— Walter Scott“'s ſaͤmmtliche R W er k ce. — Neu uͤberſetzt. — Ein und fuͤnfzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. 1 —— Siebenzehnter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh 13 27, . L eben von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Fraunkreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ 8 tion. Von Walter ——— Scot. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. o. Theobald. Siebenzehnter Theil. —yyyy— ————zxÿy . Stuttgart, beii Gebruͤder Franckh. 48 1 82 7. 8 ſind ſo groß, daß, wenn es auch nicht auf einmal die Erſtes Kapitel. Leben von Napoleon Buonaparte. Die Finanzoperationen Napoleon's waren dieje⸗ nigen, uͤber die ſich die Franzoſen am meiſten be⸗ klagten, wie dann dieſer Gegenſtand uͤberhaupt in allen Laͤndern leicht zu Beſchwerden Anlaß gibt. Das franzoͤſiſche Volk mußte ſchwere Abgaben entrichten, zur Beſtreitung des aus vielen Urſachen ſehr be⸗ traͤchtlichen Aufwandes der Regierung; und obgleich Buonaparte Allem aufbot, um die Laſt ſeiner unauf⸗ hoͤrlichen Kriege auf die von ihm uͤberzogenen oder unterjochten Laͤnder zu waͤlzen, ſo zog er doch aus den fremden Laͤndern, die zunaͤchſt durch den Krieg litten, keine ſolchen Einkuͤnfte, daß er nicht noch uͤber⸗ dies den Ertrag der franzoͤſiſchen Induſtrie gar ſehr haͤtte in Anſpruch nehmen muͤſſen. Allein der Bo⸗ den Frankreichs iſt ſo ergiebig, ſeine Huͤlfsquellen, die Geduld und die Thaͤtigkeit ſeiner Einwohner großen Kapitale, die ſich in England mittelſt des 6 Kredits erhehen laſſen, aufzubringen vermag, es doch die Laſt bedeutender Abgaben weit laͤnger und mit wenigerem Nachtheile tragen kann. Der Acker⸗ bau hatte ſich in Frankreich durch die Zerſchlagung der großen Laͤndereien in kleinere, und durch die Abſchaffung der Feudallaſten bedeutend gehoben, und war, ungeachtet der Kriegsſteuern und der noch bei weitem ſchlimmern Konſkription, in einem bluͤhe nden Zuſtande. Unter einer feſten und geſicherten, wenn ſchon ſtrengen und despotiſchen Regterung war das Eigenthum geſchuͤzt, und der Ackerbau erhielt die beſte Aufmunterung dadurch, daß der Landmann darauf rechnen durfte, die Saat, die er ausgeſaͤt, auch zu ernten. Anders ſtand es mit dem Handel, der durch den ſo langwierigen und mit ſo vieler Erbitterung ge⸗ fuͤhrten Seekrieg ſehr gelitten hatte, und durch das von Buonaparte ſo hartnaͤckig behauptete Kontinen⸗ talſyſtem faſt gaͤnzlich vernichtet worden war. Die⸗ ſes Syſtem war freilich das Werkzeug, mit welchem er den engliſchen Handel mit der Zeit gaͤnzlich zu Grunde zu richten hoffte; allein Frankreich hatte vorderhand nur Schaden davon, in ſeinen Seehaͤfen ſah man nur noch Kuͤſtenfahrzeuge und Fiſcherboote, und der Handel von Marſeille, Bordeaur, Nantes und andern großen Handelsſtaͤdten hatte beinahe ganz aufgehoͤrt. Die Regierung des Kaiſers war daher in dieſen Staͤdten nicht beliebt, und obgleich — 2 die Bewohner, von den Spaͤhern eines eiferſuͤchti⸗ gen und wachſamen Despotismus belauſcht, ſchwie⸗ gen, ſo konnten ſie doch ihr Mißvergnuͤgen uͤber den gegenwaͤrtigen Stand der Dinge nicht ganz ver⸗ bergen. Auf der andern Seite waren die Kapitaliſten, die große Summen in den oͤffentlichen Fonds ſtehen hatten, oder ſich mit den ſehr eintraͤglichen Liefe⸗ rungen fuͤr die großen Armeen Napoleons befaßten, ſo wie die vielen und einflußreichen Perſonen, denen die Eintreibung und Verwendung der oͤffentlichen Gelder, ein gar nicht undankbares Geſchaͤft oblag, nothwendig einer Regterung ergeben, unter welcher, troz der ſcharfen Aufſicht des Kaiſers, ſich oft ein ungeheurer Gewinn machen ließ, troz der bedeuten⸗ den Summe, welche die Unternehmer an ihre Goͤn⸗ ner, die Miniſter oder Generale, als einen gebuͤh⸗ renden Anthell an der Beute zu entrichten hatten. Wenn ſchon ein guter Haushaͤlter und vortrefflicher Rechner, ſcheint doch Napoleon, auch bei dem beſten Willen, nicht im Stande geweſen zu ſeyn, dieſen Unterſchleifen der von ihm betrauten Gewalthaber ein Ende zu machen. Auf St. Helena ſprach er oft von der Feilheit und Beſtechlichkeit ſolcher Maͤnner, obſchon er deßwegen kein Bedenken getragen hatte, von ihren Talenten Gebrauch zu machen. Fouché, Talleyrand und Andere werden von ihm in dieſer Hinſicht bezuͤchtigt. Da wir aber wiſſen, wie lange 8 und wie oft er ſich dieſer Staatsmaͤnner bedient hat, ſo muͤſſen wir annehmen, daß, wie er auch uͤber ih⸗ ren Menſchenwerth denken mochte, er doch Unter⸗ ſchleife duldete, nur um von ihren Faͤhigkeiten Nutzen ziehen zu koͤnnen. Selbſt wenn dergleichen Kniffe wegen ihrer Frechheit geruͤgt werden mußten, that Napolson dies auf eine Art, die weder von ſeiner Seite einen feinen morgliſchen Sinn, noch den fe⸗ ſten Willen verrieth, durch ſtrenge Maßregeln der⸗ gleichen fuͤr die Zukunft abzuſtellen. Wir ſchließen dieſes aus der folgenden Auekdote, die er dem Gra⸗ fen Las⸗Caſes mitgetheilt hat. Von ſeinen Generalen ſprechend und die Unei⸗ gennuͤtzigkeit einiger derſelben pre ſend, nannte er Maſſena, Augereau, Brune und Andere die aͤrgſten Naͤuber. Der erſte von dieſen Generalen hatte es einmal ſo arg getrieben, daß dem Kaiſer die Geduld ausging. Man hoͤre nun, wie er ihn dafuͤr beſtraf⸗ te: Er nahm ihm nicht das Kommando ab, deſſen er ſich durch ſeine Raubſucht unwuͤrdig gemacht hatte — er ließ den Raͤuber nicht durch einen richterlichen Spruch zur Herausgabe des geraubten Gutes und zum Wiedererſaz deſſelben an die Beraubten anhal⸗ ten— er ſtellte, um den General zu belehren, daß er zu weit gegangen ſey, einen Wechſel von zwei bis drei Millionen Franken auf deſſen Bankier aus, der auf Maſſena's Rechnung an den Ausſteller bezahlt werden mußte. Dies war eine große Verlegenheit 9 faͤr den Bankier, der es nicht wagen durfte, ſich dem kalſerlichen Befehle zu widerſetzen, und doch Beden⸗ ken trug, den Wechſel ohne alle Vollmacht von ſei⸗ nem Principal zu honoriren.„Zahlen Sie immer⸗ hin,“ war des Kaiſers Antwort,„mag es Maſſena auf ſeine Gefahr wagen, ſeine Genehmigung zu ver⸗ weigern.“ Das Geld ward ſofort bezahlt und Maſe ſena huͤtete ſich wohl, etwas dagegen einzuwenden. Dies hieß nicht einen Unterſchleif beſtrafen, ſondern an dem Ertrage deſſelben Theil nehmen, und hat viel Aehnlichkeit mit dem Stuͤckchen, das uns Le Sage von einem ſpaniſchen Staatsminiſter erzaͤhlt, der von den Geſchenken, womit man ſeinen Sekretaͤr beſtach, einen Theil fuͤr ſich verlangte. Auf gleiche Weiſe erhielt Junot, der nach ſei⸗ ner Ruͤckkehr von Portugal durch ſein Prunken mit Diamanten und andern Dingen von Werth, die er in dieſem bedraͤngten Lande erpreßt hatte, großes Aergerniß gab, einen freundlichen Wink, vorſichtiger zu ſeyn. Und doch ward derſelbe, troz ſeinet offen⸗ kundigen Raubſucht, unmittelbar darauf als Gouper⸗ neur nach Illyrien geſchickt. Aus einer andern Aeußerung des Kaiſers wiſſen wir, daß ihm ſein Staatsrath als Aufſichtsbehoͤrde uͤber die Verwendung der oͤffentlichen Gelder die trefflichſten Dienſte leiſtete. Das Verfahren dieſer Sternkammer und die Furcht, vor den Großrichter geſtellt zu werden, vermochte die Schuldigen in den 10 meiſten Faͤllen zu einem Vergleich; und wenn ſſe eine, zwei oder drei Millionen wieder von ſich ga⸗ ben, ſo fuͤllte ſich der Staatsſchaz und dem Geſetze geſchah nach Napoleon's Anſicht ein Genuͤge*), Die Wahrheit iſt, daß Buonaparte, ob er gleich fuͤr ſeine Perſon auf den Reichthum keinen Werth legte, in der Habſucht, die im Grunde doch weiter nichts, als eine Art von ſchmuziger Herrſchſucht iſt, die maͤch⸗ tigſte Triebfeder gemeiner Seelen erkannte, und daß er eben darum das Gold gegen diejenigen, die darauf erpicht waren, nicht ſparte, ſo lange ſie ihm in der Behauptung ſeiner unumſchraͤnkten Macht nuͤzlich ſeyn konnten. In einem Lande, wo die oͤffentliche wie die haͤusliche Noth es Manchem moͤglich gemacht hatke, durch den Handel mit Staatspapieren und durch Wucher ein großes Vermoͤgen zu erwerben, mußte ſich bald ein Geldintereſſe ganz eigener Art bilden, deſſen Hoffnungen begreiflicherweiſe auf dem bewunderungswuͤrdigen Herrſcher beruhten, der durch ſeine rieſenhaften Entwuͤrfe der Spekulation ſtets meue Bahnen eroͤffnete und durch ſeine unerreichten Talente das Mittel gefunden zu haben ſchien, die ſchwierigſten Unternehmungen mit dem gluͤcklichſten Erfolge zu kroͤnen.. Der Gedanke liegt nahe genug, daß das Intereſſe der Induſtrie durch dieſelben unguͤnſtigen Umſtaͤude, 8*) Las- Cases, Tom. I. partie 2 de, p, 270. 11 die den Handel beengten, in Frankreich nothwendig auch leiden mußte. Da die Einfuhr aufhoͤrte, ſo konnten die franzoͤſichen Produkte, die des Bodens wie der Induſtrie, nicht laͤnger begehrt und folglich auch nicht ausgefuͤhrt werden. Es zeigte ſich dies auch wirklich, und die Produktion derjenigen Aus⸗ fuhrartikel, welche die Franzoſen gegen engliſche Waa⸗ ren einzutauſchen gewohnt waren, nahm bedeutend ab. Obgleich es aber ſolchergeſtalt an dem wahren Reiz zur Produktion fehlte, ſo hatte Napoleon an die Stelle deſſelben einen kuͤnſtlichen geſezt, der ei⸗ nigermaßen deſſen Stelle vertrat. Wir muͤſſen hier bemerken, daß Napoleon, der fuͤr ſeine Perſon ſehr genuͤgſam war, doch von der Nationalwirthſchaft nichts verſtand. Er kam nie zu der praktiſchen Ueberzeu⸗ gung, daß ein liberales Handelsſyſtem eine großar⸗ tige Wirkung hervorbringt, dadurch, daß es die Ge⸗ genſtaͤnde des Tauſchhandels in einem weiten Kreiſe verbreitet und jedem Lande eine Fulle von Natur⸗ oder Kunſterzeuzniſſen um den geringſten Preis ver⸗ ſchafft. Er verfuhr vielmehr gegen den brittiſchen Handel wie ein General, der einer belagerten Stadt das Trinkwaſſer abſchneidet. Er ging damit um, den⸗ ſelben ganz zu vernichten und die brittiſchen Waa⸗ ren durch Surrogate zu erſetzen, wie Frankreich ſie liefern konnte. Daher die kuͤnſtliche Aufmunterung der franzoͤſiſchen Fabriken, nicht durch die geſteigerte Nachfrage des eigenen Landes, ſondern durch Ver⸗ 12 guͤnſtigungen und Verbote, womit man ſie beſchuͤzte. Daher die unermuͤdlichen Verſuche, eine Art von Zucker aus verſchiedenen Stoffen, beſonders aus Run⸗ kelruͤben zu bereiten. Buonaparte legte ſo großen Werth auf dieſe unnatuͤrlichen Verſuche, daß er ein Stuͤck dieſes neuen Fabrikats, das man mit viel Zeit und Muͤhe an Guͤte dem gewoͤhnlichen Hutzucker nahe gebracht hatte, in einem glaͤſernen Behaͤltniß uͤber dem kaiſerlichen Mantelkaſten aufbewahren und ein oder zwei Pfunde von ſehr raffinirtem Runkel⸗ ruͤbenzucker an fremde Hoͤfe verſenden ließ, um zu zeigen, durch welche Mittel Napoleon ſeine Unter⸗ thanen fuͤr das, was ſie durch das Kontinentalſyſtem leiden mußten, zu entſchaͤdigen ſuche. Durch nichts konnte man dem Kaiſer mehr ſchmeicheln und ſich in Gunſt bei ihm ſetzen, als wenn man eifrig dieſe Ab⸗ ſichten zu befoͤrdern ſchien; einer ſeiner Generale, der bei dem Kaiſer nicht gut angeſchrieben ſtand, ſoll ſich wieder dadurch in ſeine Gunſt geſezt haben, daß er ſein ganzes Landgut mit Nunkelruͤben bepflanzte. In dieſen und andern aͤhnlichen Faͤllen nahm Nayo⸗ leon, in ſeinem Eifer, dasjenige zu erzielen, was ein Gegenſtand der Nachfrage war, ganz keine Ruͤckſicht auf das, was ein Fabrikant zuerſt bedenkt, ehe er ſich in eine Unternehmung einlaͤßt— nicht auf die Produktionskoſten, nicht auf den Preis, um welchen das Fabrikat gegeben werden, nicht auf den Markt, wo es Abnehmer finden konnte, Um die Fabrikation 13 von Baumwollenzougen und anderer Waaren, die an die Stelle der engliſchen treten ſollten, aufzumuntern, verfuhr man nach demſelben illiberalen und unpoli⸗ tiſchen Syſteme. Doch wurden dieſe Fabriken durch die vielen Verguͤnſtigungen, die man ihnen bewil⸗ ligte, und durch den gezwungenen Abſaz, den die Regierung ihnen zu verſchaffen wußte, im Gang er⸗ halten und mehr oder weniger Arbeiter beſchaͤftigt, die das, was der Kaiſer fuͤr ſie that, mit Dank an⸗ erkannten. Wenn auch ein kuͤnſtliches Waſſerwerk die Erde nicht ſo erfriſcht, wie ein ſanfter Regen⸗ ſchauer, ſo kann er deßwegen doch die Pflanzen, die ſich in ſeinem Bereich befinden, ergulcken und laben. So blieb auch das, was Napoleon, freilich nach ei⸗ nem uͤbelberechneten Syſteme, zur Emporbringung der Manufakturen that, nicht ganz ohne wohlthaͤtige Wirkung. Wir haben bereits der unermeßlichen oͤffentlichen Werke gedacht, die unter Napoleons Regierung ver⸗ anſtaltet und ausgefuͤhrt wurden. Tempel, Brucken, Waſſerleitungen u. ſ. f. ſind auch zu allen Zeiten die Muͤnze geweſen, mit der despotiſche Herrſcher ihre Unterthanen fuͤr die Freiheit, die ſie entbehren mußten, zu entſchaͤdigen vorfucht haben. Solche Mos numente haben etwas Volksrhumlſches, weil ſie ein Gemeingut fuͤr Alle ſind und der ⸗Herrſcher finder Geſchmack an einem Aufwande, der mehr als jeder andere geoiguet zu ſeyn ſcheint, das Andenken ſeiner 14 3 Groͤße auf die entfernteſte Nachwelt zu bringen. Buonaparte war fuͤr ſolche Motive nicht unempfind⸗ lich, und konnte es auch nicht ſeyn. Sein großer Geiſt konnte ſich nicht auf Genuͤſſe beſchraͤnken, die nur ihm zu gut kamen, und ein Mann, der ſo viel gethan hatre, um ſich waͤhrend ſeines Lebens uͤber die gewoͤhnlichen Sterblichen zu erheben, mußte be⸗ greiflicherweiſe wuͤnſchen, durch große oͤffentliche Werke ſeinen Ruhm den kommenden Jahrhunderten zu uͤber⸗ liefern. Er uͤbernahm alſo und vollfuͤhrte einige von den prachtvollſten Werken neuerer Zeiten. Die Straße uͤber den Simplon und die Schiffswerfte zu Antwer⸗ pen ſind rieſenhafte Unternehmungen, die ſeinen Ge⸗ meingeiſt glaͤnzend bewaͤhren. Zuweilen war es aber dem Kaiſer, wie wir die⸗ ſes auch ſchon bemerkt haben, nur darum zu thun, durch Plaue dieſer Art, die in aller Haſt entworfen, genehmigt und in der Staatszeitung bekannt gemacht wurden, einen unmittelbaren Effekt hervorzubringen; dergleichen Plane wurden alsdann ſogleich, nachdem ſie angefangen worden, wieder aufgegeben, oder es blieb bei der bloßen Bekanntmachung im Moniteur⸗ Napoleons raſtloſe Thaͤtigkeit, ſein ungemeines Ta⸗ kent in allen Dingen, die ſich auf das Civil⸗ oder Militaͤrgenieweſen bezogen, auf den erſten Blick den rechten Punkt zu treffen, waren fuͤr ſeine Untertha⸗ nen ein Gegenſtand der Bewunderung und des Er⸗ faunens. Waͤhrend der wenigen friedlichen Zwiſchen⸗ 3—y—y 15 raͤume ſeiner Regierung fand er, zufolge ſeiner faſt convulſiviſchen Thaͤtigkeit, Gefallen daran, die verſchie⸗ denen Departements Frankreichs in der groͤßten Eile und meiſtens ohne alle vorlaͤufige Anzeige zu beſich⸗ tigen. Gewohnt, mit unglaublicher Schnelligkeit, ob⸗ gleich meiſtens in Geſellſchaft der Kaiſerin Joſephine zu reiſen, ſtieg er, ſobald er in irgend einer beden⸗ tenden Stad angekommen war, ſogleich zu Pferd, um, nur von ſeinem Adjutanten und ſeinem Mam⸗ melucken Ruſtan, die ihm kaum folgen konnten, begleitet, den Plaz in Augenſchein zu nehmen und zu ſehen, was etwa geſchehen koͤnne oder welchem Uebel abzuhelfen ſey. Nachdem er ſich in dieſer fluͤch⸗ tigen Anſchauung einige Kenntniß der Oertlichkeit erworben, gab er den Stadtbehoͤrden Audienz, und ließ ſich mit ihnen oft auf eine ſehr liberale Weiſe in das groͤßte Detail uͤber einen Ort ein, den er zum erſten Male im Galopp umritten, wo ſie aber vielleicht ihr Leben zugebracht hatten. Man ſtaunte uͤber die leichte und umfaſſende Beobachtungsgabe des Kalſers, und ſeine Bemerkungen wurden im Monileur zur Bewunderung Frankreichs bekannt ge⸗ macht. Irgend ein oͤffentliches Werk, das die Mu nicipalitaͤt etwa verlangte, oder was der Kaiſer in ſeinem Wohlwollen ſelbſt vorſchlug, wurde in ſolchen Faͤllen beſchloſſen, aber meiſtens nicht ausgefuͤhrt, entweder weil es dem kaiſerlichen Schatze an Mit⸗ teln fehlte, oder weil, was haͤufiger der Fall war⸗ 16 ein neuer Krieg oder ein neues ehrgeiziges Projekt fuͤr jezt alle Hulfsquellen in Anſpruch nahm. Waͤren aber auch einige der herrlichſten Ent⸗ wuͤrfe Napoleons wirklich ganz zur Ausfuͤhrung gekom⸗ men, ſo iſt es noch eine Frage, ob der Nutzen, den ſie gewaͤhrt haben wuͤrden, auch in einigem Verhaͤlt⸗ niß zu dem Eindruck geſtanden waͤre, den ſie durch ihre Großartigkeit auf die Einbildungskraft machen. Die Schiffswerfte zu Antwerpen ſind in der That in ihrer Anlage ein bewunderungswuͤrdiges, ein er⸗ ſtaunliches Werk; waͤren ſie aber vollendet worden, wozu wuͤrde es genuͤzt haben, Linienſchiffe vom er⸗ ſten Range zu bauen, die Frankreich nicht bemannen konnte, die, haͤtten ſie es gewagt, in die See zu gehen, von dem erſten beſten engliſchen Kriegsſchiffe genommen werden mußten? All dieſer ungeheure Aufwand ward im Grunde der Eitelkeit zum Opfer gebracht. Mit ſechs Kaperſchiffen haͤtte Buonayarte von Duͤnkirchen aus dem engliſchen Handel mehr Abbruch thun koͤnnen, als mit allen Linienſchiffen, die er in der koſtſpieligen Anſtalt von Antwerpen, und uͤberdles zu Breſt und Toulon haͤtte bauen konnen. A In derlei Faͤllen that Napoleon das, worauf ſich, nach ſeiner Behauptung, das Direktorium ganz uad gar nicht verſtanden hat— er wirkte auf die Einbildungskraft der franzoͤſiſchen Nation, die durch das Außerordentliche, was er bereits geleiſtet hattn. —— 17 ſo geblendet war, daß, wenn er ihr noch groͤßere Wunder verſprochen haͤtte, ſie an der Verwirklichung derſelben nicht gezweifelt haben wuͤrde. Uebrigens iſt nicht zu laͤugnen, daß in den gemeinnuͤtzigen Wer⸗ ken, die Napolson zu Paris und in den franzoͤſiſchen Provinzen ausgefuͤhrt hat, jener hochfliegende und zugleich tiefdenkende Geiſt nicht zu verkennen iſt, der ſich auch in ſeinen wundervollen Kriegsthaten offenbarte. Das Priyat⸗ und Famllienleben Napoleon's war ſeiner erhabenen Stellung ganz angemeſſen. Die Schwaͤchen ſeines Temperaments verbarg er ſorgfaͤl⸗ tig vor den Augen der Welt, wenigſtens ließ er ſie nicht ſo blicken, daß dadurch der Kaiſer in die Klaſſe gewoͤhnlicher Menſchen herabgeſunken waͤre. Sein Betragen gegen die Kalſerin Joſephine war ganz in der Regel und muſterhaft. Von ihrer Erhebung au bis zu der fatalen Trennung, wie Napoleon ſie ein⸗ mal nannte, theilten beide daſſelbe Gemach und viele Jahre lang daſſelbe Bett. Joſephine, die große Anſpruͤche auf ihren Gemahl machte, ſoll ihn durch ihre Eiferſucht manchmal geplagt haben er fuͤgte ſich darein und entging dadurch dem Vorwurfe, der ſo manche Helden und Maͤnner von Genie trifft, daß ſie Allem, nur nicht den verfuͤhreriſchen Reizen der Frauen, zu widerſtehen vermoͤgen. Seine Liebſchaf⸗ ten, wenn er welche hatte, waren nur voruͤbergehen⸗ der Art; außer Joſephinen und ihrer Nachfolge rin W. Stott's Werke. LI.. 2 18 die als Gemahlinnen Rechte auf ihn hatten, weiß man von keiner Frau, die etwas uͤber ihn vermocht haͤtte. Um die Wuͤrde ſeines Thrones zu behaupten, ließ er es an Glanz und Pracht nicht fehlen, vermied aber dabei jeden uͤbertriebenen Aufwand, aus reiner Liebe zur Ordnung, die bei ihm aus der Gewohn⸗ heit und Fertigkeit entſprang, Alles der Berechnung zu unterwerfen, und die uͤberhaupt vielen Einfluß auf ſein Benehmen hatte. Als von ſeinem eigenen 5 Geſchmacke die Rede war, ſagte Buonaparte, ihm ſey nichts lieber, als ein Lotneehend und ſelne angenehmſte Beſchaͤftigung ſey die Loͤſung von Auf⸗ gaben. Derjenige, dem der Kaiſer dieſes auffallende Geſtaͤndniß machte, und der es voll Verwunderunge einem Offizier aus ſeiner Umgebung mittheilte, et⸗ fuhr von dieſem, daß der Kaiſer ſich nicht nur ſehr gern mit der Rechenkunſt abgebe, ſondern auch bei ſeinen haͤuslichen Ausgaben Gebrauch davon mache und Gefallen daran ſinde, den Preis gewiſſer Arti⸗ kel, wie er ihm angeſezt worden, mit dem gewoͤhn⸗ lichen Marktpreiſe derſelben, der aus begreiflichen Urſachen faſt immer geringer war, zu vergleichen. 1 Las⸗Caſes berichtet uns, wie er einmal eine ſolche Ueberbietunz bei einer goldenen Borte in einem fei⸗ ner Prunkgemaͤcher entdeckt habe. Noch auffallender jn die Anetdote von jener Uhr, die der geſchickteſte Künſtler in Paris als ein wurdiges Geſcheuk des — —-.'— 1 —ꝛ 19 Kaiſers von Frankreich fuͤr ſeinen Bruder, den Koͤ⸗ nig von Spanien, verfertigen ſollte. Ehe jedoch der Kuͤnſtler damit fertig war, erhielt Napoleon die Nachricht von der Schlacht von Vittoria.„Mit Jo⸗ ſeph iſt jezt Alles aus!“ waren bei dieſer Nachricht beinahe ſeine erſten Worte;„man muß die Uhr ab⸗ beſtellen.“*) Genau erwogen, beweist dieſe Anekdote nicht, daß er gegen ſeines Bruders Schickſal gleichguͤltig, oder wegen einer verhaͤltnißmaͤßig ſo kleinen Summe beſorgt geweſen; er verfuhr wie ein Rechenmeiſter von Profeſſton, der gewoͤhnt iſt, jeden Verluſt, ſo unbedeutend er auch ſeyn mag, in Nechnung zu brin⸗ gen. Des Kalſers oͤkonomiſcher Sinn beſchraͤnkte ſich jedoch nicht auf ſolche Kleinigkelten; im Gegen⸗ theil entdeckte und berichtigte er im erſten Jahre ſeines Konſulats einen Fehler bei der Berechnung der Einkuͤnfte, der nicht weniger als 2,000, 000 Fran⸗ ken zum Nachtheil des Staats betrug. Ein ander⸗ mal fand er mit einer Geſchicklichkeit, die die groͤßte Uebung vorausſezt, in den Zahlungsliſten der Gar⸗ niſon von Paris einen Rechnungsfehler von 60,000 Franken. Zwei ſolche Entdeckungen von Seiten des Staatsoberhauptes werden ohne Zweifel die Behoͤr⸗ den vorſichtiger gemacht haben. 4 *) Die Uör bkieb hals vollendet in den Haͤnden des Küuſttsrs und gehört Aun dem Herzog von A elageog. 4* 20 Dieſe bemerkenswerthe Eigenthuͤmlichkeit wirft viel Licht auf den Karakter Napoleons. Seinen ſchnellen und gewaltigen Kombinationen verdankte er fein Waffengluͤck, und in ſeinem oͤffentlichen, wie in ſeinem Privatleben iſt der Geiſt der Berechnung gar nicht zu verkennen. Die Koſten fuͤr den Palaſt und die gewoͤhnlichen Ausgaben des Kaiſers wurden von Seiner kaiſerli⸗ chen Majeſtaͤt unmittelbar auf das genaueſte berech⸗ net und feſtgeſezt. Buonaparte ruͤhmte ſich, den Auf⸗ wand der vormaligen Koͤnige von Frankreich ſo ver⸗ einfacht zu haben, daß ſein Jagdweſen um vieles wohlfeiler zu ſtehen kam, als das der Bourbons. Man darf jedoch nicht uͤberſehen, erſtens, daß Na⸗ poleon im Punkte der ganzen Hofhaltung weit frelere Haͤnde hatte, als die Bourbons; zweitens, daß die Falkenbeize unter der kaiſerlichen Regierung abge⸗ ſchafft war— ein Vergnuͤgen, das nach der Meinung Vieler weit maleriſcher und anziehender iſt, als ir⸗ gend eine Art der Jagd, und das, da es einen koͤ⸗ niglichen Aufwand erfordert, ſich fuͤr ſouveraine Fuͤr⸗ ſten eignet. Der kaiſerliche Hof zeichnete ſich nicht nur durch eine ſtrenge Etikette aus, die Großen, welche die erſten Hofſtellen bekleideten, waren auch angewleſen, ſich bei offentlichen Gelegenheiten der groͤßten Pracht im Anzuge und im Punkte der Equipage zu beflei⸗ ßen. Die Diener der Krone beklagten ſich freilich 5 21 daruͤber, daß— obgleich Buonaparte in mancher Hin⸗ ſicht ihr Intereſſe bedenke, ihnen Gelegenheit ver⸗ ſchaffe, ſich etwas zu erwerben, ſie mit großen Schen⸗ kungen und Einkuͤnften belohne, auch ihnen durch ſeine maͤchtige Verwendung zu vortheilhaften Hei⸗ rathen verhelfe— ſie bei dem großen Aufwande, den ſie als Hofleute machen muͤßten, doch nicht im Stande ſeyen, ihren Familien die gehoͤrige Verſor⸗ gung zu verſchaffen. Buonaparte wollte dieſen Auf⸗ wand ſeiner Hofleute als eine Praͤmie fuͤr die fran⸗ zoͤſtſchen Manufakturen angeſehen wiſſen; er trieb aber die Sache ſo weit, daß man deutlich ſah, er wolle zwar ſeinen Adel zur Zierde ſeines Hofes ma⸗ chen, ſey aber darum nicht gemeint, demſelben ir⸗ gend eine wirkliche Macht einzuraͤumen, oder denſel⸗ ben als eine wirkliche bedeutungsvolle Schranke zwi⸗ ſchen der Krone und dem Volke aufzuſtellen. Die⸗ ſelbe Abſicht, keine Zwiſchenmacht aufkommen zu laſ⸗ ſen, zeigt ſich in dem Geſetze, die Vererbung des Grundeigenthums betreffend, nach welchem dieſes un⸗ ter die Kinder des verſtorbenen Beſitzers gleichfoͤr⸗ mig vertheilt wird, ſo daß ſich dieſes Eigenthum nicht in wenigen Haͤnden concentriren kann. Und obgleich zur Behauptung der von der Krone verlie⸗ henen Wuͤrde erlaubt iſt, ein Majorat zu ſtiften, ſo gibt ein ſolches dem Beſitzer doch kein ſonderliches Gewicht. Der Hof Napoleons war etwas ſonderbar zu⸗ 22 ſammengeſezt. Mitten unter ſeinen Herzogen und Marſchaͤllen befanden ſich viele Abkoͤmmlinge des ak⸗ ten Adels, die von der Liſte der Ausgewanderten geſtrichen waren. Von dieſen ſagte Buonaparte: „FIch bot ihnen Stellen in meiner Armee an— ſie ſchlugen ſie aus; ich oͤffnete ihnen mein Vorgemach — da ſtroͤmten ſie ſogleich herein.“ Hierin ließ Buonaparte dem alten Adel von Frankreich keine Gerechtigkeit wiederfahren. Viele Mitglieder deſ⸗ ſelben nahmen ihre natuͤrliche Stellung in den va⸗ terlaͤndiſchen Aemtern ein, weit mehr andere ver⸗ ſchmaͤhten es, in irgend einer Eigenſchaft vor dem⸗ jenigen die Knie zu beugen, der fuͤr ſie nur ein gluͤck⸗ hicher Uſurpator war. Das Ceremoniel in den Tulllerien war aͤußerſt ſplendid, die Hoffeſte waren prachtvoll und die Eti⸗ kette wurde genau und ſtrenge beobachtet. Auf dieſe Foͤrmlichkeiten, die den Geiſt und die Waͤrde ſeiner Regierung bezeichnen ſollten, legte Buonaparte ſelbſt ihnen großen Werth; er hatte ſich ſogar fuͤr die aͤn⸗ dern Formen des Koͤnigthums eine ſolche Verehrung angewoͤhnt, als ob dieſelben das Studlium ſeines ganzen Lebens geweſen waͤren. Ein merkwuͤrdiges Beiſpiel hievon fuͤhrt Las⸗Caſes an. Scherzend hatte Buonayarte in guter Laune dieſem ſeinem Be⸗ gleiter die Titel: Euer Hoheit, Euer Herrlichkeit u. ſ. w. gegeben, als ihm ploͤzlich in einem Anfall von Zerſtreuung der Ausdruck:„Euer Majeſtaͤt“ n —— —.; —— 23 entſchluͤpfte. Kaum war ihm aber dieſes in ſeinen Ohren geheiligte Wort entfallen, ſo war ſeine gute Laune dahin; er nahm einen enſten Ton an, wie einer, der fuͤhlt, daß er ſich durch einen ſolchen Scherz an einem faſt heiligen Gegenſtande vergangen habe. Unter den Freunden und Anhaͤngern Napoleons, die gleich ihm mit der Revolution aufgewachſen wa⸗ ren, gabh es nicht wenige, die es tadelten, daß er ſich die alten europaͤiſchen Hoͤfe ſo ſehr zum Muſter nahm, und mit ihnen gerade in denjenigen Dingen wetteifern wollte, worin er es ihnen doch nicht gleich thun konnte, indem alte Gebraͤuche gerade durch ihr Alter auf die Einbildungskraft eine Wirkun aͤußern, die das Ceremonienweſen eines neugeſchaffenen Ho⸗ fes unmoͤglich haben kann. Solche Maͤnner haͤtten den Hof ihres Gebieters gern auf ſeine wahren und wirklichen Vorzuͤge gegruͤndet geſehen, und gewuͤnſcht, daß nach Beſeitigung der republikaniſchen Grundſaͤtze etwas von der ſtrengen und maͤnnlichen Einfachheit der republikaniſchen Sitten zur Veredlung eines Thro⸗ nes beibehalten worden waͤre, deſſen Grundlage die Revolution war. Die Hoͤflinge, die ſo dachten, konn⸗ ten wenigſtens mit der aͤußern Haltung und dem Benehmen Napoleons zufrieden ſeyn. In dem Glanze der Stickereien, der Sterne, der Ordenszeichen, in dem Nimbus der Hofetikette zeichnete ſich der Kai⸗ ſer durch aͤußerſte Einfachheit ſeines Anzugs und ſei⸗ ner ganzen Erſcheinung aus. Eine ſchlichte Uniform 24. mit einem nur durch eine kleine dreifarbige Kokarde verzierten Hute war der Anzug deſſen, von dem alle dieſe ſchimmernden Ordenszeichen kamen, und zu deſſen Ehren alle dieſe prunkenden Hofgewaͤnder zur Schau gegeben wurden. Vielleicht mochte Nayoleon glauben, daß einem Manne von einer ziemlich klei⸗ nen und ſpaͤterhin unterſezten Statur eine reichge⸗ ſchmuͤckte Kleidung nicht ſtehe, oder er wollte, was wahrſcheinlich iſt, zeigen, daß, ob er gleich von An⸗ dern die ſtrengſte Beobachtung der Etikette verlangte, er ſich kraft ſeiner kaiſerlichen Wuͤrde fuͤr ſeine Per⸗ ſon daruͤber hinwegſetze. Es kann auch ſeyn, daß Buonavarte, indem er ſolchergeſtalt ſeine perſoͤnlichen Ausgaben beſchraͤnkte, und den Aufwand einer glaͤnzenden Garderobe ver⸗ mied, nur jene Ordnungsliebe und jene Rechenſucht befriedigte, die wir bereits als ſeine Eigenthuͤmlich⸗ keiten bezeichnet haben. Allein er war außer Stande, ſo viele Muͤhe er ſich auch gab, dem welblichen Theile der Familie denſelben oͤkonomiſchen Geiſt beizubrin⸗ gen; und es iſt vielleicht ein Troſt fuͤr Perſonen von geringerer Wichtigkeit, zu wiſſen, daß in dieſer Hinſicht der Kaiſer einer halben Welt beinahe eben ſo unmaͤchtig war, als ſie ſich ſelbſt fuͤhlen moͤgen. Joſephine war bei allen ihren liebenswuͤrdigen Eigen⸗ ſchaften verſchwenderiſch, wie es die Kreolinnen mei⸗ ſtens ſind, und die Prinzeſſin Pauline Borgheſe war es nicht minder. Die Bemuͤhungen Napoleons, ih⸗ 25 rem Aufwande Grenzen zu ſetzen, gaben manchmal Anlaß zu ſonderbaren Auftritten. Einſt fand der Kaiſer bei Joſephine eine gewiſſe Modehaͤndlerin, die ſehr beruͤhmt, aber eben ſo theuer war, und mit der er ſeiner Gemahlin allen Verkehr verboten hatte. Erzuͤrnt, daß man ſeine Befehle ſo ſchlecht befolge, ließ er die Modehaͤndlerin in das Bicetre abfuͤhren. Allein die vielen Beſuche, die ſie von den erſten Hofdamen, die ihre Kunden waren, in ihrem Gefaͤng⸗ niſſe erhielt, uͤberzeugten den Kaiſer, daß er mit aller ſeiner Macht gegen die Popularitaͤt der Mode⸗ haͤndlerin doch nichts vermoͤge; er ließ daher kluger⸗ weiſe, um ſich nicht laͤcherlich zu machen, die Sache fallen— die Kuͤnſtlerin wurde in Freiheit geſezt, um die luſtige Welt von Paris wieder nach Gefallen zu bezaubern und auszupluͤndern. Ein anderer durch Joſephinens uͤble Wirthſchaft veranlaßter Auftritt erinnert uns an eine Anekdote, die in der Geſchichte eines orientaliſchen Sultaus vorkommt. Ein Glaͤubiger der Kaiſerin, dem die Geduld ausgegangen war, hielt die kalſerliche Ka⸗ leſche, in der ſo eben der Kaiſer mit Joſephine St. Cloud verlaſſen wollte, an, gab ſeine Rechnung ein und bat um Bezahlung. Buonaparte that, was Sa⸗ ladin in einem aͤhnlichen Falle gethan haben wuͤrde; er verzieh dem Manne ſeine Keckheit, in Erwaͤgung der Gerechtigkeit ſeiner Forderung, und ließ die Schuld ſogleich berichtigen. Waͤhrend er den Auf⸗ 26 wand und die Unordnung, die zu ſolchen Forderun⸗ gen Anlaß gab, tadelte, vermochten ihn ſein Sinn fuͤr Gerechtigkeit und die Liebe zu ſeiner Gemahlin gleich ſehr, den Glaͤubiger zufrieden zu ſtellen. Zufolge derſelben Ordnungsliebe, dieſes vorherr⸗ ſchenden Princkps ſeiner Regierung, mußte Buona⸗ parte jede oͤffentliche Verletzung des Auſtandes und der Decenz nothwendig ſtrenge ruͤgen. Oeffentliche Sittlichkeit iſt an und fuͤr ſich die Ergaͤnzung und die Erfuͤllung aller Geſetze; ſie allein gibt einem Natlo⸗ nalkoder ſeine Weihe. Darum waren auch die Sit⸗ ten des kaiſerlichen Hofes einer Zucht unterworfen, die, wenn ſie auch nicht allen Verdacht beſeitigte, doch keinen Skandal zulleß*). Eben ſo wurde auch das Spiel, das gewoͤhnliche Lieblingslaſter an den Hoͤfen, an dem Hoſe Napoleons, der hohes Spiel durchaus nicht duldete, nicht getriehen. Er ließ es aber doch geſchehen, daß ſein Polizeiminiſter der un⸗ gemeſſenſten Spielſucht den groͤßten Vorſchub leiſtete. 4 Wir koͤnnen ihm nicht den geringſten Glauben ſchen⸗ keu, wenn er verſichert, die Spielhaͤuſer, von denen Fouché ſo ungeheure Renten zog, haͤtten ohne ſein Wiſſen beſtanden; Napoleon wird uns nicht glauben * Wir wiederholen noch einmal, daß wir die Schändlichkeiten⸗ die ſich Napoleon im Kreiſe ſeiner Familie erlaubt haben ſon, durchaus nicht glauben, obgleich ſie die NAutorität der Memoiren von Fouchs für ſich haben. Weder die Neigun⸗ gen, noch die Fehler Napoleons waren die eines Wüſtlings. u 27 machen, daß er die Hauptquelle der Einnahmen in dem Budget ſeiner Polizel nicht gekannt habe. Er ließ, wie bei andern Gelegenheiten, der Pollzei in dieſem Stuͤck freie Haͤnde, in Betracht der Dienſte, die ſie ihm leiſtete. An allgemeinen oͤffentlichen Vergnuͤgungen nahm Napoleon großen Antheil. Er beſuchte haͤufig das Theater, obwohl gewoͤhnlich als Privatmann und ohne alles Aufſehen. Aus Geſchmack ſowohl als aus pp⸗ litiſchen Ruͤckſichten beguͤnſtigte er die Vergnuͤgun⸗ gen, welche die Buͤhne gewaͤhrt. Der beruͤhmte Tal⸗ ma, der erſte Schauſpieler Frankreichs, erhielt ſo⸗ wohl durch die perſoͤnliche Anfmerkfamkeit des Kai⸗ ſers, als auch durch einen ausgeſezten Jahrgehalt, die Ueberzeugung, daß das, was er fruͤher an dem jun⸗ gen korſiſchen Studenten gethan hatte, nicht in Ver⸗ geſſenheit gekommen ſey. Es ward genau darauf geſehen, daß auf der Buͤhne nichts vorkam, wodurch der kaiſerlichen Regierung unguͤnſtige Geſinnungen oder Erinnerungen erweckt werden konnten. Wenn der Wiz des pariſer Publikums irgend einen Aus⸗ druck oder Umſtand zu Anſpielungen auf die oͤffent⸗ lichen Angelegenheiten zu benuͤtzen verſucht hatte, ſo gab man ſich die groͤßte Muͤhe, nicht allein vorzy⸗ beugen, daß der Fall nicht wieder vorkomme, ſondern ſelbſt zu verhindern, daß er bekannt werde. Eine ſolche Geheimhaltung von Dingen, die oͤffentlich vor⸗ gehen, war in einem freien Lande gar nicht moͤglich, ſie war es aber da, wo die oͤffentlichen Blaͤtter, dieſe Organe der Oeffentlichkeit, unter der ſtreugſten und ſchaͤrfſten Aufſicht der Reglerung ſtanden. Es gab Zeiten, wo Buonaparte, um den Beifall und das Mitgefuͤhl derjenigen zu verdienen, die den Namen von Freiheitsfreunden fuͤr ſich allein in An⸗ ſpruch nehmen, ſich gerue fuͤr einen Liberalen gehal⸗ ten wiſſen wollte, und ſich zu Gunſten der Preßfrei⸗ heit und anderer Zuͤgel der vollziehenden Gewalt er⸗ klaͤrte. Seine Meinungen,(oder vielmehr das, was er als ſolche ausgab) mit einem ganz entgegengeſezten Verfahren in Uebereinſtimmung zu bringen, war eben uicht leicht. Doch verſuchte er es zuweilen. Als er⸗ elnſt eine oder zwei Perſonen, die ihm ſchweigend und mit Verwunderung bei einer ſolchen Gelegenheit zugehoͤrt hatten, und dabei etwas unglaͤubig ausſa⸗ hen, bemerkte, begaun er ſogleich ſich zu verthelbi⸗ gen.„Ich bin,“ ſagte er,„im Herzen und von Natur fuͤr eine feſt beſtimmte und beſchraͤnkte Re⸗ gierung. Sie ſcheinen mir nicht zu glauben, vielleicht weil Sie zwiſchen meinen Meinungen und meiner Handlungsweiſe einen Widerſpruch bemerken. Sie nehmen aber dabei keine Ruͤckſicht auf die Nothwen⸗ digkeit, die durch die Menſchen und die Dinge ge⸗ geben iſt. Wollte ich auch nur einen Augenblick die Zuͤgel nachlaſſen, Sle wuͤrden bald einen allgemeinen Wirrwarr ſehen. Wahrſcheinlich wuͤrden weder Sie noch ich noch eine Nacht in den Tuillerien zubringen.“ — 29 Dergleichen hat man oft aus dem Munde derje⸗ nigen gehoͤrt, die ſich eine uͤbertriebene Gewalt uͤber ihre Mitmenſchen angemaßt haben. Cromwell war gezwungen, das Parlament aufzuldͤfen, ob er gleich den Herrn bat, ihm lieber das Leben zu nehmen. Die politiſche Nothwendigkeit iſt die gewoͤhnliche Aus⸗ rede der Tyrannen, mit der ſie ſich ſelbſt und An⸗ dere zu taͤuſchen ſuchen; und wenn ſie zu einer ſol⸗ chen Rechtfertigung ihre Zuflucht nehmen, ſo muͤſſen ſie der Wahrheit, die ſie durch ihre Handlungen ſo ſehr verlaͤugnen, wenigſtens mit ihren Worten die Ehre geben. Wenn es aber Leute gibt, denen eine ſolche Entſchuldigung als gegruͤndet erſcheint, was koͤnnen oden muͤſſen dieſe von der franzoͤſiſchen Revolution denken, die, auſtatt der Nation zur Freihelt, zur Gleichbeit und allgemeinen Zufriedenheit zu verhelfen, das Land in einen ſolchen Zuſtand verſezt hat, daß ein gluͤch⸗ licher Soldat gegen ſeine eigene beſſere Ueberzeu⸗ gung ſich gezwungen ſah, eine despotiſche Gewalt zu uͤbernehmen und das ganze Reich derſelben Willkuͤhr zu unterwerfen, mit der er die Genoſſen ſeines La⸗ gers beherrſchte? Zu keiner Zeit und in keinem civiliſirten Staate war die Preſſe ſo gebunden und gefeſſelt, wie zu je⸗ ner Zeit in Frankreich. Die Journale durften keine Neuigkeiten aufnehmen, die nicht zuerſt im Moni⸗ teur, dem Organ der Regierung, erſchienen waren; und dieſer wurde in allen bedeutenden Faͤllen von Buongparte ſelbſt durchgeſehen. Keines der gewoͤhn⸗ lichen Tagblaͤtter durfte ſich ein Wort, ſey es zum Behuf der Erklaͤrung oder der Kritik, oder in irgend einer andern Abſicht, erlauben, das nicht in den vom Moniteur angegebenen Ton ſtimmte. Sie mochten mit allen Kuͤnſten der Beredſamkeit das Lob ſteigern oder den Tadel ſchaͤrfen, der in einem offiziellen Ar⸗ tikel ausgeſprochen war; die Wegnahme oder gaͤnz⸗ liche Konfiskation des Blattes, Gefangenſchaft, und ſogar Verbannung waren die unausbleibliche Strafe jedes Verſuchs, eine Thatſache zu berichtigen oder ein ſophiſtiſches Raͤſonnement zu beleuchten. Der Moniteur war daher der einzige Fuhrer der oͤffent⸗ lichen Meinung; und die ſtete Aufmerkſamkeit Na⸗ poleons auf deſſen Inhalt beweist, daß er ſich deſ⸗ ſelben zur Bearbeitung ſeines Volkes eben ſo be⸗ diente, wie er ſeine Waffengewalt, ſeinen militaͤrk⸗ ſchen Ruf und ſeine maͤchtigen Huͤlfsquellen gebrauch⸗ te, um die andern Nationen von Europa in Schrecken zu ſetzen. Zweites Kapitel. Das von Napoleon in Frankreich eingeführte Erziehungsſyſtem. — Die Nationaluniverſität— JIhre Einrichtung und Zwecke. — Lyteen.— Entwurf einer Anſtalt zu Mene m⸗ Durch ſeinen kriegeriſchen Ruf hatte ſich Napo⸗ —y 1—* — . —ꝑ 31 3 leon auf den Kakſerthron geſchwungen; zu ſeinem Ungluͤck waren ſeine Gedanken ſo fortwaͤhrend auf Krieg und Sieg gerichtet, daß friedliche Anſtalten jeglicher Art als minder bedeutend in den Hinter⸗ grund zu ſtehen kamen; und ſo wurde der Krieg, der, ſo gerecht und nothwendig er auch ſeyn mag, in den Augen der Vernunft doch unr als ein gezwungener Zuſtand erſcheint, von Napoleon allerdings als die ei⸗ gentliche Beſtimmung des Menſchengeſchlechts angeſe⸗ hen. Er war auf dem Schlachtfelde aufgewachfen, wo ihm der Ruhm zuerſt aufging.„Die Donnerſtimme des Sieges,“ wie der edle und letzte Barde Englands ſagt,„war ihm der Wohlklang ſeines Lebens.“ Und obgleich ſein hochbegabter Geiſt ſich mit allen Angelegenheiten des menſchlichen Lebens befaſſen konnte, ſo war er doch am meiſten mit Krieg und Zerſtoͤrung vertraut, und ſeine Regierung hatte dem⸗ nach einen durchaus militairiſchen Charakter. Die Bildung der franzoͤſiſchen Jugend war waͤh⸗ rend der Republik eine Aufgabe, mit der man ſich um ſo mehr beſchaͤftigen mußte, als die Revolution alle Schulen und Bildungsanſtalten, die mehr oder weniger mit der Kirche zuſammenhingen, zerſtoͤrt, und die Nation faſt aller Erziehungsmittel beraubt hatte. Es wurden in dieſer Beziehung manche Vor⸗ ſchläge gemacht, in denen aber der wilde ſophiſtiſche Geiſt jener Zeit nicht zu verkennen war. In man⸗ chen Fällen wurden ſie theils aus Mangel an oͤffent⸗ licher Theilnahme, theils weil es am Gelde fehlte, nicht ausgefuͤhrt. Obgleich aber kein beſtimmtes Er⸗ zlehungsſyſtem zu Stande kam, und obglelch die La⸗ ſter und Unwiſſenheit des aufbluͤhenden Geſchlechts empoͤrend genug waren, ſo gab es in Frankreich doch zwei oder drei Klaſſen von Schulen zu verſchiedenen Zwecken, wie dann auch eine ſo große und civiliſirte Nation unter keinen Umſtaͤnden einen gaͤnzlichen Mangel an Anſtalten zur Bildung der Jugend er⸗ tragen wird. Nach jenen Vorſchlaͤgen, die wir meinen, ſollte jede Gemeinde(worunter vielleicht das, was wir ein Kirchſpiel nennen, zu verſtehen iſt) ſuͤr eine Schule und einen Lehrer zur Ertheilung des erſten und uoth⸗ wendigſten Unterrichts ſorgen. Dieſer Plan kam aber groͤßtentheils nicht zur Ausfuͤhrung, weil die Gemeinden aus Armuth die noͤthigen Koſten nicht aufbringen konnten. Doch hatten einige Gemeinden die Mittel hiezu ausfindig gemacht; in andern wurde dieſer Aufwand zum Theil von der Gemeinde, zum Theil von den Zöglingen ſelbſt, denen die Anſtalt zu gut kam, beſtritten, ſo daß es an ſolchen Pri⸗ maͤrſchulen, die freilich in einem durſtigen Zuſtaubs waren, nicht fehlte. „Schulen der zweiten Art nannte man diejenigen, die von dazu tauglichen Subjekten, oder von ſolchen, die ſich dafuͤr hielten, auf Spekulation oder durch Beltraͤge der Privaten errichtet wurden, und wo man 33 man die gelehrten und modernen Sprachen, die Geo⸗ graphie und Mathematik lehrte.. Ueberdies hatte die katholiſche Geiſtlichkeit, ſo bald ihr durch das Konkordat wieder Achtung und Einfluß zu Theil geworden, das Verlangen bezeigt, ſich wieder dem Erziehungsgeſchaͤfte zu widmen, das vor der Revolution faſt ganz in ihren Haͤnden war. Ihre Pflanzſchulen hatten ſich der Unterſtuͤtzung des Publikums zu erfreuen, und da ſie unter der Ober⸗ aufſicht des Biſchofs vorzuͤglich zur Bildung von jun⸗ gen Geiſtlichen beſtimmt wgren, ſo hatte man ſie geiſtliche Schulen genannt. 1 So ſtand es mit dem Schulweſen, als Napp⸗ leon ſeine Nationaluniverſitaͤt zur Sprache brachte, beſtehend aus einem Großmeiſter, einem Kanzler, einem Schazmeiſter, zehn lebeuslaͤnglichen, zwanzig gewoͤhnlichen Raͤthen, und dreißig Generalinſpekto⸗ ren; das Ganze bildete eine Art von kaiſerlichem Nathe, der in Sachen der Erziehung die hoͤchſte und allgewaltige Inſtanz war. Alle Lehrer, alle Erzie⸗ hungsanſtalten waren der Obergewalt der National⸗ univerſitaͤt unterworfen, und es konnte keine Schule eroͤffnet werden, ohne ein Patent oder Diplom von dem Großmeiſter, wofuͤr eine bedeutende Taxe er⸗ legt werden mußte. Es war naͤmlich die Abſicht der Regierung, die Zahl der Schulen der zweiten Art, ſo wie die geiſtlichen Schulen moͤglichſt zu vermin⸗ dern, um die Erziehung den oͤffentlichen Anſtalten, W. Seott's Werke, LI. 3 34 die man Lyceen oder Academien nannte, zu uͤber⸗ tragen. In dieſen Lyceen war die Disciplin oder Zucht theils militaͤriſch, theils kloͤſterlich. Die Vorſteher, Cenſoren und Lehrer an den Lyceen und Kollegien mußten unbeweibt ſeyn; die Profeſſoren konnten hei⸗ rathen, durften aber in dieſem Falle nicht in der Anſtalt wohnen. Die jungen Leute waren von ihs ren Familien ganz getrennt, und durften mit nie⸗ mand, als mit ihren Eltern Briefe wechſeln, von de⸗ nen aber die Cenſoren Kenntniß nahmen. Die ganze Anſtalt wurde von Seiten der Univerſitaͤt oft und ſtrenge unterſucht, der Großmeiſter konnte jeden da⸗ bei Angeſtellten nach Willkuͤhr entlaſſen, und der Enk⸗ laſſene verlor alsdann alle Anſpruͤche auf irgend ein buͤrgerliches Amt. Sonſt haͤlt man von einer Bildungsanſtalt gern alles Paradeweſen, alles Kriegsgepraͤnge entfernt, damit die Aufmerkſamkeit der jungen Leute nicht von ihren Studien abgezogen werde. In den Ly⸗ ceen von Buonaparte fand gerade das Gegenthell Statt. Dort wurde zu Allem durch die Trommel das Zeichen gegeben, die innere Ordnung war in al⸗ len Stuͤcken militaͤriſch. Zu einer Zeit, wo die Kriegs⸗ bahn dem Ehrgeize die glaͤnzendſten Ausſichten er⸗ oͤffnete, war es kein Wunder, wenn die jungen Leute dieſelbe als die einzige betrachteten, die eines tuͤch⸗ tigen Mannes wuͤrdig ſey. Die Ergebenheit der 35 jungen Zoͤglinge gegen den Kaiſer, von ihren Leh⸗ rern ihnen ſorgfaͤltig beigebracht, ward noch inniger durch den Gedanken, daß ſie ſeinen Wohlthaten alle Mittel des Unterrichts zu verdanken hatten; durch alles, was ſie umgab, wurden ſie erinnert, daß ſie ihr Leben ſeinem Dienſte zu weihen haͤtten, und daß dieſer Dienſt militaͤriſcher Art ſey. In jedem Lyceum beſtanden 150 Stipendien, von denen zwanzig ganze oder volle Stipendlen, die uͤbrigen aber halbe oder Dreiviertelsſtipendien ge⸗ nannt wurden, und ſodann von den Eltern oder Ver⸗ wandten des Knaben ergaͤnzt werden mußten. Aus dieſen Lrceen wurden jaͤhrlich 250 der ausgezeichnet⸗ ſten Juͤnglinge gezogen und in die mehr techniſchen oder eigentlichen Militaͤrſchulen, die der Kaiſer un⸗ terhielt, befoͤrdert; in die Zahl dieſer Auserwaͤhlten zu kommen, war das hoͤchſte Streben jedes Zoͤglings. So trug Alles dazu dei, den Zoͤglingen in den Ly⸗ ceen den militaͤriſchen Beruf als den natuͤrlichſten und gluͤcklichſten von allen erſcheinen zu laſſen; und ſo nahm Napoleon mit dem aufbluͤhenden Geſchlechte jene Verwandlung vor, die er meinte, als er ſagte: „Dlie Geiſtlichkeit ſieht dieſe Welt als eine Art von Eilwagen an, der uns in die andere Welt befoͤrdern ſoll— ich muß darauf denken, dieſen Wagen mit tuͤchtigen Rekruten fuͤr meine Armer zu fuͤllen.“ Von allen Zweigen der Nationalerziehung war nur derjenige in den Lyceen oder in den Central⸗ 36 ſchulen vom Staate fundirt, und der Unferricht be⸗ ſchraͤnkte ſich in dieſen auf die lateiniſche Sprache und die Mathematik, die gewoͤhnlichen Lehrgegen⸗ ſtaͤnde einer Militaͤrſchule. Nappoleon dachte dabei ohne Zweifel an Brienne; auch mochte er eine beſ⸗ ſere und umfaſſendere Erziehung, als diejenige war, die den Grund zu ſeiner Erhebung auf den Thron gelegt hatte, fuͤr ſeine Unterthanen eben nicht noth⸗ wendig halten. Allein er hatte noch einen andern Grund. Diejenigen, die bei einem andern Erzie⸗ hungsſyſteme ſich zu einem andern Berufe als dem militaͤriſchen ausgebildet haben wuͤrden, hatten in den Lyceen keine Wahl; der ſanfte, fleißige und friedfertige Juͤngling wurde dort wie der große Hauſe zu dem Kriegshandwerke erzogen, zu dem ihn die Conſkription bald genug berufen konnte. Wollte der Pater ſeinen Sohn in einer der Schulen zweiter Klaſſe, wo der Unterricht reichhaltiger war, unter⸗ bringen, ſo lief er immer Gefahr, den Juͤngling von dort weg und in das naͤchſte Lyceum gebracht zu ſe⸗ hen, wenn die Direktoren der Akademie ſolches fuͤr noͤthig halten ſollten, zum Beſtem derjenigen Schu⸗ len, die mehr der Regierung angehoͤrten. Und doch ſcheint Napoleon blind gegen die Feh⸗ ler ſeines Syſtems, oder vielmehr entzuͤckt daruͤber geweſen zu ſeyn, weil ſeine despotiſchen Abſichten dadurch befoͤrdert wurden.„Meine Unnverſitaͤt,“ pflegte er bis an ſein Ende zu ſagen,„war ein 37 herrlicher Gedanke, und wuͤrde die groͤßten Wirkun⸗ gen auf die oͤffentliche Geſinnung hervorgebracht ha⸗ ben.“ Daß dieſe Anſtalt mißlang, gab er Hrn. Fon⸗ tanes, dem Großmeiſter, Schuld, der, um ſich bei den Bourbons in Gunſt zu ſetzen, dieſelbe gelaͤhmt oder verkuͤmmert haben ſoll. Man muß noch beifuͤgen, daß Buonaparte im Sinne hatte, ſein Nationalerziehungsſyſtem in der Folge gewiſſermaßen durch einen korinthiſchen Saͤu⸗ lenkopf zu ergaͤnzen und zu vollenden. Er wollte zu Meudon ein Inſtitut errichten zur Erzlehung ſeines Sohnes, des Koͤnigs von Rom, der dort in allem, was ſich fuͤr einen Herrſcher ziemt, mit den jungen Prinzen des kaiſerlichen Hauſes und den Soͤhnen der mit Napoleon alliirten Fuͤrſten unterrichtet werden ſollte. Ungefaͤh nah dieſer Idee ſind Cyrus und Heinrich der Vierte in Geſellſchaft von gemeinen Bauernkindern zu ihrer Zeit erzogen worden, da⸗ mit ſie nicht durch ihre kuͤnftige Groͤße der wahren Anſicht der menſchlichen Natur entfremdet wuͤrden. Doch es iſt unnoͤthig, Betrachtungen uͤber ein Sy⸗ ſtem anzuſtellen, das nie zur Ausfuͤhrung kommen ſollte; nur glauben wir annehmen zu duͤrfen, daß man dem jungen Napoleon mehr Achtung gegen das Eigenthum ſeiner fuͤrſtlichen Genoſſen(ihr Splielzeug) beigebracht haben wuͤrde, als ſein Vater gegen die Kronen und Zepter ſeiner Bruͤder und Alliirten bewies. — 38 Drittes Kapitel. — Militäriſche Details.— Idee der Conſkription.— Ihr Weſen. — Ihre Wirkungen.— Sie wird mit ſchonungsloſer Strenge betrieben.— Ihr Einfluß auf den Karakter des franzöſiſchen Militärs.— Seine Art der Kriegführung, durch die Revolution veranlaßt.— Verſaſſung der f ranzöſiſchen Armeen.— Gewalt⸗ nlärſche.— Das Marodiren.— Seine dart.— Wirkungen auf das feindliche Land und die franzöſeſchen Soldaten ſelbſt.— Po⸗ litik Napoleons in ſeinem Betragen gegen ſeine Offiziere und Soldaten.— Veränderter Karakter des franzöſiſchen Militärs während und nach der Revolution.— Erklarung dieſes um⸗ ſtandes. Wir haben gezeigt, daß das ſranzoͤſiſche Erzie⸗ hungsſyſtem zum Zweck hatte, die Gedanken und Hoffnungen der Jugend auf das Soldatenleben zu richten, und ſte vorzubereiten, dem Ruſe der Kon⸗ ſkriprion Folge zu leiſten. Dieſes Mittel, die be⸗ waffnete Macht zu ergaͤnzen, das furchtbarſte von al⸗ len, deſſen ſich je eine cioiliſirte Nation bedient hat, iſt im Jahre 1798 dm Rathe der Fuͤnfhundert zu⸗ erſt vorgeſchlagen worden.— Alle junge Mannſchaft des Staates vom zwan⸗ zigſten bis zum fuͤnfundzwanzigſten Jahre wurde in beſondern Liſten bezeichnet und zur Verfuͤgung der Regierung geſtellt, die davon ſo viel aufbieten konn⸗ te, als es die jedesmallgen umſtaͤnde erheiſchten. Die Mannſchaft war in fuͤnf Kiaſſen abgetheilt. Die erſte Klaſſe enthielt diejenigen, die vor dem Aufange V 39 des Jahres, in welchem die Conſkription verlangt wurde, das zwanzigſte Jahr zuruͤckgelegt hatten; dieſelbe Regel galt von den andern vier Klaſſen derjenigen, die vor demſelben Zeitpunkte ihr ein⸗ und zwanzigſtes, zweiundzwanzigſtes, dreiundzwan⸗ zigſtes, vierundzwanzigſtes und fuͤnfundzwanzigſtes Jahr vollendet hatten. In der Regel wurde die zweite Klaſſe nicht eher aufgerufen, als wenn die erſte ſchon im Dienſte war; auch wurde gewoͤhnlich nicht mehr als eine Klaſſe in einem Jahr verlangt; da aber die erſte Klaſſe ſechszig⸗ bis achtzigtauſend Mann betrug, ſo war eine ſo ſtarke Aushebung den Zwecken der Regierung ſehr foͤrderlich und fuͤr das Volk allerdings eine große Laſt. Dieſes Geſez beruht allerdings auf der Pflicht, die Jeder ſeinem Vaterlande zu bezahlen ſchuldig iſt. Nichts iſt ſo wahr, als daß alle waffenfaͤhige Mannſchaft zur Vertheidigung des Stagtes beizu⸗ tragen verpflichtet iſt; und nichts iſt der Politik ſo augemeſſen, als daß dieſe Pllicht, die allen obliegt, zuerſt der Jugend auferlegt werde, die ſich vermoͤge ihrer friſchen Kraft am beſten zum Kriegsdienſte eignet, und in Hinſicht auf die uͤbrigen Lebensbeſchaͤftigungen udch am leichteſten entbehrt werden kann. Es iſt sber auch klar, daß eine ſolche Maßregel ſich nur in einem Verth idigungskriege rechtfertigen laͤßt, und daß Buonaparte, der daſſelbe Syſtem auch bei entfernten Offenſivkriegen, die nur zur Befriedigung 4⁰ ſeines Ehrgeizes dienten, befolgte, mit Recht be⸗ ſchuldigt werden kaun, das Herzblut ſeines Volkes verſchwendet zu haben, nicht zum Behuf der Landes⸗ vertheidigung, ſondern um die Verwuͤſtungen des Krieges in entlegene und harmloſe Laͤnder zu tragen. Die franzoͤſiſche Conſcription ward noch druͤcken⸗ der durch die uͤbertriebene Strenge ihrer Beſtimmun⸗ gen; man unterſchied nicht zwiſchen dem verheira⸗ theten Manne, deſſen Abweſenheit den Ruin ſeiner Familie bewirken konnte, und dem ledigen und leicht zu vermiſſenden Mitgliede einer zahlreichen Familie, der Sohn der Wittwe, das Kind betagter huͤlfloſer Eltern hatte keinen Anſpruch auf Befreiung, Drei Soͤhne konnten in drei Jahren hintereinander denſelben troſtloſen Eltern entriſſen werden; es half nichts, ſchon einen Rekruten geſtellt zu haben. Die Dienſtuntauglichen mußten eine Summe Geldes erle⸗ gen, die im Verhaͤltniß zu ihrer oder ihrer Eltern Steu⸗ erquote ſtand und von fuͤnfzig bis auf zwoͤlfhundert Franken ſte gen konnte. Es wurden zwar Stellver⸗ treter zugelaſſen, aber es war ſchwer und koſtſpielig, ſich dergleichen zu verſchaffen, weil nach den Be⸗ ſtimmungen des Geſetzes der Sellvertreter nicht nur ganz dienſttauglich, ſondern auch in demſelben Be⸗ zirke, wie der Einſteller, anſaͤßig und zu derſelben Conſcriptionsklaſſe gehoͤren mußte. Solche Subjekte wußten, was ſie werth waren, und benuͤzten dies ſo gut, daß ſie ſich nur unter den vortheilhafteſten 41 Bedingungen anwerben ließen. Es geſchah auch, daß die Stellvertreter auf dem Marſche zu ihren Korps Reißaus nahmen, zum großen Nachtheil fuͤr die Einſteller, die fuͤr dieſelben gut ſtehen mußten, bis ſte bei den Fahnen waren. Es hielt uͤberhaupt ſo ſchwer, ſich mittelſt der Einſtellung vom Kiegs⸗ dienſte zu befreien, daß manche wohlerzogene junge Leute, die Soͤhne der achtbarſten Familien, auf alle ihre beſſern Ausſichten verzichten und als gemeine Soldaten leben, dienen und ſterben mußten. Keine der Regierungsmaßregeln Napoleons wurde mit ſo unerhoͤrter Strenge gehandhabt, als das Aushebungsweſen. Der Maire, der die verlangte Anzahl von Rekruten aus der bezeichneten Alters⸗ klaſſe nach dem Loos zu ziehen hatte, durfte bei den ſchwerſten Strafen ſich nicht die mindeſte Nachſicht erlauben. Die Brandmarkung, der Pranger, die Galeerenſtrafe erwartete ihn, wenn es ſich zeigte, daß er einen Hebbaren hatte durchſchluͤpfen laſſen. Dieſelben Geſeze drohten die widerſpenſtigen Con⸗ ſcribirten mit den ſchrecklichſten Strafen die obrig⸗ keitlichen Behoͤrden mußten uͤberall auf ſie fahnden. Wurden ſie ergriffen, ſo behandelte man ſie wie die aͤrgſten Miſſethaͤter. Im Gewande der Schande, mit Ketten beladen, eiſerne Kugeln nach ſich ſchlei⸗ fend, wurden ſie wie Galeerenſklaven zur Schanz⸗ arbeit verdammt. Selbſt ihre Verwandten blieben 4² nicht verſchont und wurden oft zu Geloͤbußen und andern Strafen verurtheilt. Aber das ſchrecklichſte Los des Conſcribirten war, daß er auf die Dauer ſeines Lebens dienſt⸗. pflichtig blieb; zwei oder drei, ſelbſt vier oder fuͤnf Jahre dem Militaͤrdienſte gewidmet, waͤren ein ertraͤglicheres, wenn gleich immer noch ſehr großes, Opfer geweſen, wenn man auf die natuͤrlichen Aus⸗ ſichten und Zwecke des menſchlichen Lebens Ruͤckſicht nimmt; aber die Verpflichtung auf das ganze Leben machte die Schlachtopfer der Conſcription zu ganz andern Menſchen. Der Juͤngling, der den vaͤter⸗ lichen Herd verließ, nahm in der Regel fuͤr immer Abſchied von demſelben; und die Eltern, die von dem jungen, tugendhaſten, talentyollen, vielleicht der hoͤchſten Ausbildung faͤhigen Sohne ſchieden, konnten, wie wenig wahrſcheinlich dieſes auch war, ihn nicht an⸗ ders zu ſehen hoffen, als mit den Gewohnheiten, den Anſichten, den Manieren und der Sittlichkeit eines gemeinen Soldaten. Welche Geißel aber auch dieſes Zwangsgeſez fuͤr das Land ſeyn mochte, ſo war es doch fuͤr die Zwecke Napoleons eine treffliche Waffe. Sie war mit der uͤbrigen Beute der Revolution in ſeine Haͤnde gekom⸗ men, und er machte davon den groͤßtmoͤglichen Gebrauch. Die Conſcription lieferte begreiflicherweiſe Re⸗ kruten jeder Art, gute, ſchlechte, mittelmaͤßige, aber⸗ ohne Unterſchied aus der Maſſe der Nation gezogen, 43 waren ſie im Ganzen genommen um vieles beſſer, als die freiwilligen Rekruten in andern Laͤndern, die be⸗ kanntlich aus der Klaſſe der ſchlechteſten ruchloſeſten und liederlichſten Menſchen, die ſich in keine friedliche Le⸗ bensordnung fuͤgen wollen, geworben werden. Die jun⸗ gen Leute, die einige Erziehung genoſſen hatten, brach⸗ ten einen weit beſſern Ton und Geiſt in die franzoͤſiſche Armee, und man begreift, warum ſelbſt bei den gemein⸗ ſten Soldaten ſo viel Verſtand und Geſchick zu finden war. Da die Nation uͤberhaupt vielen Sinn fuͤr den Krieg hat, ſo erwiefen ſich die Franzoſen im Ganzen ge⸗ nommen als die ordentlichſten, gehorſamſten, willig⸗ ſten und geregeltſten Truppen, die man zu keiner Zeit und in keinem Lande im Felde geſehen hat. In einem lang aahaltenden Gefechte mochte ihr feuriger Muth zuweilen ſruͤher erſchoͤpft werden, als der gelaſſenere Muth der entſchloſſeneren Eng⸗ laͤnder; aber in allem, was die Wiſſenchfaft des Kriegs, ſeine Kuͤuſte und Formen betrifft, haben die Franzoſen ihre beharrlicheren, aber weniger ge⸗ wandten Rivalen, wie jederman zugibt, uͤbertroffen. Sie wußten insbeſondere beſſer, als andere Trup⸗ pen, ſich ſelbſt zu helfen, fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen, was nach der von Napoleon eingefuͤhrten Kriegsweiſe gllerdings fuͤr ſie eine unentbehrliche Kunſt war. Die franzoͤſiſche Revolutlon brachte zuerſt eine Kriegeweiſe auf, durch welche ſaſt die ganze Laſt des Krieges auf das Land, das das Angluͤck hatte, 1 44. der Schauplaz deſſelben zu ſeyn, gewaͤlzt und wodurch dieſes ganz eigentlich zu einer Huͤlfsquelle fuͤr den Sieger gemacht wurde. Wir wollen dies ſogleich naͤher erklaͤren. Man konnte nichts Zweckmaͤßigeres ſehen, als die Verfaſſung und Einrichtung einer franzoͤſiſchen Armee bei Eroͤffnung eines Feldzugs; ſie war in große Korps abgetheilt, die man Armeekorps nannte, und von denen jedes entweder von einem Koͤnig, einem Vicekoͤnig, einem Marſchall, oder irgend einem ausgezeichneten General befehligt wurde. Jedes dieſer Armeekorps war ein ſelbſtſtaͤndiger Theil des großen Ganzen, eine vollſtaͤndige Armee, und als ſolche aus allen Waffenarten zuſammenge⸗ ſezt. Ein Armeekorps beſtand aus zwei bis vier Diviſionen, von denen jede von einem Diviſions⸗ general angefuͤhrt wurde; die Diviſionen waren wie⸗ der in Brigaden abgetheilt, von denen jede zwei oder drei Regimenter(von zwei oder mehr Bataillons) enthielt; und unter dem Befehl eines Brigade⸗ generals ſtand. Ein Armeekorps konnte fuͤnfzig⸗ bis achtzigtauſend Mann ſtark, und noch ſtaͤrker ſeyn; und der General eines ſolchen Korps uͤbte die voͤllige Obergewalt uͤber daſſelbe aus, und war an niemand, als an den Kaiſer ſelbſt, angewieſen. Man weiß kaum ein Beiſpiel, daß der Kaiſer von dieſen zu dieſer hohen Stelle geeigneten Offizieren einen dem andern untergeordnet hat; er ſcheint 4 45 3 ſelbſt bezweifelt zu haben, daß ſeine diesſallſigen Befehle auch wirklich befolgt werden moͤchten. Dieſes Syſtem, die Maſſe ſeiner Streitkraͤfte in abgeſon⸗ derte und beinahe ſelbſtſtaͤndige Armeen abzutheilen, unter den Befehlen von Generalen, von denen jeder auf ſeine Verantwortlichkeit einen beſtimmten Theil eines nach einem unermeßlichen Maßſtabe berechneten Operationsplans auszufuͤhren hatte, brachte die groͤßte Schnelligkeit und den groͤßten Nachdruck in die franzoͤſiſchen Mandvers, und mußte, unter der oberſten Leitung d es ſchoͤpferiſchen Gelſtes, der den Feldzug entworfen, in den meiſten Faͤllen die glaͤn⸗ zendſte Reſultate herbeifuͤhren. Sobald es aber noͤthig wurde, zwei Armeekorps zu einer Operation zu vereinigen, war Napoleons perſoͤnliche Gegen⸗ wart durchaus erforderlich. So organiſirt ergoß ſich die franzoͤſiſche Armee in raſchen Gewaltmaͤrſchen uͤber ein fremdes Land; ohne alle Anſtalten zu ihrer Verpflegung, ohne Magazine, ohne Vorraͤthe, einzig auf die Huͤlfs⸗ guellen des uͤberzogenen Landes zaͤhlend. Buona⸗ varte hatte ſich dieſe Methode ganz zu elgen go⸗ macht; die Vereinigung großer Maſſen mittelſt ſolcher Gewaltmaͤrſche war ein Hauptmoment ſeiner taktiſchen Kunſt. So wurde der Krieg von ſeiner Seite mit dem geringſten Aufwande an Geld, dagegen aber mit dem groͤßten Menſchenverluſte und mit der 46 ſchrecklichſten Steigerung des menſchlichen Elendes gefuͤhrt. Napoleons gewoͤhnlicher Plan war, durch die Beſchleunigung ſeiner Maͤrſche den Felad zu uͤberfallen, denſelben in einer großen Schlacht aufs Haupt zu ſchlagen, ſich ſeiner Hauptſtadt zu be⸗ maͤchtigen, Contributionen zu erheben, unter den moͤglichſt vortheilhafteſten Bedingungen Frieden zu ſchließen, und dann wieder nach Paris zuruͤck zu kehren. In dieſen blendenden Feldzuͤgen trat die Armee gewoͤhnlich ihren Marſch mit einem auf mehrere Tage ausreichenden Vorrathe von Brod oder Zwieback an, den die Soldaten ſelbſt tragen mußten. Auch fuͤhrte ſie auf einige Tage Schlachtvieh mit ſich. Dieſe Gegenſtaͤnde wurden gewoͤhnlich aus einer großen Stadt oder aus einer volkreichen Gegend genommen, wo die Truppen vorher cantonirt hatten. Die Pferde der Reiterei waren gleicherweiſe auf zwei bis dres Tage mit Futter beladen. So verpflegt ruͤckte die Armee in Eilmaͤrſchen vor. Den Soldaten wurde ihre Buͤrdez gar bald unbequem, und ſie zehrten ihren Vorrath entweder ſchnell auf, oder warfen ihn. gar weg. Aus Beſorgniß, daß die Lebensmittel aus⸗ gehen koͤnnten, noch ehe man dergleichen wieder wuͤrde faſſen koͤnnen, ermaͤchtigten dann die Offiziere ihre Leute zur Selbſtverpflegung, mittelſt des Marodirens, oder mit andern Worten— der Pluͤnderung. Damit die erpreßten neuen Vorraͤthe mit Ordnung zuſam⸗ 427 mengebracht und ausgetheilt wuͤrden, wurde eine ge⸗ wiſſe Anzahl von Soldaten von jeder Kompagnie ausgeſchickt, um ſolche aus den Doͤrfern und Land⸗ haͤuſern unweit des Marſchweges oder auf dem von der Armee beſezten Boden beizuſchaffen. Dieſe Sol⸗ daten waren befugt, die Einwohner zur unentgelt⸗ lichen und nicht beſcheinigten Ablieferung ihrer Vor⸗ raͤthe anzuhalten. Man kann denken, daß ſie bei dieſer Vollmacht nicht etwa blos mit Lebeusmitteln vorlieb nahmen, ſondern auch Geld und andere Dinge von Werth erpreßten und noch andern Unfug trieben. 4 Es iſt nicht zu laͤugnen, daß die Intelligenz und beſonders die Gutmuͤthigkeit der Franzoſen, die ein Grundzug ihres Nationalkarakters iſt, ihr Beneh⸗ men unter den Uebeln dieſes Syſtems ertraͤglicher machten, als man haͤtte erwarten ſollen, wenn an⸗ ders das Land ergiebig und genugſam bevoͤlkert war. Eine Art von Ordnung wurde alsdann, ſelbſt in der Unordnung des Marodirens, beobachtet, und man gab ſich Muͤhe, die ſo unordentlich gewonnenen Vor⸗ raͤthe wenigſtens auf eine regelmaͤßige Weiſe zu verz theilen. Durch keinen Widerſtand gereizt, wurden die Soldaten bei ihrer Gemuͤthsart nicht ganz un⸗ menſchlich; ihre urſpruͤnglich gute Mannszucht, die Erziehung, die manche von ihnen genoſſen, die Folg⸗ ſamkeit, an die ſich alle gewoͤhnt hatten, verhinder⸗ ten, daß ſie ſich nicht ganz in Banditenhaufen auf⸗ 48 loͤsten und ſich nicht ſelbſt durch ihre Ausſchweifun⸗ en zu Grunde richteten. Keine andern Truppen, als die franzoͤſiſchen, haͤtten auf dieſe Weiſe beſte⸗ hen koͤnnen, weil in keiner audern Armee die Of⸗ fiziere ſo viel uͤber ihre Mannſchaft vermoͤgen. Aber dieſes Syſtem zeigte ſich in ſeiner ſcheuß⸗ lichſten Geſtalt, wenn die Armee durch ein nur duͤnn bevoͤlkertes Land zog, und wenn der Nationalkarak⸗ ter oder die Soldaten Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, und fuͤr ſeine Vortheile des Bodens die Ein⸗ gebornen, beſonders die Bauern, zum Widerſtande ermuthigten. Dann wurden die Soldaten nicht nur durch den Mangel an Lebensmitteln, ſondern auch durch die Gefahr erbost, unter welcher ſie dieſelben eintreiben mußten. In dem Maße, in welchem ihre Noth wuchs, wurden ſie fuͤhllos und gleichguͤltig⸗ üͤberließen ſich jeder Art von Ausſchweifung, und vermehrten ihr Elend noch dadurch, daß ſie zerſtor⸗ ten, was ſie nicht genießen konnten. Hunger und Krankheiten ſtellten ſich bald bei einer Armee ein, die in Ellmaͤrſchen ein an Lebensmitteln erſchoͤpftes Land durchzog. Dieſe furchtbaren Begleiter folgten dicht hinter den franzoͤſiſchen Kolonnen, die ſich muͤh⸗ ſam fortſchleppten. Da es an Spitaͤlern und an Magazinen fehlte, ſiel jeder Nachzuͤgler dem Hun⸗ ger, dem Wetter, der Ermattung und der Rache des erzuͤrnten Landvolks zur Beute. Und ſo mußte die franzoͤſiſche Armee ein Ungemach ertragen, von dem . 49 dem bis zu dieſen ſchrecklichen Kriegen hin die Trup⸗ pen cioiliſirter Nationen gar keine Ahndung gehabt hatten. Bei allem dem ſezte Buonaparte doch ſeine Abſicht durch; unter dieſen Verluſten und Opfern und mittelſt derſelben erreichte er ſein Operations⸗ objekt, wo er, zum Schrecken des uͤberraſchten Fein⸗ des, ſeine Maſſen entwickelte, in einem entſcheiden⸗ den Siege den Lohn ſeiner Haſt erntete und dem Moniteur neuen Stoff zum Triumphiren gab. So ſehr legte er den Accent auf die Schnelligkeit in den Bewegungen, daß, wenn ſich etwa ein Offizier zum Behuf eines ihm gewordenen Auftrags Zeit erbat, er gerne die merkwuͤrdige Antwort gab:„Ich kann Ihnen Alles, was Sie verlangen, gewaͤhren, nur mit der Zeit muß ich geizen.“ Dieſe Eile beruhte auf dem mit ſo großem Menſcheuverluſte verbundenen Syſteme der durch keine Magazine gefeſſelten Ge⸗ waltmaͤrſche. War aber die Schlacht einmal vor⸗ uͤber, ſo hatten die Todten Ruhe und konnten nicht mehr klagen; die Lebenden waren Sieger und ver⸗ gaßen bald das erlittene Ungemach; eine neue Tratte auf die franzoͤſiſche Ingend, in den gewoͤhnlichen For⸗ men der Conſkription gezogen, erſezte bald die vie⸗ len Rekruten, die man im Verlaufe des Feldzugs eingebuͤßt hatte. 4 8 Gegen ſeine Armee beobachtete Buonaparte eine ſehr ſchlaue Politik. Seine Marſchaͤlle, ſeine Ge⸗ nerale und andere hohe Offiziere wurden von ihm 28. Scott's Werke. Ll. 4 50 beehrt, reichlich belohnt, aber nie auf einem vertrau⸗ lichen Fuße behandelt. Die Scheibewand der ſtreng⸗ ſten Etikette hielt die Zudringlichen ab. Ein zu ver⸗ strauliches Verhaͤltniß wuͤrde dieſe Maͤnner zu⸗ fehr daran erinnert haben, daß ſie einſt ſeinesgleichen ge⸗ weſen. Gegen den gemeinen Mann aber, der ſeine Herablaſſung nicht mißdeuten, nicht mißbrauchen konnte, benahm ſich Buonaparte ganz anders. Die Soldaten durften ſich bei allen ſchicklichen Gelegen⸗ theiten an ihn wenden; er hoͤrte auf ihre Bitten, Klagen und ſelbſt auf ihre Vorſtellungen. Er’ ließ ihre Beſchwerden unterſuchen und, wenn ſie Grund thatten, abſtellenn Nach einer Schlacht zog er die „Mannſchaft derjenigen Regimenter, die ſich ausge⸗ zeichnet hatten, uͤber das Verdienſt derjenigen zu „Rathe, die Anſpruch auf die Ehrenleglon oder eine andere militaͤriſche Beehrung machen konnten. In ſblchen Augenblicken vergaß man im Gefühl ſeiuer Wichtigkeit die Muͤhſale des ganzen Feldzugs; und „Napoleon erſchien den Soldaten, die ihn umgaben, KMicht als der ehrgeizige Mann, der ſie ihrer Heimath fentriſſen, ihre Tapferkeit auf entlegenen Schlacht⸗ feldern verſchwendet, und durch das Ungemach, das ſie erduldet, ſich den Sieg verſchafft hatte, ſondern als der Kriegsvater, der ſeine Soldaten als ſeine Kinder betrachte, und dem die Ehre auch des Ge⸗ ringſten eben ſo ſehr am Herzen liege, als ſeine elgene. an Man that Alles, um den Anſpruͤchen des Sol⸗ datan fuͤr Befoͤrderung, wenn er ſie verdient hatte zu ſorgen. Aber troz dieſer Aufmunterungen brachte die Armee, wie Buongparte ſelbſt bemerkt, unter dem Kalſerthum keine ſo ausgezeichneten Krieger mehr hervor, wie Pichegru, Kleber, Moreau, Maſſe⸗ ng, Deſſair, Hoche und er ſelbſt, die, gloich Pferden auf der Rennbahn, aus ihrer Obſruritaͤt hervorge⸗ hrochen waren und die Welt in Erſtaunen geſezt hatten. Dieſe hoͤchſt genialen Maͤnner waren, wie Buonaparte glaubte, in der Glut der Revolution und Durch dieſelbe erzeugt worden; und er ſcheint der Meinung geweſen zu ſeyn, daß mit dem Eintritt des normalen Zuſtandes der Dinge ſolche außeror⸗ Deutlichen Maͤnner immer ſeltener geworden ſeyen. Dieſe Meinung iſt jedoch nicht ganz richtig. Repo⸗ lutionszeiten bringen keine großen Maͤnner hervor, ſondern Revolutionen entſtehen gewoͤhnlich in ſolchen Perioden der Geſellſchaft, wo große Grundſaͤtze zur Erörterung gekommen, und die Blicke von Jung und Alt durch die Beſchaffenheit der Zeiten auf große und wichtige Gegenſtaͤnde gerichtet worden ſind, die den Karakter erheben und den Ehrgeiz wecken. Wenn durch den Widerſtreit entgegengeſezter Kraͤfte die Exploſion erfolgt, wenn die Revolution wirklich gus⸗ hricht, ſo erzeugt ſie durchaus kein Talent und kann auch keines erzeugen; nur wird waͤhrend ihres Verlaufs und durch dieſelbe all jenes Talent, we⸗ nigſtens fuͤr einige Zeit, ans Licht gezogen⸗ das in den Geiſtern durch die Richtung auf die oͤffentlichen Angelegenheiten geweckt und gepflegt worden iſt. Wenn aber dieſes Talent zu Grunde gegangen iſt, ſo zeigt es ſich nicht ferner in einem unter der Wuth der Buͤrgerkriege aufgewachſenen Geſchlechte. „Die Faͤhigkeiten des langen Parlaments wurden in der Republik nicht mehr geſehen, und daſſelbe gilt von dem franzoͤſiſchen Nationalkonvent und dem dar⸗ auf gefolgten Kaiſerthum. Eine Revolution gleicht einem Brande, der die Verzierungen und architekto⸗ niſchen Schoͤnheiten eines von ihm angegriffenen Gebaͤudes eine Zeit lang vortheilhaft beleuchtet, aber immer mit der Zerſtoͤrung derſelben endet. 9 Auch ſoll, was jedoch weniger zu verbuͤrgen iſt, Napoleon ſelbſt in der Mitte ſeiner ſo trefflich dis⸗ eiplinirten kaiſerlichen Garde jene alten Soldaten der Revolution vermißt haben, die durch ihr Kriegs⸗ geſchrei:„Es lebe die Republik,“ ſich mit der Sache, fuͤr die ſie fochten, gleichſam identiſicirten. Napoleon hatte jedoch keinen Grund, in irgend einer Beziehung mit ſeiner militaͤriſchen Macht unzufrie⸗ den zu ſeyn. Sie war bereits bei weitem zu groß, und hatte zum Nachtheil Frankreichs das Militaͤr zu hoch uͤber die burgerliche Klaſſe geſtellt, und ihn ſelbſt in Stand geſezt, nach den Anſichten und der Logik eines despotiſchen Generals in dem ſchoͤnſten Theil von Euroya faſt unbeſchraͤnkt zu gebieten. Den frem⸗ 53 den Laͤndern war der Kriegsruhm Frankreichs ein drohender, unheilverkuͤndender Komet; und da hie⸗ durch Alles zu Ruͤſtungen aufgeſchreckt wurde, ſo ſchien der Friede auf immer von der Erde gewichen zu ſeyn und die Beſtimmung ihres Schickſals fortan der rohen Gewalt uͤberlaſſen zu haben. Viertes Kapitel. Wirkungen des Friedens von Tilſtt.— Wie Navoleon ſich den Frieden dachte.— Andere Anſichten Englands von demſelben Gegenſtand.— Das Continentalſyſtem,— Deſſen Weſen und Wirkungen.— Die Dekrete von Berlin und Mailand.— Be⸗ ſchlüſſe des brittiſchen Geheimenraths.— Spanien.— Rückblick auf die Verhältniſſe dieſes Landes zu Frankreich ſeit der Revo⸗ lution.— Godoy.— Sein Einfluß,— Karakter— und voliti⸗ ſche Anſichten.— Ferdinand, Prinz von Aſturien, bewirbt ſich um den Beiſtand Napoleons.— Portugieſiſche Angelegenheiten. — Traktat von Fontainebleau.— Der Prinzregent begibt ſich nach Braſilien.— Junot rückt in Liſſabon ein.— Seine zügel⸗ loſe Raubſucht.— Unruhen zu Madrid.— Ferdinand wird einer Verſchwörung gegen ſeinen Vater beſchuldigt, und verhaftet.— König Karl wendet ſich an Napoleon.— Argliſtige Politik des leztern.— Die franzöſtſche Armee erhält Befehl, in Spanien einzurücken.— Der Friede von Tilſit hatte dem Kriege zwi⸗ ſchen zwei eiferſuͤchtigen Monarchien, in welchem keine der andern etwas abgewinnen konnte, ein Ende gemacht und der einen wie der andern freie Haͤnde 54 gegen diejenigen Nationen gelaſſen, die zunaͤchſt un⸗ ter ihrem Einfluſſe ſtanden. Dies war Napoleons Anſicht vom Frieden, die etwa auf Folgendes hingus⸗ laͤuft:—„Ich werde mit den Laͤndern, auf die ich zwar kein Recht, über die ich aber Gewalt habe, vexfahe ren, wie mir beliebt; mein Alliirter mag dagegen in den Ländern, die zunäͤchſt in ſeinem Bereich und meinem Einfluß entruͤckt ſind, ſeinerſeits Daſſeke thun. 41 1 So hatte er zu ſeiner Zeit den Vertrag von Amiens ausgelegt; einen ſolchen Frieden wollto er auch mit England abſchließen. Daß ihm dieſes nicht gelungen iſt, hat er noch in einer ſpaͤtern Periode gar ſehr bedauert. Man begreift, was er, von Frank⸗ reich und England ſprechend, mit folgenden Worten ſagen wollte:„Wir haben einander einen unermeß⸗ lichen Schaden zugefuͤgt— wirzhaͤtten durch ein gee genſeitiges gutes Einverſtaͤndniß einander⸗ unermeß⸗ liche Dienſte leiſten koͤnnen. Haͤtte die Schule von For die Oberhand behalten, ſo wuͤrden wir uns ver⸗ ſtäudigt haben— alsdann waͤre in Europa nur eine Armee, nur eine Flotte geweſen— wir wuͤrden die Welt beherrſcht— uͤberall, ſey es mit Gewalt oder auf dem Wege der Ueberredung, Ruhe geſtiftet und einen behaglichen Zuſtand eingefuͤhrt haben. Ja— ich wiederhole es— ſo viel Boͤſes wir einander ge⸗ than haben, ſo viel Gutes haͤtten wir einander thun „, koͤnnen. 5. 8*335 55 Dieſes Friedensprincip,„ in welchem Bugnapatfs bis an ſein Ende hin die Grundlage alles gegenſet⸗ tigen Intereſſes ertannt zu haben ſcheint, iſt abet von der Art, daß kein englt⸗ ſches, von einem freien Parlamente gewäͤßſttes Miniſterium daſfelbe anneh⸗ men konnke oder durfte. Englands Friedensprincip mußten von der Art ſeyn, daß dadurch die unabhaͤng⸗ igkeit der andern Maͤchte geſichert wurde, nicht aber ein ſolches, durch das es und Frankreich etmaͤchtigt wurden, nach Gefallen um ſich zu greifen. Englands Wohlfahrt, Macht und Glucckſeligkeit iſt durch die Unabhaͤngigkeit der Continentälſtaaten bedingt. Es konnte weder mit gutem Gewiſſen, noch mit Slcher⸗ helt mit einem ſiegreichen Uſurpator Frieden ſchlle⸗ ßen, auf die Bedingung hin, daß ihm gleichfalls ger ſtattet ſey, die Rolle eines uſurpators zu ſpielen. Es iſt weder ſeinen Wuͤnſchen noch ſeinem Intetehe gemaͤß, andere Laͤnder auf der Karte von Europa zu ſtrelchen, damit nur noch England und Frankreich darauf ſtehen bleiben; ihm iſt nicht daran gelegen⸗ andere Staaten ihrer Flotten oder ihrer Armeen zu berauben. Seine Staatsmaͤnner muͤſſen den Gedau⸗ ken verwerfen, die ganze oder die halbe Welt zu be⸗ herrſchen und andere Nationen durch die Gewalt der Waffen gluͤcklich oder ungluͤcklich zu machen. Das Betragen Englands in den Jahren 1814 und 1815 beurkundet dieſe redliche und ehrenvolle Politik; in⸗ dem es Andern vieles einraͤumte, konnte es doch nicht der Abſicht beſchuldigt werden, in der Verwir⸗ rung, die durch den Fall der franzoͤſiſchen Uebermacht sentſtand, auf die Vergroͤßerung ſeines eigenen Ge⸗ bie ts Bedacht zu nehmen. Hievon ſoll jedoch an ei⸗ nem andern Orte ausfuͤhrlicher die Rede werden. Indeſſen war Frankreich, das mit Rußland nach einem ganz andern Princip Frieden geſchloſſen, be⸗ ſchaͤftigt, die Vortheile, die es daraus zu ziehen hoffte, einzuernten. Hiebei ſcheint es Napoleons Hauptzweck gewefen zu ſeyn, ſein ſogenanntes Kon⸗ tinentalſyſtem in ſolchem Maße durchzuſetzen und zu befeſtigen, daß der ſchwache Verkehr, den England noch mit den Nationen des Feſtlandes unterhielt, vollends ganz vernichtet werden mußte. Hiezu war ihm der Vertrag von Tilſit in jeder Hinſicht ſebr ſoͤrderlich. Frankreich war ſein— uͤber Holland, das dem Namen nach von ſeinem Bruder Ludwig beherrſcht wurde, konnte er nach Belieben verfügen. Seinen Bruder Hieronymus hatte er zum Koͤnig von Weſtphalen gemacht. Es war dem⸗ nach ſeiner Politik angemeſſen, daß dieſer eine ſei⸗ nes neuen Ranges wuͤrdige Verbindung einging. Nachdem er, wie ſchon bemerkt worden iſt, ſich von Sifeiner erſten Fran, Eliſabeth Paterſon, der Tochter eines fehr angeſehenen Mannes in Baltimore, auf das Geheiß ſeines Bruders getreunt hatte, erhielt her die Hand von Friederike, Katharine, Tochter des Koͤnigs von Wuͤrtemberg. 57 Preußen, und alle ehemals freien Haͤfen des hauſeatiſchen Bundes wurden dem brittiſchen Hau⸗ del verſchloſſen, ſo weit ſolches darch baare Waffen⸗ gewalt geſchehen konnte. Rußland zeigte ſich in dieſem Stuͤcke nicht ganz ſo gefaͤllig, als Napoleon zufolge der Beſtimmungen des tilſiter Friedens, und der mit dem Czaar getroffenen Verabredung erwar⸗ ten mochte. Allein Alexander war zu maͤchtig, um ſſich ein ſolches gegen den Handel gerichtete Syſtem in ſeinem ganzen uUmfange gefallen zu laſſen; bei der Eigenthuͤmlichkeit der ruſſiſchen Nation haͤtte es der Czaar nicht einmal wagen duͤrfen, das Continen⸗ talſyſtem ſeinerſeits mit der von Napoleon gewuͤnſch⸗ ten Strenge zu handhaben. Die ruſſiſchen Handels⸗ guͤter, die einen großen Raum einnehmen, und ſehr ins Gewicht fallen,— Hanf, Eiſen, Bauholz, Wachs, Pech u. ſ. w., von denen die ruſſiſchen Bojaren den groͤßten Theil ihres Einkommens beziehen, haͤtten die Koſten eines Transports zu Lande nicht aus⸗ getragen, und konnten nur in England abgeſezt wer⸗ den. England fuhr demnach fort, dieſe Waaren aus Rußland zu beziehen, und dieſelben mit ſeinen Fabrikaten zu bezahlen, wie ſehr dieſes guch durch die Dekrete des franzoͤſiſchen Kaiſers und durch die Ukaſen des Czaaren verboten und verpoͤnt war; und Buonaparte mußte ſich ſtellen, als merke er nichts voon einer Sache, die ſein ruſſiſcher Alliirter entwe⸗ der nicht verhindern konnte, oder nicht wollte. 58 Einoin der elviliſirten Welt noch nie geſehener Kampf ward jezt von Eugland und denjenigen Län⸗ dorn fuͤr welche die engliſchen Wnaren nicht blos eln Genuß, ſondern auch ein Beduͤrſniß waren, ge⸗ gen Frankrelch gefuͤhrt, deſſen Herrſcher unter keinem Vorwande einen freien Verkehr mit Großbritannien geſtatten wollte. Auf die Dekrete von Berkin folg⸗ ten noch andere, weit ſchaͤrfere und weit beſtimm⸗ tere. Durch ein zu Hamburg am 11ten Decembet und durch ein anderes zu Mailand am ꝛ2ſten De⸗ cember 1807 ausgefertigkes Dekretlerklaͤrte Napolevn England in Blokadezuſtand. Allen Nationen wurde jeder Verkehr mit England, aller Handel mit engli⸗ ſchen Waaren unterſagt. In allen Seehaͤfen und Handelsſtaͤdten wurden von Buonaparte Agenten auf⸗ geſtellt. Kein Schiff ſollte in irgend einem Hafen des Kontinents zugelaſſen werden, ohne vorher nach⸗ gewieſen zu haben, daß es kein brittiſches Gut fuͤhre! Dieſe Verfuͤgungen wurden von Seiten Gröoßbritane⸗ niens durch die ſogenannten Kabinetsbefehle erwie⸗ dert, Allen Neutralen war erlaubt, mit denen im Frieden mit England befindlichen Laͤndern Handel zu treiben, nur mußten ſie vorher in einem britti⸗ ſchen Hafen angelegt und die Gebuͤhren entrichtet haben. Hledurch kamen die Neutralen in ein ſehr nnangenehmes Verhaͤltniß zu den beiden kriegfuͤh⸗ renden Maͤchten. Fugten ſie ſich nicht in die brit⸗ tiſchen Kabinetsbefehle, ſo wurden ſie von den brit⸗ I 59 tiſchen Kapern⸗ die alle Meere bedeckten, weggenom⸗ men. Hatten ſie in brittiſchen Haͤfen die Gebuͤhren entrichtet, ſo wurden ſie, wenn die Sache heraus⸗ kam, in jedem Hafen, wo die Franzoſen otwas zu ſagen hatten, ohne weiters konfiscirt. Dies fuͤhrts zu. jeder Art von Betrug, durch welchen ſich die Na⸗ tux eines wirklichen Handelsverkehrs verbergen ließe Falſche Papiere, falſche Scheine, falſche Regiſter wurden uͤberall aufgewieſen; und der Gewinn bei dieſem Verkehr war ſo groß, daß die zuverlaͤßigſten⸗ und hetrauteſten Agenten Napoleons, Maͤnner vom⸗ hoͤchſten Range in ſeinem Reiche, kein Vedenken trugen, bei dieſem Contrebandeweſen durch die Fin⸗ ger zu ſehen und ſich dafür große Summen bezah⸗ len zu laſſen. Eutlang der ganzen Seekuͤſte von En⸗ ropa wurde dieſer Kampf mit der groͤßten Ausdauer zwiſchen dem maͤchtigſten Manne, den die Welt je geſehen, und zwiſchen den Wuͤnſchen und Beduͤrfniße ſen der von ihm beherrſchten Länder gefuͤhrt; denn obgleich dieſe Wuͤnſche und Beduͤrfniſſe nur auf Lue⸗ rusartikel und entbehrliche Dinge gerichtet waren, ſo⸗ malten die Menſchen doch nicht von ihnen laſſen. d Allein vorzuͤglich auf der ſpaniſchen Halbinſel ⸗ die noch immer dem Namen nach unter der Herten ſchaft ihrer alten Fuͤrſten ſtand, fanden die brittien ſchen Waaren großen Abſaz. Buonaparte hatte freien lich davon keinen Schaden, da ihm Portugal insbe⸗r ſondere große Summen dafuͤr zahlte, daß er ſeinen 60 Handel mit England geſtattete. Aber endlich brachte die Schwaͤche Portugalls und die gaͤnzliche Uneinig⸗ keit der koͤniglichen Familie in Spanien Napoleon auf den Gedanken, dieſen ſchoͤnen Theil des euro⸗ paͤiſchen Feſtlandes fuͤr ſeine Familie, oder vielmehr fuͤr ſich ſelbſt in Beſitz zu nehmen. So entſtand der ſpaniſche Krieg, von dem er ſpaͤter in dem bit⸗ terſten Gefuͤhle ſagte:—„Dieſer unſelige Krieg war mein Verderben— er zerſplitterte meine Kraft— vermehrte nothwendigerweiſe meine Anſtrengungen— und ſtellte meinen moraliſchen Charakter in Schat⸗ ten.“— Wie konnte er aber ein gluͤcklicheres Re⸗ ſultat von einer uſurpation erwarten, bei der er ſich mit einer Treuloſigkeit benahm, von der die europaͤiſche Geſchichte gar kein Beiſpiel aufzuweiſen hat? Ehe wir jedoch dieſen ganz neuen und hoͤchſt wichtigen Abſchnitt in der Geſchichte Napoleons ab⸗ handeln, muͤſſen wir einen Blick auf die Verhaͤlt⸗ niſſe werfen, die zwiſchen Frankreich und der Halb⸗ inſel ſeit der Revolution beſtanden hatten. Manuel Godoy, ein Guͤnſtling Karls des Vier⸗ ten und der Buhle der ſittenloſen Koͤnigin, war zu dieſer Zeit der allmaͤchtige Miniſter Spaniens. Er fuͤhrte den Titel eines Fuͤrſten des Friedens, oder wie man der Kuͤrze halber ſagte, eines Friedens⸗ fürſten, weil er den Basler Frieden, der dem Re⸗ volutionskriege zwiſchen Spanien und Frankreich ein Ende machte, zu Stande gebracht hatte. In dem 61 ſpaͤtern Vertrage von St. Ildephonſo war durch ihn zwiſchen beiden Laͤndern ein Schutz⸗ und Trutzbuͤnd⸗ niß vermittelt worden, in deſſen Gemaͤßheit Spa⸗ nien alles that, was Napoleon von Zeit zu Zeit von ihm verlangt. Allein troz dieſer Fuͤgſamkeit in den Willen des franzoͤſiſchen Herrſchers ſcheint Godoy doch insgeheim die Hoffnung genaͤhrt zu ha⸗ ben, das franzoͤſiſche Joch wieder abzuſchuͤtteln; bei dem Ausbruche des preußiſchen Kriegs rief er ſogar, ohne alle ſcheinbare Veranlaſſung, die fpaniſchen Truppen unter die Waffen, indem er in einer prah⸗ leriſchen und miſterioͤſen Proklamation zu verſtehen gab, daß das Vaterland in Gefahr ſey und die groͤß⸗ ten Anſtrengungen von den ſpaniſchen Armeen erwarte. Buonaparte, der dieſe Proklamation auf dem Schlacht⸗ felde von Jena erhielt, ſoll Spanien deßwegen Ra⸗ che geſchworen haben. Auf die Nachricht von jenem großen Siege gab Godoy ſeine militaͤriſche Stellung ſogleich wieder auf, und wußte ſich nur durch das Vorgeben zu entſchuldigen, er habe von den Raub⸗ ſtaaten her einen Angriff beſorgt. Napoleon ließ die Sache gehen. Er haͤtte dadurch Godoy’s eigentliche Geſinnungen gegen ihn und Frankreich kennen ge⸗ lernt, wenn ihm dieſe noch nicht bekannt geweſen waͤren; und ob er gleich von dieſer Ruͤſtung nicht weiter Kenntniß nahm, ſo mag er ſie doch ſchwer: lich vergeſſen haben. 62 1 Im Unwillen uber die Eruſedtiguns ihrer Re⸗ glerung und der koͤniglichen. Familie ſahen, die Spa⸗ uier begreiflicherweiſe auf den muthmaßlichen Thron⸗ erben, don dem ſie eine beſſere Zukunft. erwaxteten⸗ und der, wie ſie wußten, mit dem allmaͤchtigen, Go⸗ doy gaͤnzli ch zerfallen war. Der Prinz von Aſtuxien ſcheint jedoch nichts von jenem alten hexroiſchen Stolze und jener unabhaͤngigkeitsliebe gefuͤhlt an haben, die ſich fuͤr den kuͤnftigen König von Spa⸗ nien geziemt haͤtten. Ihn empoͤrte es nicht, daß Wuonapatte in Spanien, in ganz Euroya gehot; weit entfernt, ſich dem franzoͤſiſchen Einfluſſe enz⸗ zlehen zu wollen, bewarb er ſich vielmehr zum Be⸗ auf ſeiner eigenen beſondern Zwecke um die Gunſt Napolevns, indem er ſeine Bereitwilligkeit bezeigte, feine elgenen Intereſſen mit denjenigen Nappleyns und ſeiner Dynaſtie durch ein unguftoͤsliches, Band zu verknuͤpfen. Von einigen ſpaniſch en Gxanden, die mit Godoy und ſelner Verwaltung hoͤchſt unzu⸗ frieden waren, berathen, ſchrieb er einen gehe imen Brief an Buonaparte, worin er die hoͤchſte Hoch⸗ achtung fuͤr ſeine Perſon ausdruͤckte, und den trau⸗ rigen Zuſtand des einſt ſo bluͤhenden Spanlens ſchil⸗ derte, wie er unter der Regierung des gutmuͤthigen⸗ aber durch ſchlechte Rathgeber verleiteten Koͤnigs, ſelnes Vaters, geworden. Um den Auſchlaͤgen die⸗ ſer treuloſen Menſchen zu begegnen, erbat ſich der Prinz den guten Rath und den Schutz des Kaifers, * 563 und als ein unterpfand hievon die Hand einer Prin⸗ zefſin aus dem kaiſerlichen Hauſe. S So warf ſich der Kronprinz von Spanien in die Arme oder beſſer zu den Füßen Napoleyns, fand aber nicht die gehoffte Anfnah me. Buonaparte ſtand damals in Unterhandlungen mit Karl dem Vierten und mit demſelben Godoy, den der Prinz entfernen voder ſtuͤrze wollte; und da die beiden erſten ſeine Abſichren mit allen noch uͤbrigen Kraͤften Spaniens befb rdern konnten, waͤhrend der Prinz Ferdinand kfeine wirkliche Macht und Anſehen beſaß, ſo war ceine Alllanz mit ihnen einſtweilen vorzuziehen. Das Anerbieten des Prinzen, von dem ſich bei ei⸗ ner kuͤnftigen Gelegenheit Nutzen ziehen ließ, wurde vorderhaud weder angenommen, noch abgelehntz Napoleon aͤußerte ſich gar nicht daruͤber. Das Schick⸗ fat der koͤniglichen Familie lag ſonach in der Hand des Fremden, und war vermuthlich ſchon eentſchie⸗ den. Che er aber die Bourbons aus Spanien ver⸗ trieb, hielt Napoleon es ſeiner Polttik fuͤr zutraͤg⸗ licher, ſich ihrer Macht zur Unterwerfung von Por⸗ tugall zu bedienen. Die Bluͤte der ſpaniſchen Armee, ein Korps von 16,000 Mann, unter dem Marquis von de la Romana, war in der Eigenſchaft eines Auxiliarkorps in den Norden von Europa geſchickt worden. Eine andere Abtheilung, von O Farrel beſehllgt, ſtand in Toscang. Da das Koͤnigreich ſongch durch die 64 Abweſenheit ſeiner beſten Truppen gleichſam ent⸗ waffnet war, ſo mußte die Eroberung von Portugall zum Vorwande dienen, um die ganze Halbinſel mit franzoͤſiſchen Truppen zu uͤberziehen. Portugall befand ſich unter einer gar ſchwachen Regierung. Seine Armee war zu Grunde gerichtet, von ſeinem Adel aller Geiſt und Muth gewichen; ſeine einzige Hoffnung, noch ferner dem Namen nach als ein unabhaͤngiger Staat beſtehen zu koͤn⸗ nen, beruhte auf den Mitteln, mit denen es ſich die Gnade Frankreichs erkaufen konnte, und einiger⸗ maßen auf dem Glauben, daß Spanien die Verle⸗ zung ſeines eigenen Gebiets, zum Behuf der Ver⸗ nichtung eines harmloſen Nachbars und Alliirten nicht zugeben werde. Bald nach dem Frieden von Tilſit, ward der Prinzregent von Portugall, von Frankreich und Spa⸗ nien zu gleicher Zeit aufgefordert, ſeine Scehaͤfen den Englaͤndern zu verſchließen, alles brittiſche Ei⸗ genthum zu confisciren und die brittiſchen Unter⸗ thanen, die ſich auf ſeinem Gebiete betreten laſſen wuͤrden, verhaften zu laſſen. In die erſte dieſer Forderungen fuͤgte ſich der Prinz nur ungern; die zweite verwarf er durchaus als eine Verletzung der Vertraͤge und der Gaſtfreundſchaft; die engliſchen Kaufleute erhielten einen Wink, daß ſie klug daran thun wuͤrden, ihre Geſchaͤfte einzuſtellen und ein 3— Land 65 Land zu verlaſſen, das ihnen nicht laͤnger Schutz gewaͤhren koͤnne. 5 Mittlerweile wurde zu Fontainebleau ein ſon⸗ derbarer Vertrag zur Theilung des alten Koͤnig⸗ reichs Portugall abgeſchloſſen und ein Operationsplan entworfen, nach welchem dieſes Land von franzoſi⸗ ſchen und ſpaniſchen Truppen erobert und in drei Theile eth eilt werden ſollte. Die noͤrdlichen Pro⸗ vinzen waren als ein kleines Fuͤrſtenthum fuͤr den Koͤnig von Hetrurien, der dagegen ſeine italleni⸗ ſchen Beſitzungen an Napoleon abtrat, beſtimmt; einen andern Theil ſollte Godoy als ſouverainer Fuͤrſt erhalten, mit dem Titel eines Koͤnigs von Algarbien; ein dritter ſollte bis zu Ende des Krie⸗ ges ſegueſtrirt bleiben. Durch den Vertrag von Fontainebleau erhielt Napoleon zwei wichtige Vor⸗ theile; erſtens den, daß Portugall erobert werden durfte; zweitens den, daß ſpaniſche Truppen dazu mitwirken ſollten, wodurch Spanien ſeiner Verthei⸗ digungsmittel beraubt werden mußte. Es iſt nicht zu glauben, daß Buonaparte geſonnen geweſen ſey⸗ den Beſtimmungen dieſes Vertrages, die den K⸗ nig von Hetrurien und Godoy betrafen, irgend eine 4 Folge zu geben. Junot, einer der habſuͤchtigſten, ausſchweifend⸗ ſten und ſchaͤndlichſten franzoͤſiſchen Generale, ein Mann, den Buonaparte ſelbſt als ein Ungeheuer von Raubſucht gebrandmarkt hatte, erhielt den Auf⸗ W. Scott's Werds. LI. 5 —— 66 trag, nach Liſſabon zu ziehen und eine Nation, die weder den Krieg veranlaßt hatte, noch ſich zur 5 Wehre ſetzte, mit dem Joche der Angreifer zu ver⸗ ſoͤhnen. Zwei Nebenarmeen, zum Theil aus Franzoſen, zum Theil aus Spaniern beſtehend, unterſtuͤzten den Angriff von Junot. Eine franzoͤſiſche Armee von 40,000 Mann ward zu Bayonne zuſammenge⸗ zogen, angeblich, um zufolge des Vertrags von Fontainebleau als Reſervearmee in dem Falle ver⸗ wendet zu werden, wenn England Truppen nach Portugall ſenden ſollte; es war in dem Vertrage ausdruͤcklich beſtimmt, daß dieſe Armee nur in die⸗ ſem kririſchen Falle das ſpaniſche Gebiet betreten duͤrfe. Es wird ſich ſogleich zeigen, wozu dieſe Re⸗ ſervearmce elgentlich beſtimmt war, und unter wel⸗ chen Umſtaͤnden dieſelbe in Spanien einruͤcken ſollte, Inzwiſchen ruͤckte Junot in ſo beſchleunigten Maͤrſchen gegen Liſſabon vor, daß dadurch ſein Armee ſehr zerruͤttet und erſchoͤpft wurde. Dies kam aber um ſo weniger in Betracht, als der Prinz⸗ regent, uͤberzeugt, keinen rechten Widerſtand lei⸗ ſten zu koͤnnen, beſchloſſen hatte, durch keine frucht⸗ loſen Vertheidigungsanſtalten den Angreifern einen Vorwand zu geben, Portugall wie ein erobertes Land zu behandeln. Noch in der letzten Zeit fuͤgte er ſich in die ſtrengen Bedingungen, die Spanien und Frankreich ihm vorgeſchrieben, indem er ein Ver⸗ 67 zeichniß von allen brittiſchen Unterthanen und allem brittiſchen Gut aufuehmen ließ; aber abſichtlich z⸗ gerte er mit der Ausfuͤhrung, bis nur noch wenige da waren, welche die Maßregel treffen konnte. Die brittiſche Kaufmannſchaft, die ſchon ſo lange zu Liſ⸗ ſabon anſaͤſſig geweſen war, hatte den Tajo am 18. October zum allgemeinen Bedauern der Einwohner verlaſeen. Der brittiſche Geſandte, Lord Strang⸗ fort, mußte, wie ſehr er auch den Prinzregenten, der nur aus Zwang ſo handelte, bedauern mochte, nichts deſto weniger dieſe unfreundlichen Maßregeln als eine Erklaͤrung gegen England anſehen. Er nahm das brittiſche Wappen ab, verließ Liſſabon und begab ſich an Bord von Sir Sidney Smith's Geſchwader, das damals im Tajo lag. Hierauf ſandte man den Marquis von Marialva als außerordent⸗ lichen Geſandten an die Hoͤfe von Frankreich und Spanien, um ihnen auzuzeigen, daß der Prinzregent alles, was man von ihm verlangt, gethan habe, und deßwegen bitte, es moͤchte der Marſch ihrer Armeen nach Liſſabon eingeſtellt werden. 8 Indeſſen war Junot mit ſeiner Armee uͤber die portugteſiſche Grenze gegangen, um, wie er ſagte, den Portuzieſen Huͤlfe zu briagen, von Liſfabon das Schickſal von Kopenhagen abzuwenden, und die Ein⸗ wohner von dem Joche der Seetyrannen zu beſreien. Er verſprach die beſte Mannszucht von ſeinen Trup⸗ pen beobachten zu laſſen’, zu einer Zeit, wo die .. 68 Pluͤnderungen und Erpreſſungen der Franzoſen, durch ruchloſen Spott und Entweihung des Heiligen noch geſchaͤrft, den Abſcheu eines religioͤſen Volkes er⸗ regte. Nichts hielt jedoch die Schnelligkeit ſeines Marſches auf; denn er wußte wohl, wie viel ſeinem Herrn daran gelegen ſey, die Mitglieder der koͤnig⸗ lichen Familie und beſonders den Prinzregenten in ſeine Gewalt zu bekommen. 1 So nachgisbig und vorſichtig der Prinz aber auch war, ſo benahm er ſich bei dieſer Gelegenheit doch, wie es ſich fuͤr einen Erben des Hauſes Braganza ziemte. Er hatte beſchloſſen, ſich nicht vor dem Feinde in den Staub zu werfen, nicht als Gefange⸗ ner ſeinen Triumph zu ſchmuͤcken. Das Koͤnigreich Portugal beſaß jenſeits des atlantiſchen Meers große Reiche, wohin ſich die koͤnigliche Familie fluͤchton konnte. Der brittiſche Geſandte bot hiezu die Dienſte des engliſchen Geſchwaders an, und ſprach, wie man jetzt gewiß weiß, im Namen ſeiner Regierung die Verſicherung aus, daß Großbritannien keine Regie⸗ rung, die von den Feinden zum Nachtheil des Hau⸗ ſes Braganza eingeſetzt werden moͤchte, anerkennen werde. Der Prinzregent ſchiffte ſich mit der ganzen koͤniglichen Familie am Bord der portugteſiſchen Linienſchiffe ein, die man hiezu, ſo gut es in der Schuelle anging, ausgeruͤſtet hatte; und ſo ſah das moderne Europa zum erſten Mal das Schauſpiel ei⸗ ¹ ¹ 659 ner in fruͤheren Zeiten nicht ſeltenen Auswanderung von Koͤnigen und Fuͤrſten, die, durch den ſtarken Arm der Gewalt aus ihren heimathlichen Sitzen ver⸗ trieben, in weit entlegenen Laͤndern ſich neue auf⸗ ſuchten. Die koͤnigliche Famille ging unter den Thraͤnen, dem Geſchrei und den Segnungen des Volkes auf demſelben Fleck zu Schiffe, wo Vasco de Gema*) die Anker gelichtet hatte, um fuͤr Por⸗ tugall neue Reiche im Oſten zu entdecken. Das Wetter war duͤſter wie die Theilnehmer und Zeu⸗ gen dieſer ergreifenden Scene; und die Feſtigkeit des Prinzregenten ward von der Nation, die er verlleß, geprieſen, weil dieſe uͤberzeugt war, daß ſeine laͤngere Anweſenheit ihm nur Unbilden zuzie⸗ hen, ihr ſelbſt aber durchaus keinen Nutzen bringen konnte. 4. Junok, noch einen Tagmarſch von Liſſabon ent⸗ fernt, gerietb faſt auſſer ſich vor Wuth, als er dieſe Kunde erhielt. Er wußte wohl, wie ſehr die Flucht des Prinzen und der Entſchluß, den er gefaßt, den Glanz ſeiner eigenen Thaten in den Augen ſeines Herrn vermindern mußte. Haͤtte er ſich der Per⸗ ſon des Prinzregenten bemaͤchtigen koͤnnen, ſo wuͤrde Napoleon ihn vermocht haben, Braſilien an ihn ab⸗ zutreten; Beſitzungen jenſeits des Meeres haͤtten fuͤr ihn den ganzen Reiz der Neuhelt gehabt. Da *) 28ten November 1607. 70 jetzt das Reich des Hauſes von Braganza in der neuen Welt ganz außer ſeinem Beroich geſtellt war, ſo hatte Junot allerdings Grund, zu fuͤrchten, daß das Fehlſchlagen dieſes Planes ihm die Ungnade ſeines Herrn zuziehen wuͤrde. Am iten December kam der franzoͤſiſche Vor⸗ trab, durch die Gewaltmaͤrſche erſchoͤpft, in ſeiner Ausruͤſtung uͤbel zugerichtet und uͤberhaupt in ſchlech⸗ tem Zuſtande vor der Stadt an, und der General konnte noch die Segel der Schiffe erblicken, die ihm einen ſo koͤſtlichen Theil ſeiner Beute entfuͤhrt hat⸗ ten. Junot wußte ſich jedoch, im Vertrauen auf ſeine Verdienſte, bald genug wieder zu faſſen. Er war mit Buonaparte ſchon ſeit dem Anfange ſeines Gluͤckes als ein treuer Anhaͤnger in Verbindung ge⸗ ſtanden. Dieſer Umſtand und ſeine Verheirathung mit einer Dame, Namens Comnene, die aus dem Blute der griechiſchen Kaiſer entſproſſen zu ſeyn vor⸗ gab, berechtigten ihn, wie er meinte, zu der Hoff⸗ unng, den erledigten Thron von Liſſabon aus der Hand ſeines Herrn zu erhalten. Einſtweilen ver⸗ fuhr er wie ein unumſchraͤnkter Gewalthaber. Er nahm das Haus des reichſten Kaufmanns in Beſitz, und ob ihm gleich monatlich 1200 Crouſaden als Tafelgelder ausgeſetzt wurden, ſo zwang er doch ſei⸗ nen Wirth, den ungeheuern Aufwand, den er ſich verlaubte, allein zu tragen. Die Offiziere machten es eben ſo, und die Soldaten ſaͤumten nicht, die⸗ 71 ſem Beiſpiele zu ſolgen. Die Erpreſſungen und Raͤubereien, die in Liſſaben veruͤbt wurden, ſchie⸗ nen alle fruͤheren Ausſchweifungen der franzoͤſiſchen Armee weit hinter ſich zu laſſen. Dies fuͤhrte zu Haͤndeln zwiſchen den Franzoſen und den Einwoh⸗ nern; es floß Blut; offentliche Hinrichtungen fan⸗ den Statt; die Eingedrungenen loͤsten den noch uͤbrigen Theil der portugieſiſchen Armee ganz auf, und zeigten die unverkennbare Abſicht, das Koͤnig⸗ reich als ihr Eigenthum feſtzuhalten. 1 Dieſe Abſicht ward zuletzt ſogar in einer offi⸗ ziellen Urkunde oder Proklamation ausgeſprochen, die Junot auf Napoleons Beſehl erließ. Es hieß darin, der Prinz von Braſilien habe dadurch, daß er das Koͤnigreich verlaſſen, wirklich der Souveräͤ⸗ nitaͤt entſagt, Portugall ſey nun ein Theil der Be⸗ ſitzungen Napoleons geworden, und ſolle fuͤr jetzt im Namen des Kaiſers von dem franzoͤſiſchen Ober⸗ general reglert werden. Demnach wurde die fran⸗ zoͤſiſche Flagge aufgeſteckt und das Wappen Portu⸗ galls uͤberall abgenommen. Das Eigenthum des Prinzregenten und aller derjenigen, die ihm gefolgt waren, wurde mit Segueſter belegt; doch ſollten diejenigen, die vor dem 15. Februar(die Prokla⸗ mation war am 1. Februar erlaſſen worden) zuruͤck⸗ kehren wuͤrden, das Ihrige wieder zuruͤck erhalten. Sodaun ward dem ungluͤcklichen Lande eine Contri⸗ bution von vierzig Millionen Crouſaden, oder von vier und einer halben Millton Pfund Sterling an⸗ geſonnen, die auf eine Beroͤlkerung von etwas we⸗ niger als drei Millionen Seelen gelegt, auf den Kopf ungefaͤhr dreißig Schillinge bekrug; was von dem groͤßten Theil des Volks nicht erſchwungen wer⸗ den konnte, mußte von den hoͤhern und mittlern Klaſſen, die noch einiges Vermoͤgen beſaßen, bezahlt werden. Da gar nicht ſo viel Geld im Lande war, ſo wurden Precioſen, Silbergeſchirr, brittiſche Han⸗ delsguͤter und Kolonkalwaaren an Geldesſtatk ange⸗ nommen. Einige franzoͤſiſche Ofſiziere ſpekulirten auf dieſe leztern Arkikel, indem ſie dieſelben nach Paris ſandten, wo ſie mit Vortheil verkauft wur⸗ den. Einige wurden Geldmaͤckler und discontirten Geldpapiere. So ſehr verliert das Waffenhandwerk ſeinen ehrenvollen uneigennuͤtzigen Charakter, wenn diejenigen, die es treiben, auf den Erwerb ausgehen. Die Proklamation vom 2. Februar, welche die Reglerung Portugalls dem General Junot, als dem Stellvertreter des franzoͤſiſchen Reichs, uͤbertrug, ſchien den Vertrag von Fontainebleau gaͤnzlich auf⸗ zuheben, und that dieß auch wirklich, nur mit Aus⸗ nahme derjenigen Artikel, die Napoleon zu ſeinem Vortheil noch gelten zu laffen fuͤr gut fand. An⸗ langend das ſogenannte Fuͤrſtenthum von Algarbien, das dem Godoy verliehen werden ſollte, ſo war da⸗ von gar nicht mehr die Rede; auch befand ſich die⸗ ſer nicht in einer Lage, daß er auf einer ſolchen, 73 in dem Vertrage allerdings begruͤndeten Forde rung haͤtte beſtehen koͤnnen. 2 Waͤhrend die Franzoſen Portugall in Beſitz nah⸗ men, ſiel in der koͤniglichen Familie zu Madrid eine jener ſchaͤndlichen Scenen vor, die dem Falle wan⸗ kender Throne, manchmal vorangehen. Wir haben bereits erwaͤhnt, daß der Prinz von Aſturien mit ſeinem Vater, oder vielmehr mit dem Miniſter ſeines Vaters, unzufrieden war, und, um ſich des Schutzes des franzoͤſiſchen Kaiſers zu verſichern, ſich mit deſſen Familie zu verbinden wuͤnſchte, daß aber der Kaiſer ihm ſein Geſuch vor⸗ derhand nicht gewaͤhren wollte. Indeſſen ſcheint eine betraͤchtliche Partei, an deren Spitze der Herzog von Infantado und der Chorherr Escoiquiz, der vor⸗ malige Erzieher des Prinzen, ſtanden, im Vertrauen auf Ferdinands Popularitaͤt, damit umgegangen zu ſeyn, den alten Koͤnig abzuſetzen und Godoy zu ent⸗ fernen. Das Komplott ward entdeckt, der Prinz verhaftet, und der Koͤnig nahm die Gerechtigkeit Napoleons und die Meinung der Welt mit vielem Laͤrm in Anſpruch. Er behauptete, die Verſchwor⸗ nen haͤtten ihm und ſeinem treuen Miniſter nach dem Leben geſtellt, und wollte dieſes durch zwei Briefe beweiſen, die Ferdinand an ſeine Eltern ge⸗ ſchrieben, und worin er in allgemeinen Ausdruͤcken bekennt, ſeine Pflicht gegen ſeinen Vater und Ober⸗ herrn verletzt zu haben, auch erklaͤrt,„daß er ſeine Rathgeber angegeben habe, Reue ſuͤhle und um Ver⸗ zeihung bitte.“ Die Wahrheit dieſer Sache iſt nicht leicht auszumitteln. Daß eine Verſchwoͤrung beſtanden habe, iſt mehr als wahrſcheinlich; der vor⸗ gehabte Vatermord iſt wahrſcheinlich eine Uebertrei⸗ bung und etwas, das ſich ein ſo ſchwacher Mann, wie Karl der Vierte, von ſeinem Welbe und ihrem Buhlen leicht in den Kopf ſetzen ließ. Wie die Sachen in dieſem zerruͤtteten Hauſe ſtanden, wandten ſich Vater und Sohn an Napo⸗ leon, den erhabenen Freund und Alllirten Spaniens, und den natuͤrlichen Schiedsrichter in den Streitig⸗ keiten der koͤniglichen Familie. Aber Napoleon hatte Abſichten, die er nicht durchſetzen konnte, wenn er der einen Parthel einen entſchiedenen Sieg uͤber die andere gewaͤhrte. Sein Geſandter, Beauharnois, mußte fuͤr den Prinzen von Aſturien eine Fuͤrbitte einlegen. Karl der Vierte und ſein Miniſter wur⸗ den ſehr daruͤber beſtuͤrzt, daß ein ungehorſamer Sohn ſolchen Schutz finde. Sie erlaubten ſich, auf den geheimen Brief des Prinzen von Aſturien au Napoleon anzuſpielen, und aͤußerten die Hofſnung, daß der große Kaiſer nicht gemeint ſeyn werde, Keinen aufruͤhreriſchen Sohn durch die Aufnahme in ſeine kaiſerliche Familie der verdienten Strafe zu entziehen. Die Beruͤhrung dieſer Salte war os, was Buonaparte gewuͤnſcht hatte. Er nahm davon Aulaß, eine ſtolze, abſchreckende und beleidigte Miene 75 gegen den regierenden Koͤnig anzunehmen, der au ſeiner Rechtlichkeit zu zweifeln ſchien, und nicht mit der gehoͤrigen Achtung eine Dame aus dem kaiſer⸗ lichen Hauſe zur Sprache gebracht hatte. Godoy erſchrack uͤber die Deutung, die der all⸗ gewaltige Gebieter uͤber ſein und ſeines Herrn Schick⸗ ſal ihren beiderſeitigen Vorſtellungen gegeben hatte. Jzauierdo, der ſoaniſche Geſandte, erhielt die Wei⸗ ſung, dem Kaiſer zu erklaͤren, daß dem Koͤnig von Spanien eine Familienverbindung mit dem kaiſer⸗ lichen Hauſe hoͤchſt erwuͤnſcht ſeyn wuͤrde. Karl ſchrieb eigenhaͤndig in derſelben Abſicht an den Kai⸗ ſer. Allein Napoleon fand es ſeiner Politik gemaͤß, den Stolzen, Straͤubenden und Beleidigten zu ſpie⸗ len, und, nachdem ſich Vater und Sohn auf ſeine Eutſcheidung berufen hatten, beide in peinlicher Erx⸗ wartung hinzuhalten⸗ Mittlerweile verſchaffte ihm eine neue Aushebung eine ſriſche Armee, und 40,000 Mann wurden zu Bayonne aufgeſtellt, um ſeiner Vermittlung der ſpaniſchen Angelegenheiten Nach⸗ druck zu geben. 576 um dieſe Zeit trug er kein Bedenken, den faͤ⸗ bigſten ſeiner Rathgeber, Talleyrand und Fouché, ſeinen Entſchluß zu eroͤffnen, daß der ſpaniſche Zweig des Hauſes Bourbon zu regieren aufhoͤren ſolle. Dieſer Plan ward von beiden Staatsmaͤnnern, be⸗ ſonders von Talleyrand, ſehr hartnaͤckig bekaͤmpft. Spaͤter hielt es Napoleon fuͤr gerathener, die Schuld 76 des ſpaniſchen Krieges, ſo wie die Hinrichtung des Herzogs von Enghien auf Talleyrand zu waͤlzen. Fouché erzaͤhlt in ſeinen Memolren auf eine ſehr intereſſante Weiſe, was er bei dieſer Gelegenheit dem Kaiſer geſagt habe, und wir ſind ſehr geneigt, ihm hierin vollen Glauben zu ſchenken. Die Gruͤnde fuͤr und gegen dieſe außerordentliche und entſchei⸗ dende Maßregel ſind in dieſen Memotren umſtaͤnd⸗ lich angefuͤhrt.„Ueberlaſſen Sie Portugall⸗ ſeinem Schickſal,“ ſagt Fouchs;„es iſt in der That weiter nichts, als eine engliſche Kolonie. Aber dieſer Koͤ⸗ nig von Spanien hat denn doch nichts gethan, wor⸗ uͤber Sie ſich beſchweren koͤnnten; er hat ſich wie der unterthaͤnigſte ihrer Praͤfecten benommen. Ue⸗ berdies ſehen Sie ſich fuͤr, daß Ste die Spanier nicht falſch beurtheilen. Es glebt jetzt unter ihnen eine franzoͤſiſche Partei, die Sie als einen großen und maͤchtigen Herrſcher, Fuͤrſten und Alliirten ver⸗ ehrt. Aber ſie ſollren bedenken, daß die Spanier nicht das deutſche Phlegma haben. Sie haͤngen an ihren Geſetzen, ihrer Regierung, ihren alten Ge⸗ braͤuchen. Man wuͤrde ſehr irren, wenn man den Nationalcharakter nach demjenigen der hoͤhern Staͤnde beurtheilen wollte; dieſe ſind, wie uͤberall, verdor⸗ ben und gegen ihr Vaterland gleichguͤltig. Noch einmal, huͤten Sie ſich, durch einen ſelchen Schritt aus einem unterwuͤrfigen, nuͤtzlichen und zinsbaren Koͤnigreiche eine zwelte Vendée zu machen.“ 77 Um dieſe prophetiſchen Bemerkungen zu wider⸗ legen, berief ſich Buonaparte auf die Elendigkeit der ſpaniſchen Regierung, auf den Bloͤdſinn des Koͤnigs und die Nichtswuͤrdigkeit ſeines Miniſters; von dem ſpaniſchen Volke meinte er, es wuͤrde, wenn es ſich auch von ſeinen Moͤnchen ſollte auf⸗ hetzen laſſen, auf den erſten Kanonenſchuß zerſtie⸗ beu.„Ich ſpiele ein Spiel, das mir unermeßlichen Gewinn bringen kann— ich werde das Familien⸗ ſyſtem der Bourbons auf meine eigene Dynaſtie aͤbertragen und Spanien fuͤr immer an das Schick⸗ ſal Frankreichs knuͤpfen. Erinnern ſie ſich, daß in dem unermeßlichen Reiche Karls des Funften die Sonne nicht untergeht.“ Fouché aͤußerte noch den Zwelfel, ob nicht Ruß⸗ land durch die beharrliche Widerſetzlicht it Spaniens ermuthigt werden moͤchte, ſeine Verbindungen mit England wieder anzuknuͤpfen, ſo daß alsdann das Reich Napoleons zwiſchen zwei Feuer gebracht wuͤrde. Dieſen Verdacht verlachte Buonaparte als den eines Polizeiminiſters, der zufolge ſcines Amtes an keine Aufrichtigkeit glaube. Der Kaiſer von Rußland, ſagte er, ſey ganz ewonnen, und ihm voͤllig erge⸗ ben. So ließ ſich Napoleon vergebens vor dem Unheil warnen, das uͤber ihn kommen ſollte, und beharrte auf ſeinem Vorhaben. Doch ehe er auf die lockende Beute, die Sya⸗ nien fuͤr ihn war, herabfuhr, machte er in groͤßter — 8 78 Eile einen Abſtecher nach Italien, wozu er mehr als einen Grund hatte. Er wollte fuͤrs Erſte ſeinen Verkehr mit der oͤniglichen Familie von Spanien abbrechen, um nicht ſeine Forderungen beſtimmt aus⸗ ſprechen zu muͤſſen, noch ehe er ſie mit offener Gewalt durchſetzen konnte. Ein anderer Grund war, aus dem Vertrage von Fontainebleau noch den groͤßten Vortheil fuͤr ſich zu ziehen, ehe er denſelben als ein unbedeutendes Papier ganz bei Seite warf; denn dieß ſollt er in Beziehung auf alle diejenigen Punkte ſeyn, die er zum Vortheil Anderer enthielt. Auf dieſen Vertrag ſich berufend, wies er aus Tos⸗ cang, oder Hetrurien, wie man es nannte, die ver⸗ wittwete Koͤnigin dieſes Landes. Sie erfuhr jetzt zum erſten Mal, daß ſie zufolge einer Ueberein⸗ kunft, an der ſie keinen Theil genommen, nicht nur ühre erblichen, onde rn auch diejenigen Beſitzungen, die ihr Napoleon ſelbſt garantirt hatte, verlieren und dafuͤr eine Entſchaͤdigung in Portugall erhalten ſollte. Dies vermehrte noch ihren Kummer.„Sie verlange nicht,“ ſagte ſie,„auf Koſten elnes Drit⸗ ten entſchaͤdigt zu werden, am wenligſten auf Ko⸗ ſien einer Schweſter und Freundin.“ Als ſie nach Spanien kam, und den Koͤnig, ihren Vater, um Abhülfe und Auftlrung bat, mußte ſie erfahren, daß der Vertrag von Fontainebleau nur in ſofern gelte, als ſie vadurch ihrer Laͤnder beraubt werdo; baß bagegen die Beſtimmung deſſelben, ihre Ent⸗ —— . 79 ſchaͤdigung betreffend, null und nichtig ſey. Zu einer andern Zeit, oder in einer andern Geſchichte wuͤrde dieſes Verfahren als ein Akt der aͤrgſten Unterdruͤk⸗ kung und Tyrannei großes Aufſehen gemacht haben. Aber durch die weit wichtigeren Angelegenheiten von Spanien wurden die von Hetrurien in Schatten ge⸗ ſtellt. G Nach ſo vielen im Hintergrunde getroffenen Vor⸗ kehrungen wollte Buonaparte die Eroͤßmung des gro⸗ ßen von ihm entworfenen Schauſpiels nicht laͤnger verſchieben. Er ſchrleb von Itallen aus an den Ko⸗ nig von Spanien, er gebe ſeine Einwilligung zu der in Vorſchlag gebrachten Verheirathung des Prinzen von Aſturien mit einer ſeiner Verwandtinnen; und nachdem er ſolchergeſtalt bis zum lezren Augenblicke alle aͤußern Zeichen der Freundſchaft beobachtet hat⸗ te, gab er der zu Bayonne verſammelten franzoͤſi⸗ ſiſchen Armee den Befehl, auf verſchiedenen Punk⸗ ten in Spanien einzuruͤcken und ſich der ſtarken Fe⸗ ſtungen, durch welche die Grenzen dieſes Koͤnigreichs gedeckt ſind, zu bemaͤchtigen. * Fuͤnftes Kapitel. Pamveluna, Barcelong, Monionie und St. Sebaſtian werden durch eine Liſt von den Feanzoſen geawenmen,— Konig Karl veſchließt, ſich nach Sudamerika zu vegeben.— Autſtand zu 80 Aranjuez aus dieſer Veranlaſſung.— Karl entſagt der Krone zu Gunſten Ferdinands.— Murat zieht in Madrid ein.— Karl wiederruft ſeine Ent ſagung.— General Savary kommt nach Madrid.— Napoleons Schreiben an Murat, die Invaſton von Spanien betreffend.— Men beredet Ferdinand⸗ ſich zu Napoleon zu begeben.— Er macht zu Vittoria Halt, und erfährt zu ſpät, was Napoleon mit ihm vorhabe.— Er findet ſich zu Bayonne bei Napoleon ein— Napoleon ſezt Escoiquiz und Cevalos von ſeinen Abſichten in Kenntniß; dieſe laſſen ſich aber nicht gewin⸗ nen.— Er beſcheidet den König, die Königin und Godoy nach Bayvonne.— rgerliche Scene mit Ferdinand, der dahin ge⸗ bracht wird, der Krone zu Eunſten ſeines Vaters zu entſagen, der dieſelbe den folgenden Tag an Napoleon abtritt.— Dieſe Uebertragung wird mit Widerwillen von Ferdinand beſtätigt, der bierauf mit ſeinen Brüdern in eine glänzende Haft nach Va⸗ lengay gebracht wird.— Joſeph Buonaparte erhält den ſpani⸗ ſchen Thron und kommt nach Bayonne.— Einberufung der ſpa⸗ niſchen Notabeln. Kein Wort ward geſprochen, nicht das mindeſte geſchah, um das Einruͤcken dieſer großen franzoͤſi⸗ ſchen Armee in das freie Gebiet einer befreundeten Macht zu verhindern. Weder der Koͤnig, noch Go⸗ doy, noch irgend jemand wagte es, ſich uͤber die grobe Verletzung des Vertrags von Fontainebleau zu beſchweren, worin zwar die Bildung einer Reſerve⸗ armee zu Bayonne ausgeſprochen, jedoch ausdruͤcklich bedingt war, daß dieſelbe nur mit Bewilligung der ſpanlſchen Regierung die Grenze uberſchreiten duͤrfe. Als Freunde und Alliirte in den Staͤdten aufgenom⸗ men, dachten die Ueberzieher vor Allem daran, zum Theil mit Liſt, zum Theil mit Gewalt, ſich der Fe⸗ ſtung en — —* 4 81 ſtungen und Zitadellen zu bemaͤchtigen, die der Schluf ſel Spaniens auf der franzoͤſiſchen Grenze waren. De Details hievon ſind merkwuͤrdig. 32 Pampeluna beluſtigten ſich franzoͤſiſche Sott daten dem Scheine nach damit, daß ſie ſich auf dem Vorplatze der Zitadelle einander mit Schneeballen bewarfen, und trieben dieſen Kurzweil ſo lange, bis ſte Getegenheit fanden, auf die Zugbrucke zu kommen, 6 ſich des Thors zu bemaͤchtigen und eine hiezu in Bereitſchaft gehaltene Abtheilung ihrer Kameraden einzulaſſen— und damit war die Zitadelle genommen. 4 Duhesme, der die nach Bartelona entſandten franzoſtſchen Truppen hefehligte, hatte von dem ſpa⸗ niſchen Gouverneur ds Erlaubniß erhalten die W g⸗ chen von ſeinen Solbaten in Gemeinſch aft mit den ſpaniſchen beziehen zu kaffen. Er ſprengte dann aus, ſeine Truppen haͤtten⸗ Befehl erhalten, wieder abzu⸗ marſchiren, und nahm davon Anlaß, dieſelben vor der Zitadelle aufzuſtellen. Unter dem Vorwande, dieſelben zu muſtern, ritt ein franzoͤſiſcher General. zu ihnen hin und von da an das Thor der Zitadelle, als wolle er mit dem franzöſiſchen Theil der Wach⸗ mannſchaft ſprechen. Eine Abtheilung italieniſcher leichter Infanterie folgte dicht hinter ihm und ſeiner Begleitung-— und ſiehel da, die Zitadelle vons Bar⸗ cellona war in den Haͤnden der Franzoſen. Mont⸗ jonit, elne andere Zitadelle, hatte daſſelbe Schickſal. St. Sebaſtian wurde von einem Korps Franzo⸗ ſen, die man als Kranke in das Hoſpital aufgenom⸗ men hatte, uͤberwaͤltigt. Sonach war die erſte Frucht der franzoͤſiſchen In⸗ vaſion die unbeſtrittene Beſetzung dieſer vier Feſtun⸗ 4. gen, von denen jede lein ganzes Heer Jahre lang unter ihren Waͤllen haͤtte aufhalten koͤnnen. 3 Niichts kommt der Beſtuͤrzung der ſpaniſchen Na⸗ tion gleich, als ſie ihre Grenzen uͤberſchritten und vier der unuͤberwindlichſten Feſtungen der Welt ſo leicht erobern und gewonnen ſahb. Entruͤſtung und Gram malten ſich auf allen Geſichtern; und haͤtte Karl und ſein Sohn guch noch in dieſer ſpaͤten Stunde das Volk zu den Waffen gerufen, es wuͤrde ſich nicht ſaͤumig gezeigt haben. Allein Godoy, der der gan⸗ zen Nation verhaßt war und vorgusſah, daß er das Opfer einer allgemelnen vatriotiſchen Erhebung wer⸗ den wuͤrde, getraute ſich nur ſolche Rettungsmittel in Vorſchlag zu bringen, die zunaͤchſt ihm zu gut kommen mußten. Er hatte jezt auf einmal Napo⸗ leons Abſichten auf Spanien erkannt und ſah fuͤr die koͤnigliche Familie kein anderes Heil, gls die Befolgung des in Portugal gegebenen Beiſpiels; er meinte, ſie ſollte, wie das Haus Braganza aus Ver⸗ anlaſfung der ſpaniſchen Invaſion auch gethan, in ihre ſuͤdamerikaniſchen Beſitzungen fliehen.— Was aber der von einer uͤberlegenen Macht be⸗ draͤngte Prinz von Braſilien in ſeiner Lage wohl thun konnte, und als ein großherziger Entſchluß, perſön⸗ — licher Gefangenſchaft zu entgehen, geprieſen werden muß, waͤre von Seiten des Koͤnigs von Spanien Verzagtheit und die Verlaſſung eines Poſtens gewe⸗ ſen, zu deſſen Behaup ung es ihm noch nicht au Mitteln fehlte. Demungeachtet ward auf Godoy's Rath die Flucht nach Amerika beſchloſſen; es wur den eiligſt Truppen in Madrid zuſammengezogen, um die koͤnigliche Familie nach Cadir, wo ſie ſich einſchiffen wollte, ſicher zu geleiten. Die Verlegenheit und der Schrecken des Koͤnigs wurde abſichtlich durch ein n Brief von Na⸗ poleon geſteigert, worin dieſer ſeinen Unwillen uͤber die Kaͤlte bezeigt, mit welcher Karl die vorgeſchla⸗ gene Verbindung mit ſeinem Hauſe behandelt habe. Der eingeſchuͤchterte Koͤnig erwiederte, daß er nichts ſehnlicher wuͤnſche, als die gleichbaldige Vellziehung der Heirath, betrieb aber zu gleicher Zei ſo viel wie moͤglich die Anſtalten zu ſeiner Abreiſe. Dies war wahrſcheinlich gerade das, was Napolevn wollte. Ging der Koͤnig wirklich nach Amer ika, ſo konnte man ſich ſeines Namens bedienen, um die Partei des Prin⸗ zen von Aſturien im Zaum zu halten; und die Hoff⸗ nung, Einfluß auf die Laͤnder zu erhalten, welche die Geburtsſtaͤtte der edlen Metalle ſind, wurde noch vermehrt, wenn ſie unter die unmittelbare Herrſchaft des ſchwachen Koͤnigs und des ſchaͤndlichen Godoy kamen. 3 Indeſſen wurde der Entſchluß des Koͤnigs, ſich von Araujuez nach Cadir, und von da nach Neuſpa⸗ nien zu begeben, unter allen Volksklaſſen ruchbar. Der Rath von Caſtilien machte Vorſtellungen und der Prinz von Aſturien that mit ſeinem Bruder die ſtärkſt e Einſprache. Das gemeine Volk, die Anſich⸗ ten des Kronprinzen und des Rathes thetlend, fah in der Abreiſe des Koͤnigs das Werk des verhaßten Godoy, und drohte dieſelbe mit Gewalt zu verhin⸗ dern. Der ungluͤckliche, ganz außer Faſſung gebr rachte Monarch aͤnderte ſein Vorhaben, oder wenigſtens ſeine Sprache, mit jedem neuen Nath und auf je⸗ den neuen Laͤrm. Am 17ten Mai waren die Mauern des Palaſtes mit einer koͤniglichen Proklamation bedeckt, worin Seiue Majeſtaͤt den Entſchluß verkuͤndete, ſich nicht von den Unterthanen zu trennen, und ihr Schickſal zu theilen. Große Volkshaufen verſammelten ſich nun freudig unter dem Balcon, auf welchem die koͤ⸗ nigliche Familie erſchlen, um den Dank des Volkes fuͤr den Entſchluß, bei ihm zu bleiben, zu empfan⸗ gen. Allein noch an demſelben Abend ſchienen die Bewegungen unter den Garden und das Gedraͤnge voͤn Kutſchen und Nuͤſtwagen eine gleichbaldige Ab⸗ reiſe anzudeuten. Waͤhrend nun die Gemuͤther der Zuſchauer durch ſolche Anzeichen, die mit der koͤnig⸗ lichen Proklamation ſo ſehr im Widerſpruch ſtanden, in die heftigſte Bewegung geriethen, entſtand zufaͤl⸗ ligerwelſe ein Streit zniſchen einem koͤniglichen Leib⸗ „ „ 85 garden und einem der Umſtehenden, wobei jener ein Piſtol abfeuerte. Waͤre dieſer Schuß in ein Pulver⸗ magazin gefallen, er häͤtte uicht ſchneller gezuͤndet, als er die Gefuͤhle des Volkes zum Ausbruch gebracht hat. Die wenigen Leibwaͤchter, die ſtandhaft blieben, konnten der raſenden Menge keinen Einhalt thun. Man ließ nun ein Regiment unter dem Befehl von Godoy's Bruder anruͤcken; aber die Soldaten mach⸗ ten ihren Anfuͤhrer zum Gefangenen und ſchlugen ſich zu der Menge. Es entſtand ein großer Tumult; uͤberall hörte man den Ruf:„Nieder mit Godoy!“ und man ſagt, es haͤtten ſogar einige Stimmen die Abdankung oder Entſetzung des Koͤnigs verlangt. Bo⸗ doy's Haus wurde in dieſer Nacht gepluͤndert, und an allen denen, die man fuͤr ſeine Freunde oder Rath⸗ geber hielt, jede Gewaltthaͤtigkeit veruͤbt. Gegen Morgen legte ſich der Tumult, auf die Nachricht, daß der Koͤnig ſeinen Miniſter entlaſſen habe. Aber der Poͤbel fuhr fort, auf ihn zu fahn⸗ den, und entdeckte ihn auch endlich. Er wurde ge⸗ pruͤgelt und verwundet, und nur mit Muͤhe konnte Ferdinand ihn von einem gleichbaldigen Tode dadurch retten, daß er ihn den Haͤnden der Gerechtigkeit zu uͤberliefern verſprach. Das Volk war nun zuſrieden mit dem, was es erlangt, als noch, um ſeine Freude vollſtaͤndig zu machen, der alte, ſchwache und unpo⸗ pulaͤre Koͤnig am 2eſten Maͤrz ſeine Krone an Fer⸗ dinand, den Liebling ſeiner Unterthauen, abtrat, und 85 den ungezwungenen Wunſch ausdruͤckte, ſich vom Sitze der Regierung zu entfernen und ſein Leben in Friede und Ruhe in einer entfernten Provinz zu beſchließen. Dieſer Entſchluß war ohne Zweifel durch den Auf⸗ ſtand zu Aranjuez beſchleunigt worden; auch iſt die Stellung eines Sohnes, der nach dem herabfallenden Diadem ſeines Vaters greift, eben nicht ſchoͤn und edel. Allein es iſt doch ſehr wahrſcheinlich, daß der Koͤnig dieſe Abdankung ſchon lange im Sinne hatte, und daß er dieſelbe nur auf die Bitte der Koͤnigin und Godoys verſchoben hat, die in der fortdauernden Regierung des alten Mannes das einzige Mittel ſa⸗ hen, ſich im Beſitze der Macht zu behaupten. Die Abdankung wurde von dem Koͤnig felbſt durch einen eigenhaͤndigen Brief dem Kaiſer Napoleon angezeigt. Waͤhrend die Mitglieder der koͤniglichen Familie ſolchergeſtalt entzweit waren, kam die franzoͤſiſche Armee unter den Befehlen von Joachim Murat, dem Schwager von Buonaparte, Madrid immer naͤher. Am Tage des Aufſtandes von Aranjuez war Murat in Aranda de Duero, und ſein beſchleunigter Anmarſch forderte entſcheidende Maßregeln von Seite der Re⸗ gierung. Ferdinand hatte diejenigen Staatsmaͤnner, welche die oͤffentliche Stimme als die waͤrmſten Pa⸗ trioten, oder, was eben ſo viel ſagen wollte, als die ent⸗ ſchiedenſten Gegner Godoy'’s bezeichnete, zur Staats⸗ verwaltung berufen. Wie vortheilhaft man auch von dem Muthe dieſer Maͤnner denken mag, ſo war es —— 82 doch ſchon zu ſpaͤt, dieſem eingedrungenen Kriegsmann zu bedeuten, er ſolle Halt machen; er war ein Gaſt, der nur zu gut gewußt haben wuͤrde, den Mangel an freundlicher Aufnahme mit Gewalt zu erſetzen. Aber dieſem bedenklichen Beſuch ſollte, wie man er⸗ fuhr, alsbald ein weit furchtbarerer folgen. Napo⸗ leon, der aus Italien nach Paris zuruͤckgeeilt war, hatte bereits den Weg nach Bayonne eingeſchlagen, in der Abſicht, nach Madrid zu gehen, um die ſpa⸗ niſchen Angelegenheiten ſelbſt ins Reine zu bringen. Das Kommen des Kaiſers von Frankreich wurde fuͤr den jungen Koͤnig und ſeine neu eingeſetzte Re⸗ gierung noch bedeutungsvoller durch den Umſtand, daß Beauharnois, der franzoͤſiſche Gefandte, die Koͤ⸗ uigswuͤrde Ferdinands nicht anerkannte, ſondern ein geheimnißvolles und omindſes Schweigen beobachtete, waͤhrend die Vertreter der andern fremden Maͤchte dem neuen Souverain ihre Gluͤckwuͤnſche darbrachten. Zunaͤchſt erſchien Murat in allem Kriegspompe; er brachte 10,000 Mann nach Madrid, wo ſie mit aller Gaſtfreundſchaft empfangen wurden; mehr als drei⸗ mal ſo viel verlegte er in die naͤchſte umgegend. Auch dieſer Befehlshaber zeigte eine zweifelhafte und duͤſtere Miene, und waͤhrend er gegen Ferdinand Freundſchaft und den beſten Willen blicken ließ, ver⸗ mied er es doch ſorgfaͤltig, eine Koͤnigswuͤrde anzu⸗ erkennen. Man wies ihm den Palaſt von Godoy zur Wohnung gn, wo man ihn auf das glaͤnzendſte bediente und allen ſeinen Wuͤnſchen zuvorkam. Wie ſehr man ſich aber auch Muͤhe gab, ihn zu gewin⸗ nen, ſo begnuͤgte er ſich, auf Napoleons Entſchluß hinzuweiſen, mit dem Rathe, daß Ferdinand den⸗ ſelben abwarten und ſich danach richten moͤge. In der eiteln, durch franzoͤſiſche Einfluͤſterungen verau⸗ laßten Hoffnung, daß ein Kompliment entweder den Sultan oder den Satrapen beſaͤnftigen koͤnnte, wurde das Schwert von Franz dem Erſten, das man zum Andenken an ſeine Gefangennehmung in der Schlacht von Papia aufbewahrt hatte, mit großer Feierlichkeit in einem reichen Behaͤltniß Murat uͤberreicht, mit der Bitte, ſolches dem Kaiſer von Frankrelch zuzu⸗ ſtellen. Die Hoffuung, durch einen folchen Act der Schmeichelei Napoleons ſtrenge Entſchluͤſſe zu mil⸗ dern, war gewiſſermaſſen die Handlung eines Men⸗ ſchen, der ein rothgluͤhendes Eiſen mit einem Tro⸗ pfen wohlriechender Eſſenz loͤſchen zu koͤnnen waͤhnt. Aber obgleich Murat und Beauharnois ſich ſehr huͤteten, irgend etwas zu ſagen, was ihren Herrn compromittiren koͤnnte, ſo unterſtuͤzten ſie ihn doch ſehr willig mit ihrem ſogenannten freundſchaftlichen Nathe. Beide riehten ihm, Napoleon bei ſeiner Ankunft in Spanien durch ſeinen Bruder, den In⸗ fauten Don Carlos, begruͤßen zu laſſen, und durch die ieſe Ehrfurchtsbezeigung ſich denſelben geneigt zu machen. Ferdinand willigte ein, weil er es nicht abzulehnen wagte. Als man ihm aber vorſchlug, 89 ꝛer moͤge ſeine Hauptſtadt verlaſſen, und dem Kaiſer im noͤrdlichen Spanien, das bereits von franzoͤſt⸗ ſchen Truppen ganz beſetzt war, entgegen kommen, wollte er nicht darauf eingehen, und erklaͤrte auf den Rath von Cavallos, eines ſeiner kluͤgſten Rath⸗ geber, noch abwarten zu wollen, bis er die gewiſfe Nachricht erhalten haben werde, daß Napoleon wirk⸗ lich uͤber die Grenze gegangen ſey. Dem franzoͤſi⸗ ſchen Kalſer auf ſpanlſchem Boden entgegenzugehen, konnte als Hoͤflichkeit gelten, denſelben in Frank⸗ keich aufzuſuchen, waͤre niedertraͤchtig und unklug. Indeſſen eroͤffnete Murat, unter dem Vor⸗ wandte, alle in dem Familienzwiſte Betheiligten zu hoͤren, ohne Wiſſen Ferdinands eine Korreſpondenz mit deſſen Vater und Mutter. Die Koͤnigin, fuͤr ihren Buhlen eben ſo eingenommen, als von un⸗ natuͤrlichem Haſſe gegen ihren Sohn, den Feind Godoy's, entbrannt, athmere nichts als Rache ge⸗ gen Ferdinand und ſeine Raͤthgeber; und zugleich verſicherte der Koͤnig, ſeine Abdankung ſey nicht aus freiem Willen geſchehen, er ſey durch den Auf⸗ ſtand von Aranjuez und deſſen Folgen dazu gezwun⸗ gen worden. So verſchaffte ſich Buonaparte durch ſeine Agenten Dokumente, mittelſt welcher, wenn Ferdinand ſich nicht ſollte fuͤgen wollen, er deſſen Anſpruͤche beſeitigen und mit ſeinem Vater, der noch immer der rechtmaͤßige Koͤnkg von Spanien war, Unterhandlungen anknuͤpfen konnte. Bald erſchien ein neuer Schauſpieler auf dieſer beweg: en Buͤhne. Es war Sapary, welchem Buo⸗ nayarte oft die kitzlichſten Unterhandlungen auftrug. Er kam, wie man ſagte, um uͤber den Aufſtand von Aranjuez und die Abdankung des alten Koͤnigs ge⸗ naue Erkundigungen einzuziehen. Er ſtellte ſich, als glaube er, die Aufſchluͤſſe, welche Ferdinand dar⸗ uͤher gab, w wuͤrden ſeinem Herrn eben ſo genuͤgend erſcheinen, als ihm ſelbſtz und nachdem er dadurch, daß er die Sache und das Betragen des jungen Koͤnigs in allen Stuͤcken guthieß, deſſen Vertrauen gewonnen hatte, nahm er die Sprache eines freund⸗ ſchaftlichen Rathgebers an, um, durch alle moͤglichen Gruͤnde Ferdinand zu dem Entſchluſſe zu bringen, dem Kaiſer auf ſeinem Wege nach Madrid entge⸗ genzugehen; und dieſer junge Fuͤrſt ſah in ſeiner Bedraͤngniß kein anderes Mittel, als in das Ver⸗ langte zu willigen. Ein fremdes Heer von 40,000 Mann ſtand in und um Madrid. Murat s Verhin⸗ dungen mit Frankreich waren durch ein anderes Heer von 30,000 Mann geſichert, waͤhrend, mit Ausſchluß jener ſpaniſchen Truppen, die ſich als franzoͤſiſche Huͤlfstruppen in weit entfernte Laͤnder befanden, die uͤbrigen Nationaltruppen, in dem ganzen Koͤnig⸗ reiche zerſtreut und hie und da von den Franzoſen beobachtet und im Zaum gehalten, vielleicht nicht uͤber 30,000 Mann betrugen. Wenn alſo Ferdinand in Madrid blieb, ſo war er dort eben ſo ſehr in der —— 91 Gewalt der Franzoſen, als wenn er den Weg nach dem Norden einſchlug und Napvleon entgegen ging; aber ſeine Hauptſtadt zu verlaſſen und in einer ent⸗ fernten Provinz den Schild gegen Frankreich zu er⸗ heben, ſchien ein von der Verzweiflung eingegebener Gedanke zu ſeyn. 3 Murat, durch ſeinen perſoͤnlichen Ehrgeiz bei der voͤlligen Unterwerfung Spaniens betheiligt, ſchien kein Hinderniß mehr zu ſehen, ſobald einmal der militaͤriſche Widerſtand beſeitigt war. Aber Napv⸗ leons Scharfſinn ſah viel tiefer; aus einem Briefe⸗ den er am 29. Maͤrz an Murat ſchrieb, laͤßt ſich ſchließen, daß er ſich verſucht fuͤhlte, eine Pauſe zu machen und noch einmal zu uͤberlegen, welche Fol⸗ gen die Ausſuͤhrung ſeines Planes haben koͤnnte. Die Abdankung Karls des Vierten hatte, wie er bemerkte, die ſpaniſchen Angelegenheiten ſehr ver⸗ wickelt und ihn ſelbſt in große Verlegenheit geſetzt. „Glauben Sie nicht,“ fuhr er fort,„daß Sie es mit einer entwaffneten Nation zu thun haben und nur ihre Truppen zeigen duͤrfen, um Spanien zu unterwerfen. Die Revolution vom 20. Maͤrz, wo Karl dem Throne entſagte, beweist, daß das ſpa⸗ niſche Volk noch Energie hat. Sie haben ein neues Volk vor ſich, das ganz jenen Enthuſiasmus zeigen wird, den man bei allen denen findet, deren poli⸗ tiſcher Sinn noch nicht durch Ueberreitzung abge⸗ ſtumpft iſt. Der Adel und die Geiſtlichkeit ſind die Herren von Spanien. Fuͤrchten ſie einmal fuͤr ihre privilegien und ihre politiſche Eriſtenz, ſo werden ſie Maſſen gegen uns aufbieten und der Krieg wird kein Ende nehmen. Ich habe dermalen An⸗ haͤnger; erſcheine ich aber als Eroberer, ſo wird mir keiner bleiben. Der Friedensfuͤrſt wird verab⸗ ſcheut, weil man glaubt, er habe Spanien an Frank⸗ reich verrathen. Dem Prinzen von Aſturien fehlen zwar alle Eigenſchaften eines Herrſchers, demunge⸗ achtet wird man einen Helden aus ihm machen, ſo⸗ bald er gegen uns in die Schranken tritt. Man ſoll gegen die Perſonen der koͤniglichen Familie durch⸗ aus keine Gewalt brauchen— wir muͤſſen uns nicht unnoͤthigerweiſe verhaßt machen.“ In dieſem merkwuͤrdigen Schreiben kommt Na⸗ poleon noch einmal auf die Gefahren eines Volks⸗ kriegs in Spanien, und auf diejenigen zuruͤck, die aus der Einmiſchung der Englaͤnder entſtehen koͤnn⸗ ten; er uͤberlegt dann weiter, was er zufolge ſeiner Politi zu thun habe.„Soll ich nach Madrid gehen und dort als oberſter Schutzherr des ſpaniſchen Rei⸗ ches auftreten, indem ich zwiſchen Vater und Sohn den Schiedsrichter mache? Wollte ich Karl und ſeine Miniſter wieder einſetzen, ſo iſt zu bedenken, daß ſie ſich nicht drei Monate behaupten koͤnnten, ſo unbeliebt ſind ſie. Auf der andern Seite iſt Ferdi⸗ nand der Feind Frankreichs; ihn auf den Thron ſe⸗ zen, hieße denjenigen Parteien ihren Willen thun, — — 93 die den franzoͤſiſchen Einfluß ſchon laͤngſt vernichten zu ſehen wuͤnſchen. Eine Familienverbindung waͤre nur ein ſchwaches Band.“ „Ich billige es nicht, daß Euer Hoheit ſich ſo etlig in den Beſitz der Hauptſtadt geſetzt haben. Sie haͤtten die Armee noch zehn Meilen von Ma⸗ drid entfernt halten ſollen. Sie konnten nicht wiſ⸗ ſen, ob das Volk und die oͤffentlichen Behoͤrden den jungen Koͤnig anerkennen wuͤrden. Ihre Ankunft hat ihm treffliche Dienſte geleiſtet, indem ſie die Spanier aufgeſchreckt hat. Savary hat Befehl, ſich mit dem alten Koͤnig in Verbindung zu ſetzen; er wird Sie wiſſen laſſen, was vorgeht. Indeſſen wer⸗ den Sie ſich benehmen, wie folgt:— „Sie werden mich nicht in den Fall ſetzen, mich mit Ferdinand innerhalb Spanien beſprechen zu muͤſſen, es ſey dann, dahß mir zufolge der Lage der Dinge nichts ubrig bleibt, als ſeine Regierung anzuerkennen. Sie werden den alten Koͤnig, die Koͤnigin und Godoy mit der groͤßten Hoͤllichkeit be⸗ handeln und darauf ſehen, daß ihnen dieſelben Ehren erwieſen werden, wie zuvor. Sie muͤſſen es ſo einrichten, daß die Spanter meine Abſicht nicht Murat, ſein Intereſſe ausſchließlich ſeiner eigenen Sorge anzuvertrauen; er gibt ihm den Wink, Por⸗ tugall werde in ſeiner Verfuͤgung bleiben, und em⸗ pfiehlt die Handhabung der ſtrengſten Mannszucht unter den franzoͤſiſchen Soldaten. Zulezt macht er es ihm zur Pflicht, jede Erklaͤrung mit den ſpani⸗ ſchen Generalen zu vermeiden und ſich aller Ein⸗ miſchung in ihr Marſchweſen zu enthalten.„Es darf,“ ſagt er an einer andern Stelle,„keine Lunte verbrannt werden;“ und in einer andern ſagt er faſt prophetiſch:—„Bricht der Krieg einm al aus, ſo iſt Alles verloren.“ 99. Dieſes Schreiben iſt um ſo intereſſanter, als darans erhellt, daß von allen Umſtaͤnden des ſpant⸗ ſchen Aufſtandes keiner dem Scharfblicke Napoleons entging, obgleich er durch ſeinen Ehrgeiz gerade auf dzeſelben Gefahren hingetrieben wunde, die er in ſeiner politiſchen Weisheit vorausgeſehen und auf das genaueſte bezeichnet hatte. Der unermeßliche Zweck, Spanien ſeinem Relche einzuverleiben, ſchien werth, erſtrebt zu werden, ſelbſt auf die Gefahr hin, das kraͤftige ſpaniſche Volk unter die Waffen zurrufen und einen Nationalk rieg zu wecken, der, wie er ſelbſt vorausſah, von Anakſehlicher Daner ſeyn konnte. Um indeſſen die Intriken Murat' zu unter⸗ ſtuͤtzen, ward zu gleicher Zeit eine untergeordnete Intrike betrieben, durch welche die wahren Abſichten 95 Napoleons verhuͤllt und die Raͤthe Ferdinands uͤber⸗ zeugt werden ſollten, daß der Kaiſer, weit entfernt, die Oberherrſchaft uͤber Spanien erſtreben und deſ⸗ ſen Unabhaͤngigkeit vernichten zu wollen, ſich mit einigen maͤßigen Vortheilen begnuͤgen wuͤrde. In dieſer Abſicht hatte Duroc dem ſpaniſchen Gefand⸗ ten Jzquierdo gewiſſe Bedingungen mitgetheilt, von denen die Naͤthe Ferdinands Keuntniß erhielten. Aus dieſen Bedingungen ließ ſich ſchließen, daß Na⸗ poleon von Spanien weiter nichts verlange, als das Koͤnigreich Navarra und einen Theil ſeiner noͤrdlichen Grenze zum Erſatz fuͤr Portugall, das, wie Jzqui⸗ erdo in Erfahrung gebracht hatte, Napolevn an Spanien zu uͤberlaſſen nicht abgeneigt feyn ſollte! Wie viel ſich auch gegen einen ſolchen Tauſch ein⸗ wenden ließ, ſo erſchien er doch immer noch als ge⸗ ringes Loͤſegeld, wenn man die bedraͤngte Lage Spa⸗ niens und die Macht desjenigen, der das wehrloſe Koͤnigreich mit ſtarken Armen umfaßt hatae in Er⸗ waͤgung zog. Von Hoffnung und Furcht bewegt, im Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Huͤlfloſigkeit von Napoleon uͤberwaͤltigt, nahm Ferdinand ſeinen Entſchluß, und kuͤndigte ſei⸗ nem Staatsrathe an, er habe ſich vorgenommen, nach Burgos zu gehen, um mit ſeinem aufrichtigen Keunde und maͤchtigen Bundesgenoſſen, dem Kai⸗ ſer, zuſammenzutreffen. Seine Abweſenheit, ſagte ern werde nur wenige Tage dauern, und auf dieſe * 95 Zeit hin ernenne er ſeinen Oheim, Don Antonio, zum Praͤſidenten des hohen Reichsrathes. Vor ſei⸗ ner Abreiſe machte Ferdinand noch den Verſuch, in freundlichere Verbindung mit ſeinem Vater zu tre⸗ ten, erhielt aber zur Antwort, der Koͤnig ſehne ſich nach Ruhe und wolle nicht geſtoͤrt werden. Am 11. April, an einem boͤſen Tage und zu ei⸗ ner ſchlimmen Stunde, wie die ſpaniſchen Roman⸗ zendichter ſagen, trat Ferdinand ſeine Reiſe an, begleitet von Savary, der ſich um dieſe Ehre eifrig beworben und verſichert hatte, man wuͤrde Buong⸗ parte zu Burgos treffen. Allein zu Burgos wußte man noch nichts von dem franzoͤſiſchen Kaiſer, und erſt zu Vittoria erfuhr Ferdinand, er ſey erſt vor kurzem nach Bordeaur gekommen, und jezt auf dem Wege nach Bayonne. Er machte deßwegen zu Vittoria halt, wo Savary ihn verließ und nach Frankreich abging, um ſeinem Herrn zu melden, was er bis dahin ausgerichhet habe. Indem er ſich eben ſo wenig getranten weitoſe zu gehen, als umzukehren, und ſich doch nicht ver⸗ bergen konnte, daß er ſich in einer etwas laͤcherlichen Lage befinde, erfuhr Ferdinand von Don Mariauon nrauiio zu Vittoria Dinge, die ihm die unange⸗ nehmen Augenblicke, die er dort zubrachte, nicht verſuͤßen konnten. Dieſer, durch nicht gemeine Ta⸗ lente ausgezeichnete ſpaniſche Edelmann hatte die Abſichten Napoleons durchſchaut, und war Hetoines 97 men, um den jungen Koͤnig und ſeine Rathgeber zu benachrichtigen, daß Napoleon damit umgehe, ſich der koͤniglichen Perſon zu verſichern, die Dynaſtie der Bourbons abzuſetzen, und ein Mitglied ſeiner Familie zu ihrem Nachfolger zu ernennen. Ein anderer Spanier, Don Joſeph Hervas, Schwager des Generals Duroc und Savary's ver⸗ trauter Freund, hatte uͤber das Komplott ſolchen Verdacht geſchoͤpft, daß Urquijo's Ausſage dadurch beſtaͤtigt wurde. Der erſtaunte Monarch und ſeine beſtuͤrzten Rathgeber konnten ſich nur auf die Un⸗ wahrſcheinlichkeit berufen, daß ein Held wie Nape⸗ leon auf ſolchen Verrath ſinnen koͤnne.„Menſchen von außerordentlichen Talenten,“ entgegnete Ur⸗ quijo,„begehen große Verbrechen, um große Zwecke zu erreichen, und werden darum nicht weniger Hel⸗ den genannt.“ Er erbot ſich, als Geſandter Fer⸗ dinands nach Bayonne zu gehen, und rieth ihm, auch jezt noch auf ſeine Flucht zu denken, und ſich nach irgend einem Punkte ſeines Gebiets zu bege⸗ ben, wo er, wenigſtens frei, wenn auch nicht maͤch⸗ tig, auf gleichere Bedingungen mit Napoleon unter⸗ handeln koͤnnte. 8 Ferdinand meinte, es ſey ſchon zu ſpaͤt, dieſem wei⸗ ſen Rathe zu folgen; und anſtatt ſeine Rettung durch die Flucht zu verſuchen, ſchrieb er an Napoleon um ſich auf alles, was er als treuer Freund und Alllir⸗ ter fuͤr Frankreich gethan, zu berufen und ſich dem W. Scott's Werke. LI. 7 98 Kaiſer geneigt zu machen. Die Antwort erfolgte ſogleich und enthielt ſehr beruhigende und ominoͤſe Dinge. Der Kaiſer behandelte darin Ferdinand als Prinzen von Aſturien, nicht als Koͤnig von Spa⸗ nien— tadelte ſeinen lezten Schritt, ohne Wiſſen ſeines Vaters an ihn zu ſchreiben, und verwies ihm, gleichſam aus Achtung fuͤr die Rechte der Sou⸗ verginitaͤt, ſich des Arms des Volkes bedient zu ha⸗ ben, um ſeines Vaters Thron zu erſchuͤttern. Er bemerkte, er habe den Friedensfuͤrſten unter ſeinen Schutz genommen, und gab zu verſtehen, er ſolle die Thorheiten ſeiner Mutter nicht aufdecken— er erlaubte ſich ſogar die hoͤchſt beleidigende Bemer⸗ kung, daß, wenn Ferdinand die Vergehungen ſeiner Mutter bekannt machte, er dabei Gefahr laufe, die Rechtmaͤßigkeit ſeiner eigenen Anſpruͤche in Zweifel zu ſtellen. Indeſſen verſicherte er den Prinzen ſei⸗ ner fortdauernden Freundſchaft, und bezeigte ſein Verlangen, ſich mit ihm uͤber die Revolution von Aranjuez muͤndlich zu beſprechen; er ſchloß mit der Erklaͤrung, daß, wenn es mit der freiwilligen Ab⸗ dankung Karls ſeine Richtigkeit habe, er nicht laͤn⸗ ger anſtehen wuͤrde, Ferdinanden als Koͤnig anzuer⸗ kennen. Cevallos, ſchon oben als einer von Ferdinands weiſeſten mocht, auf den Empfang eines ſo bedenklichen Sre, on. Virkorig zuruͤczu ehren. Selbſt d. Einmoh⸗ Rätben srwähnt, haͤtte ihn gerne dazu ver⸗ ſelden auf dem ſpaniſchen Throne zu bela 99 ner widerſezten ſich dleſer unbefonnenen Relfe, und gingen ſogar ſo welt, daß ſie die Zugſtraͤnge ſeiner Maulthiere abſchnitten. Ferdinand ließ ſich jedoch. nicht abhalten; er betrat den franzoͤſiſchen Boden und kam nach Bayonne, wo er ganz in die Gewalt des franzoͤſiſchen Selbſcherrſchers gerieth, was, wie Napoleon an Murat geſchrieben hatte, auf keinem Fleck des ſpaniſchen Gebiets moͤglich geweſen waͤre. Ferdinand war jetzt auf jeden Fall eine Geißel, wenn nicht ein Gefangener. Buonaparte empfing den beſorgten Prinzen mit ſchmeichelhafter Auszeichnung, lud ihn zu Tiſche und erwies ihm alle die Ehre, die ſich regierende Herren gegenſeitig erweiſen, wenn ſie zuſammentreffen. Aber noch an demſelben Abend ließ er dem Prinzen durch Savary, der ihn zu der Reiſe nach Bayonne verleitet hatte, wiſſen, daß die Dpnaſtie der Bourbons nicht laͤnger mehr in Spanien regleren wuͤrde, und daß der Prinz ſich entſchließen muͤſſe, alle ſeine Rechte auf die Stagten ſeiner Vorfahren an Napoleon ab⸗, zutreten. Buonaparte erklaͤrte ſich ausfuͤhrlicher gegen den Chorherru Escoiquiz, in der Hoffnung, durch deffen Vermittlung Ferdinand mit dem Loſe auszuſoͤhnen, das er ihm unwiderruflich zugedacht hatte. Von den Beurbons ſagte er, ſie ſeyen ſeine und ſeines Hau⸗ ſes Todfeinde; ſeine Politik erlaube ihm nicht, vie⸗ 100 ſeyen außer Stand, gut zu regieren; und ihm liege Alles daran, daß Spanien fortan gut regiert, daß ſeinen Beſchwerden abgeholfen und die Allianz zwi⸗ ſchen ihm und Frankreich auf einer feſten Grund⸗ lage wieder hergeſtellt werde.„Der Koͤnig Karl“ ſagte er,„iſt bereit zu einer ſolchen Revolution dadurch mitzuwirken, daß er ſeine Rechte an mich abtritt. Moͤge Ferdinand dem weiſen Beiſpiele ſei⸗ nes Vaters folgen, ich will ihm dafuͤr die Krone von Hetrurlen und meine Nichte zur Gemahlin ge⸗ ben. Will er nicht, ſo unterhandle ich mit Koͤnig Karl allein, und alles, was Ferdinand erwarten kann, iſt, daß ich ihm erlaube, nach Spanien zuruͤck⸗ zukehren, wenn es zwiſchen uns zu Feindſeligkeiten kommen ſollte.“ 3 Escoiqutz rechtfertigte den Aufſtand von Arau⸗ juez und verfocht mit vieler Waͤrme die Sache ſei⸗ nes ehemaligen Zoͤglings. Wenn er Ferdinand in Schutz nehme, ſagte er, koͤnne Napoleon die Ach⸗ tung und die Zuneigung der Spanier gewinnen; aber durch den Verluch, die Nation unter ein frem⸗ des Joch zu beugen, wuͤrde er ſich dieſelbe auf im⸗ mer zum Feinde machen. Buonaparte wollte das Gewicht dieſer Gruͤnde nicht zugeben. Der Adel und die hoͤhern Klaſſen, ſagte er, werden ſich, um ihr Eigenthum zu ſichern, unterwerfen; einige ſtrenge Beſtrafungen werden das gemeine Volk in Ordnung halten. Aber er erklaͤrte, er ſey entſchloſſen⸗ ſeinen 7 101 Plan auszufuͤhren, und ſollte es das Leben von 200,000 Menſchen koſten.„Die neue Dynaſtie““ entgegnete Escoiquiz,„wird in dieſem Falle auf ei⸗ uem Vulkan geſetzt— eine Armee von 200,000 Mann wird noͤthig ſeyn, ein Land voll mißvergnuͤgter Scla⸗ ven zu beherrſchen.“ Buonaparte unterbrach den Chorherrn mit der Bemerkung, ſie koͤnnten ſich nicht uͤber die Grundſaͤtze vereinigen, und ſagte, er werde den andern Tag ſeinen unwiderruflichen Entſchluß bekannt machen. Man muß Napoleon die Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſen, daß er waͤhrend dieſer ganzen, ſo au⸗ ßerordentlichen Eroͤrterung auch nie im geringſten ſuchte, ſeine ſelbſtſuͤchtige Politik zu beſchoͤnigen. „Ich verlange,“ ſagte er,„daß die Bourbons auf⸗ doͤren zu regieren, und daß meine Familie ihnen auf dem Throne Spanlens folge.“ Er erklaͤrte, es ſey dieß das Beſte, ſowohl fuͤr Spanien, als fuͤr Frankreich, und daß er die Macht, ſo wie den Wil⸗ len habe, ſeine Abſichten durchzuſetzen. Nie iſt eine gewaltſame und willkuͤhrliche Beraubung unumwun⸗ dener ausgeſprochen worden. Auch ſtritt er in der beſten Laune mit Escolquiz und faßte ihn vertrau⸗ lich beim Ohr.„Lieber Chorherr“, ſagte er,„Sie wollen alſo meine Anſichten nicht theilen?“— „Durchaus nicht,“ erwlederte Escolquiz;„ich wuͤnſchte im Gegentheil Ew. Majeſtaͤt zu den meinigen be⸗ kehren zu koͤnnen, ſollte es auch auf Koſten meiner 102 Ohren geſchehen,“— mlt denen in dieſem Augen⸗ blick Napoleon etwas unſanft umging. Mit Cevallos gerieth der Kaiſer in einen weit heftigeren Streit, denn Buonaparte war eben ſo hitzig von Temperament, als ruhig und gelaſſen aus Ueberlegung und aus Politik. Als er hoͤrte, daß Cevallos in einer Eroͤrterung mit ſeinem Miniſter Champagny in einem hohen Tone von dem Charak⸗ ter der Spanier und von dem ſprach, was ſie bei der Art, wie Ferdinand aufgenommen worden ſey, fuͤhlen wuͤrden, uͤberließ er ſich ganz der Heſtigkeit ſeines Temperaments, und ſchalt Cevallos einen Verraͤther, weil er, als ein Diener des alten Koͤ⸗ nigs, nun der Rathgeber ſeines Sohnes ſey, und ſchloß zulezt mit der merkwuͤrdigen Erklaͤrung:— „Ich habe mein eigenes politiſches Syſtem— Sie ſollten liberalere Geſinnungen annehmen— weniger empfindlich im Punkt der Ehre ſeyn— und ich huͤ⸗ ten, die Intereſſen Spaniens einer phantaſtiſchen Anhaͤnglichkeit an die Bourbons zum Opfer zu bringen.“ 2 Da er Cevallos ſo unbeugſam fand, als Escot⸗ quiz, ſo wurde die Unterhandlung, wenn man es von Seiten Ferhinands ſo nennen konnte, dem Don Pedro de Labrador uͤbertragen. Dieſer ſtellte aber vor allen Dingen die Frage, ob Koͤnig Ferdinand frei ſey, und wenn es ſich ſo verhalte, warum er nicht ſeinem Lande zuruͤckgegeben werde. Hierauf großes Aufſehen unter den Franzoſen zu Bagyonne; 9 3 gab Chambagny. zur Antwort, man koͤnne nicht wohl eine ſolche Ruͤckkehr zugeben, ehe der Kaiſer und der Kdnig ſich verſtaͤndigt haͤtten. Cevallos gab ſei⸗ nerſeits eine Note ein, worin nach Anfuͤhrung der Bedingungen, unter welchen Ferdinand ſich in⸗ die Gewalt Napoleons gegeben hatte, deſſen Ab. icht, ſogleich abzureiſen, erklaͤrt ward. Eine werkrhatige Beantwortung dieſer Anzeige war, daß die Wachen des Koönigs und ſeines Bruders verſtaͤrkt wurden, und daß man beide unter ſtrengere Aufſicht nahm. Einer von den Iufanten wurde ſogar von einem Gensd'armen mit Gewalt angehalten. Man zog ihn zwar dafuͤr zur Strafe; allein der Zorn und die Verzwelflung der Spanier, die ſich in des Koͤnigs Gefolge befanden, haͤtten Napoleon belehren koͤnnen, wie ſehr ſie die Ehre ihres Landes mit der gebuͤh⸗ renden Achtung fuͤr ihre koͤnigliche Famills per⸗ banden. Aus allen dieſen Verſuchen ſah Buctodaers. daß Ferdinand und ſeine Rathgeber ſich eben nicht ſo fuͤgen wuͤrden, wie er erwartet hatte, und daß es nothwendig ſeyn duͤrfte, den alten Koͤnig, ſeine Gemahlin und ſeine Miniſter, wie unbeliebt ſie auch waren, noch einmal auf dieſe ſonderbare Buͤhne zu bringen. Er trug daher Murat auf, den alten Koͤnig, mit der Koͤnigin und Godoy unverzuͤglich nach Bayonne zu ſchaffen. Die Ankunft Karls machte 104 ſie ſtroͤmten herbei, um ihn zu ſehen und in ſeiner Perſon und Haltung den Abkoͤmmling Ludwigs des Vierzehnten zu erkennen. An ſeinem Aeußern fand man auch nichts auszuſetzen. Er hatte ganz den koͤniglichen Anſtand und das wuͤrdevolle Benehmen ſeiner Ahnherrn; und ob er gleich der franzoͤſiſchen Sprache eben nicht maͤchtig war, ſo zeigte doch der ſeinem Vaterlande entfremdete Monarch bei ſeiner Zuſammenkunft mit Napoleon die ungezwungene Haltung und die edle Miene eines langjaͤhrigen Herrſchers. Aber es fehlte ihm gar ſehr an Muth und Geiſt. Napoleon fand in Karln, ſeiner Ge⸗ mahlin und ſeinem Miniſter willige Werkzeuge ſei⸗ ner Politik; denn Godoy betrachtete Ferdinand als ſeinen perſoͤnlichen Feind; die Mutter haßte ihn, wie boͤſe Weiber bekanntlich ihre Kinder haſſen, wenn ſie ſich bewußt ſind, die Achtung derſelben verwirkt zu haben; und der Koͤnig, uͤber den Aufſtand von Aranjuez noch erbost, ließ ſich zu einer unbaͤn⸗ digen Wuth gegen ſeinen Sohn aufreitzen. Gleich nach ſeiner Ankunft zu Bayonne erklaͤrte Karl feierlich, ſeine Abdankung am 20. Maͤrz ſey erzwungen geweſen, und er fordere deßwegen von ſeinem Sohne die Krone zuruͤck, deren ſich dieſer mit Gewalt bemaͤchtigt habe. Zur Erwiederung behauptete Ferdinand, die Ab⸗ dankung ſeines Vaters ſey zu ſeiner Zeit ganz frel⸗ willig geſchehen, wobei er ſich 8 die biederholken 4 105 Erklaͤrungen des alten Koͤnigs berief. Er erklaͤrte jedoch, daß, falls man ihm und ſeinem Vater geſtatte, nach Madrid zuruͤckzukehren, er bereit ſey, vor den verſammelten Cortes, als den Vertretern der Na⸗ tion, den ihm durch die Abdankung ſeines Vaters gewordenen Rechten zu entſagen. Karl gab hierauf zur Antwort, er ſey in das Lager ſeines maͤchtigen Alliirten nicht als ein Koͤnig in koͤniglichem Glanze, ſondern als ein ungluͤcklicher alter Mann gekommen, den man ſeines koͤniglichen Amtes entſezt habe, deſſen Leben ſogar durch den ſtrafbaren Ehrgeiz des eigenen Sohnes gefaͤhrdet worden ſey. Die Zuſammenberufung der Cortes verwarf er mit Verachtung.„Die Herrſcher,“ ſagte er,„ſind verpflichtet, Alles fuͤr ihre Voͤlker zu thun, die Voͤlker dagegen haben kein Recht, fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen.“ Endlich verſicherte er ſeinen Sohn, nur der Kaiſer von Frankreich koͤnne Spanien retten, und Napoleon ſey entſchloſſen, Ferdinanden niemals die Ausuͤbung der Koͤnigsrechte zu geſtatten. An ver⸗ ſchiedenen Stellen dieſes vaͤterlichen Ermahnungs⸗ ſchreibens beſchuldigte Karl ſeinen Sohn des unter den damaligen Umſtaͤnden ſehr gefaͤhrlichen Verbre⸗ chens— dem Intereſſe Frankreichs abgeneigt zu ſeyn. Auf dieſes Manifeſt antwortete Ferdinand in eben ſo kraͤftigen als ehrerbietigen Ausdruͤcken, und berief ſich, und zwar mit vollem Recht, auf ſeine ge⸗ denlaerige Lage, als auf einen Beweis, wie unbe⸗ grenzt ſein Vertrauen auf Frankreich geweſen ſey. Er ſchloß, daß, da die Bedingungen, die er an die Zuruͤckerſtattung der Krone geknuͤpft, ſeinem Vater mißfallen haͤtten, er unbedingt abdanken wolle, nur moͤge beiden erlaubt werden, wieder in ihr Vater⸗ land zuruͤckzukehren und einen Ort zu verlaſſen, wo alles, was ſie thun moͤchten, von niemand als eine freiwillige Handlung angeſehen werden wuͤrde. Den Tag nach der Ausfertigung dieſes Schrei⸗ bens ward der ungluͤckliche Ferdinand zu ſeinen El⸗ tern befchleden, bel denen ſich auch Napoleon ſelbſt befand. Das Conclave empfing ihn ſitzend; und waͤh⸗ rend der Koͤnig ihn mit den heſtigſten Vorwuͤrfen uͤherhaͤuſte, vergaß die Koͤnigin(kaum kann man es glauben) in ihrer Wuth ſo ſehr alle Scham und Weiblichkeit, daß ſie in Gegenwart ihres Gemahls zu Ferdinand ſagte, er ſey der Sohn eines andern Mannes. Buonaparte ſprach in der Folge mit Ab⸗ ſcheu von dieſer Scene, und verglich die Koͤnigin we⸗ gen ihrer Sprache und ihres Betragens mit einer Furie auf der griechiſchen Buͤhne. Er verſichert, den Prinzen bemitleidet zu haben; aber die Ruͤhrung war nicht ſo ſtark, daß er ſich fuͤr ihn verwendet haͤtte. Durch einen ſo ſchrecklichen und zugleich ſo ekelhaf⸗ ten Auftritt betäͤubt, bequemte ſich endlich Ferdinand zu der Verzichtleiſtung, die in ſo ungemeſſenen Aus⸗ druͤcken von ihm verlangt wurde. Dies geſchah am öten Mai 1808. Aber der Urheber dieſes Dramas — 1⁰7 3 hatte dieſen Zeitpunkt nicht abgewartet, um ſeine Operationen zu beginnen. Zwei Tage vor der Abdankung Ferdinands, das iſt am 4aten Mat, hatte ſein Vater Karl in der Ei⸗ genſchaft eines Koͤnigs, die er doch zu Aranjuez ab⸗ gelegt, Joachim Murat zum Generallieutenant des Koͤnigreichs und Vorſtand der Regierung ernanut. Zu gleicher Zeit erſchten eine Proklamation, in wel⸗ cher die Spanier insbeſondere und mit vieler Sorg⸗ falt gewarnt wurden, den treuloſen Agenten Eng⸗ lands Gehoͤr zu geben, ſich nicht von ihnen gegen Frankreich aufwiegeln zu laſſen, indem Spanien ſein Gluͤck einzig von der Freundſchaft des großen Kaiſers zu hoffen habe. An demſelben Tage und ohne die Abdankung ſeines Sohnes abzuwarten, begab ſich Karl aller An⸗ ſpruͤche auf Spanten, mit allen dazu gehoͤrigen Koͤ⸗ ulgreichen und Beützungen, zu Gunſten ſeines Freun⸗ des und treuen Alliirten, des Kaiſers der Franzo⸗ ſen. Um wenigſtens dem Schein nach die aͤußern Formen einigermaßen zu beobachten, hieß es, die Abtretung geſchehe nur unter der außerordentlichen Bedingung, daß die Integritaͤr und Unabhaͤngigkelt des Koͤnigreichs behauptet und keine andere Religion, als die katholiſche in Spanien geduldet werden ſolle. Endlich wurden alle ſeit der Revolution von Aran⸗ juez verhaͤngten Confiscationen und Strafen fuͤr null und Richeig erklaͤrt. Nachdem Karl durch dieſe Ar⸗ 10⁰8 tikel die Wohlfahrt, Integritaͤt und Unabhaͤngigkeit ſeines Koͤnigreichs, wie man es nannte, geſichert hatte, ſorgte er in den ſieben folgenden fuͤr ſich ſelbſt⸗ fuͤr die Koͤnigin, fuͤr ſeinen Miniſter, den Friedens⸗ fuͤrſten, und andere Auhaͤnger. Rang, Einkommen, Jahrgelder wurden reichlich geſpendet; denn des Koͤ⸗ nigs verſchwenderiſche Freigebigkeit mußte doch ei⸗ nigermaßen erwiedert werden. Doch war die Entſagung Ferdinands zu Gunſten Napoleons noch immer erforderlich, um das Recht des leztern auf die Krone, die der Vater eigentlich nicht mehr vergeben konnte, gewiſſermaßen zu ergaͤn⸗ zen. Man drang deßhalb ſehr in Ferdinand, der ſich dabei mit ziemlicher Standhaftigkeit benahm. Allein da er ſich ganz in Napoleons Gewalt ſah und ſich aus dem traurigen Schickſal des Herzogs von Enghien belehren konnte, daß der Kaiſer wenig Um⸗ ſtaͤnde mit denjenigen mache, die ihm in den Weg zu treten wagten; da ferner ſeine Rathgeber ihn ver⸗ ſicherten, daß keine Verzichtleiſtung in dem unfreien Zuſtande, in dem er ſich befinde, fuͤr ihn oder die ſpaniſche Nation verbindlich ſeyn koͤnne, ſo gab Fer⸗ dinand den Umſtaͤnden nach, und verſtand ſich zu Lei⸗ nem Abtretungsvertrage, durch welchen er weder das Koͤnigreich Hetrurien, noch die Hand einer Nichte Napoleons, noch irgend einen der Vortheile erhielt, die man ihm beim Anfange der unterhandlungen an⸗ geboten hatte. All dies hatte er durch die Zoͤge⸗ 10⁰9 rung, ſich in den Willen des Kaiſers zu fuͤgen, Lver⸗ wirkt. Ein ſicherer und angenehmer Aufenthalt, der nicht ganz ein Gefaͤngniß ſeyn ſollte, und ein anſtaͤn⸗ diger Jahresgehalt war alles, was Ferdinand zur Entſchaͤdigung fuͤr ſein Erbrecht auf das maͤchtige Spa⸗ nien erhalten konnte. Die Infanten, ſeine Bruͤder, die dem Vertrage, durch welchen Ferdinand ſein Erb⸗ recht verlor, beitraten, wurde eben ſo auf eine ihrem neuen Verhaͤltniſſe angemeſſene Weiſe verſorgt. Der Palaſt von Navarra ſammt deſſen Zubehoͤrden war dem Prinzen zuerſt als Aufen haltsort angewieſen worden; allein ſpaͤter vrachte man ihn und ſeine Bruͤder, die Infanten, nach Valengay, einem praͤch⸗ tigen Landſitze des beruͤhmten Talleyrand, den man, wie es hieß, durch dieſe Einquartirung dafuͤr ſtrafen wollte, daß er ſich erlaubt hatte uͤber die Art, wie man Spanien behandeln ſolle, einer andern Meinung zu ſeyn, als ſein Herr. Die koͤniglichen Gefangenen betrugen ſich hier nach der ihnen gegebenen Vor⸗ ſchrift, ohne, wie es ſweint, an Flucht oder Wider⸗ ſtand zu denken; ſelbſt in dem ſchrecklichen Kampfe, der im Namen Ferdinands mehr als vier Jahre fort⸗ geſezt wurde, gaben ſie Napoleon nie einen Grund zu einer ſtrengeren Behandlung und nicht den mtn⸗ deſten Anlaß zu einem Verdacht. Nachdem man ſich ſolchergeſtalt mit der koͤnkg⸗ lichen Familie von Spenien auf eine Art abgefunden hatte, mußte der erledigte Thron einer neuen Dy⸗ 110 naſtie, wie Napoleon es nannte, eigentlich aber el⸗ ner Perſon angewieſen werden, die in der engſten Verbindung mit ihm ſtand und ganz von ſeinem Willen abhing, ungefaͤhr wie die untergeordneten Theilhaber an einem Handlungsgeſchaͤft dem Chef des Handelshauſes untergeben ſind. Zu dieſem Zwecke hatte Napyleon ſeine Augen auf Lucian geworfen, den faͤhigſten ſeiner Bruͤder, der ihn bei der Ver⸗ treibung des Rathes der Fuͤnfhundert zu St. Cloud in dem Augenblick, wo er, nach dem Zeugniß der Zuſchauer, den Kopf zu verlieren ſchien, durch ſeine Geiſtesgegenwart auf Ddas trefflichſte unterſtuzt hatte. Es iſt ſchon fruͤhe bemerkt worden, daß Lucian durch eine Heit 9 aus Neigung Napoleon beleidigt hatte, und man glaubt, daß er ſeine ſeies die Inſti⸗ tationen und Frelheiten ſeines Vaterlandes ſehr un⸗ gern in der den ſah, obzieih dieſer Mann ſein Bruder war. Pran hatte ien von Napoleon ſagen hoͤren,„jedes ſeiner rte, jede einer Hanzlungen ſey durch ſein poliriſches Syſtem bedingt,“ und ödieſ Syſtem beruhe ganz und gar auf ſeinem Ego iemus.“ Selbſt durch das Anerbieten des Konigkeichs Suenee Iß ſich Lucian nicht verlelten, ſeine ige Stelluͤng 5 n, in welcher er ſein reiches kommen auf den Erwerb von Gemaͤlden und Kuuſtſchatzen verwendete und ſe ine Muße mit literariſchen Ver⸗ 6 ſachen ergoͤgte. Als Buong arte dieſe abichlaͤgige 1 5 oͤße eines einzigen Mannes verſchwin⸗. — Joſeph zu ſich nach Bayonne und ließ ihm auf⸗. Wege dahin bedeuten, keine weiteren Umſraͤnde u 111 Antwort von Luckan erhielt, beſchloß er, ſeinen aͤl⸗ teſten Bruder, Joſeph, von dem Throne von Neapet zu berufen, wo er, ein Italiener, bekannt mit der Sprache und den Sitten des Landes, ziemlich beliebt war, und ihm ein Koͤnigreich zu verleihen, das weit ſchwerer zu meiſtern und zu regieren war. Ivachim Murat, Großherzog von Berg, wie man ihn nannte, damals Befehlshaber der Armee in Madrid, ſollte Joſeph auf dem erledigten Throne von Neapel er⸗ ſetzen. Man hat behauptet, die betheiligten Par⸗ teien ſeyen mit der ihnen bei dieſem Gaukelſpiel beſchledenen Rolle in gleichem Grade unzufrieden ge⸗ weſen. Murat glaubte wegen ſeiner militaͤriſchen Talente des Thrones von Cvanien Rüürdi zu ſeyn, und Joſeph der nicht ſo ehrgeizig war und die Ruhe einem weiten Geblete vorzog, w uͤrde ſich gerne mit dem weniger bedeutenden Koͤnigreiche Neapel hegnuͤgt haben. Allein Napoleon war nicht gewohnt,* in dem, was er einmal beſchloſſen hatte, auf 3 Konvenienz Anderer Ruͤckſicht zu nehmen; er be machen und zu thun, wozu man ihn angewieſen. Nun wurden Napoleons Abſichten der Welt verkuͤn⸗ det und die Notabeln aus ganz Spanlen einberufen, um den neuen Monarchen anzuerkennen und ſich uͤber die Verfaſſung zu berathen, nach welcher Spanlen fortan reglert werden ſollte. 11² Der Verſammlungsort war zu Bayonne, der Tag der Zuſammenberufung der 15te Juni, und der Gegenſtand, der den Notabeln zur Berathſchlagung vorgelegt wurde, war die Regeneration Spaniens, welche unter den Auſpicien Napoleons vor ſich ge⸗ hen ſollte. Aber es hatten ſich in dieſem Koͤnigreiche Dinge zugetragen, die anzudeuten ſchienen, daß der Preis, uͤber den Buonaparte ſo ganz nach Gefallen verfuͤgte, noch nicht in ſeiner Gewalt war und vielleicht nie darein kommen wuͤrde. Durch beiſpielloſen Verrath hatte er allerdings bereits alle die Vortheile erhak⸗ ten, die ſonſt nur der Preis ehrenvoller Siege, durch die er ſeine Feinde zu Boden geworfen, waren. Er hatte ſich der Hauptſtadt mit einer Armee von 40,000 Mann bemaͤchtigt. Die Grenzfeſtungen waren in ſek⸗ ner Gewalt und ſicherten ſeine Verbindungen mit Madrid; die Truppen der ſpaniſchen Monarchie ſtan⸗ den entweder unter ſeinen eigenen Fahnen in entle⸗ genen Laͤndern, oder lagen in ganz Spanien zerſtreut. Dieſelben Vortheile hatte er ſich fruͤher durch die Schlacht von Auſterlitz uͤber Oeſterreich, durch dle Schlacht von Jena uͤber Preußen verſchafft, und da⸗ durch in beiden Staaten ſeinen Willen durchgeſezt* Und doch hatte er in beiden Faͤllen nicht, wie jezt zu Bayonne, ſich der Mitglieder der koͤniglichen Fa⸗ milie bemaͤchtigt, oder dieſelben zu Organen ſeines gebietenden Willens gemacht, ſo daß, beſonders in dieſem 113 dieſem wichtigen Punkte, er gegen Spanien in groͤ⸗ ßerem Vortheil war, als er gegen irgend ein ande⸗ res Land je geweſen. Dagegen trug Spanlen ſolche Elemente des Widerſtandes in ſeinem Schoß, die ſich noch in keinem andern Lande auf dieſelbe Weiſe zu⸗ ſammengefunden hatten. 3 Fuͤnftes Kapitel. Sittlicher Zuſtand der ſpaniſchen Nation.— Der Adel.— Der Mittelſtand.— Die untern Klaſſen.— Heftiger Unwille des Volks gegen die Franzoſen— Aufſtand zu Madrid am 2ten Mai, wobei viele Franzoſen umkommen.— Murat verkündet eine Amneſtie, läßt aber demungeachtet mehr als zweihundert ſpani⸗ ſche Gefangene umbringen.— König Karl ernennt Murat zum Generallieutenant des Königreichs.— Ferdinands Abdankung wird bekannt gemacht.— Murat legt dem Rathe von Caſtilien den Plan zur Regierung vor; aus verſchiedenen Gegenden Spa⸗ niens gehen Unterwerfunagsverſicherungen an Buonavarte ein. — Die Notabeln werden auf den 18ten Juni nach Bayonne be⸗ rufen.— Ein Geiſt der Widerſezlichkeit erwachtin ganz Spanien. Ddie Regierung von Spanien, ein abgenuͤzter Despotismus, in den Haͤnden einer aͤußerſt geiſtes⸗ ſchwachen Familie, war eine der ſchlechteſten in Eu⸗ ropa; der Adel im Ganzen genommen(denn es gab ehrenvolle Ausnahmen) ſchien nicht weniger entartet. Die blutſchaͤnderiſche Sitte, in den naͤchſten Verwandt⸗ ſchaftsgraden zu heirathen, hatte mit ihren gewoͤhn⸗ lichen Folgen, der Koͤrper⸗ und Geiſtesſchwaͤche, lange W. Scott's Werke⸗ L.I. 8 114 ſchon unter demſelben geherrſcht. Die jungen Edel⸗ leute wurden von Pfaffen erzogen und von dieſen nur ſo weit unterrichtet, als es ſich mit der katholl⸗ ſchen Froͤmmelei vertrug; nach der Sitte des Landes in fruͤhzeitige Genuͤſſe eingeweiht, hoͤrten ſie auf, Kinder zu ſeyn, ohne an Geiſt und Koͤrper zu Juͤng⸗ lingen zu erſtaͤrken. Ddie mittlern Staͤnde in den Staͤdten und die⸗ jenigen, die ſich auf die Wiſſenſchaften legten, waren nicht in demſelben Maße durch Aberglauben und Ueppigkeit entmannt. Sie hatten haͤufig eine gute Erziebung genoſſen, und erhoben ſich uͤber die Feoͤm⸗ melei, die ihnen die Pfaffen beizubringen ſuchten; indem ſie aber die Keyrſeite des Schlechten fuͤr das Gute hielten, waren manche aus dieſen Volsklaſſen vollendete Skeptiker geworden, hatten alle religioͤſen Ideen verworfen, die ſie, beſſer unterrichtet, nicht mit dem Aberglauben verwechſelt haben wuͤrden, und manche jener Lehren angenommen, die zu Aufang der Revolution in Frankreich ſo vorherrſchend waren. Die untern Volksklaſſen in Spanien, beſonders auf dem Lande, ſtanden ungefaͤhr noch auf derſelben Stufe, wie ihre Vorfahren unter der Reglerung Karls des Fuͤnften. Sie kuͤmmerten ſich wenig um das Treiben der Regierung, das, ſo abſcheulich es auch war, doch zunaͤchſt ihre Genuͤſſe nicht verkuͤmmerte. Sie ſtanden ſo tief, daß ſie nicht perſoͤnlich unter⸗ drückt werden konnten; und da der Staatsaufwand 4 8 4 ; — 4 115 aus dem Ertrage der amerlkanlſchen Provinzen be⸗ ſtritten wurde, ſo wußten die ſpaniſchen Bauern faſt nichts von den Bedruͤckungen der Steuereinnehmer. In einem herrlichen Klima, wo der Boden bei der geringſten Arbeit mehr ertraͤgt, als der Bauer zu ſeinem Unterhalte bedarf, war aͤußerſte Anmuth eben ſo ſelten, als ſchwere Arbeit. Nuͤchterne Maͤßigkeit war noch immer ein Hauptzug in dem Karakter des Spaniers, der ſeinen behaglichen Zuſtand der Erwei⸗ terung ſeiner Genuͤſſe vorzog, und ſein trocken Brod und ſeine Zwiebeln lieber in Ruhe genießen, als ſtrenger arbeiten wollte, um ſich eine beſſere Koſt zu verdienen. Aber troz ſeiner Indolenz unterzog er. ſich doch zuweilen den groͤßten Anſtrengungen, und obgleich traͤge zur Feldarbeit, zeigte der Spanier doch auf der Reiſe durch die weiten Ebenen und in den Gebirgen ſein s Landes eine ganz unerſchoͤpfliche Kraft; am Ende einer beſchwerlichen Tagreiſe war ihm der Tanz oftmals eine willkommene Erholung, die er dem Schlafe vorzog. Unter dem Landvolke gab es manche Klaſſen, z. B. Schaͤfer, Maulthiertreiber, Kraͤmer, die ein wanderndes Leben fuͤhrten und wegen der Unſicherheit der Straßen Waffen zu tragen pflegten. Aber auch die eigentlichen angeſeſſenen Bauern ge⸗ noßen die Vortheile des civiliſirten Zuſtandes um ei⸗ nen wohlfeilern Preis, als die Bauern in andern weniger patriarchaliſchen Laͤndern. Die wenigen und einfachen Rechte des Spauiers ſtanden unter dem 116 Schutze des Alcalden oder ſeines Dorfrichters, bei deſſen Ernennung er gewoͤhnlich eine Wahlſtimme hatte und deſſen Entſcheidung in den meiſten Faͤllen ihm genuͤgte. Fuͤhlte ſich aber der Einzelne unter⸗ druͤckt, ſo hing er ſeinen Mantel um, nahm ſein Schwert und Schießgewehr und fuͤchtete ſich, nach⸗ dem er wegen des wirklichen oder vermeintlichen Un⸗ rechts, das ihm wiederfahren, Rache genommen, in eine der vielen Wuͤſten der Halbinſel, wo er ſich an eine der zahlreichen⸗Banden von Schmugglern und Geaͤchteten anſchloß, die ſich dort herumtrieben, ohne deßwegen in ſeiner gewohnten Lebensweiſe irgend eine bedeutende Veraͤnderung vornehmen zu muͤffen. Wie der Spanier zufolge ſeiner Lebensweiſe zum Soldaten taugte, ſo ließ er ſich auch gerne als einen folchen gebrauchen. Mit ſo vielen andern Eigenhel⸗ ten ſeiner Vorfahren behielt er auch viel von dem raſtiliſchen Stolze bei, der ſich ſowohl in den Tu⸗ genden, als in den Fehlern ſeiner Nation zeigt. In den Stunden ſeiner Muße mochte er gern an den Nuhm ſeiner Vaͤter denken. Mit ihren Kaͤmpfen gegen die Mauren, ihren glaͤnzenden Eroberungen in der neuen Welt, ihren langen Kriegen mit Frank⸗ reich war er vertraut; wenn der neuere Caſtilier bei der Vergleichung ſeiner eigenen Zeit mit der vergan⸗ geuen fand, daß Spanien in Europa nicht mehr auf derſelben hohen Stufe ſtehe, wie vormals, ſo trug oer doch das Bewußtſeyn in ſeiner Bruſt, daß das 4 117 ſpaniſche Volk hieran keine Schuld habe. Die ge⸗ genwaͤrtige Kriſis gab dem natuͤrlichen Muthe und dem Patriotismus der Spanier einen neuen Sta⸗ chel, weil das Joch, mit dem ſie ſich bedroht ſahen, ihnen von Frankreich aufgebuͤrdet werden wollte, d. h. von demſelben Volke, dem ſie durch ihren National⸗ karakter ſo ſehr entfremdet wurden, daß gegenſeiti⸗ ger Haß und Verachtung zwiſchen beiden Voͤlkern Statt fand. Es gibt in der That keinen groͤßern Kontraſt, als derjenige zwiſchen dem ſtattlichen, ern⸗ ſten, roma tiſchen, arbeitsſcheuen, ſtrengrechtlichen Spanier, und dem lebhaften, ruͤhrigen und ſpoͤttiſchen Franzoſen, der ſeine Zwecke unermuͤdlich verfolgt und in der Wahl ſeiner Mittel mehr Klugheit als Recht⸗ ſchaffenhelt zeigt. Auch die Bigotterie der Spanier fand ihren Gegenſaz an dem hoͤhnenden und zugleich auf Proſelyten ausgehenden Skepticismus, durch welchen ſich Frankreich in der neuern Zeit ausgezeich⸗ net hat. Um uns kurz zu faſſen, die Spanker, deren Na⸗ tionalſtolz ſo leicht verlezbar iſt, beſonders durch die Eingriffe einer Nation, auf die ſie eiferſuͤchtig ſind, mußten im hoͤchſten Grade zum Widerſtande und zur Rache aufgereizt werden, durch die hinterliſtige und tuͤckiſche Weiſe, mit der man ihre Truppen aus dem Lande gezogen, ihre Grenzfeſtungen und lhre Hauptſtadt genummen, und ihre königliche Famille entfuͤhrt hatte, und zwar im Namen und auf das 118 Geheiß eines Alliirten, der eine ſo unerhoͤrte Ge⸗ waltthat auch nicht durch den geringſten Borwand be⸗ ſchoͤnigen konnte. So geartet und ſo tief beleidigt konnten die Spa⸗ nier ihre Entruͤſtung nicht lange zuruͤckhalten. Mit finſterm Argwohn hatten die Buͤrger von Madrid die Ereigniſſe geſehen, die auf Ferdinands unvorſichtige Reiſe nach Bayonne gefolgt waren. Allmaͤhlig war beinahe die ganze uͤbrige koͤnigliche Familie nach dem⸗ ſelben Orte gebracht worden, ſo wie auch Godoy, den das Volk als Staatsverbrecher beſtraft wiſſen wollte. Das Volk nahm mit jedem Tage groͤßern Antheil au dem Schickſale der in Madrid noch anweſenden Mitglieder der koͤniglichen Famtlie, naͤmlich: der Koͤ⸗ nigin von Hetrurien und ihrer Kinder, des Infan⸗ ten Don Antonio, Bruders des alten Koͤnigs, und des Don Francisco, des juͤngſten Bruders von Ferd dinand. Am lezten April legte Murat dem Don Anto⸗ nio, der bis dahin dem Namen nach Mitglied der Regentſchaft geweſen war, einen Befehl vor, nach welchem die Koͤnigin von Hetrurien mit ihren Kin⸗ dern nach Bayonne geſchafft werden ſollte. Dies gab Anlaß zu einigen Eroͤrterungen, und da die Sache ruchbar wurde, ſo ſchien das Volk entſchloſſen, nicht zu dulden, daß der noch uͤbrige Theil der koͤniglichen Familie denſelben Weg einſchlage, auf welchem, als fuͤhrte er in die Hoͤhle des Loͤwen in der Fabel, keine Spur eines Zuruͤckkommenden zu entdecken war. dir —.,— „ 119 Nachrichten von dort lauteten nach und nach inmer unzuͤnſtiger fuͤr die Freunde Ferdinands, und der Kurier, der jede Nacht von Bayonne anzukommen pflegte, wurde am Abend des zoſten Aprils aͤngſtlich erwartet, da er wahrſcheinlich beſtimmte Nachrichten uͤber Napoleons Vorhaben mit ſeinem koͤniglichen Gaſt bringen wuͤrde. Es kam aber kein Kurier, und das Volk ging fuͤr dieſen Abend ſehr duͤſter und un⸗ zufrieden aus einander. Am naͤchſten Tage(am Iſten Mal) war am Sonnenthor auf dem Poſtplatze ein großes Gedraͤnge von Maͤnnern, die ſehr verdaͤchtig ausſahen, und die, wie es hieß, unter ihren Capas oder langen Maͤnteln, Waffen trugen. Die franzoͤ⸗ ſiſche Beſatzung trat ſofort unter das Gewehr, aber auch dieſer Tag verging ohne Blutvergießen. Am 2ten Mai ſah es auf den Straßen eben ſo duͤſter und drohend aus. Die Menge, welche dieſel⸗ ben fuͤllte, war in großer Bewegung, weil es hieß, daß die noch uͤbrigen Glieder der koͤniglichen Familie entfernt werden ſollten; ſie ſah auch wirklich, wie die Koͤnigin von Hetrurien, ihre Kinder und Don Francisco, Ferdinands luͤngſter Bruder, in den Wa⸗ gen gebracht wurden. Lezterer, ein vierzehnjaͤhriger Knabe, ſchien ſein Schickſal zu fuͤhlen, denn er weinte bitterlich. Bei dieſem Anblick brach die Wuth des Volks aus; es ging auf einmal und von allen Sei⸗ ten auf die franzoͤſiſchen Truppen los. Es fielen viele Franzoſen unter den langen Meſſern der Spa⸗ ——C—O—⸗⸗—⸗—⸗—x—xxxxÿ4½ 3—— 120 auter, die ſich dieſer Waffe mit ſchiecrchat⸗ Gewande Hat zu bedienen wiſſen. „Murat zog Truppen in die Stadt, um die— gen dieſes ſchon lange erwarteten Aufſtandes zu un⸗ terdruͤcken. Die Straßen wurden durch Kartaͤtſchen⸗ ſchuͤſſe und durch Reiterangriffe geſaͤubert; aber die Buͤrger von Madrid begriffen erſt nach einem drei⸗ bis vierſtuͤndigen Gefechte, daß ſie nichts ausrichten konnten. Um die Mittagsſtunde bemuͤhten ſich einige Mitglieder der ſpaniſchen Regierung, in Gemeinſchaft mit dem beſſer geſinnten Theile der franzoͤſiſchen Generale, beſonders mit General Hariſpe, die Fech⸗ tenden aus einander zu bringen; und ſo wurde end⸗ lich der ſeltſame Kampf eingeſtellt, den ein faſt un⸗ bewaffneter Haufe gegen die Bluͤte der franzoͤſiſchen Armee ſo lange und mit ſolcher Wuth beſtanden hatte. Es ward jezt eine allgemeine Amneſtie verkuͤn⸗ det, aber Murat ließ demungeachtet nicht wenige „Spanier, die man in dem Handgemenge aufgegriffen hatte, hinrichten. Es wurden ihrer je vierzig bis afunfzig auf einmal erſchoſſen; und da die Einwohner ain dieſer Schreckensnacht ihre Haͤuſer beleuchten muß⸗ gten, ſo konnte man die Todten und Sterbenden wie am hellen Mittag auf dem Pflaſter hingeſtreckt ſe⸗ hen. An den zwei oder drei folgenden Tagen fanden neue Hinrichtungen Statt, wahrſcheinlich mit einer ſorgfältigeren Auswahl der Schlachtopfer, indem die Inſurgenten jezt durch franzoͤſiſche Kriegsgerichte ver⸗ 121 urtheilt wurden. Die Zahl der auf dieſe Weiſe hin⸗ gerichteten Buͤrger, ſoll ſich wenigſtens auf zwei⸗ bis dreihundert belaufen haben. Am 5. Mai erließ Murat eine Pedohamationg und ließ von ſeiner Strenge nach. 1 Dieſe Kriſis war aͤußerſt heftig geweſen, viel⸗ leicht heftiger als irgend eine, in der ſich die Fran⸗ zoſen, zufolge einer aͤhnlichen Veranlaſfung, je be⸗ funden; allein man hatte derſelben ſo ſchnell enk⸗ gegen gewirkt, und ſie mit ſo vielem Nachdruck ge⸗ daͤmpft, daß Murat wohl glauben mußte, ein ſol⸗ ches Beiſpiel der Strenge waͤrde genuͤgen, um aͤhn⸗ lichen Auftritten vorzubeugen. Die Buͤrger von Ma⸗ „ drid enthielten ſich auch in der Folge wirklich eines ſo zweckloſen Widerſtandes; durch den erſten Schlag wie ein Schlachtochſe betaͤubt, ließen ſie geſchehen, was ſie nicht hindern konnten, ohne ſich zu wider⸗ ſetzen, aber auch ohne ſich zu unterwerfen. Die Nachrichten draͤngten ſich jetzt auf einander und waren insgeſammt darauf berechnet, denjenigen, die Rang und Titel zu verlieren hatten, Gehorſam einzuſchaͤrfen. Don Antonio begab ſich auf den Weg nach Bayonne, und am 7. Mai erſchien zu Madrid ein Manifeſt, worin der alte Koͤnig Karl, Murat zum Generallieutenant des Koͤnigreichs ernannte. Die weniger erwartete und weit auffallendere Ab⸗ dankung des Sohns ward nach dieſem Manlfeſte be⸗ kannt gemacht; eine Proklamation von ihm und den Infanten Don Carlos und Don Antonio empfahl,⸗ jeden Widerſtand aufzugeben und der unyniderſteh⸗ lichen Macht Frankreichs unbedingten Gehorſam zu leiſten. FHierauf legte Murat den Plan der kuͤnftigen Regierung dem Nathe von Caſtilien vor, der zuerſt in einer ſchmeichleriſchen Zuſchrift, und dann durch etne aus ſeiner Mitte nach Bayonne abgeſchickte Deputation uͤber die Wiedergeburt der ſpaniſchen Monarchie frohlockte, welche er durch die Thronbe⸗ ſteigung eines Verwandten des großen Napoleon's verbuͤrgt ſah. Andere bedeutende Behoͤrden wurden zur Einſendung aͤhnlicher Zuſchriſten vermocht; ſelbſt die Hauptſtadt Madrid, deren Straßen noch mit Buͤrgerblut befleckt waren, verſtand ſich zu einer Be⸗ gluͤchwuͤnſchungsadreſſe. Durch einen Aufruf von Mu⸗ rat, dem Generallieutenant des Koͤnigs Karl, und durch einen andern von Buonaparte, dem der ſchwa⸗ cche Koͤnig die hoͤchſte Gewalt uͤbertragen hatte, wur⸗ den die Notabeln des Koͤnigreichs auf den 15. Juni nach Bayonne beſchieden, und in denjenigen Orten, bie zunaͤchſt unter dem Einfluß der franzoͤſiſchen Armee ſtanden, ſchickten ſich die Beruſenen bereits an, dieſem Rufe Folge zu leiſten. Die Nachricht von dem Aufſtande zu Madrid am z. Mai hatte ſich indeſſen ſchnell wie ein elektri⸗ ſcher Schlag in die entfernteſten Provinzen des Koͤ⸗ nigreichs verbreitet und allenthalben den heftigſten „ —w— — —.- —y 1²³ Geiſt des Widerſtandes gegen die Angreifer geweckt. Ein Kriegs⸗ und Rachegeſchrei erhob ſich in allen Provinzen zumal; und die Bewegung war ſo allge⸗ mein und gleichzeitig, daß ſich der allgemeine Wille uͤber alle Nachthaile hinwegzuſetzen ſchien, die aus der uͤberraſchenden Ploͤtzlichkeit des Ereigniſſes ent⸗ ſtehen konnten. Die Be ſetzung von Madrid wuͤrde die Erhebung der ſpaniſchen Nation weit mehr gehemmt oder ge⸗ ſtoͤrt haben, waͤre das Verhaͤltn ß dieſer Hauptſtadt zu dem ganzen Lande daſſelbe geweſen, wie dasje⸗ nige der andern europaͤlſchen Hauptſtaͤdte zu den be⸗ treffenden Laͤndern, insbeſondere wie das Verhaͤlt⸗ niß von Paris zu Frankreich. Allein Spanien be⸗ ſteht aus mehreren abgeſonderten Provinzen, die vordem eben ſo viele beſonder Koͤnigreiche waren, und nach ihrer durch Vererbung, Vertraͤge oder Er⸗ oberungen bewirkten Vereinigung unter einem und demſelben Herrſcher ihre beſondern und etyenthuͤm⸗ lichen Geſetze fortwaͤhrend beibehalten haben, und bei einer gemeinſchaftlichen Nat tonalrhyſiognomie ſich durch gewiſſe Sch hattirungen noch immer von ein⸗ ander unterſcheiden. Biscaya, Galicien, Catalo⸗ nien, Andaluſien, Valencia hatten, wie andere klei⸗ nere Gebietstheile Spaniens, jedes ſeine Haupt⸗ ſtadt, ſeine beſondere Regierung und ſeine eigenen Widerſtandsmittel, wenn auch Madrid verloren war. Der patriotiſche Geiſt flammte in allen Theilen 124 Spaniens zumal auf, nur da nicht, wo die Fran⸗ zoſen ſtarke Beſatzungen hatten, obgleich auch dort die Geſinnung des Volks ſich deutlich kund gah⸗ Der Aufruf zum Widerſtand ging zuerſt von den unteren Volksklaſſen aus. Wenn nun die natuͤr⸗ lichen Anfuͤhrer und Vorgeſetzten dieſer Klaſſe ſich offen fuͤr dieſelbe Sache erklaͤrten, ſo blieben die Inſurgenten in ihrer gewohnten Botmaͤßigkeit, und die durch die umſtaͤnde gebotenen Maßregeln wurden alsdann mit der groͤßten Einmuͤthigkeit beſchloſſen und ausgeführt. Wo aber die Gewalthaber ſich den Wuͤnſchen des Volks entgegenſezten, oder durch Aus⸗ fluͤchte und Aufſchub ihren Patriotismus verdaͤchtlg machten, da brach das Volk in Wuth aus, und ließ ſich durch ſeine Rachſucht zu den blutigſten Gewalt⸗ thaͤtigkeiten hinreißen. Zu Valencla insbeſondere hetzte ein ſchlechter Pfaffe, Namens Calva, ehe üoch der Aufſtand recht eingeleitet war, den Poͤbel zur Ermordung von mehr als 200 Franzoſen auf, die ſich in der Stadt befanden und deren einziges Ver⸗ brechen darin beſtand, daß ſie Franzoſen waren. Eben ſo wurde der Gouverneur von Cadix, Don So⸗ lano, von dem Volke, das ihm nicht traute, ermor⸗ det; aͤhnliche blutige Auftritte fanden zu Anſang der Infurrection auf verſchiedenen puntten der Halb⸗ inſel Statt. 3 Aber mitten unter dieſen Ausbruͤchen der Volks⸗ wunh zelgte ſich guch viele Belonnenheit und Klus⸗ —x 12²⁵ heit. Zum Behuf der Vertheidigung wurden die rechten Maßregeln ergriffen. Die hoͤchſte Gewalt in jedem Diſtrict uͤbertrug man einer Junta, oder el⸗ nem, groͤßtentheils mit vieler Einſicht gewaͤhl⸗ ken Ausſchuſſe. Dieſe Behoͤrden waren in ihren betreffenden Bezirken von einauder unabhaͤngig; aber alle ſtunden mit einander in einem freund⸗ ſchaftlichen Verkehr, und zufolge einer gemein⸗ ſchaftlichen Uebereinkunft fuͤhrte die Junta von Se⸗ villa, der groͤßten und reichſten Stadt nach Madrid, gewiſſermaſſen unter ihnen den Primat, da es ſich fügte, daß die jewelligen Haͤupter derſelben groͤß⸗ tentheils rechtſchaffene und talentvolle Maͤnner waren. Dieſe proviſoriſchen Junten gingen ſehr kraͤftig zu Werke. Die Reichen wurden zu patriotiſchen Gaben au gefordert; die Geiſtlichkeit wurde erſucht, das entbehrliche Kirchengeraͤthe in die Muͤnze zu ſchicken; den Armen wurde aageſonnen, in die Rei⸗ hen der Vaterlandsvertheidiger zu treten oder an der Herſtellung der noͤthigen Feſtungswerke zu ar⸗ heiten. All dieſes geſchah mit dem beſten Willen. Die ſpaniſchen Soldaten ſchlugen ſich, wo ſie auch waren, durchaus auf die Seite ihres Vaterlandes, und ſchon in den erſten Tagen der Inſurrection zeigte ſich die ganze Nation zu einem allgemelnen und dauernden Widerſtande bereit. Jetzt muͤſſen Ple auch ſehen, was Napoleon that. Jene Kriſe, uͤber die Buonaparte in feinem 126 prophetiſchen Schreiben an Murat ſich mit ſo vleler Beſorgniß geaͤußert hatte— des Krieges, der ſo lange kein End finden konnte— hatte am 2. Mal in den Straßen von Madrid ſeinen Anfang genom⸗ men, und die Niederlage der Einwohner war mit deuen hierauf von Murat befohlenen Hinrichtungen das Signal zu einem Auſſtande geworden, der bald die bereits angegebene Hoͤhe erreichte. Die Kunde davon kam am 5. Mai nach Bayonne, gerade an demſelben Tage, an welchem der alte ſchwache Koͤnig ſeine koͤniglich echte an Napo⸗ leon abtrat; und der umſtand, daß Plut gefloſſen, war ein neuer Gründ, dieſe Abtreküng von Ferdi⸗ nand beſtaͤtigen zu laſſe. Die Hanze Verhandlung unverzuͤglich ins Reine zu bringen, ein Necht zu erwerben, deſſen er ſich als eines Vorwandes be⸗ dienen konnte, um von ſeiner uͤberlegenen Macht und ſeiner trefflichen Armenn Gebrauch zu machen, ward jezt für Napoleon die dringendſie Auſgabe; auch verſichert uns Cevallos, daß er um Ferdinans gelaſſen habe, als entweder zu ſterben, oder in das, was man von ihm verlangte, einzuwilligen. Der franzoͤſiſche Kaiſer erreichte, wie wir bereits gezeigt haben, ſeine Abſicht, und er that nun in dieſer Sa⸗ ce den lezten Schritt, ohne zu bedenken, daß das fpaniſche Volk bei der Veraͤnderung ſeiner Dynaſtie 1²⁷ betheiligt ſey, und uberall die Waffen ergriffen habe, um ſich derſelben zu widerſetzen. Dem franzoͤſiſchen Publikum wurde der Aufſtand von Madrid blos als ein Ausbruch der Unbotmaͤßig⸗ keit des Volks geſchildert, obgleich man, wahrſchein⸗ lich um Schrecken zu verbreiten, die Zahl der ge⸗ fallenen Spanier von einigen Hunderten bis auf ei⸗ nige Tauſende ſteigerte, welche,„die ſchlechteſten Subjecte in ganz Madrid“ geweſen ſeyn ſollen, und deren Vertilgung, wie es hieß, ein Gegenſtand der Freude fuͤr alle guten Buͤrger war. Ueber die noch furchtbareren Aufſtaͤnde in ganz Spanien beobachtete der Moniteur dagegen ein tiefes Stillſchweigen. Es ſchten als ob die franzoͤſiſchen Truppen uberall von dem ſpaniſchen Volke als Befreier aufgenommen worden ſeyen, und als ob die ſtolze Nation, die ſo viele Jahrhunderte des Ruhms aufzuweiſen hatte, ihr Loos von der Willkaͤhr des franzoͤſiſchen Kaiſers mit der naͤmlichen Unterwuͤrſigkeit erwarte, welche die kleinmuͤthigen Republiken von Venedig und Ge⸗ nug gezeigt hatten. Buonaparte ging von dieſem Plane der Ver⸗ heimlichung nicht ab und ſchien ſogar von dem, was er dem Publikum zu verbergen ſuchte, ſelbſt keine Kenntniß zu nehmen. Wir haben bereits von jenen Notabeln geſprochen, die er als Vertreter der ſpa⸗ niſchen Nation behandelte; obgleich ſie, von einem auswaͤrtigen Fuͤrſten berufen, in einem fremden — „ 128 Lande zuſammentraten, und durchaus keine geſeß⸗ liche Vollmacht hatten, auch nur uͤber die Rechte des unbedeutendſten ſpaniſchen Doͤrſchens zu verfuͤ⸗ gen. Joſeph, der am 5. Juni zu Bayonne ankam, wurde von dieſen willfaͤhrigen Leuten anerkannt; er empfing ihre Huldigung, geruhte, ihre neue Ver⸗ faſſung zu garantiren, und verſprach Spanien alles Heil; in Beziehuug auf die in Spanien beſtehende Unzufriedenheit begnuͤgte er ſich zu ſagen: er wolle von den naͤhern Umſtaͤnden dieſer voruͤbergehenden Stoͤrungen gar nichts horen. Eandlich hielt es Napoleon, der dieſe willfährige Verſammlung zuſammenberufen hatte, fuͤr angemeſ⸗ ſen, derſelben, ehe ſie in ihr Vaterland zuruͤckkehrte, Audienz zu ertheilen. Man behauptet, er ſey eines Poſſenſpiels muͤde geweſen, dem eiuige Bedeutung oder Folge zu geben, nur Wenige aufgelegt waren. Wenigſtens war er von dem Bewußtſeyn, daß ſeine wirkliche Stellung eine ganz andere ſey, als er glau⸗ ben machen wollte, ſo ſehr ergriffen, daß er bei die⸗ ſer Gelegenheit ſeine gewoͤhnliche Geiſtesgegenwart verlor, ſich verlegen zeigte, und von Zeit zu Zelt elnige Phraſen wiederholte, die weder Sinn hatten, noch zur rechten Zeit angebracht waren; und daß er endlich mit einem kurzen Abſchied ſeine Zuhorer entließ, die nicht weniger uͤberraſcht waren, als ſie fahen, wie ſehr die Ueberzeugung, ein ſchlechtes 3 Spiel zu ſpielen, die Keckheit ſeiner Behauptungen ver⸗ . 1²9 vermindert und den Strom ſeiner Veredſamdeit ge⸗ hemmt habe. Hierauf ſchieden die Bruͤder von einander; Jo⸗ ſeph bereitete ſic, die ihm durch ſeinen Bruder ge⸗ wordene neue Beſtimmung anzutreten, waͤhrend Na⸗ poleon in die Hauptſtadt ſeines vergroͤßerten Reichs zuruͤckkehrte. Jener reiste nicht ſchnell und guch nicht weit, obgleich der Moniteur von nichts zu ſa⸗ gen wußte, als von der Freude, mit der ihn die Spanier empfangen hatten, und von Serenaden, die ſie vom Abend bis zum Morgen unker den Fen⸗ ſtern ihres neuen Herrſchers auf der Guitarre hoͤ⸗ ren ließen. Er vernahm in Wahrheit ganz andere, weit ernſtere Toͤne. Die Nachrichten von dem Auf⸗ ſtande, die auf der Nordſeite der Pyrenaen n icht recht, und nur ungern gehoͤrt wurden, drangen ſich immer lauter und unabweisbarer auf, je naͤher der eingedrungene Koͤnig dem Schauplatze ſeiner beab⸗ ſichtigten Uſurpaticn kam. Er befand ſich in der Lage des Jaͤgers, der den Tiger in ſeiner Gewalt und in den Netzen gefangen glaubt, und nun mit Beſtuͤrzung gewahr wird, daß er frei und his zur Wuth gereizt iſt. Da Joſeph durchaus kein tä⸗ riſches Talent hatte, ſo hielt man eo fuͤr angemeſ⸗ ſen, daß er einſtweilen in Vittoria bleibe, bis ihm die Generale ſeines Bruders ſeine R iſe nach der 13⁰ bei dem erſten Begiunen ſeiner Unternehmung ſah, auch der Zeuge des ungluͤcklichen Ausgangs derſel⸗ ben war, zufolge der entſcheidenden und lezten Nie⸗ derlage, die er im Jahre 1843 dort erlitt. Weder Zweifel noch Ahndungen begleiteten die Ruͤckkehr Napoleons nach Paris. Die Franzoſen wa⸗ ren durch die neue glaͤnzende Erwerbung, die durch die zu Madrid getroffenen Maßregeln ganz geſichert ſchien, viel zu ſehr geblendet, als daß ſie die Ge⸗ rechtigkeit der Sache haͤtten unterſuchen koͤnnen. Die Vereinigung Frankreichs und Spaniens unter ver⸗ wandten Monarchen hatte man ſchon lange fuͤr ein Meiſterſtuͤck der Politik Ludwigs des Vierzehnten ge⸗ halten; und die Franzoſen ſahen nun dieſelbe ver⸗ wirklicht, auf den bloßen Wunſch jenes wunderbaren Mannes, der Frankreich uͤber alle Laͤnder der Welt erhoben hatte, und der, was er zu deſſen Vergroͤße⸗ rung erſann, ſofort auch auszufuͤhren wußte. Buonaparte hatte in der That den groͤßtmoͤgli⸗ chen Gebrauch von jener Kunſt gemacht, die, wie er ſagte, dem Direktorium abging, von der Kunſt naͤm⸗ lich, auf die Einbildungskraft der Franzoſen zu wir⸗ ken, und dieſelbe zu beſtechen. Er hatte das Natio⸗ nalgeſahl in dieſer Hinſicht ſo geſpannt, daß es je⸗ den Ton, den er hoͤren wollte, von ſich gab. Die Liebe zum Nationalruhm, an und fuͤr ſich etwas Preis⸗ 131 den, welche ſich mit Ehre und Rechtlichkeit nicht ver⸗ tragen. Dieſe mißlichen Zuͤge des Bildes ſtellte er, wie ein gewandter Gemaͤldehaͤndler, abſichtlich in Schatten, um das volle Licht auf diejenigen fallen zu laſſen, worin ſich die vermehrte Groͤße und Gluͤck⸗ ſeligkeit Fraukreichs ausſprach. Die Nation, die gern ihr eigenes Lob hoͤrte, begnuͤgte ſich mit den Augen ihres Herrſchers zu ſehen; und in keiner Periode ſeines Lobens ſchien Buonaparte ſo ganz der Stolz und die Bewunderung Frankreichs zu ſeyn, als bei ſeiner Ruͤckkehr von Bayonne, wo er durch ſein Ha⸗ ſchen nach der ſpaniſchen Krone ein großes Verbre⸗ chen und zugleich eine große Thorheit begangen hatte. Der Schein eines glaͤnzenden Erfolgs that in⸗ deſſen ſeine gewoͤhnliche Wirkung auf die Menge. Auf ſelner Ruͤckreiſe uͤber Pau, Toulouſe, Montau⸗ ban und andere Staͤdte in jener Gegend wurde der Kaiſer mit den Ehrenbezeugungen aufgenommen, die einem Halbgott gebuͤhren. Ihre alterthuͤmlichen und finſteren Straßen waren mit Lorbeeren uͤberwoͤlbt und mit Blumen beſtreut, die Haͤaſer von Außen mit Teppichen, reichen Tapeten und praͤchtigen Ma⸗ lereien behangen; die Bevoͤlkerung ſtroͤmte dem Kai⸗ ſer entgegen, die Maires und die Praͤfecten konnten kaum Worte finden, um die herrſchende Bewunde⸗ rung Napoleons gehoͤrig Kuaßudriceen. Bordeaux vicC nn orwTen 132² ihre Treue gegen die Bourbons, ſchtenen in das allgemeine Gefuͤhl der Zeit einzuſtimmen; die ganze Bevoͤlkerung dieſer Laͤnder kam, um den Mann zu begruͤßen, der mit ſtarker Hand den lezten noch bluͤhenden Zweig dieſes beruühmten Hauſes vom Throne geriſſen hatte. Die GSoͤtter, ſagt ein heid⸗ niſcher Dichter, beſtrafen oftmals die Thorheit der Sterblichen dadurch, daß ſie ihnen ihre unbeſonne⸗ nen Wuͤnſche gewaͤhren. In dem vorliegenden Falle konnten diejenigen, die ſich uͤber die Erweiterung des franzoͤſiſchen Reiches durch die Erwerbung Spa⸗ niens freuten, freilich nicht vorausſehen, daß ſie ei⸗ ner Million Franzoſen das Leben koſten wuͤrde; und der Mann, der ihre Gluͤckwuͤnſche empfing, ahndete nicht, daß er unter ſeinen eigenen Fuͤßen die Mine gegraben haͤtte, die ſein Verderben bereiten ſollte. —,—