. ₰ 2 2— —,—— Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf ie Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücker: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 er— Pf. 3—*—— 5„1„—„ 5„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Ge hr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 oe Walter Scotl's ſaͤmmtliche Wer ke. Neu uͤberſetzt. . Zwei und ſechzigſter Band⸗— Leben von Napoleon Buonaparte. 4 Acht und zwanzigſter Theil. Stuttgart, 4 bei Gebruder Franadah. 18 27. Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzöͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Scott. — Aus dem Engliſchen uͤberſezt von General J. v. Theobald. Acht und zwanzigſter Theil.— — Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 27. Leben von Napoleon Buonaparte. Erſtes Kapitel. Kongreß zu Wien.— Murat, beunruhigt über deſſen Verfahren, tritt mit Napoleon in Verbindung.— Pläne der Verſchwor⸗ nen.— Buonaparte entkommt aus Elba.— Er landet bei Cannes und rückt kurch Frankreich vor.— In Grenoble ſtößt ein Corps von 3000 Mann zu ihm.— Er verweilt in Lyon, bildet ein Miniſterium und erläßt mehrere Dekrete. — Schrecken der königlichen Regierung.— Fouche's Intri⸗ guen.— Ney's Verratb— Aufſland der. Bourboniſchen Armee zu Melun.— Der König verläßt Paris und Buo⸗ naparte kommt an.— Seine Aufnahme. Der Kongreß der Bevollmaͤchtigten der Haupt⸗ maͤchte Europa's hatte ſich zu Wien verſammelt, um die verwirrten und verwickelten Intereſſen, die ſich aus einem ſo langen Zuſtande des Krieges und der Veraͤnderung ergeben hatten, wieder in Ordnung zu bringen. Im Verlaufe von 25jaͤhrigem beſtaͤndigem Kriege und allgemeinen Wechſel war eine gaͤnzliche Veraͤnderung nicht bloß in den geſelligen Verhaͤltniſ⸗ ſen und der betreffenden Macht der europaͤiſchen Stag⸗ W. Scott's Werke. LXII. 3 1 . ken, ſondern auch in den Gewohnheiten, Geſinnun⸗ gen und Grundſaͤtzen der Bewohner eingetreten, ſo daß die Unmoͤglichkeit, den fruͤhern Stand der Dinge vor dem Jahre 1792 wieder herzuſtellen, am Tage lag. Das Feſtland glich den Truͤmmern der Altſtadt von London nach dem großen Brande im Jahre 1666, wo die Graͤnzen des Eigenthums der Individuen ſo gaͤnzlich unkennbar und verwirrt waren, daß der Koͤ⸗ ſich gezwungen ſah, eine neue und einigermaßen willkuͤrliche Vertheilung des Grund und Bodens vor⸗ zunehmen, um die Straßen nach einem regelmaͤßigern und den fortgeſchrittenen Anſpruͤchen des Zeitalters angemeſſenern Plane wieder aufzubauen. Was ſich ſchließlich als ein Vortheil fuͤr London auswies, mag vielleicht aͤhnliche gute Folgen fuͤr die civiliſirte Welt herbeifuͤhren und eine beſſere und dauerndere Ord⸗ nung der Dinge, wie ſich erwarten laͤßt, auf den Truͤmmern der untergegangenen erheben. In dieſem Falle kann die naͤchſte Generation die Vortheile der Stuͤrme, womit ihre Vaͤter zu kaͤmpfen hatten, ein⸗ ernten. Wir ſind jedoch weit entfernt, die bei dieſer Gelegenheit ohne alle Umſtaͤnde gemachten Aneignun⸗ gen von Laͤndern zu billigen, welche, wie wir, wenn der Raum uns in weitere Diskuſſionen einzugehen geſtattete, darthun koͤnnten, die Machtuͤberlegenheit in einer Ausdehnung geltend machten, welche ſich nach den Grundſaͤtzen, in welchen, die Alliirten handelten, nicht rechtfertigen laſſen. 7 Unter andern Verhandlungen auf dem Kongreſſe wandte ſich ihre Aufmerkſamkeit auch auf den Zuſtand des Koͤnigreichs Neapel; und es ward von Talleyrand insbeſondere behauptet, daß die Garantie der Herr⸗ ſchaft Murat's in jenem ſchoͤnen Koͤnigreiche auf das Riſiko einer kuͤnftigen Gefahr fuͤr Europa ein Reich beſtehen ließe, das, nach den Grundſatzen Napoleon's gegruͤndet, von ſeinem Schwager beherrſcht werde. Man antwortete ihm nicht mit Unrecht, daß es zu ſpaͤt ſey, die Begruͤndung von Murat's Recht auf Souveranitaͤt in Abrede zu ziehen, nachdem man ſei⸗ ne Huͤlfe in dem Kriege gegen Buonaparte mit Freu⸗ den angenommen und benutzt habe. Talleyrand ſuch⸗ te, indem er Wellington eine Reihe von Briefen, die zwiſchen Buonaparte, ſeiner Schweſter Karoline und Murat gewechſelt worden, vorkegte, zu zeigen, daß es Letzterer nicht redlich meinte, wenn er ſich den Schein gab, als handle er im Einverſtaͤndniß mit den Verbuͤndeten. Der Herzog war der Meinung, daß die Briefe keinen Verrath erwieſen, obgleich ſie an⸗ zeigten, daß Murat nur mit Widerwillen gegen ſei⸗ nen Schwager und Wohlthaͤter Partei machte. Der Gegenſtand wurde nun vor dem Kongreſſe verhandelt, und Murat ſcheint, in der Meinung, ſeine Macht ſey gefaͤhrdet, das voreilige Auskunftsmittel eines Uebertritts ergriffen und ſeine Verbindung mit Na⸗ poleon wieder auſgenommen zu haben. Die Naͤhe El⸗ ba's und Neapels erleichterte es ſehr; uͤberdieß hat⸗ 1 ten ſie eine thaͤtige Huͤlfe in Pauline, die zwiſchen Italien und ihres Bruders kleinem Hofe beſtaͤndig hin⸗ und herreiſte. Napoleon laugnete jedoch jeder⸗ zeit ſtandhaft, an dem Unternehmen, womit Murat umgieng, irgend einen Antheil gehabt zu haben. Der Koͤnig von Frankreich rief indeſſen in einer Proklamation alle Franzoſen in neapolitaniſchen Dien⸗ ſten zuruͤck, und gab Befehl, daß Joachim in dem koͤniglichen Almanach nicht als Koͤnig aufgefuͤhrt wer⸗ den durfe. Murat, beunruhigt durch dieſes Zeichen feindli⸗ cher Geſinnungen, ſetzte ſich in geheime Verbindun⸗ gen mit Frankreich, in Folge deren ein Brief an den Koͤnig von Neapel, vom General Excelsmann, auf⸗ gefangen wurde, worin Letzterer in ſeinem und An⸗ derer Namen ihm ſeine Ergebenheit erklarte, und ihn verſicherte, daß tauſende von Offizieren, in ſeiner Schule und unter ſeinen Augen gebildet, auf ſeinen Ruf bereit geweſen waͤren, wenn die Sache keine guͤn⸗ ſtige Wendung genommen harte. In Folge dieſes Briefes wurde Exceismann zuerſt auf halben Sold geſetzt und aus Paris verwieſen; ein Befehl, dem er ſich weigerte, zu gehorchen. Naͤchſtdem wurde er vor ein Kriegsgericht geſtellt, und mit Ehren freigeſpro⸗ chen. Er ward ſogar beim Koͤnige zum Handkuß vor⸗ gelaſſen, und ſchwur ihm den Eid der Treue à toutes epreuves. Wie er Wort hielt, wird ſich ſogleich zei⸗ sen. Der Konig bedurfte indeſſen getreue Anhaͤnger, 9 denn die Netze der Verſchwoͤrung hatten ihn rings umſchloſſen. Das Komplott gegen Ludwig enthielt zwei Un⸗ ternehmen. Das erſte beſtand darin, daß Napoleon von Elba her landen ſollte, wenn die allgemeine Stim⸗ mung der Soldaten, der Schrecken ſeines Namens und ſeines Karakters, die weit verbreiteten Verdachts⸗ gruͤnde gegen die Bourbons, ſo wie die Hoffnung auf Wiedererlangung deſſen, was die Nation als den verlornen Ruhm von Frankreich betrachtete, ihm eine allgemein gute Aufnahme ſichern wuͤrden. Ein zwei⸗ ter, untergeordneter Punkt der Verſchwoͤrung betraf die Inſurrektion eines Truppenkorps unter General L'Allemand, welcher in dem nordoͤſtlichen Frankreich ſtand, und den Auftrag hatte, den Koͤnig und die koͤnigliche Familie auf ihrem Ruͤckzuge von Paris feſt⸗ zunehmen und ſie als Geißel zu behalten, daß der reſtaurirte Kaiſer uͤber ſie nach Gefallen verfuͤgen koͤnnte. Man kann nicht genau angeben, zu welcher Zeit ſeines Aufenthaltes in Elba Napoleon ſeine ausdruͤck⸗ liche Zuſtimmung zu dem ihm gemachten Antrage gab und ſich geneigt fand, die ihm in dem außerordent⸗ lichen Drama zugedachte Rolle zu uͤbernehmen. Wir koͤnnen jedoch annehmen, daß er um jene Zeit den Entſchluß faßte, als er ſein Betragen gegen den brit⸗ tiſchen Reſidenten an ſeinem kleinen Hofe ſo gaͤnzlich aͤnderte und ſich das Air einer unzugaͤnglichen kaiſer⸗ lichen Hoheit gab, um Sir Niel Campbell, fur den er fruͤher ſogax einiges Intereſſe zeigte, als einen un⸗ bequemen Beobachter in gehoͤriger Entſernung zu hal⸗ ten. Sein Benehmen nach dieſer Zeit haben wir be⸗ reits angegeben, ſo weit wir von demſelben in Erfah⸗ rung bringen konnten. Es war am Sonntag den 26. Februar, daß Rapoleon mit ſeinen Garden an Bord der Flottille gieng, die aus der Brigg Inconſtant und ſechs andern kleinen Fahrzeugen beſtand, um ei⸗ ne der außerordentlichſten und abenteuerlichſten Expe⸗ ditionen zu unternehmen. Die Kriegsmacht, mit wel⸗ cher er noch ein Mal Frankreichs Wohl aufs Spiel ſetzte, belief ſich auf ungefaͤhr 1000 Mann. Um das Unternehmen geheim zu halten, gab ſeine Schweſter Pauline in der Nacht, in welcher er abreißte, einen Ball, und die Offiziere bekamen, als ſie von dieſer Beluſtigung heimkehrten, unerwartet den Befehl, an Bord des kleinen Geſchwaders zu gehen. Auf ſeiner Fahrt kam Napoleon zwei Mal in große Geſahr. Die erſte war, daß er einer koͤnigli⸗ chen, franzoͤſiſchen Fregatte begegnete, die den Incon⸗ ſtant begruͤßte. Die Garden bekamen den Befehl, ih⸗ re Muͤtzen abzunehmen und ſich in den untern Theil des Schiſſes zu begeben oder auf dem Verdecke nie⸗ derzulegen, waͤhrend der Kapitaͤn des Inconſtant, mit dem Commandanten der Fregatte, mit welchem er zufaͤllig bekannt war, einige Hoͤflichkeiten wechſelte, und da er in dieſen Gewaͤſſern wohl bekannt war, vaſß⸗ 41 ſirte er ohne weitere N chfrage. Die zweite Gefahr beſtand darinn, daß ihm von Sir Niel Camp⸗ bell in der Kriegsſchaluppe Partridge nachgeſetzt wur⸗ de, der ihn von Elba her, wo er Napoleons Entwei⸗ chung erfahren, mit dem Vorſatze verfolgte, die Flot⸗ tille entweder zu nehmen oder in den Grund zu boh⸗ ren; er konnte aber die Fahrzeuge nur in weiter Ent⸗ fernung, als ſie gerade ihre Mannſchaft ans Land ſetzten, zu Geſicht bekommen. Am. 1. Maͤrz hieß Napoleon ſeine Leute, die dreifarbige Kokarde wieder aufſtecken, ſetzte ſie zu Cannes, einem kleinen Seehafen in dem Meerbuſen von Saint Jouan, nicht fern von Freius, aus Land, welches ihn bei ſeiner Ruͤckkehr aus Egypten ohne alle Begleitung landen ſah, um ein maͤchtiges Reich zu erobern, und ihn als einen geſtuͤrzten Verbannten geſchaut hatte, wie er unter Segel gieng, um an den Ort ſeiner Verbannung abzugehen, und nun wieder Zeuge ſeiner Ruͤckkehr als kuͤhner Abenteurer war, um noch ein Mal die Wuͤrfel um einen Thron oder ein Grab zu werfen. Ein kleiner Theil ſeiner Garde zeig⸗ te ſich vor Antibes, wurde aber vom General Cor⸗ ſin, dem Gouverneur des Platzes, gefangen ge⸗ nommen. Unerſchreckt durch einen ſo unguͤnſtigen Umſtand, begann Napoleon ſogleich an der Spitze von kaum 1⁰00 Mann ſeinen Marſch in das Herz eines Koͤnig⸗ reichs, aus dem er mit Verwuͤnſchungen pertrieben 1² worden und wo ſein Rival im Frieden den ihm erb⸗ lich zukommenden Thron eingenommen. Einige Zeit ſtaunten ihn die Bewohner des Landes mit zweifel⸗ haften, verwunderten Blicken an, als ob ſie unſchluͤſ⸗ ſig waͤren, ob ſie ihm als Freunde beiſtehen, oder ſich ihm, als einem Feinde, widerſetzen ſollten. Wenige Landleute riefen: vive P'Empereur! Allein die Aben⸗ teurer fanden weder Huͤtfe noch Widerſtand bei den hoͤheren Klaſſen. Am Abend des 2. Maͤrzes, andert⸗ halb Tage nach ſeiner Landung, erreichte der kleine Trupp Feinde Cérénon, nachdem ſie ihren kleinen Ar⸗ tillerietrain hinter ſich gelaſſen, um im Stande zu ſeyn, forcirte Maͤrſche zu machen. Als Napoleon fich Dauphiné, der Wiege der Revolution, wie man es nannte, naͤherte, begruͤßten ihn die Landleute mit allgemeinem Willkommen; immer noch erſchienen kei⸗ ne Grundeigen huͤmer, keine Geiſtlichkeit, keine Staats⸗ beamten. Allein ſie waren nun denen nahe, durch weſche das Gelingen oder Mißgluͤcken der Expedition entſchieden werden mußte. Der Kriegsminiſter Sonlt hatte bedeutende Trup⸗ penkorps in die Gegend zwiſchen Lyon und Chambery geſendet, um, wie er nachmals angab, die hochtra⸗ bende Sprache, welche Talleyrand zuletzt auf dem Kon⸗ greſſe fuͤhrte, dadurch zu unterſtuͤtzen, daß er zeigte, wie Frankreich bereit ſey, loszubrechen. Wenn der Marſchall es mit dieſer Maßregel redlich meinte, ſo war er wenggſtens hoͤchſt ungluͤcklich, denn die Trup⸗ 13 pen waren, wie er in ſeinem Vertheidigungsverſuche ſelbſt zugiebt, ſo aufgeſtellt, als ob ſie Buonaparten ausdruͤcklich in den Wurf gegeben waͤren, und un⸗ gluͤcklicher Weiſe traf es zu, daß die Korps aus ſol⸗ chen beſtanden, die der Perſon des Erkaiſers beſon⸗ ders zugethan waren. Am 7. Maͤrz kam das 7te Li⸗ nzenregiment, von dem Obriſten La Bedoyere befeh⸗ ligt, zu Grenoble an. Er war jung, edel geboren, ſchön, und ein ausgezeichneter Militaͤr; ſeine Heirath hatte ihn mit der edeln und koͤniglich geſinnten Fa⸗ milie Damas in Verwandtſchaft gebracht, er hatte durch ihren Einfluß von Ludwig XVIII. Beförderung und Anſtellung erhalten, ja ſeine Verwandten gien⸗ gen ſo weit, daß ſie ſich fuͤr ſeine Treue verbuͤrgten. La Bedoyere war jedoch durch Cambrone tief in die Verſchwoͤrung von Elba verwickelt, und mißbrauchte das ſo erhaltene Kommando zum Sturze des Monar⸗ chen, durch den es ihm anvertraut war. Als Napoleon ſich Grenoble naͤherte, kam er mit den Vorpoſten der Garniſon in Beruͤhrung, die zwar gegen ihn ausruͤckten, aber unentſchloſſen zu ſeyn ſchienen. Buonaparte hielt mit ſeinem kleinen Hau⸗ fen und ſchritt allein vor, indem er ſeine Bruſt dar⸗ bot und ausrief:„Wer ſeinen Kaiſer toͤdten will, mag es nach Belieben thun!“ Die Anrede war un⸗ widerſtehlich. Die Soldaten ſenkten die Waffen und umgaben den General, der ſie oft zu Siegen gefuͤhrt, mit dem Rufe: viye l' Empereur! Mittlerweile zog 14 La Bedoyere an der Spitze von zwey Bataillons aus den Thoren von Grenoble. Als ſie vorruͤckten, brach⸗ te er einen Adler zum Vorſchein, der, gleich dem des Marius, von den roͤmiſchen Verſchwornen angebetet, forgfaͤltig als Sinnbild des Burgerkrieges aufbewahrt worden war; zur ſelben Zeit vertheilte er unter die Soldaten dreifarbige Kokarden, welche er in einer Trommel verborgen hatte. Sie wurden mit Enthu⸗ ſiasmus aufgenommen. In dieſem Augenblicke kam La Bedoyere's Vorgeſetzter, der Marſchall des Vil⸗ liers, erſchrocken uͤber das, was vorgieng, an Ort und Stelle an und ſchalt den jungen ſanatiſchen Mi⸗ litaͤr und die Soldaten. Er ward gendthigt, ſich zu⸗ ruͤckzuziehen. General Marchand, der loyale Kom⸗ mandant von Grenoble, hatte eben ſo wenig Einfluß bei den Trupven, welche in dem Platze zurückgeblie⸗ ben; ſie nahmen ihn geſangen und uͤbergaben die Stadt an Buonaparte. So ſtand Napoleon jetzt an der Spitze von beinahe 3000 Soldaten, hatte den ge⸗ hoͤrigen Artillerietrain und die erforderliche Munition. Er handelte mit Maͤßigung, wie der guͤnſtige Erfolg ihm wohl geſtattete, und entließ General Marchand, shne ihm etwas zu Leide zu thun. Als die erſte Nachricht von Napoleons Ankunft nach Paris gelangte, erregte ſie mehr Erſtaunen als Beſtuͤrzung; als man aber erſuhr, daß er, ohne Wi⸗ derſtaud zu finden, durch das Land zog, begann man allgemein einen unerwarteten, durchdachten Verrath 15 zu befuͤrchten.— Damit die Bourbons ihrer Sache nicht entſtuͤnden, brach Monſieur mit dem Herzog von Orleans nach Lyon auf, und der Herzog von An⸗ gouleme begab ſich nach Nismes. Die geſetzgebenden Koͤrper und der groͤßte Theil der beſſeren Klaſſen er⸗ klaͤrten ſich fuͤr die koͤnigliche Sache. Die Reſidenten verſchiedener Maͤchte beeilten ſich, Ludwig die Huͤlfe ihrer Souveraͤne zuzuſichern. Corps von Freiwilligen bildeten ſich unter den Royaliſten ſowohl, als der kon⸗ ſtitutionellen oder gemaͤßigten Partei. Die eindring⸗ lichſten Proklamationen riefen das Volk zu den Waf⸗ fen. Eine Aufforderung des beruͤhmten Benjamin Conſtant, eines der beruͤhmteſten Maͤnner auf Sei⸗ ten der Gemaͤßigten, zeichnete ſich durch ihre Bered⸗ famkeit aus. Sie ſtellte den Kontraſt zwiſchen der geſetzlichen Regierung eines konſtitutionellen Monar⸗ chen und der Uſurpation eines Attila oder eines Geng⸗ his, der bloß durch das Schwerdt ſeiner Mameluken regiere, ins Licht. Sie erinnerte Frankreich an den allgemeinen Abſcheu„ womit Buonaparte gus dem Koͤ⸗ nigreich vertrieben worden war, und ſprach die Ver⸗ achtung von ganz Europa uͤber die Franzoſen aus, wenn ſie ihre Haͤnde wieberum freiwillig nach den Ketten ausſtrecken wuͤrden, die ſie abgeworfen haͤtten. Alles wurde zu den Waffen gerufen, beſonders dieje⸗ nigen, denen die Freiheit theuer war; denn in dem Triuphe Buonaparte's mußten ſie ihr Grab fuͤr im⸗ mer finden.—„Mit endwig“, hieß es in der Ad⸗ ——=— 16 dreſſe,„war Frieden und Gluͤck;— mit Buonaparte Krieg, Elend und Zerſtorung.“ Eine noch eindring⸗ lichere Appellation an das Publikum wurde von einem Frauenzimmer auf den Treppen der Tunlerien ge⸗ macht, wenn ſie ausrief:„Wenn Ludwig nicht Man⸗ ner genug zum Kampfe fuͤr ſich hat ſo laßt ihn die Wittwen und kinderloſen Muͤtter aufrufen, welche von Napoleon der Ihrigen beraubt worden ſind!“ Trotz dieſer Demonſtrationen der Eiferer war die oͤffentliche Stimmung zu ſehr von den Urſachen der Unzufriedenheit influenzirt, welche ſeit mehreren Mo⸗ naten durch ſo viele Kunſtgriffe geſteigert worden war. Der entſchiedenen Royaliſten waren wenige, die Konſtitutionellen aber lau. Es wurde jeden Au⸗ genblick augenſcheinlicher, daß nicht die Stimme des Volkes, ſondern das Schwerdt der Armee den Streit entſcheiden muͤßte. Soult, deſſen Benehmen mannich⸗ fachen Verdacht erregt und ihn noch durch den Vor⸗ ſchlag erhoͤht hatte, die Offiziere, welche ſeit der Re⸗ ſtaurarton auf halben Sold geſetzt waren: außzufor⸗ dern, legte ſeine Stelle nieder, und wurde durch Klarke, den Herzog von Feltre, erſetzt, ver zwar als Soldat minder beruͤhmt, aber als Unterthan des Ver⸗ trauens wurdiger war. Es wurde zu Melun ein La⸗ ger bezogen— Truppen dahin aufgeboten, und mit der groͤßten Vorſicht diejenigen Korys ausgeſucht, wel⸗ chen die konigliche Sache konnte anvertraut werden. Indeſſen hatte das Gluͤck die Bourbons nicht gaͤnz⸗ 17 gaͤnzlich verlaſſen; der Theil der Buonapartiſchen Ver⸗ ſchwoͤrung, welcher im Norden ſollte ausgefuͤhrt wer⸗ den, ward entdeckt und vereitelt. Lefebvre Desnoue⸗ tes, in England unruͤhmlich durch ſeinen Wortbruch bekannt, war mit den zwei Generalen Allemand Agent in dem Komplote. Am 10. Maͤrz brach Lefebyre mit ſeinem Regimente auf, um zu Buonaparte zu ſtoßen; allein die Offiziere entdeckten ſein Vorhaben, und er war genoͤthigt, ſich dem Arreſte, womit er bedroht war, durch die Flucht zu entziehen. Die bei⸗ den Allemands brachten die 6000 Mann ſtarke Gar⸗ niſon von Lisle durch die erdichtete Nachricht in Be⸗ wegung, daß in Paris eine Inſurrektion ausgebrochen. Allein Marſchall Mortier, welcher den Truppen auf dem Marſche begegnete, entdeckte und unterdruͤckte die Verſchwoͤrung, durch welche, wenn ſie Statt ge⸗ funden haͤtte, der Koͤnig und die koͤnigliche Familie nothwendig zu Gefangenen gemacht worden waͤren. Haͤtte man die Allemands feſtgenommen und ſie auf der Stelle als Hochverraͤther exekutirt, ſo haͤtte dieß einen wohlthaͤtigen Schrecken unter denjenigen Offi⸗ zieren, die noch unſchluͤſſig waren, yerbreitet,; ſo aber beſaßen die Miniſter des Koͤnigs nicht Energie genug fuͤr ſolch eine Kriſis. Die Fortſchritte Buonaparte's fanden indeſſen keine Unterbrechung. Umſonſt war es, daß Monſieur und der Herzog von Orleans unter dem Rath und Einfluſſe des Marſchalls Macdonald die Truppen bei W. Scott's Werke. LXII. 2 48 threr Pflicht und die Einwohner im Gehorfam gegen den Koͤnig zu erhalten ſtrebten. Die Letzteren, haupt⸗ ſaͤchlich Mannfakturiſten, ungehalten daruͤber, daß ſie von den Englaͤndern von ihren eigenen Markten durch Wohlſeilheit der Preiſe verdraͤngt wurden, riefen laut: vive PEanpereur! die Linientruppen blieben ſtill und truͤbſinnig.„Wie werden ſich Ihre Soldaten beneh⸗ men?“ fragte Monſieur den Obriſten des dreizehnten Dragonerregiments. Der Obriſt brachte dieß vor ſei⸗ ne Leute ſelbſt; ſie antworteten ihm offen, daß ſie allein fuͤr Napoleon fechten wuͤrden. Monſieur ſtieg ab und wandte ſich an die Soldaten perſoͤnlich. Zu einem mit Narben bedeckten und mit Medaillen de⸗ korirten Soldaten ſprach der Prinz:„ein braver Sol⸗ dat, wie Sie, wenigſtens wird vire le Roi! rufen.“ —„Sie truͤgen ſich,“ antwortete der Soldat,„Nie⸗ mand hier wird gegen ſeinen Vater fechten— ich werde rufen: vive Napoleon!“ Die Bemuͤhungen Macdonald's waren gleichfalls ohne Erfolg. Er ſuchte zwei Bataillone zu bewegen, ſich dem Einzuge von Buonaparte's Avantgarde zu widerſetzen. Sobald die Truppen einander zu Geſicht bekamen, verließen ſie thre Reihen und vereinigten ſich zu dem Ruf: vive TEmpereur! Macdonald wuͤrde ſelbſt zum Gefangenen gemacht worden ſeyn; allein die Truppen, welche er erſt noch kommandirt hatte, wollten den Revolt nicht auf die Spitze treiben. Monſteur ſah ſich genoͤthigt, beinahe allein aus Lyon ſich zu ſtuͤchten,. Die Chreu⸗ ———— 49 garde, welche ſich aus Buͤrgern gebildet hatte, um die Perſon des Zweithoͤchſten der Bourboniſchen Fa⸗ milie zu begleiten, bot ihre Dienſte Napoleon an, allein er ſchlug ſie mit Verachtung aus, fandte aber einem einzelnen Dragoner, der die Loyalitaͤt und Hin⸗ gebung hatte, Monſieur auf ſeinem Ruͤckzuge zu be⸗ gleiten, das Ehrenkreuz. Als Buonaparte nun Meiſter von der alten Haupt⸗ ſtadt der Gallier war und an der Spitze eines Hee⸗ res von 7000 Mann ſtand, ward er vres ganz Macon, Chalons, Dijon und beinahe ganz Baurgund aner⸗ kannt. Marſeille dagegen und die ganze Provence er⸗ klaͤrten ſich gegen Napoleon, und die erſtere Stadt ſetzte ſogar einen Preis auf ſeinen Kopf. Napoleon fand es nothwendig, zu Lyon Halt zu machen, um ſeine Truppen ausruhen zu laſſen, und da nun auch einige Civiliſten ſeiner Partei ſich bei ihm einfanden, hielt er es an der Zeit, auch ſeine Regierung und ſein Miniſterlum zu organiſiren: Bis⸗ her hatten die Adreſſen, welche er bekannt gemacht, einen militaͤriſchen Karakter und waren noll von je⸗ nen orientaliſchen Bildern, welche Buonaparte fuͤr weſentliche Beſtandtheile der Beredſamkeit hielt, in⸗ dem er verſprach, daß der Sieg in Eilſchritten ſich fortbewegen und der Abler mit den Farben der Na⸗ tion von Kirchthurw zu Kirchthurm fliegen wuͤrde, bis er von den Chuͤrmen der Notre Dame ſtrahle. Die gegenwaͤrngen Dekrete hatten einen verſchiedenen 2 2 20 Karakter und bezogen ſich auf die innere Organiſation ſeiner projektirten Regierung. Cambaceres wurde zum Miniſter der Juſtiz⸗ Fouchs zu dem der Polizei(eine Verguͤnſtigung fuͤr die Revolutionnaͤrs) ernannt, Davouſt ward zum Kriegs⸗ miniſter gemacht. Dekrete uͤber Dekrete ergiengen mit der reißenden Schnelligkeit, welche zeigte, wie Buona⸗ parte ſeine muͤſſigen Stunden auf Elba angewandt hatte, die, wie man vermuthete, der Abfaſſung ſei⸗ ner Memoires gewidmet waren. Sie wurden im Namen Napoleons von Gottes Gnaden Kaiſer von Frankreich erlaſſen, und waren vom 30. Maͤrz datirt, obgleich ſie erſt am 21. des folgenden Monats bekannt gemacht wurden. Das erſte dieſer Dekrete hob alle Veraͤnderungen an den Gerichtshofen und Tribunalen auf, die waͤhrend der Abweſenheit Napoleons Statt gefunden hatten, Das zweite entſetzte alle Offiziere aus der Klaſſe der Emigranten, welche von dem Koͤ⸗ nig in der Armee angeſtellt waren. Das dritte un⸗ terdruͤckte die Verordnung des heiligen Ludwigs, die weiße Fahne und Kokarde und andere Embleme des Koͤnigthums und ſetzte die dreifarbige Fahne und die Symbole des Kaiſerthams unter Buonaparte's Herr⸗ ſchaft an ihre Stelle. Daſſelbe ſchaffte die Schweizer⸗ garde und die Haustruppen des Koͤnigs ab. Das vierte ſequeſtrirte die Effekte der Bourbons: eine aͤhnliche Ordonnanz ſequeſtrirte das zuruͤckgegebene Eigenthum der emigrirten Familien, und Alles ward 21 ſo kuͤnſtlich angelegt, daß es das Anſehen gewann, als ob große Veraͤnderungen des Eigenth ims auf die⸗ ſe Art Statt gefunden haͤtten. Das fünfte Dekret von Lyon unterdruͤckte den alten Adel und die Feu⸗ daltitel; auch beſtaͤtigte es foͤrmlich die Eigenthuͤmer von Nationalguͤtern in ihren Beſitzungen. Das ſechs⸗ te ſprach das Verbannungsurtheil gegen alle Emigran⸗ ten aus, die uicht vor der Zuruͤckkunft des Bourbons aus der Liſte geſtrichen waren, wozu noch die Kon⸗ fiskation ihres Eigenthums kam. Das ſiebente ſtellte die Ehrenlegion wieder ganz in der Form her, wie ſie unter der Kaiſerherrſchaft beſtanden, und ſchlug noch zu ihren Fonds die konfiszirten Einkuͤnfte des Ordens vom heiligen Ludwig. Das achte und letzte Dekret war das wichtigſte von allen. Unter dem Vor⸗ wande, daß Emigranten, die die Waffen gegen Frank⸗ reich getragen, in die Kam ner der Pairs aufgenom⸗ men worden, und daß die Kammer der Abgeordneten bereits ihre geſetzliche Zeit beiſammen geweſen, loͤſte es beide Kammern auf und berief die Wahlkollegien des Reiches zuſammen, um in dem folgenden Monat Mai auf dem Champ de Mars eine auſſerordentliche Verſammlung zu halten. Dieſe Zuſammenberufung, wofuͤr der Erfinder einen Namen in der Geſchichte der alten Franken fand, ſollte zwei Objekte haben: erſtlich ſolche Veraͤnderungen und Verbeſſerungen in der Konſtitution des Reiches zu treffen, als die Um⸗ ſtaͤnde rathſam machten; zweitens zu der Kroͤnung 22 der Kaiſerin und des Koͤnigs von Rom behuͤlflich zu ſeyn. Wir koͤnnen uns nicht damit aufhalten, dieſe ver⸗ ſchiedenen Verfuͤgungen zu wuͤrdigen. Im Allgemei⸗ nen mag bemerkt werden, daß ſie ganz beſonders dar⸗ auf berechnet waren, Napoleons Sache zu dienen. Sie ſchmeichelten der Armee und ſteigerten zu glei⸗ cher Zeit ihren Groll gegen die Emigranten dadurch, daß ihnen bemerklich gemacht wurde, wie ſie von Lud⸗ wig dem Intereſſe dieſer ſeiner Anhaͤnger geopfert worden waren. Sie ließen die Republikaner baldige Konfiskationen, Aechtungen und Veraͤnderungen in der Regierung hoffen, waͤhrend die kaiſerlich Geſinn⸗ ten durch die Ausſicht auf anſehnliche Fonds fuͤr Pen⸗ ſionen, Aemter und Ehrendekorationen befriedigt wur⸗ den. Den Eigenthuͤmern von Nationalguͤtern wurde Sicherheit, den Pariſern das Schauſpiel des Mars⸗ feldes, und ganz Frankreich Ruhe und Frieden ver⸗ ſprochen; da die Ankunft der Kaiſerin und ihres Soh⸗ nes, die, wie man zuverſichtlich behauptete, ſchon in der Naͤhe waren, als ein Unterpfand der Freundſchaft mit Oeſterreich betrachtet werden muͤßte. Rußland, behauptete man, ſey gleichfall freundſchaftlich gegen Napoleon geſinnt, und auf das Benehmen Alexanders gegen die Glieder der Buonapartiſchen Familie berief man ſich kuͤhn, als auf eine bekannte Thatſache; auch England beguͤnſtiate ihn; wie haͤtte er ſonſt, ringsum von deſſen Seemacht umgeben, von der Inſel entkom⸗ 23 men koͤnnen? Preußen mochte daher allein als feind⸗ lich und unverſoͤhnt betrachtet werden; allein von den andern Krieg fuͤhrenden Maͤchten nicht unterſtuͤtzt, mußte Preußen ſich leidend verhalten oder wuͤrde bald zur Virnunft gebracht werden. An Einem wenigſtens der frihern Sieger von Paris Rache nehmen zu koͤn⸗ nen, gab der Revolution Wuͤrze und Geſchmack, wel⸗ che die Konkurrenz der andern großen Maͤchte nach der Ausgage Buonaparte's in Ruhe und Frieden vor ſich gehei ließ. Solche Nachrichten wurden von Na⸗ poleons Anhaͤngern durch ganz Frankreich verbreitet. Sie giemen ſeinem Marſche voran und bereiteten die Gemuͤther vor, ihn als ihren beſtimmten Gebieter zu empfanger. Am 15. brach Buonaparte wieder auf, zog durch Macon, Chalons und Dijon, und langte am 17. Maͤrz in Auxerre an. Seine eigene Art, zu reiſen, glich moer der eines Fuͤrſten, welcher, muͤde von Staatsgechaͤften, ſich ſo viel als moͤglich aus ihren Netzen hrauszuwinden wuͤnſcht, als der eines Aben⸗ teurers, welcher an der Spitze einer Armee von In⸗ ſurgenter kommt, um von dem Haupte eines geſetz⸗ maͤßigen Monarchen eine Krone zu reißen. Er reiſte mehrere Stunden vor ſeiner Armee her, oft ohne Bedeckung, oder meiſtens nur von ein paar polniſchen Lancters begleitet. Das Land, durch welches er reiſte, war ſeinen Anſpruͤchen guͤnſtig. Es war von den Al⸗ ttirten waͤhrend der militaͤriſchen Operationen des letz⸗ 24 ten Feldzuges hart mitgenommen worden, und der Haß der leidenden Bewohner dehnte ſich auf die Fa⸗ milie aus, weiche durch den Einfluß dieſer Franden deſtiegen hatte. Als ſie daher ihren fruͤ⸗ heren Kaiſer allein ohne Leibwache in ihrer Mite ſa⸗ hen und er ſich mit ſeinem gewohnten thaͤtigen In⸗ tereſſe nach ihren erlittenen Verluſten erkundigte und ihnen großmuͤthige Verſprechungen von Entſchidigung machte, ſo darf man ſich nicht wundern, wenr ſie ſich lieber der Schlachten erinnerten, die er in ih er Sa⸗ che gegen die Auslaͤnder gefochten, als an de Moͤg⸗ lichkeit dachten, daß ſeine Gegenwart die Voraͤuferin einer zweiten Invaſion ſeyn wuͤrde. Das Revolutionsfieber ſchritt vor Bunaparte gleich einer epidemiſchen Seuche her. Das verzehnte Regiment Lanciers, welches in Auxerre ſtaid, trat auf das erſte Zeichen die weiße Kokarde iter die Fuͤße; das ſechste Regiment Lanciers erkhete ſich gleichfalls fuͤr Napoleon, und ohne auf eine vrdre zu warten, verließen einige Soldaten von den Hustrup⸗ pen Montereau und ſicherten den wichtigen Poſten, der den Uebergang uͤber die Seine beherrſcht. Der Schrecken der koͤniglichen Regieruig uͤber den Aufſtand zu Lyon ward noch geſteigert durch fal⸗ ſche Nachrichten, welche fruͤher von einem vorgebli⸗ chen Siege uͤber die Royaliſtenvartei im Angeſichte dieſer Stadt zirkulirt hatten. Die Verſchwoͤrung var ſo tief angelegt und verbreitete ſich ſo weit durch alle Zweige der Regierung, daß die Betheiligten dieſen falſchen Bericht in halb offilzieller Form vermittelſt eines Telegraphen nach Paris zu bringen wußten. Er hatte den erwuͤnſchten Erfolg, die Vorbereitungen der koͤniglichen Partei zu ſubſpendiren, und die Beſorg⸗ niſſe zu erhoͤhen, die ſich ihrer bemaͤchtigten, als Monſieur beinahe ohne alle Begleitung zuruͤckkehrte und die Nachricht von ſeinem ſchlechten Erfolge brachte. In dieſem Angenblicke allgemeiner Verzweiflung bot Fouche dem beinahe voͤllig vertheidigungsloſen Ko⸗ nige ſeine Huͤlfe an. Es iſt wahrſcheinlich, daß ſie ihm, je mehr er uͤber den Karakter ſeines alten Ge⸗ bieters nachdachte, um ſo ſtaͤrker die Ueberzeugung aufdrang, daß ſie einander zu gut kennten, als daß ein gegenſeitiges Zutrauen Statt finden konnte. Oh⸗ ne ſich durch die Verbindung, welche er mit den kai⸗ ſerlich Geſinnten eroͤffnet hatte, abſchrecken zu laſſen, verlangte er eine geheime Audienz bei dem Koͤnig. Sie ward ihm zwar verweigert, allein ſeine Mittheilun⸗ gen wurden vermittelſt zweier von Ludwig abgeordne⸗ ter vertrauter Perſonen an ihn gebracht. Fouché's Sprache gegen ſie war die eines kuͤhnen Empirikers, an welchen ſich die Patienten im Augenblick der Ver⸗ zweiflung wenden, und der ſich mit dem groͤßten Selbſtvertrauen an die verzweifeltſten und ſchwierig⸗ ſten Kuren macht. Gleich dieſen, verlangte er abſo⸗ Inte Hingebungg in ſeine Kunſt— die genaueſte Be⸗ folgung ſeiner Vorſchriften— die glaͤnzendſte Beloh⸗ 26 nung ſeiner verſprochenen Dienſte; und als ſolcher ſprach er mit dem groͤßten Vertrauen auf die Unfehl⸗ barkeit ſeines Mittels, waͤhrend er uͤber die Ingre⸗ dienzen, woraus es beſtand, und die Art, auf wel⸗ che er vperiren wollte, ausweichend antwortete oder gefliſſentlich ſtille ſchwieg. Er verlangte von Ludwig XVIII, er ſolle dem Herzoge von Orleans alle Ere⸗ kutivgewalt, und alle Poſten des Miniſteriums ihm und denen üͤbergeben, welche er bezeichnen wuͤrde; nachdem dieſe Bedingungen zugeſtanden waͤren, un⸗ ternahm er es, Buonaparte's Expedition einen Damm entgegen zu ſetzen. Die Memoiren dieſes kuͤhnen In⸗ triguanten, behaupten, daß er gemeint war, die gan⸗ ze noch uͤbrige Revolutionspartei aufzubieten, und die Grundſaͤtze von Freiheit und Gleichheit denen von Frankreichs Ruhm in Buonaparte's Sinne entgegen⸗ zuſtellen. Worinn die Mittel beſtanden, welche die⸗ ſe Poliker ſo vereinigt der franzoͤſiſchen Armee ent⸗ gegenſetzen wollten, hat Fouché uns nicht angegeben; allein es iſt wahrſcheinlich, daß, um das Vordringen der 10,000 Bewaffneten zu hemmen, gegen welche die Revolutionaͤrs kaum den Poͤbel der Vorſtaͤdte aufbie⸗ ten konnten, der Erminiſter der Polizei das ſchaͤrfſte und ſicherſte Mittel der Ermordung Napoleons, zu deſſen Ausführung er die geeignetete Agenten beſſer als irgend Einer auffinden konnte, vor Augen hatte. Als der Koͤnig auf dieſe Vorſchlaͤge nicht ein⸗ gieng, nach welchen er ſeinen Zepter dadurch, daß er 27 ihn aus ſeinen Haͤnden empfieng, und durch weitere nicht angegebene Mittel retten ſollte, gegen deren Rechtlichkeit er gerechten Verdacht ſchoͤpfen mußte, ſah ſich Fouché genoͤthigt, ſeine Intriguen wieder im Dienſte ſeines alten Gebieters ſpielen zu laſſen. Er kam dadurch bei den Royaliſten ſo ſehr in Verdacht, daß ein Befehl ergieng, ihn in Verhaft zu nehmen. Den Polizeiagenten, ſeinen fruͤhern Untergebenen, welche kamen, den Befehl auszufuͤhren, ſtellte er die Ungultigkeit ihres Verhaftsbefehls vor, ſchloß ſich, als wollte er eine Proteſtation dagegen niederſchreiben, in ſein Kabinet ein, und ſtieg durch eine geheime Trep⸗ pe in ſeinen Garten, deſſen Mauer er erkletterte. Seine naͤchſte Nachbarin, in deren Garten er entkam, war die Herzogin Saint Leu, ſo daß der Fluͤchtling, wie ein Deus ex machina, mitten in einem Zirkel von auserwaͤhlten Buonapartiſten erſchien, welche ihn im Ttiumphe aufnahmen, und die Art, wie er unter ſie trat, als eine volle Buͤrgſchaft ſeiner Ergebenheit be⸗ trachtete.*). Ludwig XVIII. nahm in ſeiner Bedraͤngniß ſeine Zuflucht zu der Huͤlfe eines andern Revolutionsman⸗ *) In Fouchs's Memolren wird angegeben, daß dieſer Ver⸗ haftsbeſehl keinen politiſchen Grund hatte, ſondern daraus entſprang, doß Savary ihn beneidete, und, nach den großen Summen, welche zur Verfügung dieſes Agenten geſtellt wurden, vorausſehend, daß er wieder Polizeiminiſter werden würde, worauf er es ſelbſt abgeſehen hatte, hoffte, ſeinen *, Nebenbuhler auf dieſe Weiſe aus dem Wege zu ſchaffen. 28 nes, der vielleicht, ohne die Geſchicklichkeit eines Fou⸗ ché's zu beſitzen, wenn er den Willen gehabt haͤtte, mehr im Stande war, als jener, der koͤniglichen Sa⸗ che zu dienen. Marſchall Ney bekam den Auftrag, das Kommando einer Armee zu uͤbernehmen, die be⸗ ſtimmt war, Napoleon auf dem Marſche gegen Paris auf der Seite und in dem Ruͤcken anzugreifen, waͤh⸗ rend die zu Melun ſtehenden Truppen ihn von vorn angreifen ſollten. Er hatte am 9. Maͤrz eine Audi⸗ enz bei dem Koͤnige, wo er dieſen Auftrag mit dem Ausdrucke der aufopferndſten Treue gegen den Koͤnig uͤbernahm, und ſich erklaͤrte, er wolle Buonaparte, gleich einer wilden Beſtie, in einem eiſernen Kaͤſich nach Paris zuruͤckbringen. Der Marſchall begab ſich nach Beſangon, wo er am 11. Maͤrz erfuhr, das Buonaparte im Beſitz von Lyon ſey. Allein er ſuhr fort, ſich zum Widerſtand anzuſchicken, und zog alle Truppen aus den benachbarten Garniſonen zu⸗ ſammen. Gegen diejenigen, welche ihm die unguͤn⸗ ſtige Stimmung der Soldaten vorſtellten und bemerk⸗ ten, daß es ſchwer halten wuͤrde, ſie zum Fechten zu bringen, antwortete Ney entſchloſſen:„Sie ſollen fechten! ich will einem Grenadier die Muskete aus der Hand nehmen und ſelbſt den Kampf beginnen; — ich will dem erſten, welcher zoͤgert, meinem Bei⸗ ſpiele zu folgen, mein Schwert bis zum Griff in den Leib ſtoßen!“ Dem Kriegsminiſter ſchrieb er, daß durch die Thaͤtigkeit und die reiſſenden Fortſchritte 29 Buonaparte's Alles verblendet ſey; daß dieſer von dem gemeinen Volk und den Soldaten beguͤnſtigt werde, die Civilbehörden dagegen ſeyen treugeſinnt, und er hoffe immer noch„eine gluͤckliche Beendigung dieſes tollen Unternehmens zu ſehen.“ In dieſer Stimmung ruͤckte Ney nach Loup Le⸗ ſaulnier vor. Hier empfieng er in der Nacht vom 13. auf den 14. Maͤrz einen Brief von Napoleon, worin er ihn aufforderte,„als der Tapferſte der Tapfern“ unter ſeine Fahnen zu treten— ein Name, der tau⸗ ſend Erinnerungen in ihm erwecken mußte. Er hat⸗ te bereits ſeine Offiziere und Soldaten ausgeholt, und ſie unabaͤnderlich entſchloſſen gefunden, zu Napo⸗ leon überzutreten. Er hatte deßhalb nur noch die Wahl, durch einen Uebertritt zu dem Kaiſer ſein Kommando zu behalten, oder zum Koͤnige, ohne ir⸗ gend etwas ansgefuͤhrt zu haben, woburch es ſcheinen konnte, als habe er ſein prahleriſches Verſprechen rea⸗ liſtren wollen, und ohne die Armee zuruͤckzukehren, uͤber die er ſich eines ſo großen Einfluſſes geruͤhmt hatte. 8 Marſchall Ney war ein Mann von gemeiner Ge⸗ burt, der ſich durch die tollkuͤhnſte Tapferkeit zum höchſten Range in der Armee emporgeſchwungen hatte. Seine fruͤhere Erzſehung hatte ihm kein zartes Ehrge⸗ fuͤhl, keine hohe Geſinnung gegeben; er hatte keines von beiden erworben, als er im Leben hoͤher ſtieg; er war ein ſchwacher Mann mit mehr Eitelkeit als — 36 Stolz, und mußte daher den Verluſt von Macht ſchmerzlicher als den der Ehre empfind n. Im Ge⸗ fuͤhl der Unrechtmaͤßigkeit ſeines yloͤtzlichen Uebertritts gab er ſich lieber den Schein eines beſonnenen Boͤſe⸗ wichts als ſich in ſeinem wahren Karakter, als ein veraͤnderlicher, karakterloſer und unbeſonnener Thor zu zeigen. Er gab vor, daß Napoleons Expedition ſchon lange zwiſchen ihm und den andern Marſchaͤllen arrangirt geweſen ſey; allein wir wollen lieber anneh⸗ men, daß dieß bloſe Erfindung war, als daß die Be⸗ theurungen, welche der ungluͤckliche Mann noch vor fuͤnf Tagen in den Tullerien that, das Ergebniß vor⸗ bedachter Verraͤtherei geweſen ſind. Der Marſchall machte nun einen Tagsbefehl be⸗ kannt, daß die Sache der Bourbons fuͤr immer ver⸗ loren ſey; er ward von den Soldaten mit Begeiſte⸗ rung aufgenommen, und Buonaparte's Fahne und Farben wurden ſogleich aufgeſteckt. Manche Offiziere jedoch proteſtirten dagegen und verließen ſein Kom⸗ mando; einer brach, ehe er abgieng, ſein Schwert entzwei und warf es Ney zu Fuͤßen, mit den Wor⸗ ten:„Es iſt fuͤr einen Mann von Ehre leichter, den Stahl, als ſein Wort zu brechen.“ Ney wurde von Napoleon mit offenen Armen em⸗ pfangen; ſein Abfall brachte der Sache des Koͤnigs unberechenbaren Nachtheil, indem er zeigte, daß der Geiſt der Treuloſigkeit nicht blos die gemeinen Solda⸗ ten beſaß, ſondern ſogar die Offiziere vom hoͤchſten 51 Nange in der Armee angeſteckt hatte. Der Koͤnig bot indeſſen, ungeachtet dieſer verzweiflungsvollen Um⸗ ſtaͤnde, noch Alles auf, ſeine Unterthanen im Gehor⸗ ſam gegen ihn zu erhalten, Er wohnte in Perſon der Sitzung der Kammer der Abgeordneten bei, und wur⸗ de mit ſo enthuſiaſtiſchem Beifall empfangen, daß man haͤtte denken ſollen, es wuͤrden die kraͤftigſten Maß⸗ regeln getroffen werden. Ludwig muſterte naͤchſtdem die ungefaͤhr 25,000 Mann ſtarken Nationalgarden, von denen er gleiche Zeichen der Anhaͤnglichkeit em⸗ pfieng. Er beſichtigte auch die aus 6000 Mann beſte⸗ henden Linientruppen; allein ſein Empfang war zwei⸗ deutig: ſie ſteckten zum Zeichen ihrer Ehrerbietung ihre Muͤtzen auf ihre Bajonete, lieſſen aber keinen Laut vernehmen. Einige aus der Umgebung Ludwigs glaubten immer noch, daß dieſe Leute dem Koͤnig zu⸗ gethan waͤren, oder daß ſie auf jeden Fall in das Lager zu Melun, dem letzten Punkte, auf welchem die koͤnigliche Partei ſich halten zu koͤnnen hoffte, abge⸗ ſandt werden ſollten. Als letztes Auskunftsmittel berief Ludwig am 18. Maͤrz eine allgemeine Verſammlung in die Tuilerien, Die gegenwaͤrtigen Generale erklaͤrten, daß Buona⸗ parten kein wirkſamer Widerſtand gereiſtet werden koͤnne; der royaliſtiſche Adel widerſprach ihnen, und nach heftigen Ausfaͤllen von beiden Seiten, die ſich in der Gegenwart des Koͤnigs durchaus nicht ſchick⸗ ten, ſah ſich Ludwig genoͤthigt, die Verſammlung 32 aufzuloſen, und Vorbereitungen zu machen, eine Haupt⸗ ſtadt zu verlaſſen, zu deren Vertheidigung ihm die Uebermacht ſeiner Feinde und die Uneinigkeit ſeiner Freunde nicht laͤnger mehr Hoffnung ließ. 1 Mittlerweile naͤherten ſich die zwei Armeen ein⸗ ander vor Melun, die des Koͤnigs ward von dem ge⸗ treuen Macdonald befehligt. Am 20. waren ſeine Trup⸗ pen in drei Linien aufgezogen, um die Gegner in Empfang zu nehmen, welche dem Vernehmen nach von Fontaineb⸗ leau im Anzuge waren. Es trat eine lange Pauſe der Un⸗ gewisheit ein, welche ihrer Natur nach ſelten verfehlt, die Gemuͤther einer ſtarken und ploͤtzlichen Aufregung em⸗ pfaͤnglicher zu machen. Die Alleen des Waldes und die An⸗ hoͤhe, welche zu ihm hinauffuͤhrt, waren im Geſichte der koͤ⸗ niglichen Armee; allein das Ganze glich einer tiefen Veroͤ⸗ dung, alles war ſtille, auſſer wenn auf Befehl der Offi⸗ ciere, welche insgemein treu geblieben waren, die Regi⸗ ments⸗Muſiken die Arien Vive Henri Ouatre,— O Richard,— La Belle Gabrielle, oder andere Weiſen ſpielten, welche ſich auf die Sache und die Familie der Bourbons bezogen. Dieſe Toͤne erregten keine entſprechenden Gefuͤhle bei den Soldaten. Endlich gegen Mittag vernahm man ein Pferdegetrappel. Ein offener Wagen erſchien von wenigen Huſaren umge⸗ ben und von vier Pferden gezogen; er kam in voller Eile an, und Napoleon ſprang vom Wagen und war mitten unter den Reihen, die ausgezogen waren, ihm Widerſtand zu leiſten. Seine Begleitung warf ſich eben⸗ ebenfalls vom Pferde und vermengten ſich mit ihren alten Kameraden, und der Erfolg ihrer Ermahnun⸗ gen an Leute, die bereits fuͤr den Zweck hab gewon⸗ nen waren, zeigte ſich im Augenblick. Es erhob ſich ein allgemeiner Freudenruf: Vive Napoléon!— Die letzte Armee der Bourbonen war abgefallen, und kein weiterer Damm ſtand Napoleon auf ſeinem Marſche gegen die Hauptſtadt entgegen, die er noch einmal— obgleich fuüͤr kurze Zeit— als Souverain bewohnen ſollte. Ludwig XVIII. hatte den Abfall, welcher erfolgte, zu gewiß vorausgeſetzt, als daß er die Folgen ſeines wirklichen Eintretens haͤtte abwarten ſollen. Der Koͤnig verließ Paris in Begleitung ſeines Hofes am Morgen des 20. Maͤrzes. Gerade ward zu dieſer ungelegenen Stunde der Pallaſt von den Nationalgarden und man⸗ chen Buͤrgern umgeben, welche ihn beſchworen, zu bleiben, indem ſie den lezten Tropfen Blutes fuͤr ihn vergieſſen wollten. Allein Ludwig lehnte weislich die Annahme dieſer Opfer ab, die im Augenblick nichts gefrommt haben wuͤrden. Unter der Bedeckung ſeine⸗ Haustruppen ſchlug er den Weg nach risle ein. Nar⸗ ſchall Macdonald kehrte von ſeiner ungluͤcklichet Poſt⸗ tion zu Melun zuruck, und ubernahm oas Kom⸗ mando dieſes kleinen Corps, das zwar durch viele Freiwillige, allein nur ſolce, bei denen man auf eiſrige Wuͤnſche mehr ale auf wirkſame Huͤtfe rechnen konnte, vermehre worden we⸗ W. Scott's Werke. LXII. 3 34 Des Koͤnigs Lage war jedoch bemitleidenswerth, und wie er durch Abbeville und andere Garniſonsſtaͤd⸗ te paſſierte, wurde er von den Soldaten mit finſterer Ehrerbierung aufgenommen; und ob ſie gleich zeigten daß ſie geſonnen waren, ſich auf Seite ſeines Neben⸗ buhlers zu ſchlagen, ſo wollte doch Niemand ſich an ſeiner Perſon vergreifen, noch ihn in ſeinem Ungluͤck inſultiren. Zu Lisle hatte er gehofft, Stand halten zu koͤnnen; allein Marſchall Mortier, auf die unzu⸗ friedene und unruhige Stimmung der Garniſon ſich berufend, drang in ihn, zur Sicherheit ſeiner Perſon ſeine Reiſe fortzuſetzen; und, zu einer zweiten Ver⸗ bannung genoͤthigt, gieng er nach Oſtende und von da nach Gent ab, wo er ſeinen exilirten Hof errich⸗ tete. Marſchall Macdonald verabſchiedete ſich von Sr. Majeſtaͤt an den Graͤnzen, indem er ſich bewußt war, daß er durch eine Auswanderung alle Hoffnung, Frankreich oder ſeinem Monarchen zu dienen, aufge⸗ ben muͤßte. Die Haustruppen wurden, bis auf etwa 200, gleichfalls an den Graͤnzen entlaſſen. Sie waren if ihrem Hermarſche durch einen Trupp leichter Rei⸗ teré beunruhigt worden, und als ſie wieder zerſtreut ihre Hemath aufſuchen wollten, wurden einige erſchla⸗ gen und danahe alle gepluͤndert und inſultirt. Mittlerwule trat die Revolution zu Paris in volle Wirkſamkeit. Lavalette, einer von Buonapar⸗ e's entſchiedenſten Anhaͤngern, eilte aus einem Ver⸗ note herbei, um im Namen Napoleons die Leitung 35 der Poſten zu uͤbernehmen, die er waͤhrend ſeiner fruͤhern Herrſchaft bekleidet hatte. So war er im Stande, die königlichen Proklamationen aufzufangen und nach allen Departements die Wiedereinſetzung des Kaiſers zu verkuͤnden. Ercelsmann, dem von dem Eid der Treue gegen den Köonig à loutes épreuves kaum die Lippen trocken waren, nahm die weiße Fah⸗ ne, welche auf den Tuilerien wehte, herab, und zog dafuͤr die dreifarbige auf. Es war ſpaͤt Abends, als Napoleon in demſelben offenen Wagen, deſſen er ſich ſeit ſeiner Landung be⸗ dient hatte, in Paris ankam. Es war ein ſonderba⸗ rer Kontraſt zwiſchen ſeinem Einzuge und dem Abzu⸗ ge des Koͤnigs. Der Letztere war von Schluchzen, Thraͤnen und den warmen Wuͤnſchen der Buͤrger, welche Ruhe und Frieden wuͤnſchten, von dem Weh⸗ klagen der Huͤlfloſen und von den aͤngſtlichen Beſorg⸗ niſſen der Weiſen und Klugen begleitet. Der erſtere zog unter dem Jubel bewaffneter Ko⸗ lonnen, die im Krieg und in der Verheerung ihr Da⸗ ſeyn friſten, ein, welche mit militaͤriſchem Zuruf den Chef bewillkommten, welcher ſie wieder in ihr Ele⸗ ment verſetzen ſollte. Die Bewohner der Vorſtaͤdte waren von der Hoffnung auf Beſchaͤftigung und Ge⸗ ſchenke oder von dem Aufruf ihrer Raͤdelsfuͤher belebt, welche unter der beſondern Leitung der Polizei ſtanden und auf das Ereigniß wohl vorbereitet waren. Alein von der nnermeßlichen Menge Jariſer Buͤrger, wel⸗ 2 4 3 3„ 36 che ſich verſammelt hatten, um dieſes außerordentli⸗ che Schauſpiel zu ſehen, ſtimmten wenige oder Nie⸗ mand in die Begruͤßung ein. Die Gardeſoldaten er⸗ zuͤrnten uͤber dieſes Stillſchweigen und befahlen den Zuſchauern, zu rufen, hieben mit der Flaͤche ihrer Schwerdter auf ſie ein und richteten ihre Piſto⸗ len auf die Menge. Allein auch dieſe mili⸗ täriſchen Mittel vermochten ſie nicht, den unerwar⸗ teten Ruf, Freiheit und Napoleon, zu erzwin⸗ gen, obgleich ſie durch ihr Betragen kund thaten, daß der Letztere, nicht aber die erſtere, zu den Pariſern zuruͤckgekehrt ſey. In dem Carouſſelhof und vor den Tuilerien waren alle Anhaͤnger der alten kaiſerlichen Regierung, ſo wie diejenigen, welche Napoleon ver⸗ laſſen, und dieſen Fehler nun dadurch zu verſoͤhnen ſuchten, daß ſie die Erſten waren, die ihn wieder an⸗ erkannten, verſammelt, um ihn willkommen zu heiſ⸗ ſen; was einigen Erſatz fuͤr das Stillſchweigen der Straßen gab. Sie draͤngten ſich ſo dicht um ihn her, daß er genoͤthigt war, auszurufen:—„Meine Freun⸗ de, Sie erdruͤcken mich!“— und ſeine Adiudanten ſahen ſich genoͤthigt, ihn auf ihren Waffen auf die große Treppe von da in die koͤniglichen Gemaͤcher zu bringen, wo er die Gluͤckwuͤnſche der Hauptanſtifter dieſer ſonderbaren Unternehmung entgegennahm. Selbſt auf dem blutigſten und ſiegreichſten Schlacht⸗ felde war Napoleons Genius zu keiner ſo furchtbaren Groͤße geſtiegen, als waͤhrend ſeines Marſches oder 37 ſeiner Reiſe von Cannes nach Paris. Er, welcher als Bedienter verkleidet, und aus Furcht vor Ermor⸗ dung wie ein Weib geweinn hatte, als er die Kuͤſte verließ, kehrte mit derſelben Groͤße zuruͤck, wie die zuruͤckkehrende Woge, welche, je weiter ſie ſich vom Lande entfernt, mit um ſo furchtbarer und uberwäͤlti⸗ genderer Heftigkeit ans Ufer kehrt. Seine Blicke ſchienen die vorgebliche Macht der nordiſchen Zaube⸗ rer zu haben, ſie ſtumpften Schwerdter und Speere ab. Der Tapferſte der Tapfern, der mit einem Hel⸗ denmuthe, wie zur Bekaͤmpfung eines wilden Thieres, gegen ihn ausaezogen war, erkannte ſeine Ueber macht an, als er ihm gegenuͤber ſtand, und ſank zu ſeinem Satelliten herab. Allein der Glanz, in welchem Na⸗ poleon ſtrahlte, war nicht der eines Planeten, wel⸗ cher ſich pflichtmaͤßig in ſeiner regelmaͤßigen Sphaͤre beweet, ſondern der eines Kometen, welcher, Peſti⸗ lenz und Tod weiſſagend, .—„mit Furcht vor Unglück Die Völker ſchreckt.“ Das Reſultat ſeiner Erpedition wurde von einem der beredteſten und wohlunterrichtetſten engliſchen Staats⸗ maͤnner*) in folgenden Worten zuſammengefaßt „Liegt es in der Macht der Sprache,“ ſagte der vollendete Redner,„das Uebel zu beſchreiben? Kriege, welche 25 Jahre durch ganz Europa gewuͤthet; welche Blut und Verheerung von Cadir bis nach Moskan, ——— *) Sir James Mackintoſh, 38 von Neapel bis nach Kopenhagen verbreitet; welche die Mittel menſchlichen Genuſſes aufgezehrt und die Werkzeuge geſelligen Wohlſtandes zerſtoͤrt; welche ge⸗ dacht hatten, unter den europaͤiſchen Voͤlkern die wil⸗ den und uͤbermuͤthigen Sitten einer raͤuberiſchen Sol⸗ dateska zu verbreiten,— waren endlich durch einen jener Wechſel, welche vorherzuſehen kein ſterbliches Auge vermoͤgend iſt, wider alles vernuͤnftige Erwar⸗ ten, vermoͤge eines guͤnſtigen Geſchickes, ohne heftige Erſchuͤtterung nationeller Unabhaͤngigkeit, mit leidli⸗ cher Ausgleichung der Anſpruͤche des Zeitalters und der Achtung, die alten Inſtitutionen gebuͤhrt, ohne zu auffallende und beugende Kraͤnkung der legitimen In⸗ tereſſen und der achtbaren Gefuͤhle einer zahlreichen Menſchenklaſſe, und vor allem ohne jene Retorſionen gegen Nätionen und Parteien, welche neue Konvul⸗ ſionen erzeugen, die oft ſo furchtbar ſind, als die, welche ſie beſchloſen, und Rache Haß und Blutver⸗ gieſſen von Geſchlecht zu Geſchlecht vererben, zu En⸗ de gefuͤhrt worden. Europa ſchien nach den vielen Leiden ſich wieder zu erholen. Mitten in dieſen ſchoͤ⸗ nen Hoffnungen und dieſen troͤſtlichen Ausſichten ent⸗ wich Napoleon Buonaparte von Elba;— drei winzi⸗ ge Fahrzeuge an der Kuͤſte der Provence; Europa's Hoffnungen ſind ſogleich vereitelt; das Werk unſerer Tapferkeit iſt dahin; das Blut von Europa iſt um⸗ ſonſt vergoſſen—“ „Ibi omnis efusus labar.“ 39 Zweites Kapitel. Verſchiedene Verſuche, einen Schutz für die Bourbons zu organt⸗ ſiren, ſchlagen fehl.— Buonaparte, wieder auf den Thron von Frankreich geſetzt, wünſcht den Frieden mit den Ver⸗ bündeten zu unterhalten— bekommt aber keine Antwort auf ſein Schreiben.— Wiener Traktat.— Buonaparte bringt zur Rechtfertigung ſeines Schrittes Beſchwerden vor. — Debatten in dem Unterhauſe in Großbritannien, in Be⸗ treff der Erneuerung des Krieges.— Murat beſetzt Rom mit 50,000 Mann.— Er erläßt eine Proklamation, worin er die Italiener zu den Waffen ruft.— Er rückt gegen dle Oeſterreicher an— wird bei Ochiobello zurückgeworfen— bei Tolentino aufs Haupt geſchlagen— flieht nach Neapel und von da verkleidet nach Frankreich wo Napoleon ſich weigert, ihn aufzunehmen. Nach dem Verluſte von Paris war der Bogen der Bourbons gebrochen, und die Verſuche einzelner Glieder der Familie, dem Uebel die Stirn zu bieten, war ein ruͤhmliches Zeugniß ihrer Ritterlichkeit, al⸗ lein von keinem Vortheil fuͤr ihre Sache. Der Herzog von Angouleme ſtellte ſich an die Spitze eines bedeutenden Truppenkorps, das von der Stadt Marſeille und den Royaliſten der Provence aufgebracht wurde; allein er ward vom General Gilly eingeſchloſſen und genoͤthigt, gegen das Verſprechen einer Amneſtie fuͤr ſeine Leute und die Erlaubniß fuͤr ihn ſelbſt, Frankreich zu verlaſſen, die Waffen nieder⸗ zulegen. General Grouchy weigerte ſich, die Kapitu⸗ — 40 lation zu beſtaͤtigen, bis man wuͤßte, was Buonaparte geſonnen waͤre. Allein der wieder eingeſetzte Kaiſer mochte nicht ungern einen Beweis ſeiner Großmuth geben, und geſtattete dem Herzog von Angonleme, ſich in Ceite einzuſchiffen, wogegen er einzig ſeine Verwendung bei Ludwig XVIII. zur Ruͤckerſtattung der Kronjuwelen verlangte, welche der Koͤnig mit ſich nach Gent genommen hatte. Der Herzog von Bourbon hatte ſich in die Ven⸗ dee zuruͤckgezogen, um die kriegeriſchen Royaliſten die⸗ ſer getreuen Provinz unter die Waffen zu rufen; al⸗ lein ſie war vorher von Buonaparten ergebenen Sol⸗ daren beſetzt worden, die ſich ſo gut aufgeſtellt hatten, daß ſie eine Inſurrectton unmoglich machten; und der Herzog ſand ſich denbrhigt, von Nantes aus 3 zur See zu entkommen. Die Herzogin von Angouleme, die noch einzige Tochter Ludwigs XVI., deren Kindheit und Jugend mit ausdauerndem Muthe ſolche Stuͤrme des Ungluͤcks beſtanden hatte, zeigte bei dieſer Gel llegenheit ſowohl einen handelnden als leidenden Muty, welcher der Tochter einer langen Reihe von Fuͤrſten geziemt. Sie warf ſich nach Bordeaux, wo die Loyalitaͤt des Maire's der Stadt, des Grafen Lynch und der Buͤr⸗ ger ihr Schutz verſprach, und die Prin eſſin ſelbſt trat unter ſie, gleich einer der Heldinnen aus den Zeiten des Ritterthums, deren Blicke und Worte in Mo⸗ menten der Gefahr die Schaͤrfe der Schwerdter der 41 Maͤnner und den ſtandhaften Muth ihrer Herzen ver⸗ doppelte. Allein ungluͤcklicher Weiſe lag eine betraͤcht⸗ liche Beſatzung in Bordeaur, die von dem herrſchen⸗ den Geiſte der Empoͤrung ergriffen war. General Clauſel ruͤckte uͤberdieß mit einer Heeresmacht gegen die Stadt heran. Die Herzogin machte den letzten Verſuch, verſammelte die Officiere um ſich und ſtellte ihnen in einer ruͤhrenden, eindringlichen Rede ihre Pflichten vor Augen. Als ſie aber ſah, daß ſie kalt lieben und hoͤrte, wie ſie Entſchuldigungen vorzu⸗ bringen ſuchten, wandte ſie ſich mit Entruͤſtung von ihnen und ſprach:—„Sie fuͤrchten ſich! ich bemit⸗ leide Sie, und enthebe Sie Ihrer Verpflichtungen!“ Sie gieng an Bord einer engliſchen Fregatte; Bor⸗ deaur eroͤffnete Clauſel ſeine Thore und erklaͤrte ſich fuͤr den Kaiſer. Obgleich die Ruckkehr Napoleons den Franzoſen im Allgemeinen durchaus nicht angenehm war, ſo hoͤrte dennoch jeder offene Widerſtand gegen ſeine Regierung auf, und 20 Tage nach ſeiner Lan⸗ dung an dem Geſtade von Cannes mit einem Gefolge von 1000 Anhaͤngern war er als Kaiſer anerkannt. Allein vbgleich Napoleon wieder auf dem Throne ſaß, ſo ſaß er dennoch gar nicht ſicher, wenn er die vereinigten Sonveraine von Europa nicht vermochte, ihn in der Eigenſchaft, deren ihn noch vor Kurzem ihre vereinten Waffen verluſtig erklaͤrt, wieder anzu⸗ erkennen. Es iſt wahr, er hatte ſeinen Soldaten mit⸗ telbar Krieg verſprochen, indem er die von den Bour 4² bons eingegangene Abtretung deſſen, was er das Ter⸗ ritorium von Frankreich genannt, brandmarkte; es iſt auch wahr, daß er damals und bis zu ſeinem letzten Athemzug ſteif und feſt behauptete, Belgien, deſſen Beſitz Frankreich ſich innerhalb 20 Jahren erworben, ſey ein integriren er Theil dieſes Koͤnigreichs. Es iſt wahr, daß Antwerpen und die 500 Linienſchiffe, welche dort gebaut werden ſo ten, ein Phantom war, das ſein ganzes Leben hin urch ſeine Einbildungskraft beſchaͤftigte. Der Grund zum kuͤnftigen Krieg lag da⸗ her in ihm; allein ſuͤr den Augenblick glaubte er ſei⸗ nem Intereſſe ſchuldig zu ſeyn, das franzoͤſiſche Volk zu verſichern, daß ſeine Ruͤckkehr in das Reich dem Traktat von Paris, obgleich dieſer die Niederlande an Holland abgegeben, keinen Eintrag thun wuͤrde. Er bot Allem auf, den Glauben an ſeine friedſertige Ge⸗ ſinnung uberall zu verbreiten. Seine Kreaturen behaupteten, daß er vom Be⸗ ginnen ſeines Marſches an einen Traktat mit ſich trug, den er mit allen Maͤchten Europa's auf 20 Jahre ſchließen wollte; es wurde zu wiederholten Malen be⸗ hauptet, daß Marie Loniſe auf dem Punkte ſtehe, mit ihrem Sohn in Frankreich zu erſcheinen, und von ih⸗ rem Vater als Unterpfand der Ausſoͤhnung abgeſandt ſey; und als ſie nicht erſchien, ſo gab man zu verſte⸗ hen, ſie werde von Kaiſer Franz als Geiſel dafuͤr zu⸗ ruͤckbehalten, daß Buonaparte ſein Verſprechen halte und Frankreich eine freie Verfaſſung gebe, Zu ſolch 4³ ſchamloſen Behauptungen, um nicht zu geſtehen, daß ſeine Ruͤckkehr das Signal zur Erneuerung der Feind. ſeligkeiten mit ganz Europa war, nahm man ſeine Zuflucht. Mittlerweile ſtand Napoleon nicht an, den Mini⸗ ſtern der verbundeten Machte ſeine Einwilligung zu dem Traktat von Paris zu erkennen zu geben, obgleich er, nach ſeiner Behauptung, eine Erniedrigung und Entehrung fur Frankreich enthielt. Er ſandte an je⸗ den Souverain ein Schreiben ab, worin er ſeinen Wunſch auſſerte, auf dieſelben Grundſaͤtze Frieden zu ſchließen, auf welche man mit den Bourbons ihn ge⸗ ſchloſſen haͤtte. Auf dieſe Schreiben erfolgte keine Antwort. Der Entſchluß der Verbuͤndeten war bereits gefaßt. Der Wiener Kongreß war gluͤcklicherweiſe noch nicht auseinander gegangen, als Talleyrand am 11. Maͤrz die Nachricht von Buonaparte's Entwei⸗ chung aus Elba vorlegte. Das Erſtaunen deſſelben graͤnzte an das Laͤcherliche, und es iſt eine ſonderbare phyſiologiſche Thatſache, daß die erſte Nachricht einer Begebenheit, welche alle ihre Arbeiten zu vereiteln drohte, ganz dem Kunſtſtuͤck einer Pantomime glich, wodurch beinahe alle in ein Gelaͤchter ausbrachen. Die muntere Laune dauerte nicht lange, denn der Scherz war nicht am Orte; der Kongreß war genoͤthigt, in einer unzweideutigen Erklaͤrung uͤber dieſes auſſeror⸗ dentliche Ereigniß ſich auszuſprechen. Dieſe Erklaͤrung erſchien am 13. Maͤrz, und enthielt, nachdem ſie das 44 Faktum eerzaͤhlt, folgende Denunciation:—„durch die Verlebung der Konvention, welche ihn in den Be⸗ ſitz der Inſel Elba geſetzt hatte, verwirkt Buonaparte den einzigen geſetzlichen Rechtstitel, von dem ſeine Eriſtenz abhieng; und dadurch, daß er wieder in Frank⸗ reich erſcheint, in der Abſicht, Verwirrung und Un⸗ ordnung anzurichten, hat er ſich des Schutzes der Ge⸗ fetze beraubt, und der Welt erklaͤrt, daß man mit ihm weder Friede noch Waffenſtillſtand ſchließen kann“— „Die Maͤchte erklaͤren ſomit, daß ſich Napoleon Buonaparte ſelbſt auſſerhalb der buͤrgerlichen und ſo⸗ cialen Verhaͤltniſſe geſetzt hat, und daß er als ein Feind und Stoͤrer der Ruhe der Welt, der oͤſſentli⸗ chen Rache verfallen iſt. Sie erklaͤren zu gleicher Zeit, daß ſie feſt entſchloſſen, dem Pariſer Traktat vom 30. Mai 1814 und die durch jenen Traktat ge⸗ machten Verfuͤgungen, ſo wie diejenigen, wozu ſie ſich ſpaͤter entſchloſſen haben und entſchlieſſen werden, zur Ergaͤnzung und Vervollſtaͤndigung deſſelben auf⸗ recht zu erhalten, alle Mittel anwenden, und alle ihre Kraͤfte dahin vereinigen werden, daß der allge⸗ meine Friede, der Gegenſtand der Wunſche von ganz Europa, und das unverruͤckte Ziel ihrer Beſtrebun⸗ gen nicht wieder geſtoͤrt werde, um ſich gegen jeden Verſuch zu verwahren, der die Welt wieder in die Unordnunaen einer Revolution zuruͤckverſetzen koͤnnte.“ Dieſem Manifeſte folgte ſoaleich ein Traktat zwi⸗ ſchen Großbritanien, Oeſtereich, Preußen und Rußland, nach welchem ſie das zu Chaumont geſchloſſene Buͤnd⸗ niß erneuerten und beſtaͤtigten. Der erſte Artikel erklarte den Entſchluß der hohen kontrahirenden Par⸗ teien, den Traktat von Paris zu behaupten und zu erneuern, vermoͤge deſſen Napoleon vom franzöſtſchen Throne ausgeſchloſſen war, und die oben erwaͤhnte, gegen ihn ausgeſprochene Acht in Kraft zu ſetzen. Zweitens: Jede der contrahirenden Parteien verſtand ſich dazu, beſtaͤndig eine Armee von 130,000 Mann naͤchſt der angemeſſenen Kavallerie auf dem Kriegs⸗ fuße zu halten. Drittens: Sie erklaͤrten, die Waf⸗ fen nicht eher, als nach gemeinſchaftlicher Ueberein⸗ kunft niederzulegen, bis entweder das Ziel des Krie⸗ ges erreicht, oder Napoleon auſſer Stand geſetzt waͤ⸗ re, den Frieden von Europa ferner zu ſtoͤren. Nach andern untergeordneten Artikeln beſtimmte der ſieben⸗ te, daß die andern Maͤchte Europas eingeladen wer⸗ den ſollten, dem Traktate beizutreten, und der achte, daß der Koͤnig von Frankreich insbeſondere aufgefor⸗ dert werden ſollte, demſelben beizutreten. Ein beſon⸗ derer Artikel beſtim nte, daß der Koͤnig von England die Wayl haͤtte, ſein Kontingent in Leuten zu ſtellen, oder ſtatt deſſen jährlich fur jeden Kavalleriſten 30 Pfund, und fur jeden Infanteriſten 20 Pfund Ster⸗ ling zu vezahlen, wodurch das Fehlende zu dem kom⸗ pleten Stand erſetzt werden ſollte. Dieſem Traktat war eine Erklarung beigefuͤgt, als er von dem prinz⸗ regenten ratiſicirt war, in Bezug guf den 8ten Arti⸗ 46 kel des Traktats, worinn es hieß, daß er fuͤr Seine brittiſche Majeſtaͤt nicht dahin verbindlich ſey, den Krieg ſo weit zu verfolgen, daß ſie Frankreich eine beſondere Regierung aufdringe. Die andern kontra⸗ hirenden Machte verſtanden ſich dazu, den Beitritt Seiner koͤniglichen Hoheit unter dieſer Verwahrung und Beſchraͤnkung anzunehmen. Dieſer Wiener Traktat kann in zweifacher Hin⸗ ſicht betrachtet werden; zuerſt nach dem Princip, nach welchem, zweitens nach der Form, in welcher er ſich ausſprach, er wurde nach beiden Ruͤckſichten in dem brittiſchen Unterhauſe abgehandelt. Der Nutzen des Krieges von mehreren Oppoſitionsgliedern mit Beruͤck⸗ ſichtigung des erſchoͤpften Zuſtandes von Großbritani⸗ en gelaͤugnet, allgemein aber wurde zugegeben, daß Buonaparte's Entweichung eine gerechte Urſache zur Erklärung der Feindſeligkeiten ſey. Der große Staats⸗ mann und Rechtsgelehrte, deſſen wir bereits Erwaͤh⸗ nung gethan, gab fuͤr ſich und die, mit denen er han⸗ delte, eine Meinung ab, die ſich in den poſitiyſten Aeuſſerungen ausſprach. „Es haben ſich,“ ſprach Sir James Mackintoſh, „in dieſem Hauſe verſchiedene Meinungen in Betreff der Uebel dieſer Entweichung ausgeſprochen; Er laͤug⸗ ne ſie geradezn, alles klage uͤber das Ereigniß, das die Erneuerung des Krieges wahrſcheinlich, wo nicht gewiß mache. Alle ſeine Freunde, mit deren Anſich⸗ ten er bekannt ſey, waͤren der Meinung, daß, nach 47 der Theorie des oͤffentlichen Rechtes, die Beſitznahme der Oberherrſchaft von Seiten Napoleons den Ver⸗ buͤndeten eine gerechte Urſache zum Kriege gegen Frankreich gebe; es ſey durchaus nicht zu beſtreiten, daß Napoleons Abdankung und ſeine Verzichtleiſtung auf die hoͤchſte Gewalt eine Bedingung, und zwar die wichtigſte Bedingung geweſen ſey, unter welcher die Alltirten Frankreich den Frieden geſchenkt haͤtten. In Betracht der groͤßern Sicherheit und Unſchaͤdlich⸗ keit Frankreichs, wenn es von ſeinem furchtbaren Fuͤhrer getrennt ſey, habe das verbuͤndete Europa ihm gemaͤbigte und guͤnſtige Friedensbedingungen zu⸗ geſtanden; ſobald Frankreich dieſe wichtige Bedingung dadurch, daß es ſich wieder der Herrſchaft Napoleons unterworfen, verletzt habe, ſenen die Verbuͤndeten uͤnbeſtreitbar ihrer Seits der Verbindlichkeiten ent⸗ bunden, und treten wieder in ihre Rechte als krieg⸗ fuͤhrende Maͤchte ein.“ Der erſte Beſchwerdegrund, den Buonaparte gel⸗ tend machte(der aber ganz ſeltſam erſcheint, ſo fern er einen Eingriff in feine Freiheit enthalten ſollte), war die Trennung von ſeiner Familie. Allein dieß war ein Punkt, der ausſchließlich Oeſterreich betraf; denn welche Macht konnte den Kaiſer Franz noͤthigen, ihm ſeine Tochter zuruͤckzugeben, nachdem ſie das Kriegsgluͤck wieder unter ſeinen vaͤterlichen Schutz ge⸗ bracht hatte. Napoleons Empfindungen in ſeiner La⸗ ge waren durchaus natuͤrlich; allein die des Kaiſers 48 koͤnnen nicht getadelt werden, wenn er das Gluͤck und die Ehre ſeiner Tochter durch ihre Trennung von ei⸗ nem Manne gewahrt glaubte, der im Stande war, ſein verlornes Reich durch die verzweifeltſten Mittel wieder zu gewinnen. Viel mochte von der Neigung der erlaucten Perſon ſeloſt abhangen; wenn ber auch von Seiten des Vaters Zwang angewandt wurde, wie konnte ſich Napoleon rechtfertigen, wenn er eine Art von Trojaniſchem Kriege gegen alle Machte von Europa erneuern wollte, um ſeine Gemahlin wieder zu erobern? wie konnte er ſich dadurch, daß er von ihrem Umgange durch einen hartherzigen VPater ge⸗ trennt war, berechtigt ſinden, das Konigreich Frank⸗ reich anzugreifen und zu unterjochen? Der zweite Beſchwerdegrund, den wir gleichfalls als gerecht an⸗ erkennen, war, daß Napoleon dadurch, daß ihm von Seiten Frankreichs ſein Gehalt bis zum Abfluß des Jahres vorbehalten wurde, in Verlegenheiten kam, in die er nicht hatte kommen ſollen. Dieß war ein Beſchwerdegrund, uno zwar ein wichtiger; aber gegen wen? ſicherlich nicht gegen die Verbundeten, wenn Buonaparte ſie zur Erfullung ihres Traktates aufge⸗ fordert hatte; und er bewies blos, daß§rantreich mit den Verdindlichkeiten necht eingehalten hatte, wofuͤr ſie ihm Garantie gegeden. England, welches bei dem Traktate nur mittelbar thatig geweſen, hatte ſich nichts deſto weniger fuͤr Buonaparte verwandt, und es an⸗ terliegt keinem Zweifel, daß von den kontrahtrenden Parieien, 49 Parteien, welche die Erfuͤllung des von ihnen ge⸗ machten Vertrags als einen Ehrenpunkt betrachtet haͤtten, abgeholfen worden waͤre. Daß dieſe Garan⸗ tie Napoleon ein Recht zur Klage und Beſchwerde gab, kann nicht gelaͤugnet werden; daß es ihm aber ein Recht gab, ohne vorhergegangene Beſchwerdefuͤh⸗ rung mit Gewalt einzuſchreiten, lauft allen Grund⸗ ſaͤtzen des Voͤlkerrechts zu wider, welches aufſtellt, daß keine Beeintraͤchtigung einen rechtlichen Grund zum Kriege giebt, wofern nicht Genugthuung verweigert worden war. Dieß ſind jedoch blos geſetzliche Argu⸗ mente; Buonaparte griff Frankreich nicht an, weil es ihm mit der Bezahlung ſeines Jahrgehaltes nicht einhielt; er griff es an, weil er gute Ausſichten auf Wiedererlangung ſeiner Herrſchaft ſah; auch glauben wir, daß er dieſe Gelegenheit nicht um viele Millio⸗ nen Goldes vorbeigelaſſen haͤtte. Ein guͤltigerer Vertheidigungsgrund jedoch war, wenn er durch die allgemeine Stimmung der ſranzoͤ⸗ ſiſchen Nation zuruͤckgerufen wurde, allein der ganze Thatbeſtand widerſprach dieſer Behauptung. Seine Verbindung mit den Revolutionaͤrs geſchah nicht mit Willen der letztern, auch bildete dieſe Partei keinen bedeutenden Theil der Nation. Seine Wahl war, nach Grattan, eine militaͤriſche Wahl; und wenn die Armee uͤber Civilregierung verfuͤge, ſo ſey es der Marſch eines Militaͤrchefs uͤber eine beſiegte Nation, Die Nation erhob ſich weder zum Beiſtande Ludwigs, W. Scott's Werke. LXII. 4 50 noch zum Widerſtande Buonaparte's, weil die Nation ſich nicht wider die Armee erheben konnte. Der Geiſt Frankreichs, ſo wie ſeine Konſtitution, hatte fuͤr die Gegenwart alles Vermoͤgen des Widerſtandes verlo ren; ſie wichen leidend der Uebermacht. Die Anſicht des Unterhauſes uͤber die traurigen Folgen von Napoleons Entweichung aus Elba war ſo einſtimmig, daß die Minoritaͤt deſſelben ſogar den Miniſtern vorwarf, daß ſie nicht kraͤftigere Mittel zu Verhinderung derſelben getroffen haͤtten. Auf dieſe Vorwuͤrfe ward erwiedert, Britannien ſey nicht ſein Stockmeiſter geweſen, man habe keine Blokadelinie um Elba aufſtellen koͤnnen, und haͤtte man es anders ge⸗ than, ſo habe Britannien kein Recht gehabt, uͤber Buonaparte's Bewegungen zu verfuͤgen, ſobald ſie nur kleine Expeditionen betrafen, die nicht mit der Ab⸗ ſicht einer Entweichung in Verbindung ſtanden; es ward jedoch zugegeben, daß wenn ein engliſches Fahr⸗ zeug ihn entdeckt haͤtte, wie er im Begriff war, mit einer bewaffneten Macht nach Frankreich zu gehen, um dort einen Einfall zu thun, das Recht der Hemmung ſeiner Fortſchritte auf jede Gefahr hin ausgeuͤbt wor⸗ den waͤre. Sie haͤtten, behauptete man, kein Recht gehabt, auf der Inſel eine Polizei zu organiſtren, um deren anerkannten Kaiſer zu bewachen, oder eine See⸗ macht in ihrer Umgebung aufzuſtellen, um ihn aufzu⸗ fangen, falls er einen Verſuch zum Entkommen ma⸗ chen ſollte. Beides wuͤrde in direktem Widerſpruch 51 mit dem Traktat von Fontainebleau geſtanden ſeyn, dem Britannien beigetreten ſey, obgleich es keine der kontrahirenden Parteien war. Die Form der Erklaͤrung der Verbuͤndeten fand in dem brittiſchen Parlamente noch allgemeineren Ta⸗ del, als ihr kriegeriſcher Ton. Man behauptete, daß ſie Napoleon in die Acht erklaͤre, die Dolche der Ein⸗ zeinen ſo gut als das Schwert der Gerechtigkeit ge⸗ gen ihn aufrufe. Dieſer Vorwurf, daß man zum Meuchelmord aufgefordert habe, wurde von der mini⸗ ſteriellen Partei heftig beſtritten, die Abſicht der Pro⸗ klamation gehe, wie es hieß, einzig dahin, Napoleon der franzoͤſiſchen Nation als einen ſolchen zu bezeich⸗ nen, der dadurch, daß er dem Traktat zuweder eine Stellung wieder eingenommen, in welcher er, nach ſeinem Temperament, ſeinen Gewohnheiten und Ta⸗ lenten, wieder der Gegenſtand des Argwohns und des Schreckens von ganz Europa werden muͤßte, ſeine buͤr, gerlichen Rechte verwirkt. Sein unbeugſamer Sinn, ſein unbegraͤnzter Ehrgeiz, ſein Genie, ſeine Macht uͤber die Gemuͤther Anderer, kurz ſeine großen mili⸗ taͤriſchen Talente, die ſo furchtbar im Kriege, und ſo gefaͤhrlich fuͤr den Frieden ſeyen, haͤtten Gruͤnde genug zur Abſchließung des Pariſer Friedens gegeben, wodurch Napoleon perſoͤnlich vom Throne ausgeſchloſ⸗ ſen wurde. Wenn Napoleon dieſen feierlich mit Eu⸗ ropa geſchloſſenen Frieden brach, verwiekte er ſeine po⸗ litiſchen Rechte, und in dieſer Hinſicht allein konnte 4.. von einer Achtserklaͤrung die Rede ſeyn. In Folge dieſer zu London und Wien gefaßten Beſchluͤſſe war ganz Europa eifrig mit den Vorbereitungen zum Krie⸗ ge beſchaͤftigt; und die Truppenanzahl, womit die Ver⸗ buͤndeten eine Invaſion Frankreichs beſchloſſen, wurde auf nicht weniger als eine Million und eilſtauſend Solbaten berechnet.*) Ehe wir weiter gehen, wird es nothwendig, ei⸗ nige Worte uͤber Murat zu ſprechen. Er war einige Zeit von Beſorgniſſen beunruhigt worden, die ganz natuͤrlich aus dem von Talleyrand auf dem Kongreſſe gegen ſeine Regierung gemachten Angriffe entſpran⸗ gen. Es hatten dieſe zwar nicht den Erfolg, daß ſie die andern Machte zu einer Entſcheidung gegen ihn inducirt haͤtten, allein es ſchien, als ob ihn das Ge⸗ wiſſen ſchluͤge, die Berichte des General Nugent und des Lord William Bentink mochten dahin ubereinſtim⸗ zmen, daß ſie ihn als einen ſolchen ſchilderten, der in dem letzten Feldzug mehr den Mantel nach dem Wind gehaͤngt habe, als daß er ein aufrichtiger Konfoderir⸗ ter der Verbuͤndeten, wofuͤr er ſich ausgab, geweſen ſey. Vielleicht erkannte ſein Gewiſſen dieſe Wahrheit an; denn es ſcheint wenigſtens, daß man Eugen haͤt⸗ *) Die Kontingente der verſchiedenen Mächte waren ſolgende: — Oeſterreich 300,000 Mann; Rußland 225,000 Mann: Preußen 256,000; die Staaten Deutſchlands 150,000; Groß⸗ britannien 50,900; Holland 50,090, zuſammen 1,044600 Sol⸗ daten⸗ 8 83 te ſchaͤrfer zuſetzen koͤnnen, waͤre Murat geneigt ge⸗ weſen, mit Nachdruck fuͤr die Verbuͤndeten zu han⸗ deln. Er fuͤhlte deshalb den Thron Tancreds unter ſich wanken, und entſchloß ſich eiligſt, lieber muthig eine Gefahr zu beſtehen, als abzuwarten, ob ſie nicht an ihm voruͤber gienge. Murat war mit der Inſel Elba im Verkehr geſtanden, und er mußte um Buo⸗ napartes Abſicht gewußt haben; allein er haͤtte zu glei⸗ cher Zeit bedenken ſollen, daß ſeine Allianz mit Oeſter⸗ reich, wenn ſein Schwager einen gluͤcklichen Erfolg haͤtte, fuͤr Oeſterreich, das fuͤr die Behauptung des noͤrdlichen Italiens ſo beſorgt war, ſo weſentlich war, daß ſie auf jede Bedinaung hin erkauft worden waͤre. Anſtatt jedoch eine guͤnſtige Gelegenheit abzuwarken, um von Buonaparte's Unternehmung zu profitiren, die unfehlbar kommen mußte, entſchloß ſich Murat ſelbſt zum Kampfe aufzutreten. Er ſtellte ſich an die Spitze einer Armee von 50,000 Mann, und beſetzte, ohne ſeine Abſichten anzugeben, Rom, aus welchem der Pabſt und die Kardinaͤle entflohen, bedrohte die ganze Linie am Po, welche die oͤſterreichiſche Macht zu behaupten nicht im Stande war, und erließ am z4ſten Maͤrz eine Proklamation an alle Italiener, worin er ſie zur Befreiung des Vaterlandes unter die Waffen rief. Es ſchien nun klar, daß die Abſicht dieſes Sohns eines Paſtetenbaͤkers keine geringere war, als Italien zu einem Staate zu vereinigen, und ſich auf den Thron der Caͤſaren zu ſetzen, Die Prokla⸗ 54 mation war unterzeichnet mit„Joachim Napoleon“ welch letztern Namen er fruͤher abgelegt, in dieſem kritiſchen Augenblick aber wieder angenommen hatte. Dieſer Aufruf an die Italiener war umſonſt. Die Fehden unter den kleinen Staaten ſind ſo zahlreich, ihre Anſpruͤche ſo unvereinbar, und ihre Schwaͤche hat ſie ſo oft zur Beute gluͤcklicher Eroberer gemacht, daß ſie wenig Einladendes in dem Vorſchlag fuͤr Ver⸗ einigung, wenig Erhebendes in dem Ruſe zur Unab⸗ haͤngigkeit fanden. Die Proklamation hatte daher, außer bei einigen Studenten in Bologna, wenigen Erfolg. Murat marſchirte jedoch noͤrdlich, und ſchlug, weit uͤberlegen an Anzahl, den oͤſterreichiſchen Gene⸗ ral Bianchi, und beſetzte Modena und Florenz. Murats Stellung wurde nun fuͤr Europa bedenk⸗ lich; wenn er gegen die Lombardei vordrang, konnte er in Gemeinſchaft mit dem nun wieder eingeſetzten Buonaparte operiren, und wuͤrde wahrſcheinlich von Tauſenden von Veteranen der Armee des Vicekoͤnigs Eugen verſtaͤrkt worden ſeyn. Oeſterreich wuͤnſchte deßhalb Frieden, und bot ihm die Garantirung des Koͤnigreichs Neapels mit den von ihm ſo lange er⸗ ſehnten Marſchlaͤndern, namentlich vom Roͤmer⸗See, an. Beitannien bedeutete zu gleicher Zeit, daß, da es auf Bitten Oeſterreichs mit Joachim Frieden ge⸗ ſchloſſen, dieſer nicht laͤnger, als deſſen gutes Einver⸗ ſtaͤndniß mit ſeinem Verbuͤndeten, dauern wuͤrde. Murat ſchl ug die Bedingungen der einen Macht aus, — 55 und achtete nicht auf die Vorſtellungen der andern⸗ „Es waͤre zu ſpaͤt,“ ſagte er;„Italien verdient Frei⸗ heit, und es ſoll frei ſeyn!“ Hiemit endeten alle Hoff⸗ nungen auf Frieden. Oeſterreich erklaͤrte gegen Mu⸗ rat den Krieg, und ſetzte die Verſtaͤrkungen nach Ita⸗ lien in Bewegung, Großbritannien ſeiner Seits ſchick⸗ te ſich zu einer Landung in dem Gebiete von Neapel an, wo Ferdinand immer noch viele Anhaͤnger hatte. Murats Karakter als Taktiker war weit geringer als der, welchen er verdientermaßen als Soldat auf dem Schlachtfelde hatte, und er war noch ſchlechterer Politiker, als General. Eine Abweiſung bei dem Ver⸗ ſuch eines Uebergangs uͤber den Po in der Naͤhe von Occhiobello ſcheint ihm den ganzen Plan ſeines Feld⸗ zugs verruͤckt zu haben, auch glaubte er, die unter⸗ handlungen, welche er zu voreilig unterbrochen hatte, nicht wieder anknuͤpfen zu koͤnnen. Er ſchien durch ſeine militaͤriſchen Bewegungen anzuerkennen, daß er ſich auf einen Plan eingelaſſen habe, der weit uͤber ſeinen Verſtand und ſeine Kraͤfte gieng, und zog ſich auf ſeiner ganzen Linie zuruͤck, verließ Parma, Reg⸗ gio, Modena, Florenz und ganz Toscana; durch wel⸗ che letztere Bewegung er den Oeſterreichern den beſten und kuͤrzeſten Weg nach Rom oͤffnete. Er wurde in Folge deſſen auf ſeinem Ruͤckzug von vornen und von hinten bedraͤngt, und genoͤthigt, in der Naͤhe von To⸗ lentino eine Schlacht zu liefern. Sie dauerte zwei Tage(den 2ten und zten Mai), allein die Negpoli⸗ 56— taner konnten mit den nervigten Oeſterreichern zu keinem rechten Handgemenge gebracht werden. Es war umſonſt, daß Murat hinter dem Ruͤcken ſeiner angreifenden Kolonnen Feldſtuſcke auffuͤhren ließ, mit dem Befehl, auf ſie zu feuern, wenn ſie ſich zuruͤck⸗ ziehen ſollten; umſonſt, daß er ſelbſt das Beiſpiel des verzweifeltſten Muthes gab. Die neapolitaniſche Ar⸗ mee floh zerſtreut und beſiegt davon. Ihre Kanonen, Munition, Kriegs Kaſſe und ihr Gepacke fielen den Oeſterreichern in die Haͤnde und bei dem Uebergang uͤber die Gebirge der Abruzzen verlor Murat ohne Schwertſtreich ſeine halbe Armee. Der beſiegte Fuͤrſt wurde in das Gebiet von Nea⸗ pel verfolgt, wo er erfuhr, daß die Kalabreſen im Aufſtande ſeyen, und daß eine engliſche Flotte mit Landungstruppen ſich von Sizilien her in der Bay von Neapel gezeigt habe. Seine Armee, durch wieder⸗ holte Scharmuͤzel, in welchen er ſich mit ſolcher Toll⸗ kuͤhnheit benommen hatte, daß ſeine Leute auf den Gedanken kamen, er ſuche den Tod, zu einer Hand⸗ voll zuſammen geſchwunden, bekam den Beſehl, ſich nach Capua zu werfen. Er, der Neapel in der glaͤn⸗ zendſten Pracht, wie gewoͤhnlich, und an der Spitze einer ritterlichen Armee verlaſſen hatte, zog nun, blos von vier Lanciers begleitet, zu ſeinen Thoren ein, ſtieg vor dem Palaſte ab, und erſchien vor der Köni⸗ gin blaß, abgemagert, mit verwirrten Haaren, und mit allen Zeichen der groͤßten Ermattung und Nieder⸗ 57 geſchlagenheit; ſein Willkomm beſtand in den Wor⸗ ten:„Madame, ich habe den Tod nicht finden kön⸗ nen!“ Er fand ſogleich, daß ein laͤngerer Aufenthalt in Neapel, das auf dem Punkte war, in der Feinde Haͤnde zu fallen, ſeine Freiheit, vielleicht ſein Leben gefaͤhrden wuͤrde. Er nahm Abſchied von der Koͤni⸗ gin, welche die Umſtaͤnde bald dieſes Namens berau⸗ ben ſollten, ſchnitt ſich die Haare ab, zog eine graue Jacke an, entkam nach der kleinen Inſel Iſchia, und langte am 25ſten Mai in Cannes an, wo wenige Wochen fruͤher Napoleon ans Land geſtiegen war. Seine Gemahlin ergab ſcich gleich nachher, beſtuͤrzt durch die Stimmung des neapolitaniſchen Poͤbels zum Aufſtande an Campbell, den Commodore des Furcht⸗ baren, und ward von ihm an Bord ſeines Schiffes aufgenommen.— Ein Kourier kuͤndigte Buonaparte'n Murats An⸗ kunſt in Frankreich an; dieſer aber ſoll, ſtatt ſeinem ungluͤcklichen Verwandten Troſt zu ſenden, mit bitte⸗ rem Spotte gefragt haben:„ob Neapel und Frank⸗ reich ſeit dem Krieg von 1814 Friede gemacht haͤt, ten?“ Die Antwort ſcheint zu bedeuten, daß, ob⸗ gleich Jvachims und Napoleons Verſuche der Zeit und andern Umſtaͤnden nach ſo genau zuſammentrafen, daß ſie augenſcheinlich machten, wie ſie zwar in Ue⸗ bereinſtimmung, allein ohne ausdruͤckliche Zuſammen⸗ wirkung, noch weniger nach einem foͤrmlichen Traktat zwiſchen den abenteuerlichen Bruͤdern ſtattgefunden 5⁸ hatte. In der That hat auch Napoleon zu allen Zei⸗ ten beſtimmt erklaͤrt, daß er nicht den geringſten An⸗ theil an Murats dummdreiſtem Projekt(levée des boucliers) hatte, und behauptet, daß es ihm ſogar nachtheilig geweſen ſey. Napoleon gab an, er habe, als er ſich nach Elba zuruͤckzog, von Murat in einem Schreiben Abſchied genommen, worin er ihm alles zwiſchen ihnen Vorgefallene vergeben und ſeinem Schwager anempfohlen habe, ſich mit den Oeſterrei⸗ chern gut zu ſtellen, und bloß gegen ſie einzuſchrei⸗ ten, wenn ſie gegen Frankreich vorruͤcken ſollten. Er bot ihm auch an, ſeine Herrſchaft ihm zu garantiren. Murat antwortete ihm in einem liebreichen Schrei⸗ ben, und ſuchte in ſeinem Benehmen gegen Napoleon mehr Mitleid als Unwillen an den Tag zu legen; auch lehnte er alle andere Garantie außer dem Eh⸗ renwort des Kaiſers ab, und erklaͤrte, daß ſeine zu⸗ kuͤnftige Anhaͤnglichkeit ſeinen fruͤhern Abfall wieder gut machen ſollte.„Allein es war immer Murats Schickſal, daß er uns ruinirte,“ fuhr Napoleon fort; neinmal dadurch, daß er ſich gegen uns erklaͤrte, und dann wieder, daß er unvorſichtiger Weiſe unſere Par⸗ tei nahm.“ Er griff Oeſterreich ohne die gehoͤrigen Mittel an, und ließ es durch ſeinen Ruin, ohne Ge⸗ gengewicht in Italien. Von dieſer Zeit an wurde es Napoleon unmoͤglich, mit ihm zu unterhandeln. Wenn wir des Kaiſers Angabe als richtig au⸗ nehmen, und zugeben, daß beide Schwaͤger fuͤr ſich 59 handelten, ſo glauben wir damit nicht, daß ſie ganz ohne gegenſeitiges Einverſtaͤndniß handelten; jeder wollte ſich allerdings nur auf ſich verlaſſen, indem er wohl einſah, daß ſein Anſpruch auf die Huͤlfe des an⸗ dern hauptſaͤchlich von ſeinem eigenen Gluͤck abhaͤngen wuͤrde, und wollte uͤberdieß das Recht, auf Koſten der verwandten Unternehmung des Schwagers, ſo es noͤthig wuͤrde, Frieden zu ſchließen, nicht aus der Hand geben. Trotz der glaͤnzenden Details, welche der Moniteur von Murats Unternehmung gab, waͤh⸗ rend es noch Gluͤck verſprach, iſt dennoch gewiß, daß Buonaparte Oeſterreich durch das Verſprechen, ihm Murat zu opfern, beſanftigen wollte, und daß Murat, haͤtten ſeine Antraͤge, nach dem zuruͤckgewieſenen Ue⸗ bergang bei Occhio bello noch Eingang gefunden, be⸗ reit war, Napoleon, deſſen Namen er erſt kuͤrzlich wieder angenommen, zum zweiten Mal zu verlaſſen. In dieſem Labyrinthe ſelbſtſuͤchtiger Politik hatte Mu⸗ rat den Verdruß, ſich von Napoleon zu einer Zeit, wo er ihm mehr eine Buͤrde, als eine Huͤlfe ſeyn konnte, zuruͤckgeſtoßen zu ſehen. Waͤre er als Sie⸗ ger in Mailand angekommen, und haͤtte ſeine Freun⸗ deshand uͤber die Alpen hinuͤbergeſtreckt, wie verſchie⸗ den waͤre da ſeine Aufnahme geweſen! Allein Buona⸗ parte weigerte ſich, ihn in ſeinem Ungluͤcke zu ſehen, oder ihm zu erlauben, nach Paris zu kommen, weil außer Zweifel war, daß der Anblick ſeines Elends eine bittere Widerlegung der Fabeln ſeyn wurde, wel⸗ 60 che die franzoͤſiſchen Journale eine Zeitlang uͤber ſeine Siege verbreitet hatten. Fouché ſandte ihm eine Bot⸗ ſchaft, gleich derjenigen, welche die entehrten Bot⸗ ſchafter Salomons bekamen, ſo lange zu Jerichv zu warten, bis ihre Baͤrte wuͤchſen. Er empfahl Murat, in Abgeſchiedenheit zu bleiben, bis die Erinnerung an ſeinen Schimpf durch neuere Gegenſtaͤnde von all⸗ gemeinem Intereſſe verwiſcht ſeyn wuͤrde. Buonaparte hatte ſich einige Zeit mit dem Ge⸗ danken getragen, Murat zu der Armee zu bringen; allein er fuͤrchtere ſich, die Armee vor den Kopf zu ſtoßen, welche Abſcheu und Schrecken vor einem Man⸗ ne empfinden mußte, der Frankreich verrathen haͤtte, „Ich dachte nicht,“ ſagte er zu ſeiner Umgebung in Helena,„daß ich ihn dahin bringen koͤnnte; und doch haͤtte er uns vielleicht den Sieg gewonnen; denn es gab Augenblicke waͤhrend der Schlacht(von Waterloo), wo die Sprengung von zwei oder drei engliſchen Quarrées ihn uns geſicher haͤtte, und Murat war ganz der Mann dazu, es durchzuſetzen.„Bei der Anfuͤhrung eines Kavallerieangriffs war nie ein Offi⸗ zier entſchloſſener, tapferer und brillanter.“ Murat ward verboten, an den Hof der Tutllle⸗ rien zu kommen, wo ſein Abfall vergeben werden mochte, ſeine Niederlage aber eine unverzeihliche Kraͤnkung war. Er lebte in Abgeſchiedenheit in der Naͤhe von Toulon, bis nach der entſcheidenden Schlacht von Waterloo ſein Schickſal ihn anderswohin 6⁴ rief*). Von dieſer Epiſode(denn eine ſolche, wenn gleich eine wichtige, iſt ſie in unſerer gegenwaͤrtigen Geſchichte) kehren wir zu Frankreich und zu unſerer unmittelbaren Erzahlung zuruͤck. *) Es iſt allgemein bekannt, daß Joachim Murat, nachdem er mie Muhe aus Frankreich enttommen, nach Korſika floh, um elleicht die Erlaubniß erhalten yätte, gegen ſein Eh⸗ renwort ſicher und unangefochten in den öſterreichiſchen Lan⸗ den zu wohnen; allein er hegte den wahnſinnigen Gedanken, ſeine Krone wieder zu erobern; welchen ihn auch vermochte, die Sicherheitsanträge von ſich zu weiſen, und an der Spitze von ungefähr 200 Mann einen Einfall in das Konigreich Neapel zu wagen. Damit dieſe ganze Expedition eine ge⸗ naue Parodie von der Buonaparte's zu Cannes ſeyn möch⸗ te, erließ er hochtravende Proklamationen, die eine ſchöne Doſis von Lügen enthielten. Ein Sturm zerſtreute ſeine Flottille, er ſelbſt landete am sten Oktober an einem kleinen Fiſcherdorf, nahe bei Monteleone, ward von dem Landvolk angegriſſen, ſocht mit ſeiner gewohnten Tapferkeit, ward aber beſiegt un d gefangen genommen, vor ein Kriegsgericht geſtellt und zum Tode verurtheilt. Die ſiziltaniſche Königs⸗ ſamilie hat ſich als eine unverſöhnliche Race gezeigt, ſonſt hätte ſie ihn begnadigt, der, obgleich jetzt Privatmann, erſt vor ſo kurzer Zeit noch König war, daß man ihm verzethen konnte, wenn er vergaß, wee er nicht länger die Macht, ohne verſönliche Verantwortlichkeit Krieg atzzufangen und Frieden zu ſchließen beſaß. Murat gieng ſeinem Schickſal entgegen, wie es dem beaux Fabreur geztemte. Er hielt das Bildniß ſeiner Gemahlin vor die Bruſt, ließ ſich die Augen nicht verbinden, nahm auch keinen Sitz an, und bekam 6 Kugeln durch das Herz, und ſand ſo einen Tod, den er un⸗ beſtraft im Getümmel ſo mancher Schlachten herausgeſor⸗ dert, und in ſo vielen andern vergebens geſucht hatte, —— 62 Drittes Kapitel. Buonaparte's Verſuche, ſich mit Britannien auszuſöhnen.— Ein Anſchlag, Marie Louiſe zu entführen, ſchlägt fehl.— Stim⸗ mung in Frankreich in Hinſicht auf Buonaparte's Rückkehr; — die Armee— die Jakobiner— die Konſtintionellen.— Fouché und Sieyes werden zu Pairs gemacht.„„ie Frei⸗ heit der Preſſe wird zugeſtanden unb mißbraucht.— Frei⸗ müthiges Benehmen von Compte, dem Herausgeber des Cenſeur.— Unzufriedenheit unter den niedern Klaſſen— ein Theil von ihnen iſt Buonaparte zugethan.— Dieſer ver⸗ ſammelt ſich vor den Tuillerien, und bezeugt dem Kaiſer ſeinen Beifall.— Feſt der Föderirten— neue Konſtitution — ſie wird nicht mit Beifall auſgenommen— Verſamm⸗ lung auf dem Maifeld zur Beſtätigung derſelben— Buona⸗ parte’'s Rede an die Kammer der Abgeordneten. Der Geiſt des Jakobinismus iſt vorherrſchend in der letztern. Waͤhrend Murat kaͤmpfte und ſeinem Schickſale unterlag, ruͤſtete ſich Buonaparte kraͤftig zu dem na⸗ henden Kampf. Sein erſter Verſuch war, wie wir bexeits geſehen, ſich mit den verbuͤndeten Maͤchten auszuſoͤhnen. Um Großbritannien zufrieden zu ſtel⸗ len, erließ er einen Befehl gegen den Sklavenhandel, und traf einige Einrichtungen im Betreff der Na⸗ tionalerziehung, wobei er mit hoher Achtung von Bell's und Lancaſters Syſtem ſprach. Dieſe Maßre⸗ geln wurden von einigen unſerer Geſetzgeber guͤnſtig beurtheilt, und daß ſie es waren, iſt ein vollſtaͤndiges Zeugniß, daß Buonaparte das Temperament unſerer Nation kannte, Anzunehmen, daß waͤhrend ſeiner 63 zehnmonatlichen Zuruͤckgezogenheit ſein Geiſt ſich mit dem Elend der Neger und mit dem jammervollen Zuſtand von Unwiſſenheit beſchaͤftigte, in welche ſeine eigenen Maßregeln und der Mangel fruͤhern Unter⸗ richts Frankreichs Jugend verſetzt hatte, wuͤrde nur wenig Bekanntſchaft mit ſeinem ehrgeizigen Karakter beweiſen. Dagegen ſtimmt die Annahme, daß er, bei ſeiner erſten Ankunft in Frankreich einige ſcheinbare Opfer bringen wollte, um ſich ſeinen maͤchtigen und gefaͤhrlichen Nachbarn zu befreunden, mehr zu ſeinem Plane, ſeinem Intereſſe und ſeinem Karakter. Die Art, wie er ſich die Achtung Großbritanniens gewin⸗ nen wollte, war durchaus nicht unpolitiſch. Die Auf⸗ hebung der Sklaverei der Neger und der Unterricht der Armen ſind Gur Ehre unſerer Geſetzgebung) ſchon oft Gegenſtaͤnde ernſthafter Berathung in dem Unter⸗ hauſe geweſen, und keine Schmeichelei findet bei den Menſchen im Einzelnen oder Allgemeinen mehr Ein⸗ gang, als die der Beiſtimmung und Nachahmung. Es iſt keine geringe Ehre fuͤr unſer Vaterland, daß der abgeſagteſte Feind von Großbritannien unſere gute Meinung nicht durch Antraͤge nationeller Vortheile, ſendern dadurch zu erhalten ſuchte, daß er ſich den Schein gab, als konkurrire er mit ihm in den allge⸗ meinen Maßregeln der Menſchlichkeit und der Auf⸗ 64 Denkungsart der Britten war zu auffallend, als daß ſie einen allgemeinen oder wirklichen Einbruck zu ſei⸗ nen Gunſten gemacht hatte. Gegen Oeſterreich venahm ſich Napoleon auf an⸗ dere Weiſe; er ſah ein, daß er auf den Kaiſer Franz und ſeinen Miniſter Merternich keinen Eindruck ma⸗ chen koͤnne, und daß es unmoglich geworden ſey, mit ihrer Einſtimmung dem Volke ſein Verſprechen zu erfuͤllen, ihm auf dem Maifeld ſeine Gemahlin und ſeinen Sohn vorzuſtellen. Kriegsliſt blieb das einzi⸗ ge Auskunftsmittel; und einige Franzoſen in Wien entwarfen mit der Umgebung von Marie Louiſe den Plan, die Kaiſerin von Frankreich mit ihrem Kinde zu entfuͤhren. Das Komplott ward entdeckt, und ver⸗ eitelt, und gleich darauf wurden oͤffentliche Schritte gethan, welche zeigen ſollten, daß Oeſterreich alle Bande, die es an Buonaparte knuͤpfte, auf immer fuͤr aufgeloͤſt betrachte. Marie Louiſe legte auf Be⸗ feyl ihres Vaters die Embleme und die Livree ihres Geuahls, welche ſie bisher von ihren Dienern und an ihrem Wagen fuͤhren ließ, ab, und nahm die des Hauſes Oeſterreich an. Dieſer enrſcheidende Schritt machte allen von Napoleon ſo lange gehegten Hoffnun⸗ gen anf die Moͤglichkeit, die Freundſchaft ſeines Schwiegervaters wieder zu erhalten, ein Ende. Auch die andern Maͤchte Europa's zeigten ſich ſeinen Annaherungen nicht minder unzugaͤnglich; er war daher auf ſeine eigenen Anhanger unter dem franzͤd;: 65 franzoͤſiſchen Volke und auf diejenigen beſchraͤnkt, wel⸗ che er von andern Parteien noch dazu gewinnen konnte. Die Armee hatte ſich aus Grunden, welche ſich leicht wuͤrdigen laſſen, hinlaͤnglich als ihm eigen gezeigr; das Heer von oͤffentlichen Beamten, welchen gleich galt, unter weſſen Namen ſie ihren Dienſt thaten, wenn nur der ihnen ausgeſetzte Gehalt fortlief, bi⸗ dete eine große und einflußreiche Koͤrperſchaft. Und obgleich wir, bei ſolchen Veraͤnderungen unſeres poli⸗ tiſchen Syſtemes, nicht in die Alternative„geſetzt, entweder auf unſere Mittel zum Unterhalt zu ver⸗ zichten, oder uns dem Wechſel einer Regierung zu fuͤgen, wenn wir beruͤhmte und ehrenwerthe Namen nennen hoͤren, welche die letztere Alternative ergrif⸗ fen, uͤber den franzoͤſiſchen Wankelmuth ein Wehe gusrufen, ſo durften wir dennoch, wenn wir einen Blick auf Britannien, waͤhrend der haͤufigen Wech⸗ ſel im 17ten Jahrhundekt werfen, unſern Ruf:.„we⸗ he dir, armes Frankreich!“ in:„wehe dir, arme Menſchheit!“ veraͤndern. Die Parteimaͤnner der Ta⸗ ge Cromwells, welche ſich in aller Froͤmmigkeit die Diener der Vorſehung nannten, weil ſie ſich in alle Wechſel, welche vorkamen, ergaben, und die Secte der Zeitdiener, auch die ehrlichen Patrioten mit ein⸗ geſchloſſen, welche ſich uͤber die Reſtauration bekl ten, daß ſie, welche ſich ſieben Regierungsformen waͤhrend eines Jahres gefuͤgt, ihren Dienſt verloren, weil ſie ſich zu ſpaͤt fur die letzte erklaͤrten,— wuͤrden in ih⸗ W. Scott's Werke. 1-XII. 5 66 ren Tagen eine eben ſo lange und erbauliche Liſte lie⸗ fern, als bas berühin ite Dictionnaire des Oirouettes. obei ein ploͤtzlicher Anflug von Gefuhl „iſt: der ſcheln äiche Franzmann geſchi ick. zu lnuinn⸗ als der phlegmatiſche und ſchw All 3; Britanni ein wenn i s Intereſſes r ete her van, ſo zelüon bis Leute unter n A d⸗ ihre Cle darnach zu richten; und ie in der Moral mag man beten, rſuchung!“ „ welche ihm aus bloßem In⸗ b Ekeit und Bewund zugethan war Inhangern doer vie dehr Verhuͤnderen, ahl, ſondern aus Nurg auch die Jakobiner, b t 3 1 onn 15„ r r 5 welche ſich genoͤthigt lahen⸗ thn an die e 8 In 9 zu nehmen, welcher ſie eine Wi burt zugedacht hatiin 5 Zu dieſen mag noch die weit zahi⸗ ichere und tungswer there Klaſſe derjenigen ge⸗ det Heten,„ weiche, weit entſernt, ihn zu ſeiner nehnn aufzumuntern, vielmehr ihm allen iderſtand entgegenzuſetzen verſucht hniten, nun aber, ie die zet der Bourkons gaͤnzlich verloren ga⸗ ſich gegen die Bevingung einer freien Konſtitus tion fuͤr Arantrelc an Napoleon anſchloſſen. Man⸗ che von ihnen handelten natuͤrlich aus gemiſchten Be⸗ 67 weggruͤnden; wenn man aber eine Deffinition von uns verlangt, ſo wuͤrden wir verſucht werden, von ihnen dieſelben zu geben, die wir, wenn wir allen Parteihaß bei Seite ſetzen, von einem aͤchten engli⸗ ſchen Whig geben wuͤrden, unter welchem wir uns einen Mann von Verſtand und Maͤßigung, einen Freund der Geſetze und der Freiheit denken, deſſen Anhaͤnglichkeit an einzelne Fuͤrſten und Familien ſich auf das gruͤndet, was er fur das allgemeine Beſte haͤlt, und der ſich von einem verſtaͤndigen Tory ſo wenig unterſcheidet, daß er uͤber jeden wich igen, kon⸗ ſtitutionellen Gegenſtand, wenn die Frage ehrlich ge⸗ ſtellt wird, † dieſelbe Weiſe ſprechen wird. Ein ſolcher Unterſchied iſt, glauben wir, zwiſchen dem ver⸗ nuͤnftigen Konſtitutionellen und dem vernunftigen Royaliſten in Frankreich, und es iſt auſſer allem Zweifel, daß, waͤhrend die letztern die Zwingherrſchaf eines Uſurpators mit Abſcheu betrachteten, unter den erſtern manche ſeyn mußten, welche durch das Ein⸗ ſchreiten fremder Maͤchte Gefahr fuͤr die Unabhaͤngig⸗ keit Frankreichs fuͤrchtend, durch die Vertheidigung der Sache Napoleons gewiſſermaßen aus der Noth eine Tugend zu machen glaubten, und ein gleichguͤl⸗ tiges Spiel mit ſo vieler Kunſt ſpielten, als die Kar⸗ ten, die ſie in der Hand hſelten, es erlauben woll⸗ ten. Manche patriotiſche vernauftige Maͤnner, die waͤhrend aller Regierungen oder Anakchieen, die ſeit 20 Jahren beſtanden, Achtung fuͤr die Freiheit be⸗ 5ασ . 68 wahrt hatten, ſuchten eine Regierungsform aufzufin⸗ den, bei der ſie ſich auf die Verlegenheiten Buona⸗ parte's eine Art von Freiheit gruͤnden wollten. Be⸗ draͤngt, wie er war, von Auſſen und, ununterſtuͤtzt von Innen, die Soldateska ausgenommen, wuͤrde er, dachten ſie, ſich nothgedrungen unter den Schutz der Nation ſtellen, und genoͤthigt ſeyn, durch Willfahrung gegen die oͤffentliche Meinung und durch Annahme einer freien Regierungsform ſich Anhaͤnger zu ver⸗ ſchaffen. In dieſem Glauben war eine große Zahl ſolcher Maͤnner, die mehr oder weniger fuͤr eine ge⸗ mäͤßigte und beſchraͤnkte Monarchie waren, fuͤr die Anerkennung von Buonaparte's Wiedereinſctzung ge⸗ ſtimmt, in ſo fern es ſich faͤnde, daß er durch Kon⸗ zeſſionen von ſeiner Seite ihrer Sache dienen wuͤrde. Das Benehmen und die Argumente eines an⸗ dern Theils der Verfaſſungsfreunde glichen mehr den⸗ jenigen, welche in England von gemaͤßigten und ein⸗ ſichtsvollen Tory's angenommen werden mochten. Sol⸗ che Maͤnner waren nicht gemeint, die Sache ihres geſetzmaͤßigen Monarchen aufzugeben, weil ſich das Gluͤck zur Zeit gegen ihn erklaͤrt hatte. Sie waren der Meinung, daß zur Aufſtellung einer dauernden Verfaſſung des Koͤnigs Rechte ſo gut geſichert und gewahrt ſeyn muͤßten, als die des Volkes, und daß, wenn ein Uſurpator unter auch noch ſo plauſibeln Be⸗ dingungen anerkannt wuͤrde, die Nation, ſobald er lich durch ſein Schwerdt ſiegreichen Weg gebahnt haͤtz — 69 te, beſtaͤndigen Revolutionen ausgeſetzt feyn würde. Ludwig hatte, ſo mochten dieſe argumentiren, ſich durchaus nichts zu Schulden kommen laſſen, er war einzig in Verhaͤltniſſe geſetzt, die einige Perſonen glauben machten, er koͤnnte ſich moͤglicherweiſe ver⸗ ſucht fuͤhlen, auf Veraͤnderungen in der Verfaſſung und in der von ihm beſtaͤtigten Karte zu denken. Es ſey eine Gemeinheit, einen guten und friedfertigen Koͤnig auf den Befehl einer revoltirten Armee und eines abgedankten Uſurpators Preis zu geben. Sie bedauerten, daß ihr Fuͤrſt durch fremde Bajonette wieder eingeſetzt werden mußte; allein es war viel⸗ leicht beſſer, daß eine gemaͤßigte und friedfertige Re⸗ gierung auch unter ſolchen Bedingungen reſtaurirt wurde, als daß die franzoͤſiſche Nation noch ſerner unter der deſpotiſchen Tyrannei ihrer eigenen Solda⸗ teska zu leiden hatte. Dieſe Raiſonneurs fanden die Idee einer freien Verfſaſſung laͤcherlich die zwiſchen Buonaparte, der unter ſeiner fruͤhern Herrſchaft nie⸗ mals die Freiheit des Gedankens, der Worte oder der Handlungen zu unterdruͤcken abließ, und zwischen den alten Revolutionaͤrs Statt finden wuͤrde, welch waͤhrend der Zeit ihrer Macht ſich mit keinem Grade von Freiheit vertrugen, bis ſie auch jedes Geſetz ver⸗ nichtet hatten, das die buͤrgerliche Geſellſchaft zuſe menhaͤlt, und ihr Vaterland einem großen Toll hauſe aͤhnlich machten, das von den Patienten augezuͤndet ward, mahrend ſie mitten durch die Flammen tanzten. 7G Dieß moͤgen die Grundſz itze geweſen ſeyn, aus denen weiſe und gemaͤßigte Maͤnuer von beiden Sei⸗ ten waͤhrend dieſer Periode der Zerruͤttung handelten joſe Es laͤßt ſich leicht denken, daß ihre Auſichten durch emperament, 9 Neigung, Vorurtheil, Leidenſchaft, icht me dehr oder weniger ſchattirt n waren, und den Seiten zur Uebertreibung, oder rie, das fuͤr dieß lehertreihueg gebil⸗ — zum Ultrai eile that Nau 6 2 Mogliche, um ſich die e Ergebe theit des Nſes: zu gsern uud den 3 uUſch an Den X. rma, und dee pro⸗ onen. Er machte die 3 arnot uad Suebhe Titel und Sitz in ſeiner Pairskammer annehmen muͤßten, um zu z igen, daß ſie vollkommen mit der kaiſerli chen Re⸗ gierung ausgeſoͤhnt waͤren; und die beiden alten Re⸗ publikaner ließen ſich herab, die rothe Muͤtze(bonnet rouge) gegen eine Pairskrone um utauſchen, die nach ihren fruͤheren Anſichten etwas ſchief⸗ auf ihrer Stir⸗ ꝛe ſitzen mußte. Obgleich jedoch die Vereinigung der kalſerlich Geſiunten und der republikaniſchen Partei durch gegenſeitigen Haß der Bourbons gekittet war, und durch Furcht vor den Anhaͤngern des Koͤnigs im Innern und ſeinen Verbund⸗ fei von Außen zuſam⸗ muengehalten wurhe, ſo wurde der doch balä der Sagme dann aber behauptete er, daß es noth: 71 der Zwietracht zwiſchen dem Kaiſer und den republi⸗ . 8 1 p. 1 kaniſchen Fuͤhrern ſichtbar; waͤhrend der erſtere ſich beſtrebte, noch ein Mal den wieder erlangten Scey⸗ ter mit vollem Nachdruck zu ſchwingen, riefen ihm letztere beſtaͤndig ins Gedaͤchtniß zuruͤck, daß er ihn einzig unter Beſchraͤnkun agen empfangen haͤtte, un zwar an der Spitze einer freien Regierung und der Exer Linusuft⸗ ber unter dem Zwange einer volks⸗ thuͤmlichen V 1 ooleon war bei den haͤufigen Streiten, die ſich 1 ieſe wichtigen Ge⸗ genſtande erhoben, genoͤthigt, den Demagogen die Grundſatze, auf denen ſie beſtanden, einzuraͤumen; p ndig ſey, der hoͤchſt ſten Obrigkeit, wenn ſie zur herheit des Staa⸗ 31½ verwickelt f9, eine uͤber alt, eine Diktatur ei nach temporaͤr, aber ihrem Um afange nach 2 b. ahe unum⸗ ſchraͤnkt waͤre, wie man in den freien Staaten des Alterthums zu thun pflegte, wenn die R Republik in ſchwebte. Carnot und Fo 8 da⸗ gegen meinten, daß, obgleich es natuͤrlich und leicht ſcheine, ihm fuͤr den Au eine ſolche Gewalt zu ertheilen, die hme derſelben von Se ten der Natien, wenn ſe ein mal Napoleon in die Haͤnde gegeben waͤre, ein hoffnungsloſer Verſuch ſeon wuͤrde. Der Kailer und ſeine Miniſter ſchritten daher an ih⸗ re gegenfſeſtigen Geſchaͤfte nicht mit gegenſe itigem drohender Gefahr 72 Vertrauen, ſondern im Gegentheil mit Argwohn, der nur leicht durch den Schein der Herablaſſung von Seiten Buonaparke's und der Ehrerbietung von Seiten ſeiner NRathgeber verdeckt wurde. Das erſte Oofer, welches der Kaiſer der Freiheit brachte, bewies ſich als nachtheilig fuͤr ſeine Regie⸗ rung. Dieß beſtand in nichts Geringerem, als in der Freiheit der Preſſe. Es iſt wahr, daß der Ein⸗ fluß ſeines Polizeiminiſters auf indirektem Wege die meiſten Journale unter ſeine Leitung zu bringen wuß⸗ te, ſo daß von ſechzig Schriftſtellern, die gewoͤhnlich, wo nicht beſtaͤndig, periobiſche Schriften lieferten, nur füͤnf der koniglichen Sache zugethan waren; die an⸗ dern Federn, welche noch wenige Tage zuvor Napo⸗ leon als eine Art von Minotaurus beſchrieben, der die Jugend von Frankreich verſchlungen haͤtte, gruͤß⸗ ten ihn jetzt als Helden und Befreier. Wenn jedoch die Freiheit der Preſſe einmal wieder hergeſtellt war, ſo kannte man nicht mehr verhaͤten, daß ſie ihr Recht der freien Rede in Anſpruch nahm, und es fanden ſich nun Leute, welche aus Grundſatz, aus Laune oder Streitſucht die Sache der Bourbons in Schutz nah⸗ men. Napoleon, der jederzeit über den oͤffentlichen Ta⸗ bel hoͤchſt empfindlich war, ſtellte Aufſeher uüͤber die Buchhaͤndler auf. Der Polizeiminiſter, ein Freund der Freiheit, aber, wie Compte, der Herausgeber des Cenſeur, richtig bemerkte, einer Freiheit nach 4 73 dem Zuſchnitte von Monſſeur Fouchs, wandte jeden ihm zu Gebote ſtehenden Kunſtgriff an, um die Seuche der Freiheit nicht zu ſehr um ſich greifen zu laſſen. Dieſer Compte war ein lauter und wahrſchein⸗ lich aufrichtiger Vertheidiger der Freiheit, und hatte die Ruͤckkehr Buonaparte's befoͤrdert, weil ſie der gu⸗ ten Sache zu nuͤtzen ſchien; als er aber den vorherr⸗ ſchenden Einfluß des Militaͤrs ſah, machte er einige ſcharſe Bemerkungen uͤber das ungebuͤhrliche Gewicht, das ſich die Armee in oͤffentlichen Angelegenheiten an⸗ maßte, und trug kein Bedenken, zu behaupten, daß ſie Frankreich in die Lage von Rom braͤchte, wo die Regierung von dem Willen der Praͤtorianer abhieng. Dieß traf eine wunde Seite— das Journal ward von der Polizei in Beſchlag genommen, und der Mi⸗ niſter ſuchte dieſen Schritt in dem Moniteur damit zu vertheidigen, daß er ſagte, das Blatt ſey, ooͤgleich anfangs mit Beſchlag belegt, dennoch gleich wieder frei gegeben worden; allein Compte war nicht der Mann, der ſich auf ſolche Weiſe Stillſchweigen au er⸗ legen ließ; er machte eine Widerleaung der ofſtziellen Angabe bekannt, und erklarte, daß ſein Journal nicht wieder frei gegeben wurde. Er ward am naͤchſten Tage vor den Praͤfekten gefordert, der ihm abwech⸗ ſelnd drohte und ſchmeichelte, ihm das eine Mal undankbare Widerſetzlichkeit gegen den Kaiſer vorwarf, und ihn ſpaͤter erſuchte, uf etwas zu denken, womit ihm die Regierung dienen koͤnnte, Schußfeſt gegen 74 jede Anerbietung und Drohung, erbat ſich Compte bloß die Erlaubniß, von der wieder hergeſtellten Frei⸗ heit der Preſſe Gebrauch machen zu duͤrfen; und die wuͤrdige obrigkeitliche Perſon wußte ihm nicht recht bemerklich zu machen, daß wenn der Kaiſer Jeder⸗ mann die Freiheit zu ſchreiben gab, was er wolle, dieß unter der ſtillſchweigenden Bedingung geſchah, daß dieß au 5 ch dem Praͤfekten und Polizeiminiſter ge⸗ te. Compte hatte den Muth, den ganzen Vorgang bekannt zu machen. Mittlerweile brachten Proklamationen von Lud⸗ wig, worinn er die Bezahlung der Steuern verbot und die Ankunft von 1,200,000 Mann unter den Mau⸗ ern von Paris ankuͤndigte, jede Nacht eine Menge Volks, trotz dem Verbote der Polizei, auf dieſe Mau⸗ ern. Eine Zeitung, die Lilie genannt, welche die köͤ⸗ nigliche Sache vertheidigte, zirkulirte insgeheim; aber allgemein bei den beſſern Klaſſen der Geſellſchaft, wo Buonaparte gefuͤrchtet und gehaßt war, glitten Spott⸗ gedichte, Satyren und Pasquille, in denen ſeine Per⸗ ſon, ſeine Miniſter und ſeine Regierung auf das bit⸗ terſte gehoͤhnt wurden, von Hand zu Hand. Andere griffen ihn mit beredten Ausfaͤllen an, und fragten was er denn mit dem Worte Freiheit gemeint haͤt⸗ te, das er jezt mit ſeiner Herrſchaft in Verbindung bringen wolle; er ſey, ſagten ſie, der geſchworne Feind der Freiheit, der Moͤrder der Repub ick, der Zerſtoͤrer der ſo theuer erkauften Freiheit Frankreichs; 75 das Phantom von Freiheit, das er vorhalte, ſey ein Taſchenſpielerkunſtſtack, unter dem Schutze ſeiner Ba⸗ jonette aufgefahrt. Dieß ſeyen ſeine Begriffe von Freiheit geeſen als er zu St. Cloud die Vertre⸗ tung des Volkes vernichtete; ſo die Freiheit, welche er gegeben, als er in das erleuchtete ureſg den Deſpot smus des Morgenlandes eingefuͤhrt; ſo, als er alle freie Mitthe lung der Gedanken ri Buͤr⸗ gern aufhob, und jede freiſinnige und rhile Idee unter dem Spottnamen von Ideen jaͤ ſcribirte,„Kann man ſo leicht vergeſſen fuhren ſie fort,„daß Himmel und Hoͤlle noch verträͤglicher ſind, als Buonaparte und Freiheit?— Schon das Wort Freiheit,“ ſagten ſie,„war unter ſeinem eiſer⸗ nen Scepter geaͤchtet und erſt nach zwoͤlf Jahren der Erniedrigung und Verzweiflung entzuͤckte die Nuhe den Franzmann wieder, bei der gluͤcklichen Reſtaura⸗ tion von Ludwig XVIII.— „Erbaͤrmlicher Betruͤger!“ riefen ſie aus,„wenn haͤtte er von Freiheit geſprochen, haͤtte nich t die Ruͤk⸗ kehr Ludwigs uns mit Freiheit und Friede dertrant gemacht? der Geiſt der Unzufriedenheir verbreitete ſich auch unter gewiſſen Klaſſen der niederen Shrnde die Marktweiber, Gndn des Halles) ſo furchthar waͤh⸗ reud der Zeit der Fronde*) und in den erſten Jah⸗ ren der Revolution wegen ihrer Oppoſition gegen den *) Name der Partei gegen den Hof, oder vielmehr gegen den Kardinal; in in der Mitte Se 17ten Jahrhunderis 8. 75 Hof, waren nun koͤniglich geſinnt und machten natur⸗ lich von Seite der Partei, die ſie erwaͤhlt, ein groſ⸗ ſes Geſchrei; ſie erfanden, oder lieſſen ſich von loyalen Reimern einen Geſang dichten, deſſen Refrain*) ei⸗ ne Zuruͤckforderung des Koͤnigs als ihres Vaters von Gent, bildete. Sie verhoͤhnten, ſchalten und mißhan⸗ delten die Polizeikommiſſaͤre, welche dieſe muſikaliſchen Ausdrucke der Unzufriedenheit zu unterdruͤcken ſuch⸗ ten, umgaben den Chef ihres Haufens, tanzten um ihn her, und ſangen den aͤrgerlichen Refrain, bis Fouché, aus Scham, die neuen Lehren von Freiheit des Gedankens, der Rede und der Preſſe Luͤgen zu trafen, ſeine Agenten inſtruirte, dieſe Amazonen in dem Ausdruck ihrer poliriſchen Gefuͤhle nicht mehr zu ſtören. Waͤhrend Buonaparte nicht mehr im Stande war, in den Salons Intereſſe zu begruͤnden, und ſehen mußte, wie ſelbſt die Dames des halles mit ihm un⸗ zufrieden wurden, hatte er die Miliz der Vorſtaͤdte auf ſeiner Seite; jene Kolonnen der in der Revolu⸗ tion ſo beruͤchtigten Pikenmaͤnner, deren Rohheit und Wuth ſeine Herrſchaft wo nicht in Achkung, doch in Schrecken ſetzte. Man darf uns nicht den Vorwurf machen, als ob wir die ehrſame Betriebſamkeit in Mißkredit, oder das Elend der Armuth in Verach⸗ tung bringen wollten. Nicht die Armuth, ſondern die Unwiſſenheit und Sittenloſigkeit des Poͤbels groſ⸗ *) Donnez neus notre pere de Sanls. 3 — 77 ſer Staͤdte iſt es, die ihn jederzeit widerwaͤrtig und oft furchtbar macht. Sie haben Anſpruͤche auf den Schuz der Geſutze und die Nachſicht der Regierung, aber der, welcher ſie zu Werkzeugen der Politik ge⸗ brauchen wollte, ruft die Huͤlfe einer blaͤkenden tau⸗ ſendkoͤpfigen Beſtie auf, die Fangzaͤhne zum Zerflei⸗ ſchen, Kehlen zum Bruͤllen, aber keine Zunge Ver⸗ nunft zu ſprechen, keine Ohren ſie zu hoͤren, keine Augen ſie zu ſehen, und keinen Verſtand ſie zu d grei⸗ fen hat. Bald nach Buonaparte's Ruͤckkehr verſammelten ſich Gruppen von Handwerkern aus der niedrigſten Klaſſe unter den Fenſtern der Tuilerien und verlang⸗ ten den Kaiſer zu ſehen, den ſie bei ſeinem Erſchei⸗ nen mit dem Freudenruf le Grant Entrepreneur, d. h. als den allgemeinen Brodvater der Klaſſe der Hand⸗ werker, in einer Sprache begruͤßten, in der der rau⸗ he Styl ihres Standes mit ſolchen rhetoriſchen Blu⸗ men ausgeſchmuͤckt war, wie ihn die Zeiten des Schrek⸗ kens ausgeheckt hatten. Schluͤßlich wurden dieſe Hau⸗ fen durch die Vertheilung ven wenigen Sous an die Schreier geſchweigt. Obgleich ungehalten uͤber dieſe unwuͤrdige Schen⸗ kangen, fuͤhlte Buonaparte dennoch, daß er es mit dieſen Leuten nicht verderben durfe, und ſah ſich ge⸗ noͤthigt, einen Tag feſtlichen Aufzugs und der Be⸗ wirthung zu Gunſten der Menſchenklaſſe anzuberau⸗ men, die von der Art wie ſie eingeſchrieben, die Fo⸗ derirten genannt wurden. 78 Am 14. Mai boten die bunten und ſchlechtgeord⸗ neten Reihen des Poͤbels, der ſich bei dieſer merk⸗ wuͤrdig gen Seigeate verf ſammelt, in den Augen der mißbilligenden und erſchreckten Zuſchauer, ein Bild alles deſſen da er. was durch habituelle Sittenloſigkeit, Dummheit und Verworfenheit aufs Tiefſte ſich herab⸗ gewuͤrdigt hat. Dieſer unheimliche Zug dewegte ſich die Bonlevards entlang nach dem Hof der Tullerien, unter einem Geſchrei, in welchem ſich die Lobpreiſung des Kaiſers mit Verwuͤnſchungen und den revolutio⸗ naͤren(in Paris laͤngſt derhen en) Geſaͤngen, dem Marſeillermarſch, der Carmagnole, und dem Tage des Abſchieds miſchten. Die Erſcheinung dieſer Leu⸗ te, den Auswurf der Manuſakturen, Fabriken und Kerker, ihre Lumpen, ihre Unſauberkeit und Betrun⸗ kenheit; ihre Erſtaſen gotteslaͤſterlicher Wuth, und nicht minder gotteslaͤſterlichen Jubels trugen ganz den Karakter der willigen Vollzieher all der graulichen Schrecken der Revolution. Buonaparte's naͤchſte Um⸗ gebung wollte beinerken, daß er ſelbſt ſich mit Abſcheu von der Verſammlung abwandte, die er zuſammenbe⸗ rufen hatte. Seine Garden ſtanden unter den Waf⸗ fen, und das Ge chuͤtz war geladen und gegen den Carouſel Platz gerichtet, der mit den bunten Haufen enefuit war, welche von der kontraſtirenden Farbe 3 nleute, die ſich in den Gieden⸗ſpottweſſe ſeine grauen und eawarzen Muskeriere genaunt wurden, Er eilte, die⸗ 79 ſe ſcheußlichen Schoßkinder mit einer Belobung und einer hinlaͤnglichen Doſis Branntwein zu entlaſſen. Die Nationalgarden hielten ſich dadurch beſchimpft, aß ſie den Foͤdenrten das Geleit geben mußten. Die Linientruppen fuͤhlten die entwuͤrdigende Lage Buona⸗ parte's, der Stolz der franzoͤſiſchen Soldaten hatte ſich fern von Vertraulichkeit mit dem Poͤbel ſelbſt fuͤr die Sache Napoleons gehalten; man hatte bemerkt, wie ſie auf dem Marſche von Cannes mit ihrem Rufe vive[Empereur! einhielten, wenn dieſer Ruf bei ih⸗ rem Einzug in eine anſehnliche Stadt von dem Poͤbel derſelben aufgenommen wur e, und eher ihren Bei⸗ fall verſagten, als daß ſie ihn mit dem der béguins, die ſie verachteten, vereint haͤtten; ſie murrten unter⸗ einander, wenn ſie ſahen, daß Buonaparte gendthigt ſchien, um die Gunſt der niedrigen Handwerker zu buhlen, daß der Sieger bei 8 zu einem bloßen Poͤbelhaupt elhaltp am abgeſunken war. Kurz der gehaͤſſige Karakte jeſer Alltanz Buonapar⸗ te's mit der Hefe des Volkes n daß er ſelbſt in dem ſchmeichell Berichte des Moniteurs gutgeheißen werden konnte, welcher mit⸗ ten unter der prunkhaften Beſch ng dieſer merk⸗ wuͤrdigen Proceſſion zu dem Geſtaͤndniſſe gezwungen ward, daß der Name des Kaiſers an einigen Orten unſchicklicher Weiſe mit Aeuſſerungen die an eine unglu und Geſaͤngen, clicher Weiſe nur zu beruchtigte Pe⸗ riode erinnerten, verbunden wurde. 8⁰⁶ Aufgereizt durch die Gefahren von Auſſen, und die Verwirrungen von Innen, ſo wie durch den er⸗ niedrigenden Zwang, jeden Abend vor einer Rotte zu erſcheinen, die ihn mit dem vertraii hen Gruße Pere la Violette bewillkommte, und noch auſſerdem uͤber die Linrathungen ſeiner philoſophiſchen Rathgeber erzuͤrnt, welche unter andern Neuerungen auch wuͤnſchten, daß er den Titel Kaiſer gegen den eines Praͤſtdenten oder Grand General der Republik vertauſchen moͤchte, zog ſich Napoleon, um mit einemmal dieſer fuͤr ſeinen Hochmuth kraͤnkenden Ruckſichten los zu werden, von den Tuilerien nach dem abgelegeneren Palaſte Elysèe Bourben zuruͤck, und ſchien mit einem Male wieder der Kaiſer zu ſeyn, der er vor ſeiner Abdankung ge⸗ weſen. Hier nahm er ſelbſt, mit Beiziehung Benja⸗ min Conſtant's und anderer Staatsmaͤnner die Ent⸗ werfuns einer neuen Verfaſſung vor. Ihr Syſtem ſchloß alle jene Daͤmme und Einſchraͤnkungen in ſich, die man für weſentlich zu einer freien Regierung halt, und welche großentheils der koͤniglichen Charte glichza.*) Nichts beſto weniger fand ſie auf allen Seiten, *) Folgendes iſt ein Auszug ſelner Beſtimmungen:— Die geſetzgebende Machr ruht in dem Kaiſer und den zwel Kammern. Die Kammer der Pairs iſt erblich, und der Kaifer er⸗ nennt ſie. Ihre Anzahl iſt unbeſtimmt. Die zweite K r wird vom Voike gewählt, und be⸗ Keht aus 629 Mitgliedern, keines darf unter 25 Jahren alt —(-%%% 5 / 81 Seiten, beſonders aber bei denen, welche von Napo⸗ leon eine freiere Verfaſſung erwartet hatten, als die war, die ſie durch Vertreibung Ludwig XVIII. vom Throne erwarteten, die ungunſtigſte Aufnahme; es — OQʃ—/—— ſeyn, der Präſident wird von den Mitgliedern ernannt, aber von dem Kaiſer beſtätigt. Die Mitglieder bekommen einen Gehalt, der von der kon⸗ ſtituirenden Verſammlung ausgeſetzt wird. Die Kammer wird alle 5 Jahre erneuert, Der Kaiſer kann die Verſammlung der Volksvertreter verlängern, vertagen oder auflöſen. Die Sitzungen ſind öffentlich. Die Wahlkollegien werden beibehalten. Die Landſteuer und die direkten Steuern werden auf ein Jahr votirt, die indirekten können auf mehrere Jahre be⸗ ſtimmt werden. Es darf keine Aushebung der Armee, noch eine Landes⸗ Vertauſchung anders als durch das Geſetz vorgenommen werden. Die Steuern werden von der Kammer der Abgeordneten vorgeſchlagen.. Die Miniſter ſind verantwortlich. Die Richter koͤnnen nicht abgeſetzt werden. Es werden Jurys errichtet. Freiheit der Petition— Glaubensfreiheit— Unverletz⸗ lichkeit des Eigenthums iſt eingeräumt. Der letzte Artikel beſagt„das franzöſiſche Volk erklärt, daß es nicht gemeint iſt, ſeinen Abgeordneten die Gewalt der Wiedereinſetzung der Bourbons nder irgend eines Prin⸗ zen dieſes Hauſes, ſelvſt nicht im Falle der Ausſchließung der kaiſerlichen Dynaſtie zu übertragen. 3 W. Scott's Werke, LXII. 6 . 82 wurden andere bedeutende Ausſtellungen an dieſer Regierungsform gemacht. Der erſte Vorwurf, deun man den kaiſerlichen Bewilligungen machte, war derſelbe, den man mit ſo großer Heftigkeit gegen die koͤnigliche Charte gemacht hatte, daß ſie naͤmlich kein Vertrag zwiſchen dem Volk und dem Souveraine war, nach welchem das erſtere letzteren unter beſtimmten Bedingungen aut den Thron rief, ſondern eine Muſterung der Freiheit und des Volkes von Seiten der Souverains. Die Verſamm⸗ lung des Maifeldes war allerdings(zu Folge der aus Lyon ergangenen Dekrete) hauptſaͤchlich zum Zwecke der Entwerfung und Annahme der neuen Verfaſſung zuſammengerufen, aber nach dem gegenwaͤrtigen Sy⸗ ſteme hatten ſie einzig die Wahl der Annahme oder Verwerfung deſſen, was Napoleon fuͤr ſie bereitet hatte. Die Unzufriedenheit unter jenen Philoſophen, die„beſſeres Brod, als das von Watzen,“ wollten, war groß, und ſie konnten keine Freiheit genießen, wenn ſie nicht unmittelbar von dem Willen des Vol⸗ kes ausgegangen, und durch die Diskuſion deſſelben ſanktionirt worden war. Allein Napoleon war ent⸗ ſchloſſen, daß die Verſammlung am 10. Mai kein an⸗ deres Geſchaͤft in der Sache der Verfaſſung haben ſoll⸗ te, als ſie anzunehmen, wenn ſie dargeboten war⸗ Er wollte einer ſolchen Verſammlung nicht die Revi⸗ ſion der Geſetze anvertrauen, nach denen er regieren follte. 8 ſſſ— Zweitens wurde dieſe neue Verfaſſung, ob ſie gleich eine ganz neue Baſis der Regterung gab, un⸗ ter dem ſonderbaren Titel„einer Zuſatzakte zu den Verordnungen des Kaiſers“ bekannt gemacht, und bildete ſomit eine Art von Anhang zu der großen Maſ⸗ ſe unaufgehobener organiſcher Geſetze, von denen man⸗ che ſich nach Inhalt und Geiſt mit der Zuſatzakte nicht vertrugen. Diejenigen, welche das unmittelbare Vertrauen des Kaiſers waͤhrend der Entwerfung des Vertrages genoſſen hatten, ſuchten ſich ſelbſt zu uͤberreden, daß Napoleon es mit Frankreich gut meinte, geſtanden aber, daß ſie es ſchwer fanden, ſeine Anſichten uͤber eine beſchraͤnkte Monarchie aufzuklaͤren. Sie fuͤhlten, daß der Kaiſer, obgleich er zu einer Beſchraͤnkung ſeiner Gewalt inducirt wurde, indem, was ihm noch frei gegeben war, ſo willkuͤhrlich als jemals ſchalten wuͤrde, und wahrſcheinlicherweiſe ſeine Miniſter nie anders, denn als unmittelbare Vollſtrecker ſeines Wil⸗ lens, und als ihm allein verantwortlich betrachten wuͤrde; daß er, wie immer, ſeine Kanzlei mit ſich hin⸗ ter das Pferd nehmen, und geſiegelte Ordern erlaſſen wuͤrde, die von ſeinem Miniſter ausgefuͤhrt werden mußten, ohne ſich mit ihm uͤber ihren Inhalt zu be⸗ rathſchlagen.*) Die Royaliſten triumphirten uͤber die Bekannt⸗ *) Letters from Paris, writteu during the Last Reign of Na- Poleon Vol. I. P. 197.. 6„„ 84 machung der Zuſatzakte:„dafuͤr alſo,“ fragten ſie, „habt ihr eure Eide gebrochen und euern Monarchen verbannt, um dieſelben, ja kaum dieſelben Geſetze in einer ruſſiſchen Ukaſe oder einem tuͤrkiſchen Firman wieder zu bekommen, die ihr bisher durch die Charte auf dieſelbe Weiſe, wie eure Vorfahren, die vorzugs⸗ weiſe die freien Maͤnner genannt wurden und ihre Rechte von ihren beſchraͤnkten Souverainen erhielten, genoſſen habt? dafuͤr habt ihr einen friedfertigen Fuͤr⸗ ſten, deſſen Schwaͤche eure Sicherheit war, gegen ei⸗ nen ehrgeizigen Krieger vertauſcht, deſſen Staͤrke eu⸗ re Schwaͤche iſt? dafuͤr wollt ihr zum zweitenmal in einen Krieg mit ganz Europa ziehen— fuͤr die Zu⸗ ſatzakte und das Maienfeld?“ Ddite entſchiedeneren Republikaner fanden auſſer ihren beſondern Gruͤnden gegen ein Oberhaus, das der Kaiſer mit ſeinen Guͤnſtlingen fuͤllen, und durch ſie den Vertretern des Volkes einen Damm vorwer⸗ fen konnte, die proponirte Konſtitution des Salzes ermangelnd, das ſie hatte ſchmackhaft machen ſollen. Da war keine Anerkennung abſtrakter Principien, kei⸗ ne Ausfuͤhrung in Betreff der Rechte der Regierung und der Regierten, keine metaphyſiſche Auseinander⸗ ſetzung uͤber den Urſprung der Geſetze, und ſo waren ſie denn eben ſo gebeugt, und unzufrieden, wie der Zelote, wenn er eine Abhandlung uͤber die praktiſche Moral hoͤrt, wo er einen Sermon uͤber die Lehrſaͤtze der Theologie erwartete. Die ungluͤckliche Zuſatzakte wurde von allen Seiten der Gegenſtand des Angrif⸗ fes und des Spottes, und enthielt der allgemeinen Meinung nach ſo wenig das Princip der Dauer, daß ein Buchhaͤndler, den ein Kunde nach einem Exem⸗ plare fragte, erwiederte: er gehe nicht mit Publica- tions periodiques um*) Unter dieſen Auſpicien wurde das Maienfeld er⸗ oͤffnet, und um nach allen Ruͤckſichten unpaſſend zu ſeyn, am 1. Juni gehalten, man erwartete dazu Ab⸗ geordnete aus allen Departements, um nach der ſpaͤ⸗ tern Anordnung, die Konſtitution nicht zu unterſu⸗ chen, ſondern derſelben Gehorſam zu ſchwoͤren, und nicht um die Kaiſerin Marig Louiſe und ihren Sohn, als die Unterpfaͤnder eines 20 jaͤhrigen Friedens zu empfangen, ſondern mit anzuſehen, wie die verhaͤng⸗ nißvollen Adler das Signal eines augenblicklichen und blutigen Krieges vom Kaiſer an die Soldaten ver⸗ theilt wurden. Napoleon und ſeine Bruͤder, die er noch einmal um ſich verſammelt hatte, figurirten in feinen und fantaſtiſchen Kleidungen auf dem Maienfeld, er als Kaiſer und ſie als Prinzen von Gebluͤt,— ein wei⸗ —— *) Sie wurden demungeachtet mit dem gewöhnlichen Erſolge den Wahlkollegien vorgelegt, deren Gutmüthigkeit nie eine Konſtitution zurückwies, die von der zeitigen Regierung empfohlen wurde, die Anzahl derer, welche ihre Stimmen abgaben, bellef ſich auf mehr als eine Million, während kaum der zehnte Theil don ihnen hiezu quglifieirt war, 86 terer Gegenſtand des Mißvergnuͤgens fuͤr die Repu⸗ blikaner. Man zaͤhlte die Stimmen ab, die Wahler ſchworen auf die Zuſatzakte. Die Trommeln wurden geruͤhrt, die Trompeten ſchmetterten und die Kano⸗ nen donnerten; allein der Beifallruf war ſchwach und erzwungen, der Kaiſer ſchien die Scene als ein lee⸗ res Schaugepraͤnge zu betrachten, bis er aufgefordert ward, die Adler an die verſchiedenen neuerrichteten Regimenter zu vertheilen, und da war er denn, un⸗ ter den Emblemen vergangener und, wie man hoffte, den Augurien kuͤnftiger Siege wieder er ſelbſt. Im Ganzen aber war das Maienfeld nach dem Ausdruck der Pariſer, une piece iombeée, eine neue ausge⸗ brauchte Farce, welcher bald ein blutiges Trauerſpiel folgen ſollte. Der Zuſammentritt der Kammer war der naͤchſte Gegenſtand von Intereſſe. Die Kammer der Pairs wies nicht, wie die ihr entſprechende in Großbritan, nien Mitglieder von hoher Abkunft, großen Reichthu⸗ mern, unabhaͤngiger Denkart, und der ihrem Nange als erbliche Geſetzgeber entſprechenden Erziehung auf; ſie beſtand aus den Prinzen von Napoleons koͤnigli⸗ chem Blut, zu welchen noch Lucian kam, der lange Zeit fern von ſeines Bruders Verathungen nun durch brüderliche Liebe aufgefordert, oder ſeiner gelehrten Muſe uberdruͤßig,(weil ſein Epos ein undankbares und unbeſcheidenes Publikum gefunden) ſeinen Bru⸗ der in ſeinen gegenwaͤrtigen Verlegeuheiten durch den 87 Muth und die Geiſtesgegenwart zu retten ſuchte, wo⸗ mit er ihm waͤhrend der Revolution vom Brumaire beigeſtanden. Da waren noch ungefaͤhr 100 andere Wuͤrdentraͤger, von denen mehr als die Haͤlfte aus Militairs beſtand, und zwei oder drei alte Jacobiner, wie Sieyes und Carnot in ſich ſchloß, welche Titel, Dekorationen und Rang erhalten hatten, wie ſie ſich nicht mit ihrem fruͤhern Leben vertrugen. Die uͤbri⸗ gen beſtanden aus Kreaturen von Buonaparte's fruͤ⸗ herer Herrſchaft mit einigen Gelehrten, die ſeiner Sache treu ergeben und erſt kurz noch geadelt wor⸗ den waren. Dieſe Koͤrperſchaft, die keinen andern Willen, als den des Kaiſers haben konnte, wurde von den Republikanern und Konſtitutionellen mit Argwohn und von den Buͤrgern mit Verachtung betrachtet; Buonaparte ſelbſt druͤckte ſeine Meinung hieruͤber auf eine Art aus, die ſich zu letzterer hinneigte. Er hat⸗ te kaum ſeine Werkzeuge geſchaffen, als er auch gleich von ihrer Unwirkſamkeit und dem geringen Einfluß, den ſie auf die oͤffentliche Stimmmung uben konnten, wie es ſchien, uͤberzeugt worden war.*). Sie war ſehr verſchieden von der zweiten Kam⸗ mer, in welcher die alten Helden der Revolution und ihre neuen Verbuͤndeten ſich poſtirt hatten, die mit *) Die Witzlinge von Paris erkoren Labedoyere, Dronot, Ney 3 und Lallemand zu den quatre pairs fides(perfdes) während Vandamme und andere zu pairs siſſlées(ausgepfiffe nannt wurden. 88 Hoſſunng auf die Zukunft blickten, Buonaparte werde den Karakter eines patriotiſchen Souverains anneh⸗ men, und durch ſeine mulltaͤriſchen Talente Frankreich fuͤr Frankreich nicht fuͤr ſich ſelber retten. Die letz⸗ tere Klaſſe ſchloß Manner in ſich, die ſich nicht bloß durch Talent, ſondern auch durch Tugend und Ge⸗ meinſinn auszeichneten, beſaß aber auch eine zu be⸗ deutende Anzahl ſolcher, die in ihrem Wahne nach republikaniſcher Freiheit ſtrebten, von deren Unver⸗ traͤglichkeit mit der Lage des Landes und dem Ge⸗ niuns der franzoͤſiſchen Nation ſo viele Jahre blutiger und fruchtloſer Erfahrung ſelbſt den Ueberſpannteſten hatten uͤberfuͤhren ſollen. Die Deputirten der Kammer der Volksverkretung begannen mit der Elekutiv⸗Regierung am a. Junius ihre Sitzungen und gleich ihren Vorgaͤngern uͤber Punkte eitler Etikette. Sie waͤhlten Lanjuinais zu ihrem Praͤſidenten; eine Wahl, die auf einen Mann gefallen, welcher der Vertheidiger Ludwig XVI., der energiſche und entſchloſſene Widerſacher der Macht Robespierres, und insbeſondere der Staats mann war, welcher die Liſte von Verbrechen auffuͤhrte, in Folge deren Napoleons Thronentſetzung im Jahre 1814 er⸗ klaͤrt worden war, konnte dem Kaiſer nicht angenehm ſeyn. Napoleon wurde um Beſtaͤtigung der Wahl an⸗ gegangen, verwies das Comité zur Einholung der Ant⸗ wort, an den Kammerherrn, der ihr Geſuch am naͤch⸗ ſten Tage durch den dienſthabenden Pagen vorbringen 8 89 wuͤrde. Die Kammer ſieng Feuer, und Napoleon ward genoͤthigt, ſogleich, wenn auch mit Widerſtre⸗ ben,„nre Wahl zu beſtaͤtigen. Die naͤchſte merkwuͤr⸗ dige Anzeige der Stimmung der Kammer war die ertemporirte Herzens⸗ Ergießung eines Deputirten mit Namen Sibuet gegen den Gebrauch von Herzog, Graf und andern Ehrentiteln in der Kammer der Abgeord⸗ neten. Da man bemerkte, daß er ſeine Invektive vom Papiere las, was gegen die Geſetze der Kammer war, ſo ward Sibuet fuͤr den Augenblick zur Ordnung verwieſen; am naͤchſten Tage aber, oder bald nachher, als er ſeine Rede auswendig gelernt hatte, ſah ſich die Kammer genoͤthigt, ihm Gehoͤr zu ſchenken, und ſein Antrag wurde nur mit Muͤhe abgewieſen. An dem naͤmlichen Tage wurde von Carnot in der Eigenſchaft eines Miniſters eine Liſte der zur Pairſchaft beſtimm⸗ ten Individuen verlangt, die er nicht baͤlder als nach angefangener Sitzung zu geben erklarte. Dieß veran⸗ laßte gleichfalls viel Aufſtand und Ausfaͤlle, die der Praͤſident kaum durch unaufhoͤrliches Klingeln mit der Glocke beſchwichtigen konnte. Die Art der Weeidigung der Deputirten wurde demnaͤchſt in ernſthafte Erwa⸗ gung gezogen, und die kaiſerlich Geſinnten brachten mit Muͤhe die Entſchließung zu Stande, daß der Eid dem Kaiſer und der Verfaſſung ohne Erwaͤhnung der Nation geleiſtet werden ſollte. Die zweite Sitzung ain 7. Juni war ſo laͤrmend als die erſte; es wurde von Felix Lepelletier der Antrag geſtellt, daß die Kam⸗ 90 mer Napoleon den Titel Retter des Vater andes dekretiren ſollte. Man fuͤhrte den genuügendern und dagegen an, daß das Vaterland noch nicht gerettet ſey, und die Kammer gieng unter Beifallruf zur Ta⸗ gesordnung uͤber. Ungeachtet dieſer auffallenden Zeichen des wieder erwachenden Geiſtes des Jakobinismus oder wenig⸗ ſtens einer Oppoſition gegen die Kaiſer⸗Regierung, noͤthigte Napoleon ſeine Lage, zur Zeit die unruhigen Geiſter, die er zuſammenberufen, mit einer Zuver⸗ ſicht zu behandeln, wie ſie Geiſterbeſchmoͤrer gegen die gefaͤhrlichen Feinde, die ſie hervorgerufen, nothwendig finden ſollen. Seine Rede an beide Kammern war verſtaͤndig, maͤnnlich und ſeiner Lage angemeſſen; er gab in ihrer Gegenwart alle ſeine Anſpruͤche auf ab⸗ ſolute Gewalt auf, und bekaunte ſich zu einem Freun⸗ de der Freiheit; er verlangte die Huͤlfe der Kammer in Sachen der Finanzen, gab ihr den Wunſch nach einigen Beſtimmungen zur Beſchraͤnkung der Zuͤgel⸗ loſigkeit der Preſſe zu verſtehen, und forderte von den Abgeordneten ein Veiſpiel von Zutrauen, Energie und Patriotismus, um den Gefahren zu begegnen, denen das Vaterland ausgeſetzt ſey. Die Pairs ant⸗ worteten in der entſprechenden Ausdruͤcken. Nicht ſo die zweite Kammer; denn trotz den groͤßten Anſtren⸗ gungen der kalſerlich Geſinnten trug ihre Antwort ſtark die Farbe der Stimmung der Oppoſitions⸗Partei. Die Kammer verſprach ihren ungetheilten Beiſtand 8 91 zur Abtreibung der auswaͤrtigen Feinde; allein ſie gab auch ihre Abſicht zu erkennen, die Konſtitution, wie ſie dur d die Zuſaßzakte ausgebeſſert ſey, ihrer Betrach⸗ tung zu u terwerfen, und ihre Mangel und Unvoll⸗ kommenheiten auszuſtellen, ſo wie auch die noͤthige Abhuͤlfe dafuͤr anzugeben. Sie gab ferner einen Be⸗ weis ihrer Maͤßigung, der gegen den ungeſtuͤmen Ehr⸗ geiz Napolnons gerichtet war.„Die Nation,“ ſagten ſie,„hegt keine Vergroͤßerungs Plane. Selbſt der Wille eines ſiegreichen Fuͤrſten wird ſie nicht uͤber die Graͤnzen der Norhwehr fuͤhren.“ Napoleon ließ dieſe unguͤnſtigen Winke nicht ſeiner Bemerkung entgehen; er ſuchte ſeiner widerſpaͤnſtigen Verſammlung Ehrfurcht gegen die Verfaſſung die, wie er erklaͤrte,„der Leit⸗ ſtern in dem Sturme ſey,“ einzufloͤßen, und bemerk⸗ te klug,„man haͤtte wenig Urſache, gegen die Be⸗ rauſchungen des Sieges vorzukehren, wenn man fuͤr ſeine Eriſtenz kaͤmpfen muͤßte.“ Er gab an, daß die Kriſis naͤchſt bevorſtaͤnde, und warnte die Kammer vor dem Benehmen des roͤmiſchen Volkes in den ſpaͤtern Zeiten, da es der Verſu hung nicht widerſtehen tonn⸗ te, ſich wuͤthenden abſtrakten Diskuſſionen hinzugeven, waͤhrend die Sturmboͤcke des gemeinſchaftlichen Fein⸗ des die Thore der Hauptſtadt erſchuͤtterten.“ So trennten ſich Buonaparte und die Kammer der Geſetzgebung, er, um ſein Gluͤck auf dem Schlacht⸗ feld zu verſuchen, ſie, um an die Abaͤnderung und Nodificirung der Geſetzen zu ſchreiten⸗ und den von 92² ihm gemachten Verordnungen mehr das Anſehen und den Geiſt der Vokksthuͤmlichkeit einzufloͤßen, indem ſie hofften, die Diktatur der Jakobiner wuͤrde einmal wieder an die Stelle der Diktatur des Kaiſers treten. Jedermann ſah ein, daß die Kaiſerlichen und Repu⸗ blikaner bloß warteten, bis der Sieg gewonnen war, damit ſie ſich um die Beute balgen koͤnnten, und ſo wenig fand ſich die Nation geneigt, mit den thaͤtigen, geſchaͤftigen und unruhigen Demagogen, von welchen der Kampf gegen den Kaiſer gefuͤhrt werden ſollte, zu ſympathiſiren, daß man beinahe allgemein mit ziem⸗ licher Gleichguͤltigkeit ihre wahrſcheinliche Vertreibung durch das Schwert Buonaparte's oder der Bourbons prophezeihte. —— Viertes Kapitel. — Vorbereitungen zur Wiedereröffnung des Kriegs.— Stellung der verbündeten Heere, die ſich zuſammen auf eine Million be⸗ liefen.— Buonaparte's Macht beläuſt ſich auf nicht mehr als 290,000 Mann.— Die Konſeription wird nicht gewagt. — National⸗Garde.— Ihre Nonelgung zum Denai— Viele Prodinzen ſind feindlich geſſimmt elen Napoteon.— Fouchs's Bericht deckt die weitverbreitete nzu Friedendels auf.— Ein Aufſtand in der Vendée wird unterdrückt.— Militäriſche Reſource Frankreichs.— Rapoleon« Kriegs⸗ 7 3 plan.— Paris wird vollkonmen in Hertheidigungsſtand geſetzt.— Die Häſſe und Städte an der Gränze werden gleichſalls befeſtigt.— Generale, welche ein Kommando 93 unter Napoleon annehmen.— Er kündizt ſeine Abſicht an, ſich mit Wellington zu meſſen. Wir haben nun die zur Invaſion Frankreichs die ganze oͤſtliche Graͤnze entlang gemachten Vorbereitun⸗ gen— zum Widerſtande gegen ſeine zahlreichen Fein⸗ de, durch die Talente des Kaiſers aufgebracht— und den innern Zuſtand des Landes ſelbſt betrachtet. Waͤhrend die erſterwahnten Ereigniſſe in Frank⸗ reich ſtatt fanden, machten die Verbuͤndeten die rie⸗ ſenmaͤßigſten Anſtrengungen zur Wiedereroͤffnung des Kriegs. Der Kanzler der Schatzkammer von England hatte unter erſtaunungswuͤr igen Bedingungen ein Anlehn von 36 Millionen zu Stande gebracht, und die Verfuͤgung uͤber dieſen Schatz hatte alle Truppen der Koalition in die großte Tharigkeit verſetzt. Der Kongreß wurde, um dem Kriegsſchauplatz ugher zu ſeyn, von Wien nach Frankfurt verlegt. Die Kaiſer von Rußland und Oeſterreich hatten ſich mit dem Konig von Preußen noch einmal an die Spitze ihrer betreffenden Armeen geſtellt. Die ganze oͤſtliche Graͤnze wurde von unermeßlichen Streitmaſſen bedroht. 150,000 Oeſterreicher, durch Murats Schickſal auſſer Thatigkeit geſetzt, konnten, da die Kantone der Coa⸗ lition beigetreten, durch die Schweiz in Frantreich einbrechen. Eine gleich ſtarke Armee bedrohte das hoͤ⸗ here Rheinufer; Schwarzenberg füͤhrte den Oberbefehl uͤber die Oeſterreicher, und hatte unter ſich Bellegar⸗ de, Frimont, Bianchi und Vincent. 200,000 Ruſſen 94 drangen gegen die Graͤnzen des Elſaßes vor; der Erg⸗ herzog Conſtantin war zum Generaliſſimus ernannt; Barclai de Tolly, Saken, Langeron und andere aber waren die wirklichen Commandeurs. 150,000 Preu⸗ ßen unter Bluͤcher ruͤckten in Flandern ein, und zu ihnen ſtießen gegen 80,000 Mann Englander, oder ſolche, die in engliſchem Solde ſtanden, unter dem Herzog Wellington. Es muͤſſen gleichfalls die Kon⸗ tingente der verſchiedenen deutſchen Fuͤrſten gerechnet werden, ſo daß die verbuͤndeten Heere zuſammen auf mehr als eine Miſlion berechnet wurden. Der Leſer darf jedoch nicht annehmen, daß eine ſo ungeheure Maſſe auf einmal aufgebracht wurde oder werden konn⸗ te; ſie wurden natuͤrlich zum Behuf einer leichtern Verpflegung, in verſchiedenen Linien aufgeſtellt, und⸗ zu gegenſeitigem Beiſtande nach einander herbeigefuͤhrt. Um es mit dieſer ungeheuren Maſſe auſzuneh⸗ men, hatte Napoleon mit ſeiner gewohnten Geſchick⸗ lichkeit und Schnelligkeit Mittel von erſtaunlichem Um⸗ fange aufgeboten. Die von den Bourbonen herabge⸗ ſetzte regelmaͤßige Armee war durch die Einberufung der verabſchiedeten Officiere und der entlaſſenen Sol⸗ daten von weniger als 100,000 Mann auf die dop⸗ pelte Anzahl erfahrner Truppen der erſten Qualitaͤt gebracht; allein dieß wollte nichts heißen, dem Fein⸗ de gegenuͤber, und die Art der Konſcription erinnerte zu ſehr an Napoleons ungluͤckliche Eroberungskriege⸗ als daß er der Kammer der Abgeordneten vorzuſchla⸗ 95 gen wagte, oder von ihr die Erlaubniß zu erhalten hoffte, zu der alten und gehaͤſſigen Konſcription ſeine Zuftucht zu nehmen, durch welche Napoleon ſich ge⸗ traute, im Monat Junius den eſſektiven Stand der Armee auf 300,000 Mann zu bringen. Indeſſen wur⸗ de vorgeſchlagen, zum aktiven Dienſt 200 Bataillons der Nationalgarde mobil zu machen, weil er dieſe zu ſeinem Zweck fur die geeignetſten hielt, und dieſe muß⸗ ten ſich auf 112,000 Mann belaufen; es wurde auch vorgeſchlagen, ſo viel Foͤderirte, d. h. Freiwillige, aus den niedern Staͤnden aufzubieten, als in den verſchie⸗ denen Departements zuſammen gebracht werden konn⸗ ten. Das Aufgebot der National Garden wurde durch ein kaiſerliches Dekret vom 5. April 4815 verordnet, und Kommiſſionaͤre, hauptſaͤchlich Jakobiner, in die verſchiedenen Departements ausgeſandt, da Buong⸗ parte ſie gern wieder in ihrer eigenen Sphaͤre beſchaͤf⸗ tigte, und ſich zu gleicher Zeit von ihrer Gegenwart in Paris befreite. Ihre Anſtrengungen waren jedoch nicht im Stande, das Land zu der beabſichtigten Be⸗ geiſterung zu erheben; denn es hatte entweder ſeine fruͤhere Spannkraft nicht mehr, oder die Nation war zu ſehr an ihre Redekuͤnſte gewohnt, als daß ſie den entſprechenden Impuls gefuͤhlt haͤtte. Freiheit und Gleichheit war nicht mehr der geeignete Ruf, ſie un⸗ ter die Fahne zu ſammeln, und die Aufgebote durch eben ſo peremtoriſche Dekrete als die der Konſcription, obgleich ſie einen andern Namen fuͤhrten, verbreiteten 96 in vielen Departements des noͤrdlichen Frankreichs all⸗ gemeine Unzaſriedenheit. Hier und in Bretagne zeig⸗ te ſich die ungunſtige Stimmung der Bewohner mehr in einer murriſchen, finſtern Unempfindſamkeit, als in ei⸗ ner thaͤtlichen Wider etzlichteit gegen die Dekrete Napo⸗ leons. Die Nationalgarden weigerten ſich auszuruͤcken, und wenn ſie dazu gezwungen wurden, ergryffen ſie jede Gelegenheit, auszureißen und nach Hauſe zu kehren; ſo daß es oft geſchah, daß ein Bataillon, welches bei der Muſterung 600 Mann zahlte, noch ehe ſie zwei Stun⸗ den marſchirt waren, auf den 5ten Theil zuſammen⸗ ſchmolz. In den Departements la Sarthe, Marne und der niedern Loire wurde die weiſe Fahne aufgeſteckt, und der Freiheitsbaum, welcher nach der politiſchen Wie⸗ dergeburt durch Buonaparte an mehreren Orten wie⸗ der aufgepflanzt worden war, umgeriſſen. Die öͤffent⸗ liche Stimmung zeigte ſich in vielen Provinzen hoͤchſt unguͤnſtig fuͤr Napoleon. Ein von Fouché verfaßter Bericht gab in uͤbertrie⸗ benem Maße das allgemeine Mißvergnuͤgen kund. Na⸗ poleon betrachtete dieſe Mittheilung immer als in der Abſicht, ſeiner Sache zu chaden, gegeben, und da die⸗ ſer unbeſtaͤndige Staatsmann bereits in geheimem Briefwechſel mit den Vervundeten ſtand, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß ſie zur Aufmunterung der Royali⸗ ſten und zur Entmuthigung der Anhanger Napoleons dienen ſollte. Dieſer Erzintrigant, dem nach einem Ausdrucke vom Junius die Verraͤtherei ſelbſt nicht trauen —— 97 trauen konnte, war einmal nahe dabei, in ſeinen ei⸗ genen Schlingen gefangen zu werden und obgleich er die Sache mit außerordentlicher Geſchicklichkeit betried, ſo haͤtte ihn Napoleon doch verhaften oder erſchießen laſſen, wenn ihm nicht Carnot bedeutet haͤtte, daß, wenn er dies thate, ſeine eigene Herrſchaft keine Stun⸗ de mehr Beſtand haben wuͤrde.*) *⁴) Die Details dieſer Intrigen zeigten, mit welcher Kühnheit und Geſahr Fouché in dem trüben Waſſer, das ſein Ele⸗ ment war, watete, ſchwamm, oder untertauchte. Ein Agent des Fürſten Metternich war nach Paris geſchickt worden, um von Seiten der Oeſterreichiſchen Regierung mit ihm in Berbindung zu treten. Dteſe Perſon fiel durch ein Geldge⸗ ſchäft in Verdacht, und wurde Buonaparte von ſeiner in⸗ nern Polizei, welche, da man in einem wohlgeordneten Staate nicht vorſichtig genug ſeyn kann, die allgemeine Po⸗ lizei unter Fouché bewachte und ausſptonirte, als verdäch⸗ tig angegeben und verhaſtet. Der Agent wurde vor Buona⸗ parte gebracht, welcher thm drohte, ihn auf der Stelle er⸗ ſchießen zu laſſen, wenn er ihm nicht alles. der Wahrheit gemäß angeben würde. Auf dieſen Zuſpruch geſtand er denn, daß Metternich ihn an Fouché abgeſandt habe, letz⸗ tern zu erſuchen, einen zuverläßigen Agenten nach Baſel zu ſchicken, und dort mit einer vertrauten Perſon von Seiten des Oeſierreichiſchen Miniſters zuſammenzutreten, die Fou⸗ che's Abgeſandten an einem beſondern Zeichen erkennen würde, das der Berichterſtatter gleichfalls angab.„Haben Sie ſich Ihres Auftrags, in ſofern er Fouché betrifft, ent⸗ ledigt?“ fragte der Kaiſer.—„Ja,“ antwortete der Oeſter⸗ reichiſche Agent.—„Und hat er Jemand nach Baſel abge⸗ ſchickt?“—„Das kann ich nicht ſagen.“— Der Agent wurde in ſirengem Verhaſt behalten. Baron Fleury de Cha⸗ W. Scott's Werke, LXII. 7 98 34 Auf ſolche Weiſe ſah ſich Buonaparte bereits auf die Wuͤrde eines Generaliſſimus der Republik redu⸗ boulon wurde ſogleich nach Baſel abgeſchickt, um dort den Agenten zu ſpielen, den Fouché dahin hätte abſchicken ſollen, und den Karakter der Intrige zwiſchen den Miniſtern von Frankreich und Oeſtevreich zu ergründen. Fouché entdeckte bald, daß der von Metternich an ihn geſandte Agent ver⸗ mißt wurde, conjektirte ſein Schickſal, und ſuchte ſogleich bei dem Kaiſer eine Audienz zu bekommen. Nachdem er über 1 mehrere Gegenſtände mit ihm geſprochen hatte, erinnerte ey ſich auf einmal, und bat mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit um Verzeihung, ihm nicht gleich anfangs eine Sache von einiger Bedeutuug erwähnt zu haben, allein er habe ſie unter dem Drange der Geſchäfte vergeſſen.„Es ſey von der Oeſterrei⸗ chiſchen Regierung ein Agent an ihn gekommen,“ ſagte er, nund habe ihn erſucht, eine vertraute Perſon nach Baſel an einen Korreſpondenten Metternichs zu ſchicken. Er frage nun, ob es Seiner Majeſtät gefalle, auf dieſem Wege die geheimen Abſichten des Feindes wegzubekommen.“ Napo⸗ leon ließ ſich durch dieſen Kunſtgriff nicht täuſchen. Es wa⸗ ren mehrere Spiegel in dem Zimmer, durch welche er die übel gerhehlte Verlegenheit ſeines treuloſen Miniſters abneh⸗ men, und ſich daran weiden konnte.„Monsieur Fouché,“ 4½ 5 ſagte er,„es kann gefährlich werden, wenn Sie mich als Thoren hebandeln wollen; ich habe Ihren Agenten in ſiche⸗ rem Gewahrſam, und durchdringe ihre ganze Intrige. Fa⸗ ben Sie nach Baſel geſandt?“—„Nein, Sire.“—„Um ſo beſſer für Sie; denn hätten Sie's gethan, ſo wäre es Ihr Tod geweſen.“— Fleury konnte nichts von Bedeutung von Werner, dem Vertrauten Metternichs, mit dem er in Baſel zuſammenkam, herausbringen. Der Oeſterreicher ſchien Mit⸗ theilungen von Fouché zu erwarten, ohne vorbereitet zu ſeyn ſeiner Seits welche zu machen. Fleury deutete auf den Plau ⸗ 93³ zirt, und es gab manche, die es wagten, ihn zu bit⸗ ten, die Wunden des Vaterlandes durch eine zweite Thron⸗Entſagung zu Gunſten ſeines Sohnes zu heilen, — eine Maßregel die, wie die Volkspartei glaubte, die drohende Gefahr einer Invaſion abwenden wuͤrde. Mittlerweile brach um die Mitte des Monat Mai ein kurzer Aufſtand in der Vendée unter„Antichamp Suzannet, Sapinau und beſonders dem tapfern la Roche Jacquelin aus. Er war weder lang noch blutig, einer Ermordung Buonaparte's hin, welchen Werner mit Abſcheu als einen Gedanken verwarf, der Mettertiich oder den Verbündeten nie kommen könnte. Sie machten eine zweite Zuſammenkunft aus; allein Fouché benachrichtigte in der Zwiſchenzeit den Oeſierreicher von der Entdeckung, und Fleury ſand bei ſeiner zweiten Reiſe nach Baſel keinen Herrn Werner mehr. Buonaparte giebt von dieſer Intrige in ſeinen Unterhal⸗ tungen auf St. Helena beinahe daſſelbe, was Fouché in ſei⸗ nen Memoirs; allein Napoleon erwähnt nicht, daß Carnot die Sache dahin vermittelt habe, daß Fouchs nur nach ge⸗ ſetzlicher Unterſuchung hingerichtet werden dürſte.„Sie können Fouchsé heute erſchießen laſſen,“ ſaate der alte Jako⸗ biner;„aber morgen wird es mit Ihrer Herrſchaft zu Ende ſeyn. Das Volk der Revolution erlaubt Ihnen bloß unter der Bedingung auf dem Throne zu ſitzen, daß Sie ſeie Frei⸗ heiten reſpectiren. Es hält Fouché für eine ſeiner ſtärkſten Garantien. Wenn er ſchuldig iſt, ſo muß auf geſetzlichem Wege gegen ihn verfahren werden.“ Buonaparte konnte durch die Sendung Fleury's keinen Veweis gegen Fouche be⸗ kommen, und mußte über etwas ein Nuse zudrücken, deſſen Wahrheit, wie er wohl ſah, augenſcheinlich war. 7. 10⁰ denn es ward unter den Generalen Lamarque und Travot ein uͤbermaͤchtiges Truppenkorps gegen die Inſurgenten abgeſchickt. Das Volk war zum Wider⸗ ſtand ſchlecht vorbereitet und die Regierung bedrohte es mit der groͤßten Strenge, da die Inſtruktionen Cornors fuͤr das Militair einen bedeutenden Zuſatz ſeiner alten Erziehung in der Schule des Schreckens enthielten. Die Deputirten⸗Kammer ſanktionirte jedoch nicht in jeder Hinſicht die ſtrengen Maßregeln der Regie⸗ rung. Als ein Mitglied mit Namen Leguevel einen Antrag auf Beſtrafung der Royaliſten im weſtlichen Frankreich machte, ſo hoͤrte ihn die Verſammlung mit Geduld und Beifall vorſchlagen, daß die Guͤter und das Vermoͤgen der Rebellen(welche er als Naͤuber, Prieſter und Royaliſten bezeichnete) konfiſzirt werden ſollten; als er aber hinzuſetzte, daß nicht allein die Inſurgenten ſelbſt, ſondern auch ihre Verwandten in gerader Linie Aſzendenten oder Deßzendenten fuͤr ge⸗ ſetzlos erklaͤrt werden ſollten, trieb ein allgemeiner Ausruf des Abſcheu's den Redner von dem Tribunal. Nach einem Trefſen in der Naͤhe von La Roche Serviere, das dem tapfern La Roche Jacquelin das Leben koſtete, unterzeichneten die uͤbrigen Chefs eine Kapitulation, nach welcher ſie ihre Leute entließen, und ihre Waffen niederlegten, waͤhrend ſie, wenn ſie ſich nur noch wenige Tage gehalten, die Nachricht von der Schlacht bei Waterlov bekommen haͤtten. Befreit 101 von offenem Buͤrgerkrieg, hatte nun Napoleon Muße, ſich zum Kampfe mit dem Ausland zu ruͤſten. Die Mittel, welche von der franzoͤſiſchen Regie⸗ rung verwendet wurden, und die wir bereits angedeu⸗ tet, hatten Carnot in Stand geſetzt, die Kraͤfte der Nation als ſehr betraͤchtlich ſchildern zu koͤnnen. Nach ſeinem Bericht an die beiden Kammern gab er an, daß am iſten April 1814 die Armee aus 450,000 Mann beſtanden haͤtte, die von den Bourbons auf 175,000 reduzirt worden waͤren. Seit der Ruͤckkehr Napoleons ſey die Zahl der Kombattanten jeder Waf⸗ fengattung zuſammen auf 375,000 Mann geſtiegen, und vor dem iſten Auguſt erwarte man, daß ſie eine halbe Million betragen wuͤrden. Die kaiſerlichen Gar⸗ den, die des Vaterlandes Stolz in Friedenszeiten, und ſein beſtes Bollwerk in Zeiten des Krieges ge⸗ nannt wurden, waren zu 40,000 Mann ergaͤnzt. Erſtaunliche Anſtrengungen hatten, wie der Be⸗ richt auswies, die Verluſte an Artillerie waͤhrend der ungluͤcklichen Jahre 1812, 1813 und 1814 wieder er⸗ ſetzt, Magazine, Munition, Waffen aller Art waren dieſer Angabe nach im Ueberfluß vorhanden. Die Re⸗ nontirung der Reiterei war auf eine ſolche Art vol⸗ lendet, daß ſie allgemeines Erſtaunen erregte. Schluͤß⸗ lich wurde als Reſerve⸗Armee die ganze Maſſe ſekun⸗ taͤrer Nationa! Garden aufgefuͤhrt, die ſo genannt wurden, weil ſie nicht in der Zahl der fuͤr mobil er⸗ klaͤrten erkohrnen Korps gufgefuͤhrt waren, Allein die 102 Mehrzahl derſelben war zum Dienſt untauglich, und abgeneigt zu dienen, auch konnte man nur auf ſie in Betreff der Sicherung der oͤffentlichen Ruhe rechnen. Korps von Foͤderirten waren in allen Diſtrikten gebildet worden, wo ſich Material zu ihrer Bildung vorfand. Aus dieſen Streitkraͤften waͤhlte Napoleon eine große Armee aus, die unter ſeiner perſoͤnlichen An⸗ fuͤhrung agiren ſollte; ſie war mit großer Sorgfalt auserwaͤhlt, und die Ausruͤſtung ihres Materials in der groͤßten Ausdehnung und Vollſtaͤndigkeit vor ſich gegangen. Sie mochten ſich auf 150,000 Mann belau⸗ fen, eine Truppenmacht, wie ſie ſchicklicher Weiſe nach einem Operationsplan handeln, oder unter einem Ge⸗ neraliſſimus ſtehen kann. Es muß ein großer Abzug gemacht werden, um den genauen Beſtand ſeiner Ef⸗ fektivmacht zu beſtimmen. So vorbereitet zum Kriege durfte man nicht zwei⸗ feln, daß Buonaparte mit Offenſivoperationen den Feldzug eroͤffnen werde. Zu warten bis der Feind all ſeine Streitkraͤfte an ſeiner Graͤnze verſammelt haͤtte, wuͤrde ſich weder fuͤr den Mann noch fuͤr den Augen⸗ blick geſchickt haben; es lag ganz in ſeinem Syſtem, ſeiner Dispoſition und in ſeinem Intereſſe, ſich uͤber einzelne Armeekorps herzumachen, ſie zu uͤberrumpeln, und durch ihre Zerſtreuung oder Vernichtung Frank⸗ reich zu neuen Anſtrengungen in ſeiner Sache zu er⸗ muthigen, die konfoͤderirten Maͤchte in Furcht zu ſetzen, und Zeit zu gewinnen, den Saamen der Zwietracht 103³ in die Ligue zu ſaͤen. Selbſt die Royaliſten, deren Intereſſe ſo ſehr bei der Niederlage Buonaparte's be⸗ theiligt war, wurden niedergeſchlagen, als ſie ſeine rieſenmaͤßigen Zuruͤſtungen mitanſahen, und ſagten als erſtes Reſultat gluͤckliche Erfolge voraus, obgleich ſie uͤberzeugt waren, daß er, wie im Jahre 1844 durch Uebermacht und wiederholte Anſtrengungen uͤber⸗ waͤltigt werden wuͤrde. Obgleich alle die Art der Taktik erriethen, welche Napoleon befolgen wuͤrde, ſo waren doch die Meinun⸗ gen uͤber den Punkt, auf welchem er ſeine erſten Ope⸗ rationen unternehmen wuͤrde, ſehr verſchieden; und im Allgemeinen ſetzte man voraus, daß er auf die Starke von Lisle, Valenciennes und andere feſte Plaͤtze auf den Graͤnzen von Flandern vertrauend, ſeinen erſten wirklichen Angriff, wenn er auch anderswo Di⸗ verſionen machen wuͤrde, auf Mannheim in der Ab⸗ ſicht unternehmen werde, die Armee der Oeſterreicher und die der Ruſſen, welche ſich hier aufſtellten, zu trennen, und beſonders anzugreifen, ehe ſie eine Kom⸗ munikationslinie errichten koͤnnten. Wenn es ihm ge⸗ lang, die Fortſchritte der Oeſterreicher und Ruſſen dadurch zu hemmen, daß er ſeine Hauptmacht auf die⸗ ſen Punkt richtete, ehe ſie vollſtaͤndig vorbereitet wa⸗ ren, ſo glaubte man, daß er den Plan der Alliirten fuͤr dieſen Feldzug vereiteln koͤnnte. Allein Buonaparte ging darauf aus, gegen die Unternehmendſten und Kuͤhnſten der Invaſiousarmee 104 einen entſcheidenden Schlag auszufuͤhren. Er kannte Bluͤcher, und hatte von Wellington gehoͤrt; er ent⸗ ſchloß ſich daher, gegen dieſe Generale vorzuruͤcken, waͤhrend er den langſameren und vorſichtigern Anmarſch des Oeſterreichiſchen Generals Schwarzenberg, Mauern, Waͤlle und feſte Plaͤtze entgegenſetzte, und darauf rech⸗ nete, daß die Entfernung der Ruſſen ihre Fortſchritte unwirkſam machen wuͤrde. Nach dieſem allgemeinen Plane wurde Paris un⸗ ter ber Leitung des General Haxo auf der noͤrdlichen Seite durch eine dovppelte Fortifikations linie vollſtaͤn⸗ dis in Vertheidigungsſtand geſetzt, ſo daß, wenn die erſte genommen war, die Vertheidiger ſich in die zweite zuruͤckziehen konnten, ſtatt, wie es im vorigen Jahre der Fall war, genoͤthigt zu werden, die Hoͤhen zu ver⸗ laſſen, und ſich auf die Stadt zu werfen. Mont⸗ martre wurde ſehr ſtark befeſtigt, der ſuͤdliche Theil der Stadt auf der entgegengeſetzten Seite der Seine, war bloß mit einigen Feldſchanzen bedeckt, da die vf⸗ fene Lage des Terrains nicht mehr erlaubte. Allein die Seine ſelbſt wurde als Barriere betrachtet, wie ſie ſich auch im Jahre 1814 erwieſen hatte. G An den Graͤnzen warden aͤhnliche Vorſichts Maß⸗ regeln getroffen, an fuͤnf Hauptpaͤſſen der Vogeſen Ge⸗ buͤrge wurden Verſchanzungen angebracht, und alle na⸗ tuͤrlichen Paͤſſe und Haltpunkte von Lothringen wurden in beſtmoͤglichſten Vertheidigungsſtand geſetzt. Die Po⸗ ſten auf der inneren Linie wurden mit groͤßter Sorg⸗ 40³ falt verſtaͤrt, die militaͤriſche Poſition unter den Mau⸗ ern von Lyon mit großen Koſten und Anſtrengung ver⸗ vollkommnet, ein Bruͤckenkopf(iéte de pont) ward an Le Brotteaux errichtet; eine Zugbruͤcke und Barrikade ſchuͤzte die Vorſtadt Guilottiere, zwiſchen der Saone und dem Rhein und auf den Hoͤhen von Pieron En⸗ eiſe und Saint Jean wurden Redouten aufgeworfen. Guiſe, Vitry, Soiſſons, Chateau⸗Tierey, Langres und alle nur etwas haltbaren Staͤdte wurden ſo feſt, als Pfahlwerk, Palliſaden, Redouten und Feldſchan⸗ zen ſie immer machen konnten. Die ruſſiſchen Ar⸗ meen obgleich im Anzug begriffen, waren noch nicht in die Operationslinie eingeruckt; und Napoleon hoffte ohne Zweifel, daß dieſe Hinderniſſe vor der öſterrei⸗ ſchen Linie jedes ſchnelle Vorrucken von dieſer Seite aufhalten wuͤrde, da die wohlbekannte Taktik jener Schule ſich dagegen erklaͤrt, im Ruͤcken, vom Feinde beſezte Feſtungen oder Staͤdte zu laſſen, wenn ſie auch noch ſo unbedeutend oder ſchlecht mit Beſatzung verſe⸗ hen waren oder durchaus maskirt werden konnten. Im Bexgriff, ſeine Operationen zu beginnen, ent⸗ bot Napoleon ſeine beſten und erſahrenſten Generale zu ſich, Soult, der fruͤhere Kriegsminiſter Ludwigs XVIII. ward zum Generalmajor ernannt, wie er ſagte, nicht als Feind des Koͤnigs, ſondern als Buͤrger und Sol⸗ dat, deſſen Pflicht es waͤre, jedem zu gehorchen, der an der Spitze der Regierung ſtaͤnde, wie der Vikar von Bray gegen jedes Haupt der Kirche pro tempore 106 in geiſtlicher Unterwuͤrfigkeit ſtehen muͤßte; Ney be⸗ kam den Beſehl, ſich zu der Armee bei Lisle zu be⸗ geben,„wenn er wuͤnſche,“ ſo druͤckte ſich der Befehl aus,„der erſten Schlacht anzuwohnen.“ Macdonald wurde ſehr angegangen, ein Kommando anzunehmen; allein er wieß es mit Unwillen von ſich ab. Der Kriegsminiſter Davouſt unternahm es, ihm ſeine Ge⸗ wiſſensſkrupel zu benehmen, und ſprach davon, was ſeine Ehre verlangte.„Sie ſind es nicht,“ erwieder⸗ te der Marſchall,„von dem ich die Verpflichtungen der Ehre lernen werde,“ und beſtand auf ſeiner Wei⸗ gerung. D'Erlon, Reille, Vandamme, Gerard und Mouton Duvernet kommandirten als Generallieute⸗ nants, die Kavallerie war unter das Kommando von Grouchy geſtellt, den Napoleon zum Marſchall erho⸗ ben hatte. Pajol, Excelsmans, Milhaud, und Kel⸗ lermann kommandirten unter ihm; Flahault, Dejean, Labedoyère und andere Offiziere von Auszeichnung wa⸗ ren des Kaiſers Generaladjudanten. Die Artillerie beſtand aus 300 Feldſtuͤcken; die Kavallerie belief ſich auf beinahe 25,000 Mann, die Garde auf das naͤm⸗ liche und es iſt nicht zu zweifeln, daß die ganze Ar⸗ mee ſich zu einer Effektivmacht von beinahe 130,000 Soldaten in der vollſtaͤndigſten Waffenruͤſtung und Equivirung belief, die nun in einen Krieg auszogen, den ſie ſelbſt veranlaßt, und unter einem Kaiſer, den ſie ſelbſt geſchaffen hatten, indem ſie in Herz und Mund den Wahlſpruch; Tod oder Sieg fuͤhrten. —,— 107 Zum Schutze der uͤbrigen Graͤnze, waͤhrend Napo⸗ leons Feldzug in Flandern, bekam Suchet das Kom⸗ mando an der Graͤnze der Schweiz, mit der Ordre, nach dem 14. Junius, den Buonaparte zum Anfang der Feindſeligkeiten feſtgeſetzt, ſo bald als moglich Montmeillan zu attaquiren. Maſſena wurde beor⸗ dert, ſich nach Metz zu begeben, um das Kommando dieſer wichtigen Feſtung, und den Oberbefehl uͤber die dritte und vierte Diviſion zu ubernehmen. Nach⸗ dem ſo alle Vorkehrungen getroffen waren, kuͤndigte endlich Napoleon an, was ſchon lange insgeheim ſeine Gedanken beſchaͤftigt hatte.„Ich gehe,“ ſagte er, als er ſich in ſeinen Wagen warf, um ſich zur Armee zu bege⸗ ben,„ich gehe, um mich mit Wellington zu meſſen.“ Obgleich Napoleons Aeuſſerungen ſo zuverſicht⸗ lich und herausfordernd waren, ſo waren die Gefuhle in ſeinem Innern von ganz verſchiedener Art.„Ich fuͤhlte,“ wie er ſich nachmals in ſeiner Verbannung ausdruͤckte,„nicht mehr jenes volle Zutrauen auf endlichen Erfolg, das mich bei meinen fruͤheren Unter⸗ nehmungen begleitet hatte. War es, daß ich uͤber die Jahre hinaus war, in welchen man gewoͤhnlich vom Gluͤcke beguͤnſtigt wird, oder daß der Impuls meiner Laufbahn in meinen Augen und vor meiner ei⸗ genen Einbildungskraft gehemmt war; gewiß iſt, daß ich niedergeſchlagen war; das Gluͤck, welches gewohnt war, meinen Schritten zu folgen, und mich mit ſei⸗ nen Gunſtbezeugungen zu uͤberhaͤufen, war nun eine 108 ſtrenge Goͤttin geworden, von der ich nur wenige Gunſtbezeugungen erhalten konnte, wofuͤr ſie wieder ſtrenge Vergeltung forderte. Ich hatte nicht ſobald ei⸗ nen Vortheil gewonnen, als auch gleich wieder ein Wechſel kam.“ In ſolcher Stimmung die durch die Umſtaͤnde, unter welchen er den Feldzug unternom⸗ men, nicht ungerechtfertigt, und durch den Erfolg nicht widerlegt wurde, begann Napoleon ſeinen lezten und kuͤrzeſten Feldzug.— Fuüuͤnftes Kapitel. Wellingtons Armee beſetzt Vrüſſel,— die Blüchers koncentrirt ſich an der Sambre und der Maas.— Napoleon muſtert ſeine grofe Armee am 14. Junius.— Rückt gegen Charle⸗ roi vor.— Sein Plan, die Armeen der ihm gegenüberſte⸗ henden zwei Generale zu trennen ſcheitert.— Wellington und BZlücher kommen in Brie zuſammen.— Die brittiſche Armee koncentrirt ſich zu Quatre⸗Bras. Napoleons An⸗ griſſsplan.— Schlacht bey Liany und Niederlagae Ylüchers am 16. Junius.— Treffen bei Quatre⸗Bras an demſel⸗ ben Tag.— Die Engländer behaupten das Schlachtfeld.— Blücher vereitelt die Verfolgung der Franzoſen.— Napo⸗ leon kommt mit Ney zuſammen,— Rückzug der Englän⸗ der auf Waterloo, wo der Herzog von Wellington ſich ent⸗ ſchließt, Halt zu machen.— Oertlichkeit des berühmten Schlachtſeldes. Die dreiſache Linie ſtarker Feſtungen an den Gren⸗ zen von Belgien, im Beſitze der Fraazoſen, diente 1⁰9 Napoleon zu einem Vorhang, hinter welchem er ſeine Aushebungen machen und ſeine Streitkraͤfte nach Ge⸗ fallen vereinigen konnte, ohne daß die Verbundeten oder ihre Generale im Stande waren, ſeine Bewe⸗ gungen zu beobachten, oder ſich zu dem Angriffe zu ruͤſten, den ſolche Bewegungen ankuͤndigten. Auf der andern Seite lag die Graͤnze von Belgien ſeiner Be⸗ obachtung offen, und er rannte im Allgemeinen voll⸗ kommen die Bewegungen der alliirten Truppen. Waͤren die Franzoſen vorbereitet geweſen, im Mo⸗ nat Mai den projektirten Angriff auf Flandern zu machen, ſo wuͤrden ſie keine ſo furchtbare Macht ge⸗ gen ſich im Felde gefunden haben, da zu jener Zeit die Truppen des preußiſchen Generals Kleiſt und des Erbprinzen von Oranien zuſammen nicht uͤber 50,000 Mann betrugen; allein die Ruͤckkehr Napoleons, wel⸗ che den Krieg wieder anfachte, war ein Ereigniß, das in Frankreich ebenſo unerwartet, als in Flanderu ein⸗ trat, und deßhalb war die Narion anch ebenſo wenig vorbereitet einen Angriff zu machen, als die Ver⸗ buͤndeten ihn abzuwehren. So geſchah es, daß, waͤh⸗ rend Napoleon eine hinlaͤngliche Armee durch die er⸗ waͤhnten Mittel zuſammenzog, der Herzog von Wel⸗ lington, welcher im Anfang Aprils von Wien aus zu Bruͤſſel ankam, die feſten Plaͤtze Oſtende, Antwerpen und Nieuport, welche die Franzoſen nicht geſchleift hatten, in Muße mit Truppen beſetzen und verproviantiren, ſo wie auch Ypres, Touray, Mons und Ath befeſti⸗ 116 gen konnte; er hatte auch Zeit, aus England Ver⸗ ſtaͤrkungen zu beziehen und die deutſchen, hollaͤndiſchen und belgiſchen Kontegente zu ſammeln. So koncentrirt und verſtaͤrkt mochte die Armee des Herzogs von Wellington ſich auf 30,000 Manu engliſcher Truppen belaufen. Es waren jedoch nicht jene Veteranen, die waͤhrend des Kriegs auf der Halb⸗ inſel unter ihm gedient hatten und deren Kern zu der amerikaniſchen Expedition abgeſandt war. Die meiſten waren nachgezogene Bataillons oder Regimen⸗ ter, die erſt kurz noch durch neue Rekruten ergaͤnzt worden waren, die fremden beſtanden aus 15,000 Han⸗ noveranern, und der beruͤhmten 8000 Mann ſtarken deutſchen Legion, welche ſich ſo oft in Spanien ausge⸗ zeichnet hatten, aus 5000 Braunſchweigern unter ih⸗ rem ritterlichen Herzog, und aus ungefaͤhr 17,000 Mann belgiſcher, hollaͤndiſcher und naſſauiſcher Trup⸗ pen unter dem Oberbefehl des Prinzen von Oranien. Große und gerechte Hoffnung ward auf die Deut⸗ ſchen geſetzt; gegen die Treue der belaifchen Truppen aber hegte man einige Beſorgniſſe. Es hatte unter ihnen Unzufriedenheit geherrſcht, die einmal in offene Empoͤrung ausgebrochen, und nicht ohne Blutvergieß ſen unterdruͤckt worden war. Die meiſten von ihnen hatten in den Reihen der Franzoſen gedient, und es war zu befuͤrchten, daß viele von ihnen die gemein⸗ ſchaftliche Sache gefaͤhrdeten, Korreſpondenzen unter⸗ hielten, und den Franzoſen guͤnſtige Geſinnungen heg⸗ 111 ten. Buonaparte ſtand in demſelben Glauben, er brachte in ſeinem Gefolg mehrere belgiſche Offiziere mit, indem er hoffte, es wuͤrde gleich bei ſeinen Ein⸗ tritt in die Niederlande eine Bewegung zu ſeinen Gun⸗ ſten entſtehen. Allein die Flamaͤnder ſind ein gutge⸗ ſinntes, verſtaͤndiges Volk; obgleich ihnen unter der Regierung eines proteſtantiſchen und hollaͤndiſchen Fuͤr⸗ ſten Beſorgniſſe fuͤr ihre Religion und Privilegten ein⸗ geſtoͤßt worden waren, ſo waren dieſe doch vor ihrer Furcht einer Ruͤckkehr der Tyrannei Napoleons da⸗ hingeſchwunden. Einige dieſer Truppen hielten ſich mit ausgezeichneter Tapferkeit und die meiſten von ihnen behaupteten den alten Kriegsruhm der Wallonen. Die hollaͤndiſchen Truppen waren insgemein dem Prin⸗ zen von Oranien und der Sache der Unabhaͤngigkeit enthuſiaſtiſch ergeben. Die preußiſche Armee war in einem unglaublich kurzen Zeitraum nach der Bekanntmachung von Na⸗ poleons Ruͤckkehr auf ihren hoͤchſten Kriegsſtand er⸗ gaͤnzt und auf einen Grad verſtaͤrkt worden, der in Erſtaunen ſetzt, wenn man bedenkt, wie viel die Reſ⸗ ſourgen eines Staats von dem Eifer ihrer Einwoh⸗ ner abhaͤngig ſind. Ihr enthuſiaſtiſcher Haß gegen Frankreich, der theils aus der Erinnerung an fruͤhere Mißhandlungen, theils aus der ſpaͤterer Siege, ent⸗ ſprang, ward durch die Hoffnung auf Triumph und Rache noch geſteigert, und ſie zogen in dieſen neuen Krieg, wie zu einem nationglen Kreuzzug gegen ei⸗ 11²2 nen abgeſagten Feind, den ſie, ſo es angieng, un⸗⸗ barmherzig mir Fuͤßen getreten haͤtten. Bluͤcher war jedoch durch die Unzufrievenheit der ſaͤchſiſchen Truppen eines betrachtlichen Theils ſeiner Armee beraubt. Es war eine Meuterei unter ihnen ausgebrochen, als der Kongreß ſeine Abſicht ankuͤndigte, einen Theil des ſaͤchſiſchen Landes Preußen einzuverleiben; viel Blut⸗ vergießen war gefolgt und man hielt fuͤr das Beſte, die ſaͤchſiſchen Truppen als Beſatzung in den deutſchen Feſtungen zuruͤckzulaſſen. Fuͤrſt Bluͤcher kam mit der preußiſchen Armee zu Luͤttich an, die, an der Sambre und der Maas kon⸗ centrirt, Charleroi, Namur, Givet und Luͤttich be⸗ ſetzte; der Herzog von Wellington beſetzte Bruͤſſel, wo er ſein Hauptauatier aufgeſchlagen hatte, und ezte ſich mit ſeinem linken Fluͤgel mit dem rechten der Preuß⸗ ſen in Kommunikation. Man glaubte allgemein, Na⸗ poleons gedrohter Anmarſch wurde gegen Namur Statt finden, weil er bei dieſer unbefeſtigten Stadt am wenigſten Widerſtand erwarten wuͤrde. Die erſten Korps des Herzogs von Wellington unter dem Prinzen von Dranten mit zwei Diviſionen Englander, zwei hannoveraniſchen und zwei belgiſchen beſetzten Enghien, Braine le Comte und Nivelles, und dienten der preußiſchen Diviſion unter Ziethen, der vor Charlerot ſtand, zur Reſerve. Die zweite Diviſion, von Lord Hill befehligt, beſtand aus zwei engliſchen, einer belgiſchen und zwei hannoveraniſchen Diviſionen. 113 Dioiſtonen. Sie kantonirte vor Halle, Oudenarde und Grammund. Die Reſerve Picton, der auf Lord Wellingtons Bitte die erſte Stelle nach ihm im Kom⸗ mando uͤbernommen hatte, beſtand aus den noch uͤb⸗ rigen zwei engliſchen Diviſionen nebſt drei hannover⸗ aniſchen, und war vor Bruͤſſel und Gent ſtationirt; die Kavallerie hielt Grammont und Nieve beſetzt. Die engliſch⸗belgiſche Armee war daher ſo aufge⸗ ſtellt, daß die Diviſionen unter ſich und mit den Preuſ⸗ ſen auf die erſte authentiſche Nachricht, daß der Feind ſich in Bewegung geſetzt habe, ſich zuſammelziehen konnte. Zu gleicher Zeit wurden mehrere Korps noth⸗ wendig theilweiſe detachirt, weil man ſie ſo leichter (beſonders die Kavallerie) verwenden konnte, und nicht vorherſehen tonnte, in welcher Richtung der franzoͤ⸗ ſiſche Kaiſer ſeinen Angriff machen wuͤr e; weßhalb es nothwendig wurde, eine ſo ausgedehnte Vertheidigungs⸗ linie zu unterhalten, um auf jedem Punkte auf ſeine Ankunft vorbereitet zu ſeyn. Dies iſt ein nothwen⸗ diger Nachtheil der devenſiven Stellung; wenn der General, welcher die Defenſive haͤlt, alle ſeine Streit⸗ kraͤfte auf einen Punkt der zu vertheidigenden Lini koncentrirte, ſo wuͤrde der Feind natuͤrlich ſeinen An⸗ griff auf einen andern Punkt richten, welchen eine ſolche Koncentrirung verhaͤltnißmaßig entbloͤßen mußte, Indeſſen ruͤckte Napoleon in perſon mit ſeiner Garde, die von Paris angekommen war, am 12. Ju⸗ nius gegen Vervins vor. Die andern Diviſion W. Scott's Werke. LXII. . 11⁴ ner auserwaͤhlten großen Armee hatten ſich an der Graͤnze zuſammengezogen, und die ganze, aus fuͤnf Diviſionen Infanterie und vier Diviſionen Kavallerie beſtehende Armee hatte ſich am 14, desſelben Monats mit einer Heimlichkeit und Schnelligkeit, die das ge⸗ wohnte Talent ihres Kommandanten beurkundete, vor Beaumont verſammelt. Napoleon muſterte ſeine Trup⸗ pen in Perſon; rief ihnen ins Gedaͤchtniß zuruͤck, daß dies der Jahrstag der großen Siege von Marengo und Friedland ſey und erinnerte ſie, daß die Feinde, wel⸗ che ſie damals beſiegt haͤtten, dieſelben ſeyen, die ſich ihnen nun entgegen ſetzen.„Sind ſie und wir,“ fragte er,„nicht mehr dieſelben?“ Dieſe Rede mach⸗ te den ſtaͤrkſten Eindruck auf die franzoͤſtſchen Solda⸗ ten, bei denen der militaͤriſche und nationelle Ehrgeiz ſchnell aufgeregt wird. Am 15. Junius ruͤckte die franzoͤſiſche Armee nach allen Richtungen vor. Ihre aus leichten Truppen beſte⸗ hende Avantgarde zog im Angeſicht der alliirten Obſer⸗ vationskorps an dem weſtlichen Ufer der Sambre hinab⸗ Sie ruͤckten gegen Charleroi an, das von den Preußen unter General Ziethen gut vertheidigt aber am Ende ge⸗ nöthigt wurde, ſich auf das große Dorf Goſſe ieß zuruͤck⸗ zuziehen. Hier wurde ihm der Ruͤckzug von der zwei⸗ ten franzoͤſiſchen Diviſion abgeſchnitten und Ziethen ge⸗ nothigt, ſeine Route nach Fleurus zu nehmen, wo er ſich mit den preußiſchen Korps vereinigte, die vor den Dorfern Ligny und St. Amand ſtanden, Der preußi⸗ 115 ſche General hatte jedoch ſeine Ordre befolgk, daß er den Feind durch ſeinen Widerſtand ſo lange hinhielt, um Zeit zu bekommen, den noͤthigen Laͤrm zu machen. Vei dem Angriff und dem Ruͤckzug verlor er vier oder fuͤnf Kanonen, und eine betraͤchtliche Anzahl an Todten und Verwundeten. Durch dieſe Bewegung wurde Napoleons Plan of⸗ fenbar; er war klug und kuͤhn; ſeine Truppenmacht war nicht im Stande, es mit den vereinigten Armeen Bluͤchers und Wellingtons aufzunehmen; wenn es ihm aber gelang, den einen Feind von dem andern zu tren⸗ nen, ſo hatte er den Vortheil, gegen den einen mit ſei⸗ ner Hauptmacht zu agiren, waͤhrend er durch hinlaͤng⸗ liche Detachements den andern im Schache hielt. Um dieſes meiſterhafte Manoͤuvre auszufuͤhren, war es nothwendig, ſich auf einen Theil der brittiſchen Avant⸗ garde zu werfen, der ſeine Poſition in Quatre Bras hatte, und den noch weiter vorgeruͤckten Poſten in Fras⸗ nes, wo ein Theil der naſſauiſchen Truppen ſtationirte. Allein die auſſerordentliche Schnelligkeit von Napoleons Eilmaͤrſchen hatte zum Theil die Ausfuͤhrung ſeines Planes dadurch verhindert, daß er ſeine Streitkraͤfte zu ſehr vertheilte, und er zu einer Zeit, wo jede Stun⸗ de von Wichtigkeit war, ſich genoͤthigt ſah, in Charlerot zu bleiben, bis ſeine ermuͤdete durch Eilmaͤrſche er⸗ ſchoͤpfte Armee ſich wieder geſammelt hatte. Indeſſen wurde Ney gegen Frasnes und Quatre Bras detachirt; allein die Truppen von Namur hielten 5* 9„ 116 ihren Poſten bis an den Abend des 15. Juni. Es iſt möoglich, daß der franzoͤſiſche Marſchall ſeinen Zweck er⸗ reicht haben wuͤrde, wenn er Frasnes mit ſeiner gan⸗ zen Macht angegriffen haͤtte; als er aber die Kanonade von Fleurus(die Aktion gegen Ziethen) hoͤrte, deta⸗ chirte er eine Diviſion, um den Franzoſen dahin zu Huͤl⸗ fe zu kommen. Fuͤr dieſes eigenmachtige Einſchreiten, ſtatt ſich genau an ſeine Ordre zu halten, wurde Ney getadelt; was mit Grouchy's Fall ſonderbar genug kon⸗ traſtirt, da Napoleon auf ihn die ganze Schuld der Nie⸗ derlage vor Waterloo ſchob, weil er ſeine Ordre ganz ge⸗ nau befolgte und den Preußen bei Wayre zu Leibe gieng, ſtatt auf die Kanonade auf ſeiner Linken eine Diverſion zu machen. Das von Napoleon beabſichtigte Manouvre ſchlug ſo fehl, waͤre aber beinahe gelungen; er blieb je⸗ doch immer noch bei ſeinem Plane, wo moglich die brit⸗ tiſche Armee von den Preußen zu trennen. Der brittiſche General betam zu Bruͤſſel am 15ten um 6 Uhr Abends die Nachricht von dem Vorruͤcken der Franzoſen, allein ſie war nicht beſtimmt genug, um ihn zu vermoͤgen, mit ſeiner Armee vorzuruͤcken, in einem Zeitpunkt, wo eine falſche Bewegung unerſetzlichen Nach⸗ theil gebracht haͤtte. Um 11 Uhr Nachts langte die be⸗ ſtimmte Nachricht von Bruͤſſel an, daß die Franzoſen auf der Linie der Sambre im Anzuge ſeyen. In Eile brachen Verſtaͤrkungen nach Quatre Bras auf, und der Herzog von Wellington kam hier fruͤh Morgens am 16ten perſoͤnlich an, und ritt von dieſer Poſition ſogleich nach 117 Bric, wo er eine Zuſammenkunft mit Bluͤcher hielt. Es ergab ſich dann, daß die Hauptmacht der Franzoſen im Begriffe war, ſich gegen die Preußen zu wenden. Bluͤcher war zu ihrem Empfange geruͤſtet. Drei Di⸗ viſionen zu einer Anzahl von 80,000 Mann hatten ſich auf einer Kette von kleinen Huͤgeln, die ſich von Bric nach Sombref erſtreckten, aufgeſtellt; vor ihrer Linie lagen die Doͤrſer Groß und Klein St. Amand, ſo wie auch Liany, welche alle gut beſetzt waren. Von ſeiner außerſten Lin⸗ ken konnte Bluͤcher mit den Englaͤndern zu Quatre Bras in Kommunikation treten, wo der Herzog von Wel⸗ lington ſo ſchnell, als es die Zeit erlaubte, ſeine Armee koncentrirte. Die vierte preußiſche Diviſion, von Buͤlow befehligt, war zwiſchen Luͤttich und Hennegau ſtationirt, und zu weit entfernt, als daß ſie herbeigefuͤhrt werden konnte, obgleich man jede Anſtrengung dazu machte. Bluͤcher wagte es jedoch, ungeachtet der Abweſenheit Buͤlow's, in dieſer Poſition eine Schlacht anzunehmen, indem er ſich auf den Beiſtand der engliſchen Armee ver⸗ ließ, welche durch eine Seitenbewegung auf ſeiner Lin⸗ ken zu ſeinem Beiſtande eintreffen ſollte. Napoleon hatte mittlerweile ſeinen eigenen Schlacht⸗ plan entworfen; er beſchloß, Ney mit einer Diviſion von 45,000 Nann zuruͤckzulaſſen, mit der Ordre, die Englaͤn⸗ der von Quatre Bras zu vertreiben, ehe ſich ihre Armee koncentrirte und verſtaͤrkte, und ſo ihre Cooperation mit Bluͤcher zu verhindern, waͤhrend er ſelbſt mit der Haupt⸗ macht ſeiner Armee die Preußen in ihrer Poſition vor 118 Ligny angriff. Waͤhrend Ney ſo auf dem linken franzoͤſt⸗ ſchen Fluͤgel bei Frasnes und Quatre Bras und Buona⸗ parte auf dem rechten vor Ligny ſtand, diente eine Divi⸗ ſion unter D'Erlon von etwa 10,000 Mann als Centrum der Armee, und war in der Naͤhe von Marchiennes auf⸗ geſtellt, von wo aus ſie durch einen Seitenmarſch Ney oder Napoleon zu Huͤlfe kommen konnte, wenn ſie ihren Beiſtand verlangten. Da am 16. Juni auf ſolche Weiſe zwei Schlachten vorfielen, ſo wird es noͤthig, ſie beide beſonders zu berichten. Die vor Ligny war die Hauptaktion. Der franzoͤſi⸗ ſche Kaiſer war nicht im Stande, ſeine Streitkraͤfte zu koncentriren, um den Angriff auf die Preußen zu eroͤff⸗ nen, bis 3 Uhr Nachmittags; um welche Stunde er den⸗ ſelben mit auſſerordentlicher Wuth auf der ganzen preu⸗ ßiſchen Linie begann. Nach einem unausgeſetzten Angriff von 2 Stunden konnten ſich die Franzoſen kaum in den Beſitz eines Theils von dem Dorfe von St. Amand ſetzen. Die Poſition der Preußen war jedoch in ſo fern nachtheilig, daß der groͤßte Theil ihrer Armee auf den Hoͤhen ſtand, der Reſt die an ihrem Fuße liegenden Doͤrfer beſetzt hielt, ſo daß die den letztern zugeſchickten Verſtaͤrkungen waͤhrend ihres Herabſteigens dem Feuer der unten auf den Wieſen aufgeſtellten franzoͤſiſchen Ar⸗ tillerie ausgeſetzt waren. Ungeachtet dieſes Uebelſtandes⸗ durch welchen die Preußen ſehr viel litten, hielt Napoleon den Ausgang des Kampfes fuͤr ſo zweifelhaft, daß er nach der Diviſion D'Erlon's ſandte, die, wie wir ſchon erwaͤhnten, in der Naͤhe von Marchiennes, halb⸗ 1¹9 wegs zwiſchen Quatre Bras und Ligny, ſtationirt war. Als er indeſſen bemerkte, daß Bluͤcher be St. Amand ſeine Reſerve zuſammenzog, anderte er ſeinen Angriffs⸗ plan und richtete alle ſeine Macht gegen Ligny, von dem er endlich, nach einem verzweifelten Widerſtand, Beſitz nahm. Die franzoͤſiſchen Garden, von ihrer ſchweren Kavallerie unterſtuͤtzt, ſtiegen die Hohen hinan, und griffen die preußiſche Poſition im Ruͤcken von Ligny an. Die Reſerven der preußiſchen Infanterie waren aber nach St. Amand abgeſandt, und Bluͤcher hatte ſomit kein Mittel, ſeinen Angriff anders abzuweiſen, als durch ſeine Kavallerie. Er ſtellte ſich an ihre Spitze, und machte den verzweifeltſten Angriff: allein ohne Erfolg. Bluͤchers Armee wurde in Unordnung zuruͤckgeworfen. Der Fuͤrſt Marſchall wurde, als er den Ruckzug anfuͤhrte, in einen Kavallerieangriff verwickelt, ſein Pferd ward ihm durch eine Kanonenkugel niedergeſchoſ⸗ ſen, und er ſelbſt ſtuͤrzte zu Boden. Sein Adjudant warf ſich entſchloſſen, ſein Schickſal zu theilen, neben den Veteranen, und hatte die Vorſicht, einen Mantel über ihn zu werfen, damit er nicht von den Franzoſen erkannt werden ſollte. Die feindlichen Kuͤraſſiere ritten uͤber ihn weg, und erſt, als ſie wieder zuruͤckgeworfen und ihrerſeits von der preußiſchen Kavallerie verfolgt wurden, ward der ritterliche Veteran aufgehoben, und wieder beritten gemacht. Bluͤchers Tod oder Gefangen⸗ ſchaft haͤtte in dieſem verhaͤngnißvollen Augenblick von den nachtheiligſten Folgen fuͤr den Ausgang des Feld⸗ zugs werden koͤnnen, da ſehr zu bezweifeln iſt, ob ohne 12⁶ feinen perſoͤnlichen Einfluß und ſeine Anſtrengungen nach dieſem hart durchfochtenen und ungluͤcklichen Tage die preußiſche Armee an dem erfolgreichen 18. Juni wieder in die Schlacht haͤtte gefuͤhrt werden koͤnnen. Als Bluͤ⸗ cher ſich wieder erholt hatte und zu Pferd geſtiegen war, leitete er den Ruckzug nach Tilly und vollbrachte ihn, ohne vom Feinde beunruhigt zu werden, der ſeine Ver⸗ folgung nicht uͤber die Hoͤhen ausdehnte, welche zu ver⸗ loſſen die Preußen gezwungen worden waren. Dieß war das Ende der Schlacht bei Ligny, in wel⸗ cher die Preußen, wie Bluͤcher in Wahrheit behauptete, das Schlachtfeld, aber nicht ihren Ruhm einbußten. Der Sieg war von keiner jener entſcheidenden Folgen beglei⸗ tet, die ſonſt Buonaparte's gluͤckliche Erfolge bezeichne⸗ ten. Keine Korps wurden abgeſchnitten oder zerſtreut, keine Regimenter flohen oder warſen die Wafſen weg, keine Vertheidigungslinie ward forcirt und kein dauern⸗ der Vortheil gewonnen. Keinen gabes uͤberdiß, der Herz oder Muth verloren haͤtte. Der Verluſt der Preußen in dieſer blutigen Aktion wurde auf wenigſtens 10,000 Mann berechnet; der Moniteur giebt die Zahl der Todten und Verwundeten auf 15,000 an, und General Gourgaud, unzufrieden uͤber dieſe freigebige Berechnung, ſetzte dieſen Verluſt ſpaͤter, waͤhrend ihm noch Napoleon in die Feder diktirte, auf nicht weniger als 25,000 an. Die Sieger berechneten nach ihren offiziellen Berichten den ihrigen auf 3000 Mann, da er wenigſtens der dreifache ſeyn mußte. Immer hatte jedoch der franzoͤſiſche Kaiſer einen glaͤnzenden Schlag ausgefuhrt,— einen hartnaͤcki⸗ 124 gen und trotzigen Feind uͤberwaͤltigt, und den Feldzug unter guͤnſtigen Auſpicien eroͤffnet. Die Vortheile jedoch, welche ſich Napoleon von dem preußiſchen Ruͤckzuge ver⸗ ſprechen mochte, wurden ſehr beſchraͤnkt durch den zwei⸗ deurigen Erfolg Ney's gegen die Armee Lord Wellingtons. Von dieſer zweiten Aktion muͤſſen wir nun Bericht er⸗ ſtatten.. Frasnes war von den Englaͤndern geraͤumt worden, welche am Morgen des 16. Junius in einer Poſition bei Quatre Beas ſtanden, einem Punkte von Bedeutung, weil von hieraus vier Wege nach verſchiedenen Richtungen gehen; ſo daß der brittiſche General von ſeinem linken Fluͤgel mit dem preußiſchen rechten zu St. Amand in Kom⸗ munikation treten konnte, und außerdem in ſeinem Ruͤcken eine Chauſe fuͤr den Ruckzug offen hatte. Zur Linken der Chauſe, die von Charleroi nach Bruͤſſel fuͤhrt, liegt ein Wald, Bois de Boſſus genannt, deſſen Beſitz waͤhrend des fruͤheren Theils vom Tage von den Scharfſchuͤtzen auf beiden Seiten beftig beſtritten, endlich aber von den Fran⸗ 42ſte Komoagnie, aus Hochlaͤndern beſtehend, litt ſehr durch einenunerwarteten Angriff von Lanciers, deren An⸗ naͤherung ihnen durch die Beſchaffenheit des Terrains, das von Hecken drrchſchnitten und von hohen Roggenaͤh⸗ ren koupirt war, gerockt ward. Zwei Kompagnien Hoch⸗ lander wurden, da ſleaicht Zeit hatten, ein Quareie zu bilden, niedergehauen; die andern ſtellten ſich in Ord⸗ . 1²² nung und ſchlugen die Lanciers zuruͤck. Ney verſuchte hierauf einen augemeinen Angriff der ſchweren Kavallerie; allein ſie wuroen mit einem ſo heftigen Feuer von der brittiſchen Infanterie und einer Batterie von zwei Kano⸗ nen empfangen, daß ſie nicht Stand halten konnten. Der ganze Chauſſeeweg war mit Menſchen und Pferden und mit Fluͤchtlingen uͤberſaet, die zuruͤck fionen und das Miß⸗ lingen einer Aktion verkuͤndigten, die durchaus nicht ent⸗ ſchieden war, wenn man bedenkt, daß die Englaͤnder wenig Infanterie und Artillerie hatten, obgleich bald Verſtaͤrkungen von beidem ankamen. Die Franzoſen hatten, wie bereits erklaͤrt, ſich um 3 Uhr in den Beſitz des Gehoͤlzes von Bouſſes geſetzt, und die Belgier daraus vertrieben. Nun wurden ſie ihrer Seits durch die brittiſchen Garden vertrieben, die jedem Verſuch von Seiten der Franzoſen, im Verlaufe des Tages in den Wald vorzudringen, mit Erfolg ſich widerſetzten. Als die engliſchen Verſtaͤrkungen nach und nach an⸗ kamen, wuͤnſchte Marſchall Ney auch ſeine Macht zu vormehren, und ſandte nach der Diviſion d'Erlons, die, wie ſchon erwaͤhnt worden, in der Naͤhe von Mancien⸗ nes aufgeſtellt war. Allein dieſe Truppen waren ſchon fruͤher zum Succurs fuͤr Vuonaparte's eigne Armee ab⸗ gerufen worden. Da die Affaire bei Ligny aler noch vor ihrer Ankunft ent chieden war, wurden ſe nach Frasnes zuruck und Ney zu Huͤlfe geſandt; allein auch dieſe Schlacht gieng waͤhrend der Zeit zu Ende, und ſo mar⸗ ſchirten die Truppen d'Erlons, ohne im Verlauf des Tages eine Muskete abzufeuer:, von einer Flanke zur 2 1²³ andern. Die Schlacht bei Quatre Bras gieng mit dem Tage zu Ende. Die Englaͤnder blieben in dem Beſitze des Schlachtfeldes, das ſie mit ſo vieler Hartnaͤckigkeit be⸗ hauptet hatten, weil der Herzog von Wellington ſich vor⸗ ſtellte, daß Bluͤcher ſich bei Liany gehalten habe, und folg⸗ lich wuͤnſchte, daß die Armeen dieſelbe Kummunikations⸗ linie beibehalten ſollten, die ſie am Morgen inne gehabt. Allein die Preußen hatten alle Doͤrfer, die ſie in der Nachbarſchaft von Ligny beſetzt hielten, geraͤumt und ihre Streitkraͤfte koncentrirt, um ſich uͤber den Fluß Dyle in die Naͤhe von Waver zuruͤckzuziehen. Durch die re⸗ trograde Bewegung kamen ſie ungefaͤhr ſechs Stunden hinter ihre fruͤhere Poſition zu ſtehen, und hatten Buͤlows Diviſion, die nicht in der Affaire bei Liguy geweſen, an ſich gezogen. Bluͤcher hatte dieſen Ruͤckzug nicht allein ohne Verfolgung von Seiten der Franzoſen bewerkſtelligt, ſondern ſie wußten einige Zeit nicht einmal, welche Rich⸗ tung er genommen hatte. Dieſe Ungewißheit uͤber Bluͤchers Bewegungen ver⸗ anlaßte eine Unſchluͤſſigleit und Verzoͤgerung in denen der Franzoſen, welche nachmals von den ſchlimmſten Folgen ſuͤr ſie waren. Napoleon, oder General Gour⸗ gaud in ſeinem Namen, traͤgt kein Bedenken, zu behaup⸗ ten, daß der Grund dieſer Verzoͤgerung an Marſchall Grouchy lag, dem er die Verfolgung der Preußen auf ihrem Nuͤckzuge aufgetragen haͤtte.„Wenn Marſchall Grouchy,“ heißt es in der Anklage,„am 17. zu Wayre und in Verbindung mit meiner(Napoleons) Linken geſtanden haͤtte, ſo wuͤrde Bluͤcher nicht gewagt haben, am 124 18, ein Detachement ſeiner Armee gegen mich abzuſenden, oder ich wuͤrde es, falls er es gewagt haͤtte, vernichtet ha⸗ ben.“ Allein der Marſchall ſcheint ſich ſiegreich zu ver⸗ theidigen. Grouchy ſagt, er habe den Kaiſer in der Nacht vom 16. aufgeſucht, ſobald der Ruͤckzug der Preußen begon⸗ nen haͤtte, ihn aber erſt bei ſeinen Ruͤckkehr nach Fleurus zu Geſicht bekommen; auch erhielt er keine Antwort, als er einige Reiterei zur Unterſtuͤtzung ſeiner Kavallerie fuͤr die Verfolgung Bluͤchers und ſeiner im Ruͤckzug begriffe⸗ nen Armee verlangte; man bedeutete ihn bloß, er wuͤrde am naͤchſten Tage Ordre bekommen. Er giebt an, er habe ſich am 17. Morgens, weil er die Wichtigkeit der ſchleunigen Verfolgung in ihrem ganzen Umfange einge⸗ ſehen, in das Hauptquartier begeben, Buonaparte aber erſt halb 7 Uhr ſprechen koͤnnen, und dann habe er ihm auf das Schlachtfeld des vorigen Tages folgen muͤſſen, ehe er ſeine Befehle bekommen habe. Napoleon ſprach mit mehreren Perſonen uͤber verſchiedene Gegenſtaͤnde, ohne Grouchy eine Ordre zu geben, bis er ſich, als es beinahe ſchon Mittag war, ploͤtzlich entſchloß, den Mar⸗ ſchall mit einer Armee von 32 000 Mann, nicht nach Wavre(denn er wußte nicht, welche Richtung die Preuſ⸗ ſen genommen) abzuſenden, ſondern ihm den Befehl gab, Bluͤcher zu verfolgen, wohin er ſich auch gewandt haben mochte. Schließlich behauptet Grouchy, daß die Truppen Gerard's und Vendamme's, welche unter ſeinem Kommande ſtanden, nicht im Stande geweſen, vor 3 Uhr aufßzusrechen; ſo waren, nach des Marſchalls genauer Angabe, die erſten Ordern zur Verſolgung am Mittag 125 des 17. Juni gegeben worden, und die Truppen waren nicht im Stande, vor drei Stunden nach ihrem Empfange ihnen nachzukommen. Die Schuld dieſer Verzoͤgerung ſchreibt Grouchy Excelsmann und Gerard zu, die unter ihm kommandirten. Sein Korps war auf jeden Fall vor 3 Uhr am 17. Juni nicht aufgebrochen. Auch konnte er ſeinen Marſch, wenn er einmal be⸗ gonnen war, nicht mit Gewipheit auf Wavre richten. Die erſten Spuren, die er von den Preußen erhalten konnte, ſchienen im Gegentheil darauf hinzudeuten, daß ſie ſich gegen Namur zuruͤckgezogen haͤtten, was Grouchp verlei⸗ tete, ſie in letzterer Richtung zu verfolgen, und den Ver⸗ luſt einiger Stunden veranlaßte. Aus allen dieſen Gruͤn⸗ den zuſammen zeigt der Marſchall ganz deutlich, daß er Wayre vor dem Abend des 17. Juni nicht erreichen konnte, weil er vor Mittag keinen Befſehl erhalten, aufzubrechen, noch auch die Truppen vor 3 Uhr marſch⸗ fertig waren; Napoleon oder ſein General hatte uͤberdieß keine Kenntniß von den Bewegungen Bluͤchers, die ihn uͤberzeugen konnten, daß Wavre wirklich der Punkt war, wohin er ſich zuruͤckzog. Erſt als er die Englaͤnder ent⸗ ſchloſſen fand, ſich vei Waterloo aufzuſteuen, und die Preußen beſtimmt, mit ihnen in Kummuntkation zu tre⸗ ten, merkte Napoleon den zwiſchen Weulington und Bluͤ⸗ cher verabredeten Plan, die Armee der Preußen und Eng⸗ laͤnder vor Waterloo zu koncentriren. Dieß war das Raͤthſel, von welchem ſein Schickſal abhieng, und er konnte es nicht loͤſen. Er war allerdings angenehmer und bequemer fuͤr Napoleon, lieber Grouchy Schuld zu geben, als . 126 anzuerkennen, daß er ſich durch die Umſtaͤnde, in welchen er ſich am 18. unerwartet befand, hatte uͤberraſchen laſſen. Indeſſen machte Napoleon, nachdem er Grouchy zur Verfolgung der Preußen beordert, eine Seitenbewegung nach Frasnes, und zog hier das vom Marſchall Ney be⸗ fehligte Korps an ſich. Seine Abſicht war, den Herzog Wellington anzugreifen, den er immer noch in der Poſi⸗ tion von Quatre Bras zu finden glaubte. Allein um 7 Uhr Morgens hatte der Herzog die Nach⸗ richt von Feldmarſchall Bluͤchers Ruͤckzug auf Wayre er⸗ halten, und begann auch ſeiner Seits, ſich auf Waterloo zuruͤckzuziehen, um wieder mit den Preußen in Kommu⸗ nikation zu treten, und den Operationsplan wieder auf⸗ zunehmen, der durch den ploͤtzlichen Einbruch der Frau⸗ zoſen und den Verluſt der Schlacht bei Ligny durch die Preußen einigermaßen verruͤckt worden war. Der Ruͤck⸗ zug ward mit der groͤßten Ordnung ausgefuͤhrt, obgleich er, wie gewoͤhnlich, fuͤr die Gefuͤhle der Soldaten unan⸗ genehm war. Die Nachricdt von der Schlacht bei Ligny hatte ſich durch die Reihen hin verbreitet, und auch die lebhafteſte Einbildungskraft wagte nicht, zu hoffen, daß die Preußen ſo bald wieder kampffertig waͤren. Das Wetter war furchtbar, der Regen ſchoß in Stroͤmen her⸗ ab; allein es war in ſo fern fuͤr die Englaͤnder guͤnſtig, daß es die gepfluͤgten Felder fuͤr die Reiterei unzugaͤng⸗ lich machte, ſie auf ihrem Marſche vor Seitenangriffen der franzoͤſiſchen Kavallerie ſicherte, und die Operationen derer, von denen ſie verfolgt wurden, auf die Chauſee beſchraͤnkte, 127 Zu Genappe jedoch, einer kleinen Stadt, wo man zu dem Fluſſe Dyle bloß vermittelſt einer kleinen Bruͤcke auf einer engen Straße gelangen kann, wurde der brit⸗ tiſche Nachtrab angegriffen, den eine leichte Kavallerie nicht abwehren konnte; als aber die ſchwere Kavallerie aufgebracht ward, wurden die Franzoſen zuruͤckgeworfen und beunruhigten den Nachtrab der Armee dieſen Tag nicht mehr. Um 5 Uhr Abends langte der Herzog Wellington auf dem merkwuͤrdigen Felde von Waterlooan, das er ſchon fruͤher zu einer Poſition auserſehen hatte, in welcher er nach gewiſſen Ereigniſſen ſich zur Deckung Bruͤſſels auf⸗ zuſtellen entſchloß. Die Szene dieſer beruͤhmten Schlacht muß den mei⸗ ſten Leſern durch Beſchreibung oder Erinnerung noch ver⸗ traut ſeyn. Die engliſche Armee nahm eine Kette von Hoͤhen ein, die ſich von einem Dorfe, Merke Braine, zur Rechten, bis zu einem Weiler, Ter la Haye, auf der Linken, ſich erſtreckte. Dieſer Kette von Huͤgeln ge⸗ genuͤber lauft beinahe parallel eine andere Huͤgelkette, auf welcher die Franzoſen ſich aufſtellten. Ein kleines Thal laͤuft auf verſchiedenen Punkten von verſchiedener Breite, die aber insgemein nicht uͤber eine halbe(engliſche) Meile geht, dazwiſchen hin. Die Boſchung auf jeder Seite ge⸗ gen das Thal hin iſt zwar verſchieden, aber im Allgemei⸗ nen nicht ſtark und wechſelt mit einer Menge wellenſoͤr⸗ miger Unebenheiten. Das Feld wird guer durch⸗ ſchnitten durch zwei Hochwege oder Chaufeen, welche beide nach Bruͤſſel fuͤhren,— eine von Charleroi durch 128 Quatre Bras und Genappe, auf welcher die brittiſche Armee erſt noch ſich zuruͤckgezogen hatte; und eine an⸗ dere von Nivilles. Dieſe Straſſen durchkreuzen das Thal und ſtoßen hinter dem Dorfe Mont St. Jean, das im Ruͤcken der brittiſchen Armee lag, zuſammen. Der Maierhof von Mont St. Jean, den man wohl von dem Weller zu unterſcheiden hat, lag den Englaͤndern von hinten viel naher als der letztere. Auf der Chauſee von Charleroi vor der Linie liegt ein anderer Maierhof, La Haye Sainte genannt, nahe am Fuße der Boͤſchung, die in das Thal fuhrt. Auf der enrgegengeſetzten Kette von Anhoͤhen liegt das Dorf La Belle Alliance, und giebt der Huͤgelreihe den Namen. Es liegt gerade uͤber von Mont St' Jean, und dieſe zwei Punkte bildeten die reſpektiven Mittelpunkte der franzoͤſiſchen und engliſchen Poſitionen. Eine altvaͤteriſche flaͤmiſche Villa, Goumont oder Hougomont genannt, ſtand mitten in dem Thale, mit Gaͤrten, Nebengebaͤuden und einem Walde von duͤnnen Buchen etwa zwei Ackerlaͤngen umgeben. Hinter den Hoͤhen von Mont St. Jean ſenkt ſich das Terrain wie⸗ der hinab in eine Vertiefung, die der zweiten Linie der Englaͤnder gewiſſermaßen Schutz gab. Im Ruͤcken dieſes zweiten Thales ſteht der große ausgedehnte Forſt Soignes, durch welchen die Chauſee nach Bruͤſſel geht. Auf dieſem Wege, zwei(engliſche) Meilen hinter der brittiſchen Armee, liegt die kleine Stadt Waterloo. ——⸗——-