Walter Scott's ſaͤmmtliche 8 Werke. —— Neu uͤberſetzt. — Siebenundfuͤnfzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Dreiundzwanzigſter Theil. „ Stuttgart, hei Gebruͤder Franckh. 1 3 2 7. Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich. Mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Scote. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Dreiundzwanzigſter Theil. Sturtgarr, bei Gebruͤder Franckh. 18 2 2. Leben von Napoleon Buonaparte. Err ſte s Kapkite l. Wirkungen der Rückkehr Navoleons aue die Pariſer.— Glück⸗ wünſche und Adreſſen von allen öffentlichen Behörden.— Ver⸗ ſchwbrung Maler's;— ſie wäre beinahe gelungen.— Vereitlung derſelben.— Eindruck, den dieſes Ereianiß auf Buonavarte ſo⸗ wohl in Rußtand, als nach ſeiner Rückkehr machte.— Erörte. rungen mit dem Pabſte, der nach Frankreich gebracht wird⸗ aber nicht nachaibt.— Stand der Angelegenheiten in Svanien ⸗ — Navoleons große und glückliche Anſtrengungen zur Wieder⸗ berſtellung ſeiner Armee.— Im Monat April iſt die Armee wieder 350/,000 Mann ſtark, ohne Einrechnung der in Deutſchland“ Spanien und Italien zurückgelaſſenen Beſatzungstruppen. Die Ruͤckkehr Napoleons, die der ploͤtzlichen Er⸗ ſcheinung eines aus den Wolken Gefallenen glich, ward ſchon am erſten Morgen in Paris bekannt, und gab, ſo groß war das Anſehen Napoleons und die Botmaͤßigkeit der Pariſer, der ganzen Haupkſtadt ei nen neuen Impuls. Die Unzufriedenen ſtellten ihr Murren ein, welches anfing, bedenklich zu werden. Die Trauernden trock eten ihre Thraͤnen, oder ver⸗ goßen ſie in Einſamkeit. Die gluͤckliche Heimkehr Napoleons war Erſatz fuͤr den Verluſt von fuͤnfhun⸗ 3— 6 derttauſend Menſchen und Troſt fuͤr ihre Wittwen und Walſen. Der Kaiſer berief den Staatsrath zu⸗ ſammen. Er ſprach mit anſcheinender Freimuͤthig⸗ keit von den Ungluͤcksfaͤllen, die ſeine Armee betrof⸗ fen, und ſchrieb ſie alle dem Schnee zu.„Alles war gut gegangen,“ ſagte er,„Moskau war in un⸗ ſerer Gewalt— jedes Hinderniß beſtegt— durch die Einaͤſcherung dieſer Stadt war in dem bluͤhen⸗ den Zuſtande der franzoͤſiſchen Armee keine Veraͤn⸗ derung vorgegangen; nur durch den Winter hat ſie große Verluſte erlitten.“ Man haͤtte nach ſeiner Erzaͤhlung glauben ſollen, der Schnee habe ihn in der Mitte ſeiner Siege, nicht im Laufe eines un⸗ heilvollen und unvermeidlichen Ruͤckzugs uͤberraſcht. Der Moniteur ſchwieg anfaͤnglich von den aus Rußland eingegangenen Nachrichten, und meldete die Ankunft des Kaiſers, als ob er eben nur von Fontainebleau zuruͤckgekehrt waͤre; nach einer kurzen Periode dieſer ſcheinbaren Kaͤlte erhob ſich aber, gleich den Gewaͤſſern eines im Thauwetter ſeine Eis⸗ decke uͤberſteigenden Fluſſes, der allgemeine Gluͤck⸗ wunſch der Staatsbeamten, deren Macht und Vor⸗ theil durch die Herrſchaft des Kaiſers bedingt war, und deren Stimmen allein als diejenige des Volkes galten. Nom, Florenz, Malland, Turin, Hamburg Amſterdam, Mainz, und alle andern Staͤdte von ei⸗ niger Bedeutung betheuerten einhellig, daß die An⸗ weſenheit des Kaiſers allein ſchon genuͤge, alle Be⸗ 7 ſorgniſſe in Gluͤck und Zufriedenheit umzuwan⸗ deln. Das übertriebenſte Lob von Napoleons großen Eigenſchaften, die unbegrenzteſte Dienſtwillig⸗ keit, das blindeſte Vertrauen in ſeine Weisheit wa⸗ ren der conſtante Inhalt dieſer Zuſchriften. Dieſe Schmeichelei war, zufolge des großen Verluſtes, den das Land erlitten, nicht nur zur Unzeit angebracht, ſondern in vielen Faͤllen auf eine ſo grobe Weiſe uͤbertrieben, daß die großen Talente deßjenigen, dem ſie galt, gewiſſermaßen dadurch laͤcherlich gemacht wurden, wie durch Sudler zuweilen das ſchoͤnſte Originalgemaͤlde zu einer Karrikatur verhunzt wird. In den wenigen Zirkeln, wo man ſich eine leiſe Kri⸗ tik dieſer Erguͤſſe der Loyalltaͤt erlaubte, wurden die Verfaſſer dieſer Adreſſen mit dem geprellten Froͤmm⸗ ler in Moliere's Luſtſpiel verglichen, der, ſtatt ſich die Krankheit ſeiner Frau und die Unvaͤßlichkeit ſei⸗ ner ganzen Familie zu Herzen zu nehmen, ſich ein⸗ zig daruͤber freut, daß Tartuffe der bluͤhendſten Geſundheit genießt. Doch wuͤrden von dieſen Klaͤf, fern es uur wenige gewagt haben, ſich nicht in der Kirche zu unſerer lieben Frauen einzufinden und dem Te Deum beizuwohnen, das wegen der glücklichen, ohglelch mit dem Untergange der großen Armee erkauften Ruͤckkehr Napoleons angeſtimmt wurde. i Ann. Aber vorzuͤglich unter den Beamten machte die unerwartete Nuͤckkehr des Kalſers die groͤßte Senſa⸗ 8 tion. Sie waren gewoͤhnt, ſo oft der Kaiſer abwe⸗ ſend war, ſich eben nicht ſehr ſtark anzugreifens aber ſeine ploͤtzliche Ruͤckkehr wirkte wie die Erſchei⸗ nung eines Schulmeiſters nach einer kurzen Abwe⸗ ſenheit in ſeiner Schule. Alles war in der leben⸗ digſten Bewegung, in der groͤßten Thaͤtigkeit. Dies⸗ mal wurde doppelter Fleiß oder der Schein davon gezeigt; denn Alle fuͤrchteten, und Einige mit Recht, wegen ihres Benehmens in einem neuerlichen Falle vom Kaiſer zur Rechenſchaft gezogen zu werden. Dies bezieht ſich auf die Verſchwoͤrung Malet's, der ren wir bis jetzt nur im Allgemeinen erwaͤhnt haben. In der Abweſenheit Napoleons waͤhrend ſeiner vorigen Feldzuͤge ging die innere Regierung Franke reichs unter der Leitung von Cambacsreès ihren ge⸗ wohnten Gang, wenn auch nicht ſo raſch, doch eben ſo methodiſch fort, als befaͤnde ſich der Kalſer in den Tuillerien; das Syſtem der Verwaltung, wie das der Oberaufſicht war hoͤchſt beſtimmt und genau, die Dienſtpflicht der Civilbeamten ſo ſtreng als die der Militaͤrs. Allein waͤhrend der verlaͤngerten Ab⸗ weſenheit Napoleons im ruſſiſchen Feldzuge bildete ſich eine Verſchwoͤrung, aus der ſich ergab, wie glelchguͤl⸗ tig die Natton gegen die kaiſerliche Regierung geſinnt ſey, mit welchen geringen Mitteln dieſelbe geſtuͤrzt wer⸗ den koͤnne und wie wenig Aufſehen eine neue Re⸗ volution machen wuͤrde. Des Kaiſers Macht glich gewiſſermaßen einer ſtattlichen, zum Himmel aufſtar⸗ 9 renden Fichte, die ihren Schatten um ſich verbreltet, deren Wurzeln aber nicht, wie die der Eiche, tief in die Erde dringen, ſondern unter der Oberflaͤche hin⸗ kriechen, und die darum vom eiſeia Witbelwinde hiu⸗ geſtreckt wird. Male’ts letzter Zweck iſt nicht bekannt. Er war von edler Geburt und hatte vor der Revolution un⸗ ter den Truppen des koͤniglichen Hauſes, in dem Korps der ſogenannten Mousquetaires, gedlent, woraus Einige haben ſchließen wollen, daß er ein. Vorfechter der Bourbons geweſen ſey. Da er indeſſen in der republikaniſchen Armee bis zum Brigadegeneral auf⸗ geſtiegen war, ſo iſt es wahrſcheinlicher, daß er zur Sekte der Philadelphen*) gehoͤrte. Im Jahre 0) Eine geheime Geſellſchaft in der Armee, deren nächſter Zweck es war, die kaiſerliche Macht zu ſtürzen, und die ihre letz⸗ ꝛen Abſichten vielleicht ſelbſt nicht kannte. Der Stifter der⸗ ſelben war der Oberſte Jakob Joſeph Oudet, ein Schweizer ⸗), zugleich ein Wüſtling und ein Schwärmer, nach der Weiſe ſeines Landsmanns Rouſſeau. Er ward in der Nacht vor der Schlacht von Wagram erſchoſſen, nicht, wie ſeine. An⸗ bänger angeben, von einer öſterreichiſchen Streiſpartei, ſondern von dazu beauftragten Gensd'armen. Seine Sekte fuhr fort, zu beſtehen, und Maſſena entging nicht dem Verdachte, von ihren Intriken Kenntniß zu haben. Es wurde eine Mit⸗ *) Oberſt Oudet war aus der Franche⸗Comté und kein Schweizer. Anm. des franz. Herausgebers, 10 1808 war der General Malet, als in eine Intrike gegen den Kaiſer verwickelt, ins Gefaͤngniß geſetzt⸗ worden, und er ſtand noch unter polizeilicher Auf⸗ ſicht, als er den kecken Plan entwarf, der ihm bei⸗ nahe gelungen waͤre. In einer oͤffentlichen Sanitaͤts⸗ anſtalt weniger eng verwahrt, wußte er ſich eine fal⸗ ſche Urkunde, ein angebliches Detret des Senats, zu verſchaffen, wodurch der Tod des Kaiſers amtlich verkuͤndet und die Abſchaffung der kalſerlichen Regie⸗ rung, und die Niederſetzung einer proviſoriſchen Re⸗ gierungsbehoͤrde verfuͤgt wurde. Dieſes Dokument war durch das Staatsſiegel und durch unterſchriften der betreffenden Behoͤrden beglaubigt. Am z3ſten Oktober um Mitternacht entwiſchte er aus ſeinem Verhaft, legte ſeine Generalsuniform an und begab ſich mit einem Unteroffizier, der wie ein Adjutant gekleidet war, nach dem Gefaͤngniß La Force, wo er die Entlaſſung der beiden Generale Lahorie und Guldal, die aus aͤhnlichen Urſachen, wie er, in der Haft waren, verlangte und erhielt. Sie gingen jetzt mit einander in die Kaſerne der ſoge⸗ nannten Minimen, wo ſich jetzt nur einige Bataillons von Conſeribirten und nicht jene treuen Auhaͤnger theilung in ihrem Namen dem Lord Wellington im Mai 1809 gemacht, die aber nicht von der Art war, daß es der brittiſche General angemeſſen gefunden hätte, ſich damit zu befaſſen. Southey's Geſchichte des Kriegs aufder Halbinſel. Band II. Seite 313. 11 Napoleons befanden, die, waͤhrend die Macht ihres „Herrn zu Hauſe wankte, die Schneegefilde Rußlands und die Wuͤſten Spaniens mit ihren Leichen bedeck⸗ ten. Hier uͤbte Malet die volle Gewalt eines Ge⸗ nerals, er ließ die Trommeln ruͤhren, befahl den Truppen auszuruͤcken und gab ihnen verſchiedene Auf⸗ traͤge. J Niemand machte ihm das Recht zu hefehlen ſtrei⸗ tig, und Soulier, der Kommandant dieſer Truppen, ſtellte ſie ganz zu ſeiner Verfuͤgung. Er verſicherte nachher, das Fieber, mit dem er behaftet geweſen, habe ihn um ſeine Beſinnung gebracht; vielleicht mag ihn auch eine Anwelſung auf hunderttauſend Fran⸗ ken, die auf ſein Bett gelegt wurde, und die, wie es hieß, zu einem Geſchenke fuͤr die Soldaten und Offiziere beſtimmt war, verblendet haben. Ein Kom⸗ mando bemaͤchtigte ſich der Perſon des Polizeimini⸗ ſters Savary und fuͤhrte ihn ins Gefaͤngniß ab; ein anderes fand eben ſo wenig Schwierigkeit, den Po⸗ lizeipraͤfecten zu verhaften. Ein ganzes Bataillon ſtellte ſich auf dem Greveplatze auf, nahm das Stadt⸗ haus in Beſitz und Graf Frochot, ſchon ſeit dreizehn Jahren Praͤfect des Seinedepartements, durch eine ſo ploͤtzliche Aufforderung uͤberraſcht und vielleicht durch den Umſtand geſchmeichelt, daß ſein Name auf der Liſte der proviſoriſchen Regierungsmitglieder ſtand, war ſo gefaͤllig, die Verſchwornen in den Beſitz des Jakobsthurms, wo die Sturmglocke hing, zu ſetzen 12² und zum Empfang der neuen Verwaltungsbehoͤrde ein Gemach in dem Stadthaus einrichten zu laſſen. Aber das Haupt der Verſchwoͤrung kam, wie Fiesco⸗ zu Genua, in dem Augenblicke um, wo ſein frevel⸗ haftes Beginnen mit dem beſten Erfolge gekroͤnt zu werden ſchien. Bis jetzt war es noch niemanden ein⸗ gefallen, dem vorgeblichen Dekret des Senats den Gehorſam zu verſagen. Das Gerüͤcht hatte jeder⸗ mann auf die Nachricht von des Kaiſers Tod vor⸗ bereiret, und die darauf folgende Revolution verſtand ſich ſo von ſelbſt, daß man ſie ſich gerne gefallen ließ und uͤberhaupt die ganze Sache gleichguͤltig aufnahm. nn Aber Malet, der in eigener Perſon Beſitz vom Hauptquartier auf dem Vendoémeplatze nehmen woll⸗ te, fand unerwarteten Widerſtand von General Hul⸗ lin. Auf Alles gefaßt, ſchoß er mit dem Piſtol nach dem General, der bedeutend verwundet wurde; in⸗ deſſen wurde er ſelbſt hinwiederum von Laborde, dem Chef der militaͤrlſchen Polizei, erkannt, der, in der Ueberzeugung, daß einer, der noch vor kurzem ſein Gefangener geweſen, von dem Senate nicht zur Vollzlehung eines ſo wichtigen Auftrags habe gewaͤhlt werden koͤnnen, ſich auf Malet warf und ihn zum Gefangenen machte. So endete die Verſchwoͤrung. Die Soldaten, die nur blinde Werkzeuge geweſen, wurden in ihre Kaſerne zuruͤckgewleſen. Malet kam mit vierundzwanzig ſeiner Genoſſen, meiſtens Mili⸗ taͤrperſonen, vor ein Kriegsgericht und ward mit eilf 13 derſelben auf der Ebene von Grenelle am aoſten Oktober erſchoſſen. Er ging ſeinem Tode mit der groͤßten Standhaſtigkeit entgegen. Die Sonne erhoh ſich uͤber das Invalidengebaͤnde, und die Arbeiter waren damit beſchaͤftigt, die herrliche Kuppel deſſel⸗ ben zu vergolden, wie es Buonaparte, der derglei⸗ chen in Moskau geſehen, ausdruͤcklich befohlen hatte. Der Gefangene bemerkte, wle ſehr dieſes zur Ver⸗ ſchoͤnerung der Hauptſtadt beitragen wuͤrde. Auf dem fataleu Fleck ſagte er geheimnißvoll aber ernſthaft: „Ihr habt den Schwanz, aber nicht den Kopf.“ Aus dieſer Aeußerung wollte man ſchließen, daß, gleich wie das Projekt mit der Hoͤllenmaſchine, ur⸗ ſpruͤnglich von den Jakobinern ausgeheckt, von den Royaliſten verſucht werden war, dieſe Verſchwoͤrung ein Anſchlag der Royaliſten ſeyn moͤchte, die ſich da⸗ bei republikaniſcher Haͤnde zur Ausfuͤhrung bedlent haͤtten.*) Doch iſt die Wahrheit, obgleich ſie eini⸗ gen noch Lebenden bekannt ſeyn muß, bis ſetzt noch nicht offenkundig geworden. Dieſes war die Nachricht, die Bnonaparte au dem unheilvollen bten November zwiſchen Wlazma und Smolensk erhielt, und die ihn beſtimmte, ſeine Armee zu verlaſſen und nach Paris zu ellen. Ihn ſchreckte nicht ſowohl die Verſchwoͤrung, als die Sorgloſigkeit und der Leichtſinn, mit welcher die Na⸗ In den Memoiren von Fouche wird dies behanptet. tion, wenigſtens die Bevoͤlkerung von Paris, der Dy⸗ naſtie, die er auf ewige Zeiten gegruͤndet zu haben hoffte, zu entſagen ſchien. Er erſchrack ſogar uͤber die große Anzahl der Hinrichtungen und eiferte gegen die ſchonungsloſe, blinde Strenge, mit der man ſo manchen Offizier, der nur verfuͤhrt worden und nicht eigentlich ein Verſchwoͤrer geweſen ſey, zum Tode verdammt hatte.„Es iſt ein Blutbad,“ ſagte er; „ein Fuſillade! Welchen Eindruck wird es auf Paris machen?“ Als Napoleon in ſeine Hauptſtadt zuruͤckkam, fand er die Pariſer von der Hinrichtung der Ver brecher eben ſo wenig ergriffen, als ſie es von dem anfaͤnglichen Gelingen ihres Verbrechens geweſen. Aber der Stachel blieb in ſeiner Bruſt. In der er⸗ ſten Audienz, die er ſeinen Miniſtern gab, ſchalt er auf die Ideologie, oder, mit andern Worten, auf jede Doktrin, die, auf die Gefuͤhle des Patriotismus und der Freiheit ſich berufend, dem unverwirkbaren und goͤttlichen Rechte des Souveralns Eintrag thun moͤchte. Er ſtimmte das Lob von Harlal und Molé an, die als Diener der Gerechtigkeit in der Verthei⸗ digung der Herſcherrechte den Tod erlitten hatten, und rief aus, daß der Tod eines Kriegers auf dem Schlachtfelde der ſchoͤnſte ſeyn wuͤrde, wenn nicht das Ende einer obrigkeitlichen Perſon, die in der Vertheidigung des⸗Thrones und der Geſetze ſtirbt, noch glorrelcher waͤre. 15 Dies gab den Staatsraͤthen, die uͤber das Ver⸗ gehen und die Beſtrafung des Praͤfecten Frochot ihr Gutachten erſtatten ſollten, reichen Stoff zu den ſchoͤnſten Phraſen. Selbſt die Adreſſen der britti⸗ ſchen Hoͤflinge an den Koͤnig Jakob den Zweiten(der doch ein geborner Herrſcher war) ſind nicht ſo reich an Ehrfurchtsverſicherungen und grundloſen Ausſpru⸗ chen, als diejenigen der franzoͤſiſchen Behoͤrden bei die⸗ ſer Veranlaſſung. 3„ „Was iſt das Leben,“ ſagte der Graf Chabrol, der an die Stelle des furchtſamen Frochot zum Prae⸗ ferten von Paris ernannt worden war—„was iſt das Leben in Verglelchung mit dem unermeßlichen Intereſſe, das auf dem geheiligten Haupte des Reichserben beruht? Was mich betrifft, den Euer kaiſerliche Majeſtaͤt eines Blickes gewuͤrdigt und auf einen ſo hohen Poſten geſtellt haben, ſo ſchaͤtze ich in der mir gewordenen Auszeichnung nichts ſo hoch, als die Ehre und das Recht, das erſte Beiſpiel treuer Ergebenhelt aufſtellen zu koͤnnen./.. Herr von Fontanes, Senator, Pair von Frank⸗ reich, Großmeiſter der kalſerlichen Univerſitaͤt, aͤußerte ſcch auf folgende Weiſe:„Die Vernunft ſteht ehr⸗ erbietig ſtil vor dem Geheimniß der Macht und des Gehorſams, und üherlaͤßt die Erforſchung ihres We⸗ ſeus derſelben Nellgion, welche die Konige geheiligt und ſie zu Stellverttetern der Gottheit gemacht hat. Es iſt Gottes Stimme, welche die Anarchle und die 16 Factionen verdammt, indem ſie das goͤttliche Recht der Souveraine verkuͤndet; die Gottheit ſelbſt hat dieſes Recht zu einer unabaͤnderlichen Staatsmarime Frankreichs, zu einer unwandelbaren Beſtimmung des Geſetzes unſerer Vaͤter erhoben; es iſt die Na⸗ tur, welche die Koͤnige aufeinander folgen laͤßt, waͤh⸗ rend die Vernunft die Ewigkeit des Koͤnigthums ausſpricht. Erlauben Sie, Sire,“ fuhr er fort,„der Univerſitaͤt von Paris, von dem Throne, den Sie ſo ſehr verherrlichen, einen Augenblick gb⸗ und auf die gefeierte Wiege des Erben Ihrer Groͤße zu ſehen. Wir widmen ihm und Euer Majeſtäͤt, die ſchuldige Liebe und Ehrfurcht, und ſchwoͤren ihm zum voraus dieſelbe unbegrenzte Ergebenheit, die Euer Maieſtaͤt von uns zu fordern hat.“ ee Mit beſſerem Geſchmacke, weil er es weniger auf ſchoͤne Phraſen anlegte, begnuͤgte ſich Herr So⸗ guier, Praͤſident des pariſer Gerichtshofs, zu erkläͤ⸗ ren, die Magiſtrate von Paris ſeyen die ſicherſten Stützen der kaiſerlichen Gewalt— ihre Vorgaͤnger haͤtten in der Vertheidigung der Mongrchie allen Gefahren getrotzt, und ſie ſeyen ihrerſeits bereit, der geheiligten Perſon des Kaiſers und zur Aufrechthal⸗ tung ſeiner Dynaſtie jedes Opfer zu bringen.. unter dem Schutze dieſer gewaltigen Verſiche⸗ rungen entſchluͤpfte der ungluͤckliche Frochot, wie elu uͤbel zugerichtetes Schiff ſich unter dem Feuer ſel⸗ ner Mitſchiffe aus der Schlachtlinie zieht, Er dee ——— 17 ſeine Stellen und durfte ſich in die Stille des Privatlebens zuruͤckziehen, um nach Gefallen ſeine ideelogiſchen Studien fortzuſetzen, oder um in den Myſterien des erblichen Herrſcherrechtes ſich beſſer himzuſehen, als er bis dahin gethan zu haben ſchien.*) Wir haben die augefuͤhrten Beiſplele ausgeho⸗ ben, nicht um zu unterſuchen, ob die Redner, die ubrigens ganz ehrenwerthe Maͤnner geweſen ſeyn moͤgen, in der Folge ihren Betheurungen Ehre ge⸗ macht haben, ſondern um laut unſern Tadel uͤber ein Syſtem von Zuſtimmung und Verſtellung aus⸗ zudruͤcken, zu dem auch Maͤnner von dieſer Bedeu⸗ tung ſich zu bekennen nicht verſchmaͤhten. Durch dergleichen uͤbertriebene Schmeicheleien und Ehr⸗ furchtsbezeigungen werden die Rathgeber geſchaͤndet, die Furſten irregefuͤhrt— Wahrheit und ehrlicher Nath werden dem Herrſcher zum Ekel,, die Sprache der Falſchheit wird dem Unterthan gelaͤufig und die Gefahr des Staates verheimlicht, bis keine Rertung mehr moͤglich iſt. Dooch iſt nicht zu laͤugnen, daß dolche Reden und Betheurungen, durch Napoleons ſchnelle Ruͤckkehr und feſte Faſſung unterſtuͤtzt, der Unzufriedenheit, die in Frankreich in der Stille immer weiter um ſich griff, elnſtweilen Einhalt that. Die Geſinnun⸗ ») Er erhielt bei der Reſtauration eine Penſton von Ludwig XVIII. W. Scott's Werke ⸗VII 2 e 18 gen, die in dem ganzen Reiche auf dieſelbe Weiſe ausgedruͤckt wurden, ubten einigen Einfluß auf die Gedankenloſen; dieſe allgemeine Flut von Betheu⸗ rungen und Verſicherungen wirkte auf die Beſorg⸗ niſſe, die Zweifel, das Mißvergnuͤgen und die ein⸗ tretende Abneigung des Publikums beſaͤnftigend, wie die Ausgießung von Oel auf die Oberflaͤche eines ſchaͤumenden Waſſerſtromes, der aber in ſeinen Tie⸗ fen keineswegs dadurch afficirt wird. Wir nehmen den Faden unſerer Geſchichte wie⸗ der auf. Nachdem Buonaparte die Geſinnung des Senats auf die Probe geſtellt und ſich des paſſiven Gehorſams ſeiner Unterthanen verſichert hatte, war er zunaͤchſt darauf bedacht, waͤhrend er die Ruͤſtun⸗ gen zu einem auswaͤrtigen Kriege ſo viel wie moͤg⸗ lich betrieb, durch jedes ihm zu Gebot ſtehende Mit⸗ tel die inneren Wunden des Staates zu ſchließen, die eben um ſo gefaͤhrlicher waren, weil ſie ſich durch kein aͤußeres Zeichen verriethen. Ein Hauptgegenſtand dieſer Art war der Streit mit dem Pabſte, der in der gallikaniſchen Kirche fortwaͤhrend großes Aergerniß veranlaßte. Wir ha⸗ ben bereits erwaͤhnt, daß der Pabſt, weil er ſeiner weltlichen Herrſchaft nicht entſagen wollte, mit Ge⸗ walt aus Rem entfuͤhrt, von da nach Grenoble und dann wieder uͤber die Alpen nach Savong in Italien gebracht wurde, wo er bis in den Juni 1812 blied. 19. Eine Deputation von franzoͤſiſchen Biſchoͤfen mußte ihm ein Dekret Napoleons uͤberbringen, des In⸗ halts, daß, wenn der Pabſt der franzoͤſiſchen Geiſt⸗ lichkeit noch laͤnger die kanoniſche Einſetzung verwei⸗ gern wuͤrde*), ein Concilium von franzoͤſiſchen Praͤ⸗ laten einberufen werden ſolle, um ſeine Abſetzung auszuſprechen. Am 4ten September 1811 ließ der heilige Va⸗ ter dieſe Deputation vor ſich. Er hoͤrte ihren Vor⸗ trag gelaſſen an und warf ſich dann in ihrer Gegen⸗ wart auf die Knie, den Pſalm ludica me Domine laut herſagend. Als die Pralaten ſich rechtfertigen wollten, drohte Pius der Siebente mit erhobener Stimme, den Bannſtrahl gegen jeden zu ſchleudern, der es wagen wuͤrde, ſein Betragen zu beſchoͤnigen. Er beſaͤnftigte ſich aber ſogleich wieder und reichte den Biſchoͤfen die Hand, die ſie ehrerbietig kuͤßten. Sie nahmen geruͤhrt und unter Thraͤnen von ihm Abſchied. Einige von ihnen widerſetzten ſich ſogar in der Folge den Abſichten Napoleons und mußten dafuͤr im Gefaͤngniß buͤßen. Die neueren Chemiker haben die Entdeckung ge⸗ macht, daß ſich gewiſſe Subſtanzen nur in einer Mi⸗ ſchung verſchiedener Gasarten aufloͤſen laiſen. guf 2 —j;— u1¹) Ey hatte dies ſeit der Einder leibung von Rom und des Kir, chenſtaate gethan. 20 gleiche Weiſe ſcheint man geſunden zu haben, daß die italteniſche Luft nicht geeignet ſey, den Starr⸗ ſinn des Pabſtes zu erweichen. Der heilige Vater ward in aller Eile nach Fon⸗ talnebleau gebracht, wo er am 19ten Juni 1812 an⸗ kam. Die franzoͤſiſchen Geſchichtſchreiber ruͤhmen es, daß der alte Mann nicht in einen Kerker geworfen, ſondern im Palaſte untergebracht wurde, auch Meſſe leſen und hoͤren durfte— in der That eine nicht geringe Verguͤnſtigung fuͤr das Oberhaupt der katho⸗ liſchen Kirche! Doch war er noch immer ein Gefan⸗ gener. Er blieb in Fontaineblean bis zur Ruͤckkehr Napoleons aus Rußland, und erhielt am 19ten Februar 1813 unvermuthet einen Beſuch vom Kai⸗ ſer, der, unter dem Vorwande, auf die Jagd zu gehen, von St. Cloud gekommen war. Er uͤbte die ganze, allerdings ſehr große Macht ſeiner Perſoͤnlich⸗ keit, um den Pabſt für ſeine Vorſchlaͤge zu gewin⸗ nen; und wir glauben gerne, daß der Vorwurf, er habe ſich eine perſoͤnliche Mißhandlung des Pabſtes zu Schulden kommen laſſen, durchaus ungegruͤndet iſt. Um die Gewiſſensſkrupel des heiligen Vaters zu beſchwichtigen, verlangte er von ihm keine aus⸗ druͤckliche Verzichtung auf ſeine weltlichen Rechte; auch bewklligte er ihm in Beziehung auf die kanoni⸗ ſche Einſenung eine Friſt von ſechs Monaten. Man verſtaͤndigte ſich uͤber eilf Artikel, die von dem Kai⸗ ſer und dem Pabſte unterſchrieben wurden. 3 21 Aber kaum war dies geſchehen, als die Fehde von Neuem ausbrach. Es lag dem Kaiſer ſehr daran, dem Schisma ſobald wie moͤglich ein Ende zu machen, weil der Pabſt die Guͤltigkeit ſeiner zweiten Ehe, und folglich auch die Legitimitaͤt ſeines Sohnes nicht anerkennen wollte. Er machte deßwegen die Artikel des Vertrags im Moniteur, als den Inhalt ei⸗ nes Concordats bekannt. Der Pabſt beſchwerte ſich daruͤber, indem er betheuerte, daß die in den Mo⸗ niteur eingeruͤckten Artikel kein Concordat, ſondern nur die Einleitung zu einem ſolchen nach reifer Er⸗ waͤgung abzuſchließenden Vertrage ſeyen. Er war entruͤſtet uͤber das hinterliſtige Verfahren des Kai⸗ ſers von Frankreich, und verweigerte dieſem ſoge⸗ nannten Concordat feine Zuſtimmung. So mißlang Napoleons Verſuch, die Spaltung der Kirche zu en⸗ digen, und die kirchlichen Fehden fingen, mit mehr Bitterkeit als je, wieder an. Auf Spanien blickend, ſah Napoleon ſeine An⸗ gelegenheiten in einem beſſern Zuſtande, als er nach der Schlacht von Salamanca und der Einnahme von Madrid hoffen konnte. Lord Wellington, von der ſpaniſchen Armee, in welcher Zwietracht und Eifer⸗ ſucht ſehr nachtheilig wirkten, nur wenig unterſtuͤtzt, hatte aus Mangel an Belagerungsgeſchuͤtz die Fe⸗ ſtung Burgos nicht nehmen koͤnnen, und war in ei⸗ niger Gefahr, von Soult, der die Beiagerung von Cadix aufgehoben hatte, im Nuͤcken genommen zu 22 werden, waͤhrend er mit der Armee von D'Erlon, bei der ſich der eingedrungene Koͤnig beſand, beſchäͤf⸗ tigt war. Der engliſche Feldherr hielt es demnach der Klugheit gemaͤß, ſich auf das portugieſiſche Ge⸗ biet zuruͤckzuziehen, und Napoleon hielt die zwei⸗ malhundert ſiebenzigtauſend Mann, die er in Spa⸗ nien hatte, fuͤr mehr als genuͤgend, um allen ſpani⸗ ſchen Aufgeboten und der Armee von Wellington, die ſich etwa auf ſiebenzigtauſerb Mann belaufen mochte, die Spitze zu bieten. Er zog deßwegen ſo⸗ fort hundert und fuͤnfzig Bataillonsrahmen aus Spa⸗ nien, die ihm zur Einuͤbung und Einfaſſung ſeiner neuausgehobenen Mannſchaft dienen ſollten. Jetzt wurden die hundert Kohorten, oder die hunderttauſend Juͤnglinge des erſten Aufgebots der Nationalgarde, die in den Grenzfeſtungen lagen und zufolge einer ausdruͤcklichen Erklaͤrung zu keiner Dienſt⸗ leiſtung jenſeits der franzoͤſiſchen Greuze verpflichtet waren, in gewoͤhnliche Linientruppen verwandelt und beſtimmt, die aus Spanien gezogenen Rahmen zu fuͤllen. Dazu kamen noch vier Regimenter von der Garde, ein polniſches Reiterregiment und ein Regi⸗ ment Gensd'armen, die gleichfalls die Halbinſel ver⸗ laſſen mußten. Aus den Matroſen der franzoͤſiſchen Flotte, deren eigentlicher Dienſt aufgehoͤrt hatte, und die ihre Zeit in den Haͤfen und Seeſtaͤdten ver⸗ ſchleuderten, wurden neue Artrillerlekorps gebildet. Dies gab eine Verſtaͤrkung von etwa vierzigtauſend 23 Mann. Alleln ſo lange Napoleon das Vertrauen der Na⸗ tion genoß, war die Conſcriotion ſeine beſte, nie verſie⸗ gende Huͤlfsquelle: ein Dekret des Senats ſtellte die Conſcription des Jahres 1814 zu ſeiner Verfuͤgung. Dieſe betrug nicht weniger als dreimalhundert und fuͤnfzigtauſend Mann.. Die Retterei zu ergaͤnzen und wieder beritten zu machen, unterlag groͤßeren Schwlerigkeiten, eben ſo die Wiederherſtellung des Geſchuͤtzes und des Feld⸗ zeugs, das in dem ungluͤcklichen Ruͤckzuge ſo ganz zu Grund gegangen war. Allein die Gewoͤlbe unter den Tutllerien waren noch nicht geleert, obgleich ſie zu den Ruͤſtungen des vorigen Feldzugs ſehr viel belgetragen hatten. Zu dieſem Schatze nahm man ſeine Zuflucht; jeder Handwerksmann, den man brau⸗ chen konnte, erhielt Beſchaͤftigung; Pferde wurden aufgekauft oder auf irgend eine andere Weiſe ange⸗ ſchafft; und ſo groß war die Thaͤtigkeit Napoleons und der Umfang ſeiner Huͤlfsquellen, daß er den Mit⸗ gliedern des geſetzgebenden Korps verſichern konnte, er werde die zum Erſatze des in Rußland erlittenen Verluſtes erforderlichen dreihundert Millionen Fran⸗ ken aufbringen, ohne ſeine Unterthallen mit neuen Abgaben zu belaͤſtigen. 3 Wir duͤrfen nicht unbemerkt laſſen, daß zum Be⸗ huf der Wiederergaͤnzung der Reiterei eine neue Art von Conſcription erſonnen wurde, die darauf berech⸗ net war, die Juͤnglinge aus den hoͤheren Staͤnden, 24 die ſich bei den vorigen Ziehungen freigeſpielt oder einen Mann fuͤr ſich geſtellt hatten, unter die Fah⸗ nen zu bringen. Aus diefer bisher befreiten Klaſſe ſchlug Napoleon vor, zehntauſend Juͤnglinge von vorneh⸗ mer Geburt zu heben und daraus vier Regimenter Ehrengarden zu bilden, die viele Aehnlichkeit mit den ehemaligen koͤniglichen Haustruppen hatten. Dieſer Vorſchlag war von den Hoͤflingen und Jaher⸗ ren mit Beifall aufgenommen;; ſie ſagten, dieſe wohl⸗ gebornen und wohlerzogenen Juͤnglinge wuͤnſchten nichts ſehnlicher, als ihre Vogelflinten gegen Mus⸗ keten, ihre Jagdkleider gegen Uniformen, und ihr Landleben gegen die Muͤhen des Krieges zu vertau⸗ ſchen. Politiker ſahen in dieſem Vorſchlage noch et⸗ was mehr, als die Abſicht, die Maſſe der Rekruten mit zehntauſend Mann zu vermehren; ſie meinten, der Kaiſer wolle durch dieſes aus den Soͤhnen der reichſten Gutsbeſitzer zuſammengeſetzte Korps ſich Geißeln ver⸗ ſchaffen, um ſich der Treue ihrer Vaͤter zu verſichern. Dieſer Plan wurde aber wegen der Eiferſucht der kaiſer⸗ lichen Garde einſtweilen noch bei Seite gelegt. Dieſe praͤtorianiſchen Banden fanden naͤmlich keinen Gefal⸗ len an einem ſolchen patriziſchen Korps, durch deſſen Vorrechte die ihrigen gefaͤhrdet werden koͤnnten; und demzufolge ward die Errichtung der Ehrengarden noch auf einige Zeit verſchoben. Ddie wundervolle Winenekraſt Napoleons und ſeine Macht uͤber die Gemuther zeigten ſich nie ſo 25 auffallend, als in dieſer Periode ſeiner Regierung. Er war in einer ſchrecklichen Kriſis und in einer ſehr bedraͤngten Lage in ſeine Hauptſtadt zuruͤckgekehrt. Seine Unterthanen hatten ſechs Wochen lang nicht gewußt, ob er todt oder am Leben ſey, und eine furchtbare, faſt gelungene Verſchwoͤrung hatte die wieder auflebende Thaͤtigkeit feiner geheimen Feinde und die apathiſche Gleichguͤltigkeit ſeiner ſcheinbaren Anhaͤnger offenbart. Bei ſeiner Ankunft entſtand fuͤr ihn die Aufgabe, eine ſchreckliche Kataſtrophe, die das Werk ſeines Ehrgeizes war, anzuzeigen: den Verluſt von fuͤnfmalhunderttauſend Mann, ſammt ihren Waffen, ihrer Munition und ihrem Geſchuͤtz; den Tod von ſo vielen Soͤhnen Frankreichs, der das ganze Land in Trauer verſetzte. Er hatte kalte, ge⸗ zwungene Alllirte, die ſich ſchvell in Feinde verwan⸗ delten, und Feinde hinter ſich gelaſſen, die, durch ſeine Verluſte und ſeine Flucht ermathigt, mit ei⸗ nem europaͤiſchen Kreuzzuge drohten, der ſeiner Macht ein Ende machen ſollte. Noch nie iſt ein Herrſcher ſo vom Ungluͤck beſtuͤrmt und unter ſo drohenden Aſpekten vor ſeinem Volke erſchienen. Und doch erſchien Napoleon; er ſtampfte mit dem Fuß, und Legionen entſtiegen dem Boden. Die Beſorgniſſe, die Zweifel, die Unzufriedenheit des Publikums verſchwanden, wie der Nebel vor der auf⸗ ſteigenden Sonne; daſſelbe Vertrauen, das in den Tagen ſeines bluͤhendſten Gluͤckes fein Trabant ge⸗ 26 weſen, erſtand, ungeachtet ſeiner neuerlich erlittenen Unfaͤlle, wieder in voller Lebenskraft. Im Monat April war ſeine Armee, wie wir geſehen haben, ſchon wleder 350,000 Mann ſtark, ohne die zahlrei⸗ chen Beſatzungen von Danzig, Modlin, Zemosk, Czenstochau, Kuͤſtrin u. ſ. w., wohin ſich die Ueber⸗ bleibſel der großen Armee gefluͤchtet hatten. In Italien war die Aushebung von neuen Truppen im vollen Gang, und in Spanien blieb ihm nach allen Verſtaͤrkungen, die er aus dieſem Schlachthauſe ge⸗ zogen hatte, noch immer eine ſehr zahlreiche Armee. Er mochte nun den Frieden vorſchlagen, oder den Krieg fortſetzen, ſo ſtand Napoleon wieder an der Spitze einer Streitmacht, die nicht viel geringer war⸗ als diejenige, mit der er das letzte Mal ins Feld gezogen. 2 Nachdem wir ſolchergeſtalt einen Begriff von dem innern Zuſtande Frankreichs gegeben haben, muͤſſen wir einen Blick auf das Ausland werfen und ſehen, welche Folgen der ruſſiſche Feldzug in Beziehung auf Europa gehabt hat. Zweites Kapitel. Murat verläßt plötzlich die Armee.— Eugen tritt an ſeine Stelle.— Maßregelnt des Koͤnigs von Preußen, um das fran⸗ zöſtiche Joch abzuſchütteln.— Vertheidigung derſelben gegen 27 die Vorwürfe der franzöſiſchen Schriftſtelter.— Er verläßt Ber. lin, um nach Breslau zu gehen.— Vertrag, der zwiſchen Ruß. land und Preußen in den erſten Tagen des Maimonats zu Stande kommt.— Alexander kommt am 1'ten nach Breslauz am 16ten erklärt Preußen den Krieg gegen Frankreich.— Kriegs⸗ rüſtungen in Preußen.— Allgemeiner Enthuſiasmus im ganzen Lande.— Blücher wird zum Generaliſſimus ernannt.— Recht⸗ fertigung des Kronprinzen von Schweden, der dem Bündniſſe gegen Frankreich beitritt.— Verfahren eſterreichs.— Napoleon beharrt auf ſeinen Anſprüchen.— Regentſchaft in Frankreich in der Abweſenheit Napoleons, unter dem Vorſitze der Kaiſerin. Bei ſeiner Abreiſe von Smorgoni hatte Napo⸗ leon das Kommando uͤber die Ueberbleibſel der gro⸗ ßen Armee ſeinem Schwager uͤbertragen, was dieſem eben nicht willkommen war und ſeinen Ehrgeiz kei⸗ neswegs befriedigte; Murat ſah darin keinen Erſatz fuͤr die vielen Kraͤnkungen, die er waͤhrend des Feld⸗ zugs erlitten und wegen denen er, wie wir geſehen haben, auf den Kaiſer noch immer zuͤrnte. Da er uͤberdies mehr Soldat als General war, ſo hatte der Krieg fuͤr ihn keinen Reiz, wenn er nicht an der Spitze ſeiner Relterei ſeine Tapferkeit bewaͤhren konnte; auch war er eiferſuͤchtig auf ſeine Gemahlin geworden, die waͤhrend ſeiner Abweſenhei t das Ru⸗ der in Neapel fuͤhrte. Er wies daher die Truppen, uͤber die er verfuͤgen konnte, in die oben angefuͤhr⸗ ten preußiſchen Feſtungen, die noch von den Franzo⸗ ſen beſetzt waren und verließ am 16ten Januar ohne weiteres die Armee. Napoleon, daruͤber aufgebracht, verkuͤndete in einem Tagsbefehl deſſen Abreiſe und 28 ernannte den Vicekoͤnig von Italien zu ſeinem Nach⸗ folger im Oberkommando der Armee mit dem ruͤ⸗ genden Beiſatze:„Der Vicekoͤnig verſteht ſich beſ⸗ ſer auf die Leitung der milikaͤriſchen Angelegenhei⸗ ten im Großen, und genießt uͤberdies das volle Vertrauen des Kaiſers.“ Dieſer indirekte Stich vermehrte die Kaͤlte zwiſchen den zwei Schwaͤgern um vieles.— Indeſſen ruͤckten die Ruſſen, die keinen Wider⸗ ſtand fanden, fortwaͤhrend in Preußen ein, um die⸗ ſes Land durch ihre Gegenwart zu dem Entſchluſſe zu ermuthigen, den man von ihm erwartete. Frank⸗ reich hatte ſich gegen Preußen die ungeheuerſten Be⸗ druͤckungen erlaubt, ſeiner Nationalexiſtenz ein Ende zu machen gedroht, ſeine Feſtungen befetzt, ihm alle Rechte eines unabhaͤngigen Staates entzogen. Dies war ein Mißbrauch der Siegesrechte, der, nur auf Uebermacht geſtuͤtzt, ſobald dieſe ein Ende genommen, nicht laͤnger geduldet werden durfte. In ſeinem Un⸗ gluͤcke ſchien Napoleon allerdings auf die Freund⸗ ſchaft Preußens zu rechnen, um die er ſich in ſeinem Gluͤcke niemals beworben hatte. Dies war aber ge⸗ rade ſo viel, als wenn ein tuͤrkiſcher Korſar erwar⸗ ten wollte, daß ſeine Galeerenſklaven aus Ehrgefuͤhl fortfahren wuͤrden, zu rudern, wenn die Kette, die ſte an ihre Baͤnke feſſelte, gebrochen werden ſollte. Koͤnig Friedrich ergriff demnach ſeine Maßre⸗ geln, um ſich von dem franzoͤſiſchen Joche frei zu . 29 machen, aber er that es mit Weisheit und Maͤßi⸗ gung. Wie arg auch die Preußen von den Franzoſen mißhandelt worden waren, ſo dachte ihr Koͤnig doch nicht auf Nache, ſelbſt dann nickt, als ſie aus Ruß⸗ land in wehn loſen Haufen in ſeine Staaten zuruͤck⸗ kamen, mit denen ſchon das Landvolk haͤtte fertig werden koͤnnen. Zwar erlaubte ſich das Volk in Koöͤ⸗ nigsberg und anderswo einige Grauſamkeiten gegen die Franzoſen; dies geſchah aber gegen den Willen der Regterung, die Alles that, um dergleichen zu ver⸗ hindern. Der Koͤnig enthielt ſich aller Schritte ge⸗ gen Napoleon ſelbſt, als dieſer durch ſein Gebiet floh, ſo ſehr man auch Grund hatte, ein entgegen⸗ geſetztes Betragen von ihm zu erwarten. Er er⸗ neuerte den von York geſchloſſenen Waffenſtlulſtand, und duldete es, daß die erfrornen Truͤmmer der gro⸗ hen Armee die feindlichen Garniſonen die ſeine Fe⸗ ſtungen beſetzt hielten, verſtaͤrkten. Er beobachtete mit einem Worte alle die Pflichten eines, obgleich gezwungenen Allirten, bis der Krieg, an dem er als Haͤlfsmacht Theil genommen harte, durch die Nie⸗ derlage und die Flucht der Armee der Hauptmacht ganz geendet war. Wir halten es fuͤr angemeſſen, dieſen Gegenſtand etwas ausfuͤhrlicher abzuhandeln, weil die franzoͤſiſchen Geſchichtſchreiber das Betragen des Koͤnigs von Preußen bei dieſer Gelegenheit als einen Abfall, Deſertion oder Treubruch brandmarken wollen. Nichts kann ungerechter ſeyn. 30 41 Es war gewiß nicht zu erwarten, daß der Koͤnig duech die Fortſetzung eines Krieges, der ihn nicht unmittelbar auging, ſein Land der Geſahr ausſetzen wuͤrde, von den Ruſſen verwuͤſtet zu werden, oder daß dieſes ſo arg mißhandelte Land die Mittel zu ſei⸗ ner Rettung, die ſich ihm jetzt von ſelbſt darboten, unbe⸗ nuͤtt laſſen wuͤrde. Es war daher nicht zu verwun⸗ dern, daß Preußen die ihm gewordene guͤnſtige Ge⸗ legenheit ergriff⸗ ein ſo druͤckendes Joch abzuwerſen. Man hat ſogar guten Grund zu glauben, daß der Entſchluß des Koͤnigs von Preußen ihm nicht nur durch ſeine Weisheit und ſeinen Patriorismus, ſon⸗ dern ſelbſt durch die Nothwendigkeit geboten war; haͤtte er ſich geweigert, ſeine Unterthanen gegen die Franzoſen zu fuͤhren, ſo wuͤrden dieſe, aufgeregt⸗ wie ſie waren, ſich aller Wahrſcheinlichteit nach um einen andern Fuͤhrer umgeſehen hahen. Er hatte, wie wir wiſſen, die von York und Maſfenbach abgeſchloſſene Con ntion mißbilligt und zur Verurtheilung dieſer beiden Generale zu Berlin ein Kriegsgericht nieder⸗ geſetzt. Dieſe Generale gehorchten aber nicht und behielten ihr Kommando, was deutlich gonug beweist⸗ daß Friedrich es nicht wohl haͤtte wagen koͤnnen, ſich dem Willen ſeines Volkes durch einen Machtſpruch zu widerſetzen. Ehe der Koͤnig ſeinen letzten Entſchluß nahm, hielt er es der Klugheit gemaͤß, ſeine Perſon vorerſt in Sicherhelt zu ſetzen, um nicht, wie Ferdinand und 31 die ſpaniſchen Bonrbons, als Geißel zuruͤckbehalten zu werden. Er verließ daher am 22ſten Jannar 1813 ploͤßlich B rlin, und begab ſich nach Breslau, wo keine franzoſiſchen Truppen waren. Unmittelbar da⸗ rauf erließ er eine Proklamation an ſein Volk, wo⸗ rin er daſſelbe zu den Waſſen tief und der Vater⸗ landsliebe von Tauſenden, die den Krieg wollten, das Zeichen gab. Der franzoͤſiſche Geſandte ward demung chtet eingeladen, dem Koͤnig nach Breslau zu folgen, es zwiſchen ihm und dem preußiſchen Kabinet zu rlei Eroͤrterungen kam. Die Klagen uͤber Erpreſſungen und Bedruͤckun⸗ gen aller Art wußten die franzoͤfſchen Unterhaͤndler nur dadurch zu erwiedern, daß ſie die preußiſchen daran erinnerten, wie Napoleon nach einem entſchei⸗ denden Siege der Nation eine nominelle Unabhaͤn⸗ gigkeit, dem Koͤnig eine precaͤre Krone gelaſſen habe. Ein Naͤuber, der einen Reiſenden ausgezogen hat, koͤnnte, wenn ihm zugemuthet wuͤrde, ſeine Beute berauszugeben, dies eben ſo gut mit der Bemerkung verweigern, daß er jenen zwar geplündert, aber doch am Leben gelaſſen habe. Durch das Recht des Staͤr⸗ kern hatte Frankreich ſich den Einfluß auf Preußen verſchafft, den es ſo ſtreng uͤbte; nach dent Aus ſpru⸗ che des geſunden Menſchenverſtandes hatte nun Preu⸗ ben, als der Vortheil auf ſeiner Seite war, das Recht, mit Gewalt wieder zuruͤck zu nehmen, was es in ſeiner Schwaͤchs hingegeben. Jede Verbind⸗ 3² lichkeit wird, nach dem Grundſatze des buͤrgerlichen Rechts, auf dieſelbe Art wieder unguͤltig, wie ſie guͤltig geworden iſt. Arthegal, der ſinnbildliche Ver⸗ fechter der Gerechtigkeit in der bekannten Allegorie von Spenſer, ſagt, in Beziehung auf die Rechtsma⸗ rime, was die See gebracht habe, koͤnne die See wieder zuruͤcknehmen. Am ſten Maͤrz, oder ungefaͤhr um dieſe Zeit, un⸗ terzeichnete Preußen, zu einem Syſteme zuruͤckkehrend, von dem es nur in ſeiner aͤußerſten Noth abgegangen war, ein Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß mit Rußland. Am 15ten Maͤrz kam der Kaiſer Alexander nach Breslau. Ruͤhrend war das Zuſammentreffen der beiden Souveraine, die ſo vertraute Freunde geweſen waren und noch dieſelben Geſinnungen gegen einander hegten, obgleich das Ge⸗ bot einer eiſernen Nothwendigkeit ſie zu einer Zeit zu Feinden gemacht hatte, wo es fuͤr Rußland hoͤchſt wichtig war, ſo wenig Feinde als moͤglich gegen ſich auftreten zu ſehen. Der Koͤnig von Preußen weinte. „Seyen Sie guten Muthes, mein Herr Bruder,“ ſagte Alexander;„dies ſind die letzten Thraͤnen, die Ihunen Napoleon entlocken ſoll.“ Am 16ten Maͤrz erklaͤrte Preußen Frankreich den Krieg. In ſeinem Manifeſte iſt viel von em⸗ pfangenen und noch ruͤckſtaͤndigen Kriegscontributio⸗ nen die Rede, was ſich in der Erklaͤrung haͤtte zu⸗ ſammenfaſſen laſſen, daß Preußen von Frankreich unter⸗ jocht worden ſey,, ſich aber fetzt im Stande beſinde, fuͤr 8 33. fuͤr ſich ſelbſt zu handeln und das ihm von der Ge⸗ walt auferlegte Joch abzuſchuͤtteln. Dieſe Saite iſt in dem Manifeſte da beruͤhrt, wo es heißt:„auf ſich ſelbſt verwieſen, ohne Hoffnung, von einem Alli⸗ irten unterſtuͤtzt zu werden, der ihm ſogar die ge⸗ rechteſten Bitten abgeſchlagen hat, muß Preußen ſich ſelbſt rathen, um wieder als Nation zu erſtehen. In der Liebe und dem Muthe ſeines Volkes hat der Koͤnig die Mittel geſucht, aus ſeiner bedraͤngten Lage zu kommen und ſeiner Monarchie wieder die Unabhaͤngigkeit zu verſchaffen, durch die allein ihre kuͤnftige Wohlfahrt bedingt iſt.“ Der Kaiſer Napoleon nahm dieſe Kriegserklaͤ⸗ rung mit der Gelaſſenheit eines Mannes auf, der ſchon ſeit einiger Zeit darauf gefaßt war.„Ein er⸗ klaͤrter Feind,“ ſagte er,„iſt mir lieber, als ein Alliirter, dem nicht zu trauen iſt.“ Die Preußen dagegen vernahmen dieſelbe mit dem Entzuͤcken be⸗ friedigter Hoffnung; die Opfer, die ſie nicht nur willig, ſondern auch begierig brachten, beweiſen mehr, als irgend etwas, den allgemeinen Haß gegen Frank⸗ reich und die Gefuͤhle, diees waͤhrend ſeines G uͤcks geweckt hatte. Man haͤtte glauben ſollen, daß ein ſo zu Bo⸗ den getretenes, ſo erſchoͤpftes Land, wi Nreußen, nur wenige Mittel zum Behuf der Kries hrung wuͤrde aufbringen koͤnnen. Allein die Rache iſt wie eine Saat von Drachenzaͤhnen, aus der uͤberall eine W. Scott's Werke. LVIL. 34 reiche Ernte von Kriegern erſteht. Auch die Frei⸗ heit war im Spiel; und wenn eine Nation fuͤr ihre eigenen Rechte kaͤmpft, ſo vermag ſie gar viel. Eine groͤßere Ruͤſtung war durch einige Verfuͤgungen der Regierung bereits eingeleitet. Zwar hatte Napoleon der preußiſchen Armee ihren Beſtand vorgeſchrieben. Dieſer war auf eine jaͤhrliche Aushebung von fuͤnf⸗ undzwanzigtauſend Mann baſirt. Allein die Regie⸗ rung wußte ſich zu helfen, ohne den bisherigen praͤ⸗ ſenten Stand zu uͤberſchreiten, und zwar durch eine jaͤhrliche Aushebung von fuͤnfzigtauſend Mann in zwei Abtheilungen. Sobald die erſte Abtheilung ge⸗ hoͤrig eingeuͤbt war, wurde ſie nach Haus entlaſſen und hierauf die zweite zu demſelben Zwecke einbe⸗ rufen. Auf dieſe Art wurde die ganze preußiſche Jugend nach und nach wehrhaft gemacht und eine Armee gebildet, die, von der Liebe zum Vaterlande beſeelt, den Krieg gegen die Franzoſen als einen heiligen erkannte. Auch fuͤr Geſchuͤtz und Munition war geſorgt worden. Da dieſer Krieg kein Poſten⸗ oder Belagerungskrieg, ſondern ein Schlachten⸗ und Bajonettenkrieg werden ſollte, ſo hatte man das me⸗ tallene Geſchuͤtz in den vom Feinde nicht beſetzten Feſtungen umgegoſſen und in Feldgeſchuͤtz verwandelt. Es fehlte zwar an Geld, aber England war nicht karg, und die preußiſchen Edelleute und Buͤrger ſpeu⸗ beten reichliche Gaben. Selbſt die Frauen vertauſchten ihre Diamanten und Goldgeſchmeide zum Vortheil 35⁵ des Staates gegen ſchoͤngearbeitete eiſerne Ketten, Ringe und Armbhaͤnder. Einſt werden dieſe Reli⸗ quien, wenn man ſie in den Schmuckkaͤſtchen der Frauen findet, einen groͤßern Werth haben, als die koſtbarſten Juwelen Indiens. Indeſſen brachen der langverhaltene Grimm und die Rachgier der Preußen mit der Gewalt eines Vulkans aus. Es wimmelte auf allen Straßen von Juͤnglingen, die unter die Fahnen eilten; der Unter⸗ ſchied der Geburt ward vergeſſen, ſogar groͤßtentheils aufgehoben; der Preuße ward nichts gefragt, als ob er im Stande und bereit ſey, bei der Befreiung ſeines Vaterlandes mitzuhelfen. Die Studenten, die zu⸗ folge ihrer groͤßern Geiſtesbildung uͤberhaupt mehr Sinn fuͤr Nationalehre und Nationalfreiheit haben, bildeten beſondere Bataillons und Schwadronen. Einige traten unter die ſchwarzen Banden, die ſich zu dieſer Zeit auszeichneten; andere nahmen die Waffen und Kleldung der Koſacken an, deren Name den Franzoſen ſo furchtbar geworden war. Im Gan⸗ zen genommen wurden dieſe Freiwilligen in berittene und unberittene Jaͤgerkompagnien abgetheilt, die ſich von den uͤbrigen Truppen nur dadurch unterſchieden, daß ſie, ſtatt blauen, dunkelgruͤne Uniformen trugen. Dieſe neuausgehobenen Truppen wurden nach einem von Scharnhorſt empfohlenen Syſteme in allem, was zur Wehrhaftigkeit gehoͤrt, unkerrichlet und geubt; . 36 den eigentlichen Kriegsdienſt ſollten ſie in der Schule der Erfahrung lernen. In wenigen Wochen waren zahlreiche Armeen auf den Beinen, und Preußen erhob ſich wie ein ruͤ⸗ ſtiger Mann aus ſeinem Schlummer, um ſeinen Rang unter den unabhaͤngigen Nationen wieder einzuneh⸗ men. Nie hat eine Nation ſich ſelbſt weniger gegli⸗ chen, als die preußiſche in der Stunde ihres Ueber⸗ muths, in der Periode ihrer Knechtſchaft und in den Tagen ihrer Wiedergeburt. In die Schlacht von Jena waren die Preußen, des Sieges ſchon gewiß, mit einer ſtattlichen, muthvollen und trefflich ausge⸗ ruͤſteten Armee gezogen; aber der Duͤnkel der Ver⸗ meſſenheit und jener Stolz, der dem Falle voran⸗ geht, hatte ihre Fuͤhrer beruͤckt. In dem Feldzuge 1812, wo ihre entehrten Adler ſich unter die fran⸗ zoͤſiſchen ducken mußten, erſchienen ſie als muthloſe, widerſtrebende Huͤlfstruppen, um eine Macht zu be⸗ kaͤmpfen, deren Beſiegung ihre ewige Kuechtſchaft, wie ſie wohl wußten, nothwendig herbeifuͤhren mußte. und jetzt— ſo ſehr hatte ſich in wenigen Wochen, nein, in wenigen Tagen, Alles geaͤndert— trat Preu⸗ ßen wieder mit einer Armee in die Schranken, der es vielleicht noch an materiellen Kraͤften gebrach, de⸗ ren moraliſche Kraft aber das Beſte hoffen ließ; denn die preußiſchen Soldaten waren in der Schule der Widerwaͤrtigkeiten gewitzigt worden, die Unter⸗ druͤckung hatte ſie zum Widerſtande aufgereizt⸗ ſle 37 hatten durch eine traurige Erfahrung die Staͤrke ih⸗ res maͤchtigen Gegners kennen gelernt, vertrauten aber darum nicht minder auf ihr gutes Schwert und die Gerechtigkeit ihrer Sache. Es fand ſich ein Fuͤhrer, den die Natur mit al⸗ len Eigenſchaften ausgeſtattet hatte, um eine National⸗ armee in einer ſolchen Kriſe zu befehligen. Dies war der gefeierte Bluͤcher, der, ſelbſt nach der Schlacht von Jena, der Schule des großen Friedrichs noch Eyre machte und zu fechten fortfuhr, bis auch der letzte Strahl der Hoffnung verſchwunden war. Die⸗ ſer hochherzige und patriotiſchgeſinnte Ofſfisier hatte waͤhrend der langen Periode der franzoͤſiſchen Herr⸗ ſchaft in der groͤßten Zuruͤckgezogenheit gelebt. Er war einer von jenen feurigen, unbeugſamen Maͤnnern, die Napoleon nicht leiden mochte; denn ſo großmuͤ⸗ thig er ſich auch zuweilen erwies, ſo vergab er doch nur ſelten denjenigen, die ſich ihm ſtandhaft und unbedinzt widerſetzt hatten. Solche Maͤnner haßte er nicht blos als politiſche, ſondern auch als ſeine perſönlichen Feinde; er ließ ſie von ſeiner Polizei bewachen, und ſie mußten, wenn ſie ſicher ſeyn woll⸗ ten, ſich von Allem entfernt halten. Aber jetzt brach der alte Krieger aus ſeinem Schlupfwinkel hervor, wie einſt bei den Schauſpielen des alten Roms der Loͤwe aus ſeinem Verſchluß in die Arena des vollen Amphitheaters geſprungen ſeyn mag, um ſeine ſchreck⸗ liche Rolle zu ſpielen. Bluͤcher war in der That, 38 vermoͤge ſeines Charakters und ſeiner Denkatt, ganz der Mann, wie ihn das preußiſche Volk in dem vorliegenden Falle zur Fuͤhrung eines Nationgtkrie⸗ ges haben mußte. Er hatte den Krieg nicht als Wiſſenſchaft aufgefaßt und verſtand ſich nicet auf die Kunſt, Operationsplane zu entwerfen. Dies war die Kunſt eines Scharnhorſt und eines Gneiſenau; auf dem Schlachtfelde aber beſaß niemand das Vertrauen ſeiner Soldaten ſo ungetheilt, als Geueral Bluͤcher. Beim Vorruͤcken der Erſte, der Letzte beim Ruͤckzug, ließ er ſich durch den Sieg nur ſelten verblenden, durch eine Niederlage nie bengen. Heute geſchlagen, konnte er am folgenden Tage die Schlacht wieder an⸗ bieten. Man hat kein Beiſplel, daß in ſeiner Ar⸗ mee ganze Diviſionen das Gewehr geſtreckt haͤtten, wenn der Feind ſie durchbrochen oder umgangen hatte. Nach ſeiner Anſicht war das Gefecht ein ei⸗ gentliches Raufen, wo beide Theile derbe Schlaͤge empfangen und austheilen, und zu dieſem blutigen Turnen fand er ſich jederzeit wohlgemuth ein. In der Schule der leichten Reiterei gebildet, war er ſehr wachſam, aber auch ſo unternehmend und thaͤtig⸗ daß Napoleon von ihm geſagt haben ſoll,„dieſer al⸗ te, lockere Huſar mache ihm mehr zu ſchaffen, als alle Generale der alliirten Armee zuſammen genom⸗ men.“ Ueber die Schmach ſeines Vaterlandes und uͤber ſein eigenes Erxil ergrimmt, lebte Bluͤcher in dem Kriege gegen Frankreich und deſſen Herrſcher 39 wie in ſeinem Elemente; den milderen Gefuͤhlen der modernen Feldherren durchaus fremd, focht er mit jenem unausloͤſchlichen perſoͤnlichen Haſſe, den Hau⸗ nibal einſt dem roͤmiſchen Volke und Namen geweiht hatte. Ein ſolcher war der Veteran, dem Preußen jetzt ſeine theuerſten Rechte, die Fuͤhrung ſeiner Juͤng⸗ linge, die heilige Sache ſeiner Freiheit anvertraute. Schweden, oder, beſſer geſagt, der Krondrinz war, wie wir bereits bemerkt haben, der Coalirion beigetreten und hatte ſich dadurch den Haß Napo⸗ leons noch weit mehr zugezogen, als ſelbſt der Koͤ⸗ nig von Preußen. In dem letztern ſah er nur ei⸗ nen widerſpenſtigen und undankbaren Vaſallen, in je⸗ nem einen des Verraths an ſeinem Vaterlande ſchul⸗ digen Franzoſen. Der letztere, ſo ſchonungslos ausgeſprochene Vor⸗ wurf war wo moͤglich noch unvernuͤnftiger und unge⸗ rechter, als der erſtere. Die Bande, die uns an un⸗ ſer Vaterland knuͤpfen, koͤnnen auf mehr als eine Weiſe geloͤst werden. Die rechtmaͤßig beſtehende Re⸗ gierung deſſelben kann durch eine Revolution umge⸗ ſtuͤrzt werden; wenn dann diejenigen Unterthanen, die ihr treu bleiben, deßwegen ins Elend verwieſen werden, ſo haben ſie allerdings das Recht, gegen das Land, das ſie ausgewieſen hat, die Waffen zu tra⸗ gen, die in dieſem Falle nicht gegen das Land ihrer Vaͤter, ſondern gegen die Raͤuberbande gerichtet iſt, die vorderhand den Meiſter darin ſpielt. Waͤre dies 3 40 nicht der Fall, was muͤßte man von der Revolution 1688 und der Innaſion des Koͤnigs Wilhelm denken? Auf, dieſelbe Weiſe kann ein Franzoſe oder Britte auf 8 irgend ein anderes Land dieſelbe Pflicht uͤbertragen, die er in der Regel nur ſeinem Geburtslande ſchul⸗ dig iſt. Als Kronprinz von Schweden war Berna⸗ dotte zugleich ein Schwede geworden; indem er mit Schweden eine ſo innige Verbindung einging, konnte er ſich das Recht nicht vorbehalten, die Intereſſen deſſelben denjenigen ſeines urſpruͤnglichen Vaterlan⸗ des im Falle einer Colliſion aufzuopfern. Dadurch, daß Schweden einen Franzoſen zu ſei⸗ nem Kronprinzen waͤhlte, wollte es ohne Zweifel ſeine freundſchaftlichen Geſinnungen gegen Frank⸗ reich und ſeine Abſicht bekunden, mit dieſem Staate in gutem Einverſtaͤndniß zu leben; dieſer Schritt berechtigte aber noch keineswegs zu dem Schluſſe, daß es ſich demſelben wie eine eroberte Provinz unterwerfen und in dem gewaͤhlten Kronprinzen eben nur den Legaten Napoleons erkennen wolle. Dieſe Bedeutung hatten fuͤr den franzoͤſiſchen Kai⸗ ſer allerdings die von ihm geſchaffenen Koͤnigreiche Holland, Weſtphalen, Spanien u. ſ. w. In dieſen Laͤndern waren aber die Kronen wenigſtens von ihm verliehen worden. Die ſchwediſche Krone dagegen war von dem Reichstage zu Orebro, der das ſchwe⸗ diſche Volk vertrat, einem von ihm ſelbſt gewaͤhl⸗ ten Kandidaten gegeben worden, und Buonaparte 8 41 hatte nur eingewilligt, daß ein franzoͤſiſcher Unter⸗ than Koͤnig von Schweden werden ſolle; und dieſe Etnwilligung konnte keinen andern Sinn haben, als daß Bernadotte von jeder Verpflichtung gegen Frank⸗ reich, die ſich mit den Rechten und Pflichten des Beherrſchers eines unabhaͤngigen Koͤnigreichs nicht vertrugen, entbunden wurde. 3 Wenn nun Napoleon einige Monate ſpaͤter die ſchwediſchen Handelsſchiffe wegkapern ließ und ſich Des ſchwediſchen Gebiets, in ſoweit es in ſeinem Bereiche lag, bemachtigte, ſo laͤßt ſich nichts Unver⸗ nuͤnftigeres denken, als die Behauptung, daß Ber⸗ nadotte, weil er in Bearn geboren ſey, ſich in ſei⸗ ner Eigenſchaft als Koͤnig von Schweden den Krieg gefallen laſſen muͤſſe, ohne den ihm moͤglichen Wi⸗ derſtand zu leiſten. Geſetzt, Korſika waͤre ein Be⸗ ſtandtheil des brittiſchen Reiches geblieben, wie es leicht haͤtte geſchehen koͤnnen, waͤre es nicht hoͤchſt laͤcherlich geweſen, wenn man den Kaiſer Napoleon als den Unterthan von Georg dem Dritten haͤtte betrachten wollen, aus dem einzigen Grunde, well Ajacciv ſeine Geburtsſtadt iſt? Zwiſchen beiden Faͤl⸗ len iſt aber ganz kein Unterſchied, als der durch die verſchiedene Groͤße und Wichtigkeit von Frankreich und Korſika gegebene— ein Unterſchied, der auf die Unterthanenpflichten derjenigen, die in beiden Laͤn⸗ dern geboren werden, keinen Einfluß haben kann. Der Kronprinz brachte gewiß kein geringes Opfer, als er gegen ſeine eigenen Landsleute in die Schranken trat. So kann aber auch ein Richter in den Fall kommen, ſeinen eigenen Bruder oder nahen Verwandten verurtheilen zu muͤſſen. In dem einen wie in dem andern Falle fordert die Pflicht ge⸗ gen den Staat unbedingten Gehorſam. Bund ſchloſſen, der ſowohl in Anſehung des Zwe⸗ ckes als der Mittel beſſer berechnet war, als es fruͤher der Fall geweſen, uͤberlegte auch Oeſterreich, was es zu thun habe. Dieſe Macht ſah noch immer Ehrgeiz Napoleons. Sie hatte nur ungern ein Huͤlfs⸗ korps gegen Rußland geſtellt, und, ſobald es die Um⸗ ſtaͤnde zuließen, wieder eine neutrale Stellung ge⸗ nommen. Durch die Wiederherſtellung der europaͤi⸗ ſchen Unabhaͤngigkeit mußte Oeſterreich wieder in den Beſitz ſeiner verlornen Provinzen, und zunaͤchſt in den von Illyrien und Tyrol, kommen, und zu glei⸗ cher Zeit ſeinen Einfluß in Italien und Deutſchland wieder erhalten. Dies war aber nicht zu hoffen, wenn Napoleon nicht geſchwaͤcht und vermocht wurde, ſein Streben nach Unnverſalherrſchaft aufzugeben. Oeſterreich hielt es demnach fuͤr das Zweckmaͤßigſte, zwiſchen Frankreich und den Alliirten die Rolle der Vermittlung zu uͤbernehmen, mit dem Vorbehalt, ſein Schwert in die Schale zu werfen, falls die Macht und die Herrſchſucht Napoleons abermals das Ueber⸗ Waͤhrend die nordiſchen Maͤchte unter ſich einen mit Schrecken das Uebergewicht Frankreichs und den — 43 gewicht erhalten ſollten, im Falle eines unter ſeinen Auſpicien zu Stande kommenden Friedens aber zu⸗ gleich den Eidam ſeines Kaiſers in Schutz zu neh⸗ men, ſich ſeine verlornen Provinzen und ſeinen ehe⸗ maligen Einfluß wieder zu verſchaffen und durch Be⸗ ſchraͤnkung der uͤbertriebenen Anſpruͤche Frankreichs zur Wiederherſtellung der Ruhe von Europa beizu⸗ tragen. Otto, der franzoͤſiſche Geſandte in Wien, merkte au bald genug, daß die oͤſterreichiſche Regierung geſonnen ſey, ihre alten Anſpruͤche, die durch die Siege Napoleons vernichtet worden waren, wieder geltend zu machen. Er berichtete ſchon zu Anfang des Jaͤnners ſeinem Hofe, wie ſie ſich es ſchon als ein Verdienſt anrechne, daß ſie nicht auf der Stelle Frankreich den Krieg erklaͤre. Durch die Sendung des Generals Bubna nach Paris ſollte das Einſchrei⸗ ten Oeſterreichs in ein etwas gefaͤlligeres Licht geſetzt werden. Er erklaͤrte dem franzoͤſiſchen Kabinet, der Kaiſer Franz ſey bereit, mit Frankreich wie ein treuer Alliirter zu unterhandeln, nur muͤſſe es Oe⸗ ſterreich geſtattet ſeyn, auch mit andern Nationen als unabhaͤngiger Staat Verbindungen einzugehen. Es war, um uns kurz zu faſſen, die Abſicht Oe⸗ ſterreichs, erſtens dasjenige, was es ſelbſt verloren, aber nie ganz aufgegeben hatte, wieder zu gewinnen und dann in Europa wo moͤglich ein Gleichgewicht der Macht wieder herzuſtellen, durch welches die Un⸗ 44 abhaͤngigkeit der Staaten, wie fruͤher, verbuͤrgt wuͤrde. Das war aber nicht das Syſtem Napoloeons. Er mochte irgend einem Sraate, der ihm im Kriege ge⸗ gen einen Dritten Beiſtand geleiſtet, gerne einen ganz anſehnlichen Theil der Beute goͤnnen, aber es vertrug ſich nicht mit ſeiner Politik, irgend jemand in Beziehung auf eine neutrale Macht das Recht ei⸗ ner ſchuͤtzenden Fuͤrſprache einzuraͤumen. Zufolge die⸗ ſes Syſtems ließ er Oeſterreich wiſſen, er ſey geſon⸗ nen, der preußiſchen Monarchte ein Ende zu machen, und habe ihm Schleſien zugedacht, wenn es mit ihm in dieſem Kriege gemeinſchaftliche Sache machen wolle. Aber zu ſeinem Erſtaunen fand er, daß Oeſterrelch, einer ganz andern Politik folgend, es ſeinem In⸗ tereſſe fuͤr angemeſſener halte, den Schwachen gegen den Starken in Schutz zu nehmen, als zum Behuf ſelbſtfuͤchtiger Zwecke der Alles verſchlingenden Herrſch⸗ ſucht des franzoͤſiſchen Gewalthabers durch die Fin⸗ ger zu ſehen. Auch uͤberzeugte ſich Oeſterreich gar bald, daß Napoleon durch ſein Ungluͤck nicht nachgie⸗ biger geworden ſey, ſeine Anſpruͤche auf Univerſal⸗ herrſchaft noch nicht aufgegeben habe. Er hatte ſich gegen den Senat und gegen den geſetzgebenden Koͤr⸗ per auf eine Art geaͤußert, die zu beweiſen ſchien, daß er entweder, ungeachtet der ihm in Rußland ge⸗ wordenen ſchrecklichen Lehre, von ſeinen Uſurpationen nicht abſtehen und auch auf ſeinen unvernuͤnftigſten Anſpruͤchen beharren wolle; oder daß er ſchlechter⸗ 45— dings beſchloſſen habe, vor allen Dingen ſeine Kriegs⸗ macht wieder herzuſtellen und das Andenken an ſeinen Ruͤckzug von Moskau vorerſt durch ein paar ſiegreiche Schlachten auszuloͤſchen, ehe er ſich zum Frieden be⸗ queme., Im Winter von 1812— 13 bot Buonaparte in mehreren, von ihm ſelbſt abgefaßten Artikeln des Moniteurs ganz Europa Troz; er ſprach darin ganz unverholen die Abſicht aus, den Krieg in Spa⸗ nien und Deut ſchand zumal zu fuͤhren, den Feldzug in Deutſchland(ob er gleich den Beiſtand von Preu⸗ ßen und Oeſterreich verloren hatte) mit einer Ar⸗ mee zu eroͤffnen, die doppelt ſo ſtark ſeyn ſolle, als diejenige, mit der er nach Rußland gezogen, und zu⸗ gleich die Armee in Spanien wieder auf ihren com⸗ pleten Stand von 300,000 Mann zu bringen.„Wer Frankreichs Friedensbedingungen zu wiſſen verlangt,“ ſagte er,„findet ſolche in dem Schreiben, das der Herzog von Baſſano vor der Eroͤffnung des Feldzugs von 1812 an Lord Caſtlereagh erlaſſen hat.“ In dieſem Dokument verſteht ſich Napoleon durch⸗ aus zu keiner Abtretung. England ſoll das groͤßten⸗ theils ſchon befreite Spanien ſeinem Bruder Joſeph uͤberlaſſey, dagegen gibt er zu, daß die beiden Koͤ⸗ nigreiche von Portugal und Sizilien, die ſeinem Ein⸗ ftuſſe entruͤckt ſind, ihren bisherigen Herrſchern ver⸗ bleiben; oder mit andern Worten, er will Anſpruͤ⸗ chen, die er nicht geltend machen kann, entſagen, — 46 unter der Bedingung, daß jeder bis jetzt noch ſtrei⸗ tige Punkt zu ſeinen Gunſten entſchieden werde. Es war ungereimt, zu glauben, daß England nach der in Rußland erfolgten Kataſtrophe ſich Be⸗ dingungen gefallen laſſen wuͤrde, die es ausgeſchlagen hatte, als Napoleon noch an der Spitze einer uner⸗ meßlichen Armee in voller Siegeshoffnung ſtand. Als daher Oeſterreich ſich dem Hofe von St. James als Vermittler aubot, begnuͤgten ſich die engliſchen Mi⸗ niſter, auf die uͤbertriebenen Forderungen Frankreichs, wie ſolche in einigen fuͤr aͤcht gehaltenen Dokumen⸗ ten enthalten waren, aufmerkſam zu machen, und ſtellten das Anſinnen, daß Napoleon vorerſt dieſe Do⸗ kumente verlaͤugnen und einige Zugeſtaͤndniſſe ma⸗ chen oder verſprechen moͤge, indem ſie ſich ſonſt in keine Unterhandlung einlaſſen koͤnnten. Im Ganzen war es klaͤr, daß das Schickſal der Bgelt abermals der Entſcheidung des Waffengluͤcks uͤberlaſſen werden, und daß noch viel Blut werde fließen muͤſſen, ehe ein allgemeiner Friede zu Stande kommen koͤnne. Napoleon ergriff jetzt eine Staatsmaßregel, durch die er offenbar ſeinen Schwiegervater, den Kaiſer von Oeſterreich, gewinnen wollte. In ſeiner Abwe⸗ ſenbeit ſollte eine Regentſchaft Statt finden, und die Kaiſerin Marie Louiſe ward zur Regentin ernannt, jedoch ohne wirkliche Gewalt, da Napoleon ſich aus⸗ ſchliehlich das Rechtvorbehielt, alle Senatsbeſchluͤſſe in 1 47 Vorſchlag zu bringen. Die Kaiſerin ſollte nnr den Vorſitz in dieſer Verſammlung fuͤhren. Orittes Kapitel. Stand der großen franzöſiſchen Aurmee.— Die Ruſſen rücken vor und zeigen ſich an der Etbe; übera—l ſchlagen ſich die Ein, wohner zu ihnen.— Die Franzoſen räumen Berlin und ziehen ſich an die Eive züruck.— Der Kronpeinz von Schweden ſtößt mit 35,000 Mann zu den Alliirten.— Die Souveraine von Ruß⸗ land und Preußen neymen iyr Hauptquartier in Dresden.— Tod des Marſchaus Beſſieres am iſten Mai.— Schlacht von Lützen am aten— Die Autirten verlieren a% Mann an Tod⸗ ten und Verwundeten, und die Franzoſen behaupten nach ſchreck⸗ lichem Verluſte das Schlachtfeld.— Hamburg wird von den Dä⸗ nen und Franzoſen veſetzt.— Mörderiſche Schlacht bei Bautzen am zoſten und alſten Mai.— Den Franzoſen bleibt das Schlacht⸗ feld.— Die Verbündeten ziehen ſich in guter Ordnung zurück. — Die franzöſiſchen Generale Bruyèéres und Duroc werden am zaſten getödtet.— Napoteons Kummer üver des letztern Tod. — Waffenſtillſtand vom aten Juni. Wir muͤſſen jetzt wieder einen Blick auf Deutſch⸗ land werfen, das von jeher der Tummelplatz der eu⸗ ropalſchen Kriege geweſen und zufolge des Waffen gluͤcks der Ruſſen und der gaͤnzlichen Niederlage Na⸗ voleons wieder der Kriegsſchauplatz geworden war. Wir haben die Truͤmmer der großen Armee verlaß⸗ ſen, als ſie ſich in die pre⸗ ffiſchen Feſtungen, die noch von den Franzoſen beſetzt waren, vüülteſen und fol⸗ gendermahen vertheilt wurden: 7 ſſſſ“ — — 48 Es kamen nach Thorn. 6000 Mann. Modlin. 8000 Zamosk.. 4 00 Graudentz(preußi⸗ ſche Huͤlfstruppen))... 6000 Danzig. 30,000 Zuſammen..... 54,000 Dieſe vierundfuͤnfzigtauſend Mann waren der einzige Ueberreſt von dem, was Napoleon noch im⸗ mer die große Armee von Rußland nannte. Aber kaum der dritte Theil von dieſen war in Rußland geweſen, ſondern in Lithauen und Volhynien verwen⸗ det worden und ſo den Schrecken des Ruͤckzugs ent⸗ gangen. Faſt die ganze Mannſchaft war krank und zum Theil gefaͤhrlich krank. Dies hinderte nicht, ſie in die Feſtungen zu verlegen, deren Beſatzung da⸗ durch ſo bedeutend wurde, daß ſie, wie es ſchien, den Fortſchritten der Ruſſen Einhalt thun mußten. Dies wuͤrde auch in jedem andern gewoͤhnlichen Kriege der Fall geweſen ſeyn; denn da die ruſſiſche Armee nicht nur Lithauen wieder erobert, ſondern auch Warſchau und das ganze preußiſche Polen be⸗ ſetzt hatte, ſo wuͤrde ſie in einem gewoͤhnlichen Falle Bedenken getragen haben, uͤber die Weichſel zu ge⸗ hen, nach Schleſien orzuruͤcken und ſo viele Feſtun⸗ gen hinter ſich liegen zu laſſen. Aber die Stellung Preußens, das nur die Ankunft der Ruſſen erwar⸗ tete, um ſich zu erheben und ganz Deutſch land burch 49. 3 ſein Beiſpiel fortzureißen, war eine Verſuchung, der man nicht wohl widerſtehen konnte, obgleich Man⸗ ches dabei gewagt werden mußte. Die verſchiedenen Feſtungen wurden deßhalb durch einige Truppen maskirt, waͤhrend die leichten Truppen der Ruſſen nicht nur uͤber die Oder gingen, ſondern ſelbſt bis an die Elbe ſtreiften und uͤberall von den Einwoh⸗ nern unterſtuͤtzt wurden, die, durch die Lehren des Tugendbundes aufgeregt und voll gluͤhenden Haſſes gegen die Franzoſen, zu den Waffen griffen, ſobald ihre Befreier ſich zeigten. Die Franzoſen wichen uͤberall, Prinz Eugen raͤumte Berlin und zog ſich an die Elbe zuruͤck. Es ſchien, als haͤtten die Alliirten mit brennenden Lunten einen mit Schießpulver be⸗ ſtreuten Boden betreten, ſo raſch erhoben ſich die Deutſchen bei dem Hurrah einer Koſackenbande oder auch nur bei dem entfernten Schimmer ihrer Lan⸗ zen. Es war jedoch keineswegs die Abſicht, partielle und voruͤhergehende Aufſtaͤnde zu bewirken, die kein bleibendes Reſultat herbeigefuͤhrt haben⸗wuͤcbon, ſon⸗ dern im Norden von Deutſchland einer zuhlreichen, von einem der beruͤhmteſten Feldherrn des Jahrhun⸗ derts angeführten Armee den Weg zu bahnen— ei⸗ ‚ner Armee, die etwas von Bedeutung ausfuͤhren und hen Enkſcheidung des Feitzugs keltragen konnte. Waͤhrend die leichten Truppen der Ruſſen und Preußen Deutſchland, wenigſteus den weſtl . Scott's Werte. LVII.. 50 noͤrdlichen Theil deſſelben, uͤberzogen, fetzte der Kron: prinz von Schweden zufolge der Convention von Abo mit 35 ,000 Mann im Mai 1813 nach Stralfund uͤber. Dies war der Kern einer Armee, die durch deutſche und ruſſiſche Truppen auf 80/,000 bis 100,6 00 Maun gebracht werden ſollte. Mit dieſer Armee wollte der Kronprinz die Offenſive gegen Napoledn, ſobald er im Felde erſchien, ergreifen und deſſen linke Flanke faſſen, waͤhrend er von den ruſſiſchen und preußiſchen Armeen in der Fronte angegriffen wurde. Die Auf⸗ rufe zur Unabhaͤngigkeit, die die Verbuͤndeten aus⸗ gehen ließen, erwarben ihnen Freunde, wohin ſie k mon, und drei fliegende Korps unter Czernitſcheff, 3 deurguen und Winzingerode ſchwarmten auf beiden Laͤbock und andere Staͤdte fuͤr dle Verbuͤndeten und ders Hamburz in der Folge hart buͤßen mußte. Der franzoͤſiſche Geueral Morand bemuͤhte ſich, dem, was man Abfall nannte, Einhalt zu thun, und warf etwa viertauſend Mann nach Luͤneburg, das ſich fuͤr die Verbuͤndeten erklaͤrt hatte. Seine Trup⸗ pen waren bereits an Ort und Stelle und wollten die Buͤrger als politiſche Merllecher ſo eben zur Strafe ziehen, als die Ruſſen untet dem thaͤtigen 5 Seiten der Elbe. Die Franzoſen zogen ſich uͤberall zuzuck, um ſich unker den Mauern von Magdeburg⸗ und andern feſten Plaͤtzen, die ſie noch inne hatten, zuſammenzuziehen. In deen erklaͤrten ſich Hamburg, nahmen ihre Truppen freudig auf, wofuͤr be ſon⸗ 8 51 Czernttſcheff ploͤtzlich erſchienen, mit ſtuͤrmender Hand in die Stadt drangen und am ꝛten April 1813 das ganze Korps von Morand niedermachten oder gefan⸗ gen nahmen. Der Vicekoͤnig Eugen verſuchte hinwie⸗ derum der Frechheit der Alliirten durch einen kuͤhnen Streich ein Ziel zu ſetzen. Er brach ploͤzlich aus der Gegend von Magdeburg auf, um Berlin zu uber⸗ rumpeln, ward aber ſelbſt bei Mockern uͤberfallen, zuruͤckgetrieben, geſchlagen und gendthigt, ſich in Magdeburg einzuſchließen, wo er blokirt wurde. Das Uebergewicht der Verbuͤndeten im Norden Deutſchlands ſchten nun ſo ſicher geſtellt, daß die waͤrmſten Anhaͤnger Frankreichs bewogen wurden, deſſen Sache zu verlaſſen. Daͤnemark fing an, mit den Verbuͤndeten zu unterhandeln, und zeigte ſich ſelbſt bei einer Gelegenheit, wie man ſyaͤter ſehen wird, geneigt, auf ihre Seite zu treten. Der Koͤnig von Sachſen, bisher Napoleons auf⸗ richtigſter Freund, wagte nicht, den Sturm abzuwar⸗ ten. Er ſuchte eine Zuflucht in Franken, waͤhrend ſeine Armee, von den Franzoſen ſich trennend, ſich nach Torgau warf und ein Neurralitaͤtsſyſtem geltend zu machen ſuchte, das nach dem von York gegebenen Beiſpiele wahrſcheinlich mit ihrem voͤlligen Uebertritt auf die Seite der Verbuͤndeten geendet haben wuͤrde. Davouſt zog ſich gegen Norden zuruͤck, nachdem er die ſchoͤne Dresdner Bruͤcke unter laͤrmendem Widerſtand und unter den Verwuͤnſchungen der Ein⸗ 4.. 5² wohner hatte auffliegen laſſen. Der Kaiſer von Ruß⸗ land und der Koͤnig von Preußen nahmen bald dar⸗ auf ihr Hauprquartier in Dresden, wo ſie von allen Buͤrgerklaſſen mit Jubel empfangen wurden. Auf gleiche Weiſe ergaben ſich drei der von den Franzoſen in Preußen beſetten Feſtungen, Thorn, Spandau und Czeustochau, den Verbuͤndeten und berechtigten zu der Hoffnung, daß die Franzoſen im Laufe des Sommers auch aus den uͤbrigen vertrie⸗ ben werden wuͤrden. Aber die weiteren Reſultate der von den verhaudeken Generalen entwickelten Thaͤ⸗ tigkeit wurden durch die Ankunft der zahlreichen Streit⸗ kraͤfte, die Napoleon zum Erſatz ſeiner neuerlichen Verluße ſo ſchnell aufgebracht hatte, ſehr gehindert oder aufgeſchohen, Es waͤre ungerecht, wenn man die Alllirten we⸗ gen ihres kuͤhnen Vorruͤckens in das mittlefe und das noͤrdliche Deutſchland der Ünvorſich tigkeit bezuͤch⸗ tigen wollte. Ihre Macht war großentheils mora⸗ liſcher Art und beſtand in der Aufregung der Deut⸗ ſchen, die durch die Ausſicht auf Freiheit und Unab⸗ haͤngigkeit bezaubert wurden. Es war allerdings kuͤhn genug, daß die Altiirten ſich uͤber die Elbe wagten, indem ſie dabei Gefahr liefen, auf Napoleon und ſeine zahlreichen Schaaren zu treffen, noch ehe ſie ihre Maſſen an ſich gezogen hatten. Es war aber jetzt nicht Zeit, daruͤber zu ſtreiten, welcher Plau vorzuziehen ſey. Die Sovveraine von Rußlaud und 53 Preußen hatten keine andere Wahl, als kuͤhn auf demienigen zu behirren, was ſie nicht wieder aufge⸗ ben konnten. 4 Eugen verließ bei der Angaͤherung der neuge⸗ ſchaffenen franzoͤſiſchen Truppen, die durch den thuͤ⸗ ringer Wald zogen, ſeine Stellung bei Magdeburg und vereinigte ſich mit ihnen an der Saale. Die ganze Streitmacht belief ſich auf 115,000 Combartan⸗ ten, von denen jedoch die meiſten nengehoben und viele faſt noch Knaben waren. Die alliirte Armee zog ſich in der Gegend von Leipzig zuſammen, auf demſelben Wege, welchen Napoleon ei. zeſchlagen hatte, um uͤber Leipzig nach Dresden zu kommen. Man hat geglaubt, die Ebenen von Lutzen wuͤrden fuͤr die Alltirten das geeignetſte Schlachtfeſd geweſen ſeyn, weil ihre Staͤrke vorzuͤglich in ihrer zablreichen Rel⸗ terei lag; man hat dagegen erwiedert, ſie haͤtten ge⸗ hofft, jenſeits der Saale auf Napoleon zu treffen, wo ſie in den Ebenen von Jena einen trefflichen Bo⸗ den fuͤr ihre Reiterei, uͤberhaupt ein vortheilhaftes Schlachtfeld gewonnen haben wuͤrden. Aber, obgleich die Alliirten durch ihre Thaͤtigkeit Vortheile uber die Unterfeldherren Napoleons errungen hatten, ſo 1 durften ſie ſich doch noch nicht mit dem Kaiſer ſelbſt meſſen. Es war kuͤrzlich in ihrer Armee durch den Tod des Veteranen Kutuſof, dem Witgenſtein im Ober⸗ befehl folgte, eine wichtige Veraͤnderung vorgegangen. 54 Am ayſten April und iſten Mai fanden bei Wei⸗ benfels und Poferna kleine Gefechte Statt; in dem vom iſten Mai ereignete ſich insbeſondere ein zunaͤchſt fuͤr Napoleon ſehr trauriger Fall. In dem Defile von Rippach, unweit Poſerna, entſtand ein Scharmuͤtzel, das nur durch den Tod eines trefflichen Offiziers merkwuͤrdig geworden iſt. Marſchall Beſſières, den der Leſer ſtets an der Spitze der Leibwaͤchter Napo⸗ leons von der Zelt au, wo ſie noch Guiden hießen, bis zu derjenigen, wo ſſe die kalſerliche Garde bilde⸗ ten, bemerkt haben wird, wollte ſehen, wie das Ge⸗ fecht ſtehe, und wurde durch eine Kanonenkugel ge⸗ todtet. Man bedeckte ſeinen Leichnam mit einem weißen Kuche und verbarg ſeinen Tod ſo lange als moͤglich den Garden, die ihn ſehr liebten. Bei ei⸗ ner fruͤhern Gelegenheit, wo ihm das Pferd unter dem Leibe erſchoſſen wurde, hatte ihm Vuonaparte geſagt, er wiſſe der Kugel Dank dafuͤr, daß ſie ihm gezeigt habe, wie ſehr er beliebt ſey, indem die ganze Garde um ihn geweint habe. Sein Stuͤndlein war aber jetzt gekommen; Napoleon bedauerte ihn ſehr, da er au ihm zu einer Zeit, wo der Feind ihm haͤrter als je zuſetzte, einen langjaͤhrigen und treuen Diener verlor.. Der Krieg ſchritt fort. Die franzoͤſiſche Armee ruͤckte immer noch gegen Leipzig ſüdlich heran und die Alllirten kamen in noͤrdlicher Richtung zur Ver⸗ theldigung des Platzes herbei. 55 Das Centrum der franzöͤſiſchen Armee, von Ney befehligt, hatte. ſeine Stellung bei einem Dorfe, Na⸗ p mens Kaja, genommen. Zur Unterſtuͤtzung deſſetben war die kaiſerliche Garde mit ihrer zahlreichen Artil⸗ lexie vorwaͤrts der wohlbekannten Stadt Luͤtzen auf⸗ geſtellt, die ſch on Guſtav Adolphs letzten Kampf ge⸗ ſehen hatte und jetzt Zeuge eines weit blutigeren 3 Trauerſpiels werden ſollte. Marmont, der den rech⸗ ten Fluͤgel. beſe hligte, dehnte ſeine Schlachtorduung bis zu dem Deſile von Poſerna aus und lehnke ſei⸗ nen linken Fluzet an das Centrum. Der linke Fluͤgel der Franzoſen erſtreckte ſich von Kaja bis an die El⸗ ſter. Da ſie auf dieſem Fleck oder an dieſem Tage (2ten Mai) kein Gefecht erwarteten, ſo hatte Na⸗ poleon von ſeinem rechten Fluͤgel aus mit einer von Lauriſton gefuͤhrten Kolonne den Marſch nach Leipzig angetreten, in der Abſicht, ſich dieſer Stadt zu be⸗ maͤchtigen, hiuter welcher er die alllirte Armee auf⸗ geſtellt glaubte. Aber die Alliirten, durch die Gegenwart des Kai⸗ ſers Alexander und des Koͤnigs von Preußen ermu⸗ thigt, hatten den kuͤhnen Entſchluß gefaßt, waͤhrend der Nacht am linken ufer der Elſter in ſuͤdlicher Rich⸗ tung hi nzuziehen, am Morgen auf das rechte Ufer 4 uͤberzuſetzen und mit den auserleſenſten Truppen un⸗ ter Bluͤcher den Mittelpunkt der Franzoſen unter Ney anzugreifen. Sie griffen mir unwiderſtehlicher Wuth an, und nahmen, trotz der hartnaͤctigſten Ge⸗ 56 genwehr, das Dorf Kaja, den Stutzpunkt des kranzöͤſtſchen Centrums. Dies war eine wuͤrdige Kriſe fuͤr Napoleon, in der ihn ſein Genie auch keineswegs verließ. Auf dem Vormarſche in der Flanke angegriffen, wußte er durch eine meiſter⸗ hafte Bewegung ſeine betden Fluͤgel ſo herumzu⸗ werfen, daß der Feind ſelbſt in ſeinen beiden Flan⸗ ken gefaßt wurde; er eilte in Perſon mit ſeiner Garde zur Unterſtuͤtzung des faſt durchbrochenen Mit⸗ telpunkts heran. Das Gefecht war um ſo verzwei⸗ felter und ſchrecklicher, als auf der einen Seite die Bluͤte der preuziſchen Univerſitäͤtsjugend fuͤr die Chre und die Freiheit ihres Vaterlandes, auf der andern Seite der Kern der franzoͤſiſchen Jugend aus den erſten Peafern fuͤr die Behauptung des lang⸗ jaͤhrigen franzoſiſchen Waffenruhmes ſocht. Beide kaͤmpften unter den Augen ihrer Fuͤrſten, behaupte⸗ ten die Ehre ihres Vaterlandes und brachten dem blutigen Tage zahlreiche Opfer. Die Schlacht dauerte mehrere Stunden, ehe ſich beurthetlen ließ, ob es den Allürten gelingen wuͤrde, das franzoſtſche Centrum zu durchbrechen, oder ob die Franzoſen noch vorher ihre Fluͤgel in die Flan⸗ ken der Aufirten wuͤrden ſchwenken koͤnnen. Endlich gewann dar letztere immer mehr Wahrſcheinlichkeit. Rechts und lines ſah man das Musketenfeuer dem tummiel iu Mittelpunkt immer naͤher ruͤcken; es war duas Feuer von Macdonald und Bertrand, die 57 die franzöͤſt ſchen Flugel befehligten. Zu gleicher Zeit machte der Kaiſer einen gluͤcklichen Verſuch, das Dorf Kaja wleder zu nehmen, und die Alliirten zogen ſt ſich mit vieler Gewandthelt aus dem Gefechte und aus der Umarmung der franzoͤſiſchen Fluͤgel ohne weitern Verluſt, als den auf dem Schlachtfelde erlittenen. Aber dieſer war ungeheuer. Die Verbundeten ver⸗ loren zwanzigtaufend Mann an Todten und Verwun⸗ deten. Unter dieſen befand ſich Scharnhorſt, einer der beſten Generalſtavsoffiziere in Europa, der die preußiſchen Landwehren und Freiwilligen ſo trefflich orgäntſirt hatte. Der Prinz Leopold von Heſſen⸗Hom⸗ burg und der Prinz von Mecklenburg⸗Strelitz, nahe Verwandte der Königsfamilie von England, fielen auch. Der alte Bluͤcher erhielt eine Wunde, ließ ſich aber nicht zuruͤckbringen, ſondern auf dem Schlacht⸗ felde vekbinden. Auch ſieben oder acht franzoͤſiſche Generale wurden getoͤdtet oder verwundet und der Verluſt der franzoͤſiſchen Armee war ſiberhaut ſehr bedeutend. . Das Schlckſal der Schlacht ward voriäg durch zwei Umſtaͤnde entſchieden. General Bertrand, der, als die Schlacht begann, noch zuruͤck war, kam gerade zu rechter Zeit an, um den linken Fluͤgel der Alllir⸗ ten zu beſchaͤftigen und Marmont, an deſſen Stelle er trat, in Stand zu ſetzen, dem bedraͤngten Centrum beizuſtehen. Auf der Seite der Alllirten kam dage⸗ gen die Diviſion Miloradowitſch durch irgend ein 58 Mißverſtaͤndniß gar nicht ins Gefecht. Es wurden nurt wenige Gefangenene gemacht und ke eine Kanonen zuruͤckgelaſſen. Die Alliirten zogen ſich unter dem Schußze ihrer trefflichen Reiterei in guter Ordnung und ungefaͤhrdet zuruͤck, und dem Feinde blieb keine andere Trophaͤe, als das blutige Schlachtfeld. Aber Napoleon bedurfte des Beiſtandes der Fa⸗ ¹ ma, um ſeine verzagenden Anhaͤnger mit neuem Ver⸗ trauen zu beleben. Die Schlacht war daher kaum 4 zu Ende, als die uͤbertriebenſten Berichte von dem Waffengluͤcke des Kaiſers an jeden befreundeten Hof⸗ und ſelbſt nach Konſtantinopel, abgeſendet wurden. Der ganze Vorrath von Napoleons rethoriſchen Flos⸗ keln ward bei dieſer Gelegenheit erfchoͤpft. Ex xuͤhmte ſich, durch die Schlacht von Luͤtzen die Plane der Al⸗ liirten wie durch einen Donnerſchlag in Staub gelegt, die Naͤnke des engliſchen Kabinets zu Schanden ge⸗ macht und den von ihm geknuͤpften gordiſchen Kno⸗ ten mit dem Schwerte Alexanders zerhauen zu ha⸗ ben. Die Beredſamkeit des Kardinals Maury, der das Te Deum zu Paris anſtimmen ließ/ war nicht minder dichteriſch; er verwunderte ſich ſogar, daß der „Held, der ſo viele Hindeiniſſe beſiegt, ſo viele Pflich⸗ ten erfuͤllt, ſo viele Thaͤtigkeit mit ſo vieler Vorſicht verbunden, einen ſo glaͤnzenden Plan mit ſo vieler Genanigkeit im Einzelnen ausgefuͤhrt hatte, eben auch nur ein ſterblicher Menſch ſey⸗ wie er lethſ und leine glaͤubigen Zuhorer. 4 59 an Die Folgen der Schlacht von Luͤtzen waren aller⸗ dings bedeutend, aber bei weitem nicht ſo wichtig⸗ als der Hofkaplan und die Bulletins glauben machen wollten. Die verbuͤndeten Monarchen wichen bis an die Mulde zuruͤck, und die Hoffnung, Sachſen fuͤr die allgemeine Sache zu gewinnen, mußte nothwendig vertagt werden. Die franzoͤſiſchen Truppen wurden auf ausdruͤcklichen Befehl ihres Souverains, trotz der Einſprache des ſaͤchſiſchen Generals Thielemann, wieder in Torgau eingelaſſen. Der Koͤnig von Sach⸗ ſen kehrte von Prag, ſeinem letzten Zufluchtsorte, zu⸗ ruͤck und traf am 12ten zu Dresden ein. Napoleon veranſtaltete ein milltaͤriſches Feſt zum Empfange des guten, alten Fuͤrſten und fuͤhrte ihn in einer Art von Triumph durch ſeine ſchoͤne Hauptſtadt. Dies konnte jedoch dem vaͤterlichgeſinnten Herzen von Friedrich Auguſt nur wenig Freude gewaͤhren; denn waͤhrend der auf dem linken Ufer gelegene Theil von Dresden von den Franzoſen beſetzt war, hatten die Alllirten den jenſeitigen Theil kaum geraͤumt und die Schiffbruͤcke, bis ans Waſſer niedergebrannt, war fortwaͤhrend der Gegenſtand des Streites zwi⸗ ſchen beiden, indem die Franzoſen ſie herzuſtellen die Verbuͤndeten ſie zu zerſtoͤren ſuchten. 4 Eine andere Folge der Schlacht bei Luͤtzen war, daß die Verbuͤndeten ſich nicht mehr an der Elbe behaupten konnten. Die Hauptarmee zog ſich jedoch nur bis nach Bautzen zuruͤck, einer Stadt an den 60 AQuellen der Spree, etwa zwoͤlf franzoͤſiſche Stunden von Dresden, wo ſie eine feſte Stellung nahmen. Eine Obſervationsarmee unter Vuͤlow ſollte Berlin gegen die allenfallſigen Angriffe des Feindes decken. In dieſer Stellung konnten die Alllirten ihre Ver⸗ ſtaͤrkungen abwarten, oder ſich, im Falle der Feind vor dem Eintreffen derſelben wieder angreifen ſollte, nach Schleſien zuruͤckziehen. Sle unterließen auch nicht, ihre Streitkraͤfte zu concentriren, indem ſie alle ihre entſandten Korps einberieſen. Der groͤßte Uebelſtand war, daß ſie alle ihre Stellungen an der Elbe raͤumen mußten. Czernitſcheff und Tettenborn, deren Erſcheinung Hamburg und andere in dieſer Gegend gelegene Staͤdte veranlaßt hatte, ſich fuͤr die gute Sache zu erklaͤren und Truppen fuͤr die Ver⸗ buͤndeten zu werben, kamen nun in den Fall, ſie der Rache der Franzoſen preisgeben zu muͤſſen. Ham⸗ burgs Schickſal, einer an ſich ſo wichtigen und durch die Zahl und den Muth der Freiwilligen, die ſich fuͤr die Alliirten erhoben hatten, ſo ausgezeichneten Stadt, war beſonders hoͤchſt beklagenswerth. Kaum hatte ſich die Hauptmacht der Alllirten am oten Mai zuruͤckgezogen, als Davouſt mit fuͤnf⸗ bis ſechstauſend Mann vor der Stadt erſchien und dieſelbe wegen ihres Betragens mit den aͤrgſten Strafen bedrohte. Schon traf er Anſtalten zum Sturm, als die bedraͤngten Buͤrger, denen es an Widerſtandsmitteln gebrach, zu ihrer eigenen Ver⸗ 61 wunderung durch daͤniſches Geſchuͤtz und Kanonenboͤ⸗ te, die ven Altona kamen, unterſtuͤtzt wurden. Man hatte dieſen Liebesdienſt von den Daͤnen, die es, wie man glaubte, mit den Franzoſen hielten, nicht erwartet. Allein die Daͤnen waren bereits in Un⸗ terhandlungen mit den Alliirten begrlffen und glaub⸗ ten, daß ſie durch ein ſolches Einſchreiten ſich em⸗ pfehlen und ihre Abſichten befoͤrder wuͤrden. Der perſoͤnliche Eifer von Bluͤcher, des Kommandanten von Altona, eines nahen Verwandten des beruͤhmten preußiſchen Generals, mag auch eingewirkt haben. Die Daͤnen raͤumten indeß ſchon am 12ten Mai Abends Hamburg wieder, um auf ganz verſchiedene Weiſe in kurzem zuruͤckzukehren. Denn da es indeſſen gewiß ge⸗ worden war, daß die Verbuͤndeten das Koͤnigreich Norwegen von Dancmark an Schweden durch chaus ab⸗ getreten wiſſen wollten und dadurch die Schl acht von Luͤtzen Napoleons Waffengluͤck wieder verbuͤrgt zu⸗ ſeyn ſchien, ſo brach der daͤniſche Prinz ſeine Unter⸗ handlungen mit den Allirten ab und kehrte zu ſei⸗ nem Schutz⸗ und Trutzbuͤndniß mit Fr ankreich zurüͤck. 1 Die Buͤrger von Hamburg ſollten noch laͤnger zwiſchen Furcht und Hoffuung ſchweben. Der Kron⸗ prinz von Schweden war nit einer betraͤchtlichen Ar⸗ mee zu Stralſund und dieitanfend Schwed nen, zunaͤchſt, um Hamburg in S zu nehmen. Aber da dieſe ſchw e Armee, w tis erwahnt worden iſt, durch die noch nicht erſchienene und vom den erſchie⸗ 62 Kronprinzen auf das dringendſte verlangten ruſſi⸗ ſchen und preußiſchen Korps auf neunzigtauſeud Mann gebracht werden ſollte, ſo konnte der Prinz ſeine Streitkraͤfte nicht theilen, ohne die großen Zwecke in Gefahr zu ſetzen, fuͤr die man eine ſo gewaltige Macht aufſtellen wollte, auch es nicht wagen, ſeine ſchwediſche Armee, deren Blut er mit Recht auf klu⸗ ge Weiſe ſchonte, im Detail aufreiben zu laſſen. Es erhellet aus einem zu jener Zeit geſchriebenen Briefe des Kronprinzen an Alexander, daß er in gro⸗ ßer Unruhe und Sorge wegen der Ankunft der von ihm erwarteten Verſtaͤrkungen war und von ihrem laͤngern Ausbleiben die ſchlimmſten Folgen befuͤrchtete. In einem ſo kritiſchen Augenblicke fand er es daher nicht gerathen, irgend einen Theil ſeiner Truppen als bleibende Garniſon nach Hamburg zu werfen. Dieſe Weigerung der Schweden war, wie es ſcheint, hinlaͤnglich begruͤndet, die Lage der Buͤrger von Hamburg, die nach einander von den Ruſſen, Daͤ⸗ nen und Schweden im Stich gelaſſen wurden, war aber darum nicht weniger beklagenswerth. Am 3oſten Mai beſetzten fuͤnftauſend Daͤnen, jetzt die Verbuͤn⸗ deten Frankreichs, und 1500 Franzoſen im Namen Napoleons die Stadt. Sie hielten gute Mannszucht und erlaubten ſich keine andern Erpreſſungen, als diejenigen, die das Requiſttionsweſen mit ſich bringt 3 aber dieſe Beſetzung war das Vorſpiel einer langen Reihe von Draugſalen, die Hamburg waͤhrend der 63 ganzen Dauer des Krieges zu erdulden hatte!“ In⸗ deſſen wurde der Krieg, obgleich die ungluͤckliche Stadt einſtweilen verloren var in hrdm Vereſche färlger lepte nur ungerne aus Hamburg zuruͤckgezogen hatte, fuchte „Der tapfere Ezernitſcheff, der ſeine Koſagen ſich dadurch zu entſchaͤdigen, daß er ein ganzes fran⸗ zoͤſiſches Infanteriekorps, das ſich in einem Viereck aufgeſtellt und vierzehn Kanonen bei ſich hatte, ganz aufhob. Es zeigte ſich bei dieſer Gelegenheit, daß dieſe Sohne der Wuͤſte erwas Beſſeres ſeyen, als wilde Horden, wie ſie von den franzoͤſiſchen Geſchicht⸗ ſchkeibern und Nayoleon in ihrem Unmuth genannt wäsden. Auf einen gellenden Ruf ihres Fuͤhrers fuh⸗ ren ſie in Geſtalt eines Faͤchers auseinander, auf ein zweites Zeichen ſprengte jeder einzelne Reiter im Galopp auf den Feind. Indem ſie auf dieſe Weiſe der Wirkung des feindlichen Feuers, das gegen keine Maſſe gerichtet werden konnte, großtentheils eutgin⸗ geu, durchbrachen ſie das Viereck, bemaͤchtigten ſich des Geſchuͤtzes, machten gegen tauſend Gefangene und ſpießten oder ſaͤbelten mehr als ſiebenhundert Mann nieder; es entkam nicht ein Franzoſe. Czer⸗ nitſcheff benahm ſich mit ſo vieler Geſchicklichkeit, daß ein dem ſeinen uͤberlegenes franzoͤſiſches Korps, das noch zeltig genug herankam, Zeuge des Gemez⸗ zels ſeyn mußte, ohne ſeinen Landsleuten Beiſtand leiſten zu koͤunen. 64 Indeſſen war Dresden der Schauplatz politiſcher unterhandlungen, waͤhrend das Kriegsgetoͤſe in ſei⸗ nem Bereiche ertoͤnte. Graf Bubna kam, um im Namen des Kaiſers von Oeſterreich dem Kaiſer Na⸗ poleon in Beziehung auf den allgemeinen Frieden die dringendſten Vorſtellungen zu machen; letzterer ſchien ſich dagegen zu bemuͤhen, den wiener Hof durch die vortheilhafteſten Anerbietungen auf ſeine Seite zu bringen. Die Audienzen des Grafen Bubna dauerten bis lange nach Mitternacht, und Sachen von der hoͤchſten Wichtigkeit ſchienen verhandelt zu werden. 4 Auf dem rechten Elbeufer beſchraͤnkte ſich der Krieg fuͤr einige Tage auf kleine Gefechte, in denen bald der eine, bald der andere Theil Sieger war. Am 12ten Mat ſetzte Ney bei Torgau uͤber den Strom und bedrohte das preußiſche Gebiet in der Richtung von Spremberg und Hoyerswerda, als ob er Abſich⸗ ten auf das nur von Buͤlow und ſeiner Obſervations⸗ armee gedeckte Berlin habe. Durch dieſe gegen Ber⸗ lin gerichtete Diverſion ſollten die Alliirten wahr⸗ ſcheinlich vermocht werden, ihre feſte Stellung von Bautzen zu verlaſſen. Sie blieben aber in derſelben ſtehen und Napoleon ging nun ſelbſt vorwaͤrts, um ſie aus derſelben zu verdraͤngen. Am 16ten Mal verließ er Dresden. Auf ſeinem Weoge nach Bautzen kam er uͤber die Ruinen der ſcoͤnen kleinen Stadt Biſchofswerda die aus Veranlaſſung eines in ihrer — Nuͤhe 65 Naͤhe mit den Ruſſen vorgefallenen Gefechts von den Franzoſen niedergebrannt worden war. Er bedauerte dies ſehr, verſprach, die Stadt auf ſeine Koſten wie⸗ der aufbauen zu laſſen, und ließ den Einwohnern einſtweilen 100,000 Franken aus zahlen. Als er bei einer andern Gelegenhelt uͤber einen Wahlplatz ritt, wo noch die Verwundeten lagen, zeigte er, wie ge⸗ woͤhnlich, viele Ruͤhrung, denn er konnte koͤrperlichen Schmerz nie ohne Mitgefuͤhl ſehen. „Seine Wunde iſt unhellbar, Sire,“ ſagte eln Wundarzt, dem er Beſehl gab, fuͤr einen dieſer Un⸗ gluͤcklichen zu ſorgen. „Verſuchen Sie es immerhin,“ ſagte Napoleon und fügte mit unterdruͤcker Stimme bei:„es iſt doch einer weniger,“ womit er ohne Zweifel die Opfer ſeiner Kriege meinte. 4 Napoleon iſt. nicht der einzige Mann, der bei dem Anblick des durch ſeine Entſchluͤſſe veranlaßten Elends geweint oder gezittert hat. Zu Bautzen am 2iſten angelangt, nahm der Kal⸗ ſer die furchtbare Stellung der Verbuͤndeten ſelbſt in Augenſcheln. Sie ſtanden hinter der Stadt Bau⸗ zen, die zufolge ihrer vorgeſchobenen Lage, außerhalb ihrer Stellung blieb, und hatten die Spree vor der Fronte. Ihr rechter Fluͤgel lehnte ſich an befeſtigte Anhoͤhen, ihr linker an waldige Huͤgel. Rechts ge⸗ gen Hoyerswerda wurden ſie von Ney und Lauriſton beobachtet, die alſo zufolge ihrer Stellung in Ge⸗ W. Scott's Werke. LVII. 5 66 meinſchaft mit Napoleon operiren konnten. Aber die Alliirten vereitelten in Beziehung auf dieſen Punkt den Plan Napoleons mit ausgezeichneter Ge⸗ wandtheit und Kuͤhnheit. Durch einen Marſch aus ihrer rechten Flanke uͤberfielen ſie eine Kolonne von 7000 Italienern und ſchlugen dieſelbe ſo gaͤnzlich aus dem Felde, daß die zerſprengten Fluͤchtlinge ſich nach Boͤhmen retteten. Nach dieſem ſo gluͤcklich gefuͤhr⸗ ten Streiche ruͤckten Barclay de Tolli und York, die das Ganze geleitet hatten, wieder in der Linie ein. Ney machte ſich auf, um den Italienern beizu⸗ ſtehen, kam aber zu ſpaͤt zur Rettung wie zur Rache. Er vereinigte ſich hierauf des Nachmittags um drei Uyr mit dem Kalſer, und die franzoͤſiſche Armee ging auf verſchiedenen Punkten im Angeſicht der Alliirten uͤber die Spree. Napoleon nahm ſein Hauptquar⸗ tier in der veroͤdeten Stadt Baußen, und ſeine Ar⸗ mee, die nur langſam und mit vieler Vorſicht vor⸗ ruͤckte, bezog ihr Bivouak in der Richtung von We⸗ ſten nach Oſten, Front gegen die Alliirten machend. Die letzteren concentrirten ſich mit derſelben Vorſicht, die entfernteren Punkte, die nicht fuͤglich behauptet werden konnten, raͤumend. Sie deckten in ihrer Stek⸗ lung die Straße nach Zittau und nach Goͤrlitz; ihr rechter Fluͤgel, aus den Preußen beſtehend, hielt die Hoͤhen von Groß⸗ und Kleinbautzen, die Schluͤſſel der Stellung, beſetzt; auf dem linken Fluͤgel ſtanden die Ruſſen, durch waldige Huͤgel gedeckt; das Centrum 67 war durch Alles uͤberhoͤhende Batterien unzugaͤnglich gemacht. Da dieſe Stellung in der Fronte nicht geſtuͤrmt werden konnte, ſo beſchloß Napoleon, dieſelbe zu um⸗ gehen und dadurch unnuͤtz zu machen— ein Mand⸗ ver des neuern Krieges, das kein Feldherr beſſer verſtand, als er. Ney erhielt demnach den Befehl, um den aͤußerſten rechten Fluͤgel des Feindes her⸗ umzumarſchiren, waͤhrend derſelbe von Oudinot in der Fronte beſchaͤftigt und bedraͤngt wuͤrde. Die Ruſſen waren hierauf gefaßt. Miloradowitſch und der Prinz Eugen von Wuͤrtemberg behaupteten ihre Stellung mit der groͤßten Tapferkeit, und das Schick⸗ ſal des Tages ſchien ſich, ungeachtet der Anſtren⸗ gungen Napoleons, zu Gunſten der Alliirten entſchei⸗ den zu wollen. Ein zweiter Angriff erfolgte auf die Lerſchanzten Hoͤhen des rechten Fluͤgels, wo die Preußen ſtanden. Auch hier fand Napoleon großen Widerſtand und erlitt großen Verluſt. Erſt, nach⸗ dem er alle ſeine Reſerven ins Feuer gebracht und zu einem jener verzweifelten Angriffe verwen det hatte, die ſchon ſo oft das Los der Schlachten ent⸗ ſchieden haben, konnte er ſeine Abſicht durchſetzen. Der Angriff wurde von Soualt geleitet und mit ge⸗ fätem Bajonet ausgefuͤhrt. Nach einem vierſtun⸗ digen Geſechte, in welchem die Hoͤhen mehr als ein⸗ mal gewonnen und wieder verloren wurden, blieben die Frauzoſen endlich im Veſitz derſelben. 5. 68 Zu derſelben Zeit, wo die Alltirten den Stuͤtz⸗ punkt ihres rechten Fluͤgels verloren, hatten ſich die Korps von Ney, von Lauriſtou und Régnier, die zu⸗ ſammen 60,000 Mann betrugen, im Nuͤcken des Fein⸗ des aufgeſtellt. Und jetzt mußte Bluͤcher die Hoͤhen veb⸗ laſſen, die er ſo lange und ſo tapfer vertheidigt hatte. Flanken umgangen und ihre Fluͤgel auf das Centrum geworfen wurden, geſchah doch der Nuͤckzug in ſo gu⸗ ter Ordnung, als nach der Schlacht bel Luͤtzen. Ketn einziges Geſchuͤtz ward genommen, kaum ein Gefan⸗ gener gemacht; die Verbuͤndeten zogen ſich wie auf dem Uebungsplatze zuruͤck; ſie ließen ihre Batterien uͤberall, wo es der Boden erlaubte, auffahren und noͤthigten dadurch die Verfolger, ſich zu entwickeln, um das Manoͤrer der Umgehung zu verſuchen, bei dem ſie viel verloren. Die Nacht kam und Napoleon hatte an dieſem blutigen Tage keinen andern bedeutenden Vortheil erhalten, als den, daß die Alliirten, von der großen Straße nach Breslau abgeſchnitten, die ſchlechteren Wege entlang der boͤhmiſchen Grenze einſchlagen mußten. Sie geriethen aber dadurch nicht in Unord⸗ nung und wußten ſich auf ihrem Ruͤckzuge eben ſo geſchickt zu vertheidigen, als bisher. Der ganze 22ſte Mai ging unter Angriffen auf — Obgleich aber die Verbuͤndeten in ihren beiden den Nachtrab der Verbuͤndeten hin, die aber ſtets mit demſelben Nachdruck und derfelben Faſſung zun G 69 ruͤckggewieſen wurden. Der Kaiſer Napoleon ſtellte ſich ſelbſt an die Spitze des Vortrabs, und ſetzte ſich dem heftigen und wehlgezielten Feuer aus, mit dem Miloradowitſch ſeinen Nuͤckzug deckte. Er feuerte ſeine Generale zum Verfolgen an, und ver⸗ rierh ſeinen Unwillen durch die derben Ausdruͤcke, deren er ſich bediente:„Sie kriechen nur!“ ſagte er bei dieſer Gelegenheit zu einem ſeiner Generale. Er verlor in der That die Geduld, als er den Preis der Schlacht mit ihren Folgen verglich, und ſagte in uͤbellaunigem Tone:„Was! kein Reſultat nach ſol⸗ chem Blutbad— keine Kanone— kein Gefangener?— Dieſe Leute werden mir auch gar nichts zuruͤcklaſſen.“ Auf den Hoͤhen von Reichenbach machte der ruſ⸗ ſiſche Nachtrab Halt. Als jetzt die Kuͤraſſiere der Garde auf die ruſſiſchen Lanzentraͤger losgingen, wurde der franzoͤſiſche General Bruyéère durch eine Kanonenkugel hingeſtreckt. Er war ein Veterane der italieniſchen Armee, und von Buonagparte als ein Genoſſe ſeines fruͤhern Nuhmes gerne geſehen. Aber das Schickſal wollte an dieſem Tage das Ge⸗ fuͤhl Napoleons noch auf eine ſtaͤrkere Probe ſtellen. Als er den letzten Punkt, auf dem die Ruſſen noch anhielten, uͤberſchaute, ſchlug eine Kugel einen Rei⸗ ter aus ſeinem Gefolge dicht an ſeiner Seite nieder. „Duroc“, ſagte er zu ſeinem langjaͤhrigen und treuen Gefaͤhrten und Vertrauten, der damals Großmeiſter des Palaſtes war,„das Gluͤck will uns heute nicht 70 wohl.“ Noch hatte es aber ſeine Tuͤcke nicht er⸗ ſchoͤpft. Als der Kalſer bald darauf mit ſeinem Gefolge durch einen Hohlweg ritt, fielen drei Kanonenſchuͤffe. Eine Kugel zerſplitterte einen Baum dicht neben Napoleon, riß, wieder auffahrend, den General Kirche⸗ ner nieder, und verwundete Duroc, mit dem der Kalſer ſo eben geſprochen hatte, toͤdrlich. Man hielt, und Napoleon blieb den ganzen Tag uͤber vor ſeinem Zelte, von ſeinen Garden umgeben, die ihren Kaiſer bemitleideten, als haͤtte er eines ſeiner Kinder ver⸗ loren. Er beſuchte den Sterbenden, deſſen Unterlelb aufgeriſſen war, und bezeigte ihm tiefgeruͤhrt ſein Bedauern. Der Kummer hatte ihn bis jetzt noch nie ſo ergriffen und uͤberwaͤltigt, daß er deßwegen aufgehoͤrt haͤtte, Meldungen anzunehmen oder Be⸗ fehle zu erthetlen.„Alles auf morgen“, antwortete er denen, die Beſcheid von ihm verlangten. Er fer⸗ tigte mehr als ein Dekret zum Beſten der Famille von Duroc aus, und ließ dem Prediger, in deſſen Haus Duroc den Geiſt aufgegeben hatte, zweihundert Napoleonsd'or zuſtellen, zur Errichtung eines Denk⸗ mals, deſſen einfache und ruͤhrende Auſſchrift er ſelbſt angab. An Beſſières und Duroc hatte Napo⸗ leon zwei ſeiner beſten Offtziere und treueſten Freunde verloren, die mehr uͤber ihn vermochten, als andere weniger Vertraute. Dieſer doppelte Verluſt war ſehr ominoͤſer Art.. —˖⏑— 21 In Bezliehung auf den in der Schlacht erlitte⸗ nen Verluſt muͤſſen wir bemerken, daß die Franzo⸗ ſen am meiſten litten, weil die Alliirten in ihrer ſtarken Stellung gegen das Feuer gedeckt waren. Dennoch verloren dieſe an Todten und Verwundeten gegen zehntauſend Mann. Wenn man den Verluſt der Franzoſen um fuͤnftauſend Mann hoͤher anſchlaͤgt, ſo duͤrfte man der Wahrheit ziemlich nahe kommen. Den Tag vor dieſer blutigen Schlacht war in elnem Schreiben des Grafen Neſſelrode an Caulain⸗ court, Herzog von Vicenza, ein Waffenſtillſtand in Vorſchlag gebracht worden, zufolge, wie es hieß⸗ des von dem wiener Hofe bezeigten Wunſches; auch hatte Graf Stadion in dieſem Sinne an Talley⸗ rand geſchrieben, der, wie Fouché, von Napoleon ins Hauptquartier berufen worden war, vielleicht, weil er die Intriken beider in ſeiner Abweſenheit und in ſeiner bedraͤngten Lage fuͤrchtete. Dieſer Waffenſtillſtand ſollte die Einleitung zu einer Unter⸗ handlung werden, in welcher Oeſterreich den Vermitt⸗ ler ſpielen wollte. Mittlerweile drang Naxoleon weiter vorwaͤrts und bemaͤchtigte ſich der Stadt Breslau(aus der ſich die Prinzeſſinnen des koͤniglich preußiſchen Hauſes nach Boͤhmen fluͤchteten), und entſetzte die Feſtung Glo⸗ gau, deren Beſatzung bereits Mangel litt. Es ſie⸗ len nur einige blutige Scharmuͤtzel vor, die kein be⸗ deutendes Reſultat gewaͤhrten, und wobet ſich das 7² Gluͤck beiden Theilen ungefaͤhr gleich guͤnſtig erwies. Aber die Hauptmaſſe der Allitrten bezeigte keine Luſt zu einer dritten Schlacht; ſie ſetzte ihren Ruͤck⸗ zug nach Oberſchleſien fort, ohne ſich durch des Fein⸗ des Demonſtrationen gegen Berlin irre machen zu laſſen. Der Waffenſtillſtand ward endlich beliebt und am 4ten Juni unterzeichnet. Buonaparte uͤberließ den Alliirten Breslau und Niederſchleſien, wo⸗ durch ſie wieder in Verbindung mit Berlin kamen. Er wollte dadurch entweder bew iſen, daß er den Frieden aufrichtig wuͤnſche, oder dies wenigſtens glauben machen. Die Intereſſen der Welt, die ſo lange durch das Schwert entſchieden worden waren, ſchienen jetzt dem Ausſpruche der Politiker anheim⸗ geſtellt werden zu wollen. Viertes Kapitel. Die Siege Napoleons ſühren nicht mehr zu ſo großen Reſulta⸗ ten wie früher.— Kleinmuth der Generale.— Verfall der Kriegszucht.— Oeſterreichs Abſichten.— Anfüuͤhrung und Er⸗ örterung der Gründe für den Frieden.— Napoleons Starr⸗ ſinn.— Innerer Zuſtand Frankreichs; er bleivt dem Kaiſer durch die Unterdrückung der Preßfreiheit verbo gen.— Der öſterreichiſche Miniſter Matternich kommt nach Dresden, um ſich mir Navoleon zu beſprechen.— Verzug der Unterha dlungen.— Plan zur Wiederherſtellung des Friedens, wie ihn Oeſterreich am 7ten Nuguſt vorſchlägt.— Der Waſeenſtillſtand wird am 10ten 73 aufgehoben; Oeſterreich erklärt ſich für die Verbündeten.— Plötz⸗ liche Nachgiebigkeit Napoleons.— Sie wird durch die Nachricht von der Schlacht von Vittoria veranlaßt. Die Siege von Lützen und Bautzen waren ſo unerwartet und glaͤnzend, daß dleienigen, die etn aberglaͤubiges Vertrauen auf Napoleons Gluͤcksſtern ſetzten, dadurch ganz verblendet wurden und die Ruckkehr ſeines fruͤhern Glanzes nicht mehr be⸗ zweifelten. Aber die Art, wie ſich Augereau zu Mainz gegen Fouché, der auf ſeiner Reiſe nach Dres⸗ den dort durchkam, außerte, zeigt zur Genuͤge, wie Napoleons beſte Offiziere uͤber dieſen Gegenſtand dachten.„Ach“, ſagte er,„unſere Sonne iſt un⸗ tergegangen; wie wenig gleichen die zwei Schlachten, aus denen ſie in Paris ſo viel machen, unſern Sie⸗ gen in Italien, wo ich Buonaparte die Kriegskunſt lehrte, die er jetzt mißbraucht. Was hat es nicht gekoſtet, nur um einige Maͤrſche weiter vorwaͤrts zu kommen! Zu Luͤtzen war unſer Centrum durchbro⸗ chen, ein Theil der Mannſchaft auseinander ge⸗ ſprengt und ohne die junge Garde Alles verloren. Wir haben die Verbuͤndeten gelehrt, uns zu ſchla⸗ gen. Nach einem Blutbad, wie das zu Bautzen, ſah man kein Reſultat; keine Kanone ward genommen, kein Gefangener gemacht. Der Feind widerſetzte ſich uns uͤberall mit Erfolg, und wir wurden zu Reichenbach den Tag nach der Schlacht uͤbel mitgenemmen. Eine Kugel trifft Beſſiéres, eine andere Duroc, den einzigen Freund, 74 den er in der Welt hatte. Bruyéres und Kirchener werden durch verlorne Kugeln weggeriſſen. Welch ein Krieg, er wird uns allen den Garaus machen. Er wird keinen Frieden eingehen; Sie kennen ihn ſo gut als ich; er wird ſich von einer halben Million Soldaten umzingeln laſſen; denn glauben Sie mir, Oeſterreich wird ihm nicht treuer ſeyn, als Preußen. In, er wird unbeugſam ſeyn, und wenn er nicht umkommt(und das wird er nicht), ſo iſt es mit uns Allen aus.“ Man bemerkte in der That allgemein, daß, oh⸗ gleich die franzoͤſiſchen Truppen ihren bisherigen glaͤnzenden Muth zeigten, und der Kaiſer ſein bo⸗ kanntes Talent fortwaͤhrend entwickelte, doch die fruhere Wirkung beider auf die Alliirten großen⸗ theils verloren war. Die Schnelligkeit, mit der Na⸗ poleons Soldaten ihre Angriffe machten, wurde jetzt mit der groͤßten Standhaftigkeit zuruͤckgewieſen, oder burch groͤßere Behendigkeit praͤvenirt, ſo daß die Franzoſen, die, durch ihre fruͤheren Siege verwoͤhnt, den Dienſt der Wachen und Patrouillen nachlaͤßiges verrichteten, nicht ſelten fuͤr ihre Sorgloſigkeit buͤ⸗ ßen mußten. Auf der andern Seite waren es die Alliirten, welche den Tag und die Stunde der Schlacht beſtimmten, ſolche, wenn ſie eine unguͤnſtige Wen⸗ dung nahm, abbrachen und wenn ſie ihren Vortheil dabei ſahen, wieder erneuerten. Die Zeiten waren nicht mehr, da eine Schlacht das Schickſal eines 75 Feldzugs, und ein Feldzug den Ausgang des Kriegs entſchied. 4 Man ſah auch, daß Buonaparte zwar im Stande geweſen, durch unerhoͤrte Anſtrengungen ſeine Armee wieder zu ergaͤnzen, daß es aber nicht eben ſo kn ſeiner Macht ſtand, die Kriegszucht wieder herzu⸗ ſtellen, welche die alten Soldaten in den Schrecken des ruſſiſchen Rückzugs verloren und die jungen ſich gar unoch nicht angeeignet hatten. Die Bewohner von Sachſen und Schleſien fuͤhlten die Laſten, die von der Anweſenheit einer Armee unzertrennlich ſind, nicht laͤnger durch jene Art von Disciplin er⸗ leichtert, welche die franzoͤſiſchen Soldaten fruͤher in ihrem Lande bewieſen hatten, und wodurch ſo manche muthwillige Bedruͤckung und die Verſchleu⸗ derung des Erpreßten verhuͤtet wurde. Aber jetzt war es eben nichts Seltenes, daß ein Regiment oder Bataillon den Proviant mit Fuͤßen trat und zerſtoͤrte, den das zunaͤchſt folgende Korps ſchmerz⸗ lich entbehren mußte. Der Muth und das Feuer des franzoͤſiſchen Soldaten waren dieſelben, aber die Erinnerung au fruͤhere Noth hatte ſie nicht nur ſelbſtſuͤchtiger und verſchwenderiſcher⸗ ſondern anch roher gemacht. Diejenigen, welche die Sachen in dieſem mache theiligen Lichte ſahen, gingen, wenn ſie auch Freunde von Frankreich und Napoleon waren, ſoweit, zu wuͤnſchen, daß weder die Schlacht von Luͤtzen, noch 76 die von Bautzen vorgefallen ſeyn moͤchte, indem beide durch ihre Folgen das groͤßte Hinderniß eines feſten Friedens wurden. Selbſt Eugen Beauharnois fuͤhrte dieſe Sprache der Verzweiflung. Sie gaben zwar zu, daß dieſe denkwurdigen Schlachten den Kriegsruhm des Kaiſers geſtuͤtzt und ſogar gehoben haͤtten, und daß etwas Wahres an Narbonne's Hoͤf⸗ lingsfprache ſey, der, als Napoleon zu wiſſen ver⸗ langte, was die Wiener von dieſen Schlachten daͤch⸗ ten, die Antwort gab:„Cinige halten Sie fuͤr ei⸗ nen Engel, Sire, andere fuͤr einen Teufel, aber alle behaupten, daß Sie mehr als ein Menſch ſeyen.“ Aber nach der Meinung ſolcher Maͤnner waren dieſe Lobpreiſungen derjenigen Seite ſeines Charakters, durch die er fruͤher ein Gegenſtand der Furcht, aber auch des Haſſes geworden, nur dazu geeignet, ihn zu unklugen Schritten zu verleiten und ſeine Aus⸗ ſoͤhnung mit den andern Nationen nur ſchwieriger, wenn nicht unmoͤglich zu machen. Die Marime Eu⸗ ropas ſchien damals zu ſeyn, 82* Odi accipitrem, qui semper vivit in armis.* Man war auf den Punkt gekommen, wo die militaͤriſchen Talente Napoleons leicht einer Unter⸗ handlung nachtheilig werden konnten, die durch die auch nur einigermaßen begruͤndete Meinung von ſei⸗ ner kuͤnftigen Maͤßigung allerdings beſoͤrdert wor⸗ *) Ich haſſe den Falkene der nur kür den Krieg lebt. 77 den waͤre. Dies fuͤhlte beſonders Oeſterrelch, das nach den vielen Demuͤthigungen, die es durch Na⸗ poleon erlitten hatte, nunmehr berufen ſchien, uͤber ſein Schlckſal zu entſcheiden. Die Abſichten dieſer Macht waren nicht zu verkennen. Sie wuͤnſchte ihre verlornen Provinzen und ihren Einfluß in Deutſch⸗ kand wieder zu gewinnen und wollte ohne Zweifel ieſe guͤnſtige Stunde, beides zu erlangen, nicht un⸗ genuͤtzt laſſen. Aber ſie verlangte zur Sicherung ih⸗ res Beſitzes und ihres Einfluſſes noch ferner, daß Frankreich von dem Traume abſoluter Herrſchaft ab⸗ ſtehen und Napoleon ſeine uͤbertriebenen Anſpruͤche auf Univerſalmonarchie, nach denen er bisher gehan⸗ delt, aufgeben ſolle.„Zu welchem Zwecke,“ ſo fru⸗ gen die Freunde des Friedens,„ſollte Buonaparte fortwaͤhrend große Armeen in Deutſchland haben wollen? Warum will er ſelbſt die Feſtungen an der oͤſtlichen Grenze dieſes Reiches befetzt halten? Iſt dies nicht ein Beweis, daß Napoleon ungeachtet der Vortheile, die ihm eine Allianz mit Oeſterreich der⸗ malen gewaͤhren wuͤrde, darum nicht geſonnen ſey, ſeine Eroberungen fahren zu laſſen und ſich, ſeinen Anſpruͤchen auf Unſverſalherrſchaft entſagend, mit dem Range eines Mitglieds der europuͤtſchen Herrſcher⸗ republik zu begnuͤgen. Wollte er den Krieg fortſetzen, ſo gaben dieße Maͤnner zu bedenken, daß ſein Verweilen in Sache ſen und Preußen Oeſterreich ganz gewiß beſtimmen — 28 wuͤrde, der Coalition gegen ihn beizutreten, und daß er, falls er Dresden zum Drehpunkte ſeiner Ope⸗ rationen waͤhlen ſollte, Gefahr laufen wuͤrde, von den durch die boͤhmiſchen Paͤſſe herabſteigenden uner⸗ meßlichen Armeen Oeſterreichs in der Flanke gefaßt zu werden. Ein anderes und ganz entgegengeſetztes Verfah⸗ ren, ſagten die ſelben Nathgeber, wuͤrde fuͤr Oeſter⸗ reich eine Buͤrgſchaft von den friedfertigen Geſinnun⸗ gen des franzoͤſiſchen Kaiſers ſeyn und die uͤbrigen Alliirten einſchuͤchtern und im Zaum halten. Na⸗ poleon raͤume aus freien Stuͤcken die blokirten Fe⸗ ſtungen an der Oder und Elbe und verſtaͤrke dadurch ſeine Armee mit fuͤnfzigtauſend Veteranen. Er gehe mit dieſen und mit ſeiner gegenwaͤrtigen Armee an den Rhein zuruͤck, der ſchon ſo oft die natuͤrliche Grenze Frankreichs genannt worden iſt. Wer wird es dann wagen, ihn an dieſer feſten Grenze, wo or eine ſo gewaltige Armee zu ſeiner Verfuͤgung und alle Huͤlfsquellen Frankreichs hinter ſich haben wuͤr⸗ de, anzugreifen? Oeſterreich gewiß nicht; denn, ein⸗ mal uͤberzeugt, daß Napoleon, von dem Gedanken der Univerſalhe rſchaft zuruͤckgekommen, Frankreich fortan nur gluͤcklich machen wolle, wuͤrde dieſe Macht gewiß gerne älles thun, um eine mit ihr ſo nah verwandte Dynaſtie auf einem Throne zu erhalten, der, ſtatt die Geißel und der Schrecken von Europa zu ſeyn, die Zierde und der Schutz deſſelben werden 79 koönnte. Die Nationen des Nordens, Rußland, Preu⸗ ßen und Schweden haͤtten durchaus keinen Grund, ſich mit einem ſo tollen Kreuzzuge, dergleichen der Marſch an den Rhein ſeyn wuͤrde, zu befaſſen; und warum ſollte Großbritannien nach der Wiederher⸗ ſtellung des freien Verkehrs und des Continentgk⸗ friedens den Krieg noch laͤnger fortſetzen wollen, den es eigentlich gegen das Syſtem und nur dann ge⸗ gen die Perſon Napoleons gefuͤhrt hat, als nicht mehr zu verkennen war, daß beide nur eins ſeyen. So haͤtte Frankreich durch eine Stellung, die eben ſo viel Maͤßigung, als Feſtigkeit verrieth, die Alllir⸗ ten dahin bringen koͤnnen, ohne weiteres Blutyer⸗ gießen das Schwert in die Scheide zu ſtecken⸗ Wenn auch Napoleon zufolge dieſer Vorſchlaͤge, wie es ſcheint, große Opfer bringen mußte, ſo verzich⸗ tete er doch mehr auf gewiſſe, durch den Krieg noch nicht entſchiedene Anſpruͤche, als auf wirkliche, be⸗ veits in ſeinem Beſitze befindliche Vortheile: er gab wenig oder nichts von dem her, was ein wirklicher und feſter Beſtandtheil ſeines Reiches war. Dies erhellt aus der folgenden Ueberſicht der in Vorſchlag gebrachten Bedingungen. Er haͤtte allerdings allen Anſpruͤchen auf Spa⸗ nien entſagen muͤſſen. Aber Napoleon hatte ſo eben die Nachricht von der entſcheidenden Schlacht von Vittoria erhalten, durch welche die Befreiung der Halbinſel beſiegelt wurde; und er mußte einſehen, 13 3 80 daß in Beziehung auf dieſen lang beſtrittenen Punkt er nichts verlieren wuͤrde, das er nicht durch den Krieg ſchon bereits verloren hatte, und daß er die ſüdweſtlichen Provinzen Frankreichs gegen die Armee des Herzogs von Wellington, die bereits mit einem Einfalle drohte, ſicher ſtellen wuͤrde. Dentſchland war zwar zum Theil in Napoleons Gewalt, in ſoferne er die Feſtungen dieſes Landes beſetzt hielt und die deutſchen Furſten zufolge der ihnen aufgedrungenen Verträge noch von ihm ab⸗ baͤugig waren. Aber die ganze Bevoͤlkerung in jeder Stadt, in jeder Provinz war gegen Frankreich und deſſen Beherrſcher wegen ſeiner unumſchraͤnkten Herr⸗ ſchaft, die er ſich herausnahm, wegen des Ungluͤcks, das er durch unaufhoͤrliche Truppenforderungen und durch ſein Continentalſyſtem uͤber ſie gebracht hatte, aufgebracht. Aber die Befreiung Deutſchlands war die eigentliche Streitfrage, und im Falle dieſe nicht zugeſtanden wurde, mußte Napoleon, wie es ihm nicht entgehen konnte, den Krieg gegen Rußland, Preußen und Schweden, gegen die Deutſchen, die uͤberall zum Aufſtande bereit waren, und gegen das gewaltige Oeſterreich, das die Reſerve bildete, aus⸗ fechten. Sollte der Friede uͤberhaupt zu Stande kommen, ſo war das Aufhoͤren des unnatuͤrlichen Einfluſſes, den Frankreich auf dem rechten Rhein⸗ ufer uͤbte, eine unerlaͤßliche Bedingung, und es war fuͤr Napoleon ungleich zweckmaͤßiger, dieſem Tuuſtuſſe 1 au 81 aus freien Stuͤcken zu entſagen, als abzuwarten, bis der Aufſtand des Volkes, der Unwille der vor kurzem noch von ihm abhaͤngigen Fuͤrſten ausbrechen und das ganze Syſtem ſelbſt zu Truͤmmern gehen wuͤrde. „England beſtand ohne Zweifel auf der Befrelung Hollands; aber auch dieſes konnte fuͤr Napoleon kein großes Opfer ſeyn, da er Flandern und das linke Rheinufer von Huͤningen bis Antwerpen, nebſt den ſchoͤnſten Laͤndereien der ehemaligen Herzoge von Burgund behalten haͤtte, die vordem kein Koͤnig von Frankreich beſaß. Die Emancipation Hollands wäre auch durch die Zuruͤckgabe einiger der franzöͤſiſchen Kolonien verguͤtet worden. England hat zum Be⸗ huf eines allgemeinen Friedens nie zu große Forde⸗ rungen gemacht. In Beziehung auf Italien haͤtten ſich vielleicht Schwierigkeiten erheben koͤnnen, aber die enge Ver⸗ bindung zwiſchen dem oſterrelchiſchen und franzoͤſi⸗ ſchen Kaiſer bot verſchiedene Mittel zu deren Beſei⸗ tigung dar. Man haͤtte Itallen z. B. Eugen oder, im Falle ein ſolcher vorhanden war, Napoleons zwei⸗ tem Sohne als Appanage anweiſen koͤnnen, ſo daß die Koͤnigreiche Frankreich und Itallen unter der naͤchſten Regierung zu ſelbſtſtaͤndigen Staaten gewor⸗ den waͤren. Wenn auch Oeſterreich wegen dieſes Ge⸗ genſtandes die Unterhandlungen haͤtte abbrechen wol⸗ len, ſo wuͤrden die verbuͤndeten Maͤchte gewiß gerne W. Scott's Werke. LVII. 6 8² die Vermittlung in dieſem Stucke uͤbernommen und Oeſterreich vermocht haben⸗ ſeine Pordernngen 4n maigen. Aus dem Geſagten erhellt, daß durch die ange⸗ deuteten Abtretungen dem Kriege ſofort ein. Ende gemacht worden und Napoleon noch immer im Beſitz des ſchoͤnſten Koͤnigreichs von Europa geblieben waͤre — eines weit groͤßern Koͤnigreichs, als die maͤchtig⸗ ſten franzoͤſiſchen Monarchen je beſeſſen hatten, waͤh⸗ rend dagegen die Laͤnder und Anſpruͤche, denen er nach unſerer Vorausſetzung entſagen ſollte, dem zer⸗ ſplitterten Maſte eines vom Sturm bedraͤngten Schlffes glichen, den der Seemann abſichtlich weg⸗ nimmt, da er das Fahrzeug, dem er nichts mehr hilft, nur in Gefahr ſetzt. Aber ungluͤcklicherweiſe glaubte Buonaparte, der uͤberhaupt feſt an ſeiner eigenen Meinung hielt, beſonders wenn es ſeinen Ruhm betraf, der Maſt koͤnne nicht abgenommen werden, ohne die daran geheftete Flagge zu ſtreichen; er koͤnne auf ſeine hohen, obgleich unvernuͤnftigen Anſpruͤche nicht Verzicht leiſten, ohne ſeinen perſoͤn⸗ lichen Ruhm, in deſſen Glanz er ſein Glüͤch ſedte⸗ zu verdunkeln. Er wollte daher nicht auf dieſenigen boren, 81 ihm unter Beruſung auf die angefuͤhrten Gruͤnde. riethen, aus der N Koth eine Tugend zu machen und 1 ſich die Herausgabe deßjenigen, was er aller Wahr⸗ lcheinlichkeit nach doch nicht behaupten. konnte, ſich 83 als ein Verdienſt anrechnen zu laſſen. Er beſtand auf dem Gegentheil und berief ſich auf die plelen Faͤlle, wo er den Sieg davon getragen, als jeder⸗ mann an ſeiner Rettung zweifelke und ſich vorlaͤufig gegen die von ihm ergriffenen Maßregeln verwahrte. Dieſer Starrſinn entſprang nicht etwa blos aus dem natuͤrlichen Vertrauen auf ſeine Ueberlegenheit, das man bei allen ſtarken und entſchloſſenen Seelen wahr⸗ nimmt; er war durch den ganzen Verlauf ſeines Le⸗ bens befoͤrdert und geſteigert worden. 118s „Im Alter von dreißig Jahren,“ ſagte er, von ſich ſelbſt redend,„hatte ich Schlachten gewonnen, großen Einfluß geuͤbt, einen gewaltigen Sturm im Staate beſchworen, Parteien verſchmolzen, ein Volk vereinigt. Ich bin, ich muß es bekennen, vom Gluͤcke verwoͤhnt worden— ich habe ſtets geboten. Von meinem erſten Eintritt ins Leben an ward mir große Gewalt gegeben. Die Umſtaͤnde und meine eigene Charakterſtaͤrke waren der Art, daß ich von dem Au⸗ genblicke an, da ich ein Uebergewicht errungen, we⸗ der einen Herrn noch Geſetze uͤber mich erkannte.“*) Einem ſo aufrichtigen Bekenntniß kann der Ge⸗ ſchichtſchreiber nichts beifuͤgen. Es iſt kein Wun⸗ der, daß einer, dem das Gluͤck ſtets hold geweſen, das Spiel liebte und einen Wurf nach dem andern wagte, bis das Spiel umſchlug, ſtatt, wie es die ——— *) Tagebuch des Grafen Las Caſes, zier Kher 84 Klugheit gebot, ſich vom Tiſche zuruͤckzuziehen, als der Einſatz ſtieg und das Gluͤck zu wechſeln begann. Napoleon hatte es ſich und Andern in den Kopf ge⸗ ſetzt, er ſey gegen die gewoͤhnlichen Launen des Gluͤcks durch ein ihm eigenthuͤmliches Vorrecht ſicherge⸗ ſtellt.*) Dies war fuͤr ihn ein ſehr nuͤtzlicher Glau⸗ be, ſoferne er von Andern angenommen wurde, aber gefaͤhrlich, wenn er ſich demſelben ſelbſt hingab und dadurch abgehalten wurde, in ſeiner eigenen Sache Betrachtungen anzuſtellen, die er in Beziehung auf Andere fuͤr gegruͤndet erachtet haben wuͤrde. Talleyrand und Fouché dienten bei dieſer Gelegen⸗ heit ihrem Herrn mit ihrer reichen Erfahrung, und ſpra⸗ chen mit mehr oder weniger Zuruͤckhaltung von dem Schrecken, den ſein Ehrgeiz verbreitet habe⸗ und von dem Entſchluß der Alliirten ſowohl, als des oͤſter⸗ reichiſchen Kabinets, keinen Frieden zu ſchließen⸗ ohne durch eine hinreichende Buͤrgſchaft gegen kuͤnftige An⸗ maßungen geſichert zu ſeyn. Napoleon wies ihre Mel⸗ — *z Solgendes iſi ein Beiſpiel hievon. Als die Exptoſton der Höllenmaſchine Statt fand, rannte ein Zeuge derſelben in eine Geſetlſchaft und rief aus:„Der erſte Konſul iſt aufgeſto⸗ gen.“ Ein öſterrelchiſcher Vererane/ der dabei war und Napoleons wunderbares Glück, mit dem er in den italieni ſchen Geldzügen den Gefahren entgangen war, kannte, rief⸗ achend über die Leichtgläubigkeit des Neuigkeitskrämers: „Er aufgeſtogen? Ach, Sie tennen Ihren Mann zu wenig; ich wette, er iſt jetzt ſo wohl, wie einer von uns, ich zenne ſeine Streiche von lange her.“⸗ 5. 8⁵ nung und ihren Rath unwillig zuruͤck, indem er ſol⸗ che einem Mißtrauen auf die Kraft ſeines Genies, oder ihrem Eigennutze zuſchrieb, der ihnen auf jeden Fall das Ende des Krieges wuͤnſchenswerth machte. Seine militaͤriſchen Rathgeber machten ihm aͤhn⸗ liche Vorſtellungen, aber mit gleich ſchlechtem Erfolg. Berthier hatte mit Beiziehung des beruͤhmten In⸗ genieurs Rogniat einen Plan entworfen, die franzoͤ⸗ ſiſche Armee, mit allen den Garniſonen, die man in Deutſchland hatte, verſtaͤrkt, von der Elbe an den Rhein zuruͤckzuziehen. „Großer Gott!“ rief Buonaparte bei der Durch⸗ ſicht des ihm von Berthier vorgelegten Planes aus, ehn verlorne Schlachten bringen mich nicht ſo weit herab, als ich durch Ihren Vorſchlag kommen wuͤrde, und zwar zu einer Zeit, wo noch ſo viele feſte Plaͤtze an der Elbe und an der Oder in meiner Gewalt ſind. Dresden iſt der Punkt, auf den ich mich baſiren will, waͤhrend meine Gegner vom Umfange nach dem Mit⸗ telpunkte operiren muͤſſen. Glauben Ste denn, daß Truppen, die zu fo verſchledenen Nationen gehoͤren und unter ſo verſchiedenen Generalen ſtehen, im Stande ſeyn werden, auf einer ſo ausgedehnten Linie uͤbereinſtimmend und mit Nachdruck zu operiren? Der Feind kann mich nicht, wenn er nicht wenigſtens zehn Schlachten gewaanen hat, an den Rhein zuruͤckdraͤn⸗ gen. Man gu er aber nur einen einzigen Sieg, ſo marſchire rlin und Breslau, entſetze 86 meine feſten Plaͤtze an der Oder und der Weichſel, und zwinge die Alliirten zu einem Frieden, der mei⸗ nen Ruhm unbefleckt laͤßt. Ihr defenſiver Ruͤckzug gefaͤllt mir uͤberhaupt nicht und ich verlange keine Plane von Ihnen, ſondern Ihre Dienſte zur Ausfuͤh⸗ rung meiner eigenen Entwuͤrfe.“ So brachte Napoleon ſeine milttaͤriſchen und po⸗ litiſchen Rathgeber zum Schweigen. Einem andern Rathgeber hatte er den Mund verſchloſſen, der, haͤtte er ſich verſtaͤndlich machen koͤnnen, ihn wahrſcheinlich vermocht haben wuͤrde, ſeinen unſeligen Entſchluß abzuaͤndern. Eine der unklugſten, am wenigſten zu rechtfertigenden Maßregeln Napoleons war die, daß er dem franzoͤſiſchen Volke jedes Mittel benommen hatte, ſeine Meinung zu aͤußern. Sein deſpotiſches Sy⸗ ſtem, das durchaus krine Redefreiheit, weder durch die Preſſe, noch in den oͤffentlichen Berathungen der ſtellvertretenden Koͤrperſchaften geſtattete, erwies ſich jetzt als ein wahres Uebel. Ein armſeliges Surrogat fuͤr die Frelheit der Preſſe und der Rede waren die Deklama⸗ tionen gedungener Beamten, die, nur mit einigen Va⸗ riationen, gleich kuͤnſtlichen Springbrunnen, die Ge⸗ danken zuruͤckgaben, die ſie aus dem allgemeinen Be⸗ haͤlter zu Paris geſchoͤpft hatten. Haͤtte ſich die öͤffentliche Meinung durch irgend ein freies Organ ausſprechen koͤnnen, ſo wuͤrde Napoleon dadurch be⸗ ſtimmt worden ſeyn, ſchleunigſt Frankreich zu⸗ ruͤckzukehren. Er wuͤrde erz gen, daß die 87 Nation, dle, forlange der Sieg und der Ruhm ſie blendete, die Uebel des Kri eges nicht zu beachten ſchien, gegen dieſelben hoͤchſt empfindlich geworden war, ſeitdem Niederlagen und neue Aushebungen ſich damit verbunden hatten. Er waͤre belehrt wor⸗ den, daß der unſelige Ruͤckzug von Moskau und die⸗ ſer ſo wenig verſprechende Feldzug in Sachſen ſchon laͤngſt eingewiegte Parteien und Intereſſen wieder geweckt hatten; daß man im Weſten wieder der Bourbons gedenke; daß 50,000 widerſpenſtige Con⸗ ſcribirte haufenweiſe in Frankreich herumzoͤgen und bereit ſeyen, unter jede Fahne zu treten, die ſich gegen die kaiſerliche Macht erheben wuͤrde, und daß ſich ſowohl in dem geſetzgebenden Koͤrper, als im Senate, eine ſtille Oppoſition gebildet habe, die nur einen Augenblick der Schwaͤche abwarte, um ſich zu naien. 819 4 1 Alles dies und noch vieles Andere wuͤrde er er⸗ fahren und ſich dadurch von der N othwendigkeit uͤber⸗ zeugt haben, ſeine Streittraͤfte zu concentriren, nach der franzoͤſiſchen Grenze zuruͤckzukehren, durch An⸗ nahme der vortheilhafteſten Friedensbedingungen, die er von den Allirten erhalten konnte, die wan⸗ kende Treue ſeiner Unterthanen zu befeſtigen und am Rhein eine ſolche Stellung zu nehmen, durch welche die Unzufriedenheit im Innern elngeſchuͤch⸗ tert und jeder Invaſionsverſuch vereitelt wurde. Al⸗ lein auch die geringſte Oeffnung, durch welche die 83 Stimme Frankreichs zu den Ohren ſeines Beherr⸗ ſchers haͤtte dringen koͤnnen, war verſchloſſen. Um dieſen Umſtand drehte ſich das Schickſal Napoleons; denn der Furſt, der ſich der Mittel beraubt, die Ge⸗ ſinnungen der von ihm beherrſchten Nation zu er⸗ fahren, gleicht dem Hauswirthe, der ſeinen getreuen Hofhunde umbringt. Beide moͤgen vielleicht ihrem Herrn durch unzeitiges und unnuͤtzes Bellen laͤſtig werden, aber in der Stunde der Gefahr kann nichts die Wachſamkeit beider erſetzen. Der Waffenſtillſtand bot jetzt eine ſchickliche Ge⸗ legenheit dar, einen allgemeinen Frieden ins Reine zu bringen oder(denn das war der eigentliche Zweck) eine Veranlaſſung fuͤr Oeſterreich, ſeine wahren und eigentlichen Geſinnungen in einer ſo unerwarteten Kriſe auszuſprechen, durch welche das Schickſal von Europa gewiſſermaßen in ſeine Haͤnde gelegt wurde. Nayoleon hatte von ſeiner Ankunft in Sachſen an den Glauben gehegt, daß, wenn auch Oeſterreich, wie es ſehr warſcheinlich war, in dem gegenwaͤrtigen Augen⸗ blicke auf die Zuruͤckgabe der illyriſchen Provinzen und auch noch anderer Gebierstheile, die es im Kriege verloren, dringen ſollte, es doch zuletzt durch die Familienverbindung und durch das Gewicht ſeiner Talente abgehalten werden wuͤrde, mit den Alltirten gemeinſchaftliche Sache zu machen. Eine Aeußerung des öſterreichiſchen Miniſters von Met⸗ 89 ternich haͤtte ihn aber, waͤre ſie ihm berichtet wor⸗ den, auf andere Gedanken bringen muͤſſen. Als Maret, Herzog von Baſſano, in einer Un⸗ terredung mit dem genannten Miniſter großes Ge⸗ wicht auf die Heirath Napoleons legte, antwortete dieſer in einem ſehr bedeutenden Tone:„Je nun, die Heirath— die Heirath— ſie war ein Ergebulß politiſcher Betrachtungen; aber“— Dieſes ſchlichte Wort war wie ein kleiner Schluͤſ⸗ ſel, der ein großes Archiv oͤffnet— es gab deutlich zu verſtehen, daß Oeſterreich ſich durch die Heiraths⸗ verbindung nicht wuͤrde abhalten laſſen, in der vor⸗ liegenden Frage ſeine Politik zu Rathe zu ziehen. Es zeigte ſich dies auch ſogleich, als Metternich nach Dresden kam, um ſich mit Napoleon zu beſprechen. Dieſer beruͤhmte Staatsmann und vollendete Höfling war in den Kulllerien gerne geſehen wor⸗ den, und Napoleon ſcheint ihn fuͤr einen jener Maͤn⸗ ner gehalten zu haben, die heitern Sinn und gute Laune mit einem geſchmeidigen Charakter verbinden und ſich durch einen kraͤftigen und uͤberlegenen Geiſt, wie der ſeinige war, leicht leiten und meiſtern laſ⸗ ſen. Dies war ein großer Irrthum. Metternich, ein lebhafter und gewandter Mann in der Geſell⸗ ſchaft, war feſt und beſtimmt in Geſchaͤften. Er ſah, daß die Gelegenheit, die Uebermacht Frankreichs und Napoleons zu beſchraͤnken, endlich gekommen ſey, und war entſchloſſen, ſo weit es Oeſterreich be⸗ 90 partielle Abſichten oder Vortheile aͤbhalten zu laſſen, dieſelbe zu benuͤtzen. Seine Zuſammenkunft mit Napo⸗ leon fand am 28ſten Juni zu Dresden Statt. Von glaub⸗ wuͤrdigen Maͤnnern wird daruͤber Folgendes berichtet: Napoleon that ſich viel auf ſeine ſchlichte und gerade Unterhandlungsweiſe, oder vielmehr auf das von ihm beſolgte Syſtem zu gut, ſeine Bedin⸗ gungen ſogleich und unumwunden auszuſprechen. Er wollte von keinem Gegenprojekt hoͤren, von keinem Mittelweg zwiſchen der Wiedereroͤffnung der Feind⸗ ſeligkeiten und der Annahme des Friedens unter den ihm vorgeſchriebenen Bedingungen, wiſſen. Dieſe offene, keine Widerrede geſtattende Unterhandlungs⸗ weiſe war ſehr dazu geeignet, die diplomatiſchen Foͤrm⸗ lichkeiten abzukuͤrzen; ſie hatte aber den Nachtheil, daß ſie nur fuͤr den Sieger paßte, der bei der Erneuerung keit ſich neue Siege verſprechen konnte. Ein ſolcher Ton ziemte ſich etwa fuͤr den roͤmiſchen Praͤtor, der Kreis beſchrieb und auf eine kathegoriſche Antwort drang, noch ehe er aus demſelben heraustrete; ſie taugte vielleicht auch fuͤr Napoleon, als er zu Campo Formio eine koſtbare Porzellanvaſe auf den Boden warf, mit der Drohung, daß das oͤſterreichiſche Kaiſer⸗ reich auf dieſelbe Weiſe zertruͤmmert werden ſolle, traf, und ſo longe er das Ruder fuͤhrte, ſich nicht durch des Krieges nach aller menſchlichen Wahrſcheinlich⸗ um jenen ſchwachen morgenlaͤndiſchen Fuͤrſten einen wenn es ſich nicht augenblicklich ſeine Bedingungen 91 gefallen laßſe; aber dieſe kurze, diktatoriſche Manier war nicht eben ſo gut angebracht, als Oeſterreich ver⸗ mocht werden ſollte, ſeine Streitmacht von 200,000 Mann nicht in die Wagſchale der Verbuͤndeten zu werfen, die bereits fuͤr ſich ſchon Frankreich das Gleich⸗ gewicht hielten; und doch duͤrfte dieſer uͤbelgewaͤhlte Ton in der folgenden Ko nferenz nicht zui verkennen ſeyn. Napoleon warf Metternich vor, ſeine Gegner durch die Verzoͤgerung der Unterhandlungen beguͤn⸗ ſtigt zu haben. Er bemerkte, der oͤſterreichiſche Mi⸗ niſter habe ſich vielleicht entfernt gehalten, damit die Lage Frankreichs ſich verſchlimmern moͤge; jetzt aber, nachdem er zwei Schlachten gewonnen habe, wolle Oe⸗ ſterreich ſeine Vermittlung aufdringen, damit er ſeine Vortheile nicht verfolgen moͤge. In der Eigenſchaft eines Vermittlers ſey Oeſterreich weder ſein Freund, noch ſein unparteiiſcher Richter, ſondern ſein Feind⸗ „Ihr wart auf dem Punkte, Euch zu erklaͤren,“ ſagte er,„als der Sieg bei Laͤtzen es Euch raͤthlich mach⸗ te, vorerſt mehr Streitkraͤfte aufzubringen. Jetzt habt Ihr hinter den boͤhmiſchen Bergen 200,000 Mann unter Schwarzenberg verſammelt. Ha Met⸗ ternich! ich durchſchaue die Abſichten Ihres Kabinetsz Ihr wollt Vortheil aus meiner Verlegenheit ziehen und die guͤnſtige Gelegenheit ergreifen, von dem, was ich Euch abgenommen habe, wieder fo viel wie moͤglich zu gewinnen. Ihr uberlegt nur noch, ob es 8 92 beſſer fuͤr Euch ſey, mich ſelbſt die Opfer beſtimmen za laſſen, die ich bringen ſoll, oder mir den Krieg zu erklaͤren? Ihr ſeyd uͤber dieſen Punkt noch nicht mit Euch einig und vielleicht ſind Sie nur hie⸗ her gekommen um zu erfahren, was das Vortheil⸗ bafteſte ſey. Gut, laſſen Sie uns einen Handel ſchließen— wie viel verlangen Sie?“ Au dieſen beleidigenden Eingang antwortete Metternich,„ſein Herr verlange nichts, als daß die Maͤbigung und Achtung fuͤr die Rechte der Natio⸗ nen, von denen er ſelbſt durchdrungen lſt, auch in deu Berathungen uͤber die europaͤtſchen Angelegenheiten Eingang finden und ein gehoͤrig abgewogenes Syſtem herbeifuͤhren moͤge, in welchem die allgemeine Ruhe durch einen Verein von unabhaͤngigen Staaten ver⸗ buͤrgt wäre.“ Es war leicht zu verſtehen, was damit gemeint ſey und wohin dies fuͤhre. Napoleon ſchlen es blos als eine zur Verhuͤllung derAbſichten Oeſterreichs be⸗ ſtimmte Redensart betrachten zu wollen.„Ich ſpreche deutlich,“ ſagte er,„und gehe auf das Ziel los. Wollt Ihr Illyrien haben und dafuͤr neutral bleiben? Eure Neutralitaͤt iſt Alles, was ich verlange. Mit den Ruſſen und Preußen werde ich mit meiner eige. nen Armee fertig.“ „Ach Sire,“ erwiederte Metternich,„es haͤngt blos von Eurer Majeſtaͤt ab, daß wir uns mit allen unſern Streitkraͤſten au Ste anſchließen. Aber die Wahr⸗ 93 heit muß aeſagt werden. Es iſt ſo weit gekommen, daß Oeſterreich nicht neutral bleiben kann— wir muͤſ⸗ ſen fuͤr Sie oder gegen Sie ſeyn.“ Nach dieſer Erklaͤrung, aus der ſich ſchließen ließ, daß Oeſterreich eutſchloſſen ſey, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis ſich Buonaparte zu den von ihm vorgeſchlagenen Friedensbedingungen bequemt haben wuͤrde, welchen Preis ihm auch Na⸗ poleon fuͤr ſeine Neutralitaͤt bieten moͤchte, zogen ſich der Kaiſer von Frankreich und der oſterreichiſche Staatsmann in ein abgeſondertes Kahinet zuruͤck, wo Metternich vermuthlich die Forderungen Heſterreichs noch ausfuͤhrlicher entwickelt haben wird. Man hoͤrte, wie Napoleon mit lauter Stimme ausrief: „Was? nicht bloß Illyrien, ſondern die Haͤlſte von Italier die Wiedereinſetzung des Pabſtes, die Preis⸗ gebung von Polen, die Verzichtung auf Spanten, Holland, den Rheinhund und die Schweiz? Iſt das Ihre Maͤßigung! Sie bieten Ihre Allianz in einem Lager nach dem andern feil, und verkaufen ſie an den Meiſtbietenden; und dann ſprechen Sie von der unabhangigkeit der Voͤlker; offen geſagt, Sie wollen Italien haben, Schweden verlangt Norwegen; Preu⸗ ßen will Sachſen; England wuͤnſcht Holland und Bel⸗ gien zu haben— Sie moͤchten das franzoͤſiſche Relch zerſtuͤckelr, und das ſoll geſchehen, blos weil Oeſter⸗ reich mit dem Kriege droht? Wie kommen Sie auf den Gedanken, durch einen einzigen Federzͤug ſo viele . 94 der ſtaͤrkſten Feſtungen gewinnen zu wollen, die ich mir durch Schlachten und Siege geoͤffnet habe? Meinen Sie, ich werde ſo gefaͤllig ſeyn, meine Soldaten mit verkehrtem Gewehr uͤber den Rhein, die Alpen und Pyrenaͤen zuruͤckzufuͤhren und durch Unterzeichnung eines Vertrags, der eigentlich nichts, als eine vollſtaͤndige Kapitulation iſt, mich wie einen Narren meinen Feinden ausliefern und fortan nur mit ihrer Erlaubniß leben? Wie! in dem Au⸗ genblick, wo meine Armeen ſiegreich vor den Thoren von Berlin und Breslau ſtehen, ſchmeichelt ſich Oe⸗ ſterreich mit der Hoffnung, ohne daß ein Schwert ge⸗ zogen wird, mich zu einer ſolchen Abtretung zu ver⸗ moͤgen? Es iſt empoͤrend, nur daran zu denken. Und iſt es mein Schwiegervater, der mir dergleichen zumuthet? Hat Er Sie zu mir geſchickt? In wel⸗ che Stellung will er mich vor die Augen des franzoͤ⸗ ſiſchen Volkes bringen. Er irrt ſich ſeltſam, wenn er meint, ein verſtuͤmmelter Thron koͤnne in Frankreich ſeiner Tochter und ſeinem Enkel Schutz gewaͤhren?— Nun Metternich, was gibt Ihnen England dfie daß Sie mir den Krieg erklaͤren?“ Der oͤſterreichiſche Miniſter verſchmaͤhte es, ſich gegen eine ſo grobe Beſchuldigung zu vertheidigen, und antwortete nur mir einem Blicke der Verach⸗ tung und Entruͤſtung. Ein tlefes Stillſchweigen folgte, waͤhrend dem Napoleon und Metternich mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abgingen, 7. 795 ohne einander anzuſehen. Napoleon ließ den Hut fallen, vielleicht um ſich aus der Verlegenheit zu ziehen. Aber Metternich war zu tief beleidigt, um eine Hoͤflichkeit zu erweiſen, und der Kalſer war ge⸗ noͤthigt ihn ſelbſt aufzuheben. Napoleon nahm das Geſpraͤch gemaͤßigter wieder auf und ſagte, er ver⸗ zweifle noch nicht ganz am Frieden. Er beſtand dar⸗ auf, der Kongreß ſollte verſammelt und die Frie⸗ densunterhandlungen, auch wenn die Feindſeligkeiten wieder begaͤnnen, nicht geſtoͤrt werden. Und wie ein vorſichtiger Kaufmann, der elnen Handel abmacht, fluͤſtterte er Metternich zu,„ſein Anerbieten mit Il⸗ lyrien ſey nicht ſein letztes Wort.“ Er hatte aber wirklich ſein letztes Wort geſpro⸗ chen und beide, er und Metternich, hatten ſich gegen⸗ ſeitig durchſchaut. Metternich hatte alles ausgeſchla⸗ gen, wodurch Oeſterreich von der gemeinſchaftlichen Sache abwendig gemacht werden ſollte, und Buona⸗ parte als eine Beleidigung alles zuruͤckgewieſen, was ihn zu gleichem Range mit den uͤbrigen Souverainen Eüropas ernledrigt haͤtte;; er wollte Cafar ſeyn oder nichts. Die unterhandlungen verſprachen deßwegen keinen beſſern Ausgang, weil er einen der einfluß⸗ reichſten oſtetreichiſchen S Staatsmaͤnner formlich be⸗ leldigt harte. Die Wahrſcheinlichteit des Ftiedens ſchlen geringer als je. Demzufolge benahm ſich der Kongreß zu Praß auf eine fehr zoͤgetnde und ausweichende Weiſe. Dle 96 Verſammlung ward auf den z5ten Juli feſtgeſetzt, und die Aufloͤſung bis zum 10ten Auguſt aufgeſcho⸗ ben, um fuͤr die Vereinigung der beſtrittenen An⸗ ſpruͤche Zeit zu laſſen. England hatte es abgelehnt, ſich mit dem Waffenſtillſtande zu befaſſen, indem es ſich uͤberzeugt erklaͤrte, daß Napoleon nie vernuͤnftige Bedingungen eingehen wuͤrde. Caulaincourt, dem Buonaparte das Hauptgeſchaͤft uͤbertragen hatte, er⸗ ſchlen erſt am 25ſten Juli, abgehalten, wie er vor⸗ gab, durch ſeine Dienſte als Palaſtoffizier. Oeſter⸗ reich hielt die Unterhandlungen durch den Vorſchlag hin, daß die uͤbrigen Bevollmaͤchtigten nicht unmit⸗ telbar, ſondern nur durch das Organ des Vermitt⸗ lers mit einander unterhandeln ſollten. Es erhoben ſich noch andere Streitigkeiten, und es ſcheint in der That, es ſey allen Parteien mehr darum zu thun geweſen, zum Behuf der Kriegsruͤſtungen Zeit zu gewinnen, als die kurze, zur Feſtſetzung der Frie⸗ densartikel eingeraͤumte Friſt zu benuͤtzen. Endlich erſt am 7ten Auguſt brachte Oeſterreich ſeinen, Frie⸗ densvorſchlag zum Vorſchein, deſſen Grundlagen fol⸗ gende waren: 1) Die Aufloͤſung des Großherzog⸗ thums Warſchau und deſſen Theilung unter Ruß⸗ land, Preußen und Heſterreich. 19) Die Wiederherſtel⸗ lung der Hanſeſtaͤdte in ihrer frͤhern Unabhaͤngig⸗ keit. 3) Die Wiederherſtellung der preußiſchen Mo⸗ narchte, welche die Elbe zur Grenze haben ſollte. † Die Zuruͤckgabe der Seeſtadt Trieſt und rdere illy⸗ 97 riſchen Provinzen an Oeſterreich. Die Emancipatlon von Spanien und Holland, wobei England, das am Kongreß keinen Theil nahm, vorzuͤglich betheiligt war, ward fuͤr jetzt nicht in Anregung gebracht, aber der Berathung beim allgemeinen Frieden vorbehal⸗ ten. In dem Schlußartikel ward beliebt, daß der Zuſtand aller europaͤiſchen Staaten, der kleinen wie der großen, wie er durch den Frieden geſtaltet wer⸗ den duͤrfte, von allen verbuͤrgt und nur durch die Zuſtimmung von allen modlficirt werden ſolle. Buonaparte erbot ſich ſeinerſeits zu Vielem, aber groͤßtentheils unter Bedingungen, die bewieſen, wie ungern er ſich zu dieſen Opfern verſtehe, und daß er wohl gar die Abſicht habe, einige ſeiner Zu⸗ ſagen bei einer guͤnſtigen Gelegenheit wieder zuruͤck⸗ Zzunehmen. Napoleon wollte 1) das Großherzogthum Warſchau fahren laſſen, jedoch unter der Bedingung, daß Dan⸗ zig nach Schleifung ſeiner Feſtungswerke zu einer freien Stadt erklaͤrt und daß Sachſen wegen des Großherzogthums auf Koſten Preußens und Oeſter⸗ reichs entſchaͤdigt werde. 2) die Herausgabe der il⸗ lvpriſchen Provinzen ward zugeſagt, der Seehafen von Trieſt aber vorbehalten. 3) ſollte das Gebiet des Rheinbundes bis an die Oder ausgedehnt und endlich das Gebiet von Daͤnemark garantirt werden. Ehe dieſe verſpaͤtete Genehmigung einiger For⸗ derungen der Alllirten in Prag eintreffen konnte, W. Scott's Werke. LVII. 7 98 war der 10te Auguſt, der Tag, an welchem der Waf⸗ fenſtillſtand zu Ende ging, bereits verſtrichen und Oeſterreich zu den Alliirten uͤbergegangen. In der Nacht vom oten auf den Ilten ſtiegen auf allen Hoͤhen zwiſchen Prag und Trachenberg, wo ſich das 3 Hauptquartier des Kaiſers von Rußland und des Koͤ⸗ nigs von Preußen befand, Raketen in die Luft, und verkuͤndeten dieſen Souverainen durch ihr ſtrahlen⸗ des Feuer, daß der Waffenſtillſtand aufgehoben ſey. Metternich und Caulaincourt ſetzten ihre Unter⸗ handlungen fort, und Napoleon ſchien den Frieden, mit dem er bisher nur ſein Spiel getrieben hatte, auf einmal ernſtlich zu wuͤnſchen. Metternich beſtand auf der Forderung von Trieſt und der Hanſeſtaͤdte. Er verwarf die Ausdehnung des Rheinbundes, als eine zur Unzeit vorgebrachte, faſt laͤcherliche Forde⸗ rung und verlangte die gleichbaldige Erklaͤrung der unabhaͤngigkeit Deutſchlands und der Schweiz. Buonaparte willigte endlich in Alles. Haͤtte er ſich am 28ſten Juni gegen Metternich oder vor dem loten Auguſt gegen den Kongreß in dieſem Sinne geaͤußert, ſo haͤtte der Friede zu Stande kommen muͤſſen. Es iſt wahrſcheinlich, daß er ſich in dieſe Bedingungen, die er fuͤr demuͤthigend hielt, nicht ſo leicht finden konnte, oder daß er dieſe Zugeſtaͤnd⸗ niſſe zu einer Zeit, wo ſie wahrſcheinlich verworfen werden mußten, nur in der Abſicht gemacht hat, um einetſelts den Krieg fortſetzen zu kͤnnen und ——— 99 andererſeits bei ſeinen Unterthanen dafuͤr zu gelten, daß er den Frieden gewollt habe. Man hat hinwiederum, und zwar, wie es ſcheint, mit gutem Grund, behauptet, daß die Alliirten ihrer⸗ ſeits durch die Nachricht von der entſcheidenden Schlacht von Vitrorig, durch welche die Armee von Wellington zunaͤchſt gegen Frankreich disponibel wurde, beſtimmt worden ſeyen, auf großen Forderungen zu beſtehen⸗ Dieſelbe Nachricht machte guch großen Eindruck auf Napoleon, der den Marſchall Soult, einen ſeiner faͤ⸗ higſten Generale, ſofort au die ſpaniſche Grenze ab⸗ gehen ließ, um den ſiegreichen Feldherrn aufzuhalten und wenigſtens das franzoͤſtſche Gebiet gegen eine Invaſton zu decken.*) — *) Die Entſendung des Marſchalls Soult veranlaßte einen Vorfall, der dem militäriſchen Hofe Napoleons Stoff zum Lachen gab. Da Soult bei der Armee in Deutſchland ange⸗ ſtellt war, ſo kam er durch ſeine neue Beſtimmung in den Fall, ſeine Pferde verkaufen und in der Eile noch andere beſchwerliche Opfer bringen zu müſſen. Seine Gemahlin, die Herzogin von Dalmatien, die eben ſo vielen Muth hatte, als der große Krieger, dem ſie angetrant war, trat keck vor den Kaiſer, um ihm vorzuſtellen⸗ daß ihr Genrahl im Dienſt viel zu ſehr angeſtrengt worden ſey, als daß man ihn jetzt in die Pyrenäen ſchicken könnte.„Gehen Sie Madame,“ ſagte Napoleon eenſthaft,„bedenken Sie, daß ich nicht Ihr Gemahl bin und daß Sie, wenn ich es auch wäre, nicht ſo mit mir umgehen dürſten. Gehen Sie und bedenken Sie, 7 Fuͤnftes Kapitel. Beſtand und Stellung der franzöſiſchen Armee bei der Wiedereröff nung der Feindſeligkeiten.— Die Alliirten.— Beiderſeitiger Opera⸗ tionspian.— Moreau kommt aus Amerika zurück und begibt ſich in das Hauptquartier der Verbündeten.— Angriff der Verbünde⸗ ten auf Oresden am asſten Auguſt.— Napoleon rückt zu Hül⸗ fe.— Schlacht am a27ſten.— Tod des Generals Moreau.— Niederlage und Rückzug der Verbündeten mit großem Verluſt. — Napoleon kehrt wegen einer Unpäßlichkeit nach Dresden zu⸗ rück.— Vandamme greift die Verbündeten zu Kulm an;— wird nach Peterswalde zurückgeworfen.— Sonderbares Gefecht zwiſchen den Franzoſen und Preußen auf den Höhen von Peters walde.— Vandamme wird mit großem Verluſte geſchlagen und gefangen genommen.— Wirkung des Sieges von Kulm auf die Alllirten und auf Napoleon. Waͤhrend des Waffenſtillſtandes waren die Frie⸗ 3 denshoffnungen nie ſo groß geweſen, daß dadurch die Kriegsruͤſtungen auch nur einen Augenblick ins Stok⸗ ken gerathen waͤren. 1 Napoleon, der, wie wir wiſſen, Dresden zum Drehpunkte ſeiner Operationen machen wollte, hatte Allem aufgeboten, um dieſe ſchoͤne Hauptſtadt in eine daß es die Pflicht einer Fran iſt, ihrem Manne beizuſtehen, nicht ihn zu quälen.“ Dies war(mit aller Achtung für die Dame, die vielleicht mit Recht ungehalten ſeyn konnte⸗ ſey es geſagt) Napoleons Methode, ein böſes Weib zu bändigen. 5 4 * — — — 101 Art von Feſtung zu verwandeln. Alle Baͤume in der Umgegend, mit Einſchluß derjenigen in den oͤf⸗ fentlichen Gaͤrten und Spaztergaͤngen, waren umge⸗ hauen und bei dem Bau einer Reihe von Redouten und Feldſchanzen verwendet worden, die, durch Graͤ⸗ ben und Palliſaden verſtaͤrkt, die Stadt vertheidi⸗ gungsfaͤhig machen ſollten. Außer Dresden und den benachbarten Burgfeſten beſaß aber der franzoͤſiſche Kaiſer noch die ſehr feſten Plaͤtze, Torgau, Witten⸗ berg, Magdeburg und andere, die, an der Elbe ge⸗ legen, ihm das ſchoͤne und reiche Thal dieſes Fluſſes ſicherten. Er hatte in der beruͤhmten Stellung von Pirna ein verſchanztes Lager anlegen und bei Koͤnigs⸗ ſtein eine Schiffbruͤcke uͤber die Elbe ſchlagen laſſen, um dieſe Bergfeſte mit dem Fort von Stolpen in Verbindung zu bringen. Dies zeigte, daß Napoleon eines Angriffs vom boͤhmiſchen Gebirge her gewaͤr⸗ tig war, hinter welchem die Oeſterreicher ihre Armee aufgeſtellt yatten. Auf dieſem, im voraus bereite⸗ ten Schlachtfelde verſammelte Napoleon die jungen Conſcribirten, die fortwaͤhrend von der franzoͤſiſchen Grenze heranwogten und die zufolge einer ſehr gluͤck⸗ lich gedachten Einrichtung die Pflichten ihres neuen Berufs in derſelben Zeit kennen lernten, in welcher ſie mit den Waffen in der Hand zum erſten Mal ins Feld zogen.*). * Nach genau berechneten Befehlen trafen die kleinen Rekru tenabtheilungen, von verſchiedenen Punkten oder Deyors von 10²2 Im Anfang des Auguſts hatte Napoleon gegen 250,000 Mann in Sachſen und Schleſien verſammelt. Dieſe graße Streitmacht war ſo aufgeſtellt, daß ſie dem Feinde uͤberall, wo er Truppen zeigte, die Stirn: bot. Zu Leipzig ſtanden 60,000 Mann unter Oudi⸗ not; zu Loͤwenberg, Goldberg, Bunzlau und andern Staͤdten an der ſchleſiſchen Grenze kommandirte Macdonald 100,000 Mann. Eine Armee von 50,000 Mann befand ſich in der Lauſitz bei Zittau. St. Cyr ſtand mit 20,000 Mann in der Gegend von Pirna, um die boͤhmiſchen Gebirge und die Thaͤler, die ſich in das Elbethal ausmuͤnden, zu beobachten. In Dresden ſelbſt lag der Kaiſer mit ſeiner Garde, der Bluͤte ſeiner Armee, die ſich auf 25,000 Mann be⸗ lief. Außer dieſen Schaaren hatte Napoleon eine bedeutende Armee in Itallen, unter dem Vicekoͤnig Eugen und eine Reſerve von 25,000 Baiern unter dem General Wrede. Faſt alle ſeine alten Feld⸗ herren, die ſo oft fuͤr ſeine Sache gefochten und ge⸗ ſiegt hatten, waren fuͤr dieſen wichtigen Krieg her⸗ 2 der Grenze ausgehend, auf beſtimmten Plätzen zuſammen und wurden dort, nach Maßgabe als ihre Zahl anwuchs, erſt in Kompagnien, dann in Bataillons und zuletzt in Re⸗ gimenter abgerheilt, ſo daß ſie nach einander den Kompag⸗ nie⸗, Bataillons⸗ und Regimentsdienſt lernten. Wenn ſte bei der Armee einrückten, hörte dieſe temvoräre Organiſation auf, die Marſchbataillons wurden aufgelöst und die Con⸗ ſcribirten den alten Linienregimentern zugetheilt, wo ſie die vorläufig eingeübte Kriegssucht ſich vöuig aneigneten. 03 beigerufen und ſelbſt Murat, der mit ſeinem Schwa⸗ ger nicht ſehr gut ſtand, kam aus ſeiner ſchoͤnen Hauptſtadt Neapel herbei, um das Vergnuͤgen zu haben, ſeinen Saͤbel gegen ſeine alten Freunde, die Koſacken, zu ſchwingen. Die Ruͤſtungen der Alllirten waren nicht weni⸗ ger großartig. Der Beitritt der Oeſterreicher hatte in Boͤhmen 120,000 Mann zu ihrer Verfuͤgung ge⸗ ſtellt. Hiezu kamen 80,000 Ruſſen und Preußen, welche die ganze Macht auf 200,000 Mann brachten. Schwarzenberg war zum Oberfeldherrn dieſer ſoge⸗ nannten großen Armee der Allifrten gewaͤhlt wor⸗ den— eine gluͤckliche Wahl, nicht nur weil dadurch dem oͤſterreichiſchen Kaiſer, der in einem ſo kritiſchen Augenblicke der Coalition beigetreten war, ein paſ⸗ ſendes Kompliment gemacht wurde, ſondern auch we⸗ gen der militaͤriſchen Talente, des trefflichen Ver⸗ ſtandes, richtiger Beurtheilung und dem geſaͤlligen . Weſen von Schwarzenberg. Dieſe Eigenſchaften kann zwar kein General entbehren, derjenige bedarf der⸗ ſelben aber ganz beſonders, dem die kißliche Aufgabe geworden iſt, eine Armee, die aus Truppen verſchie⸗ dener Staaten beſteht, zu befehligen. Dieſes große Heer lag in und um Prag hinter dem Erzgebirge, bereit, Sachſen zu uͤberziehen, ſobald ſich eine Ge⸗ legenheit zeigen wuͤrde, Dresden zu uͤberrumpeln. Eine zweite, aus 80,00 Ruſſen und Preußen beſtehende Armee, die man die ſchleſiſche Armer 104 nannte, war von Bluͤcher befehligt und zunaͤchſt zur Vertheidigung der ſchleſiſchen Grenze und der Straße nach Breslau beſtimmt. Naͤher an den Thoren von Berlin ſtand der Kronprinz von Schweden mit einer Armee von 30,500 Schweden und etwa 60,000 Preu⸗ ßen und Ruſſen; jene waren von Buͤlow und Tauen⸗ zien, dieſe von Winzingerode und Woronzoff befeh⸗ ligt. Außer dieſen Armeen befand ſich Walmoden mit einem Korps von 30,000 Ruſſen, Preußen und inſurgirten Deutſchen zu Schwerin im Herzogthum Mecklenburg. Hiller beobachtete mit 40,000 Oeſter⸗ reichern die italieniſche Armee des Vicekoͤnigs und der Fuͤrſt von Reuß ſtand den Baiern unter Wrede mit einer gleich großen Streltmacht gegenuͤber. Die Verbuͤndeten hatten einen eben ſo vorſich⸗ tigen, als kraͤftigen Operationsplan verabredet. Man glaubt, er ſey urſpruͤnglich von dem Kronprinzen von Schweden entworfen und von dem beruͤhmten Mo⸗ reau nachher durchgeſehen und gebilligt worden. Die⸗ ſer berühmte franzoͤſiſche General war durch die Lage der Dinge in Europa und durch die Einladung Ruß⸗ lands beſtimmt worden, Amerika zu verlaſſen, ſich in das Lager der Verbuͤndeten zu verfuͤgen, und ſeine ganze Kenntniß der Krtegskunſt, durch die er ſich ſo ſehr auszeichnete, den Alliirten nuͤtzlich zu machen. Dieſer ſein Uebertritt en das Lager der Feinde Frankreichs iſt von einigen mit vielem Ta⸗ len als die Haudlung einer Patrioten, der dem in 105 ſeinem Vaterlande aufgekommenen Despotismus ein Ende zu machen wuͤnſchte, vertheldigt, von andern dagegen ſtrenge getadelt worden; letztere haben be⸗ hauptet, Moreau ſey als Feind gegen ſein Vater⸗ land aufgetreten, um ſich wegen der Mißhandlungen, die er von deſſen Herrſcher erlitten hatte, zu raͤchen. Bei der moraliſchen Wuͤrdigung dieſes Falles kommt es auf einen Umſtand an, der ſich unſerer Kennt⸗ niß entzieht, naͤmlich auf die Abſicht Moreau's. Er hatte nicht, wie Bernadotte von ſich fagen konnte, in einem fremden Lande ſolche Rechte erworben und ſolche Verbindlichkeiten uͤbernommen, durch welche die natuͤrlichen Anſpruͤche ſeines Geburtslandes be⸗ ſeitigt worden waͤren. Aber in den Augen der Pa⸗ trioten iſt er gerechtfertigt, wenn ſein letzter Zweck der war, Frankreich zu einer vernuͤnftigen Freiheit unter einer geſetzlichen Regierung zu verhelfen, und dies ſoll wirklich der Fall geweſen ſeyn. Jede an⸗ dere Abſicht wuͤrde ihn des Verbrechens ſchuldig ma⸗ chen, die Pflichten gegen ſein Vaterland ſeiner Pri⸗ vatrache aufgeopfert zu haben. Er wurde jedoch, beſonders von dem ruſſiſchen Kaiſer, hochgeehrt und ſeine Gegenwart in Beziehung auf die Fuͤhrung des Kriegs mit Recht als ein großer Gowinn fuͤr die Alliirten angeſehen. So vielen kriegsverſtaͤndigen Maͤnnern, von de⸗ nen beſonders zwei ſich auf die franzoͤſiſche Kriegs⸗ weiſe trefflich verſtanden, fiel es eben nicht ſchwer, 1⁰⁶6 den Operationsplan Napoleons in dem gegenwaͤrtigen Feldzuge zu erroͤthen. Es konnte ihnen nicht ent⸗ gehen, daß er im Sinne habe, ſeine zahlreiche und treffliche Garde nach Umſtaͤnden mit irgend einer ſeiner an der ſaͤchſiſchen Grenze aufgeſtellten Armeen, wo ſich ein Angriffspunkt darbot, zu vereinigen und ſo zermalmend uber den Feind herzufallen, der zu⸗ naͤchſt vor ihm ſtand, wie ein gehetzter Tiger ſich auf einen der Jaͤger wirft, die ihn mit vorgeſtreckten Spee⸗ ren umzingelt haben. Um einer ſolchen Angriffs⸗ weiſe zu begegnen, durch welche die alliirten Armeen leicht haͤtten in die Gefahr gerathen koͤnnen, einzeln und nach einander aufgerieben zu werden, ward be⸗ ſchloſſen, daß derjenige General, auf den Buonaparte zunaͤchſt losgehen wuͤrde, die angebotene Schlacht durchaus nicht annehmen, ſondern, vor dem Kaiſer zuruͤckweichen und ihn ſo weit wie moͤglich hinter ſich fortziehen ſolle, waͤhrend die andern Armeen der Al⸗ lilrten in ſeinem Ruͤcken vorruͤcken, ſeine Verbin⸗ dungslinien faſſen und ihn zuletzt auf allen Seiten einſchließen wuͤrden. Letzteres war insbeſondere die Aufake der gro⸗ ßen, von Schwarzenberg befehligten Armee, die ge⸗ gen die Angriffe Napoleons durch die boͤhmiſchen Gebirge gedeckt war und ſich leicht auf Dresden wer⸗ fen konnte, wenn Napoleon dieſe Stadt auch nur auf einen Augenblick ungedeckt verlleß. Bluͤcher war der Erſte, der, aus Schleſien vor⸗ 107 brechend und die Armeen von M aedonald und Ney bedro⸗ hend, Napoleon veranlaßte, beiden mit ſeiner Garde und einer großen, von Latour⸗Maubourg befehligten Reiter⸗ maſſe zu Huͤlfe zu kommen. Er verließ Dresden am 15ten Auguſt, ging auf mehreren Schiffbruͤcken uͤber den Bober und ruͤckte, das Korps von Macdonald vor⸗ ſchiebend, mit reißender Schnelligkeit vorwaͤrts. Aber der preußiſche Feldherr hielt ſich genau an den ver⸗ abredeten Plan. Er machte einen bewundernswuͤr⸗ digen Ruͤckzug uͤber die Katzbach, ſcharmuͤtzelte nur mit den Franzoſen, wobei die Verbuͤndeten einigen Vortheil hatten, und nahm zuletzt eine Stellung an der Neiße bei Jauer, um Schleſien und deſſen Haupt⸗ Ktadt zu decken. Am ziſten Auguſt erfuhr Napoleon, daß, waͤh⸗ rend er die Preußen verfolge, Dresden in der groͤß⸗ ten Gefahr ſey, genommen zu werden. Seine Gar⸗ den erhielten ſofort Befehl, nach Sachſen zuruͤckzu⸗ kehren. Er ſelbſt begab ſich am 23ſten in aller Fruͤhe auf den Weg. Es war hohe Zeit, denn Schwarzen⸗ berg, bei dem ſich die Souveraine von Rußland und Preußen und General Moreau befanden, hatte das Erzgebirge z nruͤckgelegt und die große Armee auf dem linken eibenfer verſammelt. Dieſe war bereits in der Naͤhe von Dresden, dem Waffenplatze Napo⸗ leons und dem Drehpuukte ſeiner Operationen. Der Kaiſer wies daher den Marſchall Macdonald an, die ſchleſiſche Armee im Zaum zu halten und brach mit 4 108 dem Kern ſeiner Armee nach Dresden auf, wo er, ſo ſehr er ſich auch ſputete, kaum noch zur rechten Zeit ankam. General St. Cyr, der mit 20,000 Mann zunuc geblieben war, um die boͤhmiſchen Paͤſſe zu beobach⸗ ren, ſah ſich außer Stand, ſeine Stellung gegen ei⸗ nen ſechs⸗ bis ſiebenmal ſtaͤrkern Feind zu behaup⸗ ten. Er warf ſich mit ſeinen Truppen nach Dres⸗ den, in der Hoffnung, mit Huͤlfe der neuerlich auf⸗ geworfenen Verſchanzungen die Stadt bis zur An⸗ kunft Napoleons vertheidigen zu koͤnnen. Die Alli⸗ irten, die auf ihrem Marſche nur wenig Widerſtand gefunden hatten, entwickelten ihre gewaltige, in vier Kolonnen abgetheilte Armee am 25ſten Auguſt des Nachmittags um vier Uhr vor der Stadt und ſchritten ſofort zum Sturme. Gelang es ihnen, Dresden zu nehmen, ehe Buonaparte ihm zu Huͤlfe kommen konnte, ſo war der Krieg ſo zu ſagen geen⸗ det, weil ſie dann auf ſeiner Verbindungslinie mit Frankreich ſtanden und ihn von allen ſeinen Huͤlfs⸗ quellen abſchnitten. 1 Der Angriffsplan war vortrefflich, aber in der Ausfuͤhrung benahmen ſich die Alllirten nicht thaͤtig genug. Das Zelchen zum Sturm haͤtte ſogleich ge⸗ geben werden ſollen, aber man wartete noch auf die Ankunft des Korps von Klenau und verſchob deßwe⸗ gen den Angriff bis auf den folgenden Morgen. Am z6ſten bei Tagesanbruch ruͤckten die Ver⸗ —-——— ———,— 1090 buͤndeten in ſechs Kolonnen unter furchtbarem Feuer auf die feindlichen Verſchanzungen an. Sie nahmen die große Redoute bei dem Thore von Dippoldis⸗ walde und bald darauf eine andere und draͤngten die Franzoſen auf allen Punkten; die Granaten und Kugeln fielen in großer Menge auf die Straßen und Haͤuſer der erſchreckten Stadt; und Gouvion St. Cyr, der ſich wie ein Held benahm, und alle ſeine Reſerven ins Feuer brachte, fuͤhlte nachgerade, daß er nicht Leute genug habe, um ſo ausgedehnte Werke zu behaupten. In dieſer Kriſe, wo alles an eine Uébergabe dachte, ſah man auf dem rechten Elbeufer zahlreiche Kolonnen mit der Schnelligkeit eines Berg⸗ ſtroms der Stadt zueilen, uͤber ihre praͤchtigen Bruͤk⸗ ken heranwogen, ſich durch ihre Straßen draͤngen, um zur Vertheidigung der faſt uͤberwaͤltigten Stadt kraͤftig mitzuwirken. Man ſah den Sohn des Schick. ſals mitten unter ſeinen Soldaten, die durch die ge⸗ waltigen Maͤrſche von der ſchleſiſchen Grenze her nicht erſchoͤpft ſchienen und mit lautem Geſchrel vor den Feind gefuͤhrt zu werden verlangten. Napoleon ver⸗ weilte einen Augenblick in dem koͤniglichen Palaſte um den Koͤnig von Sachſen, der wegen ſeiner Haupt⸗ ſtadt beſorgt war, zu beruhigen; ſeine Truppen zo⸗ gen indeſſen durch die Stadt und hielten auf der weſtlichen Seite derſelben bei jenen Ausgaͤngen, wo ſie gegen den Feind vorbrechen ſollten. Es fanden zwet Ausfaͤlle unter Ney und Mor⸗ 110 tier in Gegenwart des Kaiſers Statt. Die eine Colonne kam aus dem plauener Thore, die andere aus dem pirnaer Thor; jene griff die linke, dieſe die rechte Flanke der Alltirten an. Die Preußen wurden aus einem offenen Platze, dem ſogenannten großen Garten, der vor den Verſchanzungen lag, ver⸗ trieben, und das Gefecht nahm bereits eine an⸗ dere Geſtalt an, indem die Alliirten ſich von den Punkten, die ſte vor kurzem noch ſo heftig angegrif⸗ fen hatten und die jetzt von den neuen Ankoͤmmlin⸗ gen beſetzt waren, zuruͤckzogen. Sie blieben jedoch einander gegenuͤber und die beiderſeitigen Schild⸗ wachen bis zum naͤchſten Morgän einander ganz nahe. Am 2 ſten Auguſt ward die Schlacht, ungeachtet — des Regens, der in Stroͤmen herabfiel, in einem Gewitterſturme erneuert. Napoleon, mit der ihm eigenen unubertrefflichen Gewandtheit manoͤvrirend, ließ feine jetzt faſt bis auf 200,000 Mann angewach⸗ ſenen Truppen aus den verſchiedenen Thoren in faͤ⸗ cherartig divergirenden Kolonnen gegen die ſchwaͤch⸗ ſten Punkte in der Stellung der Alliirten vorruͤcken. Auf dieſe Weiſe machte er einen Angriff auf die bei⸗ den Flanken des Feindes, wobei ihm das Unwetter, das ſeine Vewegungen dem Feinde verbarg, ſehr zu Statten kam. Auf dem linken Fluͤgel gewann er ei⸗ nen Vortheil durch eine große Luͤcke, die in der Li⸗ nie der Verbuͤndeten gelaſſen war, um die Diviſton † 111 Klenau aufzunehmen, welche bereits, aber von An⸗ ſtrengung und Unwetter ermattet und erſchoͤpft und mit faſt unbrauchbar gewordenen Musketen, im Anzug war. Die Kanonade dauerte indeſſen ohne Unter⸗ brechung auf beiden Seiten fort, nur eine Batterie der jungen Garde ſtellte ihr Feuer ein. Als Napo⸗ leon dies bemerkte, ließ er durch General Gourgaud nach der Urſache fragen und erfuhr von dieſem, daß die Kanonen zu tief ſtaͤnden, um das feindliche Feuer auf der jenſeitigen Anhoͤhe mit Vortheil zu erwie⸗ dern, und daß die Kugeln der franzoͤſiſchen Batterie meiſt in den Boden fuͤhren.„Es hat nichts zu ſa⸗ gen, nur gefeuert, war des Kaiſers Antwort, wir muͤſſen den Feind auf dieſem Punkt beſchaͤftigen.““ Dies geſchah, und eine außerordentliche Bewegung zunter den Truppen auf dem Huͤgel ließ vermuthen, daß jemand von hohem Range getroffen worden feyn muͤſſe. Napoleon dachte, es ſey Schwarzenberg. Er bedauerte ihn und fuͤgte zufolge eines ihm eigenen Aberglaubens hinzu:„Er war alſo das durch den un⸗ gluͤcklichen Brand auf jenem Vall angeſagte Opfer 2*) Ich habe denſelben immer fuͤr ein Vorzeichen gehal⸗ ten; jetzt iſt es klar, wer gemeint war.“ Den andern Morgen brachte ein Bauer umſtaͤnd⸗ lichere Kunde. Einem hohen Offizier waren durch die fatale Kugel beide Beine zerſchmettert worden. ») Bei der Vermählungsfeier von Napoleon und Marie Louiſe Siehe 7ter Band. 112² Man hatte ihn auf Lanzen, die als Tragbahre die⸗ nen mußten, vom Schlachtfeld weggebracht. Der Kaiſer von Rußland und der Koͤnig von Preußen zeig⸗ ten den groͤßten Schmerz und Kummer. Der Mann hatte das Windſpiel des gefallenen Offiziers mitge⸗ bracht, auf deſſen Halsband der Name Moreau zu leſen war. Dieſer große General ſtarb wenige Tage nachher, nachdem ihm beide Beine abgenommen wor⸗ den, wobei er die groͤßte Standhaftigkeit bewies. Sein perſoͤnlicher Werth und ſeine Talente waren unbeſtritten, und diejenigen, die, kuhner als wir, ſein Betragen in der letzten Zeit mit dem des Coriolanus oder des Connetabel von Bourbon vergleichen, werden doch geſtehen muſſen, daß er, wie dieſe großen Maͤn⸗ ner, ſeinen Fehler durch einen fruͤhzeitigen und ge⸗ waltſamen Tod geſuͤhnt haatt. Moreau ſoll den Angriffsplan auf Dresden ent⸗ worfen haben. Sein Tod mußte die Ausfuͤhrung deſ⸗ ſelben demnach ſtoͤren. Die Alliirten hatten aber noch uͤberdies auf die Abweſenheit Napoleons und eine ſchwache Vertheidigung des Platzes gerechnet. Keines von beiden war der Fall; Napoleons ploͤtzli⸗ che Ankunft an der Spitze einer, wenn anch nicht zahlreichen, doch auserleſenen Armee hatte die Na⸗ tur des Kampfes ganz veraͤndert. In demſelben Au⸗ genblick, wo ſie anzugreifen gedachten, mußten ſie ſich zur Wehre ſetzen; ihre Truppen, beſonders die Deſterreicher, die in fruͤheren Zeiten ſo manche ſchrecr . iche 113 liche Lehre von Napoleon erhalten hatten, verloren den Muth. Wenn es ihnen auch gelungen waͤre, die Franzoſen nach Dresden zuruͤckzuwerfen, ſo haͤt⸗ ten ſie doch aus Mangel an Magazinen nicht laͤnger vor demſelben ſtehen bleiben koͤnnen. Der Schwei⸗ zer Jomini, ein durch ſeine ſtrategiſchen Kenntniſſe beruͤhmter Offizier, der vor kurzem aus Napoleons Dienſt in den des Kaiſers Alexander getreten war, ſchlug den kuͤhnen Plan vor, waͤhrend des Gefechts die Armee eine Frontveraͤnderung machen zu laſſen und den linken franzoͤſiſchen Fluͤgel mit aller Macht anzugreifen, was dem Schickſal des Tages vielleicht eine audere Wendung gegeben haben wuͤrde. Allein dieſes Experiment erſchien, nicht ohne Grund, zu kuͤhn fuͤr eine entmuthigte und in Unordnung ge⸗ brachte Armee. Man beſchloß daher den Ruͤckzug, der wegen des Wetters, wegen des ſchlechten Zuſtan⸗ des der Straßen und wegen des Aufdringens der Franzoſen ſehr mißlich werden mußte. Der Koͤnig von Neapel ſtand bereits auf der Straße, die in weſt⸗ licher Richtung uͤber Freiberg nach Boͤhmen fuͤhrt, und Vandamme hatte ſich mit einer ſtarken Diviſiou auf derjenigen aufgeſtellt, die uͤber Pirna an der Elbe aufwaͤrts zieht. Da die beiden Hauptſtraßen ſolchergeſtalt den Alllirten verſchloſſen waren, ſo blieb ihnen nichts ub: ig, als ſich zwiſchen denſelben auf allen vorhandenen Nebenwegen zuruͤckzuziehen. Dieſe ſchon an und fuͤr W. Scott's Werke. LVII, 8 114 ſich ſehr ſchlechten Gebirgswege waren aber durch das Unwetter faſt ungangbar geworden. Die Alliir⸗ ten wurden von den Franzoſen in jeder Richtung verfolgt und verloren, was ſeit einiger Zeit ſelten geworden war, eine große Anzahl von Gefangenen. Die Franzoſen zaͤhlten ſieben⸗ bis achttauſend Todte und Verwundete, die Alllirten wenigſtens eben ſo viel und uberdies noch 13⸗ bis 15,000 Gefangene, mei⸗ ſtens Oeſterreicher, wie ſolches von Buturlin bezeugt wird. Die Franzoſen berechnen dagegen den Verluſt der Alllirten auf 50,000 Mann, was offenbar uͤber⸗ trieben iſt; doch duͤrfte die Haͤlfte davon den eigent⸗ lichen Verluſt wohl nicht uͤberſteigen. Es iſt jedoch auf⸗ fallend, daß die Alliirten von mehr als hundert Ka⸗ nonen die ſie mitgebracht hatten, auf ſo ſchlechten Wegen nicht mehr als ſechsundzwanzig verloren ha⸗ ben ſollen. Demungeachtet hatte die Schlacht, wie keiner von Napolevns neueſten großen Siegen, wich⸗ tige Folgen. Sie war das letzte ungemiſchte Ge⸗ ſcheuk des Gluͤcks an ſeinen langjaͤhrigen Guͤuſtling und hatte die reißende Schnelligkeit und die Alles uͤberwaͤltigende Kraft eines unerwarteten Donner⸗ ſchlags. Zu Ende dieſes glaͤnzenden Tages kehrte Napo⸗ jeon zu Pferde nach Dresden zuruͤck. Sein grauer Ueberrock, ſein abgekraͤmpter Hut waren ganz durch⸗ naͤßt. Er rritt ein unanſehnliches, gar nicht ſtattlich ausgeruͤſtetes Pferd, und ſtach auch durch ſeinen lin⸗ 115 kiſchen Sitz gar ſehr gegen Murat ab, der ein un⸗ uͤbertrefflicher Reiter und an Schlachttagen ſtets mit theatraliſcher Pracht gekleidet war. Der ehrwuͤrdige Koͤnig von Sachſen empfing ſeinen Befreier mit Entzuͤcken, denn Napoleon war dies wenigſtens fuͤr ihn, wenn auch nicht fuͤr die Sach⸗ ſen. Napoleon benahm ſich nach der Schlacht edel⸗ muͤthig; er ließ Geld unter die Buͤrger von Dres⸗ den, die durch die Kanonade gelitten hatten, verthei⸗ len, und fuͤr die Verwundeten und Gefangenen der feindlichen Armee trefflich ſorgen. Am naͤchſten Morgen war der raſtloſe Mann ſchon wieder zu Pferd, um ſeinen Sieg erſchoͤpfend zu be⸗ nutzen. Er ließ die Alliirten auf den abſcheulichen Wegen, die ſie hatten einſchlagen muͤſſen, beharrlich⸗ verfolgen und nicht zur Ruhe und Beſinnung kom⸗ men. Selbſt die unverwuͤſtlichſte Organiſation wuͤrde die ungeheuren Anſtrengungen Napoleons in dieſen drei oder vier letzten Tagen nicht haben aushalten koͤnnen. Er war beſtaͤndig dem Sturm ausgeſetzt geweſen, und hatte ſelten Nuhe oder Erfriſchung genoſſen. Auch ſoll ihm der gierige Genuß eines gro⸗ ben und unverdaulichen Geruͤchts geſchadet haben.*) *) um genau zu ſeyn,— eine mit Anoblauch gefüllte Ham⸗ melsbruſt war das einzige Gerücht, das ſeine Diener am a7 ſien für ihn auftreiben konnten Mahoened, ein Liebling Napoleons erkrankte auch einmal durch den Genuß dieſer ſchwerverdaulichen Spei e; aber die Hammelsbruſt hatte die . 116 Durch das eine oder das andere, oder durch alles zuſammengenommen, murde Napoleon ſehr unpaß und genoͤthigt, im Wagen nach Dresden zurſck⸗ zukehren⸗ ſtatt zu Pirna im Bereich ſeinen Trup⸗ pen zu bleiben, um ihre Bewegungen zu leiten. Die franzoͤſiſchen Offiziere, wenigſtens einige von ihnen, ſchreiben vorzuͤglich dieſen Umſtaud dem kritiſchen und hoͤchſt unerwarteten Unfall zu, der ſeine Waffen um dieſe Zeit betraf. Am 29ten Auguſt verfolgten dle Franzoſen noch immer ihre Vortheile. Der Koͤnig von Neapel, Marmont und St. Cyr draͤngten zufolge des ihnen gewordenen Auftrags die Kolonnen der Allltren. Ein Armeekorps von ungefaͤhr 30,000 Mann war dem General Vandamme anvertraut worden, deſſen Ge⸗ ſchicklichkeit, entſchloſſene Tapferkeit und Thaͤtigkeit man Gerechtigkeit widerfahren ließ, der aber von den Deutſchen wegen ſeiner Rohheit und Raubſucht verabſcheut, und wegen ſeiner unbndigen Hartnaͤckig⸗ keit von ſeinen Waffenbruͤdern nicht geliebt wurde). Güte, den arabiſchen Propheten vor ſich ſelbſt zu warnen, je 8 doch erſt, nachdem er bexeits zu viel von ihr gegeſſen hatte. ) Vandamme ſoll, wie uns Abbe de Pradt berichtet, in Warſchau einem Geiſtlichen, dem Sekretär des Biſchofs⸗ eine Maulcchelle gegeben haben, weit zibm dieſer keinen tokayer Wein geben wollte, obgleich der arme Mann zu, ſeiner Entſchuldigung anführte, daß der König Hierony⸗ mus den Tag vorher den ganzen Keller geleert habe. Na⸗ 117 Dieſer Mann, der mit den beſten Offizieren Napoleons manche gute Eigenſchaften gemein hatte, aber auch die Fehler und die Laſter derſelben hoͤchſt auffallend uͤbertrieb, ſollte gleichſam das Signal zu den Unfaͤllen geben, die ſeinen Gebieter in dieſem Feldzuge trafen. Vandamme war bis Peterswalde, einem Ge⸗ birgsſtaͤdrchen, vorgeruͤckt, indem er eine kleine ruſſiſche Kolonne, die aber aus den trefflichſten Sol⸗ daten beſtand, und von dem Grafen Oſtermann be⸗ fehligt wurde, auf ihrem Ruͤckzuge nach Toͤplitz vor ſich hertrieb. Dieſe Stadt war der Ruͤckzugspunkt der geſchlagenen Armee, von welcher einige Kolonnen nur eben ſo viele Haufen von Fluͤchtlingen waren. Wenn Vandamme das kleine Korps von Oſtermann ſchlug und ſich dieſer Stadt bemaͤchtigte, ſo ſtand er mit ſeinen 30,000 Mann auf der einzigen, fuͤr das Geſchuͤtz fahrbaren Straße, die nach Prag fuͤhrt, und die Allürten waren alsdann zwiſchen ſeinem Ar⸗ meekorps und den uͤbrigen franzoͤſiſchen Korps, die hinter ihnen folgten, eingeſchloſſen, oder ſie mußten ihr Geſchuͤtz und Gepaͤck im Stiche laſſen, und auf den Gebirgswegen und Fußſteigen, deren ſich die Hirten und Bauern bedienen, zu entkommen ſuchen. Am zoſten des Morgens hatte Vandamme, der poleon ſoll geſagt haben,„er müßte, wenn er zwei Van, damme in ſeinen Dienſten hätte, den einen durch den an⸗ dern aufknüpfen laſſen. 118 einer ſo lockenden Verſuchung nicht widerſteben konnte, die Vermeſſenheit, von der peterswalder Hoͤhe in das Dorf Kulm herabzuſteigen, das zwiſchen Peterswalde und Toͤplitz in einer tiefen Schlucht liegt. Als er gegen Toͤplitz vorruͤckte, hatte er alle Wahrſcheinlich keiten fuͤr ſich. Der Kaiſer von Ruß⸗ land, der Koͤnig von Preußen, ihre Kabinetsräͤthe, alle Zweige des Hauptquartiers der Verbuͤndeten ſchtenen zunaͤchſt in ſeinem Bereiche zu ſeyn; ſchon begannen die von ihm Bedrohten ihr Heil in der Flucht zu ſuchen. Vandamme durfte, wie es ſchien, nur die Hand ausſtrecken, um ſelne Beute zu faſ⸗ ſen. Gelang ihm ſein Vorhaben, ſo war die alliirte Armee voͤllig desorganiſirt und aufgeloͤst, und konnte von den Franzoſen bis nach Prag oder ſelbſt bis nach Wien verfolgt werden. Der franzoͤſiſche Vortrab war noch eine halbe Meile von Toͤplitz, als Graf Oſtermann, der ſich bis dahin langſam zuruͤckgezogen hatte, ploͤtzlich Halt machte, und wie ein wilder, gehetzter Eber den hartnaͤckigſten, unbeugſamſten Widerſtand zu lei⸗ ſten begann. Er hatte, wie geſagt, wenige, aber treffliche Soldaten, die zu der kaiſerlichen Garde gehoͤrten, und jetzt von ihm belehrt wurden, daß die Sicherheit ihres Vaters, wie die Ruſſen ihren Kaiſer liebevoll nennen, von der Behauptung ihres Poſtens abhaͤnge. Nie hat ſich das Wort Frie⸗ drichs II,, daß man die Ruſſen zwar niedermachen, —,— —,— 119 aber nicht zum Weichen bringen koͤnne, glaͤn⸗ zender bewaͤhrt; ſie ſtanden feſt, wie ein Fichten⸗ wald im Ungewitter, waͤhrend Vandamme eine Schaar nach der andern herabfuͤhrte, um ſeine wuͤ⸗ thenden und wiederholten Angriffe zu unterſtuͤz⸗ zen, bis er endlich ſeine letzte Reſerve von der das Schlachtfeld uͤberragenden Hoͤhe von Peterswalde herabgebracht und in der tiefen Schlucht zwiſchen Kulm und Toͤylitz zuſammengedraͤngt hatte. Der tapfere Oſtermann hatte im Gefecht einen Arm ver⸗ loren, die Schaar ſeiner Grenadiere ſchrecklich gelit⸗ ten, aber die noͤthige Zeit war gewonnen. Barclay de Tollv, der ſich dem Schauplatze des Kampfes naͤ⸗ herte, brachte die erſten Kolonnen der Ruſſen zu ih⸗ rer Unterſtuͤtzung; auch Schwarzenberg ſandte Ver⸗ ſtaͤrkungen, und Vandamme zog ſich beim Einbruche der Nacht, von der Mehrzahl uͤberwaͤltigt, nach Kulm zuruͤck. 4 Die Klugheit gebot den Franzoſen, ſich waͤhrend der Nacht auf die Hoͤhen von Peterswalde zuruͤckzu⸗ ziehen. Allein Vandamme, der wahrſcheinlich das Eintreffen einer der in der Verfolaung begriffenen franzoͤſiſchen Kolonnen abwarten wollte⸗blieb die ganze Nacht uͤber in der Schlucht von Kulm. Indeſſen fanden ſich immer groͤßere Schaaren von den durch dieſe Gebirgspaͤſſe ziehenden Korps unter den⸗Fah⸗ nen von Schwarzenberg und Barclay ein, und der Angriff wurde am zoſten mit Tagesanbruch mit ſo 120 uͤberlegenen Kraͤften gegen die franzoͤſiſche Kolonne erneuert, daß aller Widerſtand vergebens war. Van⸗ damme ſchickte ſich daher an, ſich wieder auf die pe⸗ terswalder Hoͤhen zuruͤckzuziehen. Aber in dieſem Augenblick trat einer der ſonderbarſten Zufaͤlle ein, die dieſen ereignißvollen Krieg auszeichneten. Unter den Armeekorps, die ihren Weg durch das Gebirg nahmen, um ſich mit der Hauptmacht ſo gut es anging, zu vereinigen, war auch das preußlſche Korps des Generals Kleiſt, das ſich, um der Verfol⸗ gung von St. Cyr zu entgehen, in den Schoͤnwald geworfen hatte, und nun aus demſelben in der Ge⸗ gend von Peterswalde vorbrach, wohin ſich Vandamme in demſelben Augenblick zuruͤckzog. Als daher ſeine Truppen die Hoͤhe hinanſtiegen, ſahen ſie auf dem Kamm derſelben auf einmal preußiſche Truppen, aber in einer ſolchen Unordnung, daß man glauben mußte, ſie ſeyen ſo eben einer dringenden Gefahr entgangen oder auf einem offenſiven Marſche degriffen. Als die Preußen die Franzoſen anſichtig wur⸗ den, glaubten ſie, daß die letzteren ſie abſchneiden wollten; ſtatt daher auf der Hoͤhe aufzumarſchiren und Vandamme zu ermarten, beſchloßen ſie, wie es ſcheint, demſelben den Berg herab entgegen zu ge⸗ hen, ſich durch ſeine Truppen durchzuſchlagen und nach Toͤplitz zu dringen. Die Franzoſen ihrerſeits, die ſich den Weg verſperrt ſahen, gedachten mit dem Korps von Kleiſt eben ſo zu verfahren, wie dieſes — 4 1 121 mit ihnen verfahren wollte. Waͤhrend alſo die Preu⸗ ßen mit dem groͤßten Ungeſtuͤm den Berg herab ka⸗ men, beeilten ſich die Franzoſen, von dem Muthe der Verzweiflung, der ihnen den Vortheil des Bo⸗ dens erſetzte, beſeelt, denſelben zu erſteigen. Wie wenn zwei wuͤthende Volkshaufen, die in einem tiefen und engen Hohlwege an dem Abhange eines Berges auf einander ſtoßen, ſo prellten die beiden Korps auf einander. Der Anlauf der franzoͤ⸗ ſiſchen Reiterei unter Corbineau war ſo verzweifelt, daß viele oder die meiſten Reiter durchbrachen, ob⸗ gleich ſie auf dem ſteilen Abhange unter andern Umſtaͤnden kaum einen Trab haͤtten anſchlagen koͤn⸗ nen; das preußiſche Geſchuͤtz gerleth auf einen Au⸗ genblick in die Haͤnde der Franzoſen, die einen gro⸗ ßen Theil der Bedienungsmannſchaft niedermachten. Die Preußen faßten ſich jedoch bald wieder, und die Haufen, die wieder handgemein wurden, fochten nicht ſowohl um zu ſiegen oder zu toͤdten, als um ſich durchzuſchlagen und in entgegengeſetzten Richtungen zu entkommen. Es entſtand ein voͤlliger Wirrwar. Die preußiſchen Generale befanden ſich mitten unter den Franzoſen, die franzoͤſiſchen Offizlere mitten un⸗ ter den Preußen. Aber die ruſſiſche Armee, die Vandamme verfolgte und von hinten erſchien, machte dem Gefecht ein Ende. Die Generale Vandamme, Haxo, Guyot wurden mit 2 Adlern und 7000 Solda⸗ ten gefangen genommen; außerdem erlitt man einen 122 großen Verluſt an Todten und Verwundeten und das franzoͤſiſche Korps wurde auseinander geſprengt. Doch fauden ſich in der Folge viele wieder bei ihren Adlern ein. Der Sieg von Kulm, ein in militaͤriſcher Hin⸗ ſicht ſo unerwartetes und wichtiges Ereigniß, war wegen ſeiner moraliſchen Wirkung auf die Alliirten von unſchaͤtzbaren Folgen. Vor dieſem ſo gluͤcklich ausgefallenen Gefechte war ihr Ruͤckzug der einer zer⸗ ſprengten Armee; die Offiziere und Soldaten klagten uͤber ihre Generale, dieſe uͤber einander. Aber jeßt war es ganz anders. Sie konnten Siegeslieder anſtimmen und ſich dabei auf den eroberten Artillerietraln und die langen Zuͤge von Gefangenen berufen. Das Kriegs⸗ geſchrei war wieder an der Tagesordnung und die Hoff⸗ nung auf Befreiung verbreitete ſich in Deutſchland im⸗ mer weiter. Die uͤbrigen franzoͤſiſchen Armeekorps da⸗ gegen wurden durch das Los des Korps von Vandamme eingeſchuͤchtert und machten auf dem Ruͤcken des boͤhmi⸗ ſchen Gebirges Halt, den Vortheil des Sieges von Dresden nicht weiter verfolgend. Der Koͤnig von Neapel hielt zu Sayda, Marmont zu Zinnwalde, St. Eyr zu Liebenau; das Hauptquartier des Kat⸗ ſers Alexander blieb zu Toͤplitz. Napoleon vernahm die Kunde von dieſem ſo un⸗ erwarteten Ungluͤck mit jener unerſchuͤtterlichen Ru⸗ he, die eine ſeiner merkwuͤrdigſten Eigenſchaften war. —— — „—— V 4 123 General Corbineau, der den merkwuͤrdigen Reiter⸗ angriff bergaufwaͤrts angeordnet und ausgefaͤhrt hat⸗ te, ſtellte ſich dem Kaiſer in dem Zuſtande vor, in welchem er vom Schlachtfelde entkommen war, mit ſeinem eigenen und des Feindes Blut bedeckt, einen Preußiſchen Saͤbel in der Hand, den er im Dickicht des Handgemengs gegen ſeinen eigenen vertauſcht hatte. Napoleon hoͤrte ihn gelaſſen an und ſagte: „Man ſollte einem fliehenden Feind eine goldene Bruͤcke bauen und wo dies, wie in Vandammes’s Fall, nicht thunlich iſt, ihm ein eiſernes Bollwerk entge⸗ genſetzen.“ Hierauf unterſuchte er auf das genaueſte die an Vandamme erlaſſenen Verhaltunzsbefehle, um zu ſehen, ob nicht etwa ein eingeſchlichener Fehler den General zu ſeinem falſchen Schritte veranlaßt habe. Aber es fand ſich darin nichts, was ſein Vorruͤcken jenſeits Peterswalde haͤtte rechtfertigen oder entſchul⸗ digen koͤnnen, wenn gleich die Moͤglichkeit, Toͤplitz zu nehmen, als eine ſtarke Verſuchung anerkannt werden muß. „So geht es im Kriege,“ ſagte Buonaparte⸗ in⸗ dem er ſich gegen Murat wandte;„am Morgen hoch droben, vor der Nacht tief unten. Sieg und Unter⸗ gang liegen nur einen Schritt von einander.“ Dann ſah er auf die Karte, die vor ihm lag, nahm einen Zirkel zur Hand und ſagte wie im Traume folgende Verſe her 124 Pai servi, commandé, vaincu quarante années; Du monde entre mes mains j'ai vu les destinées, Et j'ai toũjours connu qu'en chaque évenement Le destin des états dépendait d'un t.* *) Ich habe vierzig Jahre gekämpft, geboten, geſiegt, das Schick⸗ ſal der Welt in meiner Hand gehabt, aber immer geſehen, daß das Los der Staaten nur von einem Augenblick ab⸗ hänge. 85 Einladung zur Subſcription auf eine allgemein nuͤtzliche und wohlfeile 8 Volks⸗Bibliothek. In der Verlagsbuchhandlung der Gebruͤder Franchh in Stuttgart erſcheinen im Laufe des Jahres 1827 u. 1828 folgende allgemein nuͤtzliche und in⸗ tereſſante Werke: Hiſtoriſcher Bilderſaal, —j für 1 alle Staͤnde herausgegeben 5 in Verbindung mit mehreren Gelehrten von & Dr. Karl von Rotteck, Großberzoglich Baden'ſchem Hofrath und profeſtor. Jedes Bändchen in Oktavformat broſchirt zu 18 Krenzer oder 5 Groſchen ſächſ. 1 6 Es iſt eines der bedeutſamen und zugleich hoffnungsreichen * Zeichen der Zeit, daß die Neigung der Leſewelt mehr und mehr von frivoler zu ernſter Lekrure ſich wendet, und daß zumal die Geſchichte mit ihren hohen Bildern ſo Manche jeßt aniieht, die ehedeſſen nur gern auf den blumigen Feldern der Romane ſich ergiengen. Jede literariſche Exſcheinung, die auf Befriedi⸗ gung ſo edlen Geſchmackes abzweckt, darf ſich einer wohlwolten. den Aufnahme getröſten, wofern ſie nach Geiſt und Form gebil⸗ deter Leſer nicht unwürdig iſt. Auch längſt bekannte Geſchich⸗ ten läßt man gerne von Neuem ſich vorführen, wenn ſie nach ihrem höheren Intereſſe zu wiederholtem Verweilen bei ihnen 2 einladen, oder wenn ein neuer Standpunkt ihrer Beſchauung auch neue Parthien oder neue Verhältniſſe darſtellt, Alſo wird ein an Schönheiten reiches Land immerdar mit ſich wiederho⸗ lender Freude bereiſet, und der ſinnige Wanderer zeichnet gern in ſeine Gedächtnißtafeln einige der anziehendſten, überraſchend⸗ ſten, oder reichſten Anſichten und Landſchaften ein, um dadurch ſeinen eigenen Genuß dauerhafter zu machen, und ihn gleichge⸗ ſtimmten Freunden mitzutheilen.— Der hiſtoriſche Bilderſaal, deſſen Eröffnung wir hiemit ankünden, enthält eine ſolche An⸗ zahl ausgewählter Zeichnungen, ſämmtlich aus den bekannteren und wohl von allen unſern Leſern ſchon wiederholt bereisten Raumen; doch auch ſämmtlich von der Art, daß jede wieder⸗ bolte Beſchauung mit erneuertem Genuſſe lohnt und jede Ver⸗ änderung des Standpunktes neue Anſichten darbietet. Sie ſind alle in verwandtſchaftlicher Verührung mit den großen Erſchei⸗ nungen der Gegenwart, mit den verhängnißreichen Lehren, Wün⸗ ſchen, Bedürfniſſen und Befürchtungen, welche die neu ſte Zeit bewegen und über ganz Euko ja über die Welt, alle beſ⸗ ſern Gemüther füllen. Sie ſind ſämmtlich bedeurungsvoll, ſpre⸗ oljen gleichmäßig zu den Königen, wie zu den Voölkern, zeigend, hier wie die Herrſchaft und dort wie die Freiheit errungen, be⸗ hauptet und verloren vird, jenes durch Mäßigung, Gerechtig⸗ keit, Weisheit, dieſes durch Engherzigkeit, Unrecht und Ueber. treibung. Es ſind für's erſte dreizehn Bilder gewählt worden, de⸗ ren Intereſſe ſich wohl ſchon durch die Ueberſchrift ausſpricht und daher keiner weitern Empfehlung bedarf. 1) Geſchichte der Inquiſition. Es kann nur heilſam ſeyn, die vollendeten Schrecken dieſer ſcheuß⸗ lichen Ausgeburt des Fanatismus und der Tyrannei ſich zu ver⸗ gegenwärtigen; denn dieſelben werden und müſſen wieder keh⸗ ren, wenn nicht das Soſtem geſetzl ich begründerer Freiheit über die Anmaßungen der Gewalt den Steg erringt. Wahrlich! nichts iſt natürlicher verbunden, daher nichis conſequenter, als der ver⸗ bundene Ruf:„Abſolutismus und Inquiſition!“ 2) Die Geſchichte des unglücklichen Johann Huß und des Conſtanzer Conciliums unterhält unſern Abſcheu gegen das Reich der Finſterniß; und durchdrungen von ihm begreift man klarer Geiſt und Wohlthat der Kirchenreformation, und begleitet man mit erhöhtem Intereſſe 3) den Heldenkampf der Nieederlaͤnder fuͤr ihre Beſreiung vom ſpani⸗ ſchen Joch. Dieſes dritte Gemälde muß auch in der drangvollſten Zeit ei⸗ nen tröſtenden Eindruck geben. 4) Auch die Geſchichte der Bildung der Schweizer'ſchen Eidgenoſſenſchaft, das vierte Bild in unſerer Galerie, wird den Freunden der Frei⸗ beit wiltkommen ſeyn; der eigenthümliche Neiz deſſelben, wie jene des herrlichen Schweizerlandes erhalt ſich auch bei taglicher Be⸗ trachlung.— Als minder erfreuende, doch aleich lehrreiche Ge⸗ genſtücke folgen 5) und 6), die Geſchichte des Bauernkrieges in Teutſchland und jene der Ligue in Frankreich; weier verunglückter und des Verunglückens werther Unternebh⸗ mungen, dort eines durch Mißhandlung in Wutb gebrachten Volkshaufens, hier einer theils herrichtuchtigen, theils fanati⸗ ſchen Partei, Schlechtigkeit der Fuhrung dort, und Schlechtig⸗ keit der Zwecke hier erklaren den Ausgang und laſſen uns ſelbſt ihn wünſchen. Dagegen ſprechen 7) und 8) die Geſchichte der Vertreibung der Stuarts und jene der nordame rikaniſchen Revolulion. ein reines, ächt humanes und bürgerfreundliches Intereſſe an⸗ als die glorreichſten, entſcheidendſten, mackelfreiſten und fruchte⸗ reichſten Triumphe des Rechts über die Anmaßung, und als höchſt impoſante Lehren für despoliſche Machthaber. Auch 9) Geſchichte des verhängnißreichen Feldzugs wider Rußland im Jahr 1812, und 10): Blicke auf Napoleon in ſeiner Verbannung auf St. Heleua bieten ſolche Lehren— wohl auch Stoffe zu hochwichtigen Ver⸗ gleichungen— dar, und roͤnnen für fühlende Gemüther nur von vielfach erſchütternder Wirkung ſeyn. An das Ende der Galerie(unt. 11) 12) u. 13) werden wir drei Gemaͤlde aus der vaterländiſchen Geſchichte ſetzen, die Geſchichtr des„ teutſchen Adels, die des teutſchen Staͤdteweſens, und die der teutſchen Bauern. Wem es angelegen iſt, ſeine eigene Stellung im Vaterland zu kennen, mehr noch, wer über Gegenwart und Zukunft Teutſch⸗ lands, ſey es vom rechtlichen oder vom politiſchen Standpunkt zu urtheilen, vernünftige Wunſche oder Ahnungen zu hegen, oder auch mit mehr oder weniner zahtender Stimme zu ſprechen begehrt, dem muß jene dreifache Geſchichte koſtbar, jedenfalls eine willkommene Leuchte ſeyn. Wenn wir dieſem unſerm hiſtoriſchen Bilderſaal die Gunſt des gebildeten Publikums aller Stände, insbeondere auch der edleren Jugend und ihrer Erzieher verſprechen, ſo berechtigt uns dazu außer der Natur jeines Inhaltes auch der Name der Her⸗ ren Mitarbeiter, welche, wie Müͤnch, Pabl⸗Pfaff, Schnel⸗ ler, v. Theobald u. A. ſchon lange ſich der Achtung und Liebe der Geſchichtfreunde erfreuen und nur in zeitgemäßer, nach 1 33 und Wahrheit gehender Richtung zu arbeiten gewöhnt ind. Der Bilderſaal wird aus einer Reihe von fünſzig Bändchen beſtenen, wovon monatlich 1— 2 in Oktav acheftet, erzcheinen werden. Um dieſes Werk, an deſſen Spitze der als Hiſtoriker und als Publiziſt gleich hochgeachtete Herr Hofrath bvon Rott⸗ eck ſteht, in Jedermanns Hände gelangen zu laſſen haben wir den Subſeriptionsvreis(18 Kreuzer oder 5 Groſchen Säch⸗ ſiſch für das geheftete Bändchen) autfs Billigſte genellt. Sub⸗ ſcribenten⸗Sammtern, namentlich den Herren Lehrern, welche fur ihre Schüler auf dieſes Werk zu ſubſeribiren wünſchen, ber winigen wir auf zehn Exemplare das eilfte frei.