Walter Scott's ſaͤmmtliche W e r c. Neu uͤ berſetzt. 3— Fuͤnfundfuͤnfzigſter Band. Leben von Napolen Buonaparte. — Einundzwanzigſter Theil. Sturtgart, dei Gebruͤder Franckh. 1 8 27. Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich. Mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion.. 4 Von Walter Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Einnndzwanzigſter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1827. Erſtes Kapitel. Leben von Napoleon Buonaparte. Napoleons Streitmacht.— Zur Vertheidigung Frankreichs in Abweſenheit des Kaiſers wird ein dreifacher Heerbann auf⸗ geboten.— Erſtürmung von Ciudad Rodrigo durch Lord „Wellington.— Buonaparte macht Lord Caſtlereagh Friedensan⸗ träge.— Sie bleiben ohne Erfolg.— Das ruſſiſche Ultimatum wird verworfen und dadurch der Krieg erklärt.— Napoleon ver⸗ läßt Paris am 9ten Mai 1812.— Er begibt ſich nach Dresden, wo die mit ihm verbündeten Souveraine ſich einſinden und große Feſtlichkeiten gegeben werden.— Ein letzter Verſuch Napoleons, mit Alexander zu unterhandeln, ſchlägt fehl. Die tuͤrkiſche Regierung hatte aus Veranlaſſung der beruͤhmten Expedition von Aegypten eine feind⸗ liche Stellung gegen Frankreich genommen; Sultan Selim, der das Genie und die Tapferkeit Napoleons bewunderte, war aber ſeitdem der Freund des Kal⸗ ſers von Frankreich geworden. Als Selim hierauf das Opfer einer Verſchwoͤrung wurde, nelgte ſich ſeln Nachfolger wieder mehr auf die Seite Englands. Zu Tilſit wurde die Theilung der Tuͤrket wirklich be⸗ 396 liebt, aber einſtweilen noch vertagt*); ſpaͤter, auf dem Kongreſſe von Erfurt, gab Napoleon ſeine Ein⸗ willigung, daß das tuͤrkiſche Gebiet bis zur Donau hin das Eigenthum Rußlands werden ſolle, in ſoferne es im Stande ſeyn wuͤrde, ſolches zu erobern. Der Hof von St. Petersburg war unklug ge⸗ nug, dieſes zu verſuchen, obgleich er damals ſchon wegen der noch immer hoͤher ſteigenden Macht Frank⸗ reichs auf jede Unternehmung der Art haͤtte ver⸗ zichten ſollen. Ein Krieg mit der Pforte war in der That im Falle eines Bruchs mit Frankreich ſo ganz unpolitiſch, daß man glauben muß, der Kaiſer Alexander habe dieſen Fall nicht fuͤr wahrſcheinlich gehalten; und dies iſt hinwiederum ein Beweis, daß er ſeinerſeits Treu und Glauben gegen Napo⸗ eon beobachten wollte. Die Tuͤrken vertheidigten ſich weit beſſer, als *) Die Thatſache wird nun ziemlich allgemein ſo angenommen, wie ſie im Texte angegeben iſt. Allein in dem Vertrage⸗ wie er zur Kenntniß des Publikums gekommen iſt, wird/ unter Berufung auf den Waffenſtillſtand von Slobodſeg, die Zurückgabe der Moldau und Wallachei an die Türken ver⸗ fügt. Aber dieſer Waſfenſtiliſtand blieb, wie Napoleon und Alexander es mit einander verabredet hatten, ohne Erfolg: die Zurückgabe der genannten Provinzen fand nicht Statt; und da auf dem Kongreſſe zu Jaſſi die ruſſiſchen und türki⸗ ſchen Geſandten auch nicht einig werden konnten, ſo fing der Krieg zwiſchen den Türken und Ruſſen an der⸗ Donau wieder an.——* „ 7 man vermuthet hatte; und obgleich ihnen das Kriegs⸗ gluͤck anfangs nicht hold war, ſo erfocht doch der Großvezier zuletzt einen Sieg bei Rutſchuck, wenig⸗ ſtens brachte er den Ruſſen eine ſolche Schlappe bei, daß ſie die Belagerung dieſer Feſtung aufheben muß⸗ ten. Doch laͤchelte der Sieg den Tuͤrken nicht lange. Sie wurden von den Ruſſen in ihrem verſchanzten Lager angegriffen und faſt ganz aufgerieben. Sie ſetzten demungeachtet den Krieg fort, vergeſſen und vernachlaͤßigt von dem franzoͤſiſchen Kaiſer, der ſie zufolge ſeiner Plane gegen Rußland in ihrem ſo un⸗ gleichen Kampfe mit dieſer furchtbaren Macht haͤkte unterſtuͤtzen ſollen. Mittlerweile wurden die Feind⸗ ſeligkeiten ſchwaͤcher betrieben und Unterhandlungen angeknuͤpft; denn die Ruſſen mußten, ſobald ſie ſa⸗ hen, daß es zu einem Kriege mit Frankreich kommen koͤnne, begreiflicherweiſe darauf denken, dem Kriege mit den Tuͤrken ein Ende zu machen, durch welchen eine betraͤchtliche Armee zu einer Zeit beſchaͤftigt ge⸗ blieben waͤre, wo ſie ihre ganze Macht aufbieten muß⸗ ten, um den Angriffen Napoleons zu begegnen. In dieſem Zeitpunkte, und zwar am 2iſten Maͤrz, beſann ſich Buonaparte auf einmal, daß es ſeiner Politik ſehr angemeffen ſeyn wuͤrde, mit einer jetzt fuͤr ihn hoͤchſt wichtig gewordenen Natlon ſich in ein Buͤndniß einzulaſſen, oder vielmehr das bereits be⸗ ſtehende wieder zu erneuern. Der Großherr ſoll in eigener Perſon mit hunderttauſend Mann an die X 8 Donau marſchiren. Napoleon laͤßt ihm dieſes durch ſeinen Geſandten eroͤffnen. Zum Preis fuͤr dieſe Leiſtung will der franzoͤſiſche Kaiſer den Tuͤrken die Moldau und die Wallachei, die der Gegenſtand des Streites ſind, und ſelbſt die Krimm wieder ver⸗ ſchaffen, Dieſe ke nahende Votſchaft kam zu ſpaͤt, indem die Pforte bereits ein friedlicheres Syſtem angenommen hatte. Nach ſo vielen Jahren einer gaͤnzlichen Vernachlaͤßigung fanden dieſe glaͤnzenden Verſprechungen, die gleichſam aus der Luft fielen, keinen Glauben. Die engliſchen Diplomaten wuß⸗ ten mit einer Geſchicklichkeit, die man nicht im⸗ mer an ihnen bemerkt hat, ſich einen vollkomme⸗ nen Sieg uͤber die franzoͤſiſchen zu verſchaffen und die hohe Pforte zu uͤberzeugen, daß der Friede mit Rußland, ihrem Erbfeinde, durch die Vermittlung von England und Schweden moͤglich und verbuͤrgt ſey; daß dagegen, falls Napoleon Rußland gaͤnzlich beſiegen ſollte, die von ihm beabſichtigte Theilung des tuͤrkiſchen Reiches nicht laͤnger zu verhindern ſeyn duͤrfte, weil er nach der Unterwerfung Rußlands in ſeinem Streben zur Weltherrſchaft durch nichts mehr beſchraͤnkt wuͤrde. Welchen Schrecken und welchen Argwohn der bloße Name Napoleons eingefloͤßt ha⸗ ben muͤſſe, erhellet ſchon aus dem Umſtande, daß man es dieſen barbariſchen Tuͤrken, die von der Po⸗ litik ſo viel als nichts verſtehen, doch begreiflich ma⸗ 9 chen konnte, elnem alten, unverſoyhnlichen Feinde un⸗ ter billigen Bedingungen den Frieden zu gewaͤhren, ſey beſſer, als durch deſſen Vernichtung zum Aufkom⸗ men einer noch furchtbareren, noch herrſchſuͤchtigeren und noch unwiderſtehlicheren Macht beizutragen. Demzufolge kam zu Buchareſt zwiſchen Rußland und der Tuͤrkei ein Friede zu Stande, auf den wir ſpaͤ⸗ ter wieder zuruͤckkommen werden. So ſah ſich Frankreich bei dem bevorſtehenden Kampfe um den Beiſtand Schwedens und der Tuͤr⸗ kei, ſeiner alten Alliirten, gebracht. Preußen folgte ihm wie ein Sklave dem Wagen ſeines Gebieters; Daͤnemark und Sachſen zogen mit ihm als Bundes⸗ genoſſen, denen man gute Worte gibt, ſo lange ſie ſich willig finden laſſen; Oeſterreich als ein mit et⸗ was mehr Achtung behandelter Verbuͤndeter, der ſei⸗ nen zweideutigen Beiſtand nur unter Bedingungen bewilligt hatte, die den franzoͤſiſchen Kaiſer in Be⸗ ziehung auf die polniſchen Angelegenheiten ſehr be⸗ engten. Es folgt hieraus eines von beiden. Na⸗ poleon verſchmaͤhte entweder, im Vertrauen auf ſeine unermeßlichen Ruͤſtungen, durch Unterhandlungen ei⸗ nen Beiſtand auszuwirken, den er nicht gebieteriſch fordern konnte, oder ſein politiſches Talent ſtand ſeinem militaͤriſchen weit nach. Wer freilich nur auf die Staͤrke und auf die 10 Beſchaffenheit der Armee ſah, welche Frankreich bei dieſer wichtigen Veranlaſſung ins Feld brachte, mochte es vielleicht nicht tadeln, daß Napoleon den Beiſtand, den ihm Schweden und die Pforte haͤtten leiſten koͤnnen, eben nicht hoch anſchlug. Er hatte die Con⸗ ſcription vom Jahre 1811 voraus genommen und rief nun die von 1812 auf. Es lag ſonach am Tage, daß, ſo lange Napoleon lebe und Krieg fuͤhre, das Auf⸗ gebot der erſten Klaſſe nicht eine durch die Umſtaͤnde etwa bedingte Maßregel, ſondern eine beſtaͤndige und unerlaͤßliche, aus der jungen franzoͤſiſchen Mannſchaft jedes Standes jaͤhrlich zu erhebende Taxe von 80,000 Mann ſey. Zu dem Ertrage dieſer beiden Conſcrip⸗ tionen kamen noch die Contingente der Koͤnige aus dem kaiſerlichen Hauſe, der Vaſallenfuͤrſten und der unterthaͤnigen Republiken, die ſammt und ſonders die Befehle von Buonaparte geſtellt wurden. eit den Zeiten des erres, wenn anders die Be⸗ richte uͤber die perſiſche Invaſion nicht uͤbertrieben ſind, war keine ſolche Armee mehr im Felde erſchie⸗ nen. Man wird beinahe vom Schwindel befallen, wenn man die Staͤrke derſelben berechnet. Der ungefaͤhre Betrag ſaͤmmtlicher Streitkraͤfte des franzoͤſiſchen Kaiſerreichs und der von ihm ab⸗ haͤngigen oder mit ihm verbuͤndeten Staagten wird von Buturlin angegehen wie folgt:— —— 4 11 Eptalbetrag der franzöſiſchen Armse 850,090 Mann Die Armee von Italien unter dem Vicekonig! u⸗ gen 50 1000— —— des Großherzogthums Warſch— Einſchluß anderer Polen Md 60,005 2 —— von Baiern 40,000 — Sachſen 30,900 4 13 —— Weſtphalen 30,000 1n —— Wuͤrtemberg 15,090 —— Baden 9,000 —— der Fürſten vom Rheinbunde 4 4 23,000 8 Das preußiſche Huͤlfskorps 20,000 ns — oſterreichiſche— 30,000— Die Armee von Neapel.— 30,000 1,187,000 Mann. Werden hievon 387,000 Mann, als krank, beur⸗ laubt oder in den Depots befindlich, abgezogen, ſo bleibt noch immer die furchtbare Maſſe von 80⁰0,000 Combattanten, ſo daß Napoleon eine weit groͤßere Macht, als Alexander mit der groͤßten Anſtrengung aufzubringen im Stande war, gegen Rußland ver⸗ wenden konnte, ohne auch nur einen Mann aus Spanien zu ziehen. In Erwaͤgung der in einem ſorgewagten Kriege moͤglichen Wechſelſaͤlle, und um allem zu begegnen, 12 was England Jin ſeiner Abweſenheit gegen Frank⸗ reich etwa verſuchen moͤchte, hielt es Napeleon noch uͤberdies fuͤr gerathen, ſein Vertheidigungsſyſtem noch weiter auszudehnen, als es ſelbſt durch die Con⸗ ſeription geſchehen konnte. Wir koͤnnen uns in Be⸗ ziehung auf dieſes Syſtem um ſo kuͤrzer faſſen, weil kein Gebrauch davon gemacht worden iſt. Es beruhte ſolches auf einem Inſtitut von Nationalgarden, dle in drei Klaſſen, der erſte, zweite und dritte Heer⸗ bann genannt, getheilt waren, denn Buonaparte be⸗ hielt gerne die Namen der alten Feudaleinrichtungen bei. Zum erſten Heerbann gehoͤrten alle junge Maͤn⸗ ner von zwanzig bis ſechsundzwan zig Jahren, die nicht ſchon in der Armee gedient hatten; im zweiten Heerbann befanden ſich alle ſtreitbare Maͤnner vom ſechsundzwanzigſten bis zum vierzigſten Lebensjahre; im dritten Heerbann alle noch wehrfaͤhige Maͤnner vom vierzigſten bis zum ſechzigſten Jahre. Dieſe Aufgebote ſollten nicht jenſeits der franzoͤſiſchen Grenze verwendet und nur nach Maßgabe der Ge⸗ fahr zum Dienſte berufen werden. Sie waren in Kohorten, jede von eilfhundert und zwanzig Mann, abgetheilt. Eine weſentliche Beſtimmung in dieſem Syſteme war aber, daß ſofort hundert Kohorten vom erſten Heerbann(mehr als hundert und zwanzigtau⸗ ſend Mann) zur Verfuͤgung des Kriegsminiſters ge⸗ ſtellt wurden; mit einem Wort, das Ganze war eine neue Art der Conſeription, mit dem Unterſchied —-— 13 daß die Rekruten nur eine beſtimmte Zeit zu die⸗ nen hatten. Der beruͤhmte Graf Lacépéède, der wegen ſei⸗ ner großen naturhiſtoriſchen Kenntniſſe und wegen der allzeit fertigen Beredſamkeit, mit der er die Zu⸗ ſtimmung des Senats zu allem, was der Kaiſer wollte, ausſprach, von den Witzlingen Koͤnig der krie⸗ chenden Thiere genannt wurde, verſah bei dieſer Veranlaſſung auch wieder ſein Schmeichleramt. In der einzig durch die Herrſchſucht des Kaiſers moti⸗ virten Maßregel, kraft welcher die ganze franzoͤſiſche Jugend zum Kriegsdienſtr berufen wurde, wollte er nur einen neuen ruͤhrenden Beweis der landesvaͤter⸗ lichen Fuͤrſorge des Kaiſers ſehen. Er ſagte:„Da in jedem Jahre der ſechste Theil der Mannſchaft aus den Kohorten wieder entlaſſen wird und ſie in dem Alter ſteht, wo Leib und Seele in ihrer gan⸗ zen Energie ſind, ſo werden die Waffenuͤbungen fuͤr ſie eher ein heilſames Spiel und eine angenehme Erholung, als muͤhſame Arbeit und harte Leiſtung ſeyn. Sodann wird das ausdruͤckliche Verbot, uͤber die Grenze zu gehen,— die Eltern duͤrfen ſich da⸗ rauf verlaſſen— ein Zuͤgel fuͤr den feurigen und ungeſtuͤmen Charakter des franzoͤſiſchen Soldaten ſeyn, und die jungen Leute, die ſich ſonſt von ihrem unbeſonnenen Muthe auf entlegene Schlachtfelder wuͤrden verlocken laſſen, auf ihrem heimathlichen Bo⸗ den feſthalten. Alles dies klang ſchoͤn genug, aber 14 die Zeit kam bald, wo der Senat ſeine Ktauſel ne exeat regno, in Beziehung auf dieſe hundert Kohor⸗ ten wieder zuruͤcknahm, und iod diefelben entweder durch ihren eigenen Ungeſtuͤm oder durch das Gebot ihrer Fuͤhrer auf entfernte, blutige Schlachtfelder getrieben wurden, von denen nur wenige zuruͤckzu⸗ kommen das Gluͤck hatten. 1 Noch bebte die Frage uͤber Krieg und Frieden in den Wagſchalen, als aus Spanken die Nachricht einging, Lord Wellington habe den Feldzug mit ei⸗ ner eben ſo gluͤcklich gedachten als kuͤhn ausgefuͤhr⸗ ten Unternehmung eroͤffnet. Cindad Rodrigo, deſſen Feſtungswerke die Franzoßen ſehr verſtaͤrkt hatten, war einer der Schluͤſſel der ſpaniſch⸗vortugieſiſch Grenze. Lord Wellington hatte dieſe Feſtung, wie wir geſehen haben, im vorigen Jahre berennt, mehr zum den General Marmont zum Entfatz derſelben herberzuziehen, als in der Hoffnunz, den Platz ſelbſt zu nehmen. Allein zu Ende Derembers 1811 ver⸗ nahmen die Franzoſen mit Erſtannen und Schrecken, daß die engliſche Armee vör Ciudad Rodrigv erſchie⸗ nen ſey, die Laufgraͤben eroͤffuer und ſchon ihre Bre⸗ ſchebakterien vollendet habe. 1 Marmont ſetzte nochmal alle ſeine Truppen in BeVwegung, um den Fall eines Platzes zu verhindern, der füͤr beide Theile von der groͤften Wichtigkeit war. Er konnte allerdings hoffen, daß ihm der Ent⸗ ſatz gelingen werde, weil Cindad Rodrigo, noch ehe 15 deſſen Feſtungswerke von den Franzoſen verbeſſert worden, ſich mehr als einen Monat lang gegen Maſ⸗ ſena gehalten hatte, obgleich deſſen Armee hundert⸗ tauſend Mann ſtark war. Jetzt wurde dieſer Platz zehn Tage nach Eroͤffnung der Laufgraͤben unter den Augen des verſuchten Generals erſtuͤrmt, der zu deſſen Entſatz herangeruͤckt war, und dem nun nichts uͤbrig blieb, als wieder in ſeine Quartiere zuruͤckzu⸗ kehren und Betrachtungen uͤber die Geſchicklichkeit und die Thaͤtigkeit anzuſtellen, die ploͤtzlich in die brittiſchen Truppen gefahren zu ſeyn ſchien. Lord Wellington war keiner von jenen Generg⸗ len, die da glauben, ein Sieg oder irgend ein ande⸗ rer Vortheil ſey fuͤr einen Feldzug genug. Die Franzoſen hatten den Verluſt von Ciudad Rodrigo, durch den ſie ſo uberraſcht wurden, noch nicht ver⸗ ſchmerzt, als Badaioz, ein weit feſterer Platz, der im Jahre 1811, wo die Feſtungswerke weit ſchlechter beſchaffen waren und man ſich auf den Kommandan⸗ ten in jeder Hinſicht weniger verlaſſen konnte, eine ranzoͤſiſche Belagerung von ſechsunddreißig Tagen ausgehalten hatte, berennt wurde. Er ward jetzt innerhalb zwoͤlf Tagen nach Eroͤffnung der Laufgraͤ⸗ ben mit unglaublicher Geſchwindigkeit beſchoſſen, in Breſche gelegt und erſtuͤrmt. Zwei franzoͤſiſche Mar⸗ ſchaͤlle hatten Alles gethan, um dieſe Kataſtrophe zu⸗ derhindern, aber vergebens. Marmont machte einen erfolgloſen Verſuch auf Ciudad Rodrigo und gah ſich 16 die Miene, in Portugal einfallen zu wollen; aber kaum erfuhr er den Fall des Platzes, ſo zog er ſich auch ſchon wieder von Caſtel⸗Branco zuruͤck. Soult, der in aller Eile zum Entſatz von Badajoz vorge⸗ ruͤckt war, hatte, wie man behauptet, ſeine Offtziere ſo eben verſammelt, um ihnen zu erklaͤren, es ſey der Befehl des Kaiſers, daß Badajoz enkſetzt werde — und der Kaiſer duͤrfe nie vergebens befehlen,— als ein Offizier, der auf Erkundung ausgeſchickt wor⸗ den, den Ruf:„Es lebe der Kaiſer!“ mit der eben ſo ſchlimmen als unglaublichen Botſchaft unterbrach, daß die engliſchen Fahnen auf den Waͤllen wehten. Dieſe zwei glänzenden Waffenthaten waren nicht nur in Beziehung auf den Gang des Feldzugs, ſon⸗ dern auch deßwegen hoͤchſt wichtig, weil ſie den Be⸗ weis herſtellten, daß unſere militaͤriſchen Operatio⸗ nen einen ganz neuen Charakter angenommen hat⸗ ten, und daß die brittiſchen Soldaten, wie ſie jetzt gefuͤhrt wurden, nicht blos kraͤftiger, muthiger und reichlicher verpflegt, ſondern auch im Punkte der Kriegskunſt ſelbſt ihren Gegnern uͤberlegen ſeyen. Die Operationsobjekte des Feldzugs waren trefflich gewaͤhlt, die Operationen ſo genau berechnet, daß der Feind geblendet und irregefuͤhrt werden mußte; und obgleich das Ziel nicht ohne großen Verluſt er⸗ reicht wurde, ſo ſtand dieſer doch zu den errungene Vortheilen in ganz keinem Verhaͤltniß. Badajoz ſiel am 9ten April; und am dtedes 4 17 ſelben Monats wurde ein Antrag friedlicher Ten⸗ denz von der franzoͤſiſchen Negierung der engliſchen gemacht. Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß Buona⸗ parte, indem er ſeine beſten Generale ſolchergeſtalt bei Ciudad Rodrigo, und Badajoz uͤbermeiſtert ſah, ein Vorgefuͤhl von dem Ungluͤck hatte, das uͤber die Franzoſen in dem Feldzuge 1812 ergehen ſollte, in welchem Spanien ohne Zweifel ganz befreit worden waͤre, haͤtte das Volk, oder vielmehr die Regierung die Britten beſſer unterſtuͤtzt. 1 Napoleon, den die Fortſchritte des Herzogs von Wellngton oder die Gefahren eines Kriegs mit Ruß⸗ land beſorgt machten, und der vielleicht auch nur dem franzoͤſiſchen Volke die Meinung beibringen wollte, es ſey ihm um den Frieden zu thun, ließ durch den Herzog von Baſſano ein Schreiben an Lord Caſtlereagh ergehen, des Inhalts, daß zum Bes⸗ huf des Friedens die Integritaͤt und Unabhaͤngigkeit Spaniens unter der gegenwaͤrtig reglerenden Dynaſtie anerkannt Portugal unter der Herrſchaft des Hauſes Braganza, Sizilien unter dem Zepter Ferdinands und Neapel unter Murat verbleiben ſolle, ſo daß Jeder dasjenige behalten wuͤrde, was ihm der Andere im Kriege nicht hatte abnehmen koͤnnen. Lord Caſtlereagh erwiederte hierauf ſogleich, daß, falls die Regierung des Koͤnigs Joſeph mit dem Ausdruck die gegenwaͤrtig regierende Dyna⸗ ſtie gemeint ſey, er ſofort bemerken muͤſſe, wie W. Scott'ssWerke. LV. 2 18 England, zufolge der mit Ferdinand dem Siebenten und den fpantſchen Cortes eingegangenen Verbind⸗ lichkeiten, ſolche nicht auzuerkennen vermoͤge. Die Korreſpondenz ward nicht weiter fortgeſetzt. Jener Antrag des Herzogs von Baſſano bekundet aber den Starrſinn Napoleons, der, indem er ſich um den Frieden bewarb, ſchlechterdings nichts fah⸗ ren laſſen wollte, als was der Krieg eben außer ſei⸗ nem Bereich geſtellt hatte, gleichwohl aber von Eng⸗ land daſſelbe Koͤnigreich Spanien verlangte, das noch der Gegenſtand eines blutigen Streites war. Man erſah auch daraus, welch unredliche Sprache er fuͤh⸗ ren konnte, um diejenigen zu beruͤcken, mit denen zer unterhandelte. Er hatte bei manchen, zum Theil von uns erwaͤhnten Veranlaſſungen es als einen heiligen und underletzlichen Grundſatz aufgeſtellt, daß die Prinzen ſeines Hauſes, auch wenn ſie auf fremde Throne berufen wuͤrden, noch immer die Untertha⸗ nen Frankreichs und die Vaſallen ſeines Kaiſers bleiben, und als ſolche verbunden ſeyn ſollten, das Intereſſe des letztern mehr als dasjenige der von ihnen beherrſchten Laͤnder zu beachten. Unter Be⸗ rufung auf dieſen Grundſatz hatte er den Koͤnig von Holland zur Abdankung gezwungen; wie konnte er nun erwarten, daß man ihm glauben wuͤrde, als ets vorſchlug, Spanien unter Joſeph unabhaͤngig zu mo⸗ chen, d. h. unter demſelben Koͤnig, der nicht einmal 19 mit den ranzoͤſiſchen Marſchaͤllen, die in ſeinem Namen handelten, fertig werden konnte? Nachdem dieſer Verſuch, die Wiederherſtellung des allgemeinen Friedens betreffend, gaͤnzlich miß⸗ lungen war, mußte erwogen werden, ob der bevor⸗ ſtehende Bruch zwiſchen den beiden großen Reichen ſſich nicht etwa noch abwenden laſſe. Die Kriegsruͤ⸗ ſtungen wurden auf beiden Seiten eifrigſt betrieben. Die Ruͤſtungen Rußlands waren defenſiver Art; es zog große Heeresmaſſen am Niemen zuſammten, als erwartete es einen Angriff, waͤhrend Frankreich in aller Eile Truppen nach Preußen und in das Groß⸗ herzogthum Warſchau warf) wo ſie die zu einer Of⸗ fenſivoperation gegen Rußland geeignetſten Stellun⸗ gen bezogen. Aber mitten in dieſen gewaltigen, in Europa noch nie geſehenen Kriegsruͤſtungen ſchienen die beiden Herrſcher auch jjetzt noch einigermaßen zu wuͤnſchen, daß es nicht zum Streit kommen moͤge. Es waͤre auch wirklich nicht dazu gekommen, haͤtte Napoleon den Frieden ernſtlich gewuͤnſcht und nicht blos aus Unſchluͤſſigkeit gezogerte Die eigentlichen Streitfragen waren in der That bereits feſtgefetzt, und hie mit auth die Grundſaͤtze, die zu einer Ver⸗ ſtaͤndigung haͤtten fuͤhren koͤnnen. Und doch wurden die Ruͤſtungen gegen Nußland immer augenſchelnli⸗ cher— in dem Vertrage zwiſchen Frankreich und Preußen ward der Zweck derſelben deutlich ausge⸗ ſprochen und der Krieg ſchten darum nicht weniger 20 gewiß, weil die Urſachen deſſelben großentheils auf⸗ gehoͤrt zu haben ſchienen. Die Aufmerkſamkeit Ale⸗ randers ward ſonach von der Quelle des Streites abgezogen und mehr auf die wichtigen Folgen deſſel⸗ ben gerichtet; es lag ihm begreiflicherweiſe mehr daran, die franzoͤſiſchen Truppen von der polniſchen Grenze wegzubringen, als zu dunterfuchen warum ſie dahin gekommen ſeyen. Fuͤrſt Kurakin, der ruſſiſche Bevolmmaͦchtigte⸗ er⸗ hielt demnach Befehl, dem Herzog von Baſſano das Ultimatum ſeines Herrn vorzulegen. Der Czar ver⸗ langte die gaͤnzliche Raͤumung von Preußen und Schwediſch⸗Pommern, die Verminderung der Garni⸗ ſon von Danzig und eine freundſchaftliche Beilegung des zwiſchen Napoleon und Alexander obwaltenden Streites. Unter dieſen Bedingungen, die in der That unerlaͤßlich waren, wenn Rußland an die frled⸗ lichen Abſichten Frankreichs glauben ſollte, willigte der Czar ein, ſeinen Handelsverkehr nach dem in Frankreich bellebten Licenzſyſtem einzurichten, zum Beſten des franzoͤſiſchen Handels einige Verguͤnſti⸗ gungen eintreten zu laſſen und den Herzog von Ol⸗ denburg zur Annahme einer Entſchaͤdigung fuͤr das ihm von Frankrelch entzogene Gebtet zu vermoͤgen. Wenn man einen Blick auf dieſe Forderungen wirft, ſo erſcheinen ſie ſo gemaͤßigt, als von dem Oberhaupte eines großen Reichs nur immer erwar⸗ tet werden konnte. Die Forderung, daß Frankreich⸗ 21 wenn es anders nicht zum Kriege voͤllig entſchloſſen ſey, ſeine Armeen, welche die ruſſiſche Grenze be⸗ drohten, zuruͤckziehen ſolle, war ſchon durch den ſchlichten Menſchenverſtand und durch die gemeinſte Klugheit geboten. Und doch ſah Napoleon in die⸗ ſer Bedingung die naͤchſte Veranlaſſung zum Kriege. Wenn jemand in einem Privatſtreite ſeinem er⸗ zuͤrnten und heftigen Gegner ſagen wuͤrde:„Stecke Deinen Degen ein, oder ſetze mir ihn wenigſtens nicht an die Bruſt, ich bin hereit, unſern Streit auf Deine eigenen Bedingungen abzumachen,“ ſo koͤnnte man doch wahrlich nicht ſagen, er beleidige dadurch dieſen Gegner und gebe ihm Anlaß zu neuen Beſchwerden. Und doch nahm Buonaparte es als eine durch nichts zu ſuͤhnende Beleidigung auf, daß man von ihm forderte, er ſolle ſeine Armeen aus einer Stellung zuruͤckzlehen, in der ſie offenbar kei⸗ nen andern Zweck haben konnten, als Rußland zu ſchrecken. Ein ſolches Anſinnen, ſagte er, ſey uͤber⸗ muͤthig; er kaſſe nicht ſo mit ſich ſprechen und nehme von einem fremden Herrſcher keine Vorſchriften an. Der ruſſiſche Botſchafter erhielt ſofort ſeine Paͤſſe; und der tolle Eigenſinn Napoleons, der in einer Er⸗ oͤfnung, durch welche ein Friedensvertrag eingeleitet werden follte, eine Beleidigung ſah, weil ſie ihn einlud, ſeine drohende Stellung aufzugeben, veran⸗ laßte den Tod von Millionen Menſchen und den Sturz des außerordentlichſten Reiches, das die 22 Welt je gefehen hat. Am nten Mai 1812 verließ Napoleon Paris; der ruſſiſche Botſchafter erhielt ſeine Paͤſſe zwei Tage ſpaͤter. In ſeinen fruͤheren Kriegen hatte ſich Napoleon ſtets ploͤtlich und mit einem ganz geringen Gefolge zu ſeiner Armee begeben; jetzt trat er dagegen mit einem Glanze und einer Wuͤrde auf, die ſich fuͤr den⸗ jenigen ziemten, der mit mehr Recht als je ein Herr⸗ ſcher den Titel eines Koͤnigs der Koͤnige haͤtte an⸗ nehmen moͤgen. Dresden ward zum Ort der Zuſam⸗ menkunft fuͤr alle Koͤnige, Herrſchaften, Fuͤrſten, Herzoge und Großen aller Art beſtimmt, die von Napoleon abhingen und etwas von ihm zu hoffen oder zu befuͤrchten hatten. Der Kaiſer von Oeſter⸗ reich kam mit ſeiner Gemahlin zu ſeinem maͤchti⸗ gen Eidam, und die Stadt wimmelte von Prinzen ſowohl gus den alteſten Haͤuſern, als aus dem noch weit ſtolzeren Hauſe Napoleons. Der Koͤnig von Preußen wer auch zugegen, aber weder ein frei⸗ williger, noch ein willkommener Gaſt, außer in ſo⸗ ſern durch ſeine Auweſenheit der Triumph des Sie⸗ gers noch gehoben wurde: NMit tiefer Schwermuth im Herzen und in den Blicken war er bei den vie⸗ len heitern und glaͤnzenden Stenen, die Statt fan⸗ den, mehr Zeuge als Theilnehmer. Aber das Schick⸗ ſal bewahrte eine Fuͤlle von Erſatz fuͤr den Fuͤrſten⸗ der in Zeiten unerhoͤrter Bedrangniß ſich durch Muth und Vaterlandsliebe ausgezeichnet hatte.— — 33 Aber unter allen dieſen Wuͤrdetraͤgern und Gro⸗ ßen zog niemand das Publikum mehr an, als der⸗ jenige, fuͤr den und durch den die ganze Verſamm⸗ lung veranſtaltet worden, der wundervolle Sterbli⸗ che, der eine Welt haͤtte regieren koͤnnen, aber ſein eigenes raſtloſes Gemuͤth nicht zu beherrſchen wußte. Wo Napoleon erſchien, war er die Hauptfigur in der Gruppe; wo er fehlte, ſah Alles nach der Thuͤre, ſeinen Eintritt gewaͤrtigend. Er war meiſtens in ſeinem Kabinet beſchaͤftigt, waͤhrend die andern ge⸗ kroͤnten Haͤupter(denen er in der That wenig zu thun uͤbrig ließ) ihrem Vergnuͤgen nachgingen. Die Feſte und Gaſtmahle, ſo wie die Verſammlungen der hohen Haͤupter und der in ihrem Gefolge be⸗ findlichen Perſonen, die nach dem Schauſpiele Statt fanden, wurden faſt ganz auf Napoleons Koſten mit einer Pracht beſtritten, die alles uͤberſtrahlte, was von den andern hohen Haͤuptern in dieſem Stuͤck verſucht wurde. Die jugendliche Kaiſerin hatte auch ihren An⸗ theil an dieſen Tagen der Groͤße.„Die Regle⸗ rung von Marie Louiſe,“ ſagte ihr Gemahl auf der Inſel Elba,„war nar kurz, aber doch voll Genuß für ſie— die Welt lag zu ihren Fuͤßen.“ Durch die Pracht, den Glanz und den Reichthum ihres Putzes verdunkelte ſie ihre Stiefmuttet, die Kaiſerin von Oeſterreich, zwiſchen welcher und Marie Louiſe manch⸗ mal kleine Zaͤnkereien vorgefallen zu ſeyn ſcheinen, 24 wie man ſie auch bei Perſonen von geringerem Stande bemerkt. Um dies wieder gut zu machen, ſoll Ma⸗ rie Louiſe, wie uns Napoleon ſelbſt berichtet, ihre Stiefmutter, von der ſie oft bei ihrer Toilette be⸗ ſucht wurde, faſt immer mit irgend einer Gabe be⸗ dacht haben. Vielleicht laͤßt ſich hier die von Napo⸗ leon bei einer andern Veranlaſſung gemachte Be⸗ merkung anbringen, daß ein Kaiſer ſolche Dinge ent⸗ weder haͤtte ignoriren oder doch wenigſtens nicht haͤtte erzaͤhlen ſollen. Die Wahrheit iſt, Napoleon llebte die Kaiſerin von Oeſterreich nicht, und ob er gleich ſagt, ſie habe ihm viele Aufmerkſamkeit bewie⸗ ſen, ſo war ſie ihm hinwiederum auch nicht hold. Die Tochter des Herzogs von Modena hatte den Feldzug von Italien, durch den ihr Vater ſo ſehr gelitten, nicht vergeſſen. 9 In kurzet Zeit war jedoch dem thaͤtigen Geiſte Napoleons eine Scene, an der ſeine Eitelkeit an⸗ fangs Gefallen finden konnte, als ſchal und gehalt⸗ 1os verleldet. Er ließ de Pradt, den Biſchof von Mecheln, rufen, den er als Geſandten zu Warſchau anſtellen wollte, um ihn auf folgende ſeltfame Welſe mit ſelner Beſtimmung bekannt zu machen.„Ich habe einen Auftrag fuͤr Sie. Sie koͤnnen denken, daß ich jetzt nicht Meſſe hoͤren will(der Biſchof hatte dieſe berelts gelefen). Sie muͤſſen ein gro⸗ ßes Haus machen, mit den Damen umgehen, die in dieſem Lande viel zu ſagen haben. Slie kennen 1 2 25 Polen; Sie haben Nulhleres geleſen. Was mich be⸗ trifft, ſo gehe ich die NRuſſen zu ſchlagen; die Zelt flieht; bis Ende Septembers muß Alles vorbei ſeyn; wielleicht kommen wir ſogar noch zu ſpaͤt. Ich lang⸗ weile mich hier zu Tod; ſeit acht Tagen mache ich der Kaiſerin von Oeſterreich den Hof.“ Er gab hier⸗ auf zu verſtehen, daß Oeſterreich Gallizien hergeben und dafuͤr Illyrien annehmen muͤſſe, widrigenfalls es weder das eine noch das andere behalten würde. Was Preußen betrlfft. ſo geſtand er geradezu, er ge⸗ denke daſſelbe nach Beendigung des Kriegs voͤllig zu Grund zu richten und ihm Schleſien zu nehmen. „Ich bin auf dem Wege nach Moskau,“ fuͤgte er hinzu.„Mit zwei Schlachten werde ich im Reinen ſeyn. Ich werde Thula niederbrennen; der Kaiſer Alexander kommt dann auf den Knien und Rußland iſt wehrlos. Alles iſt bereit und wartet auf mich. Moskau iſt das Herz des Reichs; uͤberdies fuͤhre ich den Krieg mit polniſchem Blute. Ich werde fuͤnfzig⸗ tauſend meiner Franzoſen in Polen laſſen, aus Dan⸗ zig ein zweites Gibraltar machen, den Polen jaͤhrlich fuͤnfzig Millionen Subſidien geben; ich kann das aufbringen. Das ganze Continentalſyſtem heißt nichts, wenn Rußland nicht darin begriffen iſt. Spanlen koſtet mich viel; ohne Spanien wuͤrde ich Herr der Welt ſeyn; bin ich aber einmal das, ſo hat mein Sohn nichts zu thun, als ſeine Stelle zu behaupten, 26 und dazu gehoͤrt eben nicht ſehr viel. Gehen Sie, Mgret ſoll Ihnen Ihre Verhaltungsbefehle geben.“ Die Ueberzeugung, daß Alles gelingen werde, wie ſie ſich in dieſen abgebrochenen Worten kund gibt, war bei allen Umgebungen Napoleons, den franzoͤſiſchen wie den auslaͤndiſchen, allgemein. Die jungen Militaͤrs betrachteten den ruſſiſchen Krieg als eine Jagdyartie, die etwa zwei Monate dauern koͤnne. Die Armee eilte nach dem verhaͤngnißvollen Lande, voll Hoffnung auf Beute, Penſionen und Be⸗ foͤrderung. Diejenigen Soldaten, die den Feldzug nicht mitmachen durften, ſchalten auf ihr Ungluͤck oder auf die Yarteilichkeit Napvleons, der ihnen dies Gluͤck nicht habe goͤnnen wollen. ag au Inzwiſchen verſuchte Buonaparte nochmals zu unkerhandeln oder eigentlich die Faſſung des Kai⸗ ſers Alexander zu erforſchen, der, während er ſelbſt von Herrſchern, wie die Sonne von Planeten, umgeben war, in dem Mittelpunkte ſeiner eigenen Bahn iſolirt ſtand, Vertheidigungsmittel aufſam⸗ melnd, die, ſo unermeßlich ſie auch waren, in der furchtbaren Krife, die ihm drohte, kaum genuͤgend ſchienen. General Lauriſton war nach Wilna ge⸗ ſchickt worden, um dem Kaiſer Alexander die letzten Eröffnungen zu machen. Graf Narbonne, den wir bereits als einen der gewandteſten Hoͤflinge der Tuil⸗ lerien angefuͤhrt haben, ſollte den Czar nach Dres⸗ den zu einer Zuſammenkunft mit Napoleon einladen: —— 27 von der ſich letzterer, im Andenken an Tilſit und Erfurt, viel verſprach. Aber Lauriſton ward nicht angenommen, und Narbonne, der zunuͤck kam, ſagte aus, er habe bei den Ruſſen weder Kleinmuth, noch Uebermuth bemerkt, ſie ſeyen von der Unvermeidlich⸗ keit des Krieges uͤberzeugt und entſchloſſen, denfel⸗ ben einem ſchimpflichen Frieden vorullehen. Zweites Kapitel. 1 Operationsplan N. gpoleons gegen Rußland.— Der ruſſiſche Ge. neraliſſtmus, Barclay de Touy, durchſchaut denſelben und teift Anſtalten dagegen.— Beſtand der großfen franzöſtſchen dirmee⸗ — der großen ruſſiſchen Armee.— Unfall an der Wilian— ue⸗ ber die Schwierigkeiten, mit welchen die Franzoſen in dieſem Feldzuge zu kämpfen haben.— Mangelhafte Einrichtung ihres Verpflegungs⸗ und S vitatweſens.— Nachtheilige Folgen hievon. — Warum Napoleon ſich zum Vorrücken entſchließt.—. Durch ſeine übertriebenen Märſche entſleht hinwiederum ein Zögern. — Napoleon verweilt: einige Tage in Wilna.— Abbe de Pradt. — Er verſucht die Polen aufßzuwiegeln.— Es g gelingt nicht, zufolge der Verbindlichkeiten, die Napoleon gegen Oe ſterreich ein⸗ gegangen hat.— Ein Verſuch, in Lithauen einen Aufſtand in bewirken, ſchlägt ebenfolls fehl. Ahicket Es iſt auf mehr als einem Blatte der alten Geſchichte zu lefen, wie die Bewohner des Nordens, vom Mangel und von der Begierde getrieben, ihre Eiswuͤſten gegen ein milderes Klima zu vertauſchen, aus ihrer kalten Heimath aufgebrochen und, gleich 28 ſchrecklichen Lawinen, uͤber die Laͤnder des Suͤdens gefallen ſind. Wir ſollten eine aͤhuliche Wanderung, aber in entgegengeſetzter Richtung erleben, zahlloſe Schaaren von Franzoſen, Deutſchen und Italienern die geſegneten, reichen und herrlichen Laͤnder ihrer Heimath verlaſſen ſehen, um Krieg und Verheerung in die duͤſtern Fichtenwaͤlder, die Moraͤſte und un⸗ fruchtbaren Wildniſſe des Seythenlandes zu tragen. Der große Denker Hume hat eine eeigene Abhand⸗ lung der Frage gewidmet, ob in Zakunft eine neue Fluth von barbarkſchen Eroberern⸗ ein neuer„leben⸗ diger Kriegsſchwarm!“ aus den Bienenkoͤrben des Nordens zu befuͤrchten ſey. Aber weder ihm noch irgend einem Andern war es eingefallen, die entge⸗ gengeſetzte Gefahr zu ahnen— eine Fluth von vie⸗ len hunderttauſend Kriegern, aus den ſchoͤnſten und uͤppigſten Laͤndern Europens auf das Geheiß eines einzigen Mannes in das unwirthſamſte Land von Eu⸗ ropa ſich waͤlzend, um daſſelbe ſeiner Nationalunab⸗ haͤngigkeit zu berauben.„Rußland,“ ſagte Buona⸗ naparte in einer ſeiner delphyſchen Proklamationen⸗ „wird von dem Verhaͤngniß fortgeriſſen; ſein Los muß ihm werden. Laßt uns aufbrechen, uͤber den Niemen gehen und den Krieg auf ſeinen Boden tra⸗ gen. Der zweite polniſche Krieg wird fuͤr die fran⸗ zoͤſiſchen Waffen eben ſo glorreich als der erſte ſeyn; allein der Friede, den wir ſchließen werden, ſoll, durch ſich ſelbſt verbuͤrgt, dem unſeligen Einfluſſe, den Ruß⸗ 29 land ſeit fuͤnfzig Jahren auf die Angelegenheiten von Europa ausuͤbt, ein Ziel ſetzen. Damit war der Zweck des Krieges ausgeſprochen; Rußland ſollte nach Aſten zuruͤckgeworfen werden und aufhoͤren, eine europaͤtſche Macht zu ſeyn. Die Sprache des ruſſiſchen Kaiſers zu ſeinen Soldaten war maͤnnlicher, beſonnener und faß⸗ licher, und nicht mit jener prophetiſchtoͤnenden Be⸗ redſamkeit gewuͤrzt, die einen ſchlechten Geſchmack verraͤth und zwar dem großen Haufen, wenn es gut geht, gefaͤllt, aber zur bitterſten Satyre wird, wenn das Gluͤck der Weiſſagung nicht laͤchelt! Alerander „petheuerte ſeinen unterthanen, zur Erhaltung des Friedens alles Moͤgliche, aber leider vergebens, ver⸗ Jucht zu haben.„Es bleibt jetzt nichts uͤbrig,“ ſagte er,„als nach Anrufung des hoͤchſten Weſens, des Zeugen und Raͤchers der gerechten Sache, unſere Heere den fe dlichen entgegenzuſtellen. Es iſt un⸗ nöthig, die Gnerale, Offiziere und Soldaten zu er⸗ innern was von ihrer Treue und ihrem Muthe er⸗ Awartet wird; das Blut der alten Slaven wallt in athren Adern. Soldaten, Ihr fechtet fuͤr Eure Re⸗ ligion, Eure Freiheit und Euer Vaterland. Euer Kaiſer iſt unter Euch, und Gott iſt der Feind des Angreifers,“ Wie die Sprache der beiden Herrſcher⸗ ſor war auch ihr Operationsplan verſchieden, Buonaparte blieb bei ſeiner gewohnten Kriegsweiſe. Sein Plan 30 war, eine große Macht auf das ruſſiſche Centrum zu werfen, daſſelbe zu ſprengen und, den Vortheil der Ueberraſchung benuͤtzend, ſo viele feindliche Heerhau⸗ fen als moͤglich abzuſchneiden und gufzureiben; konnto zeer ſich dann einer der beiden Hauptſtaͤdte bemaͤchti⸗ gen, entweder Petersburg oder Moskau nehmen, ſo mußte Rußland um Frieden bitten, die Wieder⸗ herſtellung von Polen auf ſeine Koſten zugeben und allem Einfluſſe auf die europaͤiſchen Angelegenheiten entſagen— dann war ſein großes Werk vollendet. Napoleons Kriegswe iſe war von den Kriegsmaͤnnern nach und nach ganz gut hegriffen worden. Barclay de Tolly, ein Deutſcher von Geburt, aber von ſchot⸗ tiſcher Abkunft, von Alexander zum Generaliſſimus ernannt, hatte dem Czar, bei dem er viel galt, ei⸗ nen Operationsplan vorgelegt und empfohlen, der das Gegenſtuͤck zu Napoleons Syſtem war. Nach ſeinem Vorſchlage ſollten die Ruſſen an der Grenze nur ſo viel Widerſtand leiſten, als noͤthig war, um den Feind zu zwingen, mit Vorſicht und langſam zu amarſchiren; dabei ſollten ſie aber gegen die Commu⸗ nicationen des Feindes und ſeine Baſis zu wirken ſuchen, ſich jedoch durchaus in kein allgemeines Ge⸗ fecht einlaſſen.*) Die Idee dieſes Operationsplans **) Unter der Overationsbaßis verſteht mon in der Strategte den Landſtrich, den eine in Feindesland vorruckende Armee zmin ihrem Rüefen geſichert haden muß, um nicht von ihren Huülisauellen abgeſchnitten zu werden. Auf der Baſäs befinn⸗ den ſich demnach die Mugazine und Depois der Armee. 31 war demnach: vor den Eindringenden mit gemeſſenen Schritten zuruͤckzuweichen und ſich nur in kleine Ge⸗ fechte, und zwar nur, wenn man im Vortheil war, einzulaſſen, bis zu dem Zeitpunkte hin, wo die ver⸗ laͤngerten Verbindungslinien der Franzofen ſelbſt von dem aufgeſtandenen Landvolke gefaßt werden koͤnnten. In dem Maße nun, als bei der franzoͤſiſchen Armee die Lebensmittel ausgingen und kein Nachſchub von. Rekruten und andern Huͤlfsquellen erfolgen konnte, ſollte die ruſſiſche Armee ergaͤnzt, verſtaͤrkt und in Stand geſetzt werden. Bei dieſem Plane war es alfo darauf abgeſehen, die franzoͤſiſchen Truppen nicht eher zu bekaͤmpfen, als bis ſchlechte Wege, Mangel an Lebensmitteln, muͤhſame Maͤrſche, Krankheiten und Verluſte in Scharmuͤtzeln die Invaſtonsarmee all ihrer urſpruͤnglichen Vorthelle der Anzahl, des Mu⸗ thes und der Diseiplin beraubt haben wuͤrden. Ein ſolches Zauderſyſtem war fuͤr Rußland um ſo paſſen⸗ der, als es mit ſeinen defenſtven Ruſtungen bei wei⸗ tem noch nicht fertig war und daher Zeit gewinnen mußte, um Waffen und andere Huͤlfsmittel aus Eng⸗ land beziehen und durch den Frieden wit den Tuͤr⸗ ken uͤber die große Armee verfuͤgen zu koͤnnen, die noch an der Donau beſchaͤftigt war. Damit aber auf einem ſo lange anhaltenden Ruͤck⸗ zuge und bei der unvermeidlichen Verheerung des ruſ⸗ ſiſchen Gebietes durch die Franzoſen die ruſſiſche Ar⸗ mee nicht mißmuthig wuͤrde, mußte irgend eine vor⸗ 32 theilhafte Stellung gewaͤhlt und ſorgfaͤltig befeſtigt werden, um darin, wie Lord Wellington in den Li⸗ nien von Torres Vedras, Stand zu halten Zu die⸗ ſem Ende wurde ein großes verſchanztes Lager zu Driſſa, an der Duͤng oder Dwina, zugerichtet, das, falls die Franzoſen St. Petersburg zu ihrem Opera⸗ tionsobjekt waͤhlen wuͤrden, zur Deckung dieſer Haupt⸗ ſtadt allerdings geeignet war, das aber, falls die Franzoſen den Weg von Moskau einſchlagen ſollten, wie ſie es wirklich thaten, zu nicht viel dienen konnte. Wir muͤſſen jetzt von den zahlloſen Schaaren reden, die von Buonaparte, als waͤren ſie nur eine Armee, ſammt und ſonders befehligt wurden, ob⸗ gleich ſie auf einer Strecke von mehr als hundert und zwanzig franzoͤſiſchen Stunden vertheilt ſtanden. Macdonald befehligte den aͤußerſten linken Fluͤ⸗ gel der franzoͤſiſchen Armee, der aus mehr als 30,000 Mann beſtand. Sein Auftrag war, in Curland ein⸗ zudringen und die rechte Flanke der Ruſſen zu be⸗ drohen; und, falls es ſich thunlich zeigen ſollte, Riga zu belagern oder dieſen wichtigen Seehafen wenigſtens zu bedrohen. Der außerſte rechte Fluͤgel von Napoleons Armee, faſt ganz aus oſterreichiſchen Huͤlfstruppen zuſammengeſetzt, war in der Gegend von Pinsk in Volhynien unter dem Befehle des Fuͤr⸗ ſten von Schwarzenberg aufgeſtellt. Er ſtand der ruſſiſchen Armee des Generals Tormazoff gegenuͤber, der Volhynien decken ſollte. Die Oeſterreicher ge⸗ rade 33 X rade hier zu verwenden, war ein Fehler, den aber Napoleon vielleicht nicht vermeiden konnte, weil er ſeine neuen, in Bezlehung auf Polen ſo argwoͤhn i⸗ ſchen Verbuͤndeten ſchonen mußte. Die Bewohner von Volhynien ſind naͤmlich Polen, die unter dem ruſſiſchen Zepter ſtehen. Waͤren franzoͤſiſche Trup⸗ pen, oder diejenigen des Großherzogthums Warſchan in Volhynien erſchienen, ſo wuͤrden die Bewohner wahrſcheinlich bewaffnet aufgeſtanden ſeyn, um ſich frei zu machen. Aber ſie fuͤhlten ſich hiezu eben nicht verſucht, als ſie nur Oeſterreicher unter ſich ſahen, die noch in Gallizien geboten, und deren Kaiſer, ſo gut wie Alerander, durch die Wiederher⸗ ſtellung der Unabhaͤngigkeit Polens nur verlieren konnte. Zwiſchen den beiden Fluͤgelkorps von Macdonald und Schwarzenberg befand ſich die franzoͤſiſche Haupt⸗ armee in drei große Maſſen abgetheilt. Der Kat⸗ ſer zog mit ſeiner Garde, von welcher Beſſieres die Reiteret, die Marſchaͤlle Leſobyre und Mortier die Infanterite befehligten. Unter den unmittelbaren Befehlen des Kaiſers ſtanden uͤberdies noch die drei Armeekorps von Davouſt, Oudinot und Ney, die mit den Reiterbiviſionen von Grouchy, Montbrun und Nanſouty nicht weniger als zweimalhundert und fuͤnfzigtauſend Mann betrugen und bereit waren, vorzubrechen und die ihnen entgegenſtehende ruſſiſche Armee, die Weſtarmee genannt, zu Wbermältigen. orke 7 Verke. LV. 34 Auf gleiche Weiſe war der Koͤnig Hieronymus von Weſtphalen augewieſen, mit einer Maſſe von 80,000 Mann, die gus den Diyiſionen von Junot, Ponia⸗ towokt und Regnier, und der Reiterei von Latour⸗ Maubvurg heſtand, die ſogenannte zweite Weſtarmee auzugreffen. Endlich ſollte die Centralarmee des Vicekoͤnigs von Italien ſich zwiſchen die erſte und zweite rulſiſche Armee einſchieben, beide aus einan⸗ der halten, ihre Vereinigung unmoͤglich machen und je nach den Umſtaͤnden gegen die eine oder die an⸗ dere, oder gegen beide zugleich agtren. Dieſes war die Anordnung der Inngſtonsarmee. Murat, der Koͤnig von Neapel, ſchon fruͤher der ſtattliche Hau⸗ degen(Le beau; sahreur) genannt, befehligte die geſammte Reiterei dieſer unermeßlichen Streitmacht. Auf der andern Seite hatte die ruſſiſche Haupt⸗ armee, die von dem Kalſer ſelbſt und zunaͤchſt von Barclay de Tolly beſehligt wurde, ihr Hauptquartier zu Wilna, nicht etwa um Lithauen oder deſſen Haupt⸗ ſtadt zu vertheidigen, ſondern damit die Franzoſen gezwungen wuͤrden, zu manoͤvriren und ihre Abſich⸗ ten zu entwickeln. Sie war hundert und zwanzig⸗ tauſend Mann ſtark. Dieſe große Armee hatte ein Korps von zehntauſend Mann unter dem Grafen Eſ⸗ ſen nordwaͤrts nach Curland detaſchirt und ſtand ge⸗ gen Suͤden auf einer etwas zu langen Strecke mit der zweiten Weſtarmee in Verbindung, die von dem Fuͤrſten Bagration, einem der tapferſten und geſchick⸗ 35 teſten Generale der ruſſiſchen Armee, befehligt wurde. Platoff, der beruͤhmte Hettman oder Feldhauptmann der Koſacken, befand ſich bei dieſer Armee mit zwoͤlf⸗ tauſend von dieſen Kindern der Wuͤſte. Mit Aus⸗ ſchluß von dieſen mochte ſich die Armee von Bagra⸗ tion auf achtzigtauſend Mann belaufen. Auf dem aͤußerſten linken Fluͤgel ſtand Tormazoff mit der ſo⸗ genaunten, zwanzigtaufend Mann ſtarken Armee von Volhputen, um die Oeſterreicher zu beobachten, von denen man vielleicht nichts Ernſtliches beſorgte. Nebſt dem wurden noch in der Gegend von Novogorod und Smolensk zwei Reſervearmeen, jede von 26,000 Maunn, zuſammengezogen. 11 Sonach zogen die Ruſſen im Ganzen genommen mit zweimalhundert und ſechzigtauſend Mann gegen viermalhundert und ſiebzigtaufend Franzoſen ins Feld, und waren alſo faſt um die Haͤlfte ſchwaͤcher als dieſe. Im Verlaufe des Feldzugs erhielt aber die ruſſiſche Armee durch neue Aushebungen und Fretwillige ſo viele Verſtaͤrkungen, daß ſie der fran⸗ zoͤſiſchen uͤberlegen wurde. 3⁸ Die große kalſerliche Armee ruͤckte in ihren drel ungeheuren Maſſen an den Niemen, und zwar der Koͤnig von Weſtphalen in der Richtung von Grodno, der Vicekoͤnig von Italien iu der Richtung von Pi⸗ lony, der Kaiſer ſelbſt nach Nagaralski, einem drei Stunden oberhalb Kowno gelegenen Pachthofe. Als die Spitzen ſeiner Kolonnen den Bii erreichten, 36 der an dem Saume der unermeßlichen ruſſiſchen Waͤlder geraͤuſchlos dahin ſchleicht, ritt er vor, um das jenſeitige Ufer zu erkunden. Da geſchah es, daß ſein Pferd ſtrauchelte und ihn abwarf.„Eine ſchlimme Vorbedeutung;“ rief jetzt eine Stimme; ein Roͤmer wüuͤrde umkehren. Man weiß aber nicht, ob dieſe Worte von ihm oder von jetiand aus ſeinem Ge⸗ folge geſprochen worden ſind. Auf dem ruſſtſchen ufer zeigte ſich ein einziger Koſacke, der die erſton uͤbergegangenen Franzofen anrief und frug, was ſie auf dem ruſſiſchen Gebiete wollten.„Euch ſchlagen und Wilna nehmen,“ war bie Ankwort. Der Koſacke jaste davon und kein Soldat ließ ſich mehr ſehen. Ein ſchreckliches Ungewitter war der Willkomm, der den Franzoſen in dieſem unwirthſamen Lande ward, nad bald darauf erhielt der Kaiſer die Nach⸗ richt, daß die Ruſſen ſich auf allen Punkten zurück⸗ zoͤgen und die unverkennbare Abſicht zeigten, Lithauen ohne Schwertſtreich zu raͤumen. Der Kaiſer beſchleu⸗ nigte ſofort den Marſch ſeiner Kolonken, faſt mehr noch, als man es von ihm gewohnt war, um einen jener furchtbaren Streiche zu fuͤhren, durch die er ſeinen. Feind gleich bei Eroͤffnung des Feldzugs zu vernichten pflegte. Dies gab Anlaß zu einem Er⸗ eiguiß, das noch ominoͤfer ſchten, als ſein Sturz vom Pferde und jenes Ungewitter, das ihn am ülfer des Niemen begrüßt hatte. Da der Kaiſer die Bruͤk⸗ ken uber die Willa, die, vom Regen angeſchwollen 37 war, abgebrochen fand, befahl er in ſeiner Ungeduld einer Ahtheilung ſeiner polniſchen Garde, hinuͤber⸗ zuſchwimmen. Dieſe anserleſenen Soldaten gehorch⸗ ten ohne Zaudern. Aber ſie hatten die Mitte des Fluſſes noch nicht erreicht, als ſie von der Gewalt des Stromes fortgeriſſen wurden und faſt bis auf einen Mann vor den Augen Napoleons zu Grunde gingen, zu dem noch einige von ihnen im letzten Todeskampfe unter dem Rufe aufblickten:„Es lebe der Kaiſer!“ Die Zuſchauer entſetzten ſich daruͤber. Was wuͤrden ſie aher nicht erſt gefuͤhlt haben, haͤt⸗ ten ſie ahnden koͤnnen, daß das Schickſal dieſer Hand⸗ voll braver Krieger auch die Hunderttauſende treffen wuͤrde, die, voll Lebenskraft und Hoffnung, jetzt im Begriff ſtanden, ſo manche natuͤrliche und kuͤnſtliche Hinderniſſe zu bekaͤmpfen, die wenigſtens eben ſo furchtbar, eben ſo unbeſiegbar waren, als der Strom, der ihre ungluͤcklichen Vorlaͤufer verſchlungen hatte. Waͤhrend ſeine zahlloſen Schaaren Lithauen durch⸗ zogen, blieb Napolevn in Wilna, der alten Haupt⸗ ſtadt der Provinz, wo ihm die Schwierigkeiten ſei⸗ nes rieſenhaften Unternehmens nachgerade fuͤhlbar wurden. Wir muͤſſen dieſe etwas ausfuͤhrlicher ab⸗ handeln, um zu zeigen, wie ſehr ſich dielenigen ir⸗ ren, die mit Napoleon der Meinung ſind, der ruſ⸗ ſiſche Feldzug ſey ein vielverſprechendes, wohlberech⸗ netes Unternehmen geweſen, das, ohne den Brand 38 von Moskau und ohne die ſtrenge Kälte,„ nahuen dig haͤtte gelingen muͤſſen. 1 Wir haben anderswo erwaͤhnt, daß die Ffranzde ſiſchen Truppen, nach der von Napoleon befolgten Kriegsweiſe, nur auf einige Tage mit Brod und Zwieback verpflegt, ihre Kriegszuͤge antraten, und daß ſie, wenn dieſer kleine Vorrath zu Ende war(was meiſtens noch vor der berechneten Zeit geſchah), ihre Lebensmittel mittelſt des Marodirens, das ſie ganz ſyſtematiſch trieben, von dem Lande aufbrachten. Al⸗ lein Napoleon hatte zu viel Erfahrung und Klug⸗ heit, um ſich in den Wuͤſten Rußlands auf ein Ver⸗ pflegungsſyſtem zu verlaſſen, das in dem fruchtbaren Oeſterreich allerdings anwendbar geweſen. Er wußte gar wohl, daß er ſich mit einer halben Million Men⸗ ſchen in unwirthſame Wuͤſten vertiefe, wo Karl XlI. mit ſeinen zwanzigtauſend Schweden keinen Unter⸗ terhalt gefunden. Er konnte es ſich uͤberdies nicht verhehlen, wie unklug es ſeyn wuͤrde, die Lithauer durch das Marodeweſen zu guaͤlen. Sie zu gewin⸗ nen, war ein Hauptpunkt in ſeinem Plane, denn Lithauen war in Beziehung auf Rußland eine ero⸗ berte Provinz; in welcher er denſelben Geiſt der Un⸗ abhaͤngigkeit wecken wollte, wie in Polen, um hie⸗ durch die Unterthanen ſeines Feindes zu ſeinen Freunden und Verbuͤndeten zu machen. Er bot da⸗ Per ſein ganzes Talent und alle Macht, die ihm zu Gebot ſtand, auf, um die Verpflegung ſeiner Armee 39 durch Anhaͤufung unermeßlicher Vorraͤthe und den groͤßten Reichthum von Trausportmitteln zu ſichern. Er hatte dieſen wichtigen Gegenſtand lange vor der Eroͤffnung des Feldzugs ſich angelegen ſeyn laſſen und auch ſeinen Generalen auf das ndringendſte em⸗ pfohlen.„Fuͤr Maſſen, wie diejenigen die wir zu bewegen haben werden, reicht, wenn man nicht An⸗ ſtalten trifft, das Getreide keines Landes hin,“aͤu⸗ ßerte er ſich in einem ſeiner Schreiben; und in ei⸗ nem andern:„Alle Proviantwagen muͤſſen außer den Spitalrequiſiten noch ſo viel Mehl, Rels, Brod Gemuͤß und Brantwein laden, als ſie koͤnnen. Es kann ſeyn, daß zum Behuf der Operntionen vier⸗ malhunderttauſend Mann auf eümen Punkt zuſam⸗ mengezogen werden muͤſſen. Da vom Lande nichts zu erwarten iſt, ſo muͤſſen wir alles, mass uin bedurs fen, mit uns fuͤhren.“ In ⸗Gemaͤßheit dieſer allerdings riaſgen Auſſche ten wurden Anſtalten getroffen, die man in Wahr⸗ heit gigantiſch nennen konnte. Die faſt zahlloſen, zur Fortſchaffung des Proviants beſtimmten Wagen und Karren waren in Bataillons und Schwadrouen abgetheilt: Jedes leichte Fuhrweſensbataillon beſtand aus 600 Wagen und konnte 600 Zentner Mehl fah⸗ ren; jedes ſchwere Fuhrweſensbataillon, bei dem die Wagen von Ochſen gezogen wurden, fuͤhrte 4800 Zent⸗ ner; außerdem gab es noch 26 Fuhrweſensbataillons, zum Transport militaͤriſcher Geraͤthſchaften beſtimmt, —õ—— 40 ferner eine Menge Wagen mit Werkzeugen aller Art, Tauſende von 3Saltane und Artilerieſuhten u... w. 26 6 9 Aus dem ſo Eben Geſagten erhellet, daß Napo⸗ leon die Moͤglichkeit eines Mangels an Lebensmit⸗ teln bei feiner Armee erwogen und bei Zeiten ſeine Maßtegeln dagegen genommen hatte. Aber ſeine Vörſicht half zu nichts. Es gelang nicht, die Kaͤrner und Fuhrleute einer militaͤriſchen Ordnung und Zucht zu unterwerfenz und als die ſchlechten Wege durch gefallene Pferde und zerbrochene Fuhrwerke geſperrt wurden, als die Soldaten und Fuhrknechte die ih⸗ nen anvertrauten Wagen und Karren zu pluͤndern begannen, entſtand die heilloſeſte Verwirrung. Von den ſchweren Proviantwagen, die in Lithauen ſo will⸗ kommen geweſen ſeyn wuͤrden, kamen nur wenige ebis an die Weichſel und faſt gar keiner bis an den Niemen. Wochen und Monate, nachdem die Armee bergegangen, trafen einige der leichteren Fuhrwerke und einiges Schlachtvieh ein, aber in verhaͤltnißmaͤ⸗ Fis geringer Zahl und im elendeſten Zuſtande. Die Soldaten waren alſo gleich zu Anfang des Feldzugs in dem Falle, ſich ſelbſt verpflegen und ihren Bedarf unmittelbar vom Lande bezkehen zu muͤſſen, was in dem ſo uͤberaus fruchtharen Polen noch anging, aber Rin Lithauen, wo die Ruſſen ſchon vorher aufgeraͤumt hatten, nicht wohl thunlich war. 88.— So litt die große franzoͤſiſche Armee auf deu er⸗ 4¹ ſten Maͤrſchen jenſeits des Niemen und der Willa, noch ehe ſie einen Feind geſehen hatte, großen Ver⸗ luſt und fuͤgte dem befreundeten Lande, auf deſſen Koſten ſie lebte, unendlichen Schaden zu, trotz der Vorkehrungen, die Napoleon getroffen hatte, um dieſelbe aus ihren eigenen Vorraͤthen zu verpflegen. Dieſe unſichere Verpflegungsweiſe war zwar bei der ganzen Armee eingefuͤhrt, erwies ſich aber bei einigen Korps nachtheiliger, als bei andern. Wie uns Ségur*) berichtet, geſchah bei den Armeen von *) Man ſehe, Geſchichte Navoleons und der gro⸗ ßen Armeeim Jahre 1812, von dem General, Gra⸗ fen von Ssgur,“ ein Werk von vollgültiger Autorität. „Der Verfaſſer gilt augemein für einen Mann von Ehre⸗ und hat ſich in ſeinem Werke als ein Mann von Talent gezeigt. Offiziere von hohem Range, die den Feldzug mit⸗ gemacht haben, ſind mit uns der Meinung, daß, wenn auch die Darſteltung in manchen Einzelnheiten unrichtig und zu ſehr, wie 5. B⸗ in den eingeführten Dialogen, auf den Ef⸗ ſekt berechnet ſeyn mag, ſie doch im Ganzen genommen un⸗ vefangen und der Wahrheit gemäß iſt. Zwar will General Gourgaud in ſeiner unfreundlichen Kritik behaupten, Graf Sségur habe keine Gelegenheit gehabt, die Thatſachen, die er werzählt, zu erfahren, da er zufolge ſeines Amtes nicht Augen⸗ zeuge der militäriſchen Begebenheiten geweſen ſey. Wir da⸗ gegen meinen, Graf Ségur habe in ſeiner Stellung die Wahrheit beſſer erfahren können, als wenn er ſelbſt unmit⸗ telbar Antheil an den Begebenheiten geuvmmen hätte. Wir haben eine große Autorität für uns, wenn wir eine Schlacht geewiſſermaßen mit einem Balle vergleichen. Den andern 42 Daävöuſt anß uügen die Winkreiung und Austhei⸗ 2 1 aſt. d Morgen erinmert ſich wohl Jeder, mit wem er getanzt und was zwiſchen ihm und ſeinem Mittänzer vorgefallen ſey/ „ Man aber nur ein Zuſchauer kann die ganze Frſtlichkeit recht be⸗ 2 ſchreiben ſun hatte aber Graf Ssgur in Beziehung⸗ auf die a Leichtigkeit, über die Begebenheiten des ganzen Feldzugs ge⸗ unaue Erkundigung einzuziehen, alle Aehnlichkeit mit einem ſolchen Zuſchauer. Sein Amt war, für den Kaiſer und ſein — Gefolge die Quartiere zu wähten und zu beſtellen, Es konnte indaher nicht leicht ein Offizier ins Hauptquartter komnien anoder daſſelbe verlaſſen, ohne daß ihn Graf Ségur hätte ſpre⸗ chen können; da er nun mit dem Plane umging, die Ge⸗ ſchichte des Feldzugs zu ſchreiben, ſo wäre er nicht der fä⸗ . vige Mann geweſen, als den er ſich in ſeinem Werke zeigt⸗ wenn er nicht denzenigen, die im Hauptauartier ab, und zu⸗ ingen, dasjenige, was ſte wußten, abzufragen verſtanden hätte! Auch waren ſeine Amtsvervichtungen nicht von der Art, daß er dadurch abgehalten worden wäre, die Notizen, die er ſich verſchafft hatte, zu Papier zu bringen. Wenn nun Generat Gourgaud den Accent darauf legt, daß es dem Grafen durchaus unmöglich geweſen ſey, den geheimſten Be⸗ ntathungen beizuwohnen, ſo vergißt er, daß manche dieſer Gebeimniſſe aus dem Kabinet, noch ehe das Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit weggenommen iſt, in die beſſer unterrichteten Zirkel durchſi ckern, beſonders wenn, wie in dem vorlie⸗ genden Falle, durch eine gänzliche Veränderung der Um⸗ ſtände das Geheimniß nicht länger nöthig geworden iſt. Wir Herlauben uns noch die einzige Bemerkung, daß Graf Ségur, mit alleiniger Ausnahme des Generals Gourgand, als ein Bewunderer des verſtorbenen Kaiſers angeſehen wird, und daß diejenigen, welche die franzöſiſche Armee gekannt haben⸗ wohl keinen Grund haben dürften, ihn als Kinen Falſchen 8 Bruder in Verdacht zu ziehen... . 43 lung der Lebensmittel mit Ordnung, ſo daß das Land mehr geſchont und die Mannſchaft beſſer ver⸗ pflegt wurde. Auf der andern Seite trieben die weſtphaͤliſchen und andere deutſche Huͤlfstruppen un⸗ ter Hieronymus die Kunſt der Pluͤnderung, die ſie den Franzoſen abgelernt hatten, weil ihnen die feine Sitte ihrer Lehrer abging, auf eine ſo rohe und plumpe Weiſe, daß die Franzoſen ſich ihrer Schuler und Zoͤglinge ſchaͤmten. Sonach war es kein Wun⸗ der, daß die eingeſchuͤchterten und vielfach mißhan⸗ delten Lithauer den Verſprechungen Napoleons kein Gehoͤr geben und nicht mit ihm gemeinſchaftliche Sache gegen Rußland machen wollten, von dem ſie ſſtets glimpflich und mit vieler Ruͤckſicht auf ihre Sit⸗ iten und Gewohnheiten behandelt worden waren. Dies war aber nicht der einzige Uebelſtand. Die franzoͤſiſche Armee litt auch wirklichen und zwar ſſehr bedeutenden Verluſt. Auf den erſten Maͤrſchen vom Niemen und der Wilin an blieben nicht weni⸗ ger als zehntauſend Pferde und viele Menſchen kodt auf der Straße liegen. Beſondets von den jungen Conſeribirten ſtarben viele Hungers oder aus Er⸗ mattung; einige wollten durch grauſames Pluͤndern ihr Leben nicht friſten und gaben ſich lieber den Tod andere thaten daſſelbe aus Reüe uͤber die Graͤuel, die ſie beim Pluͤndern veruͤbt hatten. Tau⸗ ſende wurden Vagabunden und lebten vom Raube. Der Herzeg von Treviſo, der der Armee gefolgt 44— war, zeigte dem Kaiſer an, daß er vom Niemen und der Wilig, an nichts als verwuͤſtete Haͤuſer/ nichts als im Stich gelaſſene Proviant⸗ und Munitionswa⸗ gen, todte Menſchen und Pferdz geſehen und ſich auf den Rückzugsweg. einer geſchlagenen Arme ver ſeßzt geglaubt habe. Dieienigen, die dem Kaiſer nehaln e0, ſchrieben dieſen Verluſt den heftigen Regenguͤſſen zu, die bei dem Eintritt in Lithauen begonnen hat⸗ sten. Aber ein Sommerregen, wie heftig er auch ſey, vermag nicht, die Pferde einer Armee zu Hun⸗ derten und zu Tauſenden zu toͤdten. Was ihnen den Tod bringt oder ſie waͤhrend des Feldzugs un⸗ brauchbar und unfäͤhig macht, die Strenge des Win⸗ ters zu ertragen, ſind uͤbertriebene Auſtrengungen und Mͤrſche, der Mangel an Hafer und trockenem Futter and die Verpflegung derſelben mit gruͤnem Roggen. Es war jetzt gerade die Jahrszeit, wo ein Feldherr, der ſeine Armee in gutem Stande erhal⸗ ten will, ſolche Unternehmungen gerne vermeidet, durch welche die Reiterei zu ſehr in Anſpruch ge⸗ nommen wird. Eben ſo iſt das ſchlechte Wetter im Sommer den Soldaten, die zu Fuße dienen, nicht verderblicher als andern Menſchen; dagegen muͤſſen uͤbertriebene Maͤrſche auf ſchlechten Wegen und in einem Lande, wo es an einem Obdach und an Le⸗ beusmitteln fehlt, die Infanterie nothwendig zu Grunde richten, weil der einzelne Mann, der als 845 Nachzuͤgler oder als Marodeur zuruͤckgeblieben iſt, ohne Schutz der ſchaͤblichen Wirkung des Klimas ausgefetzt, wenn er ſein Korps nicht mehr einholen kann, keine Wahl hät, als hnzuegen und zu ſter⸗ Das Spitalweſen war nicht beffer beſtelkt, als das Verpflegungsweſen. In den Spitaͤlern zu Wilna konnten mehr nicht als ſechstaufend Kranke gehoͤrig beſorgt werden, was fuͤr eine Atmee von 400,000 Mann viel zu wenig kſt, bei der, wenn ſte auch in Freundesland in geſunden Quartleren laͤge, die Kranken wenigſteus den fuͤnfzigſten Theii des ganzen Beſtandes ausmachen wuͤrden; in dem vor⸗ liegenden Falle aber mußte die Zahl detjeitigen, die der aͤrztlichen Hulfe bedurften, durch die Sttapatzen, durch die ſchlechte Koſt und durch die Zufaͤlle des Kriegs gar ſehr vermehrt werden. Noch war keine Schlacht und kaum ein Scharmutzel vorgefallen, und doch agen ſchon fuͤnfund zwanzigtauſend Kranke in ben Spitaͤlern zu Wilna gleichſam aufgeſchichtet; auch waren noch uͤberdies die Doͤrfer mit Soldaten uͤberfuͤllt, die aus Mangel an aͤrztlicher Häͤlfe hin⸗ ſtarben. Bei der Armee des Koͤnigs von Weſtpha⸗ len ſtand es jedoch in dieſem Punkte beſſer, und ſie verlor deßwegen auch weniger Leute. Die durſtige Einrichtung des Spitalwefens war ein Huuprfe ehler, der ſich in dem ganzen Hrithe fehr naehth t ig er⸗ wies. 46 Bald aͤrgerte ſich Napolevn uͤber dieſen Vetluſt und uͤber dieſe Noth, bald verſuchte er beiden durch Drohungen gegen die Marodeurs abzuhelfen vder ſich doch wenigſtens mit dem Gedanken zu troͤſten, daß dieſen unvermeidlichen Uebeln durch einen Sieg ein Ende gemacht werden wuͤrde. Aber Aerger und Zorn halfen zu nichts; den Drohungen gegen die Marodeurs, die kein anderes Mittel hatten, ſich Le⸗ bensmittel zu verſchaffen, konnte keine Folge gege⸗ ben werden, und ein Sieg war auch nicht moͤglich, da der Feind keine Schlacht wagen wollte. Der Leſer wird fragen, warum Napoleon, als er fand, daß die zur Verpflegung ſeiner Armee un⸗ entbehrlichen Vorraͤthe die Weichſel noch nicht er⸗ reicht hatten, gleichwohl ſeinen Vormarſch weiter fortſetzte und die Ankunft jener Vorraͤthe nicht ab⸗ warten mochte. Er wuͤrde auf dieſe Weiſe zwar Zeit verloren, aber Menſchen und Pferde geſchont und es vermieden haben, ein Land zu Grund zu richten, das er gewinnen wollte. Die Wahrheit iſt, daß Napoleon ſein beſonnenes und richtiges Urtheil durch ſeinen leidenſchaftlichen Wunſch beſtechen ließ, den Krieg durch eine große Schlacht und einen glaͤn⸗ zenden Sieg ſchnell zu beendigen. Die Hoffuung, den Kaiſer Alexander zu Wilna zu uͤberfallen, die große Armee zu ſchlagen oder wenigſtens einige ih⸗ rer Korps abzuſchneiden und aufzureiben, ſchien durch den Umſtand, daß ihm in ſeinen vorigen Feldzuͤgen 42⁷ Aehnliches gelungen war, allerdings begruͤndet. Und ſo entſtand fuͤr ihn die Aufgabe, von der Weichſe an in Gewaltmaͤrſchen bis an die Dwina und ſelbſt bis an den Dnieper vorzuruͤcken; die Karren, Wa⸗ gen, das Schlachtvieh, alle die Vorraͤthe, die man aus Frankreich, Italien und Deutſchlaud mitgeſchleppt hatte, mußten zuruͤckbleiben, die Schwierigkeiten des Unternehmens wurden nicht mehr beachtet und ver⸗ geſſen, uͤber dem einzigen Gedanken, unverſehens uͤber den Feind herzufallen und ihn mit einem Schlage zu vernichten. Von den verderblichen Fol⸗ gen dieſer angeſtrengten Maͤrſche iſt bereits die Rede geweſen; allein was uns befremden muß, iſt, daß Napoleon durch die uͤbereilten Maͤrſche, die ihn ſo viel koſteten und durch die er den Feind zu uͤber⸗ fallen hoffte, den Vortheil der Zeit, um den es ihm ſo ſehr zu thun wa und dem er Alles aufopferte, eher verlor als gewann, wie aus folgender Berech⸗ nung erhellen wird. Die au der Weichſel kantonirte Armee brach von da am iſten Juni auf und ruͤckte in verſchiede⸗ nen Kolonnen und in beſchleunigten Maͤrſchen an den Niemen, den ſie am 28ſten auf verſchiedenen Punkten erreichte und am 24ſten deſſelben Monats zu uͤberſchreiten begann. Von der Weichſel bis an den Niemen zaͤhlt man ungefaͤhr 250 Werſte oder zweihundert und fuͤnfunddreißig bis zweihundert und vierzig engliſche Meilen; von Kowno an dem Niemen 48 bls nach Witeysk an der Dwina iſt es ungefaͤhr eben ſb weit. Dieſer ganze Raum kann von einer Al⸗ mee, die ihren Troß mit ſich fuͤhrt/ in vierzig Tag⸗ maͤtſchen) zwölf Mellen auf den Marſch gerechnek, zutuͤtkgelegt⸗ werden; und doch hat die ſtanzoͤſiſche Armee, trotz der beſchleunigten Maͤrſche, hiezu vier Kage meht gebraucht, als fuͤr eine Armee erforder⸗ lich geweſen waͤre, die mit der gewöhnlichen Geſchwin⸗ Kizkeit ſich bewegt und ihre Vorkaͤthe mit ſich ge⸗ Führt hatte. Der Grund biefer Verzoͤgerung bei al⸗ ter Eile) deren man ſich Weflißn lag. zum Theil in der Ueberzahl der Truppen, die von dem Lande le⸗ ben mußten zum Theit⸗ in der Beſchaffenhelt des Wndes) aus dem man die Berpflegung zog, und Wielleicht auch den volitiſchen umſtaͤnden, durch elche Nupoleon zwanzig Tage lanz in Wilna feſt⸗ gehalken wurde. Der eerſte Grund iſt fuͤr ſich ſelbſt klar dein Heer von zwanzigtaufend Mann findet zaberall ſeinen Unterhalt und kann ſich mit der groͤß⸗ ten Geſchwindigkeit bewegen; aber jene unermeßli⸗ chen Kolonnen, deren Bedarf ſo groß war, wurden ſchon durch die Schwierigkeiten aufgehalten, denen ihre Verpflegung unterlag; und dann konnte in ei⸗ nem Lande wie Llthauen nicht immer gleicher Schritt gehalten werden, ſo daß der Vorſprung, den man zan einigen Orten gewann,“ zauf andern wieder woelo⸗ ren ging. Wuͤſten und pfadloſe Waͤlde mußten be⸗ gtetſticherweiſe mit der geoßton⸗ Elle⸗ uuneäraerlest erden 49 werden, weil die Marodeurs, durch welche die Ver⸗ rflegung der ganzen Armee vermittelt war, in ſol⸗ chen Gegenden nichts auftreiben konnten. Um dies wieder zu verguten, mußte man die Truppen einen Tag oder wohl auch laͤnger in den fruchtharſten und evoͤlkertſten Gegenden, oder in der Nachbarſchaft großer Staͤdte raſten laſſen, damit ſie ihre Vorraͤthe wieder auf Koſten des Landes ergänzen konnten. So ging die durch die beſchleunigten Maͤrſche er⸗ ſparte Zeit durch unvermeidliche Stillſtaͤnde wieder verloren, und die Eile, die fuͤr den Soldaten ſich ſo nachtheilig erwies, gewaͤhrte die Vortheile nicht, die ſich der General dadurch perſchaffen wollte. Bei ſeiner Ankunft zu Wilna mußte Napoleon zu ſeinem Verdruß ſehen, daß, obgleich der Kaiſer Alerander erſt zwei Tage nach dem Uebergang der franzoͤſiſchen Armee uͤber den Niemen von dort ab⸗ gegangen war, die ruſſiſche Armee demungeachtet ihren Nuͤckzug in der groͤßten Ordnung bewerkſtelligt und alle Magazine und Vorraͤthe, die den Franzo⸗ ſſen haͤtten zu Statten kommen koͤnnen, zerſtoͤrt hatte. Waͤhrend nun die franzoͤſiſchen Genergle dem Feinde auf der Ferſe folgen mußten, blieh der franzoͤſiſche Kaiſer in Perſon in Wilna zuruͤck, um einige poli⸗ tiſche Angelegenheiten, durch welche der Erfolg des Feldzugs großentheils bedingt zu ſeyn ſchien, ins Reine zu bringen. Abbèé de Pradt hatte ſeinen Auftrag, die Polen 2. Soott's Werke. LV. 8s 4 ahedan en nanhn die Wiede he rnter pörttrhlem Freihe 56 s Kageeege 4 nur nich die Theil, der früher, u Graßtherzogthum War hiee durch feine ſoge⸗ Rannte Unabhaͤngiakett hur wenig gewonnen. Die⸗ fer S taat unterhielt, bet⸗ einer Bevoͤlkerung von etwa⸗ fänf? Millionen Seelen, mehr fäͤr. Frankteic, als fuͤr ſich ſelbſt eine hewaffiete Möcht von fuͤnfündachkztg⸗ tauſend Maun. Von. einen Regtmenteth dienten: achtzehn: in der Atme des Kaiſers und wutden von Frantreich beſoldet; aber der Aufwand fär die uͤbri⸗ gen⸗ uberſtieg weitem das S Einkommen des Grfoß⸗ herzogthums, das ſich nur auf vierzig Miutvuen Fran⸗ ken bellef⸗ waͤhrend die Ausgaben mehr als die dop⸗ pelte Summe betrugen. Auch hatte das Großher⸗ zogthum durch das Continentalſyſtem Napoleon⸗ 3* ſehr gelitten. Das Einkommen Polens beruht auf dem Verkaufe des Getreldes, das ſein fruchtbater Boden hervorbriugt, und dieſes Getreide war in den dem gegenwaͤrtigen vorangegangenen Jahren auf den Fruchtboͤden liegen geblieben und verdorben. Die Noth der Armee war grenzenkos, und die in threm Wohlſtande herabgekommenen Retchen konnten ihnen nicht helfen. Das Jahr 1811 war hier ſywohl alss 51 anderswo ein Fehliahr geweſen; und wie die Polen in fruͤheren Jahren Getreide hatten, das ſie nicht verwerthen konnten, ſo fehlte es ihnen jeßt au Köln und zugleich an den Mitteln, daſſelbe zu kaufen. Zu allen dieſen Drangſalen kam noch die Plaͤnderung und die Noth, die das Großherzogthum waͤhrend des Marſches der zahlreichen Schaaren Napoleons von der Welchſel bis zum Niemen erlitt. Allein ſo entzuͤndlich iſt der Patriotismus der Polen, daß er bei dem Nainen der Unabhaͤngigkeit ſogleich aufloderte, ſo wenig auch die Umſtaͤnde geeig⸗ net waren, deuſelben auzukachen. Als daher ein Reichstag des Großherzogthums Warſchau zuſammen⸗ berufen wurde, wo die Edelleute nach alter Weiſe⸗ zuſammentraten, brannten alle vor Begferde, Napo⸗ eons Wuͤnſchen entgegen zu kommen; aber ein un⸗ glucklicher Wink, den der Kalſer hinſtwtllah der Laͤnge der Eroͤffnungsrede, intt welcher der Reichstag er⸗ offnet werden ſollte⸗ gegeben hatte, veranlaßte den wuͤrdigen Grafen Mathech ewitz, dem es oblag, dieſe⸗ Nede abzufaſſen, dieſelbe bls auf fuͤnfzig, ganz eng⸗ geſchriebene Selten auszudehnen. Dieſe weitſchweifige Rede erſchöpfte aber die Ge⸗ duld der ganzen Verſammlung und der franzoͤſiſche Botſchafter, Abbé de Pradt, ward erſucht, etwas Paſſenderes zu liefern. Er ließ ſich hlezu willig finden und entwarf eine kuͤrzere, mehr in dem Ge⸗ ſchmacke ſeines Vaterlandes abgefaßte und, le wir . 5²2 nicht zweiſeln, auch gelſtvollere und paſſendere Rede, als diejenige des Grafen Mathechewitz geweſen. Sle erhielt auch den groͤßten Beifall von Seiten des Neichstags, aber nicht den des Kaiſers, dem ſie nach Wilna zugeſchickt wurde und der ſie mit den Wor⸗ ten wegwarf:„Das ſind franzoͤſiſche Phrafen; es ſollten polniſche ſeyn.“ 5 Dieſe mißfaͤllige Aufnahme feiner Rede öffnete dem Abbé de Pradt, wie er felbſt geſteht, die Au⸗ gen. In dem unwuͤrdigen urtheil, das der Kaiſer uͤber dieſe Rede gefällt, ſah er den Duͤnkel und die Bethoͤrung eines Gewalthabers, mit dem es zu Ende gehe;; er rechnete von dieſem Zeitpunkt an den Sturz Napoleons und konnte dem Geige der Weiſfagung, der ihn trieb, ſo wenig gebieten, daß er ſelbſt in Gegenwart der jungen Leute, die bei der Geſandt⸗ . ſchaft angeſtellt waren, ſich in diefem Siriie aus⸗ ſprach. Der umſtand, baß Napoleon die Rede des Abbe e Pradt zbilligt hatte, konnte wohl nur von die⸗ ſem ſelbit ſo ſchlimm gedeutet werden; bedenklicher war dagegen die Antwort, die er dem Reichskag des Großherzogthums Warſchau auf ſeine Zuſchrift er⸗ theilte. Der Reichstag zu Warſchau hatte, in der Mei⸗ nung, nach dem Sinne Napoleons zu handeln, die Wiederherſtellung des ganzen Koͤnigreichs Polen, als haͤtten die Theilungsvertraͤge gar nicht beſtanden, 53 ausgeſprochen, und kein rechtlich geſtnker Mann wird laͤugnen, daß er hiezu befugt geweſen. Er con⸗ ſtitulrte ſich ſofork als Generalconfoͤderation, er⸗ klaͤrte die Wiederherſtelluug des Koͤnigreichs Polen, forderte die in der ruſſtſchen Armee dienenden Polen auf, Rußkand zu verlaſſen, und ſandte endlich eine Deputation an den Koͤnig von Sachſen, als Groß⸗ herzog von Warſchau, und elne andere an N apoleon, um ſeinen Wunſch, daß die politiſche Wiedergeburt Polens beſchleunigt werden moͤge, ſo wie ſeine Hoff⸗ nung auszubruͤcken, von der ganzen polniſchen Nation als der Mittelpunkt einer allgemeinen Vereinigung anerkannt zu werden. In der Anrede an Napoleon ſagte der Sprecher,„die Polen baͤten um den Schutz des Helden, welcher dem Jahrhundert ſeine Geſchichte diktire, in welchem die Vorſehnng ihre ganze Gewalt niedergelegt habe(ſo ſpricht man ſonſt nur von der Gottheit); es gefalle dem großen Napoleon, die ein⸗ zigen Worte auszuſprechen: Es werde das Koͤnigreich Polen; dieſes wuͤrde dadurch fofort ins Leben geru⸗ fen, die Polen wuͤrden ſich alsdann zum Dienſt deß⸗ jenigen vereinigen, fuͤr den die unermeßliche Zeit der Jahrhunderte nur ein Augenblick, der Raum nur ein Punkt ſey.“ In jedem andern Falle wuͤrde eine ſolche uͤberſpannte Beredfamkelt die Aufrichtig⸗ keit des Redners in Verdacht gebracht haben; allein die Polen lieben, wie die Gasconier, mit denen man ſie verglichen hat, die Superlative, und eine uͤbertriebe 8 54 ne, ſchwaälſtige Sprache, der ſie jehoch zu allen Zei⸗ ten durch ihre Thaten im Felde Ehre gemacht haben. „Da Napoleon durch den Allianzvertrag mit Oe⸗ ſterreich ſich heengt fuͤhlte, ſo war ſeine Antwort auf dieſe hochtoͤnende Rede eher kleinlaut, unbeſtimmt und ausweichend, Er begnuͤgte ſich, den Abgeordne⸗ ten zu ſagen;„Ich liebe die Polen und wuͤrde in ihrer Lage handeln, wie ſie; in meiner Lage habe ich aber ſo viele Intereſſen auszugleichen o viele Pflichten zu erfullen; ich wurde mich der Theilung Polens mit aller Macht piderletzt haben, haͤtte ich zu jener Zeit regiert; und als mich der Sieg ſpaͤter nach Polen gefuͤhrt, habe ich auch ſofort die alte Ver⸗ faſſung wieder ins Lehen gerufen.—— Ich billige, was Sie zu Warſchau gethan haben, ich er⸗ mächtige Sie zu ferneren Anſtrengungen und werde alles thun, was ich vermag, um Ihren Zweck zu be⸗ fördernz find Ihre Beſtrohungen einmuͤthig, ſo duͤr⸗ fen Sie hoffen, Ihre Feinde zur Anerkennung Ihrer Rechte zu zwingen; ein gluͤcklicher Erfolg iſt jedoch uur von den Anſtrengungen der ganzen Bevoͤlkerung zu erwarten.“ Dieſer froſtigen und unbeſtimmten Verſicherung ſeiner Theilnahme an der polniſchen Sache fuͤgte er noch die ausdruͤckliche Erklaͤrung bei, „daß er dem Kaiſer von Oeſterreich die Integritaͤt ſeiner Staaten garautirt habe und deßwegen keinen Schritt oder keine Unternehmung zugeben koͤnne, die zum. Zweck haͤtte, ihn in dem ruhigen Beſitz der 5⁵ ihm gebliehenen volniſchen Provinzen zu ſthren.“ In Beziehung auf die zu Rußland gehdrigen polni⸗ ſchen Provinzen ſagte er blos,„bie Vorfehung wuͤrde ihre Sache mit dem beſten Erfolge tesnen, wenn ſie anders von demfelben Geiſte befeslt wäͤres. der ſich in dem Großherzogthum kund gegeben.”* 3.„Durch dieſe Antwort, die ſo⸗ ganz anders aus⸗ gefallen war, als die Polen erwartet hatten, wurden die Abgeordnsten ſehr beſturzt. Statt ſich zu Gun⸗ ſen der Wledervereinigung der polniſchen Provinzen auszuſprechen, hatte Napoleon auf das beſtimmteſte erklaͤrt, daßz er die Ahlöͤſung Galliziens von Deſter⸗ reich weder zugehen koͤnne, noch wolle; was aber die ruſſiſch⸗ polniſchen, Provinzen betrifft, ſo hatte er die Einwohner zur, Einmuͤthigkeit ermahnt ihnen jedoch auf dieſen Fall nicht ſeinen maͤchtigen Schutz zugeſagt, ſondern ſie an dieſelbe Vorſehung verwie⸗ ſen als deren Stellvertreter ihn die Polen in ihrer ſchwülſtigen Zuſchrift geyrirſen hatten. Von dleſar Zeit an begannen daher die Polen Napoleons Abſich⸗ ten, die Wiederherſtellung ihres Vaterlandes betref⸗ fend, in Zweifel zu ziehen, und zwar um ſo mehr, als ſie in Volhynien weder polniſche, noch franzoͤſi⸗ ſche, ſondern nur oͤſterreichtſche Truppen bemerkten, denen gewiß eben ſo wenig daran lag, in dem rufſi⸗ ſchen Antheil Polens die Sache der Unahhaͤngigkeit zu befoͤrdern, als dieſelbe Kehre in ihrem Gallizien zu predigen. 56 inh Navolson hatſes in der Folge oft und bktterlich bereut, ſich folchergeſtatt den Wuͤnſchen Heſterreichs henuemt zu haben; er hatte biezu um ſo mehr Grund, als dieſer Mißgriff) das Werk ſeines freien Entſchluße ſes eweſen zu ſeynſcheint. Es war allerdings zu zeſorgen, daß Oeſterreich, wenn ihm zugemuthet würde, Gallizien heranszugeben, ſich Rußland in die Arme werfen moͤchte; man konnte ihm aber zur Ente ſchaͤdigung⸗ die illyriſchen Provinzen, und, weun⸗ es hieran⸗ noch nicht genuͤgte, etwa auch noch Trieſt oder Venedig anbieten. In dem hoͤchſt unwahrſcheinlichen Falle aber, daß Deſerkel. Kinen ſolchen Tauſch ab⸗ Wiederherſteluung uah Poen unmöglic ſey, und deß⸗ wegen den Sedaitten fines Kriegs intr hMhandGans Deehsnn 589 aHt ir Achlſt houuen Eln Deinns, Sißeuen in Nüſſand zu uumgen. dem franzoͤſtſchen Kalſer auch nicht, ohgleich — er eine Provinzialregierung einſetzte und das Land von dem ruſſiſchen Joche frei erklaͤrte. Die Lithauer, ein kaͤlteres Volk als dle Poken, waren, im Ganzen genvmmen, uͤber die rufſiſche Reglerung nicht fehr unzufrieden⸗ während das Betragen der franzoͤſiſchen Armeen auf ihrem Gebiete ſie eben nicht zu Gun⸗ 8 Dhapoſeone ltree Die auswelchende Antwort, enn gen; und ſie ſchloßen daraus, daß der franzöͤſiſche Kaiſer im Falle einer Verſtaͤndigung mit Alerander 4 57 keinen Anſtand nehmen wuͤrde, ſeinen Frieden auf Koſten derjenigen zu ſchließen, die er jetzt aufzue wiegeln verſuchten So wurde der moraliſche Effekt, den Napoleon an den rufſiſchen Grenzlanden zu be⸗ wirken hoffte, in ſolchem Maße verkuͤmmert, daß von der Ehrenwache, welche die Lithauer fuͤr den Dienſt des Kaiſers bewilligt hatten, ſich mehr nicht als drei Reiter in ſeineen Hauptauartier einfanden. Das Volk ſchien ſich uͤberhaupt nicht fuͤr den Krieg zu interefſtren, und unthaͤtig abwarken zu wochen, mas dkr Zuttinft Brünhän m wütbe. A2Siu d b5 e a AArG 259 19 . 164 14 u92 Drittes. he at heten 288ʃ edͤt eeee Waägration.— Navoleon manövrirt gegen ibn.— König Hierd⸗ nymus von Weſtyhalen. wirnd der Unihätigkeit bezüchtigt/ und fällt in Ungnade.— Bagration wird von Davouſt geſchlagenz es geungt ihm aber doch, das Innere von Rutzland zu erreichen, und keine Verbindung mir der großen: drmee wiederherzuſtellen — dieſe Zieht ſich nach Driſſa zurück.— Varclay und Banration“ vereinigen ſich am zoſten Juli zu Smolenst. Die franzöſi. ſchen Generale wünſchen⸗ daß Napoleon den Feldzug für dieſe Jahreszeit zu Wilevst abbrechen möge.— Er beharrt auf dem weiteren Wormarſche.— Manöver der beiden Armeen in Bk. ziehung auf Smolensk.— Bareloy de Colly räumt dieſen Platz, nachdem er ihn zuvor in Brand geſteckt hat. Verringerter Stand der franzöſiſchen und zunehmende Stärke der ruſſiſchen Armee. A Friede zwiſchen Rußtand, Enatand, Schweden und der Türkei.— Navoleon beſchließt, nach Moskau vorzurlicken. Napoleon blieb achtzehn Tage lang, vom z8ſten 858 Iani bis zum l6ten Julznin ſeinem Hauptguartiet zu Wi ing. Es war nicht in ſeiner Art, im Kriege ſoz lange auf einem Punkte zu verweilen; allein Wilna war fein letzter Verdindungspunkt mit Euro⸗ pa, und er hatte wahrſcheinlich noch Vieles anzuord⸗ nen. eehe er ſich in die Waͤlder und Wuſten. Nußlands vertiefen konnte, von wo aus aller; Verkehr, mir ae uͤbrigen Außenwelt unſichey werden mußte. ugunte Maret„Herzog von Baſſano, zum 6 5 neur von Lithauen, und uͤhertrug diefem Miniſter die ganze Koyreſpondenz, mit Paris und mit den Ar⸗ 3 meen, ſo daß durch ihn der gdmint ſtrative, polltiſche und ſelbſt der militariſche Verkehr zwiſchen dem Kaiſer und feinen Staatenvermittelt wurde. Man muß jedoch nicht glauben, daß in dieſen actachn, Tagen keine militaͤrlſchen: Bewegungen von hoher Wichtigkeit Statt. fanden. Der Leſer wird ſich eriunern, daß die große rufſiſche Armeei in zwei ungleiche Maſſen ahgethellt war. Die vom 4 iſer und unter ihm wvon Barelay de Tolly. befehligte hatte ihre Quartiere z Wilna und in der Umgegend, bis die Franzofen in Athatten erſchleuen, wo ſie dann ihren wohlberechneten Ruͤckzug in das verſchauzte; Lr⸗ ger von Driſſa antrat. Die kleinere Maſſe⸗ welche Prinz Bagration befehligte, warpiel weiter nach Suͤd⸗ weſt vorgeſchoben und fuhr fort, dieſen Theil von Polen beſetzt zu halten. Der Prinz hatte ſein Haupt⸗ auartier zu Wolkowisk; Ala taff lag mit ſiebentauſend 2 59 Koſacken in und bei Grodno; er und Bagration ſtan⸗ den mit der Hauptarmee mittelſt des tlnken Flugels derſelben, der ſich unter Doktoroff bis nach Lida ausdehnte, in Verbindung. Zufolge des entworfenen Sperationsplanes ſollte Bagration von ſeiner ſd weit nach Suüdweſt vorgeſchobenen Stellung aus Napolevn, wenn er uͤber den Niemen aing und nach Wilna vorruͤckte, im Ruͤcken nehmen. Dieſer Plan kamaber nicht zur Ausfuͤhrung, well die franzoͤſifthe Induſi⸗ onsarmee weit ſtaͤrker war, als die Ruſſen berechnet hatten. Die Franzoſen waren im Gegentheil im Stande, die Flanke ihres Marſches nach Wilna durch eine Armee von 30,000 Mann zu decken, die zwiſchen ihrer Hauptatmee und der ruſſiſchen Neben⸗ armee unter den Befchlen des Koͤnigs von Weſt⸗ phalen ſtand. In feiner vorwaͤrtigen Stellung konute Bagration ſeinem Geguer nicht nur nichts anhaben, ſondern er lief ſogar Gefahr, ſeine Verbindung mit der Hauptarmee zu verlieren und von derßelben ganz abgeſchnitten zu werden. Der ruſſtſche Prinz ward demnach von Barclah de Tolly angewieſen, ſeine Armee aus einer ſo bedenklichen Lage zu ziehen, und erhielt am 13ten Juli von dem Kaiſer Alexau⸗ der den beſtimmten Befehl, in das verſchanzte Lager von Driſſa zu marſchiren. 18 2 Als Navoleon Wilna erreicht hatte, kam Bagta⸗ tlon in die dringendſte Geſahr; deun das verſchanzte Lager zu Driſſa war der Sammeiplatz fuͤr alle ruß⸗ 60 ſiſche Korps, und da Napoleon 150 Werſte, oder ſtehen Tagmaͤrſche Driſſa naͤher als Bagration war, ſo ließ ſich jotzt das Lieblingsmandvre des franzoͤſi⸗ ſchen Kaiſers, die zu weir ausgedehnte Stellung ſei⸗ nes Gegners zu durchbrechen, allerdings unter ben guͤnſtigſten mſtaͤnden anwenden. 1 1315Napoleon erfuhr erſt am Zoſten Jull, Welche Bloͤße man ihm gegeben, und ſaͤumte nicht, dieſelbe zusbenuͤtzen. Er hatte den groͤßten Theil feiner Reiterei unter Murar der großen ruſſiſchen Armee nachgeſchickt, um dieſelbe auf ihrem Ruͤckzuge zu draͤugen zdas zweite Korps unter Oudluot, das dritte unter Ney, und drei Diviſionen des erſten Korps folgten ihr an die Dwina und bildeten zufammen eeine Macht⸗ mit der es die Armee von Barclay de Wolly nicht aufnehmen konnte. Auf dem rechten Fluͤgel erhielt der Koͤnig von Weſtphalen die „Weiſung, die Armee von Bagration von vorne zu idraͤngen und dieſelbe auf das Korps von Davouſt zu werfen, das ſie in der Flanke und im Ruͤcken faſſen ſollte. Wenn nun Bagration ſolchergeſtalt von der großen Armee abgeſchuitten und zu gleicher Zeit von Hieronymus und Davouſt angegriffen wurde, ſo mußte er ſich entweder ergeben oder voͤllig aufge⸗ ieben werden. Nach der Entſendung ſo uͤberlegener Streltkraͤfte gegen die beiden ruſſiſchen Armeen konnte Buonaparte mit ſeiner Garde, mit der ita⸗ slieniſchen und baieriſchen Armee und drei von Da⸗ 61 vonſt uͤbrisgebliebenen Diviſionan zwiſchen Murat und Davouſt, die beiden feindlichen Armeen von einander trennend, gegen Witepsk, wo er die beiden Haupt⸗ ſtaͤdte des Feindes zugleichnoder gegen Smolensk, wo er Moskau insbeſondere bedrehte, worruͤcken. Dieſen Plan ſoll Buongparte, wie Segur vorſichert, am Joten Juliin Wilna entworfen haben, das heißt zu einer Zeit, wo es ſchon zu ſpaͤt war, denſelden in Ausfuͤhrung zu bringen, und doch ging noch eine Woche in Wilna verloren. Alle wollten damals an Napoleon eine ungewoͤhnliche Traͤgheit bemerkt ha⸗ ben, die Segur einem fruͤhzeitigen Nachlaß ſeiner körperlichen Kraͤfte zuſchreibt, von dem ſich jedochtin den Feldzuͤgen 1813 und 1814 nichts bemerken laͤßt. Allein die ſchreckliche Zerruͤttung einer ſo unermeß⸗ lichen Armee, deren Kranke und Nachzuͤgler bereits „ganz Lithauen fuͤllten, war ein Uebel, das nicht in kurzer Zeit gehoben werden konnten; und dieſer um⸗ ſtand duͤrſte zur Erklaͤrung des Süiuſtandes zu Wjlaa allerdings hinreichen. dt „Inzwiſchen beuahm ſich⸗ Bngrarion in ſeiner kri⸗ tiſchen Lage mit der Gewandtheit und Faſſung eines verſuchten Generals. Von adem kuͤrzeſten Wege nach Driſſa abgeſchnitten, beſchloß er, ſtatt nordwaͤrts aus ſeiner rechten Flanke zu marſchiren, ſich ruͤckwaͤrts gegen Oſten zu ziehen und entweder uͤber Oſtrowno und Minsk, oder uͤber Borizoff ſeinen Weg an die Dwina zu nehmen. An der Dwina hoffte Bagration 62 ſich mit der gfoßen Armee. vereintgen zu koͤunen, von der er jetzt noch durch, eine ſo⸗ furch:baxe Entfex⸗ nung geſckieden wax. Indeſſen war ſeine Armee nicht nur durch die, Koſ gkken von Platoff, die mit ihm in gleicher Höhe an dem Niemen geſtanden, ſondern auch durch die piſion Doktoroff verſtärkt worden, die den außerben linken Fluͤgel der großen Armese gebildet und, nachdem ſles durch das Vorruͤ⸗ cken der Franzoſen von Driſſa⸗ abgeſchnitten worden war, ſich mit der Armee von Bagration vexeinigt hatte, ſo⸗ daß dieſe ſich jetzt auf vierzig⸗ bis fuͤnf⸗ zigtauſend Mann. belaufen mochte. Auf ſeiner rückwaͤrtigen Bewegung mußte Ba⸗ gratzon die Hochebene von Lithauen durchziehen. wo ſich die Quellen der Fluͤſſe befinden, die in verſchte⸗ denen Richtungen ihre Gewäſſer in das baltiſche und ſchwarze Meer ergießen. Der Boden iſt unge⸗ mein ſumpfig und von langen Daͤmmen durchſchnit⸗ ten, auf denen die Ruſſen ſich gegen den Vortrab von Hier onymus leicht vertheidigen kounten. Waͤhe trend aber Bagration guf dieſe Weiſe gegen den letz⸗ teren Stand hielt, ſaͤumte Davouſt, der glle Poſten auf der rechten Flanke der Ruſſen beſetzt und die⸗ fen den naͤchſten Weg⸗ nag Driſſa verlegt hatte, ihm auch den laͤngeren umweg nach Oſten zu vex⸗ ſperren, indem er zu dieſem Ende die Stadt Minsk. und alle die Engpaͤſſe beſetzte, die Bagt ration ein⸗ ſchlagen mußte, um aus Lithauen nach Witepst und 63 an die Dwima zu Ventkommen. Durch die Befetzung von Minsk gelleth Vahrarkon auf felnem Nuͤckzug in bie lrößte Vertegenheik; d die Fränzofen behättp⸗ ten ſgar, daß die Nuͤſfen, went der Konig von Weſthhaten ſte kebhafter hätte drangen wöllen, auf Davouſt zeworfen und igänzlich zufgerieben worben waͤren. Wie dem nun ſey, Hieronymus fiell in un⸗ gade und wurde zufolge der Weile, wie der Chef der Kapbkegteſchen Dynaſtie die bathe Fͤr ſten⸗ die er zum Herrſchen berufen, zu behandetn pftegte, nach Weſtohlaken et tag ſchicte kohne auch nur elnen Manit⸗ von ſeinen Trübhen m itnehmen zu duͤrfen, die R tpoltoit ſchon ibeſchaftizen wußte. naEs kam zu einigen kleiuen Sefeakef zwiſchen Bagration und fet nen Geguern, d ie zu keinem Re⸗ fultate fuͤhr rten. Doh erhielt Perdff mit felnen Koſacken manchen Vortheil. über die polniſche Reite⸗ rei, die zwar mit dem großten Mͤthe focht, aber ſich bei weitem nicht ſo auf den kieinen Krieg ver⸗ ſtand, wie die neueren Seythen, die von NR zatur ein beſonderes Geſchick dazu haben. unterdeſſen machte Bagration um feine Armee aus der Falle zu zie⸗ hen, nochmals einen Umweg in fudit cher Richtung, und kam, indem er ſeinen; Verfolge en auswich, bei Bobrulsk uͤber die Berezina. Der Dnieper(oon den Griechen der Borhoͤthenes genannt) war jetzt das zweite Hinderniß, das er zu beſtegen hatte. Da. er ſich von ſeiner urſpruͤnglichen Rictusg fd weit abgedraͤngt ſah, eilte er, dieſelbe wieder zu ge⸗ 3 winnen, und ging deßhalb an dieſem Fluſſe hinauf bis 3 nach Mohlloff. Aber auch hier fand er Davouſt wieder vor ſich, der gleichfalls aͤberraſcht war, hier auf Bagra⸗ tion zu treffen. Die Ruſſen griffen ſofort mit dem groͤßten Ungeſtuͤm an, waren auch aufangs glüͤcklich, verloren aber doch zuletzt die Schlacht, jedoch ohne ſonderlichen Verluſt. Nach dieſem mißlungenen Ver⸗ ſuche aͤnderte Bagration mit unverdroſſener Thaͤtig⸗ keit nochmals ſeine Ruͤckzugslinie; er ging am Dnie⸗ per wieder hinab bis nach Nevoi⸗Bikoff, wo er ſei⸗ nen Uebergang bewerkſtelligte, und zog ſich von da ins Innere von Rußland, um wieder mit der ruſſt⸗ ſchen Hauptarmee, von der er faſt ſchon abgeſchnit⸗ ten geweſen, in Verbindung zu kommen. Es war eine ganz neue Erſchetnung in der Ge⸗ ſchichte von Napoleons Kriegszuͤgen, daß zwei be⸗ traͤchtliche franzoͤſiſche Armeen von einem fremden General geafft und uͤbermeiſtert wurden. Und doch verhlelt es ſich genau ſo; denn obgleich die Ruſſen „gleich anfangs den großen Fehler begangen hatten, ihre Armeen in Beziehung auf Driſſa in einer er⸗ centriſchen Linie aufzuſtellen, wodurch dann Bagra⸗ tion in die groͤßte Gefahr kam, abgeſchnitten zu wer⸗ den, ſo ſind die Mandvers, durch die er dieſem Schickſal entging, allerdings ein vollguͤltiger Beweis von ſeinem ſtrategiſchen Talente und von der treff⸗ lichen Disciplin ſeiner Truppen. Wir 65 Wir kehren jetzt wieder zur großen Armee zu⸗ ruͤck, die von dem Katſer oder eigentlich von Bar⸗ elay de Tolly befehligt wurde, und die, obgleich von Mu⸗ rat, von Oudinot und Ney lebhaft gedraͤngt, ſich in der beſten Ordnung nach dem verſchanzten Lager von Driſſa, dem Sammelplatze aller ruſſiſchen Streit⸗ kraͤfte, zuruͤckzog. Die franzoͤſiſchen Truppen ihrer⸗ ſeits naͤherten ſich dem linken Ufer der K Dwina, die nun die beiderſeitigen Armeen von einander ſchied, und wo nur einige partlelle Gefechte mit abwechſelndem Gluͤcke vorfielen. Als aber der ruſſiſche General, Graf Witgenſtein, der ſich durch Unternehmungsgeiſt und Beſonnenheit bereits auszuzeichnen begann, be⸗ merkte, daß eine Abtheilung der Reiterei von Se⸗ baſtiani die Stadt Druja mit zu wenig Vorſicht be⸗ ſett hatte, ging er in der Nacht vom ꝛten Jult uͤber den Fluß, um die Reiterei in Druja zu uͤber⸗ ſallen und aufzuheben, was ihm vollkommen gelang. Unternehmungen dieſer Art bekunden einen feſten und entſchloſſenen Charakter, und Napoleon mochte nachgerade fuͤhlen, daß er ein ſchweres Stuͤck Arbeit vor ſich habe und daß er in dieſem Feldzuge ſein ganzes Talent werde aufbieten muſſen. Indeſſen fand ſich Barelay durch die Gefahr, in der Bagration ſchwebte, bewogen, felnen Operations⸗ plan abzuaͤndern. Das Lager von Driſſa war jetzt, zufolge ſeiner ercentriſchen Lage, nicht mehr zum Vereinigungspunkte geeignet, und es Sd zu be⸗ W. Scort's Werke. LV. 3 66 fürchten, daß die Hauptmaſſe der franzöliſchen Ar⸗ „mee, die ſich jetzt in Bewegung ſetzte, einen Ueber⸗ gang uͤber die Dwina zu Witepsk, weit oberhalb Driſſu, erzwingen, und dadurch die linke Flanke von Barclay umgehen und ihn zugleich ganz und gar von Bagration⸗ und ſeiner Armee trennen moͤchte. Von diefer Ausſicht geſchteckt, raͤumte Barelay des Lager, um am rechten uUfer der Dwina hinauf uͤber Polotsk imach Witepsk abzurucken: Die Nichtung dieſes Mar⸗ ſches traf mit derjenigen, die Bagtation auf ſeinem —Räcezuge eingeſchlagen, zufammen, und ubeſoͤrderte die Beteinkgung der beiden ruſſtſchen Armeent Wit⸗ genſtein viieb bei Driſſa zueuck, um dem Feind zu beobachten und die Stiaße nach St. Petersburg zu decken. Als die Armee nach Polotst kam, eilte Ale⸗ rander nach Moskau, um die Vertheidigungsanſtal⸗ ten zu betreiben und feine Unterthanen zu den gro⸗ ßen Opfern zu vermoͤgen, die gebracht werden muß⸗ dn. Barclay ſetzte indeſſen ſeinen Marſch nach Wi⸗ gk fort, in der Hoͤffnung, bald mit Bapration in bindung zu kommen, den er angewieſen hatte, dem Dulteper bis nach Orcſa(oder Orcha) hiuab⸗ ehen, des ungefaͤhr ſechsundfuͤnfsig Werſte von keysk entfernt iſt. 134 um dieſe Zeit gab Napoleon ſaͤmmtlichen Trup⸗ ven, uͤber die er zunaͤchſt verfuͤgen konnte, die Rich⸗ kuug nach demſelben Witepsk, indem es ihm eben. viel danan lag, die Vereinigung der beiden ruſ⸗ „ 67 ſiſchen Armeen zu hintertreiben, als dem General Barclay dieſelbe zu bewirken. Haͤtte ſich Nayoleon fruͤher in Bewegung geſetzt, ſo unterliegt keinem Zwei⸗ fel, daß er, von Wilng kommend, das Ziel baͤlder erreicht haben wuͤrde, als Barclay, der von Driſſa her au der Dwing heraufzog. Verließ er Wilna am aten, ſo war er gm ꝛoſten in Witeysk, an der Spitze von 120,900 Maun auserleſeuc er Truppen, ohne einen Feind vor ſich zu haben; er ſtand dann zwiſchen den beiden feindlichen Armeen, von denen jede von geiner uͤberlegenen Macht gedraͤngt wurde und ihm ihre Flanken und Verbindungslinien prels⸗ geben mußte. Jetzt befand ſi ſich der Kaiſer in keiner ſo vortheilhaften Lage; zer hatte, die große rufſiſche Armee vor ſich, in einer Stellung, in der man ſie Auicht leicht zunt Gefecht bringen konnte, obglelch zwiſchen der Reiterel der beiden Armeen einig ge hißige und blutige Scharmuͤtzel vorfielen. Dem ruſſiſchen Generaliſſimus war es hinwie⸗ derum auch nicht wohl zu Muthe. Bagration, den er von Orcſa her im Anmarſch glaubte, ließ nichts von ſich hoͤren; um dieſen nun nicht durch einen fer⸗ neren Ruͤckzug preiszugeben, faßte er am 14ten Juli den faſt verzweifelten Entſchluß, gegen die weit uͤber⸗ legene, von Napoleon ſelbſt hefehll gte Streitmacht der Franzoſen eine allgemel ne Schlacht zu wagen. Schon traf er ſeine Anſtalten hiezu, als er durch die Nachrichten die ihm ein Adjutant des Prinzen 5. 68 uͤberbrachte, zu feiner großen Freude veranlaßt wurde, ſein Vorhaben wieder aufzugeben. Nach dem Tref⸗ fen bei Mohiloff hatte naͤmlich Bagration ſeine Ruͤck⸗ zugslinte nothgedrungen geaͤndert und dieſelbe nach Smolensk gerichtet. Barelay dachte jetzt nicht laͤn⸗ ger an eine Schlacht, ſondern ſchlug ſofort den Weg von Smolensk ein, wo er am zoſten ankam und wo Bagration zwei Tage ſpaͤter auch eintraf. Das Re⸗ fultat dieſes Mandvers war im Ganzen genommen fuͤr den franzoͤſiſchen Kalſer unguͤnſtig ausgefallen. Die beiden ruſſiſchen Armeen hatten ſich ohne weſent⸗ lichen Verluſt vereinigt und ſich auf ihren eigenen Verbindungslinien aufgeſtellt. Keine Schlacht war geſchlagen und gewonnen worden; und obgleich Na⸗ poleon in den Beſitz des verſchanzten Lagers von Driſfa und ſpäter von Witepsk kam, ſo waren dies Stellungen, die fuͤr die Ruſſen keinen Werth mehr hatten. 849 2 4 1 Die franzdſiſchen Marſchäͤlle und Generale fin⸗ gen jetzt an, zu wuͤnſchen und zu hoffen, daß Napo⸗ leon den Sommerfeldzug zu Witepst beendigen, ſeine Armee an der Dwina in Kankonirungsquartiere ver⸗ legen, die Anknnft ſeiner Verſtaͤrkungen und den Eindruck ſeiner Invaſton auf die ruſſiſche Nation bis zum Eintritt des Fruͤhlings abwerten moͤge, Aber Buonaparte wies derglelchen Vo ge mit Verach⸗ tung zurſe und frug, ob man denn glau deßwegen ſo weis bergets ge elende et ſey 69 Huͤtten zu erobern. Wenn er daher je im Ernſt daran gedacht hat, in Witepsk zu uͤberwintern, wie von Ségur verſichert, von Gourgaud aber beſtimmt gelaͤugnet wird, ſo war dies nur ein fluͤchtiger Ge⸗ danke. Wie haͤtte es ſich auch mit ſeinem Stolze vertragen, mitten im Sommer ſich mit Verſchanzun⸗ gen und Vertheidigungsanſtalten zu befaſſen und vor ganz Europa das Bekenntniß ſeiner Schwaͤche abzulegen, durch das fruͤhe Abbrechen elnes Feldzugs, in welchem er ohne Schlacht und ohne Sieg bereits den dritten Theil ſeiner Streitmacht eingebuͤßt hatte! Indeſſen waren die Ruſſen, die nach der Verel⸗ nigung ihrer beiden Fluͤgel 120,000 Streiter zaͤhlten, durchaus nicht geſonnen, unthaͤtig zu bleiben. Da die franzoͤſiſche Armee bei Witepsk viel weiter aus einander lag, als die ruſſiſche, ſo kamen ſie auf den Gedanken, Napoleon in ſeinen Quartieren zu uͤber fallen. Zu dieſem Zweck ließ Barclay einen großen Theil der rufſiſchen Armee nach Rudneig, das von Witepsk und Smolensk gleich weit entfernt iſt und ungefaͤhr der Mitte punkt der franzoͤſiſchen Stellunz war, vorruͤcken. Dieſer Marſch ward am abſten Juli angetreten; allein am folgenden Tage ſchloß Barclay aus den Mekdungen, die er von ſeinen Vorpoſten erhielt, daß Napoleon ſeinen linken Fluͤgel verſtaͤrke, um den rechten Fluͤgel der Ruſſen zu umgehen und Smoleusk in ihrem Ruͤcken zu faſſen. Um dieſem Ungläck zu begegnen, ſtellte Barclay ſofort ſeinen . 70 Vormarſch ein, und zog ſich mittelſt eines Flanken⸗ marſches weiter rechts, um Smolensk zu decken. Durch dieſen Fehler, denn es war einer, kam ſeine Vorhut, die von dem veraͤnderten Plane nicht in Kennt⸗ niß geſetzt wurde, zu Inkowo, einem zwei Werſte von Rndneia gelegenen Punkte, in einige Gefahr. Doch hatte Platoff in dem Reitergefechte, das dort Statt fand, den Vortheil. Als der ruſſiſche General nach der Vollendung ſeines Flankenmarſches die Ueberzeugung gewann, daß von dem franzoͤſiſchen linken Fluͤgel nichts zu beſorgen ſey, ſchiitt er wieder zur Ausfuͤhrung feines erſten Planes, nach welchem er die Franzoſen bei Rudneig angreiſen wollte. Waͤhrend aber Barclay in zweckloſen Hin⸗ und Hermaͤrſchen vier Tage vers lor, uͤb zeugte er ſich endlich, daß ein ſchleuniger Rückzug nach Smolensk fuͤr ihn das einzige Mittel ſev, einer Gefahr zu entgehen, die er richtig geahn⸗ det, aber von einerlandern Gegend her vermuthet hatte. Waͤhrend Barclay damit umging, Napoleon zu üͤberfallen, entwarf der Kaiſer den aͤußerſt kuͤhnen Plan, den Streich, den ihm ſein Gegner zugedacht hatte, dieſem ſelbſt zu verſetzen. Ohne ſich um die Reitergefechte, die vor ſeiner Fronte vorfielen, zu bekümmern, beſchloß er ſein e, auf Witepsk und die Dwina baſirte Operationslinie einſtweilen ganz auf⸗ zugeben, ſeine Armee am Dnieper zu concentriren, Dreſg zum Stuͤtzpunkt ſeiner Operationen zu machen, den linken Fluͤgel der Ruſſen, ſtatt den rechten, wie — 71 8 Barclay befuͤrchtet hatte, zu umgehen, in ihrem Ruͤcken Smolensk zu nehmen und ſo ihre Verbin⸗ dungslinie mit Moskau zu faſſen. Zu dieſem Ende brachte Napoleon ſeine Truppen in aller Eile und mit der groͤßten Geſchicklichkeit durch einen Flanken⸗ marſch von Witepsk und der Dwina an den Dureper, uͤber den er vier Bruͤcken ſchlagen ließ, auf welchen Ney, der Vicekoͤnig und Davonſt iyren Uebergang bewerkſtelligten. Der Koͤnig von Neapel mußte die⸗ ſelben mit zwei ſtarken Kavallertemaſſen bezlekten. Poniatowski und Jundt folgten auf verſchiedenen Straßen zu ihrer Unterſtuͤtzung. Ney und Murat, die den Vortrab befehligten, trieben Alles vor ſich her, bis nach Krasnoi, wo am 14ten Auguſt ein be⸗ deutendes Gefecht vorftel. Dieſes Mandver, wodnrch der Kaiſer ſeine Operationslinie von der Dwin an den Dnieper verlegte, iſt ſowohl von franzoͤſtſchen als ruſſiſchen Takt ern ſehr bewundert worden, hat aber auch Tadler gefunden*) General Newerowskoi ſtand mit ſechstaufend Mann, die zum Behuf einer großen Recognoscirung aus Smolensk entſendet worden waren, bel Krasnoi. Als er ſich aber von einem ſtaͤrkern Infanteriekorps und uͤberdies noch von achtzehntauſend Mann Rei⸗ terei angegriffen ſah, trat er ſeinen Ruͤckzug auf der Straße von Smolensk an. Dieſe fuͤhrte durch ein *) Siehe Anhang zu dieſem Bande, Nro. 1. 4 7² offenes und flaches Land, wo die Reiterel mit Vor⸗ theil fechten konnte. Murat, der den Vortrab fuͤhr⸗ te, und mit der Schwaͤche, ſich im Glanze ritterlicher Tracht zu zeigen, in Wahrheit den feurigen Muth eines Ritters verband, ließ die Fronte des ruſſiſchen Korps durch einige Schwadronen leichter Reiterei beſchaͤftigen, waͤhrend er mit ſeiner ſchweren Reiterei den Flanken und dem Ruͤcken deſſelben zuſetzte. Ein beſonders mißlicher Umſtand fuͤr den ruſſiſchen Ge⸗ neral war, daß ſeine Kolonnen aus Neulingen be⸗ ſtanden, die nie im Feuer geweſen, und die daher durch den fuͤrchterlichen Anlauf der Reiterei leicht geſchreckt werden konnten. Sie benahmen ſich dem⸗ ungeachtet mit der groͤßten Tapferkeit und wußten mittelſt der doppelten Reihe von Baͤumen, mit der die Straßen in Rußland eingefaßt ſind, ihr Feuer wirkſam zu machen und ſich gegen die wiederholten Angriffe der Reiterei zu ſchutzen. So zog ſich Ne⸗ werowskoi, ein moͤrderiſches Feuer ſpruͤhend, wie ein Loͤwe nach Smolensk zuruͤck; er verlor etwa vierhun⸗ dert Mann und fuͤnf Kanonen, aber Freund und Feind mußten ihm das Zeugniß geben, daß er auf dieſem Ruͤckzuge alles geleiſtet habe, was ſich durch Muth und Beſonnenheit leiſten laͤßt. Am Tage dieſes Gefechts, am 14ten Auguſt, kam Napoleon nach Raſaſſing am Dnieper, von wo er am 15ten hinter Murat und Ney den Marſch nach Smoleusk fortſetzte, Prinz Bagration warf in⸗ 73 deſſen die ſtarke Diviſton des Generals Raefskoi nach Smolensk, um Newerowskot zu verſtaͤrken oder auf⸗ zunehmen; er ſelbſt zog am linken Ufer des Dnie⸗ pers der bedraͤngten Stadt ſo ſchnell er konnte, zu Huͤlfe. Barelay de Tolly hatte nun, wie wir bereits bemerkt haben, erfahren, daß, waͤhrend er auf ſei⸗ nem rechten Fluͤgel falſche Vorkehrungen getroffen, ſein linker umgangen worden und Smolensk in der aͤußerſten Gefahr ſey. So eilten die beiden ruſſi⸗ ſchen Generale von verſchiedenen Punkten her der Stadt zu Huͤlfe, waͤhrend Nappleon Allem aufbot, ſich des Platzes noch vor ihrer Ankunft zu bemaͤchtigen. Smolensk, eine der bedeutenderen Staͤdte des rufſiſchen Reiches, und, wie Moskau,„die Heilige,“ und der„Schluͤſſel von Rußland“ genannt, enthaͤlt ungefaͤhr 12,600 Einwohner. Die Stadt liegt auf dem linken Ufer des Dniepers und war damals mit alten gothiſchen Feſtungswerken umgeben. Eine alte, an einigen Stellen etwas zerfallene Ringmauer war durch neunundzwanzig ſtarke Thuͤrme und durch eine ſchlechte, von Erde aufgefuͤhrte Ziradelle ver⸗ th eidigt; durch ſeine achtzehn Fuß dicke und fuͤnf⸗ undzwanzig Fuß hohe Ringmauer und ſeinen vorlie⸗ genden, ziemlich tiefen Graben war nun Smolensk zwar nicht gegen einen regelmaͤßigen Angriff, aber doch gegen einen Handſtreich gedeckt. Die Vorſtaͤd⸗ te, die ſich laͤngs der Ringmauer in gerin ger En fernung von derſelben hinzogen, erſchwerten indeß 74 die Vertheidigung, undem ſie den Angreifenden Schutz gegen das Feuer des Platzes gewaͤhrten. Naefskoi bereitete ſich, Smolensk mit ſechzehntauſend Mann zu vertheidigen. Er ward am loten Auguſt noch durch die Grenadierdiviſton des Prinzen Karl von Mecklenburg, die ihm Brgration zugeſchtckt, hatte, verſtaͤrkt. Rey erſchien Wgerſt vor der Stadt und ſchritt ſofort zum Angriff der Zitadelle, dar aber durchaus nicht gelang. Ney erhielt eine Wunde und verlor zwei Drittel der Mannſchaft, mit der er den Sturm verſucht hatte. Nach einem zweiten Verſuche, der nicht beſſer gelang, nüißte er ſich begnuͤgen, die Stadt zu beſchießen, die dus Feuer mit gleicher Lebhaftig⸗ keit erwiederte.„Später am Tage kamen die Truy⸗ pen Navoleons auf dem einen Ufer des Duiepers heran, und faſt zu derſelben Zeit ſah man auf dem jenſoitigen Ufer in einer Staubwolke tange, ſchwarze Kolonnen und den Schimmer unzaͤhliger Waffen. Dieſe Maſſen ſchritten ſo raſch vorwaͤrts, daß ſie zu laufen ſchienen; Barclay und Bagration waren mit iyren Armeen im Anmarſch, um Smolensk Huͤlfe zu bringen. „Endlich,“ ſagte Napoleon bei dieſem Anblick, „endlich habe ich ſie!“Er zweifelte nicht, daß dieſe Armee ſich nach Smolensk werfen, durch die Stadt ziehen, ſich unter ihren Mauern entwickeln und die 75⁵ von ihm ſo ſehr gewuͤnſchte Schlacht liefern wuͤrde, wozu er ſeinerſelts fogleich Anſtalten traf. Aber der vorſichtige Barrlay de Tolly war ent⸗ ſchloſſen, ſeine Armee, die einzige und letzte Hoff⸗ nung Rußlands, felbſt nicht zur Rettung der heili⸗ gen Stadt in Gefahr zu ſetzen. Er entſandte ſeinen ungeduldigeren Kollegen, Bagration, der, um die Verheerung der ruſſiſchen Staͤdte und Doͤrfer zu verhindern oder zu beſtrafen, gerne eine Schlacht gewagt haͤtte, nach Ellnia. Er ſelbſt beſetzte Smo⸗ lensk, aber nur um die Flucht der Einwohner und die Raͤumung der Magazine zu decken. Napoleons letzter Blick an dieſem Abend fiel auf die noch leeren Felder, die zwiſchen ſeiner Armee und der Suudt lagen. Es ließen ſich noch keine Ruſ⸗ ſen außerhalb den Thoren ſehen, und Murat pro⸗ phezeihte, daß ſie gar keine Schlacht annehmen wuͤr⸗ den. Davouſt war anderer Meinung; und Napo⸗ leon hoffte(weil er es wuͤnſchte), mit Tagesanbruch die ganze ruſſiſche Armee zwiſchen der ſeinigen und den Mauern von Smolensk aufgeſtellt zu ſehen. Der Morgen kam, aber der den Ruſſen uͤberlaſſene Raum war immer noch leer. Dagegen ſah man auf dem andern Ufer die Straße von Smolensk nach Moskau mit Truppen und Geſchuͤtz bedeckt, ſo daß der Ruͤckzug der Ruſſen keinem Zweifel mehr unter⸗ lag. Napoleon, der ſich jetzt getaͤnſcht ſah, gerieth daruber in Wuth und wollte die Stadt ſofort ge⸗ 76 ſtuͤrmt wiſſen, um mittelſt ihrer Bruͤcke die Ruſſen auf dem jenſeitigen Ufer des Dniepers verfolgen und einholen zu koͤnnen. Es gibt Augenblicke, wo Men⸗ ſchen von ganz gewoͤhnlichen Faͤhigkeiten auch den Kluͤgſten einen guten Ratheertheilen koͤnnen. Mu⸗ rat bemerkte dem Kalfer, daß, da die Ruſſen ſich zu⸗ ruͤckgezogen und Smolensk ſeinem Schickſal uͤberlaſſen haͤtten, dieſer Platz fallen wuͤrde, ohne daß es noͤthig waͤ⸗ re, denſelben vielleicht mit großem Menſchenverluſte zu erſtuͤrmen. Bei dieſer Gelegenheit gab er zugleich zu verſtehen, wie gewagt es ſeyn wuͤrde, ſo ſpaͤt im Jahre noch weiter in Rußland vorzudringen. Na⸗ poleon muß ihm hierauf auf eine beleidigende Weiſe genntwortet haben, denn Murat ritt, nachdem er ausgerufen, daß der Marſch nach Moskau der Ar⸗ mee den Untergang bringen wuͤrde, wie ein verzwei⸗ felter Mann mit veryaͤngtem Zuͤgel an den Dnieper hin, wo eine franzoͤſiſche Batterie von den jenſeitk⸗ gen ruſſiſchen Batterien auf das heftigſte beſchoſſen wurde, ſtellte ſich dort auf den heißeſten Fleck, als ſuche er den Tod, und konnte nur mit vieler Muͤhe vermocht werden, dieſen gefährlichen Ort wieder zu verlaſſen. Indeſſen begann der Angriff auf Smolensk, aber der Platz ward mit demſelben Nachdruck wie Tags zuvor vertheidigt. Das Feldgeſchuͤtz vermochte nichts gegen die dicken Mauern; und die Franzoſen verlo⸗ ren bei ihren wiederholten Angriffen vier⸗ bis fuͤnſ⸗ 77 tauſend Mann. Aber dieſe gluͤckliche Vertheidigung 3 anderte Barclay's Entſchluß, den Platz zu raͤumen, nicht. Derſelbe haͤtte ohne Zweifel noch einige Tage langer behauptet werden koͤnnen, allein der ruſſiſche General befuͤrchtete, eine laͤngere Behauptung die⸗ ſes vorgeſchobenen Punktes moͤchte Napoleon in Stand ſetzen, ſich der Straße von Moskau zu verſichern, die rufſiſchen Armeen in die unſruchtbaren und er⸗ ſchoͤpften Provinzen von Nord⸗Weſten zuruͤckzuwer⸗ fen, und ſeine Stellung zwiſchen dieſen und der al⸗ ten Hauptſtadt Rußlands zu nehmen. Als daher die Franzoſen in der Nacht einige Haubitzgranaten in die Stadt warfen, entſtanden darin bald mehr Feuersbruͤnſte, als durch die wenigen Granaten huͤde ten verurſacht werden koͤnnen. Dieſe waren das Werk der ruſſiſchen Truppen, die, nachdem ſie die Magazine geleert oder zerſtoͤrt, und den Einwohnern Zeit zur Flucht verſchafft hatten, die Stadt in Brand ſteckten, nur damlt der Feind keinen Nutzen davon haben konnte. 0un Als die Franzoſen am naͤchſten Morgen, den 18ten Auguſt, in Smolensk elnzogen, ſtand der großte CTheil der hoͤlzernen Haͤuſer noch in Flammen— Blut und Aſche waren ihre einzigen Trophaͤen. Sie entſetzten ſich uͤber bie behartliche Wuth der Ruſſen und ihren verzweiſelten Widerſtand; ſie wuͤnſchten nachgerade das Ende eines Krieges, wo der Ruͤckzug des Feindes ihnen weiter nichts gewaͤhrte, als die 78 „Ausſicht auf ein endloſes Vorruͤcken durch unwirth⸗ fame Einoͤden von Sumpfen, Fichtenwaͤldern und Wüſten, ohne Lebensmittel und ohne Obdach, ohne Labſab und ohne Verbandzeug fuͤr die Verwunde⸗ ten, ſelbſt ohne ein ſicheres Plaͤtzchen, wo der Muͤde ſich ausruhen, der Verwundete ſterben konnte. Buonaparte ſelbſt beſann ſich und ſoll damals davon geſprochen haben, den Feldzug zu Smolensk zu beendigen, das, wie er ſagte, zu einem Waffen⸗ platz fuͤr die Kantonirungsquartiere ſeiner Armee trefflich geeignet ſey.„Hier,“ ſagte er,„koͤnnten die Truppen ausruhen und Verſtaͤrkungen erhalten. Fuͤr ein en Feldzug ſey genug geſchehen. Polen ſey erobert; mit einem ſolchen Reſultate, dem Werke eines Feldzugs, könne man ſich begnuͤgen. Das folgende Jahr wuͤrde den Frieden bringen; wenn nicht, ſo muͤſſe man denſelben in Moskau ſuchen.“ Aber in dem engeren Kreiſe ſeiner Vertrauten fuͤhrte er eine ganz andere Sprache; wenn er aus Stolz und aus Starrſin ſich nicht entſchließen konnte, ein unteruehmen aufzugeben, von dem er noch keinen Ruhm geerntet hatte, ſo wollte er doch glauben ma⸗ chen, er handle blos aus Klugheit ſo. Er berief ſich auf den erſchoͤpften Zuſtand des Landes, wo ſeine Soldaten von Hand zu Mund lebten, auf die Schwie⸗ rigkeiten, dieſelben im Winter durch Zufuhren aus Danzig oder Polen zu verpflegen, und auf den zer⸗ zütteten Zuſtand ſeiner Armee, die wohl noch weiter 29 gehen, aber nicht mehr ſtehen bleiben koͤnne.„Die „Bewegung allein iſt os,!“ ſagte er,„was dieſelbe noch halt; ein Halt, oder ein Ruͤckzug wuͤrde ſie vollends aufloſen. Sie iſt eine Armee fuͤr den An⸗ griff, nicht fuͤr die Vertheidigung; eine Operations⸗, aber keine Poſitionsarmeen“ Das Reſultat war⸗ daß man mach Moskau vorruͤcken, ſich dieſer Haupt⸗ ſtadt bemaͤchtigen und dort den Frieden vorſchreiben nhe. us 3493 s 5i6123- us ieas Sögur den Kaiſer uͤber den ſchrecklichen 3n⸗ ſtand der Armee fagen laͤßt, iſt keineswegs uͤberdeleben. Sechs Wochen fruͤher, zur Zeit, als Napolevn das ruſſi⸗ eſche Gebiet betrat war ſeine Operationsarmee zwei⸗ hundert und ſiebenundneunzigtaufend Mann iſtark, und am ten Auguſt, als er ſich bereitete, von Wi⸗ kepsk aufzuͤbrechen, war ſie ſchon auf hundert und fuͤnfundachtzigtauſend Mann herabgeſchmolzen iſie hatte alfsnmehr als oin Drittel ihres erſten Beſtan⸗ des verloren; und dazu war nochider ſehr bedeutende Verluſt gekommen, den ſie auf den Maͤrſchen und in den Gefechten am Dnieper erlitten. Die Verwun⸗ deten waren in dem elendeſten Zuſtande; umſonſt gaben die Wandaͤrzte ihr eigenes Linnen zum Ver⸗ bande her; die Leinwand ging aus, man muß ſie durch Papier erſetzen, das man⸗ in den Archiven ge⸗ funden; Pergamentſtuͤcke dienten ſtatt der Binden und Lappen, das Werg oder die Vaumwolle von den 80 Birken als Charpie: ſo iſt es freilich kein Wunder, daß nur wenige wieder genaſen. Hieraus moͤchte erhellen, daß dieſe unbeſonnene Unternehmung gleich anfangs den Keim des Ver⸗ derbens in ſich trug, und ſchon deßwegen allein, auch ohne den Brand von Moskau, ohne das ruſſiſche Klima, das freilich nicht uͤberſehen werden darf, den⸗ ſelben Ausgang haͤtte nehmen muͤſſen, wie der Zug des Kambyſes nach Aegypten, der Zug des Kraſſus und ſpaͤter des Julian gegen die Parther und an⸗ dere Unternehmungen dieſer Art, bei welchen die Groͤße der Zuruͤſtungen das Los der Suvuſtonsumes nur um ſo ſchrecklicher gemacht hat. Waͤhrend die franzoͤſiſche Armee olchergeſtalt allmaͤhlig oder beſſer ziemlich ſchnell zuſammenſchmolz, erhielt die ruſſiſche Armee in kurzer Zeit bedentends Verſtaͤrkungen. Der Kaiſer Alexander, der von Polotsk nach Moskau abgereist war, hatt dort dem verſammelten Adel und dem Handelsſtande ſein Wort gegeben, keinen Frieden zu machen, ſo lange noch ein Fran⸗ zoſe ſich auf ruſſiſchem Boden befaͤnde, und hierauf von beiden Staͤnden die feierlichſte Zuſage erhalten, daß ſie bereit ſeyen, ihr Leben und Vermoͤgen ſei⸗ ner Sache zu weihen. Die Kauſleute bewilligten ihm eine reiche Steuer aus ihrem Vermoͤgen, und ver⸗ ſtanden ſich außerdem noch zu freiwilligen Beltraͤgen. Der Adel erbot ſich, den zehnten Mann von ſelnen Grund⸗ ¹ 81 Grundholden als Soldaten zu ſtellen; manche Edel⸗ leute ruͤſteten auf eigene Koſten dieſe Rekruten aus, einige dieſer reichen Bojaren ſtellten Kompagnien, zelbſt ganze Bataillons auf ihre Koſten. Des Frie⸗ dens ward nur mit der Bemerkung gedacht, daß ſolcher mit dem eingedrungenen Feinde nicht vhne eine unausloͤſchliche Schänae ia Wnhu Beſchloſſen werden koͤnne. Es trafen noch andere umeſande zuſammed⸗ durch welche dieſe patriotiſchen Anſerengnugen nöch wirkſamer gemacht wurden. Der Friede mit England und die Wiederherſtellung des Handels waren die un⸗ mittelbare Folge des Krieges mit Frankreich. Rußland hatte ſich in Beziehung auf ſeine Ausſoͤhnung mit den Schweden und auf den Frieden mit den Tuͤrken von Seiten Englands aller diplomatiſchen Unterſtutzung zu erfreuen. Nachdem jene unter der Vermirtlung Englands zu Stande gekommen, und der Kronprinz die Zuſage erhalten hatte, daß ihm Norwegen wer⸗ den wuͤrde, konnte die ruſſiſche Armee des Generals „Steinheil, die, ſo lauge man mit Bernadotte nicht im Reinen war, in Finnland bleiben mußte, nun⸗ mehr fuͤr den dringenderen Dienſt der Vnkerlands⸗ vertheidigung verwendet werden. Noch wichtiger war der Friede mit den Taͤr ben. der am 16ten Mai zu Buchareſt abgeſchloſſen wurdo. Die Pforte trat Beſſarabien und den auf dem lin⸗ ken Uſer des Pruth gelegenen Theil der Moldau au W. Ssote's Werke LV. 6 8² Rußland ab, das hinwiederum auf den uͤbrigen Theil der Moldau und auf die Wallachei perzichtete. Aber der große Vortheil, der für Rußland aus dieſem Vertrage erwuchs, war der umſtand, daß es uͤber eine verſuchte Armee von fuͤnfundvierzigtauſend Mann derfüugen und dieſelbe im Ruͤcken der Franzoſen ver⸗ wenden konnte. n 0 Dieſes wichtige Reſultat hatte man dem wuͤrdigen Staatsmann zu verdanken, der damals die auswaͤrtigen Angelegenheiten Englands leitete. Haͤtte Lord Caſtle⸗ teagh ſeinem Vaterlande und der Welt keinen andern Dienſt geleiſtet, als dieſen, ſo wuͤrde ihn die Nach⸗ welt als den Miniſter geprieſen haben, der in ei⸗ nem fuͤr Rußland höͤchſt kritiſchen Augenblick deſſen Macht gegen einen furchtbaren Feind zu ſtaͤrken und ihm dadurch zuletzt das Uebergewicht zu verſchaffen gewußt hat. Zu Witeysk hatte Napoleon zuerſt erfahren, daß die Tuͤrken Frieden geſchloſſen, und gleich wie er damals durch dieſe Nachricht veranlaßt worden war, ſeine Operattonen gegen Smolensk zu beſchleunigen, ſo wurde er jetzt durch daſſelbe Erelgniß beſtimmt, ſeinen Marſch bis Moskau⸗ fortzuſetzen. Bis jetzt hatten ſeine beiden Fluͤgeikorps Vortheite uͤber den Feind erhalten. Durch die Blokade von Riga gebot Macdonald in ganz Curland und verbreitete Schrek⸗ ken bis St. Petersburg. Weiter gegen Suͤden hin hatte Saint⸗Cyr den General Witgenſtein nach ei⸗ 83* nigen hitzigen Gefechten durch die Schlacht von Poe⸗ lotsk wieder in die Defenſive zuruͤckgeworfen. 90 Aus Volhynten gingen von dem aͤußerſten rechs ten Fluͤgel gleichfalls guͤnſtige Nachrichten ein. Der ruſſiſche General Tormazoff, der unverſehens in dem Großherzogthum erſchienen war, hatte den General Régnier, der dieſen Theil Polens dechen ſollte, vor ſich hergetrieben, eine ſaͤchſiſche Brigade aufgehoben und Warſchau in Schrecken geſetzt. Aber Regnier vereinigte ſich mit demoͤſterreichiſchen General Schwar⸗ zenberg, ging auf Tormazoff los, brachte ihm bei Gorodeczna, eine Nlederlage bei und zwang ihn zum Nuͤckzug. Es lag aber am Tage, daß die beiden Siege von Polotsk und Gorodeczua nichts nuͤßen wuͤrden⸗ weun General Steinheil und die finnlaͤndiſche Ar⸗ mee ſich mit Witgenſtein vereinigen und Tormazoff ſich auf die von dem Admiral Tſchitſchakoff befehligte ſogenannte Moldauarmee zuruͤckziehen ſollte. Haͤtte Napoleon die Polgen dieſer Vereinigungz die ſeinen beiden Flugelkorps leicht verderblich wer⸗ den konnte, bei Smolensk, in einem verwuͤſteten Lande kantonirend, abwarten wollen, ſo wuͤrde das ein faſt verzweifelter Entſchluß geweſen ſeyn. Er wuͤrde dann gleichfam das Schickſal, dem er bisher geboten, ab⸗ gewartet haben. Vorwaͤrts zu gehen, war allerdings ein kuͤhnes Unternekme. Aber die franzoͤſiſche Ar⸗ mee glich in ihrer Zerrutung gewiſſermaßen einem trunkenen Menſchen, der noch vorwaͤrts taumeln 4 884 3 aber wenn er er inne haͤlt, nicht mehr aufrecht ſte⸗ hen kann. Gelang es Napoleon, der ruſſiſchen Ar⸗ mee einen tuͤchtigen Streich zu verſetzen und ſich der heiligen Stadt Moskau zu bemaͤchtigen, ſo konnte er hoffen, den Czar zu ſchrecken und ihm das Geſetz des Friedens, wie ſo manchen andern Fuͤrſten, in ſeinem dihee Palaſte vorzuſchreiben. Daher ent⸗ ſchloß ſich Napoleon, gegen Moskau vorzuruͤcken. Und in ſeiner Lage konnte ernauch kaum etwas Anderes thuͤn, wenn er anders nicht fein Unternehmen ganz aufgeben und nach Polen zuruckkehren wollte; dadurch wurde er aber das Bekenntniß feiner Schwaͤche abge⸗ legt haben, was von ihm, ſo lange er noch an der Spitze einer Armee ſtand, nicht zu erwarten war. 1 Wiertes Ka t te. SIn t a IAKn ibtls. Nayoleon entſendet Murat und andere Genevale zur Verſolgung der Ruſſen.— Blutiges, aber erſonaloſes Geffcht bei Valuting⸗ Dss Ver tbeidjungsinſtem von Barelgy de Tolly wird auf gegeben und Kutuſof zum Oberken 5 der rußſtſchen Armee Beſtellt.— Napoteons Vortücken vom Smotensk.— Schlacht von Borodino, am 5ten September n Die Fraasofen ſiegen⸗ gber ohne etwas Weſentliches dadurch zu gewinnen.— Prinz Bagration iſt unter den Gebliebenen.. Kutuſof ziebt, ſich nach MMoiaisk und von da nach Mosfau zurüc. Napoleon rückt am ſaten wieder vor— Graf doſtovſchin, Goüvergeur vo Roskau.— Sein Eharakter.— Die Ruſſen verzichten auf die 4 A 85 Pe rtheidigung von Moskau, das, nachdem die Archive und die öffentlichen Kaſſen fortgebracht und die Magazine geleert ſind, von den Eitwohnern gerumtt wird.— Am 4ten September zieht die große ruſſiſche Armee durch Moskau.— Roſtopſchin hält in Moskau noch einmal ffentliches Gericht und folgt dann 1 t der Armee. Shne ſich daruͤber zu aͤußern, daß er gefungen ſey, von Smolensk weiter vorzuruͤcken und ſein gro⸗ ßes Werk ohne allen Aufſchub zu vollenden, ſandte Napoleon einſtweilen Murat, Ney, Junot und Da⸗ vouſt den Ruſſen nach, die ſich von Smolensk zuruͤck⸗ zogen. Er war vielleicht mit ſich ſelbſt noch nicht einig, oder er wollte ſein Vorhaben nicht vor der Zeit ruchtbar werden laſſen, und gab darum vor, der Zweck dieſer Maßregel ſey, die Ruſſen auf ihrem Ruͤckzuge zu draͤngen, obgleich ſolche nur die Ein⸗ leitung zu ſeinem eigenen Vorruͤcken war. Nach der ihm durch eine herbe Pflicht gebotenen Einaͤſcherung von Smolensk hatte Barclay zuerſt die Straße von St. Petersburg eingeſchlagen, um dem Feuer des auf dem linken Dnieperufer aufgeſtellten fränzoͤſiſchen Geſchuͤtzes auszuweichen. Nach einiger Zeit ging er von dieſer wieder in fuͤdlicher Richtung ab, um die Straße von Moskau auf dem Punkte zu gewinnen, wo ſie nicht mehr im Bereich des feind⸗ lichen Geſchuͤtzes war. Die Franzoſen wußten an⸗ fangs nicht, auf welcher Straße ſie die Ruſſen verfolgen ſollten, ſie fanden aber endlich ihre Spur und holten ihren Nachtrab, der einen ſchwerfaͤlli⸗⸗ 86 und lebhaft genug angegriffen hatte. ſah man in dieſem Treffen von Valutina oder Lom⸗ bino, daß die Marſchaͤlle und die hohen Offiziere, die ſchon dauan gewoͤhnt waren, ein beſonderes Armee⸗ korps zu befehligen⸗ es verſchmaͤhten, Befehle, Rath, oder nur Winke von einem Kollegen ihres Nanges anzunehmen. Wo immer zwei oder drei dieſer Hee⸗ resfuͤrſten auf dem Felde zuſammentrafen, haͤtte auch Buonagparte gegenwaͤrtig ſeyn muͤſſen; denn nur der Kaiſer fand unbedingten Gehorſam. 6 Das Reſultat des blutigen Tages von Valutina war uübrigens ſehr ungenuͤgend ausgefallen. Die Ruſſen hatten weder Gefangene noch Geſchuͤtz oder Gepaͤcke und uherhaupt nicht mehr verloren, als die Franzoſen; ſie nahten ſich uͤberdies dem Zeitpunkt, wo ihnen die Ueberzahl werden mußte, wo alſo bei gleichem Verluſt demjenigen der Vortheil⸗ blieb, der ſeinen Huͤlfsquellen naͤher war,, nailon du 87 Barelay de Tolly s Plan war bisher auf das ge⸗ naueſte befolgt worden; man hatte alle Haupttreffen ſorgfaͤltig vermieden; und da kein Mittel uüverſucht „geblieben, den Feind in pattkellen Gefechtsi zu ſchwä⸗ chen, ihn von Sumpf zu Sumpf, von Brandſlaͤtte zu Brandſtaͤtte, von einem Schaüplatze der Verwuͤſtung und des Jammers zum andern fortzuziehen, fo war der Zweck groͤßtentheils errelcht und die moraliſche wie die phyſiſche Kraft der eingedrungenen Armee gelaͤhmt worden, die wie im Traume vorwaͤrts ging uͤberall einen laähmenden Widerſtand und doch keinen Gegen⸗ ſtand fand, den ſie greifen und mir dem ſie ringen konnte. Wenn auch Varclay de Tolly im Anfang des Feldzugs durch die zu große Ausdehnung ſeiner Linle, und ſpaͤter durch feine falſchen Mandvers bei Nudneia ſich Fehler hatte zu Schülden kommen laſ⸗ ſen, ſo hatte er dieſe hinwiederum durch ſeine treff⸗ lichen Manoͤvers bei Smolensk und durch ſo manche Vortheile, die er anderswo gewonnen, mehr als gut gemacht. Aber die Ruſſen naherken ſich nun Mos⸗ kau, der Großen und Gehelligten, und dies fährte zu einer Revolutivn in ihrer Kriegswelfe. Die ruſſiſchen Soldaten, befonders die nenaus⸗ gehobenen, ergrimmten immer mehr uͤber einen, wie es ſchien, endloſen Ruͤckzug und uͤber ein Ver⸗ theidigungsſyſtem, nach welchem die Koſacken und Tartaren dem Lande eben ſo wehe thaten, als der Feind ihm haͤtte thun koͤnnen. Voll Selbſtvertrauen 88 und voll Eifer fuͤr die Sache, zu deren Vertheidi⸗ gung ſie berufen worden, zu fechten, ſprachen ſie ſich gegen einen weitern Ruͤckzug aus und verlangten ei⸗ nen Halt und eine Schlacht unter einem ruſſiſchen Feldherrn, dem 7 wie ſie glaubten, die Rettung des Vaterlandes mehr am Herzen liegen mußte, gls ei⸗ nem deutſchen Fremdling. Der Katſer hielt es, faſt noch allein mit Barclay de Tolly. Aber er konnte der vereinigten Stimme des Volkes und ſeiner militaͤri⸗ ſchen Rathgeber nicht wohl trotzen. Fuͤr eine Schlacht zum Behuf der Vertheidigung von Moskau ſprachen ſehr viele und ſehr gewichtige politiſche Gruͤnde, und behielten die Oberhand uͤber die mi litaͤriſchen, die ein zſo großes Wageſt ick allerdings mißriethen. In die Nothwendigkeit ſich fuͤgend, brachte der Kaiſer ſeine eigene Ueberzeugung zum Opfer. Ge⸗ neral Kutu ef, der in der ruſſiſchen Armee einen großen militäͤrkſchen Ruf genoß, ward von der Donau⸗ armee, die gegen die Tuͤrken zu Felde gelegen hatte, ab⸗ und zum Oberbofehl uͤber die große Armee be⸗ rufen; und es gereichte zu Barclay's großer Ehre, daß er, auf dieſe Weiſe abgeloͤst, doch fortfuhr, mit dem groͤßten und treueſten Eifer in einer unterge⸗ ordneten Stellung zu dienen. Die Franzoſen erfuhren bald, daß der Feind demnaͤchſt ſein Kriegsſyſtem veraͤndern und daß der neue rufſiſche Feldherr ihnen endlich die ſo lang er⸗ ſehnte Schlucht lieſern wuͤrde. Buongparte, der 2 89 ſechs Tage in Smolensk verweilt hatte, brach von da am 24ſten Auguſt auf, um den Vortrab ſeiner Armee bei Gjatz einzuholen. Hier fand man einen Franzoſen, der ſich ſchon lange in Rußland nieder⸗ gelaſſen hatte. Durch ihn erfuhr man, daß Kutuſof den Oberbefehl uͤber die ruſſiſche Armee uͤbernom⸗ men und den Aufkrag habe, den Franzoſen eine Schlacht zu liefern. Dieſe Ausſage beſtaͤtigte ſich durch das Benehmen eines ruſſiſchen Offiziers, der angeblich als Parlamentaͤr kam, aber wahrſcheinlich nur den Zuſtand der franzoͤſiſchen Armee erſpaͤhen ſollte. Die Haltung dieſes Mannes mißfiel; auf die Frage eines franzoͤſiſchen Generals, uͤber welche Orte der Weg von Wiazma nach Moskau fuͤhre, ant⸗ wortete er mit lakoniſchem Trotze:„Ueber Pulta⸗ wa.“ Dieſes Wort verkuͤndete offenbar eine Schlacht. Allein die franzoͤſiſchen Truppen waren noch in einer ſolchen Unordnung, daß Napoleon ſich genoͤthigt ſah, in Gjatz einen Halt von zwei Tagen zu machen, um ſeine Armee zu ſammeln und ihr einige Ruhe zu goͤnnen. Er erreichte hierauf bald das Schlacht⸗ feld, das die Ruſſen bei Borodino auf einer hohen Ebene gewaͤhlt und verſchanzt hatten. Die franzoͤſiſche Armee bekam am 5ten Septem⸗ ber die Ruſſen zu Geſicht, nachdem ſie in ſiebzehn Tagen eine Strecke von zweihundert und achtzig Werſten zuruͤckgelegt hatte. Sie ſchritt ſofort zum Angriff einer Redoute, die vor der ruſſiſchen Fronte, aber 90 Izu welt von derfelben entfernt und gleichſam iſolirt tag. Dleſes Außenwerk ward von den Franzoſen ge⸗ nommien und behauptet. Den ganzen folgenden Tag biteben die beiden Armeen einander gegenüßer und uͤſteten’ ſich beide zur Schlacht. Ineiner von Na⸗ tur feſten Stellung hatten die Ruſſen ſehr furcht⸗ rbare Verſchanzungen aufgeworfen. Ihr rechter Fluͤ⸗ „igel lehnte ſich an einen durch einige ahgeſonderte „Borſchanzungen gedeckten Wald. Ein Bach, in ei⸗ Dner tiefen Schlucht fließend, deckte die Fronte des srechten Fluͤgels und das Centrum der Stellung bis zu dem Bache von Borodino; von dieſem Dorfe an 6zog ſich der linke Fluͤgel dis zu dem Dorfe Seme⸗ Movska, das in einer mehr offenen, aber doch durch „Schluchten und Gehoͤlze gedeckten Gegend liegt. „Dieſer Theil der Stellung war der ſchwaͤchere und zugänglichere, und darum durch Redouten und Bat⸗ terien fo viel wie moͤglich verſtaͤrkt; in der Mitte alder ganzen Stellung erhob ſich auf einem abgeſon⸗ a derten Hügel eine Art von doppelter Batterie, die, wie eine Zitadelle, beiden Fluͤgeln eine Flankenver⸗ theidigung gewaͤhrte. In dieſer feſten Stellung ſtand die ruſſiſche Ar⸗ mee, die wie die franzoͤſiſche, etwa 120,600 Mann 3 ſtark ſeyn mochte, unter dem Befehl eines Vetera⸗ nen, der langſam, vorſichtig, beharrlich und, wie Na⸗ „poleon ſpaͤter zu ſeinem Nachtheil erfuhr, auch ſchlau⸗ Fonſt aber durch kein hoͤheres Feldherrntalent aus⸗ 91 gezeichnet war. Der Vortheil des Bodens, einer einzigen Sprache, einer einzigen, füͤr dieſelbe Sache ſechtenden Nation war aauf der Seite der Ruſſen, die, weil ſie die Schlacht ſelbſt gewuͤnſcht hatten, ſich vornahmen, mit der größten Tapferkeit zu fechten. Die franzöͤſiſche Armee dagegen beſtand gus Sol⸗ daten von verſchiedenen Nationen; aber dieſe Solda⸗ ten waren Kernmaͤnner, verſuchte Krieger, wel⸗ che die Drangſale eines beiſpiellvſen Marſches uͤber⸗ lebt hatten; ſie waren die Veteranen der Beſieger von Europa, von Napvleon ſelbſt und unter ſeiner unmittelbaten Aufſicht von jenen Marſchällen befeh⸗ ligt, deren Kriegsruhm nur dem ſeinigen nachſtand⸗ Außer dem Bewußtſeyn ihrer Ueberlegenheit in der Schlacht, der die Ruſſen eben dadurch, daß ſie ſich durch Verſchanzungen zu decken ſuchten, zu huldigen ſchienen, hatten die Franzoſen noch uͤberdies die Aus⸗ ſicht einer gaͤnzlichen Vernichtung, falls ſie in einem Lande den Kuͤrzern ziehen ſollten, in welchem ſie als Sieger kaum vorrüͤcken konnten, als Beſiegte aber nothwendig aufgerieben werden mußten. Napoleons Anrede an ſeine Soldaten war diesmal einfacher, weniger mit rhetoriſchen Floskeln ausgeſchmuͤckt, als ſonſt.„Soldaten,“ ſagte er,„hier iſt die Schlacht, die Ihr ſo oft gewuͤnſcht habt; wir beduͤrfen des Sieges, er wird uns Ueberfluß und gute Winter⸗ guartlere verſchaffen, und uns bald in unſer Vater⸗ land zuruͤckfuͤhren. Die entfernteſte Nachwelt muͤſſe 92 Huu⸗ unter Euch mußs GeMuhf werden: Er war. 5 der großen Schlacht unter den Mauern von Moskau. 7 „In dem ruſſiſchen Lager fand eine ganz andexe Sehue Statt, die darauf berechnet war, Gefuͤhle zu erwecken, denen ſich Frankreich ſchon lange entfrem⸗ det hatte. Die griechiſchen Geiſtlichen erſchienen im ruſſiſchen Lager in ihrem reichen Ornate mit den ehrwuͤrdigen Zeichen der Religion, mit wundertha⸗ tigen Heiligenbildern, den Gegenſtaͤnden frommer Verehrung. Sie ſprachen von den Freveln, durch welche die Franzoſen Himmel und Erde gegen ſich aufgebracht haͤtten, und ermahnten ihre Landsleute, ſich durch ihr Benehmen am Tage der Schlacht ei⸗ nen Platz im Paradieſe zu verdienen. Die Nuſſen antworteten mit Jauchzen. Am Tage vor der Schlacht ſollte das Gemͤth Napoleons auf eine doppelte Weiſe geruͤhrt und er⸗ griffen werden. Ein Offizier brachte ihm das Bild⸗ niß ſeines Sohnes, des Koͤnigs von Rom. Er ſtellte daſſelbe ſofort vor ſeinem Zelte auf, damit es von den Offizieren und Soldaten geſehen wuͤrde. Am Abende eben dieſes Tages kam ein Offizier, den Marmont nach dem Verluſte der Schlacht von Sa⸗ lamanca an ihn abgefertigt hatte. Er vernahm die ſchlimme Kunde mit Gelaſſenheit und Faſſung, und zog bald ſeine Gedanken ſowohl von haͤuslichen Freu⸗ den als von fremden Niederlagen ab, um ſich eln⸗ — 93 zig mit dem Plaue zu der bevorſtehenden Schlacht zu heſchaͤftigen. 1 n Davouſt ſchlug vor, den verſchanzten linken Fluͤ⸗ gel des Feindes zu umgehen, und zu dieſem Zwecke auf der alten Straße, die von Smolensk nach Mos⸗ kau fuͤhrt, 35,000 Mann in die Flanke und den Ruͤ⸗ cken dieſes Theils der feindlichen Stellung zu brin⸗ gen. Dieſes Mandver ſollte zum Theil in der Nacht, zum Theil mit Tagesanbruch gusgefuͤhrt werden, waͤhrend die feindliche Armee in der Fronte beſchaͤf⸗ tigt wuͤrde. Auf der genannten Straße kam Da⸗ vouſt mit ſeinen Truppen auf den hoͤchſten Punkt der umliegenden Gegend, wie ſolches durch die klek⸗ nen Baͤche, die dort entſpringen, angedeutet iſt. Auf dieſem Alles uͤberhoͤhenden Boden haͤrte das au⸗ greifende Korps ſich im Ruͤcken der rußiſchen Linie aufſtellen koͤnnen. Damit war die Moͤglichkeit gege⸗ ben, die Ruſſen von Mojaisk und Moskau abzu⸗ ſchneiden, eine Redoute, eine Reſerve nach der an⸗ dern anzugreifen, und die ruſſiſche Armee dadurch ganz aufzuloͤſen. Vielleicht hielt Napoleon dieſen Plan faͤr zu gewagr, da er zufolge deſſelben ſeine Fronte haͤtte ſchwaͤchen muͤſſen, die dann in Gefabr kam, vom Feinde angegriſſen und durchbrochen zu werden, noch ehe Davduſt den entſcheidenden Punkt erreicht hatte. ee Aih Der Kaifer beſchloß daher, vorerſt von Ponia⸗ towski mit nicht mehr als füͤnftauſend Mann gegen Eines hartnackigen Widerſtandes geuaee tig, ſieß er ſo viet Geſchutz wie moͤglich gegen die⸗ ſen Faget auffahren; die Zahl der Geſchuͤtze foll ſich auf beiden Seiten auf Taufend belaufen haben. Die Schlacht nahm ungefaͤhr um? Uhr ihren An⸗ fang, indem Ney mit dem groͤßten Ungeſtuͤm die Bollwerkſchanze im ruffiſchen Centrum angriff, waͤh⸗ tend Eugen den Feind aus dem Dorfe Semenovska und den anſtoßenden Verſchanzungen zu vertreiben uchte. Nie hat man wohl ein hartnaͤckigeres und blutigeres Gefecht geſehen. Die Franzoſen erſtuͤrm⸗ ten endlich die feindlichen Redouten, aber die Ruſ⸗ ſen ſtellten ihre Schlachtordnung unter dem Feuer der Sieger wieder her, und eilten vorwaͤrts, um thre verlornen Redouten wieder zu nehmen. Re⸗ gimenter von Bauern, die noch ihre grauen Jacken trugen, und bis zu dieſem Tage noch keinen Krieg. geſehen hatten, benahmen ſich wie Veteranen, ſchlu⸗ gen ein Kreuz, und warfen ſich unter dem Rufe: „Gospodi pomil ou nas!— Gott ſey uns gnaͤ⸗ diglee in das Dickicht der Schlacht, wo die Ueber⸗ tebenden in furchtloſer Faſſung, uüber die Lelchen ih⸗ rer fallenen Kameraden binſchreitend, zuſammen⸗ räcten, und die Luͤcken in ihren Reihen ſchloßen, 95 In der Begeiſterung fuͤr ihre Sache, und im from⸗ men Glauben an eine Vorherdeſtimmung, ſ ſchtenen ſie Leben und Tod gleich wentg zu achten. Die Schlacht nahm mehr als einmal eine ſo be be denkliche Geſtalt an, daß Napoleon meht als 4 mal dringend erſucht wurde, die lunge Garde, feine 5 leßte Reſerve, ins Feuer zu ſchicken. Daß er die⸗ ſes nicht gethan, iſt von Einigen getadelt und ſei⸗ nem Uebelbefinden zugeſchrieben worden⸗ wie et dann auch eine ſchlechte Nacht gehabt, und den gan⸗ zen Tag uͤber eine ungewöhnliche Erſchoͤpfung g65 zeigt hat. Aber dieſe Weigerung laͤßt ſich, wie uns dunkt, ganz gut aus der Antwort erklaͤren, mit der er Berthier, der wegen deſſelben Gegenſtandes in ihn gedrungen war, abwies.„Und wenn es mor⸗ gen“, ſagte ex,„eine zweite Schlacht gibt, mit. was ſoll ich dann fechten?“ Die Wahrheit iſt, dieſe zehntauſend Mann ſeiner Garde waren ſeine letzte Reſerve. Sie waren bis dahin auf allen Maͤrſchen ſo viel wie moͤglich geſchont worden, und darum jetzt noch in ziemlich gutem Zuſtande, Haͤtten ſie einen bedeutenden Verluſt erlitten, wie bei der hartnaͤckigen Gegenwehr und den wiederholten An⸗ ſtrengungen der Ruſſen allerdings zu befuͤrchten war, ſo wuͤrde Buonaparte, auch im Falle des Sieges, in eine ſchlimme Lage gekommen ſeyn, und piel⸗ leicht das einzige Korps verloren haben, auf das er bei der gaͤnzlichen Zerruͤttung ſeiner Armee noch. 55 4 zaͤhlen konnte. Kluge Feldherren fetzen ihre letzte Reſerve nicht leicht aufs Spiel; und haͤtte Napoleon ſich in dieſem Punkte bei Waterloo eben ſo vorſich⸗ tig benommen, als bei Borodino, ſo wuͤrde ſein Ruͤckzug von dieſem blutigen Schlachtfelde vielleicht weniger verderblich fur ihn geworden ſeyn. Die Ruſſen, die durch den verzweifelten Ver⸗ ſuch, ihre Redouten wieder zu nehmen, einen unge⸗ heuren Verluſt erlitten, erhielten endlich Befehl, ſich zuruͤckzuziehen, und obgleich den Franzoſen al⸗ kerdings der Sieg blieb, ſo ſchienen ihre Gegner eher das Gefecht abgebrochen, als eine Niederlage erlitten zu haben. Die Franzoſen waren es, die nach der Schlacht ihre erſte Stellung wieder nah⸗ men, und den Ruſſen den blutigen Wahlplatz uͤber⸗ ließen, wo ſie ihre Todten in aller Muße begruben, und ihre Verwundeten fortſchafften. Ihre Reiterei war ſogar dreiſt genug, die Franzoſen in der auf den Schlachttag folgenden Nacht zu allarmiren. Der Verluſt war auf beiden Seiten ſchrecklich. Die Ruſſen hatten den Tod des tapfern Fuͤrſten Vagration, deſſen meiſterhaften Ruͤckzug aus Polen wir zu ſeiner Zeit erwaͤhnt haben, zu beklagen. Auch General Tuczkoff ſtarb an ſeinen Wunden; au⸗ ßordem wurden noch viele andere ruſſiſche Generale verwundet. Die Ruſſen zaͤhlten fuͤnfzehntauſend Todte und mehr als dreißigtauſend Verwundete. Die Franzoſen ſollen wenigſtens zehntauſend Tadir und 97 boppelt ſo viel Ve wundete verloren haben. Von den letzteren genaſen nur wenige wieder, denn das große Kloſter von Kolotskoi, ihr Hauptſpital, war ſchlecht mit dem, was noth that, verſehen, und den Aerzten fehlte es an der noͤthigen Mannſchaft, um in den umliegenden Doͤrfern Linnenzeug und andere Bedarfniſſe aufzutreiben— denn es ſcheint, daß in dieſem unſeligen Feldzuge auch die Spitalbeduͤrf⸗ niſſe durch das Marodiren aufgebracht werden muß⸗ ten. Acht franzoͤſtſche Geunerale waren geblieben, unter denen Montbrun und Caulaincourt, Bruder des Großſtallmeiſters, Maͤnner von ausgezeichnetem Rufe, waren. Ungefaͤhr drelßig andere Generale hat⸗ ten Wunden erhalten. Kein Thell konnte ſich mili⸗ kaͤriſcher Trophaͤen ruͤhmen, denn die Ruſſen mach⸗ ten etwa tauſend Gefangene, und die Franzoſen kaum doppelt ſo viel; Kutuſof nahm zehn franzoͤ⸗ ſiſche Kanonen mit ſich ſort, und ließ dagegen drel⸗ zehn der ſeinigen zuruͤck. So unbedentend waren, wenn man von den Todten abſieht, die naͤchſten Fol⸗ gen dieſer Schlacht, daß man haͤtte glauben ſollen, ſie ſey, nach der Weiſe der alten Ritterſpiele, nur darum geſchlagen worden, damit die Staͤrke und der Muth der Fechtenden bewaͤhrt wuͤrde. Nach den ruſſiſchen Berichten hatte Kutuſof am folgenden Tage eine zweite Schlacht liefern wollen, aber, von dem großen Verluſte ſeiner Armee in Kenntuiß geſetzt, dieſen Gedanken wieder fahren W. Scott's Warke. L.V. 7 98 laſſen. Er zog ſich am ſolgenden Tage nach Mojaisk zuruͤck, ohne ſeinen unermeßlichen Verluſt durch zu⸗ ruͤckgelaſſene Truͤmmer zu bekunden. Am 0ten Sep⸗ tember erreichten die Franzoſen Mojaisk, wo ſie den ruſſiſchen Nachtrab wieder zu Geſicht bekamen, und ſofort Anſtalt trafen, denſelben anzugreifen. Aber am Iiten zeigte es ſich, daß die ruſſiſche Armee aber⸗ mals mittelſt eines ſo wohl berechneten und ſo treff⸗ lich maskirten Ruͤckzugs verſchwunden war, daß Na⸗ poleon ſchlechterdings nicht beurtheilen kounte, ob ſie die Straße nach Moskau, oder die nach Kaluga eingeſchlagen habe. Dadurch ward er bis zum 12ten in Mojaisk feſtgehalten, wo er beſtimmte Nachricht erhielt, daß die ruſſiſche Armee ſich nach ihrer Haupt⸗ ſtadt zuruͤckgezogen habe. Es iſt auffallend, daß die ſo zahlreiche und groͤß⸗ tentheils aus Neulingen beſtehende ruſſiſche Armee in dieſem Feldzuge der franzoͤſiſchen Armee ſo oft entſchluͤpft iſt, ohne daß Napoleon aus irgend einem Umſtande haͤtte ſchließen koͤnnen, welchen Weg ſie genommen. Dies fand nicht nur in dem gegenwaͤr⸗ tigen Falle, ſondern auch fruͤher bei Witepsk und ſpaͤter bei Moskau Statt. Frellich befanden ſich die Ruſſen in ihrem eigenen Lande, und konnten mit⸗ telſt ihrer zahlreichen Koſackenſchwaͤrme ihren Marſch der Keuntuiß des Feindes eutziehen; demungeachter muͤſſen wir jenen Gehorſam und die inſtinktartige Tisciplin bewundern, durch welche ſie in Stand ge⸗ —.— 99 ſetzt wurden, eine befohlene Bewegung mit ſolcher Genauigkeit auszufuͤhren, daß nicht ein Nachzuͤgler zuruckblieb, durch den das Geheimniß haͤtte verrg⸗ then werden koͤnnen. Am 12ten September begab ſich Buonaparte wie⸗ der zu ſeiner Armee, die, auf gut Gluͤck der Straße von Moskau folgend, von Pferdefleiſch und zerſtoße⸗ nem Korn leben mußte. Den Tag zuvor hatten Mu⸗ rat und Mortier, die den Vortrab fuͤhrten, die Ruſ⸗ ſen in einer gutgewaͤhlten Stellung bei Krymskoie wieder gefunden und ſich mit denſelben in ein Ge⸗ fecht eingelaſſen, worin die Franzoſen durch die un⸗ beſonnene Hitze des Koͤnigs von Neapel zweitauſend Mann einbuͤßten. Buonaparte wollte von der Ver⸗ folgung der Ruſſen nicht abſtehen, weil es ihm un⸗ moͤglich ſchien, daß ſie ihre Hauptſtadt ohne ein zweites Gefecht preisgeben wuͤrden. Es lag ihm um ſo mehr daran, ſie einzuholen, weil die Diviſionen Laborde und Pino von der italieniſchen Armee, von Smolensk kommend, bei der Armee eingetroffen wa⸗ ren, die hiedurch nach ihrem Verluſt in der Schlacht von Borodino wieder auf mehr als hunderttauſend Mann gebracht wurde. Die ruſſiſchen Generale hielten Kriegsrath, um die ernſte Frage zu erwaͤgen, ob ſie die einzige Ar⸗ mee, die ſich im Herzen Rußlands befand, den Ge⸗ fahren einer nur allzuwahrſcheinlichen Niederlage ausſetzen, oder ob ſie Moskau ohne Schwertſtreich 7.- 100 dem Sieger als Beute uͤberlaſſen ſollten— das hei⸗ lige Moskau— das ruſſiſche Jeruſalem— die von Gott und Menſchen geliebte Stadt, deren Name und Da⸗ ſeyn ſo viele hiſtoriſche, patriotiſche und nationa⸗ le Erinnerungen, ſo viele individuelle Gefuͤhle weck⸗ ten. Vernunft rieth das eine, Stolz und Demülhe lichkeit erklaͤrten ſich fuͤr das andere. Eine zweite Schlacht zu wagen, hieß das Schick⸗ ſal der großen Armee aufs Spiel ſetzen, was ſelbſt nicht zur Rettung der Hauptſtadt gewagt werden durfte. Die vorherrſchende Meinung war, wie es ſcheint, daß, da Napoleon ſich im Herzen Rußlands mit einer immer mehr zuſammenſchmelzenden Armee befinde, und die rauhe Jahreszeit im Anzuge ſey, jede Stunde, um welche ein entſcheidendes Gefecht aufgeſchoben werde, ein Verluſt fuͤr Frankreich, ein Gewinn fuͤr Rußland ſeyn wuͤrde, um ſo mehr, als einerſeits Witgenſtein und Steinheil, andererſeits Tormazoff und Tſchitſchakoff ſich vereinigen und Li⸗ thauen und Polen, Napoleons Baſis, auf beiden Flanken faſſen, und ſo deſſen Magazine, Huͤlfsquel⸗ len, Reſerven und Verbindungslinien aller Art be⸗ drohen und gefaͤhrden konnten. Dann bedachten die ruſſiſchen Generale auch, daß durch die Raͤumung von Moskau, die ſich leichter bewerkſtelligen laſfe, gls die irgend einer audern Stadt in der ciylliſtr⸗ ten Welt, die Beute des Siegers ihren Werth ver⸗ lieren und dieſem zu nichts nuͤtzen wuͤrde. Es ward ——— 101 daher anerkannt, daß die Erhaltung der Armee der Rettung von Moskau vorzuziehen ſey, und beſchloſ⸗ ſen, die alte Hauptſtadt der Czare ihrem Schickſal zu uͤberlaſſen. Graf Roſtopſchin, der Gouverneur von Mos⸗ kau, war ein Mann von Verdienſt und Talent, ſelbſt geiſtreich, wie man uns berichtet hat, aber etwas ercentriſch. Er hatte, ſeit Anfang des Krie⸗ ges, die Buͤrger durch gute Nachrichten und durch eine biedere Sprache bei gutem Muthe erhalten. Aber nach der Einaͤſcherung von Smolensk, und be⸗ ſonders nachdem Buonaparte wieder oſtwaͤrts gezo⸗ gen, fluͤchteten oder verbargen die reicheren Ein⸗ wohner von Moskau ihre koſtbarſte Habe und verlie⸗ ßen die Stadt. Roſtopſchin fuhr demungeachtet mit ſeinen Verſicherungen fort, und bemuͤhte ſich, durch verſchledene Mittel das Volk zu uͤberzeugen, daß nichts zu befuͤrchten ſey. Er bediente ſich unter andern auch des Kunſtgriffes, von Weibern aus dem gemeinen Volke einen großen Lufthallon verfertigen zu laſſen, mit dem er, wie das Volk glaubte, in die Luft ſteigen und Feuer auf die franzoͤſiſche Armee fallen laſſen wollte. Er ſoll un⸗ ter dieſem Vorwande eine große Menge von Feuer⸗ werken und andern Brennſtoffen, die zu einem ganz andern Zwecke beſtimmt waren, zuſammengebracht haben. Spaͤter wurden die Einwohner immer be⸗ ſorgter, und da ſie ſich von den Franzoſen und den 1⁰2 Graͤueln, die ſie in der Stadt veruben moͤchten, el⸗ nen ſchreckl lichen Begriff machten, ſo verließen nicht nur der hohe Adel und die Honvratioren, ſondern auch die Handwerker und andere gemeine Leute die Stadt zu Tauſenden, waͤhrend der Gouverneur, der ſtets die Sprache der Zuverſicht fuͤhrte, zugleich Allem aufbot, um die Auswanderung anzuordnen und zu beguͤnſtigen. Die Archive und oͤffentlichen Kaſſen wurden fortgeſchafft; die Magazine, beſonders die der Lebensmittel, in ſoweit es die Zeit erlaubte, geleert, und die Straßen, beſonders die ſuͤdlichen, fuͤllten ſich mit langen Zuͤgen von Wagen, mit dich⸗ ten Haufen von Maͤnnern, Weibern und Kindern zu Fuße, die die Hymnen ihrer Kirche ſaͤngen, und ihre Blicke oͤfters nach der herrlichen Stadt zuruͤck⸗ warfen, die nun bald ein Schutthaufen werden ſollte. Die große rufſiſche Armee langte in der Naͤhe der Hauptſtadt, in der Stellung von Fili au, nicht, um die heilige Stadt zu vertheidigen, ſondern, wie man jetzt offen geſtand, um durch die dem Untergang Ge⸗ weihte zu ziehen, die Beſatzung derſelben und alle kreitbaren Buͤrger mit ſich zu nehmen und die Haupt⸗ ſadt ihrem Schickſale zu. uberkaſſen. Am 14ten Sep⸗ tember zogen die rufſtſchen Truppen mit geſenkten Blicken, mit aufgerollten Fahnen, ohne Trommel⸗ ſchlag, durch die Straßen der Hauptſtadt und zum Kelomnathore hinaus. An ſie ſchloßen ſich die bis jetzt noch zuruͤckgebliebenen Einwohner groͤßtentheils 103 an. Indeſſen hielt Noſtopſchin vor ſeiner Abreiſe noch ein oͤffentliches Blutgericht. Er ließ zwei Men⸗ ſchen vor ſich fuͤhren, einen jungen Ruſſen, der in Deutſchland einige Sentenzen aus den Zelten der franzoͤſiſchen Republik ſich gemerkt und dieſelben leichtſinnigerweiſe in Moskau ausgekramt hatte, und einen Franzoſen, den die nahe Ankunft ſeiner Lands⸗ leute zu einigen unklugen politiſchen Aeußerungen veranlaßt hatte. Der Vater des ruſſiſchen Verbre⸗ chers war auch da. Man glaubte, er waͤre gekom⸗ men, ſich fuͤr ſeinen Sohn zu verwenden. Allein er war es, der deſſen Tod forderte. Der Gonuverneur bewilligte ihm einige Augen⸗ blicke, um Abſchied von ſeinem Sohne zu nehmen und ihn zu ſegnen. 4 „Soll ich einen Rebellen fegnen?“ ſagte der ſeythiſche Brutus.„Mein Fluch uͤber den, der ſein Vaterland verrathen hat!“ Der Verbrecher ward auf der Stelle zuſammen⸗ gehauen. 4 „Fremdling,“ ſagte jetzt Roſtoyſchin zu dem Franzoſen,„Du warſt unvorſichtig; doch mußteſt Du als Franzoſe allerdings die Ankunſt Deiner Lands⸗ leute wuͤnſchen: Du biſt frei; geh und ſage ihnen, daß es in Rußland nur einen Verraͤther gegeben und daß dieſer mit ſeinem Leben dafuͤr gebuͤßt har.“ Der Gouverneur ließ hierauf die Gefängniſſe fuen, und die Miſſethaͤter in Freiheit ſetzen, dann 10⁰4 ſchwang er ſich zu Pferde und folgte mit ſeinen Dienſt⸗ leuten der Armee, die veroͤdete Stadt dieſen Ban⸗ diten und den Auswuͤrflingen des Poͤbels uͤberlaſſend. . r 8 1——— Fuͤnftes Kapitel. 4. 4 Snft 4 1 1 1§ Am laten September kommt Napoleon nach Moskau.— um Mitternacht bemerkt man, daß die Stadt im Brand ſteht.— Napoleon nimmt ſein Quartier im Kremlin.— Man dämpit das Fener am folgenden Tage, aber in der Nacht erhebt es ſich wieder.— Man glaubt, es fey angelegt;— es werden einige Ruſſen ergriffen und erſchoſſen.— In der dritten Nacht kommt auch im Kremlin Feuer aus.— Buonaparte verläßt ſolchen und begibt ſich nach Petrowsky.— Das Feuer wüthet bis zum 19ten, wo vier Fünftel der Stadt abgebrannt ſind.— Am aoſten kebhrt Buonaparte in den Kremlin zurück.— Erörterung, dieſen gro⸗ ßen Brand betreffend.— Zerrüttung und Zuchtloſtakeit der franzöſiſchen Armee.— Anſtände, betreffend die Wiedervirlaſſung von Moskau.— Lauriſton wird mit einem Schreiben an den Kaiſer Alevander geſchickt.— Rückblick auf den Marſch der ruſ⸗ ſiſchen Armee, nachdem ſie Moskau verlaſſen.— Lauriſton hat eine Zuſammenkunft mit Kutuſof am zten Oktober.— Erfolg derſelben.— Murgt ſchließt einen Waßfnſtillſtand.— Anſtalten zum Rückzug.— Kaiſer Alexander wil nichts von Unterhand⸗ lungen wiſſen. 35 Am 14ten September 1812, als eben der Nach⸗ trab der Ruſſen Moskau raͤumte, erreichte Napoleon den Huͤgel, den man den Heilsberg nennt, weil die * „ 105 Ruſſen dort ſich bei dem Anblick der heiligen Stadt auf die Knie werſen und ſich bekreuzigen. Moskau, mit ſeinen dreihundert Kirchthuͤrmen und glaͤnzenden Kuppeln; mit ſeinen morgenlaͤndi⸗ ſchen Palaͤſten, die ſich aus Baumgruppen und Gaͤr⸗ ten erhoben; mit ſeinem Kremlin, der, eine drei⸗ eckigte Maſſe von Thuͤrmen, zugleich einen Palaſt und eine Feſtung vorſtellend, aus der Maſſe der Luſt⸗ waͤlder und Gebaͤude emporſtieg, gewaͤhrte einen herr⸗ lichen und impontrenden Anblick. Aber keine Eſſe rauchte, kein Menſch ließ ſich auf den Zinnen der Mauern oder an den Thoren ſehen. Napoleon ſah mit unverwandten Blicken hin, in der Erwartung, daß ein langer Zug von baͤrtigen Bojaren kommen wuͤrde, um ſich ihm zu Fuͤßen zu werfen und ihre ganze Habe zu ſeiner Verfuͤgung zu ſtellen. Sein erſter Ausruf war:„Sehet da die beruͤhmte Stadt!“ — ſein zweiter:„Es war hohe Zeit.“ Seine Ar⸗ mee, die ſich um die Vergangenheit und Zukunft we⸗ niger bekuͤmmerte, heſtete ihre Blicke auf das Ziel ihrer Wuͤnſche;„Moskaul— Moskau!“ ſcholl es durch ihre Reihen⸗ Napoleon war noch in Gedanken vertieft, als er eine Meldung von Murat erhielt. Dieſer hatte die Koſacken des ruſſiſchen Nachtrabs eingeholt, die ſich gerne mit bem ſtattlichen Ritter in ein Geipraͤch einließen, den ſie ſo oft an der Spitze des franzoͤſt⸗ ſchen Vortrabs geſehen hatten. Murat meldete, 2 10⁰6 Miloradowitſch drohe, die Stadt in Brand zu ſtek⸗ ken, falls man ſeinem Nachtrab nicht die noͤthige Zeit goͤnnen wuͤrde, dieſelbe zu raͤumen. So trotzig dies klang, ſo bewilligte Napoleon dennoch einen Waffenſtillſtand, fuͤr den ihm dis Ehmehnet nicht mehr danken konnten. Nach zweiſtündigem Warten erſuhr er von eini⸗ gen franzoͤſiſchen Einwohnern, die ſich waͤhrend der Raͤumung von Moskau verſteckt hatten, daß die Skadt gaͤnzlich verlaſſen ſey. Die Nachricht, daß eine Bevoͤlkerung von zweimalhundert und fuͤnſzig⸗ tauſend Seelen ihre Geburtsſtadt verlaſſen habe, ſchien unglaublich, und Napoleon wiederholte ſeinen Befehl, daß man ihm die Bojaren und die Beam⸗ ten bringen ſolle; auch wollte er ſich von dem, was vorgeſallen, nicht uͤberzeugen, bis ihm einige von den Elenden, die in der Stadt zuruͤckgeblieben wa⸗ ren, vorgefuͤhrt wurden. Als er nun die Raͤumung von Moskau nicht laͤnger bezweifeln konnte, ſagte er mit einem bittern Laͤcheln:„Die Ruſſen ſollen bald erfahren, was* an ihrer Hanptſtabt verloren ha⸗ ben. 464 Hierauf erfolgte bas Zeichen zum Einruͤcken; 5 und die Truppen, denen die Einſamkeit und die Stille, die ſie uͤberall bemerkten, ſchauerlich duͤnkte, drangen in dieſe ſonderbaren Gruppen von Palaͤſten und armſeligen Huͤtten, wo die groͤßte Armuth, die kaum die gemeinſten Beduͤrfniſſe des Lebens auf⸗ 1 4 107 bringen konnte, den ganzen Reichthum und Aufwand des Orients zum naͤchſten Nachbar zu haben ſchien. Auf einmal ward die Stille durch ein Musketenfeuer unterbrochen, mit dem einige elende Fanatiker von den Zinnen des Kremlins herab die erſten Franzo⸗ ſen, die ſich dem Palaſte der Czare naͤherten, em⸗ pfingen. Die meiſten von dieſen Elenden waren be⸗ rauſcht; aber der entſchloſſene Skarrſinn, mit dem ſie ihr Leben wegwarfen, war ein neuer Zug des ſchroffen Patriotlsmus, von welchem die Franzoſen ſo viele Beiſpiele geſehen hatten, und noch ſehen 1 ſollten. neitn Buonaparte ſchlen den Anblick der leeren Stra⸗ ßen vermeiden zu wollen und ſtieg deßwegen bei ei⸗ nem der erſten Haͤuſer der naͤchſten Vorſtadt ab⸗. Seine Truppen bezogen ihre Quartiere in der ver⸗ 1 oͤdeten Stadt. Nur wenige Stunden nach ihrem Einruͤcken verkuͤndete ein dunkles, nicht zu erklaͤren⸗ des Gerucht, ahnlich denjenigen, die manchmal einer großen Kataſtrophe vworangehen, daß die Stadt au⸗ gezuͤndet werden wuͤrde. Dieſes Geruͤcht ſchien durch einige auffallende Umſtaͤnde beglaubigt zu werden, aber niemand achtete darauf, bis die Soldaten um Mitternacht durch Feuerlaͤrm aufgeſchreckt wurden. Das Feuer brach zuerſt in den Werkſtaͤtten und Bu⸗ den auf dem Bazar oder Markt, gerade in dem reich⸗ ſten Theile der Stadt, aus. Man glaubte, es ſey duech Zufall entſtanden, und es gelang den Anſtren⸗ gungen der franzoͤſiſchen Soldaten, demſelben Ein⸗ halt zu thun. Napoleon, durch den Laͤrm geweckt, eilte ſelbſt an Ort und Stelle, und begab ſich von da, als das Feuer gedaͤmpft ſchien, nicht mehr in ſein erſtes Quartier nach der Vorſtadt, ſondern nach dem Kremlin, dem Erbpalaſte des einzigen Herr⸗ ſchers, den er als ebenmaͤchtig behandelt und uͤber den er durch ſeine ſiegreichen Waffen jetzt ein an⸗ ſcheinend unermeßliches Uebergewicht erlangt hatte⸗ Doch ließ er ſich durch die erhaltonen Vortheile nicht blenden, ſondern ſchrieb bei dem Scheine des bren⸗ nenden Bazars mit eigener Hand Worte des Frie⸗ dens an den Kaiſer Alexander. Ein ruſſiſcher Stabs⸗ offiz ier, der als krank in Moskau zuruͤckgeblieben war, erhielt den Auftrag, dieſen Brief zu beſtelleu, der aber ohne Antwort geblieben iſt. Nachdem es Tag geworden, waren die Flammen verſchwunden, und die franzoͤſiſchen Offiziere ſaͤum⸗ ten jetzt nicht, ſich in den verlaſſenen Palaͤſten, je⸗ der nach ſeinem Geſchmacke, einzuquartiren. In der Nacht kam in den noͤrdlichen und weſtlichen Stadt⸗ vierteln wieder Feuer aus. Da der groͤßte TCheil der Haͤuſer aus Holz erbaut war, ſo griff das Feuer mit reißender Schnelligkelit um ſich. Man ſchrieb dies anfangs den Feuerbraͤnden und Funken zu, die vom Winde uͤberall hingetrieben wurden; man bemerkte aber bald, daß, ſo oft der Wind ſich drehte, was in dieſer ſchrecklichen Nacht dreimal geſchah, ſich ſtets 109 wieder neue Flammen gerade in derſelben Richtung erhoben, in welcher ſie durch den Wind dem Krem⸗ liu zugeweht werden mußten. Zu dieſen Schrecken kam noch die Gefahr einer Exploſion, denn es be⸗ fand ſich, ohne daß die Franzoſen es wußten, ein ruſſiſches Pulvermagazin im Kremlin, und in dem Hofe deſſelben war unter den Fenſtern des Kaiſers ein Geſchuͤtzpark mit den dazu gehoͤrigen Munitions⸗ wagen aufgefahren. Der Morgen kam und mit ihm eine furchtbare Scene. Waͤhrend der ganzen Nacht war die Hauptſtadt auf das hellſte erleuchtet gews⸗ ſen. Jet war dieſelbe in einen dichten, erſtlcken⸗ den, faſt greifbaren Rauch gehuͤllt. Die franzoſiſchen Soldaten bekaͤmpften die Wuth der Flammen ver⸗ gebens, und man verſichert, die Stadtbrunnen ſeyen ruinirt, die Waſſerroͤhren durchſchnitten und die Loͤſch⸗ werkzeuge zertruͤmmert oder gar nicht da geweſen. Dann ward gemeldet, man habe in den verlaffe⸗ nen Haͤufern Brandlkugeln gefunden, Maͤnner und Weiber von daͤmoniſchem Anſehen bemerkt, die mit Fackeln und betheerten Lanzen das Feuer angeſchuͤrt und den Brand weiter geleitet haͤtten. Einige elende Subjekte, denen man dergleichen Schuld gab, wur⸗ den ergriffen, und, wahrſcheinlich ohne vorlaͤufiges Verhoͤr, auf der Stelle erſchoſſen. Waͤhrend man kaum das Dach des Kremlins von den Feuerbraͤnden und Funken, die der Wind dahin trieb, reinigen konnte, beobachtete Napoleon vom Fenſter gus die 110 Fortſchritte der Feuersbrunſt, die ſeine ſchoͤne Beute verzehrte, und rief erſtaunt aus:„Das ſind in Wahrheit Scythen.“ In der dritten Nacht verhaphelten die Aegui⸗ noctialſtuͤrme ihre Wuth, und fachten ein Feuer an⸗ das durch keine menſchliche Macht mehr zu baͤndi⸗ gen war. In der graußen Mitternachtsſtunde er⸗ ſcholl der Ruf:„Es brennt im Kremlin!“ Ein ruß⸗ ſiſcher Polizeiſoldat ward als der Brandſtifter auge⸗ geben und von der kalſerlichen Garde ohne weiters niedergemacht. Buonaparte fand ſich endlich durch die dringenden Bitten ſeiner Umgebungen bewogen, den Kremlin zu verlaſſen, den er als das ſichtbare Zeichen ſeiner Eroberung, wie ein Loͤwe ſeine Veute, feſthalten zu wollen ſchien. Er entkam nur mit Muͤhe und nicht ohne bedeutende Gefahr aus dem Palaſte, und mußte mit ſeinem Gefolge, um das naͤchſte Stadtthor zu gewinnen, ſeinen Weg durch Straßen nehmen, wo die von beiden Seiten zuſam⸗ menſchlagenden Flammen ein Feuergewoͤlbe bildeten und die Luft zum Erſticken heiß war. Endlich kam er ins freie Feld und nahm ſein Quartier in dem etwa eine franzoͤſiſche Stunde von der Stadt ent⸗⸗ fernten, dem Czar gehoͤrigen Palaſte Petrowsky. Als er dort die rieſenhaften Flammen, vom Herbſt⸗ winde gefaßt, dem Kremlin, wie ein Hoͤllenmeer dem duͤſtern Sids aller Teuſel„zuwogen ſah, konnte 111 er ſich des ominoͤſen Ausrufs nicht enthalten:„Dies verkuͤndet uns großes Ungluͤck.“ Das Feuer, daß ſich nicht mehr baͤndigen ließ, verzehrte in wenigen Tagen das Werk von Jahrhun⸗ derten.„Palaͤſte und Tempel“, ſagt ein ruſſiſcher Schriftſteller?),„Denkmaͤler der Kunſt, wunderſame Schoͤpfungen der Ueppigkeit, die Ueberreſte ent⸗ ſchwundener Jahrhunderte, die Erzeugniſſe von ge⸗ ſtern, die Graͤber der Altvordern, wie die Wiegen des lebenden Geſchlechts, wurden ohne Unterſchied vernichtet. Von Moskau blieb nichts, als das Ge⸗ daͤchtniß der Stadt, und der tiefe Entſchluß, ihren Fall zu raͤchen.“ Das Feuer wuͤthete mit gleicher Heftigkeit bis zum 19ten, wo es dann aus Mangel an Nahrung all⸗ maͤhlig nachließ.. Man behauptet, es ſeyen vier Fuͤnftel dieſer großen Stadt abgebrannt. Am oſten kehrte Buonaparte in den Kremlin zus ruͤck und traf, dem ſchrecklichen Auftritte, deſſen er Zeuge gewefen, gleichfam zum Trotz, Vorkehrungen, als wolle er ſich auf laͤngere Zeit in Moskau nieder⸗ laſſen. Er ließ ſogar ein Theater zurichten, auf welchem Schauſpieler von Paris ihre Darſtellungen geben ſollten; er wollte vielleicht dadurch zeigen, daß *) Karamin, ein ruſſiſcher Geſchichtſchreiber bon Verdienc⸗ deſſen Werke auf ausdrücklichen Befehl des verſtorbenen Kaiſers Alexander, der Cenſur nicht unterlagen. 112 er ſich auch durch das ſchrecklichſte Element nicht au⸗ ßer Faſſung bringen, und in ſeiner gewohnten Le⸗ bensweiſe nicht ſtoͤren laſſe. In Gemaͤßheit eben dieſer Unbefangenheit oder Ziererei entwarf der Kai⸗ ſer mitten unter den Truͤmmern von Moskau ein vollſtaͤndiges Reglement fuͤr das Théatre Français zu Paris. Er fand Gefallen daran, ſeine Verord⸗ nungen uͤber haͤusliche und geringfuͤgige Gegenſtaͤnde in entfernten Gegenden und fremden Hauptſtaͤdten zu erlaſſen, und beſonders ſie dort auszufertigen. Der Kaiſer ſchien gewiſſermaßen allgegenwaͤrtig, wenn er im Kremlin Vorſchriften gab, wie es auf dem Theater zu Paris gehalten werden ſolle. Es war ſchon prophezeiht worden, daß er ſeine ganze Armee aufopfern wuͤrde, nur um das Vergnuͤgen zu haben, ein Dekret von Moskau aus zu datiren. Der Brand von Moskau war ſo allverwuͤſtend, ſo wichtig in ſeinen Folgen, in einem ſo pregnan⸗ ten Augenblick entſtanden, daß beinahe alle Augen⸗ zeugen denſelben als das Werk eines erhabenen, aber faſt graͤßlichen Patriotismus der Ruſſen, ihrer Regierung, und insbeſondere des Gouverneurs Ro⸗ ſopſchin, angeſehen haben. Auch iſt durch das aus⸗ druͤckliche Ablaͤugnen des Grafen Roſtopſchin die all⸗ gemeine Ueberzeugung keineswegs geſchwaͤcht worden, daß er der naͤchſte Urheber geweſen. Alle franzoͤſi⸗ ſchen Offiziere bezeichnen ihn bis auf den heutigen Tag als den Brandſtifter. 6 Anderer⸗ 113 Andererſeits gibt es wieder Manche, welche die Wahrſcheinlichkeit eines ſolchen Falles gut zu beur⸗ theilen wiſſen, die da glauben, es ſey der Stadt Moskau eben ergangen, wie jeder andern verlaſſenen Stadt, die faſt immer verbrannt und gepluͤndert wird. Wir haben anderswo die Gruͤnde angefuͤhrt, worauf ſich beiderſeits berufen wird,*) und begnuͤ⸗ gen uns, zu bemerken, daß, wenn hier der Zufall ſollte gewaltet haben, eine der großartigſten und ſchrecklichſten Begebenheiten, deren die Geſchichte ge⸗ denkt, ihrem Gebiete entruckt wuͤrde. Als freiwit⸗ lige That der Ruſſen betrachtet, iſt die Einaͤſcherung der Hauptſtadt eine rieſenhafte Erſcheinung, die wir anſtaunen muͤſſen, die durch ihre unermeßliche Be⸗ deutung unſere urtheilskraft laͤhmt, ſo daß wir kaum wiſſen, ob wir ſie verbrecheriſch oder tugendhaft, pa⸗ triotiſch oder rachſuͤchtig nennen ſollen. Die Einaͤſcherung von Moskau, ſie mochte nun ein Werk des Zufalls oder der Ruſſen geweſen ſeyn, mußte doch auf jeden Fall in Beziehung auf den Feld⸗ zug die bedeutendſten Folgen haben. Buonagparte war auf jede Gefahr hin bis nach dieſer Hauptſtadt vorgedrungen, um ſich eines Unterpfandes zu verſi⸗ chern, zu deſſen Wiederausloͤſung Alexander, wie er glaubte, gerne den Frieden auf ſeine Bedingungen annehmen wuͤrde. Aber die Frucht ſeines Sieges Beilage Nro. a. W. Soort's Werke. LV. 8 war, ſo keblich ſie auch atisfah, wie jene Frucht, d die der Sage nach an den Ufern des todten Meeres wachſen foll, unter der ſchonen Huͤlle nichts als Nuß und Aſche. Moskau hatte er zwar gefaßt, aber zu⸗ gleich erdruͤckt; unvermoͤgend, auf den wegen Mos⸗ kau beſorgten Kaiſer von Rußland einzuwirken, hatte er im Gegentheil allen Grund, zu befuͤrchten, daß berfelbe uͤher die gaͤnzliche Zerſtorung dieſer Stadt höchſt aufgebracht ſeyn muͤſſe, da er von ihm nicht einmal eine Antwort auf ſein verſoͤhnliches Schrei⸗ ben erhalten hatte. und ſo wurde durch dieſe Ka⸗ taſleophe eine Eroberung, von der er den Frieden gehofft hatte, die Urſache der unverſöhnlichſten Feindſchaft. Auch war nicht zu überfehen, daß Napoleon durch dieſen ſchrecklichen Brand die Hälfsguellen großten⸗ hene verlor, auf die er zur Wiederherſtellung ſe⸗ ner ausgehungerten Armee gerechnet hatte. Wuͤre dieſelbe Volksmenge in Moskau geblieben, ſo wuͤrde es auch nicht an Mitteln gefehlt haben, ihre Maͤrkte gehoͤrig zu verforgen. Dazu gehoͤrt allerdings Welz indem dieſe Hauprſtadt ihre Beduͤrfkuiſſe nicht aus der naͤchſten Umgegend, ſöndern aus weit entlegenen Provinzen bezieht, und zwar im Sommer zu Waſſer und im Winter auf Schlitten. In dem vorausge⸗ ſetzten Falle waͤren dieſe Zufuhren nicht ausgeblleben, wenn man anders nicht eine Bevoͤlkerung von mehr als 250,000 Seelen zu leich mit der Armee des Fein⸗ des haͤtte aushungern wollen. Das verlaſſene, ab⸗ 115 gebrannte, in Kohlen⸗ und Aſchenhügel verwandelte Moskau bodurfte dagegen ſolcher Zufuhren nicht laͤn⸗ ger; auch war nicht zu hoffen, daß die Provinzen, aus denen Moskau ſeine Beduͤrfniſſe bezog, dieſel⸗ ben fortan nach der Brandſtaͤrke ſenden wuͤrden, um die Armee des eingedrungenen Feindes damit zu vorpflegen. Dieſe Ueberzeugung erfullre den fran⸗ zoͤſiſchen Kaiſor und ſeine vornehmſten Offiziere mit bangen Beſorgniſſen. 1 Mittlerweile waren die Truͤmmer von Moskau und der von den Flammen verſchonte Theil der Stadt eine reiche Fundgrube fuͤr die franzoͤſiſchen Soldaten; ſie genoßen auch nach ihrer Weiſe des ge⸗ genwaͤrtigen Augenblicks, ohne an die Zukunft zu denken. Die Armee ergoß ſich zum Behuf des Pluͤn⸗ derns uͤber die ganze Stadt; die Soldaten fanden große. Quantitaͤten von geſamolzenem Gold und Sil⸗ bern reiche Warren und Koſtbarkeiten deren Werth ſie nicht zu ſchaͤgen wußten⸗ auch Lurusartikel, waͤh⸗ rend ſie die gemeinſten und nothwen digſten Lebens⸗ mittel entbehrten. Es war nichts Seitenes, ganz zerlunte, unbeſchuhte Soldaten auf ganzen Ballen der reichſten Waaren ſitzen oder die koſtbarſten Shawls, das ſeltenſte ſibiriſche Pelzwerk, mit Gold und Per⸗ len geſtickte Gewaͤnder auskramen zu ſehen. Andere wgren auf das reichli hſte mit Thee, Zucker, Kaffee und aͤhnlichen Laxusartikeln verſehen, waͤhrend ſie kaum elendes Pferdeſleiſch zu eſſen und ſchla entgtes Waſſer zu trinken hatten. Beſonders an Zucker hatten ſie einen ſolchen Ueberfluß, daß ſie ihre Pferdefleiſchſup⸗ pen damit wuͤrzten. Das Ganze war eine ſeltſame, Ekel erregende und hoͤchſt ominoſe Coexriſtenz der ro⸗ heſten Schwelgerei und aͤußerſten Noth. Diejeni⸗ gen ſchaͤtzten ſich am gluͤcklichſten, die durch berau⸗ ſchende Getraͤuke ihr Gefuͤhl abſtumpfen und ſo auf einige Stunden ihr Elend vergeſſen konnten. Napoleon und ſeine Offiziere gaben ſich alle Muͤ⸗ he, wieder einige Ordnung in die zerruͤttete Armee zu bringen. Das Pluͤndern, von dem man leben mußte, konnte nicht eingeſtellt werden, ward ader zuletzt mit mehr Ordnung betrieben und mußte, wie jeder andere Dienſt, nach dem Roſter geſchehen. Die Truppen wurden entweder aus der Stadt ent⸗ fernt oder in den noch uͤbrig gebliebenen Haͤuſern, die ſie ohne Erlaubniß nicht verlaſſen durften, einguar⸗ tirt. Den Bauern, die ſich mit Lebensmitteln eln⸗ fanden, wurde aller moͤgliche Vorſchub geleiſtet. Demungeachtet erſchienen nur wenige, und zuletzt ließ ſich keiner mehr ſehen. Sonach unterlag keinem Zweifel, daß Moskau nicht auf laͤngere Zeit zu ei⸗ nem Aufenthalt fuͤr die Truppen tauge, und man mußte darauf denken, wie baſſelbe am fügniaſten zu raäumen ſey. Man konnte hiebei auf dreierlei Weiſe verfalh ren und jede dieſer Methoden ward von Napoleon auf das ſorgfaͤltigſte gepruͤft. Erſtlich konnte er nach 117 St. Petersburg marſchiren und mit der neuen Haupt⸗ ſtadt Rußlands verfahren, wie er mit der alten ge⸗ than. Dieſer Plan ſagte dem verwegenen Geiſte Na⸗ poleons, der ein Spiel, wobei Alles zu gewinnen oder Alles zu verlieren war, am liebſten ſplelte, auch am meiſten zu. Er ſprach ſogar davon als von ei⸗ ner beſchloſſenen Sache; allein Berthier und⸗Beſſie⸗ res uͤberzeugten ihn, daß die vorgeruͤckte Jahreszeit, die Beſchaffenheit der Wege, der Mangel an Lebens⸗ mitteln und der Zuſtand der Armee einen ſolchen Gedanken ganz unausfuͤhrbar machen. Nach einem zweiten Vorſchlage ſollte man ſich gegen Suͤden, nach der fruchtbaren Provinz Kaluga wenden und von da Smolensk, den erſten Waffenplatz der Armee, wlie⸗ der gewinnen. Auf dieſer Straße war eine Schlacht mit Kutuſof, der, wie wir ſogleich ſehen werden, ſich im Suͤden von Moskau aufgeſtellt hatte, nicht zu vermeiden. Dieſer Umſtand war in mancher Hin⸗ ſicht ein neuer Grund fuͤr Naypoleon, die Straße von Kaluga einzuſchlagen; allein eine zweite Schlacht, wielleicht eben ſo hartnaͤckig und eben ſo wenig ent⸗ ſcheidend, als die von Borodino, waͤre wohl eine ſchlechte Einleitung zu einem Ruͤckzug geweſen, auf dem man der Moldauarmee wenigſtens die Flanke haͤtte preisgeben muͤſſen. Der dritte Plan war, auf derſelben Straße, auf der er vorgeruͤckt war, und auf der er mittelſt einiger in aller Eile befeſtig⸗ ter Punkte noch eine ſchwache Verbindung mit Smo⸗ 418 ktensk, Witeposk, Wilna u. ſ. w. unterhielt, zurucku⸗ kehren. Dieſer Ruckzugsweg fuhrte aber durch ein ganz verheerres und veroͤdetes Land, wo alle goͤße⸗ ren oder kleineren Sraͤdte und Dorfer bei dem Vor⸗ ruͤcken der Armee von den Franzoſen oͤder ven den Ruſſen ſelbſt verbrannt, oder von den Einwohnern verlaſſen worden waren. Dieſen Weg einſchlagen, hieh ſich dem Hungertode ausſetzen. ei Nyr Napoleons Verlegenheit ward noch geſteigert durch den Eigenſtun, mit dem er den Gedanken ſoſt⸗ hlelt, den Krieg durch einen glorreichen, mit Alexan⸗ der auf den Truͤmmern ſeiner Hauptſtadt zu ſchlie⸗ ßenden Frieden zu beendigen. Er erinnerte ſich hie⸗ bei an die Faͤlle, wo er unter aͤhnlichen Umſtaͤnden den Frieden geboten und deſſen Bedingungen vorge⸗ ſchrieben hatte. Nach der Meinung, die er zu Til⸗ ſit und Erfurt von dem Charakter ſeines Gegners gefaßt, dachte er ſich den Czaren als fuͤgſam und als ſeinen gelehrigen Schuͤler. Allein er verkannte gar ſehr den Charakter dieſes Herrſchers und den der von ihm beherrſchten Nakion. Jener, der bisher nur Niederlagen und Uunfalle erlitten, war jenrſchloſſen, nicht nachzugeben, ſo lange ihm ſeine unermeßlichen Huͤlfsquellen die Mittel zum Wider⸗ ſtande gewaͤhrten; dieſe wuͤrde es ihrem Herrſcher hoͤchſt wahrſcheinlich nicht ſeinmal geſtattet haben, anders zu handeln zudenn die Volkswuth war jetzt aufs Hoͤchſte geſtiegen, und in dem Palaſte des Cza⸗ 2119 ren, wie in der Huͤtte des aͤrmſten Sklaven, wgren Widerſtand und Rache der herrſchende Gedante. „Nayoleon ſchmeichel te ſich demnach pergehens mit der Hoffnung, von Alexander irgend eine Mit⸗ theilung oder eine Antwort auf das Schreiben zu erhalten, das er ihm in der erſten Nacht nach ſeiner Ankunft in Moskau. dur h) einen ruſſiſchen Dinzier zugeiertigt h hatte. Er wurde. zuletzt ungehuldig und entſchloß⸗ ſich w eitere Schrj tte zu thun. Aber ſelbſt nicht ſeinen vertrauten Nathgebern wollte er geſtehen⸗ daß er um ſeinetwillen Frieden ſuche; er gab vor, nur wegen Alexander beſorgt zu ſeyn.„Er iſt mein Freund,“ ſagte er;„ein Fuͤrſt von trefflichen Eigen⸗ ſchaften; wollte er nach ſeinem Sinne handeln und den Frieden anvieten, ſo moͤchten die Barbarn ihn eeutthronen und umhringen, und. einen Andern we⸗ niger Fuͤgſamen auf den Thron ſetzen. Es wird da⸗ her gut ſeyn, durch Caulaincourt Unterhandl ungen auknuͤpfen zu laſſen und dgdurch dem Laſſe zuvor⸗ zukommen, den Alexander ſich zuziehen würde, wenn er zuerſt den Frieden anbieten wollte.“ 9 Der Kaiſer beharrte auf dieſem Entſchluß und ward nux mit Muͤhe vermocht, ſeinen Adiutggteg⸗, deu General Gryafen Lauriſon, ſtatt Caula neouxt zu ſenden, da⸗ mit nicht der hoͤhere Rang des lotztern, der ſein Groöſtallmei ſter war, Anlgß, zu der Vermuthung gehe, daß es ſeinem Herxn mehr. umu ſeine und ſeiner Armeg Sicherheit, 415 um die Aezanders zu 1²⁰ thun fey. Kauriſton, der den Charakter der Ruſſen gut kanute, erhob elllige Zweifel uber die Zweck⸗ maͤßigkeit ſeiner Sendung, durch welche dem Feinde die ſchlimme Lage der franzoͤſiſchen Armee verrathen werde; er meinte, diefe follte, ohne auch nur einen Tag zu verlieren, ſofort ihren Ruͤckzug uͤber Kaluga und auf der fuͤdlicheren Straße antreten. Aber Buonayarte blieb ber ſeinem Entſchluſſe und Lauriſton ward mit einem Brief an den Kaiſer Aletander und, zur ketzten Inſtruktion, mit den Wor⸗ ten entlaſſen:—„Ich muß durchaus Frieden haben und will Alles darum geben, nur meine Ehre nicht.“ Che wir den Erfotg von Lauriſton's Sendung bexichten, halten wir es fuͤt angemeſſen, die Be⸗ wegungen der größen ruſſiſchen Armee nach ihrem traurigen Zuͤge durch Moͤskau anzugeben. Sie ver⸗ ließ die Stadt auf der Straße von Kolomna, und marſchirte zwei Tage kang in dieſer Richtung; und nachdem ſi ſie folchergeſtalt den Feind glauben gemacht, ſie wolle die Straße von St. Petersburg vertheidigen und habe deßwegen die ſudlichen Provinzen prels⸗ gegeben, fuͤhrte Kutuſof eines der ſchonſten Mandvers der ruſſiſchen Armee waͤhrend des ganzen Feldzugs aus. Er ließ den General Winzingerode mit einer bſervationsarmee auf der Straße von St. Peters⸗ burg ſtehen, wandte ſich fuͤdwaͤrts und brachte durch einen kreisförmigen Mätſch, deſſen Mittelpunkt Moskau war, die große Armee auf die Straße von 121 Kaluga. Die Ruſſen waren auf dieſem Marſche aͤußerſt niedergeſchlagen; denn trotz der Entſernung wehte ihnen der Sturm die Aſche ihrer brennenden Hauptſtadt zu, und in der Finſterniß ſahen ſie die Flammen wie ein Feuermeer toben. Ihr Marſch war aber auch kuͤhn; denn obgleich in ehrerbietiger Entfernung von der franzoͤſiſchen Armee vollzogen, war er doch drei Tage lang ein reiner Flankenmarſch und als ſolcher allerdings gewagt. Die Ruſſen manoͤvrirten jedoch mit ſolcher Praͤciſion, daß ſie ihre Bewegung in voller Sicherheit ausfuͤhrten; und waͤhrend die zu ihrer Verfolgung abgeſchickten franzoͤſiſchen Truppen ſich mit den zwei Reiterregimen⸗ tern, die man auf der Straße von Kolomna hatte ſtehen luſſen, abgaben, erfuhren ſie zu ihrem Er⸗ ſtaunen, daß die große ruſſiſche Armee auf der andern Seite von Moskau eine Stellung genommen habe, in der ſie die Verbindungslinie Napoleons mit Smolensk und Polen nach ihrem Gutduͤnken bedkohen und faſſen, und zu gleicher Zeit Kaluga, wo große Magazine aufgehaͤuft worden und das wegen ſeinen Gewehrfabriken, Stuͤckgießereien und Zeughauſern beruͤhmte Tula decken konnten. 5 Der feurige Koͤnig von Neapel fuͤhrte jetzt den franzoͤſiſchen Vortrab auf der Straße von Kaluga gegen die Ruſſen, die nach einigen Scharmuͤtzeln ein Standlager in der feſten Stellung von Tarutiüd bezogen. Dieſe Stellung war zur Deckung der wich⸗ 11²² tigen Stadt⸗Kalnga trefflich gewahlt Es. ſahren drei Straßem von Moskau nach der genaunten Stadt, und da Tarntino auf der mittleren liegt⸗ſo kann eine hier aufgeſtellte Armee durch einen Flanken⸗ marſch rechts oder lints die eine oder die andere der beiden uͤbrigen Straßen mit leichter Muͤhe erreichen und wertheidigen. Die Fronte der er uſßſchen Stellung war durch den Bach Nera gedeckt und das Lager kounte zaus den reichen und fruchtbaren ruͤckwaͤrtigen Gegen⸗ den auf das reichlichſte verpflegt werden. Da der patriotiſche Geiſt in dem ganzen Lande iiumer mehr erwachte, ſo kamen die Rekruten und neuausge⸗ hobenen Regimenter faſt ſchneller an, als ſie von den laͤlteren Soldaten abgerichtet und eingeubt wer⸗ den konkten, obgleich der Ruſſe, zufolge ſoiner Fuͤg⸗ famkeit und Botmaͤßigkoit, die militaͤriſche Zucht gar bald annimmt. Aus der Utraine und won dem Don kamen zwanzig Regimenter Koſacken, von denen die meiſten lhrer Dienſtpflicht ſchon genuͤgt hatten, gber in dieſer dringenden Gefahr gerne Mochaunis die Lanze und den Saͤbel ergriffen. u 3 Murat ſaͤumte nicht, ſich vor der Fraute des ruſſiſchen Lagers aufzuſtellen, und daſſelbe zu be⸗ obachten. Sein Weg fuͤhrte ihn uͤber einen Landſitz des Grafen Roſtopſchin, geweſenen Gouverneurs von Moskau. Er lag in Aſche, und die Franzoſen wurden durch ein Schreiben des Eigenthuͤmers be⸗ lehrt, er habe denſelben zerſtoͤrt, damit der Feind 123 keinen Nutzen davon haben möge.*) Derfelbe Geiſt war in die Bauern gefahren. Sie lleßen ihre Wei⸗ ler im Feuer aufgehen, wo immer dieſe von de Franzofen benutzt werden konnken; ſie drohten allen den Ihrigen, die aus Gewinnſucht t Feinde Lebensmittel zutragen en, mit dem Tode, und vollzogen dieſe Straſe vhne Gnade an allen, die ſich derſelben ſchuldig g gemtacht hatten. Es wird als Thutfache angefuͤhrt, daß, als die Frän⸗ zofen ſolche widerfpenſtige Bauern auf der Haͤnd mit dem Buchſtaben N. brandmarkten, zum Zelthen, daß ſle Napolevns Lelbeigene ſeyen, ein Bauer feine gebrandmarkte Hand auf elnen Block gelrot und dieſelbe mit dem Beil, das er in der andern Hand hlelt, abgefchlagen hat, um ſich von dieſer angeblichen Leibeigenſchaft loszumachen. Die Franzoſen, die dieſes fahen, ſchauderten, und verwuͤnſchten die Stunde, die ſie mit ſo erbosten und ſſtttfngigen Feinden in Beruͤhrung gebracht harte. Der pätrittiſche Stun 2) Franzoſen!“ heißt es in diefem merki Gürdigen Schretben, ich habe acht Jahre tang meine Freide daran gehabt, dieſen Landſitz zu verſchönern, und gier glücklich im Schoße mmeiner Familie geleyt. Franzoſen 4 100 Einwohner ver- laſſen bei Eurer Ankunft ihren Herd⸗ und ich ſtecke min Haus in Brand, damit es nicht durch Eure Gege r. vemddelt wer de. Ich habe Euch meine beiden Häuſern Moskan mit einer Ausſtattung von einer! thalben Million preisgegeben; hier ſolt Ihr nur einen Alſchenhaufen findentt 124 der Bauern uuande noch heſſer zum Behuf des kleinen oder Guerillakriegs benutzt, zu dem Spanien zuerſt das Beiſpiel gegeben. Oberſtlieutenant Dennis Davidoff, der den Franzoſen unter dem Namen le Capitaine Noir wohlbekannt wurde, hatte dieſe Kriegsweiſe dem Fürſten Bagration kurz vor der Schlacht von Borodino vorgeſchlagen und an der Spitze einer kleinen Streif⸗ partei von Koſaken und Huſaren dem Feinde auf der Straße zwiſchen Giatz und Wiazma großen Ab⸗ bruch gethan. Man gab ihm hierauf ein welt groͤ⸗ ßeres Korps, und es wurden noch andere derglelchen Freikorps errichtet und unter den Befehl tuͤchtiger, tapferer Chefs geſtellt. Sie reinigten das Land, ſielen die franzoͤſiſchen Verbindungslinien an, hoben ihre Poſten auf und fuͤgten ihnen uͤberall großen Schaden zu. Auch die Bauern griffen zu den Waffen, und bildeten Parteigaͤngerkorps, die durch ihre genaue Kenntniß der Waͤlder, der Seitenwege und Paͤſſe ſehr furchtbar wurden. Sie verachten die Fremden und nennen ſie wegen ihrer Unkenntniß der ruſſi⸗ ſchen Sprache„die Taubſtummen.“ Die Ereigniſſe des Feldzugs, beſonders der Brand von Moskau, hatten ihre Verachtung in einen toͤdtlichen Haß ver⸗ wandelt; jeder franzoͤſiſche Soldat, der ihnen in die Haͤnde ſiel, wurde von ihnen ohne weitere Umſtaͤnde und ohne Gnade niedergemacht. 1²⁵ Mittlerweile ging die Reitere von Murat, dnrch welche dieſe Banden noch am beſten harten im Zaum gehalten oder gezuͤchtigt werden koͤnnen, allmaͤhlig zu Grunde, und obgleich der Koͤnig von Neapel ſich um die Zukunft eben nicht ſonderlich zu bekuͤmmern pflegte, ſo drang er doch zu wiederholtenmalen in Napoleon, einen unvermeidlich gewordenen Ruckzug nicht laͤnger zu verſchieben. So ſtanden die Sachen, als Lauriſton auf den ruſſiſchen Vorpoſten erſchien und, nachdem man ihn unter allerlei Vorwaͤnden lange genug hingehalten, endlich am 5ten Oktober um Mitternacht bei Kutuſof Zutritt erhielt, Man empfing ihn ſo, daß er glauben mußte, er ſey will⸗ kommen. Lauriſton fing damit an, die Auswechslung der Kriegsgefangenen in Vorſchlag zu bringen, was aber von Kutuſof abgelehnt wurde, weil er wohl wußte, daß, waͤhrend die Ruſſen ſich mit jedem Tage ver⸗ ſtaͤrkten, die Reihen der Franzoſen immer lichter wuͤrden. Von dieſem Gegenſtande ging Lauriſton auf die Streifparteien uͤber, und ſchlug vor, dieſem ungewoͤhnlichen kleinen Krieg, der zu ſo vielen zweck⸗ loſen Grauſamkeiten fuͤhre, ein Ende zu machen. Kntuſof erwiederte, dieſer Krieg gehe ihn nichts an; er ſey die Folge davon, daß das ruſſiſche Volk die franzoͤſiſche Invaſion als einen Takareneinfall de⸗ trachte. Lauriſton kam jetzt auf den eigentlichen Ge⸗ genſtand ſeiner Sendung, indem er die Frage ſtellte, 126 „ob deyn der Krieg, der ſich auf eine ſo unerhoͤrte We eiſe ge ſtaltet habe⸗ ewig dauern ſolle;“ er er⸗ klaͤrte zu gleicher Zeit die Bereitwilligkeit des Kai⸗ ſers, jeines Herrn, den Feindſeligkeiten zwiſchen zwei großen und hochgeſinnten Nationen ein Ziel zu ſetzen⸗. Der alte ſchlaue Ruſſe ſah in di leſer friedlichen Serache don offenbarſten Beweis, daß es mit Na⸗ poleon ſchlecht ſtehe, und war einzig darauf bedacht, Zeit zu gewinnen, als das beſte Mittel, die Lage der Franzoſen noch zu Berſirreheen und dieſelbe deſto beſſer zu ſeinem Vortheil zu venutzen. Er henchelte das aufrichtiagſte P Verlangen, den Frieden zu befoͤrdern, erklaͤrte aber, er ſey durchaus nicht ermaͤchtigt, irgend einen Vorſchlag dieſer Art anzu⸗ uehmen, oder einen ſolchen an den Kaiſer gelangen zu laſſen. Er verweigerte demnach den von Lauri⸗ ſton nachgeſuchten Paß nach St. Petersburg, erbot ſich gber, den General Wolkonsky, einen Adjutan⸗ ten des Kai ers, dahin zu ſchicken, um den Willen ſeines Herrn zu vernehmen. Lauriſtun, der von ſeinem Herrn die beſtimm⸗ teſte Weiſung erhalten hatte, zum Behuf des Frle⸗ dens alles zu verſuchen, was der Ehre nicht zuwider liefe, glaubte, gegen dieſe Anordnung nichts ein⸗ wenden zu duͤrfen. Er verſprach ſich ſogar davon den beſten Erfolg, weil General Kutuſof und feine Umgebungen uͤber die ihnen gewordene Ausſicht die groͤßte Freude bezeigten; der Krieg ſchien ihnen verleidet; ſie ſagten ſogar, dieſe Friedensbotſchaft wuͤrde zu Petersburg mit oͤffentlichen Freudensbe⸗ zeigungen aufgenommen werden. Durch den Vericht hievon ließ ſich Napoleon in eine fälſche Sicherheit einwiegen. Er kam auf ſeine erſte Meinung zuruͤck, die nur erſchuͤttert, nicht widerlegt worden war, und verkuͤndete ſeinen Generalen mit der großten Zu⸗ friedenheit, daß in den naͤchſten vierzehn Tagen ein ehrenvoller Frieden zu Stande kommen wuͤrde. Er wuͤhmte ſich, den tuſſiſchen Charakter am beſten beurtheilt zu haben, und verſicherte, daß ſeine Frle⸗ densvorſchlaͤge zu St. Petersburg die groͤßte Freude verurſachen wuͤrden. „Wie ſehr er aber auch an den Fileden glauben mochte, ſo, wollte Napoleon doch nicht den ſonderba⸗ ren Waffenſtillſtand genehmigen, den Murat mit den Ruſſen eingegangen. Dieſer Waffenſtillſtand hatte das Eigene, daß ieder Theil, um ihn wieder aufzuheben, denſelben nur drei Stunden vorher aufkuͤnden duͤrfte; er galt aur in der Fronte, nicht in den Flanken der beiderſeitigen Lager, denn fo legten wenigſtens oͤle Ruſſen die ſelben aus; man konnte weder eine Zufuhr beziehen, noch auf Foura⸗ glrung ausgehen, ohne eln Gefecht zu beſtehen, ſo daß der Krieg uͤverall fortdauerte, nur auf dem Punkte nicht, wo er zum Vortheil der Franzofen hatte geführt werden koͤnnen Soy wurden hundert 128 und fuͤnfzig Dragoner von der kaiſerlichen Garde, von den Kofacken uͤberfallen und niedergemacht; ſo fielen zwei betraͤchtliche Konvvis auf der⸗ Straße von Mojaisk, d. h. auf der einzigen Operationslinie, durch welche die Armee mit ihren Magazinen aund Verſtaͤrkungen in Verbindung ſtand, dem Feinde in die Haͤnde; ſor wurden die Franzoſen uͤberrumpelt und verloren ein Detaſchement in der Stadk Mrrein, auf Murat's linker Flanke. Hieran war Napoleon, der von einem ſolchen Wuffenſtillſtande nichts wollte, nicht Schuld, ſondern elnzig die Eitelkeit von Murat, der denſelben beſte⸗ hen ließ. Unter dem Schutzee deſſelben fand er Ge⸗ ſallen daran, auf dem neutralen Boden zwiſchen den bei⸗ den Lagern ſein Pferd zu tummeln, feine ſtattliche Per⸗ ſon, ſeine Gewandtheit im Reiten, ſeinen praͤchtigen Anzug den Nuſſen wie den Franzoſen zu zeigen⸗von den ruſſiſchen Streifwachen und den Koſacken mit jauchzen⸗ dem Beifall begruͤßt, Die letzteren draͤngten ſich um ihn her, theils weil ſie ſeine ritterliche Geſtait die fuͤr dieſe Naturmenſchen wirklich etwas Anziehendes hatte, bewunderten, theils weil ſie es darauf anlegten, ihn zu taͤuſchen. Sie nannten ihn ihren Hettman; und er ließ ſich durch ihren Beifall ſo bezaubern, daß ihm, wie man behauptet, der Gedanke durch den Kopf ging, Koͤnig der Koſacken zu werden. Durch ſalches Blendwerk konnte Murat jedoch nicht Ser 1²29 nicht ganz beruͤckt werden. Der Krieg umlagerte ihn und in den kleinen Gefechten, die taͤglich vor⸗ ſlelen, ſchmolzen ſeine Truppen allmaͤhlig zuſam⸗ men; das unaufhoͤrliche Trommeln und Pelotonfener im ruſſiſchen Lager bewies, daß man dort mit der Abrichtung einer großen Anzahl von Rekruten be⸗ ſchaͤftigt ſey. Die ruſſiſchen Offiziere auf den Vor⸗ poſten fingen an, eine ominoͤſe Sprache zu fuͤhren, und fragten die Franzoſen, ob ſie auch ſchon an den nordiſchen Winter, den natuͤrlichſten und furcht⸗ barſten Alliirten Rußlands, gedacht haͤtten.„Bleibt noch vierzehn Tage,“ ſagten ſie,„ſo werden Euch die Naͤgel und Finger abfallen, wie die Zweige ei⸗ nes verdorrten Baumes.“ Es wurden der Koſacken mit jedem Tage mehr, ſo daß man eine alte ſeyti⸗ ſche Wanderung zu ſehen glaubte; es zeigten ſich wilde, ganz phanthſtiſche Geſtalten auf ungebaͤndig⸗ ten Pferden, deren lange Maͤhnen auf dem Boden ſchleiften; die innerſten Winkel der Wuͤſte hatten ſich, wie es ſcheint, aufgeſchloſſen, um ihre Bewoh⸗ ner auszuſenden. Die graubaͤrtigen Haͤuptlinge die⸗ ſer Horden ſagten den franzoͤſiſchen Offizieren Din⸗ ge, die nicht ſo lieblich klangen, als das, was Murat zu hoͤren bekam.„Hat es Euch denn in Frankreich an Korn, an Waſſer, an Luft zum Leben, oder an Erde gefehlt, um Euch nach Eurem Tode zu beſtat⸗ ten? Und warum kommt Ihr, um unſern Boden mit Euren Leichnamen zu duͤngen, auf die Euer hei⸗ W. Scort's Werke. LV. 9 mathlicher Boden ein Recht hat?“ Solche unbeil⸗ verkuͤndende Reden wurden von den Truppen des Vortrabs nicht ohne Beſorgniß vernommen und von Murat dem Kaiſer berichtet. In der Abgeſchiedenheit des Kremtzns wie 8 gemauert⸗ fuhr Napoleon fort, eine Antwort auf den durch Lauriſton beſtellten Brief abzuwarten. Da ſol⸗ cher am 6ten nach Petersburg abgegangen war, ſo konnte vor dem 26ſten keine Antwort erfolgen. Vor dieſem Zeitpunkte ſich in Bewegung zu ſetzen, konnte in militaͤriſcher Hinſicht zweckmaͤßig ſeyn, erſchien aber als ein politiſcher Fehler, der ſeiner Einſicht wenig Ehre machen und die Vorſtellung von ſeiner unfehlbarkeit ſchwaͤchen mußte. Ueberzengt, daß er ei⸗ nen Fehler begehe, und dieſes kaum in Abrede ſtel⸗ lend, beſchloß er demungeachtet, von dem einmal betretenen Wege nicht abzugehen, in der Hoffuung, daß das Gluͤck, das ihm bis dahin immer treu ge⸗ blieben, ihm auch in dieſer außerſten Noth. feinen Beiſtand nicht verſagen werde. 4 Daru ſoll ihm den kuͤhnen Vorſchlag gemacht hg⸗ ben, Moskau zu einem großen perſchanzten Lager zu machen und die Armee darin uͤberwintern zu laffen. Man Unne, ſagte er die noch üünigen Pfede ab7 S nens 131 lichen Unterbrechung der Communication mit Frank⸗ reich, wo ſich unterdeſſen allerlei zutragen konnte, verwarf er denſelben zuletzt doch. Man kann hinzu⸗ fuͤgen, daß die Eintreibung von Lebensmitteln durch Fouragirungen immer groͤßeren Schwlerigkeiten un⸗ terliegen mußté, je mehr die Kaͤlte und der Man⸗ gel zunahm, beſonders weil die Umgegend von Mos⸗ kau durchaus vrrwuͤſtet war. Blieb Napvleon den Winter uͤber in Moskau, ſo kam nicht nur ſeine Verbindungslinie, ſondern auch feine Operatfons⸗ baſis, worunter wir Lithauen und das Großherzog⸗ thum verſtehen, in große Gefahr. Im Suͤdweſten hatte er gegen die vereinigten Armeen von Tſchitſcha⸗ koff und Tormazoff, die leicht bis auf 100,000 Mann gebracht werden und uͤber Warſchau und Wilna her⸗ fallen konnten, keinen andern Schild, als die zwei⸗ felhafte Treue Oeſterreichs. Am noͤrdlichen Ende ſeiner Baſis konnten Macdonald und St. Cyr durch die vereinte Streitmacht von Witgenſtein und Stein⸗ heil vielleicht uͤberwaͤltigt werden. In ſeinem Ruͤk⸗ ken lag Preußen, deſſen Bevoͤlkerung, wie Napoleon wohl wußte, bereit war, ſich bei der erſten guͤnſtigen Gelegenheit gegen ihn zu erheben. Sonach erſchien der Plan, in Moskau zu uͤberwintern, bei naͤherer Pruͤfung als hoͤchſt gefaͤhrlich und eben darum auch als unausfuͤhrbar. Selbſt als er durch das erſte Schneegeſtoͤber an 9.— 13² das ſtrenge Klima gemahnt wurde, dem er trotzen wollte, traf der Kaiſer nur langſam und ungern An⸗ ſtalten zum Ruͤckzug; und einige von dieſen zeigten mehr von ſeiner Eitelkeit, als von richtiger Beurthei⸗ lung. Alle Gemaͤlde, Bilder und Zierrathen der Kirchen, die vom Feuer verſchont geblieben, wurden zuſammengebracht und auf Wagen geladen, die der Armee, die des Troſſes ohnehin ſchon zu viel hatte, folgen ſollten. Es koſtete viele Zeit und Muͤhe) das rieſenhafte Kreuz vom Thurme des großen Jwan, das auch zu einer Trophaͤe beſtimmt War, herabzu⸗ nehmen. Zufolge derſelben Eitelkeit ward Napoleon ſehr ungehalten, als man ihm vorſchlug, einen Thell ſeines unermeßlichen Artillerieparks, der fuͤr ſeine herabgeſchmolzene Armee bei weitem zu groß war, zuruͤckzulaſſen.„Ich mag den Ruſſen nichts goͤnnen, was ſie als Siegeszeichen deuten könnten,“ ſagte er. Damit alles Geſchuͤtz und Gegaͤcke fortgeſchafft wer⸗ den koͤnne, uͤberraſchte er ſeine Offiziere mit dem Befehle, zwanzigtauſend Pferde in einem Lande auf⸗ zukaufen, wo vielleicht keine hundert aufzutrelben waren, und wo die vorhandenen aus Mangel an Fut⸗ ter zu Grunde gingen. Das Futter ſollte auf zwe Mongte angeſchafft und in den Depots auf der Ruͤck⸗ zugsſtraße bereit gehalten werden. Aus dieſem Be⸗ fehl war allenfalls der Bedarf der Armee zu erſehen⸗ da aber dieſer dadurch eben nicht gedeckt werden r 13Kb konnre, ſo ſcheint er nur erlaſſen worden zu ſeyn, um den Schein zu retten. Vielleicht hat er derglei⸗ chen Befehle, mit deren Vollziehung man ſich ohne vorherige Anfragen ſchlechterdings nicht befaſſen konn⸗ te, nur gegeben, um unter einem einigermaßen ge⸗ gruͤndeten Vorwande envch ein paar Tage laͤnger in Moskau verweilen und die Antwort von St. Petern⸗ burg abwarten zu koͤnnen. Aber dieſe Antwort kam nicht. Der Käiſer Aleran⸗ der wollte auf keine Friedensrorſchlaͤge hoͤren, und nahm von der Sendung des Generals Wolkonske Anlaß, den betreffenden ruſſiſchen Offizieren und dem Fürſten Kutuſof ſelbſt ſein Mißfallen daruͤber zu be⸗ zeigen, daß ſie den franzoͤſiſchen Generalen Gehör gegeben haͤtten. Er erinnerte den Generaliſſimus, wie beſtimmt ſeine Verhaltungsbefehle üͤber dieſen Gegenſtand geweſen ſeyen, und wie er ihm aufgege⸗ ben habe, ſich mit dem Felnde durchaus in keinen Verkehr einzulaſſen; er wiederholte und verſchaͤrfte ſofort ſeine diesfallſigen Befehle. Man kann denken, daß der hellſehende General ſich dieſen, nur der Form wegen gegebenen Verweis eben nicht ſehr zu Herzen nahm. Er machte ſeine Soldaten mit dem unabaͤnderlichen Entſchluſſe des Kaiſers bekannt, dem Feinde keine Bedingungen zu geſtatten, und verkuͤndete zugleich in ſeinem Lager den Sieg von Salamanca und die Naͤumung von 134 Madrid, zum Beweis, daß die Franzoſen nicht un⸗ uͤberwindlich ſeyen; er forderte ſeine Soldaten auf, den Muth der Britten und den Patriotismus der Spanier nachzuahmen, und traf ſofort Anſtalten⸗ durch Auftuͤndung des Waffenſtillſtandes und Ergrei⸗ fung der Offenſive Napoleon zuvorzukommen. ““ —xx;-— In der Joſ. Lindaueriſchen Buchhandlung in Muͤn⸗ chen ſind ſo eben erſchtenen und in allen Buch⸗ handlungen Deutſchlands zu haben: Franzesto Petrarca's ſaͤmmtliche italteniſche Ge⸗ dichte. Neu uͤberſetzt von F. W. Bruckbraͤu. Mit erlaͤuternden Anmerkungen. 6 Baͤndchen. 12. broſchirt. I fl. 12 kr. Wer kennt nicht den Namen Petrarca's, des unſterblichen Saͤngers der Liebe, deſſen ſanfte Kla⸗ gen noch nach Jahrhunderten jedes gefuͤhlvolle Herz ruͤhren, und wer, wenn nur ein einziges ſeiner phan⸗ taſiereichen und von der zarteſten Empfindung uͤber⸗ ſtromenden Gedichte geleſen hat, ſehnt ſich nicht, deſſen genauere Bekanntſchaft zu machen? Dieſe ſoll ihm gegenwaͤrtige Ueberſetzung gewaͤhren, da die Lecture dieſes Dichters in der Urſprache eine gruͤnd⸗ liche Kenntniß des Italieniſchen erfordert und der 3 hohe Preis der bisher erſchienenen Ueberſetzungen den Ankauf erſchwerte. Die Uebertragung des Hrn Bruck⸗ braͤu zeichnet ſich beſonders durch Treue aus, indem ſie den Leſer immer ſo viel als moͤglich die eigenen Worte des Dichters hoͤren laͤßt, und deshalb auch denen, welche ſich dem Studium der ital. Sprache widmen, ein willkommenes Erleichterungsmittel ſeyn wird, wozu beſonders auch die erlaͤuternden Anmer⸗ kungen beitragen. Das Ganze beſteht aus dieſen 6 Baͤndchen und ſchließt ſich in Format, Druck u. ſ. w. genan der bereits hier erſchienenen Ueberſetzung von Taſſos befreitem Jeruſalem an. 3 Findet, wie ſich kaum bezweifeln laͤßt, dieſe Ue⸗ bertragung den Beifall des gebildeten Publikums, ſo werden derſelben bald die Ueberſetzungen der uͤbri⸗ zen klafſiſchen Dichter Itallens nachfolgen, fo daß man ſich in den Stand geſetzt ſehen wird, ſich fuͤr geringe Koſten die Werke der vorzuͤglichſten Meiſter jenes Landes zu verſchaffen. unuuuuu qgdsaaxaaasaaaaawmwmmamnmmwmmmmnmnmmn Hranaaqunnnm TIaunnnmnn 15 16 17 7 8 9 10 11 12 13 14