f 4— b 2——== Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Leseprei jedem Tag 5 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zuruckerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 4 41 und Zurückſendung „— 1 5„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Geſahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 18 2 7. — Leben von Napoleon Buonaparte. — Erſtes Kapitel. Murat kündet den Waffenſtillſtand auf.— Er wird von den Ruſſen angegriffen und geſchlagen.— Napoleon verläßt Moskau am 19ten Oktober.— Blutiges Treff n bei Malo⸗Yarowslavetz. — Napoleon kommt bei einer Recognoscirung in große Gefahr. — Er zieht ſich nach Vereia zurück, wo er mit Mortier und der jungen Garde zufammentrifft.— Winzingerode wird gefan gen genommen und von Buonaparte ſchlecht behandelt.— Der Kremlin wird von den Franzoren durch angelegte Minen ge ſprengt.— Napoleon ſetzt ſeinen Rückzug nach Polen fort.— Schreckniſſe deſſelben.— Gefecht bei Wiazma am 3ten Novem⸗ ber, worin die Franzoſen 4000 Mann verlieren.— Sie gehen bei Nacht über den Bach von Wiazma zurück— Schickſale des Vicekönigs von Italien.— Er kommt am 13ten in großer Noth nach Smolensk.— Buonaparte trifft mit der vorderſten Divi⸗ ſton der großen Armee daſelbſt ein.— Skizze des unheilvollen Rückzugs von N⸗y.— Die ganze franzöſtiche Armee verſammelt ſich zu Smolensk.— Rückblick auf die Geſchichte der beiden Flügelkorps.— Vorſichtiges Benehmen des Fürſten von Schwar zenberg.— Winzingerode, der nach Paris gebracht werden ſoll⸗ wird unterwegs von den Koſacken befreit.— Tſchitſchakoff beſetzt Minsk am raten November; Lambert, einer ſeiner Generale, nimmt Borizoff nach einem hitzigen Gefechte.— Gefahrvolle Lage von Napoleon. Es fiel nicht ſchwer, die Auffuͤndung des Waf⸗ fenſtillſtandes von Muratausgehen zu laſſen, was fuͤr Kutuſof allerdings ein Vortheil war, in ſoferne er, wenn er den Waffenſtillſtand aufgekuͤndet haͤtte, den plan, mit dem er umging, den Franzoſen verrathen haben wuͤrde. Ein Koſacke, der auf Murat Feuer gab, als ſich dieſer auf den Vorpoſten zeigte, brachte, wie man es haben wollte, dieſen hitzigen Krieger in Harniſch und beſtimmte ihn, den ruſſiſchen Offfzieren zu erklaͤren, daß der Wafefenſtillſtand nicht laͤnger be⸗ ſtehe, worauf die Ruſſen die Feindſeligkeiten zuerſt anfingen. Das Lager, oder die Stellung von Woronowo, die Murat beſetzt hielt, war auf dem rechten Fluͤgel und in der Mitte durch einen Bach gedeckt, der in einer tiefen Schlucht fließt, zufolge ſeines veraͤnder⸗ ten Laufes aber den groͤßten Theil des linken Fluͤ⸗ gels unbedeckt ließ. Dieſer ſtand auf einer kleinen Ebene, die durch ein vorliegendes Gehoͤlze maskirt war. Murat hatte die Reiterei und die Diviſion von Poniatowski, im Ganzen genommen mehr als dreißigtauſend Mann, unter ſeinen Befehlen. Es iſt ſonderbar, daß der Koͤnig von Neapel, der, wie aus den an ſeinen Schwager erſtatteten Meldungen erhellet, eines Angriffs gewaͤrtig war, es doch ver⸗ ſaͤumt hat, in der mit Wald begrenzten Ebene Feld⸗ wachen und Vedetten aufzuſtellen. Allein die Fran⸗ zoſen waren durch ihr lange anhaltendes Gluͤck ge⸗ woͤhnt, ihre Feinde zu verachten und einen Ueber⸗ — 7 fall als eine Art von Schimpf zu betrachten, den ſie nicht zu befuͤrchten haͤtten. Der Angriffsplan der Ruſfen war trefflich ange⸗ legt; waͤre er mit dem gehoͤrigen Geſchick ausgefuͤhrt worden, ſo haͤtte das ganze Korps von Murat auf⸗ gerieben werden muͤſſen. Der Angriff, den Graf Orloff⸗Dennizoff mit zwei Kolonnen auf Murat's linken Fluͤgel machte, gelang vollkommen; aber zwei andere Kolonnen, die denſelben haͤtten unterſtuͤtzen ſollen, kamen etwas zu ſpaͤt; die Polen von Ponia⸗ towski leiſteten auf dem rechten Fluͤgel den glorreich⸗ ſten Widerſtand und retteten dadurch das Korps von Murat von einem gaͤnzlichen Untergange. Doch war es eine voͤllige Niederlage; der Koͤnig von Nea⸗ pel verlor ſein Geſchuͤtz, ſeine Stellung, ſein Gepaͤk⸗ ke, zweitauſend Todte und fuͤnfzehnhundert Gefan⸗ gene. Die franzoͤſiſche Reiterei, mit Ausnahme der⸗ jenigen, die zur Garde gehoͤrte, war faſt ganz auf⸗ gerieben. Alles, was die Ruſſen in dem feindlichen Lager ſahen, zeugte von der aͤußerſten Noth, in der ſich die Franzoſen befanden. Abgezogene Katzen und Pferdefleiſch waren die Leckerbiſſen, die man in der Kuͤche des Koͤnigs von Neapel vorfand. Der 18te Oktober war der Tag, an welchem Buonavarte, erſt durch Geſchuͤtzesdonner und bald darauf durch einen Offizier, Kunde von dieſem Un⸗ fall erhielt. Bei dieſer Nachricht fand er auf ein⸗ mal ſeine ganze Thatkraft wieder, die in den Ta⸗ 8 gen, die er unſchluͤſſig in Moskau zugebracht, wie eingeſchlummert zu ſeyn ſchien. Ohne ſich lange zu beſinnen, ſtroͤmte er ſofort aus der Fuͤlle ſeines Ge⸗ nies die zur Unterſtuͤtzung von Murat noͤthigen Be⸗ fehle aus— Befehle, die, das Ganze wie das Ein⸗ zelne umfaſſend und bei aller Verſchiedenheit doch ineinandergreifend und zuſammenſtimmend, einen vollendeten Operationsplan bildeten. Ein Theil der Armee brach noch in derſelben Nacht auf; der an⸗ dere trat ſeinen Marſch am folgenden Morgen an. Eine Beſatzung blieb unter Mortier als Nachtrab im Kremlin zuruͤck, was zu beweiſen ſcheint, daß Na⸗ poleon damals noch nicht an einen gaͤnzlichen Ruͤckzug dachte. Am 19ten Oktober verließ der Kaiſer Moskau noch vor Tagesanbruch, nach einem Aufenthalt von vierunddreißig Tagen.„Auf, nach Kaluga!“ ſagte er;„wehe denen, die mir in den Weg kommen!“ In dieſen wenigen Worten lag ſein ganzer Ruͤckzugs⸗ plan, der darauf berechnet war, die Armee von Ku⸗ tuſof zu ſchlagen oder doch zum Ruͤckzug zu zwingen, und dann auf der noch unverſehrten Straße von Ka⸗ luga, Medyn, Ynkowo, Ellnta undnSmolensk nach Polen zuruͤckzukehren. Die franzoͤſiſche Armee, die ſich jetzt wie eine belebte Maſſe durch das ſuͤdliche Thor von Moskau wand und hiezu mehrere Stunden gebrauchte, zaͤhlte ungefaͤhr noch hundert und zwanzigtauſend Mann, —,— — 9 die noch ziemlich gut ausgeruͤſtet waren und in gu⸗ ter Ordnung marſchirten. Es folgten ihr nicht we⸗ niger als fuͤnfhundert und fuͤnfzig Geſchuͤtze, eine zu ihrem Beſtand ganz unverhaͤltnißmaͤßige Anzahl, und zweitauſend Artilleriefuhrwerke. In ſeweit gewaͤhrte der Zug einen kriegeriſchen und imponirenden An⸗ blick. Aber weiter hinten ſah man ein buntes Ge⸗ draͤnge von vielen taufend Feldbedienten, Marke⸗ tendern, Nachzuͤgtern und Gefangenen, die die Beute der Sieger auf ihren Schultern tragen oder auf Kar⸗ ren fortſchieben mußten. Es folgten dieſem Zuge auch franzoͤſiſche Fami⸗ lien aus Moskau, von der dortigen ſogenannten franzoͤſiſchen Kolonie, die, da ſie mit Sicherheit nicht laͤnger in Moskau bleiben konnten, ſich ihren Lands⸗ leuten angeſchloſſen hatten. Auch ſah man eine un⸗ zaͤhlige Menge von Fuhrwerken aller Art durchein⸗ ander gemiſcht, mit dem Gepaͤcke der Armee, der Beute von Moskau und mit den Trophaͤen beladen, die Napoleon fuͤr Paris beſtimmt hatte. Das Ganze glich, wie Ségur ſagt, auf eine hoͤchſt auffallende Weiſe einer Horde Tartaren, die von einer gluͤckli⸗ chen Invaſion zuruͤckkehren. Es fuͤhren, wie bereits bemerkt worden, drei Straßen von Moskau nach Kaluga. Die mittlere oder alte Straße geht uͤber Woronowo oder Ynko⸗ wo, wo Murat neuerlich geſchlagen worden, und uͤber Tarutino, wo die große ruſſiſche Armee im Lager 10 ſtand. Napoleon legte auf dleſer Straße einen Tag⸗ marſch zuruͤck, als waͤre er geſonnen, die Armee von Kutuſof in der Fronte anzugreifen; am folgenden Tage ging er von dieſer Straße wieder ab, um auf Seitenwegen die oͤſtliche oder neue Straße von Ka⸗ luga zu gewinnen, auf derſelben uͤber die linke Flanke der Stellung von Tarutino hinauszugehen, dann wieder won der neuen Straße in die alte einzulen⸗ ken und ſo ſich der Staͤdte Borowsk und Malo⸗Ya⸗ rowslavetz, die auf derſelben Straße, im Suͤden von Tarntino, liegen, zu bemaͤchtigen. Durch dieſes Mandver ſollte die ruſſiſche Stellung umgangen und vermieden, und die Hauptmacht des franzoͤſiſchen Kaiſers zwiſchen Kutuſof und Kaluga gebracht wer⸗ den, wo ihr die fruchtbaren ſuͤdlichen Provinzen of⸗ fen geſtanden waͤren. Am 24:ſten kam der Kaiſer mit ſeinem Haupt⸗ körps nach Borowsk, wo er erfuhr, daß die Dlviſion Delzons, die ſeinen Vortrab bildete, Malo⸗Yarows⸗ lavetz, ohne Widerſtand zu finden, beſetzt habe. Bis dahin ſchien ihm alles, was er wuͤnſchte, gelungen zu ſeyn. 1 4 Sobald Kutuſof inne ward, daß er Gefahr laufe, von Kaluga abgeſchnitten zu werden, ſaͤumte er nicht, das Manoͤver Napoleons mit einem Gegenmandͤver zu erwiedern. Er ſandte die Generale Doktoroff und Raefskoi mit einer ſtarken Diviſion in ſuͤdlicher Richtung mit dem Auftrag voraus, die Stellung von „ ☛‿— 11 Malo⸗Yarowslavetz zu beſetzen oder dieſelbe noͤthi⸗ genfalls dem Feinde wieder abzunehmen. Er ſelbſt folgte mit der Hauptarmee auf der Straße von Lee⸗ tazowo, und beſchleunigte ſeinen Marſch ſo ſehr, daß er den Franzoſen zuvorkam und ſich ſuͤdlich von Ma⸗ lo⸗Yarowslavetz wieder zwiſchen Napoleon zund Ka⸗ luga aufſtellen konnte. Malo⸗NYarowslavetz eignet ſich zu einem feſten Poſten. Die Stadt liegt auf einem ſteilen, durch ſenkrechte Vorſpruͤnge abgetheilten Huͤgel, und be⸗ herrſcht einen Grund, in welchem die Luja fließt. Auf dem noͤrdlichen Ufer der Luja, zunaͤchſt bei der Bruͤcke, die uͤber dieſen Bach fuͤhrt, iſt eine kleine Ebene mit einigen Huͤtten, wo Delzons mit ſeiner Diviſion ein Bivouak bezog, nachdem er die Stadt zum Behuf ihrer Vertheidigung und zur Beobachtung des Feindes mit zwei Batalllons beſetzt hatte. Um vier Uhr des Morgens, als, mit Ausnahme von ei⸗ nigen Schildwachen, Alles noch im tiefen Schlafe lag, brachen die Ruſſen mit fuͤrchterlichem Geſchrei aus ihren Waͤldern hervor und warfen die Schild⸗ wachen auf die Vorpoſten, dieſe auf die Bataillons und die Bataillons den Huͤgel hinab auf die jenſeits der Luja ſtehende Diviſion zuruͤck. Der Donner des Geſchuͤtzes erregte die Aufmerkſamkeit des Vicekoͤnigs, der nur drei Stunden von dem Schauplatze des Ge⸗ fechts entfernt war und mit der Morgendaͤmmerung auf demſelben eintraf. Er fand die Soldaten von Delzons damit beſchaͤftigt, das ſuͤdliche ufer, auf welchem die Stadt liegt, wieder zu gewinnen. Durch ſeine Ankunft ermuthigt, drang Delzons wieder uͤber die Bruͤcke vor, trieb die Ruſſen zurück und kam bis in die Mitte des Staͤdtchens, wo er von einer Ku⸗ gel niedergeſtreckt wurde. Sein Bruder, der den Leichnam des Generals von der Stelle ſchaffen woll⸗ te, ward gleichfalls getoͤdtet. General Guilleminot, der hierauf das Kommando uͤbernahm, warf ſogleich eine ſtarke Abtheilung in die Kirche, die waͤhrend des Gefechts als Zitadelle benutzt wurde. Die Ruſ⸗ ſen kamen noch einmal und warfen Guilleminot bis an die Bruͤcke zuruͤck. Er ward aber von Eugen un⸗ terſtuͤtzt, der nach einigen kleineren Angriffen eine ganze Diviſion ins Gefecht brachte. Mala⸗Yarowslavetz kam jetzt wieder in die Ge⸗ walt der Franzoſen; aber auf der Ebene jenſeits der Stadt ſah man ſchon die ganze Armee von Kutu⸗ ſoff, ungefaͤhr 100,000 Mann ſtark, in einer vortheil⸗ haften Stellung, die ſie durch Verſchanzungen noch zu verſtaͤrken ſuchte. Die Franzoſen wurden von fri⸗ ſchen Truppen wieder in das Staͤdtchen zuruͤckgetrie⸗ ben, das aus hoͤlzernen Hütten beſtand und jetzt im Feuer aufging, ſo daß Malo⸗Yarowslavetz nochmals verlaſſen werden mußte. Die elenden Truͤmmer wur⸗ den fuͤnf Mal genommen und verloren. Als end⸗ lich Napoleon mit dem Hauptkorps ankam, fand er die Franzoſen noch im Beſitze der beſtrittenen Brand⸗ — 13 ſtaͤtte und des ſteilen Ufers der Luja. Aber jenſeits ſtand die zahlreicho ruſſiſche Armee in einer vortheil⸗ haften Stellung verſchanzt und mit vielem Geſchuͤtz bewehrt, ſo daß eine Schlacht durchaus nothwendig. ſchien, um dieſelbe aus ihrer gut gewaͤhlten, durch⸗ Verſchanzungen verſtaͤrkten Stellung zu verdraͤngen. In dem Hauptquartier des Kaiſers, in der Huͤtte eines armen Webers, deren innerer Raum durch ei⸗ nen Vorhang in zwei Theile getheilt war, ward jetzt Kriegsrath gehalten. Hier empfing und erwog Na⸗ poleon die Meldungen ſeiner Generale, unter denen Beſſiéres, nebſt anderen tuͤchtigen Offizieren, die Stellung von Kutuſof fuͤr unangreifbar hielt. Dies war fuͤr ihn ein harter Schlag, und er beſchloß, am folgenden Tage ſich mit eigenen Augen davon zu uͤberzeugen. Als ſpaͤter die Meldung einging, daß die Koſacken, durch die Waͤlder und durch die Nacht beguͤnſtigt, ſich zwiſchen ſein Hauptquartier und ſeine Vorpoſten einſchlichen, wollte er kaum darauf achten. In der erſten Daͤmmerung ſtieg Napoleon zu Pferd, um die Stellung der Ruſſen zu erkunden, und gerieth dabei in die groͤßte Gefahr, Leben oder Freiheit zu verlieren. Als er mit Tagesanbruch, von ſeinen Adjutanten und Ordonnanzen begleltet, durch die am noͤrdlichen Ufer der Luja gelegene Ebene ritt, um an die Bruͤcke zu kommen, ward die Nie⸗ derung auf einmal mit Fluͤchtlingen bedeckt, hinter denen ſich einige ſchwarze Maſſen zeigten. Man 14 glaubte zuerſt den Ruf„Es lebe der Kalſer“ zu ver⸗ neymen, bald aber verkuͤndete das wilde Hurrah der Koſacken und ihr ſchnelles Anruͤcken die Kinder der Wuͤſte.„Es ſind die Koſacken,“ ſagte Rapp, den Zuͤgel des Kaiſers faſſend;„Sie muͤſſen umkehren.“ Napoleon weigerte ſich deſſen, er zog, wie ſein Ge⸗ folge den Saͤbel, und hielt zur Seite der Straße. Rapp's Pferd wurde verwundet und von elnem die⸗ ſer Lanzentraͤger zu Boden geworfen; dem Kaiſer und ſeinem Gefolge, die nicht von der Stelle ruͤck⸗ ten, widerfuhr nichts. Die Koſacken, denen es mehr um Beute als um Gefangene zu thun war, jagten in der Entfernung einer Lanzenlaͤnge an ihnen vor⸗ bei und pluͤnderten einige Wagen, ohne auf die un⸗ ſchaͤtzbare Beute zu achten, die ſo ganz in ihrem Bereiche war. Die Reiterei der Garde, die jetzt an⸗ kam, reinigte die Ebene gar bald von dieſen fluͤchti⸗ gen aber verwegenen und hartnaͤckigen Feinden, ſo daß Napoleon ungehindert fort uͤber den Fluß gehen, das jenſeitige Ufer erſteigen und ſeine Recognoscirung vornehmen konnte. Mittlerwelle zeigten ſich die Ko⸗ ſacken auf ihrem Ruͤckzug eben ſo keck, als bei ihrem Angriff. Sie hielten in den Zwiſchenraͤumen der franzoͤſiſchen Reiterei, um ihre Piſtolen und Kara⸗ biner zu laden; ſie verließen ſich dabei auf den er⸗ ſchopften Zuſtand der franzoͤſiſchen und die Schnel⸗ ligkeit ihrer eigenen Pferde, die ſie mit der Peitſche⸗ autreiben.— 15 Auf der Hochebene jenſeits der Luja ſah Napo⸗ leon 100,000 Ruſſen in elner vortheilhaften, die Straße von Kaluga ſperrenden Stellung vor ſich, und zu ſeiner Rechten Platoff mit 6000 Koſaken und einigem Geſchuͤtz. Zu dieſem Korps gehoͤrte der Pulk, dem er eben begegnet war, und der von den Flan⸗ ken ſeiner Armee mit Beute beladen zuruͤckkam, waͤh⸗ rend andere auf aͤhnliche Streiche zu ſinnen ſchie⸗ nen. Er kehrte, nachdem er genug geſehen, in ſein elendes Hauptquartier zuruͤck. Ein zweiter Kriegsrath ward jetzt gehalten, in welchem Murat und Davouſt ſcharf an einander ge⸗ riethen. Jener rieth zum Angriff, dieſer war dage⸗ gen der Meinung; die Stellung von Kutuſof ſey ſo vortheilhaft, daß ſie ſich Schritt ſuͤr Schritt verthei⸗ digen laſſe. Buonaparte, der ſich genoͤthigt ſah, zwiſchen beiden zu entſcheiden, gab endlich den Be⸗ fäbl zum Ruͤckzug. Dieſer faͤr ihn ſo neue Befehl koſtete ihm aber den ſchrecklichſten Kampf, und er ſchien daruͤber auf einige Augenblicke die Beſinnung zu verlleren. Buonaparte hatte ſich durch eigene Anſchauung uͤberzeugt, daß er nicht weiter vorruͤcken konne, ohne den Koſacken von Platoff, die in großer Anzahl bei Medyn ſtanden, die Flanke zu bieten. Er hatte erfahren, daß andere Koſacken, die von Twer kamen und nicht zu der Armee von Kutuſof, ſondern zu der Diyiſion pon Winzingerode gehoͤrten, in ſei⸗ 16 nem Ruͤcken Moskau bedrohten. Sonach waren die Verbindungslinien der Franzoſen im Weſten und im Norden auf ihrer Flanke wie in ihrem Ruͤcken ge⸗ faßt. Dies ſcheint den Kaiſer zuletzt beſtimmt zu haben, uͤber Vereig und Wiazma auf derſelben Straße, auf der er gekommen war, wieder nach Polen zuruͤck⸗ zukehren. ¹ Es war nicht in der Weiſe Napoleons, in Ge⸗ maͤßheit der Vorſtellungen, die ihm gemacht werden mochten, oder wegen des Zuſammentreffens mißli⸗ cher Umſtaͤnde einen einmal gefaßten Entſchluß wie⸗ der aufzugeben. Auf die Bemerkung, daß die Voll⸗ ziehung irgend eines Befehls, den er gegeben, die⸗ ſen oder jenen Schwierigkeiten unterliege, gab er ge⸗ woͤhnlich zur Antwort:„die Sache iſt unmoͤglich⸗ nicht wahr!“ Er wollte damit ſagen, die angebliche Schwierigkeit oder Unmoͤglichkeit ſey nur ein Hirn⸗ geſpinnſt deßjenigen, der ſich darauf berufe. In manchen Faͤllen waͤre Napoleon ohne Zweifel beſſer gefahren, wenn er ſeinen Eigenſinn etwas mehr be⸗ herrſcht haͤtte; und doch fuͤgte es ſich jetzt, daß er, den Rath feiner Generale vielleicht zum erſten Mal befolgend, gerade in demſelben Augenblick den Ruͤck⸗ marſch antrat, in welchem die Ruſſen ihre von Da⸗ vonſt als unangrelflich bezeichnete Stellung verlle⸗ hen. Zu dieſer ruͤckgaͤngigen, hoͤchſt gewagten Bewe⸗ gung, die, wenn Napoleon davon gewußt haͤtte, den Franzoſen die fruchtbarſten und unverſehrteſten Pr⸗ 17 vinzen Rußlands geoͤffnet haben wuͤrde, ſoll Kutuſof durch die Furcht veranlaßt worden feyn, daß die Franzoſen durch einen Marſch aus ihrer rechten Flanke uͤber Medyn die ruſſiſche Armee umgehen moͤchten. Die Wahrheit ſcheint in dem Umſtande zu liegen, daß Kutuſof, obgleich an die Spitze der Armee ge⸗ ſtellt, um dieſelbe ihrem Wunſche gemaͤß in die Schlacht zu fuͤhren, von Natur langſam und vorſich⸗ tig war, und es in ſeinem vorgeruͤckten Alter noch mehr wurde. Er vergaß, daß man im Kriege, um etwas Großes auszurichten, und ſelbſt den groͤßeren Nachtheilen zu entgehen, etwas wagen muͤſſe; und da er wegen ſeiner vorſichtigen Manoͤvers von der Schlacht von Borodino an bis zum Gefecht von Malo⸗Yarowsla⸗ vetz mit Recht belobt worden war, ſo uͤberſchritt er jetzt die Grenzen der Klugheit und Behutſamkeit, indem er ein allgemeines Treffen vermied, oder viel⸗ mehr einem Angriffe der Franzoſen auswich, ohne zu bedenken, daß, wie es wirklich der Fall war, Buo⸗ naparte ſich auch zuruͤckziehen koͤnne, und ohne dem Muthe ſeiner Truppen und der Feſtigkeit ſeiner Stellung zu vertrauen.„Aber das Gluͤck,“ ſagt Ta⸗ citus,„uͤbt im Kriege den groͤßten Einfluß;“ und ſo geſchah es, daß die beiderſeitigen Armeen ſich zu gleicher Zeit zuruͤckzogen. Waͤhrend Buonaparte uͤber Borowsk und Vereia, auf der Straße ſeines fruͤhe⸗ ren Vorruͤckens, zuruͤckging, raͤumten die Ruſſen die Straße von Kaluga, die er durch das Treffen von W. Scott's Werke. LVI. 2 18 Malo⸗Yarowslavetz ſich zu eroͤffnen vergebens ver⸗ ſucht hatte. Doch erfuhren die Ruſſen— was ſie ihrer zahlreichen leichten Reiterei zu verdanken hatten — die ruͤckgaͤngige Bewegung Napoleons weit fruͤher, als er von der ihrigen Kenntniß erhielt; ſie manoͤv⸗ rirten ſofort in der Richtung ihrer linken Flanke, um die Punkte von Wiazma und Gjatz zu gewinnen, durch welche die Franzoſen nothwendig kommen muß⸗ ten, wenn ſie anders nach Smolensk marſchiren wollten. Napoleon fand am 22ſten Oktober in ſeinem Hauptquartier zu Vereia den Marſchall Mortier und denjenigen Theil der jungen Garde wieder, der im Kremlin als Beſatzung zuruͤckgeblieben war. Sie brachten einen ausgezeichneten Gefangenen, den der Zufall oder vielmehr ſeine eigene Unklugheit in ihre Haͤnde gefuͤhrt hatte. Wir haben zu ſeiner Zeit er⸗ waͤhnt, daß, als die franzoͤſiſche Armee Moskau ver⸗ ließ, Winzingerode mit einem bedeutenden Truppen⸗ korps von Twer herankam, um ſich der Stadt wieder zu bemaͤchtigen. Alles war ſtill und oͤde; die ver⸗ waiste franzoͤſiſche Beſatzung im Kremlin hatte nud wenige Vorpoſten ausgeſtellt. Winzingerode ritt mit einem einzigen Adjutanten unbeſonnenerweiſe voran und den Franzoſen in die Haͤnde. Der General ließ ein weißes Tuch wehen und gab ſich fuͤr einen Par⸗ lamentaͤr aus, der gekommen ſey, um den franzoͤſi⸗ ſchen Marſchall zur Uebergabe aufzufordern. Mor⸗ 19 tier aber wollte dies nicht gelten laſſen, indem er mit gutem Grund bemerkte, ein kommandirender General mache nicht ſelbſt den Parlamentaͤr. Ehe die Franzoſen vollends aus Moskau abzo⸗ gen, trafen ſie, dem ausdruͤcklichen Befehl des Kal⸗ ſers gemaͤß, Anſtalten, den alten Palaſt der Czare in die Luft zu ſprengen. Da der Kremlin, ſelbſt in dem Falle, wenn Napoleon als Sieger nach Moskau zuruͤckgekehrt waͤre, nicht als Feſtung haͤtte benutzt werden koͤnnen, ſo war die muthwillige Zerſtoͤrung deſſelben offenbar nur darauf berechnet, den Kaiſer Alerander dafur, daß er mehr Feſrigkeit bewieſen, als ſein ehemaliger Freund erwartet hatte, ſo viel wie moͤglich zu kraͤnken. Das Barbariſche dieſer That ward noch geſteigert durch die Art der Ausfuͤhrung, die jedoch zunaͤchſt den Ingenieurs zur Laſt fallen moͤchte. In der Vorausſicht, daß die in Moskau zuruͤckgebliebenen Ruſſen, Menſchen aus der Heſe des Volkes, nach ihrem Abzug ſogleich in den ver⸗ laſſenen Palaſt dringen wuͤrden, um zu pluͤndern, legten die Franzoſen ein langſam brennendes, kuͤnſt⸗ lich gearbeitetes Feuerwerk an einen geheimen und ſichern Ort, das in einer vo raus berechneten Zeit die in den Gewoͤlben des Palaſtes aufgehaͤuften Pul⸗ vermaſſen ergreifen mußte und von dem Nachtrab in dem Augenblick ſeines Abmarſches angezuͤndet wurde. die Franzoſen hatten die Stadt kaum im Ruͤcken, als die Exploſion erfolgte und ein Theil des Kreu⸗ A. 20 lims ſammt dem eingedrungenen, beuteluſtigen Ge⸗ ſindel aufflog. Die ruſſiſchen Truppen eilten ſofort herbei, um die noch uͤbrigen Fladderminen zu ent⸗ laden und den im Gebaͤude entſtandenen Brand zu loͤſchen. Die patriotiſche Fuͤrſorge der ruſſiſchen Bauern bewaͤhrte ſich jetzt. Des außerordentlichen Mangels, den die Franzoſen waͤhrend ihres Aufent⸗ halts in Moskau litten, haben wir bereits erwaͤhnt. Dieſer verſchwand wie durch einen Zauber, ſobald die ruſſiſche Fahne aufgepflanzt war. Achtzehnhun⸗ dert Karren mit Brod beladen, kamen am Tage der Wiederbeſetzung von Moskau aus der Umgegend in die Stadt. Die Bereitung des Brods und der Transport deſſelben war von dem patriotiſchen Land⸗ volke insgeheim veranſtaltet worden. Wir kehren zu der franzoͤſiſchen Armee zuruͤck. Durch dieſe Exploſion, die einem Erdbeben glich, erfuhr Napoleon auf ſeinem Marſche gegen Kutu⸗ ſof, daß ſeine Befehle vollzogen worden ſeyen. Er ſelbſt verkuͤndete am folgenden Tage ſeiner Armee in einem prahlenden Bulletin, der Kremlin, ein Denk⸗ mal aus den erſten Zeiten der ruſſiſchen Monarchie, be⸗ ſteye nicht mehr; Moskau ſey nur noch ein Schutthau⸗ fen, ein unreines, ungeſundes Kloak; ſeine ehemalige Bevoͤlkerung von zweimalhundert fuͤnfzigtauſend Men⸗ ſchen haͤtte ſich in die Waͤlder zerſtreut, wo ſie von wilden Wurzeln lebe, oder aus umkomme. Mit einer noch groͤßern Frechheit wird Nangel derſelben 21 in demſelben Bulletin der Ruͤckzug der Franzoſen als ein Fortſchritt auf der Siegesbahn dargeſtellt. „Die Armee,“ heißt es darin,„iſt des Befehls gewaͤrtig, am 24ſten ihren Marſch an die Dwina an⸗ zutreten, in eine Stellung, wo ſie einen Vorſprung von achtzig Stunden nach St. Petersburg und Wil⸗ na, und den doppelten Vortheil haben wird, ihrem Operationsobjekte und zugleich ihren Huͤlfsquellen naͤher zu ſeyn.“ Waͤhrend aber ſolche fuͤr den Ho⸗ rizont von Paris berechnete Nachrichten gegeben wurden, handelte es- ſich nicht davon, nach St. Pe⸗ tersburg, ſondern aus Rußland, unter Beibehaltung eines Scheins von militaͤriſcher Organiſation, her⸗ auszukommen. Es ließ ſich nicht verkennen, daß Napoleon uͤber das Reſultat des Gefechts von Malo⸗Yarowslavetz ſehr ergrimmt war. Dieſes Reſultat beſtand naͤm⸗ lich darin, daß ſeine zerruͤttete und bedraͤngte Ar⸗ mee, von der Straße von Kaluga, wo ſie Lebens⸗ mittel und Obdach gefunden haben wuͤrde, ausge⸗ ſchloſſen, ihren Ruͤckzug durch ein Land nehmen mußte, wo ſie bei ihrem Vorruͤcken, und der Feind ſelbſt Alles verwuͤſtet hatte, wo kein Haus mehr ſtand die Einwohner geflohen und die Straßen gaͤnzlich ver⸗ dorben waren. Da die Jahreszeit ſchon ſo weit vor⸗ geruͤckt war, ſo klang der Befehl zum Ruͤckzug uͤber Vereia wie die Todtenglocke der franzoͤſiſchen Ar⸗ mee. Solcher traurigen Betrachtungen konnte ſich Buonaparte ſelbſt nicht erwehren, obgleich er dieſel⸗ ben Andern zu verbergen ſuchte und z. B. in einem zu Borowsk erlaſſenen Tagsbefehl verſicherte, die Armee befinde ſich in einem ungemein fruchtbaren Lande, das mit den beſten Gegenden Frankreichs und Deutſchlands verglichen werden koͤnne; das Wer⸗ ter ſey ſo lieblich, daß man dadurch an die Sonne und das herrliche Klima von Fontainebleau erinnert werde. Sein Temperament war ſichtbar angegriffen. Seine uͤble Laune verrieth ſich auch in ſeinem Be⸗ tragen gegen Winzingerode, der ihm jetzt vorgeſtellt wurde.„Wer ſind Sie?“ ſagte er—„Ein Land⸗ ſtreicher!— Sie waren immer mein perſFoͤnlicher Feind.— Als ich Oeſterreich bekriegte, fand ich Sie in den Reihen der Oeſterreicher— Oeſterreich wurde mein Verbuͤndeter und ſogleich nahmen Sie ruſſiſche Dienſte.— Sie waren einer der eifrigſten Anſtiſter des gegenwaͤrtigen Krieges, und doch ſind Sie im Gebiete des Rheinbundes geboren— Sie ſind mein Unterthan— ein Aufruͤhrer— ergreift ihn Gensd'armen! Man ſtelle ihn vor ein Kriegs⸗ gericht!“ Außer dieſen Drohungen, die den Beweis her⸗ ſtellen, daß Napoleon die Fuͤrſten des Rheinbundes nicht als eigentliche Souverains, ſondern als ſeine Vaſallen und ihre Unterthanen als die ſeinigen an⸗ ſah, erlaubte er ſich auch noch beleidigender Aus⸗ druͤcke, indem er Winzingerode einen engliſchen Mieth⸗ 23 ling und Brandſtifter nannte, waͤhrend er deſſen Adjutanten Nariſchkin, einen gebornen Ruſſen, mit Hoͤflichkeit behandelte. Dieſer Ausbruch hatte je⸗ doch eben nur die Folge, daß Winzingerode von Gensd'armen nach Lithauen abgefuͤhrt wurde, um von dort nach Paris gebracht zu werden, wo die Ge⸗ genwart eines Kriegsgefangenen von ſeinem Rang und Ruf, eines Adjutanten des Kaiſers von Ruß⸗ land, den guͤnſtigen Nachrichten in den Bulletins ei⸗ niges Gewicht gegeben haben wuͤrde. Winzingerode ſollte jedoch dieſe unangenehme Reiſe nicht machen. Er ward in Lithauen, wie wir ſpaͤter erzaͤhlen wer⸗ den, auf eine ganz unverhoffte Welſe in Freiheit geſetzt. 3 Indeſſen gingen Nachrichten ein, welche vermu⸗ then ließen, daß die ruſſiſche Armee ihren Weg uͤber Medyn genommen habe, offenbar in der Abſicht, der franzoͤſiſchen Armee den Ruͤckzug abzuſchneiden, oder denſelben wenigſtens bei Wiazma oder Gjatz zu erſchwe⸗ ren. Auf Napoleons Befehl mußte daher die Armee ihren Marſch nach der letztgenannten Stadt beſchleu⸗ nigen. Sie war in drei Korps abgetheilt. Napo⸗ leon befand ſich bei dem erſten Korps. Der Vice⸗ koͤnig von Italien befehligte das zweite. Das dritte, zum Nachtrab beſtimmt, ſtand unter den Befehlen von Davouſt, deſſen Liebe zur Ordnung und Kriegs⸗ zucht der Zuͤgelloſigkeit und Aufloͤſung, die bei einem 6 24 ſolchen Ruͤckzuge zu befuͤrchten ſtanden, Einhalt thun ſollte. um Unordnungen zu vermeiden und die Ver⸗ pflegung zu erlelchtern, mußte je ein Korps dem an⸗ dern in der Entfernung eines Tagmarſches folgen, ſo daß das vorderſte von dem hinterſten zwei Maͤr⸗ ſche entfernt blieb. Wir wiſſen noch von keiner genuͤgenden Antwort auf die ſchon ſo oft wiederholte Frage, warum Na⸗ poleon, ſtatt ſelne Armee in drei aufeinanderfolgenden Kolonnen uͤber denſelben Boden wegzufuͤhren, es nicht vorgezogen hat, dieſelbe in drei parallelen Ko⸗ lonnen marſchiren zu laſſen, wodurch er nicht nur Zeit gewonnen, ſondern auch zum Behuf einer reich⸗ licheren Verpflegung eine groͤßere Strecke Landes um⸗ faßt haben wuͤrde. Auf die Unbrauchbarkeit der Stra⸗ ßen kann man ſich nicht wohl berufen, da die fran⸗ zoͤſiſche Armee auf ihrem Vormarſche wirklich in drei parallele Kolonnen abgetheilt war und folglich die umgekehrte Marſchordnung beobachtet hatte. Die Armee kam wieder uͤber das große Schlacht⸗ feld von Borodino, wo noch ſo viele Truͤmmer die Tapferkeit und den Verluſt der Franzoſen bezeugten. Dieſe Schlacht, die blutigſte der neuern Zeit, hatte dem Sieger durchaus keinen verhaͤltnißmaͤßigen Vor⸗ theil verſchafft. Der momentane Beſitz von Moskau war wegen der darauf gefolgten Kataſtrophe ohne Reſultat geblieben, und die Armee, die bei Boro⸗ dino geſiegt hatte, kehrte nun ihren Eroberungen den 25 Ruͤcken, von Gefahren jeglicher Art umgeben, und durch Strapatzen und Entbehrungen bereits auffallend zerruͤttet. In dem Kloſter Kolotskoi, dem franzoͤſi⸗ ſchen Hauptſpital ſeit der Schlacht von Borodino, fand man noch viele Verwundete am Leben, aber es waren deren noch weit mehr aus Mangel an Pflege zu Grund gegangen. Von den Uebriggebliebenen ſchleppten ſich die kraͤftigeren an das Thor und ſtreck⸗ ten flehend die Haͤnde nach ihren voruͤberzle⸗ henden Landsleuten aus. Auf Befehl des Kaiſers wurden diejenigen dieſer Ungluͤcklichen, die noch eine Reiſe aushalten konnten, auf die Markedenterwagen gewieſen, die uͤbrigen aber mit einigen verwundeten ruſſiſchen Kriegsgefangenen, die ihnen, wie man hoff⸗ te, zum Schutze dienen ſollten, in dem Kloſter zu⸗ ruͤckgelaſſen. Manche von denen, die ſich auf dieſe Weiſe ge⸗ rettet glaubten, kamen nicht weit. Einige Marketen⸗ der, deren Fuhrwerk mit der Beute von Moskau ſchon uͤberladen war, hatten die ihnen zugewieſenen Verwundeten nur ungern und mit Murren aufge⸗ nommen; bald blieben dieſe Schurken gefliſſentlich hinter ihren Korps zuruͤck, und benuͤtzten den erſten Augenblick, um dieſe Ungluͤcklichen abzuwerfen und zu morden. Auf eben dieſem Marſche fand man auch die Leichname von ruſſiſchen Kriegsg efangenen die durch den Kopf geſchoſſen waren, deren ſich die zu ihrer Bewachung kommandirten Soldaten auf dieſe 26 Weiſe entledigt hatten. So werden die Menſchen durch ein Uebermaß von Elend und Noth ſelbſtſuͤch⸗ tig, fuͤhllos, grauſam, aͤhnlich den boͤſen Geiſtern,⸗ die, wie die Theologen lehren, das Bewußtſeyn der eigenen Verworfenheit zu Menſchenhaſſern macht. Napoleon kam mit der erſten Abtheilung der großen Armee, ohne weitere ungelegenheit, als der⸗ jenigen, die aus dem ſchlechten Zuſtande der Wege und der Noth ſeiner Soldaten entſprang, nach Glatz. Von Gjatz ging er in zwei Maͤrſchen nach Wiazma, wo er Halt machte, um den Korps von Eugen und Da⸗ vouſt, die fuͤnf Maͤrſche zuruͤck waren, Zeit zu laſſen, den vorgeſchriebenen Abſtand von zwei bis drei Maͤr⸗ ſchen zu nehmen. Am iſten November ſetzte der Kai⸗ ſer ſeinen beſchwerlichen Ruͤckzug wieder fort, doch ließ er Ney bei Wiazma zuruͤck, um Eugen und Da⸗ vouſt aufzunehmen und den letztern, den er ermuͤ⸗ det glaubte, abzuloͤſen. Er ſelbſt ſchlug wieder die Straße von Dorogobuſch ein, um den Ruſſen, die ihn von dieſer Stadt abſchneiden koͤnnten, zuvorzu⸗ kommen. Ein anderer Befehl Napoleons beweist, daß er die Gefahr nicht verkannte, die jetzt auf ihn einzu⸗ ſtürmen begann. Er ließ die alten Ruͤſtungen, das Geſchuͤtz und das große Kreuz des Jwan, die er von Moskau als Trophaͤen mitgenommen hatte, und die er weder zuruͤckgeben wollte, noch weiter bringen konnte, in den See von Semelin werfen. Auch ei⸗ 27 niges Geſchuͤtz, das von den erſchoͤpften Pferden nicht mehr fortgeſchleppt werden konnte, blieb ſtehen, je⸗ doch ohne Vorwiſſen Napoleons, der als ehemaliger Artillerieoffizier mit aberglaͤubiger Verehrung an ſeinen Kanonen hing. Der Kaiſer hatte mit dem vorderſten Korps ſei⸗ ner Armee bis jetzt keinen Widerſtand gefunden. Nicht ſo das mittlere und das hinterſte Korps. Sie wurden waͤhrend ihres ganzen Marſches von Koſacken⸗ ſchwaͤrmen begleitet, unaufhoͤrlich geneckt und aus dem leichten Feldgeſchuͤtz, das ſie auf Schlitten mit ſich fuͤhrten, mit Kugeln und Kartaͤtſchen uͤberſchuͤttet; ſie waren oft genoͤthigt, Halt zu machen und ſich in Schlachtordnung zu ſtellen oder Vierecke zu bilden, um den Angriffen dieſer leichten Reiterei zu begega nen. Im An geſie⸗ ht des aufdringenden Feindes muß⸗ ten oft Stroͤme, wo ſich keine Bruͤcken ſanden, tiefe, ſumpfige Gruͤnde, wo Pferde und Wagen ausglitten oder verſanken, paſſirt werden, wo dann Verwi rrung, Gefahr und der Verluſt um ſo groͤßer wurden. Doch brachten die beiden Korps, da ſie bis jetzt noch keine regulaͤren Truppen geſehen hatten, die Nacht vom zten November zwei Sunden dieſſeits von Wiazma, wo Ney ihrer wartete, in truͤgeriſcher Ruhe zu. In dieſer verhaͤngnißvollen Nacht kam Milor⸗⸗ dowitſch an. Dieſer, durch ſeine Kuͤhnheit, ſeinen Unternehmungsgeiſt und ſeine Thaͤtigkeit ausgezeich⸗ nete ruſſiſche Generaͤl, den die Franzoſen nur den ruſſiſchen Murat nannten, fuͤhrte den regulaͤren Vor⸗ trab. Er hatte ſich mit Platoff vereinigt und war der Vorla ufer von Kutuſof und der großen ruſſiſchen Armee. Der alte ruſſiſche Feldherr hatte auf die Nach⸗ richt, daß der Kaiſer ſich uͤber Gjatz und Wiazma zuruͤckzuziehen gedenke, ſeine ruͤckgaͤngige Bewegung ſofort in einen Flankenmarſch verwandelt, und nahte ſich jetzt auf einem Seitenwege von Malo⸗Yarows⸗ lavetz her. Die Ruſſen erſchienen mit Tagesanbruch und uͤberſchritten den Ruͤckzugsweg des Prinzen Eu⸗ gen, der ſich von ſeinem Nachtrab abgeſchnitten ſah, waͤhrend die Koſacken wie eine Windsbraut unter die zahlloſen Nachzuͤgler, Marketender und Knechte fuhren, die uͤber die Ebene flohen. Der Picekoͤnig erhielt von Ney⸗ der zu Wiazma ſelbſt hart bedraͤngt war, ein Regi⸗ ment zu ſeiner Unterſtuͤtzung, und ſein Nachtrab ward von Davouſt, der ihm zu Huͤlfe eilte, wieder freige⸗ macht. Die ruſſiſche Artillerie, die mit ihren ſtaͤr⸗ kern Kalibern weiter reicht, als die franzoͤſiſche, ma⸗ noͤvrirte mit vieler Gewandtheit und unterhielt ein moͤrderiſches Feuer, das die Franzoſen nicht genug⸗ ſam erwiedern konnten. Eugen und Davouſt leiſte⸗ ten die tapferſte Gegenwehr, wuͤrden aber ihre Stel⸗ lung doch nicht behauptet haben, haͤtte Kutuſof, wie zu erwarten ſtand, ſeinen Vortrab entweder mit ſei⸗ ner ganzen Armee unterſtuͤtzt, oder denſelben wenig⸗ ſtens hinlaͤnglich verſtaͤrkt. Nachdem ſie von ſieben N 29 4 Uhr des Morgens bis gegen Abend gefochten, zogen ſich Eugen und Davouſt mit den Ueberreſten ihrer Korps durch Wiazma zuruͤck. Die Ruſſen folgten dicht hinter ihnen und zogen im Sturmſchritt mit Trommelſchlag, gleich Siegern, in die Stadt. Die Franzoſen gewannen unter dem Schutze der Nacht das jenſeitige Ufer des Baches, der, wie die Stadt, Wiazma heißt, und nahmen dort eine, ſoweit es die Umſtaͤnde zuließen, ſichere Stellung. Die Franzoſen hatten viel gelitten, aber doch die Ehre gerettet. Sie vermißten gegen viertauſend Mann; ihre Regi⸗ menter waren zu Batalllons, die Bataillons zu Kom⸗ pagnien, dieſe zu ſchwachen Sektionen herabgeſchmol⸗ zen. Die Kriegsverſtaͤndigen ſind einſtimmig der Mei⸗ nung, daß, wenn Kutuſof auf die dringenden Vor⸗ ſtellungen von Sir Robert Wilſon gehoͤrt, Milora⸗ dowitſch verſtaͤrkt, odek, was ihm bei ſeiner Ueberle⸗ genheit gar nicht ſchwer gefallen waͤre, die Stadt Wiazma mit ſtuͤrmender Hand genommen haͤtte, die Korps von Davouſt und Eugen, und ſelbſt die Trup⸗ pen von Ney nothwendig abgeſchnitten worden waͤ⸗ ren. Aber der bejahrte General verließ ſich auf den herannahenden Winter und weigerte ſich, mit dem Blute ſeiner Landsleute einen Sieg zu erkaufen, der ihm durch das Klima verbuͤrgt ſchien. Die Franzoſen waren ſo weit von jeder Huͤlfe, von jedem Obdach entfernt, ſo enge beſchraͤnkt und gebannt auf 1 die verwuͤſteten Heerſtraßen, die unter den Tritten der voranziehenden Kolonnen fuͤr die nachfolgenden immer unbrauchbarer werden mußten, daß er es ſchlechter dings ausſchlug, ſich mit Waffengewalt Vor⸗ theile zu verſchaffen, die ihm, wie er uͤberzeugt war, von ſelbſt werden mußten. Entſchloſſen, ein allge⸗ meines Treffen zu vermeiden und ſeine Vortheile uͤber die Franzoſen durch Mandpriren zu behaupten; taub gegen alle Vorſtellungen und ſelbſt gegen die Drohungen, die ihm von denen, die nicht ſeiner Meinung waren, gemacht wurden, verlegte Kutuſof ſein Hauptquatier nach Krasnoi und uͤberließes Mi⸗ loradowitſch, die Franzoſen von hinten zu draͤngen, waͤhrend ſie von Platoff und ſeinen Koſacken in der Flanke gefaßt und bei jeder Gelegenheit geneckt wur⸗ den. Mittlerweile erhielt der Vicekoͤnig von Napo⸗ leon den Befehl, von der Straße nach Smolensk, auf der Davouſt und Ney fortzogen, abzugehen und nordwaͤrts in der Richtung von Dowkhowtſchina und Poreczie zu marſchiren, um dem Marſchall Oudinot, der ſich, wie verlautete, gegen den verſtaͤrkten Wit⸗ genſtein nicht mehr behaupten konnte, Huͤlfe zu bringen. In Gemaͤßbeit dieſes Beſehls ſchlug der Vicekoͤnig die Straße von Zaſſelie ein, auf der er von ſeinen ſcythiſchen Begleitern ohne Unterlaß ver⸗ folgt, bewacht und geneckt wurde, ſo daß er ſich ge⸗ noͤthigt ſah, vierundſechzig Kanonen im Stiche zu 31 laſſen, die mit dreitauſend Nachzuͤglern dem Feinde in die Haͤnde fielen. Platoff und ſeine Koſacken verloren den Vicekoͤ⸗ nig und die italieniſche Armee nicht aus den Augen. Wer hinter der Kolonne zuruͤckblieb, war verloren. Eugen brachte eine Nacht in Zaſfelie zu, ohne ein großes Ungluͤck erlitten zu haben. Aber auf dem naͤchſten Marſche nach Dowkhowtſching mußten die Franzoſen uͤber einen vom Regen angeſchwollenen Bach, den Wop, gehen, was wegen der ſteilen, mit Eis uͤberzogenen Ufer großen Schwierigkeiten unter⸗ lag. Mit vieler Muͤhe kam die Infanterie durch die Furt, aber dreiundzwanzig Kanonen und alle Ruͤſtwagen mußten den Koſacken uͤberlaſſen werden. Die ungluͤcklichen Italtener, vom Waſſer des Wop durchnaͤßt, brachten die Nacht auf dem andern Ufer in einem elenden Bivouak zu, wo viele von ihnen, ohne Zweifel ihres herrlichen Vaterlandes und ſei⸗ nes ſchoͤnen Klima gedenkend, ihr Leben aushauch⸗ ten. Den andern Tag erreichte die halb nackte, vom Froſt durchſchauerte, vom Feinde verfolgte Kolonne das Staͤdtchen Dowkhowtſchina, wo ſie einige Er⸗ quickung zu finden hoffte; ſtatt deſſen wurde ſie aber von einer friſchen Koſackenhorde bewillkommt, doe ihr aus der Stadt, Kanonen mit ſich fuͤhrend, ent⸗ gegen kam. Dieſe Koſacken maren die Vorlaͤufer des Korps, das Moskau wieder beſetzt hatte, und das 32 nun ſeinen Marſch nach dem Weſten beſchleunigte, wo man ſeiner mehr bedurfte. Mit ritterlichem Muthe brach ſich Prinz Eugen Bahn durch dieſe Horde, und nahm ſein Nachtquar⸗ tier in der Stadt. Da er aber ſein Gepaͤck und den groͤßten Theil ſeines Geſchuͤtzes und ſeiner Munition verloren hatte; da ſeine Reiterei ganz aufgerieben war, ſo ſah er ſich außer Stand, ſeinen Marſch nach Witepsk zu Oudinot, dem er nichts mehr nuͤtzen konnte, fortzuſetzen. Er entſchloß ſich daher, ſich wieder mit der großen Armee zu vereinigen und nahm zu dieſem Behuf ſeinen Weg uͤber Wladime⸗ rowa nach Smolensk, wo er, von den Koſacken be⸗ gleitet, am 13ten November in dem elendeſten Zu⸗ ſtande ankam, nachdem ihn der Marſchall Ney, wie wir ſpaͤter ſehen werden, unterwegs aufgenommen hatte. 5 Der Kaiſer, der am 3ten und aten November in Stakawo Halt gemacht hatte, kam am 5ten nach Dorogobuſch, wo er die Nacht zubrachte. Am 6ten November nahm der ſchreckliche ruſſt⸗ ſche Winter ſeinen Anfang, den die Franzoſen bis jetzt noch nicht kennen gelernt hatten, obgleich die Witterung kalt und unfreundlich geweſen. Die Sonne verſchwand, ein kalter duͤſterer Nebel legte ſich auf die Armee und fiel bald in großen, breiten Schnee⸗ flocken auf die Soldaten herab, die dadurch erkaͤltet und zugleich geblendet wurden. Indem ſie ſich ab: muͤhten, 33 muͤhten, um vorwaͤrts zu kommen, ſtolperten ſie mit jedem Tritt, und viele von ihnen verſanken in Erd⸗ riſſen und Schluchten, die der Schnee zugedeckt hatte. Diejenigen, die das Band der Disciplin noch zuſam⸗ menhielt, konnten in ſolchen Faͤllen noch einigerma⸗ ßen auf Beiſtand rechnen; aber die Nachzuͤgler, die debandirten Soldaten gehorchten einzig dem drin⸗ genden Trieb der Selbſterhaltung und kannten kein Mitleid, kein Erbarmen mehr, wie dann dieſes Ge⸗ fuͤhl im Gluͤck zuweilen, im Uebermaße des Elends aber faſt immer, durch die Selbſtſucht verdraͤngt wird. Durch den Sturmwind, der ſich jetzt erhob, wurde der vom Himmel fallende und der vom Boden aufgewehte Schnee den Marſchirenden ins Geſicht gejagt. Von denen, die, vom Wirbelwinde gefaßt, zu Boden fielen, ſtanden viele nicht mehr auf; der Schnee hatte ſie bald zugedeckt. Leichte Erhoͤhungen zu beiden Seiten der Straße bezeichneten die Grab⸗ ſtaͤtten dieſer Ungluͤcklichen, bis der naͤchſte Sommer ihr Gebein zur Schau legte. Der Name Smolensk, den die Soldaten ſtets im Munde fuͤhrten, war noch der einzige Talisman, der ihren Muth aufrecht hielt. Dieſer Name bezeich⸗ nete den Ort, wo ſie Ruhe und Ueberfluß finden ſoll⸗ ten. Smolensk galt als die große Niederlage der Magazine und beſonders auch derjenigen Artikel, die die Soldaten auf den anhaltenden Maͤrſchen, zuerſt nach Wilna und dann nach Moskau, verbraucht oder W. Scott's Werke. LVI. 3 34 abgenutzt hatten. In der Hoffnung und in der Ue⸗ berzeugung, bald das Ziel ihrer Leiden zu erreichen, ſetzten ſie ihren Marſch mit einem Muthe fort, den ſelbſt das ſchreckliche Schneegeſtoͤber nicht ganz aus⸗ tilgen konnte. Auch rechneten ſie auf eine Verſtaͤr⸗ kung von dreißigtauſend Mann unter Victor, der zu Smolensk ihre Ankunft erwartete; aber ein Zuſam⸗ mentreffen von ſchlimmen Nachrichten hatte dieſem Korps eine andere Beſtimmung gegeben. An demſelben verhaͤngnißvollen 6ten November erhielt Buonaparte Kunde von zwei wichtigen Ereig⸗ niſſen, die beide dem Sturm, der ihn umtobte, ent⸗ ſprachen. Das eine war die ſonderbare Verſchwoͤrung von Mallet, die wegen ihres anfaͤnglichen Gelingens und ihrer gleichbaldigen Unterdruͤckung gleich ſehr merkwuͤrdig iſt. Dies zog ſeine Gedanken nach Pa⸗ ris und diente zum Beweis, daß in einem Neiche, in welchem ein ſolcher Verſuch dem Gelingen ſo nahe war, unmoͤglich Alles gut beſtellt ſeyn koͤnne. Auf der andern Seite wurden ſeine Gedanken hinwiede⸗ rum auf ſeine gegenwaͤrtige Lage durch die Botſchaft erichtet, daß Witgenſtein die Offenſive ergriffen, St. Cyr geſchlagen, Polotsk und Witepsk und die ganze Linie der Dwina wieder beſetzt habe. Dadurch war in Hinſicht auf ſeinen Ruͤckzug ein neues Hin⸗ derniß entſtanden, zu deſſen Beſeitigung Victor auf ſeinen Befehl Smolensk verlaſſen und gegen Wit⸗ genſtein ziehen mußte, um dieſen wleder uͤber die 35⁵ Dwina zuruͤckzuwerfen. Ob der Marſchall hiezu auch ſtark genug ſey, ward vielleicht nicht hinlaͤnglich er⸗ wogen. Aehnliche ſchlimme Nachrichten kamen auch von andern Seiten. Vier Halbbrigaden, aus Rekruten beſtehend, waren aus Frankreich in Smolensk ein⸗ getroffen und von Baraguay d'Hilliers, ihrem Gene⸗ ral, auf Befehl des Kaiſers nach Ellnia mit dem Auftrag vorgeſchoben worden, die Straße von Kalu⸗ ga, auf der man den Kaiſer erwartete, rein zu hal⸗ ten. Da Nappoleon die Straße von Kaluga nicht hatte einſchlagen koͤnnen, ſo waͤre es zweckmaͤßig ge⸗ weſen, dieſe Truppen von Ellnia, wo ſie nichts mehr nuͤtzen konnten, wieder nach Smolensk zuruͤckzuberu⸗ fen. Baraguay d'Hilliers hatte aber von der veraͤn⸗ derten Richtung des Marſches keine offizielle Kennt⸗ niß erhalten. Und ſo geſchah es, daß die beruͤhmten ruſſiſchen Parteigaͤnger, Orloff⸗Denizoff, Davidoff, Seflavin, dieſe neuen Truppen, die aus mehr als zweitauſend Mann beſtanden, in ihren Quartieren uͤberſielen und ſie ſammt und ſonders zu Gefangenen machten. Andere franzoͤſiſche Truppenabtheilungen fielen um eben dieſe Zeit in die Haͤnde der Ruſſen. Smolensk, das Ziel aller Wuͤnſche, ward endlich ſichtbar. Bei dem Anblick ſeiner gewaltigen Ring⸗ mauer und ſeiner bohen Thuͤrme eilten die Nach⸗ zuͤgler, die Debandirten, die jetzt dreimal ſo ſtark waren, als die Mannſchaft in Reih und Gliedern, . 36 ſo ſehr ſie konnten, dahin veraus. Sie fanden aber die Thore verſchloſſen. Ihre Landsleute in der Stadt wollten ſie nicht einlaſſen; ihre Ordnungsloſigkeit, ihr Geſchrei, ihre abgemagerten, von Koth und Rauch geſchwaͤrzten Geſichter, ihr auffallendes, ſcheußliches Ausſehen, ihr gieriges Weſen erregten Schrecken; man hielt ſie eher fuͤr Banditen, als fuͤr Soldaten. Als endlich die kaiſerliche Garde ankam, oͤffneten ſich die Thore, und der wilde Haufe draͤngte ſich hinter dieſer in die Stadt. Die Garde und die noch orga⸗ niſirte Mannſchaft erhielt die vorſchriftsmaͤßigen Ra⸗ tionen; von den Nachzuͤglern dagegen, die ſich nicht ausweiſen konnten, oder deren ſich kein verantwort⸗ licher Offizier annahm, ſtarben viele vor den Thoren der Magazine, die ſie vergebens berannten. Das war die verſprochene Verpflegung— mit den ver⸗ ſprochenen Quartieren ſah es noch ſchlimmer aus. In Smwolensk, das die Ruſſen, wie man ſich erin⸗ nern wird, in Aſche gelegt hatten, waren elende Huͤtten oder Blendungen, an das ſchwarze Gemaͤuer der abgebrannten Haͤuſer gelehnt, das einzige Ob⸗ dach, aber doch immer noch ein Obdach fuͤr diejeni⸗ gen, die unter freiem Himmel auf dem Schnee ge⸗ legen hatten; und da die auseinander gelaufenen Soldaten, um Lebensmittel zu faſſen, ſich wieder bei ihren Regimentern einfanden, ſo kam auch wie⸗ der einige Ordnung und Disciplin in das vorderſte Korps der großen Armee. 3 2 32 Das mittlere Koros unter Davouſt, der die Fuͤh⸗ rung des Nachtrabs an Ney abgegeben hatte, ſetzte ſeinen Marſch von Wiazma nach Dorogobuſch fort, wo ſeine Noth aufs Hoͤchſte ſtieg. Zu dem Unwetter geſellte ſich der aufdringende Feind und der Hunger. Die Soldaten, die ſich nach allen Richtungen verlie⸗ fen, um Lebensmittel aufzuſuchen, fanden keine, und blieben dann aus Ermattung zuruͤck. Viele von ih⸗ nen fielen den ergrimmten Bauern in die Haͤnde, und wurden von dieſen erſchlagen oder nackt ausge⸗ zogen, und auf die Straße zuruͤckgetrieben. Den Truppen des hinterſten Korps, oder des Nachtrabs, erging es wo moͤglich noch ſchlimmer. Ueberall, wo ſie hinkamen, fanden ſie die Haͤuſer ab⸗ gebrannt, und der Feind ſetzte ihnen um ſo grimmi⸗ ger zu, als ſie die Letzten waren, an denen er ſeine Wuth auslaſſen konnte. Doch bewies Ney fortwaͤh⸗ rend eine Seelenſtaͤrke und Entſchloſſenheit, die man wohl ſelten geſehen. Bei dem Uebergang uͤber den Dnieper, wo der Feind heflig aufdrang und Alles ſchon verloren ſchien, ergriff der Marſchall eine Mus⸗ kete, um die wenigen Leute, die er zum Stehen bringen konnte, zu ermuthigen; und ſo gelang es ihm gegen alle Erwartungen der Ruſſen wie der Franzoſen, ſeinen Nachtrab auf das andere Ufer zu bringen, verlor aber auf dieſem ungluͤcklichen Fleck einen großen Tyeil ſeines Geſchuͤtzes und viele Mannſchaft. Ney's Nuͤckzug war ein endloſer ver⸗ 38 nichtender Kampf, deſſen kurze Pauſen er benutzen mußte, um nach Smolensk zu entkommen. Ney hatte dieſe Stadt am 13ten November beinahe ſchon erreicht, als er auf den Anhoͤhen zu ſeiner Linken ein großes Gewimmel von Fluͤchtlingen ſah, die den Lan⸗ zen der nachſetzenden Koſacken zu entrinnen ſuchten. Nachdem er dieſe Unholde verjagt hatte, erblickte er die italieniſche Armee, zu der dieſe Fluͤchtlinge ge⸗ hoͤrten. Dieſe Armee war, wie der Leſer merken wird, auf dem Ruͤckwege von Dowkhowtſchina nach Smolensk, und mußte ſich wie bisher bei jedem Schritt der Koſacken erwehren. Bei dem Uebergang uͤber den Wop hatte ſie ihr Gepaͤcke, ihre Vorraͤthe, ihr Geſchuͤtz und ihre Reiterei verloren. Doch blie⸗ ben die bewaffneten Soldaten noch in ziemlicher Ord⸗ nung. Es waren nur die Debandirten und Nachzuͤg⸗ ler, die von den Koſacken gejagt und nach Gefallen verwundet, gefangen genommen oder niedergemacht wurden. Indem ſich dieſe ungluͤcklichen Fluͤchtlinge, Schutz ſuchend, auf das Korps von Ney warfen, theilten ſie dieſem ihren Schrecken mit. Soldaten und Fluͤcht⸗ linge rannten jetzt mit und durch einander der Dnie⸗ perbruͤcke zu, wo ein ſchreckliches Gedraͤnge entſtand. Vom Feinde ereilt, erlitten ſie großen Verluſt, bis Eugen und der unermuͤdliche Ney mit einiger zu⸗ ſammengerafften Mannſchaft die Verfolger wieder zuruͤcktrieben. Sie waren jetzt Smolensk ſo nahe, 39 daß Napoleon ihnen waͤhrend dem Gefecht Huͤlfe und Erſriſchungen ſchicken konnte. Nachdem ſie ſich end⸗ lich vom Feinde losgemacht hatten, zogen Ney und der Vicekoͤnig vollends nach Smolensk ein, wo Da⸗ vouſt ſich bereits befand. Napoleon bewilligte ſeiner nun wieder verſammelten Armee eine Friſt von fuͤnf Tagen, um die in Smolensk vorgefundenen Vor⸗ raͤthe aufzuzehren und ſich zum ferneren Ruͤckzug vor⸗ zubereiten. So unentbehrlich aber auch dieſe Raſt war, ſo konnte ſie doch wegen der ſchlimmen Nach⸗ richten, die von allen Seiten eingingen, durchaus nicht verlaͤngert werden. Wir muͤſen jetzt ausfuͤhr⸗ licher der Vorfaͤlle auf den beiden Endpunkten der franzoͤſiſchen Operationsbaſis erwaͤhnen, wo die Ruſ⸗ ſen, wie bereits angedeutet worden iſt, ſich verſtaͤrkt und die Offenſive ergriffen hatten, in der unverkenn⸗ baren Abſicht, eine Vereinigung ihrer beiden Fluͤgel⸗ korps zu bewerkſtelligen und dadurch der großen fran⸗ zoͤſiſchen Armee den Ruͤckzug abzuſchneiden. Seit dem 18ten Auguſt, wo St. Cyr Witgen⸗ ſtein geſchlagen und Polotsk genommen hatte, war der Krieg in dieſer Gegend gewiſſermaßen ins Stok⸗ ken gerathen. Die franzoͤſiſche Armee lag in einem verſchanzten Lager in gut gebauten Baracken, und fuͤhrte zwei Monate lang nur einen. Parteigaͤnger⸗ krieg, in dem ſie aber ſehr viel litt, waͤhrend Wit⸗ genſtein ſeine Streitkraͤfte durch Ergaͤnzungsmann⸗ ſchaften und Rekruten auf das Doppelte brachte. 40 Endlich kam auch noch General Steinheil, nachdem er mit fuͤnfzehntauſend Mann von der finnlaͤndiſchen Armee bei Riga gelandet und gegen Macdonald ei⸗ nige unbedeutende Demonſtrationen gemacht hatte, zur Unterſtuͤtzung von Witgenſtein herbei. So ver⸗ ſtaͤrkt, entſchloß ſich Witgenſtein, die Offenſive wie⸗ der zu ergreifen. Am 1 2ten Oktober wurden die franzoͤſiſchen Vorpoſten in das verſchanzte Lager von Polotsk zuruͤckgeworfen. Am asten erfolgte ein wuͤ⸗ thender Angriff auf dieſes Lager, deſſen Redouten verſchiedene Male genommen und wieder genommen wurden. Die Franzoſen blieben im Beſitz derſelben; aber St. Cyr ward verwundet und gerieth in eine ſehr bedenkliche Lage; denn am 19ten erneuerte Witgen⸗ ſtein den Angriff auf dem rechten Dwinaufer, waͤhrend Steinheil am linken Ufer dieſes Fluſſes heraufkam, um durch die Beſetzung von Polotsk und der Bruͤcke St. Cyr in ſeinem verſchanzten Lager einzuſchließen. Unter dem Schutze der Nacht und eines dicken Nebels gelang es jedoch dem franzoͤſiſchen General, das linke Ufer zu gewinnen und unbehindert von Steinheil ſeinen Nuͤckzug anzutreten. Aber das La⸗ ger und die wichtige Stadt Polotsk, wo die Ruſſen am 2oſten Oktober einzogen, war verloren, und die franzoͤſiſchen Generale geriethen unter ſich in Streit. Da St. Cyr verwundet worden war, ſo haͤtte der Oberbefehl auf den baieriſchen General Wrede uͤber⸗ gehen ſollen; allein die franzoͤſiſchen Generale woll⸗ 41 ten nicht unter ihm ſtehen, und ſo mußte St. Cyr, obgleich außer Gefecht geſetzt, das Kommando fort⸗ fuͤhren. Wrede benahm ſich hierauf ganz wie ein unabhaͤngiger General; er verließ das Korps von St. Cyr und zog ſich nach Wileika zuruͤck, wo er ganz unthaͤtig blieb. Das franzoͤſiſche Korps haͤtte abgeſchnitten oder aufgerieben werden muͤſſen, waͤre ihm nicht Victor mit ſeinen fuͤnfundzwanzigtauſend Mann auf Befehl Napoleons von Smolensk aus zu Huͤlfe gekommen, wodurch St. Cyr wieder ſtaͤrker als Witgenſtein wurde. Victor hatte aber den Befehl, nichts zu wagen und ſich wo moͤglich ganz auf die Defenſive zu beſchraͤu⸗ ken, da ſein Korps, ſo wie das von Schwarzenberg zunaͤchſt zur Deckung des Ruͤckzugs der großen Ar⸗ mee nach Polen beſtimmt war. Als aber Witgen⸗ ſtein im Angeſicht Victor's Witepsk nahm, und ſich an der Dwina feſtzuſetzen begann, ließ Napoleon den Herzog von Belluno durch Oundinot, einen raſche⸗ ren, unternehmenderen Krieger, abloͤſen, und befahl dem Prinzen Eugen, von Wiazma uͤber Dowkhwot⸗ ſchina dieſem Korps zu Huͤlfe zu eilen. Eugen aber hatte, wie wir bereits bemerkt haben, wegen ſeines Unfalls an dem Wop ſeinen Marſch nicht fortſetzen koͤnnen, und ſich genoͤthigt geſehen, ſeinen Weg nach Smolensk zu nehmen, wo ſein Korps in der aͤußer⸗ ſten Zerruͤttung ankam. In der Zwiſchenzeit zog Witgenſtein Verſtaͤrkun⸗ . 4² gen an ſich und hielt nicht nur Oudinot im Schach, ſondern ruͤckte auch allmaͤhlig gegen Borizoff vor, das unmittelbar auf Napoleons Ruͤckzugsweg lag, und wo er ſich mit der Donauarmee zu vereinigen ge⸗ dachte, die nach demſelben Ziele marſchirte, und auf deren Bewegungen wir jetzt den Leſer aufmerkſam machen muͤſſen. General Tormazoff war, wie bereits gemeldet worden, am 12ten Auguſt bei Gorodeczno von den Oeſterreichern unter Schwarzenberg und von den Franzoſen unter Régnier geſchlagen worden und hatte ſich hlerauf uͤber den Styr zuruͤckgezogen. Schwar⸗ zenberg begnuͤgte ſich mit dieſem Vortheil und be⸗ zeigte eben keine große Luſt, die Niederlage ſeines Gegners zu vervollſtaͤndigen. Die Franzoſen beſchul⸗ digen ihn ſogar der Deiülberei⸗ woran wir jedoch nicht glauben. Aber ſein Herz war nicht bei dieſem Kriege. Er wußte, daß das Waffengluͤck Alexanders nicht nur Oeſterreich, ſondern ganz Europa frommen wuͤrde, und bewies daher keinen groͤßern Eifer, als man von dem General einer Huͤlfsarmee fordern konnte, der es durchaus nicht darum zu thun 5* als Hauptmacht aufzutreten. Waͤhrend Tormazoff und die Oeſterreicher ſich am Styr gegenſeitig beobachteten, zeigten ſich zwei kleinere Korps Ruſſen und Polen in der naͤmlichen Gegend thaͤtig. Prinz Bagration hatte auf ſeinem Ruͤckzug von der Dwina eine betraͤchtliche Garniſon 43 in der Feſtung Bobruisk zuruͤckgelaſſen, die zuerſt von der franzoͤſiſchen Reiterei unter Latour⸗Mau⸗ bourg, und ſpaͤter, als dieſer zur großen Armee ab⸗ ging, von dem polniſchen General Dombrowski blo⸗ kirt wurde. Ein ruſſiſches Korps, unter dem Gene⸗ ral Ertel, kam dieſer Feſtung zu Huͤlfe. Napoleon, der nie etwas glauben wollte, was ſeinen Wuͤn⸗ ſchen widerſprach, behauptete fortwaͤhrend, daß die Ruſſen auf dieſem Punkte weit ſchwaͤcher ſey⸗ en, als die Polen; und Dombrowski erhielt von ihm die dringendſten und gemeſſenſten Befehle, das Korps von Ertel, gegen das er kaum das Feld behaupten konnte, ohne weiters aufzureiben. So ſtanden die Sachen, als Admiral Tſchitſcha⸗ koff mit fuͤnfzigtauſend Ruſſen, die durch den Frie⸗ den mit den Tuͤrken disponibel wurden, aus der Moldau nach Volhynien vorruͤckte, um mit Torma⸗ zoff und Ertel gemeinſchaftlich zu operiren und zu⸗ letzt im Einklang mit Witgenſtein, Napoleon den Ruͤckzug abzuſchneiden. Ddie Heere von Tormazoff bildeten nach ihrer Vereinigung, die am 1aten September Statt fand, eine Armee von ſechzigtauſend Mann, die allen fran⸗ zoͤſiſchen, oͤſterreichiſchen und polniſchen Truppen, die man ihr entgegenſtellen konnte, uͤberlegen war. Sie ging uͤber den Styr und nahm ihren Weg nach dem Großherzogthum Warſchau, waͤhrend Schwarzenberg, nicht ohne Verluſt, ſich an den Bug zuruͤckzog. Seine ⸗ 44 Verfolger haͤtten ihn noch mehr in die Enge treiben koͤnnen, waͤre nicht die Ankunft des Fuͤrſten Czer⸗ nitſcheff, Adjutanten des Kaiſers, erfolgt, der, be⸗ gleitet von einem Korps auserleſener Koſacken, ei⸗ nen gefaͤhrlichen Marſch ausgefuͤhrt hatte, um Tor⸗ mazoff und Tſchltſchakoff neue Befehle zu uͤberbrin⸗ gen. Der erſte ward zur großen Armee an die Stelle des Prinzen Bagration berufen; den Oberbefehl uͤber die vereinigte volhyniſche Armee erhielt dagegen der Admiral Tſchitſchakoff, der, wie es ſich in der Folge erwies, einem ſo wichtigen Poſten eben nicht gewach⸗ ſen war. Prinz Czernitſcheff brach dann mit ſeinen Scy⸗ then wieder auf, um Witgenſtein von der Stellung den Abſichten und den kuͤnftigen Maͤrſchen der Mol⸗ dauarmee in Kenntniß zu ſetzen. Da die franzoͤſiſch⸗ oͤſterreichiſche Armee die direkte Verbindung zwiſchen den beiden ruſſiſchen Armeen unterbrach, ſo nahm Czernitſcheff ſeinen Weg in weſtlicher Richtung durch Polen, um dieſelbe ganz zu umgehen. Er durchſchnitt, um den ſeindlich geſinnten Bewohnern und den zahl⸗ reichen Streifparteien des Feindes auszuweichen, mit außerordentlicher Schnelligkeit auf ungebahnten Wegen das polniſche Binnenland, ſeine Mannſchaft und Pferde auf eine Weiſe verpflegend, bei der nur Koſacken und Koſackenpfarde beſtehen konnten. Wir wiſſen aus guter Quelle, daß dleſes fliegende Korps n u wReaöaununmn„ n — 2. 4⁵ in Zeit von vlerundzwanzig Stunden einmal gegen hundert engliſche Meilen zuruͤckgelegt hat. Dieſer abenteuerliche Zug ſollte noch durch ein beſonderes und erfreuliches Ereigniß bezeichnet wer⸗ den. Der Leſer wird ſich der Gefangennehmung des Generals Winzingerode zu Moskau und der ungroß⸗ muͤthigen Art erinnern, mit der Buonaparte ſich ge⸗ gen dieſen Offizier benahm. Winzingerode wurde mit einem andern ruſſiſchen General, von Gensd'ar⸗ men bewacht, nach Wilna abgefuͤhrt, um von da nach Paris gebracht zu werden, wo die Gegenwart zweier Gefangenen von ſolcher Auszeichn ung die ſchlimmen Nachrichten, die von Rußland dahin kamen, in et⸗ was verſuͤßen ſollte. Winzingerode war auf dieſer Reiſe ſchon weit in Poren vorgeruͤckt, und hatte be⸗ reits alle Hoffnung aufgegeben, als er am Saum elnes Gehoͤlzes eine Geſtalt erblickte, die ſo ſchnell wieder verſchwand, daß ſein geuͤbtes Auge kaum die Muͤtze und Lanze eines Koſacken zu erkennen ver⸗ mochte. Die frohe Ahndung, die jetzt in ihm auf⸗ ſtieg, betrog ihn nicht; denn es kam ſofort eine Bande von Koſacken aus dem Gehoͤlze herangeſprengt, die uͤber die Gensd'armen berfiel und die Gefangenen befreite. Czernitſcheff, der nach dieſem gluͤcklichen Fang ſeinen Zug mit derſelben Haſt, Gewandtheit und Beſonnenheit in oͤſtlicher Richtung fortſetzte, fand endlich die Armee von Witgenſtein zwiſchen Witepsk und Tſchaknike. Witgenſtein erfuhr durch 46 ihn, was im Werke ſey, und was er ſeinerſeits zu thun habe, um in Uebereinſtimmung mit der Mol⸗ dauarmee der franzoͤſiſchen Armee den Ruͤckzug nach Polen abzuſchneiden. In Gemaͤßheit der ihm gewor⸗ denen Befehle ging Tſchitſchakoff zuerſt auf Schwar⸗ zenberg los, der die aufgeloͤste und geſchwaͤchte Ar⸗ mee Napoleons auf ihrem Ruͤckzug nach Polen zuerſt haͤtte aufnehmen koͤnnen. Als jetzt Tſchitſchakoff mit Macht erſchien, wurde dieſe franzoͤſiſch ⸗oͤſterreichiſche, oder eher oͤſterreichiſch⸗ ſaͤchſiſche Armee nach einigen Scharmuͤtzeln gezwungen, ſich hinter den Bug zuruͤck⸗ zuziehen. Der Admiral ließ hierauf den General Saken, einen tapfern und thaͤtigen Offizier, in die⸗ ſer Gegend ſtehen, mit dem Auftrag, Schwarzen⸗ berg und Regnier zu beobachten und im Schach zu halten, waͤhrend er ſelbſt gegen die Berezina zuruͤck⸗ ging, um, wie er hoffte, Napoleon in Empfang zu nehmen. Am 14ten November gelang es dem Admiral, Minsk zu nehmen, einen unter den gegebenen Umſtaͤnden hoͤchſt wichtigen Ort, wo alle Vorkehrun⸗ gen getroffen waren, um die große Armee oder ihre Truͤmmer, ſobald ſie ſich Polen naͤhern wuͤrden, zu verpflegen und mit allen Beduͤrfniſſen zu verſehen. Auf dieſen Vortheil folgte ein anderer nicht minder wichtiger. Graf Lambert, einer von Tſchitſchakoff's Ge⸗ neralen, zog gegen Borizoff, das an der Berezina gerade 47 auf dem Punkte liegt, wo Napoleon ſeinen Ueber⸗ gang noch am eheſten bewerkſtelligen konnte. Der tapfere polniſche General Dombrowski beeilte ſich, einen Platz zu vertheidigen, durch deſſen Verluſt des Kaiſers Sicherheit beſonders gefaͤhrdet wer⸗ den mußte. Das Gefecht fing den 21ſten November mit Tagesanbruch an, und endete mit der Nieder⸗ lage von Dombrowski, der 8 Kanonen und 2500 Ge⸗ fangene verlor, und Borizoff den Ruſſen uͤberlaſſen mußte, wo Tſchitſchakoff ſofort ſein Hauptquartier aufſchlug, zum Behuf der weitern Operationen, die nach dem entworfenen Plaue Statt finden ſollten. Waͤhrend der Admiral ſolchergeſtalt in oͤſtlicher Richtung nach Borizoff abging, that General Sacken, den er in Volhynien gelaſſen, Alles, um die Auf⸗ merkſamkeit von Schwarzenberg und Régnier von Tſchitſchakoff ab⸗ und auf ſich zu ziehen, was ihm auch vollkommen gelang. Zufolge dieſes kuͤhnen und edelmuͤthigen Entſchluſſes ging er, da die franzoͤſt⸗ ſchen und oͤſterreichiſchen Generale von einander ger trennt waren, zuerſt auf Régnier los, den er uͤbere ſiel und beinahe gefangen nahm. Régnier ent⸗ ging ſeinem voͤlligen Untergange nur dadurch, daß ihm Schwarzenberg ſchleunigſt zu Huͤlfe kam. Es geſchah dies am 15ten November, in dem Augenblick, wo Sacken, der die Oeſterreicher nicht ſo nahe glaubte, ſich mit Régnier bei Wolkowitz in ein ernſt⸗ haftes Geſecht eingelaſſen hatte. Der ruſſiſche Ge⸗ 48 neral litt bedeutenden Verluſt und zog ſich nicht ohne Schwierigkeit zuruͤck. Es gelang ihm jedoch, ſeine Armee wieder zu ſammeln, worauf er von Punkt zu Punkt, bis in die Stellung von Brzeſt zuruͤckging, von der er ausgegangen war. So wußte Sacken die oͤſterreichiſch⸗ſaͤſiſche Armee unter Schwar⸗ zenberg am Bug in einem Augenblick zu beſchaͤftigen, wo ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit auf die entſchei⸗ denden Ereigniſſe an der Berezina haͤtte richten ſollen. Die franzoͤſiſchen Schriftſteller tadeln das Be⸗ nehmen des oſterreichiſchen Feldherrn in dem vor⸗ liegenden Falle; ſie laͤugnen nicht, daß Schwarzen⸗ berg thaͤtig und ſiegreich war, ſie beklagen es aber, daß er ſeine Thaͤtigkeit in einer Gegend bewies⸗ wo dieſelbe auf den Ausgang des Feldzugs eben keinen großen Einfluß haben konnte. Einige Kriegs⸗ kuͤnſtler wolen ſein Benehmen aus dem Umſtande erklaͤren, daß er durch ſeine geheimen Inſtruktionen, die ihm zu einer Zeit gegeben wurden wo der Kai⸗ ſer von Oeſterreich nicht vorausſehen konnte, daß die perſoͤnliche Sicherheit ſeines Eidams in Gefahr kom⸗ men wuͤrde, ausdruͤcklich angewieſen war, ſeine mi⸗ kitaͤriſchen Operationen nicht uͤber die Grenzen von Volhynien und Lithauen auszudehnen.. Aus dem Geſagten erhellet, daß das Gluͤck auf ſoinen vieljaͤhrigen Guͤnſtling jetzt ſeine grimmig⸗ ſten und drohendſten Blicke warf. Napoleon ſdar mi 49 mit den elenden Ueberbleibſeln ſeiner großen Armee auf der Brandſtaͤtte von Smolensk gelagert, wo er nicht bleiben, und die er doch nicht verlaſſen konnte, ohne ſeinem gaͤnzlichen Untergang entgegen zu ge⸗ hen. Die große ruſſiſche Armee lag im Hinterhalt auf ſeiner Flanke, um uͤber ſeine Kolonnen, ſobald ſie ſich ruͤhren wuͤrden, herzufallen. Sollte er ſich auch ſeinen Verfolgern entziehen, ſo waren doch alle polniſchen Staͤdte mit allen Huͤlfsquellen, die ſie ihm darbieten konnten, bereits vom Feinde genom⸗ men. Die beiden großen Armeekorps von Tſchitſcha⸗ koff und Witgenſtein warteten ſeiner an der Bere⸗ zina. So von allen Seiten umzingelt und gedraͤngt, ohne Reiterei, um die Koſacken, die ſich uͤberall zeig⸗ ten, abzuhalten, ohne hinreichendes Geſchuͤtz, ſchien er unrettbar verloren. — Zweites Kapitel. * Navoleon theilt feine Armee in vier Korps, die Smolensk nach einander verlaſſen.— Vorſichtiges Verfahren von Kutuſof.— Das Korps des Vicekönigs wird von Miloradowitſch auf dem Marſche angegriffen, und vereinigt ſich, nachdem es großen Verluſt erlitten, zu Krasnoi mit Napoleon.— Das Korvs von Davouſt trifft gleichfalls daſelbſt ein, aber in dem elendeſten Zuſtande.— Napoleon ſetzt ſeinen Marſch nach Liady fort; W. Scott's Werke. LVI. 4 50 Mortier und Davouſt werden angegriffen und leiden großen Verluſt an Todten, Verwundeten, Gefangenen und Kanonen. — Detaits, den Rückzug von Ney betreffend.— Er geht über die Losmina, verliert einen großen Theil ſeiner Mannſchaft und ſeines Troſſes, und kommt endlich mit noch fünſzehnhundert Mann nach Orcza zu Napoleon.— Die ganze große Armee be, ſteht jetzt noch aus zwölftauſend Streitern und treißigtauſend Nachzüglern.— Schreckliche Lage Napoleons und ſeiner Armee. — Sonderbarer Auftritt zwiſchen Napoleon, Duroe und Daru. — Napoleon marſchirt nach Borizoff und trifft mit den Korps von Vietor und Oudinot zuſammen.— Kutuſof bleibt bei Kopyn ſtehen, ohne Buonaparte anzugreiſen.— Napoleon geht bei Studzianka über die Berezina.— Die Diviſion Partouneaux wird von Witgenſtein gefangen genommen.— Blutiges Gefecht auf beiden Ufern des Fluſſes.— Schrecklicher Verluſt der Fran⸗ zoſen bei dem Uebergange.— Nach den ruſſiſchen Berichten ſind 36,000(12) Leichname in der Berezina⸗ gefunden worden. Auf die Brandſtaͤtte von Smolensk, wo ſeine Armee nur wenig gefunden, wie gebannt, mußte Napoleon es jetzt ernſtlich uͤberlegen, in welcher Richtung er etwa noch entfliehen koͤnne. Da er in Erfahrung gebracht, daß Witgenſtein Witepsk genom⸗ men habe und an der Dwina ſtehe, ſo blieb ihm keine Wahl, als uͤber Krasnoi, Borizoff und Minsk den Weg nach Wilna einzuſchlagen. In den beiden letzteren Staͤdten befanden ſich die Magazine und Vorraͤthe, deren er ſo ſehr bedurfte; und da er noch nicht wußte, was im Suͤden von Lithauen vorgegan⸗ gen war, ſo konnte er die oͤſterreichiſch⸗ſaͤchſiſche Ar⸗ mee unter Schwarzenberg an der Berezina zu tref⸗ ſen hoffen. es 51 Er glaubte vor allen Dingen, ſeine Armee, ſo gut es anging, wieder organiſiren zu muͤſſen. Sie war auf ungefaͤhr vierzigtauſend Mann herabgeſchmol⸗ zen, und ſchleppte noch unverhaͤltnißmaͤßig viel Ge⸗ ſchuͤtz und Gepaͤck mit ſich, obgleich ſie bereits drei⸗ hundert und fuͤnfzig Kanonen und vleles andere Fuhr⸗ werk im Stiche gelaſſen hatte. Dieſe ſogenannte Armee theilte der Kaiſer in vier Korps, die nach einander Smolensk verlaſſen ſollten, ſo daß jedes Korps von dem naͤchſten einen Tagmarſch entfernt blieb. Er ſelbſt eroͤffnete den Marſch mit ſechstauſend Mann ſeiner Garde und eben ſo viel andern Soldaten, den Truͤmmern ehemaliger Korps, die man, ſo gut es ſich thun ließ, in Bataillons abgetheilt hatte. Die kaiſerliche Kolonne verließ Smolensk am Abend des 13ten und am Morgen des 14ten Novembers. Die Kolonne des Vicekoͤnigs, faſt von derſelben Staͤrke wie die des Kaiſers, obglelch von geringerem Gehalt, da ſie keine Mannſchaft von der kaiſerlichen Garde enthielt, konnte erſt am 15ten November bei ſchon vorgeruͤckter Tageszeit zuſammengebracht wer⸗ den, wo dann die erſchoͤpften Soldaten, auf Lithauen, das ſo wenige von ihnen wieder ſehen ſollten, ver⸗ troͤſtet, endlich aufbrachen. Am 16ten November ſetzte ſich auch Davouſt, nach einem ſcharfen Wortwechſel mit Ney, der ihn gern fruͤher haͤtte abziehen ſehen, mit einer andern Abtheilung von etwa zehntauſend Mann in Marſche. . 5² Ney blieb noch bis zum 17ten November. Da er den Marſch ſchließen und abermals den gefaͤhrli⸗ chen Ruͤckzug decken ſollte, was er zwiſchen Wiazma und Smolensk auf eine ſo bewunderungswuͤrdige Weiſe gethan hatte, ſo wurden ihm viertauſend Mann von der kaiſerlichen Garde zugetheilt, auf die man ſich, da ſie weniger Mangel gelitten hatten, als an⸗ dere Truppen, und weil ſie verſuchte Veteranen wa⸗ ren, auch in den verzweiſeltſten Faͤllen noch am be⸗ ſten verlaſſen konnte. Ehe die Franzoſen die Stadt vollends raͤumten, vollzogen ſie die ſtrengen Befehle des Kaiſers, indem ſie die Thuͤrme an der Ring⸗ mauer durch Minen ſprengten, damit dieſe, wie Na⸗ poleon ſich ausgedruͤckt hatte, fortan kein Hinderniß mehr fuͤr die franzoͤſiſche Armee ſeyn moͤchten. So ſchien dieſer außerordentliche Mann auf ſeine Ruͤck⸗ kehr nach Rußland in einem Augenblick zu denken, wo es wahrlich zu bezweifeln war, ob er ſelbſt oder irgend ein Individuum ſeiner Armee aus dieſem heil⸗ loſen Lande je wuͤrde entkommen koͤnnen.— Wir muͤſſen jetzt zunaͤchſt unſere Auſerkſännkeit auf die Ruſſen richten.. Fuͤrſt Golenitſcheff Kutuſof, durch die Stimme der Armee zum Kommando als derjenige Feldherr berufen, von dem ſie hoffte, daß er dem Ruͤckzugs⸗ ſyſtem von Barclay de Tolly ein Ende machen und dem eingedrungenen Feinde eine Schlacht liefern wuͤrde, hatte dieſes bei Borodino gethan; aber es 53 war ſein letzter Verſuch dieſer Art. Von Natur nicht unternehmend, im Alter der Behutſamkeit, ge⸗ blendet durch die gluͤcklichen Folgen ſeines zaudern⸗ den Verfahrens in der Stellung von Tarutino, hatte er ſein Syſtem, ſo wenig als moͤglich zu wagen, ſo liebgewonnen, daß er nicht mehr davon laſſen konnte. Vergebens ward ihm vorgeſtellt, daß die ruſſiſchen Truppen im beſten Zuſtande ſeyen, und daß man ge⸗ gen die aufgeloͤsten und entmuthigten Franzoſen Al⸗ les wagen koͤnne, mit den braven Soldaten, die ſich mit der franzoͤſiſchen Armee, als ſie noch in voller Kraft war, gemeſſen und, wenn gleich von ihr ge⸗ ſchlagen, in der auf die Schlacht gefolgten Nacht die⸗ ſelbe noch in ihrem Lager gehoͤhnt und ſogar noch den Wahlplatz behauptet hatten. Haͤtte Suwarow oder der edle Bagration(der Gott der Armee, wie ſein ruſ⸗ ſiſcher Name beſagt) wieder aufleben koͤnnen; oder waͤre ein Varclay de Tolly, ein Bennigſen oder Mi⸗ loradowitſch ermaͤchtigt worden, zur rechten Zeit zu handeln, ſo wuͤrde Napoleon, aller Wahrſchelnlichkeit nach, den Kremlin, nicht als Sieger, ſondern als Kriegsgefangener, wieder geſehen haben. Allein Ku⸗ tuſof wollte die Vernichtung der franzoͤſiſchen Armee vollends dem Klima uͤberlaſſen. Er war entſchloſſen, nicht das mindeſte zu wagen, nur Nachleſe zu hal⸗ ten und dem Werk der Elemente nicht mit dem Schwert vorzugreifen. Sein Hauptplan war, die Ar⸗ mee Napoleons in der Flanke zu begleiten, dieſelbe 54 von Zeit zu Zeit mit ſeinem Vortrab anzugreifen, ſich aber durchaus in kein allgemeines Treſſen ein⸗ zulaſſen. Er ließ die Abtheilungen derſelben von Koſacken umſchwaͤrmen, die leichte Feldſtuͤcke auf Schlitten mit ſich fuͤhrten, und damit den Franzoſen uͤberall, wo ſie ſich ihres ſchweren Geſchuͤtzes nicht recht bedienen konnten, den groͤßten Abbruch thaten. Dieſes Syſtem iſt in den bisherigen Begebenheiten nicht zu verkennen und wird in der Folge noch deut⸗ licher hervortreten. Es iſt von ſachverſtaͤndigen Maͤn⸗ nern geprieſen, von andern aber, beſonders von den Franzoſen, hinwiederum laͤcherlich gemacht wor⸗ den. Jene ſagen, Kutuſof habe dadurch Alles ge⸗ wonnen, ohne etwas aufs Spiel zu ſetzen; letztere dagegen verſichern, ſie haͤtten die Rettung des trau⸗ rigen Ueberreſtes der großen Armee, und des Kai⸗ ſers insbeſondere, der Langſamkeit des ruſſiſchen Feldherrn und den Mißgriffen des Admirals Tſchit⸗ ſchakoff zu verdanken. Nach dieſen Erlaͤuterungen nehmen wir unſere traurige und inhaltſchwere Ge⸗ ſchichte wieder auf. Ohne ſeinen Grundſaͤtzen etwas vergeben zu wol⸗ len, leitete Kutuſof ſeine Operationen gegen die Franzoſen auf eine Weiſe ein, die ein kraͤſtigeres Verfahren von ſeiner Seite zu verkuͤnden ſchien. Er fuͤhrte ſeine Hauptmacht in der linken Flanke Napoleons auf einer mit deſſen Marſchlinie parallel 55⁵ laufenden Straße nach Krasnoi, waͤhrend er zu glei⸗ cher Zeit ſtarke Korps auf jene entſandte. So nahm Miloradowitſch mit einem anſehnli⸗ chen Korps ſeine Stellung auf der Hauptſtraße, die von Smolensk nach Krasnoi fuͤhrt. Buonaparte hatte den letztern Punkt mit ſeiner Kolonne bereits er⸗ reicht, aber Eugen, der auf ihn folgte, fand den Weg ver⸗ ſperrt. Von Miloradowitſch aufgefordert, das Gewehr zu ſtrecken, verwarf der Vicekoͤnig dieſen Antrag mit maͤnnlichem Stolze. Sofort donnerte es von allen umliegenden Hoͤhen auf die Franzoſen und Italie⸗ ner herab, die mit unerſchuͤtterlicher Standhaftig⸗ keit ihre Stellung behaupteten, aber großen Verluſt an Todten und Gefangenen erlitten, und faſt auf⸗ gerieben wurden. Der Vicekoͤnig wehrte ſich, bis die Nacht, die Retterin der Bedraͤngten, ihn in ihren Schutz nahm. Den Feind durch ſeine Feuer, die er fortbrennen ließ, taͤuſchend, ging er jetzt mit ſeinem auf die Haͤlfte herabgeſchmolzenen Korps von der Straße ab und kam auf einem Umwege nach Krasnoi, wo ſich Na⸗ poleon befand. Das Wer da einer ruſſiſchen Schild⸗ wache haͤtte dieſes kitzelige Mandver leicht vereiteln koͤnnen. Ein ſolcher Ruf ließ ſich auch wirklich hoͤ⸗ ren. In dieſem kritiſchen Augenblick half aber die Geiſtesgegenwart eines Polen, der dem Ruſſen in ſeiner Sprache zurief:„Schweig', wir gehoͤren zu 56 dem Korps von Uwaroff und gehen auf eine geheime Unternehmung aus.“ Am 12ten November des Morgens ſah Napo⸗ leon ſeinen Stieſſohn wieder, um den er ſehr beſorgt geweſen. Mit Einſchluß des ſo ſehr zuſammenge⸗ ſchmolzenen Korps von Eugen hatte jetzt der Kalſer im Ganzen genommen noch ungefaͤhr fuͤnfzehntauſend Mann beiſammen. Dies ſchlug aber ſeinen Muth nicht nieder. Er hatte in der Nacht vom 15ten auf den 16ten ein ruſſiſches Korps, das ſeinem Quar⸗ tier zu nahe gekommen war, durch die Dioiſion Ro⸗ guet von der jungen Garde in ſeinem Bivouak auf⸗ heben laſſen, um ſeine Draͤnger vorſichtiger zu ma⸗ chen und ſie zu lehren, daß man ſich dem Lager des Loͤwen nicht ungeſtraft nahen duͤrfe; und jetzt faßte er den kuͤhnen Entſchluß, der ruſſiſchen Armee zum Trotz, in Krasnoi zu bleiben und die Ankunft von Ney und Davouſt abzuwarten. Es ſchien ihm an⸗ gemeſſen, ſeine nach ſeiner erſten Anordnung getrenn⸗ ten Streitkraͤfte wieder zu vereinigen. Selbſt der bedaͤchtliche Kutuſof glaubte den ſelt⸗ ſamen Umſtand, daß fuͤnfzehntauſend Mann einer wenigſtens dreimal ſo ſtarken Macht Trotz zu bieten wagten, benuͤtzen zu muͤſſen. Aber weder die drin⸗ genden Vorſtellungen ſeiner Offiziere, noch die Vor⸗ wuͤrfe Sir Robert Wilſon's, des engliſchen Kommi⸗ ſaͤrs, konnten den alten General vermoͤgen, mit 57 der den Umſtaͤnden angemeſſenen Lebhaftigkeit an⸗ zugreifen. Ein Artilleriegefecht war alles, wozu er ſich verſtand. Eugen, deſſen Truppen in dem Gefecht des vo⸗ rigen Tages faſt ganz zu Grund gerichtet worden wa⸗ ren, ward am 17ten November mit Tagesanbruch nach Ligdy, dem naͤchſten elenden Marſchquartier, vorausgeſchickt. Buonaparte blieb mit ſeinen ſechs⸗ tauſend Garden und mit den fuͤnftauſend Mann von Mortier; er ſagte, er habe lange genug den Kaiſer gemacht, es ſey Zeit, daß er wieder den Sol⸗ daten mache, zog ſeinen Degen und ſtellte ſich an die Spitze dieſer Truppen, um mit Kutuſof jedes Spiel, das dieſem belieben wuͤrde, zu ſpielen.*) In dem ſonderbaren Gefechte, das hierauf Statt fand, benahmen ſich die Ruſſen mit großer Vorſicht. Napoleons Name war der einzige Schutz ſeiner Ar⸗ *) Oberſt Buturlin rühmt die Gewandtheit von Kutuſof, der den Frauzoſen auf jedem Schlachtfelde eine überlegene Trup⸗ penzahl entgegenzuſtellen gewußt habe, obgleich ſeine Armee im Ganzen genommen ſchwächer geweſen ſey, als die fran⸗ zöſiſche. Gegen letztere Behauptung läßt ſich wohl Vieles einwenden; wenn aber der ruſſiſche General zu Wiazma, Krasnoi und anderswo mehr Truppen ins Geſecht gebracht hat, als die Franzoſen, ſo erſcheint dies als ein geringes Verdienſt, wenn man bedenkt, daß Napoleon ſeine Armee in vier Kolonnen abgetheilt hatte, die in der Entfernung ei⸗ nes Tagmarſches auf einander folgten, ſo daß die Ruſſen jedesmal nur mit zehn, bis zwölftauſend Mann zu thun hatten. 58 mee. Die Franzoſen litten allerdings durch das Feuer von hundert Geſchuͤtzen und durch die Angriffe der Reiterei, da ſie jenes nicht erwiedern, dieſe nicht zuruͤckweiſen konnten. Es wusden breite Luͤk⸗ ken in ihre Reihen geſchlagen und einige ihrer Vier⸗ ecke von der Reiterei geſprengt; aber Kutuſof wei⸗ gerte ſich demungeachtet, durch einen raſchen Angriff die Franzoſen vollends aufzureiben. Selbſt Butur⸗ lin, ein nachſichtiger Kritiker in allem, was auf den Ruf des alten ruſſiſchen Feldherrn Bezug hat, be⸗ dauert es, daß er ſeine Armee nicht geradezu auf der Ruͤckzugslinie Napoleons aufgeſtellt habe, indem die Franzoſen, durch phyſiſche und moraliſche Leiden erſchoͤpft und entmuthigt, es doch mit den Ruſſen* nicht haͤtten aufnehmen koͤnnen, auch wenn ſie ſo 1 zahlreich als dieſe geweſen waͤren. Im Ganzen ge⸗ nommen ſcheint Kutuſof ſich gegen Napoleon und ſeine Armee benommen zu haben, wie die groͤnlaͤn⸗ diſchen Fiſcher gegen den Wallfiſch, dem ſie ſich in ſeinem Todeskampfe, wo Schmerz, Wuth und der Inſtinkt der Rache das letzte Straͤuben des Unge⸗ thuͤms ſehr gefaͤhrlich machen, nicht zu naͤhern wagen. Ddie Schlacht oder die Kanonade von Krasnol endete mit der Erſcheinung des Korps von Davouſt, das ſeine Schritte beſchleunigte, um ſich der Koſak⸗ ken, von denen es gehetzt wurde, zu erwehren. Bei dem Anblick von Krasnoi zerſtoben die meiſten von dieſen Soldaten, die ſeit dem Abmarſche von Smo⸗ 59 lensk ſo ſchrecklich gelitten hatten; ſie liefen in wil⸗ der Flucht uͤber das Feld der Stadt zu, wo ihre Offiziere ſie kaum wieder zum Stehen und einiger⸗ maßen in Ordnung bringen konnten. In dieſem aufgelosten Zuſtande vereinigte ſich die dritte Ko⸗ lonne oder das dritte Korps mit dem erſten und zweiten. Als er ſich nach Ney erkundigte, mußte Napoleon zu ſeinem Verdruß hoͤren, daß er mit dem vierten Korps wahrſcheinlich noch in Smolensk zuruͤck ſey und auf jeden Fall wenig Hoffnung habe, durch⸗ zukommen. 5 Der Kaiſer erfuhr noch weiter, daß die Ruſſen nicht muͤßig ſeyen; daß Prinz Gallitzin Anſtalten treffe, Krasnoi zu vehmen; und daß, wenu er ſich nicht beeile, nach Liady zu kommen, er ſolches be⸗ reits vom Feinde beſetzt finden wuͤrde. So gerne auch Napoleon noch laͤnger ausgehalten haͤtte, um das Korps von Ney aufzunehmen, ſo ſah er doch ein, daß er durch ein laͤngeres Verweilen den Ueberreſt ſeiner Armee der groͤßten Gefahr aus⸗ ſetzen und doch nach aller Wahrſcheinlichkeit ſei⸗ nen Marſchall nicht retten wuͤrde. Zufolge dieſer Ueberzeugung ſtellte er ſich an die Spitze ſeiner al⸗ ten Garde, um durch einen ſchleunigen Marſch Liady noch vor dem Feinde zu gewinnen und ſich dadurch des Uebergangs uͤber den Dnieper zu verſichern. Davouſt und Mortier ſollten Krasnoi wo moͤglich bis zur Nacht behaupten und hierauf unter dem 60 Schutze der Dunkelheit zu ihm ſtoßen. Mit Napo⸗ leon ſchien der Zauber zu verſchwinden, der die Ruſ⸗ ſen gelaͤhmt, die Franzoſen geſtaͤrkt hatte. Mortier und Davouſt wurden mit dem groͤßten Ungeſtuͤm an⸗ gegriffen und hatten alle Muͤhe, nach Liady zu ent⸗ kommen. Die Franzoſen verloren auf dieſem un⸗ gluͤcklichen Fleck fuͤnfundvlerzig Kanonen, mehr als ſechstauſend Gefangene, nebſt vielen Todten und Verwundeten, welch letztere ſie nicht mit ſich neh⸗ men konnten; und, was das Maß ihres Ungluͤcks fuͤllte, das Korps von Ney war jetzt durch die ganze ruſſiſche Armee von Liady abgeſchnitten. Von dem Ruͤckzuge dieſes gefeierten Kriegers muͤſſen wir zu⸗ naͤchſt Bericht erſtatten. Am 17ten November zog Ney, unter Zuruͤcklaſ⸗ ſung von fuͤnftauſend Kranken und Verwundeten, noch mit ſieben⸗ oder achttauſend wehrhaften Sol⸗ daten aus Smolensk. Einige tauſend unbewaffnete Nachzuͤgler, durch die Kanonen des ſchnell nachruͤcken⸗ den Platoff aus den Ruinen der Stadt aufgeſcheucht, folgten ihm. Der Marſch ging am zweiten Tage uͤber das Schlachtfeld von Krasnoi, wo die Schlacht⸗ ordnung und ihre Reihen durch die Todten unver⸗ kennbar bezeichnet war; an den Nummern und ⸗den Montirungen konnte man ſehen, welche Korps hier gefochten hatten; aber niemand war da, der haͤtte ſagen koͤnnen was aus den uͤbriggebliebenen Solda⸗ ten gevorden ſey. Nicht weit von dieſem unſeligen 61 Fleck kam die Kolonne an die Ufer der Losmina, wo Alles mit Muße zu ihrem Empfange bereitet worden war. Miloradowitſch hatte hier mit einem ſtarken Korps ſeine Stellung genommen; in dem dicken Ne⸗ bel, der auf dem Boden lag, ſchtitt die Kolonne, ſchon im Bereiche der ruſſiſchen Batterien, immer vorwaͤrts, ohne eine Gefahr zu ahnden. Ein ruſſiſcher Offlzier erſchien ſofort, um den Marſchall zur Uebergabe außzufordern.„Ein Mar⸗ ſchall von Frankreich ergibt ſich nie!“ antwortete der unerſchrockene General. Der Offizier zog ſich zuruͤck, und die ruſſiſchen Batterien fingen an, in der Ent⸗ fernung von nur zweihundert und fuͤnfzig Schritten mit Kartaͤtſchen zu feuern. Durch die Erſchuͤtterung der Luft wurde der Nebel in die Hoͤhe getrieben, und man ſah jetzt auf der einen Seite einer tiefen Schlucht die ſchwache, dem Tode gewelhte franzoͤſt⸗ ſche Kolonne, auf der andern Seite ein zahlreiches wohlbedientes Geſchuͤtz, und hinter dieſem dichte Trup⸗ penmaſſen. Weit entfernt, zu verzagen, brachen ſich die franzoͤſiſchen Garden mit ſeltener Unerſchrocken⸗ heit Bahn durch die Schlucht der Losmina, und warfen ſich mit der groͤßten Wuth auf die ruſ⸗ ſiſchen Batterien. Sie wurden jedoch von den Ruſſen mit dem Bajonet empfangen und mit ſchrecklichem Verluſte in die Schlucht zuruͤckgewor⸗ fen. Ney, der ſich ſchlechterdings durchſchlagen wollte, ließ zum zweiten Male ſtuͤrmen, aber vergebens; 62 ſeine Kolonne ward durch das Feuer der ruſſiſchen Batterien furchtbar zerſtaͤmmelt, und er uͤberzeugte ſich, daß er das Unmoͤgliche verſucht habe. Um die 4000 Mann, die ihm noch geblieben waren, wo mög⸗ lich zu retten, befahl er ſoſort den Ruͤckzug, den er unter dem Schutze der Nacht antrat; er folgte der Straße von Smolensk, der einzigen, die ihm noch offen ſtand, bis zu einem kleinen Bache, der ein Sel⸗ tengewaͤſſer des Dniepers zu ſeyn ſchien, nahm dann dieſen zum Wegweiſer, und erreichte bei dem Dorfe Syrokovenia wirklich das Ufer dieſes Fluſſes, uber den ſich eine ſchmale, eben nicht feſte Eisdecke ge⸗ legt hatte. Um denen, die auf dem naͤchtlichen Marſche von der Kolonne abgekommen waren, Zeit zu laſſen, ſich wieder einzufinden, beſchloß Ney, mit dem Ueber⸗ gange noch drei Stunden zu warten, die er, in ſei⸗ nen Mantel gehuͤllt, am ufer des Fluſſes in tiefem Schlafe zubrachte. Nach Ablauf dieſer dreiſtuͤndigen Friſt erfolgte der Uebergang— nicht etwa in breiter Fronte, ſondern Mann fuͤr Mann, weil die verdaͤchtige Beſchaffenheit der Eisdecke die groͤßte Vorſicht gebot. Zuletzt verſuchte man noch einige Wagen mit Kranken und Verwundeten hinuͤberzuſchaffen, allein das Eis brach unter ihnen und ſie plumpten in die Tiefez, ein Zettergeſchrei, das augenblicklich in ein Winſeln uͤberging, verkuͤndete, was geſchehen ſey. Die Ko⸗ ſacken ſtellten ſich auch wieder ein, machten noch eis . 63 nige hundert Gefangene und nahmen das zuruͤckge⸗ laſſene Geſchuͤtz und Geyaͤck. So hatte Ney durch einen Ruͤckzug, der in der Geſchichte kaum ſeinesgleichen hat, den Dnieper zwi⸗ ſchen ſich und die geregelten Truppen der ruſſiſchen Armee gebracht, ſich aber darum noch nicht die Ko⸗ ſacken vom Halſe geſchafft. Dieſe, die uͤber das ganze Land verbreitet waren, erſchienen bald wieder mit ihren Lanzen und ihrem Schlittengeſchuͤtz und ſetzten den Fliehenden gewaitig zu. Doch brachte Ney am zoſten November etwa noch fuͤnfzehnhundert Mann nach Orcza, wohin ſich Napoleon nach ſeinem Uebergange uͤber den Dnieper bei Liady begeben hatte; er fand Eugen, Mortier und Davouſt; der Kaiſer war aber ſchon zwei Stunden voraus. Napoleon be⸗ gruͤßte Ney mit dem wohlverdienten Titel des Ta⸗ pferſten unter den Tapfern und verſicherte ihn, daß er gerne alle ſeine Schaͤtze hergegeben haben wuͤrde, um ihn zu retten. Seine Waffenbruͤder eilten, um ihn zu bewillkommen und ihn zu erquicken, was in Polen, wo ſie ſich jetzt befanden, und wo die Lebens⸗ mittel und andere Bequemlichkeiten weniger fehlten, nicht mehr ſo vielen Schwierigkeiten unterlag. Napoleons große Armee war nun wieder beiſam⸗ men. Sie hatte zu Smolensk noch vierzigtauſend Mann betragen, jetzt zaͤhlte man kaum noch zwoͤlf⸗ tauſend disciplinirte Soldaten; ſo ſehr hatte der Mangel und das Schwert die Reihen dieſer unuͤber⸗ 64 windlichen Legionen gelichtet. Dazu kamen noch et⸗ wa dreißigtauſend Nachzuͤgler jeder Art, die der Ar⸗ mee zu nichts dienten, ſondern ihr vielmehr zur Laſt wurden, weil ſie keine Zucht mehr kannten und das Land ohne Schonung pluͤnderten. In dieſer ſchrecklichen Kriſe ward Napoleon noch durch die hoͤchſt ſchlimme Nachricht uͤberraſcht, daß Minsk verloren und daß Schwarzenberg zur Deckung von Warſchau an den Bug zuruͤckgegangen ſey; daß er demnach ſich von den Oeſterrelchern keine Huͤlfe verſprechen koͤnne. Er erfuhr auch, daß Victor und Oudinot ſich unter einander daruͤber geſtritten haͤt⸗ ten, wie Witgenſtein angegriffen werden muͤſſe, und daß zufolge dieſes Streites der Angriff unterblieben ſey. Dieſem General ſtand es ſonach frei, die rechte Flanke der großen Armee zu faſſen, wenn ſie laͤnger am Dnieper verweilen ſollte, waͤhrend Kutuſof ihr in der linken Flanke blieb und Tſchitſchakoff in ih⸗ rer Fronte die Berezina beſetzte. In ſeinem Aerger hieruͤber rief er aus:„So geht es, wenn man Feh⸗ ler auf Fehler haͤuft.“ Da Minsk nicht mehr in Betracht kam, ſo war Napoleon auf die Richtung von Borizoff beſchraͤnkt. Auf der Bruͤcke, die dort uͤber die Berezina fuͤhrt und dreihundert Klafter lang iſt, konnte er allein noch aus Rußland entkommen. Waͤhrend er ſich nun beſann, welchen Weg er nach ſeinem Uebergange uͤber Berezina bei Borizoff einzuſchlagen habe, ward ihm gemel⸗ — 65 gemeldet, daß Borizoff, mit der ihm ſo unentbehr⸗ lichen Bruͤcke von den Ruſſen genommen, daß Dom⸗ browsky, wie wir bereits erwaͤhnt haben, geſchlagen worden ſey. „Iſt es denn,“ ſagte er aufwaͤrts blickend und mit dem Srock auf den Boden ſchlagend,„iſt es denn da oben geſchrieben, daß wir fortan nur Fehler ma⸗ chen ſollen!“ Eine Anekdote, die uns Sogur berichtet, faͤllt in dieſe Periode:— Napoleon hatte ſich auf ein Ruhebett gelegt und ſchien zu ſchlafen, waͤhrend ſeine treuen Diener Duroc und Daru, die ſich auf ſeinem Zimmer befanden, ſich mit leiſer Stimme uͤber ihre kritiſche Lage beſprachen. Das Wort„Staats⸗ gefangener,“ das ihnen entſiel, ward von dem Kai⸗ ſer, der nicht ſchllef, vernommen. „Wie!“ ſagte er, indem er ſich aufrichtete,„Ihr glaubt, ſie wuͤrden es wagen?“ In ſeiner Antwort berief ſich Daru auf den dem Kaiſer wohlbekannten Satz, daß die Staatspo⸗ litik keine Moral, kein Geſetz anerkenne. „Aber Frankreich,“ erwiederte der Kaiſer, dem jetzt die Staatspolitik, durch die er ſo manchen ſei⸗ ner Schrirte gerechtfert gt hatte, uͤbel angebracht ſchien⸗„was wird Frankreich dazu ſagen?“ „D wauf iſt ſchwer zu antworten, Sire,“ fuhr Duroe ſort, faͤgte aber hinzu,„ſein heißeſter Wunſch ſey, daß wenigſtens der Kaiſer, wenn die Erde ge⸗ W. Scott's Werke. LVI. 5 2 8 66 ſperrt ſey, doch durch die Luͤfte nach Frankreich ent⸗ komme.“ „Ich bin Euch alſo zur Laſt,“ ſagte der Kaiſer. Die Antwort war bejahend. „Und Ihr wollt keine Staatsgefangenen wer⸗ den?“ fuhr der Kaiſer mit affektirtem Scherze fort. „Es genuͤgt mir, Kriegsgefangener zu ſeyn,“ ſagte Daru. Napoleon ſchwieg einige Augenblicke und frug dann, ob die Berichte ſeiner Miniſter verbrannt wor⸗ den ſeyen. „Noch nicht,“ war die Antwort. „Nun, ſo verbrenne man ſie,“ fuhr er fort; „denn es iſt nicht zu laͤugnen, wir ſind in einer traurigen Lage.“ Ueber ſeine ſelbſtverſchuldete Lage hatte ſich Na⸗ poleon noch nie ſo ſtark ausgedruͤckt. Als er die Karte zu Rathe zog, um den paſſendſten Punkt zum Uebergange uͤber die Berezina ausfindig zu machen, und mit dem Finger dem Koſackenlande nahe kam, entſielen ihm die Worte:„Ha, Karl der Zwoͤlfte; Pultawa.“ Aber dies waren nur augenblickliche Aus⸗ bruͤche des Gefuͤhls ſeiner Lage; ſeine Entſchluͤſſe wurden jederzeit mit großer Gelaſſenheit und See⸗ t, was lenruhe gefaßt, und er blieb ſich ſtets bewuß er ſich und den Seinigen ſchuldig ſey. Es ward zuletzt beſchloſſen, trotz der Armee von Tſchitſchakoff, die das linke Ufer beſetzt hielt, den d 67 Uebergang uͤber die Berezina, oberhalb Borizoff bei dem Dorfe Studziak a zu verſuchen, wo der Fluß nur 55 Klafter breit und 6 Fuß tief iſt. Dagegen ſind auf dem jenſeitigen Ufer Anhoͤhen, die den ſum⸗ pfigen Wieſengrund zunaͤchſt am Ufer beherrſchen und durch deren Beſetzung der Feind den Uebergang leicht verhindern konnte. Dieſer Uebergang mußte, aller Wahrſcheinlichkeit nach, im Angeſicht der ganzen Moldauarmee geſchehen. Mit den 10⸗ oder 12,000 Combattanten und 20⸗ oder 30,000 zucht⸗ und wehr⸗ loſen Nachzuͤglern, aus denen die franzoͤſiſche Armee noch beſtand, dergleichen zu verſuchen, waͤre ein faſt unſinniges Wageſtuͤck geweſen. Allein Napoleons Stern war noch nicht untergegangen. Das erſte Zeichen ſeines wiederauflebenden Gluͤk⸗ kes war der von Victor und Oudinot errungene Vor⸗ theil. Sie ware beide auf dem Marſche ach Bo⸗ rizoff, das ſie noch zu retten hofften, als ſie die Nachricht erhielten, Dombrowsky ſey von Lambert ge⸗ ſchlagen worden und die Truͤmmer des volniſchen Korps, von den Ruſſen hart bedraͤngt, ſeyen ganz in der Naͤhe. Oudinot nahm die Fluͤchtlinge ſogleich auf und warf, in Verbindung mit Victor, den ruſſi⸗ ſchen Vortrab mit großem Verluſte zuruͤck. Durch dieſe Schlappe ward Lambert gendtbhigt, Borizoff zu raͤumen und die Berezina abermais zwiſchen ſich und die Franzoſen zu ſetzen. Doch ließ er die Bruͤcke abwerfen, ſo daß zwar die Stadr den Sranzoſen blieb „ 68 aber als Uebergangspunkt nicht mehr in Betracht kam. Der Kaiſer hatte ſonach keine andere Wahl, als ſeinen Uebergang bei Studzianka, ſo gut es ſich thun laſſen wuͤrde, zu bewerkſtelligen. Doch war die Sache jetzt leichter, weil er die Truppen von Victor und Oudinot, die ſich mit ihm auf demſelben Ufer befanden, zur Sicherſtellung ſeiner aufgeloͤsten Ar⸗ mee an ſich ziehen konnte. Zum Behuf dieſer Unkernehmung befahl Napo⸗ leon, keinem Offizier, weß Ranges er auch ſeyn mochte, mehr als einen Wagen zu laſſen, die Haͤlfte des Regimentsfuhrweſens zu vertilgen und die da⸗ durch entbehrlich gewordenen Pferde und Zugochſen zur Fortſchaffung des Geſchuͤtzes und der Munition zu verwenden. Man hat guten Grund, zu glauben, daß dieſer Befehl eben nicht genau beſolgt worden ſev. Ein anderer, durch den Drang der Umſtaͤnde veranlaßter Befehl bezog ſich auf diejenigen Offiziere, die noch beritten waren. Die Reiterei der Armee war ſelt Smolensk dermaßen aufgeloͤst, daß Latour⸗ Maubourg nur noch hundert und fuͤnfzig Pferde uͤbrig hatte. Der Kaiſer bot jetzt alle noch berittenen Of⸗ cziere dieſer Waffe auf und nannte dieſe Truppe von ungefaͤhr fuͤnfhundert Reitern ſeine heilige Schwadron. Grouchy und Sebaſtiank erhielten den Befehl daruͤber; Diviſionsgenerale dienten darin als Hauptleute. Aber Mangel an Futter und die Strgpatzen, die keinen Rang und keinen Stand ver⸗ 69 ſchonten, machten ind ganz kurzer Zeit den groͤßten Thell der heiligen Schwadron unberitten. Wieder einigermaßen orzaniſirt, durch die beſſe⸗ ren Quartiere und Verpfleaung, die ſie ſeit der Schlacht von Krasnoi gehabt hatte, wieder in etwas erquickt, drang jetzt die Armee in die ungeheuren Fichtenwaͤlder, die ſich an der Berezina hinziehen, um ihren abenreuerlichen Marſch der Kenntniß des Feindes deſto beſſer zu entziehen. Sie war nicht mehr weit von Borizoff entfetnt, als ſich in dem Walde ein großes Geſchrei erhob, das einen ploͤtzli⸗ chen Angriff beſorgen ließ; dieſe Beſorgniß verwan⸗ delte ſich aber bald in Freude, als ſie die vereinigte Armee von Victor und Oudinot, fuͤnfzigtauſend Mann ſtark, gut ausgeruͤſtet und mit Allem trefflich verſe⸗ hen, zu Geſicht bekam. Wenn die Soldaten der großen Armee ſich freuten, ſo ſtaunten ihre Waffen⸗ bruͤder nicht weniger, als ſie die Ueberreſte jener zahlloſen Schaaren erkannten, die ſie am Niemen in einem ſo glaͤnzenden Zuſtande geſehen hatten, und die jetzt gleich Geſpenſtern zuruͤckkehrten. Sie ſahen einen aufgelockerten Zug von jaͤmmerlichen Geſtal⸗ ten, die ſeltſam vermummt, in Frauenpelze, in Lum⸗ pen gehuͤllt waren und aus Mangel an Schuhen die Fuͤße mit Lappen jeglicher Art umwickelt hatten. Alle Disckplin ſchien verſchwunden; da war kein Of⸗ fizier, der geboten, kein Soldat, der gehorcht haͤtte. Im Gefuͤhl einer gemeinſamen Gefahr ſchlichen ſie 70 mit einander ſort; die Muͤden trieb der Inſtinkt zu demſelben Feuer hin; alle Hienſtpflicht war ver⸗ geſſen oder wurde doch nur noch mechaniſch befolgt. Die Armee der beiden Marſchaͤlle, die ſich von ihrem Erſtaunen kaum erholen konnte, ſchloß ſich jetzt an die große Armee an, deren Unordnung wie eine anſteckende Krankheit auf ſie zu wirken ſchien, denn ſie zeigte gar bald eine Neigung, gleich dieſer, das militaͤriſche Joch abzuſchuͤtteln.— Wir verlaſſen jetzt Napoleon auf ſeinem Marſche an die Berezina, um von den Bewegungen der Ruſſen Bericht zu erſtatten. Kutuſof hatte des Ruhms und der Trophaͤen genug. Sie waren auch in der That geeignet, den Ehrgeiz eines Generals zu ſaͤttigen der in einem Alter ſtand, wo es den Menſchen mehr um Erhal⸗ tung des Erworbenen, als um neuen Gewinn zu thun iſt. Vom z5ten bis l0ten November hatten die Ruſ⸗ ſen zweihundert achtundzwanzig Kanonen genommen, ſechs undzwanzigt auſend Mann, worunter dreihundert Ofſiziere, zu Gefangenen gemacht, zehntauſend Feinde getoͤdtet, wenn man die durch Strapatzen Umgekom⸗ menen einrechnet. Mit dieſen Vortheilen ſich be⸗ Iuuͤgend, zog der vorſichtige Veteran in kleinen Tag⸗ maͤrſchen nach Kopyn an dem Dnieper, ohne uͤber dieſen Fluß zu gehen und ohne zur Vertheidigung der Berezina durch einen Angriff auf den feindlichen Nachtrab etwas beizutragen. , — 21 Die ruſſiſche Armee hatte allerdings auch ſehr gelitten und ſoll damals nicht weniger als dreißig⸗ tauſend Kranke und Verwundete gezaͤhlt haben, von denen jedoch in der Folge ein großer Theil wieder genas. Das ruſſiſche Spitalweſen war insbeſondere ſchlecht eingerichtet und nicht nach dem großen Maß⸗. ſtab der Operationen berechnet, die zuſolge der In⸗ vaſion Napoleons Statt fanden. Auch iſt nicht zu laͤugnen, daß die Sorglichkeit, mit der ſich Kutuſof die reichliche Verpflegung ſeiner Armee angelegen ſeyn ließ, alles Lob verdient. Wir ſind demungeach⸗ tet der Meinung, daß ein ſo wichtiger Zweck, wie die Gefangennehmung Napoleons und die Vernich⸗ tung ſeiner Armee, ſelbſt die Soldaten, wenn man ſich auf ſie berufen haͤtte, mit dem Ungemach von etwa zwei bis drei Gewaltmaͤrſchen verſoͤhnt haben wuͤrde. Kutuſof dachte anders; er blieb bei Kopyn ſtehen und begnuͤgte ſich, den Franzoſen ſeine Ko⸗ ſacken und leichten Truppen nachzuſchicken. Da die ruſſiſche Hauptarmee ſolchergeſtalt zuruͤck⸗ blieb, ſo hatte Napoleon zunaͤchſt nur den Wider⸗ ſtand von Tſchitſchakoff zu befuͤrchten, der mit ſeiner Armee von fuͤnfunddreißigtauſend Mann den Lauf der Berezina beſetzt hatte, um den Franzoſen den Uebergang, uͤberall, wo ſie ihn verſuchen wuͤrden, zu verwehren. Ungluͤcklicherweiſe war der Admiral ei⸗ ner von den nicht ſeltenen Menſchen, die, wenn ſie ſich einmal in den Kopf geſetzt haben, daß ihr Geg⸗ 722 ner dieſes oder jenes im Schilde fuͤhre, nach dieſer ſubjektiven Anſicht verfahren, als ob ſie eine ausge⸗ machte Wahrheit waͤre, und den Fall, daß es ſich auch anders verhalten koͤnne, ſchlechterdings nicht mehr in Berechnung ziehen. So hielt es Tſchitſcha⸗ koff fuͤr ausgemacht, daß Napoleon den Uebergang uͤber die Berezina unterhalb Borizoff verſuchen wuͤrde, und war ſchlechterdings nicht mehr zu bereden oder zu uͤberzeugen, daß dieſer Uebergang eben ſo gut oberhalb der Stadt verſucht werden koͤnnte. Na⸗ poleon unterließ ſeinerſeits nicht, durch die Vermitt⸗ lung von Juden, die fuͤr Geld auf beiden Seiten die Spionen machten, den Admiral in dem Glauben zu beſtaͤrten, daß er bei Studzlanka nur eine Demon⸗ ſtration beabſi tige, um die Aufmerkſamkeit der Ruſ⸗ ſen von der untern Beresina abzuziehen. Nie iſt eine Kriegsliſt beſſer gelungen. An demſelben Tage, an welchem Napoleon bei Studzianka Anſtalten zu ſeinem Uebergange traf, ging Tſchitſchakoff, ſtatt auf das, was oberhalb Bo⸗ rizoff im Werke war, zu achten, nicht nur mit allen den Truppen, die er zunaͤchſt bei ſich hatte, an der Berezina hinab, ſondern er gab auch noch dem Ge⸗ neral Tſchapliz, der mit ſeiner Diviſion von ſechs⸗ tauſend Mann auf demſelben Flecke ſtand, wo Napoleon ſeine Bruͤcken ſchlagen wollte, den Befehl, ſofort ſeine Stellung zu verlaſſen und ihm zu folgen. Vuo⸗ 8 — 23 naparte haͤtte dem ruſſiſchen General in ſeinem ei⸗ genen Intereſſe nichts Beſſeres befehlen kännen. Als die Franzoſen zu Studzianka ankamen, war ihr erſtes Geſchaͤft, zwei Bruͤcken zu ſchlagen, was großen Gefahren undSchwierigkeiten uaterlag. Sie arbeiteten bei Nacht, in der Erwartung, am naͤchſten Morgen von dem Geſchuͤtze des Generals Tſchaplitz, der die jen⸗ ſeitigen Anhoͤhen beſetzt hatte, begruͤßt zu werden. Die franzoͤſiſchen Generale, und beſonders Murat, hielten die Gefahr fuͤr ſo dringend, daß ſie den Kai⸗ ſer baten, ſich der Fuͤbrung einiger treuen, des Lan⸗ des kundigen Polen anzuvertrauen und die Armee ihrem Schickſal zu uͤberlaſſen; aber Napoleon ver⸗ warf den Vorſchlag als ſeiner unwuͤrdig. Die Fran⸗ zoſen arbeiteten die ganze Nacht an den Bruͤcken, die nur allmaͤhlig zu Stande kamen und durch das ruſſiſche Geſchuͤtz leicht haͤtten zerſtoͤrt werden koͤn⸗ nen. Aber wie groß war ihre Freude und ihr Erſtau⸗ nen, als ſie bei den erſten Strahlen des Tages die⸗ ſes Geſchuͤtz und die Ruſſen abziehen ſahen! Um das Verſchwinden derſelben zu benuͤtzen, ließ Buona⸗ parte ſogleich dreißig bis vierzig Reiter, von denen jeder einen Voltigeur hinter ſich auf das Pferd nahm, uͤber den Fluß ſchwim nen. So ward auf dem andern ufer dieſes gefaͤhrli⸗ chen Fluſſes Poſto gefaßt. Victor, der Borizoff be⸗ ſetzt hatte, fuͤhrte den groͤßten Theil ſeines Korps an der Berezing herauf nach Studzianka, nachdem 74 er eine Diviſion in der genannren Stadt gelaſſen. Dadurch ſollte Napoleons Uebergang gegen Witgen⸗ ſtein gedeckt werden. 5 Am 26ſten und 27ſten betrieb Napoleon den Ue⸗ bergang ſeiner Truppen, denen die Diviſion Oudi⸗ not vorausging und die auf dem andern Ufer bald eine ſo feſte Stellung genommen hatten, daß ihnen Tſchaplitz, der ſeinen Fehler gewahr wurde und wie⸗ der nach Studzianka umkehren wollte, ihnen nichts mehr anhaben konnte. Er blieb demnach bei Stak⸗ howa ſtehen, um Verſtaͤrkungen und neue Befehle abzuwarten. Indeſſen fuhren die Truppen fort, uͤber die Brucke zu defiliren, wobei es langſam hergins, denn der Nachzuͤgler und des Troſſes war kein Ende; doch war Napoleon mit ſeinen Garden um die Mit⸗ tagsſtunde auf dem andern Ufer. Das Korps von Victor hatte die kaiſerliche Garde auf dem linken Ufer abgeloͤst, und Partouneaux, der den aͤußerſten Nachtrab der ganzen Armee fuͤhrte, war auf dem Marſche von Borizoff her, wo man ihn zuruͤckgelaſ⸗ ſen hatte, um die Aufmerkſamkeit des Feindes auf dieſen Punkt zu ziehen. Dicht hinter ihm war Pla⸗ toff mit ſeinen Koſacken wieder in dieſe Stadt ein⸗ geruͤckt.— Aber der raſtloſe Witgenſtein blieg auf dem rech⸗ ten Ufer nicht muͤßig; in dem Maße vorruͤckend, als Victor ſeine Truppen bei Studzianka koncentrirte, gewann er zwiſchen Studzianka und Borizoff die — ,— 75 Ebene von Staroi⸗Borizoff und ſchnitt dadurch Par⸗ touneaur von Victor ab. Dieſer General leiſtete ta⸗ pfern Widerſtand und verſuchte ſich durchzuſchlagen; als aber Platoff mit ſeinen Koſacken und der Par⸗ teigaͤnger Seſlavin auch noch uͤber ihn herfielen, ward er uͤbermannt und gendthigt, das Gewehr zu ſtrek⸗ ken. Drei Generale fielen nach Angabe der ruſſiſchen Berichte mit ſiebentauſend Mann und dem Diviſions⸗ geſchuͤtz den Ruſſen in die Haͤnde— ein um ſo koͤſt⸗ licherer Fang, weil dieſe Diviſion zu dem noch un⸗ verſehrten Korps von Victor gehoͤrte und eine noch wohlbeſtelte Reiterei von achthundert Mann in ſich begriff. Um dieſen Vortheil zu vervollſtaͤndigen, ſchlugen die Ruſſen zu Borizoff eine Schiffbruͤcke uͤber die Berezina; Tſchit ſchakoff und Witgenſtein beſprachen ſich mit einander und kamen uͤberein, auf beiden Ufern zumal anzugreifen. Zu dieſem Behuf brach der Admiral am 2sſten November auf ſeinem Ufer nach Stakhowa auf, um Tſchaplitz zu verſtaͤrken und den bereits uͤbergegangenen Theil der franzoͤſiſchen⸗ Armee anzugreifen; Witgenſtein und Platoff zo⸗ gen auf dem andern Ufer nach Studzianka, um des Kaiſers Nachtrab, den er, trotz aller Anſtren⸗ gungen ſeiner Generale, bis jetzt noch nicht hatte an ſich ziehen koͤnnen, uͤber den Hauf n zu werfen und aufzureiben. Durch. den außerordentlich gluͤckli⸗ chen Umſtand, daß er einen Uebergangspunkt gefun⸗ * 76 den und ſeine Bruͤcken vom Feinde ungeſtoͤrt hatte ſchlagen koͤnnen, war alſo Napoleon noch keineswegs ge⸗ borgen, ſondern im Gegentheil neuen, nicht weniger dringenden Gefahren ausgeſetzt. Doch erhielt er auf . dem rechten Ufer durch ſeine Geiſtesgegenwart und durch die Tapferkeit ſeiner Soldaten ein entſchiede⸗ 6 nes Uebergewicht und die Langſamkeit von Cſchitſcha⸗ kof, um keinen ſtaͤrkern Ausdruck zu gebrauchen, vollendete ſeine Rettung. Tſchaplitz, der ein tapferer und thaͤtiger Offizier 3 geweſen zu ſeyn ſcheint, eroͤffnete, von Stakhowa vorruͤckend, das Gefecht, ward aber von den uͤberle⸗ genen Franzoſen uͤberwaͤltigt und erhielt, ſeiner drin⸗ genden Bitten ungeachtet, von dem Admiral ganz keine Unterſtuͤtzung.*) So gelang es den Franzoſen, uͤber tiefe Moraͤſte auf langen Bruͤcken oder Knuͤp⸗ peldaͤmmen, wo ein kuͤhner Angriff ihr Fortkommen unmoͤglich gemacht haben wuͤrde, nach dem Dorſe Brilowa vorzubringen. Es waͤre fuͤr Tſchitſchakoff ein Leichtes geweſen, dieſe Bruͤcken zu verbrennen. 3 Das hiezu noͤthige Brennzeug lag an Ort und Stelle; 6 ein Funke aus der Pfeife eines Koſacken haͤtte, wie Segur ſagt, genuͤgt, dieſe Bruͤcken in Brand zu ſtek⸗ *) Das ſeltſame Betragen des Admirals bei dieſer Gelegenbeit hat man durch die Behauptung erklären wollen, er habe als Seemann es nicht für thunlich gehalten, Verfeäͤrkungen abzufenden, weil der Wind eontrair gegangen. . 7 ken. Die franzoͤſiſche Armee waͤre alsdann zwiſchen den Suͤmpfen und dem Fluſſe eingeſchloſſen und der Ueber⸗ gang uͤber die Berezina fuͤr ſie ganz fruchtlos geweſen. So war es aber nicht beſchloſſen; den Franzoſen unter Oudinot blieben die Mittel, ſich aus dieſer gefaͤhr⸗ lichen Lage zu ziehen. Indeſſen ging es auf dem linken Ufer ſchrecklich zu. Victor hatte zur Deckung des Ruͤckzugs uͤber die Bruͤcke mit ſeinem Korps, das noch aus acht⸗ bis zehntauſend Mann beſtand, eine Stellung auf den Anhoͤhen von Studzianka genommen. Der rechte Fluͤgel war an den Fluß gelehnt, die Fronte durch eine tiefe Schlucht gedeckt; dem linken Fluͤgel, der eines Stuͤtzpunktes ermangelte und, wie die Mili⸗ taͤrs ſagen, in der Luft ſtand, ſollten zwei Reiter⸗ regimenter zum Schutze dienen. Hinter dieſer dek⸗ kenden Stellung waren viele tauſend Nachzuͤgler jeg⸗ licher Art, ſammt allen jenen Individuen, die aus verſchiedenen Gruͤnden die franzoͤſiſche Armee von Moskau an begleitet und die Schrecken des Ruͤck⸗ zugs uͤberlebt hatten. Es befanden ſich Weiber, Dienſtboten, alte Lemte und Kinder in dieſer ver⸗ worrenen, ungluͤcklichen Maſſe, die, wie die Schatten der Unterwelt an den naͤchtlichen Styr, an das Ufer der Berezina ſich draͤngten und vergebens hinuͤber zu kommen ſuchten. Der Mangel an Ordnung, der nicht zu beſeitigen war; das oͤftere Brechen der Bruͤk⸗ ken, die nur langſam wieder hergeſtellt werden konn⸗ 78 ten; die Furcht vor den Gefahren, denen man ſich bei dem Uebergange in einem ſo fuͤrchterlichen Ge⸗ draͤnge ausſetzen mußte— all dieſes trug dazu bei, die Ungluͤcklichen auf dem linken Ufer feſtzuhalten. Von den, ungeachtet der bisherigen Verluſte, ungenchtet der beſtimmteſten Beſehle Napoleons und des Mangels an Zugvieh, noch immer unzaͤhligen Wagen, an die ſich jetzt auch noch der Troß der Korps von Oudinot und Victor anſchloß, fuhren einige den Bruͤcken zu, der groͤßere Theil ſtand aber noch in der groͤßten Unord⸗ nung am Ufer. Mit dem noch uͤbrigen Artillerie⸗ fuhrweſen war es nicht beſſer beſtellt. So ging es an der Bruͤcke zu, als zwiſchen dem Korps von Victor und Witgenſtein, der nach der Niederlage von Partouneaux am linken Ufer der Be⸗ rezina hinauf gegangen war, ein heftiges Gefecht ent⸗ brannte und die erſten feindlichen Kugeln auf die uͤberfuͤllten Bruͤcken flogen. Jetzt entſtand bei dieſen ein entſetzliches Gedraͤnge, da die Nachzuͤgler und Fluͤchtlinge, Raſenden gleich, auf nichts mehr achtend, einzig vom thieriſchen Inſtinkt der Selbſterhaltung getrieben, zumal dahin rannten. Das Graͤßliche die⸗ ſes Auftritts ward noch geſteigert durch die verzwei⸗ felte Wuth derjenigen, die, entſchloſſen, ſich, es koſte was es wolle, zu retten, alles uͤber den Haufen war⸗ fen und niedertraten, was ihnen in den Weg kam. Die Schw cheren und Hulfioſen ſchlichen ſich ent.Le⸗ 79 der von dem Getuͤmmel weg und bei Seite, um, auf dem Boden gelagert, ihr Schickſal abzuwarten; oder ſie wurden, wenn ſie dies nicht thaten, uͤber die Bruͤcke geworfen, von den Fuhrwerken uͤberfahren, vielleicht mit Saͤbeln niedergehauen und von ihren Gefaͤhrten zu todt getreten. Das Gefecht, das in der Naͤhe fortwuͤthete, ein Sturm, der in die Wuth der Menſchen wie einſtimmend ſich erhob, ve lendete dieſe Scene des Entſetzens.. Um die Mitagsſt unde fingen die Franzoſen, ſo tapfer ſie ſich auch wehrten, an, Boden zu verlieren⸗ Von den Ruſſen, die durch die Schlucht drangen, im⸗ mer heftiger angegriffen, mußten ſie ihre Stellung naͤher bei den Bruͤcken nehmen. Um dieſelbe Zeit brach die groͤßere, fuͤr die Artillerte und das ſchwere Fuhrwerk beſtimmte Bruͤcke; diejenigen, die ſich da⸗ rauf befanden, konnten ſich nicht mehr retten und wurden durch den Stoß der ſtets anwogenden Menge ins Waſſer geſchleu dert. Das Augſtgeſchret, das mit einem Mal jetzt aufſtieg, war ſo durchdringend, daß es ſeldſt bei dem Toben der Elemente, dem Douner des Geſchuͤtzes, dem Geheul des Sturmes und dem wilden Hurrah der Koſacken noch hoͤrbar blieb. Der Zeuge, von dem wir dieſes haben, verſichert, es habe ihm noch Wochen lang in den Ohren geklungen. So sing es fort, bis es dunkel wurde. Viele wurden mmit Gewalt in das Treibeis fuͤhrende Waſſer gewor⸗ fen; Viele ſprangen aus Verzweiſlung ſelbſt hinein, oder in der Hoffnung, das jenſeitige Ufer durch Schwimmen zu erreichen, wo die Wenigen, denen dieſes gelang, vollends erfroren oder aus Erſchoͤpfung ſtarben. Als die Nacht kam, verließ Victor die Stellung, die er ſo tapfer vertheidigt hatte, um ſeine ſehr zuſammengeſchmolzenen Truppen auch hinuͤber zu fuͤhren. Die ganze Nacht hindurch wimmelte es auf den Bruͤcken von Nachzuͤglern und Fluͤchtlingen; die Finſterniß ſchuͤtzte ſie nicht gegen das Feuer der ruſſiſchen Batterien, die ſich durch den Laͤrm der von den Bruͤcken ausging, orientiren konnten. Als es Tag geworden, ließ General Edle dieſelben in Brand ſtecken. Alles, was ſich noch auf dem andern Ufer befand, worunter vieles Geſchuͤtz und Gepaͤck, fiel den Ruſſen in die Haͤnde. Der franzoͤſiſche Verluſt iſt nie recht ausgemittelt worden; aber die Ruſſen wollen, laut ihres amtlichen Berichts, ſechsunddrei⸗ ßigtauſend(2!) Leichname in der Berezina gefunden haben. 8 Drittes Kapitel. Napoleon entſchließt ſich, nach Paris zurückzukehren.— Er geht am 5ten December von Smorgoni ab,— kommt am 1oten nach Warſchau,— beſpricht ſich daſelbſt mit Abbé de Pradt,⸗— trifft am“ 1aten in Dresden und am 18ten um Mitternacht in Paris ein.— Schrecklicher Zuſtand der geoßen Armee nach der Abreiſe Rapoleons;— ſie kommt nach Wilna, wied dort von . den — 81 den Koſacken vertrieben und flieht nach Kowno.— Mißhelligkei⸗ ten unter den franzöſiſchen Generalen.— Vorſichtiges Beneh⸗ men der Oeſterreicher unter Schwarzenberg.— Bedenkliche Lage von Macdonald.— Er zieht ſich auf Tilſtt zurück.— York ver⸗ läßt ihn mit ſeinen Truypen.— Macdonald bewirkt ſeinen Rück⸗ zug nach Königsberg.— Der ruſſiſche Feldzug endet für die Fran⸗ zoſen mit einem Verluſt von 450/00 Mann an Todten und Ge⸗ fangenen.— Ueber die urſachen dieſer ſchrecklichen Kata⸗ ſtrophe. Nach ihrem Uebergange uͤber die Berezina war die franzoͤſiſche Armee nur noch eine unfoͤrmliche Maſſe. In dem Dorfe Brilowa, wo ſie nach dem Uebergange die Nacht zubrachte, riſſen die Soldaten alle Haͤuſer ein, um ſich Holz zu ihrem Lagerfeuer zu verſchaffen; ſie ſchonten nicht einmal das Haupt⸗ quartier, fuͤr den Kaiſer ſelbſt blieb kaum ein Obdach. Man konnte dieſen Mangel an Disciplin nicht ein⸗ mal tadeln, denn die Nacht war toͤdtlich kalt; und von den Ungluͤcklichen, die von dem eiskalten Waſſer der Berezina durchnaͤßt waren, legten ſich gar viele nieder, die nicht mehr aufſtanden. Am 29ſten November verließ der Kaiſer die un⸗ ſeligen Ufer der Berezina an der Spitze einer mehr gls je zerruͤtteten Armee; denn auch die Korps von Oudinot und Victor waren ſchon groͤßtentheils auf⸗ geloͤst. Die Soldaten marſchirten wie eine Heerde Schafe durcheinander; es gab keine Vorhut, kein Centrum, keine Nachhut mehr. Den Ruſſen aus dem Wege zu kommen, war das einzige Streben, W. Scott's Werke, LVI. 6 82 und doch machten die Koſacken und Parteigaͤnger taͤg⸗ lich viele Gefangene. Zum Gluͤck fuͤr Napoleon hatte der Herzog von Baſſano die Vorſicht gehabt, eine von General Maiſon befehligte franzoͤſiſche Diviſton an die Berezina zu ſchicken, die, den Nachtrab bil⸗ dend, den aufgeloͤsten und wehrloſen Haufen der Fluͤchtlinge in Schutz nahm. So kam dieſer am 3ten December nach Malodeczno. Kier eroͤffnete Buonaparte ſeinen vorzuͤglichſten Vertrauten ſeinen Entſchluß, die Armee zu verlaſſen und nach Paris zu eilen. Durch die neuerliche Ver⸗ ſchwoͤrung von Mallet war er von der Nothwendig⸗ keit dieſes Schrittes uͤberzeugt worden. Sein laͤn⸗ geres Verweilen bei einer Armee, die als ſolche gar nicht mehr beſtand, konnte zu nichts dienen. Er war Preußen nahe, wo die Einwohner aus gezwungenen Verbuͤndeten leicht die erbittertſten Feinde werden konnten. Im Bewußtſeyn deſſen, was er gegen den Koͤnig von Preußen, im Falle er als Sieger zuruͤck⸗ gekehrt waͤre, im Schilde gefuͤhrt hatte, glaubte er in ſeinem Ungluͤck von Friedrich eben nicht viel Gu⸗ tes erwarten zu duͤrfen. Zufolge dieſes gefaßten Entſchluſſes befahl Na⸗ poleon, daß die Anſtalten zu ſeiner Abreiſe in Smor⸗ goni getroffen werden ſollten, da er die Diviſion Mai⸗ ſon, die noch einen Tagmarſch zuruͤck war, abwarten wollte. Dieſe kam endlich und dicht hinter ihr Tſchap⸗ litz mit ſeinen Ruſſen. Bei der ſtrengen Kaͤlte(das —— 8³ Thermometer ſtand 20 Grade unter 0) konnte jedoch außer einigen unbedeutenden Scharmuͤtzeln, kein Ge⸗ fecht Statt finden. Am 5ten December war Buonaparte in Smor⸗ goni, wo er an der Garniſon von Wilna, die ihm General Loiſon zufuͤhrte, eine ſehr willkommene Ver⸗ ſtaͤrkung erhielt. Er hatte jetzt einen neuen Nach⸗ trab, deſſen er ſehr bedurfte, da die Diviſion Mai⸗ ſon zufolge der beſtandenen Gefechte und durch die Kaͤlte bereits eben ſo dienſtunfaͤhig geworden war, als die uͤbrigen Truppen, deren Ruͤckzug ſie von der Berezina an gedeckt hatte. Loiſon ward jetzt ange⸗ wieſen, dieſen vernichtenden Dienſt zu uͤbernehmen und deßhalb einen Marſch hinter der Maſſe der ehe⸗ maligen Armee zuruͤckzubleiben. Nach dieſen Anordnungen wollte Napoleon ſeine Abreiſe nicht laͤnger verſchieben. Es wurden drei Schlitten in Bereitſchaft geſetzt, einer fuͤr ihn und Caulaincourt, deſſen Name er, das Inkognito beob⸗ achtend, fuͤhren wollte, ob er gleich mit dieſem nicht die geringſte Aehnlichkeit hatte, da der Herzog von Vicenza bekanntlich ein großer, grobknochigter, ſteif ausſehender Mann iſt. In einer großen Audienz, zu der der Koͤnig von Neapel, der Vicekoͤnig, Ber⸗ thier und alle Marſchaͤlle berufen wurden, erklaͤrte Napoleon, daß er Murat zum Generaliſſimus beſtelle. Er ſprach zu ihnen voll Hoffnuͤng und Vertrauen. Er verſprach, die Oeſterreicher und Preußen an der Spitze 6 84. einer neugeſchaffenen Armee von zwoͤlfmalhundert⸗ tauſend Mann im Zaum zu halten; er ſagke ferner, er habe Ney nach Wilna vorausgeſchickt, mit dem Auftrage, die Armee dort wieder zu organiſiren und durch einen kraͤftigen Schlag die Ruſſen vom weitern Vorruͤcken abzuſchrecken, worauf ſofort die Winter⸗ quartiere hinter dem Niemen bezogen werden koͤnn⸗ ten. Er nahm ſodann von jedem feiner Generale ei⸗ nen herzlichen Abſchied, ſetzte ſich in ſeinen Schlit⸗ ten, der an das Fiſcherbvot des erres erinnerte, und reiste um zehn Uhr des Nachts von Smorgoni ab. Mit welchen Geſuͤhlen dieſer außerordentliche Mann die Ueberbleibſel ſeiner Armee verlaſſen ha⸗ ben mag, iſt ſchwer, auch nur zu errathen. Er hatte in ſeiner aͤußerſten Noth ſtets die unerſchuͤtterlichſte Standhaftigkeit gezeigt, ſo daß Aeußerungen des Grams oder des Aergers, die ihm zuweilen ent⸗ ſchlupfren, von ſeinen umgebungen als auffallende Abweichungen von ſeinem normalen Gemuͤthszuſtande bemerkt und aufgezeichnet wurden. Um ſeine Faſ⸗ ſung zu bewahren, litt er durchaus keine Auseinan⸗ derſetzung des Mangels und Elends, das ihn um⸗ gab. So ſchloß er dem Dberſten Albignat, der ihm die ſchreckliche Lage des Marſchalls Ney nach der Schlacht von Wiazma ganz enthuͤllen wollte, den Mund mit den Worten:„Ich will von dieſen De⸗ rails nichts hoͤren.“ Man bemerkte auch, daß er noch immer Befehle gab, als waͤre die ganze kaiſen⸗ 88 1 -—— „— 85 liche Armee mit allen ihren Diviſionen noch vorhan⸗ den geweſen, auch nachdem dieſelbe ſchon zwei Drit⸗ tel ihres Beſtandes verloren hatte und zu einem un⸗ disciplinirten Haufen herabgeſunken war.„Warum wollen Sie mich um meine Ruhe bringen?“ ſagte er zu einem Offizier, der aus Veranlaſſung eines in dieſer Form erlaſſenen Befehls ihn auf die wirk⸗ liche Lage der Dinge aufmerkſam machen wollte. Und als dieſer Offizier, vielleicht in der Meinung, dem Kaiſer ſey das, was er eben nicht hoͤren wollte, un⸗ bekannt, den Gegenſtand von Neuem in Anregung brachte, ereiferte ſich Napoleon und frug ihn:„Herr! ich frage Sie, warum Sie mich um meine Ruhe bringen wollen?“ „Es unterliegt keinem Zweifel, daß Napoleon den Zuſtand ſeiner Armee ſo gut wie ein Anderer kann⸗ te; aber das Geſtaͤndniß, daß ihm ein Uebel, dem er abzuhelfen außer Stand war, bekannt ſey, haͤtte ſich nicht wohl fuͤr einen Mann geziemt, der ſich mehr fuͤr den Gebieter, als fuͤr den Unterthan des Schick⸗ ſals gehalten wiſſen wollte. Napoleon war keiner von jenen Fuͤrſten, deren Horaz erwaͤhnt, die in der Noth und in der Verbannung den Titel der Maje⸗ ſtaͤt und die Sprache des Herrſchers ablegen. Das Hauptquartier von Smorgoni und die Hofhaltungen zu Porto Ferrajo und auf St. Helena dienen gleich ſehr zum Beweis, wie ſehr er nicht nur an der Macht, ſondern auch an den Formen der Souperainitat zu 86 einer Zeit hing, wo das Weſen derfelben entweder in Gefahr oder bereits verloren war. Einen tiefern Blick in ſeinen Gemuͤthszuſtand laͤßt uns Abbé de Pradt mittelſt ſeines Berichtes werfen, der des Ein⸗ ruͤckens hier wohl werth iſt. Napoleon, den der ruſ⸗ ſiſche Parteigaͤnger Seslavin in dem kleinen Dorfe Youpranoui nur um eine Stunde verfehlt hatte, kam am 10ten December nach Warſchau. Abbé de Pradt, der franzoͤſiſche Geſandte bei dem polniſchen Reichs⸗ tage, war dort eben beſchaͤftigt, die verſchiedenen Geruͤchte, die von allen Seiten eingingen, in ein Ganzes zu verſchmelzen, als eine geſpenſteraͤhnliche Geſtalt, in einen von Reif ſtarrenden Pelz gehuͤllt, auf einen Bedienten ſich ſtutzend, in das Gemach trat, und von dem Gefandten nur mit Muͤhe fuͤr den Herzog von Vicenza erkannt wurde. „Sie hier, Caulaincourt,“ ſagte der uͤberraſchte Praͤlat.—„Und wo iſt der Kaiſer?“ „In dem Gaſthof zum Koͤnig von England, wo er Ihrer wartet.“ „Warum iſt er nicht im Palaſt abgeſtiegen 24 „Er reist incognito.“ „Verlangen Sie etwas?“ „Ein wenig Burgunder oder Malaga.“ „Alles ſteht zu Ihren Dienſten— aber wo rei⸗ ſen Sie hin?“ 3 „Nach Paris.“ „Nach Paris! aber wo iſt die Armee?“ 87 „ Es gibt keine mehr,“ ſagte Caulaincourt, zum Himmel blickend. „Aber der Sieg an der Berezina— und die ſechstauſend Gefangene?“*) „Wir ſind heruͤbergekommen, das iſt Alles— der Gefangenen waren wenige hundert Mann, die entwiſcht ſind. Wir hatten mehr zu thun, als ſie zu bewachen.“ Nach dieſen vorlaͤufigen Fragen eilte der Abbé nach dem Gaſthofe. Es ſtanden in dem Hofraume drei uͤbel zugerichtete Schlitten, einer fuͤr den Kaiſer und Caulaincourt, der zweite fuͤr zwei Offiziere von Rang, der dritte fuͤr den Mamelucken Ruſtan und einen andern Bedienten. Man fuͤhrte ihn, gewiſſer⸗ maßen auf eine geheimnißvolle Weiſe, in ein ſchlech⸗ tes Zimmer eines ſchlechten Gaſthofes, wo eine Magd mit gruͤnem Holze ein Feuer aufzumachen bemuͤht war. Hier befand ſich der Kaiſer, den Abbé de Pradt zum letzten Mal zu Dresden unter den verſammel⸗ ten Fuͤrſten als den Koͤnig der Koͤnige geſehen hatte. Er war in einen gruͤnen, mit Schnuͤren verzierten und mit Pelz ausgeſchlagenen Ueberrock gekleidet, und ſuchte ſich durch raſches Auf⸗ und Abgehen die Waͤrme zu verſchaffen, die das Kamin nicht gab. Er ggruͤßte den„Herrn Botſchafter“, wie er ihn nannte, *) Dies bezieht ſich auf den übertriebenen Bericht des Herzogs von Vaſſano über den Sieg Napoleons bei Studzianka. 88 mit vieler Heiterkeit. Der Abbé konnt ſich einer Ruͤhrung nicht erwehren, und fuͤhlte ſich verſucht, dieſelbe zu aͤußern, aber„der arme Mann,“ wie er ſich ausdruͤckt,„begriff ihn nicht;“ er beſchraͤnkte da⸗ her den Ausdruck ſeiner Ergebenheit dahin, daß er dem Kalſer beim Ablegen des Mantels behuͤlflich war. Wir glauben, daß Napoleon das aufwallen de Gefuͤhl des Erzbiſchofs von Mecheln deßwegen zu⸗ ruͤckwies, weil er nicht der Gegenſtand ſeiner Theil⸗ nahme oder ſeines Mitleids ſeyn wollte. Er mußte von ſeinem Miniſter hoͤren, daß die Geſinnungen der Bewohner des Großherzogthums Warſchau ſich ſehr veraͤndert haͤtten, ſeitdem ſie die Wiederherſtel⸗ lung ihres Vaterlandes nicht mehr hoffen konnten⸗ und daß ſie, da ihnen nicht vergoͤnnt war, freie Po⸗ len zu werden, damit umgingen, ſich mit Preußen, unter dem ſie fruͤher geſtanden hatten, wieder aus⸗ zuſoͤhnen. Der Eintritt zweier polniſchen Miniſter unterbrach die Mittheilungen des Geſandten. Die Unterhaltung wurde von dieſem Augenblick an von Napoleon allein gefuͤhrt, sder, beſſer geſagt, Napoleon ſprach allein und mit ſich ſelbſt: von dem Gedanken ergriffen, daß der ungluͤckliche Ausgang des ruſſiſchen Feldzugs ſeinem Rufe ſchaden wuͤrde, zaͤhlte er die Mittel auf, die ihm blieben, um ſeinen Verluſt zu erſetzen, und bemuͤhte ſich nachzuweiſen, daß er nur 1 durch Naturkraͤfte beſiegt worden ſey. 89 „Wir muͤſſen zehntaufend Polen auſbieten,“ ſag⸗ te er,„und dem Vorruͤcken dieſer Ruſſen Grenzen ſetzen. Lanzen und Pferde ſind alles, was man bedarf.— Vom Erhabenen bis zum Laͤcherlichen iſt es nur ein Schritt.“ Die Miniſter begluͤckwuͤnſchten ihn, daß er ſo vielen Gefahren entgangen ſey. „Gefahren!“ erwiederte er;„ich weiß von kei⸗ nen. Ein bewegtes Leben gefaͤllt mir. Je groͤßer das Gewuͤhl, deſto beſſer befinde ich mich. Die Schlaraffenkoͤnige moͤgen ſich in ihren Palaͤſten maͤ⸗ ſten— zu Pferde, im Felde ſeyn taugt fuͤr mich.— Vom Erhabenen zum Laͤcherlichen iſt es nur ein Schritt.— Was ſetzt Euch hier ſo in Unruhe?“ Wir moͤchen gern wiſſen, ob das, was man von der Armee ſagt, Grund hatt „Pah!“ erwiederte der Kaiſer,„die Armee be⸗ findet ſich ganz wohl. Ich habe hundert und zwan⸗ zigtauſend Mann— ich habe die Ruſſen in allen Gefechten geſchlagen— ſie ſind nicht mehr die Sol⸗ daten von Friedland und Eylau. Die Armee wird ſich in Wilna ergaͤnzen— ich gehe, um dreimalhun⸗ derttauſend Mann zu holen— das Gluͤck wird die Ruſſen tollkuͤhn machen— nach zwei oder drei Schlach⸗ ten an der Oder bin ich in Zeit von einem Monat wieder an dem Niemen— ich habe mehr Gewicht— auf meinem Throne als an der Spitze meiner Armee. — Gewiß⸗ ith verlaſſe meine Soldaten ungerne; aber 90 ich muß auf Oeſterreich und Preußen Acht geben, und auf meinem Throne vermag ich zu dieſem Zwecke mehr, als an der Spitze meiner Armee. Alles, was geſchehen iſt, will nichts ſagen— es iſt ein bloßes Ungluͤck; der Feind kann gar kein Verdienſt anſpre⸗ chen— ich habe dieſe Nuſſen uͤberall geſchlagen— an der Berezina wollten ſie mich abſchneiden— ich habe dieſen Eſel von Admiral geprellt—(der Name — Tſchitſchakoff war fuͤr ihn ganz unausſprechlich)— ich hatte gute Truppen und Kanonen— die Stel⸗ lung war trefflich— ein Moraſt von fuͤnfhundert Klaftern— ein Fluß—“ Dies wiederholte er zwei⸗ mal, ging dann auf den im neunundzwanzigſten Bulletin zwiſchen Maͤnnern von ſtarker und ſchwacher Seele gemachten Unterſchied uͤber und fuhr fort:— „Ich bin ſchon ſchlimmer daran geweſen— zu Ma⸗ rengo war ich bis ſechs Uhr Abends geſchlagen— den andern Tag Herr von Italien— zu Eßling trat mir jener Erzherzog in den Weg— er har daruͤber, wie ich glaube, etwas bekannt gemacht— meine Armee war ſchon anderthalb Meilen vorgeruͤckt— ich ver⸗ ſchmaͤhte ſogar, irgend eine Anordnung zu treffen. Die ganze Welt weiß, wie dergleichen getrieben wird, wenn ich im Felde bin. Es war nicht meine Schuld, daß die Donau in einer Nacht um ſechszehn Fuß ſtieg— hah! ohne dieſen Umſtand waͤre die oͤſter⸗ reichiſche Monarchie verloren geweſen. Aber es war im Himmel geſchrieben, daß ich eine Erzherzogin . 91 heirathen ſollte.“(Dies ward in einem froͤhlichen Tone geſagt.)„So konnte ich auch in Nußland den Froſt nicht verhindern. Jeden Morgen mußte ich hoͤren, daß in der Nacht zehntauſend Pferde gefal⸗ len ſeyen!— Leben Sie wohl!“ Er nahm waͤhrend dieſer Rede wohl fuͤnf⸗ bis ſechsmal Abſchied, kam aber immer wieder auf denſelben Gegenſtand zuruͤck. „Unſere normaͤnniſchen Pferde ſind weicher, als die ruſſiſchen— ſie gehen bei einer Kaͤlte von zehn Gra⸗ den zu Grund. Mit den Menſchen iſt es eben ſo. So iſt zum Beiſpiel von den Baiern vielleicht kein Mann mehr ubrig.— Man wird vielleicht ſagen⸗ daß ich mich zu lange in Moskau aufgehalten habe; das mag ſeyn, aber das Wetter war ſchoͤn— der Win⸗ ter ſtellte ſich fruͤher ein als ſonſt— uͤberdies erwar⸗ tete ich Friede. Am 5ten October ſandte ich Lauriſton ab, um Unterhandlungen anzuknuͤpfen. Ich dachte daran, nach St. Petersburg zu gehen, und haͤtte auch Zeit genug dazu gehabt, wie auch zu dem Mar⸗ ſche nach dem ſüͤdlichen Rußland oder nach Smolensk. Je nun, wir werden in Wilna Stand halten; Mu⸗ rat iſt dort. Ha, ha, ha! es iſt ein großes politi⸗ ſches Spiel. Wer nichts wagt, gewinnt nichts.— Vom Erbabenen zum Laͤcherlichen iſt es nur ein Schritt. Die Ruſſen haben Charakter gezeigt— der Kaiſer iſt von: ſeinem Volke geliebt— ſie haben Scywaͤrme von Kofacken— ein ſolches Koͤnigreich hat ſeinen Werth— die Kronbauern lieben ihren Herrn 92 — der ganze Adel iſt aufgeſeſſen. Man hat mir . vorgeſchlagen, die Sklaven in Freiheit zu ſetzen, aber ich wollte das nicht— ſie wuͤrden Alles niederge⸗ metzelt baben. Ich habe einen regelmaͤßigen Krieg gegen den Kaiſer Alexander gefuͤhrt, aber wer haͤtte vorausſehen koͤnnen, daß man Moskau in Brand ſtecken wuͤrde? Jetzt moͤchten die Ruſſen die Sache uns zur Laſt legen, und doch ſind ſie die wahren Thaͤter. Ein ſolches Opfer wuͤrde dem alten Rom Ehre gemacht haben!“ Er kam wieder zu ſeinem Lieblingsprojekte zu⸗ ruͤck, die Ruſſen, die ſo eben ſeine große Armee aufgerieben hatten, durch ein ſtarkes Aufgebot von polniſchen Lanzentraͤgern, denen man ſchwerlich haͤtte ſagen koͤnnen, fuͤr was ſie fechten ſollten, im Zaume zu halten. Das Feuer ging aus, und waͤhrend die Zuhoͤrer im Gefuͤhl der Kaͤlte faſt in Verzweiflung geriethen, fuhr der Kaiſer, der ſich durch raſches Auf⸗ und Abgehen und durch die ihm inwohnende Kraft erwaͤrmte, in ſeinem Monologe fort, bald, wider ſeinen Willen, Gefuͤhle und Geſinnungen ver⸗ rathend, die er gerne verborgen haben moͤchte, bald den Accent auf das legend, was er gerne glauben machen wollte, und zum oͤftern das eigentliche The⸗ ma ſeiner Rede, jenen durch ihn unſterblich gewor⸗ denen Spruch wiederholend, daß das Erhabene und das Laͤcherliche ſich zunaͤchſt begrenzen. Als von ſeiner Reiſe durch Schleſien die Rede 93 wurde, rief er im Tone des Zweifels aus:„Ha Preußen?“ als glaubte er ſeine Sicherheit auf die⸗ ſer Straße gefaͤhrdet. Endlich entſchloß er ſich im Ernſte, aufzubrechen; indem er die Wuͤnſche, ſeine Geſundheit betreffend, mit der Bemerkung abſchnitt, „haß er ſich nicht beſſer befinden koͤnnte, auch wenn er den Teufel im Leib haͤtte,“ warf er ſich in den beſcheldenen Schlitten, der den Caͤſar und ſein Gluͤck trug. Die Pferde ſprengten ſo raſch davon, daß der Schlitten, als er außerhalb des Hofthors in der Dunkel heit verſchwand, faſt umgeworfen worden waͤre. Dies iſt die belebte Erzaͤhlung des Abbé de Pradt, der feierlich verſichert, daß er, wie ſehr er ſich auch beſtinnen moͤge, ſich keine Unrichtigkeit oder Ver⸗ geßlichkeit vorzuwerfen habe. Napoleon laͤugnet nicht, daß eine ſo lange Unterredung Statt gefunden, bo⸗ hauptet aber, der Abbé habe dieſelbe zu einer Car⸗ ricatur verzerrt. Er ſagt, er habe waͤhrend des Ge⸗ fpraͤchs einen Befehl fuͤr den Herrn Botſchafter hiß⸗ gekritzelt, unverzuͤglich nach Paris zuruͤckzukehren, der, wenn man erwaͤgt, was in Rußland vorgegan⸗ gen war, und was naͤchſteus in Polen vorgehen mochte, ſehr willkommen ſeyn mußte, beſonders, da es ſchien, daß er bald durch die Lanzen der Koſacken 3 eingeſchäͤrft werden wuͤrde. Napoleon ſputete ſich auf ſeiner Reiſe ſo viel er konnte. Er hat ſpaͤter auf St. Helena verſichert, er ſey nahe daran geweſen, in Schleſien verhaftet 94 zu werden.„Aber die Preußen,“ ſagte er,„verlo⸗ ren die Zeit, in der ſie haͤtten handeln ſollen, mit Berathſchlagungen. Sie machten es wie die Sach⸗ ſen, von denen Karl der Zwoͤlfte, als er Dresden verließ, in ſeiner guten Laune ſagte:„„Sie werden ſich heute berathen, ob ſie mich geſtern haͤtten greifen ſollen.““ Die Tugendbuͤndler moͤgen, in der Ueberzeugung, daß es kein Verbrechen ſey, ſich deßjenigen zu bemaͤchtigen, der alle Freiheit vernichtet hatte, vielleicht einen ſolchen Anſchlag gefaßt haben; gber wir glauben nicht, daß Friedrich waͤhrend ſeines Buͤndniſſes mit Frankreich an dergleichen gedacht hat. Am 14ten December war Nappleon zu Dresden, wo er mit dem guten alten Koͤnig, der dem Kal⸗ ſer, ſeinem Wohlthaͤter, auch in ſeinem Ungluͤck dankbar blieb, eine lange Unterredung hatte. Die Zufammenkunft, von der letzten ſo verſchleden, tand in dem Gaſthofe Statt, wo Nappleon abgeſtie⸗ gen war, und wo ihn Auguſt incognito zu beſuchen kam. Den 18ten Abends kam er in Paris an, wo das inhaltſchwere neunund zwanzigſte Bulletin, das ſeit zwei Tagen im Umlauf war, die groͤßte Senſa⸗ tion gemacht hatte. Es wird der Bemerkung nicht ganz unwerth er⸗ ſcheinen, daß Napoleon und ſein Begleiter einige Schwierigkeit fanden, zu ſo ſpaͤter Zeit in die Tuil⸗ lerien eingelaſſen zu werden. Die Kaiſerin hatte ſich ſchon in ihr Schlafgemach zuruͤckgezogen, als 95 zwei in Pelz gehuͤllte Geſtalten ins Vorzimmer traten und eine davon auf die Thuͤre dieſes Schlaf⸗ gemachs zuging. Die Dame, die den Dienſt hatte, verrannte dem Eindringenden ſogleich den Weg; als ſie aber den Kaiſer erkannte, that ſie einen Schrei, wodurch die Kaiſerin veranlaßt wurde, herauszukom⸗ men. Die Zuſammenkunſt war ſehr herzlich und bewies, daß Napoleon, trotz ſeiner großen Verluſte, ſein haͤusliches Gluͤck noch nicht eingebuͤßt hatte. Wir kehren zu der großen Armee, oder, beſſer geſagt, zu dem Haufen jener zuruͤck, die einſt zu ihr gehoͤrt hatten; denn von einer Armee war kaum noch der Schatten geblieben. Die Soldaten der katſerli⸗ chen Garde, die bisher ihren Stolz darauf geſetzt hatten, einige Ordnung und Discipliu zu beobachten, wollten nach der Abreiſe Napoleons keinem Andern mehr gehorchen. Murat, dem der Oberbefeyl uͤber⸗ tragen worden war, ſchien von ſeinem Recht nicht einmal Gebrauch zu machen, oder fand, wenn er es thun wollte, keinen Gehorſam. Wenn Ney und ei⸗ nige Marſchaͤlle noch etwas vermochten, ſo kam dies daher, weil man an ſie gewoͤhnt war, oder weil der Inſtinkt der Disciplin im Augenblick der Gefahr ſich wieder regte. Doch haͤtten ſie keinen wirklichen Wi⸗ derſtand leiſten koͤnnen und waͤren verloren geweſen ohne die Truppen von Loiſon, die fortwaͤhrend den Nachtrab bildeten, und,; weil ſie nie jenſeits der Be⸗ rezing geweſen, unter großen Drangſalen noch immer 96 gute Ordnung hielten und ſich auf eine Weiſe be⸗ nahmen, die nicht nur den Koſacken, ſondern auch den Truppen von Tſchaplitz und Witgenſtein, die ih⸗ nen auf der Ferſe folgten, Achtung einfloͤßte. Die Diviſion Loiſon deckte wie ein Schild die regelloſe Flucht der aufgeloͤsten Hauptarmee. 8 Ordnung iſt aber fuͤr die Menſchen ein ſo un⸗ entbehrliches Beduͤrfniß, daß in der Maſſe von aus⸗ getretenen Soldaten und Fluͤchtlängen, die jetzt die ganze Armee in ſich begriff, ſich eine Menge kleiner Vereine oder Banden bildete, deren Mitglieder ſich gegenſeitig Beiſtand leiſteten. Manche dieſer Ban⸗ den beſaßen ſogar noch ein Pferd, das ihre Lebens⸗ mittel trug, und das, wenn dieſe ausgingen, in Stuͤcke zerriſſen und aufgezehrt wurde. Jede dieſer Banden hatte einen aus ihrer Mitte erwaͤhlten Chef. Aber dieſes Bandenſyſtem, wenn ſchon im Ganzen vortheilhaft, wirkte in manchen Faͤllen auch wieder ſehr nachtheilig. Die Mitglieder eines ſolchen Ver⸗ eins goͤnnten keinem, der nicht zu ihrer Bruͤderſchaft gehoͤrte, auch nur eine Handvoll Roggenmehl, das, zu einem Teig geknetet und, aus Mangel an Salz, mit Schießpulver gewuͤrzt und mit der Bruͤhe von Pferdefleiſch abgekocht, den beſten Theil ihrer Nah⸗ rung ausmachte. Kein Fremder durfte ſich an ihrem Feuer waͤrmen. Ein Fund von etwas Eßbarem konnte unter den Findern, wenn ſie zu verſchiedenen Ban⸗ den gehoͤtten, den blutigſten Strelt veranlaſſen, und . 97 eine Handvoll Mehl war eine hinlaͤngliche Ve erſuchung, den Ungluͤcklichen zu toͤdten, der ſeine Beute nicht vertheidigen konnte. Die Gefangenen, ſagt man (und wir wuͤnſchen von Herzen, daß es nicht wahr ſeyn moͤge), wurden alle Nacht, ohne Lebensmittel zu erhalten, gleich dem Vieh eingepfercht und ſtar⸗ ben Hungers und in wuͤthender Verzweiflung uͤber eine ſolche Behandlung. Dieſe Ungluͤcklichen fraßen wohl gar ihre Todten auf, und ſelbſt die Franzoſen werden eines ſolchen Graͤuels bezuͤchtigt. Es ſollte noch aͤrger werden; die Kaͤlte, die ſeit einiger Zeit noch ertraͤglich geweſen, nahm immer mehr zu; am 6ten December fiel das Thermometer auf ſiebenundzwanzig bis achtundzwanzig Grad unter Null herab. Jetzt ſanken Viele hin, ohne auch nur einen Klagelaut auszuſtoßen; Andere, denen das Blut in den Kopf ſtieg, aus dem Munde und aus den Augen drang, fielen auf den ſchneebedeckten Bo⸗ den und wurden durch den Tod erloͤst. Auf den naͤcht⸗ lichen Bivouaks ruͤckten die Soldaten, die der Waͤrme nicht ſatt werden konnten, dem Feuer ſo nahe, daß ihnen die Fuͤße, wenn ſie in dieſer Lage einſchliefen, bis auf die Knochen verſengt wurden, waͤhrend ihr Haar an den Boden fror. So wurden ſie oft von den Koſacken gefunden, und diejenigen waren gluͤck⸗ lich, denen ein Lanzenſtich vollends den Tod gab. Andere Graͤuel werden beſſer mit Stillſchweigen uͤber⸗ gangen. Das Geſagte genuͤgt, um zu zeigen, daß W. Scott's Werke. LVI. 7„ 98 das menſchliche Elend in einem ſolchen Umfange der Geſchichte bis jetzt fremd war. Auf dieſem ſchreck⸗ lichen Ruͤckzuge war die franzoͤſiſche Armee ſeit ihrem Uebergange uͤber die Berezina durch einen Nachſchub von zwanzigtauſend Rekruten wieder bis auf achtzig⸗ tauſend Mann gebracht worden; von dieſen achtzig⸗ tauſend Mann nun iſt die Haͤlfte zwiſchen der Bere⸗ zina und der Stadt Wilna zu Grund gegangen. In ſolchem Zuſtande kam die Armee nach Wil⸗ ua, wo große Vorraͤthe fuͤr ſie aufgehaͤuft lagen. Die Magazine waren uͤberfuͤllt, aber, wie in Smolensk, ſo wagten es auch hier die Verpflegsbeamten nicht, dieſen ausgetretenen Soldaten und Fluͤchtlingen, die ſich durch nichts ausweiſen und darum auch keinen guͤltigen Empfangſchein ausſtellen konnten, Lebeus⸗ mittel auszutheilen. Dieſe ungluͤcklichen Menſchen fielen vor den Magazinen auf der Straße nieder und ſtarben, die uͤbel angebrachte Foͤrmlichkeit verwuͤn⸗ ſchend, wodurch ausgehungerten Menſchen der Biſſen verweigert wurde, der ihnen das Leben haͤtte retten koͤnnen. In andern Gegenden der Stadt wurden ſo⸗ wohl Proviant⸗ als Getraͤnkmagazine von den ver⸗ zweifelten Soldaten geſtuͤrmt, erbrochen, gepluͤndert und verdorben. Viele betranken ſich und ſtarben auf der Straße im Rauſche. Die Kranken, die in die Spitaͤler kamen, fanden dieſe gedraͤngt voll von Ster⸗ benden wie von Todten; in den Hoͤfen, in den Gaͤn⸗ gen, ſelbſt in den Saͤlen der noch lebenden Kranken 3 99 lagen die Leichen aufgeſchichtet, zum Theil gefroren, zum Theil ſchon im Zuſtande der Verweſung. Dies waren die Labſale, die man in Wilna zu finden ge⸗ hofft hatte. Dieſen erſchoͤpften Phantomen, von denen die einen fuͤrchterlich drohten, die andern flehentlich ba⸗ ten, ward aber doch einige Huͤlfe. Aus Mitleid, aus Furcht oder Gewinnſucht*) verſtanden ſich einige Buͤrger dazu, ſolche Unzluͤckliche gaſtfreundlich in ih⸗ ren Haͤuſern aufzunehmen; auch wurden endlich Lebens⸗ mittel aus den Magazinen verabfolgt. Menſchen, die ſchon ſo lange kein Brod gekoſtet und kein anderes Lager gehabt hatten, als den gefrornen Boden, kein anderes Obdach, als das Schneegewoͤlke des nordi⸗ ſchen Himmels, wurden jetzt wie entzuͤckt durch die gemeinſten Genuͤſſe des haͤuslichen Lebens, aus denen wir uns ſo wenig machen, ſo lange ſie uns zu Ge⸗ bote ſtehen, und die wir doch ſo ſchmerzlich vermiſ⸗ ſen, wenn ſie uns entzogen oder verkuͤmmert werden. Einige weinten vor Freude bei dem Empfange von gewoͤhnlichem Hausbrod, das ſie in einer warmen Stube und ſitzend verzehren konnten. In dieſem Mahl, das ihnen ihre Rettung und ihre Ruͤckkehr ins geſellige Leben zu verbuͤrge ſchien, wurden ſie auf einmal wieder geſloͤrt durch den zuerſt ²¹) Viele Soldaten hatten noch einen Theil der Beute von Mosvban gerxettet. 7.. 1⁰0 ferne rollenden, aber immer naͤher ruͤckenden Geſchuͤz⸗ zesdonner, dann durch ein Musketenfeuer und zu⸗ nächſt durch das Wirbeln der Trommeln auf den Stra⸗ ßen. Aber der Generalmarſch ließ ſich vergebens hoͤ⸗ ren, ſelbſt die kaiſerliche Garde achtete nicht mehr darauf. Den Soldaten war das Leben verleidet, es ſchien, als wollten ſie, wie die Juden in der Wuͤſte, mit dem Biſſen im Munde ſterben. Das entfernte Hurrah und der naͤhere Ruf:„Die Kofacken! Die Koſacken!“ ſo lange ſchon das einzige Signal, dem die große Maſſe gehorchte, trieben endlich dieſe ar⸗ men Menſchen von ihren Genuͤſſen weg auf die Straße. Der Nachtrab von Loiſon, den Wrede, von der Grenze Volhyniens kommend, mit ſeinen Baiern verſtaͤrkt hatte, ſtroͤmte ſo eben, von Witgenſtein, Platoff und andern Parteigaͤngern bis an die Thore verfolgt, in wilder Flucht durch die Stadt. Wilna war nicht nur das Hauptmagazin, ſondern auch das große Depot der franzoͤſiſchen Armee. Man hatte dort auf dem Vormarſche ein koſtbares Mate⸗ rial, die Kriegskaſſe und einen Theil von Napoleons Privatſchatz zuruͤckgelaſen. Man haͤtte die offene Stadt leicht wenigſtens ſo lange behaupten koͤnnen,. als noͤthig war, um die Magazine zu zerſtoͤren und die koſtbarſten Gegenſtaͤnde fortzuſchaffen; aber in dem allgemeinen Wirrwarr dachte niemand daran: die Ruſſen drangen auf einer Seite in die Stadt, waͤhrend die Franzoſen mit dem beſten beweglichen 101 Theile ihrer Habe in der Richtung von Kowno daraus entflohen. Die Einwohner von Wilna, die Leute vom Poͤbel naͤmlich, und beſonders die Juden, wa⸗ ren ſofort darauf bedacht, ſich die Sieger dadurch ge⸗ neigt zu machen, daß ſie die Ungluͤcklichen, die ſie in ihre Haͤuſer aufgenommen hatten, todtſchlugen oder, nackt ausgezogen, auf die Straße warfen. Wegen dieſer Unmenſchlichkeit ſollen die Juden nachher von den Ruſſen beſtraft und einige von ihnen aufgeknuͤpft worden ſeyn. Mittlerweile hatte die fliehende Kolonne den Engpaß und die Hoͤhe von Ponari erreicht, wo ein großes Gedraͤnge entſtand. Ein Geldwagen, der um⸗ geworfen wurde und ſich oͤffnete, gab der Disciplin vollends den Todesſtoß. Um den Ruſſen zuvorzukom⸗ men, fielen die Soldaten uͤber die Ruͤſtwagen her, ſchlugen ſie zuſammen und nahmen alles weg, was einigen Werth hatte. Von der reichen Beute ange⸗ zogen, miſchten ſich ſogar Koſacken, des Krieges ver⸗ geſſend, unter die Franzoſen, um gemeinſchaftlich mit ihnen zu pluͤndern. Doch ſollen die Soldaten von der kaiſerlichen Garde ein ſeltenes Beiſpiel von Ehr⸗ gefuͤhl und Disciplin gegeben haben. Graf Turenne hielt die aufdringenden Koſacken im Zaum und ver⸗ theilte den Privatſchatz Napoleons an die Garden, die zunaͤchſt ſtanden und die das Anvertraute in der Folge wieder gewiſſenhaft zuruͤckgaben.—„Nicht ein einziges Goldſtuͤck fehlte,“ ſagt Ségur. Dies iſt laſſen koͤnne. Er bereute es, die Antraͤge der Eng 102 indeſſen eine Uebertreibung; denn von dieſen Sol⸗ daten blieben in der Folge noch manche vor dem Feinde, und den Koſacken, die ihre Erben wurden, wird es wohl nicht eingefallen ſeyn, einen ſolchen Erſatz zu leiſten. Es iſt nicht mehr der Muͤhe werth, der Flucht dieſes elenden Haufens noch weiter zu folgen. Die Fluͤchtlinge kamen endlich nach Kowno, der letzten Stadt von Ruſſiſch⸗Polen. Die wenigen Soldaten, Naus denen Ney noch einen Nachtrab gebildet hatte, verliefen ſich immer mehr. Nach Kowno ſollen etwa noch tauſend bewaffnete und ungefaͤhr zwanzig Mal ſo viel ausgetretene Soldaten gekommen ſeyn. Die Ruſſen ſtellten ihre Verfolgung ein, nachdem die Franzoſen den Niemen auf dem Eiſe uͤberſchritten hatten; ſie wollten den Krieg nicht nach Preußen tragen. In Gumbinnen hielten die noch uͤbrigen Mar⸗ ſchaͤlle und Chefs Kriegsrath, in welchem Murat dem lange verhaltenen Groll gegen ſeinen Schwa⸗ ger Luft machte. Er war daruͤber erbost, daß Na⸗ poleon die Frechheit, mit der er von Davouſt und Ney, wie er glaubte, behandelt worden war, nicht gehoͤrig geayndet hatte; er nannte ſeinen Verwandten einen Verruͤckten, auf deſſen Wort man ſich nicht mehr ver⸗ laͤnder verworfen zu haben. Haͤtte er dieſes nicht gethan, ſagte er, ſo waͤre er noch ein großer Herr, 4 * 103 wie der Kaiſer von Oeſterreich oder Rußland.„Dieſe Faͤrſten,“ erwiederte Davouſt in barſchem Tone, „ſind Herrſcher von Gottes Gnaden, durch die Laͤnge der Zeit und die Gewohnheit der Voͤlker; aber Sie ſind ein Koͤnig nur durch die Gnade Nayoleons, und durch das Bint der Franzoſen. Sie ſind hoͤchſt un⸗ dankbar und ich werde Sie bei dem Kaiſer verkla⸗ gen.“ Bei dieſem ſeltſamen Auftritt ſchwiegen die Marſchaͤlle. Es zeigte ſich, wie wenig ſie ſich unter einander verſtehen konnten, ſobald der Herrſchergeiſt bei ihren Berathungen fehlte. 1 5 Von Gumbinnen kamen die Franzoſen nach Kd⸗ nigsberg, wo ſie ihr Elend zur Schau trugen. Sie wurden uͤberall kalt, aber doch nicht ſchlecht von den Preußen behandelt, die ihren Druck gefuͤhlt hatten, aber ſie in ihrem gegenwaͤrtigen Zuſtande nicht als ſchickliche Gegenſtaͤnde der Rache betrachteten. In Koͤnigsberg erfuhren ſie auch das Schickſal ihrer bel⸗ den Fluͤgelkorps, das keine Hoffnung mehr zuließ. Sobald Schwarzenberg auf dem aͤußerſten rech⸗ ten Fluͤgel in Erfahrung gebracht hatte, daß Napo⸗ leon beſiegt, daß ſeine Armee gaͤnzlich aufgeloͤst ſey, hielt er ſich nicht ferner zur Aufopferung auch nur eines einzigen oſterreichiſchen Soldaten ermaͤchtigt. Die Ruſſen und Oeſterreicher ſchloſſen einen Waffen⸗ ſtillſtand, nach welchem die beiderſeitigen Generale⸗ der ruſſiſche in offenſiver, der oſterreichiſche in defen⸗ ſiver Rolle, fortfahren ſollten, gegen einander zu ma⸗ 3 3 104 noͤrriren. Wenn die Ruſſen eine Stellung bezogen, die ihnen im wirklichen Kriege in offenſiver Hinſicht einen Vortheil verſchafft haben wuͤrde, ſo waren die Oeſterreicher verbunden, ſich zuruͤckzuziehen. Dieſer Feldzug glich einem zur Uebung der Truppen veran⸗ ſtalteten Kriegsſpiel, in welchem zwei Generale von derſelben Armee ihre ſtrategiſche Kunſt gegen einan⸗ der verſuchen. Schwarzenberg deckte durch ſeine Ma⸗ noͤvers die Fronte des franzoͤſiſchen Korps unter Réognier, er verhalf der Stadt Warſchau zu einer ertraͤglichen Kapitulation und wußte durch ſein Zoͤ⸗ gern daſelbſt dem General Rognier einen Vorſprung von drei Tagmaͤrſchen vor den Nuſſen zu verſchaffen. Zwar wurde dieſer ſpaͤter in Kaliſch eingeholt und uͤberfallen, aber nur weil er zu lange verweilt hat⸗ te, um die Flucht einiger polniſchen Depots zu dek⸗ ken. Die franzoͤſiſchen oder alliirten Truppen, die ſich zufolge dieſes Ueberfalls an die oͤſterreichiſche Grenze auf das Korps von Schwarzenberg zuruͤckzo⸗ gen, wurden gut aufgenommen und in ihr Land zu⸗ ruͤckgeſchickt. Doch war die Allianz mit Oeſterreich, der Napoleon in einem gewiſſen Sinne ſo große Opfer gebracht hakte, jetzt aufgeloͤst und ſein rechter Fluͤgel durch den Abfall ſeiner Alllirten gaͤuzlich ver⸗ ſchwunden. Mlit dem linken Fluͤgel verhielt es ſich nicht beſſer, ſondern wo moͤglich noch ſchlimmer. Waͤhrend der ereignißvollen ſechs Monate des ruſſiſchen Feldzugs war Macdonald, der den linken 3 105 Fluͤgel befehligte, mit einer Armee von dreißigtau⸗ ſend Mann, bei der ſich zweiundzwanzigtauſend Preußen und achttauſend Mann Truppen des Rheinbundes befanden, in Curland geblieben. Es ſcheint, Napoleon habe Bedenken getragen, dieſe ge⸗ zwungenen Huͤlfstruppen auf irgend einem Punkte zu verwenden, wo ihr Abfall einen ſchaͤdlichen Ein⸗ fluß auf ſeine uͤbrige Armee haͤtte aͤußern koͤnnen. Doch betrugen ſie ſich bei mehreren Gelegenbeiten, wo Macdonald die Angriffe und Ausfaͤlle der zahl⸗ reichen Beſatzung von Riga zu bekaͤmpfen hatte, ganz gut; die Rettung des Belagerungsparks, deſſen ſich der ruſſiſche General Lewis am z2o0ſten September zu Mietau beinahe bemaͤchtigt haͤtte, war ihnen zu verdan⸗ ken. So bravaber bei dieſer Gelegenheit die Truppen thaten, ſo verdaͤchtig ſchien das Betragen ihres Au⸗ führers, des Generals York. Dieſer Offizier diente einer Sache, die er von Herzen verabſcheute. Er war ein Tugendbuͤndler, ein feuriger preußiſcher Pa⸗ triet, der ſein Vaterland vom Joche der Fremden befreien wollte. Er lauerte deßwegen auf eine den guten Schein wehrende Gelegenheit, wo er ohne Schande ſeine Truppen von denen des franzoͤfiſchen Marſchalls trennen koͤnnte. 4 Zu Anfang Decembers ward die Lage Macdo⸗ nald's nachgerade bedenklich. Nach allen Geruͤchten, die im Umlaufe waren, hatte die franzoͤſiſche Armee große Niederlagen und unſälte erlitten, und Maedo⸗ 106 nald erwartete aͤngſtlich Befehle zum Nuͤckzug, ſo lange ihm dieſer noch offen ſtand. Aber, ſo groß war die Verwirrung im Hauptquartier nach der Ab⸗ reiſe Napoleons, daß weder Murat noch Berthier daran dachte, den Marſchall zum Ruͤckzug zu ermaͤch⸗ tigen; und als ſie es endlich denn doch thaten, blieb der Befehl, der in fuͤnf Tagen den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung haͤtte errelchen koͤnnen, zehn volle Tage unterwegs. Macdonald trat ſeinen Ruͤckzug in der Richtung von Tilſit an. Die preußiſche Diviſion von Maſſen⸗ bach, groͤßtentheils aus Reiterei beſtehend, bildete den Vortrab; er ſelbſt folgte mit den Baiern und Sachſen; York ſchloß mit fuͤnfzehntauſend Preußen, dem uͤbrigen Theil des Huͤlfskorps, den Marſch. In dieſer Marſchordnung, in welcher die Preußen von einander geſondert waren, zog der beſorgte Mar⸗ ſchall fort, ohne daß der preußiſche General ihm An⸗ laß zu Klagen gegeben haͤtte. Als aber Maedonald in Tilſit, das auf ſeinem Ruͤckzugswege lag, ange⸗ kommen war und die Reiterei von Maſſenbach vor⸗ waͤrts nach Regnitz geſchickt hatte, waren die Trup⸗ pen von York noch ſo weit zuruͤck, daß er ſich genoͤ⸗ thigt ſah, Halt zu machen. Er ſchrieb an York, um ſeinen Marſch zu beſchleunigen, und rief die Diviſion Maſſenbach wieder nach Tilſit zuruͤck. Von York kam keine Antwort, und in Regnitz fand der fran⸗ zoͤſſche General Bachelu, der dem General Maſſen⸗ —— —— 107 bach als Generaladjutant zugetheilt war, keinen Ge⸗ horſam. Die Oberſten der preußiſchen Reiterei be⸗ riefen ſich auf das ſchlechte Wetter und die ungang⸗ baren Wege, und wollten das Signal zum Aufbruch nicht geben laſſen; und als ſie dieſes zuletzt doch thaten, wollten ihre Leute nicht aufſitzen. Ein ruſ⸗ ſiſcher Emiſſͤr ſchlich ſich unter d dieſe widerſpenſtigen Truppen und ſorderte ſie dringend auf, ihm den fran⸗ zoͤſiſchen General, der ſich allein unter ihnen befinde, auszullefern; allein obgle ich die Soldaten bereit waren, Bachelu zu verlaſſen, ſo konnten ſie ſich doch nicht entſchließen, ihn zu verrathen. Dieſes Anſin⸗ nen beleldigte ihr Ehrgefuͤhl, und ſie traten deßwe⸗ gen mit Bachelu den Marſch nach Tilſt an. Sie blieben aber bei ihrem Vorſatz. Wie ſie in Regnitz nicht hatten aufſitzen Velene io wollten ſie in Tilſit nicht abſitzen. Doch verſtanden ſie ſich endlich dazu und rücten; ein. Allein dies war nur ein Blendwerk; als ſie ſich nicht mehr esua tet ſahen, ruͤckten ſie wieder aus und entwichen in der Stille, von Maſ⸗ ſenbach und ihren Ofſizieren gefuͤhrt, in der Nacht aus Tilſit, um ſich an ihre Landsleute unter York anzuſchließen.. Dieſer General hatte jett und fuͤr immer ſeine Truppen von den Franzoſen getreunt und am zoſten December mit dem ruſſiſchen General Dibitſch eine Uebereinkunft abgeſchloſſen. Die preußiſchen Trup⸗ pen ſollten zufolge derſelben auf ihrem eigenen Ge⸗ 108 biete Kantonirungsquartiere beziehen und darin zwei Monate lang als neutral angeſehen werden; nach Ablauf dieſer Friſt ſollte es ihnen frei ſtehen, ſich wieder mit den franzoͤſiſchen Truppen zu verei⸗ nigen, wenn ihr Koͤnig darauf beſtuͤnde. York und Maſſenbach ſetzten beide den Marſchall von dieſem Schritt in Kenntniß. York bemerkte, es ſey ihm gleichguͤltig, was die Welt von ſeinem Betragen denken moͤge: er ſey ſich der reinſten Abſichten be⸗ wußt, und habe nur aus Pflicht gegen ſeine Trup⸗ pen und ſein Vaterland alſo gehandelt. Maſſenbach entſchuldigte ſein heimliches Wegſchleichen und ſchrieb, er habe ſich ein ſchmer liches Gefuͤh erſparen wol⸗ len und befuͤrchtet, daß die Ehrfurcht und Hochach⸗ tung, die er fuͤr Macdonald fuͤhle, ihn von der Er⸗ fuͤllung ſeiner Pflichten abhalten moͤchten. So verließ ein preußiſcher Geeneral zuerſt eine Sache, der er nur ungerne gedient hatte, und gab dadurch ein Beiſpiel, das ſchnell und weitgreifend wirkte. Dieſer Schritt muß dem General York nicht wenig gekoſtet haben, da ſeine Vaterlandsliebe dabei mit den gewoͤhnlichen Begriffen von Soldaten⸗ ehre in Colliſion kam. Doch verließ er Macdonald nicht eher, als bis et mit ſeinen uͤbrigen Truppen aus Rußland heraus und in Sicherheit war. York wurde neutral, abet nicht der Feind ſeines fruͤheren Chefs. 4 Es eutſteht hier die Frage, wie lange man die G —————᷑—᷑—⸗;p/ͤy— — 1⁰9 Preußen fuͤr verpflichtet halten konnte, ihr Blut fuͤr Fremde hinzugeben, von denen ſie beſiegt, beraubt und unterdruͤckt worden waren, und in welchem Maße ſie an den Widerwaͤrtigkeiten derjenigen Theil neh⸗ men mußten, die ſich in ihrem Gluͤcke ſo ſchonunzs⸗ los gegen ſie erwieſen hatten. Einen Umſtand glau⸗ ben wir nicht bezweifeln zu duͤrfen, den Umſtand naͤmlich, daß York ganz auf eigene Verantwortung, ohne alle Aufforderung von Seiten ſeines Koͤnigs gehandelt hat. Man hat ſogar Grund, zu glauben, daß der Koͤnig von Preußen dem General York in der Folge die Abſchließung des Waffenſtillſtandes von Taurogen war nicht zum Vorwurf gemacht, aber doch nie ganz verziehen hat. Es war dies Feiner der nicht ſeltenen Faͤlle, wo das Betragen ei⸗ nes Unterthanen, der ſich herausnimmt, von dem buchſtaͤblichen Befehle ſeines Herrn abzuweichen, um demſelben deſto beſſer zu dienen, weniger Beifall findet, als ſein blinder Gehorſam. Der Koͤnig von Preußen mißbilligte zuerſt all? 8, was York gethan, und befahl, daß er und Maſſenbach nach Berlin ab⸗ gefuͤhrt und vor ein Kriegsgericht geſtellt werden ſollten. Dieſe Generale gehörchten aber nicht und behielten ihr Kommando; die preußiſche Armee be⸗ hauptete mit dem preußiſchen Volke, der Koͤnig ſey nicht frei, und berief ſich diesfalls auf Augereau's und einiger ſranzoͤſiſcher Truppen Anweſenheit in Berlin. 1 Macd onald b⸗ werkſtelligte mit den neuntauſend Mann, die ihm noch geblieben wa ren, ſeinen Ruͤckzug nach Koͤnigsberg, nachdem er noch ein hitziges Ge⸗ fecht beſtanden hatte. So endete der denkwuͤrdige ruſſiſche Feldzug, der erſte, in welchem Napoleon gaͤnzlich beſtegt wor⸗ den iſt— ein B ginnen, uͤber deſſen Verwegenheit und ſchrecklichen Ausgang man ſich gleich ſehr verwun⸗ dern muß. Der Verluſt der großen Armee war vraſtinbig und wird von Buturlin angegeben wie folgt: Vor dem Feinde geblieben. 125,000 Mann. Durch Strayatzen, Hunger und Kaͤlte umgekommen.. 132,000— Gefangene, worunter 48 Gene⸗ rale, oo Sffiziere,, 193,000.— Zuſamm en 4... 450,000 Mann. Außer dem oͤſterreichiſchen und preußiſchen Huͤlfs⸗ korps, die beide nicht in den Wirbel des allgemei⸗ nen Ungluͤcks geriethen, moͤgen ſich etwa vierzigtau⸗ fens Mann, weruter kaum zehntauſend Franzoſen waren, gerett t haben. Die Nuſſen nahmen, ſo ſehr 9 guch die Franzoſen Muͤhe gaben, dergleichen Tro⸗ phaͤen zu vertilg n, fuͤnfundſiebenzig Adler, Fahnen oder Standarten und mehr als neunhundert Ge⸗ 3 ſchuͤtze. So hatte der groͤßt: Feldherr des Zeitalters an der Spitz einer unermeßlihen Ruſtung ſich auf ſei⸗ 7 111 nen rieſenhaften Gegner geworfen, ſeine Armee ge⸗ ſchlagen, ſeine Hauptſtadt zerſtoͤrt, oder doch die Zer⸗ ſtoͤrung derſelben veranlaßt, nur um in eine Lage zu kommen, aus der er ſich nur mit dem Verluſte faſt ſeiner ganzen Streitmacht, obgleich keine Hauptſchlacht vorfiel, retten konnte. Die Urſachen eines ſo gaͤnzlichen Mißlingens und grauenyollen Ungluͤcks lagen in der falſchen Be⸗ rechnung phyſiſcher und moraliſcher Elemente, die gleich von vorne herein gewirkt hat. Mit dieſer An⸗ ſicht werden ſich die blinden Verehrer Napoleons frei⸗ lich nicht befreunden. Dieſe glauben, nach der von ihm ſelbſt aufgeſtellten Doktrin, daß er nur durch Naturkraͤfte beſiegt werden konnte. Dies hat er in dem neunundzwanzigſten Bulletin wirklich behauptet. Bis zum 6ten November hin war er, wie er verſi⸗ chert, ſtets ſtegreich geweſen. Dann fiel ein Schnee, der in ſechs Tagen den Geiſt der Armee verdarb, ihren Muth beugte, dagegen den der„elenden“ Ko⸗ ſacken hob, die Franzoſen ihres Geſchuͤtzes, ihres Ge⸗ paͤcks und ihrer Reiterei beraubte und ſie, faſt ohne Zuthun der Ruſſen, in den jaͤmmerlichen Zuſtand verſetzte, in welchem ſie nach Polen zuruͤckkamen. Dieſe Meinung wollte Napoleon durch eine Denk⸗ mänze verewigen, auf welcher der Ruͤckzug aus Mos⸗ kau unter dem Bilde des Aeolus vorgeſtellt iſt, der ſeine Staͤrme auf die franzoͤſiſchen Soldaten loslaͤßt. Auf derſelben Behauptung hat er ſtets beharrt, und 112 ſie wird auch von ſeinen Anbetern noch immer feſt⸗ gehalten. n Wir koͤnnen dieſer Lehre nicht beipflichten, ohne vorerſt folgende drei Fragen erwogen zu haben. — 1. Iſt Schneewetter oder der Marſch durch ein mit Schnee bedecktes Land an und fur ſich und ſchlecht⸗ hin ſo verderblich, als hier behauptet werden wlll? — II. Mußte die Moͤglichkeit eines ſolchen Unwet⸗ ters nicht von Napoleon in Rechnung genommen werden?— III. Hat das anhaltende Schneegeſtoͤber, ſo ſchrecklich es auch war, der franzoͤſiſchen Armee wirklich den Untergang gebracht, oder hat nicht etwa dieſe klimatiſche Erſcheinung mit andern Urſachen des Verderbens zuſammengewirkt, die bei dieſem unbe⸗ ſonnenen und vermeſſenen Beginnen gleich anfangs thaͤtig waren? 3 Die erſte Frage bedarf keiner weitlaͤufigen Eroͤr⸗ terung. Schnee und ſtrenger Froſt wirken nicht nothwen⸗ dig zerſtoͤrend auf eine Armee, die ſich zuruͤckzieht. Die ſchwaͤcheren Individuen moͤgen zu Grund gehen, aber die Armee ſelbſt, wenn ſie anders nach den Beduͤrf⸗ niſſen der Jahreszeit ausgeruͤſtet iſt, kommt beſſer dadei fort, als bei Regen und Thauwetter. Wenn der Schnee auf der Oberflaͤche feſt zufriert, wie die⸗ ſes in Rußland und Kanada der Fall iſt, wird das ganze Land gangbar und eine leicht ausgeruͤſtete Ar⸗ mee, die ſich der Schlitten ſtatt der Wagen bedient, kann ſich in ſo vielen parallelen Kolonnen beweaen⸗ a 113 als ihr beliebt, ſtatt, wie bei naſſem Wetter, auf eine einzige Straße beſchraͤnkt zu ſeyn, auf welcher ſich die Kolonnen einander folgen muͤſſen. Eine ſolche durch die Vervielfaͤltigung der Kolonnen gegebene Ausdehnung der Marſchfronte taugt aber ganz be⸗ ſonders fuͤr eine Armee, die, wie die franzoͤſiſche un⸗ ter Napoleon, im Punkte ihrer Verpflegung zunaͤchſt auf das Land angewieſen iſt. Wo verlaͤngerte Ko⸗ lonnen auf einer und derſelben Straße hinter ein⸗ ander folgen, wird das Land auf beiden Seiten der Straße von den Marodeurs des vorderſten Korps ſchon ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß die Ver⸗ ſorger des folgenden Korps, um etwas zu finden, groͤßere Abſtecher machen muͤſſen, bis die Entfernung ſo groß wird, daß das hinterſte Korps ſich mit dem⸗ jenigen begnuͤgen muß, was die vorangegangenen et⸗ wa zuruͤckgelaſſen haben. Man denke ſich ſechs, acht oder zehn Kolonnen, die auf gleicher Hoͤhe in paral⸗ lelen Richtungen, angemeſſene Zwiſchenraͤume unter ſich beobachtend, marſchiren, ſo bedecken ſie das Land in einer ſechs⸗, acht⸗ bis zehnfachen Breite und koͤn⸗ nen ſich um ſo leichter und reichlicher verpflegen. Solche parallele, in gleicher Hoͤhe fortziehende Ko⸗ lonnen koͤnnen ſich im Falle eines Angriffs durch e nen Marſch aus der Flanke leicht und ohne Zeltver⸗ luſt gegenſeitig unterſtuͤtzen, was, wenn die Kolon⸗ nen hinter einander folgen und die vorderſte von der hinterſten vielleicht einige Tagmaͤrſche entfernt iſt, W. Scott's Werke. L. V7. 8 4 114 nicht der Fall iſt. Endlich werden durch den Froſt oft Bruͤcken entbehrlich, Schluchten zugedeckt und Moraͤſte gangbar gemacht, ſo daß die marſchirende Armee dadurch einigen Erſatz erhaͤlt, fuͤr das, was ſie durch die ſtrenge Temperatur zu leiden hate Aber es entſteht zweitens die Frage, wenn Froſt und Schnee in Rußland ſo maͤchtig ſind, daß ſie gan⸗ zen Armeen den Untergang bereiten koͤnnen, warum hat ein ſo großer Feldherr dieſe Potenzen bei dem Ent⸗ wurfe ſeines unermeßlichen Beginnens nicht in Berech⸗ nung gezogen? Schneit es denn nie in Rußland, oder iſt Froſt im Monat November dort eine ſo ſeltene Erſchei⸗ nung? Man hat geſagt, die Kaͤlte haͤtte ſich fruͤher als gewoͤhnlich eingeſtellt. Dies iſt jedoch von Andern wi⸗ derſprochen worden; auf jeden Fall war es aber hoͤchſt unweiſe, die Exiſtenz einer Armee, und zwar einer ſo zahlreichen und ſo wichtigen Armee, einzig von dem Zufall abhaͤngig zu machen, daß der Froſt ei⸗ nige Tage fruͤher oder ſpäter eintrete. Die Wahrheit iſt, daß Napoleon, deſſen Urtheil ſich ſelten und vielleicht nur durch die Innigkeit ſei⸗ ner Wuͤnſche beſtechen ließ, im Oktober den Eintritt der Kaͤlte eben ſo vorgeſehen hat, wie er im Iuli die Nothwendigkeit erkannte, Anſtalten zu der Ver⸗ pflegung ſeiner Armee zu treffen, und daß demun⸗ geachtet in dem einen wie in dem andern Falle das Noͤthige von ihm verſaͤumt worden iſt. In dem zweiundzwanzigſten Bulletin iſt ausdruͤcklich gezagt/ —— 115 daß die Moskwa und andere Fluͤſſe in Rußland et⸗ wa in der Mitte des Novembers zufrieren wuͤrden. Wenn alſo der Schnee und der Froſt fuͤnf oder ſechs Tage fruͤher eintraten, wie es wirklich der Fall war, ſo mußte der Kaiſer darauf gefaßt ſeyn. In dem ſechsundzwanzigſten Bulletin iſt von den Winterquar⸗ tieren mit der Bemerkung die Rede, daß der Kai⸗ ſer es noch uͤberlege, ob er dieſelben im ſuͤdlichen Rußland, oder in dem befreundeten Polen beziehen ſolle. Es heißt darin:„Das Wetter iſt ſchoͤn, aber in den erſten Tagen des Novembers ſteht kalte Wit⸗ terung zu erwarten. Man muß daher auf Winter⸗ quartiere denken; die Reiterei bedarf derſelben ganz beſonders.“ 3 Es iſt unmoͤglich, daß derjenige, von dem oder unter deſſen Augen dieſe Bulletins abgefaßt wurden, durch den am ôten November eingetretenen Schnee hat uͤberraſcht werden koͤnnen. Die Wahrſcheinlich⸗ keit dieſes Ereigniſſes hat er eingeſehen, aber keine Vorkehrungen dagegen getroffen. Auch die gemeinſten Vorſichtsmaßregeln, wie z. B. das Griffen der Kavallerie⸗ und der Zugpferde, un⸗ terblieb, denn in den Bulletins wird uͤter das ab⸗ geſchliffene Beſchlaͤg der Pferde Klage gefuͤhrt. Dies will ſo viel ſagen, als, dieſe Thiere ſeyen nicht friſch beſchlagen geweſen; denn die franzöoͤſiſchen Pferde ſind eigentlich immer gegrifft, ſo lange das Beſchlaͤg icht abgenuͤtzt oder abgeſchliffen iſt. Wenn demnach *4 Froſt und Schnee den Armeen ſo gefaͤhrlich ſind, ſo hat ihnen Napoleon aus freien Stuͤcken Trotz gebo⸗ ten und durch die Vernachlaͤßigung der gehoͤrigen Vorſichtsmaßregeln das Ungluͤck ſelbſt herbeigefuͤhrt, uͤber das er ſich ſo ſehr beklagt. Obgleich aber deittens die ſtrenge Kaͤlte die Noth und den Verluſt einer durch Hunger, Bloͤße und Ent⸗ behrung aller Art leidenden Armee ohne allen Zwei⸗ ſel bedeutend vermehrt hat, ſo iſt ſie weder die er⸗ ſte, noch die vorzuͤglichſte Urſache dieſes Ungluͤcks ge⸗ weſen. Der Leſer wird ſich noch erinnern, daß Na⸗ poleon auf ſeinem Vormarſche in Lithauen, einem befreundeten Lande, noͤch ehe ein Schuß ſiel, zehn⸗ tauſend Pferde auf einmal und gegen hunderttauſend Mann verlor. Iſt dieſer Verluſt, der im Juni und Juli Statt fand, etwa auch die Folge eines uner⸗ warteten Schneegeſtoͤbers? Gewiß nicht. Er entſtand, felbſt nach der Angabe des Bulletins,„aus der Un⸗ gewißheit, den Muͤhſalen, den Maͤrſchen und Gegen⸗ maͤrſchen der Truypen, aus ihren Strapatzen und Entbehrungen;“ er entſtand mit einem Worte aus dem Syſtem der Gewaltmaͤrſche, durch welches Na⸗ poleon demungeachtet nicht recht vorwaͤrts gekommen ſiſt. Er verlor dadurch beinahe den vierten Theil, feiner Armee, ehe noch ein Schuß gefallen war⸗ Wenn wir annehmen, daß er auf ſeinen beiden Fluͤ⸗ geln und in ſeinem Ruͤcken hunderttauſend Mann unker Mardonald, Schwarzenberg und Oudinot zie — 117 ruͤckgelaſſen habe, ſo begann er die elgentliche In⸗ vaſton von Rußland mit zweimalhunderttauſend Mann. Die Haͤlfte dieſer großen Streitmacht kam auf dem Marſche nach Moskau um, wohin er nur hunderk⸗ tauſend Mann brachte. Die Strapatzen lichteten die Reihen, die Schlachtfelder und Spitaͤler thaten das Uebrige. Endlich verließ Napoleon am 19ten Okto⸗ ber Moskau, wo er nicht bleiben, und das er mit Sicherheit doch auch nicht verlaſſen konnte. Er hatte damals nicht weniger als hundert zwanzigtauſend Mann; ſo ſehr war ſeine Armee durch die Wieder⸗ geneſenen, durch das Eintreffen der Nachzuͤgler und durch den Nachſchub von Reſerven verſtaͤrkt worden. Er ſchlug die unnuͤtze, obgleich ſehr ehrenvoll beſtan⸗ dene Schlacht von Malo⸗Yarowslawetz, verfehlte ſei⸗ nen Zweck, ſich den Weg nach Kaluga und Tula zu eroͤffnen, und wurde wie ein uͤberhetzter Hirſch auf die verwuͤſtete Straße von Smolensk zuruͤckgewieſen. Auf dieſer Straße kam es bei Wiazma zur Schlacht, in welcher die Franzoſen großen Verluſt erlitten; ihre Kolonnen wurden auf ihrem Marſche fortwaͤhrend von den Koſacken, die viele Gefangene machten, ge⸗ . neckt. Dieſe zwei Schlachten, die Niederlage von Murat und die beſtaͤndigen Scharmuͤtzel koſteten den Franzoſen an Todten und Verwundeten(und jeder Verwundete war fuͤr Napoleon verloren) nicht we⸗ niger als fuͤnfundzwanzig Mann; um ſo viel war der Beſtand der franzoͤſiſchen Armee vermindert werden.. 118 So kam der 6te November heran; bis zu die⸗ ſem Tage war noch kein Flocken jenes gewaltigen Schnees gefallen, dem Napol eon ſein Ungluͤck zuſchrei⸗ ben will, obgleich dieſes damals ſeine Hoͤhe faſt ſchon erreicht hatte. Um eben dieſe Zeit hatten auch ſeine Fluͤgelkorps und Reſerven moͤrderiſche Gefechte be⸗ ſtanden, die ganz kein guͤnſtiges Reſultat gewaͤhrten. So waren faſt drei Viertel ſeiner Armee aufgerie⸗ ben, und ſeine noch uͤbrigen Truppen im klaͤglichſten Zuſtande, ehe noch jener Sturm zu wuͤthen begann, dem er ſpaͤter ſein Ungluͤck zuzuſchreiben beliebt hat. Es bedarf kaum bemerkt zu werden, daß beim Ein⸗ tritt des Schneewe tters Napoleon nicht mehr Sie⸗ ger, ſondern ein Fluͤchtling war, daß er vor ſeinen Gegnern zurückwich, und ſeine Rettung nicht etwa der Feigheit der Ruſſen, ſondern einzig der uͤbertrie⸗ benen Vorſicht ihres Generals zu verdanken hatte. Die Koſacken murrten ſchon lange vor dem Schnee⸗ geſtoͤber uͤber Kutuſof, daß er dieſe Todtengerippe, wie ſie die Franzoſen nannten, in ein unblutiges Grab zuruͤckgehen laſſe. Als die ſtrenge Kaͤlte kam, vermehrte ſie die Noth und den Verluſt der franzoͤſiſchen Armee gar ſehr. Der Winter aber war nur der Verbuͤndete 3 der Ruſſen, nicht, wie man behauptet hat, ihr ein⸗ ziger Beſchuͤtzer. Er machte den Ruͤckzug der großen Armee nur unheilvoller, aber dieſer war ſchon eine unerlaͤßliche Maßregel geworden, und unter den — — im ruſſiſchen Kriege pruͤfen. 119 Lanzen der anwogenden Koſacken bereits angetreten, ehe der nordiſche Sturm die Eingedrungenen vollends uͤberwaͤltigte. Was iſt denn nun eigentlich die Urſache dieſer grauenvollen Kataſtrophe? Wir tragen kein Bedenken, zu antworten, daß ein moraliſches Verſehen, oder beſſer ein Verbrechen die Weisheit Napolevus in Thorheit verkehrt hat, und daß er durch die Unge⸗ rechtigkeit ſeiner Abſichten zu den großen, nicht blos politiſchen, ſondern auch militaͤriſchen Fehlern verlei⸗ tet worden iſt, die er ſich in ſeinem Streben, die⸗ ſelben durchzuſetzen, hat zu Schulden kommen laſſen. Viele ſind, wir wiſſen es wohl, der Meinung, daß die Gerechtigkeit einer Sache nicht in Betracht komme, wenn es anders dem Verfechter derſelben an Muth und Kraft nicht gebricht. Nach dieſer Anſicht tragen auf der Rennbahn die Schnellfuͤßigen, in der Schlacht die Starken den Sieg davon; man be⸗ ruft ſich wohl gar auf jenes profane Wort des Koͤ⸗ nigs von Preußen, daß die Gottheit ſtets auf der Seite des Maͤchtigen ſey. Aber dieſe Maxime iſt eben ſo falſch als ruchlos. Ohne in unſern Tagen Wunder zu erwarten, wiſſen wir, daß die Welt eben ſo gut moraliſchen als phyſiſchen Geſetzen unterwor⸗ fen iſt, und daß die Verletzung jener nicht ſelten auch einer zeitlichen Beſtrafung unterliegt. Nach dieſem Grundſatze wollen wir Napoleons Benehmen 120 Seine grundloſen Beſchwerden gegen Rußland ſollten der Gegenſtand eines Vergleiches werden; demungeachtet fuhren ſeine Armeen fort, ſich den Grenzen des ruſſiſchen Reiches zu nahen, ſo daß Alexander, haͤtte er, von den franzoͤſiſchen Bajonet⸗ ten bedroht, nachgegeben, dadurch auf die Selbſt⸗ ſtaͤndigkeit ſeines Reiches verzichtet haben wuͤrde⸗ Den an ſich ungerechten Forderungen Napoleons, die durch Schreckmittel aufgedrungen werden wollten, konnten ein ſtolzes Volk und ein hochherziger Fuͤrſt ſchlechterdings nicht willfahren. So fing Buonaparte damit an, von den Ufern des Boryſthenes an bis zur chineſiſchen Mauer ein Nationalgefuͤhl zu wecken und die wilden und unciyiliſtrten Bewohner eines weitgedehnten Reiches gegen ſich aufzubringen, die mit Liebe an ihrer Religion, ihrer Regierung, ihrem Vaterlande haͤngen und einer Selbſtaufopferung faͤ⸗ hig ſind, von der er keinen Begriff hatte. Es war ein merkwuͤrdiger Charakterzug Napoleons, daß, wenn er ſeine Meinung einmal feſt gefaßt hatte, er jede Sache ſo ſah, wie er ſie zu ſehen wuͤnſchte, und ver⸗ ſucht wurde, ſelbſt Wirklichkeiten zu beſtreiten, wenn ſie mit ſeinen vorgefaßten Ideen nicht uͤbereinſtimm⸗ ten. Er hatte ſich ſelbſt uͤberredet, daß eine Schlacht zu gewinnen, eine Hauptſtadt zu erobern, die ein⸗ zige Aufgabe ſey, die er zu loͤſen habe, um auf ſeine Bedingungen den Frieden zu erlangen. Er rechnete ganz beſonders auf ſeine Macht uͤber die Gemuͤther 121 derjenigen, die er naͤher kennen gelernt hatte. Er glaubte, den Kaiſer Alexander durchſchaut zu haben, und zweifelte nicht, daß, wenn er ſeine Armeen ſchlage und ſeine Hauptſtadt nehme, er wieder ſei⸗ nen ehemaligen Eiufluß auf ihn gewinnen waͤrde durch das Zugeſtaͤndniß eines Friedens unter billigen Bedingungen, durch welchen er zunaͤchſt nur ſeine Ue⸗ berlegenheit anerkannt wiſſen wollte. Darum ging er in ſolchen Eilmaͤrſchen vorwaͤrts und verlor ſchon in Lithauen Tauſende von Menſchen und Pferden, die durch die Beachrung dre gemeinſten Regeln haͤt⸗ ten gerettet werden koͤnnen; darum blieb er, gegen ſeine beſſere Ueberzeugung und gegen den Rath ſei⸗ ner Vertrauten, nicht zu Witepsk oder zu Smolensk ſtehen; darum eilte er in die Schlacht und zur Er⸗ sberung der Hauptſtadt, wo er den Frieden zu fin⸗ den hoffte. Es ſchien auch Alles zu gehen, wie er es wuͤnſchte. Die Schlacht von Borodino, die blu⸗ tigſte in unſerer kriegliebenden Zeit, war gewonnen — Moskau genommen. Aber in Beziehung auf die Wirkung, welche dieſe beiden Ereigniſſe auf den Kaiſer und die Ruſſen hervorbreingen woͤrden, hatte er ſich gaͤnzlich verrechnet. Als er ihre Unterwer⸗ fung und ein Loͤſegeld fuͤr ihre Hauptſtadt erwarte⸗ te, ging die Stadt unter ſeinen Augen im Feuer auf; aber ſelbſt die Veroͤdung und Einaͤſcherung von Mos⸗ au konnten ihm die Binde nicht von ſeinen Augen reißen, ihn nicht uͤberzeugen, daß das Volk und ſein 1²² Fuͤrſt den Tod der Schande vorzoͤgen. Er wollte die ihm von ſeiner Selbſtſucht eingegebenen Hoffnungen nicht aufgeben, und ward dadurch verhindert, Mos⸗ kau einen Monat fruͤher zu verlaſſen, als er es ge⸗ than hat. Es war nicht zu erwarten, daß die Sonne von Fontainebleau die Truͤmmer von Moskau noch bis zum December hin beleuchten wuͤrde; aber er vermochte nicht, dem ſchmeichelhaften Wahne zu ent⸗ ſagen, daß ein Schreiben und ein Friedensvorſchlag ihm zuletzt doch noch zu ſeinen Wuͤnſchen verhelfen wuͤrde. Erſt als Murat angegriffen wurde, gingen ihm die Augen auf. So wurde dieſer große Kriger durch eine ſophy⸗ ſtiſche Selbſttaͤuſchung zu Schritten verleitet, die er nach den Grundſaͤtzen ſeiner Kunſt nothwendig haͤtte verdammen muͤſſen, die aber die natuͤrliche Folge ſeiner moraliſchen Verblendung waren. Von ſeinem Senbſtduͤnkel beſtochen, die Macht ſeines perſoͤnlichen Einfluſſes uͤberſchaͤtzend, vergaß er die gewoͤhnlichen und bewaͤhrteſten Kriegsregeln. Er ſetzte eine un⸗ geheure Armee in Bewegung, die viel zu groß war, als daß ſie aus dem Lande, durch das ſie zog, oder durch Zufuhren aus ihren Magazinen haͤtte verpflegt werden koͤnnen. Und als er ſich in die Tiefen von Rußland wagte, deſſen Armeen ſchlug und deſſen Hauptſtadt nahm, verſaͤumte er, die Linie ſeines Vor⸗ ruͤckens nach der Ausdehnung ſeiner Operationsbaſis ſo zu bemeſſen, daß ſeine Eroberung und ſeine er⸗ ——— 123 fochtenen Vortheile geſichert blieben. Zu Moskau ſtand ſeine Armee kaum noch in Verbindung mit Lithauen, und bald darauf wurden alle ihre Commu⸗ nicationen vom Feinde gefaßt. So machte ein un⸗ gerechtes, mit lei den chaftlicher Beharrlichkeit betrie⸗ benes Vorhaben den Rath des Weiſen, die That des Tapfern unnuͤtz. Die Moral hievon iſt in den Worten Claudian's enthalten— —„Jam non ad culmina rerum Injustos crevisse queror; tolluntur in altum, Ut lapsu graviore ruant.“« Claudian in Rufinum, Lib. I. v. 21. Die Geſchichte der Voͤlker der alten und neuen Zeit. Bearbeitet vom Grafen von Seguͤr. Aus dem Franzoͤſiſcheu uͤberſezt von einer Geſellſchaft junger Gelehrten und herausgegeben von W. Hof maun. Preis eines jeden Bändchens broſchirt 18 kr. oder 5 gr. ſächſ Der Name Seallr ſtrahtt unter den esſten Geſchichtſchrei⸗ Prn er neuen Zeit. Die vortrefflichen„Meinpir en“ des berfaffers kaſſen in dieſer Völkergeſchichte ein Meiſterwerk er. rien. Dieſe Erwartung wird glänzend erfüllt. Er bhat diee es hiſtoriſche Werk nach dem umfaſſendſten Plane angelegt und nefuhrt; keinem Geſchichtſchreiber in es je gelungen, ſolche ußfühelichkeit mit ſolcher Bedrängtheit zu vereinigen. Er führt uns über das Zanze Gebies der Weltgeſchichte und begleitet jo⸗ einzelne Volk von ſeinem einfang an, bis berunter, wo es kbört, in der Reihe der Nationen ſelbſtſtändig zu leben. Mit dem eberblick über dieſes Werk nimmt der Leſer die ganze Welt in ſich auf, wie ſie bisher gelebt hat. Obne, wie es der Brauch nſerer Zeit iſt, in philoſophiſcher Conſtruction das Leben der eſchichte umzugeſtalten, deutet er, tiefen Geiſtes und ſchavfen Sucks, am rechten Orte die Bemerkungen an, die der tietſcha ende Politiker und Denker machen kann. Uieberall wird der LE ſer finden, daß er nur das eigne Urtheil geweckt habe, das in ſeinem Geiſte geſchlummert, das heilſte Kennzeichen dey Wahr⸗ heit ſeiner Andeutungen. Vor antem aber glänzend iſt die Dan ſeuung, mit der er uns die Welt in den glühendſten Farben der Wahrheit vor unſern Augen vorüverführt. Er reißz dur Kine Echilderung mitten in die Zeit, in den Chanakter, in di Hegebenheiten hinein, von denen er ſpricht. Keines der dorzup zichen bisher erſchienenen Werke iſt ſo ganz geeignet, das reife Alter zu eraötzen, die Jugend zu begeiſtern und zu beleben. Dieß die Vorzüge eines in ſeiner Art nenen und vorzüglichen Werkes, das mit ſeltener Geiſtestiefe klangreicher, herrlicher Sprache und erſtaunenswerthem Fleiß ausgearbeitet, durch ſeine Verbreitung viel des Guten ſliften muß. Die Ueberſotzer haben, dem Genins der deutſchen Sprache angemeſſen: die treffliche frauzsſiſche wiedergeg eben. Die Eintheilung des Ganzent iſt folgende: 18 Bändchen. Geſchichte der Reyptier und ꝛlſſyrer, 25—— der aſiariſchen Völker, beſonders der Perſer. der Perſer. 3b—— 48 u. 58—— der Juden. 6K—— voon Carthago und Sicllien. 78— 98—— der Griechen. 108— 168—— der Römer. 176- 256—— des öſtlichen Kaiſerreichs. 288— 278—— Geſchichte von Gallien. 2 288— 388—— voon Frankreich bis auf Karl den Schö⸗ nen. 1322. und ſo wird in der Folge der Faden der Geſchichte vis zu un⸗ ſern Zeiten berab fortlaufen. 5 Wer irgend als gebitdeter Menſch am Menſckrlichen Inter⸗ eſte hat, dem kann eine Erſcheinung wie dieſe nicht gleichgüͤltſg n, die den Keim der Menſchlichkeit in jeder. Bruſt zu nahren und zu pflegen beſtimmt iſt; moge es die Aufnahme finden⸗ die jeder Menſchen⸗ und Wiſſenſchaftsfreund ihm wünſchen muß! In der Joſ. Lindauer'ſchen Buchhandlung in Muͤn⸗ chen ſind ſo eben erſchienen und in allen Buch⸗ handlungen Deutſchlands zu haben: Franzesco Petrarca's ſaͤmmtliche italieniſche Ge⸗ dichte. Neu uͤberſetzt von F. W. Bruckbraͤu. Mit erlaͤuternden Anmerkungen. 6 Baͤndchen. 12. broſchirt. 1 fl. 12 kr. Wer kennt nicht den Namen Petrarca's, des unſterblichen Saͤngers der Liebe, deſſen ſanfte Kla⸗ gen noch nach Jahrhunderten jedes gefuͤhlvolle Herz ruͤhren, und wer, wenn nur ein einziges ſeiner phan⸗ taſiereichen und von der zarteſten Empfindung uͤber⸗ ſtroͤmenden Gedichte geleſen hat, ſehnt ſich nicht, deſſen genauere Bekanntſchaft zu machen? Dieſe ſoll ihm gegenwaͤrtige Ueberſetzung gewaͤhren, da die Lecture dieſes Dichters in der Urſprache eine gruͤnd⸗ liche Kenntniß des Italieniſchen erfordert und der hohe Preis der bisher erſchienenen Ueberſetzungen den Ankauf erſchwerte. Die Uebertragung des Hrn Bruck⸗ braͤu zeichnet ſich beſonders durch Treue aus, indem ſie den Leſer immer ſo viel als moͤglich die eigenen Worte des Dichters hoͤren laͤßt, und deshalb auch denen, welche ſich dem Studium der ital. Sprache widmen, ein willkommenes Erleichterungsmittel ſeyn wird, wozu beſonders auch die erlaͤuternden Anmer⸗ kungen beitragen. Das Ganze beſteht aus dieſen 6 Baͤndchen und ſchließt ſich in Format, Druck u. ſ. w. 2 genau der berelts hier erſchienenen Ueberſetzung von Taſſos befreitem Jeruſalem an. Findet, wie ſich kaum bezweifeln laͤßt, dieſe Ue⸗ bertragung den Beifall des gebildeten Publikums, ſo werden derſelben bald die Ueberſetzungen der uͤbri⸗ gen klaſſiſchen Dichter Italiens nachfolgen, ſo daß man ſich in den Stand geſetzt ſehen wird, ſich fuͤr geringe Koſten die Werke der vorzuͤglichſten Meiſter jenes Landes zu verſchaffen.