Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ¹ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt:„ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 5 3 7„—„ 35„.„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Napolsons Anſtalten gegen eine Ueberziehung Frankreichs.— Die von den ⸗Alliirten durch den Baron von St. Aignan vorge⸗ ſchlagenen Friedensbedingungen.— Grundlagen des Vertrags. — Kongreß zu Mannheim.— Lord Caſtlereagh.— Manifeſt der Alliirten.— Napoleons Antwort.— Sie iſt nicht aufrich⸗ tig gemeint.— Zuſtand der Parteien in Frankreich.— 1¹) die Anhänger der Bourbons,— die Haupt⸗Parteigaͤnger derſelben;— ²) die alten Republikaner.— Das franzöſiſche Volk, im Allge⸗ meinen ades Krieges uͤberdruͤſſig und die Abſetzung Napoleons wuͤnſchend.— Des Kaiſers fruchtloſe Verſuche, den National⸗ geiſt zu wecken.— Außerordentlicher Staatsrath vom 11. No⸗ vember, wo neue Taxen auferlegt werden und eine Aushebung von 500,000 Mann beſchloſſen wird.— Beſtuͤrzung des Staats⸗ raths, Napoeons Heſtigkeit.— Bericht des geſetzgebenden Koͤr⸗ 8 Pers an Napoleon uͤber den Zuſtand der Nation.— Napoleons Unwille beim Empfang des Berichts.— Vertagung des ge⸗ ſetzgebenden Koͤrpers.— Es werden Kommiſſaͤre in die Depar⸗ tements geſchickt, um das Volk außzuwiegeln;— es gelingt 2 ihnen nicht.— Ununterbrochene Thaͤtigkeit des Kaiſers.— Aufruf an die Nationalgarden.— Napoleon ſtellt denſelben rie Kaiſerinn und ſeinen Sohn vor, und nimmt Abſchied vom Volke.— Er verlaͤßt am 25. Januar 1814 Paris voll niederſchlagender Vorgefuͤhle, um ſich zur Armee zu begeben. Waͤhrend ſolche Dinge in der Naͤhe Frankreichs vorgingen, bot der Kaiſer Allem auf, um zur Ver⸗ theidigung ſeines Gebietes eine Macht aufzuſtellen, die der Vorſtellung, die man ſich von der großen Na⸗ tion noch immer machen ſollte, einigermaßen ent⸗ ſpraͤche. Er vertheilte die mit ihm zuruͤckgekommenen 76 oder 60/000 Mann laͤngs dem Rhein, ohne ſich durch die Meinung derjenigen, welche dieſe Macht fuͤr zu ſchwach hielten, eine ſo betraͤchtliche Strecke zu ver⸗ theidigen, irre machen zu laſſen. Die Richtigkeit ihrer Anſichten gab er zu, ſtellte die Anwendbarkeit derſelben auf den gegenwaͤrtigen Fall aber in Abrebe. Die Staatsklugheit, ſagte er, erheiſche nun, von den großen Anſpruͤchen, welche Frankreich zu machen habe, nicht abzuſtehen; die Oeſterreicher und Preußen wer⸗ den der Feldzuͤge waͤhrend der Revolution noch wohl gedenken, und ſich huͤten, Frankreich als eine bewaff⸗ nete Nation aufs Neue anzugreifen. Dieſe Furcht muͤſſe ſo lange als moͤglich, und beinahe auf jede Ge⸗ fahr hin in denſelben unterhalzen werden. Seine Macht zuſammenziehen, hieße ſeine Schwäche zu er⸗ kennen geben und eingeſtehen, daß es ihm an Mitteln gebreche, die zuſammengeſchmolzenen Bataillons zu er⸗ gaͤnzen, und, was noch unkluͤger waͤre, man wuͤrde dadurch das Volk auf dieſe traurige Wahrheit auf⸗ merkſam machen; kurz, es gehe aus dieſen Gruͤnden hervor, daß man den Schein fuͤr ſich haben muſfe, wie ſchlecht man auch von der Wirklichkeit unterſtuͤtzt ſeyn moͤge. Andererſeits ließen die verbündeten Herr⸗ ſcher ihre ungeheure Macht, welche ſich mit Einſchluß der Reſeryen wohl auf eine halbe Million Streiter 7 belaufen mochte, nach und nach gegen das rechte Rheinufer vorruͤcken. 3 Die Bedenklichkeiten des Kaiſers von Oeſterreich und die Achtung, die ver Muth der Franzoſen und die Talente ihres Anführers der Coglition einftoͤßten⸗ wirkten um dieſe Zeit auf ihre Berathungen ein; ehe man ſich wieder auf Feindſeligkeiten einlaſſen wollte, bei denen man auf's Aeußerſte gefaßt ſeyn mußte, ent⸗ ſchloß man ſich, dem Kaiſer der Franzoſen nochmals Friedensbedingungen anzubieten. Der zu dieſem Behufe gewaͤhlte Agent war der Baron von St. Aignan, ein tuͤchtiger, an einem der deutſchen Hoͤfe beglaubigter Diplomate, der in die Haͤnde der Verbuͤndeten gefallen und wieder in Frei⸗ heit geſetzt worden war, mit dem Auftrage, den fran⸗ zoͤſiſchen Kaiſer ihrer Bereitwilligkeit zu verſichern, unter billigen Bedingungen auf einen Vertrag ein⸗ zugehen. Selbſt die engliſche Regierung gab frei zu erken⸗ nen, daß ſie hiezu geneigt ſey, und, um der Wohl⸗ that eines Friedens ſich zu verſichern, zu bedeutenden Verwilligungen ſich verſtehen wuͤrde. Napoleon hatte alſo abermals Gelegenheit, auf Bedingungen zu unter⸗ handeln, wobei er ſich zwar der angemaßten und un⸗ gerechten Oberherrſchaft uͤber die europaͤiſchen Kabinette entſchlagenen mußte, die ihm aber immer noch einen angeſehenen Rang unter den Souverainen Europa's ge⸗ laſſen haben wuͤrden. Seine Hartnaͤckigkeit machte ihn jedoch zu einem ſchlechten Unterhaͤndler, ſofern er nicht volle Macht behielt, die Bedingungen ſelbſt zu beſtimmen. Sein Beharren auf einem einmal gefaß⸗ ten Entſchluſſe, in manchen andern Faͤllen ſehr zweck⸗ maͤßig, war gerade hier von nachtheiliger Wirkung, weil es ihn abhielt, fuͤr den Frieden etwas aufzuopfern, woruͤber er jetzt noch freie Gewalt hatte, die ihm ſpaͤterhin entging. Die Zaͤhigkeit, die er dadurch be⸗ wies, war ein Hauptzug in ſeinem Charakter. Er haͤtte ſich etwa bewegen laſſen, ſeine Anſpruͤche auf Koͤnigreiche und Provinzen, die er wieder zu erobern vermochte, aufzugeben; handelte es ſich aber von etwas, das er noch beſaß, ſo hielt er es feſt, und es moͤchte minder ſchwierig geweſen ſeyn, einem Loͤwen ſeine Beute zu entreißen. Daher wurden, als ein Ungluͤck uͤber das andere ihn verfolgte, die Unterhand⸗ lungen zwiſchen ihm und den Verbuͤndeten dem Han⸗ del aͤhnlich, der nach der alten Geſchichte mit dem roͤmiſchen Koͤnige um die Buͤcher der Sibylle abge⸗ ſchloſſen ward; der Preis des Friedens ſteigerte ſich, gleich dem jener geheimnißvollen Buͤcher, gegen ihn mit jeder neuen Conferenz. Niemand wird ſich dar⸗ uͤber wundern, wenn er bedenkt, daß die Anſpruͤckt der ſich im Vortheile beſindenden Partei nach Maß⸗ gabe der abnehmenden Macht des unterliegenden Theils natuͤrlich ſteigen muͤſſen. Daſſelbe wird aus einem Ruͤckölick auf fruͤhere Verhandlungen hervorgehen. Vor dem Kriege mit 9 Rußland haͤtte Napoleon, beinahe nach ſeinen eigenen Bedingungen, Friede machen koͤnnen, wuͤrde er einer Art von Obergewalt entſagt haben, welche er bei Auf⸗ ſtellung ſeiner Armeen an der Grenze von Polen uͤber ein unabhaͤngiges und maͤchtiges Reich ausuͤben zu wollen ſchien. Es lag zwiſchen den beiden Kaiſern nichts mehr im Streite, als der Punkt der Gleichheit, welchen Alerander, um gegen ſich und ſeine Unterthanen gerecht zu ſeyn, unmoͤglich aufgeben konnte. Der Kongreß zu Prag war anderer Art. Der Wechſel des Kriegs, oder vielmehr die Folgen von Napoleons eigener Uebereilung hatten ihn einer uner⸗ meßlichen Armee verluſtig gemacht, und ſowohl Preu⸗ ßen als Oeſterreich von ſeinem Einfluſſe befreit; und dieſe Maͤchte, in Vereinigung mit Rußland und Eng⸗ land, konnten einen ſolchen Vertrag verlangen und er⸗ zwingen, der Preußen gegen das nochmalige Verſinken in einen Zuſtand der Heloten oder Gibeoniten ſicher ſtellen, und Oeſterreich, das zwar in eine ſo abhaͤngige Lage nicht kommen konnte, der Gefahr uͤberheben mußte, auch in Zukunft noch mancher ſchoͤnen Provinz beraubt, und laͤngs feiner Grenze durch alle die Kriege beunruhigt zu werden, welche die bekannte Ehrſucht der franzoͤſiſchen Regierung erwecken duͤrſte. Doch druͤckten die von dem Fuͤrſten Metternich vorgeſchla⸗ genen Bedingungen nur die Befreiung Deutſchlands von dem franzoͤſiſchen Einfluſſe und die Zuruͤckgabe Illyriens aus. Hollands und Spaniens Schickſal 10 wurde verſchoben bis zum Abſchluſſe eines allgemeinen Friedens, dem auch England beitreten ſollte. Wenn nun gleich Polen und Illprien als verloren und die Linie an der Elbe und der Oder gegen die vereinigten Heere der Alliirten als nhaltbar zu betrachten war, ſor weigerte Buon ewarte ſich dennoch, dieſe Bedingun⸗ gen anzunehmen, es wuͤrde denn die weitere darau geknuͤpft, daß die Hanſeſtaͤdte unter dem franzoͤſiſchen Einfluſſe verbleiben ſollten; und auch dieſe bedingte Einwilligung ſyrach er erſt nach Ablauf des fuͤr den Kongreß beſtimmten Waffenſtillſtandes aus. Nach dem Verluſte von ſieben Schlachten, und nachdem die Verbuͤndeten ſich erklaͤrt hatten, von kei⸗ ner weitern Verhandlung hoͤren zu wollen, ſo lange noch ein franzoͤſiſcher Soldat auf deutſchem Boden ſich befinden wuͤrde, mit Ausnahme der Gefangenen und der Garniſonen belagerter Feſtungen, mußten freilich die Forderungen dieſer Souveraine ſteigen, be⸗ ſonders da England, auf deſſen Koſten der Krieg groͤgtentheils gefuͤhrt wurde, an den Konferenzen An⸗ theil genommen hatte, und deſſen beſondere Intereſſen nun auch zu beruckſichtigen waren.„ Die Bedingungen fuͤr Napoleon, unter welchen er Frieden und Verbuͤrgung ſeiner Herrſchaft erlangen konnte, hatten ſich alſo im Verhaͤltniß zu dem Erfolge ſeiner Feinde im Preiſe gehoben. 1 Der Graf Aberdeen, bekannt als ein Mann von Talent und Kenntniſſen, wohnte von Seiten Groß⸗ 11 brittanniens den Unterhandlungen bei, welche mit dem Baron St. Aignan gepflogen wurden. Die von den Alltirten vorgeſchlagenen Grundlagen zu dem Vertrage waren folgende: Frankreich ſollte allem unnatuͤrlichen Laͤnderzuwachs, der ihm durch die Ersberungen Napo⸗ leons geworden, entſagen, und in ſeine natuͤrlichen Greuzen, den Rhein, die Alpen und die Pyrenaen, zursckireten, wobei es dann im Beſitze der reichen belgiſchen Provinzen geblieben waͤre. Die Unabhaͤngig⸗ keit Italiens, Deutſchlands und Hollands war be⸗ ſtimmt ausgeſprochen. Spanien, welches mit Huͤlfe Englands und durch eigene Anſtrengung von dem franzoͤſiſchen Joche ſich beinahe ſchon abgeloͤst hatte, ſollte unter Ferdinand gleichfalls ſeine Unabhaͤngigkeit wieder erlangen. Dieß waren die Umriſſe der vorgeſchlagenen Be⸗ dingungen; doch wird allgemein behauptet, daß. haͤtte Buonaparte ſich aufrichtig geneigt gezeigt, darauf ein⸗ zugehen, man ſolchen Modiſicationen wuͤrde Raum gegeben haben, die ihm jene Bedingungen annehm⸗ licher gemacht haben wuͤrden, als ſie, fuͤr ſich betrach⸗ tet, klangen. Es waren Miniſter in den Kabinetten der alliirten Souveraine, welche fuͤr Eugen Beauhar⸗ nois, der in gutem Rufe ſtand, geſtimmt waren, und anriethen, denſelben in Ober⸗Italien als Koͤnig ein zuſetzen, waͤhrend Murat den ſuͤdlichen Theil dieſer Halbinſel behalten ſollte. Dieſeloen Rathgeber wuͤrden Holland fuͤr unabhaͤngig genug gehalten haben, wenn — 1 2 der gewiſſenhafte Ludwig Buonaparte deſſen Ober⸗ haupt geblieben waͤre. Was Spanien betrifft, ſo war daſſelbe nach Napoleons eigener Ueberzeugung ſeinem Eiinfluſſe entruͤckt, da er mit dem Gefangenen in Va⸗ lencay wegen der Wiedereinſetzung in ſein Reich in Unterhandlung ſtand. Es haͤtte daher mittelſt einer geſchickten Leitung ein Vertrag zu Stande gebracht werden koͤnnen, welcher, waͤhrend er dem Namen nach die Unabhaͤngigkeit von Italien und Holland ausſprach, dem Kaiſer allen den weſentlichen Einfluß gelaſſen haben würde, den ein ſo ſtarker Geiſt uͤber einen Bruder, einen Schwiegerſohn und Schwager, die ihm ihre Erhebung zu danken hatten, haͤtte ausuͤben koͤn⸗ nen. Seine Macht konnte auf dieſe Weiſe ſo furcht⸗ bar befeſtigt und ſein Reich ſo ſicher geſtellt werden, daß er von nirgenoͤher einen Angriff zu fuͤrchten hatte; nur mußte er friedliche Geſinnungen gegen andere Nationen zeigen, um die vollkommene Ruhe Frank⸗ reichs und der ganzen Welt zu ſichern. Aber es vertrug ſich nicht mit dem hochfliegenden Ehrgeize Napoleons, ſich mit irgend einem Grade von Macht, den er einer Unterhandlung zu verdanken hatte, zu begnugen. Seine Lieblingsphraſe bei ſolchen Gelegenheiten, die er neuerlich auch ſeiner Gemahlinn in den Mund gelegt hatte, war:„er vermoͤge auf keinem Throne zu ſitzen, deſſen Ruhm befleckt ſep.“ Dieß war ein ſeltſamer Mißbrauch der Worte; hatte ſein Ruhm gelitten, was in militaͤriſcher Hin ſicht allerdings der Fall war, ſo konnte dieſes Unglück, als die Folge von verlornen Schlachten, nicht dadurch ver⸗ größert werden, daß er ſich in Bedingungen fuͤgte, die ihm nach ſeinen Niederlagen angeboten wurden. Der Verluſt einer Schlacht gereicht dem geſchlagenen Feldherrn mehr oder weniger zum Voörwurf; aber es entehrt einen patriotiſch geſinnten Fuͤrſten keineswegs, enn er ſich zu Opfern verſteht, um dadurch die Gei⸗ ßel eines verlaͤngerten und ungluͤcklichen Krieges zu entfernen. Laſſen wir jedoch dem Andenken eines ſo ausgezeichneten Mannes Gerechtigkeit wiederfahren! Wenn das wohlverdiente Vertrauen auf den Eifer und die Tapferkeit ſeiner Truppen, und auf ſein eigenes Feldherrntalent ihn zu dem großen politiſchen Fehler verleiten konnte, einen ehrenvollen Frieden auszuſchla⸗ gen, ſo zeigen die ſeltſamen Wechſelfaͤlle des Feld⸗ zugs 1814 zur Genuͤge, in wieferne ſein Vertrauen begruͤndet war. Um dieſe Zeit lud Maret, der Herzog von Baſ⸗ ſano, die Verbuͤndeten ein, zu Mannheim einen Kon⸗ greß zu halten und die Friedens⸗Praͤliminarien in Erwaͤgung zu ziehen, und von Seiten Großbrittanniens wurde Lord Caſtlereagh, ein Kabinetsminiſter, abge⸗ ſandt, um daſſelbe bei dieſer wichtigen Gelegenheit zu vertreten. Der Parteigeiſt, der in Laͤndern, wo freier Ausſpruch der Meinungen geſtattet iſt, gerne die beſten und wuͤrdigſten Maͤnner verunglimpft, deren politiſche Meinungen er bekaäͤmpft, hat dieſen 14 Staatsmann zu ſeinen Lebzeiten, und ſogar nach ſei⸗ nem Tode verleumdet. Dieß iſt eines der Uebel, um welches die Freiheit, und zwar um ſo wohlfeiler er⸗ kauft wird, als die Stunde der Widerlegung niemals ausbleibt. Jetzt, wo die Schmeichelei und der Haß keinen Gegenſtand mehr an ihm haben, muß die unpar⸗ teiiſche Geſchichte ihm die Grabſchrift ſetzen, daß ſein unerſchuͤtterlicher Muth, ſeine maͤnnliche Standhaftig⸗ keit und tiefe politiſche Einſicht es vorzuͤglich ſind, die in die Berathungen der Alliürten jenen Geiſt der Beharrlichkeit und Ausdauer gebracht haben, die in manchen ſchwierigen Faͤllen ihre Stuͤtze geweſen ſind, und zuletzt das ſiegreiche Ende des merkwuͤrdigſten Kampfes herbeigefuͤhrt haben, den Europa jemals ge⸗ ſehen hat. Inzwiſchen ſprachen beide Parteien ihre Sehnſucht nach Frieden aus, überzengt, welche guͤnſtige Meinung das franzoͤſiſche Volk von denjenigen faſſen wuͤrde, die ſich am bereitwilligſten zeigten, der Welt die Segnun⸗ gen der Ruhe zu gewaͤhren, nach der ſich Alles ſehnte. Die Monarchen erließen ein Manifeſt, worin ſie ſich uͤber die Anſtalten, die Buonaparte zur Ergaͤn⸗ zung ſeiner Heere traf, wiewohl mit Unrecht, beklag⸗. ten; denn Napoleon mochte nun fuͤr den Frieden oder fuͤr den Krieg geſtimmt ſehn, ſo hatte er allerdings das Recht, auf Vertheidigungsmittel zu einer Zeit zu denken, wo Frankreichs Grenzen von Feinden umge⸗ ben waren. Der ubrige Theil dieſes Manifeſtes ge⸗ 15 ſiel beſſer, weil er Wahrheit ſprach; es hieß darin, der Sieg habe die Alliirten an den Rhein gefuͤhrt, ſie wollten aber von ihren Vortheilen keinen andern Gebrauch machen, als dem franzoͤſiſchen Kaiſer einen auf die Unabhaͤngigkeit Frankreichs, ſo wie jedes andern Landes gegruͤndeten Frieden vorzuſchlagen; ihr Wunſch ſey, daß Frankreich groß, maͤchtig und gluͤcklich ſeyn moͤge, weil das ganze geſellige Syſtem von Europa auf der Macht Frankreichs beruhe. Sie zeigten ihre Bereitwilligkeit, ihm eine groͤßere Ausdehnung ſeines Gebiets zu geſtatten, als es unter ſeinen aͤltern Kö⸗ nigen gehabt habe, verlangten aber zugleich Nuhe fuͤr Europa. Kurz, der Friede follte auf eine ſolche Weiſe hergeſtellt werden, daß gegenſeitige Gewaͤhrleiſtung und ein wohlberechnetes Gleichgewicht der Macht in Zukunft vor dem grenzenloſen Elend ſchuͤtze, unter welchem die Welt zwanzig Jahre lang geſeufzet habe. Dieſe oͤffentliche Erklaͤrung ſchien anzudeuten, daß der Krieg von Seiten der Coalition bis jetzt noch nicht gegen Napoleons Perſon oder Dynaſtie, ſondern einzig gegen ſein Syſtem der Diktatur gerichtet ſey. Die Verbuͤndeten erklaͤrten ferner, daß ſie ihre Waffen nicht eher niederlegen wuͤrden, als bis der Zuſtand Europa's nach unabaͤnderlichen Grundſaͤtzen feſtgeſtellt und die Heiligkeit der Vertraͤge anerkannt ſeyn werde. Ein Schreiben von Caulaincourt an Metternich vom 2. December enthaͤlt die Antwort Napoleons, und beſagt, Buonaparte erkenne den Grundſatz an, 7 16 nach welchem der Friede auf der volligen Unabhaͤngig⸗ keit der europaͤiſchen Staaten beruhen ſolle, ſo daß ſich keiner kuͤnfrig eine Oberherrſchaft oder Diktatur unter irgend einer Form anmaßen duͤrfe. Es war deßhalb erkläͤrt,„wie Seine Majeſtät die von Hrn. von St. Aianan mitgetheilten allgemeinen Bedingun⸗ gen annehme.— Fraukreich werde große Opfer zu bringen haben, Seine Majeſtaͤt werde ſolche aber nicht bedauern, wenn England durch gleiche Opfer zur Her⸗ beifuͤhrung eines fuͤr alle betheiligten Staaten ehren vollen Friedens beitragen wolle.“ Ein flaͤchtiger Blick auf, dieſes Actenſtuͤck zeigt, daß Napoleon, waͤhrend er ſich das Anſehen gab, den Frieden nach den von den Alliirten vorgeſchlagenen Bedingungen zu wuͤnſchen, es gar nicht aufrichtig meinte. Seine Antwort war ſehr ſchlau darauf berechnet⸗ die Verminderung ſeiner eigenen ungemeſſenen Macht mit dem Seekoder in Verbindung zu bringen, nach weichem England und alle andern Nationen ſeit Jahr⸗ hunderten gehandelt hatten, und der den Nationen, die uͤber zahlreiche Flotten verfuͤgen, denſelben Vor⸗ theil gewäͤhrt, den die Continentalmaͤchte ſich nach der Sitte des Landkrieges durch große Armeen verſchaffen können. Die aus dieſem Koder hervorgehenden Rechte hatte England zu Ende ſeines traurigen amerikaniſchen Krieges behauptet, als die bewaffnete Neutralitaͤt bloß dazu gebildet wurde, daſſelbe in einer ſchwachen Stunde dieſes Bollwerks ſeiner Seemacht zu berauben. Auch 17 waͤhrend des gegenwaͤrtigen Krieges gegen ganz Eu⸗ ropa, an deſſen Spitze Frankreich und Napoleon ſtan⸗ den, iſt ſolcher vertheidigt worden. England konnte ſich ſeine Seerechte nicht wohl in einem Augenblick verkuͤmmern laſſen, wo ſeine Flaggen an allen Kuͤſten ſiegreich wehten, wo ſeine eigene Armee ſieggekroͤnt auf dem franzoͤſiſchen Boden ſtand, und wo endlich die zahlreichen, mit ſeiner Huͤlfe ausgeruͤſteten Schaa⸗ ren ſeiner Alliirten an der Rheingrenze ſchlagfertig ſtanden. Der Kaiſer der Franzoſen haͤtte, um den ihm angebotenen Frieden mit Europa zu ſchließen, eben ſo wohl von England verlangen koͤnnen, daß es Irrland oder Schottland abtrete.. Man kann auch nicht behaupten, es ſey der Po⸗ litik gemaͤß geweſen, einen ſolchen Gegenſtand zur Sprache zu bringen, um dadurch gleichſam einen Zank⸗ apfel unter die Alliirten zu werfen; denn dieſe wa⸗ ren nicht geſtimmt, das Seegeſetz, wie es England ausuͤbte, mit eiferſuͤchtigen Augen zu betrachten, was vielleicht zu andern Zeiten der Fall geweſen ſeyn mochte. Die Maͤchte des Seſtlandes erinnerten ſich vielmehr der weit verderblicheren Maßregeln, durch welche Buonaparte jenen Seekoder hatte entkraͤften wollen, und durch welche Rußland zum Widerſtand aufgerufen, und die Coalition groͤßtentheils veranlaßt worden war. Da Buonaparte ſonach von der Ein⸗ miſchung der ſeerechtlichen Frage weder einen direkten noch indirekten Vortheil hoffen konnte, da ferner nicht W. Scott's Werke. Lix. 3 — — —— „ 13 3 anzunehmen iſt, daß ein ſo kluger Mann, wie er, aus blindem Haſſe gegen England dergleichen gethan habe, ſo folgt, daß er ſich dadurch nur das Mittel verſchaffen wollte, die Unterhandlungen nach ſeinem Gutdunken wieder abzubrechen und die Schuld davon auf die Englaͤnder zu waͤlzen. England hatte ſich allerrings zum Behuf eines allgemeinen Friedens zu großen Opfern erboten; unter dieſen Opfern war jedoch nur die Zuruͤckgabe der eroberten franzoͤſiſchen Kolonien gemeint, keineswegs aber die Verzichtung auf ſeine Seerechte, welche zu veraͤußern einem groß⸗ brittanniſchen Miniſter nie und nimmermehr, und unter keinerlei Umſtaͤnden erlaubt ſeyn kann. Da fo⸗ nach Napoleons Einwilligung in die ihm durch St. Aignan eroͤffneten Bedingungen ſelbſt wieder gewiſſer⸗ Verbindlichkeit wieder entziehen konnte, ſo ward ſie von den Alliirten und von einem großen Theil der maken ſo bedingt war, daß er ſich nach Gefallen jeder franzöſiſchen Nation als illuſoriſch und als keinen ernſten Vorſatz zum Frieden andeutend betrachtet. Die Unterhandlungen geriethen daher ins Stocken und wurden erſt ſpaͤter, als der Krieg eine andere Geſtalt gewonnen hatte, wieder angeknuͤpft. Mittlerweile zogen die Verbuͤndeten ſo eilig als moͤglich ihre Reſerven heran, und Buonaparte bot Allem auf, um ſeine Streitkraͤfte zu ergaͤnzen; die Maßregeln dazu hatte er ſchon fruͤher getroffen. Schon am 9. Oktober hatte die Kaiſerinn Maire 19 3 Loniſe als Regentin den Senat zuſammenberufen, um eine neue Aushebung von Conſeribirten in Vor⸗ ſchlag zu bringen. Sie erſchien Allen hoͤchſt interef⸗ ſant und zugleich als ein Gegenſtand des Mitleids, als ſie den zwiſchen ihrem Vater und ihrem Gemahl ausgebrochenen Krieg verkuͤndete; allein man nahm es der jungen Fuͤrſtinn uͤbel, als ſie, ihr eigenes Va⸗ terland gleichſam verunglimpfend, ſagte:„Niemand weiß beſſer, als ich, was die Franzoſen zu fuͤrchten haben, wenn ſie die Alliirten nicht von ihren Grenzen zurückweiſen.“ Sie ſchloß mit einer Phraſe, die, weil ſie bei einem fuͤr das oͤffentliche Wohl. hoͤchſt wichti⸗ gen Gegenſtande den Aecent allzuſehr auf die perſoͤn⸗ lichen Geſinnungen des Herrſchers legte, gleichfalls getadelt wurde:„Mit den geheimſten Gedanken mei⸗ nes Gemahls ſeit vier Jahren vertraut, muß ich glauben, daß er einen befleckten Thron, eine ruhm⸗ loſe Krone verſchmaͤhen wuͤrde.“ Als Buonaparte, nachdem er die Truͤmmer der weiland großen Armee nach Mainz gebracht, in St. Cloud ankam, ſtanden ſeine Angelegenheiten um vie⸗ les ſchlimmer, als man erwartet hatte. Ehe wir aber das, was er zu deren Verbeſſerung that, genauer angeben, muͤſſen wir einen Blick auf die beiden Par⸗ teien werfen, die in demſelben Grade an Einfluß gewannen, in welchem die kaiſerliche Macht ſich ab⸗ waͤrts neigte. Die erſte Partei beſtand aus den Anhaͤugern des 20 Hauſes Bourbon, die, durch das enhaltende Gluͤck Napoleons zum Schweigen gebracht, immer noch vor⸗ handen waren, und ſich nun zu ruͤhren begannen. Sie hatten in dem weſtlichen und ſuͤdlichen Theile Frankreichs großen Anhang, und viele derſelben ſian- den mit der verwieſenen Familie in ſtetem Verkehr. Die Altadeligen, die, wenn ſie ſich nicht dem Hofe oder der Perſon Napoleons anſchloßen, verſtockte Rovaliſten blieben, hatten in den Pariſer Zirkeln wie⸗ der einen bedeutenden Einfluß gewonnen., Die Ele⸗ ganz ihrer Sitten, ihr Muth, ihr Ungluͤck, ihre Ab⸗ ſonderung, ihre faſt geheimnißvollen Zuſammenkuͤnfte mußten dieſen Ueberreſten der franzoͤſiſchen Geſchichte ein Gewicht geben, das durch den Zauber, den hiſto⸗ riſchen Namen und eine hohe Geburt uͤben, noch ver⸗ ſtaͤrkt wurde. Buonaparte ſelbſt, als er den Adel wieder als Rangordnung einfuͤhrte, legte denen, welche ſeit Jahrhunderten in Anſehen ſtanden, eine Wuͤrde bei, deren ſeine eigenen neuen Schoͤpfungen nicht theilhaftig werden konnten. Es iſt wahr, daß in den Augen des Philsſophen der große Mann, der einen ausgezeichneten Titel erſt verdient und dann erlangt hat, unendlich mehr Werth beſitzt, als derjenige, der kein anderes Verdienſt als ſeinen Stammbaum außzuweiſen hat; jener wird alsdann wegen ſeiner perſoͤnlichen Eigenſchaften, nicht wegen ſeines Adels geſchaͤtzt. Niemand dachte daran, jenen Marſchaͤllen, deren Namen und Thaten die 124 Welt in Erſtaunen ſetzten, groͤßere Achtung zu zol⸗ len, als Napoleon ſie mit Titeln belohnte. Sie wer⸗ den im Gegentheil in der Geſchithte fortleben, unter ihrem eigenen Namen, der die Einbildungskraft mehr in Anſpruch nimmt, als derjenige, der ihnen durch ihre Pairſchaft geworden iſt. Wenn man aber die heraldiſche Kunſt gewaͤhren laͤßt, ſo bringt ſie die Philoſophie zum Schweigen und verfaͤhrt mit dem Adel wie die Numismatik mit den Muͤnzen, die ſolche nicht nach ihrem innern Gehalt, ſondern nach ihrem Alter ordnet. War dieſes der Fall bei jenen Helden, die ſich als Kriegsmaͤnner die Bahn der Ehre brachen, ſo zeigte ſich dergleichen noch weit mehr bei denen von Buonaparte„in zarter Erwaͤgung“ er⸗ ſchaffenen Titeln, und bei den Rittern, die er mit ſtumpfen Degen bewaffnete. Von dieſen konnte mit Wahrheit geſagt werden: 3 „Ihr nagelneu' Gepraͤge kann Nur muͤhſam Eingang ſich verſchaffen.“ As daher die republikaniſche Wuth erloſch, und Buonaparte die Ehrfurcht des Volkes aͤngſtlich auf Titel und Adel lenkte, ſo gewannen die Beſitzer ſol⸗ cher erblicher Ehren nothwendig einen groͤßern Einfluß. Napoleon wußte dieß wohl und ſchmeichelte ihnen; er fuͤrchtete ſogar dieſe alten Adelsreſte, welche, ſoeern ſie ſich ihm nicht gaͤnzlich dahingaben, auf den ge⸗ ringſten Verdacht hin der Bewachung und der Ein⸗ 22 kerkerung ausgeſetzt waren. Sie wurden aber ſo um⸗ fichtig und behutſam, daß die Polizeiſpionen in ihre Salons und Priyatzirkel nicht einzudringen vermoch⸗ ten. Das Daſeyn dieſer Partei und die Gefahr, die ſie ihm bereiten koͤnnte, machten den Kaiſer noch zu einer Zeit beſorgt, wo ſeine Anhaͤnger vielleicht ſchon vergeſſen hatten, daß noch Bourbons am Leben waͤren⸗ Ney, deſſen Kopf, wie Fouché behauptet, nicht im Stande war, zwei politiſche Ideen zu faſſen, ſagte: „Ich hielt den Kaiſer fuͤr toll, als er zu Smorgony, wo er von der Armee Abſchied nahm, die Worte fal⸗ len ließ: Die Bourbons werden ſich das zu Nutzen machen.“ 3 Dieſe Partei begann nun thaͤtig zu werden, und ein royaliſtiſcher Bund bildete ſich im Mittelpunkte Frankreichs ſchon fruͤher im Maͤrzmonate 1813. Als die vornehmſten Glieder deſſelben werden die Herzoge von Duras, Tremouille und Fitziames genannt, ſo wie die Herren von Polignac, Ferrand, Andrien von Montmorency, Soſthene von La Rochefoucault, Ses⸗ maiſon und La Roche⸗Jacquelin. Koͤniglich⸗geſinnte Befehlshaber wurden in verſchiedenen Gegenden be⸗ ſtelt— der Graf Suzannet in dem untern Poitou, Durat in Orleans und Tours, und der Marjquis von Rivisre in der Provinz Berry. Bordeaux war voll Royaliſten, meiſtens Handelsleuren, welche durch die Continentalſperre in Zerfall gerathen waren, und nur eines Zeichens harrten, um ſich in Bewegung zu ſetzen. 22 Eine andere Faction im Innern, keineswegs fuͤr die Ruͤckkehr der Bourbons geſtimmt, nichts deſto we⸗ niger aber feindlich geſinnt gegen Napoleon, beſtand aus alten republikaniſchen Staatsmaͤnnern und Ge⸗ walthabern, ſammt ihren noch eiſrigeren Anhaͤngern. Dieſe ertrugen es noch immer nicht, daß alle die Fruͤchte der Revolution, wofuͤr ſo viel Elend erduldet, ſo vieles Blut verſpritzt, ſo viele Verbrechen begangen worden, von der rohen Hand eines herrſchſuͤchtigen Kriegers gepfluͤckt wurden. Sie nahmen mit Scham und Kraͤnkung wahr, daß alle ihre Anſtrengungen und Berechuungen endlich von einer uͤbermaͤßigen mi⸗ litaͤriſchen Zwangsherrſchaft verſchlungen worden ſeyen, gegen welche jede andere Regierungsweiſe in Europa freiſinnig genannt werden mochte, die in der Turkey vielleicht allin ausgenommev. Waͤhrend der ſo lange Zeit als ein Syſtem der Sklaverei verſchrieenen Mo⸗ narchie hatte die oͤffentliche Meinung eifrige Verfechter in den Parlamenten und eine gluͤckliche Gelegenheit, ſich kenntlich zu machen; aber in dem kaiſerlichen Frankreich war Alles ſtumm, außer der Stimme der beſoldeten Angeſtellten, der wahren Lobpreiſer der Re⸗ gierung, welche nur das laut werden ließen, was ih⸗ nen von derſelben zugefluͤſtert wurde. Dieſes Gefuͤhl der Herabwuͤrdigung verband insgeheim alle diejeni⸗ gen, welche ein freies Regiment in Frankreich einge⸗ fuͤhrt zu ſehen wuͤnſchten, das dem zu Anfang der Reyolution ins Leben getretenen glich, 24 Die Politiker von dieſer Klaſſe konnten die Zuruͤck⸗ kunft der Familie nicht wuͤnſchen, zu deren Vertrei⸗ bung ſie mitgewirkt hatten, und befurchteten daher mit Recht eine Reaction, womit ein ſolches Ereigniß be⸗ gleitet ſeyn mußte. Allein ſie wollten von Napoleon be⸗ freit werden, deſſen Regierung mit dem Frieden und der Freiheit unvertraͤglich ſchien. Die Idee einer Regentſchaft leuchtete Fouchs und Andern als das stauglichſte Mittel ein, dieſen Zweck zu erreichen⸗ Oeſterreich mußte, wie ſie meinten, ſich zufrieden ge⸗ ben, wenn Marie Louiſe in dem Regentſchaftsrathe den Vorſitz fuͤhrte, als Vormuͤnderiun ihres Sohnes, welchem mit ſeiner Volljaͤhrigkeit die Krone zu Theil werden ſollte. Waͤhrend der Regentſchaft konnten freiſinnigere Grundſatze in die Verfaſſung eingefuͤhrt werden; da aber nicht abzuſehen iſt, mie dieſe Theo⸗ riſten mit Nappoleon verfahren wollten, ſo konnte nur ſein Tod, nur deſſen Gefangenſchaft oder ewige Ver⸗ bannung das Mittel werden, einem ſolchen Manne das Ruder zu entreißen, das ſeine Gemahlinn im Na⸗ men ihres Sohnes fuͤhren ſollte. 1 Gar viele Franzoſen, die uͤbrigens an keine Staats⸗ umwaͤlzung dachten, waren doch ſehr unzufrieden mit der Regierung Napoleons, der, nachdem er das Land der Menſchen und des Wohlſtandes beraubt hatte, zuletzt noch die ganze Bevölkerung der Rache des auf⸗ gebrachten Europa aufopfern zu wollen ſchien. Wenn dieſe hoͤrten, daß Napoleon ſich nicht entſchließen konne, 25 auf einem befleckten Throne zu ſitzen, oder eine ruhm⸗ loſe Krone zu tragen, ſo mochten ſie berechnen, wie viel noch des franzoͤſiſchen Blutes werde fließen muͤſ⸗ ſen, bis jenem ſein Glanz, dieſer ihr Ruhm wieder gegeben ſey. Sie ſahen in Napoleon einen kuͤhnen und ſtarrkoͤgfigen Mann, der, im Bewußtſeyn, ſo manche Hinderniſſe überwunden zu haben, keines der⸗ ſelben fuͤr unbeſiegbar hielt; in ihren Augen war er entſchloſſen, Alles zu erlangen, Alles zu vertheidigen, Alles auf das Spiel zu ſetzen, ohne den Umſtaͤnden auch nur im mindeſten nachzugeben, als waͤre er allein erhaben uͤber das Schickſal, dem doch die ganze Schoͤpfung unterworfen iſt. Dieſe Leute fuͤhlten die Laſt der neuen Taxen, die Schrecken der neuen Con⸗ ſcription*), und wuͤnſchten nichts ſehnlicher, als die Abſetzung des Kaiſers. Wenn nun aber etwas ſehn⸗ lich gemuͤnſcht wird, ſo denkt man auch auf die Mit⸗ tel, die zum Ziele fuͤhren, und ſo wurden die anfaͤng⸗ *) Auf dieſe Klagen wurde haͤufiger erwiedert, Buonaparte ſey fälſchlich bezuͤchtigt worden, Frankreich ſeiner Jugend beraubt zu haben, denn die Bevoͤlkerung habe waͤhrend jener Zeit zu⸗ genommen. Das mag ſeyn, aber es iſt nicht minder gewiß, daß ſein Kriege zuletzt eine Million Conſcribirter verzehrten, und es iſt uns nicht begreiflich, wie die Bevoͤlkerung eines Landes unter ſolchen Umſtaͤnden anzuwachſen vermoͤge, gleich einem Baume, deſſen Wachsthum durch das Beſchneiden be⸗ foͤrdert wird. Eben ſo wenig wird das allgemeine Ergebniß Elrern befriedigen, deren Soͤhne auf die Schlachtbank gefuͤhrt wurden, und eine Mutter, welche ihr Kind verloren, wird ſich nie durch die Nachricht getroͤſtet finden, daß ihre Nach⸗ barinn gluͤcklich von Zwillingen entbunden worden ſey. lich blos Unzufriedenen in Kurzem die entſchiedenen Anhaͤnger entweder der koͤniglich⸗geſinnten oder der liberalen Faction. Dieſe Gefuͤhle, bald der Feindſchaft gegen Napo⸗ leon, bald der Gleichgultigkeit uͤber ſein Schickſal, ſchwaͤchten den Entſchluß, die eindringenden Feinde mit der Waffe des Nationalkriegs zu bekaͤmpfen, den Napoleon von der ſo ſtolzen franzoͤſiſchen Nation aller⸗ dings erwartet hatte; es ward auch nicht verſaͤumt, um ſie dazu zu vermoͤgen. Die Preſſen der Haupt⸗ ſtadt, ſo wie der Provinzen wiederholten den von der Regierung angeſtimmten Ton und riefen maͤnniglich auf, zu den Waffen zu greifen und das Vaterland zu vertheidigen. Ob nun gleich an einigen Orten die Landleute ſich erhoben, ſo bewies die Nation im Gan⸗ zen deutlich genug eine Lanheit, welche nur durch die vorherrſchende allgemeine Idee zu erklaͤren war, daß es in des Kaiſers Macht ſtehe, einen ehrenvollen Frieden zu ſchließen, wenn er ſich nur dazu verſtehen wolle. Mittlerweile wurden neuen Abgaben nothwendig, um die Koſten des herannahenden Feldzuges zu decken und die Reihen des zuſammengeſchmolzenen Heeres zu ergaͤnzen. Napoleon ſchoß wirklich aus ſeinem Privatvermoͤgen die Summe von dreißig Mil⸗ lionen Franken vor; zugleich aber wurden die oͤffent⸗ lichen Taxen um die Haͤlfte erhoͤht, ohnen Zuſtimmung des geſetzgebenden Koͤrpers, welcher damals nicht ver⸗ ſammelt war. In einem am 11, November gehal⸗ 27 tenen außerordentlichen Staatsrathe, zwei Tage nach Napoleons Ankunft in Paris, wollte er dieſe neuen, einem unzufriedenen und erſchoͤpften Lande auferlegten Laſten rechtfertigen, und ſagte:„In gewoͤhnlichen Zeiten werden die Steuern auf ein Fuͤnftel des Ein⸗ kommeus der Unterthanen berechnet; in Zeiten der Noth jedoch iſt kein Grund vorhanden, dieſelben nicht auf den vierten, den dritten Theil, oder gar auf die Haͤlfte des ganzen Einkommens zu ſteigern. In der That! die Abgaben haben keine Grenzen, und ſollten Geſetze vorhanden ſeyn, die das Gegentheil ausſprechen,. ſo ſind ſie ſchlecht erdacht und keiner Beachtung werth.“ Im Rathe wurde ſofort ein Beſchluß des Senats verleſen, nach melchem dreimalhunderttauſend Mann von derjenigen Altersklaſſe ausgehoben werden ſollten, die im verftoſſenen Jahre der Eonſcription entgangen und als befreit anzuſehen war. Es herrſchte ein tie⸗ fes und melancholiſches Schweigen, welches endlich von einem der Raͤthe unterbrochen wurde, der es ta⸗ delte, daß in dem Senatsbeſchluß von einer Invaſion, alſo von einem Gegenſtand die Rede ſey, der unndoͤ⸗ thigen Schrecken verbreiten koͤnne. „Und warum,“— erwiederte Napoleon, der ſeiner natuͤrlichen Heftigkeit den Zuͤgel ließ und mehr, als es die Klugheit gebot, ſeine Abſichten verrieth;— „warum ſoll man nicht die volle Wahrheit ſagen? Wellington iſt im Suͤden eingebrochen; die Ruſſen bedrohen die noͤrdlichen, und die Preußen, die Oeſter⸗ relcher und die Baiern die oͤſtlichen Grenzen; o der Schande! Wellington iſt in Frankreich, und wir ſind nicht in Maſſe aufgeſtanden, ihn zuruͤckzutreiben! Alle meine Verhuͤndeten haben mich verlaſſen; die Baiern mich verrathen. Dieſe ſtellten ſich mir in den Ruͤcken, um mir den Ruͤckzug abzuſchneiden; aber ſie ſind fuͤr ihren Frevel gezuchtigt worden! Keinen Frieden, keinen, bis wir Muͤnchen abgebrannt haben! Es hat ſich im Norden ein Triumvirat gebildet, daſ⸗ ſelbe, welches Polen unter ſich getheilt hat. Ich ver⸗ lange dreimalhunderttauſend Mann von Frankreich— ich will ein Lager von hunderttauſend Mann bei Bor⸗ deaur, ein anderes bei Metz und ein drittes bei Lyon errichten. Mit dieſer Aushebung und dem, was von der vorigen noch uͤbrig iſt, werde ich eine Million Soldaten haben; was bleibt imir am Ende von der jetzigen Aushebung?— Aber ich brauche erwachſene Maͤnner, keine Knaben, die nur die Hoſpitaͤler fuͤllen und auf den Landſtraßen liegen bleiben.— Ich kann in dieſem Augenblicke auf keine andern Soldaten rechnen, als auf geborne Franzoſen.“ „O Sire!“— ſagte einer der Jaherren, erfreut, in einen Gegenſtand ſich einzulaſſen, den er fuͤr zeit⸗ gemaͤß hielt,—„dieſes alte Frankreich muß uns bleiben.“—„Und Holland,“— gab Napoleon mit Heftigkeit zur Antwort,„Holland wollten wir dahin geben? Eher ſollte es in die See zuruͤckſinken. Raͤthe! es muß ein Anſtoß gegeben werden!— Alles muß 29 auf die Beine! Ihr ſeyd Familienvaͤter, ſeyd die Haͤupter der Nation, Ihr muͤßt das Beiſpiel geben! Man ſpricht von Frieden; ich hoͤre nur vom Frieden, wenn Alles rund umher nur vom Kriegsgeſchrei er⸗ toͤnen ſollte.“ Buonaparte hatte ſich von ſeinem Temperament hinreißen laſſen: dieß war die Sprache des ſkandina⸗ viſchen Thor oder des Kriegsgottes von Mexico, der makelloſe, ſeines blutigen Altars wuͤrdige Opfer ver⸗ langt. Aber Buonaparte war nicht mehr im Stande, Andern ſeinen kriegeriſchen Muth einzufloͤßen; man ſah ein, daß die Nation nach den Grundſaͤtzen ihres Herrſchers eine noch groͤßere Gefahr wuͤrde zu beſte⸗ hen haben, und daß, ſelbſt wenn Napoleon Lorbeeren erwuͤrbe, Frankreich nur mit Cypreſſen wuͤrde bekraͤnzt werden. Dieſes Gefuühl war beſonders in der geſetz⸗ gebenden Verſammlung vorherrſchend; denn jeder ſtell⸗ vertretende Koͤrper, welcher aus dem Volke hervorgeht, hat einen natuͤrlichen Hang, deſſen Sache zu ver⸗ fechten. Der Kaiſer hatte freilich Alles gethan, um dieſen Theil der Staatsbehoͤrde, den einzigen, welcher noch einen Schatten von Volksrepraͤſentation bewahrt hatte, jeder noch ſcheinbaren Freiheit, jeder Beurtheilung, jedes Rechts der Vorſtellung und ſeit Kurzem durch einen Ge⸗ waltſtreich ſogar der Befugniß zu berauben, ſeinen eigenen Praͤſidenten zu waͤhlen. Man behauptet, daß er ſich des Mittels von Jakob dem Zweiten bedient habe, durch ſoge⸗ ———„— 2 30 nannte Kabinetsintriken auf einzelne Parlamentsglieder einzuwirken, indem er die Individuen aus dem geſetzge⸗ benden Koͤrper zu geheimen Beſprechungen einlud und ſeinen perſoͤnlichen Einfluß auf ſie geltend machte, welchem, in Betracht, daß hier ein Herrſcher ſprach, ſchwer zu widerſtehen war. Dieſe Kuͤnſte blieben jedoch ohne Erfolg und zeigten blos der Welt, daß der geſetzgebende Koͤrper Unabhaͤngigkeit genug beſitze, ſein Verlangen nach Frieden kund zu thun, indeß der Gebieter unaufhoͤrlich nach Krieg duͤrſtete. Fuͤnf Mitglieder, ausgezeichnet durch Klugheit und Maͤßigung, wurden beauftragt, einen Bericht uͤber die Lage der Nation an Se. Majeſtaͤt zu erſtatten; mit beſcheidenen Worten, aber buͤndig und klar ſpra⸗ chen dieſe die Ueberzengung aus, daß der Kaiſer wohl daran thun vuͤrde, zum Behuf des Friedens ſeine ehrgeizigen Zwecke aufzugeben, und zu gleicher Zeit ſeinen Unterthanen wieder einige Freiheit zu geſtatten, Er moͤge, um die Klage der verbuͤndeten Machte zu ſtillen, welche Frankreich des Strebens nach einer Univerſalmonarchie beſchuldigten, feierlichz erklaͤren, daß er ſolche Abſichten nicht habe. Hiebei erſuchten ſie ihn, dem Beiſpiele Ludwigs des Vierzehnten zu folgen, der, als er die Nation kraͤftig erwecken wollte, ſie mit jeinen Anſtrengungen zur Erlangung des Friedens be⸗ kannt gemacht. Sie meinten, es muͤſſe etwas geſchehen, um die Nation zu uͤberzeugen, daß der Krieg nur zur Sicher⸗ 31 ſtellung ihrer Unabhaͤngigkeit fortgeſetzt werde; es ſey dieß das einzige Mittel, den oͤffentlichen Geiſt wieder zu beleben und das ganze Volk zur Vertheidigung des Vaterlandes unter die Waffen zu bringen; ſie ſchloßen mit dem Antrag, daß Se. Maſeſtaͤt gebeten werde, die Geſetze in Ausuͤbung au bringen, die den Fran⸗ zoſen die Freiheit und Sicherheit ihrer Perſon und ihres Eigenthums und der Nation ihre politiſchen Gerechtſame gewaͤhrten. Wie dem ſtummen Prinzen, als er ſeinen Vater in Lebensgefahr ſah, ſo kam den Vertretern des Volks in der aͤußerſten Noth ihres Landes auch die Sprache wieder, nachdem ſie bisher nur die willenloſen Werk⸗ zeuge ihres despotiſchen Gebieters geweſen waren. Sieht man aber auf die Umſtaͤnde, ſo befand ſich Na⸗ poleon gewiſſermaßen in der Lage des Patriarchen von uz, der von denen, die in ſeiner fruͤhern beſſern Zeit ſeine Freunde geweſen, in ſeiner höoͤchſten Noth nicht getroͤſtet, ſondern mit Vorwuͤrfen beſtuͤr at wurde. Der geſetzgebende Koͤrper hatte in der glanz⸗ vollen Periode Napoleons zu Allem, was er that, wenigſtens geſchwiegen, und nun gab er dem Bedraͤng⸗ ten einen ungenießbaren Rath, anſtatt, mit ihm ſelbſt im Einverſtaͤndniß, dem Volke Vertrauen beizubringen. Ein philoſophiſcher Monarch wuͤrde demungeachtet eher den Werth der ihm anempfohlenen Mittel, als die uͤbrigen Umſtaͤnde erwogen, und ſich durch ein offenes Benehmen und durch Zugeſtaͤndniſſe mit dem geſel⸗ 2 52 gebenden Koͤrper verſöhnt haben. Ein rankevoller und machiavelliſtiſcher Despot wuͤrde die Abgeordneten hin⸗ gehalten und den Umſtaͤnden nachgegeben haben, mit dem Vorſatze, zu gelegener Zeit das zu widerruſen, was ihm der Augenblick zu entwinden wußte. Aber Nappoleon, zu ungeſtuͤmm, um weder der Po⸗ litik noch der Philoſophie Gehoͤr zu geben, ließ ſeiner Entruͤſtung freien Lauf, die, obgleich unvernuͤnftig und unklug, doch ſicher in Beziehung auf diejenigen, mit welchen er es zu thun hatte, nicht unnatuͤrlich war. Er beſchloß ſogleich, die widerſpenſtige Verſammlung zu vertagen; ihr Sitzungsſaal wurde ſofort geſchloſſen und von Soldaten bewacht, indeſſen die Deputirten vor den Thron berufen wurden, wo ihnen der Kaiſer folgendermaßen den Terxt las: „Ich habe den Druck Eurer Adreſſe verbolen. weil ſie aufruͤhreriſch iſt. Eilf Theile von Euch ſind gute Buͤrger, aber der zwoͤlfte beſteht aus Rebellen, und unter dieſen befinden ſich Eure Berichterſtatter. Lainé ſteht mit dem Prinzregenten von England im Briefwechſel, die uͤbrigen ſind Sprudelkoͤpfe und Nar⸗ ren, die, wie die Girondiſten, eine Anarchie verlan⸗ gen, die jene auf das Blutgeruͤſt gebracht hat.— Iſt es denn an der Zeit, eine Aenderung in der Verfaſſung zu verlangen, wenn der Feind an den Grenzen ſteht? Es woͤre doch ſchoͤner, dem Beiſpiele der Elſaͤßer und derer in der Franche⸗Comté zu fol⸗ gen, die von mir Fuͤhrer und Waffen verlangen, um — 53 die Fremden zuruͤckzuſchlagen.— Ihr ſeyd keine Volks⸗ vertreter; Ihr ſeyd blos die Repraͤfentanten der ein⸗ zelnen Departements... Aber Ihr ſuchet in Eurer Adreſſe einen Unterſchied zwiſchen dem Souverain und dem Volke zu machen. Ich— bin der wahrhafte Vertreter des Volkes; wer von Euch vermoͤchte eine ſolche Buͤrde zu tragen? Der Thron iſt nichts als ein mit Sammet uͤberzogener Block;— ich— ich allein ſtehe an Volkes Statt da! Wenn Frankreich eine andere Art von Conſtitution verlangt, als die mir anſtandig iſt, ſo mag es um ſich einen andern Mo⸗ narchen umſehen. Der Feind hat es mehr auf nch, als auf Frankreich angelegt; aber muüͤſſen wir deßhalb einen Theil von Frankreich dahingeben? Opfere ich nicht meine Eigenliebe und das Gefuͤhl meiner Ueber⸗ legenheit auf, um des Friedens willen? Meint Ihr, ich fuͤhre eine ſtolze Sprache? Immerhin— ich bin ſtolz, weil ich Muth habe, und weil Frankreich mir ſeine Groͤße zu danken hat.— Ja, Eure Adreſſe iſt ſowohl des geſetzgebenden Koͤrpers, als meiner unwuͤr⸗ dig. Geht nach Hauſe; ich will Eure Adreſſe mit meinen Bemerkungen in den Moniteur einruͤcken laſſen.— Selbſt, wenn ich Uebels gethan haͤtte, ſo waͤret Ihr nicht berechtigt geweſen, mir ſo oͤffentlich Vorwuͤrfe zu machen. Die Leute waſchen ihre ſchmu⸗ zige Leinwand nicht vor aller Welt Augen;— Mit Einem Worte, Frankreich bedarf meiner mehr, als ich Frankreichs bedarf!"— W. Scott's Werfe. LIx. 3 Mit dieſer Strafrede, die wir nur wenig abgekuͤrzt haben, entließ er die Mitglieder des geſetzgebenden Koͤrpers. Es zeigt dieſelbe in einem merkwuͤrdigen Grade die Heftigkeit ſeines Temperaments; ſeine An⸗ ſicht von der Verfaſſung, als einem Schauſpiel, worin er jede Rolle uͤbernahm, die des Fuͤrſten und die des Volkes; das Vertrauen in ſeine außerordentlichen Ta⸗ lente, die er gegen ganz Frankreich in die Wagſchale legte; endlich die Derbheit und Gemeinheit einiger ſeiner Ausdruͤcke! Die Aufloͤſung des geſetzgebenden Koͤrpers, des einzigen noch etwas volksthuͤmlichen In⸗ ſtituts, war nicht eeignet, das Vertrauen des Volkes zu heben, welches jetzt den Mangel an Eintracht zwi⸗ ſchen dem Kaiſer und ſeinen Vertretern⸗ bemerkte, und bei den uͤbrigen mißlichen Verhaͤltniſeen der Zeit, unſchluͤſſig und keineswegs geneigt ward, ſich zur Ver⸗ theidigung des Vaterlandes zu erheben. Um der Nation einen kraͤftigeren Impuls zu geben, nahm Napoleon ſeine Zuflucht zu einem Mittel, das zur Zeit der Republik ſeine Wirkung nicht verfehlt aͤtte. Er ſandte beſondere Kommiſäre, ſiebenund⸗ zwanzig an der Zahl, in verſchiedene Departements, um die ſchlummernde Kraft der Einwohner zu wecken, und ſie zur Ergreifung der Waffen zu ermuntern. Aber den hiezu gewaͤhlten Senatoren und Staatsraͤthen fehlte es an der ſchrecklichen Energie der republikani⸗ ſchen Prokonſuln; und, obgleich mit aͤhnlichen Vol⸗ 2 machten ausgeruͤſtet, hatten ſie doch nicht den wuͤthen⸗ 35 den Eifer jener ſchrecklichen Demagogen, die ſich uͤber Alles hinwegſetzten. Ihre Sendung war daher von geringem Erfolge; ſelbſt die Conſcription war bei Wei⸗ tem nicht mehr ſo ergiebig; man hatte ſich der Lan⸗ zette ſo oft bedient, daß die Ader faſt kein Blut⸗ mehr gab.. Napoleon bemuhte ſich, durch ſeine raſtloſe Thaͤ⸗ tigkeit, das Fehlende zuerſetzen; des Tags war er ſteis mit der Muſterung der Truppen beſchaftigt, mit der Unterſuchung der Vorraͤthe und mit allen den Vor⸗ kehrungen zu einer verzweifelten Gegenwehr. Des Nachts ſah man ſeine Wohnzimmer in den obern Gelaſſen der Duillerien fortwaͤhrend beleuchtet. Es gelaug ihm, zwoͤlf neue Regimenter zu errichten, und war im Begriff, ſeine Vekeranen zu vermehren, in⸗ dem er Suchet aus Catalonien berief, und einen Kern von Soult's Armee heranzog, der. durch neue Aus⸗ hebungen erſetzt werden ſollte. Der Moniteur und die uͤbrigen Zeitungen prahl⸗ ten mit dem Erfolge der Auſtrengungen des Kaiſers, beſchrieben Reſervearmeen, die nicht eriſtirten, und prieſen die„ſchoͤne Verzweiflung“⸗(le beau désespoir), die ganz Frankreich zu den Waffen treibe, waͤhrend in Wirklichkeit die meiſten Provinzen gleich⸗ gültige den Ausgang des Krieges erwarteten. Der ſtaͤrkſte Beweis, daß Napoleon ſelbſt die heran⸗ nahende Gefahr fuͤhlte, war der Umſtand, daß er die Nationalgarde von Paris aufbot und bewaffne e, was 36 er gewiß nur im hoͤchſten Nothfall und gezwungen that. Da er jedoch fuͤhlte, daß das geringſte Miß⸗ trauen die bewaffneten Burger aufbringen koͤunte, ſo feierte er ſeine Abreiſe an die Grenze dadurch, daß er die Officiere der Nationaigarde in die Tuillerien be⸗ rief. Dort erſchien er unter ihnen mit der Kaiſerinn und ſeinem jungen Sohne, und kuͤndigte ihnen mit herzdurchdringendem Tone an, daß, da er im Be⸗ griffe ſtehe, ſich an die Spitze der Armee zu ſtellen⸗ er der Treue der Buͤrger von Paris die Sicherheit ſeiner Hauptſtadt, ſeiner Gattinn und ſeines Kindes anvertraue. Welche Klagen man auch vielleicht mit Recht gegen Napoleons politiſches Betragen fuͤhren konnte, ſo war doch Niemand ſo ungroßmuͤthig, ihrer in dieſem Augenblicke zu gedenken. Viele Offlciere theilten die Gemuͤthsbewegung, die er zeigte, und einige miſchten ihre Thraͤnen mit denen der beſorgten und kummervollen Kaiſerinn. Dieß geſchah am 25. Januar; am 25. verliesß Napoleon den kaiſerlichen Palaſt⸗ in den er nur nach großem Gluͤckswechſel zuruͤckkehren ſollte. Sein Geiſt war von ungewoͤhnlichen Ahnungen und von dem Vorgefuͤhl des Ungläͤcks ergriffen, vielleicht auch, was wohl Wenige dachten, durch die Ueberzeugung geaͤngſtigt, daß die Nation ſich nach den Bourbons ſehnen duͤrfte. Er war ſogar, ſeiner eigenen Er⸗ zaͤhlung gemaͤß, entſchloſſen, einen„hoͤchſt einfluß⸗ reichen Mann“*) verhaften zu laſſen, den er im Verdacht hatte, einen ſolchen Plan zu beguͤnſtigen. Seine Raͤthe aber hielten ihn von einer ſo gewalt⸗ thaͤtigen Handlung in einem Augenblick ab, wo ſeine Macht taͤglich ſchwankender wurde, und meinten, die verdaͤchtige Perſon habe eben ſo viel Gruͤnde, die Wiedereinſetzung der Bourbons zu fuͤrchten, als er ſelbſt. Der Kaiſer gab in dieſem Punkt nach, druͤckte jedoch mehr als einmal die Beſorgniß aus, daß ſeine Rathgeber und er ſelbſt es noch bereuen wuͤrden; auch trug er Cambacèrés auf, ſich dieſes Individuums zu verſichern, im Falle eine Kriſis in der Hauptſtadt eintreten ſollte. 3 So mit bangen Ahnungen erfuͤllt, eilte er in's Kriegsfeld, wo ihm nur unverhaͤltnißmaͤßige Mittel zu Gebote ſtanden, um die Maſſen, die ſich uͤber Frankreich ergoßen, zu bekaͤmpfen. *) Er ſpielt auf Talleyrand an; denn Fouché, auf den die Be⸗ ſchreibung ſonſt ebenfalls gepaßt haͤtte, war zu dieſer Zeit weder in Paris, noch in der Naͤhe. mshn Zweitres Kapitel. Trk zrung der Alllirten bei ibrem Eintritt in Frankreich.— Sie gehen in die Schweiz und nehmen Beſitz vong Genſ.— Fuͤrſt Schwarzenterg gebt uber den Rhein.— Apathie der Fran⸗ zeſen.— Vereinigung Bluͤcher's mit der großen Armee.— Benehmen des Kronprinzen von Schweden.— Langſainkeit der Allilrten.— Rapoledns geringore Streitmacht.— Schlach⸗ ten von Brienne,— und la Rothiere.— Schwierige Lage Napoleons; er kommt auf den Gedanken, die Krone niederzu⸗ legen.— Er macht einen gluͤcklichen Angriff auf die ſchleſ⸗ ſche Armee bei Champeaubert.— Bluͤcher iſt genoͤthigt, ſich zurückzuzichen.— Die große Armee nimmt Nogent und Montereau— wird von Napolevn angegriffeu, dem Schwar⸗ zenberg ſchriſtliche Vorſtellungen macht.— Montereau wird mit ſuͤrmender Hand genommen.— Napoleons Gewultthä⸗ ztigkeit gegen ſeine Generale.— Die Fefeerreich er veſchließen einen allgemelnen Rüͤckzug bis nach Naney und Laugres.— Lhre Veweggründe.— Der Unwille und die Exceſſe, die da⸗ durch unter den öͤſterreichiſchen Truppben entſtenen.— Ant⸗ wort Napoleons auf den Brief des Fuͤxlien Schwarzenberg.— Fuͤrſt Wenzeslaus wird in Napoleons Pauptanartier geſchickt, um einen Waffenſtillſtand zu unte rhandeln.— Die Franzo⸗ ſen bombardiren Troyes und ruͤcken am 23. Februax dort ein.— Hinrichtung des Royaliſten Goualt.—Ein Dekret verfüͤgt die Todesſtraſe gegen alle, welche die Zeichen der „Bourbons tragen, ſo wie gegen die Emigranten, die ſich an 5 die Allzirten anſchließen wuͤrden.— Ruͤckblick auf die Bewe⸗ gungen an der Grenze. 3 Es war Zeit, daß Buonaparte in Perſon im Felde erſchien, denn die Oſtgrenze ſeines auf allen Punkten angegriffenen Reichs bot den eindringenden Armeen faſt gar keinen Widerſtand dar. Die ver⸗ buͤndeten Souveraine hatten ihre Operationen nach eeinem Syſteme begonnen, das in politiſcher Haͤſ ſcht 4 —— ——,— - 39 gemaͤßigt und vernuͤnftig, in militaͤriſcher kraftvoll und entſcheidend war. Der gluͤckliche Erfolg des letzten Feldzugs hatte ſie nicht verblendet; denn er war um einen hohen Preis erkauft worden, und die Begebenheiten hatten gezeigt, daß es nur dadurch moͤglich ſey, Napoleon zu wider⸗ ſtehen und zu beſiegen, daß man ſeine Veteranen⸗ heere durch die Ueberzahl der Streiter aufwaͤge und eine ſolche Macht gegen ihn verwende, gegen die er mit aller ſeiner Gewandtheit und allen ſeinen Talen⸗ ten nichts auszurichten vermoͤge. Auch gedachten ſie wohl der verzweifelten Anſtrengungen, deren Frauk⸗ eich und die Franzoſen faͤhig ſind, und ſuchten daher vermunftigerweiſe ihre Maͤßigung in einer ſolchen Form auszudruͤcken, daß ſie durchaus nicht, mißyverſtanden werden konnten. 5 In ihren Manifeſten verwahrten ſie ſich gegen die Abſicht, Frankreich irgend eine Regierungsform vor⸗ ſchreiben zu wollen. Sie wünſchten nur, daß es in nerhalb der Grenzen ſeines alten Gebietes ein fried⸗ liches Mitglied des europaͤiſchen Staatenbundes blei⸗ ben und andern Staaten das gewaͤhren moͤchte, was es fuͤr ſich ſelbſt fordere— den vollen Genuß der Freiheit und Unabhangigkeit. Die alliirten Soupe⸗ raine wuͤnſchten dem Syſteme ein Ende zu machen, wodurch das Schickſal der Reiche nicht nach der Groͤße des Rechts, ſondern nach der Schaͤrfe des Schwerdts entſchieden werde. Sie wuͤnſchten, daß alle Herrſchaft 7 8 4⁰ des Maͤchtigen uͤber den Schwaͤchern aufhoͤre, ſo wie auch aller Vorwand zu Uſurpationen, der auf angeb⸗ liche natuͤrliche Grenzen, oder mit andern Worten auf den Anſpruͤchen eines maͤchtigeren Staates beruhe, einem ſchwachen wegzunehmen, was ihm beliebe. Kurz, ſie wuͤnſchten das Gleichgewicht der Macht wie⸗ der herzuſtellen, das ſo lange Zeit der politiſche Zweck der weiſeſten Staatsmaͤnner Europa's geweſen. Son⸗ derbaren iſt es freilich, daß von den drei Nationen, die jetzt vereinigt waren, der Herrſchlucht Napoleons ein Ziel zu ſetzen, Oeſterreich und Rußland ſelbſt bei der Theilung Polens zuerſt das Beiſpiel eines frechen Laͤnder⸗ raubs gegeben hatten und dafuͤr durch denſelben Mann 1 beſtraft worden waren, deſſen Anmaßungen ſie hünnnie⸗ derum ihrerſeits zuͤchtigen wollten. 4 Anlangend die Veraͤnderungen, die in der innern Einrichtung Frankreichs Statt finden koͤnnten, um das Gleichgewicht der Macht wieder herzuſtellen, ſo waren die alliirten Monarchen durchaus nicht geſon⸗ nen, ſich damit zu befaſſen. Wenn ſich Napoleon, erklaͤrten ſie, mit dem allgemeinen Frieden, den ſie vorſchlugen, ausſoͤhnen koͤnnte, ſo wollten ſie ſich kein Recht aumaßen, etwas gegen ſeine fernere Herrſchaft einzuwenden. Sie fuͤhrten Krieg gegen das militaͤriſche Uſurpationsſyſtem und nicht gegen Napoleons Perſon. Koͤnne andererſeits Frankreich nicht zum Zuſtande des Friedens zuruͤckkehren, ohne ſeinen Herrſcher zu wech⸗ ſeln, ſo muͤſſe Frankreich ſelbſt bedenken, auf welche — — 41 Weiſe dieſer Wechſel Statt finden ſollte. Die allir⸗ ten Souveraine ſeyen entſchloſſen, Frankreichs An⸗ maßungen nach außen nicht laͤnger zu dulden; es ſtehe ihm aber frei, innerhalb ſeines eigenen Gebietes eine Regierungsſorm und einen Herrſcher anzuneh⸗ men, wie es ihm beliebe. Dieß waren die eben ſo gerechten als gemzßigten Forderungen der Alliirten; um nun den Franzoſen zu zeigen, daß es ihnen damit ein Ernſt ſev, beſchloſ⸗ ſen ſie, die Grenze des franzoͤſiſchen⸗Reiches zu uͤber⸗ ſchreiten. Von Baſel bis⸗Mainz und von da bis zur Ausmuͤndung der Schelde bildet der Rhein die Grenze von Frankreich und Belgien, eine von der Natur ge⸗ zogene, an und fuͤr ſich ſtarke, und noch durch hun⸗ dert und vierzig Feſtungen, zum Theil vom erſten Range, gedeckte Grenze. Oberhalb Baſel, wo der Rhein Frantreich von der Schweiz ſcheidet, iſt die Grenze zugaͤnglicher; doch konnte man hier nicht operiren, ohne die Neutralitaͤt der Schweiz zu verletzen, die Buonaparte zur Deckung des ſchwachſten Theils ſeiner Grenze hatte gelten laſſen, und die auch von den Alliirten, zufolge der von ihnen uͤber die Rechte der Neutralen ausgeſprochenen Grundſaͤtze, gewiſſermaßen auerkannt werden mußte. Allein die außerordent⸗ liche Leichtigkeit, von dieſer Seite her in Frankreich einzudringen, vermochte Oeſterreich und Preußen, alle Bedenklichkei, zu beſeitigen und die Neutralitaͤt der Schweiz nicht zu berickſchrien. 6. Dieſe beiden Maͤchte erinnerten ſich, daß Napo⸗ leon in dem Feldzuge von Ulm keinen Anſtand ge⸗ nommen hatte, durch das neutrale preußiſche Gebiet von Anſpach und Baireuth zu ziehen, um die oͤſter⸗ reichiſche Armee vollends zu Grunde zu richten; auch vermangelten ſie nicht, aus einer fruͤhern Periode ſei⸗ uer Geſchichte her, ſeine gewaltſame Einmiſchung in die Angelegenheiten der Schweiz anzufuͤhren. Nußland ſtraͤubte ſich zuerſt gegen ein ſolches Naͤſonnement; als man aber haltbare Beweiſe eines Bruches der Nantralitaͤt von Seiten der Schweizer herbeibrachte, da wichen auch Alexanders Gewiſſensſkrupel, und es ward beſchloſſen, daß die oͤſterreichiſche Hauptarmee durch das Schweizergebiet gehen ſollte, um in Frank⸗ reich einzudringen. Sie hielt vor Genf und nahm Beſitz von der Stadt, oder dieſe ward ihnen viel⸗ mehr von den Buͤrgern uͤbergeben. Auch der Kanton Bern, in ſeinen Feudalanſpruͤchen auf das Waadtland von Napoleon fruͤher verkuͤrzt, empfieng die Oeſterreicher nicht als aufgedrungene Gaͤſte, ſondern als Freunde. In ſeinen Manifeſten erhob Buonaparte ein groß 3 Geſchrei uͤber die Ver⸗ letzung des Schweizergebiets. Freilich war dieſer Schritt ſehr zweideutiger Art; aber es war incon⸗ ſeguent von Napoleon, dagegen zu declamiren, da er bei Gelegenheit der Verhaftung des Herzogs von Eng⸗ hien als voͤlkerrechtlichen Grundſatz aufgeſtellt hatte, daß die Verletzung des badiſchen Gebiets eine Belei⸗ 45 digung ſey, uͤber die ſich nur der Landesherr zu be⸗ ſchweren habe. Nach ſeiner eigenen Lehre alſo war keine andere Nation befugt, ſtatt der Schweizer etwas zu ruͤgen, was dieſe ſelbſt zu ruͤgen nicht fuͤr gut fanden. Am 21. December ſetzte der Feldmarſchall Fuͤrſt Schwarzenberg mit der oͤſterreichiſchen Armee auf vier Punkten uͤber den Rhein und ruͤckte gegen Lang⸗ res vor, wie man fruͤher uͤbereingekommen war. Da er ſich aber mit der außerordentlichen Langſamkeit und Puͤnktlichkeit bewegte, welche die oͤſterreichiſchen Mandͤvers charakteriſirt; da er auf unbeſetzte Fe⸗ ſtungen und Paͤſſe dieſelbe Ruͤckſicht nahm, als waͤren ſie im beſten Vertheidigungsſtande geweſen, ſo kamen die Oeſterreicher, die ſchon am 27. December in Langres eintreffen konnten, nicht vor dem 17. Ja⸗ nuar 18214 dahin. Im Anfang ſchien es, als wollte man franzoͤſiſcherſeits den Platz ernſtlich vertheidigen; es lag ſogar eine Abtheilung von Napoleons alter Garde darin. Aber die Ankunft der zahlreichen oͤſter⸗ reichiſchen Verſtaͤrkungen machte die Vorbereitungen zur Vertheidigung der Stadt unnuͤtz, und Langres ward von den franzoͤſiſchen Truppen geraͤumt; nur dreihundert Mann blieben zuruͤck, die ſich am z)ten an General Giulay ergaben. Sogleich ruͤckte eine Divi⸗ ſion Oeſterreicher gegen Dijon vor. Die Apathie der Franzoſen zu jener Zeit erhellt ſchon aus Folgendem: Dijon, von einer Reiterpa⸗ 44 trouille zur Uebergabe aufgefordert, gab zur Antwort, eine Stadt von dreißigtauſend Einwohnern koͤnne ſich mit Ehre nicht wohl an fuͤnfzehn Huſaren ergeben; ſie ſey aber bereit, ihre Thore zu oͤffnen, ſobald eine anſehnliche Macht vor ihren Mauern erſcheinen wuͤrde. Dieſe beſcheidene Bitte ward gewaͤhrt, und Dijon uͤbergab ſich am 19. Januar. Faſt waͤre ſogar Lyon, die zweite Stadt des Rei⸗ ches, den Oeſterreichern in die Haͤnde gefallen; allein die Einwohner zeigten Luſt, die Stadt zu vertheidi⸗ gen, und da ſie noch durch Truppen verſtaͤrkt wurden, ſo zog ſich der oͤſterreichiſche General Bubna aus ih⸗ rer Naͤhe zuruͤck. Groͤßere Thaͤtigkeit von Seiten der Alliirten haͤtte wahrſcheinlich dieſen Unfall verhindern koͤnnen. Es mar der erſte, den ſie bis jetzt in die⸗ ſem Feldzuge erfahren hatten. Waͤhrend die große Armee unter Schwarzenberg ſolchergeſtalt in Frankreich vordrang, hatte die ſchle⸗ ſiſche Armee, ſo nannte man die von dem alten Bluͤ⸗ cher befehligte, und, wie fruͤher, aus Ruſſen und Preußen zuſammengeſetzte Armee, gleiche Fortſchritte gemacht, obſchon ſie groͤßern Widerſtand und groͤßere Schwierigkeiten fand. Dieſe Armee, in vier Kolon⸗ nen oder große Diviſionen getheilt, berannte die ſtar⸗ ken Grenzfeſtungen Metz, Saarlouis, Thionville, Lu⸗ remburg u. ſ. w., ging durch die Paͤſſe der Vogeſen und ruͤckte gegen Joinville, Vitry und Saint⸗Dizier vor. So ſtand ſie in Verbindung mit der großen 1 45 Armee, deren vordere Diviſionen in das Innere von Frankreich bis nach Bar⸗ſur⸗Aube gedrungen waren. Es gab noch eine dritte Armee, die des Nordens genannt. Sie war von dem Kronprinzen von Schwe⸗ den beſehligt, und beſtand aus Schweden, Ruſſen und Deutſchen. Aber der Kronprinz, deſſen Huͤlfe in dem Feldzuge von 1813 von ſo großer Wichtigkeit gewe⸗ ſen war, nahm, wie es ſcheint, keinen ſo thaͤtigen Antheil an dem vom Jahre 181 ½. Zwei wichtige Gruͤnde ſcheinen ihn zu dieſer Unthaͤtigkeit be⸗ ſtimmt zu haben. Die Franzoſen aus Deutſchland vertreiben zu helfen, ſchien eine Pflicht, die der Prinz von Schweden als ſolcher nicht wohl verweigern konn⸗ te, da das Wohl Schwedens ein ſolches verlangte. Aber eine Ueberziehung ſeines Vaterlandes war fuͤr ihn ein unangenehmes und gehaͤſſiges Geſchaͤft, das man ihm nicht wohl uͤbertragen konnte, ſo lange noch in Deutſchland und im Norden ein anderes Feld offen ſtand, wo er ſein militaͤriſches Talent zeigen konnte, ohne ſeinen perſoͤnlichen Gefuͤhlen Zwang an⸗ zuthun. Daͤnemark war immer noch unter den Waſ⸗ fen und Davoust hielt ſich immer noch in Hamburg; jenes mußte im Zaum gehalten, letzteres erobert wer⸗ den. Auch muß man bedenken, daß Schweden als ein kleines Koͤnigreich nicht im Stanbe war, in ſo weiter Entferunng von ſeinen Grenzen einen Krieg zu fuͤhren, der es nicht unmittelbar anging. Seine Armeen konnten nicht mit derſelben Leichtigkeit, wie 46 die der größeren Maͤchte ergaͤnzt werden, und Ber⸗ nadotte wollte ſich daher lieber dem Tadel ausſetzen, kalt in der Sache ſeiner Verbuͤndeten zu ſcheinen, als Gefahr zu laufen, das einzige Truppenkorps zu. verlieren, das Schweden zu ſtellen im Stande war, und von deſſen Crhaltun wahrſcheinlich auch ſein Thron abhing. Doch beſchloſſen die alliirten Souve⸗ raine, daß, waͤhrend der Kronprinz im Norden bleibe, ein Theil des ruſſiſchen und preußiſchen Korps, das unter ſeinen Befehlen ſtand, nach Frankreich ziehen und ihre Macht in Hollund und Belgien verſtaͤrken ſollte. Als nun der Kronprinz nach einem kurzen Kriege mit Daͤnemark dieſe Macht gezwungen hatte, ihm ihre alte Beſitzung Norwegen abzutreten, ſo ließ er Bennigſen zuruͤck, um die Belagerung von Ham⸗ hurg fortzuſetzen, und begab ſich nach Coͤln, um die vollkommene Befreiung Belgiens zu bewerkſtelligen. Die franzoͤſiſchen Truppen, die dort zuſammenge⸗ zogen worden waren, wurden bei Merrent von Gene⸗ ral Buͤlow und Sir Thomas Graham geſchlagen; und obgleich die franzoͤſiſche Fahne noch immer in Antwerpen und Bergen⸗op⸗Zoom wehte, ſo konnte man doch Holland als befreit anſehen. General Win⸗ zingerode, an der Spitze der ruſſiſchen Truppen, und die Sachſen unter Thielemann, die ſchon oben er⸗ waͤhnten von der noroͤdeutſchen Armee herangezogenen Korps, erreichten bald die Niederlande und traten. mit Buͤlow in Verbindung. General Sir Thomas 7 4„ Graham mit den Englaͤndern und Sachſen, und ſo viel hollaͤndiſchen und flammaͤndiſchen Truppen, als er ſammeln konnte, wurde zuruͤckgelaſſen, um Bergen⸗ op⸗Zoom und Antwerpen zu belagern, waͤhrend Buͤlow und Winzingerode in Frankreich eindringen, und ſo in der Stunde der Noth, die bald nachher eintrat, der ſchleſiſchen Armee unter Blucher als Reſerve dienen konnten. Sie kamen bis nach Laon. Dieſe Fortſchritte, welche die Armeen der Allilr⸗ ten bis in das Herz Frankreichs brachten und die Grenzfeſtungen dieſes Königreichs in Blokadeſtand ver⸗ ſetzten, fanden einen ehrenvollen, obgleich unwirk⸗ ſamen Widerſtand, überall, wo die franzoͤſiſchen Trup⸗ pen es mit den ſo ſehr uüberlegenen Feinden nur einigermaßen aufnehmen konnten. Das Landvolk er⸗ wieß ſich im Allgemeinen weder freundlich noch feind⸗ lich gegen die Alliirten. In manchen Orten wurden ſie mit Frendenbezeigungen empfangen, in einigen andern verſuchte man einigen Widerſtand zu leiſten; verzweiſelten Widerſtand aber fanden die Alliirten nirgends. Sie thaten auch Alles, um ihre Truppen in Ordnung zu erhalten; allein bei ſo vielen leichten Truppen, Uhlanen, Kroaten und Koſaken, deren ein⸗ ziger Sold das war, was ſie plunderten, mußten freilich hin und wieder Ueberſchreitungen Statt fin⸗ den. Doch war der Dienſt dieſer unregelmaͤßigen Truppen unumgaäuglich nothwendig, beſonders konnte man die Koſaken das Auge der Armee nennen. Ge⸗ 4 8 woͤhnt, wenn es noͤthig war, in kleinen Abtheilungen zu agiren, durchſtreiften ſie Waͤlder, ſchwammen durch Fluͤſſe, kamen oft unerwarteterweiſe in Doͤrfer, die viele Meilen von der Hauptarmee, zu der ſie gehoͤr⸗ ten, entfernt lagen, und brachten ſo den Franzoſen einen Begrif von der Anzahl und der Thaͤtigkeit der Auiirten bei, der die Wahrheit bei Weitem Aber⸗ ſtieg. Dieſe Araber des Nordens, wie Napoleon ſie nannte, kuͤndigten ihre Banden immer als den Vor⸗ trab einer bedeutenden Macht an, fuͤr die ſte Auar⸗ tier und Proviant beſtellten; und ſo wußten ſie die Einwohner durch Schrecken zu Allem zu bringen. Man ſagt ihnen nicht nach, daß ſie grauſam geweſen er wenn ſie gereizt wurden; doch ſollen ſie teinen der Verſuchung zum Pluͤndern nicht nden haben. Die Streifzuͤge dieſer und an⸗ derer leichter Truppen brachten dayer dem franzoͤfi⸗ ſchen Gebiete großen Nachtheil. 3 3 Doch gab es auch einige Beiſpiele, daß bewaffnete Buͤrger in Staͤdten, von kleinen Streifparteien der Alltirten zur Uebergabe aufgeſordert, auf Parlamen⸗ taͤrs fruerten, und ſo zu ſtrengen Repreſſalien Anlaß gaben. Man ſagt, Buonaparte habe dergleichen aus⸗ . druͤglich befohlen, um wo moͤglich einen toͤdtlichen Haß zwiſchen den Franzoſen und den Alliirren zu erregen. Wirllich ſchienen in den verſchiedenen Lagen, in denen ſie ſich jetzt uͤber ſtanden, Napoleon und die oͤſterreichiſchen Generale ihr Syſtem und ihre 5* 49 Meinungen gegenſeitig gewechſelt zu haben. Nun rief er, wie der Erzherzog Karl 1809, jeden Bauern zu den Waffen, waͤhrend Schwarzenberg, wie Napo⸗ leon in jener Periode, jedem Bauern, der dem Befehl gehorchen wuͤrde, mit militaͤriſcher Hinrichtung ohne Gnade drohte. Der unparteiiſche Geſchichts⸗ ſchreiber muß in beiden Faͤllen bemerken, daß die Pflicht des Widerſtandes zur Vertheidigung unſeres Vaterlandes keineswegs von der Art der Waffe, oder von der Farbe ſeines Rockes abhaͤngt, und daß der bewaffnete Bürger eben ſo gut wie der regelmaͤßige Soldat die Kreegsgeſetze zu ſeinen Gunſten in An⸗ ſpruch nehmen kann, ſo lange er ſelbſt ſie nicht ver⸗ letzt. Aber aus dieſen verſchiedenen Umſtaͤnden ließ ſich ſchließen, daß die gegenwaͤrtige Apathie des fran⸗ zoͤſiſchen Volkes nur temporaͤr ſey, und daß irgend eine ploͤtzliche und unvorhergeſehene Urſache leicht ein ſo reizbares und ſtolzes Volk zu einem allgemeinen Widerſtande aufregen koͤnnte, durch welchen die Alliir⸗ ten unſehlbar im hoͤchſten Grade leiden mußten. Schnelligkeit in den Bewegungen war das einzige wirkſame Mittel gegen eine ſolche Gefahr; aber dieſe militaͤriſche Eigenſchaft wird immer da fehlen, wo viele Leute zu Rathe gezogen werden muͤſſen; und uͤberdieß vertrug ſie ſich nicht mit dem gewohnten Verfahren der Deutſchen, und beſonders der Oeſter⸗ reicher. Es ſcheint auch, daß die Alliirten, nachdem ſie W. Scott's Werke. LIX. 4 50 eine ſichere, faſt vollſtaͤndige militaͤriſche Linie von Langres nach Chalons gebildet hatten, in einiger Verlegenheit waren, wie ſie ihren Vortheil benuͤtzen ſoltten. Ihre gegenwaͤrtige Stelung war ganz als Baſis zu einem Wageſtuͤck auf Paris, zu einem Hurrah dahin, wie man es nannte, geeignet; und da alle Landſtraßen, die von den verſchiedenen Punk⸗ ten der großen Linie, die ſie inne hatten, ausgingen, in der Hauptſtadt, als in dem gemeinſamen Mittel⸗ punkte, wieder zuſammentrafen, da ferner die Doͤr⸗ fer und Staͤdte auf dieſem Wege genuͤglichen Mund⸗ vorrath liefern konnten, ſo wuͤrde den Marſche faſt gar nichts entgegen geſtanden ſeyn, als die Schwer⸗ fäͤlligkeit der großen Armee. Die Allirten hatten ſich uͤber die wahre Schwaͤche Napoleons durch den Laͤrm, den er von ſeinen Operationen zu verbreiten wußte, taͤuſchen laſſen, und jetzt, nachdem ſie ihren Vortheil erkannt hatten, erfuhren ſie auch, daß der⸗ ſelbe beinahe verloren ſey und daß die Straße nach Paris durch eine Reihe blutiger Gefechte eroͤffnet werden muͤſſe. Die Alliirten konnten ſich nicht ver⸗ hehlen, daß ſie in dieſen Gefechten auch wohl den Kuͤrzern ziehen koͤnnten; eine Niederlage im Mittel⸗ punkte Frankreichs ſchien ihnen weit bedenklicher, als diejenige, die ſie vor Dresden erlitten hatten. Da gab es keine Gebirgskette, um ihren Ruͤckzug zu ſichern, auch keine feſte Stellung, um den nachſetzen⸗ den Feind gufzuhalten, und, wie in den Gefechten 51—— mit Vandamme, eine Niederlage in einen Sieg zu verwandeln. Die Grenze war zwar uͤberſchritten, aber nicht erobert— die ſtarken und zahlreichen Fe⸗ ſtungen im Ruͤcken waren zwar groͤßtentheils berennt, 3 aber noch nicht genommen, ſo daß ein Nuͤckzug an den Rhein durch ein Land, das noch ganz im Beſitze des Feindes war, den groͤßten Gefahren unterlag. In einem Kriegsrath wird ſelten ein kuͤhner Ent⸗ ſchluß geſaßt. In dieſem Sinne ſagt auch Salomon, daß die Menge der Rathgeber Sicherheit gewaͤhre; er meint, daß die vorſichtigſten, wenn auch nicht die weiſeſten Maßregeln den Beifall der großen Mehr⸗ heit erhalten. Demzufolge brachte dieſer in den Berathungen der Alliirten vorherrſchende Geiſt in. dieſem höchſt wichtigen Augenblicke eine gewiſſe Unſicherheit in ihre Bewegungen, die ſich, wie das gewoͤhnlich der Fall iſt, als Klugheit geltend machen wollte. Sie beſchloſ⸗ ſen, die große Armee einige Zeit bei Langres ſtehen zu laſſen, in Hoffnung, daß entweder Napoleon die Unterhandlungen, deren Schauplatz nun nack Chatillon an der Seine verlegt werden ſollte, erneuern und da⸗ durch, daß er ſich zu den Bedingungen der Alliirten verſtand, die ihm drohende Gefahr abwenden wuͤrde; oder daß die franzoͤſiſche Nation, was jedoch viel un⸗ wahrſcheinlicher war, den Diktator muͤde werden wuͤrde, deſſen Ehrgeiz ſol ches Ungluͤch uͤber das Land zebraſßt hatte., 52 3 Mittlerweile wieſen die Verbuͤnbeten Anerbietun⸗ gen ſolcher Royaliſten von ſich, welche im Namen und fuͤr das Intereſſe der verbannten Familie kamen, indem ſie ein fuͤr allemal erklaͤrten, daß ſie keinem Ausdruck der Geſinnungen des franzoͤſiſchen Volkes Gewicht geben wuͤrden, wenn es nicht in einem Theile des Koͤnigreichs geſchähe, wo man nicht annehmen konne, daß ſie durch die Gegenwart der verbuͤndeten Armee verurſacht wuͤrden. Sie vertrauten haupt⸗ ſaͤchlich in dieſem Augenblick auf den Erfolg der Un⸗ terhandlungen mit dem gegenwaͤrtigen Inhaber des Throns. Allein Napoleon, eben ſo feſt entſchloſſen, als die Verbuͤndeten unſchluͤſſig waren, fuͤhlte, im Bewußtſeyn, daß er die Seele ſeiner Armee und der Herr ſeiner Handlungen ſey, allen den Vortheil, den ein kuͤhner, thaͤtiger und tuͤchtiger Krieger uͤber einen weniger geſchickten und weniger entſchloſſenen Gegner hat. Die Hauptarmee der Verbuͤndeten war 97,000, die von Bluͤcher 40,000, beide zuſammen 157,000 Mann ſtark. Dieſen konnte der franzoͤſiſche Kaiſer nach Abzug der Truppen unter Suchet in Catalonien, derjenigen unter Soult bei Bayonne, und der Garniſonen, nur ungefaͤhr 50,000 Mann ent⸗ gegenſtellen, ohne dieſelben in der Folge mit mehr als 70000 Conſcribirten verſtaͤrken zu koͤnnen; ja dieſe neuen Aufgebote betrugen bei Weitem nicht ſo viel⸗ denn die Verbuͤndeten waren im Beſitz eines betraͤcht: lichen Theils von Frankreich, und in dem Augenblick 1 * 4 1 53 der allgemeinen Verwirrung das Aushebungsgeſetz, welches zu allen Zeiten unbeliebt war, ſtreng in An⸗ wendung zu bringen, ging nicht wohl an. Es zeigte ſich bald, daß er, der noch vor Kurzem eine halbe Million Krieger an die Weichſel, und 300,000 an die Elbe gefuͤhrt hatte, jetzt zum Schutz der Hauptſtadt ſeines Reichs kaum uͤber mehr als 70000 Mann verfuͤgen konnte. Der Vertheidigungskrieg gewaͤhrte ohne Zweifel demjenigen bedeutende Vortheile, der ſolchen ſo gut zu führen wußte. Die Landſtraßen, auf denen die Verbuͤndeten vorruͤcken mußten, gingen vom Umfange eines Halbkreiſes oder eines Viertelkreiſes, wie ſchon erwaͤhnt worden, wie Strahlen aus, um ſich zu Paris wie in einem Mittelpunkte zu vereinigen. Eine weit ſchwaͤchere Armee konnte ſonach ſich einer bedeutenden entgegen ſtellen, weil ſie, zwiſchen Paris und dem Feinbe ſtehend, dieſelben Straßen auf einer weit kuͤrzern Sehne erreichen konnte, als die Au⸗ greifenden, die weiter vom Centrum entfernt waren, wo alſo die Wege in groͤßeren Zwiſchenraͤumen aus einander liegen. Seine numeriſche Schwaͤche durch den Vortheil ſeiner gedraͤngteren Stellung ausgleichend, ſtand jetzt Buonaparte im Begriff, das hoͤchſte Spiel, das je geſehen worden, mit einer Geſchicklichkeit zu ſpielen, die ihres Gleichen nicht hat. Am 26. Januar zu Chalons angekommen, uͤber⸗ nahm Buonaparte den Oberbefehl uͤber die Armee, die er durch Zuſammenziehung der Truppen unter 4 3 54 den Marſchaͤllen Vicktor, Marmont, Mardonald und Ney, die ſich alle von der Grenze zuruͤckgezogen hatten, aufzubringen vermochte. So ſehr waren die franzoͤſtſchen Armeekorps zuſammengeſchmolzen, daß dieſe großen und ausgezeichneten Generale, von denen in fruͤheren Zeiten jeder 60 bis 70,000 Mann be⸗ fehligt hatte, nach ihrer Vereinigung nicht mehr als 52,000 Mann unter ihren Befehlen hatten, zu wel⸗ chen Napoleon von Paris her nur etwa 20,000 Mann bringen konnte. Aber Niemand verſtand beſſer, als Buonaparte, den großen militaͤriſchen Grundſatz, daß der Sieg nicht durch die Mehrzahl der Streiter uͤberhaupt, ſondern durch die Mehrzahl derſelben auf irgend einem beſtimmten Punkte des Gefechts bedingt ſey. Blucher war, wie gewoͤhnlich, am weiteſten voran, und Napoleon beſchloß, dieſem ruͤhrigen und eingefleiſchten Feinde die furchtbare Ehre ſeines erſten Angriffs zu erweiſen, in der Hoff⸗ nung, das ſchleſiſche Armeekorps zu uͤberfallen, bevor es von der Armee von Schwarzenberg unterſtuͤtzt werden konnte. Der Marſchall bekam Wind von des Kaiſers Abſicht, und verlor keine Zeit, ſeine Truppen bei dem Dorfe Brienne, nahe bei den Quellen der Aube, zuſammenzuziehen.. Dieß iſt ein kleines Dorf, auf dem Abhange eines Huͤgels. Der Ort hat nur zwei Straßen, von denen die eine nach einem Schloſſe, wo fruͤher eine koͤnig⸗ liche Militaͤracademie war, die andere nach Arcis⸗ſur⸗ 55 Aube fuͤhrt. Das Schloß iſt von einem Park oder einem Jagdgehaͤge umgeben. In der Militaͤrſchule zu Brienne hatte Napoleon den Grund zu jener Kriegskunſt gelegt, durch die er faſt die ganze Welt beſiegt und jetzt in die Schranken gegen ſich gerufen hatte; hier war es, wo er die letzte Weihe ſeiner Siegesperſuche begann, gleich Jagdthieren, die, von den Jaͤgern hart bedraͤngt, ihre letzten Verſuche, zu entrinnen, auf den Pankt hinrichten, von dem ſie zuerſt ausgegangen ſind. Napoleon war noch geſchwinder als Bluͤcher. Die⸗ ſer ſaß im Schloſſe mit ſeinem Generalſtab zu Tiſche. Der ruſſiſche General Alſufſief hielt die Stadt Brienne beſetzt, und das Korps von Sacken ſtand in Kolonne auf der Straße von Brienne nach La Rothiere. Auf einmal erhob ſich ein ſchrecklicher Laͤrm. Die ruſſiſche 2000 Mann ſtare Reiterei war von der franzöſiſchen gaͤnzlich geworfen worden, und zu gleicher Zeit griff Ney das Dorf an, waͤhrend eine Abtheilung frandoͤ⸗ ſiſcher Grenadiere, durch das waldige, unebene Ter⸗ rain beguͤnſtigt, in den Park gelangte, und alles, was ſich im Schloſſe befand, aufzuheben drohte. Bluͤcher hatte kaum Zeit, mit ſeinen Offizieren eine Hinterthüre zu erreichen, wo ſie genoͤthigt waren, ihre Pferde eine Treppe herab zu fuͤhren, und ſo mit genauer Noth entkamen. Allſufſief vertheidigte die Stadt gegen Ney, und Sacken kam zu ſeiner Unter⸗ ſtuͤtzung heran. Die Koſaken fielen den Franzoſen im 56 Parke in den Ruͤcken und Buonaparte's eigene Sicher⸗ heit war in dem Gemenge gefaͤhrdet. Es fielen meh⸗ rere an feiner Seite, und er war genoͤthigt, ſein Schwerdt zu ſeiner eigenen Vertheidigung zu ziehen. In dem Augenblicke des Angriffs fielen ſeine Blicke auf einen Baum, den er als denſelben erkannte, unn ter welchem er in ſeinen Erholungsſtunden zu Brienne als Schulknabe Taſſo's befreites Jeruſalem zu leſen pflegte. Wenn der Vorhang des Schickſals vor dem obſeuren Junglinge geluͤftet worden waͤre, und er ſich in demſelben Orte als Kaiſer von Frankreich geſehen haͤtte, gegen die Scythen der Wuͤſte fuͤr Leben und Macht ſtreitend, wie wundervoll waͤre ihm die Vor⸗ bedeutung nicht erſchienen, da ſchon das bloße Zuſam⸗ ¹ mentreffen der Umſtaͤnde das Gemuͤth derer ergreift, die darin mit Verehrung die verborgenen Wege der Vorſehung erkennen! Lefebvre. Desnouettes fiel ge⸗ faͤhrlich verwundet bei einem Angriff, den er an der Spitze der Garden that. Das Dorf gerieth in Flam⸗ men, und ward bis auf den Grund abgebraunt; allein erſt Nachts eilf Uhr ſtand die ſchleſiſche Armee von ihren Verſuchen ab, den Pl atz wieder zu gewin⸗ nen; Bluͤcher zog ſich von Brienne zuruͤck und ſtellte ſich hinter dieſem Dorfe bei La Rothiere auf. Die Schlacht von Brienne blieb unentſchieden, und der Erfolg war fuͤr Buonaparte um ſo weniger befriedigend, da von Bluͤcher's Truppen nur 20, ho o vv. Mann ins Treffen kamen, und der einzige Vortheil, — ——— 57 den er uͤber ſie errang, darin beſtand, daß er das Schlachtfeld behauptete. Napoleons Hauptabſicht, Bluͤcher von der großen Armee zu treunen, war gaͤnz⸗ lich mißlungen; es war jedoch nothwendig, bieſes Ge⸗ fecht als einen Sieg zu verkuͤnden, und man gab ſich alle Muͤhe, es als einen ſolchen darzuſtellen. Als man aber nachmals erfuhr, daß es blos ein hitziges Scharmuͤzel ohne weſentliche Reſultate geweſen, ſo diente die zeitige Taͤuſchung nur dazu, die Sache Napoleons in ein noch nachtheiligeres Licht zu ſetzen. Am 1. Februar beſchloß Bluͤcher, nachdem er von der großen Armee bedeutende Verſtaͤrkungen bezogen, ſeinerſeits die Offenſive wieder zu ergreifen. Napo⸗ leon haͤtte gewuͤnſcht, eine Schlacht zu vermeiden; allein ſein Ruͤckzug uͤber die Aube auf der Bruͤcke von L'Esmont, der einzigen, die uͤber dieſen tiefen und kaum zu durchwarenden Fluß fuͤhrt, haͤtte ſeinen Nach⸗ trab der Vernichtung ausgeſetzt. Er wagte daher ein allgemeines Gefecht. Bluͤcher griff die franzöſiſche Linie auf drei Puukten an, indem er ſich zugleich auf die Doͤrfer La Rothiere, Dienville und Chaumont warf. Der Kampf, in welchem ſich der Kronprinz von Wuͤrtemberg auszeichnete, waͤhrte den ganzen Tag, allein am Abend waren die Franzoſen auf allen Punk⸗ ten zuruͤckgeworfen, und Buonaparte war genoͤthigt, ſich nach einem Verluſte von 400 Gefangenen und nicht weniger als 735 Kanonen uͤber die Aube zuruͤck⸗ 3 58 zuziehen. Ney zerſtoͤrte auf Befehl des Kaiſers die Bruͤcke von L'Esmont. Die Verbundeten ſahen ihren Vortheil nicht ganz ein, und ließen die Franzoſen un⸗ angefochten ſich zuruͤckziehen. 3 Es ward in einem allgemeinen Kriegsrathe auf dem Schloſſe zu Brienne beſchloſſen, die beiden Ar⸗ meen, ohbgleich ſie ſo eben erſt den Vortheil gegen⸗ ſeitiger Unterſtuͤtzung erfahren hatten, wieder von ein⸗ ander zu trennen. Bluͤcher ſollte ſich nordwaͤrts wenden, das Korps von York und Kleiſt, welche beide St. Dizier und Vitry beſetzt hatten, an ſich ziehen, und ſich Paris von der Marne her naͤhern; indeſſen Fuͤrſt Schwar⸗ zenberg und die große Armee, dem Lauf der Seine folgend, gegen die Hauptſtadt heranruͤcken wuͤrden. Die Schwierigkeiten, fuͤr ſo zahlreiche Armeen den noͤthigen Proviant zu finden, war ohne Zweifel zum Theil der Grund dieſer Entſchließung. Es wurde die⸗ ſer Plan noch weiter empfohlen durch den gluͤcklichen Erfolg aͤhnlicher Operationen vor Dresden, und ſpaͤter vor Leipzig, wo die Feinde Napoleons von ſo verſchie⸗ denen Seiten auf ihn anruͤckten, daß ihm unmoͤglich wurde, ſich auf eine Armee zu werfen, ohne den andern große Bloͤßen zu geben. Buonaparte erreichte Troyes, auf welches er ſich nach dem Uebergange uͤber die Aube zuruͤckzog, in einem traurigen Zuſlande; allein ſeine Vereinigung mit ſeiner alten Garde, deren Haltung und Ordnung den entmuthigten Truppen, die bei La Rothiere ge⸗ . 59 ſchlagen worden, neuen Muth und neuen Impuls gab, ſtellte auch das Vertrauen der jungen Conſcri⸗ birten wieder her. Er entſchloß ſich, von der Thei⸗ lung der zwei verbuͤndeten Heere Vortheil zu ziehen, und gegen das Bluͤcher'ſche Korps zu marſchiren. Um aber ſeine Abſicht zu verbergen, ſandte er zuerſt ein unbedeutendes Korps gegen Bar la Seine, um die Oeſterreicher mit einem Angriffe auf ihren linken Fluͤgel zu bedrohen. Schwarzeuberg vermuthete ſo⸗ gleich, daß Bucnaparte mit ſeiner ganzen Macht in dieſer Richtung kommen wuͤrde— eine Bewegung, die in der That fuͤr die Verbuͤndeten äußerſt guͤnſtig geweſen waͤre, da ſie den Weg nach Paris unverthei⸗ digt und offen gelaſſen haͤtten. Allein beſorgt, ſein linker Fluͤgel moͤchte geworfen werden, zog der oͤſter⸗ reichiſche General ſeine Hauptmacht in dieſer Richtung hin, ſo daß er ſeinen beabſichtigten Marſch laͤngs der Seine hin aufgab, und zugleich die Entfernung der großen Armee von der ſchleſiſchen vergroͤßerte. Nach⸗ dem Buonaparte Schwarzenberg durch dieſe gluͤckliche Finte getaͤuſcht hatte, raͤumte er Troyes, und ließ die Marſchaͤlle Victor und Oudinot mit ſehr ungleichen Kraͤften gegen die Oeſterreicher zuruͤck, um ſelbſt gegen Bluͤcher zu marſchiren. Bluͤcher hatte Napoleon vor der großen Armee zuruͤckgelaſſen, und zweifelte nicht, daß ihn die Oeſter⸗ reicher hinlaͤnglich beſchaͤftigen wuͤrden; er eilte daher gegen die Marne vorwaͤrts, zwang Macdonald, ſich von Chateau⸗Thierry zuruͤckzuziehen, und ruͤckte mit ſeinem Hauptquartier nach Vertus, indeß Sacken, der den Vortrab befehligte, ſeine leichten Truppen bis nach Furte la Jouarre vorſchob, und naͤher bei Paris war, als der Kaiſer ſelbſt. General York war ſchon bis Meaur gekommen, und Paris in der groͤß⸗ ten Beſtuͤrzung. Selbſt Buonaparte war durch die Niederlage bei La Rothiere ſo afficirt worden, daß ihm ein Gedanke kam, den die Nachwelt, haͤtte er es nicht ſelbſt ge⸗ ſtanden, kaum von ihm glauben wuͤrde. Der Gedanke naͤmlich, ſeine eigene Macht dem Frieden von Frank⸗ reich zum Opfer zu bringen, und die Krone zu Gun⸗ ſten der Bourbons niederzulegen, ſo lauge er noch Mittel zum Widerſtand in Haͤnden haͤtte. Er fuͤhlte, er habe fuͤr ſeinen Ruhm lauge genug regiert und gekaͤmpft, und glaubte durch eine ſo edelmuͤthige Selbſtverleugnung ſeinem Ruhme die Krone aufzu⸗ ſetzen. Allein es fiel ihm der Erfahrungsſatz bei, den, wie er ſagt, Herr Fox aufgeſtellt hat, daß wie⸗ der auf den Thron erhobene Monarchen denen nie verzeihen koͤnnen, die ihre Stelle fruͤher eingenommen haͤtten. Wahrſcheinlich dachte er an die Ermordung des Herzogs von Enghien; denn Buonaparte hatte gegen die verbannte Familie ſonſt kein Unrecht veruͤbt, das nicht durch die Wiederherſtellung derſelben, falls ſolche ſein Werk war, haͤtte gefuͤhnt werden koͤnnen. Iſt unſere Vermuthung gegruͤndet, ſo ſieht man, wie ein ſolches 61 Verbrechen in ſeinen Folgen noch fortwirkt, und dem Thaͤter kuͤnftige Verſuche verbietet, auf den Pfad der Tugend und der Ehre zuruͤckzutreten. Waͤre Napo⸗ leon wirklich dieſer großmuͤthigen Selbſtverleugnung, die er im Sinne hatte, faͤhig geweſen, ſo muͤßte er, trotz aller zweifelhaften Seiten ſeines Charakters, fuͤr einen der groͤßten Maͤnner, die jemals lebren, erklaͤrt werden. Allein der Geiſt der Selbſtſucht und des Arg⸗ wohns ſchlug vor, und die Hoffnung, die ſchleſiſche Armee zu ſchlagen und zu vernichten, war fuͤr ihn lockender als ein ſolcher Akt uneigennuͤtziger Hinge⸗ bung, wodurch er ſich die ewige Dankbarkeit Europas verdient haben wuͤrde. Der Philoſoph und Freund der Menſchheit ſank wieder zum Krieger und Eroberer herab. Es iſt ohne Zweifel verdienſtlich, einen großen und edlen Entſchluß zu faſſen, wenn er auch unaus⸗ gefuͤhrt bleibt. Allein dieſer Patriotismus der Phan⸗ taſie erhebt ſich zu keiner hoͤhern Stufe des Verdien⸗ ſtes, als die Empfindſamkeit derer, die keine Leidens⸗ geſchichte hoͤren, ohne zu weinen, deren Mitleid ſich aber nie auf werkthaͤtige Weiſe aͤußert. Die Armee Napoleons ſollte nun von der Land⸗ ſtraße von Paris nach Troyes auf die von Chalons nach Paris gefuhrt werden, auf welcher Bluͤcher ope⸗ rirte, und zwar durch Flankenmaͤrſche in einem aͤußerſt ſchwierigen Lande, die aber, wenn ſie gelangen, den franzoͤſiſchen Kaiſer in den Stand ſetzten, die ſchleſtſch⸗ 6² Armee unverſehens im NRuͤcken und in der Flanke zu faſſen. Die Kreuz⸗ und Nebenwege, welche durch ganz Frankreich hin eine Landſtraße mit der andern verbinden, ſind zur Winterszeit ſchon zum Behuf ge⸗ wöhnlicher Communication kaum zu gebrauchen, ge⸗ ſchweige denn fuͤr eine Armee mit Wagen und Ge⸗ ſchutz. Buonaparte mußte durch ein von Dickichten, Moraͤſten, Kanaͤlen, Graͤben und Hinderniſſen aller Art durchſchnittenes Land ziehen; das Wetter war abſcheulich; und nur den außerordentlichen Anſtrengun⸗ gen des Majors von Barbon, der 500 Pferde auf⸗ brachte, um die Kanonen heraus zu ziehen, verdankte man, daß man ſie nicht auf dem Wege ſtehen laſſen mußte. Mit eiſerner Beharrlichkeit vollbrachte end⸗ lich Buonaparte am 10. Februar dieſen Marſch, und die Flanke der ſchleſtſchen Armee war ihm preisgege⸗ ben. Sie ruͤckten ohne die geringſte Ahnung eines ſolchen Angriffes vor. Sacken fuͤhrte den Vortrab, der ruſſiſche General Alſufſief folgte und Bluͤcher ſchloß mit dem Hauptkorps. Alles war nur darauf bedacht, nach Paris vorzuruͤcken; man zeg mit ſorg⸗ loſer Eile, und hatte ſo viele Zwiſchenraͤume zwiſchen den verſchiedenen Heerabtheilungen gelaſſen, daß ſie einzeln angegriffen werden konnten. Buonaparte fiel bei Champeaubert auf die Divi⸗ ſion der Mitte, die Alſufſief befehligte, umzingelte, ſchlug und zerſtreute ſie gaͤnzlich, nahm ihre Artillerie, nad machte 2,000 Gefangene, waͤhrend alles, was 63 noch von der Diviſion uͤbrig blieb, in die Waͤlder floh, und einzeln zu entkommen ſuchte. So ſtand nun die ganze Macht des Kaiſers zwiſchen dem Vor⸗ trab unter Sacken, und dem Hauptkorps unter Bluͤ⸗ cher. Napoleon warf ſich zuerſt auf jenen, und traf bälder auf ihn, als er erwartete; denn als Sacken von dem Gefechte bei Champeaubert hoͤrte, marſchirte er ſogleich mit ſeiner Diviſion zuruck, um Alſufſief beizuſtehen, oder ſich wenigſtens wieder mit Bluͤcher zu vereinigen; allein er ward von der Uebermacht der Franzoſen uͤberwaͤltigt und genoͤthigt, mit einem Verluſte von einem Viertheil ſeines Korps die Heer⸗ ſtraße zu verlaſſen, auf welcher Bluͤcher heranzog, und ſich auf der nach Chateau⸗Thierry zuruͤck zu ziehen. Bei dieſem Dorfe ſtieß Sacken auf den General York und den Prinzen Wilhelm von Preußen; allein un⸗ vermoͤgend, Widerſtand zu leiſten, konnten ſie einzig durch Zerſtoͤrung der Bruͤcke uͤber die Marne ihren Ruͤckzug becken. Der Krieg zeigte ſich nun in ſeiner ſcheußlichſten Geſtalt. Die Nachzuͤgler und Fluͤchtlinge, welche vor der Zerſtoͤrung der Bruͤcke nicht hinuͤber kamen, wurden von den Bauern niedergemacht, indeß die verbuͤndeten Soldaten zur Wiedervergeltung das Dorf Chateau⸗Thierry pluͤnderten und ſich alle moͤg⸗ lichen Gewaltthaten erlaubten. Die Niederlage Sacken's fand am 12. Februar Statt. 2. Bluͤcher, der nicht wußte, wie ſtark der Feind ſey, von dem ſein Vortrab angegriffen warden, und der 64 zu beſſen Unterſtuͤtzung herbeieilte, ſah ſich ploͤtzlich in einem weiten offenen Lande vor der Fronte der gan⸗ zen Armee Napoleons, die von dem doppelten Siege, den ſie errungen, trunken und ſo zahlreich war, daß ſich die Preußen zum Ruͤckzug entſchließen mußten. Wenn auch überraſcht, blieb Bluͤcher dennoch unverzagt. Da er nur drei Regimenter Reiterei hatte, mußte er ſich auf die Tapferkeit ſeiner Infanterie verlaſſen. Nach⸗ dem er dieſelbe unter dem Schutze der Artillerie in Mierecken aufgeſtellt hatte, trat er den Ruͤckzug in ſchachbrettfoͤrmiger Ordnung an. Die franzoͤſiſche Rei⸗ terei, obgleich ſo ſtark, daß ſie zugleich in den Flan⸗ ken und im Ruͤcken angreifen konnte, war gleichwohl nicht im Stande, auch nur ein Viereck zu ſprengen. Nachdem die Preußen in dieſer Ordnung mehrere Neilen zuruͤckgelegt, und ſich bei jedem Schritte ver⸗ theidigt hatten, waren ſie nahe daran, von einer be⸗ deutenden Maſſe franzoͤſiſcher Reiterei abgeſchnitten zu werden, die, um an ihnen vorbei zu kommen, einen Umweg gemacht und ſich nun auf der Heerſtraße auf⸗ geſtellt hatte, um ihnen den Ruͤckweg zu verſperren. Blucher bedachte ſich keinen Augenblick, griff ſie mit einem ſo moͤrderiſchen Infanterie⸗ und Artilleriefeuer an, daß ſie aenöthigt wurden, die Landſtraße zu raͤu⸗ men und freizugeben. Auch das Dorf Etoges, durch welches der Weg fuͤhrte, fanden die Preußen vom Feind beſetzt; allein auch hier machten ſie ſich Bahn. Dieſer Zug an die Marne gehoͤrt zu den groͤßten 65 Meiſterſtuͤcken Napoleons; denn ein Flankenmarſch, in einem ſo ſchwierigen Terrain, ſo gluͤcklich ausgefuͤhrt wie dieſer, kommt vielleicht nicht in der Ge⸗ ſchichte vor.. 8 Wenn auf der andern Seite Bluͤcher durch ſeine zu große Sorgloſigkeit auf dem Marſche etwas von ſeinem Kredit verlor, ſo gewann er denſelben durch ſeinen meiſterhaften Ruͤckzug in vollem Maße wieder. Kaͤtte das von ihm befehligte Hauptkorps das gleiche Schickſal, wie der Vortrab erlitten, ſo wuͤrde man wahrſcheinlich nicht nach Paris gekommen ſeyn. Die Pariſer ſahen endlich, daß Napoleon wirklich geſiegt hatte, Lange Kolonnen von Gefangenen zogen durch die Straßen, Fahnen wurden entfaltet, Kano⸗ nen donnerten, die Preſſe, ſo wie die Kanzel erhob und vergroͤßerte die Gefahren, denen die Staͤdter ent⸗ ronnen, und die Verdienſte ihres Erretters. Mitten in dieſer, bei einer ſolchen Gelegenheit natuͤrlichen Freude erfuhren die Pariſer auf einmal, daß Fontainebleau von ungariſchen Huſaren beſetzt ſey, und daß nicht blos Koſaken, ſondern Tartaren, Baskyren und Kalmuken, Staͤmme von wildem kani⸗ baliſchem Ausſehen, eine Art Waͤhrwoͤlfe, welchen die aberglaͤubige Menge Geſchmack an Kinderfleiſch beilegte, ſich in der Nachbarſchaft von Nangis gezeigt haͤtten. Dieſe Anzeigen neuer Gefahr kamen von der großen Armee der Verbundeten, die, nachdem ſie Nogent und Montereau mit dem Bajonet Kenomrzen. mit dem W. Scott's Werke. LIX. 66 Hauptquartier der Monarchen nach Pont⸗ſur⸗Seine kamen. Zu dieſem Schrecken in Paris kam noch ein anderer. Als Schwarzenberg den Unſtern an der Marne erfuhr, ruͤckte er nicht blos in drei Richtun⸗ gen auf die Hauptſtadt los, ſondern ſandte auch einige Korps rechts gegen Provius hin, um Napoleons Ruͤcken und Communicationen zu bedrohen. Der Kai⸗ ſer ließ von der Verfolgung Bluͤcher's ab, wandte ſich nach Meaur, von da Guianes, und ſtieß hier zu dem Heere Oudinot's und Victors, die ſich vor Schwar⸗ zenberg zuruͤckzogen. 3 Hier traf er die Verſtaͤrkungen, welche er aus Spanien an ſich gezogen, gegen 20,000 Mann vor⸗ trefflicher und verſuchter Soldaten. Mit dieſer Armee bot er jetzt Schwarzenberg die Spitze und begann am 17. Februar die Offenſive auf allen Punkren und mit Glück, indem er Nangis nahm und das Korps des Grafen Pahlen bei Mormant beinahe aufrieb. Der Kronprinz von Wuͤrtemberg ward genoͤthigt, ſich auf Montereau zuruͤckzuziehen. So beſtuͤrzt waren die verbuͤndeten Monarchen uͤber den Anmarſch ihres furchtbaren Feindes, daß ſie in einem Schreiben an Napoleon, welches Graf Parr, Adjudant des Fuͤrſten Schwarzenberg, uͤberbringen muß⸗ te, ihr Befremden uͤber ſeine offenſive Bewegung aus⸗ ſprachen, da ſie doch ihren Bevollmaͤchtigten zu Cha⸗ tilon Befehl gegeben haͤtten, die Friedenspraͤlimina⸗ rien zu unterzeichnen, nach den Bedingungen, auf 67 welche der franzoͤſiſche Bevollmaͤchtigte, Caulaincourt, eingegangen waͤre. Dieſes Schreiben, deſſen wir nachher noch naͤher erwaͤhnen werden, blieb einige Tage unbeantwortet, in welchen Napoleon ſeine Vortheile zu verfolgen ſuchte. Er nahm nach einem verzweifelten Kampfe die Bruͤcke von Montereau wieder, in deren Verthei⸗ digung der Kronprinz von Wuͤrtemberg ſich ſo ſehr ausgezeichnet hatte. In dieſem Gefechte kehrte Na⸗ poleon zu ſeinem alten Artilleriehandwerk zuruͤck, und richtete ſelbſt mehrere Kanonen zu großer Freude ſei⸗ ner Soldaten. Sie zitterten jedoch, als das Feuer die Aufmerkſamkeit des Feindes auf ſich zog, und nun von demſelben erwiedert wurde.„Geht, Kinder,“ ſprach Buonaparte, uͤber ihre Beſorgniſſe ſcherzend;„die Kugel iſt noch nicht gegoſſen, die mich treffen ſoll!“ Nachdem Buonaparte den Platz mit Sturm ge⸗ nommen, ward er unzufrieden uͤber den Verluſt an Leuten, und machte einigen ſeiner beſten Officiere Vorwuͤrfe. Montbrun ward wegen Mangel an Ener⸗ gie getadelt, und Gigeon wegen der kaͤrglichen Muni⸗ tion, womit er die Artillerie ausgeſtattet; allein vor⸗ zuͤglich gegen Victor, den Herzog von Belluno, ent⸗ lud Napoleon ſeinen Grimm; er gab ihm Schuld, Montereau nicht den Tag vorher, wo es noch nicht zur Vertheidigung eingerichtet war, angegriffen zu haben, und befahl ihm, den Dienſt zu verlaſſen. 68 Der Marſchall ſuchte, um ſich zu vertheidigen, zu Worte zu kommen; allein es wollte ihm lange nicht gelingen, den Strom ſeiner Schmaͤhungen zu hemmen. Dieſes Schelten verlor ſich endlich in eine Klage uͤber die geſchwaͤchte Geſundheit des nach ſo vielen Muͤhſalen und Wunden der Nuhe beduͤrftigen Vete⸗ ranen.„Das beſte Bett,“ ſagte der Kaiſer,„das ſich in dem Platze findet, muß fuͤr den einſt uner⸗ muͤdlichen Vater ausgeſucht werden 1 Der Marſchall fuͤhlte dieſen Stich um ſo ſchmerzlicher, je mehr ſol⸗ cher der Wahrheit gemaͤß war; allein er wollte den Dienſt nicht verlaſſen. 1hn „Ich habe,“ ſagte er,„mein urſpruͤngliches Hand⸗ werk nicht vergeſſen. Ich will die Muskete tragen. Victor will Gemeiner in der Garbe werden.“— Buona parte konnte dieſem Beweiſe von Anhaͤnglich⸗ keit nicht widerſtehen. Er reichte ihm die Hand.— „Wir wollen Freunde bleiben,“ verſetzte er.„Ich kann Ihnen Ihr Armeekorps nicht wieder geben, da ich es bereits an Gerard uͤbergeben; allein ich will Sie an die Spitze zweier Diviſionen der Garde ſtellen. Treten Sie Ihr Kommando an, und laſſen Sie nicht maehr hievon zwiſchen uns die Rede ſeyn.“ Bei ſolchen Gelegenheiten ging die uͤberreizte Stim⸗ mung Napoleons in eine Guͤte und Großmuth uͤber, die ſein perſoͤnliches Betragen aͤußerſt liebenswuͤrdig machten. 69 Mittlerweile mochten ſich die Verbuͤndeten, viel⸗ leicht etwas ſpaͤt, der alten Fabel von dem Pfeilen⸗ Buͤndel erinnern. Sie beſchloßen, mit der ſchleſiſchen Armee wieder in Kommunikation zu treten, und ſich bei Troyes zu concentriren, um eine Schlacht anzu⸗ nehmen, wenn ſie Buonaparte anbieten ſollte. Der unermuͤdliche Bluͤcher hatte bereits ſeine Truppen wieder ergaͤnzt; mit einer Diviſion der Armee von Norden, unter Langeron, verſtaͤrkt, zog er ſuͤdlich von Chalons, auf das er ſich nach ſeinem Unſtern bei Montmirail zuruͤckgezogen hatte, nach Mery, einer an der Seine gelegenen Stadt, nordoͤſtlich von Troyes, wohin die verbuͤndeten Monarchen ihr Hauptquartier zuruͤckverlegt hatten. Hier wurde er wuͤthend angegriffen von den Trup⸗ pen Napoleons, der eine verzweifelte Anſtrengung machte, die Bruͤcke und Stadt zu gewinnen, und ſo die beabſichtigte Kommunikation zwiſchen der ſchleſi⸗ ſchen Armee und der von Schwarzenberg zu verhin⸗ dern. Die Bruͤcke war von Holz und wurde waͤh⸗ rend des Kampfes in Brand geſteckt. Die Scharf⸗ ſchuͤtzen fochten in der Mitte der brenunenden und krachenden Balken. Die Preußen ſetzten ſich jedoch in Beſitz von Mery. Nun ward von den Verbuͤndeten Kriegsrath ge⸗ halten. Bluͤcher drang auf Ausfuͤhrung ſeines ur⸗ ſpruͤnglichen Vorhabens, eine Schlacht gegen Napo⸗ leon zu wagen. Die Oeſterreicher waren andern Sin⸗ 70 nes geworden, und erklaͤrten ſich fuͤr einen allgemei⸗ nen Ruͤckzug in die Linie zwiſchen Nancy und Lan⸗ gres, das heißt in dieſelbe Stellung, in welcher die Verbuͤndeten das erſte Mal ſtille geſtanden, als ſie Frankreich betreten hatten. Der Hauptgrund fuͤr dieſe retrograde Bewegung, durch welche ſie die Haͤlfte des Terrains, das ſie ſeit ihrem Eintritt in Frankreich gewonnen, wieder raͤumten, war der, daß Augereau, der ſich bisher auf die Vertheidigung von Lyon he⸗ ſchraͤnkte, bedeutende Truppenkorps von der Armee Suchet's, die in Catalonien geſtanden, an ſich gezo⸗ gen hatte. 496 So verſtaͤrkt, war der franzoͤſiſche Marſchall im Begriff, gegen die oͤſterreichiſche Macht bei Dijon die Offenſive zu ergreifen, ihre Kommunikationen mit der Schweiz zu faſſen, und das kriegeriſche Landvolk in den Departements des Doubs, der Saonne und der Vogeſen aufzubieten. Um dieß zu verhuͤten, hatte Schwarzenberg. den General Bianchy mit einem be⸗ deutenden Theile ſeiner Truppen nach Dijon zuruͤck⸗ beordert, um die Oeſterreicher zu unterſtuͤtzen; und nun glaubte er, hiedurch ſeine Armee zu ſehr ge⸗ ſchwaͤcht zu haben, als daß er noch eine Hauptſchlacht wagen duͤrfe. Man beſchloß demnach, daß, wenn das Hauptquartier der großen Armee wieder nach Langres zuruͤckverlegt wuͤrde, Bluͤcher das ſeinige wieder an der Marne nehmen ſollte, wo er, verſtaͤrkt durch die Nord⸗ armee, die von Flandern heranzog, wieder ſeine De⸗ 7¹ monſtrationen gegen Paris machen konnte, falls Buo⸗ naparte die große Armee der Verbuͤndeten verfolgen wollte. Dieſe retrograde Bewegung kam den oͤſterreichi⸗ ſchen Soldaten aͤußerſt ungelegen, und erſchien ihnen als der Anfang eines gaͤnzlichen Aufgebens der In⸗ vaſion. Ihr Unwille that ſich nicht blos durch Mur⸗ ren und durch das Ablegen der gruͤnen Zweige kund, womit ſie zum Zeichen des Sieges ihre Helme ge⸗ woͤhnlich ſchmuͤckten, ſondern auch, wie es bei aͤhnli⸗ chen Anlaͤſſen haͤufig der Fall iſt, durch Vernach⸗ laͤßigung der Kriegszucht und durch Gewaltthaten, die ſie in dem Lande veruͤbten. Um dieſem Uebel Einhalt zu thun, erließ Schwarzenberg einen Tagsbefehl, worin er den Offirieren die Handhabung der ſtreng⸗ ſten Mannszucht empfahl und zugleich kund that, daß der gegenwaͤrtige Ruͤckzug blos temporaͤr ſey; daß die große Armee nach Ankunft ihrer Reſerven, die bereits den Rhein paſſirt haͤtten, ſogleich die Offenſive wieder ergreifen wuͤrde; daß der Feldmarſchall Bluͤcher, der gegenwaͤrtig nordwaͤrts ziehe, eine Vereinigung mit Winzingerode und Bülow beabſichtige, um den Feind zu gleicher Zeit im Ruͤcken und in der Flanke anzu⸗ greifen. Die Bekanntmachung dieſes Planes ſtellte das geſunkene Vertrauen in der oͤſterreichiſchen Armee wieder her. Am Abend des 22. Februars erfolgte die Antwort Napoleons auf das Schreiben von Schwarzenberg, 7³ war aber ausdruͤcklich nur an den Kaiſer von Oeſter⸗ reich gerichtet; waͤhrend er ſeine Ehrfurchtsbezeigun⸗ gen dieſer Macht reichlich ſpendete, zeigte die Art, wie er die uͤbrigen Glieder der Coalition behan⸗ delte, eine unverminderte Feindſchaft, die ſich nur ſchlecht unter einem Anſchein von Verach⸗ tung barg. Der Kaiſer von Frankreich erklaͤrte ſich geneigt, auf die Baſis der Frankfurter Deklara⸗ tion hin zu unterhandeln, ließ ſich aber aͤußerſt heftig gegen die Bedingungen aus, welche ſein eigener Be⸗ vollmaͤchtigter Caulaineourt den Bevollmaͤchtigten der an⸗ dern Machte vorgeſchlagen hatte. Kurz, das ganze Schrei⸗ ben bewies, daß Napoleon keinen allgemeinen Frieden mit den Verbundeten ſuche, daß er vielmehr ſehnlichſt wuͤnſche, durch einen Separatfrieden mit Oeſterreich die Coalition zu ſprengen. Dieß war nach Sinn und Worten der Abſicht der Verbuͤndeten zuwider, die ſie in ihrer Mittheilung an Napoleon auf das Be⸗ ſrimmteſte ausgeſprochen hatten. Kaiſer Franz und ſeine Miniſter waren entſchloſ⸗ ſen, keinen Vorſchlaͤgen Gehoͤr zu geben, wodurch die oͤſterreichiſche Sache von jener der Verbuͤndeten ge⸗ trennt wuͤrde. Es war deßhalb zuerſt im Antrag, auf dieſes Schreiben gar keine Antwort zu geben; weil man aber Zeit gewinnen wollte, um die Reſer⸗ ven der großen Armee, die unter dem Prinzen von Heſſen⸗Homburg noch an der Schweizer Grenze zuruͤck waren, heranzuziehen, und um die Vereinigung der — —-y— 75 Nordarmee von Buͤlow und Winzingerode zu bewerk⸗ ſtelligen, ſo beſchloß man, das Anerbieren einer einſt⸗ weiligen Einſtellung der Feindſeligkeiten anzunehmen. Deßwegen ward Prinz Wenzeslaus von Lichtenſtein in das Hauptquartier Napoleons geſandt, wo er wegen eines Waffenſtillſtandes unterhandeln ſollte. Der Kaiſer ſchien ſich mir hohen Hoffnungen zu tragen, und forderte die Oeſterreicher auf, ſich nicht den ſelbſtſuͤch⸗ tigen Planen Rußlands und der erbarmlichen Politik Englands zu opfern. Er ernannte den Grafen Flahault zu ſeinem Be⸗ vollmaͤchtinten bei den Unterhandlungen uber eine De⸗ marcationslinie, und wies ihn an, am 24. Februar zu Luſigny mit den Abgeſendten der Alllirten zuſammen⸗ zutreten. In der Nacht vom 25ſten bombardirten die Franzoſen Troyes, das die verbuͤndeten Truppen zu⸗ folge ihres letzten Kriegsplans raͤumten. Als die Franzoſen den 2aſten in die Stadt einzogen, wurden die Kranken und Verwundeten, welche die Verbuͤnde⸗ ten zuruͤckgelaſſen hatten, herbeigetrieben, um Napo⸗ leons Triumph zu zieren; eine nicht minder klaͤgliche Scene anderer Art fand zu derſelben Zeit Statt. Zufolge der großen Hoffnungen, die das Erſchei⸗ nen n Verbuͤndeten in Frankreich, unter den Fein⸗ den von Napoleons Regierung weckte, hatten fuͤnf Perſonen, an deren Spitze der Marquis von Wigran⸗ des und der Ritter von Goualt ſtanden, die weiße Kokarde aufgeſteckt, und andere Embleme des Gehor⸗ 74 ſams gegen die verbannte Familie angenommen. Sie waren zu dieſem gewagten Schritte weder von dem Kronprinzen von Wuͤrtemberg, noch von dem Kaiſer Alexander beſonders aufgemuntert worden, und ob⸗ gleich beide Fuͤrſten die Principien, nach welchen dieſe Herren handelten, billigten, ſo verweigerten ſie jedoch der That ſelbſt ihren Beifall und ihren Schutz gegen die Folgen derſelben. Man findet auch nicht, daß dieſe That den ent⸗ ſprechenden Enthuſiasmus bei dem Volke von Troyes oder in der Nachbarſchaft hervorgerufen haͤtte; auf dieſen unbedeutenden Vorfall nicht zu achten, ſolchen als das Ergebniß kindiſcher Loyalitaͤt darzuſtellen, waͤre daher gewiß zweckmaͤßiger geweſen, als in dieſem kritiſchen Zeitvunkte die oͤffentliche Aufmerkſamkeit auf die Bourbons dadurch zu richten, daß man ihren An⸗ haͤngern Rache ſchwor, und wirklich auch Rache an ihnen nahm. Und doch geſchah das letztere. Napoleon war kaum in Troyes eingeruͤckt, als Ritter Goualt(die andern Royaliſten waren zu gutem Gluͤcke entwiſcht) verhaf⸗ tet, vor ein Kriegsgericht geſtellt und auf der Stelle erſchoſſen wurde. Er ſtarb mit der groͤßten Stand⸗ haftigkeit, mit dem Ruf:„Vire le Roi!“*) Ein ſcharfes und uͤbel berechnetes Dekret ſprach gegen alle *) Man ſagte ſich, Napoleon habe ſich uͤberreden laſſen, ihm das Leben zu ſchenken. Allein das Reſultat war daſſelbe, wie bei der Hinrichtung von Clarenze. 4 v 75 diejenigen, welche die Dekorationen der Bourbons tragen und gegen alle Ausgewanderten, die ſich zu den Verbhuͤndeten ſchlagen wuͤrden, die Todesſtrafe aus. Dieſe ſtrenge Maßregel, die dem ſonſtigen Be⸗ nehmen Napoleons in den letzten Jahren gegen die Bourbons und ihre Anhaͤnger, auf welche er ſeit lan⸗ ger Zeit kaum hingedeutet hatte, ſo ganz entgegen⸗ geſetzt war, erſchien in den Augen der AWelt als das Ergebniß großer Furcht, und mußte diejenigen, die dadurch geſchreckt werden ſollten, im Gegkuthel auf⸗ muntern. Waͤhrend ſich Schwarzenberg von Troyes zuruͤck⸗ zieht, und Bluͤcher an die Marne ruͤckt, verlaſſen wir die Armeen, die in das Innere von Frankreich dran⸗ gen, und wenden uns zu jenen Bewegungen an den Grenzen, welche, obgleich nur in der Ferne, die an⸗ greifenden Armeen verſtaͤrken, und Napoleons Ver⸗ theidigungsmaßregeln laͤhmen ſollten. „Es wird den Bewohnern eines friedlichen Landes ſchwer, ſich einen Begriff von dem Elend zu machen, das auf dem Lande laſtete, welches der Schauplatz die⸗ ſes blutigen Kampfes war. Waͤhrend Buonaparte gleich einem Tiger, der von Hunden und Jaͤgern ein⸗ geſchloſſen iſt, bald hier einen Feind bedrohte, bald dort in voller Wuth uͤber einen andern herfiel, aber doch mit keinem fertig werden konnte, und trotz der Schnelligkeit ſeiner Bewegungen auch Bloͤßen geben 3 76 mußte, wurde der Schauplatz dieſes fliegenden Krieges auf das Unbarmherzigſte veroͤdet und verheert. Die Soldaten auf beiden Seiten, durch die ſchnel⸗ len Maͤrſche auf mit tiefem Schnee bedeckten Stra⸗ ßen, oder durch Moraͤſte in Verzweiflung gebracht, fuͤhlten kein Erbarmen mehr, ſchwaͤrmten von ihren Kolonnen nach allen Richtungen ab, und veruͤbten jede Art von Gewaltthat an den Eingebornen. Dieſer Uebel wird ſowohl in den Bulletins von Napoleon, als auch in den Tagsbefehlen von Schwarzenberg Er⸗ waͤhnung gethan. Die Landleute flohen mit Weib und Kind in Hoͤhlen, Steinbruͤche und Waͤlder, wo letztere wegen der Strenge der Jahreszeit und aus Man⸗ gel an Lebensunterhalt hinſtarben; erſtere ſammelten ſich in kleine Horden, und vermehrten die Schrecken des Kriegs noch dadurch, daß ſie die Zufuhren beider Armeen pluͤnderten, kleinere Zuͤge anfielen, und Kranke, Verwundete und Marodeurs zuſammenhieben. Das wiederholte Vorruͤcken und Zuruͤckziehen der verſchie⸗ denen ſtreitenden Parteien verſchlimmerte dieſe Uebel noch. Jede neue Bande von Pluͤnderern, welche an⸗ kam, ſtuͤrzte ſich mit mehr kanibaliſcher Wuth auf ihre Beute, je kaͤrglicher die Nachlaͤſſe wurden. Wie die Schrift ſagt, was die Heuſchrecke uͤbrig ließ, verzehrte die Wanderraupe— was den Haͤnden der Baskyren, Kirgiſen und Kroaten von der Wolga, der kaspiſchen und tuͤrkiſchen Grenze entging, ward von den halb nackten und halb verhungerten Rekruten 77 Napoleons aufgerafft, welche Mangel, Ungemach und Erbitterung eben ſo gleichguͤltig gegen die Bande des Vaterlandes und ihrer Mitbuͤrger machte, als die andern keine Anſpruͤche der Menſchlichkeit achteten. Die Staͤdte und Doͤrfer, welche der Schauplatz wirk⸗ lichen Kampfes wurden, waren haͤufig niebergebrannt; und dieß nicht blos in Folge bedeutender Kaͤmpfe, deren wir des naͤhern Erwaͤhnung thaten, ſondern auch in Folge unzaͤhliger Scharmuͤtzel, die, auf ver⸗ ſchiedenen Punkten geliefert, zwar keinen Einfluß auf die Entſcheidung des Feldzugs hatten, den Jammer des Landes aber unbeſchreiblich vermehrten, indem ſie die Schrecken des Krieges, und in ihrem Gefolge Brand, Hunger und Mord in die entlegentſten Di⸗ ſtrikte brachten. Die Waͤlder boten keinen Verſteck, die Kirche keine Freiſtaͤtte mehr; ſelbſt das Grab deckte die Ueberreſte der Sterblichkeit nimmer. Die Doͤrfer waren uͤberall abgebrannt, die Maierhoͤfe zerſtoͤrt und gepluͤndert, die Wohnſitze der Menſchen, und alles, was der Betriebſamkeit des Friedens und haͤuslicher Bequemlichkeit angehoͤrte, war verheert und veroͤdet; Woͤlfe und andere wilde Thiere nahmen in den Ge⸗ genden, welche die Menſchen mit gleicher Grauſamkeit verwuͤſtet hatten, furchtbar uͤberhand. So wurden die Uebel, welche Frankreich ohne Erbarmen und Scho⸗ nung uͤber Spanien, Preußen, Rußland und beinahe alle Laͤnder Europens gebracht hatte, auf ſeinem eige⸗ nen Boden, wenige Meilen von ſeiner Hauptſtadt, furchtbar vergolten; und dieß waren die Folgen eines Syſtems, das kein anderes Geſetz, als das der Waf⸗ fengewalt anerkennend, die vereinigten Staaten Eu⸗ ropens ſeine Angriffe mit noch furchtbareren Mitteln abtreiben lehrte, als es ſelbſt im Kampf gegen die⸗ ſelben geltend gemacht hatte. Viertes Kapitel. Ruͤckblick auf die Kriegsereigniſſe an den Grenzen von Frankreich. 4. Murat faͤllt ab und erklaͤrt ſich zu Gunſten der Alliirten.— Die Folgen davon.— Augereau iſt genoͤthigt, Gex und Frauche⸗ Comté zu verlaſſen.— Der Norden von Deutſchland und Flandern geht fuͤr Frankreich verloren.— Carnot wird das Kommando in Antwerpen anvertraut.— Bergen⸗op⸗Zoom wird von Sir Thomas Graham beinahe genommen; allein die Unordnung der Truppen vereitelt das Unternehmen im Augen⸗ blick des Gelingens.— Die Alliirten nehmen und raͤumen Soiſſons.— Buͤlow und Winzingerode„ereinigen ſich mit Bluͤcher.— Der Herzog von Wellington ſchlaͤgt ſich durch Pays des Gaves.— Die Royaliſten im Weſten von Frankreich.— Unzufriedenheit der alten Republikaner mit Napoleons Herr⸗ ſchaft.— Abſichten der verſchiedenen Mitglieder der Coalition in Hinſicht der Dynaſtien der Bourbons und Napoleons.— Schritte der Herzoge von Berry, Angouleme und Monſieur; die beiden letztern betreten Frankreich.— Die Franzoſen wer⸗ den von Wellington bei Orthez geſchlagen.— Bordeaux wird von den Einwohnern freiwillig an Marſchall Beresford uͤber⸗ geben; ſie ſtecken die weiße Kokarde auf.— Details der Unterhandlungen in Chatillon.— Traktat von Chaumont, vermoͤge deſſen die Verbuͤndeten ſich aufs Neue verpflichten, den Krieg mit Nachdruck fortzuſetzen. Napoleon bringt einen auf⸗ fallend unbilligen Gegenvorſchlag zu Chatillon vor.— Der Kongreß zu Chatillon wird abgebrochen. —— — 79 Waͤhrend Napoleon in dem Feldzug zu Paris fuͤr ſeine Eriſtenz als Monarch kaͤmpfte, fanden an den Grenzen Ereigniſſe Statt, die mehr oder weni⸗ ger, und beinahe alle unguͤnſtigen Einfluß auf ſein Schickfal hatten. Dieſe Ereigniſſe muͤſſen wir etwas im Einzelnen betrachten, und zugleich erwaͤhnen, welchen Einfluß ſie auf die Reſultate des Krieges hatten. Die Vertheidigung von Italien war dem Prinzen Eugen Beanharnois, dem Vicekoͤnig dieſes Koͤnig⸗ reichs, anvertraut. Er war dieſes Vertrauens voͤllig wuͤrdig, ſah ſich aber durch den Abfall Murat's aller ihm noch uͤbrigen Mittel zur Ausfuͤhrung ſeines Auftrags beraubt. Wir hatten ſchon oft Gelegenheit, Murat als einen ausgezeichneten Mann auf dem Schlachtfeld— mehr als einen unerſchrockenen, hitzi⸗ gen Soldaten, denn als einen weiſen Befehlshaber, zu ſchildern. Als Souverain hatte er wenig An⸗ ſpruͤche auf Verdienſt. Er war gutmuͤthig, aber eitel; beſchraͤnkt an Geiſteskraͤften, und durchaus unerfahren. Napoleon hatte ſeine geringe Meinung von ſeinem Verſtande nicht verhehlt, und nach ſeinem Ruͤckzug aus Frankreich in einem oͤffentlichen Bulietin einen zwar nur mittelbaren, allein ſehr verſtaͤndlichen Tadel uͤber ihn ausgeſprochen. In einem Schreiben an die Gemahlinn Murat's, ſeine eigene Schweſter, hatte Napoleon ihres Gemahls veraͤchtlich als eines Mannes erwaͤhnt, der zwar tapfer auf dem Schlachtfeld, ſonſt 80 aber ſo feig wie ein Moͤnch oder Weib ſey. Karoline warnte in dem Antwortſchreiben ihren Bruder, und bat ihn, ihren Gemahl mit mehr Achtung zu behan⸗ deln. Napoleon, ungewohnt, ſeine Empfindungen zu unterdruͤcken, behielt dieſelbe Sprache und daſſelbe Benehmen gegen ihn bei. Mittlerweile gab Murat in ſeinem Verdruſſe hier⸗ uͤber den Antraͤgen Oeſterreichs Gehoͤr, wozu auf be⸗ ſonderes Anlfegen dieſes Staates, der fuͤr die Wie⸗ dererlangung ſeiner italieniſchen Provinzen intereſſirt war, England nur mit Muͤhe ſeine Zuſtimmung gab. Zufolge eines Traktats mit Oeſterreich erklaͤrte ſich Murat fuͤr die Alliirten, und zog mit einer Armee von 30,000 Neapolitanern nach Rom, in der Abſicht, zu der Vertreibung der Frauzoſen aus Italien be⸗ huͤlflich zu ſeyn. Er nahm in Eile Ancona und Florenz weg. Es ſtand bereits in Italien eine Ar⸗ mee von 50,000 Oeſterreichern, denen der Vicekoͤnig eine unentſchiedene Schlacht bei Reverbello geliefert hatte, nach welcher er ſich auf die Linie der Etſch zuruͤckzog, an der er eine unſichere Stellung nahm, bis der Krieg geendigt war.— Die Erſcheinung von Murat's Armee auf oͤſterreichiſcher Seite, obgleich er ſich nur auf einen Krieg mit Proklamationen be⸗ ſchraͤnkte, waren darauf berechnet, allem franzoͤſiſchen Einfluß in Italien ein Ende zu machen. Kontrere⸗ volutionaͤre Bewegungen in einigen Schweizerkantons und in den Gebirgen von Savpoyen zweckten ferner 81 dahin ab, dem Kaiſer das Thor zu verſchließen, durch welches er ſo oft den Krieg in die italieniſche Halb⸗ inſel, und von ſeinen noͤrdlichen Provinzen in das Herz von Oeſterreich ſelbſt geſpielt hatte. Der Abfall Murat's hatte noch die weitere Wirkung, daß er die Maßregeln vereitelte, welche Napoleon fuͤr die Wiedereroberung der ſuͤdoͤſtlichen Spitze von Frankreich beabſichtigte. Augereau hatte den Befehl erhalten, von Lyon heranzuruͤcken, und die Verſtaͤrkungen an ſich zu ziehen, welche Eugen ihm von Italien her uͤber die Alpen zuſchicken wuͤrde. Dieſe ſollten ſeiner Berechnung nach dem frandoͤſiſchen Marſchall eine entſcheidende Uebermacht geben, ſo daß er bis an die Quellen der Saonne heraufziehen, die kraͤftigen 2 Bewohner der Vogeſen zu den Waffen ru⸗ fen, die Kommunikationen der öſterreichiſchen Armee⸗ abſchneiden, und einen National⸗ und Guerillaskrieg im Ruͤcken der Verbuͤndeten eroͤffnen konnte. Um die Energie ſeines alten Kriegskameraden noch hoͤher zu ſteigern, veranlaßte Napoleon die Kai⸗ ſerinn Marie Louiſe, der jungen Herzoginn von Ca⸗ ſtiglione(des Marſchalls Gemahlinn) efnen Beſuch zu machen, und ſie zu vermoͤgen, all ihren Einfluß bei ihrem Gemahl dahin zu benurtzen, daß er in der gegenwaͤrtigen Kriſis alle ſeine Talente und ſeine Kuͤhnheit aufboͤte. Es iſt ein auffallendes Zeichen vom Verfall ſeiner Macht, wenn man dachte, der Befehl des Kaiſers an einen ſeiner Marſchaͤlle be⸗ W. Scott’s MWerke. LIX, 8² duͤrfte noch des Nachdrucks und des Dazwiſchentretens einer Frau, oder es bewies vielmehr, daß Napoleon ſich ſelbſt ſagen mußte, er verlange von dieſem Ge⸗ neral etwas, was keine perſoͤnlichen Anſtrengungen bewerkſtelligen konnten. Er ſchrieb jedoch an Auge⸗ reau ſelbſt, und beſchwor ihn, ſeiner fruͤhern Siege zu gedenken und zu vergeſſen, daß er mehr als 50 Jahre alt ſey. Allein Ermahnungen, ſey es von ei⸗ nem Souverain oder einer Frau, koͤnnen den Abgang phyſiſcher Kraͤfte nicht erſetzen. Augereau konnte den ihm gewordenen Auftrag nicht erfuͤllen, da er die italieniſchen Verſtaͤrkungen nicht erhielt, die, wie die Sachen in Italien ſtanden, Eugen unmoͤglich entbeh⸗ ren konnte; Detaſchements von Suchet's ſpaniſchen Beteranen ſtießen jedoch zu dem Marſchall in Lyon, und ſetzten ihn in Stand, gegen General Bubna vorzuruͤcken und ihn zu einem Ruͤckzug auf Genf zu noͤthigen. Allein die Ankunft des Generals Bianchy, welchen General Schwarzenberg mit bedeu⸗ tender Verſtaͤrkung zu dem Ende detaſchirt hatte, ga⸗ ben den verbuͤndeten Armeen wieder die Oberhand an dieſer Grenze, beſonders, da der Prinz von Heſ⸗ ſen⸗Homburg von der Schweiz her mit den öſter⸗ reichiſchen Reſarven anruͤckte. Dieſem fiel es nicht ſchwer, ſich der Paͤſſe der Saonne zu verſichern. 3 Augereau ward demnach genoͤthigt, die Gegend von Ger und der Franche Comts zu raͤumen und ſich . 8³ unter die Waͤlle von Lyon zuruͤckzuziehen. Napoleon war gegen ſeinen alten Kameraden und Lehrer nicht viel hoͤflicher, als er gegen die andern Marſchaͤlle in dieſem Feldzuge war, wenn ſie Auftraͤge nicht erfuͤll ten, wozu ſie durchaus keine Mittel hatten. Augereau ward oͤffentlich als unthaͤtig und ununternehmend getadelt. Der Norden von Deutſchland und Flandern ging fuͤr Frankreich und die franzoͤſiſche Sache gleichfalls verloren. Hamburg hielt ſich immer noch, ward aber, wie wir bereits erwaͤhnten, belagert oder viel⸗ mehr blokirt von den Verbuͤndeten unter Bennigſen, welchem der Kronprinz von Schweden dieſen Auftrag gegeben hatte, als er nach Beendigung des Krieges mit Daͤnemark gegen Koͤln vorgeruͤckt war, um Bel gien von den Franzoſen zu ſaͤubern, und dann Frank⸗ reich in dieſer Richtung betrat, um die ſchleſtſche Ar⸗ mee zu unterſtuͤzen. Der Kronprinz zeigte keine perſoͤnliche Geneigtheit, an dem Angriffe auf Frank⸗ reich Theil zu nehmen⸗ Die Gruͤnde, welche ihn hie⸗ von abhalten mochten, ſind bereits angefuͤhrt. Die Royaliſten gaben noch einen weitern an, daß er naͤm⸗ lich Abſichten gehabt haͤtte, ſich an die Spitze der franzoͤſiſchen Regierung zu ſtellen, worin ihm die verbuͤndeten Monarchen nicht willfahren wollten. Gewiß iſt, daß er entweder aus Gruͤnden der Klug⸗ heit oder aus Abgeneigtheit nach ſeiner Ankunft in Flandern nicht mehr als ein thaͤtiges Mitglied der Coalition betrachtet werden konnte. 34— Mittlerweile wurde Antwerpen tapfer und ge⸗ ſchickt von dem alten Republikaner Carnot verthei⸗ digt. Dieſer beruͤhmte Staatsmann und Ingenieur hatte ſich immer den Schritten Napoleons, die er zur Willkuͤhrherrſchaft machte, entgegengeſetzt, und gegen ſeine Wahl zum lebenslaͤnglichen Konſul und zum Kaiſer geſtimmt. Man findet nicht, daß Napo⸗ leon dieſe Oppoſition ihn empfinden ließ. Er war Carnot verpflichtet, vor ſeinem beiſpielloſen Empor⸗ ſteigen, und mehrmals gedachte er ſeiner, und ließ ihm ſeine Schulden in einem Angenblick der Verle⸗ genbeit bezahlen. Carnot hielt ſeinerſeits die Inva⸗ ſion von Frankreich fuͤr ein Signal, ſeine Talente —zur Vertheidigung des Vaterlandes anzuwenden; er bot ſeine Dienſte dem Kaiſer an, und ward zum Kommandanten von Antwerpen beſtimmt. Bergen op⸗Zoom war gleichfalls noch von den Franzoſen beſetzt. Dieſe Stadt, eine der fe 4 der Welt, war auf dem Punkte, von Sir homas Graham durch einen Handſtreich genommen zu wer⸗ den. Nach einem naͤchtlichen, aͤußerſt gewagten An⸗ griff waren die brittiſchen Kolonnen ſchon ſo weit ge⸗ kommen, daß alle gewoͤhnlichen Hinderniſſe beſiegt ſchienen. Allein auf dieſe gluͤcklichen Saritte folgte eine Unordnung, durch welche das Unternehmen ſchei⸗ terte, ſo daß viele Truppen, die ſchon in der Stadt waren, niedergemacht oder genoͤthigt wurden, ſich zu ergeben. So ward eine geſchickt entworfene und —,— 85 tapfer ausgefuͤhrte Unternehmung im Augenblick des Sieges durch Umſtaͤnde vereitelt, fuͤr welche weder der General, noch die Offiziere, die unmitrelbar im Kommando waren, verantwortlich gemacht werden konnten. General Graham ward jedoch durch Ver⸗ ſtäͤrkungen aus England in den Stand geſetzt, mit Huͤlfe der Schweden und Daͤnen, ſo wie hollaͤndiſcher und flaͤmiſcher Truppen Ausfaͤlle aus Bergen oder Antwerpen zuruͤckzuweiſen. Als die Befreiung der Niederlande beinahe vollen⸗ det war, drang Buͤlow gegen La Fere vor und nahm Laonne ein. Hier vereinigte er ſich am 26. Februar mit Winzingerode, der, nachdem er Juͤlich, Vanloo und Maſtricht der Beobachtung des Kronprinzen an⸗ vertraut, durch den Ardenner Wald zog. Soiſſon⸗ leiſtete verzweifelten Widerſtand, da aber der Kom⸗ mandant getoͤdtet wurde, ward der Platz uͤbergeben. Dieß geſchah am 15. Februar, und die Alliirten haͤt⸗ ten dieſen wichtigen Platz behaupten ſollen. Allein in ihrer Eile, die Vereinigung mit Fuͤrſt Bluͤcher zu bewerkſtelligen, raͤumten ſie Soiſſons, welches Mortier ſogleich wieder durch eine ſtarke franzoͤſtſche Garniſon beſetzen ließ. Der Beſitz dieſer Stadt wurde bald darauf von großer Bedeutung. Mittlerweile traten Buͤlow und Winzingerode mit ihren zwei neuen Ar⸗ meen in Kommunikation mit Bluͤcher, deſſen Nach⸗ trab ſie nun bildeten, und ihm ſeinen Verluſt in den Niederlagen bei Montmirail und Cham peaubert im 86 „Uebermaß erſetzten. Auf der ſuͤdweſtlichen Grenze ſchien der Horizont noch finſterer. Der Herzog von Wellington war in Spanien ein⸗ gedrungen und entſchloß ſich, einen Durchzug durch den feſten Landſtrich Pays des Gaves, d. h. ein Land von Fluͤſſen und Waldſtroͤmen durchſchnitten, zu er⸗ zwingen. Er hielt ſo ſtrenge Mannszucht und be⸗ zahlte ſo genau die Lebensmittel, die er aus dem Lande bedurfte, daß er mit Vorraͤthen jeder Art freiwillig unterſtuͤtzt wurde, waͤhrend die Armee des Marſchalls Soult ihre Beduͤrfniſſe nur ſparſam durch militaͤriſche Requiſition bezog. In Folge dieſer ſtren⸗ gen Mannszucht war die Gegenwart der brittiſchen Truppen durchaus kein Ungluͤck fuͤr das Land, und mehrere Verſuche, die General Hariſpe machte, unter ſeinen Landsleuten, den Basken, Guerillas zu errich⸗ ten, um den Herzog von Wellingkon im Ruͤcken an⸗ zugreifen, blieben ohne allen Erfolg. Die kleine See⸗ ſtadt St. Jean de Luz verſah die engliſche Armee mit allen Beduͤrfniſſen. Der engliſche Handelsſtand ſandte ſogleich Ladun⸗ gen jeder Art in den Hafen, wo man vorher nur wenige Fiſcherkähne ſah. Die Guter wurden nach dem von dem Herzog von Wellington angeſetzten Tarif verzollt und ans Land gebracht; und ſo endete das Kontinentalſyſtem. Mittlerweile verſprach der Weſten von Frankreich den Englaͤndern die groͤßten politiſchen Reſultate, 87 falls ſie die Hinderniſſe uͤberwanden, die ihnen das ſtark verſchanzte Lager vor Bayonne in den Weg legte, an welches Soult ſeine rechte Flanke lehnte, und eine ſtarke Linie uͤber den Adour und die be⸗ nachbarte Gaves ausdehnte. Wir haben bereits der Confoͤderation der Roya⸗ liſten erwaͤhnt, die nun in voller Thaͤtigkeit war und ſich mittelſt zuverlaͤßiger Agenten durch den ganzen Weſten von Frankreich erſtreckte. Dieſe waren nun auf ihren Poſten und bereiteten Alles zu einem nahen Ausbruche vor. Die Polizei Napoleons war zwar von der Exiſtenz und den Zwecken dieſer Verſchwoͤrung wohl unterrichtet; allein ihre Kenntniß ging nicht o weit, daß ſie ſolche aufdecken und niederſchlagen hnnte. Die zwei Herren Polignac waren ſehr verwickelt in die Sache, und hatten ſolchen Verdacht erregt, diß ſie nur durch geſchickte und ſchleunige Flucht aus Mris der Gefangenſchaft oder vielleicht dem Tode enningen. Es gelang ihnen, zu der Armee der Ver⸗ buͤrdeten zu kommen, und dort waren ſie, wie man glaubt, die Erſten, welche dem Kaiſer Alexander ge⸗ taue Aufſchluͤſſe uͤber die koͤnigliche Partei im Innern Frankreichs, und insbeſondere in der Hauptſtadt ga⸗ ten; dieß machte einen bedeutenden Eindruͤck auf bieſen Fuͤrſten. Durch das ganze weſtliche Frankreich hin erhoben ſich Tauſende von Agenten fuͤr eine Par⸗ tei, die nun aus einem zwanzigjaͤhrigen Schlaſe er⸗ 88 wachen ſollte. Bordeaur mit ſeinem loyalen Maire, Graf Lynch und dem groͤßten Theil ſeiner Einwohner war der Mittelpunkt dieſer Verbindung. Ein großer Theil der Einwohner wurde im Stillen in Regimen⸗ ter eingetheilt und mit Waffen, Artillerie, Schieß⸗ pulver und Kugeln verſehen, die ſie in ihren Maga⸗ zinen verſteckten. Der beruͤhmte La Roche Jacque⸗ lin, durch die einfache und erhabene Erzaͤhlung ſeines Genoſſen unſterblich gemacht, fuͤhrte die Sache der Royaliſten in dem engliſchen Hauptquartier, und machte wiederholte und gefaͤhrliche Reiſen nach Bor⸗ deaur und wieder zuruͤck. Saintonge und La Vandée wurden durch einen loyalen Griſtlichen, den Abbé Jaqualt, fuͤr den Auf ſtand organiſirt. Die Bruͤder von Roche⸗Aymon be reiteten Perigord zum Kampfe. Der Herzog vor Duras hatte tauſend Mann in Touraine in Dienſt genommen. Die Chouans endlich hatten ſich zu e⸗ nem Aufſtande erhoben unter dem Grafen de Vitriy und Tranquille, einem beruͤhmten Fuͤhrer, genamt Le Capitaine sans peur. Zahlreiche Banden wiler⸗ ſpenſtiger Rekruten, durch ihren vogelfreien Zuſtand in Verzweiflung gebracht, waren zu Angers, Nantes und Orleans bereit, zu Gunſten der Bourbons unten die Waffen zu treten, unter dem braven de l'Orge Monſieur d'Airac, dem Grafen Charles d'Autichamp, dem Grafen de Suzannet, und Cadoudal, dem Bru⸗ der des beruͤhmten Georges und ihm gleich an Mutl 89 und Entſchloſſenheit. Allein alle verlangten, die blauen Flinten, wie ſie die Englaͤnder nannten, ſoll⸗ ten vor ihnen herziehen, da ſie ihre eigenen verſchie⸗ denen Farben hatten. Durch die Unterhandlungen in Chatillon und verſchiedene andere politiſche Gruͤnde beſtimmt, und insbeſondere aber, um dieſe begeiſter⸗ ten Krirger nicht durch Aufmunterung zu einem vor⸗ ſchnellen Aufſtande in Gefahr zu ſetzen, ſahen ſich die engliſchen Miniſter zu Hauſe und der engliſche Ge⸗ neral in Frankreich genoͤthigt, den vorſchnellen Eifer der Royaliſten eine zeitlang mehr zu zuͤgeln, als zu ermuthigen; eine Vorſicht— die um ſo nothwen⸗ diger war, da zu derſelben Zeit eine andere Verſchwoͤ⸗ rung, gleichfalls gegen Buonaparte's Perſon, oder wenigſtens gegen ſeine Macht gerichtet, beſtand; es war daher von Wichtigkeit, daß keine hervorbrach, bis die gehoͤrigen Vorkehrungen getroffen waren, daß ſie ſich nicht durchkreuzten und einander entgegen han⸗ delten. Dieſe zweite Klaſſe von Unzufriedenen be⸗ ſtand aus denen, die gleich Buonaparte ihre politiſche Bedeutung der Revolution verdankten, und ohne In⸗ tereſſe fuͤr die Bourbons ſich einzig von der Tyrannei Napoleons zu befreien ſuchten; dieß waren betrogene und zuruͤckgeſetzte Republikaner, die getaͤuſchten Kon⸗ ſtitutionellen, alle, welche hofften und erwarteten, daß die Revolution den Weg zu einer freien Regierung bahnen wuͤrde, unter welcher die Laufbahn der Aus⸗ zeichnung allen Talenten offen ſtand— eine Lotterie, 90 in welcher wahrſcheinlich Jeder durch ſeine Talente einen bedeutenden Treffer zu gewinnen hoffte. Der Scepter Napoleons laſtete auf dieſer Klaſſe ſchwerer, als ſelbſt auf den Royaliſten. Er hatte in theoreti⸗ ſcher Hinſicht nichts gegen die Grundſaͤtze der letzteren einzuwenden, fuͤhlte einige Achtung fuͤr ihre Geburt und ihre Titel und wuͤnſchte nur, ihre Ergebenheit von dem Hauſe Bourbon auf das Haus Napoleon zu verpflanzen; er vertheilte demzufolge Aemter und Ehrenſtellen unter ſolche von dem alten Adel, die er zur Annahme vermocht hatte, und war angenſchein⸗ lich ſtolz darauf, Namen und Ditel an ſeinen Hof zu ziehen, die in den fruͤhern Perioden der franzoͤſi⸗ ſchen Geſchichte ihre Geltung hatten. Ueberdieß glaubte er, bis die Umſtaͤnde ſeinen Thron erſchuͤtter⸗ ten und ihnen Mittel, ihm zu ſchaden, an die Hand gaben, die Anzahl der Royaliſten ſey gering und ihre Macht unbedeutend; allein von dieſen unternehmen⸗ den Koͤpfen, deren Dichten und Trachten ſeit ſo vie⸗ len Jahren nichts denn revolutioniren war, hatte er weit mehr zu fuͤrchten, beſonders, da ſie, wie man hoͤrte, unter der Leitung ſeines Erminiſters Talley⸗ rand ſtanden, deſſen Talenten fuͤr Entwerfung und Ausfuͤhrung politiſcher Veraͤnderungen er allen Grund hatte, Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Dieſer Klaſſe von Feinden ſchrieb er den kuͤhnen Verſuch zum Sturze ſeiner Herrſchaft zu, der waͤhrend ſeiner Abweſenheit in Rußland nicht ohne Ausſicht auf Er⸗ 3 3 —— 91. folg gemacht worden war.„Sie haben den Schwanz, aber nicht den Kopf!“ waren die Worte des Oberſten der Verſchwornen, als er hingerichtet werden ohte, und klangen Buonaparte immer noch in den Ohren. Man nahm allgemein an, daß ſein langes Ver⸗ weilen in Paris, ehe er wieder gegen die Verbuͤndeten ins Feld zog, ſich von ſeiner Furcht von einer aͤhn⸗ lichen Exploſion, wie die von Malet's Verſchwoͤrung war, herſchrieb. Ob dieſe zwei verſchiedenen Klaſſen von Feinden Buonaparte's mit einander in Verbin⸗ dung ſtanden, wiſſen wir nicht, allein beide ſtanden mit den Verbuͤndeten im Verkehr; der von Talley⸗ rand's Faction wurde, wie wir glauben, an dem Hofe von London durch einen nahen Verwandten unterhal⸗ ten, der kurz vor Eroͤffnung des Feldzugs, von dem wir ſprechen, nach England kam. Wir zweifeln nicht, daß Talleyrand auf aͤhnlichen Wegen mit den Bour⸗ bons in Verbindung ſtand, und daß auf dieſelbe Weiſe, wie die engliſche Reſtauration, durch eine Vereinigung zwiſchen den Rittern und den Presby⸗ terianern bewerkſtelligt wurde, gerade damals ein ge⸗ wiſſer Vergleich zu Stande kam, in Folge deſſen der verbannte Mon ech zu Wiedererlangung der Krone ſich des Beiſtands derer verſichert halten durfte, die wir, in Ermanglung eines andern Namens, die Kon⸗ ſtitutionellen nennen werden, vorausgeſetzt, daß ſeine Regierung auf die Baſis einer freien Verfaſſung ge⸗ gruͤndet wuͤrde. 9² Es war von der groͤßten Wichtigkeit, daß ſich beide Faklionen vorſichtig betrugen, bis ſich entſchieden hatte, welchen Weg die verbuͤndeten Monarchen bei der Unterhandlung mit Buonaparte einſchlagen wuͤr⸗ den. Der Ausgang davon war noch unbeſtimmter, da man allgemein annahm, daß die Souveraine, ob⸗ gleich in dem Hauptpunkte einverſtanden, einerſeits die Uebermacht Frankreichs zu vernichten, andererſeits daſſelbe in dem Beſitz des ihm zukommenden Anſehens und Einfluſſes zu laſſen, ſich nicht uͤber die Art und Weiſe vereinigt hatten, auf welche ſolches in Zukunft regiert werden ſollte. Der Peinzregent von Enaland war vermoͤge des Adels ſeiner Geſinnung ſowohl, als auch durch ſeinen ſcharfen und umſichtigen Blick in die Moͤglichkeit der Zukunft zu Gunſten der Bourbons geſtimmt. Dieſe erlauchte Perſon ſchloß ſehr treſſend, daß freie Inſti⸗ rutionen wahrſcheinlich unter dem Schutze des wieder aufgenommenen Koönigshauſes, das ſeine Krone unter der Freiheit guͤnſtiger Bedingungen wieder erlangte, beſſer gedeihen wuͤrden, als unter der Modification des revolutionnaͤren Syſtems, das, im Falle Buona⸗ parte auf dem Throyne bliebe, ſtets als Eingriffe in ſeine kaiſerliche Machtvollkommenheit enthaltend, be⸗ rrachtet werden muͤßte Die Bourbons konnten vor⸗ ausſichtlich unter den obwaltenden Umſtaͤnden alles nur fuͤr Gewinn halten, wo dagegen der unbeugſame, gekraͤnkte Stolz Napoleons uͤber ſeinen Verluſten bruͤ⸗ 9⁵ tend, ſehr befuͤrchten ließ, daß er bei veraͤnderten Um⸗ ſtaͤnden ſich wieder ſchadlos zu halten ſuchen wuͤrde; allein es ſaßen Miniſter in dem engliſchen Kabinet, die Bedenken trugen, die Schuld eines verlaͤngerten— Krieges dadurch auf ſich zu laden, daß ſich England oͤffentlich fuͤr die Sache der Bourbons eutſchied, deren Anſpruͤche etwas veraltet waren, und welche bisher das Ungluͤck in ihrem Gefolge hatten. Englands In⸗ tereſſe fuͤr die koͤnigliche Sache beſchraͤnkte ſich daher auf fromme Wuͤnſche. Der Kaiſer Alerander theilte das Mitleid, das alle Souveraine gegen dieſe nngluͤckliche Familie fuͤhlen mußten, deren Sache gewiſſermaßen die Sache aller Fuͤrſten war. Es iſt bekannt, daß Moreau in die Dienſte des ruſſiſchen Monarchen nur auf die aus⸗ bruͤckliche Zuſicherung von Seiten Aleranders trat, daß die Bourbons, unter den Beſchraͤnkungen einer freien Konſt itution, wieder auf den Thron von Frank⸗ reich geſetzt werden ſollten; Preußen mußte vermoͤge ſeiner genauen Verbindung mit Rußland, und den perſoͤnlichen Gruͤnden zu gegenſeitiger Abneigung zwiſchen Friedrich und Napoleon, fuͤr den Sturz des letztern ſtimmen. Allein die zahlreichen Armeen Oeſterreichs und ihre Naͤhe bei dem Kriegsſchauplatz machten ihren Beiſtand ür die Verbuͤndeten unerlaͤßlich, indeß die Verwandt⸗ ſchaft ſeines Kaiſerhauſes mit dieſem einſt gluͤcklichen Sol⸗ bte neihnen bei ihren Berzthungen viele Schwierig⸗ keiten in den Weg legte. Man glaubte, der Katſer 94 von Oeſterreich wuͤrde darauf beſtehen, daß man mit Buonaparte als Souverain von Frankreich unterhan⸗ delte, vorausgeſetzt, daß letzterer genuͤgende Buͤrgſchaft dafuͤr gaͤbe, daß er auf ſeine Anſpruͤche eines allge⸗ meinen Supremats verzichte, oder daß, wenn er hart⸗ naͤckig darauf beſtaͤnde, Kaiſer Franz die Errichtung einer Regentſchaft, mit Marie Louiſe an ihrer Spitze, verlangen wuͤrde; beides waͤre ein Todesſtoß fuͤr die Hoffnungen der verbannten Familie der Bourbons geweſen.. Waͤhrend dieſer ungewißheit faßten die Prinzen vom Hauſe Bourbon den heroiſchen Entſchluß, ſich ſelbſt nach Frankreich zu begeben, und zu verſuchen, ob nicht in einer ſo bedeutenden Kriſis ihre Gegen⸗ wart alte Erinnerungen erwecken wuͤrde. Obgleich das engliſche Miniſterium ſich weigerte, die Plane der Familie Bourbon unmittelbar zu unter⸗ ſtuͤtzen, ſo konnte es vermoͤge ſeiner Gerechtigkeits⸗ liebe den thaͤtigeren Gliedern dieſer ungluͤcklichen Fa⸗ milie das Recht nicht verſagen, ſo zu handeln, wie ſie es fuͤr das Intereſſe ihrer Sache und ihrer An⸗ haͤnger am geeignetſten fanden. Auf ihr Geſuch um Erlaubniß, nach Frankreich abgehen zu duͤrfen, erhiel⸗ ten ſie von dem brittiſchen Miniſterium zur Antwort, die Fuͤrſten vom Hauſe Bourbon ſeyen Gaͤſte, nicht Gefangene von Großbrittannien; und obgleich der ge⸗ genwaͤrtige Zuſtand der Dinge ihm verboͤte, Schritte, die ſie zu thun ſaͤr gut faͤnden, ausdruͤcklich gut zu . 95 heißen, ſo ſtaͤnde ihnen dennoch frei, das engliſche Ge⸗ biet nach Gefallen zu verlaſſen und wieder in daſſelbe zuruͤckzukehren. Unter einer ſo allgemeinen Sanction ging der Herzog von Angouleme nach St. Jean de Luz unter Segel, um ſich zu der Armee des Herzogs von Wellington zu begeben. Der Herzog von Berry begab ſich nach Jerſey, um mit den Royaliſten in der 24 Bretagne zu korreſpondiren, und Monſteur nach Hol⸗ land, von wo aus er ſich an die Grenze der Schweiz begab, und in der Nachhut der oͤſterreichiſchen Armeen Frankreich betrat. Die Schritte der beiden letztern Prinzen blieben ohne Erfolg. Der Herzog von Berry verweilte an der Inſel Jerſey, als er einige unangenehme Mittheilungen aus Frankreich in Betreſf der Staͤrke der beſtehenden Re⸗ gierung bekam, und, wie man ſagte, ein Komplott entheckte, das ihn zu einer Landung an einem Punkte vermoͤgen ſollte, wo er Napoleons Gefangener werden mußte. Monſieur betrat Frankreich, und wurde zu Veſpul mit großem Enthuſiasmus aufgenommen, fand aber von den oͤſterreichiſchen Kommandanten und Genera⸗ len keine große Aufmunterung; und ſein Vorſchlag, etwas im Elſaß und in der Franche⸗Comté zu unter⸗ nehmen, wurde mit Kaͤlte, ja faſt mit Verachtung aufgenommen. Die Hinrichtung Goualt's in Troyes, und das Dekret, worin die Royaliſten mit dem Tode bedroht wurden hatte die ganze Partei in Schrecken 2 —— geſetzt, der noch durch die ruͤckgaͤngige Bewegung der großen Armee bedeutend vergroͤßert wurde. Das Un⸗ ternehmen Monſieurs hatte ſomit kein unmittelbares Reſultat, obgleich ſeine Gegenwart fuͤr die letzten Er⸗ eigniſſe von entſcheidender Wirkung war; und die Reſtauration wuͤrde kaum Statt gefunden haben, wenn dieſer Prinz ſeine Perſon nicht auf ſolche Weiſe der Gefahr ausgeſetzt haͤtte. Die Ankunft des Herzogs von Angouleme bei der Armee des Herzogs von Wellington hatte mehr un⸗ mittelbare Folgen. Se. Koͤnigl. Hoheit konnte nur als ein Freiwilliger aufgenommen werden; allein der Effekt ſeiner Ankunft ward ſogleich ſichthar. La Roche Jacquelin, der ſeine Tage und Naͤchte, ſein Gluͤck und ſein Leben der koͤniglichen Familie geweiht hatte, er⸗ ſchien alsbald in dem brittiſchen Lager, drang in den General, ſeinen Marſch nach der Stadt Bordeaur zu rich⸗ ten, die, von der Naͤhe der Armee Soull's befreit, ſich ſogle ich fuͤr die Beurbons erklären, und die Er⸗ hebung von Guinne, Anjou und Lauguedoe nach ſich ziehen wuͤrde... Menſchlichkeit fowohl zals Politik fecimmts den Herzog von Wellington, immer noch an ſich zu hal⸗ ten, er wußte, wie oft patriotiſcher Enthuſigsmus Verſprechungen macht, deren Erfuͤllung nicht in ſeinen Kraͤften ſteht; er warnte den eifrigen Abgeſandten vor voreiliger Erklaͤrung, da die Konferenzen zu Cha⸗ tillon immer noch vor ſich gingen, und ſich ſehr leicht 97 mit einem Frieden zwiſchen den Verbuͤndeten und Napoleon endigen koͤnnten. La Roche Jacquelin ließ ſich durch ſolche Gegenvorſtellungen nicht abſchrecken, und fuhr mit ſolcher Geſchicklichkeit und Ritterlichkeit fort, ſeinen Auftrag zu betreiben, daß er endlich die ermuthigende Antwort erhielt:„Bleiben Sie einige Tage im Hauptäuaktier, und Sie ſollen ſehen, wie wir den Durchgang durch die Gaues erzwingen.“ Hier begann eine Reihe von geſchickten Manoͤvern mit dem 14. Februar, indem der Herzog von Wel⸗ lington, der Schritt fuͤr Schritt den Theil der frun⸗ zoͤſiſchen Armee, der auf der linken Seite des Adonr ſtand, vor ſich her draͤngte, ihn nach und nach hinter Gave de Maubern und Gave d⸗Oleron zuruͤckrrieb. Auf der rechten Seite von letzterem bezogen die Fran⸗ zoſen eine ſehr feſte Stellung vor der Stadt Orthez, wo Soult, nachdem er Clauſel und ſtarke Verſtaͤrkun⸗ gen an ſich gezogen, Stand zu halten verſuchte. Der Herzog von Wellington begann ſeinen Angriff in der rechten Flanke des Feindes, ſtuͤrmte und nahm das Dorf, von dem ſie beſtrichen wurde. Der verzweifelte Widerſtand, den der Feind auf dieſem Punkte leiſtete, veranlaßte eine jener kritiſchen Bewegungen, woßein General in der Hitze der Schlacht genoͤthigt wird, alle fruͤheren Anordnungen zu veraͤndern, und im Augenblick der Ungewißheit, Verwirrung und Aengſt⸗ lichkeit neue Kombinatianen an die Stelle derer zu ſetzen, die in der Stunde kalter Ueberlegung entwor⸗ W. Scott's Werke, LIX. 7 98 fen worden waren. Ein Angriff auf eine Kette von Huͤgeln, die ſich laͤngs der linken Flanke von Soult hinzogen, trat an die Stelle deſſen, von welchem Wel⸗ lington anfangs den Sieg erwartete. Au gleicher Zeit machte die Ankunft des Generals Hill, der den Fluß oder die Gaves oberhalb Orthez durchwatet hatte, und den Feind auf der Flanke und dem Nuͤcken bedrohte, die Niederlage vollkommen. Einige Zeit benuͤtzte Marſchall Soult die Behendigkeit ſeiner Truppen, indem er immer neue Poſitionen be⸗ zog, um wenigſtens einen regelmäͤßigen Ruͤckzug zu nehmen; da er aber endlich von Linie zu Linie, durch die Manoͤvers der Englaͤnder zuruͤckgedraͤngt, in jeder neuen Stellung neuen Verluſt erlitt, und von der ploͤzlichen Annaͤherung des Korps von General Hill ſich bebroht ſah, wurde ſein Ruckzug zur Klucht, auf welcher die Franzoſen großen Verluſt erlitten; ganze Bataillons Conſcribirter zerſtieben, und manche ließen ihre Musketen aufgeſtellt zuruͤck, als ob ſie ihren feſten Entſchluß ausſprechen wollten, den Kampf fuͤr immer aufzugeben. Ein weiteres Gefecht des Generals Hill in der Naͤhe von Ayres, und der Uebergang uͤber den Adour und die Bayonne, von dem ehrenwerthen Sir John Hope ausgeführt— ein Manoͤver, das einer großen Schlacht gleich kam, gab den brittiſchen Waffen neuen Vortheil. Bayonne wurde berennt, der Weg nach Bordenux geoͤffnet, und Soult zog ſich mit den ge: 99 ringen Ueberreſten ſeiner Armee nach Tarbes zuruͤck, um ſolche franzoͤſiſche Korps, die aus Spanien zuruͤck⸗ kehren moͤchten, an ſich ziehen zu koͤnnen. 3 Die Schlacht bei Orthez, nebſt den glaͤnzenden und meiſterhaften Manoͤvern, die vorangingen und folgten, diente dazu, der brittiſchen Kriegsmacht eine Ueberlegenheit auf Punkten zu ſichern, wo ſie bis jetzt noch ſehr im Nachtheile war. Seit den Siegen in Spanien war es nicht mehr ungewoͤhnlich, einen franzoͤſiſchen Officier geſtehen zu hoͤren, daß in dem letzten Aus⸗ ſchlag des Kampfes der engliſche Soldat durch phyſt⸗ ſche Staͤrke und hohe Energie des Charakters vielleicht einen Grad von Ueberlegenheit uͤber ihre eigenen un⸗ geſtuͤmeren, aber weniger ausdauernden Landsleute haͤtte; allein durchgaͤngig modificirte er dieſen Zug von Aufrichtigkeit dadurch, daß er fuͤr die Franzoſen eine hoͤhere Kunſt in der Erfindung und eine Schnelligkeit in der Ausfuͤhrung anſprach, vorgaͤngige Bewegungen, durch welche gewoͤhnlich der gute Ausgang der Schlach⸗ ten eingeleitet wird. Der Sieg von Salamanca, obgleich gewonnen uͤber einen ausgezeichneten Praktiker und in Folge vorlaͤufiger Manoͤvers, durfte die Meinung, die ſich bei den Franzoſen allgemein feſtgeſetzt hatte, nicht widerlegt haben, doch wurde ſeit dem Anfang des Kampfes an dem Adour die franzoͤſiſche Armee, ob⸗ gleich ſie unter den Befehlen des beruͤhmten Soult (des alten Fuchſen, wie ihn ſeine Soldaten gerne⸗ 100 nannten) ſtaͤnd, geſchlagen, in Maͤrſchen uͤberholt und uͤberfluͤgelt, bei jeder Gelegenheit, von Stellung zu Stellung getrieben, in einem Lande, das ſo viele feſte Punkte darbietet, ohne daß ſie vermocht haͤtte, den Siegern durch verlaͤngerten Widerſtand Abbruch zu thun; ſie wurde zu wiederholtenmalen beſtegt, nicht durch Uebermacht, ſondern durch eine Combination von Bewegungen, die eben ſo kuͤhn ausgedacht, als bewunderungswuͤrdig ausgefuͤhrt wurden, ſo baß waͤh⸗ rend des ganzen Kampfes der Preis ſowohl der hoͤhern Geſchicklichkeit als der ausdauernden Energie und phyſiſchen Tapferkeit den brittiſchen Soldaten zuerkannt werden mußte. Dieſe Siege hatten außerdem, daß ſie einen neuen Lorbeer um den di cht geſchlungenen Kranz des engliſchen Heerfuͤhrers wanden, den entſchiedenſten Einſtuß auf die weiteren Kriegsereigniſſe ſowohl, als auf die oͤffent⸗ liche Stimmung im Suͤden von Frankreich. Bordeaux war ſo ſeiner eigenen Neigung uͤber⸗ laſſen, und, ermuthigt durch den Anzug eines eng⸗ liſchen Korys von 15,000 Mann unter dem Feldmar⸗ ſchall Beresford, ſtroͤmte ſeine Bevoͤlkerung aus, um een Herzog von Angouleme zu empfangen. Eine Meuſchenmenge, die ſich wenigſtens auf 10,000 Perſonen belief⸗ wogte aus der Stadt hervor. Der Maire, Graf Lynch, erklaͤrte in einer kurzen Anrehe dem engliſchen General, daß, wenn er als Eroberer komme, es ſeiner Vermittlung nicht bedurfte, 2 — 101 um ihm die Schluͤſſel der Stadt Bordeaux einzuhaͤn⸗ digen, wenn er aber als Verbuͤndeter ihres geſetz⸗ maͤßigen Souverains kommne, ſo ſey er bereit, ſie ihm anzubieten mit jedem Zeichen der Liebe, Ehre und Zuneigung. Feldmarſchall Beresſord wiederholte ihm ſeine Verheißungen von Schutz, und ſprach ſein Vertrauen in die Loyalitaͤt der Stadt Bordeaur aus. Der Maire begann nun den lang vergeſſenen Loſungs⸗ ruf:„Nire le roile Er ward zu tauſendmalen von Tau⸗ ſenden ringsumher wiederholt. Graf Lynch riß dann die dreifarbige Kokarde von ſeinem Hut, und ſteckte die weiße Kokarde der Bourbons guf. Alle ahmten ſein Beiſpiel nach, und auf ein ver⸗ abredetes Zeichen flatterten die alten Inſignien der Treue unter allgemeinem Beifallruf auf den Kirch⸗ thuͤrmen der Stadt. Der Enthuſtasmus, womit dieſe Zeichen der Loya⸗ litaͤt aufgenommen wurden, und der Ruf„vive le roll's von allen Seiten wiederholt und mit Segenswuͤnſchen fuͤr die Euglaͤnder und ihre Fuͤhrer begleitet, bildeten eine Scene, die denen, welche Zeugen davon waren, unvergeßlich bleiben wird. Es war ein Erwachen fruͤ⸗ herer Liebe und Anhaͤnglichkeit, die lange erſtorben ſchien— ein allgemeiner Ausbruch der edelſten und ruͤhrendſten Gefuͤhle, die, weil ſie uneigennuͤtzig und von freien Stuͤcken ſich kund gaben, am Ende noch denen, welche ſie ausgedruͤckt hatten, große Gefahr bringen konnten; allein ſie waren der Erguß einer .,— 102 hohen Begeiſterung, welche weit uͤber die Furcht per⸗ ſonlicher Gefahren erhebt. Derſelbe Zuruf empfing den Herzog von Angon⸗ leme dei ſeinem Eintritt in dieſe ſchoͤne Stadt. Die Einwohner draͤngten ſich mit Enthuſiasmus um ihn her. Der Erzbiſchof und die Geiſtlichkeit des Sprengels begruͤßten ihn; ein Te Deum ward in aller Feierlich⸗ keit abgeſungen, waͤhrend die vereinigten Banner von Frankreich, Großbrittannien, Spanien und Portugal auf den Stadtmauern wehten. Lord Dalhouſie ward als Kommandant der engliſchen Beſatzung zuruͤckge⸗ laſſen; und wenn hoher Verſtand, lange Erfahrung, der vollkommenſte Gleichmuth und unerſchuͤtterliche Standhaftigkeit die nothwendigen Eigenſchaften auf folch einem kitzlichen Poſten ſind, ſo haͤtte die engli⸗ ſche Armee keinen tuͤchtigern Mann fuͤr dieſe Stelle finden koͤnnen. So glaͤnzend auch dieſe Nachrichten waren, ſo er⸗ regten ſie dennoch in Großbrittannien die groͤßten Be⸗ iahe uͤber das Schickſal, das Bordegur treffen wurde, wenn dieſe Erklaͤrung ſich ungluͤcklicherweiſe als vor rzest g erwies. Der Traktat von Chatillon ſchien ſich dem Schluſſe zu naͤhern, und wirklich gingen, wie man ſagte, Fahrzeuge nach der Gironde ab, um die Flucht ſolcher Bärger zu begunſtigen, die die Rache Buonapart.'s vornaͤmlich getroffen haͤrte. Manche von denen, welche den engliſchen Waffen alles Gluͤck 105 wuͤnſchten, waren verſucht, den bei Orthez erfochtenen Sieg zu bedauern; ſo groß waren ihre Beſorgniſſe fuͤr jene, welche, durch dieſen gluͤcklichen Erfolg ermu⸗ thigt, ſich gegen die Regierung Nayoleons erklaͤrten, ehe ſeine Macht, ihnen zu ſchaden, ein Ende hatte. Damit wir erfahren, in wie weit dieſe Beſorgniſſe begründet waren, wollen wir den Verlauf dieſer merk⸗ wuͤrdigen Unterhandlung, deren geheime Geſchichte jedoch noch nicht ganz bekannt iſt, in Kuͤrze uͤberblicken. Die Friedensvorſchlaͤge hatten mit der ſchon in Frankfurt eroͤrtert. Mittheilung des Barons St. Aignan begonnen. Nach den damals vorgeſchlagenen Bedingungen ſollte Frankreich in die Grenze der Al⸗ pen und des Rheins zuruͤcktreten. Napoleon hatte dieſe Bedingungen als Baſis angenommen, jedoch un⸗ ter der Stipulation, daß Frankreich die Freiheit des Verkehrs und der Schifffahrt eingeraͤumt werde. Dies war eine Einſprache gegen das engliſche Seegeſetz und gab dem Kaiſer ein Mittel an die Hand, die Unter⸗ handlungen nach Gefallen wieder abzubrechen. Hierauf erwiederte der Graf von Aberdeen, der geſchickte und gewandte Bevollmaͤchtigte Englands, daß Frankreich ſolche Handels⸗ und Schifffahrtsfreiheit haben ſolle, als es mit Recht erwarten koͤnne. So blieb eine Streitfrage, und zwar eine ſehr wichtige, ausgeſetzt; und vielleicht war es jeder der betheiligten Maͤchte erwuͤnſcht, ein Mittel zu beſitzen, den Fortgang der 10 Unterhandlung abzubrechen, je nachdem die Ereigniße des Kriegs ſich wenden wuͤrden. Caulaincourt, Herzog von Vicenza, Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten, war bei die er hoͤchſt⸗ wichtigen Gelegenheit der Bevollmaͤchtigte Napoleons zu Chatillon. Seine erſten Inſtruktionen vom 4. Ja⸗ nugr 1814 beſchräͤnkten ihn auf die Baſis der Frank⸗ furter Vorſchlaͤge, nach welchen Belgien an Frank⸗ reich uͤberlaſſen, und ſolchem ſomit zugeſtanden wurde, was Napoleon deſſen natuͤrliche Grenze nannte; ob⸗ gleich nicht abzuſehen war, warum, da der Sieg deſ⸗ ſen Grenze durch ſo viele Nebe. iche erweitert hatte, die Niederlage nicht die Beſchraͤnkung derſelben zur natuͤrlichen Folge haben ſollte. Allein nach dem un⸗ guͤnſtigen Anfang des Feldzugs ſah Napoleon, der die Schlacht von Brienne ohne großen Vortheil gewon⸗ nen, die Schlacht von La Rothiere aber verloren hatte, ein, daß der Friede, gleich den Buͤchern der Sibylle im Preiſe ſteigen könnte, und daß es daher zweck⸗ maͤßig ſeyn moͤchte, Caulaincourt, je nach den Um⸗ ſtäͤnden, auch ohne Ruͤckſprache mit Napoleon zum Abſchluß des Friedens zu ermächtigen. Da Ales von den Ereigniſſen des Krieges abhing, ſo war es moͤglich, daß ein guͤnſtiger Tag, ja eine guͤnſtige Stunde, die man unbenutzt ließ, den Trak⸗ tat aus ſeinem Bereiche braͤchte. Aus dieſen Gruͤn⸗ den ward Caulaincourt noch anßer ſeinen Inſtruk⸗ tionen mit einer beſtimmten und unbeſchraͤukten 105 Carta bianea verſehen; zufolge deren er ermaͤchtigt ward, die Unterhanblung zu einem gluͤcklichen Aus⸗ gang zu fuͤhren, die Hauptſtadt zu retten, und den Gefahren einer Schlacht vorzubeugen, auf welcher die letzten Hoffnungen der Nation beruhten. Caulaincourt kam in Chatillon⸗ſur⸗Seine an„ das zum Behufe der Konferenzen als neutral erklaͤrt wurde. Auf dieſem merkwuͤrdigen Kongreß ward Oeſterreich durch den Grafen Stadion, Rußland durch den Gra⸗ fen Razumowsky, Preußen durch den Baron Hum⸗ boldt vertreten; Großbrittannien hatte dabei drei Kom⸗ miſſaͤre, naͤmlich Lord Aberdeen, Lord Carthear und Sir Charles Stewart. Die Franzoſen benahmen ſich mit der groͤßten Artigkeit; ſie boten den engliſchen Miniſtern direkte Correſpondenz mit London uͤber Calais an— eine Hoͤflichkeit, welche mit Dank ab⸗ gelehnt wurde. Die Bevollmaͤchtigten der Alliirten ſprachen ſich bald auf eine Weiſe aus, wie Nappleon ge⸗ fuͤrchtet hatte. Sie erklaͤrten, daß ſie ſich nicht laͤn⸗ ger an die zu Frankfurt vorgeſchlagene Baſis halten wuͤrden;„um Frieden zu erhalten,“ ſagten ſie,„muͤſſe Frankreich in ſeine alten Grenzen zuruͤckgewieſen werden.“ Dadurch war der wichtige Beſitz von Bel⸗ gien ausgeſchloſſen. Baron Fain berichtet uns auf eine intereſſante Weiſe, wie Napoleon dieſe Mitthei⸗ lung aufnahm. Er zog ſich eine Weile in ſein Ge⸗ mach zuruͤck, und ſandte nach Berthier und Maret. Sie kamen, er gab ihnen die verhaͤngnißvolle Depeſche 10⁰6 — ſie laſen, und ein tiefes Stillſchweigen erfolgte. Die zwei getreuen Miniſter warfen ſich ihrem Gebieter zu Fuͤßen, und ſiehten ihn mit thraͤnenden Augen, dem Drange der Umſtaͤnde nachzugeben.—„Nimmer,“ entgegnete er,„werde ich den Eid brechen, den ich bei meiner Kroͤnung geſchworen, die Integritaͤt des Gebietes der Republik zu behaupten, und nimmer werde ich Frankreich kleiner hinterlaſſen, als ich es gefunden habe. Frankreich wuͤrde ſich nicht blos zu⸗ ruͤckziehen, ſondern Oeſterreich und Preußen wurden vorruͤcken. Frankreich braucht allerdings Frieden, allein ein ſolcher Friede iſt ſchlimmer, als der hart⸗ naͤckigſte Krieg. Was ſoll ich den Republikanern ant⸗ worten, wenn ſie die Rheingrenze von mir verlangen? Nein— ſchreiben Sie an Caulaincourt, daß ich den Traktat verwerfe und lieber das Kriegsgluͤck ver⸗ ſuche.“— Kurz darauf ſoll er ausgerufen haben: „Ich bin naͤher bei Muͤnchen, als ſie bei Paris!“ Seine Rathgeber ließen ſich nicht abſchrecken. In einem ruhigeren Augenblick vermochten ihn die Mini⸗ ſter, ſeine Einwilligung zur Fortſetzung der unter⸗ handlungen zu geben. Er befahl, die Vorſchlaͤge der Alliirten nach Paris zu ſchicken und das Gutachten jedes einzelnen Staatsraths daruͤber einzuholen. Mit Ausnahme des Grafen Lacuee de Ceſſac ſtimmten alle Staatsraͤthe fuͤr die Annahme der zu Chatillon ge⸗ machten Bedingungen. Caulaincourt ſchrieb demnach am 9. Februar an die Beyollmaͤchtigen der Verbuͤn⸗ 107 beten, daß wenn ſogleich ein Waffenſtillſtand beliebt wuͤrde, er bereit ſey, zu erklaͤren, daß Frankreich nach der vorgeſchlagenen Baſis in ſeine alte Grenzen zuruͤck⸗ treten wolle. Er bezeigte zugleich auf den Fall eines Waffenſtillſtandes die Geneigtheit Frankreichs, ſogleich einige der feſten Plaͤtze zu raͤumen, die es zu Folge dieſer Bedingungen verlieren ſollte. Allein dieſes An⸗ erbieten war an geheime Bedingungen gebunden, die ſpaͤter bezeichnet werden ſollten. Die Verbuͤndeten erklaͤrten ſich bereit, dieſe Praͤliminarien anzunehmen, und ſo war der Krieg gewiſſermaßen waͤhrend eines Tages als beendigt anzuſehen. Allein die Vortheile, die Napoleon uͤber Bluͤcher bei Montmirail und Champeaubert erfocht, riſſen ihn, wie er glaubte, aus der Verlegenheit, in der er ſich nach der Schlacht von Brienne befunden hatte. Von dem Schlachtfeld von Chateau⸗Thierry aus ſchrieb er an Caulaincourt, eine minder demuͤthige Stellung unter den Mitgliedern des Kongreſſes anzunehmen; nach der Niederlage des Prinzen von Wuͤrtemberg an der Bruͤcke von Montereau, und nach dem Ruͤckzug der großen Armee von Troyes ſcheint er entſchloſſen geweſen zu ſeyn, die Unterhandlung ganz abzubrechen. Als Schwarzenberg, wie wir geſehen haben, Na⸗ poleon wegen ſeiner offenſiven Bewegung, die mit dem, was zu Chatillon beſchloſſen worden, im Wider⸗ ſpruch ſtand, befragte, antwortete er in einem Schrei⸗ ben an den Kaiſer von Oeſterreich, und verwarf die 108 Bedingungen, zu welchen ſich Caulaincourt verſtan⸗ ſtanden, als ſolche, die zu Paris allgemeine Entruͤſtung erwecken wuͤrden.„Es wuͤrde dadurch,“ ſagte er, „der Traum von Burke verwirklicht, der Frankreich gern aus der Karte von Europa haͤtte vertiſgen wol⸗ len. England*) kaͤme dadurch in den Beſitz von Antwerpen und der Niederlande, auf die er nie ver⸗ zichten werde. 2, In demſelben Sinne und zur ſelben Zeit ſchrieb Napoleon von Nangis an Caulaincourt: wenn er ihm eine Carta bianca gegeben habe, ſo ſey dieß geſchehen, um Paris zu retten, und Paris ſey nun gerettet;— die Gefahr einer Schlacht zu ver⸗ meiden— die Gefahr ſey voruͤber, und die Schlacht ſey gewonnen; er nehme alſo die unbeſchraͤnkte Vollmacht zuruͤck, mit der er ſeinen Botſchafter ausgeſtattet habe.“ Wir wollen nicht bei der diplomatiſchen Frage verweilen, ob Caulaincourt nicht am 9. Februar jene Vollmacht wirklich ausgeuͤbt habe, die erſt am 17ten (acht Tage nachher) zuruͤckgenommen worden, und ob daher ſein Gebieter nach dem Act ſeines Geſandten noch zu einem Widerruf befugt geweſen. Es iſt auf⸗ fallend genug, daß Napoleon aus Starrſinn einen Krieg fortführen wollte, der bereits ſeine Endſchaft erreicht hatte, durch die Bedingungen, die ihm alle ſeine Staatsraͤthe, mit Ausnahme eines einzigen, an⸗ ) Dieß deutete aus die Vermaͤhlung hin, welche, wie man glaubte, damals zwiſchen der verſtorbenen Prinzeſſinn Charlotte von Wales und dem Prinzen von Oranien im Werrke war. gerathen hatten. Seine Verpflichtung gegen die Republik Frankreich, die Integritaͤt ihres Gebietes zu behaupten, konnte fuͤr ihn, der die Republik ſelbſt zerſtoͤrt hatte, kaum mehr bindend ſeyn; auch kann auf keinen Fall eine ſolche Verbindlichkeit einen Souverain im Drange der Noth von einem Schritte abhalten, den das Wohl des Staates fordert; noch weniger konnten die Bedingungen fuͤr Frankreich entehrend ſeyn, oder ſolches von der Charte von Europa ausſtreichen, es ſey denn, ſeine Ehre und Eriſtenz haͤtten ſeit zwoͤlf Jahrhunderten von einer erſt in den letzten zwanzig Jahren gemachten Erwer⸗ bung abgehangen. Allein der Hauptgrund war der, daß Buonaparte immer die Abtretung eines Beſitzes ehrenruͤhrig fand, deſſen Erhaltung noch im Reiche der Moͤglichkeit lag. Jeder Verluſt kam ihm ſauer an; er wollte ſich von nichts gerne trennen, und benahm ſich wie ein Kind, das gerabe auf das Spielzeug, das man ihm nehmen will, immer den groͤßten Werth legt. Antwerpen mußte von ihm allerdings als ein unſchätzbares Kleinod betrachtet werden. Die, auf die Anlage der dortigen Schiffswerfte eund auf die Befeſtisung dieſes Platzes verwendeten Summen, wa⸗ ren unermeßlich. Er hatte immer die Idee, Ant⸗ werpen zu einer Hauptſtation einer großen Flotte zu machen. An dieſem Traume von einer Flotte hing er noch guf Elba und St. Helena, und pflegte oft zu ſagen, er haͤtte vielleicht ſeine Krone gerettet, wenn er zu Chatiglon auf Antwerpen verzichtet haͤtte; 109 und kein Gedanke hatte ſich mehr bei ihm feſtgeſetzt, als daß dieſe Weigerung aus patriotiſchen Grund⸗ ſaͤtzen entſprungen ſey. Der Hauptwerth von Ant⸗ werpen lag jedoch in dem Erfolg eines andern Kriegs mit Großbrittannien, auf den Buonaparte zu einer Zeit dachte, wo die Frage vorlag, wie die gegenwaͤr⸗ tigen Feindſeligkeiten eingeſtellt werden koͤnnten. Ge⸗ wiß haͤtte die Moͤglichkeit einer Seemacht, die noch nicht exiſtirte, nicht in Betracht kommen ſollen gegen die Sicherheit einer Nation, die durch den Krieg, der im Herzen des Koͤnigreichs*) wuͤthete, ſo ſehr ge⸗ faͤhrdet war. Er ſah dieß aus einem andern Geſichts⸗ punkte, als dem des ruhigen Verſtandes an.„Wenn ich gegeißelt werden ſoll,“ ſagte er,„ſo ſoll es zum wenigſten nicht mit meinem Willen geſchehen.“ Der zeitige Vortheil endlich, den er auf dem Schlachtfeld erfochten, war von der Arr, daß er, ge⸗ boͤrig erwogen, den Kaiſer von Frankreich haͤtte be⸗ ſtimmen ſollen, nicht den Krieg ſortzufuͤhren, ſondern im Gegentheil den Frieden zu einer Zeit zu ſchließen, ehe ihm die Degenſpitze an die Kehle geſetzt war. Die Bedingungen, die er in einem Augenblick von Gluͤck genehmigt haͤtte, wuͤrden eher den Schein einer freiwilligen, als durch die Umſtaͤnde gebotenen Nach⸗ giebigkeit gehabt haber. Auch laͤßt ſich noch anfuͤh⸗ ren, daß die Alliirten, durch ihre Verluſte eingeſchreckt, *) Siehe das Tagebuch von dem Graſen Las Caſes, zter Band⸗ ——-— 111 ihm wahrſcheinlich beſſere Bedingungen bewilligt, und gewiß in der Erinnerung an ſeine militaͤriſchen Ta⸗ lente Sorge getragen haben wuͤrden, die feſtgeſetzten Bedingungen zu beobachten. Die Wechſel im Monat Februar, welche die Waffen der vereinigten Monar⸗ chen verdunkelten, glichen daher der Wolke, die, wie Byron in einem ſchoͤnen Gedichte ſagt, uͤber den Mond hinging, um einem verſtockten Renegaten die letzte Friſt zur Reue zu geben*). Allein das Herz Napo⸗ leons war zu ſtolz, um von dem ihm angebotenen Aufſchub des Verderbens Gebrauch zu machen. Buonaparte ſchien uͤberhaupt nie ernſtlich entſchloſ⸗ ſen geweſen zu ſeyn, zu Chatillon Frieden zu machen, und waͤhrend ſein Unterhaͤndler Caulaincourt ange⸗ wieſen wurde, den Alliirten die Abtretung einiger „Grenzfeſtungen vorzuſchlagen, erhielt er von dem Her⸗ zog von Baſſano folgende geheime Vorſchrift:— „Der Kaiſer verlangt, Sie ſollen jede naͤhere Erklaͤrung in Betreff der Uebergabe der Feſtungen Antwerpen, Mainz und Alexandrien vermeiden, wenn Sie im Falle ſeyn ſollten, in ihre Abtretung willigen zu muͤſſen. *) Die Wolke vor dem Monde dort, In einem Nu ſie ſchwebet ſort, Iſt, wenn ihr dunſtig Segel nimmer Uns birgt des ſalben Lichtes Schimmer, Dein Sinn zum Beſſern nicht geſiellt, Sooſind gerochen Gott und Welt. Belagerung von Korinth. 112 Se. Majeſtaͤt iſt geſonnen, obgleich Sie den Traktat unterzeichnen wuͤrden, ſich von dem Stand der Kriegs⸗ ereigniſſe beſtimmen zu laſſen;— der Letzte hat noch nicht geſchoſſen. Die Treuloſigkeit der Alllirten in Hinſicht auf die Kapitulationen von Dresden, Danzig und Gorkum muß uns vorſichtig machen; dieſer Ge⸗ genſtand mag durch eine militäͤriſche Verfuͤgung, wie einſt zu Preßburg, Wien und LTilſit, ins Reine ge⸗ bracht werden. Se. Majeſtaͤt verlangt, daß Sie ſeine Abſicht immer im Auge behalten, dieſe drei Schluͤſſel Frankreichs nicht auszuliefern, wenn Kriegsereigniſſe, auf welche allein er ſich ver⸗ laͤßt, ihm geſtatten ſollten, es nicht zu thun, ſelbſt, wenn er ſchon die Abtretung all' dieſer Provinzen unterzeichnet haben wuͤrde. Mit einem Worte, Se. Majeſtaͤt wuͤnſcht im Stande zu ſeyn, nach dem Traktat, ſich von den Umſtaͤnden zu dem letzten Schritte beſtimmen zu laſſen. Er be⸗ fiehlt Ihnen, dieſen Brief ſogleich zu verbrennen, wenn Sie ihn geleſen haben werden.“ Die Alliirten zeigten ihrerſeits, daß Napoleons Hartnaͤckigkeit ihren Entſchluß, den Krieg fortzuſetzen, nicht geſchwaͤcht, ſondern im Gegentheil verſtaͤrkt hatte. Ein neuer Traktat, der von Chaumont genannt, ward am 1. Maͤrz zwiſchen Rußland, Preußen und England geſchloſſen, zufolge deſſen die hohen contra⸗ hirenden Maͤchte ſich verbindlich machten, jede eine Armee von 150,000 Mann guf den Beinen zu halten, 113 und Großbrittannien ſeinerſeits verſprach, zur unun⸗ terbrochenen Fortſetzung des Krieges, bis Fraukreich in ſeine alten Grenzen eingewieſen waͤre, 4000000 Pfund Sterlinge vorzuſchteßen; ein weiterer Beweis von den Geſtanungen beider Parteien war der, daß die Kommiſſre, welche zu Luſigny zuſammengetreten waren, um die Bedingungen eines Waffenſtillſtandes feſtzuſetzen, unter dem Vorwande, daß ſie ſich uͤber die geeignete Demereationslinie nicht verſtaͤndigen koͤnnten, ihre Unterhandlungen abbrachen. Die Hauptunterhandlung zu Charillon ging lang⸗ ſam vor ſich, ohne daß viele Hoff ung auf ein guͤn⸗ ſtiges Reſultat bei denen uͤbrig blieb, die mit den gegenſeitigen Verhaͤltniſſen genan bekannt waren. Am 7. Maͤrz überbrachte Romigny, ein Kabi⸗ netsſecretaär Buonaparte's, am Abend der blutigen Schle bei Craonne, dem Kaiſer das Ultimatum der Alliirten, in welchem ſie darauf beſtanden, daß der franzoͤſiſche Geſandte auf die angebotene Baſis, das heißt, daß Frantreich in ſeine alten Grenzen ein⸗ gewieſen werden ſollte, zu unterhandeln fortfahren, oder, daß Caulaincourt ein Gegenprojelt einreichen ſoſtte. Sein Bevollmaͤchtigter kam um Inſtruktionen ein; Buonaparte war zu ſcharfſichtig, um nicht ein⸗ zuſehen, wohin ſeine Hartnaͤckigkeit ihn faͤhren wuͤrde, dagegen aber zu ſtolz, um einen Schritt zuruͤckzuthun, und entſchloß ſich, Alles daran zu ſetzen, und ſollte es auch zum Verderben fuͤhren. Der 10. Maͤrz ging W. Scott's Werke. T.IxX 8 114 voruͤber, ohne daß eine Antwort von Buonaparte an Caulaincourt gelangte; der Termin, welcher ihm fuͤr ſein Ultimatum anberaumt war, wurde auf fuͤnf Tage hinausgeſetzt; der Bevollmaͤchtigte Frankreichs hoffte wahrſcheinlich, daß ein entſcheidendes Ereigniß auf dem Schlachtfelde ſeinen Gebieter zu der An⸗ nahme der Bedingungen von Seiten der Alliirten ſtimmen, oder ihn zu beſſern berechtigen duͤrfte. Man ſagt, daß in dieſer Zwiſchenzeit Prinz Wen⸗ zeslaus von Lichtenſtein vom Kaiſer Franz ais ein Spezialgeſandter in das Hauptquartier abgefertigt wurde, um ihn zu beſchwoͤren, ſein Ultimatum, den als Baſis der Konſerenzen feſtgeſetzten Artikeln ge⸗ maͤß, abzugeben, und ihn zu benachrichtigen, daß im andern Falle Kaiſer Franz ſich der Familienruͤckſichten entſchlagen wuͤrde, die ihn bisher abgehalten haͤtten, dem Willen der andern verbuͤndeten Maͤchte, die ſich zu Gunſten der Dynaſtie des Hauſes Bourbon ent⸗ ſchieden haͤtten, beizutreten. Man ſagt noch weiter, Buonaparte ſey uͤber dieſe Erklaͤrung in ſtummes Erſtaunen verſunken, doch ſchnell ſich faſſend, habe er das Ganze als eine leere Drohung betrachtet, um ihn einzuſchrecken, und geſagt, es liege vor Allem im Intereſſe von Oeſterreich, ihm einen Frieden nach ſeinen Bedingungen zu verſchaffen, da er ſonſt ge⸗ noͤthigt werden moͤchte, wieder uͤber den Rhein zu gehen. Der oͤſterreichiſche Prinz entfernte ſich ohne Antwort, und von dieſem Augenblick as ſoll der 115 Kaiſer ſeinen Schwiegerſohn, ohne weitere Verwen⸗ dung zu ſeinen Gunſten, den Folgen ſeiner eigenen unzeitigen Hartnaͤckigkeit uͤberlaſſen haben. Caulaincourt ſpielte indeſſen die Rolie eines tuͤch⸗ tigen Miniſters und thaͤtigen Unterhaͤndlers. Er hielt die Unterhandlung ſo lange als moͤglich offen, und bot mittlerweile alle Gruͤnde auf, ſeinen Gebieter zur Annahme der Bedingungen der Alliirten zu ver⸗ möoͤgen. Endlich ſah er ſich jedoch genoͤthigt, ein Gegenprojekt zum Vorſchein zu bringen, von dem er wenigſtens die Wirkung erwartete, daß es die Unter⸗ handlung hinausziehen werde. Allein der Entwurf, den er vorlegte, war zu un⸗ beſtimmt, als daß er die Verbuͤndeten haͤtte hinhalten koͤnnen, und vertrug ſich dagegen zu wenig mit den Artikeln, die von allen Seiten als die Baſis der Konſerenzen feſtgeſetzt waren, als daß ſie einen Au⸗ genblick haͤtten Gehoͤr finden koͤnnen. Er verkangte die ganze Rheinlinie— verlangte einen großen Theil der Waallinie nebſt der Feſtung Nymwegen, was ſich mit der Unabhaͤngigkeit Hollands durchaus nicht vertrug— verlangte Italien und ſelbſt Venedig fuͤr Eugen Beauharnois, obgleich dieſer wichtige Artikel nicht allein in voͤlligem Widerſpruch mit den Friedens⸗ praͤliminarien ſtand, ſondern noch insbeſondere die Intereſſen von Oeſterreich angriff und verletzte, mit dem er ſich vor allem in ein gutes Vernehmen haͤtte ſetzen ſollen. Der Beſitz Italiens ſchloß ferner mit⸗ . 116 telbar oder unmittelbar den der Schweiz in ſich, ſo daß in kuͤnftigen Kriegen Oeſterreich den Einfaͤllen Frankreichs entlang ſeiner ganzen Grenze offen gele⸗ gen, und waͤhrend es als Sieger auf franzoͤſiſchem Grund und Boden einen Traktat ſchloß, uͤbler weg⸗ gekommen waͤre, als nach den Friedensbedingungen, die Buonaparte ſelbſt ihm in Campo Formio vorge⸗ ſchrieben. Es waren darin noch uberdieß Entſchaͤde gungsforderungen fuͤr Hieronymus, den Traumköͤnig von Weſtphalen, fuͤr Ludwig, den Großherzon von Berg, und fuͤr Eugen, zum Erſatz fuͤr ſeine An⸗ ſpruͤche auf das Großherzogthum von Frankfurt, ent⸗ halten. Ja, als ware er entſchloſſen, nichts von dem, was er jemals gethan, ja von dem, was er ſelbſt wieder aufgehoben hatte, als null und nichtig betrach⸗ ten zu laſſen, ihne dafuͤr auf Koſten des uͤbrigen Europas einen Erſatz zu verlangen, forderte Buona⸗ parte eine Entſchaͤdigung fuͤr ſeinen Bruder Joſeph, zwar nicht fuͤr die Krone von Spanien, ſondern fuͤr den Thron von Neapel, von dem er ihn ſelbſt ab⸗ berufen hatte, um fuͤr Murat Platz zu machen. Der verſammelte Kongreß vernahm dieſe gebieteriſche Mittheilung mit eben ſo viel Erſtaunen als Ent⸗ ruͤſtung; man erklaͤrte den Kongreß ſogleich fuͤr auf⸗ geloͤst— und ſo ſchwanden die Beſorgniſſe Mancher, welche Europa durch einen mit Buonaparte zu ſchlie⸗ ßenden Traktat weit mehr gefaͤhrdet ſahen, als durch die Fortſchritte ſeiner Waffen gegen die Verbuͤndeten. 117 Solche Maͤuner(und ihre Anzahl war betraͤcht⸗ lich) hielten dafuͤr, daß kein mit Napoleon geſchloſſener Friede von Dauer ſeyn koͤnnte, und daß jede Art von Vertrag nichts als ein bewaffneter Waffenſtill⸗ ſtand waͤre, bis der Kaiſer von Frankreich ſich wieder ſtark genug fuͤhlte, den Reſt ſeines Lebens auf die Wiedereroberung deſſen zu ſetzen, was er in ſeinem fruͤheren Leben gewonnen hatte. Sie behaupteten, daß es am Tage liege, wie er die Unterhandlung blos wegen Antwerpen abgebrochen haͤtte, von dem er ſich den groͤßten Vortheil fuͤr ſein Reich in den kuͤnftigen Kriegen verſprach, auf die er gegen Eng⸗ land ſann. Er ſuchte Krieg durch Frieden, nicht Frieden durch Krieg. Diejenigen, die ſo dachten, waren ohne Zweifel manchmal gegen die Perſon Na⸗ poleons eingenommen, und geneigt, ſeine Herrſchaft als eine Uſurpation zu betrachten; andere von ihnen dagegen gaben zu, daß Napoleon, an und fuͤr ſich betrachtet, kein ſchlimmerer Menſch ſey, als andere Eroberer, daß aber eine ſo lange, ununterbrochene Reihe von Siegen, Krieg und Sieg ihm ſo vertrant gemacht, daß des Sieges Donnerſtimme ſeinem Ohre ſo nothwendig war, als der Odem zum Leben iſt. Dieſe Leidenſchaft fuͤr den Krieg, ſagten ſie, wuͤrde Napoleon Vielen, nur zu Vielen, nicht verhaßt ge⸗ macht haben; ſo nachſichtig iſt die Tagsmoral fuͤr den Durſt nach Kriegsruhm, aber gewiß iſt, daß dieſe Leidenſchaft ihn zu einem hoͤchſt unwillkommenen 1,18 Herrſcher fuͤr diejenigen machte, mit deren Blut ſein Durſt geſtillt werden ſollte. Dieß ſind jedoch Be⸗ trachtungen, die nicht fuͤr unſern Zweck gehoͤren. Keiner der unbedeutenbſten Umſtaͤnde bei dieſen wichtigen Verhandlungen war der, daß Caulaincourt, als er Chatillon verließ, mit Buonaparte's Sekretaͤr zuſammentraf, der ihm die ſo lange vergeblich nachh geſuchten ausdruͤcklichen und unbedingten Vollmachten uͤberhrachte. Haͤtte Napoleon dieſen endlichen Ent⸗ ſchluß, ſich in die Umſtaͤnde zu fuͤgen, nur um Einen Tag fruͤher gefaßt, ſo waͤre die Unterhandlung zu Chatillon vor ſich gegangen, und haͤtte ihn auf dem Throne von Frankreich erhalten. Allein jetzt war es zu ſpaͤt. Fuͤnftes Kapitel. Schwierige Lage Napoleons.— Er zieht gegen Bluͤcher, der Solße ſons beſetzt hat,— greift den Platz ohne Erfolg an.— Schlacht bei Craonne am 7. Maͤrz, ohne entſcheidenden Erfolg.— Bluͤcher zieht ſich auf Laon zuruͤck.— Schlacht ber Laon am 9ten.— Napoleon wird genoͤthigt, ſich am ꝛ1ten mit großem Verluſte zuruͤckzuziehen.— Er greift Rheims an, das von den Ruſſen geraͤumt wird. Das Schwerdt war nun wieder geſchwungen, und ſollte nicht wieder in die Scheide kommen oder ra⸗ ſten, bis die eine oder die andere Partei durchaus beſiegt waͤre. 119 Die Lage Napoleons auch nach dem Sieg bei Montereau und der Einnahme von Troyes war uͤberaus bedenklich. Wenn er gegen die große Armee der Verbuͤndeten vorruͤckte, ſo zog ſich dieſe wahr⸗ ſchelulich zuruͤck, unter kleinen Gefechten, ohne ſich in eine Hauptſchlacht einzulaſſen; Bluͤcher dagegen, der Herr der Marne, konnte indeſſen auf Paris mar⸗ ſchiren. Wenn ſich Napoleon aber gegen Bluͤcher wandte, ſo war auf gleiche Weiſe zu befuͤrchten, daß Schwarzenberg wieder die Straße nach Paris duech das Seinethal faſſen wuͤrde. So konnte er keine Bewe⸗ gung auf der einen Seite machen, ohne die Haupt⸗ ſtadt auf der andern einer Gefahr auszuſetzen. Nachdem Napoleon alle Nachtheile auf beiden Seiten erwogen hatte, entſchloß er ſich, ſeine Waffen gegen Bluͤcher zu wenden, der gegen ſeine Perſon am ſeindlichſten geſinnt, am ſchuellſten in ſeinen Be⸗ wegungen und am beharrlichſten in ſeinem Vorhaben war. Er ließ Oudinot, Macdonald und Gerard vor der Fronte der großen Armee ſtehen, in Hoffnung, ſie wuͤrden, obgleich geringer an Zahl, Schwarzenberg glauben machen, er habe Napoleon in Perſon vor ſich, und ſo die Oeſterreicher beſtimmen, ihren Ruͤck⸗ zug fortzuſetzen, oder ſie wenigſtens verhindern, die Offenſive wieder zu ergreifen. Zu dem Ende ſollten die franzoͤſiſchen Truppen auf Bar⸗ſur⸗Aube marſchi⸗ ren, und, wo moͤglich, die Hoͤhen in der Nachbar⸗ ſchaft beſetzen; auch ſollten die Soldaten ſich der 120 Loſung:„Es lebe der Kaiſer!“ als ob Napoleon gegenwaͤrtig waͤre, bedienen. Man ſah ſpaͤter, daß es den Marſchaͤllen, die keine 40,000 Mann in allem, ein Korps unter Macdonald mit eingeſchloſſen, unter ihren Befehlen hatten, unmoͤglich war, den ihnen gewordenen Auftrag auszufuͤhren. Mittlerweile fuhr Napoleon fort, Bluͤcher zur Seite zu maſchiren, in⸗ dem er hoffte, er wuͤrde, wie fruͤher, als die Preußen auf Paris zogen, ihn in der Flanke faſſen koͤnnen. In dieſer Abſicht beſchleunigte er ſeinen Marſch nach La Ferts⸗Gauchere, wo er am 1. Maͤrz ankam; al⸗ lein Sacken und York, welche die erſten Opfer dieſes Manoͤvers geweſen waͤren, da ihre Korps auf dem linken Ufer der Marne nahe bei Meaur ſtanden, gin⸗ gen bei La Ferté⸗Jouarre uͤber den Fluß und verei⸗ nigten ſich mit Blucher, der ſich nun entſchloß, ſich auf Buͤlow und Winzingerode zuruͤckzuziehen. Dieſe Generale kamen, wie ſchon erwaͤhnt, von den Grenzen von Belgien her.. Wegen ploͤtzlich eingetretenem Froſt konnte man in dieſer ſonſt ſumpfigen Gegend durchkommen. Dieß war ein großer Vortheil fuͤr die Preußen. Napoleon entſandte die Korps von Marmont und Mortier, die zu ihm geſtoßen waren, um dem preußiſchen Feldmarſchall auf ſeinem Ruͤckzuge zu folgen und ihn zu necken, waͤhrend er ſelbſt auf einem kuͤrzern Weg die Stadt Fismes, ungefähr in der Mitte zwiſchen Rheims und Soiſſons, gewann. Die Beſetzung die⸗ — — 121 ſes letztern Platzes war nun ein Gegenſtand der aͤn⸗ kerſten Wichtigkeit. Fand Bluͤcher Soiſſons offen, ſo konnte er uͤber die Marne ſetzen, ſich ohne Muͤhe ſeine Verfolger vom Halſe ſchaffen, und ſeine Verbin⸗ dung mit der Armee des Nordens bewerrſtelligen. War Bluͤcher von dieſer Stadt und der Bruͤcke aus⸗ geſchloſſen, ſo mußte er in der unguͤnſtigſten Lage eine Schlacht wagen, da er Mortier und Marmont vor ſich, Napoleon auf ſeiner linken Flanke, und hin⸗ ter ſich eine Stadt mit einer feindlichen Garniſon und einem tiefen Fluſſe hatte. Es hing nun vom Zufall ab, welche Partei ſich in den Beſitz dieſes wichtigen Platzes ſetzen wuͤrde. Die Ruſſen hatten ihn am 5. Februar beſetzt; da ſie ihn aber ſogleich wieder raͤumten, beſetzte ihn Mortier am z9ten und legte 500 Polen hinein, welche ſeiner Meinung nach den Platz auf das ent⸗ ſchloſſenſte vertheidigen wuͤrden. Am 2. Maͤrz jedoch uͤbergab der Kommandant, durch den Anzug von Bulow's Armee, die 30,000 Mann ſtark war, auf die Drohung eines augenblicklichen Sturmes, wo dann kein Pardon gegeben wuͤrde, in Furcht geſetzt, Soiſſons an dieſen General. Die ruſſiſchen Standarten wehten auf den Waͤl⸗ len von Soiſſons, und Bluͤcher hatte, unter ſeinen Mauern angekommen, es ganz in ſeiner Gewalt, ſich mit ſeiner Arriergarde zu vereinigen und nach Gefal⸗ len eine Schlacht anzunehmen oder auszuſchlagen, in 1 2 2 dem Augenblick, als Buonayarte, gegen ſeine Seite hingewandt, ihn zu einer hoͤchſt nachtheiligen Aktion geuothigt zu haben glaudte. Des Kaiſers Ingrimm ſprach ſich in einem Bulletin gegen die unbeſchreib⸗ liche Niedertraͤchtigkeit des Kommandanten von Solſ⸗ ſous aus, der dieſen wichtigen Platz aufgegeben haͤtte, waͤhrend er doch die Kanonade vom aten und 5ten hoͤren, und daraus auf den Auzug des Kaiſers ſchlie⸗ ßen mußte. In der Hitze ſeines Zorns befahl er, Soiſſons anzugreifen, und auf alle Gefahr hin mit Sturm zu nehmen; allein es war vom General Langeron mit einer Beſatzung von 10,000 Mann vertheidigt. Ein verzweifelter Kampf erfolgte, allein Langeron blieb im Beſitze der Stadt. Napolern gab dieſes Projekt auf, ſetzte bei Bery⸗du⸗ Bach uͤber die Aisne, in der Abſicht, den linken Fluͤgel von Bluͤcher's Armee anzugreifen, der ſich nun concentrirt hatte und in einer feſten Stellung zwi⸗ ſchen dem Dorfe Craonne und der Stadt Laon ſtand⸗ ſo daß er den Ruͤckzug auf die feſte Stellung der letztern Stadt ſicherte. Bluͤcher erſann ein Mandͤver, das Buonaparte zeigen ſollte, daß ſein Lieblingsſyſteut⸗ den Feind von der Flanke anzugreifen, gleichfalls ſeine Gefahren und Schwierigkeiten haͤtte; er detaſchirte 10,000 Mann Reiterei unter Winzingerode auf einem umweg mit der Ordre, wenn die Franzoſen ihren Marſch auf Craonne begoͤnnen, ſich umzuwenden, und ſie im Ruͤcken und von der Flanke anzugreifen. Allein die ſchlechten Wege und andere Hinderniſſe ließen die⸗ ſes Reiterkorps nicht zur Zeit anlangen, um das be⸗ abſichtigte Manoͤver auszuführen. Mittlerweile begannen die Franzoſen am 7. Maͤrz um 12 Uhr Morgens ihren Angriff mit der groͤßten Tapferkeit. Ney griff die Poſition auf der rechten Flanke an, die durch einen Hohlweg vertheidigt war, 125 und Victor, brennend vor Begierde, jenen Eifer zu zeigen, welchen man nicht auerkennen wollte, machte unglaubliche Anſtrengungen von vornen. Allein die Angreifenden fanden gleich hartnaͤckigen Widerſtand, und der Kampf wurde einer der blutigſten und ſchoͤn⸗ ſten in dem ganzen Kriege. Es war à Uhr Nach⸗ mittags, und die Franzoſen vermochten noch nicht, die Ruſſen auf irgend einem Punkte zuruͤckzutreiben, als letztere von Bluͤcher die Ordre bekamen, ſich von dem beſtrittenen Terrain auf die preußiſche Armee in die glaͤnzende Poſition vor Laon zuruͤckzuziehen, da der Marſchall dieſe fuͤr eine Schlacht geeigne⸗ ter gefunden. Man erlitt keinen Verluſt an Kano⸗ nen oder Gefangenen. Die Ruſſen zogen ſich, trotz einem allgemeinen Angriff der franzoͤſiſchen Reiterei, wie in Parade zuruͤck. Da die Armeen, in Betracht der Abweſenheit Winzingerode's mit dem Detaſchement Reiterei, und Langeron's mit der Beſatzung von Soiß⸗ ſons, beinahe einander gleich waren, ſo war es um ſo bedenklicher, datz die Schlacht unentſchieden blieb. Der Verluſt an Todten und Verwundeten war auf beiden Seiten gleich; die Franzoſen hatten nur den Anſchein von Sieg, indem ſie das Schlachtfeld be⸗ haupteten. Napoleon folgte den Ruſſen auf ihrem Ruͤckzuge bis zu einem Wirthshauſe, zwiſchen Craonne und Laon, der Schutzengel genannt, wo er uͤbernach⸗ tete. Nie bedurfte er auch mehr des Beiſtandes eines Schutzengels, und ſein eigener ſchien von ihm gewi⸗ chen zu ſeyn. Hier traf ihn Rumigny mit dem Schreiben von Caulaincourt, worin er um endliche Inſtruktionen vom Kaiſer bat, und nur die zweideutige Antwort erhielt:„wenn er ſich der Baſtonade unter⸗ werfen muͤßte, ſo ſolle es nur durch Gewalt geſchehen!“ In dieſer Schenke faßte er auch den Plan, am naͤch⸗ 124 ſten Morgen Bluͤcher in ſeiner feſten Stellung anzu⸗ greifen, und ſich, wo moͤglich, die ſchleſiſche Armee vom Halſe zu ſchaffen, die ſeit 42 Tagen, waͤhrend welcher kaum 2 Tage vergingen, daß er nicht von vornen oder von hinten in ernſtlichem Kampfe mit ihr lag, der Gegenſtand ſeiner Unruhe war. Er be⸗ kam von einem Officier, mit Namen Buſſy de Bellav, der zu Brienne mit ihm in die Schule gegangen, in der Nachbarſchaft lebte, und mit dem Terrain wohl bekannt war, wichtige Auskunft, die ihn in Stand ſetzte, den projektirten Angriff zu machen; woſuͤr er ihn ſogleich als Adjudanten mit bedeutendem Gehalte bei ſich anſtellte. Als der Angriffsplan entworfen war, ſoll er ausgerufen haben:„ich ſehe, dieſer Krieg iſt ein bodenloſer Abgrund, allein ich bin entſchloſſen, der Letzte zu ſeyn, den er verſchlingen follle Die Stadt Laon liegt auf dem Ruͤcken eines Hu⸗ gels, der ſich ſehr ſteil uͤber eine Ebene erhebt, eine Stunde in die Laͤnge. Die Vorderſeite des Abhangs iſt ſteil und abſchuͤſſig, und beſteht aus Terraffen, die zu Weinbergen dienen. Bulow vertheidigte die Stadt und den Abhang, der Reſt der ſchleſiſchen Armee ſtand auf der Ebene unten; der linke, aus Preußen beſte⸗ hende Fluͤgel erſtreckte ſich an das Dorf Athies; der rechte, aus Ruſſen beſtehend, lehnte ſich an die Huͤgel zwiſchen Thiers und Semonville.— Nur ein Tag verging zwiſchen der blutigen Schlacht von Craonne und der von Laon. Am gten ſchob Napoleon, von einem dichten Nebel begunſtigt, ſeine Angriffskolou⸗ nen bis an den Fuß der Anhoͤhe, auf welcher Laon liegt, vor, ſetzte ſich in den Beſitz der Dorfer Se⸗ milly und Ardre, und bereitete ſich vor, auf den Huͤ⸗ gel gegen die Stadt vorzudringen. Das Wetter klaͤrte ſich auf, und der Angriff der Franzoſen ward durch b b 125 ein furchtbares Feuer von den Teraſſen, Weinbergen, Windmuͤhlen und allen geeigneten Punkten abaeſchla⸗ gen. Zwei Bataillons Jaͤger, deren Angriff noch durch die Schnelligkeit ihres Herabſtuͤrzens von der Hoͤhe unterſtuͤtzt war, nahmen die Doͤrfer, und der Angriff von Laon von der Vorderſeite ſchien aufgege⸗ ben zu ſeyn. Die Franzoſen hielten ſich ſedoch auf dieſer Seite in einem Theile des Dorfes Clacy. So ſtanden die Sachen auf dem rechten Fluͤgel und dem Centrum. Die Franzoſen waren auf der ganzen Linie zuruͤckgeworfen. Auf dem linken Fluͤgel war Marſchall Marmont auf das Dorf Athies, den Schläſſel auf Bluͤcher's Stellung auf dieſem Punkte, angeruckt. York und Kleiſt, unterſtuͤtzt von Sacken und Langeron, vertheidigten ſich tapfer. Mar⸗ mont machte jedoch, trotz ihrem Widerſtande, einige Fortſchritte, und bei einbrechender Nacht bivouaquirte er im Angeſicht des Feindes, und im Beſitz eines Theils des beſtrittenen Dorfes Athies. Allein er ſollte guch hier nicht bis Tagesanbruch bleiben. Als am roten, um 4 Uhr Morgens, Napoleon vor Tagesanbruch aufſtand, und gerade nach ſeinem Pferde rief, wurden zwei Dragoner zu Fuß vor ihn gebracht, die ihm die unerfreuliche Nachricht brachten. der Feind habe einen Ausfall auf Marmont gemacht, ihn in ſeinem Bivouak uͤberfallen und ſein ganzes Korps niedergehauen, gefangen genommen, oder zer⸗ ſtreut; ſie allein ſeyen entkommen, um ihm die Nach richt zu bringen. Alle Kanonen, alles Geſchuͤtz des Marſchalls ſey verloren, und er ſelbſt, wie ſie glaub⸗ ten, todt oder gefangen. Officiere, auf Recognos⸗ etrung ausgeſchickt, beſtaͤtigten dieſe Nachricht, die Lage des Marſchalls ausgenommen. Er war auf dem Wege nach Rheims, nahe bei Corbeny, und ſuchte die Fluchtlinge wieder zu ſammeln. Trotz dieſem — 126 großen Verluſte, als wollte er dem ſchlechten Gluͤcke trotzen, erneuerte Napoleon den Angriff auf Clacy und Semilly, allein alle ſeine Verſuche waren frucht⸗ los, und er war genöthigt, von dem Unternehmen abzuſtehen, weil er, wie er ſich entſchuldigte, die Stel⸗ lung unuͤberwindlich fand. Am ꝛuten zog er ſich, nachdem ihm alle ſeine Angriffe mißlungen, mit einem Verluſte von 40 Kanonen und beinahe 10,000 Mann, von Laon zuruͤck. Die Allürten hatten verhaͤltniß⸗ maͤßig, da ſie gedeckt fochten, wenig gelitten. Napo⸗ leon hielt bei Soiſſons, das, als Bluͤcher ſeine Armee concentrirte, von Langeron geraͤumt worden war, und nun wieder von den Franzoſen beſetzt wurde. Er ließ die Beſetzung verſtaͤrken, und gedachte zur Vertheidigung des Platzes gegen Bluͤcher, der, als Sieger, ſogleich vor demſel⸗ ben erwartet wurde, Mortier zuruͤckzulaſſen. Zu Sotſſons erfuhr Napoleon, daß Saint Prieſt⸗ ein franzoͤſiſcher Emigrant und commandirender General in ruſſiſchem Dienſte, Rheims beſetzt halte, eine Stadt, welche durch ihre ehrwuͤrdige Kathedralkirche, in welcher die Konige von Frankreich gekroͤnt wurden, merkwuͤrdig iſt.— Napoleon ſah ſogleich ein, daß der Beſitz von Rheims die Communication zwiſchen Schwarzenberg und Bluͤcher wieder herſtellen, und uͤberdieß die Vor⸗ theile, welche er ſich von dem Beſitze von Soiſſons verſprach, wieder aufheben wuͤrde. Er ruͤckte vor Soiſſons nach Rheims, wo nach einem Angriff, der bis ſpaͤt in die Nacht dauerte, erſt durch die Verwun⸗ dung des ruſſiſchen Generals deſſen Leute entmuthigt wurden, und den Platz raͤumten. Es ließen ſich Schrecken aller Art waͤhrend eines naͤchtlichen Angriffs erwarten, wenn eine Armee die andere aus einer be⸗ deutenden Stadt vertreibt. Allein bei dieſer Gelegen⸗ heit benahmen ſich die Truppen auf beiden Seiten mir der groͤßten Ordnungsliebe. Bei der Erzaͤblung. 127 dieſer vorgaͤngigen Aktion ließ Napoleon auf ſeine be⸗ liebte Weiſe das raͤchende Schickſal auftreten; er ſuchte das Publikum zu uberreden, oder glaubte es vielleicht ſelbſt, daß Saint Prieſt von einer Kugel aus derſel⸗ ben Kanone getroffen worden, welc« Moreau getoͤdtet hatte. Waͤhrend des Angriffs auf Rheims kam Marmont mit ſo viel Leuten, als er nach ſeine Niederlage bei Athies wieder aufbringen konnte, an, und trug Vie⸗ les zu dem gluͤcklichen Erſolg des Angriffs bei. Er wurde deſſen ungeachtet von Napoleon mit bittern Vorwuͤrfen empfangen, die einem Anführer ſehr ſchmerz⸗ lich ſeyn mußten, uͤber deſſen Ehre und Talente waͤh⸗ rend ſeines langen Kriegslebens kein Zweiſel erhoben wurde. Napoleon blieb 3 Tage zu Rheims, um aus⸗ zuruhen und ſeine uͤbel zugerichtete Armee zu rekru⸗ tiren, die uͤberall verſtaͤrkt wurde, wo Leute aufzutrei⸗ ben waren. Ein hollaͤndiſcher Officier, mit Namen Janſaens, entwickelte einen hohen Grad von militaͤri⸗ ſchem Talent, indem er ein Korps von etwa 4000 Mann, das er aus den Garniſonen in den Feſtungen an der Moſel gezogen, der franzoͤſiſchen Armee in Rheims zufuͤhrte, eine aͤußerſt ſchwierige Aufgabe, wenn man bedenkt, daß er ſich durch einen großen Theil des von feindlichen Druppen beſetzten Landes durchſchlagen mußte. Der Aufenthalt Napoleons in Rheims war da⸗ durch merkwuͤrdig, daß es der letzte Punkt war, von dem er mit ſeinen Miniſtern Staatsgeſchaͤfte ab⸗ machte. Bisher hatte ein Aſſeſſor beim Staatsrath den Bericht der Miniſter von Woche zu Woche in das kaiſerliche Hauptquartier uͤberbracht, und die Be⸗ fehle des Kaiſers eingeholt. Aus mancherlei Urſachen war dieſe regelmaͤßige Communication waͤhrend des uͤbrigen Feldzuges unmoͤglich geworden. Von Rheims 128 ſchrieb Napoleon gleichfalls unter dem 17. Maͤrz einen Brief an Caulaincourt, indem er es in die Macht dieses Bevollmaͤchtigten gab, auf die Bedinaunger der Verbundeten durchaus einzugehen. Allein die Sprache, in welcher der Brief abaefaßt iſt, trug ſo wenig das Gepraͤge der Entſchiedenheit, die fuͤr eine ſo bedeu⸗ tende Conceſſion nothwendig war, daß es immer noch zweifelhaft blieb, ob Canlzincourt ſich berechtigt hielt, darauf Schritte zu thun, oder, ob Napoleon, wenn er ſie that, ſolche anerkannt haͤtte, wenn die Umſtaͤnde es rathſam machten, dem Traktate ſeine Zuſtimmung zu verweigern*). *) Die Worte, welche eine ausgedehnte Vollmacht begleiteten, die alle fruͤhere Beſchr'nkung von Caulaincourt's eigenem Gut⸗ duͤnken aufheben ſollten, ſind, wie oben angegeben wurde, in einem Briefe aus Rbeims vom 17. Maͤrz 1814 enthalten: „Ich habe den Herzog von Baſſano beauftragt, Ihren Brlef en détail zu beantworten. Ich gebe Ihnen die Vollmacht, ſol⸗ che Conceſſionen zu machen, wie ſie zur Fortſetzung(activité) der Unterhandlungen und zur Annahme des Ultimatums der Alliirten unumzaͤnglich nothwendig ſind; der Traktat ſoll die unmittelbare Folge haben, daß unſer Land geraͤumt wird, und die Gefangenen von beiden Seiten zuruͤckgegeben werden.“ 1 V V