Walter Scott s ſaͤmmtliche Neu uͤberſetzt. Einundſechszigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Siebenundzwanzigſter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franchh. 1 8 2 7. Leben von Napoleon Buonayarte, Kaiſer von Frankreich, ð mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolution. . Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Siebenundzwanzigſter Theil. — Stuttgart, bei Gebrüuder Franuckeh⸗ 1 8 2. 7. Erſtes Kapite. Seltſamer Bericht des Baron Fain, Secretairs von Napoleon, uͤber einen Selbſtmordsverſuch des Kaiſers.— Er iſt mehr ’reſignirt.— Seine Anſichten uͤber die beſte Polſtik der Bour⸗ vons, ſeiner Nachfolger.— Er verlaͤßt Fontainebleau, und begibt ſich nach Elba am 28. April. Waͤhrend wir ſuchen, die Maſſe von Ungluͤck, die auf Napoleon eindrang, aufzuzaͤhlen, ſcheint es, als ob die Gluͤcksooͤttinn entſchloſſen geweſen waͤre, zu zeigen, daß ſie das Loos der Menſchheit ſelbſt nicht zu Gunſten eines Sterblichen, der ſo lange ihr Liebling geweſen war, zu wenden gedachte, und immer noch den unbekannten Soldaten, welchen ſie zum Koͤnig von beinahe ganz Europa erhoben hatte, in demſelben⸗Grade erniedrigen wollte, als jeine Erhoͤhung glaͤnzend geweſen war; alles, was noch drei Jahre vorher an ſeiner Perſon unveraͤußer⸗ lich ſchien, war nun umgekehrt. Der Sieger war beſiegt, der Monarch entthront, der Befreier der Gefan⸗ genen ſelbſt in Gefaugenſchaft, der General von ſeinen 6 Soldaten, der Gebieter von ſeinen Dienern verlaſſen, der Bruder von ſeinen Bruͤdern, der Gatte von ſeiner Gattinn getrennt, und der Vater von ſeinem einzigen Kinde losgeriſſen. um ihn fuͤr den Verluſt des ſchoͤnſten und groͤßten Reiches zu troͤſten, uͤber das je der Ehrgeiz den Scepter gefaͤhrt, kam er mit dem Spott⸗ namen eines Kaiſers in Beſitz einer winzigen Inſel, auf welche er, von dem Mitleid ſolcher Freunde, die noch ihre Geſinnung auszuſprechen wagten, von den unverholenen Verwuͤnſchungen vieler ſeiner fruͤheren Untergebenen, die ſeine jetzige Erniedrigung als keine Genugthuung fuͤr das, was ſie unter ſeiner Hetr⸗ ſchaft gelitten, anſehen wollten, und dem uͤbel ver⸗ hehlten Triumph ſeiner Feinde, in deren Haͤnde er uͤberantwortet war, bezleitet, ſich zuruͤckziehen mußte. Ein Römer haͤtte in dieſem zahloſen Ungluͤck einen Wink ge ehen, ſich das Schwerdt in die Bruſt zu ſtoßen. Ein Mann von beſſerem Glauben haͤtte ſein Auge zuruͤck auf ſeine Handlungen gewandt, in dem Mißbrauch ſeines Gluͤckes die Hauptquelle alles dieſes Elendes geleſen, und haͤtte ſich geduldig und reuevoll in die Folgen ſeines Ehrgeizes ergeben. Napoleon gehoͤrte in die Philoſophenſchule der Roͤmer, und es wird mit Gewißheit, insbeſondere von ſeinem Sekretair, dem Baron Fain berichtet, obgleich es nicht allgemeinen Glauben fand, daß er in dieſer verzweifelten Lage ſeinem Leben durch Selbſtmord ein Ende machen wollte. 7 Der Kaiſer hatte nach dieſem Bericht ſchon ſeit dem Rückzug aus Moskau eine Doſis Opium bei ſich gefuͤhrt, die auf dieſelbe Art, wie die von Con⸗ dorcet gebrauchte, praͤparirt war. Sein Kaminer⸗ diener hoͤrte ihn in der Nacht vom 12. auf den 15. April aufſtehen, etwas in ein Glas Waſſer gießen, es trinken und wieder in ſein Bett zuruͤckkehren. Kurze Zeit darauf bemerkte dieſer ein Stoͤhnen und unterdruͤcktes Roͤhren— es wurde Laͤrm in dem Schloſſe— einige Perſonen von hohem Range ſtan⸗ den auf, und begaben ſich auf Napoleons Zimmer. Der Chirurgus Yvan, welcher ihm das Gift verſchafft hatte, ward gleichfalls gerufen; als er aber hoͤrte, daß ſich der Kaiſer beklagte, die Overation des Tran⸗ kes ſey micht ſchnell genug, ergriff ihn ein paniſcher Schrecen, und er floh in vollem Laufe aus dem Pallaſt. Napoleon nahm die ihm anempfohlenen Gegenmittel, und eine lange mit heftigem Schweiße derbundene Betaͤubung erfolgte. Er erwachte ſehr er⸗ ſchoͤpft, und war erſtaunt, ſich noch am Leben zu finden; nach augenblicklichem Bedenken rief er aus: „das Schickſal wird es nicht ſo wollen!“ Er ſchien hierauf damit ausgeſoͤhnt, ſich ſeinem Verhaͤngniß zu fuͤgen, ohne aͤhnliche Verſuche perſoͤnlicher Gewalt⸗ that zu machen. Die Meinungen uͤber die urſache von Napoleons Uebelbefinden ſind hier getheilt, einige ſchreiben es einer Unverdaulichkeit zu; daß er jedoch ſehr unwohl war, iſt unbeſtritten. Ein General von 8 der hoͤchſten Auszeichnung hatte am Morgen des 15. Aprils ein Geſchaͤft mit Napoleon. Er ſchien bleich und niedergeſchlagen, als waͤre er erſt noch aus einer erſchoͤpfenden Krankheit erſtanden. Seine einzige Be⸗ kleidung beſtand in einem Schlafrock und in Pan⸗ toffeln; auch trank er von Zeit zu Zeit etwas Ger⸗ ſtenwaſſer oder eine andere Fluͤfſigkeit, welche neben ihm ſtand, und aͤußerte, er habe eine boͤſe Nacht ge⸗ habt, doch ſey der Schmerzen jetzt voruͤber. Nach dieſer Kriſis und der Ratifikation des Traktats, welche ſeine Marſchaͤlle fuͤr ihn geſchloſen hatten, ſchien Napoleon ruhiger, als er einige geit her war, und unterhielt ſich mit ſeiner Umgelung offen uͤber die Angelegenheiten von Frankreich. Er geſtand, daß nach allen dieſen Vorgaͤngen die Herrſchaft der Bourbons fuͤr Frankreich am beſten paſſen wuͤrde, da ſie geeignet waͤre, alle Parteien zu verſoͤhnen.„Ludwig“ ſagte er,„hat Talente und Mittel; er iſt alt und ſchwaͤchlich, und wird, denk' ich, ſeinen Namen zu keiner ſchlechten Regierung hergeben. Wenn er weiſe iſt, ſo legt er ſich in mein Bett, und begnuͤgt ſich, die Leinwand zu wechſeln. Aber,“ fuhr er fort,„er muß die Armee gut hal⸗ ten und ſich huͤten, auf die Vergangenheit zuruͤckzu⸗ ſehen, ſonſt wird ſeine Regierung von kurzer Dauer ſeyn.“ Er ſprach auch von der Unverletzlichkeit des Verkaufs der National⸗Domainen, als dem Einſchlag, von dem das ganze Gewebe abhaͤnge;„ſchneidet er 9 einen Faden davon ab, ſo fast ſich das ganze aus.“ Von dem alten Adel und den Leuten der hoͤheren Zirkel ſprach er mit Erbitterung, und ſagte, ſte ſeyen zeine engliſche Kolonie in dem Herzen von Frankreich, die nichts als ihre eigenen Vorrechte wuͤnſchten, und eben ſo leicht fuͤr als gegen ihn handeln wuͤrden. „Wäaͤre ich an Ludwigs Stelle,“ ſagte er, ich wurde die kaiſerliche Garde nicht beiſammen laſſen. Ich habe ſie zu gut behandelt, als daß ich mich nicht ihrer Ergebenheit verſichert haͤtte; und ſeine Politik wird erfordern, ſie zu entlaſſen, indem er ſolchen Of⸗ fizieren und Soldaten, welche es vorziehen, aus dem Dienſte zu treten, gute Jahrgelder ausſetzt, und die⸗ jenigen, welche bleiben wollen, in der Linie befoͤrdert. Hat er dieß gethan, ſo mag er ſich nach Gutduͤnken aus der Armee eine andere Leibgarde waͤhlen.“ Nach dieſen denkwuͤrdigen Bemerkungen, welche in der That durch ſpaͤtere Verfuͤgungen in Erfuͤllung gingen, ſchaute Napoleon im Kreiſe auf ſeine Offi⸗ ziere umher, und ſprach folgende Worte an ſie:— „Meine Herren, wenn ich nicht laͤnger bei Ihnen bin, und Sie eine andere Regierung haben, geziemt es Ihnen, ſich aufrichtig an ſolche anzuſchließen, und ihr ſo getreu zu dienen, als Sie mir gedient haben. Ich erſuche Sie, ich befehle Ihnen, ſo zu thun. Es haben deßhalb alle, welche nach Paris gehen wollen, meine Erlaubniß hiefuͤr, und diejenigen, welche hier bleiben, thun wohl daran, ihre Unterwerfung unter 10 ze Regierung der Bourbons einzureichen.“ Waͤh⸗ rend jedoch Napoleon dieſe maͤnnigliche wuͤrdige Sprache gegen ſeine Anhaͤnger in Betreff des Wech⸗ ſels der Regierung fuͤhrte, liegt am Tage, daß in ſeinem Innern die Ueberzeugung war, die Bourbons ſeyen mit zu vielen Schwi erigkeiten umgeben, als daß ſie dieſelben uͤberſteigen koͤnnten, und daß das Schickſal immer noch eine ausgezeichnete Rolle in den Annalen von Europa fuͤr ihn im Hinterhalt habe. Bei einer Privatunterredung mit Macdonald, deſſen Antheil bei ſeiner Thronentſagung wir erwaͤhnt haben, druͤckte er ſeine innige Zufriedeuheit mit ſei⸗ nem Benehmen aus, bedauerte, ſeinen Werth nicht fruͤher gekaunt zu haben, und bat ihn, ein Andenken von ihm anzunehmen.„Es iſt nur,“ fuhr er fort, des Marſchabs Einwuͤrfen im Voraus begegnend, „das Geſchenk eines Soldaten an ſeinen Kameraden.“ Und in der That war es mit vielem Zartgefuͤhl ge⸗ waͤhlt, indem es in einem ſchoͤnen tuͤrkiſchen Saͤbel beſtand, den Napoleon ſelbſt von Ibrahim Bey in Egypten bekommen hatte. Als Napoleon nun ſich in Gutem oder Boͤſem in ſein Schickſal ergeben hatte, ſchickte er ſich an, am 20. April an den Ort ſeiner Abgeſchiedenheit abzu⸗ gehen. Erſt ſtand ihm aber noch der ſchmerzliche Abſchied von einem Korps, das ihm insgemein aͤußerſt zugethan, und dem er wahrſcheinlich ſeldſt in hohem Grade gewogen war, ſeiner beruͤhmten kaiſerlichen — 1 1. Garde, bevor. Soviel ihrer zuſammengebracht wer⸗ den konnten, waren vor ihm aufmarſchiert; es drau⸗ gen ihm einige Thraͤnen aus den Augen, und ſeine Zuͤge hatten den Ausdruck der heftigſten Gemuͤths⸗ bewegung, da er, wie er damals glanben mußte, zum letztenmal die Genoſſen ſo vieler Siege muſterte. Er kam zu Pferde heran, ſtieg ab, und ſagte ihnen ein feierliches Lebewohl.„Ganz Europa,“ ſprach er, „haͤtte ſich gegen ihn bewaffnet, Frankreich ſelbſt ihn verlaſſen und eine andere Dynaſtie gewaͤhlt. Er haͤtte mit ſeinen Soldaten noch Jahre langen Buͤrgerkrieg gefuͤhrt; allein er wuͤrde Frankreich ungluͤcklich ge⸗ macht haben. Seyd getreu,“ fuhr er fort,(dieſe Worte ſind hoͤchſt bemerkungswerth)„dem neuen Sou⸗ verain, welchen Frankreich gewaͤhlt hat. Bejammert mein Schickſal nicht; ich werde ſtets gluͤcklich ſeyn, ſo lauge ich weiß, daß ihr es ſeyd. Ich haͤtte ſterben können— nichts war leichter— allein ich werde immer dem Weg der Ehre folgen. Ich will mit der Feder die Thaten verfolgen, die wir zuſammen voll⸗ bracht haben. Ich kann euch nicht alle umarmen, allein ich umarme euren General,“— Aer druͤckte den General an ſeine Bruſt)„bringt den, Adler hie⸗ her!“—(er umarmte die Standarte und ſchloß) —„geliebter Adler, moͤgen die Kuͤſſe, die ich dir gebe, noch lange durch die Herzen der Tapfern drin⸗ gen!— Lebt wohl, meine Kinder,— lebt wohl— meine tapfern Waffengenoſſen, umgebt mich noch ein⸗ 1 2 mal— lebt wohl!“ Von Kummer niedergebeugt hoͤrten die, Veteranen das Lebewohl ihres entthronten Fuͤhrers; Seufzer und Murren drang aus ihren Gliedern hervor, allein ihre Ruͤhrung brach in keine Drohungen oder Gegenvorſtellungen aus; ſie ſchienen ſich in den Verluſt ihres Generals ergeben zu haben, und ſich gleich ihm in die Nothwendigkeit zu fuͤgen. Zweites Kapitel. Es werden Kommiſſaͤre ernannt, um Napoleon zu eskortiren.— . Er verlaͤßt Fontainebleau am 20. April.— Seine Zuſam⸗ menkunft mit Augereau zu Valence.— Ausdruck der oͤffent⸗ lichen Unzufriedenheit gegen Napoleon im Suͤden von Frank⸗ reich.— Beſergniſſe fuͤr ſeine perſoͤnliche Sicherheit.— Seine eigene unruhige Gemuͤthsbewegung, ſeine Vorſichtsmaßregeln. — Er kommt zu Frejus an, geht an Vord des Unerſchrocke⸗ nen mit den Kommiſſaren von England und Oeſterreich.— Er kommt am 4. Mai bei Elba an, und lander bei Porto Ferrajo.. Auf dieſer unerfrenlichen Reiſe ward Napoleon von Bertrand und Drouet begleitet, die im Ungluͤck ihrem Gebieter ruͤhmliche Treue bewieſen, welcher ihr Wohlthaͤter im Gluͤcke war. Vier Abgeordnete von den verbuͤnderen Maͤchten begleiteten ihn in ſeine neue Herrſchaft. Ihre Namen ſind folgende: Gene⸗ ral Schouwaloff, von Seite Rußlands, der oͤſterrei⸗ chiſche General Kohler; der Obriſt Sir Niel Campbell im Namen von Hroßbrittannien, und der Genergl, 2 13 Baron Truchſeß Waldburg, als Bevollmaͤchtigter von Preuße n. Napoleon empfing die drei erſten mit vieler Hoͤflichkeit, ſchien aber uͤber die Gegenwart des Kommiſ⸗ ſaͤrs von Seiten Preußen empfindlich, da dieſes Land einſt Gegenſtand ſeiner Verachtung, immer aber ſei⸗ nes Haſſes war. Er konnte nicht verwinden, daß es unmittelbaren Antheil an der Entſcheidung ſeines Schickſals hatte. Er empfieng den engliſchen Kommiſſaͤr mit beſon⸗ dern Achtungsbezeugungen und ſagte, er wuͤnſche auf einem engliſchen Schiffe nach Elba uͤberzufahren, und es ſey ihm ſehr angenehm, einen engliſchen Offizier zu ſeiner Begleitung zu haben.„Ihre Nation,“ fagte er,„hat einen erhabenen Charakter, vor wel⸗ chem ich die hoͤchſte Achtung habe. Ich wuͤnſchte, das franzoͤſiſche Volk zu einer ſolchen Höhe der Geſin⸗ nung zu erheben. Allein“— hier ſtockte er und ſchien ergriffen. Er ſprach mit vieler Artigkeit mit dem oͤſterreichiſchen General Kohler, druͤckte ſich aber erwas bitter gegen den Abgeordneten von Rußland aus. Er bedeutete auch dem Oeſterreicher, daß er, wenn ihm ſeine Aufnahme in Elba nicht zuſagen wuͤrde, moͤglicherweiſe vorziehen wuͤrde, ſich nach Großbrittannien zuruͤckzuziehen, und fragte General Kohler, ob er glaubte, er wuͤrde Schutz von ihnen erhalten.„Ja, Sire,“ verſetzte der Oeſterreicher, „um ſo bereitwilliger, da Ew. Majeſtaͤt in dieſem Lande noch niemals Krieg gefuͤhrt haben.“ 14 Napoleon gab dem Herzog von Baſſano eine Ab⸗ ſchiedsaudienz und ſchien aͤrgerlich, als ein Adjudant von Seiten General Bertrand's ihm ankuͤndigte, daß die fuͤr ſeine Abreiſe feſtgeſetzte Stunde gekommen ſey.„Eut,“ antwortete er,„das iſt etwas Neues. — Seit wann haben ſich Unſere Bewegungen nach der Uhr des Großmarſchalls gerichtet? Wir werden abreiſen, wenn es Uns gefaͤllt— vielleicht gar nicht!“ Dieß war jedoch blos eine augenblickliche Anwandlung von Ungeduld. Napoleon verließ Fontainebleau am 20. April 18% um 11 Uhr Morgens. Sein Gefolge beſtand aus 14 Wagen, und erforderte ein Relais von 50 Poſtpferden. Auf der Reiſe, wenigſtens zu Anfang derſelben, nahm er einen offentlichen Charakter an, ſandte zu den oͤffentlichen Autoritaͤten der Staͤdte, und erkundigte ſich nach dem Zuſtande des jedesma⸗ ligen Platzes, wie er bei fruͤheren Gelegenheiten ge⸗ wohnt war. Man vernahm haͤufig den Ruf:„vive l'empereur!“ was ihm neuen Muth gab. Auf der andern Seite zogen ſich die Maires und Unterpraͤfekten, welche er in Betreff des Verfalls ſo vieler Staͤdte befragte, ſein Mißfallen dadurch zu, daß ſie die Symptome des Verfalls dem Krieg oder der Konſcription zu⸗ ſchrieben, an einigen Orten trug das Volk die weiße Kokarde und inſultirte ſeine Reiſe durch das Geſchrei: „Vive le Roilte 15 In einem kleinen Hauſe nahe bei Valence traf Napoleon am 24. Aprilt mit Augereau„ ſeinem alten Genoſſen in den Feldzuͤgen von Italien, der gewiſſer⸗ maßen ſein Lehrer in der Kriegskunſt war, zuſam⸗ men. Der Marſchall war unzehalten uͤber einige Aeußerungen in den Bulletins, welche ſeine Ope⸗ rationen zum Schutze von Lyon tadelten. Als er daher bei dem neuen Wechſel eine Proklamation an ſeine Armee erließ, ſchilderte er Napoleon als einen Mann, der ſich ſelbſt ſeinen Sturz zuzog und doch nicht zu ſterben wagte. Es kam zu einem heftigen Wortwechſel, und folgende Worte ſollen zwiſchen ih⸗ nen gewechſelt worden ſeyn:—„ich habe deine Pro⸗ klamation in Haͤnden,“ ſagte Napoleon;„Du haſt mich verrathen.“—„Sire,“ entgegnete der Mar⸗ ſchall,„Sie haben Frankreich und die Armee verrathen, in dem Sie beide Ihrem wahnſinnigen Ehrgeize opfer⸗ ten.“—„Du haſt dir ſelbſt einen neuen Gebieter gewaͤhlt,“ begann Napoleon wieder.—„Ich habe Ihnen hieruͤber keine Rechenſchaft zu geben,“ erwie⸗ derte der General.—„Du haſt keinen Muth,“ ſprach Buonapart e.—„Nein; du haſt keinen,“ ver⸗ ſetzte der General, und wandte ohne ein Zeichen von Ehrerbietung ſein em fruͤhern Gebieter den Ruͤcken zus). — *) Itinéraire de Buonaparte S. 35. Augereau war ein alter Republikaner, und wollte ſich Buonaparte an dem Tage wider⸗ ſetzen, als er den geſetzgebenden Koͤrper aufloͤste. Er fuͤgte ſich ihm waͤrend ſeiner Herrſchaft, blieb⸗ aber ein ſtrenger Tadler ſeiner uͤbermaͤßigen Eroverungsſucht. 16 In Montelimart hoͤrte der verbannte Kaiſer den letzten Ausdruck der Achtung und des Mitleids. Er naͤherte ſich nun der Provence, einer Gegend, deren Anhaͤnglichkeit er niemals beſaß, und ward mit Ver⸗ wuͤnſchungen und dem Rufe:—„Verderben uͤber den Tyrannen! nieder mit dem Moͤrder unſerer Kin⸗ der!“ empfangen. Die Sachen ſollten noch ſchlim⸗ mer kommen, als ſie weiter reisten. Am Montag den 25. April war Sir Niel Campbell Napoleon vor⸗ ausgereist, und in Avignon angekommen. Hier er⸗ kundigte ſich der Offizier auf der Wache genau, ob die den Kaiſer begleitende Eskorte ſtark genug ſey, um es mit einem Volksauflauf aufzunehmen, der ſich bei der Nachricht von ſeiner Ankunft erheben wollte. Der engliſche Kommiſſaͤr erſuchte ihn, die Reiſe Napoleons mit allen, ihm zu Gebot ſtehenden Mitkeln zu ſichern. Man kam uͤberein, daß die fri⸗ ſchen Pferde an einem andern Theile der Stadt, als wo ſie gewoͤhnlich gewechſelt wurden, aufgeſtellt wer⸗ den ſollten. Allein der Poͤbel entdeckte es, und um⸗ gab ſie, und nur mit Muͤhe wurde Napoleon der Wuth des Volkes entriſſen. Aehnliche Gefahren er⸗ warteren ihn an andern Orten, und um nicht ermor⸗ det zu werden, ſah ſich der Erkaiſer von Frankreich genoͤthigt, als Poſtillon oder Bedienter ſich zu ver⸗ kleiden, indem er von Zeit zu Zeit ſeinen Anzug wechſelte, den Dienern befahl⸗ in ſeiner Gegenwart zu rauchen, und den Kommiſſaͤren, welche mit ihm 17 reisten, zu peeifen oder zu ſingen, damit der auf⸗ gebrachte Poͤbel nicht wuͤßte, wer im Wagen waͤre Zu Orgon brachte das Volk ſein eigenes Bildniß in Blut getaucht vor ihn, und hielt ſeinen Wagen an, bis ſie es vor ſeinen Augen aufgeſtellt hatten; kurz von Avignon bis La Calade ward er in jeder Stadt und in jedem Dorf auſf's Groͤblichſte inſultirt, und nur der angeſtrengteſten Fuͤrſorge der Kommiſſare hatte er es zu verdanken, daß er nicht in Stuͤcke zer⸗ riſſen wurde. Die Liebloſigkeit des Volkes ſchien großen Eindruck auf ihn zu machen; er vergoß ſo⸗ gar Thraͤnen, und zeigte auch mehr Furcht vor Er⸗ mordung, als ſich mit ſeinem anerkannten Muthe zu vertragen ſchien; man muß aber bedenken, daß die Gefahr ganz neuer und furchtbarer Art, und im Srande war, manchen in Beſtuͤrzung zu ſetzen, dem die Schrecken der Schlachten vertraute Genoſſen wa⸗ ren. Die tapferſten Soldaten mochten ſchaudern vor einem Tode, gleich dem von de Witts. Zu La Ca⸗ lade war er gleich aͤngſtlich, und zeigte große Beſorg⸗ niß vor Vergiftung. Als er nach Air kam, wurden von Detachements Gensd'armen und Abtheilungen der verbuͤndeten Truppen Maßregeln getroffen, um ſeine perſoͤnliche Sicherheit nicht gefaͤhrden zu⸗ laſſen*). *) Es ward die Vorkehrung getroffen, daß eine betraͤchtliche An⸗ zahl Truppen zu Grenoble, Gsp und Siſteron zu ſeinem Schutze aufgeſtellt wurden, da dieß der Weg war, den er, wie W. Scott's Werke. LXI. 2 185 Auf einem Schloſſe, Bouillidou genannt, hatte er eine Zuſammenkunft mit ſeiner Schweſter Pauline. Die Neugierde der Frau vom Hauſe, und zweier oder dreier Damen ließ ſie den Weg in ſeine Naͤhe finden. Sie ſahen einen Herrn in einer oͤſterreichi⸗ ſchen Uniform.„Wen wuͤnſchen Sie zu ſehen?“ —„den Kaiſer Napoleon.“—„Ich bin Napoleon.“ —„Sie ſcherzen, Herr,“ erwiederten die Damen.— „Wie ſo? ich glaube, Sie erwarteten, daß ich weit ſchlimmer ausſehen ſollte? Geſtehen ſie es, ſeitdem das Gluͤck mir abhold, geworden, muß ich wie ein Schuft, ein Taugenichts, ein Raͤuber dreinſehen. Aber wiſſen Sie, wie alles dieß gegangen iſt? Es ge⸗ ſchah einzig deßhalb, weil ich Frankreich uͤber Eng⸗ land zu ſtellen wuͤnſchte.“ Endlich kam er zu Freius, in demſelben Hafen an, der ihn aufnahm, als er von Egypten kommend, auf dem Punkte war, jene bewunderungswuͤrdige Laufbahn zu betreten, und nun, aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach an derſelben Stelle zu beendigen, von der er ſich erhoben hatte. Er ſchloß ſich in ein abgele⸗ genes Zimmer ein, und ging mit ungeduldigen ha⸗ ſtigen Schritten auf und nieder, indem er zu Zeiten ſtille ſtand, um von dem Fenſter aus die Ankunft der Schiffe zu erwarten, die ihn, wie es ſchien, fuͤr man erwartete, nehmen wuͤrde; allein er ſchlug, vielleicht um eine Probe ſeiner Popularitaͤt zu machen, den Weg ein, denn wir im Detail gegeben haben. 19 immer von Frankreich entfernen ſollten. Die fran⸗ zoͤſiſche Fregatte, die Dryade, und eine Brigge, ge⸗ nannt die Unbeſtaͤndige, waren von Toulouſe nach Frejus gegangen, und lagen bereit, dieſe Pflicht zu erfuͤllen. Allein Buonaparte zog es, vielleicht aus Widerwillen, unter der Bourbon'ſchen Flagge zu ſe⸗ geln, vor, an Bord des unerſchrockenen, eines Schiffes zu gehen, das Sr. brittanniſchen Majeſtaͤt gehorte, und von Kapitain Usher befehligt wurde. Da die⸗ ſes Schiff zur Verfuͤgung des brittiſchen Kommiiſſaͤrs Sir Niel Campbell geſtellt war, ſo ging dieſer gerne auf Napoleons Wunſch ein. Es war Nachts eilf Uhr am ebſten, als er endlich ſich unter einer Salve von 21 Kanonen einſchiffte.„Adien Caͤſar, und ſein Gluͤck!“ ſprach der ruſſiſche Abgeordnete. Die Kom⸗ miſſaͤre von Oeſterreich und Großbrittannien begleite⸗ ten ihn auf ſeiner Reiſe*). — *) Der preußiſche Kommiſſaͤr beſchrieb ihre Reiſe in einer Schriſt mit dem Titel: Itineéraire de Buonaparte, jusqu' à son embarquement à Frejus, Paris 181 5. Die Vorfälle ſind genau durch die Erzaͤhlungen ſeiner Reiſegenoſſen beſtaͤtigt worden. 3 ⸗ Napoleon bezeichnete immer das Pamphlet des General Truchſes Waldburg, ſowie die Erzaͤhlung von dePradt's Ge⸗ ſandtſchaft nach Polen, als diejenigen Werke, die ihm das groͤßte Unrecht thaten. Entweder fuͤhlte er ſelbſt, daß er ſich waͤhrend dieſer Reiſe nicht ganz dem Karakter eines Helden ge⸗ maͤß benommen hatte, oder mißfiel ihm vielleicht die Bekannt⸗ machung der Details, welche den hohen Grad von Unpopulari⸗ tat bewieſen, in der er im Suͤden von Frankreich ſtand. 20 Waͤhrend der Reiſe ſchien Buonaparte wieder ſeines ganzen Stolzes maͤchtig zu werden, und unter⸗ hielt ſich mit großer Freimuͤthigkeit und Ungezwun⸗ genheit mit Kapitain Usher und Sir Niel Campbell. Der Gegenſtand ihrer Unterhaltung fuͤhrte ihn auf aͤbertriebene Darſtellungen der Plane, die er unaus⸗ gefuͤhrt laſſen mußte, zu bitteren Ausfaͤllen auf ſeine Feinde und zu veraͤchtlichen Aeußerungen uͤber die von ihnen getroffenen Maßregeln. Folgende Einzelnheiten ſind unterhaltend, und ſo weit uns bekannt iſt, noch nirgends erſchienen.— Er befragte ihn uͤber die Mannszucht auf dem Schiffe und fand ſie ſehr gut; verſicherte aber Kapi⸗ tain Usher, daß er, wenn ſeine Macht noch 5 Jahre länger gedauert haͤtte, 500 Linienſchiffe zu ſeiner Verfuͤgung gehabt haben wuͤrde. Kapitain Usher fragte ihn natuͤrlich, wie er ſle haͤtte bemannen wollen. Napoleon antwortete ihm, er habe in allen Seehaͤfen und Kuͤſtenlaͤndern von Frankreich zur Vemannung ſeiner Flotte eine Kon⸗ ſcription von Seeleuten vorgehabt, die ſich in dem Zupder See haͤtten uͤben muͤſſen, bis ſie geſchickt ge⸗ weſen waͤren, ſich in die offene See zu wagen. Der brittiſche Offizter konnte kaum ein Laͤcheln unter⸗ druͤcken, als er erwiederte, daß die konſcribirten See⸗ truppen eine traurige Figur geſpielt haben wärben, wenn ſich ein Seewind erhoben haͤtte. Gegen den oͤſterreichiſchen Geſandten war Napo⸗ — 21 leons beſtaͤndige Unterhaltung uͤber Vergroͤßerung der Macht Rußlands, welches, wenn es auf irgend eine Weiſe die Polen zu einem gut disciplinirten, inte⸗ grirenden Theil ſeiner Armee machen koͤnnte, ganz Europa, wie er ſagte, uͤberwaͤltigen wuͤrde. Bei einer folgenden Gelegenheit gab der Kaiſer ſeinen Zuhoͤrern eine neue und intereſſante Geſchichte der Erneuerung des Kriegs mit England zum Be⸗ ſten. Nach dieſer war die Inſel Malta ein bloßer Vorwand. Kurz, nach dem Frieden von Amiens ſchlug ihm Mr. Addington, damals engliſcher Pre⸗ mierminiſter, eine Erneuerung von Mr. Pitt's Han⸗ delstraktat mit Frankreich vor; aber er, Napoleon, von dem Wunſche beſeelt, die innere Betriebſamkeit Frankreichs zu ermuthigen, habe ſich geweigert, in einen ſolchen Traktat anders, als auf die Bedingung der Reciprocitaͤt einzugehen, daß naͤmlich England, wenn Frankreich ſo und ſoviel Millionen engliſche Wagren eingefuͤhrt bekaͤme, gleichfalls verpflichtet waͤre, dagegen dieſelbe Quantitaͤt von franzoͤſiſchen Produkten anzunehmen. Dieſe Bedingungen wurden von Mr. Addington zuruͤckgewieſen, und Napoleon erklaͤrte ihm, daß, wenn dieſe ſeine Prinzipien nicht zu Grund gelegt waͤrden, von keinem Traktat die Rede ſey.„Dann,“ erwiederte Hr. Aodington, wie Buonaparte zugibt,„treten die Feindſeligkeiten ein; denn, woferne das engliſche Volk nicht ſeine Handels⸗ vortheile auf die Bedingungen erhaͤlt, an welche es 2 2 gewohnt iſt, wird es mich noͤthigen, den Krieg zu erklaͤren.“ Und der Krieg fand ſomit Statt; deſſen wirklicher Grund, wie er wiederum darthat, darin lag, daß England die Vortheile des Handels⸗Vertrags zwi⸗ ſchen Vergennes und Pitt zu erhalten entſchloſſen war.— „Nun,“ fuhr er mit groͤßerer Waͤrme fort, „gibt es keine Macht, die ſich Englands Syſtem wi⸗ derſetzen kann. Es kann ſolches ins Unendliche per⸗ fölgen. Da wird es nun einen Traktat auf ganz unbillige Bedingungen geben, die den Manufakturen Frankreichs nicht gehoͤrig aufhelfen werden. Die Bourbons ſind arme Teufel— er verbeſeerte ſich, — ſie ſind große Herren, zufrieden, in ihre Staaten zuruͤckzukehren, und ihre Renten zu beziehen; wenn aber das Volk von Frankreich das ſieht, und daruͤber unzufrieden wird, ſo ſind die Bourbons in ſechs Monaten wieder fortgejagt.“ Er ſchien ſich wieder zuſammen zu nehmen, als einer, der glaubt, zu viel geſprochen zu haben, und war fuͤr den Reſt des Ta⸗ ges auffallend zuruͤckhaltender. Dieſer ſeltſame Ausfall war ein Koncoct nach Napoleons eigenthuͤmlicher Weiſe, das Wahre in ſeiner Erzaͤhlung mit dem zu vermiſchen, was fuͤr ſeine Abſicht foͤrderlich war, und ſo brachte er denn ſo viel Falſches und Truͤgeriſches mit hinein, daß es demjenigen ſehr glich, was der engliſche Dichter von dem katholiſchen Komplotte ſagt: „Was Wahres war daran, doch unterſetzt mit Luͤgen.“ 29 (Es iſt wahrſcheinlich, daß nach dem Frieden von Amiens Lord Sidmouth wuͤnſchen mochte, den Han⸗ elstraktat zu erneuern; allein es iſt durchaus falſch, daß Napoleons Weigerung irgend einen Grund bei der Erneuerung der Feindſeligkeiten hatte. Seine Prophezeihung, daß einſt nach ſeinem Sturze die Englaͤnder Frankreich einen nachtheiligen Handels⸗ traktat aufdringen wuͤrden, hat ſich gleichfalls als falſch erwieſen; und es iſt auffallend genug, das er, der an Bord des Unerſchrockenen erklaͤrte, daß das Eingehen auf eine ſolche Maßregel den Sturz der Bourbonen herbeifuͤhren wuͤrde, waͤhrend ſeines Auf⸗ enthaltes auf St. Helena Lord Caſtlereagh daruͤber laͤcherlich machte und tadelte, daß er den Englaͤndern dieſe Handelsſuprematie nicht geſichert hatte, da ſie doch, wie er ſelbſt zu beweiſen ſuchte, die wahrſchein⸗ liche Urſache eines ſolchen Reſultates war. So wech⸗ ſelten ſeine Reden, wenn auch nicht ſeine Handlun⸗ zen nach ſeiner augenblicklichen Laune. An Bord des Unerſchrockenen ſprach Napo⸗ leon mit großer Offenheit uͤber die Leichtigkeit, wo⸗ mit er die Allürten waͤhrend des letzten F⸗ozugs uͤberliſtet und geſchlagen haͤtte.„Die Aleſiſche Ar⸗ mee,“ ſagte er,„habe ihm am meiſeen zu ſchaffen ge⸗ macht. Der alte Teufel Bluͤher war nicht ſobald beſiegt, als er gleich wicoer ins Treffen wollte.“ 24 Er betrachtete ſeinen Sieg uͤber Schwarzenberg als gewiß, wenn Marmont nicht abgefallen waͤre. So ſprach er mit dem Anſchein großer Freimuͤthigkeit weiter, und ſchien ſich ſeinen Schiffsgenoſſen in jeder Hinſicht angenehm machen zu wollen. Selbſt die Schiffsmannſchaft, die ihn zuerſt mit Verwunderung und Argwohn betrachtete, entging nicht dem Zauber ſeiner Leutſeligkeit, wodurch ſie alle gewonnen wur⸗ den, den Bootsmann Hinton ausgenommen, ein Mann nach dem alten Schlage, der des Kaiſers Lobpreiſung nie hören konnte, ohne das bekannte, aber ausdrucksvolle„Humbug*)“(Schnikſchnab) vor ſich hin zu murmeln. Als ſie Corſika hinter ſich hatten, ſchlug er Ka⸗ pitain Usher vor, eine Kanone abzufeuern, um einen Fiſcherkahn aufzubringen, von welchem er einige Neuigkeiten zu hoͤren hoffte. Kapitain Usher ent⸗ ſchuldigte ſich und ſagte, ein ſolcher Akt von Feind⸗ ſeligkeit gegen einen Neutralen wuͤrde ihn denationa⸗ liſtren, ein gerader Widerſpruch gegen Napoleons Lehre in Betreff des Voͤlkerrechts. Der Kaiſer lachte —— * Der ehrrene Bootsmann wußte jedoch das Solide in Napo⸗ leons Verdienſen wohl zu unterſcheiden und zu wuͤrdigen. Als er im Namen der Schiffsmannſchaft fuͤr 200 Louis d'or zu danken hatte, die der Saiſer ihnen ſchenkte, ſo wuͤnſchte er Sr. Gnaden gute Geſundhut und beſſer Gluͤck fuͤr die Zukunft. Mit der naͤmlichen guten Laune nahm Napoleon jeden leichten Scherz auf, der ſelbſt auf ſeine eigene Koſten ge⸗ macht wurde. 3 — 25 herzlich. Ein anderma! beluſtigte er ſich damit, daß er die ſinnreichen Karrikaturen aufzaͤhlte, welche ſeine Reiſe in London ins Leben rufen wuͤrde. Er ſchien mit dieſer, obgleich ganz eigenthuͤmlichen Art von Satvre auf's innigſte vertraut. Als ſie am 4. Mai im Geſichtskreis von Porto Ferrajo, der Hauptſtadt von Elba, die einen ſehr huͤb⸗ ſchen Hafen hat, ankamen, fanden ſie die Inſel in einiger Verwirrung. Die Einwohner hatten ſich noch vor Kurzem gegen die Franzoſen aufgelehnt, und wa⸗ ren durch den Gouverneur und die Truppen, welche ihre Unterwerfung unter die Bourboniſche Regierung eingaben, beſchwichtigt worden. Dieſer Stand der Dinge vermehrte natuͤrlich Napoleons Beſorgniſſe, die ſich ſeit ſeinen Gefahren in der Provence nie ganz gelegt hatten. Selbſt an Bord des Unerſchrockenen hatte er verlangt, daß ein Marine⸗Sergant jede Nacht an der Außenſeite der Thuͤre zu ſeiner Kajuͤte ſchla⸗ fen, und ein treuer Diener innerhalb derſelben wachen ſollte. Als ſie ſich der Inſel naͤherten, zeigte er eini⸗ ges Bedenken, das Schiff in den Bereich der Batte⸗ rien zu briugen. Da er am Morgen zuerſt landete, geſchah es zu einer fruͤhen Stunde und in Verklei⸗ dung, nachdem er vorher vom Kapitän Usher zu ſei⸗ ner Bedeckung eine Abtheilung Seeſoldaten unter einem Sergeanten ſich ausgebeten hatte. Nachem der Kaiſer von Elba, wie man ihn jetzt nennen mag, von ſeinem Inkognito auf ſeiner Inſel 26 zum Fruͤhſtuͤk an Vord des Schiffes zuruͤckgekehrt war, ſtieg er um zwei Uhr nebſt den Kommiſſaͤren mit aller Foͤrmlichkeit an das Land, und erhielt, als er den Unerſchrockenen verließ, eine koͤnigliche Salve. Am Geſtade empfingen ihn der Gouverneur, der Praͤfekt und andere Beamte mit allen Ehrenbezeu⸗ gungen, die ihnen zu Gebote ſtanden, und fuͤhr⸗ ten ihn unter dem Vortritt einer elenden Muſikan⸗ tentruppe in Prozeſſion nach dem Stadthauſe. Das Volk bewillkommte ihn mit Freudengeſchrei. Der Name Buonaparte's, als des Kaiſers von Frankreich, war unter ihnen unpopulaͤr geweſen; allein ſie verſprachen ſich davon, daß er als ihr eigener ausſchließlicher Souverain unter ihnen reſidiren ſollte, betraͤchtliche Vortheile. Drittes Kapiltel. Elba.— Napole ons Lebensweiſe und Veſchaͤſtigung daſelbſt.— Wirkungen, welche ſeine Reſidenz in Elba auf das benachbarte italieniſche Koͤnigreich machte.— Er wird von ſeiner Mutter und der Prinzeſſinn Pauline, ſo wie auch von einem polni⸗ ſchen Frauenzimmer beſucht.— Sir Niel Campbell wird als al⸗ leiniger Kommiſſaͤr auf Elba zuruͤckgelaſſen.— Napoleons Un⸗ terhaltungen uͤber den Zuſtand von Europa.— Seine Geldver⸗ legenheiten.— Seine Beſorgniſſe wegen Ermordung.— Seine Ungeduld unter dieſen Beſchwerden.— Bunte Zuſammenſetzung ſeines Hofes.— Er zieht ſich vermittelſt der Hoffoͤrmlichkeiten 27 von dem Umgang mit Sir Niel Campbell zuruͤck.— Symp⸗ tome einer nahenden Kriſis.— Ein Theil der alten Garde ver⸗ laͤßt ihn, und kehrt nach Frankreich zuruͤck.— Napoleon ent⸗ kommt von Elba.— Er wird vergebens von Sir Niel Camp⸗ bell verfolgt.— Elba, auf deſſen Graͤnzen das maͤchtige Reich Na⸗ poleons nun zuſammengeſchmolzen war, iſt eine In⸗ ſel, gegenuͤber von der Kuſte von Toskana, von unge⸗ faͤhr 60(engliſchen) Meilen im Umfang. Die Luft iſt geſund, die Nachbarſchaft der Salzteiche ausge⸗ nommen. Das Land iſt gebirgig, und da ſie all die bluͤhende Vegetation Italiens hat, insgemein von ro⸗ mantiſchem Karakter. Es erzeugt wenig Korn, fuͤhrt aber eine betraͤchtliche Quantitaͤt Weine aus, und ſein Eiſen iſt beruͤhmt ſeit den Tagen Virgils, der Elba als eine „Insula in exhaustis chalybum generosa metallise beſchreibt. Es liefert auch andere Mineralproducte, die Inſel ruͤhmt ſich zweier guten Haͤfen, und bringt Weine, Oliven, Fruͤchte und Mais hervor. Wenn ſich ein Kaiſerreich innerhalb eines ſo geringen Flä⸗ chenraums denkeu ließe, ſo koͤnnte Elba, ſowohl in Hinſicht auf Anmuth als auf Abwechslung ſo viel bieten, daß es die Scene eines Sommernachttraums ven Souverainitaͤt darſtellen mochte. Buonaparte ſcchien ſich dieſer Taͤuſchung hinzugeben, wenn er, von Sir Niel Campbell begleitet, mit ſeiner gewoͤhn⸗ lichen neugierigen Aufgeraͤumtheit an den Kuͤſten ſeines kleinen Staates umherritt. Er verfehlte nicht, 28 die Eiſenbergwerke zu beſuchen, und da er erfuhr, daß ſie jaͤhrlich 500, oo0 Franken trugen, ſo ſagte er, dieſe gehoͤren denn alſo mir? Als man ihm aber be⸗ deutete, daß er dieſe Revenue der Ehrenlegion an⸗ gewieſen haͤtte, rief er aus:„Wo ſtand aber mein Kopf, als ich ein ſolches Geſchenk machte! allein ich habe viele tolle Dekrete dieſer Art erlaſſen.“ Ein paar Leute aus der aͤrmern Klaſſe der Ein⸗ wohner knieten, warfen ſich ſelbſt vor ihm nieder, wenn ſie ihm begegneten. Er ſchien daruͤber aufge⸗ bracht, und ſchrieb dieſe entehrende Erniedrigung ihrer elenden Erziehung unter der Mentorſchaft der Moͤnche zu. Bei dieſen Verwuͤnſchungen zeigte er dieſelbe Beſorgniß vor meuchleriſcher Ermordung, die ſeine Reiſe nach Frejus bezeichnet hatte. Zwei wohlbewaff⸗ nete Leute ritten vor ihm her, und unterſuchten je⸗ den verdaͤchtigen Ort. Als er aber einen Berg uͤber Ferrajo erſtieg, und den Ocean in jeder Richtung her⸗ anfluthen ſah, brach er mit einem gutgelaunten Laͤcheln in die Worte aus:„Ich muß geſtehen, meine Inſel iſt doch gar zu klein!“ Er gab jedoch vor, er habe ſich vollkommen in ſein Schickſal ergeben; oft rebete er von ſich, als einem politiſch todten Manne, und ſprach fuͤr das, was er uͤber politiſche Angelegen⸗ heiten aͤuſſerte, deßhalb Glaubwuͤrdigkeit an, weil ihm kein Intereſſe mehr dafuͤr geblieben ſey. Er gab vor, daß er Willens ſey, ſich ausſchließlich der Wiſſen⸗ ſchaft und Literatur zu widmen.— 29 Zu andern Zeiten ſagte er, er wolle auf ſeinem kleinen Eilande wie ein Friedensrichter in einem Land⸗ ſlaͤdtchen in England reſidiren. Napoleon kannte ſich aber wenig, wenn er wirklich glaubte, ſein raſtloſer, kraͤftiger Geiſt wuͤrde ſich mit der Betrachtung ab⸗ ſtrakter Wahrheiten begnuͤgen, oder an der Beſchaͤf⸗ tigung mit literariſchen Unterſuchungen Gefallen fin⸗ den. Er verglich ſeine Abdankung mit der Karls V., vergaß aber, daß der Nuͤcktritt des oͤſterreichiſchen Kai⸗ ſers freiwillig war, daß er gegen ſchlechte Verfolgun⸗ gen Schutz hatte, und daß ſelbſt im Beſitze dieſer Troſtgruͤnde Karl mit ſeiner Zuruͤckgezogenheit unzu⸗ frieden ward. Der Karakter Buonararte's war im Gegentheil fuͤr keinerlei Art von Zuruͤckgezogenheit geſchaffen. Seine Plane hatten auf Elba noch den⸗ ſelben kuͤhnen Flug, in welchem ſie Europa ſo lange erſchreckt und beunruhigt hatten; die Auſſenſeite alles deſſen, was um ihn her war, zu veraͤndern, ausge⸗ dehnte Umgeſtaltungen zu erſinnen, ohne genau die Mittel zu erwaͤgen, durch welche ſie vor ſich geben ſollten; in ſeinem winzigen Staate ſolche Veruͤnde⸗ rungen zu treffen, wie ſie nur immer deſſen Gren⸗ zen erlaubten, kurz im verjuͤngten Maßſtabe alles das durcheinander zu kehren, was er im Großen verſucht hatte, auf Elba daſſelbe politiſche Syſtem anzuwenden, das er ſo lange in Europa befolgt hatte, war der ein⸗ zige Wea, auf dem er fuͤr die ungeduldige Thatkraft ſeines Geiſtes, der von fruͤheſter Jugend auf andere 5⁰ zu wirken gewohnt war, Unterhaltung und Beſchaͤftiaung fand. Er wurde aber lethargiſch, verdruͤßlich und un⸗ zufrieden, wenn er aus Mangel an anderer Beſchaͤf⸗ tigung genoͤthigt war, mit ſich ſelbſt zu verkehren. Waͤhrend der erſten zwei oder drei Wochen ſeines Aufenthalts auf der Inſel Elba hatte Napoleon be⸗ reits ſolche Verbeſſerungen, oder wenigſtens Veraͤnde⸗ rungen und Neuerungen entworfen, daß ſie, wenn ſie mit den ihm zu Gebote ſtehenden Mitteln ausge⸗ fuͤhrt werden ſollten, vielleicht ſein ganzes Leben in Anſpruch genommen haͤtten. Es war kein Wunder, wenn er, der gewohnt war, uͤberall das Wort zu fuͤhren, Gehorſam zu finden, und als Oberhaupt eines großen Reiches die leitenden Plane zu entwerfen, ſich erinnerte, daß ſeine gegenwaͤrtigen Operationen ſich auf ein winziges Inſelchen beſchraͤnkten, wo die Aus⸗ fuͤhrung großartiger Plaͤne nicht ſowohl nach dem Nutzen, ſondern durch, den Mangel an Mitteln be⸗ ſchraͤnkt wurde. Im Verlauf einer Reiſe von zwei der drei Ta⸗ gen hatte Napoleon mit derſelben Geſchwindigkeit, die ſeine Bewegungen bei ſeinen haͤufigen Siegen durch Frankreich karakteriſirt hatte, jeden Ort auf ſeinem kleinen Eilande, die Minen, Waͤlder, Salzteiche, Haͤ⸗ fen, Befeſtigungswerke, kurz Alles beſucht, was einer augenblicklichen Beachtung wuͤrdig war, und Verbeſ⸗ ſerungen und Neuerungen mit jedem derſelben aus⸗ gedacht. Bis er dieß gethan hatte, konnte er weder 31: raſten noch ruhen, und als er es gethan, da man⸗ gelte es ihm an Beſchaͤftigung. 1 Einer ſeiner erſten und vielleicht am meiſten ka⸗ rakteriſtiſchen Plane ging dahin, ſeine Liliputerherr⸗ ſchaft durch Beſitznahme von einem unbewohnten Eilande, Rianoſa genannt, das wegen der haͤufigen Landungen von Korſaren unbewohnt blieb, zu erwei⸗ tern und zu vergroͤßern. Er ſandte vierzig Mann ſeiner Garde nebſt einer Begleitung von zehn unab⸗ haͤngigen Leuten von der Inſel auf dieſe Expedition— (welcher Kontraſt mit denen, welche er fruͤher machte!)— nahm einen Fortificationsplan auf, und bemerkte mit Selbſtzufriedenheit:„Europa wird ſagen, ich habe be⸗ reits eine Eroberung gemacht.“ In unglaublich kurzer Zeit hatte Napoleon den Plan zu mehreren Skraßen entworfen, Mittel er⸗ ſonnen, aus den Gebirgen Waſſer nach Porto Ferrajo zu leiten, die Erbauung zweier Pallaͤſte, den einen auf dem Lande, den andern in der Stabt, einer be⸗ ſondern Wohnung fuͤr ſeine Schweſter Pauline, Stäͤlle fuͤr 150 Pferde, eines Lazareths, mehrerer Gebaͤude zum Behuf der Thunfiſcherei und der Salzwerke nach einem neuen Plane in Porto Longone beſchloſſen. Der Kaiſer von Elba beſchloß gleichfalls, mehrere Domainen zu kaufen, und hatte den Preis ſelbſt an⸗ geſetzt, denn die Einwillung des Eigenthuͤmers wurde fuͤr nicht weſentlich bei dem Handel angeſehen. Er endigte damit, daß er in verſchiedenen Theilen des 3²2 Eilandes vier Reſidenzen erbaute, und weil ſeine Un⸗ terhaltung in beſtaͤndiger Veraͤnderung und Abwechs⸗ lung beſtand, reiste er mit der Raſtloſigkeit eines Bogels im Kaͤfig, der von Stange zu Stange ſpringt,⸗ weil ihm verwehrt iſt, ſich in die Luft, ſein natuͤr⸗ liches Element, zu ſchwingen, von der einen in die andere. Es ſchien, als ob die Groͤße des Objekts nicht ſewohl der Gegenſtand ſeiner Betrachtung waͤre, wenn ihm dieſes nur unmittelbaren Stoff gab, ſeinen beſtändigen und ungeduldigen Trieb nach Thaͤtigkeit zu befriedigen. Er war einem leidenſchaftlichen Spieler zu vergleichen, der, nicht mehr im Stande, große Summen einzuſetzen, lieber niedrig ſpielt, als daß er den Spieltiſch verlaͤßt. Napoleon richtete ſeinen Hof auf einen ſo ehrgei⸗ zeigen Fuß ein, daß er mehr mit dem, was er geweſen, als mit dem, auf was er reduzirt war, im Verhaͤlt⸗ niß ſtand, waͤhrend zugleich die Einrichtung und die innern Bequemlichkeiten des kaiſerlichen Pallaſtes bei Weitem einfacher waren, als bei einem Englaͤnder von gewoͤhnlichem Rang*). Die Proklamation des fran⸗ zoͤſiſchen Gouverneurs, in welcher er ſeine Gewalt an Napoleon uͤbertrug, geſchah in guten und ziem⸗ lichen Ausdruͤcken, aber das geiſtliche Mandat des *) Wir find in den Stand geſetzt, uͤber dieſe Punkte dem Pubti⸗ kum einen genauen und intereſſanten Bericht von Edward Hawke Locker Esg., nun Sekretaͤr bei dem Greenwicher Ho⸗ ſpital, zu geben. 53 General⸗Vikars Arrighi, eines Verwandten von Bou⸗ naparte, welches beſtimmt war, dem Volke von Elba Gluͤck zu wuͤnſchen, daß ſie Unterthanen des großen Napoleon geworden ſeyen, war aͤuſſerſt poſſterlich. „Erhoben zu der hohen Ehre, den Geſalbten des Herrn zu empfangen,“— damit beſchrieb er den un⸗ erſchoͤpflichen Born von Reichthum, der ſich durch die Haͤnde der Fremden, die kommen wuͤrden, um den Helden zu ſchauen, uͤber das Volk ergießen wuͤrde. Die Erklaͤrung lautete, als ob die Inſel die Reſidenz eines unbekannten Thieres geworden waͤre, das nun fuͤr Geld gezeigt werden ſollte. Das Perſonal von Napoleons Haushalt, obgleich auf 45 Perſonen reduzirt, behielt immer noch ſeine Titel, und ſprach den einem kaiſerlichen Hofe zukom⸗ menden Rang an, wovon wir den winzigen Souve⸗ rain ſogleich einen politiſchen Gebrauch machen ſehen. Er zog eine Nationalfahne auf, die auf der rechten Seite eine rothe Binde auf einem weißen Felde, und auf der Binde drei Bienen hatte. Daͤ er entdeckt hatte, daß der alte Namen von Porto Ferrajo Komo⸗ poli(d. i. die Stadt von Komo) war, ſo befahl er, um ſeiner Hauptſtadt die gebuͤhrende Wuͤrde zu ge⸗ ben, ſie Kosmopoli, d. h. die Stadt aller Nationen, zu nennen. Seine Leibgarde, aus etwa 700 Mann Infanterie und 30 Kavalleriſten beſtehend, ſchien Napoleons Auf⸗ merkſamkeit in gleichem Grade, wie fruͤher die groge W. Scott's Werke, LXI.. 3 3 44 Armee, zu beſchaͤftigen. Sie wurden beſtaͤndig exer⸗ zirt, beſonders im Schießen und Bombenwerfen, und bald war er, wie man bemerkte, darauf bedacht, ſie zu rekrutiren. Dieß ſiel nicht ſchwer, wo die ganze Welt erſt noch in den Waffen ſtand, und ſich mit einem Handwerk beſchaͤftigte, dem viele ohne Zweifel⸗ fuͤr die ein friedliches Leben keine Reize hatte, mit Bedauern entſagten, und wozu ſie ſich wieder zu⸗ ruͤckſehnten. Schon im Monat Junius 1814, war eine be⸗ deutende Gaͤhrung in Italien, welches die Nachbar⸗ ſchaft Elba's, der Aufenthalt mehrerer Glieder der Buonapartiſchen Familie und die Herrſchaft Murats zu einem allgemeinen Sammlungsort der Freunde und Bewunderer Buonaparte's machte. Jeden Tag nahm dieſes Treiben zu, und durch verſchiedene Kuͤnſte ſuchte man eine Ausſicht auf Napoleons zukuͤnftige Ruͤckkehr zu verbreiten; Schaaren von Rekruten ſchiff⸗ ten von Italien nach Elba hinuͤber, um ſich in Na⸗ poleons Garden einreihen zu laſſen, und zwei Indi⸗ viduen, die in ſeinem Dienſte ſtanden, wurden in Leghorn verhaftet, bei denen man Liſten von meh⸗ reren Hunderten vorfand, die Napoleon dienen woll⸗ ten. Dieſe Gaͤhrung und Unzufriedenheit, welche auf ſolche Weiſe in Italien erzeugt wurde, ſtieg ſehr durch das unpolitiſche Benehmen des Civilgouverneurs von Toskana, Fuͤrſt Roſpiglioſi, welcher alle Formen und Einrichtungen, welche fruͤher unter den Herzogen von 55 Toskana galten, wieder zuruͤckrief, das. Muſeum auf⸗ hob, das von Buonaparte's. Schweſter errichtet war, und waͤhrend er zu allen Abgeſchmacktheiten der alten Regierung zuruͤckkehrte, keine der von den Franzoſen angeſetzten Abgaben erließ. Napoleons Benehmen gegen die Fluͤchtlinge, die ihren Weg nach Elba fanden, mag aus folgender Skitze entnommen werden. Am 11. Juli wurde Co⸗ lomboni, Kommandant eines Bataillons vom 4ten Linienregiment in Italien, dem Kaiſer als neu ange⸗ kommen vorgeſtellt.„Gut, Colomboni, was haben ſie in Elba zu ſchaffen?“— „Erſtlich, Ew. Majeſtaͤt meine ſchuldige Ehrer⸗ bietung zu bezeugen; zweitens mich anzuhieten, unter Ihren Garden eine Muskete zu tragen.“ „Das iſt zu niedrig fur Sie, Sie muͤſſen es et⸗ was beſſer haben,“ erwiederte Napoleon, und ſetzte ihm ſogleich einen jaͤhrlichen Behalt von 1200 Fr. aus, obgleich es wohl bekannt iſt, daß der Kaiſer da⸗ mals ſelbſt in großer Geldverlegenheit war. Gegen die Mitte des Sommers warb Napoleon von ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter, der Prin⸗ zeſſinn Pauline, beſucht. Zu dieſer Zeit ſchien er gleichfalls eine Wiedervereinigung mit ſeiner Gemah⸗ lin Marie Louiſe erwartet zu hahen, welche, wie es hieß, nach Italien kommen ſollte, um von ihren dor⸗ tigen Landen Beſitz zu nehmen. Ihre Trennung nebſt den Umſtaͤnden, die vor Paris ſtatt fanden, wa⸗ 36 ren der einzige Gegenſtand, uͤber den ihn ſeine Maͤ⸗ ßigung verließ. Hieruͤber fuͤhrte er immer eine ſtarke und heftige Sprache, und ſagte, daß das Verbot mit ſeiner Gemahlinn und ſeinem Sohne umzugehen, zu Wien allgemeine Mißbilligung errege,— daß in neueren Zeiten kein gleicher Grad von Unmenſchlich⸗ keit und Ungerechtigkeit erhoͤrt worden ſey,— daß die Kaiſerinn gefangen gehalten werde, indem ſie beſtaͤn⸗ dig ein hiezu aufgeſtellter Offtzier begleiten muͤſſe,— ſie haͤtte, ehe ſie Orleans verlaſſen, geaͤuſſert, daß ſie die Erlaubniß verlange, auf der Inſel Elba ſich wie⸗ der zu ihm zu begeben, allein es ſey ihr verweigert worden. Es ließ ſich, fuhr er fort, bei dieſer Tren⸗ nung ein Schatten von Politik, aber keiner von Ge⸗ rechtigkeit denken. Oeſterreich wollte die Tochter ihres Souverains mit dem Kaiſer von Frankreich vermaͤh⸗ len, ſuchte aber alle Verbindung mit dem Kaiſer von Elba abzubrechen, weil zu befuͤrchten waͤre, daß die, einer Tochter vom Hauſe Habsburg gebuͤhrende Ehr⸗ erbietung, wenn ſie bei ihrem Ehegemahl reſidirte, zu vielen Glanz auf den abgedankten Souverain ver⸗ breiten würde. Der oͤſterreichiſche Kommiſſaͤr, General Kohler, beſtand ſeiner Seits darauf, daß die Trennung mit Einwilligung, und ſogar auf Erſuchen der Kaiſerinn Marſe Louiſe ſtatt gefunden habe, und gab zu ver⸗ ſtehen, daß Napoleons Wunſch nach ihrer Vereinigung aus anderen Gruͤnden, als denen haͤuslicher Zunei⸗ 37 gung, entſprungen ſey. Geben wir aber auch zu, daß Napoleons Abſichten, wenn er ſo ernſtlichen Wunſch nach der Gemeinſchaft mit ſeiner Gemahlin hegte, politiſcher Natur waren, ſo koͤnnen wir dennoch nicht einſehen, wie ein ſolches Verlangen aus Gruͤnden der Vernunft oder der Gerechtigkeit abgeſchlagen werden konnte, da ſolches ſelbſt einem zur Trausportation verurtheilten Boͤſewicht erfuͤllt wird. Wir hielten es nicht fuͤr nothwendig, die Erzaͤh⸗ lung wichtiger Begebenheiten durch Auffuͤhrung von Details zu unterbrechen, die mehr in den Roman ge⸗ hoͤren; da wir aber Napoleon jetzt mehr nach ſeinem Privatkarakter ſchilbern, ſo mag ein myſterioͤſer Um⸗ ſtand ſeine Erwaͤhnung finden. Gegen das Ende Auguſts 1814 kam ein Frauen⸗ zimmer mit einem Knaben von 5 bis 6 Jahren von Leghorn her auf der Inſel Elba an. Sie ward von Napoleon mit großer Aufmerkſamkeit, zugleich aber mit beſonderer Heimlichkeit empfangen, und in eine kleine ſehr entfernte Villa in dem entlegenſten Win⸗ kel des Eilandes einlogirt. Die Bewohner von Elba ſchloſſen natuͤrlich, daß dieß die Kaiſerinn Marie Louiſe und ihr Sohn ſeéyn muͤßten; allein ſie ward von der naͤhern Umgebung Napoleons fuͤr ein polniſches Frauen⸗ zimmer aus Warſchau⸗ erkannt, und der Knabe war das Unterpfand eines Liebesverhaͤltniſſes zwiſchen ihr und Napoleon vor mehreren Jahren. Der Grund 38 ihrer eiligen Abreiſe mochte Zarkgefuͤhl fuͤr Marie Louiſe und die Beſorgniß ſeyn, dem Wiener Hof einen Grund fuͤr die fortgeſetzte Trennung zu geben, uͤber welche Napoleon ſich beklagte. In der That ſchrieben die Oeſterreicher, um ihr eigenes Be⸗ nehmen zu vertheidigen, alles den Unregelmaͤßigkeiten Buonaparte's zu; die Unterſuchung der Wahrheit dieſer Beſchuldigungen moͤchte aber nicht ſehr er⸗ baulich ſeyn.. Um die Mitte des Mai's verabſchiedete ſich Ba⸗ ron Kohler von Napoleon, um nach Wien zuruͤckzu⸗ kehren. Er war ein oͤſterreichiſcher General von Rang und Ruf, ein vertrauter Freund und alter Schul⸗ kamerad des Fuͤrſten Schwarzenberg. Die Trennungs⸗ ſcene Napoleons von dieſem Manne war von des Kaiſers Seite aͤußerſt ruͤhrend. Er weinte, als er General Kohler umarmte, und beſchwor ihn, wo moͤg⸗ lich fuͤr ſeine Wiedervereinigung mit ſeiner Gemahlinn und ſeinem Kinde zu ſorgen— nannte ihn den Ret⸗ ter ſeines Lebens, bedauerte, nicht im Falle zu ſeyn, ihm ein waͤrdiges Andenken geben zu koͤnnen,— hielt ſchließlich den oͤſterreichiſchen General mehrere Mi⸗ nuten umarmt, und wiederholte Ausdruͤcke der waͤrm⸗ ſten Zuneigung. Dieſe Ruͤhrung war aber durchaus nur einſeitig, denn als ein Englaͤnder, welcher Zeuge dieſer Scene war, Kohler nachher fragte, an was er gedacht haͤtte, als er dem Kaiſer in den Armen gele⸗ 29 gen, antwortete der Oeſterreicher,—„an Judas Iſchariot.“ Nach der Abreiſe des Baron Kohlers war Obriſt Sir Niel Campbell der einzige von den vier Kom⸗ miſſaͤren, der auf Befehl des brittiſchen Kabinets in Elba blieb. Es war ſchwer zu ſagen, was ſein wirt⸗ liches Geſchaͤft oder was ſeine Inſtruktionen waren. Er hatte weder Gewalt, Titel, noch Mittel, Napo⸗ leons Bewegungen enkgegen zu treten. Der Kaiſer war kraft eines Traktats— ob weiſe oder thoͤricht, war zu ſpaͤt zu fragen— als unabhaͤngiger Souve⸗ rain betrachtet. Sir Niel Campbell konmte alſo nur in der Eigenſchaft eines Abgeſandten an ſeinem Hofe zugelaſſen werden, und auch nicht eines Abge⸗ ſandten von gewoͤhnlichem Karakter, um Geſchaͤfte in Ordnung zu bringen, die den Hof betrafen, von wel⸗ chem er abgeſandt wurde, ſondern in einer Eigen⸗ ſchaft, die durchaus nicht eingeſtanden wurde, mit der Obliegenheit naͤmlich, das Benehmen deſſen zu beobachten, an deſſen Hof er reſidiren ſollte. Wirk⸗ lich hatte Sir Niel Campbell keine direkte oder oſtenſible Stellung, was denn auch der franzoͤſiſche Miniſter von Elba ſogleich benutzte. Drouet, Gou⸗ verneur von Porto Ferrajo, ſtellte ſo genaue Nach⸗ fragen von dem brittiſchen Abgeſandten angenomme⸗ nen Karakter und der Laͤnge ſeines Aufenthalts an, daß ſich letzterer zu der Erklaͤrung genoͤthigt ſah, ſeine Befehle gingen dahin, bis zur Aufloͤſung des 4⁰ Kongreſſes, der nun die Verhaͤltniſſe Europens feſt⸗ ſetzen ſollte, in Elba zu bleiben; ſollte er jedoch die Weiſung bekommen, auch nach dieſer Zeit da zu bleiben, ſo wollte er ſich dafuͤr verwenden, daß ſeine Stellung einen oͤffentlichen, und wie er nicht zweifle, achtbaren Karakter bekomme. Napoleon hatte nichts gegen die laͤngere obgleich zweideutige Gegenwart Sir Niel Campbells auf Elba einzuwenden. Im Gegentheil gab er ſich das Anſehen, als faͤnde er Gefallen daran. Geraume Zeit ſchien er ſogar die Geſellſchaft des engliſchen Abgeſandten aufzuſuchen, hielt mehrere Unterredun⸗ gen mit ihm, und ſprach mit anſcheinender Vertrau⸗ lichkeit uͤber oͤffentliche Angelegenheiten. Solche Un⸗ terredungen liegen im Auszuge vor uns, und obgleich es auf der einen Seite augenſcheinlich iſt, daß Na⸗ polrons Aeußerungen im Allgemeinen nach einem vorbedachten Plane eingerichtet waren, ſo iſt doch auf der andern Seite eben ſo gewiß, daß ſein feuri⸗ ges Temperament ihn, wenn er einmal im Fluſſe des Geſpraͤches war, mehr von ſeinen wirklichen An⸗ ſichten entdecken ließ, als er nach kaͤlterer Ueberle⸗ gung haͤtte geſchehen laſſen. Am 16. September 1814 z. B. hatte Sir Niel Campbell eine dreiſtuͤndige Audienz, waͤhrend welcher Napoleon mit ſeiner Unfahigkeit, laͤnger zu ſitzen, von einem Ende des Zimmers bis zum andern auf und nieder ging, und unaufhoͤrlich ſprach. Er ward 41¹ gluͤcklich, wie er ſagte, daß Sir Niel in Elba blieb pour rompre la chimère(um den Gedanken zu widerlegen) daß er, Buonaparte, die fernere Abſicht habe, den Frieden von Europa zu ſtoͤren.„Ich denke,“ fuhr er fort,„an nichts, was außer dem Bereich meiner kleinen Eilande liegt. Ich haͤtte den Krieg noch 20 Jahre hinausziehen koͤnnen, wenn ich gewollt haͤtte. Ich bin nun ein geſtorbener Mann, mit Nichts, als meiner Familie, meiner Ab⸗ geſchiedenheit, meinem Hauſe, meinen Kuͤhen und meinem Federvieh beſchaͤftigt;“ dann ſprach er in den ehrendſten Ausdruͤcken von dem enaliſchen Ka⸗ rakter, und betheuerte, daß er immer ſeine aufrich⸗ tigſte Bewunderung beſeſſen, ungeachtet der Vor⸗ wuͤrfe, die ſolchem in ſeinem Namen gemacht worden ſeyen. Er erſuchte den brittiſchen Abgeſandten, ihm in Vaͤlde fuͤr eine engliſche Grammatik beſorgt zu ſeyn. Es iſt zu bedauern, daß Mr. Hinton, der Bootsmann, nicht gegenwaͤrtig war, um dieſe Lob⸗ ſpruͤche mit ſeinem beliebten Stoßſeufzer zu be⸗ gleiten. Gegen das Ende der Unterhaltung war der Kai⸗ ſer von Elba wahrſcheinlich ernſthafter. Er erkun⸗ digte ſich eifrig nach dem wirklichen Zuſtand von Frankreich. Sir Niel Campbell benachrichtigte ihn, daß alles, was er hoͤren koͤnnte, von der großen Weisheit und Maͤßigung des Souverains und der Regierung zeuge; er geſtand jedoch, daß diejenigen, 4² welche gute Anſtellungen verloren, die Kriegsgefan⸗ genen, welche von außen heimgekehrt, und ein großer Theil der Armee, die noch beiſammen blieb, Napo⸗ leon immer noch zugethan waͤren. Buonaparte ſchien dagegen die Stabilitaͤt des Thrones zuzugeben, da er in den Marſchaͤllen und hohen Offizieren eine Stuͤtze finde; allein er lachte uͤber die Idee, Frankreich die Wohlthat einer freien Verfaſſung zu geben, und ſagte, der Verſuch, die engliſche nachzuahmen, wuͤrde eine Farce, eine Karrikatur werden. Es waͤre unmoͤglich, bemerkte er, die zwei Parlamentskammern nachzu⸗ ahmen, denn ſolche reſpektable Familien, wie diejeni⸗ gen, welche die Ariſlokratie von England bildeten, eriſtirten bis jetzt in Frankreich nicht. Er ſprach mit Bitterkeit von der Ceſſion Belgiens, und davon, daß Frankreich Antwerpen verloren. Er rede hier, meinte er, als Zaſchauer ohne Hoffnung oder Intereſſe, denn er habe keines; daß man aber die Franzoſen ſo ſehr, gedemuͤthigt habe, zeuge von Unkenntniß ihres Na⸗ tionakarakters. Ihr Hauptgefuͤhl ſey Stolz und Ehre, und die Verbuͤndeten duͤrften keinen Zuſtand der Zu⸗ friedenheit und Ruhe bei der Lage erwarten, in welche ſie Frankreich verſetzt haͤtten. Die Franzoſen, ſagte er, ſeyen einzig durch eine große numeriſche Ueber⸗ macht beſiegt, und daher nicht erniedrigt worden, die Bevoͤlkerung habe nicht ſo viel gelitten, als man Zlaube, denn er habe immer das Blut der Franzoſen verſchont, und das der Italiener, der Deutſchen und 45⁵ anderer Auslaͤnder gefaͤhrdet; er bemerkte, daß die Er⸗ kenntlichkeit Ludwigs XVIII. gegen Großbrittannien eine Beleidigung fuͤr Frankreich fey, und daß man den Koͤnig ſpottweiſe den Vicekoͤnig von England nenne. In den letzten Monaten des Jahres 1814 merkte Sir Niel Campbell, daß Napoleon ihn, ſoviel es ohne poſttive Unhoͤflichkeit moͤglich war, von ſeiner Gegen⸗ wart auszuſchließen ſuchte. Er verſchanzte ſich in alle Foͤrmlichkeiten eines kaiſerlichen Hofes, und ohne dem brittiſchen Praͤſidenten einen poſitiven Beſchwerde⸗ grund oder ein Recht zu geben, eine Erklaͤrung zu verlangen, ſuchte er ihm großentheils alle Gelegenheit zu einer Unterredung abzuſchneiden. Die einzige Ge⸗ legenheit, bei der er Zutritt bei Napoleon erhielt, war ſeiner jedesmaligen Rückkehr von kurzen Ausfluͤgen nach Leghorn und Florenz, wo es Sache der Etikette war, ihm bei dem Lever aufzuwarten. Bei ſolchen Gelegenheiten wurde der Inhalt von Napoleons Prophezeihungen fuͤr den Frieden von Euro⸗ pa drohend. Er ſprach beſtaͤndig von einer Beſchim⸗ pfung Frankreichs, indem man ihm Belgien und ſeinen Lieblingsgegenſtand Antwerpen genommen habe. Am 50. Oktober ſchilderte er, als er ſich uͤber die⸗ ſes Kapitel verbreitete, die Neizbarkeit der Nation, und ſagte, jeder Franzoſe betrachte den Rhein als Frankreichs natuͤrliche Grenze, und nichts koͤnne dieſe Meinung aͤndern. Es fehle, fuhr er fort, in Frank⸗ reich nicht an einer, durch natuͤrliche Anlage, durch die 44 Folgen der Revolntion und die Idee des Ruhms vor jeder andern Nation kriegeriſchen Bevoͤlkerung. So war nach ſeiner Angabe Ludwig XIV. trotz allem Un⸗ gluͤck, das er uͤber das Land brachte, immer noch be⸗ liebt wegen des Glanzes ſeiner Siege und der Pracht ſeines Hofes. Die Schlacht bei Roßbach habe die Revolution her⸗ beigefuͤhrt. Ludwig XVIII. verſtehe den Karakter der Fran⸗ zoſen durchaus nicht, wenn er meinte, daß er durch Ver⸗ nunftſchluͤſſe oder Ueberredung, oder das Geſchenk einer freien Verfaſſung das Volk dazu vermoͤgen koͤnnte, in einen Zuſtand von friedlicher Betriebſamkeit herabzu⸗ ſinken. Er behauptete, daß die Anweſenheit des Her⸗ zogs von Wellington in Paris eine Beſchimpfung der franzoͤſiſchen Nation ſey, daß im Lande noch große Zwietracht herrſche, und der Koͤnig in der Armee und unter dem Volke nur wenige Freunde zaͤhle. Viel⸗ leicht verſuche der Koͤnig ſich eines Theils der Armee badurch zu entledigen, daß er ſie nach St. Domingo ſchickte; allein das wuͤrde man, meinte er, leicht durch⸗ ſchauen, er ſelbſt habe eine traurige Erfahrung mit dem Verluſt von 50,000 Mann gemacht, welche die Nutzloſigkeit ſolcher Erpeditionen genugſam bewieſen haͤtte. Dann hielt er an ſich, und ſuchte zu zeigen, daß er bei den prophezeihten Revolutionen kein perſoͤnliches Intereſſe noch irgend eine Hoffnung habe.„Ich bin ein geſtorbener Mann ſprach er,„ich wurde zum Soldaten geboren, habe einen Thron beſtiegen, bin von ihm herabgeſtiegen, und ſomit auf alles vorbe⸗ 7 * 45 reitet, was mich treffen mag. Sie moͤgen mich an eine entfernte Kuͤſte bringen, oder hier mich zum Tode fuͤhren, ich werde meine Bruſt frei dem Dolche oͤffnen. Als ich noch General Buonaparte war, hatte ich mir eigenes Vermoͤgen erworben— nun bin ich alles deſſen beraubt.“ Bei einer andern Gelegenheit beſchrieb er die Gaͤhrung in Frankreich, wovon er durch die Kor⸗ reſpondenz ſeiner Garden mit ihrem Heimathlande in Kenntniß geſetzt worden ſey, und er vergaß ſeine Rolle als Verſtorbener ſo ſehr, daß er offen erklaͤrte, die gegenwaͤrtige Unzufriedenheit wuͤrde mit aller Furie der fruͤheren Revolution hervorbrechen, und ſeine Wie⸗ derauferſtehung nothwendig machen,„dann,“ ſo ſchloß er,„werden die Souveraine Europa's bald finden, wie es fuͤr ihre eigene Ruhe nothwendig werde, mich zur Beſchwoͤrung des Sturmes aufzufordern. 4 Dieſe Art der Unterhaltung war vielleicht die beſte, ſeinen geheimen Vorſatz vor dem brittiſchen Kom⸗ miſſaͤr zu verbergen. Sir Niel Campbell, obgleich nicht ohne Argwohn, hielt es dennoch fuͤr unwabr⸗ ſcheinlich, daß er mit einem erxcentriſchen Entſchluß umginge, wenn er nicht von Seiten Frankreichs oder Italiens dazu verſucht wuͤrde. 6 Napoleon fuͤhrte dieſelbe Sprache gegen andere, wie gegen den brittiſchen Regenten. Er war freund⸗ lich, ſelbſt herzlich(wie es ſchien) gegen die vielen Frendden, welche aus Neugierde kamen, ihn zu be⸗ 46 4 ſuchen. Er ſprach von ſeiner Abgeſchiedenheit, wie Diocletian in den Garten von Salona gethan haben mochte; er ſchien ſeine politiſche Laufbahn fuͤr beendigt anzuſehen, und hauptſaͤchlich damit beſchaͤftigt zu ſeyn, ſolche Punkte in ſeinem fruͤheren Leben aufzuklaͤren, welche von der Welt ſtreng beurtheilt werden konnten. Indem Buonaparte freie und unbefangene Antworten denen, welche mit ihm umgingen, und beſonders Englaͤndern von Rang ertheilte, fand er darin ein bereites Mittel, dem Publikum ſolche Aufklaͤrungen in Betreff ſeines vergangenen Ledens mitzutheilen, wie ſte ſich am beſten ſuͤr ſeine Abſicht eignen mochten. So ſuchte er den Plan der Vergiftung ſeiner Gefan⸗ genen in Syrien, des Blutbads in Jaffa, die Ermor⸗ dung des Herzogs Enghien, und andere Graͤuelthaten nicht zu laͤugnen, ſondern zu beſchoͤnigen. Ein Kai⸗ ſer, ein Eroberer, der ſich vom Kriege zuruͤckgezogen und ſeiner Gewalt beraubt iſt, muß guͤnſtiges Gehoͤr bei ſolchen finden, die das romantiſche Vergnuͤgen haben, ihn ſeine eigene Sache plaͤdiren zu hoͤren. Mildere Anſichten uͤber ſeine Maßregel begannen in Europa in Umlauf zu kommen; und uͤber der Neu⸗ gierde, den gefangenen Souverain zu ſehen und zu bewundern, vergaß man der Verheerungen, die er im Zuſtand der Freiheit angerichtet hatte. Als der Winter anfieng, konnte man eine Veraͤn⸗ derung in Napoleons Manieren und Gewohnheiten bemerken. Die Umgeſtaltungen, welche er, auf der⸗ Truppen, um ſie bei dem inſurgirten Landvolk einzu⸗ 47 Inſel vorbereitet, hatten fuͤr ihn nicht mehr daſſelbe Intereſſe; er verzichtete von Zeit zu Zeit auf die ſtarke Bewegung, die er anfangs gemacht, bediente ſich lieber eines Wagens, denn ſeines Roſſes, und verſank zuweilen in einen Zuſtand tiefſinniger Be⸗ trachtung, der mit duͤſterer Niedergeſchlagenheit ver⸗ bunden war. Auch verfiel er in Unruhe, der er bisher fremd geblieben war, und die ſich von pekuniaͤren Verlegen⸗ heiten herſchrieb. Er hatte ſich mit un vorſichtigem Eifer in Ausgaben verſetzt, ohne ſeine Huͤlfsquellen gegen die Koſten der projektirten Aenderungen in An⸗ ſchlag zu bringen. Das baare Geld, welches er mit aus Frankreich brachte, ſchien bald zu Ende gegangen, und um wieder Zubuße zu haben, erließ er an die Bewohner ſeiner Inſel den Befehl, in dem Monat Junius die Steuern des laufenden Jahres zu zahlen. Dieß veranlaßte perſoͤnliche Bitten und Unzufriedenheit. Man ſtellte ihm vor, daß die Bewohner der Inſel, weil ſie ihren Wein in den vergangenen Monaten nicht verwerthen konnten, in ſolcher Noth waͤren, daß ſie aufs außerſte getrieben wuͤrden, wenn man auf der Forderung be⸗ ſtuͤnde. In einigen Doͤrfern fanden die Steuerein⸗ nehmer des Kaiſers Widerſtand und wurden inſultirt. Napoleon detachirte ſeiner Seits einen Theil ſeiner 48 legen und ſo lange auf deſſen Koſten unterhalten zu laſſen, bis die Steuern bezahlt ſeyn wuͤrden. So finden wir bei dieſer ſeiner Miniatur⸗Regierung dieſelbe Weisheit und dieſelben Fehler, wodurch Buo⸗ naparte die Herrſchaft der Welt gewonnen und ver⸗ loren hatte. Die Plane der Verbeſſerungen im In⸗ nern, welche er entworfen, waren wahrſcheinlich an ſich ſehr gut; allein er ſchritt zur Ausfuͤhrung deſſen, was er beſchloſſen, mit zu großem und zu ruͤckſicht⸗ loſem Ungeſtuͤm, mit zu eigenſinniger Entſchiedenheit, das, was ihm gut duͤnkte, auszufuͤhren, und mit zu weniger Beruͤckſichtigung der Geſinnungen Anderer. Da die Steuern nur eine geringe Huͤlfsquelle boten, und die Summen mit Muͤhe von den duͤrftigen Eilaͤndern eingetrieben wurden, ſo mußte Napoleon zu andern Huͤlfsquellen ſeine Zuflucht nehmen, die fuͤr einen Mann von ſeinem Stolze aͤußerſt verdruͤß⸗ lich ſeyn mußten. Da aber ſeine Einkuͤnfte, ſoweit ſie ſich ſchaͤtzen ließen, nicht uͤber 300,000 Fr. betrugen, und ſeine Ausgaben ſich zum wenigſten auf eine Mil⸗ lion beliefen, ſo ſah er ſich genoͤthigt, den Gehalt der meiſten ſeiner Dienerſchaft herabzuſetzen, und den Lohn der Bergleute auf den vierten Theil zu reduciren, durch den Verkauf der fuͤr die Garniſonen aufbewahr⸗ ten Proviſionen, ja ſelbſt durch Verwerthung eines Artillerietrains an den Herzog von Toskana, ſich Geld zu verſchaffen; auch gab er einiges Eigenthum weg, ein großes Haus, das zu einer Kaſerne gebraucht wor⸗ 9 49 den war, und entſchloß ſich ſogar endlich das Stadt⸗ haus zu Porto Ferraio zu verkaufen. Wir haben angefuͤhrt, daß Napoleons ungeduldi⸗ ger Eifer, alle Plane, die in ſeinem fruchtbaren Geiſte aufſtiegen, ſogleich auszufuͤhren, die Grundurſache dieſer Geldverlegenheiten war. Allein ſie waren nicht weniger dem unehrenhaften unwuͤrdigen Benehmen des franzoͤſiſchen Miniſteriums zu Schuld zu legen. Die franzoͤſiſche Regierung war unter allen audern am meiſten durch Gewiſſen, Ehre und Politik ver⸗ pflichtet, daß der Traktat von Fontainebleau, welcher der Schemel war, auf welchem Ludwig XVIII. wieder den Thron beſtieg, gegen Napoleon genau gehalten wuͤrde. Der ſechste Artikel dieſes Traktats ſetzt eine Leibrente, oder Revenue von 2,500,000 Fr. feſt, die in den Staats⸗Etat von Frankreich aufgenommen, und ohne Abzug oder Verzoͤgerung Napoleon Buonaparte entrichtet werden ſollten. Dieſer zaͤhrliche Gehalt wurde von den Marſchaͤllen Macdonald und Ney als Entſchaͤdigung fuͤr Napoleons Reſignation ſtipulirt, und die franzoͤſiſchen Miniſter konnten, ohne große Ungerechtigkeit gegen Napoleon, und ohne Beſchim⸗ pfung der verbuͤndeten Maͤchte die Bezahlung dieſer Summe nicht verweigern. Nichts deſto weniger wurde dieſe Rente nicht nur nicht regelmaͤßig ausbezahlt, ſondern man fand nicht einmal eine Spur, daß Na⸗ poleon jemals eine einzelne Summe davon uͤbermacht wurde. Der brittiſche Praͤſident erklaͤrte, als er den W. Scott's Werke. Lxr, 4 5⁰ Erkaiſer in ſolchen Verlegenbeiten ſah, zu wiederholten Malen, daß er, wenn dieſe Verlegenheiten ihn noch laͤnger druͤcken wuͤrden, und er nicht nach außen einen gebuͤhrenden Hofſtaat unterhalten koͤnnte, gar wohl im Stande waͤre, mit ſeinen Truppen nach Piombino uͤberzuſetzen, oder einen andern tollkuͤhnen Streich zu unternehmen. Dieß war Sir Niel Camp⸗ bells Meinung am 31. Oct. 1814, und Lord Caſt⸗ lereagh machte daruͤber ernſtliche Vorſtellungen, ob⸗ gleich Großbrittannien die einzige Macht unter den Verbuͤndeten war, welche dem Traktat von Fontaine⸗ bleau nicht urſpruͤnglich beitrat, und ſomit die Voll⸗ ziehung deſſelben ſeinen Theilnehmern mit Sicherheit anheimgeben konnte. Die Franzoſen ſchaͤmten ſich nicht, fuͤr ihr Benehmen die techniſche Rechtfertigung vorzubringen, daß man den Jahrsgehalt nicht eher zu zahlen ſchuldig ſey, als bis das Jahr verfloſſen waͤre, eine Rechtfertigung, welche wir nur als Aus⸗ flucht betrachten koͤnnen, da eine ſolche Penſion fuͤr den Lebensunterhalt dient, und deren Raten voraus⸗ bezahlt werden muͤſſen. Der Gegenſtand wurde zu wiederholten Malen von Sir Niel Campbell iin An⸗ regung gebracht; allein es ſcheint nicht, daß das franzoͤſiſche Miniſterium von einem Verfahren ab⸗ ging, das, aus gemeiner Rachſucht, oder Geiz, oder daraus entſtanden, daß es ſelbſt in Verlegenheit war, eben ſo unehrenhaft als unpolitiſch erſchien. Andere Beſorgniſſe bewegten Buonaparte's Ge⸗ 51 muͤth. Er fuͤrchtete die algieriſchen Seeraͤuber, und verlangte, England ſolle ſeinetwegen ins Mittel treten. 3 Er glaubte, oder gab vor zu glauben, daß Brou⸗ lart, Gouverneur von Corſika, der fruͤher Chouanen⸗ führer war, der Freund von Georges Pichegru und andern, dahin von dem Miniſterium Ludwigs XVIII. geſchickt worden ſey, um ihn umzubringen, und daß geeignete Agenten zu dem Ende von Corſika nach Elba abgeſandt worden ſeyen*). Er verlangte, man ſollte ihm einen Plan vorlegen, den Vertrag von Fontainebleau dahin abzuaͤndern, daß er von ſeinem Zufluchtsorte entſernt, und zu St. Helena oder St. Lucia in Gewahrſam gebracht wuͤrde. Es iſt moͤglich, daß dieſe Beſorgniſſe nicht ganz ungegruͤndet waren; *) Buonaparte hatte befondern Grund, ſich vor Broulart zu fuͤrch⸗ ten. Dieſer Chouanenfuͤhrer war unter der Zahl derjenigen geweſen, welche ihre Waffen niederlegten, als Napoleon das Conſulat antrat, und die Crlaubniß bekommen hatten, in Pa⸗ ris zu wohnen. Ein Freund von Broulart, noch mehr ſchul⸗ dig als dieſer, wuͤnſchte die Erlaubniß zu erhalten, von Eng⸗ land zuruͤckzukehren, wohin er ausgewandert war; er wandte ſich durch Broulart an Napoſeon, von dem er die Weiſung erhielt, ſeinen Freund zur Zurüͤckkunft aufzumuntern. Sobald er in Frankreich landete, wurde er ſeſtgeſetzt, und hingerichtet. Vor Gram und Kummer, das Werkzeug geworden zu ſeyn, wodurch ſein Freund ums Leben kam, floh Broulart nach England. In ſeinem Ingrimm ſchrieb er einen Brief an Na⸗ voleon, und drohte, ihn mit eigener Hand ums Leben zu brin⸗ gen. Die Erinnerung an dieſe Drohung beunruhigte Buona⸗ parte, als er Broulart in Corſika ſich ſo nahe ſah.⸗ 5² denn obgleich kein Jota als Beweis dafuͤr vorliegt, daß man annehmen koͤnnte, die Verbuͤndeten haͤtten einem ſo unwuͤrdigen Gedanken Raum gegeben, ſo war doch das Geruͤcht in Frankreich, Italien und auf den Inſeln des Mittelmeers allgemein verbrei⸗ tet, und ohne Zweifel von ſolchen, welche wuͤnſchten, Buo⸗ naparte noch einmal in Thaͤtigkeit zu ſetzen, beſonders unterſtuͤtzt worden. Er druͤckte wenigſtens uber die⸗ ſen Gegenſtand große Beſorgniß aus, und erklaͤrte oft, daß er ſeine Batterieen bis auf's Aeußerſte ver⸗ theidigen würde; oͤfters ſtellte er ſich auch, als ob er glaubte, daß ihm ein Aufenthaltsort in England angewieſen werden ſollte, was ihm, wie er vorgab, perſoͤnlich nicht zuwider war, waͤhrend er hinlaͤngliche Gruͤnde dafuͤr anfuͤhrte, um ein ſolches Verfahren zu hintertreiben. Er ſey verſichert, ſagte er, daß er perſoͤnliche Freiheit und die Mittel haben wuͤrde, einige Vorurtheile zu heben, die man gegen ſeinen Karakter hege, der noch nicht in dem rechten Lichte erſcheine. Er ſchloß jedoch mit dem Bedeuten, daß er durch einen Aufenthalt in Enaland leichtere Kom⸗ munikation mit Frankreich haben wuͤrde, wo immer vier von ſeiner Partei gegen einen Bourboniſten ſtaͤnden; und wenn er dieſes Kapitel erſchoͤpft hatte, kehrte er immer wieder zu ſeinen Klagen uͤber die Haͤrte und Grauſamkeit zuruͤck, womit man ihn des Umgangs mit ſeinem Weib und Kind beraube. Waͤhrend Buonaparte von Mangel und andern 53 Beſchwerden heimgeſucht, und gequaͤlt von ſeinem nimmer raſtenden, allem Zwang widerſtrebenden Geiſte ſich ſolchen Verbacht erregenden Ausbruͤchen hingab, welche wenigſtens haͤtten Vorſicht empfehlen ſollen, begann ſein Hof eine beſondere Geſtalt anzunehmen, die derjenigen entgegengeſetzt war, welche ſonſt die Hoͤfe der winzigen Souvergine auf dem Feſtlande darbieten. An den letztern zeigt ſich ein Air von altvaͤteri⸗ ſcher Gravitaͤt, das ſich in der ganzen Staatseinrich⸗ tung ausſpricht, und den Abgang von Glanz und wirklicher Macht erſetzen ſoll. Der ſchwerfaͤllige Ap⸗ parat, welchen Regierungen von unabhaͤngiger Stel⸗ lung haben, iſt auf den Etat von Staͤtchen ange⸗ wandt, die keine bedeutendere Mittel, als mancher Privatmann haben, der ganze Geſchaͤftsgang iſt lang⸗ ſam und unbehuͤlflich, das Aeußere ganz im alten Style formeller Groͤße angelegt, waͤhrend weder Sou⸗ verain noch Staatsrath von Expeditionen, Eroberun⸗ gen oder irgend einem politiſchen Gedanken ſich etwas traͤumen laͤßt. Der Hof von Porto Ferrajo war das Gegenſtuͦck von all dieſem. In der That verdiente dieſer Platz in einer Hinſicht den Namen Cosmopolis, welchen Napoleon ihm zu geben wuͤnſchte. Es glich der Hof einer großen Barake, mit Soldaten, Gensd'armen, Polizeioffizianten aller Art, Fluͤchtlingen jeder Nation, Candidaten und Hofbeamten, Domeſtiken und Aben⸗ 54 teurern angefuͤllt, welche alle mit Buonaparte ver⸗ bunden waren, und von ſeiner Hand Wohlthaten ge⸗ noſſen oder erwarteten. Geruͤchte jeder Art durch⸗ zogen dieſe bundſcheckige Gruppe, wie die Staͤubchen im Sonnenſchein. Verdaͤchtige Perſonen erſchienen, und verſchwanden wieder, ohne daß man eine Spur von ihrer Reiſe oder Abſicht erfahren konnte. Der Hafen war mit Schiffen aus allen Theilen Italiens angefuͤllt. Dieß war nothwendig, um der Inſel die fuͤr eine ſo ungewoͤhnliche Bevoͤlkerung nothwendigen Vorraͤthe zu liefern; auch erſchienen in Porto Fer⸗ rajo Schiffe von allen Nationen aus Neugierde oder Spekulation, oder weil ſie von widrigen Winden da⸗ hin getrieben wurden. Die vier Schiffe Napoleons und die ſiebzehn zum Dienſte der Bergwerke gehö⸗ rigen waren beſtaͤndig auf Fahrten nach allen Theilen Italiens begriffen, und brachten heruͤber, oder fuͤhrten nach dem Feſtlande Italiener, Sicilianer, Franzoſen und⸗Griechen, welche alle in Thaͤtigkeit zu ſeyn ſchie⸗ nen, und weder fuͤr ihre Ankunft noch fuͤr ihren Ab⸗ gang einen Grund angaben. Ein aus dem Kloſter entſprungener Moͤnch, Dominiko Ettori, und ein grie⸗ chiſcher Theologe wurden als Agenten von einiger Be⸗ deutung unter dieſer Gruppe betrachtet. Die Lage Sir Niel Campbells war auſſerſt ſchwie⸗ rig. Napoleon hielt ſich mehr denn je an die Regeln eder Hofetikette, und ſchloß nicht allein den brittiſchen Geſandten von ſeiner Gegenwart aus, ſondern ſuchte — 5⁵ auch deſſen Beſuche bei ſeiner Mutter und Schweſter zu hintertreiben. Er konnte deßwegen blos aus Audienzen bei Napoleon Aufſchluͤſſe zu erhalten hof⸗ fen, und um dieſe zu bekommen, ſah ſich Sir Niel, wie wir bereits erwaͤhnten, genoͤthigt, Elba von Zeit zu Zeit zu verlaſſen, was ihm Gelegenheit gab, bei ſeiner Abreiſe und ſeiner Ruͤckkehr um eine Audienz zu bitten. So lange er ſich auf der Inſel befand, wurde er vernachlaͤßigt, und es ward ihm alle Aufmerkſamkeit verſagt; allein es geſchah ſo fein, daß es ihm un⸗ moͤglich war, eine foͤrmliche Beſchwerde einzulegen, beſonders da er keinen officiellen Karakter angenom⸗ men hatte, und in der Lage eines Gaſtes war, deſſen Zudringlichkeit ihn in die Diskretion ſeines Wir⸗ thes gab. Symptome einer nahen Kataſtrophe konnten je⸗ doch dem brittiſchen Reſidenten nicht verborgen blei⸗ ben. Napoleon hatte Zuſammenkuͤnfte mit ſeiner Mutter, nach welchen ſie ſehr traurig ſchien. Man hoͤrte ſie auch von drei Deputationen ſprechen, welche er aus Frankreich erhalten hatte. Auch ward uͤber⸗ dieß der Umſtand fuͤr ſehr verdaͤchtig angeſehen, daß ² bis 500 Mann von Napoleons alter Garde ver⸗ abſchiedet oder beurlaubt wurden, vermittelſt welcher, wie man zu ſpaͤt entdeckte, das Militaͤr in Frank⸗ reich beſtochen, verfuͤhrt, und auf das, was folgen ſollte, vorbereitet wurde. Wir koͤnnen nicht anneh⸗ zmen, daß viele Perſonen in das Geheimniß wirklich 56 eingeweiht waren; allein alle waren dafuͤr vorbereitet, das Lob des Kaiſers in ſeinem Erile auszupoſaunen, alle unterhielten und verbreiteten den Glauben, daß er bald erſcheinen werde, um ſeine Rechte wieder anzuſprechen. Endlich benachrichtigte der franzoͤſiſche Conſul zu Leghorn, Mariotti, und der toskaniſche Gouverneur dieſer Stadt, Spannoki, Sir Niel Campbell, es ſey zu Elba beſchloſſen, daß ſich Buonaparte mit ſeinen Garden nach dem Feſtlande einſchiffen ſollte. Sir Niel war eben zu Leghorn, als er dieſe Nachricht er⸗ hielt, und hatte die Kriegsſchaluppe Partridge(Reb⸗ huhn) mit dem Befehle zuruͤckgelaſſen, um Elba zu kreuzen. Man ſchloß natuͤrlich, daß Navoleons Abſicht nach Italien ginge, um ſich mit ſeinem Schwager Murat zu vereinigen, welcher in dieſer Zeit zu ſeinem Unheil die Fahne des Krieges erhob. Als den 25. Februar die Patridge nach Leghorn gekommen, und Sir Niel Campbell an Bord ge⸗ nommen, ließ der Anblick der Nationalgarde auf den Batterien ſtatt der Grenadiere der kaiſerlichen Leib⸗ wache mit ihren Helmbuſchen, den brittiſchen Praͤ⸗ ſidenten, als ſein Schiff ſich Porto Ferrajo naͤherte, mit einem Male das Vorgefallene errathen. Bei ſeiner Landung fand er Buonaparte's Mutter und Schweſter in ſcheinbarer Todesangſt uͤber das Schick⸗ ſal ihres Kaiſers, von dem ſie nichts zu wiſſen vor⸗ 57 gaben, als daß er gegen die Kuͤſte der Barbarei ge⸗ ſteuert ſey. Sie ſuchten alles anzuwenden, Sir Niel Campbell auf dem Lande zuruͤckzuhalten. Ihren Bit⸗ ten widerſtehend, und die nachdruͤcklichern Vorſtellun⸗ gen des Gouverneurs zuruͤckweiſend, der nicht unge⸗ neigt ſchien, zur Verhinderung ſeiner Wiederein⸗ ſchiffung Gewalt zu gebrauchen, gelangte der britti⸗ tiſche Abgeſandte wieder an Bord ſeines Schiffes und flog mit vollen Segeln dem Abenteurer nach. Allein es war zu ſpaͤt. Die Partridge bekam die Flotille nur von Weitem zu Geſicht, nachdem Buonaparte mit ſeinen Leuten gelandet hatte. Die Veraͤnderungen, welche in Frankreich ſtatt ge⸗ funden, und zu der gegenwaͤrtigen hoͤchſt kühnen Un⸗ ternehmung aufgemuntert hatten, ſollen im naͤchſten Kapitel abgehandelt werden. Viertes Kapitel. Ruͤckblick.— Die Reſtauration der Bourbons mißfaͤllt dem Heere, genuͤgt aber dem Volke.— Frankreich erhaͤlt von den Verbuͤn⸗ deten guͤnſtige Bedingungen.— Unzufriedenyeit uͤber die Art der Ertheilung der Karte.— Andere Gruͤnde der Unzufrieden⸗ beit.— Beſorgniſſe, die Güter der Krone und Kirche moͤchten zuruͤckverlangt werden. Die Jakobiner⸗Partei erhebt ſich wie⸗ der.— Die Unzufriedenheit in der Armee nimmt zu.— Die Anſpruͤche der Emigranten laſſen ſich in der Kammer der Ab⸗ geordneten vernehmen.— Marſchall Macdonalds Vorſchlag.— Finanzverlegenheiten.— Beſchraͤnkunden der Preſſe.— Refle⸗ rionen uͤber dieſen Gegenſtand⸗ 58 Wir muͤſſen einen Ruͤckblick thun auf die Wieder⸗ herſtellung der Bourbons im Jahre 1814, ein Er⸗ eigniß, das unter ſo ungewoͤhnlichen Umſtaͤnden ſtatt fand, daß es außerordentliche Erwartungen auf Be⸗ gluͤckung des Volkes erregte, Erwartungen, welche gleich der zu fruͤhen und zu uͤppigen Entwicklung der Bluͤthen der reifenden Frucht ſchadeten, und den Un⸗ willen uͤber das Mißlingen der zu ſanguiniſchen Hoffnungen vergroͤßerte. Eine zeitlang war alles voll roſenfarber Laune. Die Franzoſen beſitzen mehr als andere Nationen, die Kunſt, den Augen⸗ blick zu genießen, ohne mit Bedauern zuruͤck auf die Vergangenheit oder mit unheimlichen Ahnungen vor⸗ waͤrts auf die Zukunft zu blicken. Ludwig XVIII., achtungswerth wegen ſeiner litterariſchen Kenntniſſe und der Uebung haͤuslicher Tugenden, ſogar liebens⸗ wuͤrdig wegen einer Miſchung von Gutmuͤthigkeit und eines Talents mit Witzen zu ſpielen, wurde in der Hauptſtadt ſeines Koͤnigreichs mit Freuden empfan⸗ gen, in welche allein die Soldaten nicht von Herzen einſtimmten. Sie erſchienen wirklich mit duͤſtern verdruͤßlichen und unzufriedenen Blicken. Die wei⸗ land kaiſerlichen, nun koͤniglichen Garden ſchienen nach dem wilden Trotz ihres Anblickes ſich mehr als Ge⸗ fangene, die im Triumph aufgefuͤhrt werden, denn als Soldaten zu betrachten, welche Theil an ihm nehmen. Allein die hoͤheren und mittleren Klaſſen, im All⸗ gemeinen diejenigen, welche bei der Entthronung Na⸗ 59 poleons nicht unmittelbar verloren, wuͤnſchten ſich mit aufrichtiger Satisfaction Gluck, zu der Ausſicht auf Frieden, Ruhe und Befreiung von laͤſtigen Auflagen. Wenn ſie, wie ſich wohl vorausſetzen laͤßt, auch keine perſoͤnliche Zuneigung zu den Repraͤſentanten einer Familie hatten, die Frankreichs Intereſſe ſo lange fremd geweſen, ſo wuͤnſchten eſie doch im Grund ihres Herzens, daß der Abgang dieſer Zuneigung durch die ungewohnte Ausſicht auf Ruhe und Sicherheit, welche ihre Ruͤckkehr verſprach, erſetzt werden möchte. Die ver⸗ buͤndeten Monarchen ihrer Seits thaten alles, um die Bourboniſche Familie zu beguͤnſtigen, und ließen die meiſten der herben und unſchmackhaften Bedingungen nach, welche ſie an ihre proponirte Unterhandlung mit Buongparte geknuͤpft hatten, als wollten ſie dem legi⸗ timen Thronerhen bei ſeinem Volke den ehrenvollen Glauben erwecken, daß er zugleich ihre Ehre gerettet, und die vorthetthafteſten Bedingungen fuͤr ſie er⸗ ‚halten habe. Die Franzoſen ergriffen dieſe Gunſtbezeugungen mit Freuden, und vermoͤge ihrer Geſchicklichkeit, ihre Empfindungen nach dem Augenblick zu ſtimmen, ſchie⸗ nen ſie eine zeitlang den vollen Vortheil dieſes Wech⸗ ſels anzuerkennen, und davon ſo viel moͤglich zu pro⸗ fitiren. Man erzaͤhlt ſich von einem franzoͤſiſchen Soldaten in fruͤhern Zeiten, welcher in einem Zuſtand von Betrunkenheit ſeinen General inſultirt hatte, 60 und am andern Morgen vor ihn gebracht, und ge⸗ fragt wurde: ob er die Perſon ſey, welche die Belei⸗ digung begangen habe? Der Angeklagte antwortete, er ſey es nicht, denn der unverſchaͤmte Schelm habe ſich vor 4 Uhr Morgens davon gemacht,— zu welcher Zeit der Schuldige in einem Zuſtand von Nuͤchtern⸗ heit erwacht war. Das franzoͤſiſche Volk machte gleich dieſem Erzſchelmen einen Unterſchied zwiſchen ſeinem jetzigen und fruͤheren Selbſt, und ſchien die Identitaͤt derſelben laͤugnen zu wollen. Sie waren, wie ſie ſagten, nicht mehr die republikaniſchen Franzo⸗ ſen, die ſo viele Graͤuel in ihrem eigenen Lande ver⸗ uͤbt, noch die kaiſerlichen Franzoſen, die ſolche Verheerungen in fremden Laͤndern angerichtet, und Gott behute, daß fuͤr die Suͤnden dieſer beiden das gegenwärtig wiedergeborne Geſchlecht der koͤnig⸗ lichen Franzoſen heimgeſucht werde, das ergeben ihrem angeſtammten Fuͤrſtenhauſe, und tren ſei⸗ nen Verbuͤndeten allein von dem Wunſche beſeelt ſey, gegen Außen Frleden und im Innern Eintracht zu genießen. Dieſe Bekenntniſſe, welche wahrſcheinlich fuͤr den Augenblick aufrichtig waren, wurden noch durch die natuͤrliche Aengſtlichkeit des Monarchen unterſtuͤtzt, womit er vermoͤge ſeines Einfluſſes bei den verbuͤn⸗ deten Maͤchten die beſtmoͤglichſten Bedingungen fuͤr ſein Land zu erhalten ſuchte, und ohne viel umſtaͤnde ———ỹ—;—ꝛ—x— —yy———— 61 als allgemein angenommen. Es ſchien, als oh Buo⸗ naparte mit ſeiner Entweichung nach Elba alle Sün⸗ den des franzoͤſiſchen Volkes mit ſich genommen haͤtte, gleich dem Suͤndenbock, welcher nach dem levitiſchen Geſetze, mit den Suͤnden der Kinder Iſrael beladen, in die Wildniß getrieben wurde. In dem ganzen Verfahren der verbuͤndeten Maͤchte ſprach ſich nicht allein Maͤßigung, ſondern auch ein ſtudiertes Zartgefuͤhl gegen die Empfindungen der Franzoſen aus, das ganz nach romantiſchem Edelmuth ſchmeckte. Sie ſchienen ebenſo zu verhehlen, daß ſie geſiegt hatten, als die Pariſer, daß ſie beſiegt worden waren. Die Schaͤtze der Kunſt, dieſe Spolien fremder Laͤnder, de⸗ ren Zuruͤckerſtattung an ihre rechtmaͤßigen Beſitzer die Gerechtigkeit laut verlangte, wurden, um der Eitel⸗ keit der Hauptſtadt zu ſchmeicheln, in dem Beſitze der franzoͤſiſchen Nation belaſſen. In einer Anwandlung dieſes romantiſchen und mehr denn zweideutigen Edel⸗ muthes, wovon wir geſprochen, wurden, als ein noch verderblicheres Geſchenk, alle franzoͤſiſche Kriegsge⸗ fangene in Maſſe, und ohne vorgaͤngige Unterſuchung in Betreff ihrer politiſchen Grundſaͤtze oder der Par⸗ thei, die ſie in Zukunft bei innerlichen Kaͤmpfen neh⸗ men wuͤrden, mit einemmal in ihr Vaterland zuruͤck⸗ geſchickt. Dieſe Art, Frankreich zu behandeln, glich mit allem Rechte der einer unvernuͤnftigen Amme gegen ihr Kind, wenn ſie ihm das Meſſer, wornach es ſchreit, in die Haͤnde gibt. Die unſeligen Folgen 62 dieſer unklugen Freigebigkeit zeigten ſich bald genug im folgenden Jahre. Der Senat Napoleons hatte, als er die Bour⸗ bonen wieder auf den Thron berief, dieß nicht ge⸗ than, ohne von Seiten der Nation und ſeiner ſelbſt tipulationen zu machen. Sie entwarfen ein De⸗ cret, kraft deſſen ſie Ludwig Stanislaus Xavier, den Bruder des letzten Koͤnigs, auf den Thron beriefen, allein unter der Bedingung, daß er eine von ihnen entworfene Konſtitution annaͤhme. Dieß angemaßte Recht, eine Verfaſſung zu diktiren, und fuͤr die Nation einen Koͤnig zu ernennen, war von einer andern Beſtimmung begleitet, nach welcher der Senat als erblich erklaͤrt, und fuͤr ſie und ihre Erben der Rang, die Ehrenſtellen und Vortheile, welche ſie“ unter Napoleon blos lebenslaͤnglich genoſſen, fuͤr alle Zukunft beſtaͤtigt wurden. Der Koͤnig weigerte ſich, das Recht des Senates, die Bedingungen zu diktiren, unter welchen er einen Thron beſteigen ſollte, der ihm nach dem Recht der Erbfolge gebuͤhrte, und auf den er nie verzichtet hatte, anzuerkennen, oder die ihnen unter Buonaparte zu Theil gewordenen Dotationen als ihr ausſchließliches Eigenthum zu erweitern. Er ſetzte ſich daher die Krone, als der naͤchſte und rechtmaͤßige Erbe deſſen auf, von dem ſie zuletzt getragen worden war, und ſchenkte dem Lande eine ſelbſtverfaßte Konſtitution, 63 wie ſie der Geiſt der Zeit verlangte, und er nicht geſonnen war, ſtreitig zu machen. Die Einreden gegen die Art dieſes Verfahrens wollen, prakriſch genommen, nichts beſagen. Es iſt für das franzoͤſiſche Volk von keiner Bedeutung, ob die Konſtitution dem Koͤnige von den Repraͤſentanten des Volks, oder dieſen von dem Koͤnige vorgelegt wurde, wenn ſie nur in einer unwiderruflichen Form die Beſtaͤtigung der nationellen Freiheiten enthielt. Fuͤr den Koͤnig aber haͤtte, wenn er ſich zu der Kreatur einer Senatswahl verſtanden haͤtte, dieß ſo viel geheißen, als ob er jede ephemere Tyrannei aner⸗ kannte, die ſich auf der Buͤhne der Revolution er⸗ hoben, und dort ihre Rolle geſpielt hatte; er haͤtt⸗ damit alle Neuerungsverſuche ſanktionirt, da die, welche Koͤnige und Autoritaͤten ſchaffen, auch das un⸗ veraͤußerliche Recht haben muͤſſen, ſie zu entthronen und abzuſchaffen. Es ſollte nicht vergeſſen werden, wie das brittiſche Volk zu den wichtigen Zeiten der Reſtauration und Revolution handelte, als es in beiden Kriſen das Recht des Blutes fuͤr die Nach⸗ folge auf dem Thron anerkannte, mochte dieſer nun durch die Hinrichtung Karls I. oder die Abdan⸗ kung Jakobs II. erledigt ſeyn. 8 Als Grundſatz wag ferner angefuͤhrt werden, daß in allen neueren europaͤiſchen Staaten der Koͤnig dem Namen nach der Born der Geſetze und der Ge⸗ rechtigkeit iſt, und daß in ſeinem Namen Verord⸗ 64 nungen erlaſſen und Erkenntniſſe vollzogen werden, ohne daß ihm hiemit das deſpotiſche Recht einge⸗ raͤumt wird, die einen zu machen und die andern abzuaͤndern. Obgleich alſo die Konſtitution Frankreichs in der gewoͤhnlichen Form einer oͤniglichen Karte gegeben wurde, ſo war der Koͤnig um nichts mehr berech⸗ tigt, die Beſtimmungen derſelben zuruͤckzunehmen oder abzuaͤndern, als Koͤnig Johann die der Magna Charta Englands aufzuheben. Monſieur, des Koͤ⸗ nigs Bruder, hatte bei ſeinem feierlichen Einzuge in Paris in ſeinem Namen verſprochen, daß Ludwig die Baſis der von dem Senat entworfenen Verfaſ⸗ ſung anerkennen wuͤrde; dieſes Verſprechen war auch in vollem Maße durch die Karte geloͤst; und weiſe Leute wuͤrden mehr darauf bedacht geweſen ſeyn, ſich die darin zugeſtandenen Wohlthaten zu ſichern, als gegen die Art, auf welche ſie gegeben wurden, allzu aͤngſtlich einzureden. Ludwig hatte auch wirklich nicht allein die dem alten Gebrauch angemeſſenſte Form, ſondern auch eine ſolche angenommen, von der er glaubte, daß ſie beide Parteien, die Royaliſten, wie die Revolutionaͤrs, befriedigen wuͤrde. Er beſtieg den Thron nach ange⸗ ſtammtem Recht, und geſtand dann freiwillig dem Volke in einer unwiderruflichen Form die weſent⸗ lichen Principien einer freien Verfaſſung zu. Allein beide Parteien waren mehr unzufrieden uͤber das, 65 was ſie als verloren betrachteten, als erfreut uͤber das, was ſie durch dieſe Anordnung gewannen. Die Royaliſten betrachteten die Verfaſſung mit ihren Conceſſionen als eine freiwillige Abtretung der koͤnig⸗ lichen Praͤrogative, waͤhrend die revolutionaͤre Partei rief, das Empfangen einer Karte von dem Koͤnig durch einen Akt ſeines freien Willens ſey an und fuͤr ſich ein Zeichen der Knechtſchaft; und dieſelbe koͤnigliche Praͤrogative, welche dieſe Freiheiten zuge⸗ ſtand, koͤnnte, wenn ſie anerkannt wuͤrde, als eine ſolche betrachtet werden, der es zuſtaͤnde, dieſelben nach Willkühr zu kuͤrzen oder zuruͤckzunehmen. Und ſo geht es, Thorheit, Parteigeiſt, Stolz und Leiden⸗ ſchaft koͤnnen die beſten Maßregeln mißdeuten und die oͤffentliche Meinung vergiften, ſo daß jedes Ein⸗ gehen auf ihre Wuͤnſche der Gegenſtand neuer Kla⸗ gen wird. Die Bildung des Miniſteriums gab noch ernſt⸗ haftere Gruͤnde zur Beſorgniß und zum Tadel. Die verſchiedenen Verrichtungen des Miniſteriums wur⸗ den bei der Reſtauration in den Haͤnden von Per⸗ ſonen gelaſſen, welche aus den durch die proviſoriſche Regierung ernannten gewaͤhlt worden waren. Alle Mitglieder des proviſoriſchen Staatsraths wurden zu koͤniglichen Staatsminiſtern berufen; manche von ihnen, obgleich mit ſchaͤtzbaren Talenten begabt, wa⸗ ren unter den Wechſeln der Revolution aufgewachſen und hatten oder konnten das Vertrauen des Koͤnigs W. Seott's Werke. 1XI. 5 66 nicht außer den Grenzen der Geſchaͤfte erhalten, die von jedem verſehen wurden. Talleyrand, Miniſter der auswaͤrtigen Angelegen⸗ heiten, deſſen Talente und Anſpruͤche ihm ein Recht auf die Stelle eines Premier⸗Miniſters gegeben haͤt⸗ ten, war durch ſeine politiſche Unbeſtaͤndigkeit unpo⸗ pulaͤr; und man hielt es nach einiger Zeit fuͤr das Beſte, ihn an den Wiener Kongreß abzuſenden, da⸗ mit ſeine diplomatiſche Kunſt bei der Berichtigong der aͤußern Verhaͤltniſſe Frankreichs mit den andern Maͤchten Europens beſchaͤftigt wuͤrde. Die Abweſen⸗ heit dieſes vollendeten Staatsmannes war jedoch fuͤr die koͤnigliche Sache von großem Nachtheil. Er hatte zwar waͤhrend der mannichfachen revolutionaͤren Wech⸗ ſel ſein Leben, ſeine Auszeichnung und haͤufig auch ſeinen Einfluß behauptet, und bewieſen, daß er, wie der alte Graf von Pembroke zu ſagen pflegte, zu dem Geſchlecht der Weiden, nicht der Eichen gehoͤre, Allein es war die Meinung der weiſeſten Maͤnner in Frankreich, daß es in Betracht der Zeiten, in welchen er lebte, nicht angehe, von ſeiner Anhaͤnglichkeit an oder Ab⸗ neigung gegen Individuen zu ſprechen, ſondern ſein Benehmen im Allgemeinen und die Marimen ins Auge zu faſſen, die er in Hinſicht der Intereſſen Frankreichs zu empfehlen pflegte. Man hat mit Wahrheit behauptet, daß er nach den erſten Irr⸗ thuͤmern und Aufwallungen des republikaniſchen Eifers, von dieſem Standpunkt aus beurtheilt, ein 67 günſtiges Urtheil hatte erhalten muͤſſen. Die Raͤthe, welche er Napoleon gab, waren, wie es hieß, fuͤr das Wohl der Nation berechnet, und ſo waren es auch die Maßregeln, welche er dem Koͤnig empfahl; viel davon iſt wirklich wahr, und doch, wenn wir an die politiſche Exiſtenz des Fuͤrſten Benevente denken, ſo koͤnnen wir nicht umhin, der perſoͤnlichen Geſchick lichkeit einer Begleiterinn im Feld zu gedenken, die in treuer Anhaͤnglichkeit an die Grenadier⸗Kompag⸗ nie beſtand. Dupont wurde zum Kriegsminiſter ernannt, viel⸗ leicht der Verfolgung wegen, die er uner Napoleon in Folge ſeiner Uebergabe zu Baylen an die Spanier erlitten hatte. Spaͤter ward Soult auf dieſen wich⸗ tigen Poſten berufen, auf weſſen Empfehlung laͤßt ſich nicht ermitteln. Als Napoleon von dieſer An⸗ ſtellung durch den engliſchen Reſidenten hoͤrte, be⸗ merkte er, er wuͤrde ein weiſer und gauter Mann ſeyn, ſo lange ſich keine patriotiſche Partei in Frank⸗ reich zeige; wuͤrde aber eine ſolche ſich, erhehen, ſo gab er ganz offen zu verſtehen, daß die Bourbons keine goldene Berge auf Soult's Anhaͤnglichkeit an ihre Sache bauen duͤrften; und ſo geſchah es auch. Um die Inkonvenienten in Betreff ſeines Mini⸗ ſteriums noch zu vergroͤßern, hatte Ludwig XVIII. ſich einen Favorit⸗, obgleich nicht Premierminiſter auserwaͤhlt. Graf Blakas d'Aulps, Miniſter des koniglichen Haushalts, ein alter und vertrauter Be⸗ 68 gleiter der koͤniglichen Perſon waͤhrend ihres Erils, war, wie man dafuͤr hielt, der Kanal, durch welche des Koͤnigs Wuͤnſche den andern Miniſtern mitge⸗ theilt wurden, und ſein Schutz wurde als der ſicherſte Zutritt in die Gunſt des Hofes angeſehen. Ohne ſeinem Gebieter die Dienſte eines Premier⸗ miniſters zu thun, oder die Macht oder Verantwort⸗ lichkeit dieſer hohen Stellung zu haben, hatte de Bla⸗ kas den vollen Theil von Gehaͤſſigkeit, bie ſolche ge⸗ woͤhnlich mit ſich bringt. Die Royaliſten, welche ihn um Bewillgungen an⸗ gingen, die in die Departements anderer Miniſter gehoͤrten, wurden ihm boͤſe, wenn er eine Verwen⸗ bung zu ihren Gunſten ablehnte, als ob er, nachdem er ſeinen eigenen Ehrgeiz befriedigt, gegen die In⸗ tereſſen derjenigen gleichgultig geworden waͤre, deren Leidensbruder er waͤhrend der Emigration geweſen. Die Oppoſitionspartei andererſeits betrachtete Graf Blakas als einen abſoluten Miniſter, der, ſelbſt Emi⸗ grant, der Schutzpatron der Emigranten war, als einen Royaliſten im hoͤchſten Grade, und ſomit als einen Feind aller konſtitutionellen Stipulationen zu Gunſten der Freiheit. So viel iſt gewiß, daß die Unpopulari⸗ taͤt des Herrn von Blakas mit allen Raͤnken und Par⸗ teien im Staate den ſchlimmſten Einfluß auf die Sache des Koͤnigs hatte, und da ſein Anſehen, einer blinden ſowohl, als verſtockten Ergebenheit von Seiten Lud⸗ wigs zugeſchrieben ward, ſo wurde der Monarch na⸗ 69— tuͤrlich in die Unpopularitaͤt des Koͤniglichen Haushalts mit eingeſchloſſen. Die Friedensbedingungen waren, wie wir bereits angedeutet, ſorgfaͤltig darauf berechnet worden, ihn den Geſinnungen des franzoͤſiſchen Volkes zu empfehlen. Frankreich war allerdings der ausgedehnten Macht be⸗ raubt, die es fuͤr die Unabhaͤngigkeit anderer europai⸗ ſchen Nationen gefaͤhrlich machte, und im Allgemeinen in die Grenzen eingewieſen, welche es am 1. Januar 1792² hatte. Doch war die Sache nicht zu weit getrie⸗ ben worden. Es wurden ihm noch einige unbedeu⸗ tende Anhaͤngſel von Seiten Deutſchlands und der Niederlande gelaſſen, und auf der gegen Sapoyen hatte es noch die anſehnlichen Staͤdte Camberry, An⸗ necy, Avignon mit Benaiſſin und Moͤmpelgard be⸗ halten. Allein dieſe Conceſſionen halfen nicht viel, und wenn ſie das, was verloren worden, betrachteten, ſo waren viele Franzoſen, nachdem die Erinnerung, daß ſie erſt noch einem furchtbaren Kriege entgangen waren, in den Hintergrund getreten, natuͤrlicher, wenn gleich unbilliger Weiſe aufgelegt, gegen die Reduction ihrer Grenzen zu murren, und zu behaupten, daß wenigſtens Belgien in ihrem Beſitze haͤtte bleiben ſol⸗ len. Dieſe Meinung ward noch unterſtuͤtzt und er⸗ muthigt von den Buonapartiſten, welche die Abtretung dieſes Landes mit um ſo ſcheelerem Auge anſahen, weil dieß ein Punkt war, auf den, wie man wußte, vorzuͤglich England gedrungen hatte. 70 Hat England aber eine ſtolze Rolle geſpielt, ſo ſpielte es auch eine großmuͤthige. Es hatte nicht zu fordern, keine Ruͤckerſtattung zu ſtipuliren, denn es hatte waͤhrend aller Feindſeligkeiten keine Beeintraͤch⸗ tigung ſeines Gebiets erlitten. Der Krieg, der die meiſten andern Nationen beinahe zu Grunde gerich⸗ tet, hatte Großbrittannien in den Ve itz aller fran⸗ zoͤſiſchen Colonien geſetzt, und Frankreich kein Schiff, keinen Hafen in ganz Oſt⸗ und Weſtindien gelaſſen; um dem ganzen noch die Krone aufzuſetzen, ſtand es nicht in der Macht des vereinigten Europas, England eine einzige dieſer Eroberungen, welche ſie auf ſolche Art gemacht, mit Gewalt zu entreißen. Die Frage war alſo nur, was Großbrittannien freiwillig an einen Feind abtreten wollte, der ihm außer dem Verſprechen, beſſere Grundſaͤtze anzuneh⸗ men, und nicht laͤnger als der Ruheſtoͤrer von Europa aufzutreten, kein Aequivalent geben konnte. Der Ab⸗ tretungen waren ſo viele und ſo bedeutende, daß es am Tage lag, wie England weit entfernt war von der gemeinen und ſelbſtſuͤchtigen Abſicht, ein Kolo⸗ nial⸗Monopol zu ſuchen, oder die Moͤglichkeit einer commerziellen Nebenbuhlerſcaft aufheben zu wollen. Außer Tabago und Mauritius wurde alles an Frank⸗ reich zuruͤckgegeben. Dieſe Opfer, im Geiſte des Friedens und der Maͤßigung gebracht, waren nicht ohne Fruͤchte. Sie ſicherten Großbrittannien die Dankbarkeit und die 7¹ Achtung anderer Staaten, und gaben ſeinen Rath⸗ ſchaͤgen den Charakter der Gerechtigkeit und Unpar⸗ theilichkeit, worin die beſte Staͤrke der Nationen beſteht, ſie gaben ihm eine Stellung von mehr Ein⸗ fluß und Bedeutung in der civiliſirten Welt, als der unbeſtrittene Beſitz aller Baumwollenfelder und Zucker⸗ inſeln in Oſt und Weſt ihm jemals haͤtten geben koͤnnen. Immer ward, jedoch mit Ruͤckſicht auf Frankreich insbeſondere, der Frieden nicht nach der Wichtigkeit empfohlen, zu welcher er England erhoben hatte, die ſo lange nationell genannte Eiferſucht, die in je⸗ dem Tagsblatte, in jeder politiſchen Urkunde, welche Buo⸗ naparte erſcheinen ließ, aufs ſorgfaͤltigſte gehegt wurde, wurzelte ſelbſt in edeln und ehrbaren Charaktern, und ſo verblendet ſind die Anſichten der Leidenſchaft, daß durch das Mißverſtaͤndniß gegenſeitiger nationeller Geſinnungen manche Franzoſen zu glauben anfingen, daß die von Großbrittannien erlangte Uebermacht in ge⸗ wiſſem Grade eine Beſchimpfung und Entwuͤrdigung Frankreichs ſey. 4 Alles, was dem franzoͤſiſchen Volke haͤtte ſchmei⸗ cheln und wohlthun ſollen, wurde endlich durch auf⸗ geregte Leidenſchaft und kuͤnſtliche Verdrehung, in einen Gegenſtand der Klage und Beſchwerde verkehrt. Die Regierung Napoleons war ſo ganz despotiſch geweſen, als ſie nur immer in einem tiviliſirten Lande, wie Frankreich, werden konnte, wo die oͤffent⸗ 7² liche Meinung nicht zuließ, daß ſie in die aͤußerſte Barbarei ausartete. In ſeiner Charte hatte Frankreich dagegen die mei⸗ ſten weſentlichen Grundlagen einer freien und libera⸗ len Verfaſſung erhalten. Der Koͤnig hatte nach all⸗ gemeinen und nationellen Ruͤckſichten die in der ver⸗ worfenen Conſtitutionsakte des Senats vorgeſchlagenen Grundſaͤtze angenommen. Die Kammer der Pairs und die Kammer der Deputirten waren die auf die ariſtokratiſchen und de⸗ mokratiſchen Arme der Conſtitution angewandten Titel, ſtatt der des Senats und des geſetzgebenden Koͤrpers. Ihre oͤffentlichen Dienſtleiſtungen waren einigermaßen denen des Ober⸗ und Unterhauſes in England gemaͤß eingetheilt. Die Unabhaͤngigkeit der Gerichte war an⸗ erkannt, und die Milttaͤrs in ihrem Rang und Ein⸗ kommen beſtaͤtigt worden. Die Kammer der Pairs ſollte vom Koͤnige ernannt werden, und Sr. Majeſtaͤt freiſtehen, die Glieder derſelben nach Gefallen, erblich oder lebenskaͤnglich zu ernennen. Das Einkommen des aufgehobenen Senats wurde eingezogen und der Krone einyerleibt, das confiscirte Eigenthum jedoch an die geſetzmaͤßigen Eigenthuͤmer zuruͤckgegeben. Die katho⸗ liſche Religion wurde fuͤr die Staaatsreligion erklärt, jedoch genoßen alle andern chriſtlichen Confeſſionen den Schutz des Staates. Der Koͤnig wurde als das Haupt der Armee anerkannt, und hatte das ausſchließliche Recht, Krieg zu erklaͤren und Frieden zu ſchließen. Die Frei⸗ heit der Preſſe war unter gewiſſen Beſchraͤnkungen feſtgeſetzt. Die Conſcription war aufgehoben.— Die Verantwortlichkeit der Miniſter anerkannt, und man kann im Allgemeinen ſagen, daß eine Conſtitution unterworfen war, ſo gut als es angieng, aller wei⸗ teren Verbeſſerungen empfaͤnglich, die Zeit und Er⸗ fahrung empfehlen mochten. Die Charte wurde dem geſetzgebenden Koͤrper von dem Koͤnige in Perſon mit einer Rede vorgelegt, welche ausſprach, daß die in ihr aufgenommenen Grundſaͤtze ſolche waren, wie ſie nach dem Willen ſeines ungluͤcklichen Bruders Lud⸗ wigs XVI. anerkannt worten. 3 Obgleich aber dieſe Charte eine freie Verzichtlei⸗ ſtung auf einen großen Theil der koͤniglichen Rechte enthielt, welche das alte Geſchlecht der Bourbonen ge⸗ noſſen hatte, ſo wie all der Willkuͤhrherrſchaft, welche Napoleon uſurpirt hatte, ſo haben wir doch geſehen, daß ſie einer thaͤtigen und einflußreichen Partei im Staate unwillkommen war, weil ſie es fuͤr unwuͤrdig hielt, die Sicherſtellung des Eigenthums und der Freiheit unter den alten Formen einer Feudalcharte zu erhalten, und behauptete, daß ſie unmittelbar von dem Willen des ſouverainen Volkes haͤtte ausgehen ſollen. Wir geſtehen unbedenklich, daß dieß eben ſo vernuͤnftig iſt, als wenn ein Kind, dem man etwas genommen, ausſchlaͤgt, was ihm gegeben wird, weil man es daſſelbe nicht ſelbſt nehmen ließ; eben ſo weiſe, als der hungrige Mann thut, wenn er ſich uͤber die 3 74 Mahkzeit aufhaͤlt, weil er die Form des Services, in welcher ſie ihm aufgetragen worden, nicht bewundern kann. So muß der geſunde Menſchenverſtand uͤber den Gegenſtand urtheilen. Wenn die Conſtitution die noth⸗ wendigen Garantieen einer politiſchen Freiheit und der Sicherheit des Lebens und des Eigenthums ent⸗ bielt, wenn ſie als ein beſtaͤndiges Inſtitut und als Bollwerk fuͤr die Freiheiten Frankreichs angeſehen, und als die ſchließliche und entſchiedene Inſtitution betrachtet werden mußten, die allerdings durch die vereinte Zuſtimmung des Souverains und der geſetz⸗ lichen Vertreter der Unterthanen verbeſſert, nicht aber durch eine dieſer Autoritaͤten oder durch beide vernich⸗ tet werden konnte, ſo war es aͤußerſt unbedeutend, ob der Inbegriff alles deſſen in der Form einer vom Koͤnig gegebenen Charte, oder der Bedingungen gegeben ward, wie ſie ihm von den Unterthanen vor⸗ geſchrieben wurden. Wenn man aber auf die ephe⸗ mere Eriſtenz aller bisherigen franzoͤſiſchen Conſtitu⸗ tionen, diejenige ausgenommen, durch welche Na⸗ poleon das Volk um ſeine Freiheit geprellt, zuruͤck⸗ blickte, ſo mochte man vielleicht fragen, welche dieſer Formen, die Feudalform oder die revolutionaͤre, mehr der Neuerung unterlag; oder mit andern Wor⸗ ten, ob die Beſtimmungen fuͤr die jetzt angenom⸗ mene Regikrungsform der Wahrſcheinlichkeit nach eher 75 vom König, als von der Körperſchaft, welche das Volk repraͤſentirte, abgeaͤndert werden wuͤrden. Wenn man die unſelige Lehre annimmt, daß die Partei, in deren Namen die Beſtimmungen der Con⸗ ſtitution gegeben werden, berechtigt ſey, ſolche zu ſuspendiren, abzuaͤndern oder zuruͤckzunehmen, ſo ge⸗ bot eine gefunde Politik, daß die anſcheinende Macht der Bewilligung in die Haͤnde der Partei gegeben wurde, welche am wenigſten das Zugeſtandene abaͤn⸗ dern konnte orer wollte. Wenn man die Sache von dieſem Geſichtspunkte aus nimmt, ſo konnte man darauf rechnen, daß der Koͤnig, ohne allen Beiſtand, als den der Royaliſten, welche gering an der Zahl waren, unpopulaͤr durch die Umſtaͤnde, und fuͤr den Augenblick nicht in wirklichem Beſitze des großen Werk⸗ zeugs der Erlangung einer despotiſchen Gewalt war, das iſt der unbeſtrittenen Verfugung uͤber die Armee, und ſomit natuͤrlich nicht Willens war, durch einen Ver⸗ ſuch die Beſtimmungen, welche er in ſeiner eigenen Charte dem Volke gegeben, zu veraͤndern, ſeine Auto⸗ ritaͤt aufs Spiel zu ſetzen. Im Gegentheil mochten die von Buonapartes Senat aufgeſtellten und dekre⸗ tirten Bedingungen, im Fall die Volkspartei wieder zu einer Wichtigkeit gelangte, durch die Kammern mit derſelben Leichtigkeit und Unbeſtaͤndigkeit, welche das franzöſiſche Volk, oder wenigſtens die in⸗ ſeinem Namen handelnden Repraͤſentanten deſſelben ſo oft an den Tag gelegt, veraͤndert oder zuruͤckgenommen 75 werden. Um der Conſtitution alſo Dauer zu geben, war es das Beſte, wenn ſie von der Partei ausging, die fuͤr die Erhaltung derſelben am meiſten intereſſirt, und am wenigſten im Stande war, ſie zu uͤbertreten; und dieß war, wie Frankreichs Sachen damals ſtan⸗ den, ohne allen Zweiſel der Souverain. In Groß⸗ brittannien haͤlt man die Conſtitution fuͤr um ſo ſiche⸗ rer, weil der Koͤnig der Vorn des Geſetzes, der Ehre und aller miniſteriellen, ſo wie der executiven Gewalt iſt, indeß er fuͤr die Art, auf welche dieſe Ge⸗ walt ausgeuͤbt wird, der Nation durch ſeinen Mini⸗ ſter verantwortlich iſt. Eine Einrichtung anderer Art wuͤrde die Arme der Legislatur einem widerſtreiten⸗ den Kampfe ausſetzen, deſſen Moͤglichkeit niemals an⸗ genommen werden darf. Die fanatiſchen Liberalen Frankreichs ließen ſich jedoch verleiten, gegen den Namen ſich aufzulaſſen, unter welchem ihre freie Conſtiturion ihnen gegeben ward, und lieber Buonaparte zuruͤckzurufen, der ihnen auch jeden Schatten von Freiheit genommen, als aus den Haͤnden eines friedfertigen Monarchen diejenige Freiheit anzunehmen, welche ſie ſelbſt erworben hatten. Die Vortheile, welche ſie gewannen, werden ſich in der Folge zeigen. Indem auf ſolche Weiſe die Parteien mit derſchie denen und widerſprechenden Anſichten uͤber das Weſen und den Urſprung der neuen Conſtitution im Staate auftraten, betrachteten ſie ſolche mehr als eine Fe⸗ 77 ſtung, die angegriffen und vertheidigt werden ſollte, denn als einen Tempel, in welchem alles zur Anbe⸗ tung berufen wurde. Die Franzoſen dieſer Periode konnten in drei ver⸗ ſchiedene und thaͤtige Parteien eingetheilt werden: in Royaliſten, Liberale jeder Schattirung bis auf die Republikaner herab, und Buonapartiſten. Es wird nothwendig, daß wir uͤber jede derſelben einige Worte ſprechen. Die Royaliſten zogen, waͤhrend ſie dem Koͤnige durch ihre Anzahl wenig reelle Macht gaben, vermoͤge ihrer hohen Geburt und gleich hohen An⸗ ſpruͤche die eiferſuͤchtigen Blicke der andern auf ſich; ſie verdarben ihre Sachen durch ihren unklugen Eifer, verbitterten dem Koͤnige ſeinen Frieden durch ihre gerechten und natuͤrlichen Beſchwerden, und warfen mit jedem Verſuche, den er machte, ihnen zu helfen und ſie zu erhalten, Verdacht auf ſeine Regierung. Sie beſtanden hauͤptſaͤchlich aus dem emigrirten Adel und der emigrirten Geiſtlichkeit. Die erſtere Klaſſe war durch Krieg und Verhan⸗ nung an Anzahl ſehr geſchmolzen, ſo daß fuͤr die Pairskammer, die aue mehr denn hundert und ſieben⸗ zig Mitgliedern beſtand, der alte Adel Frankreichs blos vierzig lieferte; den Reſt fuͤllten die ⸗gluͤcklichen Marſchaͤlle und Generaͤle, welche die Kriege der Re⸗ volution zu Rang und Reichthum erhoben, und die Staatsmaͤnner aus, von denen manche durch weniger ehrenhafte Mittel zu derſelben Stufe emporſtiegen. 78. Der alte Adel erlebte zwar, nachdem ſeine Jugend dahingeſchwunden, ſein Beſitzthum vernichtet, und ſein Geiſt gebrochen war, waͤhrend er den verbannten Bourbons in ihrem Elende durch fremde Laͤnder folgte, die Reſtauration der Monarchie; allein er ward ein⸗ zig nach Frankreich zuruͤckberufen, um mit eigenen Augen zu ſehen, wie von den gluͤcklichen Kindern der Revolution ſeine eigenen Guͤter in Beſitz genommen, und dieſe in ſeine erblichen Dienſte in der Naͤhe der Perſon des Monarchen geſetzt waren. Gleich den verungluͤckten engliſchen Cavaliers mochten ſie immer⸗ hin beklagen, daß Niemand die Ruͤckehr des legiti⸗ men Fuͤrſten ſehnlicher gewuͤnſcht, Niemand aber ſo wenig, wie ſie, die Wohlthaten derſelben zu genießen haͤtte; vermoͤge eines natuͤrlichen, obwohl verkehrten Raiſonnements wurden allen unbilden, welche der Adel erlitten, zu eben ſo viel Gegenſtaͤnden des Ver⸗ dachts fuͤr die andern Staͤnde und Parteien des Staa⸗ tes. Sie waren die Begleiter des Koͤnigs in ſeinem Exil geweſen, waren mit ihm durch Bande der Freund⸗ ſchaft verbunden, und hatten, vermoͤge der Anſpruͤche ihrer Geburt, naͤhern Zuritt zu ſeiner Perſon. War es denkbar, fragte man, daß Ludwig ihre Leiden ohne den Verſuch einer Abhuͤlfe ſehen konnte? und wie konnte er ihnen nach dem gegenwaͤrtigen Zuſtande Frank⸗ reichs anders abhelfen, als auf Koſten derjenigen, welche burgerliche oder militaͤriſche Beförderung er⸗ warteten, oder bereits genoſſen, oder derjenigen, 79 welche waͤhrend der Revolution die Nationalguͤter an ſich gebracht, welche dieſer Adel einſt beſeſſen hatte? Jedoch gruͤndete ſich dieſe Unruhe mehr auf Verdacht, als auf Thatſache. Von der Bevorzugung der Emigranten bei der Armee werden wir ſpaͤter ſprechen; allein in den Ci⸗ vildepartements des Staates erhielten wenige vom alten Adel Dienſt. Um nur ein Beiſpiel zu geben, ſo wurden im Verlauf von eilf Monaten 47 Praͤfek⸗ ten fuͤr die Departements ernannt, und die Liſte ent⸗ hielt nicht einen einzigen von denjenigen Emigranten, welche mit Ludwig nach Frankreich zuruͤckkehrten, und nur ſehr wenige von denen, deren Erxil fruͤher ein Ende nahm. Der Ardel fuͤhlte dieſe Ausſchließung von der koͤniglichen Gunſt und druͤckte ſeine Beſchwer den hieruͤber aus, in welche er etwas unvorſichtig einige drohende Winke einfließen ließ, daß der Tag des Triumphes fuͤr ſie kommen wuͤrde. Dieſe Sprache ſowohl, als das Air ausſchließender Wuͤrde und Standeserhabenheit, das ſie annahmen(als ob ſie entſchloſſen waͤren, da der unterſchied der Geburt alles war, was ihnen uͤbrig blieb, die tiefſte Ehrer⸗ bietung dagegen zu erzwingen), wurden gegen den Konig aufs ſorgfaͤltigſte bemerkt und aufgefuͤhrt. Der Adel erfreute ſich, wie man vermuthete, be⸗ ſonderer Aufmunterung von Seiten der Prinzen von Gebluͤt, waͤhrend er im Allgemeinen von Ludwig eher entmuthigt, als gehoben und auszeichnet wurde; weß⸗ halb auch manche von ihnen ſich nicht entbloͤdeten, zu behaupten, daß er die unedle Marxime befolge, ſeinen Feinden zu hoffiren, und diejenigen zu ver⸗ nachlaͤſſigen, welche ſchon aus Grundnatz nichts anders als ſeine Freunde ſeyn koͤnnten. Sie faßten vielleicht die großen Schwierigkeiten nicht genug ins Auge, de⸗ nen der Koͤnig in der Regierung von Frankreich in einem ſo krittiſchen Zeitpunkte unterlief. Der Zuſtand der Geiſtlichkeit kommt naͤchſtdem in Betracht. Sie waren insgemein aufrichtig dem Koͤ⸗ nige zugethan; und waͤren ſie im Beſitze ihrer Ein⸗ kuͤnfte und ihres natuͤrlichen Einfluſſes auf die Menge geweſen, ſo wuͤrde ihre Ergebenheit von den wichtig⸗ ſten Folgen geweſen ſeyn. Allein ohne dieſen Einfluß und ohne dieſen Reichthum, oder wenigſtens die 1Un⸗ abhaͤngigkeit, worauf er beruht, waren ſie in politi⸗ ſcher Hinſicht eben ſo nutzlos, als der Schluͤſſel, der in das Schloß nicht paßt, in das er geſteckt wird. Dieſer Zuſtand der Dinge, in ſo mancher Ruͤckſicht ungluͤcklich, entſprang aus einer Marime, die man waͤhrend der Revolution angenommen und die auch Buonaparte befolgt hatte, der ſeine guten Gruͤnde hatte, ſich vor der Geiſtlichkeit zu fuͤrchten:„wir wollen die Geiſtlichkeit nicht mit Gewalt zu Grunde richten, wollen ſie lieber zu Tode hungern.“ Dem zu Folge wurden alle Geſchenke und Vermaͤchtniſſe an die Kirche ſo beſchraͤnkt und von ſo manchen Bedin⸗ sungen und Klauſeln abhaͤngig, daß dieſer Weg von V 82 Acquiſition, der in einem katholiſchen Lande ſo reiche Früchte traͤgt, voͤllig geſperrt war; waͤhrend auf der andern Seite der vom Staate jedem Dienſt thuen⸗ den Geiſtlichen ausgeſetzte Gehalt jaͤhrlich blos 500 Livres betrug. Ohne Zweifel war jeder Gemeinde freigeſtellt, fuͤr dieſen aͤrmlichen Unterhalt noch eine Beiſteuer zu unterſchreiben; allein wenn man in Frankreich die Zahl derjenigen, die nach der Religion gar nichts fragen, ſo wie derjenigen abzieht, die ihr Eifer wenigſtens nicht ſo weit fuͤhrt, daß ſie fuͤr ſolche zahlen, ſo wird der Reſt eine kleine Liſte von Subſcri⸗ benten geben. Die Folge war, daß es zur Zeit der Reſtauration manche Gemeinden gab, in welchen viele Jahre her kein oͤffentlicher Gottesdienſt gehalten wurde. Die Unwiſſenheit nahm in einem unberechen⸗ baren Grade zu.„Wir haben in Erfahrung ge⸗ bracht,“ aͤußerte einſt Napoleon gegen einen ſeiner Praͤfekten,„daß in Ihrem Departement gefaͤhrliche Buͤcher vertheilt werden.“—„Und waͤren auch die Straßen damit uͤberſaͤet,“ war die Autwort des Praͤ⸗ fekten,„Ew. Majeſtaͤt haͤtten ſich nicht vor ihrem Einfluß zu fuͤrchten; wir haben Niemand, der ſie leſen könntenvder wollte.“ Wenn wir zu dieſem ge⸗ ſunkenen Zuſtande der oͤffentlichen Moral’ die An⸗ ſtrengungen nehmen, die im Anfange der Revolution gemacht wurden, die Gefuͤhle von Religion auszu⸗ rotten und ihre Bekenner laͤcherlich zu machen, ſo wie das Vorheurſchen des milituͤriſchen Charakters, das in W. Scotts Werke. LXI. 6 8² Frankreich ſo auffallend und fuͤr die Andacht ſo un⸗ guͤnſtig iſt; wenn wir uns ferner erinnern, daß aller Reichthum der Kirche in die Haͤnde der Laien gefal⸗ len, daß dieſe entſchloſſen waren, fuͤr den Beſitz deſ⸗ ſelben Alles zu wagen, und zu gleicher Zeit fuͤrchte⸗ ten, er moͤchte ihnen entriſſen werden, ſo mag der Leſer ſich nach allen dieſen Praͤmiſſen von dem tiefen Ver⸗ fall der Religion und der Kirche in Frankreich einen Begriff machen. Der Entſchluß des Koͤnigs und der koͤniglichen Familie, die Ceremonien der roͤmiſchen Kirche wieder aufzuwaͤrmen und fuͤr paſſende Erzie⸗ hungsmittel der kuͤnftigen Officianten derſelben zu ſorgen, ſo wie andere religioͤſe Inſtitutionen, die ſie trafen, erregten unter den Pariſern Haß und Ver⸗ achtung. Man muß auch geſtehen, daß, wenn auch der Beweggrund in abstracto vortrefflich war, wenig Weisheit in dem Verſuche lag, die Nation zu allen Mummwereien des papiſtiſchen Ceremoniels zuruͤck⸗ zufuͤhren, das ſchon lange vor der Revolution, blos noch durch altes Herkommen beſtehend, allen Einfluß auf die Menge verloren hatte. Dieſe allgemeinen Empfindungen wurden noch durch beſondere Vorgaͤnge geſteigert. Beunruhigende Auf⸗ laͤufe fanden Statt, als man die des Chriſtenthums und der Civiliſation unwuͤrdige Maßregel durchſetzen wollte, nach welcher alle Schauſpieler in beſtaͤndige Excommunication geſprochen wurden. Als man einer Mademoisselle Raucour, einer Schauſpielerinn von 8⁵ ehrbarem Charakter und unbeſcholtener Auffuͤhrung, ein foͤrmliches Leichenbegaͤngniß verweigerte, ſah ſich die Regierung zu dem Befehle gezwungen, ſie nach den herkoͤmmlichen Foͤrmlichkeiten begraben zu laſſen. Der Befehl einer regelmaͤßigern Haltung des Sab⸗ bats, gleich ſehr durch Religion und durch Sittlichkeit empfohlen, gab den Einwohnern der Hauptſtadt gleich⸗ falls großen Anſtoß. Die Leichenfeierlichkeiten fuͤr Ludwig XVI. und ſeine ungluͤckliche Gemahlinn, bei welchen ihre Ueberreſte aus ihrem in der Eile ge⸗ waͤhlten Begraͤbnißplatze nach dem koͤniglichen Mau⸗ ſoleum zu Saint Denis gebracht wurden— eine⸗ Handlung der chriſtlichen Liebe, die aus dey Geſetzen der katholiſchen Kirche hervorging, wurden fuͤr den Koͤnig gleichfalls uͤbel gedeutet, als ob er durch die Ehre, die er dieſen armſeligen Ueberreſten bezeugte, an den Tag legen wollte, wie ſehr er die Revolution haſſe und der Unbilden gedenke, die er durch ſie er⸗ litten habe. Einige Aufmerkſamkeit und Auszeich⸗ nung gegen die wenigen uberlebenden Chefs der Ven⸗ dée wurden gleichfalls uͤbel gedeutet. Kurz, was Ludwig XVIII. auch immer that, und was auch nur den geringſten Anſchein von Beguͤnſtigung derer hatte, die fuͤr ſeine Sache alles verloren, wurde ihm als Verrath gegen die Freiheit und die Grundſäͤtze der Revolution angerechnet.— Keiner der erwaͤhnten Umſtaͤnde machte jedoch ſo großen Eindruck auf das Publikum, als die herrſchendet 84 Beſorgniß, Ludwig moͤchte in ſeiner Verehrung fuͤr die Kirche und deren Glieder ſich dazu verleiten laſſen, einen Plan zur Zuruͤckforderung der Kirchenguͤter zu machen, welche, durch die Dekrete der Nationalver⸗ ſammlung eingezogen, nun von einem Heere von Ei⸗ genthuͤmern beſeſſen wurden, welche mit wachſamer Eiferſucht Maßregeln entgegen ſahen, von denen ſie fuͤrchteten, daß ſie mit Wiedereinziehung ihres Eigen⸗ thums enden moͤchten. Unvorſichtige Prieſter ſteiger⸗ ten noch dieſes Mißtrauen und dieſe Eiferſucht durch Drohungen gegen die Beſitzer von Kirchenguͤtern und durch die Weigerung, ihnen Abſolution zu ertheilen, wofern ſie nicht ſolche zuruͤckerſtatteten oder Erſatz da⸗ fuͤr guͤben. Dieſes Mißtrauen verbreirete ſich viel wei⸗ ter, als blos unter die wirklichen Eigenthuͤmer von Nationalguͤtern. Denn wenn dieſe mit dem Verluſt ihres Eigenthums bedroht waren, das ſie unter der Autoritaͤt der zeitigen Regierung erworben hatten, war es ſehr wahrſcheinlich, daß das goͤttliche Recht der Geiſtlichkeit, auf die Verzehntung der Produkte, naͤchſtdem wuͤrde vorgebracht werden, ein Anſpruch, der das Intereſſe jedes Grundeigenthuͤmers und Pacht⸗ inhabers in einem Grade beruͤhrte, der ſich beinahe nicht berechnen ließ. Es iſt klar, nach dem, was wir bisher angege⸗ ken, daß die royaliſtiſche Partei, ſowohl Laien als Geiſtliche, wenig im Stande war, dem Koͤnig im Falle eines Kampfes reelle Dienſte zu leiſten, daß⸗ —— ¾— 85 waͤhrend ihre Anhaͤnglichkeit und ihre Leiden ſeine Beruͤckſichtigung und Dankbarkeit in Anſpruch nah⸗ men, jedes Zeichen dieſer Geſinnungen, das er ihnen gab, nur dazu diente, ſeine Herrſchaft verdaͤchtig und unpopulaͤr zu machen. Waͤhrend die Royaliſten den Thron, welchem ſie anhingen, eher untergruben und belaͤſtigteen, als unterſtuͤtzten, wurden alle ihre Mißgriffe aufgeſucht, und vergroͤßert in Umlauf gebracht von den Jakobi⸗ nern, oder der patriotiſchen Partei, wie ſie ſich nann⸗ ten. Dieſe Faktion, klein an Zahl, aber furchtbar durch ihre Kuͤhnheit, ihre Vereinigung, unter ſchreck⸗ haften Erinnerungen an ihre fruͤhere Macht, und ihre Grundſatze, beſtand aus Exgeneralen, deren Lor⸗ beern mit der Republik verwelkt waren, aus Ermini⸗ ſtern und abgedankten Beamten, deren Anſtellung und Einfluß den Sturz des Direktoriums nicht uͤberlebt hatte, aus Gelehrten, welche hofften, den Staat wie⸗ der durch Proklamationen und Journale zu regieren, und aus Philoſophen, fuͤr deren Eitelkeit oder Enthu⸗ ſiasmus die abſtrakten Prinzipien einer unerreichbaren Freiheit und einer unvernuͤnftigen Gleichheit theuer waren, als alle Meere von Blut, und das graͤnzen⸗ loſe Elend, und die unberechenbare Schuld, welche ſie bereits gekoſtet hatten, und wahrſcheinlich wieder koſten ſollten. Es kann nicht gelaͤugnet werden, daß bei der Discuſſion uͤber die urſpruͤnglichen Rechte der Menſch⸗ 86 heit und der Geſellſchaftsvertraͤge verſchirdene Maͤn⸗ ner dieſer Partei ausgezeichnete Talente an den Tag legten, und daß ihre Anſtrengungen darauf berechnet waren, eine allgemeine Liebe zur Freiheit hervorzu⸗ rufen, und Unterſuchungen uͤber die Prinzipien, wor⸗ auf ſie gegrundet iſt, zu veranlaſſen. Ungluͤcklicher Weiſe aber lenkten ihre Theorien bei der Entwerfung von Konſtitntionen ihre Anfmerkſamkeit von den we⸗ ſentlichen Punkten der Regierung auf ihre aͤußere Form, und verleitete ſie z. B. einer Republik, wo jede Art von Gemaltthaͤtigkeit von dem winzigen Diktator des Tages veruͤbt wird, vor einer beſchraͤuk⸗ ten Monarchie den Vorzug zu goben, unter welcher Leben, Perſon und Eigenthum geſchuͤtzt werden. Die Haͤupter dieſer Partei waren Maͤnner von jener an⸗ maßenden und unfehlbaren Klaſſe, welche, nachdem ſte zu wiederholten Malen mit ihren politiſchen Er⸗ perimenten durchgefallen, ſo begierig als jemals wa⸗ ren, mit demſelben unbedenklichen und ſelbſttaͤuſchen⸗ den Vertrauen auf gluͤcklichen Erfolg ſie wieder auf⸗ zunehmen. Sie waren nie zufrieden, ſelbſt nicht mit dem, was ſie ſelbſt gethan hatten; denn da es kein Ende gibt, fuͤr das Streben nach idealer Vervoll⸗ kommuung, bei irgend einer Einrichtung in der Welt, ſo begannen ſie immer wieder Veraͤnderungen mit ihrem eigenen Werke, als ob, was Butler von der Religion ſagt, auch in der Politik ſeine Anwendung faͤnde, daß jede Regierungsform nur dazu da waͤre, 87 um verbeſſert zu werden. Keine Gefahr ſchreckte die Weiſen dieſer Schule; manche von ihnen waren ver⸗ traut mit den Gefahren der verzweifeltſten revolutio⸗ naͤren Umtriebe, abgehaͤrtet durch ihre genaue Be⸗ kanntſchaft mit den Triebfedern, die in Bewegung geſetzt werden muͤſſen, und bereit, ihre hoffnungs⸗ loſen Arbeiten mit ſo wenig Vorbedacht wieder anzu⸗ fangen, wie die Arbeiter in einer Pulvermuͤhle, welche, ſo weit ſie ſich denken konnten, ſchon zehnmal aufgeftogen, und den groͤßten Theil ihrer Kameraden zu Grunde gerichtet hatte. In dem Karakter dieſer unberufenen Philoſophen und emſigen Unterhaͤndler waren Eitelkeit und Selbſtſucht die leitenden Prin⸗ zipien; die erſtere uͤberzeugte ſie, daß ſie im Stande waͤren, durch geſchickte Manoͤvres die Gefahr von ſich ſelbſt abzuwenden, und letztere machte ſie gleich⸗ guͤltig in Ruͤckſicht auf die Sicherheit der andern. Waͤhrend der Regierung Buonaparte's wurde dieſe jakobiniſche Partei ſehr kurz gehalten. Er kannte durch vielfache Erfahrung ihren raſtloſen, in⸗ triganten und gefaͤhrlichen Karakter. Auch kannten und fuͤrchteten ſie ſeine Macht und ſeinen unbedenk⸗ lichen Gebrauch derſelben. Die Ruͤckkehr der Bour⸗ bons rief ſie ins Leben, gleich der Sonne, welche die gefrorne Natter aufthaut; allein es geſchah einzig, um zu zeigen, wie ſie die Strahlen haßte, die ſie zu neuem Leben erweckte. Die Dynaſtie der Bourbons mit allen den Ruͤckerinnerungen, die ſich damit ver⸗ 88 banden, ſchien dieſer Partei der gerade Gegenſatz zu ihrer beli⸗bten Revolution, und mit boͤsartiger Ge⸗ ſchaͤftigkeit ſtudierte ſie ſich in die, durch die Karte der Nation verliehene Freiheit ein, nicht um ſie zu vertheidigen oder zu genießen, ſondern zu ent⸗ decken, wie ſie, von einem vortheilhaften Terrain aus, Thron und Verfaſſung uͤber den Hanfen war⸗ fen koͤnnten. Carnot und Fouché, beide furchtbare Namon, und Revolutionaͤrs von ihrer fruͤheſten Jugend an, waren die oſtenſibeln Fuͤhrer dieſer thaͤtigen Partei, und die meiſten der uͤberlebenden Revolutionaͤrs ſam⸗ melten ſich unter ihre Fahnen. Dieſe Agenten hat⸗ ten bei der Hefe des Volkes noch einigen Einfluß er⸗ halten, und durften ſicher ſeyn, im Augenblick einer Volksbewegung die Mittel zu finden, ihn noch hoͤher zu ſteigern. Der Poͤbel jeder großen Stadt iſt von Natur demokratiſch und revolutionaͤr; ſeine Eitelkeit wird durch Phraſen von Souverznitaͤt des Volkes gewonnen, das Gefuͤhl ſeiner Armuth und ſeine zuͤgelloſe Wuth durch die Ausſicht zum Aufruhr ge⸗ reizt, ſo betrachtet er die Bande des Geſetzes und der guten Ordnung als ſeine beſtaͤndigen und natuͤr⸗ lichen Feinde. An dieſer verderbten vergifteten Maſſe ſchlechter Leidenſchaften haben die Experimental⸗Philo⸗ ſophen der Revolution jeder Zeit ihre chemiſchen Ver⸗ ſuche gemacht; in neueſter Zeit war jedoch der Ver⸗ kehr der Revolutions⸗Philoſophen mit. dieſer Klaſſe 39 tuͤchtiger und gelehriger Scholaren bedeutend gehemmt, worden. Buonaparte hielt, wie wir ſchon bemerkten, dieſe Lehrer der revolutionaͤren Schule in ſtrenger Zucht; waͤhrend er durch den Eklat ſeiner Siege, Scheukungen und koſtbaren Unternehmungen, wodurch viele Handwerksleute beſchaͤftigt wurden, dieſer Partei einen großen Theil ihrer Schuͤler aus dem Volle entzog, die nun, vermoͤge der Veraͤnderlichkeit und Unbeſtaͤndigkeit ihrer Gewohnheiten, Grundſaͤtze und Leidenſchaften in Anhaͤnger des Kaiſerthums umge⸗ ſchaffen waren, ohne jedoch das Geſchick verloren zu haben, bei der naͤchſten beſten Gelegenheit wieder Jacobiner zu werden. Die Partei der Kaiſerlichen oder Buonapartiſten war, wenn wir von der Armee abſehen, gering und unbedeutend. Die Staatsbeamten, welche der Koͤnig aus ihren eintraͤglichen Stellen, die ſie unter dem Kaiſer bekleidet, entlaſſen hatte,— Höflinge, Praͤ⸗ fekten, Agenten, Seceretaͤrs und Kommiſſaͤre, deren gegenwaͤrtige Mittel und kuͤnftige Hoffnungen abge⸗ ſchnitten, waren natuͤrlich unzufrieden und vor den Kopf geſtoßen; ſie blickten mit ſehnſuͤchtigem Auge nach der Inſel Elba hin. Die unmittelbaren Fami⸗ lienverbindungen, die Guͤnſtlinge und Miniſter des vormaligen Kaiſers liehen im Vertrauen auf den Reichthum, den die meiſten unter ihnen erworben hatten, und ungehalten uͤber die Unbedeutſamkeit, auf die ſie durch die Reſtaurgtion der Bourbons re⸗ 9⁰ duzirt waren, dieſer Partei jene Thaͤtigkeit, welche Gold und die Gewohnheit politiſcher Umtriebe jeder Zeit gewaͤhrt. Allein die reele und furchtbare Macht der Buonapartiſten lag in der Anhaͤnglichkeit der zeitigen Armee an ihren abgedankten Fuͤhrer. Dieſe war um ſo furchtbarer, da die Zeitumſtaͤnde und der vorherrſchende militaͤriſche Karakter der franzoͤſiſchen Nation die Soldaten von ihrer eigentlichen und na⸗ tuͤrlichen Stellung, als Diener des Stantes, zu einer ausgezeichneten deliberativen Koͤrperſchaft erhoben hatte, die ihre eigenen, ſchon der Natur nach mit denen des Gemeinweſens unvertraͤglichen Intereſſen hatte; weil ſchon der militaͤriſche Stand an und fuͤr ſich die Dispoſition zu einem Kriegszuſtand in ſich ſchließt, welcher allen andern Staͤnden im Staate, die Armee ſelbſt ausgenommen, als ein nothwen⸗ diges und unvermeidliches Uebel erſcheinen muß, nie aber ein weſentlicher Vortheil ſeyn kann. Dem Koͤnig konnte nicht vorgeworfen werden, daß er die Geſinnungen der Armee fuͤr ſich zu ge⸗ winnen, ihre Vorurtheile zu bekaͤmpfen, und ihren Wuͤnſchen zu willfahren, unterlaſſen habe. Wahr iſt, daß die beiſpielloſen Schwierigkeiten ſeiner Lage ihn noͤthigten, auf Mittel zu ſinnen, durch Schmeichelei und durch die hoͤchſten Verguͤnſtigungen denjenigen Theil ſeiner Unterthanen zu beſchwichtigen, der nach den Regeln aller wohlregierten Staaten einer abſo⸗ luten Autoritaͤt haͤtte gehorchen ſollen. Es ward 91 allem aufgeboten, die Truppen guͤnſtig zu ſtimmen, und die groͤßten Anſtrengungen gemacht, ſie zu re⸗ montiren, rekrutiren und equipiren; ihre Reihen wurden verſtaͤrkt durch mehr denn 150,000 Kriegs⸗ gefangene, welche vor Begierde brannten, die Schande ihrer Niederlagen und das Ungemach ihrer Gefangen⸗ ſchaft zu raͤchen. Durch ihre Gegenwart nahm die Unzufriedenheit ſo wie die Macht der franzoͤſiſchen Armee bedeutend zu. Waͤhrend der Koͤnig mit unvollkommenem Er⸗ folge um die Ergebenheit der gemeinen Soldaten buhlte, war er um ſo gluͤcklicher in ſeinem Verruche, die Marſchaͤlle ſich dadurch zu verbinden, daß er ſie mit der groͤßten Achtung urd Guͤte behandelte. Sie ſahen ſich geſchmeichelt durch ſeine Aufmerkſamkeit, und da die meiſten von ihnen aus der neueſten Zeit Grund hatten, ſich uͤber Napoleon zu beklagen, ſo iſt es moͤglich, daß, wenn ſie abſoluten oder nur bedeutenden Einfluß auf die Armee gehabt haͤtten, die Stoͤrung im Staate, welche erfolgte, vielleicht nicht haͤtte Statt finden koͤnnen. Waͤhrend aber Na⸗ poleon die Marſchaͤlle in jenem Abſtand von ſich hielt, in welchem der Souverain ſeine Unterthanen haͤlt, war er oft vertraulich mit den ſubalternen Offtcieren und den Soldaten, und ſuchte ſich in ihren Augen zu heben, und perſoͤnlich ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Er wuͤnſchte immer, daß ſeine Generale der Griff am Schwerdte ſeyen, welcher nach Gefallen — 9² gewechſelt werden koͤnnte, waͤhrend die Armee die Klinge ſelbſt war, und trotz einer theilweiſen Veraͤn⸗ derung dieſelbe Schneide behielt. Da der Kaiſer auf ſolche Weiſe unmittelbar und perſoͤnlich die Herzen der Soldaten beſaß, konnte er der Ergebenheit ſeiner Officiere leicht entbehren. Es iſt unnoͤthig, alle dieſe Gruͤnde aufzuſuchen, aus denen die franzoͤſiſche Armee Napoleon zugethan ſeyn mußte. Es war nicht denkbar, daß ſie die lange Reihe von Siegen, welche ſie unter ſeinen Fahnen erfochten, die in fremden Laͤndern ihnen angewieſenan und jetzt entzogenen Penſionen, und die unbeſchraͤnk⸗ ten Pluͤnderungen vergaßen, wozu ſie des Kaiſers be⸗ ſtaͤndige Feldzuͤge fuͤhrten. Nun dachten ſie ſich, daß der Koͤnig, ſobald es mit Sicherheit angieng, ihre Anzahl vermindern wuͤrde, und bildeten ſich ein, daß ihre Exiſtenz auf dem Spiel ſtaͤnde. Nicht allein ſelbſtſuͤchtige Intereſſen waren es welche die Armee unzufrieden machten; das Poiat d'honneur, wie man es hieß(oder vielmehr die Ei⸗ telkeit militaͤriſcher Bedeutung, und nationellen Glau⸗ zes), war von Buonaparte allen Klaſſen ſeiner Unter⸗ thanen mitgetheilt worden, obgleich es hauptſaͤchlich in den Herzen ſeiner Waffengefaͤhrten lebte. Nach ihrer Meinung war Frankreichs Ruhm mit Napoleon auf⸗, und mit ihm fuͤr immer untergegangen, nicht, wie ſie eiferten, durch die uͤberlegene Macht des Feindes, ſondern durch den Verrath Marmont's und „ 93 der andern Generale, auf welche Napoleon Vertrauen geſetzt hatte. Dieſe Stimmung ging von den Rei⸗ hen der Soldaten in die andern Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft uͤber, welche in Frankreich fuͤr alles, was man ihnen als nationellen Ruhm gibt, hoͤchſt empfaͤnglich ſind; es toͤnte vom Felde, von den Werkſtaͤtten und Manufakturen ins Lager wieder. Alle begannen zu⸗ zugeben, daß ſie die Bourbons aus den Haͤnden frem⸗ der Sieger bekommen und des Koͤnigs Herrſchaft damit begann, daß Frankreich beſiegt und Paris uͤber⸗ geben wurde. Sie erinnerten ſich, daß die Alliirten erklaͤrt hatten, die Reſtauration des alten Fuͤrſtenhau⸗ ſes ſey mit Frankreichs Zuruͤckweiſung in ſeine alten Graͤnzen verbunden, und daß demnach der erſte Akt Monſieurs als Regent des Koͤnigreichs geweſen war, die Uebergabe von mehr denn fuͤnfzig Feſtungen jen⸗ ſeits der Graͤnze zu befehlen, welche Buonaparten, wie man ſchloß, die Mittel gegeben haͤtten, die Eroberun⸗ gen wieder zu gewinnen, die ihm Zufall oder Verrath zur Zeit entriſſen hatte. Der gemeinſte Soldat affek⸗ tirte ſeinen Theil an der National⸗Unehre ob dem Verluſt der Provinzen zu empfinden, auf welche Frank⸗ reich keinen andern Anſpruch, als den der mllttaͤri⸗ ſchen Uſurpation hatte. Die Hoffnung, daß die Re⸗ gierung ſich beſtreben werde, wenigſtens Belgien wie⸗ der zu gewinnen, das fuͤr Frankreich ſo gelegen war, und wie ſie behaupteten, in ſeine natuͤrlichen Graͤnzen fiel, diente dazu, dieſe Stimmung einigermaßen nie⸗ 94 derzuhalten; als man aber erfuhr, daß die Regierung von Frankreich ſich in frembe Kriege aus dieſem oder einem andern Grunde weder einkaſſen koͤnne noch wolle, wurde die Unzufriedenheit des Heeres allgemein, und man durfte es fuͤr reif zu einer verzweifelten Unternehmung halten. Unter den Soldaten zeichneten ſich die ehemaligen die neue Ordnung der Dinge aus, und hielten ſich fuͤr beſchimpft, daß die Bewahrung der Perſon des Koͤnigs einem Korps von Haustruppen anvertraut ward, das aus erwaͤhlten und bewaͤhrten Royaliſten beſtand. Die Armee war gleichfalls daruͤber ungehal⸗ ſchwenderiſcher Freigebigkeit ausgetheilt wurden, was darauf berechnet ſchien, ihren Werth herabzuſetzen. Allein die Art der Avancements war die tiefſte Quelle des Mißvergnuͤgens. Die Prinzen von königlichem Gebluͤt wurden vom Koͤnige zu commandirenden Ge⸗ neralen ernannt, und die Armee ent eeckte bald, oder glaubte zu entdecken, daß unter ihren Auſpizien die hoͤhern Stellen in der Armee aller Wahrſcheinlichkeit nach von dem emigrirten Adel beſetzt werden ſollten, deſſen Kriegsdienſt als fortlaufend betrachtet wurde, indeſſen ſie in dem Gefolge des Koͤnigs waͤhrend ſeiner werbung zwiſchen Maͤnnern herbeigefuͤhrt, deren Au⸗ ſpruͤche ſich auf ihre hingebende Anhaͤnglichkeit an das kaiſerlichen Garden durch ihren finſtern Haß gegen ten, daß die Decorationen der Ehrenlegion mit ſo ver⸗ Verbannung waren; ſo war die unziemlichſte Mitbe⸗ 95⁵ Haus der Bourbons gruͤndeten, und ſolchen, welche gegen dieſe Familie, aber im Dienſte Frankreichs die Waffen getragen hatten. Wahr iſt, daß die Zerruͤt⸗ tung der Finanzen und die Eiferſucht der Miniſter, von denen jeder das ausſchließliche Patronat ſeines eigenen Departements anſprach, dem Koͤnige kein beſſeres Mittel ließen, ſich ſeiner Verbindlichkeiten zu entledigen, und ſeinen alten Freunden und Anhaͤngern eine Eriſtenz zu ſichern, als ſie in der Armee unter⸗ zubringen. Dieſe Maßregel, obgleich vielleicht unab⸗ weisbar, war in manchen Ruͤcſſichten unerfreulich. Alte Maͤnner, welche die Dienſtjahre bereits paſſirt, oder junge Leute, die den Dienſt noch nicht kannten, wur⸗ den kraft dieſer Anſpruͤche in Stellen geſetzt, auf welche die gegenwaͤrtigen Krieger durch ihre Lorbeeren und ihre Narben ein Recht zu haben glaubten. Das Aeußere dieſer uͤberjaͤhrigen Emigranten, welche auf ſolche Weiſe auf Poſten avansirten, welche ſich fuͤr ihr Alter und ihre Schwaͤchlichkeit uͤbel ſchickten, erregte Hohn und Verachtung unter den Buonapartiſchen Soldaten, waͤhrend der patriziſche Uebermuth und die jugendliche Anmaßung der juͤngern Adelichen ihren Unmuth erweckte. Die Agenten und Freunde Buona⸗ parte's ließen dieſe Leidenſchaften nicht verkuͤhlen; „die Royaliſten haben ein Komplott gegen euch,“ wurde den Regimentern, welche neue Officiere bekom⸗ men hatten, unaufhoͤrlich wiederholt,„die Bourbons koͤnnen ſich nicht fuͤr ſicher halten, ſo lange die, welche 96 Napoleons Triumphe getheilt, in Ehre und am Leben ſind. Eure Glieder ſind unter das Kommando von Leuten geſtellt, die niemals das Schwerdt zum Kampfe gezogen, oder blos unter den emigrirten Banden Conde's, unter den inſurgirten Chouans und in der Vendée gedient haben. Wer buͤrgt euch dafuͤr, daß ihr nicht in Tagesfriſt entlaſſen ſeyd, und wenn die Verbindlichkeiten der Regierung gegen euch dieſe, wie es ſcheint, ſo wenig bindet, wollt ihr eure Verpflich⸗ tungen gegen ſie fuͤr bindender halten?“ Solche In⸗ ſinuationen und Raiſonements reizten die Vorurtheile der Armee auf; Unzufriedenheit verbreitete ſich allge⸗ mein durch ihre Reihen, und lange vor dem kuͤhnen Verſuche Napoleons war ſeine fruhere Soldateska beinahe insgemein darauf vorbereitet, ihm zu der Wiedererlangung ſeiner Macht beizuſtehen. Den Zuſtand der thaͤtigen politiſchen Parteien in Frankreich haben wir bereits beſchrieben; allein wie es zu gehen pflegt, die Maſſe der Bevoͤlkerung war, außer den Augenblicken der Aufregung, gegen ihre Grundſaͤtze gleichguͤltig. Parteien im Staate ſind ge⸗ genuͤber vom Volke gewoͤhnlich das, was die Winde auf dem Ocean ſind; der, welcher zur Zeit vorherrſcht, treibt die Fluth in ſeiner Richtung hin, am naͤchſten Tag iſt er hinweg, und die Wogen ſtehen unter einem andern Einfluß. Das franzoͤſiſche Volk war im All⸗ gemeinen den Republikanern oder Jakobinern nicht geneigt, es hatte noch einen zu furchtbaren Eindruck . F 97 von den Schrecken der Tyrannei, welche die politiſchen Fanatiker ausgeubt, um ſie anders als mit Schau⸗ dern zu betrachten. Sie waren eben ſo wenig Buo⸗ napartiſten, weil ſie den raſtloſen Sinn des Mannes fürchteten, der dieſer Faction den Namen gab, und ſahen, daß waͤhrend er an der Spitze der franzoͤſiſchen Regierung ſtand, ein beſtaͤndiger Kriegszuſtand herr⸗ ſchen mußte. Sie konnien auch nicht Royaliſten ge⸗ nannt werden, denn ſie ſchloßen Manche in ſich, fuͤr welche der Name Bourbons alle ſeine Reitze verloren hatte, und einen ſehr großen Theil des Landes hatte Zufall oder Gluͤck ſo genau mit der Revolution ver⸗ bunden, daß ſie nicht geneigt waren, die Wiedereinſetzung der Monarchie auf ihren alten Fuß zu begunſtigen. Im Allgemeinen hoffte dieſe Klaſſe von Franzoſen, welche die Gemaͤßigten oder Konſt tutionellen genannt werden koͤnnen, und welche die große Maſſe der Leute von Eigenthum, Vermoͤgen und Erziehung in ſich ſchloßen, Gutes von der Regierung des Koͤnigs. Sein Verſtand, ſeine Humanitaͤt, ſeine Gerechtigkeitsliebe, ſeine Maͤßigung und andere ſchaͤtzbare Eigenſchaften empfahlen ihn ihrer Achtung, und ſie glaubten, ſeine Reſtauration als die Garantie eines dauerhaften Frie⸗ dens mit den andern Nationen Europa's betrachten zu duͤrfen. Allein ſie fuͤrchteten und verfluchten jene contrerevolutionaͤre Reaktion(wie der ſtehende Aus⸗ druck war), die fuͤr den Gegenſtand der Wuͤnſche der Prinzen von Gebluͤt, des Adels und der Geiſtlichkeit W. Seott's Werke. LXI. 7 98. angeſehen wurde. Das Eigenthum bei manchen Kon⸗ ſtitntionellen beſtand in Nationalguͤtern, ſie bewachten daher mit Argwohn und Furcht jeden Schritt, den der emigrirte Adel und die emigrirte Geiſtlichkeit zur Wiedererlangung ihrer fruͤhern Rechte zu thun ge⸗ neigr ſchienen. Auf dieſen Punkt war die gemaͤfigte Partei ganz beſonders argwoͤhniſch, und die Vorgaͤnge in der Kam⸗ mer der Abgeordneten warfen ein ſtarkes Licht auf den Zuſtand der oͤffentlic en Meinung, wir muͤſſen daher die Aufmerkſamkeit der Leſer dahin lenken. Ein unbedeutender Streit uͤber den Vortritt hatte ſich in einer Kirche, genannt Durnac, zwiſchen dem Herrn der Pfarre und dem Maire der Gemeinde ent⸗ ſponnen. Der Maire brachte die Sache in einer heftigen Petition vor die Kammer der Abgeordneten und ließ ſich in ſeiner Beſchwerdeſchrift gegen die ganze Koͤrperſchaft der Emigranten aus, die er be⸗ ſchuldigte, daß ſie ſich uͤber die konſtitutionellen Anto⸗ ritaͤten ſetzen, und Frankreich als ein erobertes Land behandeln wollten. Die Kammer erklarte am 20. No⸗ vember 1814, die in der Petition gefuͤhrte Sprache für verlaͤumderiſch, und den Streit ſelbſt fuͤr zu un⸗ wichtig, als daß ſie davon Notiz nehmen koͤnnte. Al⸗ lein die Debatte gab zu Aeußerungen Anlaß, die auf den Verdacht hinwieſen, als exiſtirte ein geheimes lichtſcheues Syſtem, das dahin zwecke, den Samen der Zwietracht und Rnauchit unter den Buͤrgern aus⸗ zuſtreuen, und mit den Geſetzen unvertraͤgliche An⸗ ſpruͤche wieder in's Leben zu rufen.„Es ſey,“ ſagte das Mitglied, welches dieſe Bemerkung machte,„von Wichtigkeit, jeder Klaſſe von Franzoſen die Wahrheit an's Herz zu legen, daß es für Frankreich, fuͤr den Koͤnig, fuͤr jedes Glied der Geſellſchaft keine Sicher⸗ heit gebe, als in der Behauptung der konſtitutionellen Prinzipien, auf welche die die Geſammtheit ſchuͤtzen⸗ den Geſetze gegruͤndet waͤren.“ Die Anſpruͤche der Emigranten auf Ruͤckerſtattung ihres eingezogenen Eigenthums waren, in abstracto genommen, eben ſo gerecht und unbeſtreitbar, als die des Koͤnigs auf den Thron. Allein die politiſchen Ruͤckſichten, welche ſie begleiteten, mußten einen all⸗ gemeinen Verſuch, dieſe Anſpruͤche geltend zu machen, zum ſichern Signal eines Buͤrgerkrieges machen, eines Buͤrgerkrieges, der beinahe gewiß mit einer zweiten Verbannung ſowohl der köͤniglichen Familie, als ihrer Anhaͤnger endigte. In dieſem Dilemma ſcheint die Regierung ſich aͤngſtlich nach einem Auskunftsmittel umgeſehen zu haben, wodurch den Emigranten gehol⸗ fen würde, ohne daß der Artikel der Karte, welcher den Verkauf der Nationalguter ratiftzirte, umgeſtoßen wurde. Herr Ferrand ſtellte in der Kammer der Abgeordneten einen Antrag auf die Zuruͤckgabe ſolcher Guͤter der Emigranten, die noch nicht verkauft wor⸗ den waͤren. Allein dieß fuͤhrte auf eine Frage in Betreff der Rechte der bei Weitem zahlreichern Klaſſe, 100 deren Eigenthum vom Staate eingezogen, und an dritte Perſonen vergeben worden war, wobei der recht⸗ liche Beſitz durch die Karte garantirt wurde. Da dieſe Herren nicht ex jure wieder in ihre Beſitzungen eingeſetzt werden konnten, wie man zu Gunſten ihrer gluͤcklichern Bruͤdern vorſchlug, ſo hatten ſie wenig⸗ ſtens einen Anſpruch auf Entſchaͤdigung fuͤr ihr Eigen⸗ thum, die Entſchaͤdigung aber mußte von der Nation gegeben werden. Dieſe Vorſchlaͤge veranlaßten Herrn Durbach, Fer⸗ rand den Vorwurf zu machen, er habe durch ſeinen Vorſchlag dem unahſehbaren Kampfe uͤber die Na⸗ tionalguͤter die Thore geoͤffner.„Bereits,“ fuhr der Redner fort,„hallen die beiden Enden des Koͤnig⸗ reichs von den Worten des Miniſters wie von Don⸗ nerſchlaͤgen wider, die dem verheerenden Blitze voran⸗ gehen, die Wirkung, die ſie hervorgebracht, war ſo ſchnell und allgemein, daß aller buͤrgerliche Verkehr mit einemmal ſtockte. Das allgemeine Mißtrauen, die unbeſchreibliche Furcht, brachten eine Stagnation hervor, deren Wirkungen ſelbſt die koͤnigliche Schatz⸗ kammer fuͤhlte. Die Eigenthuͤmer von Nationalguͤ⸗ tern koͤnnen ihren Beſitz nicht mehr verkaufen, noch verpfaͤnden. Sie ſind mitten im Reichthume ploͤtzlich i den Bettelſtab gebracht. Woher dieſes Elend Die Urſache davon iſt die Erklaͤrung des Miniſters, daß das Eigenthum, welches ſie beſitzen, ihnen nicht geſetzlich zugehoͤre, denn dieß iſt wirklich die Folgerung 101 aus ſeiner Behauptung, daß das Geſetz bei den Emi⸗ granten ein Recht auf Eigenthum anerkenne, das je⸗ derzeit beſtanden habe. Der beruͤhmte Marſchall Macdonald, ein Freund der Monarchie und der Freiheit, Frankreichs und der Bourbonen, unternahm es, einen Entwurf zur Ent⸗ ſchaͤbigung der Emigranten vorzulegen, ſo weit es die Lage der Nation erlaubte, indem er zugleich eine Entſchaͤdigung fuͤr die von Buonaparte ſeinen Vete⸗ ranen angewieſenen Penſionen vorlegte, welche waͤh⸗ rend ſeiner Herrſchaft aus Laͤndern jenſeits der Huinis 4 Frankrei chs bis auf den Ruͤckzug von Moskau bezahl worden waren. Die Angabe des Marſchalls Vr 1 die Ausdehnung des Verkaufs der Nationalguͤter 1 zeigt, wie furcktbar der Schritt war, den dieſe aus⸗ gedehnte Uebertragung des Eigenthums nothwendig mit ſich brachte, da die Anzahl der Perſonen, welche bei dem fraglichen Gegenſtande mittelbar oder unmit⸗ 1 telbar betheiligt waren, ſich auf neun bis zehn Mil⸗ lionen belief.„Gegen dieſen Kolos,“ fuhr der Mar⸗ ſchall fort,„deſſen Hoͤhe das Auge nicht ermeſſen kann, waͤre jede Anſtrengung ohnmaͤchtig, allein die Weisheit des Koͤnigs hat die Gefahr vorausgeſehen, ſchon um der unklugen Leute willen, die ſich ihr haͤt⸗ ten ausſetzen koͤnnen.“ Er fuhr mit großer Beredt⸗ ſamkeit fort, das Benehmen der Emigranten zu ruͤh⸗. men, Abtung fuͤr ihre Perſonen, Mitleid mit ihrem Ungluͤck, Loh wegen ihrer Anhaͤnglichkeit auszuſprechen, 10² dann bemerkte er, daß die Eriſtenz dieſer alten Eigen⸗ thuͤmer, wenn ſie Anſpruͤche auf die Guͤter haͤtten, die von Andern erworben worden ſeyen, ſie in eine Lage bringe, die nicht ſeyn ſollte. Er ſchlug daher vor, die Nation ſolle die Anſpruͤche dierer Ungluͤck⸗ lichen, wenn auch nicht ganz, doch mit denjenigen Be⸗ ſchraͤnkungen befriedigen, die bei andern National⸗ verbindlichkeiten eingetreten ſeyen. Nach dieſem Fuße berechnete er, daß jaͤhrlich zwoͤlf Millionen Livres die Anſpruͤche der verſchiedenen Emigranten befriedigen würden. Naͤchſt dem entwarf er ein Gemaͤlde von dem Ungluͤck der alten Soldaten, der Staatspen⸗ ſionaͤre, die durch durch das Aufhoͤren ihrer Pen⸗ ſionen, welche ſie in tauſend Schlachten mit ihrem eigenen Blute erkauft, ins Elend geſtuͤrzt worden waͤren. Drei Millionen weitere Livres waren ſeiner Berechnung nach fuͤr die Erfuͤllung dieſer heiligen Pflicht nothwendig. Der Plan des Marſchalls Mardonald zeugte von Weisheit, Maͤnnlichkeit, von Edelmuth, und wuͤrde, wenn er zur Entſcheidung und Ausfuͤhrung haͤtte kommen koͤnnen, die Furcht urd den Argwohn der Beſitzer von Nationalguͤtern groͤßtentheils beſchwich⸗ tigt, und bei den Anſpruͤchen der Emigranten und der Armee eine Unparthellichkeit ausgeſprochen haben, welche beide Thetle haͤtte ausfoͤhnen ſollen. Ungluͤck⸗ licherweiſe fehlte es an Geld, und die königliche Re⸗ gierung war ſo weit entfernt, eine neue Ausgabe von 105 jährlichen fuͤnfzehn Millionen machen zu koͤnnen, daß ſie nicht cinmal im Stande war, ſich der verſchiedenen Auſpruͤche zu entledigen, ohne die druͤckende Steue: der droits réunis fortdauern zu laſſen. Es iſt eine allgemeine Erfahrung, daß beinahe alle Revolutionen unter gebildeten Voͤlkern von den Finanzen und Steuern ausgegangen ſind, und daß man kaum berechnen kann, wie lange man ſich wirk⸗ liche Unterduͤckung gefallen laͤßt, wenn man nur die Boͤrſe des Einzelnen verſchont, wie bald dagegen eine ſchwere Steuer, auch fuͤr den nothwendigſten Bedarf erhoben, Aufſtand veranlaſſen wird. Ohne die druͤckende Beſteuerung der Spanier wuͤrden ſich die Hollaͤnder kaum gegen ſie empoͤrt haben; Auflagen waren es, welche die Schweizer gegen die Oeſterreicher in Har⸗ niſch brachten; ohne die Stempelakte waͤre die ame⸗ rikaniſche Revolution vielleicht viel ſpaͤter erfolgt; und ohne die Zerruͤttung der franzoͤſiſchen Finanzen haͤtte Ludwig XVI nie noͤthig gehabt, die Nationalverſamm⸗ lung zu berufen. Frankreich wurde nun wieder durch einen dieſer Fieberanfaͤlle aufgerent, die aus der Em⸗ pfindlichkeit der Boͤrſe des Unterthanen entſpringen. Ein Bericht uͤber den Zuſtand der öͤffentlichen Fi⸗ nanzen vom Abbé de Montesquieu hat einen auffal⸗ lenden Beweis von Buonaparte's truͤglicher Politik gegeben; ſeitdem er die Zuͤgel der Regierung an ſich geriſſen, wurden periodiſch Berechnungen der oͤffent⸗ lichens Einnahmen und Ausgaben bekannt gemacht, 104 welche dem Anſcheine nach ganz genau ſie einander die Wage hielten, Hoffnung, daß, wenn die Einkun lich eingingen, die Ausgaben kein De koͤnnten. Allein der Wahrheit außerordentliche Ausgaben dem A vorenthalten, waͤhrend auf der an trag der Steuern üͤber ſchaͤtzt war; Budjets von 1812 und nung ein Deficit von oder 13,000,000 Pfund Sterling. Buonsparte wußte dieß wohl, aber er verhehlte eg vor den Augen der Nation, weil er hoffte, den Ausfall in gluͤcklicheren Tagen durch fremden Tribut wieder zu decken, und mittlerweile half er ſich durch Vorausbezug anderer Gelder, wie ein ungetreuer Buchhalter eine plauſible Balance zieht, um ſie ſeinem Gebieter vorzulegen, und ſeine Veruntreuungen durch die Geſchicklichkeit im Gebrauch der Ziffern deckt. Im Ganzen ergab ſich, daß die Schuldenlaſt Frank⸗ reichs im Verlauf von 13 Jahren zu einer Hoͤhe von 1,645,469 000 Franken oder mehr als 66 und eine halbe Million Pfund Sterling betrug. Dieſe finanziellen Verlegenheiten ſtimmten der Erfuͤllung eines ungluͤcklichen un ſprechens von Monſieur, daß die ſchweren und druͤcken⸗ den Steuern, les trojs réunis genannt, aufhoͤren ſollten, das bei. ſriutin erſten Eintritt in Frankreich waren, und da gaben ſie die ſchoͤne fte des Staates wirk⸗ ficit herbeifuͤhren nach wurden viele uge des Publikums dern Seite der Er⸗ ſo gaben die zwei 1815 nach genauer Berech⸗ meyr als 512,000,000 Livres n uͤbel zu d voreiligen Ver⸗ 105 gegeben ward, als er noch, zwiſchen Furcht und Hoff⸗ nung ſchwebend, Alles ergriff, was der koͤniglichen Sache Anhaͤnger zufuͤhren mochte. Auf der andern Seite hatte ſich der Koͤnig bei ſeiner Thronbeſteigung mit vielleicht zu großer Ausdehnung verbindlich ge⸗ macht, alle Verpflichtungen, welche der Staat unter der fruͤhern Regierung eingegangen, zu erfuͤllen. Beide Verſprechungen zu erfüllen, war unmoͤglich; denn ohne die Fortſetzung dieſer ſehr verrufenen und druͤckenden Steuer konnte die Krone nicht die Mittel haben, die Staatsſchuld abzutragen; umſonſt ward von Jalabert ein Vorſchlag gemacht, dieſe druͤckende Steuer durch eine Auflage auf den Wein zu decken; die Motion ward einem Ausſchuß der Kammer der Abgeordneten uͤbergeben; allein das Surrogat ſchien unmoͤglich befunden zu werden. Ludwig ließ natuͤr⸗ lich ſeiner eigenen, mit mehr Ueberlegung eingegan⸗ genen Verbindlichkeit das Vor ſprechen ſeines Bruders nachſtehen. Allein es iſt eben ſo wahr, daß durch fortgeſetzte Erhebung der droits réunis Manche, welche der koͤniglichen Regierung bloß in ſo weit ab⸗ geneigt waren, als ſie an ihre Beutel griff, einen Vorwand hatten, den Koͤnig eines Wortbruchs gegen ſeine Unterthanen zu beſchuldigen, und bei einem Gegenſtand, uͤber welchen wenig Voͤlker geneigt ſind⸗ gegen ihren eignen Vortheil Vernunft anzunehmen, keine Vertheidigungsgruͤnde gelten ließen. Noch ein anderer Grund zur Unruhe und Furcht * 106 war vorhanden, der nicht nur kie Gemuͤther derje⸗ nigen bewegte, welche revolutionsſuͤchtig, oder wie die Roͤmer es hießen, cupidi novarum rerum wa⸗ ren, ſondern auch ſolcher, welche, auf die Wohlfahrt Frankreichs treu bedacht, es unter dem Schutze eines legitimen Monarchen im Genuß ſeiner natfonellen Freiheit zu ſehen wuͤnſchten. Dieſe hatten das Un⸗ gluͤck, zu bemerken, daß die Freiheit von einer Seite angegriffen wurde, wo ſie am empfindlichſten iſt, durch Beſchraͤnkungen naͤmlich, welche gegen die Preſſe gemacht wurden. 5 Buonaparte hatte es zu ſeiner Politik gemacht, dieſes maͤchtige Werkzeug in ſeiner eiſernen Hand zu halten, indem er wohl einſah, daß ſein Syſtem von Deſpotismus keine ſechs Monate beſtehen wuͤrde, wenn ſeine Handlungen dem Tadel des Publikums und ſeine Angaben dem Widerſpruche und der Kri⸗ tik ausgeſetzt waͤren. Die Bourbons hatten die Feſſeln geloͤst, worin die Freiheit der Preſſe gehalten wurde, und der Geiſt des literariſchen und politiſchen Streites brach mit ſo daͤmoniſcher Heftigkeit hervor, daß er diejenigen, welche ihn aus ſeinen Banden ge⸗ loͤst, in Erſtaunen und Schrecken ſetzte. Ein Schwall von ungezuͤgelter Wuth brach gegen die Bourbonen los, und mochte die Autoren zu den Worten Kali⸗ ban's berechtigen— „Ihr lehrt mich ſprechen, und der ganze Vortheil Iſt— daß ich fluchen kann.“ 197 Um den Geiſt, der ſich ſo unzweideutig ausſprach, niederzuhalten, wurde am 4. Juli 1814 eine Motion gemacht, die Flugſchriften unter einer beſtimmten Bogenzahl unter Cenſur, und die Journale und Ta⸗ gesblaͤtter unter die Aufſicht der Regierung zu ſtellen. Dieſer wichtige Gegenſtand wurde mit großem Muth und Talent in der Verſammlung diekutirt; allein es iſt eine der vielen politiſchen Maximen, welche die Englaͤnder als Grundwahrheiten anneh⸗ men, daß ohne abſolute Freiheit der Preſſe(wo den Mißbrauch Jeder auf eigene Gefahr auszufechten hat) keine erleuchtete Vaterlandsliebe, noch freiſinnige Dis⸗ kuſſion Statt finden kann, und daß, wenn auch die Formen einer freien Konſtitution erhalten werden, wo dieſe Freiheit beſchraͤnkt iſt, ſie bald die noͤthigen wohlthaͤtigen Wirkungen zum Schutze der Rechte der Gemeinheit und der Sicherheit der Einzelnen verlie⸗ ren werden. Die Freiheit der Preſſe iſt der Kanal, durch welchen der Unterdruͤckte ſeinen Unterdruͤcker vor die Schranken des Volkes fordert; ſie iſt das Mittel, wodurch oͤffentliche Perſonen, im Fall eines ungerechten Benehmens, vor ihren eigenen und den kuͤnftigen Zeiten gerichtet werden; ſie iſt der einzige Weg, auf welchem kuͤhne und unverſtellte Wahrheit ſich die Bahn in die Kabinette der Monarchen bricht; und ſie iſt das Privilegium, vermittelſt deſſen der⸗ jenige, welcher umſonſt ſeine Stimme gegen die Ver⸗ derbniſſe und Vorurtheile ſeiner eigenen Zeit erhebt, 108 ſeine Rathſchlaͤge als ein Vermaͤchtniß an die unpar⸗ teiiſche Nachwelt uͤberaibt. Die Grauſamkeit, welche das Ohr eines Einzelnen betaͤubt und ſeine Augen verblendet, gleicht gewiſſer⸗ maßen der Schuld desjenigen, der durch Unter⸗ druͤckung der Freiheit der Preſſe eine Nation in die Taubheit des Vorurtheils und die Verblendung der Unwiſſenheit zuruͤckbringen wollte. Die Vernichtung dieſer Art von Freiheit hatte, als das erſte Symptom des Verfalls der nationellen Freiheit, zu allen Zeiten die gänzliche Vernichtung derſelben zur Folge, und es mag mit Recht behauptet werden, daß dieſe beiden nicht getrennt exiſtiren koͤnnen; oder wie der elegiſche Dichter von ſeinem Helden und dem Vaterlande ſagt, dem er angehoͤrt— Ille tibi superesse negat; tu non potes illi. Wir muͤſſen jedoch zugeben, daß, wie kein Gut ohne eine Zugabe von Uebel kommt, die unbeſchraͤnkte Frei⸗ heit der Preſſe von unlaͤugbaren Inkonvenie nzen be⸗ gleitet wird, welche, wenn die Nation in einem Zu⸗ ſtande von Aufregung ſich befindet, ihre Ausuͤbung gefaͤhrlich machen. Dieß iſt beſonders der Fall, wenn ein Volk, wie damals in Frankreich, plötzlich aus einem Zuſtande der Sclaverei heraustritt, und„gleich dem jungen Fuͤllen, das der Kripp' entſprungen.“ einen ausſchweifenden Georauch von ſeiner Freiheit 109 macht. Bei dem Mangel an Vorbereitung fuͤr oͤffent⸗ liche Diskuſſion, bei jenem Grade von politiſcher Mißbildung, die ihrem Zeitalter weit furchtbareren Nachtheil gebracht, als ſelbſt gaͤnzliche Unwiſſenheit bewirkt haben wurde; bei dem ungehinderten Einfluß unvergohrener Flugſchriften, die den herrſchenden Leidenſchaften ſchmeicheln, ſo wie die Reden der Demagogen denen der Athenienſer geſchmeichelt hat⸗ ten,— iſt es die Meinung mancher Staatsmaͤnner geweſen, daß die Verweigerung der Freiheit der Preſſe bei einer ſolchen Narion eine Maßregel iſt, die ſich eben ſowohl durch die Vernunft, als durch die Noth, rechtfertigen läßt. Wir meſſen, ſagen dieſe Raiſouneurs, die Freiheit nach dem Vermoͤgen ab, ſie ertragen zu koͤnnen; den Beſonnenen und den Friedfertigen laſſen wir ſeine Freiheit genießen; allein wir laſſen das Kind nicht gewaͤhren, wir wollen dem Raufbold die Waffe vorenthalten, und feſſln den Fanatiker. Warum, fragen ſie, ſollte eine Nation in einem Fieberzuſtande ohne Einſchraͤnkung alle In⸗ dulgenzen erhalten, welche die Unordnung nothwendig vergroͤßern muͤſſen? Unſere Antwort hierauf iſt kurz dieſe,— daß durch die Geſtattung des Mißbrauchs der Freiheit der Preſſe in all ihrer furchtbaren Aus⸗ dehnung(und wir brauchen nicht in Frankreich Bei⸗ ſpiele dafuͤr aufzuſuchen) die daraus entſpringenden Vortheile ſo unſchaͤtzbar ſind, daß, ſie entreißen zu wonen, eben ſo viel waͤre, als wenn ein Baumeiſter 110 die Fenſter, welche Luft und Licht in die Behauſung bringen, verbauen wollte, weil Froſt und vielleicht auch Regen durch die Oeffnung moͤglicher Weiſe ein⸗ dringen kann. u⸗berdieß erkennen wir an, daß wir die Empfindungen der Glieder jeder Regierung in dieſem delikaten Punkte wohl zu wuͤrdigen wiſſen, ihre Stellung macht ſie zu zweideutigen Freunden eines Privilegiums, durch welches ſie allein dem Pu⸗ blikum fuͤr den Mißorauch ihrer Macht verantworrlich werden, und durch welches ſie gleichfalls ſehr oft ſehen muͤſſen, daß die gerechte und gemaͤßigte Ausuͤbung ihrer Gewalt verdreht und boshaft gerichtet wird. Fuͤr die Fuͤrſten iſt die unumſchraͤnkte Freiheit der Preſſe auch in mancher Ruͤckſicht aͤrgerlich, ſie unter Kontrolle zu ſetzen, ſcheint bequem und wuͤnſchens⸗ werth, und die fuͤr die Geſammtheit entſtehende Un⸗ bequemlichkeit nicht groͤßer, wie ſie meinen, als die Noͤthigung zur geziemenden Achtung und Unterwuͤr⸗ figkeit— mit einem Wort, zu jener Etikette, wie ſie an allen Hoͤfen gilt, und unter keinem Vorwande geſtattet zu ſagen, was gegen einen Souverain grob, ihm unangenehm, oder auch nur mißfaͤllig zu hoͤren iſt. Unter dieſen Umſtaͤnden und bei dem gegenwaͤr⸗ tigen Zuſtande von Frankreich mußte man mehr be⸗ dauern, als ſich wundern, daß die Miniſter Ludwigs XVIII. geneigt waren, die Freiheit der Preſſe zu be⸗ ſchraͤnken, oder daß ſie ihren Wunſch verwirklichten, 111 das Licht der Nationen unter den Scheffel der Cen⸗ ſur zu ſetzen. Allein der ſo errungene Sieg brachte auch ſeine weiteren Uebel fuͤr die Regierung mit ſich; man um⸗ ging das Geſetz durch allerlei Kunſtgriffe; die Werke, welche man zu unterdruͤcken gedachte, erhielten Abnahme und Wichtigkeit, ſchon dadurch, daß ſie verboten wa⸗ ren, waͤhrend der ganze Zweck der Maßregel bei Manchen, welche der bourboniſchen Familie ſonſt ge⸗ neigt waren, den Verdacht erregten, als haͤtten ſie Abſichten gegen die Freiheit der Nation. So in Parteien zerriſſen, durch Steuern bedruͤckt, und von jenen namenloſen geheimen Feinden, der Furcht und dem Argwohn heimgeſucht, die der ge⸗ faͤhrlichſte Gegenſtand der Unzufriedenheit ſind, weil ſie am wenigſten gehoben und widerlegt werden koͤn⸗ nen, war Frankreich von Brennſtoffen angefuͤllt, und das naͤchſte Kapitel wird zeigen, wodurch ſte in lich⸗ ten Flammen aufgingen. Fuͤnftes Kapitel. Carnot's Denkſchrift uͤber die oͤffentlichen Angelegenheiten.— Fouchs erhaͤlt die Gunſt des Koͤnigs nicht, und verbindet ſich mit den Jakobinern.— Verſchiedene⸗Plaͤne dieſer Partei, welche ſich end⸗ lich an die Buonapartiſten anſchließr.— Intrigen beginnen thaͤtig zu werden. 112 Carnot wurde in dieſer Geſchichte zu wiederholten Malen als ein Genoſſe und Kollege Robespierre's waͤhrend der ganzen Herrſchaft der Schreckenszeit ge⸗ nannt. Seine Bewunderer behaupten, daß er, ſich ſelbſt nur den Krieg im Auslande vorbehaltend, ſeinen Bruͤdern von dem Ausſchuſſe der öffentlichen Sicher⸗ heit alle Maßregeln zu nehmen uͤberließ, fuͤr welche die Sprache der Menſchen keine Praͤdikate von den Schrecken hat, durch welche ſie urſpruͤnglich zur Macht gelangten, und wodurch ſie ſolche behaupteten. Nach dieſen parteitſchen Vertheidigern nahm dieſer Held ſeinen Weg durch das Reich des Schreckens unbefteckt von irgend einem blutigen Makel, wie Arethuſa ihre Waſſer durch den Ocean fuͤhrte, ohne ſich mit deſſen Wellen zu vermiſchen, und der Glaube der meiſten Leſer wird das alte Wunder ſo leicht hinnehmen, als das moderne. Carnot hatte jedoch die Unabhaͤngig⸗ keit des Geiſtes, um ſich Napol⸗ons Beſitznahme vom Throne zu widerſetzen, und blieb im Dunkeln bis 1814, wo er ſeine Talente als Ingenieur in der Ver⸗ theidigung von Antwerpen entwickelte. Er gab erſt ſpaͤt und zoͤgernd ſeine Unterwerfung unter die neue Regierung ein, und ward in ſeiner Stelle als Gene⸗ ral⸗Inſpector der Ingenieurs beſtaͤtigt. Allein dieß verhinderte ihn nicht, in der Verſchwoͤrung zum Sturze des Monarchen ſich beſonders thaͤtig zu erweiſen, dem er ſich unterworfen, und der ihm Unterhalt und Ehre ſicherte. — 113+ Carnot gab ſeine Anſichten uͤber die oͤffentlichen Angelegenheiten in einer Denkſchrift an, die im De⸗ cember 1814 heesnnt gemacht wurde, und zugleich eine Vertheidigung der Jakobiner und einen unmit⸗ telbaren Angriff auf die regierende Dynaſtie enthielt. Dieſes Dokument muͤſſen wir nothwendig etwas naͤher betrachten, da es die oſtenſiblen Gruͤnde enthaͤlt, aus welchen der Verfaſſer und tauſend andere in beſon⸗ derer Sorge fuͤr die Intereſſen der Freiheit Frank⸗ reichs dieſe durch den Sturz der Regierung eines milden und etwas ſchwachen Monarchen, deſſen Herr⸗ ſchaft mit Ruhe und Frieden identiſch war, am beſten geſichert glaubten, um einen unumechraͤnkten Herrſcher auf den Thron zu rufen, der einzig nach militaͤriſthen Principien regierte, und deſſen erſter Schritt unter den Staatshimmel einen Krieg mit dem geſammten Europa zur nothwendigen Folge haben mußte. In dieſer intereſſanten, und, wie es ſich auswies, nur allzu einflußreichen Schrift wurde jeder Fehler, den die reſtaurirte Familie beging, uͤbertrieben; ſie wurden mit den Adeligen, ihren perſönlichen Anhaͤn⸗ gern, unter einem duͤnnen, verichulichen Schleier ge⸗ heuchelter Achtung gegen den Koͤnig, wie Thoren be⸗ handelt, die nicht verſtanden, Frankreich zu regieren, und als Niedertraͤchtige, die es auf ſeinen Ruin ab⸗. geſehen hatten. Die Hinrichtung des Koͤnigs wurde mit eben ſo giftiger als ungerechter Ironie, ſeiner Angabe nach, nicht durch die Gewaltthat und Grau⸗ W. Scott's Werke. Lxl. 8 114 ſamkeit ſeiner Verfolger, ſondern durch die Kleinmaͤ⸗ thigkeit ſeines Adels veranlaßt, der die Entruͤſtung der Nation provocirte, und dann aus dem Koͤnig⸗ reiche floh, wo er ſich, wenn er ſeinen Souverain ge⸗ liebt haͤtte, zu ſeinem Schutz um ſeine Perſon haͤtte ſammeln ſollen. Dieſe Vertheidigung in dem Munde eines Koͤnigsmoͤrders lautet gerade ſo, als ob Einer aus einer Rauberbande einen Mord nicht ihrer eigenen Gewaltthat, ſondern der Feigheit der Domeſtiken des Ermordeten, die der Gewalt haͤtten widerſtehen ſol⸗ len, zuſchreiben wollte. Niemand wußte auch beſſer, als Carnot, durch welche Kuͤnſte Ludwig XVI. nach und nach dazu gebracht wurde, alle Mittel zur Ver⸗ theidiaung aufzugeben, die ſeine Lage ihm darbot, und ſich ſelbſt der geſchwornen Anhaͤnglichkeit und Treue derer zu uͤberlaſſen, von denen er zum Tode verur⸗ theilt wurde. Wie ſonderbar und unlogiſch waren die Beiſpiele und Beweiſe, welche Carnot zur Entſchul⸗ digung der Verurtheilung Ludwigs auffuͤhrte. Cicero ſagt in ſeinen Officien:„wir haſſen alle die, welche wir fuͤrchten, und wir wuͤnſchen den Tod derer, die wiy haſſen.“ Aus dieſem weit umfaſſenden Grunde vertheidigt Carnot des Redners Billigung der Er⸗, mordung Caͤſars, trotz der Milde des Uſurpators, „und Cato ging,“ ſo faͤhrt der Kollege Robespierre's fort,„weiter, und glaubte nicht, daß es moͤglich ſey, daß es irgend einen guten Koͤnig gebe.“ Natuͤrlich konnten, nach Carnot's Meinung, nicht allein Ludwig XVI., ſondern 115 alle Monarchen nach allem Fug und Recht umgr⸗ brocht werden, weil ſie natuͤrlich die Gegenſtaͤnde der Furcht fuͤr ihre Unterrhanen ſind— weiil vir dieje⸗ nigen haſſen, welche wir fuͤrchten— und weil nach der verwandten Autoritaͤt Shylo'ks Niemand ein Ding haßt, das er nicht zu toͤdten wuͤnſcht. Die Lehre vom Koͤnigsmorde, heißt es, ſey in dem alten Teſtamente beſtaͤtigt; Familien wurden umgebracht,— Monarchen geaͤchtet,— Unduldſamkeit gepredigt, von den Die⸗ nern der gnaͤdigen Gottheit: warum ſonten ſomit nicht auch die Jakobiner Ludwig XVI. hinrichten duͤrfen? Wenn angefuͤhrt wuͤrde, daß die Perſon der Koͤnige nach den Geſetzen aller civilißrten Regierun⸗ gen unverletlich ſey, ſo ſtehe doch die Perſon der Ufurpatoren nicht unter gleichem Schutze, und welches Mittel habe man, fragte Carnot, zur poſitiven Un⸗ terſcheidung zwiſchen einem Uſurpator und einem le⸗ gitimen Koͤnig? und die Schwierigkeit einer ſolchen Unterſcheidwe war ohne Zweifel eine genuͤgende Ver⸗ theidigung der Richter Ludwigs XVI Unſinn gleich dieſem war, ſeitdem die Kluhbs der Jakobiner geſchloſſen waen, nicht wohl geſchrieben worden; allein die Abſicht von Carnots Flugſchrift war nicht eine That zu entſchuldigen(die, er wahr⸗ ſcheinlich lieber als loͤblich geruhmt haben wuͤrde), ſondern durch die Hyperbeln ſeiner Beredtſamkeit, und durch das Gewicht ſeines Einfluſſes bei dem Publi⸗ kum die Wuth der andern Parteien gegendie Bour⸗ 116 bons und ihre Anhaͤnger anzufachen. Dem König ward vorgeworfen, er ſey undankbar gegen den Ruf der Nation(ein Ruf, den er ſicherlich ohne die Ka⸗ nonen der Verbuͤndeten nicht gehoͤrt haben wuͤrde) dadurch geweſen, daß er ſich Koͤnig von Gottes Gna⸗ den genannt,— auf Belgien verzichtet, waͤhrend doch Carnot geräde Gouverneur von Antwerpen war, und daß er Chonans, Vendeeaner, Emigranten, Koſacken oder Englaͤnder den Soldaten vorgezogen habe, deren Siege ihn in Verbannung gehalten, und durch deren Niederlage er allein den Thron ſeiner Vaͤter wieder gewonnen hatte. Die Emigranken wurden als eine erbitterte und doch veraͤchtliche Faktion hingeſtellt. Das Volk, heißt es, fragte wenig nach dem Rechte ſeiner Herrſcher,— nach ihren Streitigkeiten, nach ihrem Privatleben, ja ſelbſt nach ihren politiſchen Verbrechen, woferne es nicht ſelbſt dadurch ange⸗ fochten wuͤrde. Jede Regierung hat ihr⸗ natuͤrliche Baſis in der Meinung des Volkes, aber dch! in der wirklichen Geſchichte werden die Völker einzig, wie Monſieur Carnot ſagt, als die Schlachtopfer ihrer Oberhaͤupter betrachtet; wir kennen nur einen Kampf der Unterthanen fuͤr das Privatimereſſe ihrer Fuͤr⸗ ſteu Koͤnige, die ſelbſt Koͤnigsmoͤrder und Pater⸗ landsverraͤther ſind— und Prieſter, welche die Men⸗ ſchen zur beiderſeitigen Ermordung antreiben; das Auge kann nur auf den edelmuͤthigen Anſtrengungen ein⸗ zelner Braven ruhen, die ſich der Befreiung ihrer 1 11 Mithuͤrger weihen; ſind ſie gluͤcklich, werden ſie Hel⸗ den,— wenn ungluͤcklich, Hochverraͤther und Dema⸗ gogen genannt. In dieſer und andern Stellen zeigte der Ver⸗ faſſer ganz offen, welche Geiſter thaͤtig waren, und was der Gegenſtand ihrer Umtriebe war. Die ganze Flugſchrift ſollte ein Manifeſt an das franzoͤſiſche Publikum ſeyn, welches verſteckt, aber deutlich genug die Exiſtenz einer furchtbaren Verſchwoͤrung, die ihre Mitglieder leitenden Prinzipien und ihre Gruͤnde ankuͤn⸗ digte, aus denen ſie einen goͤttlichen Erfolg erwarte⸗ ten.„Carnot gab zwar vor, daß die Denkſchrift ein⸗ zig fuͤr die Cirkulation unter ſeinen Bekannten be⸗ ſtimmt geweſen ſey; allein ſie wuͤrde dem beabſichtig⸗ ten Zwecke nicht entſprochen haben, wenn ſie nicht mit der außerordentlichſten Unverdroſſenheit gedruckt und verbreitet worden waͤre. Kleine Karren fuhren uͤber die Boulevards, von denen herab ſie an das Volk verkauft wurden, um den Strafen zu entgehen, denen ſich die Buchhandler und Kleinkraͤmer durch einen ſo inflammatoriſchen Artikel ausgeſetzt haͤtten. Ungeach⸗ tet dieſer Vorſichtsmaßregeln murden die Drucker und Verkaͤufer dieſer Diatribe von der Regierung ver⸗ folgt; allein der Inſtruktionshof verweigerte die Beſtaͤ⸗ tigung des Verbots, und dieſe Verweigerung diente nur dazu, die Jakobinerpartei noch mehr zu ermu⸗ thigen. Die offiziellen Schritte, durch welche die Mi⸗ niſter die Bekanntmachung zu unterdruͤcken ſuchten, 1 18 dienten mehr dazu, diejenigen, welche Intereſſe daran nahmen, aufzureizen, als einzuſchuͤchtern. Es zeugte, ſagten ſie, eben ſowohl von einem Geiſte der Furcht als der Rache, die untergeordneten Agenten in einer Flugſchrift unterdruͤcken zu wollen, waͤhrend die Mi⸗ niſter nicht wagten, den oͤffentlich bekannten Verfaſſer gerichtlich zu belangen. Hierin argumentirten ſie un⸗ beſtreitbar richtig; denn die Maßregeln entſprachen mehr jener elenden Politik, welche lieber die Freiheit der Preſſe angreifen, als dieſenigen, von denen ſie mißbraucht wurde, vor einem ordentlichen Richter zur offenen Beſtrafung bringen moͤchte. 4 Es wuͤrde fuͤr Fouché eben ſo unmoͤglich geweſen ſeyn, unter einer ſo verwickeſten Scene politiſcher In⸗ trizuen zu leben, ohne ſich darein zu miſchen, wie den Funken, nicht aufzufliegen. Er war jedoch fuͤr die Rolle, welche er zu ſpielen wuͤnſchte, nicht gut geſtellt. Nachdem er Buonaparte ſeine Huͤlfe zum Verrath und zum Sturze des Direktoriums geliehen, war er lange Zeit damit umgegangen, Napoleon zu ſtuͤrzen und zu verrathen, und an ſeine Stelle eine Regentſchaft oder irgend eine Regierungsform zu ſetzen, unter der er erwarten mochte, als Premier⸗Miniſter aufzutreten; bei dieſem Unternehmen ging es mehr denn einmal um den Kopf und er durfte froh ſeyn, mit einem ehrenvollen Exile davon zu kommen. Wir haben bereits angegeben, daß ihn die guͤn⸗ ſtigſte Gelegenheit, ſeine politiſchen Kenntniſſe in An⸗ . 119 wendung zu bringen, durch ſeine Abweſenheit von Paris zur Zeit ſeiner Einnahme durch die Allirrten, entgangen war; Fouché ſtrebte jedoch, bei dem reſtau⸗ rirten Monarchen und ſeiner Regierung ſich Anerken⸗ nung zu verſchaffen und ſeine Dienſte Ludwig ange⸗ nehm zu machen. Als der berühmte Revolutions⸗ mann das erſte Mal am Hofe in der Antichambre erſchien, bemerkte er auf dem Geſichte einiger Royali⸗ ſten, welche die Aufwartung hatten, ein Hohnlaͤcheln, und nahm hiervon Gelegenheit, ihnen die Lektion zu geben, daß ein Polizeiminiſter, ſelbſt wenn er ſei⸗ nen Poſten verloren hat, keine Perſon iſt, mit der ſich ſpaßen laͤßt.„Sie, Herr,“ ſprach er zu einem der Anweſenden,„ſcheinen ſtolz auf die Lilien, womit Sie geſchmuͤckt ſind. Erinnern Sie ſich der Sprache, welche Sie uͤber die Bourboniſche Familie vor einiger Zeit in der und der Geſellſchaft fuͤhrten?— Und Sie, Madame,“ fuhr er fort, an ein Frauenzimmer ſich wendend,„denen ich einen Paß durch England gab, wuͤnſchen vielleicht an das erinnert zu werden, was zwiſchen uns uͤber das Thema, Ludwigs XVIII., ver⸗ handelt wurde.“— Den Lachern ſchlug das Gewiſſen, 4 und Fouché ward in das Kabinet gefuͤhrt. Der Plan, welchen Fouché dem Koͤnige empfahl, war, wie ſich er⸗ warten ließ, in hohem Grade ſchlau und liſtig. Er rieth dem Koͤnige, die Nationalkokarde anzunehmen, die dreifarbige Fahne aufzuſtecken und ſich an die Spitze der Revolution zu ſtellen, Dieß waͤre, ſagte er, von ( 120 Seiten Ludwigs XyI. daſſelbe Opfer, welches Hein⸗ rich IV. brachte, als er die Meſſe hoͤrte.— Er haͤtte hinzuſetzen koͤnnen, dieß war das Opfer, welches Lud⸗ wig XVI. wirklich gebracht, und zum Lohne dafuͤr ſein Leben eingebuͤßt hat.— Worauf es Fouché dabei abgeſehen hatte, liegt am Tage. Er wuͤnſchte den Koͤnig in eine Lage zu verſetzen, wwo er ſich ausſchließ⸗ lich auf die Maͤnner der Revolution verlaſſen mußte, mit welchen er blos vermittelſt des Herzogs von Otranto in Verbindung treten konnte, und der ſonach mit einem Mal Premierminiſter geworden waͤre, aber in jeder andern Ruͤckſicht mußte die Befolgung dieſes Nathes den Koͤnig in die Lage gemeiner Verſtellung verſetzen, was bei denjenigen, die zu gewinnen, er darein ſich verſetzt, nothwendig Unwillen erregen mußte. Durch die Annahme der Farben der Revolution mußte der Koͤnig von Frankreich nothwendig ſich allem Wechſel ihrer haͤufigen Veraͤnderungen ausſetzen. Es iſt wahr, daß die Revolution in Frankreich ſowohl in der Theorie als in der Praris der Regierung manche Verbeſſerungen hervorgebracht hat. Dieſe war der Souverain verbunden, fuͤr das Intereſſe der Nation ſorgfaͤltig beizubehalten; aber waͤhrend wir dankbar ſind fuͤr die Vortheile einer geſuͤndern Luft und groͤ⸗ ßern Fruchtbarkeit, die einem Ockane folgen, und alle die ſchaͤtzbaren Gegenſtaͤnde, welche ein erzuͤrnter Ocean an das Geſtade wirft, ſammeln, ſo kann es doch nur einem verblendeten Heiden einfallen, den Sturm an⸗ 1²¹ zubeten, oder den furchtbaren Fluthen zu opfern. Wenn der Koͤnig den Moͤrdern ſeines Bruders ho⸗ fierte, ſo konnte er ſelbſt bei dieſen nur Aerger uͤber ſeine Heuchelei erregen, maͤhrend er mit Recht die Achtung und Ergebenheit nicht allein der Royaliſten, ſondern aller Maͤnner von Ehre verſcherzt haben wuͤrde. Um ſich ferner den Bourbons zu empfehlen, wandte ſich Fouchs in einem beſondern Schreiben an Napo⸗ leon, worin er ihn zu uͤberzeugen ſuchte, daß der Ti⸗ tel eines Souverains auf dem winzigen Elba ihm, der uͤber ein ſo unermeßliches Reich geherrſcht, nicht gezieme. Er bemerkte Napoleon, daß die Lage des Eilandes fuͤr den Zweck ſeiner Abgeſchiedenheit nicht paſſe, da es ſo nahe bei manchen Punkten ſey, wo ſeine Gegenweat eine gefaͤhrliche Bewegung herbeifuͤh⸗ ren koͤnnte; er machte ihm bemerklich, daß er ange⸗ klagt werden koͤnnte, wenn er auch nicht ſchuldig ſey, und dadurch Uebles thun koͤnne, daß er Unruhe ver⸗ breite, ohne es zu beabſichtigen; er bedeutete ihm, daß der Koͤnig von Frankreich, wenn auch entſchloſſen, nur nach Recht und Gerechtigkeit zu handeln, durch die Leidenſchaften Anderer vermocht werden koͤnnte, dieſem Grundſatze ungetreu zu werden; er aͤußerte ge⸗ gen den Erkaiſer von Frankreich, daß die Titel, welche er beibehalte, einzig dazu geeignet waͤren, ſeinen Schmerz uͤber den Verluſt reeler Souveraͤnitaͤt zu ver⸗ mehren, ja daß ſie mit poſitiver Gefahr verbunden —xè 1 22 ſeyen, da man leicht auf den Gedanken kommen koͤnne, er behalte ſie nur bei, um ſeine Anſpruͤche offen zu erhalten. Schließlich ermahnte er Napoleon, den Ka⸗ rakter eines Privatmannes anzunehmen, und ſich in die vereinigten Stanten von Amerika, das Vaterland eines Franklin, Washington und Jefferſon, zuruͤckzu⸗ ziehen. Fouché konnte kaum erwarten, daß dieß Er⸗ mahnungsſchreiben auf ſeinen weiland kaiferlichen Ge⸗ bieter einen großen Eindruck machen wuͤrde; er kannte die Menſchen und Napoleon zu gut. Aber damit es ihm bei der koͤniglichen Famtlie zum Vortheil ange⸗ rechnet wuͤrde, uͤberſandte er Monſieur eine Abſchrift davon, nebſt einem entſprechenden Kommentar, worin er zu beweiſen ſuchte(was in der That auch die Umſtaͤnde bewieſen haben), daß die Ruhe der Laͤnder und der Souveraine Europa's nicht her waͤre, ſo lange Napoleon in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage bliebe, und daß ſein Aufenthalt auf der Inſel Elba ſuͤr Frank⸗ reich, was der Veſuv fuͤr Neapel ſey. Die praktiſche Folgerung daraus war, daß auch nur die geringſte Gewalt, die man anwenden wuͤrde, die Perſon Napo⸗ leons zu entfernen, ein Staatsſtreich ſeyn wuͤrde, im Falle der Erkaiſer von Frankreich nicht ſo viel Patrio⸗ tismus haͤtte, ſich ſelbſt nach Amerika zu entfernen. Der ehrenwerthe und edelmuͤthige Prinz, an welchen ſich Fouché gewandt hatte, war zu hochſinnig, um die⸗ ſem Winke zu folgen, und ſein Verſuch, ſich bei der Bourboniſchen Familie in Gunſt zu ſetzen, ſchlug gaͤnz⸗ 125 lich fehl; allein Komplottiren war Fouché's Element, und es ſchien ihm wenig ausgemacht zu haben, welche Leute er zu Genoſſen hatte, wenn er nur einen Satz in dem politiſchen Spiele hatte. Er zog ſich auf ſein Landhaus zuruͤck, und trat mit ſeinen alten Freunden von der Jakobinerpartei in Verbindung, die nicht we⸗ nig erfreut waren, durch ihn eine ſo ausgedehnte Be⸗ kanntſchaft in allen Verzweigungen der politiſchen In⸗ triguen zu erhalten. Es war die Politik dieſer Partei, ſich an die Feh⸗ ler der koͤniglichen Familie zu halten, und deren Vor⸗ urtheile gegen die Maͤnner und Maßregeln jener Pe⸗ riode, als Frankreich gluͤcklich in auswaͤrtigen Kriegen war, gegen die Staatsmaͤnner, welche ſeine rieſenhaf⸗ ten Unternehmungen leiteten, und die Soldaten, welche ſie ausfuͤhrten, ſich zu Nutzen zu machen. Der Koͤnig habe, ſagten ſie, Ungluͤck erduldet, ohne Weisheit ge⸗ lernt zu haben, er ſey unfaͤhig, aus dem Kreiſe ſeiner gothiſchen Vorurtheile herauszutreten; Frankreich habe ihn aus den Haͤnden ſiegreicher Auslaͤnder zuruͤckerhal⸗ ten, umgeben von einer ausgehungerten Gruppe ade⸗ liger Bettler, deren Anſpruͤche ſo veraltet und albern als ihre Dekorationen und Manieren ſeyen. Seine Regierung ſuche, ſo ſagten ſie, die Franzoſen in zwei Klaſſen zu theilen, die in Verdienſten und Intereſſen einander entgegengeſetzt ſeyen, in— Emigranten, die von Ludwig allein als getreue und willige Unterthanen betrachtet wuͤrden, und den Reſt der Nation, in wel⸗ 7 124 chem die Bourbons, wenn es hoch komme, nur reuige Rebellen ſehe. Sie behaupteten, der Koͤnig und ſeine Miniſter, zu furchtſam jedoch, um einen offenen Streich zu fuͤhren, ſuchen jedes Mittel auf, diejenigen, welche thaͤthigen Antheil an den Ereigniſſen der Re⸗ volution genommen haͤtten, von Amt und Wuͤrden zu bringen, und das Verſprechen einer allgemeinen Amneſtie zu umgehen. Unter dem Vorwande der Sparſamkeit im Staatshaushalte entlaſſen ſie die Ar⸗ mee, ſetzen die Staatsdiener zuruͤck, und berauben ſo Frankreichs Diener im Krieg und Frieden der Ver⸗ ſorgung, auf die ſie durch ihre langen Dienſte ſich ein Recht erworben haͤtten. Ludwig, ſagten ſie, habe den Ruhm Frankreichs beſchimpft, und ſeine Helden her⸗ abgewuͤrdigt, indem er auf die Farben und Symbole verzichtet, unter welchen es 25 Jahre ſiegreich gewe⸗ ſen; er habe eine Krone groͤblicherweiſe von ſich ge⸗ ſtoßen, die ihm vom Volke dargebracht worden, und vermoͤge des Rechts der Vererbung nach ihr gegriffen, als ob die Herrſchaft uͤber Menſchen gleich dem Beſitz einer Schafheerde vom Vater auf den Sohn uͤber⸗ tragen werden koͤnnte. Das Recht der Franzoſen, ſich ihre eigenen Herrſcher zu waͤhlen, ſey erblich und leide keinen Zwang; die Nation muͤſſe es behaupten, oder ſo weit herabſinken, daß ſie der Gegenſtand der Ver⸗ achtung ſtatt des Stolzes und der Furcht fuͤr Europa ſey. Dieß war die Sprache, welche die eiteln Pariſer beunruhigte und aufbrachte, welche den Augenblick 125 vergaßen, wo ſie mit angeſehen hatten, wie Napoleon vor dem Altar in Notre⸗Dame die Krone nahm und ſich aufs Haupt ſetzte, ohne Dank gegen Gott und gegen die Nation. Die Departements wurden durch andere Kuͤnſte aufgereitzt; ſie beſtanden hauptſaͤchlich darin, den ſo oft angedeuteten Argwohn, die Sicher⸗ heit des Eigenthums der Nationalguͤter betreffend, rege zu machen; nicht zufrieden, üͤberall auszuſtreuen, daß die Zuruͤckforderung der Guͤter der Kirche und der Emigranten gegen die gegenwaͤrtigen Beſitzer ver⸗ haͤngt ſey, und das die Geiſtlichkeit und der Adel ſich nicht einmal die Mähe nehmen, ihre Hoffnungen und Abſichten zu verheimlichen, gebrauchten ſie noch bei Gelegenheiten den beſondern Kunſtgriff, den Glauben an ſolche Behauplungen zu erzwingen. Geheime Agen⸗ ten wurden in die Departements ausgeſandt, in wel⸗ chen Eigenthum zum Verkauf ausgeboten ward. Die Emiſſaͤre fragten in der Eigenſchaft von Kaͤufern nach, und wo es ſich zeigte, daß ſich das Eigenthum von einer Coufiskation aus den Zeiten der Revolution herſchrieb, ſprachen ſie ſogleich gegen die Sicherheit derſelben, als ob ſie hoͤchſt zweifelhaft waͤre, und nah⸗ men ihre anfaͤnglichen Gebote zuruͤck;— ſo noͤthigten ſie dem Eigenthuͤmer und allen, welche in gleicher Lage waren, den unumſtoͤßlichen Glauben auf, daß dieſer Rechtstitel wegen der erwarteten und angedrohten Zu⸗ ruͤckforderung unter der Berevoniſchen Regierung fuͤr hoͤchſt unkraͤftig gehalten werde. 126 Man glaubt allgemein, daß Buonaparte anfang⸗ lich nicht beſtimmt war, von dieſen Umtrieben Nutzen zu ziehen; er wurde gefuͤrchtet und gehaßt von den Jakobinern, welche wußten, wie geringe Hoffnung ſeine eiſerne Regierungsweiſe ihnen zu dem Verſuche gab, ihre Werkſtaͤtten des Fanatismus, in welchen eine reine Republik, oder eine republikaniſche Monarchie geſchmie⸗ det werden ſollte, in Aufnahme zu bringen. Maͤn glaubt, daß ſich ihre Blicke hauptſachlich auf den Her⸗ zog von Orleans gerichtet hatten. Sie rechneten wahr⸗ ſcheinlich auf die Staͤrke der Verſuchung, und dachten⸗ daß ſie durch den Sturz Ludwigs XVIII., und durch die Beſetzung des Throues mit ſeinem Vetter, auf der einen Seite einen Koͤnig erhalten wurden, der ſeine Macht durch die Revolntion behauptete, und auf der andern Seite die fremden Maͤchte und die Kon⸗ ſtitutionelen im Innern des Reiches durch die Wahl ines Souveraͤns aus der Mitte der Bourboniſchen Familie mit ſich ausſoͤhnen wuͤrde. Die V Vorſichtig⸗ ſten unter denen, welche in dieſe Umtriebe verwickelt waren, empfahlen, nichts bei Lebzeiten des regieren⸗ den Monarchen zu unternehmen, andere waren un⸗ geduldiger und unvorſichtiger, und der Prinz, hieß es, habe einen Wink von ihrem Plane in einem ununterzeichneten Billet bekommen, das blos die Worte enthielt:—„Wir werden es ohne Sie thun, wir werden es gegen Ihren Willen thun, wir werden es ———— 1 127 fuͤr Sie thun*),“ als ob ſie es in ſeine Wahl geben wollten, der Leiter oder das Opfer der beabſichtigten Revolution zu werden. Der Herzog von Orleaus war zu aufrichtig und ehrenhaft, um auf dieſen ſchwarzen und geheimniß⸗ vollen Plam einzugehen; er uͤbergab den Brief, wel⸗ chener bekommen, in die Haͤnde des Koͤnigs, und benahm ſich im ubrigen mit ſolcher Klugheit, daß er alle Hoffnungen zerſtoͤrte, welche die revolutionaͤre Partei auf ihn gebaut hatte. Es war noͤthig, einen andern Centralpunkt aufzufinden. Einige ſchlugen Eugen Bauharnois zum Helden der projektirten Un⸗ ternehmung vor, andere projektirten eine proviſoriſche Regierung, wieder andere wuͤnſchten, daß die republi⸗ kaniſche Regierungsform noch einmal aufgenommen werde; allein keiner dieſer Plane wuͤrde den Beifall der Armee erhalten haben. Der Ruf:„Vive la Ré- publique!’ war veraltet; der Einfluß, den einſt die Jakobiner auf Erregung von Volksbewegungen beſaßen, war ſehr verringert, und obgleich die Armee Buonaparten ergeben war, ſo war es doch wahrſchein⸗ lich, daß ſie bei einem Buͤrgeraufſtande, wofuͤr ſie kein Intereſſe hatten, den Marſchaͤllen und kommandiren⸗ den Generaͤlen gegen eine voͤllig revolutionaͤre Bewe⸗ gung folgen wuͤrden. Wurden dagegen die Intereſſen Napoleons in die Wagſchale gelegt, ſo durfte man *) Nous le ferons sans vous; nous le ferons malgré- vous; nous le ferons pour vous. 128 des unwiderſtehlichen Beiſtandes der ſtehenden Armee verſichert ſeyn. Wenn er mit denſelben Prinzipien O abſoluter Macht, denen er fruͤher gefolgt, zuruͤckkom⸗ men wuͤrde, ſo verloren die Jakobiner Ludwig und die Karte, die zwei Hauptgegenſtaͤnde ihres Haſſes, von denen erſterer ein durch das Geſetz gegebener Kö⸗ nig, letztere ein vom Koͤnig gegebenes Geſetz war. Dieſe Ruͤckſichten beſtimmten die Jakobinerpartei bald zu einer Vereinigung mit den Buonapartiſten. Die erſteren waren in der Lage einer Bande Raͤuber, die in ein Haus einbrechen wollen, aber nicht im Stande ſind, ſich den Eintritt in daſſelbe zu verſchaf⸗ fen, und es noch einmal unternehmen, in daſſelbe einzubrechen, indem ſie einen Bruder von derſelben Profeſſion an ihre Spitze ſtellen, weil er den Vortheil einer Brechſtange hat. Wenn und wie dieſe Ver⸗ bindung zu Stunde kam,— welche Gewaͤhrſchaft der Jakobiner⸗Partei erhielt, daß Buonaparte, als Mili⸗ taͤrdeſpot entthront, ſeine Wurde unter konſtitutionel⸗ len Beſchraͤnkungen wieder antreten ſollte, hatten wir nicht Gelegenheit in Erfahrung zu bringen. Sobald dieſe Koalition gebildet war, wurde ſein Lob nach allen Seiten hin, und insbeſondere von ſolchen ge⸗ ſungen, welche als Jakobiner ſeine entſchiedenſten Feinde geweſen waren, und ein großer Theil des fran⸗ zoͤſiſchen Publtkums war geneigt, von Buonaparte auf Elba guͤnſtiger als von Napoleon in den Tuile⸗ rien zu denken. Nach und nach begann er wegen der 129 Neuheit und nach ſeiner ungewohnten und beſondern Lage ſchon ein ganz verſchiedenes Intereſſe von dem zu erregen, das er als Deſpot, welcher ſo viele Konſerip⸗ tionen anſtellte, und ſeinem Ehrgeiz ſo viele Millionen Schlachtopfer opferte, erregt hatte. Jeder Beweis von Thaͤtigkeit innerhalb des neuen Kreiſes ſeiner Beſitzungen wurde von ſeinen Bewunderern mit der konſtitutionellen Unbeholfenheit des reſtaurirten Mo⸗ narchen in Kontraſt geſetzt. Da er ſich gleich ſehr in Kuͤnſten des Friedens wie in denen des Krieges aus⸗ zeichnete, fehlte es(ſo ſagten ſie) blos noch der pfle⸗ genden Hand und des unermuͤdeten Auges von Na⸗ poleon, um Frankreich zum Gegenſtande des Neides fuͤr das Weltall zu machen, wenn ſeine militaͤriſchen Operationen ihm die Muße und Gelegenheit, welche die Bourbonen ietzt haben, geſtattet haͤtten. Dieſe Aeußerungen, anfangs im Stillen gemacht, ſpaͤter aber laut vorgebracht, hatten die gewohnten Wirkun⸗ gen auf den unbeſtäͤndigen Sinn des Publikums, und nachdem der temporaͤre Enthuſiasmus zu Gunſten der Bourbons in Gleichguͤltigkeit und Abneigung umge⸗ ſtanden, begann ber allgemeine Schrecken vor Buona⸗ parte's ehrgeizigem und tyranniſchen Karakter der Er⸗ innerung an ſeine Thatkraft, Energie und ſeinen Un⸗ ternehmungsgeiſt zu weichen. 3 Dieſe veraͤnderte Stimmung mußte ihm, welcher der Gegenſtand davon war, bald genug bekannt wer⸗ den. Eine Aeußerung, ſagte man, entwiſchte ihm W. Scott's Werke. LXI. 9 1362 waͤhrend ſeiner Reiſe nach Elba, welche wenigſtens ſeine geheime Ahnung bezeichnete, daß er eines Ta⸗ ges die hohe Wuͤrde, deren er beraubt worden, wieder einnehmen wuͤrde.„Wenn Marius,“ bemerkte er, „ſich in den Moraͤſten von Minturnaͤ ums Leben gebracht haͤtte, ſo haͤtte er niemals die Ehre eines⸗ zweiten Konſulats genoſſen.“ Was anfangs vielleicht nur das unbeſtimmte Anſtreben ſeines ſeurigen Gei⸗ ſtes gegen das Ungluͤck war, wurde durch die Lage Frankreichs eine plauſible und wohlgegruͤndete Hoff⸗ nung, man durfte nur Kommunikationen unter ſeinen zahlreichen und eifrigen Anhaͤngern eroͤffnen, mit der Inſtruktion, ſolche Hoffnungen vorzuſpiegeln, welche die Jakobiner unter ſeine Fahne lockten, die ſteigende Un⸗ zufriedenheit und Zwietracht in Frankreich anzufachen und zu benutzen, ſo war eine Konſpiration im Augenblice gebildet, durch die geringſte Anſtrengung von Seiten deſſen, welcher bald ihr Gegenſtand und Central⸗ punkt geworden. Verſchiedene Verzweigungen und Rendezvous ent⸗⸗ ſtanden nun, um ſeine Anhaͤnger zu rekrutiren. Die Damen vom Hofe des Erkaiſers, welche ſich an dem des Koͤnigs durch den Vorzug hoher Geburr erunie⸗ drigt fanden, wurden nun eifrige Agenten in den po⸗ litiſchen Intriguen, denn beleidigter Stolz ſcheut ſich vor keinem Mittel, Nache zu nehmen. Die Boͤrſen ihrer Ehemaͤnner und Liebhaber ſtanden natuͤrlich die⸗ ſen ſchoͤnen Intriganten offen, und viele von ihnen 151 vopferten ihre Kleinodien fur die Foͤrderung der Sache der Revolultion. An der Spitze dieſer Verſchwoͤre⸗ rinnen ſtand Hortenſia Beauharnois, die Gemahlinn Ludwig Buonaparte's, die jetzt, getrennt von ihrem Gemahle, den Titel einer Herzoginn von Saint⸗Leu fuͤhrte. Sie beſaß große Talente, bedeutende Thaͤ⸗ tigkeit und Gewandtheit. Zu Nanterre, Neuilly und Saint⸗Leu wurden Zuſammenkuͤnfte dieſer Verſchwor⸗ nen gehalten, und Madame Hamelin, die Vertraute der Herzoginn, half, wie es hieß, einige Hauptagenten verheimlichen. Die Herzoginnen von Baſſano und Montebello (dieſe die Wittwe des Marſchalls Lannes) nahmen warmen Antheil an der Sache. In den Verſamm⸗ lungen, welche in den Haͤuſern dieſer weiblichen In⸗ triganten gehalten wurden, ward die ganze Artillerie der Verſchwoͤrung geſchmiedet und geordnet; von der politiſchen Luͤge, die, wenn ſie geglaubt wird, nur auf eine Stunde lang Dienſte thut, bis auf die po⸗ liſchen Geſaͤnge und witzigen Anſpielungen, die gleich einer Nakete, je nach der Beſchaffenheit des Mate⸗ rials, unter welches ſie hinfaͤllt, Froͤhlichkeit erregt, oder Schaden bringt. Von dieſen Rendezvous machten die Agenten des Komplotts ihre Ronde, mit jeder Lockung ausge⸗ ſtattet, welche die argwoͤhniſchen Gutsbeſitzer aufjagen, die eiteln Pariſer anziehen, und die Idealiſten ver⸗ — fuͤhren konnten, die darauf aus waren, die Experi⸗ 132² mente ihrer utopiſchen Theorie an einer wirklichen Regierung zu machen; vor Allem aber ſuchte man ſich des Militaͤrs zu verſichern, von dem Ofſtziere an, vor deſſen Augen man den Kommandoſtab, kleine, ja ſelbſt große Kronen im Proſpekte zeigte, bis auf den Grenadier, deſſen Hoffnungen einzig auf Blut, Franzbranntwein und freie Quartiere gingen.— Die niedrigern Klaſſen der Beroͤlkerung, beſonders jene Bewohner der großen Vorſtaͤdte St. Marceau und St. Antoine, waren der Sache geneigt, vermoͤge ihrer natuͤrlichen Ungeduld und Neuerungsſucht; we⸗ gen der Beſorgniß, der Koͤnig moͤchte die koſtſpieli⸗ gen Bauten, wozu ſie Buonaparte zu verwenden pflegte, nicht mehr fortſetzen; aus jakobiniſchem Miß⸗ behagen an dem geſetzlichen Rechtstitel Ludwigs, ver⸗ bunden mit ſehnſuchtigen Wuͤnſchen nach den gluͤck⸗ lichen Tagen der Freiheit und Gleichheit; aus dem Verlangen endlich, das die Hefe der Geſellſchaft uͤber⸗ all an den Tag legt, ſich des Geſetzes, ihres natuͤr⸗ lichen Kopfzaums, zu entledigen. Der Einfluß von Richard le Noir war beſonders guͤnſtig fuͤr die Ver⸗ ſchwornen. Er war ein reicher Vaumwolle⸗Manu⸗ fakturiſt, der nicht weniger als 3000 Arbeiter bei⸗ ſammen hatte, die auf den erſten Wink der Ver⸗ ſchwornen auf den Beinen waren. Le Noir wurde von den Royaliſten Santerre II. genannt, weil er⸗ flleich jenem beruͤhmten Vorſtaͤdter Brauer, wie es hieß, nach der Ehre enines Sansculotten⸗Generals 155 trachtete. Er war dem Intereſſe Buonaparte's zu⸗ gethan, weil ſeine Tochter den General Lefebre⸗Des⸗ nouetes geheirathet hatte, welcher Napoleons Guͤnſt⸗ ling beſonders deßwegen geweſen, weil er ſein Chren⸗ wort gebrochen, und als Kriegsgefangener entflohen war. So, gleich einem See, der durch unterirdiſches Erdbeben in Aufruhr kommt, begannen ſich uͤberall revolutionaͤre Bewegungen unter der Maſſe des Vol⸗ kes zu zeigen. Mehrmals verſammelten ſich unter dem Vorwande des Mangels an Prod und Anſtel⸗ lung tumultuariſche Gruppen auf der Terraſſe der Tullerien mit einem Geſchrei, das die Herzoginn von Angouleme an das erinnerte, welches der Gefangen⸗ ſchaft und dem Tode ihrer Eltern voranging. Die Polizei zerſtreute ſie fuͤr den Augenblick; allein wenn auch einige Verhaftungen vorfielen, ſo waren es bloß Leute, welche rieſen, wenn ſie andere rufen hoͤrten, und man machte keine Anſtalten, der wirklichen Ur⸗ ſache dieſer Symptome der Unruhen auf den Grund zu kommen. Die Polizei von Paris ſtand zu dieſer Zeit unter der Direktion von Monſieur d'Audré, der fruͤher Finanzmann war. Ueber ſeine Loyalitat ſchien man nicht im Zweifel, ſeine Klugheit und Thaͤtigkeit aber ward ſehr angefochten; auch ſcheint es, daß er einen Dienſtyflichten nicht ganz gewachſen war, noch der Werkzeuge Meiſter wurde, durch welche er wirken mußte. Dieſe Werkzeuge, mit andern Worten, die ubordinirten Asenten, Dienſtleute und Secretairs, hie ganze Maſchinerie der Polizei war unveraͤndert geblieben, ſeitdem dieſe furcktbare Macht von Savary, Buonaparte's Hauptſpion und vertrautem Miniſter⸗ geleitet worden war. Dieſe Koͤrperſchaft fuͤhlte ſo gut als die Armee, daß ihr ehrwuͤrdiger Veruf ſeit 134 dem Falle Buonaparte's an Eintraͤglichkeit und Be⸗ deutung verloren hatte, und ſah mit Bedauern nach den Tagen zurück, wo ſie in finſtern, geheimen und wohlbezahlten Agentechaften beſchaͤftigt wurden, die einer friedfertigen konſtitutionellen Regierung unbe⸗ kannt ſind. Gleich boſen Geiſtern, die durch die Zanberſpruͤche eines wohlwohenden Zauberers verwan⸗ delt werden, ſchienen dieſe Pelizeioffizianten dem Koͤnig nur mit Verdruß gedient, ihre Pflicht, wo es ungeſtraft anging, verabſaͤumt und gezeigt zu haben, daß ſie ihre Thaͤtigkeit und Allwiſſenheit verloren hatten, ſobald ſie im Dienſte einer legitimen. Mo⸗ narchie angeſtellt waren. Durch die Nachſicht, wo nicht die Billigung der Polizei nahm daher die Verſchwoͤrung einen offenen cund kuͤhnen Karakter an. Mehrere Haͤuſer von zwei⸗ felhaftem Rufe, namentlich das Kaffeehaus Monta⸗ nier im Palais Royal, waren die erkohrnen Rendez⸗ vons der ſuvordinirten Satelliten der Sache, wo die Trinkſpruͤche, die Lieder, die ingweiſen und die Sprache, kurz Alles eine Anſpielung auf Buonapar⸗ te's Ruhm, den Schmerz uͤber ſeine Entfernung und ſeine erwuͤnſchte Ruckkehr enthielt. Um ihre Hoff⸗ nung auszudruͤcken, daß dieſes Ereigniß im Fruͤhleng Statt haben werde, nahmen die Verſchwornen die Viole zu ihrem Siunbild, und nachher trugen ſie auf Napoleon ſelbſt den Namen„Corporal Violet“ uͤber. Die Blume und die Farbe wurben oͤſſentlich als Parteiauszeichnung getragen, ohne daß es bei Hofe die geringſte Unruhe verurſacht haͤtte, und auf die Geſundheit Buonaparte's unter dem Namen Corporel Violet oder Jean d'Epée wurde von vielen Royaliſten, ohne daß ſie etwas Boͤſes darunter arg⸗ wohnten, Beſcheid gethau. . 135 5 Paris war das Centrum der Verſchwoͤrung, allein ihre Verzweigungen verbreiteten ſich durch ganz Frankreich. In den Hauptſtaͤdten der Provinzen wurden Klubbs errichtet. Regelmaͤßige Korreſpon⸗ denzen zwiſchen ihnen und der Hauprſtadt eingeleitet, — eine Kommuntkation, die wie man behzupter, ſehr beguͤnſtigt wurde durch La Valet, der, als fruͤ⸗ herer Generaldirektor der Poſten unter Buonaparte, noch einen bedeutenden Einfluß auf die ſubordinirten Agenten dieſes Deuardenentoe von denen keiner bei des Konigs Zuruͤckkehr enrlaſſen worden, behauptete. Es ergibt ſich aus dem Zeugniß des Mr. Ferrand, Generaldirektor unter dem Koͤnige, daß die Couriere, welche, gleich den Soldaten und Polizeioffizianter, ihre Rechnung mehr unter der⸗ kaiſerlichen als der koͤniglichen Regierung fanden, großentheils im In⸗ tereſſer ihres alten Gebieters waren; und es iſt erwie⸗ ſen, daß der die Verſchwoͤrung betreffende Briefwech⸗ ſel durch das tönigliche Poſtamt befoͤrdert, in Briefen mit dem koͤniglichen Siegel unterhalten, und durch oͤffentliche Boten, die ſeine Livree trugen, gefuͤhrt wurde. So offene Demonſtrationen hochverraͤtheriſcher Um⸗ triebe entgingen der Beobachtung der Royaliſten nicht, und man weiß, daß die Miniſter von verſchie⸗ denen Seiten davon in Kenntniß geſetzt wurden. 2 Ja man behauptete zuverſichtlich, daß Briefe, welche Aufſchluͤſſe uͤber die beabſichtigte Entweichung Napo⸗ leons enthielten, uneroͤffnet und ungeleſen in dem Buͤreau eines Miniſters gefunden wurden. Es ſcheint in der That, als ob dieſe Offizianten ſich aͤngſt⸗ lich hinter dem Schlendrian des einzelnen Geſchaͤfts⸗ kreiſes verſchanzt haͤtten, ſo daß das, was von allge⸗ meiner Bedeutung fuͤr das Ganze war, als nicht in 156 den Bereich eines Einzelnen gehoͤrend, betrachtet wurde. Als dieſe erſtaunliche Kataſtrophe eintrat, beſtrebte ſich Jeder, gleich den Domeſtiken in einem weirlaͤufigen, ſchlecht eingerichteten Haushalt, die Schuld von ſich ab⸗ auf Andere zu waͤlzen; und ob⸗ gleich Alle anerkannten, daß eine grobe Nachlaͤßigkeit anderswo Statt gefunden, ſo geſtand doch Keiner ein, daß der Fehler an ihm gelegen. Dieſe allgemeine Betyoͤrung ſetzt uns beim Ruͤck⸗ blicke in Erſtaunen; allein der Himmel, der oft die Menſchenkinder damit beſtraft, daß er ſie in ihren eigenen thoͤrichten und ſchaͤndlichen Wuͤnſchen gewaͤld⸗ ren laͤßt, hatte beſchloſſen, daß Europa's Frieden durch die Vertilgung jener Armee, der der Frieden ein Gegenſtand des Haſſes war, wieder hergeſtellt werden ſollte. Zu dem Ende war es nothwendig, daß ſie in ihrem verzweifelten Verſuche, ihren friedfertigen und konſtiturionellen Souverain zu entthronen, und den despotiſchen Anfuͤhrer, der ſie bald der Vollendung ihrer und ſeiner eigenen Beſtimmung entgegenfuͤhren ſolte, an ſeine Stelle zu ſetzen, gluͤcklich waren. Waͤhrend die koͤnigliche Regierung in Frankrelch auf ſolche Weiſe allmaͤhlig untergraben und zu einer Erploſion vorbereitet wurde, glich der Reſt von Ew⸗ ropa einem Meere in dem Akte der Beruhigung nach einem beftigen Sturme, wo theilweiſe die Schiffs⸗ truͤmmer ſichtbar werden, welche ſich aus den ſinken⸗ den Wogen hervorarbeiten, waͤhrend dieſe, bevor ſie danzlich zur Ruhe kommen, noch weitern Schaden rohen. — 3 Taaanmmmnnuuun Dpddaaaaan Daunnmmnnxunnnmmmrrnaamunmmmrrnanmnmnmmmnnauuun 3 1 15 1 4 6 17 1 V 8 9. 11 12 1