Walter Scott's ſaͤmmtliche W„Wer ke. Neu uͤberſetzt. 3 Vierundfuͤnfzigſter Band. Leben von Napoleon Buongparte. Zwanzigſter Theil. 1 Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1827. Leben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich. Mit einer Ueberſicht der franzoſiſchen Revolu⸗ — tion. Von Waller Scott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. —— Zwanzigſter Theil. Stuttgart, bei Gebruder Franckhh. 1827. Erſtes Kapitel. —.—— Leben von Napoleon Buonaparte. Veränderung in Napoleons Regierungsgrundſätzen.— Urſachen hievon.“— Er wird gegen Talleyrand und Fouché migtrauiſch. — Er erklärt ſich gegen den letzt ern, wird aber von ihm einſt⸗ weilen zufrieden geſtellt.— Fonchs verſucht, ohne Vorwiſſen Napoleons, Englands Anſichten, den Frieden berreffend, zu er⸗ forſchen— Sein Plan wird durch ein ſonderbares Zuſammen⸗ treffen mit einem ähnlichen, von Napoleon ohne Wiſſen ſeines Miniſters vorgebrachten vereitelt.— Fouché wird als General⸗ gouverneur nach Rom geſchickt.— Moraliſcher und politiſcher Charakter dieſes Mannes— Man bedauert ſeine Entlaſſung.— Murren des Volks gegen die öſterreichiſche Allianz und ihre vermutheten Wirkungen.— Das Continentalſyſtem.— Deſſen Zweck.— Napoleons Unkenntniß der wirklichen politiſchen Ge⸗ ſinnungen Großbritanniens.— Das Licenzſyſtem.— Deſſen Beſchaffenheit und Wirkungen.— Ludwig Buonaparte.— Er verſucht vergebens die nachtheiligen Folgen des Continentalſy⸗ ſtems von Holland abzuwenden.— Er entſagt dem Thron und zieht ſich nach Grätz in Steyermark zurück.— Holland wird mit dem franzöſiſchen Kaiſerreiche verbunden.— Durch dieſeu Schritt wird Napoleon bei dem Volke ſehr unbeliebt. Seit dem Jahre 1804, wo Buonaparte unum⸗ ſchraͤnkter Herr der franzoͤſiſchen Republik geworden, 6 war in ſeinen Regierungsgrundſaͤtzen und in der Wahl ſeiner Rathgeber und Miniſter allmaͤhlig eine Veraͤnderung vorgegangen. Waͤhrend der erſten zwei Jahre und daruͤber hatte er nach den Grundlaͤtzen ei⸗ nes eingeſchraͤnkten Monarchen regiert, der die be⸗ ſten Talente, die er unter ſeinen Unterthanen fin⸗ det, benuͤtzt, und Achtung fuͤr jene beweist, die durch te politiſche Rolle, die ſie geſpielt haben, oder durch ihre Popularitaͤt ausgezeichnet ſind. Unter ſeinen damaligen Rathgebern bemerken wir mehrere Re⸗ volutionshaͤupter— Maͤnner, die, obgleich ſie aus verſchledenen Motiven Napoleons Erhebung mit Gleichmuth geſehen und vielleicht gar ſein Aufſtre⸗ ben, als er noch ihres Gleichen war, unterſtuͤtzt hat⸗ ten, dennoch das erſte Verhaͤltniß, in dem ſie zu ihm geſtanden, ſtets im Andenken behielten. Dieſe Staatsmaͤnner riethen dem Kaiſer um ſo freimuͤthiger, da ſie ſich einer Zeit erinnerten, wo ſie mit ihm auf derſelben Stufe und vielleicht wohl gar auf einer hoͤhern, als er, geſtanden. Dieſer Abſchnitt ſeiner Regierung, in welchem Napoleon den wilden und maͤchtigen Flug ſeines Ehr⸗ geizes durch den Rath Anderer einigermaßen zuͤgeln und leiten ließ, iſt wohl der preiswuͤrdigſte und ge⸗ wiß der nuͤtzlichſte, wenn auch nicht der glaͤnzendſte Theil ſeiner Laufbahn. Wie aber ſtufenweiſe ſeine Macht zunahm und an Feſtigkelt gewann, fing der Kaiſer an, jene Kiaſſe gefaͤlliger Miniſter vorzuzie⸗ 2— hen, die lieber ſeine Entwuͤrfe durch neue Gruͤnde unterſtuͤtzten, als dieſelben ohne Schonung tadeln und bekaͤmpſen mochten. Daß Napoleon in dieſen Irrthum verfiel, laͤßt ſich durch den Gang ſeiner Geſchichte, wenn auch nicht rechtfertigen, ſo doch entſchuldigen. In dem Gefuͤhle, daß er der einzige Urheber und groͤßten⸗ theils auch der Vollſtrecker ſeiner rieſenhaften Plane ſey, kam er auf den Gedanken, daß er, der ſo Vie⸗ les thue, wohl auch Alles thun koͤnne. Er hatte die Entwuͤrfe, die von ihm ausgegangen waren, mit Huͤlfe ſeines militaͤriſchen Genies auszufuͤhren ge⸗ wußt; und ſo ſchien das fuͤr andere Fuͤrſten ſo un⸗ erlaͤßliche Gutachten der Rathgeber einem Herrſcher entbehrlich zu ſeyn, der im Kabinet wie auf dem Schlachtfelde ſich ſelbſt genuͤgte. Dies war aber ein Trugſchluß, obgleich er durch Thatſachen beſtaͤtigt ſchien. Es mag ſeyn, daß, wenn Napoleon ſich mit ſeinen Miniſtern berieth, dieſe keine eigenen An⸗ traͤge ſtelten, und daß er in allen wichtigen Angele⸗ genheiten die Initiative nahm. Es blieb aber im⸗ mer von großer Wichtigkeit, daß ſeine Plane kritiſch erwogen, und von Maͤnnern gepruͤft wurden, die, durch eine langjaͤhrige Erfahrung belehrt, ſich nicht leicht taͤuſchen ließen und Muth genug hatten, ihre Meinung frel herauszuſagen. Das Gutachten von Maͤnnern, wie Talleyrand und Fouché, wirkte vor⸗ eilig gefaßten oder mit Eigenſinn feſtgehaitenen Eut⸗ 8 ſchluͤſſen hemmend entgegen; der Einfluß dieſer Maͤn⸗ ner, der ſich nur in dem kaiſerlichen Kabinet kund gab, kann dem unſichtbaren Kiel eines Schiffes ver⸗ glichen werden, der daſſelbe auf den Wogen im Gleichgewicht erhaͤlt und die Kraft zuͤgelt, durch welche es von den ſchwellenden Segeln fortgetrieben wird; oder dem Pendel einer Uhr, durch welchen das Triebwerk geregelt wird. Obgleich aber Napoleon dieſe Vortheile nicht verkennen konnte, ſo vermochte er doch dem Argwohn nicht zu widerſtehen, daß die genannten Staatsmaͤnuner, ſtatt ſich in eine von ihm ganz abhaͤngige Lage zu fuͤgen, nicht ermangeln wuͤr⸗ den, in Beziehung auf die Reglerung und das Volk ihre beſondern Jutereſſen zu verfolgen. Der Charakter von Talleyrand und Fouché begruͤn⸗ dete allerdings einen ſolchen Verdacht. Sie hatten ſich in der franzoͤſiſchen Revolution hervorgethan, noch ehe Napoleons Name gehoͤrt wurde, waren mit allen den Triebfedern derſelben bekannt, und hatten, wie Buonaparte vermuthete, den Willen und ſogar die Machkt, in einer moͤglichen Staatskriſis entſcheiden⸗ der aufzutreten, als es ſich mit ſeiner Polltik ver⸗ trug. Er hatte ſie zwar mit Reichthum uͤberhaͤuft; aber die Stimme in ſeinem eigenen Buſen mußte ihm ſagen, daß Reichthum nur ein geringer Erſatz fuͤr den Verluſt politiſchen Einfluſſes ſey. Er ahndete mit einem Wort, daß die großen Verdienſte, die Talleyrand als Miniſter der auswaͤrtigen Angelegen⸗ 9 heiten, und Fouché als Polizeiminiſter ihm leiſteten, beide mit der Zeit zu ſeinen unentbehrlichen und gewiſſermaßen von ihm unabhaͤngigen Gehuͤlfen ma⸗ chen koͤnnten. Und dann war er nicht gewiß, ob ſie nicht in Verbindung mit einer politiſchen, Philadel⸗ phia genannten Geſellſchaft geblieben, die aus alten Republikanern und aus Anhaͤngern anderer polltiſchen Syſteme beſtand, die alle darin einig waren, daß ſie einen gewiſſen Grad von Freiheit erſtreben wollten, entweder durch eine kluge Benutzung der wenigen, durch die kaiſerliche Verfaſſung gegebenen Oppoſi⸗ tionsmittel, oder irgend eines Ungluͤcks, das den Kaiſer beſiel und ihrer Stimme mehr Gewicht ge⸗ ben konnte. Napolcons Argwohn auf ſeine Miniſter beruhte aber nicht blos auf leeren Vermuthungen. Waͤhrend ſeines Aufenthalts in Spanien erhfelt er Nachrich⸗ ten, die anzudeuten ſchienen, daß ſich in der geſetz⸗ gebenden Verſammlung eine Partei bilde, deren Zweck es ſey, ſich dem kaiſerlichen Willen zu wider⸗ ſetzen. Dieſe Verſammlung ſtimmte, wie erinnert werden muß, durch Kugeln ab; und groß war das Erſtaunen und der Schrecken derſelben, als bei der Abſtimmung uͤber eine von der Regierung vorge⸗ ſchlagene Maßregel die Zahl der ſchwarzen Kugeln, d. h. der verneinenden Stimmen, bis auf hundert und fuͤnfundzwanzig, das volle Drittel der Stimm⸗ gebenden, ſtieg. 19 10 Eine offtzielle, am aten December zu Vallado⸗ lid ausgefertigte Note belehrte die anmaßenden Diſſidenten, daß das von ihnen ſo kuͤhn geuͤbte Recht, die ihnen im Namen des Kaiſers vorgeleg⸗ ten Geſetze zu verwerfen, nur ein Blendwerk ſey und der kalſerlichen Gewalt durchaus keinen Abbruch thun duͤrfe. Die Worte Napoleons, des Freundes freiſinniger Inſtit utionen, wie er ſich nennen ließ⸗ ſind hoͤchſt merkwuͤrdig.„Die Uebel, unter denen wir gelitten haben,“ ſagt er,„ſind zum Theil die Folge einer uͤberſpannten Idee, nach welcher die ge⸗ ſetzgebende Verſammlung ſich als die Vertreterin der Nation hat anſehen wollen; dieſe Idee iſt nicht nur grundlos, ſondern ſelbſt verbrecheriſch, in ſoferne ſie einen Anſpruch auf die Repraͤſentation in ſich ſchließt, die dem Kaiſer allein zukommt. Die ge⸗ ſetzgebende Verſammlung ſollte eigentlich der geſetz⸗ gebende Rath heißen; es ſteht ihr keine Geſetzge⸗ bung zu, da ſie kein Geſetz vorſchlagen darf. In der conſtitutionellen Hierarchie ſind der Kaiſer und die Miniſter, als ſeine Organe, die erſten Vertreter des Volkes. Wenn andere, ſogenannte conſtitu⸗ tionelle Anſptuͤche die Grundſaͤtze unſerer monarchi⸗ ſchen Verfaſſung uͤberwuͤltigen ſollten, ſo waͤre Alles verloren.“ Dieſes iſt verſtaͤndlich genug und beweist, daß die monarchiſche Verfaſſung Frankreichs, wenn auch nicht in der Ausuͤbung, doch in der Theorie, guf 11 derſelben despotiſchen Baſis beruhte, wie die in Konſtantinopel beſtehende Verfaſſung, nach welcher die Ulemas oder Geſetzkundigen zwar das erweisllche Recht haben, ſich den Edikten des Großherrn zu widerſetzen, aber Gefahr laufen, im Falle ſie davon Gebrauch machen wollen, in einem Moͤrſer zerſtoßen zu werden. Ein Mitglied der franzöſiſchen geſetzge⸗ benden Verſammlung haͤtte aber vielleicht doch un⸗ geſtraft fragen duͤrfen: erſtens, wer denn durch dieſe vom Volke, freilich nicht unmittelbar, gewaͤhlte Verſammlung vertreten werde; zweitens, was die Bedeutung derſelben im Staate ſey, wenn ſie die ihr in Gemaͤßheit der Verfaſſung vorgelegten Geſez⸗ zesentwuͤrfe nicht verwerfen duͤrfe. Napoleon uͤberließ ſich dem Verdachte, daß eine ſolche, von einer ſonſt ſo gefaͤlligen Verſammlung ſo ploͤtzlich bewieſene Widerſpenſtigkeit ein Werk von Talleyrand und Fouché ſeyn moͤchte. Sobald er da⸗ her wieder in Paris zuruͤck war, ſprach er mit dem letztgenannten Miniſter von der Empoͤrung der ge⸗ ſetzgebenden Verſammlung, und verlangte von ihm zu wiſſen, was er von ſeinen dagegen getroffenen Maßregeln denke. Allein Fouché war zu ſehr daran gewoͤhnt, die Gedanken Anderer auszuſpaͤhen, als daß er ſich ſelbſt ſo leicht haͤtte ausforſchen laſſen. Er bewunderte und pries den gebieteriſchen Ton der amtlichen Note, und verſicherte, ein Staat koͤnne nur auf dieſe Weiſe regiert werden, und wenn ir⸗ gend eine verfaſſungsmaͤßige Behoͤrde auf Volksver⸗ tretung Anſpruch mache, ſo bleibe dem Herrſcher nichts uͤbrig, als dieſelbe aufzuloͤfen.„Haͤtte Lud⸗ wig der Sechzehnte,“ ſagte der Miniſter, ſich auf dieſe Weiſe benommen, ſo koͤnnte er jetzt noch am Leben und Koͤnig von Frankreich ſeyn.“ Buonaparte ſah mit Verwunderung auf ſeinen ſo redefertigen Miniſter, der jetzt Geſinnungen ausſprach, die gegen die Marximen ſeines fruͤhern volltiſchen Lebens ſo ſehr abſtachen.„Und doch haben Sie,“ ſagte der Kaiſer,„ſo viel ich weiß, auch fuͤr ben Tod Ludwigs des Sechzehnten geſtimmt?““ „Allerdings,“ erwiederte der geſchmeidige Staats⸗ mann, der ſich nicht außer Faſſung bringen ließ, „und es war dies der erſte Dienſt, den ich Euer Majeſtaͤt zu leiſten die Ehre hatte.“ Dieſe hoͤfliche Antwort rettete den Miniſter fuͤr den Augenblick, konnte aber Napoleons Argwohn ge⸗ gen Fouché nicht entwaffnen, der als vieljaͤhriger Chef der Polizei zu großer Macht gelangt, hoͤchſt gewandt und liſtig war, und der nach vielen Anzei⸗ chen damtt umging, ſich unentbehrlich und ſelbſt ſurchtbar zu machen, und ſich dadurch eine gleichſam felbſtſtaͤndige Gewalt zu verſchaffen. Fouché hat ſelbſt bekannt, er habe waͤhrend ſei⸗ ner Amtsführung die Erweiterung und Befeſtigung ſeiner Macht nie aus den Augen verloren; auch füchte er ſowohl zur Beroͤrderung ſeiner Popularitaͤt, 13 als aus Achtung fuͤr Tugenden, die er ſelbſt nicht beſaß, die Pflichten ſeines Amtes auf die fuͤr die Individuen ſchonendſte Weiſe zu erfuͤllen. Seine Art, Geſchaͤfte mit dem Kaiſer abzumachen, iſt von ihm ſelbſt alſo beſchrieben worden. Einem Manne von Stande, einem der ſogenannten Detenus, dem ſehr daran lag, aus dem Lande, in das er gebannt war, endlich zu entkommen, war es gelungen, Fou⸗ che fuͤr ſich zu gewinnen. Er hatte mehr als ein⸗ mal von dieſem Staatsmanne die Verſicherung er⸗ halten, daß ihm ein Paß bewilligt werden wuͤrde, allein es fehlte immer noch an der unterſchrift des Kaiſers; und Fouché, der nachgerade befuͤrchtete, fein guter Wille moͤge endlich in Zweifel gezogen werden, begann eines Morgens in Gegenwart un⸗ ſeres Gewaͤhrsmannes und eines ſehr ausgezeichneten franzoͤſiſchen Generals uͤber die Verzoͤgerung dieſer Sache ſich auf folgende Weiſe zu aͤußern: Er ſagte zu dem General:„Sie ſind gewiß ſehr brav?“ „Das will ich meinen!“ antwortete dieſer in demſelben ſcherzhaften Tone—„brav wie hundert Loͤwen!“ „Aber ich,“ fuhr der Stagtsmann fort,„kann mich noch eines Beſſern ruͤhmen. Sehen Sie, ich ver⸗ lange eine Gunſt, die Befreiung eines Freundes oder dergleichen; ich erlaure den gluͤcklichen Augen⸗ blick des Zutritts, den Augenblick der Ueberredung, 14 bin einſchmelchelnd, beredt, gelange endlich durch Anfuͤhrung von Gründen oder durch meine Zudring⸗ lichkeit zum Ziele. Den andern Tag wird das Pa⸗ pier, das die erbetene Gunſt beſtaͤtigen ſoll, zuruͤck⸗ gewieſen, vielleicht zerriſſen, oder unter einen Hau⸗ fen von Bittſchriften geſchoben. Da zeige ich dann meinen ganzen Muth, ich bringe die nicht erhoͤrte Bitte wieder und wieder vor, und, was vielleicht der Gipſel der Vermeſſenheit iſt, ich berufe mich auf ein Verſprechen, das, einmal gegeben, nur durch die paͤnktliche Erfuͤllung geloͤst werden kann.“ Das iſt offenbar die Sprache eines Miniſters, der zwar noch Einfluß hat, aber in der Gnade ſei⸗ nes Herrſchers geſunken und der Gegenſtand ſeiuer Eiferſucht geworden iſt, dem zwar eine perſoͤnliche Bitte ſchicklicherweiſe nicht wohl abgeſchlagen werden kann, dem man aber das nur ungern Verſprochene nur ſpaͤt und auf eine wenig verbindliche Weiſe ge⸗ waͤhrt. G. Da Fouché mit ſeinem argwoͤhniſchen und eifer⸗ ſuͤchtigen Herrn auf einem ſolchen Fuße ſtand, ſo muͤſſen wir uͤber die Kuͤhnheit erſtaunen, mit der⸗ er unberufen ſich ſowohl in deſſen haͤusliche als oͤf⸗ fentliche Angelegenheiten zu miſchen wagte. Jenes hatte er durch ſeine Intrike mit Joſephinen wegen der Eheſcheidung verſucht, und weil er ſich aus die⸗ ſer Geſchichte ohne Verluſt an Anſehen und Macht gezogen, mochte ihm dies den Muth geben, in ei⸗ 15 ner eigentlichen Staatsangelegenheit gleichfalls die Initiative zu ergreifen, und zwar die Moͤglichkeit eines Friedens mit England zu ſondiren. Es laͤßt ſich mehr als ein Grund denken, warum Fouché in dieſer hoͤchſt wichtigen Angelegenheit ohne Vorwiſſen und Einwilligung Napoleons den erſten Schritt that. Er wußte, daß ſein Herr ſchon durch ſelne Art zu unterhandeln es gleich von vorne her ein unmoͤglich machen wuͤrde, die Bedingungen, unter welchen Großbritannien zum Frieden geneigt ſeyn moͤchte, zu erfahren, da er ſeiner Gewohnheit nach Praͤliminarien vorgeſchlagen haben wuͤrde, die Großbritannten vielleicht nicht annehmen und er nicht wieder zuruͤcknehmen konnte. Wenn demnach Fouché durch irgend ein Mittel erfahren, konnte, auf welche Bedingungen Großbritannien zu unter⸗ handeln geneigt ſeyn moͤchte, ſo erwarb er ſich um Frankreich, Großbritannien, um Napoleon ſelbſt und die ganze Welt allerdings ein großes Verdienſt. Von dem Herzog von Otranto war jedoch kaum zu erwarten, daß er ſich aus reiner Liebe zum allge⸗ meinen Beſten der Ungnade oder ſogar einer per⸗ ſoͤnlichen Gefahr ausſetzen wuͤrde. Allein diejeni⸗ gen, die ſich lange mit politiſchen Intriken abgege⸗ ben haben, gewoͤhnen ſich zuletzt ſo ſehr daran, daß ſie, wie die Spieler vn dem Spiele, niat mehr davon laſſen koͤnnen, un dann konnte ſich Fouché durch das Gelingen einer ſolchen Unterhandlung allerdings 16 großen Vortheil verſprechen. Gelang es ihm, den Preis zu erfahren, um welchen Napoleon den Frie⸗ den, nach dem alle Welt ſich ſehnte, erhalten konn⸗ te, ſo mußte er, ſowohl in Frankreich als im Aus⸗ lande, großen Einfluß auf die öffentliche Meinung gewinnen und ein h ochſt bedeutender Mann werden; gelang es ihm ferner, dieſe Kenntniß auf eine vor⸗ theilhafte Weiſe zu benuͤtzen und einen ſo hoͤchſt wichtigen Vertrag abzuſchließen, ſo kam er bei Na⸗ poleon in die Stellung jener in der Geſchichte oft vorkommenden Miniſter, die man nicht mehr ent⸗ behren, nicht mehr los werden kann, wenn man ſie auch nicht leiden mag. Aus ſolchen und vielleicht aus andern Beweg⸗ gruͤnden, die weniger am Tage liegen, ſah ſich Fou⸗ che nach den Mitteln und Zugeſtaͤndniſſen um, durch welche Englands Eiferſucht gegen Frankreich be⸗ ſchwichtigt werden koͤnnte, hoffend, daß das brittiſche Miniſterium, durch den Austritt des Herrn Can⸗ ning geſchwaͤcht, und durch die Niederlage der ſpa⸗ niſchen Patrioten und den ungluͤcklichen Ausgang der Expedition von Walchern entmuthigt, zu einem Vergleiche nicht ungerne die Hand bieten wuͤrde. Er verſprach ſich nicht wenig von dem Anerbieten⸗ die Unabhaͤngigkeit Hollands und Spanieus, ſo wie die Herrſcherrechte des Koͤnigs von Sizillen und des Hauſes von Braganza anzuerkennen, bedacht aber nicht, daß die Unabhaͤngigkeit der genannten Stanten. 17 ſo lange ſte von den Bruͤdern Napoleons wie von franzoͤſtſchen Praͤfecten, die man auch abſchaffen konnte, regiert wurden, ohne Bedeutung war. Herr Ouvrard, der die Erlaubniß erhalten hatte, in Handelsgeſchaͤften uach London zu reiſen, ward von Fouché beauftragt, dieſe kitzliche und heimliche Un⸗ terhandlung mit dem Marauis von Wellesley anzu⸗ knuͤpfen, die jedoch durch einen ſeltfamen Umſtand vereitelt wurde. Auch Napoleon war auf den Gedanken gekom⸗ men, zu erforſchen, unter welchen Bedingungen der Friede Statt finden koͤnne, und da er ſchon zwei⸗ mal vergebens verſucht hatte, durch eine unmittel⸗ bare Korreſpondenz mit dem Koͤnig von England zu ſeinem Zwecke zu gelangen, ſo verfuhr er diesmal wie ſein Miniſter, indem er Herrn Labouchere, den Geſchaͤftsmann eines großen hollaͤndiſchen Handels⸗ haufes, zu ſeinem Unterhaͤndler mit der brittiſchen Regierung beſtellte. Und ſo geſchah es, daß Ouvrard und der Agent des Kaiſers, die beide nichts von enander wußten, zu gleicher Zeit mit dem Mar⸗ quis von Wellesley, der, von ſeiner Sendung nach Spanten zuruͤckgekehrt, jetzt Kriegsſekretaͤr war, in Kotreſpondenz traten. Der brittiſche Staatsmann, uͤber dieſes Zuſammentreffen nicht wenig verwun⸗ dert, ſchoͤpfte Verdacht, glaubte, daß es auf einen Betrus abgeſehen ſey, und brach ſowohl mit Ou⸗ B. Scott s Werke. LIV. 9 18 vrard als mit ſeinem Mitbewerber allen diplomati⸗ ſchen Verkehr fabl 11 n cHl Es iſt in der That zum Verwundern, daß Föu⸗ niché durch einen ſo hochſt eigenmaͤchtigen und verwe⸗ genen Streich ſich eben nur die Uugnade ſeines Herrn zuzog. Der Kaiſer ließ ihn kommen und ſagte ihm, nachdem er ihn zum Geſtaͤndniß ſeiner Schuld gebracht:„Sie machen alſo Friede oder Krieg ohne meine Erlaubniß?““ Die Folge war, daß Fouché ſein Amt eines Polizeiminiſters an Sa⸗ vary abgeben mußte und bald darauf als General⸗ gouverneur von Rom in ein ehrenvolles Exil geſchickt wurde. Es koſtete aber den Kaiſer nicht wenig Muͤhe, den Klauen ſeines geweſenen Miniſters die vertraulichen Noten zu⸗ entreißen, die er uͤber poli⸗ zeiliche Gegenſtuͤnde zu deſſen Belehrung eigenhaͤn⸗ dig niedergeſchrieben hatte. Fouché beharrte lauge auf der Ausſage, daß er dieſe Papiere den Flam⸗ men uͤbergeben habe; und erſt, als ihm mit dem „Kerker gedroht ward, verſtand er ſich dazu, die kai⸗ ſerlichen Vollmachtsbriefe auszuliefern, die wohl manches wichtige hiſtoriſche Dokument enthalten ha⸗ ben moͤgen. So trat Fouché auf einige Zeit vom Schauplatze ab. Wir werden aber dieſem kuͤhnen Staatsmanne in den ſpaͤtern Perioden dieſer Ge⸗ ſchichte wieder begegnen, wo ſein Erſcheinen, wie pen gewiſſen Seevoͤgeln bemerkt wird, faß immer Sturm und Gefahren verkuͤndete. 19 „Der moraliſche Charakter dieſes Mannes war freilich faſt unter aller Kritik; allein er beſaß große „Fähigkeiten; durch ein ſehr richtiges Urtheil gelei⸗ tet, ergriff und empfahl er in manchen Faͤllen, wenn nicht aus hoͤheren Beweggruͤnden, ſo doch aus Po⸗ litik, ſehr gemaͤßigte und wohlthaͤtige Maßregeln. In anderer Beziehung waren ihm auch nicht wenige Franzoſen gewogen, vorzuͤglich diejenigen, die, im „Ruckblick auf die Geſchichte ihres Vaterlandes, die erſt ſo heißerſehnte und ſo ſchnell wieder verſchwun⸗ dene Freiheit mit Schmerzen vermißten— eine Freiheit, die ſie feigentlich gar nie genoſſen hatten, und deren Wiederherſtellung, ſo viel er konnte, zu beguͤnſtigen Fouché im Rufe ſtand. Die noch uͤbrigen ſtrengeren Republikaner mochten es an ihm Itadeln, daß er ſich in die Zeit fuͤgte; doch achteten ſie ihn als eine Reliquie der Revolution, und hatten bei verſchiedenen Anlaͤſſen ſich ſeines Schutzes zu er⸗ freuen gehabt. Auch gegen die Royaliſten war er ſehr nachſichtig und gefaͤllig geweſen, ſo daß ſelbſt einer der kuͤhnſten Agenten der Bourbons ſich da⸗ zurch ermuthigt fand, bis zu ihm zu dringen und den Verſuch zu machen, ihn fuͤr die Sache der exi⸗ lirten Familie zu gewinnen. Fouché wies zwar den Verſucher auf das beſtimmteſte zuruͤck, ließ ihn aber doch nicht verhaften, ſondern gewaͤhrte ihm eine Friſt von vierundzwanzig Stunden, um uͤber die 1 2.. 20 Grenze zu kommen. Sonach iſt begreiflich, warum die Entlaſſung des Herzogs von Otranto von Vielen fehr ungerne und nicht ohne Beſorzutſſe geſehen wurder. t ah n editt e ie mir Dieſe Veſorghiſſe wurden noch um Vtetes durch den umſtand vermehrt, daß die furchtbare Amtsge⸗ walt des Poltzeimtniſters kurz vor der Entlaſſung des Herzogs einen groͤßern Umfaug erhalten hatte. Bis dahin war das Schloß Bincennes das einzige 8 2 ½ Staatsgefaͤngutz geweſen, jetzt wurde die Zahl der ntsgeſangniſſe bis auf ſechs*) gebracht. Cs dazu jelgtens alte gothiſche Gebaͤnde inver⸗ ſchiedenen P vinzen des Reiches gewaͤhlt. Dieſe Baſ daren zur Aufnahme von ſolchen Indivi⸗ duen beſtimmt, die zwar keines Vetbrechens üͤber⸗ wieſen, wegen ihren gefaͤhrlichen Grundfaͤtzen aber nicht wohl auf freiem Fuße gelaſſen werden konnten. Lin Geheimenrathsbefehl, der im Grunde doch nur den allerhoͤchſten kaiſ erlichen Wizlen ausſprach, ſollte als Verhaft befehl(Lettre de cachet) dienen. Dieſe Maßregel ward am Iren Maͤrz 1810, nach ei⸗ nem dlesfalls von Fouchs erſtatteten Berichte, von dem Staatsrathe bellebt. Maz wußte aber ger wohl, daß in dieſem, wle in andern aͤhnlichen Fäl⸗ len, derlenige Departementschef, der eine ſolche Saumur, Ham Landskaonne, Pierre Chatel und Fene⸗ ſtrelle, 3 21 Maßregel in Vorſchlag brachte, jederzeit auch das Gehaͤſſige derſelben auf ſich nehmen mußte; man legte daher dem Polizeiminiſter dieſen neuen Ein⸗ griff in die oͤffentliche Freiheit keineswegs zur Laſt, weil man uͤberzeugt war, daß ſolcher nur das Werk Nayoleons und ſeines geheimen Rathes ſey. Ein anderer fuͤr Napoleon unguͤnſtiger Umſtand war der, daß die Beobachter der Zeitereigniſſe in der Entfernung der alten republikaniſchen Rathgeber und in den ſtrengeren Maßregeln gegen die politi⸗ ſchen Widerſacher eine Wirkung der Verbindung mit Oeſterreich erkennen wollten. Viele Franzoſen wuͤr⸗ den es gar nicht getadelt haben, wenn Napoleon, als Erbe der Revolution und unter Berufung auf die ihm durch dieſe gewordenen Rechte, ſo despotiſch wie Dauton, Robespierre und Andere geboten haͤtte⸗ Dieſe konnten ſich aber nicht darein finden, daß der Kaiſer Napoleon, der die hoͤchſte Gewalt auf eine tauſend Mal gelindere Weiſe uͤbte, ſein Herrſcher⸗ recht und ſeine Anſpruͤche auf den Gehorſam ſeiner Unterthanen auf ſeine Verbindung mit einem der alten europaͤiſchen Haͤuſer ſtuͤtzen wollte, welchem die Grundſaͤtze der Revolution einen ewigen Krieg er⸗ klaͤrt hatten. Jede volltiſche Sekte hat ihre Fa⸗ natiker, und unter den alten Jakobinern gab es viel⸗ leicht nicht wenige, die es vorgezogen haben wuͤrden, unter dem ſchrecklichen Belle der republikaniſchen Guillotine zu ſterben, als eine laͤngere oder kuͤrzere 22 Zeit nach dem Willen des Eidams des Katfere DOeſterr eich im Kerker zu ſchmachken. Solche ſichten, wie ungereimt ſſie auch waren, und wle ſehr ade ſie auch mit der ruhigen; friedlichen u Marie Loulfe im Widerſpruch ſtanden, die von nies mänd bezuͤchtigt werden konnte, einen polltiſchen Etuftuß auf ihren Gemahl uͤben zu wollen, fanden doch Eingang, ſelbſt in den hoͤhern Zirkeln. Eini⸗ ges ſchien allerdings dafuͤr zu ſprechen: Vudnaparte batte Deſterreich zu elner Zeit geſchont, iyb dieſes zu ſeinen Fuhen iag, und eine Gemahlin dus deſſem Kalferhaufe gewaͤhlt, wahrſcheinlich um durch elne Verbindung mit dem alten Herrſcherſtamme von Habsburg alle Vorrechte der Legitimitaͤt zu erſtre⸗ ben. Die Folge davon war. daß er die revolutivnaͤ⸗ ren Grundſaͤtze immer mehr aufgab und ſich immer mehr von den Genoſſen zuruckzog, die ihm zur hoch⸗ ſten Macht verholfen hatten; und durch dieſe Ver⸗ anderung, die nicht ſowohl ſeine Gewalt ſelbſt, als die Grundlage derfelben betraf, brachte er viele Re⸗ publikaner gegen ſich auf, ohne die Ariſtokraten fuͤr ſich zu gewinnen. Fuͤrwahr, wenn N dapoleons Recht auf die Souverninitaͤt, abgeſehen von ſeinem Beſitz⸗ ſtande ünd von ſeinen Mitteln, denſelben geltend zu machen, erwogen wurde, ſo unterlag er gewiſſerma⸗ ßen demſelben Tadel, wie die Fledermaus in der Fabel. Die Demokraten warfen ihm ſeine Verbin⸗ dung mit einem Hauſe vom alten Regimente vor— 23 die Ariſtokraten laͤugneten die Rechtmaͤßigkeit ſeiner, auns der Repolution hervorgegangenen Gewalt. So daßhten indeſſen nur die Vorfechter und Zes oten der beiden Faktionen; die Maſſe des franzd⸗ ſiſchen Volkes wuͤrde ſich um das Fundament der Herrſcherrechte Napoleons wenig bekuͤmmert haben, haͤtte er ſelnen Unterthanen und ſich ſelbſt eine kurze Erholung von Kriegen und Eroberungen goͤnnen moͤ⸗ gen. Die Ausſicht auf Ruhe truͤbte ſich jedoch mit jedem Tage mehr; neue Ereigniſſe ſchienen neue Er⸗ werbungen zu gehieten. Zum Ungluͤck fuͤr Frankreich⸗ ſo wie fuͤr andere Laͤnder war die Maͤlichkeit einer Gebietsvergroͤßerung fuͤr Napoleon jederzeit auch, ein hinreichender Grund, dieſelbe zu verſuchen; ſie war durch ihre Ausfuͤhrbarkeit in ſeinen Augen ſtets ge⸗ rechtfertigt.. ö Nachdem ihm der Verſuch, mit England Frle⸗ densunterhandlungen anzuknuͤpfen, durch die Da⸗ zwiſchenkunft von Fouché mißlungen war, ſann es wieder mehr als je auf den gaͤnzlichen Ruin dieſes Landes und auf die Vernichtung aller ſeiner Huͤlfs⸗ quellen; das Mittel hiezu ſah er in der ſtrengen Handhabung und Erweiterung des ſogenannten Con⸗ tinentalſyſtems, durch welches aller Handel vernich⸗ tet, und jede Nation, wie in der barbariſchen Vor⸗ zeit, auf ihre eigenen Produkte beſchraͤnkt werden ſollte, wie wenig dieſe auch ihren wirklichen oder 8 24 eingebildeten, durch ihre Fottſchritte in der Civili⸗ ſation herbeigefuͤhrten Beduͤrfniſſe entſprechen mochten. Wie die meiſten Auslaͤnder, verſtand Napoleomnur wenig oder gar nichts von den in England gelten⸗ den conſtitutionellen Anſichten und Grundſaͤtzen. Er kaunte zwar den Charakter der Franzoſen und Ita⸗ liener, wie er durch die Reslerung und die Ge⸗ wohnheiten in beiden Laͤndern geworden iſt; dieſe Kennkniß ſetzte ihn aber noch nicht in den Stand, den engliſchen Charakter richtig zu beurtheilen, ſo wenig als die genaueſte Kenntniß des Steigens und Fallens des mittellaͤndiſchen Meeres, welches etwa ſechs Zolle betraͤgt, einen Seefahrer befaͤhigen wuͤrde, den Kampf mit der gewaltigen Fluth zu beſtehen, die ſich an der Kuͤſte der brittiſchen Inſeln ſchaͤu⸗ mend bricht. Die Nachrichten, die Buonaparte aus dieſem feindlichen Lande erhielt, deutete er ſtets nach ſeinen Wuͤnſchen, und wenn ſie ihm durch Kund⸗ ſchafter mitgetheilt wurden, ſo waren ſie begreif⸗ licherweiſe uͤbertrieben. Es war eben nicht ſchwer, einen Staatsmann zu taäͤuſchen, der den wahren Zuſtand von Nordbritannien ſo wenig kannte, daß er glaubte, die Sicherheit der regierenden Familie koͤune durch das Erſcheinen eines Abkoͤmmlings der Stuarts in Schottland gefaͤhrdet werden. Sein Irr⸗ thum ging ſo weit, daß er jedes ſcharfe Wort, das im Parlament geſprochen wurde, fuͤr einen Aufruf der Crung hielt,— daß er in jedem voruͤberge⸗ — 25 henden Auflauf, in jedem Zeichen einer, durch ir⸗ gend einen Grund veranlaßten Unzufriedenheit des Volkes den Anfang eines allgemeinen Aufſtandes ſah. Er konnte ſich durchaus nicht uͤberzeugen, daß ſolche Stoͤrungen und hitzigen Debatten in der ganz eige⸗ nen Verfaſſung Englands und in dem Charakter des engliſchen Volkes ihren Grund haben, und daß ſie, ſo unangenehm und unziemlich ſie auch ſeyn moͤgen, doch, wie gewiſſe Hautgeſchwuͤre an dem menſchlichen Koͤrper, durch die ſich der Krankheitsſtoff einen Aus⸗ gang verſchafft, der innern Geſundheit zutraͤglich ſind⸗ In ſolchen Irrthuͤmern befangen, glaubte Na⸗ poleon im Jahre 1810 in England die Folgen ſeines Continentalſyſtems wahrzunehmen. Ddie ſogenannten Luddiſten trieben damals gro⸗ ßen Unfug in den Manufakturbezirken Englands; es iſt bekannt, daß ſie auf die Zerſtörung der kuͤnſtli⸗ chen Weberſtuͤhle, durch welche ein großer Theil der Handarbeit bei dem Weben entbehrlich wurde, aus⸗ gingen. Dieſer Unſug haͤtte Statt finden koͤnnen, wenn anch nie von dem Continentalſyſtem die Reda geweſen waͤre; die Unzufriedenheit, die dazu Anlaß gab, wird ſich allemal zeigen, wenn durch die Ein⸗ fuͤhrung von Maſchinen eine große Anzahl von Hand⸗ arbeitern fuͤr den Augenblick brodlos gemacht wird. Allein Napoleon zweifelte nicht im geringſten, daß dieſe Unzufriedenheit und die Heftigkeit der Parla⸗ mentsdebatten einzig dadurch entſtanden ſeyen, daß 26 ten Ton gibt, und jedes Schloß unterſucht, um⸗ ſich zu üͤberzeugen, daß durchaus kein Verkehr mit der freien Außenwelt moͤglich ſey. Und ſo war der Han⸗ del, bas ſeidene Band, das Nationen an einander knuͤpft, der fuͤr alle Staaten ſo wohlthaͤtig iſt, ohne welchen einige ſogar nicht einmal beſtehen koͤnnten, in Gefahr, ganz aufgehoben zu werden, wenigſtens in ſoweit, als er nicht durch das Licenzſyſtem ge⸗ trieben wurde. mnan Die Annahme dieſes Syſtems, das großentheils demſelben Continentalſyſtem entgegen wirkte, das allen neutralen Maͤchten mit ſo unerbittlicher Strenge aufgedrungen wurde, war ein ſeltſames Oafer, das Napoleon zum Theil der Nothwendigkeit, zum Theil ſeiner eigenen Habſucht zu bringen ſich bewogen fand. 27 Das Lieenzſyſtem war eine Milderung des Con⸗ tinentalſyſtems, zu der England das Belſpiel da⸗ durch gegeben hatte, daß es ſolchen neutralen Schif⸗ fen, die aus ſeinen Haͤfen mit einer partiellen Lae⸗ dung von engliſchen Fabrikaten oder Kolonialwaaren ausliefen, ſeinen Schutz verlleh. Es war dies, wie man in der Handelsſprache fagt, ein eigentliches Geſchäft 22 die brittiſche Waare wurde wirklich ge⸗ kauft, von ſolchen, die dieſelbe irgendwo auf dem Eontinent mit Gewinn abſetzen zu können glaubten. Buvnayarte ertheilte auf gleiche Weife ſogenannte kaiſerliche Lieenzen fuͤr ſchweres Geld, durch welche Kauffahrteiſchiffen geſtattet wurde, ein gewlſſes Quantum von Kolonialwaaren einzufuͤhren, unter der Bedingung, franzoͤſiſche Fabrikwaaren von gleis⸗ chem Werthe dasegen auszuführen. Dieſes Syſtem unterfchied ſich von dem engliſchen dadurch, daß das Verlangen nach franzoͤſiſchen Waaren durchaus ſingirt war. Man bedurfte dieſer Waaren in England nicht, ſie konnten dort nicht ohne Entrichtung von ſchweren Zoͤllen auf den Markt gebracht werden, und wurden oftmals in die See geworfen, um den eng⸗ liſchen Zoll zu umgehen. Von Buͤchern, die auf dieſe Weiſe ausgefuͤhrt und die ſolchergeſtalt vernichtet wurden, ſagten die Witz⸗ linge, ſie ſeyen ad usum Delphini beſtimmt. Der Kauſpreis dieſer franzoͤſiſchen Waaren, die zufolge des Licenzſyſtems ausgefuͤhrt werden mußten, wurde auf die Kolonialwaaren, den eigentlichen und einzi⸗ gen Gegenſtand dieſes Handels, geſchlagen.„Wenn alſoe die franzöſiſchen Fabrikanten einigen Gewinn aus dieſem Geſchaͤfte zogen, ſo eutſtand derſelbe nicht durch die Ausfuhr und den Verkauf ihrer Waaren im Auslande, ſondern aus dem Verkauf der Kolo⸗ nkalwaaren, die nun um ſo mehr im Preiſe ſtiegen und von den franzoͤſiſchen Conſumenten bezahlt wer⸗ den mußten. 81941t 2 All, J8 Der Reiz diefes erzwungenen Verkehts war die berrits erwaͤhnte Unentbehrlichkelt der Kolonigl⸗ produkte und ber große Gewinn, den die Licenzen der frauzöͤſiſchen Regierung abwarfen. Dieſe vermehrte durch dieſes Monopol nicht wenig den Schatz, wel⸗ chen die Gewöͤlbe des Pavillons Marſan in den Tull⸗ lerien kaum mehr faſſen konnten. Alls, was der Miniſter Napoleons in Bezie⸗ hung auf dieſes Syſtem zu den ausmartigen Staa⸗ ten, die dadurch litten, fagen konnte, lief demnach auf Folgendes hinaus:—„Ihr muͤßt Eure Haͤfen den engliſchen Waaren verſchließen, denn wenn Ihr dies nicht thut, ſo kann der Kaiſer Napoleon Eng⸗ land vicht zur Vernunft bringen. Indem Ihr aber ſolchergeſtalt auf allen Paſſiv⸗ und Activhandel ver⸗ zichtet, behaͤlt ſich der Kaiſer das Recht vor, aus⸗ ſchließlich mit brittiſchen Waaren Handel zu trei⸗ ben. Sollten Euch dieſe Waaren auf einem andern 4 29 Wege zukommen, ſo unterliegen ſie der Conſescati⸗ on) und ſollen ſogar vertilgt werden““ ie 1 In einer ſpaͤtern Periode bereute nes Napoleon gar ſehr, daß er durch den Gewinn, den er aus dem Licenzenhaandel zog⸗, ſich habe bewegen laſſen⸗ das Continentalſyſtem zu mildern. Es war dies die „Reue eines racheſuchtigen Freibeuters, der ves be⸗ dauert, ſeinen Feind den ter ſchon beinder Kehle gefaßt hatte, wieder losgelaſſen zu haben, um die Ta⸗ ſche eines Nebenſtehenden zu leeren. Die Ungerechtig⸗ keit, die neutralen Maͤchte von einem gewinnhringenden Handel auszuſchließen, den Frankreich nach Gefallen trieb, war ſo ſchreiender Art, daß die bloße Er⸗ waͤhnung derſelben zu jeder andern Zeit, als waͤh⸗ rend der unwiderſtehlichen Ueberlegenheit Napoleons, ganz Europa empoͤrt haben wuͤrde. 4 13178 Die Weigerung, ſich in ein ſo hartes und un⸗ gerechtes Syſtem zu fuͤgen, veranlaßte den Fall von zwei europaͤlſchen Thronen, bis ſolches zuletzt das Mitrel wurde, den Thron Napolevns ſelbſt zu unter⸗ graben. naß Der Erſte, der dieſe Weigerung buͤßen mußte, war der Koͤnig von Holland, Ludwig Buonaparte, der Bruder Napoleons. Ludwig war nach allen Nach⸗ richten ein liebenswuͤrdiger, gutgeſinnter, rechtlicher Mann, von einer etwas romautiſchen Sinnesart und einer melancholiſchen Stimmung, die ſich durch ſein Studium der ſentimentalen Philoſophle von Rouſſeau 30 noch welter ausbildete! Napoleon nannte ihn einen Ideologen’, da he oinen Menſchen, der in ſeinen Handlungen mehr die Grundſaͤtze des Rechts, gls adeunaugenblicklichen Nutzen zu Rathe zieht. Sein haͤusliches Verhaͤltniß war nicht das angenehmſte; er ſtand nicht gut mit ſeiner Gemahlin, die bei Na⸗ apoleon weit mehr galt, als Ludwig. Seitdem er ge⸗ aagen ſeinen Willen auf den Thron von Holland ge⸗ kommen, hatte eer ſich die groͤßte Muͤhe gegeben, ſeinem Lando allen den Schutz zu verſchaffen, der ſich von ſeiner nahen Verwandtſchaft mit Napoleon er⸗ warten ließ, und wenn er von ſeinen Unterthanen eidie Uebel, die das Los eines eroberten und abhaͤn⸗ ‚gigen Staates ſind, nicht ganz abwenden konnte, ſo Sthat er doch, was in ſeinen Kraͤften ſtand, um die⸗ ſelben wenigſtens zu mildern. Die Hollaͤnder, ein ruhiges und beſonnenes Volk, wußten ihm Dank da⸗ für und liebten ihn als ihren Freund und Beſchuͤtzer. „Aber in der Periode, die wir hier abhandeln, war das ungluͤck, das uͤber ihr Land erging, ſo groß, daß Ludwig nichts mehr dagegen vermochte. In an⸗ dern Laͤndern kommt der Handel mehr oder weniger in Betracht; Holland beſteht einzig durch den Handel⸗ Durch Vermittlung des Handels hatte es ſein amphibi⸗ ſches Gebiet dem Meere abgewonnen; wuͤrde ihm dieſe Huͤlfsquelle entzogen, ſo muͤßten ſeine ſchoͤnen Staͤdte wie derFiſcherdoͤrſer, ſeins reichen Weiden Suͤmpfe, Un⸗ mttiefen und Sandbaͤnke werden. Durch die hundert Mil⸗ 31 lionen Franken, die ſie bereits an Frankrelch bezahlt hatten, glaubton ſich die Hollaͤnder das Recht erkauft aizu haben, ihre Handelsgoſchaͤfte, ſo gut ſie konnten, fortzuſetzen,(und ſtanden mit der Geuehmigung ih⸗ res Ko igs Lndwig in einem Wettehre mit Gngtag, ander jetzt aufhoͤran ſollte, in zug ſchin dnt ſ rn Napoleon befahls ſeinem Bruder untera vielen Drohungen, ſeine Unterthanen zu einer ſtrenge⸗ ren Beobachtung des Continentalſyſtems anzu⸗ whalten; dieſer„legtendie dringendſton Bitten fuͤr ardas Volk tein, uͤber das er geſetzt war. Die bei⸗ den Bruͤder wurden immer hartnaͤckigert, und als der Kaiſer zuletzt ſah, daß er ſeinen Bruder weder durch Drohungen, noch durch gute Worte dahin briu⸗ gen koͤnne, ſich zur Unterdruͤckung Holtands herzugeben, gab er ihm zu verſtehen, daß er durch feinen Sturrſinn ſich noch um den Thron bringen werde. In einem Berichte des Miniſters Champagny, Herzogs von Cadore, hieß es, Ludwigzbeſinde ſich auf dem Threne von Holland in iner Stellung, in der er ſeine un⸗ verjaͤhrbaren Pflichten gegen Frankreich und ſeine „Familie mit dem Intereſſe, das er an dem Gedei⸗ hen des hollaͤndiſchen Handels nicht umhin koͤnne, zu nehmen, nicht mehr recht zu vereinigen wiſſe Um dieſem Widerſtreit in der Bruſt ſeines Bruders ein Ende zu machen, ſey der Kaiſer daher geſonnen, den ven ihm auf den ho llaͤndiſchen Thron befoͤrder⸗ ten franzoͤſiſchen Prinzen wiederzuruͤckzubernfen, in⸗ 932 dem ein franzoͤſiſcher thronfaͤhiger Pr inz unbediugte Pflichten gegen Franfreich habe; es war zugleich be⸗ merkt, Holland muͤſſe nach dem Verluſte ſeines Koͤ⸗ nigs und ſeiner bisherigen Unabhaͤngigkeit zu einer Franzoͤſiſchen Provinz gemacht, von franzoͤſiſchen Truppen und franzoͤſiſchen Mauthbedienten beſetzt und dadurch Naußer Stand geſetzt werden, durch einen laͤngern Verkehr mit einer in der Reichsacht befindlichen Na⸗ kion das zur Bezwingung Englands ſo unentbehrliche Continentalſyſtem zu laͤhmen. Dieſer Bericht iſt in ſoferne höchſt intereſſant, als er zeigt, wie Buonaparte von den Rechten und der koͤniglichen Gewalt derjenigen Souveralne dach⸗ te, die er, je nachdem es der Nutzen Frankreichs, oder vielmehr ſein eigener, erheiſchte oder zu erheiſchen ſchien, ein⸗ und abſetzte. Vielleicht wurde Napoleon für den Pugenblick noch durch rin Gefuͤhl von Scham zuruͤckgehalten, eine ſolche Drohung ſogleich zu vollzlehen, oder es mag ihm eingefallen ſeyn, daß ein ſolcher offenbarer Wider⸗ ſpruch mit ſeinen fraheren Erklaͤrungen die weſt⸗ phaͤliſchen Unterthanen ſeines Bruders Hieronymus und die Spanier, die er unter den Zepter Joſephs bringen wollte, ſchlecht erbauen wuͤrde; oder die Vorſtellungen ſeines Bruders Ludwig hatten viel⸗ leicht einen fluͤchtigen Eindruck auf ihn gemacht— genug, er ging fuͤr jetzt nicht weiter und ſchloß am lten 33 l6ten Maͤrz einen Vertrag mit Ludwig, durch wel⸗ chen, wie es hieß, das Mißverſtaͤndniß zwiſchen den beiden Herrſchern beigelegt und die Unabhaͤngigkeit Hollands mit den Forderungen des Continentalſy⸗ ſems iin Einklang gebracht werden ſollten. Buch dieſe u Verttag wur den Seeland, Hollaͤn⸗ diſch⸗ Vrghant und die, Rheinſtrecke auf beiden Ufern von Holland an Frautreich abgetreten. Das Mauth⸗ wefen ſollte in allen hollaͤndtſchen Seeplaͤtzen von franzoͤſiſchen Beamten beforgt werden; das Köͤnig⸗ reich Holland ſollte eln Truppenkorps von achtzehn⸗ tauſend Mann, worunter fechstauſend Franzoſen, unterhalten und fuͤr den franzöoͤſtſchen 2 Dienſt eine Flotte ausruͤſten; die hollaͤndiſche Regierung ſollte alle engliſchen Manufakturwaaren verbleten. Zu dieſen und andern harten Bedingungen verſtand ſich Ludwig, in der Hoffnnng, fein Bruder wuͤrde ſich dadurch beſaͤnftigen laſſen und dem noch uͤbrigen Theil feines Gebiets wenigſtens dem Namen nach die Unab)aͤngigkeit goͤnnen. Aber er erfuhr bald genug, daß dies keineswegs die Abſicht Napoleons fey. Statt ſechstauſend Mann franzoͤſiſcher Trup⸗ ven wurden zwanzigta uſend zu Utrecht! zur Beſez⸗ zung von Holland zuſammengezogen. Dieſe Trup⸗ pen waren nicht etwa beſtimmt, die Seekuͤſten zu beſetzen, um den Schleichhandel zufolge des Ver⸗ trags zu verhindern: Ludwig erhielt die Anzeige, W Scott's Werke. LIV. 3 34 daß ſie vom ganzen Lande milttaͤriſchen Beſitz zu nehmen haͤtten, und daß das Hauptquartier dieſer von ihm ganz unabhaͤngigen Armee nach Auiſlerda in ſeine Hauptſtadt, verlegt werden würde. So durch ſeinen Bruder aller Gewalt 5 dem Köoͤnigreiche beraubt, das immer noch das ſeine hieß⸗ weigerte ſich Ludwig edelmuͤthigerweiſe, die elende Rolle eines Schattenkoͤnigs zu ſpielen, der weder ſeine Rechte geltend machen, noch ſeine Unterthanen beſchuͤtzen konnte. Am iſten Jult unterſchrieb er Eine Abdankungs⸗ urkunde zu Gunſten ſeines noch minderjaͤhrigen Soh⸗ nes, und druͤckte darin die Hoffnung aus, daß der Kaiſer, dem zu mißfallen er ſo ungluͤcklich geweſen ſey, darum doch keine Ungunde auf ſeine unſchul⸗ dige und harmloſe Familie werfen werde. In einem am Iſten Juli zu Harlem ausgefertigten Schreiben entwickelte Ludwig die Gruͤnde ſeiner Abdankung noch ausfuͤhrlicher, auf eine Weiſe, die ſeinem Kopf und Herzen Ehre macht, und in Beziehung auf ſeinen Bru⸗ der in einem Tone der Maͤßigung, der ſeinen gerechten Beſchwerden Gewicht gab. Er fagt, er habe ſich nicht entſchließen koͤnnen, den Titel eines Koͤnigs beizube⸗ halten und auf alle Gewalt in ſeinem Koͤnigreiche, in ſeiner Hauptſtadt und ſelbſt in ſeinem Palaſte zu verzichten. Er wurde in dieſem Falle nur der muͤ⸗ 4 bige Zeuge von Dingen geweſen ſeyn, die er nicht 35⁵ haͤtte aͤndern koͤnnen, und fuͤr die er doch in den Au⸗ gen ſeines Volkes verantwortlich geblieben waͤre. Er hahe ſchon lange vorausgeſehen, wozu es noch kommen wuͤrde, ſolches aber doch nicht vermeiden koͤnnen, ohne ſeine heiligſten Pflichten gegen ſein Volk und gegen ſein Land zu verrathen; dies ſey ihm unmoͤglich geweſen.„Vielleicht,“ ſo fuhr er fort,„bin ich das einzige Hinderniß einer Ver⸗ ſoͤhnung Hollands mit Frankreich. Sollte dies der Fall ſey, ſo waͤrde ich den Reſt meines unſtaͤten und ſiechen Lebens nicht ohne Troſt ferne von met⸗ ner Familie, meinem Vaterlande und den guten Hollaͤndern, die vor kurzem noch meine Unterthanen waren, zubringen.“, 3 Nach Abfaſſung dieſer Rechtfertigungsſchrift und nachdem er dieſelbe bekannt gemacht hatte, was nur in England geſchehen konnte, behielt der Exkoͤnig von Holland eine kleine Anzahl auserwaͤhlter Freunde in ſeinem Palaſte zu Harlem bis um Mitternacht bei ſich, beſtieg alsdann einen einfachen Reiſewagen und begab ſich des Titels und des Einkommens eines Koͤnigs, da er die Pflichten eines Negenten nicht mehr erfuͤllen konnte.; Ludwig zog ſich nach Graͤtz in Steyer⸗ mark zuruͤck, wo er als Privatmann von einer maͤßi⸗ gen Penſion le te und ſeine Muße mit litterariſchen Arbeiten ergoͤtzte. Seine ehrgeizigere Gemahlin ließ iſch mit einem weit groͤßern Einkommen in Paris nieder, wo ſie durch ihrensWitz und ihre Talente, 36 Verhaͤltutß zu Napoleon eine Zierde und durch ihr der ſchoͤnen Welt wurde. Buonaparke nahm, wie zt erwarten ge weſen, keine Ruͤckſicht auf den Anſpruch von Ludwigs Sohn, zu deſſen Gunſten der Vater abgedankt hatte. Er ernannte denſelben zum Großherzog von Berg, und ob er gleich noch ein Kind war, hielt er ihm doch eine Rede, deren wir bereits erwaͤhnt haben, und worin er, nachdem er ſich uͤber das Benehmen ſei⸗ nes Vaters, das, wie er ſagte, ſich nur aus ſeiner Kraͤnklichkeit erklaͤren laſſe, geaͤußert hatte, in wenigen Worten die Pflichten vortrug, welche die von ihm eingeſetzten Souyeralne zu befolgen häͤtten. „Vergeſſe nie, daß in jeder Stellung, die ich Dir zufolge meiner Politik und zum Beſten meines Rei⸗ ches anweiſen mag, Deine erſte Pflicht mir, Deine zweite Frankreich gehoͤre, und daß alle Deine ubri⸗ gen Verbindlichkeiten, ſelbſt diejenigen gegen das Volk, zu deſſen Regenten ich Dich beſtellen mag, dieſen erſten Pflichten untergeordnet ſind. So ward der Grundſatz klar ausgeſprochen, auf welchem die Unabhaͤngigkeit der mit Frankreich ver⸗ buͤndeten Koͤnigreiche fortan beruhen ſollte. Die Monarchen, denen Kronen bewilligt wurden, waren nur Statthalter in den Laͤndern, die ſie beherrſch⸗ ten, und blieben, was auch das Intereſſe dieſer Laͤn⸗ der von ihnen fordern mochte, ſtets dem Willen und 37 der Aufſicht ihres oherſten Lehensherrn, des Kaiſers, unterworfen, und mußten das, was ihm das Wohl Frankreichs zu nennen belieben wuͤrde, mit Hintau⸗ ſetzung jeder andern Pflicht befoͤrdern. Das Schickſal Hollands war bald entſchieden, und wahrſcheinlich ſchon zu der Zeit beſchloſſen wor⸗ den, als Champagny in ſeinem erſten Berichte Holland mit allen ſeinen Provinzen als einen Theil des franzoͤſiſchen Gebietes bezeichnete. Dies ſtand allerdings im Widerſpruch mit den fruͤheren feierllk⸗ chen Erklaͤrungen, daß der Rhein die natuͤrliche Grenze Frankreichs bilden und daß die Unabhaͤngig⸗ keit Hollands geachtet und aufrecht erhalten werden ſolle. Die durch dieſe Erklaͤrungen eingegangene Verbindlichkeit mußte aber den maͤchtigen Gruͤnden weichen, mit welchen Champagny die Vereinigung Hollands mit dem franzoͤſiſchen Kaiſerreiche und mit Frankreich felbſt empfahl. Wir koͤnnen nicht umhin, dieſelben anzufuͤhren, waͤre es auch nur, um zu zeigen, wie wenig ſich auch die einſichtsvollſten Maͤnner der ſchwaͤchſten und elendeſten Gruͤnde ſchaͤmen, wenn ſie die Macht und den Willen haben, unrecht zu rhun. „Holland,“ ſagte der Miniſter, deſſen Logik eben durch ihre Schamloſigkeit intereſſant wird,„iſt gewiſſermaßen ein Ausfluß des franzoͤſiſchen Gebiets und die nothwendige Ergaͤnzung des Kaiſerreiches. 38 Um die ganze R heinſtrecke(die natuͤrliche Grenze Frankreichs) zu beſitzen, muͤſſen Euer Majeſtaͤt die Grenzlinie bis an den Zuyder⸗See ausdehnen. Da⸗ durch faͤllt der Lauf aller Fluͤſſe, die in Frankreich entſpringen oder ſeine Grenze bilden, bis zum Meere hin in das franzoͤſiſche Gebiet. Bleiben die Muͤn⸗ dungen dieſer Fluͤſſe im Beſitze der Fremden, ſo iſt Ihre Monarchie, Sire, ſchlecht begrenzt; es iſt des Kaiſerreiches wuͤrdig, ſich mit natuͤrlichen Grenzen zu umgeben.“ Aus dieſen triftigen Gruͤnden, die ungefaͤhr den⸗ ſeiben Werth haben, wie diejenigen, deren ſich Na⸗ poleon bediente, um zu beweiſen, daß Großbritan⸗ nien eben ſo gut als die Inſel Oleron zu Frankreich gehoͤre, wurde Holland am olen Juli 1810 als ein erg aͤnzuder Theil des franzoͤſiſchen Reiches erklaͤrt. Dieſe Uſurpation blieb nicht unbeſtraft. Buo⸗ naparte ſank dadurch in der oͤffentlichen Achtung noch weit tiefer, als durch ſein frevelhaftes Benehmen gegen Spanſen. Es kam in Holland freilich nicht zu denſelben blutigen und heilloſen Auftritten, die durch die Verhandlungen zu Bayonne in Spanien herbei⸗ gefuͤhrt wurden. Aber die Einverleibung von Hol⸗ land ſetzte Napoleons ſchlimmſten Fehler, die Herrſch⸗ ſucht, ins grellſte Licht. Selbſt diejenigen, die das Raubſyſtem, das er ſich gegen das Ausland erlaubte, nicht ſchlechthin ta⸗ 39 delten, nahmen es ſehr uͤbel, daß er, der ſeine Ver⸗ wandten liebte und, im Ganzen genommen, ſehr großmuͤthig bebandelte, kein Bedenken getragen hatte, ſeinen eigenen Bruder, der durch ihn Koͤnig geworden und als ſolcher ſich wuͤrdig benommen, zu entthronen, ſeinen eigenen Neffen zu enterben und den Bruder gewiſſermaßen des Bloͤdſinns zu beſchul⸗ digen, und zwar aus der geringſten Veranlaſſung; — denn der eigentliche Gegenſtand des Streites, der den Handel mit England betraf, war durch ei⸗ nen Vertrag beſeitigt worden, den Napoleon nur in⸗ der Abſicht unterzeichnet zu haben ſchien, ihn zu brechen. Es ward auch bemerkt, daß die maͤnnliche, aber ehrerbietige Sprache, die Ludwig gegen ſeinen Bruder fuͤhrte, durchaus nicht geeignet war, Napo⸗ leon, der in Dingen, die ſeine Herrſchſucht betrafen⸗ keinen Scherz verſtand, auch nur im mindeſten zu beleidigen. Dieſes gewaltthaͤtige, durch nichts mo⸗ tivirte Verfahren hatte, ſo ſchien es, den Zweck, ju zeigen, daß die Herrſchſucht Napoleons nicht turch die Verhaͤltniſſe der Verwandtſchaft, durch kän Familiengefuͤhl, durch kein Mitleiden(Gerech⸗ tigeit und Maͤßigung kamen gar nicht in Betracht) ſich beſchraͤnken und zuͤgeln laſſe; und waͤhrend Ei⸗ . nige in ihrer Begelſterung weiſſagten, daß wer ſo raſch laufe, ſeine Kraft bald erſchoͤpfen muͤſſe, ſtimm⸗ ten gee darin uͤberein, daß ein aus ſo fremdartigen Theilen zuſammengeſetztes Reichtden Todestag ſei⸗ 40 nes Gruͤnders nicht uͤberleben werde, wenn es an⸗ ders ſo lange beſtehen koͤnne. Zu gleicher Zeit war es klar, daß kein Staat, der felerlichſten Zuſage Na⸗ poleons ungeachtet, gegen Veraͤnderungen geſichert ſey, ſo lange er unter deſſen Einfluß ſtehe. Um ſein Werk zu vollenden, erklaͤrte der Kaiſer den Hollaͤndern mit verbiſſenem Grimme,„er haͤbe ge⸗ hofft, ſte mit Frankreich als Verbuͤndete zu veretul⸗ gen, und ihnen deßwegen ſeinen Bruder zum Herr⸗ ſcher gegeben; es ſey ihm dies aber nicht gelungen; und er haͤtte ſich bereits nachſichtiger bewieſen, als es ſich fuͤr ſeine Wuͤrde gezieme.“ Er gab ihnen dadurch zu verſtehen, daß er noch ſtrenger haͤtte verfahren koͤunen und daß ſie mit dem Verluſte ih⸗ rer Nationalunabhaͤngigkeit noch gut genug davön Herotumen Mehen. 4 Zweites Kapitel. Entthronung Guſtgvs des az rten von Schheden: eein dreim foigt ihm in der Regierung.— Der Kronprinz verliert urch einen Sturz vom pferde das Leben.— Kandidaten, di für ihn in Vorſchlag kommen.— Die Schweden, in der Mmung, Napoleon dadurch für ſich zu gewinnen, werfen ihre Agen auf Bernadotte, den Furſten von Ponte Corvo.— Grüpe; aus enen ſich vermuthen läßt, daß Buonavarte dieſe Wihl nicht gerne geſehen habe.— Er geneymigt dieſelbe mit giderwigen⸗ — — 5 41 — Letzteg Zuß ammenkunft von Bernadotte und Napoleon.— Verſn che des letztern, Schweden au die Politik Frankreichs in knuhfen.— Der Krondrinz tritt dem Sontme entalſf em uit⸗ gerne bei. 4 Naͤvolbon macht eine Neiſe dudch Ftaudern und Holland,— keyrt nach Paris zuruck und nimmit Maßregeln, das Continents lyyſtem zu erweitern.— Beſitznahme von Wal⸗ lis.— Die Seeküſte Deutſchlands wird Frankreich einverleibt⸗ — Eincprache des Czar's gegen die Beſitzsahme von Olden⸗ burg.— Rußland laßt verſchiedene brirtiſche Waaren in eint⸗ gen veſtimmten Seebafen zu.— Es kömnit zwiſchen Frankreich und England zu Unterhandlungen zum Behuf der Auswechs⸗ lung der Krieasgefangenen und eines, alla mernen Friedens; dieſe werden aber zufolge der übertr iebenen. Jorderungen N SPölfons wied er abgebroch en. Bei der Aufloͤſung des Koͤnigreichs Holland zer⸗ brach Navoleon, indem er ihn den Haͤnden ſeines Bruders entwand, den neuen Zepter, den er ſelbſt gebildet hatte. Schweden dagegen ſetzte, in der Huffnung, den Schutz des frauziſichen Kaifers zu verdienen, oder ſeine Feindſchaft abzuwenden, das Dindem auf das Haupt eines Mannes, der, wie Napoleon, ſein Gluͤck als Soldat gemacht hatte. Wir haben ſchon mehr als einmal bemerkt, daß Guſtas der Vierte, als er gegen Napoleon in die Schranken trat, ſeine Vorgaͤuger Guſtav Adolph und 2 Karl den Zwoͤlften, nachzuaͤffen ſchlen, ohne den ge⸗ ſchwaͤchten Zuſtand ſeines Landes und die Beſchraͤnkt⸗ heit ſeiner Talente in Erwaͤgung zu ziehen. Schwe⸗ dea hatte ſchwer fuͤr die Kuͤhnheit buͤßen muͤſſen⸗ mit welcher dieſer Fuͤrſt die alten Grundſaͤtze der 4² Ariſtokratte gegen die Alles uͤberwaͤltigende Macht Frankreichs behaupten wollte. Pommern, die einzige ſchwediſche Provinz guf der Suͤdſeite der Oſtſee, war in dem Kriege von 1896 bis 1807 von den Franzoßen in Beſitz genommen worden; und Rußland, das in eben dieſem Kriege der Freund und Aufſtifter von Guſtay geweſen, hatte, nach⸗ dem es zufolge des tilſiter Vertrags ein anderes politi⸗ ches Syſtem angenommen, Schweden hinwiederum den Krieg erklaͤrt, um, wie es laut bekannte, Finn⸗ land an ſich zu reißen, was ihm auch gelungen war. Sonach hatte Schweden unter dieſem ungluͤcklichen Monarchen mehr als den dritten Theil ſeines Ge⸗ biets verloren, und die Einwohner waren jetzt aͤngſt⸗ lich darauf bedacht, die Unabhaͤngigkeit deſſen, was uͤhbrig geblieben, ſelbſt durch die verzweifeltſten Maßregeln, wenn es ſeyn muͤßte, ſicher zu ſtellen. Sie beſorgten, Rußland moͤchte die Eroberung des zalten Koͤnigreichs vollenden wollen, und glaubren auch von Frankreich befuͤrchten zu muͤſſen, daß es zur Unterjochung des Landes mitwirken wuͤrde, um den Koͤnig von Daͤnemark, der ſo viel gelitten, durch die Krone von Schweden zu entſchaͤdigen und zu be⸗ lohnen. Von ſolchem uUngluͤck bedroht, waren die Schweden gleichwohl uͤberzeugt, daß Guſtav aus Ei⸗ genſinn und durch eine zeitige Unterwerfung den Sturm zwar nicht beſchwoͤren, aber zu ſchwach und vielleicht auch zu ungluͤcklich ſeyn wuͤrde, um der 43 Heftigkeit deſſelben zu widerſtehen. Dieſe Ueber⸗ zeugung fuͤhrte zu einer Verſchwoͤrung, und zwar zu der umfaſſendſten, deren die Geſchichte gedenkt, Der ungluͤckliche Koͤnig ward im Maͤrz 1809 nach dem ſchwachen Widerſtande, den er mit ſeinem eigenen Degen leiſten konnte, ergriffen und verhaf⸗ tet. Ueberzeugt, daß in ganz Schweden niemand ſeine Wiedereinſetzung verlangen wuͤrde, nahmen die Verſchwornen keinen Anſtand, ihn mit einer angemeſſenen Pen ſion zu entlaſſen, unter der Be⸗ dingung, das Land zu meiden. Dieſe Bedingung ward, unbillig genug, auch auf ſeine Gemahlin, die Schweſter der Kaiſerin von Rußland, und auf ſeine Kinder, den bisherigen Kronprinzen mit elngeſchloſ⸗ ſen, ausgedehnt. Der Herzog von Suͤdermannland, Oheim des entthron ten Fuͤrſten, beſtieg jetzt den Thron, auf dem ihm Prinz Chriſtian von Hollſtein⸗Anguſtenburg fol⸗ gen ſollte. Der neue Koͤnig ſchloß ſofort Frieden mit Rußland, an das er Finnland und die Inſel Aland abtrat. Bald darauf kam mit Frankreich ein Vertrag zu Stande, durch welchen Karl der Dreizehnte ſich verpflichtete, dem Continentalſyſtem beizutreten und ſeine Haͤfen den engliſchen Waaren bei einiger Vergünſtigung die Einfuhr von Salz und Kolonial⸗ produkten betreffend, zu ſchlleßen. Dafuͤr erhielt Schweden ſeine auf dem Feſtlande gelegene Provinz Pommern mit der Inſel NRuͤgen zuruͤck, mit Ausnahme 44 der Domaͤnen und Reuten, die Navoleon ſeinen Sol⸗ daten oder Anha gern in die en Laͤndern angewieſen hatte. Aber dbſchon die Politik Schwedens ſolcher⸗ geſtalt eine andere ward, hatte die darin vorgegan⸗ gene Umwaͤlzung ihre Grenze noch nicht erreicht. Da der Koͤnig ſchon alt war, ſo waren Aller Au⸗ gen auf ſeinen Nachfolger, den Kronprinzen, gerich⸗ tet, der die Reglerungsgeſchaͤfte groͤßtentheils, und, wie es ſcheint, zur Zufriedenheit des Volkes beſorgte. Aber ſeine Regierung war von kurzer Dauer. Den z8ͤſten Mai 1810 fiel er, als er einige Truppen mu⸗ ſterte, ploͤtzlich vom Pferde und verſchied auf der Stelle, ſo daß der alte Koͤnig jetzt wieder allein ſtand. Dies brachte die ganze Nation in Bewegung; die Stelle eines Thronfolgers mußte wieder beſetzt wer⸗ den, und es wurden mehrere Kandidaren dazu in Vorſchlag gebracht. Unter dieſen befand ſich der Koͤnig von Daͤne⸗ mark, der der Sache Napoleons große Opfer ge⸗ bracht hatte und daher Lallerdings deſſen Unter⸗ ſtuͤtzung anſprechen konnte. Der Sohn des letzten ungluͤcklichen Monarchen, der rechtmaͤßige Kronerbe, und, wie ſein Vater, Guſtav genannt, kam auch in Vorſchlag. Der Herzog von Oldenburg, Schwager des Kaiſers von Rußland, hatte gleichfalls Anhaͤn⸗ ger. egen jeden dieſer Bewerber lagen praktiſche Einwuͤrfe vor. Hielt man ſich an das Erbrecht, das 45 der junge Guſtav durch dle Fehlgriffe ſeines Baters nicht verwirkt hatte, ſo kam ein Kind auf den Thron, und es mußte ſogleich in der heftigſteu Kriſe des Staats ein Neichsverweſer gewaͤhlt werden; auch war zu beſorgen, daß der Vater einſt ſeine Anſpruͤche wieder erneuern moͤchte. Da Daͤnemark und Schwe⸗ den von jeher auf einander eiferſuͤchtig geweſen, ſo war nicht zu erwarten, daß die Schweden ſich das Joch des Koͤnigs von Daͤnemark gefallen laſſen wuͤr⸗ den; durch die Wahl des Herzogs von Oldenburg unterwarf man ſich Rußland, uͤber das ſich Schwe⸗ den in der neueſten Zelt gar ſehr zu beklagen hatte. In diefer Verlegenheit hielt man es fuͤr das Kluͤgſte, aus Achtung fuͤr Napoleon die alte Krone der Gothen einem franzoͤſiſchen Großen und Mar⸗ ſchall, und zwar dem Karl Johaun Bernadorte, Prin⸗ zen von Ponte⸗Corvo, zu verleihen. Dieſer ausge⸗ zeichnete Offizier, der mit der Schweſter der Ge⸗ mahlin von Joſeph Buonaparte, der Tochter eines reichen und achtbaren Mannes, Namens Clary, ver⸗ heirathet und ſonach mit der kalſerlichen Familie ver⸗ wandt war, hatte ſich als Generalgouverneur von Hannover und Schwediſch⸗Pommern im noͤrdlichen Enropg großen Ruf erworben, und auf dem letztern Poſten ſich um die ſchwediſche Nation verdient ge⸗ macht; es hieß auch, er ſey nicht abgeneigt, die Irr⸗ thuͤmer des Pabſtthums gegen die beſſern Lehrmei⸗ nungen von Luther zu vertauſchen. Das ſchwediſche Polk 46 fand an dieſer durch die Politiker gebotenen Wahl nichts auszuſetzen. Unter andern Umſtaͤnden wuͤrde ein auf ſeinen alten Ruhm ſo ſtolzes Volk einen frem⸗ den Krieger, der ſich zu einer andern Religion be⸗ kannte, nicht zu ſeinem Herrſcher gewaͤhlt haben; jetzt ſchien Bernadotte der rechte Mann, der die Gefah⸗ ren der Zeit verſtehen und beſchwoͤren konnte, und deſſen Wahl demjenigen, von deſſen Wink das Schick⸗ ſal der Welt abhing, angenehm ſeyn mußke. In Beziehung guf den letztern Punkt mochten die Schweden ſich irren: Bernadotte hatte ſich fruͤher uls Buonaparte in den Revolutionskriegen einen Namen gemacht; er war der aͤltere, wenn auch nicht der faͤ⸗ higere General. Er hatte ſich am 18ten Brumaire ungeachtet aller Aufforderungen nicht an Buonaparte anſchließen wollen, und war vielmehr in voller Ruͤ⸗ ſtung zu St. Cloud erſchienen, um ſich nach Umſtaͤn⸗ den an die Spitze der Militaͤrs zu ſtellen, die ſich fuͤr das Direktorium erklaͤren mochten. Und obſchon Bernadotte ſich wie jeder Andere dem Konſularſy⸗ ſtem unterwarf und das Gouvernement von Holland unter Buongparte bekleidete, ſo wurde er doch da⸗ mals, ſowohl als unter dem Kaiſerreiche, zu denje⸗ nigen Offizieren gerechnet, die Napoleon zwar an⸗ ſtellte und belohnte, die er aber nicht liebte, und denen er nicht mehr traute, als er eben mußte, ob⸗ gleich ihre Treue in den melſten Faͤllen durch ihren Charakter verbuͤrgt war. 47 In dieſer eben nicht zahlreichen Klaſſe von Of⸗ fizteren befanden ſich einige der ausgezeichnetſten Maͤnner der ſtanzoͤſiſchen Armee, die, als das Traum⸗ bild der Republik ihren Blicken entſchwand, die er⸗ ſten Hoffnungen, welche die Revolution geweckt, noch immer feſthielten. In den Zuſtand der Knechtſchaft nothgedrungen ſich fuͤgend, betrachteten ſich dieſe Maͤn⸗ ner als die Soldaten Frankreichs, nicht Napoleons, und folgten nicht ſowohl dem Gluͤcke des Kaiſers, als dem Panner des Vaterlandes. Sie haßten zwar den Kaiſer nicht perſoͤnlich, liebten aber feine des porlſche Gewalt nicht; und es ließ ſich allerdings er⸗ warten, daß ſie irgend eine guͤnſtige Gelegenheit be⸗ nuͤtzen wuͤrden, das von Napoleon aufgeſtellte Syſtem der Willkuͤhr einigermaßen zu modiſiciken. Napoleon, der, wenn er ſich nicht durch ſein Temperament hinreißen ließ, ſtets nach einer tief⸗ berechneten Politik verfuhr, ermangelte nicht, durch die Art, wie er Aemter und Ehren ſpendete, das Daſeyn einer Meinungsverſchiedenheit unter ſeinen Generalen dem Publikum zu verbergen und dadurch zugleich die politi ſchen Ketzer ſo zu beſtechen, daß ſie den gegenwaͤrti gen Zuſtand der Dinge liebgewin⸗ nen und jeden eden u an eine Veraͤnderung fah⸗ ren laſſen mußten. Man begreift aber leicht, daß er einen dem un ntchen Einfluſſe in etwas enk⸗ ruͤckten Thron nicht gerade einem ſolchen lauwarmen Anhanger, ſondein lieber einem Manne gegoͤnnt ha⸗ 48 ben wuͤrde, auf deſſen unbedingte Ergebenheit er rechnen konnte. Zu dem Verdachte, den N Kapoleon auf Berna⸗ dorte wegen ſeiner politiſchen Meinungen gewor fen hat⸗ Ste, war in der neueſten Zeit noch ein wirklicher Zwir mit dieſem gekommen. Vernabotte hatte, wte ihn der Kaiſer Schuld gab, die Spanter unter Romane aus Juͤtland entwiſchen laſſen, und war im Feldzuge 1809, wo er die Sachſen befehligte, von Napoleon der Langſamkeit bezuͤcht rigt worden, ungegchtet er durch eine Reihe der geſchlekteſten Mandvers das Korps von Vellegarde zu einer Zeit, wo es dem Erzherzog Kart ſehr nuͤtzlich geworden waͤre, an der boͤhmiſchen Greuze feſtgehalten hatte. 1 Als die Englaͤnder auf War chern kandeten uͤber⸗ nahm Bernadette, wie bereits bemerkt worden iſt, von Fouché und Eatke hiezu aufgefordert, die Ver⸗ theidigung von Flandern und Holland, konnte es aber auch diesmal dem Kaiſer nicht recht machen. Fouché, auf deſſen Anſuchen er die Stelle angenommen, wankte ſchon; und die uͤbelgewaͤhlte Phraſe, daß, wenn auch der Kaiſer fuͤr den Ruhm Frankreichs unentbehrlich ſey, das franzoͤſiſche G Gebiet gleichwohl ohne ihn geſichert werden koͤnge, ward als Eigenlob auf Koſten des Kal⸗ ſers ausgelegt. Bernadotte, der deßwegen das Kom⸗ mando in Belgienverlor und nach Norddeutſchland zu⸗ ruͤckgeſchickt wurde, verbarg ſeinen Unwillen daruͤber ſo wenig, daß man ihn als einen hitzigen Gisehnier ſchil⸗ erte e⸗ — 49 derte, der bei der erſten beſten Gelegenhelt irgend ein Unheil anrichten wuͤrde. 1 Die Schweden, die von dieſem Mißverſtaͤndniß zwiſchen dem Kaiſer und Bernadotte nichts wußten, glaubten nun, ſie wuͤrden durch die Berufung von Bernadotte zur Thronfolge jenem den angenehmſten Dienſt erweiſen. Napoleon, der mit Bernadotte auf ſchlechtem Fuße ſtand und gewiß lieber dem Koͤ⸗ nig von Daͤnemark zur ſchwediſchen Krone verholfen haben wuͤrde, mußte indeſſen doch in Erwaͤgung zie⸗ hen, daß Schweden noch immer ein einigermaßen unabhaͤngiger Staat und durch die See gegen die franzoͤſiſchen Armeen gedeckt ſey, und daß die Schwe⸗ den auf keinen Fall gezwungen werden koͤnnten, ſich ſchlechterdings in ſeinen Willen zu fuͤgen. Er hielt es ſonach fuͤr angemeſſen, ihre Wahl zu genehmi⸗ gen, um ſo mehr, als er dadurch bewies, wie weit es ſeine Generale bringen koͤnnten, wie ſehr er ge⸗ neigt ſey, ihr Gluͤck zu befoͤrdern, und, was freilich groͤßern Zweifeln unterlag, wie ſehr er die Rechte eines Volkes in der Wahl ſeines Oberhauptes zu achten wiſſe. Als daher Bernadotte den Kaiſer, je⸗ doch unter der Betheurung, daß er Alles ſeinem Er⸗ meſſen anheimſtelle, um ſeine Verwendung bei den zur Wahl eines Kronprinzen verſammelten ſchwedi⸗ ſchen Reichsſtaͤnden bat, erwiederte Napoleon, er ſey nicht geſonnen, ſich in dieſe Wahl auf irgend eine Weiſe zu miſchen, ermaͤchtige aber den Prinzen W. Scolt's Wedke. LIV. 4 50 von Ponte⸗Corvo, ſich als Kandidat zu melden, und es ſolle ihn freuen, wenn derſelbe ſeinen Zweck er⸗ reiche. So erzaͤhlt Napoleon dieſe Geſchichte. In einem uns mitgetheilten Manuſcript wird aber das Benehmen Napoleons ganz anders geſchildert, und es erhellt daraus, daß, waͤhrend er den kuͤnftigen Krouprinzen von Schweden mit ſchoͤnen Worten hin⸗ hielt, er deſſen Befoͤrderung durch geheime Intriken zu hintertrelben ſuchte.*) 12 Die Schweden beharrten jedoch auf ihrer Wahl, ungeachtet der Einfluͤſterungen des franzoͤſiſchen Ge⸗ ſandten Deſaugier, der von Napoleon in der Folge verlaͤugnet und von ſeinem Poſten abberufen wurde, weil er auf dem Reichstage zu Orebro ſich fuͤr den Koͤnig von Daͤnemark und nicht fuͤr Bernadotte ver⸗ wendet hatte. Nachdem Napoleon ſolchergeſtalt, wenn nicht ſeine Einwilligung ſo doch die ihm abgedrungene Verſicherung, daß er nicht entgegen ſeyn wolle, er⸗ theilt hatte, ward Bernadotte, der bei den Schwe⸗ den in hoher Achtung ſtand, und von dem ſie glaub⸗ ten, er vermoͤge viel auf Napoleon, von den ſchwe⸗ diſchen Reichsſtaͤnden am 2iſten Auguſt 1810 zum Kronprinzen gewaͤhlt. Nayoleon geſteht ſelbſt, er habe nur mit Muͤhe der Verſuchung widerſtanden, —— „) Siehe Anhang No. 6: Betrachtungen über das Denh⸗ men Napoleons gegen den Kronprinzen von Schweden⸗ 5 ½ ſeine Einwilligung zu widerrufen und die Wahl zu bintertreiben. Er iſt hievon vielleicht einzig durch den Gedanken abgehalten worden, daß er durch die Genehmigung dieſer Wahl Schweden mit dem Con⸗ tinentalſyſtem ausſoͤhnen koͤnns, daß er im eutge⸗ gengeſetzten Falle zwar einem Manne, den er nicht liebte, wehe thun, vtelleicht aber die ſchwediſchen Meichsſtaͤnde, die nicht mit jedem andern franzoͤſi⸗ ſchen Kandidaten vorlieb genommen haͤtten, dahin bringen wuͤrde, ſich entweder England, ſeinem er⸗ klaärten Feinde, oder Rußland in die Arme zu wer⸗ fen, das ſeit dem Vertrage von Schoͤnbrunn und ſelt der Vermaͤhlung Napoleons mit einer oͤſterreichiſchen Prinzeſſin kaum mehr ein Freund geuannt werden konnte. Buonaparte wollte wenigſtens eine Buͤrgſchaft dakuͤr haben, das Bernadotte das Intereſſe Frank⸗ relchs und ſeines Kaiſers ſtets vor Augen haben wuͤrde. Als daher Bernadotte die Vitte vorbrachte, aus dem franzoͤſiſchen Unterthanenverhaͤltniß entlaſ⸗ ſen zu werden— eine Bitte, die dem Kronprinzen eines fremden Landes ſchicklicherwelſe nicht verwel⸗ gert werden konnte— ſagte ihm Nayoleon:„Dle Ausfertigung des Entlaſſungspatents iſt durch den Vorſchlag des geheimen Raths verzoͤgert worden, daß Bernadotte ſich vorerſt verbindlich machen muſſe, niemals gegen Napoleon die Waffen zu tragen.“ Bernadotte elferte gegen eine Zamuthung, die ihn ei⸗ 4. 52 nem franzoͤſiſchen General gleichgeſtellt haben wuͤrde. Der Kalſer ſchämte ſich jedoch, auf einer ſo unver⸗ nunftigen Forderung zu beſtehen, und entließ ihn mit den faſt prophetiſchen Worten:„Gehen Sie— unſer Schickſal muß in Erfuͤllung gehen.“ Er ver⸗ fprach dem Kronprinzen zwei Millionen Franken zur Entſchaͤdigung fuͤr das Fuͤrſtenthum Ponte⸗Coryo und die andern Beſitzungen, die ihm in Holland ange⸗ wieſen worden, und die er bei ſeinem Austritt aus dem franzoͤſiſchen Unterthanenverhaͤltniß wieder ab⸗ geben mußte. Es iſt ſonderbar genug, daß Napo⸗ leon auf St. Helena behaupten mochte, er habe die⸗ ſes Geld(von dem nur eine Million ausbezahlt worden iſt) Bernadotten zum Geſchenke gemacht, damit er ſeine neue Wuͤrde mit geziemendem Glanze haͤtte antreten koͤnnen. uUm die ſchwediſchen Angelegenheiten vollends abzuhandeln, bemerken wir nur noch, daß, obgleich der ſchwediſchen Nation ſehr daran lag, die Erneue⸗ rung eines hoffnungsloſen Kampfes mit Frankreich zu vermeiden, ſie darum doch keineswegs geſonnen war, den Vortheil ihres Handelsverkehrs mit Eng⸗ land aufzugeben. Die Leltung der Nationalangele⸗ genheiten kam jetzt bald an den Kronprinzen, da der Koͤnig wegen Kraͤnklichkeit und Altersſchwaͤche ſich nicht laͤnger damit befaſſen konnte, und es entſtand fuͤr Bernadotte, oder fuͤr Karl Johann, wie er jetzt genannt wurde, die ſehr kitzliche und ſchwere Auf⸗ 53 gabe, Frankreich zufrieden zu ſtellen und von Buo⸗ naparte durch geeignete Vorſtellungen eine Milde⸗ rung des Continentalſyſtems auszuwirken. Allein Napoleon nahm die dahin zielenden Verſuche des Kronprinzen ſo uͤbel, daß er, im Unwillen uͤber ſei⸗ uen ehemaligen Waffengefaͤhrten, der erſt ſeit drei Mongten Kronprinz war, den ſchwediſchen Miniſter, den Baron Lagerbielke, mit derſelben Heftigkeit, wie fruͤher den Lord Withworth anfuhr. Er ſprach fuͤnf Viertelſtunden lang mit der außerſten Schnellig⸗ keit, ſo daß der erſtaunte Miniſter kaum hie und da ein Wort zum Behuf einer Bemerkung oder einer Entſchuldigung anbringen konnte.„Glaubt man denn in Schweden,“ ſagte er,„es ſey ſo leicht, mich zum Beſten zu haben? Glaubt man denn, ich werde mich mit halben Maßregeln abfinden laſſen? Was ſollen mir dieſe Betheurungen? Thatſachen will ich haben! Ihr habt zu Anfang des Jahrs den Frieden unterzeichnet und Euch verbindlich gemacht, allen Verkehr mit England abzubrechen; und doch habt Ihr bis ſpaͤt im Sommer einen engliſchen Agenten bei Euch behalten und ſeyd mit England uͤber Go⸗ thenburg in Verbindung geblieben. Eure kleinen Inſeln ſind eben ſo viele Schleichhandelmagazine; Eure Schiffe gehen den engliſchen entgegen und tau⸗ ſchen ihre Ladungen aus. Ich habe dieſe Nacht we⸗ gen Euern Angelegenheiten nicht eine Stunde ge⸗ ſchlafen, und doch ſolltet Ihr mir einige Ruhe goͤn⸗ 54 3 nen— 8 bedarf derſelben. Ihr habt Schiffe in je⸗ dem engliſchen Hafen. Ihr ſagt, Ihr muͤßt Salz einkaufen; holt Ihr etwa Salz in der Themſe?— Ihr ſchwatzt dapon, wie viel Ihr durch die Unter⸗ druͤckung des Handels leiden muͤſſet; je nun, auch ich leide— Deutſchland, Bordeaux, Holland und Frankreich leiden auch! Aber dem muß ein Ende wer⸗ den. Ihr muͤßt auf die Englaͤnder Feuer geben, ihre Wazten conſisciren, oder Krieg mit Fi rankreich füͤh⸗ ren. Ich will offenen Krieg, oder zuve rlaͤßige Freund⸗ ſchaft— dies iſt mein letztes Wort⸗ m ein letzter Entſchluß. Meint man denn in Schweden, ich wuͤrde mein Syſtem modlſiciren, well ich den Kronprinzen liebe und ſchaͤtze? Habe ich den Koͤnig von Hollgnd nicht auch geliebt und geſchaͤtzt? Er iſt meln Bru⸗ der, und doch habe ich mit ihm gebrochen: Ich habe die Stimme der Natur beſchwichtigt, um einzig auf das Gebot des allgemeinen Beſten zu hoͤren.“ Ju⸗ dem er ſich dieſer und anderer heftiger Ausdruͤcke bediente, ſchrie Buonayarte ſo laut, daß er in den anſtoßenden Gemaͤchern gehoͤrt und verſtanden wer⸗ „ geh 1 den konnte. Die Forderungen des erzuͤrnten Kaiſers wurden nach Stockholm berichtet, and dort von dem daͤniſchen und euſiſcben Geſandten durch die dringendſten Vor⸗ u unterſtuͤtzt, ſo daß ſich der Kronyrinz ge⸗ i9 t ſah, dem Continentalſyſtem beizutreten und iand den Krieg zu erklaͤren. Die brittiſche Re⸗ 55 gierung erkaunte jedoch den Zwang, unter welchem Schweden handelte, und aͤnderte darum kaum ihr Betragen gegen dieſen Staat. Bernadotte und Napoleon verbargen einſtweilen ihren gegenſeitigen Groll unter den Formen gewoͤhn⸗ licher Hoͤflichkeit. Der Kronprinz konnte es nicht verſchmerzen, daß der Kaiſer es ſich herausgenommen hatte, ihn, als ſey er ſein Vaſall, zu meiſtern, ihm, ungeachtet ſeiner Bitten, das verhaßte Continental⸗ ſyſtem aufzudringen und ihn dadurch in Schweden um ſeine Popularitaͤt zu bringen. Napoleon zuͤrnte dagegen auf Bernadotte, deſſen Groͤße ſein Werk war, und der, frech genug, anderer Meinung zu ſeyn, als er, Anſtand genommen hatke, auf Koſten Schwe⸗ dens die Intereſſen Frankreichs zu befoͤrdern. Bei andern Veranlaſſungen zeigte der Kronprinz von Schweden eben keine große Bereitwilligkeit⸗ ſich gegen den Kaiſer von Frankreich gefaͤllig zu erwei⸗ ten. Napoleon verlangte zu wiederholten Malen Solda⸗ ſen und Matroſen von Schweden. Dieſem ſuchte Verna⸗ dotte immer auszuweichen, indem er ſich darauf berief⸗ daß Schweden eine beſchraͤnkte Monarchie ſey, und daß er daher nicht, wie der unumſchraͤnkte Koͤnig von Daͤnemark, uber die vaterlaͤndiſchen Soldaten und Matroſen nach Gefallen verfuͤgen koͤnne. Dabei be⸗ merkte er, daß die Schweden in ihrer Helmath ta⸗ pfere und willige Soldaten ſeyen, ſich aber aus Vor⸗ liebe zu ihrem Klima und ihren Sitten anderswo 56 nicht wohl gebrauchen ließen. In dieſen und andern Entſchuldigungen erkannte Napoleon den feſten Ent⸗ ſchluß ſeines ehemaligen Waffengefaͤhrten, in allen Faͤllen, wo es geſchehen konnte, ſich dem Einfluſſe Frankreichs zu entziehen. Und obgleich die beiden Staaten, und ſelbſt die beiden Herrſcher in einem freundſchaftlichen Verhaͤltniſſe zu einander blieben, ſo war doch vorauszuſehen, daß ſolches in dem Falle eines Widerſtreits ihrer beiderſeitigen Intereſſen auf⸗ dhoͤren wuͤrde. Dieſer Fall trat aber erſt in dem ver⸗ haͤngnißyollen Jahre 1812 ein.— Wir kehren zu den Angelegenheiten Frankreichs zuruͤck. Der Kaiſer trat mit ſeiner jungen Gemahlin eine Reiſe nach Flandern und Holland an, um den Zuſtand dieſer Laͤnder zu unterſuchen und nach ſei⸗ nem Syſteme zu ordnen. Dies gab zu zwei merk⸗ wuͤrdigen Erſcheinungen Anlaß. Die Geiſtlichkeit von Brabant, die mehr als in andern Laͤndern paͤbſt⸗ lich geſinnt iſt, hatte die Ercommunicationsbulle des Pabſtes gegen Napoleon in ihren Sprengeln in um⸗ lauf gebracht. Dieſer Schritt war allerdings geeig⸗ net, den Kaiſer aufzubringen; aber die Ruͤge war doch gewiß zu ſtark. Was ihn beſonders verdroß, war, daß die Geiſtlichen vor ihm nicht in ihrer kirch⸗ lichen Kleidung erſchienen.„Ihr nennt Euch Prie⸗ ſter,“ ſagte er;„wo habt Ihr Eure Amtstracht ge⸗ laſſen? Seyd Ihr Anwaͤlte, Schreiber oder Bauern? Ihr fangt damit an, die mir ſchuldige Ehrfurcht au s —— —— 57 den Augen zu ſetzen, und doch iſt es ein Grundſatz der chriſtlichen Kirche, wie dieſe Herren(auf die proteſtantiſchen Abgeordneten hinweiſend) Euch leh⸗ ren koͤnnen, und wie ſie ſo eben geſagt haben:— dem Kaiſer zu geben, was des Kaiſers iſt. Aber Ihr— Ihr wollt nicht fuͤr Euern Herrn beten, weil ein roͤmiſcher Prieſter mich in den Bann gethau hat. Wer aber hat ihm das Recht dazu gegeben? Ihr moͤchtet wohl gerne wieder Folter und Scheiter⸗ haufen einfuͤhren— das ſoll Euch aber nicht gelin⸗ gen. Ich trage das weltliche Schwert und weiß es zu gebrauchen. Ich bin ein von GSott ſelbſt beſtell⸗ ter Monarch, und Ihr elenden Wuͤrmer ſollt mir nicht in den Weg treten. Ich bin nur Gott und dem Heiland verantwortlich. Meint Ihr denn, ich ſey gemacht, dem Papſte die Fuͤße zu kuͤſſen? Stuͤnde es in Eurer Macht, Ihr wuͤrdet mir den Kopf ſcheeren, mich in eine Kutte ſtecken und in ein Klo⸗ ſter ſperren. Predigt das Evangelium, wie die Apo⸗ ſtel es gethan, oder ich verbanne Euch aus dem Reich und zerſtreue Euch wie Juden in alle Welt. — und Sie, Herr Praͤfect, ſehen Sie darauf, daß dieſe Menſchen auf das Concordat ſchwoͤren; daß in den Seminarien das aͤchte Evangelium gelehrt werde; daß vernuͤnſtige Geiſtliche darin gebildet werden, und nicht ſolche Dummkoͤpfe, wie dieſe da.“ So ſchloß dieſe erbauliche Ermahnung. Die Hollaͤnder mußten ſich ſtellen, als freuten 58 ſie ſich; doch konnten dieſe ehrenfeſten Kauſteute ihre uͤble Laune nicht ganz meiſtern. Als der Kak⸗ ſer von der Errichtung einer Handlungskammer in Amſterdam ſprach, bemerkte einer der Bufrgermeiſter ganz ernſthaft, es bedürfe keiner Kammer— ein kleines Kabinet koͤnne den ganzen, noch uͤbrigen Handelsſtand faſſen. Und als ferner Napoleon ſich tuhmte, daß er bald eine Flotte von zweihundert Segeln haben wurde, ſagte ein ſchlichter Buͤrger: „Dann werden die Englaͤnder bald doppelt ſo viel ha⸗ ben.“. Man blieb nicht bei plumpen Wahrheiten und ungewuͤrzten Scherzen ſtehen: waͤhrend ſich Buona⸗ parte in Holland aufhielt, erſchien daſelbſt eine je⸗ uer kraͤſtigen Aufforderungen, durch welche ſchon oft der Sturz ungerechter Gewalt herbeigefuͤhrt worden iſt, und welche zu allen Zeiten den Tyrannen Beſorgniſſe eingeftoͤßt haben.„Ihr Hollaͤnder,“ ſo heißt es in dieſer ſonderbaren Schrift(die mit der bekannten Abhandlung, die das Motto fuͤhrt:„Toͤdten iſt nicht worden,“ und die den Schlaf von Cromwell's Laget verſcheucht hat, verglichen werden kann),„warum fuͤrchtet Ihr Euern Unterdrucer?— Er iſt nur Einer, Eurer ſind Viele. Seht nur, wie ſeine el⸗ genen Soldaten ihn haſſen und ihn in Spanien verlaßfen; ſelbſt ſeine Generale wuͤrden daſſelbe thun⸗ koͤnnten ſie obue ihn, wie ſie ſind, beſtehen. Erhebt Euch in voller Kraft zu Eurer Rettung. Der ganze — * 959 Continent wird Euerm Beiſpiele folgen; Ener Un⸗ terdruͤcker wird fallen, und Euer Triumph ſoll den Tyrannen zur Watuung, der Welt zur Le Ehr did⸗ nen.“ Dieſer Aufruf blieb vorderhand ahne Wirkung, machte aber, in Verbindung mit andern Schriften dieſer Ark, einen tiefen Eindruck auf das Publikum. Nayoleon kehrte von Holland nach Parls zuruͤck und fuhr fort, ſein Continentalſyſtem, auch nach der Einverlen⸗ bung von Holland und nach den Vorfaͤllen in Schwe⸗ den, immer mehr auszubilden. Im uͤbertriebenen Vertrauen auf ſeinen Plan ſah er ſich nach allen Richtungen um, in der Abſicht, jede, auch dle ge⸗ ringſte Oeffnung zu verſchließen, durch welche der brittiſche Handel, dem er den Tod geſchworen hatte, Athem ſchoͤpfen koͤnnte. Je mehr Napoleon gewann, deſto mehr wollts er haben; das iſ eben der Fluch einer ungezuͤgelten Herrſchſucht, daß ſie nie geuug hat. Schon hatte er Holland, dieſes klaſſiſche Land des Handels, deſ⸗ ſen Bürger Handelsfuͤrſten waren, mit ſeinen ſchoͤ⸗ nen Seekuͤſten und trefflichen Haͤfen verſchlungen; mit andern weniger reichen und nicht ſo beruͤhmten, aber wegen ihrer ehemaligen Bedeutſamkeit noch immer ehrwuͤrdigen Staͤdten wollte er auf gleiche Weiſe verfahren, um dem britiiſchen Handel vollends alle Kuͤſten zu verſchließen. Durch die Einverlelbung des Walliſerlandes, das bisher als ein kleiner Frelſtaat beſtanden hatte, kam Frankreich in den ungetheilten Beſitz der Straße uͤber den Simplon, die nach Itglien fuͤhrt, und die Napoleon daher nicht in fremden Haͤnden wiſſen wollte, wie dann zu jener ungluͤcklichen Zeit der Vortheil Frankreichs als das hoͤchſte Geſetz gegen alle Staaten geltend gemacht wurde. Die Einver⸗ leibung dieſes armen Gebirgslandes geſchah indeſſen nicht ohne Blutvergießen. Die Bewohner ſetzten ſich zur Wehre, und mußten durch Waffengewalt bezwun⸗ gen werden. Damit der in Holland geaͤchtete Handel ſeinen Sitz nicht nach Norddeurſchland, in die ſogenannten Hanſeſtaͤdte, verlegen koͤnne, ſchlug Napoleon vol⸗ lends noch die ganze deutſche Kuͤſte der Nordſee⸗ folglich die Muͤndungen der Schelde, der Maas, des Rheins, der Ems, der Weſer und der Elbe, zum franzoͤſiſchen Gebiete, und ſprach dabel die Abſicht aus, die Oſtſee durch einen Kanal mit der Seine in Verbindung zu bringen. Durch dieſen Gewaltſtreich verloren zwei von Napoleon ſelbſt geſchaffene Staa⸗ ten, das Koͤnigreich Weſtphalen und daß Großher⸗ zogthum Berg, einen bedeutenden Theil ihres Ge⸗ bietes; und ſo zeigte es ſich abermals, wie wenig Napoleon ſelbſt diejenigen Rechte, die von ihm aus⸗ gegangen, zu beachten geſonnen ſey, falls ſolche mit den Entwuͤrfen ſeiner immer weiter ſtrebenden Herrſchſucht in Widerſtreit gerathen ſollten. 61 Haͤtte Preußen ſeinen ehemaligen Einfluß als Protektor des Nordens noch uͤben koͤnnen, ſo wuͤr⸗ den Hamburg, Bremen und Luͤbeck nicht ſo ohne alle Umſtaͤnde dem franzoͤſiſchen Kaiſerreiche einver⸗ leibt worden ſeyn. Waͤhrend aber diefe ehrwuͤrdigen und beruͤhmten freien Staͤdte die wehrloſe Beute eines immer weiter um ſich greifenden Despotismus wurden, fand ein kleiner, bel weitem nicht ſo wich⸗ tiger Staat, von deſſen Daſeyn kaum diejenigen et⸗ waswußten, denen die Eintheilung von Norddeutſch⸗ land etwas genauer bekannt war, einen Beſchuͤtzer⸗ und zwar elnen ſehr maͤchtigen. Wir meinen das Herzogthum Oldenburg, deſſen Regent zufolge ſei⸗ ner Abſtammung aus dem Hauſe Holſtein⸗Gottorp mit dem Kaiſer von Rußland verwandt und uͤber⸗ dies noch Alexanders Schwager war. Da dieſes Land bei allen Veraͤnderungen, die nach dem Frie⸗ den von Tilſit in Norddeutſchland Statt fanden, gefliſſentlich verſchont worden, ſo war deſſen Einver⸗ leibung ein um ſo auffallenderer Beweis von Ge⸗ ringſchaͤtzung gegen Rußland. Als man ſich bei Na⸗ adu daruͤber beſchwerte, erbot er ſich, den Herzog von Oldenburg durch die Stadt und das Gebiet von Er⸗ furth und die Herrſchaft Blankenhein zu entſchaͤdi⸗ gen. Allein der Herzog weigerte ſich, im Vertrauen auf ſeinen maͤchtigen Beſchuͤtzer, ſeine Beſttzungen gegen andere zu vertauſchen, und ſchlug die ihm au⸗ gebotene Entſchaͤdigung mit ſtolzer Feſtigkeit aus; 62 Frankreich beharrte dagegen auf der Ufurpatton von Oldenburg, worauf Kaiſer Alerxander in einer, allen Mitgliedern des diplomatiſchen Korps mitgetheilten Note in einer ernſten, aber maͤßigen Sprache er⸗ klaͤrte, daß er ſich die einem Prinzen ſeines Haufes widerfahrne Beleidigunz nicht gefallen laſſe, obgleich er ſich noch immer zu dem pelitiſchen Syſteme be⸗ kenne, dem das Buͤndniß zwiſchen Frankreich und Rußland ſeinen Urſprung verdanke. Es ſcheint, Napoleon habe es nach ſeiner in⸗ nigeren Verbindung mit Oeſterreich nicht mehr fuͤr noͤthig gehalten, Rußland mit derſelben Schonung, und Achtung, wie vordem, zu behandeln. Der Czar ſelbſt fuͤhlte dies; und die ſehr zahlreiche Partei der ſo⸗ genannten Altruſſen verſaͤumte nicht, auf die Uebel aufmerkſam zu machen, die aus Alexanders Beitritt zu dem Continentalſyſtem fuͤr Rußland entſtanden ſeyen. Sie zelgte, wie die ruſſiſchen Unterthanen ihre eigenen Produkte, fuͤr welche England jederzeit der beſte Markte geweſen, nicht mehr verwerthen und ſich die engliſchen Manufaktur⸗ und Kolontalwaaren, die ihnen mnentbehriläh ſeyen, nicht mehr verſchaffen koͤunten. Am Ziſten December 1810 erſchten hierauf eln mit vieler Kunſt abgefaßter Ukas, der zwar das Verbot der engliſchen Waaren erneuerte, deunoch aber zu Archaugel, Petersburg, Riga, Reval und in fuͤnf oder ſechs andern Seehaͤfen die Einſuhr ver⸗ 63 ſchiedener Waaren, beſonders von Kolonialproduk⸗ ten, geſtattete, vorausgeſetzt, daß ſie nicht engliſches Eigenthum ſeyen, ſo daß Rußland, indem es das Continentalſyſtem aufuͤhrte und daſſelbe den Worten nach zu achten ſchien, ſolchem der That nach ent⸗ ſagte, Da jedoch Alexander von der Einverlelbung des Herzogthums Oldenburg keinen Anlaß genom⸗ men hatte, ſein Buͤndniß mit Frankreich aufzugeben, ſo nahm auch Napoleon Anſtand, mit Rußland, un⸗ geachtet ſeiner veraͤnderten Politik, fuͤr jetzt, und zunaͤchſt wegen des Ukas vom December 1810, ganz zu brechen. Indeſſen mochte der franzoͤſiſche Kaiſer nachge⸗ rade einſehen, daß der Friede mit England zur Si⸗ cherſtellung ſeines Throns wohl am meiſten beitragen vuͤrde. Im Monate April 1810, wo Herr Macken⸗ zie, zufolge eines Auftrags der brittiſchen Regierung mach Morlair kam, waren diesfalls einige Verſuche gemacht worden. Leider war bis jetzt in dieſem heil⸗ loſen Kriege noch kein Kartel zur Auswechslung der Kriegsgefangenen zu Stande gekommen, ſo daß die ungluͤcklichen Menſchen, die dem Feinde in die Haͤnde gefallen waren, keine andere Ausſicht hatten, als entweder in elnem entferuten feindlichen Lande zu ver⸗ ſchmachten, oder das bis jetzt noch unabſehliche Ende der Feindſeltgteiten abzuwarten. Was der Auswechs⸗ lung der Kriegsgefangenen, die in allen cioiliſtrten Ländern als eine Pilicht der Humanitaͤt erkannt wor⸗ 6 4 den iſt, im Wege ſtand, war die Forderung Napo⸗ leons, daß diejeulgen, nicht zum Mllitaͤr gehoͤrigen Individuen, die er bei dem erſten Ausbruche der Feindſeligkeiten gegen alles Voͤlkerrecht als Krlegs⸗ gefangene hatte feſthalten laſſen, gegen franzoͤſiſche Matroſen und Soldaten ausgewechſelt werden ſoll⸗ ten. Die brittiſchen Miniſter ſtraͤubten ſich lange, in eine ſolche, auch in politiſcher Hinſicht nach⸗ theilige Forderung einzugehen. Die Leiden ſo vie⸗ ler Ungluͤcklichen und die Bitten ihrer Familien ver⸗ mochten ſie aber endlich doch zur Nachgiebigkeit; ſie willigten ein: der Kaiſer ſollte von ſeinem voͤlker⸗ rechtswidrigen Verfahren Vortheil ziehen und die genannten Individuen bei dem vorgeſchlagenen Kar⸗ tel als Kriegsgefangene in Rechnung bringen. Als aber die Kommiſſaͤre in Morlair zuſammentraten, ſah ſich Herr Mackenzie von dem Ziele ſo weit als je entfernt. Die Zahl der frauzoͤſiſchen Kriegsgefan⸗ geuen in England uberſtieg diejenige der engliſchen Kriegsgefangenen in Frankreich um einige Tauſende; und Buonaparte, der in jedem Handel ausſchließend gewinnen wollte, beſtand darauf, daß der Mehrbetrag der franzoͤſiſchen Kriegsgefangenen gegen Deutſche, Spanler, Portugieſen u. ſ. w., die ſich als Kriegs⸗ gefangene in Frankreich befaͤnden, ausgewechſelt wer⸗ den ſollte. 8 Dies fand in Anſehung der in brittiſchem Solde ſtehenden Trupven ganz keine Schwierigkeit; The 65 es war denn doch unvernuͤnftig und gegen alles Her⸗ kommen, daß man uns zumuthete, die gebornen Fran⸗ zoſen, die ſogleich wieder Dienſte leiſten konnten, herauszugeben und dafur Fremde anzunehmen, die nie bei uns gedient und keine Pflichten gegen uns hatten, und die, einmal auf freien Fuß geſtellt, eben ſo gut bei den Srandnfen als bet nns 6Dieche ne men konnten. Nach vielem Zank und Streit machte Hert Mak⸗ kenzie, um die Bereitwilligkeit der engliſchen Regie⸗ rung zu beweiſen, den Vorſchlag, vorerſt ſo viele Franzoſen, als ſich Englaͤnder in franzoͤſiſcher Gefan⸗ genſchaft befanden, zu entlaſſen und hierauf die Kriegs⸗ gefangenen von fremden Laͤndern ohne Unterſchied gegen einander auszuwechſeln; diejenigen Gefange⸗ nen, die nach dieſer Ausgleichung noch uͤbrig bleiben wuͤrden, ſollten alsdann gegen das Verſprechen, bis zu ihrer wirklichen Auswechslung keine Dienſte zu leiſten, gleichfalls auf freien Fuß geſtellt werden. Dieſen Vorſchlag, den liberalſten, der ſich denken laßt, erwiederten die Franzoſen mit neuen Forde⸗ rungen und neuen Einwuͤrfen. Herr Mouſtier, ei⸗ ner der franzoͤſiſchen Kommiſſaͤre, meinte ſogar— man wird es kaum glauben— Lord Wellington und ſeine Armee, die in dem verſchanzten Lager von Tor⸗ res Vedras ſtand, muͤßten auch als franzoͤſiſche Ge⸗ fangene betrachtet werden. Herr Mackenzie erklaͤrte dagegen, daß er einen ſolchen Vorſchlag nicht zuß W. Scott's Werke. LIV. 5 66 Kenutniß ſeiner Regierung bringen koͤnne und die Unterhandlungen abbrechen muͤſſe, u wenn merſelbe nicht zurückgenommen wuͤrde. Es iſt unnoͤthig, uns laͤnger mit dem Gange der Unterhandlungen zu befaſſen, die nach dem Willen Napvledns kein Reſultat haben ſollten. Er hatte berechnet, welches von beiden Laͤndern ſeine Kriegs⸗ gefangenen, oder eigentlich die Dienſte, die dieſe leiſten konnten, am beſten entbehren koͤnne. Durch die Conſcriprion und durch das Aufgebot der Contingente, die ihm ſeine Vaſallen und Bun⸗ desgenoſſen ſtellen mußten, konnte er imme ro viel Streitkraͤfte aufbringen, als er zur Ausfuͤhrung auch feiner rieſenhafteſten Entwuͤrfe bedurfte, waͤhrend dagegen England, zufolge ſeines koſtſpteligen Wer⸗ beſyſtems, auf die Befreiung ſeiner Gefangenen al⸗ lerdings groͤßern Werth legen mußte. Dieſe Unter⸗ handlung war wahrſcheinlich nur darauf berechnet, der franzoͤſiſchen Armee zu beweiſen, daß dem Kai⸗ ſer das Schickſal ihrer in England gefangenen Waf⸗ fenbruͤder nicht gleichguͤltig ſey, und als ſich dieſe zer⸗ ſchlug, konnte man ſich doch damit troͤſten, daß Eng⸗ land noch immer mehr dabei leide, als Frankreich. n Einige Vorſchlaͤge, den allgemeinen Frieden be⸗ treffend, waren bei den Verhandlungen zu Morlair auch zur Sprache gekommen; und die brittiſche Regie⸗ rung hatte diesfalls drei verſchiedene Grundſaͤtze auf⸗ geßellt, mit der Erklaͤrung, irgend einen derſelben⸗ 67 als Baſis annehmen zu wollen, und zwar erſteus, der Beſitzſtand vor dem Krieg; oder zweitens, den dermaligen Beſitzſtand; oder aber drittens, den Grund⸗ ſatz gegenſeitiger Compenſationen. Aber keiner die⸗ ſer Grundſaͤtze ward von der franzoͤſiſchen Regiernng beliebt, ſo daß der Perſuch, den allgemeinen Frieden wieder herzuſtellen und eine Anzahl von mehr als hunderttauſend menſchlicher Weſen— wir meinen die belderſeitigen Kriegsgefangenen der Freiheit, ihrem Lande und ihrer Heimath Kuricangehan, ohne allen Erfolg blieb. Der Ton des Trotzes ward danach wieder an⸗ geſtimmt, ſobald man ſich uͤberzeugt hatte, daß Eng⸗ land jeden nicht auf den Grundſatz der Billigkeit und Gleichheit gegruͤndeten Frieden verwerfen wuͤrde. Graf Semonville bewies in elner feierlichen Rede, daß Buonaparte durch die beharrliche Herrſchſucht Englands genoͤthigt worden ſey, ſich der ganzen See⸗ kuͤſte von Europa zu bemaͤchtigen— daß ſein Um⸗ ſichgreifen zu Lande die nothwendige Folge von Eng⸗ lands Seeherrſchaft ſey. Er frug ſodann, in pro⸗ hetiſcher Begeiſte ung, wozu dies endlich fuͤhron muſſe.„England mag darauf antworten,““ ſagte er. „„Es werfe einen Blick in die Vergangenheit und lerne dadurch die Zukunft beurtheilen. Frankreich und Napoleon werden ſich ſtets gleich bleiben.* —— 3.. 68 „Dar i tit e S Ka y it e 1.g 615 II der aigantit chen Macht Navoteons in dem akgenwäͤr. ri n Ze dunkre.— Die Kaiſerin M arie Louiſe wird von einem Sohn entbunden.— Der König von Nom; Bemerkungen über dieſen Titel.— Erwägung der guten und ſchlimmen Folgen, die dieſes Ereigniß haben konnte— Ruckblick.— Die Exkönigin von Hetrurien.— Napoleon mißhandelt dieſelbe auf eine unver⸗ antwortliche Weiſe.— Lucian Buonaparte erhält die Eriaubniß, Rach England zu kommen, und gibr ſich dort mir der Dichtkung abn Miſtungener Verſuch, Ferdinand zu vefreien.— Seine Kleinmüthigkeit.— Operationen in Portugal.— Rückzug von Maſſna.— Sein Betragen als Menſch und als General.— Geſchicklichkeit der beiden Heertuhrer.— Schlachten des Lord Wer⸗ tington bei Fuentes d'Onoro.— des Lord Beresford auf der Süd grenze von Portugal,— des Generals Graham bei Baroſſa— Die Engländer ſind überall Sieger.— Operation von Aroyo⸗Mo linas.— Niederlage der Spanier unter Blake.— Er wird mit ſeiuer Armee gefangen genommen; Valencia fällt in die Hände der Franzoſen.— Uneinigkeit unter den franzöſiſchen Generalen. — Zoſeph ſchreibt an Navoleon und bezeigt den Wunſch, ſeine 89 Krone niederzulegen.— Das unermeßliche Reich Navoleots a war ſchon auf der Neige, ſchon von dem Siechthum ergriffen, das ubergroße Staaten fruͤher oder ſpaͤter beſchleicht; ein weites Gebiet bekundet noch nicht die Macht ei⸗ nes Staates, wie die ungewoͤhnliche Korpulenz ei⸗ nes Menſchen kein Zeichen von Kraft oder Geſund⸗ heit iſt. Napoleons Macht war in der That vor ei⸗ nigen Jahren groͤßer geweſen, als jetzt, nachdem er —— 69 ſein Gebiet ſo ſehr erweitert hatte. Der ſpaniſche Krieg, der in ſolcher Entſernung und mit einem ſo gro⸗ ßen Aufwande an Menſchen und Geld gekuͤhrt wurde, war ein freſſendes Geſchwuͤr. Die Huͤlfsquellen, die ihm Holland unter der Herrſchaft ſeines Bruders Ludmig gewaͤhrt hatte, verſiegten, ſeit es dem franzoͤſiſchen Reiche einverleibt worden, immer mehr. Daſſelbe gilt von den Laͤndern und freien Städten des nörd⸗ lichen De utſchlands, wo zahlreiche Banden von Schleich⸗ haͤndlern mit den franzoͤſiſchen Mauthbedienten einen neckenden Guerillakrieg fuͤhrten, der durch National⸗ haß und Gewinnſucht in manchen Bezirken beinahe zu einem Buͤrgerkriege erwuchs. Obgleich aber ſolche Wuͤrmer an der Wurzel des Baumes nagten, ſo wa⸗ ren doch die Zweige und Blaͤtter, wie es ſchien, noch vollig geſund, und uͤberſchatteten einen groͤßern Raum als je. Jetzt, wo ſowohl in Oeſterreich als in Frank⸗ reich die nahe Entbindung der Kaiſerin Marie Louſſe dem Volke als eine frohe Botſchaft verkuͤndet wurde, ſah man auf der Karte von Europa mit Schrecken und Erſtaunen die unermeßliche Erbſchaft, die dem erwarteten Kinde beſchieden zu ſeyn ſchien. Das Gebiet, das Napoleon als Kalſer von Frank⸗ reich und Koͤnigvon Italien unmittelbar beherrſchte, war ſtufenweiſe zu dem folgenden ungeh⸗uren um fange angewachſen. Es erſtreckte ſich daſſelbe in der Rich⸗ tung von Nordoſt nach Sudweſt von Travemuͤnde an der Oſiſee bis an den Fuß der Pyrenaͤen, und in 70 der Rictuns von N orden nach Suͤden von Duͤnkir⸗ chen bis nach Teracina an der Grenze des Koͤnig⸗ reichs Neapel. Zweiundvierzig Millionen Menſchen⸗ mit allen Eigenſchaften, durch welche die Wohlfahrt eines Staagtes bedingt iſt⸗ von der Natur ausgeſtat, tet und uͤber den geſegnetſten und ſchoͤnſten Theil der civkliſirken Erde ausgegoſſen, waren die unmtt⸗ telbaren Unterthanen dieſes herrlichen Reiches. Napoleons Herrſchaft erſtreckte ſich aber noch viel weiter; er gebot auch in der Lombardet, in den illy⸗ riſchen Provinzen, in Iſtrlen, Dalmatien und Alba⸗ nien, und, als Vermittler der he lvetiſchen Republik, auch in der Schweiz, aus der er die ſchoͤnſten Huͤlfs⸗ truppen zog. Die Füͤrſten des Rheinbundes, von denen einige den Koͤnigstitel fuͤhrten, mußten ihm auf den erſten Wink ein beſtimmtes Truppencontin⸗ gent ſtellen, und thaten dies mit einer Ergebenheit und Bereitwilligkeit, die gar ſehr gegen die Schlaͤf⸗ aigkeit abſtach, mit der ſie fruͤher ihre armſeligen Contingente zu der Reichsarmee geſtellt hatten. Murat war als Koͤnlg von Neapel der Vaſall ſeines Schwagers; und nach der Unterwerfung der pyrenaiſchen Halbinſel, die Napoleon noch immer hoffte, ſollten auch Spanien und Portugal ſeinem uner⸗ meßlichen Reiche einverlelbt werden. So waren wenig⸗ ſtens drei Viertel der civiliſirten Welt entweder dem Zepter Napoleons ganz unterworfen, oder doch, wie man hoffte, auf dem Punkte, es zu werden. 71 Unter den inoch uͤbrigen Staaten von Euxopa, die ſich mehr oder weniger noch der Unabhaͤngigkelt erfreuten, war Großhritannien der entſchiedenſte Gegner des Weltherrſchers; es hatte ihm in dem ſo lange anhaltenden Kampfe wenigſteus eben ſo viel Schaden zugefuͤgt, als es durch ihn erlitten, und konnte ſich ruͤhmen, es jederzeit verſchmaͤht zu ha⸗ ben, auf einem geringeren Fuße, als dem der Gleich⸗ heit mit ihm zu unterhandeln. Nicht dieſem ſchinen Lande, obgleich es manches Opfer brachte und großen Verluſt erlitt, ſey davon die Ehre, ſondern der Vor⸗ ſehung, die ſein Streben ſegnete und ſeinen Ent⸗ ſchluß ſtaͤrkte, die ihm die Macht gab, ſeine gute Sache, welche die Sache von ganz Europa war, zu verfechten, und den Muth, ber Gerechtigkeit des Himmels zu vertrauen, unter Umſtaͤnden, wo nach aller menſchlichen Berechnung der Weiſe bioͤdfinnig, der Tapfere kleinmuͤthig werden mußte⸗ Daͤnemark, denn ſo maͤchtig war der Einfluß, den Frankreich auf deſſen Kabinet uͤbte, konnte faſt zu den unterwuͤrſigen Bundesgenoſſen Napoleons ge⸗ zaͤhlt werden. f Schweden vermochte nicht viel. Es litt, gleich den an⸗ dern germaniſchen Narionen, durch den Alles verdorren⸗ den Hauch des Continentalſyſtems; genoͤthigt, wegen Schwediſch⸗Pommern Frankrei zu ſchonen, mußte es ſich ruhig verhalten und beſſere Zeiten abwarten. Noch mißlicher war die Lage von Preußen, das, 7² ein Todfeind des ſranzoͤſiſchen Namens, durch die franzoͤſiſchen Truppen, die in ſeinen Feſtungen lagen, im Zaum gehalten, ſich botmaͤßig wie eine Dienſt⸗ magd benehmen mußte. Wenn auch die Regierung in aller Stille die Bildung eines neuen Heeres be⸗ trieb und nach Entfernung der Elenden, die ihr Va⸗ terland verrathen und verkauft hatten, verſuchte Maͤn⸗ ner oder Juͤnglinge in den Dienſtbe rief, die Zeugen der Todesnoth ihres Vaterlandes geweſen und es als ibre heiligſte Pflicht erkannten, daſſelbe zu raͤchen; wenn ferner das Volk thier, wie in vielen andern Gegenden Deutſchlands, auf den Tag ſeiner Erloͤ⸗ ſung haxrte, ſo wurden ſolche Wuͤnſche und Hoffnun⸗ gen und Ruͤſtungen doch nicht offenkundig, und der Bepbachter konnte in Preußen nur eine Nation ſe⸗ hen, die ſich in das, Los der Knechtſchaft faſt ohne Heffnung gefuͤgt hat. Heſterreich hatte durch den Krieg bereits ſchreck⸗ lich gelitten und war uͤberdies an Napoleon durch ein beſonderes Band geknuͤpft, das die Huldigung oder wenigſtens die Aufmerkſamkeit, die es dieſem bewies, einigermaßen zu entſchuldigen ſchien, in ſo⸗ ferne ſie dem Eidam ſeines Kaiſers galt. 15& Das tüͤrkiſche Reich, deſſen Stuͤndlein, waͤren die Sachen noch laͤnger ſo fortgegangen, wohl auch gekommen ſeyn wuͤrde, konnte fuͤr jetzt noch nicht in den Krafs von Napoleons Politik gezogen werden. Rußland war noch im Kriege mit der Pforte, 7³ um jene ſelbſtſuͤchtigen Vergroͤßerungsplane auszu⸗ fuhren, die Napoleon zu Tilſit und Erfurt gutge⸗ heißen oder wohl gar vorgeſchlagen hattenn Jetzt wuͤnſchte er das Gelingen derſelben nicht laͤngerz er hoͤrte vielmehr auf die Beſchwerden von Oeſterreich, das die Fortſchritte Rußlands in jenen Gegenden hoͤchſt ungerne ſah. Von allen Staaten des Feſtlan⸗ des, die ſich den Schein der Unabhaͤngigkeit gaben, ſchien ſonach Ruß land allein im Beſit derſelben zu ſeyn. Die Einſprache gegen die Einverleibung von Oldenburg, die Zulaſſung der brittiſchen Schiffe und Waaren in den ruſſiſchen Haͤfen waren gewiß ſehr auffallende Erſcheinungen und zeigten von einem ganz andern Geiſte, als demienigen, der zu Tilſit und Er⸗ furt das ruſſiſche Kabinet geleitet hatte. Doch mwoll⸗ ten nur Wenige glauben, daß Rußland es wagen wuͤrde, auf dem ganzen Continente allein gegen Na⸗ poleon zufzutreten; ſelbſt diejenigen Politkker, die Alles im guͤnſtigſten Lichte ſahen, glaubten den gluͤck⸗ lichen Erfolg eines ſolchen Schrittes bezwelfeln zu muͤſſen. und doch ſollte aus dieſer tiefen, allen Blik⸗ ken undurchdringlichen Nacht der Tag der europaͤi⸗ ſchen Freiheit erſtehen und aufleuchten. Anmerika, durch den atlantiſchen Ozean von En⸗ rova, dem Schauplatze des Krieges und allgemeiner Knechtſchaft, geſchieden, freute ſich ſeiner gluͤcklichen Sicherheit und ſchien, indem es in dieſer Kriſe ei⸗ nige beſtrittene Anſpruͤche gegen England geltend ma⸗ 74 cchen wollte, ſich mehr durch die Eingebungen elner in der neueſten Zeit entſtandenen Feindſchaft, als durch den Gedanken an gemeinſchaftliche Abkunft, Sprache und Sitten beſti mmen zu laſſen. Die Kaiſerin Marie Louiſe war noch nicht ein Jahr mit Napoleon vermaͤhlt, als ſie von Geburts⸗ wehen befallen wurde. Es war eine ſchwere Ge⸗ burt; der Hebarzt kam außer Faſſung und getraute ſich nicht zu thun, was noth that. Da erſchien Na⸗ poleon im Gemache und befahl ihm, ganz ſo zu ver⸗ fahren, als wenn die Kreißende eine gemeine Buͤr⸗ gersfran waͤre. Sie ward endlich von einem ſchoͤnen Knaben gluͤcklich entbunden, den Napoleon gewiß mit demſelben Entzuͤcken, als haͤtte er eine Schlacht gewonnen, auf ſeinen Armen in das naͤchſte Gemach trug und im Triumphe den anweſenden Großoffizie⸗ ren und Hoͤflingen zeigte. Dieſe begruͤßten den Neugebornen ſofort als Koͤnig von Rom, denn ſo wollto Napoleon den Erben der Republik genannt wiſſen.— Dieſer Titel ward von Vielen getadelt; Einige meinten, den Koͤnigstitel von einer Stadt zu ent⸗ lehnen, wo das Wort Koͤnig den ſchlimmſten Sinn hatte, ſey ein ominoͤſer Gedanke. Die Katholiken wurden dadurch an die frevelhafte Gewaltthaͤtigkeit erinnert, mit der man den Pabſt ſeiner weltlichen Beſitzungen beraubt hatte. Auch wußte man dieſen dem Vetranniſichen Thronerben beigelegten Titel nicht — 75⁵ mit der Beſtimmung der italteniſchen Verfaſſung zu vereinigen, nach welcher das Koͤnigreich Italien nach dem Tode Napolevns einem iider, als dem Kaiſer von Frankreich zufallen ſollte. Solche Bemerkungen erlaubten ſich aber uur die Mißvergnugten, o oder die alten Anhaͤnger der Bour⸗ bons, dle in den Salons der B orſtadt St. Germain ſich mit Se cerzen, Satyren und Wortfpielen die Zeit vertrieben und dadurch ihrem Unwillen gegen den Kaiſer Luft machten, Die Stadt Paris bezeigte bei dieſer Gelegenhei dieſelbe lebhafte Freude, die ſie in fruͤhern Zeiten bei der Geburt eines Khron⸗ erben an den Tag gelegt hatte; Deputationen und Zuſchriften fanden ſich von allen Seiten ein; die Schmeichelei ſtimmte ſogar den Ton der* keder⸗ *) Auch der Scherz nahm bei dieſer Gelegenheit 16 SWar „Haben Sie Aufträge nach Frankreich? ſagte ein SFraͤnoſe zu Neapel zu einem engliſchen Freunde;„ich werde in zwei Tagen dort ſeyn.“—„In Frankreich 2 antwortete, der Freund;„„Sie wollte, wie ich glauhte, nach Rom rei⸗ ſen?1—„All: rdings! aber Rom iſt nun durch ein Dekret des Kaiſers für immer mir Frantreich vereinigtte—„Ich weiß Ihnen keine Aufträge zu geben⸗“ ſagte ſein Freund; „kann ich Ihnen aber irgend einen Dienſt in England er⸗ weiſen? In einer halben Stunde bin ich dort.“—„In England?“ ſagte der Franzoſe,„und in einer halben Stunde!“—„Ja,“ ſagte ſein Freund, in der genannten Zeit vin ich auf der See, und die See iſt ein intehrirender Theil des brittiſchen Reiches.“ 26 traͤchtigkeit an; die modiſche Farhe des Anzugs er⸗ hielt einen Namen, der ſich auf den Koͤuig von Rom hezog, und der, wenn nicht aus Stolze ſo doch aus Zartgeſuͤh l haͤtte verworfen werden ſollen. Am auf⸗ fallendſten war aber wohl der Umſtand, daß der entthronte glte Koͤnig von Spanien⸗ und ſeine Ge⸗ mahlin ſich auf den Weg machten, um in eigener Perſon ihre Gluͤckwuͤnſche wegen der Gehurt eines Thronerben demienigen darzubringen, der, ein Feind ihrer ſeigenen Kinder, ganz Syanien, ihr angeſtamm⸗ tes Land, von den Pyrenaon an bis zu den Saͤulen des Herkules, mit Blut uͤberſchwemmt hatte.. Napoleon und ſeine innigeren Verehrer freuten lch uͤber dieſes gluͤckliche Ereigniß⸗ wodurch, wie ſie glauhten, das Schickſal des franzoͤſiſchen Reichs nach dem Tode ſeines Grunders geſichert werden mußte⸗ Der Schutz des oͤſterreichiſchen Hauſes, der Zauber⸗ der auf dem Kinde eines ſo hochberuͤhmten Vaters ruyte, ſchien dieſem den unbeſtrittenen und ruhigen Beſitz des Thrones verhuͤrgen zu muͤſſen. Auch das Leben des Vaters war fortan gegen den Dolch ſol⸗ ſcher Fanatiker, wie der zu Schoͤnbrunn geweſen, ge⸗ ſichert; denn warum ſollte man den Kaiſer morden, wenn ſein Reich ungetheilt und unverkuͤmmert auf ſeinen Sohn und Erben uͤberging? Andere waren der Melnung, die durch die Ge⸗ burt des Koͤnigs von Nom gegebenen Vortheile wuͤr⸗ den durch anderweitige Nachtheile wieder aufgewo⸗ 77 gen. Dieſe behaudteten, einige der ausgezelchnetſten franzöſiſchen Generale haͤtten es bis jetzt blos deß⸗ wegen mit Napoleon gehalten, weil ihnen die Hoß⸗ nung gebluͤht, einſt nach ſeinem Tode auf dem Schlachtfelde oder im Krankenberte den Nachlaß dier ſes großen Gäͤnſtlings des Gluͤcks, gleich den Nach⸗ folgern Aleranders des Großen, unter ſich theilen zu koͤnnen und in der großen Lotterie. die in dieſem Falle nach ihrer Anſicht Start ſinden mußte, Koͤnig⸗ reiche und Furſtenthuͤmer als ein der Tapferkelt be⸗ ſchiedenes Los zu gewinnen. Solche Kriegsmaͤnner, waͤhnte man, wuͤrden nun nicht laͤuger dem lebenden Napoleon mit demſeiben Eifer dienen, weil ſein Nachlaß jetzt, wie der eines gemeinen Bauern oder Buͤrgers, auf den Leibeserben uͤbergehen wuͤrde. Die Politiker, die ſo dachten, erwogen nicht genug⸗ ſam, wie ſehr Napoleon allen ſeinen Umgebungen imponirte, wie ſehr er ſie an blinden Gehorſam ge⸗ woͤhnt hatte und wie wenig wahrſcheinlich es daher war, daß ſeine Diener es wagen wuͤrden, ſich ſeln Mißfallen zuzuziehen und wegen des Verluſtes ent⸗ fernter und grundloſer Hoffnungen eine Kälte und eine Abneigung zu beweiſen, die ſte um ihren Rang und thr Vermögen bringen konnten. Wieder andere Politiker betrachteten eben die⸗ ſes Ereig niß in Beziehung auf die offenkundigen wie auf die heimlichen Feinde Napolevns. Es glaubte wohl jedermann, und gewiß nicht ohne Grund, daß das unermeßliche⸗ aber fchlecht zuſammengrfuͤgte Reich Napoleons in Truͤmmern fallen muͤſſe, ſobald es nicht mehr durch die Furcht und durch die Bewunderung, die ſeine Talente einfloͤßten, zuſammengehalten wuͤrdeen Die genannten Politiker legten nun den Aecent auf das allvermoͤgende Talent, Napoleons, auf ſein unwiderſtehliches Geſchick, gaben aber den ungeduldigeren Patrioten den doch einigermaßen troͤſtlichen Rath, lieber den Tod Napoleons ruhig ghzuwarten, als zum Behuf ihrer Befreiung ſich in ein Wageſtuͤck einzulaſſen. Solcher Nath fand leicht Eingang, weil die Menſchen, auch gegen ihren Wil⸗ len, auf die Stimme der Klugheit hoͤren, wenn es ſich davon handelt, ein verzweifeltes uUnternehmen einſtweilen noch zu vertagen. Auf dergleichen Gruͤnde konnte man ſich aber jetzt nicht mehr berufen, nach⸗ dem der Despotismus gleichſam erblich geworden. Der Freiheit war keine Hoffnung mehr geblieben, und es gab auch fuͤr die laueſten Patrioten keinen Grund mehr, einen Widerſtand, der durch die Ge⸗ genwart geboten war, bis zum Tode Napoleons auf⸗ zuſchieben. Aus ſo verſchiedenen Geſichtspunkten ward die Geburt des Koͤnigs von Rom betrachtet; und es laͤßt ſich immer noch bezwelfeln, ob dieſes Ereigniß, ſo willkommen es auch fuͤr Napoleon in reinmenſchlicher Hinſicht ſeyn mußte, dem Kaiſer von Frankreich die politiſchen Vortheile gewaͤhrt habe, die derſelbe ohne sweifel davon erwartete. 79 Indeſſen nahmen die Mißhelligkeiten zwiſchen Frankreich und Rußland immer mehr zu. Ehe wir aber dieſen hochwichtigen Gegenſtand abhandeln, wollen wir in Beziehung auf Syanien und die ſpa⸗ niſchen Angelegenheiten einiger Vorfaͤlle erwaͤhnen, von denen jedoch die zwei kſten gewiſſermaßen iſo⸗ lirt daſtehen. Der erſte Vorfall betrifft die Erkoͤnigin von He⸗ trurien, eine Tochter des alten Koͤnigs von Spanien, und Ferdinands Schweſter. Fuͤr dieſe Fuͤrſtin und ihren Sohn hatte Buonaparte das Koͤnigreich Hetru⸗ rien oder Toscana errichtet. Die Koͤnigin blieb aber nicht lange im Beſitz; noch ehe die Intrike zu Bayonne geſpielt wurde, ward Hetrurien wieder eingezogen, und ſollte zur Entſchaͤdigung des ungluͤcklichen Prin⸗ zen von Aſturien dienen. Nachdem dieſer aber ohne Bedingung abgedankt hatte, behielt Buonaparte das Land fuͤr ſich und die Koͤnigin als Geißel zuruͤck. Anfangs durfte ſie ihren Aufenthalt zu Compiegne bet ihren Eltern nehmen; ſpaͤter wurde ſie aber, unter dem Vorwande einer Verſetzung nach Parma, nach Nizza gebracht und dort unter die ſtrengſte Aut⸗ ſicht der Polizek geſtellt. Dieſe Fuͤrſtin ſcheint et⸗ was lebhafter gefuͤhlt zu haben, als die uͤbrigen Mit⸗ glieder ihrer Familie, die ſich williger in ihr Schick⸗ ſal fuͤgten. Erſchreckt und beſorgt wegen der Lage, in der ſie ſich befand, verſuchte ſie nach England zu eneillehen. Zwei Herren aus ihrem Gefolge wurden 8⁰ nach Holland geſchickt, um Vorkehrungen zu ihrer iucht zu treffen; die Sache ward aber vetrathen. Am l6ten April 1811 erſchlenen Polizeibeamte und Gensd'armen in der Wohnung der Koͤnigin zu Nizza und bemaͤchtigten ſich ihrer Perſou und ihrer Pa⸗ piere; ſie blieb zwei Monate lang in enger Verwah⸗ rung; man drohte ihr, ſie vor ein Kriegsgericht zu ſtellen und eroffnete ihr endlich, daß ſie mir ihrer Tochter(ihr Sohn war zu Cympiegne als bedeutend krank zuruͤckgeblieben) ihren Auſenthalt in einem Kloſter zu Rom nehmen muͤſſe, wohin ſie nach Ab⸗ lauf von vierundzwanzig Stunden auch wirklich ab⸗ gefuͤhrt wurde. Ihre zwei Agenten, die man ver⸗ haftet hatte, wurden nach Paris gebracht, dort durch ein Kriegsgericht zum Tode verurtheilt und zum Be⸗ huf ihrer Hinrichtung auf die Ebene von Gresnelle abgefuͤhrt, wo der eine auf der Stelle erſchoſſen, der andere im letzten Augenblick begnadigt wurde. Allein die Tovesangſt hatte die Lebenskraft des ar⸗ men Menſchen erſchoͤpft, und er ſtarb wenige Tage nachher. Dieſes ſtrenge Verfahren gegen e eine Fuͤr⸗ ſtin— gegen eine Koͤnigin— die ihre Perſon, in der Erwartung, daß wenigſtens ihre Freiheit nicht verkurzt werden wuͤrde, in die Gewalt Napoleons gegeben hatte, war ein Vergehen gegen die Gerech⸗ tigkeit, gegen die Menſchlichkeit und gegen ichte Ritterſitte. Es iſt ſondethar, daß, waͤhrend Aapahean n mit ——— 4 4 8581 ſolcher Grauſamkeit gegen eine fremde und unabhaͤn⸗ gige Fuͤrſtin perfuhr, blos weil ſie ihren Wohnftt von Frankreich nach„England hatte verlegen wollen, ſein eigener Bruder Lucian in demſelben ſo verwuͤnſch⸗ ten, ſo oft mit dem Schickſal von Carthago bebrphten Eilande gaſtlich aufgenommen wurde. Napoleon, der in den Prinzen ſeines Hauſes immer nut feine er⸗ ſten Sklaven ſehen wollte, war in der neueſten Zelt ſehr in Lucian gedrungen, ſeine Gattin zu entlaſſen und ſich mit einer Prinzeſſin aus einem der koͤnig⸗ lichen Haͤuſer des Continents zu vermaͤhlen, oder doch wenigſtens die Hand ſeiner Tochter dem Prin⸗ zen Ferdinand von Spanien, der durch ſein Betragen bei einer ſogleich zu erwaͤhnenden Gelegenheit in ſeiner Gunſt geſtiegen war, zu verwilligen. Aber Lucian, der damals weder faͤr ſeine Perſon, noch fuͤr ſeine Familie mit dem Ehrgeize ſeines Bruders zu thun haben wollte, war auf den Gedanken gekom⸗ men, ſich in Amerika niederzulaſſen und dadurch der Zudringlichkelt des Kaiſers zu entgehen. Er bewarb ſich um einen Paß bei dem brittiſchen Miniſter in Sardinien, der ihn an die brittiſche Reglerung ver⸗ wles. Als er auf ſeinem Geſuche beharrte, ward er nach England eingeladen, wo er unter der Aufſicht eines einzigen Offziers auf ſein Ehrenwort als freier Mann leben durfte. Sein Betragen war tadelos; und der ehemalige Staatsmann, der in der Reyolu⸗ tion eine ſo bedeutende Rolle geſpielt hatte, wußte W. Seott's Werke. LIV. 6 82* ſich mit einem eylſchen Gedichte, 1das Karl den Gro⸗n ßen zum Gegenſtande hatte, auf eine harmloſe Weiſe zu beſchäftigen, waͤhrend fein Bruder Naßoleon da⸗ mit umging, das große Reich des Sohnes von Pi⸗ pin wieder herzuſtellen und du beſeſtigen. e dn meine andere feltſame Jutrike, die auf eine un⸗ erwartete Weiſe endete, war das Reſultat eines Verſuchs des engliſchen Miniſteriums, die Befrekung von Ferdinand, des rechtmaͤßigen Köͤnigs von Spa⸗ nien, zu bewirken. Es hatte ſich in dieſem bedraͤng⸗⸗ ten Lande eine royaliſtiſche und eine Volkspartei ge⸗ bildet, und den Patrioten war dadurch ihr Haupt⸗ ziel, die Wiedereroberung ihres Landes, einigerma⸗ ßen aus den Augen geruͤckt worden. Die engliſche Rezierung war, wie man leicht begreift, uͤberzeugt, baß Ferdinand, der Liebling ſeiner Unterthanen, ein⸗ mal auf freien Fuß geſetzt, ſich gerne an ihre Spitze ſtellen, ihren Zwlſtigkeiten ein Ende machen und uͤberhaupt der ganzen Nation einen Impuls geben wuͤrde, der ihr nur durch ihren Koͤnig gegeben wer⸗ den konnte. Haͤtte die engliſche Reglerung den wah⸗ ren Charakter dieſes Fuͤrſten beſſer gekannt, ſo wuͤrde ihr gewiß nicht eingefallen ſeyn, ſeine Gegenwart in Spanien zu wuͤnſchen. Sie irrte ſich aber und han⸗ delte einer falſchen Vorausſetzung gemaͤß. n dn. Baron Kolli(oder Kelly), ein Piemonteſer von zrlaͤndiſcher Abkunft, war hiebei das Werkzeug der engliſchen Regierung. Man gab ihm einige Dia⸗ 8354 manten und andere Pretioſeu⸗ Unter dem Vorwand, dieſe an den Mann zu bringen, ſollte er ſich zu Pa⸗ lengai Zutritt bebchem Prinzen verſchaffen, der wie es hieß⸗ damit beſchaͤftigt mar, ein xeiches Gewand zum Weihegeſcheuß fuͤr die heiligen Jungfrau zu ſtik⸗. kenen Kolll war angewieſen, den Prinzen von ſeinem Auftrage in Kenntniß zu zſetzen, mit Huͤlfe einiger Royaliſten ſeine Flucht in veranſtalten und ihn an die Kuͤſte zu geleiten, wo ein kleines Geſchwader vor Anker lag, um den Koͤnig von Spanien nach Gibraltar, oder wohin er wollte, zu bringen. Im Maͤrz 1810 wurde Kolli in der Bucht von Quiberon ans Land geſetzt und ging von da nach Paris ab, um ſeine Anſtalten zu treffen. Er ward jedoch von der Polizei aufgeſpuͤrt und in dem Augenblick, als er nach Valengay abreiſen wollte, verhaftet. Man ver⸗ 38 ſuchte es ſogar, ihn zur Ausfuͤhrung ſeines Auftrags, den die Polizei aus ſeinen Papieren erſehen hatte, im Einverſtandniß mit dem franzoͤſiſchen Miniſter, zu hewegen. Als Kolli ſich zu dieſem ſſchlechten Streich nicht hergeben wollte, ward er in dem Schloſſe Vincennes in enge Verwahrung gebracht, waͤhrend derſelbe Gehuͤlfe, der ihn verrathen und einige Aehnlichkeit mit ihm hatte, ſtatt ſeiner nach Vglen⸗ gay abgeſchickt wurde. Allein Ferdinand, der Luhdeger Iden Betrug ahndete, oder aus Verzagtheit eine ruhige Knecht⸗ ſchaft dem gefaͤhrli chen Wageſtuͤck, das ihm zur Frei⸗ 2 84 heit verhelfen follte, vorzog, wollte dieſem Sendling kein Gehoͤr geben und zeigte die Sache dem Gou⸗ verneur des Schloſſes aun. Und ſo kam der falſche Konli nach Paris zuruͤck, waͤhrend der wirkliche in dem Schloſſe von Vincennes bis zur Einnahme von Pa⸗ is verhaftet vorblieb. Ferdinand ſchrieb an Bub⸗ naparte, um ſich ſeines Betragens zu ruͤhmen und gegen die engliſche Regierung loszuziehen, die, wie er ſagte, feinen Namen mißbraucht und dadurch großes Blutvergießen in Spanien veranlaßt habe. Er wiederholte zugleich ſeinen ſeh nlichen Wunſch, der Adoptivfohn des Kaiſers zu werden, und druͤckte die Hoffuung aus, daß diejenigen, die ihn haͤtten entführen wollen, zu verdienter Strafe gezogen wer⸗ den wuͤrden; er ſchloß mit dem Wink, daß er Va⸗ tengay, wo es ihm nicht gefalle und das in keiner Hinſicht fuͤr ihn tauge, zu verlaſſen wuͤnſche. Jene Andeutung Ferdinands, ſeine Verbindung mit der Familie Napoleons betreffend, gab wahrſcheinlich Anlaß zu dem neuen Verſuche des Kaiſers, zufolge deſſen Luckan Itallen verlteß. Ferdinands Wun ſch, ſeinen Aufenthalt anderswo zu nehmen, blieb uner⸗ fält; das einzige, was er durch ſeine Aufrichtigkeit gegen ſeinen Zwingherrn gewann, war, daß er einem engern Verhaft oder einem noch ſchlimmern Schick⸗ ſal entging, das ihn ohne Zweifel getroffen haben wuͤrde, wenn er unklugerweiſe dem falſchen Baron Kolli gettaut haͤtte. e M — 85 In Portugal war der große Kampf zwiſchen Maſſena und Wellington, auf den, wie wir fruͤher bemerkten, die Augen der Welt gerichtet waren, ganz zu Gunſten des engliſchen Generals entſchie⸗ den worden. Dieſer Vortheil darf nicht etwa dem Beiſtand der Elemente— nicht den Wirkungen des im Kriege oft ſo maͤchtigen Zufalls zugeſchrieben wer⸗ den— er war nicht das Reſultat irgend eines Wa⸗ geſtuͤcks— nicht das Ergebniß einer verlornen oder gewonnenen Schlacht, ſondern einzig das Werk der Ueberlegenheit eines großen Feldherrn uͤber den an⸗ dern, in dem furchtbaren Spiel, worin bis jetzt noch keiner von beiden ſeines Gleichen gefunden hatte. Maſſena lag mehr als vier Monate lang mit einer der ſchoͤnſten franzoͤſiſchen Armeen, die man je geſehen, vor jenen unangreifbaren Linien, in welchen die weit ſchwaͤchere brittiſche Armee Liſſabon, das Ziel ſeines Strebens, das Objekt ſeiner Operatio⸗ nen, deckte. Griff Maſſena die Sieger von Buſaco in dieſer furchtbaren Stellung an, ſo ſetzte er ſeine ganze Armee aufs Spiel; zog er ſich zuruͤck, ſo gab er ein Unternehmen auf, womit ihn der Kaiſer, im Vertrauen auf ſeine Geſchicklichkeit und ſein Gluͤck, beauftragt hatte; und jenes Vertrauen mußte noth⸗ wendig geſchwaͤcht werden. Maſſena bot ſeine ganze Kriegskunſt auf, um ſeinen Gegner aus ſeiner vor⸗ theilhaften Stellung zu locken. Er drohte, den Krleg uͤber den Tajo zu tragen— ſeine Armee in der 86 Richtuͤng von Opotto dzu entwickeln; aber ales, was ier derſuchte, war von ſfelneim Gegner vorausgeſehen, vorausberechtet, und wätd mlt leichter Muhe hiu⸗ Arertrieben. Endlich tius Maſſena, durch Entbohrun⸗ agen: aller Art erſchopft und auf ſeinen Verbindungs⸗ linien gefaßt, nachdem er einen Monat in der Stel⸗ tung von Alenque verweilt hatte, nach Santarem zu⸗ rüc, um dort beſſere Winterguartiere zu beziehen; alsetn en den erſten Tagen des Maͤrzmonats ſah er, Ddaß er ſich auch in dieſen nicht behaupten koͤnne und 1 Zum den Ueberreſt ſeiner ſtechen und herabge⸗ ſchtnotzenen Armee zu retten, ſſich zu einem ſchlen⸗ uigen Rückhuge entſchließen muͤſſe. aach Er trat dieſen beruͤhmten Ruͤckzug, Bunh den bas Schickſal⸗ des Feldzugs entſchieden wurde, am aten Maͤrg wirklich an. Maſſenais Benehmen hat feine Lichtfeike und ſeine Nachtſeiten Aus dem Standpunkte der Humanitaͤt betrachtet, erſcheiut er als ein unmenſch; ſo arg ließ er es ſeine Soldaten atrelben. Es iſt ein bekannter Aberglaube, daß der boͤſe Feind, wenn er aus dem Hollenpfuhl herauf beſchwoten wird, das Gebaͤude, wo er erſchienen iſt, bei ſeinem Wiederverſchwinden zertruͤmmert. Es ſcheint, die Franzoſen haͤtten in Portugal, zum Be⸗ weis, daß ſie einmal da geweſen, nichts als Truͤm⸗ mer zuruͤcklaſſen wollen. Ihre Zuͤgelloſigkeit uͤber⸗ ſteigt alle Beſchreibung; ſie veruͤbten die entſetzlich⸗ ſten Graͤuel, Sieht man aber hievon ob, um einzig 887 das Feldherentalent von Maſſena ins Auge zu faſſen auſo hat er von ſeinem Nuͤckzuge pielleicht eben ſo wiel Ehrer als von allen den Aben afi thaten durch die er ſeinen Namen ſo beruͤhmt gemacht hatte. War, exrn mit Hecht ein Guͤnglling des Gluͤcks genannt worden ſo chewies er jetzt, wo ſolches zu andern Fahnen uͤberging, daß ſein Nuf nicht von deſſen Laͤcheln abhaͤnge, daß erzſolchen durch ſeine eigenen Talente zu behaupten wiſſe. Auf ſei⸗ nem Nuͤckzuge durch den noͤrdlichen Theil von Porx⸗ tugal, ein rauhes Gebirgsland, war Lord Wellington ihm ſtets auf der Ferſe und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Bewegungen der beiderſeitigen Trup⸗ pen entſprachen einander ſo genau, daß der ſachver⸗ ſtaͤndige oder unbefangene Beobachter die Regelmaͤ⸗ ßigkeit einer Schachpartie darin erkennen mußte. Die Franzoſen waͤhlten auf ihrem Ruͤckzuge oft⸗ mals eine Stellung, aus der man ſie mit Gewalt auicht vertreiben konnte; wenn alsdann das Mittel der umgehung gegen ſie verſucht wurde, zogen ſie zur rechten Zeit ab, um weiter ruͤckwaͤrts wieder eine ähnliche Stellung zu nehmen, gegen die daſſelbe Mandver wiederholt werden mußte.„So raͤumte Maſſeug nach und nach das ganze portugieſiſche Ge⸗ biet, mit Ausnahme der Grenzfeſtung Almeida, die von Lord Wellington zuerſt berennt und dann bela⸗ gert wurde. Sobald Maſſena Spanien mird er erreich hatte, 88 zog er ungeſaͤumt aus Caſtilien ſo viele Verſtaͤrkun⸗ gen an ſich, ais er konnte. Er brachte eine anſehn⸗ liche Macht zuſammen und ergriff vierzehn Tage nach ſeinem Ruͤckzuge aus Portugal die Ofſenſive wieder, um die Feſtung Almeida, die einzige noch uͤbrige Trophaͤe ſeines ſiegreichen Vormarſches, zu entſetzen. Lord Wellington ſchlug die Schlacht nicht aus, die am 5ten Mai bei Fuentes d'Onoro Statt fand. Das Gefecht war hartnaͤckig, und der franzoͤſiſche Gene⸗ ral erlitt eine Niederlage, ungeachtet ſeiner Ueberle⸗ genheit, beſonders an Reiterei. Er zog ſich hierauf von der portugieſiſchen Grenze zuruͤck, nachdem er zuvor den Befehl zur Ruͤumung von Almeida gege⸗ ben, die der franzoͤſiſche Kommandant mit vieler Geſchicklichkeit zu bewerkſtelligen wußte. „Weiter ſuͤdwaͤrts focht Lord Beresford gleichfalls eine ſchreckliche und blutige Schlacht. Das Treffen blieb gewiſſermaßen unentſchieden, doch konnte Soult, der die Franzoſen befehligte, ſeinen Zweck nicht er⸗ reichen, d. h. die belagerte Feſtung Badaioz nicht ent⸗ ſetzen. Die Britten waren ſonach in Portugal ſo⸗ wohl als an der Grenze durchaus gluͤcklich geweſen, und ihre Landsleute zu Hauſe ſchoͤpften neue Hoff⸗ nungen, neuen Muth. Auch Cabi r, das noch aͤbrige Bollwerk der Pa⸗ trioten, war Zeuge eines glaͤnzenden Gefechts gewe⸗ ſen. General Graham hatte im Maͤrz 1811 mit ei⸗ nem Korps brittiſcher Truppen einen Ausfall ge⸗ 3 89 macht und auf den Hoͤhen von Varoſſa einen Sieg erfochs ten, der, von dem ſpaniſchen Genernl Lapena gehoͤrig uns terſtuͤtzt, großen Einfluß auf den Gang der Belage⸗ rung gehabt haben wuͤrde, der aber doch, obgleich er nicht vollſtaͤndig war, den Muth und das Selbſtver⸗ trauen der Belagerten hob und dagegen die Belages rer demuͤthigte und verbluͤffte. Es war in ganz Spanien mit abwechſelndem Gluͤcke gefochten worden. Allein, wenn wir uns ein ſolches Gleichniß erlauben duͤrfen, der brennende Buſch war doch nicht verzehrt worden, und Spanien ſetzte jenen allgemeinen Wie derſtand fort, zu dem man ſeine Zuflucht jedesmal zu nehmen ſchien, wenn die Kuͤnſte des regelmaͤßi⸗ gen Krlegs nichts vermocht hatren; ſo bietet die Natur oftmals ihre Kraft auf, um eine Krankheit zu heilen, die von den Aerglon fuͤr toͤdtlich erklaͤrt worden iſt. Catalonien that, obgleich ſelne Burgen gefallen waren, unter den Befehlen von Laey und D Eroles, dem Feinde gelegenheitlich großen Abbruch. Zigue⸗ ras, eine der ſtaͤrkſten ſpaniſchen Feſtungen, ward durch die kuͤhne Kriegsliſt des Rovila, eines Dok⸗ tors der Theologle, der eine Guerillabande befeh⸗ ligte, wieder erobert; und„bgleich dieſer mit Lebeus⸗ mitteln ſchlecht verſehene Platz von den Franzoſen ſogleich wieder belagert und genommen wurde, ſo wurde der ausdauernde Muth der Spanier durch datz 90 derſte Enetunise mchrn gehohen, als durch dns zmeite gebeugt 819 46 ang Moct chif dnn daualefunderan auffalenb aber⸗ war, daß nuußſ die aPrittiſchen, als die portugieſiſchen Truppen⸗ die Lord Beresford zu wuͤrdigen Kampfgendſſen ihrer Allitr⸗ tten herangebildet hatte, jetzt ganz anders gefuͤhrt wurden, als fruͤher von jenen Generalen, die ſtets den einen Fuß auf der See, den andern auf dem Lande haben, und, als fuͤhrten ſienamphibiſche Ge⸗ aiſchoͤpfen die auf zwel Eleniente angewieſen ſind, das Meer nie aus dem Geſicht verlieren wollten, sdie einzig darauf bedacht waren, ſich der Angriffe des Feindes, ſo gut ſie konnten, zu erwehren, ſich aber niemals getrauten, dem Feinde zuvorzukommen und ſeine Plane, noch ehe ſie reif waren, zu ver⸗ geiteln. Sonſtrug z. B. Lord Wellington kein Be⸗ denken, zum Schutze von Galizien, das von den Fran⸗ zoſen bedroht war, die Blokade von Cindad Rodrigo mit einer weit ſchwaͤchern Armee zu unternehmen, als vorausſichtlich dlejenige war, die der Feind gegen ihn aufbringen konnte. Er zog dadurch dien Franzo⸗ ſen von Galizien ab und zwang ſie, ihre Streitkraͤfte azu concenutriren, um einem ſo wichtigen Platze zu Hulfe zu kommen. Eine ſolche Zuſammenziehung ihrer Streitkraͤfte war aber fuͤr die Franzoſen mit großen Nachtheilen versunden! Die Guerillas er⸗ hielten dadurch freten Splelranm und konnten nun mit ihrem geubbuntit Muthe und der ihnen eigenen „„ 891 Liſt uͤber einzelne franzoͤſiſche Trupps und Konvois herfallen und ſich wohl gar derjenigen Poſten be⸗ maͤchtigen, die der Feind nicht gehoͤrig beſetzt hatte. Und als nun die Franzoſen mit ihrer verſammelten Macht den brittiſchen General zu uͤberwaͤltigen ge⸗ dachten, hatte Marmont den Verdruß, zu ſehen, wie dieſer ſich im Angeſicht eines uͤberlegenen Fein⸗ des mit einer Ordnung und Faſſung Gurücksn als marſchirte er in Freundesland. Als ſich jetzt der franzoͤſiſche Gonetal im Moni⸗ teur weitlaͤufig daruͤber ausließ, wie es den Englaͤn⸗ dern ergangen ſeyn wuͤrde, wenn ſie ſich nicht durch eine ſchleunige Flucht gerettet haͤtten, ward er durch adie geſchickt angelegte und kuͤhn ausgefuͤhrte Unter⸗ mehmung von Arroyo⸗Molinas auf ſeine Koſten be⸗ lehrt, daß ein Ruͤckzug noch keine Flucht ſey. In dieſem Dorfe wurden mehr als 1400 Franzoſen aufgehoben, die ſich gar keines Angriffs verſehen hatten. Die⸗ ſes kleine Gefecht bekundete einen Unternehmungs⸗ ageiſt, eine Vorliebe zur Offenſive, welche die Fran⸗ zoien den brittiſchen Truppen gar nicht zutrauten; ſie ſahen ſich zum erſten Mal an Wachſamkeit, Unter⸗ nehmungsgeiſt und Thaͤtigkeit von ihren Gegnern uͤbertroffen. Auch die brittiſche Nation war jetzt zuͤberzeugt, daß ihre Landarmee ſich durch ihren Muth und ihre kriegerlſchen Eigenſchaften nicht weniger auszeichne, als ihre geprieſene Seemacht. Die Fran⸗ zoſen wurden unweit Gibraltar von dem ſpaniſchen 2 92 General Balleſteros geſchlagen, und Godkudt, ihr General, ſchoß ſich eine Kugel durch den Kopf, um nicht von Soult, ſeinem Obergeneral, zur Rechen⸗ ſchaft gezogen zu werden. Tarifa, das in derſelben Gegend liegt, ward von einer aus Spaniern und Brit⸗ ten beſtehenden Beſatzung mit Erfolg vertheidigt; aund die Franzoſen ſollen vor dieſem Platze nicht we⸗ niger als 2500 Mann verloren haben. Auf der andern Seite behielten die grunzſen, zufolge ihrer beſſern Kriegszucht, ſtets die Oberhand uͤber die Patrloten, ſo oft ſie dieſelben zu einem ei⸗ nigermaßen regeltmaͤßigen Treffen bringen konnten. So wurde Blake nach tapferem Widerſtande unweit Murviedro gaͤnzlich geſchlagen, und dieſe Stadt ſelbſt ſiel dem Feinde in die Haͤnde. Eine andere, noch ſchlimmere Folge des ungluͤcklichen Treffens von Oca⸗ na, wie man es nannte, war die Einnahme von Va⸗ leneia, wo Blake mit dem Ueberreſte ſeiner geſchla⸗ genen Truppen in Kriegsgefangenſchaft gerleth. Aber unter dieſen Wechſeln des Waffengluͤcks blieb der franzoͤſiſche Krieg fuͤr Buonaparke eben ſo koſtſplelig und nachtheilig, als er faſt von vorne her⸗ ein geweſen. Es kamen welt mehr Franzoſen durch Krankheit oder Mangel um, als durch das Schwert, ob⸗ gleich dieſes nicht muͤßig blieb. Es gibt in Spanien manche fuͤr fremde ſehr ungeſunde Bezirke, die dem⸗ ungeachtet von den Eingedrungenen behauptet wer⸗ den mußten. Wenn dort der Tod unter den Frau⸗ 7 93 zoſen recht aufgeraͤumt hatte, erſchienen ſofort die Guerkllas, um uͤber die Uebergebliebenen, gleich Raub⸗ voͤgeln uͤber ein gefallenes Thier, herzufallen. Ueberdies waren die franzoͤſiſchen Generale un⸗ ter ſich uneins. Joſeph, obſchon er im Punkte der Macht nur ein Schattenkoͤnig war, fuͤhlte dennoch das Unwuͤrdige ſeiner Stellung in der Mitte jener uͤbermuͤthigen Kriegshaͤupter, die nur den Kalſer uͤber ſich fahen, und keinen andern Befehlen, als denen, die ihnen von Paris zukamen, gehorchten. Er er⸗ klaͤrte ſeinem Bruder ſchriftlich, er ſey eutſchloſſen, dem ſpaniſchen Thron in aller Form zu entſagen, wenn ihm nicht eine groͤßere Gewalt, als es bisher, ungeachtet der ausdruͤcklichen Befehle Napoleons, der Fall geweſen, eingeraͤumt wuͤrde. Allein Napp⸗ leon, der einen neuen Krieg im Norden zunaͤchſt vor⸗ ausſah, ließ ſich nicht auf die Bitte ſeines Bru ders ein, ſo dringend ſie auch warz und ſo blieb Spauien waͤhrend des weit bedeutenderen ruſſiſchen Feldzugs gewiſſermaßen ſeinem Schickſal uͤberlaſſen.. “ ———B—’— Bi ert es Kapitel. Rückblick guf die veranlaſſenden urſachen des rufichen Krisss. — Man muß dieſelben in dem Vertrage von Tilſir auffuchen.— Rußlands angebliche Beſchwerde.—— Navoleons Rathgeber ſind gegen einen Krieg mit Rußlaud.— Auch Souchs iſt dagegen.— Er fßerreicht dem Kaiſer ſtand.— Seine Antwort.— Gründe, durch welche Napoleon vom der Zweckmäßigkeit des Krieus feine Nathgeber zu überzeu⸗ 49510 121316 gen ſiccht. 1 1960 H. 22 reicht dem Kaiſer eine Denkſchrift über dieſen Gegen⸗ Bir naͤhern uns jetzt dem verhaͤngnißvollen Jahre, in welchem das Glück zum erſten Mal auf Napoleon ſelbſt, gegen den es ſich bisher ſo parteliſch gezeigt hatte, einen finſtern und grimmigen Blick warf. Er hatte zwar, ſowohl zu Waſſer als zu Land, ſchon man⸗ chen ſchmerzlichen Verluſt erlitten; er konnte aber dabei noch immer, wie bei der Nachricht von dem Schlage bei Trafalgar, ſfagen:—„Ich war nicht dort— ich kann nicht uͤberall zugleich ſeyn.“ Jetzt ſollte er bald Ungluckfälle erfahren, bei denen ſich dieſer ſtotze Kommentar nicht anwenden ließ. Wir fangen damit an, dem Leſer die Urſache des Streits, der ſich zwiſchen dem franzoͤſiſchen und dem ruſſiſchen Reiche entſpann, ins Gedaͤcht niß zu rufen. Die erſte Veranlaſſung zu dieſem Streite ſin⸗n 3 den wir in demſelben Vertrage von Tilſit, der die Beherrſcher beider Reiche zu perſoͤnlichen Freunden gemacht und dadurch eine neue Entzweiung derſel⸗ ben fuͤnf Jahre lang verhindert hatte. Das unermeß⸗ liche eulſiſche Reich iſt einzig auf ſeiner weſtlichen, d⸗ 1 h. gerade auf derjenigen Grenze zugaͤnglich, durch die es mit Enropa in Beruͤhrung kommt; es kann nur in denjenigen Beſitzungen angegriffen werden, die ihm in der europaͤiſchen Republik eine Stelle anwei⸗ 95 ſeu. Die in jeher Hinſicht ſo ungerechte Thellung Polens war fuͤr Rußland ungleich wichtiger, als fuͤr Oeſterreich oder Preußen; denn ſo lange dieſer Staat ſeine halbbarbariſche und ſtuͤrmiſche Unabhaͤngigkeit behauptete, lag er groͤßtenthetls zwiſchen Rußland und dem uͤbrigen Europa, oder mit andern Worten, zwiſchen Rußland und der cipiliſirten Welt. Jede Revolution, die den Polen wleder zur Unabhangig⸗— keit, nach der ſie ſich ohne Unterlaß ſehnten, verhalf, mußte den Czar wieder in ſeine Waͤlder zuruͦckwe 4 fen, ſeinem Einfluſſe auf die europaͤiſchen Angelegen⸗ 8 beiten ein Ende machen und ihn gewiſſermaßen auf die Stufe eines aſtatkſchen Herrſchers herah gſetzen. Eine ſolche Befreiung ihres Vaterlandes und die Wiedervereinigung ſeiner abgeriſſenen Provinzen un⸗ ter einer gemeinſamen Nationalverfaſſung erwarteten die Polen nachgerade von Buongparte; darum hat⸗ ten ſie ſich nach der Schlacht von Jena unter ſeine Fahnen geſtellt, und obgleich er viel zu klug war, in Beziehung auf die Wlederherſtellung etwas Beſtimm⸗ tes zu verſprechen, ſo deuteten doch viele ſeiner Maßregeln darauf hin, daß er dergleichen im Schilde fuͤhre. Als er z. B. den preußiſchen Antheil von Polen in ein Großherzogthum umſchuf, und nicht ohne geheime Abſicht unter die Herrſchaft des Köͤ⸗ nigs von Sachſen, eines Abkoͤmmlings der ehemalt⸗ gen polniſchen Koͤnige, ſtellte, was konnte man in dieſer neuen Schoͤpfang anders ſehen, als die Urau⸗ 96 faͤnge eines unabhaͤngigen Staates, mit welchen, wie ſich die Gelegenheit darbot, auch der ruſſiſche und öſterreichiſche Antheil Polens vereinigt werden ſollte? „Wozu dieſe Milikaͤrſttaße aus Sachſen mit Warſchau durch Schleſten?“ ſo frugen diejenigen Staatsmaͤn⸗ ner, die der altruſiſchen oder antifranzoͤſtichen Par⸗ tei angehoͤrten.„Will ſich Frankreich nicht etwa da⸗ durch ein Mittel vorbehalten, eine uͤberlegene Trup⸗ yenmacht in das Großherzogthum zu briugen, um zur gelegenen Zeit dem ruſſiſchen Reiche die reichen 3 polniſchen Provinzen wieder zu entreißen, welche die große Kathartna demfelben einverleibt hatte? Warum,“ ſo frugen dieſelben Staatsmaͤnner,„ſoll Fraakreich zufolge einer ausdruͤcklichen Beſtimmung des tilſiter Vertrags bis zum Seefrieden hin im Beſitz von Danzig bleiben? Iſt es nicht im Falle eines Krieges mit Rußland zu einem Waffenplatze beſtimmt, und muß nlcht Napoleon in demſelben Au⸗ genblick, als er mit Alerander perſönliche Freund⸗ ſchaft ſchloß, die Wahrſcheinlichkeit eines ſolchen Krie⸗ ges berechnet haben?“ Die Beſtimmungen des Frledens von Schoͤnbrunn vetmehrten noch dieſen Verdacht. Durch den ge⸗ nannten Friedensvertrag wurde ganz Weſtgallizien mit der Stadt Krakau und andern Gebietstheilen von Oeſterreich abgeloͤst und zu dem Großherzogthum Warſchau geſchlagen. Man wollte darin einen neuen Beweis ſehen, daß Napoleon mit der Wlederherſtel un 97 lung von ganz Polen umgehe, von welchem jetzt noch Rußland allein den ihm durch die Vertraͤge beſchie⸗ denen Theil behielt. Aus audern Umſtaͤnden zog man denſelben Schluß. Die Altruſſen, eine zahlreiche und maͤchtige Partei im ruſſiſchen Reiche, die den groͤßten Theil der gro⸗ ßen Gursbeſiser in ſich begreift, litten, wie einſt unter dem Kaiſer Paul, ſowohl im Ganzen genom⸗ men, als einzeln durch das Coutinentalſyſtem, das ihren Verkehr mit England aufhob. Ihr Bauholz, ihr Pec, ihre Potaſche, ihr Hanf und andere gewich⸗ tige Sturzwaaren, die auf ihren Laͤndereien erzeugt werden und auf dem engliſchen Markte ſtets Abneh⸗ mer gefunden hatten, blieben jetzt werthlos in ihren „Haͤnden und konnten nicht mehr gegen Kolonialpro⸗ dukte und engliſche Manufakturwaaren ausgetauſcht werden. Mit dem Verbot eines ſolchen, fuͤr beide Laͤnder vortheilhaften Tauſchhandels wurden ſie durch das Gerede Napoleons von der Freiheit der Meere und der engliſchen Seeherrſchaft eben nicht ausge⸗ ſoͤhnt. Eine Befretung, die mit der Vernichtung ih⸗ res Handels und der Entwerthung ihrer Laͤndereien begann, konnte ihnen nicht zuſagen; die ruſſiſchen Bojaren begriffen das Geſchrei Napoleons gegen die Englaͤnder nicht beſſer, als die Muͤller am Ebro das Schelten des Don Quixote's auf ihre Kunden. Dieſe Magnaten meinten, der franzöͤſiſche Herrſcher wolle vorerſt ihren Handel unterdruͤcen, um Großbritan⸗ W. Scott's Werke. LIV. 7 98 nien um ſo baͤlder zu Grund richten zu koͤnnen; nach der Erreichung dieſes Sweckes werde es ihm alsdaun⸗ um ſo leichter ſeyn⸗ durch die Wiederherſtellung Po⸗ lens Rußlands volltiſche Bedeutung in dem euvopaͤl⸗ ſchen Staatenſyſteme zu vernichten. ad Hiezu kam noch die in ganz Rußland verbreiteten Meinung, daß der ruſſiſche Kaiſer von Frankreich nicht auf dem Fuße der Gleichhelt behandelt werde⸗ Es iſt: in der Diplomatik etwas unerhoͤrtes, wenn eine Regie⸗ rung es ſich herausnehmen will, einer andern eben ſo unabhaͤngigen Regierung in Beziehung auf ihren Verkehr Bedingungen vorzuſchreiben; eine ſolche, auf den Fall der Weigerung mit Drohungen ver⸗“ ſchaͤrfte Forderung iſt zu allen Zeiten als ein guͤlti⸗ ger Kriegsgrund angeſehen worden. Und dieſe Mei⸗ nung, daß das Buͤndniß mit Frankreich Rußland zur Schande gereiche, daſſelbe in große Noth bringe und noch groͤßeres Ungluͤck vorausſohen laſſe, ward endlich ſo allgemein, daß der Kaiſer auf die Wuͤnſche ſeines Volks nothwendig haͤtte Ruͤckſicht nehmen muͤſſen, auch wenn ſeine Freundſchaft mit Napoleon durch Manches, was ſich in der neueſten Zeit zugetragen, nicht getruͤbt worden waͤre. Hr Die Verbindung mit Oeſterreich war ganz dazu geeignet, dem Kaiſer Alexander Beſorgniſſe einzu⸗ floͤßen. Rußland und Oeſterreich waren, obgleich ſie in der neuern Zeit ſich gegen Frankreich vereinigt hatten, fruͤher ſtets Nevenbuhler und zuwellen auch 99 Feinde geweſen. Durch die Dazwiſchenkunft Oeſter⸗ reichs waren die Fortſchritte Nußlands in der Tuͤr⸗ kei mehr als einmal gehemmt worden, auch hatte ſich Oeſterreich ſeiner Vergroͤßerung im ſuͤdlichen Eu⸗ ropa widerſetzt. Durch ſeine Familienverbindung mit dem Hauſe Habsburg war Buonaparte fuͤr Rußland noch furchtbarer geworden; es war zu beſorgen, daß er mit Oeſterreich gegen Rußland gemeinſchaftliche Sache machen moͤchte, ſelbſt in ſolchen Angelegenhei⸗ ten, die Frankreich nicht unmittelbar betrafen. Solche Verdachtgruͤnde konnten aber fuͤglich uner⸗ oͤrtert bleiben. Rußland beſchwerte ſich und mußte ſich uͤber Frankreich beſchweren, ſobald und ſo lange Napo⸗ leon ſich berausnahm, fuͤr daſſelbe, ſo wie fuͤr andere Nationen in Bezlehung auf Handelsangelegenheiten ünd andere Gegenſtaͤnde denken und entſcheiden zu wollen, in welchen jeder unabhaͤngige Staat gerne als ſolcher nur nach ſeinem eigenen Gutduͤnken ver⸗ fahren will. Dies war der wahre Stand der Sache. Um Napoleons Bundesgenoſſe zu bleiben, mußte Alexander ſein Vaſall werden; beſtand er auf ſeiner unabhaͤngigkeit, ſo ward er ſein Feind; und es iſt nicht zu verwundern, daß ein ſo ſtolzer und maͤchti⸗ ger Herrſcher, wie der Czar, lieber das Gluͤck der Waffen verſuchen, als den Glanz oder die Unabhaͤn⸗ gigkeit ſeiner alten Krone in Gofahr bringen wollte. Auch die Zeit ſchien fuͤr den Widerſtand ſo guͤn⸗ ſtig, als Rußland ſie nur immer erwarten konnte. 7* P00 Der ſpaniſche Krieg konnte nicht ploͤtzlich abgebrochen oder beendigt werden. Er beſchaͤftigte 250,000 der beſten und aͤlteſten franzoſiſchen Truppen, verurſachte einen unermeßlichen Aufwand und verminderte folg⸗ lich die Kriegsmittel, die der franzoͤſiſche Kaiſer ge⸗ gen Rußland verwenden konnte. Die Beendigung dieſes erſchopfenden Krieges wuͤrde ihn in Stand geſetzt haben, zahtreichere und beſſere Streitkraͤfte 4 gegen Rußland aufzubringen; es war ſonach dem Intereſſe des letztern gemaͤß, dieſen Zeitpunkt nicht abzuwarten. ſrza nuih w 9 dn dun53 un Dieſelben Gruͤnde welche Rußland beſtimmen mußten, ſich jetzt ſogleich den ausſchweifenden For⸗ derungen Frankreichs zu widerſetzen, haͤtten Napo⸗ leon nach den Regeln der Klusheit vermoͤgen ſollen, auf ſolchen Forderungen nicht laͤnger zu beſtehen und ſich nicht muthwilligerweiſe in zwei offenbare Volks⸗ triege zu verwickeln, wovon nur einer durch ihn ſelbſt unmittelbar geleitet werden konnte. Seine beſten und einſichtsvollſten Generale, die er zu Rathe zog, oder, um richtiger zu ſprechen, denen er ſein Vor⸗ haben eroffnete, bedienten ſich verſchiedener Gruͤnde, um ihn dahin zu bringen, daß er ſeinen Entſchluß aͤndere oder wenigſtens verſchobe. Er ſelbſt zoͤgerte mehr als ein Jahr und war mehr als einmal auf dem Punkte, ſich mit Rußland auf eine friedliche Art zu verſtaͤndigen. 101 Der Beſchwerden des Czars waren vier an der Zahl: 2 Id Sn I. die fuͤr Rußland bedenkliche Vergroͤßerung des Großherzogthums Warſchau zufolge des Ver⸗ trags von Schöͤnbrunn, als waͤre daſſelbe zum Kern eines unabhaͤngigen Staates oder polniſchen Koͤnig⸗ reichs beſtimmt, zu welchem zu ſeiner Zeit der ruſ⸗ ſiſche Antheil Polens geſchlagen werden ſollte. In Beziebung auf dieſen Punkt verlangte der Czar von dem franzöſiſchen Kaiſer die unumwundene Erklaͤrung, daß das Koͤnigreich Polen nicht wieder hergeſtellt werden ſolle. Napoleon lehnte dieſe Forderung mit der Bemerkung ab, daß er ſich dadurch verbindlich machen wuͤrde, etwas zu verhindern, was wohl auch ohue ſein Zuthun geſchehen koͤnnte. Er wollte ſich dagegen anheiſchig machen, weder mittelbar, noch un⸗ mitrelbar zu Gunſten der Wiederherſtellung von Po⸗ leu irgend etwas zu thun. Dieſe modificirte Zuſage genugte dem Czar nicht, deſſen urſpruͤngliche Forde⸗ rung dahln ging, daß Frankreich jedem Verſuche zur Wiederherſtellung Polens ſich widerſetzen ſolle; nach jener modificirten Zuſage dagegen konnte Frankreich iin einem ſolche Kalle auch neutral bleiben. II. die gegen die Beſtimmungen des tilſiter Ver⸗ trags verfügte Einverleibung des Herzogthums Ol⸗ denburg, der Beſitzung eines dem Czar nahe ver⸗ wandten Fuͤrſten. Napoleon hatte ſich zwar verbind⸗ lich gemacht, den Herzog zu entſchaͤdigen; Rußland 102 vetlangte aber, daß dieſer Faͤrſt entweder durch Danzig der durch irgend ein anderes eben ſo eln⸗ ttraͤgliches Gebiet an den Grenzen des Größherzog⸗ thums Warſchau entſchädigt und ſo eine neue Buͤrg⸗ ſchaft gegen die Erweiterung des letztern Staates gegeben werde. Frankreich wollte ſich hiezu nicht verſtehen, oöb es ſich gleich zu einer anderweitigen Entſchädigung etbbt. 1 a8 471h rn ill. Die deitte Streitfrage war, in wleferne Ruß⸗ land⸗ tands Verkehr mit Engläund beſchraͤnkt werden ſolle. „Napolevn chlug vor, in den Fällen, wo ruſſiſche wuͤrden, mittelſt gegenſeitiger Licenzen eine Er⸗ keichterung eintteten zu laſſfenn. n r . Es ward guch eine Reviſton des tuſſiſchen Tarifs von 1810 vörgeſchlagen, nach welcher vhne Nachtheil fuͤr Rußland die hohen, auf die Gegen⸗ ſtaͤnde des franzoſtſchen Handels gelegten Zoͤlle in etwas herabgeſetzt werden ſollten. tir Dieſe Bedingungen die Napoleon beiden Unter⸗ handlungen zu Grund zu legen ſich vereit erklaͤrte, haͤtten offenbar zu einem guͤtlichen Vergleich fuͤhren muͤſſen, wasendie heiden Heteſcher wenigeretſerſüce auf einander, weniger gegen einander erbittert geweſen. Buonayarte ertrug es nicht, von dem ruſſiſchen Kalſer, den er kaum füt ſeines Gleichen hiett, wie ein Fürſt vom zweiten Nange zu Rede geſtellt zu werden; und Alerander, der die franzoſiſchen Armeen nach Pom⸗ Produkte zum Austauſch gegen engliſche zusgeführt 103 mern vorrücken ſah, konnte ſich nicht uͤberzengen, daß Navoleon, wenn er auch diesmal nachgebe, dabei eine andere Abſicht habe, als den Kampf um die Oberherrſchaft einſtweilen noch aufzuſchieben, bis er denſelben unter guͤnſtigeren Aus ſichten würde be⸗ ginnen koͤnnen. Mittlerweile und ehe dle u; nterhandlungen ſich vokis zerſchlugen, wurden von den Rathgebern Napoleons alle die Grunde angefuͤhrt, die gegen eine ſp weit⸗ greifende, ſo gewagte und ſo. wenig motivirte Unter⸗ nehmung ſprachen. Sie behaupteten, es handle ſich⸗ von keinem Nationalintereſſe, von keinem Nationalehren⸗ punkt; ſie beriefen ſich guf den Umſtand, daß man beretts uͤber die Baſis der Unterhandlungen uͤbereingekommen ſey, unde ſtellten den Antrag, die Krlegsruſtungen nicht weiter zu betreiben; ſie hielten es fuͤr gewagt, eine Armee nach Preußen zu ſchicken und dieſem Staate ein Centingent abzufordern und meinten, der Krieg mit Rußland wuͤrde dadurch unpermeidlich, indem dieſe Macht ſich durch ſolche Drohungen nicht ein⸗ ſchuͤchtern laſſen duͤrfe, wenn ſie anders nicht ihren gan⸗ zen Einfluß nach innen und nach außen verlieren wolle. Dieſe Rathgeber bemerkten ferner, ein Krieg gegen Rußland ſey nur dann durch die Politik geboten, wenn die unter franzoͤſiſchem Einfluſſe ſtehenden Staaten, im Mißmuth uͤber ihr Verhaͤltniß, in Verſuchung kom⸗ men ſollten, ſich um den Schutz Rußlands zu be⸗ werben und den Kaiſer Alexander als ihren Fuͤhrer 104 und Schirmvogt anzuerkennen., Dazu werde es aber nicht kommen, da es Frankreich in ſeiner Ge⸗ walt habe, durch ejne⸗ ſchöͤueude Behandlung dieſer Staaton ſich ihrer Treue zu verſichern. Unter dieſer Bedingung wuͤrden die genannten Staaten die Luſt verlieren, ſich un Rußtand anzuſchließen; Frankreich wäͤrde keinen Grund mehr haben, auf dieſe Macht eiferfuͤchtig zu ſeyn und ſich mit derſelben in einen Zweifelhaften Kampf einzulaſſenen a Sar nau Man häͤtte hinzufuͤgen koͤnnen obſchon es ſich nicht gut ſagen ließ, daß in dieſer Hinſicht fuͤr Frankreich nichts leichter geweſen ſeyn wuͤrde, als ſeine Politik zu Gunſten jener kleineren Staaten zu mildern, fuͤr die ſich Rußland etua werwenden moͤchte= ZimsDieſe Politik war bis jetzt ein gleichfoͤrmiges Syſtem von Beleidigungen und Drohungen geweſen. „Frankreich hatte ſeinen Einfluß in Europa nicht ſo⸗ wohl den Beſtimmungen der Staatsvertraͤge, als der Furcht zu verdanken, mit der man ſich an die avorigen Kriege erinnerte. Alle Staaten von Deutſch⸗ zland fuͤhlten die traurigen Wirkungen der despoti⸗ ſſchen Gewalt, die von Maͤnnern geubt wurde, die ſſich, gerade wie Napoleon und ſeine militaͤriſchen Statthalter, in einer ganz neuen Stellung befanden. z⸗Auf der andern Seitenkonnten Napoleon und ſeine Trabanten, im Bewußtſeyn ihrer Schuld, ſich der „Furcht nicht erwehren, daß die unterjochten Voͤlker bei einer günſtigen Gelegenheit gegen ſie aufſtehen 105 wuͤrden. Sonach war Napoleon durch kein franzoͤſts ſches Intereſſe, durch keinen Ehreupunkt zu einem Kriege gegen Rußland aufgefordert; er konnte, wie es ſcheint, der Verſuchung nicht widerſtehen, wieden einmal eine große Schlucht zu ſchlagen, einen großen Sieg zu erfechten, ſeine ſiegreiche urmee wieder in eine große Hauptſtadt zu fuͤhren— mit einem Worte, Rußlaud, das unter allen Staaten des Feſtlandes noch allein als ein von Frankreiche unabhaͤngiger Staat detrachtet werden konnte, durch A6fegewait unter ſeinen Willen zu beugen. So wurde die Frage uͤber Krieg und Frieden von den franzoͤſiſchen Politikern des Tags eroͤrtert. Sie gehen dabel durchaus von keinem hoͤhern Grund⸗ ſatze aus; ſie machen aufmerkſam auf die Schwie⸗ rigkeit und die Geſahren des Unternehmens, auf deſſen Koſtſpieligkeit und auf die geringe Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß durch die gewöhnlichen Mittel der Confiscation, der Pluͤnderung und durch Erhe⸗ buug von Kriegscontributionen ſich ein Gewinn werds erzielen laſſen; ſie bemuͤhen ſich, zu zeigen, daß durch dieſen Krieg auch im gluͤcklichſten Falle der heilloſe Kampf in Spanien doch zu keinem gluͤck⸗ lichen Ausgang werde gebracht werden; alle die⸗ iſe verſchiedenen Gruͤnde werden mit mehr oder weniger Nachdruck geltend gemacht, je nach dem Charakter und der Stellung des Sprechers, je nachdem derfelbe bei Napoleon in Gnaden ſteht. 106 Abet unter aflen dieſen Sprechern hatte, ſo viel wir lefen oder hoͤren, keiger den Muth, die maͤnnliche Frage zu ſtellen Iſt der Krieg gegen Rußland auch ge⸗ recht? Was hat es gegen uns verſchuldet? Der Vertrag von Kilſit hatte die beiden Kaifer zu Freunden ge⸗ dn ndt; ſie ſind als ſolche zu Erfurt mit einander umgegangen; wie und warum iſt dieſes anders ge⸗ worden? Warum iſt ſeit diefem Zeitpunkte Ruß⸗ land aus der Stellung einer befreundeten und an⸗ erkannkermaßen gleichbedeukenden Macht in Bezie⸗ hung auf Frankreich in die Stellung eines unterge⸗ ordneten und zinsharen Stgates gekommen? Wa⸗ 3 rum hat Napoleon das Herzogthum Oldenburg, das iin einem beſondern Artikel des tilſiter Vertrags als das Eigenthum von Alexanders Schwager anerkannt worden, an ſich geriſſen? Mit welchem Rechte hat zer Rußland, einem freien und unabhaͤngigen Stagte, wie er es ſelbſt nannte, zumuthen koͤnnen, ſich das Continentalſyſtem mit allen ſeinen Nachtheilen ge⸗ allen zu laſſen?— Und wie laͤßt es ſich mit dem Rechte oder auch nur mit der Schicklichkeit vereinen, wenn Napoleon, um ſeine grundloſen Forderungen gegen einen unabhaͤngigen, in Vertragsverhaͤltniſſen mit ihm ſtehenden Staat geltend zu machen, ſeine Armeen an deſſen Grenze verſammelt und deſſen Nachbaren zu gleichem Zweck unter die Waffen ruſt? — Solche Gruͤnde der Moral und der Gerechtig⸗ keit wurden mit keinem Worte erwaͤhnt, was eben 107 nicht zu verwundern iſt, in ſoferne durch eine weitere Ausfuͤhrung eines ſo Kzelt ne en Ge⸗ genſtandes der Hauptaxundſaß der politik Npo⸗ leons angefochten worden waͤre, der Grundſat naͤmlich, mit Hintanſetzung aller andern Nuͤckſich⸗ ten jeden ſich ergebenden Vortheil zu benuͤtzen. „Man laſſe uns nichts von Grundfätzen hoͤren,“ ſagte der Miniſter, der damals bei Nayol eont am meiſten galt.„Unſere Reglerung rrichtet ſich nach keiner Theorie, ſondern nach den jedesmaligen um⸗ endei. 24 Wir duͤrfen nicht unbemerkt kaſſen, daß Foiche . gegen den ruſſiſchen Krieg Einſprache that. Er hat⸗ te, unter dem Vorwand, daß die Luft in Itallen ſeiner Geſundheit nicht zuſage, um die Erlaubufß, ſich auf ſelnen, in der Naͤhe von Paris gelegenen Landſitz zu begeben, gebeten und auch erhalten. Aber Napoleon, der ihm nicht traure, gab der Poltzei den Auftrag, alle Schritte ihres ehemaligen Chefs zu eobachten. Fouché, der dieſes wußte und den Kai⸗ ffer mit ſeinen Vorſtellungen uͤberraſchen wollte, ſchloß ſich in ſein Gemach ein, um eine Denkſchrift aufzu⸗ fetzen, durch die er ſich wieder ins Andenken, wenn auch nicht in Gunſt zu bringen hoffte. In dieſer trefflichen Schrift gab Fouche hum „Kaiſer zu bedenken, daß er bereits der⸗ unumſchraͤnkte „Herr des ſchoͤnſten Reiches ſey, das die Welt je ge⸗ 1⁰8 ſehen, und daß die Lehren der Geſchichte den Ge⸗ danken der Univerſalherrſchaft verwuͤrfen. Das franzoͤſiſche Reich hatte, nach Fouchée, bereits den Punkt errelcht, wo der Beherrſcher deſſelben eher auf Sicherſtellung des Erworbenen, als auf neuen Erwerb denken ſollte, der nur der Sicherheit des Ganzen Abbruch thun wuͤrde. Fouché legte den Actent auf die unermeßliche Ausdehnung des zu überzlehenden Landes, auf deſſen Armuth und ſtren⸗ ges Klima:;; er bemerkte, wie Napoleon durch jeden neuen Steg immer mehr von ſeinen Huͤlfsguellen abkommen und außer Stand ſeyn wuͤrde, ſeine Ver⸗ bindungslinien gegen die Aufalle der Koſacken⸗ und Tartarenſchwaͤrme zu ſichern. Er beſchwor den Kai⸗ fer, des Schlckſals Karls des Zwoͤlften zu gedenken. 8 8„„Wenn dieker kriegeriſche Monarch,“ ſagte er, nicht, wie Napoleon, das halbe Europa zu ſeiner Reſerve hatte, ſo ſtand ſein Gegner, der Czar Pe⸗ ter, auch nicht an der Spitze von 400,000 Soldaten und 50,000 Koſaken. Der Angreifende,“ fuhr er fort,„wuͤrde die Abneigung der hoͤhern Staͤnde, den Fanattsmus des Landvolks, den Widerſtand der dem Kiima zugeblldeten Soldaten zu bekaͤmpfen ha⸗ ben. Bel dem geringſten Unfall werden die engli⸗ ſchen Intrikanten ſich ruͤhren, die auiirten Truppen ſich ſtraͤuben; es ſind ſogar Verſchwoͤrungen ia Frank⸗ reich zu befuͤrchten, beſonders wenn die Meinung dort aufkommt, daß Napoleon die Wohlfahrt des Staats ſeinem unerſaͤttlichen Verlangen nach neuen 109 Unternehmungen und entfernten Veraherungen dum Opfer bringe.“ Fouché erſchien in den Tuilerien und dat wor den Kaiſer gelaſſen zu werden, in der Hoffnung, daß dieſer uͤberraſchende Schritt und der Inhalt ſeiner Denkſchrift die Aufmerkſamkeit des Kalſers hetregen wuͤrden. Zu ſeinem großen Erſtaunen eröͤffnete) aber Napoleon die Audienz auf die ungezwungenſte, gleich⸗ guͤltigſte Weiſe.„Ich weiß,“ fagte exr,„waß Sir hieher fuͤhrt; Sie wollen mir eine Denkſchrift uͤbex⸗ reichen; her damit! Ich will ſie leſen, ob ich gleich iuren Inhalt bereits kenne, der ruſſiſche Krieg iſt Sbnen eben ſo wenig recht, als der ſpaniſche.“ 1 „ Euer kaiſerliche Majeſtaͤe verzethen, wenn ich Hoͤchſtdenenſelben einige Bemerkungen über dieſe wichtige Kriſe vorlege,“ fagte der uͤberraſchte Staas⸗ mann, der das, was er ſo geheim gehalten, verzathen ſah. G 7(s iſt gar keine Kriſe,“ fuhr Neppleyn fort; hes iſt blos ein durchaus politiſcher Krieg. Spanien wird fallen, ſobald ich den engliſchen Einfiuß in St. Petersburg vernichtet haben werde. Ich habe 809,900 Mann; und fuͤr den, der eine ſolche Armee hat, iſt Europa nur eine alte Hure, die ſich Alles gefallen laſſen muß. Haben Sie mir nicht ſelbſt geſagt, das Wort impossible fey nicht gut franzoͤſiſch? In mei⸗ nem Betragen nehme ich mehr Ruͤckſicht auf meine Armee, als auf Euch andere große Herren, die Ihr —ÿ;——— 110 zu reich geworden ſeyd. Ihr zeigt Euch fuͤr mich be⸗ ſorgt; es baugt Euch aber nur vor der allgemeinen Verwirrung, die nach meinem Tode eintreten moͤchte. Laſſen Sie das gut ſeyn und ſehen Sie in dem ruſß⸗ ſiſchen Kriege eine weiſe, durch die wahren Intereſſen Frankreichs und durch die allgemeine Sicherheit ge⸗ botene Maßregel. Kann ich dafuͤr, daß die große Macht, zu der ich gelangt bin, mich zwingt, die Diktatur der Welt zu uͤbernehmen? Meine Sen⸗ dung iſt noch nicht erfuͤllt,— ich habe bis jetzt nur eine Skizze eines Gemaͤldes geliefert, das ich vollen⸗ den muß. Es darf in ganz Europa nur ein Geſehe buch, nur ein en oberſten Gerichtshof geben. Die⸗ ſelbe Muͤnze, daſſelbe Maß und Gewicht, dieſelben Gefetze muͤſſen in ganz Europa gelten. Ich muß alle europaͤlſchen Nationen in einen Staat veret⸗ aigen⸗ und Paris muß die Hauptſtadt deſſelben wer⸗ den. Jetzt dienen Sie mir nicht mehr ſo gut wie ſonſt, weil Sie meine Angelegenheiten in Gefahr glauben; aber ehe ein Jahr vergeht, werden Sie mir wieder denſelben Eifer beweiſen, wie zu den Zeiten von Marengo und Auſterlitz. Glauben Sie mir, Sie werden noch groͤßere Dinge ſehen. Leben Sie wohl⸗ mein Herr Herzog. Spielen Sie nicht die Rolle ei⸗ nes in Ungnade gefallenen Hoͤflings, eines ſtreit fuͤch⸗ tigen Tadlers der Reglerungsmaßregeln, und haben Sie die Gute, Ihrem Kaiſer ein wenig zu vertrauen. Buonaparte ließ hierauf Fouche ſtehen, der ſich 111 jetzt beſinnen konnte, wie er, der ſich auf die Kunſt⸗ griße der Polizei ſo gut verſtand, von derſelben habe ausgeforſcht werden koͤnnen;*⁵) er mocht wohl freuen, daß ſeine Sache, d die dem Kaiſer mi fiel, doch noch ſo gut fuͤr ihn abgelaufen ſey. 8t Indem Napoleon die Vorſtellungen des ſchlauen Fouché auf dieſe Art zuruͤckwies, gab er ſich hinwie⸗ derum alle Muͤhe, ſeinen verſchiedenen Rathgeber 4 den Krieg, den er unabaͤnderlich beſchloſſen hatte, in dem guͤnſtigſten Lichte darzuſtellen und ſie dadurch fuͤr ſeine Meinung zu gewinne en. Fuͤr die Armee im Allgemeinen hatte das Wort Krieg die Bedeukung von Befoͤrderung, Anſtellung, Pluͤnderung, Auszeichnung und Penſionen.— Den Generalen gab der Krieg Marſchallsſtaͤbe,— den Marſchaͤllen Kronen und Zep⸗ ter.— Zu den Civlliſten ſagte Napoleon, wie zu *) Houché erinnerte ſich nachher, daß ein Individunm in ſei⸗ ner Nachbarſchaft, der Maire einer Munieipalität, den er früher als Polizeiminiſter ſelbſt gebraucht hatte, eines Mor⸗ gens mit großer Haſt in ſein Arbeitszimmer ringedrungen ſey, angeblich, um ſich für einen bedrängten Klienten zu verwenden. Er kam nun auf den Gedanken, daß, während er damit beſchäftigt war, die Papier aufzuſuchen, von denen es ſich handelte, der Maire Gelegenheit gefunden haben werde, einen Blick auf die Bogen, die auf ſeinem Schreib⸗ tiſche lagen, zu werfen, wo die öfters vorkommenden Buch⸗ ſtaben V. M. 1 und R. M. ihn vermuthen ließen, daß eine Denkſchrift an den Kaiſer im Werke ſey, und wo er aus ein paar Worten auf den Inhalt ſchließen konnte. 112 Fouché, es ſey blos ein politiſcher Krieg gemeint— r ſey nothwendig, der fuͤnfte Art des ganzen Dramas die Loͤfung des Knotens.— Gegen ſeine vertrau⸗ teren Freunde aͤnßerte er ſich, ſeine Macht beruhe auf der oͤfſentlichen Meinung; er koͤnne darum nicht ſtille ſtehen, ſondern muͤſſe entweder immer vorwaͤrts ſchreiten oder nothwendig Ruͤckſchritte machen. Ge⸗ gen ſeinen Oheim, den Kardinal Feſch, bediente er ſich eines ganz elgenen, hochſt auffallenden Grundes. Dieſer Praͤlat, ein eifriger Katholik, hatte ſich das Betragen ſeines Neffen gegen den Pabſt ſehr zu Her⸗ zen genommen und fah zufolge dieſer Stimmung die KRuͤſtungen zu einem ſo furchtbaren unternehmen mit der groͤßten Beſorgniß. Mit elner Freimuthigkelt, dis er ſich noch nie erlaubt hatte, beſchwor er ſeinen Berwandten, die Vorſehung nicht zu verſuchen, nicht mit Himmel und Erde, den Menſchen und dem Elo⸗ mente zumal anzubinden, da er unter dem Gewicht ſo pleler Feindſchaften nothwendlg erliegen muſſe.*) So ——ʒ—y—y—— *) Es iſt in der That merkwürdig⸗ daß die Mutter des Kaifers (Madame Meére, wie ſie genannt wurde) ein Vorgefühl da⸗ von hatte, daß das glänzende Glück ibrer Fumilie noch vor ibrem Tode ein Ende nehmen würde. Wenn ihre Kinder 4 über ihren Hang zur Sparſamkeit ſcherzten, vflegte ſie zu ſa⸗ gen, ſie ſpars für ſie auf die Zeit ihrer Noth; und ſie kam · auch wirklich in den Fall, ihre Ergparniſſe auf dieſe Weiſe i verwenden zu müſſen. 3 3— 1¹3 So lebhaft angegriffen, nahm Buonaparte den Kar⸗ dinal bei der Hand und fuͤhrte ihn ans Feuſter, oͤff⸗ nete es und ſagte ihm:„Sehen Sie den Stern dort oben?“ „Neiu Stre,“ erwiederte dieſer. „Je nun, ich ſehe ihn,“ erwiederte Bupug⸗ parte und ließ den Kardinal ſtehen, als haͤtte er alle ſeine Gruͤnde vollkommen widerlegt. Dieſe Worte laſſen eine doppelte Auslegung u: Napoleon wollte entweder dadurch den großen Ab⸗ ſtand zwiſchen ſeiner und des Kardinals politiſcher Anſicht, oder ſein unbegrenztes Vertrauen auf ſei⸗ nen Gluͤcksſtern ausdruͤcken. Da er ſich aber durch ein ſolches Vertrauen nicht abhalten ließ, wenn es die Erreichung eines Zweckes galt, von ſeinen Mit⸗ zteln Gehrauch zu machen, ſo haben wir jetzt die po⸗ Alitiſchen Maßregeln zu erwaͤgen, durch die er den Krieg gegen Rußland auf eine vortheilhafte Weiſe einzuleiten ſuchte. Fuͤnſtes Kapitel. Verdündete, auf deren Beiſtand Buonayarte etwa rechnen konnte. — Sein Zerwürfniß mit dem Kronvrinzen von Schueden.— Dieſer ſchließt einen Vertrag mit Rußland.— Bedenkliche Stel⸗ lung des Königs von Preußen, deſſen Allianz der Kaiſer Alexan⸗ W. Scott's Werke. LIV. 8 114 der deßwegen ablehnt.— Preußen wird zu einem Beltrage mit Frankreich gezwungen.— Verhältniſſe zwiſchen Oeſterreich und Frankreich,— Buonavarte macht ſich gegen Oeſterreich verbinde lich, Polen nicht zu revolutioniren.— Er begeht einen. voliti ſchen Fehler, indem er ſich nicht um eine Antan⸗ mit oer Pforte vewirbt. S 1l9. Die verſchiedenen Maͤchte, die da hößts und letzte Wageſtuͤck Napoleons mehr oder weniger foͤr⸗ dern oder behindern konnten, waren im Norden von Europa Daͤnemark, Sachſen, Schweden und Preußen, im Suͤden Veſterreiih und däs rürttiche Reich. 4 Danemark und Sachſen waren der Snthe eanke reichs ganz ergeben; aber die erſtere Macht, die ihre Matroſen an Napoleon uͤberlaſſen hatte, konnte ihm keine Landtruppen geben. Sie hatte deren kaͤum genug, um ſich gegen irgend einen Angrif von Stzweden oder England zu vertheldigen. 1l2 Auch Sachſen hielt es mit Napoleon, der deſſen Geblet erweitert und den Kurfuͤrſtenhut ſeines Be⸗ herrſchers in eine Koͤnigskrone verwandelt hatte. Im Falle der Wiederherſtellung von Polen mußte der Koͤnig von Sachſen vorausſichtlich das Groß⸗ herzogthum Warſchau verlieren. Da er aber nur wenig Nutzen davon hatte und auf Entſchaͤdigung rechnen konnte, ſo blieb er, ungeachtet dieſer Aus⸗ ſicht, ein entſchiedener Anhaͤnger Napoleons. Anders verhielt es ſich mit Schweden, das ſeit Franz dem Erſten Frankreichs natuͤrlicher Alllirter gegen Rufland geweſen, dem es als Nachbar im 115 Kriege weſentlichen Schaden, zufuͤgen konnte. Jetzt herrſchte ſogar ein Franzoſe in Schweden. Allein der Kronprinz war von Napoleon weit mehr miß⸗ handelt als beguͤnſtigt worden. Durch die ſchonungs⸗ toſe Weiſe, mit der der Kalfer gegen diejenigen ſeiner Alirten und Nachharn, ndie ſich nicht un⸗ bedingt in ſeinen Willen fuͤgen wollten, verfuhr, hatte er ſich die Schweden und ſeinen ehemaligen Waffengefaͤhrten entfremdet. Wir hahen. bereits hemerkt, durch welche Grunde, oder heffer⸗ durch welche Deklamationen er die Schweden zu einer gaͤnzlichen Ausſchließung aller engliſchen Mannfaktur⸗ waaren zwingen wollte, und zwax gegen die Beſtim⸗ mung eines erſt vor kurzem abgeſchloſſenen Vertrags, nach welchem den Schweden geſtattet ſeyn ſollte, nach Ausſchließung der engliſchen Waaren, im All⸗ gemeinen auch ferner noch Kolonialprodukte und Salz einzuführen. Mit denſelben Drohungen war er auch in den Krouprinzen gedrungen, Englapd den Krieg zu erklaͤren, 2 „Obgleich ihm nun beides gelungen war, tong e er doch Großbritannien nicht zwingen, Schwe⸗ den als Feind zu behandeln. England ſchien im Gegentheil guch nicht im geringſten ſein freundſchaft⸗ liches Benshmen gegen einen Staat zu aͤndern, der, wie es wohl wußte, nur einer unwiderſtehlichen Ge⸗ walt nachgegeben hatte. Darum litt aber Schweden nicht weniger un das anti⸗ſociale Syſtem Na⸗- 8 116 poleons. Es ſah ſich auf einen bloßen Kuͤſtenhandel beſchraͤukt; von ſeinen Handelsſchiffen, die von einem Hafen zum andern ſchlichen, wurden mehr als fuͤnfzig von den daͤniſchen und franzoͤſiſchen Kapern, unter dem Vorwand, das Continentalſyſtem zu hand⸗ haben, aufgebracht und conſiscirt. Der Kronprinz beſchwerte ſich daruͤher bei der franzoͤſiſchen Behoͤrde; es erfolgten aber nur leere Verſprechungen; die Kaper trieben ihr Weſen fort und es fand kein Er⸗ ſatz Statt. Baron Alquier, der franzoͤſiſche Geſandte zu Stockholm, fuͤhrte, wie ſich Bernadotte ausdruͤckt, die Sprache eines roͤmiſchen Prokonſuls, vhnt zu bedenken⸗ daß er keine Sklaven vor ſich habe. Als er z. B. aufgefordert wurde, unummnnden zu. u erkläͤren, was Napoleon von Schweden verlange und was er dieſem hinwiederum zu bewilligen ge⸗ denke, antwortete Alquier,„der Kalſer verlange, daß ſich Schweden in allen Stuͤcken nach ſeinem Syſteme beaueme; erſt wenn dieſes geſchehen ſey, koͤnne man fragen, was Seine kaiſerliche Majeſtat etwa fuͤr Schweden zu thun geneigt ſeyn mochte.“ Bei einer andern Gelegenhelt hatte der fran⸗ zoͤſiſche Gefandte die Dreiſtigkeit, einen fernern Serkehr mit dem Kronprinzen in Beziehung auf die Gegenſtaͤnde ſeiner Sendung abzulehnen und zu verlangen, daß ſonſt jemand beſtimmt werden moͤge, um mit ihm zu communiciren. Es unter⸗ liest wohl keinem Zweifel, daß Baron Alauler, 117 indem er ſich ſolchergeſtalt uͤber alle diplomatkſchen Formen hinwegſetzte, nur die Befehle ſeines Herrn befolgte, der den aus dem franzoͤſiſchen Unter⸗ thanenverhaͤltniß feierlich entlaſſenen Krouprinzen von Schweden noch immer wie ſeinen Unterthau und Dienſtmann behandeln wollte. Napoleon er⸗ laubten ſich ſogar, in Gegenwart ſeiner Höͤflinge zu ſagen, er habe gute Luſt, Bernadotte ſeln Studium der ſchwediſchen Sprache in dem Schloſſe Vincennes vollenden zu laſſen. Der Kaiſer ſoll ernſtlich damit umgegangen ſeyn, ſeiner Drohung Kraft zu geben; es war von einem Anſchlag die Rede, ſich der Perſon des Kronprinzen zu bemaͤchtigen und ihn zu Schiff als Staatsgefangenen nach Frankreich abzu⸗ fuͤhren. Von Salazars, einem ehemaligen Adjutan⸗ ten von Marmont, noch zu rechter Zeit gewarnt, entging der Prinz jedoch dieſer Gefahr.*) Bei ſo vielen Anlaͤſſen zu gegenſeitiger Erbitte⸗ rung zwiſchen Frankreich und Schweden, die alle darin ihren Grund hatten, daß Napoleon den Kron⸗ prinzen zu ſeinen Maßregeln hindraͤngen, nicht lei⸗ ten wollte, war nicht zu vermuthen, daß dieſer irgend eine Gelegenheit verfaͤumen wuͤrde, ſeine Un⸗ abhaͤngigkeit zu behaupten und ſich gegen ein ſchimpf⸗ liches Joch zu ſtraͤuben, das ihm auf die empoͤrendſte Weiſe aufgebuͤrdet werhen wollte. *) Beilage Nro. 6. 118 Se ſtandon die Sahen zwiſchen beiden Staaten, als bei der nahen Ausſicht auf den ruffiſchen Krieg Schwedens Betſtänd fär Franfreſch hochſt michtig warde. Allein womit konnte Napdleon einen be⸗ letdigten Freund wieder verföhnen? Etwa durch das Anerbleten, ihm wleder zu dem Veſitz von Finnland zu verheifen, das die Nuffen mit Näpoleons Ge⸗ nehmigung von Schweden abgeriſſen hattén? Allein der Kronptinz erwog, daß ein Krieg zum Behuf der Wiederetoberung Pon Fillutaud dem Lande uner⸗ ſchwingliche, mit dem md Gewinn ganz in kamem Paizaitiß dehes B itniß ſtehende Koſten verurfachen, das Finnkand in den Händen Schwedens ein ewiger Zankapfel zwiſchen beiden Staaten feyn wuͤrde, die dagegen, durch den bothuiſchen Meerbufen getrennt, füͤglich gute Freunde bleiben könnten. Wenn aber Schweden in dem bevorſtehenden Kriege auß die Selte Rußlands Hund folglich auch Englands trat, ſo konnte es unter dem Schutze beider Maͤchte auf die Eroberung von Norwegen denken, das ihm ſo beguem lag und wodurch es vollends in den Be⸗ ſitz der ſkandingviſchen Halbinſel kam. Man be⸗ hauptet, der Kronprinz habe dem Kalſer insge⸗ heim gegen die Zuſicherung von Norwegen und Finnland ſeine Alllanz angetragen, die von dieſem mit Verachtung abgelehnt worden ſey. Die ganze Sache iſt indeſſen beſtritten und gelaͤugnet worden. Als Buonaparte fah, daß er den Kronprinzen 119 nicht wieder gewinnen koͤnne, was er uͤbrigens kaum ernſtlich verſucht zu haben ſcheint, trug er kein Be⸗ denken, ohne alle vorlaͤufige Kriegserklaͤrung Schwe⸗ den den empfindlichſten oder vielmehr den einzigen Streich zu perſetzen, der noch in ſeiner Macht ſtand. Im Januax 1812 ruͤckte Marſchall Davouſt in Schwediſch⸗ Pommern ein, welches die einzige Pro⸗ vinz iſt, die Schweden auf der Suͤdſeite des balti⸗ ſchen Meeres beſitzt; er nahm das ganze Land mit der Hauptſtadt in, Beſitz und bereitete ſich, denjenigen Theil, des preußiſchen Gebiets, der noch nicht von den Franzoſen beſetzt war, zu uͤberziehen. Da Schweden wegen dieſes feindſeligen Schrit⸗ tes keine Genugthuung erhielt, ſo ſchloß es am 24ſten . Maͤrz 181 ⁄ einen Staatsvertrag mit Rußland, durch welchen es ſich anheiſchig machte, Frankreich den Krieg zu erklaͤren und mit einem aus 25⸗ bis 30,800 Schweden und 15⸗ bis 20,000 Ruſſen beſtehenden Heere auf irgend einem Punkte Deutſchlands eine Di⸗ verſion zu verſuchen. Dafuͤr ſollte der Kalſer von Rußland ſeinerſeits entweder durch Unterhandlungen oder durch militaͤriſche Mitwirkung Schweden zu dem Beſitze von Norwegen verhelfen und zu dieſem Zwecke die ruſſiſche Armee, die ſich damals in Finnland be⸗ fand, in Bereitſchaft halten. So ward die Macht Schwedens, durch den hohen Ruf ſeines gegenwaͤrti⸗ gen Oberhauptes noch bedeutend verſtaͤrkt, gegen Frankreich in die Wage gelegt, dem es, ohne das 120 leidenſchaftliche und unpolitiſche Betragen Napoleons, wahrſcheinlich eben ſo treu geblieben ſeyn wuͤrde, als es ſich ſeit dem Buͤndniß von Franz 1. und Guſta Wafa bewieſen hatte.* Duaß Schweden gerade in demſelben Augenblick, wo ſeine Mitwirkung ſo nützlich geweſen waͤre, be⸗ leldigt wurde, laͤßt ſich in der That nur aus Napo⸗ leons Erbitterung gegen einen Prinzen erklaͤren, in dem er vom 18ten Brumaire an einen Nebenbuhler und jetzt einen widerſpenſtigen und aufruͤhreriſchen Vaſallen ſah. Er hätte wegen der Ehre und des Vortheils von Frankreich von ſolchen perſoͤnlichen Verhaͤltniſſen abſehen ſollen. Dies lag aber, wie es ſcheint, nicht in dem Charakter Napoleons, der, wenn er die ihm geleiſteten Dienſte im Andenken behielt, wie ſeine corſiſchen Landsleute, Beleidigungen, die ihm zugefuͤgt worden, nimmermehr vergeſſen und da⸗ durch manchmal verleitet werden konnte, mehr ſel⸗ nem Groll, als ſeiner Politik Gehoͤr zu geben. Bei dem Ausbruche der Feindſeligkeiten zwiſchen Frankreich und Rußland mußte der Koͤnig von Preu⸗ ßen nothwendig in große Verlegenheit gerathen. In ſeiner Stellung zwiſchen dieſen beiden Maͤchten konnte er nicht wohl neutral bleiben; griff er zu den Waf⸗ fen, ſo galt es zu uͤberlegen, auf welche Seite er ſich ſchlagen ſolle. Durch die Erpreſſungen der Fran⸗ zoſen zu Grunde gerichtet, von den franzoͤſiſchen Be⸗ ſatzungen mißhandelt, vom Tugendbunde insgeheim 121 aufgeſtiftet, wuͤnſchte das preußiſche Volk nichts ſehn⸗ licher, als das Schwert gegen Frankreich zu ziehen; die Unabhhaͤngigkeit ſeines Koͤnigreichs wieder herzuſtellen, deſſen Leiden zu raͤchen, war auch des Koͤnigs einzi⸗ ger Gedanke. Das Andenken an eine liebenswuͤr⸗ dige und geliebte Koͤnigin, die in der Bluͤte ihres Lebens aus Gram uͤber das Ungluͤck ihres Vaterlau⸗ des, ihre Haͤnde in die ihres Gemahls legend, ſtarb, rief auch um Nache uͤber Frankreich, das die Leben⸗ de beſchimpft, die Todte gelaͤſtert hatte.*) Es iſt nun begreiflich genug, daß der Koͤnig von Preußen, ſeinem erſten Gefuͤhle folgend, ſich Ruß⸗ land in die Arme werfen und, gaͤlt es auch Krone und Leben, als deſſen treuer Alliirter am Kriege Theil nehmen wollte. Allein der Kaiſer Alexander ſah ein, daß er durch die Annahme eines ſo edel⸗ muͤthigen Anerbietens ſich verbindlich machen wuͤrde, Preußen auf jeden Fall zu ſchuͤtzen, ſelbſt wenn, wie ) Der Moniteur hat ſich nicht entblödet, mehr als einmal auf eine Liebesintrike zwiſchen dieſer Fürſtin und dem Kaiſer Alexander anzuſpielen, und Buonaparte hat ſowohl Hrn. Las Caſes als Andere verſichert, die Sache ſey wahr, und ſich ſogar den Scherz erlaubt, er habe ſelbſt den König von Preußen abſeits gehalten, um den Liebenden gefällig zu ſeyn. Dies verträgt ſich ſo wenig mit dem allgemein anerkannten vochherzigen Charakter dieſer unglücklichen Fürſtin, daß wir keinen Anſtand nehmen, ſolches als Verleumdung zu bezelch⸗ nen— eine Waffe, die Napoleon weder in öffentlichen, noch Privatſtreitigkeiten niemals verſchmäht bate. 122 es leicht moͤglich war, der Krieg mit Niederlagen beginnen ſollte. Die ſtaͤrkſten Feſtungen in Preußen waren in den Haͤnden der Franzoſen, die Armeeſdes Koͤnigs betrug nicht mehr denm vierzigtauſond Mann, und es warkeine Zeit die Nationaltruppen zu be⸗ waffnen oder zu organiſiren. Umumit dieſen vier⸗ zigtaufend. Mann, oder mit dem Theil derſelben⸗ den man aufbringen kvunte, eine Vereinigung zu be⸗ werkſtelligen, haͤtte Alerander den Krieg, uͤbereilen V und eine ſtarke Armee nach Schleſien zur Aufnahme der preußiſchen Truppen ſenden muͤſſen. An den Ort ihrer Beſtimmung gekommen, wuͤrde aberedieſe Armee nalle Streitkraͤfte Frankreichs, Sachſens und des Rheinbundes in der Fronte, und die Truppen 3 des Großherzogthums Warſchau, wahrſcheinlich durch ein oͤſterreichiſches Huͤlfskorys verſtaͤrkt, im Nuͤcken gehabt haben.„Durch dieſes uͤbereilte Vorruͤcken baͤtte man das Beiſpiel von Oeſterreich nachgeahmt, das in den ungluͤcklichen Feldzuͤgen von 1805 und 189, um ſich Alliirte zu verſchaffen, ſeine Armeen uͤber Hals und Kopf nach Batern geſchickt und den⸗ felben dadurch die entſcheidenden Niederlagen von ülm und Eckmuͤhl zugezogen hatte. Auch das Bei⸗ ſpiel, das Preußen im Jahre 1806 gegeben, wo der Herzog von Braunſchweig nach Sachſen vorgerannt war und dafuͤr bei Jena buͤßen mußte, war abſchrek⸗ kend genug.„ Aus dieſen allerdings warnenden Vorgaͤngen hat⸗ 123 ten ſich der ruſſiſche Kaiſer und ſein Kabinet bie Regel abgezogen, das allzufruͤhe Zuſammen⸗ treffen mit den Franzoſen zu vermeiden, ihnen nicht entgegenzuruͤcken, ſondern ſie vielmehr in die uner⸗ meßlichen Wuͤſten und Waͤlder Rußlands zu locken, wo der Eingedrungene weder Proviant, noch andere Huͤlfsquellen finden und jeder Bauer ein wehrhafter Feind ſeyn würde. Die Mitwirkung von 40,000 Mann, von denen vielleicht kaum die Haͤlfte zuſammengebracht werden konnte, war offenbar kein hinreichendes Mo⸗ kiv, elnen ſo reiflich erwogenen Operationsplan ab⸗ zuaͤndern. Der Kaiſer Alexander lehnte daher das Auerbieten des Koͤnigs von Preußen ab, um dieſen nicht in Unfaͤlle zu verwickeln, die der nicht wuͤrde abwenden koͤnnen, ohne ſeinen wohlberechneten Plan gufzugeben. In ſoferne aber dem Koͤnig, der nicht neutral bleiben konnte, jetzt keine andere Wahl blieb, als ſich an Frankreich anzuſchließen, ſo ſtellte es ihm Alexander edelmuͤthigerweiſe anheim, diejenigen Ver⸗ bindungen einzugehen, von deuen er ſich in ſeiner Lage die groͤßten Vortheile verſprechen koͤnne. Er verband damit die Berſicherung, daß der Koͤnig an dem Gluͤck der ruſſiſcen Waffen unbedingt Theil nehmen koͤnne, zu welchen Schritten er auch fruͤher durch die Noth haͤtte moͤgen beſtimmt worden ſeyn. Der Koͤnig von Preußen, der ſeine Allianz von Rußland ausgeſchlagen ſah, war bei Frankreich kaum gluͤcklicher. Er bot dieſelbe zu wiederholten Malen 124 dem Kaiſer Napoleon an, beſonders in den Mona⸗ ten Maͤrz, Mai und Auguſt 1811;3 da er aber keine genuͤgende Antwort erhielt, fing er an zu beſorgen, daß ſein Untergang beſchloſſen ſey. Dieſe Furcht war nicht ganz ungegruͤndet.„Napoleon mochte, wie es ſcheint, dieſen Fuͤrſten nicht leiden, und ſoll ei⸗ nes Tages, als er einen Blick auf die Karte des preußiſchen Gebiets warf, ausgerufen haben:„Wie habe ich dieſem Manne ſo viel Land laſſen koͤnnen 245 Man hat uͤberdies noch guten Grund, zu glauben, daß Napvleon von den geheimen Unterhandlungen zwiſchen Rußland und Preußen entweder wirklich. Kenntniß erhalten oder dieſelben wegen ihrer Wahr⸗ ſchelnlichkeit als eine Thatſache vorausgeſetzt habe. So viel iſt gewiß, er beſann ſich, ob er Preußen als einen unabhaͤngigen Staat beſtehen laſſen ſolle. Endlich ward jedoch am 24ſten Februar 1812 den Koͤnig ein Traktat vorgelegt, mit der Bemer⸗ kung, daß, wenn er denſelben unterzeichne, er noch laͤnger den Namen und Titel eines Koͤnigs von Preu⸗ hen führen ſolle, und daß im entgegengeſetzten Falle Da⸗ vouſt den Befehl habe, das preußiſche Gebiet zu uͤberzie⸗ hen und feindlich zu behandeln. Sonach hielt es Napo⸗ leon fuͤr angemeſſener, dieſen Fuͤrſten, dem er nicht trau⸗ te, einſtweilen noch zu verſchonen und ſich ſeines Bei⸗ ſtandes zu verſichern, als ihn in die Arme Rußlands zu draͤngen. Die Bedingungen waren hart genug: Preußen mußte 26,000 Mai niit 60 Geſchützen, die ganze ver⸗ 125 wendbare Streitmacht, die ihm von derſtehenden Armee des großen Frledrichs geblieben war, zur Verfuͤgung Frankreichs ſtellen und die franzoͤſiſche Armee auf ihrem Durchzug durch das preußiſche Geblet verpfle⸗ geu und mit allen Beduͤrfniſſen verſehen; doch ſoll⸗ ten dieſe Leiſtungen von der fruͤhern Kriegscontribu⸗ tion, die Preußen noch nicht bezahlt hatte, abgerech⸗ net werden. Es wurden noch verſchiedene andere Maßregeln getroffen, um die Franzoſen in Stand zu ſetzen, ſich im Nothfall der noch uͤhrigen preußi⸗ ſchen Feſtungen zu bemaͤchtigen und das Volk, von dem im Falle eines Ungluͤcks ein Aufſtand zu befuͤrch⸗ ten war, wehrlos zu machen. Waͤhrend alſv Ruß⸗ land ſeine Macht durch den Beiſtand Schwedens, des alten Bundesgenoſſen von Frankreich, ſtaͤrkte, zos das noch uͤbrige Heer des Koͤnigs Friedrich, der im Herzen Alerxanders beſter Freund war, mit den Franzoſen gegen die Ruſſen zu Felde. Als Eidam des Kaiſers von Oeſterreich hatte Napoleon begreiflicherweiſe eine gewichtige Stimme in deſſen Kabinet; doch war dieſes fuͤr ſeine ehrgei⸗ zigen Vergroͤßerungsplane darum noch keineswegs eingenommen. Metternich, der im Fruͤhjahr 1811 nach Wien mit der Ueberzeugung zuruckgekommen war, daß die ſo eben gefeierte Heirath Napoleon nicht vermoͤgen wuͤrde, ſein Schwert in die Schelde zu ſtecken und Europa eine dauernde Ruhe zu goͤn⸗ nen, hatte dies ſeinem Herrn nicht verhehlt. Oe⸗ 126 Ferrelch, von ſeinem furchtbaren Verbündeten fortge⸗ riſſen, verſtand ſich jetzt zwar zur Stellung eines Contingents von 30,906 Mann, vergaß aber nicht, wie ſchonend der Kaiſer Alerander als Alliirter Na⸗ yoleons im Feldzuge von Wagram den Krieg ge⸗ ruͤhrt, und gab daher dem Fuͤrſten Schwarzenberg, der das oſterreichiſche Contingent befehligte, die Wei⸗ ſung, in dieſem Kriege eben nur ſo viel zu thun, als von einem Huͤlfskorps ſchlechterdings geſordert werden foͤnne, 31 en Durch die nothwendige Ruͤckſicht auf das oſter⸗ reichiſche Intereſſe ſah ſich jedoch Napoleon in dem Gebrauche ſeiner furchtharſten Waſfe gegen Nußland beſchraͤnkt. Die Wiederherſtellung des Koͤnigreicht Polen iſt hier gemsiat, durch welche, wie wir bereits bemerkt haben, Nußland eine ſeiner ſchoͤnſten Pro⸗ vinzen verloren haben wuͤrde, wieder in den Zuſtand eines afiatiſchen Staates verſetzt worden und aus aller Berüͤhrung mit der civiliſirten Welt sekommen waͤre. Daran war jedoch nicht zu denken, ſo lang Oeſterreich im Beſitze von Gallizien blieb; und die⸗ ſer Staat hatte es in ſeinem Allianztraktate mit Frankreich zur ausdruͤcklichen Bedingung gemacht. daß Napoleon zur Wiederherſtellung der polniſchen Un⸗ abhaͤngigkeit nichts thun duͤrfe, ohne die Elnwilli⸗ gung von Oeſterreich⸗ und ohne dieſem eine Entſchä⸗ digung fuͤr denjeuigen Theil ſeines polniſchen Ge⸗ bietes zu gebeu, zu deſſen Abtretung es ſich etug beſttm, die in ekuetn ten die illyr ſchen pröpiitze Seſterseich zurtzegeben folchen Falle wiedet at wär gewiſſermaßen eine Feſſer e das krisgellſche Polen jetzt htd Pß eüf die u peſt berre ſclechterde ngs nicht ieder fa lren senn 3zu wollen, war Schuld datan⸗ Shue: bieſeſt Eigenſinn atte er fela Verhatriit nitt Seſtetreich gar⸗ lekcht hen SDie klyeifchen Prooinze ge⸗ wähtten Frankreich keinen Nutzen, hatten aber fuͤt Seſterreich den groͤßten Werth. Gab er biefe Pro⸗ dinzen au De ſterreich zuruͤck, ſo ſieß ihm dieſes frele Hände in Polen; er konnte dann uͤber Gallizien und⸗ uͤber die polniſchen Provinzen, die er den Ruſſen abnahm, nach Gefallen verfuͤgen. Iſt der Zweifel, ben de Pradt hiegegen erhebt, gegruͤndet, ſo⸗ kounte Na⸗ doleon etwa auch noch Venedig in die Wagſchale legen. Wir haben aber Grund, zu glautbem daß er mit den illyriſchen Provinzen ausgereicht haben wuͤrde. 3 Buonaparte kann die Wichtigkeit, ganz Polen zu Pferde zu bringen, wie er ſich ausdruͤckte, nicht verkannt haben; es kann aber ſeyn, daß er kein un⸗ abhaͤngiges Polen wollte, oder daß er Bedenken trug, die illyriſchen Provinzen, das Eigenthum Frank⸗ 128 1 reichs, hinzugeben, um ein, wenigſtens dem Namen nach unabhaͤngiges Koͤnigreich zu gruͤnden, oder daß er der Meinung war, er könne mit leeren Verſpre⸗ chungen die Polen zu Allem bringen. Dies ſind eben ſo viele Vermuthungen; gewiß iſt aber, daß er ſich durch ſelne Gefälligkeit gegen Oeſterrelch ſein Splel in Polen verdarb, daß er ſich dadurch insbeſondere um den Beiſtand der Lithauer zu einer Zeit brachte, wo er fuͤr ihn den groͤßten Werth gehabt haben wuͤrde. Auch der Tuͤrket mußte ſich Buonaparte verſi⸗ Hern, ehe er Rußland angriff. Die Tuͤrken ſind die natuͤrlichen Feinde Rußlands, und hatten von jeher als die natuͤrlichen und treuen Alliirten Frankreichs gegolten. Nur der Umſtand, daß es fuͤr Napoleon weit leichter war⸗ Feinde zu zermalmen, als Freunde zu gewinnen, macht es begreiflich, daß er in einen ſo wichtigen Periode ſeinen Einfluß auf die Pforte verlieren konnte. ——ÿ——