Walter Scott's ſaͤmmtliche W e r k e. —— Neu uͤberſetzt. — Dreiundſechzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Nennundzwanzigſter Theil. ——] Stuttgart, bei Gebruͤder Franchh. 132 8. L eben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Neunundzwanzigſter Theil. Sturrgart, bei Gebruͤder Franckh. 182 8. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Napoleon erwartet, daß durch ſeine Beſiegung der Engländer in Belgien die Allianz geſprengt werden würde.— Die engliſche Armee bezieht am 17. Junius ihre Stellung.— Die franzöſiſche am nächſten Morgen.— Stärke der beiden Armeen.— Pläne ihrer Generale.— Die Schlacht von Waterloo fängt am 18. Junius Vormittags an.— Die Franzoſen richten ihren Angriff auf das brittiſche Centrum— wenden ſich auf ihre Rechte.— Angriffe der Küraſſire— wie ſie aufgenommen werden.— Die Preußen rücken heran.— Ney's Angriff an der Spitze der Gar⸗ den— er wird zurückgeworfen.— Napoleon giebt den Befehl zum Rückzug.— Die ſiegreichen Generale treffen in La belle Al- lance zuſammen.— Benehmen Napoleons während der Schlacht. — Blüücher verfolgt die Franzoſen.— Verluſt der Engländer— der Franzoſen.— Navo leons nachherige Verſuche, die militäri. ſche Geſchicklichkeit des Herzogs von Wellington herabzuwürdigen, werden beantworter.— Sein ungerechter Tadel Grouchy's.— Die Angabe, daß die Engländer im Begriff waren, die Schlacht zu verlieren, als die Preußen herbeikamen, wird als irrig erwieſen. Man mag in militaͤriſcher Hinſicht verſchledener Meinung ſeyn, ob der engliſche General eine Schlach t zur Vertheidigung Bruͤſſels wagen mußte, oder ob W. Scort's Werke. L. XIII. 1 6 es nicht ſicherer geweſen waͤre, ſich auf die feſte Stadt Antwerpen zuruͤckzuziehen, und die Ankunft der er⸗ warteten Verſtaͤrkungen abzuwarten. Allein in mo⸗ raliſcher und politiſcher Hinſicht war die Vertheidi⸗ gung Bruͤſſels von der aͤuſſerſten Wichtigkeit. Napo⸗ leon hatte erklaͤrt, daß er, wenn er die Schlacht bel Waterloo gewonnen haͤtte, die Mittel gehabt haben wuͤrde, Belgien zu revolutioniren; obgleich dieſe Er⸗ klaͤrung ohne Zweifel zu ſanguiniſch war, ſo iſt doch unbeſtreitbar, daß die Franzoſen in einem Lande, wel⸗ ches ſie ſo lange beſeſſen, viele Anhaͤnger zaͤhlten. Der Sieg in der Schlacht bei Ligny hatte keine be⸗ deutende Folgen, noch weniger die unentſchiedene Aktion bei Quatre Bras; allein waͤre ihnen der Ruͤckzug der engliſchen Armee nach Antwerpen und die Einnahme von Bruͤſſel, der Hauptſtadt der Nie⸗ derlande, gefolgt, ſo wuͤrden ſie den Rang großer und entſchiedener Siege erhalten haben. Napoleon wenigſtens erwartete viel ſiegreichere Reſultate von ſolch einem Siege, und nichts Gerin⸗ geres, als die Aufloͤſung der europaͤiſchen Allianz durch eine entſchiedene Niederlage der Englaͤnder in den Niederlanden. Schon ſeit ſo langer Zeit, daß man nicht angeben kann, ſeit wann, mußten diejenigen, welche nicht weniger Vertrauen auf Napoleons In⸗ trigen, als auf ſeine militaͤriſchen Talente ſetzten, angenommen haben, daß er bereits einen tief ange⸗ legten Plan in Bereitſchaft hatte, der dahin gerichtet 7 war, die Grundfeſten ihrer Allianz zu unteraraben, und in Ausfuͤhrung zu treten, wenn er einen be⸗ ſtimmten Vortheil errungen haben wuͤrde. Allein wenn gezeigt wird, daß dieſe welt ausſehenden Er⸗ wartungen ſich auf Navpoleons Glauben gruͤndeten, daß eine einzige Niederlage des Herzogs von Wel⸗ lington in dem Regierungsſyſtem Englands einen gaͤnzlichen Wechſel herbeifuͤhren wuͤrde, daß die Staatsmaͤnner der Oppoſition ſogleich darauf einge⸗ hen und Frieden mit ihm ſchließen wuͤrden, und daß ſo die Koalition, ihrer Subſidien beraubt, auf der Stelle ihre Armeen, welche die franzoͤſiſche Graͤnze auf ihrer ganzen noͤrdlichen und oͤſtlichen Linte be⸗ ruͤhrten, zuruͤckziehen muͤßten,— ſo koͤnnen Napo⸗ leons ſonderbare Spekulationen nur dazu dienen⸗ daß ſie zeigten, wie wenig er die engliſche Nation kennen mußte, mit der er doch ſo lange gefochten hatte. Der Krieg mit Frankreich wurde mehr denn 20 Jahre fortgefuͤhrt; und manche dieſer Jahre wa⸗ ren Jahre der Verluſte und Niederlagen, und den⸗ noch hatte die Nation bei einem Widerſtande ver⸗ harrt, der mit einem vollſtaͤndigen Triumphe endigte. Die Meinung der Nation von dem großen General, der die brittiſchen Truppen fuͤhrte, war zu ſtark be⸗ gruͤndet, als daß ſie durch einen einzigen Unfall ge⸗ ſunken waͤre; und der Ausgang des Feldzuges von 1814, in welchem Napoleon, zu wiederholten Malen .. 8 1.. 8 4 ſiegreich, am Ende voͤllig beſiegt und ent thront ward, haͤtte ein noch unbeſtaͤndigeres Volk, als das engli⸗ ſche, zur Fortſetzung des Krieges auſgefordert, un⸗ geachtet einer einzelnen Niederlage, wenn auch ein ſolches Ereigniß ungluͤcklicher Weiſe eingetreten waͤ⸗ re. Der Herzog hatte die beinahe unuͤberwindliche Feſtung Antwerpen mit ihrem Seehafen im Ruͤcken, und haͤtte hiex die Verſtaͤrkungen aus Amerika er⸗ warten koͤnnen. Bluͤcher hatte ſchon oft gezeigt, wie wenig er durch eine Niederlage herabgeſtimmt wur⸗ de; im ſchlimmſten Falle haͤtte er ſich auf eine ruſſi⸗ ſche Armee von 200,000 Mann, die gegen den Rhein im Anmarſch war, zuruͤckgezogen. Die Hoffuungen, daß die Schlacht bei Waterloo, durch die Franzoſen gewonnen den Krieg beendigt haben wuͤrde, muͤſſen als ungegruͤndet aufgegeben werden, moͤgen wir nun den feſten und mannhaften Karakter der hohen Per⸗ ſon an der Spitze der brittiſchen Monarchie, den Zuſtand der Partelen im Unterhauſe, wo manche aus⸗ gezeichnete Glieder der Oppoſition mit dem Miniſte⸗ rium ſich uͤber die Frage des Krieges vereinigt hat⸗ ten, oder die allgemeine Stimmung des Volkes be⸗ trachten, das mit Entruͤſtung auf Napoleons neue Invaſion blickte. Es kann jedoch nicht gelaͤugnet werden, daß ein guͤnſtiger Erfolg, von Napoleon in ſeinem erſten Feldzuge gewonnen, ſeinen Einfluß in Frankreich ſowohl, als in andern Laͤndern, bedeutend erhoͤht und den Beſitz von Flandern gefaͤhrdet haben * 2 ————— — — 9 wuͤrde. Der Herzog von Wellington entſchloß ſich da⸗ her, wo moͤglich, ſelbſt auf die Gefahr einer Haupt⸗ ſchlacht hin, Bruͤſſel zu beſchuͤtzen. Durch den Marſch von Quatre Bras nach Wa⸗ terloo hatte der Herzog ſeine Kommunikation, die durch den Ruͤckzug der Preußen auf Wayre unterbro⸗ chen worden war, wieder hergeſtellt. Als er hier angelangt war, ſtand Bluͤcher wieder auf derſelben Linie mit den Englaͤndern, da die Entfernung zwi⸗ ſchen dem preußiſchen rechten Fluͤgel und dem brit⸗ tiſchen linken in fuͤnf bis ſechstehalb Seunden be⸗ ſtand. Das Terrain, welches zwiſchen den beiden aͤuſſerſten Punkten lag, und die Hoͤhen von St. Lam⸗ bert hieß, war aͤuſſerſt uneben und waldigt; und die Kreuzſtraßen, welche queer durch daſſelbe hinliefen, und die einzige Kommunikation zwiſchen den Eng⸗ laͤndern und Preußen bildeten, waren durch das letzte ſtuͤrmiſche Wetter bedeutend mitgenommen worden. Der Herzog gab dem Fuͤrſten Bluͤcher Nachricht von ſeiner Stellung vor Waterloo, und machte ihn zugleich mit ſeinem Entſchluſſe bekannt, Napoleon die Schlacht, nach der er ſo begierig ſcheine, anzu⸗ bieten, wofern der Fuͤrſt ihm zwei Divtſionen der preußiſchen Armee zur Huͤlfe ſchicken wuͤrde. Die Antwort war wuͤrdig des unermuͤdeten und unbe⸗ zwinglichen Greiſen, der ſich durch eine Niederlage nie auſſer Faſſung bringen ließ, daß er ſich nicht gleich wieder am folgenden Tage willig und bereit 10 geſchlagen haͤtte. Er ließ dem Herzog von Welling⸗ ton ſagen: er werde ihm nicht nur mit zwei Divi⸗ ſionen, ſondern mit ſeiner ganzen Armee zu Huͤlfe kommen, und daß er nicht laͤngere Zeit zum Aufbruch verlange, als noͤthig waͤre, ſeinen Soldaten Futter und Kartaͤtſchen auszutheilen. Es war um 3 Uhr Nachmittags am 17ten, als die Englaͤnder auf dem Kampfplatze ankamen, und die Nacht uͤber ihren Bivouak in der Schlachtord⸗ nung bezogen, in welcher ſie am naͤchſten Tage kaͤm⸗ pfen ſollten. Viel ſpaͤter kam Napoleon in Perſon auf den Hoͤhen von La Belle Alliance an, und ſeine Armee traf zum groͤßten Theil erſt am Morgen des 18. Juni ein. Ein großer Theil der Franzoſen hatte die Nacht in dem kleinen Dorfe Genappe zugebracht, und Napoleons eigenes Quartier war der Maierhof Caillou, eine halbe Stunde hinter La Belle Alliance geweſen. 4 Als Napoleon am Morgen ſeine Schlachtlinie gebildet hatte, kommandirte ſein Bruder Jerome, dem er bedeutende militaͤriſche Talente zuſchrieb, auf der Linken; die Grafen Reille und D'Erlon im Cen⸗ trum, und Graf Lobau auf dem rechten Fluͤgel. Die Marſchaͤlle Soult und Ney waren des Kaiſers Ge⸗ nerallieutenants. Die franzoͤſiſche Macht beſtand wahrſcheinlich aus 75,000 Mann; die engliſche Ar⸗ mee konnte, auch nach der hoͤchſten Berechnung, die⸗ ſelbe Anzahl nicht uͤberſteigen. Jede Armee war 11 von Chefs commandirt, unter welchen ſie die Welt herausgefordert haͤtten. In ſo weit waren die Streit⸗ kraͤfte gleich; allein die Franzoſen hatten den ſehr großen Vortheil, daß ſie aus geuͤbten uns erfahrnen Soldaten einer und derſelben Nation beſtanden, waͤh⸗ rend die Englaͤnder in der Armee des Herzogs Wel⸗ lington blos auf 35,000 Mann ſich beliefen; und wenn auch die deutſche Legion aus alten Truppen beſtand, ſo waren die andern Soldaten unter ſeinem Kommando deutſche Contingente, erſt vor kurzem ausgehoben, nicht gewoͤhnt, zuſammen zu agiren und durch mehrere Beweiſe verdaͤchtig, der Sache, fuͤr die ſie verwandt wurden, nicht zugethan zu ſeyn, ſo daß es unklug geweſen waͤre, ſich auf ihren Beiſtand und ihre Mitwirkung mehr zu verlaſſen, als es un⸗ umgaͤnglich noͤthig war. Nach Buonaparte's Berech⸗ nung, nach welcher er einen Franzoſen einem Eng⸗ laͤnder, und einen Englaͤnder oder Franzoſen zwei von einer andern Nation entgegenſtellte, war die Ungleichheit an Macht auf Seite des Herzogs von Wellington ſehr betraͤchtlich. Die aus ſolchen Beſtandtheilen zuſammengeſetzte brittiſche Armee wurde in zwei Linien getheilt. Der rechte Fluͤgel der erſten Linie beſtand aus der zweiten und vierten engliſchen, der vierten und ſechsten Di⸗ viſion Hannoveraner, und dem erſten Korps Belgier unter Lord Hill. Das Centrum beſtand aus dem Korps des Prinzen von Oranien mit den Braun⸗ ſchweigern und den Naſſauiſchen Truppen, die die Garden unter General Kooke zur Rechten, und die Diviſton des General Alten zur Linken hatte. Auf dem linke. Fluͤgel ſtanden die Diviſionen Picton, Lambert und Kempt. Die zweite Linie beſtand mei⸗ ſten Theils aus den Trupoen, auf die man das we⸗ nigſte Vertrauen zu ſetzen ſchien, und aus denen, welche in der Aktion vom 16ten zu ſehr mitgenom⸗ men waren, als daß ſie anders als im Nothfall ver⸗ wandt werden konnten. Sie war hinter der Boͤ⸗ ſchung der Hoͤhen im Ruͤcken aufgeſtellt, um vor der Kanonade geſchuͤtzt zu ſeyn; litt aber waͤhrend der Aktion viel durch Granaten. Die Kavallerie war die ganze Linie entlang im Ruͤcken vertheilt, haupt⸗ ſaͤchlich aber auf dem linken Centrum oͤſtlich von der Chauſſee nach Charleroi aufgeſtellt. Die Maierei La St. Haye vor der Linie ward zwar beſetzt, man hatte aber nicht Zeit, ſie in den noͤthigen Verthei⸗ digungsſtand zu ſetzen. Die Villa, die Gaͤrten, und der Hof von Hougomont bildeten einen ſtarken Vor⸗ poſten gegen das Centrum der Rechten. Die ganze brittiſche Poſition bildete eine krumme Linie, deren Centrum dem Feind am naͤchſten lag, waͤhrend die aͤußerſten Punkte, beſonders auf der Rechten, be⸗ traͤchtlich zuruͤckliefen. Die Plane dieſer zwei gro⸗ ßen Generaͤle waren aͤußerſt einfach. Die Ablicht des Herzogs von Wellington ging dahin, ſeine Ver⸗ theidigungslinie zu halten, bis die Preußen heran 13 kamen, und ihm eine entſcheidende Uebermacht ga⸗ ben. Sie wurden um 11 oder 12 Uhr erwartet; allein die aͤußerſt ſchlechten Wege, durch den hef⸗ tigen Sturm aufs ſchlimmſte zugerichtet, perzoͤger⸗ ten ihre Ankunft um mehrere Stunden. Napoleons Plan war gleichfalls einfach und be⸗ ſtimmt; er getraute ſich durch ſeine gewohnte Ge⸗ ſchwindigkeit im Angriff, die brittiſche Armee noch vor der Ankunft der Preußen auf dem Schlachtfelde zu durchbrechen und zu vernichten; dann, berechnete er, war es ihm ein leichtes, die Preußen, waͤhrend ihres Marſches durch das durchſchnittene, zwiſchen ihnen und den Englaͤndern liegende Terrain aufzu⸗ reiben; dieß erwartete er um ſo zuverſichtlicher, weil er das am 17ten zur Verfolgung Bluͤchers unter Grouchy detachirte Korps fuͤr hinlaͤnglich hielt, den Marſch der Preußen wo nicht gaͤnzlich aufzuhalten, doch zu verzoͤgern. Die Gruͤnde zu letzterer Anngh⸗ me waren, wie wir bald zeigen werden, zu eillg auf⸗ genommen.— Als Napoleon die Aktion nach ſeinem gewohn⸗ ten Syſteme begann, hielt er ſeine Garde in Re⸗ ferve, um die Gelegenheit eines Angriffs durch ſie zu benuͤtzen, wenn wiederholte kolonnen⸗ und ſchwa⸗ bronenweiſe Angriffe ſeinen ermüdeten Feind fo weit gebracht haͤtten, daß er Zeichen von Ünentſchloß⸗ ſenheit gaͤbe. Allein ſeine Bewegungen waren nicht hr geſchwind, ſeine Armee hatte durch das ſtuͤrmi⸗ 14 ſche Wetter mehr als die Englaͤnder gelitten, die ſchon am 17ten um 3 Uhr Nachmittags den Biyouak bezogen hatten; waͤhrend die Franzoſen nicht vor 10 oder 11 Uhr am 8ten Juni in die Linie auf den Hoͤhen von La Belle Alliance einruͤcken konnten. Die engliſche Armee hatte ſomit Zeit, zu ſpeiſen und ſich vor dem Kampfe zu ruͤſten, waͤhrend Napoleon erſt nach mehreren Stunden den Angriff beginnen konnte. Die Zeit war in der That fuͤr beide Parteien von unſchaͤtzbarem Werthe, und Stunden, ja Minuten waren von Wichtigkeit. Allein Napoleon ſah dieß weniger ein, als der Herzog von Wellington. Der Sturm, welcher die ganze Nacht mit tropi⸗ ſcher Heftigkeit gewuͤthet hatte, ließ am Morgen nach; allein das Wetter blieb waͤhrend des ganzen Tages ungeſtuͤm und ſtuͤrmiſch. Zwiſchen 11 und 12 Uhr an dem denkwuͤrdigen 18. Juni begann dieſe furchtbare und entſcheidende Schlacht mit einer Ka⸗ nonade von Seiten der Franzoſen, welcher ſogleich ein Angriff unter Jerome auf den Vorpoſten von Hougomont folgte. Die naſſauiſchen Truppen, wel⸗ che den Wald und das Schloß beſetzt hielten, wur⸗ den von den Franzoſen vertrieben, allein die aͤußer⸗ ſten Anſtrengungen der Angreifenden waren nicht im Stande, das Haus, den Garten und die Neben⸗ gebaͤude zu forciren, die von einem Theil der Gar⸗ den mit der unerſchuͤtterlichſten Entſchloſſenheit be⸗ hauptet wurden. Die Franzoſen verdoppelten ihre 15 Anſtrengungen, und ſtuͤrzten ſich in Maſſe auf den aͤußern Zaun, der die Gartenmauer umgiebt, indem ſie vielleicht nicht die Vertheidigungsmittel gewahr⸗ ten, die letzterer von innen bot. Sie fielen in großer Anzahl auf dieſem Punkte durch das Feuer der Ver⸗ theidiger, dem ſie nach allen Seiten hin ausgeſetzt waren. Die Anzahl ihrer Truppen ſetzte ſie jedoch durch den Beſitz des Waldes in Stand, Hougeumont eine Zeit lang zu maskiren und mit ihrer Kavallerie und Artillerie gegen den brittiſchen rechten Fluͤgel vorzudringen, der ſich zu ihrem Empfang in Quar⸗ res blidete. Das Feuer dauerte ohne einen ſchein⸗ baren Vortheil von beiden Seiten fort. Der Au⸗ griff wurde endlich in ſo weit abgeſchlagen, daß die Englaͤnder wieder ihre Communikation mit Hougou⸗ mont eroͤffneten; und dieſer wichtige Poſten wurde durch Obriſt Hepburn und ein Korps Garden ver⸗ ſtaͤrkt. Mittlerweile war das Artilleriefeuer auf der ganzen Linie eroͤffnet wo den, und das Ungeſtuͤm des Angriſſs der Franzoſen wandte ſich gegen das brit⸗ tiſche Centrum. Er wurde mit der aͤußerſten Wuth gemacht, und mit der ſtandhafteſten Entſchloſſen⸗ heit empfangen. Hier wurde die Maierei von St. Jean von vier Kolonnen Kuͤraſſters, welche voran⸗ ſorengten, angegriffen. Die Kuͤraſſiers kamen mit der groͤßten Unerſchrockenheit auf der Genapper Chauſ⸗ ſee heran, und wurden von der ſchweren engliſchen 16 Kavallerie empfangen und angegriffen, wo dann ein Kampf mit dem Schwerte entſtund, bis die Franzo⸗ ſen auf ihre eigene Poſition unter den Schutz ihrer Artillerie zuruͤckgetrieben wurden. Die vier Kolon⸗ nen franzoͤſiſcher Infanterie, zu demſelben Angriff herbeigefuͤhrt, drangen uͤber den Maierhof La Saint Haye vor, zerſtreuten ein belgiſches Regiment und waren im Begriff, ſich im Centrum der brittiſchen Poſititon feſtzuſetzen, als ſie von der Brigade des Ge⸗ neral Pack, die aus der zweiten Linie vom Gene⸗ ral Picton herbeigefuͤhrt worden, angegriffen wurde, waͤhrend zu gleicher Zeit eine Brigade ſchwerer eng⸗ liſcher Kavallerie um ihre eigene Infanterie um⸗ ſchwenkte, und die franzoͤſiſchen Angriffskolonnen in dem Augenblick in die Flanke nahm, als ihnen durch das Musketenfeuer Einhalt gethan ward. Das Re⸗ ſultat war entſcheidend. Die franzoͤſiſchen Kolonnen wurden unter großem Blutbad durchbrochen und zwel Adler und mehr denn 2000 Mann gefangen genom⸗ men. Die letztern wurden ſogleich nach Bruͤſſel ab⸗ gefuͤhrt. 3 Die engliſche Kavallerie verfolgte jedoch ihren Sieg zu weit. Sie kam mitten unter die franzoͤſi⸗ ſche Infanterie und einen Theil der feindlichen Rei⸗ terei zu ſtehen, die zu ihrem Beiſtande detachirt worden war, und ſah ſich genoͤthigt, mit großem Verluſte ſich zuruͤckzuziehen. In dieſer Aktion fand der tapfere General Picton, ſo ausgezeichnet durch Kuͤhnheit 17 Kuͤhnheit und Bravour, ſeinen Tod, ſo wie auch Ge⸗ neral Ponſonby, der die Kavallerie befehligte. Um dieſe Zeit bemeiſterten ſich die Franzoſen des Maier⸗ hofes La Haye Sainte und hieben gegen 200 Hanno⸗ veraniſcher Scharfſchuͤtzen, die ihn aufs tapferſte ver⸗ theidigten, zuſammen. Die Franzoſen behaupteten eine Zeitlang dieſen Poſten, bis ſie durch ein Gra⸗ natenfeuer daraus vertrieben wurden. Kurz nach dieſem Vorgang wandte ſich die Scene des Kampfes auf den rechten Fluͤgel, wo die fran⸗ zoͤſiſche Kavallerie einen allgemeinen Angriff auf die Quarres, hauptſaͤchlich gegen das Centrum des brit⸗ tiſchen rechten Fluͤgels, oder auf die zwiſchen dieſem und der Chauſſee ſtehenden Korps machte. Sie drangen mit unerſchuͤtterlicher Entſchloſſenheit, trotz dem unausgeſetzten Feuer von 30 Feldſtuͤcken, vor, faßten vor der Linie Poſto und noͤthigten die Artil⸗ leriſten, von denen jene bedient wurden, ſich in die Quarres zuruͤckzuziehen. Der Feind hatte jedoch nicht Zeit, ſich der Kanonen zu verſichern, oder ſie zu vernageln; jeden guͤnſtigen Augenblick ſprangen die brittiſchen Artilleriſten aus ihren Schutzpunkten hervor, bedienten ihr Geſchuͤtz und ſeuerten auf die Angreifenden, ein Manduvre, das dem brittiſchen Dienſte eigen zu ſeyn ſcheint*). Die Kuͤraſſiere be⸗ — *) Baron Muffling ſagt über dieſe Eigenthümlichkeit:—„bei der engliſchen Artillerie iſt es Geſetz, die Kanonen nicht zu⸗ rückzuführen, wenn man in geiner deſenſiven Poßtlon von W. Scott'szWecke. XIII. 2 18 harrten jedoch auf ihrem furchtbaren Angriff, ritten auf die Quarres in der vollen Zuverſicht ein, ſie zu ſprengen, bevor noch ihr furchtbares Feuer beginnen konnte. Ihr Angriff und ihre Aufnahme war gleich einem wuͤthenden Ozean, der gegen eine Kette iſo⸗ lirter Felſen anſtuͤrmt. Die brittiſchen Quarres ſtan⸗ den unbeweglich, und gaben Feuer, wenn die Kaval⸗ lerie auf 25 Fuß Schußweite kam, wo die Reiter hinſtuͤrzten, die Pferde fortgallopirten und die Kuͤ⸗ raſſiere jedesmal zuruͤckgeworfen wurden. Die franzoͤſiſchen Autoren geben an, daß Quar⸗ res geſprengt und Fahnen genommen worden ſeyen; allein dieſe Behauptung iſt, nach dem einſtimmigen Zeugniß aller bei der Schlacht gegenwaͤrtigen brit⸗ tiſchen Offiziere, durchaus unwahr. Es war je⸗ doch der Fehler nicht auf Seiten der Kuͤraſſlere., welche die tollkuͤhnſte Tapferkeit entwickelten; ſie ſammelten ſich immer wieder zu erneutem An⸗ griff, und drangen ſo nahe ein, daß die Englaͤnder die Geſichter ihrer Feinde unterſcheiden konnten⸗ der Kavallerie angegriffen wird. Die Geſchütze werden bis auf den letzten Augenblick bedient, und die Artilleriſten ziehen ſich dann mit dem Zubehör, das ſie zur Bedienung der Ka⸗ nonen gebrauchen, in das nächſte Quarre zurück. Wenn der Angriff abgeſchlagen wird, ſo eilen die Artilleriſten zu ihren Feldſtücken zurück, um auf den ſich zurückziehenden Feind abzufeuern. Dieß iſt ein äußerſt lobenswerther Ge⸗ brauch, wenn die Infanterie gut darauf eingeübt iſt, ibn zu unterſtützen.“ 19 Einige ritten dicht auf die Bajonette ein, feu⸗ erten ihre Piſtole ab und hieben mit unerſchuͤtterli⸗ chem fruchtloſem Muthe mit den Saͤbeln um ſich. Andere ſtarrten ſie an, und wurden durch das Mus⸗ keten⸗ und Artilleriefeuer zu Grunde gerichtet. Die Kuͤraſſiere litten am Ende nach allen Seiten ſo ſtarken Verluſt, daß ſie genoͤthigt waren, einen Angriff aufzugeben, den ſie mit ſo unerſchrockenem und verzweifeltem Muthe unternommen hatten. In dieſem unerhoͤrten Kampfe gieng der groͤßte Thei der franzoͤſiſchen ſchweren Kavallerie gaͤnzlich zu Grunde. Buonagparte weist in ſeinem Bulletin da⸗ rauf, als auf einen Verſuch hin, der ohne Befehl unternommen und durch den verzweifelten Muth der Soldaten und Offiziere fortgeſetzt wurde. Gewiß iſt, daß durch die Vernichtung dieſes tapfern Kuͤraſ⸗ ſierkorps er eine Reiterei verlor, die ihm zur Deck⸗ ung ſeines Ruͤckzuges die beſten Dienſte geleiſtet haben wuͤrde. Nachdem die zerſprengten Ueberreſte dieſer ſchoͤnen Reiterei züruͤckgezogen worden waren, beſchraͤnkten ſich die Franzoſen eine Zeitlang auf eine heftige Kanonade, vor welcher ſich die Englan⸗ der zum Theil dadurch ſchuͤtzten, daß ſie ſich auf den Boden niederlegten, waͤhrend der Feind ſich zu ei⸗ nem Anugriff auf einer andern Seite anſchickte, der auf eine andere Weiſe ausgefuͤhrt werden ſollte. Es war um e Uhr und waͤhrend der langen Roi⸗ he der wuͤthendſten Angriffe, hatten die Franzoſen 20 20 keinen Vortheil gewonnen, auſſer daß ſie eine Zeit⸗ lang den Wald um Hougoumont beſetzten, aus dem ſie vertrieben worden waren, und den Maierhof La Saint Haye, welcher gleichfalls wieder genommen worden war. Die Englaͤnder hatten ihrer Seits ſehr ſtark gelitten, aber keine Hand breit verloren, die zwel gewonnenen Poſten ausgenommen. 10, 000 Mann jedoch fielen oder wurden verwundet. Einige fremde Regimenter waren gewichen, waͤhrend andere dagegen den verzweifeltſten Muth gezeigt hatten. Die Reihen waren gelichtet theils durch wirkliche Fluͤchtliuge, theils auch durch die Abweſenheit ſol⸗ cher, welche das blutige Schlachtfeld verlaſſen hat⸗ ten, um die Verwundeten fortzuſchaffen, von denen viele natuͤrlich ſich nicht beeilt haben werden, in die ſo verhaͤngnißvolle Scene zuruͤckzukehren. Allein die Franzoſen begannen nun, auſſer dem Verluſte von 15,000 Mann an Todten und Verwun⸗ deten und einer Kolonne von mehr denn 2000 Ge⸗ fangenen, durch die Operationen der Preußen auf ihrer rechten Flanke beunruhigt zu werden; und es zeigte ſich an den Folgen, warum Herzog Welling⸗ ton ſo ſehr an ſich gehalten hatte. Bluͤcher hatte, ſeinem Verſprechen gemaͤß, fruͤh Morgens die Divi⸗ ſion Buͤlow's, welche bei Ligny nicht mit im Treffen geweſen, aufbrechen laſſen, um mit der engliſchen Armee in Kommunikation zu treten, und auf die rechte Flanke und im Ruͤcken der Franzoſen eine Di⸗ 21 verſion zu machen. Obgleich aber Wavre von dem Schlachtfelde bei Waterloo nur 12— 14(engliſche) Meillen entfernt lag, ſo wurde doch der Marſch durch unvermeidliche Umſtaͤnde ſehr verzoͤgert. Das un⸗ ebene Terrain und die ſchlechte Beſchaffenheit der Wege, von der wir ſchon mehrmals geſprochen, leg⸗ ten dem Porruͤcken der Preußen die ernſthafteſten Hinderniſſe in den Weg, beſonders da ſie mit einem ungewoͤhnlich großen Artillerietrain angezogen kamen; auch hinderte eine Feuersbrunſt, die am Morgen des 18ten Juni in Wavre ausbrach, Buͤlow's Korps durch dieſe Stadt zu marſchiren, und noͤthigte es, einen beſchwerlichen Uumweg zu machen. Nachdem Buͤlow mit dem vierten preußiſchen Korps, das von Herzog Wellington gegen 11 Uhr erwartet worden war, mit großer Schwierigkeit die Kreuzwege bei Chavelle Lambert paſſirt hatte, kuͤndigte er ſeine Ankunft um halb vier Uhr durch ein fernes Feuer an. Das erſte preußiſche Korps, welches dieſelbe Route, wie Buͤlow, machte, kam noch ſpaͤter an. Die zweite Diviſion machte eine Seitenbewegung in der⸗ ſelben Richtung, wie die vierte und erſte, allein naͤ⸗ her an dem Weiler Ohain. Der Kaiſer ſetzte Buͤ⸗ low, welcher lange vor den andern erſchien, das ſechste franzoͤſiſche Korps entgegen, welches er zu dem Be⸗ huf in Reſerve behalten; und da blos die Avant⸗ garde angekommen war, gelang es ihm, die Preußen fuͤr den Augenblick im Schach zu halten; das erſte 22 und zweite preußiſche Korps erſchien noch ſpaͤter als das vierte auf dem Schlachtfeld; das dritte Korps hatte ſich in Bewegung geſetzt, um in derſelben Richtung zu fol⸗ gen, als es von den Franzoſen, unter General Grou⸗ chy, der, wie bereits erwaͤhnt, detachirt war, Bluͤ⸗ cher, deſſen ganze Macht er vor ſich zu haben glaub⸗ te, zu beſchaͤftigen, wuͤthend angegriffen wurde. Statt durch dieſen. Angriff im Ruͤcken in Be⸗ ſtuͤrzung zu gerathen, wie einem gewoͤhnlichen Ge⸗ neral wohl geſchehen waͤre, begnuͤgte ſich Bluͤcher, Thielemann, der das dritte Korps befehligte, den Befehl zuzuſchicken, ſich ſo gut er koͤnnte, auf der Linie der Dyle zu halten. Mittlerwelle beeilte der Veteran, ohne die Armee unter ſeinem eigenen Kom⸗ mando durch Detachirung eines Theils derſelben, zur Unterſtuͤtzung Thielemans, zu ſchwaͤchen, nur noch mehr ſeinen Marſch nach dem Schlachtfeld, wo er ſah, daß der Krieg wahrſcheinlicherweiſe ſo voll⸗ ſtaͤndig entſchieden werden wuͤrde, daß ein Sieg oder eine Niederlage auf einem andern Punkt eine Sache von untergeordneter Bedeutung werden muͤßte. Um halb 6 Uhr begann die zweite Diviſion der preußiſchen Armee bei dem Doͤrfchen Ohain mit dem brittiſchen linken Fluͤgel in Kommunikation zu treten, waͤhrend Buͤlow von Chapelle Lambert aus in einer Vertiefung oder einem Thale, Friſchemont genannt, gegen die Rechte und den Ruͤcken der Fran⸗ zoſen anruͤckte. Nun ward es klar, daß die Preußen 23 ernſthaften und kraͤftigen Antheil au der Schlacht nehmen wuͤrden. Napoleon war immer noch im Stande, ihnen Widerſtand zu leiſten, oder einen Raͤckzug zu bewerkſtelligen, durfte aber verſichert ſeyn, am folgenden Tage von den kombinirten Ar⸗ meen der Englaͤnder und Preußen angegriffen zu werden. Seine beruͤhmte Garde hatte noch keinen Theil am Kampfe genommen und wuͤrde ihm noch Schutz gewaͤhrt haben, nach einer Schlacht, in wel⸗ cher er bisher im Nachtheil war, ohne noch beſiegt zu ſeyn. Allein die Umſtaͤnde, die ihn von allen Sei⸗ ten beſtuͤrmten, mußten ſeinen Geiſt angegriffen ha⸗ ben. Er wußte ſich nicht weiter zu helfen; eine Ver⸗ einigung mit Grouchy war die einzige Reſource, die ſeine Macht verſtaͤrken konnte; die Ruſſen ruͤckten in Eilmaͤrſchen gegen den Rhein an; die Republi⸗ kaner in Paris ſchmiedeten Plane gegen ſeine Ge⸗ walt. Es ſchien, als ob an jenem Tage und auf je⸗ nem Schlachtfelde Alles entſchieden werden muͤßte⸗ Umgeben von dieſen, Ungluͤck weiſſagenden Umſtaͤn⸗ den, mochte eine verzweifelte Anſtrengung, einen Sieg zu erringen, ehe noch die Preußen thaͤtigen Antheil an der Schlacht nehmen konnten, die Eng⸗ laͤnder aus ihrer Poſition vertreiben; und er ent⸗ ſchloß ſich, dieſen kuͤhnen Verſuch noch zu wagen. Um 7 Uhr formirte ſich Napoleons Garde unter ſeinen Augen, unten am Abhang von La Belle Al⸗ liance in zwei Kolonnen; ſie wurden unter das . 24 Kommando des unerſchrockenen Ney geſtellt. Buo⸗ naparte machte den Soldaten etwas vor, und viel⸗ leicht band er auch ihrem Kommandanten daſſelbe Maͤhrchen auf, daß die Preußen, welche ſie zur Rech⸗ ten ſahen, vor Grouchy ſich zuruͤckzoͤgen. Vielleicht glaubte er ſelbſt, daß es wahr ſey. Die Garde ant⸗ wortete ihm zum letzten Male mit dem Rufe: vive I'Empereur! und ruͤckte entſchloſſen vor, indeß ſie zu ihrer Unterſtuͤtzung vier Bataillons der alten Garde in Reſerve hatte, die zum Schutze ihrer vorruͤcken⸗ den Kameraden in Bereitſchaft ſtanden. Es hatte auf der engliſchen Schlachtlinie in Folge der wieder⸗ holten zuruͤckgewieſenen Angriffe der Franzoſen, eine allmaͤhlige Veraͤnderung Statt gefunden. Sie ruͤck⸗ ten langſam vor, und der rechte Fluͤgel, der beim Beginnen des Kampfes das Segment eines konve⸗ ren Zirkels darbot, glich nun einem konkaven, da der aͤußerſte rechte Fluͤgel, welcher mehr abgekehrt war, nun vorgeſchoben ward, daß das Feuer ſowohl der Artillerie, als der Infanterie, auf die Flanke der Franzoſen fiel, die auch demjenigen, welches auf ihre Fronte von den Hoͤhen kam, ausgeſetzt waren. Die Englaͤnder wurden in vier Gliedern aufgeſtellt, um es mit den Garden der vorruͤckenden Franzoſen aufzunehmen, und richteten ein unaufhoͤrliches Mus⸗ ketenfeuer gegen ſie. Die Soldaten machten ein Rottenfeuer, indem jeder ſein Gewehr lud und ab⸗ ſchoß, ſo ſchnell als er konnte. Endlich ruͤckten die r ——·„4,.,.,——.— 25 Englaͤnder vor, als wollten ſie die Spitzen der Ko⸗ lonnen umzingeln, und zu gleicher Zeit fuhren ſie fort, auf die Flanken des Feindes zu ſchießen. Die Franzoſen verſuchten muthig zu deployren, um das Feuer zu erwiedern. Allein waͤhrend ſie dieß unter einem ſo furchtbaren Feuer verſuchten, entſtand ein Stocken, ſie wankten, kamen in Unordnung, wurden in eine Maſſe verwirrt, un wichen endlich, indem ſie in der groͤßten Verwirrung ſich zuruͤckzogen oder vielmehr flohen. Dieß war die letzte Anſtrengung des Feindes, und Napoleon gab Ordre zum Ruͤckzug. Zur Deckung deſſelben waren ihm nun keine Trup⸗ pen mehr uͤbrig, die letzten vier Bataillons der al⸗ ten Garde ausgenommen, welche hinter den Angriffs⸗ kolonnen aufgeſtellt waren; die warfen ſich in Quar⸗ res und ſtanden feſt. Allein in dieſem Augenblick kommandirte der Herzog Wellington die ganze Linie zum Vorruͤcken, ſo daß, trotz den Anſtrengun⸗ gen Ney's(der, nachdem ihm ſein Pferd unter de Leibe erſchoſſen ward, mit dem Schwert in der Hand, zu Fuß in der Front der Schlacht bis auf den letz⸗ ten Augenblick focht), ungeachtet aller Tapferkeit und Geſchicklichkeit auch ieſe braven Veteranen in Un⸗ ordnung kamen, und in die allgemeine Verwirrung mit hingeriſſen wurden. Dieſer Marſchall, deſſen mllitaͤriſche Verdienſte wenigſtens nicht beſtritten werden koͤnnen, gab perſoͤnliches Zeugniß gegen zwei Behauptungen, die durch die Freunde Napoleon's 26 gefliſſentlich in Umlauf geſetzt wurden. Eine dieſer Luͤgen ſteht in ſeinem eigenen Bulletin, ſie ſchreibt den Verluſt der Schlacht einem paniſchen Schrecken zu, der durch den Verrath einiger unbekannten Per⸗ ſonen, welche das Geſchrei:„Sauve qui peut!“ er⸗ hoben, verbreitet worden ſey. Eine zweite Luͤge, die in Paris ſchnellen Glauben fand, war, daß die vier Bataillons alter Garde, die letzten, welche noch einen Schein von Ordnung beibehielten, eine Auf⸗ forderung zur Uebergabe mit dem großherzigen Rufe beantworteten:„die Garde kann ſterben, aber nicht weichen!“ Eine Edition dieſer Geſchichte ſetzt noch hinzu, daß die Batatllons darauf ſich halb einwaͤrts gekehrt und ihre Muskeren einander vor die Bruſt abgefeuert haͤtten, um ſich vom Tod durch die Haͤnde der Englaͤnder zu retten. Weder die Angabe, noch die vorgebliche Selbſtaufopferung der Garde iſt auch nur im Geringſten begruͤndet. Cambrone, dem die⸗ ſer Ruf in den Mund gelegt wurde, gab ſeinen De⸗ gen ab als Gefangener; und das kriegeriſche Be⸗ nehmen der franzoͤſiſchen Garde findet ein beſſeres Lob in der unbeſtrittenen Wahrheit, daß ſie mit dem ſtandhafteſten Muthe bis zum letzten Augenblick kaͤmpften, als darin, daß man ihnen zumuthet, ſie haͤtten ſich auf dem verlornen Schlachtfelde ſelbſt Regimenterweiſe umgebracht. Auf jedes Attribut tapferer Maͤnner haben ſie die gerechteſten Anſpruͤ⸗ che, es iſt aber kein Kompliment fuͤr ſie, wenn man 27 ihnen noch das der Tollhaͤusler geben will. Moch⸗ ken nun dieſe Worte von Camdrone geſprochen wor⸗ den ſeyn oder nicht, die Garde hat verdient, daß man ſie auf ihr Grabmal ſchrieb. Waͤhrend dieſe entſcheidende Bewegung Statt fand, nahm Buͤlow, der ſeine Truppen koncentrirt hatte, und nun im Stande war, mit Nachdruck zu agiren, das Dorf Planchenois im Ruͤcken der Fran⸗ zoſen, und feuerte nun in ſolcher Naͤhe auf ihren rechten Fluͤgel, daß die Kanonade den ſte verfolgen⸗ den Englaͤndern Schaden that und deßwegen einge⸗ ſtellt werden mußte. Waͤhrend die engliſchen und preußiſchen Armeen in ſchiefer Linie vorruͤckten, ſtie⸗ ßen ſte auf den, erſt noch von den Franzoſen beſetz⸗ ten, Anhoͤhen aufeinander, und feierten mit lautem Jubel wechſelſeitiger Begluͤckwuͤnſchung den Sieg. Die franzoͤſiſche Armee war nun in gaͤnzlicher Verwirrung und Aufloͤſung; und als die ſiegreichen Generale auf dem ⸗Malerhof La Belle Alliance ſich trafen, kam man uͤberein, daß die Preußen, welche verhaͤltnißmaͤßig weniger mitgenommen waren, die Jagd verfolgen ſollten, wozu die Englaͤnder durch die Fatiguen einer achtſtuͤndigen Schlacht gaͤnzlich un⸗ faͤhig waren. Waͤhrend der ganzen Aktion blieb Napoleon in groͤßter Ruhe; er ſtand auf den Hoͤhen von La Belle Alliance gan, nahe am Centrum, und konnte von da aus das ganze Schlachtfeld, das nicht mehr als an⸗ 7 28. derthalb(engliſche) Meilen in der Laͤnge hatte, uͤber⸗ ſehen. Er legte lange Zeit keine Beſorgniß fuͤr den Ausgang an den Tag, war Augenzeuge von dem Be⸗ nehmen der einzelnen Regimenter, und lobte die Englaͤnder zu verſchiedenen Malen, obgleich er von ihnen immer als von einer ſichern Priſe redete. Als er ſeine Garde zu der letzten verhaͤngnißvollen An⸗ ſtrengung ſich formiren ließ, kam er die Chauſſee von La Belle Alliance zur Haͤlfte herab, und hielt ſeine, wie es ſich auswies, letzte Rede an ſie; er be⸗ obachtete mit einem Perſpektiv in geſpannter Erwar⸗ tung ihre Fortſchritte, und wollte nicht auf einen oder zwei Adjutanten hoͤren, welche in dieſem Au⸗ genblick von dem rechten Fluͤgel eintrafen, um ihn von dem Erſcheinen der Preußen zu benachrichtigen. Als er endlich die Angriffskolonnen wanken und in Unordnung ſah, wurde, wie unſer Berichterſtatter ſagt, ſein Angeſicht leichenblaß, er murmelte vor ſich hin:„Sie verwirren ſich!“ wandte ſich an ſeine Um⸗ gebung mit den Worten:„Alles iſt fuͤr jetzt verlo⸗ ren!“ und ritt davon. Er hielt nicht an und nahm keine Erfriſchung zu ſich, bis er Charleroi erreichte, wo er einen Augenblick auf einer Wieſe hielt, und ſich in ein fuͤr ſeine Bequemlichkeit aufgeſchlagenes Zelt begab.*) Mittlerweile wurde ſeine in die Flucht »v) Unſer Gewährsmann für dieſe Details war Lacoſte, ein flämiſcher Bauer, welcher Buonaparte den Weg zeigen mußte⸗ die ganze Aktion über bei ihm blieb und ihn nach Charleroi 29 geſchlagene Armee von Bluͤcher mit der entſchloſſen⸗ ſten Beharr ichkeit verfolgt. Er beſchleunigte den Marſch der preußiſchen Avantgarde, und ſandte ſeine ganze Kavallerie zur Verfolgung der fluͤchtigen Fran⸗ zoſen ab. Zu Genappe verſuchten ſie einigen Wider⸗ ſtand, indem ſie die Bruͤcke und die Straßen verram⸗ melten; allein die Preußen brachen im Augenblick durch, und obgleich die Franzoſen hinlaͤnglich ſtark zum Widerſtand waren, ſo ſchien ihre Unordnung doch ſo unheilbar und ihr moraliſcher Muth fuͤr den Augenblick ſo ſehr geſunken, daß ſie mehrmals wie Schaafe hingeſchlachtet wurden. Man vertrieb ſte ven Bivouak zu Bivouak, ohne daß ſie auch nur ei⸗ nen Schatten von ihrem gewohnten Muthe zeigten. 150 Kanonen blieben in den Haͤnden der Englaͤnder, und eine gleiche Anzahl ward von den Preußen waͤh⸗ rend der Verfolgung genommen. Letztere kamen ſo⸗ gar in Beſitz aller Bagage und des Wagens von Napoleon, wo ſich unter vielen andern intereſſanten Sachen auch eine Proklamation vorfand, die er am naͤchſten Tage an die Belgier ergehen laſſen wollte. Der Verluſt von engliſcher Seite waͤhrend die⸗ ſer furchtbaren Schlacht war, wie Herzog Welling⸗ ton, welcher nicht gern in Hyperbeln ſpricht, offen — begleitete. Er ſchien ein ſchlauer, in ſeiner Art verſtändiger Mann, und erzählte ſeine Geſchichte mit der größten Naivo⸗ tät. Der Verfaſſer ſprach ihn, und hörte ihn kurz nach dar Aktion das Ganze erzablen. geſtand, unermeßlich. 100 Offiziere waren getoͤd⸗ tet, 500 verwundet, manche von ihnen auf den Tod, 15,000 Mann getoͤdtet und verwundet(den Verluſt der Preußen bei Wavre ungerechnet), und verſetzten ſo halb England in Trauer. Viele Offiziere von Auszeichnung fielen. Es bedurfte all des Ruhmes, all der wichtigen Vortheile dieſes unſterblichen Ta⸗ ges, um gegen den hohen Preis, wofuͤr all dieß er⸗ kauft worden war, Erſatz zu geben. Der Komman⸗ dant en Chef, genoͤthigt, auf allen Punkten der Ge⸗ fahr gegenwaͤrtig zu ſeyn, war zu wiederholten Ma⸗ len in der groͤßten Lebensgefahr. Der Herzog allein und Einer aus ſeinem zahlreichen Generalſtabe eut⸗ kamen unverwundet an Pferd und Perſon. Es wuͤrde ſchwer halten, den Verluſt der Fran⸗ zoſen zu berechnen. Außer denen, welche in der Schlacht und auf der Flucht fiele, deſertirte eine große Anzahl; und wir glauben nicht, daß von 75,000 Mann auch nur die Haͤlfte ſich wieder zu den Fah⸗ nen verſammelte. Nachdem wir unſere Erzaͤhlung dieſer denkwuͤr⸗ digen Aktion beendigt haben, ſchreiten wir zu der Angabe der Mittheilungen und Urtheile Napoleon's uͤber dieſen Gegenſtand, theils um unſere Erzaͤhlung zu beleuchten, noch weit mehr aber, um ſeinen el⸗ genen Karakter herauszuſtellen. Der Bericht der Schlacht bei Waterloo, von Napoleon Gourgaud in die Feder diktirt, und von ⸗ 31 General Grouchy als ein bloßer milltaͤriſcher Roman voll eitler Vorausſetzungen, Verdrehungen und voͤl⸗ liger Luͤgen dargethan, beſchuldigt die ſubordinirten Generale, welche unter Buonaparte fochten, einer voͤlligen Entartung von ihrem fruͤheren Karakter. Auf Ney und Grouchy iſt es hauptſaͤchlich abgeſeyen; auf jenen wird mit Namen, auf dieſen durch hand⸗ greifliche Folgerung hingewieſen. Es heißt, ſie haͤt⸗ ten die Energie und das unternehmende Genie ver⸗ loren, wodurch ſie ſich fruͤher ausgezeichnet und wel⸗ chem Frankreich ſeine Triumphe verdanke; ſie ſeyen in allen ihren Operationen furchtſam und vorſichtig geworden; obgleich ihre perſoͤnliche Bravour geblie⸗ ben, ſey doch ihr Hauptaugenmerk hauptſaͤchlich da⸗ hin gegangen, ſich ſo wenig als moͤglich zu kompro⸗ mittiren. Dieſe allgemeine Bemerkung, welche dem Kaiſer natuͤrlich den Weg bahnen ſollte, die Schuld des mißlungenen Feldzuges von ihm auf ſeine Offi⸗ ziere abzuwaͤlzen, iſt eben ſo ungerecht, als undank⸗ bar. Hatten ſie die Energie verloren, wer kaͤmpfte denn auf dem Schlachtfelde bei Waterloo bis auf den letzten Augenblick, als der Kaiſer daſſelbe ſchon laͤngſt verlaſſen hatte? War Grouchy unentſchieden in ſeinen Operationen, der ſeine eigene Diviſion wohlbehalten nach Paris brachte, trotz allen Hinder⸗ niſſen, die ihm von einer ſiegreichen Armee, welche drei Mal ſtaͤrker als ſeine eigene war, entgegenge⸗ ſetzt wurden? Dieſe beiden Offiziere hatten fuͤr 9 32 Napoleon ihr en Nang und die Anſtellung, die ſie in Ruhe unter den Bourbons bekleidet haͤtten, aufge⸗ opfert. Zeigte dieſes ihre Zoͤgerung an, einen ent⸗ ſchiedenen Schritt zu thun, um ihm auf ſeiner ver⸗ zweifelten Laufbahn belzuſtehen, indem ſie nicht nur alle Ruͤckſicht auf ihr Intereſſe und auf ihre Sicher⸗ heit hintenanſetzten, ihren Karakter als Maͤnner von Loyalitaͤt im Angeſichte von ganz Europa kompromit⸗ tirken, ſondern ſich ſogar, wenn die Bourbons gluͤck⸗ lich waren, einem gewiſſen Tode ausſetzten? Dieſe, welche fochten mit dem Strick um den Hals, was entſchieden bei Grouchy und Ney der Fall war, muß⸗ ten der verlornen Hoffnung aufhelfen; und liegt es in der menſchlichen Natur in ſolchen Umſtaͤnden, zu glauben, daß die, deren Gluͤck und Sicherheit von dem Siege abhieng, perſoͤnlich tapfer, wie ſie unbe⸗ ſtreitbar waren, nicht bis auf den letzten Mann aus⸗ hielten, als ihr Schickſal auf dem Spiele ſtand? Von ihm, welcher ungerecht gegen ſeine eigenen Freunde war, kann nicht erwartet werden, daß er es redlich mit dem Feinde meinte. Der Herzog von Wellington ließ bei allen Gelegenheiten dem mili⸗ taͤriſchen Karakter Napoleons gern jene Gerechtigkeit widerfahren, die ein edler Sinn gegenuͤber von einem Gegner auf das Puͤnktlichſte ausuͤbt, und geſtand gerne zu, daß das Benehmen Buonaparte's und ſei⸗ ner Armee bei jener denkwuͤrdigen Gelegenheit ganz geeignet war, ihren hohen Ruf zu ſtuͤtzen. nhan 33 mag ſagen, daß der Sieger den Beſienten wohl lo⸗ ben koͤnne, daß es aber einen hoͤheren Grad von Aufrichtigkeit erfordere, wenn der Beſiegte dem Sie⸗ ger Gerechtigkeit wiederfahren laͤßt. Napoleon ſcheint auf jeden Fall in dieſer Hinſicht nicht die Hoͤhe ei⸗ nes großen und erhabenen Geiſtes erreicht zu haben, da ſowohl er, als auch die verſchledenen Perſonen, welche er dazu brauchte, ſeine Angaben in Umlauf zu bringen, ſich in dem eitlen Verſuche vereinigen, die Niederlage bei Waterloo durch eine Reihe von Apologien, die ſich großentheils auf Verdrehungen gruͤndeten, zu entſchuldigen. Der Leſer wird dieſe mit Einſicht in einem bedeutenden Artikel des An⸗ hanges diskutirt finden*). Allein es wird nothwen⸗ dig ſeyn, auch auf die Gefahr einer Wiederholung hin, in einer allgemein verſtaͤndlicheren Form einige Notiz davon zu geben. Die Angaben, welche die unfaͤhigkeit des engliſchen Generals beweiſen, und zeigen ſollen, daß die Schlacht bei Waterloo bloß durch das Zuſammentreffen außerordentlicher Fata⸗ litaͤten verloren wurde, ſollen der Reihe nach beleuch⸗ tet werden. 4 Der erſte und am haͤufigſten wiederholte Vor⸗ wurf war, daß der Herzog von Wellington am 15. in *) Man ſehe einen Bericht iiber die Schlacht bei Waterloo mit eben ſo viel Einſicht als Kunſt, vom Artilterie Hauptmann Pringle abgefaßt, welcher das Mangelhafte unſerer Erzah⸗ lung zur Genüge ergänzen wird. W. Scott's Werke. LXIII. 3 34 ſeinen Kantonirungen uͤberrumpelt worden ſey, und ſeine Armee nicht ſchnell genug bei Quatre Bras habe verſammeln koͤnnen. Hierin wuͤrden Seine Gna⸗ den ohne Zweifel ſehr zu tadeln ſeyn, wenn Nayo⸗ leon durch eine ausdruͤckliche Nachricht und eine auf⸗ fallende, ſeine Abſicht kund gebende Bewegung gezeigt haͤtte, auf welchem Punkte er gemeint ſey, vorzu⸗ ruͤcken. Allein der ritterliche Gebrauch, das Schlacht⸗ feld vorher zu beſtimmen, war ſchon lange aus der Mode gekommen, und Napoleon beſaß mehr als ir⸗ gend ein General die Kunſt, ſeine eigenen Bewegun⸗ gen zu maskiren, und den Feind uͤber den Punkt, auf welchem er ihn wirklich anzugreifen gedachte, irre zu fuͤhren. Der Herzog und Fuͤrſt Bluͤcher waren deßhalb genoͤthigt, darauf zu ſehen, daß ſie ihre Macht auf verſchiedenen Punkten koncentriren koͤnn⸗ ten, je nachdem Napoleons Wahl des Angriffspunk⸗ tes bekannt werden wuͤrde; und um ihre Macht auf jeder Poſition in Baͤlde verſammeln zu koͤnnen, muß⸗ ten ſie durch Ausdehnungen ihrer Kantonirungen die Bewegung auf allen Seiten auſſchieben. Der Her⸗ zog konnte nicht von Bruͤſſel aufbrechen oder ſeine Streitkraͤfte koncentriren, bis er beſtimmte Nachricht von den Bewegungen des Feindes hatte; und es heißt, daß ein franzoͤſiſcher Staatsmann, welcher verſprochen hatte, ihm eine Abſchrift von Buona⸗ parte's Feldzugsplan zu ſenden, ſeinem Verſpre⸗ 1 ———ℳ———y—— 35 chen durch einen Kunſtgriff der Polizei zu entgehen gedachte*). Wir wollen dem Talente und der Thaͤtigkeit, die Buonaparte entwickelte, nicht Abbruch thun; wenn er aber ſeine ganze Armee am Abend des 15. Ju⸗ nius zuſammengebracht haͤtte, wuͤrde es ihm wahr⸗ ſcheinlich gelungen ſeyn, die beabſichtiate Verbindung Bluͤchers und Wellingtons zu verhindern. Allein das beruͤhmte Gebet um Aufhebung von Zeit und Raum wuͤrde im Munde eines beruͤhmten Generals ſo unbillig ſeyn, als in dem eines Liebhabers; und an dieſe Schranken, gegen welche dieſe beſcheidene Petition gerichtet wird, gebunden, gelang es Buo⸗ nayarte nicht, in der gehoͤrigen Zeit eine hinlaͤng⸗ *) Dieß war Fouchs, der, während er Volizeiminiſter unter Napoleon war, mit den kriegfübrenden Mächten ſammt und ſonders in geheimer Korreſpondenz geſtanden zu haben ſcheint. In ſeinen Memoiren will er ſich rühmen, er habe verſucht, dem Herzog von Weltinaton Wort zu halten, und den Plan von Buonaparte's Feldzug durch ein Frauenzimmer, eine flä“ miſche Poſtmeiſterin, zuzuſenden, welche er an der Gränze warten, und dann arretiren ließ. So hielt dem Ohre er ſein Wort, das er dem Aunge brach. 5 Dieſe Geſchichte iſt, wie wir Grund zu glauben haben, wahr. Eines der Wunder unſerer Zeit iſt, wie Fouchs, nachdem er die Haupttriebfeder ſo verwickelter Komplotte und Gegenkom⸗ plotte, revolutionärer und kontrerevolutionärer Intrigen ge⸗ weſen, nach all dem es ſo abzukarten wußte, daß er in ſei, nem Bette ſtarb. 3 liche Truppenmacht vor Quatre Bras zuſammenzu⸗ bringen; waͤhrend auf der andern Seite der Herzog von Wellington durch dieſelben Beſchraͤnkungen von Raum und Zeit keine hinlaͤngliche Macht verſammeln konnte, um Ney vor ſich herzutreiben, und Bluͤcher waͤhrend der Aktion bei Ligny zu Huͤlfe zu kommen.*) Die Wahl des Schlachtfeldes bei Waterloo wird dem Herzog von Wellington gleichfalls als eine Art unbeſonnenheit angerechnet, weil er, obgleich im Beſitze aller Erforderniſſe zur Behauptung einer Schlacht oder zur Verfolgung eines Sieges, trotz der Lelchtigkeit, mit der preußiſchen Armee in Kommu⸗ nikation zu treten, zufolge der kaiſ rlichen Kritik keine Sicherheit fuͤr den Fall eines Ruͤckzugs hatte; da die einzige Kommunikation nach hinten— die *) Es waren einige thöricht genug, die Angaben, daß Herzog Wellington überrumpelt worden ſey, als eine unbeſtreitbare Thatſache zu betrachten; weil die erſte Nachricht von dem Vorrücken der Franzoſen ihn im Tanzſaal erreichte. Man muß ſich nur vorſtellen, daß dieſe guten Leute vom Kriege ſich eine ſolche Vorſtellung machen, daß ein General, gleich einer Statue mitten auf dem Marktplatze, mit dem Kom⸗ mandoſtab in der Hand Wache ſtehen müſſe, bis die Zeitung komme, die ihn aufs Schlachtſeld rufe. Wer kämpft fürs Vaterland träagt freien Muth; Am Abend vor der Schlacht noch weihet er Geſell'ger Freude ſich.— Wie ſüß iſt dann, Wenn die Gefahr dem Krieger würzet Der Menſchen Luſt, die nimmer wiederkehrt. Hume’s Douglas. 37 Chauſſe nach Bruͤſſel, die uͤbrige Poſition von dem Forſt Soignes umgeben war, vor welchem die brit⸗ tiſche Armee aufgeſtellt, und durch welchen, ſeiner Annahme nach, ein Ruͤckzug unmoͤglich war. Wenn man auch annimmt, daß das Prinzip die⸗ ſer Kritik richtig ſey, ſo kann man antworten, daß ein General niemals halten oder fechten duͤrfte, wenn er auf keinem andern als auf einem ſolcen Schlacht⸗ felde kaͤmpfen wollte, das all die verſchiedenen Vor⸗ zuͤge beſaͤße, welche man in der Theorie auffuͤhren mag. Der Feldherr muß ſich umſeben, ob das Ter⸗ rain ſeinen gegenwaͤrtigen Beduͤrfniſſen entſpricht, ohne auf etwas Anderes zu ſehen, das fuͤr den Au⸗ genblick weniger dringend iſt. Man weiß von Ge⸗ neralen, daß ſie vorzugsweiſe ein Terrain waͤhlten, wo ſie ſich nicht zuruͤckziehen konnten, gleich ſolchen, welche Einfaͤlle in Laͤnder machten und ihre Schiffe verbrannten, zum Zeichen, daß ſie ihr Unternehmen aufs Aeußerſte verfolgen wollten. Und obgleich die Vorſorge fuͤr einen ſichern Ruͤckzug in den meiſten Fällen etwas ſehr Wuͤnſchenswerthes iſt, ſo wurde doch von guten Generalen, und von keinem mehr, als von Napoleon ſelbſt, darauf verzichtet. Wurde nicht die Schlacht bei Eßlingen(Aſpern) geſchlagen, ohne daß ein anderer Ruͤckzug, als uͤber die gebrech⸗ liche Donaubruͤcke offen ſtand?— Fand nicht die bei Wagram unter aͤhnlichen Umſtaͤnden Statt?— Und ließ nicht uͤberdieß Napoleon ſelbſt, indeß er den Herzog von Wellington tadelt, daß er in der Fronte eines Waldes gefochten, ſich in eine Schlacht ein, während er ein Defilee im Ruͤcken hatte, das durch enge Straßen und die noch engere Genapper Bruͤcke gebildet war, auf welcher er allein, wenn er geſchla⸗ gen wurde, uͤber die Dyle ſetzen konnte? Man kann daher annehmen, daß, wenn der Herzog von Welling⸗ ron eine Poſition einnahm, bei welcher der Nuͤckzug ſchwierig war, er die Nothwendlgkeit eines Ruͤckzugs fuͤr unwahrſcheinlich hielt, und mit Vertrauen dar⸗ auf rechnete, ſich ſo lange halten zu koͤnnen, bis die Preußen zu ſeinem Beiſtande herbeigekommen waͤ⸗ len. Allein nicht genug, die engliſchen hohen Offiziere betrachten insgeſammt den Wald Soignes als ſehr gelegen fuͤr das Schlachtfeld, und weit entfernt, den geringſten Uebelſtand von ihm zu befuͤrchten, ſah Herzog Wellington in ihm eine weitere Poſition, die er, wenn auch ſeine erſte und zweite Linie ungluͤck⸗ licherweiſe geworfen worden waͤre, gegen die ganze franzoͤſiſche Armee haͤtte behaupten koͤnnen. Der Weiler Mont Saint Jean in der Fronte bildet den beſten Schluͤſſel zu der Poſition einer Armee, die genoͤthigt wird, ſich in den Wald zu werfen. Der Wald ſelbſt iſt uͤberall fuͤr Menſchen und Pferde zu paſſiren, da die Baͤume hoch ſind, und kein niedri⸗ ges Geſtraͤuch oder Unterholz vorhanden iſt; und 6 ſonderbar genug iſt, daß die Meinungen ausgezeich⸗ ————’ 39 neter Soldaten hierin ſehr abweichend ſind; wir trafen keinen engliſchen Offizier, der nicht den Wald Soignes fuͤr eine ganz beſonders gute Poſition zu einem ſchluͤßlichen Haltpunkt haͤlt. Zur Beſtaͤtigung dieſer Meinung beziehen ſie ſich auf die Vertheidi⸗ gung des Bois de Boſſus bei Quatre Bras gegen die wiederholten Angriffe des Marſchalls Ney. Dieſe Anklage des Herzogs von Wellington mag daher als unvertraͤglich mit den Principien der brittiſchen Kriegskunſt beſeitigt werden. Alles, was noch hin⸗ zugeſetzt werden kann, iſt, daß es Faͤlle giebt, in welchen nationelle Gewohnheiten und Manieren eine Poſition fuͤr Soldaten des einen Landes vortheilhaft machen, die fuͤr die eines andern gefaͤhrlich oder verderblich wird. Der naͤchſte Gegenſtand gehaͤſſigen Tadels iſt von ſo ſonderbarer Art, daß er, wenn er nicht von einem großen Manne unter beſonders ungluͤcklichen Um⸗ ſtaͤnden herruͤhrte, beinahe laͤcherlich erſcheinen muͤß⸗ te. Napoleon druͤckt ſeine Unzufriedenheit daruͤber aus, daß er in der gewoͤhnlichen und alltaͤglichen Procedur eines kunſtloſen Kampfes und nicht durch beſondere Mandoͤvres oder durch Entwickelung unge⸗ woͤhnlicher militaͤriſcher Kunſt von Seiten des Sie⸗ gers beſiegt worden war; allein wenn es denen, welche ſeinen Ruhm lobpreiſen, einen Troſt gewaͤh⸗ rren kann, ſo iſt es leicht, zu zeigen, daß Napoleon als Opfer einer Taktik fiel, die leicht zu begreifen war, und unter Umſtaͤnden beibehalten wurde, die gewoͤhnliche Menſchen aufgegeben haͤtten; die wie⸗ der aufgenommen wurde nach Ereigniſſen, welche ſo unguͤnſtig ſchienen, daß nichts als unerſchrockener Muth und unbegraͤnztes Vertrauen die Chefs ver⸗ moͤgen konnte, auf ihrem Vorſatze zu beharren, und die in Ausfuͤhrung gebracht wurde, ohne daß Napo⸗ leon im Stande war, die Abſicht der verbuͤndeten Generale eher zu errathen, als bis es unmoͤglich war, die Vernichtung ſeiner Armee zu verhindern; kurz, daß er durch ein großes Strategem fiel, wel⸗ ches wuͤrdig iſt, jedem ſeiner eigenen bewunderungs⸗ wuͤrdigen Feldzuͤge an die Seite geſetzt zu werden. Um zu beweiſen, was wir geſagt haben, duͤrfen wir bloß bemerken, daß die natuͤrlichen Baſen und Pointen des Ruͤckzugs der engliſchen und preußiſchen Armeen verſchieden waren; da die erſtere ſich auf Maſtricht, die andere ſich auf Antwerpen zuruͤckge⸗ zogen haͤtte, wo jede ihre Verſtaͤrkungen erwartete. ungeachtet deſſen und mit vollem Vertrauen auf ein⸗ ander kamen der Feldmarſchall Bluͤcher und der Her⸗ zog Wellington uͤberein, in Verbindung gegen die franzoͤſiſche Armee zu agiren. Die Vereinigung ih⸗ rer Streitkraͤfte, wozu ſie ſich anſchickten, ſollte zu Ligny Statt finden, wo der Herzog die Preußen un⸗ terſtuͤtzen wollte, und wo Bluͤcher in Erwartung des Beiſtandes eine Aktion gewagt hatte. Die Bewe⸗ gungen Napoleons und die Unmoͤglichkeit, die eng⸗ —ʒ—:———— 41 liſche Macht bei Quatre Bras hinlaͤnglich zu kon⸗ centriren, um Ney und das Korps in ihrer Fronte zu uͤberwaͤltigen, verhinderten Letzteren, durch eine Seitenbewegung Bluͤcher in jener kritiſchen Lage zu Huͤlfe zu kommen. Sonſt wuͤrden die Rollen des blutigen Drama's vertauſcht worden, und die engli⸗ ſche Armee den Preußen bei Ligny zu Huͤlfe gekom⸗ men ſeyn, wie die Preußen den Cnaͤndern bei Waterloo zu Huͤlfe kamen. 1 Napoleon hatte das Verdienſt, dieſen Plan zur Zeit zu vereiteln; allein er entdeckte nicht und konnte nicht entdecken, daß die verbuͤndeten Generale nach dem Verluſt der Schlacht bei Ligny denſelben Plan, den ſie beim Beginnen des Feldzugs gemacht, beibehalten wuͤrden; er ſtellte ſich mit ſeiner gan⸗ zen uUmgebung vor, daß Bluͤcher ſich auf Namut oder in einer ſolchen Richtung zuruͤckziehen muͤßte, daß eine vollſtaͤndige Trennung zwiſchen ihm und den Eng⸗ laͤndern Statt finden wuͤrde; weil der Gedanke na⸗ tuͤrlich war; daß eine geſchlagene Armee ſich auf ihre eigenen Reſſourcen zuruͤckwerfen und keine weitere Offenſivoperationen unternehmen wuͤrde. Auf jeden Fall taͤuſchte ſich Napoleon in dieſer Hinſicht ſo ſehr, daß er glaubte, wenn Bluͤcher auch auf derſelben Li⸗ nie mit den Englaͤndern ſich zuruͤckziehe, ſo wuͤrden doch die Mittel, welche die Preußen noch zu gemein⸗ ſchaftlichen Operationen mit ihren Verbuͤndeten haͤt⸗ ten, ſo beſchraͤnkt, und der Muth der Geſammtheit 4² (wie er vielleicht denken moͤchte) ſo aeſunken ſeyn, daß Marſchall Grouchy mit ſeinen 32,000 Mann im Stande ſeyn wuͤrde, die ganze preußiſche Macht im Schach zu halten. Der Marſchall war daher, wie wir geſehen haben, viel zu ſpaͤt und ohne andere In⸗ ſtruktionen abgeſchickt worden, als den Preußen zu folgen und ihre Aufmerkſamkeit zu beſchaͤftigen. Ver⸗ fuͤhrt durch Bluͤchers Demonſtration ſchlug er zuerſt den Weg nach Namur ein, und verlor ſo, ohne ei⸗ nen Fehler ſeinerſeits, eine Zeit, die unbeſchreiblich koſtbar war. Buonaparte's folgende Angaben uͤber dieſe Ak⸗ tion legten Marſchall Grouchy zur Laſt, daß er Bluͤ⸗ chers Direktion nicht entdeckt, die er doch auf keine Weiſe ausfindig machen konnte, und Ordern nicht befolgte, die ihm nie gegeben wurden und nie gege⸗ ben werden konnten, weil Napoleon ſo wenig als der Marſchall wußte, daß Bluͤcher entſchloſſen war⸗ auf jeden Fall ſich mit Wellington zu vereinigen. Dieſer Plan, in Cooperation zu agiren, der entwor⸗ fen und durchgefuͤhrt wurde, war fuͤr den franzoͤſi⸗ eſchen Kalſer das Raͤthſel der Sphinx, und er gieng zu Grunde, weil er es nicht loͤfen konnte. Ja er lachte ſogar uͤber den Gedanken eines ſolchen Ereig⸗ niſſes; einer ſeiner Offiziere wies ihn, Baron Muff⸗ ling zufolge, auf die bloße Moͤglichkeit einer Verei⸗ nigung zwiſchen der preußiſchen Armee und der Wel⸗ lingtons hin, da lachte er veraͤchtlich uͤber den Ein⸗ — ——;—;ʒ—:ʒ—;·ö:,:—— — 43. fall.„Die preu iſche Armee,“ ſagte er,„lſt ge⸗ ſchlagen— ſie kann ſich vor drei Tagen nicht wieber ſammeln— ich habe 75,000 Mann, die Englaͤnder blos 50,000. Die Stadt Bruͤſſel erwartet mich mit offenen Armen. Die engliſche Oppoſition war⸗ tet nur auf einen guͤnſtigen Erfolg von meiner Seite, um ihr Haupt zu erheben. Dann gute Nacht, Sub⸗ ſidien! Adien Koalition!“ Auf gleiche Weiſe geſtand Napoleon, waͤhrend er am Bord des Northumber⸗ land war, ganz offen, daß er ſich nicht traͤumen ließ, Herzog Wellington ſey gemeint, ſich in ein Treffen einzulaſſen, und deßhalb unterlaſſen habe, das Ter⸗ rain hinlaͤnglich zu rekognosziren. Es iſt allgemein⸗ bekannt, daß er, als er ſie am Morgen des 18. Juni in ihrer Poſttion fand, ausrief:„Nun habe ich ſie, dieſe Englaͤnder!“ Es war halb 11 Uhr, gerade um die Zeit, als die Schlacht bei Waterloo anfing, daß Grouchy, wie bereits erwaͤhnt, die Arriergarde der Preußen ein⸗ holte. Ein ſtarkes Korps, wie ihm ſchien, die ganze preußiſche Armee, ſtand vor dem franzoͤſiſchen Mar⸗ ſchall, der nach der Beſchaffenheit des Terrains nicht im Stande war, ſich von der Staͤrke der Preu⸗ ßen in Kenntniß zu ſetzen oder zu enrdecken, daß drei Diviſionen von Bluͤchers Armee bereirs zu ſei⸗ ner Rechten durch die Paͤſſe von Saint Lambert auf⸗ marſchirten, und daß blos Thielemans Div ſion an der Dyle zuruͤckgeblieben war. Noch weniger konnte 44 er wiſſen, was blos der Herzog und Bluͤcher wuß⸗ ten, daß die Englaͤnder entſchloſſen waren, in der Stellung von Waterloo eine Schlacht anzubieten. Allerdings hoͤrte er in dieſer Richtung hin eine hef⸗ tig Kanonade; allein dieß konnte von einem Angriff auf die brittiſche Arriergarde herruͤhren, da der Her⸗ zog, wie man bei der franzoͤſiſchen Armee allgemein annahm, in vollem Ruͤckzug auf Antwerpen begriffen war. Auf jeden Fall gieng des Marſchalls Ordre dahin, den Feind anzugreifen, den er vor ſich fand. Er mußte ſich erinnern, daß Ney einen Verweis er⸗ hielt, weil er am 16ten in Folge einer fernen Ka⸗ nonade einen Theil ſeines Korps detachirt hatte; es war ihm daher natuͤrlich daran gelegen, ſich in einer und derſelben Sache nicht gleichfalls einem Tadel auszu etzen. Selbſt wenn Napoleon in ernſt⸗ lichem Kam fe mit den Englaͤndern lag, mußte Grouchy darauf bedacht ſeyn, das anſehnliche Korps, das er bei Wadre und laͤngs der Dyle aufgeſtellt fand, zu beſchaͤftigen und es zu ver⸗ hindern, irgend einen Angriff auf Napoleon zu un⸗ ternehmen, wenn der Kaiſer gegen alles Erwarten eine Hauptſchlacht liefern follte. Da endlich Grou⸗ chy glauben mußte, die ganze auf 80,000 Mann ge⸗ ſchaͤtzte preußiſche Armee vor ſich zu haben, ſo wuͤrde es ihm unmoͤgiich geweſen ſeyn, von einer nur 32,000 Mann ſtarken Armee ein betraͤchtliches De⸗ tachement zum Beiſtand Napoleons abzuſenden, —,—— —,—.— C 4⁵ und wenn er ſich mit ſo ungleichen Kraͤften in ei⸗ nen Kampf einließ, zeigte er ſich entſchloſſen, ihn auf Gefahr einer gaͤnzlichen Vernichtung hin zu wa⸗ gen.. Er begann jedoch den Angriff ohne alles Beden⸗ ken, und attakirte die preußiſche Linie, laͤngs der Dyle auf jedem zugaͤnglichen Punkte; bei Wavre, bei der Muͤhle Bielge, und bei dem Dorſe Limale. Die Angriffspunkte wurden von den Preußen unter Thielemann ſo hartnaͤckig vertheidigt, daß Grouchy blos jenen Theil von Wavre, der jenſeits der Dyle lag, erobern konnte. Um vier Uhr, als ſomit das Schickſal der Schlacht bei Waterloo beinahe ſchon entſchied n war, bekam Grouchy von dem Marſchall Soult die einzige Ordre, die ihn waͤhrend des gan⸗ zen Tages erreichte, ſo zu manduvriren, daß er auf der rechten Flanke beim Kaiſer eintraͤfe, und gab ihm zugleich die(falſche) Nachricht, daß die Schlacht auf der Linie von Waterloo gewonnen ſey. Ein Poſt⸗ ſcript benachrichtigte Grouchy, daß Buͤlow ſich auf der rechten Flanke von Napoleon zeige, und er die Preußen, wenn er ſich beeilte, in flagranti treffen wuͤrde. Dieſe Ordern waren hinlaͤnglich verſtaͤndig; al⸗ lein zwei Dinge bedurfte er zu ihrer Ausfuͤhrung. Fuͤrs Erſte mußte er ſich ſeines Gegners Thielemann entledigen, mit dem er ſin heftigem Kampfe lag, und der nicht verfehlt haben wuͤrde, den franzoͤſiſchen Marſchall zu verfolgen, wenn ſich dieſer zuruͤck oder an ſeiner linken Flanke hinzog, ohne ihn geworfen zu haben. Zweitens mußte er nothwendig den klei⸗ nen Fluß Dyle paſſiren, der von Thielemanns Di⸗ viſion vertheidigt wurde, da der Weg durch die Wal⸗ dung von Chapelle Lambert derjenige war, auf dem er ſeinen Marſch gegen Waterloo am beſten bewerk⸗ ſtelligen konnte. Grouchy verdoppelte ſeine Anſtreng⸗ ungen, die Dyle zu forciren; allein es gelang ihm erſt gegen Nacht, und auch dieß nur theilweiſe; denn die Preußen behaupteten die Muͤhle von Bielge und blieben in Kanonenſchußweite von Grouchy's Poſi⸗ tion. 5 Am Morgen wuͤnſchte der Marſchall angelegent⸗ lich, etwas Beſtimmtes uͤber das Schickſal von Na⸗ poleon zu erfahren, obgleich er nach dem Brieſe Soult's ihn ſiegreich glaubte, und ſandte Rekognos⸗ zirungspatrouillen aus. Als er den wahren That⸗ beſtand erfuhr, begann er einen Ruͤckzug, den er mit ſolcher Geſchicklichkeit leitete, daß er, obgleich hitzig verfolgt von den Preußen, die damals ſchon alle ſtegestrunken waren, ungeachtet bedeutender Ver⸗ luſte, ſein Korps ungeſprengt unter die Mauern von Paris zuruͤckfuͤhrte. Wenn man alle dieſe Umſtaͤnde erwaͤgt, ſo ergiebt ſich, daß Napoleon auf Grouchy s Huͤlfe nicht rechnen konnte, noch viel weniger dieſen General tadeln durfte, daß er ihm nicht zu Huͤlfe kam, weil er die empfangenen Ordern aufs Gewiſ⸗ —,— 42 ſenhafteſte befolgte; und als Grouchy um 4 Uhr, wo er die preußiſche Arriergarde haͤtte angreifen und verfolgen ſollen, durch Soult die Weiſung bekam, auf Buonaparte's rechtem Fluͤgel einzutreffen, lag er in hitzigem Kampfe mit Thielemann, den er noth⸗ wendig beſiegen mußte, ehe er uͤber die Dyle ſetzen und die beabſichtigte Vereinigung bewerkſtelligen konnte. Die Bewegung Bluͤchers war ſomit ein Meiſter⸗ ſtuͤck von Muth und Geſchicklichkeit, da der Felbinar⸗ ſchall eine Diviſion ſeiner Armee zuruͤckließ, um ge⸗ gen Grouchy einen Scheinangriff zu machen, ſelbſt aber mit den drei andern in der Seitenbewegung durch den Wald von Saint Lambert fortruͤckte, wo⸗ durch er Napoleon mit Wucher eine Schuld abtrug fuͤr eine aͤhnliche Bewegung, die den Affairen von Champeaubert und Montmirail im Jahre 1814 vor⸗ angieng.. 331 Derſelbe Plan, der Bluͤcher in Bewegung ſetzte, erforderte, daß der Herzog Wellington ſeine Poſition behauptete, indem er ſich blos auf die Defenſive be⸗ ſchraͤnkte. Da die Englaͤnder ihr Terrain auf jede Gefahr hin behaupten mußten, ſo konnten ſie auch durch keine Verſuchung theilweiſen Erfolges vermocht werden, vorzuruͤcken. Jeder Schritt, den ſie die Fran⸗ zoſen vor der Ankunft der Preußen zu uͤckgedraͤngt haͤtten, wuͤrde, wie es ſich ergab, ein Nachtheil gewe⸗ ſen ſeyn; weil der Feind nicht durth die Anſtreng⸗ 48 ungen der Englaͤnder allein geſchlagen werden ſollte, die ihn nach der Stellung der beiden Armeen blos abtreiben konnten; ſie mußten ihn vielmehr in der Stellung von La Belle Alliance ſo lang hinhalten, bis Bluͤchers Armee eintraf. Wenn Napoleon daher dem Benehmen des Herzogs von Wellington am 18. Juni Vorwuͤrfe macht, daß er waͤhrend der Aktion nicht manduvrirte, ſo ruͤckt er ihm gerade einen Um⸗ ſtand als Fehler vor, der den Sieg des Tages ſo entſcheidend machte. Er wurde ſelbſt in eine Poſi⸗ tion gelockt und darin hingehalten, bis ſein Verder⸗ ben unvermeidlich ward. Es war eine Lieblingsbehauptung beinahe aller franzoͤſiſchen und auch einiger engliſchen Schriftſtel⸗ ler, daß die Englaͤnder auf dem Punkte waren, be⸗ ſiegt zu werden, als die preußiſche Armee ankam. Im Gegentheil, die Franzoſen hatten angegriffen und die Britten widerſtanden von 11 Uhr bis bei⸗ nahe 7 Uhr; und obgleich die Schlacht ſehr blutig war, hatten die erſtern keinen Vortheil, als den Be⸗ ſitz des Waldes von Hougoumont und der Maierei La Haye Sainte, gewonnen, und bald wieder verlo⸗ ren. Baron Muffling giebt das ausfuͤhrlichſte Zeug⸗ niß dahin ab,„daß die Schlacht fuͤr den Feind, auch im Fall die Preußen nicht gekommen waͤren, kein guͤnſtiges Reſultat geliefert haͤtte.“ Er war ein Au⸗ genzeuge, ein unpartheilſcher Richter, und ohne Zwei fel willens, den von ſeinen Landsleuten bei dieſer denkwuͤr⸗ —x— 49 denkwuͤrdigen Gelegenheit, wobei er einen bedeuten⸗ den perſoͤnlichen Antheil genommen, erworbenen Ruhm ſo hoch zu preißen, als Ehre und Wahrheit es geſtatten. Zur Zeit, als Napoleon die letzte An⸗ ſtrengung machte, waren Buͤlow's Truppen allerdings ſchon auf dem Schlachtfelde angekommen; allein ſie hatten weder einen phyſiſchen Eindruck durch ihre Waffen, noch einen moraliſchen durch ihr Erſcheinen hervorgebracht. Napoleon kuͤndigte allen ſeinen Gar⸗ den, welche er zu dieſer ſchließlichen Kraftanſtreng⸗ ung geſammelt und aufgeſtellt hatte, an, daß die Preußen, welche ſie ſaͤhen, von den Franzoſen unter Grouchy aufs Hitzigſte verfolgt wuͤrden. Er ſelbſt glaubte dieß vielleicht; denn Grouchy's Kanonade, den man anderthalb Stunden entfernt glaubte, der aber beinahe 3 Stunden entfernt war, wurde ganz deutlich gehoͤrt; und einige aus Napoleons Gefolg ſahen den Rauch von den Hoͤhen uͤber Wavre. „Die Schlacht iſt gewonnen,“ ſagte er,„wir muͤſſen die engliſche Poſition forciren und ſie auf die Deſi⸗ lee's zuruͤckwerfen. Allons! la garde en avant!“*) *) Er gab dieſelbe Erklärung, als er am Bord des Northum⸗ berland war. General Gourgaud hatte unrichtig angegeben, daß der Kaiſer das Korps Bülow's für Grouchy's genommen habe. Napoleon erklärte, daß dieß nicht der Fall war, daß er vielmehr denjenigen Preußen, die er anſichtig geworden, eine hinlängliche Macht entgegengeſtellt und geſchloſſen habe, Grouchy ſey ihnen auf der Flanke und dem Rücken dicht auf dem Leibe. W. Scott's Werke⸗ LXIII. 4 50 Demnach unternahmen ſie am Abend den Angriff, wo ſie gaͤnzlich zuruͤckgeſchlagen, auf und uͤber ihre eigene Poſition zuruͤckgejagt wurden. So hatte Na⸗ poleon, noch ehe die Preußen in ernſthaften Kampf kamen, ſein Aeußerſtes gethan, und kein Korps war, außer den vier Baraillons alter Garde, in Ordnung geblieben. Man kann daher nicht ſagen, daß unſere Alliirten der brittiſchen Armee Schutz gegen einen Feind gewaͤhrten, der voͤllig aufgeloͤßt war; die Preu⸗ ßen verdienen aber Dank von Großbritannien und ganz Enropa fuͤr das edle und heldenmuͤthige Vertrauen, wo⸗ mit ſie auf ſo vielfaches Riſikozum Kampfe herbeizogen, und fuͤr die Thaͤtigkeit und den Eifer, womit ſie den Sieg vervollſtaͤndigten. Es wird allgemein anerkannt, daß die engliſche Armee, erſchoͤpft durch einen ſo lan⸗ gen Kampf von der Unordnung in den Reihen ihrer Feinde bei deſſen Schluß keinen Nutzen haͤtten zie⸗ hen koͤnnen; waͤhrend dagegen nichts uͤber die Ge⸗ ſchicklichkeit und Schnelligkeit gieng, mit der die Preu⸗ ßen die Verfolgung durchfuͤhrten. Die Lorbeern der Schlacht bei. Waterloo muͤſſen getheilt werden,— die Englaͤnder gewannen die Schlacht, die Preußen vollendeten den Sieg, indem ſie die daraus entſprun⸗ genen Vortheile verfolgten*). *) Baron Mufflings Bemerkung über die brittiſche Armre Imſg g unſern Leſer intereſſiren:—» Es giebt viein eicht in ganz Europa keine Armee, die der engliſchen in offener Schlacht. überlegen iſt, d. h. keine Armee, bei der die meutgriſche⸗ loise, etc. sous les barmée Prussienne 51 Inſtruktion ſo gänzlich und ausſchließlich anf dieſen Punkt gerichtet iſt. Der engliſche Soldat iſt ſtark gebaut und wohl genayrt, und die Natur hat ihn mit viel Muth und Uner⸗ ſchrockenheit begabt, er iſt an ſtrenge Disriplin gewonnt, und ſehr gut bewaffnet. Die Infanrerie beſteht mit großem Selbſtvertrauen den Angriff der Kavallerie, und zeigt mehr Gleichmuth, als irgend eine andere europäiſche Armee, wenn ſie in der Flanke oder im Rücken angegriffen wird. Dieſe Eigenſchaften erklären auch, warum die Engländer in offenem Felde niemals beſiegt wurden, ſo lange ſie unter dem Ober⸗ befeyl des Herzogs von Wellington ſtanden. „Auf der andern Seite giebt es auch keine Truppen in Europa, die weniger als die Engländer im kleinen 5 Krieg und in Scharmuzeln erfahren ſind; aus dem einfachen Gr unde, weil ſie auf dieſe Art pon Felddienſt nicht eingeübt werden. Die engliſche Armee in Spanien bildete die ſtehende Macht, um welche ſich Spanier und Yortugietzen ſammelten Der Herzog von Weuington handelte weiſe, wenn er ſeine eng⸗ lüſchen Truppen für regelmaf chlachten reſerdirte, und im ner di Art Krieg zu führen beibehielt. „Wenn auf der einen Seite ein Land beneidenswerth iſt, das eine Armee veſitzt, die aus lauter Grenadiers beſteht⸗ ſo wird auf der ansern Seite dieſe Armee ſehr im Nach⸗ theil ſeyn, wenn ſie vone anderweitigen Beiſtand gegen einen geſchickten General ſich ſchlagen mußz der auf ihre Kampf⸗ weiſe ſich verſteht, und es veryindern kan anders, als auf günſtigem Terrain ſich gegen ſie in eine kaſſen. Es laßt ſich jedoch annehmen, daß die Ena rlän r auf dem Feſtlande ſelten ohne Alltirte Krieg führen werden, und ihr ganzes Syſtem ſcheint ſich auf dien Princiv gegrün hapben Eine ſolche Armee wie die engliſche iſt für diejeni⸗ gen, welche in Gem inſchaft mit ihr agtren, von dem vöch⸗ ſten Werthe; da es fur die mn erne Kriegskunſt die ſchwie⸗ rigſte Aufgabe iſt, eine Armee fur reaelme hiae plachten zu vilden Der Bgron zunt nver den Punkt noch in einer Note bei, die Vork re Erdrheile — Eivifiſätton mit uns ſtehen, geben Z uaniß r. Die meiſten von ih⸗ nen verſtehen ſich beſſer daraut ais die Enropärr, Mann ge⸗ gen Mann zu fechten; anein ſe bringen es nie dahin, uns eine Schlucht abzugewinnen Die Disciylin, im ganzen Um⸗ fange des Worts, ſt eine Frucht der uttlichen und retigib⸗ ſen Bildung.”““ Histgire de ſja Campagne de Armée Ang. Duc de-Wehington, et de ordres s Ordres du Prince Blucher ds Wahlstadt, 1 1813. Par. 6. de 10. Stuttgart et Tubingue, 1817. 4 bewohnen, und nicht auf erſolb 52 Zweites Kapitel. Napoleons Ankun ft in Paris.— Die beiden Kammern verſam⸗ meln ſich, und faſſen Beſchlüſſe, die den Wunſch andeuten, Na⸗ poleon möchte abdanken.— Buonaparte hält großen Rath.— Fouchs übergiebt den Repräſentanten Napoleons Abdankung, welche die Bedingung eeſtſetzt, daß ſein Sohn ihm in der Regie⸗ rung nachfolgen ſoll.— Uebertriebener Bericht, den Carnot der Pairskammer, von den Vertyeidigungsmittein des Königreichs abſtattet.— Ney widerſpricht ihm.— Stürmiſche Debatte in der Pairskammer über die Entſagungsacte.— Beide Kammern wei⸗ chen der förmlichen Anerkennung Napoleons des Zweiten aus. — Es wird eine proviſoriſche Regierung errichtet.— Napoleon wird gebeten, ſich nach Malmaiſon zurückzuziehen.— Das An⸗ erbieten ſeiner Dienſte zur Vertheidigung von Paris wird abge⸗ lehnt.— Er wird unter die Aufſicht des Generals Becker ge⸗ ſtellt.— In Rochefort werden Anſtalten zu ſeiner Abreiſe nach den Vereinigten Staaten getroffen.— Er kommt am zten Juli in Rochefort an.— Die proviſoriſche Regierung bemüht ſich um⸗ ſonſt, mit den Verbündeten zu unterhandeln oder die Franzoſen zum Widerſtande anzufeuern.— Die Verbündeten rücken gegen Paris vor und ziehen, nach Abſchließung eines Waffenſtillſtandes am 7ten Juni daſelbſt ein.— Die Pairskammer geht auseinan⸗ der, und die Mitglieder der andern Kammer finden den Sitzungs⸗ ſaal verſchloſſen.— Ludwig der Achtzehnte zieht am 8ien Juli wieder in Paris ein.— Betrachtungen über dieſe zweite Reſtau⸗ ration der Vourbons. So groß auch die unmittelbaren Folgen der Schlacht von Waterloo waren, da ſie den gaͤnzlichen Verluſt des Feldzugs und die voͤllige Vernichtung „ 53 der ſchoͤnen Armee Napoleons nach ſich zog, ſo wa⸗ ren doch die entfernteren Ereigniſſe, die aus ihr ent⸗ ſprangen, noch wichtiger, daß man zweifeln kann, ob je in der civiliſirten Welt eine große Schlacht ge⸗ ſchlagen wurde, die ſo viele und ſo außerordentliche Reſultate herbeifuͤhrte. Der Theil des franzoͤſiſchen Heers, der aus der Schlacht von Waterloo entkam, floh in der furchtbar⸗ ſten Unordnung nach den franzoͤſiſchen Grenzen. Na⸗ poleon ſelbſt ſetzte ſeine Flucht von Charleroi, in deſ⸗ ſen Naͤhe er zuerſt Halt gemacht hatte, fort und eilte nach Philippeville. Von dieſem Punkte wollte er, ſagte man, ausgehen, um ſich an die Spitze des von Grouchy befehligten Heers zu ſtellen. Allein da keine Truppen irgend einer Art zuſammengezogen worden waren, und die preußiſchen Verfolger Char⸗ leroi faſt augenblicklich beſetzt hatten, ſo entſtand das Geruͤcht, die Diviſion ſey aufgerleben und Grou⸗ chy ſelbſt zum Gefangenen gemacht worden. Napo⸗ leon ſetzte daher ſeinen Ruͤckzug fort, und hinterließ den Befehl— der jedoch nicht befolgt wurde— die Truͤmmer des Heers ſollten in Avesnes verſammelt werden. Soult konnte blos einige tauſend Mann in der Naͤhe von Laon zuſammenbringen. Inzwi⸗ ſchen hatte Napoleon, auf der Poſt reiſend, Paris erreicht und die Nachricht ſeiner eigenen Niederlage dahin gebracht. Am 19ten Juni war die Hauptſtadt durch den 54 Donner von hundert Kanonen, die den Sieg bei Ligny verkuͤndeten, betaͤubt worden, und die oͤffent⸗ lichen Blaͤtter hatten prahleriſche Berichte von die⸗ ſem Treffen, von der Erſtuͤrmung des Uebergangs uͤber die Sambre, von dem Gefechte bei Charleroi und der Schlacht von Quatre⸗Bras gellefert. Die Kaiſerlichgeſinnten waren hoch erfreut, die Republi⸗ kaner mißtrauiſch und die Royaliſten niedergeſchla⸗ gen. Am Morgen des ziſten, den dritten Tag nach der unheilvollen Schlacht, ſtuͤſterte man ſich zuerſt zu und ſagte dann offen, Napoleon fey in der verfloſſe⸗ nen Napt allein von dem Heere zuruͤckgekehrt und befinde ſich jetzt im Palaſte Bourbon⸗Eliſée. Die unheilvoll Wahrheit wurde bald ruchbar— er hatte eine furchtbare und entſcheidende Hauptſchlacht ver⸗ loren und das franzoͤſiſche Heer, das die Hauptſtadt ſo voll Zuverſicht, Hoffnung, Stolz und Entſchloſſen⸗ heit verlaſſen hatte, war gaͤnzlich aufgerieben. Man hat viele Gruͤnde dafuͤr angefuͤhrt, daß Napoleon bei dieſer Gelegenheit nicht bei ſeinem Heere blieb, und ſich wenigſtens nicht bemuͤhte, es ein wenig zu reorganiſiren; allein das Geheimniß ſcheint durch ſeine Furcht vor der Partei der Repub⸗ likaner und Conſtitutionellen in Paris erklaͤrt wer⸗ den zu muͤſſen. Er muß ſich erinnert haben, daß ihm Foucheè und andere von dieſer Partei, ſelbſt ehe er ſich an die Spitze ſeines Heers ſtellte, gerathen hatten, Frankreichs Elend durch ſeine Thronentſagung 55 zu beenden. Er ſah ein, daß ſie nicht anſtehen wuͤr⸗ den, in der Stunde ſeiner Schwaͤche von ihm zu verlangen und zu erzwingen, was ſie ihm im Augen⸗ blick ſeiner Staͤrke vorzuſchlagen gewagt hatten, und 1 daß die Kammer der Repraͤſentanten ſich durch die Lesſagung von ihm Frieden zu verſchaffen ſuchen wuͤrde.„Man weiß,“ ſagt ein bereits angefuͤhrter Schriftſteller, der ſeinem Ruhme guͤnſtig iſt,„daß Napoleon nach den Unfaͤllen des ruſſiſchen Feldzugs ſagte, er wolle die Pariſer durch ſeine Gegenwart in Beſterzuns ſetzen und wie ein Donnerkeil unter ſie fallen. Allein es giebt Dinge, die blos deßwegen gelingen, weil ſie noch nie zuvor gethan worden ſind, und die aus dieſem Grunde nie wieder verſucht wer⸗ den ſollten. Seine fuͤnfte Flucht von ſeinem Heere hatte die Folge, daß alle, die ihm ſein Ungluͤck ver⸗ ziehen haben wuͤrden, aber von ihm verlangten, er ſolle ſich zuerſt wieder von dem Schlage aufrichten, von ihm und ſeiner Sache gaͤnzlich abfielen.“*) Es war ein merkwuͤrdiges Kennzeichen der oͤf⸗ fentlichen Stimmung in Paris, daß auf die Nach⸗ richt von dieſem grauenvollen Unglaͤcke die National⸗ fonds, unmittelbar nachdem der erſte Stoß der trau⸗ rigen Kunde voruͤber war, d. h. ſobald man Zeit ge⸗ habt hatte, die wahrſcheinlichen Folgen des Siegs der Verbuͤndeten in Erwaͤgung zu ziehen, ſtiegen. *) Briefe aus Paris, geſchrieben während Napoleons letzter Regierung. 56 Es ſchien, als ob der oͤffentliche Kredit in Folge je⸗ der, wenn auch in anderer Hinſicht noch ſo traurigen Nachricht, welche Napoleons Regierung zu verkuͤrzen ſchien, wieder auflebe. Napoleon taͤuſchten ſeine Ahndungen nicht. Es lag am Tage, daß die Jakobiner, ſo unterwuͤrfig ſie gegen den Starken waren, eben ſo fuͤhllos gegen den Schwachen ſeyen. Sie ſahen ein, daß eine guͤnſtige Gelegenheit da war, ſeiner los zu werden, und ver⸗ hehlten ihren Vorſatz nicht, ſie zu benuͤtzen. Die beiden Kammern verſammelten ſich in aller Eile. Lafayette redete die Kammer der Repraͤſen⸗ tanten als ein alter Freund der Freiheit an, ſprach von den traurigen Geruͤchten, die im Umlauf waren, und lud die Mitglieder ein, ſich unter die dreifar⸗ bige Fahne der Freiheit, der Gleichheit und der oͤf⸗ fentlichen Ordnung, durch die Annahme von fuͤnf Beſchluͤſſen, zu verſammeln. Der erſte Beſchluß er⸗ klaͤrte, daß die Unabhaͤngigkeit der Nation bedroht ſey. Der zweite erklaͤrte die Sitzungen der Kam⸗ mern fuͤr permanent, und ſprach die Strafe des Hoch⸗ verraths gegen Jeden aus, der es wagen wuͤrde, ſie aufzuloͤſen. Der dritte beſagte, daß die Truppen ſich um ihr Vaterland wohl verdient gemacht haͤtken. Der vierte rief die Nationalgarde auf. Der fuͤnfte lud die Miniſter ein, in der Verſammlung zu er⸗ ſcheinen.— Dieſe Vorſchlaͤge zeugten von der Beſorgniß der 57 Kammer der Repraͤſentanten, ſie moͤchte zum zwei⸗ ten Mal durch eine bewaffnete Macht aufgeloͤst wer⸗ den, und kuͤndigten zu gleicher Zeit ihren Vorſatz an, ſich, ohne weitere Ruͤckſicht auf den Kaiſer, an die Spitze der Geſchaͤfte zu ſtellen. Sie wurden insgeſammt angenommen, der vierte, in Betreff der Nationalgarde, der als vorſchnell betrachtet wurde, ausgenommen. Regnault⸗de⸗St.⸗Jean⸗d'⸗Angely verſuchte ein Bulletin vorzuleſen, das einen unvoll⸗ kommenen und unzuſammenhaͤngenden Bericht von den Vorfaͤllen an der Grenze lieferte; allein die Ab⸗ geordneten erhoben ein Geſchrei und verlangten die Gegenwart der Miniſter. Endlich, nach Verfluß von drei oder vier Stunden, traten Carnot, Caulaincourt, Dayouſt und Fouché mit Lucian Buonaparte in die Halle. Die Kammer verwandelte ſich in einen geheimen Ausſchuß, dem die Miniſter einen vollſtaͤndigen Be⸗ richt uͤber die unheilvolle Begebenheit mit der Be⸗ merkung abſtatteten, der Kaiſer habe Caulaincourt, Fouché und Carnot zu Bevollmaͤchtigten ernannt, um mit den Verbuͤndeten wegen des Friedens zu unter⸗ handeln. Die republikaniſche nMitglieder, und be⸗ ſonders Heinrich Lacoſte, erklaͤrten den Miniſtern unumwunden, ſie haͤtten keine Baſis zu Unterhand⸗ lungen, die in des Kaiſers Namen vorgeſchlagen wer⸗ den koͤnnten, da die verbuͤndeten Maͤchte Napoleon — der jetzt von mehr als einem Mitgliede in klaren 58. Ausdruͤcken als das einzige Hinderniß des Friedens bezeichnet wurde— den Krieg erklaͤrt haͤtten. Ein allgemeiner Beifall erſcholl aus allen Theilen des Saals und ließ Lucian nicht laͤnger im Zweifel, daß die Abgeordneten ihre Sache von der ſeines Bru⸗ ders zu trennen geſonnen ſeyen. Er ließ keine Kunſt der Verſohnung oder der Bitte unverſucht, und— wahrſcheinlich beredter in der Proſa als in der Poe⸗ ſie— berief er ſich auf ihre Liebe zum Ruhme, ihre. Großmuth, ihre Treue und die ſo kurz zuvor von ih⸗ nen geſchwornen Eide.„Wir ſind treu geweſen,“ erwiederte Lafavette.;„wir ſind Ihrem Bruder bis nach den Sandwuͤſten Aegyptens, bis nach den Schnee⸗ gefilden Rußlands gefolgt. Die unter jedem Him⸗ melsſtriche zerſtreuten Gebeine der Franzoſen ſind Zeugen unſerer Treue.“ Alle ſchienen ſich in der Meinung zu vereinigen, daß die Abdankung Napo⸗ leous eine unerlaͤßliche Maßregel ſey. Davouſt, der Kriegsminiſter, erhob ſich und entſagte unter Be⸗ theurungen jeder Abſicht, gegen die Freiheit oder Unabhaͤngigkeit der Kammer zu handeln. Dies hieß ſich der That nach auf ihre Seite ſchlagen. Es wurde hierauf ein Ausſchuß von fuͤnf Mitgliedern gewaͤhlt, um ſich uͤber die zu ergreiſenden Maßre⸗ geln mit den Miniſtern zu berathen. Selbſt die 9 letztern offiziellen Perſonen hielt man fuͤr keine war⸗ men Anhaͤnger des Kaiſers, obſchon ſie von ihm ſelbſt ernannt worden waren. Carnot und Fonché waren — 59 die natuͤrlichen Fuͤhrer der Volkspartei, und Cau⸗ laincourt ſtand, wie man vermuthete, in gleichguͤlti⸗ gem Vernehmen mit Napoleon, deſſen Miniſter da⸗ her das Intereſſe der Kammer vorzugsweiſe vor dem ſeinigen zu vertheidigen ſchienen. Lucian ſah, daß es mit der Gewalt ſeines Bruders ein Ende habe, wofern ſie nicht mit bewaffneter Hand behauptet werden koͤnne. Die Pairskammer mochte der kaiſer⸗ lichen Sache geneigter ſeyn, allein ihre Conſtitutjen verlieh ihr ſo wenig Vertrauen auf ſich ſelbſt, als Einfluß auf das Publikum. Sie nahm die drei er⸗ ſten Beſchluͤſſe der Repraͤſentantenkammer an, und ernannte einen oͤffentlichen Sicherheitsausſchuß. Die Art des Betragens, welche die Abgeordne⸗ ten zu befolgen gedachten, war jetzt klar; ſie hatten das Opfer, das ſie von Napoleon verlangten, und das in nichts Geringerem, als in der Niederlegung ſeiner Krone beſtand, ausgeſprochen und genannt. Es blieb nur noch zu wiſſen uͤbrig, ob der Kaiſer ſich zum Widerſtande entſchließen, oder ſich dieſer Anma⸗ ßung unterwerfen werde. Wenn da, wo beide Theile in einem ſo hohen Grade Unrecht hatten, ein Rechts⸗ punkt Statt finden konnte, ſo lag er ſicherlich auf Napoleons Seite. Eben dieſe Abgeordneten waren durch freie Einwilligung, in ſoweit Eide und Ver⸗ pflichtungen die Menſchen binden koͤnnen, ſeine Un⸗ terthanen, in ſeinem Namen zuſammenberufen, und hatten nur in ſofern eine politiſche Exiſtenz, als ſie 60 ein Theil ſeiner neuen conſtitutionellen Regierung waren. So groß auch ſeine Fehler gegen das fran⸗ zoͤſiſche Volk ſeyn mochten, ſo hatte er doch keine gegen dieſe Mitſchuldigen ſeiner Uſurpation began⸗ gen, und ſie waren auf keine andere Art Geſetzge⸗ ber, als er ihr Kaiſer. Ihr Recht, ihn in ſeinem Ungluͤck zu verabſchieden und mit Fuͤßen zu treten, beſtand einzig und allein darin, daß ſie die Macht in Haͤnden hatten, dies zu thun; und die Eile, die ſie zeigten, ſich dieſer Macht zu bedienen, machte ihrer Treue eben ſo wenig Ehre, als ihrer Großmuth. Zu gleicher Zeit aber verliert ſich unſer Mitleid fuͤr gefallene Groͤße in dem Gefuͤhle jener Gerechtigkeit, welche die Gehuͤlfen eines Uſurpators zu den bereit⸗ willigſten Werkzeugen feines Sturzes macht. Als Buonaparte nach Paris zuruͤckkehrt, berlef er zuerſt Carnot zu ſich, und verlante, in ſeinem gewohnten gebieteriſchen Tone, eine gleichbaldige Geldhuͤlfe aus dem Staatsſchatze und eine Aushe⸗ bung von 300,000 Mann. Der Miniſter antwortete, daß er weder das eine noch das andere haben koͤnne. Napoleon lud hierauf Maret, den Herzog von Baſ⸗ ſano, und andere vertraute Perſonen ſeines Hofes zu ſich. Als aber ſeine buͤrgerlichen Rathgeber von Vertheidigung ſprachen, ſo entriß ihm dieſes Wort den bittern Ausruf:„Achl meine alte Garde!“— ein trauriges Geſtaͤndniß, daß der millitaͤriſche Herrſcher⸗ ſtab, das beſte Sinnbild ſeiner Gewalt, in ſeiner — —yʒ— 61 Hand zerbrochen war. Luckan drang in ſeinen Bru⸗ der, ſeine Macht durch Waffengewalt zu behaupten und die Kammern aufzuloͤſen; allein Napoleon, der die Wahrſcheinlichkeit vorausſah, daß die National⸗ garde die Partei der Volksvertreter ergreifen wuͤrde, lehnte eine ſo gewagte Handlung ab. Davouſt wurde jedoch in Betreff ſeiner Bereitwilligkeit, gegen die Kammern zu handeln, ausgeforſcht; allein er wei⸗ gerte ſich ausdruͤcklich, dies zu thun. Fouché ſpie⸗ gelte Napoleon die Hoffnung vor, mit der Gewalt eines Diktators bekleidet zu werden; allein er konnte dabei blos die Abſicht haben, ihn hinzuhalten. In⸗ zwiſchen kam die Nachricht von dem Reſultate der Sitzung der Abgeordneten, die ſich in einen geheimen Ausſchuß verwandelt hatten, an. Der Handſchuh war jetzt hingeworfen, und Na⸗ poleon mußte widerſtehen oder nachgeben, ſich fuͤr unumſchraͤnkt erklaͤren und die Kammer mit Gewalt aufloͤſen, oder ſeine ſo kaum erſt wieder uͤbernom⸗ mene Macht niederlegen. Als Lucian ihn noch un⸗ entſchloſſen fand, trug er kein Bedenken, zu ſagen, der Rauch der Schlacht von Mont⸗Saint⸗Jean habe ſein Gehirn zerruͤttet. In der That, ſein Benehmen in dieſer Kriſis war nicht das eines großen Mannes. Er wagte es weder, die verzweifelten Maßregeln zu ergreifen, die ſeine Macht auf eine kurze Zeit haͤt⸗ ten erhalten koͤnnen, noch konnte er ſich zu dem wuͤr⸗ devollen Schritte einer anſcheinend freiwilligen Thron⸗ entſagung entſchließen. Er bielt an dem feſt, was ihm nicht laͤnger nuͤtzen konnte, gleich dem beſtuͤrz⸗ ten Verbrecher, dem es an Muth gebricht, ſeinem Schickſale durch eine freiwillige Anſtrengung entge⸗ gen zu gehen, und der deßwegen durch die Hand des Scharfrichters vom Blutgeruͤſte herabgeſtoſſen werden muß. Buonaparre hielt in der Nacht des z1ſten eine Art von großem Nath, dem alle Miniſter, der Praͤ⸗ ſident und vier Mitglieder der Pairskammer, der Praͤſident und vier Vicepraͤſidenten der Rexrafentan⸗ tenkammer, nebſt andern offtzlellen Perſonen und Staatsraͤthen beiwohnten. Der Kaiſer ſchilderte in dieſer Verſammlung den Zuſtand der Nation und verlangte ihren Rath. Regnault(der gewoͤhnlich der kaiſerliche Sprecher war) unterſtuͤtzte den Vortrag des Kaiſers und ſchlug vor, Maßregeln zu ergreifen, um die Reihen des heldenmuͤthigen Heers durch neue Helden zu ergaͤnzen, und dem„erſtaunten Ad⸗ ler,“ wie er ſich gluͤcklich ausdruͤckte, Huͤlfe zu brin⸗ gen. Er ſtimmte daher dafuͤr, daß die Kammern einen Aufruf an die franzoͤſiſche Tapferkeit ergehen laſſen ſollten, waͤhrend der Kalſer„auf die feſteſte und wuͤrdevollſte Art“ wegen des Friedens unterhan⸗ deln wuͤrde. Lafayette war der Meinung, Frankreichs Bedraͤngniſſe wuͤrden durch Widerſtand nur noch ver⸗ groͤßert werden. Die Verbuͤndeten haͤtten beim Be⸗ ginnen des Kriegs gelobt, ein beſonderes Opfer zu 63 verlangen; und es ſey keine Wahrſcheinlichkeit vor⸗ handen, daß ſie nach dieſem entſcheidenden Siege ihr Vorhaben auſgeben wuͤrden. Er ſah nur Ein Mit⸗ tel, von dem Lande einen verderblichen und blutigen Krieg abzuwenden, und uͤberließ es dem großen und edeln Geiſte des Kaiſers, daſſelbe ausfindig zu ma⸗ chen. Maret, Herzog von Baſſano, lange Zeit und ungluͤcklicherweiſe Buonaparte's vertrauteſter Freund — ungluͤcklicherweiſe, weiler(mehr Hoͤfling als Staats⸗ mann) nicht ſowohl darauf bedacht war, ihm Rath⸗ ſchlaͤge zu ertheilen, als ſeine Laune zu haͤtſcheln, entbrannte vor Unwillen bei dieſem Vorſchlage. Er trug auf ſtrenge Maßregeln gegen die Royaliſten und Mißvergnuͤgten— eine revolutionaͤre Polizei und revolutionaͤre Beſtrafungen an.„Haͤtte man,“ ſagte er,„ſchon fruͤher dazu ſeine Zuflucht genommen, ſo wuͤrde eine Perſon(wahrſcheinlich zielte er auf Fou⸗ ché), die mich gegenwaͤrtig hoͤrt, nicht uͤber das Un⸗ gluͤck ſeines Landes lachen, und Welligton nicht ge⸗ gen Paris vorruͤcken.“ Dieſe Rede wurde mit ei⸗ nem Ausbruche von Mißvergnuͤgen aufgenommen, den ſelbſt die Gegenwart des Kaiſers, in deſſen Sache Maret ſo heſtig war, nicht zu unterdruͤcken vermoch⸗ te; Geſchrei und Geziſch ubertaͤubten die Stimme des Sprechers. Carnot, der richtigere Anſichten von der miliraͤriſchen Staͤrke, oder vielmehr Schwaͤche Frankreichs in dieſem Augenblicke hatte, wuͤnſchte, ſo demokratiſch geſinnt er auch war, die Vortheile, 64 die Napoleons Talente gewaͤhren konnten, benuͤtzt zu wiſſen. Er ſoll geweint haben, als auf die Abdan⸗ kung gedrungen wurde. Lanjuinais und Conſtant unterſtuͤtzten Lafayette's Meinung. Allein der Kai⸗ ſer ſchien duͤſter, mißmuthig und unſchluͤſſig⸗ und die Verſammlung brach auf, ohne irgend einen Entſchluß gefaßt zu haben. Noch eine andere bange Nacht ward Napoleons Entſchluß verſchoben. Haͤtte die Nation, oder auch nur die Miniſter einmuͤthig beſchloſſen, ſich zu ver⸗ theidigen, ſo haͤtte Frankreich unſtreitig das letzte Kriegsgluͤck mit einiger Ausſicht fuͤr Napoleon, den Kampf fortzuſetzen, verſuchen koͤnnen; allein, wenn man bedenkt, in wie kurzer Zeit die Verbuͤndeten eine bewaffnete Macht von 800,000 Mann nach Frankreich brachten, ſo ſieht man nicht ein, wie ſein Widerſtand mit einem gluͤcklichen Erfolge haͤtte ge⸗ kroͤnt werden koͤnnen. Es waͤre ungerecht, Napoleon ein natuͤrliches Gefuͤhl der Uebel, welche die Nation durch einen ſolchen verlaͤngerten Kampf haͤtte erdul⸗ den muͤſſen, abzuſprechen, und gerne nehmen wir an, daß er nicht geneigt war, die ürſache des gaͤnzlichen untergangs des ſchoͤnen Landes zu werden, das er ſo lange regiert hatte, um ſeine Herrſchaft auf eine kurze Zeit zu verlaͤngern. Gleich den meiſten Men⸗ ſchen, die ſich in ſchwierigen Umſtaͤnden befinden, er⸗ hielt er weit mehr Rathſchlaͤge, als Anerbieten zur Huͤlfe. Der beſte Rath, der ihm ertheilt wurde, war vielleicht : 85 war vielleicht der eines amerikaniſchen Gentleman, der ihm rieth, ſich auf der Stelle in die nordameri⸗ kaniſchen Freiſtaaten zuruͤckzuziehen, wo er ſich zwar der koͤniglichen Vorrechte und Gebraͤuche, an denen er mehr hieng, als die Philoſophie gutheißt, nicht haͤtte erfreuen koͤnnen, allein jene allgemeine Achtung genoſſen haben wuͤrde, die ſeine glaͤnzenden Talente und die wunderbare ereignißvolle Gluͤcksbahn, die er durchlaufen hatte, ſo ſehr geboten. Allein hier, wie in Moskau, bildete er ſich zu lange keine beſtimmte Meinung; denn obſchon der Ungeſtuͤmm ſeiner Freunde und Gegner ihm die Entſagung abnoͤthigte, die von allen Seiten gefordert wurde, ſo war ſie doch mit Bedin⸗ gungen belaͤſtigt, die blos in der Hoffnung gemacht werden konnten, einen uͤberwiegenden Einfluß bei der Regierung zu behaupten, die auf die ſeinige fol⸗ gen ſollte. Am Morgen des ꝛz2ſten Juni, blos vier Tage nach der Schlacht von Waterloo, verſammelte ſich die Kammer der Abgeordneten um 9 Uhr Morgens, und bezeigte die groͤßte Ungeduld, die Entſagungs⸗ acte zu empfangen. Duchesne machte den Antrag, ſie ſolle ein fuͤr allemal von dem Kaiſer verlangt werden, als dieſe Art von Gewalt durch ſelne Nach⸗ giebigkeit unnoͤthig gemacht wurde. Sie wurde von Fouchs, deſſen Intriken in ſoweit mit einem gluͤckli⸗ chen Erfolge gekroͤnt wurden, uͤberreicht, und war in folgenden Worten abgefaßt:— W. Seott's Werke.lXIII. 5 66 „Franzoſen!— Als ich zur Erhaltung der Na⸗ tionalunabhaͤngigkeit Krieg anfing, baute ich auf die Vereinigung aller Kraͤfte, aller Willen und die Mit⸗ wirkung aller Nationalbehoͤrden. Ich hatte Urſache, einen gluͤcklichen Erfolg zu hoffen, und trotzte allen Erklaͤrungen der Maͤchte gegen mich. „Die Umſtaͤnde ſcheinen ſich mir geaͤndert zu haben. Ich biete mich ſelbſt dem Haſſe der Feinde Frankreichs als Opfer dar. Moͤgen ſie ſich aufrichtig in ihren Erklaͤrungen erweiſen, und ſie der That nach nur gegen meine Macht gerichtet haben! Mei⸗ ne politiſche Laufbahn iſt geendet, und ich rufe mei⸗ nen Sohn unter dem Titel Napoleon II. zum Kab⸗ ſer der Franzoſen aus. „Die gegenwaͤrtigen Miniſter werden proviſoriſch das Regierungsconſeil bilden. Der Antheil, den ich an meinem Sohne nehme, hewegt mich, die Kam⸗ mern einzuladen, unverzuͤglich die Regentſchaft durch ein Geſetz zu bilden. „Vereinigt Euch Alle zum Behuf des allgemei⸗ nen Beſten, und um eine unabhaͤngige Nation zu Mleiben. (Unterzeichnet) Napoleon.“ Da die republikaniſche Partei auf dieſe Art ei⸗ nen Sieg errungen hatte, ſo ſchlug ſie augenblicklich verſchiedene neue Entwuͤrfe zur Begruͤndung der Form einer Verfaſſung vor, die an die Stelle derienigen derte mit tiefer Ehrerbietung, daß die Kammer ihm 67 treten ſollte, die ſie genau drei Wochen zuvor, auf dem Maifelde beſchworen hatten. Dies wurde fuͤr ein wenig zu vorſchnell gehalten, und man beſchloß, ſich fuͤr den Augenblick damit zu begnuͤgen, eine pro⸗ viſoriſche Regierung zu ernennen, und die vollziehen⸗ de Gewalt des Staats fuͤnf Perſonen zu uͤbertragen, von denen zwei aus Buonaparte's Pairskammer, und drei aus der Kammer der Abgeordneten gewaͤhlt werden ſollten. Inzwiſchen ernannte die Kammer, um den ge⸗ buͤhrenden Anſtand gegen den vormaligen Kaiſer nicht aus den Augen zu laſſen, einen Ausſchuß, der ſich mit einer Dankaddreſſe zu ihm verfuͤgen ſollte, in der ſie jede Erwaͤhnung und Anerkennung ſeines Sohnes ſorgfaͤltig vermieden. Zum letzten Mal em⸗ pfing Napoleon den zur Ueberreichung der Adreſſe abgeordneten Ausſchuß in der kaiſerlichen Kle idung, und umgeben von ſeinen Staatsbeamten und Gar⸗ den. Er war blaß und nachdenkend, aber feſt und gefaßt, und hoͤrte die Lobſpruͤche, die ſie ſeiner pa⸗ triotiſchen Aufopferung ertheilten, mit ſteter Gleich⸗ guͤltigkeit an. Seine Antwort empfahl Einmuͤthig⸗ keit und eilige Vorkehrungen zur Vertheidigung; allein am Schluſſe erinnerte er ſie, daß ſeine Ab⸗ dankung bedingt ſey, und die Intereſſen ſelnes Soh⸗ nes betreffe. 4 Lanjuinais, der Praͤſident der Kammer, erwie⸗ o 68 in Betreff des Gegenſtandes, auf den Napoleon dringe, keine Inſtruktionen ertheilt habe.„Ich ſagte Ih⸗ nen,“ bemerkte er, an ſeinen Bruder Luclan ſich wendend,„ſie werden es nicht thun wollen, es nicht thun koͤnnen.— Sagen Sie der Verſammlung,“ ſagte er, ſich wieder an den Praͤſidenten wendend, „daß ich meinen Sohn ihrem Schutze empfehle; zu ſelnen Gunſten habe ich abgedankt.“ So wurde jetzt die Nachfolge Napoleons des Zweiten der Zankapfel zwiſchen dem abgedankten Kaiſer und den geſetzgebenden Koͤrpern. Sicherlich konnte die Anerkennung des Sohns Napoleons den Verbuͤndeten nicht erwuͤnſcht ſeyn; und der Einfluß, den Buonaparte und ſeine Freunde bei einer Re⸗ gentſchaft, wie ſich vorausſehen ließ, beidehalten mußten, war fuͤr alle in Frankreich, die ſich ihm bei ſeinem Kampfe widerſetzt hatten, ein ſtarker Be⸗ weggrund, ſich zu vereinigen, um ſeine Famlilie und Dynaſtie auf die Seite zu ſchaffen. An demſelben zaſten Junt fand ein ſonderbarer Auftritt in der Pairskammer Statt. Die Regierung hatte die Nachricht erhalten, daß der Marſchall Grou⸗ chy, den wir an den Ufern der Dyle, in der Naͤhe von Wavre, verließen, und der ſein Treffen mit gegenuͤber ſtand, auf die Nachricht vom Verluſte der Schlacht von Waterloo einen hoͤchſt geſchickten Ruͤck⸗ zug durch Namur bewerkſtelligt, ſich gegen verſchie⸗ Thielemann fortſetzte, dem er bis tief in der Nacht 69 dene Angriffe vertheidigt habe und endlich bis nach Laon gekommen ſey. Dieſe guten Nachrichten ermu⸗ thigten Carnot, der Kammer den glaͤnzenden Bericht abzuſtatten, daß Grouchy ſich an der Spitze eines unverſehrten Heers von 60,000 Mann(Grouchy's ganze Streitmacht bei Wavre belief ſich blos auf 32,000 Mann) befinde; daß Soult 20,000 Mann der alten Garde bei Mezieres zuſammenziehe; daß 10,000 Mann neuausgehobener Truppen aus dem Innern des Landes abgeſchickt worden ſeyen, um mit 200 Ka⸗ nonen zu der geſammten verſammelten Streitmacht zu ſtoßen. Ney, halb wahnſinnig, als er dieſe uͤbertriebenen Angaben hoͤrte, und erbittert uͤber das Unrecht, das ihm Napoleon in ſeinen Bulletins erwieſen, fuhr auf und ſprach wie ein Beſeſſener unter der Gewalt des Geiſterbeſchwoͤrers. Es lag eine ſorgloſe Verzweif⸗ lung in der Art, wie er dem Miniſter widerſprach. Er ſchien zu wuͤnſchen, die ganze Welt moͤchte mit ihm zu Grunde gehen.„Der Bericht,“ ſagte er, ulſt falſch— durchaus falſch. Wie mag man vor ei⸗ nem Augenzeugen der Unfaͤlle vom 18ten ſagen, daß wir noch 60,000 Mann in Reih und Gliedern ha⸗ ben? Grouchy hat noch zwanzig oder hoͤchſtens fuͤnf⸗ undzwanzigtauſend Mann. Maͤröe er an der Spitze einer groͤßern Macht geſtanden, ſo haͤtte er den Ruͤck⸗ zug decken koͤnnen, und der Kaiſer würde noch jetzt eine Armee an der Grenze haben. Nicht ein einzi⸗ ger Mann von der Garde wird ſich je wieder ſam⸗ 70 meln. Ich ſelbſt befehligte ſie— ich ſelbſt war Zeu⸗ ge ihrer gaͤnzlichen Vernichtung, ehe ich das Schlacht⸗ feld verließ— ſie iſt nicht mehr.— Der Feind ſteht mit 80,000 Mann bei Nivelles; er kann, wenn es ihm beliebt, in ſechs Tagen in Paris ſeyn.— Frank⸗ reichs einziges Hei lberuht nunmehr auf augenblick⸗ lichen Friedensvorſchlaͤgen.“ Als ihm General Fla⸗ hault widerſprach, wiederholte Ney ſeine unheilkuͤn⸗ dende Ausſage mit groͤßerer Heftigkeit; und endlich beruͤhrte er ploͤtzlich den Gegenſtand, den alle mein⸗ ten, aber noch keiner zu nennen gewagt hatte, und ſagte mit tiefer, aber deutlicher Stimme,—„Ja! ich wiederhole es— Euer einziger Ausweg iſt die Unterhandlung— Ihr muͤßt die Bourbons zuruͤckru⸗ fen; und was mich betrifft, ſo werde ich mich in die vereinigten Staaten zuruͤckziehen.“ Die bitterſten Vorwuͤrfe wurden wegen dieſes letztern Ausdrucks auf Ney gehaͤuft. Lavalette und Carnot beſonders wurden gegen ihn entruͤſtet. Ney antwortete denen, welche ſein Betragen tadelten, mit finſterer Verachtung:„Ich bin keiner von jenen, de⸗ nen ihr Intereſſe Alles gilt; was kann ich durch Lud⸗ wigs Reſtauration anders gewinnen, als daß ich we⸗ gen Deſertion erſchoſſen werde? Allein ich muß, um des Vaterlandes willen, die Wahrheit ſagen.“ Tief praͤgte ſich dieſer ſonderbare Auftritt den Gemuͤthern denkender Maͤnner ein, die ſich in der Folge veran⸗ laßt ſayen, die ſpaͤtern hochklingenden Entſchluͤſſe und — 71 laͤrmenden Debatten der Kammern als leeres, mit dem Zuſtande der Huͤlfsquellen der Nation in keinem Verhaͤltniſſe ſtehendes Geraͤuſch zu betrachten. Auf dieſe Eroͤrterung uͤber den Zuſtand der Ver⸗ theidigungsmittel folgte in der Pairskammer nach der Ableſung der Entſagungsacte eine andere, die kaum minder ſtuͤrmiſch war. Lucian Buonaparte brachte die Frage uͤber die Nachfolge Napoleons II. in Anregung, und drang auf die augenblickliche An⸗ erkennung ſeines Neffen, in Gemaͤßheit der Beſtim⸗ mungen der Verfaſſung. Der Graf von Pontecou⸗ lant unterbrach den Redner und fragte, mit welchem Rechte Lucian, ein italieniſcher Prinz und Fremd⸗ Ung, ſich anmaße, einen Souverain fuͤr das franzoͤ⸗ ſiſche Reich zu ernennen, in welchem ihm ſelbſt nicht einmal die Vorrechte eines Eingebuͤrgerten zukaͤmen. Auf dieſen Einwurf, der ſicherlich ſonderbarer Art iſt, da er von Lippen floß, die zweiundzwanzig Tage zuvor einer Verfaſſung Treue geſchworen hatten, die Lucian nicht blos als einen Buͤrger, ſondern auch als einen Prinzen vom koniglichen Gebluͤte Frankreichs anerkannte, antwortete Lucian, er ſey vermoͤge ſeiner Geſinnungen und kraft der Geſetze ein Franzoſe. Pontecoulant ſprach hierauf gegen die Anmuthung, ein Kind, das in einem andern Koͤnigreich ſich auf⸗ halte, als Souverain anzuerkennen, und als La Be⸗ doyere die Unſchluͤſſigkeit der Verſammlung bemerk⸗ te, fuhr er auf, und legte in wuͤthender Aufwallung 7² dieſelbe blinde Anhaͤnglichkeit an Napoleon an den Tag, die ihn angetrieben hatte, das Beiſpiel des Abfalls in Grenoble zu geben. „Der Kaiſer,“ ſagte er,„hat blos zu Gunſten ſeines Sohnes abgedankt. Seine Entſagung iſt null und nichtig, wenn ſein Sohn nicht augenblicklich zu einem Nachfolger ausgerufen wird. Und wer ſind die, die ſich dieſem edeln Entſchluſſe widerſetzen? Diejenigen, die ſich ſtets zu Gunſten des Kaiſers, ſo lange ihn das Gluͤck beguͤnſtigte, ausſprachen; die in ſeinem Ungluͤcke von ihm flohen, und ſich bereits beeilen, ſich unter das Joch der Auslaͤnder zu beu⸗ gen. Ja,“ fuhr diefer ungeſtuͤme junge Mann fort, ſeine Rede durch die heftigſten Geberden unterſtuͤ⸗ tzend, und das Murren der Verſammlung durch den lauten Schall ſeiner Stimme uͤberwaͤltigend,„wenn Sie ſich weigern, den kaiſerlichen Prinzen anzuer⸗ kennen, ſo erklaͤre ich, daß Napoleon ſein Schwert wieder ziehen— wieder Blut vergießen muß. Au der Spitze der tapfern Franzoſen, die fuͤr ſeine Sa⸗ che geblutet haben, wollen wir uns wieder um ihn verſammeln; und wehe den ſchaͤndlichen Generalen, die vielleicht in eben dieſem Ausgenblicke auf neuen Verrath ſinnen! Ich verlange, daß ſie in Anklage⸗ ſtand verſetzt und als Ausreißer des Nationalban⸗ ners beſtraft werden— daß ihre Namen der Schande preisgegeben, ihre Haͤuſer geſchleift, ihre Familien geaͤchtet und verbannt werden. Wir wollen keine / 73 Verraͤther unter uns dulden! Als Napoleon ſeine Macht abtrat, um die Natio zu retten erfuͤllte er ſeine Pflicht gegen ſich ſelbſt; allein die Nation iſt ſeiner nicht werth, da ſie ihn ein zweitesmal ge⸗ zwungen hat, abzudanken; ſie, die feierlichſt gelobte, ihn im Gluͤck und Ungluͤck nicht zu verkaſſeu.“ Das raſende Geſchrei dieſes kuͤhnen Euthuſiaſten, der in der That die Gefuͤhle eines großen Theils des fran⸗ zoͤſiſchen Heers ausſprach, wurde endlich durch einen allgemeinen Ruf zur Ordnung uübertaͤubt.„Sie ver⸗ geſſen ſich,“ rief Maſſena aus.„Ste glauben, Sie ſeyen auf der Wachtſtube,“ ſagte Lameth. La Be⸗ doyere verſuchte fortzufahren; alleln er wurde durch das allgemeine Geſchrei, das endllch dieſe anſtoͤßige Scene beendete, zum Schweigen gebracht. Nachdem die Pairs, gleich den Abgeordneten der zweiten Kammer, der ausdruͤcklichen Anerkennung Napoleons des II. ausgewichen waren, begannen die beiden Kammern die Mitglieder der proviſoriſchen Regierung zu ernennen. Dieſe waren Carnot, Fou⸗ ché, Caulalncourt, Grenier und Quinette. In ihrer Proklamation erklaͤrten ſie, Napoleon habe der Re⸗ glerung entſagt, und ſein Nachfolger ſey prokla⸗ mirt worden(was, deilaͤufig geſagt, nicht wahr war); forderten zu Anſtrengungen, Opfern und zur Ein⸗ muͤthigkeit auf; und verſprachen, wenn auch nicht ei⸗ ne ganz neue Verfaſſung, wie dies in ſolchen Faͤllen bisher uͤblich geweſen, doch eine ſolche vollſtaͤndige 74 Durchſicht und Verbeſſerung derjenigen, die erſt drei Wochen alt war, daß ſie in jeder Hinſicht ſo gut als neu ſeyn ſollte. Dleſe Anrede machte nur geringen Eindruck auf die Truppen und Foͤderirten, die gleich La Bedoyere der Meinung waren, daß Napoleons Abdankung nur unter ſeinen eigenen Bedingungen angenommen wer⸗ den koͤnne. Dieſe Leute verſammelten ſich in bewaff⸗ neten Haufen, und paradirten unter Napoleons Fen⸗ ſtern, beim Palaſte Bourbon Elyſée. Man theilte ihnen Geld und Getraͤnke aus, was ihr Geſchrei: „Es lebe Napoleon! Es lebe der, Kaiſer!“ noch vermehrte; ſie beſchimpften die Nationalgarden, und bezeigten Luſt, Fouché's Wohnung anzugreifen. Auf der andern Seite waren die Nationalgarden 30,000 Mann ſtark, im Allgemeinen zur Aufrecht⸗ haltung der Ordnung bereit, und manche von ihnen neigten ſich auf die Seite Ludwigs XVIII. hin. Ein Augenblick innerer Erſchuͤtterung ſchien unvermeid⸗ lich; denn es gieng das Geruͤcht, wenn man Napo⸗ jeon II nicht augenblicklich anerkenne, ſo werde Buo⸗ naparte mit einer bewaffneten Macht herbeikommen und die Kammer aufloͤſen. 1 In der Sitzung des 2aſten Juni wurde die wich⸗ tige Frage der Nachfolge Napoleons II. auf folgende Weiſe entſchieden, oder vielmehr umgangen:— Ma⸗ nuel, der allgemein fuͤr Fouché's Organ in der Kam⸗ mer der Abgeordneten galt, hielt eine lange Rede, 75 um zu beweiſen, daß kein Grund zu einer foͤrmlichen Anerkennung der Nachfolge Napoleons II. vorhan⸗ den ſey; da er ſich vermoͤge der ausdruͤcklichen Be⸗ ſtimmungen der Verfaſſung bereits im Beſitze des Throns befinde. Als der Redner den gewichtigen Schluß gezogen hatte, daß ihr Souverain weder an⸗ erkannt noch ausgerufen werden duͤrfe, einzig und allein, weil er bereits ihr Souverain ſey, ſo erho⸗ ben ſich alle und riefen: Es lebe Napoleon II.! Als aber der Vorſchlag gemacht wurde, dem neuen Kai⸗ ſer den Eid der Treue zu ſchwoͤren, ſchrie Alles: „Keinen Eid! Keinen Eid!“ als ob in der Kammer das Bewußtſeyn, daß man nur zu verſchwenderiſch ſchon mit dieſen ſchlecht geloͤsten Pfaͤndern geweſen ſey, und eine allgemeine Abneigung, eine neue Bahn des Meineides zu beginnen, geherrſcht haͤtte. Die Kammer der Abgeordneten brachte ſo durch elne Art beilaͤufiger und ſcheinbarer Anerkennung der Rechte des jungen Napoleon auf die Krone die kal⸗ ſerliche Partei zum Schweigen, wenn ſie dieſelben nicht befriedigte, waͤhrend ſie zu gleicher Zeit durch die Erklaͤrung, daß die proviſoriſche Regierung eine nothwendige Buͤrgſchaft fuͤr die Freiheiten der Un⸗ terthanen ſey, die Einmiſchung Napoleon's oder ſei⸗ ner Freunde in die Verwaltung des Landes verhin⸗ derte. Allein ungeachter ihrer geheuchelten Einwil⸗ ligung in die beſondere Bedingung der Thronentſa⸗ gung Napoleons forderten die Kammern und die pro⸗ 76 viſoriſche Reglerung von dem abgedankten Souverain eine ſo ſtrenge Befolgung der Stipulationen ſeines Handels, als ob ſie ihm das bedungene Geld in gangbarer, ſiatt in falſcher Muͤnze bezahlt haͤtten. So noͤthigten ſie ihm eine Proklamation an ſeine Soldaten ab, um die Thatſache ſeiner Bbdankung zu beſtaͤtigen, welche die Truppen blos ſeiner eigenen Verſicherung glauben wollten. In dieſer Anrede fin⸗ den ſich jedoch Ausdruͤcke, welche von ſeiner Empfind⸗ lichkeit uͤber den Zwang, den man ihm anthat, zeugen. Nach einer Ermahnung an die Soldaten, Jauf der Bahn der Ehre, die ſie betreten, fort zu⸗ ſchreiten, und einer Verſicherung des Antheils, den er ſtets an ihren Thaten nehmen werde, folgt dieſe Stelle:—„Sowohl Euch als mich hat man ver⸗ leumdet. Leute, die durchaus nicht faͤhig ſind, un⸗ ſere Arbeiten zu wuͤrdigen, haben in den Beweiſen von Anhaͤnglichkeit, die Ihr mir⸗gegeben, einen Ei⸗ fer geſehen, deſſen einziger Gegenſtand ich war. Laßt Eure kuͤnftigen Siege ihnen ſagen, daß Ihr vor allen Dingen dem Vaterlande dientet, als Ihr mir gehorchtet; und daß, wenn ich mich Eurer Zu⸗ neigung in irgend einem Grade erfreute, ich dies meiner brennenden Llebe fuͤr Frankreich, unſerer ge⸗ meinſchaftlichen Mutter, verdanke.“ Hoͤchlich mißfielen dieſe Ausdruͤcke der Kammer der Abgeordneten, die zu gleicher Zeit die Gegen⸗ wart Napoleon's in der Hauptſtadt als gefäͤhrlich 77 fuͤr ihre eigene Macht und die oͤffentliche Sicherheit betrachtete. Die Vorſtaͤdte mit ihren trotzigen Ein⸗ wohnern waren noch immer in großer Bewegung, und taͤglich ſammelten ſich Soldaten, die herumir⸗ renden Truͤmmer des Schlachtfeldes von Waterloo, unter den Mauern von Paris, und forderten wuͤ⸗ thend uͤber ihre neuliche Niederlage ihren Kaiſer auf, ſie zur Rache zu fuͤhren. Es gab, ſcheint es, nur wenige Gruͤnde, die Napoleon abhalten konn⸗ ten, ſich jetzt noch an die Spitze eines kleinen, aber furchtbaren Heers zu ſtellen. Um ihn dieſer Ver⸗ ſuchung zu entziehen, bat ihn die proviſoriſche Re⸗ gierung, ſich in den Pallaſt Malmaiſos, in der Naͤhe von St. Germains, der ſo lange die Lieblingswoh⸗ nung der verabſchiedeten Joſephine geweſen, zuruͤch⸗ zuziehen. Kaum hatte Napoleon einen einzigen Tag in deſſen Mauern verweilt, als er ſich von Fouché's Polizei umgeben ſah, und wahrnehmen mußte, daß er, der kaum vor einem Monate noch über das Schickſal von Myriaden geboten hatte, nicht laͤnger der freie Herr ſeiner eigenen Handlungen ſey. Er wurde bewacht und unter Auſſicht gehalten, obſchon ohne den Gebrauch wirklicher Gewalt, und fuͤhlte jetzt zum erſten Mal, was es ſagen wollte, jene Freiheit des Handelns zu verlieren, deren ſein Des⸗ votismus ſo viele Jahre hindurch einen ſo bedeu⸗ tenden Theil des menſchlichen Geſchlechts beranbt hatte. Doch ſchien er ſich ſeinem Schickſale zu un⸗ 3 78 terwerfen, oder zeigte ſich blos dann ungeduldig, wenn er von ſeinen perſoͤnlichen Glaͤubigern bedraͤngt wurde, die einſahen, daß er wahrſcheinlich nicht lange in Frankreich bleiben werde, und deßwegen eine Berichtigung ihrer Forderungen von ihm zu er⸗ zwingen ſuchten. Die Regierung beguͤnſtigte dieſe kleine Verfolgung, als eines von den verſchiedenen Mitteln, ſeinen Aufenthalt in Frankreich zu ver⸗ kuͤrzen; und wenn alle fehlſchlugen, ſo hatten ſie die Macht in Haͤnden, Gewalt zu gebrauchen. So kurz auch die Zeit ſeines Aufenthaltes in Malmaiſon war, und ſo unglaubig es ſcheinen mag, ſo war Napoleon doch in Paris faſt vergeſſen.„Nio⸗ mand“, ſagt ein wohlunterrichteter Schriftſteller, der waͤhrend der Kriſis in dieſer Hauptſtadt lebte, „die unmittelbaren Freunde der Regierung ausge⸗ nommen, macht auf die Ehre Anſpruch, zu wiſſen, ob er noch in Malmaiſon iſt, oder ſcheint es der Muͤhe werth zu halten, ſich deßwegen zu befragen. Am letzten Sonnabend ſah ihn Graf M... dort: er war ruhig, aber ganz dahin. Seine Freunde be⸗ haupten jetzt, er ſey ſeit ſeiner Ruͤckkehr von Elba nicht mehr derſelbe Mann geweſen*).“ Es gab je⸗ doch fuͤr die Verlaͤngerung ſeines Aufenthalts in Malmaiſon einen ehrenvolleren Grund, als unnuͤtzes Ankaͤmpfen gegen ſein unvermeidliches Schickſal. **) Briefe von einem in Paris wohnenden Eugländer geſchrie⸗ ben. Band I1, 28 79 Die engliſchen und preußiſchen Truppen naͤher⸗ ten ſich jetzt der franzöſiſchen Hauptſtadt in Eilmaͤr⸗ ſchen, und jede Stadt, die man vernuͤnftigerweiſe als einen Damm gegen ihr Vorruͤcken betrachten konnte, fiel vor ihnen. Als Paris von Neuem von feindlichen Heeren umzingelt werden ſollte, moch⸗ ten ſowohl edle, als politiſche Gefuͤhle Napoleon hoffen laſſen, daß die Abgeordneten der Nation ge⸗ neigt ſeyn werden, ihre Zuflucht mit Hintanſetzung aller perſoͤnlichen Feindſeligkeit, zu ſeinen außeror⸗ dentlichen Talenten und ſeinem Eiufluſſe auf das Heer und die Foͤderirten, durch welche die Haupt⸗ ſtadt allein vertheidigt werden konnte, zu nehmen, und ihm zu geſtatten, das Schwert noch einmal zur Beſchuͤtzung der Hauptſtadt zu ergreifen. Er erbot ſich, das Heer als Obergeneral, zum Beſten ſeines Sohnes, zu befehligen. Er erbot ſich, als ein ge⸗ woͤhnlicher Buͤrger Theil an der Vertheidigung zu nehmen. Allein die innere Zwietracht hatte zu große Fortſchritte gemacht. Die Volkspartei, welche da⸗ mals die Oberhand hatte, ſah in Napoleons Sieg groͤßere Gefahr, als in der Uebermacht der verbuͤn⸗ deten Maͤchte. Die letztern hoffte ſie durch Ver⸗ traͤge zu verſoͤhnen. Sie zweifelten aus guten Gruͤn⸗ den an der Moͤglichkeit, ihnen durch Gewalt zu wi⸗ derſtehen; und wenn auch ein ſolcher Widerſtand von Napoleon durchgeſetzt war, oder durchgeſetzt wer⸗ den konnte, ſo fuͤrchtete ſie ſeinen uͤberwiegenden 80 Einfluß als militaͤriſcher Befehlshaber wenigſtens eben ſo ſehr, als die Obergewalt der Verbuͤndeten. Aus dieſen Gruͤnden lehnte ſie ſeine Dienſte ab. Gleich geſchickten Fiſchern hatte die proviſorlſche MRegierung ihre Netze nach und nach um Napoleon geworfen, und es war jetzt, dachte ſie, Zeit, ihn auf das Trockene zu ziehen. Sie brachte ihn gewiſ⸗ ſermaſſen in Verhaft, indem ſie dem General Be⸗ cker, einem Offizier, mit dem Buonaparte in gleich⸗ guͤltigem Vernehmen geſtanden, den Auftrag gab, ſeine Bewegungen auf eine ſolche Art zu bewachen, oder, wenn es noͤthig ſey, zu beſchraͤnken, daß er unmoͤglich entfliehen koͤnne, und ihn zu bewegen, Malmaiſon fuͤr Rocheſort zu verlaſſen, wo die An⸗ ſtalten zu ſeiner Entfernung aus Frankreich getrof⸗ fen wurden. Zu gleicher Zeit wurden zwei Fregat⸗ ten beſtimmt, ihn nach den vereinigten Staaten von Amerika uͤberzufuͤhren, und die Aufſicht des Ge⸗ nerals Becker und der Polizei ſollte ſo lange fort⸗ dauern, bis ſich der vormalige Kaiſer an Bord der Schiffe befinden wuͤrde. Die ſer Befehl war durch die Vorſchrift gemildert, daß alle moßliche Sorge fuͤr die Sicherheit der Perſon Napoleons getragen werden ſolle. Ein entſprechendet Befehl wurde von Davouſt ausgefertigt, der, in Folge eines jener zwei⸗ deutigen Ausbruͤche des Gefuͤhls, wodurch die Men⸗ ſchen einen Strelt zwiſchen ihren Geſinnungen und ihrer Pflicht oder ihrem Vortheil beilegen, lic ei. „ 4 8 9 4 — 81 gerte, ihn eigenhaͤndig zu unterzeichnen, allein ſei⸗ nem Secretaͤr den Auftrag gab, es ſtatt ſeiner zu thun, was, wie er bemerkte, ganz daſſelbe ſey*). Napoleon fuͤgte ſich in ſein Schickſal mit Wuͤrde und Ergebung. Er empfing den General Becker mit ungezwungener Heiterkeit, und ehrenvolle Geſinnun⸗ gen machten den letztern den ihm ertheilten Auftrag um ſo peinlicher, als er die perſoͤnliche Feindſchaft des Individuums erfahren hatte, der jetzt ſeiner Aufſicht anvertraut war. Ungefaͤhr vierzig Perſonen, von verſchiedenem Rang und Stand, widmeten ruͤbm⸗ licherweiſe ihre Dienſte dem Ungluͤcke des Kaiſers, dem ſie in ſeinem Gluͤcke gedient hatten. Allein trotz aller dieſer Anſtalten zu ſeiner Ent⸗ fernung trug er ſich noch immer mit der Hoffnung, daß man ihm ſeine Verbannung erlaſſen werde. Er hoͤrte den fernen Donner der Kanonen, wie das Schlachtroß die Trompete hoͤrt. Von Neuem bot er ſeine Dienſte zu dem Zwecke an, als bloßer Freiwil⸗ liger gegen Bluͤcher zu ziehen, und verpllichtete ſich, ſeine Verbannungsreiſe auzutreten, ſobald er die Angreifer zuruͤckgetrieben haben wuͤrde. Er ſah der Annahme ſeines Antrags mit einer ſo ſtarken Hoff⸗ nung entgegen, daß er ſeine Pferde bereits hatte vorfuͤhren laſſen, um zu dem Heere zu ſtoſſen. Al⸗ —QQää˖. 2 *¹) Las Ceſes Tagebuch u. ſ. w. Bant I. S. 1, 29 und 49. Rote. W Scott's Werke. L.XIII. 6 8² lein die provlſoriſche Regierung lehnte von Neuem ein Anerbieten ab, deſſen Annahme in der That alle Hoffnung, mit den verbuͤndeten Maͤchten zu un⸗ rethandeln, vernichtet haben wuͤrde. Als Fouché Napoleons Vorſchlag hörte, ſoll er ausgerufen ha⸗ ben:„Haͤlt er uns zum Beſten!“ Wirklich wuͤrde ihn auch ſeine Vereinigung mit den Truppen bald zum Herrn des Schickſals der proviſoriſchen Regie⸗ rung gemacht haben, wie immer auch der endliche Erfolg haͤtte fenn moͤgen 1 Am z3ſten Jünt kerele.. ee fon ab; den 3teu Juli kam er in Rochefort an. General Becker begleitete ihn; uͤbrigens ſchien ſeine Reiſe von keinem bemerkenswerthen umſtande be⸗ gleitet geweſen zu ſeyn. Ueberall, wohin er kam, empfingen ihn die Truppen mit lautem Zuruf; die Buͤrger achteten das Ungluͤck des Mannes, der faſt Herr der Welt geweſen war, und ſchwiegen, wo ſie einen Beifall klatſchen konnten. 4 Na So war die Herrſchaft des Kaiſers Napoleon voͤllig zu Ende. Allein ehe wir unſer Augenmerk auf ſein kuͤnftiges Schickſal richten, muͤſſen wir in wenigen Worten die Folgen ſeiner Abdankung vol⸗ ſtäͤndig angeben und einige Bemerkungen uber die Umſtaͤnde machen durch die ſie erzwungen wurde. Die proviſoriſche Regkerung hatte Beyollrrii tigte zu dem Herzog von Wellingten 1r.e em Paäͤffe fuͤr Nayoleon nach den Staaten voP ens ⁸8— ſie 83 zu verlangen. Der Herzog hatte von ſeiner Regie⸗ rung keine Vollmacht, ſie auszuſtellen. Die preußi⸗ ſchen und engliſchen Generaͤle lehnten gleicherweiſe alle Eroͤffnungen in Betreff der Anerkennung der gegenwaͤrtigen proviſoriſchen Adminiſtration oder ir⸗ gend eines Planes, den ſie vorſchlagen mochten, ab, ſo lange er nicht die Reſtauration der Bourbons be⸗ traf. Die Mitglieder der proviſoriſchen Regierung bemuͤhten ſich mit eben ſo geringem Erfolge, den Geiſt der Nationalvertheidigung zu wecken. Sie hat⸗ . vereorgn rr Rrieger verlo⸗ die politiſchen Geſinnungen waren bei dem 8 ren; Heere mit der Perſon und den Eigenſchaften Napo⸗ leons unzertrennlich vereinigt. Vergebens ſuchten Abgeordnete durch ſtaatsrechtliche Proklamationen und durch die alten Loofungsworte der Repolution den Geiſt des Jahrs 1794 zuruͤckzurufen. Die Sol⸗ ndaten und Foͤderirten antworteten trotzig.„Warum ſollten wir noch laͤnger fechten. Wir haben keinen Kaiſer mehr.“ Inzwiſchen faßte die royaliſtiſche Partei Muth und zeigte ſich in verſchiedenen Departements unter den Waffen, leitete die oͤffentliche Meinung in vie⸗ len andern, und erhielt großen Zuwachs von den Conſtitutionellen. In der That, wenn einige der letztern die Reſtauration der Bourbohs noch fuͤrch⸗ vorte es theils von der Furcht einer Re⸗ und Wiedervergellung von Seiten der ſieg⸗ . tsan 8 84 reichen Royaliſten und theils von der Beſorgniß her⸗ die letztern Ereigniſſe moͤchten auf Ludwigs Gemuͤth einen conſt. Beſchraͤnkungen ungünſtigen „ Abrvneigung gegen diejenigen, von de⸗ nen ſie empfohlen und vertheidigt worden, und eine Hinn zu den willkuͤhrlichen Maßregeln, durch. *. ſeine Vorfahren ihr Koͤnigreich regiert hatten, erzeugt haben; diejenigen, welche ſolche Beſorgniſſe hegten, konnten nicht umhin, einzugeſtehen, daß ſie ihre Quelle in dem Wankelmuthe und der Un⸗ dankbarkeit des Volks ſelbſt hatten, das ſich der milden Herrſchaft elner beſchraͤnkten Monarchie un⸗ wuͤrdig gezeigt, und ſich allzuleicht hatte verfuͤhren laſſen, ſich dagegen zu verſchwoͤren. Allein ſie ſchloſ⸗ ſen nichts deſto weniger furchtbare Folgen in ſich, wenn der Koͤnig genelgt ſeyn ſollte, nach ſtrengen und rachſuͤchtigen Grundſaͤtzen zu verfahren; und eine ſolche Furcht von Seiten einiger, in Verbin⸗ dung mit den Beſorgniſſen anderer in Betreff per⸗ ſoͤnlicher Folgen, der Schaam einer dritten Partet und dem Haſſe des Heers gegen die Prinzen, die os verrathen hatte, war es, was der proviſoriſchen Regierung einen Schein von Gehorſam verſchaffte⸗ Auf dieſe Art ſetzten die Kammern ihren Wi⸗ derſtand gegen die Annahme ihres geſetzmaͤßigen Monarchen fort, obſchon ſie nicht im Stande waren⸗ aend einen andern Enthuſiasmus zu erregen, als den, welcher ſich im Kreiſe ihrer Verſammlung in 5 ————— 85 ihren augenblicklichen Ausbruͤchen offenbarte, die keln Ohr erfreuten und kein Gehirn erhitzten, ausgenom⸗ men das ihrige. Indeſſen wurden Soult's und Grouchy's Heere unter die Mauern von Paris ge⸗ trieben, wohin ihnen die engliſchen und preußtſchen Truppen auf dem Fuße folgten. Die natuͤrliche Ta⸗ pferkelt der Franzoſen erzeugte jetzt einen Wider⸗ ſtand, der ehrenvoll fuͤr ihre Waffen, obſchon ganz erfolglos war. Statt den zweifelhaften Angriff auf Montmatre zu erneuern, ſetzten die Verbuͤndeten uͤber die Seine und grlffen Paris auf der offenen Seite an. Kein feindliches Heer war, wie im Jahr 1814, da, um die Communication in ihrem Ruͤcken zu gefaͤhrden. Die Franzoſen zeigten jedoch großs Tapferkeit, ſowohl bei einem Verſuche, Verſallles zu vertheldigen, als bei einem Handſtreich, durch den der General Excelmans dieſe Stadt wieder ein⸗ zunehmen ſuchte. Endlich aber wurde, in Folge des Reſultats eines in der Nacht zwiſchen dem zten und zten Juli gehaltenen Kriegsraths, ein Waffenſtill⸗ ſtand geſchloſſen, kraft deſſen die Hauptſtadt den Verbuͤndeten uͤbergeben und das franzoͤſiſche Heer hinter die Lotre zuruͤckgezogen werden ſollte. Die Verbuͤndeten verſchoben ihre Operatlonen, bis die franzoͤſtſchen Truppen die ihnen angeſonnene ruͤckgaͤngige Bewegung, gegen die ſie ſich mit eitlem Enthuſiasmus ſtraͤubten, begonnen haben wuͤrden⸗ Sie ließen dieſelben ihre Hitze au eoden und verho⸗ 86 ben ihre Beſitznahme von Paris bis zum 7ten Juli, um welche Zeit die Stadt gaͤnzlich geraͤumt war. Die Britten und Preußen nahmen nun militaͤriſchen Beſitz von der franzoͤſiſchen Hauptſtadt auf eine Art, die ſtreng regelmaͤßig genannt werden konnte, wo⸗ bei ſich aber auf beiden Seiten eine ganz andere Stimmung zeigte, als bei dem Einzug der Alliirten im Jahre 1814. Die proviſoriſche Regierung ſetzte ihre Sitzungen fort, obſchon Fouche, das Haupt derſelben, ſchon laͤngſt(und ſeit der Schlacht von Waterloo mit anſcheinender Aufrichtigkeit) wegen der zweiten Reſtauration der bourboniſchen Famille unter Bedingungen, welche die Freiheiten Frank⸗ reichs ſichern wurden, im Geheimen unterhandelt hatte. Sie empfing am oten Jult den endlichen Entſchluß der verbuͤndeten Souveraine, daß ſie jede von der uſurpirten Macht Napoleons ausgegangene Gewalt fuͤr null und nichtig erklaͤren, und Lud⸗ wig XVIII., dernſich gegenwaͤrtig in St. Denis be⸗ unde, den naͤchſten Tag oder höͤchſtens einen Tag ſpaͤtet, in ſeine Hauptſtadt einziehen, und ſeine liche Gewalt wieder uͤbernehmen werde. Am?ten Jutt loͤste ſich die proviſoriſche Kom⸗ auf. Die Paͤirskammer ging, als ſie die Uebergabe vernahm, in der Stille aus⸗ einandet; zallein die Kammer der Abgeordneten ſetzte ihre Stbüngen und Verhandlungen noch mehrere Stunden fort. Der Praͤſident vertagte hierauf die 87 Sitzung bis acht Uhr des naͤchſten Morgens, trotz des Geſchreis verſchiedener Mitglieder, die ihn auf⸗ forderten, die buchſtaͤbliche Permanenz der Sitzung aufrecht zu erhalten. Am naͤchſten Morgen fanden die erſcheinenden Mitglieder den Saal von einer Abthellung der Nationalgarde beſetzt, die ihnen den Eintritt verweigerte und die Ausrufungen und Kla⸗ gen der Abgeordneten mit großer Geringſchaͤtzung anhoͤrte. Ja, die getaͤuſchten und unwilligen Ge⸗ ſetzgeber ſahen ſich dem Spotte der muͤſſigen Zu⸗ ſchauer preisgegeben, welche die Ankunft und Ent⸗ fernung jedes Individuums mit Zuruf und Gelaͤch⸗ ter begleiteten, die je nach dem Grade ſeiner be⸗ zeigten Entruͤſtung lauter oder ſchwaͤcher war. Am Sten Juli zog Ludwig wieder in ſeine Haupt⸗ ſtadt ein, begleitet von einer ziemlich ſtarken Ab⸗ theilung der Nationalgarden und koͤniglichen Frei⸗ willigen, ſo wie von ſeinen Haustruppen. Hinter dieſen Kriegern folgte ein zahlreicher Generalſtab, in welchem man die Marſchaͤlle Victor, Marmont, Macdonald, Oudinot, Gouvion St. Cyr, Moncey und Lefebvre bemerkte. Ein unermeßlicher Zulauf von Buͤrgern empfing den geſetzmaͤßigen Monarchen mit lautem Zuruf; und man machte die Bemerkung, daß die Frauen beſonders ungeſtuͤm in den Aeuße⸗ rungen ihrer Freude waren. So wurde Ludwig wie⸗ der in den Pallaſt ſeiner Vorfahren eingefuͤhrt, uͤber dem die weiße Fahne noch einmal wehte. Hler en⸗ 8 dete daher jener kurze Zeitraum, der mit ſo viel Wunderbarem angefuͤllt iſt, jene Periode der hun⸗ dert Tage, in welche die Ereigniſſe eines Jahrhun⸗ derts zuſammengedraͤngt ſcheinen. Ehe wir mit der Erzaͤhlung fortfahren, die fortan die Geſchichte ei⸗ nen Individuums ſeyn wird, mag es wohl nicht un⸗ paſſend ſeyn, einen Blick auf die Ereigniſſe zuruͤck⸗ zuwerfen, welche jener Zeitraum umfaßt, und einige Bemerkungen uͤber die politiſche Natur und Tendenz derſelben mitzutheilen. Es iſt unnoͤthig, dem Leſer ins Gedäͤchtniß zu rufen, daß Napoleons Erhebung zum Throne das vereinigte Werk zweier Parteien war. Die eine um⸗ faßte das Heer, das ſich nach der Wiederherſtellung ſeiner Ehre, die durch friſche Niederlagen befleckt war, ſehnte, und den Kaiſer wieder an ſeiner Spitze zu ſehen wuͤnſchte, damit er ſeine Aufloͤſung verhin⸗ dern und es zu neuen Siegen fuͤhren moͤchte. Die⸗ andere Partei war diejenige, die nicht nur das Koͤ⸗ nigreich im Beſitze eines groͤßern Antheils an prak⸗ tiſcher Freiheit zu ſehen wuͤnſchte, ſondern auch die Lehren der Revolution anerkannt wiſſen wollte, und vor ellem jene, kraft deren das Volk, oder ſeine Repraͤſentanten, fuͤr berechtigt gehalten wurden, die Verfaſſung der Regierung nach Belieben zu aͤndern, und, wie der große Karl von Warwick ſagte, der Ein⸗ und Abſetzer der Koͤnige zu ſeyn. Dieſe Par⸗ tel hatte dadurch, daß ſie einige Fehlgriffe der re⸗ 89 gierenden Familie benuͤtzte, eine noch welt groͤßere Anzahl erſann, und eine Wolke ſchwarzen Argwohns zuſammentrieb, ein allgemeines Mißvergnuͤgen ge⸗ gen die Bourbons erregt. Allein obſchon ſie gas wohl ihre Zuflucht zur Gewalt haͤtte nehmen koͤnnen, ſo ſcheint doch nichts weniger wahrſcheinlich, al daß es ihr gelungen ſeyn wuͤrde, das Koͤnigthum ohne den Beiſtand eines Heers gaͤnzlich zu ſtuͤrzen. Die Armee, die ſich auf den Ruf Napoleons ſo raſch er⸗ hob, theilte die Geſinnungen der ſogenannten Jakobiner nicht, und wuͤrde, wenn er nicht auf dem Schauplatze er⸗ ſchienen waͤre, den Befehlen der Marſchaͤlle, dle faſt alle Anhaͤnger der koͤniglichen Familie waren, ge⸗ horcht haben. Die Anhaͤnglichkeit des Heers an ih⸗ ren vormaligen Anfuͤhrer war es daher, was das vereinigte Unternehmen, das die jakobiniſche Partet fuͤr ſich allein vergebens verſucht haben würde, g8⸗ lingen machte. Die republikaniſche oder jakobiniſche Partei ver⸗ einigte ſich mit ihren maͤchtigen Alltirten; ihre Fuͤh⸗ ter nahmen Titel von ihm an, unterzogen ſich Aem⸗ tern, und wurden Mitglieder einer von ihm zuſam⸗ menberuſenen Pairs⸗ Repraͤſentantenkammer. Sis erkannten ihn als ihren Kaiſer an; ſie empfiengen, als ein Geſchenk, eine neue Verfaſſung, und ſchwo⸗ ren im Angeſichte von ganz Frankreich, ihr, ſo wie ihm, als ihrem Souverain, den Eid der T Treue. So ſtanden die Sachen, als der Kaiſer und ſein geſe ßz⸗ 90 gebender Koͤrper ſich den 7ten Juli trennten. Si⸗ cherlich herrſchte Verdacht zwiſchen ihnen; allein al⸗ lem aͤußern Anſcheine nach ſchied ein zufriedener Fuͤrſt von einem zufriedenen Volke. Eilf Tage fuͤhr⸗ ren die Schlacht von Waterloo mit allen ihren Fol⸗ gen herbei. Eine geſunde und vernuͤnftige Politik haͤtte die Kammern bewegen ſollen, dem Kaiſer, den ſie eingeſetzt hatten, beizuſtehen, ihn mit der Macht auszuruͤſten, welche die Gelegenheit erheiſchte, und ſein außerordentliches kriegeriſches Talent zu dem Verſuche zu benuͤtzen, das Vordringen des nahenden Feindes zu hemmen. Ja ſchon ein Gefuͤhl der Scham haͤtte ſie abhalten ſollen, ihre Schultern zu dem Zwecke herzuleihen, den wankenden Thron umzuſtuͤr⸗ zen, vor dem ſie ſo eben erſt gekniet hatten. Sie beſchloßen anders zu verfahren. Von dem Augen⸗ blicke an, in welchem Napoleon ungluͤcklich wurde, hörte er auf, ihr Kaiſer, die Quelle ihrer Macht und ihres Anſehens zu ſeyn. Sie konnten in ihm blos das verletzte Wild erblicken, das von der Heer⸗ de geſtoßen, den Ivnas im Schiffe, der uͤber Bord geworfen werden ſoll. Als daher Napoleon von Maͤn⸗ nern und Waffen mit ihnen ſprach, ſchwatzten ſie von Gleichheit und Menſchenrechten; jede Moͤglich⸗ keit die Folgen von Waterloo wieder gut zu machen, war verloren; und der Kaiſer ihrer Wahl wurde⸗ wenn auch nicht dem aͤußern Anſcheine, doch der That nach verhaftet und gleich einem Verbrecher zum Be⸗ — 91 hufe der Deportation an die Seekuͤſte geſchickt. Ihr Betragen zeigte jedoch deutlich, daß Napoleon ſeine Erhebung nicht der frelen Wahl des franzoͤſiſchen Volkes und beſonders nicht der Wahl derer, die ſich ausſchlleßlich die Freunde der Freiheit nannten, zu verdanken hatte. Nachdem die Kammern auf dieſe Art gezeigt hatten, wie leicht ſie ſich den Monarchen vom Halſe ſchaffen konnten, der ihnen politiſches Daſeyn ver⸗ liehen hatte, wandten ſie ſich an die verbuͤndeten Maͤchte, und baten ſie um ihre Mitwirkung zur Wahl eines andern Herrſchers, ſo wie um ihre Huͤlfe zu Auferbauung eines andern Throns auf dem Flug⸗ ſande, der ſo eben den Thron Napoleons verſchlun⸗ gen hatte. In einer Hinſicht waren ſie eben nicht eigenſinnig. Sie bekuͤmmerten ſich wenig darum, wer der neue Souverain ſeyn wuͤrde, ob Orleans oder Oranien; der Englaͤnder Wellington oder der Koſacke Platoff; vorausgeſetzt, daß er von Niemand, außer von ihnen, irgend ein Recht herleitete, und daß es ihnen frel ſtand, dieſes Recht zuruͤckzuneh⸗ men, ſobald es ihnen geſiel. Auch blelbt es keinem großen Zweifel unterworfen, daß jeder neue Souve⸗ rain und jede neue Verfaſſung, die durch den Bei⸗ ſtand ſolcher Leute haͤtten eingeſetzt werden koͤnnen, den Anfang des wilden Revolutionstanzes wieder her⸗ beigefuͤhrt haben wurden, bis die franzoͤſiſche Nation gkeich ſo manchen tollen Derwiſchen, ſchwindelig durch den Wirbel, noch einmal der eiſernen Kerrſchaft des Despotismus anheimgefallen ſeyn wuͤrde, um unter thl auszuruhen. Die verbuͤndeten Souveraine blickten mit ſches lem Auge auf dieſe Vorſchlaͤge, ſowohl in Betracht ihrer Natur, als in Betracht derer, von denen ſie gemacht worden waren. Unter den Staatsbeamten war der Herzog von Otranto der Kluͤgſte, und er war der Fouché von Nantes geweſen. Carnot's Na⸗ me war bei allen blutigen Verfuͤgungen Robespier⸗ re's zu finden, an denen das Gewiſſen des alten De⸗ cemvirs und des jungen Grafen nie etwas zu beden⸗ ken gefunden hatte. Es waren noch viele Andere da, die ſich in den Tagen der Revolution ausgezeich⸗ net hatten. Die Sprache, welche ſie fuͤhrten, nahm bereits den Ton der Demokratie an, und obſchon ſich unter ihnen eine bedeutende Anzahl biederet und faͤhiger Maͤnner befand, ſo durfte doch nicht vergeſſen werden, wie viele von ihnen ſich in der er⸗ ſten Nationalverſammlung zu keinem andern Zwecke befunden hatten, als um die Maͤßigung und Billig⸗ keit ihrer politiſchen Meinungen mit ihrem Blute zu beſiegeln. Es war dringende N othwendigkeit, alles zu vermeiden, was Gelegenheit geben konnte, dieſe Scenen ſchimpflicher Erinnerung zu erneuern, und die Souveraine erblickten eine Buͤrgſchaft gegen ihre Nuͤckkehr in der beharrlichen Erklaͤrung, daß 9³ 1 Ludwig XVIII. den Thron, als deſſen legitimer&i- genthuͤmer, wieder beſteigen muͤſſe. Das Recht der Legitimitaͤt, oder das Recht er Nachfolge, eine in das gemeine Recht der meiſten monarchiſchen Verfaſſungen aufgenommene Anordnung, iſt von der Analogie des Privatlebens hergeleitet, wo der aͤlteſte Sohn natuͤrlicherweiſe das Haupt und der Beſchuͤtzer der Familie nach dem Abſterben des Va⸗ ters wird, In der That, ſo lange die Staaten klein ſind, und, vor der Einfuͤhrung beſtimmter Geſetze⸗ dieles von der perſoͤnlichen Geſchicklichkeit und den Talenten des Monarchen abhaͤngt, kann die Machk, — die unſers Wiſſens unter die abſtracten Meu⸗ ſchenrechte ſich zaͤhlen laͤßt— jeden hohen Beamten nach dem Tode ſeines Vorgaͤngers, oder vielleicht haͤufiger zu waͤhlen, ohne große Nachtheile ausgeuͤde werden. Allein ſo wie die Staaten ſich mehr aus⸗ dehnen, und ihre Verfaſſungen durch Geſetze begraͤnzt werden, die weniger Spielraum und Nothwendigkels fuͤr die Ausuͤbung der obrigkeitlichen Funktionen des Souverains laſſen, tauſchen die Menſchen das zuͤgel⸗ loſe Vorrecht eines tartariſchen Courgultal, oder eis nes polniſchen Landtags gerne gegen das Prinziy der Legitimitaͤt aus; weil der Fall, daß ein erblichen Nachfolger den Pflichten ſeines Poſtens gewachſen iſt, wenigſtens eben ſo haͤufig zu ſeyn ſcheint, als der, daß die Wahl eines Volkes auf einen wuͤrdigen Can⸗ didaten faͤllt; und weil in dem erſten Falle die Na⸗ 94 tion von d2 Lrſchuͤtterungen verſchont bleibt, die durch vorangehende Bewerbungen und damit verbun⸗ dene Umtriebe verurſacht werden, welche Erbitterung, Zwietracht Burgerkrieg und Umſturz zur Folge ha⸗ ben,„ welche denn doch in der Regel mehr oder weniger bei allen Wahlmonarchien gefunden werden. Die Lehre der Legitimitaͤt iſt beſonders ſchaͤtzbar in einer beſchraͤnkten Monarchie, weil ſie einen ſonſt unerreichbaren Grad von Feſtigkeit erzeugt. Der Grundfatz der Erblichkeit der Moaarchie, in Verbin⸗ dung jenem, der den Koͤnig fuͤr unfaͤhig erklaͤrt, unrecht zu handeln, ſorgt fuͤr die Fortdauer der voll⸗ ziehenden Regierung, und unterdruͤckt jenen Ehrgeiz, der ſo manche Bruſt entflammen wuͤrde, wenn eine cht vorhanden waͤre, die hoͤchſte Gewalt erledigt, oder von Zeit zu Zeit der Wahl unterworfen zu ſe⸗ hen. An der andern Seite bleiben die Miniſter des Königs, die fuͤr ſeine Handlungen verantwortlich ſind, um ihrer ſelbſt willen ein Zaum fuͤr ſeine Ge⸗ walt, und ſo iſt fuͤr die Abhuͤlfe aller gewoͤhnlichen Uebel der Staatsvorwaltung geſorgt, da es, um uns eines bezeichnenden aber gemeinen Beiſpiels zu be⸗ dienen, beſſer iſt, eine gelegenheitliche Abweichung von m gewoͤhnlichen Wege durch den Wechſel des Fubrmanns, als durch das Umwerfen bes Wagens zu berichtigen. Dieß iſt der Grundſatz der Legitimität, der p von Ludwig XVIII. augeruſen, und von den verbundeten 95 Souverainen anerkannt wurde. Meuaanan muß ihn nicht mit der ſclaviſchen Lehre verwechſeln, daß das auf dieſe Art verliehene Recht vermoͤge ſeines goͤtt⸗ lichen Urſprungs unvertilgbar ſey. aeſemäßige Erbe im Privatleben kann das Erbgut, olhes ihm durch das Geſetz zu Theil wird, durch ſeine Thor⸗ heit verpraſſen, oder durch ſeine Verbrechen verwir⸗ ken; und der geſetzmaͤßige Monarch kann unlaͤugbar, durch eine Abweichung von den Grundſäͤtzen der Ver⸗ faſſung, unter der er zu regieren berufen iſt, fuͤr ſich ſelbſt, und ſeine Erben, wenn die geſetzge vunde Macht jes füͤr angemeſſen erachtet, ſeine Krone verwirken, die ihm der Grundſatz der Legitimitaͤt als Geburts⸗ recht verlieh. Die Strafe der Verwirkung iſt ein aͤußerſter Fall, zu dem, nicht kraft der Verkafing, die keine moͤgliche Vergehung von Seiten des Son⸗ verains anerkennt, geſchritten wird, ſonumm weil die Verfaſſung von dem Monarchen angegriffen und ver⸗ letzt worden iſt, und ihm daher keinen Schutz mehr gewaͤhren kann. Die Verbrechen, durch welche ſich ein Monarch dieſe hohe Strafe mu Recht zuzieht, muͤſ⸗ ſen daher von einer außerordentlichen Beſchaffenhelt feyn, und außerhalb des Bereichs jener Verbeſſe⸗ rungsmittel liegen, welche die Verfaſſung, zärch dle Beſtrafung der Miniſter und Rathgeber an die Hand gibt. Der conſtitutionelle Schild der Unfehlbarkeit ſchuͤtzt den Monarchen(verfoͤnlich) bei allem kadelné⸗ werthen Gebrauch, den er ven ſeiner Gewalt macht, 96 8 vorausgeſetzt, daß ſie innerhalb der Graͤnzen der Verfaſſung ausgeuͤbt wird; nur wenn er ihren Kreis uͤberſchreitet, und nicht baͤlder, gewaͤhrt er der Bruſt eines Tyrannen keinen Schutz mehr. Ein Koͤnig von Britannien, zum Beiſpiel, kann ſich in der geſetzmaͤ⸗ ßigen, obſchon unklugen und tadelnswerthen Ausuͤ⸗ bung der ihm von der Verfaſſung zuerkannten Ge⸗ walt, unbeſonnenerweiſe in einen Krieg einlaſſen, oder einen unehrenvollen Frieden ſchließen. Seine Rathgeber, und nicht er ſelbſt, werden in einem ſol⸗ chen Falle zur Verantwortung gezogen werden. Wenn aber der Souverain, wie Jafob II., die Verfaſſung ſelbſt verletzr, oder ſie zu zerſtoͤren ſucht, ſo wird der Widerſtand geſetzmaͤßig und ehrenvoll, und mit Recht nimmt man alsdann an, daß der Koͤnig durch ſeinen Verſuch, die Rechte der Unterthanen zu kraͤnken, das Recht perwirkt hat, das ſich von ſeinen Vorfahren auf ihn vererbte. Die Grundſaͤtze der Erblichkeit der Monarchie, der Unverletzbarkeit der Perſon des Koͤnigs, und der Verantwortlichkeit der Miniſter wurden von der eon⸗ ſtitutlonellen Charte Frankreichs anerkannt. Ludwis XVIII. war daher in dem Jahre vor Buonaparte's Ruͤckkehr der geſetzmaͤßige Souverain Frankreichs, und es bleibt noch zu zeigen uͤbrig, durch welchen Verrath gegen die Verfaſſung er ſein legitimes Recht verwirkt hatte. Wenn der Leſer auf das dreizehnte Kapitel des 8ten Vandes zaruückgehen will(und wir . 5 ſid 97 ſind uns nicht bewußt, das Betragen der Bourbons geſchont zu haben) ſo wird er wahrſcheinlich mit uns der Meinung ſeyn, daß der Irrthuͤmer der wieder⸗ hergeſtellten koͤniglichen Regierung nicht ſo viele wa⸗ ren, als man unter neuen und ſchwierigen Umſtaͤn⸗ den haͤtte erwarten koͤnnen, ſondern daß ſie auch ſo beſchaffen waren, daß eine ebrliche, gutgeſinnte und biedere Oppoſition ſie bald aufgehoben haben wuͤrde; er wird finden, daß keiner von ihnen Ludwig XVIII. perſoͤnlich zugeſchrieben werden konnte, und daß er, weit entfernt, ſeine geſetzmaͤßigen Rechte verwirkt zu haben, ſich waͤhrend dieſer wenigen Monate, ſtarke Anſpruͤche auf die Liebe, die Ehrfurcht und die Dank⸗ barkeit ſeiner Unterthanen erworben hatte. Er war gewiſſermaßen als Opfer der Laune und Raſchheit von Perſonen gefallen, die mit ſeiner Familie und ſeinem Hofſtaate in Verbindung ſtanden— mehr noch aber als Opfer grundloſer Eiferſuchten und un⸗ bewieſener Zweifel,— der Waſſerfarben, an denen es der Empoͤrung nie fehlt, um ihre Sache damit zu bemalen;— als Opfer der Wankelmuͤthigkeit des franzoͤſiſchen Volks das ſeiner einfachen, ordnungs⸗ maͤßigen und friedlichen Regierung muͤde wurde; vor allein aber als Opfer des 5 Mißvergnägens einer zuͤs gelloſen und verabſchiedeten Soldateska und muͤrri⸗ ſcher Banditenrotten, die ſich nach einor Zeit allge⸗ meiner Metzelei und Verwirrung ſehnten. Die aus ſolchen Beweagruͤnden fogte gewaltſame Vertrei⸗ W. Scotts Werke. LXIII. 7 1 3 4 98 bung Ludwigs XVIII. konnte den feierlichen Vertrag nicht brechen, den Frankreich mit ganz Europa ſchloß, als es ſeinen geſetzmaͤßigen Monarchen aus der Hand ſeiner milden Sieger empfieng, und mit ihm und um ſeinetwillen Friedensbedingungen erhielt, die es nicht verlangen konnte, und anders auch nie erhal⸗ ten haben wuͤrde. Da das Ungluͤck des Koͤnigs nicht ſelbſtverſchuldet war, ſo konnte es auch keine Ver⸗ wirkung der ihm verliehenen Rechte nach ſich ziehen. Europa, die maͤchtige Buͤrgſchaft des Pariſervertrags, war alſo, indem es den geſetzmaͤßigen Koͤnig mit bewaffneter und ſiegreicher Hand zuruͤckfuͤhrte, berech⸗ tigt, von Frankreich ſeine Wiedereinſetzung in ſeine Rechte zu verlangen, und das Ziel, das er auf dieſe Art dem Kriege ſetzte, war ſo gerecht und billig, als das Betragen der Souveraine waͤhrend dieſes kurzen Feldzugs ehrenvoll und gluͤcklich geweſen war. Auf dieſe Gruͤndewird ein vorurtheilsfreter Be⸗ urthetler kaum etwas zu entgegnen wiſſen; allein die Volkspartei ſuchte eine Beſchwerde gegen die veite Reſtauration Ludwigs auf die Erklaͤrung Declaration) der Verbuͤndeten zu gruͤnden. Dieſes feſt hatte, ſagten ſie, verkuͤndet, daß die Ab⸗ des Kriegs gegen Napoleon perſoͤnlich gerichtet c, und die verbuͤndeten Maͤchte, wenn ſie ihn ent⸗ thront haben, geſonnen ſeyen, den Franzoſen ihre freie Wahl hinſichtlich ihrer innern Regierung zu laſſen. Man bezog ſich beſonders auf die Erklaͤrung 99 des Prinz⸗Regenten, in der dieſer feſtgeſetzt habe, daß der Wiener⸗Vertrag, der Napoleon's Entthro⸗ nung bezweckte, die brittiſche Regierung nicht ver⸗ pflichten ſolle, auf der Reſtauration der Bourboni⸗ ſchen Familie als auf einer unerlaͤßlichen Friedens⸗ bedingung zu beharren. Diejenigen, welche dieſen Einwurf machten, erwogen die Natur des Vertrags, auf der ſich dieſe erlaͤuternde Klauſel bezog, nicht, oder wollten ſie nicht erwaͤgen. Dieſer Wiener⸗Ver⸗ trag bezweckte ausdruͤcklich die Reſtauration Lud⸗ wigs XVIII. und der Prinz⸗Regent trat ihm mit demſelben Vorſatz bei, keine Anſtrengung zu ſcheuen, um dieſelbe zu bewirken. Die beſchraͤnkte Klauſel wurde blos beigefuͤgt, weil Seine Koͤn. Hoheit ſich nicht verpflichten wollte, diiſe Reſtauration an und fuͤr ſich allein zur urſache der Fortſetzung des Kriegs bis auf's Aeußerſte zu machen. Vielg Vorfaͤlle haͤt⸗ ten eine unbedingte Verpflichtung der Art im hoͤch⸗ ſten Grade unerwuͤnſcht machen koͤnnen; allein da keine ſolche Vorfaͤlle ſich ereigneten und die Wieder⸗ herſtellung des Throns der Bourbonen, in Folge des Siegs bei Waterloo, eine leicht zu vollfuͤhrende Maß⸗ regel war, ſo folgte nothwendig, daß ſie dem Sinne des Wiener⸗Vertrags gemaͤß vollfuͤhrt werden mußte. Haͤtten aber die Souveraine auch in ihren Ma⸗ nifeſten poſitiv erklaͤrt, daß der Wille des franzoͤſt⸗ ſchen Volkssausſchließlich befragt werden ſolle, wel⸗ ches Recht hatten die Mitglieder des von Napoleon e. 100 verſammelten geſetzgebenden Koͤrpers, den Charakter des franzoͤſiſchen Volks anzunehmen? Sie hatten bei keiner Partei im Staate weder Gewicht noch Einfluß, ausgenommen vermoͤge des augenblicklichen Beſitzes einer Gewalt, die ſchwerlich von irgend ei⸗ ner Seite anerkannt war. Die Thatſache, daß Na⸗ poleon's Macht aufgehoͤrt hatte, legitimirte ſie nicht. Im Gegentheil muß man, da ſie von ihm bevollmaͤch⸗ tigt worden waren, annehmen, daß ſie mit ſeiner Gewalt fielen. Sie waren entweder die von Napo⸗ leon zuſammenberufenen Kammern und an ihn ge⸗ bunden, in ſo weit Eide und Verpflichtungen binden koͤnnen, oder ſie waren eine Koͤrperſchaft ohne irgend einen rechtmaͤßigen Anſpruch auf einen politiſchen Charakter. La Fayette behauptete zwar, die gegen⸗ waͤrtigen Abgeordneten Frankreichs befinden ſich in der nehmlichen Stellung wie die Convention, und das im Hounslow⸗heath gelagerte Heer zur Zeit der engliſchen Revolution. Um dieſe Vergleichung paſ⸗ ſend zu machen, haͤtte es aller beſondern Rechtsum⸗ ſtaͤnde bedurft, welche das große Ereigniß des Jahrs 1688 begleiteten. Die Franzoſen haͤtten im Stande ſeyn muͤſſen, die Rechtmaͤßigkeit ihres Verfahrens durch die Angriffe ihres verbannten Monarchen und den in Folge deſſen allgemein, ja faſt einmuͤthig ausgedruͤckten Willen der Nation zu beweiſen. Al⸗ lein die engliſche Geſchichte bot wirklich ein Bei⸗ ſpiel einer Verſammlung dar, das ihrer eigenen an 101 Rechtloſigkeit und zuͤgelloſer Anmaßung genau glich; und dieſes Beiſpiel hatte Statt, als das ſogenannte Rumpf⸗Parlament Richard Cromwell die Karten aus der Hand ſpielen wollte, wie die proviſoriſchen Be⸗ vollmaͤchtigten in Paris Napoleon II. die hoͤchſte Ge⸗ walt durch einen Taſchenſpielerſtreich zu entziehen ſuchten. Dieſes Rumpf⸗Parlament nahm auch eine kurze Zeit die Stelle einer Regierung ein, und ſuchte die Verfaſſung nach ſeinem eigenen Plane zu mo⸗ deln, trotz des ganzen engliſchen Volks, das ſich nach der Reſtauration ſeines geſetzmaͤßigen Monarchen ſehnte, was ſich ſchnell zu erkennen gab, als Monk mit einer bewaffneten Macht erſchien, um ſie bei der Aeußerung ihrer wahren Geſinnungen zu beſchuͤtzen. Dieß war die genaueſte Aehnlichkeit mit der Stel⸗ lung der proviſoriſchen Bevollmaͤchtigten Frankreichs, welche die engliſche Geſchichte darbot; und jene, wie das Rumpf⸗Parlament, wurden, da ſie beide glei⸗ cherweiſe eingedrungene Inhaber der hoͤchſten Ge⸗ walt waren, ihrer Macht durch die Ruͤckkehr des ge⸗ ſetzmaͤßigen Monarchen beraubt. Waͤhrend die verbuͤndeten Maͤchte auf dieſe Art den Wunſch hegten, daß der Koͤnig von Frankreich in den Beſitz ſeines Thrones kommen moͤchte, den er nie verwirkt hatte, ſahen ſie, und beſonders England, die Gerechtigkeit und Klugheit ein, Frankreich jeden Anwachs wohlgeordneter Freiheit zu ſichern, den es durch und waͤhrend der Revolution erhalten habe, ſo⸗ 3 102 wie ſolche zuſaͤtzliche Verbeſſerungen ihrer Verfaſſung, welche die Erfahrung fuͤr wuͤnſchenswerth erklaͤrt hatte. Dieſe bezeichnete der beruͤhmte Fouché, der ſeinem Vaterlande bei dieſer Gelegenheit große Dienſte lei⸗ ſtete, und unterhandelte wegen derſelben. Doch kaͤmpfte er hart dafuͤr, daß der Koͤnig nicht nur die verſchiedenen Vortheile, welche Frankreich durch die Revolution, ſowohl im Punkte der oͤffentlichen Stim⸗ mung, als des oͤffentlichen Nutzens, erlangt hatte, anerkennen, was er zu thun bereit war, ſondern auch einige Schritte zur Anerkennung der Revolution ſelbſt thun ſollte. Er verlangte die Annahme der dreifar⸗ bigen Fahnen als eine Sache von der hoͤchſten Wich⸗ tigkeit, und glich hierin einigermaßen dem Erzfeinde in den Zaubergeſchichten, der, wenn die ungluͤcklichen Perſonen, mit denen er zu thun hat, ſich weigern, ihm ſeiner erſten Forderung zu Folge ihren Leib und ihre Seele zu verſchreiben, beſcheiden genug iſt, die unbedeutendſten Opfer zu verlangen und anzunehmen — z. B. den Abfall der Naͤgel oder eine einzige Haarlocke, vorausgeſetzt, daß ſie als ein Zeichen von Huldigung und Ergebenheit angeboten wird. Aber Ludwig XVIII. ließ ſich nicht ſo zu einer gelegen⸗ heitlichen und zweideutigen Beſtaͤtigung aller wilden Thaten eines ſo furchtbaren Zeitraumes, die folge⸗ rungsweiſe ſogar eine Art Genehmigung des Todes ſeines unſchuldigen und gemordeten Bruders geweſen waͤre, verleiten. Das Gute, welches gus der Revo⸗ 103 lution entſprungen war, erhalten und pflegen, war etwas anderes, als die Revolution ſelbſt beſtaͤtigen. Ein Sturm kann reiche Schaͤtze auf die Kuͤſte wer⸗ fen, ein Orcan die Luft reinigen; allein, waͤhrend wir dieſe Wohlthaten gehoͤrig ſchaͤtzen und genießen, iſt es ſicherlich nicht noͤthig, daß wir, gleich unwiſ⸗ ſenden Indianern, die wilde Woge verehren, oder dem Geheule des Windes Altaͤre errichten. Nachdem der Koͤnig von Frankreich alle Vorſchlaͤ⸗ ge, die darauf hiuzlelten, der Regierung eine auf die Revolurion gegruͤndete Macht zu uͤbertragen, ſtandhaft zuruͤckgewieſen hat, ſo ſoll die Verfaſſung Frankreichs als die einer erblichen, durch die Koͤnig⸗ liche Karte und die Grundſaͤtze der Freiheit beſchraͤnk⸗ ten Monarchie anerkannt werden. Ste gewaͤhrt ſo den andern beſtehenden Monarchien Europa's eine Buͤrgſchaft gegen ploͤtzliche und gefaͤbrliche Erſchuͤtre⸗ rungen; waͤhrend ſie zu Gunſten der Unterthanen alle nothwendigen Gegengewichte gegen die Willkuͤhr⸗ herrſchaft und alle angemeſſenen Vorkehrungen zur Verbeſſerung und Erweiterung der aus liberalen Ein⸗ richtungen entſpringenden Vortheile, je nachdem ſich die Gelegenheit dazu igen, oder das wachſende Licht der Belehrung dazu auffordern wird, dar⸗ bietet.. Obſchon der Vertrag der Verbuͤndeten mit Frank⸗ reich nicht in derſelben Stimmung romahtiſcher Groß⸗ muth, die den Vertrag von 1814. dictirte, abgeſchloſ⸗ 10⁰4 ſen wurde, ſo beharrten ſie doch auf keinen Artikeln, die als entehrend fuͤr die franzoͤſiſche Nation betrach⸗ tet werden konnten. Man hielt fuͤr noͤthig, drei oder vier Graͤnzfeſtungen von dem Reiche zu tren⸗ nen, um raſche und guͤnſtige Einfaͤlle in Deutſchland oder die Niederlande in's Kuͤnftige ſchwieriger zu machen. Auch wurden bedeutende Geldſummen, als Erſatz fuͤr die betraͤchtlichen Koſten der Verbuͤndeten, auferlegt; allein ſie uͤberſtiegen Frankreichs Kraͤfte bei weitem nicht. Zudem wurde ein Theil ſeiner Feſtungen von den Verbuͤndeten als eine Art Unter⸗ pfand fuͤr das friedliche Betragen des Koͤnigreichs in Beſitz genommen, allein dieſe ſollten nach einer be⸗ ſtimmten Zeit wieder geraͤumt, und die europaͤiſchen Heere, die eine Zeitlang im franzoͤſiſchen Gebiet blieben, im nehmlichen Zeitpunkte aus demſelben zu⸗ ruͤckgezogen werden. Endlich wurde jenes glaͤnzende Muſaͤum, welches das Recht der Eroberung, durch die Beraubung ſo vieler Staaten, geſammelt hatte, vermoͤge deſſelben Rechts der Eroberung, nicht denen unter den Verbuͤndeten, welche große Heere im Fel⸗ de hatten, ſondern den armen und kleinen Staaten, die ihr Eigenthum den Franzoſen unter dem Ein⸗ fluſſe des Schreckens abgetreten hatten, und es von den Verbuͤndeten mit dankbarer Verwunderung zu⸗ ruͤckerhielton, zugeſtellt. Dieſe Umſtaͤnde waren im Augenblicke fuͤr Frank⸗ ceich in der That ſchmerzhaft; allein ſie waren die 105 nothwendige Folge der Lage, in die es, vielleicht mehr duldend als handelnd, durch die Revolution der hundert Tage verſetzt worden war. Alle zum Behufe der Aufreitzung des Volks gegen die Verbuͤndeten in Umlauf geſetzten Prophezeiungen, daß ſie ſelbſtſuͤchtige und rachſuͤchtige Plane verfolgen, oder den hohen Na⸗ tional⸗Rang, den dieſes ſchoͤne Koͤnigreich in Europa einnehmen berufen ſey, zu vernichte ſuchen, er⸗ wieſen ſich als im hoͤchſten Grade falſch. Die ero⸗ berten Provinzen, wie ſie genann wurden, die Er⸗ werbungen Ludwigs XV. wurden nicht von dem fran⸗ zoͤſiſchen Reiche abgeriſſen— die Colonien wurden gelaſſen, wie ſie nach dem Pariſerfrieden waren. Die Englaͤnder legten den Franzoſen keinen unguͤnſtigen Handelsvertrag auf, was, wie Napoleon verſicherte, ihre Abſicht war, und worauf nicht beharrt zu haben, er nachmals als eine ſtraͤfliche Vernachlaͤßigung der brittiſchen Intereſſen von Seiten der engliſchen Mi⸗ niſter betrachtete. Frankreich wurde uͤbrigens, wie es ſeyn ſollte, ganz unabhaͤngig und in glaͤnzender Macht gelaſſen. Nicht minder falſch, als die Prophezelungen in Betreff der Abſichten der Verbuͤndeten geweſen wa⸗ ren, erwieſen ſich die Weiſſagungen hinſichtlich der Feſtigkeit der neuen koͤniglichen Regierung. Viele prophezeiten den Sturz der Bourboniſchen Dynaſtie. Nur mit großem Widerſtreben wollten die politiſchen Auguren zugeben, daß ſte bis zum Tode Ludwigs 106 XVIII. dauern koͤnne. Er ſchlaͤft jetzt bei ſeinen Vaͤ⸗ tern; und ſein Nachfolger, allgemein geliebt wegen ſeines einnehmenden Betragens, und geachtet wegen ſeiner Rechtlichkeit und Ehrliebe, herrſcht jetzt uͤber ein freies und bluͤhendes Volk. Die Zeit, dieſe große Friedensſtifterin, beſaͤnftigt den Partheihaß taͤglich mehr, und entfernt auf allen Seiten jene Maͤnner vom Schauplatze, die, ungewohnt der allgemeinen und unpartheilſchen Ausuͤbung der Geſetze, bereit waren, mit dem Schwerdte in der Hand, oder, wie ſie ſich ſelbſt ausdruͤcken, par voie du fait, jeden Vortheil zu(benuͤtzen, und jede politiſche Frage zu eroͤrtern. Die Buͤrgſchaft fuͤr die Fortdauer ihrer Freihelt iſt der einzige Gegenſtand, wegen deſſen vernuͤnftige Franzoſen gegenwaͤrtig noch beſorgt ſind. Unſerer Meinung zufolge iſt kein Grund fuͤr ſie vor⸗ handen, ſich wegen dieſes Punktes zu aͤngſtigen. Un⸗ heilvoll waͤre in der That der Rath, der die fran⸗ zoͤſiſche Regierung bewoͤge, den geringſten Anlaß zu ungerechten Klagen zu geben. Die Ultra⸗Royaliſten, die wuͤthenden Jakobiner ſind durch Alter nach und nach abgekuͤhlt worden, oder das Schickſal hat ſie von der Schaubuͤhne entfernt. Ihre Nachfolger werden⸗ da ſie das Schwerdt nie entbloͤßt geſehen haben, we⸗ niger geneigt ſeyn, in den Buͤrgerkampf zu eilen, und die faͤhigen und gutgeſinnten Maͤnner auf beiden Seiten in den Kammern Gelegenheit finden, ihre Meinungsverſchiedenheit auszudruͤcken, und ſich daran 107 gewoͤhnen, Widerſpruch mit Heiterkeit und Bieder⸗ keit zu dulden, und dahin gebracht werden, den nuͤtz⸗ lichen Zweifel zu hegen, ob es bei der Unvollkom⸗ menheit der menſchlichen Einſichten moͤglich iſt, daß eine Klaſſe von Staatsmaͤnnern unbedingt und ſtets Recht hat, ihre Gegner aber bei allen Gelegenheiten entſchieden Unrecht. Die Franzoſen werden lernen, daß die politiſchen Einrichtungen dieſes ſinnreichen Volkes inskuͤnftige durch die Freiheit der Eroͤrterung — durch eine Berufung nicht auf die Waffen, ſon⸗ dern auf den Verſtand der Nation— durch die Rei⸗ bung der Anſichten, nicht durch den Kampf einer thieriſchen Gewaltthaͤtigkeit verbeſſert werden muͤſ⸗ ſen. Die Begierde der Franzoſen nach kriegeriſchem Ruhme war waͤhrend des Zeitpunktes, von dem wir gehandelt haben, auf eine fuͤr andere Laͤnder furcht⸗ bare Weiſe befriedigt worden, und die Vergeltung, die ihnen ſelbſt wurde, war ſchrecklich genug. Eine Neigung zum Frieden und zur Ordnung hat ſeit den letzten Jahren ſelbſt jene zwei Nationen ausgezeich⸗ net, die, durch einen raſchen und leichtfertigen Aus⸗ druck, zuweilen natuͤrliche Feinde genannt worden ſind. Die erweiterten Handelsanſichten werden, ſo wie ſie ſich weiter ausbreiten und beſſer verſtanden werden, vielleicht den ſtaͤrkſten und unwiderſtehlich⸗ ſten Beweggrund zu freundſchaftlichem Verkehr an die Hand geben,— den Beweggrund nehmlich, wel⸗ 10⁰8 cher aus gegenſeitigem Vortheile entſpringt; denn der Handel haͤlt gleichen Schritt mit der Civiliſation und in dem Grade, in welchem eine Nation durch Induſtrie reich wird, erwirbt ſie ſich einen Geſchmack fuͤr die Bequemlichkeiten und Ueppigkeiten, die das Erzeugniß des Bodens oder der Induſtrie anderer Laͤnder ſind. Britannien, von dem Napoleon und ſeine Freunde jede Art von Selbſtſucht erwarteten und prophezeiten,— Britannien, von dem man be⸗ hauptete, daß es die Abſicht habe, Frankreich durch einen Handelsvertrag zu feſſeln,(wodurch es ſeine eigenen Manufakturen zu Grunde gerichtet haͤtte) hat, indem es ſeine Haͤfen den Manufakturen ſeines Nachbars oͤffnete, die Ehre gehabt, den Anfang mit einer neuen und ehrenvolleren Art des Verkehrs zu machen, der einigermaßen die von dem Dichter dem Mitleid beigelegte Eigenſchaft hat,— Sie ſegnet den der gibt, wie den, der nimmt. Dem Auge eines Fremdlings ſind die vielen, in Paris und in der That in ganz Frankreich aufge⸗ fuͤhrten neuen Gebaͤude genuͤgendere Zeichen von Ca⸗ pital und Unternehmunasgeiſt, als die glaͤnzenden, aber halb vollendeten oͤffentlichen Bauten, die Napo⸗ leon ſo raſch unternahm, und ſo oſt unbeendigt ließ. Auch kann man die Fortſchritte der allgemeinen Auf⸗ klaͤrung deutlich wahrnehmen, wenn man das fran⸗ zoͤſiſche Volk des Jahrs 1815 und 1826 vergleicht; und die ſtufenweiſe Vertilgung lange genaͤhrter Vor⸗ 109 urtheile, und die nicht minder ſtufenweiſe Erhoͤhung und Erweiterung der Einſichten bemerkt. Dieſer Zu⸗ ſtand des Wachsthums kann zwar nicht regelmaͤßig ſeyn— er muß ſeine Ebben und Fluthen haben. Allein, im Ganzen genom nen, ſcheint mehr Grund, als in irgend einer fruͤhern Periode der Welt, zu der Hoffnung vorhanden zu ſeyn, daß ein allgemet⸗ ner Friede von einer etwas langen Dauer herrſchen wird; und daß Britannien und Frankreich insbeſon⸗ dere ſich damit begnuͤgen werden, ſich an dem An⸗ denken der Lorbeeren zu laben, die jedes Land im Felde errungen hat, und um die Palme der Natio⸗ naluͤberlegenheit durch die Kuͤnſte einer friedlichen und civiliſirten Induſtrie zu ſtreiten. Drittes Kapitel. Stellung der brittiſchen Flotte längs der weſtlichen Küſte Frank⸗ reichs, um Napoleon's Entkommen zu verhindern.— Dem Bel“ lerophon wird ſeine Station auf der Höhe von Rochefort ange⸗ wieſen.— Befehle, nach welchen Kapitain Maitland handelte — Plane zu Napoleon's Entkommen.— umſtände, welche be⸗ weiſen, daß ſeine Uevergabe, wenn ſis geſchay, von keiner freien Wahl herrühren konnte.— Savary und Las Caſes eröffnen eine Unterhandlung mit Kapitain Maitland.— Kapitain Maitland's Bericht über die Vorfälle bei ihren Zuſammenkünften.— Las Caſes Boricht.— Die zwei Angaben werden vorglichen, und der Angabe des Kavitain Maitland's der Vorzug gegeben.— Napoleon's Brief an den Prinz Regenten.— Unſere Geſchichte kehrt zu ibrem Hauptgegen⸗ 110 ſtande zuruͤkk. Buonaparte kam den 3. Julius in Rochefort an; ſo kurz war der Zeitraum zwiſchen dem blutigen Schickſalswurfe bei Waterloo und ſei⸗ ner Verbannung. Und doch hatte dieſer kurze Zelt⸗ raum von fuͤnfzehn Tagen ſeine Flucht ſchwierig, wo nicht unmoͤglich gemacht. Man hatte zwar fuͤr die Mittel geſorgt, ihn nach Amerika uͤberzufuͤhren. Die zwei franzoͤſiſchen Fregatten, die Saale und Meduſa nebſt der Baladiére, einer Corvette und dem Sper⸗ ber, einer großen Brigg, warteten auf Buonaparte's Ankunft und den Befehl, von ihrer Station bei der Inſel Air nach den vereinigten Staaten unter Segel zu gehen. Allein wie Napoleon ſelbſt kurz nachher ſagte, wo immer nur Waſſer war, um ein Schiff zu tragen, durfteder darauf rechnen, die brittiſche Flag⸗ ge zu finden. Die Nachricht von der Niederlage bei Waterloo war fuͤr die Admiralitaͤt das Zeichen geweſen, die weſtliche Kuͤſte Frankreichs mit Kreuzern zu bedecken, um der Moͤglichkeit, daß Napoleon aus irgend einem Hafen in dieſer Richtung zur See entkommen koͤnnte, vorzubeugen. Admiral Lord Keith, ein Offizier von großer Erfahrung und Thaͤtigkelt, der damalige Ober⸗ befehlshaber der Flotte des Canals, hatte die unter ſeinen Befehlen ſtehende Flotte auf eine hoͤchſt ſinn⸗ reiche Weiſe aufgeſtellt. Er hatte naͤmlich eine in⸗ nere Linie von Kreuzern von verſchiedener Gattung auf der Hoͤhe der nahmhafteſten Haͤfen zwiſchen Breſt II1 und Bayonne nebſt einer aͤußern Linie, die noth⸗ wendig weiter ausgedehnt war, zwiſchen Ushant und Cap Finisterre errichtet. Die Befehlshaber dieſer Schiffe hatten den ſtrengſten Befehl, kein Schiff un⸗ unterſucht voruͤberzulaſſen. Nicht weniger als dreiſ⸗ ſig Schiffe von verſchiedener Gattung bildeten dieſe Blokade. Dieſer Anordnung zufolge kreuzte das brittiſche Linienſchlff, der Bellerophon, auf der Hoͤhe von Rochefort mit dem gelegenheitlichen Beiſtande des Slancy und der Phoͤbe und anderer kleinerer Schiffe, die zuweilen gegenwaͤrtig, zuweilen abge⸗ ſchickt waren, wie der Dienſt es gerade erforderte. Kapitain Maitland, der den Bellerophon befehligte, iſt ein Mann von hohem Charakter in ſeinem Be⸗ rufe, ſo wie von Geburt, von Seelenſtaͤrke, und der unbeſtreitbarſten Ehrliebe. Dieſe Umſtaͤnde muͤſ⸗ ſen erwaͤhnt werden, weil der National⸗ Charakter Englands mit dem Charakter des Kapitain Mait⸗ land in der folgenden Erzaͤhlung engverbunden und identifizirt iſt. Die verſchiedenen Befehle, nach welchen dieſer Offiziter handelte, druͤckten die hoͤchſte Aengſtlichkelt in Betreff der Verhinderung der Flucht Napoleon's aus, und eroͤrterten die verſchiedenen Wahr⸗ ſcheinlichkeiten in Betreff ihrer Richtung. Seine Aufmerkſamkeit war bei einem ſpaͤtern Datum be⸗ ſonders auf die Fregatten in den Rheden von Aix und auf den Bericht hinſichtlich ihrer Beſtimmung 112 gerichtet. Admiral Hotham ſchreibt dem Kaypitain Maitland am 8ten Julius 1815 folgenden Befehl: „Da die Koͤniglichen Bevollmaͤchtigten der Ad⸗ miralitaͤt alle Urſache haben, zu glauben, daß Na⸗ poleon Buonaparte mit ſeiner Familie aus Frank⸗ reich nach Amerika zu entfliehen gedenkt; ſo werden Sie hiemit, in Gemaͤßheit der Befehle, die mir der ſehr ehrenwerthe Vicomte, Admiral Keith, im Ramen J. J. Herrlichkeiten mitgetheilt hat, er⸗ ſucht und angewieſen, ihrer ganzen Wachſamkeit aufzubieten, um ihn aufzufangen, und jedes Schiff⸗ auf das Sie ſtaßen, auf's Strengſte zu unterſuchen; und falls Sie das Gluͤck haben, ihn zu bekommen, ſind Sie aufgefordert, ihn und ſeine Familie an Bord des Schiffs zu bringen, das Sie befehligen,— ihn da ſorgfaͤlrig zu bewachen und mit aller moͤg⸗ lichen Eile in den naͤchſten Hafen Englands(Torbay den Vorzug vor Plymouth gebend) zuruͤckzukehren. Bei Ihrer Ankunft duͤrfen Sie keine Verbindung mit dem Ufer, welcher Art ſie auch ſeyn mag, er⸗ lauben, ausgenommen nach der hierbei folgenden Vorſchrift; auch ſind Sie fuͤr die ſtrengſte Ver⸗ heimlichung der ganzen Sache, bis Sie die weitern Befehle J. J. Herrlichkeiten empfangen, verant⸗ wortlich gemacht. „Falls Sie in einem Hafen ankommen ſollten, in welchem ſich ein Flaggenoffizier befindet, ſo ha⸗ ben Sie ihn mit den Umſtaͤnden bekannt zu macheni 113 wobei Sie jedoch dem Offiziere, den Sie mit Ih⸗ rem Brieſe an das ufer ſchicken, den ſtrengen Be⸗ fehl zu ertheilen haben, den Inhalt deſſelben nicht zu entdecken; und falls kein Flaggenoffizier in dem Hafen ſeyn ſollte, in welchem Sie ankommen, ha⸗ ben Sie einen Brief, durch einen beſondern Boten, an den Secretaͤr der Admiralitaͤt zu ſchicken; und einen andern an den Admiral Lord Keith, wobei Sie jedem Offizier, welcher der Ueberbringer deſ⸗ ſelben ſeyn mag, ſtreuge Verſchwiegenheit einzu⸗ ſchaͤrfen haben.“ Wir geben den vollſtaͤndigen Inhalt dieſer Be⸗ fehle an, um zu zeigen, daß ſie den Kapitain Mait⸗ land nicht berechtigten, Bedingungen oder Stipu⸗ lationen in Betreff einer Uebergabe feſtzuſetzen, oder Napoleon anders, als einen gewoͤhnlichen Kriegsge⸗ fangenen zu behandeln. Kapitain Maitland wandte alle Sorgfalt an, die ein ſo wichtiger umſtand erheiſchte; und es lag bald am Tage, daß die Gegenwart des Bellerophon ein unbeſiegbares Hinderniß fuͤr Napoleons Flucht auf den Fregatten war, falls man ſie nicht durch offene Gewalt verſuchen wollte. In dieſem letztern Falle hatte der brittiſche Offizier den Plan entworfen⸗ das eine Schiff anzugreifen und zu entwaffnen, und an Bord deſſelben hundert Mann, die er zu dieſem Zwecke auserleſen hatte, zu werfen, waͤhrend der Bellerophon mit aller moͤglichen Eile zur Verfolgung W. Scott's Werke. LXIII. 114 ſeines Gefaͤhrten davon ſegelte und ſich auf dieſe Art beider verſicherte. Er hatte auch zwei kleine Schiffe, den Slaney und die Phoͤbe, durch die er die Fregatte verfolgen laſſen konnte, ſo daß er ſie wenigſtens im Geſichte behielt. Dieſer Plan haͤtte durch Zufall mißlingen koͤnnen; doch er war ſo ſinn⸗ reich entworfen, daß er jede Wahrſcheinlichkeit des Gelingens fuͤr ſich hatte; und es ſcheint, daß die Befehlshaber der Fregatten Napoleon nicht aufmun⸗ terten, eine ſo gewaltſame Flucht zu verſuchen. Der Plan einer geheimen Flucht wurde zunaͤchſt in Erwaͤgung gezogen. Ein Sardellenboot, eine be⸗ ſondere Art von Schiffen, die blos bei dem Kuͤſten⸗ handel gebraucht wird, ſollte ausgeruͤſtet und mit jungen Novizen des Seedienſtes, die unſern See⸗ kadetten gleich kommen, bemannt werden; dadurch glaubte man der Wachſamkeit derjenigen brittiſchen Schiffe, die am Ufer kreuzten, zu entgehen; allein es haͤtte ein verdaͤchtiger Gegenſtand auf der hohen See ſeyn muͤſſen, und die Moglichkeit, daß es im Stande ſeyn werde, die Reiſe nach Amerika zu ma⸗ chen, wurde als zweifelhaft betrachtet. Hierauf wurde eine daͤniſche Corvette gekauft, und da man uͤberzeugt ſeyn durfte, daß die Englaͤnder ſie, wenn ſie den Hafen verlaſſen habe, anhalten und un⸗ terſuchen werden, ſo wurde ein Verhehlungsort aus⸗ geſucht, der in einem mit Luftroͤhren angefuͤllten Faſſe beſtand, das in den Kielraum des Schiffes —,— 115 gelegt werden ſollte, und in das man Napoleon ver⸗ bergen wollte. Allein die ungemeine Strenge, mit der man vorherſah, daß die Englaͤnder bei der Un⸗ terſuchung verfahren wuͤrden, und Napoleons Be⸗ leibtheit, die ihm nicht erlauben wollte, lange in einer engen oder gezwungenen Lage zu bleiben, be⸗ wogen ſie, dieſen Plan, ſo wie andere hoffnungs⸗ loſe Anſchlaͤge aufzugeben. Es iſt unſtreitig, daß dem Erkaiſer um dieſe Zeit viele Vorſchlaͤge von dem Heere gemacht wur⸗ den, das, gezwungen, ſich hinter die Lolre zuruͤck⸗ zuziehen, noch von dem Durſte nach Rache und dem Gefuͤhle gekraͤnkter Ehre entflammt war. Es iſt keinem Zweifel unterworfen, daß es Napoleon mit Jubel empfangen haben wuͤrde; allein wenn er im Jahre 1814, als er noch ein bedeutendes Heer und einen achtbaren Gebietsumfang hatte, ſich zu einer ſo verzweifelten Maaßregel nicht entſchließen konnte oder wollte, ſo mußte im Jahre 1815, wo die Zahl ſeiner Truppen gegen die ſeiner Feinde ſo viel un⸗ verhaͤltnißmaͤſſiger war, als fruͤher, und ſeine beſten Generale die Sache der Bourbons ergriffen hatten oder aus Frankrelc geflohen waren, ein Entſchluß der Art noch weit weniger Anziehendes fuͤr ihn ha⸗ ben. Napoleon's Lage, haͤtte er ſich zu dieſer Al⸗ kernative entſchloſſen, wuͤrde der Lage des Anfuͤh⸗ rers einer herumſchwaͤrmenden Bande von Kriegern geglichen haben, die, fuͤr ihr Daſehn rämpſend, ſich 116 ſelbſt, ſo wie den Gegenden, durch die ſie gezogen waͤren, ein gleiches Elend bereitet haͤtten, bis ſie endlich durch eine uͤberlegene Macht geſchlagen und zerſtoͤrt worden waͤren. Nach Verwerfung dieſes Auswegs hatte Napo⸗ leon keine andere Wahl mehr als die, ſeine Perſon entweder der Geſammtheit der Verbuͤndeten, oder irgend einem von ihnen insbeſondere zu uͤbergeben. Die erſtere Maßregel wuͤrde ſchwierig geweſen ſeyn, wofern ſich Napoleon nicht fruͤher dazu entſchloſſen haͤtte, was er zu thun unterlaſſen hatte, weil er zur See zu entkommen hoffte. Auch hatte er keine Zeit, mit irgend einem der verbuͤndeten Souveraine zu unterhandeln, oder zu dieſem Ende nach Paris ohne große Gefahr fuͤr ſeine Perſon zuruͤckzureiſen; denn die Royaliſten hatten jetzt uͤberall die Oberhand, und mehr als einer ſeiner Generale war von ihnen an⸗ gegriffen und getoͤdtet worden. Er war daher in Rochefort eingeſchloſſen, obſchon der Augenblick nahe war, wo die weiße Fahne daſelbſt aufgeſteckt werden ſollte, und der Kommandant die Nothwendigkeit ſeiner Abrelſe ehrfurchtsvoll andeu⸗ tete. Napoleon muß gemuthmaßt haben, daß er des Schutzes der Batterien auf der Inſel Aaix bald be⸗ raubt werden koͤnnte. Die Wahrheit iſt(obſchon wir glauben, daß ſie nicht allgemein bekannt iſt), daß Lord Caſtlereagh dem Admiral Sir Heinrich Hot⸗ ham, der am Cap Finisterre befehligte, in einem —.— 117 Schreiben vom 13. Julius die Zweckmaͤßigkeit dar⸗ that, mit einem Theile ſeiner Macht die zwei Fre⸗ gatten auf den Rheden der Inſel Aix anzugreifen, nachdem er zuvor den Kommandanten benachrichtigt habe, daß die Englaͤnder dieß in der Eigenſchaft von Verbuͤndeten des Koͤnigs von Frankreich thun, und er ihn dafuͤr verantwortlich mache, wenn er von den Batterien aus auf ſie feure. Napoleon konnte zwar nicht gewiß wiſſen, daß ein ſolcher Plan wirklich be⸗ ſtand, oder in Kurzem verſucht werden ſollte; allein r mußte doch an die Wahrſcheinlichkeit deſſelben glauben, als die royaliſtiſche Parthei uͤberall die Ober⸗ hand erlangte, und ihre Sinnbilder in der benach⸗ barten Stadt Rochelle angenommen wurden. Ver⸗ gebens ſucht man daher Buonaparte's nachfolgendes Betragen fuͤr ein freiwilliges Zutrauen auszugeben, das er in die Ehre Englands geſetzt habe. Er be⸗ fand ſich genau in der Lage des Kommandanten ei⸗ ner belagerten Stadt, der die Wahl hat, ſich zu er⸗ geben oder die Gefahr eines Sturmes zu wagen. Auch konnte er nicht behaupten, daß er die Britten unter allen andern verbuͤndeten Maͤchten vorzugs⸗ weiſe wahlte, um mit ihnen bei dieſer Gelegenheit zu unterhandeln. Gleich dem Kommandanten in dem oben angenommenen Falle befand er ſich in der Noth⸗ wendigkeit, ſich den unmittelbaren Belagerern zu er⸗ geben, und war deßwegen gezwungen, ſich wegen Si⸗ cherheitsbedingungen an den Mann zu wenden, der 118 allein die unmittelbare Macht beſaß, ſie zu gewaͤh⸗ ren, d. h. an den Kapitain Friedrich Maitland, Be⸗ fehlshaber des Bellerophon... Napoleon eroͤffnete den 10. Julius eine Verbin⸗ dung mit dieſem Offiziere durch zwei ſeiner Beglei⸗ ter, den General Savary und den Grafen Las Ca⸗ ſes, unter dem Vorwande, ſich nach einem Paſſe zu erkundigen, den Napoleon ſelner Behauptung zu⸗ folge aus England erwartete, und der ihm, wie er ſagte, verſprochen worden war, ohne daß er jedoch angegeben haͤtte, von wem. Auf dieſe unumwundene Behauptung, die nicht die mindeſte Begruͤndung hatte, ſich ſtuͤtzend, verlangten die H. H. Savary und Las Caſes zu wiſſen, ob Kapltain Maitland den Fre⸗ gatten erlauben wolle, ununterbrochen mit ihm fort⸗ zuſegeln, oder ihm wenigſtens zu geſtatten, in einem neutralen Schiffe zu reiſen. Kapitain Maitland er⸗ klaͤrte ohne Zoͤgern, er werde keinem bewaffneten Schiffe erlauben, aus dem Hafen von Rochefort un⸗ ter Segel zu gehen.„Eben ſo ſtehe es nicht in ſei⸗ ner Macht,“ ſagte er,„dem Kaiſer ohne die Geneh⸗ migung des Admiral Hotham, ſeines Vorgeſetzten, zu erlauben, in einem neutralen Schiffe zu reiſen.“ Er erbot ſich jedoch, an dieſen Offizier zu ſchreiben, und als die beiden franzoͤſiſchen Edelleute ihre Ein⸗ willigung dazu gegeben hatten, ſchrieb er in ihrer Gegenwart an den Admiral und bat um Verhaltungs⸗ befehle, Dieß war bloß eine Einleitung in den wah⸗ —— 119 ren Gegenſtand ber Unterhandlung. Der Herzog von Rovigo(Savary) und Graf Las Caſes blieben zwei oder drei Stunden an Bord, und erſchoͤpften ihre zanze Beredtſamkeit, um den Kapitain Maitland zu uͤberzeugen, daß Napoleon's Entfernung das Reſul⸗ tat ſeiner freien Wahl und nicht des Zwangs ſey, und daß es Britannten zum Vortheile gereiche, in ſeine Abreiſe zu willigen, die, ſagten ſie, eine Maß⸗ regel ſey, zu der ihn bloße Menſchlichkeit und der Wunſch, Menſchenblut zu ſparen, bewogen habe. Ka⸗ pitain Maitland warf die natuͤrliche Frage auf, die wir mit ſeinen eigenen Worten geben: „Angenommen, die brittiſche Regierung ließe ſich bewegen, Napoleon einen Paß zum Behufe ſei⸗ ner Ueberfahrt nach Amerika zu bewilligen, welche Buͤrgſchaft kann er dafuͤr laſſen, daß er nimmer zu⸗ ruͤckkehren, und England, ſo wie ganz Europa, durch denſelben Blut⸗ und Geldverluſt heimſuchen werde, den dieſelben kaum erſt erlitten haben!“ General Savary ertheilte folgende Antwort:— „Als der Kaiſer zuerſt dem Throne Frankreichs ent⸗ ſagte, wurde dieſe Veraͤnderung durch eine Parthei zu Stande gebracht, an deren Spitze Talleyrand ſtand, und der Wille der Nation wurde nicht befragt; al⸗ lein in dem gegenwaͤrtigen Falle hat er ſeine Gewalt freiwillig niedergelegt. Der Einfluß, den er einſt uͤber das franzsſiſche Volk ausuͤbte, iſt voruͤber; ſeit ſeiner Entfernung nach Elba iſt eine bedeutende Ver⸗ 12⁰0 aͤnderung in den Geſinnungen der Franzoſen gegen ihn vorgegangen, und nie konnte er die Macht wie⸗ der erlangen, die er uͤber ihre Gemuͤther ausgeuͤbt hatte; deßwegen wuͤnſcht er ſich in die Dunkelheic zuruͤckzuziehen, um da ſein Leben ruhig und friedlich zu enden; und wuͤrde man ihn auffordern, den Thron wieder zu beſteigen, ſo wuͤrde er ihn ausſchlagen.“ „Wenn das der Fall iſt,“ ſagte Kapitaln Mait⸗ land,„warum ſucht er denn keine Freiſtaͤtte in Eng⸗ land?“ Savary antwortete:„der Gruͤnde, die ihm den Aufenthalt in England nicht wuͤnſchenswerth machen, ſind viele; das Klima deſſelben iſt zu feucht und kalt; es iſt zu nahe bei Frankreich; er wuͤrde ſich gleichſam im Mittelpunkte jeder Veraͤnderung und Revolution, die in Zukunft erfolgen wuͤrde, be⸗ finden, und dem Verdachte unterworfen ſeyn; er iſt gewoͤhnt worden, die Englaͤnder als ſeine unverſoͤhn⸗ lichſten Feinde zu betrachten, und ſie ſind veranlaßt worden, ihn fuͤr ein Ungeheuer zu halten, dem nicht eine einzige von den Tugenden eines menſchlichen 3 Weſens elgen iſt.“ Kapitain Knight, Betehlshaber des Falmouth, wohnte dieſer ganzen Unterhaltung bei, aus der Kapitain Maitland, gleich einem geſchickten Diplo⸗ maten, in Beziehung auf die Angelegenheiten Napo⸗ leons gerade das Gegentheil von dem ſchloß, was ſte ihn glauben zu machen ſuchten, und ſich die Mei⸗ 121 nung bildete, daß Napoleon ſich in der aͤußerſten La⸗ ge befinden muͤſſe. Den 14ten Julius kam Graf Las Caſes wieder⸗ um an Bord des Bellerophon, und war jetzt von dem General Grafen l'Allemand begleitet. Der Vor⸗ wand des Beſuchs war der Wunſch, zu erfahren, ob Kapitain Maitland eine Antwort von dem Admiral erhalten habe. Kapitain Maitland bemerkte, ihr Beſuch in dieſer Abſicht ſey eine unnuͤtze Muͤhe, da er die Antwort unmittelbar nach dem Empfange der⸗ ſelben befoͤrdert haben wuͤrde, und fuͤgte hinzu, er koͤnne einen haͤufigen Verkehr durch Waffenſtillſtands⸗ Flaggen nicht billigen; und wies ſie auf dieſe Art eher zuruͤck, als daß er ſie einlud. Die Unterhand⸗ lung wurde nach dem Fruͤhſtuͤcke fortgeſetzt, nachdem Kapitain Maitland indeſſen den Kapitain Sartorius, Kommandanten des Slaney, hatte aufrufen laſſen, um Zeuge deſſen zu ſeyn, was vorgieng. Wir hal⸗ ten es fuͤr eine Ungerechtigkeit gegen den Kapitaln Maitland, uns bei dieſer hoͤchſt wichtigen Unterhand⸗ lung anderer Worte als der ſeinigen zu bebienen, wie dieſe ſich in ſeinem Journale finden, deſſen Ori⸗ ginal wir zu ſehen den Vortheil gehabt haben. „Als das Fruͤhſtuͤck vorbei war, zogen wie aus in das Hinterkabinet zuruͤck. Graf Las Caſes ſagte ſodann, der Kaiſer iſt ſo aͤngſtlich, jedes weitere Blutvergieſſen zu verhindern, daß er ſich auf jede Art, der die brittiſche Regierung ihre Genehmigung 12² ertheilen wird, nach Amerika begeben will, ſey es auf einem franzoͤſiſchen Kriegsſchiffe, einem Fleut⸗ ſchiffe, oder einem Handelsſchiffe, oder auch auf ei⸗ nem brittiſchen Kriegsſchiffe. Hierauf anrwortete ich: Ich habe keine Vollmacht, irgend eine Anordnung der Art zu treffen, auch glaube ich nicht, daß meine Regierung ihre Einwilligung dazu geben wuͤrde, al⸗ lein ich glaube es wagen zu duͤrfen, ihn in dieſes Schiff aufzunehmen und nach England zu bringen. Wenn er jedoch, fuͤgte ich hinzu, dieſen Plan ein⸗ geht, ſo kann ich mich in kein Verſprechen hinſicht⸗ lich der Aufnahme, die ihm zu Theil werden wird, einlaſſen, da ich ſelbſt in dem erwaͤhnten Falle auf meine eigene Verantwortlichkeit hin handeln werde, und nicht uͤberzeugt ſeyn kann, daß mein Verfahren den Beikall der brittiſchen Regierung erhalten wird. „Es erfolgte uͤber dieſen Gegenſtand eine lange Unterredung, in deren Laufe Luclan Buonagparte's Name erwaͤhnt und auf die Art angeſpielt wurde, wie er in England gelebt hatte; allein ich verſicherte den Grafen Las Caſes ſtets auf das beſtimmteſte, daß ich nicht bevollmaͤchtigt ſey, in Beziehung auf Napoleon's Aufnahme in England Bedingungen irgend einer Art zu machen. Ich haͤtte in der That auch nicht anders handeln koͤnnen, da ich, mit Ausnahme des weiter oben mitgetheilten Befehls, keine Verhaltungsvor⸗ ſchriften hatte, und folglich mit der Abſicht der Mi⸗ niſter Sr. Majeſtaͤt hinſichtlich der kuͤnftigen Beſtim⸗ 1²3 mung Naxpoleons gaͤnzlich unbekannt war. Eine der letzten Bemerkungen, die Las Caſes machte, ehe er das Schiff verließ, war dieſe: Unter dieſen Umſtaͤn⸗ den zweifle ich wenig, daß Sie den Kaiſer an Bord des Bellerophon ſehen werden, und Napoleon muß ich in der That zu dieſem Schritte entſchloſſen ha⸗ en, ehe Las Caſes an Bord kam, da ſein Brief an Se. koͤnigl. Hoheit den Prinz⸗Regenten vom 13ten Julius, dem Tage vor dieſer Unterredung, datirt iſt.“ Der Graf Las Caſes ſchildert die Einzelnheiten des Vorgangs auf eine faſt aͤynliche Weiſe, jedoch mit einer uͤbertriebenen Farbengebung und einer ſi⸗ cherlich unrichtigen Anordnung der Daten. Es muß auch bemerkt werden, daß Graf Las Caſes ſeine Be⸗ kanntſchaft mit der engliſchen Sprache verhehlte, und wenn daher zwiſchen ihm und dem Kapitain Malt⸗ land, der nur mit Muͤhe franzoͤſiſch ſprach, ein Miß⸗ verſtaͤndniß Statt fand, ſo hatte er ſich ſelbſt inſo⸗ weit die Schuld davon beizumeſſen. Von dem Be⸗ ſuche an Bord des Bellerophon den 10ten ſagt der Graf, nacdem er in Berreff des Geſuchs wegen der Reiſepaͤſſe daſſelbe, was Kapitain Maitland berich⸗ tet hat:„Man rieth uns, nach England zu gehen, und verſicherte uns, wir haben daſelbſt keine ſchlimme Behandlung zu befuͤrchten.“*) Am I4ken, als am Tage ſeines zweiten Beſuchs, wurden, ſagt er, die Einladung, nach England zu ge⸗ hen, und die Bedingungen, nach welchen ſie anem⸗ pfohlen wurde, wiederholt.„Kapitain Maitland,“ ſagt er,„erklaͤrte ihm, daß, wenn der Kaiſer ſich ſo⸗ Pleich entſchließe, ſich an Bord des Bellerophon zu egeben, er bevollmaͤchtigt ſey, ihn aufzunehmen und nach England zu fuͤhren.“ Dieß iſt ſo ausgedruͤckt, daß es den Leſer auf den Glauben bringt, der Ka⸗ *)„II nous fut suggeré de nous rendre en Angleterre. et af- firmé qw'on ne anpait craindre aucun mauvais traite- ment.“ Journal de Las Cases, Tom. Imieère, Partie Imieère, P. 28. 3 124 pitain Maitland habe mit dem Grafen von einigen neuen Vorſchriften oder Befehlen, die er in Betreff Buonaparte's empfangen zu haben vorgab, geſpro⸗ chen. Ein ſolcher Schluß wuͤrde ganz irrig ſeyn; der Kapitain Maitland hatte keine neue oder erwei⸗ terte Vollmacht empfangen, auch war er nicht im Stande, das Daſeyn einer ſolchen anzudeuten. Sei⸗ ne Inſtruktion beſchraͤnkte ſich auf die(p. 112.) mit⸗ getheilten Befehle, die ihn verpflichteten, Napoleon, wenn er ſo gluͤcklich ſeyn ſollte, ihn aufzufangen, auf das von ihm befehligte Schiff zu bringen, nach einem brittiſchen Hafen abzuſegeln, und nach ſeiner Ankunft daſelbſt augenblicklich mit dem Hafen⸗Admiral oder der Admiralitaͤt in Verbindung zu treten. Graf Las Caſes giebt vor, daß er und Savary von Kapitain Maitland verſichert worden ſeyen,„daß Napoleon, ſeiner beſondern Meinung zufolge, in England alle Achtung und gute Behandlung finden werde, auf die er Anſpruch machen koͤnne; daß die Prinzen und Miniſter daſelbſt die auf dem Feſtlande gebrauchliche abſolute Gewalt nicht ausuͤben, und daß das engliſche Volk die Souveraine an Liberalitaͤt der Meinung und Großmuth der Geſinnung uͤbertreffe.“ Ferner giebt derſelbe an, daß er die Lobeserhebung Englands durch eine Rede zum Lobe Buonaparte’s beantwortet, und in derſelben ecklaͤrt habe, daß Na⸗ poleon ſich von einem Kampfe zuruͤckziehe, den er zu verfechten noch die Mittel habe, damit ſein Name und ſeine Rechte nicht zu einem Vorwande dienen moͤchten, den Buͤrgerkrieg zu verlaͤngern. Der Graf ſchloß, ſeiner eigenen Erzaͤhlung zufolge, mit den Worten:„Unter allen Umſtaͤnden glaube er, daß der Kalſer an Bord des Bellerophon komme, und mit Kavitain Maitland nach England gehen werde, um Paͤſſe nach Amerika zu erhalten,“ Kapitain Mair⸗. land gab ihm zu verſtehen, er verbuͤrge ſich keines⸗ wegs dafuͤr, daß man ihm ſolche bewilligen werde. „Im Grunde meines Herzens,“ ſagt Las Caſes, —= 125⁵ „glaubte ich nie, daß man uns die Paͤſſe bewilligen werde; allein da der Kaiſer beſchloſſen hatte, in Zu⸗ kunft den politiſchen Ereigniſſen perſoͤnlich fremd zu bleiben, ſo ſahen wir ohne Beſtuͤrzung die Möglich⸗ keit, daß man uns verhindern werde, England zu verlaſſen; allein auf dieſen Punkt waren alle unſere Beſorgniſſe und Vermuthungen beſchraͤnkt. Dieß war auch ohne Zweifel Maitlands Meinung. Ich laſſe ihm, ſo wie den andern Offizieren, die Gerech⸗ tigkeit wiederfahren, zu glauben, daß ſie bei der Schilderung, die ſie uns von den Geſinnungen des engliſchen Volks entwarfen, aufrichtig und gewiſſen⸗ haft waren.“ 3 Die Abgeſandten kehrten zu Napoleon zuruͤck, der nach Las Caſes eine Art Kriegsrath hielt, in dem ſie alle moͤglichen Fäͤlle in Erwaͤgung zogen. Den Plan mit dem daͤniſchen Schiffe und dem Fleutſchiffe gab man als zu gefaͤhrlich auf. Der breitriſche Kreu⸗ zer wurde fuͤr zu ſtark erklaͤrt, als daß er angegrif⸗ fen werden koͤnnte; es blieb nun Napoleon nur noch die Wahl, ſich zu den Truppen zu verfuͤgen, und den Krieg zu erneuern, oder Kavitain Maitlands Anerbieten, ſich an Bord des Bellerophon zu bege⸗ ben, anzunehmen. Der erſte Plan wurde verworfen, der letzte angenommen, und„dann,“ ſagt Las Ca⸗ ſes,„ſchrieb⸗Napoleon dem Prinz⸗Regenten.“*) Der Brief folgt; allein es iſt bemerkenswerth, daß er ohne Datum iſt. Dieß iſt wahrſcheinlich der Grund, warum Las Caſes nicht entdeckte, daß ſein Gedaͤcht⸗ niß ihn betrog, da dieſes Datum ihn haͤtte erinnern muͤſſen, daß der Brief vor und nicht nach der Un⸗ terredung des 1aten Julius geſchrieben wurde. Aus dieſer Erzaͤhlung erhellen zwei Dinge; 1) daß mit Kapitain Maitland keine Kapitulatlon abgeſchloſ⸗ ſen wurde; 2²) daß Graf Las Caſes die Abſicht hat, den Glauben zu erwecken, Las Caſes habe in Folge *)„Klors Napoleon écrivit au Princçe Regent.« Ibid p. 33. der von den anweſenden brittiſchen Offizieren unter⸗ ſiutzten Beweisgruͤnde des Kapitain Maitland ſich bewogen gefunden, den Vorſchlag, an Bord des Bel⸗ lerophon zu gehen, anzuempfehlen, und Napoleon, ihn anzunehmen. Allein dieſer ganze Schluß wird durch zwei kleine Ziffern widerlegt, naͤmlich das Da⸗ tum des 13. Jullus, das ſich in dem an den Prinz⸗ Regenten gerichteten Briefe findet, der deßwegen, nach der Natur der Dinge, nicht in Folge einer Un⸗ terredung zwiſchen Las Caſes und Capitain Malt⸗ land und einer Berathung zwiſchen Napoleon und ſeinen Begleitern geſchrieben worden ſeyn konnte, da ſowohl die Unterredung als die Berathung erſt am 14. Julius Statt fanden. Am Tage vor al⸗ len jenen gluͤhenden Schilderungen des Charakters des engliſchen Volkes, die dem Kapitain Maitland in den Mund gelegt worden ſind, wurde der Ent⸗ ſchluß gefaßt und der Brief geſchrieben; und Napo⸗ leon's Vorhaben gruͤndete ſich auf den unperſoͤnlichen Vorſchlag, nach England zu gehen, der Las Caſes und Savary bei ihrem erſten Beſuche am Bord des Bellerophon gemacht wurde*). Der Beſuch am 14. beſtaͤtigte ohne Zweifel den am Tage zuvor gefaßten Entſchluß. 4 Es trat nun keine Zoͤgerung mehr ein. An dem⸗ ſelben 14. Julius wurde General Baron Gourgaud mit dem ſo oft erwaͤhnten Schreiben an den Prinz⸗ Regenten, das in den nachfolgenden wohlbekannten Ausdruͤcken abgefaßt war, abgeſchickt: Rochefort, den 13. Julius 1815. „Eure Koͤnigliche Hoheit! „Ein Opfer der Partheien, welche mein Vater⸗ land zerreißen, und der Feindſchaft der groͤßten Maͤchte Europa's, habe ich meine politiſche Laufbahn geen⸗ digt, und komme, wie Themiſtokles, mich der Gaſt⸗ *) Siehe pag. 1243./ wo Las E ſes ſagt: man rieth uns, nach England zu gehen. 8 G 127 freundſchaft des brittiſchen Volks in die Arme zu werfen. Ich ſtelle mich unter den Schutz ſeiner Ge⸗ ſetze, den ich von Eurer Koͤnigl. Hoheit, als dem maͤchtigſten, dem beſtaͤndigſten und dem edelſten mei⸗ ner Feinde, fordere.“ „Napoleon.“ Kapitain Maitland benachrichtigte den Grafen Las Caſes, daß er den General Gourgaud mit dem Slaney nach England abſchicken und die noͤthigen Vor⸗ kehrungen zum Empfange Napoleon's und ſeines Gefolges treffen laſſen wolle. General Gourgaud machte den Vorſchlag, dem Grafen Bertrand augen⸗ blicklich zu ſchreiben, als Kapitain Maitland in Ge⸗ genwart ſeiner Kollegen, der Kapitaine Sartorlus und Gambier, ein anderes Beiſpiel ſeiner Aengſtlichkeit gab, in dieſer wichtigen Angelegenheit nicht mißver⸗ ſtanden zu werden. „Als General Gourgaud im Begriffe ſtand, den Brief zu ſchreiben, ſagte ich, um jedem kuͤnftigen Mtßverſtaͤndniſſe vorzubeugen: Monsieur Las Caſes, Sie werden ſich erinnern, daß ich nicht bevollmaͤch⸗ tigt bin, in Betreff der Aufnahme Buonaparte's in England irgend etwas zu veriprechen, ſondern daß er ſich als der Verfuͤgung Seiner Koͤnigl. Hoheit des Prinz⸗Regenten gaͤnzlich anheimgeſtellt betrach⸗ ten muß. Er antwortete: Ich weiß dieß ſehr wohl, und habe den Kaiſer bereits mit dem bekannt ge⸗ macht, was Sie uͤber dieſen Gegenſtand ſagten.“ Kapitain Maitland fuͤgt folgende natuͤrliche und richtige Bemerkung hinzu: 4 „ Es waͤre vielleicht beſſer geweſen, wenn dieſe Erklaͤrung in einer offiziellen, geſchriebenen Form er⸗ theilt worden waͤre; und haͤtte ich die Erierungen vorhergeſehen, welche ſpaͤter Statt hatten und viel leicht in Zukunft Statt haben werden, ſo wuͤrde ich dieß ohne Zweifel gethan haben; allein da ich ſie zu wiederholten Malen in Gegenwart von Zeugen er⸗ thellte, ſo ſchien mir dieſes nicht nothwendig; und welcher ſtaͤrkere Beweis koͤnnte dafuͤr angefuͤhrt wer⸗ 128 den, daß ich in Betreff der Aufnahme Buonaparte's in England keinen Vertrag einging, als die That⸗ ſache, daß er nicht zu Papier gebracht wurde, was ſicherlich geſchehen ſeyn wuͤrde, wenn einige guͤnſtige Bedingungen von Herrn Las Caſes verlangt und von mir bewilligt worden waͤren. Zum Schluſſe der Beweiſe in Betreff dieſes Ge⸗ genſtandes fuͤgen wir Kapitain Matlands Brief, den er den 14ten Julins an den Sekretaͤr der Admira⸗ litaͤt richtete, hinzu: „Als Nachricht fuͤr die Koͤniglichen Bevollmaͤch⸗ tigten der Admiralitaͤt habe ich Ihnen mitzutheilen, daß der Graf Las Caſes und General LAllemand heute an Bord des von mir befehligten Schiffs Sei⸗ ner Majeſtaͤt kamen, mit dem Auftrage von dem Grafen Bertrand, mir den Vorſchlag zu machen, Na⸗ poleon am Bord meines Schiffes aufzunehmen, da⸗ mit er ſich der Großmuth des Prinz⸗Regenten in die Arme waͤrfe. Da ich mich durch den geheimen Befehl J. J. H. H. dazu berechtigt hielt, nahm ich den Vorſchlag an, und er wird ſich morgen fruͤh an Bord dieſes Schiffes begeben. Um jedem Mißver⸗ ſtaͤndniſſe vorzubengen, habe ich dem Grafen Las Ca⸗ ſes in beſtimmten und deutlichen Ausdruͤcken erklaͤrt, daß ich durchaus keine Vollmacht habe, Bedingungen irgend einer Art zu bewilligen, ſondern daß ſich Al⸗ les, was ich thun koͤnne, darauf beſchraͤnke, ihn und ſein Gefolge nach England zu fuͤhren, wo er die Auf⸗ nahme finden werde, die Seine Koͤnigliche Hoheit fuͤr bienlich erachten werde.“ 3 Liegt es in der menſchlichen Natur anzuneh⸗ men, daß ein brittiſcher Offizier mit zwei andern von demſelben Nange, als Zeugen der ganzen Un⸗ terhandlung ſich in einem Falle, von dem man uͤber⸗ zeugt ſeyn konnte, daß man ihn der ſtrengſten Un⸗ terſuchung unterwerfen werde, ſich anders ausgedruͤckt haben wuͤrde, als die Wahrheit ihm erlaubte?