Leihbibliothek 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 4 4 2 von.. ic.„ Eduard Otftmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(antion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 3 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 * 1 Walter Scotte's 5 fämmfliche W e r k e. Neu uͤberſetzt. Fuͤnfzigſter Band. Leben von Napoleon Buonaparte. Sechszehnter Theil. Stuttgart, dei Gebruͤder Franckh. 1327 Le b een von Napoleon Buonaparte, Kaiſer von Frankreich, mit einer Ueberſicht der franzoͤſiſchen Revolu⸗ tion. Von Walter Seolt. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von General J. v. Theobald. Sechszehnter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 8 1827. Erſtes Kapitel. Leben von Napoleon Buonaparte. Rückblick auf die Theilung Polens.— Napoleon erhält Adreſſen aus dieſem Lande, denen er ausweicht.— Er rückt nach Polen vor, und Vennigſen zieht ſich zurück.— Karakter der runſiſchen Soldaten.— Die Koſaken.— Treffen vom a6ſten Nov mber bei Puilusk zum Nachtheit der Franzoſen.— Bennigſen ſezt ſeinen Rückzug ſort.— Die Franzoten beziehen Winterquartiere.— Bennigſen tritt als Oberbefehlshaber an die Stelle von Kamins⸗ koy, der Spuren von Sahnſinn zeiat.— Er ergreift die Of⸗ fenſive wieder.— Schlacht von Eylau am gten Februar 1807. — Beide Theile ſchreiben ſich den Sieg zu.— Der beiderſeitkge Verluſt beläuft ſich auf 50/000 Todte.— Bennigſen zieht ſich nach Königsberg zurück.— Napoleon bietet dem König von Preu⸗ ßen unter vortheilhaften Bedingun gen einen Waffenſtillſtand an; der König ſchlägt ihn aus und will nur zum Behuf eines allge⸗ meinen Friedens unterhandeln.— Napoleon zieht ſich an die Linie der Weichſel zurück.— Danzig wird belagert und ergibt ſich.— Die rufſiſche Armee wird nur ſpärlich, die franzöſiſche in aller Fülle ergänzt.— Geſechte während des Sommers— Schlacht von Heilsberg und Rückzug der Ruſſen.— Schlacht von Friedland am 13ten Juni und Niederlage der Ruſſen nach einem heißen Kampfe.— Am 23ſten Iuni wird ein Waffenſtitt⸗ ſtand beliebt. 6 Die harten Bedingungen, die Napoleon Preu⸗ ßeu auferlegen wollte, ſchienen in politiſcher Hin ſicht gerechtfertigt, nachdem er ſeine ſiegreichen Armeen in die Naͤhe von Polen gebracht hatte, wo er auf eine freundſchaftliche Aufnahme, und einen zahlrei⸗ chen Anhang mit Sicherheit rechnen konnte. Ddie Theilung dieſes ſchoͤnen Koͤnigreichs durch ſeine maͤchtigen Nachbarn, Rußland, Oeſterreich und Preußen, iſt ein Schandlleck in der Geſchichte des ci⸗ villſirten Europa. Sie geſchah durch eine Vereini⸗ gung von drei der maͤchtigſten Staaten dieſe Welt⸗ theils gegen einen einzigen, der, gelaͤhmt durch ſeine ſchlechte Verfaſſung, durch Faktionen zerriſſen, keinen kraͤftigen Widerſtand leiſten konnte. Es half den Polen zu nichts, daß ſie die Heiligkeit der Vertraͤge, die Grundſaͤtze des Voͤlkerrechts anriefen; ſie erla⸗ gen nach einer kurzen uͤbelberechneten Gegenwehr. Als ſie im Jahre 1792 ſich von Neeum ruͤhrten, wur⸗ den ſie beſonders von den Ruſſen auf das aͤrgſte miß⸗ handelt. Sie hatten dies im Jahre 1806 noch nicht vergeſſen. Es iſt daher kein Wunder, daß ſie jezt bei der Annaͤherung der Franzoſen frohlockten; und man muz auch geſtehen, daß ſie— einem fremden Joche auf eine ungeſezliche Weiſe unterworfen— das Recht hatten, daſſelbe wieder abzuſchuͤtteln und ſich hiezu jeder Huͤlſe zu bedienen, ſie mochte ihnen nun von Napoleon oder von Muhammed, oder gar vom Satan angeboten werden. 4 7 Unter den mittleren Klaſſen des polniſchen Adels waren dieſe Gefuͤhle faſt durchaus vorherrſchend, denn ſie erinnerten ſich mit gekraͤnktem Stolze der Ver⸗ kuͤmmerung ihrer verfaſſungsmaͤßigen Vorrechte, der Abſchaffung ihrer Landtage und des Liberum Veto, durch welches ein ſchlichter Edelmann die Beſchluͤſſe einer ganzen Verſammlung entkraͤften konnte, wenn nicht die Einſtimmigkeit dadurch bewirkt wurde, daß man den Andersſtimmenden auf der Stelle nieder⸗ machte.*) Der hoͤhere Adel aber, der auf ſeinen Rang und auf das glaͤnzende Leben an dem Hofe zu Berlin, zu Wien und beſonders zu St. Peters⸗ burg großen Werth legte, zog im Allgemeinen den *) Wir ſetzen voraus, daß die meiſten unſerer Leſer wenigſtens in ſoweit mit der Form der poln ſchen Landtage bekannt ſind⸗ daß ſie wiſſen werden, daß die Beſchlüſſe dieſer Verſamm⸗ lung nicht geſezmäßig gültig waren, ſobald ſich auch nur eine Stimme dagegen erklärte, und daß man in den mei⸗ ſten Fällen die heftigſten Mittel anwenden mußte, um die Einſtimmigkeit hervorzubringen. Folgendes Beiſpiel wurde einem Herrn von hohem Stande erzählt, der es uns mit⸗ theilte. Bei einer gewiſſen Gelegenheit wurde ein Provinzial⸗ landtag zuſammenberufen, um einen Entſchluß zu faſſen, der den allgemeinen Wünſchen entſprach, aber von welchem vor⸗ auszuſehen war, daß ein Edelmann des Diſtrikts ſeine Veto dagegen einlegen würde. Um dem auszuweichen, kamen die übrigen überein, genau zur beſtimmten Stunde einzutreffen, augenblicklich an's Geſchäft zu gehen und auf dieſe Weiſe dem vorherzufehenden Verſuche des einen Mannes auszu⸗ weichen, der den Zweck ihrer Verſammlung zu nichte machen ruh igen Genuß ſeiner unge heuren Beſitzungen den wollte. Demzufolge trafen ſie pinkrlich mit dem Glocken⸗ ſchlage ein, und verſchloſſen und verriegelten die Thüre ih⸗ res Verſammlungsortes. Einige Minuten darauf kam zener, und als ihm mit der Entſchuldigung daß ſich der Landtag ſchon konſtituirt habe, der Eingang verweigert wurde, ſo kletterte er auf das Dach des Gebäudes, und da es Som⸗ mer war, wo man alſo auch lein Feuer brannte, ſo lien r ſich von dem Schornſtein in das Kamin herab, durch wel⸗ ches zur Zeit des Winters das Zimmer geheizt wurde. Hier blieb er verſtohlen kiegen, bis man die Stimmen zählte und gerade in dem Augenblick, wo man ſie für einſtimmig zu Gunſten der vorgeſchlagenen Maßregel erklären wollte, ſtreckte er den Kopf aus dem Ofen, wie eine Taube aus ihrem Tau⸗ benſchlage, und ſprach das unglückſelige Veto aus Statt aber ſogleich den Kopt wieder zurückzuziehen, ſah er unglückli⸗ cherweiſe einen Augenblick mit einem gewiſſen Triumphe umher⸗ ſich der Verwirrung zu erfreuend, die ſein plözliches Er⸗ ſcheinen und ſeine Unterbrechung in der Verſammlung er⸗ zeugt hatte.— Ein nebenſtehender Adeliger zog ſeinen Säbel und ſchlug mit einem Hiebe dem Diſſentirenden den Kopf vom Rumofe ab.— Als unſer edler Freund bii einer ſo außeror⸗ dentlichen Geſchichte einigen Zweifel ausdrückte, ſo wies man ihn zur Beſtätigung derſelben an den Fürſten Sobiesky⸗ fpäter König von Polen, der nicht allein die ſonderbae Seene als Augenzeuge beſtätigte, ſondern auch erklärte, daß der Kopf des Landtagsmitglieds in demſelben Augenblick über ſeinen eigenen Fuß hinweggerollt ſey, als er das Wort Veto aus⸗ ſprechen hörte. Solch eine Verfaſſung bedurfte freilich vie ler Verbeſſerungen; aber das kann die Nachtbarſtaaten nicht ———.,— entſchuldigen, die ein unabhängiges Königreich theilten und ſich zueigneten, deſſen Fehler oder Vorzüge ihnen nicht im geringſten Anſpruch zur Einmiſchung gaben. 4 9 Rechten einer ſtuͤrmiſchen Unabhaͤngigkeit vor, die dem unbedeutendſten Mitglied des zahlreichen Adels beinahe denſelben Rang und dieſelbe Wichtigkeit, wie ihm, gewaͤhrten. Auch mochte er— vieleicht nicht mit Unrecht— den Abſichten Napoleon's, ungeach⸗ tet ſeiner glaͤnzenden Verſprechungen, mißtrauen. Da die ruſſiſche Regierung insbeſondere ſich ge⸗ gen den hohen Adel ſehr gefaͤllig bewies, ſo war ſie bei demſelben nicht ſo unbeliebt, als man wegen ihres gewaltthaͤtigen Verfahrens bei der Theilung Polens haͤtte erwarten ſollen. Die Mitglieder des hohen Adels ſchlugen ſich deßwegen nicht ſo allgemein auf die franzoͤſiſche Seite, als der Landadel und die beſſere Klaſſe der Buͤrgerſchaft es thaten. Was die Maſſe des gemeinen Volkes betrift, ſo befand ſie ſich noch in demſelben Zuſtande der Leibeigenſchaft oder Dienſtbarkeit, der zur Zeit des Feudalſyſtems in ganz Europa eingefuͤhrt war; die Grundholden folgten ih⸗ ren Herren und nahmen ſich nicht heraus, eine el⸗ gene Meinung zu haben. Waͤhrend nun Rußland den Vormarſch ſeiner Armeen beſchleunigte, nicht allein um ſeinen ungluͤck⸗ lichen Alliirten, den Koͤnig von Preußen, zu unter⸗ ſtuͤtzen oder vielmehr wieder aufzurichten, ſondern auch um jede Aufwallung des Volksgeiſtes in Polen zu unterdruͤcken, erhielt Buonaparte Zuſchriften, worin die Polen ihn aufforderten, ihnen wieder zur Unab⸗ haͤngigkeit zu verhelfen. Ein ſolches Anſinnen ſezte 10 ihn in nicht geringe Verlegenheit. Als Beſchuͤtzer der Unabhaͤngigkeit Polens wuͤrde er ohne Zweifel eine große Anzahl von Streitern unter ſeine Fahnen gebracht, Preußen vollends zu Grunde gerichtet und ſelbſt Rußland nicht wenig gefaͤhrdet haben; in ſo⸗ fern war es alſo der Politik gemaͤß, daß Napoleon den Polen Hoffnungen gab. Allein auch Oeſterreich hatte einen bedeutenden Antheil von Polen erhalten und war, nach allen den Verluſten, die es erlitten, noch immer ein maͤchtiger Staat, deſſen Feindſchaft haͤtte gefaͤhrlich werden koͤnnen, und den Buonaparte in derſelben Zeit, wo er und der groͤßte Theil ſei⸗ ner Streitmacht im Norden von Europa vollauf zu thun hatte, allerdings ſchonen und nicht durch die Entziehung ſeiner polniſchen Provinzen oder durch die Aufſtiftung ſeiner polniſchen Unterthanen gegen ſich aufbringen mußte. Auch wuͤrde ein ſolcher Ver⸗ ſuch dem Krieg, den Rußland fuͤr jezt nur als Preu⸗ ßens Verbuͤndeter fuͤhrte, einen ganz andern Karab⸗ ter gegeben haben. Die Sicherheit und Integritaͤt des ruſſiſchen Reiches im Suͤden der Wolga iſt faſt einzig durch die Behauptung der Gebietstheile be⸗ dingt, die es in Polen erworben hat; trat es nun in dieſem Kriege als Hauptmacht auf, ſo war Buo⸗ naparte wohl noch nicht im Stande, ſich mit ihm zu meſſen und einen Feind zu bekaͤmpfen, der ſeinen Huͤlfsquellen eben ſo nahe, als er ſelbſt von den ſei⸗ nigen entfernt wor. Und wie haͤtte er, der mit dem 7 11 Schwerte ſo manches neue Staatsgebiet zugeſchnitten hatte, das Princip der Theilung Polens mit einigem Grunde tadeln koͤnnen? durch dieſe Motive beſtimmt, weigerte ſich der neue Schoͤpfer und Vernichter von Koͤnigen, die einzige Monarchie in Europa wieder⸗ herzuſtellen, die er, nicht als Eroberer, ſondern als Befreier, nach ſeinem Sinne hatte neugeſtalten koͤnnen. In der Audienz, die Napoleon den polniſchen Abgeordneten ertheilte, wich er daher jeder beſtimm⸗ ten Erklaͤrung aus; er wollte ſich durch nichts gegen ſie verbindlich machen, wog aber ſeine Worte ſo ab, daß er ſie bei gutem Muthe erhielt. Dombrowski, ein polniſcher Verbannter, der in der franzoͤſiſchen Armee diente, warb fuͤr Napoleon und hatte großen Zulauf. Die Begeiſterung dieſer neuen Soldaten, ſo wie die allgemeine Erwartung wurden durch orakel⸗ maͤßige Ausſpruͤche, wie ſie in den Bulletins vorka⸗ men, auf das Hoͤchſte geſteigert; ſy hieß es z. B. in dem 36ſten Bulletin:„Wird der Thron Polens wie⸗ der hergeſtellt werden und wird dieſe große Nation ihr Daſeyn und ihre Unabhaͤngigkeit wieder erlan⸗ gen; wird ſie gleichſam aus dem Grabe wieder er⸗ ſtehen?— Nur Gott, der große Lenker der Bege⸗ benheiten, weiß es.“ Die Fortſetzung des Krieges ward nun unver⸗ meidlich— eines Krieges, der die Schrecken eines Winterfeldzugs in den noͤrdlichen Breitegraden her⸗ 1² beifuͤhren mußte. Die Franzoſen, die ſich aller dies⸗ ſeits der Oder gelegenen preußiſchen Staaten be⸗ maͤchtigt hatten, belagerten jezt die Feſtungen Groß⸗ glogau, Breslau und Graudenz, und drangen zugleich gegen Polen vor. Der ruſſiſche General Bennigſen hatte ſeinerſeits ſeinen Marſch beſchleunigt, um den Preußen beizuſtehen und Warſchau zu beſetzen; als er aber ſah, daß dieſen ungluͤcklichen Alllirten kaum noch die ſchwachen Truͤmmer einer Armee geblieben waren, zog er ſich nach einigen Scharmuͤtzeln wieder uͤber die Weichſel zuruͤck, und raͤumte Warſchau, wo Murat am 28ſten November an der Spitze des fran⸗ zoͤſiſchen Vortrabs einzog. Gegen de 25ſten verließ Napoleon Berlin und nahm ſein Hauptquartier in Poſen, einer Central⸗ ſtadt im polniſchen Binnenlande, das nun, durch die Franzoſen aufgeſtiftet oder durch die Hoffnung der Unabhaͤngigkelt belebt, in große Bewegung gerieth. Die Polen legten groͤßtenthells ihre Nationaltracht wieder an und ließen Napoleon durch Abgeordnete um ſeinen Schuz bitten, und zwar in der Sprache orientaliſcher Anbetung.„Die polniſche Nation,“ ſagte der Graf Radyminski, Palatin von Gueſen, nunter dem Joche deutſcher Voͤlkerſchaften noch ſeuf⸗ zend, naht ſich Euer Majeſtaͤt und gruͤßt den Wie⸗ derherſteller ihres theuren Vaterlandes, den Geſez⸗ geber der Welt, mit der reinſten Freude. Sie er⸗ gibt ſich ganz in Ihren Willen, und ſezt ihr Ver⸗ 13 trauen auf den angebeteten Fuͤrſten, der die Macht hat, Reiche zu gruͤnden und zu zerſtoͤren, und die Stolzen zu demuͤthigen.“— Nicht minder kraͤftig war die Adreſſe des Praͤſidenten des Gerichts⸗ und Reichsraths von Polen.„Schon ſehen wir unſer theures Vaterland gerettet,“ ſagte er,„denn in Ih⸗ rer Perſon verehren wir einen gerechten und tief⸗ denkenden Solon. Wir legen unſer Schickſal und unſere Hoffnungen in Ihre Haͤnde und flehen um den Schuz des großmaͤchtigſten Kaiſers.“ Napoleon ließ ſich jedoch durch dieſe orientalt⸗ ſchen Hyperbeln nicht bewegen, ſeine Abſichten deut⸗ licher zu erklaͤren; ſelne Sprache blieb dieſelbe. Unterdeſſen ward Warſchau in Vertheidigungs⸗ ſtand geſezt, und nichts verſaͤumt, um die Armee aus Frankreich, aus Sachſen und den uͤbrigen neuen Staaten des Rheinbundes zu ergaͤnzen und zu ver⸗ ſtaͤrken. Dies geſchah in der kuͤrzeſten Zeit, und die Armee ſaͤumte nicht, vorzuruͤcken; ſie paſſirte die Weichſel und den Bug, indem ſie ſich einen Ueber⸗ gang erzwang, wo man ihn ſtreitig machte. Allein es ing nicht in der Abſicht Bennigſen's, einer ſo uͤberlegenen Macht eine Schlacht zu liefern; er zog ſich alſo hinter der Wkra zuruͤck, wo zwei bedeutende Truppenkorps, von den Generalen Buxhoͤwden und. Kaminskoy befehligt, zu ihm ſtießen. Der leztere uͤbernahm den Oberbefehl. Er war ein Zeitgenoſſe 14 Suwarow's und galt fuͤr einen trefflichen Feldherrn, obgleich er mehr in der Theorie, als in der Praxis der Kriegskunde bewandert war.„Kaminskoy kennt den Krieg, aber der Krieg kennt ihn nicht,“ ſagte Suwarow;—„ich kenne den Krieg nich, aber der Krieg kennt mich.“ Kaminskoy ſcheint ſogar waͤh⸗ rend dieſes Feldzugs an einer Geiſteskrankheit ge⸗ litten zu haben. Am 23ſten November kam Napoleon in Perſon an der Wkra an und ließ die Armee ſofort in zwei Kolonnen vorruͤcken. Als Kaminskoy den Fluß vom Feinde uͤberſchritten ſah, beſchloß er, ſeine Armee hinter den Niemen zu fuͤhren, und wies ſeine Un⸗ tergenerale in dieſem Sinne an. Benigſen zog ſich nach Pultusk und Furſt Gallitzin nach Golymin zu⸗ ruͤck; beide wurden von ſtarken Korps der franzoͤſi⸗ ſchen Armee verfolgt. Auch die ‚ruſſiſchen Generale Burhoͤwden und d'Anrep gingen nach verſchiedenen Richtungen zuruͤck, und zwar, wie es ſchien, ohne in gehoͤriger Verbindung mit Bennigſen oder mit Gal⸗ litzin zu bleiben. Auf dieſem Ruͤckmarſch erlitten die Ruſſen allerdings einigen Verluſt; in dem fran⸗ zoͤſiſchen Bulletin hieß es dagegen, die ruſſiſche Ar⸗ mee ſey ganz zerruͤttet, ſie ziche ohne Plan in unbe⸗ ſchreiblicher Unordnung fort; was ihr zu ſtatten kom⸗ me, ſey die kurze Dauer des Tages, die Beſchaffen⸗ heit des mit Waͤldern bedeckten und von tiefen Gruͤn⸗ den durchſchnittenen Landes und das Thauwetter⸗ 15 das die Wege grundlos gemacht habe. Es wurde al⸗ ſo vo rausgeſagt, daß, falls auch der Feind aus der Lage, in die er ſich ſelbſt verſezt, entkommen ſollte, er doch nothwendig ſein Geſchuͤz, ſein Fuhrweſen und ſein Gepaͤcke einbuͤßen muͤſſe. Ddies war uͤbertrieben und fuͤr den Meridian von Paris berechnet. Napoleon ſelbſt ſah einen ganz andern Kampf voraus, als derjenige war, den er ge⸗ gen Oeſterreich und dann gegen Preußen beſtanden hatte. In den Armeen dieſer beiden Maͤchte war der gemeine Soldat eben nur der hunderttauſendſte Theil der großen Maſchine, Armee genannt; wie haͤtte er daher Zutrauen zu ſich ſelbſt faſſen oder ei⸗ nen Trieb in ſich fuͤhlen koͤnnen, mehr zu thun, als ihm buchſtaͤblich befohlen worden? Wie treffliche Mannszucht auch unter dieſen Truppen herrſchte, ſo fehlte ihnen doch jenes maͤchtige individuelle Gefuͤhl⸗ das in Armeen von ſtarkem Nationalkarakter(wo⸗ durch die Ruſſen ſich beſonders auszeichnen) den Sol⸗ daten antreibt, bis zum lezten Augenblicke zu wi⸗ derſtehen, ſelbſt wenn ſein Widerſtand ihm nur die Nache des Feindes zuziehen kann. Die Ruſſen wa⸗ ren noch dieſelben, von denen Friedrich der Große ſagte, man koͤnne ſie wohl todtſchlagen, aber nlcht zum Weichen bringen— von ſtarker Leibesbeſchaffen⸗ heit und dem eiſernen Klima zugebildet, in welchem die Franzoſen nun zum erſten Male Krleg fuͤhrten — von ihrer fruͤheſten Jugend an ſchmale Koſt und an alle Muͤhſale gewoͤhnt— mit einem Worte, die ruſſiſche Armee ſtand damals, und ſteht noch jezt einzig da. Ihre halbbarbariſche Mannſchaft iſt krieg⸗ liebend, voll Muth und dem Vaterlande mit einer Treue ergeben, deren der verfeinerte Menſch nicht mehr faͤhig iſt. Die ruſſiſchen Stabsoffiziere ſind eben ſo gebildet als diejenigen irgend einer andern Nation. Von den Subalternoffizieren kann zwar nicht daſſelbe geſagt werden, aber ſie ſind tapfer, guͤtig ge⸗ gen den gemeinen Soldaten und unter ſich wie eine Familie von Bruͤdern vereinigt— Eigenſchaften, wel⸗ che den Mangel an Kenntniſſen bei weitem auſwie⸗ gen. Unter den hoͤhern Offizieren ſindet man aber einige der kenntnißreichſten Maͤnner, die es in Eu⸗ ropa geben mag. Die ruſſiſche Armee entbehrte damals einen tuͤch⸗ tigen Generalſtab und war daher nicht ſo ganz ma⸗ ndvrirfaͤhig; die ruſſiſchen Generale verſtanden ſich beſſer darauf, am Tage der Schlacht das Gefecht zu leiten, als den Sieg durch wohlberechnete Manoͤvers vorzubereiten. Aber dieſer Nachtheil ward wieder durch die unbegrenzte Hingebung, mit der ſie an ih⸗ rem Kaiſer und an ihrem Vaterlande hingen, auf⸗ gewogen. Es gab wohl, ſelbſt auf der unterſten Stufe der Armee, keinen Ruſſen, der ſich haͤtte er⸗ kaufen laſſen; und ein Offizier, der, wie der preußi⸗ ſche Kommandant von Hameln, bei der Uebergabe einer ihm von ſeinem Herrn anvertrauten Feſtung auf —— 17 auf eine Anſtellung in fremden Dienſten haͤtte ſpe⸗ kuliren wollen, wurde in Rußland als ein Ideal von Niederträͤchtigkeit angeſehen worden ſeyn. In der militaͤriſchen Erziehung ihrer Truppen verfuhren die Ruſſen nach der in Europa bewaͤhrteſten Methode. Nach dem allgemeinen Urtheil war ihre Infanterke vortrefflich und beſtand aus jungen, kraftvollen, mit Kennerblick gewaͤhlten Maͤnnern. Ihre Artillerte war, was die Mannſchaft, das Geſchuͤz, das Fuhr⸗ werk und die Einrichtung betrifft, unvergleichlich; aber die Artilleriegenerale uͤbten in der ruſſiſchen Ar⸗ mee nicht den Einfluß, der denjenigen gebuͤhrt, die ſich der Leitung einer Waffe widmen, durch welche, wie Napoleon behauptete, die Schlachten der Neue⸗ ren in den meiſten Faͤllen entſchieden werden. Die Verwendung des Geſchuͤtzes blieb greßtentheils dem Ermeſſen der Infanteriegenerale uͤberlaſſen. Zum Reiter taugt der Ruſſe weniger als zum Infanteri⸗ ſten; demungeachtet ſind ihre Reiterregimenter treff⸗ lich eingeuͤbt und haben ſtets brav gethan. Dlie Koſaken aber ſind eine Rußland ganz eigen⸗ thuͤmliche Streitmacht; und obgleich dieſelben in der Folge bekannt genug geworden ſind, nſo nehmen ſie ſich in der Geſchichte Napoleon's doch ſo ſehr aus, daß es wohl der Muͤhe lohnt, letwas ausfuͤhrlicher von ihnen zu reden. Die Voͤlkerſchaften an den Ufern des Dons und der Wolga ſind von der Krone mit Laͤndereien belehnt W. Scott's Weyke. L. 2 und im Beſitze gewiſſer Freiheiten, unter der Be⸗ dingung einer vierjaͤhrigen Dienſtleiſtung in den ruſſiſchen Armeen. Von ihrer Kindheit an werden die Koſaken im Reiten und im Gebrauche der Lanze und des Schwertes geuͤbt; das in ihrem Lande ein⸗ heimiſche Pferd iſt zwar nichts weniger als ſchoͤn, aber fromm, ausdauernd, behend und, wie vielleicht keines in der Welt, knochenfeſt. Zu Hauſe und im Schooße ſeiner Familie iſt der Koſake gutmuͤthig, freundlich und harmlos; aber unter den Waffen und im Felde nimmt er zuweilen die raͤuberiſchen und wilden Sitten der wandernden Scythen, ſeiner Vor⸗ fahren, an. Da die Koſaken keinen Sold beziehen, ſo gehen ſie gewoͤhnlich auf Pluͤnderung aus, und ga⸗ ben auch, um ſich nicht mit Gefangenen zu belaͤſti⸗ gen, kein Quartie, bis ihnen Alexander fuͤr jeden gefangenen Franzoſen, den ſie lebendig bringen wuͤr⸗ den, einen Dukaten verſprach. Auf dem Schlacht⸗ felde ſelbſt bedienen ſie ſich einer beſondern Fechtart. Statt in einer geſchloſſenen Linie anzugreifen, faͤhrt ein Koſakenkorps auf das Kammandowort wie ein ſchnell entfalteter Faͤcher aus einander, worauf dann jeder mit lautem Geſchrei einzeln auf das Augriffs⸗ objekt, es mag nun dieſes aus Infanterie, Reiterei oder Geſchuͤz beſtehen, zurennt und Schaden genug anrichtet. Aber beſonders als leichte Kavallerie ſind die Koſaken unuͤbertrefflich. Sie koͤnnen in vierund⸗ wanzig Stunden wohl hundert engliſche Meilen zu⸗ 19 ruͤcklegen, ohne Halt zu machen. Sie durchſtreifen Waͤlder, ſchwimmen uͤber Fluͤſſe, ſchleichen ſich durch Engpaͤſſe, ſetzen durch tiefe Moraͤſte und dringen durch Wuͤſten von Schnee, ohne Schaden zu nehmen und ohne zu ermuͤden. Mit einem Korps Koſaken in der Fronte kann keine ruſſiſche Armee je uͤberfallen werden; dagegen iſt der Feind, der mit ihnen zu thun hat, nie gegen einen Ueberfall geſichert. We nn ſie den Ruͤckzuz ihrer eigenen Armee decken, werden ſie der aufdringenden feindlichen Reiterei durch ihre Ge⸗ wandtheit, Thaͤtigkeit und Kuͤhnheit ſehr gefaͤhrlich; verfolgen ſie einen fliehenden Feind, ſo ſind ſie noch furchtbarer. In dem Feldzuge von 1806 bis 1807 zogen die Koſaken in großer Anzahl zu Felde, unter der Anfuͤhrung ihres beruͤhmten Hettmann oder Ata⸗ mann Platow, der, ſelbſt ein Koſake, ſie auf ihre Weiſe zu gebrauchen wußte, und ihnen zu einem Ruhme verhalf, den ſie in den fruͤheren europaͤiſchen Kriegen noch nie erreicht hatten. Es gab auch Tartaren in der ruſſiſchen Armee, die, wie die Koſaken, eine Art von leichter Reiterei bildeten, dieſen aber im Punkte der Disckplin und des Mathes weit nachſtanden und nicht viel beſſer als eine Horde von herumſtreifenden Wilden waren. Es muß noch bemerkt werden, daß damals das ruſſiſche Verpflegungsweſen ſehr ſchlecht beſtellt war, und daß es beſonders auch an Geld fehlte; der kat⸗ ſerliche Schaz war erſchoͤpft, und es koſtete nicht we⸗ 20 nig Muͤhe, von England eine Subſidie von 30,000 Pf. zu erhalten. Die Folge davon war, daß die Nuſſen in dieſem geldzuge, zum großen Schaden fuͤr die Oyerationen, oftmals Mangel litten.— Wir kehren jezt zur Barſtellung der Kriegsereigniſſe zuruͤck. Am 25ſten November nahm die ruſſiſche Armee unter Bennigſen eine eng koncentrirte Stellung hin⸗ ter Pultusk; ihr linker Fluͤgel, von dem Grafen Oſter⸗ mann beſehligt, lehnte ſich an dieſes Staͤdtchen, das an der Narew liegt. Ein beſonderes Korps hielt zur Deckung dieſer Stellung die Bruͤcke beſezt. Der rechte Fluͤgel unter Barklay de Tolly ſtand in einem Gehoͤlze; General Saken befehligte das Centrum. Zwiſchen dem Gehoͤlze und dem Staͤdtchen Bultusk befand ſich eine ziemlich große Cbene. Die Ruſ⸗ ſen hatren eine ſtarke Avantgarde vorgeſchoben, die Ehene mit Reite rei beſezt und in ihrem Ruͤcken eine ruͤchtige Reſerve aufgeſtellt. Am 26ſten griffen die Korps von Lannes und Davouſt und die kaiſer⸗ liche Garde die ruſſiſche Stellung an. Nach einigen erfolgloſen Verſuchen gegen das Centrum verſtaͤrkten die Franzoſen ihren linken Fluͤgel, um durch Umge⸗ hungs des ruſſiſchen rechten Fluͤgels die Schlacht zut Enrſcheidung zu bringen. Dieſes Mandoͤver blieb auch nicht ohne Wirkung. Durch das anhaltende und uͤber⸗ kegene Feuer der Franzoſen wurde Barklay de Tolly gendthigt ⸗ ſich aus dem Walde auf ſeine Reſerve zuruͤckzuziehen, was er zwar mit Ordnung that, o⸗ 21] bei ec jedoch einige Kanonen verlor. Aber troz Ka⸗ minskoy's Befehl war Bennlgſen entſchloſſen, erſt das volle Ergluͤhen der Schlacht abzuwarten und dann von dem unerſchuͤtterlichen Muthe ſeiner Truppen Vortheil zu ziehen. Indem er Barklay de Tolly an⸗ wies, ſeinen Ruͤckzug fortzuſetzen und ſolchergeſtalt ſeinen rechten Fluͤgel zuruͤcknahm, verlockte er die Franzoſen, die ſchon den Sieg in Haͤnden zu haben glaubten, ihre Vortheile zu verfolgen, bis ſie nach dem Verſchwinden der ruſſiſchen Reiterei, die das Mandver gedeckt hatte, ſich dem Feuer von mehr als 120 Kanonen ausgeſezt hatten, die, auf der ruſ⸗ ſiſchen Fronte vertheilt, die vorruͤckenden franzoͤſiſchen Kolonnen mit vieler Wirkung beſchoßen. Die ruſſi⸗ ſche Linie ruͤckte nun auch ihrerſeits vor und gewann, den Feind vor ſich hertreibend, das Terrain wieder, das ſie verloren hatte. Die eintretende Nacht machte dem eben ſo blutigen als hartnaͤckigen Gefechte ein Ende. Die Franzoſen verloren gegen 8000 Mann an Todten und Verwundeten; unter den leztern be⸗ fand ſich General Lannes mit noch fuͤnf andern Ge⸗ neralen. Der Verluſt der Ruſſen belief ſich auf 5000 Mann. Die Franzoſen zogen ſich, nachdem es fin⸗ ſter geworden, mit ſolcher Eile zuruck, daß die Ko⸗ ſaken am andern Tage in der Gegend von Pultus keinen Nachtrab mehr finden konnten. Das Gefecht von Pultusk erhob ſowohl den Ruf Bennigſen's, als den Muth der ruſſiſchen Armee, 22 hatte aber außer dieſer moraliſchen Wirkung keine weitere Folge. Waͤre die Diviſion Burhoͤwden oder Anrep, von welchen der erſte nur acht Meilen ent⸗ fernt war, waͤhrend des Gefechts auf dem Schlacht⸗ felde eingetroffen, ſo wuͤrde ſich der Vortheil zu ei⸗ nem Siege haben ſteigern laſſen, der einen großen „Einfluß auf den Ausgang des ganzen Feldzugs ge⸗ habt haben wuͤrde. Aber dieſe Korps wurden ent⸗ weher durch die Befehle Kaminskoy's oder durch ir⸗ gend ein Mißverſtaͤndniß abgehalten, die Anſtrengun⸗ gen von Bennigſen zu unterſtuͤtzen. Ungeachtet der errungenen Vortheile ſah er ſich doch genoͤthigt, die Stellung von Pultusk aufzugeben, wo er Gefahr lief, umzingelt zu werden. Er ging daher nach Oſtrolenka zuruͤck, wo Fuͤrſt Gallitzin zu ihm ſtieß⸗ der am Schlacht⸗ tage von Pultusk bei Golymin wie Bennigſen den Feind zuruͤckgetrieben, und wie dieſer ſich zuruͤckgezo⸗ gen hatte, um ſich mit der großen Armee zu verei⸗ nigen. Die Gefechte von Pultusk und Golymin mach⸗ ten, wie es ſich bald zeigte, einen gewaltigen Ein⸗ druck auf die Franzoſen, denn ſtatt ihre Operationen zu betreiben, bezogen ſie Winterquartiere; Napoleon zog ſeine Garde bis nach Warſchau zuruͤck; die uͤbri⸗ gen Truppen wurden in die weiter oſtwaͤrts gelege⸗ nen Staͤdte verlegt, und es fand durchaus kein Ver⸗ ſuch mehr Statt, die Prophezeihung der Bulletins, das Schickſal der ruſſiſchen Armee betreffend, wahr zu machen. 23 Da ſich bei Kaminskoy immer deutlichere Spu⸗ ren von Wahnſinn zeigten, ſo ward ihm das Kom⸗ mando uͤber die Armee abgenommen und unter dem allgemeinen Beifall der Soldaten dem General Ben⸗ nigſen uͤbertragen, der zwar nicht daſſelbe militaͤriſche Talent wie Suwarow hatte, aber doch zur Fuͤhrung einer ruſſiſchen Armee ganz geeignet ſchien. Er war thaͤtig, ausdauernd, unternehmend, und zeigte kei⸗ neswegs jenes ungluͤckſelige Schwanken, das ſo oft Offiziere anderer Nationen im Kampfe mit franzoͤ⸗ ſiſchen Generalen, und beſonders mit Buonaparte, wie ein Schlagfluß zu befallen ſchien, und ihre That⸗ kraft gerade in dem Augenblick, wo es zur Schlacht kommen ſollte, laͤhmte. Als ſich dagegen Bennigſen an der Spitze von 90,000 Mann ſah, wollte er die Bewegungen Napoleon's nicht erſt abwarten, ſondern er beſchloß vielmehr, denſelben zuvorzukommen; denn in dem Umſtande, daß Buonaparte ſeine Operationen eingeſtellt und ſeine Armee in Winterquartiere ver⸗ legt hatte, erkannte er ſehr richtig ein den Ruſſen gegebenes Zeichen, von Neuem in's Feld zu ruͤcken. Auch durch die Lage des Koͤnigs von Preußen mußte er in dieſem Entſchluſſe beſtaͤrkt werden. Die⸗ ſer ungluͤckliche Monarch— denn gewiß verdiente Friedrich Wilhelm damals dieſen Namen— war in Koͤnigsberg wie eingeſchloſſen, nur durch ein kleines Heer von einigen tauſend Mann beſchuͤzt und von den heranruͤckenden Korps von Ney und Bernadotte 24 bedroht, ſo daß ſelbſt des Koͤuigs perſoͤnliche Sicher⸗ heit gefaͤhrdet ſchien. Graudenz, der Schluͤſſel der Weichſel, hielt ſich zwar immer noch, aber die preu⸗ ſiſche Garniſon litt den groͤßten Mangel und die Stunde der Uebergabe ſchien nahe. Die Nothwen⸗ digkeit, eine ſo wichtige Feſtung zu entſetzen und zu⸗ gleich Koͤnigsberg zu decken, verſtzxften das Gewicht der Motive, durch welche Benniglen, beſtimmt wurde, die Offenſive wieder zu ergreifen. Es kam bei Moh⸗ rungen zu einem ernſthaften und hitzigen Gefechte, in welchem die Franzoſen bedeutenden? Verluſt erlit⸗ ten. Die Koſaken ergoßen ſich uͤber das ganze Land und machten viele Gefangene, und der Plan des ruſ⸗ ſiſchen Generals gelang ſo gut, daß es dem treuen LEſtoeg moͤglich ward, Verſtaͤrkungen und Mundyor⸗ rath nach Graudenz zu ſchaffen. Durch dieſe kecken Operationen zu einem Win⸗ terfeldzuge gezwungen, zog Napoleon ſeine Truppen aus ihren Quartieren, um dieſelben bei Willenberg im Ruͤcken der Ruſſen(die damals bei Mohrungen ſtanden) zwiſchen ihnen und ihrem eigenen Vater⸗ lande zu koncentriren. Sein Plan war, die Feinde weſtwaͤrts nach der Weichſel zu treiben, wie er fruͤ⸗ her die Preußen genoͤthigt hatte, bei Jena, den Rhein im Raͤcken habend, zu fechten. Bernadotte hatte den Auftrag, Bennigſen in ſeiner gegenwaͤrtigen Stellung zu beſchaͤftigen und ſeſtzuhalten, oder ihn wo moͤg⸗ lich zu einem Vormarſche nach Thorn zu verleiten 25 und dadurch die Hauptoperation des Kaiſers zu be⸗ guͤnſtigen. Aus einer aufgefang enen Depeſche erſahe der ruſ⸗ ſiſche General die Abſichten Napoleon's, und aͤnderte alſo deßwegen ſeinen Plan, gegen Ney und Berna⸗ dotte vorzuruͤcken. In einem, zu allen Zeiten ſchwer zu bereiſenden und nun mit Schnee bedeckten Lande fan⸗ den jezt Maͤrſche und Ge genmaͤrſche Statt. Durch ihre Kriegserfahrung und Gewandtheit verſchafſten ſich die Franzoſen manche Vort heile, die aber durch den Verluſt, den Platow und ſeine Koſaken ihnen taͤgtich zufuͤgten, gar ſehr wieder aufgewogen wur⸗ den. Zogen ſich die Franzoſen zuruͤck, ſo waren die ſeytiſchen Lanzen ſogleich hinter ihnen her; zogen ſich aber dagegen die Ruſſen zuruͤck, und wollten die Franzoſen dieſelben mit ihrer gewohnten Keckheit ver⸗ folgen, ſo wurden ſie nicht ſelten dafuͤr beſtraft. Die Lanzenmaͤnner vom Don und von der Wolga bewaͤhr⸗ ten ein ſolches Talent zu Kriegsliſten und eine ſo inſtinktartige Fertigkeit, ſich in's Verſteck zu legen und ploͤzlich zum Angriff vorzubrechen, daß die fran⸗ zoͤſiſchen leichten Truppen mit einet Vorſicht zu Werke gehen mußten, die ihrer gewohnten Kuͤhnheit etwas ganz Fremdes war. Bennigſen ſah ein, daß es dem ruſſiſchen In⸗ tereſſe gemaͤß ſey, den Krieg ſolchergeſtalt in die Laͤnge zu ziehen. Er war ſeinen Huͤlfsquellen nahe, die franzoͤſiſche Armee dagegen ve. den ihrigen ent⸗ 26 fernt— er konnte weit eher einen Verluſt verſchmer⸗ zen als der Feind. Die ruſſiſche Armee war dage⸗ gen jedes Aufſchubs muͤde, und verlangte mit lau⸗ tem Geſchrei eine Schlacht; denn ſie hatte mit ſo vielen Muͤhſalen zu kaͤmpfen, daß ſie begreiflicher⸗ weiſe wuͤnſchen mußte, den Krieg zu einer Kriſe ge⸗ bracht zu ſehen. Wir haben ſchon von der mangel⸗ haften Einrichtung des ruſſiſchen Verpflegungsweſens geſprochen, die niemals ſtaͤrker gefuͤhlt worden iſt, als in dieſen Feldzuͤgen, wo der Anfuͤhrer aus Man⸗ gel an Lebeusmitteln mehr als einmal in den Fall kam, das Schickſal des Krieges in einer Schlacht auf's Spiel ſetzen zu muͤſſen, die er nach den Regeln der Klugheit haͤtte vermeiden ſollen. Unter dieſen noͤrd⸗ lichen Breitegraden und im Monat Februar blieb den Truppen nichts uͤbrig, als herumzuſtreifen und die Vorraͤthe aufzuſuchen, welche die Bauern vergra⸗ ben hatten. Dieſes Geſchaͤft und ihre militaͤriſchen Obliegenheiten ließen ihnen kaum die Zeit, ſich nie⸗ derzulegen; und kamen ſie endlich dazu, ſo hatten ſie kein anderes Lager, als den Schnee, kein anderes Obdach als den Himmel, und keine andere Decke als ihre zerlumpten Kleider*). Kurz, das Elend der Armee war ſo groß, daß Bennigſen gegen ſeine ei⸗ gene Ueberzeugung dadurch vermocht wurde, auf je⸗ ²) Sir Robert Wilſon's Skizze der Feldzüge von Polen im „Jahre 1806— 7. 27 den Fall eine Schlacht zu liefern, und zu dieſem Zweck ſeine Truppen bei Preußiſch⸗Eylau, als auf dem Punkte zu koncentriren, auf dem er Napoleon erwarten wollte. Als der ruſſiſche Nachtrab auf dem Marſche nach jenem Wahlplatze durch Landsberg zog, mußte er ein ſehr ernſthaftes Gefecht gegen die Franzoſen beſte⸗ hen und hatte ſeine Rettung einzig der Tapferkeit des Fuͤrſten Bagration zu verdanken, durch welche der Fehler, den die Ruſſen dadurch begingen, daß ſie bei dem Marſche durch die engen Gaſſen einer klei⸗ nen Stadt gegen den kuͤhn aufdringenden Feind ſich nicht recht zu benehmen wußten, wieder gut gemacht wurde. Die Ruſſen verloren gegen 3000 Mann. Am 7ten Februar erfocht eben dieſer tapfere Fuͤrſt mit dem ruſſiſchen Nachtrab ſo große Vortheile uͤber den fran⸗ zoͤſiſchen Vortrab, daß der Verluſt bei Landsberg da⸗ durch beinahe wieder aufgewogen und der ganzen Ar⸗ mee die Zeit verſchafft wurde, durch Preußiſch⸗Eylau zu marſchiren und hinter dieſer Stadt eine Stellung zu nehmen. Man hatte zuerſt dieſe Stadt ſelbſt be⸗ haupten wollen, und ein beſonderes Truppenkorps dazu beſtimmt; allein in der Verwirrung, die auf dem Marſche einer großen Armee nicht ſelten ein⸗ tritt, war jener Befehl nicht recht verſtanden worden und die zur Beſetzung von Eylau beſtimmte Diviſſon war nach dem Durchmarſche des Nachtrabs gleichfalls abgezogen. 28 4 Eine ruſſiſche Diviſion erhielt jezt den Auftrag, Preußiſch⸗Eylau ſchleunigſt wieder zu beſetzen. Sie fand die Franzoſen bereits im Beſitze, und obgleich ſie dieſelben wieder vertrieb, ſo wurde ſie von einer andern franzoͤſiſchen Diviſion, welcher Buonaparte die Pluͤnderung der Stadt verſprochen hatte, wieder hinausgeworfen. Hierauf mußte eine dritte ruſſiſche Diviſion vorruͤcken, denn Bennigſen wollte den Kampf um die Stadt bis zur Ankunft ſeines ſchweren Ge⸗ ſchuͤtzes, das eine andere Straße eingeſchlagen hatte, verlaͤngern. Als es aber einm da war, haͤtte er den Kampf um den Beſiz von Preußiſch⸗Eylau gerne wieder eingeſtellt; allein die ruſſiſchen Kolonnen lie⸗ ßen ſich nicht mehr zuruͤckhalten; ſie drangen ſtuͤr⸗ mend in die Stadt, uͤberſielen die Franzoſen, die mit Pluͤndern beſchaͤftigt waren, und machten viele von ihnen nieder. Indeſſen war Preußiſch⸗Eylau durch⸗ aus nicht zu einem Poſten geeignet und durch nichts gedeckt, und die Franzoſen, die ſich unter dem Schuze von Hugeln und Anhoͤhen, die den Ort umgeben, nahten, konnten ihr Feuer auf die Straßen richten, wodurch die Ruſſen einigen Verluſt erlitten. Gene⸗ ral Barklay de Tolly wurde verwundet, und ſeine Truppen mußten abermals die Stadt raͤumen, die jezt von den Franzoſen beſezt wurde und in ihrer Gewalt blieb. Die Nacht ſank herab und das Gefecht hoͤrte auf, um den folgenden Tag mit dreifacher Wuth wieder zu beginnen. 29 Die Stellung der beiden Armeen iſt leicht zu beſchreiben. Die ruſſiſche hielt einen unebnen Bo⸗ den von etwa zwei Stunden in der Laͤnge und einer Stunde in der Breite beſezt; ihr linker Fluͤgel war an das Dorf Serpallen gelehnt. Sie hatte die Stadt Preußiſch⸗Eylau, die in einem Grunde liegt und von den Franzoſen beſezt war, vor ihrer Fronte. Zur Beobachtung dieſes das ruſſiſche Centrum bedrohen⸗ den Punktes war eine ruſſiſche Diviſion beſtimmt, die auf Koſten dos rechten Fluͤgels noch bedeutend verſtaͤrkt wurde. Man hielt dieſes fuͤr unverfaͤnglich, weil man ſtuͤndlich die Preußen unter L'Eſtocq auf dieſem Punkte erwartete. Der linke Fluͤgel der Fran⸗ zoſen hatte Eylau beſezt; ihr Centrum und ihre Rechte ſtanden den Ruſſen gerade gegenuͤber, auf ei⸗ ner Kette von Anhoͤhen, die zum Theil die Stellung des Feindes erhoͤhten. Auch ſie erwarteten Verſtaͤr⸗ kungen durch die Diviſion Ney, die noch nicht ein⸗ getroffen war und die den außerſten linken Fluͤgel bilden ſollte. 3 Der Raum zwiſchen den beiderſeitigen Armeen war eine offene und flache, mit einigen zugefrornen Telchen durchſchnittene Ebene. Die Stellung beider Armeen war durch den bleichen Schimmer ihrer Wacht⸗ fener bezeichnet. Die Franzoſen hatten den Vortheil der Zahl fuͤr ſich. Nach den Angaben von Sir Ro⸗ bert Wilfon waren ſie 90,000, die Ruſſen nur 60,/000 3⁰ Mann ſtark; dieſes Verhaͤltniß duͤrfte jedoch bedeu⸗ tend uͤberſchaͤzt ſeyn. Mit den erſten Strahlen des 8ten Februars nahm dieſe verhaͤngnißvolle Schlacht ihren Anfang. Zwei ſtarke franzoͤſiſche Kolonnen ruͤckten in der Abſicht vor, den rechten Fluͤgel der Ruſſen zu umgehen und ihr Centrum zu gleicher Zeit zu durchbrechen. Sie wur⸗ den aber durch das gewaltige und anhaltende Feuer des ruſſiſchen Geſchuͤtzes in großer Unordnung zuruͤck⸗ getrieben. Ein Angriff auf den ruſſiſchen linken Fluͤ⸗ gel gelang nicht beſſer. Die ruſſiſche Infanterie ſtand wie eine Felſenmauer— ſie warf den Feind zuruͤck — die Reiterei kam zu ihrer Unterſtuͤtzung heran, ſezte dem geworfenen Feinde nach und nahm ihm ei⸗ nige Standarten und Adler ab. Um die Mittags⸗ zeit ſiel der Schnee in dichten Flocken herab und wurde vom Sturmwinde den Ruſſen gerade in's Ge⸗ ſicht geweht; der Rauch des brennenden Dorfes Ser⸗ pallen, der ſich uͤber das Schlachtfeld legte, vermehrte noch das Dunkel. Unter dem Schutze dieſes Dunkels ruͤckten ſechs franzoͤſiſche Kolonnen, mit Geſchuͤz und Reiterei ver⸗ faaͤrkt, vor und kamen unangefochten der ruſſiſchen Stellung ganz nahe. Bennigſen fuͤhrte jezt an der Spitze ſeines Generalſtabs ſeine Reſerven ſelbſt in's Feuer, die, mit dem erſten Treffen vereinigt, die Franzoſen mit dem Bajonet angriffen. Ihre durch⸗ brochenen Kolonnen mußten in ihre alte Stellung 31 zuruͤckwelchen, wo ſie ſich nur mit Muͤhe wieder ſam⸗ melten. Ein franzoͤſiſches Kuͤraſſierregiment, das unterdeſſen in eine Luͤcke der ruſſiſchen Armee einge⸗ drungen war, wurde von den Koſaken angegriffen und fand in ſeiner Nuͤſtung keinen Schuz gegen die Lanzen. Von dem ganzen Regiment blieben nur acht⸗ zehn Mann am Leben. In demſelben Augenblick, wo der Sieg ſich fuͤr die Ruſſen zu entſcheiden ſchien, war er auf dem Punkte, denſelben entriſſen zu werden. Das Korps von Davouſt, das ſeit dem Anfang der Schlacht in der Abſicht manoͤvrirt hatte, den linken Fluͤgel der Ruſſen zu umgehen und dieſelben im NRuͤcken zu tfaſ⸗ ſen, erſchien jezt auf dem Schlachtfelde mit einer ſo ploͤzlichen Wirkung, daß das Dorf Serpellen genom⸗ men und der linke Fluͤgel der Ruſſen ſammt einem Theil des Centrums in Unordnung gebracht, zum Ruͤckzuge gezwungen und in die Nothwendigkeit ver⸗ ſezt wurde, die Fronte zu veraͤndern und mit dem rechten Fluͤgel und dem in ſeiner erſten Stellung ge⸗ bliebenen Theil des Centrums beinahe einen rechten Winkel zu bilden. 1 In dieſem wahrhaft kritiſchen Augenblick und waͤh⸗ rend die Franzoſen im Ruͤcken der Ruſſen Boden ge⸗ wannen, erſchien der raͤngſt erwartete L'Eſtocg eben⸗ falls ploͤzlich auf dem Wahlplatze; er ging ſofort uͤber den linken Fluͤgel der Franzoſen und den rechten Fluͤ⸗ gel der Ruſſen hinaus und bildete drei Kolonnen,⸗ 32 um die Schlacht im Centrum und im Ruͤcken der Ruſſen fruͤher herzuſtellen. Unter der Leitung dieſes biedern und tapfern Fuͤhrers erfochten die Preußen auf dieſem blutigen Felde ihren alten Kriegsruhm wieder. Sie feuerten niemals fruͤher als bis ſie nur noch einige Schritte vom Feinde entfernt waren, und drangen dann muthig und hurtig mit dem Bajonet auf ihn ein. So gewannen ſie das von den Ruſſen verlorne Terrain wieder und trieben die Truppen von Davouſt und Bernadotte, die eben erſt geſiegt hat⸗ iten, wieder zuruͤck. Jezt erſchien auch Ney auf dem Schlachtfelde und beſezte Schloditten, ein Dorf auf der Straße von Koͤnigsberg. Da hledurch die Verbindung der Ruſſen mit der Stadt in Gefahr kam, ſo hielt man es fuͤr noͤthig, das Dorf mit ſtuͤrmender Hand wie⸗ der zu nehmen— ein muthiger Entſchluͤß, der auch gluͤcklich ausgefuͤhrt wurde. Dies war die lezte Waf⸗ ffenthat an dieſem blurigen Tage. Es war zeyn Uhr in der Nacht und der Kampf hoͤrte auf. 3 Nicht weniget, als fuͤnfzigtauſend Mann fielen in der ſchrecklichen Schlacht, der am meiſten beſtrit⸗ tenen und am wenigſten gelungenen, die Buongyarte je geſchlagen. Er zog ſich in der Nacht wieder auf die Hoͤhen zuruͤck, von denen er des Morgens vorge⸗ ruͤckt war, ohne auch nur einen Punkt, der das Ziel feines Strebens geweſen, gewonnen zu haben, und mit einem Verluſte, der den des Beinden un leles ber⸗ 4 33 uͤbertraf. Aber auch die Ruſſen befanden ſich in ei⸗ nem ſehr traurigen Zuſtande. Auf dem Schlacht⸗ felde ſelbſt und ohne vom Pferde abzuſteigen, hielten ihre Generale einen Kriegsrath. Der Wunſch, die Schlacht am folgenden Tage auf jede Gefahr hin zu erneuern, herrſchte vor. Tolſtoy erbot ſich, gegen die franzoͤſiſche Linle vorzuruͤcken— L Eſtocg empfahl dieſelbe Maßregel. Sie verbuͤrgten ihr Leben, daß, wenn Bennigſen vorruͤcke, Napoleon ſich nothwendig zuraͤckziehen muͤſſe. Sie beriefen ſich auf die große moraliſche Wirkung, die ein ſolches Eingeſtaͤndniß der Schwaͤche von Seiten desjenigen, der immer nur zum Siege vorgeruͤckt war, nicht nur auf die Armee, ſondern auch auf Deutſchland und ganz Europa ma⸗ chen waͤrde. Aber Bennigſen war der Meinung, er koͤnne es nicht darauf ankommen laſſen, von Koͤnigs⸗ berg, wo ſich der Koͤnig von Preußen befand, abge⸗ ſchnitten zu werden, und duͤrfe mit einer wenigſtens um 20,000 Mann verminderten, mit Munition nur noch ſparſam verſehenen und von allen Lebensmitteln entbloͤßten Armee nicht eine zweite Schlacht wagen. Die Nuſſen zogen ſich deßwegen noch in derſelben Nacht nach Koͤnigsberg zuruͤck, Nur die Diviſion Oſtermann blieb noch bis zum andern Morgen ſtehen, wo ſie dann im Angeſicht von Preußiſch⸗Eylau, das noch von den Franzoſen beſezt war, uͤber das Schlacht⸗ ſeld zog, ohne von lesteren auch nur im geringſten geſtoͤrt zu werden. 8 L 4 34 Die Ruſſen wie die Franzoſen wollten bei Preu⸗ ßiſch⸗Eylau geſiegt haben, obſchon ſich die Schlacht weder fuͤr die einen noch fuͤr die andern entſchieden hatte. Bennigſen konnte fuͤr ſich anfuͤhren, daß er die Angriffe der Franzoſen auf ſeiner ganzen Linie zuruͤckgewieſen habe und daß die Franzoſen ihren Zweck verfehlt hatten; auch konnte er die noch nie geſehene Beute von zwoͤlf Adlern aufweiſen. Ueberdies durch⸗ ſtreiften die Koſaken noch mehrere Tage nach der Schlacht das Land und brachten viele franzoͤſiſche Ge⸗ fangene nach Koͤnigsberg. Die Franzoſen dagegen legten den Nuͤckzug der Ruſſen nach Koͤnigsberg als ein Eingeſtaͤndniß ihrer Schwaͤche aus, und machten den Umſtand geltend, daß ſie im Beſitze des Schlacht⸗ feldes geblieben waren— einen Umſtand, der ge⸗ woͤhnlich als ein Beweis des Sieges angeſehen wird. Daß aber Napoleon einen mehr als gewoͤhnlichen unfall erlitten habe, ergab ſich aus den zwei folgen⸗ den Umſtaͤnden. Am 13ten Februar, vier Tage nach der Schlacht, ließ er dem Koͤnig von Preußen einen weit guͤnſtigeren Waffenſtillſtand anbieten, als nach der Schlacht von Jena Friedrich Wilhelm haͤtte erwarten oder Buonaparte haͤtte gewaͤhren koͤnnen. Man gab ſogar dem Koͤnige zu verſtehen, daß, im Falle er ſich zu einem Separatfrieden entſchloͤße, der 3 franzoͤſiſche Kaiſer ihm ſeine ſaͤmmtlichen Staaten wieder zuruͤckzugeben nicht abgeneigt ſeyn wuͤrde. Aber Friedrich Wilhelm, der ſelbſt in der groͤßten Noth 35 ſeinem Verbuͤndeten, dem Kaiſer von Rußland, treu blieb, wollte nur von einem allgemeinen Frieden wiſ⸗ ſen; auch den vorgeſchlagenen Waffenſtillſtand lehnte er beſtimmt ab, und die Thatſache, daß Buonaparte einen ſolchen angeboten, galt als ein Geſtaͤndniß ſei⸗ ner Schwaͤche. Ein zweiter Beweis des großen Verluſtes, den Napoleon in der Schlacht von Preußiſch⸗Eylau er⸗ kitten, iſt ſeine Unthaͤtigkeit nach der Schlacht. Er blieb acht Tage ſtehen, ohne ſich zu ruͤhren; nur ſeine Reiterei machte hie und da einige Verſuche, die aber groͤßtentheils mißlangen. Erſt am 19ten Februar brach er wieder auf, um an die Weichſel zuruͤckzuge⸗ hen, ſtatt, wie er gedroht hatte, die Ruſſen hinter den Pregel zuruͤckzutrelben. Waͤhreno des Ruͤckzugs fanden mehrere Gefechte mit abwechſelndem Gluͤcke In ſeiner jezt wieder bezogenen Stellung an der Weichſel benahm ſich Napoleon auf eine ſehr behut⸗ ſame Weiſe und wie ein Mann, der es fuͤhlte, daß er noch ein ſchweres Stuͤck Arbelt vor ſich habe. Er ſchien einzuſehen, daß es ſehr gewagt ſey, nach Polen vorzuruͤcken, ſo lange Danzig noch im Beſitze der Preu⸗ ßen ſey, und daß er ſich erſt dieſes Platzes verſichern muͤſſe, ehe er zu weitern Operationen ſchreiten koͤnne. Die Belagerung von Danzig ward daher ſofort be⸗ 36 ſchloſſen. General Kalkreuth vertheidigte dieſen Plaz bis auf's Aeußerſte. Nach vielen ungluͤcklichen Ver⸗ ſuchen, es zu entſetzen, mußte ſich endlich Danzig, zu Ende des Mai 1807, zweiundfuͤnfzig Tage nach Eroͤffnung der Laufgraͤben, ergeben. Haͤtte es die Jahreszeit den Britten erlaubt, von Danzig aus im Ruͤcken der franzoͤſiſchen Armee eine Diverſion zu unternehmen, ſo wuͤrde dieſelbe zur Befreiung von Preußen und vielleicht von Europa Vieles haben lei⸗ ſten koͤnnen. 3 Napoleon ließ es ſich auch auf das Aeußerſte au⸗ gelegen ſeyn, den Verluſt, den ſeine Armee in die⸗ ſem ſchweren Feldzuge erlitten, wieder zu erſetzen. Er hob die Belagerung von Kolberg auf, zog den groͤßten Theil ſeiner Truppen aus Schleſien, ordnete eine neue Aushebung in der Schweiz an, betrieb den Marſch der Truppen aus Italien und verlangte, um ſeine Mittel zu ergaͤnzen, eine nochmallge Konſkrip⸗ tkon vom Jahre 1808, die, wie es ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, vom Senate bewilligt wurde. Als endlich zu Aufang des Sommers die Uebergabe von Danzig erfolgte, ſah er ſich dadurch in Stand geſezt, dur h das bisherige, 25,000 Mann ſtarke Belagerungskorps ſeine Hauptarmee zu verſtaͤrken und neue Offenſiv⸗ operationen einzuleiten. Zu gleicher Zeit fand in Polen eine ſtarke Aushebung Statt, und dieſe neu⸗ ausgehobene Mannſchaft wurde mit andern franzoͤſi⸗ hen Truppen zu bedeutenden Rekognoscirungen ver⸗ 37 wendet, die mit abwechſelndem Gluͤcke, aber nie ohne blutige Koͤpfe geſchahen. So viel wenigſtens war fuͤr ganz Europa einleuchtend, daß, welches Ende auch dieſer blutige Kampf nehmen moͤge, der franzoͤſiſche Kaiſer es mit einem Feldherrn und mit Truppen zu thun habe, gegen welche ſich jene Alles uͤberwaͤltigen⸗ den und unwiderſtehlichen Mandvers nicht anwenden ließen, durch die ſich ſeine Feldzuͤge in Italien und Deutſchland bisher ausgezeichnet hatten. Die Bulle⸗ tins verkuͤndeten allerdings mit jedem Tage neue Vor⸗ theile; da jedoch das Vorruͤcken auf dem polniſchen Gebiete keineswegs mit den angeblichen Siegen im Verhaͤltniß ſtand, ſo lag es am Tage, daß Napoleon nicht blos Streiche zu fuͤhren, ſondern auch abzu wehren, nicht blos Siege zu vollenden, ſondern auch Verluſte zu erſetzen hatte. Die ruſſiſchen Generale entwarfen Plane mit Einſicht und fuͤhrten ſie mit Thäͤtigkeit und Muth aus; ſie ſchnitten einzelne Di⸗ viſionen ab und ſtoͤrten haͤufig die Verbindungen zwi⸗ ſchen den franzoͤſiſchen Truppenkorps. Die ruſſiſche Armee hatte gleichfalls Verſtaͤrkun⸗ gen erhalten, die jedoch nicht hinreichend waren und dieſelbe hoͤchſtens wieder auf ihren urſpruͤnglichen Be⸗ ſtand von 90,000 Mann brachten. Dies erſcheint als eine unverzeihliche Nachlaͤßig eit von Seiten der ruf⸗ ſiſchen Regierung, wenn man die Lelchtigkeit, mit der ſich in Rußland ſo viel Truppen, als der Kalſer will, ausheben laſſen, und die hohe Wichtigkeit des 38 Krieges, in welchen dieſer Staat verwickelt war, in Erwaͤgung zieht. Man will jedoch behaupten, daß der Geldmangel der ruſſiſchen Verwaltung Schuld an dieſer ſo wenig ergiebigen Aushebung war, und daß die Englaͤnder, an die man ſich wegen eines Anlehens von ſechs Millionen und wegen eines Vorſchuſſes von einer Million wendete, ſich unwillfaͤhrig gezeigt und dadurch den Kaiſer Alexander hoͤchlich beleidigt hatten. Napoleon, der doch um ſo vieles weiter von ſei⸗ nen Staaten entfernt war, hatte indeſſen durch An⸗ ſtrengungen wie ſie in der europaͤiſchen Geſchichte noch nie vorgekommen waren, zwiſchen der Weichſel und dem Niemen mit Einſchluß der Beſatzung von Dan⸗ zig, 280,000 Mann zuſammengebracht. Bei einem ſolchen Mißverhaͤltniß von Streitkraͤften ſing jezt der Krieg von Neuem an. Die Ruſſen waren der angrelfende Theil, indem ſie gegen das Korps von Ney, das bei Gutſtadt und in der Umgegend ſtand, einen kombinirten Verſuch machten. Sie verfolgten dieſes Korps bis nach Dep⸗ pen, wo ein Gefecht vorfiel; aber am 8ten Juni ruͤckte Napoleon in Perſon vor, um ſeinen Marſchall gus der Klemme zu ziehen, und Bennigſen mußte nun ſeinerſeits wieder zuruͤckweichen, von der großen franzoͤſiſchen Armee auf das lebhafteſte gedraͤngt. Doch ſelbſt in dieſem Augenblicke der Gefahr wagte Pla⸗ tow mit ſeinen Koſaken einen Angriff oder, wie ſie es nennen, ein Hurrah auf die Franzoſen und zwar 39 mit ſo gluͤcklichem Erfolge, daß nicht allein die Spizen des franzoͤſiſchen Vortrabs, und die zu deren Unter⸗ ſtuͤtzung vorgeſchobenen Truppen auseinandergeſprengt wurden, ſondern daß ſelbſt auch die franzoͤſiſche In⸗ fanterie Vierecke bilden mußte, ja, daß die Perſon des Kaiſers ſelbſt in Gefahr kam, und die ganze franzoͤſiſche Reiterei beſchaͤftigt wurde. Die Artillerie wie die Infanterie richtete jezt ihr Feuer auf die Koſaken, aber mit wenigem Erfolg; denn kaum hat⸗ ten ſie ihre Abſicht, die franzoͤſiſche Vorhut zu wer⸗ fen(und das war alles, was ſie wollten) erreicht, als ſie, gleich dem Nebel vor der Sonne, verſchwanden und ſich hinter die Bataillons zuruͤckzogen, deren Auf⸗ marſch ſie gedeckt hatten. Hiedurch waren die Koſaken der Diyiſion Bagra⸗ tion, deren Ruͤckzug ſie decken ſollten, vorangeelit und zuerſt an die Bruͤcke uͤber die Aller gekommen. Durch die unermeßlichen Streitkraͤfte, die der Feind ent⸗ wickelte, geſchreckt, wollten ſie jezt in Unordnung uͤber die Bruͤcke fliehen, wodurch die Truppen des Nach⸗ trabs in die groͤßte Gefahr gekommen waͤren. Der Muth und die Ergebenheit Platow's verhinderten je⸗ doch ein ſolches Ungluͤck. Er ſprang vom Pferde, in⸗ dem er ausrief:„Der Koſake, der ſchlecht und feig genug iſt, ſeinen Hetmann im Stich zu laſſen, mag es thun!“— Und ſiehe da, die Kinder der Wild⸗ niß blieben bei ihrem Fuͤhrer, der jezt den NRuͤckzug Bagration's und des Nachtrabs decken konnte, und 40 dann den ſeinigen mit geringem Verluſte zu bewerk⸗ ſtelligen wußte. Die ruſſiſche Armee ſezte ihren Ruͤckmarſch nach Heilsberg fort, wo ſie Stellung nahm und den ver⸗ zweifeltſten Widerſtand leiſtete. Von der Uebermacht uͤberwaͤltigt und von der Ebene vertrieben, verthei⸗ digten die Ruſſen mit der groͤßten Wuth die Anhoͤ⸗ hen, die von den Franzoſen mehr als einmal geſtuͤrmt wurden. Allein ihre Infanterie, ihre Reiterei und ihr Geſchuͤz vermochten nur wenig gegen die eiſernen Reihen der Ruſſen. Die Schlacht war um Mitter⸗ nacht noch unentſchleden; und als der Morgen graute, war die Ebene zwiſchen der Stellung der Ruſſen und der Franzoſen mit den Koͤrpern der Todten und der Verwundeten nicht allein beſaͤt, ſondern im buchſtaͤb⸗ lichen Sinne bedeckt. Nach der Schlacht von Heils⸗ berg zogen ſich die Ruſſen ungeſtoͤrt uͤber die Aller zuruͤck, durch die ſie von der Armee Napoleon's ge⸗ ſchieden worden, die zwar auch großen Verluſt erlit⸗ ten hatte, denſelben aber wegen ihrer Ueberlegenheit eher als die Ruſſen verſchmerzen konnte. In der Lage, in welcher ſich die Armee von Bennigſen be⸗ fand, war es fuͤr ſie zweckmaͤßig, den Krieg in die Laͤnge zu ziehen, beſonders da 30,000 Mann Ver⸗ ſtaͤrkung aus dem Innern des Reiches ſich der Grenze naͤherten. Vermuthlich aus dieſem Grunde blieb Bennigſen auf dem rechten Ufer der Aller ſtehen und . 41 ließ nur einige Reiterei zur Beobachtung des Fein⸗ des auf dem andern Ufer zuruͤck. Am 13ten erreichte die ruſſiſche Armee Friedland, eine bedeutende Stadt auf dem weſtlichen Ufer der Aller, uͤber welche eine lange hoͤlzerne Bruͤcke fuͤhrt. Napoleon faßte den Plan, den ruſſiſchen Feldherrg uͤber dieſe ſchmale Bruͤcke auf das linke Ufer heruͤber zu locken und ihn dann mit aller Macht in einer Stellung anzugreifen, aus welcher der Nuͤckzug durch die Stadt und uber die Bruͤcke beinahe unmoͤglich werden mußte. Zu dieſem Ende zeigte er ſeinerſeits nur gerade ſo viel Truppen, daß General Bennigſen glauben mußte, es ſtehe auf dem linken Ufer der Al⸗ ler nur das einzige Korps von Oudinot, das er in der Schlacht von Heilsberg bereits ſehr uͤbel zugerichtet hatte und nun vollends aufzureiben hoffte. Zufolge dieſer Taͤuſchung ertheilte er einer ruſſiſchen Divi⸗ ſion den Befehl, uͤber die Bruͤcke zu gehen, durch die Stadt zu ziehen und den Feind anzugrelfen. Allein da die Franzoſen es ſorgfaltig vermieden, einen Wi⸗ derſtand zu leiſten, der ihre wahre Staͤrke haͤtte ver⸗ rathen koͤnnen, ſo ließ ſich Bennigſen dadurch verlei⸗ ten, der erſten Divtſion eine zweite nachzuſchicken. — Das Gefecht wurde ernſthafter, und der ruſſiſche General brachte nachgerade ſeine ganze Armee, mit Ausnahme einer einzigen Diviſion, uͤber die hoͤlzerne Bruͤcke und drei Schiffbruͤcken auf das linke Ufer der Aller, wo er dieſelbe der Stadt gegenuͤber entwickelte, . 4² um die geſchwaͤchte franzoͤſiſche Diviſion, mit der er es, wie er glaubte, allein zu thun hatte, gaͤnzlich zu uͤberwaͤlrigen. Kaum aber hatte er den Schritt gewagt, den er nicht mehr zuruͤck thun konnte, als die Maske abge⸗ worfen wurde. Die franzoͤſiſchen Plaͤnkler drangen in großen Schwaͤrmen vorwaͤrts, dichte Infanteriekolon⸗ nen kamen zum Vorſchein, ein zahlreiches Geſchuͤz fuhr in Batterien auf, und alle Umſtaͤnde ſtimmten mit der Ausſage der Gefangenen uͤberein, daß die große franzoͤſiſche Armee dem herabgeſchmolzenen Heere von Bennigſen gegenuͤber ſtehe. Die Stellung deſſel⸗ ben auf einer mit Wald und andern Zufaͤlligkeiten umgebenen Ebene war ſchwer zu vertheidigen und der Ruͤckzug aus derſelben zunaͤchſt durch die Stadt und uͤber einen breiten Fluß gefaͤhrlich; an einen Vor⸗ marſch gegen einen ſo ſehr uͤberlegenen Feind ließ ſich nicht denken. Bennigſen mußte aber vor Allem darauf bedacht ſeyn, ſeine Verbindung mit Wehlau, einer Stadt an der Pregel und ſeinem urſpruͤngli⸗ chen Ruͤckzugspunkte, zu erhalten, wo er ſich mit den Preußen unter General L'Eſtocg zu vereinigen hoffte. Gelang es dem Feinde, ſich der Bruͤcke bei Allerberg, einige Meilen unterhalb Friedland, zu bemaͤchtigen, ſo war dieſer Plan nicht mehr ausfuͤhrbar; dies be⸗ wog ihn, ſeine Streitkraͤfte bei Friedland zu ſchwaͤ⸗ chen und 6000 Mann zur Beſetzung des genannten Punktes zu entſenden; mit dem Ueberreſte ſeiner 43³ Truppen beſchloß er ſeine Stellung den Tag uͤber zu behaupten. Gegen zehn Uhr ruͤckten die Franzoſen zum An⸗ griff vor. Das mit Wald bedeckte und durchſchnittene Terrain, das ſie beſezt hielten, geſtattete ihnen, ihre Angriffe nach Gefallen fortzuſetzen oder abzubrechen, waͤhrend die Ruſſen in ihrer offenen Stellung ſich ungeſehen nicht im geringſten bewegen konnten. Doch fochten ſie mit einer ſo hartnaͤckigen Tapferkeit, daß die Franzoſen gegen Mittag des Streites mude zu werden und ſich zuruͤckzuziehen ſchienen. Dies ge⸗ ſchah aber nur um den Truppen, die im Feuer ge⸗ weſen waren, einige Ruhe zu goͤnnen und neue Ver⸗ ſtaͤrkungen heranzuziehen. Die Kanonade dauerte bis gegen 5 Uhr, worauf Napoleon in Perſon mit ſeiner ganzen Macht erſchien, um einen jener ver⸗ zwelfelten und meiſtens unwiderſtehlichen Streiche zu fuͤhren, durch die er ein noch zweifelhaftes Gefecht zu entſcheiden pflegte. Gewaltige Kolonnen konnten in den Luͤcken des Waldes wahrgenommen werden, und von Friedland aus geſehen erſchien die ungluͤck⸗ liche ruſſiſche Armee von einem breiten Ringe glaͤn⸗ zenden Stahls umfaßt. Der Angriff auf der gan⸗ zen Linie geſchah mit allen Truppenarten zumal; die Franzoſen ruͤckten unter Siegesgeſchrei vor, waͤh⸗ rend die Ruſſen, durch den Verluſt von wenigſtens 12/000 Todten und Verwundeten geſchwaͤcht, das ge⸗ faͤhrlichſte aller Wageſtuͤcke unternehmen, und ſich im 44 Angeſichte eines uͤberlegenen aufdringenden Feindes durch zum Theil geſperrte Defileen zuruͤckziehen muß⸗ ten. Der Hauptangriff war gegen den linken Fluͤgel der Ruſſen gerichtet, der zulezt uͤberwaͤltigt wurde. Die Truppen, aus denen er beſtand, fishen durch die Stadt in aufgeloͤsten Haufen, unter dem Feuer der feindlichen Batterien den Bruͤcken zu, und waͤren ganz aufgerfeben worden, wenn nicht Alexanders tapfere Garde das Korps von Ney, das den franzoͤ⸗ ſiſchen Vortrab bildete, mit dem Bajonet angegrif⸗ fen, in Unordnung gebracht und ſo den Fliehenden Zeit verſchafft haͤtte. Indeſſen wurden die Bruͤcken in Brand geſteckt, damit die Franzoſen, die in die Stadt gedrungen waren, ſich derſelben nicht bedienen konnten. Der Rauch, der uͤber den Kaͤmpfenden ſchwebte, vermehrte noch die Schreckniſſe und die Verwirrung dieſes Auf⸗ tritts; doch entkam noch ein bedeutender Theil der ruſſiſchen Infanterie durch eine nahe vor der Stadt befindliche Furth, die im Augenblick der Niederlage entdeckt ward. Das Centrum und der rechte Fluͤgel der Ruſſen, die auf dem linken Ufer der Aller zuruͤck⸗ blieben, bewerkſtelligten ihren Ruͤckzug auf einem Um⸗ wege, indem ſie die Stadt Friedland mit ihren bren⸗ nenden, fuͤr Freund und Feind nicht mehr laͤnger brauchbaren Bruͤcken rechts ließen und⸗weiter unter⸗ halb durch eine, auch in der hoͤchſten Noth erſt auf⸗ gefundene Furth das andere Ufer der Aller erreichten. 4⁵ Die Furth war tief und gefaͤhrlich— das Waſſer ſtieg der Infanterle bis an die Bruſt und verdarb alle noch uͤbrige Munition. Und ſo waren die Ruſſen nun wleder auf dem rech⸗ ten Allerufer vereinigt und im Stande, ihren Marſch nach Wehlau fortzuſetzen. Trotz ihrer Niederlage hat⸗ ken ſie doch ihr Geſchuͤz, mit Ausnahme von ſieben⸗ zehn Stuͤcken, fammt ihrem Gepaͤcke gerettet. Durch ihren ungemein kraͤftigen Widerſtand ſchienen ſie in der That die Energie des Siegers gelaͤhmt zu ha⸗ ben, der, nachdem er die ruſſiſche Stellung genom⸗ men, nur wenig von jener Thaͤtigkeit zeigte, die man an ihm in ſolchen Faͤllen gewoͤhnt war. Er ſchickte ein fluͤchtigen Feinde keine Truppen uͤber die Aller nach, ſondern ließ es geſchehen, daß Bennigſen ſeine geſchlagenen Truppen wieder ſammelte. Auch ent⸗ ſandte er von Friedland aus keine Truppen an der Aller hinab, um das Centrum und den linken Fluͤ⸗ gel der Ruſſen in die Flanke zu nehmen und ſie vom Fluſſe abzuſchneiden. Kurz, die Schlacht von Fried⸗ land war, nach dem Ausdrucke eines franzoͤſiſchen Ge⸗ nerals, eine gewonnene Schlacht, aber ein verlorner Sieg. Doch hatte die Schlacht ſelbſt noch immer die wichtigſten Folgen, obgleich die Franzoſen ihren Siog nicht erſchoͤpfend benuzten. Koͤnigsberg, ſo lange das Aſyl des Koͤnigs von Preußen, ward von ſeinen Trup⸗ pen geraͤumt, da es am Tage lag, daß die Ruſſen „ 46 den Krieg in Polen nicht laͤnger fuͤhren konnten. Ben⸗ nigſen zog ſich nach Tilſit an die ruſſiſche Grenze zu-⸗ ruͤck. Das Hauptergebniß dieſer Niederlage war aber moraliſcher Art und fuͤr die Franzoſen weit bedeuten⸗ der, als die groͤßte Anzahl von Gefangenen und an⸗ dern Trophaͤen. Der Kalſer Alexander wurde dadurch, was Napoleon ſo ehnlich wuͤnſchte, zum Frieden ge⸗ ſtimmt. Der leztere konnte ſich nicht verhehlen, daß er an Rußland einen weit hartnaͤckigeren Feind habe, als er je einen gefunden. Nach ſo vielen blutigen Schlachten hatte er kaum die Grenze eines unermeß⸗ lichen Reiches erreicht, deſſen Huͤlfsquellen unerſchoͤpf⸗ lich waren; wie haͤtten die Franzoſen, denen es ſo ſchwer geworden, eine bloße Huͤlfsarmee zu beſiegen, es wagen koͤnnen, ſich in das moskowitiſche Reich zu vertiefen. Mit einer ſo rieſenhaften Unternehmung konnte ſich der franzoͤſiſche Kalſer in ſeiner Lage gar nicht befaſſen. Eine engliſche Flotte konnte mit jedem Tage in der Oſtſee erſcheinen. Guſtav war in Schwediſch⸗ Pommern an der Spitze einer betraͤchlichen Armee, die ſo eben en Entſaz von Stralſund bewirkt hatte. Ein Geiſt der Widerſezlichkeit regte ſich in Preußen, wo das entſchloſſene Benehmen Bluͤcher's Bewunde⸗ rer und Nachahmer fand und die Nation ſich von der Beſtaͤrzung wieder zu erholen ſchien, in die ſie durch die Niederlage von Jena verſezt worden war. Der beruhmte Schill, in unternehmender und tuͤchtiger 47 Parteigaͤnger, hatte manche Vortheile errungen, und es war gar nicht unwahrſcheinlich, daß er in einem unter den Waffen aufgewachſenen Volke es dahin brin⸗ gen koͤnnte, eine bedeutende Streitmacht unter ſeinen Befehlen zu vereinigen. Heſſen, Hannover, Braun⸗ ſchweig und andere deutſche Provinzen, ihrer ange⸗ ſtammten Fuͤrſten beraubt und von dem Sieger hart bedruͤckt, waren zu einem Aufſtande reif. Alle dieſe Gefahren waren von keiner Bedeutung, ſy lange die große Armee in maͤßiger Entfernung ſtand; wenn ſie gber nach Rußland vorruͤckte, und beſonders, wenn ſie dort einen Unfall erlitt, ſo konnten die Funken, die in ihrem Ruͤcken glimmten, zu einer ſchrecklichen Flamme auflodern. Durch dieſe Betrachtungen bewogen, hatte Na⸗ poleon die Thuͤre zu einer Verſoͤhnung mit Alexan⸗ der weit offen gelaſſen, indem er ſich aller jener bit⸗ tern Bemerkungen uͤber ihn enthielt, die er ſich ge⸗ gen alle, die ihm in den Weg traten, in vollem Maße erlaubte, und indem er ferner auf verſchiedene Weiſe mehr als einmal zu verſtehen gab, daß ein Friede, durch welchen die Welt zwiſchen Rußland und Frank reich getheilt wuͤrde, von dem Ermeſſen des Kaiſers Alexander, ſobald er nur wolle, abhaͤnge. Es fuͤgte ſich jezt, daß der ruſſiſche Kaſer einem Frieden mit Frankreich nicht abgeneigt war. Er war ſchon ſeit einiger Zeit unzufrieden mit ſeinen Alliir⸗ ten. Gegen Friedrich Wilhelm ließ ſich freilich nichts 48 einwenden, als ſein Ungluͤck; allein was entfremdel uns wohl fruͤher unſern Freunden, als eine Reihe von Mißgeſchicken, wodurch wir ihnen unnz und zur Laſt werden? Der Koͤnig von Schweden war auf je⸗ den Fall nur ein ſchwacher Alllirter, aber er hatte ſich bei ſeinen Unterthanen ſo unbeliebt gemacht, daßs ſeine Entthronung vorauszuſehen war; auch mochte man ſich erinnern, daß die ſchwediſche Provinz Finn⸗ land fuͤr Rußland ſehr bequem liege und durch einen Traktat mit Buonaparte wohl leicht erworben werden koͤnne. 5 Rußlands maͤchtigſter Alllirter war Großbritan⸗ nien. Allein der Ezaar war, wie bereits bemerkt worden, uͤber die Kargheit des engliſchen Kabinets ſehr unzufrieden, da es ihm Anlehen und Subſidien verweigert hatte, die es in andern weniger bedeuten⸗ den Faͤllen doch nicht zu ſparen pflegte. Eine Sub⸗ ſidie von ungefaͤhr 80,000 Pf. war alles, was er von ihm erhalten konnte. Zwar hatte England eine Ar⸗ mee nach dem Norden geſchickt, die, mit den Schwe⸗ den vereinigt, Stralſund belagerte; allein dieſe Ope⸗ ration war viel zu excentriſch, als daß ſie einen Ein⸗ fluß auf den polniſchen Feldzug haͤtte haben koͤnnen. Auch nahm ſich Alexander die große Noth ſeiner Un⸗ terthanen ſehr zu Herzen. Seine Armee war fuͤr ihn, wie das bei den meiſten jungen Herrſchern der Fall iſt, ein Lieblingsgegenſtand geweſen; und er that lich mit Recht Vieles zu gut auf ſeine trefſlichen ——— 1 4 49 Gardereglmenter, die in den heißen Schlachten, de⸗ ren wir erwaͤhnt haben, ſo viel gelitten hatten, daß ſte der Zahl und dem Ausſehen nach kaum mehr ih⸗ rem Schatten glichen. Es that uͤberdies ſeinem Ruhme keinen Eintrag, wenn er einen Kampf aufgab, in welchem er nur als Beiſtand aufgetreten war, und man wird ihm ohne Zweifel zu verſtehen gegeben ha⸗ ben, daß er ſeinem Alliirten, dem Koͤnige von Pren⸗ hen, weit mehr durch Unterhandlungen, als durch einen laͤngern Krieg nuͤtzen koͤnne. Auch werden der Name Napoleon's und der außerordentliche Glanz ſeiner Talente und ſeiner Thaten auf die jugendliche Einbildungskraft des rufſiſchen Kaiſers ihre Wirkung nicht verfehlt haben. So hoch er auch ſtand, ſo mußte es doch ſeinem Stolze ſchmelcheln, von demjenigen, der ſo viele Fuͤrſten beſiegt hatte, auf gleichem Fuße behandelt zu werden; und dann mag er die Natur des Ehrgeizes nicht genugſam gekannt haben, um zu wiſſen, daß derſelbe ſich in den Gedanken einer ge⸗ Verhaͤlt⸗ nzigen europaͤiſchen 4 50 Herrſcher zu Stande, der maͤchtlg genug war, auf gleichem Fuße mit ihm zu unterhandeln. Dieſe hoͤchwichtige Unterhandlung fand nicht in der gewoͤhnlichen diplomatiſchen Form Statt, ſondern ſie wurde, unter Beſeitigung aller untergeordneten Agenten, wie Napoleon oft gewuͤnſcht hatte, von den hohen kontrahirenden Theilen ſelbſt gefuͤhrt. SGleich nach Abſchließung des Waffenſtillſtandes wurde Alles zu einer perſoͤnlichen Zuſammenkunft der beiden Kaiſer veranſtaltet. Sie erfolgte auf einem großen Floße, der mitten im Niemen befeſtigt war und ein ungeheures Zelt trug. Am 25ſten Juni 1807 um halb zehn Uhr ſchifften ſich die beiden Kalſer in Gegenwart vieler tauſend Zuſchauer zu gleicher Zeit an den entgegengeſezten Ufern des Fluſſes ein. Buo⸗ naparte war von Murat, Berthier, Beſſieres, Duroc und Caulaincourt, Alexander von ſeinem Bruder, dem Großfuͤrſten Konſtantin, den Generalen Bennig⸗ ſen und Ouwarow und dem Grafen von Lieven, el⸗ nem ſeiner Adjutanten, begleitet. Bei dem Floße angekommen, ſtiegen beide aus, umarmten ſich un⸗ ter dem Zuruf beider Armeen, traten dann in das zu ihrem Empfange bereitete Gezelt, wo ſie eine zweiſtuͤndige Konferenz hielten. Dann wurden die Offiziere, die waͤhrend der Unterredung in der Ferne geſtanden hatten, gegenſeitig vorgeſtellt und das voll⸗ kommenſte Einverſtaͤndniß ſchien zwiſchen den Mo⸗ narchen zu herrſchen, die uͤber einen ſo großen Theil 51 der Welt zu gebieten hatten. Es untkerliegt wohl keinem Zweifel, daß Napoleon bei dieſer hochwichti⸗ gen Gelegenheit den ganzen Zauber ſeiner Perſoͤn⸗ lichkeit werde entwickelt haben, durch den ein ſo aus⸗ gezeichneter Mann wie er, wenn er wollte, ſo viel wirken konnte*). Auch beſaß er im hoͤchſten Grade jene Beredtſamkeit, die dem ſchlechteren Grunde den Anſchein des beſſeren zu geben weiß, und die, indem ſte die aus den Gruͤndſaͤtzen der Moralitaͤt und Recht⸗ ſchaffenheit gezogenen Maximen in's Laͤcherliche zieht und als eine Idioſynkraſie darſtellt, ihre Logik auf die jeweiligen Umſtaͤnde gruͤndet. So kann jede Ein⸗ ſprache der Wahrhaftigkeit und Ehre durch Berufung auf die Konvenienz einigermaßen widerlegt und das wirkliche oder ſcheinbare Intereſſe desjenigen, den man gewinnen will, mit dem Gebote moraliſcher Pflicht und fuͤrſtlicher Tugend in Widerſpruch geſezt werden. Auf dieſe Weiſe konnte Napoleon den Kaiſer Alexan⸗ der gewiſſermaßen uͤberzeugen, daß er zum Beſten —— * Der Eindruck, den Napoleon s Gegenwart und Unterhat, tung, bei der Meinung, die man von ſeinen Talenten hatke, auf alle diejenigen machte, die ihm nahten, war ganz au⸗ ßerordentlich. Der Kapitain eines engliſchen Kriegsſchiffes, der gegenwärtig war, als er die Inſel Elba in Beſtz nahm, ſtoͤrte bei dieſer Getegenheit die Feierlichkeit und den Eruſt eines Levees, dem mehrere engliſche Geſchäftsmänner anwohn, ren, indem er in ſeiner Weiſe ausrief:„Dieſer Bone iſt denn doch ein ganz guter Kerl!“ 4 ⁴2 5² ſeines Reiches von den Marimen der Treue und Gerechtigkeit in etwas abweichen und ſich zur Er⸗ laugung eines großen Nationalvortheils einiges Un⸗ recht erlauben duͤrfe. Die Stadt Tilſit ward nun als neutral erklaͤrt. Feſte jeglicher Art folgten raſch auf einander, und die franzoͤſiſchen und ruſſiſchen, ja ſogar die preußi⸗ ſchen Offiziere ſchienen ſich ſowohl in ihrer gegenſek⸗ tigen Geſellſchaft zu gefallen, daß man kaum haͤtte glauben ſollen, daß ſo hoͤfliche und liebenswuͤrdige Maͤnner ſich Monate lang im Schnee und Koth ge⸗ rauft hatten. Die beiden Kaiſer waren heſtaͤndig bel⸗ ſammen und glichen zwei jungen Maͤnnern vom Sran⸗ de, die ſich nicht nur mit einander ergoͤzten, ſondern gelegenheitlich auch ernſte Geſchaͤfte treiben. Man wußte recht wohl, daß in ihren vertraulichen Zuſam⸗ menkuͤnften nicht blos froͤhliche Dinge, ſondern zu⸗ weilen wohl auch poliriſthe Gegenſtaͤnde verhandetr wurden. An den groͤßeren kaiſerlichen Feſten nahmen auch Gaͤſte Theil, die wohl ſchwerlich Geſchmack daran fin⸗ den mochten. Der unglüͤckliche Koͤnig von Preu⸗ ßen kam am 28ſten nach Lilſit und wurde ſeinem furchtbaren Gegner vorgeſtellt. Napoleon behandelte ihn nicht auf demſelben Fuße wie den Kaiſer Alexan⸗ der, und gab bald genug zu verſtehen, daß er aus Hefaͤlligkeit gegen ſeinen Bruder im Norden ſeine Hand von den preußiſchen Beſitzungen ablaſſen wuͤrde. 53 Dem Kenig war, außer dem Geblete von Memel und den Feſtungen von Kolberg und Graudenz, von ſei⸗ nen Staaten nichts mehr geblieben. Es zeiste ſich bald, daß Preußen alles, was es ſeit 1773 unter dem großen Friedrich gewonnen, verlieren und von einar Macht des erſten Ranges zu einer des zweiten herab⸗ ſtuken wuͤrde. Die ſchoͤne und ungluͤckliche Koͤnigin, die in ih⸗ rer Hochherzigkeit den Krieg betrieben hatte, ſuchte ſo viel es durch weihliche Bitten geſchehen kongte, die Opfer, die dem Frieden gebracht werden ſollten, zu vermindern. Vor kurzem noch, naͤmlich am Iſten April, hatten ſich Alerander und Friedrich Wilhelc in Koͤnigsberg lange geherzt und im Gefuͤhle des Un⸗ kerſchieds zwiſchen dieſer Zuſammenkunſt und derje⸗ nigen in Berlin vor dem Ausbruche des Krieges Thraͤ⸗ nen vergoſſen, der erſte aus Mitleld, der andere aus Gram. Bei eben dieſer Gelegenheit hatte die Koͤ⸗ nigin, als ſie den Kaiſer begruͤßte, in Thraͤnen zer⸗ fließend, nur die einzigen Worte aͤußern koͤnnen:„Lie⸗ ber Vetter!“ und dadurch zugleich die Tiefe ihres Kummers und ihr herzliches Vertrauen auf die Groß⸗ muth ihres Allitrten bezeigt. Dieſe Scene war trau⸗ rig, aber die zu Tilſit war es doch noch weit mehr, denn ſie war zuglelch dem uͤthigend. Die Koͤnigin⸗ die einige Tage nach ihrem Gemabhle in Tilſit ankam, hatte jezt nicht nur die Gegenwarr Napolron's zu er⸗ tragen, in deſſen Bulletins ſie verunglimpft worden, 54 und der der Urheber des Ungluͤcks ihres Vaterlandes war,— ſie mußte auch noch, wollte ſie anders dieſes Ungluͤck auch nur einigermaßen mildern, ihn zum Mit⸗ leid bewegen und ſeine Gunſt zu gewinnen ſuchen. „Verzeihen Sie uns,“ ſagte ſie,„dieſen ungluͤck⸗ ſeligen Krieg— das Andenken des großen Friedrichs hat uns beruͤckt— wir hielten uns fuͤr Seinesglei⸗ chen, weil wir ſeine Nachkommen ſind— ach, wir haben uns nicht als ſolche bewaͤhrt!“ Aus Liebe zu ihrem Vaterlande, die in ihrer Lage ein ſchmerzliches Geſuͤhl ſeyn mußte, verſuchte ſie bei Napoleon jene Kuͤnſte der Einſchmeichelung, durch welche hochgebor⸗ ne, durch Schoͤnheit, Geiſt und Anmuth ausgezeich⸗ nete Frauen oft Vieles vermoͤgen. Um ihr den Hof zu machen, bot ihr Napoleon einmal eine Roſe von ungewoͤhnlicher Schoͤnheit an. Die Koͤnigin ſchien zuerſt dieſe Gabe ablehnen zu wollen, nahm ſie aber dennoch mit den einer Bedingung gleichkommenden Worten an:„Weuigſtens mit Magdeburg!“ Buona⸗ parte war aber, wie er ſich gegen Joſephine ruͤhmte, ſolchen weiblichen Kunſtgriffen eben ſo undurchdring⸗ lich, als das Wachstuch dem Waſſer.„Belieben Ew. Majeſtaͤt zu bedenken,“ ſagte er,„daß— ich es bin, der aubietet, und daß Ew. Majeſtaͤt nur anzunehmen haben.“ Es war unziemlich, die ungluͤckliche Fuͤrſtin daran iu erinnern, daß ſie ganz und gar der Willkuͤhr des Giegers preis gegeben ſey, und unritterlich, einer 55 Dame, die eine Hoͤflichkelt annahm, das Recht ſtrei⸗ tig zu machen, damit eine Verbindlichkeit aufzuerle⸗ gen und an die Annahme Bedingungen zu knuͤpfen. Dagegen iſt es aber, wie Napoleon ſelbſt bemerkt hat, auch wieder wahr, daß ihm die Galanterie theuer zu ſtehen gekommen waͤre, wenn er Staͤdte und Pro⸗ vinzen gegen Höoflichkeiten haͤtte austauſchen wollen. Man hat keinen Grund, zu glauben, daß es der Koͤ⸗ nigin von Preußen gelungen ſey, die ihrem Gemahl vorgeſchriebenen Bedingungen auch nur im geringſten zu mildern; ſo viel iſt dagegen gewiß, daß ihr Schmerz uͤber das Ungluck ihres Vaterlandes ſie vor der Zeit in’s Grab gebracht hat. Der Tod dieſer intereſſan⸗ ten und ſchoͤnen Koͤnigin war ein harter Schlag, nicht nur fuͤr den Koͤnig und ſein Haus, ſondern auch fuͤr die ganze Nslion. Leztere trug denſelben in das Verzeichniß der Uubilden ein, fuͤr die ſie von Frank⸗ reich und Napoleon ſtrenge Nechenſchaft zu fordern hatte. Die durch den Traktat von Tilſit dem preußi⸗ ſchen Staate auferlegten Bedingungen waren kurzlich dieſe: Der Theil von Polen, den Preußen im Jahre 1272² erworben, ſollte von dem preußiſchen Staats⸗ gebiete abgeloͤst werden, einen abgeſonderten Staat, das Großherzogthum Warſchau genannt, bilden und den Koͤnig von Sachſen zum Großherzog erhalten. Lezterer ſollte mit ſeinem neuen Gebiete mittelſt ei⸗ 56 ner durch Schleſten ziehenden Militaͤrſtraße in Ver⸗ bindung kommen, was zwiſchen den Hoͤfen von Ber⸗ lin und Warſchau unaufhoͤrliche Haͤndel herbeifuͤhren mußte. Ein ſolches Ende nahmen die Hoffnungen der Polen, wieder eine unabhaͤngige Nation zu wer⸗ den. Sie tauſchten blos einen deutſchen Herrn ge⸗ gen einen andern— die preußiſche Herrſchaft gegen die ſaͤchſiſche— Friedrich Wilhelm gegen Auguſt aus⸗ mit dem einzigen Unterſchiede, daß der leztere von den alten Koͤnigen von Polen abſtammte. Doch ka⸗ men ſie unter ein leichteres und milderes Joch, als dasjenige war, das ſie bisher getragen; auch ſchien der Koͤnig von Sachſen(denn ſo hieß er jezt) durch die Erwerbung des Großherzogthums Warſchau au Anſehen und Bedeutung durchaus nichts gewonnen zu haben. Das Großherzogthum hatte wahrſcheinlich ſeine Entſtehung einem Vergleiche zwiſchen den bei⸗ den Katſern zu verdanken, wodurch Napoleon durch die Wiederherſtellung Polens, die er nicht ohne ei⸗ nen weitern Krieg mit Rußland, und vielleicht gat mit Oeſterreich, haͤtte durchſetzen koͤnnen, verzichtete, Alexander dagegen ſeine Einwilligung dazu gab, daß Preußen ſeine polniſchen Beſitzungen an Sachſen ab⸗ trat, von dem er fuͤr ſein Reich nichts zu beſorgen hatte.. Auch war die Verfaſſung, die das Großherzog⸗ thum erhielt, ſo beſchaffen, daß ſie in den zu Ruß⸗ land und Oeſterreich gehoͤrigen polniſchen Provinzen 57 nicht wohl Unruhen erregen konnte. Die Leibeigen⸗ ſchaft wurde abgeſchafft und die Gleichheit aller Staats⸗ buͤrger vor dem Geſetze anerkannt. Der Großherzog hatte die vollziehende Gewalt. Ein Senat oder Ober⸗ haus aus achtzehn Mitgliedern, und ein Unterhaus aus hundert Landboten oder Abgeordneten beſtehend, aͤbten die geſezgebende Gewalt, indem ſie die von dem Großherzog gemachten Antraͤge entweder annah⸗ men oder verwarfen. Dagegen blieben die Reichsta⸗ ge, das Pospolitenweſen und das Liberum Vew ſammt allen uͤbrigen anarchiſchen Vorrechten der pol⸗ uiſchen Edelleute, wie fruͤher unter der preußiſchen Regierung abgeſchafft. Buonaparte ruͤhmte ſich, die preußiſchen Staaten nicht dem Hauſe Brandenburg, ſondern dem Kaiſer Alexander zuruͤckgeſtellt zu haben; er ſagte, daß, wenn Friedrich Wilhelm noch regiere, er es einzig der Freund⸗ ſchaft Aleranders zu verdanken habe. Er fuͤgte hin⸗ zu,„daß er das Wort Freundſchaft in dem Woͤr⸗ terbuche der Souveraine in Beziehung auf Staats⸗ angelegenheiten ſelbſt nicht zu finden wiſſe.“ Alexan⸗ der war aber nicht ganz ſo uneigennuͤtig, als Buona⸗ parte auf eine ſchalkhafte Weiſe andeuten zu wol⸗ len ſchien. Die Provinz Bialiſtock, die weſentlich zus Verſtaͤrkung der ruſſiſchen Grenze diente, ward nicht zu dem Großherzogthum Warſchau, ſondern auf Ko⸗ ſten Preuſens zu dem ruſſiſchen Gebiete geſchlagen, ſo daß der Czaar durch das Ungluͤck ſeiner Auiirten 58 gewiſſermaßen gewann. Zur Entſchuldigung dieſes Betragens mag erſtens der Umſtand dienen, daß der Kaiſer ſich ſehr verſucht fuͤhlen mußte, ſein Reich bis an die Weichſel, die eine ſtarke Naturgrenze bil⸗ det, auszudehnen; zweitens, in der Betrachtung, daß, im Falle er aus Zartgefuͤhl dieſe Gebietsvergroͤßerung abgelehnt haͤtte, Sachſen und nicht Preußen durch ſeine Selbſtverlaͤugnung gewonnen haben wuͤrde, in⸗ dem alsdann Blialiſtock zu dem Großherzogthum War⸗ ſchau getheilt worden waͤre. Rußland trat dagegen zu einiger Ausgleichung die Herrſchaft Jever an hal⸗ land ab. Durch den Traktat von Tilſit wurde auch Dangkg mit einem verhaͤltnißmaͤßigen Gobiete als eine freie Stadt anerkannt und unter den Schuz von Preußen und Sachſen geſtellt. Die weitere Beſtimmung, nach zwelcher Frankreich dieſe Stadt bis zum Abſchluſſe des Seefriedens beſezt halten ſollte, war offenbar darauf perechnet, dem Kaiſer Nvpoleon im Falle eines neuen Bruchs mit Rußland einen tuͤchtigen Waffenplaz zu verſchaffen. 2 Es verſtand ſich ferner von ſelbſt, daß Kaiſer Alexander und der Koͤnig von Preußen alle von Na⸗ Holeon in Europa bewirkten Veraͤnderungen beſtaͤtigen, die von ihm errichteten Throne, ſo wie die von ihm geſtifteten Buͤndniſſe anerkennen mußten. Dagegen derſtand ſich Buonaparte aus Achtung fuͤr den Kaiſer dszu, die Herzoge von Sachſen⸗Koburg, Oidenburg — 59 und Mecklenburg⸗Schwerin, als Verwandte von Alexan⸗ der, in dem Beſitze ihrer Laͤnder zu belaſſen; doch ſollten die Seehaͤfen der beiden leztgenannten Laͤnder bis zum Frieden mit England von den Franzoſen be⸗ ſezt ble ben. Waͤhrend dieſe wichtigen Unterh andlungen betrio⸗ ben wurden, fand in dem Staatsrathe der brittiſchen Nation eine gaͤnzliche Veraͤnderung Statt; das nach Fox und Grenville genannte Miniſterium wurde auf⸗ geloͤst und durch ein anderes unter den Auſpizien des Herzogs von Portland erſezt, das aus den Lords Li⸗ verpvol und Caſtlereagh, Hrn. Canning und andern Staatsmaͤnnern bſtaned, die ſich zu den Grundſaͤtzen von William Pitt qakannten. Es lag dieſem neuen Kabinet gar ſehr daran, den Czaar zu einer Allianz mit England zuruͤkzuführen und die Geringſchaͤtzung, mik der ihn das vorige Min iſtertum behandelt hatte, wieder gur zu machen. Zu dieſem Ende ward Lord Leveſon Gower(jezt Lord Viscount Granville) mit gehoͤrigen Vollmachten abgefertigt, ſolche Anerbietun⸗ gen zu machen, durch welche das freundſchaftliche Verhaͤltniß zwiſchen Großbritannien und Rußland wio⸗ der hergeſtellt werden koͤnnte. Aber der Kaiſer Ale⸗ rander hatte wenigſtens fuͤr jezt ſeine Partei ergrif⸗ fen; entſchloſſen, den ihm von Buonaparte, ſeinem neuen Alliirten, empfohlenen Weg zu verſolgen, ver⸗ mied er es, dem brittiſchen Geſandten eine Audlenz zu ertheilen, und nahm ſeine Maßregeln zu Tilſit, 60 ohne auf die Antraͤge zu hoͤren, die euns Gower ihm zu machen ermaͤchtigt war. In dem Traktat von Tilſit(in poweit er naͤm⸗ lich bekannt wurde) bot Rußland ſeine Vermittlung zwiſchen Großbritannien und Frankreich, unter der Bedingung an, daß das erſtgenannte Koͤnigreich bin⸗ nen eines Monats dieſes Anerbieten annehmen ſolle. In ſofern ſchien alſo der Czaar fuͤr das Intereſſe ſei⸗ nes alten Alliirten Sorge zu tragen. Jezt aber weiß man recht gut, daß unter manchen andern geheimen Artikeln dieſes merkwuͤrdigen Vertrages es auch ei⸗ nen gab, in welchem ſich der Kaiſer auf den Fall⸗ daß Großbritannien die vorgeſchlagene Vermittlung verwerfen wuͤrde, verbindlich machte, das von Nape⸗ leon ſogenannte Continentalſyſtem anzuerkennen und auszufuͤhren, ſeine Seehaͤfen den engliſchen Schiffen zu verſchließen und die Hoͤfe des Nordens zu einer neuen Verbindung zu vermoͤgen, deren Zweck die Zer⸗ ſroͤrung der engliſchen Seeherrſchaft ſeyn ſollte. Mit einem Worte, die bewaffnete Neutralitaͤt des Nor⸗ bens, von der großen Katharina zuerſt entworfen und in einer boͤſen Stunde von dem ungluͤcklichen Kaiſer Vaul angenommen, ſollte unter den Auſpizien Alexan⸗ ders wieder hergeſtellt werden. Daͤnemark, das die Schlacht von Kopenhagen noch immer nicht verſchmer⸗ zen konnte, wartete, wie man glaubte, nur auf ein Zeichen, um einer ſolchen Coalition beizutreten, und wuͤrde gewiß den Beiſtand ſeiner noch immer maͤch⸗ 61 tigen Flotte nicht verſagt haben; das ſchwache und bedraͤngte Schweden konnte dem vereinten Willen von Rußland und Frankreich unmoͤglich widerſtehen, die⸗ ſer mochte nun einen Krieg mit England oder jede andere Forderung betreffen. Da es aber in Europa kein Land gibt, das in dem Verkehr mit England ſo viel gewinnt, als Nußland, welches bei weitem den groͤßten Theil ſeiner Produkte in England abſezt, fo mußte uͤber dieſe Gegenſtaͤnde einſtweilen das Ge⸗ heimniß beobachtet werden. Jener Vorſchlag einer Vermittlung ſollte nicht ſowohl den Frieden zwiſchen Frankreich und England wieder herſtellen, ſondern vielmehr, im Falle er abgelehnt wurde, in den Au⸗ gen der rufſiſchen Nation einen Bruch mit lezterer Macht rechtfertigen. Wie ſehr ſich aber auch Frank⸗ reich und Rußland Muͤhe gaben, in dieſer Sache das Geheimniß zu bewahren, ſo gelang es der Gewandt⸗ heit des brittiſchen Geſandten dennoch, ſich von Al⸗ kem Kenntniß zu verſchaffen, und beſonders davon, daß die beiden Kaiſer beſchloſſen hatten, zur Vernich⸗ tung der brittiſchen Seerechte ſich der daͤniſchen Flotte zu bedienen, die erſt neuerlich auf einen Fuß geſezt worden war, der wenigſtens Alexandern bis zu fet⸗ ner Verbindung mit Buonaparte vollkommen zu ge⸗ nuͤgen ſchien. Ohne Zweifel war man in dem Frieden zu Tilſit noch uͤber andere geheime Artikel uͤbereingekommen, kraft welcher die beiden großen Kalfer vom Norden 62² und vom Suͤden, wie ſie ſich gerne nannten, die ei⸗ viliſirte Welt zwiſchen ſich theilen wollten. Es er⸗ ſcheint als ausgemacht, daß Buonaparte ſich gegen den Kaiſer Alexander uͤber das heilloſe politiſche Sy⸗ ſtem, das er wegen Spanien zu befolgen gedachte, erklaͤrt und deſſen Einwilligung in die freche Uſurpa⸗ tion, die er im Schilde fuͤhrte, erhalten hat. Auch ſoll er den Beiſtand Rußlands zur Einnahme von Glbraltar, zur Wiedereroberung von Malta und Ae⸗ gypten und zur Vertreibung der brittiſchen Flagge aus dem mittellaͤndiſchen Meere verlangt haben. Da alle dieſe Entwuͤrfe mehr oder weniger die Schwaͤ⸗ chung oder eigentlich die gaͤnzliche Vernichtung Groß⸗ britanniens, des einzigen furchtbaren Feindes, der noch den Kampf mit Frankreich fortfuͤhrte, zum Zweche hatten, ſo mußte die verſprochene Mitwirkung Rußlands fuͤr Napoleon ſehr erwuͤnſcht ſeyn. Wie ſehr aber auch Alexander den franzoͤſiſchen Kalſer bewundern mochte, ſo war er doch viel zu klug, um ſich, wie ſein Vater, ganz von ihm beruͤcken zu laſſen. Wenn er ſeine Einwilligung zu den noch im weiten Feide ſto⸗ henden und wohl auch chimaͤriſchen Nanen Napoledus gah, ſo that er es nur, um hinwiederum, durch deſ⸗ ſen kraͤftige Vermittlung einige fuͤr Rußland hoͤchſt wichtige Erwerbungen zu machen, die ſich in der Folge als maͤchtige Vertheidigungsmittel gegen Frankreich bewaͤhrten. Um dies zu verſtehen, muß man auf die ehemalige Politik Frankreichs und der europaͤi⸗ 63 ſchen Republik zuruͤckblicken, nach welcher es Grund⸗ ſaz war, die Unabhaͤngigkeit der ſchwaͤcheren Staa⸗ ten in Schu zu nehmen, um das Aufkommen el⸗ ner ungemeſſenen Macht zu verhindern, durch welche das Gleichgewicht der civiliſirten Welt geſtoͤrt wer⸗ den koͤnnte. Die franzoͤſiſche Regierung hatte die wachſende Macht Rußlands von jeher mit eiferſuͤchtigen Augen angeſehen, und, um die von dorther drohende Gefahr zu beſchwoͤren, es ſich zur Maxime gemacht, Schwe⸗ den und der Pforte, den ſchwaͤcheren Nachbarn dieſes gewaltigen Staates, ihren beſondern Schuz angedei⸗ hen zu laſſen. Ein ſolches Patronat war nicht nur ehrenvoll fuͤr Frankreich, ſondern auch fuͤr ganz En⸗ ropa vortheilhaft. Dieſe Maxlime ward jedoch zur Zeit des Vertrags von Tilſit und in der darauf fol⸗ genden Periode von Buonaparte nicht mehr beachtet oder pielmehr zur Befoͤrderung ſeiner perſoͤnlichen Zwecke ganz aufgegeben. 4 Einer der wichtigſten gehelmen Artkiel des til⸗ ſiter Vertrags enthielt, wie es ſcheint, die Beſtim⸗ mung, daß Schweden zu Gunſten des Czaars ſeiner finniſchen Provinzen und ſo mit Napoleon's Wiſſen und Willen jedes Mittels beraubt werden ſollte, Ruß⸗ land Abbruch zu thun. Ein einziger Blick auf die Karte zeigt aber, wie eine ſchwediſche Armee oder eine mit Schweden befreundete franzoͤſiſche Armee von Finnland aus in einem kurzen Marſche St. Pe⸗ 64 tersburg erreichen konnte; und wie Napoleon dadurch, daß er die Einverleibung Finnlands mit Rußland ge⸗ ſchehen ließ, ſich ſelbſt eines großen Vortheils begab, wenn er je wieder in den Fall kam, die ruſſiſche Macht auf ihrem eigenen Grund und Boden bekaͤm⸗ pfen zu muͤſſen. Und doch iſt nicht zu bezweifeln, daß er in einem geheimen Artikel des tilſiter Ver⸗ trags ſeine Zuſtimmung zu dem Kriege gab, den Ruß⸗ land kurz darauf gegen Schweden begann, in wel⸗ chem Alexander dieſes alte Koͤnigreich ſeiner Grenz⸗ Provinz Finnland beraubte und damit ein ſchuͤtzendes Gebigt von der hoͤchſten und groͤßten Wichtigkeit fuͤr ſeine eigene Hauptſtadt gewann.. Wie das ſchwediſche Intereſſe, ſo opferte Buo⸗ naparte auch dasjenige der Pforte zu Tilſit auf, nur um Nußlands Zuſtimmung zu den Maßregeln zu er⸗ halten, durch die er England zu verderben gedachte. In den offenkundigen Vertragsartikeln war zwar ei⸗ nige Ruͤckſicht auf die Tuͤrkel genommen, indem es darin hieß, daß Rußland ihr den Frieden bewilligen and die Moldau und die Wallachei, die es ungerech⸗ terweiſe uͤberzogen hatte, raͤumen ſollte. In den ge⸗ hel men Artikeln war dagegen die europaͤlſche Tuͤrkei ohne Zweifel Rußland zugetheilt worden, nach der⸗ ſelben Idee, nach welcher Spanien, Portugal und Kielleicht gar Großbritannien, ihrer geographiſchen age wegen, franzoͤſiſche Provlnzen werden ſollten. Auf dem Kongreſſe, der ſpaͤter zu Erfurt Statt find⸗ ab⸗ * 65 verabredeten die beiden Kaiſer vollends das Syſtem, das ſie gegen die Tuͤrkei beobachten wollten. Es ſcheint ſonderbar, daß der ſchlaue und arg⸗ woͤhniſche Napoleon ſich in ſeinem Vertrage mit Alexan⸗ der ſo ſehr hat uͤbervorthellen laſſen. Er begnuͤgte ſich mit Vortheilen, die mehr in der Hoffnung als in der Wirklichkeit beſtanden. Mit der brittiſchen Marine konnte man nicht ſo leicht fertig werden— Gibraltar und Malta ſind ſo ſtarke Feſtungen, als die Welt aufzuweiſen hat, auch die Eroberung Spa⸗ niens war wenigſtens ein zweifelhaftes Unternehmen, wenn man den lezten Erbfolgekrieg zu Rath zog. Dagegen wurde Rußland auf Dinge angewieſen, die naͤher in ſeinem Bereiche lagen: es koſtete ihm we⸗ nig Muͤhe, ſich in den Beſiz von Finnland zu ſetzen, ſelbſt die Eroberung von Konſtantinopel war fuͤr die ruſſiſche Armee keine transcendente Aufgabe, falls ſie es nur mit den undisclplinirten Truppen des tuͤr⸗ kiſchen Reiches zu thun hatte. Es iſt demnach klar, daß Napoleon durch einige entfernte und ungewiſſe Ausſichten beſtochen, dem Kaiſer Alexander Zugeſtaͤnd⸗ niſſe gemacht hat, die fuͤr ihn von hohem Werthe und vergleichungsweiſe auch leicht zu verwirklichen waren. Wir werden ſpaͤter auf die Reſultate dieſer Politik zuruͤckkommen. Unterdeſſen wurden die zwei aͤlteſten Verbuͤndeten Frankreichs, die fuͤr daſſelbe im Falle eines zweiten Krieges mit Rußland von der hoͤchſten politiſchen Wichtigket ebeſen ſeyn wuͤr⸗ W. Scott's Werke 1.. 66 den, hoͤchſt unweiſe der Willkuͤhr dieſer Macht hin⸗ gegeben, die auch nicht ſaͤumte, Finnland an ſich zu reißen, und die, wenn nicht andere Umſtaͤnde ein⸗ getreten waͤren, ſich Konſtantinopels mit derſelben Leichtigkeit bemaͤchtigt haben wuͤrde. Die auffallende Erſcheinung, daß ein ſo umſich⸗ tiger und gewandter Mann, wie Napoleon, ſolcherge⸗ ſtalt uͤberliſtet worden iſt, laͤßt ſich vielleicht aus ei⸗ nem Umſtande ſeiner Privatgeſchichte erklaͤren. Schon in dieſer fruͤhen Periode ging Napoleon mit dem Ge⸗ danken um, ſeine Dynaſtie durch eine eheliche Verbin⸗ dung mit einem der alten europaͤiſchen Haͤuſer zu befeſti⸗ gen. Er hatte ſchon damals Hoffnung, die Hand einer der Großfuͤrſtinnen von Rußland zu erhalten, und der Kalſer war dieſem Plane nicht entgegen. Es iſt be⸗ kannt, daß ſeine Bewerbung ſpaͤter durch die Kaiſe⸗ rin Mutter unter dem Vorwande der Religkonsver⸗ ſchiedenheit, abgewieſen worden iſt; allein zur Zeit des Traktats von Tilſit wurde Napoleon zu einer blei⸗ benden Familien⸗ Verbindung mit Rußland, entweder wirklich aufgemuntert, oder er ſezte ſich dies wenigſtens in den Kopf. Dies bewog ihn, in den Dingen, die er mit Alerander abzumachen hatte, es nicht ſo ge⸗ nau zu nehmen und den großmuͤthigen, ja faſt den verſchwenderiſchen Freund zu ſpielen; und dies ſcheint auch der Grund zu ſeyn, warum ſich Napoleon ſo oft uͤber die wenige Aufrichtigkeit des Kaiſers Aleran⸗ der beklagt und ihn oft den Griechen im italieniſchen 67 Sinne des Wortes, d. h. einen Betruͤger und Raͤn⸗ kemacher, genannt hat. Doch wir muͤſſen jezt von den geheimen Artikeln des tilſiter Vertrags, die ſich auf die entferntere Zu⸗ kunft bezogen, zu den unbeſtreitbaren und unmittel⸗ baren Folgen deſſelben zuruͤckkehren. Der Vertrag zwiſchen Rußland und Frankreich wurde am Ften, der zwiſchen Frankreich und Preußen am 9ten Juli unterzeichnet. Am 2 4ſten deſſelben Monats erließ Friedrich Wilhelm eine der wuͤrdigſten und zugleich ruͤhrendſten Proklamationen, die je den Kummer ei⸗ nes ungluͤcklichen Herrſchers ausgedruͤckt haben. „Theure Einwohner getreuer Provinzen, Bezirke und Staͤdte,“ hieß es in dieſer hoͤchſt intereſſanten Urkunde,„ meine Waffen ſind ungluͤcklich geweſen. Die Anſtrengungen des Ueberreſtes meiner Armee haben zu nichts gefuͤhrt. An die aͤußerſten Grenzen meines Reiches vertrieben, hatte ich, als ich meinen maͤchtigen Verbuͤndeten einen Waffenſtillſtand ab⸗ ganzen Lande legt er die ſchmerzlichſten Opfer auf. Das Band, durch Vertraͤge, durch gegenſeitige Liebe und Treue ſeit Jahrhunderten geknuͤpft, iſt gelost und zerriſfen. Ich habe mich vergebens dagegen ge⸗ 68 ſtraͤubt. Das Schickſal gebietet— ein Vater ſchei⸗ det von ſeinen Kindern. Ich entlaſſe Euch aller Pflichten gegen mich und mein Haus. Ich flehe zum Himmel, daß er Euch in dem Verhaͤltniſſe zu Eu⸗ rem neuen Herrn ſegnen moͤge. Seyd ihm, was Ihr mir immer geweſen. Weder Gewalt noch die Fuͤ⸗ gungen des Schickſals ſollen je das Andenken an Euch aus meiner Bruſt vertilgen.“ Der Triumphzug des zuruͤckkehrenden Siegers bildere einen ſeltſamen Kontraſt mit den melancho⸗ liſchen Herzensergießungen des beſiegten Monarchen. Der Vertrag von Tilſit hatte ſelbſt dem Anſcheine eines Widerſtandes gegen Frankreich auf dem Kon⸗ tinent ein Ende gemacht. Die brittiſchen Truppen, die man zu ſpaͤt nach Pommern geſchickt hatte, wur⸗ den wieder eingeſchifft, der Koͤnig von Schweden raͤumte Stralſund und zog ſich in ſeine Staaten zu⸗ ruͤck, die er nicht lange mehr ſein Eigenthum nen⸗ nen ſollte. Nach einem zwanzigtaͤgigen Aufenthalte in Tilſit, wo ſie ſich taͤglich geſehen und haͤufig lange und geheime Konferenzen mit einander gehabt hat⸗ ten, ſchieden die beiden Kaiſer mit Ausdruͤcken der hoͤchſten perfoͤnlichen Achtung von einander, ſich ge⸗ genſeitig, ſo viel es in ihrer Macht ſtand, beehrend. Der Kongreß wurde am 9ten Juli aufgeloͤst, und auf ſeiner Ruͤckreiſe nach Frankreich ging Napoleon aͤber Sachſen, wo er zu Bauzen(das wegen eines —— ganz andern Umſtandes in der Geſchichte beruͤhmt 69 werden ſollte) von dem Koͤnig Auguſt mit allen den Ehrenbezeigungen empfangen wurde, die demjenigen gebuͤhrten, der eine Macht, die er haͤtte vernichten koͤnnen, wenigſtens dem aͤußern Scheine nach vergroͤ⸗ ßert hatte. Am 22ſten Juli empfing Napoleon in ſeinem Pa⸗ laſte zu St. Cloud die Huldigungsbezeigungen des Senats und der admintſtrativen und konſtitutionellen Behoͤrden. Der beruͤhmte Naturforſcher Lacepede zaͤhlte, als Organ der erſten Koͤrperſchaft, in einer domphaften Rede die Wunder des Feldzugs auf und bemerkte, Nayoleon habe in der kurzen Zeit von ei⸗ nigen Monaten Dinge gethan, die das Werk von Jahrhunderten zu ſeyn ſcheinen, und doch zugleich die Verwaltung ſelnes weiten Reiches, vierhundert Stunden von ſeiner Haupkſtadt entfernt, im Einzel⸗ nen ganz ſo geleitet, als waͤre er gegenwaͤrtig gewe⸗ ſen.„Wir koͤnnen Ew. Majeſtaͤt,“ ſo ſchloß der Red⸗ ner,„auf keine Iyhrer wuͤrdige Weiſe preiſen. Ihr Ruhm iſt uͤber unſern Standpunkt zu ſehr erhaben. Der entfernteren Nachwelt wird es eher moͤglich ſeyn, die wahre Groͤße deſſelben zu ermeſſen. Genießen Sie, Sire, den des groͤßten Monarchen wuͤrdigſten Lohn— das Gluͤck, von der groͤßten Nation geliebt zu ſeyn; und moͤgen unſere Urenkel unter der Re⸗ gierung Ew. Majeſtaͤt noch lange gluͤcklich ſeyn.“ So ſprach der Praͤſident des franzoͤſiſchen Senats, und welcher denkende Menſch wuͤrde es zu ſagen ge⸗ 70 wagt haben, daß derſelbe Senat nach Ablauf von nur ſieben Jahren dem tieſgebeugten und verachteten Koͤnige von Preußen ſeine Gluͤckwuͤnſche zu Fuͤßen le⸗ gen wuͤrde, wegen ſeines Antheils an dem Sturze deſſelben Mannes, den er jezt wie einen Halbgott gubetete!—— Napoleon's Gluͤck und Ruhm waren in der That ſo hoch geſtiegen, daß ihnen die hoͤchſte Verehrung werden mußte, welche die Menſchen dem großen und gluͤcklichen Talente nicht verſagen koͤnnen. Jede Op⸗ poſition ſchien vor ihm in den Staub zu ſinken und das Gluͤck ihm nur darum zu Anfang des Feldzugs weniger gelaͤchelt zu haben, um den Ausgang deſſel⸗ ben deſto glaͤnzender hervorzuheben. Manche ſei⸗ ner entſchiedenſten Gegner, die als treue Anhaͤnger des Hauſes Bourbon die Herrſchaft Napoleon's insge⸗ heim nicht hatten anerkennen wollen und die Dauer ſeines Gluͤcks in Zweiſel zogen, glaubten, als ſie Preußen zu ſeinen Fuͤßen und Rußland ihm die Hand bieten ſahen, ſie wuͤrden ſich an der Vorſehung ver⸗ ſuͤndigen, wenn ſie dem ihnen von Gott geſezten Herrn ihren Gehorſam laͤnger verweigern wollten. Durch den Sieg von Auſterlitz war ihre Standhaftig⸗ keit erſchuͤttert— durch den Kongreß von Tilſit be⸗ ſiegt worden; mit wenigen ſtillen Ausnahmen waren jezt alle Hoſfnungen, Wuͤnſche und Geluͤbde Frank⸗ reichs auf Napoleon, als den vom Schickſal erkohr⸗ nen Erben, gerichtet. Vielleicht haͤtte nur er ſelbſt 71 dle allgemeinen Erwartungen taͤuſchen koͤnnen. Al⸗ lein er glich dem kuͤhnen Erſteiger der Alpen, der, nachdem er die ſchroffſten Abhaͤnge erklimmt und den Weg durch die ſchauerlichſten Abgruͤnde geſunden hat, noch ſchwindelndere Hoͤhen, noch erhabenere Gipfel vor ſich ſieht. —— Zweites Kapitel. Brittiſche Expedition nach Calabrien unter Sir John Stuart. — Karakter des Volks.— Widerſtand des Generals Regnier.— Treffen von Maida am 6ten Juli 1805.— Niederlage der Fran⸗ zoſen.— Calabrien wird von den Britten geräumt.— Uevelbe⸗ rechnete Handels, und Kriegsentwürfe des engliſchen Miniſte⸗ riums.— Fehlgeſchlagener Angriff auf Buenos⸗Ayres.— Ge⸗ neral Whiteloke.— Er wird entlaſſen.— Expedition gegen die Türkei und die ihr unterworfenen Länder.— Admiral Dukworty's Geſchwader wird gegen Konſtantinopet geſendet.— Es ſegelt zweimal durch die Dardanellen, ohne damit etwas auszurichten. Expedition gegen Ale xandrien.— Es wird von General Fraſer beſezt.— Angriff von Roſette.— Niederlage der brittiſchen Trup⸗ pen.— Abzug derſelben aus Aegypten im Sept. 1807.— Cu. racao und das Vorgebirg der guten Hoffnung werden von Eng⸗ land in Beſiz genommen.— Die brittiſche Regierung ergreift ernſthaftere Maßregeln— Expedition gegen Kopenhagen.— Ihre Urſachen und Zwecke.— Die Zitadelle, die Forts und die Flotte werden den Engländern übergeben.— Wirkungen dieſes Verfahrens auf Frankreich— und Rußland.— Coalition von Frankreich, Rußland, Oeſterreich und Preußen gegen den engli⸗ ſchen Handel. Der Vertrag von Tilſit iſt ein wichtiger Gegen⸗ 72— ſtand in Napoleon's Geſchichte. Zu keiner Zeit ſchien ſeine Macht feſter begruͤndet und weniger angefoch⸗ ten. Der nagende Wurm, wodurch dieſe endlich ver⸗ nichtet werden ſollte, hatte ſich tief in des Macht⸗ habers eigenen Buſen eingeniſtet. Eine Darſtellung des Karakters ſeiner ganzen Regierung, zu einer Zeit, wo Alles in ſeiner Will⸗ kuͤhr ſtand und ihm das Ungluͤck noch keine Geſetze vorſchrieb, iſt daher hier ſicher nicht am unrechten Orte. Wir werden demnach in dem naͤchſten Kapitel eine gedraͤngte Ueberſicht von Napoleon's Regierung waͤh⸗ rend der glaͤnzendſten Periode ſeiner Macht ent⸗ werfen. Allein ehe wir dieſes thun, muͤſſen wir einiger buͤrgerlicher und militaͤriſcher Ereigniſſe kurz erwaͤh⸗ nen, die, ob ſie gleich nur einen mittelbaren Ein⸗ fluß auf den Gang der Dinge im Allgemeinen aͤußer⸗ ten, doch dazu dienen, den Karakter der betheiligten Parteien ins Licht zu ſetzen und andere Vorfaͤlle, die wichtigere Folgen hatten, zu erklaͤren. Wir ha⸗ ben dies bis jezt unterlaſſen, um im Zuſammenhange und ohne Unterbrechung die Geſchichte der wichtigſten Kriegsereigniſſe zu geben, durch welche Preußen eine Zeit lang unterjocht und Rußland ſelbſt dahin ge⸗ bracht wurde, mit demſelben Eroberer, deſſen fort⸗ ſchreitende Macht es hemmen wollte, in ein Buͤnd⸗ niß zu treten. Unter dieſe verhaͤltnißmaͤßig unbedeutenden Vor⸗ / 73 faͤlle gehoͤrt der Verſuch der brittiſchen Regierung, das calabriſche Gebiet der neapolitaniſchen Bourbons von der eingedrungenen Regierung Joſeph Buona⸗ parte’s zu befreien. Der Karakter der Bewohner dieſes Gebirgslandes iſt bekannt genug. Blgott in ihrer Religion und voll Abſcheu gegen ein fremdes Joch, wie es die Bewohner eines unkultivirten und beinahe geſezloſen Landes gewoͤhnlich ſind, heftig in ihren Leidenſchaften, ſtets bereit, oͤffentliches oder Privatunrecht mit dem Schwerte zu raͤchen, gereizt ferner durch die Ausſicht auf Beute und immer eine gewiſſe Anhaͤnglichkeit an Ferdinand bewahrend, der durch ſeine Sitten und Gewohnheiten bei den Ita⸗ lienern, beſonders der untern Klaſſe, beliebt war, ließen ſich die Calabreſen durch die von dem ſicilia⸗ niſchen Hofe geſendeten Agenten leicht unter die Waffen bringen. Kein Geſez achtend, grauſam in ih⸗ rer Kriegsweiſe, keiner Disciplin empfaͤnglich, be⸗ nahmen ſich aber die Banden, die ſie aufſtellten, mehr wie Banditten, denn als Vaterlandsfreunde. Sie zeigten gelegentlich und einzeln vielen Muth und ſogar eine inſtinktartige Fertigkeit in der Wahl ihrer Hinterhalte, in der Vertheidigung ihrer Paͤſſe und in der Fuͤhrung einer Art von Raͤuberkrieg, worin die Franzoſen betraͤchtlichen Verluſt erlitten. Wenn ſie ſich aber ſelbſt uͤberlaſſen blieben und nicht durch irgend eine regulaͤre Streitmacht unterſtuͤzt wurden, ſo mußten dieſe Landſtuͤrmer durch die ge⸗ 74 oroͤneten und berechneten Operationen der franzs⸗ ſiſchen Truppen nothwendig einzeln aufgerieben wer⸗ den. Um dieſes zu verhuͤten und um zugeich den ſehnlichen Wuͤnſchen des ſiciliani chen Hofes zu ent⸗ ſprechen, unternahm Sir John Stuart, der Befehls⸗ haber der brittiſchen Truppen in Sicilien, eine Ex⸗ pedition gegen die benachbarte Kuͤſte von Italien und landete zu Anfang des Monats Juli mit unge⸗ faͤhr 5000 Mann in dem Golf von St. Eu hemia in der Naͤhe von Unt rcalabrien. Kaum war die Landung bewerkſtelligt, als der brittiſche Befehlshaber erfuhr, daß General Regnier, der fuͤr Joſeph Buonaparte in Calabrien kommandir⸗ te, eine ſeiner eigenen faſt gleiche Streitmacht ver⸗ ſammelt habe und mit ihr nach Maida, einer unge⸗ faͤhr zehn Meilen von St. Euphemia entfernten Stadt, gezogen ſey, in der Abſicht, ihm eine Schlacht zu liefern. Sir John Stuart ging ihm ſogleich ent⸗ gegen, und Regnier, feſt vertrauend auf ſeine uͤber⸗ legene Reiterei, Guͤte dte ſeiner Truppen und ſeine eigene Kriegs unſt, verließ ſeine vorth ilhafte Stel⸗ lung am Ufer des A mata und ſtieß am öten Juli in offenem Felde auf die Britten. Einem Englaͤnder mußte es beſonders erwuͤnſcht ſeyn, unter allen fran⸗ zoͤſiſchen Generalen vorzuͤglich auf denjenigen zu tref⸗ fen, der in einem Werke, das er uͤber die Raͤumung von Aegypten geſchrieben, den Englaͤndern jeden An⸗ ſpruch auf Geſchicklichkeit und Muth verſagt und den 25 Verluſt von Aegypten einzig und allein der Unfaͤhig⸗ keit Menou's, unter welchem Regnier, der Verfaſ⸗ ſer, als zweiter Befehlshaber gedient, zugeſchrieben hatte. Er ſollte nun ſein Heil gegen einen von ihm ſo ſehr verachteten Feind verſuchen. Um neun Uhr des Morgens ſtanden die beiden Treſſen in Schlachtordnung, ſo daß die brittiſche leichte Infanteriebgirade, die den rechten Fluͤgel des Vordertreffens bildete, dem trefflichen erſten leichten Regiment auf dem franzoͤſiſchen linken Fluͤgel ſich gegenuͤber befand. Wie zufolge einer Verabredung gaben dieſe Korps, nachdem ſie einander bis auf 100 Klafter nahe gekommen waren, zwei⸗ bis dreimal ein Bataillonsfeuer und rannten ſofort mit gefaͤlltem Bajonet auf einander. Als der brittiſche Befehls⸗ haber bemerkte, daß ſeine Soldaten durch die Maͤn⸗ tel, welche ſie aufgerollt auf ihrem Ruͤcken trugen, gehindert wurden, ließ er ſie Halt machen und die⸗ ſelben ablegen. Die Franzoſen, welche dieſen Still⸗ ſtand bemerkten und denſelben einer Anwandlung von Furcht und Unentſchloſſenheit zuſchrieben, ruͤck⸗ ten mit ſchnellen Schritten und lautem Geſchrei vor⸗ waͤrts. Ein Offizier, von dem wir dieſe Nachricht haben, konnte ſich bei dem Anruͤcken dieſer baͤrtigen Veteranen, welche die groͤßte Ordnung beobachteten, einer gewiſſen Furcht nicht erwehren, als er einen Blick auf die brittiſche Linie warf, die groͤßtentheils aus jungen unbaͤrtigen Rekruten beſtand. Sobald 76 dieſe aber ſich ihrer Buͤrde entledigt und den Befehl zum Vorruͤcken erhalten hatten, jubelten ſie und rann⸗ ten im Sturmſchritt und mit gefaͤlltem Bajonet auf den Feind los. Und jezt ſah man, wie die franzoͤ⸗ ſiſchen Offiziere ihre Truppen anfeuerten, deren Muth, als ſie ſelbſt angegriffen wurden, zu ſinken begann. Sie ſtuzten und konnten, was auch ihre Offiziere thun mochten, nicht mehr vorwaͤrts gebracht werden, und als die Britten auf Bajonetweite ſich ihnen ge⸗ naͤhert hatten, wichen ſie zuruͤck; allein zu ſpaͤt fuͤr ihre Rettung, denn ſie wurden ſchrecklich zugerichtet. Ein Verſuch von Regnier, ihnen mit ſeiner Reiterel Luft zu machen, mißlang gaͤnzlich. Er ward uberall geſchlagen, zum Beweis, daß der brittiſche Soldat im Handgemenge ſeinem Gegner eben ſo ſehr uͤber⸗ legen ſey, als es der brittiſche Seemann auf ſeinem Elemente dem ſeinigen iſt. Es wuͤrde vergeblich ſeyn, zu unterſuchen, ob dieſe, wie wir glauben, offenbare Ueberlegenheit der brittiſchen Truppen im Handgemenge ihren Grund in einem ſtaͤmmigeren Koͤrperbau oder einer entſchloſ⸗ ſeneren Sinnesart hat; allein es ſcheint ausgemacht, daß der brittiſche Soldat, der dem franzoͤſiſchen im Punkte der Intelligenz und der genaueren Bekannt⸗ ſchaft mit dem Kriegshandwerk ſo weit nachſteht, doch im blutigen Bajonetgefechte mehr vermag, als dieſer. Es iſt ferner auch merkwuͤrdig, daß dieſe Zaubergabe nicht blos einer einzelnen von den drei vereinigten 77 Nationen eigen, ſondern allen gemein iſt, ſo ſehr ſie ſich auch in Gewohnheiten und Erziehung von einan⸗ der unterſcheiden. Wenn man die Garden, die in der Stadt London geworben werden, mit einem ir⸗ laͤndiſchen Regiment, das in uͤppigen Fluren, oder einem ſchottiſchen, das in einer wilden Natur ſeine Heimath hat, vergleicht, ſo mag es ſchwer ſeyn, zu beſtimmen, welches von dieſen Korps den Vorzug uͤber die beiden andern habe; bet allen aber wird man jenen duͤſtern, verzweifelten Muth finden, der die Kraft des Gegners, die Wahrſcheinlichkeit des Erſolgs nicht berechnet, und dem Muthe gleicht, mit dem ein Bullenbeißer auf den Baͤren losgeht. Die Steigerung des moraliſchen Muthes der Britten war der Hauptvortheil, den der Sieg von Malda gewaͤhrte, denn die Calabreſen zeigten ſich ſo ſtuͤrmiſch, blut⸗ duͤrſcig und unbaͤndig, daß man es fuͤr unmoͤglich hielt, mit ſolchen Bundesgenoſſen den Krieg fortzu⸗ ſetzen. Auch die ungeſunde Luft(Malarla) ſezte den brittiſchen Truppen zu, und Sir John Stuart ſchiffte ſich daher mit ſeiner kleinen Armee wieder ein, kehrte nach Sicilien zuruͤck, wo die Britten ſich blos auf die Erhaltung dieſes Eilandes beſchraͤnkten. Das Gefecht von Malda hatte indeſſen großen Werth, als ein Gegenſtuͤck zu der Schlacht bei Alexandrien. Wir haben uͤbrigens nicht erfahren, ob General Regnier daſſelbe auch eines Kommentars gewuͤrdigt hat. 23 Die unterrichtetſten Maͤnner in England ſahen nun das Nachtheilige des Verfahrens ein, nach wel⸗ chem der Krieg mit unzureichenden Mitteln gefuͤhrt und allerlei verſucht wurde, was zu keinem Reſultate fuͤhren und nichts als Unheil erzeugen konnte. Die Idee, den Krieg zunaͤchſt fuͤr England zu fuͤhren, das heißt, die großen Anſtrengungen, durch welche unſere Alliirten haͤtten gerettet werden koͤnnen, zur Verfolgung irgend eines kleinlichen dem brittiſchen Intereſſe zuſagenden Zweckes zu verwenden, ward jezt in ihrer ganzen Erbaͤrmlichkeit erkannt, ob es gleich ſchwieriger als jemals wurde, Angriffspunkte aus fin⸗ dig zu machen, wo unſere beſchraͤnkten Mittel einen guten Erfolg verſprachen. Man gelangte endlich auch zu der Ueberzeugung, daß der Plan, durch Eroberung entfernter und ungeſunder Laͤnder den brittiſchen Ma⸗ nufakturwaaren einen Markt zu eroͤffnen, eben ſo ungluͤcklich gedacht, als unmoraliſch ſey. In lezterer Beziehung glich er einigermaßen dem Verfahren je⸗ nes Wundarztes, deſſen le Sage in ſeinem ſatyriſchen Romane erwaͤhnt, der Reiſende durch einen Dolch⸗ ſtich verwundete und dann als Arzt ſich beeilte, die von ihm ſelbſt beigebrachten Wunden wieder zu hei⸗ len. Was den Nutzen betrifft, ſo hatten wir haͤufig zu beklagen, daß die Koloniſten, denen wir durch die Gewalt der Waffen unſere Waaren aufdringen woll⸗ ten, zu roh waren, um derſelben zu beduͤrfen, und zu arm, um ſie zu bezahlen. Nichts iſt der Selbſt⸗ 79 laͤuſchung ſo ſehr unterworfen, als die Gewinnſucht. Unſere vornehmſten Kaufleute und Fabrikanten kamen unter Anderem auch auf den ſeltſamen Einfall, den brittiſchen Waaren einen unbegrenzten Markt in je⸗ nen unermeßlichen Ebenen von Buenos⸗Ayres zu eroͤffnen, welche in der That von einer Art chriſtli⸗ cher Wilden, genannt Guachos, bewohnt ſind, die ſich nur in Pferdehaͤute kleiden, nichts als rohes Fleiſch und Waſſer zu ihrem Lebensunterhalte beduͤrfen, de⸗ ren Hauptbeſchaͤftigung darin beſteht, wilde Buͤffel mit ihren Schlingen zu fangen, und die ſich haupt⸗ ſaͤchlich damit beluſtigen, wilde Pferde todt zu rei⸗ ten. Ungluͤcklicherweiſe zeigte es ſich, daß ſie ihre Unabhaͤngkeit den engliſchen Kattun⸗ und Muslin⸗ waaren vorzogen. Zwei verſchiedene Verſuche wurden in dieſem elenden Lande gemacht, von denen aber keiner zur Ehre oder zum Vortheil der engliſchen Nation aus⸗ fiel. Buenos⸗Ayres ward am 25ſten Juni 1806 durch eine Handvoll brittiſcher Truppen in Beſiz genom⸗ men; dieſe wurden durch die Eingebornen und we⸗ nige ſpaniſche Soldaten angegriffen, auf dem Markt⸗ platze der Stadt umzingelt und durch ein gewaltiges Feuer genoͤthigt, das Gewehr zu ſtrecken, und ſich als kriegsgefangen zu ergeben. Ein kleiner Ueber⸗ bleibſel von den eingebrochenen Fremdlingen behaup⸗ tete ſich indeſſen doch an der Kuͤſte in einer Stadt, Namens Maldonado. Im Oktober 1805 ward eine 8⁰ Expedition ausgeſchlckt, um dieſes zuſammengeſchmol⸗ zene Korps zu verſtaͤrken und auf dem Feſtlande von Suͤdamerlka, wo man ſich irrigerweiſe großen Vor⸗ theil fuͤr den engliſchen Handel verſprach, eine ſtarke Senſation zu machen. Monte⸗Video ward genom⸗ men und ein ſtarkes Truppenkorps, von General Whiteloke befehligt, der ſich einen erkuͤnſtelten mi⸗ litaͤriſchen Ruf verſchafft hatte und, ohne viel ge⸗ dient zu haben, in der Armee ſehr hoch geſtiegen war, ſezte ſich gegen Buenos⸗Ayres in Marſch. Whiteloke zeigte ſich eben ſo unthaͤtig als feig. Er fuͤhrte ſeine Angriffskolonnen bis in die Straßen don Buenos⸗Ayres, obſchon er wußte, daß die plat⸗ ten Daͤcher und Terraſſen mit trefflichen, wenn gleich ungeregelten Scharfſchuͤtzen bemannt waren, und da⸗ mit die Britten ja kein Mittel zur Gegenwehr ha⸗ ben ſollten, durften ſie ihre Gewehre nicht laden, als ob ſteinerne Mauern ſich mit dem Bajonet haͤt⸗ ten nehmen laſſen. Eine dieſer Kolonnen mußte ſich ergeben, und obgleich eine andere, troz der heftig⸗ ſten Gegenwehr, eine ſeſte Stellung genommen hatte und durch einige wenige Kugeln wahrſcheinlich das ganze Vertheidigungsſyſtem des Feindes haͤtte ver⸗ eitelt werden koͤnnen, ſo zog es Withledoke doch vor, wegen Auslieferung der brittiſchen Gefangenen mit dem Feinde zu unterhandeln und jeden weitern Ver⸗ ſuch gegen die Kolonie aufzugeben. Wegen dieſes ſchlechten 81 ſchlechten Betragens ward er durch kriegsgerichtlichen Spruch kaſſirt.. Eine Expedition gegen die Tuͤrkei und die ihr unterworfenen Laͤnder fiel fuͤr das engliſche Miniſte⸗ rium eben ſo unruͤhmlich und fuͤr die brittiſchen Waf⸗ fen eben ſo ungluͤcklich aus, als die Anſchlaͤge auf Suͤdamerika. Sie ward veranlaßt durch einen Krieg zwiſchen England und der Pforte, mit der es noch vor kurzem gegen Frankreich verbuͤndet war; denn ſo ſonderbar wechſelten bei dieſem außerordentlichen Kampfe die Ereigniſſe, daß aus Allfirten Feinde, und aus Feinden Alliirte wurden, noch ehe eine wirkliche Friedens⸗ oder Kriegserklaͤrung erfolgte. Die Zeit war laͤngſt voruͤber, wo die hohe tuͤr⸗ kiſche Pforte die Fehden und Kriege der chriſtlichen Maͤchte mit jener veraͤchtlichen Gleichguͤltigkeit anſe⸗ hen konnte, womit Menſchen auf die Raufereien der elendeſten und unreinlichſten Thiere herabſehen*). Sie ſtand nun in ſo genauer Beruͤhrung mit thnen, daß ſie an ihren verſchiedenen Revolutionen lebhaf⸗ tes Intereſſe nehmen mußte. — licher Geringſchätzung:„Könnt Ihr wohl glauben, daß Sr. Hoheir viel daran liege, ob der Hund das Schwein der das 8² Die Ueberziehung von Aegypten brachte die Pforte gegen Frankreich auf und bewog ſie zu einer innigen Verbindung mit England und Rußland bis zu der Zeit, wo Buonaparte die Kaiſerwuͤrde annahm, wo dann die Tuͤrken, geſchreckt durch die ihm gewordene Fuͤlle der Gewalt durch eine eigene Geſandtſchaft ihm zu ſeiner Thronbeſteigung Gluͤck wuͤnſchten und ſich ſehr warm um ſeine Freundſchaft bewarben. Napoleon, der zuweilen unwillkuͤhrlich ſeine Blicke nach dem Orient warf und dem es uͤberdies damals noch darum zu thun war, das gute Einverſtaͤndniß zwiſchen der Pforte und dem Kabinet von St. Pe⸗ tersburg zu ſtoͤren, fertigte den General Sebaſtianz als ſeinen Botſchafter nach Konſtantinopel ab— ei⸗ nen Mann, der in den Intriken des Orients ſehr bewandert war, wie vorzuͤglich aus jenem beruͤhmten Berichte erhellt, der ſo großen Einfluß auf den Bruch des Friedens von Amiens hatte. Die Verſprechungen, Drohungen und Intriken dieſes Geſandten thaten bald ihre Wirkung. Die Tuͤr⸗ ken hatten ſich verpflichtet, mit den Hoſpodaren oder Gouverneurs der Moldau und Wallachel keine Ver⸗ aͤnderung vorzunehmen. Dem General Sebaſtiani war es leicht, den Stolz der Tuͤrken ruͤckſichtlich die⸗ ſes Vertrags zu reizen und ſie zu vermoͤgen, den⸗ ſelben zu brechen. Die beiden Hoſpodare wurden ent⸗ fernt, ungeachtet der entgegengeſezten Beſtimmung des Vertrags; obgleich nun die Tuͤrken das Gewagte 83 dieſes Schrittes einſahen und ſich erboten, die ent⸗ laſſenen Gouverneurs wleder einzuſetzen, ſo erklaͤrte doch Rußland in der erſten Aufwallung den Krieg und uͤberzog die benannten Provinzen, jedoch zu ſei⸗ nem eigenen Schaden, in ſofern eine mit ſolcher Raſch⸗ heit gegen die Tuͤrken verwendete Armee von 50,000 Mann in den Feldern von Eylau, Heilsberg oder Friedland den Ausſchlag haͤtte geben koͤnnen. Mittlerweile ſendete Großbritannien ein Geſchwa⸗ der unter Sir Thomas Dukworth ab, um dle Pforte zu noͤthigen, den franzoͤſiſchen Borſchafter zu entlaſ⸗ ſen und zu dem politiſchen Syſteme zuruͤckzukehren, von dem ſie, durch Sebaſtiani verfuͤhrt, abgewichen war. Admiral Dukworth ging durch die Dardanel⸗ len, troz des ſchrecklichen, zu ihrer Vertheidigung beſtimmten Geſchuͤtzes, das ſtatt gewoͤhnlicher Ku⸗ geln ungeheure Maſſen von Marmor auf die Vor⸗ beifegelnden ſchleuderte. Obgleich es aber hiebei zu⸗ naͤchſt nur darauf abgeſehen war, die Tuͤrken einzu⸗ ſchuͤchtern, ſo wußte man doch die gegebeue Gelegen⸗ heit nicht recht zu benutzen, ſondern ließ ſich durch Bokſchaften und Briefwechſel ſo lange hinhalten, bis die Tuͤrken eine furchtbare Vertheidigungslinte auf⸗ gefuͤhrt hatten und das Wetter ſo unguͤnſtig gewor⸗ den war, daß zum Behuf der Beſchießung Konſtan⸗ tinopels, womit doch der engliſche Admiral den Tuͤr⸗ ken gedroht hatte, nicht das Geringſte geſchehen konnte. Die Britten kehrten wieder durch die Dar⸗ 1o.. 84 danellen zueuͤck, gehaßt und verachtet, wegen der Drohungen, die ſie ſich erlaubt und doch nicht ins Werk geſezt hatten. Eine ſpaͤtere Expedition gegen Alexaudrien fuͤhrte auch zu keinen guͤnſtigeren Reſul⸗ taren. 5000 Mann unter General Fraſer wurden ausgeſchifft und beſezten ſofort die Stadt. Allein die Abſendung einer Diviſion nach Roſette veranlaßte ein aͤhnliches Ungluͤck wie das von Buenos⸗Ayres. Dieſe Diviſſon wagte ſich unvorſichtiger⸗ und ungeſchickter⸗ weiſe in die Straßen einer morgenländiſchen Stadt, wo der Feind auf den Terraſſen und den platten Daͤ⸗ chern der Haͤuſer den Augreiſenden großen Verluſt beibrachte. Einige uͤbel berechnete Verſuche wurden hierauf noch gemacht, ſich deſſelben Platzes zu bemaͤch⸗ tigen, worauf die Truppen Aegypten am 23ſten Sep⸗ tember 18⁰7 wieder verließen, nachdem ſie durch das Klima und in den Gefechten mehr als ein Fuͤnftel der Mannſchaft eingebuͤßt hatten. Fuͤr dieſe Unfaͤlle gewaͤhrte die Beſiznahme der den Hollaͤndern gehoͤ⸗ rigen Inſel Curacao den Englaͤndern eben noch keine Entſchaͤdigung. Wichtiger war dagegen die Eroberung des Vorgebirgs der guten Hoffnung, beſonders da ſie ohne großen Menſchenverluſt zu Stande kam. Dieſe Erwerbung iſt fuͤr unſern indiſchen Handel von ſo großer Bedeutung, daß wir wuͤnſchen und hoffen muͤſ⸗ ſen, dieſelbe fuͤr immer zu behaupten. Im Ganzen genommen hatte die Politik Englands damals einen unentſchloſſenen und inconſequenten Karakter. Die Miniſter zeigten zwar ein großes Verlangen, etwas zu thun; was aber gethan werden ſollte, wußten ſie nicht recht ausfindig zu machen, uldd ſo geſchah es; daß ſie entweder nach falſchen Zwecken ſtrebten oder die wahren aus Mangel an hinreichenden Mitteln verfehlten. Waͤren die bedeutenden Geldmittel, beſonders aber die braven, in den Verſuchen gegen Ealabrien, Buenos⸗Ayres, Alerandrien und anderswo auſge⸗ opferten Truppen mir den nach Stralſund geſendeten Streitkraͤften vereinigt und in den Ruͤcken der fran⸗ zoͤſiſchen Armee noch vor der ungluͤcklichen Schlacht bei Friedland gebracht worden, ſo wuͤrde Europa al⸗ ler Wahrſcheinlichkeit nach jenem harten und fuͤr eine gewiſſe Zeit entſcheidenden Schlage entgangen ſeyn. Das Verderbliche dieſes Irrthums, der ſich in allen unſern Operationen auf dem Kontinent vom An⸗ fange des Kriegs gegen Frankreich, bis auf die Zeit, wovon die Rede iſt, nicht verkennen laͤßt, ward nach⸗ gerade fuͤhlbar. Britannien gewann durch ſeine par⸗ tiellen Opfer gar nichts, nicht einmal Kolonien oder Zuckerinſeln. Der Feind unterhielt gegen deſſen Huͤlfs⸗ guellen und deſſen Handel einen beſtaͤndigen und un⸗ aufhoͤrlichen Krieg; der Widerſtand Englands war eben ſo beharrlich, und es lag am Tage, daß beide Theile einen Vertilgungskrieg gegen einander fuͤhr⸗ ten, weßwegen auch die Miniſter zu kuͤhneren Wag⸗ niſſen und die Nation zu groͤßeren Opfern, als bis⸗ 86 ker, aufgefordert wurden, und jedermann ſah ein, daß England ſeine Rettung nur von großen entſchei⸗ denden Maßregeln, keineswegs aber von der Ver⸗ folgung kleiner, ſelbſtſuͤchtiger Zwecke hoffen koͤnne. Das neue Miniſterium fuͤhlte den Drang der Um⸗ ſtaͤnde; entſchloſſen, den Krieg fortzuſetzen, bemuͤhte es ſich, denſelben mit allem Nachdruck zu fuͤhren. Die erſten Symptome eines veraͤnderten Sy⸗ ſtems zeigten ſich in der beruͤhr ten Expedition von Kopenhagen, bei der ſich eine Entſchloſſenheit und Energie kund gab, die man fruͤher bei den militaͤri⸗ ſchen Unternehmungen der Britten auf dem Feſtlande vermißt hatte. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß eines der großen Mittel, wodurch Buonaparte das Kontinentalſyſtem durchſetzen und England ohne Schlacht und ohne Invaſion zu Grunde richten wollte, in einer Koalitlon der nordiſchen Maͤchte gegen die Seeherrſchaft Englands beſtehen ſollte. Man hatte damit gegen das Ende des amerlkaniſchen Krieges gedroht und da ſſelbe im Jahre 1801 wirklich verſucht, wo aber dieſe uanatuͤrliche Verbindung durch die Ka⸗ nonen Nelſon's und den Tod Kaiſer Pauls wieder aufgeloͤst wurde. Der tilſiter Vertrag enthielt, nach den Erkundigungen, die der brittiſche Geſandte ein⸗ gezogen hatte, in dieſer Beziehung einen beſondern Artikel, und die Miniſter erhielten auch von andern Seiren her die beſtimmteſte Nachricht von dem, was maa vor hatte. Kaiſer Alexander hatte durch ſo —-— 87 Manches verrathen, daß er zufolge ſeiner mit dem Kaiſer des Weſtens geſchloſſenen Freundſchaft deſſen Groll zu theilen und deſſen Plane gegen England zu befoͤrdern gefonnen ſey. Da ſich kaum erwarten ließ, daß der ungluͤckliche Guſtav von Schweden der nor⸗ diſchen Allianz beitreten werde, ſo ſchien man ſeinen Untergang beſchloſſen zu haben. Dagegen war der Beitritt von Daͤnemark von der groͤßten Wichtigkeit. Dieſes Land beſaß noch immer eine Flotte und durch die Lage der Inſel Seeland hatte es den Schluͤſſel zum baltiſchen Meere in den Haͤnden. Seine be⸗ kannte Schwaͤche wuͤrde ihm nicht erlaubt haben, nur einen Augenblick dem vereinten Einfluſſe von Ruß⸗ land und Frankreich zu widerſtehen, wenn es auch nicht aus Indignation uber die Zerſtoͤrung ſeiner Flotte durch Nelſon(2ten April 1801) ohnehin ſchon ge⸗ neigt geweſen waͤre, ſich auf die Seite der genann⸗ ten Maͤchte zu ſchlagen. Es war klar, daß man Daͤnemark nur ſo lange die Neutralitaͤt goͤnnen werde, als es ſich mit den Zwecken der maͤchtigeren Partel vertragen mochte. Unter dieſen Umſtaͤnden, und da die franzoͤſiſchen Truppen ſich Holſtein, Juͤtland und Fuͤnen naͤherten, verfuhr die brittiſche Regierung der Kenntniß ge⸗ maͤß, die ſie ſich von den Abſichten ihrer Feinde ver⸗ ſchafft hatte, und hielt ſich fuͤr berechtigt, von Daͤ⸗ nemark ein Unterpfand wegen ſeines Betragens bei dem Eintritt der Feindſeligkeit zu verlangen, und — zwar ein Unterpfand, das auch einige Sicherheit ge⸗ waͤhrte.. Eine furchtbare Expedition wurde nun ausgeruͤ⸗ ſtet, und zwar nach einem ſolchen Maßſtabe, daß je⸗ der Widerſtand, den die Daͤnen als ein hochherziges Volk wahrſcheinlich leiſten mochten, fruchtlos werden mußte. Siebenundzwanzig Linienſchiffe und 20,000 Mann unter dem Befehle des Lord Catheart wur⸗ den nach der Oſtſee geſchickt, um einer Unterhand⸗ lung mit Daͤnemark Nachdruck zu geben, die man noch immer ohne gewaltſame Maßregeln zu beendi⸗ gen hoffte. Mit großer Geſchicklichkeit wurde die Flotte durch die ſchwierigen Paͤſſe der ſogenannten Belte hindurch gefuͤhrt und ſo aufgeſtellt, daß neun⸗ zig Wimpel, welche Seeland umwehten, die Kuͤſten dieſer Inſel voͤllig eingeſchloſſen hielten. Unter dieſen Auſpicien begann man die Unter⸗ handlungen. Der brittiſche Geſandte, Herr Jackſon, hatte den kizlichen Auftrag, dem Kronprinzen zu er⸗ oͤfnen, daß England von ihm die beſtimmte Erklaͤ⸗ rung verlange, welche Partei er zu nehmen gedenke, ob die engliſche oder die franzoͤſiſche, und daß er, um ſeine Freundſchafts⸗ oder Neutralltaͤtsverſicherun⸗ gen zu beglaubigen, die daͤniſche Flotte ſammt allen Schiffsvorraͤthen an England auszuliefern habe, wel⸗ ches dieſelben nicht als ein Eigenthum, ſondern nur als ein Unterpfand bis zum Eintritt friedlicherer Zei⸗ ten in ſeinem Gewahrſam behalten wolle. Das engſte 7 89 Buͤndniß, und jede Art von Schuz, den Britannien ge⸗ waͤhren konnte, ward angeboten, um dieſe Forderung annehmlich zu machen. Endlich ward dem Kronprin⸗ zen noch bemerkt, die engliſche Kriegsmacht in der Oſtſee ſey ſo groß, daß er dadurch bei Frankreich al⸗ lerdings entſchuldigt werde, wenn er ſich in die For⸗ derungen Englands fuͤge, und daß, wenn er das Ver⸗ langte verweigere, auch wirklich Gewalt gegen ihn gebraucht werden ſolle. In dem gewöhnlichen Verhaͤltniſſe der Nationen zu einander wuͤrden dieſe Forderungen Großbritan⸗ niens an Daͤnemark hart und ungerecht geweſen ſeyn. Die Rechtfertigung ergab ſich aus den damaligen Zeit⸗ umſtaͤnden. England war in dem Falle eines einzelnen Mannes, der, von ſeinen Todfeinden bedroht, ganz in ſeiner Naͤhe einen bewaffneten Menſchen erblickt, der ihm mit Recht verdaͤchtig iſt, weil er bei zwei fruͤheren Gelegenheiten ſich als Feind gegen ihn be⸗ nommen hat und auch jezt allem Anſchein nach im Begriff ſteht, mit ſelnen Feinden gemeinſchaftliche Sache zu machen. Ein ſolcher Mann waͤre doch wohl berechtigt, jenen Renſchen wegen ſeiner Abſichten zu Rede zu ſtellen und ihn, wenn er kann, ſogar zu entwaffnen, um ſich dadurch ſeiner Neutralitaͤt zu verſichern. Daß der Kronprinz ſich durch dieſe allerdings guͤltigen Gruͤnde nicht bewegen ließ, den Forderun⸗ gen Englands zu willfahren, darf uns nicht befrem⸗ 90 den. Es lag etwas Schimpfliches in der Auslieferung der Flotte, auf die Drohung hin, daß man ſonſt Ge⸗ walt anwenden werde; und haͤtte er gleich ſeines Volkes und ſeiner Hauptſtadt wegen klugerweiſe ei⸗ nen fruchtloſen Widerſtand unterlaſſen ſollen, wer moͤchte den hochherzigen und edeln Mann tadeln, daß er jeden Widerſtand leiſtete, der in ſeiner Macht ſtand? 3 Als man ſah, daß die Daͤnen zoͤgerten und Aus⸗ fluͤchte ſuchten, waͤhrend ſie in aller Eile Vertheidi⸗ gungsanſtalten trafen, wurden die Soldaten ausge⸗ ſchifft, Batterien errichtet, und es begann ſofort ein Bombardement, das eine ſchreckliche Feuersbrunſt zur Folge hatte. Einige Truppen, die ſich im Innern der Inſel zuſammengezogen hatten, wurden von Sir Arthur Wellesley, deſſen Name in Indien bereits beruͤhmt war, aber jezt zum erſten Mal im europaͤl⸗ ſchen Kriegsdienſte gehoͤrt wurde, aus einander ge⸗ trieben. Man gab endlich den unnuͤtzen Widerſtand auf, und am 8ten September wurden die Zitadelle und die Forts von Kopenhagen dem brittiſchen Ge⸗ neral uͤbergeben. Die daͤniſchen Schiffe wurden in der groͤßten Eile ſegelfertig gemacht, und mit den ſehr bedeutenden Schiffsvorraͤthen beladen, deren ſich die Franzoſen zur Ausruͤſtung einer Flotte haͤtten bedienen koͤnnen. Da der Angriff auf Kopenhagen mit Umſtaͤnden begleitet war, die leicht in ein nachtheiliges Licht ge⸗ 91 ſezt werden konnten, ſo zeigte Frankreich, das die Rechte der neutralen Nationen auch nie im gering⸗ ſten beachtet hatte, und Napoleon, der Ueberzieher von Aegypten im tiefen Frieden mit der Pforte, der⸗ ſelbe Napoleon, der im Frieden mit dem deutſchen Reiche Hannover beſetzt hatte und gerade jezt darauf ſann, ſich Spanien und Portugal anzueignen— den groͤßten Abſcheu uͤber die gegen die daͤniſche Haupt⸗ ſtadt veruͤbte Gewaltthaͤtigkeit. Auch Rußland war beleidigt, und deutlich blickte aus ſeinem geheuchel⸗ ten Eifer fuͤr die Rechte der Neutralitaͤt Unwillen uͤber veretelte Plane hervor. Aber der kuͤhne und kraͤftige Geiſt, mit dem England ſeinen Plan ent⸗ worfen und ausgefuͤhrt hatte, verbreitete einen heil⸗ ſamen Schrecken unter die andern Nationen und be⸗ lehrte die Neutralen, die ſich unter dem Schutze die⸗ ſes Namens beigehen laſſen moͤchten, den Feinden Großbritanniens Vorſchub zu leiſten, daß dieſes nicht ungeſtraft geſchehen koͤnne. Dies war allerdings mit manchen Unannehmlichkeiten fuͤr die kleineren Maͤchte verbunden, von deuen wohl manche gerne die ſtrengſte Neutralitaͤt beobachtet haben wuͤrden, wenn ſie im Stande geweſen waͤren, dem Einfluſſe und den Dro⸗ hungen Frankreichs zu widerſtehen; aber der wuͤthende Kampf zweler Nationen, wie Frankreich und England, gleicht dem Kampfe von Rieſen, wobei die Kleineren und Schwaͤcheren, die ſo ungluͤcklich ſind, ſich in de⸗ ren Bereich zu befinden, von dem einen Kaͤmpfer oder auch von beiden unfehlbar in den Staub getre⸗ ten werden. 4 Aus dem tiefen Unwillen, den Buonaparte bei der Nachricht von dieſer kritiſchen und entſcheiden⸗ den Maßregel blicken ließ, konnte man ſchließen, wie ſehr ihn eine ſolche Vereitlung ſeiner Plane ſchmerzen mußte. Es blieb ihm nichts uͤbrig, als im Moni⸗ teur gegen Großbritannien loszuztehen; der Frie⸗ densbruch und die Verletzung des Voͤlkerrechts wur⸗ den England als ein unausſuͤhnliches Verbrechen von einem Manne vorgeworfen, der weder ſein eigenes Wort, noch die Sitte des Voͤlkerrechts zu achten pflegte, wenn ſie mit ſeinen Zwecken in Colliſion kamen. Noch ſonderbarer war das Betragen Rußlands. Ein engliſcher Offizier, der in einem gewiſſen lite⸗ rariſchen Rufe ſtand, wurde von Alexander oder von ſeinen naͤchſten Rathgebern beauftragt, dem britti⸗ ſchen Miniſterium die Zufriedenheit zu bezeigen, die der Kaiſer insgeheim uͤber die Gewandtheit und Ge⸗ ſchicklichkeit empfinde, welche die Britten bei der Vereitlung der Abſichten Frankreichs durch ihren An⸗ griff auf Kopenhagen bewieſen haͤtten. Die engliſchen Miniſter wurden eingeladen, frei mit dem Czaar zu verkehren, als mit einem Fuͤrſten, der, ob er gleich ſich in die Umſtaͤnde fuͤgen muͤſſe, nichts deſto weni⸗ ger ſo ſehr wie immer der Sache der europaͤlſchen Unabhaͤngigkeit zugethan ſey. In Gemaͤßheit dieſer Einladung aͤußerte ſich das brittiſche Kabinet uͤber ſeinen Plan, der ungemeſſenen Macht Frankreichs durch ein Schuz⸗ und Truzbuͤndniß der nordiſchen Maͤchte ein Gegengewicht zu geben. Es ward vor⸗ ausgeſezt, daß Schweden dieſer Allianz mit Freuden beitreten und daß Daͤnemark, durch das Beiſpiel Rußlands, des Hauptes und der Seele dieſes Bun⸗ des, ermuthigt, das Gleiche thun wuͤrde. Ein ſolcher Antrag wurde nun den ruſſiſchen Minliſtern gemacht, aber von ihnen mit der groͤßten Kaͤlte aufgenommen. Es laͤßt ſich jezt nicht mehr beſtimmen, ob man etwa dem Agenten zu viel ge⸗ traut habe, oder ob jene Eroͤffnung die Folge eines fluͤchtigen Gedankens an einen Bruch mit Frankreich, den der Kaiſer ſpaͤter wieder aufgegeben, geweſen ſey, oder ob man, was wohl das wahrſcheinlichſte iſt, die Huͤlfsquellen und die Abſichten Englands nur habe erforſchen wollen. Kurz, dle Art, mit der Ruß⸗ land den Antrag Großbritanniens aufnahm, ſtach ſo ſehr gegen diejenige ab, mit der es das Vertrauen der engliſchen Miniſter angeſprochen hatte, daß es zu gar keiner Unterhandlung kam. Alexander verkuͤndete der Welt ſeinen lezten Entſchluß, ſobald als England die angebotene Ver⸗ mittlung Rußlands in ſeinem Streite mit Frankre ich ausgeſchlagen hatte. In elner Proklamation oder in einem Manifeſt bezeigte der Kaiſer ſeine Neue dar⸗ han 928 r— 11 8z 2ꝛ 5 über, daß er England Zugellandniſſe gemacht habe, 94 die ſich dem ruſſiſchen Handel als nachtheilig erwie⸗ ſen haͤtten; er beklagte ſich(und zwar mit Recht) uͤber die Art, mit der England den Krieg durch un⸗ bedeutende Unternehmungen gefuͤhrt, die nur ſeinen eigenen ſelbſtſuͤch igen Zwecken zutraͤglich geweſen ſeyen; und der Angriff auf Kopenhagen wurde als eine Verletzung des Voͤlke rrechts dargeſtellt. Er vor⸗ nichtete deßhalb jeden Vertrag, der zwiſchen Ruß⸗ land und Britannien beſtanden hatte, und nament⸗ lich den vom Jahre 1801, und bekannte ſich nun zu den Grundſaͤtzen der bewaffneten Neutralitaͤt, die er ein Denkmal der Welsheit der großen Katharina nannte. Im November 1805 erfolgte ein Ukas oder ein kaiſerliches Delret, auf brittiſche Schiffe und Guͤter Beſchlag zu legen. Allein durch die Gunſt der ruſ⸗ ſiſchen Nation, und ſelbſt der Regierungsbeamten wurden die Schiffsherren von dieſer Maßregel vor⸗ her in Kenntniß geſezt; und nicht weniger als acht⸗ zig Schiffe, die mit guͤnſtigem Winde abſegelten, kamen mit ihren Ladungen wohlbehalten nach Eng⸗ land. Oeſterreich und Preußen ſahen ſich genothigs, dem Beiſpiele Rußlands zu folgen, und dem britti⸗ ſchen Handel den Krieg zu erklaͤren, ſo daß jezt Buo⸗ nayarte ſeinem Hauptziele, allen Verkehr zwiſchen Großbritannien und dem Feſtlande aufzuheben, be⸗ deutend naͤher kam. ——;— 9⁵ Drittes Kapitel. Ueberſicht der innern Regierung Napoleons zur Zeit des tilſiter Friedens.— Abſchaffung des Tribunats.— Der Staatsrath.— Die Präfekturen.— Das Weſen und die Beſtimmung derſel⸗ ben.— Der Codex⸗Napoleon.— Deſſen Beſtimmungen.— Vor⸗ züge und Mängel deſſelben.— Vergleichung dieſes Geſezbuchs mit dem engliſchen Rechtsſyſteme.— Preiswürdiges Beſtreben Napoleons, daſſelbe einzuführen. Nachdem wir der aufſteigenden Bahn Napoleons bis zu dem Punkte gefolgt ſind, wo ſeine Macht die groͤßte Feſtigkeit gewonnen zu haben ſchien, muͤſſen wir einen Blick auf ſeine innere Regierung werfen, nicht um dieſelbe ausfuͤhrlich abzuhandeln, was ganze Baͤnde fuͤllen wuͤrde, ſondern um wenigſtens den Ka⸗ rakter derſelben, die Mittel, wodurch er ſeine Herr⸗ ſchaft behauytete, und das Verhaͤltniß darzuſtellen, das ſich zwiſchen dem Herrſcher und ſeinen Unter⸗ thanen bildete. Das leitende und, wir moͤchten ſagen, das ein⸗ zige Princip, auf welchem die Regierung Napoleons beruhte, war der ſchlichte Grundſaz, auf welchen ſich jeglicher Despotismus zu allen Zeiten geſtuͤzt hat, der Grundſaz naͤmlich, daß zwar der Herrſcher oder der Inhaber der Staatsgewalt ſich ganz und aus al⸗ len Kraͤften dem oͤſentlichen Wohl widmen ſolle, dafuͤr aber hinwiederum von ſeinen Unterthanen den 96 unbedingteſten Gehorſam zu fordern habe. Einige Herrſcher haben ihren Anſpruch auf dieſe gaͤnzliche Unterwerfung unter ihren Willen auf ihre Abkunft und, nach Fillmar's Lehre, auf ihr Recht gegruͤndet, den Urvater des Stammes zu vertreten und als ſeine Erben eine patriarchaliſche Gewalt zu uͤben. Andere haben ſich auf die Schrift berufen und dem geſun⸗ den Menſchenverſtande Gewalt angethan, um ihr Herrſcherrecht von einem beſondern Rathſchluſſe der Vorſehung abzulelten. Ein erbliches Recht konnte Buonaparte eben nicht anſprechen, aber er ſtuͤzte ſich nicht wenig auf den zweiten Grundſaz, indem er ſich, wahrſcheinlich nicht ohne Selbſttaͤuſchung, fuͤr ei⸗ nen Mann gehalten wiſſen wollte, der von dem Him⸗ mel ſelbſt auf den erhabenen Poſten, den er einnahm, geſtellt worden ſey, und dem man ſich daher nicht widerſetzen duͤrfe, wenn man anders nicht dem Schick⸗ ſal ſelbſt Troz bieten wolle, das ihn an der Hand gefuͤhrt, mit ſeinem Schilde bedeckt und auf eben ſo ſonderbaren als gefaͤhrlichen Wegen auf den erhabe⸗ nen Poſten gebracht hatte, auf dem er ſtand. Nie⸗ mand war ſein Lehrer in der Kunſt ſeiner Selbſtbe⸗ foͤrderung geweſen— niemand war ſein Fuͤhrer ge⸗ weſen auf ſeinem gefaͤhrlichen Pfade zur Macht— kaum konnte ſich jemand ruͤhmen, etwas mehr als ein untergeordneter Gehuͤlfe zu ſeiner Befoͤrderung beigetragen zu haben. Nappleon ſchien auf die ſchwindelnde Hoͤhe ſeines Standpunktes durch eine uͤher⸗ 97 uͤbermenſchliche Kraft gehoben worden zu ſeyn, durch eine Macht, ohne welche ſelbſt ſeine hohen Talente nichts ausgerichtet haben wuͤrden. Doch nicht dieſem Prinzip allein kann die allgemeine Unterwerfung un⸗ ter ſeine ſchrankenloſe Gewalt zugeſchrieben werden. Buonaparte kannte den Karakter der franzoͤſiſchen Nation ſo gut, daß er ihr eine Entſchaͤdigung fuͤr ihre Dienſtbarkeit anbleten konnte, und zwar erſtens in dem vorherrſchenden Einfluſſe, den er ihr in Eu⸗ ropa verſchaffen wollte; zweitens in den Municipal⸗ einrichtungen, durch die er ſie regierte— Einrich⸗ tungen, die, obgleich ſie einer an billige und gerechte Geſetze gewoͤhnten Nation bei weitem nicht genuͤgt haben wuͤrden, doch Schuz fuͤr Leben und Eigenthum gewaͤhrten, und daher denjenigen gar ſehr willkom⸗ men ſeyn mußten, die unter dem republikaniſchen Spſteme die Schlachtopfer der Grauſamkeit, der Raubſucht und der unbaͤndigſten, um ſo gehaͤſſigeren Tyrannei geweſen waren, als ſie im Namen der Frei⸗ heit ausgeuͤbt wurde. ſoll, Buonaparte ſprach ſich daruͤber ſehr buͤndig aus, indem er die Unfaͤhigkeit der Direktoren, ſeiner Vor⸗ gaͤnger in der Regierung, mit den folgenden Worten tadelte:„Dieſe Menſchen verſtehen es nicht, auf W. Scott s Werke. L. 7 98 die Einbildungskraft der franzoͤſiſchen Nation zu wir⸗ ken.“ Dieſe mehr italieniſche als franzoͤſiſche Phraſe enthuͤllt uns das Geheimniß der von Napoleon geuͤb⸗ ten Macht. Er ſelbſt hielt ſich fuͤr den Mann, von dem das Schickſal Frankreichs abhing— der durch hundert entſcheidende Siege den Ruhm Frankreichs gegruͤndet. Mit ſeinem Schwerte hatte er alle die Hinderniſſe beſtegt, die den groͤßten franzoͤſiſchen Mo⸗ narchen unuͤberwindlich geſchienen hatten, und Frank⸗ relch zur vorherrſchenden Macht in Europa gemacht. Nur er konnte mit Necht die unbedingte Herrſchaft uͤber Frankreich anſprechen, er, der die Nation aus einer gefaͤhrlichen Lage gerettet, ihre Mißhelligkeiten beigelegt, ihre Parteien verſoͤhnt, ihre Niederlagen in Siege umgewandelt und eine zerruͤttete Nation, die nahe daran war die Beute innerer und aͤußerer Feinde zu werden, zur Herrſcherin von Europa erho⸗ ben hatte. Alle dieſe Leiſtungen waren aber an eine Bedingung geknuͤpft, die wir bereits kennen— an die Bedingung des Verſuchers in der Wuͤſte, der, nachdem er alle Königrelche der Erde zur Schau ge⸗ legt, ausrief:„Alles dieſes will ich Dir geben, ſo Du vor mir niederfaͤllſt, und mich anbeteſt.“ Napoleon hatte dieſes prahleriſche Verſprechen erfuͤllt, und dies ſchmeichelte einem Volke, dem es mehr um Ruhm, als um Freiheit zu thun iſt, das lieber von ſeinen Siegen in fremden Laͤndern hoͤrt, als mit Ruhe die Freiheit ſeiner Gedanken und Hand⸗ 99 lungen genießt, und dieſen Genuß gerne entbehrt, wenn nur ſeiner Eitelkeit geſchmeichelt wird. So benuͤzte Napoleon die Einbildungskraft der Franzoſen, oder, um ſeine Phraſe woͤrtlicher zu uͤber⸗ ſetzen, ſo trieb er mit derſelben ſein Splel. Er gab ihnen oͤffentliche Feſte, Siege und eine ausgebreitete Herrſchaft, und nahm ſich dafuͤr heraus, ihre Kinder in aufeinanderfolgenden Schaaren in noch entferntere und noch weitgreifendere Eroberungskriege zu fuͤhren und die Maſſe der zu Hauſe bleibenden Nation nach ſeinem Gefallen zu beherrſchen. Zu dieſem Ende ward an die Stelle des einen Goͤzendienſtes allmaͤhlig und mit vieler Geſchlcklich⸗ keit ein anderer geſezt; nur der Gegenſtand der oͤffentlichen Verehrung aͤnderte ſich, die Verehrung ſelbſt blieb. Frankreich war vordem durch polltiſche Maximen regiert worden— jezt wurde es durch den Namen eines einzigen Mannes in Ordnung gehal⸗ ten. Fruͤher war die Republik Alles— ein Lafayette, ein Dumouriez oder Pichegru gar nichts. Jezt galt der Name eines gluͤcklichen Feldherrn mehr, als der ganze Coder der Menſchenrechte. Frankreich hatte ſich Mord, Raub, Nevolutionstribunale, jede Art von Grauſamkeit und Unterdruͤckung gefallen laſſen, ſo lange ſie mit den Zauberworten:„Freiheit und Gleichheit— Verbindung— oͤffentliches Wohl und Volksgluͤck““ uͤbergoldet waren. Es zeigte ſich eben io fuͤgſam, als„die Ehre ſeiner kaiſerl. und koͤnigl. 72 100 Majeſtaͤt— das Intereſſe des großen Reichs— der Glanz des Kaiſerthrens“ das Loſungswort wurden. Freilich waren die Opfer unter der neueſten Form weniger ungeheuer; ſie beſchraͤnkten ſich auf die vom Kaiſer beliebten Abgaben und auf ein beſtaͤndiges Vorgreifen in der Konſtription. Die republikaniſchen Tyrannen forderten beides, Leben und Eigenthum — der Kaiſer begnuͤgte ſich mit dem zehnten Theil des leztern und mit der unumſchraͤnkten Verfuͤgung aͤber denjenigen Theil der Familie, der zum Be⸗ huf neuer Eroberungen die Waffen am beſten tragen konnte. Dies war der Preis, um welchen dieſes ſo lange zerraͤttete Land nach ſeiner Revolution wieder den Vortheil einer feſten und kraͤftigen Regierung erkaufen ſollte. Der Karakter dieſer Regierung, ihre Mittel und Grundſaͤtze muͤſſen jezt in Kuͤrze beſchrieben werden. Man wird nicht vergeſſen haben, daß Buona⸗ varte, der Erbe der Revolution, ſich die Formen und Modiſicationen der Direktorialregkerung, von Sieyéès auf eine ſcharfſinnige Weiſe in etwas verbeſſert, an⸗ geeignet hatte; aber ſie beſtanden blos als Formen und hatten ganz keinen Einfluß auf die Regierung. Der Senat und die geſezgebenden Koͤrperſchaften hingen ganz und gar vom Kaiſer ab, der ſie beſoldete und ſich ihrer bediente, um die Geſetze, die er fuͤr gut fand, bekannt zu machen. Das Tribunat war errichtet worden zum Schutze des Volks gegen alle 101 Handlungen willkuͤhrlicher Gewalt, als: Verhaftun⸗ gen, Verbannung, Angriffe auf die Preßfreiheit und dergleichen; Buonaparte aber untergrub nach und nach die Rechte und das Anſehen dieſer Koͤrperſchaft, geſtattete ihr nur partielle und geheime Sitzungen, beraubte ſie ihrer wackerſten Mitglieder und hob ſie endlich ganz auf, um, wie er ſagte, den Staatsauf⸗ wand zu vermindern. Sie war in der That ganz entbehrlich geworden, aber nur, weil man ihren Ka⸗ rakter veraͤndert hatte, und weil ſie, vom Seuate, nicht vom Volke gewaͤhlt, nie aus Maͤnnern beſtand, die bereit waren, dem drohenden Blicke der Gewalt zu trotzen, wenn dieſe ihre Grenzen uͤberſchritt. Da sber ſchon der Name dieſes Inſtituts Ideen von re⸗ publikaniſcher Freiheit zuruͤckrief, ſo hielt es der Kai⸗ ſer fuͤr angemeſſen, daſſelbe ganz abzuſchaffen. Die Behoͤrde, die der Kaiſer zu Rathe zog, war der ſogenannte Staatsrath, in welchem er ſelbſt den Vorſiz fuͤhrte. Seine Funktionen waren ſehr ver⸗ ſchiedenartig und bezogen ſich auf die politiſche Ge⸗ ſezgebung oder auf Juſtizgegenſtaͤnde, je nach der Tagesordnung. Er war mit einem Worte eine Huͤlfs⸗ quelle fuͤr Buonaparte, wenn er der Meinung, des Gutachtens oder der Kenntniſſe Anderer bedurfte, um ſeine eigenen Anſichten zu ergaͤnzen; und er be⸗ diente ſich nicht ſelten des Beiſtandes des Staats⸗ rathes, um jene Beſchluͤſſe zu faſſen, die er dann darch ſeine Miuiſter vollzichen ließ. Herr von Las⸗ 102 Caſes, ſelbſt Mitglied deſſelben, verweilt mit Ver⸗ gnuͤgen bei der Freiheit, die Buonaparte in den De⸗ batten zuließ, und bei der guten Laune, mit der er ſelbſt hartnaͤckigen und lebhaften Widerſpruch ertrug, und moͤchte uns den Staatsrath gern als eine be⸗ deutende Schuzwehr gegen die Willkuͤhr des Sou⸗ veralns darſtellen. Was er geſagt hat, laͤuft jedoch nur darauf hinaus, daß Buonaparte, der die Meinung ſeiner Raͤthe hoͤren wollte, ihre Redefreiheit und ſo⸗ gar ihre Einwendungen duldete. Mahmud und Amu⸗ rath moͤgen in ihrem Divan ſich eben ſo benommen haben, blieben aber darin nichts deſto weniger die unumſchraͤnkten Herren uͤber das Leben derjenigen, die ſie zu Rathe zogen. Wir zweifeln nicht, daß Buonaparte bei gewiſſen Gelegenheiten ſeinen Raͤthen viele Freiheiten geſtattete, und ſogar bisweilen ih⸗ ren Meinungen nachgab, ohne davon uͤberzeugt zu ſeyn, wenigſtens in ſolchen Faͤllen, wo ſeine Leiden⸗ ſchaften oder ſeine Intereſſen nicht ins Spiel ka⸗ men*). Wir leſen aber noch weiter, daß der Kaiſer *) Ségur führt einen Fall an, wo Buonaparte ſeine Meinung gegen die des Rathes aufgab. Die kaiſerlichen Gerichtshöfe hatten ein Weib aus Amſterdam, das wegen eines Kriminal⸗ verbrechens in Unterſuchung war, zweimal losgeſprochen⸗ Der Apyellationshof trug nun darauf an, dieſe Frat. zum dritten Mal vor Gericht zu ſtellen. Buonaparte allein ſtritt gegen den ganzen Staatsrath, und forderte für das arme Weib die Freiheit, welche ſie von Rechtswegen erlangt haben 103 ſich gegen etwas eigenſinnige Maͤnner auf eine Weiſe aͤußerte, die deutlich zeigte, daß er ſich ihren Wi⸗ derſpruch nicht uͤber eine gewiſſe Grenze hinaus ge⸗ fallen laſſe. Zu einem ſolchen Manne konnte er ſa⸗ gen:„Sie ſind ſehr eigenſinnig; wie, wenn ich es nun in demſelben Grade waͤre? Sie haben Unrecht, den Maͤchtigen auf das Aeußerſte zu treiben.— Sie ſollten die Schwachheit der menſchlichen Natur nicht ſo verkennen.“ Zu einem Andern ſagte er nach ei⸗ nem ſolchen hartnaͤckigen Streite:„Nehmen Sie ſich doch ein wenig in Acht, und ſchonen Sie in Zukunft meine Laune mehr. Sie haben es geſtern ſo arg gemacht, daß ich mir die Schlaͤfe kratzen mußte. Das will viel ſagen— in Zukunft vermeiden Sie es, mich ſo weit zu treiben.“ Solche Beſchraͤnkungen der Redefrelheit in dem franzoͤſiſchen Staatsrathe ſind verwandt mit denje⸗ nigen, die bei den feſtlichen Unterhaltungen zu Saus Souci Statt fanden, wo der große Friedrich jede ſollte, in Betracht der Vorurtheile, welche man gegen ſie rege gemacht haben mußte. Er gab zulezt der Mehrzahl nach, erklärte aber, er thue dies ohne überzeugt zu ſeyn. Hiebei muß bemerkt werden, erſtens, daß Buonaparte nicht perſönlich bei der Entſcheidung der Frage intereſſirt war, und zweitens, daß er, wenn ihn die Sache überhaupt et⸗ was auging, das Schickſal der Fran in ſeinen Händen hatte, da er ſie nur begnadigen durfte, falls ſie von dem Aprlia tionshofe verurtheilt würde. 1⁰4 Art von vertraulichem Scherze und perſoͤnlicher Nek⸗ kerei zuließ und ermunterte, ſobald dieſe aber eine gewiſſe Grenze uͤberſchritten, ſeinen luſtigen Gaͤſten zu bedeuten pflegte, daß er des Koͤnigs Tritt in der Gallerie vernehme. So geſchah es auch manchmal, daß Napoleon, nicht zufrieden, ſeine Raͤthe das ent⸗ fernte Rollen des kaiſerlichen Donners hoͤren zu laſ⸗ ſen, ſeine Blitze mitten unter dieſelben ſchleuderte. Ein ſolcher Vorfall war der mit Portalis. Dieſer talentvolle und rechtſchaffene Staatsmann hatte, wie wir geſehen haben, dadurch, daß er das Konkor⸗ dat zu Stande brachte, große Dienſte geleiſtet, und war deßwegen zum Miniſter der kirchlichen Angele⸗ genheiten und zum Staatsrathe ernannt worden. In den nachfolgenden Streitigkeiten zwiſchen dem Pabſte und Buonaparte war ein Verwandter des Miniſters beſchuldigt worden, die paͤbſtlichen Bullen oder Ermahnungsſchreiben in Umlauf gebracht zu ha⸗ ben, und Portalis hatte es verſaͤumt, den Kaiſer davon in Kenntniß zu ſetzen. Dafuͤr fuhr ihn Na⸗ poleon in voller Sitzung in den haͤrteſten Ausdruͤcken an, warf ihm vor, ſeinen Eid als Staatsrath und Miniſter gebrochen zu haben, nahm ihm beide Stel⸗ len ab und wies ihn als einen Hochverraͤther aus der Verſammlung. Waͤre nun eines der Mitglie⸗ der des Staatsraths, als dieſer Spruch noch in al⸗ len Ohren klang, zwiſchen den Drachen und ſeinen Grimm getreten, um vorzuſtellen, daß auf eine ſo 105 ſchwere Anklage nicht unmittelbar der Verweis und die Strafe folgen duͤrfe— daß Herr Portalis durch falſche Nachrichten oder vielleicht durch den ganz na⸗ tuͤrlichen Wunſch verleitet worden ſey, den Fehler ſeines Vetters zu verdecken— daß er vielleicht auch aus zwar irrigen und redlich gemeinten religioͤſen Anſichten alſo gehandelt habe— dann wuͤrden auch wir in dem Staatsrathe Napoleons eine Behoͤrde erkannt haben, die dem angeklagten Buͤrger einigen Schuz gegen den Despotismus der Regierung gewaͤh⸗ ren koͤnne. Aber zu welcher Zeit und in welchem Lande koͤnnte die Freiheit der Nation der Obhut der unmittelbaren Rathgeber der Krone anvertraut wer⸗ den? Sie findet nur bei einer Behoͤrde Schuz, de⸗ ren Gewalt unmittelbar vom Volke ausgegangen iſt, und die als hemmende und einſprechende Behoͤrde vom Volke ſelbſt hinwiederum unterſtuͤzt und verthei⸗ digt wird. Die Beſchluͤſſe des Staatsraths oder auch dieje⸗ nigen, die Napoleon ohne deſſen Theilnahme faßte (denn man begreift leicht, daß er denſelben zu ſei⸗ nen geheimen politiſchen Eroͤrterungen nicht zugezo⸗ gen haben wird), wurden, wie in andern Laͤndern, mit den Miniſtern beſprochen und von dieſen voll⸗ zogen. Derjenige Theil des kaiſerlichen Staatsorganis⸗ mus, auf den ſich Buonaparte viel zu gut that, war das Inſtitut der Praͤfecturen, eines der tuͤchtigſten 1056 Werkzeuge des Despotismus. Der Zweck und die Tendenz dieſes Inſtituts iſt gar nicht zu verkennen, indem Buonaparte und ſeine erbittertſten Gegner daſſelbe Gemaͤlde davon entwerfen, jener, um daſſelbe zu preiſen, dieſe, um daſſelbe zu tadeln. Jeder Praͤ⸗ fekt war die hoͤchſte Obrigkeit in dem ihm angewie⸗ ſenen Bezirke, wo er, wie die ehemaligen Lieute⸗ nants oder Statthalter in den Grafſchaften, die Perſon des Souverains vorſtellte. Man waͤhlte dazu Maͤnner, die man gewinnen oder die man belohnen wollte. Sie bezogen einen ſehr bedeutenden, manch⸗ mal einen ganz uͤbertriebenen Gehalt von 15,000, 20,000, ja ſogar von 30,000 Franken. Ein ſo be⸗ deutender Aufwand war, wie Napoleon behauptete, durch das moraliſche Verderbniß in Frankreich ver⸗ anlaßt, wegen welchem die Menſchen mehr durch ih⸗ ren Eigennuz, als durch ihr Pflichtgefuͤhl gefeſſelt werden mußten. Seine Feinde dagegen ſahen darin einen der leitenden Grundſaͤtze ſeiner Regierung, die das oͤffentliche Wohl als ein Hirngeſpinſt behandelte und das perſoͤnliche Intereſſe zu dem Hauptmotiv tuͤchtiger Staatsdiener erhob. Zu Praͤfecten wurden in der Regel Maͤnner gewaͤhlt, die zufolge ihrer Ge⸗ burt und ihrer Lage dem Departement, dem ſie vor⸗ ſtanden, gewiſſermaßen fremd waren; ſie gleichſam in der Fremde, das heißt in einem Lande anzuſtel⸗ len, wo man ſie nicht kannte, war eine der Haupt⸗ marlmen Napoleons. Sie hingen einzig von dem 107 Kaiſer ab, der ſie nach Gefallen entfernte oder ab⸗ ſezte. Dieſen wichtigen Beamten war die Verwal⸗ tung der Departements anvertraut. „Mit der Gewalt und den oͤrtlichen Huͤlfsmit⸗ teln, die ihnen zu Gebote ſtanden,“ ſagte Buona⸗ harte,„waren die Praͤfecten ſelbſt Kaiſer in einem verjuͤngten Maßſtabe; und da ſie nur den Impuls oder den Anſtoß, der vom Throne ausging, weiter fortpflanzten, da ſie ihre Macht nur ihrem Amte, keineswegs aber ihrer perſoͤnlichen Wuͤrde verdankten, ſo waren ſie der Krone eben ſo nuͤzlich, als die vor⸗ maligen hohen Regierungsbeamten, ohne dieſelbe, was die leztern manchmal thaten, je in Verlegen⸗ heit ſetzen zu koͤnnen.“ Durch den Praͤfecten wur⸗ de*) wie geſagt, der Impuls, der von dem Mittelpunkte der Regierung ausging, bis zu den aͤußerſten Enden des Reiches fortgepflanzt; durch ihre Vermittlung durchdrang der Einfluß der Krone und der Wille der Regierung eine Maſſe von vierzig Millionen wie eine Zauberkraft. Es ſcheint, daß Napoleon, als er mit Liebe dieſes ſchreckliche Werkzeug der unumſchraͤnk⸗ ten Macht beſchrieb, doch gefuͤhlt hahe, es moͤchte daſſelbe nicht ganz die Billigung jener Freunde libe⸗ raler Inſtitutionen erhalten, um deren Beifall er ſich in der lezten Zeit ſeines Lebens bewarb.„Die Praͤ⸗ fecten ſind,“ ſagte er zu dieſen,„eine Schoͤpfung, *) Journal de la vie privée de Napoleon etc. vol. IVv. 108 zu der ich mich gezwungen ſah. Durch die Macht der Umſtaͤnde zur Diktatur berufen, mußte ich die Faͤden der Regierung, die ſich durch das ganze Land zogen, durch einen Schlußknoten gehoͤrig verbinden, und in großer Spannung erhalten, auch ihnen eine ungewoͤhnliche Elaſticitaͤt geben, damit ſie den Strei⸗ chen, die ohne Unterlaß gegen das ganze Syſtem ge⸗ fuͤhrt wurden, widerſtehen konnten.“*) Seine Recht⸗ fertigung laͤuft auf Folgendes hinaus:„Meine Zeit⸗ genoſſen waren außerordentlich erpicht auf Macht⸗ Rang und Reichthum. Ich warb ſie daher zu mei⸗ nen Gehuͤlfen durch Anſtellungen und Beſoldungen. Dem aufbluͤhenden Geſchlechte brachte ich dagegen beſſere Grundſaͤtze bei. Mein Sohn haͤtte Juͤng⸗ linge um ſich geſehen, die Sinn fuͤr Gerechtigkeit, Ehre und Tugend hatten; und die Staatsdiener wuͤrden in der Erfuͤllung ihrer Dienſtyflicht ihre Be⸗ lohnung gefunden haben.“ Die Freiheit Frankreichs war demnach bis zur Wiederkehr des goldenen Zeitalters verſchoben, wo die wiedergeborne Menſchheit ſich um Macht und Reichthum nicht mehr bekuͤmmern ſollte. Einſtwei⸗ len hatte Frankreich die Diktatur und die Praͤ⸗ fecten. Jener Impuls wie ihn Napoleon nennt, durch welchen dieſe untergeordneten Agenten in den De⸗ *) Zournal de la vie privée de Napoleon cto. vol. V. 1⁰9 partements in Thaͤtigkeit geſezt wurden, wurde in der Regel durch ein Rundſchreiben oder Proklama⸗ tion gegeben, worin diejenige Maßregel bekannt ge⸗ macht wurde, welche die Regierung durchzuſetzen wuͤnſchte. Dieſes Schreiben war von dem Miniſter⸗ in deſſen Geſchaͤftskrels die Sache einſchlug, unter⸗ zeichnet, und ſchloß mit der Ermahnung an den Praͤ⸗ fecten, in der Betreibung der Sache thäͤtig zu ſeyn, wenn er anders die Gnade des Kalſers verdienen und der Krone ſeine Ergebenheit beweiſen wolle. Auf eine ſo dringende Weiſe aufgefordert, fertigte der Praͤfect den erhaltenen Befehl an den Unter⸗ praͤfecten und die Vorſteher der Gemeinden in ſei⸗ nem Departement aus, die, durch daſſelbe Motiv wie ihr Principal angetrieben, ſich durch ihre Bereit⸗ willigkeit, die Befehle des Kaiſers zu vollſtrecken, auszuzeichnen, und das Lob thaͤtiger Agenten zu ver⸗ dienen ſuchten. t Den Praͤfecten lag ferner ob, darauf zu ſehen, daß an denen zu oͤffentlichen Beluſtigungen beſtimm⸗ ten Tagen dem Staatsoberhaupte die gebuͤhrende Ehre erwieſen wurde, auch die Municiyalitaͤten daran zu erinnern, in gelegenheitlichen Adreſſen ihre Be⸗ wunderung der großen Talente des Kaiſers und ihre Anhaͤnglichkeit an ſeine Perſon auszudruͤcken. Der⸗ gleichen Zuſchriften erſchienen alsdann im Moni⸗ teur, und ſind, wenn man ſie genau unterſucht, die ſonderbarſten Machwerke, die in den Annalen der Schmeichelei vorkommen moͤgen. Wir wollen nur anfuͤhren, daß ein Maire— der von Amiens, wie wir glauben— in der Extaſe ſeiner Verehrung des Kaiſers behauptete, die Gottheit muͤſſe, nachdem ſie Napoleon ins Daſeyn gerufen, wie nach der Schoͤpfung des Weltalls, ausgeruht haben. Dieſe und andere rhetoriſche Floskeln moͤgen gotteslaͤſterlich und laͤ⸗ cherlich erſcheinen, und man haͤtte glauben ſollen, daß ein Mann von Napoleons Verſtand und Ge⸗ ſchmack ſie entweder mildern oder unterdruͤcken wuͤr⸗ de. Allein er kannte den Einfluß, den ſolche Lobprei⸗ ſungen eines und deſſelben Gegenſtandes auf die oͤf⸗ fentliche Meinung haben. Gedanken, die in verſchie⸗ denen Ausdruͤcken in mancherlei Formen oft wieder⸗ holt werden, verfehlen zulezt ihre Wirkung auf das Volk nicht, beſonders wenn dieſes keinen Widerſpruch vernimmt. Eine Uniform, in welcher der Einzelne ſich vielleicht laͤcherlich ausnimmt, macht großen Ef⸗ fekt, wenn ſie von einem zahlreichen Korps getragen wird; der Marktſchreier, der ſeine Arzneimittel auf eine Art anpreist, die uns laͤcherlich vorkommt, be⸗ redet uns zulezt doch, einen Verſuch damit zu ma⸗ chen, eben dadurch, daß er nicht muͤde wird, daſſelbe Lied anzuſtimmen. Diejenigen, die ſich mit Ver⸗ leumdungen abgeben, wiſſen, daß, wenn ſie, wie es in der Volksſprache heißt, nur recht mit Koth um ſich werfen, immer etwas davon haͤngen bleibt; und Buonaparte, der nach demſeiben Grundſatze, aber 111 zum Behuf des entgegengeſezten Zweckes handelte, wußte wohl, daß die Wiederholung ſeines Lobes in jenen ſchmeichleriſchen Zuſchriften endlich Eindruck auf die Nation machen muͤſſe und zulezt als der Ausdruck der oͤffentlichen Meinung gelten wuͤrde. Faber, ein Schriftſteller, der zu ſehr befangen iſt, als daß man ihm vollen Glauben beimeſſen koͤnn⸗ te, hat verſchiedene Belſplele von der Unwiſſenheit der Praͤfecten angefuͤhrt. Manche von dieſen waren ehemalige Generale, und als ſolche von den zur Ver⸗ waltung eines buͤrgerlichen Amtes noͤthigen Kennt⸗ niſſen entbloͤßt. Da aber alle ohne Ausnahme zufolge eines Grundſatzes in einer Sphaͤre angeſtellt wurden, wo ihnen die Kenntniß der oͤrtlichen Verhaͤltniſſe ab⸗ ging, ſo begreift man leicht, daß ſie manchmal ſich nicht recht zu benehmen wußten. Wenn aber der⸗ ſelbe Schriftſteller verſichert, man habe den Praͤfec⸗ ten nie Erpreſſungen zur Laſt gelegt, und ſie haͤtten ſich waͤhrend ihrer Amtsfuͤhrung nur durch Erſpar⸗ niſſe an ihren geſetzlichen Beſoldungen etwas erwer⸗ ben koͤnnen, ſo darf man ihm allerdings glauben. So war Napoleons Provinzialverwaltung einge⸗ richtet, und durch ſolche Agenten wurde ſie ohne reichs in demſelben Augenblick in Thaͤtigkeit geſezt. Dieſes Triebwertk iſt von der koͤniglichen Regierung groͤßtentheils beibehalten worden, wahrſcheinlich um 112 die heftigen Reibungen zu vermeiden, welche durch die Wiederherſtellung ehemaliger Amtsſtellen oder durch die Einfuͤhrung ganz neuer erzeugt worden waͤre. Aber eine weit wichtigere Neuerung, die der aai⸗ ſer zwar nicht erdacht, aber doch durchgeſezt hat, war die gaͤnzliche Umaͤnderung der Geſetze des Koͤnigreichs Frankreich, und die Einfuͤhrung jenes beruͤhmten Geſezbuches, dem Napoleon ſeinen Namen gegeben, und wodurch er, nach der Behauptung ſeiner Vereh⸗ rer, ſich um das Land aͤußerſt verdient gemacht hat. Bacv iſt wirklich der Meinung, daß, wenn durch die verworrene Aufeinanderhaͤufung der Geſetze eine Re⸗ viſton und Umſchaffung derſelben nothwendig gewor⸗ den iſt, diejenigen, die ſich dieſem heroiſchen Ge⸗ ſchaͤfte unterziehen, und daſſelbe mit Gluͤck vollbrin⸗ gen, mit allem Recht den Geſezgebern und Wohl⸗ thaͤtern der Menſchheit beigezaͤhlt werden duͤrfen. Der Ausbruch der franzoͤſiſchen Revolution iſt viel⸗ leicht auch nicht wenig dadurch befördert worden, daß die verſchiedenen Provinzen, Staͤdte und Lau⸗ desbezirke, die nach und nach dem franzoſiſchen Staats⸗ gebiete zugewachſen waren, ihre eigentlichen Geſetee und Rechtsgewohnheiten beibehalten hatten; zur Ver⸗ wunderung ſowohl als zur großen Unbequemlichkeit des Reiſenden, der in manchen wichtigen Faͤllen fand, daß das Syſtem und der Karakter der Geſetze, un⸗ ter denen er ſtand, ſich beinahe ſo oft aͤnderten, als er 113 er die Poſtpferde wechſelte. Dieſe Ungleichheit der Geſetze und die Unterabtheilung der Gerichtsbarkeit hatte die haͤrteſten Bedruͤckungen der Unterthanen zur Folge, beſonders dann, wenn in einem kleinen Bezirke die vorgeſezten Behoͤrden weder Erfahrung hatten, noch hinreichend dem Vertrauen entſprechen kounten, das man in ſie gefezt hatte. Man hatte die Mißlichkeit dieſes Umſtandes noch vor der Revolution gar oft gefuͤhlt, und es mehr als einmal verſucht, eine gleichfoͤrmige Geſezgebung in dem ganzen Koͤnigreiche einzufuͤhren. Da aber da⸗ hei ſo viele Intereſſen ins Spiel kamen, und dlie Regierung unter Ludwig XVI. und ſeinem Großvg⸗ ter ſich mit ſo vielen andern dringenden Gegenſtaͤn⸗ den befaſſen mußte, ſo war die Sache nie zur Aus⸗ fuͤhrung gekommen. Als aber das ganze Syſtem der Provinzen und Bezirke, die großen wie die kleinen Feudalgerichtsbarkeiten, auf das Wort des Abbe Siyés wie ein bezaubertes Schloß mit allen ihren Geſetzen, den geſchriebenen, wie den ungeſchriebenen, zuſammengefallen waren, konnte das zu einer einzi⸗ gen und ungetheilten Nation vereinigte Frankreich fuͤglich jedes Geſezbuch empfangen, das die Natio⸗ nalverſammlung etwa entwerfen wollte. Allein der als zum Aufbauen, und fuͤhlte ſich mehr von poltit⸗ ſchen Gegenſtaͤnden, als von der Aufgabe angezogen der Nation den Schuz gerechter und gleichfoͤrmiger W. Scytt's Werke. 1. 8 114 Geſetze zu verſchaffen. Waͤhrend der Direktorkalre⸗ gierung hatte man zwei oder drei Verſuche im Ra⸗ the der Fuͤnfhundert gemacht, die Geſetze zu ordnen; man war aber nie weiter gekommen, als zu einem vorlaͤuſigen Berichte. Cambacèrés, ein trefflicher Rechtsgelehrter und aufgeklaͤrter Staatsmann, wat einer von denjenigen, welche die Aufmerkſamkelt des Staates auf dieſes dringende und hochwichtige Ge⸗ ſchaͤft zu lenken ſuchten. Die verſchiedenen aufein⸗ anderſolgenden Regierungen hatten ſich begnuͤgt⸗ ſelche Geſetze zu erlaſſen, die ſich auf die volksthuͤm⸗ lichen Gegenſtaͤnde des Tages bezogen, und, wlo z. B. das Geſez uͤber die Eheſcheldung, in dem aus⸗ ſchweitenden Sinne jener Zeit gedacht waren. Cam⸗ bacerés dagegen umfaßte in ſeinem Entwurfe eine durchgrelfende Klaſſifikation aller Zweige der Juris⸗ prudenz, huldigte dabei aber, wie man ſagt, noch allzuſehr den revolutionaͤren Anſichten, als daß Bud⸗ naparte, der Wiederherſteller der monarchiſchen For⸗ men, ſeine Arbeit haͤtte zu Grund legen koͤnnen. Nach der Revolution vom u8ten Fructidor ſah Napoleon kein beſſeres Mittel, ſich die Volksgunſt zu verſchaffen und ſeine eigene Macht an das In⸗ tereſſe Frankreichs zu knuͤpfen, als die Wiederauſ⸗ nahme eines Geſchäfts, das die vorigen Lenker der Republik faͤr zu ſchwierig gehalten hatten; er zeigte dadurch ein wuͤrdiges Vertrauen auf die Dauer ſei⸗ ner Macht und den preiswuͤrdigen Wunſch, dieſelbe 115 zum Vortheil der Nation zu gebrauchen. Durch ei⸗ nen Beſchluß der Konſuln vom 24ſten Thermidor des Jahres 8 wurde der Juſtizminiſter ſammt eint⸗ gen ausgezeichneten Rechtsgelehrten angewieſen, vier bereits entworfene Projekte, die Abfaſſung eines Ei⸗ vilkodex betreffend, in Pruͤfung zu nehmen, diesfalls ihr Gutachten zu ſtellen und die geeignetſten Grund⸗ lagen zu einer Eivilgeſezgebung anzugeben. In einer ſehr merkwuͤrdigen Einleitung zu dem erſten Entwurfe eines Civilgeſezbuches zeigen die Verichterſtatter, daß der nicht unterrichtete Theil des Publikums gar keinen rechten Begriff von der ihnen gewordenen Aufgabe habe. Viele ſtehen in dem Wahne, die ganze Geſezgebung laſſe ſich auf ei⸗ nmige allgemelne und ſehr einfache Billigkeitsmaximen zuruͤckfuͤhren, mittelſt welcher ein verſtaͤndiger und cedlichgeſinnter Richter alle zwiſchen Menſchen vor⸗ kommende Streitfragen gar wohl entſcheiden koͤnne. Es folgt hieraus, daß die Verrielfaͤltigung der Au⸗ toritaͤten, der Ausnahmen, der beſondern Faͤlle und der ſpeziellen Beſtimmungen, welche durch die Schlau⸗ heit der Geſezkundigen bei den clviliſirten Nationen eingefuͤhrt worden ſind, zu nichts dienen, als den einfachen Gang der Gerechtigkeit durch willkuͤhrliche Modiſicationen und Spisfindigkeiten zu ſtoͤren, nur damit dlejenigen, welche die Auslegung der Geſetze zu einem Gewerbe machen, und die ſtreitenden Par⸗ telen hurch das von ihnen ſeldſt und von ihren Vor⸗ 116 gaͤngern geſchaffene Dunkel fuͤhren, zu Reichthum und Anſehen gelangen moͤgen. Solche Begriffe vom Recht und den Rechtsan⸗ waͤlten hatte jenes Parlament, das Cromwell’n vor⸗ ſchlug, das ganze gemeine Recht von England abzu⸗ ſchaffen und die Rechtsgelehrten als unnuͤtze Mit⸗ glieder des gemeinen Weſens aus dem Lande zu ja⸗ gen. Dies war auch die Meinung mancher frandd⸗ ſiſcher Staatsmaͤnner, die, vorſchnell uͤber rechtliche wie uber politiſche Gegenſtaͤnde urtheilend, ſich ein⸗ bildeten, eine dem Syſtem der zwoͤlf Tafeln nachge⸗ bildete Sammlung von Marlmen koͤnnte in dem mo⸗ dernen Frankreich die Stelle eines Civilkoder ver⸗ treten. Diejenigen, die ſo dachten, harten gaͤnzlich vergeſſen, wie bald die Geſetze dieſer zwoͤlf Tafeln fuͤr Rom ſelbſt unzureichend wurden— wie einige Geſetze durch die allmaͤhlige Veraͤnderung der Sit⸗ ten veralteten, andere keine Anwendung mehr zulle⸗ ßen— wie fuͤr dringende Faͤlle durch Dekrete des Senats, durch Beſchluͤſſe des Volks, durch Edikte der Konſuln, durch Verorduungen der Praͤtoren, durch Gutachten von Rechtsgelehrten, endlich durch die Reſeripte, Edikte und Novellen der Kaiſor geſorgt werden mußte, bis endlich das Ganze zu einer Maſſe auwuchs, die Theodoſius und Juſtinlan zu entwir⸗ ren und in Ordnung zu bringen kaum im Stande waren. Dagegen wird man einwenden, daß dieſes gerade dasjenige ſey, woruͤber man klagt, daß die 117 Einfachheit der alten Geſetze allmaͤhlig ausgeartet und dann durch das eigennuͤtzige Streben der Men⸗ ſchen, nicht durch die natuͤrlichen Fortſchritte der Geſellſchaft, das verwickelte fuͤr jedermann laͤſtige Syſtem entſtanden ſey. Darauf iſt leicht zu antworten. So lange die Geſellſchaft in einem einfachen Zuſtande blelbt, be⸗ darf ſie nur weniger und einfacher Geſetze; ſobald ſich aber Staͤnde bilden, Pflichten entſtehen und Ver⸗ bindlichkeiten eingegangen werden, von denen man in einer roheren und fruͤheren Periode nichts wuß⸗ te, muͤſſen dieſe neuen Verhaͤltniſſe, Pflichten und Verdbindlichkeiten durch neue Regeln und Verordnun⸗ geu feſtgeſezt werden, die, ſobald man ihrer bedarf, entweder durch eine lange Gewohnheit oder durch eine beſtimmte geſezliche Verordnung Geltung erhal⸗ ten. Es gibt ohne Zweifel einen geſellſchaftlichen Buſtand, wo die Geſezgebung ſehr einfach ſeyn kann, und zwar da, wo das ganze Geſez des Landes mit dem Willen des Koͤnigs oder des Richters in eins zuſammenfaͤllt. Dies iſt der Fall in der Tuͤrkei, wo der Kady an kein Geſez, an keinen Vorgang gebun⸗ den und mit ſeinem Gewiſſen einzig auf den Koran angewieſen iſt. Aber die Menſchen ſind ſo geneigt, eine unbeſchraͤnkte Gewalt zu mißbrauchen, die men ſch⸗ liche Natur iſt ſo wenig zur Handhabung derſelben geeignet, daß in allen Laͤndern, wo der Richter nach Willkuͤhr verfahren darf, er der Beſtechung zugaͤng⸗ 118 lich iſt, oder ſich durch Drohungen ſchrecken laͤßt. Es iſt ihm kein Weg vorgezeichnet⸗ kein Leuchtthurm iſt da, auf den er ſein Schiff zuſteuern kann, und ſo laͤßt er ſich nur vom Eigennuz faͤhren. Von dieſen Anſichten ausgehend, glaubten die franzoͤſiſchen Geſezgebungskommiſſäre in dem Civik⸗ koder ſo viel wie moͤglich alle in dem gegebenen ger ſellſchaftlichen Zuſtande bekannten und anerkannten Rechte in Schuz; nehmen zu muͤſſen. Weniger als dies konnten ſie gar htithun, und nach unſerer Melnung iſt ihr Koder nicht einmal ganz dazu ge⸗ eignet, dieſen Haudtzweck zu erreichen. Nach der Idee des geſell chen Vertrags ibererigt der Einzelne der 6 4 inde ſein Recht ſich ſelbſt zu bo⸗ ſchuͤtzen und zu raͤchen, unter der vord behaltenen und unerlaͤßlichen Bedingung, daß das oͤffentliche Geſez ihn vertheidige und diejenigen, die ihm Unrecht ge⸗ than haben,3 ziehe. Gleich wie die Rache nach Baco eine Art wilder Gerechtlgkeit iſt, ſo iſt in manchen Faͤllen die Forderung des Rechts fuͤr den Einzeinen nur ein modificirtes und geſezliches Ver⸗ kangen nach Nache, welches durch die moraliſchen und religiofen Gefuͤhle deſſen, der Recht ſucht, allerdings gt werden ſollte, dem aber das Geſez doch ſen muß, zur Entſchaͤdigung dafuͤr, daß en in der Befrledigung ſelner natuͤr⸗ chaften einen Zaum anlegt. Die Recht ⸗ i laſſen ſich demnach nicht unterdruͤcken, Strafe 1⁰ 119 fondern nur vermindern, dadurch, daß man ihm vor⸗ aus Beſtimmungen feſtſezt, welche den groͤßten Theil der vorkommenden Faͤlle umfaſſen, und es den Rich⸗ tern uͤberlaͤßt, im Geiſte des Geſetzes dasjenige ab⸗ zumachen, was nach dem Buchſtaben deſſelben nicht wohl entſchieden werden kann. Bei der Bearbeitung dieſes großen National⸗ werkes verfuhr man mit einer der Wichtigkeit des Gegenſtandes angemeſſenen Um ſicht und Ueberlegung. Die Kommiſſaͤre theilten die Gegenſtaͤnde der Geſez⸗ gebung nach der von den Rechtsgelehrten angenom⸗ menen Methode ab, un begannen mit der Bekannt⸗ machung und Anwendung der Geſetze im Allgemei⸗ nen, gingen dann uͤber auf die perſoͤnlichen Rechte in allen ihren verſchiedenen Beziehungen, dann auf die Eigenthumsrechte, und zulezt zu den geſezlichen Formen des Verfahrens, durch welche die Rechte der Buͤrger, die perſoͤnlichen ſowohl als die dinglichen, verfolgt, erlaͤntert und bewaͤhrt werden muͤſſen. In⸗ dem ſie ſolchergeſtalt die Eintheilung und gewiſſer⸗ maßen auch die Formen der Inſtitutionen von Ju⸗ Kinian annahmen, verfuhren ſie nach demſelben Mu⸗ ſter bei der Beſtimmung jeder Unterabtheilung in dem allgemeinen Syſteme, und ſtellten dabei jene Rechtsmarlmen feſt, auf welchen fortan das franzoͤ⸗ ſiſche Rechtsſyſtem beruhen ſollte. Nachdem einmal die allgemeinen Principien feſtgeſezt und unter ſich verbunden waren, entſtand fuͤr die Kommiſſaͤre das 120 Geſchaͤft, aus denſelben mit Scharfſinn diejenigen Corollarien und untergeordneten Maximen abzulei⸗ ten, durch welche die Anwendung der allgemeinen Principien auf die mannigfaltigen und verwickelten Verhaͤltniſſe des menſchlichen Lebens in den meiſten Faͤllen vermittelt werden ſollte. Man kann denken, daß ein ſo ſchwieriges Geſchaͤft zu vielen Eroͤrterun⸗ gen unter den Kommiſſaͤren Anlaß geben mußte; und da ihr Bericht, nachdem er von ihnen reiflich berathen war, von dem Staatsrathe wieder in Pruͤ⸗ fung genommen und erſt alsdann dem geſezgebenden Koͤrper vorgelegt wurde, ſo muß man geſtehen, daß alles Moͤgliche zum Behuf einer beſonnenen Pruͤfung und genauen Durchſicht des großen Nationalgeſezbu⸗ ches geſchehen iſt, das unter dem Namen„Koder Napoleon“ in Frankreich eingefuͤhrt worden iſt⸗ und das noch jezt als ſogenannter Civilkoder die Ci⸗ vilrechte der franzoͤſiſchen Unterthanen beſtimmt und ſicherſtellt. 4 1. 1 Man wuͤrde Napoleon Unrecht thun, wenn man den großen perſoͤnlichen Antheil verſchweigen wollte, den er, wenn ſchon von ſo vielen andern Geſchaͤften in Anſpruch genommen, doch an den Arbeiten der Kommiſſion nahm. Er wohnte oft ihren Sitzungen oder denen des Staatsraths bei, wo ihre Arbeiten einer Reviſton unterworfen wurden; und ob ihm gleich die Jurisprudenz als Wiſſenſchaft ganz fremd ſeyn mußte, ſo wußte doch ſein ſcharfſinniger, Ales 121 berechnender und logiſch gebildeter Gelſt, den Ein⸗ gebungen des gefunden Menſchenverſtandes und des Genies folgend, uͤber jene Spizfindigkeiten hinaus zu kommen, die den Gelehrten von Profeſſion ſo wiel zu ſchaffen machen, und die techniſchen oder me⸗ kaphyſiſchen Bedenklichkeiten, in denen die Rechts⸗ gelehrten Bande und Feſſeln ſahen, als Spinnenge⸗ webe zu behandeln. Doch ließ ſich Napoleon zuwellen burch die erſto oberflaͤchliche Anſicht eines Gege nſtandes verleiten, Neuerungen vorzuſchlagen, die der Verwaltung der Juſtiz und der weitern Ausbilbung des buͤrgerlichen Rechts haͤtten nachtheilig werden koͤnnen. So kam er auf den Gedanken, daß die Advokaten und An⸗ waͤlte nur im Falle ſie den Prozeß fuͤr ihren Kllen⸗ ken gewaͤnnen, eine Bezahlung ſollten anſprechen koͤnnen. Waͤre dies durchgegangen, ſo wuͤrden d2„ durch dle Thore der Gerechtigkeit kelneswegs per⸗ ſchloſſen worden ſeyn. Denn welcher Praktikant wuͤrde ſich um einen ungewiſſen Lohn mit Rechtsgeſchaͤften haben abgeben moͤgen? Der Auwalt, der ſeine Sache verliert, iſt dafuͤr eben ſo wenig verantwortlich, als der Knabe auf dem Rennpferde dafuͤr, daß dleſes das Ziel nicht zuerſt erreicht. Keiner von beiden kann den Ausgang beſtimmt vorausſagen; alles, was man verlangen kann, iſt, daß Jeder alles leiſte, was in ſeinen Kraͤften ſteht. Napoleon uͤberſah, daß man die Prozeſſo eben nicht abſchneidet, wenn man es . 1²² erſchwert, dieſelben anhaͤngig zu machen, ſondern einzig durch Eroͤrterung und Entſcheidung wichtiger Streitfragen, die, zwiſchen zwei Parteien einmal ab⸗ gethan, nicht wieder in derſelben Geſtalt und unter denſelben Umſtaͤnden einen Streit zwiſchen Andern deranlaſſen koͤnnen. Dem Civilkoder Napoleons iſt noch ein Koder aber das Verfahren in Civilſachen und ein Handels⸗ koder angehaͤngt, durch welche das buͤrgerliche Geſez⸗ huch vollends ergaͤnzt wird. Dazu kam noch ein Strafkoder und ein Koder, das Verfahren in Kri⸗ minalſachen betreffend. Das Ganze bildet ein gro⸗ ßes Syſtem der Jurisprudenz, entworfen von den aufgeklaͤrteſten Maͤnnern ihres Zeltalters, denen alle Huͤlfsmittel alter und neuer Zeit zu Gebot ſtau⸗ ben; und man darf ſich nicht wundern, daß es als eine werthe Gabe von elner Nation aufgenommen wurde, von der man gewiſſermaßen ſagen kann, daß ſie vor der Einfuͤhrung deſſelben waͤhrend der Re⸗ volution ohne feſte oder beſtimmte Geſetze war. Indem wir aber den hohen Werth des ſranzd⸗ ſiichen Civitkoder in vollem Maße anerkennen, koͤn⸗ nen wir nicht umbhin, zu bemerken, daß gerade die Symetrie und theoretiſche Konſequenz, die denſelben ſehr vortheilhaft auszeichnen, bei genauer Unterſu⸗ Gung doch deſſen praktiſchen Werth bedeutend ver⸗ mindern, und daß er in dieſer Hinſicht einem Sp⸗ ſteme von Nationalgeſetzen weit nachſtehe, das nicht 123 eben ſo zuſammengedraͤngt, abgekuͤrzt und buͤndig, wie das franzoͤſiſche Geſezbuch nothwendig ausfallen mußte, ſich durch eine Menge Baͤnde verbreitet, eine unermeßliche Sammlung von Vorgaͤngen umfaßt, und dem ungeuͤbten Auge, in Vergleichung mit dem ge⸗ ringen Volumen und der regelmaͤßigen Form des franzoͤſiſchen Koder als ein Labyrinth erſcheint, aus dem man ſich nicht mehr herausſinden kann. Es iſt. um ſo dringender, dieſen Gegenſtand etwas gonaner in Betracht zu ziehen, weil es nenerlich zur Mode geworden iſt, eine Vergleichung zwiſchen der engli⸗ ſchen und franzoͤſiſchen Jurisprudenz anzuſtellen, und weil man ſogar von der Nothwendigkeit geſprochen hat, die erſte nach dem gedraͤngten und ſyſtemati⸗ ſchen Plane der zweiten umzubilden. Wir ſetzen hiebei voraus, man werde uns zuge ben, daß dasjenige Geſezhuch das vollkommenſte iſt, welches uͤber jeden ſich ergebenden ſchwierigen Fall die beſte Auskunft gibt und jeden Anlaß zum Zwei⸗ fel und Streit dadurch entfernt haͤlt, daß es die all⸗ gemelne Regel in der Anwendung auf vorkommende Faͤlle auf die einleuchtendſte Weiſe kommentirt. Neun in in Anſehung des Punktes, der das ganze Weſen und den Zweck der Jurisprudenz in ſich fazt— Worunter wir die Sicherſtellung der individnellen Rechte verſtehen— das engliſche Recht dem franzoͤ⸗ liſchen bei weitem vorzuziehen, weil jeder Grundſaz des eugliſchen Rechts viele Zeitalter hindurch von 123 den aufgeklaͤrteſten und weiſeſten Richtern aus Vers anlaſſung von Rechtshaͤndeln, welche den geſchickten ſten Anwaͤlten ihrer Zeit uͤbertragen waren, ins Licht geſezt worden iſt. Dieſer Strom von Rechtserkennt⸗ niſſen hat ſich ſeit Jahrhunderten ergoſſen und zur Entſcheidung jeden Zweifels gedient, der uͤber die Anwendung der allgemeinen Grundſaͤtze auf beſondere Faͤlle entſtehen mochte; jeder einzelne, auf dieſe Weiſe entſchiedene Fall fuͤhrt zur Entſcheidung aͤhn⸗ licher Faͤlle und beſchraͤnkt ſolchergeſtalt immer mehr den Boden, auf dem ſich die Zweifel und die Be⸗ weismittel bewegen: das Recht wird naͤmlich wio ein uen entdecktes Land nur allmaͤhlig erkundet. Es iſt nicht die Schuld der franzoͤſiſchen Rechts⸗ gelehrten, daß ſie nicht im Beſitze einer großen Maſſe von geſezlicher Autoritaͤt waren, wie ſolche aus einer langen Reihe von Entſcheidungen hervorgeht, welche von kompetenten Richtern nicht uͤber hypo⸗ chetiſche, fondern uͤber wirklich vorgekommene, in ei⸗ nem vollſtaͤndig beſezten Gerichte genau erͤrterte Faͤlle gegeben worden ſind. Die franzoͤſiſchen Rechts⸗ geiehrten, die ſich auf eine ſolche Reihe von Rechts⸗ erkeuntulſſen nicht beziehen kounten, begnuͤgten ſich, irgend einen neuen Punkt ins Reine zu ſetzen, oder einen bisher zweifelhaften zu beſtimmen. Durch die Revolution waren die alten franzoͤſiſchen Gerichts⸗ höfe ſammt ihren Verhandlungen vernichtet worden, ihr Verfahren war nur noch ein Gegenſtand der Go⸗ 125 ſchichte oder Ueberlieferung, konnte aber nicht zur Erlaͤuterung eines Koder angefuͤhrt werden, der erſt nach ihrer Vernichtung zu Stande kam. Die Kom⸗ miſſäre bemuͤhten ſich, wie wir geſehen haben, die⸗ ſem Mangel in ihrem Syſteme dadurch abzuhelfen, daß ſie aus ihren allgemeinen Regeln ſo viele Cor⸗ rolarien ableiteten, als ſie konnten, um die Anwen⸗ dung der allgemeinen Regeln auf einzelne und be⸗ ſtimmte Faͤlle zu zeigen. Allein Regeln, die nur auf willkuͤhrlich angenommenen Faͤllen beruhen, koͤn⸗ nen nicht daſſelbe Gewicht haben, wie diejenigen, die auf Vorgaͤnge gegruͤndet ſind, an welchen die An⸗ waͤlte vorher ihre Darſtellungskunſt geubt haben, und woruͤber der Richter nicht nach einer ihm eige⸗ nen Theorle, ſondern in Wahrheit als ſolcher nach Anhoͤrung entgegengeſezter, mit der groͤßten Kunſt vertheidigter Meinungen entſchieden hat. Der hohe Werth einer ſolchen Eroͤrterung iſt denjenigen, die ſich bei den Gerichtshoͤfen einige Erfahrung erwor⸗ ben haben, bekannt genng; dort faͤllt es gar nicht auf, wenn auch der weiſeſte Richter das Bekenntnulh ablegt, er ſey mit einer ganz andern Anſicht von dem in Frage ſtehenden Falle in die Sitzung gekom⸗ men, als diejenige iſt, die ſich bei ihm nach Anhoͤ⸗ rung der Debatten ausgebildet hat. Ein ſolcher Vor⸗ ztheil ergibt ſich aber nur aus der Pruͤfung und Er⸗ oͤrterung eines wirklich vorgekomm en Falles; und deßwegen iſt das Urtheil, das der Richter tola e 126 cognita faͤllt, ein bei weitem ſchaͤzbarerer Vorgang, als die Meinung deſſelben wohlunterrichteten Man⸗ nes uͤber eine abſtrakte und hypothetiſche Frage. 3 Man muß uͤberdies bedenken, daß, ſo groß auch das Talent eines Geſezgebers ſeyn mag, es doch uothwendig ſeine Grenzen habe; daß, wenn er ſich auch noch ſo ſehr den Kopf zerbrochen hat, um alls naͤzlichen Faͤlle auszudenken, er doch kaum den hun⸗ dertſten Theil der in der Wirklichkeit vorkommenden Fragen ausgemittelt haben werde. Zur Erlaͤurerung desjenigen, was wir uͤber den relativen Werth der franzoͤſiſchen und der engliſchen Jurisyrudenz ange⸗ deutet haben, bemerken wir noch, daß der 5te Ab⸗ ſchnitt des 1ſten Buches des franzoͤſiſchen Ciollkoder, die Ehe betreffend, mehr nicht als hundert und ein⸗ undſechzig Saͤtze in Beziehung auf die Rechte ent⸗ haͤlt, welche aus dieſem wichtigſten aller Vertraͤge in der civiliſirten Geſellſchaft unter verſchiedenen Um⸗ ſtaͤnden fuͤr die Betheiligten hervorgehen. Wenn wir von dieſer Summe die große Menge von nicht doktrinellen, blos die Form des Verfahrens betreß⸗ fenden Regeln abziehen, ſo wird dieſelbe um vieles geringer ausfallen. Dagegen iſt das engliſche Ge⸗ ſez nicht nur durch ſeine poſitiven Beſtimmungen, ſondern auch, wie aus dem Inder von Roper zu er⸗ ſehen iſt, durch nicht weniger als tauſend entſchle⸗ dene Faͤlle oder, Vorgaͤnge erlaͤutert, unter welche ſich wieder andere aͤhnliche Faͤlle briugen laſſen. In 127 dieſer Hinſicht verhaͤlt ſich die Beſtimmtheit des eng⸗ liſchen Geſetzes zu der des franzoͤſiſchen wie zehn zu elns. Es iſt daher ein gemeiner, obgleich ein nakuͤt⸗ licher und angenehmer Irrthum, wenn die Simpllei⸗ taͤt eines ſcharfſinnig gedachten und philoſophiſchen Rechtskoder einem Syſteme vorzieht, das mit der Nation aufgewachſen iſt, ſich mit ihren Beduͤrfniſſen und den Fortſchritten ihrer Civiliſation erweitert hat, und nur deßwegen ſchwerfaͤllig und verwickelt geworden iſt, weil der Zuſtand der Geſellſchaft ſelbſt eine Menge von Verwicklungen herbeigefuͤhrt hat, auf welche das Geſez Ruͤckſicht nehmen mußte. In dieſer Hinſicht laͤßt ſich der franzoͤſiſche Koder mit einem Packhaus vergleichen, das, nach allen Regeln der Architektur erbaut, von außen ſchoͤn und durch die Einfachheit ſeines Plaus gefaͤllt, aber nicht go⸗ raͤumig genug iſt, um alle die Guͤter zu faſſen, die ein Gegenſtand der Nachfrage ſind; das engliſche Landrecht dagegen gleicht den Gewoͤlben eines weit⸗ läͤufigen gothiſchen Gebaͤudes, die zwar finſter und ſchlecht eingerichtet ſind, aber einen unermeßlichen Vorrath an Waaren enthalten, die von denjenigen, die im Innern des Gebaͤudes Beſcheld wiſſen, den Vachfragenden leicht zur Hand geſchafft werden koͤn⸗ nen. Die vorgekommenen und entſchiedenen Faͤlle ſind gleichſam die Strebepfeiler, die zur Befeſtigung des Hauptgebaͤudes dienen, und obgleich dieſelben 128 nicht regelmaͤßig mit einander verbunden und zufam⸗ mengefuͤgt werden koͤnnen, ſo fuͤllt doch jede unab⸗ haͤngige Entſcheidung einen gewiſſen Raum und ver⸗ wahrt das Geſez mehr oder weniger gegen unbeſon⸗ nene Neuerungen. Die Beſtimmtheit der engliſchen Jurisprudenz (denn ungeachtet der gewoͤhnlichen Meinung vom Ge⸗ gentheil, hat ſie doch einen verhaͤltnißmaͤßigen Grad von Beſtimmthelt erhalten, beruht auf der Menge ihrer Entſcheidungen. Die Anſichten, die jemand zufolge der allgemeinen Verfuͤgungen des Geſetzes von ſeinen eigenen Rechten haben mag, werden in den meiſten Faͤllen durch eine vorangegangene Ent⸗ ſcheidung eines gegebenen Falles berichtigt; und eine Zuruͤckweiſung auf Vorgaͤnge von Seiten eines rechtskundigen Mannes erſpart gar oft die Muͤhe und die Koſten eines Rechtshandels, der ſolchergeſtall in der Geburt erſtickt wird. Sind wir recht berich⸗ tet, ſo ſteigt die Zahl der Rechtshaͤndel in England, im Durchſchnitt genommen, nicht uͤber 25 bis 30 in jeder Grafſchaft— eine unglaublich kleine Zahl, wenn man den Wohlſtand des Koͤnigreichs, die verſchiede⸗ nen und verwickelten Geſchaͤfte, zu n unſer vor⸗ geruͤckter und kuͤnſtlicher geſellſchaftlicher Zuſtand An⸗ laß gibt, in Erwaͤgung zieht. Wir halten aber die Menge der Vorgaͤnge in dem engliſchen Recht nicht nur in Beziehung auf die Beſtimmtheit des Geſetzes, ſondern auch fuͤr die Freiheit 129 Freiheit des Einzelnen fuͤr ungemein vortheilhaft; wir ſehen darin einen Zuͤgel fuͤr den Richter, der geneigt ſeyn moͤchte, ſich Eingriffe in die Rechte und Freiheiten der Buͤrger zu erlauben. Durch einen allgemeinen theoretiſchen Rechtsgrundſatz koͤnnte ſich ein gewiſſenloſer Richter verſucht fuͤhlen, mittelſt ſei⸗ nes Scharfſinns eine gute Sache zu einer ſchlimmen zu verdrehen. Iſt er aber durch die Entſcheidungen ſeiner weiſen und gelehrten Vorgaͤnger gebunden, ſo wuͤrde es in der That ſehr gewagt von ihm ſeyn, wenn er einen andern Weg einſchlagen wollte, als denjenigen, der durch die ehrwuͤrdigen Spuren ihrer Fußſtapfen bezeichnet iſt, beſonders wenn er weiß, daß ſeine Standesgenoſſen, die ihn zunaͤchſt umgeben und die ſich durch ſeine dialektiſche Gewandtheit et⸗ wa blenden laſſen koͤnnten, doch vollkommen im Stande ſind, jede Abwei chung von den Vorgaͤngen ſofort zu bemerken und zu ruͤgen*). In einem ſol⸗ chen Falle kann es ihm nicht entgehen, daß er, ge⸗ feſſelt durch fruͤhere Entſcheidungen, zwar das Recht zu verwalten hat, aber nicht nach Gefallen damit ſchalten darf, und daß, wenn einmal die Zeugniſſe bei einem Gerichtshofe vorliegen, nothwendig auch —— *) Der einſichtsvolle Leſer wird leicht begreifen, daß wir nicht behaupten wollen, die dermatigen Richter ſeyen nothwendig an die Entſcheidungen ihrer Vorgänger gebunden. Selbſt Geſetze veralten und mit ihnen die Entſcheidungen, die zu ihrer Auslegung und Beſtätigung gedient haben. 1 W. Scott's Werke. L. 9g 130 ſolche Maͤnner gegenwaͤrtig ſind, die ſo gut wie er ſelbſt wiſſen, wie der Spruch oder die Entſcheidung zufolge der Vorgaͤnge ausfallen muͤſſe. Durch ſolche Betrachtungen laͤßt ſich dagegen ein Richter nicht in Schranken halten, deſſen einziges Geſchaͤft es iſt, ei⸗ nen allgemeinen, in dem gedraͤngten Koder nur kurz beruͤhrten Grundſaz zu erklaͤren, und dieſes, da ſol⸗ cher manche Auslegungen zulaͤßt, auf eine gewiſſen⸗ loſe und parteiiſche Weiſe thun kann. Man begreift ferner, daß in einem nicht allmaͤh⸗ lig entſtandenen, ſondern von geſchickten Theoreti⸗ kern wegen der Dringlichkeit des Gegenſtandes in großer Eile entworfenen Geſezbuche manche in Be⸗ ziehung auf die Verwaltung des Rechts ſehr wichtige Beſtimmungen leicht fehlen koͤnnen. So iſt z. B. in dem franzoͤſiſchen Koderx das die Zeugen oder die Beweisfuͤhrung betreffende Geſez, der Schluͤſſel und Eckſtein der Juſtiz, auf eine ſeltſame Weiſe uͤberſe⸗ hen worden. Es iſt klar, daß ein Rechtsſtreit ewig fortdauern kann, wenn der Richter nicht in den Aus⸗ ſagen der Betheiligten, und in der Wuͤrdigung ihrer Beweiskraft einen Ausweg entdeckt, auf welchem die Sache zur Entſcheidung reif wird. In England iſt beſonders in dem Laufe des vorigen Jahrhunderts das Geſez der Beweisfuͤhrung bis zu einem Grade der Vollkommenheit ausgebildet worden, der vielleicht mehr als irgend etwas dazu beigetragen hat, die Rechtshaͤndel zu verhindern und abzukuͤrzen. Faßt „ 131 man nun auch das franzoͤſiſche Verfahren in Krimi⸗ nalſachen ins Auge, ſo iſt ſolches noch mehr geeig⸗ net, die Begriffe, die ein engliſcher Rechtsgelehrter von der Art der Beweisfuͤhrung hat, in Verwirrung zu bringen. Es iſt bekannt, daß durch unſere Geſetze alles verboten iſt, wodurch ein Beklagter dahin ge⸗ bracht werden koͤnnte, Zeugniß gegen ſich ſelbſt abzu⸗ legen. Das Geſez ſympathiſirt in einem ſolchen Falle mit der menſchlichen Schwaͤche; es kennt gleiĩchſam den Eindruck, den eine gerichtliche Unterſuchung auf einen ſchuͤchternen und unwiſſenden Menſchen machen muß, und ſtellt darum an eine verdaͤchtige Perſon nur ſolche Fragen, die dieſe, in der Hoffnung, ſich zu rechtfertigen und wieder auf freien Fuß geſtellt zu werden, gerne beantworten mag. In Frankreich ſind dagegen die Fragen die Haupt⸗ ſache. Der Beklagte muß nicht nur die Umſtaͤnde, auf die er ſeine Vertheidigung gruͤndet, genau angeben, er wird noch uͤberdies den Zeugen gegenuͤbergeſtellt und aufgefordert, ſeine Ausſagen mit denjenigen der Zeu⸗ gen in Uebereinſtimmung zu bringen. Hinſichtlich der Zeugniſſe iſt das Verfahren nicht minder willkuͤhrlich. Man ſcheint nicht zu unterſcheiden, zwiſchen dem blo⸗ ßen Hoͤrenſagen und einer unmittelbaren Ausſage, zwiſchen einem freiwilligen und einem durch verfaͤng⸗ liche Fragen entlokten Geſtaͤndniſſe. All dieſes wider⸗ ſpricht unſern Begriffen von der gegen den Beklagten zu beobachtenden Gerechtigkeit. Die Folter wird krei⸗ 9.. 13² lich nicht mehr gebr aucht, um ein Geſtaͤndniß zu er⸗ preſſen, aber ein ſolches Ausfragen erſcheint uns gewiſ⸗ ſermaßen als eine moraliſche Folter, durch welche ein furchtſamer und unwiſſender, aber doch unſchuldiger Menſch in ſo unaufloͤsbare Widerſpruͤche verwickelt werden kann, daß er vielleicht ſein Leben hingeben muß, nur weil er es nicht verſteht, daſſelbe zu vertheidigen. Wir wollen dieſe Bemerkungen uͤber den Koder Na⸗ poleon nicht weiter fortſetzen, und zwar um ſo weniger, als wir offen bekennen muͤſſen, daß die Sitten und Ge⸗ wohnheiten eines Landes nothwendig den groͤßten Ein⸗ fluß auf deſſen Geſetze haben; daß in Frankreich irgend ein gegebenes Syſtem der Jurisprudenz allen Forde⸗ rungen entfprechen kann, welches dagegen fuͤr Eng⸗ land ganz ungeeignet ſeyn wuͤrde. Die humane Be⸗ ſtimmung, die dem Beklagten den Beiſtand eines rechts⸗ gelehrten Nathgebers geſtattet, iſt ein Vorrecht, das der Beklagte in England entbehren muß, und bedeutend ge⸗ nug, um andere Nachtheile des franzoͤſiſchen Verfah⸗ rens wieder aufzuwiegen. Auch moͤchte ſcheinen, daß den Maͤngeln des franzoͤſiſchen Koder, die aus ſeiner Neuheit und ſeiner Buͤndigkeit entſtehen, durch die Entſcheidungen einſichtsvoller und gelehrter Richter, wie in England, allmaͤhlig werde abgeholfen werden, und daß dasjenige, was wir dermalen an dem Syſteme als einen Fehler ausſetzen, mit der Zeit von ſelbſt verſchwinden muͤßte. Als ein wiſſenſchaftliches Werk und als ein Hand⸗ 133 buch legislativer Weisheit betrachtet, kann der franzoͤ⸗ ſiſche Koder auf allgemeine Bewunderung Anſpruch machen, wegen der Klarheit und Beſtimmtheit, mit welcher die Grundſaͤtze aufgeſtellt und ausgedruͤckt ſind. Er weicht in ſeinen Principien von denen des roͤmiſchen Rechts, der Quelle aller gerichtlichen Maximen, nur wenig ab. Der Unterſchied iſt vielleicht am groͤßten in Hinſicht auf den ſogenannten Familienrath, einen Ge⸗ genſtand, der jedoch von keiner großen Bedeutung iſt. Nachdem man ſolchergeſtalt mit dem Civilgeſezbu⸗ che fertig geworden, wurden Auſtalten getroffen, dem⸗ ſelben durch Errichtung von Gerichtshoͤfen Kraft zu ge⸗ ben; die Richter wurden nicht mehr, wie ſie es vor der Revolution waren, auf Sporteln angewieſen, ſon⸗ dern aus der Staatskaſſe beſoldet. Da es in Frankreich an denjenigen Subjecten fehlt, die in England die ſo⸗ genannte unbeſoldete Magiſtratur bilden, ſo erhielten die franzoͤſiſchen Friedensrichter die geringe Beſoldung von 800 bis 1000 Franken. Auf ſie folgten die Richter erſter Inſtanz mit einem Gehalte von hoͤchſtens 3000 Franken; die Richter bei den Obertribunalen hatten 4* bis 5000 Fr., und die vom Kaſſationshof nur 10,000, wo⸗ von ſie in der Hauptſtadt kaum ihrem Range gemaͤß le⸗ ben konnten. Doch war, ungeachtet dieſes geringen Dienſteinkommens, das Amt der franzoͤſiſchen Richter in den Augen des Publikums ſehr geachtet, und ſie ſuchten dieſe Achtung durch Fleiß und Unpartheilich⸗ keit zu verdienen. 13³4 Die Geſchwornengerichte waren in Frankreich unter der Aclamation der konſtituirenden Nationalverſamm⸗ lung eingefuͤhrt worden. Buonaparte fand ſie aber ziem⸗ lich halsſtarrig und laͤſtig. Es mag etwas Wahres dar⸗ an ſeyn, daß ſie ſich nicht uͤberzeugen ließen, wenn ſie die geringſte Moͤglichkeit ſahen, den Verbrecher loszu⸗ ſprechen, und daß manche große Verbrecher unbeſtraft blieben, weil ſie von ihrer Pflicht einen etwas ſonder⸗ baren Begriff hatten. Allein Buonaparte machte bei Zeiten, aus Gruͤnden, die ſich ganz und gar nicht auf das oͤffentliche Wohl bezogen, Gebrauch von ſeinem Rechte, ſogenannte Spezlialgerichte niederzuſetzen, die einen halbmilitaͤriſchen Karakter hatten und alle Ver⸗ brechen von politiſcher Tendenz ohne Beiziehung von Geſchwornen abzuurtheilen befugt waren. Wir haben auf dieſen Eingriff in die ſchaͤzbarſten politiſchen Rechte des Buͤrgers bereits hingewieſen, als wir des Prozeſ⸗ ſes von George, Pichegruͤ und Moreau erwaͤhnten. Kein Geſchwornengericht wuͤrde das„Schuldig“ uͤber den leztern ausgeſprochen haben, von dem nichts erwie⸗ ſen war, als daß er mit Pichegru uUmgang gepflogen hatte. Jezt, nachdem die politiſchen Vergeheu beſei⸗ tigt waren, wurde das Inſtitut der Geſchwornen in dem franzoͤſiſchen Koder in Kriminalſachen beibehal⸗ ten, und die allgemeine Rechtspflege war, wie es ſchien, ganz dazu geeignet, dem Rechte Schuz zu gewaͤhren und das Unrecht zur Strafe zu ziehen.. Die Geſchichte der Volker der alten und neuen Zeit. Bearbeitet vom Grafen von Seguͤr. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſezt von einer Geſellſchaft junger Gelehrten und herausgegeben von W. Hoffmann. Preis eines jeden Bändchens broſchirt 18 kr. oder 3. gr. ſächß. Der Name Seegür ſtrahlt unter den erſten Geſchichtſchret⸗ bern der neuen Zeir. Die vortrefflichen„Memoiren“ des Verfaſſers laſſen in dieſer Völkergeſchichte ein Meiſterwerk er⸗ warten Dieſe Erwartung wird glänzend erfüllt. Er hat die⸗ ſes hiſtoriſche We Plane angelegt und je gelungen, ſolche drängtheit zu vereinigen. Er führt eltgeſchichte und begleitet je⸗ von ſeinem Anfang an„bis herunter, wo 4 aufhört, in der Ne 3„ des * Neihe der Nationen ſelbſtſtändig zu leben. dem leberbiee über dieſes Merk nimmt der Leſer die ganze Wel in ſich a 4 unſerer Ze Geſchichte unzugeſtalren, deutet er, tiefen Geiſtes und ſcharfen licks, am rechten Orte die B — 3 r glänzend iſt die Dar⸗ ellung, mit der er uns die Welt in den gtühendſten Farben der Wahrtzeit vor unſern A iberfuͦ i lichen bisher erſchienenen Werke iſt ſo gonz geeignet, das reife Alker zu ergötzen, die Jugend zu begeiſtern und zu beleben. Dieß die Vorzüne eines in ſiner Art nenen und vorzüglichen Werkes, das mitt ſeltener Geiſtestiefe klangreicher, herrlicher Sprache und erſtaunenswerthem Fleitz gusgearbeitet, durch ſeine Verbreitung viel des Guten ſtiften muß. Die Ueberſetzer haben, dem Genius der deutſchen Sprache angemeſſen, die treffliche franzöſiſche wiedergegeben. Die Eintheilung des Ganzen iſt folgende: 1E Bändchen. Geſchichte der Aegyptier und Aſſyrer. 28—. der aſtatiſchen Völker, beſonders der Perſer der Perſer. der Juden. von Carthago und Sicilien. der Griechen. 35— asn 58— 68— 78— 9— III iei 11 108— 168— der Römer. .278—263— des öſtlichen Kaiſerreichs. 268— 273— Geſchichte von Gallien.„ 188—388— von Frankreich bis auf Karl den Schö⸗ nen. 1322. und ſo wird in der Folge der Faden der Geſchichte bis zu un⸗ ſern Zeiten herab fortlaufen.. Wer irgend als gebildeter Menſch am Menſchlichen Inter⸗ eſſe hat, dem kann eine Erſcheinung wie dieſe nicht gleichgültig ſeyn, die den Keim der Menſchlichkeit in zeder Bruſt zu nähren und zu pflegen beſtimmt iſt; möge es die Aufnahme finden, die jeder Menſchen⸗ und Wiſſenſchaftsfreund ihm wünſchen muß!