Walter Scott 8 ſaͤmmtliche W e r k e. Neu uͤberſetzt. ——r Sechszigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Sechsundzwanzigſter Theil. Stuttgart, b/ei Gebruder Franckhh. 1 8 3 7. Leben V von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolution. Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Sechsundzwanzigſter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 82 7. Erſtes Kapitel. Niederlage der franzoͤſiſchen Korps unter Qudinot und Gerard, bei Bar⸗ſur⸗Aube.— Sie werden mit Macdonald genoͤthigt, ſich auf der Straße von Paris zuruͤckzuziehen.— Schwarzen⸗ berg wuͤnſcht hinter die Aube zuruͤckzuziehen, allein Kaiſer Ale⸗ rander und Lord Caſtlereagh widerſetzen ſich; der Vormarſch nach Paris wird beſchloſſen.— Napoleon beſetzt Arcis.— Schlacht bei Arcis am eoſten. Napoleon vereinigt ſich in der auf die Schlacht folgenden Nacht mit Macdonald, Oudinot und Gerard,— deſſen ungeachtet zieht er ſich mit geringem Verluſt auf beiden Seiten der Aube zuruͤck. Waͤhrend Napoleon Bluͤcher verfolgte, ſich mit ihm ſchlug, und endlich von ihm beſiegt wurde, wa⸗ ren ſeine Generallieutenants gegen die verbuͤndete große Armee um nichts gluͤcklicher. Man wird ſich erinnern, daß die Marſchaͤlle Oudinot und Gerard, an der Spitze von 25,000 Mann, außer dem Korps unter Macdonald, von Napoleon zuruͤckgelaſſen waren, mit dem Befehle, die Hoͤhen von Bar⸗ſur⸗Aube zu beſetzen und Schwarzenberg den Uebergang uͤber den Fluß zu verwehren. Sie ruͤckten demnach vorwaͤrts, und nach einem hitzigen Gefechte, das die Stadt in ihrem Beſitze ließ, waren ſie den verbuͤndeten Trup⸗ . 6 pen, welche immer noch die Vorſtaͤdte inne hatten, ſo nahe, daß eine Schlacht unvermeidlich wurde, und die Marſchaͤlle keine Wahl hatten, als anzugreifen oder an⸗ gegriffen zu werden. Sie waͤhlten das Erſtere, und ge⸗ wannen durch die unerwartete Kuͤhnheit ihres Angriffs anfangs einige Vortheile. Allein die Verbuͤndeten wa⸗ ren ſchon lange gewohnt, ihren Platz ſelbſt unter groͤßeren Nachtheilen zu behaupten. Ihre zahlreichen Reſerven wurden ins Feuer gefuͤhrt, und ein langer Zug von Artillerie ruͤckte in die Linien ein. Nach⸗ dem die Franzoſen eine zeitlang auf den Hoͤhen von Vernonfait Fuß gefaßt, wurden ſie angegriſſen und in Unordnung zuruͤck getrieben. Ein ſchoͤnes Reiter⸗ korps, das von der Armee in Spanien angekommen, ward von der furchtbaren Kanonade aufgerieben. Die Franzoſen wurden uͤber die Aube getrieben, die Stadt Bar ſur⸗Aube genommen, und die geſchla⸗ genen Marſchaͤlle konnten erſt halbwegs zwiſchen Bar und Troyes bet dem Dorfe Vandveuyres ihre Streit⸗ kraͤfte wieder ſammeln. Die Niederlage Oudinot's und Gerard's nothigte Marſchall Macdonald, der die Flußlinie uͤber Bar vertheidigte, ſich aus ſeiner feſten Stellung bei La Ferté ſur⸗Aube auf Troyes zuruͤckzuziehen. Er wich ſofort auf Vandoeuvres zuruͤck; allein, obgleich dieſe drei ausgezeichneten Generale, Mardonald, Oudinot und Gerard, alle ihre Talente aufboten und ihre Streitkraͤfte vereinigten, ſo waren ſie dennoch nicht 7 im Stande, Troyes zu halten, und ſahen ſich genoͤ⸗ thigt, auf die große Landſtraße nach Paris ſich zuruͤck⸗ zuziehen. So wurden die Hauptquartiere der ver⸗ buͤndeten Monarchen im Verlaufe dieſes wechſelvollen Krieges zum zweitenmal in die alte Hauptſradt der Champagne verlegt, und die vereinigte große Armee nahm durch den Sieg bei Bar⸗ſur⸗Aube all' das Land wieder in Beſitz, das ſie in Folge von Buona⸗ parte's Sieg bei Montereau geraͤumt hatte, Sie drohten zum zweitenmal, an der Seine hinab auf Paris anzuruͤcken, da ſie ſich nicht mehr an den Wi⸗ derſtand der ſchwachen Linie zu kehren hatten, die Mardonald, Oudigot und Gerard auf dem linken Ufer zu vertheidigen ſuchten. Allein Schwarzenberg's Vertrauen auf ſeine Po⸗ ſition ward geſchwaͤcht, als er vernahm, daß Napoleon Rheims genommen, und Ney am 17ten Abends Chalons⸗ſur Marne mit einer bedeutenden Diviſion beſetzt habe. Dieſe Nachricht machte einen tiefen Eindruck auf den oͤſterreichiſchen Kriegsrath. Seine Taktik hielt ſich ſtreng an die alte Schule, und er glaubte ſeine Armee ſchon geſchlagen, wenn eine fran⸗ zoͤſi che Diviſion einen Punkt beſetzte, der ſie von ihren Verbundeten treunte. Dies iſt allerdings ge⸗ wiſſermaßen wahr; allein eben ſo wahr iſt es, daß jedes Korps, das ſich auf ſolche Weiſe dazwiſchen wirft, gleichfalls geſchlagen werden muß, wenn die feindlichen Korps, zwiſchen welche es ſich warf, ge⸗ 8 meinſchaftliche Angriffsmaßregeln gegen daſſelbe er⸗ greifen. Schlaͤgt man zu eilig Laͤrm, oder betrachtet man die Folgen einer ſolchen Bewegung als unaus⸗ bleiblich, ſo gehoͤrt dieß in die Pedanterie, nicht in die Kunſt des Krieges. Um Mitternacht ward Kriegsrath gehalten, um die kuͤnftigen Bewegungen der Verbuͤndeten zu be⸗ ſtimmen. Der Generaliſſtmus war fuͤr einen Ruͤck⸗ zug hinter die Linie der Aube. Kaiſer Alexander widerſetzte ſich ihm mit Feſtigkeit, und bemerkte nicht mit Unrecht, daß der verlaͤngerte Krieg die Bevoͤlke⸗ rung des Landes zur Verzweiflung treibe, und daß das Landvolk bereits zu den Waffen greife, waͤhrend es den Alliirten gewiß weder an Gelegenheit noch an Macht, ſondern einzig an Entſchloſſenheit fehle, das Ganze durch einen einzigen Schlag zur Entſcheidung zu bringen. 4 So viele Einwuͤrfe wurden vorgebracht, und ſo ſchwer hielt es, die verſchiedenen Anſichten und In⸗ tereſſen ſo vieler Maͤchte zu einem allgemeinen Plane zu vereinigen, daß der Kaiſer gegen einen aus ſeinem Gefolge aͤußerte:„er glaube, bei der Angſt dieſer Nacht muͤßten ſeine Haare halb ergraut ſeyn!“ Lord Caſtlereagh war gegen die Meinung Schwarzenberg's, und zwar um ſo mehr, weil er ſchloß, daß ein Ruͤck⸗ zug hinter die Anbe der Vorwand zu einem hinter den Rhein werden wuͤrde. Er ſchlug ſich, wie es ſich fuͤr einen Miniſter Großbrittanniens ziemte, in die⸗ 9 ſem kritiſchen Augenblick ins Mittel, und erklaͤrte den verbuͤndeten Maͤchten, daß, ſobald der projektirte Ruͤckzug begaͤnne, die Subſidien von England ein Ende haͤtten. Man beſchloß endlich, die Offenſive wieder zu er⸗ greifen, und zu dem Ende mit der verbuͤndeten gro⸗ ßen Armee, der ſchleſiſchen naͤher zu ruͤcken, und ſich mit Pluͤcher in ſolche Kommunikation zu ſetzen, daß aͤhnlichen Ungluͤcksfaͤllen, wie die bei Montmirail und Montereau, vorgebeugt wuͤrde. Um dieß zu bewerk⸗ ſtelligen, wurde beſchloſſen, an die Aube hinabzuziehen, mit ihren Armeen bei Arcis ſich zu vereinigen, Na⸗ poleon eine Schlacht anzubieten, und falls er ſie nicht annaͤhme, kuͤhn auf Paris anzuruͤcken. Was ſie von dieſem Augenblick an noch entſchloſ⸗ ſener machte, ſich der Hauptſtadt ſo ſchnell als moͤglich zu naͤhern, war die Nachricht, mit welcher die Herren von Polignac in das Hauptquartier kamen. Dieſe Ehrenmaͤnner brachten die ermuthigende Kunde von den Fortſchritten der Royaliſten in der Hauptſtadt und von den Vorkehrungen, welche allgemein getroffen wurden, um mit dem Intereſſe der Bourbons dasje⸗ nige aller zu vereinigen, welche aus Abneigung gegen Buonaparte's Perſon und Regierung, oder aus Furcht, das Vaterland und ſie ſelbſt moͤchten ſein nahendes Verderben mit ihm theilen, ſich von der kaiſerlichen Herrſchaft zu befreien wuͤnſchten. Talley⸗ rand ſtand an der Spitze der Konfoͤderation, und 10 alle waren entſchloſſen, bei der erſten guͤnſtigen Ge⸗ legenheit, welche die Fortſchritte der Verbuͤndeten ge⸗ ben wuͤrden, hervor zu treten. Dieſe wichtige Nach⸗ richt, welche aus ſo zuverlaͤſſiger. Quelle kam, be⸗ ſtaͤrkte die Verbuͤndeten in ihrem Entſchluß, auf Paris loszugehen. Mittlerweile wurde Napoleon, der ſich am 15ten und 16ten Maͤrz, wie ſchon erwaͤhnt, zu Rheims be⸗ fand, durch die Nachricht von dem Verluſt der Schlacht bei Bar, dem Ruͤckzug der drei Marſchaͤlle hinter die Seine, und den Demonſtrationen, welche die große Armee machte, zum zweitenmal uͤber dieſen Fluß zu ſetzen, in Beſtuͤrzung geſetzt. Er brach, wie wir geſehen haben, von Rheims am 17ten auf, de⸗ taſchirte Ney, um von Chalons Beſitz zu nehmen, und marſchirte ſelbſt auf Epernay, in der Abſicht, Schwarzenberg von der rechten Flanke und im Nuͤcken zu nehmen, falls er auf dem Wege von Paris vor⸗ ruͤcken wollte. Zu Epernay erfuhr er, daß die Alllir⸗ ten, durch ſeine Bewegungen beunruhigt, ſich auf Troyes zuruͤckgezogen haͤtten und im Begriffe ſtuͤn⸗ den, ſich auf die Aube, wahrſcheinlich nach Langres, zuruͤckzuziehen; er erfuhr ferner, daß die Marſchaͤlle Macdonald und Oudinot wieder vorgeruͤckt ſeyen, ſo⸗ bald ihre Gegner zuruͤckzuweichen begannen. Er eilte, mit dieſen beharrlichen Fuͤhrern in Verbindung zu treten, zog an der Aube bis nach Bar hinauf, wo er erwartete, Schwarzenberg ſich in den Rucken werfen 1 1 zu koͤnnen, da er nicht zweifelte, daß ſeine Armee ſich von den Ufern der Aube zuruͤckziehe. In dieſen Berechnungen, die ſo richtig waren, als die ihm zugekommene Nachricht es geſtattete, irrte ſich Buonaparte ſehr. Er bildete ſich ein, er habe es mit den auf dem Ruͤckzug befindlichen Verbuͤndeken zu thun, und erwartete, blos die Arriergarde vor Arcis zu finden, und ſprach im Scherze davon, er wolle ſeinen Schwiegervater auf dem Ruͤckzuge ge⸗ fangen nehmen. Wenn er gegen Erwarten die Feinde oder einen betraͤchtlichen Theil derſelben noch uͤber der Aube finden ſollte, ſo mußte, nach allem, was er gehoͤrt hatte, angenommen werden, daß ſeine Erſcheinung ihren Ruͤckzug gegen die Grenze beſchleu⸗ nigen wuͤrde. Man ſagte auch, er habe erwartet, Marſchall Macdonald wuͤrde eine entſprechende Bewe⸗ gung von den Ufern der Seine nach denen der Aube machen; allein die Befehle kamen zu ſpaͤt an, als daß er am Morgen des Schlachttages haͤtte eintreffen koͤnnen. Napoleon trieb mit leichter Muͤhe die leichten Kavalleriekorps und Scharfſchuͤtzen vor ſich her, welche von den Alliirten mehr zum Behuf der Rekognos⸗ zirung, als zu ernſtlichem Widerſtand zuruͤckgelaſſen waren. Er ging bei Plancy uͤber die Aube, und zog mit Ney's Korps und ſeiner Kavallerie an dem lin⸗ ken Ufer des Fluſſes herauf, waͤhrend ſeine Garde⸗ infanterie auf dem rechten vorruͤckte; ſo daß ſeine 12 ganze Armee, nach der franzoͤſiſchen Kriegsſprache, an der Aube à cheval war. Die Stadt Arcis war von den Verbuͤndeten bei ſeiner Annaͤherung geraͤumt worden, und wurde von den Franzoſen am 20. Maͤrz Norgens beſetzt. Dieſe Stadt bildet den Ausgang einer Art von Defilée, wo eine Reihe von engen Bruͤcken uͤber eine Anzahl Kanaͤle, Baͤche und Waſſer⸗ leitungen war, welche alle von dem Fluſſe Aube aus⸗ liefen; eine Bruͤcke in der Stadt fuͤhrt uͤber den Fluß ſelbſt. Auf der andern Seite von Arcis iſt eine Ebene, auf welcher man einige Schwadronen Reiterei, die einer Rekognoszirungspartie glichen, manoͤpriren ſah. Hinter dieſer Reiterei, auf einem Patze, Cler⸗ mont genannt, ſtand der Kronprinz von Wärttemberg, deſſen Namen ſchon oft ruͤhmliche Erwaͤhnung geſchah, mit ſeinem Korps, waͤhrend der Kern der verbuͤndeten Armee an einer Kette von Huͤgeln, Mesnil la Com⸗ teſſe genannt, noch mehr im Hintergrunde aufgezogen war; allein dieſe Truppen waren fuͤr die Avantgarde von Napoleons Truppen nicht ſichtbar. Die franzoͤ⸗ ſiſche Kavallerie hatte Befehl, die leichten Truppen der Verbuͤndeten anzugreifen; allein dieſe wurden ſogleich von ganzen Regimentern und von Kanonen unterſtutzt, ſo daß der Angriff ohne Erfolg war. Die Schwadronen der Franzoſen wurden geworfen und auf Arcis zuruͤckgetrieben, in einem Augenblick, da wegen der Hinderniſſe in der Stadt und ihren Um⸗ 13 gebungen die Infanterie nur mit Muͤhe aus der Stadt zu ihrer Unterſtuͤtzung hervorruͤckte. Napoleon zeigte, wie immer in großen Gefahren, denſelben he⸗ roiſchen Muth, welchen er bei Lodi und Brienne an den Tag gelegt hatte. Er zog ſein Schwerdt, wayf ſich unter die in Unordnung gekommene Kavallerie, rief ihr zu, ſie ſollte ihrer fruͤheren Siege gedenken, und that dem Eindringen der Feinde durch einen ungeſtuͤmen Angriff Einhalt, in welchem er nebſt ſeinen Staabsoffizieren Mann gegen Mann mit ſei⸗ nen Gegnern focht, ſo daß er ſelbſt in perſoͤnliche Gefahr kam, durch die Lanze eines Koſacken, deren Stoß von ſeinem Adjutanten Girardin absewandt wurde. Sein Mamelucke Ruſtan focht ihm ſtandhaft zur Seite, und bekam ein Geſchenk fuͤr ſeine Tapfer⸗ keit. Dieſe verzweifelten Anſtrengungen gaben der Infanterie Zeit, aus der Stadt zu debonchiren. Die kaiſerlichen Garden zogen auf, und der Kampf wurde aͤußerſt heftig. Die Ueberzahl der Verbundeten ließ dieſe auf allen Punkten den Angriff machen. Ein feſt gelegenes Doͤrſchen vor und etwas zur Linken von Arcis, Grand Torcy genannt, war von den Fran⸗ zoſen beſetzt worden. Dieſer Platz wurde wiederholt und mit verzweifeltem Ungeſtuͤm, von den Alllirten angegriffen, allein die Franzoſen hielten ſich in ihrer Stellung. Arcis ſelbſt wurde durch die Bomben der Angreifenden angezuͤndet; die Nacht allein trennte die 14 Streitenden, indem ſie die Alllirten veranlaßte, vom Kampfe abzuſtehen. 4 In der Nacht ſtießen Macedonald, Oudinot und Gerard mit den Streitkraͤften, womit ſie in letzter Zeit an der Seine die Defenſive gehalten, zu Buona⸗ parte. Es war nun die wichtige Frage, ob er, ſo verſtaͤrkt, eine Schlacht gegen die große Armee wagen ſollte, die ihm noch immer an Anzahl uͤberlegen war. Schwarzenberg zog, der letzten Entſchließung der Verbuͤndeten gemaͤß, an den Hoͤhen von Mesnil la Comteſſe auf, und bereitete ſich, eine Schlacht an⸗ zunehmen. In Betracht der uͤberlegenen Staͤrke des Feindes und der Abweſenheit einiger, noch nicht eingetroffener Truppen, entſchloß ſich endlich Napoleon, unter ſo unguͤnſtigen Umſtaͤnden ſich in keine Schlacht einzu⸗ laſſen, und begann deshalb einen Ruͤckzug, deſſen Richtung die Kriſis ſeines Schickſals entſcheiden ſollte. Er wich, wie er vorgeruͤckt war, auf beiden Seiten der Aube zuruͤck, und obgleich verfolgt und beunruhigt in dieſer Bewegung(die nothwendig durch Arcis und ſeine Defiléns gemacht werden mußte), ward ſeine Arrieregarde doch ſo gut gefuͤhrt, daß er nur wenig Verluſt erlitt. Ein neuerer Schriftſteller*), welcher ein treffliches wiſſenſchaftliches Werk uͤber —ᷣ *) Memoire of the Operations of the Allied Armies in 1813. and 1814. London, Murray 1822. 2 N 15 dieſen Feldzug verfaßte, bemerkt— bei dem Schluß⸗ bericht uͤber dieſe zwei Tage, welche von den kaͤmpfen⸗ den Armeen einander gegenuͤber zugebracht wurden— „es iſt eben ſo merkwuͤrdig, daß ſich Napoleon mit einer Truppenmacht, die nicht uͤber 25,000— 50,000 Mann betrug, in eine Poſition gegenuͤber von 80,000 Mann Allitrter gewagt hat, als daß letztere ihn un⸗ geſtraft davon kommen ließen.“ Daß ſie ihm einen ſo wenig beunruhigten Ruͤck⸗ zug geſtatteten, wurde durchaus von allen denen ge⸗ tadelt, die uͤber dieſen Feldzug geſchrieben haben. Zweites Kapitel. Plane Buonaparte's, nach ſeiner gegenwaͤrtigen bedenklichen Lage betrachtet.— Militaͤriſche und politiſche Fragen, Paris an⸗ langend.— Napoleon entſchließt ſich, an die oſtliche Grenze zu ziehen, und ſetzt am 22. Maͤrz uͤber die Marne.— Nuͤck⸗ blick auf die Begebenheiten in der Naͤhe von Lyon u. ſ. w.— Die Allirten ruͤcken auf Paris zu.— Niederlagen der Fran⸗ zoſen auf verſchiedenen Seiten.— Marmont und Mortier mit ihren entmuthigten und uͤbel zugerichteten Korps ziehen ſich unter die Mauern von Paris zuruͤck. In wie weit Paris ver⸗ theidigt werden kann.— Anſtrengungen Joſeph Buonapar⸗ te's.— Die Kaiſerinn Marie Louiſe verlaͤßt mit den Civilau⸗ toritaͤten die Stadt.— Angriff auf Paris am 3oſten, wo die Franzoſen auf allen Seiten geſchlagen werden.— Es wird ein Waffenſtillſtand angeſucht und angenommen.— Joſeph Buongparte flieht mit ſeiner ganzen Umgebung. Da Napoleons Gluͤck ſo ſehr von ihm wich, daß er die ihm angebotene Schlacht ablehnte, und zwiſchen 10 zwei Heere zu ſtehen kam, von denen jedes ihm an Anzahl uͤberlegen war, ſo mußte er eine eilige und entſcheidende Entſchließung faſſen. Die Bewegungen Schwarzenberg's und Bluͤcher's gingen augenſcheinlich dahin, eine Vereinigung zu be⸗ werkſtelligen; und wenn man bedenkt, daß Buona⸗ parte es nöthig fand, ſich vor der ſchleſiſchen Armee vor Laon und vor der großen Armee vor Arcis zu⸗ ruͤckzuziehen, ſo waͤre es Wahnſinn geweſen, wenn er gewartet haͤtte, bis ſich beide uͤber ihn hergemacht haͤtten. Zwei Wege blieben ihm noch offen:— ſich in den Kreis zuruͤckzuziehen, in welchen ihn die Feinde einzuſchließen im Begriff waren, vor ihnen ſo weit zuruͤckzuweichen, bis er alle ſeine Streitkraͤfte vereinigt haͤtte, und ſich unter den Mauern von Paris, unterſtuͤtzt von allen Mitteln, welche die Hauptſtadt beſaß und ihre Anſtrengungen aufbieten konnten, aufzuſtellen; oder im Gegentheil, ſich oſt⸗ waͤrts zu ziehen, denſelben Zirkel zu durchbrechen, und im Ruͤcken der Verbuͤndeten und gegen ihre Kommunikationslinie zu operiren. Dieß war ein Fall, an welchen die Oeſterreicher mit Fieberangſt dachten, und der ſie wahrſcheinlich beſtimmt haͤtte, alle Gedanken ans Vorruͤcken aufzu⸗ geben, und ſich an die Grenze zuruͤckzuziehen. Ein ſolches Reſultat war um ſo mehr zu hoffen, da das fortwaͤhrende Zaudern der Alliirten, die beſtaͤndigen Vor⸗ und Ruͤckmaͤrſche der Truppen durch ein erſchoͤpftes ———————— 17 Land die Geduld der kuͤhnen Beooͤlkerung von Elſaß und Franche⸗Comté gebrochen hatten, welche die fortwaͤhrenden Erpreſſungen und Raͤubereien, un⸗ zertrennlich von den Bewegungen feindlicher Heere, aus der Apathie erweckt hatten, womit ſie anfaͤnglich die Invaſion ihres Landes betrachteten. Vor Lyon durfte Napoleon auf die Verſtaͤrkungen der Vetera⸗ nen Suchet's rechnen, die von Katalonien ankamen; auch waͤre er im Bereiche der zahlreichen Reihe von Feſtungen geweſen, deren Garniſonen ſtark genug wa⸗ ren, um, zuſammengezogen, eine Armee zu bilden. Die Vorbereitungen zum Auföbieten einer ſolchen Macht und zur Bewaffnung des Landolks waren ſchon ſeit einiger Zeit eingeleitet. Zuverla ſſige Agen⸗ ten waren mit Befehlen, die ſie in den Scheiden ihrer Saͤbel, in den Halsbaͤndern ihrer Hunde, oder um den Leib verſteckt hatten, abgeſchickt, um die be⸗ treffenden Kommandanten von des Kaiſers Abſichten in Kenntniß zu ſetzen. Einige wurden von den Be⸗ lagerungstruppen der Alliirten aufgefangen und als Spione aufgeknuͤpft, andere aber gelangten an den Ort ihrer Beſtimmung. Waͤhrend ſeines Aufenthal⸗ tes zu Rheims hatte Buonaparte eine Ordre zum Aufgebot des Landvolkes ergehen laſſen, worin er ih⸗ ren bewaffneten Aufſtand nicht nur als ein Gebot der Vaterlandsliebe bezeichnete, ſondern auch die Maires der Diſtrikte, die ſich dieſem allgemeinen Aufruf widerſetzen wuͤrden, fuͤr Verraͤther erklaͤrte. W. Scott's Werke. LX. 2 18 Die Alliirten ihrer Seits bedrohten mit allen Schrecken militaͤriſcher Exekution diejenigen auf dem Lande, die Napoleons Aufruf zu den Waffen Folge leiſteten. Es iſt, wie wir ſchon fruͤher bemerkten, ein treff⸗ licher Beleg, wie ſehr politiſche Meinungen von den Umſtaͤnden abhängen; denn als nach der zweiten Ein⸗ nahme von Wien die Oeſterreicher den allgemeinen Landſturm auftoten, hatte Napoleon ſeiner Seits das Landvolk, welches zu gehorchen wagte, mit dem Tod und mit dem Niederbrennen ihrer Doͤrfer bedroht. Waͤhrend Napoleon zu Rheims war, ſtanden die Sachen an der nordoͤſtlichen Grenze ſo gut, daß ſich Ney erbot, an die Spitze der Inſurrektionsarmee zu treten; und da er fuͤr den beſten Anfuͤhrer der leichten Truppen in Europa galt, iſt es nicht un⸗ wahrſcheinlich, daß er das Aufgebot en masse an dieſer kriegeriſchen Grenze ſo weit gebracht haͤtte, daß ſie eben ſo gut als die franzoͤſiſchen Nationaltruppen im Beginn der Revolution gefochten haͤtten. Buona⸗ parte ging auf dieſen Verſchlag nicht ein, weil er vielleicht glaubte, daß eine ſo kuͤhne Bewegung un⸗ ter ſeinen eigenen Augen gelingen koͤnnte. Allein zwei beſondere Gruͤnde mußten Napoleon bedenklich machen, dieſes verzweifelte Spiel im Ruͤ⸗ cken zu beginnen, wodurch er gewinnen ſollte, was auf dem ordentlichen Wege der offenen Schlacht nicht mehr moͤglich war. Der eine war die militaͤriſche 19 Frage: ob Paris vertheidigt werden koͤnnte, wenn ſich Napoleon hinter die verbuͤndete Armee zuruckzoͤge, anſtatt ſich mit der unter ſeinen Befehlen ſtehenden Truppenmacht auf die Hauptſtadt zu werfen? Die andere Frage war von noch groͤßerer Wichtigkeit und politiſcher Natur. Konnte man annehmen, daß, vor⸗ ausgeſetzt, die Hauptſtadt koͤnne einen Angriff aus⸗ halten, Paris, eine Stadt von 7⁰0,000 Einwohnern, in Faktionen getheilt, nicht gewohnt, die Donnerſtim⸗ me des Krieges in ſolcher Naͤhe zu hoͤren, und auf⸗ geſchreckt durch die Neuheit ihrer ſchrecklichen Lage, ſich zu den Opfern verſtand, welche auch die gluͤckliche Vertheidigung der Stadt in jedem Falle nothwendig machte; mit einem Wort, war ihre Liebe zu Buona⸗ parte und ihre Furcht vor ihm ſo groß, daß die Ein⸗ wohner ohne ſeine perſoͤnliche Gegenwart und die ſeiner Armee ſie ermuthigte, und zu gleicher Zeit zwang, die Zerſtoͤrung ihrer prachtvollen„Hauptſtadt aufs Spiel zu ſetzen, und ſich all den Schrecken einer Pluͤnderung auszuſetzen, die von der Maſſe von Nationen drohte, welche Napoleons Ehrgeiz gegen ſie verſammelt hatte, und welche ſich oͤffentlich nicht Frankreichs, ſondern Buonaparte's Feinde nannten? Keine dieſer Fragen konnte mit Gewißheit beantwortet werden. Obgleich Napoleon 30,000 Mann Nationalgarden aufgeſtellt, batte er nicht fuͤr den dritten Theil Waffen genug beigebracht. Einige Schriftſteller weiſen darauf hin, daß dieſer Mangel an Waffen einem geheimen Ver⸗ 20 rathe zur Schuld falle; allein dieſe Beſchuldigung wurde nie gehorig begruͤndet. Die Waffen waren nicht vor⸗ handen, und keine Befehle zu ihrer Herbeiſchaffung ge⸗ geben; obgleich Napoleon nach ſeiner Ruͤckkehr nach Pa⸗ ris drei Monate Zeit hatte, ſo war ihm doch nie der Gedanke zu einer allgemeinen Bewaffnung der Pari⸗ ſer gekommen. Vielleicht zweifelte er an ihrer Treue gegen ihn. Er befahl zwar, wie man ſagte, 200 Ka⸗ nonen zur Vertheidigung der noͤrdlichen und oͤſtlichen Linie der Stadt aufzubringen; allein auch dieſe wurden nicht in gehoͤriger Anzahl herbeigeſchafft. Die Zahl derje⸗ nigen, denen man mit Sicherheit Waffen anvertrauen konnte, war auch ſehr beſchraͤnkt. War nun Paris, militaͤriſch betrachtet, im Stande, ſich zu vertheidigen, ſo hing auf jeden Fall ſehr viel von der Staͤrke der Streitkraͤfte ab, die zu ihrem Schutze zuruͤckgelaſſen wurden. Dieſe konnten, wie Napoleon wußte, nur ſehr gering ſeyn. Seine Hoffnungen mußten ſich deshalb nothwendig auf die Umſtaͤnde und den Glau⸗ ben ſtuͤtzen, daß Paris, obgleich nicht im Stande, eine lange Belagerung auszuhalten, wenigſtens ſo lange ſich behaupten wuͤrde, bis er im Stande waͤre, zu ſeinem Entſatze heranzuruͤcken. Wie aber zweitens die Mittel, Paris zu halken, aͤußerſt mangelhaft waren, ſo war auch die Neigung der Einwohner, ſich mit betraͤchtlichen Ofern zu ver⸗ theidigen, aͤußerſt zweifelhaft. Man konnte vernuͤnf⸗ tigerweiſe nicht erwarten, daß die Pariſer die Auſopfe⸗ ,— 2 1 rung von Saragoſſa nachahmen wuͤrden. Jeder ſpaniſche Buͤrger hatte bei dieſer merkwuͤrdigen Ge⸗ legenheit Intereſſe an dem Krieg, den die Geſammt⸗ heit fuͤhrte,— hatte namentlich Theil an der Frei⸗ heit und Unabhaͤngigkeit, wofuͤr er gefuͤhrt wurde. Die Pariſer waren dagegen in einer ganz verſchiede⸗ nen Lage. Sie fuͤhlten ſich nicht berufen, ihre Straßen zu verammeln, ihre Vorſtaͤdte zu zerſtoͤren und ihre Haͤuſer in Forts, ſich ſelbſt in Soldaten umzuſchaffen, und ihr Eigenthum und Familie dem Schrecken eines Sturmes auszuſetzen, und alles dieß nicht fuͤr Frankreichs Interreſſe, ſandern einzig, um Napoleon auf dem Throne zu erhalten. Die unauf⸗ hoͤrlichen und zuletzt ungluͤcklichen Kriege, in welche er verwickelt war, hatten ſeine Regierung unpopulaͤr ge⸗ macht; und es war Allen klar, ihn ſolbſt vielleicht aus⸗ genommen, daß er zu dem Volk von Paris nicht in ſolcher Beziehung ſtand, daß die Buͤrger bereit ſeyn konnten, fuͤr ihren Souverain zu ſterben. Eben ſo⸗ wohl ließ ſich erwarten, daß ſich die Froͤſche in der Fabel bei einem Angriff in Maſſe zur Vertheidigung ihrer Koͤniginn Schlange erhoben haͤtten. Es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß Buonaparte dieß nicht von dem wah⸗ ren Geſichtspunkte betrachtete, ſondern in dem Gefuͤhle hoͤchſteigener Wichtigkeit, das ſich der Souveraine, wegen ihrer Stellung zu den Voͤlkern ſo natuͤrlich be⸗ maͤchtigt, und wozu er vermoͤge ſeiner Großthaten und ausgezeichneten Eigenſchaften vor allen Souverai⸗ 2 2 nen ausſchließlich berechtigt war;— es iſt wahrſchein⸗ lich, fage ich, daß er des großen Mißverhaͤltniſſes zwi⸗ ſchen der Nation und einem Individuum nicht ge⸗ wahrle, und vergaß, wie unter den Hunderttauſenden in Paris die Anzahl ſeiner treuen und ergebenen An⸗ haͤnger nur aͤußerſt gering war nicht allein gegen die⸗ jenigen, welche ſich zu tief in feindliche Faktidnen eingelaſſen, ſondern auch gegen die große Maſſe, die, um mit Heißſporn zu ſprechen, ihre Kramlaͤden und „Scheuern lieber hatten, als anderer Leute Haͤuſer. Ging aber drittens Paris entweder durch Mangel oder Nichtanwendung von Vertheidigungsmitteln uͤber, ſo zog dieß unerſetzliches Unheil nach ſich. Nußland konnte, wie man geſehen hat, die Zer⸗ ſtoͤrung ſeiner Hauptſtadt uͤberleben, auch Großbrit⸗ tanniens Schickſal mochte durch die Einnahme von London noch nicht entſchieden werden; allein die Re⸗ gierung von Frankreich war waͤhrend aller Wechſel der Revolution von dem Beſitz von Paris abhaͤnglg, einer Hauptſtadt, welche zu allen Zeiten in der öffent⸗ lichen Meinung den Ton angab. Brachte die militaͤ⸗ riſche Beſetzung in dieſer einflußreichen Hauptſtadt, wie aͤußerſt wahrſcheinlich war, eine innere pelitiſche Revolution hervor, ſo war ſehr zu bezweifeln, ob der Kaiſer in irgend einem andern Theile ſeiner Lande noch wirkſamen Widerſtand leiſten konnte. Man muß aufrichtig ſagen, daß dieſer Schluß, aus den ſpaͤtern Vorgaͤngen gezogen, viel natuͤrlicher erſcheint, 29 als damals, wo er noch der Erwaͤgung Napoleons unterlag. Er war durch die große, von den Oeſter⸗ reichern bisher bewieſene Aengſtlichkeit bei jeder An⸗ naͤherung von Seitenangriffen und bei der Vorſicht ihrer Bewegungen im Allgemeinen zu der Annahme berechtigt, daß ſie ſich nicht getrauen wuͤrden, einen kuͤhnen Schritt gegen Paris ſelbſt zu thun. Es war wahrſcheinlicher, daß ſie ihm, um ihre Kommunika⸗ tionen zu erhalten, nach der Grenze folgen wuͤrden. Ueberdieß blieb Napoleon in dieſer kritiſchen Lage nur noch geringe Wahl. Es war nicht moͤglich, daß er laͤnger in ſeiner Stellung zwiſchen Bluͤcher und Schwarzenberg bleiben konnte; auf welche Flanke er ſich auch wenden mochte, hatte er es immer mit einem uͤberlegenen Feinde zu thun. Zog er ſich auf Paris zuruͤck, ſo durfte er ſicher ſeyn, von den ge⸗ ſammten Heeren der Verbuͤndeten in derſelben Rich⸗ tung verfolgt zu werden; und die Aufmunterung, die er durch einen ſolchen Ruͤckzug ſeinen Gegnern geben mußte, konnte die verderblichſten Folgen fuͤr ihn haben. Vielleicht ermuthigte ſeine Getreuen waͤhrend ſeiner Abweſenheit der Gedanke, daß er an der Spitze einer ſiegreichen Armee im Ruͤcken der Verbuͤndeten ſtuͤnde, noch mehr, als ſeine perſoͤnliche Gegenwart vermocht haͤtte, wenn er in Folge eines gezwungenen Ruͤckzugs in Paris ankam. Buonaparte ſcheint eben ſowohl durch den Drang der Umſtaͤnde, als durch freie Wahl es vorgezogen zu 24 haben, durch den Kreis der ihn umringenden Jaͤger durchzubrechen, und in der Hoffnung, ſeine Armee durch die Beſatzungen aus den Grenzfeſtungen und das kriegeriſche Landvolk vom Elſaß und der Franche⸗ Comté zu verſtaͤrken, ſeine Feinde ploͤtzlich von hinten anzufallen, bevor ſie Zeit gewannen, etwaige Offenſiv⸗ Operationen auszufuͤhren, oder vielleicht auch nur anzuordnen. Der Plan ſchien um ſo mehr zu ver⸗ ſprechen, da er feſt uͤberzeugt war, daß ſein Marſch die große Armee Schwarzenberg's wo nicht zu ſeiner Verfolgung, doch wenigſtens zu ſeiner Beobachtung nach ſich ziehen wuͤrde; da der Glaube, der Krieg koͤnnte einzig da entſchieden werden, wo er in Perſon zugegen ſey, durch vielfache Erfahrung ſeiner Meinung nach ſowohl bei ſeinen Feinden, als auch bei ſeinen eigenen Soldaten, allgemein herrſchend geworden war. Napoleon konnte ſich nicht verhehlen, was er auch dem franzoͤſiſchen Publikum kund that, daß ein Marſch oder ein Hourra auf Paris, wie er ſich ausdruͤckte, das Hauptziel der Verbuͤndeten war. Jede Bewegung vorwaͤrts von Seiten Bluͤcher's ober Schwarzenberg's hatte dieß zum Zweck; allein ſie hatten dieſes Un⸗ ternehmen aufgegeben, da er eine Demonſtration, es zu verhindern, gemacht; und deßhalb vermuthete er bei ihnen keinen ſo kuͤhnen Entſchluß, gerade auf Paris loszugehen, und die franzoͤſiſche Armee unan⸗ gefochten in ihrem Ruͤcken zu laſſen, ſo daß er ihre Kommunikation mit Deutſchland abſchneiden konnte. Man hat die Erfahrnng gemacht, daß dieienigen Schachſpieler, welche die kuͤhnſten Spruͤnge machen, am wenigſten geeignet ſind, ſich zu vertheidigen, wenn ſie auf dieſelbe kuͤhne Weiſe angegriffen werden, und daß die Generale, deren gewoͤhnliche und beliebte Taktik im Vordringen und Angreifen beſteht, ſehr oft durch Offenſiv⸗Operationen von Seiten ihrer Feinde außer Faſſung kamen. Napoleon war ſo ſehr ge⸗ wohnt, ſeine Gegner mehr auf das Pariren, als auf das Ertheilen von Streichen achten zu ſehen, und vertraute ſo ſehr auf die Furcht, in die er ſie durch die Schnelligkeit ſeiner Bewegungen, ſeinen Ungeſtuͤm im Angreifen und die Schrecken ſeines Namens ver⸗ ſetzte, daß er nicht ſehr beſorgt ſchien, die Verbuͤnde⸗ ten moͤchten einen Operationsplan einſchlagen, der nicht auf ſeinen eigenen berechnet waͤre, und ſie, ſtatt ſeine Bewegungen im Ruͤcken ihrer Armee zu bewachen oder zu hemmen, gerade vorwaͤrts zur Be⸗ ſetzung ſeiner Hauptſtadt fuͤhrte. Ueberdieß waren, trotz den Einwuͤrfen, die man machte, daß eine dauernde Vertheidigung unmoͤglich ſey, noch andere Gruͤnde in Betracht zu ziehen. Die Gegend im Norden von Paris iſt ſehr feſt, die Nationalgarde war zahlreich, die niederen Volksklaſſen von militaͤri⸗ ſchem Karakter und ſeiner Sache ergeben. Eine ent⸗ ſchloſſene kurze Vertheidigung haͤtte die doppelte Wir⸗ kung gehabt, die Hitze der Angreifenden zu daͤmpfen und ſie vor den Mauern der Hauptſtadt hinzuhalten, 26 bis Buonaparte zu ihrem Erſatze heranruͤcken und die Verbuͤndeten zwiſchen zwei Feuer nehmen konnte. Es ⸗war nicht anzunehmen, daß die Uebergabe von Paris das Werk eines einzigen Tages ſeyn wuͤrde. Die einmuͤthige Stimme der Journale, der Pelizei⸗ Tgenten und der Tauſende, deren Intereſſe ſo innig mit dem Buonaparte's verknuͤpft war, ſtellte ihren Gebieter auf dieſen Punkt ſicher. Seine Bewegung im Ruͤcken der Feinde, obgleich ſie ihn von Paris entfernte, das dadurch in augenblickliche Beſturzung gerieth, konnte, wie Napoleon ſich dachte, die Sicher⸗ heit der Hauptſtadt nicht wirklich gefaͤhrden. Der franzoͤſtſche Kaiſer war bei Ausfuͤhrung dieſer entſcheidenden Bewegung aͤußerſt erpicht auf den Be⸗ ſſitz von Vitry, das ihm fuͤr ſein Vorruͤcken auf dem Wege lag. Da aber die Stadt eine Beſatzung von etwa 5000 Mann hatte, die von einem entſchloſſenen ffizier kommandirt wurde, erhielt er, als er ſie zur Uebergabe aufforderte, eine abſchlaͤgige Antwort; und da Napoleon ſich nicht in der Lage ſah, einen coap de main gegen einen Platz von einiger Staͤrke zu verſuchen, pafſirte er am 22. Maͤrz bei Frigincour auf einer Floßbruͤcke die Marne, und ſetzte ſeinen Marſch gegen die oͤſtliche Grenze fort, indem er ſich mit jedem Schritte weiter von ſeiner Hauptſtadt und zugleich von ſeinen Feinden entfernte. Mittlerweile waren in der Naͤhe von Lyon Ereigniſſe vorgefallen, welche die Vortheile, die Napoleon an der ſuͤdoͤſtlichen —— 27 Grenze gegen die Schweiz erwarten mochte, ſehr be⸗ ſchraͤnkten, und die zahlreichen Feinde ſeiner Regie⸗ rung in der Provence, wo die Royaliſten bereits eine bedeutende Partei hatten, gar ſehr ermuthigen mußten. Die Verſtaͤrkungen, welche von den Oeſterreichern unter General Bianchi abgeſandt, und ihre Reſerven, die von dem Prinzen von Heſſen⸗Homburg herbeige⸗ fuͤhrt wurden, hatten dieſen wieder die Oberhand uͤber Augereau's Armee gegeben. Er ward am 11. Maͤrz bei Magon in einem Treffen, das er zu Behauptung ſeiner Linie an der Saonne anbot, ge⸗ ſchlagen. Eine zweite Niederlage erlitt er am 12ten bei St. George, und mußte ſich in großer Unordnung zuruͤckziehen, ſo daß ihm kaum noch die Mittel uͤbrig blieben, den Fluß Iſeère, auf welchen er ſich zuruͤck⸗ zog, zu vertheidigen. Lyon, auf dieſe Art eutbloͤßt, oͤffnete Bianchi die Thore, und, nach allem, was die Buͤrger von dem Verluſte der Verbuͤndeten gehoͤrt hatten, ſahen ſie mit Erſtaunen und Beſtuͤrzung ein wohl behaltenes Truppenkorps, das ſich auf 60,000 Mann belief, durch ihre Straßen ziehen. Dieſe Niederlage Augereau's war wahrſcheinlich Na⸗ poleon noch nicht bekannt, als er ſich entſchloß, gegen die Grenze zu marſchiren und auf die Mitwirkung der Lyoner Armee rechnen zu duͤrfen glaubte. Ob⸗ gleich des Kaiſers Bewegung nach Saint⸗Dizier nicht in den Regeln der gewoͤhnlichen Kriegskunſt lag, und 28 die Verbuͤudeten in den Stand ſetzte, den kuͤhnen Plan, der dem Feldzug ein Ende machte, zu faſſen und aus⸗ zufuͤhren, ſo war dennoch das Beginnen deſſelben durch⸗ aus nicht unguͤnſtig, oder vielmehr, es war eine der wenigen Alternativen, welche die kritiſche Lage ſeiner Sache Buonaparte ließ, und von der er, nach der fruͤ⸗ heren Unſchluͤſſigkeit und furchtſamen Vorſicht zu ſchließen, welche die Verbuͤndeten in ihren Entſchluͤſſen an den Tag legten, keineswegs erwarten konnte, daß ſie die Folgen, die ſich wirklich ergaben, herbeifuͤhren wuͤrde. Die Verbuͤndeten, welche in ihren letzten Berathun⸗ gen den Entſchluß gefaßt hatten, einen entſcheidenden Verſuch auf Paris zu machen, wußten ſich anfangs Napoleons Verſchwinden nicht zu erklaͤren, noch zu errathen, welche Richtung er genommen hatte. Dieß veranlaßte einige Zoͤgerung und einigen Zeitverluſt. End⸗ lich fanden ſie bei einem aufgefangenen franzoͤſiſchen Kou⸗ rier Depeſchen von Buonaparte an ſein Miniſterium in Paris, aus welchen ſie auf ſeine wirklichen Abſichten und die Richtung ſeines Marſches ſchließen konnten. Ein eigenhaͤndiges Schreiben des Kaiſers an Marie Louiſe gab ihnen hieruͤber volle Gewißheit. Die Alliir⸗ ten entſchloßen ſich nun, durch dieſen unerwarteten Wechſel der Umſtaͤnde beſtimmt, auf ihrem kuͤhnen Entſchluſſe zu beharren. Um die wirkliche Richtung ſeines Marſches zu verhehlen und die Kommunikation mit der ſchleſiſchen Armee zu eroͤffnen, machte Schwarzenberg eine Seitenbewegung, verlegte ſein —2,-— 29 Hauptquartier nach Vitry, wo er am 24ſten ankam, drey Tage nach erfoltger Aufforderung zur Uebergabe von Seiten Napoleons. Bluͤcher zog indeſſen mit ſei⸗ ner Armee, die nach den zwei blutigen Schlachten, die ſie geliefert, wieder voͤllig ergaͤnzt worden war, von Laon nach Chalons. Um das Vorruͤcken gehoͤrig vorzu⸗ bereiten, wurde General Ducca an der Aube mit ei⸗ nem Korps Oeſterreicher zuruͤckgelaſſen, um ihre Depots zu decken, ihre Kommunikationen offen zu erhalten, und die Perſon des Kaiſers Franz zu beſchuͤtzen, dem viel⸗ leicht ſein Zartgefuͤhl nicht erlaubte, ſich mit den uͤbri⸗ gen Souverainen Paris mit gewaffueter Hand zu naͤhern, waͤhrend die Stadt wenigſtens dem Namen nach unter ſeiner Tochter als der Regentinn ſtand. Ducca hatte den Befehl, falls ihm zu hart zugeſetzt wuͤrde, auf die Armee des Prinzen von Homburg, der im ſiegreichen Beſitze von Lyon war, ſich zuruͤckzuziehen. Nachdem dieſe wichtige Anordnung getroffen wor⸗ den, ward eine andere zur Taͤuſchung und Beobach⸗ tung Napoleons gleich nothwendige gemacht. Es wurden 10,000 Mann Kavallerie auserleſen und un⸗ ter den unternehmenden Generalen Winzingerode und Czernicheff mit 50 Kanonen abgeſandt, um Napoleons Marſch zu beunruhigen, ihm ſeine Kommunikationen mit dem Lande, das er verlaſſen, abzuſchneiden, von Paris kommende Kouriere aufzuheben und jede Nachricht uͤber die Bewegungen der alliirten Truppen zu verhin⸗ dern, ihm uͤberdieß uͤberall ſo entgegen zu treten, daß 230 er wo moͤglich glauben mußte, ihre Korps bilden die Avantgarde der ganzen Armee Schwarzenberg's. Die ruſſiſchen und preußiſchen leichten Truppen ſtreiften mittlerweile auf den Straßen umher und hoben bei Sommepuir eine Bedeckung von Artillerie und Ammunition auf, die zu Napoleons Arriergarde gehoͤrten, wo 20 Kanonen mir ſtarker Eskorte in ihre Haͤnde fielen. Auch fiengen ſie mehrere Kouriere auf, die wichtige Depeſchen von Paris an Napoleon brach⸗ ten. Einer von dieſen ſollte eine Nachricht uͤberbringen, die, wie nur je eine, beſtimmt war, ſinkende Groͤße niederzuſchlagen. Die Depeſche benachrichtigte Na⸗ poleon von der Landung der Englaͤnder in Italien, dem Einzug der Oeſterreicher in Lyon, der kritiſchen Lage Augereau's, der Erklaͤrung Bordeaux zu Gunſten Lud⸗ wigs, von den Demonſtrationen Wellington's gegen Toulouſe, der unzufriedenen Stimmung des Publikums und von der Erſchoͤpfung der Nationalreſourgen. Meh⸗ rere dieſer Nachrichten waren den alliirten Souverainen und Generalen ſelbſt noch unbekannt; allein ſie wurden von ihnen mit Empfindungen aufgenommen, welche ſehr verſchieden waren von denen, welche der Abſendende zu machen beabſichtigte. Sobald Bluͤcher durch den Marſch Buonaparte's von Chalons nach Arcis in ſeinen Bewegungen weniger Widerſtand fand, hatte er die Offenſive ergriffen, und die Korps von Mortier und Marmont, die zur Beobach⸗ tung ſeiner Beweg ngen zuruͤckgelaſſen waren, uͤber die 3¹ Marne getrieben. Er paſſirte die Asni bei Bery⸗au⸗ Bac, und ſetzte ſich wieder in Beſitz von Rheims, indem er die Thore aufſchlug und den Platz ſtuͤrmte; nachdem ihm dieß gelungen war, brach er gegen Chalons und Vitry auf. Er hatte ſich bisher ſuͤdoͤſtlich gezogen, um mit Schwarzenberg in Verbindung zu kommen, bekam aber nun von dem Koͤnig von Preußen den willkomme⸗ nen Befehl, ſeinen Marſch nach Weſten zu richten und gerade auf Paris loszuruͤcken. Die große Armee nahm dieſelbe Richtung, und ſo ruͤckten ſie in korre⸗ ſpondirenden Linien mit einander in beſtaͤndiger Kom⸗ munikation vor. Waͤhrend Napoleon oͤſtlich zog, und ſich vorbereitete, auf die Arriergarde der Verbuͤndeten ſich zu werfen, war er natuͤrlich ſelbſt derſelben Gefahr ausgeſetzt, ſeine Kommunikationen abgeſchnitten und ſeine Verſtaͤrkun⸗ gen aufgefangen zu ſehen, wie er den Feind bedrohte. Marmont und Mortier; die vor Bluͤcher uͤber die Marne zuruͤckzogen, hatten die Odre, auf Vitry zu zie⸗ hen, wahrſcheinlich, weil dieſe Bewegung ſie in den Nuͤcken von Schwarzenberg gebracht haͤtte, wenn dieſer, wie Napoleon erwartete, beſtimmt worden waͤre, ſich von der Linie der Aube zuruͤckzuziehen. Da aber von den Alliirten eine ganz andere Richtung eingeſchlagen worden war, als Napoleon vorausſetzte, fanden ſich die zwei Marſchaͤlle bei La Champenoiſe unerwartet vor der Fronte der großen Armee. Sie wurden gendoͤthigt, ei⸗ nen Ruͤckzug auf Sezanne zu verſuchen, wobei ſie, von der zahlreichen Reiterei der Verbundeten beunruhigt, bedeutenden Verluſt erlitten. Waͤhrend die Reiterei in der Verfolgung der Mar⸗ ſchaͤlle begriffen war, naͤherte ſich die Infanterie der Alliirten der Stadt La Fère Champenoiſe, als ſie eine heftige Kanonade in der Nachbarſchaft hoͤrten, und ſo⸗ gleich eine große Kolonne Infanterie erſchien, die ſtaffel⸗ foͤrmig und in Zwiſchenraͤumen vorruͤckte, verſolgt und wiederholt angegriffen durch mehrere Schwadronen Ka⸗ vallerie, in denen man gar bald ſchleſiſche Truppen er⸗ kannte. Die etwa 5000 Mann ſtarke Infanterie hatte mit einem ſtarken Convoy Proviant und Ammunition Paris verlaſſen. Sie ruͤckten gegen Montmirail vor, als ſie von Bluͤcher's Kavallerie entdeckt und angegriffen wurden. Unfaͤhig, ſich gegen ſie zu ſtellen, ſuchten ſie durch eine andere Richtung, die ſie nahmen, La Fere Champenoiſe zu erreichen, wo ſie entweder den Kaiſer oder Marmont zu finden hofften. So kamen ſie zu ihrem Unſtern aus dem Regen in die Dach⸗ traufe. Die Kolonne beſtand aus lauter jungen Maͤn⸗ nern, Conſcribirten oder Nationalgarden, die zuvor noch nie gedient hatten; allein weder das Verzweifelte ihrer Lage, noch ihr unerwartetes Zuſammentreffen auf eine, und dann auf eine zweite Armee von Fein⸗ den, wo ſie nichts denn Freunde zu finden hofften, konnte dieſe muthigen jungen Krieger zur Uebergabe vermoͤgen. Rappatel, Moreau's Adjutant, und in 35 derſelben Eigenſchaft vom Kaiſer Alexander beibehalten⸗ ward erſchoſſen, als er ihnen auf Befehl des Kaiſers die Unmoͤglichkeit eines Widerſtandes darzuthun ver⸗ ſuchte. Die Franzoſen ſagen, Rappatel's Bruder habe in derſelben Kompagnie gedient, aus welcher der Schuß fiel, der den unglüͤcklichen Offtzier toͤdtete. Die Artillerie begann endlich auf allen Seiten gegen die Franzoſen zu ſpielen; ſie wurden, Schwadron nach Schwadron angegriffen, das ganze Convoy genommen, und die Eskorte gefangen, verwundet oder nieder⸗ gemacht. So ruͤckten die Verbuͤndeten weiter gegen Paris vor, indeß die uͤbel zugerichteten Diviſionen Mortier's und Marmont's, heftig von der Kavallerie verfolgt, bei Forté⸗Gaucher gegen 1500 Mann von ihrer Ar⸗ riergarde verloren. Bei Crecy theilten ſie ſich in zwei Korps, das eine zog ſich auf Meaur, das andere auf Lagny zuruͤck. Sie waren immer verfolgt und beunruhigt, und die Soldaten endlich ſo in Verzweif⸗ lung gebracht, daß ſie kaum mehr beiſammen gehalten werden konnten, und die Artilleriſten die Straͤnge an den Kanonen abgeſchnitten und ihre Zugpferde beſtie⸗ gen, um ſich davon zu machen. Man hat berechnet, daß die franzoͤſiſchen Korps zwiſchen La Fère Champe⸗ noiſe und Lagny 3000 Mann, 80 Kanonen, und uͤberdieß einen ungeheuern Vorrath von Bagage und Ammunition verloren. In der That erforderte es, umringt, wie ſie waren, von uͤberlegenen 3 W. Scott's Werke. LX. treitkraͤf⸗ 54 ten, keine geringe Kunſt von Seiten der Generale, und keine geringe Entſchloſſenheit und Hingebung von Seiten der Soldaten, die Armee von gaͤnzlicher Auf⸗ loͤſung zuruͤckzuhalten. Die Verbuͤndeten gewannen mit jedem Schritte neue Vortheile und ruͤckten mit ſolcher Eilfertigkeit vor, daß ſie, als ſie am 27ſten Maͤrz zu Coulommiers ihr Hauptquartier bezogen, in drei Tagen uͤber 70 Meilen(engliſche) zuruͤckgelegt hatten. Ein Korps von ungefaͤhr 10,000 Mann National⸗ garden machte den Verſuch, eine Kolonne der ſchleſi⸗ ſchen Armee aufzuhalten; allein er ſchlug gaͤnzlich fehl; General Horne gallopirte gerade auf das Cen⸗ trum der franzoͤſiſchen Infanteriemaſſe zu, und machte mit eigener Hand den ſie kommandirenden General zum Gefangenen. Als Bluͤcher gegen Meaux vor⸗ ruͤckte, zog ſich die Beſatzung(ein Theil von Mortier's Armee) zuruͤck und ſprengte ein großes Pulvermaga⸗ zin in die Luft. Dieß geſchah am 28. Maͤrz, und am Abend deſſelben Tages drang die Avantgarde der ſchleſiſchen Armee bis Claye vor, von wo ſie, nach einem hitzigen Kampfe, einen Theil der Diviſionen Marmont's und Mortier's vertrieben. Die Mar⸗ ſchaͤlle zogen ſich nun unter die Waͤlle von Paris zu⸗ ruͤck, und ihre entmuthigten und uͤbel zugerichteten Streitkraͤfte waren außer der Beſatzung die einzigen regulaͤren Truppen, auf die man bei Vertheidigung derr Hauptſtadt rechnen konnte. 535 Die verbuͤndeten Armeen ruͤckten nach demſelben großen Ziele vor, ließen jedoch General Wrede und Sacken mit einem Armeekorps von 5⁰,000 Mann an der Linie der Marne zuruͤck, um jeden Verſuch, der gemacht werden koͤnnte, die Arriergarde der Ar⸗ mee zu beunruhigen, und zum Erſatze der Hauptſtadt heranzuruͤcken, zu vereiteln. Mit Zuruͤcklaſſung dieſer zu ihrer Deckung be⸗ ſtimmten Armee marſchirten die verbuͤndeten Trup⸗ pen auf den drei großen Landſtraßen von Meaur, Lagny und Soiſſons in Kolonnen heran, und bedroh⸗ ten Paris von ſeiner nordoͤſtlichen Seite. Die krieg⸗ füͤhrenden Souveraine und ihre ſiegreichen Armeen ſtanden nun im Angeſicht der Hauptſtadt, deren Herrſcher mit ſeinen Kriegern ſo oft und ſo lange in den ührigen geſchaltet hatte, im Angeſicht von Paris, das, nicht zufrieden mit dem hohen Range, den es unter den Staͤdten Europens einnimmt, be⸗ ſtaͤndigen Krieg unterhalten, bis es Alles unter ſeine Herrſchaft gebracht haͤtte;— im Angeſicht der ſtol⸗ zen Hauptſtadt, die ſich die erſte in Waffen und Wiſſenſchaft, die Herrinn und Gebieterinn der gebilde⸗ ten Welt, die Spenderinn aller Wunder der ſchoͤnen Kuͤnſte, und die Vormuͤnderinn ſowohl in Geſchmack als Geſetzen fuͤr das Feſtland Europens zu ſeyn ruͤhmte. Die Lage von Paris auf der nordoͤſtlichen Seite, wo man ihr naͤherte, iſt in ſo gutem Vertheidigungs⸗ 56 zuſtand, als nur immer von einer unbefeſtigten Stadt in der Welt geſagt werden kann. Die Kunſt hatte jedoch wenig zur Vertheidigung der Stadt ſelbſt hinzugefuͤgt, einige armſelige Redouten(von den Franzoſen Tambours genannt) ausgenommen, zum Schutze der Barrieren errichtet; allein die aͤußere Linie war ſehr ſtark, wie man aus folgendem Ab⸗ riſſe ſehen kann. Die Hoͤhen, welche die Stadt auf der oͤſtlichen Seite umgeben, erheben ſich ploͤtzlich aus einer weiten Ebene, und bilden eine ſteile und enge Kuppe, die ſich auf der oͤſtlichen Seite der Stadt wieder eben ſo ſchnell ſenkt, und ſie ſo mit einem natuͤrlichen Bollwerk umgibt. Die Vertheidigungs⸗ linie, welche die Hoͤhen bilden, iſt ſehr ſtark. Das ſuͤdliche Ende der Kuppe, das ſich an den Wald von Vincennes lehnt, erſtreckt ſich ſuͤdlich an die Ufer der Marne und fuͤhrt den Namen der Huͤgel von Belle⸗ ville und Romainville; von zwei anmuthigen Doͤr⸗ fern, die ſie in ſich ſchließt, von denen Belleville zu⸗ naͤchſt und Romainville am fernſten von Paris liegt. Die Huͤgel ſind von romantiſchen Hainen bedeckt und mit vielen anmuthigen Landhaͤuſern, Gaͤrten, Baum⸗ guͤtern, Weinbergen und Pflanzungen geſchmuͤckt. Dieſe, welche zu Friedenszeiten Lieblingsorte fuͤr die lebensfrohen Pariſer auf ihren Luſtpartien waren, ſollten nun von andern Gaͤſten und zu anderem Ge⸗ brauche bezogen werden. Vor dieſen Hoͤhen und von ihnen gedeckt liegt das Dorf Pantin an der Land⸗ — 37 ſtraße von Bondy, links von Romainville und mehr vor Belleville liegt eine vorſpringende Hoͤhe, Butte de Saint Chaumont genannt. Hier ſenkt ſich die Kuppe und hat eine halb geendigte Wa erleitung, Canal de l'Ourcg genannt. Der Grund hebt ſich hier wieder zu der kuͤhnen, ſteilen Hoͤhe, Montmartre, ſo genannt, weil ſie der Annahme nach der Platz des Maͤrtyrthums von St. Denis, dem Schutzpatron von Frankreich, iſt. Von der Boͤſchung dieſes ſteilen Huͤgels erſtreckt ſich eine Ebene bis an die Seine, uͤber welche die Hauptſtraße von Norden von dem großen Dorfe Saint Denis nach Paris fuͤhrt. Die furchtbarſten Vorbereitungen zu Behauptung dieſer ſtarken Vertheidigungslinie, hinter welcher die Stadt liegt, waren getroffen worden. Die aͤußerſte Rechte der franzoͤſiſchen Streitkraͤfte hatte den Wall Vincennes und das Vorf Charenton an der Marne beſetzt, und wurde von den auf den Huͤgeln von Belleville, Romainville und Butte de Chaumont aufgeſtellten, die den rechten Fluͤgel bilde⸗ ten, unterſtuͤtzt. Ihr Centrum bildete die Linie von dem halb vollendeten Canal de l'Ourcg, und war von dem Dorfe La Vilette und einer ſtarken Redoute an dem Meierhof Ruovroi mit 18 ſchweren Kanonen und durch die Eindaͤmmungen des Kanals verthei⸗ digt, und noch weiter durch eine machtige Artillerie im Hintergrunde auf den Hoͤhen von Montmartre geſchuͤtzt. Der linke Fluͤgel zog ſich von dem Dorfe 38 Mongeaux nahe an dem nordweſtlichen Ende der Hoͤhen bis nach Neuilly an der Seine, welches von dem aͤußerſten linken Fluͤgel ihrer Armee ſtark beſetzt war. So hatten die Franzoſen, mit dem aͤußerſten rechten Fluͤgel ihrer Armee an die Marner und mit dem linken an die Seine ſich lehnend, eine Verthei⸗ digungslinie in Form eines Halbzirkels genommen, die nicht durchbrochen werden konnte, da der groͤßere Theil derſelben auf Huͤgeln von ungewoͤhnlicher Jaͤhe lag, und durchaus von Kanonen vertheidigt war, die mit der groͤßten Kunſt und Klugheit, obwohl in ſehr geringer Anzahl, aufgeſtellt waren. Die andere Seite von Paris iſt beinahe ganz un⸗ vertheidigt; allein um die Stadt von dieſer Seite anzugreifen, mußten die Verbuͤndeten vorerſt die Seine paſſiren, eine Operation, welche im naͤchſten Jahre mit Erfolg ausgefuͤhrt wurde, im vorliegenden Falle aber konnten ſie den Verſuch nicht machen, da er, wenn er je ausgefuͤhrt werden ſollte, im Augen⸗ blick gethan ſeyn mußte, weil große Wahrſcheinlich⸗ keit vorhanden war, daß Napoleon, zuruͤckgerufen durch die Gefahr der Hauptſtadt, in ihrem Ruͤcken erſcheinen wuͤrde. Sie ſahen ſich deshalb genoͤthigt, einen plotzlichen und verzweifelten Angriff auf die ſtaͤrkſte Seite der Stadt, einer langſamern, obgleich ſicheren Maßregel vorzuziehen, und ſich gegen die furchtbare Vertheidigungslinie, die wir ſo eben zu beſchreiben verſuchten, zu wenden. 59 Dreimal war die Hauptſtadt von Frankreich, ſeit dem Uebergang der Verbuͤndeten uͤber den Rhein, von einem Anzug der Feinde innerhalb zwanzig Meilen von der Stadt bedroht, immer aber durch die thaͤtigen und ſchnellen Bewegungen Napoleons wieder davon befreit worden. Ermuthigt durch dieſe Erinnerung, vernahmen die Buͤrger ohne große Be⸗ ſtuͤrzung, daß ſich zum viertenmale Koſaken zu Meaur haͤtten ſehen laſſen; es ging jedoch unter der Hand das Gerede, daß die Diviſionen Marmont's und Mortier's einen bedeutenden Verluſt erlitten und in vollem Ruͤckzug auf die Stadt begriffen waͤren, was auch ſogleich durch einen langen Zug Verwundeter beſtaͤtigt wurde, die mit Blicken der Beſturzung und Worten der Entmuthigung in die Barrieren der Stadt einzogen. Da kamen denn auch Haufen von Landleuten, welche fliehend, ſie wußten nicht, wohin, vor einem Feinde, deſſen barbariſche Raubſucht ſo lange ſchon der Gegenſtand aller Unterhaltung war, ihre halb nackten und halb erſtarrten Familien, Geſpanne, Wagen, Heerden und Hausgeraͤthe, ſo viel ſie in Eile entfernen konnten, mit ſich brachten. Dieſe un⸗ gluͤcklichen Fluͤchtlinge draͤngten ſich auf die Waͤlle von Paris, den gewohnten Sammlungsort der ſchoͤ⸗ nen Welt, und erhoͤhten noch durch uͤbertriebene und widerſprechende Berichte die furchtbaren Vorſtellungen, die ſich die Pariſer bereits von dem nahenden Sturme 4⁰ machten. Die Regierung, unter der Oberleitung Joſeph Buonaparte's, im Namen eeiner Schwaͤgerinn Marie Louiſe, that alles moͤgliche zur Ermuthigung der Einwohnerſchaft, vermehrte die Vertheidigungs⸗ mittel und behauptete mit Frechheit, daß die Trup⸗ pen, die ſich der Hauptſtadt naͤherten, nur aus eini⸗ gen vereinzelten Kolonnen beſtaͤnden, die ſich zufaͤllig gegen Paris verirrt haͤtten, indeß der Kaiſer die Maſſe der konfoͤderirten Armee durchbreche, zerſtreue und niederſchlachte.— Das Licht konnte nicht ganz verſchloſſen werden, allein ſolche Strahlen, die durchbrachen, gelangten erſt, mit Hoffnungen ausgeſchmuͤckt, durch das medium der Polizei und der öͤffentlichen Blaͤtter zu dem Publi⸗ kum. Eine große Muſterung der zur Vertheidi⸗ gung der Hauptſtabt beſtimmten Truppen ward am Sonutag vor dem Sturme gehalten. Achttauſend Mann Linientruppen, welche die Beſatzung von Paris ausmachten, zogen unter dem Kommando des Gene⸗ rals Girard, und 30,000 Mann Nationalgarde, von dem Gouverneur der Stadt, Coulin, befehligt, in aller Ordnung, von ihren Artillerietrains, ihren Pionnierkorps und den Bagage⸗ und Munitionswa⸗ gen geſolgt, durch den ſtattlichen Hof der Tuillerien. Es wer dieß ein impoſanter, ermuthigender Anblick, bis man ſich erinnerte, daß dieſe Streitkraͤfte nicht zu fernen Siegen ausziehen ſollten, wie ſo viele underttauſende, die in fruͤheren Tagen vor dieſem —ᷓ⸗ — 4 1 Palaſte paradirt hatten; daß ſie vielmehr die letzte Hoffnung von Paris waͤren, und Alles, was ſolches in ſich faßte, durch einen Kampf unter ſeinen Mauern zu vertheidigen haͤtten. Die Ueberreſte von Marmont's und Mortier's Armeekorps machten dieſe Parade nicht mit. Ihre eingeſchmolzenen, uͤbel zu⸗ gerichteten Bataillons wuͤrden einen ſchlimmen Ein⸗ druck auf die öͤffentliche Stimmung gehabt haben. Sie waren auf der bereits beſchriebenen Vertheidi⸗ gunslinie jenſeits der Barrieren der Stadt conzen⸗ trirt und aufgezogen. Die Marſchaͤlle ſelbſt aber begaben ſich nach Paris und wohnten dem Kriegs⸗ rathe Joſeph Buonaparte's bei. Die Regierung machte Vorkehrungen, hinter die Loire, oder wenig⸗ ſtens in jener Richtung hin zu entfliehen. Marie Louiſe, obgleich mit allen weiblichen Tu⸗ genden begabt, hatte nicht jenen geprieſenen Amato⸗ nenmuth, und kam alſo im Verlauf des Krieges in eine peinliche Stellung zwiſchen ihren Ehegemahl und ihren Vater; ſie gehorchte ſomit, wahrſcheinlich nicht mit Widerwillen, Napoleons Weiſung, im Falle na⸗ hender Gefahr die Hauptſtadt zu verlaſſen. Sie ver⸗ ließ demnach Paris mit ihrem Sohn, der, wie man ſagte, großen Widerwillen zeigte, aus der Stadt zu ſcheiden, was bei dem Kinde von Vorbedeutung ſchien. Beinahe alle Civilbehoͤrden von Napoleons Regierung verließen zu gleicher Zeit die Stadt, nachdem ſie die Privaturkunden der hohen Polizei vernichtet, alle 4² Kronkleinodien und viel vom oͤffentlichen Schatze mit ſich genommen. Joſeph Buonaparte blieb zuruͤck, und behielt den Reichskanzler Cambaceres, wie es hieß, nicht ganz mit ſeinem Willen, bei ſich, da ihn, obgleich es ſich mit ſeinem Karakter nicht wohl ver⸗ trug, Napoleon in einem ſeiner letzten Kriegsraͤthe mit den Ehren und Gefahren einer Obriſtenſtelle bei einen Bataillon bedroht hatte. Joſeph ſelbſt beſaß die Talente eines vollendeten Mannes und liebens⸗ wuͤrdigen Mitgliedes der Geſellſchaft; allein ſie ſchie⸗ nen ſich nicht auf das Kriegsfach erſtreckt zu haben. Er ſah ſeine Schwaͤgerinn ſich unter der Bedeckung eines Regiments von 700 Mann entfernen, welche, wie einige Schhriftſteller meinen, beſſer zur Verthei⸗ digung der Stadt verwandt worden waͤren, und ver⸗ gaß, von welcher Wichtigkeit es fuͤr Napoleon war, daß die Perſon der Kaiſerinn eben ſo gegen die herumſtreifenden Uhlanen und Koſakenhorden, als gegen jedwede buͤrgerliche Meuterei geſchuͤtzt wuͤrde. Nachdem dieſe Vorkehrungen getroffen worden, machte Joſeph am 29ſten Morgens eine Proklamation be⸗ kannt, worin er die Buͤrger von Paris verſicherte, daß er bei ihnen bleiben würde, beſchrieb den Feind als eine vereinzelte Streifpartei, die ſich von Meaur her genaͤhert haͤtte, und forderte ſie auf, durch einen kurzen und kraͤftigen Widerſtand die Ehre des fran⸗ zoͤſiſchen Namens bis zur Ankunft des Kaiſers zu — „— 45 wahren, der, wie er die Pariſer verſicherte, in vollem Marſche zu ihrem Beiſtand heranruͤcke. Zwiſchen 5 und 4 Uhr am naͤchſten verhaͤngniß⸗ vollen Morgen wurden die Trommeln geruͤhrt und die Nationalgarden verſammelt. Allein von den Tauſenden, welche dem Rufe folgten, war ein greßer Theil durch Alter, Gewohnheit und Mangel an Nei⸗ gung zu dem verlangten Dienſte ungeeignet. Wir haben bereits von dem Mangel an Waffen geſprochen, und viele dieſer Buͤrgerſoldaten gab es, denen, wenn ſie auch groͤßeren Vorrath an Waffen gehabt, Buona⸗ parte's Regierung keine anvertraut haben wuͤrde. Der groͤßte Theil der Nationalgarden, welche ordentlich bewaffnet waren, wurden bis 11 Uhr in den Verſchanzungen gehalten, dann, als ihre Gegen⸗ wart nothwendig wurde, in den Kampf gefuͤhrt und als eine zweite Linie hinter den regelmaͤßigen Trup⸗ pen aufgeſtellt, mehr, um dem Feinde durch ihre An⸗ zahl zu imponiren, als thaͤtigen Antheil am Kampfe zu nehmen. Die zum Dienſte tuͤchtigſten wurden jedoch als Scharfſchuͤtzen verwandt, und mehrere Ba⸗ taillons waren aufgeſtellt, um beſondere Punkte der Linie zu verſtaͤrken. Alle Truppen, mit Einſchluß mancher Freiwilli⸗ gen, bie thaͤtigen Antheil an Vertheidigung der Stadt nahmen, mochten ſich auf 10— 20,000 Mann be⸗ laufen. Der beabſichtigte Angriff der Verbuͤndeten ſollte allgemein und gleichzeitig auf der ganzen Ver⸗ 44 theidigungslinie ſeyn. Der Kronprinz von Wuͤrttem⸗ berg ſollte den aͤußerſten rechten Fluͤgel der Franzoſen in dem Walde von Vincennes angreifen, ſie von den Ufern der Marne und dem Dorfe Charenton ver⸗ treiben, und ſich ſo rechts gegen die Hoͤhen von Bel⸗ leville wenden. Der ruſſiſche General Rayefsky ſollte von der Landſtraße nach Meaux eine Seitenbewegurg machen, und in drei ſtarken Kolonnen mit gehoͤriger Artillerie und Reſerve die wichtigen Hoͤhen von Belle⸗ ville und Romainville, ſo wie die Doͤrfer angreifen, von denen ſie benannt ſind. Die ruſſiſchen und preußiſchen Leibgarden mußten das uͤber dem Kanal de l'Ourcg poſtirte Centrum des Feindes angreifen, deſſen Reſerven die Höhe Montmartre beſetzt hielten. Die ſchleſiſche Armee griff die linke Seite der fran⸗ zoͤſiſchen Linie an, und mußte die Hoͤhen von Mont⸗ martre nordoͤſtlich nehmen und erſtuͤrmen. Eine dritte Abtheilung der verbuͤndeten Armee nebſt einem ſtarken Reitereikorps wurde in Reſerve gehalten. Vor Anfang des Angriffs wurden nacheinander zwei Friedensfahnen abgeſandt, um die Stadt zur Kapitu⸗ lation aufzufordern. Beide wurden nicht zugelaſſen, ſo daß die Vertheidiger von Paris offenbar entſchloſſen ſchienen, es auf einen Angriff ankommen zu laſſen. Es war um 3 Uhr, als die Pariſer, welche ſich in aͤngſtlichen Gruppen auf den Barrieren von St. Denis und Vincennes, den Ausgaͤngen von Paris, verſammelten, die mit den zwei aͤußerſten Punkten 45 der Linie korreſpondiren, aus den auf einander fol⸗ genden Musketenſchuͤſſen, die gleich dem Aufſchlagen ſtarker Regentropfen vor dem Sturme ſchollen, merk⸗ ten, daß das Werk der Zerſtoͤrung bereits begonnen habe. Sogleich kuͤndigte das Pelotonfeuer der Mus⸗ keten, nebſt einem geſchloſſenen heftigen Feuer der Kanonen von Belleville her, an, daß der Kampf auf dieſem Theil der Linie allgemein geworden war. Heueral Rayefsky hatte den Angriff damit begon⸗ nen, daß er eine Kolonne vorſchob, um die Hohe von Romainville auf der rechten Seite zu nehmen; al⸗ lein ihr Vorruͤcken war durch ein heftiges Artillerie⸗ feuer gehemmt. Die Franzoſen wurden ploͤtzlich die Angreifenden, drangen unter dem Befehle Marmont's vor, und ſetzten ſich in Beſitz des Dorfes Pantin, das vor ihrer Linie lag; ein wichtiger Punkt, den ſie am vergangenen Abende bei der Annaͤherung der verbuͤndeten Truppen verlaſſen hatten. Sogleich ward es wieder von den ruſſiſchen Grenadieren mit gefaͤll⸗ tem Bajonet genommen, und die Franzoſen, obgleich ſie zu verſchiedenenmalen die Offenſive wieder zu er⸗ greifen ſuchten, wurden von den Ruſſen auf die Doͤr⸗ fer Belleville und Mesnilmontant zuruͤckgeworfen, waͤhrend die Verbuͤndeten durch den Wald von Ro⸗ mainville unter die Boͤſchung der Hoͤhen vorruͤckten. Ein verzweifeltes fortwaͤhrendes Feuer ward auf ſie von den franzoͤſiſchen Batterien die ganze Linie ent⸗ lang gerichtet. Mehrere von dieſen wurden von den jungen Leuten der polytechniſchen Schule bedient, welche, Knaben von 12— 156 Jahren, die groͤßte Thaͤtigkeit und den aufopferndſten Muth bewieſen. Die franzoͤſiſche Infanterie drang zu wiederholten Malen in Kolonnen von den Hoͤhen herab, wo ſich Gelegenheit gab, das Vorruͤcken der Verbuͤndeten zu hemmen. Sie wurden eben ſo oft von den Ruſſen zuruͤckgetrieben, und jeder neue Angriff fuͤhrte neue Kaͤmpfe und allgemeineres Blutbad herbei, indeß ein fortwaͤhrender vereinzelnter Kampf der Scharfſchuͤtzen von den Waͤldchen, Weinbergen und Gaͤrten der Landhaͤuſer, womit die Hoͤhen bedeckt ſind, unterhalten wurde.— Endlich wurde durch eine Ordre des Generals de Tolli, des ruſſiſchen Kommandanten en Chef, der Angriff auf die Fronte der Hoͤhen ausgeſetzt, bis die Operationen der Verbuͤndeten auf den andern Punkten den Kampf mit weniger Verluſt wieder beginnen ließen. Die ruſſiſchen Regimenter, welche ſich als Scharfſchuͤtzen zerſtreut hatten, wurden zuruͤckgezogen⸗ und ſtellten ſich wieder in Reih und Glieder auf, und es ſchien, als ergriffen die Franzoſen dieſe Gelegen⸗ heit, um ſich wieder in Beſitz des Dorfes Pantin zu ſetzen und einen angenblicklichen Vortheil in dem Kampfe zu behaupten. Bluͤcher hatte ſeine Befehle erſt ſpaͤt am Morgen erhalten, und konnte ſeinen Angriff nicht ſo fruͤh be⸗ ginnen, als der auf der rechten Seite Statt gefunden hatte. Nachdem er ſich damit begnuͤgt hatte, ein 47 franzöſiſches Truppenkorps, das das Dorf St. Denis beſetzt hatte, zu beobachten und zu blokiren, ſchob er die Kolonne des Generals Langeron gegen das Dorf Aubervilliers vor, und nachdem er den hartnaͤckigen Widerſtand, den er hier fand, beſiegt, ruͤckte er auf der Straße Clychi gerade gegen den äußerſten Punkt der Hoͤhen von Montmartre vor, waͤhrend die Diviſion Kleiſt's und York's zu einem Seitenangriff auf die Doͤrfer La Villette und Pantin vorruͤckte, und ſo den Angriff auf das Centrum und den rechten Fluͤgel der Franzoſen unterhielt. Die Vertheidiger ſetzten, ver⸗ ſchanzt und gedeckt durch ſtarke Batterien, den furcht⸗ barſten Widerſtand entgegen, und da das Terrain uneben und fuͤr die Kavallerie durchaus nicht geeignet war, ſo litten viele der Angriffskolonnen bedeutend. Als die Diviſionen der ſchleſiſchen Armee, unter den Befehlen des Prinzen Wilhelm von Preußen, denen, die urſpruͤnglich das Centrum angriffen, zu Huͤlfe kamen, conzentrirten ſich die Franzoſen auf der feſten Stellung von La Villette und dem Meierhof Rouvroy, und leiſteten immer noch in Vertheidigung dieſer Punkte verzweifelten Widerſtand. Auf dem linken Fluͤgel der Verbuͤndeten warfen ſich die preußiſchen Garden und die von Baden mit wetteiferndem Ungeſtuͤm auf das Dorf Pantin und nah⸗ men es mit gefaͤlltem Bajonet. Waͤhrend dieſe Vortheile erfochten wurden, hatte der Kronprinz von Wuͤrtemberg auf der aͤußerſten Lin⸗ ken der Verbuͤndeten ſich auf Vincennes Bahn gemacht, und bedrohte den rechten Fluͤgel der franzoͤſiſchen, bei Belleville poſtirten Bataillons, zuſolge des entworfenen Angriffsplans. General Rayefsky begann wieder den ausgeſetzten Augriff auf die Hoͤhen von vornen, da er er⸗ fuhr, daß ſie von der Seite zum Theil genommen wa⸗ ren, und es gelang ihm, die von Romainville nebſt dem Dorfe zu nehmen. Marmont und Oudinot verſuchten umſonſt einen Angriff auf die verbuͤndeten Truppen, welche ſich an der franzoͤſiſchen Vertheidigungslinie feſt⸗ geſetzt hatten. Sie wurden zuruͤckgeworfen und von den Siegern verfolgt, welche, ihren Vortheil benuͤtzend, nach einander die Doͤrfer Bell⸗ville, Menilmontant, Butte de St. Chaumont, nebſt der ſchoͤnen Artillerie, die dieſe Linie vertheidigte, eroberte. Um dieſelbe Zeit wurde das Dorf Charonne anf dem aͤußerſten rechten Punkte der Hoͤhen gleichfalls genommen, und die gan⸗ ze Vertheidigungslinie auf bem rechten Fluͤgel der Franzoſen kam ſo in die Haͤnde der Verbuͤndeten. Ihre leichte Kavallerie begann nun von Vincennes gegen die Barrieren von Paris vorzuruͤcken, und ihre Kanonen und Moͤrſer gegen die Hoͤhen zu richten, die nach der Stadt zu lagen. Das Centrum der franzoͤ⸗ ſiſchen Armee, uͤber dem Kanal de l'Ourcq aufgeſtellt, war durch die Verſchanzung bei Rouvroy mit 18 ſchwe⸗ ren Kanonen und durch das Dorf la Villette, das den Schluͤſſel zu der Stellung bildete, gedeckt, bisher feſtge⸗ ſtanden; allein die rechte Flanke ihrer Linte wurde nun 49 von den Truppen angegriffen, die ſich in den Beſitz von Romainville geſetzt hatten, und ſo ſiegten die Verbuͤn⸗ deten auch auf dieſer Linie, nahmen den Meierhof Rou vroy mit ſeiner ſtarken Redoute und das Dorf la Villette im Sturm, und warfen das Centrum der Franzoſen auf die Stradt zuruͤck. Ein Korps franzoͤſi⸗ ſcher Kavallerie verſuchte dem Vorruͤcken der verbuͤnde⸗ ten Kolonnen zu begegnen, wurde aber zuruͤckgeworfen und durch einen glaͤnzenden Angriff der ſchwarzen Brandenburger⸗Huſaren zerſprengt. Mittlerweile ruͤckte der rechte Fluͤgel der ſchleſiſchen Armee hart an den Fuß von Montmartre heran, und Graf Langeron's Korps bereitete ſich, auch dieſen letzten haltbaren Punkt zu ſtuͤrmen, als eine weiße Fahne erſchien und Einſtellung der Feindſeligkeiten forderte. Man erfuhr, daß Joſeph Buonaparte an dieſem Mor⸗ gen ſich den Vertheidigern zeigte, von ſeinem Staabe gefolgt, an den Linien hinabritt, und allen in den Kampf gefuͤhrten Korps wiederholte, daß er mit ihnen leben und ſterben wuͤrde. Es laͤßt ſich wohl denken, daß, wenn er auch nicht glaubte, daß ſolche ausgedehnte Vorbereitungen zum Angriff von einem einzelnen Korps Verbuͤndeter gemacht worden ſeyen, er es doch nur mit einer ihrer zwei Armeen, und nicht mit ihrer ver⸗ einigten Macht zu thun zu haben glaubte. Er ward aus ſeinem Irrthum geriſſen durch einen gewiſſen Peyre, der nach einigen ein Ingenieur⸗Offizier vom Staabe des Gouverneurs von Paris, nach andern ein W. Scott's Werke. Lx.. 4 50 Oberaufſeher uͤber das Korps der Spritzenleute in die⸗ ſer Stadt war. Peyre war, wie es ſcheint, einer Partie Koſacken die Nacht zuvor in die Haͤnde gefallen, und wurde am Morgen zu Bondy vor den Kaiſer Alerander gefuͤhrt. Auf ſeinem Wege hatte er Gelegen⸗ heit, die unermeßliche Macht der verbuͤndeten Heere unter den Waͤllen von Paris zu berechnen. Durch dieſen Offizier erklaͤrte Kaiſer Alexander die Ab⸗ ſichten der verbuͤndeten Souveraine, der Stadt Paris billige Bedingungen zuzugeſtehen, vorausgeſetzt, daß ſie zu kapituliren begaͤnne, bevor noch die Barrieren ge⸗ nommen waͤren, mit dem weiteren Bedeuten, daß⸗ wenn die Vertheidigung noch uͤber dieſe Friſt fortgeſetzt wuͤrde, es weder in der Macht des Kaiſers, noch des Koͤnigs von Preußen, noch der verbuͤndeten Generale ſtaͤnde, die gaͤnzliche Zerſtoͤrung der Stadt zu verhin⸗ dern. Herr Peyre, auf ſolche Weiſe zum Commiſſaͤr und Abgeſandten gekroͤnter Haͤupter erhoben, ward in Freiheit geſetzt, und gelangte nur mit vieler Gefahr zu den franzoͤſiſchen Linien durch das Feuer hindurch, das in jeder Richtung unterhalten wurde. Er ward vor Joſeph gefuͤhrt, uͤberbrachte an dieſen ſeine Botſchaft⸗ und wieß Proklamationen an die Stadt Paris vor, die Kaiſer Alerander ihm uͤbergeben hatte. Joſeph bedachte ſich, war im Anfang geneigt, zu kapituliren, faßte dann aber wieder den kuͤhnen Entſchluß, das Gluͤck der Waf⸗ fen zu verſuchen. Er war immer noch ungewiß, waͤh⸗ rend das Blut in Stroͤmen um ihn floß, bis gegen . I V v⸗ 51 9 Uhr die feindlichen Kolonnen mit einem Angriff auf Montmartre drohten, und die Bomben und Kugeln der Artillerie, zur Deckung des Angriffs aufgeſtellt, ihm und ſeinem Generalſtab dicht uͤber die Koͤpfe hin⸗ flogen; da ſandte er denn Peyre an General Marmont, der en chef kommandirte, und erlaubte dem Marſchall, einen Waffenſtillſtand zu verlangen. Zu derſelben Zeit machte ſich Joſeph mit ſeinem ganzen Gefolge davon, und ließ die Truppen im Stich, welche ſeine Ermahnungen zu dem blutigen und hoffnungsloſen Widerſtand gefuͤhrt hatten, deſſen Gefahren zu theilen er ſo feierlich verſprochen hatte. Marmont und Moncey mit den andern Generalen, die die Vertheidigung geleitet hatten, ſahen nun alle Hoffnungen auf einen guͤnſtigen Erfolg ihrer Anſtren⸗ gungen vereitelt. Die ganze Linie war genommen, die einzelne Stellung von Montmartre ausgenommen, und auf dem Punkte, von beiden Seiten ſowohl, als von vornen beſtuͤrmt zu werden. Der Kronprinz von Wuͤrtemberg hatte Charenton mit ſeiner Bruͤcke uͤber die Seine genommen, und ruͤckte von da auf der Land⸗ ſtraße gegen Paris vor; ſeine Vorpoſten plaͤnkelten be⸗ reits an den Barrieren, le Troͤne genannt, und ein Korps Koſacken war mit Muͤhe von Faurbourg St. Antoine, auf das ſie ein Hourra gemacht hatten, abgetrieben worden. Die Stadt Paris war nur noch durch eine gewoͤhnliche Mauer gegen Pluͤnderung ge⸗ ſchuͤtzt. Die Barrieren waren nicht viel ſtaͤrker, als 5² die gewoͤhnlichen Schlagbaumthore, und das Pfalwerk, womit ſie verrammelt waren, waͤre durch wenige Streiche von Pionniersaͤrten hinweggeraͤumt worden. Ueberdieß waren die Hoͤhen, welche die Stadt beſtrei⸗ chen, Montmartre ausgenommen, in vollem Beſitz des Feindes, ſo daß eine Bombe oder zwei, die man wahr⸗ ſcheinlich, um den Einwohnern Furcht einzujagen, ge⸗ worfen hatte, bereits in Faurbourg, Montmartre und die Chauſſee d'Antin gefallen waren, und es am Tage lag, daß ein weiterer Verſuch zur Vertheidigung von Paris den voͤlligen Ruin der Stadt und ihrer Einwoh⸗ ner herbei gefuͤhrt haͤtte. Marſchall Marmont ſandte, von dieſen Ruͤckſichten geleitet, eine Friedens⸗Botſchaft an General Barclay de Tolly ab, und erſuchte ihn, die Feindſeligkeiten einzuſtellen, um die Bedingungen der Uebergabe von Paris feſtzuſetzen. Der Waffenſtillſtand ward unter der Bedingung angenommen, daß Montmartre, der einzige haltbare Theil der Linie, den die Franzoſen noch inne hatten, an die Verbuͤndeten ausgeliefert werden ſollte. Von beiden Seiten wurden Abgeordnete geſandt, um die Bedingungen der Uebergabe feſtzuſetzen. Dies kam in Eile zu Stande. Die regelmaͤßigen franzoͤſiſchen Truppen durften ſich unangefochten vor Paris zuruͤck⸗ ziehen, und die Hauptſtadt ſollte am folgenden Tage an die verbuͤndeten Souveraine, deren Großmuth ſie anheim fiel, uͤbergeben werden. So endete der Angriff auf Paris nach einem blu⸗ tigen Kampfe, in welchem die Vertheidiger uͤber 4000 Mann an Todten und Verwundeten, und die Verbün⸗ deten, welche wohl vertheidigte Batterien, Redouten und Schanzen zu ſtuͤrmen hatten, vielleicht mehr als zweimal ſoviel verloren. Sie blieben auf allen Punkten im Beſitze der Linie, und eroberten beinahe 100 Ka⸗ nonen. Als die Nacht hereinbrach, zeigten die unzaͤh⸗ ligen Wachtfeuer, welche die ganze Reihe von Anhöhen einnahmen, auf denen die Sieger bivouaquirten, den beſtuͤrzten Einwohnern der franzoͤſiſchen Hauptſtadt, wie zahlreich und furchtbar die Armeen waren, in deren Haͤnde ſie das Schickſal des Krieges uͤberantwortet hatte. ——ʒ—:·— Drittes Kapitel. Zuſtand der Parteien in Paris.— Royaliſten.— Revolutionoͤrs.— Buonagpartiſien. Talleyrand.— Seine Plane und Abſich⸗ ten.— Chateaubriand.— Einfluß ſeiner Beredtſamkeit zu Gun⸗ ſten der Royaliſten.— Botſchaft der Royaliſten an die verbuͤn⸗ deten Souveraine.— Ihre Antwort.— Anſtrengungen der Buonapartiſten.— Geſinnungen der niederſien Volksklaſſen in Paris— des Mittelſtandes.— Neutralitaͤt der Nationalgarden. — Der Muth und das Selbſivertrauen der Royaliſten waͤchst.— Sie laſſen Proklamationen ergehen und ſtecken weiße Kokarden auf.— Es ſammeln ſich eine Menge Zuſchauer auf den Vou⸗ levards, um den Einzug der Alliirten mit anzuſehen.— Ver⸗ aͤnderlichkeit des ſranzoͤſiſchen Karakters.— Die Alliirten wer⸗ den mit allgemeinem Freudenruf begruͤßt.— Ihre Armce be⸗ gibt ſich in die Quartiere, und die Koſacken bivougquiren auf den eliſeiſchen Feldern. . 54 Die Schlacht war geſchlagen und gewonnen; allein es blieb noch die wichtige, zweifelhafte Frage, in wie weit man den Sieg benutzen wollte, um Reſultate von groͤßerer Bedeutung hervorzubringen, als die bloße militaͤriſche Beſetzung der feindlichen Hauptſtadt zur Folge hat.— Waͤhrend die Maſſe der Einwohner, durch die Muͤhen und Beſorgniſſe des Tages erſchoͤpft, im Schlafe lag, wurden viele geheime Verſammlungen nach verſchiedenen Grundſaͤtzen in der Nacht nach dem Sturm in Paris gehalten. Einige derſelben ſuchten noch jetzt die Mittel zum Widerſtande aufzubringen, und etwas ausfindig zu machen, was die Tagspolitik Mezzo termine nennt, d. h. ein drittes Auskunftsmit⸗ tel, das zwiſchen der Gefahr, auf Seite Napoleons zu treten, und die verbannte Koͤnigsfamilie zuruͤckzurufen, mitten inne ſtand. Der einzige vermittelnde Ausweg, welcher moͤgli⸗ cherweiſe gelingen konnte, wuͤrde eine Regentſchaft unter der Kaiſerinn geweſen ſeyn; und Fouché's Me⸗ moiren wollen behaupten, daß, wenn er zu dieſer Zeit in Paris geweſen waͤre, ihm gelungen ſeyn wuͤrde, auf dieſe Baſis eine neue Ordnung der Dinge zu begruͤnden. Dieſe Behauptung mag ſicherlich beſtritten wer⸗ den. Fuͤr Oeſterreich mochte ein ſolcher Plan einiges Empfehlendes haben; allein den Souverainen und Staatsmaͤnnern der andern verbuͤndeten Nationen 5. 5⁵ wuͤrde ein ſolcher Vorſchlag nur als ein Ausweg er⸗ ſchienen ſeyn, augenblicklichen Frieden zu erhalten, und den Thron, wie er war, ſo lange in Adminiſtra⸗ tion zu laſſen, bis Buonaparte gefallig waͤre, ihn wie⸗ der zu beſteigen 2*). Wir zweifeln jedoch ſehr, ob unter den alten Fuͤh⸗ rern der Revolution, von denen die meiſten als ge⸗ meine Werkzeuge ſowohl durch Aufgebung ihrer Prin⸗ *) Dies iſt ein ſchwieriger Punkt, moͤgen wir den Plan als wirk⸗ lich von Fouché ausgegangen, oder als jenen thaͤtigen Revolu⸗ tionairs von Jemand in den Mund gelegt betrachten, der die Stimmung ſeiner Partei wohl verſtand.„Waͤre ich zu dieſer Zeit(zur Zeit der Belagerung naͤmlich) in Paris geweſen, ſo wuͤrde das Gewicht meines Einfluſſes und meine genaue Be⸗ kanntſchaft mit den Geheimniſſen jeder Partei mich warſchein⸗ lich in den Stand geſetzt haben, dieſen außerordentlichen CEreig⸗ niſſen eine andere Richtung zu geben. Mein Uebergewicht und meine ſchnelle Beſonnenheit wuͤrden uͤber den langſamen und geheimnißvollen Einfluß Talleyrand's den Sieg davon getra⸗ gen haben. Dieſe erlauchte Perſon wuͤrde ihren Weg nicht haben einſchlagen koͤnnen, ohne daß wir unſere Gegenmaßregeln getroffen haͤtten. Ich wuͤrde ihm die Verzweigungen meines politiſchen Plans entdeckt, und trotz der verhaßten Politik Sa⸗ vary's, der laͤcherlichen Regierung von Cambaceres, der Statt⸗ balterſchaft des Gecken Joſeph und der Niedertraͤchtigkeit des Se⸗ nats, haͤtten wir dem Kadaver der Revolution neues Leben ein⸗ gehaucht, und dieſe degratirten Patrizier haͤtten nicht daran ge⸗ dacht, ausſchließlich nur fuͤr ihre eigenen Intereſſen zu handeln.“ d„Durch unſere vereinte Macht hoͤtten wir noch vor der Ein⸗ miſchung einer fremden Macht die Entthronung Napoleons ausgeſprochen, und die Regentſchaft proklamirt, von der ich be⸗ reits die Grundzuͤge entworfen hatte.“ „Dieſer Schritt war der einzige, der die Revolution und. ihre Grundſaͤtze aufrecht erhalten haͤtte.“ 56 cipien, als auch durch die Unmoͤglichkeit politiſchen Beſtan⸗ des ihren Kredit in der oͤffentlichen Meinung verlo⸗ ren hatten, noch ſolche waren, die gegenuͤber von dem Intereſſe der Royaliſten auf der einen Seite, und der Buonapartiſten auf der andern noch ein Inte⸗ reſſe fuͤr die Volksſache behaupten konnten. Die we⸗ nigen, welche ihren demokratiſchen Grundſaͤtzen treu geblieben waren, hatte Napaleon in Mißkredit ge⸗ bracht, und in Schatten geſtellt, vielen ihren Einfluß auf das Volk damit benommen, daß er zeigte, wie ſie der Beſtechung und den Lockungen des Ehrgeizes zugaͤnglich waren, und daß alte Demagogen ohne viele Umſtaͤnde in geſchmeidige, handzahme Hoͤflinge um⸗ geſchaffen wurden. Der Tag ihres Einfluſſes und ihrer Bedeutung war voruͤber, und ihre uͤberſpannten leidenſchaftlichen demokratiſchen Anſichten fanden keinen Eingang mehr bei den niedrigen Klaſſen, die größten⸗ theils der Kaiſerherrſchaft zugethan waren. Die Royaliſten hatten auf der andern Seite ihre Anſtrengungen und An ſichten kombinirt und ausgedehnt, wodurch ſie ſich hauptſaͤchlich unter den hoͤheren Klaſſen in Aufnahme brachten, waͤhrend die Demokraten in Ab⸗ gang gekommen waren. Talleyrand war ihnen ange⸗ nehm, weil er ſelbſt von edler Geburt war, und er wußte am beßten, wie man den Hebel anlegen mußte, um das Gebaͤude von Napoleons Macht in ſeinen Grundfeſten zu erſchuͤttern. Von ſeiner Gewandtheit, obgleich ſie in dem einzelnen Falle nicht gluͤcklich war, 57 gibt uns Las Caſes ein auffallendes Beiſpiel. Tal⸗ leyrand wollre die Geſinnung des Decres ſondiren, gerade um die Zeit der Kriſis, von der wir handeln. Er zog dieſen Miniſter an das Kamin, oͤffnete einen Band von Montesquien, und fuhr im Tone gewoͤhn⸗ licher Unterhaltung fort:„ich fand dieſen Morgen eine Stelle, die mich in hohem Grade ergriff; ſie ſteht in dem und dem Buch, Kapitel, Seite u. ſ. w.: „wenn ſich ein Fuͤrſt uͤber alle Geſetze er⸗ hoben hat, wenn ſeine Tyrannei uner⸗ traͤglich wird, ſo bleibt ſeinen Untertha⸗ nen nichts uͤbrig, als—“ „Genug,“ verſetzte Decres, indem er Talleyrand die Hand auf den Mund hielt,„ich will nicht weiter hoͤren. Schlagen ſie ihr Buch zu.“ Talleyrand machte ſein Buch zu, als ob nichts Beſonderes vorgefallen waͤre.— Ein Agent von ſo feinem Tact taͤuſchte ſich nicht wohl in einer Stadt und zu einer Zeit, wo ſo viele aus Hoffnung, Furcht⸗ Liebe und allen andern heftigen Leidenſchaften nach einem neuen Zuſtand der Dinge begehrten. Er war unablaͤſſig lthaͤtig, und zwar mit dem glaͤnzendſten Erfolge, die Royaliſten zu uͤberreden, daß der Koͤnig die Wiedererlangung ſeiner Gewalt damit erkaufen muͤßte, daß er die Monarchie unter die Gewaͤhrſchaft einer Verfaſſung ſtelle, eine andere Klaſſe aber zu uͤberzeugen, daß die Wiedereinſetzung der Bourbons 58 die guͤnſtigſte Gelegenheit zur Aufſtellung einer freien Regierungsweiſe ſey. Dieſer vollendete Staatsmann beſchraͤnkte ſeine Anſtrengungen nicht auf folche, deren Loyalitaͤt wieder erweckt, deren Freiheitsliebe wieder entzuͤndet werden konnte, ſondern dehnte ſie durch tauſend Verzweigungen uͤber alle Menſchenklaſſen aus. Dem Kuͤhnen bot er eine Aus ſicht auf eine Muth erfordernde Unternehmung, dem Furchtſamen(eine Klaſſe, die damals ſehr zahlreich war) zeigte er den Weg zu einer ſichern Exiſtenz, dem Ehrgei⸗ zigen die Aufſicht auf Macht, dem Schuldbewußten die Buͤrgſchaft der Strafloſigkeit und Sicherheit. Auch in die Berathungen der Verbundeten wußte er den Geiſt der Entſchloſſenheit zu bringen. Eine Note von ihm an den Kaiſer Alexander in folgenden Worten abgefaßt, ſoll dieſen Fuͤrſten beſtimmt haben, auf ſeinem Marſch nach Paris zu beharren; „Sie wagen nichts,“ hieß es in dem lakoniſchen Billet,„wenn Sie mit Sicherheit Alles wagen wol⸗ len— ſo wagen Sie noch mehr!“ Man kann nicht annehnen, daß Talleprand in dieſer tief angelegten Intrike ohne thaͤtige Helfers⸗ helfer handelte. Der Abbé de Pradt, deſſen lebhafte Schriften unſer Werk ſo oft anziehend machten, war in die Umtriebe dieſer beſchaͤftigten Periode ſehr ver⸗ wickelt, und verfocht die Sache der Bourbons gegen die ſeines fruͤhern Gebieters, Bournon, Ville und 59 andere Senatoren hatten bei dieſen Kabalen die Haͤnde gleichfalls im Spiele. Die Royaliſten waren ihrerſeits in hoͤchſter Thaͤ⸗ tigkeit, und ſchickten ſich an, alle ihre Kraͤfte aufzu⸗ bieten, um uͤber die oͤffentliche Stimmung Herr zu werden. In dieſem kritiſchen Augenblick wurde alles vom Herrn de Chateaubriand gethan, deſſen Beredt⸗ ſamkeit in ſeiner beruͤhmten Flugſchrift: Bouna⸗ parte und die Bourbons betitelt, an die Nei⸗ gungen, vielleicht ſogar an die Vorurtheile des Vol⸗ kes appellirte. Die lebendige und eindringliche Ver⸗ gleichung zwiſchen den Tagen, in welchen Frankreich in Friede und Ehre unter ſeinen eigenen Monarchen lebte, und dem Kontraſt, nach welchem Europa in den Waffen unter ſeinen Waͤllen erſchien, war vor einem Monat geſchrieben⸗ und das Manuſcript davon von Madame de Chateaubriand in ihrem Buſen ver⸗ ſteckt. Gleicher Art war auch eine Proklamation von Monſieur im Namen ſeines Bruders, des verſtorbe⸗ nen Koͤnigs von Frankreich. Schließlich wurde noch in einer geheimen Verſammlung der royaliſtiſchen Haͤupter, unter die beruͤhmten Namen eines Rohan, Rochefaucault, Montmorency und Noailles ſich be⸗ fanden, beſchloſſen, eine Deputation an die verbuͤnde⸗ ten Souveraine abgehen zu laſſen, um wo moͤglich zu erfahren, wie ſie geſonnen waͤren. Herr Douhet ward mit dieſer Mittheilung beauftragt, uͤberbrachte ſeine Sendung mit bedeutender perſoͤnlicher Gefahr, und 60 kehrte mit der Antwort nach Paris zuruͤck, die Alllir⸗ ten ſeyen entſchloſſen, allen Schein zu vermeiden, als wollten ſie Frankreich die Wiedereinſetzung einer Fa⸗ milie oder eine Regierungsweiſe vorſchreiben, und koͤnnten, obgleich ſie gern und willig die Bourbons anerkennen wuͤrden, dies einzig in Folge einer oͤffent⸗ lichen Erklaͤrung zu ihren Gunſten thun. Herr Dou⸗ het wurde zugleich mit einer Proklamation der Ver⸗ buͤndeten, von Schwarzenberg unterzeichnet, verſehen, welche, obgleich ſie der Bourbons nicht Erwaͤhnung that, dennoch darauf berechnet war, ihre Sache wirk⸗ ſam zu unterſtuͤtzen. Sie erklaͤrte die freundſchaft⸗ lichen Geſinnungen der Verbuͤndeten gegen Frankreich, und ſtellte die jetzige Regierung, die ſolches unter⸗ druͤckt haͤtte, als das einzige Hinderniß eines augen⸗ blicklichen Friedens dar. Die verbuͤndeten Souve⸗ raine, hieß es, wuͤnſchen einzig eine heilſame Regie⸗ rung in Frankreich, welche die freundſchaftliche Ver⸗ einigung aller Nationen befeſtigen wuͤrde, Es komme der Stadt Paris zu, ihre Geſinnung auszuſprechen, und den Frieden der Welt zu beſchleunigen. Mit dieſem wichtigen Dokument, das die unmaß⸗ geblichen Wuͤnſche der Alliirten ausſprach, entſchloſſen ſich die Royaliſten am Morgen des 3 ſten Maͤrzes einen Verſuch zu machen. Man hatte zuerſt die Ab⸗ ſicht, ein Korps von 500 Bewaffneten aufzuſtellen; allein dieſer Plan wurde weislich aufgegeben, und man beſchloß, allen Anſchein von Zwang zu ver⸗ 1 61 meiden, und ſich einzig auf dem Wege der Ueberzeu⸗ gung an die Buͤrger zu wenden. Mittlerweile waren die Freunde der kaiſerlichen Herrſchaft nicht muͤſſig geblieben. Das Benehmen der niedern Volksklaſſen waͤhrend des Kampfes an den Hoͤhen hatte einen beunruhigenden Karakter au⸗ genommen. Sie hatten einige Zeit mit betaͤubender Beſtuͤrzung den entfernten Donner der Schlacht ver⸗ nommen, die Verwundeten und Fluͤchtlinge in die Barrieren einziehen ſehen, und mit nutzloſer Ver⸗ wunderung die ſchleunigen Truppenmaͤrſche betrachtet, die zur Verſtaͤrkung der Linie eilten. Endlich aber gewannen die zahlreichen Haufen, die auf den Boule⸗ vards, und hauptſaͤchlich in den Straßen in der Naͤhe des Palais⸗Royal verſammelt waren, den Anſchein groͤßerer Thaͤtigkeit. Es begannen aus den Vor⸗ ſtäͤdten und den Gaſſen jene ehrloſen Glieder der Ge⸗ ſellſchaft ſich hervorzumachen, deren ſklaviſche Arbeit einzig durch rohe Schwelgerei abgeloͤst wird, ſie ſind groͤßtentheils den gebildeteren Klaſſen unſichtbar, aber Perioden oͤffentlichen Elends und oͤffentlicher Be⸗ wegung bringen ſie ans Licht, um die allgemeine Verwirrung und Beſtuͤrzung zu vergroͤßern. Sie ſammeln ſich zu Zeiten großer oöffentlicher Gefahr, wie man ſagt, daß Voͤgel von uͤbler Vorbedeutung und ſchaͤdliches Gewuͤrm bei dem Erheben eines tropiſchen Orkans ſich hervormachen, und ihre Mitbuͤrger ſahen ſie mit gleichem Unbehagen und Schrecken in Geſicht 6²2 und Gebaͤrde ſo ſeltſam an, als ob ſie aus einem fernen kanibaliſchen Lande kaͤmen. Paris hat gleich jeder großen Hauptſtadt ihren Theil, und nicht mehr denn ihren Theil an dieſer ſchaͤdlichen Bevoͤlkerung. Das wahnſinnige Aufgebot dieſer Menſchenklaſſe war es, das einſt hauptſaͤchlich die Schrecken der Revolu⸗ tion veranlaßt und verbreitet hatte, und ſie ſchien nun entſchloſſen, deren Endſchaft mit der Zerſtoͤrung der Hauptſtadt zu bezeichnen. Die meiſten dieſer Banditen ſtanden unter dem Einfluß von Buona⸗ parte's Polizei, und waren durch die verſchiedenen Kunſtgriffe, die ſeine Emiſſaire ſich erlaubten, auf⸗ geſtiftet. Mit einemmal gallopirten Reiter durch den Hau⸗ fen, und forderten ihn auf, die Waffen zu ergrei⸗ fen, indem ſie verſicherten, daß Buonaparte bereits die Verbuͤndeten im Ruͤcken angreife; weiter wollte man wiſſen, daß der Koͤnig von Preußen mit einem Korps von 10,000 Mann gefangen worden ſey. Ein anderesmal verkuͤndeten gleiche Emiſſaͤre, die Verbuͤn⸗ deten ſeyen in die Vorſtaͤdte eingedrungen, und ſchon⸗ ten weder Geſchlecht noch Alter, und riefen die Ein⸗ wohner durch an die Mauern angeheftete Plakate auf⸗ ihre Laͤden zu ſchließen, und ſich zu Vertheidigung ihrer Haͤuſer anzuſchicken. Dieſe Aufforderung, die letzten Opfer auf Erden zu Gunſten eines Militairdeſpoten zu bringen, zu denen ſich Sarragoſſa in Vertheidigung ihrer Natio⸗ 65 nal⸗Unabhaͤngigkeit entſchloſen, wurde von den Ein⸗ wohnern uͤbel aufgenommen. Ein freier Staat hat Millionen Koͤpfe, allein eine deſpotiſche Herrſchaft iſt in der Lage, die der tyranniſche Kaiſer wuͤnſchte— ſie hat nur einen. Als es am Tage lag, daß Kaiſer Napoleon ſeine Gewalt verloren, war kein Kraͤmer in Paris Thor genug, in ſeiner Sache ſeine Bude, ſeine Familie und ſein Leben in Gefahr zu ſetzen, oder in Maßregeln fuͤr die Haltung der Stadt zu willigen, was eben ſo viel geheißen haͤtte, als den verbuͤndeten Truppen und dem Abſchaum ihrer eige⸗ nen Bevoͤlkerung alles das zu uͤberlaſſen, fuͤr deſſen Erhaltung es ſich verlohnte, die Waffen zu ergreifen. Die erwaͤhten Plakate waren deswegen nicht ſobald angeheftet, als ſie herabgeriſſen wurden, und es war klar, daß die beſſere Klaſſe der Buͤrger und die Na⸗ tionalgarden entſchloſſen waren, alle Entwuͤrfe zu ver⸗ eiteln, die dahin zweckten, gegen das letzte verzweif⸗ lungsvolle Uebel zum Widerſtand aufzureizen. Dem ungeachtet war der Zuſtand der Hauptſtadt immer noch ſehr beunruhigend; bei den niedern Klaſſen zeigten ſich wechſelweiſe Symptome von paniſchem Schrecken, von Wuth und Verzweiflung. Sie ver⸗ langten Waffen, einige wenige wurden ihnen ausge⸗ theilt, und es unterliegt keinem Zweifel, daß, waͤre Napoleon bei dieſem Streite unter ſie getreten, es einen furchtbaren Kampf gegeben haͤtte, in welchem Paris aller Wahrſcheinlichkeit nach das Schickſal von 6 ½ Moskau getheilt haben wuͤrde. Als aber die Kano⸗ nade aufhoͤrte, die Flucht Joſephs und die Kapitu⸗ lation der Stadt oͤffentlich bekannt wurde, erſtarb und verſtummte der Kampf widerſtreitender Leiden⸗ ſchaften, und die unerſchuͤtterliche und kaltblutige Faſſung der Nationalgarde erhielt voͤllige Ruhe in der Hauptſtadt. Am Morgen des 3iſten Maͤrzes ſah man die Royaliſten in Gruppen auf dem Platze Ludwig XV., in dem Garten der Tuilerien, auf den Boulevards und andern oͤffentlichen Plaͤtzen. Sie vertheilten die Proklamationen der Verbuͤndeten, und ließen den lang verſtummten Ruf:„Vive le Roi!“ ertoͤnen. Anfangs wagte Niemand, als diejenigen, welche den gefahrvollen Verſuch unternommen, ein ſo ge⸗ faͤhrliches Signal zu wiederholen; nach und nach aber ſchwollen die Haͤuſer an, die Fuͤhrer kamen zu Pferde, und vertheilten weiße Kokarden, Lilien und andere Embleme von Loyalitaͤt, und ſieckten zu gleicher Zeit Feldzeichen auf, die ſie aus ihren eigenen Handtuͤchern machten. Die Damen kamen ihnen ihrerſeits zu Huͤlfe. Die Fuͤrſtinn Leon, Vicomteſſe Chateaubriand, die Graͤfinn von Choiſeul und andere Frauen von Rang ſchloſſen ſich an den Zug an, und vertheilten auf allen Seiten die Embleme ihrer Partei, und zer⸗ riſſen, da der gewoͤhnliche Vorrath erſchoͤpft war, ihre Kleider, um weiße Kokarden zu machen. Die beſſere Klaſſe der Einwohner begann Feuer zu fangen, ſie 65 erinnerten ſich der alten koͤniglichen Zeiten, und von wem ſie an dem beruͤhmten Tage der Sektionen be⸗ ſiegt worden waren, als Napoleon in der Niederlage der Nationalgarde den Grund zu ſeinem Ruhme legte. Ganze Piquets begannen die weißen Kokarden Statt der dreifarbigen aufzuſtecken, und riefen:„Vive le Roiles allein dieſer Ruf war durchaus nicht einſtim⸗ mig, und auf manchen Punkten ſtritten und plaͤnkel⸗ ten die Parteien verſchiedener Grundſatze auf den Straßen. Der Geiſt der Zwietracht aber ward ab⸗ gewandt, und die Aufmerkſamkeit der Pariſer aller Klaſſfen und ⸗Meinungen ploͤtzlich auf den impoſanten und farchtbaren Audlick der Armee der Verbuͤndeten geheftet, die nun in die Stadt einzuziehen begann. Die Souveraine hatter an dem Dorfe Pantin die Behoͤrden von Paris empfangen, und Alerander ſich in einer noch deutlichern Sprache ausgedruͤckt, als ſie in ihrer Proklamation gethan. Er fuͤhre, ſagte er, allein gegen Napoleon Krieg, gegen ihn, der einſt ſein Freund geweſen, dann aber ſein Feind geworden ſey und große Uebel uͤber ſein Reich gebracht habe. Er ſey jedoch nicht gekommen, fuͤr dieſe Unbilden Rache zu nehmen, ſondern einen ſicheren Frieden zu ſchließen mit einer Regierung, die Frankreich ſich ſelbſt waͤhlen wuͤrde.„Ich bin,“ ſagte der Kaiſer, „mit Frankreich in Frieden, und allein mit Napo⸗ leon in Krieg.“ Dieſe huldvolle Aeußerungen wurden von den Buͤr⸗ W. Scott's Werke. LX. 5 66 gern zu Parfs mit um ſo groͤßerer Dankbarkeit aufge⸗ nommen, da ſie gelehrt worden waren, den ruſſiſchen Fürſten als einen barbariſchen und rachſuͤchtigen Feind zu betrachten. Die Maßregeln der Wiedereinſetzung der Bourbons ſchienen nun von beinahe allen, welche nicht beſonders fuͤr die Dynaſtie Napoleons intereſſirt waren, als ein Hafen betrachtet zu werden, der ſich ei⸗ nem vom Sturme umhergetriebenen gefaͤhrdeten Schiffe unerwartet oͤffnet. Es war nicht ehrenruͤhrig, wenn man ſie ergriff, da die Franzoſen ihre eigene Koͤnigs⸗ familie wieder zuruͤck erhielten— noch fand ein Zwang Statt, da ſie ſolche nach eigener Wahl wieder erhielten. Wie uͤber eine goldene Bruͤcke waren ſie einer großen drohenden Gefahr entgangen. Eine unermeßliche Menſchenmenge draͤngte ſich auf die Boulevards(eine große, weite, offene Promenade, die unter verſchiedenen Namen den Umkreis um die Stadt bildet), um Zeuge des Einzugs der verbuͤndeten Souveraine und ihrer Heere zu ſeyn, welche dieſes ver⸗ aͤnderliche Volk im Verlauf von vierundzwanzig Stun⸗. den mehr als Freunde, denn als Feinde anzuſehen ge⸗ neigt war— eine Stimmung, die bis zum Enthuſias⸗ mus fuͤr die Perſonen dieſer Fuͤrſten ſtieg, gegen welche erſt geſtern noch unter den Mauern von Paris eine blu⸗ tige Schlacht geſchlagen worden war, waͤhrend noch zum Zeugniß dieſes toͤdtlichen Kampfes die Tauſende der auf beiden Seiten Gefallenen von der Sonne geſchwaͤrzt und unbeerdigt auf dem Schlachtfelde lagen. Dies war 67 ein Zug von Nationalkarakter. Ein Franzoſe fuͤgt ſich mit allem Anſtand und ſcheinbarem oder wirklichem Vergnuͤgen in das, was er nicht aͤndern kann, und ſeine Philoſophie gewaͤhrt ihm den nicht geringen Vor⸗ theil, daß ſie ihn nachmals behaupten laͤßt, ſeine Unter⸗ werfung ſey aus gutem Willen und nicht aus Zwang gefloſſen. Manche von denen, welche am vorigen Tage von den Paris beberrſchenden Hoͤhen zu fliehen genoͤthigt waren, glaubten am naͤchſten Morgen mit vollem Rechte behaupten zu duͤrfen, die Alliirten ſeyen nur mit ihrer Einwilligung und Erlaubniß in die Hauptſtadt einge⸗ zogen, weil ſie in den Beifallruf mit einſtimmten, der ihre Ankunft begleitete. Um daher ihre Stadt von dem Schimpfe zu befreien, als waͤren die Feinde mit Gewalt in ſie eingezogen, und in gleichem Maße den wirklichen Enthuſtasmus auszuſprechen, der pl oͤslich ſich erhob durch den Austaucch der aͤrgſten Uebel, die ein be⸗ ſiegtes Volk zu erleiden hat, gegen die verheißenen Segnungen eines ehrenvollen Friedens und innerlicher Eintracht, empfiengen die Pariſer den Kaiſer Alerander und den Koͤnig von Preußen mit ſo allgemeinem unauf⸗ hoͤrlichen Beifall, wie ſie nur immer bei ihrem Triumph⸗ einzug in ihre eigenen Hauptſtaͤdte erwarten konnten. Gleich bei ihrem erſten Eintritt in die Barrieren war die Menſchenmenge bereits ſo unermeßlich und das Freudengeſchrei ſo groß, daß ſie nur mit Muͤhe ſich vorwaͤrts bewegen konnten; allein noch ehe die Monar⸗ chen das Thor St. Martin erreicht hatten, um ſich 3 68 gegen die Boulevards zu wenden, war es rein unmög⸗ lich, weiter zu kommen; ganz Paris ſchien ſich an einen Platz verſammelt und conzentrirt zu haben.— Eine Triebfeder leitete augenſcheinlich alle ihre Bewegungen. Sie draͤngten ſich um die Monarchen mit dem faſt einſtimmigen Ruf:„vive Pempereur Alexandre!— vive le Roi de Prusso!“ vereint mit dem royalen Freudenruf:„vive le Roi!— vive Louis XVIII.! — vivent les Bourbons.“ Auf ſolch unerwartete Ein⸗ muͤthigkeit koͤnnten die Worte der Schrift angewendet werden, die Klarenton auf eine aͤhnliche Gelegenheit anwendet:—„Gott hat das Volk vorbereitet, fuͤr das, was ploͤtzlich geſchieht.“ Der Zug dauerte meh⸗ rere Stunden, waͤhrend welcher 50,000 Mann erleſener Truppen der ſchleſiſchen und großen Armee in breiten und tiefen Kolonnen auf den Boulevards hin defilirten mit einem Walde von Bajonetten und langen Artillerie⸗ zuͤgen untermengt, und mit zahlreichen Regimentern Kavallerie jeder Art voran. Ueber nichts erſtaunten die Augenseugen dieſes praͤchtigen Schauſpiels mehr, als uͤber den pohen Grad von Ordnung und regel⸗ maͤßiger Eguipirung, wodurch ſich Fußvolk und Rei⸗ terei auszeichnete. Sie glichen mehr Truppen, die aus friedlichem Quartier zu einer großen und feier⸗ lichen Feſtlichkeit gezogen waren, als Regimentern, die einen langen Winterfeldzug in beſtaͤndigen Maͤr⸗ ſchen und Contremaͤrſchen und in einer Reihe der hitzigſten und blutigſten. Kaͤmpfe zugebracht, und erſt 69 noch Tags zuvor eine Hauptſchlacht geliefert hatten. Nachdem ſie auf den innern Boulevards um halb Paris herum gezogen, hielten die Monarchen auf den Elyſaͤiſchen Feldern, und die Truppen defilirten an ihnen voruͤber, wie ſie in ihre Quartiere in der Stadt abgiengen. 1 Die Gardekoſacken ſchlugen ihren Bivouak auf den Elhſaͤiſchen Feldern ſelbſt auf, die man den Hyde Park von Peris nennen koͤnnte, und welche nun in ein ſcythiſches Feldlager umgeſchaffen waren. — Viertes Kapitel. Beſorgniſſe der Pariſer.— Fortſchritte Napoleons.— Er erfaͤhrt die Aufloͤſung des Kongreſſes zu Chatillon.— Operationen der franzoͤſiſchen Kavallerie im Ruͤcken der Alliirten.— Der oͤſter⸗ reichiſche Baron Weiſſemnberg wird gefangen.— Der Kaiſer Franz beinahe uͤberrumpelt.— Napoleon eilt auf Paris zu und erreicht Troyes in der Nacht vom 29 Maͤrz.— Meinung Macdonalds uͤber die Moͤglichkeit eines Entſatzes von Paris.— Napoleon verlaͤßt Troyes am zoſten und ſtoͤßt ein paar Meiten von Paris auf den in vollem Ruͤckzug begriffenen Belliard.— Unterredung zwiſchen ihnen.— Er entſchließt ſich, gegen Paris vorzuruͤcken, wird aber endlich davon abgebracht, und fertigt Caulaincourt in die Hauptſtadt ab, um die Bedingungen der verbuͤndeten Souveraine zu begehren.— Er ſelbſt kehrt nach Sgontainebleau zuruͤck. 3 Als ſich der Enthuſiasmus, der den Einzug der Verbuͤndeten begleitete, und den Tag der Volks⸗ ſchmach in einen der Freude und Feſtlichkeit verwan⸗ delt hotte, nachzulaſſen begann, draͤngte ſich denen, die ſich ploͤtzlich in eine neue Revolution verwickelt ſahen, die bedeukliche Frage auf: wo iſt Napoleon und ſeine Armee, und welche Mittel beſitzt dieſer thaͤtige und unternehmende Kopf, ſeine Sachen zu einem guten Ende zu fuͤhren, und an ſeiner uſur⸗ pirten Hauptſtadt Rache zu nehmen? Dieſer furch⸗ bare boͤſe Geiſt, der ſo lange ihre Träume beunru⸗ higt hatte, und nicht mit Unrecht der Alp von Europa genannt wurde, war noch nicht wieder beſchworen, ob er gleich fuͤr den Augenblick anderswo ſein Weſen trieb. Alles zitterte fuͤr die Folgen, daß er mit den Truppen Augereau's, oder den aus den Grenzlinien gezogenen Beſatzungen vereint, ploͤtzlich mit voller Macht baher gezogen kaͤme. Allein ihre Beſorgniſſe waren ungegruͤndet, denn olgleich er perſönlich nicht weit entſernt war, ſo war doch ſeine Macht, Rache zu nehmen, fuͤr jetzt ſehr beſchraͤnkt.— Wir berichten nun in Kürze ſein Foriſchritte nach der oͤſtlichen Bewegung aus der Nachbarſchaft von Vitry nach St. Dizier, wodurch die Vereinigung der zwei verbuͤndeten Armeen moͤglich ward. Hier traf er mit Caulain⸗ court zuſammen, der ihn von der Aufloͤſung des Kon⸗ greſſes zu Chatillon benachrichtigte, und erklaͤrte, er haͤtte ſeine Inſtruktion von Rheims erſt bekommen, als die Dirlomaten ſchon abgereist waren. Dieje⸗ nigen, welche von Graf Frochot an ihn abgeſandt waren, hatte er nicht erhalten. 7¹ Mittlerweile begann Napoleons Kavallerie ihre „Operationen im Ruͤcken der Verbuͤndeten, und nahm einige Perſonen von Bedeutung gefangen, die, wie ſie glaubten, in voller Sicherheit zwiſchen Troyes und Dijon reisten. Unter dieſen war der Baron Weiſ⸗ ſemberg, der lange Zeit oͤſterreichiſcher Geſandter an dem Londoner Hofe geweſen war. Der Kaiſer Frauz war nahe daran, von den leichten franzoͤſiſchen Trup⸗ pen uͤberfallen zu werden, er wurde genoͤthigt, in einer Troſchke, einem ruſſiſchen Wagen, von nur zwei Bedienten begleitet, von Bar⸗ſur⸗Aube nach Cha⸗ tillon zu fliehen, und von da ſich nach Dijon zuruͤck⸗ zuziehen. Napoleon war gegen ſeinen Gefangenen Weiſſemberg aͤuſſerſt artig, und ſandte ihn an den Kaiſer von Oeſterreich ab, um ihn noch einmal um ſeine Verwendung zu bitten. Die Perſon das gegen⸗ waͤrtigen Koͤnigs von Frankreich Cbamals Monſſeur) wuͤrde eine noch wichtigere Priſe geweſen ſeyn, allein ſeine leichte Reiterei kam nicht ſo weit, um dieſen in Gefahr zu ſetzen. Am 24. Maͤrz machte Napoleon in Doulevent halt, um ſeine Streitkraͤfte zu konzentriren, und Nachrichten einzuziehen. Er blieb auch noch am 25ſten⸗ und verwandte ſeine Zeit dazu, ſeine Karten zu Rathe zu iehen, und fuͤr Caulaincourt neue Inſtruktionen zu diktiren, nach welchen er ihn ermaͤchtigte, jede Con⸗ ceſſion zu machen. Allein die Rettungsſtunde war vorüber. Am Morgen des 26. Maͤrzes wurde Na⸗ 7² poleon mit der Botſchaft aufgeweckt, die Alllirten haͤtten ſeine Arriergarde unter Mecdonald bei St. Dizier angegriffen. Er eilte ſogleich zum Beiſtande des Marſchalls herbei, indem er ſchloß, daß ſein Plan gelungen ſey, und ſein Ruͤckzug nach Oſten die große Armee der Verbuͤndeten ihm nachgezogen habe. Die Verbuͤndeten hatten eine große Anzahl Kavallerie mit fliegenden Kanonen, allein keine Infanterie. Napv⸗ leon befahl einen Angriff auf ſie, die Franzoſen ſieg⸗ ten, und die Verbuͤndeten wichen nach geringem Wi⸗ derſtande zuruͤck. Er erfuhr von den Verbuͤndeten, daß er es nicht mit Schwarzenbergs, ſondern mit Bluͤchers Truppen zu thun haͤtte. Dieß war eine befremdende Nachricht. Er hatte Bluͤcher verlaſſen, da er Meaur bedrohte, und fand nun ſeine Armee an der Grenze von Lothringen. Am 27ſten erfuhr Napoleon durch ein Streifforps, das er weſtlich gegen Vitry auf Rekognoscirung aus⸗ ſandte, den waren Stand der Dinge, daß beide ver⸗ buͤndete Armeen auf Paris marſchirt waͤren, und daß die Kavallerie, mit der er geplaͤnkelt hatte, aus 10,000 Mann unter Winzingerode beſtuͤnde, die von den Alliirten zuruͤckgelaſſen waͤren, um ihre Bewegun⸗ gen zu decken, und ſeine Aufmerkſamkeit zu beſchaͤf⸗ tigen. Jedes Wort dieſer Nachricht hatte einen wei⸗ teren Stachel. Den Alliirten nachzueilen, ſie wo moͤglich noch einzuholen, ehe die Kanonen von Mont⸗ martre verſtummten, war der Hauptgedanke, der ſich 7³ dem an hohe und verzweifelte Gefahren gewohnten Geiſte Napoleons aufdrang, allein der gerade Weg nach Paris war durch die Maͤrſche und Gegenmaͤrſche ſo großer Armeen gaͤnzlich an Lebensmitteln erſchoͤpft. Es war daher noͤthig, einen Umweg bei Troyes zu wachen, und ſich zu dem Ende bis auf Doulevent zuruͤckzuziehen. Hier bekam er ein kleines Billet in Ziffern von dem Oberpoſtmeiſter La Vallette, die erſte offizielle Mittheilung aus der Hauptſtadt, die er ſeit 10 Tagen erhalten.„Die Anhaͤnger der Fremden,“ hieß es,„thun ſich auf, und werden von geheimen Intriken unterſtuͤtzt. Die Gegenwart Napoleons iſt durchaus nothwendig, wenn er wuͤnſcht, daß ſeine Stadt nicht dem Feinde uͤbergeben werde. Kein Augen⸗ blick iſt zu verlieren!“ Der Marſch wurde demnach beſchleunigt. An der Bruͤcke von Doulaincourt, an den Ufern der Aube, bekam der Kaiſer Depeſchen, daß ſtuͤndlich ein Angreff auf Paris zu erwarten ſey. Napoleon fertigte ſeinen Arjutanten Dejean ab, um nach Paris zu eilen, und die Nachricht von ſeiner ſchleunigen Ankunft zu verbreiten. Er gab ihm zwei⸗ Bulletins mit, worin ſein angeblicher Sieg bei Arcis und das Scharmuͤtzel bei St. Dizier mit uͤbertrie⸗ ben Farben geſchildert war. Dann ruͤckte er nach Troyes, das er noch in derſelben Nacht(29. Maͤrz) erreichte, da die kaiſerliche Garde an einem Tage 15 Stunden machte. Am 5oſten aͤußerte Marſchall Mac⸗ donald gegen Berthier forgende geſunde und treffende . .474 Auſicht:—„Es iſt zu ſpaͤt,“ ſagte er,„Paris zu entſetzen, auf dem Wege wenigſtens, den wir nehmen. Wir haben noch 50 Stunden dahin, wozu wir wenigſtens vier forgirte Tagmaͤrſche brauchen, und in welchem Zuſtande kömmt dann die Armee zum Treffen an, da wir hinter Aube ſur la Seine keine Depots oder Magazine mehr finden. Wenn die Verbuͤndeten geſtern bei Meaur ſtanden, ſo iſt ihre Avantgarde waͤhrend der Zeit vor die Barrieren geruͤckt. Mam kann nicht wohl hoffen, daß die vereinten Korps der Herzoge von Treviſo und Raguſa im Stande waren, ſie ſo lange hinzuhalten, bis wir herankommen koͤnnen. Ueber⸗ dieß werden die Verbuͤndeten bei unſerer Annaͤherung den Uebergang uͤber die Marne vertheidigen; dann bin ich der Meinung, daß der Kaiſer, wenn Paris dem Feinde in die Haͤnde faͤllt, ſeinen Marſch nach Sens nehmen ſollte, um ſich auf Augereau zuruͤckzu⸗ ziehen, unſere Streitkraͤfte mit ihm zu vereinigen, und nachdem unſere Leute ausgeruht haͤtten, dem Feind auf einem guͤnſtigen Terraln eine Schlacht zu liefern; hat dann unſere letzte Stunde geſchlagen, ſo ſterben wir mit Ehren, ſtatt daß wir hier von den Koſacken zerſprengt, gepluͤndert, gefangen und nieder⸗ gemacht werden.“ Napoleons Bekuͤmmerniß um das Schickſal ſeiner Hauptſtadt ließ ihn nicht auf dieſen Rath hoͤren, obgleich er am beßten darauf berechnet zu ſeyn ſchien, ihn in eine Lage zu ſetzen, wo er im Stande war, ſich entweder mit den Verbuͤndeten 75 abzufinden, oder im Ruͤcken derſelben einen furchtba⸗ ren Krieg zu beginnen. Von Troyes fertigte Napoleon einen zweiten Adjutanten, den General Girardin nach Paris ab, der, wie man ſagte, den Befehl uͤberbrachte, die Stadt auf jede Gefahr hin zu vertheidigen— eine Beſchuldignng, die, wenn man das unberechenbare Ungluͤck bedenkt, das eine ſolche Ordre uͤber die Stadt gebracht haͤtte, nicht ohne weitere Beweiſe Glauben finden darf. Am Zoſten Maͤrz verließ Napoleon Troyes, und da er den Weg durchaus leer von Feinden fand, warf er ſich in eine Poſtkutſche und⸗ iste mit nur weniger Begleitung in voller Eile vor ſeiner Armee her. Nachdem er ſo Villeneuve l'Archivéque erreicht, begab er ſich nach Fontainebleau, und obgleich es ſchon Nacht war, nahm er in Begleitung Berthier's und Caulaincourt's einen Wagen nach Paris. Als er wenige Meilen von Paris in einem Wirthshauſe, La Cour de France, an⸗ kam, bekam er endlich einen vollen Beweis von ſei⸗ nem Ungluͤck in der Perſon des General Belliard und ſeiner Reiterei. Da erhielt er die traurige Nach⸗ richt. Napoleon ſprang vom Wagen, nahm Belliard bei Seite, und rief:„Was ſoll das? warum hjer mit Ihrer Kavallerie, Belliard? und wo ſind die Feinde?“—„Vor den Thoren von Paris!“— „Und die Armee?“—„Sie folgt mir.“—„Wo iſt mein Weib und mein Sohn?— wo Marmont? . 76 — wo Mortier?“—„Die Kaiſerinn iſt nach Ram⸗ bouillet und von da nach Orleans. Die Marſchaͤlle ſind beſchaͤftigt, ihre Sachen in Paris in Ordnung zu bringen.“ Er gab dann einen Bericht von der Schlacht, und Napoleon hieß ſogleich ſeinen Wagen nach Paris vorfahren. Sie hatten ſchon anderthalb (engliſche) Meilen zuruͤckgelt Die Unterhaliung ging fort, und wir geben ſie ſo, wie wir ſie uͤberkommen haben, weil ſie den Karakter der Haupkoerſon und die Staͤrke ſeirer Empfiudungen viel beßer bezeichnet, als ſie aus Aeußerungen bei formelleren Gelegenhbeiten, und wenn er ein beſonderes Ziel ver Augen hatie, ent⸗ nommen werden koͤnnen*). Gienera! Belliard bemerkte ihm, es ſeyen keine Truppen in Paris.„Thut nichts“, ſagte Napoleon, „ich finde die Nationalgarde dort. Die Armee wird morgen oder uͤbermorgen bei mir eintreffen, ich will den Sachen ſchon wieder eine beſſere Wendung geben.“ — Ich muß aber Ew. Mojeſtaͤt wiederholen, daß Sie nicht nach Paris gehen koͤnnen. Die Nationalgarde haͤlt kraft des Vertrags Wache auf den Barrieren, und obgleich die Verbuͤndeten erſt⸗ Uhr Morgens einziehen werden, ſo iſt es doch moͤglich, daß ſie zu den aͤuſſeren * *) Sie iſt aus einem Werke genemmen, das auffallende Sruren der Authentizität trägt, aus General Kock's mémoires, pour servir à l'Histoire de la Campagne de 1814. Man ſehe auch die bereits angefuͤhrten memoires of the opera- tions of the Allied armies, 77 Poſten den Weg gefunden, und daß Ew. Majeſtaͤt ruſ⸗ ſiſche oder preußiſche Poſten an den Thoren oder auf ben Boulevards finden.“—„Alles eins— ich bin entſchloſſen, hinzugehen— meinen Wagen! folgen Sie mir mit Ihrer Kavallerie!“—„Aber, Sire, Ew. Majeſtaͤt ſetzen Paris der Gefahr einer Pluͤnderung aus. Mehr denn 20,000 Mann ſind im Beſitze der Hoͤhen— was mich ſelbſt betrifft, ſo habe ich die Stadt in Folge einer Konvention verlaſſen, und kann deshalb nicht zuruͤckkehren.“—„Was ſoll dieſe Kon⸗ vention? wer hat ſie geſchloſſen?“—„Das kann ich nicht ſagen, Sire, ich weiß nur von dem Herzog von Treviſo, daß eine beſteht, und daß ich nach Fontaine⸗ bleau marſchiren muß.“„Was hat Joſeph vor?— wo iſt der Kriegsminiſter?“—„Ich weiß es nicht, wir daben den ganzen Tag von keinem derſelben Be⸗ fehle bekommen. Jeder. Marſchall handelte auf eigene Verantwortlichkeit. Man ſah ſie heute nicht bei der Armee— wenigſtens nicht bei Herzog von Treviſo's Korps.“—„Kommen Sie, wir muͤſſen nach Paris— nichts geht recht, wenn ich nicht zugegen bin,— ſie machen nichts als Boͤcke!“ Berthier und Caulaincourt vereinigten ſich, es zu verſuchen, den Kaiſer von ſeinem Vorhaben dbzu⸗ bringen, er verlangte immer ſeinen Wagen. Caulain⸗ court gab Befehl, allein er wollte nicht kommen. Na⸗ poleon ging mit eiligen und ungleichen Schritten ein⸗ her, und machte wiederholte Fragen uͤder Sachen, die man ihm bereits auseinanber geſetzt hatte.„Ihr haͤttet Euch laͤnger halten, und die Ankunft der Ar⸗ mee erwarten, Ihr haͤttet Paris in Aufſtand bringen ſollen, das ſicherlich kein großes Behagen an dem Einzug der Ruſſen haben kann; haͤttet die National⸗ garde in Bewegung ſetzen, deren Geünnung gut iſt, und ihr die Vertheidigung der Fortificatſonen anver⸗ trauen ſellen, die vom Miniſter errichtet, und wohl mit Artillerie verſehen worden ſind. Sicherlich wuͤr⸗ den die Buͤrger ſie vertheidigt haben, waͤhrend die Truppen auf den Hoͤhen fochten!“„Ich wiederhole Ihnen, Sire, daß es unmoͤglich war. Die 15,000 — 18,000 Mann ſtarke Armee hat einer von 100,000 Mann vier Stunden lang in Erwartung Ew. Maje⸗ ſtaͤt Ankunft Widerſtand geleiſtet. Es ging die Sage davon in der Stadt, und hatte ſich auch unter den Truppen verbreitet. Sie verdoppelten ihre Anſtren⸗ gungen. Die Nationalgarden hielten ſich auſſeror⸗ dentlich gut, ſowohl als Scharfſchuͤtzen, als auch in Vertheidigung der armſeligen Redouten, welche die Barrieren deckten.“„Es iſt erſtaunlich. Wie viel Kavallerie hatten Sie?“—„ 1800 Pferde, Sire, die Brigade von Dautencourt mit eingeſchloſſen.“— „Montmartre, wohl befeſtigt und vertheidigt mit ſchweren Kanonen, haͤtte unuͤberwindlich ſeyn ſollen.“— „Gluͤcklicherweiſe war der Feind derſelben Meinung, wie Sie, und naͤherte ſich nur mit vieler Vorſicht. Aber da war keine Anſtalt, wir hatten nichts denn — 79 ungefaͤhr„ Sechspfuͤnder.“—„Was koͤnnen ſie denn mit meiner Artillerie angefangen haben? ich haͤtte doch mehr als 200 Kanonen und Munition fuͤr einen ganzen Monat haben ſollen.“—„Wir hatten, Sire, einzig Feldartillerie, und um ⸗ Uhr mußten wir mit unſerem Feuer einhalten, weil es an Munition gebrach.“—„Gehen Sie!— ich ſehe, jeder hat ſeine Sinne verloren. Dies kommt daher, daß man Leute anſtellt, die weder geſunden Men⸗ ſchenverſtand noch Energie haben. Gut! Joſeph bil⸗ det ſich ein, er ſey im Stand⸗ die Leitung einer Ar⸗ mee zu fuͤhren; und Clarke, ein bloßes Stuͤck von Routine, gibt ſich das Air eines großen Miniſters; aber der eine iſt ſo gut, als die andern, ein E...— oder ein Verraͤther, denn ich glaube beinahe, was Sagvary von ihm ſagte.““ 3 Die Unterhaltung ging auf dieſe Weiſe fort, und ſie hatten eine Meile von Cour de France zuruͤckge⸗ legt, als ſie einem Infanteriekorps unter General Cu⸗ real begegneten. Napoleon fragte nach dem Herzog von Treviſo, zu deſſen Armeekorps ſie gehoͤrten, und erfuhr, daß er noch in Paris ſey. Da gelang es denn endlich den dringenden Vor⸗ ſtellungen ſeiner Offiziere, die ihn, wenn er nach Pa⸗ ris ging, dem Tod oder der Gefangenſchaft entgegen gehen ſahen, Napoleon zu vermoͤgen, umzukehren, und nachdem er den ſtarken, unbeugſamen Impuls ver⸗ leren, der ihn aufs Geradewohl hierher gebracht 80 hatte, ſchien er ſein Schickſal als entſchieden betrachtet, oder wenigſtens bedentend von der ihm eigenthuͤmlichen Heftigkeit, die er dem Ungluͤck entgegenſetzte, verloren zu haben. Er kehrte nach Cour de France zuruͤck, und gab Befehl, die Korps, wenn ſie ankommen ſollten, auf den Hoͤhen von Longiumeau, hinter dem kleinen Fluſſe Eſſonne, aufzuſtellen. Napoleon wünſchte zugleich, die Friedensunterhandlung zu erneuern, die er augenblicklicher Vortheile wegen zu Chatillon abge⸗ brochen hatte, und fertigte Caulaincourt nach Paris ab, nicht mehr zu unterhandeln, ſondern die Bedin⸗ gunzen, welche die verbuͤndeten Souveraine geneigt waͤren, ihm vorzuſchreiben, anzunehmen, und ſich ihnen zu Aden Er kehrte in derſelben Nacht nach Font tainebleau zuruͤck. Er nahm keines der Staats⸗ in, ſondern waͤhlte ein geheimeres, abge⸗ i geres Gemach, und unter den vielen ſeltſamen Vorgaͤngen, die in dieſem ehrwuͤrdigen alten Palaſte Statt gefunden, ſollten ſeine Hallen nun Zeuge von dem Außerordentlichſten ſeyn. Fänftes Kapitel. Die verbundeten Souveraine licßen eine Proklamation ergehen⸗ daß ſie nicht meyr mit Buonaparte unterhandeln wuͤrden.— Von dem Erhaltungsſenate wurde eine proviſoriſche Regierung ernannt, und ein Decret erlaſſen, das Napoleon des Thrones 81 fuͤr verluſtig erklaͤrte.— Dieſes Dekret wird durch die Deklas rationen aller Behoͤrden in Paris ſanctionirt.— Die Geſetz⸗ lichkeit dieſer Schritte.— Stimmung der niedern Klaſſen und des Militairs fuͤr Napolevn.— Am 4. April fertigt Napoleon ein Dokument aus, worin er dem Throne von Frankreich entſagt.— Seine nachherige Gemuͤthsbewegung und ſein Wunſch, den Krieg fortzuſetzen.— Die That iſt geſchehen. Waͤhrend Napoleons Dichten und Trachten nur dahin ging, das wieder durch Krieg zu erobern, was der Krieg ihm genommen hatte, oder wenigſtens ei⸗ nen ſolchen Frieden zu ſchließen, der ihn an der Spitze der franzoͤſiſchen Regierung ließ, fanden in Paris politiſche Ereigniſſe Statt, die unmittelbar auf den Umſturz ſeiner Macht hinzielten. Seine großen militairiſchen Talente, ſo wie die gaͤnzliche Unbeug⸗ ſamkeit ſeines Temperaments hatten die verbuͤndeten Monarchen zu der feſten Ueberzeugung gebracht, daß kein dauernder Friede in Europa geſchloſſen werden koͤnne, ſo lange er an der Spitze der franzoͤſiſchen Nation blieb. Jede Conceſſion, die er zu verſchie⸗ denen Zeiten einzugehen bereit ſchien, wurde ihm mit groͤßeren Schwierigkeiten abgenoͤthigt, und mit ſolchem Widerſtreben gemacht, daß der ſtaͤrkſte Ver⸗ dacht obwaltete, er wuͤrde Alles wieder zuruͤckzuneh⸗ men ſuchen, wenn die Alliance der Verbuͤndeten auf⸗ geloͤst, oder ihre Mittel, ſich ſeinen Abſichten zu wi⸗ derſetzen, ſchwaͤcher wuͤrden. Als daher Caulaincourt als Bevollmaͤchtigter von W. Scott's Werke, 1X. 6 8² Seiten ſeines Gebieters nach Paris kam, um alle und jede Forderungen der Verbuͤndeten zu unter⸗ ſchreiben, ſo ward ihm mit duͤrren Werten jede Au⸗ dienz verſagt; noch ehe er zu einer Konferenz mit Kaiſer Alexander, an welchen ſeine Sendung ging, zugelaſſen wurde, hatten ſich die Souveraine verbun⸗ den, keine Unterhandlung mit Napoleon mehr zu pflegen. Der Kaiſer von Rußland hielt nach dem Einzug der verbuͤndeten Souveraine in die Stadt vor dem Pallaſt von Talleyrand. Er war hier nicht ſobald angekommen, als die Haͤupter der Royaliſten und diejenigen, welche im Einverſtaͤndniß mit ihnen ge⸗ handelt hatten, eine Audienz bei ihm zu bekommen ſuchten. Außer dem Kaiſer Alerander, dem Koͤnig von Preußen und dem Fuͤrſten Schwarzenberg waren gegenwaͤrtig: der General Pozzo di Borgo, Neſſel⸗ rode, Lichtenſtein, der Herzog Dalberg, der Baron Louis, der Abbé de Pradt und Andere. Drei Punkte kamen zur Sprache: 1) Die Moͤg⸗ lichkeit eines Friedens mit Napoleon gegen hinlaͤng⸗ b liche Garantien; ²) der Plan einer Regentſchaft; 3) die Reſtauration der Bourbons. Der erſte Vorſchlag ſchien unzulaͤſſig. Der zweite wurde ſorgfaͤltig erwogen. Man legte hauptſaͤchliches Gewicht darauf, daß die Franzoſen der Sache der Bourbons fremd geworden— daß die verbuͤndeten Monarchen von Seiten Frankreichs kein Zeichen der 83 Erinnerung finden wuͤrden, und die Armee noch in beſonderem Grade ihnen abgeneigt ſey. Das einſtim⸗ mige Zeugniß der franzoͤſiſchen Edeln, die gegenwaͤrtig waren, wurde zur Widerlezung dieſer Zweifel ange⸗ boten, und man kam endlich dahin uͤberein, daß die dritte Propoſition— die Reſtauration des alten Fuͤr⸗ ſtenhauſes und die der alten Landesgrenzen als Grund⸗ bedingungen fuͤr die Beſtimmung der Verhaͤliniſfe Frankreichs angeſehen werden ſollten. Sogleich wurde eine Proklamation verbreitet, nach welcher die Sou⸗ veraine ihren. Entſchluß bekannt machten, weder mit Buonaparte, noch mit irgend einem Mitgliede ſeiner Familie zu unterhan⸗ deln. Allein es bedurfte noch eines foͤrmlichen Zengniſſes fuͤr die Geſetzlichkeit ſolches Verfahrens, um die Wuͤnſche des franzoͤſiſchen Volkes mit der vorgeſchlagenen Regierungsveraͤnderung in Einklang zu bringen. Die Behoͤrde, welche natuͤrlicherweiſe in einer ſo wichtigen Angelegenheit die Leitung des Gan⸗ zen haͤtte uͤbernehmen ſollen, war die geſetzgebende Verſammlung, der Napoleons Konſtitution ein oflen⸗ ſibles Recht der Einſchreitung fuͤr den Fall gegeben hatte, daß ſich der Staat in Gefahr befinde; allein der Kaiſer war ſo weit entfernt, eine ſolche Macht in praxi anzuerkennen, daß er, ſobald die Verſamm⸗ lung, wenn auch in den ehrerbietigſten Ausdruͤcken ſich des Rechts der Gegenvorſtellungen vor ihm be⸗ diente, ihre Funklionen ſuſpendirte und ſie von den 84 Stufen des Thrones mit dem Bedeuten zuruͤckſtieß, daß nicht ſie, ſondern er der Vertreter des Volkes ſey, von welchem keine Appellation Statt finde, und außer welchem Niemand im Staate Macht und Wirk⸗ ſamkeit beſitze. Dieſe geſetzgebende Verſammlung war demnach vertagt und zerſtreut, und konnte ſomit bei der ge⸗ genwaͤrtigen Gelegenheit auch die Initiative nicht machen. Der erfinderiſche Geiſt Talleyrands fand ein Or⸗ gan der oͤffentlichen Meinung auf, wo ſolches Wenige geſucht haben wuͤrden, in dem Erhaltungsſenat naͤm⸗ lich, deſſen Mitglieder ſo lange her die Werkzeuge der kuͤhnſten Projekte Napolons und das Echo ſeiner geſetzwidrigſten Dekrete geweſen— in der naͤmlichen Verſammlung, von der er eben ſo boshaft als wahr geaͤußert, daß ſie bereitwilliger waͤren, die Rechte der Nation aufzugeben, als er Verzicht darauf verlange, und daß ein Wink von ihm immer fuͤr den Senat ein Befehl geweſen ſey, ſeine Gebote unbedingt im Voraus und im Uebermaß in Ausfuͤhrung zu bringen. Nun ward auf die Aufforderung Talleyrand's, welcher wohl wußte, welche Menſchen er vor ſich hatte, dieſer Senat zuſammenberufen, und in einer Zuſammenkunft, zu der ſich 66 Mitglieder, und ſo⸗ mit die Majoritaͤt der Verſammlung eingefunden, ernannten ſie mit einem Mal und ohne alles Beden⸗ 85⁵ ken eine proviſoriſche Regierung, aus Talleyrand, Bournonville, Jaucourt, Dalberg und dem Abbé von Montesquieu beſtehend— lauter Maͤnner, die ſich durch Talente und Maͤßigung empfahlen, und deren Namen, in der Revolution bekannt, zugleich eine Ge⸗ waͤhrſchaft fuͤr jene war, welche in der Reſtauration des alten Fuͤrſtenhauſes die Wiederkehr der alten De⸗ ſpotie befuͤrchteten. Am 2. und 5. April wurde die Art dem Baume an die Wurzel gelegt. Ein Dekret des Senats gab folgenden Erlaß: 1) Napoleon habe, nachdem er einige Zeit mit Klugheit und Weisheit regiert, gegen ſei⸗ nen geleiſteten Eid durch willkuͤhrliche und ungeſetz⸗ liche Erhebung von Steuern die Konſtitution verletzt; 2) ohne Noth die geſetzgebende Ver⸗ ſammlung vertagt, die Berichte dieſer Verſamm⸗ lung unterdruͤckt, und ihr uͤberdieß das Recht der Vertretung des Volkes abgeſprochen;— ³) mehrere verfaſſungswidrige Dekrete erlaſſen, beſonders das vom 5. Maͤrz d. J., nach welchem er einen Krieg zur Sache der Nation machen wollte, bei dem nur ſein eigener Ehrgeiz betheiligt geweſen;— 4) die Verfaſſung verletzt durch ſeine Dekrete in Betreff der Staatsgefangenen;— 5) die Verantwortlichkeit der Miniſter aufgehoben, die verſchiedenen Staatsge⸗ walten zuſammengeworfen und die unabhaͤngigkeit der Gerichtsſtellen vernichtet;— 6) die Freiheit der preſſe, einen integrirenden Theil der Rechte der Na⸗ 86 tion der willkuͤhrlichen Cenſur ſeiner Polizei unter⸗ worfen, waͤhrend er ſich zu gleicher Zeit deſſelben Werkzeugs bediente, um Luͤgen, falſche Maximen, den Deſpotismus beguͤnſtigende Lehren und Beleidi⸗ gungen fremder Regierungen vor das Publikum zu bringen; 7) habe Akten und Berichte des Senats vor ihrer Bekanntmachung eigenmaͤchtig abaͤndern laſſen; 3) habe, ſtatt nach ſeinem Eide zur Ehre, zum Wohl und zum Ruhme der franzoͤſiſchen Nation zu regieren, dadurch, daß er eine Unterhandlung auf ehrenvolle Bedingungen ausgeſchlagen— die Mittel, die ihm an Menſchen und Geld in die Hand ge⸗ geben, gemißbraucht— die Verwundeten ohne Ver⸗ band und Nahrung gelaſſen und Maßregeln verfolgt, die den Ruin der Staͤdte, die Verheerung des Lan⸗ des, Hungersnoth und Peſtilenz zur Folge gehabt, das Vaterland in das aͤußerſte Elend geſtuͤrzt. In Betracht nun, daß dieſe Kaiſerregierung durch das Dekret vom 28. Floreal im Jahre 12 eingeſetzt, zu exiſtiren aufgehoͤrt, und daß der offenkundige Wunſch auer Franzoſen dahin gehe, eine Ordnung der Dinge herbeizufuͤhren, deren erſtes Ergebniß Friede und Eintracht unter der großen europaͤiſchen Staatenfa⸗ milie ſeyn ſollte; von allen dieſen Ruͤckſichten gelei⸗ tet, erklaͤrte und beſchloß der Senat: 1¹) daß Napo⸗ leon Buonaparte des Thrones und der Erbfolge fuͤr ſeine Famitie auf denſelben verluſtig;— ²2) daß das Volk und die Armee Frankreichs des Eides der 837 Treue, den ſie Napoleon und ſeiner Konſtitution ge⸗ ſchworen, ledig und entbunden ſeyn ſoll. Ungefaͤhr 30 Mitglieder des geſetzgebenden Koͤr⸗ pers traten auf die Aufforderung der proviſoriſchen Regierung am 5. April zuſammen, und gaben vorer⸗ waͤhntem Dekret der Entſetzung ihre Zuſtimmung. Die Folgen dieſer kuͤhnen Maßregeln zeigten, daß Napoleon wirklich nie einen bedeutenden Halt in der Ergebenheit des franzoͤſiſchen Volkes hatte, oder daß das Intereſſe, das ſie in ſeinem Gluͤcke an ihm nah⸗ men, in hohem Grade vor den Beſorgniſſen und Leidenſchaften erloſchen war, welche die unmittelbare Gefahr hervorgerufen hatte. Noch ehe der Senat ſein Dekret foͤrmlich abfaſſen konnte, hatte die Gene⸗ ralverſammlung des Departements der Seine der Herrſchaft Napoleons entſagt und ihm allein die ge⸗ genwaͤrtige ungluͤckliche Lage des Vaterlandes Schuld gegeben. Dem Dekret des Senats folgten Declara⸗ tionen aller Staatsbehoͤrden in und um Paris, daß ſie die proviſoriſche Regierung anerkennen und dem Dekret der Entſetzung ihre Zuſtimmung geben. Viele Individuen, welche von Napoleon beguͤnſtigt und be⸗ reichert wurden, waren die erſten, die gegen ihn auf⸗ traten, als ſich Alles gegen ihn verſchwor. Allein es war immer ſeine Politik geweſen, mehr die In⸗ tereſſen als die Grundſaͤtze der einzelnen an ſeine Sache zu feſſeln; und das Beiſpiel mancher auf ſolche Weiſe gewonnener Freunde wurde demnach Be⸗, leg fuͤr die politiſche Erfahrung:„daß, wenn ein Fuͤrſt Leuten hohen Einfluß gibt, das erſte, woran ſie zur Zeit der Gefahr denken, dahin geht, ſich die Vortheile, die ſie erhalten, zu ſichern, ohne ſich um das Schickſal deſſen zu kuͤmmern, dem ſie ſolche zu verdanken haben.“ Wir glauben nicht, daß es, waͤhrend dieſe Vor⸗ gaͤnge ſtatt fanden, Jemand einfiel, die Geſetzlichkeit oder Gerechtigkeit der Thronentſetzung Napoleons in Abrede zu ziehen; die Zeit hat viele Schriftſteller aufgefordert, die, durch den Glanz von Napoleons Ruf fuͤr ihn gewonnen, zum Theil auch durch Bande der Dankbarkeit oder Freundſchaft an ihn gefeſſelt, mehr oder weniger unmittelbar die Geſetzmaͤßigkeit des Verfahrens von Seiten des Senats, ſo wie die Gerechtigkeit ihres Spruches beſtritten haben. Wir halten es demnach fuͤr unſere Pflicht, dieſes merk⸗ wuͤrdige Ereigniß nach beiden Geſichtspunkten noch ge⸗ nauer zu betrachten. Der Einwurf gegen die Geſetzmaͤßigkeit der Hand⸗ lung des Senats, nach welcher er als Organ des Volkes auftrat und das Urtheil der Thronentſetzung ausſprach, gruͤndet ſich auf die Behauptung, daß das Recht der Entthronung eines Souverains, der einer unertraͤglichen Unterdruͤckung ſchuldig ſeyn ſoll, nur durch einen beſonderen foͤrmlichen Act nach den be⸗ ſtehenden, fuͤr dieſen Fall ausdruͤcklich feſtgeſetzten Geſetzesbeſtimmungen ausgeuͤbt werden koͤnne. Dieſe 39 Anſicht nimmt wenig Ruͤckſicht auf die Unterthanen. Das Necht der Selbſthuͤlfe unter ſolchen Umſtaͤnden gehoͤrt nicht in den Bereich beſonderer Formen einer buͤrgerlichen Regierung, und kann nicht durch ſolche beſchraͤnkt werden. Es iſt ein Recht, das der Menſch⸗ heit unter allen Geſetzesſyſtemen angehoͤrt. Es erxi⸗ ſtirt in jeder Regierung unter der Sonne, von der des Dey von Algier bis auf die freieſten Republiken, die jemals errichtet wurden. Allerdings erſtreckt ſich⸗ die Ausuͤbung der Wilkuͤhrherrſchaft in dem einen Staate oft viel weiter, als in dem andern. Der Kaiſer von Marokko mag ungeſtraft ſeine Haͤnde bis⸗ zum Ellenbogen in dem Blute ſeiner Unterthanen baden, und doch gibt es in dieſer abſoluteſten aller Despotien beſondere Grenzen, die der Souverain nicht uͤberſchreiten darf, ohne daß das natuͤrliche Recht der Nothwehr von Seiten ſeiner Unterthanen ausgeuͤbt wuͤrde, obgleich ſeine Regierung noch ſo unbeſchraͤnkt iſt, als Worte ſie nur immer machen koͤnnen. Schon oft wurde ein Kaiſer daſelbſt entthront, und von ſeinen eigenen Garden umgebracht. Bei beſchraͤnkten Monarchien auf der andern Seite, gleich der in Großbrittannien ſchreibt das Ge⸗ ſetz Grenzen vor, welche die koͤnigliche Gewalt nicht uͤberſchreiten darf; allein es hat nicht fuͤr den Fall vorgeſehen, wenn ein Monarch, wie in dem Falle Jakobs II. den Geſellſchaftsvertrag uͤberſchreitet. Die Konſtitution wendet ihre Augen ab von ſolchen Ereig⸗ niſſen und erklaͤrt ſie fuͤr unmoͤglich; und wenn dana wirklich ein ſolcher Fall eintrat, und ſeine Erledigung durchaus nothwendig war, wurde er als ein ſolcher behandelt, der ſich aus dem Zuſammentreffen von Umſtaͤnden ergab, wie ſie weder fruͤher ſtattgefunden, noch auch ſpaͤter wieder ſtattfinden koͤnnten. Der Fremde, welcher unſere Konſtitution durchgeht, um Verhaltungsmaßregeln fuͤr ein gleiches Ereigniß, wie die Revolution iſt, aufzufinden, moͤchte eben ſo gut fuͤr Phaëtons Fall ſich in einer Schlagbaumsakte Raths erholen. Wenn bei einer regelmaͤßigen Regierung keine Verfahrungsweiſe aufgeſetzt iſt, ein tyranniſches Joch damit abzuſchuͤtteln, daß man den Monarchen der Krone verluſtig erklaͤrt, ſondern dieſes einer beſondern Uebereinkunft uͤberlaͤßt, wenn ein ſo ungewoͤhnlicher tragiſcher Fall eintreten ſollte, die geeigneten Maß⸗ regeln zu treffen, ſo kann man um ſo weniger er⸗ warten, daß eine Konſtitution, wie die franzoͤſiſche, welche Buonaparte gefliſſentlich aller Macht und Mit⸗ tel beraubte, der Executivgewalt Einhalt zu tyun, eine regelmaͤßige Verfahrungsweiſe fuͤr den Act einer Entthronung enthalten ſollte. Er hatte alle Vorkeh⸗ rungen getroffen, die einem Despoten moͤglich ſind, keine Schranken beſtehen zu laſſen, vor welche ihn die Geſammtheit fordern koͤnnte. Darf man aber damit behaupten, daß die Geſammtheit deßwegen auf ihr natuͤrliches Recht, in Anklageſtand zu verſetzen, und 9¹ ceine Lage zu verbeſſern, verzichtet habe? Wenn er den Senat wirklich zu dem unterwuͤrſigen ſtlaviſchen Werkzeuge erniedrigte, wie wir beſchrieben haben, und den geſetzgebenden Koͤrper durch einen willkuͤhr⸗ lichen Staatsſtreich vertagt hatte, ſollte er deßhalb der Strafe fuͤr ſeine ungerechte Regierung entgehen duͤrfen? Im Gegentheile die franzoͤſiſche Nation mußte wie Großbrittannien, zur Zeit der Revolution vom Jahre 1688, ſo gut ſie konnte, dafuͤr Sorge tragen „ne quid detrimenti respublica capiat.“ Der Senat war vielleicht nicht das beſte Organ, den Willen der Geſammtheit auszuſprechen, allein er war das einzige, das Napoleon uberall noch beſtehen ließ; man nahm alſo ſeine Zuflucht zu ihm und bediente ſich ſeiner. Daß es aus Leuten beſtand, die lange Zeit im Intereſſe Napoleons gehandelt ihn nun aber nicht laͤnger halten konnten, ließ ſeine ſchlechte Regierung und die Nothwendigkeit des Einſchreitens nur um ſo deutlicher erſcheinen. 4 Ein richtiges Urtheil uͤber die Gerechtigkeit zu gewinnen, die Entthronung gegen dieſen ausgezeich⸗ neten Mann auszuſprechen, iſt wichtiger, als die Frage: ob ſie nach aller Form Rechtens ausgeſprochen wurde? Um dieſe Frage mit der gebuͤhrenden Unpar⸗ teilichkeit zu beantworten, muͤſſen wir uns nicht nur unſerer Vorurtheile als Englaͤnder entſchlagen, ſon⸗ dern uns auch von dem Einfluß der Anhaͤnger der Bourbons und Buonaparte's ferne halten. Mit die⸗ ſen letztern koͤnnte man weder ſtreiten, noch ſie uͤber⸗ zeugen. Den Royaliſten muͤßte man beweiſen, daß Napoleon nicht nur die Abſetzung, ſondern ſogar den Tod verdiente, weil er als Uſurpator den Thron ſei⸗ nes rechtmaͤßigen Souverains eingenommen; die Buonapartiſten wuͤrden es dagegen fuͤr feigen Ver⸗ rath halten, den tapfern Kaiſer, welcher Frankreich durch ſeine Siege zu einem ſo hohen Glanze erhoben, zu verlaſſen, und ſich in einem Augenblicke von ihm loszuſagen, in welchem Madame Fortuna ihm den Ruͤcken wandte. Fuͤr ſolche Leute gibt es kein Argu⸗ ment, als das Schwerdt im offenen Felde. Allein ſo entſchiedene Anſichten theilte die große Maſſe der franzoͤſiſchen Nation nicht. Einer großen Anzahl der mittleren Klaſſen insſondere waren die er⸗ ſten Schrecken der Revolution noch in gutem Andenken; ſie beugten ſich lieber unter das Joch, das nur allmaͤh⸗ lig despotiſcher wurde, als daß ſie ſich durch einen er⸗ neuten Streit fuͤr ihre Freiheiten der Gefahr ausſetzten, die Tage des Schreckens und der Aechtung wieder ins Leben zu rufen. Von dem Geſichtspunkte eines ſolchen nun, der die Ehre und den Vortheil ſeines Vaterlandes wuͤnſcht, und zugleich auf den Schutz ſeiner eigenen Familie und ſeines Eigenthums bedacht iſt, wollen wir die Frage in Betreff der Abſetzung Napoleons betrachten. Ein ſolcher wuͤrde natuͤrlich im Geiſte zu dem Zeitpunkt zuruͤckkehren, da Buonaparte aus Egypten zuruͤckkehrte, und gleich einer ſchuͤtzenden 9⁵ Gottheit auf der Buͤhne erſchien, um einen verwickelten Knoten zu loͤſen, an welchem aller menſchliche Scharf⸗ ſinn zu Schanden wurde. Unſer Buͤrger wuͤrde Na⸗ poleon wahrſcheinlich nicht verargen, daß er beim Löſen des Knotens ſein Schwerdt etwas zu frei ge⸗ brauchte, oder mit andern Worten: daß er durch das Sprengen des Raths der Fuͤnfhunderte an der Spitze ſeiner Grenadiere in einem Staate, der ſich immer noch frei nannte, auf eine etwas plumpe Art zur Macht gelangte. Dieſe Ruͤckſicht wurde jedoch ſehr dadurch uͤberwogen, daß man bedenkt, welchen Ge⸗ brauch er von der auf ſolche Art erlangten Gewalt machte; er beſiegte die auswaͤrtigen Feinde, hob die Uneinigkeiten im Innern, ſchuͤtzte das Eigenthum, und fuͤr einige Zeit auch die perſoͤnliche Freiheit. Daß Napoleon Frankreich aus dem Zuſtavd der Un⸗ einigkeit und Schwaͤche in dem Augenblick, da es mit einer feindlichen Invaſion bedroht war, zu der Gebie⸗ terinn von Europa erhob, wuͤrde mit einem Mal recht⸗ fertigen, daß man die Obergewalt in ſo tuͤchtige Haͤnde legte, und die Mittel entſchuldigen, die er gebrauchte, um zu ihr zu gelangen, zumal in Zeiten, wo gewalt⸗ ſame aufeinander folgende Wechſel, unter denen die Nation ſo lange gelitten hatte, dieſe gegen Unregel⸗ maͤßigkeiten der Art gleichguͤltig machte, welche man ſich bei der Revolution vom 18. Brumaire erlaubte. Auch wuͤrde unſer Buürger nicht ſehr ungehalten dar⸗ uͤber ſeyn, daß Napoleon ſich die Krone auſſetzte. 94 Monarchie war die alte Regierung von Frankreich, und eine Reihe von Wechſeln hatte gezeigt, daß die Franzoſen mit allen Anſtrengungen keine andere Re⸗ gierung feſtſtellen konnten. Die Bourbons hatten aller⸗ dings vermoͤge ihrer Geburt Anſpruͤche auf den Thron, wenn einer errichtet werden ſollte; allein ſie waren in Verbannung, durch Buͤrgerkrieg, Parteivorurtheile, die Gefahr der Reaktion und tauſend andere Schwie⸗ rigkeiten, die zur Zeit unuͤberwindlich ſchienen, den Intereſſen Frankreichs entfremdet. Buonaparte ſtand unter dem Baldachin, hielt den koͤniglichen Scepter in der Hand, und daß er den koͤniglichen Siz einnahm, ward beinahe fuͤr ganz natuͤrlich erachtet. unnſer Pariſer hat naͤchſtdem den Ruͤckblick auf eine Reihe ſo glaͤnzender Jahre, das jede Kritik ver⸗ ſtummt, und jede hoͤhere Vernunftruͤckſicht zum Schweigen gebracht wird, waͤhrend von den Unter⸗ nehmungen des Kaiſers immer eine wundervoller war als die andere, waͤhrend jede einen Schritt wei⸗ ter zur Vollendung der Nuhmpyramide war, deren Stufen aus beſiegten Provinzen beſtanden, bis das widerſpenſtige und halsſtarrige Eiland von Großbrit⸗ tannien das Gebaͤude vollenden ſollte, auf deſſen Spitze Napoleon in Waffenruͤſtung ſtand, indeß zitternd die Welt zu ſeinen Fuͤßen lag. Dieß iſt das ruͤhmliche Werk, welches Frankreich und ſein Monarch zu vollenden im Begriff war. Es erheiſcht das Opfer von Kindern oder Verwandten, 9⁵ um ihre Reihen zu fuͤllen; ſie eilen hin, wo Ehre ſie ruft und Sieg ſie erwartet. Dieſe Zeiten ſind jedoch hinter Wolken getreten; man erfaͤhrt, daß der Stein, durch ſolch erſtaunliche Anſtrengung ſo hoch hinaufgehoben, endlich auf ihn zuruͤckfiel, der ihm eine der Natur entgegengeſetzte Richtung geben wollte. Da geſchah es denn, daß die Feſſeln, welche bisher durch Siege vergoldet waren, fuͤhlbar wurden, und das Eiſen ans Leben ging. Die Mutter darf nicht laut um ihr Kind weinen— der Kaiſer bedarf ſeines Dienſtes;— der Patriot darf kein Wort uͤber oͤffentliche Angelegenheiten ſprechen— der Kerker wartet ſeiner. Waͤhrend Kunde von neuen Unfaͤllen aus Spanien und Moskau jeden Tag anlangt, wel⸗ chen Troſt konnte der Buͤrger von Frankreich in der Erinnerung an vergangene Siege ſinden? Dieſe hat⸗ ten den Haß Europas, die Thraͤnen der Familien, den Ruin des Wohlſtandes, allgemeine Invaſion und beinahe Nationalbanquerot uͤber Frankreich ge⸗ bracht. Jedes Jahr wurden die Kinder Frankreichs bezirr— Stenern bis zum Belauf von 1500 Millionen Franken jaͤhrlich waren an die Stelle der vierhundert unter der Herrſchaft der Bourbonen ge⸗ treten. Die wenigen Schiffe, welche Frankreich noch blieben, verfaulten in den Haͤfen— ſeine tapferſten Soͤhne waren auf ihrem heimathlichen Boden ge⸗ ſchlachtet— ein Buͤrgerkrieg war auf dem Punkte auszubrechen— Frankreich zur Haͤlfte von guswaͤr⸗ 96 tigen Feinden uͤberſchvemmt. Wurde dieſer tragiſche Zuſtand des Landes in tapferer, aber ungluͤcklicher Vertheidigung eines der Rechte Frankreichs herbeige⸗ fuͤhrt? Nein— es haͤtte ſeine Triumphe in tiefen Frieden genoſſen. Zwei Kriege, mit Spanien und Rußland, welche dieſe furchtbare Reihe von Drang⸗ ſalen veranlaßten, wurden fuͤr kein nationelles, kein vernuͤnftiges Intereſſe, und einzig darum gefuͤhrt, weil eine Haͤlfte Europas den Ehrgeiz eines Mannes nicht ſaͤttigen konnte. Unſer Buͤrger fragt wieder, ob der Kaiſer nicht, nachdem er dieſen furcht⸗ baren Mißgriff gethan, und dieſe Kriege begonnen, mit den beleidigten Parteien Frieden zu ſchließen ſuchte? Man antwortet ihm, daß Napoleon wieder⸗ holte Friedensantraͤge gemacht wurden, falls er ſeine Eroberungen abtreten wollte, daß er es aber vorzog, die Herrſchaft von Frankreich gegen die Verzichtung auf das zu wagen, was er ſeinen Ruhm nannte, (und ſeinen Ruhm nannte er nach der Reihe jeden Beſitz, deſſen Abtretung von ihm gefordert wurde) — daß ſelbſt zu Chatillon viele Tage daruͤber ver⸗ giengen, ehe er ſich entſchließen konnte, ſeine Rettung damit zu erkaufen, daß er zugab, Frankreich ſolle in jene Grenzen zuruͤckgewieſen werden, welche es unter den Bourbonen hatte; daß aber dieſe Propoſition, halb zugeſtanden, von ihm in Folge einiger voruͤber⸗ gehenden Vortheile wieder zuruͤckgenommen wurde; und daß endlich in Folge dieſer Unbeugſamkeit und 97 Verſtocktheit die verbündeten Souveraine feierlich er⸗ kläͤrten, ſie wollten ſich weder mit ihm, noch mit denen, die fuͤr ihn handelten, in eine weitere Unter⸗ handlung einlaſſen. Unſer Buͤrger wuͤrde natuͤrlich nach irgend einem Mittel ſich umſehen, der drohen⸗ den Gefahr zu entgehen, und wuͤrde dann erfahren, daß der Friede, den die verbuͤndeten Fuͤrſten Buona⸗ parte verweigerten, von ihnen mit bereitwilliger Hand dem Koͤnigreich der Franzoſen unter einer andern Regierung, als Ziel vorgehalten wurde. Er wuͤrde erfahren, das nach Annahme der Bedingungen jede Ausſicht auf einen ſicheren und dauernden Frie⸗ den gegeben war, daß aber im Weigerungsfall eine Schlacht zwiſchen zwei großen Armeen unter den Mauern von Paris, das beinahe gewiß, welche Par⸗ tei auch immer ſiegte, niedergebrannt worden waͤre, die unvermeidliche Folge war. Auf dieſe Bemerkung wuͤrde der Buͤrger von Paris wahrſcheinlich im Stande geweſen ſeyn, fuͤr ſich ſelbſt zu entſcheiden. Haͤtte er aber einen Ju⸗ riſten gefragt, ſo wuͤrde der ihm bewieſen haben, daß Napoleon die Krone nicht durch das Recht der Geburt, ſondern durch die Wahl, oder vielmehr die Zulaſſung des Volkes, als Sachwalter erhielt, der die ihm anvertraute Gewalt zu deſſen Biſten hand⸗ haben ſollte. Nun kann aber jede geſetzmaͤßige Verbindlichkeit auf demſelben Wege wieder aufgehoben werden, auf W. Scott's Werle. LX. 7 98 dem ſie geſchloſſen worden war. Wenn daher Napo⸗ leons Herrſchaft nicht laͤnger zum Vortheil Frank⸗ reichs war, ſondern im Gegentheil offenbar ſeinen Ruin herbeifuͤhren mußte, ſo hatte es das Recht, ſich ſeiner zu entledigen, als eines Dieners, der ſei⸗ nem Geſchaͤfte nicht vorſtehen kann, oder wie, wenn Seeleute einen Genoſſen an Bord nehmen wuͤrden, der das Steuerruder fuͤhren ſollte, ſich aber als einen zweiten Jonas erwieſen haͤtte, den man nothwendig opfern muß, um den Sturm zu beſchwoͤren, der durch ſeine ſchlechte Leitung uͤber ſie gekommen war. Von dieſem Standpunkt aus betrachtet, darf man annehmen, daß die Buͤrger von Paris ſo gut als alle diejenigen, welche etwas bei dem Kampfe zu verlieren hatten, ſicherlich weder unweiſe noch unpa⸗ triotiſch gehandelt haben. Die niedere, oder vielmehr die niedrigſte Klaſſe von Einwohnern war ſolchen Beweisgruͤnden unzugaͤnglich. Sie waren Napoleon als ein Erbſtuͤck von der Republik vermacht, deren Erbe er mit Recht genannt worden iſt; ſeine Poli⸗ zei hatte genaue Verbindungen unter ihnen unter⸗ halten, und ihre Fuͤhrer in Sold und Abhaͤngigkeit von der Regierung gehabt. Fuͤr Leute von ſolcher Unwiſſenheit hatten blos die Namen gewechſelt, ohne daß ſie ihre Lage ſehr veraͤndert gefunden haͤtten. Der Ruhm Frankreichs war ihnen ein ebenſo be⸗ geiſterndes Looſungswort, als die Rechte des Menſchen es geweſen; und ihr Quantum vor 99 2 Sous per Tag, wenn ſie, wie es oft geſchah, zu oöͤffentlichen Geſchaͤften gebraucht wurden, war kein ſchlechter Tauſch fuͤr Freiheit und Gleichheit, nachdem ſie dieſelbe Entdeckung gemacht, wie der arme Schuhflicker, welcher ausrief:—„ſchoͤne Freiheit, in der That, ſie laͤßt mich Schuhe flicken, wie zuvor!“ Bulletins und Moniteurs, welche die Siege Napo⸗ leons austrompeteten, waren fuͤr die Bewohner der Vorſtaͤdte ebenſo begeiſternd und unterhaltend, als es die Declamationen der republikaniſchen Redner ge⸗ weſen; denn an ſolchen Nationaltriumphen hat der Arme ſo gut ſeinen Theil, als der reichere Nachbar; auch waren die Uebel des Krieges dem Armen we⸗ niger empfindlich. Ihre Duͤrftigkeit ſelbſt ſchon ent⸗ hob ſie der Steuerpflichtigkeit, und von ihren Kin⸗ dern, deren ſie die Conſcription beraubte, haͤtten ſie ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach auf andere Weiſe trennen muͤſſen, damit ſie ſich anderswo Unterhalt faͤnden. Unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden kam noch der Haß gegen die Fremden, welcher Leuten ih⸗ res Schlags eigen iſt, ihrer Bewunderung fuͤr Buo⸗ naparte zu Huͤlfe. In der Schlacht konnten ſie et⸗ was gewinnen, und nichts verlieren, als ihr Leben, das ihre volksthuͤmliche Ritterlichkeit nicht ſehr in Anſchlag brachte. Waͤre Napoleon in Paris geweſen, ſo haͤtte er von dieſer Macht großen Nutzen gezogen. In ſeiner Abweſenheit aber hielt der Einfluß der Eigenthuͤmer, klug geleitet, die Aufwallungen derje⸗ 100 nigen nieder, welche blos thieriſche Staͤrke in die Wagſchaale legten, und die Uebermacht der verbuͤn⸗ deten Armee hielt die Vorſtaͤdte in Unterwuͤrfigkeit. Die Stimmung des Heeres war eine Frage von großer Wichtigkeit. Sie waren gewohnt, Napoleon in jedes Klima, in jede Gefahr zu folgen, und ſo war ihre Anhaͤnglichkeit an ſeine Perſon im hoͤchſten Grade aufopferungs faͤhig und begeiſtert. Allein dieß galt blos im Allgemeinen von den Offizieren bei den Regimentern, und von den Soldaten. Die Mar⸗ ſchaͤlle und viele der Generale waren eines Krieges uͤberdruͤſſig, in welchem ſie immer nur den Kuͤrzeren zogen. Dieſe und ſo auch viele der ſubalternen Of⸗ fiziere und ſelbſt der Soldaten begannen das Inte⸗ reſſe ihres Fuͤyrers von dem Frankreichs als getrennt zu betrachten. Von Paris ging der Wechſel der Fuͤhrer aus, von denen die Armee waͤhrend jeder Revolutionskriſis gefuͤhrt wurde, und nun ſollten ſie in einem Unternehmen mitwirken, das wahrſcheinlich ieſer Hauptſtadt den Untergang brachte. Gegen die Alliirten anzuruͤcken, und eine Schlacht unter den Mauern der Hauptſtadt zu liefern, hieß eine Stadt der Verheerung Preis geben, deren Name jedem Franzmann heilig und theuer war. Die Marſchaͤlle insbeſondere waren mit einem Kampfe unzufrieden, in welchem jeder von ihnen nach der Reihe ohne die geeigneten Mittel zum Wi⸗ derſtand gegen eine Uebermacht von Feinden gelaſſen 101 wurde, mit der Gewißheit, zue gleicher Zeit im Fall eines Mißlingens im naͤchſten Bulletin oͤffentlich ge⸗ tadelt zu werden, obgleich ſie in Umſtaͤnden waren, welche jeden gluͤcklichen Erfolg unmoͤglich machten. Dieſe Generale konnten beſſer als die Armee im All⸗ gemeinen die Art des Krieges uͤberſehen, in den ſie wahrſcheinlicher Weiſe verwickelt wurden, und die Schwierigkeiten eines Kampfes berechnen, der fuͤr die Zukunft ohne Geld, Munition und Verſtaͤrkun⸗ gen gefuͤhrt werden ſollte, außer denjenigen, die in dem Theile des Landes, den ſie in militaͤriſchem Be⸗ ſitze hatten, erpreßt werden wuͤrden, und zwar nicht allein gegen die Verbuͤndeten, die gegenwaͤrtig in Frankreich ſtanden, und die inſurgirten Royaliſten⸗ korps in Weſten, ſondern noch gegen eine zweite, oder Reſervelinie von 5 bis 400,000 Mann Ruſſen, Oeſter⸗ reicher, und andern verbuͤndeten Truppen, die noch nicht die Grenze betreten hatten. Ueberdieß waren die Soldaten, mit welchen ein Angriff auf die verbuͤndete Armee unternommen wer⸗ den mußte, durch ihre letzten forcirten Maͤrſche und den Mangel an Succurs und Unterſtuͤtzung jeder Art in den traurigſten Umſtaͤnden; die Kavallerie war großentheils demontirt, die Regimenter nicht zur Haͤlfte komplet, die Pferde unbeſchlagen, die phy⸗ ſiſche Beſchaffenheit der Armee ſchlecht, ihre morali⸗ ſche Haltung niedergedruͤckt und zu Unternehmungen untanglich. Der Zeitpunkt ſchien eingetreten, naͤchſt 1 02 welchem Napoleon dieſen Kampf nicht ohne den Un⸗ tergang von ſich, von Paris und von Frankreich fort⸗ ſetzen konnte. Dieſe Meinung war unter den fran⸗ zoͤſiſchen hohen Offizieren allgemein, ſie fuͤhlten ihre Anhaͤnglichkeit an Napoleon mit der Pflicht im Wi⸗ derſpruch, die ſie nach dem letzten Dekret des Sena⸗ tes ihrem Vaterland ſchuldig waren, und betrachteten Frankreichs Sache als die heiligſte. Sie waren durch Beurnonville von den Vorgaͤngen in Paris in Kennt⸗ niß geſetzt, und in Betracht des großen Theils der Hauptſtadt, welcher ſich gegen Buonaparte erklaͤrt hatte, und in der Gewißheit, daß ein Angriff auf Paris ſehr viel Franzoſenblut koſten, und das Signal zu einem Buͤrgerkrieg werden muͤßte, entſchieden ſich die Marſchaͤlle und oberſten Offiziere dahin, daß ſie Napoleon bei einem Angriff auf die Stadt oder ge⸗ gen die Vertheidigungslinie der Alliirten rings um dieſelbe nicht folgen koͤnnten, weil ſie fuͤr's erſte in militaͤriſcher Nuͤckſicht den Verſuch fuͤr verzweifelt hielten, wenn ſie den Zuſtand der Armee betrachte⸗ ten, und es fuͤr's zweite ihrer politiſchen Stellung, ihren Buͤrgerpflichten zuwiderlief. In der Nacht vom 2. auf den 5. April kehrte Caulaincourt von ſeiner Sendung nach Paris zuruͤck, Er hinterbrachte, daß die Verbuͤndeten durchaus auf ihrem Entſchluſſe beſtuͤnden, ſich mit Buonaparte in keine Unterhandlung mehr einzulaſſen; er ſey aber der Meinung, daß ſie ſelbſt jetzt noch auf den Plan 8 103 einer Regentſchaft der Kaiſerinn als der Vormuͤn⸗ derinn ihres Sohns eingehen wuͤrden. Oeſterreich, behauptete er, ſey einer ſolchen Anordnung guͤnſtig, und ſelbſt Rußland nicht unverſoͤhnlich entgegen. Die Abdankung Napoleons aber ſey eine Praͤliminar⸗ bedingung. Als dieſe Nachrichten unter den Marſchaͤllen in Umlauf kamen, beſtimmten ſie ſolche in ihrem Ent⸗ ſchluſſe, nicht gegen Paris zu marſchieren, da der Krieg nach ihrer Meinung durch dieſes perſoͤnliche Opfer von Seiten Napoleons beendigt werden ſollte. Buonaparte hatte wahrſcheinlich dieſe Trennung zwiſchen den Pflichten des Soldaten und des Buͤrgers nicht erwartet. Am 4. April muſterte er einen Theil ſeiner Truppen, wo er ſie benachrichtigte, daß einige Faktionsmaͤnner in Frankreich die weiße Farbe aufge⸗ ſteckt haͤtten und ſie erinnerte, daß die dreifarbige Kokarde die des Siegs und der Ehre ſey, und daß er die Abſicht habe, auf die Hauptſtadt zu marſchie⸗ ren, um die Verraͤther zu beſtrafen, durch welche ſie erniedrigt werde. Man antwortete ihm mit dem Rufe:„Paris! Paris!“ und er hatte keinen Grund zu fuͤrchten, daß ſich die Truppen bedenken wuͤrden, ihm bei dieſem letzten Schritte zu folgen. Es ward Befehl gegeben, mit dem kaiſerlichen Hauptquartier von Fontaineblau gegen Eſſonne vor⸗ zuruͤcken. Als aber die Muſterung voruͤber war, folgten 104 Berthier, Ney, Macbonald, Caulaincourt, Oudinot, Bertrand und andere Offiziere vom hoͤchſten Range dem Kaiſer auf ſein Zimmer und erklaͤrten ihm, was ſie von der beabſichtigten Bewegung hielten, daß er auf die Bedingung einer perſoͤnlichen Abdankung unterhandeln ſolle, und daß die meiſten von ihnen poſitiv entſchloſſen waͤren, ihm bei einem Angriff auf Paris auf keinen Fall zu folgen. „Es iſt außer Zweifel, daß Napoleon bei einer Appellation an die Offiziere von niedrigem Range und Auſehen, junge Seids, welcke kein anderes Verdienſt, als die unbedingte Anhaͤnglichkeit an ihren Obern im Gluͤck und Ungluͤck kannten, in milttaͤri⸗ ſcher Hinſicht den Abgang, welchen der Ruͤcktritt der Marſchaͤlle in der Liſte ſeiner Generale gemacht haͤtte, erſetzt haben wuͤrden. Allein diejenigen, welche ihn zu dieſem unerfreulichen Vorſchlag aufforderten, wa⸗ ren die Vaͤter des Kriegs, die beruͤhmten, tapfern und beliebten Fuͤhrer großer Armeen. Ihre Namen mochten dem ſeinigen im Einzelnen nachſtehen; wel⸗ chen Eindruck aber mußte die Nachricht auf das Publi⸗ kum machen, daß er ſich dieſer Maͤnner beraubt ſah, die ſo lange der Stolz und der Schrecken des Krieges geweſen waren? Welche Gedanken mußten ſich die Soldaten machen, auf welche die Namen Ney, Macdonald, Oudinot und andere, gleich einer Kriegstrompete wirkten? 3 Mit großem Widerſtreben und nach langen De⸗ 105 b tten ergriff Napoleon die Feder, und ſchrieb, auf die ihm aufgedrungenen Graͤnde eingehend, folgende Worte, welche wir ſo woͤrtlich als moͤglich ubertragen, da ſie zeigen, welche Wuͤrde im Ausdruck Napoleon zu Gebote ſtand, wenn tiefe Gefuͤhle uͤber ſeine Af⸗ fektation in Antitheſen und orientaliſcher Compoſition vorherrſchten:—„Da die verbuͤndeten Maͤchte proklamirt haben, der Kaiſer Napoleon ſey das ein⸗ zige Hinderniß fuͤr die Wiederherſtellung des Frie⸗ dens in Europa, ſo erklaͤrt der Kaiſer Napoleon, daß er, ſeinem Eide getreu, bereit iſt, vom Throne zu ſteigen, Frankreich zu verlaſſen, und ſelbſt ſein Leben zu opfern fuͤr das Wohl des Vaterlandes, duas un⸗ zertrennbar iſt von den Rechten ſeines Sohnes, von denen der Regentſchaft in der Perſon der Kaiſerinn, und von der Aufrechthaltung der Geſetze des Kaiſer⸗ thums. Gegeben in unſerem Pallaſte zu Fontaine⸗ bleau, den 4. April 1814.“ Caulaincourt und Ney wurden als Ueberbringer dieſes wichtigen Dokuments und als Bevollmaͤchtigte zur Unterhandlung mit den Allirten beſtimmt, um auf die Bedingungen einzugehen, auf welche ſie die Umſtaͤnde fuͤhren wuͤrden. Caulaincourt wer der perſoͤnliche Stellvertreter Napoleons, und Ney, der immer am eifrigſten auf die Abdaukung gedrungen⸗ wurde zum Bevollmaͤchtigten fuͤr die andern Mar⸗ ſchaͤlle vorgeſchlagen. Napoleon wuͤnſchte, wie es heißt, Marmont hinzu zu fuͤgen; allein er war ab⸗ 109 weſend mit den Truppen, welche zu Eſſonne ſtanden, und da ſie in Folge des Traktats von Paris ſich zuruͤckgezogen, in dieſer Poſition aufgeſtellt waren. Macdonald wurde zum dritten Bevollmaͤchtigten vor⸗ geſchlagen, als ein Offizier, deſſen hoher Karakter ihn am beſten zu der Stellvertretung des Heeres eignete. Napoleon trug Bederken; denn, obgleich er Macdonalds Talente bei den vichtigſten Gelegenhei⸗ ten benutzte, ſo wußte er, daß der Marſchall aus Grundſatz dem winkuͤhrlichen Karakter ſeiner Regie⸗ rung entgegen war, und nie hatten ſie gegen einan⸗ der auf einem vertrauten Fuße geſtanden. Er fragte ſeinen Miniſter Maret.„Senden ſie den Herzog von Tarent,“ erwiederte der Miniſter. „Er iſt zu ſehr Mann von Ehre, als daß er nicht einen Auftrag, den er uͤbernimmt, mit gewiſſenhafter Treue ausfuͤhren ſollte.“ Marſchall Macdonalds Name ward demnach der Kommiſſion noch beigefuͤgt. Als die Bedingungen feſtgeſtellt werden ſollten, verlangten die Marſchaͤlle zu wiſſen, auf welchen Sti⸗ pulationen fie fuͤr Napoleons Perſon beſtehen ſollten. „Auf keinen!—“ ſagte Buonaparte.„Thun Sie, was Sie vermoͤgen, die beſten Bedingungen fuͤr Frankreich zu erhalten! Was mich betrifft, ſo ver⸗ lange ich keine.“ Sie waren noch beſonders inſtruirt, einen Waffenſtillſtand zu erhalten, bis der Traktat geſchloſſen waͤre. Waͤhrend des ganzen Auftritts be⸗ trug ſich Buonaparte mit Feſtigkeit; allein er gab 107 ſich einer natuͤrlichen Gemuͤthsbewegung hin, als er ſchließlich die Abdankung unterzeichnet hatte. Er warf ſich auf einen Sopha, verhuͤllte einige Minuten ſein Geſicht, ſchaute dann mit jenem Laͤcheln der Ueberredung auf, das er ſo oft unwiderſtehlich gefun⸗ den hatte, und flehte ſeine Waffenbruͤber an, die Entſchließungen, die ſie genommen, aufzugeben, die Papiere zu vernichten und ihm noch einmal zum Kampfe zu folgen.„Laſſet uns ziehen,“ ſprach er; „laßt uns noch einmal auf dem Kampfplatze auftre⸗ ten! wir ſind ſicher, ſie zu ſchlagen, und auf unſere eigenen Bedingungen Frieden zu bekommen.“ Die Scene wuͤrde fuͤr einen Geſchichtmaler unſchaͤtzbar ſeyn. Die Marſchaͤlle waren tief ergriffen, konnten aber nicht nachgeben. Sie wiederholten ihre Gruͤnde ruckſichtlich des ſchlechten Zuſtandes der Armee,— des Widerwillens, womit die Soldaten gegen den Senat marſchieren wuͤrden,— der Gewißheit eines verheerenden Buͤrgerkriegs und der Wahrſcheinlich⸗ keit, daß Paris zerſtoͤrt werden wuͤrde. Noch einmal ging er auf ihre Gruͤnde ein, und erlaubte ihnen, mit ihrer Sendung ſich auf den Weg zu machen. 108 Sechstes Kapitel. Vißktor und andere franzöͤſiſche Marſchälle erklaͤren ihre Treue gegen die proviſoriſche Regierung.— Marmont geht eine beſondere Convention ein, wohnt aber den Conſerenzen in Paris bei, in⸗ dem er Souham als Befſehlshaber ſeiner Armee zuruͤcklaͤßt.— Die Befehlshaber halten eine Zuſammenkunft mit dem Kaiſer Alexander.— Souham tritt mit ſeiner Armee in die Linien der Verbuͤndeten uͤber; in Folge deſſen beſtehen die verbuͤnde⸗ ten Souveraine auf unbedingter Unterwerfung Napoleons.— Sein Benehmen bei der Nachricht von dieſem Reſultat und ſeine widerſirebende Cinwilligung.— Die ihm zugeſtandenen Bedingungen.— Betrachtungen in Hinſicht ihrer Politik.— Mißbilligung des Lord Caſtlereagh.— Napoleon wird von allen Sei ten verlaſſen.— Die Kaiſerinn Marie Louiſe kehrt unter ihres Vaters Schutz zuruͤck.— ZJoſephine ſtirbt. Die Bevollmaͤchtigken Napoleons hatten die Wei⸗ ſung, auf ihrer Reiſe nach der Hauptſtadt zu Eſſonne mit Marmont zu conferiren. Sie thaten es und er⸗ hielten hier Nachrichten, welche ihre Unterhandlung noch dringender machten. Mehrere Generale, welche nicht zu Fontainebleau waren, und ſomit nicht Gele⸗ genheit hatten, in Verbindung mit dem dort verſam⸗ melten Kriegsrath zu handeln, glaubten durch die Schritte des Senates, welchen die uͤbrigen oͤffentlichen Behoͤrden beifielen, die Regierung Buonaparte's ge⸗ endigt, oder das Signal zu einem Buͤrgerkriege gege: ben. Die meiſten von ihnen waren der Meinung, daß das Intereffe eines Individuums, deſſen Talente fuͤr Frankreich ſo gefaͤhrlich wurden, als die hohen Ei⸗ 109 genſchaften Caͤſars fuͤr Nom geweſen waren, gegen das Wohl der Hauptſtadt und der ganzen Nation nicht in Betracht kommen duͤrfte. Victor, Herzog von Belluno, hatte aus dieſen Ruͤckſichten ſeine per⸗ ſoͤnliche Unterwerfung unter die proviſoriſche Regie⸗ rung eingereicht, und ſein Vorgang zog viele andere nach ſich. Allein der wichtigſte Proſelyt fuͤr die koͤnigliche Sache war Marſchall Marmont, Herzog von Naguſa, der, mit 10— 12000 Mann zu Eſſonne lag, und die Aoantgarde der franzoͤſiſchen Armee bildete. Er glaudte in dieſer Kriſis dieſelbe Freiheit wie andere Franzo⸗ ſen zu haben, mehr das Wohl Frankreichs, als das Privat⸗Intereſſe Napoleons zu beruͤckſichtigen, und machte, in der Abſicht, Frankreich von den Uebeln ei⸗ nes Buͤrgerkrieges zu befreien, Gebrauch von ſeiner Stellung, um ſeiner Meinung einen Nachdruck zu ge⸗ ben, den kein anderer in dieſem Augenblick haͤtte ge⸗ ben koͤnnen. Marſchall Marmont war nach einer Unterhanblung mit der proviſoriſchen Regierung auf der einen Seite, und Fuͤrſt Schwarzenberg auf der andern Seite fuͤr ſich und ſein Armeekorps in eine Konvention getreten, zu Folge deren er mit der Di⸗ viſton, welche er kommandirte, in die Kaytonirungs⸗ linie der Alliirten uͤberging, und ſo auf jeden Gedan⸗ ken einer weitern Verfolgung des Krieges verzichtete. Auf der andern Seite verlangte der Marſchall Frei⸗ heit und ehrenvolle Behandlung von Napoleons Per⸗ 1 10 ſon, falls er den Allüirten in die Haͤnde fiele. Er erhielt auch die Garantie, daß ſeinem Armeekorps ge⸗ ſtattet ſeyn ſolle, ſich in die Normandie zuruͤckzuziehen. Dieſe Convention ward zu Chevilly am 3. April un⸗ terzeichnet. Dieſer Schritt wurde als ein Verrath pon Seiten Generals Marmont betrachtet. Iſt aber die Wahl zwiſchen der proviſoriſchen Regierung und dem Kaiſer bei dieſem General mehr als Verrath zu betrachten, als bei andern Marſchaͤllen und Autoritaͤten, welche ſogleich nachher denſelben Schritt thaten? Und wenn der Herzog von Raguſa hierdurch allem weiteren Blut⸗ vergießen vorbeugte, ſollte es nicht(um mit Talley⸗ rand bei einer aͤhnlichen Gelegenheit zu ſprechen) ein Gegenſtand der Freude ſeyn, daß des Marſchalls Uhr um ein paar Minuten ſchneller ging als die ſeiner Collegen? Als Macdonald und Ney Marmont mittheilten, daß ſie die Ueberbringer von Napoleons Thronentſa⸗ gung waͤren, und daß er mit ihnen fuͤr die Commiſ⸗ ſion beſtimmt ſey, ſo fragte dieſer Marſchall, warum er nicht mit den Andern nach Fontainebleau entboten worden ſey, und erwaͤhnte des Vertrags, den er auf eigene Rechnung eingegangen habe. Der Herzog von Tarent machte ihm Vorwuͤrfe uͤber den Nachtheil, der aus jeder Uneinigkeit von Seiten der hohen Offtziere der Armee entſtehen muͤßte. Den Kriegsrath zu Fontainebleau anlangend, erklaͤrte er, daß er unter 111 ſolchen Umſtaͤnden verſammelt worden ſey, daß keine Zeit mehr geweſen, andere Marſchaͤlle beizuziehen, als ſolche, welche nahe bei der Hand geweſen, damit nicht Napoleon mit der Armee vorruͤckte. Die Bevollmaͤch⸗ tigten verlangten von Marmont, die Ausfuͤhrung die⸗ ſer Privat⸗Convention auszuſetzen, und mit ihnen nach Paris zu kommen, um dort ihren Conferenzen beizuwohnen. Er ging darauf ein, ſtieg zu Marſchall Ney in den Wagen, und ließ General Souham, der mit allen andern Generaͤlen ſeiner Diviſion, mit Aus⸗ nahme, zweier, um die Convention wußte, als Be⸗ fehlshaber ſeines Armeekorps mit der Ordre, an Ort und Stelle zu bleiben. Als die Marſchaͤlle nach Paris kamen, fanden ſie den Strom der oͤffentlichen Stimmung ausſchließlich zu Gunſten der Bourbons. Ihre Embleme waren uͤberall angenommen, und die Straßen toͤnten von dem Rufe:„vive le Roi!“ wieder. Die Volksmenge ſchien ſo begeiſtert fuͤr ihre Sache, als ſie noch vor wenigen Tagen gleichguͤltig war. Alles weiſſagte ein unguͤnſtiges Ende fuͤr ihre Sendung, ſo weit ſie die beabſichtigte Regentſchaft betraf. Die Namen und der Karakter der Bevollmaͤchtig⸗ ten verſchaffte dieſen ſogleich Eintritt bei dem Kaiſer Alexander, der ſie mit der ihm eigenthuͤmlichen Ar⸗ tigkeit empfieng.„Ueber den Hauptgegenſtand Ihrer Sendung,“ ſagte er,„koͤnne er nur in Uebereinſtim⸗ mung mit ſeinen Verbuͤndeten handeln;“ verbreitete ſich dann aber weiter uͤber Napoleon insbeſondere. „Er war mein Freund,“ ſagte er;„ich liebte und ſchaͤßte ihn. Seine Ehrſucht noͤthigte mich zu einem furchtbaren Kriege, in welchem meine Hauptſtadt ver⸗ brannt wurde und das groͤßte Elend uͤber meine Lander kam. Allein er iſt ungluͤcklich, und dieſe Uebel ſind vergeſſen. Haben Sie nichts in Betreff ſeiner Perſon vorzuſchlagen? ich will gerne ſein Fuͤr⸗ ſprecher ſeyn.“ Die Marſchaͤlle erwiederten, Napoleon haͤrte keine Bedingungen fuͤr ſich ſelbſt gemacht. Der Kaiſer wollte es kaum glauten, bis ſie ihm ihre Inſtruktionen wieſen, die ſich einzig nur auf oͤffent⸗ liche Angelegenheiten bezogen. Der Kaiſer fragte: ob ſie einen Vorſchlag von ihm hoͤren wollten? Sie antworteten mit gebuͤhrender Cyrfurcht und Verbind⸗ lichkeit. Dann erwaͤhnte er den Plan, der nachmals in Ausfuͤhrung kam; daß Buonaparte uͤber ein klei⸗ nes Gebiet mit einer bedeutenden Revenue, mit Gar⸗ den und andern Emblemen der Wuͤrde, Kaiſer ſeyn ſollte.„Der Platz,“ fuhr der Kaiſer von Rußland fort,„mag Elba oder eine andere Inſel ſeyn.“ Mit dieſer Erklaͤrung wurden die Bevollmaͤchtigten Napo⸗ leons fuͤr den Abend entlaſſen. Marſchall Marmont hatte Alles gethan, was in ſeiner Macht ſtand, die Folgen des militaͤriſchen Schrittes aufzuhalten, den er auszufuͤhren unternom⸗ men hatte, intem er es ohne Zweifel fuͤr beſſer hielt⸗ mit ſeinen Waffenbruͤdern Hand in Hand zu gehen, 443 als bei einem Gegenſtande von ſolcher Verantwort⸗ lichkeit fuͤr ſich allein zu handeln; aber der Zufall be⸗ ſchleunigte, was er aufzuhalten wuͤnſchte. Napoleon hatte den Grafen Sonham, der die Diviſion zu Eſ⸗ ſonne in Marmonts Abweſenheit kommandirte, zu ſich entboten. Es wurde kein Grund fuͤr dieſen Be⸗ fehl angegeben, auch war aus dem Boten nichts her⸗ auszubringen, was uͤber den Grund dieſer Ordre haͤrte Aufſchluß geben koͤnnen. Souham ſchoͤpfte da⸗ her Verdacht, Napoleon habe von der Konvention zu Chevilly Wind bekommen. In dieſer Beſorgniß be⸗ rief er die andern Generale, welche mit im Geheim⸗ niſſe waren, um Mitternacht zu einem Kriegsrath, in welchem beſchloſſen wurde, ohne weitere Befehle von Marſchall Marmont abzuwarten, die Konvention ſogleich damit zu vollziehen, daß ſie mit den Trup⸗ pen in die Linien der Verbuͤndeten uͤbergingen. Die Dioiſton brach am 5. April um 5 Uhr auf und mar⸗ ſchierte einige Zeit mit großer Ellfertigkeit, da ihre Bewegung, wie ſie vermutheten, zu einem Seiten⸗ angriff auf die Poſition der Verbuͤndeten berechnet war; als ſie aber merkten, daß ihr Vorruͤcken von einer Kolonne bairiſcher Truppen beobachtet, jedoch nicht unterbrochen wurde, begannen ſie die wahre Abſſcht der Bewegung zu argwohnen. Als es offen⸗ kundig wurde, fand ein Aufruhr ſtatt und einige polniſche Lanciers brachen vom Hauptkorps auf und ritten nach Fontainebleau zuruͤck; alſein der Inſtinkt W. Scott's Werke. LX, 114 der Kriegszucht ſchlug vor, und die Offiziere ſahen ſich im Stande, die Soldaten in ihre neuen Quar⸗ tiere nach Verſailles zu fuͤhren. Sie waren jedoch mit der Maßregel, in welche ſie mit hineingezogen wurden, nicht ausgeſoͤhnt, und in wenigen Tagen brach ein wirklicher Aufruhr aus, der nur mit vieler Muͤhe beruhigt wurde. Mittlerweile wurden die Kommiſſaͤre Buonapar⸗ te's in eine Konferenz mit den verbündeten Souve⸗ raͤnen und Miniſtern in voller Berathung zugelaf⸗ ſen; allein es laͤßt ſich denken, daß ſolche ihnen mehr der Form wegen zugeſtanden wurde, als ob die Ver⸗ buͤndeten mit den Bevollmaͤchtigten der franzoͤſiſchen Armee ernſtlich unterhandeln wollten, denn daß die Souveraͤne von einem Plan abzugehen geſonnen wa⸗ ren, zu welchem ſie ſich bereits durch eine Proklama⸗ tion verpflichtet, und auf deren Gewaͤhrſchaft hin ſchon Tauſende gehandelt hatten. Dennoch wurde als Ge⸗ genſtand der Betrachtung fuͤr die Verſammlung die Frage angekündigt, ob die projektirte Regentſchaft oder die Wiedereinſetzung der Bourdons als Baſis der Uebereinkunft anzunehmen ſey. Die Generale Beurnonville und Deſſolles wurden zur Antwort auf da aſinnen der Bevollmaͤchtigten von Fontainebleau gehoͤrt, als noch vor Beendigung der Debatte die Nachricht von dem Marſch von Marmonts Diviſion nach Verſailles anlangte. Dit Bevollmäͤchtigten wa⸗ ren uͤber dieſe unerwarrete Nachricht beſtuͤrzt, der . 115 Kaiſer aber benutzte die Gelegenheit und erklaͤrte, die Alliirten wuͤrden mit Buonaparte nur gegen unbe⸗ ingte Thronentſagung unterhandeln. 1 Mit dieſer Antwort, etwas gemildert durch das Anerbieten einer unabhaͤngigen Fuͤrſtenwuͤrde ſuͤr ih⸗ ren alten Gebieter, kehrten die Marſchaͤlle nach Fon⸗ tainebleau zuruͤck, waͤhrend der Senat ſich mit der Entwerfung einer freien Verfaſſung beſchaͤftigte, unter welcher die Bourbons auf den Thron gerufen wer⸗ den ſollten. Napoleon ſann in ſeiner Abgeſchiedenheit zu Fon⸗ tainebleau, mit wenig Hoffnung auf guͤnſtigen Erfolg der Sendung der Marſchaͤlle, uͤber die Zukunft nach. Er ſchloß, daß die Souveraͤne, wenn ſie auf den Vorſchlag einer Regentſchaft eingingen, die furchtbar⸗ ſten Garantien gegen ſeine eigene Einmiſchung in die Regierung nehmen wuͤrden, und daß Frankreich unter ſeiner Gemaͤhlinn Marie Louiſe, die kein Ta⸗ lent fuͤr oͤffentliche Geſchaͤfte beſaß, wahrſcheinlich un⸗ ter die Leitung eines oͤſterreichiſchen Committees zu ſtehen kaͤme. Schon dachte er, wieder das Gluͤck des Krieges zu verſuchen, und haͤtte wahrſcheinlich den ſeiner Natur entſprechenderen Entſchluß gefaßt, wenn ihm nicht der Obriſt Gourgaud die Nachricht gebracht haͤtte, daß die Diviſton Marmont am Mor⸗ gen des 5. Aprils in die feindlichen Kantonnirungen uͤbergegangen ſey.„Der Undankbare!“ rief er,„al⸗ lein er iſt mehr zu bedauern, als ich!“ Er haͤtte 116 ſich mit dieſem Gedanken begnuͤgen ſollen, wofuͤr ihn, wenn er auch ungerecht gegen den Marſchall war, Jedermann bemitleidet und entſchuldigt haͤtte. Allein am naͤchſten Tage erließ er eine Art Appella⸗ tion an die Armee uͤber die Feierlichkeit militaͤriſcher Verpflichtung, als waͤre ſie heiliger, denn die Pflicht eines Patrioten gegen ſein Vaterland; ein Schritt, den er beſſer unterlaſſen haͤtte, da man allgemein wußte, zu welcher Hoͤhe er die Grundſätze willkuͤhr⸗ licher Gewalt geſteigert hatte. Als die Marſchaͤlle zuruͤckkehrten, hoͤrte er auf den Bericht ihrer fehlgeſchlagenen Unterhandlung als auf ein Ergebniß, das er erwartet haͤtte; allein wie waren ſie erſtaunt, als, ſtatt des uneigennuͤtzigen Benehmens, welches er bei ihrem Abgang gezeigt, nun beinahe ſeine erſte Frage war, welche Fuͤrſorge ſie fuͤr ihn perſoͤnlich getragen haͤtten, und was man uͤber ihn verfuͤgen wuͤrde? Sie ſagten ihm, es ſey der Vorſchlag gemacht worden, er ſolle als unab⸗ haͤngiger Souverain in Elba oder anderswo reſidi⸗ ren. Napoleon ſchwieg einen Augenblick.„Oder auch anderswo!“ rief er aus.„Das muß in Kor⸗ ſika ſeyn! Nein! Nein!— ich will nichts mit Kor⸗ ſika zu ſchaffen haben. Elba? wer weiß etwas von Elba? ſucht einen Offizier, der mit Elba bekannt iſt. Seht nach, ob uns nſcht Buͤcher oder Karten etwas Genaueres uͤber Elba ſagen!“ In einem Augenblick war er ſo genau mit der Lage und den Oertlichkeiten 117 dieſer kleinen Inſel bekannt, als ob er niemals Kai⸗ ſer von Frankreich, ja beinahe der ganzen Welt ge⸗ weſen waͤre. Allein Buongparte's Natur war egoi⸗ ſtiſch. Er wußte wohl, wie wenig es einem Kaiſer ziemte, auf eine Krone zu verzichten, und uͤber ſeine zukuͤnftigen Tage zu unterhandeln; er ſchloß daher mit Recht, daß er, wenn er mit Großmuth ſeine Rolle ſpielte, am beſten bei denen, mit welchen er es zu thun hatte, eine entſprechende Freigebigkeit hervorrufen wuͤrde. Als aber der Wurf gethan war, und ſein Schickſal entſchieden zu ſeyn ſchien, unter⸗ ſuchte er genau, was er fuͤr die Zukunft als ſein Eigenthum zu betrachten haͤtte. Seine Gedanken von Frankreich auf Elba wenden, hieß eben ſo viel, als wenn der Elephant, der Artillerie zu tragen ge⸗ wohnt iſt, ſeinen Ruͤſſel zum Sammeln von Steck⸗ nadeln braucht. Allein Napoleon fiel dieß nicht ſchwer, weil er dieſe beiden Objekte nicht nach ihrem Abſtand betrachtete, ſondern in wie fern ſie ihm zu⸗ gehoͤrten oder nicht.. Nach der Betrachtung einer Nacht faßte der ge⸗ fallene Chef ſeinen Entſchluß, und ſandte Caulain⸗ court und Macdonald noch einmal nach Paris, um mit den Verbuͤndeten gegen eine unbedingte Thron⸗ entſagung zu unterhandeln. Das Dokument war in folgenden Worten abgefaßt:—„Da die verbuͤn⸗ deten Maͤchte proklamirt haben, daß der Kaiſer Na⸗ poleon das einzige Hinderniß an der Wiederherſtellung 118 des Friedens in Europa ſey, ſo erklaͤrt er, daß er fuͤr ſich und ſeine Erben auf den Thron von Frank⸗ reich und Italien verzichtet, weil er jedes perſoͤn⸗ liche Opfer, ſelbſt das ſeines Lebens den Intereſſen von Frankreich zu bringen bereit iſt.“ Obgleich Na⸗ poleon dieſen Schritt gethan hatte, fuhr er dennoch fort, bis zur voͤlligen Abſchließung des Traktats, ſich mit Planen zu tragen, wie er ihn noch brechen koͤnnte. Er mechte Plane, den Ktiegsſchauplatz hinter die Loire zu verlegen— aufzubrechen, und ſich mit Augereau zu verbinden— nach Italien ſich durchzuſchlagen und zu dem Prinzen Eugen zu ſto⸗ ßen. Einmal war er nahe dabei, ſeine Truppen un⸗ ter die Waffen zu rufen, weil ihm ein ſehr ergebener General(Alixr, wie wir glauben) die etwas voreilige Kunde brachte, der Kaiſer von Oeſterreich ſey dar⸗ uͤber unzufrieden, daß die Verbuͤndeten ſeinen Schwie⸗ gerſohn auf ein ſolches Ertrem gebracht haͤtten, und habe ſich entſchloſſen, ihm zu helfen. Auf dieſe Nachricht, welche ſich nachher als voͤllig ungegruͤndet auswies, verlangte Napoleon, die Marſchaͤlle ſollten ihm die uUrkunde der Thronentſagung zuruͤckgeben. Allein da dis Ganze bereits nach aller Form abge⸗ than, einregiſtrirt und abgegeben war, ſo hielten ſich die Marſchaͤlle verbunden, ſie in Haͤnden zu behal⸗ ten und ſich ihrer als des einzigen Mittels zur Rettung Frankreichs aus dieſer furchtbaren Kriſis zu bedienen. 1 119. Buonsvarte muſterte ſeine alte Garde in dem Hofraum des Schloſſes; denn ihre Anzahl war ſo zuſammengeſchwunden, daß in dieſem beſchraͤnkten Platze Raum fuͤr ſie Alle war. Ihr eifriger Zuruf war ſeinem Ohre noch ſo willkommen als je; da er aber ihre geringe Anzahl erblickte, ging ihm das Herz uͤber; er zog ſich in den Palaſt zuruͤck und ließ Oudinot zu ſich kommen.„Darf ich mich auf die Anhaͤnglichkeit der Trupven verlaſſen?“ fragte er.— Oudinot verneinte es ihm, und erinnerte Napoleon, daß er abgedankt haͤtte.—„Ja, aber unter Be⸗ dingungen,“ ſprach Napoleon—„Soldaten verſteh n keine Bedingungen,“ entgegnete der Marſchall;„ſie betrachten Ihre Gewalt als beſchloſſen.“—„So iſt denn von dieſer Seite Alles vorbei,“ ſchloß Na⸗ poleon,„wir wollen die Nachrichten von Paris er⸗ warten!“ Bald darauf langten Macdonald, Caulaincourt und Ney zu Fontainebleau mit dem Traktate an, den ſie nach den von dem Kaiſer von Rußland ent⸗ worfenen Grundbedingungen, an deren Aufſtellung ieſer hauvtſaͤchlichen Antheil genommen, abgeſchloſſen hatten. Unter ſeiner Sanktion hatten die Bevoll⸗ maͤchtigten ſolche Bedingungen erhalten, wie ſie nie zuvor einem entthronten Monarchen zugeſtanden wurden, noch in Zukunft einem zugeſtanden werden duͤrften, ſo lange die Geſchichte die ſchrecklichen Fol⸗ gen davon aufbewahren wird. Nach dieſen Bedin⸗ 120 gungen ſollte Buonaparte Kaiſer bleiben, ſeine Herr⸗ ſchaft aber auf die Inſel Elba im Mittelmeer, die zwanzig Meilen im Umfang enthielt, und gegen 12,000 Einwohner hatte, ſich beſchraͤnken. Er ſonte als eines der gekroͤnten Haͤupter Europa's angeſehen werden,— Leibgarden und eine Seemacht unter⸗ halten duͤrfen, wie ſie den Graͤnzen ſeines neuen Ge⸗ bietes angemeſſen war, und zur Unterhaltung dieſes Hofſtaates wurden ihm noch außer den Revenuͤen der Inſel Elba ſechs Millionen Franken ausgeſetzt. Dritthalb Millionen wurden ferner ſeinen Bruͤdern, Joſephine und den andern Gliedern ſeiner Familte als Jahrgelder feſtgeſetzt,— eine glaͤnzendere Reve⸗ nuͤe, als je ein Koͤnig von England zu ſeiner perſoͤn⸗ lichen Diſpoſition hatte. Man ſchloß nicht unrichtig, daß wenn Buonaparte ſo vortheilhafte Bedingungen fuͤr ſeinen Ruͤcktritt verdiente, es Unrecht war, ihn zu entthronen. Nach andern Ruͤckſichten ſchienen ſich die Bedingungen dieſes Traktats ſo wenig mit geſunder Politik, als mit allen fruͤheren Vorgaͤngen zu vertragen. Na⸗ men, Wuͤrde, militaͤriſche Gewalt und unumſchraͤnkte Macht als Kaiſer an den Potentaten eines ſolchen Liliputerlandes abzugeben, war aͤußerſt poſſierlich, wenn man ſich dachte, Napoleon wuͤrde ſich in ſol⸗ cher Abgeſchiedenheit ruhig verhalten, und gefaͤhrlich, wenn er Mittel ſuchen ſollte, Europa auf's Neue in Bewegung zu ſetzen. 12 1 Es war kein Kompliment fuͤr Buonaparte's Ge⸗ ſchmack, daß man ihm den armſeligen Schatten ſeiner fruͤheren Gluͤcksumſtaͤnde ließ, da die ehrenvollſte Abgeſchiedenheit eine ſolche war, die Einſamkeit mit Sicherheit und gehoͤrigem Lebenaunterhalt vereinigte, nicht eine ſolche, die eine leere Parade und ſchnoͤde Karikatur auf ſeine fruͤhere Groͤße war. Allein die Zeit zeigte ungluͤcklicherweiſe, was Manche gleich an⸗ fangs weiſſagten, daß ſein Geiſt nicht ſobald in dem engen Kreiſe, in den er gebannt war, wieder auf⸗ ſtrebte, als auch der Kaiſertitel und die Kaiſermacht, unterſtutzt von ergebenen Leibgarden und erfahrenen Raͤthen, eine, wenn gleich duͤrftige Einlage bildeten, womit der kühne Spieler wieder das gefaͤhrliche Spiel⸗ um ſeine verlornen Reiche beginnen konnte. Elba uͤberdieß, der Sitz ſeiner neuen Souveraͤnitaͤt, ſo nahe bei Italien, in ſo geringer Entfernung von Frankreich, ſchien gefliſſentlich dafuͤr auserwaͤhlt zu ſeyn, ſeine Wiederauferſtehung in der politiſchen Welt fuͤr die Zukunft zu beguͤnſtigen. Die anderen Stipulationen dieſes aufſerordentlichen Traktats ver⸗ theilten einen Theil der Napoleon zugeſicherten Re⸗ venuͤen unter die Glieder ſeiner Familie. Die ver⸗ nuͤnftigſte war noch diejenige, welche fuͤr Marie Louiſe und ihren Sohn die Herzogthuͤmer Parma, Piacenza und Guaſtalla mit unumſchraͤnkrer Souveräͤ⸗ nitaͤt feſtſetzte. 1 22 Außer dieſer wurden alle andern Stipulationen auf Koſten von Frankreich gemacht, deſſen proviſoriſche Regierung uüber die eingegangenen Bedingungen gar nicht befragt worden war. Erſt als die uͤbeln Erfolge dieſes ſeltſamen Trak⸗ tats hervortraten, fragte man ſich, warum, und nach welchem Grundſatze er gleich Anfangs eingegangen wurde? Eine hohe Perſon ward als ihr Urheber an⸗ gegeben. Man tritt dem Andenken Kaiſer Alexan⸗ ders nicht zu nahe, wenn man die Vermuthung auf⸗ ſtellt, daß er, im Beſitze vieler guten und hoͤchſt ehrenwerthen Eigenſchaften, als ein beſtaͤndiges, hoͤchſt wichtiges Mitglied der großen Konfoͤderation, ſich dennoch ſeiner Erziehung unter ſeinem franzoͤſiſchen Hofmeiſter La Harpe erinnerte, und nicht ganz frei von ihren Einwirkungen blieb. Hiezu geſellt ſich immer jene Aet prunkender Empfindſamkeit, welche ſich darin gefaͤllt, Handlungen der Wohlthaͤtigkeit in theatraliſchen Scenen aufzu⸗ fuͤhren, und in vollem Maaße den Beifall des Vol⸗ kes entgegen zu nehmen, auf den ſie berechnet ſind. Die anſteckende Luft von Paris— das Freudenge⸗ ſchrei— die Schmeichelei— das Gluͤck auf einer Hoͤhe, die man nicht gehofft— der Wunſch, jede Art von Mißvergnuͤgen zu verbannen, und uberall eine froͤhliche Feſtlichkeit zu verbreiten, aus welchen Niemand ſich unzufrieden entfernen ſollte— der Wunſch, mit einem Worte, Großmuth zur Stunde des Gluͤckes zu zeigen, ſchien Aleranders Herz mehr offen gelegt zu haben, als die Regeln der Weisheit oder Klugheit haͤtten geſtatten ſollen. Es iſt groß⸗ muthig, zu geben, noch großmuͤthiger, zu verzeihen; allein Gunſt und Verzeihung in demſelben Augen⸗ blicke zu ſpenden, die Eriſtenz eines Nebenbuhlers zu ſichern, der niedergeſtreckt vor ſeinen Fuͤßen liegt, 125 von allen Seiten Dank und Komplimente, ja ſelbſt aus dem Munde der Beſiegten hinzunehmen, iſt der bezauberndſte Triumph eines ſiegreichen Souveraͤns. Erſt die Folgen lehren ihn, wie eitel und nutzllos ſich oft verſchwenderiſche Wohlthaͤtigkeit ausweist, und daß er bei dem Verſuche, große Maßregein fuͤr Na⸗ tionen ſo zu nehmen, daß ſie ullen gefallen und Ge⸗ nuͤge thun, nothwendig in die Regeln ſowohl der Ge⸗ rechtigkeit, als der Weisheit eingreift, und durch un⸗ bedachte Hingebung an romantiſche Empfindelei neue Ungluͤcksperioden fuͤr die ganze civiliſirte Welt her⸗ berfuͤhren kann. Die andern thaͤtigen Parteien bei dem Trakrate waren der Koͤnig von Preußen, der nicht Urſache hatte, den, von ſeinem Vervuͤndeten, dem Kaiſer Alexander, entworfenen Traktat auf der Goldwage abzuwaͤgen, und der Kaiſer von Oeſterreich, dem es ſein Zartgefuͤhl nicht zuließ, gegen Stipulationen einzuſprechen, die zu Gunſten ſeines Schwiegerſohns gemacht wurden. Die Marſchaͤlle ihrer Seits nahmen mit Ver⸗ gnuͤgen an, was ſie wahrſcheinlicher Weiſe nie wuͤr⸗ den gefordert haben; ſie ſahen, daß die Armee durch jeden, wenn auch widerſinnigen Beweis von Achtung gegen ihren früheren Kaiſer mehr gewonnen wuͤrde, und kannten vielleicht Buonaparte dahin, daß ihm die Erhaltung der aͤußern Zeichen kaiſerlicher Wuͤrde, wenn auch in verjuͤngtem Maßſtabe, immerhin er⸗ freulich ſeyn wuͤrde. Der Bevollmaͤchtigte einer Macht ſah die Uebel voraus, welche ein ſolcher Trak⸗ tat herbeifuͤhren koͤnnte, und remonſtrirte dagegen; allein das Uebel war gethan, und der Traktat nach allen ſeinen Details geſchloſſen, bevor noch Lord Caſtlereagh nach Paris gekommen war. Der eng⸗ liſche Miniſter aber fand, daß der Kaiſer von Ruß⸗ 124 land im Namen der andern Alliirten ſeine Rolle aufs beſte geſpielt hatte, und beſtand, um einen Frieden nicht aufs Spiel zu ſetzen, der unter ſo driu⸗ genden Umſraͤnden geſchloſſen worden, nicht laͤnger auf ſeiner Einſprache, weigerte ſich jedoch, im Na⸗ men ſeiner Regierung, dem Traktate beizutreten, in wie weit er nicht Territorial⸗Beſtimmungen be⸗ traf, insbeſondere aber lehnte er von Seiten Englands ab, den Kaiſertitel anzerkennen, welchen der Traktat Napoleon zugeſtand. Wenn wir jedoch alle Einwuͤrfe, die der Traktat von Fontainebleau hervorrief, freimuͤthig ausgeſpro⸗ chen haben, ſo muͤſſen wir andrerſeits geſtehen, daß die verbuͤndeten Souveraine darin politiſch handel⸗ ten, daß ſie einen Vergleich unter was immer fuͤr Bedingungen zu Stande brachten, und den Krieg nicht dadurch erneuerten, daß ſie Napoleon in Ver⸗ zweiflung brachten, und die Marſchaͤlle zwangen, 1u Ehrgefuͤhl ſich wieder fuͤr ſeine Sache zu er⸗ klaͤren. Als der Traktat Napoleon vorgeleſen wurde, wand⸗ te er ſich zum letztenmale an ſeine Marſchaͤlle, und forderte ſie auf, ihm nach der Loire oder nach den Alpen zu folgen, und ſo einem Vergleiche zu ent⸗ gehen, den er fuͤr aͤußerſt ſchimpflich hielt; allein ihm ward durch ein allgemeines Stillſchweigen ge⸗ antwortet. Die Generale, an welche er ſich wandte, wußten zu wohl, daß die Anſtrengungen, welche er machen konnte, mehr den Charakter eines Raͤuber⸗ hauptmanns, der ſeine Untergebenen von der Pluͤn⸗ derung des Landes, und zwar des eigenen Landes nahrt, als dem eines kriegeriſchen Monarchen glichen, der zu beſonderem Zwecke und an der Spitze eines regelmaͤßigen Heeres kriegt. . 1 25 Napoleon las ihren Entſchluß in ihren Blicken und entließ die Verſammelten, indem er naͤchſter Tage eine Antwort verſprach, mittlerweile aber die Ratifikation des Traktats verweigerte, und von Cau⸗ laincourt ſeine Thronentſagung zuruͤckverlangte, ein Anſinnen, deſſen Erfuͤllung dieſer Miniſter gleichfalls verweigerte. Das Ungluͤck drang jetzt ſo ſehr auf Napoleon ein, daß es den trotzigſten Sinn endlich brechen mußte. Die Truppen der Verbuͤndeten hatten ſich all⸗ maͤhlich bis an die Ufer der Loire verbreitet. Fon⸗ tainebleau war von ihren Detachements umaeben; ven allen Seiten verließen die franzoͤſiſchen Offiziere ſowohl, als die Soldaten ſeinen Dienſt; er konnte nicht mehr laͤnger in Sicherheit ſeinen Palaſt verlaſſen. Paris, erſt kurz noch die Hauptſtadt, in welcher ſein Wille Geſetz, wo jedes Wort, gegen ihn geſpro⸗ chen, ſchaͤrfer verpoͤnt war, als eine Gotteslaͤſterung, war der Schauplatz von dem Triumphe ſeines Ne⸗ benbuhlers und ſeiner eigenen Schmach geworben. Der Freudenruf, der ſonſt den Kaiſer empfieng, be⸗ willkommte nun an den Tuillerien Monſieur, den Bruder des wieder eingeſetzten Koͤnigs, der mit dem Charakter eines General⸗Lieutenants des Koͤnig⸗ reiches gekommen war; die Preſſen, die ſich ſo lange beſchaͤftigt hatten, den Ruhm des Kaiſers zu ver⸗ kuͤnden, boten nun alle ihre Kunſt und Bosheit auf, ſeine wirklichen Fehler ans Licht zu kehren, und ihm ſolche, die er nie hatte, aufzubuͤrden. Er war in der Lage eines Weidmannes, der von ſeinen eigenen Hunden zerriſſen wird. Noch ruͤhrender war es jedoch, Hoͤflinge, Kreatu⸗ ren und ſelbſt Domeſtiken, die von ſeinem Laͤcheln gelebt hatten, zu ſehen, wie ſie unter verſchiedenen Vorwaͤnden von ihm ſich losſagten, um den Bour 126 bons ihre Anhaͤngigkeit zu reweiſe und in der neuen Welt, die zu Paris ſich aufgethas, ihr Gluͤck zu ma⸗ chen. In ſolchen Augenblie cken geſchiht es, daß die menſchliche Natur ſich in ihrem ⸗chlechteſten Lichte zeigt, daß die niedrigſten ſelbſtfuͤchtignen Zuͤge des Charakters, die in dem Verlauf des ge woͤönlichen Lebens niemals erwocht waͤren, hervortreten, und das leitende Lebensprinzip werden. Da ſind die Leute denn in der Lage woylgezogener, andaͤndiger Perſonen, welche aus dem gewoͤhntichen Platze des Verkehrs in den Strudel eines Volksgedraͤnas ver⸗ ſetzt werden, wo ſie ſich mit allem elbſtſuchtigen Vorlaugen nach eigener Sicherheit oder Beguem⸗ lichkeit, und mit all' der Richtachtung der Rechte Anderer benehwen, welche die abgemeſſenen Manieren der Hoͤflichkeit unterdruͤckt, aber nicht ausgerottet baben. Freunde und Anhaͤnger fielen von dem ungluͤck⸗ lichen Nepoleon wie das Laub von dem verwelkenden Baum ab; und diejenigen, welche Scham oder Mit⸗ leid noch in der Naͤhe ſeiner Perſon zuruͤckhielt, war⸗ reten nur einen ſchicklichen Vorwand ab, der ſie wie das leichte Wehen eines Windes gleichfalls abſtreifen ſollte. Der Abfall erſtreckte ſich auf jeden Rang, von Berthier, der die tiefſten Geheimniſſe ſeines Herzens theilte, und ſelten von ſeiner Seite kam, bis auf den Mameluken Ruſtan, der queer uͤber der Schwelle ſeines Zimmers ſchlief und den Leibgardiſten machte. Es waͤre ungereimt, das Benehmen des armen Afrikaners 87 radeln zu wollen; allein die Arr und Weiſe von Berthiers Abſchited darf nicht uͤbergangen werden. Er batr um Erlaubniß, einiger Geſchaͤfte wegen nach Paris zu gehen, und ſagte, er wollte *) ſch für ſich anfuͤhren, bei ſeinem bleiben, und nicht wieder ruücczutehren. — 1 27 am andern Tage wieder zuruͤckkehren.„Er wird necht zurückkehren,“ ſogte Napoleon ruhig zu dem Herzog von Baſſano.—„Was!“ entgegnete der Miniſter,„kann dieß der Abſchied Berthiers ſeyn?“ —„ich ſage Ihnen ja!— er wird nicht mehr zu⸗ ruͤckkehren.“ Der entthronte Souverain hatte jedoch den Troſt, zu jehen, daß die Anhaͤnglichkeit mehrerer getrenen: Diener durch das Unglück, wie das Gold im Feuer bewahrt und gereinigt wurde. Die Verwandten und Angehoͤrigen Napoleons zo⸗ gen ſich gleich ſeinen vertrauten Freunden in dieſem allgemeinen Schiffbruche ſeines Gluͤcks von ihm zu⸗ ruck. Es darf nicht vergeſſen werden, daß den Tag vor der Sch’acht dei Paris meyrere Mitglieder von Napoleons Miniſterium ſich mit der Kaiſerinn Marie Louiſe davon machten, um der nahenden Kriſis zu entgehen. Sie hielten zu Blois, wo Joſepb und andere Mitglieder der Buonaportiſchen Familie ber ihnen eintrafen. Fuͤr einige Zeit behauptete dieſe Vereinigung den Karakter und die Sprache eines Raths der Regentſchaft, verbreitete Proklamationen und ſuchte als Regierung aufzutreten. Die Nach⸗ richt von der Einnahme von Paris und die folgenden Ereiguiſſe beſtimmten Joſeph und Jerome Buona⸗ parte, ſich in die Provinzen hinter der Loire zuruck zu ziehen. Marie Louiſe ſcylug es aus, ſie zu be⸗ gleiten, und waͤhrend die Sache noch beſtritten war, langte Graf Schouwalow, einer der oſterreichiſchen Miniſter an, um ſie unter ſeinen Schutz zu nehmen. Die ephemere Regentſchaft brach ſomit auf, und fleh nach verſchiedenen Richtungen hin; die Bruͤber Buo⸗ naparte's nahmen ihren Weg nach der Schweiz, waͤ!⸗ rend der Kardina! Feſch und Napoleons Muller ſich nach Rom zuruͤckzogen. 123 Marie Louiſe machte mehr denn einmal den Ver⸗ ſuch, zu ihrem Ehegemahl zu kommen, allein ſie wurde von Napoleon ſelbſt davon abgebracht, der, immer noch damit umgehend, den Krieg zu erneuern⸗ nicht wuͤnſchen konnte, die Kaiſerinn bei einem ſolchen Unternehmen in ſeiner Naͤhe zu haben. Bald darauf beſuchte der Kaiſer von Oeſterreich ſeine Tochter und ihren Sohn in ihrem zeitigen Aufenthalt zu Ram⸗ bouillet, und gab ihr zu verſtehen, daß ſie füͤr einige Zeit wenigſtens von ihrem Gemahl getrennt bleiben, und nebſt ihrem Sohne mit ihm nach Wien zurück⸗ kehren muͤßte. Sie kehrte ſomit unter den Schutz ihres Vaters zuruͤck. Es iſt noch als eine auſſerordentliche Zugabe zu dieſer Leidensgeſchichte zu erwaͤhnen, daß Joſephine, die fruͤhere Gemahlinn Buonayartes ſeinen Sturz nicht lange uͤberlebte. Es ſchien, als wenn Obi von Martiniko wahr geſprochen haͤtte; denn zur Zeit, als ſich Napoleon von der Genoſſinn ſeines fruͤheren Gluͤckes trennte, neigte ſich ſeine Groͤße, und ihr Tod erfolgte nur wenige Wochen nach ſeiner Ent⸗ thronung und Verbannung. Der Kaiſer von Rußland hatte dieſe Dame be⸗ ſucht, und ihr einige Aufmerkſamkeit geſchenkt, worüber Napoleon aus Gründen, die wir nicht errathen koͤn⸗ nen, aͤußerſt aufgebracht war. Sie ward in dem Traktat von Fontainebleau reichlich bedacht, lebte aber nicht ſo lange, daß ihr dieſe Wohlthat zu gut gekommen waͤre, denn ſie er⸗ krankte gleich nachher und ſtarb auf ihrer ſchoͤnen Villa Malmaiſon. Sie ward am 3. Juni in dem Dorfe Rueil beerdigt. Eine ungeheure Menſchen⸗ menge aus den niedern Klaſſen wohnte dem Leichen⸗ begaͤngniß bei; denn ſie hatte den Namen einer Be⸗ ſchuͤzerinn der Armen wohl verdient. 3 —.— —-———