Schoͤnheit der Scennery erſtaunt. Sie erinnerte ihn, ſagte er, an Porto⸗Ferrajo auf Elba; eine Ideenverbindung, die in dieſem Augenblicke ſonderbare Erinnerun⸗ gen in der Seele des geſeattu Kaiſers erieien mußte. 10 Der Bellerovhon hatte kaum die Anker ausge⸗ worfen, als von dem Admiral Lord Keith Befehle ankamen, die bald nachher durch andere von der Ad⸗ miralitaͤt unterſtuͤtzt wurden, des Inhalts, daß es Niemand, von welchem Rang oder Stande er auch feyn moͤge, erlaubt werden ſolle, an Bord des Bel⸗ lerophon zu kommen, ausgenommen die zum Schiffe gehoͤrigen Offiziere und Leute. Den 26. erhielt das Schiſf den Befehl, ſich nach dem Sund von Plymonth umzuwenden. „Inzwiſchen verbreiteten bie Zeitungen, die an Bord gebracht wurden, Aengſtlichkeit und Beſtuͤrzung 4 unter den ungluͤcklichen Fluͤchtlingen. Dieſe periodi⸗ ſchen Blaͤtter brachten allgemein die Nachricht in um⸗ lauf, daß man Napoleon nicht erlauben werde, an das Land zu ſteigen, ſondern ihn augenblicklich nach St. Helena, als dem ſicherſten Platze zu ſeiner Haft als Kriegsgefangener, abſchicken werde. Napoleyn ſelbſt wurde beſtuͤrzt, und von dem aͤngſtlichen Wun⸗— ſche beſeelt, Lord Keith zu ſehen, der ſeine Dank⸗ barkeit fuͤr eine Guͤte geaͤußert hatte, die der Kaiſer ſeinem Neffen, Kapitain Elphinſtone beim 7ten Hu⸗ ſaren⸗Regiment, als er bei Waterloo verwundet und zum Gefangenen gemacht worden war, erwieſen hatte. Eine ſolche Zuſammenkunft hatte demzufolge zwiſchan dem edlen Admiral und dem vormaligen Kaiſer den 28. Julius Statt, ohne jedoch Reſultate von Wichs tigkelt herbeizufuͤhren, da Lord Keith damals mit 11 dem Entſchluſſe der brittiſchen Reglerung unbekannt war. ed Jene Wuth der Volksneuhkerde, die, in allen freien Staaten herrſchend, von der engliſchen Natlon bis zum hoͤchſten Uebermaße getrieben zu werden ſcheint, umgab den Bellerophon mit ſo vielen Boo⸗ ten, daß es, ungeachtet der beſtimmten Befehle der Admiralitaͤt und trotz der Bemuͤhungen der Kano⸗ nierboote, die beſtaͤndig um das Schiff herum Wache hielten, faſt unmoͤglich war, ſie in der vorgeſchtlebe⸗ nen Entfernung einer Kabeltaulaͤnge zu halten. Man gab ſich lieber der Moͤglichkeit, niedergerannt— er⸗ ſchoſſen zu werden(denn es wurden Musketen zum Behufe der Einſchuͤchterung abgefeuert), kurz allen Gefaͤhren einer Seeſchlacht preis, als daß man die 3 Gelegenhelt verloren haͤtte, den Kaiſer zu ſehen, von dem man ſo Vieles gehoͤrt hatte. Als er erſchien, wurde er mit einem Jubelgeſchrei begruͤßt, das er durch Verbeugungen erwiedette; allein er konnte nicht umhin, ſeine Verwunderung uͤber die Heftig⸗ keit der Volksneugkerde auszudrucken, die er in ei⸗ nem ſo hohen Grade der Aufregung zu ſehen ticht gewoͤhnt war. 83 Am Abend des 3 38. Jullus kam der General⸗Ma⸗ ſor Sir Heinrich Bunbury, einer der untergeordnes ten Staatsſe kretäre, kan Bord, und uͤberbrachte die endlichen Abſichten der brittiſchen Regkerung in Be⸗ treff der Beſtimmung Buonaparte's und ſeines Ge⸗ 12. folges. Am 31. machten Lord Keith und Sir Hein⸗ rich dem Erkaiſer an Vord des Bellerophon ihre Auf⸗ wartung, um ihm die unangenehmen Nachrichten mitzutheilen. Sie waren von Herrn Meike, dem Sekretaͤr des Lord Keith, begleitet, deſſen Gegen⸗ wart, als ein Zeuge deſſen, was vorgieng, fuͤr noͤthig erachtet wurde. Napoleon empfieng den Admiral und den Unter⸗Staatsſekretaͤr mit geziemender Wurde und Ruhe. Der Brief des Lord Melpyllle(des Lords der Admirglitaͤt), der die kuͤnftige Beſtimmung Buo⸗ naparte’s ankuͤndigte, wurde dem Exkaiſer vorgele⸗ ſen. Derſelbe enthielt die Erklaͤrung, daß es mit der Pflicht der brittiſchen Miniſter gegen ihren Sou⸗ verain und ſeine Verbuͤndeten unvertraͤglich ſeyn wuͤrde, dem General Buonaparte die Mittel oder die Gelegenheit zu laſſen, den Frieden Euro⸗ pa's von Neuem zu ſtoͤren,— erthellte ferner die Nachricht, daß die Inſel St. Helena zu ſeinem kuͤnf⸗ tigen Aufenthaltsorte gewaͤhlt worden ſey, und zwar deßwegen, weil die locale Lage der Inſel ihm erlau⸗ ben werde, mehr Freiheit zu genießen, als ſonſiwo mit angemeſſener Sicherheit vertraͤglich ſeyn koͤnnte— daß, mit Ausnahme der Generale Savary und L'Al⸗ lemand, der General drei Offiziere nebſt ſeinem Wundarzt zu Begleitern auf St. Helena waͤhlen doͤnne— daß man ihm auch zwoͤlf Bedienten bewil⸗ ligen wolle. Dieſelbe Urkunde ſetzte feſt, daß die Perſonen, die ihn etwa begleiten moͤchten, einem ge⸗ ———— 12 wiſſen Grade von Zwang unterworfen ſeyn wuͤrden, und die Irſel ohne Genehmigung der brittiſchen Re⸗ gierung nicht verlaſſen koͤnnten. Schließlich wurde eroͤffnet, daß der Contre⸗Admiral, Sir Georg Cock⸗ burn, dem das Oberkommando auf dem Kap der guten Hoffnung uͤbertragen ſey, alsbald bereit ſeyn werde, unter Segel zu gehen, um den General Buo⸗ naparte nach St. Helena zu bringen, und deßwegen ſey es zu wuͤnſchen, daß er die Perſonen, die ſein Gefolge bilden ſollen, unverzuͤglich waͤhle. Der Brief wurde Navpoleon in franzoͤſiſcher Sprache von Sir Heinrich Bunbury vorgeleſen. Er hoͤrte ohne Ungeduld oder irgend eine Gemuͤthsbe⸗ wegung zu. Als er gefragt wurde, ob er irgend et⸗ was zu erwiedern habe, ſo begann er mit großer Ruhe und Milde in Miene und Geberden zu erklaͤ⸗ ren, daß er gegen die abgeleſenen Befehle ſeierlich proteſtire,— daß das brittiſche Miniſterlum kein Recht habe, auf die angekuͤndigte Weiſe uͤber ihn zu verfuͤgen— daß er an das brittiſche Volk und die brittiſchen Geſetze aypellire— und fragte, wel⸗ ches das Tribunal ſey, an das er ſich zu wenden habe.„Ich bin gekommen,“ fuhr er fort,„um mich freiwillig der Gaſtfreundſchaft Ihrer Nation in die Arme zu werfen— ich bin kein Kriegsgefangener, und wenn ich es waͤre, ſo haͤtte ich das Recht, nach dem Voͤlkerrechte behandelt zu werden. Aber ich bin in dieſes Land als ein Reiſender an Bord eines Ih⸗ 14 rer Schiffe, nach verangegangener Unterhandlung mit dem Commandanten, gekommen. Wenn er mir ge⸗ ſagt haͤtte, man werde mich als Gefangenen be⸗ trachten, ſo wuͤrde ich nicht gekommen ſeyn. Ich fragte ihn, ob er geſonnen ſey mich an Vord aufzu⸗ nehmen und nach England zu bringen. Admiral Maitland ſagte, er ſey dazu bereit, da er beſondere Befehle von ſeiner Regierung in Betreff meiner empfangen, oder mir wenlgſtens fagte, daß er ſie er⸗ halten habe. Man hatte mir alſo eine Schlinge ge⸗ legt; ich kam an Bord eines brittiſchen Schiffes, wie ich in eine Ihrer Staͤdte— ein Schiff, ein Dorf, es iſt gleichviel— gekommen ſeyn wurde. Was die Inſel St. Helena betrifft, ſo wuͤrde ſie mein Todesurtheil ſeyn. Ich verlange als ein eng⸗ liſcher Buͤrger auſgenommen zu werden. Wie viele Jahre berechtigen mich, daſelbſt anſaͤßig zu werden?“ Sir Heinrich Bunbury antwortete, er glaube, daß vier Jahre noͤthig ſeyen.„Gut— denn,“ fuhr Napoleon fort,„der Prinzregent ſtelle mich waͤhrend dieſer Zeit unter jede Aufſicht, die er fuͤr angemeſſen haͤlt— man bringe mich in ein Landhaus, im Mit⸗ ntelpunkte der Inſel, dreiſſig Meilen von jedem See⸗ hafen entfernt;— man ſetze einen beſtellten Offi⸗ zier uͤber mich, um meine Correſpondenz zu unter⸗ ſuchen, und uͤber meine Handlungen zu wachen; oder wenn der Prinzregent mein Ehrenwort forderte, ſe wuͤrde ich es ihm vielleicht geben. Ich wurde daun 15 einen gewiſfen Gvad perſoͤnlicher Freiheit genießen und des Rechts der Literatur mich erfreuen koͤnnen. In St. Helena koͤnnte ich keine drei Monate leben; bei meinen Gewohnheiten und meiner Konſtitution wuͤrde es fuͤr mich toͤotlich ſeyn. Ich bin gewohnt taͤglich zwanzig Meilen zu reiten,— was ſoll ich auf dieſem kleinen Felſen am Ende der Welt thun? Nein! Votany⸗Bay iſt beſſer als St. Helena— ich ziehe den Tod St. Helena vor— und was nuͤtzt Leuch mein Tod? Ich bin kein Sonverain mehr. Welche Gefahr koͤnnte daraus entſprlugen, daß ich als Privatperſon im Herzen Englands, und auf jede Art, welche die Regirrung fuͤr ungemeſſen erachten „wuͤrde, beſchraͤnkt, lebte?2. Er bezog ſich wiederholt auf die Art, wie er au Bord des Bellerophon gekommen ſey, und behaup⸗ tete hartnaͤckig, daß er in ſeiner Wahl vollkommen ſrei geweſen ſey und ſich der Gaſtfreundſchaft und Großmuth der brittiſchen Natlon orhagsbeife anver⸗ träut habe. 4 8. „Warum wuͤrde ich ſonſt,“ ſagte er,„nſcht zu meinem Schwiegervater, oder zu dem Kaiſer Ale⸗ rander, der mein perfoͤnlicher Freund iſt, gegangen feyn? Wir ſind Feinde geworden, weil er Polen mit ſeinem Gebiete vereinigen wollte, und meine Popu⸗ Lkaritaͤt unter den Polen ruͤhrte daher. Aber ſonſt awar er meln Freund und er wuͤrde mich nicht nuf Wieſe Weiſe behandelt haben. Wenn eure Reglerung 16 auf dieſe Art verfaͤhrt, ſo wird ſie ſich dadurch in den Augen Europa's entehren. Selbſt euer eigenes Volk wird es tadeln. Zu dem kennet ihr das Auf⸗ ſehen nicht, das mein Tod ſowohl in Frankreich als in Italien erregen wird. Man hat in dieſen Laͤn⸗ dern gegenwaͤrtig eine hohe Meinung von England. Wenn ihr mich toͤdtet, ſo wird ſie verloren gehen und das Leben manches Englaͤnders aufgeopfert werden. Was noͤthigte mich zu dem Schritte, den ich that? Die dreifarbige Fahne wehte noch in Bordeaux, Nan⸗ tes und Rochefort*). Das Heer hat ſich bis auf dieſen Augenblick noch nicht unterworfen. Oder wenn ich in Frankreich haͤtte bleiben wollen, was haͤtte mich da hindern koͤnnen, Jahre lang unter einem mir er⸗ gebenen Volke verborgen zu bleiben?“ Er kam ſodann auf ſeine Unterhandlung mit Ka⸗ pitain Maltland zuruͤck, und verweilte bei den Eh⸗ renbezeugungen und Aufmerkſamkeiten, die ihm von dieſem Offizier und dem Admiral Hotham perſoͤnlich zu Theil wurden.„Und nach allem, war es blos eine Schlinge fuͤr mich!“*²) Er verbreitete ſich wie⸗ 3 der *) Die weiſſe Fahne webte in Rochelle und auf der Inſel Ole⸗ ron. Sie wurde den aten aufgeſteckt und nachher wieder abgenommen, den 13ten Julius aber zur gänzlichen Aus⸗ ſchließung der dreifarbigen Fahne, abermals aufgeſteckt. *⁸) Admiral Hotham und Kapitain Maitland hatten keine be⸗ ſondere Befehle, wie dieſe ungewöhnliche Perſon zu behan⸗ 17 der uͤber die England bevorſtehende Unehre.„Ich hielt dem Prinzregenten,“ ſagte er,„die glaͤnzend⸗ ſte Seite in ſeiner Geſchichte vor Augen, als ich mich ſeiner Großmuth ergab. Ich habe zwanzig Jahre lang Krieg mit euch gefuͤhrt, und ich gebe euch den Beweis von Zutrauen, indem ich mich meinen hef⸗ tigſten und beſtaͤndigſten Feinden in die Haͤnde gebe. Erinnert euch,“ fuhr er ſort,„was ich war und welchen Rang ich unter den Herrſchern Europa's ein⸗ nahm. Dieſer buhlte um meinen Schutz— jener — deln war, und wünſchten natürlich Achtung gegen einen Unglücklichen, der einſt ſo groß geweſen war, an den Taͤg zu legen. Ihre Höflichkeiten beſchränkten ſich jedoch darauf, daß ſie die Raa s bemannten, als er bei einem Morgenbe⸗ ſuche an Bord des Suverb kam, und als er bei derſelben Gelegenheit in den Bellerophon zu rückkehrte. Kapitain Maitland erlaubte Rapoleon auch, in das Spreiſekabinet vop⸗ anzugehen, und im Mitteipunkte des Tiſches niederzuſitzen; eine Ehre, deren Beſtreitung ſowohl unſchicklich als unberu⸗ fen gewefen wäre. Dieſe Höflichkeiten konnten ein Theil der Schlinge ſeyn, über die ſich Napoleon beklagte, oder dat Mindeſte zu ſeinem Entſchluſſe beigetragen haben, ſich den Engländern zu ergeben, wie der obige Text beſagt; denn dieſer Entſchluß war gefaßt worden, und die Uebergabe er⸗ folgt, ehe die Aufmerkſamkeiten, auf die ſich Napoleon ſtützt, erwieſen und empfangen worden ſeyn konnten. Dieß trägt zur Beſtatigung der Meinung Nelſon's bei, daß die Franzo⸗ ſen, wenn ſie mit ceremonieller Höflichkeit behandelt werden, geneigt ſind, An ſprüche auf die Verwilligungen, die man ih⸗ nen aus gewöhnlicher Artigkeit zugeſteht, zu gründen. W. Scott's Werke. LXIV. 2 18 gab mir ſeine Tochter— alle ſuchten meine Feund⸗ ſchaft. Ich war als Kaiſer von allen Maͤchten Euro⸗ pa's anerkannt, ausgenommen von Großbritannien, und dieſes hatte mich als erſten Conſul anerkannt. Eure Regierung hat kein Recht, mich General Buonaparte zu nennen,“ fuͤgte er hinzu mit einem Finger auf das beleidigende Beiwort in Lord Melloille's Brief deutend.„Jch bin Fuͤrſt, oder Conſul, und ſollte als ſolcher behandelt werden. Waͤhrend meines Aufenthalts auf Elba war ich, we⸗ nigſtens auf dieſer Inſel, eben ſo ſehr Souverain als Ludwig auf dem Throne Frankreichs. Wir hat⸗ ten beide unſere gegenſeitigen Flaggen, Schiffe, Trup⸗ pen— die meinen,“ ſagte er laͤchelnd,„waren ſi⸗ cherlich auf einen ziemlich niedrigen Fuß geſtellt— ich hatte ſechshundert Soldaten und er zweimalhun⸗ derttauſend. Endlich bekriegte, beſtegte und ent⸗ thronte ich ihn. Allein hierin lag kein Grund, mich des Rangs eines Herrſchers von Europa zu berau⸗ ben.“ Waͤhrenb dieſes anziehenden Auftritts wurde Na⸗ poleon nur wenig von Lord Keith und Sir Helurich Bunbury unterbrochen, die ſeine Einwuͤrfe nicht be⸗ ant worten wollten, well ſie nicyt bevollmaͤchtigt wa⸗ ren, ſich in Eroͤrterungen einzulaſſen, und thre Pflicht ſich darauf beſchraͤnkte, Napoleon die Abſichten ihrer Regierung mirzutheilen, und feine Autwort zu äbor⸗ hringen, wenn er ſie mit einer ſolchen beauftragen —; keine große Urſache, ſagte er, das Leben zu Ueben. 19 wollte. Er wiederholte wieder und wieder ſeinen Entſchluß, nicht nach St. Helena zu gehen, und ſei⸗ nen Wunſch, in Großbritannien blelben zu duͤrfen. Sir Heinrich Bunbury ſagte hierauf, er ſey ver⸗ ſichert, daß St. Helena zu ſeinem Aufenthaltsorte gewaͤhlt worden ſey, weil ſeine oͤrtliche Lage ihm mehr koͤrperliche Bewegung und der Reglerung mehr Nachſicht gegen ihn erlaube, als in irgend einem Theile Großbritanniens moͤglich geweſen waͤre. „Nein, nein,“ wiederholte Buonavarte lebhaft, — ,„ ich werde nicht dahin gehen— Sie wuͤrden nicht dahin gehen, mein Herr, wenn Sie in meinem Falle waͤren, und auch Sie, Mylord, wuͤrden nicht dahin gehen.“ Lord Kelth verbeugte ſich und aut⸗ wortete, er ſey bereits viermal auf St. Heleng ge⸗ weſen. Nayoleon wiederholte ſeine Proteſtation ge⸗ gen ſeine Einkerkerung, oder ſeine Abſchickung nach St. Helena.„Ich werde nicht dahin gehen,“ wle⸗ derholte er; vich bin kein Herkules(mit einem Laä⸗ cheln), allein ihr ſollt mich nicht nach St. Helena fuͤhren. Ich ziehe einen augenblicklichen Tod vor. Ihr fandet mich frei, ſchickt mich wieder zuruck: ver⸗ ſetzt mich wieder in die Lage, in der ich mich be⸗ fand, oder erlaubt mir, nach Amerika zu gehen.“ Er verweilte lange auf ſeinem Entſchluße, eher zu ſterben, als nach St. Helena zu gehen;z er haͤbe Er drang in den Admiral, keine weitere Schritte zu 2.. 20 thun, um ihn nach dem Northumberland zu bringen, ehe die Regierung von ſeiner Erklaͤrung in Kenntniß geſetzt worden ſey, und ihm ihren endlichen Entſchluß mitgethellt habe. Ex beſchwor Sir Heinrich Bun⸗ bury, ſeine Antwort der Regierung unverzüͤglich mit⸗ zuthelten und forderte Sir Heinrich auf, ſie in die gehoͤrige Form zu bringen. Nach einigen fluͤchtigen Fragen und Pauſen kam er wieder auf den quaͤlen⸗ den Gegenſtand zuruͤck, und gebrauchte dieſelben Be⸗ weisgruͤnde wie zuvor. Er habe erwartet, ſagte er, daß man ihm erlanben werde, zu landen, und ſich in dem Lande niederzulaſſen, nachdem man einen Bevollmaͤchtigten zu ſeinem Begleiter ernannt haͤtte, der auf ein oder zwei Jahre von großem Nutzen ſeyn wuͤrde, um ihn zu lehren, was er zu thun haͤt⸗ te.„Ihr koͤnntet,“ ſagte er,„einen achtbaren Mann waͤhlen, denn der engliſche Dienſt muß Offiziere ha⸗ ben, die ſich durch Rechtſchaffenheit und Ehre aus⸗ zeichnen; und umgebet mich mit keiner raͤnkeſuͤchtigen Perſon, die blos den Kundſchafter ſpielen und Ka⸗ halen anſtiften wuͤrde.“ Er aͤußerte abermals ſeinen Entſchluß, nicht nach St. Helena zu gehen, und da⸗ mit ſchloß ſich dieſe merkwuͤrdige Zuſammenkunft. Als der Admiral und Sir Heinrich Bunbury die Kajuͤte verlaſſen hatten, rief Napoleon den Lord Keith zuruck, von dem er, in Betracht ſeiner fruͤhetn Aufmerkſamkeit gegen den Verwandten ſeiner Herr⸗ —— 21 lichkeit, Kapitain Elphinſtone, vielleicht glaubte, daß er ſeiner Perſon geneigter ſey. Napoleon eroͤffnete die Ünterhaltung dadurch, daß er den Lord um ſeinen Rath in Betreff des von ihm anzunehmenden Betragens bat. Lord Keith er⸗ wiederte, er ſey ein Offizier und habe ſeine Pflicht erfuͤllt, und ihm die Hauptp unkte ſeiner Inſtruktio⸗ nen zuruͤckgelaſſen. Wenn er es fuͤr noͤthig erachte, die Eroͤrterung zu erneuern, ſo muͤſſe Sir Heinrich Bunbury zuruͤckgerufen werden. Buonaparte ſagte, dieß ſey unnoͤthig.„Koͤnnen Sie mich,“ ſagte er, nnach dem, was vorgegangen iſt, zuruͤckhalten, bis ich Nachrichten aus London habe?“ Lord Keith erwie⸗ derte, dieß muͤſſe von den Inſtruktionen abhaͤngen, die der andere Admiral mitgebracht habe, und die ihm unbekannt ſeyen.„Giebt es irgend ein Tribu⸗ nal,“ fragte er,„an das ich mich wenden koͤnnte?“ Lord Kelth erwiederte, er ſey kein Rechtsgelebrter, allein er glaube, daß es kein ſolches gebe. Er fuͤgte hinzu, daß von Seite der brittiſcen Reglerung alle Bereitwilligkeit vorhanden ſey, ſeine Lage ſo ange⸗ nehm zu machen, als die Klugheit erlaube.„Wie ſo?“ ſagte Napsleon, das Papier von dem Tilche nehmend und mit Lebhaftigkeit ſprechend. Auf Lord Keith's Bemerkung, daß es ſicherlich wuͤnſchenswer⸗ ther ſey, als in einem kleinern Naume in England eingeſchloſſen, oder nach Frankreich, oder vielleicht 22 nach Rußland, geſchickt zu werden, rief Buonaparte aus—„Rußland! Gott behuͤte mich davor.*) Waͤhrend die ſes merkwuͤrdigen Auftritts war Napoleon's Benehmen vollkommen ruhig und gefaßt, ſeine Stimme gleich und feſt, ſeine Toͤne ſehr an⸗ genehm. Ein oder zweimal ſprach er raſcher und in rauherem Tone. Er machte wenige Geberden, und ſeine Stellungen waren ungefaͤlllg; allein die Hal⸗ tung des Kopfes war wuͤrdevoll und der Ausdruck ſeiner Miene auffallend ſanft und ruhig, ohne ir⸗ gend ein Zeichen von Strenge. Er hatte, wie es ſchien, in der Vermuthung deſſen, was ihm angekuͤn⸗ digt werden ſollte, ſich gefaßt gemacht, und war voll⸗ kommen vorbereitet, um zu antworten. Als er ſei⸗ nen beſtimmten Entſchluß ausdruͤckte, nicht nach St. Helena zu gehen, ließ er ſeine Zuhoͤrer im Zweifel⸗ ob er ſeine Entfernung durch Selbſtmord zu verhin⸗ dern, oder ſich ihr durch Gewalt zu widerſetzen ge⸗ denke.**) Das Intereſſe der vorangehenden Unterhaltung zwiſchen Napoleon und den Offlzteren, die an ihn ab⸗ *) Russie Dieu in'en garde. **) Da der Verfaſſer den unſchätzbaren Vortheil gehabt hat⸗ Sir Heinrich Bunbury's Aufſatz über dieſe merkwürdige Ver⸗ batdlung mit dem des Herrn Meike, der den Lord Keith in der Eigenſchaft eines Serretairs begleitete, zu vergleichen, ſo iſt er in den Stand geſetzt worden, dem Publikum den aus⸗ fuhrlichſten Bericht von der Unterredung des zeſten Julius, der bis jetzt erſchienen iſt, vorzulegen. 3 — / — 23 geſchickt wurden, um ihm ſein Schickſal anzukuͤndigen, verringert ſich ſehr, wenn wir ſie großentheils als eine leere Perſonifikatfon von Gefuͤhlen, als eine gut gemalte Leidenſchaft, die in der Wirklichkeit nicht gefuͤhlt wurde, betrachten. Es war Napoleon, wie es ſich ſogleich zeigen wird, nicht ernſt mit der Be⸗ hauptung, daß er von Kapitain Maitland aufgemun⸗ tert worden ſey, an Bord ſeines Schiffes in einer andern Eigenſchaft, als in der eines Gergenen, der ſich der Gnade und Ungnade des Prinzregenten ergab, zu kommen. Auch hatte er nicht den entfern⸗ teſten Gedanken, ſeine Verſetzung auf den Northum⸗ berland durch ſeine Gewaltthat, entweder gegen ſich ſelbſt, oder gegen ſonſt jemand, zu verhindern. Beide Behauptungen wurden blos zum Scheine aufgeſtellt — die eine, um das Ehrgefuͤhl des Prinzregenten und des engliſchen Volkes aufzuregen, die andere, um auf ihre Menſchlichkeit einzuwirken. Es iſt nicht ſehr zu bezweifeln, daß Napoleon die Wahrſcheinlichkeit der Abfuͤhrung nach St. Hele⸗ na vorher ſah, ſo bald er ſich dem Kapitain des Bel⸗ lerophon uͤbergeben hatte. Selbſt ehe er Elba ver⸗ ließ, hatte er verſichert, man habe die Abſicht, ihn nach St. Helena, oder St. Lucie zu bringen; und wenn er die Englaͤnder fuͤr faͤhig hielt, ihn in eine ſolche Verbannung zu ſchicken, ſo lange er noch un⸗ ter dem Schutze des Vertrags von Fontainebleau ſtand, ſo konnte er ſchwerlich vermuthen, daß ſie Be⸗ 24 denken tragen wuͤrden, einen ſolchen Vorſatz auszu⸗ fuͤhren, nachdem ſein eigenes Betragen ihm alle die Vorrechte entzogen, die ihm dieſer Vertrag verlle⸗ hen hatte. Waͤhrend jedoch Napol einſah, daß ſein Ver⸗ ſuch auf dieſe Art enden koͤnnte, mag er einen beſ⸗ ſern Ausgang gehofft, und ſich fuͤr faͤhig gehalten ha⸗ ben, den Prinzregenten und ſeine Reglerung zu be⸗ reden, eie Sicherheit und den Frieden Europa's aufs Spiel zu ſetzen, um eine Don Quixotiſche Groß⸗ muth gegen ein Individuum guszuuͤben, welches kei⸗ ne andere Anſpruͤche darauf gruͤnden konnte, als daß es zwanzig Jahre lang ihr Todfeind geweſen war. Solche Hoffnungen mag er genaͤhrt haben; denn es kann nicht erwartet werden, daß er, auch nur ſich ſelbſt, die perſoͤnlichen Untuͤchtigkeiten eingeſtand, die ihn in den Augen von ganz Europa des Zu⸗ trauens unwuͤrdig machten. Seine Erwartung einer guͤnſtigen Aufnahme ging aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht ſo weit, wie bei Einzelnen unter ſeinen Be⸗ gleitern, welche die Hoffnung hegten, Napoleon wer⸗ de von dem Prinz⸗Regenten den Hoſenband⸗Orden erhalten; allein er mochte gehofft haben, in Bri⸗ tannten auf demſelben Fuße, wie ſein Bruder Lucian, leben zu duͤrfen. 1 Dhne Zweiſel rechnete er auf alle dieſe guͤnſti⸗ gen Faͤlle und üͤberſchaͤtzte ſie vielleicht. Dech wenn auch das Schlimmſte kommen ſollte, ſo ſahe er in 25 eben dieſem Schlimmſten jener Inſel St. Helena die Gewißhelt perſoͤnlicher Sicherheit, deren er ſich in keinem deſpotiſchen Lande haͤtte erfreuen koͤnnen, wo, wie er ſelbſt wohl wiſſen mußte, ein verhaßter Gefangener oder detenu, ſein Leben par negligenee (aus Vernachlaͤßigung) verlieren kann, ohne daß bei einer ſolchen Gelegenheit ſich Jemand beſonders dar⸗ um bekuͤmmert. Den 16. Auguſt, waͤhrend ſeiner Ueberfahrt nach St. Helena, geſtand er frei daß er ſich zwar hinſichtlich des Empfangs, den er von den Engländern erwartet, getaͤuſcht habe, allein ſo hart und unedel er ſich auch behandelt glaube, ſo finde er doch Troſt in dem Bewußtſeyn, daß er unter dem Schutze brittiſcher Geſetze lebe, ein Vortheil, den er nicht genoſſen haben wuͤrde, wenn er ſich in ein an⸗ deres Land begeben haͤtte, wo ſein Schickſal von der Laune eines Einzelnen abhaͤngig geweſen ſeyn wuͤrde. Dieß war, glauben wir, das wahre Geheimniß da⸗ von, daß er ſich nach England, und nicht zu ſeinem Schwiegervater in Oeſterreich, oder ſeinem Freunde in Nußland begab. Er konnte in dem erſt genannten Lande in mehr oder minder ſtrengen Gewahrſam ge⸗ bracht werden; allein er konnte doch wenigſtens ver⸗ ſichert ſeyn, daß er an keiner politiſchen Krantheit ſterben durfte. Selbſt waͤhrend ſeines Aufenthalts auf St. Helena geſtand er in einem Augenblicke gut⸗ muͤthiger Aufrichtigkeit, daß bei Vergleichung des einen Verbannungsorts mit dem andern St. Helena 26 den Vorzug verdiene. Bei hoͤheren Breiten, bemerte er, wuͤrde man durch Kaͤlte gelitten, und auf irgend einer andern tropiſchen Inſel vor Hitze geſtorben ſeyn. Auf St. Helena war das Land wild und untultivirt, das Klima einſoͤrmig und der Geſundheit unguͤnſtig; allein die Temperatur war mild und angenehm.*) Die Behauptung, bei der Napoleon ſo lange verweilt war, daß naͤmlich Kapitain Maitland ſich fuͤr ſeine gute Aufnahme in England verbuͤrgt, und ihn nicht als einen Gefangenen, ſendern als einen Gaſt an Bord ſeines S ffes aufgenommen habe, wurde jetzt ein wichtiger Gegenſtand der Unterhal⸗ tung. So lange Napoleon an Bord des Be lerophon geweſen war, hatte er die groͤßte Achtung gegen Ka⸗ pitain Mattlang und eine Daukbarkeit fuͤr ſeine Hoͤf⸗ lichkeiten zu erkennen gegeben, die ganz unvertraͤglich mit dem Gedanken war, daß er ſich von ihm betro⸗ gen glaubte. Er hatte ſogar bei dieſem Offizier durch Madam Bertrand anfragen laſſen, ob er ſein mit Diamanten beſetztes Portralt als Geſchenk anneh⸗ men wuͤrde. Kapitain Maitland bat, es moͤchte ihm nicht angeboten werden, da er entſchloſſen ſey, es auszuſchlagen. Den 6ten Auguſt bedeutete Graf Las Caſes dem Kapitain Maitland zum erſtenmale, er habe ihm, ſo viel er ihn verſtanden habe, die Verſicherung gege⸗ 19*) Las Cases, Tom. I. P. 2de, p. 229. — — 27 ben, daß Napoleon in England eine gute Aufnahme finden werde. Kapitaln Maitland erwiederte, es ſey unmoͤglich, daß der Graf ihn ſo ſehr habe mißverſte⸗ hen koͤnnen, da er ausdruͤcklich erklaͤrt habe, daß er nichts verſprechen koͤnne; daß er es aber auf ſeine Verantwortlichkeit nehmen zu duͤrfen glaube, Napo⸗ leon an Bord ſeines Schiffes aufzunehmen und ihn nach England zu bringen. Er erinnerte den Grafen, daß er ihn(den Kapitain Maltland) wiederhoit in Bezlehung auf ſeine beſondere Meinung gefragt ha⸗ be, worauf er ihm blos habe antworten koͤnnen, daß er keinen Grund habe, zu glauben, Napoleon werde uͤbel empfangen werden. Las Caſes wußte hierauf nichts zu erwiedern. An demſelben 6. Auguſt ſprach Napoleon ſelbſt uͤber dieſen Gegenſtand, und man wird bemerken, wie verſchieden ſeine Sprache gegen den Kapitain Maitland von der war, die er in ſei⸗ ner Abweſenheit fuͤhrte.„Man ſagt,“ bemerkte er, „ich habe keine Bedingungen gemacht. Sicherlich machte ich keine Bedingungen. Wie konnte ein Individuum einen Vertrag mit einer Nation ab⸗ ſchließen? Ich bedurfte nichts von ihr, als Gaſt⸗ freundſchaft, oder wie die Alten ſich ausdruͤcken wuͤr⸗ den, Luft und Waſſer. Was Sle betrifft, Herr Ka⸗ pirain, ſo habe ich keinen Grund, mich uͤber Sie zu beklagen; Ihr Betragen war das eines Mannes von Ehre.“ Die Unterſuchung uͤber dieſen Gegerſtandn e en⸗ 28 dete hier nicht; denn die grundloſe Behauptung, daß Kapitain Maitland ausdruͤcklich oder folgerungs⸗ weiſe Bedingungen zugeſtanden habe, war nicht ſo⸗ bald zuruͤckgeſchlagen, als ſte auch ſchon wieder zum Vorſchein kam. Als Graf Las Caſes am 7. dem Lord Keith ei⸗ nen Abſchiedsbeſuch abſtattete, um ihm eine Prote⸗ ſtation von Seite Buonaparte's zu uͤbergeben, ſagte er:„Ich machte ihn eben damit bekannt, daß Kapl⸗ tain Maitland geſagt habe, er ſey berechtigt, Sie nach London zu fuͤhren, ohne uns argwoͤhnen zu laſſen, daß wir als Kriegsgefangene betrachtet werden ſoll⸗ ten; und daß der Kapitain nicht laͤugnen konnte, daß der Brief von dem Kaiſer an den Prinzen von Wa⸗ les, von deſſen Daſeyn ich den Kapitain Maitland in Kenntniß geſetzt hatte, nothwendig ſtillſchweigen⸗ de Bedingungen geſchaffen haben muͤſſe, da er keine Vemerkung daruͤber gemacht habe!!“ Hier brach die Ungeduld, ja der Aerger des Admirals aus. Er ſagte in ſcharfem Tone zu ihm, daß in dieſem Falle Kaplitain Maitland ein Narr ſey, da ſelne Inſtruk⸗ tionen kein Wort zu dieſem Ende enthalten; und dies muͤſſe er gewiß wiſſen, da er, Lord Keith, es ſey, der ſie ertheilt habe. Graf Las Caſes gab noch nicht nach und erklaͤrte, daß Seine Herrlichkeit mit einer heftigen Strenge geſprochen habe, fuͤr die er ſelbſt verantwortlich ſeyn moͤge; da die andern Of⸗ fiziere, ſo gut als der Contre⸗Admiral Hotham, ſich * — 29 auf dieſelbe Art ausgeſprochen haben, was nicht haͤtte der Fall ſeyn koͤnnen, wenn der Inſtruktionsbrief ſo klar ausgedruͤckt und ſo beſtimmt geweſen ware, wie Se. Herrlichkeit zu glauben ſcheine.*) In Folge dieſer Behauptung des Grafen Las Caſes forderte Lord Keith den Kapitain Maitland auf, ihm den weitlaͤufigſten Bericht, den er machen könne, von den Unterhandlungen, die er mit dem Grafen, vor Napoleon's Erſcheinung an Bord des Bellerophon, gepflogen habe, vorzulegen. Kapitain Maltland gehorchte und gab mit aller Ausfuhrlich⸗ keit die Art an, auf welche die franzoͤſiſchen Fre⸗ gatten blokirt geweſen waren, die große Unmoͤglich⸗ keit ihrer Flucht und die große Gefahr, in die ſte gerathen waͤren, wenn ſie einen Verſuch zu entflie⸗ hen gemacht haͤtten, die Art, wie ſich zuerſt Sa⸗ vary und Las Caſes, ſpaͤter Las Caſes und Gonr⸗ gand an ihn wandten; ſein Entwurf gegen den haͤu⸗ figen Verkehr der Waffenſtillſtandsflaggen; ſeine Weigerung, Napoleon ſowohl auf franzoͤſiſchen Kriegs⸗ ſchiffen, als auf einem neutralen Schiffe in die See ſtechen zu laſſen; ſeine Einwilligung, den orraa *9 Oer Leier kann auf p. 112. des vorigen Vändchent, wo die Inſtruktionen abgedruckt ſind, zurückgehen undſelbſt ur. theilen, ob nicht jeder, der nach ihnen handelte, nur ein Rarr, wie der Admiral richtigi agte, geweſen ſeyn mußte, weun er einen Vertrag eingegangen hätte, wie der, den Ka, pitain Maitland nach der Behauptuns des Grafen das Ca⸗ ſes abgeſchloſſen haben ſol. 30 gen Kaiſer und ſein Gerolge nach England zu brin⸗ gen, damit ſie der Gaade oder Ungnade des Prinz⸗ regenten anheimgeſtellt wuͤrden, nebſt ſeinen, ihnen oftmals in Gegenwart der Kaxpitaine Sartorius und Gambier wiederholten Errlaͤrungen, daß er keine Stipulationen oder Bedingungen, welcher Art ſie auch ſeyn moͤgen, feſtſetzen koͤnne. Dieſe Ofſiglere beſtaͤtigten dieſe Angabe des Kapitains Maitland durch ihre ſchrift ichen Zeugniſſe. Wenn daher die Einſtuͤſterung des Grafen Las Caſes, denn keinen andern Namen verdient ſie wohl nicht, der ausdruͤck⸗ lichen und klaren Verſicherung des Kapitains Mait⸗ land gegenuͤbergeſtellt wurde, ſo muͤßte die letztere das Uebergewicht behaupten, waͤre es auch nur, weil ſie durch das unmittelbare Zeugniß zweier anderer brittiſcher Offtziere bekrafrigt iſr. Endlich erwaͤhnte Kapitain Maitland des Geſtaͤndniſſes Napaeleon's, ſo wie des ſeines Gefolges, daß, obſchon ihre Erwar⸗ tungen getaͤuſcht worden ſeyen, ſie ihm keinen Ta⸗ del beimeſſen, was nicht der Fall geweſen feyn wuͤr⸗ de, haͤtte er ſich truͤgeriſcher und nicht zu rechtfer⸗ gender Vorſchlaͤge bedient, um ſie an Bord ſeines Schiffes zu locken. Als den letzten Beweis erwaͤhnt er ſeines Abſchiedes von Montholon, der Napoleon's Wunſch, ihm ein Geſchenk zu machen, von neuen in Anregung brachte, und die Dankbarkeit zes Kai⸗ ſers fuͤr ſeine Hoͤllichkeiten und ſein hohes und eh⸗ 31 reuvolles Benehmen waͤhrend ſeines ganzen Verkehrs mit ihm ausſplach. Kapitain Maltland ſagte hierauf, um mich ſei⸗ ner eigenen Worte zu bedienen,„es kraͤnkt mich ſehr, daß Graf Las Caſes dem Lord Keith erklaͤrt haben foll, ich habe verſprochen, Buonaparke werde land gut aufgenommen werden, oder ich! habe uͤberhauyt Verſprechungen irgend einer Art gemacht. Ich habe mich bemuht, mich waͤhrend dieſer ganzen Verhandlung mit Ehre und Blederkeit zu betragen, und kann daher elue ſolche Behauptung nicht unbe⸗ ſtritten laſſen.!“„Oh!l“ ſagte Graf Montholon, „Las Caſes leitete dieſes Geſchaft; es iſt ganz an⸗ ders ausgefanen, als er und alle von uns erwarketen. Er ſchreißt die Lage des Kalſers ſich ſelbſt zu und ſucht daher der Sache das beſtmoͤgliche Anfehen zu geben; allein ich kann Sie verſichern, der Kaiſer iſt uͤberzengt, daß Ihr Betragen hoͤchſt ehrenvoll war; hierauf ergriff er meine Hand, druͤckte ſie und fuͤgte hinza, und das iſt auch meine Meinung.“ Lord Keith war in Folge deſſen vollkommen uͤber⸗ zeugt, daß die Auklage gegen Kapitain Maitland nicht nur durch gar kein Zeugniß beſtaͤtigt war, ſon⸗ dern auch durch die Ausfage unparteilſcher Zeugen ſo zole buͤrch das Borragen und den öffenrlichen Aus⸗ druck der Geſinnungen derer, die das beſte Necht gehabt haͤrten, ſich uͤber das Betragen dieſes Offi⸗ ziers zu beklagen, wenn es wirk.ich tadelnswerrh ge⸗ 32 weſen waͤre, widerlegt wurde. Der Grund, warum Las Caſes darauf beharrte, von ihm ſelbſt gebildete Hoffuungen und Wuͤnſche auf vermeintliche ermun⸗ ternde Ausdruͤcke des Kapitains Maitland zu gruͤn⸗ den, iſt wahrſcheinlich von dem Graſen Montholon richtig angegeben worden. Napoleon's Betragen, als er dem Kapitain Maitland den Vorwurf mach⸗ te, daß er ihm Schlingen gelegt habe, waͤhrend doch ſein eigenes Gewiſſen dieſen wackern Offizter in dem Grade frei ſprach, daß er ihm ſeinen Dank aufdrang, und ihm die guͤnſtige Meinung, dle er von ihm hegte, durch noch weſentlichere Beweiſe zu erkennen geben wollte, kann, fuͤrchten wir, blos einem vorherrſchen⸗ den Gefuͤhle ſeines eigenen Vortheils zugeſchrieben werden, dem er den Berufs⸗Charakter und ehrenvol⸗ len Namen eines Offiziers, dem er ſich bei andern Gelegenheiten fuͤr verpflichtet erklaͤrte, aufzuopfern nicht abgeneigt war. Da Kapitain Maitlands be⸗ ſcheidene und kraͤftige Erzaͤhlung dem Publikum jetzt von Augen liegt, ſo muß die Erdichtung, daß Napo⸗ leon an Bord des Bellerophon, in irgend einem an⸗ dern Charakter, als in dem eines Kriegsgefangenen kam, als auf immer widerlegt betrachtet werden. Da wir mit dieſem anziehenden Gegenſtand 39 Ende gekommen ſind, ſo kehren wir zu dem Gefolge von Umſtaͤnden zuruͤck, die Napoleon's Abreiſe von England begleiteten, in ſo fern ſie hiſtoriſches Inter⸗ eſſe zu haben ſcheinen. 3„ Der 33 Der laͤſtige Zuſammenfluß ſo vieler Boote, de⸗ ren Zahl ſich zuweilen auf nicht weniger als tauſend belief, und die kaum durch abſolute Gewalt derieui⸗ gen Schiffe, welche die innerhalb der vorgeſchriebe⸗ nen Entfernung von dreihundert Ellen(Yards) von dem Bellerophon Wache hielten, zuruͤckgetrieben wer⸗ den konnten, wurde noch verdruͤßlicher, als Napo⸗ leon's wiederholte Erklaͤrungen, daß er nicht nach St. Helena gehen werde, einigen Verdacht erregten, daß er zu entfliehen gedenke. Zwei Fregatten er⸗ hielten deswegen den Befehl, in der Naͤhe des Bel⸗ lerophon Wache zu halten, und die Schildwachen wur⸗ den bei Tag und bei Nacht verdoppelt und verdrei⸗ facht. Ein fonderbarer Vorfall, von einer Art, wie er ſich blos in England ereignen konnte,(denn obſchon in den Koͤpfen der Auslaͤnder eben ſo viele ſeltſame Grillen aufſteigen moͤgen, ſo reifen ſie doch ſeltener zur That) vermehrte die Sorgfalt derer, welche die⸗ ſen wichtigen Gefangenen zu bewachen hatten. Ein öffentliches Blatt, das wohl keinen der Geſetze kun⸗ digen Nathgeber hatte, der es im Punkte der Form auf dem rechten Wege erhielt, botte⸗(ohne Zweifel aus Zaͤrtlichkeit fuͤr die offentlicke Neugierde) den Rath ertheilt, die Perſon Napoleon Buongvarte’'s vermoͤge eines habeas-corpusBefehls ans Ufet zu bringen. Dieſe magiſche Verordnung des Old Bat⸗ ley, wie Smollet ſie nennt, vetliert ihren Einſuß W. Scott'’s Werke. LXIV. tſse 3 us / 34. auf einen Fremden und Kriegsgefangenen, und des⸗ wegen wurde ein ſo alberner Vorſchlag nicht beach⸗ tet. Allein ein Individuum, das wegen einer Schmaͤ⸗ hung auf einen Seeoffizier verfolgt wurde, kam auf den Gedanken, Napoleon als Zeugen bei einem Ge⸗ richtshofe vorzufordern, um, wie es vorgab, den Zu⸗ ſtand der franzoͤſiſchen Marine zu beſtimnen, wel⸗ ches zu ſeiner Vertheidigung nothwendig war. Der Befehl ſollte dem Lord Keith vorgelegt werden; al⸗ lein er vereitelte die Abſicht des Prozeßfuͤhrers durch die Entfernung, in der er ſein Boot von dem Schiffe zu halten wußte, ſo lange er ſich am Bord des letz⸗ tern befand, und nachherrdunch die Schnelligkeit ſei⸗ ner zwoͤlfrudrigen Barke, welche die keuchenden Ru⸗ derer des Anwalts vergebens zu erreichen ſnehten. Obſchon dieß eine bloße Albernheit und nur des Be⸗ laͤchters wuͤrdig war, mit dem die Anekdote von der Verfolgung des Anwalts und der Flucht des Adm l⸗ rals allgemein aufgenommen wurde, ſo haͤtten doeh Angelegenheiten daraus entſoringen koͤnnen, wenn man Napoleon zuge fluͤſtert haͤtte, daß er durch ir⸗ gend einen Prozeß, nach dem gemeinen Rechte Eng⸗ lands, zur Abhuͤlfe berechtigt ſeye, und er haͤtte ſich ermuntert fuͤhlen koͤnnen, ſich ſeiner Ent fernung ron dem Bellerophon zu widerſetzen. Den 4. Auguſt erhielt der Bellerophon, um ſerneren Vorcaͤllen der Art vorzubeugen, den Befeyl, vor dem Vorgebitge Stuart zu kreuzen, no das nach St. Helena beſtimute * —— —,—-— 35 Geſchwader zu ihm ſtoßen ſollte, wenn Napoleon mit ſeinen unmittelbarer Begleitern an Bord des Nort⸗ humberland gebracht ſeyn wuͤrde. Sein Geiſt ſchien einige Zeit lang irgend einen verzweifelten Entſchluß zu hegen, und obſchon er in Gegenwart des Kapitain Maitland keinen andern Wink von Selbſtmord gab, als daß er den muͤrriſchen Entſchluß ausdruͤckte, nicht nach St. Helena zu ge⸗ hen, ſo ſprahner doch mit Las Cuſes in underhuͤll⸗ ten Ausdruͤcken von einem roͤmiſchen Tode. Es iſt uns, wir geſtehen es, nicht bange, daß ſolche Ent⸗ ſchluͤſe von geſunden Perſonen ausgefuͤhrt werden, wenn ſie die Vorſicht gebrauchen, einen verſtaͤndigen Freund zu Rathe zu ziehen. Es iſt zum Verwun⸗ dern, welche ſchwache Gruͤnde die natuͤrliche Liebe zum Leben in den murhigſten Geiſtern und unter den verzweifeltſten Umſtaͤnden erhalten. Es befrem⸗ det uns daher nicht, zu finden, daß die phlloſophi⸗ ſchen Schluͤſſe des Grafen Las Caſes Napoleon be⸗ ſtimmten, noch laͤnger zu leben, und ſeine Geſchichte zu ſchreiben. Haͤtte er ſeine militaͤriſchen Begleiter befragt, ſo wuͤrde er andere Rathſchlaͤge und noͤthi⸗ genfalls thaͤtliche Huͤlfe zur Ausfuͤhrung derſelben gefunden haben. L'Allemand, Montholon und Gour⸗ gand verſicherten den Kapitain Mattland, der Kaiſer werde ſich eter toͤdten, als nach St. Helena gehen, und wenn er ſeine Einwilligung dazu gebe, ſo feyen ſie alle brei ſoget entſchloſſen, ihn lieber . 36 ſelbſt zu toͤdten, als daß er ſich ſo tief herabwuͤrdi⸗ ge. Kapitain Maitland gab als Antwort einige auf den Galgen anſpielende Winke, im Falle ein ſolcher Plan ausgefuͤhrt werden ſollte. Savary und L'Allemand befanden ſich, man muß es geſtehen, in beſonders peinlichen Umſtaͤnden. Sie waren auf der Liſte der von der Amneſtie der koͤnig⸗ lichen Regierung Frankreichs ausgeſchloſfenen Perſo⸗ nen geſtanden, und das brittiſche Miniſterium ver⸗ bot ihnen jetzt, Napoleon nach St. Helena zu beglei⸗ ten. Sie waren natärlicherweiſe in der groͤßten Angſt uͤber ihr Schickfal, da ſie, obſchon ganz ohne Grund, fuͤrchteten, ſie moͤchten der franzoͤſiſchen Regierung ausgeliefert werden. Sie beſchloßen perſoͤnlichen Widerſtand zu leiſten, um ihre Trennung von ihrem Kaiſer zu verhindern; allein gluckiicherwelte waren ſie beſonnen genug, den unlaͤngſt verſtorbenen Rechts⸗ gelehrten und Staatsmann, Sir Samuel Romilly, um ſeine Meinung zu fragen. Als die wirkſamſte Art, dieſen ungluͤcklichen Maͤnnern zu dienen, erfuhr Sir Samuel, in Folge einer perſoͤnlichen Anfrage bei dem Lord Kanzler, daß man keinen Gedanken habe, ſeine Klienten der franzöſiſchen Regierung aus⸗ zuliefern, und ſah ſich ſo in den Stand geſetzt, ſie in dieſer Hinſicht zu beruhigen. In Betreff des Wi⸗ derſtandes, uͤber deſſen Rechtmaͤßigkeit ſie ihn be⸗ fragten, that ihnen Sir Samuel Romilly zu wiſſen, daß ein in einem ſolchen Handgemenge geraubtes „ —— 37 Leben von dem engliſchen Geſetze als Mord ausge⸗ legt werde. Keine groͤßere Gefahr war in der That von einem Angriffe zu erwarten, uber deſſen Recht⸗ maͤßigkeit ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter befragt wurde, als von einem Selbſtmorde, der mit Huͤlfe eines Staatsraths beigelegt wurde; und wir glau⸗ ben, es war weder Napoleon, noch ſeinen Begleitern mit den gewaltſamen Planen, die ſie ankundigten, mehr Ernſt, als ſie fuͤr noͤthig halten mochten, um den Worſatz des engliſchen Miniſtertums zu erſchuͤt⸗ tern. Dieß mißlang ihnen gaͤnzlich, und ihre un⸗ maͤßigen Drohungen hatten bles die Folge, daß ih⸗ nen ihre Waffen abgenommen wurden, Napoleon ausgenommen, der im Beſitze ſeines Schwerdtes ge⸗ laſſen wurde. Napoleon und ſeine Begleiter fuͤhlten ſich tief gekraͤnkt durch dieſen auffallenden Beweis von Mangel an Zutrauen, der auch fuͤr die engliſchen Offiziere, welche den Befehl ausfuͤhrten, peinlich ſeyn mußte, obſchon den franzoͤſiſchen Edelleuten erklaͤrt wurde, daß die Maasregel blos eine Vorſichtsmaas⸗ regel ſey, und daß ihre Waffen ſorgfaͤltig aufb ewahrt und ihnen wleder zugeſtellt werden würden. Waͤh⸗ rend ſeines letzten Tages an Bord des Bellerophon war Napoleon mit der Abfaſſung einer Proteſtation beſchaͤftigt, die wir, da ſie nichts weiteres enthält, als ſeine Addreſſe an Lord Keith und Sir Heiarich, Bunbury in den Anhang verwleſen haben. Er ſchrieb auch elnen zweiten Brief an den Prinz⸗Regenten.. 38 Den 4ten Auguſt gieng der Bellerovhon unter Segel und begegnete am naͤchſten Morgen dem Northumberland und dem nach St. Helena beſtimm⸗ ten Geſchwader, fo wle auch dem Tonnant, ay deſ⸗ ſen Bord Lord Keiths Flaage aufgezogen wurhe. Jetzt gab Napolesn dem Kapitaln Maitland den erſten Wink von ſeinem Vorſate, ſich in ſeine Ver⸗ bannung zu fuͤgen, indem er bat, es moͤchte dem Herrn O'Meara, dem Wundarzte des Bellerophon, erlaubt werden, ihn ſtatt ſeines eigenen Wundarztes, deſſen Gefundheit die Reiſe nicht ertragen koͤnne, nach St. Helena zu benleiten. Hieraus erhellt, daß kein Widerſtand beſchloſſen geweſen war, und in der That, ſobald Napolcon bemerkte, daß ſeine Drohun⸗ gen nichts fruchteten, unterwarf er ſich mit ſeinem gewoͤhnlichen Gleichmuthe. Er ertheilte auch Be⸗ feble zur Ablieferung ſeiner Waffen. Auch wurde ſein Gepaͤck einem Scheine von Unterſuchung unter⸗ worfen; allein es wurde kein einziger Artikel ausge⸗ packt, oder von ſeiner Stelle geruckt. Napoleon's Schatz, der ſich blos auf viertauſend Napoleon'sd'or bellef, wurde in Verwahrung genommen, um ihm dieſes maͤchtige Mittel zur Flucht zu ſchmaͤlern. Es wurden ſodann vollſtaͤndige Qulttungen gegeben, welche die brittiſche Reglerung fuͤr jenen Schatz ver⸗ antwortlich machten, und Marchand, der Lieblings⸗ Kammerdiener des Kaiſers, erhielt die Erlaubuiß, — — 39 ſo viel Geld zu nehmen, als er unmittelbar fuͤr noth⸗ wendig halte. um enif uühr am Morgen des 7ten Auguſt kam Lord Keith in ſeiner Barke, um Napoleon von dem Bellerophon in den Northumberland zu bringen. Um 1 Uhr, als Buonaparte erklaͤrt hatte, daß er in vol⸗ ler Bereitſchaft ſey, wurde eine Kapitains⸗ Wache aufgeſtellt, Lord Keiths Barke war geruͤſtet, und als Napoleon uͤber das Hinterdeck ſchritt, praͤſentirten die Soldaten das Gewehr unter drei kurzen Trom⸗ melwirbeln. welches der Gruß iſt, den man einem General⸗Offizier darbringt. Sein Gang war feſt und ſicher, ſein Abſchied von dem Kapitain Mait⸗ land hoͤflich und freundſchaftlich. Dieſer Offtzier hatte ohne Zweifel Napoleon etwas zu verzeihen, da dieſer ihm den Schimpf, ihm eine Schlinge gelegt zu haben, aufzuburden geſucht hatte; doch darf das aufrichtige und maͤnnliche Bekenntniß der Gefuͤhle, die bei ſeiner Trennung von ihm ſeiner Seele ver⸗ blieben, nicht verhehlt werden. Sie vermehren, wenn dieß noͤthig waͤre, die Glaubwuͤrdigkeit ſeiner einfachen, treuen und ungeſchminkten Erzaͤhlung. „Es mag uberraſchen, wie die Möoͤglichkeit vor⸗ handen ſeyn konnte, daß ein brittiſcher Offlzler zu Gunſten eines Mannes, der ſo viel Unheil uͤber ſein Vaterland gebracht hatte, beeintraͤchtigt wurde; al⸗ lein in einem ſolchen Grade beſaß er die Gabe zu gefallen, daß es wenig Menſchen giebt, die faſt el⸗ 4⁰ nen Monat lang, gleich mir, an Einem Tiſche mit ihm hatten ſitzen koͤnnen, ohne„Mitleid und vielleicht Bedauren daruͤber zu fuͤhlen, daß ein Mann, der ſo viele bezaubernde Eigenſchaften beſaß, und einen ſo kohen Standpunkt im Leben eingenommen hatte in die Lage verſetzt ſeyn ſollte, in der ich ihn ſah.“ Napoleon wurde an Bord des N orthumberland mit denſelben Ehrenbezeugungen empfangen, die ihm erwieſen wurden, als er den Bellerophon verließ. Sir Georg Cockburn, der brittiſche Admiral, deſſen Aufſicht der vormalige Kaiſer jetzt anvertraut wurde, war in jeder Hinſicht boͤchſt geeignet, die ihm uͤber⸗ tragene Pflicht mit Schonung gegen Napoleon, und zu gleicher Zeit mit Treue gegen ſeine Inſtruktionen zu erfuͤllen. In jedem Punkte, der innerhalb des Kreiſes ſeiner Befehle lag, war er guͤtig, ſanft und nachgiebig; in jedem aber der außerhalb derſelben lag, unbeugſam. Dieſe Miſchung von Hoͤflichkeit und Feſtigkeit war beſonders nothwendig, da Napoleon, und mehr noch ſeine Begleiter, ſeinetwegen ſich bei verſchiedenen Gelegenheiten einen gewiſſen koͤnigli⸗ chen Rang fuͤr den Gefangenen anmaßen wollten, den Sir Georg Cockburn, kraft ſeiner Inſtruktionen, aus Gruͤnden, die nachher angegeben werden ſollen, durch⸗ aus nicht bewinigen durfte. Alles, was er geben konnte, gab er mit einer Bereitwilligkeit, die ſowohl von Guͤte als von Hoͤflichkeit zeugte; allein uͤber⸗ zeugt, daß jenſeits der feſtgeſetzten Graͤnzen jeder — — —— 41 zugeſtandene Anſpruch die Grundlage zu einem an⸗ dern bilden wuͤrde, bedeutete er ſeinen franzoͤſiſchen Gaͤſten, daß uͤble Laune oder Zorn auf ſein Betra⸗ gen keine Einwirkung haben koͤnne. Die Folge davon war, daß, obſchon Napoleon, nach ſeiner Verſetzung auf den Northumberland, in Gemaͤßheit der Bifehle der Ad miralitaͤt, gewiſſer. Achtungsbezeugungen beraubt wurde, die er an Bord des Bellerophon erhalten hatte,(wo Kapitain Maitland keine beſtimmte⸗Befehle hinſichtlich dieſes Punkts hatte, und die Entzlehung jener Beweiſe von Achtung bei ihm eine willkuͤhrliche Demuͤthigung ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde) doch kein eutſchiedener Streit, und noch viel weniger irgend ein eingewurzelter Groll zwiſchen Napoleon und dem Admirale ſich einſchlich. Der letztere blieb an dem erſten Platze ſeines eige⸗ nen Tiſches, war, wenn er ſich auf dem Hinterdecke befand, bedeckt, ſobald die erſten Begruͤßungen vor⸗ uͤber waren, und bekuͤmmerte ſich nicht um andere Punkte der Etiquette, die gegen gekroͤnte Haͤupter beobachtet werden; doch verurſachten ſolche Umſtaͤnde eine kleine voruͤbergehende Kaͤlte, die aber, da der Admiral das Mißvergnuͤgen ſeiner Gaͤſte nicht beach⸗ tete, bald der natuͤrlichen Liebe der Franzoſen zur⸗ Gefellſchaft wich; und Sir Georg Cockburn(indem er aufhoͤrte der Heufiſch zu ſeyn, wie⸗Las Caſes ſagt, daß die Franzoſen ihn nannten, wenn ſie erzuͤrnt wa⸗ zen), wurde jene Miſchung von einem gefaͤlligen Genteb 42³ mann und einem ſtrengen O ſtzier, fuͤr den ihn Na⸗ poleon hielt, ſo oft erenufrie tig uͤber dieſen Gegen⸗ 1 ſtand ſprach. Es mag, als kein ſcblim neres Beiſpiel dieſes Betragens und ſeiner Wirkungen, erwaͤhnt werden, daß, als der Northumberland tuͤrch die Linie fuhr, und der Kaiſer den Seeleuten ernen Beweis ſeiner Freigebigkeit dadurch geben wollte, daß er ihnen hun⸗ dert Louisdeor ſch enkte, unter dein Vorwande, die gewoͤhnliche Geldbuße zu entrichten, Sir Georg Cock⸗ burn dieſen Tribut zu hoch fuͤr Napoleon betrachte⸗ te, und nicht erlauben wollte, daß das Geſchenk den zehnten Theil der Sum ne uͤberſt eg. Napoleon, be⸗ leidigt durch dieſe Beſchraͤnkung, bezahlte gar nichts. Bei einer andern Gelegenhelt, zu Anfang der Reiſe, gab ein Unterſchled in den Nationalſitten zu einem jener unbedeutenden Mißverſtaͤndniſſe, von denen wir geſprochen haben, Anlaß. Napoſeon war, gleich äallen Franzoſen, gewoͤhnt, die Tafel unmittelbar nach dem Mittageſſen zu verlaſſen, und Sir Georg Cock⸗ burn blieb mit den engliſchen Offizieren noch nach ſeiner Entfernung bei Tiſche; denn, waͤhrend der Admiral ſeinen franzoͤſiſchen Gaͤſten ihre Freiheit ließ, war er nicht geneigt, das Recht Napoleon's anzuerkennen, die Geſellſchaft an ſeinem, Sir Ge⸗ org's Tiſche zum Aufbruche zu veranlaſſen. Dieß verurfachte einige Unzufriedenheit.*) Ungeachtet *) Las Caſes Iſter Bd. Iſter Thl. erzählt dieſe unbedeutende 43 dieſer geringfuͤgigen Anlaͤſſe zum Mißvergnuͤgen be⸗ richtet uns Las Caſes, daß der Admiral, von dem er anfaͤnglich glaubte, daß er gegen ſie eingenommen ſey, taͤglich freundſchaftlicher wurde. Der Kaiſer pflegte raͤglich auf dem Hinterdecke ſeinen Arm zu nehmen, und lange Geſpraͤche mit ihm uͤber Gegen⸗ ſtaͤnde des Seeweſens, ſo wie uͤber vergangene Er⸗ eigniſſe im Allgemeinen zu fuͤhren.*) So lange er ſich an Bord des Northumberland befand, brachte der vormalige Kaiſer ſeine Morgen⸗ zeit mit Leſen oder Schreiben, ſeine Abendzeit mit Spazierengehen auf dem Verdecke und mit Karten⸗ ſpielen zu. Das Spiel war im Allgemeinen vingt-un (21). Allein wenn man ſich in daſſelbe vertieft hat⸗ ke, rieth er von dieſer Unterhaltung ab, und brachte an ihrer Statt Schach. Ein ſo großer Taktiker Na⸗ poleon auch war, ſo ſpielte er doch dieſes militäͤriſche Spiel nicht gut, und mit Muͤhe konnte ſein Gegnet Montholon den Solicismus vermeiden, den Kaiſer zu ſchlagen. Sache, die ein Mißverſtändniß geweſen zu ſeyn ſcheint, auf eine etwas verſchiedene Art. Las Caſes nimmt an, der Ad⸗ miral habe ſich durch Napoleon's Aufſtehen beleidigt gefühlt⸗ wogegen Sir Georg Cockhurn blos zu zeigen wünſchte, daß er ſich nicht verpflichtet fühle, die Geſellſchaft aufbrechen zu laſſen, weil ſeine franzöſiſchen Gäſte ſich entfernten. Dieſer Vorfall ſcheint jedoch in der Seele Napoleon's tief gewur⸗ zelt zu haben, und wurde ſtets angeführt, wenn er Unzufrie⸗ denheit mit dem Armirale auszudrücken wünſchte. ²) Ebencaſ. pag. 149. 44 In die Zeit dieſer Reiſe fiel Napoleon's Na⸗ menstag, der auch ſein Geburtstag war. Es war der 15. Auguſt; ein Tag, fuͤr den der Pabſt aus⸗ druͤcklich einen St. Napoleon, als Schutzherrn des Kaiſers, canoniſirt hatte. Und jetzt, eine ſonderbare Veraͤnderung, wurde er von ihm an Bord eines eng⸗ liſchen Kriegsſchiffs gefelert, das ihn nach dem Orte ſeiner Gefangenhaltung, und wie es ſich zeigte, nach ſeinem Grabe fuͤhrte. Doch ſchien Napoleon waͤh⸗ rend dieſes ganzen Tages froͤhlich und vergnuͤgt, und war ſogar erfreut daruͤber, daß er im Spiele Gluͤck hatte, was er als eine gluͤckliche Vorbedeutung be⸗ trachtete. Den 15ten Oktober 1815 erreichte der Northum⸗ berland St. Helena, welches denjenigen, die es zu ihrem Aufenthaltsorte beſtimmen, einen hoffnungs⸗ loſen Anblick darbietet, obſchon es den ſeemuͤden Ma⸗ troſen eine willkommene Erſchetnung ſeyn mag. Sein kuͤuftiger Bewohner betrachtete es von dem Verdecke des Northumberland aus mit ſeinem Fern⸗ glaſe. St. James Town, ein unbedeutendes Dorf, lag vor ihm von trockenen und ſteilen Felſen von un⸗ geheurer Hoͤhe, wie ein Thal, eingeſchloſſen; jede Plattform jede Oeffnung, jeder Zugang ſtarrte von Kanonen. Las Caſes, der neben ihm ſtand, konnte nicht die geringſte Veraͤnderung in ſeiner Miene be⸗ merken. Die Befehle der Reg ierung beſagten, daß Napoleon an Vord bleiben ſolle, bis eine, fuͤr die A- 45 Lebensart, die er in Zukunft fuͤhren muͤſſe, angemeſ⸗ ſene Wohnung zubereitet ſey. Allein da dieß wohl nur ein Werk der Zeit ſeyn konnte, ſo nahm es Sir Georg Cockburn auf ſeine eigene Verantwortung, ſei⸗ ne Paſſagiere an's Ufer zu ſetzen, und auf irgend eine Art fuͤr die Sicherheit der Perſon Napoleon's zu ſorgen, bis die noͤthige Wohnung eingerichtet ſeyn wuͤrde. Er landete daher den 16. Oktober; und ſo ſank der Kaiſer von Frankreich, ja faſt von ganz Europa, zu dem Einſiedler von St. Helena herab. Zweites Kapitel. Gründe, welche die Verbannung Napoleon's durch die engliſche Regierung echtfertigen.— Er war ein Kriegsgefangener, und hatte bereits durch den Bruch des Vertrags von Fontaineblrau gezeigt, daß man kein Zutrauen in ihn ſetzen könne— Die Re⸗ gierung wurde ſogar getadelt, daß ſie keine ſtrengere Vorſich Is⸗ maaßregeln ergriffen habe, um ſein Entſtiehen aus Elba zu ver⸗ hindern— Napoleon's Munſch, ſich nach England zurückzezie hen, damit er ſich in der Nähe von Frankreich befände, un. ſich wieder in deſſen Angelegendeiten miſchen koͤnnte.— Grine⸗ warum ihm der Kaiſer Titel verweigert wurde.— Vortheile St. Helena's als eines Verbannungsorts.— Sir Georg Cockburzus Inſtruktionen in Betreff der Behandlung Napoleon's.— Long⸗ wood wird zum Aufenthaltsorte des Exkaiſers, beſtmmt.— Einſt⸗ weilige Einrichtung zu Briars für ihn.— Er begiebt ſich nach Longwood.— Vorſichtsmaaßregeln zur ſichern Bewachung ss 46* 4 Gekangenen⸗— Verfügungen in Betreß der Schiffe, welche in den Hafen einlaufen dur fen. Wir haben jetzt die Gruͤnde zu beſprechen, wel⸗ che die engliſche Regierung in Beziehung auf das ſtrenge Verfahren zu rechtfertigen ſcheinen, das ſie gegen Napoleon Buonaparte beobachtete, indem ſie ſeine Perſon gefangen hieit, und ihm die Vorrechte des Rangs entzog, auf die er mit ſo großer Hart⸗ näckigkeit Anſpruch machte. Und hier weroen ir dara af hingeleitet, die Ve raͤnderung in Betracht z„den, die in einem Zeitraume von blos 12 enin in den Geſinnungen der Menſchen vorgegangen iſt. Im Jahre 15 6, als der gegenwaͤrtige Verfaſſer, ob⸗ ſchon der Aufgabe nicht gewachſen, denſelben Gegen⸗ ſtand zu behandeln ſuchse, gab es in Britannien ei⸗ ne anſehnlice Parthei, die der Meinung war, die brittiſche Regierungzhaͤtte ihre Pflicht gegen Frank⸗ reich und Europa am beſten erfuͤllt, wenn ſie Napv⸗ leon der Regierung Ludwigs XVIII. ausgeliefert haͤr⸗ te, damit er behandelt worden waͤre, wie er ſelbſt den Herzog von Enghien) andelt hatte. Es wuͤrde gegenwaͤrtig nutzlos ſeyn, irgend einen Beweis uͤber dieſen Gagenſtand zu verſchwenden, oder zu zeigen, daß Napoleon durch ſeine Uebergabe an die britriſche Flagge wenigſtens auf Sicherhett des Lebens Anſpruch zu machen bereheigttwar. Eben ſo naztos wuͤrde es ſeyn den oſt mieder 3 holten Grund zu berühren, der ſo klar bewelpt, daß —— 47 in andern Hinſichten die Unterheand! ing mit Kapi⸗ tain Mairband eine undediugte Ueber abe zur Folge hatte. Nayoleon kette jeren Plan, durch Gewalt oder Geſchicklichkeit zu eurkommen, in rwagung ge⸗ zogen, und keiner hatte ihm eine ſolche Wahrſchein⸗ lichkeit eines gluͤckli hen Erſolgs dargevotan, wie der, den er nach reifer deberlegung annghm. Eine Ue⸗ bergabe an England ſicherte ſein Leben um gab ihm die Hoſfnung, weiter? Vortheile aus der Hroßmuth der britriſchen Natin n zu ziehen; denn wie eine un⸗ bedingte Uebergabe iches ſichert, o ſchließe ſie auch nichts aus. Gener il Bertrand ſagte, maͤyrend er ſich an Vord des Norti umberland befand, Napoleon ſey zu dem Schritee, den er gethan habez großentheils durch den Abbb. S ieyes bewogen word en, der ihm gerathen hahe, ſich, mit Hintanſetzung jedes andern Schritten, gerades Wegs nach England zu begeben, welches beweißt, daß ſein Eirſchluß, lenge ehe er den Kapitain M. itland je geſehen hatte, gefaßt ge⸗ weſen ſeyn muf:e. Selbſt Las Caſes gelaugt bei genauer Unterſu hung zu demſelben Refultate; denn er geſteht ein, Ir habe nie geyofft, daß Napoleon als ein freier N. ann betrachtet zwrden, oder Reiſe⸗ p5 nac. Amer ka erhalten wuͤrde, ſondern blos, „ch man ihn unt r mildern Beſchrankungen, als die ihm auferlegten, efangen halten werde. Allein da er keinerlei Vergl ich in Betreff der Art dieſer Be⸗ ſ Fraͤnkunpen traf, o mußten ſie natuͤrlich der Wanl 48 des beſiegenden Theils üuberlaſſen bleiben. Die Fra⸗ ge zwiſchen Mapoleon und der brittiſchen Nation war daher keine Frage der Gerechtigkeit, die ein Recht auf has hat, was ihr gebührt, wenn auch die Folge davon die Vernichtung der Parthei ſeyn ſoll⸗ te, die eß gewaͤhren ſoll, ſondern eine Frage der Großmuth und Milde, Gefuͤhle, denen man ſich kluͤglicher weiſe nur mit Ruͤckſicht auf die Sicherheit derjenigen hingeben kann, welche auf ſie Einfluß ha⸗ ben. 4 Da Napoleon auf dieſe Artt ein Gefangener war, der ſich auf Gnad und Ungnade ergeben hatte, war er den gewoͤhnlichen Kriegsgeſetz en unterworfen, wel⸗ che kriegfuͤhrende Maͤchte berechtigen, Kriegsgefan⸗ gene in Vermahrungsoͤrter einzn ſchließen, wovon ge⸗ woͤhnlich blos diejenigen ausgeno umen werden, deren Ehre als eine hinlaͤngliche Buͤrg chaft fuͤr ihre Auf⸗ richtigkeit betrachtet werden, oder deren Macht zu ſchaden ſo gering iſt, daß ſie veraehtet werden kann. Allein Buonaparte befand ſich we der in der einen, noch in der andern Lage. Seine Macht war groß⸗ die Verſuchung ſie anzuwenden, ge waltig, und das Zutrauen, das in ſeinen Entſchlaſß oder ſein Ver⸗ ſprechen, einer ſolchen Verſuchung zu widerſtehen, geſetzt werden konnte, in der Thoſt ſehr gering. Eiine unyerbuͤrgte Nachricht ſagt, Lord Caſtlere⸗ agh habe zur Zeit des Vertrags von Fontainebleauu Caulaincourt geſragt, warum Nnpoleon nicht telne d 4 d* 49 eine Zuflucht in England ſuche, als daß er den laͤ⸗ cherlichen Titel eines Kaiſers von Elba annehme. Wir zweifeln ſehr, ob Caſtlereagh dieß ſagte. Al⸗ lein wenn Napoleon entweder in Folge eines ſol⸗ chen Winks, oder aus freiem Antriebe im Jahre 1814 ſich entſchloſſen haͤtte, ſein Vertrauen auf die brittiſche Nation zu ſetzen, oder waͤre er durch ei⸗ nen Zufall des Krieges in ihre Haͤnde gefallen, ſo haͤtte England ſicherlich bei einer ſo außerordentli⸗ chen Gelegenheit ſich großmaͤthig benehmen und Napo⸗ leon wohl erlauben maͤſſen, ſich als ein Individuum in ſeinem Gebiet aufzuhalten, oder nach Amerika zu gehen. Man haͤtte alsdann behaupten koͤnnen(ob⸗ ſchen vorſichtige Perſonen ſelbſt noch dann haͤtten Bedenken tragen moͤgen) daß das gegebene Wort ei⸗ nes Kriegers, der noch kurz zuvor Souveraln ge⸗ weſen war, als Buͤrgſchaft fuͤr ſeine Beobachtung eingegangener Vertraͤge haͤtte angenommen werden ſollen. Ja man haͤtte alsdann behaupten koͤnnen, daß die Talente und die Thaͤtigkeit eines einzigen Man⸗ nes, angenommen dieſe ſeyen ſo groß als die menſch⸗ liche Kraft reicht, ihn, auch bei dem feurigſten Stre⸗ ben, nicht in den Stand geſetzt haben wuͤrden, den Frieden Europa's von neuem zu ſtoͤren. Man wuͤr⸗ de daher natuͤrlich einer ſo merkwuͤrdigen Perſon gerne jene Freiheit bewilligt haben, von der eine groß muͤthige Nation anzunehmen geneigt geweſen ſeyn wuͤrde, daß man ſie nicht werde mißbrauchen W. Seott's Werke. LXIV. 4 50 wollen und koͤnnen. Allein der Verſuch mit Elba bewies zu ſehr, wie wenig man ſich auf Napoleon’s Wort verlaſſen duͤrfe, und welch eine große Gefahr von ſeiner Seite drohte, wenn auch ſein Gluͤcksſtern dem Anſcheine nach noch ſo ſehr erloſchen war. Sei⸗ ne Nichtachtung des Vertrags von⸗ Fontainebleau veraͤnderte ſeine Verhaͤltniſſe mit England und Eu⸗ ropa gaͤnzlich; und verſetzte ihn in die Lage eines Mannes, auf deſſen Wort man ſich nicht verlaſſen konute, und deſſen perſoͤnliche Freiheit mit der Frei⸗ heit Europa's unvertraͤglich war. Der Verſuch, ſich auf ſein Wort zu verlaſſen, war gemacht worden und hatte fehl geſchlagen. Der Kluge kann Elnmal betrogen werden; nur Thoren werden zweimal auf dieſelbe Weiſe bintergangen. u 4 258 Es kann zu Gunſten Napoleon's, angefuͤhyt und zugegeben werden, daß er, was ſeine Nuͤckkenr ven Elba hetraf⸗ eine ſo ſtarke Verfuchung zu beſtehen hatte, als die Erde einem ehrſuchtigen Geiſte, wie dem ſeinigen, nur immer darbieten konnte,— die Ausſicht auf ein außerordentliches Unternehmen, mit dem kalſerlichen Throne als Preis deſſelben. Man kann auch zugeſtehen, daß die Bourbons, indem ſie die Bezahlung ſeines feſtgeſetzten Einkommens ver⸗ ſchoven, ihn, in ſo weit ſie dabei betheiligt waren, einigermaßen aufreitzt en. Allein alles dieſes wuͤrde dagegen ſprechen, ihn von neuem einer ſolchen Ver⸗ fuchung preis zu geben. Waͤhrend Frankreich ſich in —————Q—ꝭB⸗⸗⸗⸗—⸗—⸗⸗—⸗xxͤ — 51 einem ſo unruhigen und geplagten Zuſtande befand, waͤhrend die Truͤmmer eines mißvergnuͤgten Heeres noch gaͤhrten unter der wankelmuͤthigen Bevoͤlkerung, — waͤhrend de Koͤnig(um den Verbuͤndeten ſeine ſtipulirten Zaͤhlungen zu leiſten) genoͤthigt war, ſchwere Steuern aufzulegen, und ſie mit einiger Strenge zu erheben, mochten ſich manche Gelegen⸗ heiten zeigen, bei denen Napoleon, indem er ſich entweder uͤber einige ihm erwieſene kleinliche Belei⸗ digungen beklagte, oder von der mißvergnuͤgten fran⸗ zoͤſtſchen Nation aufgefordert wurde, ſeinen merk⸗ wuͤrdigen Verſuch vom 28. Februar haͤtte erneuern koͤnnen. Es war die Sache des britt iſchen Miniſte⸗ riums, allen diefen Moͤglichkelten vorzubeugen. Erſt den 20. April zuvor war daſſelte von der Oppoſition aufgefordert worden, dem Unterhauſe Rechenſchaft daruͤber abzulegen, daß es keine geeignetern Maaß⸗ regeln ergriffen habe, um Buonapartes Flucht aus Elba zu verhindern. Wofuͤr wuͤrden ſich die Mini⸗ ſter verantwortlich gemacht haben, wenn ſie ihn in Umſtaͤnde verſetzt haͤtten, die elne zweite Flucht zu⸗ gelaſſen haͤtten? Zum wenigſten fuͤr die ganze Groͤ⸗ be der Verwirrung, und die M Nenge des vergoſſenen Blutes, zu der ein ſolches Ereigniß nothwendig haͤt⸗ te fuͤhren muͤſſen. Die Gerechtigkeit ſowohl als die Nothwendigkeit dieſes Falles rechtfertigte die Beſchraͤnkung der Frrk ett Bhnaparfor, deren Magß 149. 8 52 durch ſeine Uebergabe von dem Willen Britanniens abhaͤngig gemacht warde. 4 Bei dieſer unſerer Bewoisfuͤhrung haben wir es vermieden, unſere Zuflucht zu den Vewelſen ad ho- minem zu nehmen. Wir haben Touſſaint's Kerker, an der Graͤnze der Alpen, oder der Gefangenhal⸗ tung Ferdinand's, eines zutrauensvollon und uͤberli⸗ Keeten Verbuͤndeten, in dem Schloſſe Valengai, nicht erwaͤhnt. Wir haben der Beiſpiele von Ehrenſtel⸗ len und Aemtern, die Offizieren verliehen wurden, welche durch ihre Flucht aus England ihr Ehrenwort gebrochen hatten, und dor, lu den Tuillerien mit Gunſt und Auszeichnung empfangen wurden, nicht gedacht. Auch haben wir nicht auf die große Stgatsmaxime angeſplelt, welche die politiſche Nothwendigkeit oder Dienlichkeit zu einer üͤber dem Sittengeſetze ſtehen⸗ den Macht erhob. Wenn Brikannien ſeine Hand⸗ lungen durch Beiſpiele, wie die obigen, rechtferti⸗ gen wollte, ſo hieße dieß die geſegnete Vorſchrift umſtoſſen, naͤmlich gegen usſern Feind handeln, nicht wie wir gewuͤnſcht haͤtten, daß er gegen uns ver⸗ fahren waͤre, ſondern wie er wirklich gegen uns verfahren iſt, kurz, hieße eine verkehrte und ver⸗ hrecheriſche Politik verfolgen, weil unſer Gegner uns das Beiſplel dazu gegeben haͤtte. Allein Bnonspartes fruͤhere Handlungen muß⸗ ten nothwendig inſoweit betrachtet werden, als man durch ſie beſtimmen konnte, welches Vertrauen in —— 53 ſeinen perſoͤnlichen Charakter zu letzen war; und wenn man fand, daß dieſer durch auffallende Bei⸗ ſpiele von Treubräͤcht zeeit gegen Andere bezeichnet war, ſo wuͤrden die Miniſter ſicherlich nicht zu recht⸗ fertigen geweſen ſeyn, wenn ſie ihn in eine Lage verſetzt haͤtten, in der ſeine Treue es hauptſaͤchlich geweſen waͤre, wovon die Nation Ruhe zu erwarten gehabt haͤtte. Las Caſes ſcheint die Thatſache zuzugeben, daß Napoleon, indem er ſich nach England zuruͤck⸗ zuziehen gedachte, die Hoffnung hegte, ſich wieder in die franzoͤſiſchen Angelegenheiten zu miſchen*). *) Dieß konnte nach Las Caces blos in der A bſicht geſcheben, ſeine großen, den Frieden, die Ehre und Einigkeit des Lan⸗ des bezweckenden Piane durchzutühren. Er hatte, ſcheint es, in dem kririſchen Augenblicke bis ans Ende noch gehofft, die Augen des franzöſiſchen Volks würden ſich beim Ainblicke der äffentlichen Gefahr öffnen; es werde zu ihm zurückkehren, und ihn in den Stand ſetzen, Frankreich zu retten. Dieß war es, was ihn bewog, ſeinen Aufenthalt in Malmendn zu verlängern; dieß verleitete ihn, in Rocheſvit noch Nänger zu zögern. Wenn er ſich jetzt in St. Helena befindet, ſo ver⸗ dantr er cs dieſer Geſinnung. Ez iſt eine Gedankenreihe, von der er ſich nie trennen konnte. Selbſt ſpäter, da es kei⸗ nen andern Nusweg mehr gab, als die Annahme der Gaſt⸗ freundſchaft des Bellerophon, fand er ſich vielleicht nicht oh⸗ ne eine gewiſſe Zufriedenheit durch den Lauf der Dinge un⸗ widerſtehlich nach England hingezogen, d er hier in der Nähe von Frankreich war Er wußte wohl, daß er nicht frei feyn werde, allein er hoffte ſeinen Meinungen Gebör zu verſchaffen; und dann wie viste Umſtände konnren die neue Richtung begünſtigen, die er bezweckte?— Sejour nuprès de 4 54 Das Beiſpiel des Sir Riel Campbell hatte bewfe⸗ ſen, wie wenig die bloße Gegenwart eines Commiſ⸗ ſaͤrs dieſen außerordentlichen Mann beſchräukt ha⸗ den wurde, und ſeine Auferſtehung nach ſeiner Flucht von Elba hatte deutlich dargethan, daß man ſich durchaus nicht auf den zweiten politiſchen Tod ver⸗ laſſen koͤnne, dem er ſich, als ein Einſiedler in Eng⸗ land, zu unterwerfen erbot. Es iſt jedoch behaup⸗ tet worden, daß, wenn der Charakter der Zeiten und ſein eigener es unumgaͤnglich nothwendig mach⸗ ten, Napoleon ſeiner perſoͤnlichen Freiheit zu be⸗ rauben, ſeine Gefangenſchaft wenigſtens von allen Zeichen einer ehreuvollen Auszeichnung haͤtte beglei⸗ tet ſeyn ſollen, und daß es eine unnoͤthige Grau⸗ 6 ſamkelt geweſen ſey, die Gefühle ſeiner Begleiter, ſo wie ſeine eigenen dadurch zu kraͤnken, daß man ihm den kaiſerlichen Titel und verſönliche Aufmerk⸗ ſamkeiten verweigerte, deren er ſich in ſeinem Gluͤcke erfreut hatte und an denen er in ſeinem Ung lucke hieng. Es wird von allen Seiten zugegeben werden, lEmpereur Napoleon etc. Tom. II, Paris 3ème. Wir kön⸗ unen dieß vlos ſo verſtehen, daß Napoleon, während er ſich ach England unter der Bedingung zurückzog, ſich nicht mehr in die Politik zu miſchen, die Hoffnung nährte, daß er ſein Aevergewicht in eziehung auf die franzöſiſchen Angelegen ⸗ 4 geiten, vermittelſt des Einfluſſes, den er auf die Angelegen⸗ beten Britanniens ausüben zu können glaubte⸗ wieder erlangen werde. 55 daß, wenn irgend etwas gethan werden konnte, das ſich mit den hauptſaͤchlichſten Erforderniſſen des Falls vertrug, um Napoleon in ſeiner ungluͤcklichen Lage eine einzige Pein zu erſparen, man dieſe Maaßre⸗ gel haͤtte ergreifen ſollen. Allein es konnte kein Grund fuͤr Britannien vorhanden ſeyn, aus mitlei⸗ diger Hoͤflichkeit ſeinem Gefangenen einen Titel zu geben, den es ihm von Rechtswegen verweigert hat⸗ te, ſelbſt waͤhrend er das franzoͤſiſche Reich wirklich beherrſchte, und es waren Gruͤnde vorhanden, die wie ſpaͤterhin angeben werden, welche gegen die Be⸗ willigung einer ſolchen Gunſt gewaltig ſprachen. 4 Auch der Verwahrungsort Napoleon's hatte zu ſtrengem Tadel Anlaß gegeben; allein die Frage haͤngt gaͤnzlich von dem Rechte ab, ihn uͤberhaupt in Ver⸗ wahrung zu bringen. Wenn dieſes verweigert wird, ſo bedarf es keines weitern Beweiſes; denn ein Verwahrungsort, wenn er ſeinen Zweck erreichen ſoll, muß perſchiedene umſtaͤnde der Sicherhelt und Abgeſchledenheit in ſich vereinigen, von denen jeder die Leiden der gefangenen Perſon mehr oder minder vermehrt, und eine Peln verurſacht, die blos der Antheil eines rechtmaͤßigen Gefangenen ſeyn ſollte. Alleln, wenn man zugiebt, daß eine ſo furchtbare Perſon wie Napoleon der Macht beraubt werden durfte, die Erde von neuem mit Blut zu uͤberſchwem⸗ men, ſo giebt es vielleicht keinen Ort in der Welt, wo ein ſo hoher Grad von Sicherheit mit einem 56 eben ſo hohen Grade perſönlicher Freihelt fuͤr den Gefangenen haͤtte vereinigt werden koͤnnen. Die geſunde Beſchaffenheit des Klima dieſer In⸗ ſel wird am beſten durch den Inhalt eines Berichts bewieſen, den der Miliraͤrarzt, Dr. Thomas Schortt, den 20. Maͤrz 1820 abſtattete, und aus dem es ſich ergiebt, daß unter den damals auf St. Helena po⸗ ſtirten Truppen, die beſtaͤndig zu dem gewoͤhnlichen oder einem ermuͤd enden Dienſte gebraucht wurden, und ſtets der Atmesphaͤre ausgeſetzt waren, das Ver⸗ haͤltniß der Kranken bios wie ein Mann zu dreißig war, ſelbſt Ungluͤcksfaͤlle, und die nach einer Beſtra⸗ fung in das Spital geſchickten, mit eingeſchloſſen. Dieſer außerordentliche Grad von Geſundheit, der ſich nur an wenigen Orten in der Welt findet, wird von Dr. Schortt dem Umſtande zugeſchrieben, daß die Inſel von den Naſſatwinden beſtrichen wird, de⸗ ren ununterbrochenes Wehen die uͤberfluͤſſige Hitze und die der menſchlichen Conſtitution ſchaͤdlichen Duͤn⸗ ſte, die ſie erzeugt, fortnimmt. Dieſelbe Urſache, die ein Gefolge ven Duͤnſten aus dem Ocean mit ſich bringt, bildet eine Wolkenhuͤlle um der Son⸗ nenſtrahlen aufzufaſſen, und verhindert ſo das Vor⸗ kommen ſolcher gewaltiger und raſcher Krankheits⸗ formen, die im Allgemeknen faſt in allen tropiſchen Ländern ſich darbieten. Eine gehemmte Ausduͤn⸗ ſtung iſt bekanntllch eine gelegenheitliche Krankheits⸗ urſache, die aber, wenn ſie gehoͤrig behandelt wird, 5 — — 57 blos denjenigen verderdlich iſt, deren Conſtitutionen fruͤher durch einen langen Aufenthalt in einem heiſ⸗ ſen Klima ritjädf worden ſind. Es ſollte auch be⸗ merkt werden, daß das Klima der Inſel ungewoͤhn⸗ lich beſtaͤndig iſt, und im Ganzen genommen nicht mehr als oder 10 Grade im Laufe sas Jahrs ab⸗ wechſelt: welche Gleichheit der Cemperatne eine an⸗ dere Hauptur fache der allgemeinen Geſundheit*). Die Atmosphaͤre iſt zwar warm: allein da Napoleon ſelbſt in einem heißen Klima geboren wurde, und ſogar die Kaͤlte Britanniens gefuͤrchtet haben ſoll, ſo konnte dieß in ſeinem Falle kaum als ein unguͤnſti⸗ ger Umſtand betrachtet werden. Was Napoleon's pereoͤnliche Behandlung betrifft, ſo regelte ſie Sir Georg Cockburn bei ſeiner Ankunft nach dem durch ſeine endlichen Inſtruktionen em⸗ pfohlenen Syſteme, Dieſe Inſtruktionen lauten alſo⸗ „Indem der Prinz⸗Regent brittiſchen Offizieren ein ſo wichtiges Amt auvertraut, iſt er uͤberzeugt, daß es nicht noͤthig iſt, ihnen ſeinen aͤngſtlichen Wunſch elnzupraͤgen, daß keine groͤßere Maaßregel der Strenge in Beziehung auf Gefangenhaltung oder Einſchraͤnkung auferlegt wird, als zur treuen Voll⸗ ziehung jener Pflicht nothwendig iſt, die der Admi⸗ ral wie der Gouverneur von St. Helena ſtets vor Augen haben muͤſſen,— naͤmlich die vollkommene Sicherheit der Perſon des General Busnapstte. Sei⸗ *) Siehe Anhang Bl. 10. 58 ne koͤnigliche Hoheit iſt uͤberzeugt, daß jede Nach⸗ ſicht, die ſich mit dieſem großen Zwecke vertraͤgt, dem Generale gerne bewilligt werden wird, und ger iſt von dem bekannten Eifer und der Charafter⸗ ſtaͤrke des Sir Georg Cockburn uͤberzeugt, daß er ſich zu keiner unvorſichtigen Milderung ſeiner Pflicht verfuͤhren laſſen wird.“*) Im Geiſte dieſer Inſtruktionen handelte Sir „Georg Cockburn, als er fuͤr ſeinen wochtigen Gefan⸗ genen einen Wohnort waͤhlte, und dabei Napoleon's Wuͤnſche ſo viel befragte, als der Fall muͤglicher⸗ weiſe erlauben konnte. Die Bequemlichkeit auf der Inſel war keines⸗ wegs ſo, wie ſie unter den obwaltenden Umſtaͤnden gewuͤnſcht werden konnte. Es, befanden ſich blos drei der Regierung gehoͤrige Hauſer, die fuͤr einen ſolchen Gaſt einigermaßen g eeinet waren, daſelbſt. Zwei, die Stadt⸗Wohnungen des Gouverneurs und des Vice⸗Gouverneurs der Inſel, eigneten ſich zu Heiner Wohnung fuͤr Napoleon nicht, weil ſie ſich in Jamestown befanden, eine Lage, die, aus einleuch⸗ tenden Gruͤnden, nicht raͤthlich war. Das dritte war das Plantationshaus, eine Villa auf dem Lan⸗ nde, die dem Gouverneur gehoͤrte, und die beſte . Wohnung guf der Inſel war. Die brittiſche Regle⸗ rung hatte verboten, dieſes Haus als Wohnung des ⁵) aauszug aus einer an die Admiralität gerichteten, und vom 30. Julius 1815 darirten Depeſche des Carl Bathurſt. 13 59 vormaligen franzoͤſiſchen Kalſers zu waͤhlen. Wir weichen in dieſem Punkte von ihrer Meinung ab, weil der gefallenen Groͤße die beſte Bequemlichkeit gehoͤrte; und in ſeinen Umſtaͤnden haͤtte Napoleon mit aller Ruͤckſicht auf das Anſehen des Gouverneurs, die letzte Perſon auf der Inſel ſeyn ſollen, die Un⸗ bequemlichkeiten untlrworfen worden waͤre. Wir zweifeln nicht ſehr, daß man eine ſolche Anordnung getroffen haben wuͤrde, wenn nichk der vormalige franzoͤſiſche Kalſer und ſeine Begleiter genegt gewe⸗ ſen waͤren, jede Achtung oder Gefalligkeit, die man ihnen bewilligte, als einen Grund zur Erhoͤhung ihrer Anfpruͤche zu benutzen. So wurde die Hoͤflich⸗ keit, die Admiral Hotham und Kapitain Maitland dadurch gegen Napoleon an den Tag legten, daß ſie den Raa's bemannten, als er ſich von einem Schiffe auf das andere verfuͤgte, als ein Beweis vor⸗ gebracht, daß feine freie und koͤnigliche Lage von die⸗ ſen Offizieren anerkannt worden ſey' und haͤtte man ihm das beſte Haus auf der Inſel zu ſeinem Ge⸗ brauche angewieſen, ſo haͤtte, nach den Regeln der Logik, der Schluß daraus gezogen werden koͤnnen, daß Napoleon keinen Obern auf St. Helena habe. Es gab jedoch noch Mittel, dieſen Geiſt der An⸗ maßung niederzubeugen, wenn er ſich gezeigt haͤtte; und wir glauben, es waͤre beſſer geweſen, wenn man es auf die angedeuteten Folgen haͤtte ankom⸗ men laſſen, und ihm das Plantation⸗Haus zu ſeiner 60 Wohnung als das Gebaͤude angewieſen haͤtte, das wenigſtens die groͤßte Bequemlichkeit, welche die Inſel darbieten konnte, gewaͤhrte. Einige Umſtaͤnde in Betreff der Localitaͤt hatten, glaubt man, Zwei⸗ fel erregt, ob das Haus voͤllig bewacht werden koͤnne. Allein dieß war in jedem Falle eine Frage, die in Enzland ſelbſt erwogen wurde, wo viel⸗ leicht der wirkliche Zuſtand der Inſel minder voll⸗ kommen gekannt war; und Sir Georg Cockburn hat⸗ te, gefeſſelt durch ſeine Inſtruktionen, in der Sache keine Wahl. Nebſt Plantations⸗Haus befand ſſch noch eine andere Wohnung auf der Inſel, Longwood genannt, die der Vice⸗Gouverneur inne hatte. Dieſe waͤhlte Sir Georg Cocburn, nachbem er alle die verſchiede⸗ nen Landſitze und Wohnoͤrter auf der Inſel beſich⸗ tigt hatte, zu Napoleons kuͤnftigem Aufenthaltsort. Es liegt von den allgemein bewohnten Oertern der Inſel abgetrennt, folglich war vorauszuſehen, daß niemand ſeine Nachbarſchaft beſuchen werde, auſſer diejenigen, welche Geſchaͤfte halber dahin kamen. Es war auch von jenen Punkten entfernt, die for Boote am meiſten zugaͤngig, und die man, bis ſie hinlaͤnglich gedeckt waren, dem Aublicke Napoleons oder ſeiner kriegeriſchen Gefaͤhrten nicht darbieten wollte. In Longwoed hefand ſich auch eine ebne Flaͤche, die durch Schildwachen bemerkt und geſichert werden konnte, und einen faͤr kerperliche Bewegun⸗ — 61 gen zu Pferd oder in einem Wagen geeigneten Raum darbot; und da der Ort hoch gelegen war, ſo war er kuͤhler, als die eingeſchloſſenen Thaͤler in der Nachbarſchaft. Das Haus konnte ſich hinſichtlich der Bequemlichkeit(obſchon dieß nicht viel ſagt) mit je⸗ dem auf der Inſel, Plantgtion⸗Haus ausgenom⸗ men, meſſen. Endlich erhlelt der Ort, den Napoleon perſoͤn⸗ lich beſuchte, deſſen Beifall, und er außerte ſich mit einer ſolchen Zufriedenheit daruͤber, daß es ſchwer war, ihn zu vermoͤgen, den Ort zu verlaſſen. Es wurden daher alsbald Anſtalten getroffen, der Woh⸗ nung eine ſolche Ausdehnung zu geben, die ſie, wann auch nicht ſo, wie es gewuͤnſcht werden konnte, doch wenigſtens ſo bequem machten, als die um⸗ ſtände erlaubten. Man hoffte in der That, ſie mit Hülfe von Kuͤnſtlern und Baumaterlalien, die aus En gland kommen ſollten, bis zu jeder erforderlichen Ausdehnung zu vergroͤßern. Bis indeſſen die un⸗ umgaͤnglich nothwendigen Ausheſſerungen in Long⸗ wood vollendet ſeyn wuͤrden, wurden General Ber⸗ trand und das uͤbrige Gefolge Napolcon's in einem meublirten Hauſe zu James Town untergebracht, während er felbſt, auf ſein eigenes Geſuch, ſeine Wohnung in Briars aufſchlug, einem kleinen vo⸗ mantiſch gelegenen, etwas von der Stadt entfernten Hauſe oder vielmehr Huͤtte, in der er blos ein en⸗ ges Zimmer bewohnen konnte. Sir Georg Cockburn 62 wollte ihn bewegen, ſeine temporaͤre Wohnung lie⸗ ber in der Stadt zu nehmen, wo das beſte Haus fuͤr ihn auserſehen worden war. Napeleon lehnte dieſen Vorſchlag ab, ſeine natuͤrliche Abneiguug, ſich den offentlichen Gaffen auszuſetzen, vorſchuͤtend. Zudem beſtimmten die Einſamkeit, die liebliche Land⸗ ſchaft, die beſonders denen angenehm iſt, welche kuͤrzlich in ein Schiff eingekerkert geweſen, und de⸗ ren Augen lange auf dem einſoͤrmigen Meere um⸗ hergeſchweift ſind, den vormaligen Kaiſer fuͤr Briars. So lange Napoleon in Briars wohnte, beſchraͤnkte er ſich mehr, als nothwendig war; denn unter dem Vorwande, daß die Schildwachen, die man von dem Fenſter des Hauſes aus ſehen kounte, ſo wie die Menge von Beſuchenden ihm läſtig ſey, zog er ſich in ein fleines Pavillon zuruͤck, das aus einem gu⸗ ten Zimmer und zwei kleinen ateiſchen Gemaͤchern beſtand, und ungefaͤhr zwolf Yards(Ellen*) von dem Hauſe entferut war! Seine Freiheit war da⸗ her, auſſer wenn chn ein brittiſcher Staabsoffizier begleitete, auf den klelnen Garten bei der Hutte beſchraͤukt, da die uͤbrige Umgebung mit Schildwa⸗ chen beſetzt war. Sir Georg Cockburn fuͤhlte das Unangenehme der Lage ſeines Gefangenen, und be⸗ muͤhte ſich, die Verbeſſerungen in Longwodd zu be⸗ ſchleunigen, damit Napolern ſeinen Wobuſitz dort *) Yards bedeutet auch die Lange einer Segerſtange. 63 auſſchlagen koͤnnte. Er gebrauchte zu dieſem Zwecke die Schiffszimmerleute des Geſchwaders und alle Handwerker auf der Inſel;„und Longwood“, ſagt Dr. Q'Meara,„bot faſt 2 Monate lang eine ſo ge⸗ ſchaͤftige Scene dar, als je eine in Kriegszeiten auf einer der Schiffswerften Sr. Majeſtaͤt, waͤh⸗ rend eine Flotte unter der perſönlichen Leitung ei⸗ nes unſerer beſten Seekommandanten ausgeruͤſtet wurde, geſehen worden war. Der Admiral, uner⸗ muͤdlich in ſeinen Bemuͤhungen, kam oft kurz nach Sonnen⸗Anfgang in Longwood an, und munterte durch ſeine Gegenwart die Arbeitsleute von St. He⸗ lena auf, die, im Allgemeinen laͤßig und traͤge, mit Erſtaunen die Eile und Thaͤtigkeit eines Krlegers auf den charakteriſtiſchen Muͤſſiggang folgen ſahen, den ſie bis dahin ſowohl zu ſehen, als auszuuͤben gewohnt geweſen waren.“ Waͤhrend ſich der Kaifer in Briars aufhlelt, ſah er wenige Geſellſchaft, brachte ſeine Morgenzeit in dem Garten zu, und ſplielte des Abends mit Herr Balcombe, dem Eigenthuͤmer, und den Mitgliedern ſeiner Familie, um Zucker⸗Bohnen Whiſt. Der Graf Las Caſes, der unter den Individuen ſeines Gefolges die mannigfaltigſten und ausgedehnteſten Kenntniſſe vbeſeſſen zu haben ſcheint, wurde natuͤr⸗ lich zum hauptſäͤchlichſten und einzigen Gefahrten ſeiner Morgenſtudien und Erholungen gewaͤhlt. Bei 64 ſolchen Gelegenheiten war er gewoͤhnlich artig, zu⸗ gaͤnglich und gelaſſen ian ſeinem Betragen. Die Bemuͤhungen des Sir Georg Cockburn, der mit jeder Schwierigkeit rang, welche der Mangel an Paumaterialien, Transportmitteln und allem, was ſolche Operationen erleichtert, moͤglicherweiſe verurſachen kongte, verwandelten endlich Longwood in ein Wohnhaus, das, obſchon es weit unter der fruͤheren Wuͤrde ſeines Beſitzers ſtand, doch fuͤr ei⸗ nen Gefangenen von dem Range, der Napoleon von der brittiſchen Regierung zuerkannt wurde, hinlaͤng⸗ liche Bequem ichkeit dar ot*). Den 9. December nahm Longwood Napoleon auf, ſo wie einen Theil ſeines Haushalts; den Graſen und die Graͤfin von Monrholon und ihre Kinder, den Grafen Las Caſes und ſeinen Sohn. General Gonr⸗ gaud, Dr. O'Meara, der als ſein aͤrztlicher Beglei⸗ ter angenommen war, und audere von Napoleon's Gefolge, denen in dem Hauſe keine Wohnung au⸗ gewieſen werden konnte, wurden einſtweilen mit Zel⸗ ten verſehen; und der Graf und die Graͤfin Werirand wurden * Die zu ſeinem beſondern Gebrauche beſtimmte Nelhe von Zimmern beſtand aus einem Salon, einem Speiſezimmer einer Bibliothek, einem kleinen Studierzimmer und einem Schlafgemach. Dieß war ein ſonderbarer Abſtich gegen die Palläſte, die Napoleon früher bewohnt hatte; allein die Wohnnng war in demſelben Verhältniſſe dem Tempel und den Kerkern von Vincennes vorzuziehen. — 63 wurden in einer kleinen Huͤtte, an einem, Huts⸗ gate genannten Orte, gerade an der Grenze des privilegirten Bodens von Longwood, wie man ihn nennen koͤnnte, untergebracht, bis ein neues Haus zu ihrer Aufnahme erbaut war. Wie man im Gan⸗ zen auf der einen Seite kaum laͤngnen kann, daß alles gethan wurde, Longwood fuͤr den Gefangenen ſo bequem zu machen, als Zeit und Mittel erlaub⸗ ten, ſo muß auf der andern Seite redlich erwogen werden, daß der, obſchon unvermeidliche Aufſchub von dem in ſeine Huͤtte zu Briars eingeſchloſſenen Erkaiſer peinlich gefuͤhlt werden mußte; und daß das Haus zu Longwood, wenn es ſo gut eingerichtet war, als es die Umſtaͤnde erlaubten, hinſichtlich der Be⸗ quemlichkeit weit unter der Wohnung ſtand, deren der ausgezeichnete Gefangene, nach dem Wunſche jedes Englaͤnders, ſich haͤtte erfreuen ſollen, ſo lange er ſich in brittiſcher Haft befand. 1 9; Man hatte, um den Maͤngeln von Longwood abzuhelfen, den Vorſchlag gemacht, eine hoͤlzerne Wohnung von einer angemeſſenen Groͤße zu erbauen, ſie in Stuͤcken aus England zu ſchicken, und ſie an Ort und Stelle zuſammenzufuͤgen; was bei dem faſt gaͤnzlichen Mangel an Baumaterialien auf der Inſel die einzige Art war, wodurch der gewuͤnſchte Zweck, einer angemeſſenen Bequemlichkelt, dachte man, ge⸗ horig erreicht werden konnte. Umſtaͤnde verhinder⸗ ten jedoch mehrere Monate lang die Ausfuͤhrung W. Seoft'⸗Werke. LRIV. 5 8 66 dieſes Plans, und eine Reihe ungluͤcklicher Zwiſte zwiſchen dem Gouverneur und ſeinem Gefangenen fuͤgten einen jahrelangen Aufſchub hinzu, was uns veranlaßt, unſer Bedauern abermals daruͤber aus⸗ zudruͤcken, daß das Plantationshaus Napoleon nicht unverzuͤglich zu ſeinem Wohnſitze angewieſen wor⸗ den war. Wir haben bereits geſagt, daß um das Haus Longwood herum die weiteſte Ausdehnung von freiem Felde in der Nachbarſchaft lag, und zu Bewegun⸗ gen ſowohl zu Fuß als zu Pferd geeignet war. Es wurde ein Raum von 12 engliſchen Meilen im Um⸗ kreiſe abgemeſſen, innerhalb deſſen Napoleon, ohne von irgend jemand begleitet zu ſeyn, ſich Bewegung machen konnte. Eine Kette von Schildwachen um⸗ gab dieſes Gebiet, um zu verhindern, daß er es nicht uͤberſchritt, außer wenn er von einem britti⸗ ſchen Offiztere begleitet war. Wenn er ſeine Aus⸗ fluͤge weiter ausdehnen wollte, ſo konnte er, vorgus⸗ geſetzt, daß der Offizier nahe genug war, um ſeine Bewegungen zu beobachten, jeden Theil der Inſel beſuchen. Ein ſolcher Ordonanz⸗Offizier war ſtets bereit, ihn zu begleiten. Innerhalb des bereits er⸗ waͤhnten Raumes waren zwei Lager, das des özſten Regiments zu Deadwood, ungefaͤhr eine Meile von Longwood; und ein anderes bei Huts'gate, wo man eine Offizierswache aufgeſtellt hatte, da dieß der Häuptzugang zu Longwood war. 1631 5 67 Wir haben jetzt die Mittel in Erwaͤgung zu zie⸗ hen, die zur ſichern Bewachung dieſes wichtigen Ge⸗ fangenen angewendet wurden. Ein alter Dichter hat geſagt,„jede Inſel iſt ein Gefaͤngniß;“ allein im Punkte der Schwierigkeit des Entkommens, giebt es keine, die mit St. Helena verglichen werden kann; was ohne Zweifel die Haupturſache war, daß dieſe Inſel zum Orte der Gefangenhaltung Napolevn's auserſehen wurde. Dr. O'Meara, kein freundſchaſtlicher Zeuge, be⸗ richtet uns, daß die Wachen, mit Ruͤckſicht auf Na⸗ poleon’'s Gefuͤhle, und die Sicherheit ſeiner Perſon, auf folgende Art poſtirt waren:— Eine Subalternwache war am Eingange von Longwood poſtirt, ungefaͤhr ſechshundert Schritte von dem Hauſe, und ein Cordon von Schildwachen und Piquets um die Graͤnzen gezogen. Um 9 Uhr wur⸗ den die Schildwachen zuſammengezogen, und mit ein⸗ ander in Verbindung gebracht, worauf ſie das Haus in ſolchen Stellungen umgaben, daß niemand aus⸗ und eingehen konnte, ohne von ihnen geſehen und unterſucht zu werden. Am Eingange des Hauſes waren doppelte Wachen ausgeſtellt, und Streiſwa⸗ chen patroullirten beſtaͤndig ruͤck⸗ und vorwaͤrts. Nach 9 Uhr durfte Napoleon das Haus nicht mehr verlaf⸗ ſen, außer in Geſellſchaft eines Stabsoffiziers; und keine Perſon wurde ohne das Loſungswort poruͤber⸗ 5.„ 68 gelaſſen. Dieſer Zuſtand der Dinge dauerte bis zum Anbruche des Tages. Jeden Landungsplatz auf der Juſel, und in der That jeden Ort, der den Schein eines ſolchen darbot, war mit einem Piket beſetzt, und ſogar auf jeden Pfad, der nach der See fuͤhrte, waren Schildwachen ausgeſtellt; obſchon, in Wahr⸗ heit, die Schwierigkeiten, welche die Natur auf faſt allen Wegen in dieſer Richtung darbot, fuͤr eine ſo unbeholfene Perſon, wie Napoleon war, an und fuͤr ſich ſelbſt als unuͤberwindlich ſich erwieſen haben wuͤr⸗ den. Die Vorſichts maaßregeln, welche Sir Georg Cock⸗ burn ergriff, um den natuͤrlichen Chacakter und die Eigenthuͤmlichkeiten der Inſel zu ſeinem Vortheile zu benutzen, und der Moͤglicheit vorzubeugen, daß ihr neuer Bewohner zur See entfloh, waren ſo ſtrenge, daß ſie auch ohne den Beiſtand einer un⸗ mittelbaren Bewachung ſeiner Perſon die Möͤglich⸗ keit, nicht blos einer Flucht, ſondern auch eines Ver⸗ ſuchs, mit den Gefangenen von der Seekuſte aus ei⸗ ne Verbindung zu eroͤffnen, auszuſchlieſſen ſchienen. „Von den verſchiedenen Signal⸗Poſten auf der Inſel,“ faͤhrt Doktor O'Meara in ſeinem Berichte fort,„werden haͤufig Schiffe in einer Entfernung von zwanzig Seemeilen entdeckt, und ſtets lange, ehe ſie ſich dem Ufer naͤhern koͤnnen. Zwei Kriegs⸗ ſchiffe, weichen man Signale gab, ſobald ein Schiff von den Poſten am Ufer entdeckt wurde, kreuzen 69 beſtaͤndig, das eine uͤber, das andere unter dem Winde. Jedes Schiff, ausgenommen ein brittiſches Kriegs⸗ chiff, wurde nach der Rhede von einem der Kreuzer begleitet, der bei ihm blleb, bis man ihm entweder erlaubte, vor Anker zu gehen, oder bis es wegge⸗ ſchickt wurde. Fremde Schiffe durften nur dann vor Anker gehen, wenn ſie in der groͤßten Noth wa⸗ ren, in welchem Falle keines der auf ihnen be⸗ findlichen Individuen landen durfte, und ein Offi⸗ zier mit einiger Mannſchaft von einem der Kriegs⸗ ſchiffe an Bord geſchickt wurde, um ſie, ſo lange ſie blieben, unter Aufſicht zu halten, und nach⸗ theilige Verbindungen zu verhuͤten. Jedes Fiſcher⸗ boot, das zur Inſel gehoͤrte, wurde gezaͤhlt, und jeden Abend bei Sonnenuntergang unter der Auf⸗ ſicht eines Lieutenants vor Anker gebracht. Keinen Booten, ausgenommen den Wachtbooten, der Kriegs⸗ ſchiffe, welche die Inſel die ganze Nacht umſchiff⸗ ten, war es erlaubt, nach Sonnenuntergang noch nicht vor Anker zu liegen. Der Ordonanz⸗Offizier hatte auch den Befehl, ſich der wirklichen Gegen⸗ wart Napoleon's zweimal innerhalb 24 Stunden zu verſichern, was mit der moͤglichſten Behutſamkeit ge⸗ ſchah. Kurz, Sir Georg Cockburn ergrief, um die Flucht ſeines Gefangenen zu verhuͤten, außer der wirtlichen Einkerkerung oder Ankettung, jede menſch⸗ liche Vorſichtsmaaßregel. . 7⁰ Drittes Kapitel. Buonavarte's Beſchwerden in Erwägung gezogen,— Recht Großbritanniens, ſeine Freiheit zu beſchränken.— Schicklich⸗ keit, ihm den Kaiſerstitel zu verweigern.— Das Recht, ſeine Correſvondenz zu beſichtigen, hätte gemißt werden können.— Verfügung, daß ein brittiſcher Ordonanz⸗Offizier Napoleon zu gewiſſen Zeiten des Tages ſehen müſſe.— Ihre Wichtigkeit.— Gränzen, die den Spaziergängen und Ausritten Napoleon's geſetzt waren.— Klagen des Las Caſes gegen Sir Georg Cock⸗ burn.— Maaßregeln der europäiſchen Mächte zum Behufe der ſichern Bewachung Navoleon's.— Sir Hudſon Lowe wird zum Gouverncur von St. Helena ernannt.— Seine Tüchtigkeit zu dieſem Amte in Erwägung gezogen.— Nachrichten, welche der General Gourgand der Regierung mittheilt.— Verſchiedene Plane zu Napolson's Flucht.— Schriften über Napoleyrs Aufenthait auf St. Helena.— Napoleons entrüuſtende Behandlung des Sir Hudſon Lowe.— Unterredung zwiſchen ihnen.— Bisher hat jedes Jahr unſerer Erzaͤhlung eine Geſchichte gebildet, die wir nur mit Muͤhe in die Graͤnzen eines halben Bandes einzuſchlieſſen ver⸗ mochten, und uns dabei noch bewußt blieben, daß wir gegen die Wichtigkeit unſeres Themas ungerecht ſeyn mußten. Allein die Jahre der Einkerkerung, die dem Gefangenen ſoviel langſamer verfließen, nehmen mir ihrer traurigen Einfoͤrmigkeit blos einen klei⸗ nen Theil der Geſchichte ein, und die Erzaͤhlung von faͤnf Jahren auf St. Helena koͤnnte, inſowelt es Ereig⸗ niſſe betrifft, baͤlder beendigt ſeyn, als die Geſchichte eines einzigen Feldzugs, des kuͤrzeſten, der unter . ——᷑—᷑—᷑—ꝛ—ͦ—ãꝑõ 71. Buonaparte's Auſpizien unternommen wurde. Doch varen dieſe Jahre ſchmerzlich bezeichnet, und in der That zerbitkert durch eine Reihe entruͤſtender Streitigkeiten wiſchen dem Gefangenen und dem Offizier, dem die vichtige und hoͤchſt ſchwierige Aufgabe geworden war, jeſſen Freiheit zu beſchraͤnken und ihm jede Ausſicht ur Flucht abzuſchneiden, und deſſen Pflicht es zu AKeicher Zeit war, den noͤthigen Grad von Wachſam⸗ eit mit ſo viel Hoͤflichkeit, und wir wollen hinzufuͤ⸗ gen, Guͤte, zu paaren, als Napoleon anzunehmen zewogen werden konnte. „Wir haben hinreichende Gelegenheit gehabt, uͤber ſiefen Gegenſtand Nachrichten einzuziehen, da die Sorreſpondenz des Sir Hudſon Lowe mit der Re⸗ gierung Sr. Majeſtaͤt unſern Nachforſchungen, durch ſie Gefaͤlligkeit des Lord Bathurſt, des vormaligen Staatsfekretalrs fuͤr das Colonial⸗Departement, eoͤffnet wurde. Dleſer Vortheil hat uns in den Etand geſetzt, mit Zuverſicht uͤber die allgemeinen érundſaͤtze, von denen die brittiſche Regierung bei du Inſtruktionen, die ſie dem Sir Hudſon Lowe etheilte, geleiter wurde, und uͤber den Inhalt die⸗ ſe Juſtruktionen ſelbſt zu ſprechen. Wir werden daer zuerſt die angefuͤhrten Beſchwerden Napo⸗ leu's, inſofern ſie aus den Inſtruktionen der brit⸗ tiſen Regierung entſprangen, unterſuchen, und uns als einen weitern Gegenſtand der Eroͤrterung die fereren Klagen uͤber die druͤckende Weiſe, auf welche“ 72 die Inſtruktienen von dem Gouverneur von St. He lena vollzogen worden ſeyn ſollten, vorbehalten. Ji dieſer letztern Hinſicht ſind unſere Nachrichten min der vollkommen, theils wegen der Entfernung des Sie Hudſon Lowe s von Europa, welche keine perſöoͤnlich⸗ Nachforſchung geſtattete, theils wegen der Unmoͤglich keit, ſich unpartheliſche Zeugen uͤber eine ſo lange Reih⸗ kleinlicher Vorfaͤlle zu verſchaffen, deren jeder eine Un⸗ terſuchung erfordert, und Gegenſtand von Anſchuldigun gen und Vertheidigungen iſt. Wir ſind jedoch in Stande, auch uͤber dieſen Gegenſtand etwas zu ſagen Wir haben hereits der Umſtaͤnde der Uebergab⸗ Napoleon's an die Britten, die ohne Vorbehalt, Be⸗ ſtimmung oder Bedingung irgend einer Art erfolgte erwaͤhnt, und geſehen, daß, wenn er ſich darin ge⸗ taͤuſcht ſah, weil er als Gefangener und nicht als Gaſt oder freier Einwohner Britanniens betrachte wurde, dieß eine Folge fehlgeſchlagener Hoffnungen war, die er nach ſeiner eigenen Berechnung, ohne de geringſte Aufmunterung von Seiten des Kapitat Mattland, angenommen hatte. Wir zweifeln zwa ſehr, ob ſeine hoͤchſten Erwartungen ihm je eim Aufnahme verſprachen, die von der, welche ihm u Theil wurde, ſehr verſchieden war, wenigſtens k⸗ zeugte er geringes oder kein Erſtaunen, als ihm ſen Schickſal kund gethan wurde. Allein in jedem Fale war er ein Kriegsgefangener, der ſich durch ſene Uebergabe kein anderes Recht, als das, auf Sichr⸗ ——ÿ—ÿ—ͦ—ͦᷣ 73 heit des Leibes und Lebens Anſpruch zu machen, er⸗ worben hatte. Wenn die engliſche Nation Napoleon zu einer Kapitulation unter Bedingungen verleitet haͤtte, die ſie nachher gebrochen haͤtte, ſo wuͤrde er ſich in der Lage Touſſaint's befunden haben, den er⸗ nichtsdeſtoweniger in einen Kerker einmauern ließ. Oder, wenn er eingeladen worden waͤre, den Prinz⸗ Regenten von England in der Eigenſchaft eines Ver⸗ buͤndeten zu beſuchen, wenn er zuerſt mit hoͤflicher Gaſtfreundſchaft aufgenommen, und dann als ein Gefangener eingekerkert worden waͤre, ſo wuͤrde ſein Fall dem des Fuͤrſten Ferdinand von Spanien gegli⸗ chen haben, der nach Bajonne gelockt wurde. Allein wir wuͤrden uns ſchaͤmen, unſer Vaterland durch die Anfuͤhrung des ſchlechten Beiſpiels unſeres Feindes zu rechtfertigen. Wahrheit und Falſchheit bleiben unveraͤnderlich und unverſoͤhnbar; und gegen den ſchlimmſten Verbrecher ſollte nicht nach ſeinem eige⸗ nen Belſpiele, ſondern nach den allgemeinen Regeln der Gerechtigkeit verfahren werden. Deßen ungeach⸗ tet vermindert es unſern Antheil an einer Klage, wenn der, welcher ſie vorbringt, ſelbſt die Gewohn⸗ heit hatte, andern mit demſelben falſchen Gewichte und Maaße zu meſſen, uͤber das er ſich beklagt wenn es gegen ihn ſelbſt gebraucht wird. 3 Da Napoleon alſo ein Kriegsgefangener und als ſolcher zu behandeln war,(ein unbeſtreitbarer Punkt), ſo glauben wir ferner bewieſen zu haben⸗ 74 daß ſein Aufenthalt in dem Geblete Großbritanniens ſchwerlich mit der Sicherheit Europa's verträglich ge⸗ weſen waͤre. Durch ſeine Auslieferung an eine der an⸗ dern verbuͤndeten Maͤchte, deren Regierung Aehn⸗ lichkeit mit der ſeinigen hatte, wuͤrde man ſich ſicher⸗ lich gerechte Vorwuͤrfe zugezogen haben; denn da⸗ durch wuͤrde Britannlen infoweit treubruͤchig gehau⸗ delt haben, als es ſich der Macht begeben haͤtte, ſeine perſoͤnliche Sicherbeit zu ſchuͤtzen, wozu das Land, dem er ſich ergab, unlaͤugbar verpflichtet war. Es blieb nun noch die Aufgabe uͤbrig, dieſen wichtt⸗ gen Gefangenen in einen ſolchen Zuſtand der Be⸗ ſchränkung zu verſetzen, daß es ihm unmoglich war, zum zweitenmal zu entfliehen, und Europa und Frank⸗ reich von neuem in einen blutigen und zweifelhaften Krieg zu verwickeln. St. Helena wurde zum Orte ſeiner Gefangenhaltung gewaͤhlt, nach unſerer An⸗ ſicht ſehr paſſend; da die natuͤrliche Beſchaffenheit dieſer abgeſonderten Inſel die Mittel zu der groͤß⸗ ten Sicherheit der Bewachung, neben der geringſten Beſchraͤnkung der perſoͤnlichen Freiheit des ausge⸗ zeichneten Gefangenen darbot. Die Wogen und Felſen, die ſeine Ufer umgeben, boten die Sicher⸗ heit von Waͤllen, Graͤben, Riegeln und Feſſeln in einer Citadelle dar, und ſeine koͤrperlichen Bewegun⸗ gen konnten ohne Gefahr uͤber einen Raum von 4. mehreren Meilen ausgedehnt werden, ſtatt auf die 25 engen und benachbarten Graͤnzen einer Feſtung be⸗ ſchraͤnkt zu ſeyn. Da das Recht, Napoleon einzukerkern, zugege⸗ ben, oder wenigſtens bewieſen, und die Wahl St. Helena's zu ſeinem Aufenthaltsorte gerechtfertigt iſt, ſo tragen wir kein Bedenken, den Grundſatz an⸗ zuerkennen, daß alles Moͤgliche gethan werden muß⸗ te, um die peinlichen Gefuͤhle zu mildern, denen eine ſo ausgezeichnete Perſon, wie Napoleon, in je⸗ der Hinſicht durch einen ſo gewaltigen Gluͤckswech⸗ ſel preis gegeben worden ſeyn mußte. Wir wuͤrden uns in dieſem Augenblicke nicht an den Verluſt des Lebens, die Vernichtung des Gluͤcks und die Zerſtoͤ⸗ rung der Hoffnungen ſo vieler Hunderte unſerer Landsleute, an Civiliſten, die in Fraukreich reisten, und daſelbſt gegen jede Regel eines civiliſirten Kriegs verhaftet wurden, erinnert, noch uns fuͤr berechtigt gehalten haben, an Napoleon in ſeinem Ungluͤcke die grauſamen Strafen zu raͤchen, die ſeine Poli⸗ tik, wo nicht ſeine Neigung, ſo gerne gegen au⸗ dere ausſprach. Wir wuͤrden ſeinen Kerker nicht ſo elend gemacht haben, als den des ungluͤckli⸗ chen Negerhaͤuptlings, der auf den Schneegefilden der Alpen verhungerte. Wir wuͤrden ihn, ſo lange er Gefangener war, nicht mit Spionen umgeben haben, wie es bei Lord Elpin der Fall warz oder ihm, wie dem Prinzen Ferdinand, eine Schlin⸗ ge durch einen Emiſſaͤr, gleich dem falſchen Ba⸗ 26 ron Kolli, gelegt haben, der bei ſeinem Anerbie⸗ ten, ihm zur Flucht zu helfen, den Zweck gehabt haͤtte, einen Vorwand zu erhalten, um ihn haͤrter zu behandeln. Dieſe Dinge wuͤrden wir damals auch nicht einmal erwaͤhnt haben; oder haͤtten wir ſie, Erwaͤgung, wie ſebr Trug und Gewaltthaͤtigkeit as Genie herabwuͤrdigen, und die Gewalt gehaͤſſig machen koͤnnen, nicht aus unſerem Gedaͤchtniſſe ver⸗ bannen koͤnnen, ſo wuͤrden wir ſie als Beiſpiele, nicht zur Befolgung, ſondern zur Vermeidung, er⸗ waͤhnt haben. Den Gefangenen zu verhindern, eine Gewalt wieder zu erlangen, von der er einen ſo unheilvollen Gebrauch gemacht hatte, wuͤrden wir nicht blos als eine Pflicht gegen Britannien, ſon⸗ dern gegen Europa und die ganze Welt betrachtet haben. Dieſe Gefangenhaltung mit jeder Erleichte⸗ rung zu begleiten, welche die Ruͤckſicht auf ſeine ſi⸗ chere Bewachung erlaubte, waren wir, wo nicht ſei⸗ ner perſoͤnlichen Verdienſte, doch unſerer eigenen Wuͤrde ſchuldig. Mit ſolchen Geſinnungen uͤber den Gegenſtand im Allgemeinen, fangen wir an, die hauptſaͤchlichſten Klagen in Erwaͤgung zu ziehen, die Buonaparte und ſeine Vertheidiger gegen die Re⸗ gierung Großbritanniens wegen ihrer Behandlung des ausgezeichneten Verbannten, erhoben haben. Der erſte Grund zu Beſchwerden, der bereits beruͤhrt worden iſt, war der, daß Napoleon der kai⸗ ſerliche Titel nicht gegeben, und er blos mit der 77 einem Offiziere vom hoͤchſten Range gebuͤhren⸗ ſen Achtung angeredet und behandelt wurde. In jeſem Punkte war Napoleon beſonders hartnaͤ⸗ eig. Er gehoͤrte nicht zu der Zahl jener von dem ateiniſchen Dichter erwaͤhnten Perſonen, die in ih⸗ der Armuth und Verbannung ihre Titel und ihr Sprache ihrer Lage anpaßten*). Im Gegentheile be⸗ harrte er von dem Augenblicke an, in welchem er nach Portsmouth kam, mit großer Hartnaͤctigkeit zuf ſeinem Rechte, als gekroͤntes Haupt behandelt zu werden; auch gab es, wie wir bemerkt haben, keine fruchtbarere Quelle zu Streitigkeiten, zwiſchen ihm und ſeinem Gefelae auf der einen Seite, und dem Gouverneur auf der audern, als der hartnaͤckige Anſpruch Napoleon's auf Ehrenbezeugungen und Formen des Benehmens, deren Bewilligung die brittiſche Regierung dem Gouyvexneur verboten hatte, zund die zu fordern Napoleon durch ſeine Kenntniß der Pflichten eines Soldaten haͤtte abgehalten wer⸗ den ſollen. Allein unabhaͤngig von den Inſtruktio⸗ nen des Gouverneurs, war Buonaparte's Anſpruch auf die beſondere Auszeichnung eines ſouverainen Furſten ſowohl ruͤckſichtlich der Parthei, welche dar⸗ auf beharrte, als in Beziehung auf die Regierung von der ſie gefordert wurde, der Frage unterworfen.⸗ E ragicus plerumque dolet sermonis pedestri. Telphus et Peleus, cum Pauper et exul uterque. Projicit ampullos et ses qui pedulia verba. Hor. Ars Poetiea. 78 Nappoleon war, man kann es nicht laͤugnen, nicht blos ein Kaiſer, ſondern vielleicht der maͤchtigſte, der je gelebt hat, geweſen; und er war als ſolcher von allen Souverainen des Feſtlandes anerkannt worden. Allein er war im Jahr 1814 gezwungen worden, dem franzoͤſiſchen Kaiſertitel zu entſagen, und dagegen den Titel eines Kaiſers von Elba an⸗ zunehmen. Sein Bruch des Vertrags von Paris war ſeinem Weſen nach eine wirkliche Verzichtlei⸗ ſtung auf die Herrſchaft von Elba; und die Verbuͤn⸗ deten waren ſoweit entfernt, ſeine zweite Beſtei⸗ gung des franzoͤſiſchen Throns anzuerkennen, daß er von dem Congreſſe zu Wien fuͤr einen Geaͤchteten erklaͤrt wurde. Wenn aber auch zugeſtanden wuͤrde, daß dieſe zweite Beſitznahme des franzoͤſiſchen Throns in irgend einer Hinſicht ſeinen verwirkten Anſpruch auf die kaiſerliche Wuͤrde wieder hergeſtellt haͤtte, ſo muͤßte man ſich erinnern, daß er ſelbſt zum zwer⸗ tenmale der in einer ungluͤcklichen Stunde wieder eingenommenen Wuͤrde foͤrmlich entſagt hatte. Al⸗ lein, wenn Napoleon keine gerechte Anſpruͤche auf den kaiſerlichen Titel oder die kaiſerlichen Ehrenbe⸗ zeugungen nach ſeiner zweiten Abdankung ſelbſt von Seiten derer hatte, die ihn zuvor als Kaiſer von Frankreich anerkannt hatten, ſo hatte er noch weit weniger Recht, auf einen Titel, den er abgelegt hatte, von Seiten einer Nation, die nie in die An⸗ nahme deſſelben gewilligt thatte, Anſpruch zu ma⸗ 79 chen. Zu keiner Zeit hatte Großbrittannien ibn als Kaiſer von Frankreich anerkannt; und Lord Caſtle⸗ reagh hatte ſich ausdruͤcklich geweigert, dem Ver⸗ trage von Paris, durch den er als Kaiſer von Elba anerkannt wurde, beizutreten. Napoleon gruͤndete zwar, oder ſuchte einen Beweisgrund auf den Um⸗ ſtand zu gruͤnden, daß der Vertrag von Amieus mit ihm abgeſchloſſen wurde, als er den Charakter eines erſten Conſuls von Frankreich hatte. Allein er hatte ſelbſt die Conſularregierung, deren Haupt er damals bildete, vernichtet; und der Umſtand, daß er fruͤ⸗ her erſter Conſul geweſen war, gab ihm eben ſo we⸗ nig Recht auf die Wuͤrde eines Kaiſers, als die Di⸗ rektorſchaft von Barras ihm denſelben Titel verlieh. Bei keiner Gelegenheit, weder ausdruͤcklich, noch folgerungsweiſe, hatte Großbritannien ſeinem Ge⸗ fangenen den Titel eines ſouverainen Fuͤrſten zuge⸗ ſtanden; und ſicherlich war es zu ſpaͤt, in ſeiner ge⸗ genwaͤrtigen Lage, die Anerkennung von Anſpruͤchen zu erwarten, die ihm nicht zugeſtanden worden wa⸗ ren, als er wirklich Herr der halben Welt war. Allein man kann einwenden, daß, zugeſtanden, Napoleon's Anſpruch, mit koͤniglichem Ceremoniel behandelt zu werden, ſey an und fuͤrr ſich ſelbſt un⸗ gegruͤndet geweſen, die britiſchen Miniſter ihm doch jenen Rang, den er de facto, obſchon nicht de jure beſeſſen hatte, haͤtten zugeſtehen ſollen, da er ſo viele Jahre hindurah ün wirklichen Beſitze des Throns —y 80 geweſen ſey. Die geringfuͤgigen Punkte des Rangs und Ceremoniels, haͤtten, koͤnnte man glauben, ge⸗ maͤß den Grundſaͤtzen, die wir aufzuſtellen verſucht haben, der verdunkelten Souverainitaͤt und geſtürz⸗ ten Groͤße zugeſtanden werden ſollen. Hierauf kann geantwortet werden, daß, wenn die auempfohlene Bewilligung nichts anders, als die Milderung der Leiden Napoleon's zur Folge gehabt haͤtte, wenn er in dem leeren Schalle von Titeln Troſt haͤtte finden koͤnnen, oder wenn die Beobach⸗ tung einer formellen Etikette ſeine Gefuͤhle mit ſei⸗ ner traurigen und entthronten Lage haͤtte verſoͤh⸗ nen koͤnnen, ohne den relativen Stand der Frage in andern Hinſichten zu aͤndern— eine ſolche Be⸗ willigung ihm nicht haͤtte verweigert werden ſollen. Allein die wahre Urſache ſeines Wunſches, ſich des Namens und der Ehrenbezeugungen eines Sou⸗ verains zu erfreuen, und die Beharrlichkeit der brit⸗ tiſchen Regierung, ſie ihm zu verweigern, lag viel tiefer. Es iſt wahr, daß es eine ſchwache Seite Buonaparte's war, die vielleicht aus ſeiner Lage als ein(Emporkoͤmmling) parvenu unter den gekroͤnten Haͤuptern Europa's folgte, daß er zu allen Zeiten mit beſonderer Aengſtlichkeit auf die Beobachtung der ſtrengſten Etikette und Foͤrmlichkeit in Betreff ſeiner Perſon und ſeines Hofes drang. Allein zuge⸗ geben, daß ſeine Eitelkeit, ſowie ſeine Politik, An⸗ 4 theil — 81 theil an der Hartnaͤckigkeit hatten, mit der er auf ſolche ſtrenge Gebraͤuche hielt, worauf Souveraine von aͤlterer Abkunft und unbeſtreitbarem Titel keinen be⸗ ſondern Werth legen, ſo wird doch nicht daraus folger, daß eine Perſon von ſeinem hohen Sinne und ſeiner Faͤhigkeit haͤtte befriedigt werden koͤnnen, ſelbſt wenn man ihm alle Zeichen aͤußeren Einfluſſes, mit de⸗ nen man den Großmogul ehrt, unter der Bedin⸗ gung bewilligt haͤtte, daß er, gleich den ſpaͤtern Nach⸗ koͤmmlingen Timurs, immer noch ein ſtrengbewachter Gefangener bleiben ſolle.— Bei dem hartnaͤckigen Anſpruche, den er auf den Namen eines Souverains machte, hatte er die Abſicht, die dieſem Titel an⸗ haͤngenden Vorrechte zu verlangen. Er hatte bereits in Elba erfahren, was fuͤr ein Nutzen aus der Er⸗ richtung einer Scheidewand der Etikette zwiſchen ſei⸗ ner Perſon und jedem laͤſtigen Beſucher gezogen werden koͤnne. War er einmal als Kaiſer aner⸗ kannt, ſo folgte natuͤrlich daraus, daß er in jedem Punkte als ſolcher zu behandeln war, und auf dieſe Art wuͤrde es unmoͤglich geworden ſeyn, jene Ver⸗ fuͤgungen zu vollziehen, die zu ſeiner ſichern Bewa⸗ chung unumgaͤnglich nothwendig waren. Ein ſol⸗ cher Standpunkt, wenn man ihn einmal zugegeben hätte, wuͤrde Napoleon einen Hauptgrund ge⸗ gen jede Vorſichtsmaßregel an die Hand gegeben haben, die man zur Verhinderung ſeiner Flucht haͤtte ergreifen koͤnnen. Wer hoͤrte je von einem W Scott's Werke. LXIVv. 6 8² Kaiſer, der in ſeinen Spaziergaͤngen beſchraͤnkt, oder in gewiſſen Faͤllen der Aufſicht eines Offiziers, und der Einſchraͤnkung durch Schildwachen unterworfen war? Oder wie haͤtten jene Vorſichtsmaaßregeln, gegen ſein Entfltehen, die in Napoleon's Umſtaͤnden unumgaͤnglich nothwendig waren, ohne Mangel an Ehrerbietung gegen die Perſon eines gekroͤnten Hauptes ergriffen werden koͤnnen? Diejenigen Leſer alſo, welche der Meinung ſind, daß es nothwendig war, Napoleon's Frelheit zu beſch raͤnken, muͤſſen auch zugeſtehen, daß die britiſche Regierung unklug gehandelt haben wuͤrde, wenn ſie ihn freiwillig mit einem Charakter bekleidet hätte, den ſie ihm bisher verweigert hatte, und zwar in demſelben Augenblicke, in welchem dadurch die mit ſeiner ſichern Bewachung verbundenen Schwierigkeiten vermehrt worden waͤren. Die Frage iſt jedoch hiermit noch nicht ganz er⸗ oͤrtert; denn nicht blos war Großbritannien im hoͤch⸗ ſten Grade berechtigt, Napoleon einen Kitel zu ver⸗ weigern, den es ihm nie zugeſtanden hatte;— nicht blos wuͤrde die Bewilligung deſſelben große prakti⸗ ſche Nachtheile gehabt haben, ſondern Großbritan⸗ nien haͤtte auch ſeine Wuͤnſche nicht erfuͤllen koͤn⸗ nen, ohne ſeinem Verbuͤndeten, dem Koͤnige von Frankreich, den ernſteſten Grund zu Klagen zu ge⸗ ben. Wenn Napoleon Kaiſer genannt wurde, ſo konnte ſein Titel ſich blos auf Frankreich beziehen, und wenn er els Kaiſer ven Frankreich anerkann — 83 war, von welchem Lande war alsdann Ludwig XVIII. Koͤnlg? Manche Kriege ſind aus keiner andern Ur⸗ ſache entſprungen, als daraus, daß die Regierung eines Landes den Titel und das Ceremoniel eines Fuͤrſten einer Perſon zuerkannt hat, die auf den Thron einer andern Anſpruch machte, und dieß iſt ein von dem Voͤlkerrechte anerkannter Grund zum Kriege. Es iſt wahr, Umſtaͤnde haͤtten Ludwig ver⸗ hindern koͤnnen, die Anerkennung eines koͤniglichen Charakters in der Perſon ſeines Nebenbuhlers ſo ſirenge zu ahnden, als Britannien die Anerkennung der verbannten Stuarts durch Ludwig XIV. ahndete; allein in jedem Falle haͤtten ernſthaſte Klagen dar⸗ aus eneſtehen muͤſſen, um ſo mehr als ein Betragen, das von der Genehmigung des von Napoleon in An⸗ ſpruch genommenen Titels von Seite Englands gezeugt haͤtte, nothwendig geſaͤhrliche Erinnerungen haͤtte rege erhalten, und eine gefaͤhrliche Parthei im Schooße Frankreichs ermuthigen muͤſſen. Allein ungeachtet alles deſſen, was wir hieruͤber gefagt haben, fuͤhlen wir, daß etwas Verkehrtes und Linkiſches darin lag, ſich dem Individuum, das ſo außerordentlich maͤchtig geweſen war, mit der Vertraulichkeit zu naͤhern, die man ſich gegen elſ nen Mann erlauben darf, der nie hoͤher uͤber ande⸗ re geſtanden iſt, als Napoleon felbſt als bloßer Ge⸗ neral Buonaparte geſtanden ſeyn wuͤrde. Sir Hud⸗ ſon Lowe ſchlug daher den Ausweg vor, das Wort . 84 Napoleon, als eine wuͤrdigere Art ſeinen Gefange⸗ nen anzureden, zu gebrauchen. Allein eine leichte und achtbare Wahl ſtand in der Macht des Gefan⸗ genen ſelbſt. Napoleen durfte bios andere Souve⸗ raine nachahmen, die entweder auf Reiſen im Aus⸗ lande oder wenn andere umſtaͤnde es noͤthig machen, eine verabredete Benennung anzunehmen pflegen, durch die ſie nicht nur keinen Theil ihres Rechts⸗ anſpruchs auf koͤnigliche Ehren abtreten, ſondern die auch gleich weit von einer Bewilligung dieſes Rech⸗ tes von Seiten derer ent fernt iſt, die mit ihnen zu thun haben. Ludwig der XVIII. war darum nicht minder der geſetzmaͤßige Koͤnig von Frankreich⸗ weil er viele Jahre lang und in verſchiedenen Laͤndern blos unter dem Namen des Grafen von Lisle be⸗ kannt war. Das Zweckdienliche dieſes Gedankens war ſelbſt Napoleon aufgefallen; denn als er einſt von den Bedingungen ſeines Aufenthalts in Eng⸗ land ſprach, ſagte er, er wuͤrde nichts dagegen ha⸗ ben, den Namen Meuron'’s, eines Adjutanten, der in der Schlacht von Arcola an ſeine r Seite ſtarb, an⸗ zunehmen. Allein es ſcheint, Napoleon, der feſter an auſſern Formen hielt, als eln Fuͤrſt, der in ih⸗ nen aufgewachſen iſt, habe dieſe Unterdruͤckung ſei⸗ ner Waͤrde, als eine zu große Bewilligung von ſei⸗ ner Seite gegen den Gouverneur von St. Helena betrachtet. Sir Hudſon Lowe wuͤrde einmal, um dieſen albernen Streit betzulegen, ſich dazu ver⸗ — 85 ſtanden haben, Napoleon den Titel Exzellenz, der einem Feldmarſchalle zukommt, zu geben; allein auch dieß wurde nicht angenommen. Napoleon war entſchloſſen, entweder von dem Gouverneur als Kai⸗ ſer anerkannt zu werden, oder ſeine Beſchwerde in ihrer ganzen Ausdehnung fortdauern zu laſſen. Es konnten keine Milderungen erſonnen werden, durch die er ſich zufrieden ſtellen lies. Ob dieſe Hartnaͤckigkeit Napoleons, auf einen ditel Anſpruch zu machen, der durch ſeine Lage laͤcherlich gemacht wurde, das Reſultat von den Gefuͤhlen war, die ihn veranlaßten, ſeinen Anſpruch auf Groͤße in Zweifel zu ziehen, als ſeinen Ohren nicht laͤnger durch die Sprache der Unterwuͤrfigkeit geſchmeichelt wurde, oder ob die politiſchen Betrachtungen, die wir ſo eben erwaͤhnt haben, ihn bewogen, hartnaͤ⸗ ckig alle Titel zuruͤckzuweiſen, einen ausgenom⸗ men, der ihm einen Anſpruch auf jene Sicherſtel⸗ lungen und Vorrechte erwerben konnte, mit denen ein ſo hoher Titel verwandt iſt, und von denen er unzertrennlich genannt werden kann, koͤnnen wir nicht entſcheiden; Eitelkeit und Pelitik mochten ihm vereinigt rathen, auf ſeiner Forderung zu behar⸗ ren. Allein der Streit haͤtte ſicherlich, um ſeiner ſelbſt willen, aufgegeben werden ſollen, als der Streit blos zwiſchen dem Gouverneur und ihm gefuͤhrt wur⸗ de, weil, wenn auch der erſte den Wunſch ſeines Gefangenen haͤtte erfuͤllen wollen, ſeine Inſtruktio⸗ 86 nen es ihm verboten haͤtten. Einen nutzloſen Kampf fortſetzen hieß ſich blos die Kraͤnkung der Beſiegung und Zuruͤckweiſung zuziehen. Gleichwohl waren Na⸗ poleon und ſeine Begleiter ſo uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand erbittert, daß, obſchon ſie einſehen mußten, daß Sir Hudſon Lowe ſich blos der von ſeiner Re⸗ gierung vorgeſchriebenen Sprache bediente, und ſich in der That keiner andern zu bedienen wagte, doch der ungluͤckliche Ausdruck General Buonaparte, der in ihrer Correſpondenz ſo oft vorkam, jeden Verſuch zur Verſoͤhnung in eine Art Beleldigung⸗ und Hohn umzuſchaffen ſchien, und ſolche Eroͤffnun⸗ gen einem groben Tuche aͤhnlich machte, das auf eine friſche Wunde gelegt wird, die es mehr reitzt und verletzt, als beſchuͤtzt. 3 Welches nun auch die wahre Beſchaffenheit der Sa⸗ che zwiſchen Napoleon und dem britiſchen Miniſterium ſeyn mochte, immerhen lag es am Tage, daß Sir Georg Cockburn und Sir Hudſon Lowe, vermoͤge ih⸗ rer Inſtruktionen in dieſer Streitſache keine Wahl hatten. Dieſe Inſtruktionen beſagten, daß Napo⸗ leon, ihr Gefangener, den Titel und die Behand⸗ lung erhalten ſolle, die dem General Buonaparte, elnem Kriegsgefangenen, gebuͤhren; und es geſchah auf ihre eigene Geſahr hin, wenn ſie ihm einen hoͤ⸗ heren Titel gaben, oder ihm andere Ehrenbezeugun⸗ gen, als die, wozu dieſer Titel berechtigt, erwieſen. Niemand konnte beſſer wiſſen, als Napoleon, wie 827 ſtark ein Soldat durch ſeinen Befehl gebunden iſt; und Sir Hudſon Lowe des Mangels an Groß⸗ muth, an Maͤnnlichkeit u. ſ. w. bezuͤchtigen, weil er die Inſtrukrionen ſeiner Regierung beachte⸗ te, war eben ſo unvernuͤnftig, als die Hoffuung hegen, daß ſeine Gegenvorſtellungen irgend eine an⸗ dere Wirkung, als die der Erbitterung und des Verdruſſes, hervorbringen wuͤrden. Er haͤtte einſe⸗ hen ſollen, daß ſeine Beharrlichkeit, in rauhen und beleldigenden Ausdruͤcken die Entziehung ſeines Ti⸗ tels von Seite eines Offiziers zu ahnden, dem es verboten war, ihn zu gehrauchen, einen Mann, mit dem er am beſten auf freundſchaftlichem Fuße ge⸗ blieben waͤre, reizen und erbittern mußte, ohne ihn dem Punkte, den er ſo aͤngſtlich zu erreichen wuͤnſch⸗ te, einen Zoll naͤher zu bringen. In der That dieſer geringfuͤgige aber ungluͤckli⸗ che Zwiſt war ſo zarter Natur, daß er in die ganze Correſpondenz zwiſchen dem Kaiſer und dem Gou⸗ verneur eindrang, und alle Verſuche des letztern eine Art hoͤflichen Verkehrs zu Stande zu bringen, mit Galle und Eſſig vermiſchte. Jene ungluͤckliche Schranke der Etikette thuͤrmte ſich empor und ver⸗ eitelte die ganze Wirkung einer beabſichteten Hoͤf⸗ lichkeit. So lange zum Beiſpiel Sir Georg Coͤck⸗ burn auf der Inſel blieb, gad er meht als einen Ball, zu dem General Buonaparte und ſein Gefolge regelmaͤßig eingeladen wurden. Unter aͤhn⸗ 88 lichen Umſtaͤnden wuͤrden Heinrich der IV. und Carl II. dem Balle beigewohnt, und unzweifeihaft mit der ſchoͤnſten anweſenden jungen Frau getanzt ha⸗ ben, ohne zu traͤumen, daß ſie dadurch Anſpruͤche ſchmaͤlerten, die ſich von einer langen Reihe koͤnig⸗ licher Vorfahren herleiteten. Buonaparte und Las Caſes hingegen fuͤhlten ſich durch die Vertraulichkeit beleidigt und zeichneten ſie als ejne ſchreiende Be⸗ leidigung von Seite des Admirals auf. Dieß waren nicht die Gefuͤhle eines Mannes, der ſich ſei⸗ nes Seelenadels bewußt war, ſondern eines Em⸗ porkoͤmmlings, welcher glaubt, die Ehre der Aus⸗ zeichnung beſtehe nicht ſowohl darin, daß man auf einem durch uͤberlegene Talente errungenen hohen Stand⸗ punkte geſtanden ſey, oder noch ſtehe, als vielmehr darin, daß man die Kleider trage oder auf die hoch⸗ klingenden Titel hoͤre, die ein Attribut deſſelben ſind. Ein Gegenſtand, hin ſchtli ch deſſen wir uns be⸗ wogen fuͤhlen, weit mehr Mitleid mit der Lage Na⸗ poleon's auszudruͤcken, als wir bei der Betrachtung ſeines vernichteten Titels fuͤhlen koͤnnen, iſt die Scheidewand, die zwiſchen ihm, und, man kann ſa⸗ gen, der lebenden Welt gezogen war, und die er nicht einmal durch Briefe an ſeine theuerſten Freun⸗ de und Verwandte durchdringen durfte, wofern ſie nicht zuvor dem Gouverneur der Inſel umitgeiheilt und von ihm geleſen worden waren. 38 89 Es iſt wohl nicht zu zweifeln, daß dieß eine Unannehmlichkeit iſt, welcher Kriegsgefangene in allen Faͤllen unterworfen ſind; auch wiſſen wir kein Land, in welchem ihr Wort ſo heilig gehalten wuͤrde, daß es die Regierung bewegen könnte, das Recht, deren Briefe zu unterſuchen, nicht in Anwendung zu kringen. Allein der hohe Rang, den der gefal⸗ lene Monarch ſo kurz zuvor noch eingenommen hatte, haͤtte ihn, glauben wir, zu einer gewiſſen Freiſprechung von einer ſo demuthigenden Beſchraͤn⸗ kung berechtigen koͤnnen. Wenn eine dritte Perſon, die hoͤchſtens bei kaltem Blute vielleicht geneigt iſt, den Spott uͤber die Ausdruͤcke unſers Kummers oder unſerer Liebe zuruͤckzuhalten, die Ergießungen un⸗ ſers Herzens gegen ein Weib, eine Schweſter, ei⸗ nen Bruder oder einen Buſenfreund muſtern darf, ſo verliert der Briefwechſel ſeinen Werth, und da wir genoͤthigt ſind, dabei die moͤglichſte Vorſicht zu gebrauchen, ſo wird er fuͤr uns eher eine neue Quelle zu Kraͤnkungen, als daß er uns eine Gemein⸗ ſchaft mit den abweſenden Perſonen eroͤffnete, deren Freundſchaft und Zuneigung wit für das theuerſte Be⸗ ſitzthum unſeres Lebens halten. Wir glauben um ſo eher, daß man Napoleon dieſes Vorrecht einigermaßen haͤrte genießen laſſen koͤnnen, ohne daß dadurch die ſichere Bewachung ſeiner Perſon gefaͤhrdet wor⸗ den waͤre, weil wir feſt uͤberzeugt ſind, daß alle Be⸗ muͤhungen, die ſtrenge Befolgung dieſer Verfügung 90 zu erzwingen, unwirkſam waren und ſeyn mußten, und daß er und ſeine Begleiter in einigen Faͤllen durch Geld und in andern durch bloßes Mitleid ſtets die Mittel erlangen konnten, Privatbriefe ohne auf die Beſchraͤnkung zu achten, aus der Inſel abzu⸗ ſchicken. Alle Gefahr, die von dieſer Art von Brief⸗ wechſel zu befuͤrchten war, konnte daher leichter bei einer geheimen Correſpondenz eintreten, als bei ei⸗ ner ſolchen, die ſelbſt durch verſiegelte Briefe, of⸗ fen und mit Erlaubniß der Regierung gefuͤhrt wur⸗ de. Wir koͤnnen nicht umhin, unſere Meinung aus⸗ zudruͤcken, daß, in Erwaͤgung der ſorgfaͤltigen Auf⸗ merkſamkeit, welche die Polizei in fremden Laͤn⸗ dern natuͤrlich den Briefen aus St. Heleng ge⸗ widmet haben wuͤrde, wenig zu befuͤrchten war, daß die oͤffentliche Poſt zu gefaͤhrlichen Machinatio⸗ uen mißbraucht worden waͤre. Angenommen alſo, der Verhannte haͤtte ſich derſelben bedienen duͤt fen, ſo wuͤrde es zu gefahrvoll geweſen ſeyn, wenn er irgend einen Vorſchlag zu ſeiner Flucht durch dieſes Mittel zu machen gewaat haͤtte. Er haͤtte daher in dieſer Abſicht ſeine Zuflucht zu einer geheimen Cor⸗ reſpondenz nehmen muͤſſen, und zwar unter Umſtaͤn⸗ den, die jede wohlgeſinnte Perſon wenigſtens ge⸗ warnt haͤtten, huͤlfreiche Hand dabei zu lei ſten; da der Gefangene, wenn ihm die gewoͤynlichen Verbin⸗ dungskanaͤle offen geweſen waͤren, keinen entſchuld⸗ baren Grund gehabt haͤtte, ſich geheimer Mittel 91 zu bedienen, um Briefe von der Inſel abzuſchicken, Dieſe unſere Meinung gruͤndet ſich jedoch auf Schluͤſ⸗ ſe, die in gar keiner Verbindung mit dem Rechts⸗ anſpruche, den Napoleon machte, ſtehen; da ſeine Lage, als die eines Kriegsgefangenen und zwar ei⸗ nes hoͤchſt wichtigen, die britiſche Regierung unſtrei⸗ tig berechtigte, ihn allen den Beſchraͤnkungen zu un⸗ terwerfen, die Perſonen in ſeiner Lage zu dulden haben. Eine andere beſondere Beſchwerde, die Napo⸗ leon und ſeine Vertheidiger erhoben, entſprang aus einer Verfuͤgung, welche nach unſerer Meinung zu ſeiner ſichern Bewachung ſo weſentlich nothwen⸗ dig war, daß wir nicht wenig erſtaunt ſind, zu fin⸗ den, daß man von ihr bei irgend einer Gelegenheit ganz oder bis zu einem gewiſſen Giade abwich; weil dieſelbe, wenn ſie regelmaͤßig und in ihrer vollen Ausdehnung befolgt worden waͤre, die Mittel dar⸗ geboten haben wuͤrde, einen namhaften Theil ande⸗ rer Beſchraͤnkungen von einer erbitternden und laͤ⸗ ſtigen Art zu mildern, die von Zeit zu Zeit geaͤn⸗ dert und in manchen Faͤllen entfernt und wieder angenommen werden konnten, ohne irgend einen angemeſſenen oder verſtaͤndlichen Veweggrund. Die Verfuͤgung, auf die wir anſpielen, iſt die, kxaft welcher Napoleon zwei⸗ oder wenigſtens einmal des Tags dem britiſchen Ordonanzoffiziere ſichtbar ſeyn ſollte. Wenn der Erkaiſer ſich dieſer Verfuͤgung mit 92 Gleichmuth unterworfen haͤtte, ſo wuͤrde ſie die ſtaͤrkſte Buͤrgſchaft gegen die Moͤglichkeit, den Ver⸗ ſuch einer Flucht zu wagen, geweſen ſeyn. Von dem Augenblicke an, in welchem er von dem Offi⸗ ziere geſehen worden waͤre, bis zu dem, in wel⸗ chem er ihm wlederum haͤtte ſichtbar ſeyn muͤſſen, wuͤrde man keinem Schiffe erlaubt haben, die Inſel zu verlaſſen; und angenommen, er waͤre von dem Offiziere zur regelmaͤßigen Stunde vermißt worden, ſo waͤre der Laͤrm allgemein geworden, und Napo⸗ leon haͤtte nothwendig entdeckt werden muͤffen, haͤk⸗ te er nun in der Stadt oder an Bord irgend eines Schiffs auf der Rhede verborgen ſeyn moͤgen. Die Gefahr war in der That zu groß, als daß ſie ihn haͤtte bewegen koͤnnen, einen ſo mißllchen Verſuch zu wagen. Leicht haͤtte die Anordnung getroffen werden koͤnnen, daß der Ordonanzoffizier die Gele⸗ genheit gehabt haͤtte, ſeine Pflicht mit jeder moͤgli⸗ chen Ruͤckſicht auf Napoleons Zuruͤckgezogenheit und Bequemlichkeit zu vollziehen, und der letztere haͤtte ſelbſt die Zeit und Art wahlen koͤnnen, ſich einen Augenblick zu zeigen. In dieſem Falle, und in Er⸗ waͤgung, wie viele andere Vorſichtsmaaßregeln zur Verhuftung ſeiner Flucht ergriffen waren,— daß jeder zugaͤngliche Pfad zu dem ufer ſtark bewacht war— und daß die Inſel ſich ziemlich in der Lage einer Citadelle befand, deren hauptſaͤchlichſte Be⸗ wohner Soldaten ſind,— war die Moͤglichkeit, daß 93 Napoleon einen Verſuch zu entfliehen machte, ſelbſt wenn man ihm erlaubt haͤtte, ganz Helena unbe⸗ ſchraͤnkt zu durchſtreifen, hoͤchſt unwahrſcheinlich, und der Fall, daß er ſeinen Vorſatz ausfuͤhrte, graͤnzte an Unmoͤglichkeit. Allein dieſe Sicherheit hieng von ſeiner Einwilligung ab, einen britiſchen Offizier zu einer beſtimmten Stunde zu ſehen; und unerſchuͤtterlich in ſeinem Plane, nichts den Um⸗ ſtänden einzuraͤumen, widerſetzte ſich Napoleon auf jede moͤgliche Art der Nothwendigkeit, ſich dieſer hoͤchſt wichtigen Verfuͤgung zu unterwerfen. In der That, Sir Hudſon Lowe ſeinerſeits war bei manchen Gelegenheiten nachſichtig genug, die gaͤnzliche Ver⸗ nachlaͤfſigung derſelben zu ignoriren, wenn der Or⸗ donanzoffizier keine Mittel finden konnte, Napoleon verſtohlenerweiſe waͤhrend eines Spaziergangs oder efnes Ausritts, oder wie es manchmal geſchah, durch die Feuſterfluͤgel, zu ſehen. Dieß war nicht die Art, auf welche dieſe wichtige Verfuͤgung haͤtte voll⸗ zogen oder erzwungen werden ſollen, und der Gou⸗ verneur erndtete keinen großen Dank dafuͤr ein, daß er auf ſeine eigene Verantwortlichkeit hin in dieſem Punkte der Bewachung und Aufſicht nachgiebig war. Wir haben geſehen, daß ein Umkreis von zwoͤlf Meilen und daruͤber fuͤr Napoleons koͤrperliche Bewe⸗ gung abgemeſſen ward. Kein Fremder trat in dleſe Bezirke ohne einen Paß von Bertrand, und der Kai⸗ ſer hatte die ungeſtoͤrte Freiheit, innerhalb derſel⸗ 94 ben zu gehen oder zu reiten, von Niemand, ausge⸗ nommen den Individuen ſeines eigenen Haushalts, begleitet. Dieſe privilegirten Graͤnzen durfte er nicht uͤberſchreiten, ohne von einem britiſchen Offi⸗ zler begleitet zu ſeyn; allein unter der Bedeckung einer ſolchen Perſon durfte er jeden Theil der In⸗ ſel beſuchen. Dieſe Anordnung verabſcheute Napo⸗ leon wo moͤglich noch mehr als jone, kraft welcher ein bririſcher Offizier ihn jeden Tag perſoͤnlich ſe⸗ hen ſollte. Es gab noch andere Beſchwerden; allein da ſis hauptſaͤchlich aus beſondern Eroͤrterungen mit Sir Hudſon Lowe— aus Nebengeſetzen, die dieſer Of⸗ fizter gab— und aus kleinlichern Beſchraͤnkungen entſprangen, ſo beſchraͤnken wir uns fuͤr den Augen⸗ blick auf die allgemeineren, die, ſo unbequem und kraͤnkend ſie auch ſeyn mochten, doch natuͤrlicher Weiſe aus der Lage eines Gefangenen floſſen, und die gleich den Ketten einer wirklich gefeſſelten Per⸗ ſon, weniger laͤſtig ſind, wenn man ſich ihnen mit Seelenſtaͤrke und Gleichmuth unterwirft, als wenn der Gefangene ſich vergebens von ihnen loszuwinden ſtrebt. Wir ſind jedoch welt entfernt, zu behaup⸗ ten, daß das Gewicht der Feſſeln und der Druck der perſoͤnlichen Beſchraͤnkungen in dem einen wie in dem andern Falle an und fuͤr ſich Uebel ſind, die von denen, welche ſie leiden, leicht ertragen werden koͤnnen. Wir fuͤhlen beſonders, wie peinlich der Verluſt der Freiheit fuͤr einen Mann geweſen ſeyn mußte, der ſich nicht bloß der Freiheit ſeiner eigenen Handlun⸗ gen, ſondern auch des unbeſchraͤnkten Rechtes, die Handlungen Anderer zu leiten, erfreut hatte. Die Ungeduld hat jedoch in dieſem, wie in andern Faͤl⸗ len, bloß das Vorrecht, ihrem Herrn wehe zu thun. In den vielen Stunden des Nachdenkens, die dem Erkaiſer ſein Aufenthalt auf Helena darbot, koͤnnen wir nie Spuren von der Betrachtung bemerken, daß er ſeine gegenwaͤrtige ungluͤckliche Lage weniger dem unmittelbaren Einfluſſe derer verdankte, die bei ſei⸗ ner Niederlage und Einkerkerung thaͤtig geweſen waren, als der Macht des Ehrgeizes, die weder die Freiheiren Frankreichs, noch die Unabhaͤngigkeit Eu⸗ ropas ſchonte, und endlich ſeine verfoͤnliche Freiheit mit den Rechten der Welt im Allgemeinen unver⸗ traͤglich gemacht hatte. Er fuͤhlte die Unannehmlich⸗ keiten ſeiner Lage; allein ihren Urſprung erforſchte er nicht, oder kongte ihn nicht erforſchen. Es iſt unmoͤglich, uͤber ihn nachzudenken, ohne daß der Gedanke an einen edlen Loͤwen in uns erregt wuͤr⸗ de, der in einem engen und duͤſtern Kaͤfig eingeker⸗ kert iſt, und die Wuth, die einſt die Waͤlder zit⸗ tern machte, an den kleinen Riegeln und Gittern auslaͤßt, die, ſo unbedeutend ſie auch ſind, doch ſeiner koͤniglichen Staͤrke trotzen und ihn gefangen halten. E Die Lage war in jeder Hinſicht eine peinliche 95 auch koͤnnen wir unſer Mitleid nicht bloß dem Ge⸗ fangenen, ſondern auch der Perlon, deren ſchmerz⸗ liche Pflicht es war, ſein Aufſeher zu ſeyn, nicht verweigern. Seine Pflicht, Napoleons Perſon ge⸗ fangen zu halten, mußte mit der hoͤchſte n Strenge vollzogen werden, und erforderte einen Mann von einer ſolchen außerordentlichen Seelenſtaͤrke daß er ſei⸗ nen Gefuͤhlen kein einziges M al den Vorrang vor ſeinen Urtheilen zugeſtand, und im Stande war, alle die falſchen Beweisgruͤnde zu entdecken und zu beantworten, die man aufſtellen konnte, um ihn von der geraden und maͤnnlichen Vollziehung ſeiner Pflicht abzuſchrecken. Allein dann haͤtte mit dieſen ſeltenen Eigenſchaften eine faſt eben ſo ſeltene Ru⸗ he des Gemuͤths und eine Großherzigkeit gepaart ſeyn ſollen, die, auf ihre Ehre und Biederkeit ver⸗ trauend, mit Heiterkeit und Mitleld auf die taͤgli⸗ chen und ſtuͤndlichen Wirkungen der geiſtzerruͤtten⸗ den Urſachen blicken konnten, welche das außeror⸗ dentliche Weſen, das ihrem Einfluſſe unterworfen war, quaͤlten und in einen Zuſtand beſtaͤndiger und unertraͤglicher Aufreitzung verſetzten. Buonagparte und ſeine Begleiter, die ſeine Leidenſchaften zuruͤck⸗ ſpiegelten, waren bei allen Gelegenheiten als Leute zu betrachten, die unter dem fiebriſchen und wahn⸗ ſinnigen Einfluſſe laͤngſt vergangener Dinge handel⸗ ten und dachten⸗ und der Faͤhigkeit, uͤber Gegen⸗ ſtaͤnde, 1 97 ſtaͤnde, die ſich ausſchließlich auf gegenwaͤrtige Din⸗ ge bezogen, kalt oder klar zu urtheilen, gaͤnzlich be⸗ raubt waren. Der Kaiſer konnte ſein Reich, der Gatte ſein Weib, der Varer ſein Kind, der Held ſeine Siege, der Geſetzgeber ſeine Macht nicht ver⸗ geſſen. Es lag ſchwerlich in der Natur der Dinge, daß ein von ſolchen Erinnerungen beſtuͤrmrer Geiſt unter einem ſo furchtbaren Wechſel ſtill und gefaßt oder faͤhig blieb, ruhig daruͤber nachzudenken, was er jetzt war, wenn er durch den außerordentlichen Abſtich ſeiner gegenwaͤrtigen Lage gegen ſeine fruͤ⸗ here aufgeregt war. Vergebens wuͤrde man ihn zu beſaͤnftigen verſucht haben; allein die Ehre Eng⸗ lands erforderte, daß er keine andern Gruͤnde zur Erbitterung haben ſollte, als jene, die von ſeiner Lage als ein Gefangener, leider genug! unzertrenn⸗ lich waren. Aus unſerer Schilderung des Karakters des Sir Georg Cockburn kann man abnehmen, daß er, ſo weit es von ihm abhieng, und ſeine Pflicht es er⸗ laubte, alles, was Napoleons Lage erleichtern konn⸗ te, zu thun ſich angelegen ſeyn ließ. Die verſchte⸗ denen Schriftſteller, Dr. O'Meara, Las Caſes, San⸗ tini und andere, die ſich ſehr heftig gegen Sir Hud⸗ ſon Lowe's Betragen ausgeſprochen, haben das Be⸗ tragen des Sir Georg Cockburn als edel, ehrenvoll und verſoͤhnlich dargeſtellt. Ohne Zweifel gab es, als man die wirklichen Unannehmlichkeiten des Or⸗ W. Scott's Werke. L XIV. 98 tes erfahren hatte und die Strahlen einer unbe⸗ ſtimmten Hoffnung ihren Augen entſchwanden, man⸗ che Gelegenheiten, bei welchen Napoleon und ſeine Begleiter bei ihren Eroͤrterungen mit dem Admirale ungemein zaͤnkiſch wurden. Bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten verfolgte er mit der Derbheit ſeines Standes den geraden Pfad ſeiner Pflicht, und uͤberließ es den franzoͤſiſchen Edelleuten, ſo lange muͤrriſch zu bleiben, als ſie wollten, und trat wieder mit ihnen in Verbindung, ſobald ſie es zu wuͤnſchen ſchienen. Es war wahrſcheinlich dieſer Gleichmuth, der, un⸗ geachtet verſchiedener Anerkennungen ſeines guten und ehrenvollen Benehmens, Sir Georg Cockburn den Tadel des Grafen Las Caſes, und Etwas, das eine Art Hohn ſeyn ſollte, von Napoleon ſelbſt zu⸗ zog. Da Sir Georg Cockburn, im Ganzen genom⸗ men, das anerkannte Zeugniß hat, daß er ſeine Pflicht gegen ſie mit Milde und Maͤßigung erfuͤllt habe, ſo fuͤhlen wir uns um ſo eher verſucht, ihre Beſchwerden naͤher zu beleuchten, als ſie den er⸗ bitterten und verwundeten Gemuͤthszuſtand zei⸗ gen, mit dem dieſe ungluͤcklichen Edelleute diejeni⸗ gen betrachteten, die auf ihrem gegenwaͤrtigen Po⸗ ſten keine andere Wahl hatten, als die Pflicht zu vollziehen, die ihr Souverain und ihr Land ihnen auferlegt hatten. 3 Auf die Gefahr hin, dafuͤr angeſehen zu wer⸗ den, daß wir die Geduld unſerer Lefer auf die Pro⸗ 99 be ſtellen, wollen wir die Beſchwerden wiederholen, die Las Caſes aufzaͤhlt, der offen geſteht, daß die uͤble Laune, die aus ſeiner Lage entſprang, einiger⸗ maßen Einfluß auf ſein Gemuͤth bei der Beurthet⸗ lung des Betragens des Sir Georg Cockburn gehabt haben moͤge; und unter jede Klage die Antwort ſetzen, die auf ſie zu paſſen ſcheint. 1) Der Admiral iſt angeklagt, den Kaiſer Na⸗ poleon General Buonaparte genannt und die Worte mit einer ſelbſtzufriedenen Miene ausgeſpro⸗ chen zu haben, die bewies, daß der Ausdruck ihm behagte.— Es dient zur Antwort, daß Sir Georg Cockburn's Inſtruktionen befahlen, Napoleon dieſen Titel zu geben; und uͤber die Blicke oder den Ton, womit er es That, iſt die Auslegung geſucht. 2) Napoleon wohnte Monate lang in Briars, waͤhrend der Admiral ſelbſt im Plantation⸗Hauſe wohnte.— Darauf wird geantwortet, daß die Re⸗ gierung den Befehl ertheilt hatte, Napoleon ſolle am Bord bleiben, bis ſeine Wohnung eingerichtet ſey; allein als Sir Georg Cockburn fand, daß hiezu weit mehr Zeit noͤthig ſey, als man erwartet habe, ſo ſetzte er ihn auf ſeine Verantwortlichkeit hin ans Ufer, und wies ihm Briars, dem Napokeon ſelbſt den Vorzug gab, zur Wohnung an. 3) Der Admiral ſtellte Schildwachen unter Na⸗ poleons Fenſter.— Antwort: Es iſt dieß der ge⸗ woͤhnl che Gebrauch, wenn Gefangene von Wichtig⸗ 7 2. 100 keit in Haft gehalten werden ſollen; beſonders wenn ſie nicht einmal ihr Ehrenwort anbieten, daß ſie kei⸗ nen Verſuch zu entſchluͤpfen machen werden. 4) Sir Georg Cockburn erlaubte niemand, Na⸗ poleon ohne ſeine Erlaubniß zu beſuchen.— Ant⸗ wort: Es ſchien ſo lange eine nothwendige Folge ſei⸗ ner Lage, bis Sir Georg Cockburn im Stande war, diejenigen Beſucher zu unterſcheiden, denen man fuͤglicher Weiſe das unbeſchraͤnkte Vorrecht, den wich⸗ tigen Gefangenen zu beſuchen, zugeſtehen koͤnnte. 5) Er lud Napoleon unter dem Titel General Buonaparte zu einem Balle ein.— Der Punkt des Titels iſt bereits beſprochen worden, und es laͤßt ſich nicht begreifen, wie der Umſtand, daß er bei einer Einladung zu einem Schmauſe gebraucht wurde, den Namen, mit welchem der Admiral ſei⸗ nen Gefangenen anzureden Befehl hatte, beleidigen⸗ der als bei einer andern Gelegenheit machen konnte. 6) Sir Georg Cockburn, durch Bertrands No⸗ ten, in welchen dieſer den Gefangenen als Kaiſer ti⸗ tulirte, aufgefordert, antwortete ſarkaſtiſch: er wiſſe von keinem Kaiſer auf Helena; auch habe er nicht gehoͤrt, daß irgend ein gegenwaͤrtiger europaͤiſcher Kalſer im Auslande reiſe.— Hierauf muß durch die Verweiſung auf die Inſtruktionen des Admirals und durch die Thatſache geantwortet werden, daß, wenn ein Kaiſer ſeine Wuͤrde niederlegen kann, Napoleon ſicherlich kein ſolcher mehr war. 101 7) Sir Georg Cockburn ſoll auf die Meinungen Anderer eingewirkt, und einige untergeordnete Per⸗ ſonen, die ſich des Ausdrucks Kaiſer bedienten, mit Gefaͤngniß belegt haben.— Es muß hier, wie zu⸗ vor, geantwortet werden, daß er von ſeiner Regie⸗ rung den Befehl hatte, nicht zu geſtatten, daß Na⸗ poleon als Kaiſer angeredet wurde; und daß es ſeine Pflicht war, dafuͤr zu ſorgen, das dieſem Befehle Folge geleiſtet wurde. Er konnte jedoch hierin nicht ſehr ſtreng geweſen ſeyn, da Herr Las Caſes uns berichtet, daß die Offiziere des 53. Regiments die Mittelbenennung Napoleon, offenbar ohne eine Ruͤge von Seite des Gouverneurs, brauchten. Endlich iſt nur noch die Klage hinzuzufuͤgen, daß ein Ordonanz⸗Offizier den Befehl hatte, Napoleon zu begleiten, wenn er gewiſſe Graͤnzen uͤberſchritt,— eine Vorſichtsmaßregel, die uͤberall, wo eine wach⸗ ſame Aufſicht noͤthig iſt, nuͤtzlich, wo nicht unentbehr⸗ lich ſeyn muß. Aus dieſer Ueberſicht von Beſchwerden muß es dem Leſer klar werden, daß die Erbitterung des Las Caſes und ſeines Herrn nicht ſowohl dem Sir Ge⸗ org Cockburn perſoͤnlich, als ſeinem Amte galt; und daß der Admiral ziemlich bellebt geweſen ſeyn wuͤr⸗ de, wenn er es mit ſeiner Pflicht haͤtte in Einklang bringen koͤnnen, Napoleon als einen Kaiſer und freien Mann zu betrachten; wenn er; wie Sir Niel Campbell geduldet haͤtte, zu ſeiner Gegenwart zuge⸗ 102 laſſen oder von derſelben ausgeſchloſſen zu werden, je nachdem es die Etikette eines kaiſerlichen Hofes erfordern mochte, und Gefahr gelaufen waͤre, fuͤr ſeine Gefaͤlligkeit, gerade wenn er es ſich am we⸗ nigſten verſehen haͤtte, durch die Nachricht belohnt zu werden, daß Napoleon nach Amerika oder viel⸗ leicht nach Frankreich abgeſegelt ſey. Die Frage in⸗ wiefern Britannien oder vielmehr Europa das Recht hatte, Napoleon gefangen zu halten, iſt bereits er⸗ oͤrtert worden. Wenn ſie kein ſolches Recht hatten, und wenn man es eher auf einen zweiten Aufſtand in Frankreich, auf ein zweites Schlachtfeld von Wa⸗ terloo ankommen laſſen mußte, als daß Napoleon Buonaparte eine Verminderung ſeiner Wuͤrde oder eine Beſchraͤnkung ſeiner Freiheit erlitt, dann hatte Napoleon das Recht, ſich uͤber das Miniſterium zu beklagen, nicht aber uͤber den Offizier, dem ſeine Inſtruktionen ſowohl der Leitſtern, als die Rechtfer⸗ tigung ſeines Betragens ſeyn mußten. Waͤhrend dieſe Dinge auf St. Helena vorgtken⸗ gen, war das Miniſterium Großbritanniens damit beſchaͤftigt, die Gefangenhaltung des Exkaiſers durch eine Parlamentsakte rechtskraͤftig zu machen, die allen Verkehr und Handel mit St. Helena verbot, gusgenommen den, welcher durch diejenigen Schiffe der oſtindiſchen Geſellſchaft, welche mit regelmaͤßi⸗ gen Schifſsbriefen verſehen waren, Statt hatte. Schiffe, bei denen dieß nicht der Fall war, wurden, 1⁰³ wenn ſie auf St. Helena zu handeln oder daſelbſt zu landen ſuchten, oder innerhalb einer Entfernung von 8 Seemeilen von der Inſel ſich einige Zeit lang blicken ließen, der Beſchlagnahme oder Konfiskation unterworfen erklaͤrt. Die Individuen des Schiffs⸗ volks, die auf die Inſel kamen, oder andere Perſo⸗ nen, welche die Inſel beſuchten, konnten von dem Gouverneur nach Belieben an Bord geſchickt werden, und diejenigen, welche ſich am Ufer zu verbergen ſuchten, wurden fuͤr ſtrafwuͤrdig erklaͤrt. Bei unge⸗ ſtuͤmem Wetter durften ſich Schiffe der Inſel naͤ⸗ hern; allein es lag ihnen ob, die unumgaͤngliche Nothwendigkeit darzuthun, und ſo lange ſie auf St. Helena blieben, wurden ſie ſo ſtreng als moͤglich bewacht. Eine beſondere Klauſel ſchuͤtzte den Gouverneur und die Kommiſſaͤre in Betreff jeder den Buchſta⸗ ben des Geſetzes uͤberſchreitenden Handlung, die ſie vereits bei ihrer Bewachung der Perſon Napoleons begangen haben mochten. Dieß war die Akte 56. Georg III. K. 23., welche die Gefangenſchaft Na⸗ poleons auf St. Heleng geſetzlich machte. Eine andere Uebereinkunft zwiſchen den Haupt⸗ maͤchten Europas war zu Paris den 20. Auguſt 1815 in Betreff Napoleons und der Verhaftung ſeiner Perſon zu Stande gekommen. Sie ſetzte feſt: 1) Daß, um jeden weitern Verſuch von Seiten Napoleons gegen die Ruhe der Welt unmoͤglich zu 1⁰4 machen, er als Gefangener der hohen vertragſchlie⸗ ßenden Maͤchte, des Koͤnigs von Großbritannien und Irland, des Kaiſers von Oeſterreich, des Kaiſers von Rußland und des Koͤnigs von Preußen betrach⸗ tet werden ſolle. 2) Daß die Bewachung ſeiner Perſon der briti⸗ ſchen Regierung anvertraut ſey, und daß es ihr uͤber⸗ laſſen bleibe, den ſicherſten Ort und die ſicherſte Art, ihn gefangen zu halten, zu waͤhlen: 3) Daß die Hoͤfe Oeſterreichs, Rußlands und Preußens Bevollmaͤchtigte ernennen ſollten, welche denſelben Ort zu bewohnen haͤtten, der Napoleon Buonaparte zu ſeinem Aufenthalte angewieſen wer⸗ den wuͤrde, und die, ohne fuͤr ſeine Haft ver⸗ antwortlich zu ſeyn, ſich verſichern ſollten, daß er wirklich gegenwaͤrtig ſey. Seine allerchriſtliche Ma⸗ jeſtaͤt wurde ebenfalls eingeladen, einen Bevollmaͤch⸗ tigten zu ſchicken. 4) Der Koͤnig von Großbritannien verpflichtete ſich, die ihm durch dieſen Vertrag vorgeſchriebenen Bedingungen getreu zu erfuͤllen. Von dieſen Maͤchten machten nur drei von der Befugniß oder dem Vorrechte Gebrauch, Bevollmaͤch⸗ tigte nach St. Helena zu ſchicken. Dieſe waren Graf Balmain, von Seite Rußlands, Baron Stuͤr⸗ mer fuͤr Oeſterreich, und ein alter ausgewanderter Edelmann, der Marquis Montchenu fuͤr Frankreich. Preußen ſcheint die Ausgabe fuͤr einen zu St. He⸗ — 105: lena reſidirenden Bevollmaͤchtigten fuͤr unnoͤthig ge⸗ halten zu haben. In der That, es ſcheint nicht, daß einer von dieſen Herren eine wichtige Rolle auf St. Helena zu ſpielen gehabt haͤtte; allein ihre Ge⸗ genwart war doch noͤthig, um das, was daſelbſt vor⸗ gieng, unter die wachſame Aufſicht beglaubigter Stellvertreter der hohen Maͤchte, die den Pariſer Vertrag geſchloſſen hatten, zu ſtellen. Die Einker⸗ kerung Napoleons war jetzt nicht das Werk Englands allein, ſondern Europas, und von deſſen maͤchtig⸗ ſten Staaten als eine fuͤr die oͤffentliche Ruhe un⸗ umgaͤnglich nothwendige Maßregel angenommen. Mehrere Monate vor der Ankunft der Bevoll⸗ maͤchtigten wurde Sir Georg Cockburn in ſeinem peinlichen Amte von Sir Hudſon Lowe abgeldſt, der bis zum Tode Napoleons Gouverneur von St. He⸗ lena blieb und die Aufſicht uͤber deſſen Perſon fuͤhr⸗ te. Das Betragen dieſes Offiziers iſt in verſchiede⸗ nen Schriften, die von Napoleons Gefangenſchaft handeln, mit einem ſolchen Uebermaße von Bitter⸗ keit getadelt worden, daß ſie gewiſſermaßen ihre eigne Abſicht vernichtet, und uns an der Wahrheit von Anklagen zweifeln laͤßt, die offenbar unter dem Einfluſſe einer heftigen perſoͤnlichen Feindſeligfeit gegen den vormaligen Gouverneur von St. Helena vorgebracht worden ſind. Auf der andern Seite be⸗ duͤrfte es einer ſtarken Vertheidigung von Seiten des Sir Hudſon Lowe ſelbſt, wodurch viele Dinge, 106 die bis jetzt weder eine Widerlegung noch eine Er⸗ klaͤrung gefunden haben, widerlegt oder erlaͤutert wuͤrden, um uns zu bewegen, ihn als den ſeltenen und erhabenen Karakter zu betrachten, dem, wie wir bereits gezeigt haben, dieſes wichtige Amt haͤtte anvertraut werden ſollen. Sir Hudſon Lowe hatte ſich bei dem Heere, hauptſaͤchlich waͤhrend er im mittellaͤndiſchen Meere bei einem fremden Korps, das in Englands Solde ſtand, diente, zu Nang und Ehren emporgeſchwun⸗ gen. In dieſer Lage erwarb er ſich eine gruͤndliche Kenntniß in der franzoͤſiſchen und italieniſchen Spra⸗ che, Umſtaͤnde, die ihn zu dem Poſten, der ihm an⸗ gewieſen wurde, hoͤchſt geeignet machten. Im Feld⸗ zuge von 1814 hatte er bei dem Heere der Verbuͤn⸗ deten gedient und mit der engliſchen Regierung ei⸗ nen, die Ereigniſſe des Feldzuges ſchildernden Brief⸗ wechſel gefuͤhrt, von dem ein Theil oͤffentlich er⸗ ſchienen iſt, und der von Seite des Verfaſſers Geiſt und Talent verraͤth. Sir Hudſon Lowe empfieng von mehreren der verbuͤndeten Souveraine und Ge⸗ nerale die ehren vollſten Dienſtzeugniſſe. Er hatte auf dieſe Art die Gelegenheit und Gewohnheit ſich unter Perſonen von Auszeichnung bei der Eroͤrte⸗ rung wichtiger Gegenſtaͤnde zu miſchen; und ſein Karakter als Edelmann und Mann von Ehre wurde ſorgfaͤltig, unterſucht und hoͤchſt bewaͤhrt erfunden, ehe ſeine Ernennung Statt hatte. Dieß waren Punk⸗ — — 3 1⁰7 te, uͤber welche genaue Nachfragen geſchehen und beſtimmte Antworten erhalten werden konnten, und ſie lauteten alle zu Gunſten des Sir Hudſon Lowe. Allein es gab andere und nicht minder wichtige Eigenſchaften, deren Beſitz ihm nicht eher beigelegt werden konnte, als bis man ihn auf die Probe ge⸗ ſtellt hatte. Es konnte zum Beiſpiel kaum mit Gewißheit behauptet werden, daß die unumgaͤnglich nothwen⸗ dige Eigenſchaft eines unerſchuͤtterlichen Gemuͤths ihm eigen war, ehe ſein Benehmen, in dem ihm anvertrauten Amte, bewieſen hatte, ob er ſie wirk⸗ lich beſaß oder nicht. Daſſelbe muß von jener Feſtig⸗ keit und Entſchloſſenheit geſagt werden, die einem Beamten den genauen Weg ſeiner Pflicht vorzeich⸗ nen,— jede Zoͤgerung und jedes Schwanken in der Ausfuͤhrung ſeines Vorſatzes verhuͤten,— ihn, wenn ſie vollzogen iſt, mit der kuͤhnen und feſten Zuver⸗ ſicht erfuͤllen, daß er genau gethan habe, was er haͤtte thun ſollen— und ihn faͤhig machen, jeder Gelegenheit zu widerſtehen, deren man ſich bedienen kann, um ihn zur Aenderung ſeines Betragens zu bewegen und alle Mißdeutungen und Nachreden zu verachten, die aus demſelben entſpringen koͤnnen. Da wir nichts von Sir Hudſon Lowe in perſoͤnlicher Hinſicht wiſſen, und ihm die Eigenſchaften eines eh⸗ reuwerthen und die Kenntniſſe eines wohlunterrich⸗ teten Mannes zugeſtehen, ſo ſind wir nach einer 108 Ueberſicht ſeines Betragens, das wir ſo viel als moͤglich von den Uebertreibungen ſeiner perſoͤnlichen Feinde zu reinigen geſucht haben, zu glauben geneigt, daß noch Spuren eines warmen und reizbaren Ge⸗ muͤths zuruͤckblieben, das manchmal ſeine Beſonnen⸗ heit uͤberwaͤltigt und ihn veranlaßt zu haben ſcheint, zu vergeſſen, daß ſich ſein Gefangener in einer La⸗ ge befand, in der er, ſelbſt wenn ſein Betragen hoͤchſt unbillig und beleidigend ſchien, als kein Ge⸗ genſtand der Erbitterung oder als ein Weſen be⸗ trachtet werden konnte, an welchem gleich wie an andern gewoͤhnlichen Menſchen das allgemeine Wie⸗ dervergeltungsrecht ohne weiteres ausgeabt wer⸗ den durfte. Napoleons Lage ſchloß die Moͤglichkelt aus, eine Beleidigung zuzufuͤgen, und deßwegen haͤtte das Gemuͤth der Perſon, welcher eine ſolche angethan wurde, wo moͤglich kalt und unbewegt blei⸗ ben ſollen. Es ſcheint uns nicht, daß dieß ſtets der Fall war. Auf gleiche Weiſe ſcheint Sir Hudſon Lowe durch ein niederdruͤckendes Gefuͤhl von der Wichtigkeit und Schwierigkeit ſeiner Lage bis zu einem aͤngſtlichen und erbitternden Grade beunruhigt worden zu ſeyn. Dieſe zu große Aengſtlichkeit fuͤhrte zu haͤufigen Wechſeln ſeiner Verfuͤgungen, und zur Annahme von Maßregeln, die nachher wieder aufgegeben, und viel⸗ leicht wieder angenommen wurden. Dieſes ſchwan⸗ kende Benehmen gab ſeinem Gefangenen Anlaß zu — 109 gerechten Beſchwerden; denn obſchon ein Gefangener allmaͤhlig an die Feſſeln gewoͤhnt werden kann, die er taͤglich auf dieſelbe Art traͤgt, ſo muß er doch endlich bis zur Verzweiflung getrieben werden, wenn die Art, ſie anzulegen, von Tag zu Tag veraͤndert wird. 4 Es iſt wahrſcheinlich, daß das warme Gemuͤth des Sir Hudſon Lowe einigermaßen fuͤr Napoleon paßte, indem es ihm die Mittel darbot, Repreſſalien an dem unmittelbaren Werkzeuge ſeiner Gefangen⸗ haltung dadurch auszuuͤben, daß er den Gouverneur einen Theil des Verdruſſes fuͤhlen ließ, den er ſelbſt empfand. Sir Georg Cockburn war in se ipso to- tus, teres, atque rotundus geweſen. Er that, was ſeine Pflicht ihm gebot, und bekuͤmmerte ſich wenig darum, was Napoleon daruͤber denken oder ſagen mochte. Der neue Gouverneur war verwundbar, er konnte zornig gemacht, und deßwegen vortheilhaft angegriffen werden. So mochte Napoleon das rach⸗ ſuͤchtige Vergnuͤgen genießen, das der menſchlichen Bruſt nur zu ſehr eigen iſt, die Perſon zu kraͤnken, die der Vollſtrecker, obſchon nicht der Urheber der Kraͤnkungen war, denen er ſich ſelbſt unterworfen ſah. Allein der Grund, warum Rapoleon den Gou⸗ verneur zu erbittern ſuchte, beruhte nicht blos auf der Befriedigung ſeiner boͤſen Laune. Seine Abſich⸗ ten giengen weiter, und ſtanden mit der Ausſicht, ſeine Freiheit zu erlangen, und mit der Art, auf 110 welche er dieß zu bewirken ſuchte, in Verbindung. Und dieß veranlaßt uns, zu unterſuchen, worauf dieſe Hoffnungen beruhten, und unſern Leſern Beweiſe von der naumſtoͤßlichſten Art in Betreff der in den Raths⸗ verſammlungen zu Longwood angenommenen Politik vorzulegen. Es muß die Bemerkung vorausgeſchickt werden, daß die Offiziere, die, zur hohen Ehre ihrer Treue, Napoleon begleitet hatten, um ſein Ungluͤck durch ihre Geſellſchaft und ihr Mitleid zu mildern, durch kein anderes Band an einander geknuͤpft waren, als durch ihre gegenſeitige Achtung fuͤr denſelben un⸗ gluͤcklichen Gebieter. Da ſie durch keine Bande der Freundſchaft oder Gleichheit der Geſinnungen oder Beſtrebungen an einander gefeſſelt waren, ſo darf man ſich nicht wundern, daß ſie, der Langweile Preis gegeben, und die bittere und graͤmliche Laune empfin⸗ dend, welche eine ſolche Lage ekregen muß, Mißver⸗ ſtaͤndniſſe, ja ausgemachte Zwiſte, nicht mit dem Gouverneur allein, ſondern mit ſich ſelbſt hatten. Unter dieſen Umſtaͤnden zeichnet ſich das Betragen des Generals Gourgaud von dem der Uebrigen aus. Nach dem Pariſer Frieden war dieſer Offizier Ad⸗ jutant bei dem Herzoge von Berry geweſen; ein Ver⸗ haͤltniß, das er nach Buonaparte's Nuͤckkehr zur Zeit der hundert Tage aufgab. Da er im Gefolge des Exkaiſers im Augenblicke ſeines Falles war, ſo hielt er es fuͤr ſeine Pflicht, ihn nach St. Helena zu be⸗ / 111 gleiten. Waͤhrend er ſich auf dieſer Inſel befand, nahm er weniger Antheil an Napoleons Klagen und Streitigkeiten mit dem Gouverneur, als die Gene⸗ rale Bertrand und Montholon oder Graf Las Caſes; vermied jeden Anſchein geheimer Unterhandlung mit den Einwohnern, und wurde von Sir Hudſon Lowe als ein tapferer und biederer Soldat betrachtet, der ſeinem Kaiſer im ungluͤcke folgte, ohne irgend einen Antheil an jenen Handlungen zu nehmen, die der Gouverneur als ſeiner eigenen Gewalt nachtheilig betrachtete. Als ſolcher iſt er in Sir Hudſon's De⸗ peſchen an ſeine Regierung einfach karakteriſirt. Dieſer Offizier hatte in Frankreich eine Mutter und eine Schweſter zuruͤckgelaſſen, die er zaͤrtlich liebte und von welchen er eben ſo zaͤrtlich wieder ge⸗ liebt wurde. Die Anhaͤnglichkeit an dieſe geliebten Verwandten und ihr liebevoller Wunſch, daß er ſich wieder mit ihnen vereinigen moͤchte, erregte in Ge⸗ neral Gourgand das Verlangen, ſein Vaterland wie⸗ der zu beſuchen, und ſein Entſchluß war um ſo ſtaͤr⸗ ker, als ſich verſchiedene Eiferſuͤchteleien und Miß⸗ verſtaͤndniſſe zwiſchen ihm und dem Grafen Bertrand einſchlichen. Unter dieſen Umſtaͤnden bat er den Gouverneur um die Erlaubniß, nach London zuruͤck⸗ zukehren, was ihm auch geſtattet wurde. Ehe er St. Helena verließ, wurde er ſehr mittheilend gegen Sir Hudſon Lowe und den öſterreichiſchen Bevoll⸗ maͤchtigten, Baron Stuͤrmer, in Betreff der gehei⸗ 11² men Hoffnungen und Plane, mit denen man ſich in Longwood trug. Als er in Britannien im Fruͤhling des Jahres 1818 ankam, war er nicht weniger frei und offenherzig gegen die brittiſche Reglerung, und theilte ihr die verſchiedenen Vorſchlaͤge zur Flucht mit, die Napoleon vorgelegt worden waren; ſo wie die verſchiedenen erleichternden Umſtaͤnde und Schwie⸗ rigkeiten, welche mit jenen verbunden waren, und die Gruͤnde, warum er lieber auf der Inſel blelben, als den Verſuch zur Flucht machen wollte. In die⸗ ſem Zeitpunkte glaubte man, daß General Gourgaud ſich mit dem Koͤnige von Frankreich zu verſoͤhnen wuͤnſche; allein was auch ſeine geheimen Abſichten ſeyn mochten, die Nachrichten, die er Sir Hudſon Lowe und dem Baron Stuͤrmer auf St. Helena und nachher zu London dem Unterkriegsſekretaͤr gab. ſind noch in den Archiven der Kanzlei der auswaͤrtigen Angelegenheiten aufbewahrt. Sie ſtimmen vollkom⸗ men mit einander uͤberein, und ihre Glaubwuͤrdig⸗ keit kann nicht in Zweifel gezogen werden. Die Mit⸗ theilungen ſind gefliſſentlich mit auffallender Zuruͤck⸗ haltung in Betreff der Eigennamen gemacht, damit Niemand wegen des Mitgetheilten zur Rechenſchaft gezogen werden koͤnnte; und im Allgemeinen tragen ſie, wie ſich erwarten laͤßt, das Gepraͤge der hoͤchſten Einfachheit und Glaubwuͤrdigkeit. Wir werden oft auf dieſe Urkunden zuruͤckkommen muͤſſen, um den Leſer in den Stand zu ſetzen, die wahren Abſichten . Napo⸗ 115 bringen, und wie er viellelcht zu voreilig glaubte, ihn ploͤtzlich wieder in Freiheit ſetzen wuͤrde. Die britiſchen Miniſter empfingen von dem General Gourgand dieſelben Verſicherungen, die er auf St. Helena gegeben hatte. Dieſe letzteren ſind in dem Originale alſo ausgedruͤckt: In Betreff der Flucht des Generals Buonaparte erklaͤrte General Gourgaud zuverſichtlich, daß, ob⸗ ſchon Longwood ſeiner Lage nach durch Schildwachen gut beſchuͤtzt werden koͤnne, er doch uͤberzeugt ſey, daß es ihn keine Muͤhe koſten werde, die Wachſam⸗ keit der rings um das Haus poſtirten Schildwachen zu jeder Zeit zu vereiteln; kurz, daß ſeine Flucht von der Inſel ihm keineswegs unmoͤglich ſcheine. Der Gegenſtand ſey, geſtand er, zu Longwood von den Individuen des Haushalts beſprochen worden, die„ jedes insbeſondere erſucht worden ſeyen, ihre Plane zur Ausfuͤhrung deſſelben zu geben. Allein er aͤußer⸗ te den Glauben, General Buonaparte ſey ſo ſehr von dem Gedanken eingenommen) daß er St. Hele⸗ na entweder in Folge eines Miniſterwechſels in Eng⸗ land, oder durch die Abgeneigtheit der Englaͤnder, die Koſten ſeiner Gefangenhaltung zu tragen, werde verlaſſen duͤrfen; daß er ſich gegenwaͤrtig nicht in die Gefahr begeben wuͤrde, der ihn ein Verſuch zu entfliehen ausſetzen koͤnnte. Es ergiebt ſich jedoch aus der Augabe des Generals Gourgand und andern von ihm dargelegten Umſtaͤnden, daß Buonaparte .* 116 ſtets nach dem Zeitpunkte der Zuruͤckziehung der verbuͤndeten Heere aus Frankreich, als nach dem guͤnſtigſten fuͤr ſeine Ruͤckkehr geblickt habe; und die Wahrſcheiunlichkeit eines ſolchen Ereigniſſes, ſo wie die Folgen, die daraus fließen wuͤrden, wurden von ihm als ein Beweisgrund gebraucht, dem General Gourgaud abzurathen, ihn fruͤher als bis nach je⸗ nem Zeitpunkte zu verlaſſen.“ 3 General Gourgaud's Mittheilungen beſagen wei⸗ ter, was in der That auch aus manchen andern Um⸗ ſtaͤnden gefolgert werden kann, daß Napoleon, da er ſeine Freiheiten von dem auf die Gemuͤther des eng⸗ liſchen Volks zu machenden Eindruck zu erhalten hoffte, durch eine Reibenfolge von Schriften, von denen eine nach der andern erſchien, und die, ob⸗ ſchon nach der verſchiedenen Geiſtesanlage und den Kenntniſſen der verſchiedenen Verfaſſer modifizirt, doch insgeſammt den Stempel trugen, daß ſie aus dem Innern von Longwood ganz oder theilweiſe her⸗ vorgegangen waren, darauf bedacht war, ſeine Lage nicht in Vergeſſenheit gerathen zu laſſen, und daß er ſich aͤngſtlich bemuͤhte, die oͤffentliche Aufmerkſam⸗ keit ſorgfaͤltig darauf hinzulenken. Somit erſchienen nach einander die verſchiedenen Werke von Warden, O'Meara, Santini, der Brief Montholon's und andere Schriften uͤber St. Helena, die, obſchon ſie dem Anſcheine nach von verſchiedenen Haͤnden her⸗ ruͤhren, doch die ſtarke Eigenthuͤmlichkeit haben, daß 117 ſie alle nach demſelben Ziele gerichtet und Pfeile aus einem und demſelben Koͤcher ſind. Gourgaud erwaͤhnte dieſer Art von Zuͤndmitteln und ihres Zweckes. Selbſt das Manuſcripyt von St. Helena, eine Schrift, in welcher Thatſachen und Daten un⸗ ter einander geworfen und verwirrt ſind, war eben⸗ falls das Werk Buonaparte's, und verfaßt, um das britiſche Publikum irre zu leiten und zu blenden. Gourgaud ſagte zu Sir Hudſon Lowe, daß er die Schmaͤhungen in dieſen verſchiedenen Flugſchriften nicht als perſoͤnlich gegen ihn gerichtet, zu betrach⸗ ten habe, ſondern als nach politiſchen Berechnungen in der Abſicht geſchrieben, durch wiederholte Klagen eine Milderung ſeiner ſtrengen Bewachung zu er⸗ zwingen. Der beruͤhmte Brief Montholon's war demſelben Gewaͤhrsmanne zufolge, großentheils von Napoleon geſchrieben; und daſſelbe war der Fall mit Santini's Aufſatze, obſchon er ſo ſehr mit Farben uͤberladen war, daß er ſelbſt ihn ſpaͤterhin nicht an⸗ erkannte. Andere Schriften, ſagte er, pflesten unter dem Namen von Kapitainen und Handelsleuten und ſo weiter zu erſcheinen; denn Napoleon war von ei⸗ ner Schreibwuth beſeſſen, die keine Graͤnzen hatte. Es iſt daher Pflicht des Geſchichtſchreibers, die Er⸗ zaͤhlungen derer, die einen ſo entſchieden partheii⸗ ſchen Antheil an dem Streite genommen und ihre⸗ Angaben nach den von der hauptſaͤchlich betheiligten⸗ 118 Partei dargebotenen Einzelheiten zuſammengetragen haben, mit Vorſicht aufzunehmen. Wenn man General Gourgauds Worten trauen darf, ſo verficht Napoleon ſeine eigene Sache unter elnem erborgten Namen in den Schriften O'Mea⸗ ra's, Santini's, Montholon'’s u. ſ. w. Wenn daher auch die in dieſen Werken erwhaͤhnten Thatſachen un⸗ laͤugbar ſind, ſo iſt es doch nothwendig, ſie von Ue⸗ bertreibungen zu reinigen und in ein helles und rich⸗ tiges Licht zu ſtellen, ehe uͤber ſie abgeurtheilt wird. Das Zeugniß des O'Meara, als in einer Stim⸗ me aus St. Helena enthalten, iſt das eines ge⸗ taͤuſchten Mannes, der gegen Sir Hudſon Lowe, als gegen die Urſache ſeiner Taͤuſchung, heftig auf⸗ gebracht iſt. Er hatte nicht noͤthig, die Flamme ſei⸗ enes eigenen Unmuthes an der Buonaparte's janzu⸗ zuͤnden. Allein es mag zugegeben werden, daß ihre rachſuͤchtigen Gefuͤhle ſich gegenſeitig verſtaͤrkt haben mußten. Der Streit war um ſo unverſoͤhnlicher, als es ſcheint, daß Doctor O'Meara urſpruͤnglich auf einem ſehr vertrauten Fuße, mit Sir Hudſon Lo⸗ we ſtand und gewohnt war, in Plantationhaue die Geſpraͤche zu wiederholen, die er in Longwood ge⸗ hoͤrt hatte. Einige Beweiſe hievon wurden dem Pu⸗ blikum in dem Quarterly Review vorgelegt; und „Sir Hudſon Lowe'’s Brieſwechſel mit der Regierung 119 Autoritaͤt*) bis zu der Periode, wo ihr gegenſeiti⸗ ges Zutrauen ſich durch einen heftigen Streit endete. Graf Las Caſes ſteht im Punkte der Unpartei⸗ lichkeit nicht weit uͤber Doctor O'Meara. Er war urſpruͤnglich ein franzoͤſiſcher Ausgewanderter, ein erklaͤrter Verehrer des Koͤnigthums, und veraͤnderte daher bloß ſeinen Goͤtzen, nicht aber ſeine Religion, als er den Goͤtzen Napoleon an die Stelle des Goͤ⸗ zen Bourbon ſetzte. Er umfaßt mit leidendem Ge⸗ horſame die wahren oder erdichteten Intereſſen ſei⸗ nes Oberhauptes, und kann nichts Schlimmes in dem ſehen, was Napoleon fuͤr recht zu halten ge⸗ neigt iſt. Er war auch der perſoͤnliche Feind des Str Hudſon Lowe. Wir glauben keineswegs, daß er die Wahrheit verfaͤlſchen wolle; allein wir koͤnnen nicht umhin, die Genauigkeit ſeiner Erinnerung zu ver⸗ *) Sir Hudſon Lowe ſchreibt zum Beiſpiel dem Lord Bathurſt vom 13. Mai 1816:—„Da ich den Doctor O'Meara, der Buonayarte's Haushalt nach der Entfernung ſeines franzöſiſchen Arztes einverleibt wurde, ſehr brauchbar dazu fand, mir in manchen Fällen Nachrichten zu geben, und da es, wenn man ihn entfernte, ſchwer ſeyn würde, eine andere Perſon zu finden, die dem General Buonaparte gleich ange⸗ nehm wäre, ſo habe ich es für räthlich gehaltten, ihn auf demſelben Fuße, wie vor meiner Ankunft, in dem, Haus⸗ halte bleiben zu laſſen.“ Den 29. März 1817 ſchreibt Sir Hudſon:—„Doctor O⸗Menra hatemir die Geſpräche, die in Longwood geführt worden ſind, mitgetheilt, und ſie mit jener Bereitwilligkeit, die er Fets bei ſolchen Gelegenheiten an den Tag legt, anf der Stelle für mich niedergeſchyieben“. 120 daͤchtigen, wenn wir finden, daß er manche Aus⸗ druͤcke und Vorfaͤlle in ſein Tagebuch lange nach dem Zeitpunkte, in welchem es urſpruͤnglich geſchrieben worden war, und vermuthlich aus dem Gedaͤchtniſſe einſchiebt. Sir Hudſon Lowe war einige Zeit lang im Beſitze des urſpruͤnglichen Manuſeripts, und wir haben gegenwaͤrtig eine gedruckte Kopie vor uns, in der Sir Hudſon Lowe eigenhaͤndig diejenigen Zu⸗ ſaͤtze unterſtrichen hat, die dem Tagebuche beigefuͤgt worden waren, ſeit er es in ſeinem urſpruͤnglichen Zuſtande geſehen hatte. Es iſt bemerkenswerth, daß alle, oder faſt alle Zuſaͤtze des Tagebuchs aus Stel⸗ len beſtehen, die fuͤr Sir Hudſon Lowe hoͤchſt belei⸗ digend ſind und in dem urſpruͤnglichen Manuſcripte nicht vorhanden geweſen waren. Dieſe Zuſaͤtze muͤſ⸗ ſen daher unter dem Einfluſſe der durch aufgereizte Leidenſchaften geſchaͤrften Erinnerung gemacht wor⸗ den ſeyn, da ſie anfaͤnglich nicht wichtig genug ſchie⸗ nen, um mitgetheilt zu werden. Wenn das Ge⸗ daͤchtniß durch Leidenſchaft und Vorurtheil auf die Folter geſpannt wird, ſo fann es ſich leicht an ſon⸗ derbare Dinge erinnern, und, gleich Zengen, welche wirklich gefoltert werden, manchmal eingeſtehen, was nie Statt hatte. Von Doctor Antomarchie viel zu ſagen, iſt un⸗ noͤthig; er war ein Legatar Buonavarte's und ein Rentner ſeiner Wittwe; zudem aͤngſtlich bemuͤht, das Anſehen ſeiner ſehr reichen Familie aufrecht zu —,.,— — 121 erhalten. Er ſpricht nie ohne Groll von Sir Hud⸗ ſon Lowe. Deſſen erſte Beleidigung gegen ihn war ſeine Nachforſchung nach geheimer Korreſpondenz; ſeine letzte, daß er die Volksmenge bei Napoleons Leichenbegaͤngniß verhinderte, die Weidenbaͤume, welche das Grab ſchuͤtzten, in Stuͤcken zu reißen, und noch uͤberdieß eine Wache an dem Begraͤbnißor⸗ te aufſtellte. Welches Vertrauen kann man daher auf einen Schriftſteller ſetzen, der auf dieſe Art zwei Umſtaͤnde falſch darſtellen kann— von denen der eine Sir Hudſon Lowe durch ſeine Inſtruktionen geboren war, und der andere von dem Anſtande, der Schicklichkeit und der Achtung fuͤr den Verſtor⸗ benen gebieteriſch erheiſcht wurde? Die Maſſe der Zeugniſſe zeigt, daß auf gutem und anſtaͤndigem Fuße mit dem Gouverneur zu blei⸗ ben, ſich nicht mit der Politik eines Mannes ver⸗ tragen haben wuͤrde, der Beſchwerden vorbringen zu koͤnnen wuͤnſchte; und der, weit entfernt, die gewoͤhnlichen Beweggruͤnde zu haben, die einen Ge⸗ fangenen und ſeinen Waͤchter zu einem ertraͤglichen Einverſtaͤndniſſe und durch ein Syſtem gegenſeitiger Ausgleichung fuͤhren koͤnnen,— den Gouverneur, wo moͤglich, tiefer zu kraͤnken ſuchte, als die menſch⸗ liche Geduld zu ertragen vermag; ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin, ſich eine neue Strafe zuzuziehen, welche die Liſte der Beleidigungen, die er anhaͤufte, um ſie dem Publikum vorzulegen; vergroͤßern wuͤrde, 122 Was wir oben angegeben haben, wird durch Na⸗ poleons Aufnahme des Sir Hudſon Lowe beſtaͤtigt, gegen den er gleich bei der erſten Zuſammenkunft, und ehe der Gouverneur ſich des geringſten Mangels an Achtung gegen ihn hatte ſchuldig machen koͤnnen, die heftigſten Vorurtheile gefaßt zu haben ſcheint. Wir fuͤhren dieß als Beweiß davon an, daß der Gefangene geneigt war, Sir Hudſon zu reizen und zu mißhandeln, ohne auf eine Ausforderung von ſeiner Seite zu warten. Der erſte Angriff des Gouverneurs(als ſolcher dargeſtellt) war der Umſtand, daß er den Gene⸗ ral Buonaparte um Erlaubniß bat, ſeine Be⸗ dienten zuſammenzurufen, um ihnen die von der. britiſchen Regierung verlangte Erklaͤrung abzufordern, durch die ſie ſich verpflichten mußten, den zur Be⸗ wachung der Perſon Buonaparte's feſtgeſetzten Re⸗ geln treu zu bleiben. Dieſe Erlaubniß wurde in hoͤchſt uͤbermuͤthigen Ausdruͤcken verweigert. Wenn Napoleon in den Tullerien geweſen waͤre, ſo haͤtte ein ſolches Geſuch nicht ſtrenger geahndet werden koͤnnen. Die Bedienten erſchienen jedoch und leg⸗ ten die verlangte nothwendige Erklaͤrung ab. Allein der Schimpf wurde nicht vergeſſen!„Sir Hudſon Lowe hatte ſeinen Finger zwiſchen Napoleon und ſelnen Kammerdiener gelegt.“ Dieß geſchah am 27. Julius 1816. Den 30. machte der Gonverneur wlederum ſeine — 1²³ Aufwartung in Longwood, und wurde mit einem je⸗ ner berechneten Ausbruͤche wuͤthender Leidenſchaft empfangen, mit denen Napoleon den Muth derer, uͤber die er einen Einfluß zu erlangen wuͤnſchte, auf die Probe zu ſtellen und ihre Nerven zu erſchuͤttern pflegte. Er erklaͤrte, daß er gegen den Pariſer Ver⸗ trag proteſtire, und fragte, welches Recht die hier⸗ bei vereinigten Souveraͤne haben, uͤber eine Perſon zu verfuͤgen, die ſtets ihres Gleichen und oft ihr Oberer geweſen ſey. Er forderte von dem Gouver⸗ neur Tod oder Freiheit,— als ob es in der Gewalt des Sir Hudſen Lowe geſtanden haͤtte, ihm das eine oder das aͤndere zu gewaͤhren. Sir Hudſon ſprach von n Bequemlichkeiten des Gebaͤudes, das aus England geſchickt werden ſollte, um dem gegenwaͤr⸗ tigen Mangel an Bequemlichkeit abzuhelfen. Buo⸗ naparte wies den angefuͤhrten Troſtgrund wuͤthend zuruͤck. Nicht ein Haus beduͤrfe er, ſondern einen Henker und einen Strick. Dieß wuͤrde er fuͤr eine Gunſt halten; alles Uebrige ſey blos Hohn und Schimpf. Sir Hudſon Lowe konnte in Erwiederung deſſen bloß hoffen, daß er ihm keine perſoͤnliche Be⸗ leidigung zugefuͤgt habe, und— wurde an ſeine Mu⸗ ſterung der Bedienten erinnert; ein Vorwurf, den er ſtillſchweigend anhoͤrte. 3 Kurz darauf verfiel Napoleon auf eine neue und beißende Methode, Sir Hudſon Lowe's Geduld zu aͤben. Ein Buch uher den Feldzug von 1814 lag auf 124 dem Tiſche. Napoleon durchblaͤtterte einige engliſche Buͤlletins und fragte in einem vollkommen verſtaͤnd⸗ lichen Tone, ob der Gouverneur nicht der Verfaſſer dieſer Briefe ſey. Auf die bejahende Antwort des Sir Hudſon ſagte Napoleon, nach Doctor O'Me⸗ ara's Bericht, ſie ſeyen voll Unſinn und Unrichtig⸗ keit; worauf der Gouverneur mit mehr Geduld, als die meiſten Menſchen bei einer ſolchen Gelegenheit gezeigt haben wuͤrden, erwilederte:„ich glaube, ich ſah, was ich behauptet habe“; eine Antwort, die gewiß ſo gelaſſen war, als ſie auf eine ſo willkuͤrliche Beleidigung ertheilt werden konnte. Nachdem Sir Hudſon das Zimmer verlaſſen har⸗ te, in welchem er mit ſo vieler unverdienter un oͤf⸗ lichkeit empfangen worden war, ſoll Napoleon uüber den unheilvollen Ausdruck ſeines Geſichts geſprochen, ihn auf die rohſte Weiſe geſchmaͤht, und ſogar ſeinem Kammerdiener befohlen haben, eine Kaffeeſchale zum Fenſter hinauszuwerfen, weil ſie ein en Augenblick auf dem Tiſche neben dem Gourerneur geſtanden hatte. Jeder Verſuch zur Ausſoͤhnung von Seite des Gouverneurs ſchien ſtets neue Gruͤnde zur Erbitte⸗ rung darzubieten. Er ſandte Vogelflinten nach Long⸗ wood, und Napoleon antwortete darauf, es ſey eine Beſchimpfung, Vogelflinten zu geben, wo keine Jagd ſey; und doch behauptete Santini, beilaͤufig bemerkt, er habe den Haushalt durch ſeine Funte großentheils unterhalten. Sir Huyton andte werſchiedene Tacher — 125⁵ und andere Artikel aus England, von denen er ver⸗ muthen konnte, daß die Verbannten ſie noͤthig ha⸗ ben wuͤrden. Der Dank dafuͤr war die Antwort, daß der Gouverneur ſie wie arme Wichte behandle, und die Artikel, aus ſchuldiger Ehrfurcht, im Wagrenla⸗ ger oder im Hauſe des Gouverneurs haͤtten bleiben, dem Haushalte des Kaiſers dagegen ein Verze ichniß haͤtte zugeſchickt werden ſollen, damit ihm ſolche Din⸗ ge zu Sebot ſtaͤnden, falls er ihrer beduͤrfen ſollte. Bei einer dritten Gelegenheit beſchloß Sir Hud⸗ ſon vorſichtig zu ſeyn. Er hatte beſchloſſen, einen Ball zu geben; allein er befragte den Doktor O'Mea⸗ ra, ob Napoleon gut dazu ſehen wuͤrde, wenn er ihn dazu einluͤde. Der Doctor ſah vorher, daß die Ein⸗ ladung an der unheilvollen Anrede, General Buo⸗ naparte, Schiffbruch leiden wuͤrde. Der Gouver⸗ neur nahm ſich vor, dieſen Stein des Anſtoßes da⸗ durch zu vermeiden, daß er Napoleon muͤndlich und perſoͤnlich eiulud Allein mit keinem Namen, den ſeine Hoͤflichkeit zu der Einladung zu erſinnen ver⸗ mochte, konnte ſie annehmlich gemacht werden. Ein Gouverneur von St. Helena, wie Napoleon ſelbſt. bemerkte, mußte eine Perſon von großer Hoͤflichkeit und zu gleicher Zeit von großer Feſtigkeit ſeyn. Endlich, den 18. Auguſt, hatt⸗ ein entſcheidender Streit Statt. Sir Saelon Lowe wurde zu einer Audien:-weraſſen, der Sir Pulteney Malkolm, der Aomiral, welcher jetzt auf der Station befehligte, 126 beiwohnte. Doctor O'Meara hat folgenden Bericht von der Zuſammenkunft in den Worten aufbewahrt, in welchem Napoleon den Tag darauf den Vorfall ſeinem Gefolge erzaͤhlte. „Dieſer Gouverneur“, ſagte Napoleon,„kam geſtern hierher, um mich zu quaͤlen. Er ſah mich in dem Garten ſpazieren gehen, und ich konnte da⸗ her mich nicht weigern, ihn zu ſehen. Er wollte mit mir in einige Einzelheiten in Betreff der Vermin⸗ derung der Ausgaben des Haushalts eingehen. Er hatte die Kuhnheit, mir zu ſagen; daß die Dinge ſo ſeyen, wie er ſie gefunden habe, und daß er komme, um ſich zu rechtfertigen; daß er zwei oder drei Mal ſchon in derſelben Abſicht gekommen ſey, ich aber gebadet habe.— Ich erwiederte: Nein, mein Herr, ich habe nicht gebadet; allein ich befahl ein Bad, um Sie nicht zu ſehen. Indem Sie ſich zu rechtfertigen ſucen, machen Sie die Sachen nur ſchlimmer.— Er ſagte, daß ich ihn nicht ken⸗ ne; daß wenn ich ihn kennte, ich meine Meinung aͤndern wuͤrde.— Sie kennen, mein Herr? ant⸗ wortete ich; wie koͤnnte ich Sie kennen? Die Men⸗ ſchen machen ſich durch ihre Handlungen bekannt;— machen ſich dadurch bekannt, daß ſie in Schlachten befehlen. Sie haben nie in der Schlacht befehligt. Sie haben nie andere Truppen, als landfluͤchtige corſiſche Ausreißer, piemonteſiſche und neapolitant⸗ ſche Straßenraͤuber befehligt. Ich kenne den Na⸗ men jedes engliſchen Generals, der ſich ausgezeich⸗ net hat; allein ich hoͤrte nie von. Ihnen, aus⸗ genommen als von einem Schreiber des Blucher, oder einem Anfuͤhrer von Straßenraͤubern. Sie ha⸗ ben nie Maͤnner von Ehre befehligt, oder ſind nie an ſie gewoͤhnt geweſen.— Er ſagte, er habe ſeine gegenwaͤrtige Lage nicht geſucht.— Ich ſagte ihm, daß man ſolche Anſtellungen nicht verlange; daß ſie von den Regierungen Leuten gegeben werben, die ſich ſelbſt entehrt haben.— Er ſagte, daß er bloß 127 ſeine Pflicht thue, und daß ich ihn nicht taxein ſollte, da er nur nach den ihm gegebenen Befehlen handle.— Ich erwiederte: dieß thur der Henker; er handelt n ſeinen hlen. Allein wenn er ei⸗ nen Strick um meinen Hals legt, um mir den Gar⸗ achen, iſt dieß denn ein Grund, daß ich enker lieben„ weil er nach ſeinen Be⸗ fehlen handelt? Zudem glaube ich nicht, daß irgend Regierung ſo niedertraͤchtig ſeyn kann, ſolche e zu geben, wi e ſind, welche ſie vollzie⸗ hen laſſen. Ich ſa müferner, daß er, wenn es ihm beliebe, gar ſen zu ſchicken brauche; daß ich gehen und an dem 8 der wackern Offiziere des bsſten Regiments ſyeiſen wolle; daß ich uͤber⸗ zeugt ſey, daß ſich keiner unter ihnen befinde, der ſich nicht gluͤcklich preiſen wuͤrde, einem alten Sol⸗ daten einen⸗Teller an der Tafel zu geben; daß kein einziger Soldat beim Regimente ſey, der nicht mehr Herz habe, als er; daß man in der unbilli⸗ gen Parlamentsakte beſchloſſen habe, ich muſſe als Gefang behandelt werden; daß er mich aber ſchlimmer handle, als einen Verurtheilten Ver⸗ brecher oder Galcerenſklaven, da man dieſen erlau⸗ be, Zeitungen und gedruckte Buͤcher zu empfangen, deren er mich beraube.⸗Ich fuhr fort, Sie haben Macht uͤber meinen Koͤrper, aber keine uͤber meine Seele. Dieſe Seele iſt im gegenwaͤrtigen Augen⸗ blicke ſo ſtolz, kuͤhn und entſchloſſen, als damals⸗ wo ſie uͤber Europa gebot. Ich ſagte ihm, er ſey ein sbirro sioiliano(ein ſicilianiſcher Haͤſcher), und kein Englaͤnder: und erſuchte ihn, ſich nicht eher wieder vor mir ſehen zu laſſen, als bis er alt dem Befehle komme, mich aus dem Wege„A raumen, Uir einſenf Saug 5 alle Thuͤren zu ſanem Empfan⸗ ge offen finden wuͤrde.. A. Es kann nicht uͤbemoerung oaß dieſe ungemeine Heſtiakeit einigtd. Er fagte Napale Seite,des Sir Hadſon— eapoleon, ſeine Spra. 1²8 che ſey unhoͤflich und unanſtaͤndig, und er werde nicht bleiben, um ſie anzuhoͤren. Er verließ daher Longwood, ſelbſt ohne die gewoͤhnliche Begruͤßung. Es liegt wohl am Tage, daß Napoleon bei die⸗ ſen Gelegenheiten der vorſaͤtzliche und gefliſſentliche Angreiter war, und daß ſein Betragen entweder von den Stacheln eines gekraͤnkten Stolzes, oder von einem berechneten Plane herruͤhrte, der es ihm erwuͤnſchter machte, in ſchlechtem als in gutem Vernehmen mit Sir Hudſon Lowe zu ſtehen. Auf der andern Seite koͤnnten wir wuͤnſchen, daß der Gouverneur es vermieden haͤtte, ſich uͤber den Gegenſtand der Ausgaben ſeiner Gefangenhaltung mit Napoleon perſoͤnlich zu beſprechen. Der Gegen⸗ ſtand war ſchlecht gewaͤhlt, und konnte kein guͤnſti⸗ ges Reſultat erzeugen. Nie nachher trat ein freundſchaftliches Verhaͤlt⸗ niß zwiſchen ihnen ein, oder behandelten ſie ſich auch nur mit anſtaͤndiger Hoͤflichkeit; und nachdem wir dieſen Bericht von ihrem entſcheidenden Streite gegeben haben, ſo bleibt uns nur noch uͤbrig, die⸗ jenigen verſchiedenen Gegenſtaͤnde auf eine allge⸗ meine Art zu klaſſifiziren, welche zu entruͤſtenden Eroͤrterungen zwiſchen ihnen fuͤhrten, die ſich in ſo unerfreulichen gegenſeitigen Verhaͤltniſſen befanden, und von denen jeder entſchloſſen war, den Bewets⸗ gruͤnden des andern nicht nachzugeben, oder ſich nach ſeinen Wuͤnſchen zu bequemen. ———— EVEEMmmrnmrxaxaaanuuaxaawnmaͤömmmDEILVVLrxqrraaxxaaaauaaaaqwnmmammmnn ül 8 9 11 12 13 14 15 16 17 18