8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Ofltmann in Gießen, g 9 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 2 Seih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden T 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„ 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ſteht zur Em⸗ ag von Morgens 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 2— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „ 3 3— 5„„=„ 9„ 4„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt ſil der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen G der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. d ————— e Königin Luiſe Ulrike und ihr Hof. Roman von C. F. Nidderſtad. Aus dem Schwediſchen von Dr. Gottlob Fink. Zwanzigſtes bis vierundzwanzigſtes Bändchen.(Schluß.) AAS Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1851. 8 Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Verſchwornen. Wenn man von der Nordervorſtadt über die alte Kungsholmbrücke kommt, breitet ſich die Fagade eines größeren Gebäudes vor den Blicken aus. Es iſt des Grafen Brahe Haus, an deſſen Fuß der Clara⸗ ſee ſeine trüben und ſumpfigen Wogen rollt. Indem wir in dieſes Haus eintreten, vermiſſen wir da alle beſondere Lebhaftigkeit und Regſamkeit. In Bezug auf Pracht und Eleganz blieb jedoch nichts zu wünſchen übrig; dafür bürgten die fürſtlichen Reichthümer der Familie Brahe, ſowie ihr Geſchmack und ihre Neigungen. Man ſah daher zwar eine zahlreiche Dienerſchaar, aber das ganze Bild hatte dennoch nicht den Charakter eines wirklich einfluß⸗ reichen Hofes, ſo wie wir dies bei dem Grafen Ferſen geſehen haben. In den beiden Ecken eines mit Purpurſammt überzogenen Divans finden wir zwei Damen: die Gräfinnen Brahe und Hard. In den mehr ſchwärmeriſchen Zügen der Einen zeigte ſich ein Ausdruck von Unruhe, den ſie offenbar nicht zu bemeiſtern vermochte; in dem entſchloſſeneren Weſen der Andern entdeckte man die ſtolzere Befrie⸗ digung eines friſchen Gemüthes. Aber während die Gräfin Brahe ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit auf die Gräfin Hard heftete, ſchweifte der Blick der Letzteren unentſchloſſen im Zimmer umher und verweilte zuletzt auf einem prachtvollen weißen Pudel, der ſich auf einem Polſter in der Nähe der Thüre ſtreckte. „Unterbrechen Sie ſich nicht,“ bat die Gräfin Brahe;„ſprechen Sie offen und aufrichtig. Geſtehen Sie, daß Sie Etwas haben, das Sie mir gerne an⸗ vertrauen möchten, und das Sie doch nicht auszu⸗ ſprechen wagen. Nicht wahr, es iſt ſo? Es betrifft Brahe. Sie ſchweigen.“ Als Brahes Name genannt wurde, ſchlug der Pudel ſeine Augen auf. Die Gräfin Hard wandte ſich wieder gegen ihre Freundin. „Gräfin,“ ſagte ſie,„Ihnen fehlt Etwas, das nach meiner Anſicht die Frau eines zu hoher Be⸗ deutſamkeit berufenen Staatsmannes und Parteichefs immer haben müßte, nämlich der Muth.“ „Wenn Sie ihn prüfen wollen, Gräfin, ſo laſſen Sie alle ſolche Einleitungen bei Seite und rücken Sie geradewegs mit der Sprache heraus.“ Die Gräfin Hard betrachtete ſie noch einmal offen und feſt. „Sagen Sie mir, ob Ihnen nicht in den letzten Zeiten das Eine und Andere etwas ſonderbar vor⸗ gekommen iſt... ob nicht Ihr Mann...“ „Ganz richtig; Brahe iſt düſterer, zurückgezogener, verſchloſſener. Unzweifelhaft ſinnt er über Etwas 5 nach, das ſich ſeiner ganzen Seele bemächtigt hat. Aber ich habe ihn vergebens darüber befragt. Neu⸗ lich einmal... es war ſchon ſpät am Abend... Alles lag in Dunkelheit gehüllt, und der Mond warf bloß da und dort einen ſchwachen Schein zwiſchen den Wolken hervor... wir ſtanden dort am Fen⸗ ſter... ich hatte...“ Als ſie ſo weit kam, ſenkte ſie ihre Augen mit ſchamhaftem Erröthen über das, was ſie ſagen zu wollen ſchien. „Ich hatte,“ fuhr ſie indeß fort,„ihm eine ange⸗ nehme Neuigkeit anzuvertrauen, die ihn ſehr nahe berührt... ich trage...“ Sie verſtummte; die Worte ſchienen nicht mehr über ihre Lippen zu wollen. „Ich trage nämlich,“ fügte ſie jedoch endlich bei⸗ nahe flüſternd hinzu,„unter meinem Herzen einen lebendigen Beweis meiner Liebe für Brahe.“ Die Gräfin Hard ergriff gerührt ihre Hand. Die ſtolze Befriedigung in ihrer Miene verſchwand, und eine innige Theilnahme trat an die Stelle derſelben. Die Gräfin Brahe fuhr fort: „Ich hatte erwartet, daß Brahe die Nachricht von meiner Lage mit der größten Freude aufnehmen würde; aber denken Sie ſich, wie mir zu Muthe war, als ich im hellen Mondſchein, der eben jetzt auf ſein Geſicht fiel, ſah, wie er erblaßte und von einem augenſcheinlichen Schrecken überfallen wurde. Ich habe ihn niemals ſo tief ergriffen geſehen; während er meine Hand drückte, fiel eine Thräne aus ſeinen Augen. Hätte ich ihm das größte Unglück mitge⸗ theilt, es könnte ihn wahrlich nicht ſtärker aufgeregt haben. Ich ſchmiegte mich an ihn; ich bat ihn um eine Erklärung; aber...“ „Aber... „Er antwortete mir nicht, ſondern betrachtete mich bloß mit beinahe ſtarren Blicken; dann wandte er mir den Rücken und entfernte ſich.“ Dieſer Auftritt, den die Gräfin Brahe ihrer Freundin anvertraute, hatte ſie noch unentſchloſſener gemacht als vorher. „Von dieſem Tag an,“ fuhr ſie fort,„iſt alle Ruhe von mir gewichen. Ich habe auch bemerkt, daß jetzt Leute hier empfangen werden, die ich früher niemals zu ihm kommen ſah. Mehrere von ihnen ſehen ſogar höchſt zweideutig aus. Vor einer Woche war der Läufer Ernſt da, und obſchon er gänzlich betrunken war, ſo daß er unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden keinen Zutritt erhalten hätte, ſo verſchloß ſich doch Brahe mit ihm in ſein Arbeitszimmer, aus welchem er ſich erſt nach einer längeren Beſprechung entfernte. Vor einigen Tagen... aber Sie wiſſen das vielleicht bereits...“ „Nein, nein... vor einigen Tagen...“ „Vor einigen Tagen kam Ihr Mann mit dem Capitän Puke und einigen Andern... d. h. ſie kamen nicht zuſammen, ſondern jeder einzeln. Sie verſchloſſen ſich in Brahes Zimmer, und als ſie ſich endlich entfernten, ſagte mir Brahe, er müſſe ſogleich nach Rydboholm. Es war ein heller ſchöner Tag, und ich bat ihn, mich mitzunehmen; aber er ver⸗ weigerte mirs. Eine Stunde ſpäter fuhr er auch mit Puke weg und iſt noch nicht zurückgekommen. Wundern Sie ſich alſo nicht über meine Unruhe, 7 Gräfin. Brahe weiß ſogar noch Nichts von der Einladung nach Drottningholm, welche die königliche Familie auf heute Abend erlaſſen hat. Was ſoll ich thun?“ „Ich erkenne das Kummervolle und Schmerzliche in Ihrer Lage, Frau Gräfin,“ antwortete die Gräfin Hard,„und ich halte es für das Allerbeſte, wenn ich Sie auf einmal mit Ihrer Stellung bekannt mache.“ „Ach, ich wünſche Nichts ſehnlicher.“ „Die Königin, die einiges Vertrauen in meinen Muth und meine Seelenſtärke ſetzt, hat mir ins Ohr geflüſtert, daß...“ „Daß... „Daß unſere Männer conſpiriren.“ Die Gräfin Brahe ließ den Kopf ſinken, wech⸗ ſelte jedoch ihre Farbe nicht und verlor Nichts von ihrer Selbſtbeherrſchung. „Ich ahnte es, aber ich konnte das Wort nicht über meine Lippen bringen. Alſo ſoweit mußte es kommen. Und ich...“ „Laſſen Sie uns jetzt nicht an uns ſelbſt denken, Frau Gräfin, ſondern nur an diejenigen, die ſich für eine große Sache blosſtellen: wir müſſen ſie von allen Seiten umgeben, müſſen ihnen Freunde wer⸗ ben, müſſen ihre Feinde in ihr Lager hinüber locken. Wenn Sie dabei ſind, ſo wollen wir auch conſpiriren.“ Aber die Gräfin Brahe hörte ihre Freundin nicht mehr an, ſondern verſank in ſich ſelbſt. „Sie können ſich gar nicht vorſtellen,“ ſagte ſie, „welchen ſchrecklichen Traum ich neulich hatte.“ „Vergeſſen Sie Ihre Träume, Gräfin, und laſſen Sie uns vielmehr zuverſichtlich an glücklichen Erfolg glauben.“ „Es war mir,“ fuhr indeß die Gräfin Brahe fort,„als ſähe ich...“ Aber plötzlich unterbrach ſie ſich... ſie richtete ihr Haupt empor... ſie lauſchte. Man konnte nicht leicht begreifen, was in ihr vorging. „Sie ſahen...“ „Still!“ Die Gräfin Hard bemerkte jetzt, daß ihre Freun⸗ din ihre ganze Aufmerkſamkeit auf den Pudel an der Thüre geheftet hielt, der auch lauſchend ſeinen Kopf erhoben hatte. „Brahe muß ſogleich hier ſein,“ bemerkte die Hausfrau endlich,„ſtill...“ Der Pudel bellte. „Er iſt hier,“ fügte ſie dann hinzu,„er muß in wenigen Minuten hier ſein. Ach, wir beſitzen einen treuen Freund in dieſem Pudel hier.“ Darauf wandte ſie ſich wieder zur Gräfin Hard, die ein gewiſſes Gefühl der Verwunderung nicht un⸗ terdrücken konnte. „Ich ſah,“ begann ſie wieder,„im Traum etwas ganz Gräßliches.“ „Nun ja, Sie ſahen...“ „Ich ſah ein blutiges Haupt.“ In dieſem Augenblick hörte man ein dumpfes Wagenrollen von außen. Der Hund ſprang auf und ſtürzte auf die Thüre zu, die aufflog. Die Gräfin Hard, deren Muth vielleicht mehr ſcheinbar als wirklich war, wurde von einem wun⸗ derſamen Gefühl ergriffen. 9 „Ein blutiges Haupt,“ wiederholte ſie.„Weſſen Haupt?“— „Das ſeinige.“ Während ſie dieſe abgebrochenen Worte ſprachen, folgten ſie lauſchend jedem Getöne von außen. Sie hatten den Wagen anhalten, hatten Tritte herauf kommen gehört und ſahen jetzt Brahe eintreten. Eine Stunde verging. Graf Brahe zog ſich auf ſeine Zimmer zurück. Ermüdet von der Reiſe, warf er ſich auf einen Sopha. Der Bereiter Hallen, der mit ihm hereingekommen war, erwartete an der Thüre ſeine Befehle. Es herrſchte tiefe Stille. Der Liebling des Hauſes, der Pudel, ſtand vor ſeinem Herrn, der mit freundlichem Wohlgefallen den langhaarigen, beinahe ſchneeweißen Rücken des Thieres ſtreichelte. Brahe ſchien dabei Hallen gänz⸗ lich zu vergeſſen und überließ ſich immer mehr ſeinen eigenen Betrachtungen. Aber als er endlich die Augen wieder aufſchlug und ſein Blick auf den Mann an der Thüre fiel, da fuhr er mit ſichtlichem Schrecken zuſammen, gleich als fühlte er ſich unan⸗ genehm durch die Anweſenheit eines Andern überraſcht. „Was machſt Du hier, mein lieber Hallen?“ fragte er. „Ich erwarte die Befehle des Herrn Grafen.“ „Ci das iſt recht. Bring die Equipage in Ord⸗ nung, wir fahren heute Abend nach Drottningholm.“ Hallen wandte ſich um und wollte gehen. „Bleib noch ein wenig, mein Lieber. Ehe wir wegfahren, erwarte ich noch einige Perſonen. Du 10 mußt ſie auf dem kleinen Weg direct nach meinem Zimmer führen.“ „Soll geſchehen, Herr Graf.“ „In Rydboholm habe ich dem alten Inſpector Widfors geſagt, er ſolle eine Schiffslaſt Holz her⸗ führen. Er bringt auch einige Anker Branntwein mit, die dem Hausmeiſter abgeliefert werden müſſen. Sieh zu, daß dieß ordentlich geſchieht.“ „Befehlen der Herr Graf ſonſt noch Etwas?“ „Für den Augenblick nicht. Vergiß es nicht, daß Du die Ankommenden auf dem kleinen Weg her⸗ führen mußt.“ Hallen verbeugte ſich und verließ das Zimmer. Den Hund freundlich ſtreichelnd, ſtreckte Brahe ſeine Beine auf dem Sopha aus und überließ ſich ſeinen Gedanken; aber ſo ſehr ihn auch dieſe be⸗ ſchäftigten, ſo ſchlief er doch endlich ein, und zwar ſo gut und feſt, daß ſicherlich kein beunruhigender Gedanke ihn geweckt haben würde; aber der wach⸗ ſame und getreue Hund dachte für ſeinen Herrn, denn als nach einer Weile die Thüre aufging und er einen Unbekannten herantreten ſah, ſo gab er dieß durch ein heftiges Gebelle zu erkennen. Als Brahe ſeine Augen öffnete, ſtand Höppener vor ihm.— „Verzeihen Sie mir, Graf,“ ſagte er;„ich glaube, ich habe Sie geſtört.“ „Ganz und gar nicht, mein Freund,“ antwortete Brahe, indem er ſich aufrichtete,„ich lag bloß ſo da und hing meinen Gedanken nach. Kommen Sie, um ſich bei unſerem Vorhaben zu betheiligen, Höppener?“ Höppener konnte jedoch nicht antworten, denn 11 in demſelben Augenblicke traten Horn, Hard und Puke ein. Jetzt kam auch mehr Leben in das Gemälde. Hard war ein guter Soldat und ſchaute jeder Ge⸗ fahr mit Muth und Zuverſicht entgegen. Höppener zog ſich in die nächſte Fenſterniſche zurück. „Laſſen Sie uns jetzt kurz und entſchloſſen die Sache zuſammenfaſſen,“ ſagte Hard;„ei, ſieh da, Höppener iſt auch hier. Das iſt brav. Sie ſind ein Mann des Wortes, wie wir Männer des Schwer⸗ tes ſind, obſchon ich mir habe ſagen laſſen, daß Sie auch den Degen wie ein rechter Mann zu führen wiſſen. Nun ja, Wort und Schwert, Verſtand und Handlung müſſen wohl zuſammenhalten, wenn es ſich um König und Vaterland, um Leben und Ehre handelt. Sagen Sie, Höppener, haben Sie ſich an⸗ ders beſonnen und wollen Sie mit uns ans Werk gehen?“ „Während der letzten Beſprechung bei der Köni⸗ gin,“ antwortete Höppener,„verbot mir ihre Ge⸗ genwart meine Gedanken vollſtändig auszuſprechen; ich beſchloß daher, die Herren vereinzelt zu beſuchen, „ und ich komme bloß, um zu warnen.“ Brahe, Hard und Puke betrachteten ihn kalt und gleichgiltig. „Wenn ein Krieger ſein Schwert gezogen hat,“ verſetzte Hard,„ſo ſteckt er es nicht wieder in die Scheide, bevor es Dienſte gethan hat.“ „Herr Höppener,“ fügte Brahe hinzu,„glaubt die politiſche Lage beſſer zu verſtehen als wir. Wir unterſchätzen weder ſein Urtheil, noch mißgönnen 12 wir ihm dieſe kleine Selbſtzuverſicht; aber wir trauen auch uns ſelbſt einigen Einblick zu. Es iſt leicht zu ſehen, daß das ganze Land jetzt des Druckes der Hutpartei müde iſt; dieſe iſt nicht bloß auf dem Gipfel ihrer Macht, ſondern zu gleicher Zeit auch am Rande eines Abgrundes angelangt; wir brauchen bloß den kleinen Finger zu bewegen, um ſie hinab⸗ zuſtürzen. Sie haben indeß Recht, Höppener, daß Sie vorſichtig ſind. Die Vorſicht paßt für Ihre ge⸗ ſellſchaftliche Stellung. Sie haben Angſt vor der Revolution, und deßhalb...“ Höppener legte ſeine Hand aufs Herz und erhob ſeine muthige Stirne. „Angſt vor der Revolution?“ wiederholte er. „Sie kennen mich nicht, Graf. Wenn ſich im gegen⸗ wärtigen Augenblick ein junger Mann vorfände, der neben dem nöthigen Einfluß ein tieferes politiſches Urtheil und die erforderliche Einſicht und Energie beſäße, um die rechte Stunde der Entſcheidung be⸗ ſtimmen zu können, ſo würde ich mich, ſelbſt auf die Gefahr hin, meinen Kopf zu Markte zu tragen, an Sie anſchließen. Aber entſchuldigen Sie mich, meine Herren, wir beſitzen keinen ſolchen Mann. Die Köni⸗ gin iſt— ich will mich ganz unumwunden ausſpre⸗ chen— ein Genie; aber dieſes Genie iſt die Flamme eines warmen Gefühls, der Strahl einer lebhaften Phantaſie, nicht das klar und ruhig leuchtende Licht eines überlegenden Verſtandes, und ich bin über⸗ zeugt, daß ſie, trotz all ihres Einfluſſes auf den König, ihn nicht einmal beſtimmen kann, ſeine Ein⸗ willigung zu einigen Gewaltmaßregeln zu geben, weil die Handlungen des Königs durch ſein Herz 13 beſtimmt werden, und weil das Herz, dem die Unter⸗ lage eines ſtarken Charakters mangelt, immer ſchwach und furchtſam iſt, zumal im Augenblick der Entſchei⸗ dung. Ein übereiltes Wagniß kann deßhalb gewiß nicht glücklich enden. Sie werden Alles aufs Spiel ſetzen, ohne andere Früchte zu ernten, als Ihren eige⸗ nen Untergang.“— Brahe lächelte. „Aber dabei wird es nicht ſtehen bleiben,“ fuhr Höppener fort.„Eine mißglückte Verſchwörung ſchraubt die Kette, die man zu brechen verſucht hat, nur noch feſter zu. Sie werden deßhalb nicht bloß ſelbſt untergehen, ſondern zugleich auch einen noch härteren Parteidruck hervorrufen, als der gegenwär⸗ tige iſt, und die jetzt ſchon ſchwere Stellung der könig⸗ lichen Familie wird eine unleidliche werden. Wenn man des Erfolgs nicht ſicher iſt, ſo iſt, die Revolu⸗ tion bloß ein großer Dienſt, den man ſeinen politi⸗ ſchen Feinden erweist. Wenn die Staatsgewalt, auf wirkliche Facta geſtützt, feindſelige Abſichten gegen die beſtehende Ordnung beweiſen kann, ſo tritt dieſe Ordnung immer auf ihre Seite. Eine Revolution muß zugleich überrumpeln und, wenn die Geſellſchaft von der Ueberrumpelung erwacht, alle ihre Mittel beherrſchen, wenn ſie gelingen ſoll. Können Sie wohl dieſes thun? Ich glaube es nicht. Allerdings gab es eine Zeit, wo auch ich zur Revolution rieth; aber beim näheren Einblick in den Character der an die Spitze berufenen Perſonen bin ich auf andere Gedanken gekommen. Abgeſehen davon, was ich be⸗ reits gegen den König und die Königin bemerkt habe, mag man auch bedenken, daß ſie beide keine 14 geborne Schweden ſind. Und ſeien Sie überzeugt, daß, ſo hoch ſie auch die Fahne ſchwediſcher Vater⸗ landsliebe tragen mögen, der Enthuſiasmus des Volks ſich immer abkühlen wird bei dem Gedanken, daß dieſe Fahnenträger dennoch Ausländer ſind. In allen wichtigen und großen Dingen will ein Volk gleichſam von ſich ſelbſt ausgehen, und in ſeinen eingebornen Monarchen hat das Volk immer ſich ſelbſt geſehen, aus dem natürlichen Grund, weil auch dieſe hinwieder ſich ſelbſt und ihre Intereſſen im Volk und in ſeinem Intereſſe geſehen haben. Wie viel konnte nicht Carl XII bloß darum thun, weil das ſchwediſche Volk einen wahren Schweden in ihm erkannte? Laſſen Sie uns deßhalb die Sache ver⸗ ſchieben, meine Herren. Eine vernichtete Revolu⸗ tion iſt eine auf viele Decennien erdrückte Nationa⸗ lität; eine aufgeſchobene Revolution dagegen iſt ein nationaler Wille, der durch Liegen bloß beſſer wird. Haben Sie den Kronprinzen ſtudirt, meine Herren, den Prinzen Guſtav? Seit Carls XII Zeiten iſt er der erſte eingeborne ſchwediſche Prinz.“ Hard runzelte ſeine Augenbrauen. „Höppener,“ ſagte er,„wir denken anders als Sie und müſſen alſo auch anders handeln. Sie wollen, daß die Revolution von der königlichen Ge⸗ walt ausgehen und vielleicht auch ausſchließlich in ihrem Intereſſe durchgeführt werden ſoll?“ Er antwortete nicht. „Unſere Abſicht geht indeſſen nicht dahin, einen neuen Alleinherrſcher ans Ruder zu bringen, und deßhalb iſt es auch klüger, die Veränderung jetzt vorzunehmen, ſo lange ein ſchwacher König auf dem —+ 0 80 ——— Throne ſitzt und ein Weib mit dem Scepter ſpielt. Wir ſehen wohl ein, daß die königliche Gewalt jetzt allzu beſchränkt iſt, und wir wollen ihr alſo einen größeren Spielraum eröffnen; aber es fällt uns gar nicht ein, ihr ganz und gar die Zügel ſchießen zu laſſen. Darum jetzt oder nie!“ Ein ſarcaſtiſches Lächeln ſchwebte auf Höppeners Zügen. „Ich habe das alles ſchon lange eingeſehen, Herr Graf,“ antwortete er;„aber dies war auch für mich ein neuer Grund, mich zurückzuziehen.“ Brahe machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe. „Aber ſagen Sie mir doch, Höppener, was Sie denn eigentlich wollen?“ „Was ich will?“ Er ſchwieg einen Augenblick, heftete jedoch in⸗ zwiſchen einen feſten und durchdringenden Blick auf die beiden Grafen. „Ich würde,“ erwiederte er dann,„fürs Erſte eine Revolution gegen die Hutpartei wollen.“ „Fürs Erſte... Sie bleiben alſo dabei nicht ſtehen?“ „Fürs Zweite muß ich eine Revolution gegen die Mützenpartei wollen.“ „Damit der König unumſchränkter Herrſcher bliebe?“ „Uebereilen Sie ſich nicht, meine Herren, denn fürs Dritte und unter der Vorausſetzung, daß die beiden erſten Revolutionen gelungen wären, würde ich noch eine wollen, nämlich gegen die königliche Gewalt.“ 46 „Damik... „Damit die wahre Volksmajeſtät zum Geſetz würde. Leben Sie wohl, meine Herren; ich habe Sie jetzt gewarnt und Ihnen meine Gründe ange⸗ geben. Leben Sie wohl!“ Wenn auch Höppeners Anſichten auf die drei Edelleute Brahe, Hard und Horn keinen Eindruck machten, ſo brachte doch die raſche Art, wie er ſich entfernte, eine bedeutende Wirkung auf ſie hervor. So lange ſie einen Gegner vor ſich hatten, den ſie bekämpfen konnten, gaben ſie Nichts nach; aber jetzt, als ſie ſich ſelbſt überlaſſen waren und auf keinen Widerſpruch ſtießen, tappten ſie mit ihren Gedanken ſo zu ſagen in der leeren Luft umher. Ohne alle weitere Luſt zu Erörterungen ſanken ſie in ihre Lehn⸗ ſtühle zurück. „Sollte Höppener Recht haben,“ bemerkte Baron Horn,„ſo wäre es vielleicht das Beſte, wenn man ſich bei Zeiten zurückzöge. Ich bin von Natur eigent⸗ lich ganz und gar kein Verſchwörer, ſondern lebe am allerliebſten mit der ganzen Welt in Ruhe und Frie⸗ den. Ich kann wohl ſagen, daß ich mich bloß Ihnen zu Liebe in die Sache gemiſcht habe.“ Brahe und Hard merkten auf einmal, wie tief der Thermometer des politiſchen Muthes gefallen war. „Tauſend Teufel,“ meinte Hard,„das Ding be⸗ ginnt luſtig zu werden. Weil ein Mann von der Fe⸗ der nicht mit uns halten will, ſo ſieht es aus, als ob wir Alle zuſammen geneigt wären, unſere Degen wegzuwerfen. Haben wir unſere Sporen nicht beſſer 17 verdient? Der Mann ſpricht nicht übel, das mag ſein; aber offenbar iſt ſein Geſichtskreis ſehr beſchränkt. Er behauptet, daß es uns an Männern fehle; aber dies iſt ſicher nicht der Fall, ſobald wir einmal den erſten Schritt thun. Viele, die ſich jetzt noch fern halten, werden dann zum Schwerte greifen. Laſſen Sie Ihre Meinung hören, Graf Brahe!“ „Sie ſind mir zuvorgekommen,“ verſetzte dieſer. „In wichtigen Fällen muß man nicht jedes Menſchen Rath befolgen, weil man ſonſt nicht vom Fleck käme. Für Höppener macht es ſchon ſeine untergeordnete Stellung in der Geſellſchaft unmöglich, die Verhält⸗ niſſe von demſelben Geſichtspunkt aus zu betrachten, wie wir. Aus ſeinem Raiſonnement ging deutlich hervor, daß er das Land am allerliebſten in eine reine Republik verwandeln möchte, während unſere Reform⸗ pläne höchſtens dahin gehen, einen ähnlichen Zuſtand wie unter Guſtav Adolph II herzuſtellen.“ „Wie Sie ſagen, Graf Brahe. Dies iſt unſer Ziel, und Jeder, der weiter gehen will, iſt eben ſo gut unſer Feind, wie die Hutpartei. Wir gehören der Ritterſchaft und dem Adel an, müſſen uns alſo auch als Edelleute aufführen. Was ſagen Sie jetzt, Baron Horn?“ „Sie wiſſen, meine Herren, daß ich Alles thue, was Sie wollen. Auch ich ſehe, ſo gut wie jeder Andere, die Nothwendigkeit einer Veränderung ein.“ Puke hatte ſich bisher als ſtiller Zuhörer verhal⸗ ten, war jedoch dem Gang des Geſprächs mit aller Aufmerkſamkeit gefolgt. Er war kein Staatsmann und dachte gar nicht daran, welche Verfaſſung ein Land haben oder nicht haben ſollte. Das waren Sa⸗ Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. V. 2 18 chen, mit denen er ſich nicht abgab. Aber er war Soldat und, nachdem das Schickſal es ſo gefügt hatte, jetzt auch Verſchworner. Und was er war, das war er, vermöge ſeines feſten Willens und Charakters, ganz. Mit Unruhe hatte er daher Höppeners Ein⸗ würfe und Horns ſchwachmüthige Bedenken gehört. Jetzt konnte er nicht länger ſtill bleiben; ſein Herz und ſeine Seele geboten ihm zu ſprechen. „Die Frage, was geſchehen müſſe,“ nahm er alſo das Wort,„ſcheint mir von der Beantwortung zweier andern Fragen abzuhängen.“ 3 „Laſſen Sie Ihre Anſicht hören, Puke.“ „Die erſte Frage iſt, ob nicht die Hutpartei be⸗ reits eine ſo drohende und erdrückende Stellung ein⸗ genommen hat, daß man ſich ſchon im Intereſſe ſei⸗ ner perſönlichen Sicherheit zum offenen Widerſtand gegen ſie entſchließen muß.“ „Sie haben Recht, ſo iſt es.“ „Die zweite Frage iſt, ob wir nicht bereits in unſerem Unternehmen viel zu weit gegangen ſind, um uns noch ohne die größte Gefahr zurückziehen zu können.“ „Auch das iſt vollkommen richtig.“ „Wir befinden uns alſo in derſelben Lage, wie eine Abtheilung, welcher der Rückzug abgeſchnitten iſt: wir müſſen uns durchſchlagen, müſſen ſiegen oder fallen. Und unſere dermalige Beſprechung kann eigentlich als ein vor den feindlichen Kanonen gehal⸗ tener Kriegsrath betrachtet werden.“ Puke gewann den Beifall der Anweſenden. „Wenn ich den Feldzugsplan nicht falſch aufge faßt habe, ſo ſcheint er mir allen möglichen Erfol r war hatte, S war kkters, Ein⸗ ehört. Her er alſo weier ei be⸗ ein⸗ e ſei⸗ ſtand ts in find en zu wie itten oder kann ehal⸗ ufge foln 19 zu verheißen. Erlauben Sie mir, meine Herren, ihn kurz zu recapituliren?“ „Immerhin, Puke.“ „Die Kräfte, auf welche wir uns verlaſſen kön⸗ nen, beſtehen beinahe aus der ganzen thatkräftigen Bevölkerung der Hauptſtadt. Unter den Regimen⸗ tern können wir auf einen großen Theil der Artille⸗ rie und der Leibgarde rechnen, und unter der Bevöl⸗ kerung nicht bloß auf die ganze arbeitende Klaſſe, ſondern auch auf die Mittelklaſſe, während unſere Gegner uns nur ihren perſönlichen Muth und ihre perſönlichen Bekanntſchaften entgegenzuſtellen haben. Alſo ſind wir die Stärkſten. Aber dieſe unſere Stärke wird noch dadurch viel bedeutender, daß wir zum Kampf bereit ſind, während ſie es nicht ſind. Wir haben, um militäriſch zu reden, für die Leitung des Ganzen hier ein gemeinſchaftliches Hauptquartier, und für die directe Verbindung mit dem Volke ein anderes, welches Ernſt in dem Café Bergman ein⸗ gerichtet hat. Beim erſten Befehl, der von hier aus⸗ geht, ertheilt auch Ernſt ſeine Befehle; wenn dann unſere Trommeln ſich in der Vorſtadt hören laſſen und die ganze Aufmerkſamkeit der Behörden auf ſich ziehen, ſo ſammeln ſich die Truppen auf dem Ladu⸗ gard, und wahrend ſie den Artilleriehof einnehmen, beſetzt das Volk von Norden her die Brücke der Nor⸗ dervorſtadt, und von Süden her die beiden Schleu⸗ ſen, ſo daß man, mit Hilfe der eben jetzt in Maſſe auf der Schiffsbrücke verſammelten deutſchen Seeleute, das Schloß umringt. Wenn in ieſem Augenblick die königliche Familie, d. h. der König und die Königin, mit dem Kronprinzen an der Hand, heraustritt, na⸗ 20 türlich nicht um ſich an die Spitze der Revolution zu ſtellen, ſondern vielmehr gleichſam um die Unruhigen zu beſchwichtigen, da es allerdings ſcheinen muß, als ob die Königlichen keinen Theil am ganzen Unter⸗ nehmen hätten, ſo wird ganz ſicher die imponirende Macht und der einträchtige Wille der Volksmaſſe den König bald gleichſam zwingen, auf ihre Seite zu tre⸗ ten, und von dieſem Augenblick an, meine Herren, können auch Sie ſich ganz ruhig und ſicher öffentlich zeigen und der Revolution anſchließen. Ich ſehe alſo nicht ein, wie ſich Jemand bloßſtellen oder compro⸗ mittiren könnte, wenigſtens der König nicht und ebenſo wenig Ihre offenen oder geheimen Freunde, da ja keiner von Ihnen aufzutreten braucht, bevor ſo zu ſagen die ganze Sache abgethan iſt. Die einzigen Führer, die eigentlich zum Vorſchein kommen, ſind Ernſt, der das Signal gibt, und ich nebſt meinen Vertrauten; Ihnen, meine Herren, kommt bloß die ruhigere Arbeit zu, die vom Baum herabgeſchüttelte Frucht aufzuleſen. So wie indeß die allgemeine Stimmung iſt, glaube ich, daß das Unternehmen auch für uns nicht die mindeſte Gefahr hat.“ „Aber der König hat ſeine Zuſtimmung noch nicht ertheilt.“ „Darüber werden wir ja heute Abend in Drott⸗ ningholm das Nähere erfahren; aber ſelbſt wenn der König auch ſeine Zuſtimmung verſagen ſollte, ſo würde ich darin noch kein weſentliches Hinderniß er⸗ blicken. In ſeiner Stellung beurtheilt man ein ſol⸗ ches Unternehmen vor der Ausführung ganz anders⸗ als nachdem es geglückt iſt. Was er jetzt verwirft, wird er hernach dankbar gutheißen.“ on zu higen , als Inter⸗ rende e den u tre⸗ erren, ntlich alſo npro⸗ benſo a ja ſo zu zigen ſind einen 3 die ttelte neine ymen nicht rott⸗ mder „ pp 3 er⸗ ſol⸗ ders, irft, 21 „Sie haben ganz Recht, Puke,“ bemerkte Hard. „Der Plan iſt unleugbar gut. Er muß gelingen.“ „An Pulver und Kugeln fehlt es auch nicht mehr,“ fügte Brahe hinzu.„Puke und ich haben in Rydboholm 800 ſcharfe Patronen verfertigt, die morgen Abend meinem Hausmeiſter übergeben werden.“. „Auch mir,“ meinte jetzt Horn,„ſcheint das Un⸗ ternehmen ſo klug ausgedacht und berechnet zu ſein, daß der gewünſchte Erfolg uns kaum entgehen kann, zumal...“ Und dabei blickte Horn mit großer Selbſtbefrie⸗ digung um ſich. „Zumal,“ fuhr er fort,„wenn man auch noch weiß, daß der ganze Plan, ich möchte faſt ſagen, mit einem Sicherheitsventil verſehen iſt.“ Die drei Uebrigen wandten ſich fragend gegen Horn. „Die Sache iſt die,“ erläuterte er,„und ich hoffe, ſie iſt nicht ſchlecht ausgedacht, daß Ernſt Befehl er⸗ halten hat, unter dem Publicum auszuſprengen, die Hutpartei beabſichtige einen revolutionären Hand⸗ ſtreich, um den König abzuſetzen, ſo daß wir alſo, im Fall eines möglichen Unglücks, unſere Feinde ankla⸗ gen könnten. Sie finden dieſen Plan luſtig, nicht wahr? Aber es kommt noch Etwas dazu. Sagen Sie mir, meine Herren, haben Sie nicht Briefe er⸗ halten, worin Sie in und wegen Ihrer politiſchen Stellung vor Gewaltſamkeiten von Seiten des Publi⸗ cums gewarnt werden?“ Brahe und Hard erhoben ſich zugleich. ——— 22 „Ich habe zwei bekommen.“ „Ich auch.“ Horn lachte. „Danken Sie dem vorſorglichen Verfaſſer, der für den Fall einer Entdeckung auf Ihr Wohl gedacht und Sie mit dieſen Schreiben verſehen hat, welche Sie dann als wahre Freibriefe vorzeigen könnten. Die Königin und der König haben auch ſolche Briefe erhalten; auch ich.“ Hards Stirne verfinſterte ſich. „Capitän Puke,“ fragte er,„haben Sie auch einen ſolchen Freibrief erhalten?“ „Nein.“ „Es ſoll Niemand ſagen,“ erklärte darauf Hard, ndaß ich im Feuer beſſer verſichert geweſen ſei, als ein Anderer.“ Damit zerriß er die beiden Schreiben und warf die Stücke auf den Boden. „So, Puke,“ ſagte er dann,„jetzt iſt die Sache zwiſchen uns ausgeglichen.“ Auch Brahe wollte dem Beiſpiel folgen, aber Horn legte ſich dazwiſchen, und ſo ſteckte er das Pa⸗ pier wieder in ſeine Taſche. Die Equipage mit dem prachtvollen Geſpann und der ſchimmernden Bedienung wartete bereits auf das gräfliche Paar. Als Brahe allein gelaſſen worden war und ſeine Toilette für den Abend vollendet hatte, begab er ſich zu ſeiner Gattin hinab, die ihm voll Hingebung ent⸗ gegenkam. der acht lche ten. iefe nen als 23 Die vorhergegangene Beſprechung hatte ihm neue Sicherheit eingeflößt, ſo daß er ruhiger und vergnüg⸗ ter war, als ſeit langer Zeit. Mit zuvorkommender Freundlichkeit trat er daher jetzt ſeiner Frau entge⸗ gen. Dies war für ihr Herz ein erfriſchender Son⸗ nenſchein. Sie blickte ihm in die Augen, er drückte zärtlich ihre Hand. Der ſchönſte Friede ſenkte ſich in ihre Herzen. „Ich könnte Dir Vieles anvertrauen,“ ſagte er mit einem ſieghaften Lächeln auf ſeinen Lippen,„aber ich will noch warten, um Dir dieſer Tage eine noch größere Ueberraſchung zu bereiten. Du mußt wiſſen, daß große Dinge im Werke ſind. Ferſen ſoll es ge⸗ denken, daß er mir den Landesmarſchallsſtab aus der Hand geriſſen hat.“ Die Gräfin verſtand ihn nur zu gut; aber ſie beſaß nicht Muth genug, um ſich auf einen Gegen⸗ ſtand einzulaſſen, den ſie ſich in ihrer Phantaſie mit ſo ſchwarzen Farben ausmalte.— „Brahe,“ ſagte ſie indeß,„welche Ueberraſchung Du mir auch zudenken magſt, ſo bitte ich nur, Dich in keine ſo gefährlichen Unternehmungen zu werfen, daß ich dadurch auf den Glauben kommen könnte, Du vergeſſeſt diejenige Ueberraſchung, die ich Dir zudenke.“ „Welche Ueberraſchung?“ „Die Ueberraſchung, mein Freund, die ich unter meinem Herzen habe.“ Brahe ſchloß ſie in ſeine Arme. Bald darauf befanden ſie ſich auf dem Weg nach Drottningholm. 24 Die königliche Familie hatte erſt ſeit einigen Tagen dieſes ſchwediſche Verſailles bezogen. Die Königin wußte, daß die Stunde der Entſcheidung herannahte. Mit zunehmender Unruhe ſah ſie ihr alſo entgegen. Aber um von dem niemals verſie⸗ genden und jetzt ſtärker als je brauſenden Strom ihrer Gedanken nicht gänzlich hingeriſſen zu werden, empfand ſie ein tiefes Bedürfniß, die Ueberfülle ihrer Seele in einer ſchönen und heitern Natur auszu⸗ athmen. Sie ſehnte ſich nach Drottningholm, ohne ſich jedoch von ihren politiſchen Sorgen frei machen zu können, von denen ſie vielmehr einen nicht gerin⸗ gen Ballaſt mit ſich führte. Sie hatte es nämlich noch nicht gewagt, dem König ihre Pläne vollſtändig zu enthüllen, und ſie beſaß alſo auch ſeine Einwilli⸗ gung zu dem beabſichtigten Staatsſtreich noch nicht. Sie hatte zwar auch an die Möglichkeit gedacht, ihn in gänzlicher Unwiſſenheit über die Sache zu erhal⸗ ten und ſo zu ſagen von den Ereigniſſen ins Schlepp⸗ tau nehmen zu laſſen. Aber auf einen ſchwachen König kann man niemals bauen. Wenn man es am wenigſten ahnt, kann die Schwachheit in fieberiſche Energie umſchlagen, die ſich, da ſie niemals andere als augenblickliche Beſchränkungen kennen gelernt hat, auf irgend eine Seite wirft, und zwar gewöhn⸗ lich auf die unpaſſendſte. Ein ſchwacher Charakter kann in kritiſchen Fällen das Bedürfniß empfinden, ſtark zu ſcheinen; aber eine Kraft, welche nicht das Erzeugniß eines gereiften politiſchen Verſtandes, ſon⸗ dern bloß ein zufälliger Ausbruch iſt, iſt regellos. Für den Erfolg des Planes war erforderlich, daß der König ſich durch die laut ausgeſprochenen Wünſche 2⁵ des Volkes gleichſam zwingen oder bewegen ließ: aber in ſeiner achtungswerthen Beſcheidenheit und ehrlichen Einfalt konnte ihn leicht die Laune anwan⸗ deln, einen ganz entgegengeſetzten Entſchluß zu faſſen. Um ſich zu vergewiſſern, daß er ſeine Rolle recht durchführen würde, war daher nothwendig, daß man ſeine Zuſtimmung erhielt. Aber wie dies angreifen? In der Hauptſtadt erinnerte ihn Alles an die Nie⸗ derlagen, die er einmal ums andere den Ständen gegenüber erlitten hatte. Beinahe jedes Geſicht in ſeiner Umgebung mahnte ihn an ſeine Bedeutungs⸗ loſigkeit. Es lohnte auch kaum der Mühe, von ſol⸗ chen Dingen mit ihm zu ſprechen. Er erſchrack bei⸗ nahe vor ſeinem eigenen Schatten. Hatte man ihm ja doch ſogar vorgeworfen, daß er ſich nicht einmal vom Einfluß ſeiner Gemahlin befreien könne. Dies kränkte ihn, ohne das Verhältniß zu ändern, weil weder ſeine noch ihre Natur ſich verändern ließ. Er ſchien ſich indeß mehr Behutſamkeit in dieſer Bezie⸗ hung vorgenommen zu haben, und er trieb dies ſo weit, daß er jeden noch ſo unbedeutenden Vorſchlag, der nach ſeiner Meinung von ihr ausging, nicht bloß bekämpfte, ſondern geradezu verwarf. Die Königin, welche dieſe Veränderung ſogleich bemerkte, wußte ſich leicht zu helfen. Nachdem ſie den Entſchluß ge⸗ faßt hatte, ſich nach Drottningholm zu begeben, ließ ſie den betreffenden Vorſchlag durch eine Perſon ihrer Umgebung machen und bekämpfte ihn ſelbſt. Der König, der die beiderſeitigen Aeußerungen auf⸗ merkſam anzuhören ſchien, erklärte ſich ſogleich für den Vorſchlag, und der Beſchluß wurde unmittelbar 26 darauf im Widerſpruch mit der Anſicht der Königin gefaßt. Die Königin gab zur rechten Zeit nach und gönnte dem König gern ſeine Freude über den ſcheinbar er⸗ rungenen Sieg, hoffte aber unter dem angenehmen Einfluß einer freien und ſchönen Natur ihren An⸗ ſichten leicht wieder Eingang verſchaffen zu können. Sobald man alſo draußen war, ließ ſie keine Gelegenheit unbenützt, um ihn auf die wichtige Frage zu führen, die ſo ausſchließlich ihre Seele erfüllte; aber ohne ihre Abſicht zu verſtehen, wich er, als ob er eine Gefahr ahnte, inſtinctmäßig aus. Inzwiſchen durfte das, was man thun wollte, nicht länger hinausgeſchoben werden. Unter ſolchen Umſtänden gerieth man auf den Plan, von welchem Horn im vorigen Abſchnitt Kennt⸗ niß gab, durch geheime Zuſchriften ſeine eigenen Freunde mit einem gewaltſamen Angriff zu bedrohen, welchen die Hüte und ihre Freunde gegen den Hof und die Mützenpartei im Schilde führen ſollten. Der König ſelbſt hatte einige ſolche Briefe er⸗ halten. Die Abſicht der Königin, den dadurch hervorge⸗ rufenen Eindruck zu benützen, wurde jedoch von dem König ſelbſt vereitelt, indem er ihr nicht einmal eine Anzeige davon machte. 3 Sie wußte, daß ihre Freunde beharrlich vorwärts ſchritten, und ſah die beſtändigen Rückſchritte ihres. Gemahls. Dies quälte und peinigte ſie dermaßen, daß ſie zuletzt ihre Freunde zu ſich beſchied, um mit ihnen Rath zu halten. Sie hatte alſo Brahe, Hard, 27 Horn und Puke eingeladen; Hard und Horn hatten ohnehin gerade Dienſt bei ihr. Bei der großen Strandbrücke vor dem Schloß finden wir eine Gruppe von Militärperſonen, mei⸗ ſtens aus Leibtrabanten beſtehend, obſchon auch einige Artilleriſten und Leibgardiſten zum Vorſchein kommen. Wallenſtjerna iſt jedoch der einzige von Allen, den wir kennen; aber er ſieht nicht mehr ſo heiter und ſelbſtzufrieden aus wie früher, er betheiligt ſich auch bei keinem Geſpräch, ſondern wandelt ſtill und mit gekreuzten Armen auf und ab. „Ernſt iſt ein wackerer Geſelle,“ bemerkte Je⸗ mand;„läßt man ihn fortfahren, wie er angefangen hat, ſo wird er in die ganze Bevölkerung der Haupt⸗ ſtadt Leben bringen.“ „Das mag ſein,“ meinte ein Anderer;„aber lei⸗ der iſt er ein ſchrecklicher Trunkenbold, und wie kann man einem ſolchen Vertrauen ſchenken? Im Rauſch weiß er nicht mehr was er ſagt.“ „Das iſt wohl wahr, ich gebe es zu, aber in dieſer Sache iſt er dennoch der thätigſte von Allen. Neulich war ich im Café Bergman, und da mußte ic ſeine Klugheit und Gewandtheit wirklich bewun⸗ ern.. „War er vielleicht nüchtern?“ „Ja, das war er. Er hatte nicht weniger als neun Unteroffiziere von der Garde um ſich— einen Chriſtiernin, einen Eſcholin, einen Hall, einen Hei⸗ korn, einen Elfvenkrona und wie ſie alle hießen— er ſchwatzte wacker darauf los, hatte eine Menge Geld und ſparte es ganz und gar nicht. Er ver⸗ ſprach dem einen eine Fahnenjunkerſtelle, dem andern ein Offizierspatent, dem dritten ein Poſtcontor, dem vierten Medaillen und Orden— wahrhaftig der Kerl war wundervoll. Er ſtand wie ein höheres Schickſal vor dieſen Kriegern, er ſpendete Ernennun⸗ gen und Decorationen, er ſpiegelte ihnen die glän⸗ zendſte Zukunft vor.“ „Ich bin weit entfernt ihn herabſetzen zu wollen. Ich bezeichne bloß ſeinen Hauptfehler und glaube übrigens, daß ſich auch noch Andere finden dürften, welche verdienen genannt und bewundert zu werden. Capitän Puke z. B.“ „Ich gebe auch das zu.“ „Und Capitän Stalſvärd bei der Artillerie und Capitän Göös. Dieſe bearbeiten allerdings das Volk nicht in Schenken und Cafés, ſondern gehen auf eine andere Art zu Werke, aber ihre Thätigkeit iſt dennoch um Nichts geringer. Ich beſuchte Capitän Stalſvärd neulich einmal Abends, und da gab er mir einen Beweis von ſeinen wahrhaft ſoliden Grundſätzen und Abſichten, indem er mir mehrere hundert ſcharfe Patronen zeigte, die er alle mit ſeinen eigenen Hän⸗ den verfertigt hat. Das ſind reelle Valuten, ſollte ich denken.“ Wallenſtjerna war inzwiſchen vor den Sprechen⸗ den ſtehen geblieben. Die Arme über der Bruſt ge⸗ kreuzt, den Kopf ſtolz zurückgeworfen, die Augen voll von einer gewiſſen Melancholie und beinahe nach⸗ läſſig gekleidet, erſchien er faſt wie ein Schiffbrüchi⸗ ger, der ſich um Nichts mehr bekümmerte und jeden Augenblick auch zum tollſten Streich geneigt war. „Wenn ich euch einen Ernſt, einen Puke, einen 29 Stalſvärd und einen Göös preiſen höre, ſo erinnere ich mich unwillkürlich an meine Freunde Hermelin und Silfverhjelm. Hätten wir ſie noch unter uns, ſo bedürften wir dieſer Andern gar nicht. Aber Silfverhjelm, dieſer fröhliche Geſell, dieſer gute Ka⸗ merad, dieſer kecke Burſche, ſitzt jetzt wieder im alten Königshaus eingeſperrt, und daraus könnte ihn der Teufel ſelbſt nicht erlöſen. Und Hermelin, der ehr⸗ liche Waffenbruder, iſt entflohen, verſchwunden— entflohen wie ein Verbrecher, verſchwunden wie der geſtrige Tag. Hermelin warnte mich immer, ich ſolle nicht ſo viel ſchwatzen, und prophezeite mir meinen Untergang; nun aber iſt er ſelbſt, der vorſichtige, verſchwiegene, verſtändige Mann, zu Falle gebracht worden. Was hilft auch aller Verſtand? Es wurmt mir, daß ich nicht mit dem einen verhaftet worden bin oder mit dem andern habe fliehen müſſen. Was zum Teufel ſoll ich allein machen? Ich bin ſo nur ein Drittelsmenſch, ein kleines Stück von etwas Großem, das geweſen iſt, der mittlere Theil eines zerbrochenen Degens: denn Silfverhjelm war ja doch immer der Griff Hermelin die Spitze, ich ſelbſt aber bloß ein Stück von der flachen Klinge. Ihr ſprecht von Revolution. Sprecht, Kameraden, ſprecht— ſprechet immerzu. Ich habe auch davon geſprochen, habe gehofft und geglaubt; aber ſeit jetzt Silfverhjelm und Hermelin fort ſind, ſpreche, hoffe und glaube ich nicht mehr. Ihr werdet auch ſehen, liebe Freunde, daß ſich Alles das jetzt, wie ſchon ſo oft vorher, in einen leeren Rauch auflöſen wird, der dunſtend an unſern Naſen vorüberſtreicht. Mein Gott, wer Etwas zu thun hätte, etwas Großes, etwas Kühnes, etwas.“ Nach dieſem beredten Herzenserguſſe wandte ſich Wallenſtjerna, ſtolz wie ein ruinirter Hidalgo, von ihnen ab und begann ſeinen Spaziergang von Neuem. Die Stille, die jetzt folgte, ſollte indeß nicht lange währen. Aus vollem Halſe lachend, kam nämlich in die⸗ ſem Augenblick ein junger Page vom Schloſſe her geſprungen. Der ernſtere Eindruck, den Wallenſtjernas Aeuße⸗ rungen hervorgebracht hatten, verdunſtete jetzt leicht. Junge Leute nehmen ſich ſelten Etwas ſonderlich tief zu Herzen. Der Ernſt iſt für ſie bloß ein Wider⸗ ſchein von Etwas, wovon ſie keinen rechten Begriff haben; die Freude dagegen iſt ein Theil von ihnen ſelbſt, worin ſie Alles ſehen, was das Leben Ange⸗ nehmes für ſie beſitzt. Als der heitere Jüngling unter die Leibtrabanten trat, ſchloſſen ſie ſich daher an ihn an, wie ſie ſich kurz zuvor an Wallenſtjerna angeſchloſſen hatten. Sorge und Heiterkeit ſind immer Mittelpunkte: das Alltagsleben zieht ſeine Peripherie entweder um die eine oder um die andere.. „Was haſt Du für einen Spuck gemacht, toller Junge?“ fragte man ihn.„Es muß eine wahre Her⸗ kulesarbeit ſein, ein Dutzend ſolcher meiſterloſen Schlingel in Ordnung zu halten.“ „Ich... ich...“ ſtammelte der Junge bei⸗ nahe keuchend vor Lachen,„ich habe nie in meinem Leben eine lächerlichere Figur geſehen...“ Dabei äffte er die krumme Haltung eines alten Männchens nach, hielt das Kinn vor, zog die Lip⸗ pen ein, arbeitete mit ſeinen Armen. 4 31 Zugleich veränderte der Junge ſeine Stimme, als wollte er den Gegenſtand ſeines luſtigen Humors noch deutlicher nachahmen. „Ein Liebhaber von Revolutionen, meine Herren, ein großer Liebhaber... habe nie etwas Anderes geliebt. Ich bin ein alter Mann... komme von Schonen... liebe die Buchweizengrütze ſehr... kenne keinen Menſchen, nicht einmal eine Katze... thue gern bei einem Glas Bier Beſcheid... ſchwatze mit der ganzen Welt von Allem und von Nichts... liebe das Königshaus... conſpirire... revolu⸗ tionire.“ Wallenſtjerna blieb ſtehen, als er das Geſchwatz des Jungen hörte, und lauſchte aufmerkſam auf ſeine Worte. „Das Luſtigſte von Allem iſt mir ſelbſt paſſirt,“ fuhr der Junge fort.„Wir warfen Ball im Park . einige Kameraden und ich... der Ball flog mit fort... meine Freunde wurden plötzlich ge⸗ rufen... ſie eilten weg, und ich ſprang dem Balle nach... ich ſuchte und ſuchte... da kam ich in eine der Lauben, wo ich glaubte, daß der Ball ge⸗ fallen ſein mußte, fand aber ſtatt des Balles einen alten Mann, einen kleinen alten Mann mit einer großen weißen Perücke, mit Locken und Zopf... aber obſchon beinahe ebenſo dick als lang, war er doch in ſeinen Bewegungen ſo lebhaft wie ein Fiſch ... ihr hättet ihn nur ſehen ſollen... es war unmöglich, ihm nicht ins Geſicht zu lachen... eine große, rothe Naſe und ein blaßes, mageres Geſicht ... dicke, buſchige Brauen und darunter zwei leb⸗ ——j.— 32, hafte kleine Aeugelein... es ſah gar zu drollig aus... und dann die Stimme... die Stimme...“ Und nun parodirte er wieder das Original. „Immer hohen Werth auf Militärperſonen ge⸗ ſetzt... immer den Hof geliebt... immer Pagen bewundert. Vortreffliche Jungen... ſeltene Jun⸗ gen... conſpiriren beſtändig gegen das Alter... lachen ihm ins Geſicht... Leben und Munterkeit in ihnen... Zukunft in den Blicken... wollen Sie nicht vielleicht ein Stündchen im Wirthshaus mit mir verplaudern... höre gar zu gerne ein wenig Geklatſche... der Hof immer voll von Klatſchereien...“ Je weiter der Page in ſeiner Schilderung des wunderlichen Alten kam, um ſo mehr ſteigerte ſich Wallenſtjernas Aufmerkſamkeit. „Haben Sie die Güte mir zu ſagen, wo Sie mit dem Manne zuſammengetroffen ſind,“ bat er jetzt. 8 „Am Eingang des engliſchen Luſtparks... rechts von der großen Allee... dort ſteht eine kleine Büſte auf ihrem Piedeſtal... die Laube iſt dicht daneben.“ Wallenſtjerna ging nachdenklich ein paarmal auf und ab; dann wandte er ſich wieder zu ſeinen Ka⸗ meraden. 1 „Mit dieſem alten Kerl habe ich ganz beſtimmt noch ein Hühnchen zu rupfen. Ich kann mich nicht täuſchen... es iſt kaum möglich. Ich wollte nur, ich könnte den Schuft entlarven. Wollt ihr mithal⸗ ten, Kameraden?“ Wallenſtjerna ſchien auf einmal ſeinen gewöhn⸗ lichen Muth wieder zu bekommen. „Wir ſind dabei,“ riefen die Kameraden.„Laßt uns hineilen, ehe er Reißaus nimmt.“ Aber Wallenſtjerna kannte den klugen Alten zu gut, als daß er es nicht für nöthig gehalten hätte, vorſichtiger zu Werke zu gehen. „Wartet einen Augenblick,“ rieth er alſo.„Wenn wir alle zuſammen kommen, ſo zieht er ſich leichter aus dem Spiel. Der Kerl iſt glatt wie ein Aal. Ich gehe allein hin. Für einen Haſen bedarf es nur einer Schlinge. Gehet ihr inzwiſchen auf mein Zimmer und erwartet mich dort. Sorget für eine Bowle und für Gläſer. Der Alte trinkt gern. Er wird mit jedem Schluck redſeliger, und wenn wir nur ein Bischen Grütze im Kopf haben, ſo müſſen wir ihn bald zum Beichten bringen.“ Der Vorſchlag fand ungetheilten Beifall, und Jeder begab ſich auf ſeinen Poſten. Wallenſtjerna ging allein durch den ſchönen Park und kam bald in die Nähe der bezeichneten Stelle. Inzwiſchen hörte er ſchon in einiger Entfernung ein halblautes Geflüſter und blieb unwillkürlich ſtehen. „Du haſt alſo Nichts entdecken können?“ „Das Unglück wollte, Herr Baron, daß man den Jungen in der Stadt zurückließ, und wie Sie wiſſen, habe ich nicht mehr ſo gute Gelegenheit wie früher, um Alles genau zu beobachten.“ „Aber ich bin überzeugt, daß die Königin bei ihrem lebhaften und heftigen Charakter weder Raſt noch Ruhe finden wird. Es liegt in ihrer Natur, Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. V. 3 einen Plan um den andern zu entwerfen, gerade wie es in der Natur des Meeres liegt, eine Welle um die andere zu treiben; inzwiſchen gleichen die Pläne auch in dieſer Beziehung den Wellen, daß ſie ent⸗ weder bloß geboren werden, um wieder in die un⸗ ruhige Tiefe hinabzuſinken, oder daß ſie ihren Weg vorangehen, um zuletzt an irgend einer Klippe am Strand zu zerſchellen. Eine ſolche Klippe bin auch ich.“ Wallenſtjerna hörte deutlich jedes Wort. Er war zwar noch zu fern, um die Sprechenden ſehen zu können, und überdies befand ſich eine ganze Mauer von Gebüſchen und Laubwerk zwiſchen ihnen und ihm; allein er erkannte ſogleich, daß das Geſpräch von der höchſten Wichtigkeit war, und blieb alſo auf ſeinem Platze ſtehen. Inzwiſchen drängten ſich ihm einige Bemerkungen auf. Er hatte zwar in dem Gehörten weder die Stimme, noch die Ausdrucksweiſe des originellen Alten wie⸗ der erkannt, aber der Platz war gleichwohl derjenige, welchen der Page bezeichnet hatte, und er zweifelte alſo nicht daran, daß er den Mann, den er ſuche, vor ſich habe, und daß ſeine Vermuthung in Betreff kinet Maske, die der Alte getragen, vollkommen rich⸗ tig ſei. Ueberdies war es Wallenſtjerna nicht entgangen, daß man ihn Baron genannt hatte, und das Origi⸗ nal hatte ſich ja für einen Gutsbeſitzer aus Schonen ausgegeben. Es ſchien ihm alſo immer klarer, daß er einer - 35 vielleicht ſchon lange angeſponnenen Intrigue gegen den Hof auf der Spur ſei. Ueber den feindſeligen Charakter derſelben konnte er nach dem ſo eben Vernommenen keinen Zweifel mehr haben. „Du behaupteſt jedoch, 4 ſprach man wieder,„daß Brahe und Hard, wie auch Puke, heute hier erwar⸗ tet werden.“— „Ich weiß es ganz genau; ich hörte es von dem Kammerdiener, der mit dem Befehl abgeſchickt wurde.“ „Nun wohl, ich will bis in den ſpäten Abend hier bleiben, im Fall Du mir über die Abſicht der Berufung dieſer Herren einige Aufſchlüſſe verſchaffen kannſt. Nicht bloß die bekannten Geſinnungen der Königin, ſondern auch allerlei Symptome unter dem Volk in der Stadt laſſen mich vermuthen, daß man hier irgend einen Hocus Pocus vorhat, und es gilt aufzuſchauen. Alles iſt jetzt reif, um den letzten Schlag zu führen, aber es hängt dabei viel von Dir ab. Ein einziger unvorſichtiger Schritt von Seiten des Hofes, und er iſt verloren.“ „Ich verlaſſe Sie alſo jetzt, Herr Baron.“ „Vergiß nicht, daß ich im Wirthshaus zu finden bin. Ich habe bereits ein Zimmer genommen. Frage nur nach dem Herrn aus Schonen; man kennt mich unter dieſem Namen.“ Sobald Wallenſtjerna merkte, daß die eine der ſprechenden Perſonen ſich entfernen wollte, beſchloß er vorzutreten, Er wollte Beiden ins Geſicht ſchauen und wiſſen, mit wem er es zu thun hatte, ohne ſie deßhalb allzu ſehr zu erſchrecken oder zu beunruhigen. Er ging daher ganz ruhig und in gewöhnlichem Schritt in der Allee vorwärts. Aber die Perſonen in der Laube hörten auch bereits ſeine Schritte, und als Wallenſtjerna ſich dem Eingang näherte, ſah er ein Frauenzimmer zwiſchen den Bäumen hineilen, und zwar mit ſolcher Haſt, daß er nur noch die ſchlanke, ſchöne Geſtalt entdecken konnte, um deren Formen ein ſchwarzes Seidenkleid ſich drapirte. Ein italieniſcher Strohhut mit breitem Rand bedeckte Kopf und Geſicht. Aber ſo ſehr er ſich auch über ihr glückliches Entkommen ärgerte, ſo freute er ſich doch, daß er immerhin we⸗ nigſtens das vermummte Original, den Herrn aus Schonen, den Baron vor ſich hatte. Um ſich Nichts anmerken zu laſſen, ſtellte er ſich ganz überraſcht beim Anblick des ſonderbaren Alten. „Mein Gott, was ſehe ich? Sind Sie es wirk⸗ lich? Es iſt ſchon lange her, daß wir uns getroffen haben... aber ich glaube, Sie erkennen mich gar nicht mehr. Wir ſahen einander das erſte Mal in der holländiſchen Düne... nicht wahr?... in der holkändiſchen Düne.“ Der Alte lächelte und nickte bejahend. „Erinnere mich wohl,“ erklärte er,„ſehr wohl; Sie waren damals nicht allein, hatten einen Freund bei ſich, habe Sie ſeitdem nicht mehr geſehen, freut mich Sie wiederzuſehen, gehorſamſter Diener, höchſt angenehm...“ „Täuſche ich mich nicht,“ verſetzte indeß Wallen⸗ ſtierna,„ſo habe ich die Ehre gehabt, Sie auch ein⸗ mal im Luchshof zu ſehen...“ 37 „Sehr möglich, gehe dahin und dorthin, ſehe viel Volk.“ Um ein längeres Geſpräch anzuknüpfen, nahm Wallenſtjerna neben ihm Platz in der Laube. „Seit wir uns das letzte Mal ſahen,“ ſagte er nach einer Weile,„waren Sie vermuthlich in Schonen und ſind wohl jetzt zum Frühjahr wiedergekommen?“ „In Schonen unten geweſen, ganz richtig, nach meinen Geſchäften geſchaut, wollte Stockholm auch einmal im Frühling ſehen, hörte, daß der Hof nach Drottningholm gezogen, machte eine Promenade hie⸗ her, iſt bezaubernd ſchön hier, bezaubernd ſchön.“ „Ich will mich erinnern, daß Sie über Mangel an Freunden klagten, als wir uns das letzte Mal ſprachen.“ „Liebe Freunde nicht ſehr, liebe Volksverſamm⸗ lungen, große Volksmaſſen, Emeuten, Conſpirationen, Revolutionen; liebe das Naturleben in allen ſeinen Geſtalten und Entwicklungen; mag einzelne Freunde nicht leiden; liegen Einem nur zur Laſt, wollen im⸗ mer Geld borgen, quälen mit Bürgſchaften, verwi⸗ ckeln in allerlei Händel; gehe allein meinen Weg, liebe die Einſamkeit, großer Genuß, für mich ſelbſt ſein zu können.“ Wallenſtjerna bemerkte nur zu gut, daß der Alte ſich mit einer gewiſſen Vorſicht ausſprach und juſt kein ſonderliches Vertrauen in ihn ſetzte. Dazwiſchen⸗ hinein warf er auch einen verſtohlenen Blick nach der Seite, wo die ſchwarze Dame verſchwunden war, wie wenn er ihretwegen etwas unruhig wäre. Wal⸗ lenſtjerna, der dießmal ſeine Stellung richtig auffaßte, ſah ein, daß er mit dem Mann nicht vom Fleck kom⸗ 38 men würde, wofern es ihm nicht gelänge, alle Furcht zu heben und Vertrauen einzuflößen.. In einem Augenblick, wo der alte Herr wieder nach derſelben Seite ſchielte, brach daher Wallenſtjerna in ein gellendes Gelächter aus und drohte ihm zu⸗ gleich ſchalkhaft mit der Hand. Das Lachen war vollkommen natürlich bei Wal⸗ lenſtjerna, weil er trotz ſeiner eigenen Verlegenheit die ganze Sache dennoch recht drollig fand und ſchon eine gute Weile Mühe gehabt hatte, ſeine Lachmus⸗ keln in Ordnung zu halten. Der Alte wandte ſich jetzt gegen Wallenſtjerna und betrachtete ihn verwundert, gleich als wünſchte er eine Erklärung. 4— „Sie ſind mir ein alter Schelm,“ begann Wal⸗ lenſtjerna wieder,„ein abgefeimter Spitzbube. Ei, er, mein Herr, ſolche Dinge paſſen juſt in meinen Kram.“. Das alte Original tappte mit der Hand an ſei⸗ nem Kopf herum und ſchien ſeine Verlegenheit nicht recht verbergen zu können. „Sie dürfen ſich nicht einbilden, mein Herr,“ fuhr Wallenſtjerna mit friſchem Muthe fort,„daß ein Leibtrabant in Bezug auf ſchöne Waaren dum⸗ mer ſei, als ein kaum erſt in Stockholm angelangter Herr aus Schonen. Habe ich recht geſehen, ſo be⸗ ſitzen Sie übrigens einen guten Geſchmack. Wenig⸗ ſtens war ſie verdammt ſchlank, eine wahre Weiden⸗ ruthe.“ Als der Alte zu verſtehen anfing, wie Wallen⸗ ſtierna die Sache auffaßte, nahm ſein Geſicht wieder ſeinen ſchalkhaften und ſelbſtzufriedenen Ausdruck an. * cht der 39 „Alter Mann,“ ſagte er,„ſehr alt, aber liebe Alles was ſchön iſt, habe Schönheitsſinn; will Ih⸗ nen ſagen, wie es iſt; kehrte zu Weihnachten nach Schonen zurück, erzählte bloß von dem, was ich hier geſehen hatte, nahm das ſchöne Geſchlecht ein, machte Furore in den Cafécirkeln der Landſtädtchen, ver⸗ liebte mich bis über die Ohren in eine kleine Schön⸗ heit, verſprach ihr Reiſegeſellſchafter zu werden, hatte eine herrliche Reiſe hieher, wollte ihr Drottningholm zeigen.“ „Ein vortrefflicher Einfall,“ meinte Wallenſtjerna; „ich beneide Sie von ganzem Herzen. Aber warum hatten Sie die Grauſamkeit, Ihre Schöne wegzu⸗ ſchicken, als ich kam?“ „Ging nach dem Wirthshaus zurück, werde ihr ſogleich folgen; gehorſamſter Diener, mein Herr, ge⸗ horſamſter Diener.“ Wallenſtjerna fürchtete, der Alte möchte ſich hin⸗ auswickeln. Als dieſer ſich erhob, that daher Wallenſtjerna daſſelbe, und ſie verließen die Laube zuſammen. „Was bringen Sie ſonſt Neues aus Schonen mit?“ fragte Wallenſtjerna in ſeiner Verlegenheit; „was ſpricht man vom Reichstag?“ „Nichts.“ „Und von der Art, wie die Stände die königliche Familie behandeln?“ „Platterdings Nichts.“ „Aber von der Art, wie die königliche Familie die Stände behandelt?“ „Viel.“ Der Alte wollte ihn augenſcheinlich los werden, aber das war es juſt, was Wallenſtjerna nicht wollte. Auf einmal blieb Wallenſtjerna ſtehen. „Sie lieben doch die königliche Familie, Herr!“ fragte er;„Sie lieben ſie ehrlich und redlich, wie es einem braven Schweden anſteht?“ „Natürlich.“ Der Alte blieb ebenfalls ſtehen und ſah zu ſei⸗ nem Begleiter empor. „Wenn ich mich nur darauf verlaſſen könnte, daß Sie es thäten,“ fügte Wallenſtjerna hinzu,„ſo möchte ich Sie gerne um einen Dienſt bitten.“— „Sehr dienſtfertig von Natur, iſt immer mein Unglück geweſen; bleibe nichts deſto weniger immer gleich dienſtwillig; iſt mein Unglück.“ „Die königliche Familie bedarf gegenwärtig mög⸗ lichſt vieler Freunde.“ Wallenſtjerna bemerkte ſogleich, daß er jetzt einen Gegenſtand berührt hatte, der den alten Schelm im höchſten Grad intereſſirte. „Jugend iſt aufrichtig,“ antwortete er,„liebe die Jugend. Habe immer meinem König nützlich zu ſein gewünſcht, fehlte die Gelegenheit dazu; Hand⸗ ſchlag und Chre, kann ich, ſo will ich.“ Aber Wallenſtjerna blieb noch immer ruhig ſte⸗ hen; er ſah, daß er den Alten jetzt in ſeinen Hän⸗ den hatte, wenn nur er ſelbſt ihn nicht wieder los⸗ ließ. „Wann kehren Sie nach Schonen zurück?“ „Bin ein freier Mann; reiſe, wann es mir be⸗ hagt; habe Stockholm ſattſam geſehen.“ 41 „Ich könnte Ihnen einen wichtigen Auftrag da⸗ hin mitgeben.“ „Einen wichtigen Auftrag?“ „Höchſt wichtig.“ Der unbekannte Alte, der ſeinerſeits ſogleich glaubte, er ſei einem neuen Complott auf die Spur gekommen, gab ſich jetzt alle Mühe, Wallenſtjerna noch länger zu halten. Dieſer war mit ſolcher Ge⸗ ſchicklichkeit zu Werke gegangen, daß man in die Auf⸗ richtigkeit und Einfalt, die er gezeigt hatte, nicht wohl ein Mißtrauen ſetzen konnte. Die feurigen Aeugelein des Alten ſchoßen einen Blick auf ihn, worin er auf einmal alle ſeine Vortheile ermeſſen zu wollen ſchien. „Höchſt wichtig,“ wiederholte er,„wenn ich recht rathe, ſo iſt es eine... eine...“ Wallenſtjerna ſah ſich ängſtlich um. „Eine— und dabei beugte er ſich flüſternd zum Ohr des Alten hinab— eine Conſpiration.“ Der Alte hüpfte auf. Er that dies nicht aus Schrecken, ſondern eher aus Freude. „Con... Con.... „Um Alles in der Welt, ſeien Sie ſtill, man könnte uns hören.“ „Alſo doch...“ „Kein Wort mehr hier. Wann reiſen Sie nach Schonen?“ „Morgen, wenn Sie wollen.“ „Sie nehmen doch einige Briefe mit?“ „Von wem? an wen?“ „Von... aber ich wage es Ihnen hier nicht zu ſagen. gleiten?“ „Auf Ihr Zimmer?“ Das alte Original ſchien ſich zu bedenken. „Wo wohnen Sie?“ „Im Flügel dort, ganz unten.“ „Und ſind die Briefe ſchon fertig?“ „Still... es kommt Jemand... wir wollen uns zurückziehen.“ Die Furcht und Unruhe, die Wallenſtjerna zeigte, mußte nothwendig Vertrauen einflößen. „Ich folge Ihnen auf Ihr Zimmer... aber wünſchen Sie, daß man uns nicht beiſammen ſehe, ſo laſſen Sie uns dieſen Weg hier gehen.“ Sie gingen. Bald waren ſie am Ziel angelangt. Entſchloſſen und raſch öffnete Wallenſtjerna die Thüre ſeines Zim⸗ mers und ſchob den Alten hinein. Dieſer war nicht wenig überraſcht, als er eine größere Anzahl von Leibtrabanten um eine Bowle verſammelt fand. So ſtill ſie bis jetzt geweſen wa⸗ ren, ſo laut brach nunmehr ihr Jubel aus. „Der Fang iſt alſo geglückt,“ rief man dem Kom⸗ menden entgegen.„Willkommen aus Schonen, du ehrenfeſter Paſcha, Liebhaber von Revolutionen, Freund von Conſpirationen, Verehrer einer guten Bowle und eines vollen Glaſes. Nimm Platz, du achtungswürdiger freier Grundbeſitzer, und laß uns Dir zu Ehren ein Glas leeren.“ Der Alte ſah, daß er in einer Schlinge gefangen war, brach aber weder in Zorn, noch Verdruß aus, wandte ſich auch nicht mit Vorwürfen gegen Wallen⸗ Wollen Sie mich auf mein Zimmer be⸗ 43 ſtierna, ſondern nahm die Sache ſo verſtändig als möglich, ließ ſich unter den frohen Geſellen nieder und füllte ſein Glas, ſtieß an und trank. Aber in Wallenſtjernas Kopf regte ſich bereits ein neuer Gedanke.. Das Geſpräch zwiſchen dem alten Original und dem jungen Mädchen, eine Beſprechung, aus wel⸗ cher die feindſelige Geſinnung Beider gegen die königliche Familie ſo deutlich hervorging, brannte ihn auf der Seele. Glaubte er auch nicht beſonders ſtark an den Ausbruch einer Revolution, ſo wußte er doch nur zu gut, daß etwas Aehnliches im Werke war, und daß alle mögliche Vorſicht nöthig wurde. In Folge deſſen begann er jetzt auch ſeine eigene Fähigkeit zur richtigen Beurtheilung des gemachten Fanges zu bezweifeln, und beſchloß eine Audienz bei der Königin nachzuſuchen, um ihr über das Geſchehene Rapport zu erſtatten. Geſagt gethan. Der Alte ſah ihn gehen, füllte ſein Glas von Neuem und leerte es; aber als er es wieder auf den Tiſch ſtellte, erhob er ſich, machte ſeine Perücke los, nahm ſeine wohlangebrachte falſche Naſe ab, und die Anweſenden erblickten zu ihrer großen Verwun⸗ derung Niemand anders als... Zur feſtgeſetzten Stunde waren die von der Kö⸗ nigin aus der Hauptſtadt beſchiedenen Rathgeber ein⸗ getroffen. Brahe, Hard und Horn begaben ſich ſo⸗ gleich zu ihr hinauf. Puke, der einen Augenblick früher gekommen war, gedachte ſie in der Vorhalle zu erwarten und lehnte ſich daher an eine der Säu⸗ len. Dabei geſchah es, daß er eine Bewegung hin⸗ ter ſich zu hören glaubte und, als er ſich umwandte, Amanda entdeckte, die in einiger Entfernung hinter einem Pfeiler halb verborgen war. Bei ihrer Rück⸗ kehr aus dem Park waren ihre Blicke ſoeben gleich beim Eintritt in die Vorhalle auf Puke gefallen, und ihr Herz hörte vor Ueberraſchung beinahe auf zu ſchlagen, weil ſie ſich ſogleich des Augenblicks erin⸗ nerte, wo ſie ihn zum erſten Mal geſehen, und des tiefen Eindrucks, den er auf ſie gemacht hatte. Dies war eine zugleich angenehme und ſchmerzliche, freund⸗ liche und erſchütternde Erinnerung, denn ſie führte ihr einige wenige ſchöne Eingebungen, aber unglück⸗ licher Weiſe noch mehr Kämpfe und Qualen, bittere Gefühle und Gedanken des Haſſes vor die Seele zu⸗ rück. Ein tiefer Seufzer drängte ſich daher unwider⸗ ſtehlich aus ihrer Bruſt hervor, ein Seufzer über ſich ſelbſt, den man mit der Taube vergleichen konnte, welche über die Sündfluth hinflog, obſchon wir nicht zu behaupten wagen, daß er ein Oelblatt, die Ver⸗ heißung von feſtem Land und Frieden, mitgebracht habe. Auch Puke wurde durch ihren Anblick überraſcht. Wir wiſſen, daß er eine Beſprechung mit ihr wünſchte, und Nichts konnte zweckdienlicher ſein, als wenn er dieſe Gelegenheit benützte. „Mamſell Amanda,“ redete er ſie daher an,„ich habe ſchon lange gewünſcht, Sie unter vier Augen ſprechen zu können, und wenn Sie nichts dagegen hätten, ſo könnten wir einen kleinen Spaziergang im Parke machen.“. 45 „Sehr gerne, mein Herr.“ Amanda ging vor ihm her, er folgte nach. So bald ſie in den Park hinausgekommen waren, wandte ſie ſich raſch und entſchloſſen gegen ihn. Vielleicht hatte ſie inzwiſchen die wärmere Regung bekämpft, die bei ſeinem Anblick zuerſt in ihr erwacht war. Ihre Miene war wenigſtens kalt und verſchloſſen. „Wir ſind jetzt im Park, Capitän,“ begann ſie; „was haben Sie mir zu ſagen?“ „Ahnen Sie es nicht, Mamſell?“ „Nein, mein Herr, ich habe niemals Ah⸗ nungen.“ „Aber Sie haben doch wohl ein Gewiſſen?“ „Wenn mein Gewiſſen mir etwas zu ſagen hat, Capitän, ſo braucht es mich nicht um einen Spazier⸗ gang im Parke zu bitten.“ Ihre Blicke begegneten ſich: in den ſeinigen ſtand Verwunderung, in den ihrigen kalte Gleichgültigkeit zu leſen. Puke wollte den Fehdehandſchuh nicht aufneh⸗ men; ſein Herz und ſein Verſtand geboten ihm eher nachzugeben, als zu ſtreiten. „Mamſell Amanda,“ begann er daher wieder, „Sie haben ganz Recht; das Gewiſſen iſt überall mit uns, aber man hört deßwegen nicht immer auf ſeine Stimme. Geſtehen Sie, daß es dann gut ſein kann einen Freund zu beſitzen, der uns entgegen tritt, unſere Hand ergreift, uns ins Auge ſchaut und uns lidadeli auf einen guten, hellen und reinen Weg eitet. „Haben Sie dieſe Beſprechung bloß gewünſcht, um mir das zu ſagen, Capitän?“ Puke glaubte dieſe Bemerkung nicht beantwor⸗ ten zu müſſen, ſondern fuhr in ſeinem Gedanken⸗ gang fort: „In unſerem beiderſeitigen Verhältniß, Mamſell, liegt etwas ſo gänzlich Unklares, daß ich nicht klug daraus werden kann.“ Amanda war auf einige ſcharfe Worte gefaßt, hielt aber auch eine Antwort bereit. „Wir ſind,“ fuhr Puke fort,„vier bis fünf Mal mit einander zuſammengetroffen. Vom erſten Augen⸗ blick an fühlte ich mich zu Ihnen hingezogen; aber was mich einnahm, war nicht Ihre Jugend und Ihre Schönheit, ſondern vielmehr der ſchwermüthige Ausdruck in Ihrem Auge, die Kraft und das Feuer Ihres Charakters, die Entdeckung einer gewiſſen Sympathie zwiſchen uns Beiden, eine gewiſſe uner⸗ klärliche Gleichheit. Als man mir erzählte, daß Sie ein vater⸗ und mutterloſes Mädchen ſeien, zog mich dieſer Umſtand noch lebhafter zu Ihnen hin, zumal weil ich darin einen Erklärungsgrund für viele Un⸗ regelmäßigkeiten in Ihrem Weſen zu finden glaubte. Mein Herz ſchenkte Ihnen auch von dieſem Augen⸗ blick an ſeine ganze Achtung und Freundſchaft. Aber, mein Gott, auf welchem Weg mußte ich Sie nicht beinahe ſogleich finden! Aus dem, was wir ſehen, bilden wir uns ein Urtheil über Vieles, was wir nicht ſehen. Ich hatte mir vorgeſtellt, daß Ihr In⸗ neres ebenſo ſanft und weiblich gut ſein müßte, wie ich entdeckt zu haben glaubte, daß Ihr Auge ſei. Die lilienreine Farbe der Stirne mußte, ſo glaubte ich, von einer Blume im Herzen herkommen. Der Glanz im Auge mußte nach meiner Meinung von dem Licht in der Seele ausſtrahlen. Aber täuſchte ich mich wohl oder nicht? Sie können unſre beiden unvermutheten Begegnungen im Schloſſe nicht ver⸗ geſſen haben. Ich will ſie hier nicht charakteriſiren. Amanda, Sie haben keine Eltern, keine Geſchwiſter, keine Angehörigen; Sie ſind von einem Manne er⸗ zogen worden, über den ich zwar nichts Böſes ſagen will, der aber gleichwohl ein kalter Egoiſt iſt. Ich denke mir, daß dieſer Egoismus Ihr von Natur gutes Herz ausgekühlt hat. Verſtehen Sie mich wohl, Amanda; Sie erinnern ſich an das Opfer Abels und Kains. Auf dem Altar des Erſteren ſtieg die Flamme rein und hell gen Himmel; auf dem des Letzteren ſank ſie in Rauch zur Erde hinab. Welche moraliſche oder religiöſe Bedeutung man auch hin⸗ einlegen mag, ſo kann man ſich doch dahin vereini⸗ gen, daß die Altäre die gleichen, die Brennmateria⸗ lien aber verſchieden waren. So iſt es auch mit unſern Herzen. Sie ſind von Natur gleich gut, und darum würde auch die Opferflamme des Lebens vom einen ebenſo hell brennen wie vom andern, wenn nur das Feuer mit gleich gutem Material, d. h. mit gleich guten Rathſchlägen und veredelnden Einge⸗ bungen, unterhalten würde. Das iſt jedoch ſelten der Fall. Hätten Sie, Amanda, ſtatt der Freund⸗ ſchaft des Barons Pechlin eine zärtliche und liebe⸗ volle Elternpflege genoſſen, ſo würden Sie gewiß auch in Ihrem Herzen den beſten Schutz gegen Al⸗ les gefunden haben, was Ihr Gefühl hätte verletzen können. Ich bin überzeugt, daß ich Sie dann nie⸗ mals in einer zweideutigen Stellung im Schloſſe gefunden hätte. Aber ſo, wie die Sache jetzt iſt, da Sie weder Angehörige noch Freunde haben, nun ſo laſſen Sie mich deren Stelle vertreten. Das erſte Gefühl, das Sie mir einflößten, war Freundſchaft; ich bitte, laſſen Sie auch mein letztes Gefühl Freund⸗ ſchaft ſein. Sie wechſeln die Farbe, Amanda. Darf ich glauben, daß Ihr Herz gerührt ſei, darf ich glauben, daß Sie meine Hand nicht zurückſtoßen, daß... Amanda hatte die Farbe gewechſelt, ihr Herz hatte gezittert, Puke hatte von ihren Eltern oder viel⸗ mehr von ihrem Unglück keine ſolche zu beſitzen ge⸗ ſprochen, und er hatte ihr Herz hingeriſſen. Einen einzigen Augenblick hätte ſie ſich zu ſeinen Füßen werfen, ſeine Kniee umfaſſen, ihn für all die feind⸗ ſeligen Gefühle ihrer Seele um Verzeihung und Gnade anflehen mögen; aber ſchnell wie der Wind bläst, ſo verſchwand auch dieſe Eingebung eines lebendigen Gefühls. „Capitän Puke,“ antwortete ſie,„ich habe Sie ausreden laſſen, und es ſteht Ihnen frei, Ihr Thema noch weiter auszuführen, wenn Sie Luſt haben. Ich danke Ihnen für alle Freundſchaft, die Sie mir anbie⸗ ten; aber ich kann ſie nicht annehmen. Ob mein Herz von Natur gut iſt oder nicht, ſollte Ihnen, dächte ich, ebenſo gleichgültig ſein, wie die Frage, ob ich gut oder ſchlecht erzogen worden bin. Sie ſagen, unſer beiderſeitiges Verhältniß ſei Ihnen un⸗ klar, und ich bin überzeugt, daß es immer ſo blei⸗ ben wird. Ich bin allerdings bloß ein ſchwaches und unbedeutendes Mädchen, aber es beſteht zwi⸗ ſchen uns Etwas, wogegen auch der Schwächſte ſich empört. Meiner ſelbſt nicht mächtig, habe ich in 49 einem unbewachten Augenblick mein Herz vor Ihnen bloßgelegt, und nur durch dieſe unverzeihliche Schwach⸗ heit von meiner Seite können Sie ſich berechtigt glau⸗ ben, fortwährend als ein Freund aufzutreten, mich gleichſam in Ihren Schutz zu nehmen, mir Rath⸗ ſchläge zu ertheilen und Theilnahme zu zeigen, ob⸗ ſchon das Gefühl, das Sie dazu veranlaßt, in Wahr⸗ heit wohl kein anderes iſt als Mitleid. Sie behaup⸗ ten übrigens mich auf einem Weg getroffen zu ha⸗ ben, wo Sie mich nicht zu treffen wünſchten. Ich habe große Veranlaſſung, Capitän, Ihnen mit der⸗ ſelben Erklärung zu antworten. Ich bin, wie Sie wiſſen, von einem Mann erzogen worden, deſſen gan⸗ zes Leben der politiſchen Welt angehört. Niemand kann in ihm einen warmen und aufrichtigen Anhän⸗ ger der Staatsverfaſſung verkennen, ſo wie ſie vom König und vom Volk beſchworen worden iſt. In dieſer Richtung handle auch ich. Schon vor langer Zeit warnte ich Sie vor dem Hof, vor der Königin, vor der königlichen Familie. Seitdem haben die Reichs⸗ ſtände durch die Art, wie ſie das unpatriotiſche Be⸗ nehmen der Hofpartei zurückwieſen, meine Warnung aufs Vollkommenſte gerechtfertigt. Wenn ich im einen oder andern Fall Hofintriguen bloßgelegt habe, ſo kann mir das nur zur Ehre angerechnet werden; ich habe es im Intereſſe der Rechte der Nation, im Intereſſe der Geſetze gethan. Auf meiner Seite ſteht die Staatsgeſellſchaft, ſtehen die verſammelten Stände des Reichs. Auf welchem Weg treffe ich dagegen Sie? Ich treffe Sie auf den krummen Wegen, welche der Hof geht, auf ſeinen ungebahnten und lichtſcheuen Pfaden, die auf nichts Anderes, als auf den Unter⸗ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. v. 4 50 gang des Ganzen abzielen. Sie haben mir mit Worten, die mich tief verletzten, vorgeworfen, daß ich eine feindſelige Stellung wider einen beſtändig ge⸗ gen das Land intriguirenden und conſpirirenden Hof eingenommen, und Sie haben dabei nicht bedacht, daß das Intereſſe des Landes auf meiner Seite iſt; aber mit weit größerem Recht kann ich Ihnen vor⸗ werfen, daß Sie feindſelig gegen den Staat auftre⸗ ten, ohne etwas Anderes als den Hof auf Ihrer Seite zu haben. Sind Sie nicht der Meinung, Ca⸗ pitän, daß die Selbſtſtändigkeit eines ganzen Volkes mehr werth iſt, als ein Hof, oder daß eine Staats⸗ verfaſſung mehr zu bedeuten hat, als die verletzte Eitelkeit einer Königsfamilie? Ich will gerne ge⸗ ſtehen, daß ich die bereits ſo ruchbar gewordene Affäre mit dem ſogenannten Schmuck der Königin angeregt habe; aber wer hat wohl am rechtlichſten gehandelt, ſie, die die Reichskleinodien verpfändete, oder ich, die es aufdeckte? Was habe ich Ihnen wohl mehr zu ſagen? Nur das, Capitän, daß un⸗ ſere Wege allzu ungleich aus einander gehen, als daß ſie je wieder zuſammentreffen könnten. Doch noch Eines. Sie lieben Fräulein Creutz, aber Sie werden ſie niemals beſitzen.“ „Niemals?“ „Niemals!“ Damit entfernte ſich Amanda. Puke ſah ihr mit ſtarren Blicken nach. Der König hatte ſich beinahe gänzlich von den Staatsgeſchäften zurückgezogen. Der Namensſtem⸗ 51 pel im Reichsrath verſah ſeine Stelle. Die Drech⸗ ſelbank dagegen wurde ihm jetzt theurer als je. Der gute Mann war immer ein aufmerkſamer Gatte. Konnte er ſeiner Gemahlin die Macht nicht geben, wornach ſie ſo ſehnliche Gelüſte trug, ſo wollte er ihr doch eine Garnwinde verehren. Die Arbeit, die er in der Stadt angefangen hatte und jetzt in Drottningholm vollendete, ging auch ſo raſch von ſtatten, daß er bereits mit der Zuſammenſetzung beſchäftigt war. Wie freute er ſich nicht beim Gedanken an die kleine Ueberraſchung, die er ſeiner Gemahlin berei⸗ ten wollte! „Das iſt mehr werth als die Reichskleinodien,“ dachte er,„das kommt von meiner eigenen Hand.“ Er hatte vor lauter Geſchäftseifer den ganzen Tag kaum Zeit gehabt, ſeine Gemahlin zu beſuchen. Er wollte das hübſche kleine Stück durchaus vor Abend fertig bringen. Wenn man recht lebhaft von einem Gegenſtand eingenommen iſt, vergißt man alles Andere. Der König hörte alſo nicht, daß die Thüre hin⸗ ter ihm geöffnet wurde, und ebenſo wenig, daß Je⸗ mand ſich näherte. Aber jetzt legte ſich eine zierliche kleine Hand ſo freundlich auf ſeine Schulter, und als er auſſchaute, begegnete ſein Blick den prachtvollen Augen Louiſe Ulrikens, und da war ihm, als ſchaue er in zwei kleine Himmel voll dunkeln Strahlenglanzes. „Ich glaube, Du ſitzeſt da und regierſt, mein Freund,“ ſagte ſie halb ſcherzend. Ein Lächeln des Königs. „Warum nicht, wenn Du willſt? Bei dieſem Regierungsgeſchäft habe ich wenigſtens keinen Reichs⸗ rath, der mich ärgert.“ Die Königin warf jetzt ihre Blicke auf die ſchöne neue Drechslerarbeit. „Ei wie niedlich!“ rief ſie,„ein wahres Meiſter⸗ ſtück! Du würdeſt... aber glaube nicht, daß ich Dir damit eine Grobheit ſagen will... Du wür⸗ deſt wirklich als Drechsler ein großer Mann gewor⸗ den ſein.“ Kein Kompliment hätte unſerem König mehr ſchmeicheln können. „Zuweilen, Luiſe, habe ich das allerdings auch ge⸗ dacht; aber ſiehſt Du, ich hätte es doch nicht werden mögen.“ „Nicht?“ „Siehſt Du, ich glaube, daß ich ein ganz mittel⸗ mäßiger Drechsler geworden wäre.“ „Warum das? Du haſt ja doch dieſe allerliebſte Arbeit mit höchſteigenen Händen fertig gemacht. Oder nicht?“ „Wie Du ſiehſt, iſt das allerdings meine Arbeit; aber wenn ich mich gänzlich dem Handwerk gewid⸗, met hätte, würde ich es doch nicht weit gebracht haben?“ „Warum nicht?“ „Sieh, liebe Freundin, ich drechsle nicht, um Etwas zu verdienen, ſondern ich drechsle aus Liebe.“ „Gerade deßhalb würdeſt Du ein um ſo größerer Drechsler geworden ſein?“ flog über das freundliche Geſicht 53 „Ich glaube das nicht. Meine Liebe iſt nicht Liebe zur Drechslerkunſt, ſondern Liebe zu.. kannſt Du errathen, zu was?“ „Unmöglich.“ „Es iſt die Liebe zu Dir, meine Holde.“ „Was Du ſagſt? Das iſt auch ein wenig ge⸗ drechſelt.“ „Weit entfernt, es iſt ein vollkommen wahres Gefühl.“ Die Königin klopfte ihn freundlich auf die Schul⸗ ter. Dies war eine Belohnung, die er wohl ver⸗ diente. „Wenn ich drechsle, denke ich an Dich... ich will Dir eine kleine Ueberraſchung bereiten... will Dir ein kleines Vergnügen machen... da ſieh her ... meinſt Du wohl, daß mir dieſe Garnwinde ſo gut gelungen wäre, wenn ich ſie nicht für Dich be⸗ ſtimmt hätte? Ich glaube es nicht. Aber wenn ich jetzt nicht König, ſondern ein ſimpler Drechsler ge⸗ weſen wäre, ſo hätte ich niemals das Bedürfniß empfunden, etwas recht Geſchmackvolles zu machen.“ „Warum denn nicht?“ „Aus dem einfachen Grund, weil die Schweſter eines Friedrich II. doch niemals einen Drechsler zum Mann genommen hätte.“ Die Königin beugte ſich wieder herzlich zu ihm hinab, und es iſt ungewiß, ob ſie nicht einen Kuß auf ſeine Stirne drückte. „Wie es ſich immer mit den Veranlaſſungen zu Deiner Meiſterſchaft verhalten mag, ſo kann man jedenfalls nicht leugnen, daß dies ein recht prächti⸗ 2 ges Stück iſt. ſtimmt iſt?“ „Brauchſt Du wohl zu fragen?“ „Alſo für mich?“ „Für wen ſonſt?“:„ „Eine Garnwinde... das iſt ja eine Garn⸗ winde?“ Der König betrachtete ſie mit ſchalkhaftem Blick. „Es iſt dies,“ ſagte er,„zugleich eine kleine Pike auf Dich.“ „Eine Pike auf mich?“ „Ein Drechsler, meine Holde, kann auch etwas boshaft ſein.“ „Wirklich?“ ”„Erräthſt Du nicht, warum ich Dir juſt eine kleine Garnwinde angefertigt habe?“ „Nein.“ „An dieſer Garnwinde mußt. Du vor allen Dingen das politiſche Garn aufzuwickeln ſuchen, das Du nicht ſchlecht in Verwirrung gebracht haſt.“ Wenn die Königin ſich auch ein wenig getroffen fühlte, ſo ließ ſie gleichwohl den unſchuldigen Pfeil an ſich vorbeigleiten. „Du magſt ganz Recht haben, mein Lieber,“ antwortete ſie inzwiſchen;„aber was kannſt Du von 1 einem Frauenzimmer Beſſeres verlangen? Wenn man nicht mit einem Alexander vermählt iſt, der die Knoten zerhaut, ſo macht man es, ſo gut man kann.“ „Dann bringt man Alles zuſammen in Unord⸗ nung, willſt Du ſagen?“ 4 „Apropos, da wir jetzt auf Politik gekommen Darf man fragen, für wen es be⸗ 55 ſind, ſo mußt Du mir einen Rath geben. Ich habe...“ „Um Alles in der Welt, verlange keinen Rath von mir,“ unterbrach ſie der König,„ſondern wende Dich direct an die Herren Reichsräthe; ſie ſind des ganzen Landes und ſowohl meine als Deine geſetz⸗ lichen Rathgeber. Ich contraſignire mit meinem Namensſtempel zum Voraus jeden Rath, den ſie ertheilen.“— „Scherze nicht, mein Freund; den Rath, deſſen ich bedarf, kann ich von ihnen nicht begehren. Es iſt Etwas eingetroffen, das mich im höchſten Grad beunruhigt...“ „Dich beunruhigt?“ „Eine Drohung...“ Der König richtete ſich euf. „Was iſt es wieder? Kat man...“ „Lies ſelbſt,“ fiel ſie ein, indem ſie ihm einen Brief überreichte.„Dieſes Schreiben bekam ich geſtern, und ich würde Dich gar nicht damit beläſtigt haben, wenn ich nicht ſo eber erſt erfahren hätte, daß mehreren unſerer Freunde zanz ähnliche Hiobs⸗ poſten zugegangen ſind.“ Der König nahm den Brief und las. Mit aufmerkſamem Blick folgt' die Königin allen ſeinen Bewegungen. Sie ſah, daß er die Farbe wechſelte, ſah, daß er im höchſten Grad überraſcht und erſchüttert war. Aus dem Ausſehen der Könizin konnte man beinahe ſchließen, daß der Brief, den ſie jetzt dem König zu leſen gab, eine kleine Revaiche dafür war, daß er ihr Nichts von den Briefen zeſagt, die er, wie ſie nur gar zu gut wußte, in derſelben Ange⸗ legenheit erhalten hatte. Als der König den Brief geleſen hatte, gab er ihn mit bekümmerter Miene zurück. „Es iſt doch gar zu traurig,“ ſagte er,„es iſt gar zu traurig; mit mir mag man machen was man will; man mag mich in eine vollkommene Null ver⸗ wandeln, man mag mir Drohbriefe ſchreiben, das iſt mir ganz gleich; aber das ſchmerzt mich, daß man auch Dich kränken ſoll, ohne daß es in meiner Macht ſteht, Dir denjenigen Schutz zu gewähren, den Dir mein Herz ſo gerne bieten möchte.“ „Es ſcheint mir aber doch, als ob dieſe direct gegen meine Perſon gerichteten Drohungen von ſo ſchwerer Art wären, daß... daß...“ „Wir haben geſehen, daß alle unſere Proteſta⸗ tionen wirkungslos geblieben ſind. Laß uns deß⸗ halb künftig Alles ſo ruhig als möglich hinnehmen und beſſere Zeiten abvarten.“ 3 „Aber hier ſcheirt ein ſyſtematiſcher Plan vor⸗ zuliegen, der darauf ausgeht, nicht bloß mich, ſon⸗ dern alle unſere Freunde zugleich anzugreifen.“ Der König fuhr mit der Hand über ſein Geſicht; er wußte ſelbſt am allerbeſten, daß die Königin nicht die einzige war, die dergleichen Zuſchriften erhalten hatte. „Es muß Deine erſte königliche Pflicht ſein,“ fuhr die Königin fort,„Jedermann vor ſolchen Ge⸗ fahren zu ſchützm, wie ſie hier angedeutet ſind.“ „Lege mein Recht in die eine Wagſchale, liebe Frau, und mene Pflicht in die andere, und wenn ſie gleichviel niegen, ſo iſt keines von Beiden viel —— 57 werth. Aber wer hat denn ſonſt noch ſolche Briefe erhalten?“ Brahe und Horn traten beinahe in demſelben Augenblick ein. „Sieh, da kommen ſie,“ antwortete die Königin, auf die Herren deutend. Der König ſchritt auf und ab. Er war unzu⸗ frieden mit aller Welt, ganz beſonders aber mit Denjenigen, die ihm aufs Neue die unangenehme Zumuthung machten, er ſolle ſich abermals in einen Kampf ſtürzen, der, wie er vorausſah, nur mit einer neuen Niederlage für ihn enden konnte. „Nun, was wollen Sie denn, daß ich thun ſoll, meine Herren? Sie kennen meine Stellung, Sie wiſſen, daß ich nichts vermag. Wo nichts iſt, hat der Kaiſer ſein Recht verloren.“ „Ew. Majeſtät,“ antwortete Brahe,„wenn es mir erlaubt iſt meine Meinung auszuſprechen, ſo bin ich weit entfernt zu verlangen, daß Ew. Majeſtät dieſe Wiſche dem Rath oder den Ständen vorlegen ſollen.“ „Das iſt einmal vernünftig geſprochen, Brahe.“ „Im Gegentheil, meine ich, man ſollte gar Nie⸗ mand etwas von ihrer Exiſtenz ſagen.“ „Auch damit bin ich einverſtanden.“ „Aber Ew. Majeſtät, dieſe Briefe legen es auf die handgreiflichſte Weiſe nahe, daß man irgend einen Straßenauflauf, eine Volksdemonſtration, eine Art von Aufruhr beabſichtigt.“ „Nun ja.“ „Und wenn man jetzt wirklich einen Crawall veranſtalten wollte, ſo wage ich zu glauben, daß es 58 nicht bloß für Ew. Majeſtät ſelbſt, ſondern auch für Ihre Majeſtät die Königin ſehr gefährlich wäre, wenn Ew. Majeſtät irgend einen Widerſtand leiſten wollte. Man kann nicht wiſſen, wie weit eine auf⸗ gereizte Maſſe zu gehen im Stande iſt.“ „Ganz richtig, Brahe; ich billige Ihre Anſicht. Med darf nicht reizen, ſich nicht widerſetzen... nicht „Statt deſſen wage ich Ew. Majeſtät zu rathen, daß Sie dem Sturm aufs Vorſichtigſte ausweichen, indem Sie offen auf die Forderungen des Volkes eingehen und ſich gleichſam an ſeine Spitze ſtellen.“ „An die Spitze, ſagen Sie?. „Ein König kann keinen andern Platz einneh⸗ men, Ew. Majeſtät.“ „Das iſt wohl wahr, Brahe; aber. „Aber,“ ergänzte Brahe,„es mag umerlin für einen Monarchen hart ſein, gegen ſeine Ueberzeugung handeln zu müſſen.“ Der König antwortete nicht. Er legte die Arme auf ſeinen Rücken und ging auf und ab. Hard und Puke kamen jetzt herein. „Ich erlaube mir,“ ſagte Hard,„Ew. Majeſtäten zu melden, daß der Leibtrabant Wallenſtjerna um Audienz bittet.“ „Was will er?“ fragte der König.„Er kann warten.“ „Ich wage Ew. Majeſtät darauf aufmerkſam zu machen,“ verſetzte jedoch Hard,„daß Wallenſtjerna ein höchſt wichtiges Anliegen zu haben ſcheint.“ Der König war unzufrieden. Er antwortete nicht. 59 „Ew. Majeſtät geben ihm doch Audienz!“ ſagte die Königin.„Wallenſtjerna kommt nur, wenn er durch ſeinen Dienſt dazu veranlaßt wird.“ „Nun, wie Du willſt.“ Als Wallenſtjerna herein kam, erzählte er, was ihm ſo eben begegnet war. Er habe bei einem Spa⸗ ziergang im Park zufällig eine Unterredung in einer Laube mit angehört, worin ſich eine gehäſſige und feindſelige Geſinnung gegen die königliche Familie ausgeſprochen, und woraus, ſo viel er davon zu verſtehen vermocht, ganz offen eine geheime Ver⸗ ſchwörung oder etwas Aehnliches hervorgehe. Eine der ſprechenden Perſonen ſei ein Frauenzimmer ge⸗ weſen, das nach ſeiner Vermuthung dem Hof ange⸗ höre; aber ſie ſei entkommen, ohne daß er Gelegen⸗ heit gehabt habe zu ſehen wer ſie ſei; die andere Perſon ſei ein dem Ausſehen nach alter Mann in einer für ſeine Jahre paſſenden Kleidung geweſen, allein er ſei überzeugt, daß ſeine angenommene Maske und ſein Aufzug einen Verſchwörer oder wenigſtens einen Spion verberge. „Da es mir gelungen iſt, ihn in Verhaft zu nehmen und auf mein Zimmer zu bringen,“ fügte er endlich hinzu,„ſo habe ichs für meine Pflicht ge⸗ halten, die Sache Ew. Majeſtät anzuzeigen, damit Ew. Majeſtät ſelbſt die erforderlichen Maßregeln er⸗ greifen mögen.“ 3 „Sie haben doch,“ bemerkte der König,„Nie⸗ mand auf eigene Fauſt verhaftet? Das würde eine neue Geſchichte geben.“ „Nein, gewiß nicht, Ew. Majeſtät; er folgte mir gutwillig auf mein Zimmer und befindet ſich jetzt ganz wohl unter meinen Kameraden. Er hat Alles, was er braucht: Freunde, eine Bowle und ein Glas.“ „So ſuchen Sie ihn auf dieſelbe Art hierher zu *, bringen, damit wir ihn ſprechen können. Aber nur kein Aufſehen, verſtehen Sie!“ Wallenſtjerna trat ab. Dieſe kleine Epiſode paßte ganz merkwürdig gut zu den Verhältniſſen, über welche man kurz zuvor geſprochen hatte. „Alles ſcheint zu beweiſen, daß man etwas ge⸗ gen uns im Schilde führt,“ meinte die Königin, die eine ſolche Gelegenheit nicht unbenützt laſſen wollte. „Das iſt wohl möglich,“ antwortete der König; „aber die Mittheilungen Wallenſtjernas beruhen ja doch bloß auf Vermuthungen.“ „Wir ſcheinen ſogar in unſerer eigenen Umge⸗ bung nicht vor Spionen ſicher zu ſein.“ Der König zuckte die Achſeln. „Wie es ſich auch damit verhalten mag,“ antwortete er,„ſo wiſſen wir doch nicht einmal, von welcher Seite unſere Feinde uns dießmal auflauern. Man kann es doch dem Reichsrath und den Ständen nicht zur Laſt legen, wenn ein alter Mann einige harte Worte über uns ſpricht.“ Aber Wallenſtjerna kam bald zurück und zwar ganz allein. Man trat ihm mit fragenden Blicken entgegen. „Der Gefangene, der Gefangene! Wo haben Sie Ihren Gefangenen?“ „Ich bitte um Gnade, Ew. Majeſtät,“ antwor⸗ tete er;„der Gefangene iſt fort.“ 61 „Wie ſo, fort?“ „Sie ſagten ja, er ſitze mitten unter Ihren Ka⸗ meraden!“ fiel die Königin ein.„Ein Dutzend Leib⸗ trabanten dürften doch wohl genügt haben, um ihn zurückzuhalten.“ „Man ſollte es meinen, Ew. Majeſtät, und gleichwohl...“ „Und gleichwohl...“ „Die Sache iſt ſo, Ew. Majeſtät; ſobald ich mich entfernt hatte, demaskirte ſich der Mann und wies ſich als Baron Pechlin aus. Da er nun nicht bloß ein Ritterhausmitglied, ſondern auch ein Militär von ungleich höherem Rang als wir iſt, ſo glaubten meine Kameraden ihn nicht zurückhalten zu dürfen oder zu können.“ „Das iſt gut, Wallenſtjerna,“ erklärte der Kö⸗ nig, der ſich ſehr darüber freute, daß er die Sache vom Hals bekam.„Grüßen Sie Ihre Freunde von mir und ſagen Sie ihnen, daß ich ihr Benehmen gut heiße. Ihr habt doch den Baron mit nichts be⸗ leidigt?“ „Wir ſcherzten mit ihm, Ew. Majeſtät, aber wir beleidigten ihn nicht.“ Als Wallenſtjerna ſich entfernt hatte, trat ein tiefes Schweigen ein. Die Königin hatte bereits Alles vorgebracht, was ſie eigentlich zu ſagen hatte, und ſie wünſchte, daß der König jetzt ſelbſt einen Beſchluß faſſen ſollte. Man blieb alſo ſtill. Dies war eine andere Art ihn anzugreifen. Der König ging auf und ab. Er bemerkte, daß Aller Blicke auf ihm ruhten; er fühlte, daß das Schweigen bei wichtigen Veran⸗ laſſungen auch ſeine Centnerlaſt hat. Seine Lage wurde immer qualvoller und unerträglicher. Er ſah ſich fragend rings um; aber Niemand antwortete ihm. Hatte er vorher die Vorſtellungen, die man ihm machte, mit Mißvergnügen angehört, ſo war ihm jetzt das beharrliche Schweigen nicht minder un⸗ angenehm. „Aber mein Gott,“ ſagte er endlich,„warum ſprechen Sie nicht? Warum ſehen Sie mich an, warum ſchweigen Sie?“ „Wir erwarten eine Aeußerung Ew. Majeſtät,“ antwortete Brahe. „Nun, lieber Brahe, wenn man jetzt wirklich die Abſicht hat, mich noch weiter zu beleidigen oder an⸗ zugreifen, ſo habe ich ja bereits Ihre Anſicht gebil⸗ ligt, daß es das Allerbeſte ſei gar nichts zu thun.“ „Das war nicht meine Meinung, Ew. Majeſtät. Ich wollte ſagen, daß Ew. Majeſtät ſelbſt bei einem möglicher Weiſe gegen Sie gerichteten Angriff an die Spitze treten und dadurch zugleich nicht bloß Ihre Familie und Ihre Freunde zu retten, ſondern auch Ihr Unternehmen ſo viel als möglich zu fördern ſu⸗ chen ſollten.“ „Wenn,“ fügte Hard hinzu,„eine Volksmaſſe ſich einmal verſammelt hat, Ew. Majeſtät, ſo thut ſie nicht immer den Willen derjenigen, welche ſie ver⸗ ſammelt haben; ein Zufall kann ſie rechts führen ſtatt links. Der Wind der öffentlichen Meinung iſt kein Paſſatwind. Man kann ſich verſammelt haben, um ein Pereat zu rufen, da braucht nur eine ein⸗ zige Stimme Hurrah zu ſchreien, und der ganze Haufe 63 kann mit einſtimmen. Der eigentliche Charakter der Volkszuſammenrottungen beſteht darin, daß die Menge ſelten weiß, warum ſie zuſammengelaufen iſt. Es handelt ſich alſo darum, daß man klug aufpaßt, bevor ein Anderer die Initiative ergreift. Die Bibel erzählt, der liebe Gott habe dem Menſchen durch ſeine Naſe Geiſt eingeblaſen. Iſt man wachſam, ſo kann man auch einer Volksmaſſe jede Meinung ein⸗ blaſen, die man nur will. Die Naſe hat die Eigen⸗ ſchaft, daß ſie ſich allen Weltgegenden zukehrt. Wenn man Sie alſo in allem Ernſt bedrohen zu können glaubt, ſo iſt es nicht undenkbar, daß der Wind um⸗ ſchlägt und das Reſultat ganz anders ausfällt, als man erwartete.“ „Nun ja, meine Herren; ich habe mich ja auch Ihren Anſichten auf keinerlei Weiſe widerſetzt. Blei⸗ ben Sie nur bei mir, im Fall etwas eintreffen ſollte. Sie wiſſen, wie wenig Freunde ich habe, obſchon ich wohl verdiente, mehr zu beſitzen.“ Während der König ſprach, ſchrieb die Königin ein paar Worte auf ein Papier, legte daſſelbe ſchnell vianuen und drückte es beim Abſchied in Brahes and. In den äußeren Zimmern angelangt, öffnete Brahe das Papier. Darauf ſtanden bloß zwei Worte: „Heute Nacht.“ „Hard, Horn und Puke wiederholten alle zu⸗ gleich: „Heute Nacht.“ Einige Stunden ſpäter hatte der Hof Drottning⸗ holm verlaſſen. Der König und die Königin fuhren in demſelben Wagen. Nach der kaum erſt ſtattgehabten Unterredung hatten die königlichen Gatten kein Wort mehr mit einander geſprochen. Der König dachte nach— er dachte langſam. „Aber meine liebe Freundin,“ unterbrach er end⸗ lich das Stillſchweigen, während der Wagen voran⸗ rollte,„ich begreife doch nicht recht, wie alles das zuſammenhängt.“ Die Königin ſah ein, daß er bloß das frühere Geſpräch fortſetzte, wie wenn es nicht unterbrochen worden wäre. „Was iſt es, das Du nicht verſtehſt? Laß hören.“ „Ihr ſagt, man habe die feindſelige Abſicht, einen Volksaufſtand gegen mich zu veranlaſſen; aber was könnte das unſern Feinden nützen, da man ja doch ohne alle ſolche Demonſtrationen mit uns Alles an⸗ fangen kann, was man nur will? Wir haben ja deutliche Beweiſe davon.“ Die Einwendung war zu richtig, als daß man hätte widerſprechen können, und die Königin wußte nicht, was ſie antworten ſollte. Sie betrachtete den König. Seine Miene war fromm, beinahe gottſelig. Luiſe Ulrike brach in ein Gelächter aus. Der König fühlte ſich etwas beleidigt. Der Zorn ſchärft die Denkkraft, und der König fixirte ſie mit feſtem Blick. 65 „Weißt Du, was ich über das Alles zu glauben anfange?“ fragte er. „Laß hören.“ „Daß Du ſelber im trüben Waſſer fiſchen willſt.“ Die Königin fühlte ſich getroffen. Im Augen⸗ blick kehrte ihr Stolz zurück.— „Wenn es auch ſo wäre,“ erwiederte ſie,„könn⸗ teſt Du Dich darüber wundern, wenn ich einmal ſo vielen beſtändig wiederkehrenden Beleidigungen ent⸗ gegenzutreten ſuchte? Was kann übrigens ich dafür, wenn das Volk ſich einmal zur Vertheidigung des Thrones und zu unſerem Schutze erheben will?“ Der König antwortete nicht; er verſank in ſich ſelbſt. Es trat wieder eine kurze Pauſe ein. Die Königin, die zu fürchten anfing, daß der König auf andere Gedanken kommen könnte, wollte dies zur rechten Zeit noch zu verhindern ſuchen. „Aber,“ ſagte ſie daher zuletzt,„wenn Du jetzt auch annimmſt, daß ich die Hand dabei im Spiele habe, ſo kannſt Du doch weder ein ſo unnatürlicher König, noch ein ſo unnatürlicher Familienvater ſein, daß Du nicht im entſcheidenden Augenblick auftreten und ſo handeln ſollteſt, wie es die Intereſſen des Vaterlandes und unſere eigenen Vortheile gebieten.“ Der König ſah ſeine Gemahlin an und äußerte ſich nicht ſogleich. „Du vergiſſeſt etwas,“ ſagte er zuletzt. „Was denn, wenn ich fragen darf?“ „Daß ich, als ich den Thron beſtieg, einen theu⸗ ren Eid ablegte, der Verfaſſung treu bleiben zu wol⸗ len. Es iſt nicht gut, wenn man ſeinen Eid bricht.“ Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. v. 5 den; beide Brücken über den Norrſtröm ſollten mit Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Nacht. Sobald Brahe, Hard und Horn in die Haupt⸗ ſtadt zurückgekommen waren, begaben ſie ſich in ihre Wohnung, um der Verabredung gemäß ihre politi⸗ ſchen Freunde um ſich zu ſammeln. Der Plan, deſſen Details Graf Hard ausgear⸗ beitet hatte, war folgender: Die untern Chefs des Aufruhrs, an deren Spitze der Läufer Ernſt ſtand, ſollten im Café Bergman zuſammenkommen und ſich von da nach erhaltenem Befehl in der Stadt verbreiten, um die mißvergnügte Bevölkerung um ſich zu ſchaaren. Die Bewegung ſollte in Folge zweier Trom⸗ melſignale, von denen das eine auf dem Markt der Nordervorſtadt, das andere in einiger Entfernung davon gegeben werden ſollte, von dem gemeinen Volk und den Schiffsleuten angefangen werden. Der Viehmarkt war zum allgemeinen Sammel⸗ platz auserſehen. Die Hauptwache und die Garde, die theilweiſe bereits gewonnen waren, ſollten das Unternehmen unterſtützen. Sie ſollten unter dem Vorwand, den Pöbel zu beſchwichtigen, aber in der Abſicht, ſich mit ihm zu vereinigen, ausrücken. 3 Der Artilleriehof ſollte zuerſt eingenommen wer⸗ 21 n 67 Wachen beſetzt und die ſüdlichen Schleuſen aufgezo⸗ gen werden. Von den Herren Reichsräthen ſollten die Grafen Roſen und Teſſin, ſowie die Barone Höpken und Palmſtjerna verhaftet werden; unter den Reichsſtän⸗ den war dem Landesmarſchall Grafen Ferſen, ſowie den Sprechern des Bürger⸗ und des Bauernſtandes und etwa hundert andern Mitgliedern, worunter ſich der größere Theil des geheimen Ausſchuſſes und der Commiſſion befand, daſſelbe Schickſal zugedacht. Daß Pechlin dabei nicht vergeſſen war, verſteht ſich von ſelbſt. Die Volksmaſſen ſollten ſich allmälig um das Schloß zuſammenziehen; der König ſollte vermocht werden herabzukommen, um ſie zu beſchwichtigen; dann ſollten einige verkleidete Perſonen vortreten und erklären, das Volk werde nicht auseinanderge⸗ hen, bevor die königliche Majeſtät größere Macht er⸗ halten habe. In dieſem Augenblick ſollte Ernſt nach der Schiff⸗ brücke eilen und den holſteiniſchen Schiffern im Ha⸗ fen auf Deutſch zurufen, ſie ſollen kommen und den König unterſtützen, der von Gefahren bedroht ſei. Zugleich ſollte er tauſend Ducaten empfangen, um ſie unter das Volk auszutheilen. Dann ſollte der König veranlaßt werden, die nicht verhafteten Raths⸗ und Ständeherren in den Reichsſaal zuſammenzurufen, den Reichstag aufzulö⸗ ſen und die Stände auf einen Monat ſpäter nach Weſteras oder Norrköping einzuberufen, um auf einem neuen Reichstag das abzuändern, was auf dem der⸗ maligen beſchloſſen worden; die Verhaſteten aber ſollten vor einer eigens dazu verordneten königlichen Commiſſion zur Rechenſchaft gezogen werden, und der König ſollte inzwiſchen mit dem Reichsrath re⸗ gieren. 1 Inzwiſchen ſollten Expreſſe nach den Provinzen geſchickt und die Regimenter Südermannland, Up⸗ land, Weſtermannland, ſo wie das Leibregiment beordert werden, ſchleunigſt nach der Hauptſtadt zu marſchiren. Der Plan war nicht übel ausgedacht und beſtand, wenn wir uns ſo ausdrücken dürfen, aus drei über einander liegenden Schachten. Der Aufruhr ſollte mit einer Volksbewegung be⸗ ginnen, bei der kein eigentlicher Anführer ans Ta⸗ geslicht kommen, ſondern die den Anſchein haben ſollte, als ſei ſie unmittelbar aus dem allgemeinen Mißvergnügen hervorgewachſen. Die Garde ſollte ausrücken, um die Unordnungen zu unterdrücken, dann ſollte ſie aber bald dem Druck der öffentlichen Meinung nachgeben, mit dem Volk fraterniſiren und zu ihm übergehen.— Der König, der in das Geheimniß der Anführer nicht eingeweiht war, ſollte in eigener Perſon die Sache beizulegen ſuchen, aber durch die öffentliche Meinung gezwun⸗ gen werden, nicht bloß nachzugeben, ſondern auch an die Spitze der Beweguug zu treten. Die Führer des Aufſtandes ſollten ſich nur dann zeigen, wenn der glückliche Verlauf es geſtattete. Die anonymen Briefe über ein Attentat gegen die königliche Gewalt ſelbſt, wovon z. B. die Königin und Brahe mehrere Exem⸗ plare beſaßen, ſchienen gleichfalls alle Gefahr abwen⸗ den zu müſſen. Mißglückte die Bewegung, ſo konnte 69 man weiter nichts als eine weitläufige Unterſuchung zu fürchten haben, die wenigſtens hohen Beamten nicht gefährlich werden konnte; auch die Uebrigen hatten nicht viel davon zu fürchten, denn es ließ ſich nicht annehmen, daß man es wagen würde, über eine bereits aufgereizte Maſſe ſtreng den Stab zu brechen. Ernſt war der Einzige, der ſehr bloßgeſtellt ſchien, aber er wurde von ſeinem eigenen Rachegefühl ge⸗ trieben; er haßte nämlich die beſtehende Regierungs⸗ form auf eigene Fauſt und hatte geſchworen, wegen eines Urtheils, das, wie er glaubte, ungerecht über ihn gefällt worden, Rache zu nehmen. Man kann auch ſagen, daß Ernſt kaum überredet worden war; in ſeinem Grimm und ſeiner blinden Ungeduld war vielmehr er ſelbſt der Verführer. Ein Trinker von Profeſſion, erblickte er die Revolution durch die Ne⸗ bel ſeiner Räuſche hindurch in glänzenden Farben. Puke war die hervorragendſte wirkliche Kraft, das Verbindungsglied zwiſchen dem Hof und dem Volk, die zündende Lunte der Revolution, ihr eigent⸗ liches Commandowort. Es konnte ihm nicht entge⸗ hen, wie ſehr er ſich bloßſtellte, aber da es im Fall einer Entdeckung von ihm ſelbſt abhing, ob er ſpre⸗ chen oder ſchweigen wollte, ſo betrachtete er ſich als einen Eckſtein, an welchem alle Nachforſchungen ſchei⸗ tern müßten. Nach ſeiner Rückkehr aus Drottningholm begab er ſich, begleitet von einem eingeweihten Freunde, Capitän Stalſvärd, direct ins Café Bergman, das Hauptquartier Ernſts, und befahl ihm, ſeine Freunde zu verſammeln und zu benachrichtigen, daß der Au⸗ „ genblick jetzt gekommen ſei, und daß man noch in derſelben Nacht um eilf Uhr losſchlagen müſſe. Sodann verfügte er ſich ins Schloß. Die königliche Familie war bereits eingetroffen. In Pukes Herzen brannte ein unwiderſtehliches Ver⸗ langen, noch einmal mit Alma zuſammenzutreffen, bevor er in den Kampf ginge. Die erſte Perſon, auf welche ſeine Blicke fielen, als er ankam, war Amanda, die an einem Fenſterpfoſten ſtand. Sie ſchien gänzlich von ihren eigenen Gedanken in Anſpruch genommen zu ſein und bemerkte ihn nicht. Das bleiche Geſicht, die ſchlanke Geſtalt, das Feuer in dem ſeitwärts gekehrten Blick, ihr wie ge⸗ wöhnlich ſchwarzes Kleid, Alles das erinnerte ihn unwillkürlich an ſein erſtes Zuſammentreffen mit ihr. Still und verſchloſſen, augenſcheinlich von finſtern Gedanken erfüllt, ſtand ſie wie ein düſterer Schick⸗ ſalsgenius da. Puke erinnerte ſich ihrer letzten Dro⸗ hung, daß er Alma nie beſitzen ſolle. Er blieb ſte⸗ hen, als ob dieſe Erinnerung ihm den Weg verſperrte. Beſaß wohl der Haß die Kraft, weiter und tiefer in die verborgenen Beſchlüſſe des Himmels zu bli⸗ cken, als die Liebe? Er hatte in ſeinen jüngexen Ta⸗ gen am Glück zweifeln gelernt: jetzt kehrte der Zwei⸗ fel mit verdoppelter Stärke zurück. Mit tiefem See⸗ lenleid warf er einen Blick auf die Unternehmun⸗ gen, die er vorhatte. Ein ſchmerzliches Gefühl er⸗ faßte ihn. Sah er in ſeiner Seele einen milden Sonnenſchein oder eine Gewitterwolke am Rand des Horizonts ſeiner Zukunft? Aber haſtig fuhr er mit der Hand über die Stirne und ſetzte ſeinen Weg fort. n 2—— 71 In einem der inneren Gemächer traf er Alma. Im Augenblick, wo er eintrat, wurde eine Seiten⸗ thüre geſchloſſen, und er ſah die Königin durch die⸗ ſelbe verſchwinden. Alma folgte ihr mit den Augen. Ein Ausdruck von Unruhe und weiblichem Schmerz zeigte ſich in den Zügen des ſanften, anmuthigen Mädchens. Es war klar, daß eine wichtige Be⸗ ſprechung zwiſchen der Königin und ihr ſtattgefun⸗ den hatte. Puke trat einen Schritt vorwärts und Alma drehte ſich um. Als ſie ihn erblickte, ſtreckte ſie ihre Arme gegen ihn aus, und ein Ausruf un⸗ beſchreiblicher Freude flog über ihre Lippen. Puke eilte vor und ſie ſank an ſeine Bruſt. „Ich weiß Alles,“ flüſterte ſie;„mein Gott, mein Gott!“ Puke hatte die energiſchen Pläne, die er in den letzten Zeiten entworfen, vor ihr zu verbergen ge⸗ ſucht. Er hätte ihr gerne die Gefahren erſt dann mitgetheilt, wenn er ſie bereits überſtanden hätte. „Die Königin hat es Dir alſo anvertraut?“ „Aber um Gotteswillen,“ ſagte ſie, indem ſie ihn von ſich weg drückte und feſt und treuherzig be⸗ trachtete,„wenn es Dir mißlingt, wenn man Dich entdeckt, welches ſchreckliche Schickſal erwartet Dich dann?“ „Wir werden nicht entdeckt werden, Alma, wir haben alle Möglichkeiten vorgeſehen, es muß gelingen.“ „Und dennoch wenn... wenn... wenn...“ Sie verſtummte, ſie ergriff ſeine Hände, ſie ſchaute ihm feſt in die Augen. „Ach, Puke,“ fuhr ſie fort,„ich glaubte, unſere Hoffnungen ruhen jetzt auf einem ſicheren Grunde. 72 Ich glaubte, wir hätten genugſam mit Widerwärtig⸗ keiten gekämpft und wären im ſichern Hafen einge⸗ laufen, da ſtößeſt Du auf einmal das Schiff wieder vom Lande zurück, und wir befinden uns auf den wilden Wogen, als Spielball neuer Stürme.“ „Klage nicht, Alma, ich bitte Dich; die Hand, die den Nachen vom Lande ſtößt, wird auch das Ruder zu führen wiſſen. Wenn Du Dich beruhigſt, ſo will ich Dir einen Grund für mein Benehmen ſagen, den Du billigen wirſt.“ „Nie, nie! Ich kann etwas, wodurch Du Dein Leben aufs Spiel ſetzeſt, nie billigen.“ „Muß ich nicht für den Staat etwas thun?“ „Alles für den Staat, ja das mußt Du, aber nichts gegen ihn.“ „Muß ich nicht auch für die Königin etwas thun?“ „Ach ja, Alles, Alles, nur nicht...“ Almas Kopf neigte ſich gegen ſeine Schulter. „Muß ich nicht für Dich etwas thun?“ „Für mich? Für mich brauchſt Du bloß zu leben.“ Und ſie betrachtete ihn aufs Neue. „Erinnerſt Du Dich nicht, Alma, daß Chren⸗ preutz an ſeine Einwilligung in unſere Verbindung eine kleine Bedingung knüpfte?“ „Eine Bedingung?“ „Ich verſprach ihm, die unglückſeligen Urkunden, welche das Verhältniß zwiſchen ihm und meinem Vater betreffen, wieder anzuſchaffen.“ „Ja, das thateſt Du.“ „Obſchon ich nichts unterlaſſen, obſchon ich Reiſen 73 gemacht und überall nachgeforſcht habe, ſo daß ich glauben konnte, ich ſei ganz ſicher auf ihrer Spur, ſo ſind doch bis jetzt alle meine Bemühungen ver⸗ geblich geblieben. Nun wohl, Alma, wenn ich dieſe Papiere nicht wieder anſchaffen kann, ſo muß ich mich Deiner ſelbſt und Deiner Familie würdig zeigen. Ich muß beweiſen, daß ich ein Mann bin, daß ich Kraft und Muth beſitze, um in die Ereigniſſe einzu⸗ greifen; kurz und gut, ich muß mir eine Zukunft ſchaffen.“ „Du biſt ehrgeizig. Glaubſt Du denn, daß ich Dich nicht auch ſo liebe, wie Du biſt?“ „Ich erfreue in der That mein Herz an dieſem Gedanken; aber ich will mein Glück auch wirklich verdienen. Liebe und Chre gedeihen wohl neben einander. Ich habe Dir drei Gründe für mein Be⸗ nehmen angegeben. Je mehr ich in die gegenwär⸗ tigen Verhältniſſe des Staates blicke, je mehr ich die immer zunehmende Feindſeligkeit gegen die Königin zu begreifen anfange, und je theurer und lieber Du mir biſt, um ſo deutlicher begreife ich auch, daß alle Bedenklichkeiten weichen müſſen. Der Soldat raiſon⸗ nirt übrigens nicht über ſeine Pflicht; er kennt ſie. Deine Unruhe ſchmerzt mich indeß tief. Erhebe Dein Haupt, Alma, und ſchau mir ins Auge. Er⸗ blickſt Du Furcht darin?“ „Es ſtrahlt von Muth.“ „Von Liebe und Hoffnung. Weißt Du auch, auf was ich mein Vertrauen ſetze?“ „Ja, ich weiß es.“ „Laß hören, Alma, ob Du mich recht kennſt. Auf was glaubſt Du, daß ich mich verlaſſe?“ 74 „Auf Gott.“ Er ſchloß ſie in ſeine Arme. „Glaube auch Du an ihn, Alma, dann werden wir vor Nichts erſchrecken, was auch geſchehen mag.“ „Ich glaube,“ flüſterte ſie.„Ich glaubte an ihn, als Du Dich zum erſtenmal verheiratheteſt; ich glaubte an ihn, als Du in fremden Heeren kämpfteſt und bluteteſt; ich glaubte an ihn, als meine Ver⸗ wandten ſich unſerer Liebe in den Weg warfen. Ja, ja, ich will für Dich beten, während Du in der Nacht draußen kämpfſt. Aber...“ Und ſie erhob ihr Haupt, ein höherer Glanz ſtrahlte von ihrem Geſicht, ein leichter Purpur färbte ihre Wangen. „Aber,“ wiederholte Puke;„was willſt Du da⸗ mit ſagen, aber...“ „Aber wenn Du fallen ſollteſt... wenn das Glück Dir untreu würde...“ Und der Purpur auf den Wangen verſchwand wieder; aber der Glanz in den Augen war noch da, beinahe ſtärker als vorher. „Nun wohl, wenn das Glück mich verließe?“ „Ich fühle,“ flüſterte ſie,„daß ich Dich nicht überleben würde. Wie zwei Uhren, die zu gleicher Zeit aufgezogen worden ſind, auch zugleich ſtehen bleiben, ſo wird mein Herz mit dem Deinigen ſtehen bleiben. Mit meiner Hoffnung wird ſich auch mein letzter Seufzer aus dem Herzen ſchleichen.“ „Alma...“ „Schweig, Puke, ich bitte Dich, ſchweig. Du kannſt nicht wiſſen, wie es in meinem Innern aus⸗ ſieht. Der Mann lebt in ſeinen Handlungen, das 75 Weib in ſeinem Herzen. Was in der äußern Welt vorgeht, ſpiegelt ſich treulich in unſerer Bruſt ab. Derſelbe Schlag, der den Gegenſtand unſerer Liebe trifft, trifft auch uns. Unſer Lebensfaden endet mit unſerer Liebe. Aber Du haſt Recht. Warum davon ſprechen? Auf der Karte in Gottes Hand ſteht unſere Bahn verzeichnet; ſie hat ihr Ende, obſchon wir nicht wiſſen, wann, wo und wie. Alſo geſchehe der Wille des Himmels.“ Seelenſtärke und Bangigkeit, blos verſchiedene Ausdrücke für eine und dieſelbe Zärtlichkeit, machten Alma ſchöner als je. Puke wollte antworten, aber in demſelben Augen⸗ blick öffnete ſich eine Seitenthüre und die Königin trat ein. „Ah, Puke!“ rief ſie,„das iſt ein glückliches Zuſammentreffen. Nun, Puke, iſt Alles in Ord⸗ nung?“ „Alles, Ew. Majeſtät.“ „Sehen Sie, Puke...“ und ſie legte ihre Hand auf die Bruſt,„es klopft ſo unruhig hier. Ich finde keine Ruhe, bevor die morgige Sonne auf⸗ Pegangen iſt; es muß uns doch glücken; was ſagen ie?“ „Mit Gottes Hilfe.“ „Der Plan iſt doch gut?“ „Wenn Alle ihre Schuldigkeit thun, Ew. Majeſtät, ſo iſt er es.“ 3 „Ihre Antwort klingt wie ein Zweifel.“ „Ich zweifle an Niemand, nicht einmal an mir ſelbſt; aber der Faden der Ereigniſſe liegt nicht aus⸗ ſchließlich in der Menſchen Hand.“ 76 „So laſſen Sie uns hoffen und beten.“ „Ew. Majeſtät Unruhe veranlaßt mich zu einem Wunſch.“ Puke warf einen haſtigen Blick an der Königin vorbei und auf Alma. „Sie begreifen in meiner Unruhe wohl auch die Unruhe Almas mit ein,“ ſagte die Königin, welche den Seitenblick bemerkt hatte, mit einem leichten Lächeln. Puke verbeugte ſich. „Während wir unſern Auftrag bei Nacht aus⸗ führen,“ fuhr er fort,„könnte möglicherweiſe allerlei Wichtiges vorfallen; ich wage deßhalb zu fragen, ob der Bericht darüber ſogleich an Ew. Majeſtät abge⸗ ſandt werden ſoll.“ „Ganz richtig, Puke, thun Sie das; ich wünſche und verlange es.“ Sie ergriff Pukes und Almas Hände. „Die Liebe iſt immer ein guter Krieger,“ ſagte ſie.„Sie kämpft bis zum letzten Augenblick, aber ich finde, daß ſie auch ein guter Staatsmann iſt, denn Sie ergänzen den Plan mit dem aufmerkſam⸗ ſten und feinſten Blick. Sehen Sie hier, Capitän Puke...“ und ſie hob Almas Hand in die Höhe ..„ſehen Sie hier; das iſt auch eine Belohnung. Damit Ihre Berichte mich ſogleich treffen, werde ich meinem Kammerdiener befehlen, wach zu bleiben.“ Als Puke die beiden Damen verließ, wandte er ſich in der Thüre noch einmal zurück. Ein Blick voll der innigſten Liebe wurde zwiſchen den Verlob⸗ ten gewechſelt. Werde ich ſie wiederſehen? war der Gedanke, n 77 der durch ſeine Seele flog; oder iſt dies das letzte Mal, daß unſere Augen ſich begegnet ſind? Als er die Thüre zumachte, war es ihm, als hätte die Vorſehung eine unüberſteigliche Mauer zwiſchen ihm und ihr errichtet. Ein Seufzer drang aus ſeiner Bruſt; das Seuf⸗ zen iſt des Herzens letzter Troſt, das Echo der Wahr⸗ heit eines großen und mächtigen Gefühls in unſerm Innern. Als er wieder durch das Zimmer kam, wo er bei ſeiner Ankunft Amanda geſehen hatte, fand ſie ſich nicht mehr da vor. Als er in die Flur hinauskam, hörte er in einiger Entfernung zwei Stimmen halblaut mit einander ſprechen. „Wir treffen uns alſo um eilf,“ ſagte die eine. „Um eilf.“ „Und Puke iſt drinnen bei ihr?“ „Jad. Ueberraſcht, ſeinen Namen und die zum Ausbruch des Aufruhrs beſtimmte Stunde nennen zu hören, war Puke ſtehen geblieben. Er glaubte Amandas Stimme zu erkennen; da er jedoch keine Zeit zu ver⸗ lieren hatte, ſo ſchritt er ſogleich weiter. Als er weiter im Corridor kam, ſah er, daß er ſich nicht ge⸗ täuſcht hatte. Amanda, die mit ihrem ſchlauen Blick und feinen Ohr bereits bemerkt hatte, daß Jemand herannahete, zog ſich ſchnell in ein anſtoßen⸗ des Zimmer zurück; aber er erkannte ihr in der Thüre verſchwindendes Kleid. Derjenige, mit dem ſie geſprochen hatte, kam in demſelben Augenblicke haſtig an ihm vorbei. Es war Badin. 78 „Um eilf,“ murmelte Puke vor ſich hin... „ſonderbar... Sollte man bereits Verdacht hegen?“ Dieſe Idee war ein neuer Sporn für ihn. Seine Kräfte verdoppelten ſich, ſein Muth wuchs. Es drängte ihn zur That, er ſehnte ſich nach dem Augen⸗ blick, wo er ſich in das Getümmel des Kampfes werfen dürfte. Er ſchritt raſch von dannen. Bald befand er ſich außerhalb des Schloſſes und nach einer Weile war er wieder in ſeiner Wohnung. Sein Bedienter Jonas kam ihm in der Thüre entgegen. „Haſt Du meine Waffen in Ordnung gebracht?“ „Sie liegen hier.“ „Schläft mein Sohn?“ „Er iſt ſo eben eingeſchlafen.“ „Das iſt gut. Laß mich einen Augenblick allein.“ Als Jonas hinausgegangen war, begab ſich Puke leiſen Schrittes in das Zimmer, worin ſein Sohn lag. Nach der Flucht des Barons Wrangel hatte er den Jungen zu ſich genommen. Mit vereinigter Vater⸗ und Mutterzärtlichkeit liebte und pflegte er ihn. Alle Vorwürfe, die ſein Gewiſſen ihm manch⸗ mal wegen ſeiner Verſäumniſſe gegen die Mutter machte, ſuchte er jetzt durch die wärmſte Liebe gegen den Sohn zum Schweigen zu bringen. Er blieb an dem Bettchen ſtehen, neigte ſich über den Schlafenden hinab, lauſchte ſeinen Athemzügen, ergriff ſeine Hand und drückte einen ſanften Kuß auf dieſelbe. Eine unwiderſtehliche tiefe Bewegung bemächtigte 79 ſich ſeiner. Wie ſchmerzlich fühlte er jetzt, daß er die einzige Perſon in der Welt war, welche dem zarten Weſen Pflege und Schutz geben konnte! Im Traum ſtreckte der Junge ſeine Aermchen gegen ihn aus. Wie von einem Zauberſchlag getroffen, fiel Puke auf ſeine Kniee. „Papa,“ flüſterte das träumende Kind. Puke fühlte, daß er Vater war; er faltete ſeine Hände und hob ſie betend gen Himmel. „Ich fürchte den Kampf nicht,“ murmelte er; „aber dies überſteigt meine Kräfte.“ Er ſprang plötzlich auf; aber ſein Blick ruhte noch unabgewandt auf dem Sohn. „Er wird für mich beten,“ ſagte er,„und Gott erhört die Gebete der Unſchuldigen.“ Und er beugte ſich wieder nieder und mit ſanf⸗ ter Hand legte er die Händchen des Knaben wie zum Gebet zuſammen. „So,“ flüſterte er, und drückte einen Kuß auf ſeine Stirne.„Gottes Segen und Friede ſei mit Dir!“ Dann verließ er das Zimmer ebenſo ſtill und ſachte, wie er es betreten hatte. Als er ins äußere Zimmer kam, vermochte er ſeine Faſſung nicht ſogleich wieder zu erringen. Die Arme über die Bruſt gekreuzt, ſchritt er langſam auf und ab. Sein Kopf war geneigt, ſeine Blicke auf den Boden geſenkt. „Jonas!“ rief er endlich,„Jonas!“ Der Bediente trat herein. „Du weißt, daß ich ein unbedingtes, ein voll⸗ kommenes Vertrauen in Dich ſetze.“ „Ich weiß es, Capitän.“ „Du biſt mir nie untreu geweſen!“ „Niemals, Herr.“ „Ich will Dir deßhalb auch einen neuen Be⸗ weis meiner Anhänglichkeit geben.“ Jonas ſchlug ſeine Augen auf, und betrachtete ſeinen Herrn mit der frommen Dankbarkeit und Freude, die ein ſo ſicheres Zeugniß eines guten und reinen Gewiſſens iſt. „Du weißt, wie innig ich meinen Sohn liebe.“ Jonas blieb ſtill. Die Vaterliebe war für ihn ein ſo natürliches Gefühl, daß man kein Wort darüber zu verlieren brauchte. „Du weißt, daß ich keine Verwandte und kaum einige Freunde habe, daß alſo mein Sohn keinen Schutz in der Welt beſitzt, außer mir. 41 Jonas nickte bejahend. „Nun iſt es möglich, daß ich jeden Augenblick ſterben kann; denn Niemand hat ſein Leben in der Hand.“ Jonas ſchielte auf die Piſtolen. Er dachte ſich, es gebe vielleicht wieder ein Duell. „Wenn dieſer Fall eintritt, ſo ſteht mein Sohn ganz allein in der Welt. Verſprich mir, daß Du ihn unter keinen Umſtänden verlaſſen willſt. Ich werde mich zu dem Grafen Hard begeben: vielleicht nimmt er den Jungen zu ſich, wenn es Noth thut. Ich ſehe, daß Du meinen Wunſch erfüllen willſt, alſo kein Wort mehr davon. Den Mantel her, Jonas! 81 So! Jetzt die Piſtolen und den Säbel! Du wirſt bald von mir zu hören bekommen.“ Er eilte hinaus. „Welche glückliche Fügung hat Ihre Schritte hieher gelenkt?“ rief Graf Hard dem eintretenden Puke entgegen.„Jetzt iſt der Teufel ſelbſt los.“ „Was gibt es denn?“ Brahe war einen Augenblick zuvor bei Hard ein⸗ getroffen. Beide ſahen bleich und ängſtlich aus. „Nichts mehr und nichts weniger,“ antwortete Brahe,„als daß das Unternehmen wenigſtens bis auf morgen Nacht verſchoben werden muß.“ „Verſchoben? Die Zeit iſt ja bereits feſtgeſetzt, die Befehle ſind ertheilt. Sind die Ereigniſſe ein⸗ mal im Gang, ſo iſt es unklug, wo nicht unmöglich, ſie hemmen zu wollen. Und warum ſollte man ſie aufſchieben? Ich habe einigen Grund anzunehmen, daß bei den Freunden der Regierung ſich bereits ein Argwohn regt. Die mindeſte Unvorſichtigkeit von Seiten eines Volkshaufens, den man gleichwohl nicht ganz in ſeiner Hand beſitzt, und Alles kann entdeckt werden. Noch andere Perſonen als Sie und ich ſind hiebei mit ihrem Leben und ihrer Chre betheiligt, und deßhalb bitte ich, mir den Grund eines Aufſchubs mitzutheilen.“ Hard runzelte die Brauen, Brahe lächelte vor⸗ nehm. „Der Grund iſt ganz einfach der,“ antwortete Hard,„daß das Holzſchiff, welches die von Ihnen verfertigten Patronen aus Rydboholm bringen ſollte, noch nicht angekommen iſt.“ Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. v. 6 82 Puke verſtummte. Es trat eine Pauſe ein. Das Ausbleiben der Patronen war ein harter Schlag. Puke hatte ſich dieſen mißlichen Umſtand gar nicht gedacht. Ehe man noch einen Beſchluß faſſen konnte, klopfte es heftig an die Thüre. „Was bedeutet das? Still!“ Das Klopfen erneuerte ſich. „Ziehen Sie ſich zurück, meine Herren,“ bat Hard.„Treten Sie in das Zimmer hier. Ich will meinen neuen Gaſt allein empfangen.“ Brahe und Puke kamen ſeinem Wunſche nach und Hard öffnete die Thüre. Der Eintretende war Capitän Stalſvärd. „Was gibt es,“ fragte Hard,„daß Sie...“ „Verzeihen Sie mir, Herr Graf,“ antwortete Stalſvärd;„aber ich ſuchte den Grafen Brahe in ſeinem Haus, und man ſagte mir, er habe ſich hie⸗ her begeben. Ich komme, um Ihnen zu melden, daß Ernſt... Sie kennen ja ſeine unglückliche Ge⸗ wohnheit... gänzlich beſoffen iſt.“ „Beſoffen, und jetzt!“ Brahe und Puke kamen wieder heraus. „Welches Prachtexemplar von einem Verſchwörer!“ bemerkte der Erſtere die Achſeln zuckend. „Was ſagen Sie, meine Herren?“ fragte Hard; „iſt es nicht das Beſte, den Ausbruch bis auf mor⸗ gen Nacht zu verſchieben?“ „Ernſt läßt ſich gar nicht bändigen,“ fiel Stalſvärd ein.„Er verlangt, es müſſe ſogleich los⸗ gehen.“ 3 „So laſſen wirs dabei,“ meinte Brahe.„Der Sufall kann es ja auch veranſtalten, daß ihm die n 1 83 Sache gelingt. Sicherlich werden ſich Viele an ihn anſchließen.“ „Halten Sie ein, Herr Graf,“ bemerkte Puke; „die Sache iſt gar zu wichtig, als daß man ſie dem Zufall überlaſſen könnte. Wie die Verhältniſſe jetzt liegen, ſcheint es am rathſamſten zu ſein, daß man das Unternehmen aufſchiebt. Wenn die Herren da⸗ mit einverſtanden ſind, begebe ich mich ſogleich ins Café.“. Da Hard und Brahe beiſtimmten, ſo eilte Puke nebſt Stalſvärd augenblicklich dahin. Im Café Bergman ging es inzwiſchen ſcharf her. Die Verſammlung war zahlreich. Man ſah da Peter Chriſtiernin, einen ehemaligen Rüſtmeiſter bei der Garde, der neuerdings zum Gemeinen degra⸗ dirt worden; die Gebrüder Mozelius, Lars und Ga⸗ briel, wovon der eine bei der Artillerie, der andere beim Regiment Kronprinz als Sergent ſtand; Guſtav de la Chapelle, Zugführer bei der Garde, und Eſcho⸗ lin, der ebenfalls Unteroffizier war. Hinter dieſen, ſozuſagen in ihrem Schatten, ſtand ein kleiner Tam⸗ bour. Alle zeigten ſich vom lärmendſten Enthuſias⸗ mus beſeelt. Wer aber am ärgſten ſchrie, das war der Läufer Ernſt. „Füllet eure Gläſer!“ rief er.„Ich befehle hier im Namen unſeres allergnädigſten Königs und unſerer allergnädigſten Königin... ich... be... befehle. Eine Revolution, meine Herren, eine Re⸗ volution iſt, wie ich geſagt habe, eine Kleinigkeit, eine wahre Bagatell. Wenn man die Truppen und das Volk auf ſeiner Seite hat, ſo geht es wie ein Tanz.“ „Du vergiſſeſt den König.“ „Und die Königin.“ „Und die hohen Herren.“ „Still, ihr Burſche! Ich kann für euch alle trinken und auch ſprechen, und wenn es gilt, ſterbe ich auch für Euch, wie ein Hund. Aber was ſagtet ihr da vom König und von der Königin und von den hohen Herrn? Was haben wir mit den Herrn zu ſchaffen? Der König und das Volk, ſonſt kenne ich Niemand. Es leben der König und das Volk!“ „Es leben der König und das Volk!“ „Füllet eure Gläſer von Neuem! Ein leeres Glas iſt Verrath an Treue und Ehre. Iſt Jemand hier ein Verräther, ſo werfe ich ihn flugs zur Thüre hinaus. Wenn ihr wollt, ſo bietet ſich jetzt uns eine Gelegenheit, um ſelbſt Herren zu werden. Die Königin hat mir geſagt, das Volk ſei der eigentliche Herr des Landes, und hat ſie etwa Unrecht? Be⸗ greifet ihr, daß ich meinen Verſtand auf dem rechten Fleck habe? Die Sache iſt die, daß das Volk noch niemals einen rechten Kerl an ſeiner Spitze gehabt hat; jetzt aber hat es einen ſolchen an mir bekom⸗ men. Wenn wir einmal Herren der Hauptſtadt ſind, den Artilleriehof eingenommen und die Schleu⸗ ſen aufgezogen haben, ſo können wir alles thun was wir nur wollen. Aber was wollen wir? Wenn wir einmal die Macht in Händen haben, ſo denke ich, wir müſſen ſie auch feſthalten. Ich glaube, Kerl, Du willſt Händel mit mir anfangen? Die Commiſſion, ſage ich, und all das Lumpenpack, was ☛ 8 ᷣ&☛ ⸗ 8⁵ dazu gehört, wollen wir vor eine neue Commiſſion ſtellen. Da ſollen Sie nach meiner Pfeife tanzen. Aber ihr ſeid Dummköpfe und begreifet mich nicht. Die Gläſer geleert! Seht ihr— aber warum ſtoßeſt Du mich, Du Flegel, ſo daß ich mich kaum auf den Beinen halten kann?— ſeht ihr... wenn wir einmal die Herren von der Commiſſion und alle Reichsräthe an einen Ort geſperrt haben, wo ſie weder Sonne noch Mond ſehen, ſo werde ich das ganze Ritterhaus unterminiren und den Reſt der Herrlichkeit in die Luft ſprengen. Ich werde ſelbſt die Lunte halten und darauf ſehen, daß Alles recht beſorgt wird. Das ſoll ein Schuß werden, der im ganzen Land und Reich erſchallen ſoll, ein Signalſchuß für die Volksfreiheit, ein wahrer Reichs⸗ ſchuß. Und wenn einmal keine Herren mehr da ſind, wer ſind wohl dann die Herren? Niemand anders als wir und beſonders ich!, Begreift ihr das, ihr dummen Tröpfe? Dann ſolls aus einem andern Ton gehen. Wie viel Uhr iſts? Wo iſt der Tambour? Komm her, Kerl! Jetzt iſt die Zeit da. Rühre Deine Schlägel und pauke tüchtig auf Deine Trommel. Es muß luſtig werden. Noch ein Glas! Jetzt mag das Spiel beginnen.“ Der Tambour brauchte nicht zweimal gerufen zu werden; er drängte ſich raſch vor und ſchien Nichts ſehnlicher zu wünſchen, als das Spiel mitmachen zu dürfen. „Hebet ihn auf den Tiſch,“ rief Ernſt,„damit wir das Bürſchchen ſehen können. Er iſt bleich wie ein eingeweichter Fiſch. Brecht ihm das Maul auf 86 und ſchüttet ihm ein Glas ein, damit er zu Muth und Kraft befeuert wird.“ „Auf den Tiſch mit ihm!“ erſcholl es von rechts und links,„auf den Tiſch mit ihm!“ Claſtiſch wie eine Feder, ſprang der Junge mit ſeiner Trommel ſelbſt hinauf, ergriff ein Glas und leerte es auf Einen Zug. „Bravo, Männchen! Braviſſimo! Im Namen des Königs und der Königin ernenne ich Dich zum Generalfeldtrommler. Heraus mit den Schlägeln! Einen Wirbel zu Ehren Deiner Ernennung, einen Wirbel, wovon Himmel und Erde berſten ſollen!“ Der Trommler erhob die Schlägel und wollte eben drauf klopfen. In dieſem Augenblick legte ſich eine feſte Hand auf Ernſts Schulter. „Was iſt das für ein Unfug?“ fragte eine kalte, ſtrenge und befehlende Stimme. Es war Puke, der mit Stalſvärd juſt noch zur rechten Zeit eintraf.. „Wahnſinniger!“ fuhr Puke fort,„hat Dich Dein Rauſch ſo verblendet, daß Du die Gefährlichkeit eines ſolchen Unfugs, wie Du jetzt veranſtalten willſt, gar nicht einſiehſt? Ruhig, Tambour, wenn Du Deine Schlägel rührſt, ſo jage ich Dir eine Kugel durch Deinen Schädel.“ Pukes gebietende Erſcheinung und ſeine ſtrengen Worte flößten wenigſtens für den Augenblick einen gewiſſen Reſpect ein. Die Mehrzahl zog ſich inſtinct⸗ mäßig zurück. Nur Ernſt war nicht in der Laune, irgend eine Macht über ſich anzuerkennen. „Verrath!“ rief er,„Verrath an König und Va⸗ 87 terland! Gib das Signal, Tambour! Schlag einen Wirbel, daß es durch Stadt und Land erdröhnt!“ Der Tambour ſchien nicht recht zu wiſſen, wem er gehorchen ſollte. Er hielt noch immer ſeine Schlä⸗ gel in die Höhe und war zu Allem bereit. Puke, der die Lage begriff, riß dem Jungen einen der Schlägel aus der Hand und ſtieß ihn in die Trommelhaut, ſo daß ſie zerſprang. Selbſt Ernſt wich jetzt einen Schritt zurück. „Ich befehle Euch,“ ſprach Puke,„daß Ihr jetzt in Ruhe und Frieden auseinandergehet. Aus Grün⸗ den, die hier nicht erörtert zu werden brauchen, wird das beabſichtigte Unternehmen auf morgen Nacht ver⸗ ſchoben. Ich verlaſſe mich auf Euch, meine Herren! Wir ſpielen alleſammt ein gleich hohes Spiel. So Gott will, treffen wir uns morgen Nacht um dieſe Zeit wieder hier. Sorget, daß Ernſt ruhig und ſtill nach Hauſe kommt. Gute Nacht, meine Herren!“ Pukes Entſchloſſenheit und Ernſt mußten Eindruck machen. Schweigend ſtarrten die Verſchwornen einen Augenblick ihm nach. Aber Ernſt hatte einen Samen ausgeworfen, der noch tiefer keimte. „Verrath!“ hatte er gerufen,„Verrath „So ſind die Herren!“ behauptete er auch jetzt, nachdem Puke ſich entfernt hatte;„ſobald ſie merken, daß die Macht ihnen aus den Händen gleitet, ſo fallen ſie treulos ab. Aber bedürfen wir denn ih⸗ rer Hilfe? Kommt denn nicht Alles hauptſächlich auf uns an?“ Um den Leſer nicht länger mit den Proben Ernſt⸗ ſcher Beredtſamkeit zu ermüden, ſcheiden wir jetzt aus 1“ 88 dem Café Ber gman und laſſen den Trunkenbold wei⸗ ter ſchwatzen. Nach der unvermutheten Wendung, welche die Sache genommen hatte, beſchloß Puke, ſogleich die Königin in Kenntniß zu ſetzen. Arm in Arm mit Stalſvärd ging er alſo nach dem Schloſſe zurück. Sie waren bereits an der Luchshoftreppe ange⸗ langt, ohne daß ihnen etwas Ungewöhnliches auf⸗ ſtieß, als ſie auf einmal zwei Schatten vom Innern des Schloſſes her auf ſich zuſchleichen ſahen. Stalſvärd und Puke blieben ſchnell ſtehen und zogen ſich dann unter einen Mauervorſprung zurück. Im nächſten Augenblick gingen die Unbekannten vorüber. Der eine von ihnen, eine kleine und ſchlanke Ge⸗ ſtalt, ſchritt flink und munter voran. Er war in einen weiten Mantel gehüllt und hatte einen breit⸗ randigen Hut auf, der ſeine Geſichtszüge gänzlich verdeckte. Der andere war ein Knabe. „Wenn wir nur nicht zu ſpät kommen!“ ſagte der Größere juſt in dem Augenblick, wo ſie an Puke vorbeieilten;„Du haſt mich warten laſſen.“ 3„Es iſt noch nicht elf Uhr,“ antwortete der An⸗ ere. i⸗ 89 „Ich habe einen Verdacht,“ flüſterte er Stalſvärd zu,„man möchte uns auf der Spur ſein. Geh ins Schloß hinauf. Du triffſt den Kammerdiener der Kö⸗ nigin in der Wachſtube. Sage ihr, daß und warum wir den Aufſchub beſchloſſen haben. Ich will dieſen zwei Leuten da nacheilen und ſehen, was ſie im Schild führen.“ Die zwei Unbekannten hatten ſich indeß bereits unſichtbar gemacht, und obſchon Puke ſich ihre Rich⸗ tung gemerkt hatte, ſo ſuchte er ſie doch jetzt ver⸗ gebens. Da er vermuthete, ſie möchten in die nächſte Gaſſe eingebogen haben, ſo that er daſſelbe. Die Gaſſen waren jedoch ſo zahlreich und lagen ſo dicht neben einander, daß die unbekannten Verdächtigen ganz leicht in einer andern verſchwinden konnten, als diejenige war, in die er ſich ſelbſt begab. Als er auf eine neue Straße hinauskam, forſchte er vergebens nach irgend einem lebendigen Weſen. Es war hier beinahe noch dunkler, und er hörte kei⸗ nen Laut, keinen Tritt; rings um ihn her war Alles öde und leer. Er dachte, er habe ſich in der Straße geirrt; aber ſie hätten jedenfalls, auch wenn ſie durch eine andere Gaſſe gegangen wären, auf dieſelbe Quer⸗ ſtraße kommen müſſen, obſchon in einiger Entfernung von ihm. Aber wohin ſollte er ſich wenden, nach rechts oder nach links? Da hörte er in einer Richtung Etwas: es war der matte Ton zweier Perſonen, die in einiger Ent⸗ fernung mit einander ſprachen, und er eilte nach die⸗ ſer Richtung. Aber während er hineilte, entfernten ſich die Stimmen. So ging es eine Weile fort, 90 Straße auf und Straße ab. Endlich mäßigten die Gegenſtände ſeiner Verfolgung ihre Eile, ſie blieben ſogar ſtehen, und er beſchloß an ihnen vorbeizuge⸗ hen, um ſich zu überzeugen, ob ſie diejenigen wären, die er ſuchte. „Wer ſind Sie?“ ziſchte ihm eine heiſere Stimme entgegen,„und warum verfolgen Sie uns ſo, daß wir uns beinahe die Seelen aus dem Leib laufen mußten?“. Puke bemerkte ſeinen Mißgriff. Es waren zwei alte Weiber, die er durch ſeine Parforcejagd halb zu Tod geängſtigt hatte. In dieſem Augenblick ſchlug es elf. Nicht ohne tiefen Gram hörte Puke, wie die dum⸗ pfen Schläge der Thurmuhr die Stunde verkündeten, welche urſprünglich für die Erhebung feſtgeſetzt wor⸗ den, die man jetzt aus unhaltbaren Gründen ver⸗ ſchoben hatte. Wie viel konnte nicht in den vierund⸗ zwanzig Stunden geſchehen, die man jetzt warten mußte? Amanda durfte nur die leiſeſte Ahnung und Idee von dem Plan haben, und er kannte ſie zu gut, um nicht zu wiſſen, daß ſie ſich keinen Augenblick Ruhe gönnen würde, bevor ſie Alles aufgedeckt hätte. Fürchterlicher als je ſtand das drohende, finſtere und leidenſchaftliche Mädchen jetzt vor ihm, verſchloſſen, tückiſch und unerſchütterlich, wie eine Rachegöttin. Das Blut ſtieg ihm in die Schläfe, ſeine Pulſe poch⸗ ten. Düſtere Gedanken flogen durch ſeine Seele. Er fragte wenig nach ſich ſelbſt; er dachte an das, was er möglicherweiſe hätte ausrichten können, an die Königin, an Alma; ein Gedanke an den Grafen 91 Hard, dieſen bewährten Ehrenmann, vollendete ſein Märtyrerthum. Die Glocke that den letzten Schlag von elf. Seine Gedanken waren blitzſchnell weit umher geflogen. Auf einmal kam ihm eine Idee. „Ich muß ins Café Bergman und ſie dort ſuchen!“ Der Zufall hatte ihn inzwiſchen nicht weit von dieſem Café hinweg, ſondern vielmehr in ſeine Nähe geführt. So ſehr es ihn ärgerte, daß es ihm nicht ſogleich eingefallen war, dorthin zu gehen, ſo tröſtete er ſich doch wieder mit dem Gedanken, daß Ernſt und ſeine Freunde dieſes Haus bereits verlaſſen haben muß⸗ ten, ſo daß Amanda dort keine Aufſchlüſſe erhalten könnte. Nach einer Weile war er ganz nahe bei dem Haus. Um nicht zur Unzeit entdeckt oder geſehen zu werden, ſchlich er mit der größten Behutſamkeit hinan. In einer Straßenbiegung, von wo eine Gaſſe abwärts führte, hörte er verworrenes Geſchrei von Betrunkenen. Es pochte heftig in ihm, da er ver⸗ muthete, Ernſt oder andere Verſchworene möchten ſich jetzt erſt entfernt haben. Amanda konnte alſo mög⸗ licher Weiſe Etwas von dem beabſichtigten Unterneh⸗ men erfahren haben. Puke blieb ſtehen. Sollte er ſich die Straße hinab begeben? Er beſchloß vorher ins Café zu gehen und nachzuſehen, ob noch Jemand da ſei. In dieſem Augenblick kam in der Finſterniß Jemand auf ihn zugeſtürzt. Er packte ihn beim Kragen. Es war ein Junge. „Wer biſt Du?“ fragte er. 92 Die Straße war ſchmal und finſter. Der Junge bot Alles auf, um loszukommen. „Schlingel, Du biſt ja Badin!“ Der Junge jammerte, geſtand aber. „Wen hatteſt Du bei Dir?“ „Man hat mich angelogen und im Stich gelaſſen, beſter Herr. Man bat mich, hieher mitzugehen, weil es da ſehr luſtig ſein würde, und dann iſt man mir entſprungen.“ „Wer verſprach Dir das?“ Der Junge antwortete nicht.— „Hatteſt Du nicht ein verkleidetes Mädchen bei Dir?“ „Ach nein, Herr, es war einer meiner Spiel⸗ kameraden, ein Knabe, der manchmal zu mir kommt.“ „Du lügſt! Geſtehe, ſonſt ſchüttle ich Dich, bis Du blau wirſt.“ Badin geſtand. „Alſo ſie war es?“ „Sie hat mich zum Beſten gehalten, lieber Herr, ſie hat mich zum Beſten gehalten. Sie iſt fortge⸗ ſprungen und hat mich allein da gelaſſen.“ Puke wollte ſich nicht länger mit dem Jungen aufhalten, ſondern ließ ihn los mit dem Befehl, au⸗ genblicklich heimzugehen. Sobald Badin ſich frei fühlte, entrann er pfeil⸗ ſchnell. Puke begab ſich jetzt ins Café. Die Zimmer waren leer. Der Wirth erzählte, Ernſt und die Uebri⸗ gen ſeien bald nach Puke weggegangen, und ſeitdem ſei Niemand mehr gekommen. Obſchon er überzeugt war, daß Amanda irgend⸗ ge i 93 wie Argwohn geſchöpft habe und verkleidet auf Spio⸗ nage ausgegangen ſei, wobei ſie Badin als Wegwei⸗ ſer gebraucht, ſo beruhigte er ſich doch mit dem Ge⸗ danken, daß ſie dießmal zu ſpät gekommen ſei. Wenn ſie auch auf der Straße zweideutige Reden von eini⸗ gen betrunkenen Perſonen gehört hatte, ſo lag daran nicht ſehr viel. Da er übrigens bloß Badin und nicht auch Amanda getroffen hatte, ſo war anzuneh⸗ men, daß ſie das wirklich gethan hatte, was Badin ſagte, d. h. daß ſie ihm entſprungen war. Als Puke auf ſeinem Rückweg wieder an der Gaſſe vorbeikam, von wo er verworrenes Gerede ge⸗ hört hatte, war Alles leiſe und ſtill. Ohne die mindeſte Unruhe in Betreff des Ge⸗ ſchehenen ging er daher jetzt in ſeine eigene Wohnung zurück. Aus Rückſicht auf Amandas Charakter beſchloß er jedoch, am nächſten Morgen ſo bald als möglich der Königin den ganzen Vorfall anzuvertrauen und ſie zu erſuchen, daß ſie das Mädchen ſtreng überwa⸗ chen laſſe. Als er heimkam, beſuchte er ſeinen Sohn noch einmal. Der Knabe wachte, und Puke drückte ihn an ſein Herz und legte ſegnend die Hand auf ſein Haupt; dann ging er ins Bett und ſchlief, da er ſehr müde war, bald ein. Als er erwachte, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel. An ſeinem Bett traf er einen ſo eben angekom⸗ menen Pagen, der ihm den Befehl brachte, unverzüg⸗ lich ins Schloß zu kommen. ——— 94 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die nächſtfolgenden Tage. Dumpfe Gerüchte hatten ſich in der Hauptſtadt verbreitet. Niemand wußte, was in der Nacht vor⸗ gegangen war; Alle aber glaubten zu wiſſen, daß Etwas geſchehen ſei. Auf den öffentlichen Plätzen ſah man kleine Gruppen ſich bilden: fragende und verwunderte Geſichter, aber keine Antworten. Da und dort eilte der eine und andere bekannte Reichs⸗ tagsherr über den Weg; ſie begegneten ſich, flüſter⸗ ten einige Worte, ſahen aus, als wären ſie mit den erhaltenen Aufſchlüſſen nicht zufrieden, und gingen ſchnell weiter. Man hatte Baron Pechlin in Begleitung mehre⸗ rer Offiziere zu Pferd über die Brücke der Norder⸗ vorſtadt eilen geſehen. Man hatte mehrere Reichs⸗ räthe in ungewöhnlichem Staat nach dem Rathsſaal ziehen geſehen, und zwar zu einer ganz ungewohn⸗ ten Stunde. Im Schloß war die Stimmung ungefähr dieſelbe wie bei der Volksmaſſe in der Stadt ſelbſt. Daß die hohen reichsſtändiſchen Behörden etwas Außerordentliches vorhatten, das konnte man ſchon aus den ganz auffallenden Bewegungen in den Stra⸗ ßen erſehen. Ein ſonderbares Gerücht lief daher auch nach dem andern um. Aber aus all dieſem Wirr⸗ warr ging nichts Klares und Poſitives hervor. Def⸗ halb klopfte auch manches Herz mit ungewöhnli⸗ cher Heftigkeit; beſonders die Königin ſchien ſich in n n einer beunruhigenden Ungewißheit zu befinden. Sie ſtellte ſich bald an dieſes, bald an jenes Fenſter, um die Bewegungen unter dem Volk und den Truppen zu beobachten. Bald ergriff ſie Almas Hand ſo fie⸗ berhaft, daß alles Blut aus den Wangen des armen Mädchens wich, bald hing ſie ſich an den Arm die⸗ ſer Vertrauten, gleich als bedürfte ſie einer Stütze, und ſchritt mit ihr durch das Zimmer. Aber Alma war nicht minder aufgeregt, verſchloß jedoch ihre Unruhe in ihrem Herzen. Sie hatte bloß einen einzigen Gedanken, und dieſer trug denſelben Namen, wie jedes Gefühl in ihrer Bruſt. „Was ſoll das Alles bedeuten?“ fragte die Kö⸗ nigin den Hofmarſchall Horn, welchen ſie beſchickt hatte, ſobald er eintrat.„Erklären Sie mir's, Baron.“ Horn ſtierte die Königin mit ſchweigender Ver⸗ blüfftheit an. „Sie antworten nicht?“ „Ich verſtehe nicht, was Ew. Majeſtät zu mei⸗ nen geruhen.“ „Sie verſtehen nicht?“ „Nein wahrhaftig, Ew. Majeſtät, ich begreife nicht ein einziges Wort.“ Die Königin führte ihn ans Fenſter. „Sehen Sie, Baron? Die Wachen ſind verſtärkt, die Poſten verdoppelt. Cavalleriepatrouillen ſtreifen durch die Straßen. Volkshaufen bewegen ſich hin und her. Und Sie wiſſen von Nichts?“ Horn ſtand da, als wäre er aus den Wolken ge⸗ fallen. „Sehen Sie, da kommt Pechlin wieder zu Pferd; 96 ſehen Sie, wie eilig er's zu haben ſcheint. Können Sie mir ſagen, was los iſt?“ „Nein, Ew. Majeſtät, ich weiß Nichts.“ „Und Sie ſind doch an die Spitze einer entſchei⸗ denden Revolution getreten?“ „Ich, Ew. Majeſtät?“ „Sie ſollte ja heute Nacht ausbrechen?“ „Ew. Majeſtät, wir haben Gegenbefehle gegeben.“ „Ich weiß es; aber das erſte Erforderniß zu einem Revolutionär iſt, daß er weiß, was um ihn her geſchieht, und Sie ſagen, daß Sie nichts wiſſen. Dies iſt wahrhaft exemplariſch. Sehen Sie, da rollt jetzt Ferſens Wagen über den Markt der Nordervor⸗ ſtadt. Iſt Plenarverſammlung heute?“ „Meines Wiſſens nicht.“ „Begreifen Sie inzwiſchen nicht, Baron, daß hier etwas Außerordentliches um den Weg ſein muß?“ In dieſem Augenblick trat Puke ein. „Gut, daß Sie kommen, Puke; Sie können mir gewiß einige Aufklärung über das geben, was in der Stadt vorgeht. Ich habe mit der größten Un⸗ ruhe geſehen, daß etwas Wichtiges geſchehen muß, ohne daß ich von Urſache und Zweck die mindeſte Kenntniß habe. Ihre Mittheilung über den Aufſchub der Erhebung habe ich heute Nacht mit wahrem Schrecken empfangen. Sagen Sie mir, glauben Sie, daß man unſere Pläne hat entdecken können, daß Jemand von unſern Leuten unvorſichtig zu Werke gegangen iſt und das ganze Unternehmen bloßgeſtellt hat? Mein Gott, Sie ſchweigen. Sollte meine Ah⸗ nung begründet ſein? Bitte, ſprechen Sie doch, Sie ſehen, daß ich nicht allein durch dieſe Ungewißheit en 97 gequält werde: an meiner Seite ſteht... ſehen Sie, wie blaß Alma iſt.“ „Ew. Majeſtät,“ antwortete Puke,„ich bedaure, Ihnen keinen vollſtändigen Bericht über das Geſchehene erſtatten zu können; aber ich kann, erſchrecken Sie jedoch nicht, unmöglich die Befürchtung unterdrücken, daß man Urſachen zu Argwohn gefunden haben dürfte. Gleichwohl hoffe ich, daß es dabei ſein Bewenden haben wird, und daß man keine wirklichen Spuren entdeckt hat. Als ich ſo eben über den Markt ging, bemerkte ich allerlei ungewöhnliche Dinge: die Wachen und Poſten waren verſtärkt, unter dem Volk herrſchte große Aufregung. Ich blieb daher ſtehen und traf auch mehrere Bekannte. Sie erzählten mir, einer wie der andere, es müſſe heute Nacht etwas Auf⸗ rühreriſches vorgefallen ſein; aber Niemand wußte ein Detail anzugeben. Daraus ſchloß ich und halte es für wahrſcheinlich, daß das unvorſichtige Gerede und Gelärm, welches Ernſt und ſeine Freunde heute Nacht in ihrer Betrunkenheit im Café Bergman auf⸗ führten, ruchbar geworden ſein könnte. Die Gewit⸗ terwolke, die ſich über unſern Häuptern zuſammen⸗ zuziehen ſcheint, würde ſomit ihre Entſtehung bloß dem thörichten Geplapper eines betrunkenen Haufens verdanken; ſie kann alſo wohl für einen Augenblick den Horizont verdunkeln, muß aber bald vom Wind wieder verweht werden. Zu dieſer Vermuthung, Ew. Majeſtät, habe ich auch noch einen andern Grund.“ Alma hörte mit der größten Spannung auf jedes Wort, aber ſo beruhigend auch der Geliebte ihrer Seele ſeine Darſtellung einrichtete, ſo vermochte ſie doch ihre Ruhe nicht wiederzufinden. Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. V. 7 98 „Noch einen andern Grund?“ wiederholte die Königin;„laſſen Sie hören.“ Puke erzählte hierauf, wie er in der letzten Nacht, als er nach dem Schloſſe gegangen ſei, um der Kö⸗ nigin ſeinen Bericht abzuſtatten, auf der Luchshof⸗ treppe zwei Perſonen bemerkt habe, die ſich fortge⸗ ſchlichen; wie einige Aeußerungen derſelben, als ſie an ihm vorübergingen, ſeinen Argwohn rege gemacht, und wie er deßhalb beſchloſſen habe, ſie zu verfolgen. Am Café Bergman habe er dann.. Hier pauſirte er, weil er Anſtand nahm Badin zu nennen, indem er gar zu wohl einſah, daß der Junge keine eigentlich böſe Abſicht gehabt haben konnte, ſondern ſicherlich ohne alle Kenntniß des wahren Planes mitgegangen war, vielleicht bloß durch Kleinigkeiten verlockt, womit man Kinder in ſeinem Alter zu Allem bringen kann. „Wen haben Sie da getroffen?“ fiel die Königin lebhaft ein. 4 „Verzeihen Sie mir, Ew. Majeſtät, ich wollte ſagen, daß ich— gleichviel auf welche Art— die Wahr⸗ nehmung machte, daß die eine der beiden unbekannten Perſonen, die ſich aus dem Schloſſe ſchlichen, Amanda war, obſchon ich ſie in ihrer Verkleidung nicht ſogleich erkannte.“ Horn befand ſich in der peinlichſten Angſt und konnte ſich trotz der behutſamen Aeußerungen Pukes nicht davon erholen. Er war beinahe ohnmächtig in einen Stuhl geſunken. „Amanda, ja, ja!“ rief die Königin,„von ihr kommt alles Böſe, was über mein Haupt ergeht. Ich habe es ſchon lange geahnt. Nun wohl, Amanda.“ 99 „Vergebens,“ fuhr Puke fort,„habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, was ſie wohl veranlaßt haben mochte, juſt in der für den Ausbruch feſtge⸗ ſetzten Stunde nach dem Café Bergman zu gehen. Vielleicht war ſie doch durch irgend eine unvorſich⸗ tige Aeußerung auf einen Argwohn geleitet worden. Genug, ſie hatte ſich dahin begeben; aber glücklicher Weiſe waren alle dahin beſchiedenen Perſonen bereits auseinander gegangen, ſo daß ſie natürlich auch die Aufſchlüſſe nicht erhalten konnte, die ſie vermuthlich gehofft hatte. Darum glaube ich jetzt, daß die un⸗ erklärlichen Demonſtrationen, welche die Behörden heute machen, ſich bloß auf irgend eine Ungewißheit gründen, auf einen Lärm, der ihnen zu Ohren ge⸗ kommen, ohne daß ſie ſeine Bedeutung verſtehen. Dazu kommt natürlich noch der eigenthümliche Um⸗ ſtand, daß die ganze Luft um ſie her ſchwül iſt, und daß ihr böſes Gewiſſen ſie das Aufſteigen einer Don⸗ nerwolke ahnen läßt, ohne daß ſie ſich ſagen können, wann dieſelbe ſich entleeren oder von welchem Punkte des Himmels her der Blitz über ſie herabfahren werde. Um es kurz zu ſagen, Ew. Majeſtät, ich glaube, daß die bedrohliche Schwüle der öffentlichen Meinung ſie erſchreckt hat, ohne daß ſie etwas Be⸗ ſtimmtes über unſer Vorhaben wiſſen.“ Horn hörte nicht mehr auf den Redner. Es wäre ſchwer zu erklären, was in ſeinem Innern vor⸗ ging. Die Gefahr ſchien bei ihm bereits zu einer fixen Idee zu gedeihen. Das konnte man wenigſtens aus dem kalten und ſtarren Blick ſchließen, den er auf die Eingangsthür heftete, als erwartete er jeden Augenblick ein Geſpenſt hereinſchreiten zu ſehen. 100 „Man rufe Amanda her,“ befahl die Königin; „ſie ſoll über ihre nächtlichen Wanderungen Rede ſtehen, und wir müſſen Licht in der Sache bekommen.“ „Ich bitte um Alles, laſſen Sie das Mädchen nicht rufen,“ bat Puke.„Ew. Majeſtät würden da⸗ durch nur ihren Argwohn beſtärken, der bis jetzt vielleicht noch ganz haltlos iſt. Wir thun am beſten, wenn wir ſie gar nicht merken laſſen, daß wir ihre Schliche kennen. Ich möchte ſtatt deſſen Ew. Maje⸗ ſtät rathen, ſie durch einige zuverläſſige Perſonen genau beobachten zu laſſen.“ Auf einmal richtete ſich Baron Horn auf, und ein Zug von wiederkehrender Kraft und Entſchloſſen⸗ heit zeigte ſich in ſeinem Geſicht. „Hard!“ rief er,„Hard!“ Die allgemeine Aufmerkſamkeit wandte ſich ſogleich dem eintretenden Grafen zu. „Der leibhaftige Teufel iſt los, Ew. Majeſtät,“ brummte Hard. Er war aufgeregt und erbittert. Horn blieb ſtehen, ohne ſich vom Platz zu bewe⸗ gen; ſein ſtarrer Blick hatte ſich jedoch von der Thüre abgewendet und auf Hard geheftet. „Ein Unteroffizier Namens Chriſtiernin,“ fuhr der letztere fort...„wenn mich nicht Alles täuſcht, wurde er mir als einer der Vertrauten Ernſts bezeichnet.“ „Nun, was iſt's mit ihm?“ fragte die Königin. „Er iſt verhaftet, Ew. Majeſtät.“. Alle waren wie vom Blitze gerührt. Die Königin erholte ſich zuerſt. „Kennen Sie die nähern Umſtände?“ fragte ſie. „Ich hörte bloß im Allgemeinen ſagen, er ſolle 10¹1 an einer Verſchwörung Theil genommen haben. Brahe, den ich auf dem Herweg traf, begab ſich ins Ritter⸗ haus, um das Nähere zu erfragen. Er wird bald hier ſein. Man ſagte mir, Chriſtiernin ſei bereits vor die Commiſſion geladen.“ Die Anweſenden ſchauten einander an: Niemand vermochte ſein Entſetzen zu verbergen. Stolz und Furcht kämpften einen harten Kampf in der unbeug⸗ ſamen Seele der Königin. Puke trat näher zu Alma, in deren Augen er Todesangſt las. „Muth, Alma!“ flüſterte er ihr zu.„Chriſtier⸗ nin ſtand in engen Beziehungen zu dem Baron Horn, aber nicht in der geringſten zu mir. Er war heute Nacht unter den Betrunkenen im Café Bergman. Von mir weiß er nichts Anderes, als daß ich den Auflauf verboten habe. Tröſte Dich! Die Gefahr hebt meine Bruſt; ſie darf die Deinige nicht zermal⸗ men. Muth, meine Geliebte, Muth!“ So ſprechend führte er ſie von den Uebrigen hin⸗ weg in eine entfernte Fenſterniſche. Es iſt ſchwer zu entſcheiden, ob er mit wahrer Ueberzeugung und nicht vielmehr gegen ſeine Ueber⸗ zeugung ſo ſprach. Die Königin winkte Hard zu ſich. Horn blieb allein und unbeweglich auf ſeinem Platze. „Unter allen Umſtänden,“ ſagte Puke zu Alma, „können wir ruhig ſein: hier oder... und er deu⸗ be durch das Fenſter zum Himmel hinauf... oder ort! „Dort!“ wiederholte Alma. „Laſſen Sie mich Ihre Anſicht über das Ge⸗ ſchehene vernehmen,“ ſagte die Königin zu Hard. „Ich glaube,“ begann Hard,„daß...“ Aber er kam nicht weiter. „Brahe!“ rief Horn wieder in ſeinem Lehnſtuhl, „Brahe!“ Brahe zeigte ſich in dieſem Augenblick in der Thüre. Horn verſuchte jetzt aufzuſtehen, vermochte es aber nicht, ſondern ſank in ſeinen Stuhl zurück. Als Brahe ſich der Königin näherte, gruppirten ſich die Uebrigen wieder um Beide. Nach dem Aus⸗ ſehen des Grafen zu ſchließen, ſchienen die Actien ganz vortrefflich zu ſtehen. Sein Gang war wie immer ſtolz und vornehm; ein Drittel Ahnenſtolz, ein Drittel Eitelkeit und ein Drittel Natur. Aber außerdem ſpielte um ſeine Lippen ein Lächeln, das im gegebenen Fall von einer Zuverſicht zeugte, die aufrichtig gemeint ſchien. „Was für Nachrichten bringen Sie, Brahe?“ fragte die Königin;„hat es Grund, daß die Com⸗ miſſion bereits zuſammengetreten ſei, und daß Chri⸗ ſtiernin demnächſt ins Verhör kommen ſolle?“ „So iſt es, Ew. Majeſtät. Als ich das Ritter⸗ haus verließ, hatte die Commiſſion ihre Wirkſamkeit ſogar bereits auf drei andere Perſonen ausgedehnt, unter denen ich la Chapelle und Ernſt nennen hörte.“ Als Ernſts Name an Horns Ohren ſchlug, ſprang der Baron mit einer Haſtigkeit auf, wie wenn mang eine Lebensfeder in ſeinem Innern berührt hätte. „Ernſt!“ rief er. Horn beſonders hatte durch Ernſts Vermittlung in das beabſichtigte Unternehmen eingegriffen und 103 mit mehreren ſeines Gelichters in Berührung ge⸗ ſtanden. Brahe hatte bis jetzt nicht einmal bemerkt, daß Horn zugegen war; aber als er den Baron erblickte, verſtummte er plötzlich und erſuchte dann Hard um eine Beſprechung unter vier Augen.— Da dieſes Geſpräch ſich in die Länge zog, ſo er⸗ wachte die ganze Unruhe der Königin von Neuem, und ſie trat zu den beiden Herren. „Geht die Sache, worüber Sie ſprechen, uns ge⸗ meinſchaftlich an, meine Herren?“ „Den Baron Horn, Ew. Majeſtät.“ „Horn? Man hat doch nicht...“ „Doch, Ew. Majeſtät; die Commiſſion hat auch ihn vorgeladen. Die Botſchaft erwartet ihn bereits in ſeiner Wohnung.“ Die Königin war ſchmerzlich überraſcht. „Auch ihn?“ ſagte ſie;„ich werde ihn nicht weg⸗ gehen laſſen; man wird ſich wohl nicht erfrechen, ihn bei mir zu verhaften.“ „Wer weiß, Ew. Majeſtät? Die Reichsſtände ſcheinen mehr als das gewagt zu haben. Es han⸗ delt ſich bloß darum, wie man Horn von der Vor⸗ tndun in Kenntniß ſetzen ſoll, ohne daß er vor Angſt ſtirbt.“ „Glauben Sie, daß eine wirkliche Gefahr ihn bedroht, meine Herren?“ fragte die Königin. Hards Brauen runzelten ſich. Ueber Brahes Geſicht dagegen flog ein Lächeln, das Verachtung und Mitleid ausdrückte. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„ich fürchte Nichts. Meine Ueberzeugung iſt: erſtens, daß die Gerüchte 104 und Briefe, die wir über einen beabſichtigten Auf⸗ ſtand gegen die königliche Familie und den Hof in Umlauf geſetzt haben, jetzt ein Schirm werden müſſen, hinter welchem man uns nicht entdecken kann, und zweitens will ich mein ganzes Vermögen darauf wet⸗ ten, daß man es ebenſo wenig wagen wird, Ew. Majeſtät anzugreifen, als einen von uns.“ „Aber was kann man denn vom Baron Horn wollen?“ „Man will ihn verhören und dann wieder frei⸗ geben. Der Adel wird nicht über ſeine eigenen Mit⸗ glieder den Stab brechen. Er wird begreifen, das er dadurch ſich ſelbſt ruiniren würde.“ „Glauben Sie alſo, daß Horn ſich ſtellen ſolle?“ „Wenn Ew. Majeſtät mir erlauben wollen, meine Anſicht auszuſprechen,“ fuhr Brahe fort,„ſo würde ich's für das Beſte halten, wenn Horn ſich ſogleich zur Commiſſion hinauf verfügte und alle Theilnahme an irgend einem Anſchlag gegen die beſtehende Ord⸗ nung ableugnete; dann könnte man gewiß nicht um⸗ hin, ihn freizuſprechen.“ „Aber Ernſt, Chriſtiernin, de la Chapelle können gegen ihn zeugen.“ „Horn hat doch wohl mit ihnen allen nie anders als unter vier Augen geſprochen?“ „So viel ich weiß.“ „Sie können dies mit Beſtimmtheit annehmen, Ew. Majeſtät. Horn iſt ängſtlich. Die ängſtlichen Leute ſind vorſichtig. Es wird nur ſchwer halten, ihm auf eine geſcheidte Art beizubringen, daß er ganz ſicher ſei und mit Muth und Ruhe vor die Commiſ ſion treten könne.“ 105 „Laſſen Sie uns mit ihm ſprechen,“ fiel Hard ein.„Vielleicht hat Graf Brahe Recht.“ „Sie ſind krank, Baron Horn,“ ſagte Brahe zu ihm.„Sie ſind leichenblaß, Sie ſind ernſtlich unwohl.“ Horn war fortwährend in ſeinem Lehnſtuhl ge⸗ blieben. „Nehmen Sie uns unter dem Arm, wir wollen Sie in Ihre Zimmer hinaufführen.“ „Sie wollen mich wegführen?“ „Ja, Baron.“ „Wohin wollen Sie mich führen?“ „In Ihre eigenen Zimmer.“ „Sie täuſchen mich.“ „Wohin ſollten wir Sie ſonſt führen wollen?“ „Zur Commiſſion. Ich verſtehe Sie gar zu gut. Ich, der ich gar Nichts gethan habe, der ich voll⸗ kommen unſchuldig bin, ich ſoll aufgeopfert werden, um Sie zu retten. Glauben Sie, ich habe nicht ge⸗ ſehen, wie Sie mich betrachteten, und nicht gehört, wie Sie über mich flüſterten? Das iſt ſchrecklich. Mein Gott, mein Gott! Ach, Ew. Majeſtät, retten Sie mich. Sie können, Sie müſſen es thun.“ „Um Gottes Willen, Horn, kommen Sie doch wieder zu Verſtand,“ bat die Königin;„ich muß Sie nicht bloß retten, ſondern ich will es auch.“ Hard und Brahe hatten ihn inzwiſchen unter den Armen genommen, und er folgte ihnen mechaniſch. Als ſie ſich entfernten, trat ein Kammerherr ein. „Kommen Sie mit einer neuen Hiobspoſt?“ fragte die Königin,„was wollen Sie, mein Herr?“ Der Kammerherr meldete, daß Schedvin und Alexander dringend um Audienz bitten. 106 Obſchon aufgeregt und müde, willigte die Königin ein. Sie wußte, daß ſie in ihnen zwei ergebene Leute beſaß. Da ſie dem Volk angehörten, ſo konn⸗ ten ſie ja auch wichtige Nachrichten bringen. Sie trat ihnen alſo gütig entgegen. Puke glaubte, daß es ihm gelungen ſei, Alma neue Hoffnungen einzuflößen. Aber bei jedem un⸗ vorhergeſehenen Ereigniß um ſie her erblaßten ihre Wangen oder ſte fuhr bebend zuſammen. Die Ruhe, welche ſie zeigte, war bloß ein Florſchleier, hinter dem ſſe die qualvolle Bangigkeit ihres Buſens zu verbergen ſuchte. Puke und Alma glaubten, wie die Königin, daß Schedvins und Alexanders Beſuch kei⸗ ner andern Sache gelten könne, als derjenigen, die ſich jetzt ſo unvermuthet in einen Vulkan unter ihren Füßen verwandelte. Schedvin und Alexander wurden von Clara be⸗ gleitet. Die tiefſte Niedergeſchlagenheit lag in den Zügen der drei Ankömmlinge; man hätte ſie für drei reu⸗ müthige Verbrecher halten können. In Claras Augen bemerkte man noch Spuren friſcher Thränen. „Ew. Majeſtät,“ ſtammelte Schedvin, aber er fuhr nicht fort, ſondern warf ſich der Königin zu Füßen.„Gnade, Verzeihung, Ew. Majeſtät!“ bat er.„Ich fühle die ganze Größe meines Verbrechens, aber ich bin dennoch unſchuldig. Klagen Sie mich nicht an, Ew. Majeſtät. Ich wußte nicht, ich konnte nicht wiſſen...“ „Steh auf, Schedvin,“ befahl die Königin;„ich weiß nicht, was Du verbrochen haſt... laß michs hören... ſei ohne Furcht... ſprich ruhig.“ 107 „Ich vermag es nicht, Ew. Majeſtät. Alexander, ſprich für mich, ich bitte Dich.“ Alexander ſtand verlegen da; er ſchien ſeine Worte nicht beſſer ſetzen zu können als Schedvin. „So ſprechen Sie doch, Alexander,“ befahl die Königin.„Was meint Schedvin? Ich verſtehe kein Wort von allem dem.“ „Ach, Ew. Majeſtät,“ ſtammelte Alexander,„Sched⸗ vin hat Alles verrathen.“ „Was? hat er unſere Abſichten, unſere Pläne verrathen?“ Die Königin wurde ſchneeweiß. „Was bedeutet das?“ fuhr ſie fort.„Sollte dieſer Menſch, dem ich ſtets ſo viele Güte erwieſen, uns verrathen haben?“ Und ſie warf einen zermalmenden Blick auf ihn. „Gnade, Ew. Majeſtät!“ bat Clara, indem ſie ebenfalls auf ihre Kniee ſank,„mein Bruder hat ſich eines ſchrecklichen Mißgriffs ſchuldig gemacht. Ach, verzeihen Sie ihm, Ew. Majeſtät.“ „Laßt mich hören, wie es ſich verhält,“ ſagte die Königin.„Ha, der Pfeil kommt von einer Seite, von wo ich ihn am wenigſten erwartete. Erzählet die ganze Geſchichte.“ Schedvin und Clara zogen ſich, als ſie die Auf⸗ regung der Königin ſahen, zurück.. Alexander dagegen trat würdevoll und ruhig einen Schritt vor. . Puke und Alma ſchloſſen ſich näher an die Kö⸗ nigin an. „Ew. Majeſtät..„“ begann Alexander,„ich 108 weiß nicht, wie ich mich ausdrücken ſoll... Sched⸗ vin... Schedvin...“ „So ſprechen Sie doch... kurz und gut... gerade auf die Sache los!“ „Schedvin, Ew. Majeſtät, hat ſich von einer un⸗ glückſeligen Neigung bethören laſſen, er...“ „Aber, mein Gott, was haben wir denn mit ſei⸗ ner Neigung zu ſchaffen? Halten Sie ſich an die Sache, Alexander.“ „Juſt dieſe Neigung, Ew. Majeſtät, iſt am gan⸗ zen Unglück Schuld.“. „Ei, ſo ſprechen Sie doch!“ „Wie geſagt, Ew. Majeſtät, Schedvin hat ſich einer wahnſinnigen Neigung hingegeben, die ihn, wenn er auch zuweilen ihre ganze Narrheit einſah, gleichwohl in ihren Netzen gefangen hielt. Der Ge⸗ genſtand ſteht ſo hoch, daß Schedvins Gefühl ſich lnu durch ſeinen überſpannten Charakter erklären äßt.“ „Wen liebt er denn?“ „Ich habe ihm einen heiligen Eid geſchworen, es nicht zu ſagen.“ Alma empfand eine plötzliche Verlegenheit. Sie erinnerte ſich an Allerlei, was ſie ſich vorher nicht hatte erklären können. Sollte ſie ſelbſt... aber nein... ſie verwarf dieſen Gedanken ebenſo ſchnell, als er gekommen war. „Fahren Sie fort,“ befahl die Königin. „Natürlich,“ erzählte Alexander weiter,„hätte ſeine Neigung früher oder ſpäter verſtändigem Nach⸗ denken weichen müſſen, hätte ihn nicht das Unglück mit Mamſell Amanda zuſammengeführt.“ 109 „Amanda! Wiederum ſie!“ „Aber Mamſell Amanda, die ihm ſein Geheimniß zu entlocken wußte, fand vermuthlich ihre Rechnung dabei, daß ſie ihm weißmachte, er dürfe nicht bloß auf Gegenliebe hoffen, ſondern erfreue ſich einer ſolchen in Wirklichkeit.“ 3 „Gehörte der Gegenſtand ſeiner Neigung meinem Hof an?“ fragte die Königin.„Das will ich wiſſen.“ „Ach, Ew. Majeſtät.“ „Ich will es.“ „Nun denn, ja, Ew. Majeſtät.“ Das Geſicht der Königin verdüſterte ſich vor Unwillen. 4 Alma fühlte ihr Herz klopfen. Sollte ſie wirk⸗ lich ſich nicht getäuſcht haben? Aber wie war es mög⸗ lich, daß Amanda eine ſo falſche Rolle hatte ſpielen können? „Mamſell Amanda brachte ihm ſogar Grüße von ihr.“ „Wie ſchändlich!“ „Einmal brachte ſie ihm ſogar einen Brief.“ „Niederträchtig!“ „Dadurch gewann ſie inzwiſchen eine ſolche Macht über ihn, daß alle ihre Wünſche für ihn Befehle wurden, denen er blindlings gehorchte. In der letz⸗ ten Nacht war Schedvin früh zu Bette gegangen. Müde von einer kaum erſt abgelösten Wache, ſchlief er wie ein Stein. Ungefähr um zwölf Uhr Nachts wurde er durch ein heftiges Pochen an ſeine Fenſter geweckt und hörte, daß man ihn hinausrief. Schlaf⸗ trunken ſpringt er aus dem Bett. Er hatte ge⸗ träumt, er ſei auf der Wacht, er meinte, man rufe: —— 110 Ins Gewehr! Er wirft einen Mantel um und eilt hinaus. Auf der Straße kommt Chriſtiernin ihm entgegen. Schedvin, der noch kaum wußte, wo er war, hört ihn von Treue und Ergebenheit gegen den König, von Aufruhr, von der Nothwendigkeit, ſeine Mannſchaft in Ordnung zu halten, im Fall zum Ausrücken commandirt würde, ſprechen, begreift aber kein Wörtchen. Chriſtiernin ſagte ihm auch, daß Ernſt mit im Complott ſei, aber er ſei betrun⸗ ken u. ſ. w. Als Schedvin endlich allein war, fand er, daß man ihm zwölf Thaler in die Hand gedrückt hatte, was ihn wenigſtens überzeugte, daß er nicht träumte. Gleichwohl hatte er eben im Sinn ſich wieder ſchlafen zu legen, als er ſeinen Namen wie⸗ derum rufen hörte, aber dießmal von einer Stimme, die plötzlich allen Schlaf aus ſeinen Augen jagte. Mam⸗ ſell Amanda trat jetzt zu ihm, aber als Knabe oder, wenn man lieber will, als Mann verkleidet.“ Alexander trug ſeine Erzählung vor, ohne daß man ihn unterbrach. Man hörte ihn aufmerkſam an. „Ach, Ew. Majeſtät,“ unterbrach ihn jedoch Puke, als er ſo weit gekommen war,„Alexanders Darſtel⸗ lung kann nicht bezweifelt werden. Ich ging, wie ich bereits zu erzählen die Ehre hatte, Amanda bis ins Café Bergman nach. Ich begreife jetzt, daß ſie, ſtatt, wie ich vermuthete, von da wieder nach Hauſe zu gehen, hinter Ernſt und Chriſtiernin die Gaſſe hinabgegangen iſt und auf ſolche Art nicht blos ihre Abſichten entdeckt hat, ſondern auch vom Zufall an Schedvins Wohnung geführt worden iſt.“ Ein Zornesblitz funkelte in den Augen der Kö⸗ nigin und verſchwand plötzlich wieder. 111 „Weiter, Alexander,“ ſagte ſie;„was wollte Amanda?“ „Allem nach hatte ſie das Geſpräch zwiſchen Schedvin und Chriſtiernin gehört.“ „Ich habe Sie geſucht,“ redete ſie den Erſteren an.„Haben Sie gehört, daß ein Aufruhr um den Weg iſt?“ „Ein Aufruhr? Ja, ja.“. „Die königliche Familie muß gerettet werden.“ „Wie ſo? Die königliche Familie? Handelt es ſich nicht darum, daß man in ihrem Intereſſe auf⸗ tritt? Ich dachte doch?“ „Sie träumen, Schedvin; haben Sie nicht ge⸗ hört, daß die Mützenpartei etwas gegen die Königin beabſichtigt?“ „Ich meine allerdings etwas Aehnliches gehört zu haben.“ „Begreifen Sie denn nicht, daß man dieſe Ab⸗ ſicht jetzt ausführen will? Sie ſind im Stand, der Sache vorzubeugen.“ 77 1 „Thun Sie bloß Ihre Pflicht und Sie haben den König und die Königin gerettet. Sie lieben ja doch Beide! Eilen Sie zu irgend einem von Ihren Vor⸗ geſetzten und entdecken Sie den Anſchlag. Jeder von ihnen wird die Sache ſogleich zur Hand neh⸗ men. Begreifen Sie nicht, daß jetzt das Glück Ihnen winkt? Nur zögern Sie keinen Augenblick, ſondern tummeln Sie ſich.“ „Schedvin ließ ſich von Amanda beſchwatzen und war wie ein Betrunkener. Er kehrte in ſein Zim⸗ mer zurück, warf ſich in ſeine Kleider und eilte 112 ſchnurſtracks zu ſeinem Compagnielieutenant, dem Grafen Creutz. Als er in die Wohnung des Grafen kam, beſann er ſich noch einmal, weil ihm ein Zwei⸗ fel an der Angabe Amandas aufſtieg. Aber all ſein Bedenken ſchwand vor der Idee, daß Amanda nicht bloß dem Hof angehörte, ſondern auch der Königin ſo nahe ſtand. Er ging alſo hinein. Während er jedoch dem Grafen die Sache erzählte, wurde er von einem wahren Fieber überfallen. Sein Argwohn regte ſich noch einmal, denn er erinnerte ſich, daß Ernſt bei Chriſtiernin war und daß auch Ernſt bei Hof diente; aber es war jetzt zu ſpät. Seine Un⸗ ruhe und Angſt vergrößerte ſich noch, als Creutz ſeine Meinung, daß es ſich um eine Aufhetzung des Volkes gegen die königliche Gewalt gehandelt habe, gänzlich verwarf und ihn deßhalb ſeinen ganzen Vor⸗ trag noch einmal wiederholen ließ. „Es iſt gut, Schedvin,“ ſagte Graf Creutz, als er Alles gehört hatte;„beſtätigt ſich Deine Angabe, ſo kannſt Du auf eine raſche Beförderung rechnen. Ich begebe mich ſogleich zum Grafen Ferſen.“ „Aber um Gottes willen,“ fiel die Königin ein, „hatte man denn Schedvin nicht in unſere Plane eingeweiht?“ „Nein, Ew. Majeſtät. Vermuthlich hat man es deßhalb unterlaſſen, weil man wußte, daß er für Ew. Majeſtät mit Freuden in den Tod gegangen wäre, und daß man alſo jederzeit, ſelbſt im letzten Augenblick, auf ihn rechnen konnte. Ich für meinen Theil habe auch Nichts von Ew. Majeſtät Abſichten gewußt, bis Clara mich geſtern beſuchte. Ich machte mich daher zu Allem bereit, aber ich dachte dabei 113 nicht an Schedvin, weil ich vollkommen überzeugt war, daß ich ihn doch immer unter den Waffen und auf ſeinem Platze finden würde. Heute früh kam er jedoch zu mir. Chriſtiernin war bereits verhaftet. Unter vier Augen begannen wir von dem wahren Plane zu flüſtern. Schedvin war in Verzweiflung. Ich rieth ihm, ſich Ew. Majeſtät zu Füßen zu wer⸗ ſen. Er wagte es nicht. Nachdem er mir inzwi⸗ ſchen Alles anvertraut hatte, beſchloſſen wir dem Capitän Puke unſere Aufwartung zu machen. Wir begaben uns in ſeine Wohnung, aber er war bereits hierher gegangen; deßhalb ſuchten wir Clara, und dieſe rieth uns, um eine Audienz bei Ew. Majeſtät ſelbſt zu bitten.“ Die Königin trat jetzt zu Schedvin. „Verzeihung, Ew. Majeſtät,“ flehte er. Clara ſtand wie ein betender Engel an ſeiner Seite. „Es iſt doch ſchrecklich,“ ſagte die Königin gegen Schedvin gewendet,„daß ein dummes, einfältiges Miß⸗ verſtändniß jetzt vielleicht mehrere meiner ergebenſten Diener aufs Schaffot führen muß. Welch ein grau⸗ ſames Spiel des Schickſals! Glaubſt Du jetzt noch an Amanda?“ „Ich haſſe ſie, Ew. Majeſtät.“ „Und dieſe Neigung?“ „Barmherzigkeit, Ew. Majeſtät!“ Die Königin kehrte ihm den Rücken. Alexander und Schedvin fanden, daß es Zeit war zu gehen; ſie zogen ſich alſo unter tiefen Ver⸗ beugungen bis zur Thüre zurück, aber auf der Schwelle blieb Alexander noch einmal ſtehen. Ridderſtad, Luiſe Ulrifen's Hof V. 8 114 „Mögen Ew. Majeſtät verzeihen!“ ſagte er; „aber als wir den Capitän Puke ſuchten, hatte ein Bote ſoeben dieſen Brief bei ihm zurückgelaſſen. Er ſoll von der größten Wichtigkeit ſein. Der Bediente des Capitäns bat uns, ihn mitzunehmen.“ Puke empfing und erbrach den Brief. Während des Leſens erblaßte er ſichtlich. Aber dieſer Anflug ging raſch vorüber, und im nächſten Augenblick war er wieder ſo ruhig und ernſt wie vorher. Während er den Brief in ſeine Bruſttaſche ſteckte, ſetzte er ſich neben Alma. Die Königin hatte ſich entfernt. Puke und Alma waren allein. Schweigend betrachteten ſie einander; es war eine große, unausſprechlich ſüße Wonne, welche ſie erfüllte. „An was denkſt Du, gute Alma?“ fragte er ſie. „Ich hatte einmal einen Traum, der mir ſeitdem oft vorgeſchwebt hat. Jetzt, da ich Dich betrachte und meine Gedanken dahin und dorthin fliegen, kommt er mir wieder in den Sinn. Weißt Du, daß ein Traum, obſchon er die luftigſte aller unſerer Ein⸗ gebungen iſt, doch auch viel Wahrheit enthalten kann? Ich denke manchmal, unſer ganzes Leben ſei bloß ein Traum, und der Tod ſei nur ein Erwachen aus demſelben. Kann dieſer Gedanke ſündhaft ſein? Was glaubſt Du?“ „Laß mich den Traum hören.“ „Ich träumte, ich ſei ein kleines Kind.“ „Darin hat Dich der Traum nicht getäuſcht. Du biſt noch heute ein kleines Kind.“ 115 „Der Traum war auch ſonſt wahr genug. Du ſollſt hören.“ „Sprich, Alma.“ „Ich meinte, ich ſei ein kleines Kind und ſitze ſpielend am Rand eines Baches. In einer Muſchel hatte ich mir Waſſer aus dem Bach geholt, und am Ufer hatte ich ein Schilfrohr abgebrochen. Mit dem einen Ende des Rohrs in meinem Mund und mit dem andern in der Muſchel rief ich eine Blaſe nach der andern hervor, und einige davon ſtiegen hoch in die Luft, drehten ſich im Winde und glitzerten tau⸗ ſendfarbig in den Strahlen der Sonne. Ganz be⸗ ſonders glänzten und ſchimmerten drei Blaſen. Ich folgte ihnen mit den Augen und erfreute mich herz⸗ lich an ihrem Glanz. Da war es mir als flüſterte der leiſe Wind mir zu: „Schön wie dieſe drehen ſich Glaube, Liebe und Hoffnung für das Menſchenherz. „Sie ſind nicht wie dieſe Blaſen von Staub, ſondern von Licht. „Es wohnt ein Engel in jedem Herzen. Die kleinen, glitzernden Blaſen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung ſind die Welten, die ſich um das⸗ ſelbe herumdrehen. Sie bilden das ſchöne und luf⸗ tige Sonnenſyſtem unſerer Glückſeligkeit. „Aber auf einmal ſah ich ſie platzen, und meines Herzens glückliches Spiel verſchwand. „Und ein großes Leid kam über mich, und ich war kein Kind mehr, ſondern eine Thräne, die unter Blumen in den Bach hinabrollte, und der Bach ging Pun Weg, und ſo verſchwand die Thräne mit dem a. 116 Als Alma ſchloß, legte ſie ihre Hand in Pukes Hand, beugte ſich vorwärts und blickte ihm feſt in die Augen. „Deine Augen, Puke,“ flüſterte ſie,„betrachten mich mit einem ſo wunderbaren Glanz, daß ich mich ſelbſt nicht verſtehe. Wie in jenen Blaſen, habe ich lange, ſehr lange, Puke, Liebe, Glauben und Hoff⸗ nung auch in Deinen Augen geleſen. Wenn ſie fehlen, ſo werde ich von einem großem Leid erfaßt werden und verſchwinden, wie eine Thräne.“ Almas Worte ergriffen Puke tief: ſo rührend ihre Liebe war, ſo ſchmerzlich war auch dieſer Augen⸗ blick für ihn. Der Brief, den er ſo eben empfangen und ge⸗ leſen hatte, rief ihn ſchnell von ihr ab. Noch einmal ſchaute er alſo in ihre Augen, noch einmal beugte er ſich über ſie hin; aber er ließ es dabei nicht bewenden, ſondern drückte auch einen Kuß auf ihre Stirne. Kein Wort kam über ſeine Lippen. „Ich muß Dich verlaſſen,“ ſagte er endlich, in⸗ dem er aufſtand;„dringende Geſchäfte erlauben mir nicht länger da zu bleiben.“ „Mich verlaſſen? Wohin gehſt Du? Du haſt vorhin nichts davon geſagt. Du erſchreckſt mich.“ „Der Brief, den ich ſo eben erhielt, nöthigt mich ſogleich wegzugehen.“ „Ein Brief... ach, laß mich ihn ſehen!“ „Das würde nichts helfen; lebe wohl, Alma! Wenn ich meine Geſchäfte beſorgt habe, werde ich ſogleich wieder zu Dir kommen.“ „Du verſprichſt es mir?“ 117 „So wahr ich lebe.“ Und er entfernte ſich mit eiligen, feſten Tritten. Er wagte nicht einmal ſich umzuſchauen. Alma blieb eine Weile in ſtiller Nachdenklichkeit ſitzen; ſie konnte ſich Pukes haſtigen Weggang nicht erklären. Sie fragte ſich, was er wohl zu thun ha⸗ ben, was der Brief enthalten, von wem er kommen möge? Je mehr Fragen ſie ſtellte, um ſo unruhiger wurde ſie. Verwirrt flogen ihre Blicke bald über den Markt in die Straßen hinaus, bald im Zimmer zwiſchen Decke und Boden umher. Auf einmal erſcholl ein Ruf von ihren Lippen, und ſie ſprang auf. Ihre Aufmerkſamkeit hatte ſich auf ein am Boden liegendes Papier geheftet: es war das Couvert des Briefes, den Puke empfangen; er hatte es wegge⸗ worfen. Das Siegel war noch ganz— Alma be⸗ trachtete es: es war das große Siegel der Com⸗ miſſion. Eine Weile ſpäter kam Clara durch das Zimmer und fand Alma mehr todt als lebendig auf dem Bo⸗ den liegend. Aus dem Schloſſe hinweg eilte Graf Brahe nach Hauſe. Seine Gemahlin empfing ihn voll Bangigkeit; auch zu ihren Ohren waren beunruhigende Gerüchte ge⸗ drungen. „Ach, lieber Mann,“ rief ſie ihm entgegen,„Du haſt gewiß gehört, was vorgefallen iſt; denk Dir, welche Qualen ich ausgeſtanden habe bei dem herz⸗ 118 zerreißenden Gedanken, daß auch Du bei der Sache betheiligt biſt.“ Brahe wandte ſich mit der ganzen Kälte und Zuverſichtlichkeit eines unantaſtbaren Mannes ge⸗ gen ſie. „Haſt Du je gehört, daß ein Brahe gegen ſeinen König conſpirirt habe?“ „Das allerdings nicht; aber hier handelt es ſich ja von einer Conſpiration im Intereſſe des Königs und gegen die Verfaſſung.“ „Dies iſt ganz unglaublich; aber was weiß ich? Da ſieh her und lies ſelbſt.“ Er übergab ihr einen Brief.„Ich habe mehrere ſolche erhalten. Dieſer da iſt mir geſtern Abend zugekommen.“ Die Gräfin las den Brief. Er enthielt eine War⸗ nung von unbekannter Hand, daß ſeine Perſon von Seiten des Pöbels bedroht ſei, weil man ihn für einen treuen Anhänger des Königshauſes halte; das Königshaus ſelbſt ſei beim Volke gründlich verhaßt, und dieſes werde bei der nächſten ſchicklichen Gele⸗ genheit Höchſtdemſelben ſeine feindſelige Geſinnung zu erkennen geben. „Hältſt Du es alſo noch für wahrſcheinlich,“ fragte Brahe in ſeinem zuverſichtlichen Tone,„daß ich bei den beabſichtigten Unruhen betheiligt ſein konnte?“ Voll Dank und Freude über dieſe Aufſchlüſſe ſank die Gräfin an ſeine Bruſt. „Ich hoffe, daß Du jetzt meinetwegen ruhig ſein wirſt,“ fuhr Brahe fort;„aber ich habe Dir doch etwas Unangenehmes mitzutheilen, nämlich daß ich ſchon ſeit mehreren Tagen etwas unwohl bin und 119 deßhalb, ohne das Bett zu hüten, den Arzt kommen laſſen will. Schon gut, ſchon gut, meine Liebe... ich habe jetzt nicht Zeit, Deine ganze Zärtlichkeit nach Verdienſt zu würdigen. Verzeih mir, aber ich habe allerlei zu thun.“ Brahe nahm die auf dem Tiſch ſtehende Glocke und ſein Hausmeiſter Winberg trat ein. „Hör' einmal, lieber Winberg,“ ſagte er zu ihm, „ich ſehe, daß die Holzſchiffe von Rydboholm jetzt angekommen ſind. Habt Ihr die Branntweinfäſſer, von denen ich Euch geſagt, in Empfang genommen?“ „Ja, gnädiger Herr Graf.“ „Wohin habt Ihr ſie gebracht?“ „Der Bereiter Hallen hat ſie auf des Herrn Gra⸗ fen Befehl im Gemüſekeller vergraben.“ „Im Gemüſekeller, ſo ſo... ja, ich glaube dies befohlen zu haben.“ Der Graf ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Winberg blieb ſchweigend an der Thüre ſtehen. „Siehſt Du, lieber Winberg,“ fuhr Brahe nach einer Weile fort,„wenn man wie ich mitten in den politiſchen Wirbel hineingeworfen iſt, ſo kann man ſehr leicht den Argwohn des Publicums auf ſich len⸗ ken. Man hat auch mich mit einem Angriff bedroht, und um ihn gebührend zu empfangen, ließ ich auf Rydboholm ſcharfe Patronen verfertigen, mit denen ich eine ganze Belagerung hätte aushalten können. Die Patronen befinden ſich in dieſen Branntwein⸗ fäſſern. Nachdem ich indeß jetzt erfahren habe, daß die Unruheſtifter feſtgenommen ſind, und daß mir keine Gefahr mehr droht, brauche ich auch an keine Vertheidigung mehr zu denken. Sage deßhalb zu 120 Hallen, er ſolle die Fäſſer nehmen und ins Méer werfen.“ Brahe war inzwiſchen fortwährend auf und ab geſchritten, und da er jetzt verſtummte, wollte der Hausmeiſter ſich entfernen, um den Befehl zu voll⸗ ziehen.— „Wart' ein wenig,“ bemerkte jedoch Brahe,„ich habe auch für Dich einen Auftrag, mein Lieber.“ Er ging ſodann in ein inneres Zimmer, wo er ziemlich lange verweilte. Der Hausmeiſter hörte ihn bald langſam und bedächtlich auf und ab ſchrei⸗ ten, bald an ſeinen Schreibtiſch ſich ſetzen. So verging eine Viertelſtunde und wohl noch mehr, bis Brahe endlich mit einem verſiegelten Schrei⸗ ben herauskam. „Dieſen Brief trag' ſogleich zum Grafen Ferſen und ſag', daß Du Auftrag habeſt, ihn nur in ſeine eigenen Hände zu übergeben. Jetzt kannſt Du gehen.“ Der Hausmeiſter verbeugte ſich und ging. Die Gräfin hatte mittlerweile in einer Fenſter⸗ niſche geſeſſen. Brahes Aeußerungen gegen den Haus⸗ meiſter überzeugten ſie noch mehr von der Wahr⸗ heit deſſen, was er ihr ſelbſt geſagt hatte. Aber ſie konnte nicht begreifen, warum er an Ferſen ſchrieb, den ſie doch als ſeinen politiſchen Widerſacher kannte. „Du haſt an Ferſen geſchrieben,“ ſagte ſie zu ihm,„darf ich Dich um die Urſache fragen?“ „Warum denn nicht, liebe Frau? Ich wollte ſie Dir eben von ſelbſt anvertrauen. Nach der Wen⸗ dung, welche die Ereigniſſe jetzt genommen haben, —— 121 glaubte ich den Grafen Ferſen von dem Anſchlag ge⸗ gen mich unterrichten zu müſſen. Ich habe einen der erhaltenen Briefe beigeſchloſſen.“ Brahe blieb zu Hauſe. Der Arzt verordnete ihm etwas Unbedeutendes. Freunde und Bekannte wur⸗ den nicht empfangen, die Gräfin war ſeine einzige Geſellſchaft. Sie hatte ſchon lange kein ſo ſtilles und friedliches Leben mehr genoſſen, und ſie fühlte ſich glücklicher als je. Der Pudel, der liebe, weiße Pudel, lag auf ſei⸗ nem Kiſſen an der Thüre. Wenn Brahe im Zimmer auf und ab ſchritt, folgten ihm vier Augen: die der Gräfin und die des Pudels. Eine Tradition aus dieſer Zeit erzählt, der Pu⸗ del habe beinahe zu ahnen geſchienen, was um ihn her vorging: in ſolche Unruhe ſei auch er verſetzt worden. So verging der erſte Tag, ſo auch der zweite. Am dritten kam ein Abgeſandter der Commiſſion und erſuchte den Grafen ſich einzufinden, um ſich über gewiſſe Aeußerungen zu erklären; er antwortete, daß er wegen Unpäßlichkeit nicht perſönlich erſcheinen könne, ſchickte aber ein Schreiben mit denſelben An⸗ gaben, die er ſchon dem Grafen Ferſen zugeſandt hatte, und dem Bemerken, daß er ihm auch ſogleich die Sache angezeigt habe. Am vierten Tag las man in der Reichstagszeitung einen ziemlich vollſtän⸗ digen Bericht über den beabſichtigten Aufruhr, und zugleich wurden die bereits verhafteten Perſonen mit Namen aufgeführt. Es waren: Chriſtiernin, Ernſt, 122 de la Chapelle, Eſcholin, Gabriel Moſelius, die Ca⸗ pitäne Stalſvärd und Puke, ſowie Baron Horn. An demſelben Tag verbreitete ſich das Gerücht, Puke ſei in den zwei vorhergehenden Nächten der Tortur unterworfen worden, ohne jedoch zu ge⸗ ſtehen. Am Abend erhielt Brahe von dem Grafen Hard eine Zuſchrift, die weiter Nichts enthielt, als die zwei Worte: „Ich fliehe.“ Es war noch ein Zettelchen eingelegt. „Ich komme aus der Hölle,“ hieß es.„Man hat mehrere Fragen in Bezug auf Sie geſtellt, und ganz beſonders in Betreff der Patronen, welche man im Hauſe des Grafen Brahe vermuthet. Die Tortur hat mir das Geſtändniß abgenöthigt, daß ich um die Patronen des Grafen Brahe wiſſe. Nur in Bezug auf Sie habe ich geantwortet, der Teufel ſelbſt könne mich zu keiner Lüge bringen.“ Unter dieſen Zeilen ſtand der Name Puke. Brahes Muth wankte. Einen Augenblick ſchwebte ihm der Gedanke vor, gleichfalls die Flucht zu er⸗ greifen; aber bald tröſtete er ſich mit der ſtolzen Idee, daß er der erſte Graf des Reiches ſei, und daß man, ſelbſt im Falle der Entdeckung, es nicht wagen würde, ihn wie einen andern gewöhnlichen Verbrecher zu behandeln. Sein Muth ſchwand indeß bedeutend, und er wurde wirklich krank. Die Unruhe der Gräfin er⸗ neuerte ſich: ſie ſah nur zu wohl, daß irgend etwas ſehr Furchtbares um ſie her vorging; aber da Brahe kein Wort ſprach, ſo ſchwieg ſie ebenfalls. 123 Auch der Pudel ruhte, gleich als hätte ihm ſein Inſtinct geſagt, daß ſein Herr von irgend einer gro⸗ ßen Gefahr bedroht ſei, beinahe keinen Augenblick mehr. Man erzählt, der Hund ſei von dem Augenblick an, wo Hards Brief zur Flucht gerathen, raſtlos zwiſchen Brahe und der Thüre hin und her geſprun⸗ gen und habe an dieſer gekratzt, gleich als wollte er ebenfalls zur Flucht mahnen. Aber Brahe floh nicht. Am fünften Tag kam ein neuer Bote von der Commiſſion mit der Aufforderung, der Graf möge ſich perſönlich einfinden. Brahe erklärte auch jetzt, Hes ſei ihm ſeiner Geſundheitsumſtände wegen unmög⸗ lich. Aber der Bote kam bald mit der Meldung zu⸗ rück, der Graf müſſe unbedingt— geſund oder krank — erſcheinen, und für den letzteren Fall bringe man auf ſeine Rechnung eine Portechaiſe mit. Brahe ließ ſeinen Wagen anſpannen und fuhr bei der Commiſ⸗ ſion vor. Von der Commiſſion hinweg wurde er 3 Staatsgefangener ins Staatsgefängniß abge⸗ ührt. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Vor der Commiſſion. Die Thätigkeit der Commiſſion hatte unaufhör⸗ lich zugenommen. Die vereinigten Anſtrengungen des Hofes und der Mützenpartei waren daran geſchei⸗ tert. Unmittelbar gegen den Thron erhob ſich dieſer 124 Richterſtuhl wie ein furchtbarer Fels, deſſen Gipfel von einer drohenden Gewitterwolke umgeben war, zu der man bebend emporſchaute, da ſie demnächſt ihre Blitze entladen mußte. Der König und die Königin wurden zwar nicht perſönlich vor die Schranken ge⸗ rufen; aber Jedermann wußte, daß die Unterſuchung und ihre Endergebniſſe moraliſch ihnen galten. Selbſt der Hof betrachtete es ſo. Der König und die Kö⸗ nigin litten daher ſchmerzlich unter jedem neuen Schlag, der vom Gericht her kam. Ichſells Urtheil — lebenslängliche Landesverweiſung— wurde am 11. Juni ausgeſprochen; am 19. wurde das Urtheil gegen Forbus, Verluſt ſeines Prieſteramtes und le⸗ benslängliche Gefangenſchaft im Schloſſe Bohus, ver⸗ kündet; am 20. las man in der Reichstagszeitung die Verurtheilung Häſteſkos zu einmonatlicher Ge⸗ fangenſchaft bei Waſſer und Brod, ſowie zum Ver⸗ luſt ſeiner Stelle als Reichstagsmitglied; zugleich wurde ihm verboten, ſich während des Reichstags am Sitzungsort deſſelben aufzuhalten, und endlich wurde er aller und jeder Verwendung im Dienſt der Krone unwürdig erklärt. Obſchon keine Mittheilungen darüber vorhanden ſind, in wie weit dieſe Urtheile ihrerſeits den Aus⸗ bruch der Hofrevolution beſchleunigt haben mochten, da der Hof natürlich die Vollſtreckung der betreffen⸗ den Richterſprüche zu verhindern wünſchte, ſo dürfte man dies doch ohne Weiteres annehmen. Forbus war mit dem ganzen Feuer eines Enthu⸗ ſiaſten vor die Commiſſion getreten. Auf die An⸗ klage, daß er mehrere Reichstagsmitglieder veranlaßt habe, den Reichsſtänden eine Bittſchrift um Vergrö⸗ 125 ßerung der Königsgewalt zu überreichen, ſowie daß er die Abſicht gehabt, Schecta zu beſuchen und ihm den verfaſſungswidrigen Amtsmißbrauch des Spre⸗ chers im Stande zu bezeugen, geſtand er dies theil⸗ weiſe zu, beſtritt jedoch mehrere Punkte. Forbus war ein einfacher und redlicher Mann. Gegen den Druck, in welcher Form und von welcher Seite er ſich zeigen mochte, empörte ſich ſeine Seele. Ohne vor der Commiſſion die beſtehende Ordnung zu be⸗ kämpfen, ſchaffte er doch auf eine warme und leben⸗ dige Art ſeinen Gefühlen Luft. Er war Geiſtlicher und entlehnte daher ſeine Anſichten über den Staat aus der Bibel. Als von der Königsgewalt die Rede war, fragte er die Commiſſion: „Habt ihr nie in der Schrift geleſen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, iſt zum Eckſtein worden; dies iſt vom Herrn geſchehen und iſt wun⸗ derbar vor unſeren Augen. „Gebt dem Kaiſer was des Kaiſers iſt, und Gott was Gottes iſt.“ Die Commiſſion, die ſich genöthigt ſah, eine große Anzahl Mitglieder vom Bauernſtand vorzu⸗ rufen, bei denen ſie meiſtens dieſelben Geſinnungen vorfand, erklärte, daß dieſer Stand politiſch von einer Seuche angeſteckt ſei. Forbus wäre zum Tod verurtheilt worden, aber aus Rückſicht auf ſein phantaſtiſches Weſen wurde die Strafe gemildert. Als Forbus ſein Urtheil empfing, ſagte er. „Jedes Reich, das uneinig in ſich ſelbſt iſt, wird öde, und jede Stadt oder jedes Haus, das uneinig in ſich ſelbſt iſt, hat keinen Beſtand. 126 „Iſt es nun ſo, daß Satan den Satan austreibt, ſo iſt er uneinig mit ſich ſelbſt; wie wird dann ſein Reich beſtehen? „Und iſt es ſo, daß ich die Teufel mit Beelzebub austreibe, mit wem treiben dann eure Kinder ſie aus? Darum werden ſie eure Richter ſein. „Aber iſt es ſo, daß ich die Teufel mit Gottes Geiſt austreibe, dann iſt ja Gottes Reich zu euch ge⸗ kommen.“ Schecta war, wie der Leſer bereits weiß, eine ganz andere Natur. Wir haben weiter oben ſein erſtes Auftreten vor der Commiſſion gezeichnet. Als er gerufen wurde, weigerte er ſich zu erſcheinen, und man holte ihn zuletzt in einem mit Wache umgebenen Miethwagen ab. Vor der Commiſſion nahm er ſeinen Platz rechts, auf der Seite der Ankläger, obſchon man ihm befahl, links, auf die Seite der Angeklagten, zu treten. Schecta fragte, ob dieſer„Kerl“, der Sprecher des Bauern⸗ ſtandes, da ſei, und verlangte vor Allem nachweiſen zu dürfen, daß beſagter Sprecher ſeinen Eid verletzt, wie auch zur Uneinigkeit im Stande ſelbſt und unter den verſchiedenen Ständen beigetragen habe; deßhalb müſſe er jedes Verfahren gegen ſich zurückweiſen, bis er ſeine Angabe habe darthun können; auch könne er ſich nicht als Angeklagten, ſondern nur als An⸗ kläger betrachten, und er ſei feſt entſchloſſen, rechts, auf der Seite des Rechtes, zu bleiben. Die Commiſſion verwarf Schectas Ausführung. Da er jedoch feſt darauf beharrte, nicht auf die linte Seite treten zu wollen, ſo gab man dem wachhaben⸗ 127 * den Unteroffizier Befehl, ihn hinüberzuführen. Dies geſchah. Schecta erklärte jedoch, daß er von dieſer Seite aus ſich nicht vertheidigen würde, und kehrte auf ſeinen früheren Platz zurück, ſobald der Unter⸗ offizier ſich entfernte. Im Verlauf des Proceſſes verlangte der Ankläger, Schecta ſolle in ein ſtrengeres Gefängniß gebracht werden. Dieſer ſagte, er habe Nichts dagegen ein⸗ zuwenden und werde überallhin gerne gehen, ſelbſt in den Diebskeller, wenn nur der Ankläger ihm Geſellſchaft leiſte. In Betreff der langen Anklageſchrift des Anwalts ließ ſich Schecta auf gar keine Vertheidigung ein, ſondern ſagte, daß er ſich weder als ſchuldig bekenne, noch wiſſe, was er eigentlich antworten ſolle. Das Einzige, was er wiſſe, ſei, daß er eines Vormittags den Sprecher des Bauernſtandes eines Verbrechens geziehen habe und am Nachmittag auf Befehl des Gardeoberſten verhaftet worden ſei; daß er alſo, be⸗ vor er ſich über die Auslaſſung des Anklägers aus⸗ ſprechen wolle, zu wiſſen verlange, ob es ein Ver⸗ brechen ſei, in der allergeſetzlichſten Weiſe einen Sprecher der Verletzung der Reichsgeſetze anzuklagen, und mit welchem Recht ein Oberſt einen ſchwediſchen Unterthan verhaften könne. Auf die Vorſtellung der Commiſſion, daß Schecta als alter Militär wiſſen müſſe, daß der Gardeoberſt die Befehle ſeiner Vorgeſetzten zu vollziehen habe, erwiederte der Capitän, der Oberſt ſei bloß den Ge⸗ ſetzen Gehorſam ſchuldig, denn ſonſt könnte er auch, wenn man ihn dazu commandire, die Stadt anzün⸗ 128 den; übrigens lege der Ankläger die Geſetze aus, wie der Teufel die Bibel. Wieder vor die Commiſſion berufen, nahm er von Neuem ſeinen Platz zur Rechten ein. Als ein Unteroffizier ihn auf die linke Seite führte, erklärte er, daß er nur ſo lange da bleiben werde, als der Unteroffizier ihn feſthalte. In ſeiner Vertheidigungsſchrift, die er zuletzt ein⸗ reichte, verlangte er augenblickliche Freilaſſung, ſowie öffentliche Genugthuung für die ſeit der Zeit des Tyrannen Chriſtian unerhörte Gewalt, die man an ihm verübt habe. Der Ankläger drang darauf, man ſolle Schecta durch härtere Maßregeln zum Gehorſam gegen das Geſetz zwingen. Schecta nahm fortwährend den Platz zur rechten Seite des Gerichtshofes ein, und Nichts vermochte ihn, gutwillig auf die linke Seite zu treten. Eines Tags verlangte Schecta von dem Unter⸗ offizier, der die Wache bei ihm hatte, er ſolle den Grafen Ferſen erſuchen, daß die Zeugen, die er (Schecta) berufen wolle, von den Reichsſtänden ver⸗ nommen werden, und daß man, damit die möglicher Weiſe zu nennenden Perſonen nicht entkommen könn⸗ ten, den Ritterhausmarkt mit fünfzig Mann Garde beſetze, die übrige Garde und die ganze Artillerie aber auf den erſten Wink bereit halte und fünfhun⸗ dert Mann Uppländer an den Zollthoren der Stadt aufſtelle, und zwar ſolle dieſe ganze Mannſchaft mit ſcharfen Patronen verſehen ſein,„um den Feinden des Capitäns und des Reiches“ den Meiſter zu zeigen. Falls man ſich nicht dazu entſchließen könne, ſo wolle —,— 129 er Nichts dagegen einwenden, daß man die Zollthore offen laſſe, damit Alle, die kein gutes Gewiſſen haben, ſich durch die Flucht retten können, jedoch mit der Auflage, daß ſie binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt und binnen drei Wochen das Reich geräumt haben müſſen. An einem andern Tag beſchied die Commiſſion Schecta wieder vor ſich, und er erſchien auch in einem mit Wachen umgebenen Wagen, aber im Schlafrock, mit Pantoffeln und Pelzhandſchuhen. Sowohl im Schloßhof, als auf dem Rittermarkt und im Hof vor dem Commiſſionslocal richtete er ſich im Wagen auf und hielt eine Rede an das zahlreich verſammelte Volk. Seine Stimme war laut, ſcharf, beinahe kreiſchend. Er fragte, ob Niemand den Muth beſitze, den König von den himmelſchreienden Gewaltthätigkeiten zu unterrichten, die man ſich gegen ihn erlaube. Als er vor dem Commiſſionslocal ankam, mußte er aus dem Wagen getragen werden. Der Ankläger behauptete, daß Schecta wegen dieſes unehrerbietigen Benehmens der Beleidigung der Reichsſtände, ſomit eines Majeſtätsverbrechens ſchuldig erklärt und eigentlich zum Tod verurtheilt werden ſollte; daß man aber, da es bei dem Capitän im Kopfhäuschen nicht richtig ausſehe, dieſe Strafe mildern könne, jedoch in der Art, daß er außer Stands geſetzt werde mit ſeiner phantaſtiſchen Denkungsart reichsgefährliche Lügen zu verbreiten; er wolle es deßhalb der Commiſſion anheimſtellen, ob nicht Schecta wegen ſeiner Staatsgefährlichkeit wohlverdientermaßen civiliter gls zum Tod verurtheilt betrachtet und auf Lebenszeit in irgend eine Feſtung der Krone einge⸗ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. V. 9 130 ſperrt werden ſolle, nachdem er, Ihme ſelbſt zur Strafe und Andern zum warnenden Exempel, einen Monat lang das Waſſer und Brod der Betrübniß getrunken und gegeſſen, was zu dieſer Jahreszeit ſeinen Wahn⸗ ſinn ein wenig curiren könnte. 35* Schecta erklärte dieſe Anträge für Wahnwitz; obſchon man ihn bereits vierunddreißig Wochen in Haft gehalten, habe man ihn doch keines Verbrechens überweiſen können; im Uebrigen, ſagte er, warte er, nachdem der Ankläger jetzt ſeinen letzten Trumpf ausgeſpielt, das Urtheil der Commiſſion in aller Ruhe ab. Als Puke vor die Commiſſion trat, leugnete er jede Kenntniß vom Aufruhr und was damit zuſam⸗ menhing ab; er ſei allerdings zufällig ins Café Bergman gekommen und habe da revolutionäre Aeußerungen betrunkener Burſche gehört; aber er habe ſie auseinander gehen geheißen und ſei der Ueberzeugung geweſen, daß ſie ſich nach Haus bege⸗ ben haben, ohne ſelbſt zu wiſſen, was ſie geſchwatzt. Inzwiſchen waren belaſtende Ausſagen gegen ihn vorhanden, und er wurde vom Gerichte weg ins Staatsgefängniß abgeführt. Am folgenden Tag wurde er von Neuem vorgerufen, leugnete aber wie das erſte Mal. Ernſt, Mozelius, de la Chapelle, Chriſtiernin und Eſcholin, wie auch Baron Horn, hatten indeß bereits Geſtändniſſe abgelegt, die Puke mehr als verdächtig erſcheinen ließen. Man war auf die Vermuthung geleitet worden, daß die Grafen Hard und Brahe die eigentlichen Chefs Pien⸗ daß Hard den Plan entworfen und Brahe Pakronen be⸗ 131 ſorgt habe. Das Gericht glaubte, daß Puke das Geheimniß beſitzen müſſe. Es war alſo von Wich⸗ tigkeit, ihn zum Sprechen zu bringen. Der Ankläger verlangte, man ſolle ſogleich zu den wirkſamſten Mit⸗ teln ſchreiten, um ihm ſo ſchleunig das Geſtändniß abzupreſſen, daß keiner von den Hauptverbrechern ent⸗ kommen könne. Die Commiſſion ermahnte ihn gut⸗ willig zu geſtehen; aber er verweigerte es und wurde verurtheilt, im Diebskeller dazu gezwungen zu werden. Der Diebskeller, der unter dem damaligen Rath⸗ haus lag, da wo jetzt die Börſe ſich befindet, war ein ungeſundes, kaltes und finſteres Loch, von deſſen Decke und Wänden eine eiſige Kälte ausging. Ein Gefühl namenloſen Entſetzens kam über Puke, als er in dieſen engen Abgrund trat. Er befand ſich in einer Folterkammer, ohne zu wiſſen, was man mit ihm vorhatte. Es war Mitternacht: auf dem großen Kirchthurm ſchlug es zwölf, und das dumpfe Getöne des letzten Schlages erdröhnte in ſeine Ohren in dem Augen⸗ blick, wo die Thüre ſich knarrend hinter ihm ſchloß. An ſeiner Seite ſtand ein Chirurg, vor ihm Folter⸗ knechte. Das einzige Licht, welches die Höhle be⸗ leuchtete, ſchimmerte blaßroth von einer Laterne her. Von der gewölbten Decke hing eine Anzahl von Stri⸗ cken herab, die mit dem einen Ende in Haken, mit dem andern in einem Block befeſtigt waren, der ein Stück weit unter den Haken ſchwebte. Die Stricke waren alſo unten gebogen. „Entkleidet ihn!“ befahl der Henker. Die Knechte ergriffen Puke ſogleich und zogen ihn bis auf den bloßen Leib aus. Die Kälte machte ihn ſchauern. Aber auf einmal ergriffen ihn die Knechte mit kräftigen Armen, hoben ihn von dem ſteinernen Boden auf, legten ihn in die Biegungen der Stricke und hißten ihn dann bis dicht unter die Decke hinauf. Die Stricke ſchnitten ihm in die Haut, die Decke ſtrömte eine eiſige Kälte über ſeine nackten Glieder aus, und der Kopf hing ohne Stütze abwärts. Er hörte, wie die Folterknechte ſich entfernten, und wie die Thüre hinter ihnen zu⸗ ging. Wer wagt es, eine vollſtändige Beſchreibung deſſen zu verſuchen, was er litt? Von der dem Körper inne⸗ wohnenden Wärme ſchmolz die eiſige Oberfläche des Gewölbes auf einen Augenblick, und er fühlte, wie eine ſtinkende Feuchtigkeit über ihn herabſickerte, aber allmälig verlor ſich die Wärme, und die Feuchtig⸗ keit legte ſich feſt wie eine Eisrinde um ſeinen Kör⸗ per; ſie drang ihm wie mit Dolchſtichen durch Fleiſch und Blut, durch Mark und Bein, bis ans Herz. Puke preßte ſeine Lippen zuſammen und ſchloß ſeine Augen. Er hätte gerne ſeine Hände gefaltet, aber ſie waren ihm an die Seiten gebunden, ſo daß er ſie nicht bewegen konnte. Nach einer halben Stunde trat der Chirurg ein und unterſuchte, ob er Schaden genommen habe. Zugleich fragte man ihn, ob er bekennen wolle. „Nein!“ rief er,„nein! Selbſt die Hölle ſoll mich zu keiner Lüge verleiten!“ Man ließ ihn wieder allein, und es wurde fin⸗ ſter wie in einem Grab. Einen Augenblick beherrſchte 133 ihn die Idee, er ſei todt, liege in ſeinem Grab und erleide die wohlverdienten Qualen der Sünder. Er fand in dieſer Vorſtellung noch einen gewiſſen Troſt; aber auf einmal wurde er von einem ſo eiſigen Froſt⸗ paroxismus geſchüttelt, daß ſeine Bruſt gewaltſam gegen das Gewölbe gepreßt wurde, ſo daß er betäubt zurückſank. Die erſte Stunde war verlaufen. Die Kammer öffnete ſich von Neuem. Der Chirurg unterſuchte ihn, und die Mahnung zum Geſtändniß wurde er⸗ neuert, aber ohne beſſeren Erfolg. So verging wieder eine Stunde. Die Kälte wurde immer grimmiger. Puke verſuchte es, ſeine Seele und ſein Herz mit dem Bilde Almas zu er⸗ wärmen. Sie trat auch ſo lieblich, ſo mild, ſo gut zu ihm. Aber ſeine Glieder erſtarrten, ſeine Ge⸗ danken verwirrten ſich. Es dunkelte nicht mehr bloß in der Höhle, die ihn umſchloß; auch in ſeinem Gemüth wurde es finſter. Es war ihm, als habe Gott in ſeiner unendlichen Allmacht die freundlichen Lichter der Sonne und der Sterne ausgelöſcht, ſo daß jetzt im Himmel und auf Erden eine ewige, un⸗ aufhörliche Nacht herrſche. Ohne das Mindeſte ſehen zu können, meinte er dennoch vorwärts zu tappen, bloß um Alma zu treffen, in deren Auge er die Sonne wiederzufinden hoffte, und in deren Herzen er noch einmal den Himmel zu ſehen ſich ſehnte. Eine fieberhafte Phantaſie hatte ihn erfaßt. Er meinte ganz allein durch eine zu Eis gefrorene Welt zu ſchreiten: Bäume, Blumen, Bäche, Gras, Alles, Alles war von Eis. Seine Zunge brannte vor Durſt; er beugte ſich zu einer Quelle hinab, um ſich 134 zu laben, aber ſeine Lippen gefroren zu. Er fühlte ſich müde und wollte niederſitzen; aber kaum hatte er Platz genommen, ſo wurde er von einem ſo eiſi⸗ gen Schlummer überfallen, daß ihm das Blut in den Adern ſtockte, daß ſeine Pulſe zu ſchlagen auf⸗ hörten und ſeine Glieder erſtarrten, weßhalb er wie⸗ der aufſprang, um ſeine Wanderung fortzuſetzen. Da meinte er, ein Lichtſtrahl gleite über die Welt hin; er kam aus ſeinem eigenen Innern. Bei die⸗ ſem Schein ſah er ein Bild vor ſich: es war Alma. Mit banger Unruhe eilte er zu ihr; ſein Athem ver⸗ weigerte ihm jedoch den Dienſt; eine Art von Froſt⸗ nebel legte ſich vor ihn, und wie ein Froſtnebel war die Luft, die er einathmete. Gleichwohl kam er zu⸗ letzt vorwärts und breitete ſeine Arme aus, um ſie an ſeine Bruſt zu drücken; aber als er ſie an ſich preßte, fühlte er, daß auch ſie in einen Eisklumpen verwandelt war. Ein Angſtſchrei erſcholl von ſeinen Lippen. Die Wache eilte herein. Es ſchlug eben zwei. Der Chirurg erklärte, die Folterung müſſe für dießmal aufhören, und Puke wurde ins Gefäng⸗ niß zurückgeführt. Als er am folgenden Tag wieder vor der Com⸗ miſſion erſchien, verweigerte er nichtsdeſtoweniger von Neuem jedes Geſtändniß. Stalſvärd, der dieſelbe Tortur erlitten, hatte in⸗ zwiſchen ſeine Theilnahme an den Plänen des Hofes bereits eingeſtanden und dadurch weitere Belege für Pukes Mitſchuld geliefert. „Das Einzige, was Puke ſich entfallen ließ, be⸗ ſtand in einem Geſtändniß in Betreff der auf Rydboholm verfertigten ſcharfen Patronen. 135 Nachmittags war Puke allein in ſeinem Gefäng⸗ niß. Die Tortur im Diebskeller hatte ſchwere Fol⸗ gen nach ſich gezogen: er fühlte ſich in allen Gliedern zermalmt, in ſeinen Gedanken betäubt, und ſein Blut kochte fieberheiß. Aus dem Verhör vor der Commiſſion hatte er erſehen, daß man bereits die ganze Verſchwörung kannte, und daß auch die Königin bereits als die wahre Urheberin entdeckt war, obſchon man ſie aus Rückſicht auf ihre hohe Stellung nicht zur Verant⸗ wortung zog; ferner ſah er, daß auch Hard und Brahe ziemlich compromittirt waren, jedoch nur ſo weit, daß ihr Schickſal eigentlich jetzt in ſeinen Händen ruhte. Puke hatte ſchon im erſten Augenblick ſeines Er⸗ ſcheinens vor der Commiſſion die Hoffnung aufge⸗ geben ſich ſelbſt zu retten. Aber er wollte die Ehre der Königin, wie auch Brahe und Hard retten; we⸗ nigſtens ſollten dieſe Perſonen ihn nicht des Ver⸗ raths beſchuldigen können. Er machte ſich deßhalb auch bereits Vorwürfe über den Augenblick der Schwäche, wo er das Geheimniß mit den ſcharfen Patronen zugegeben, obſchon die Sache ſelbſt bereits bekannt und ſeine Beſtätigung im Ganzen etwas Un⸗ weſentliches geweſen war. In dem Vormittags über⸗ ſtandenen Verhör hatte man ihn, falls er nicht ge⸗ ſtände, für die kommende Nacht mit einer noch här⸗ teren Tortur bedroht. Er lächelte bitter dazu. Er vermochte ſichs nicht zu denken, daß die Grauſam⸗ keit noch ſchrecklichere Qualen in der Reſerve haben könnte. Während er ſich indeß mit all dem Muth, deſſen er ſo ſehr bedurfte, zu bewaffnen ſuchte, dachte er 136 an die Möglichkeit, Hard und Brahe von ſeinem Zuſtand zu unterrichten und ihnen einen Wink zu ſchleuniger Flucht zu ertheilen. Von ſolchen Gedanken beſchäftigt, hörte er die eiſernen Riegel ſeiner Kerkerthüre raſſelnd auf⸗ ſchließen und Jemand eintreten. Als er ſich um⸗ drehte, vermochte er einen Freudenſchrei kaum zu unterdrücken. Sein treuer Diener Jonas war es, der vor ihm ſtand. „Um Gotteswillen, beſter Herr,“ ſagte Jonas, „verrathen Sie ſich nicht. Entdeckt man, wer ich bin, ſo werde ich ſogleich wieder weggejagt.“ Jonas, der das Abendeſſen für den Gefangenen brachte, ſtellte es jetzt auf den Tiſch. „Ich habe Ihnen wichtige Papiere zu übergeben,“ flüſterte er. „Du kommſt zu einer glücklichen Stunde,“ ant⸗ wortete Puke.„Ich habe einen Auftrag für Dich; aber wie iſt es Dir gelungen hier einzudringen?“ „Barmherziger Gott!“ klagte Jonas, der inzwi⸗ ſchen ſeinen Herrn betrachtet hatte,„wie ſind Sie verändert, lieber Herr! Ach ja, man hat mir geſagt, daß Sie eine entſetzliche Nacht gehabt haben.“ „Sprich jetzt nicht davon. Was vorüber iſt, iſt vorüber. Aber wie haſt Du Zutritt hier erhalten?“ „Seit Ihrer Verhaftung bin ich unaufhörlich um das Haus herumgegangen. So habe ich erfahren, daß man eines Gefangenwärters bedürfe, und da ich der Erſte war, der ſich meldete, ſo erhielt ich die Stelle.“ „Und mein Sohn?“ 137 „Seien Sie ſeinetwegen unbekümmert, Herr; mit ihm hat es keine Noth. Ich habe mit einer alten Bekannten geſprochen, und bei dieſer iſt er jetzt. Gegen Sie, Herr Capitän, iſt er golden daran. Gott ſegne ihn! Wann werden Sie ihn wieder umarmen dürfen?“ „Fürchteſt Du die Wahrheit, Jonas?“ „Nein, Herr Capitän, ich habe ſie immer geliebt; Sie ſagten mir ja, die Wahrheit ſei unſer beſter Freund.“ „Dann werde ich Dir auch ſagen können, wann ich meinen Sohn wieder umarmen darf.“ „Hoffentlich bald, recht bald.“ „Wir werden einander umarmen dürfen, aber erſt da droben, in Gottes Reich. Du haſt mir ver⸗ ſprochen, Jonas, meinem Sohn ein Vater, ein Freund, ein Bruder zu ſein. Ich habe keinen andern Men⸗ ſchen, dem ich ihn anvertrauen möchte.“ „Aber, lieber Herr, Sie ſagten doch, daß Sie an Jemand ſchreiben wollen.“ „Mißfällt Dir mein Auftrag, Jonas?“ Jonas fiel ſeinem Herrn zu Füßen und umfaßte ſeine Kniee. „Nein, bei Gott, mein Herr! Ihr Vertrauen macht mich ſo glücklich, ſo glücklich. Aber ich bin ein ganz ſchlichter Mann; was kann ich für ihn thun?“ „Du kannſt ihn zum Beſten, was ein Menſch ſein kann, zu einem ehrlichen Mann machen; thue das, und ich werde Dich vom Himmel herab ſegnen. Ich habe, ſagſt Du, verſprochen, ſeinetwegen an einen Freund zu ſchreiben. Das iſt wahr. Aber 138 ich beſitze bloß zwei Perſonen, die mein Herz liebt. Dem Fräulein Creutz kann ich doch nicht teſtamen⸗ tariſch einen Jungen vermachen, und Graf Hard, an den ich mich zu wenden gedachte, hat genug zu thun, um ſich ſelbſt zu retten. Du, Jonas, biſt jetzt der einzige Menſch, den ich darum angehen kann. Stelle jetzt den Tiſch hierher, ich kann mich nicht vom Fleck bewegen.“ „Mein armer, armer Herr!“ „So, lieber Jonas, jetzt bring mir auch den Schreibzeug. Du mußt einige Zeilen an den Gra⸗ fen Hard überbringen. Sie ſind von der höchſten Wichtigkeit für ihn; ſein Leben hängt davon ab, daß er ſie recht bald empfängt.“ Puke ſchrieb jetzt die ſchon im vorigen Capitel mitgetheilten Zeilen an Hard. „Statt dieſes Briefchens,“ ſagte Jonas, indem er es in ſeine Bruſttaſche ſteckte,„habe ich Ihnen einige Papiere zu übergeben, die ebenfalls wichtig ſein ſollen.“ „Was für Papiere?“ „Ich weiß es nicht, aber ſie ſollen von der größ⸗ ten Wichtigkeit ſein.“ Puke empfing jetzt zu ſeiner großen Verwunde⸗ rung ein verſiegeltes Päckchen, dem man ſein hohes Alter deutlich anſah, denn nicht bloß der Umſchlag war ſchmutzig und abgenützt, ſondern auch die In⸗ lage ſchien vor Alter ihre Farbe gewechſelt zu haben. „Das Ding ſieht alt aus,“ bemerkte Puke,„wo haſt Du es bekommen?“ „Als Gefangenwärter habe ich auch den Capitän Schecta beſuchen dürfen.“ 139 „Schecta!“ „Er ſitzt im dritten Zimmer von hier. Als ich zu ihm hinein kam, erkannte er mich ſogleich und fragte mit einer ganz unbegreiflichen Heftigkeit nach Ihnen. Ich erzählte ihm Ihr Schickſal, daß Sie ſich als Angeklagter hier befinden. Bei dieſer Nach⸗ richt wurde er ganz raſend und tobte wie verrückt in ſeinem Zimmer herum. „Ganz ſein Vater!“ rief er,„opfert ſich für Andere; wird ſich für Andere foltern laſſen, für An⸗ dere ſterben... ganz wie ſein Vater!“ „Auf einmal blieb er jedoch neben ſeinem Kamin ſtehen. „Soll indeß vor ſeinem Tod noch dieſe Papiere erhalten,“ ſagte er.„Es lindert die Leiden und betäubt die Schmerzen, wenn man die Ehre eines verkannten Vaters aufrecht erhalten kann!“ „Dabei machte er einen der Bodenſteine am Kamin los und zog dieſen Pack hervor, mit dem Befehl, Ihnen bei der erſten ſchicklichen Gelegenheit das Ding zu übergeben.“. Dunkle Ahnungen ſtiegen bei Puke auf, während hades erzählte, was ſich bei Schecta zugetragen atte. „Mein Vater...“ ſagte er,„dieſe Papiere da ... ſollten ſie es ſein?“ Er vollendete ſeinen Satz nicht, ſondern erbrach jetzt das Päckchen. Eine Menge Prozeßakten, wie auch mehrere Briefe und Privatnotizen, fielen jetzt in ſeine Hand. Er konnnte an der Wirklichkeit nicht zweifeln... die Sache lag klar vor ſeinen Augen. In ſeiner Freude und Ueberraſchung vergaß 14⁴0 Puke ſeine ganze betrübte Lage, indem er von ſeinem Bett aufſprang, um die Documente näher zu beſich⸗ tigen; aber kaum ſtand er auf dem Boden, ſo war zer auch nahe daran in Ohnmacht zu fallen; ſein Körper ſchauerte, ſeine Kniee zitterten, die Papiere entfielen ſeinen Händen, und im nächſten Augenblick ſank er wieder ohnmächtig auf ſein Lager zurück. „Gib die Papiere her, Jonas,“ bat er, als er wieder erwacht war,„und laß mich allein. Für einen ſo erbärmlichen Menſchen, wie mich, iſt die Einſamkeit das Allerbeſte. Es erhöht den Schmerz, wenn man ſich von Andern beklagt ſieht.“ Als Jonas ſchon an der Thüre war, rief Puke ihn zurück. „Vergiß den Brief an den Grafen Hard nicht und bring mir ſeine Antwort. Meinem Sohn einen Kuß!“ So ſprechend ergriff Puke die Hand des getreuen Dieners und drückte ſie mit inniger Wärme; er be⸗ hielt ſie lange in der ſeinigen, gleich als hätte er Etwas hineinzulegen. „Jonas,“ ſagte er. „Herr!“ „Ich will ein paar Worte an Fräulein Creutz ſchreiben... Du weißt... aber Du mußt mir verſprechen, ſie nicht ſelbſt zu übergeben, ſondern eine andere Perſon zu ſchicken, die nicht weiß, wie ich es hier habe.“ „Ich werde thun, wie Sie befehlen.“ * Puke ſchrieb einige Zeilen an Alma. Sie lauteten wie folgt: „Ich kann lachen, ſo luſtig geht es oft zu. Man 141 hat Dir gewiß erzählt, daß ich vor die Commiſſion geſtellt worden bin. Ich ſchreibe dieſe Zeilen, um Dir zu beweiſen, daß man mich für keinen großen Verbrecher halten muß, indem ich mich trotz meiner Gefangenſchaft beinahe ſchon als frei betrachten kann, was Du daraus erſehen magſt, daß es mir möglich geworden iſt, dieſe Zeilen an Dich zu ſchreiben und zu überſchicken. Meine Geſundheit iſt vortrefflich. Sollten Dir beunruhigende Gerüchte zu Ohren kom⸗ men, ſo glaube nicht daran. Heute Nacht habe ich ausgezeichnet gut geſchlafen; ich träumte von Dir; die kommende Nacht vergeht ohne Zweifel ebenſo ange⸗ nehm; denn Dein Bild, immer gleich ſchön und huld⸗ reich, kommt zu mir, ſobald ich die Wimpern ſchließe. Denk Dir, welch ein unausſprechliches Glück! ich bin im Beſitz der Akten, die ich Deinem Oheim, dem Reichsrath Chrenpreutz, verſprochen habe. Alle Hinderniſſe, die unſerem Glück im Wege ſtanden, ſind alſo auf einmal verſchwunden. Die kleine po⸗ litiſche Poſſe, die man jetzt mit mir ſpielt, wird bald überſtanden ſein, und dann... dann...“ Sobald Jonas ſich entfernt hatte, vertiefte ſich Puke in die empfangenen Documente. Er hatte ſich in Betreff ihres hohen Werthes nicht getäuſcht. Sie gaben die überzeugendſten Aufſchlüſſe über die frü⸗ heren Verhältniſſe ſeines Vaters; es beſtätigte ſich alſo, daß er ſich nach dem Tode Carls XII in eine Verſchwörung zu Gunſten des Herzogs von Holſtein eingelaſſen hatte, deſſen Recht auf die ſchwediſche Krone die damals allmächtigen Stände mit Füßen traten; ferner daß Ehrenpreutz tief eingeweiht war und, ohne der eigentliche Rädelsführer zu ſein, eine 142 weſentlich entſcheidende Rolle geſpielt hatte; daß Pukes Vater— gerade wie jetzt der Sohn— ein Mittelglied zwiſchen den höheren befehlenden und den niedrigeren ausführenden Kräften der Verſchwö⸗ rung geweſen; daß er endlich, um die Ereigniſſe deſto ſicherer leiten zu können, eine Charaktermaske ange⸗ nommen, unter dem Namen Weſte eine abgelegene Wohnung gemiethet und daſelbſt mit Leuten aus allen Claſſen einen thätigen Verkehr unterhalten hatte. Dieſe Papiere bewieſen ferner, daß er be⸗ ſagte Rolle mit dem vollkommenſten Erfolg vor ſei⸗ nen Richtern geſpielt hatte, ſo zwar, daß man ihn nicht bloß für Pukes Mörder hielt, ungeachtet der Mord durch nichts Anderes als durch Pukes ſpur⸗ loſes Verſchwinden in ſeiner Geſellſchaft beſtätigt wurde, ſondern daß auch dadurch und weil Weſte für ein höchſt obſcures Weſen galt, aller Argwohn von den übrigen Verſchworenen abgelenkt werden konnte. Puke fand unter den Documenten überdies meh⸗ rere Schriften von Ehrenpreutz eigener Hand, die ihn im höchſten Grad bloßſtellen konnten, und er begriff jetzt die große Wichtigkeit, die ſie noch immer haben mußten. Ehrenpreutz hatte allerdings Pukes Vater von der Todesſtrafe errettet, aber ſo lange dieſe Papiere ſich in fremden Händen befanden, hatte er noch immer Gründe zu Befürchtungen, zumal da er ſich ſelbſt durch Ueberläuferei ins entgegen⸗ geſetzte Lager zu ſeiner dermaligen Würde emporge⸗ ſchwungen hatte. Konnte die Sache ſelbſt auch nicht mehr aufgewärmt und zum Gegenſtand eines neuen Prozeſſes gemacht werden, ſo konnte ſie gleichwohl 143 ſehr bedenklich auf ſein Anſehen und ſeine Stellung einwirken. Beim Durchgehen der Acten fand Puke zwei kleinere Päckchen, wovon das eine ein Tagebuch, das ſein Vater geführt, und das andere etliche Briefe von ſeiner Mutter enthielt. Puke hatte bisher höchſt unvollſtändige Aufſchlüſſe über die Familienverhält⸗ niſſe ſeiner Eltern gehabt. Er hatte zwar einige Male ſeinem Vater Mittheilungen darüber zu ent⸗ locken verſucht; aber da dieſer, ſo oft die Rede auf ſeine Mutter kam, meiſtens in eine tiefe Schwer⸗ muth verſank, ſo hatte er zuletzt den Gegenſtand nie mehr berührt. Mit der wärmſten Sohnesliebe griff er daher jetzt nach dieſen für ihn ſo koſtbaren Brie⸗ fen und Notizen, um Näheres über Diejenigen zu erfahren, die ihm das Leben geſchenkt hatten. Zu⸗ erſt öffnete er jedoch die Aufzeichnungen des Vaters. Sie enthielten einen vollſtändigen Bericht über ſein ganzes Leben, das von der innigſten Vaterlands⸗ liebe, dem tiefſten Rechtsgefühl, dem feſteſten Muth und dem unerſchütterlichſten Charakter zeugte. Mit Stolz las der Sohn dieſe Blätter, theure, koſt⸗ bare Erinnerungen, die ſeiner Seele jetzt neue Le⸗ benskräfte eingoſſen. Als der Vater die Zeit ſchil⸗ derte, wo er aus aufopfernder Hingebung die Ver⸗ brechen aller ſeiner Freunde auf ſich nahm und ganz allein mit mannhaftem Muth dem ſtrafenden Schwert der von ihnen ſo trotzig bedrohten herrſchenden Partei entgegentrat, da glaubte der Sohn hierin einen Zug von ächtem Römerſinn zu erblicken und wurde von der tiefſten Bewunderung ergriffen. Aber jetzt ging der Vater zu den Martern über, 144 die er im Diebskeller und in der Roſenkam⸗ mer überſtanden; mit brennenden Worten, mit gräßlicher Wahrheit hatte er die phyſiſchen Qualen und ſeine Seelenleiden geſchildert. Die Rührung des Sohnes ſchlug in Enthuſiasmus um. „Ich bin doch ſein Sohn,“ dachte er,„ich muß auch ſeiner würdig bleiben.“ Er fühlte ſich wunderbar durch ſeine Lectüre ge⸗ ſtärkt. Seine eigenen Seelenkräfte hatten die ent⸗ ſetzliche Prüfung im Diebskeller beſtanden. Die Commiſſion hatte ihn jetzt mit der Roſenkammer be⸗ droht, und obſchon er auch dort zu beſtehen hoffte, ſo hatte er dennoch mit Entſetzen der kommenden Nacht entgegengeſehen; aber das Beiſpiel des uner⸗ ſchütterlichen Vaters goß wieder Eiſen in ſeinen Willen, Feuer in ſeine Seele. „Ich werde Niemand verrathen,“ flüſterte er bei ſich.„Verrathen ſie ſich ſelbſt, dann mag es ſein, dann ſpreche ich auch, aber nicht früher.“ Die Verhafteten waren nicht mehr zu retten, da ſie bereits zu viel geſtanden hatten; nur Hard und Brahe konnten noch gerettet werden, man konnte ihnen wenigſtens Zeit zur Flucht verſchaffen. Aber es war nicht genug, wenn ſie entflohen waren; ſie mußten auch noch einige Zeit vor ſich haben, wenn die Flucht wirklich gelingen ſollte. Nach dieſen Betrachtungen ſtudirte Puke weiter in den Außzeichnungen ſeines Vaters. Nachdem er erzählt, wie Ehrenpreutz ihm aus den Klauen des Gerichts und zur Flucht in eine entlegene, verborgene Provinz verholfen, wo er ſei⸗ nen wahren Namen wieder annahm, weil dieſer in 14⁵ den Augen der Welt gerechtfertigt war und daher ſein Geheimniß am allerbeſten verbarg, ging er auf Mittheilungen über die Priyatverhältniſſe ſeiner Fa⸗ milie ein. Mit dem innigſten Intereſſe folgte der Sohn dieſen mit ſo wahrem und lebendigem Gefühl entworfenen Schilderungen von glücklichem, liebevol⸗ lem Zuſammenleben, auf welches zuletzt Unglück, Kümmerniſſe und Leiden der ſchauderhafteſten Art folgten. Je weiter er in ſeiner Lectüre kam, um ſo unwiderſtehlicher zog ſie ihn an. Die Schrecken des Unglücks hatten die Liebe zwiſchen ſeinen Eltern nicht erſchüttert, ſondern vielmehr geſtärkt und zu einer hellen Flamme geläutert, in welcher ſie ihre Herzen bis zu immer hingebungsvollerer Aufopferung wärmten. Seine Mutter, die erſt bei der Verhaftung des Vaters von ſeinen Plänen Kenntniß erhielt, gab jetzt ihre frühere Stellung auf und führte den Na⸗ men, unter welchem er angeklagt war, um ihn als Gattin noch beſuchen und verpflegen zu können. Mit welcher rührenden Einfachheit ſchilderte nicht der Vater ihre Zärtlichkeit, wie ſie an ſeinem Bett geſeſſen und ihn mit dem unermüdlichen Eifer einer Krankenwärterin nach den überſtandenen Folterqualen gepflegt habe. Auch die Nacht des Gefängniſſes hatte ihren Lichtſtrahl, ihre Seligkeit für ſie: die ge⸗ genſeitige Liebe war ihr Troſt und ihr Himmel. Die innige Hingebung zwiſchen beiden Gatten ſtrahlte durch dieſe Aufzeichnungen wie ein Gegenſtand durch den reinſten Criſtall.. Aber nicht überall zeigte ſich dieſelbe Klarheit. Am Schluß wurden die Mittheilungen immer dunk⸗ ler und räthſelhafter. So viel ging jedoch daraus Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof, v. 10 146 hervor, daß die Mutter in gewiſſe intereſſante Um⸗ ſtände gekommen war, die bei den dermaligen Verhält⸗ niſſen keineswegs wünſchenswerth erſchienen. Eine unruhige Ahnung hatte ihre letzte Zuſammenkunft verdüſtert. Die Mutter fürchtete offenbar mit jedem Augenblick ihre Niederkunft; aber ſie unterdrückte ihre Vermuthung, um ihrem Mann nicht neue Sor⸗ gen zu bereiten. Man bemerkte gar zu deutlich, daß ſie ſich bereits krank fühlte. Sie hatte ſich auf eine Art von ihm verabſchiedet, die ſeinen Argwohn auf einmal weckte; dieſer Augenblick wurde auch mit herzzerreißenden Worten geſchildert, und ſie hatten ſich ſeitdem nie wieder geſehen. Vergebens hatte er nach ihr forſchen laſſen; aber als Gefangener und bei dem fremden Namen, den er angenommen hatte, war er natürlich nicht im Stande, wirkſame Nach⸗ forſchungen anzuſtellen. Begierig griff Puke nach dem Briefpäckchen. Zu ſeiner größten Freude fand er, daß es eigenhändige Briefe von ſeiner Mutter enthielt. Er las, oder vielmehr er verſchlang ſie. Er vergaß die Zeit, ver⸗ gaß den Ort, wo er ſich befand, vergaß alle über⸗ ſtandenen Qualen und diejenigen, die ihn noch erwar⸗ teten. Welch ein reiner, milder und hoher Geiſt wehte nicht durch dieſe Briefe! Welche Vereinigung des wärmſten Gefühls mit wahrer weiblicher Ho⸗ heit! Eine Thräne tiefer Rührung ſchlich ſich aus Pu⸗ kes Augen: wie ſtolz und glücklich fühlte er ſich nicht, unter einem ſolchen Mutterherzen geruht zu haben! Wie weit edler würde er auch— das ————n 89— a-A ⸗ 147 fühlte er— geworden ſein, wenn er ihre erziehende Leitung hätte genießen dürfen! Aber wie ließ ſich ihr gänzlich ſpurloſes Ver⸗ ſchwinden erklären? Mit tiefer Wehmuth verſank er in Betrachtungen darüber. Auf einmal fuhr ein düſterer Gedanke durch ſeine Seele. Beſaß er nicht vielleicht einen Bruder oder eine Schweſter? Eine entſetzliche Unruhe ergriff ihn. Wurde er vielleicht von höherem Schickſalswalten verurtheilt, aus dem Leben zu ſcheiden, ohne Klarheit darüber erhalten zu haben? „Aber warum,“ fragte er ſich,„hat mir mein Vater niemals davon geſagt? Er muß nothwendig die Ueberzeugung gehabt haben, daß alle Nach⸗ forſchungen vergeblich geweſen. Meine Mutter ver⸗ ließ ihn ſpät am Abend, offenbar bereits krank. Wo wohnte ſie? Von welcher Art waren ihre Ver⸗ hältniſſe? Darüber finden ſich keine Aufſchlüſſe vor. Bei der damaligen Lage meiner Eltern muß ich je⸗ doch annehmen, daß ihre öconomiſche Stellung min⸗ der gut war. Vielleicht wurde ſie auf der Straße ein Opfer ihres krankhaften Zuſtandes. Aber das Stillſchweigen meines Vaters? Erſtickten vielleicht Vorwürfe in dieſem Fall ſeine Worte? Ich erinnere mich ſeiner reizbaren Empfindlichkeit. Jede Frage über ſein früheres Leben drückte ihn nieder oder rief einen Ausbruch von Unmuth hervor.“ Puke blätterte von Neuem in den Papieren und entdeckte jetzt einige Zeilen, die ihm entgangen wa⸗ ren. Es ſtand darin der Namen ſeiner Mutter, ge⸗ 148 folgt von einer langen Reihe von Gedankenſtrichen, und darunter ein Kreuz von der Art, womit man gewöhnlich einen Todesfall bezeichnet. Im Text kam indeß Nichts vor, was ihn über⸗ zeugte, daß ſein Vater wirkliche Beweiſe gehabt habe; ſelbſt die Gedankenſtriche ſchienen dafür zu zeugen, daß dieſe Idee auf einer bloſen, aus den Umſtän⸗ den geſchöpften Vermuthung beruhe. „Alſo todt!“ dachte er gleichwohl,„ja todt! Und mein Bruder oder meine Schweſter— ach ja, auch ſie ſind todt!— Die Welt iſt für mich ein Grab,“ ſeufzte er dann;„überall geht der Tod vor und hinter mir her. Einen einzigen Stern hat jedoch mein Himmel gehabt: Alma!“ Puke hatte ſich dermaßen in ſeine Gedanken ver⸗ tieft, daß die Nacht bereits weit vorangeſchritten war. Plötzlich wurde er jedoch durch ſchwere Tritte, die im Gang vor ſeiner Zelle erdröhnten, zum Be⸗ wußtſein ſeiner eigenen traurigen Lage zurückge⸗ rufen. Er legte haſtig ſeine Papiere zuſammen. Die eiſernen Riegel außen an der Thüre wurden bereits zurückgeſchoben. Wo ſollte er wohl dieſe koſtbaren Documente aufbewahren? Da bemerkte er ein klei⸗ nes Luftrohr am Fuße des Kamins; er rollte alſo ſeine Papiere zuſammen und ſchob ſie, ſo weit er konnte, hinein. Kaum hatte er ſeinen Platz im Bett wieder eingenommen, als der Gefangenwärter nebſt der Wache eintrat. Der Unteroffizier ſagte, er habe Befehl ihn zu fragen, ob er bekennen oder ihm in die Roſenkammer folgen wolle. 149 „In die Roſenkammer!“ antwortete Puke. Die Roſenkammer lag im Schmidhof, unter dem langen Haus rechts vom Eingang. Dieſe Fol⸗ terkammer wurde, wie auch der Diebskeller, kurz nach der Revolution von 1772, am 27. Auguſt, von Neuem gefüllt. Dies war alſo eine der erſten Maß⸗ regeln, welche Guſtav III ergriff, nachdem er die Regierung der ſogenannten Freiheitszeit geſtürzt hatte. Noch 1849 befand ſich jedoch die Roſenkammer bei⸗ nahe in ihrem urſprünglichen Zuſtand. In Folge der großen Veränderungen, welche das Gefängniß⸗ ſyſtem damals und ſchon vorher erlitt, bedurfte man dieſes Platzes zur Erweiterung des Arbeitslokals, und es wurde daher Befehl gegeben ihn zu räumen. Der Zufall wollte, daß der Verfaſſer dieſes Werks die Kammer betrachten konnte, als ſie eben geleert wurde und man die Gitter aus der einzigen Fenſter⸗ öffnung ausbrach, durch welche ein ſpärliches Licht in den hölliſchen Abgrund glitt. Wir werden in Folgendem die Kammer beſchreiben. Nachts zwölf Uhr kam Puke im Schmidhof an. Che man etwas mit ihm vornahm, wurde er zum Bekenntniß aufgefordert, weigerte ſich aber aufs Beſtimmteſte. 4 Gleichwohl war man überzeugt, daß er ſich bald anders beſinnen würde, weil höchſt ſelten oder viel⸗ leicht nie Jemand die Tortur, die ihn erwartete, überſtanden hatte, ohne bald darauf zu bekennen. Einige Mitglieder der Commiſſion hatten ſich daher eingefunden, um in einem beſondern Zimmer ſeine Erklärung in Empfang zu nehmen. 150 Da Puke jedoch auf ſeiner Weigerung beharrte, ſo zog man ihn, wie das erſte Mal, bis auf den Leib aus und führte ihn in die Roſenkammer. Ein tödtlicher Eishauch kam ihm entgegen. Unwillkürlich wich er zurück. Das Geplatſche eines pfuhlartigen Waſſers, das von der Höhe herab⸗ rann, ſchlug an ſein Ohr. Er ſchwankte wirklich. Mephitiſche Dünſte ſtiegen von dieſem Sumpfe auf. In welchen Abgrund gedachte man ihn zu führen? Noch zögerte er. Einer der Gefangenwärter hielt abſichtlich die Lampe vor ihn hin, damit er bei ihrem Scheine dieſen hölliſchen Abgrund überſchauen konnte, der einem in eine Bergwand eingehauenen und bis oben angefüllten Topfe glich, aus welchem das Waſſer von beiden Seiten herabrann, jedoch ſo, daß nicht bloß ein Theil davon zurückblieb, ſondern daß man auch die Waſſerfläche nach Belieben in die Höhe oder Tiefe treiben konnte. Eine eiſerne Kette, an welche ein Handkloben geſchmiedet war, hing von einem Block in der gewölbten Decke herab. Mit Entſetzen ſtarrte er noch in dieſe Höhle hinein. Er ſah beim Lampenſchein Inſekten und Kröten in dem Pfuhlwaſſer herumkriechen. Ein Eindruck namen⸗ loſen Unbehagens überkam ihn. „Bekennen Sie nur,“ ermahnte der Wachcom⸗ mandant,„ſo werden Sie ſogleich aus dieſem ſcheuß⸗ lichen Ort befreit werden.“ Puke richtete ſein Haupt auf, ſeine Stirne run⸗ zelte ſich, er ſchaute ſich verwundert um; dann trat er mit einer Ruhe, als ob ihm Alles vollkommen gleichgültig wäre, hinein. Im nächſten Augenblick preßte ihm der Henker die Hände zuſammen, und er -———ñ- 1 1⁵¹ fühlte, wie der eiſerne Kloben ſie umſchloß. Die Kette raſſelte, und er wurde in die Höhe gehoben, ſo daß er keine Stütze für ſeine Füße mehr hatte. Wir wollen den Leſer nicht mit einer lebhafteren Beſchreibung der Qualen martern, die Puke hier auszuſtehen hatte. Statt deſſen erlauben wir uns ein Citat aus ei⸗ nem gleichzeitigen Schriftſteller, dem Oberkammer⸗ herrn Baron Stjerneld. „Der Unglückliche war ganz nackt. Nach zwei Stunden äußerte er ſich, wie wenn er ſein Bekennt⸗ niß ablegen wollte. Er wurde daher zu den Mit⸗ gliedern der Commiſſion geführt; aber da er nichts geſtand, ſo brachte man ihn wieder hinab und zog ihn von Neuem in die Höhe. Nach drei Stunden gab er wieder Zeichen, daß er bekennen wolle. Als man ihn jedoch heraufbrachte, ſagte er Nichts und wurde alſo wieder hinabgeführt. Diesmal konnte er jedoch nicht mehr länger als eine Stunde bleiben; aber alle dreimal ſagte er nicht ein Wort und ſtieß nicht den mindeſten Jammerton aus: nur bemerkten die Chirurgen, daß ſeine Lebenskräfte jetzt zu ſchwin⸗ den begannen. Als ſie fühlten, daß ſein Rücken⸗ mark zu kalt wurde, fanden ſie ſich zu der Meldung veranlaßt, daß er es ohne dringende Lebensgefahr nicht länger aushalten könne. Er wurde alſo herab⸗ genommen und ins Gefängniß gebracht, um in der nächſten Nacht von Neuem in die Roſenkammer ge⸗ führt zu werden, falls er nicht vorher geſtände.“ Einer der anweſenden Chirurgen hat verſichert, daß Puke nach dieſer Behandlung nie wieder ſeine 1⁵² Geſundheit hätte erlangen können, wenn man ihm die Todesſtrafe erlaſſen hätte. „Solang der Delinquent in der Folterkammer war,“ fügt unſer Gewährsmann hinzu,„befanden ſich die Chirurgen im äußern Zimmer, da ſie trotz ihrer warmen Kleidung die Kälte nicht auszuhalten vermochten. Sie gingen ſehr häufig hinein, um Puke zu unterſuchen, der übrigens ganz allein im Dunkeln gelaſſen wurde, und Niemand durfte ein Wort zu ihm ſagen, da die Wache im Nebenzimmer ſtand, wo man ſein Bekenntniß erwartete.*)“ Als Puke beim Tagesgrauen in ſein Gefängniß zurückkam, ſank er auf ſeine Kniee nieder. Kein Wort kam über ſeine Lippen, aber er faltete ſeine Hände, ſeine Augen richteten ſich aufwärts, gleich als hätte er die Gnade der Sonne über ſich herab ſchimmern geſehen, und ein Seufzer der tiefſten Wehmuth hob ſeine Bruſt. 3 Drei Gedanken hatten in der Roſenkammer ſei⸗ nen Muth aufrecht erhalten: das Andenken ſeines Vaters, die Freundſchaft für den Grafen Hard und ſein Wunſch, Almas und ſeiner ſelbſt würdig zu blei⸗ ben. Gleich hellen Sternen in ſeiner Seele, hatten dieſe Gedanken die Finſterniß des Todes, die Nacht des Leidens und der Qualen überſtrahlt. Aber wie ſehr er auch litt, ſo hatte doch ein Ge⸗ danke ihn noch weit mehr gequält: der Gedanke näm⸗ lich, daß man während ſeiner Abweſenheit aus dem *) In den hinterlaſſenen Memoiren des Grafen Hard wird die Roſenkammer noch ſchauerlicher geſchildert. Gefängniß die Documente in Betreff ſeines Vaters entdecken und ihm wegnehmen könnte. Sobald er daher zurückkam, wollte er vor allen Dingen nach dieſen Papieren ſehen, aber er konnte ſich nicht regen. Sein Blut ſchien ins Stocken ge⸗ rathen, die Gedanken ſchienen von ihm gewichen zu ſein. Sein ganzes Weſen war in eine Betäubung verſetzt worden, deren Grundton aber tiefe Andacht und chriſtliche Ergebung waren. Sein Herz konnte mit einer erſtarrten Woge verglichen werden; es be⸗ wegte ſich nicht mehr, es war zu Eis gefroren; aber in dem Eiſe ſelbſt ſpiegelte ſich der klare Himmel noch ſo ruhig ab. Endlich fühlte er jedoch, daß ein Lebenshauch wiederzukehren anfing, und er ſuchte ſich aufzurichten, um die Papiere hervorzuholen; aber ſeine Kräfte hat⸗ ten ihn noch immer verlaſſen. 3 Es ärgerte ihn, daß er keiner willensfreien Be⸗ wegung mehr fähig, daß er unter einem phyſiſchen Uebel erlegen ſein ſollte. Sein Wille hatte zwei Folterkammern überwun⸗ den, und er beſchloß auch die ſchmerzvolle Zerſtörung zu bemeiſtern, welche dieſelben an ihm zurückgelaſſen hatten. Mit gewaltfamer Anſtrengung richtete er ſich auf. Es freute ihn, als er fühlte, daß er wieder auf ſeinen Beinen ſtehen konnte. Er hatte nicht nach dem Papier kriechen wollen, ſondern er wollte ge⸗ hen. Es gelang ihm auch. Auf die Lehne eines Stuhles geſtützt, den er mit ſich ſchleppte, kam er vorwärts. Zu ſeiner Freude fand er, daß die Pa⸗ piere noch da waren. Er drückte ſie an ſeine Bruſt und arbeitete ſich dann bis in ſein Bett zurück, wo 15⁴4 er bleiſchwer zuſammenſank. Seine Abſicht war, ſich mit der Lectüre einiger Briefe ſeiner Eltern zu ſtär⸗ ken. Aber ſeine Augen fielen zu. Während jedoch ſeine Gedanken wie Dunſtbilder durch ſeine Seele ſchwebten, ſchob er, mehr träumend als wachend, die Papiere in ſeine Weſte hinein, um ſie möglichſt nahe bei ſeinem Herzen aufzubewahren. Jetzt überkam ihn ein Schlaf, tief wie Todesſchlaf. Als er wieder erwachte, fand er Jonas an ſei⸗ nem Bette knieend. Schweigend ſtreckte er ſeine Hand gegen den er⸗ gebenen Diener aus; mit einer Thräne im Auge drückte Jonas ſie an ſeine Bruſt. „Warum biſt Du geſtern nicht zurückgekommen?“ fragte Puke nach einer Weile;„ich erwartete Dich.“ „Ach, Herr, man verweigerte mirs, und ich fürch⸗ tete, man möchte Verdacht ſchöpfen, wenn ich gar zu eifrig darauf beſtände.“ „Und der Brief an den Grafen Hard?“ „Wurde ſogleich beſorgt.“ „Trafſt Du ihn ſelbſt?“ „Nein, Herr.“ Puke ſchloß ſeine Augen von Neuem. Da Jonas den Grafen nicht perſönlich getroffen hatte, ſo konnte er natürlich auch nicht wiſſen, ob dieſer zu fliehen gedachte oder nicht. Es war alſo nicht der Mühe werth, davon zu ſprechen. „Und der andere Brief?“ Puke konnte für das, was er ſagen wollte, kaum Worte finden. Aber Jonas war gewöhnt, die Ge⸗ danken ſeines Herrn zur Hälſte in ſeinen Geſichts⸗ zügen zu leſen, und in ſeiner augenblicklichen Lage 15⁵ waren dieſe auch ſo einfach, daß der treue Diener ſie leichter als ſonſt errathen konnte. „Der andere Brief?“ wiederholte alſo Jonas. „Ja.“ „Fräulein Creutz hat ihn erhalten. Ich übergab ihn einem Hofbedienten, den ich als ganz zuverläßig kenne.“ „Und mein Sohn?“ „Er befindet ſich vortrefflich. Nur fragt er bis⸗ weilen, ob Papa nicht bald wiederkomme?“ Ein Schauer ſchüttelte Pukes Glieder. Seine Au⸗ gen fielen von Neuem zu. Eine Phantaſie zerſchmolz in der andern, ein Schatten ſchwebte um den andern vorüber. Er meinte auf Sturmesflügeln gleich einem blutigen Geſpenſt durch die Räume zu jagen, nach einer luftigen und hellen Wolke empor, in welcher Alma, jetzt ein ſtrahlender Engel, ihm winkte und an ihm vorüberſchwebte. So däuchte es ihn, die Fahrt gehe um die Erdkugel herum, ſie habe keinen Anfang und kein Ende. Aber auf einmal löste ſich Alles um ihn her in ein unendliches Chaos auf. Und die Jagd hielt inne, die goldene Wolke ver⸗ ſchwand, und es war ihm, als befinde er ſich in ei⸗ nem undurchdringlichen Dunkel, und aus der Tiefe hervor ſchallte es ihm„Papa, Papa!“ entgegen. Die Stunden entfliegen leicht auf der Träume bunten Schwingen. Als Puke wieder erwachte, war es nahe um Mitternacht, und er fand ſich bereits von der Wache umgeben, die ihn nach der Roſen⸗ kammer führen ſollte. Er fühlte nur zu gut, daß ein neuer Beſuch da⸗ ſelbſt ſein Tod wäre, und er war auch bereit zu ſter⸗ ben; aber zwei Dinge waren ihm noch wichtig. Er ſammelte daher ſeine Gedanken, um ſeine Stellung richtig aufzufaſſen; er hatte nur einen Au⸗ genblick vor ſich. Er wußte, daß Graf Hard ſeinen Brief erhalten hatte; aber waren Hard und Brahe auch entkom⸗ men?. Er hatte auch verſprochen, die für den Reichsrath Ehrenpreutz ſo wichtigen Documente wieder herzu⸗ ſchaffen, und ſie lagen jetzt an ſeiner Bruſt. Sein Blick flog unter den Anweſenden umher; er ſuchte Jonas, aber dieſer war nicht zu ſehen. An wen ſollte er ſich wenden? Auf einmal kam ihm ein Gedanke. „Meine Herren,“ ſagte er zu ſeiner Umgebung, „ich will geſtehen.“ „Wir werden es den Mitgliedern der Commiſſion melden, die ſich hier eingefunden haben.“ „Nein, das nicht; ich will meine Erklärung bloß vor dem Reichsrath Chrenpreutz abgeben.“ „Reichsrath Chrenpreutz? Es iſt bereits Mitter⸗ nacht— er wird nicht kommen.“ Die Bemerkung war richtig. Puke mußte es ein⸗ ſehen; aber dies war nicht das Einzige, was ihn be⸗ ſtimmte, ſeinen Wunſch aufzugeben. Es kamen noch andere und wichtigere Gründe dazu. Er erinnerte ſich nämlich, wie ſehr Chrenpreutz jede Möglichkeit fürchtete, der Partei gegenüber, welcher er jetzt an⸗ gehörte, irgendwie zweideutig zu erſcheinen. War es alſo wohl anzunehmen, daß er zu einem Manne kom⸗ men würde, der auf der einen Seite des Hochver⸗ 157 raths angeklagt war und auf der andern nahe daran geweſen, durch eine Verbindung mit ſeiner Nichte Mitglied ſeiner Familie zu werden? Ein neuer Gedanke tauchte in Pukes Seele auf. „Wer iſt das Commiſſionsmitglied, das ſich hier eingefunden hat?“ „Graf Creutz.“ Das eben hoffte Puke. Er wußte, daß Creutz ſeinen Arbeiten in der Commiſſion mit ganz beſon⸗ derem Eifer nachkam und durchaus Nichts ver⸗ ſäumte. „Nun wohl,“ ſagte er,„meldet ihm, daß ich mein Bekenntniß ablegen wolle.“ Die Mitglieder der Commiſſion, die aus allen vier Ständen gewählt waren, beſtanden, was die Ritterſchaft und den Adel betraf, hauptſächlich aus Juriſten. Der Gardelieutenant Graf Creutz war die einzige Ausnahme. Creutz, der ſich ſchon lange mit Leidenſchaft den politiſchen Parteiſtreitigkeiten und Cabalen gewidmet, wurde, nachdem er nun auch den beabſichtigten Auf⸗ ſtand zur Anzeige gebracht hatte, im Ritterhaus und Adel mit der größten Achtung und Auszeichnung be⸗ handelt, was ihn noch immer mehr anſpornte. In Folge ſeiner Geburt und der Stellung, die er jetzt einnahm, glaubte er kein Ziel mehr für ſich zu hoch. Der Ehrgeiz iſt der hervorſtehende Charakterzug des Adels; dieſer Zug würde den Stand ehren, wenn man nicht gewöhnlich die äußere Ehre mit der inne⸗ ren verwechſelte, wenn man nicht eifriger nach der glänzenden Schale ſtrebte, als nach dem ſoliden Kern. 158 Wann galt in früheren Zeiten z. B. eine gute That, Talent oder Genie ſo viel wie ein Kammerherrn⸗ ſchlüſſel? Creutz war, ſo zu ſagen, in die Mode gekommen. Er fühlte, daß der Staat einen Augenblick in ſeiner Hand gelegen hatte, und er wollte den dadurch ge⸗ wonnenen Einfluß feſthalten. Ein Altersgenoſſe des Grafen Brahe, war er einige Jahre vorher einer ſeiner nächſten Freunde geweſen, aber die Verſchiedenheit der politiſchen Grundſätze hatte ſie allmälig von einander getrennt. Als Brahe jetzt angeklagt, vor die Commiſſſon gerufen und von ihr hinweg ins Staatsgefängniß abgeführt wurde, glaubte Creutz vorzugsweiſe durch den Sturz dieſes Mannes eine neue Stufe zu ſeiner eigenen künftigen Höhe erklimmen zu können. Je höher die angeklagten Perſonen durch Geburt und Anſehen ſtanden, um ſo größer war der Dienſt, welchen Creutz dem Staate geleiſtet hatte. Eine Revolution, mit Brahe an der Spitze, ent⸗ deckt und vereitelt zu haben, war etwas ganz Ande⸗ res, als wenn bloß Ernſt oder Eſcholin als Banner⸗ träger figurirt hätten. Aber wie Brahe zu Falle bringen? Creutz war beauftragt worden, der Abführung Pukes in die Roſenkammer anzuwohnen, um ſein Geſtändniß in Empfang zu nehmen, im Falle er ein ſolches ablegen wollte. Mit ſtolzer Befriedigung ſpa⸗ zierte er im Gang vor den Gefängnißzellen auf und ab und überlegte den merkwürdigen Schachzug des Glückes, der ſo plötzlich ſeine Ausſichten veränderte. Vor allen Dingen ſann er über die Art und Weiſe 159 nach, wie er Brahe zum Geſtändniß bringen könnte. Da kam ihm eine Idee. „Brahe und ich ſind alte Freunde geweſen,“ dachte er;„ich will einmal mit ihm reden.“ Auf ſeinen Befehl wurde der eiſerne Riegel zu⸗ rückgeſchoben, die Thüre ging auf und Creutz trat hinein. Graf Brahe hatte ſich nicht gelegt, ſondern ſaß, die Stirne in ſeine Hand geſtützt, in einem Lehn⸗ ſtuhl. Noch hatte er ſich von dem Entſetzen nicht erholt, das ihn erfaßt hatte, als man ihn ins Staatsge⸗ fängniß abführte. Stolz und Verdruß, Uebermuth und Furcht wechſelten in ſeiner Seele. Als er ſeinen ehemaligen Freund Creutz erblickte, der jetzt einer ſeiner Richter geworden war, maß er ihn mit trotzigen Blicken. „Ich habe gehört, daß man den Capitän Puke im Diebskeller gehabt habe,“ ſagte er.„Da ich Sie hier ſehe, ſo iſt wohl jetzt die Reihe an mir. Ich bin doch begierig, ob die Commiſſion wirklich den Muth hat, den erſten Grafen des Reichs wie einen gemeinen Miſſethäter zu behandeln.“ Creutz fühlte ſich getroffen. „SIch bin kein Henkersknecht,“ antwortete er,„und komme nicht, um Sie in den Diebskeller abzuführen, Im Uebrigen habe ich kein Recht, allein in Dingen zu entſcheiden, worüber nur die Commiſſion Beſchlüſſe faſſen kann. Ich für meinen Theil, Herr Graf, bin nicht einmal Juriſt...“ Brahe unterbrach ihn. „Und da Sie kein Juriſt ſind, ſo können Sie, 160 wollen Sie vielleicht ſagen, auch die Folgen der neue⸗ ſten Ereigniſſe nicht beurtheilen; aber ſo wenig Sie auch Juriſt ſein mögen, Herr Graf, ſo ſind Sie doch derjenige, der auf eine mehr juriſtiſche als ritterliche Art den Ton zu dieſem Chor der Verdammten an⸗ gegeben hat.“ Wenn auch Brahes entſchiedene Mißbilligung des Creutzſchen Benehmens vor einem auf richtigen Staats⸗ grundſätzen ruhenden Urtheil nicht beſtehen konnte, ſo fühlte ſich dennoch Creutz nichtsdeſtoweniger in ſeinen mit dem Geburtsbegriff eingeſogenen Anſichten über Ritterehre verletzt. „Für meine Handlungsweiſe,“ antwortete er, „bin ich dem Staat verantwortlich und...“ Brahe unterbrach ihn von Neuem. „Und Ihrem eigenen Gewiſſen, Herr Graf.“ Creutz wurde durch dieſen Zuſatz überraſcht. Er hatte nicht an ſein Gewiſſen gedacht, nicht einmal daran, daß ſein Benehmen von irgend einem Ge⸗ ſichtspunkt aus getadelt werden könnte, zumal da er bisher Nichts als Lob und Billigung vernommen hatte. „Meinem Gewiſſen...“ wiederholte er unwill⸗ kürlich. „Ich ſage Ihnen, Graf, daß dieſes mich und Jeden, deſſen Unglück Sie verurſacht haben, rächen wird. Es iſt ganz ſchön und gut, daß Sie ſich vor dem Staat verantworten können, zumal vor einem Staat, wo den juridiſchen Spitzfindigkeiten ein ſo umfaſſender Spielraum gelaſſen iſt, wie in dem un⸗ ſeren; vielleicht kann man auch in einem höhern Sinn ſagen, daß Sie bloß eine Pflicht erfüllt haben; aber 161 man iſt kein Herkules, dem ein glücklicher Zufall eine Heroenkeule in die Hand geſpielt hat. Bei dem Grad von Geiſteskraft, der Ihnen verliehen iſt, wird die ſcheinbare Ehre, die Ihnen zufällig zu Theil geworden, bald vor Ihrem eigenen Gefühl er⸗ blaſſen. Der Staatsmann ſucht vergebens eine Schutzwehr gegen ſich ſelbſt als Privatmann. Um ein großer Mann zu ſein, bedarf es Kopf und Herz: Sie beſitzen von Beidem nicht mehr als den Haus⸗ bedarf. Wenn Ihr Herz einmal zum Leben erwacht und entdeckt, daß der Kopf leer iſt, ſo wird Ihnen das wenig Selbſtbefriedigung gewähren. Sie ſehen mich verwundert an? Gleich viel! Wir haben einander in jüngeren Jahren gekannt. Ich fürchte auch weniger von Ihrem Herzen, als von Ihrem Verſtand. Was würden Sie wohl ſagen, wenn Sie meinen Kopf unter dem Henkerbeil fallen ſähen?“ Creutz war zu Brahe hineingegangen, um ihn zum Geſtändniß zu bereden. Er fühlte ſeine juridiſche Unwiſſenheit ſehr wohl; aber um ſo mehr fühlte ſich ſeine Eitelkeit durch den Gedanken geſchmeichelt, den Angeklagten auf Grund ihres früheren Verhältniſſes zu einer aufrichtigen und offenen Erklärung zu ver⸗ mögen. Brahes erſtes Entgegentreten verdroß ihn, aber dieſer Verdruß machte bald einem ganz andern Gefühle Platz. In Brahes Aeußerung lag nämlich Etwas, wogegen er ſich nicht zu vertheidigen ver⸗ mochte. Die Illuſionen, die er ſich gemacht hatte, verſchwanden eine um die andere. Er konnte ſich nicht mehr darüber ärgern, ſondern vielmehr zog ſich ſein Herz krampfhaft zuſammen. Der Partei⸗ kampf hatte ihn in den politiſchen Wirbel geführt Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. V. 11 und ſodann weiter mitgeriſſen. Das war Alles, was man in dieſer Beziehung von ihm ſagen konnte. Brahe hatte auch ſein ganzes Inneres blosgelegt. Mit Schrecken begriff er wirklich, daß er nicht das war, was man einen Staatsmann nennt, der ganz rückſichtslos die Ehre und den Vortheil der Nation über alles Andere ſtellt, ſondern daß er ſich von Privatabſichten hatte verleiten laſſen. Charakter, Selbſtſtändigkeit und Pflichtgefühl, die ihn hätten aufrecht erhalten müſſen, waren auch nicht ſo ſtark, daß ſie ihn in dieſem Augenblick gegen einen ſchmerz⸗ lichen Zweifel bei der Beurtheilung ſeiner ſelbſt ſchützen konnten. Creutz war ein Menſch von dem ganz gewöhnlichen Schlag, welcher auf dem Grund der ſchwankenden, aber modernen Rechtsbegriffe ve⸗ getirt, bei dem man, wenn die harte Schale des Egoismus durchbrochen iſt, nur eine erkünſtelte in⸗ nere Kraft findet, eine Selbſtſtändigkeit, welche mehr die allgemeinſte Form der Alltäglichkeit, als das in⸗ nere Bewußtſein des moraliſchen Lebens, mehr eine Abſpiegelung der nächſtliegenden Umſtände, als eine fortlaufende Entwicklung eines in ſeiner ganzen Wahr⸗ heit erkannten und erfaßten Prinzips, mehr die Summe fremder Eindrücke, als das Ergebniß innerer Selbſt⸗ beſtimmung iſt. Solchen Leuten fehlt es ganz und gar nicht an Ritterlichkeit; dieſe iſt eigentlich ihr einziger eigener Waffenrock; auch nicht an Kennt⸗ niſſen, aber es fehlt ihnen an einem eigenen inneren Leben, aus welchem ſie mit eigener Wurzel und eigenem Kern aufwachſen können, ſo daß ſie im Sturm beſtehen und für Mit⸗ und Nachwelt Früchte tragen. Ob nun Creutz vorher nicht genau über⸗ 163 legt hatte, wohin ſeine Anklage führen konnte, oder ob ihm dies bisher gleichgültig geweſen war, genug, auf ſich ſelbſt jetzt zurückgeführt, fürchtete er auch die Wahrheit in Brahes Andeutung, und ſchauderte vor der Möglichkeit, daß der Kopf dieſes Mannes wirklich fallen könnte. Er wußte nicht recht, ob er auf den Angriff, dem er ausgeſetzt geweſen, antworten ſollte oder nicht. Er betrachtete ſeinen ehemaligen Freund mit fortwährendem Stillſchweigen. Es kam ihm vor, als ob Brahe in den letzten Stunden bereits gealtert hätte. Auf ſeiner Stirne lag noch Stolz, aber ſeine Lippen zuckten höhniſch. In den Augen brannte ein Feuer, aber daneben hatte ſich eine Runzel gelegt, aus welcher tiefe Schwermuth ſprach. „Herr Graf,“ ſagte Creutz endlich,„Sie geben zu, daß ich eine große Pflicht gegen den Staat er⸗ füllt habe; wahrhaftig, ich kann nicht mehr von Ih⸗ nen verlangen. Uebrigens will ich recht gerne ſo⸗ wohl Ihnen als mir ſelbſt geſtehen, daß ich ein ſowohl unwürdiges als ſchwaches Werkzeug war. Aber die Vorſehung hat mich dazu auserſehen, und ich muß mich den Folgen unterwerfen. Bisher hat mein Gewiſſen mich nicht angeklagt; was künftig ge⸗ ſchehen wird, das können wir beide nicht wiſſen. Sie fragen mich, Herr Graf, ob ich den Muth hätte, Ihr Haupt unter dem Henkerbeil fallen zu ſehen? Ich geſtehe, daß Sie mich durch dieſe Idee erſchrecken und erſchüttern. Ich kann, bei Gott! nicht vermu⸗ then, daß es ſo weit kommen werde. Ich fürchte in 164 der That, daß ich dann mich ſelbſt vielleicht einer Blutſchuld anklagen würde.“ Während er ſo ſprach, war er mit ſich ſelbſt nicht ganz im Reinen. Auf der einen Seite flüſterte ihm ſein Stolz ins Ohr, daß er ſich gar zu ſehr vor Brahe demüthige; aber auf der andern Seite war es ihm unmöglich, dem Eindruck zu widerſtehen, welchen die Sprache und die Lage des Gefangenen auf ihn machten. 1 „Bei der Beurtheilung meiner Handlungsweiſe,“ begann er dann wieder, vielleicht um einen Mittel⸗ weg zwiſchen ſeinen eigenen widerſtreitenden Gefüh⸗ len einzuſchlagen und um ſich vor Brahe und ſich ſelbſt zugleich zu rechtfertigen,„dürfen Sie nicht überſehen, daß es diesmal dem Fortbeſtand des Staates galt, für welchen jeder gute Bürger Alles, ſelbſt ſeine Privatneigungen opfern muß. Vergeſſen Sie übrigens nicht, daß Schedvin eigentlich derjenige war, der Ihre Pläne aufdeckte. Konnte ich, indem ich den fraglichen Aufruhr zur Anzeige brachte, wohl wiſſen, daß die Anklage Sie treffen ſollte?“ „Halten Sie ein, Graf,“ ſagte Brahe.„Sie halten den Staat wie einen prächtigen Schirm, hin⸗ ter welchem Sie Ihr Gewiſſen geborgen glauben, vor ſich hin. Nichts iſt jedoch falſcher. Geſtehen Sie, denn Sie können es unmöglich leugnen, daß die Art und Weiſe, wie Ihre eigene Partei uns be⸗ handelte, mit beinahe teufliſcher Berechnung die unſrige Schritt für Schritt zu Extremen gedrängt hat; geſtehen Sie, daß Ihre Verfolgungen, die plan⸗ mäßig immer kränkender wurden, hauptſächlich darauf ausgingen, von unſerer Seite eine entſchiedene Op⸗ poſition hervorzurufen, damit Sie vermöge Ihres Machtbeſitzes unſere Handlungen ganz beliebig aus⸗ legen und Gelegenheit erhalten möchten, den Stab über unſern Häuptern zu brechen; geſtehen Sie, daß Ihre empörende Feindſeligkeit gegen die königliche Familie, Ihr beſtändiger, kränkender Haß gegen die Mützenpartei, die Unterdrückung aller öffentlichen Redefreiheit, kurz alles das nur einen einzigen Zweck gehabt hat, nämlich uns zu offener Gegen⸗ wehr zu treiben; geſtehen Sie, daß es ſich ganz und gar nicht um den Staat handelte, denn Sie fürch⸗ teten ganz gewiß ſeinen Untergang nicht, ſondern vielmehr um die Zermalmung Ihrer politiſchen Geg⸗ ner, auf deren Ruin Sie Ihre Siegesfahne aufzu⸗ pflanzen verlangten; geſtehen Sie, daß der Staat bloß der ſchöne Vorwand für Ihre Abſichten, und daß Ihre eigene Machtvollkommenheit die Hauptſache war; geſtehen Sie, daß Sie gleich im Anfang dieſer Reichsverſammlung ganz deutlich die Perſonen be⸗ zeichneten, denen Sie ein Bein zu ſtellen beabſichtig⸗ ten; geſtehen Sie, daß ſelbſt die unſchuldigſten und harmloſeſten Handlungen Ihrer Gegner mißdeutet und entſtellt worden ſind; geſtehen Sie, daß Sie uns auf dieſe Art in einen achtähnlichen Zuſtand verſetzt, gleichſam außer dem Geſetz erklärt haben, und daß ich zu denjenigen gehörte, welche Ihr Un⸗ wille am härteſten treffen ſollte. Was Sie insbe⸗ ſondere bekrifft, Herr Graf, ſo habe ich Sie vor einem Richter verklagt, dem Sie nicht entgehen wer⸗ den: vor Ihrem eigenen Gewiſſen. Ich klage Sie an, daß Sie nicht offen und edel gehandelt haben, wie es einem echten Edelmann anſteht. Wiſſen Sie, 166 was ich an Ihrer Stelle gethan hätte? Ich ſetze den Fall, daß ich irgend eine Gefahr für den Staat entdeckt hätte. In einer ſolchen Stellung würde ich Sie aufgeſucht haben. Ich kenne kein ſo ritterliches Gefühl, wie das der Freundſchaft. Ich würde Ih⸗ nen geſagt haben, Ihre Pläne ſeien entdeckt, und ich verlange im Intereſſe des Staatswohls, daß Sie dieſelben abſchwören, widrigenfalls ich Sie anzeigen würde. Sehen Sie, ich hätte dann meine Pflicht ſowohl gegen den Staat als gegen den Einzelnen erfüllt; ich hätte ehrlich und ſchlicht gehandelt; mein Gewiſſen hätte mir Recht gegeben. Dagegen laden Sie auf Schedvin ab. Bah! Soldat bleibt Soldat: Sie haben ſeine Schritte geleitet.“ Während Brahes langer Auslaſſung hatte Creutz ſich wieder geſammelt. Sehr oft kann man einen Charakter, der nicht von höheren Geiſtesgaben ge⸗ tragen iſt, mit wenigen Worten überrumpeln und zu Boden ſchlagen; aber läßt man den Angriff zu lange währen, ſo verliert man leicht den im erſten Augenblick errungenen Sieg wieder. Welche Mängel auch Creutz als Politiker haben mochte, ſo beſaß er doch als Militär alle Vorzüge, die ſeiner Zeit ange⸗ hörten. Das Gefühl perſönlichen Muthes in Ver⸗ bindung mit einem minder ausgebildeten Urtheil er⸗ zeugt leicht eine gewiſſe reizbare Furcht, als einfältig angeſehen zu werden, wofür Niemand gelten will. Nachdem der erſte Eindruck von Brahes Vorſtellun⸗ gen vorüber war, begann bei Creutz eine ſolche Be⸗ fürchtung ſich einzuſtellen. Er beſann ſich bereits auf eine Antwort, wodurch er ſich revanchiren könnte. Gedanken um Gedanken, Wort für Wort zu wider⸗ 8 167 legen, konnte ihm nicht einfallen. Es handelte ſich nur darum, feſt im Sattel zu ſitzen und ſich nicht abwerfen zu laſſen. „Sie erinnern ſich wohl, Herr Graf,“ begann er jetzt,„daß ich Mitglied der Commiſſion bin?“ „Ich erinnere mich deſſen ſehr wohld; ich ſehe, daß wir beiderſeits unſere Rollen nicht vergeſſen.“ „Da Sie mir jetzt ſo aufrichtig Ihre Theilnahme an den Plänen des Hofes eingeſtanden haben, ſo wünſchen Sie ohne Zweifel, daß ich die übrigen Mitglieder der Commiſſion davon in Kenntniß ſetze?“ Brahe riß ſeine Augen weit auf. „Herr Graf,“ ſagte er bloß,„Sie legen meine Worte auf eine Art aus, die Ihnen Ehre macht. Was habe ich denn eingeſtanden?“ „Alles!“ „Nichts!“ Es entſtand eine kurze Pauſe. Die ehemaligen Freunde warfen einander feindſelige Blicke zu. „Sie ſagten ſo eben,“ begann Creutz wieder, „daß Sie mehr mein Herz als meinen Verſtand fürchten; ich fürchte, daß Ihnen jetzt mehr vor mei⸗ nem Verſtand als vor meinem Herzen bange iſt.“ Die Eitelkeit des Grafen Creutz gab ſich mit der Wirkung dieſer Erklärung zufrieden, und er beſchloß, ſich zu entfernen. „Was gedenken Sie zu thun?“ fragte Brahe. „Meine Pflicht zu erfüllen.“ „Sie gehen?“ „Ich gehe, um ſowohl mein Gewiſſen, als meine Ehre zu retten.“ Brahe rührte ſich nicht von der Stelle. Er be⸗ 168 griff nicht, was in Creutz vorging. Beide hatten bei einander die Saiten des Herzens anſchlagen wol⸗ len, aber ſie verfehlt. Als Creutz an die Thüre kam, wandte er ſich um.. Gewiß war es doch ein Gefühl der Reue, was ihn zurückzog. „Ich glaube, daß ich Ihnen einen guten Rath geben könnte,“ ſagte er;„aber ich weiß nicht, ob Sie ihn annehmen wollen.“ „p aſſen Sie hören.“ „Mein Rath iſt ganz einfach der, daß Sie vor der Commiſſion möglichſt aufrichtig Ihre ganze Theil⸗ nahme an dem beabſichtigten Aufruhr eingeſtehen. Aufrichtigkeit verſöhnt viel.“ Graf Brahe wollte antworten, als Creutz ſchwieg; aber in dieſem Augenblick wurde die Thuͤre geöffnet, und der wachhabende Unteroffizier trat ein. „Capitän Puke,“ meldete er,„wünſcht den Herrn Grafen zu ſprechen.“ „Was will er?“ „Er ſagt, er wolle bekennen.“ „Bekennen!“ wiederholte Brahe. Creutz fixirte ihn. Brahe erwiederte den Blick mit einem ſtolzen Achſelzucken. „Graf Creutz,“ ſagte er,„Ihre Abſicht, mich auf dieſe Art zum Geſtändniß zu verlocken, wie Sie es nennen, iſt ziemlich einfältig. Capitän Puke iſt ein viel zu feſter Charakter, um ſich untreu zu werden. Sie ſehen, daß ich vollkommen ruhig bin.“ Creutz hatte inzwiſchen dem Unteroffizier einige Worte ins Ohr geflüſtert, worauf dieſer ſich ſogleich entfernte. —-— 169 „Sie vermuthen alſo, Herr Graf,“ ſagte Creutz, „daß dieſe Meldung von Capitän Pukes Wunſch, zu bekennen, bloß eine Veranſtaltung von mir ſei; wohlan Sie ſollen es ſelbſt erproben. Hören Sie, wie die eiſernen Riegel vor dem Zimmer neben dem Ihrigen geöffnet werden? Man führt Puke dahin; ich begebe mich durch dieſe Verbindungsthüre hinein. Iſt es ſeine wirkliche Abſicht, zu geſtehen, ſo werde ich dieſe Thüre öffnen, damit Sie, Herr Graf, in den Stand geſetzt werden, ſeine Mittheilungen zu hören.“ Als Creutz ins Nebenzimmer trat und Puke vor ſich ſah, empfand er eine ganz andere Regung, als ſo eben bei Brahe. Jetzt erſt begriff er, daß all die Verhältniſſe zu Andern, die man gewöhnlich Freundſchaft nennt, es gleichwohl nicht ſind. Puke war ſeit ſeiner letzten Folterung ſehr verändert. Die ſonſt ſo geſunde, kräftige, mannhafte Geſtalt ſah jetzt bleich, leidend, kränklich aus. Ein halbes Jahr⸗ hundert ſchien ſeit einigen Tagen bleiſchwer über ſein Haupt gerollt zu ſein. Creutz konnte auch dem Gefühl ſchmerzlicher Theilnahme, das ihn ergriff, nicht widerſtehen; er faßte ſeine Hand und drückte ſie mit warmer Herzlichkeit, während ihm unwillkür⸗ lich eine Thräne ins Auge trat. „unter welchen Verhältniſſen müſſen wir uns nicht treffen!“ ſagte Creutz.„Die theuerſten Erin⸗ nerungen einer ganzen Jugendzeit knüpfen uns an einander. Können Sie mir die Gleichgültigkeit, um nicht zu ſagen Feindſeligkeit, die ich Ihnen lange be⸗ wieſen habe, verzeihen, Puke?“ 170 „Ich habe es Ihnen niemals nachgetragen, Herr Graf, ſo weh es mir auch that,“ antwortete Puke; „aber laſſen Sie uns jetzt nicht davon ſprechen; unſer Zuſammentreffen in dieſer Stunde hat wich⸗ tigere Zwecke.“ „Und auch dieſes Zuſammentreffen habe ich als der Angeber verurſacht.“ „Die Vorſehung läßt die Wege der Menſchen einander durchkreuzen, damit wir einſehen lernen, daß unſer wahres Ziel ſich nicht auf Erden vorfin⸗ det, ſondern im Himmel.“ Sie drückten einander noch einmal die Hände. Sie verſtanden ſich. „Mein Wunſch iſt,“ fuhr Puke dann fort,„Ihnen mein Bekenntniß ablegen zu dürfen.“ „Glauben Sie, daß es mir ſchwerer fällt es in Empfang zu nehmen, als Ihnen es abzulegen.“ „Bevor ich jedoch meinen Vortrag mache, Herr Graf, habe ich Ihnen noch einen beſondern Auftrag zu ertheilen, von dem ich überzeugt bin, daß Sie ihn mit Vergnügen übernehmen werden.“ Creutz dachte an ſeine Schweſter und glaubte feſt, daß es ihr gelte; aber er täuſchte ſich. Puke hatte daſſelbe Zartgefühl, wie er, nicht von ihr ſprechen zu wollen. 8 „Sie können nicht vergeſſen haben, Herr Graf,“ fuhr Puke fort,„daß Ihr Oheim, Graf Ehrenpreutz, ſich lange für die Wiedererhaltung gewiſſer Papiere intereſſirt hat, die für ihn von großer Wichtigkeit ſind.“ „Sie haben Recht, Puke; noch heute intereſſirt er ſich ebenſo ſtark dafür.“ 171 „Hier ſind ſie, Herr Graf. Ich erhielt ſie erſt geſtern. Niemand kennt ſie außer mir. Verſichern ſie dies Ihrem Oheim. Er kann jetzt ebenſo ruhig ſein, als ich froh bin, mein Verſprechen erfüllt zu haben. Außer einigen Briefen von meiner Mutter und etlichen lediglich auf Familienverhältniſſe bezüg⸗ lichen Blättern, die ich aus den Aufzeichnungen meines Vaters weggenommen, habe ich nicht ein einziges Actenſtück behalten. Ich bin ſehr erfreut, daß mein Vater tadellos und rein vor meinem Urtheil und meinem Herzen daſteht. Empfangen Sie dieſe Pa⸗ piere, Herr Graf.“ „Ich kann Ihrer Redlichkeit meine höchſte Ach⸗ tung nicht verſagen,“ verſetzte Creutz;„in Ihrer Stellung hätten Sie dieſe Papiere zu Ihrem Nutzen verwenden können, aber Sie verſchmähen das.“ „Nicht ganz,“ antwortete Puke,„denn ich möchte mir dafür einen Gegendienſt von Ihnen erbitten.“ „Und worin ſoll dieſer beſtehen?“ „Daß Sie mir aufrichtig eine einzige Frage beantworten.“ „Fragen Sie.“ „Sind die Grafen Hard und Brahe entflohen?“ „Ja und nein.“ „Wie ſo? Sind ſie nicht entkommen?“ „Haben Sie nicht heute Nacht in Ihrem Ge⸗ fängniß Trommelwirbel gehört?“ „Nein.“ „Ah richtig, Ihr Gefängniß geht in den Hinter⸗ hof. Still, hören Sie... Man hörte wirklich eben einen Trommelwirbel. 172 „Begreifen Sie nicht, was dieſes Trommeln be⸗ deutet, Puke?“ „Eine Fahndung...“ „Ganz richtig; eine Fahndung auf den Grafen Hard, der entflohen iſt.“ „Wann iſt er entflohen?“ „Das kann ich natürlich nicht genau wiſſen, aber er wird wohl geſtern Nacht aus ſeinem Hauſe ver⸗ ſchwunden ſein.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Nachricht,“ ſagte Puke;„ſie erfreut mich im höchſten Grad. Ich habe alſo nicht vergebens gelitten. Und Graf Brahe? Iſt er alſo nicht entkommen?“ „Er hat nicht zu fliehen verſucht und iſt heute gefangengeſetzt worden.“ „Der Unglückliche, warum entfloh er nicht? Ver⸗ loren alſo! Nun wohl!, ich habe jetzt keine Gründe mehr zu ſchweigen. Ich habe denjenigen gerettet, der ſich retten wollte. Laſſen Sie mich jetzt beken⸗ nen, Herr Graf.“ Puke legte jetzt ſein Bekenntniß ab, worin er, wenigſtens in der Hauptſache, das zugab, was die übrigen Angeklagten bereits mehr oder weniger voll⸗ ſtändig eingeſtanden hatten. Er ließ ſich indeß nicht ein einziges Wort entfallen, das der königlichen Fa⸗ milie oder den Andern hätte ſchaden können, ſondern er nahm die ganze Verantwortlichkeit auf ſich. Brahe, deſſen Zimmerthüre Creutz unvermerkt geöffnet hatte, trat während dieſer Beichte herein. „Capitän Puke,“ ſagte er,„Sie geben alſo Alles verloren?“ Eine Todesſtille, tief wie im Grab, herrſchte in dem Zimmer. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Schluß. Wir müſſen jetzt den Leſer auf einen kurzen Be⸗ ſuch zu Frau Schedvin führen. Frau Schedvin ſaß, wie gewöhnlich, in ihrer Sophaecke; aber ſie war bleicher als früher, ver⸗ fallener denn je. An ihrer Seite ſaß ein Geiſtlicher. Seine Rede, die er an ſie hielt, überfloß von chriſtlichen Lehren verſöhnender Milde, und man kann annehmen, daß er ihretwegen berufen worden war. In einer der Fenſtervertiefungen ſaßen Clara und Alexander und hörten ſchweigend auf die herz⸗ lichen Vorſtellungen des Geiſtlichen. Frau Schedvin dagegen blickte ſtarr vor ſich hin. So wie ſie da ſaß, konnte man nicht mit Beſtimmt⸗ heit ſagen, ob ſie dem Zuſpruch des Geiſtlichen Auf⸗ merkſamkeit ſchenkte oder nicht. Es war nicht ganz unglaublich, daß ihre Gedanken ihre eigenen, beſon⸗ deren Wege wandelten. Bei ihrer mumienhaften Erſcheinung hätte man Frau Schedvin auf den erſten Blick für todt halten können, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein Zucken ihrer Geſichtsmuskeln bewieſen hätte, daß ſie noch lebte, obſchon ſie mit ihren Gedanken in ganz andern Re⸗ gionen umherſchweifte als ihre Umgebung. 3 174 Der Geiſtliche fuhr indeſſen fort zu ſprechen; glaubte er vielleicht eine aufmerkſame Zuhörerin zu haben? Wir haben Frau Schedvin in einigen für ſie wichtigen Augenblicken gezeichnet; wir haben nachge⸗ wieſen, wie der unduldſamſte Egoismus alle Liebe und alles Glück um ſie her getödtet hatte, gleichwie eine Froſtnacht die zarten Keime der Erzeugniſſe des Frühlings und Sommers tödtet; wie Zweifel und Mißtrauen dem Egoismus auf dem Fuße folgen und zu ſeiner eigenen Strafe und Beängſtigung auf eine entſetzliche Weiſe ſelbſt die unbedeutendſten und ein⸗ fachſten Verhältniſſe ſtören und entſtellen; wie Neid, Bitterkeit und Haß ſich endlich des Herzens und der Seele bemächtigen und ihr Opfer mit Geißelhieben in eine beſtändig zunehmende Finſterniß treiben, die ſich um den Verſtand her bildet. Ganz beſonders bei Amandas Auftreten entwickel⸗ ten ſich die hervorragendſten Züge ihres Charakters. Ihr Inneres verwandelte ſich immer mehr in ein finſteres Chaos, aus welchem von Zeit zu Zeit ein gegen die ganze Menſchheit feindſeliger Blitz hervor⸗ fuhr, und ſie fürchtete die Welt und ſich ſelbſt bei⸗ nahe eben ſo ſehr, wie ſie die Welt und ſich ſelbſt haßte. Da ſie in ihrer verſchloſſenen Seele beſtän⸗ dig über ältere Verhältniſſe nachgrübelte, ſo ſah ſie zuletzt verſtorbene Perſonen aus ihren Gräbern auf⸗ ſteigen. Sie entſetzte ſich, vermochte aber die Erſchei⸗ nungen nicht zu verſcheuchen. Sie befand ſich gleich⸗ ſam in einer unterirdiſchen Welt, worin ſie verge⸗ bens einen Leitſtern ſuchte. Ihr Sohn Daniel und ihre Tochter Clara berei⸗ 49—— 175 teten ihr neues Mißvergnügen, nicht weil ſie es an Zärtlichkeit gegen ſie oder an ehrenvollen Beweiſen von edler Denkungsart und guten Sitten hätten feh⸗ len laſſen, ſondern lediglich weil ſie ſich allmälig aus der ſclaviſchen Abhängigkeit von ihrem launenhaften Weſen emancipirten. Der Leſer erinnert ſich an Amandas letzten Be⸗ ſuch. Frau Schedvin, deren ganze Seele von qual⸗ vollen und drohenden Erinnerungen aus vergange⸗ nen Zeiten erfüllt war, erſchrack gewaltig über die Aehnlichkeit zwiſchen Amanda und der ſchon vor vie⸗ len Jahren geſtorbenen Frau, in welcher ſie noch immer die Haupturſache aller ihrer Leiden und Küm⸗ merniſſe erblickte. Um eine unverdauliche fire Idee her zuſammengeſchrumpft, wie, um uns eines bereits gebrauchten Gleichniſſes zu bedienen, eine Frucht um einen verfaulten Kern her zuſammenſchrumpft, über⸗ ließ ſie ihre, hauptſächlich unter Wolkenbildern leben⸗ dige Einbildung dem phantaſtiſchen, blinden Eindruck. Sie ſah alſo in Amanda eine neue Offenbarung aus der Geiſterwelt. Der Haß weicht, wenn die Furcht kommt. Die Furcht vor der neuen Offenbarung er⸗ ſchütterte daher Frau Schedvins ganzes Weſen. „Gnade!“ flehte ſie, indem ſie vor dem ver⸗ meintlichen Geſpenſt auf die Kniee ſank,„Gnade!“ Gleich einer Wolke kam und verſchwand das Schattenbild für ſie. Der ganze Auftritt lag wie ein unerklärlicher, düſterer Fiebertraum hinter ihr. Nur der letzte Befehl des Geſpenſtes ſtand noch lebhaft vor ihrem Gedächtniß. „Ich befehle Ihnen,“ lautete er,„die Tochter auf⸗ zuſuchen und Ihr Verbrechen zu bekennen.“ 176 Damit ſtürzte der ganze babyloniſche Thurm, welchen Frau Schedvin in ihrer Seele aufgeführt hatte, über den Haufen. Seit Clara und Schedvin immer ſeltener bei ihr wurden, hatte Alexander, aus Liebe zu Clara und aus Theilnahme für die beklagenswerthe Alte, ange⸗ fangen, ſich ihr etwas mehr zu widmen. Auf ſeine Bitte kam der Pfarrer der Gemeinde, welcher den finſtern Dämon, der an ihrem Herzen und Verſtand rüttelte, bald entdeckte, weßhalb er auch nach Chri⸗ ſtenpflicht ſeine Beſuche fortſetzte, und zwar, wie er ſelbſt zu bemerken glaubte, mit ſehr bedeutendem Er⸗ folg. Das aufrühreriſche, beinahe in beſtändiger Gährung befindliche Gemüth begann ſich zu beruhi⸗ gen; die heftigen Ausbrüche von Zorn und Mißtrauen zeigten ſich ſeltener; dagegen verſank ſie immer mehr in ſich ſelbſt, wurde verſchloſſener und unzugängli⸗ cher für alle äußern Eingebungen. Man wußte nicht, ob Frau Schedvin jemals von der gegenſeitigen Neigung zwiſchen Clara und Alexan⸗ der Notiz genommen. Sie hatte wenigſtens nicht mit einem einzigen Blick oder Wort angedeutet, daß ſie eine Ahnung davon beſaß. Eines Tags, als der Geiſtliche und Alexander bei ihr waren, kam Clara auf Beſuch. „Herr Paſtor,“ ſagte Frau Schedvin, indem ſie ihn mitten in ſeiner Rede unterbrach,„haben Sie die Güte und legen Sie Ihre Hand ſegnend auf die Häupter meiner Tochter und Alexanders; ſie ſollen einmal Mann und Frau werden.“ Man kann ſich die Freude und Ueberraſchung der jungen Leute leicht denken. Wie lange hatten ſie nicht in der Mutter ein beinahe unüberwindliches Hinderniß ihres Glückes erblickt, und jetzt, wo ſie es am wenigſten hofften, gab ſie ſelbſt mittelſt des prie⸗ ſterlichen Segens ihrer Neigung die Weihe. Aber weiter kam kein Wort in Bezug auf ſie über die Lippen der Mutter. Sie verſank von Neuem in ſich ſelbſt und wurde, wie es ſchien, wieder gleich⸗ gültig gegen Alles. So waren Tage, Wochen, ſogar Monate ver⸗ ſchwunden; das revolutionäre Attentat war inzwi⸗ ſchen entdeckt worden, und all die Verhaftungen, von denen wir im vorigen Kapitel erzählt, hatten ſtatt⸗ gefunden. Der Paſtor und Alexander, die ſich lebhaft für dieſe Ereigniſſe intereſſirten, hatten es nicht unter⸗ laſſen können, manchmal davon zu ſprechen. Ohne daß Frau Schedvin eine größere Theil⸗ nahme kundgab, ſah man doch, daß ſie aufmerkſam Alles anhörte, was erzählt wurde. Gingen die bei⸗ den Männer im Zimmer auf und ab, ſo ſchaute die Alte ihnen nach; blieben ſie ſtehen, ſo hielt ſie ihre Blicke unverwandt auf ſie geheftet. Als Alexander und der Pfarrer das bemerkten, kamen ſie abſicht⸗ lich weit öfter auf politiſche Gegenſtände zu ſprechen. Man erwähnte mitunter, daß ihr Sohn Daniel die aufrühreriſchen Pläne aufgedeckt habe. Aber ſie veränderte dabei keine Miene. Der Pfarrer, ein Freund der beſtehenden Regierung, konnte dieſe That nicht genug preiſen; Alexander dagegen, der eine Veränderung wünſchte, beklagte die Entdeckung; aber weder die eine noch die andere Anſicht ſchien auf Frau Schedvin einzuwirken; nur widmete ſie den Ridderſtad, Luiſe uUlriken's Hof. v. 12 178 Sprechenden all ihre Aufmerkſamkeit, und man ſah, daß ſie hörte was ſie ſagten. Im Augenblick, wo wir dieſe Frau wieder auf die Scene brachten, hatte ſich ihre Umgebung auf die bereits bezeichnete Art um ſie gruppirt. Kräftig und warm ertönten die Worte des Geiſtlichen. Er ſprach vom wahren Glauben, der über den Aberglauben ſiegen müſſe, wie Daniel über den Drachen in Babel ſiegte. Er ſprach davon, wie das Recht immer das Un⸗ recht unterwerfe, wie Daniel von Gottes Hand in der Löwengrube geſchützt wurde, wie Azarias im Feuerofen den Herrn lobpries. Von Enthuſiasmus erfaßt, rief er: „Selig ſind die Betrübten, denn ſie werden Troſt empfahen. „Selig ſind die Sanftmüthigen, denn ſie werden die Erde beſitzen. „Selig ſind die hungern und dürſten nach Ge⸗ rechtigkeit, denn ſie werden geſättigt werden. „Selig ſind die Barmherzigen, denn es wird ihnen Barmherzigkeit widerfahren. „Selig ſind, die reinen Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen. „Selig ſind die Friedſamen, denn ſie werden Gottes Kinder heißen. „Selig ſind die um der Gerechtigkeit willen Ver⸗ folgung leiden, denn ihrer iſt das Himmelreich. „Selig ſeid ihr, wenn die Menſchen euch um meinetwillen verachten und verfolgen!“ Des Prieſters klangvolle Stimme ertönte noch 4 5 179 im Zimmer, als die Thüre heftig aufgeſtoßen wurde und Schedvin hereinſtürzte. Seit er den Aufruhr entdeckt und angezeigt, hat⸗ ten weder ſeine Mutter noch Clara und Alexander ihn geſehen. Sie erſchracken daher unwillkürlich, ſo aufgeregt und verändert war er. Die aſchgraue Farbe verrieth innere, herzzerreißende Gewiſſensqua⸗ len; die unſteten Blicke, die mitunter Flammen um ſich her warfen, zeugten von Unruhe im Herzen und Heftigkeit im Gemüthe. „Mutter! Mutter!“ rief er, indem er auf die alte Frau zueilte, ihr zu Füßen ſank und ſein Ge⸗ ſicht in ihrem Schooße verbarg. Die Alte war tief erſchüttert. Ihre Glieder zit⸗ terten, ihr Geſicht wechſelte die Farbe, ein Strahl von Milde glänzte in ihren Augen. Auf ſolche Art hatte ſich ihr Sohn noch niemals an ſie gewendet. Sie legte ihre Hand auf ſein Haupt, ſie beugte ſich über ihn hinab, ihre Lippen bewegten ſich, und man hörte ihre Stimme über den Knieenden hin⸗ ſäuſeln. Vielleicht war dies das erſte Mal, daß ſie ſich wirklich als ſeine Mutter fühlte. Ihre Kinder hatten ſie bisher— ſo raiſonnirte ſie vielleicht in ihrer ſelbſtſüchtigen Zurückgezogenheit — ſo behandelt, als ob ſie ihrer nicht bedürften; jetzt dagegen traten ſie ſo auf, als ob ſie in ihr die einzige ſichere Stütze, den einzigen Hoffnungsanker erblickten.. Wie wunderſam war es ihr daher jetzt zu Muth, 180 als gleichſam ein warmer Hauch durch ihr ganzes Weſen ſtrömte! Clara und Alexander eilten hinzu; ſie fürchteten, Schedvins excentriſches Benehmen möchte einen hef⸗ tigen Ausbruch von Seiten der Mutter hervorrufen; aber zu ihrer großen Verwunderung blieb dieſe ruhig. Ihr Geſicht war ſogar von einem Ausdruck des wahrſten Glückes übergoſſen. Man dürfte annehmen, daß die Beſuche und Er⸗ mahnungen des Paſtors dieſe mildere Stimmung der alten Frau vorbereitet haben, daß aber juſt ein ſo kräftiges, eindringliches Mittel, wie dieſe leidenſchaft⸗ liche Appellation des Sohnes an ihre Mutterliebe, erforderlich war, um in ihrem Herzen einen ſo ge⸗ waltigen Durchbruch zu erzeugen, daß es das Er⸗ wachen eines neuen Lebens zu erkennen gab. Schedvin war außer ſich. Er hatte in ſeinem Charakter immer eine gewiſſe Aehnlichkeit mit ſeiner Mutter gehabt. Er war unruhig, heftig, leidenſchaft⸗ lich, ſelten ſeiner ſelbſt mächtig. Er ſtrebte hoch hinauf, er war ehrgeizig, egoiſtiſch, ohne weder einen äußeren noch einen inneren Stützpunkt für ſeine An⸗ ſprüche zu beſitzen. In dieſem Augenblick war er zermalmt von Verzweiflung. „Mutter! Mutter!“ rief er, ohne von ſeiner Um⸗ gebung die mindeſte Notiz zu nehmen,„wie ſchrecklich unglücklich bin ich!“ Noch verbarg der Sohn ſein Haupt im Schooße der Mutter. Clara und Alexander ſtanden auf beiden Seiten von ihm. Der Geiſtliche war ein wenig zurückgetreten. 181 „Sie ſind zum Tode verurtheilt, Mutter, zum Tode, und ich, ich hatte ſie angezeigt!“ Es trat eine tiefe Stille ein; Niemand begriff, von weſſen Verurtheilung er ſprach. Daniel richtete ſein Haupt auf und betrachtete ſeine Mutter, als wollte er in ihren Augen ſein eigenes Urtheil leſen.. „Zum Tod?“ wiederholte der Geiſtliche. „Zum Tod!“ murmelte Schedvin;„ach, Mutter! Mutter!“ Wiederum tiefe Stille. „Hören Sie's, Mutter? Ich bin an ihrem Tode Schuld.“ Daniel ſprang aus ſeiner knieenden Stellung auf. Die Anweſenden begriffen nicht, von wem er ſprach. Er bemerkte es und hielt inne. „Ihr verſtehet mich nicht,“ ſprach er;„nun, ſo leſet ſelbſt.“ Schedvin übergab ihnen eine Reichstagszeitung. Alexander griff ungeduldig darnach, und der Pfarrer trat ſchnell wieder näher, um ebenfalls ihren Inhalt zu erfahren. Im Blatt ſtand ein ausführlicher Bericht über das beabſichtigte Attentat. Sie übergingen dieſen und laſen den Schluß. „Sintemal und alldieweilen,“ hieß es darin,„aus dem Angeführten hervorgeht, daß alle dieſe Perſonen geſetzlich überwieſen und geſtändig ſind, daß ſie ge⸗ meinſchaftlich und jeder beſonders für ſich, auf die im Protocoll mitgetheilte Art und Weiſe, mit Rath und That und durch allerlei Maßregeln der Aus⸗ 182 führung einen verrätheriſchen Plan befördern woll⸗ ten, der hauptſächlich darauf ausging, die jetzt ver⸗ ſammelten Stände mit Gewalt zu unterdrücken, die von ihnen gefaßten Beſchlüſſe und eingeführten Ver⸗ faſſungen umzuſtoßen und zu verändern, ihre Frei⸗ heit und Sicherheit zu vernichten, die angenommenen und beſchworenen Geſetze und Regierungsform des Reichs zu verändern, welcher auf den allergrößten Schaden des ſchwediſchen Reichs und ſeiner Bewoh⸗ ner abzielende Anſchlag indeß durch die gnädige Vor⸗ ſehung des allmächtigen Gottes entdeckt und recht⸗ zeitig vereitelt worden iſt, ſo daß kein Unheil dadurch geſtiftet werden konnte; ſo beſchließt die Commiſſion der Reichsſtände nach§. 14 der Regierungsform von 1720 u. ſ. w. u. ſ. w. u. ſ. w.: daß Erik Brahe, Guſtav Jakob Horn, Magnus Tjäder Stalſvärd, Jan Puke, Gabriel Mozelius, Pehr Chriſtiernin Pehrſon, Anton Ernſt Angel und Iſrael Eſcholin, ihnen ſelbſt zur wohlverdienten Strafe und Andern zum war⸗ nenden Exempel, als Reichsverräther Leben, Ehre und Güter verlieren und enthauptet werden ſollen.“ Das Blatt entſank Alexanders Hand. „Und ich habe ſie angezeigt,“ wiederholte Sched⸗ vin, ſeine Hände ringend und mit funkelnden Augen. Die Mutter beobachtete ihn mit ſtillem, theil⸗ nahmsvollem Kummer. Schedvin hatte die Zeitung wieder aufgehoben; er preßte ſie mit heftigen Geberden zwiſchen ſeine Hände, er wollte ſie zerreißen. Alexander und der Pfarrer nahmen ihm das Blatt, um das Urtheil noch einmal zu leſen. „Beruhige Dich, Bruder!“ bat Clara. ——— 183 Er antwortete nicht; ſich ſelbſt zum Ekel, ſchritt er auf und ab. Einen Augenblick blieb er vor ſeiner Mutter ſtehen. „Ach, Mutter,“ ſagte er,„das iſt die Strafe der Vorſehung für die kühnen und vermeſſenen Wünſche, von denen ich mich blindlings leiten ließ. Wie konnte ich wahnſinnig genug ſein, mir träumen zu laſſen...“ Er verſtummte von Neuem und wollte ſeine Ge⸗ danken nicht ausſprechen. „Barmherziger Gott!“ rief er, indem er ſein Geſicht mit beiden Händen bedeckte,„auch ſie wird vielleicht ſterben... aus Verzweiflung ſterben... und Sie, Mutter, die einzige Perſon, die mir bleibt, haben kein Wort, um mich zu tröſten, keinen Blick, um mich aufzurichten. O mein Gott, mein Gott!“ Dann ſank er auf einen Stuhl nieder, denn er konnte ſich kaum mehr auf ſeinen Beinen halten. Alexander und der Geiſtliche hatten inzwiſchen weiter geleſen. Auf einmal zeigte ſich bei Beiden ein Ausdruck der Ueberraſchung. Frau Schedvin und Clara wandten jetzt auch ihre Aufmerkſamkeit ihnen zu; nur Daniel blieb unbe⸗ weglich. „Meldet das Blatt noch ein größeres Unglück?“ fragte Clara. „Haſt Du die Zeitung ganz geleſen?“ ſagte Ale⸗ rander zu Daniel. „a.“ Der Pfarrer und Alexander ſahen einander an; der Erſtere beſonders zeigte große Verwunderung. 184 „Wie groß muß nicht Dein Kummer ſein,“ ſagte Alexander,„wenn Du nicht einmal Dein Haupt zu erheben vermagſt?“ „Was gibt es,“ fragte Clara,„was ihn wieder aufrichten könnte?“ „Die Commiſſion,“ antwortete der Geiſtliche, „hat über die Verſchwörer das Todesurtheil gefällt; die Reichsſtände aber haben die Angeber belohnt.“ „Wie ſo? belohnt?“ 3 Clara betrachtete ihren Bruder. Er bewegte ſich nicht vom Platz; er ſchien taub für Alles, was um ihn her vorging. „Leſen Siel leſen Sie!“ bat Clara. Der Geiſtliche las: „Die Reichsſtände haben Sr. Majeſtät dem König in Unterthänigkeit den Lieutenant bei der königlichen Leibgarde, Grafen Lorenz Wilhelm Creutz, zur gnä- digen Beförderung zum Armeeoberſten mit dem Kriegs⸗ ſold vorgeſchlagen, in Anbetracht, daß derſelbe zur Entdeckung des obenerwähnten Anſchlages beigetra⸗ gen und auf ausgezeichnete Art ſeinen treuen Eifer für König und Vaterland bewieſen hat.“ Frau Schedvin und Clara hatten bei der Aeuße⸗ rung Alexanders und des Geiſtlichen vermuthet, dasßs die Sache Daniel angehe. „Ach ſo, Creutz!“ ſagte jetzt Clara;„war alſo er es, der... „Warten Sie ein wenig,“ meinte der Geiſtliche, „wir beginnen mit dem Anfang. Jetzt kommt es an Ihren Bruder. Hören Sie wohl zu.“ 4„Der geheime Ausſchuß ſtellt es der erleuchteten Prüfung der Reichsſtände anheim, ob nicht Corporal ——— Schedvin, als das erſte Werkzeug zur Vereitelung des ſchändlichen Complotts, für den dabei bewieſenen Eifer auf die Art belohnt werden ſolle, daß die Reichs⸗ ſtände ihm ein Capital von hunderttauſend Thalern ſchenken...“ „Hunderttauſend Thaler!“ rief Clara.„Hun⸗ dert...4 „Leſen Sie weiter.“ Der Geiſtliche las: „Um damit fideicommiſſariſch ein Gut zu kaufen, zum ewigen Beſitzthum für ſich ſelbſt und ſeine Nach⸗ kommen...“ Claras Verwunderung ſtieg immer höher. „Mein Bruder Fideicommiſſär...“ „Weiter, weiter!“ Der Geiſtliche las: „Und daß er in Unterthänigkeit zur Erhebung in den Adelsſtand empfohlen werde.“ Clara ſchlug die Hände zuſammen. „In den Adelsſtand!“ rief ſie;„was höre ich? in den Adelsſtand!“ „Hören Sie zu Ende!“ Der Geiſtliche fuhr fort: „Zur Erhebung in den Adelsſtand, ſo wie zum Lieutenantspatent, mit der Zuſicherung wirklicher Erhebung zu dieſem Poſten, ſobald bei einem der Infanterieregimenter eine Stelle erledigt werde, und daß er inzwiſchen den Kriegsſold dieſer Charge be⸗ ziehen ſolle.“ „Fideicommiſſär! Edelmann! Lieutenant!“ rief Clara, als wäre ſie aus den Wolken gefallen. Der Geiſtliche hatte inzwiſchen Frau Schedvin 186 und Daniel fixirt. Er wollte den Eindruck dieſer Nachrichten ſtudiren und in ihrem Innern leſen. Als die Mutter hörte, daß ihr Sohn eine ſo be⸗ deutende Summe zur Erkaufung eines Gutes erhalte, und daß dieſes Gut als Fideicommiß ſeinen Nach⸗ kommen zufallen ſolle, zeigte ſich eine heftige Mus⸗ kelbewegung in ihrem Geſicht, ihre Augen ſchoßen Flammen, und ihre Stirne erhob ſich, obſchon bei⸗ nahe unmerklich. Als ſie dann hörte, daß ihr Sohn überdies in den Adelsſtand erhoben werden ſollte, da zitterte ſie am ganzen Leib, als wäre ſie von einem gewaltſamen electriſchen Schlag getroffen worden; ihre Wangen glühten einen Augenblick, von hectiſcher Röthe gefärbt, ihre Lippen bebten. Aber bei all dem ſprach ſie kein Wort. An Daniel dagegen war nicht die mindeſte Auf⸗ regung wahrzunehmen, aber er hatte ja auch die Nachricht ſchon vorher gewußt. Aus dem augenſcheinlichen Eindruck, welchen Daniels Verzweiflung und ſein ſo verehrungsvoll ausgeſprochenes kindliches Bedürfniß nach mütter⸗ licher Theilnahme auf die alte Frau machte, erſah der Paſtor, daß für ihren Gemüthszuſtand eine entſchei⸗ dende Kriſis herannahte. Er konnte zwar nicht vor⸗ ausſehen, wie dieſelbe ausfallen würde, aber er beob⸗ achtete jetzt mit unverwandten Blicken jede Verände⸗ rung, die an ihr vorging. Alexander und ganz beſonders Clara empfanden eine ihnen ſelbſt nicht klar bewußte Freude über die Ehre und das Glück, das Daniel zufiel; dieſes Glück mußte ja auch auf ihre eigene Stellung einwirken. ——— 8— — 187 „Bruder! Bruder!“ rief Clara,„wie ſoll ich Dir Glück wünſchen? Du biſt jetzt auf einmal Fideicom⸗ miſſär, Edelmann und Lieutenant geworden! Wahr⸗ haftig, das iſt zu viel, zu viel!“ Daniel richtete ſich wieder auf; eine namenloſe Verzweiflung ſtand in ſeinem Geſicht zu leſen. „Zu viel,“ wiederholte er,„ja wahrhaftig, es iſt zu viel. Mein Gott, mein Gott, werde ich die Kraft haben, dieſe Strafe der allmächtigen Vorſehung zu ertragen? Das iſt zu viel.“ Clara verſtand ihn nicht. „Aber um Gotteswillen, von welchem entſetzlichen Unglück ſprichſt Du denn?“ fragte ſie.„Es iſt wahr, Du haſt die Sache entdeckt... aber... Dich trifft ja bloß das Glück.“ Daniel ſtierte ſie an. „Fort,“ rief er ihr dann zu,„fort! Ein Glück, deſſen Grundlage ein Richtblock, ein Reichthum, deſſen Fußgeſtell der Untergang ſo vieler achtungswerthen Männer iſt, ein Fideicommiß, bei welchem der Hen⸗ ker die erſte Einzeichnung hat, ein Adel, deſſen Rit⸗ terſchlag ein Todesurtheil und deſſen Wappenzeichen aus acht unter dem Beil gefallenen Köpfen beſteht, welch' ein glänzender Stammbaum, welch' eine herr⸗ liche Geſchlechtstafel, welch' ein prächtiges Ritterhaus⸗ diplom! Fort, ſage ich, fort!“ Alexander trat dazwiſchen, um ſeinen Kummer wo möglich zu beſchwichtigen. „Ich achte und bewundere das Edle an Deinem Kummer, Daniel,“ ſagte er,„aber höre mich an: Du haſt immer von Chre und Erfolg in der Welt geträumt, und Deine Gedanken verſtiegen ſich bis 188 zum höchſten Möglichen. Du biſt in höherem Grad als irgend ein Anderer ehrgeizig und emporſtrebend; — nun wohl, jetzt biſt Du mit einem einzigen Schritt ſo weit gekommen, daß Du kaum ein ähnliches Bei⸗ ſpiel auffinden könnteſt. Die Zukunft liegt vor Dir.“ Daniels Augen funkelten. „Emporſtrebend, ehrgeizig,“ unterbrach er ſeinen Freund;„ja wohl, ich muß es zu meiner Schande geſtehen. Iſt nicht auch mein Glück beneidenswerth, daß ich jetzt alle weltlichen Segnungen genießen darf, nachdem ich ſo vieler Familien Ehre und Glück zer⸗ ſtört, ſo manches edle Herz zerfleiſcht habe? Und ſie, ſie... die ich liebte... wer hat ihren Frieden gemordet? Wer hat ihre Hoffnungen vernichtet? Wer hat ihr Grab gegraben? Mein Chrgeiz, mein Wahn⸗ ſinn, ſieh', das iſt meine einzige Heldenthat. Waren meine Gewiſſensbiſſe über das Unheil, das ich an⸗ geſtiftet, nicht ſchon zermalmend genug, daß ich auch noch die Schmach all dieſer Auszeichnungen über mich ergehen laſſen muß? Ich hatte wie ein Ver⸗ dammter gelitten, und jetzt ſchmückt man die Leiche mit Blumen. Man hängt meiner Verzweiflung einen glänzenden Mantel um und raubt mir die Wohlthat, mich ſelbſt vergeſſen zu dürfen. Warum durfte ich nicht ſtill und einſam mit meinem Kummer ſterben? Wie beneide ich nicht dieſen Puke, der mit dem freu⸗ digen Bewußtſein, von ihr geliebt zu werden, das Schaffot beſteigen darf? Wie ſtolz wäre ich nicht, wenn ich mit ihm tauſchen könnte! Aber nein.. Man erzählt von Cröſus, daß er dem armen Manne ein Bein zuwarf; ein ſolches Bein hat das Glück —–—— 189 jetzt mir zugeworfen, und ich werde mich daran zu Tod eſſen.“ „Beruhige, Dich, Bruder,“ bat jedoch Alexander; „die Wege der Vorſehung ſind nicht unſere Wege. Der Herr gibt und der Herr nimmt, pflegt man zu ſagen; aber er belohnt auch und ſtraft. Die Weiſen ſegnen ihn dafür.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Daniel;„aber ein großes Ziel ſo zu erreichen, wie ich, zermalmt, ver⸗ nichtet, von ſeinem eigenen Herzen aufgegeben, das iſt mehr, als ein Menſch ertragen kann. Habt Ihr den Schluß der Zeitung geleſen?“ „Den Schluß?“ „Ja, leſet ihn!“ Der Pfarrer nahm das Blatt und las darin einen weiteren Beſchluß der Reichsſtände, dahin ge⸗ hend, daß dem Frauenzimmer, welches die Geſchichte mit den Reichskleinodien oder die Abſichten der Kö⸗ nigin mit denſelben aufgedeckt und angezeigt habe, als Beweis ihrer Achtung und Dankbarkeit eine be⸗ deutende Geldſumme verehrt werden ſolle. „Hat ein Frauenzimmer die Königin wegen die⸗ ſer Kleinodien angezeigt?“ fragte Clara.„Welch' ein gemeiner Verrath!“ „Und gleichwohl wird dieſer gemeine Verrath be⸗ lohnt,“ fiel Schedvin ein;„weißt Du vielleicht nicht, wer dieſes Frauenzimmer iſt?“ „Nein!”“ „Amanda!“ Bei dieſem Namen richtete Frau Schedvin ſich auf. Jeder Blutstropfe zog ſich aus ihren Wangen 190 zurück. Kalt und ſtumm ſtand ſie da, wie eine Mar⸗ morbüſte. „ Amanda war es, die mich betrog,“ fuhr Sched⸗ vin fort,„ſie war es, die meiner wahnſinnigen Nei⸗ gung ſchmeichelte, um mich wie ein Hündchen an einem farbigen Band führen zu können; ſie war es, die mich zu einer Handlung verleitete, die jetzt über Alles, was ich achte, den Stab bricht, und um deren willen man mir jetzt vor der Welt und vor mir ſelbſt einen hübſchen Narrenmantel umhängt; ſie war es ... aber ich muß die ganze Erbärmlichkeit meiner Seele bloßlegen. Ich habe geſagt, ich ſei ſchlaftrun⸗ ken geweſen in der Nacht, als ich auf die Straße hinauskam und mit ihr zuſammentraf; aber... hö⸗ ret mich... das war eine Lüge, ich war nicht ſchlaf⸗ trunken. Nein, nein, mein Verrath war kein Zu⸗ fall. Ich wußte, was ich that; ich wußte es leider nur zu gut. Aber ſie erklärte, die Aufdeckung würde den Capitän Puke ſtürzen, und darin hatte ſie Recht: er iſt jetzt zum Tode verurtheilt. Mit dieſer Gluth entzündete ſie den Mordbrand in meiner Seele, den entſetzlichen Mordbrand der Eiferſucht. Noch glaubte ich wahnſinniger Thor, meine Neigung werde erwie⸗ dert, nur Puke ſtellte ſich mir als mächtiges Hinder⸗ niß entgegen, und ſein Untergang würde mein Glück begründen. Von einem unwiderſtehlichen Rauſch er⸗ griffen, raste ich fort; aber kaum war der Verrath begangen, als alle Dämonen der Gewiſſensqual auf mich einſtürmten. Meine Handlungsweiſe trat mir in ihrem wahren Lichte entgegen, und ich war ver⸗ loren. Mein Gott, mein Gott! Seht Ihr jetzt, daß ich gelogen habe, als ich Euch ſagte, ich habe nicht —I— N — 5— 191 gewußt, was ich that— ach ja, ja, ich fühlte ein Bedürfniß, Euch zu betrügen, weil ich hoffte, mich ſelbſt betrügen zu können.“ Der Paſtor hatte bemerkt, wie Frau Schedvins Bruſt während dieſer Herzensergießung ſich hob, wie ſie immer tiefer Athem ſchöpfte. Er konnte ſie nicht mißverſtehen, ſie wollte ſprechen. „Amanda,“ ſtammelte ſie,„Amanda.“ Dies waren die erſten Worte, die ſie ſeit langer Zeit geſprochen. Sie winkte Clara zu ſich und flüſterte ihr Eini⸗ ges ins Ohr. „Tummle Dich,“ fügte ſie hinzu,„wir haben keine Zeit zu verlieren, tummle Dich.“ Aber Clara zögerte. „Warum gehſt Du nicht?“ fragte die Alte, in⸗ dem ſie einen ſtrengen Blick auf die Tochter heftete. „Ach, Mutter,“ antwortete ſie,„wohin wollen Sie gehen? Sie können bei Ihrer Schwäche und Krankheit doch nicht daran denken, auszugehen?“ Frau Schedvin richtete ſich auf und nahm eine ebenſo würdige als gebieteriſche Haltung an. Der Pfarrer und Alexander traten zu ihr und fragten, um was es ſich handle. „Meine Mutter beſiehlt mir, ihre Sonntagsklei⸗ der zu holen,“ ſagte Clara. Frau Schedvin ſchien auf einmal ihre frühere Kraft und Willensſtärke wieder gewonnen zu haben. „Gehorche mir, Clara,“ ſagte ſie,„Du weißt, daß ich keinen Widerſpruch ertrage. Hol' mein beſtes Kleid, das Trauerkleid, das ich nach dem Tod Deines 19² Vaters trug, und Sie, meine Herren, laſſen Sie mich allein; ich will mich ankleiden.“ Alexander und der Paſtor wußten kaum, was ſie von ihr denken ſollten, und ob ihr Entſchluß nicht der Anfang eines neuen Paroxismus ſei. Der Blick der alten Frau war inzwiſchen immer feſter, ihre Haltung immer entſchloſſener und ſicherer geworden. Als Frau Schedvin bemerkte, daß Alle ſie fra⸗ gend und verwundert anſahen, ſo fühlte ſie ſelbſt das Bedürfniß, ſich zu erklären. „Das Geſpenſt,“ ſagte ſie,„Ihr erinnert Euch doch des Geſpenſtes?“ „Ich weiß darum,“ erklärte der Paſtor, der es fürs Klügſte hielt, ſie ihrem eigenen Gedankengang folgen zu laſſen,„aber was iſt es jetzt damit?“ „Das Geſpenſt befahl mir, die Tochter aufzuſu⸗ chen und mein Verbrechen zu bekennen.“ „Aber wer iſt denn die Tochter?“ „Sie haben mir ja geſagt, Herr Paſtor,“ fuhr Frau Schedvin fort,„daß die Sünden der Väter an den Kindern geſtraft werden bis ins dritte und vierte Glied.“ „So ſteht in der heiligen Schrift zu leſen.“ Frau Schedvin nickte ihm bedeutungsvoll zu, gleich als wollte ſie ſagen, daß ſie das ſehr wohl wiſſe. „Vor langen, langen Jahren lebten zwei Frauen. Der Himmel weiß, welche von ihnen die gottloſere war. Vielleicht waren ſie beide große Sünderinnen, da ihre Kinder von der ſtrafenden Vorſehung hart getroffen zu werden ſcheinen.“ —— 193 Obſchon man nicht wußte, von was Frau Sched⸗ vin eigentlich ſprach, ſo konnte man doch nicht ver⸗ kennen, daß ſie vollkommen vernünftig redete. „Es iſt eine ſchreckliche Verzauberung,“ fuhr ſie fort,„in die ich verſetzt bin. Alle ſind todt; nur ich lebe, aber ich habe mit den Todten geſprochen. Weiß ich vielleicht das Mittel nicht, mich vom Zau⸗ ber zu erlöſen? O ich weiß es, ich muß ſprechen... ſprechen.“ „Sie haben ganz Recht, Frau Schedvin,“ ſiel der Geiſtliche ein,„Sie müſſen ſprechen, Sie müſſen be⸗ kennen, Sie müſſen uns Alles ſagen.“ „Auch Sie verlangen es; nun wohl, ſo werde ich ſprechen. Ich will der Mutter ihre Tochter und der Tochter ihre Mutter zurückgeben, indem ich ihnen ihre Namen zurückgebe. Das Mädchen hat ſeit ih⸗ rer Geburt dieſen Namen geſucht, ohne ihn zu finden.“ „Fahren Sie fort, Madame, fahren Sie fort,“ drängte der Geiſtliche, als ſie inne hielt.„Wie heißt ſie?“ Daniel war wieder in ſich verſunken und achtete nicht auf das, was um ihn her vorging; um ſo grö⸗ ßer aber war die Aufmerkſamkeit, womit die Andern den Aeußerungen der alten Frau entgegenſahen, weil ſie überzeugt waren, daß ſie jetzt die Löſung des dunkeln Räthſels erhalten ſollten, das den eigent⸗ lichen Kern der unerklärlichen Unruhe, die man ſchon munge an Frau Schedvin wahrnahm, zu bilden ien. „Erinnern Sie ſich, Herr Paſtor,“ fuhr ſie fort, „was Sie ſo eben ſagten?“ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof V. 13 194 „Was ich ſo eben ſagte?“ „Selig ſeid Ihr, wenn die Menſchen Euch um meinetwillen verachten und verfolgen.“ „Ja, das ſagte ich.“ „Habe ich Jemand verachtet und verfolgt? Habe ich Jemand Böſes zugefügt und über Jemand gelo⸗ gen? Oder haben Andere mich verachtet und verfolgt und über mich gelogen? Der Herr mag richten. Ich ſtehe am Rande des Grabes. Jedermann muß ſeine Rechnungen mit den Todten abſchließen, damit die Strafe nicht bis ins dritte und vierte Glied reiche. Ich muß ſprechen; nicht wahr, ich muß?“ „Ja. Sprechen Sie.“ Aber Frau Schedvin gedachte ihre Erklärung nicht vor der verſammelten Geſellſchaft abzugeben. „Verlaßt mich einen Augenblick,“ ſagte ſie;„ich werde ſogleich fertig ſein.“ In ihrer Aufforderung lag ſo viel Kraft und Entſchloſſenheit, daß Alexander und der Geiſtliche ſich verpflichtet glaubten, ihr nachzukommen. Daniel folgte ihnen ins äußere Zimmer hinaus; er ſchien nicht einmal zu wiſſen, um was es ſich handelte. Als Frau Schedvin nach einiger Zeit zu ihnen heraustrat, war ſie in tiefe Trauer gekleidet. Das ſchwarze Wollkleid fiel in reichen Falten um ſie hinab. Die Schürze und der Kragen waren von blendender Weiße. Auf dem Kopf trug ſie eine ſchwarze Haube, woran ein gleichfalls ſchwarzer Schleier befeſtigt war. Auch Claras Anzug verkündete, daß ſie ihre Mut⸗ ter begleiten wollte. 3 HK ——— — 195 „Folget mir,“ ſagte die Alte zu den Warten⸗ den;„Sie verlaſſen uns doch nicht, Herr Paſtor?“ Frau Schedvin hatte eine höchſt feierliche, bei⸗ nahe majeſtätiſche Haltung; dabei drückte ſie ſich ſo kurz und beſtimmt aus, als ob von einer Weigerung gar nicht die Rede ſein könnte. Gleichwohl meinte der Paſtor, er müſſe gegen ihre Abſicht auszugehen Etwas einwenden. „Wir wandeln,“ antwortete ſie,„auf einem ſo ſchmalen Brett durch das Leben, daß wir einander nicht verhindern dürfen, weil ſonſt der Eine oder Andere in den Abgrund auf beiden Seiten hinab⸗ ſtürzt.“ „Aber laſſen Sie uns wenigſtens wiſſen, wohin Sie gehen wollen.“ Frau Schedvin ſchien dieſe Frage nicht zu hören, wenigſtens gab ſie keine Antwort darauf. Alle beſchloſſen, ſie zu begleiten, denn in ihrer dermaligen Lage glaubte Niemand ſie verlaſſen zu dürfen; ſie gruppirten ſich alſo voll Unruhe um ſie. Daniel war aus ſeinem tiefen Seelenleiden noch nicht erwacht; er ging ganz mechaniſch mit, Frau Schedvin nahm ihre Richtung nach dem innern Burghof und bog von da nach derjenigen Seite des Schloſſes ein, wo der König und die Kö⸗ nigin wohnten. Als man zu begreifen anfing, daß es ſich um einen Beſuch im königlichen Schloß handle, da blie⸗ ben Alexander und der Paſtor ſtehen. „Madame,“ fragte der Letztere,„was gedenken Sie hier zu thun?“ 196 Sie antwortete nicht, ſondern ging ſchweigend weiter. „Mutter,“ flüſterte Clara ihr zu,„wollen Sie denn...“ Aber Claras Mahnung wurde ebenſo wenig beant⸗ wortet, als die vorhergehende. Als ſie an die innere Thüre des Schloſſes ka⸗ men, ſchien Daniel erſt zu merken, wo ſie ſich be⸗ fanden.. „Halten Sie ein, Mutter!“ rief jetzt auch er; „was haben wir hier zu ſchaffen? hier?“ Bei dieſer Bemerkung wandte ſich die Alte ge⸗ gen ihn. „Ich gedenke uns Allen Frieden und Ruhe zu verſchaffen. Bleiben Sie hier, meine Herren. Komm, Clara, wir gehen weiter.“ Und ſie verſchwanden auf den hohen Treppen, die zu den königlichen Gemächern führten. Die Reichsſtände hatten inzwiſchen ihre Pläne ausgeführt. Das Entlaſſungsgeſuch des Grafen Teſ⸗ ſin von ſeiner Stelle als Gouverneur der königlichen Prinzen wurde das Signal zu einer Reihenfolge von Veränderungen. Graf Stromberg, der während des interimiſtiſchen Rücktrittes Teſſins als Gouverneur fungirt hatte, wurde von den Ständen aufgefordert, ſein Amt niederzulegen. Zur gleichen Zeit wurde auch O. von Dalin verabſchiedet und ihm jeder wei⸗ tere Beſuch bei Hof verboten. Der Untergouverneur Graf Bjelke erhielt gleichfalls ſeinen Laufpaß. Die Stände ernannten den Baron Scheffer zum Gouverneur der Prinzen. Die Stelle eines Unter⸗ ———— 197 gouverneurs wurde abgeſchafft. Zu Lehrern wurden für den Kronprinzen Guſtav Profeſſor Klingenſtjerna, für den Prinzen Carl Profeſſor Woltemath und für den Prinzen Friedrich Adolf Profeſſor Benzelſtjerna auserſehen. Ebenſo wurden in Bezug auf die weitere Umge⸗ bung und Bedienung der Prinzen, z. B. auf Cava⸗ liere und dergl., durchgreifende Veränderungen vor⸗ genommen. Wie ſehr dieſelben der königlichen Familie zu Herzen gingen, erſieht man am beſten aus einer be⸗ treffenden Antwort des Königs. „Da ich,“ erklärte er,„vernehme, daß die Reichs⸗ ſtände ſowohl für den Unterricht, als auch für die Bedienung meiner Söhne Perſonen ernannt und verordnet haben, ſo halte ich es für unnöthig, mich weiter darüber zu äußern.“ Auch die Frage in Betreff der Reichskleinodien ruhte noch keineswegs. Die Königin beharrte bei ihrem Entſchluß, diejenigen, die ſie in Berlin erhal⸗ ten und als Brautgabe betrachtet hatte, an die Ren⸗ tenkammer zurückzugeben. Der Hof hatte ſeinen ſo ſchmählich vergeckten Aufſtand für die Nacht vom 21. auf den 22. Juni feſtgeſetzt. Am 22. wurden die Kleinodien von einer Deputation des geheimen Aus⸗ ſchuſſes beaugenſcheinigt. Der Namensſtempel des Königs war, einem ſtän⸗ diſchen Beſchluß zufolge, ebenfalls in die Rathskam⸗ mer abgeliefert worden. Indem wir in eines der äußern Zimmer der Wohnung der königlichen Familie treten, finden wir Baron Pechlin und Amanda vor uns. 198 „Sie haben mir,“ ſagte Pechlin mit einem freund⸗ lichen Blick auf das Mädchen,„vorgeworfen, ich habe die Ereigniſſe nicht genug beſchleunigt, den Er⸗ folg Ihrer Wünſche nicht gehörig überwacht, ja ſogar Ihre Intereſſen vernachläßigt, und Gott weiß was noch für andere Grillen Ihre mißtrauiſche Seele ge⸗ gen mich ausheckte; aber jetzt darf ich Sie fragen, ob ich nicht alle Ihre Wünſche erfüllt habe, und ob Sie ſich nicht an einem Ziele befinden, das Ihrem Begehren vollkommen entſpricht. Es iſt eine große Kunſt in der Politik, keinen Schritt zu thun, bevor der rechte Augenblick gekommen iſt. Wenn ich auch Anfangs unthätig ſchien, ſo war ich es doch nicht. Aber die Frucht muß reifen, bevor man ernten kann.“ Während Pechlin ſprach, flogen ſeine Blicke rings umher, wandten ſich aber vorzugsweiſe der Thüre zu, die nach den königlichen Gemächern führte. „Sind Sie jetzt mit mir zufrieden, Amanda?“ fragte er. „Ja wohl und ſo vergnügt, daß ich weinen möchte!“ Amanda war wo möglich noch düſterer als je zu⸗ vor. Eine zehrende Schwermuth zeigte ſich in ihren Zügen. „Aber Sie haben mir auch vortrefflich in die Hände gearbeitet, Amanda. Ohne Sie wären wir nicht weit gekommen; aber durch Ihre Hülfe iſt es uns gelungen, dem Gang der Ereigniſſe zu folgen und unſere Gegner auf den Richtblock zu führen.“ Amanda fuhr zuſammen. ——— 199 „Auf den Richtblock!“ flüſterte ſie;„das iſt ein gräßliches Wort. Er muß alſo ſterben?“ „Sie müſſen Alle zuſammen ſterben; aber wen meinen Sie denn?“ „Wen ich meine?...“ Sie betrachtete Pechlin mit eiſiger Kälte...„Wen ſollte ich anders mei⸗ nen, als den Capitän Puke?“ „Auch er muß ſterben; aber warum jetzt daran denken? Freundlichere Ausſichten warten Ihrer. Ich weiß, daß Sie eine kleine Grüblerin ſind und ſich Gewiſſensbiſſe darüber machen, daß Sie, wie Sie es ſo unrichtig nennen, die Königin verrathen haben. Sie dürfen ſich indeß wohl tröſten, nachdem die Reichsſtände ſelbſt Ihnen einen ſo ſprechenden Beweis ihrer Hochachtung gegeben haben, indem ſie einſtim⸗ mig nicht bloß eine Dankadreſſe an Sie beſchloſſen, ſondern Ihnen auch ein bedeutendes Capital auswar⸗ fen, das Ihnen für Ihre ganze Lebenszeit vollkom⸗ mene Unabhängigkeit ſichert. Die Stände erfüllten bloß ihre verdammte Schuldigkeit, indem ſie auf der einen Seite ihre Strafgewalt gegen alle Frevler am Geſellſchaftsvertrag zeigten, und auf der andern alle Vertheidiger und Wahrer deſſelben belohnten. Durch richtige Abwägung von Strafen und Beloh⸗ nungen kann man einen Staat am beſten aufrecht⸗ halten.“ Pechlins Aufmerkſamkeit haftete von Neuem auf der Thüre nach den inneren Gemächern, obſchon er fortwährend weiter ſprach. „Freuen Sie ſich alſo,“ ſagte er,„denn die De⸗ putation der Stände wird Ihnen bald dieſen Beweis für die große Dankbarkeit des Landes überbringen. 200 Apropos,“ fügte er hinzu,„die Königin iſt ja in ih⸗ ren Privatzimmern?“. „Ja, Herr Baron.“ „Aber nachdem Ihnen jetzt die Repräſentanten des Reichs ein ſo ehrenvolles Zeugniß für Ihre pa⸗ triotiſche und rühmenswerthe Handlungsweiſe aus⸗ geſtellt haben, will ich keinen Zug des Kummers mehr an Ihnen ſehen. Mit Ihrem klaren Verſtand ſehen Sie leicht ein, daß der Beſchluß der Stände nicht bloß eine gewöhnliche Freiſprechung iſt, weil ja eine ſolche immer etwas Tadelnswerthes vorausſetzen würde, ſondern daß dieſelben auch die ganze Verant⸗ wortung für alles Geſchehene auf ſich nehmen, und daß die ruhmvolle Auszeichnung, die ſie Ihnen zuer⸗ kennen, Sie für alle, ſelbſt die ſpäteſten Zeiten, als ein Muſter von einer patriotiſchen Frau darſtellt.“ Wenn man die geſchraubte Art, wie Pechlin ſich ausdrückte, näher ins Auge faßte und ſah, wie er ſeine Blicke umherſchweifen ließ, ſo konnte man leicht auf den Gedanken kommen, daß er das Geſpräch bloß im Gang erhalte, um Zeit zu gewinnen; daß er aber in Wirklichkeit andere und wichtigere Abſich⸗ ten mit ſeinem diesmaligen Beſuch im Schloſſe ver⸗ binde. Amanda ſchenkte ihm daher auch keine große Aufmerkſamkeit. „Sie ſagen alſo, Baron, daß er wirklich ſterben muß?“ fiel ſie von Neuem ein. „Darauf können Sie ſich verlaſſen, Amanda. Was wollte ich doch eben ſagen? Wiſſen Sie, ob der König bei der Königin iſt oder ob ſonſt Jemand ſie heute beſucht hat?“ „Ich weiß Nichts. Ich kann jetzt von Allem, ——— 201 was hier vorgeht, ſchlechterdings Nichts mehr er⸗ fahren.“ „Aber kommen wir auf Sie ſelbſt zurück, Amanda. Da Sie jetzt bei einem ſo glänzenden Ziel angelangt ſind und ſich eine geſellſchaftliche Stellung erworben haben, die Ihnen die allgemeine Achtung und Aus⸗ zeichnung ſichert, ſo habe ich gedacht, Sie dürfen und können nicht länger in Ihrem Dienſtverhältniß zu der Königin bleiben, und habe alſo ein Entlaſſungs⸗ geſuch für Sie aufgeſetzt. Apropos, iſt es wahr, daß die Königin den Grafen Ferſen um einen Beſuch bitten ließ?“ Amanda ſchüttelte verneinend den Kopf. „Sie billigen alſo,“ fuhr Pechlin fort,„meinen Vorſchlag, den Hof zu verlaſſen?“ „Ja gewiß, Baron, ja, ja.“ „Und ich denke mir,“ meinte Pechlin weiter,„daß Sie, wenn Sie jetzt auf eigene Fauſt in die Welt hinaustreten, leicht Gelegenheit zu einer Ihrer wür⸗ digen Verbindung finden werden. Sie wiſſen, daß Aminoff Ihnen noch immer mit der glühendſten Liebe zugethan iſt; wollen Sie mir erlauben, ihm einige Hoffnung zu machen?“ „Aminoff?“ antwortete Amanda.„Ich habe Ih⸗ nen ein für allemal geſagt, Herr Baron, daß ich Nichts von ihm wiſſen will. Ich liebe ihn lnicht, ich liebe Niemand.“ „Nur nicht ſo heftig, mein artiges Kind,“ ver⸗ ſetzte Pechlin;„Du weißt, ich liebe Aminoff und Dich gleich ſehr, und ich glaubte Deine Aufmerkſam⸗ keit auf eine Verbindung lenken zu müſſen, die ein neuer glänzender Beweis dafür wäre, wie ſehr Du 202 Dir durch Deine Handlungsweiſe die allgemeine Zu⸗ neigung erworben haſt. Der Beifall der Stände iſt natürlich höchſt ehrenvoll, und wenn jetzt noch eine Verbindung mit einem ſo rechtſchaffenen und liebens⸗ würdigen Mann, wie Aminoff, dazu käme, ſo wäre dies eine Huldigung, welche Damen ſonſt nicht zu verſchmähen pflegen. Aber Du biſt ein ungewöhn⸗ licher Charakter von ſeltener Vortrefflichkeit. Du lehnſt alſo ſeinen Antrag ab?“ 4 „Beantworten Sie mir eine Frage, Herr Baron.“ „Gerne, unendlich gerne, mein Herzenskind.“ „Kann Puke nicht gerettet werden?“ Pechlins Blick heftete ſich eine Weile auf Aman⸗ das Augen, dann ließ er ihn wieder auf die Thüre zu den inneren Gemächern ſchweifen. „Du weißt, liebes Kind, daß das von den Stän⸗ den ausgeſprochene Urtheil heute im Berathungsſaal von dem König unterſchrieben werden muß.“ „Der König hat ja aber doch das Begnadigungs⸗ recht?“ „So glaubt die Menge; aber dieſes Recht iſt mehr ſcheinbar als wirklich. Es iſt ein ganz neuer Vorgang da. Erſt am 12. Juni d. J. haben die Stände in Sachen eines zum Tode verurtheilten Kaufmanns, welchen der König begnadigen wollte, ein Schreiben an Se. Majeſtät erlaſſen, worin es heißt, es ſei und bleibe des Königs hohes Recht, Gnade zu üben...“ „Alſo hat er ja dieſes Recht!“ Ein Lächeln glitt über Pechlins Geſicht. „Es kann ſo ſcheinen; aber in demſelben Schrei⸗ ben heißt es weiter, das Begnadigungsrecht dürfe 203 nur dann ausgeübt werden, wenn das Geſetz es er⸗ laube, und die Herren Reichsräthe wollen darüber ihre unterthänige Anſicht kundgeben, woran ſich die königliche Majeſtät als an einen Majoritätsbeſchluß zu halten habe, weil ſonſt der König einen Menſchen ſchützen könnte, den das Geſetz von allem Recht auf Schutz ausſchließe, was ſowohl für den König als für das Reich eine große Gefahr wäre, indem der Vortheil und die Sicherheit Beider in ſo hohem Grad von der Beſtrafung der Verbrecher und der darin enthaltenen Warnung für Andere beruhen. Du brauchſt alſo nicht zu fürchten, Amanda, daß der Kö⸗ nig diesmal von ſeinem Begnadigungsrecht Gebrauch machen könnte.“ Amanda antwortete nicht. „In dieſer Beziehung“, fuhr Pechlin fort,„kannſt Du um ſo ruhiger ſein, meine Liebe, als der König juſt in dem erwähnten Fall ſein Begnadigungsrecht ausüben wollte, die Reichsräthe aber ſich widerſetzten und ihre eigene Anſicht zur Geltung brachten. Im beſagten Schreiben heißt es noch weiter: ‚Geſtützt auf alles das, haben ſich die Reichsſtände in Unter⸗ thänigkeit zufrieden erklärt mit dem Rath und dem Verhalten der Herren Reichsräthe, die nicht aus dem Auge verloren, was der königlichen Majeſtät eigene hohe Würde und die Strenge des Geſetzes mit Recht forderten.’ Du ſiehſt, daß die Stände recht wohl wiſſen, was ſie thun. Du kannſt auch überzeugt ſein, daß man in Bezug auf Brahe, Puke und die Uebrigen die gleichen Grundſätze feſthalten wird. Damit inzwiſchen im wichtigen Augenblick der Ent⸗ ſcheidung Niemand ſeine Pflicht verſäume, findeſt 204 Du mich hier. Du kannſt mich“— fügte Pechlin lä⸗ chelnd hinzu—„als den Aufſeher oder, wenn Du lieber willſt, Wachtmeiſter unſeres politiſchen Staats⸗ ſyſtems betrachten. Ueberdies bin ich auch ein we⸗ nig Souffleur. Aber wer find dieſe ſchwarzgekleide⸗ ten Damen da... ah. Die beiden Thüren, die in das Zimmer führten, wo das eben mitgetheilte Geſpräch ſtattfand, waren beinahe zugleich aufgegangen, und zwei ſchwarzge⸗ kleidete Damen ſchritten langſam und würdevoll her⸗ ein. Von verſchiedenen Thüren kommend, gingen ſie quer durch den Saal und auf das Zimmer der Kö⸗ nigin zu. „Die Dame zur Rechten,“ flüſterte Pechlin bei⸗ nahe vor ſich hin,„iſt die Gräfin Brahe. Was will ſie hier?“ Amandas Blick folgte dagegen der Andern. Sie erkannte ſie nicht ſogleich, aber ſie wechſelte bald die Farbe und konnte nur mit Mühe einen Angſtſchrei unterdrücken, der ſich über ihre Lippen drängen wollte. Pechlin bemerkte, daß Amanda ſie erkannte. „Wer iſt ſie?“ fragte er. „Sie heißt Schedvin und iſt die Mutter des Un⸗ teroffiziers, der das Attentat anzeigte. Haben Sie bemerkt, wie ſie einen Augenblick ſtehen blieb und mich betrachtete? Ich begreife nicht, was ſie hieher führt.“ Pechlin murmelte Etwas vor ſich hin. „Wir müſſen auf unſerer Hut ſein, Amanda,“ ſagte er dann.„Die Königin führt neue Intriguen im Schilde. Sie hat den Landesmarſchall und die ——— 205 übrigen Sprecher der Stände hierher berufen. Ge⸗ wiß will ſie auf dieſe Herren einwirken, aber es ſoll ihr nicht gelingen. Du ſollſt gerächt werden, Amanda, das ſchwöre ich Dir. Ich werde dieſe Herren nicht aus dem Auge verlieren. Vermuthlich will ſie eine jener großen tragicomiſchen Scenen aufführen, worin ſie ſo viel Erfindſamkeit beſitzt. Da fällt mir gerade Etwas ein. Die Deputation an Dich iſt bald hier. Ich habe Luſt, ſie zu ihr hinein⸗ zuſchicken, wenn ſie gerade ihr ſchönſtes Feuerwerk losbrennt. Dies würde ſie wohl etwas abkühlen und unſere weiſen Sprecher aus dem Feuer retten. Ei kannſt Du Dir das Räthſel erklären, daß die Königin ſelbſt den Wunſch geäußert hat, die Depu⸗ tation an Dich zu empfangen? Ohne Zweifel ſteckt irgend eine Bosheit dahinter. Ich begreife Nichts. Die Deputation iſt doch immer eine Beleidigung ge⸗ gen ſie; aber ſie iſt unergründlich.“ Die Nachricht, daß die Reichsſtände das Todes⸗ urtheil der Commiſſion über die Gefangenen beſtä⸗ tigt hatten, war ein harter Schlag für die Königin. Anfangs ſchloß ſie ſich ein und wollte gar keine Be⸗ ſuche annehmen; aber bald machte ſie ſich Vorwürfe über eine Verzweiflung, welche ſie in Unthätigkeit verſetzte; denn dieſe war juſt das Allerzweckwidrigſte in dem wichtigen Zeitpunkt, wo Gewiſſen und Pflicht ihr geboten, Alles zu thun, um wo möglich diejeni⸗ gen zu retten, die ſich für ſie geopfert hatten. Die Ereigniſſe gingen jedoch ebenſo ſchnell, wie ihre Ge⸗ danken. Kaum war ſie aus ihrem Kabinet heraus⸗ getreten, ſo wurde ſie mit der Nachricht überraſcht, 206 daß das Urtheil am nächſtfolgenden Tag den Herren Reichsräthen vorgelegt und vom König unterzeichnet werden ſolle. Beſchluß und Handlung waren bei ihr Eins. Sie beſchloß, ſogleich mit dem König zu ſprechen; aber ſie wollte dies nicht allein und erſt in dem Augenblick thun, wo er ſich in den Berathungsſaal begab, weil ſie wußte, daß hauptſächlich der letzte Eindruck bei ihm wirkte. Aber wen ſollte ſie dazu auserſehen, bei dieſer Beſprechung ihr zur Seite zu ſtehen? Da fiel ihr auf einmal Höppener ein, und ſie ſchickte einen Boten ab, der ihn erſuchen mußte, morgen zur feſtgeſetzten Stunde bei ihr zu erſcheinen. Ungeachtet Höppener ſich von aller Theilnahme an dem Revolutionsverſuch, der ſammt ſeinen Füh⸗ rern ihm ganz und gar kein Vertrauen einflößte, zurückgezogen, ſo hatte er doch während der Unter⸗ ſuchung die allgemeine Aufmerkſamkeit durch eine Antwort auf ſich gelenkt, die ganz einfach, aber in ſeinem Styl war und jetzt von Mund zu Munde ging. Politiſche Einfälle, welche den Nagel auf den Kopf treffen, machen immer Aufſehen. Während der Unterſuchung patrouillirten nämlich die Anhänger der ſiegreichen Partei Tag und Nacht in der Stadt, und beſonders Pechlin entwickelte eine unermüdliche Ausdauer. Als man nun Höppener fragte, warum er ſich nicht auch dabei betheilige, antwortete er ganz kurz:„Darum, meine Herren, weil ich nie ſo ruhig ſchlafen kann, als wenn die Reichsräthe ſelbſt die Brandwache beziehen.“ Die Königin kannte ihn als einen Mann von großer politiſcher Einſicht, von gediegenem, juridi⸗ ———— 207 ſchem Uktheil und perſönlichem Muth; ſie erinnerte ſich recht gut aller ſeiner Rathſchläge, die ſowohl von Charakterſtärke, als von Feuer und Klugheit zeug⸗ ten. Eines ſolchen Mannes glaubte ſie aber jetzt als einer kräftigen und ſicheren Stütze zu bedürfen. Die Raketenrolle, welche die Sterne und Feuer in ſich verſchließt, bedarf immer einer Stange, um das nöthige Gleichgewicht zu behalten. Die ſtärkſten Charaktere haben oft eine nicht un⸗ erklärliche aber wunderbare Vorliebe für Kinder, für ihre unſchuldige Heiterkeit, ihr naives Geplauder, ihre ungekünſtelte Natur und Einfachheit. Die Kö⸗ nigin hatte daher auf die Stunde, wo ſie Höppener erwartete, ihren Sohn Guſtav beſchickt. Sie wußte nicht, ob ſie nicht während des Geſprächs einer dritten Mittelsperſon bedurfte. Mit dem Prinzen Guſtav an ihrer Seite konnte ſie darauf rechnen über den ſonſt ſo unbeugſamen Mann etwas zu ver⸗ mögen. Die Königin hatte Höppener eine Stunde vor dem gewöhnlichen Beſuch des Königs rufen laſſen, um ſich mit ihm zu berathen, und Höppener ſtellte ſich auch zur feſtgeſetzten Zeit ein, aber der König kam diesmal früher als ſonſt zu ihr, und die beiden Herrn traten beinahe zu gleicher Zeit ein. Sie warf ſich daher ohne alle Umſchweife mitten in die Sache, die ihr ſo ſehr am Herzen lag. „Ach, Ew. Majeſtät,“ redete ſie den König an, pich leſe in Ihren Augen den tiefen Kummer, der Ihre Seele erfüllt. Sie gehen in den Berathungs⸗ ſaal. Es kann doch wohl nicht Ihre Abſicht ſein, dieſes ſchändliche Urtheil über unſere Freunde zu 208 unterzeichnen? Sie haben ein zu edles Herz, um Ihre Feder in ein Henkerbeil im Dienſte gehäſſiger Feinde, in ein Werkzeug des gräßlichſten Undanks zu verwandeln.“. „Nein, liebe Frau, nein; das werde ich nie thun.“ Die Beſtimmtheit des Königs erfreute die Kö⸗ nigin; ſie hatte etwas ganz Anderes erwartet. „Keine Macht in der Welt,“ fügte der König hinzu,„wird mich beſtimmen, dieſes Todesurtheil zu unterzeichnen.“ Die Königin ſah ihn forſchend an, ob er wohl in ſeiner Seele ebenſo unerſchütterlich ſei, wie ſeine Worte verhießen. Auch entdeckte ſie jetzt in ſeinen ſanften, menſchenfreundlichen Zügen eine Beſtimmt⸗ heit, die ſie früher nicht bemerkt hatte. Sie wurde ganz entzückt. Sie meinte ſogar, daß ſie ſich mit der Berufung Höppeners eine ganz unnöthige Mühe gemacht habe. Höppener hörte das Geſpräch zwiſchen dem Kö⸗ nigspaar an, ohne ſich einzumiſchen. „Und man wird wohl,“ bemerkte die Königin noch etwas zweifelnd,„ohne Deine königliche Unter⸗ ſchrift das Urtheil nicht vollſtrecken können?“ „Ich kann das nicht glauben. Wir wiſſen zwar aus Erfahrung, daß nach der Art, wie Stände und Rath meine Stellung beurtheilen, mein Begnadi⸗ gungsrecht keinen Werth hat; aber ohne meinen Namen kann doch wohl nichts ausgeführt werden. Jedenfalls iſt mein Entſchluß gefaßt— ich unter⸗ zeichne nicht.“ „Ich danke, o ich danke Ew. Majeſtät von gan⸗ ——— zem Herzen für dieſe troſtreichen Worte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich ſeit der Nachricht von dieſen Todesurtheilen gelitten habe. Die Qualen der Tor⸗ tur können nicht entſetzlicher ſein, als meine Leiden. Nein, nein, man wird es nicht wagen, ſie zum Tode zu führen, wenn Ew. Majeſtät das Urtheil nicht unterzeichnen. Ich wollte Sie auch bitten, Ihre Unterſchrift zu verweigern; ich berief ſogar Höppener, damit er mit ſeiner juridiſchen Erfahrung meine Bitte unterſtützen möchte; aber, gelobt ſei Gott, Ew. Majeſtät ſind mir zuvorgekommen, Sie haben aus Ihrem eigenen Herzen die vortrefflichſten Eingebun⸗ gen geſchöpft. Ich danke Dir, mein Gott! Es liegt alſo darin doch eine Hoffnung; nicht wahr, Höppener?“ Höppener war nicht der Einzige, der jedem Wort der Königin mit lebhaftem Intereſſe folgte; auch der kleine Prinz Guſtav hörte aufmerkſam und mit leuch⸗ tenden Augen zu. Als die Königin an Höppener appellirte, ver⸗ beugte ſich dieſer bloß. „Ich bitte Ew. Majeſtät,“ ſagte er jedoch, als er ſah, wie ſehr ſeine ſtumme Geberde ſie erſchreckte, „mein Stillſchweigen nicht als eine beſtimmte Mei⸗ nungsverſchiedenheit zu deuten. Der Ausgang hängt bloß davon ab. „Ach, Sie haben doch immer Einwendungen, Höppener,“ unterbrach ihn die Königin, die ſich in ihren Hoffnungen unangenehm geſtört fühlte.„Ich verſtehe nur zu gut, was Sie ſagen wollen, nämlich daß der Ausgang davon abhänge, ob Se. Majeſtät der König unerſchütterlich an ſeinem Entſchluß feſt⸗ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. V. 210 halte.. Iſt'’s nicht ſo, Höppener? Das wollen Sie doch ſagen?“ Höppener verbeugte ſich bloß von Neuem, blieb aber ſtill. „Befehlen Ew. Majeſtät noch Etwas?“ fragte er dann.„Da die Sache jetzt auf ſo gutem Wege iſt, ſo bin ich überflüſſig.“ „Warten Sie noch ein wenig, Höppener, ich weiß nicht... aber warten Sie noch ein wenig. Wie viel Uhr iſt’'s? Ah, Ew. Majeſtät begeben ſich jetzt in den Berathungsſaal?“ „Ich muß, meine Liebe; man erwartet mich be⸗ reits.“ Die Königin ergriff treuherzig ſeine Hand. „Ach, mein König und Herr,“ ſagte ſie,„ich werde Sie mein ganzes Leben lang ſegnen, wenn Sie dies⸗ mal unſere Freunde retten; nicht bloß meine Chre, ſondern auch mein Gewiſſen iſt für ihr Leben ver⸗ pfändet. Laſſen Sie ſich nicht überreden das Ur⸗ theil zu unterzeichnen; nicht wahr, Sie thun es nicht?“ „Nie!“ „Wie ſtolz und glücklich fühle ich mich nicht in dieſem Augenblick! Die Stände ſollen alſo wenig⸗ ſtens in einer Frage erfahren, daß ſie einen König vor ſich haben. Aber ich wollte noch etwas ſagen. Ach ja, laſſen Sie mich mit Ew. Majeſtät ſprechen, ſobald Sie aus dem Berathungsſaale zurückkommen. Vielleicht kann ich dann auch eine frohe Botſchaft mitzutheilen haben.“ Der König verſprach es, aber er war zu ſehr von ſeinen eigenen Gedanken in Anſpruch genom⸗ —— 211 men, als daß er dem Vorhaben der Königin weiter nachgefragt hätte. Er ging. Als der König ſich entfernt hatte, entſtand eine kurze Pauſe. Prinz Guſtav hatte ſich neben ſeine Mutter ge⸗ ſetzt. Obſchon er die ganze Zeit mit einem breiten Seidenband geſpielt hatte, das von ihrer Schulter herabhing, ſo war er doch, wie wir bereits erwähnt haben, dem Geſpräch aufmerkſam gefolgt. Die Kö⸗ nigin ſtrich jetzt, als wollte ſie dadurch läſtige Ge⸗ danken verſcheuchen, wohlgefällig über die goldenen Locken des Jungen. Höppener liebte, wie alle den⸗ kenden und guten Menſchen thun, die Kinder, und ein angenehmes Gefühl überkam ihn, als er das friſche und offene Geſicht des Prinzen betrachtete. Dieſer aber ſpielte jetzt nicht mehr mit dem Seiden⸗ band; er hatte es losgelaſſen und ſtand jetzt ſinnend und nachdenklich da. „Ich begreife Etwas nicht, Herr Höppener,“ ſagte er dann;„wollen Sie ſo gefällig ſein, mich darüber aufzuklären?“ Die Königin liebte ihren Sohn innig. Sie ſah mit freudigem Stolz auf ihn, aber er zeigte ſich auch ſo weit vor ſeinen Jahren voraus, daß jede Mutter eines ſolchen Sohnes daſſelbe Gefühl gehabt hätte. Auch jetzt hörte ſie Guſtavs Frage mit mütterlichem Intereſſe an, zumal da ſie mit echt kindlicher Be⸗ ſcheidenheit geſtellt wurde. „Was iſt es, das Sie nicht begreifen, Prinz?“ fragte Höppener. 212 „Papa ſagte, daß man ſein Begnadigungsrecht umgangen oder untergraben habe. Sagen Sie mir, Herr Höppener, warum hat man das gethan? Gnade, iſt es nicht etwas Schönes, Gnade zu ſpen⸗ den?“ Eine leichte Röthe kindlicher Unſchuld und Schüch⸗ ternheit breitete ſich über das Geſicht des Prinzen. „Papa,“ fügte er mit einem ſchalkhaften Lächeln hinzu,„hat ſo oft Gnade für Recht ergehen laſſen, wenn ich etwas Unrechtes that. Ich verſtehe das nicht.“ Der Prinz hatte Höppener ſchon häufig durch ſeine Bemerkungen und Einfälle in Staunen geſetzt, und das that er auch jetzt. Als ihm daher Höppe⸗ ner in die großen, dunkelblauen Augen blickte, wie wenn er in ſeine Seele ſchauen wollte, da drängte ſich ihm unwillkürlich die Frage auf, was wohl der⸗ einſt aus dieſem Jungen werden könne, welchen die Vorſehung beſtimmt hatte, den Thron Schwedens zu beſteigen. 3 „Ich glaube,“ ſagte die Königin lächelnd zu Höppener,„die Frage meines Sohnes bringt Sie in Verlegenheit. Laſſen Sie uns Ihre Antwort hören.“ „Ew. Majeſtät haben Recht,“ verſetzte Höppener, „ich bin eine Antwort ſchuldig; aber um dem Prinzen Alles klar und deutlich zu machen, muß ich zuerſt ſagen, was ein König iſt. Königliche Gewalt und Begna⸗ digungsrecht ſind, wenn man ſie richtig auffaßt, bei⸗ nahe gleichbedeutend.“ „Ach ja, Herr Höppener, ſagen Sie mir das,“ bat Guſtav.„Was iſt ein König?“ „Ein König, mein Prinz, iſt die höchſte Gerech⸗ 4 V — 213 tigkeit des Staates; in der Gerechtigkeit muß er die Liebe ſeines Volkes, ſeine eigene Größe und Chre ſuchen. Nun kann aber das Geſetz, obſchon es nicht bloß den moraliſchen und ſittlichen Standpunkt der Zeit ausdrückt, ſondern auch die allgemeinen Rechts⸗ anſprüche beſonders bezeichnet, nicht in Allem voll⸗ kommen beſtimmend ſein; es iſt nämlich nicht die Gerechtigkeit ſelbſt, ſondern vielmehr ſo zu ſagen bloß ein Geländer derſelben. Die Intereſſen der Menſch⸗ heit haben in Folge der unendlichen Vielſeitigkeit des Menſchenherzens einen ſo großen Umfang, daß man nicht alle Verhältniſſe unter Regeln bringen, ſondern nur im Prinzip die allgemeine Regel ange⸗ ben kann. Deßhalb ſind auch die Staaten einer ewigen, unaufhörlichen Regelung unterworfen, und dennoch liegt die Gerechtigkeit zuletzt im moraliſchen Urtheil der Völker. Aber dieſes moraliſche Urtheil kann kein gegebenes und begrenztes Geſetz werden, ohne daß der Staat irgend ein Mitglied bevollmäch⸗ tigt im Namen Aller das entſcheidende Wort auszu⸗ ſprechen. Um daher in der höchſten Inſtanz gerecht zu ſein, muß man das reinſte moraliſche Gefühl be⸗ ſitzen; man muß in ſeiner Seele wahr, in ſeinem Herzen gut, in ſeiner Denkungsart vorurtheilsfrei ſein. Gar Manches, was nach dem geſchriebenen Geſetz gerecht iſt, kann vor dem höchſten, vor Gottes ewigem Richterſtuhl die größte Ungerechtigkeit ſein. Das iſt die menſchliche Unvollkommenheit in Allem; der Buchſtabe, der vor Gottes Thron um Vollkom⸗ menheit bettelt. Das Begnadigungsrecht des Mo⸗ narchen iſt daher die allgemeine Moral, die zu ſeiner freien und über Privatleidenſchaften erhabenen Stel⸗ 214 lung zuletzt ihre Zuflucht nimmt. Das Begnadi⸗ gungsrecht iſt die höchſte Inſtanz der Gerechtigkeit, eine Vermittlung zwiſchen dem menſchlichen Vermö⸗ gen über alle Erſcheinungen des Lebens und der Welt zum Voraus Geſetze zu geben, und zwiſchen der göttlichen, der ewigen, der abſoluten Gerechtig⸗ keit; dieſes Recht iſt es, was ihn eigentlich im höch⸗ ſten und edelſten Intereſſe der Menſchheit zum König macht. Ohne dieſes Recht...“. Während Höppener ſprach, war ein Kammerherr eingetreten; da er aber bemerkte, daß er nicht im gelegenſten Augenblick kam, ſo blieb er ſtehen, ohne ſeinen Auftrag auszurichten. Die Königin ſah ihn jedoch ſogleich und ſchien ſich jetzt auf einmal an Etwas zu erinnern. „Verzeihen Sie, Herr Höppener,“ fiel ſie daher ein,„aber Ihre lehrreiche Ausführung macht mich Geſchäfte vergeſſen, die gleichwohl allem Andern vorgehen müſſen.“ Und ſie wandte ſich an den Kammerherrn. „Iſt die bewußte Dame angekommen?“ „Ew. Majeſtät,“ antwortete der Kammerherr, „befahlen... ich kann doch ſprechen?“ „Sprechen Sie.“ „Ew. Majeſtät befahlen eine ſchwarzgekleidete Dame, die Sie erwarteten, ins grüne Cabinet zu führen. Nun aber ſind ihrer zwei gekom⸗ men. Ich wies ſie beide in das Cabinet, wo ſie Ew. Majeſtät Befehle erwarten.“ „Zwei? Ich habe nur eine einzige erwartet. Inzwiſchen iſt es ſchon gut. Ich werde mich bald einfinden.“ 3 — S— 215 Der Kammerherr trat ab. „Ich bitte noch einmal um Entſchuldigung, Herr Höppener,“ fuhr die Königin gegen dieſen fort,„daß ich Ihren intereſſanten Vortrag unterbrochen habe; aber wichtige Ereigniſſe gehen um uns her vor, und man darf keinen Augenblick verlieren.“ Prinz Guſtav hatte Höppeners Ausführung mit einem für alle Belehrung offenen und zugänglichen Gemüth angehört. Als Höppener jetzt aufhörte, verſank der Prinz in ſich und ſchien das Vernom⸗ mene zu überlegen. „Ich wollte mir,“ fuhr die Königin fort,„Ihren Rath über die Art und Weiſe erbitten, wie die Voll⸗ ziehung der Todesurtheile abgewehrt werden könnte; da wurde ich freudig durch den Beſchluß des Königs überraſcht, der nach meiner Anſicht ein unüberſteig⸗ liches Hinderniß in den Weg wirft.“. Ein Ausdruck von Zweifel runzelte Höppeners Stirne; er ſchien auch ſprechen zu wollen, hielt aber an ſich und ließ die Königin fortfahren. „Mein Plan war der, Höppener.. ich ſpreche ganz aufrichtig mit Ihnen... nicht bloß den Kö⸗ nig zur Verweigerung ſeiner Unterſchrift zu beſtim⸗ men, ſondern ihm auch in Ferſen und in den Spre⸗ chern der Stände Bundesgenoſſen zu verſchaffen. Ich fürchte nämlich, daß der König, wenn er ganz allein ſteht, für die Länge nicht auf ſeinem Vorſatz behar⸗ ren könnte. Wie Sie ſelbſt hörten, hat er ſeinen Entſchluß ohne alles Zuthun von meiner Seite ge⸗ faßt. So weit iſt jetzt Alles gut. Um jedoch Fer⸗ ſen und die Sprecher zu gewinnen...“ „Glauben Ew. Majeſtät, daß Ferſen...“ 216 „Unterbrechen Sie mich nicht, Höppener. Ich habe viele Eiſen im Feuer. Man ſoll ſeine Hoff⸗ nungen nicht auf ein einziges Brett ſetzen. Die Gräfin Brahe war bei mir; ihre Verzweiflung und ihr Kummer waren erſchütternd. Um Gnade für ihren Mann zu erflehen, hatte ſie beſchloſſen, den Landesmarſchall Ferſen, wie auch die übrigen Spre⸗ cher der Stände zu beſuchen. Dieſe ihre Äbſicht hat mir meinen Plan eingegeben. Ich rieth ihr daher nicht ab, ſondern billigte ihren Entſchluß. Gleich⸗ wohl glaubte ich auch Etwas zur Sache beitragen zu können und beſchied ſie alſo hierher. Sie iſt eine der ſchwarzgekleideten Damen, die ſo eben hier ankamen. Zu gleicher Zeit ſchickte ich einen Kammer⸗ herrn zu Ferſen und den Uebrigen ab, und ließ ſie um einen Beſuch bitten.“ „Sie werden nicht kommen, Ew. Majeſtät.“ „Ich bin überzeugt, daß ſie kommen; Ferſen gab dem Boten beinahe die Verſicherung, daß er ſich einfinden werde.“ „Aber jedenfalls...“ „Ich will Nichts unterlaſſen, Höppener, ich will ihnen mein ganzes Herz öffnen.“ „Sie werden das ihrige verſchließen.“ „Der Kummer der Gräfin Brahe iſt unwider⸗ ſtehlich.“ „Die politiſche Parteiverſtocktheit iſt nicht minder unwiderſtehlich.“ „Sie wiſſen immer Schwierigkeiten, Höppener. Ich bin jedoch meiner Sache gewiß. Dieſe Herren wollen eigentlich bloß mich demüthigen. Nun wohl, ich werde mich ſelbſt demüthigen. Können ſie mehr —— ——— 217 verlangen? Aber Sie kennen noch nicht meinen ganzen Plan. Ferſen und die Sprecher werden ſich einfinden, während der König im Berathungsſaale iſt. Im gleichen Augenblick, wo er dort ſeinen Na⸗ men verweigert, werde ich hier Ferſen gewinnen. Es iſt klar, daß die Weigerung des Königs die ganze Reichsverſammlung gegen ihn aufbringen wird; aber haben wir dann die Sprecher auf unſerer Seite, ſo iſt dem Zorn und der Macht der Reichsverſammlung die Spitze abgebrochen, und eine Reaction zu Gun⸗ ſten der Verurtheilten läßt ſich leicht herbeiführen. Was ſagen Sie dazu, Höppener?“ „Ew. Majeſtät kennen das Sprichwort vom Strohhalm. Ich kann natürlich jeden ehrlichen Ver⸗ ſuch nur gutheißen; aber ich hege meine Zweifel. Graf Ferſen und die übrigen Sprecher ſind nicht bloß wohldenkende und ehrenhafte Männer, ſondern auch Männer von Herz; aber was vermögen ihre perſönlichen Wünſche im Zuſammenſtoß mit denen der Partei?“ „Die Hoffnung, Höppener, iſt derjenige Engel, der zuletzt vom Sterbebett des Menſchen weicht, und der meinige iſt noch nicht entflohen. In wichtigen Momenten handelt es ſich nur darum, der Frage feſt ins Auge zu ſchauen. Ich habe das auch ge⸗ than und bin dabei zur Ueberzeugung gelangt, daß man es eigentlich nur auf mich abgeſehen hat. Kann z. B. der Beſchluß einer Dankadreſſe und Belohnung für Amanda einen andern Zweck haben, als mich zu beleidigen? Unmöglich. Dies iſt das Hauptaugen⸗ merk dieſer Herren. Ich ſehe es jetzt ganz deutlich, Höppener, und ich will mich auch den Sprechern 218 nicht beſſer zeigen als ich bin. Dieſe Adreſſe an Amanda ärgert mich jedoch. Aber man darf den Muth nicht verlieren. Ich habe...“ Ein gewiſſes boshaftes Lächeln ſpielte um die Lippen der Königin. „Ich habe,“ fuhr ſie inzwiſchen fort,„auch die Deputation an Amanda erſucht, ihr die Adreſſe in meiner Gegenwart zu überreichen. Ich weiß ſelbſt noch nicht recht, wie ich ſie empfangen ſoll... doch man muß ſich nach den Umſtänden richten. Aber wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren. Sie dürfen mich nicht verlaſſen, Höppener. Ich weiß, daß ich Feuer und Flamme bin. Ich muß Ihre Ruhe an meiner Seite haben. Man fürchtet Sie, das weiß ich. In Gemeinſchaft mit Ihnen fühle ich mich dop⸗ pelt ſtark. Vielleicht dürfte man annehmen, daß das Spiel erſt jetzt beginne. Sie verlaſſen mich doch nicht?“ „Ich werde Ew. Majeſtät Wunſch nachkommen.“ „Das iſt ſchön, Höppener; folgen Sie mir; wir wollen zuerſt mit der Gräfin ſprechen. Sie iſt im Zimmer daneben.“ Wir übergehen hier das Geſpräch, das im grü⸗ nen Cabinet zwiſchen den Damen ſtattfand. Wie der Leſer gewiß bereits bemerkt haben muß, hatte Frau Schedvin es einem beſonders glücklichen Zufall zu verdanken, daß ſie ſogleich empfangen und eingeführt wurde. Die Königin, deren Gedanken von tauſenderlei Dingen in Anſpruch genommen waren, hatte dem dienſtthuenden Kammerherrn ganz einfach befohlen eine ſchwarzgekleidete Dame, die ſie erwartete, aber —.————— —— e— — ———— 219 nicht mit Namen nannte, ins Cabinet zu führen, und ſo hatte der Kammerherr ſowohl die Gräfin Brahe als auch Frau Schedvin empfangen, da beide in der bezeichneten Tracht erſchienen. Das Anliegen, das die Letztere der Königin vor⸗ zutragen hatte, kann der Leſer am leichteſten aus den nachfolgenden Scenen erſehen. Wir halten es daher für unnöthig die Entwick⸗ lung der Ereigniſſe jetzt damit aufzuhalten. Als die Sprecher der Stände die Einladung der Königin erhielten, begaben ſie ſich zum Grafen Fer⸗ ſen, um ſeinen Rath einzuholen. Sie hielten es für ausgemacht, die Königin werde ihnen zu imponiren ſuchen, um ſie zu beſtim⸗ men, das Todesurtheil bei einem bloßen Schreckſchuß bewenden zu laſſen. In dieſer Vorausſetzung fragten ſie ſich, ob ſie wegbleiben oder ſich einfinden ſollten. Aber wenn ſie wegblieben, ſo konnte man darin entweder eine unnöthig zur Schau getragene Gleichgiltigkeit er⸗ blicken, oder eine ihnen ſelbſt keineswegs zur Ehre gereichende Befürchtung, daß ſie vor der Königin ihr Concept verlieren möchten; wenn ſie dagegen kamen, ſo wurden dadurch nicht bloß alle Bemerkungen ab⸗ geſchnitten, ſondern man zeigte auch, daß man die Sache ein für allemal als abgemacht betrachtete und conſequent dabei blieb. Sie beſchloſſen alſo ſich einzuſtellen. Wir wiſſen, daß die Königin wirklich die Abſicht hatte Alles aufzubieten, um ſie zu milderen Geſin⸗ 220 nungen zu bewegen, daß aber auch Pechlin ſich ein⸗ gefunden hatte, um ſie zu überwachen. Graf Ferſen, wie auch die Sprecher Benzelius, Kiermann und Olof Hakanſon erſchienen mit einer Würde, welche bewies, daß ſie recht wohl wußten, daß ſie, jeder in ſeinem Stand, den mächtigſten Ein⸗ fluß beſaßen und zuſammen die in jenen Zeiten factiſch höchſte Behörde im Land repräſentirten. Sie hatten die Abſicht der Königin zwar vermu⸗ thet, wußten ſie aber noch nicht mit Beſtimmtheit. Was ſie jedoch genau wußten, das war die That⸗ ſache, daß die Königin unerſchöpflich in neuen Plä⸗ nen war, daß ihr erfindungsreicher Geiſt ſich ſelbſt durch augenſcheinliche Unmöglichkeiten nicht verblüf⸗ fen ließ, und daß ſie, wenn man es am wenigſten fürchtete, immer wieder mit einem Trumpf heraus⸗ rückte. Sie ſchritten daher ſo vorſichtig dahin, als fürchteten ſie, es könnte jeden Augenblick eine Mine unter ihren Füßen platzen. Als Pechlin ſie ins Schloß treten ſah, zog er. ſich zurück. Vielleicht dachte er, ſeine Zeit ſei noch nicht ge⸗ I kommen. Er war ein Mann, der ſein Pulver nicht unnöthig zu verſchießen pflegte. Von einem Kammerherrn empfangen, wurden die vier Präſidenten in den großen Empfangsſaal geführt. Die Königin war vor ihnen auf dem Platz. An ihrer Seite ſtand Prinz Guſtav. Aber dicht hinter ihr zeigte ſich Höppener. Sein Anblick erregte bei Ferſen und ſeinen Freun⸗ den einen gewiſſen Verdruß. Man wußte nur zu n ———— gut, daß Höppener ſich nöthigenfalls ſelbſt vor einem Angriff mit der blanken Klinge nicht ſcheute, wiewohl er auch Verſtand genug hatte, ſich nicht bloszuſtellen. Aber ſo zuvorkommend die Königin ſie empfing, ſo plötzlich veränderte ſich auch das Benehmen der Monarchin; ihre verbindliche Höflichkeit verſchwand beinahe augenblicklich und machte einem auffallenden Mißvergnügen Platz. Die Urſache ließe ſich nicht erklären, wenn nicht dicht hinter den vier Präſidenten Baron Pechlin zum Vorſchein gekommen wäre. Unmittelbar nachdem ſie ſich zur Königin hinein begeben hatten, war er ihnen ohne Weiteres nach⸗ gegangen. Waren die vier Herren durch den Anblick Höp⸗ peners verblüfft worden, ſo wurde es die Königin nicht minder durch den Anblick des Barons. Sie gewann indeß bald ihre Ruhe wieder und trat auf Ferſen zu. „Meine Herren,“ begann ſie. Aber während dieſe Worte von ihren Lippen kamen, ſchnürte ſich ihr Herz zuſammen. Es war das erſte Mal nach ſo vielen in den letzten Wochen erlittenen Demüthigungen, daß ſie dieſe Männer vor ſich ſah. In ihrer ſtolzen Seele regte ſich ein ge⸗ waltiger Widerwille, aber beim Gedanken an die Verurtheilung der Männer, die ihretwegen ſo viel wagen gewollt, erweiterte ſich ihre Bruſt wieder und das Herz ſiegte über die Selbſtſucht. „Meine Herren,“ begann ſie alſo mit einem tie⸗ fen Athemzug von Neuem,„ich hoffe, Sie werden die Gemahlin Ihres Königs entſchuldigen, daß ſie 222 ſich Ihren Beſuch erbeten hat, und ich danke Ihnen, daß Sie dieſem Wunſch nachgekommen ſind.“ Die Königin ſprach langſam und nicht ohne An⸗ ſtrengung. Ihr Sieg über ſich ſelbſt war vielleicht nicht vollſtändig. War nicht Pechlins Anweſenheit der böſe Dämon, der eine gewiſſe Gährung in ihrem Blute unterhielt?. „Da die verhafteten Herren,“ fuhr ſie fort,„jetzt eingeſtanden haben, daß ſie aufrühreriſche Pläne ge⸗ gen die Reichsſtände und zum Vortheil der könig⸗ lichen Gewalt gehegt, ſo habe ich darüber nichts mehr zu ſagen. Gleich Ihnen, meine Herren, muß auch ich ihr Bekenntniß als wahr annehmen. Aber wenn jetzt die Stände, gegen welche die Pläne gerichtet waren, die triftigſten Gründe haben, um das Schwert des Geſetzes über ihren Häuptern zu ſchwingen, ſo dürfen Sie es doch uns, dem König und mir, in deren Intereſſe die Gefangenen ſich bloßgeſtellt ha⸗ ben, nicht verdenken, wenn wir ihrem Schickſal ein tiefes, inniges Mitgefühl weihen. Sie hören, meine Herren, daß ich aufrichtig ſpreche; aber ich weiß auch, daß ich zu den ausgezeichnetſten Männern des Landes ſpreche, und bin überzeugt, daß ein wahres und reines Gefühl in der Wagſchale Ihres Urtheils auch Etwas gilt. Ich habe jetzt eine einzige Bitte an Sie, beſtehend in dem einzigen Wort: Gnadel Iſt nicht dem Rechte des Staats ſchon durch die Fällung der Todesurtheile vollkommen Genüge ge⸗ ſchehen? Die Strafe beſteht nicht in dem Tod, ſon⸗ dern in dem Urtheil. Ich denke mir, daß das Schaffot, am Ende unſerer Lebensbahn geſehen, et⸗ V ——.,—,——, —— 223 was Gräßliches, Entſetzliches iſt; aber iſt es einmal beſtiegen, ſo iſt es auch überwunden.“ Die Königin pauſirte einen Augenblick und ſchaute ſich appellirend um. „Es iſt mir,“ fuhr ſie dann fort,„erzählt wor⸗ den, der eine und andere Angeklagte habe vor Ge⸗ richt auch mich genannt, als ob ich zuweilen Reden geführt hätte, die auf einen Aufruhr abzielten. Ach, meine Herren, ich bin die Schweſter Friedrichs II; ich bin unter dem Einfluß anderer Staatsprincipien, als Schweden beſitzt, herangewachſen; ich habe von Kindheit auf geſehen, wie ein großes und mächtiges Volk ſeinen ausgezeichneten Monarchen vergötterte; ich bin überdies Weib, und ſchmeichle mir, ein Weib zu ſein, das die Vorſehung wenigſtens mit einigen guten Eigenſchaften ausgerüſtet hat. Nun wohl, meine Herren, brauche ich Sie wohl darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, welche Schlüſſe ſich ganz natürlich aus alle dem ergeben? Brauche ich Ihnen wohl zu ſagen, daß ich bei der Erinnerung an mein Vater⸗ land, und in meinem beleidigten weiblichen Stolz vielleicht manchmal ein Wörtchen fallen ließ, das meine Umgebung veranlaſſen konnte revolutionäre Wünſche bei mir vorauszuſetzen? Wenn es ſich ſo verhielte, und ich nehme als ausgemacht an, daß es ſich wirklich ſo verhält, wie entſetzlich würde dann nicht die Vollſtreckung Ihres Todesurtheils auf mich ſelbſt zurückfallen! Schon das Urtheil allein hat allen Schlaf aus meinen Augen gebannt; ſeine Voll⸗ ſtrecung würde allen Frieden aus meinem Herzen ſcheuchen. Nein, nein, meine Herren, Sie können mich nicht ſo hart ſtrafen!“ 224 Die Königin war von der aufrichtigſten Rührung ergriffen; ſie ſprach aus dem Innerſten ihres Her⸗ zens. „Aber die Strafe,“ fuhr ſie fort,„würde nicht bloß auf mich zurückfallen; ſie würde das ganze Königshaus, meinen Gatten und meine Kinder, ſie würde auch Sie ſelbſt treffen, meine Herren! Sehen Sie, da ſteht der künftige Thronfolger. So ſehr Sie ihn auch durch neue Lehrer und neue Inſtruk⸗ tionen von mir zu entfernen geſucht haben, ſo werde ich doch immer Gelegenheit finden mit ihm zu ſprechen, und von was wird eine Mutter wohl mit ihrem Sohne ſprechen, außer von denjenigen Dingen, von denen ihr Herz voll iſt? Das Böſe wie das Gute wächst unaufhörlich vom Keim zum Schößling, vom Schößling zum Baum, und wenn wir auch nicht ſelbſt ſeine Früchte zu ſchmecken bekommen, ſo werden doch unſere Nachkommen dieſe Früchte, ob ſie nun ſüß oder bitter ſind, zu verzehren haben.“ Die Rührung der Königin war immer ſichtlicher geworden, und ſie ſchloß, weil ſie ſich unfähig fühlte, ihren Gedankengang noch weiter auszuführen. Prinz Guſtav hatte ihre Rede mit einer Auf⸗ merkſamkeit angehört, welche bezeugte, wie ſehr ihm jedes Wort zu Herzen ging. Höppener konnte der würdevollen Aufrichtigkeit, womit ſie ihre Worte ſetzte, ohne es ihnen an Kraft und Schwung fehlen zu laſſen, ſeine Bewunderung nicht verſagen. Auch Graf Ferſen und die Sprecher vermochten ſich dem Eindruck dieſer Vorſtellungen nicht ganz zu verſchließen. Sie hatten unwillkürlich einander mehrere ——, —— 2— 225 Male angeſehen, als ſuchte Jeder im Geſichte des Andern eine Stütze gegen ſein eigenes Gefühl, aber ſie fanden eine ſolche Stütze nicht und mußten ſich zu ihrer Ueberraſchung ſelbſt geſtehen, daß trotz ih⸗ res Vorſatzes eine innige Theilnahme in ihrer Bruſt erwachte. Ferſen fühlte jedoch, daß die Antwort ihm zukam und daß dieſelbe bei ſeiner Stellung eine große Ver⸗ uiaetüühegit in ſich ſchloß. Er hatte im Namen der Ritterſchaft und des Adels das Urtheil unter⸗ zeichnet; jetzt mußte er es auch auf eine dieſes Stan⸗ des würdige Weiſe verfechten. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„ich beklage, daß das begangene Verbrechen nicht bloß ein Verbrechen ge⸗ gen uns vier iſt; ebenſo beklage ich, daß das Urtheil nicht allein von uns abhängt, denn ſonſt würden uns, fürchte ich, die Vorſtellungen Ew. Majeſtät in unſerer Ueberzeugung wankend gemacht und vielleicht ſogar für die Anſichten Ew. Majeſtät gewonnen ha⸗ ben; aber, Ew. Majeſtät, das Verbrechen iſt gegen die Staatsverfaſſung begangen, das Urtheil iſt von den Reichsſtänden gefällt worden, und ſomit können nicht wir, ſondern einzig und allein die Reichsſtände ſelbſt das Urtheil aufheben und ſeine Vollſtreckung abwenden.“ Die Königin hatte in ihrer Rührung dieſe kurze und beſtimmte Antwort nicht erwartet. Ihre Blicke flogen vom Einen zum Andern. Sie konnte kaum glauben, was ſie hörte. Aber ſie meinte dennoch in den Geſichtern dieſer Männer einige Theilnahme zu erblicken, und dieſe Idee faßte ſogleich Fuß bei ihr. Wenn ſie bedachte, daß der König ſeinerſeits eben Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. v. 15 226 jetzt ſeine Unterſchrift verweigerte, wie wichtig war es nicht, daß ſie ihrerſeits dieſe vier mächtigen Män⸗ ner gewann! Gleichwohl traute ſie ſich ſelbſt nicht mehr die Fähigkeit zu, den Erfolg herbeizuführen; ſie glaubte damit zufrieden ſein zu können, daß ſie ihn angebahnt habe, und ſie beſchloß ein Mittel an⸗ zuwenden, von welchem ſie überzeugt war, daß es die Herzen dieſer Männer zu offenem Aufruhr gegen ihre politiſchen Grundſätze treiben würde. „Meine Bitten und Vorſtellungen vermögen alſo Nichts über Sie,“ begann ſie wieder;„ich kenne je⸗ doch eine Sache, der auch Sie nicht werden wider⸗ ſtehen können: den Kummer einer Mutter und Gattin.“ Die Königin ging ſodann an eine Seitenthüre und führte die Gräfin Brahe heraus. Pechlin war indeſſen kein gleichgültiger Zuſchauer geweſen. Er hatte aufmerkſam die Königin angehört und den Eindruck, den ihre Worte auf Ferſen und die Andern hervorbrachten, genau beobachtet. Mit Furcht ſah er jetzt, daß ſie ſchwankten. Selbſt Fer⸗ ſens Antwort verrieth trotz ihrer Beſtimmtheit nur eine künſtliche Kälte. Als daher die Königin ſich wegwandte und nach der Thüre ging, benützte er die Gelegenheit. „Herr Graf,“ ſagte er halblaut zu Ferſen,„ver⸗ geſſen Sie nicht, daß nur durch die Vollſtreckung des Todesurtheils die Staatsverfaſſung für ewige Zeiten ſichergeſtellt wird; wird es dagegen nicht vollſtreckt, ſo wird dadurch die Verfaſſung in ihren Grundveſten untergraben. Im Intereſſe der Staatsordnung muß ——— 227 hier ein ſchreckliches Warnungsexempel ſtatuirt werden.“ Mehr konnte Pechlin nicht ſagen, aber dies war ſchon genug. Die Königin blieb in dieſem Augenblick mit der Gräfin Brahe vor ihnen ſtehen, die Hoffnung mit der Hoffnungsloſigkeit. Die Gräfin wollte ſprechen, aber ſie vermochte nicht. Sie heftete bloß einen beredten Blick auf die mächtigen Männer: dieſer Blick war ein Strahl aus einem thränenfeuchten Auge, ein ſtilles Gebet des Kummers. Noch einmal verſuchte ſie ihre Stimme zu erheben, aber dieſe Stimme erſtarb auf ihren Lip⸗ pen. Statt zu ſprechen, ſank ſie auf ihre Kniee und faltete ihre Hände. „Ach, meine Herren,“ ſagte die Königin,„in dieſer Stellung ſpricht man nur zu Gott. Können Sie ihr ſtilles Flehen abſchlagen? Gott würde es gewiß nicht thun. Sie antworten nicht?“ Ein tiefer Seufzer hob die Bruſt der Gräfin, und dieſer Seufzer brachte zwei Worte über ihre Lip⸗ pen mit: „Mein Mann!“ Dieſe Worte enthielten Alles, was ſie zu ſagen hatte. Aber wenn auch Ferſen und die Uebrigen ihre Theilnahme nicht zu unterdrücken vermochten, ſo klang ihnen doch Pechlins Warnung noch in den Ohren. „Frau Gräfin,“ ſagte Ferſen,„ich bitte Sie... ſtehen Sie auf, Gott kann viel verzeihen, weit mehr als die Menſchen, weil Seine unendliche Weisheit 228 und Macht keinem Zweifel unterworfen ſind. Der einzelne Mann kann auch weit mehr verzeihen, als der Staat, weil der Menſch doch Gottes Ebenbild iſt, der Staat aber nur das Ebenbild des Menſchen. Je unvollkommener eine Sache oder ein Weſen ſind, um ſo ſtrenger und nachdrücklicher müſſen ſie geſchützt werden. Stehen Sie auf, Frau Gräfin, und tragen Sie Ihren Schmerz mit Muth. Ihr Mann hat ſich nicht gegen uns verfehlt, ſondern gegen den Staat; deßhalb haben auch nicht wir ihn verurtheilt, ſon⸗ dern der Staat. Sein Urtheil können wir nicht ab⸗ ändern.“ Die Gräfin umſchlang Ferſens Kniee; ſie kroch vom Einen zum Andern und umfaßte die Kniee Aller. „Mein Mann! mein Mann!“ klagte ſie.„Mein Mann! mein Mann!“ Die Königin wurde von einem bittern Gefühl be⸗ leidigten Stolzes ergriffen. „Was können wir noch mehr thun?“ fragte ſie. Ferſen legte die eine Hand auf ſeine Bruſt und mit der andern deutete er nach oben, als wollte er ſie auf Gott anweiſen. Die Augen der Königin blitzten. Das war zu viel für den Stolz einer Königin, wie Luiſe Ulrike, bei welcher alle Fehler des Herzens von der Ueber⸗ fülle des Geiſtes und die Fehler des Geiſtes von der übermäßigen Wärme und Aüufrichtigkeit des Herzens herrührten, Herz und Geiſt aber ſo gänzlich vom Gefühl ihrer königlichen Geburt durchdrungen waren. „Stehen Sie auf, Frau Gräfin,“ ſagte ſie jetzt —O c(6-²—,—— ͤ———— 229 auch,„es lohnt ſich nicht der Mühe, länger zu bitten.“ Aber die Gräfin war in Ohnmacht geſunken; ſie vermochte ſich nicht mehr aufzurichten. Höppener eilte vor und führte ſie weg. Die Königin wandte ſich gegen die vier Männer. „Sie antworten uns...“ begann ſie. Die Haltung ihres Hauptes, das Feuer in ihrem Blick und die Röthe auf ihren Wangen bewieſen, daß ſie ihre ganze Energie wieder gewonnen hatte, daß ſie in dieſem Augenblick von dem zu ſtolzem Selbſt⸗ gefühl erwachten Muth eines beleidigten Weibes, einer beleidigten Königin belebt wurde. „Sie antworten uns...“ Aber ſie wurde in dieſem Augenblick durch einen Kammerherrn unterbrochen, welcher meldete, daß eine ſtändiſche Deputation um Audienz bitte. „Sie kann warten,“ antwortete die Königin,„hö⸗ ren Sie's? Sie kann warten.“ Die Königin richtete ihr Haupt noch ſtolzer empor. „Sie antworten uns, meine Herren,“ begann ſie von Neuem,„daß das Todesurtheil vollſtreckt wer⸗ den ſolle; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu erklären, daß das nicht geſchehen wird.“ Als ſie einen Augenblick pauſirte, um zu ſehen, welchen Eindruck ihre Worte hervorbrachten, hörte ſie, daß eine Seitenthüre geöffnet wurde, und als ſie ſich umwandte, ſah ſie den König eintreten. „Se. Majeſtät der König, mein hoher Gemahl,“ fuhr ſie fort,„kommt eben aus dem Rathsſaale.“ Sie winkte dem König, der verblüfft über das, 230 was er hörte und ſah, auf der Schwelle ſtehen ge⸗ blieben war, mit der Hand. „Sie haben,“ ſprach die Königin,„dem Monar⸗ chen das Begnadigungsrecht geraubt, um überzeugt ſein zu können, daß kein Opfer Ihnen entgehen werde; aber ich vermuthe dennoch, daß Sie ein To⸗ desurtheil, wie das in Frage ſtehende, ohne die Un⸗ terſchrift des Königs nicht werden vollſtrecken können. Und zu dieſer Unterſchrift werden Sie Se. Majeſtät niemals vermögen. Ah, mein theurer Gemahl...“ Und ſie wandte ſich jetzt gegen ihn. „Laß dieſe Herren jetzt auch Deinen feſten und unwandelbaren Entſchluß vernehmen.“ Hätte der Blitz zu den Füßen des Königs ein⸗ geſchlagen, er hätte nicht zermalmter ausſehen kön⸗ nen, als in dieſem Augenblick. Als die Königin von der Weigerung ihres Ge⸗ mahls zu ſprechen anfing, trat Höppener einen Schritt vor, in der augenſcheinlichen Abſicht, ihr Mäßigung zu empfehlen; aber es war zu ſpät, ſie hatte bereits ihren ganzen Gedanken ausgeſprochen. „Ach, meine Theuerſte!“ ſagte der König, indem er ſchnell gegen ſie vortrat. „Bitte, erkläre dieſen Herren offen, daß Du die Todesurtheile nicht unterzeichneſt.“ „Ach, meine gute Gattin...“ „Mein Gott, Du haſt unterzeichnet?“ „Nein und tauſendmal nein; ich habe ſie nicht unterzeichnet und werde ſie auch niemals unterzeich⸗ nen; aber dennoch...“ „Dennoch?“ ——— 231 „Dennoch ſteht mein Name jetzt unter dieſen Ur⸗ theilen.“ f„Wie? Was bedeutet das? Du ſprichſt in Räth⸗ eln... „Das Räthſel iſt leicht zu löſen. Als ich die Unterſchrift verweigerte, nahm der Rath meinen Na⸗ mensſtempel.“ „Man wagte es alſo!“ murmelte Höppener zwi⸗ ſchen den Zähnen. Ferſen und die Sprecher benützten dieſe kurze Unterredung zwiſchen den beiden gekrönten Häuptern, um ſich zu entfernen. „Gleichwohl genügte ihnen unſere Niederlage noch nicht,“ fuhr der König fort.„Man legte mir auch noch dieſes Schreiben hier zur Unterſchrift vor. Da lies es ſelbſt.“ Die Königin griff krampfhaft darnach. „Höppener,“ rief die Königin,„ſehen Sie her... haben Sie die Güte, es vorzuleſen... Ich vermag es nicht.“ Höppener las: „Wir Adolf Friederich...“ „Ueberhüpfen Sie das!“ „Thun hiemit zu wiſſen,“ las Höppener weiter, „daß Wir mit dem größten Mißfallen vernommen haben, wasmaßen ſeit der Entdeckung des verderbli⸗ chen Anſchlages gegen das Reich und die durch die Grundgeſetze verbürgte Wohlfahrt und Sicherheit ſeiner Bewohner allerlei falſche Gerüchte unter der Hand verbreitet werden, als ob die Sache ſich an⸗ ders verhielte, als in der ausgegebenen Reichstags⸗ zeitung ſteht, und als ob irgend ein verrätheriſcher Plan gegen Unſere eigene hohe Perſon im Werk ge⸗ weſen wäre, wodurch die Verbrecher auf den Gedan⸗ ken gekommen ſeien, ſeine Ausführung verhindern zu wollen...“ „Mein Gott!“ rief die Königin,„wie abſcheu⸗ lich!“ „Du mußt Alles anhören; haben Sie die Güte, weiter zu leſen, Höppener.“ Er las: „Im Intereſſe der Ruhe Unſerer Unterthanen haben Wir alſo nöthig gefunden, alle ſolche Gerüchte als falſch, grundlos und höchſt verbrecheriſch gegen Uns und die ganze Nation zu erklären. Und bezeu⸗ gen bei Unſerer königlichen Ehre, daß nie eine Spur gefunden worden iſt, die auf einen ſolchen verbre⸗ cheriſchen Anſchlag gegen Unſer königliches Haus hätte leiten können.. „Und Du haſt. „Unterbrich doch Höppener nicht immer, meine Liebe.“ Höppener las weiter: „Wir erkennen mit Verehrung Gottes gnädige Vorſehung, welche die ſchwediſchen Stände veranlaßt hat, den Scepter über dieſes Reich, deſſen Bewohner ſtets mit unwandelbarer Treue und Liebe, ihrer ge⸗ ſetzlichen Obrigkeit angehangen haben, Uns anzuver⸗ trauen.“ Nur mit Mühe konnte die Königin ihre Bemer⸗ kungen unterdrücken. Höppener fuhr fort: „Wir ſind von der guten Geſinnung Unſerer ge⸗ treuen Unterthanen herzlich überzeugt und glauben, daß Wir Uns getroſt Jedem anvertrauen können, und daß Wir, nächſt Gottes Schutz, keiner andern Obhut bedürfen, als der Liebe und Ergebenheit Un⸗ ſerer Unterthanen. Deßhalb verdrießt es uns um ſo mehr, daß man die Ränke der Verbrecher durch⸗ verdammenswerthe Verdächtigungen unſchuldiger, redlicher und wohlmeinender Unterthanen bemän⸗ teln will.“ Die Königin preßte vor Aerger ihre Lippen zu⸗ ſammen. Ihre Augen warfen Strahlen um ſich, die den verzehrenden Glanz des Blitzes hatten. Höppener fuhr fort: „Darum gebieten und befehlen Wir Allen ins⸗ gemein und Jedem insbeſondere, unbedingt an dieſe Unſere wahrhafte Kundmachung zu glauben, alle wi⸗ derſtreitenden Gerüchte zu verachten und jeden Uebel⸗ geſinnten, der etwa noch ſchädliches Unkraut ausſäen wollte, zur geſetzlichen Anzeige zu bringen. Wir er⸗ warten dies als einen neuen Beweis für die wohl⸗ meinende Geſinnung und den Eifer Unſerer getreuen Unterthanen, damit alle Mißverſtändniſſe unter ih⸗ nen gehoben werden...“ „Genug, genug!“ rief der König. „Dieſes Schreiben,“ ſagte die Königin,„iſt ganz abſcheulich. Es proclamirt im Namen des Königs den gräßlichſten Undank gegen unſeretreueſten Freunde. Es macht uns all der Ergebenheit und Freundſchaft, wofür jetzt ſo manche ausgezeichnete und geachtete Männer Leben und Blut opfern müſſen, ganz unwür⸗ dig. Es ſtellt uns vor allen wohldenkenden Leuten ſo hin, daß man unſere Feigheit und Schwäche be⸗ mitleiden muß. Nein, nein, dieſes Schreiben haben 234 Ew. Majeſtät nicht unterzeichnen können... deſſen bin ich vollkommen gewiß... es iſt unmöglich... Du haſt es nicht unterzeichnet.“ „Bitte um Entſchuldigung, Ew. Majeſtät,“ fiel Höppener ein, der gleichwohl fürchtete, daß der Kö⸗ nig es gethan habe, weil er nicht ſogleich antwortete, „aber dieſes Schreiben hat noch eine andere Seite, die nicht überſehen werden darf.“ „Mag ſein, Höppener; es mag tauſend Seiten haben, aber gewiß würden Mit⸗ und Nachwelt uns ewig verabſcheuen, wenn der König es unterzeichnet hätte. Durch dieſes Schreiben... das wollten Sie doch wohl ſagen, Höppener... gewinnt man den gegenwärtig geſtörten normalen Zuſtand zwiſchen der königlichen Gewalt und dem Volke wieder... man begräbt gleichſam die Revolution... man wirft drei Schaufeln Erde auf ihre zum Tod verurtheilten Leich⸗ name; aber man begräbt nichtsdeſtoweniger auch unſere Selbſtachtung und unſer moraliſches Anſehen in der Gegenwart und in der Zukunft. Doch das iſt noch nicht Alles, Höppener. Ein König kann ſich nicht ſo mit Füßen treten laſſen, daß die Geſchichte ihn ein⸗ mal mit Mitleid, um nicht zu ſagen mit Verachtung beurtheilen muß. Ganz gewiß wird man noch nach Jahrhunderten Einſicht von unſern Acten nehmen und uns vor den Richterſtuhl der geſchichtlichen For⸗ ſchung ſtellen. Wie wird dann das Urtheil ausfal⸗ len, wenn man es eines Theils auf die bekannten Pläne des Hofes, andern Theils auf einen ſo feigen Verrath an unſern Freunden, wie dieſe Schrift an⸗ zeigt, gründet? Enthält dieſes gegen unſern morali⸗ ſchen Charakter gerichtete Schreiben nicht eine Nöthi⸗ 235 gung für uns, den angefangenen Kampf mit den Ständen vollends durchzufechten, um in allen ſeinen Conſequenzen, ſie mögen ausfallen wie ſie wollen, die dermaligen politiſchen Verhältniſſe des Landes offen darzulegen und ſomit an künftige Geſchlechter zu appelliren? Ich bin überzeugt, daß Ew. Majeſtät das Schreiben nicht unterzeichnet haben.“ „Du beurtheilſt mich richtig, meine Liebe; ich habe es nicht unterzeichnet; aber meine Weigerung half nicht viel— die Rathsherren bedienten ſich des ... Namensſtempels.“ „Die Würfel ſind alſo geworfen,“ fuhr die Kö⸗ nigin fort; aber ſie kam nicht weiter, denn in dieſem Augenblick trat wieder ein Kammerherr ein und mel⸗ dete, die wartende Deputation beginne ungeduldig zu werden. „Die Deputation,“ ſagte die Königin;„ſie mag eintreten. Aber wartet einen Augenblick.“ Der König führte ſeine Gemahlin abſeits— ſie wechſelten einige Worte. Prinz Guſtav benützte dieſen Augenblick, um wie⸗ der eine Frage zu ſtellen. „Herr Höppener,“ ſagte er,„Sie bemerkten ſo eben, das Begnadigungsrecht ſei eines der ſchönſten Rechte des Königs.“ „Das ſagte ich, mein Prinz.“ „Aber ich begreife nicht, Herr Höppener; Papa iſt ja doch König?“ „Gewiß...“ „Aber Mama und die Gräfin Brahe baten ja ſo eben Ferſen um Gnade für die Verurtheilten. Iſt denn Ferſen mehr als der König?“ 236 Das Geſpräch zwiſchen dem König und der Kö⸗ nigin war bereits zu Ende. Der Erſtere hatte nach⸗ gegeben. Noch warf er jedoch einen bittenden Blick auf die Letztere. „Man wünſcht nichts Anderes, als mich zu de⸗ müthigen,“ erklärte die Königin,„aber willſt Du auch, daß ich mich demüthigen laſſen ſoll? Du kannſt das nicht wollen. Von all der königlichen Macht, die ich erträumt, bleibt mir jetzt nur noch ein. einziges Zeichen: eine ſtolze Stirne. Muthe mir nicht zu, daß ich auch ſie vor meinen Feinden beugen ſoll. Wollen Sie gefälligſt das drinnen im Zimmer ver ſammelte Hofperſonal erſuchen, hieher zu kommen,“ ſagte ſie dann zu dem Kammerherrn. Die Königin begab ſich ſelbſt in das grüne Ca⸗ binet und kam mit Frau Schedvin heraus. Che wir weiter gehen, müſſen wir erwähnen, daß in Frau Schedvin eine große Veränderung vorge⸗ gangen war. Wir haben geſagt, daß ſie auf ihrem Weg nach dem grünen Cabinet einen Blick auf Pechlin und Amanda geworfen habe, die ſich in einem äußeren Zimmer unterhielten; aber ſo kurz und haſtig dieſer Blick war, ſo erkannte ſie doch beide ſogleich. Der Ueberreiz, worin ſie ſich ſo lange befunden, hatte ſich in den letzteren Zeiten zu legen angefan⸗ gen, ganz beſonders in dem Augenblick, wo ſie ſich zum Handeln entſchloß. Die Gegenſtände traten ihr jetzt weit klarer und beſtimmter, als ſeit langer Zeit, vor die Augen. Seit ſie mit ihrer verdüſterten Seele in Amanda das Geſpenſt ihrer Mutter zu ſehen geglaubt, hatte * 237 ſich Amandas Bild gleichſam in eine Nebuloſe ver⸗ wandelt, wogegen das Bild der Mutter ihr klar und deutlich, ſo wie ſie ſich aus früheren Tagen ihrer erinnerte, vor die Augen trat. Die Lebende war für ſie geſtorben, und die Todte wurde für ſie lebendig. Jetzt veränderte ſich jedoch dieſes Verhältniß auf einmal. Beim Anblick Amandas fiel es wie Schuppen von ihren Gedanken und der Nebel vor ihrem Urtheil zer⸗ ſtreute ſich. Sie hielt Amandas Bild in ihrer Seele feſt. „Iſt dies die Tochter,“ dachte ſie,„dann war es auch die Tochter, die vor mich trat, und nicht die Mutter.“ Ein klares Licht überſtrömte dabei ihre innere Anſchauung. Ein großer Theil der Unheimlichkeit an der dü⸗ ſtern Verzauberung, worein ſie in ihrem überſpann⸗ ten Zuſtand verſetzt geweſen, verſchwand damit. Je richtiger ihr die Gegenſtände vor die Augen traten, um ſo kräftiger wußte ſie ſich ſelbſt zu be⸗ herrſchen. Frau Schedvin war gekommen, um einen wich⸗ tigen Aufſchluß zu ertheilen, um eine Schuld abzu⸗ tragen, welche ſie nicht ins Grab mitnehmen wollte, und ihr Gewiſſen zu erleichtern; aber nachdem es ihr jetzt auf einmal klar geworden, daß Amanda bloß auf eine kecke Art ihren exaltirten Zuſtand ausge⸗ beutet und durch ihre eigene Rolle dabei ſogar noch geſteigert hatte, empfand ſie einen bittern Verdruß. Durch das Geſpräch der Königin war ſie übri⸗ 238 gens nicht bloß über die Situation am Hofe, ſondern auch über Amandas Charakter vollſtändig belehrt worden. Als ſie daher jetzt mit der Königin hinaustrat, ſah ſie ihrem Zuſammentreffen mit Amanda ganz anders entgegen, als bei ihrem Weggang von Hauſe. 3 Der Hof hatte ſich bald hinter dem König und der Königin verſammelt. „Laſſen Sie die Deputation eintreten,“ befahl die Letztere. „Was gedenken Ew. Majeſtät zu thun?“ fragte ſie Höppener, der über den von Muth ſtrahlenden Blick, den ſie um ſich warf, beinahe erſchrack. Die Königin kniff bloß ihre Lippen ein, und ein kaltes Lächeln war ihre ganze Antwort. Die Deputation trat ein; Pechlin führte Amanda bei der Hand. Beim Anblick der Königin, auf deren Lippen noch das kalte Lächeln ſaß, wurde das Mäd⸗ chen blaß, gleich als ginge ſie einem Todesurtheile entgegen. Nicht minder erſchrack ſie über die Anwe⸗ ſenheit der Frau Schedvin. Sie konnte ſich nicht er⸗ klären, was Frau Schedvin da wollte. Nachdem die Deputation die Königin begrüßt hatte, trat dieſe auf ſie zu. Pechlins Blick weilte unabläſſig auf ihr; aber ſie ſchien es nicht einmal zu bemerken. „Wenn,“ ſagte die Königin,„die Krone oder der Staat einem Dienſtboten bei einer Privatfamilie eine Belohnung ertheilen, ſo iſt es gewöhnlich, daß dieſe Familie ihre Freude und Dankbarkeit darüber auf eine feſtliche Art ausdrückt. Nichts Anderes wünſche —,—-- ——— 239 auch ich bei dieſer Gelegenheit zu zeigen. Mamſell Amanda hat den Reichsſtänden das eine und andere von meinen Toilettengeheimniſſen verrathen, und die Reichsſtände haben dieſe That würdig gefunden, als ein ausgezeichnetes Verdienſt um das Vaterland er⸗ klärt zu werden. Amanda hat in meinen Privat⸗ dienſten geſtanden, und ich hege daher ebenſo große Achtung vor dem Urtheil der Stände, als vor der Handlungsweiſe des Mädchens, die mir vollkommen für einander zu paſſen ſcheinen. Ich habe Nichts mehr zu ſagen... haben Sie die Güte, meine Her⸗ ren, Ihren Auftrag zu vollziehen.“ Die Königin ſprach dies mit einer ſo ruhigen und würdevollen Haltung, daß man durchaus nicht bemerkte, wie ſehr ſie ſich Gewalt anthat. In ihrer Stimme lag nichts, was den geringſten Verdruß an⸗ deutete. Der zermalmende Sinn ihrer Worte wäre vielleicht auch für die Mehrzahl verloren gegangen, wäre nicht die Logik darin ſo klar und einfach gewe⸗ ſen. Die Deputation ſelbſt konnte kaum leugnen, daß die Königin dem Mädchen juſt im eigentlichen Augenblick des Siegs das Beſte an dem Achtungs⸗ beweis der Stände, nämlich die moraliſche Ehre, die darin liegen konnte, entriſſen hatte. Pechlin drehte ſich auf dem Abſatz um; Amanda fühlte den Pfeil in ihrer Bruſt, und die Artigkeit des Hofes war ihr ſo qualvoll, daß die Demonſtra⸗ tion der Stände beinahe allen Reiz für ſie verlor. Die Deputation entledigte ſich ſofort ihres Auf⸗ trags. Der Wortführer verlas eine Schrift zu ih⸗ rem Lob und ſtellte ihr im Namen der Stände eine anſehnliche Geldſumme zu. 240 Hierauf überreichte Pechlin das Entlaſſungsge⸗ ſuch Amandas. Die Königin empfing das Schreiben und warf einen Blick hinein; dann zerriß ſie es ohne allen Zorn und ließ die Stücke auf den Boden fallen. „Es bedarf wohl keiner weitern Antwort, Ba⸗ ron,“ ſagte ſie zu Pechlin,„oder was meinen Sie ſelbſt?“ Pechlin hatte eine ſo große, von wirklicher Gleich⸗ gültigkeit zeugende Ruhe nicht erwartet, und er fühlte ſich mit ſeinen eigenen Waffen geſchlagen. Die Deputation wollte ſich auch bereits entfer⸗ nen, als Frau Schedvin die Königin um Erlaubniß bat, einige Worte zu ſprechen. „Ich bin eine alte Frau,“ ſagte ſie, als die Kö⸗ nigin ihre Einwilligung gab,„und ich weiß allerlei von früheren Zeiten.“ Frau Schedvin war etwas erſchrocken, daß ſie vor der königlichen Familie das Wort ergreifen ſollte; doch war wenigſtens für den Augenblick alle Bitter⸗ keit aus ihrem Gemüth gewichen, und es fehlte we⸗ der ihrer Stimme, noch ihren Gedanken an der er⸗ forderlichen Kraft und Klarheit. „Herr Baron Pechlin,“ fuhr ſie fort,„weiß, daß Mamſell Amanda ein vater⸗ und mutterloſes Mäd⸗ chen iſt, da ſie in ſeinem Hauſe zur Welt gekommen und ihre Mutter bei der Geburt geſtorben iſt.“ Pechlin konnte ſeine Verwunderung nicht unter⸗ drücken. Eine Erörterung über dieſe Frage hatte er hier nicht erwartet. Amanda ihrerſeits, die ſich von dem Eindruck der, was ſie ſich ſelbſt geſtehen mußte, — ——- 241 wohlverdienten Verachtung, welche die Königin ihr bewieſen, noch nicht erholt hatte, wollte um Alles in der Welt in dieſem Augenblick die für ihr Gefühl ſo hochwichtige Frage, wer ihre Eltern geweſen, nicht erörtern hören. Sie ahnte jedoch ſogleich, daß Frau Schedvin eben von ihnen zu ſprechen beabſichtigte, und ſie fuhr erſchrocken zuſammen bei dem Gedan⸗ ken, dieſelben gerade jetzt kennen zu lernen. Sie ſchämte ſich in tiefſter Seele. „Madame, Madame,“ ſagte ſie daher, indem ſie bittend ihre Hände gegen die Alte ausſtreckte. Frau Schedvin meinte jetzt die Stimme des Ge⸗ ſpenſtes wieder zu hören, und ſie fuhr mit neuer⸗ wachtem Verdruß fort: „Und Sie, Mamſell Amanda, haben ſich gar zu wohl ums Vaterland verdient gemacht, als daß ich nicht gerne Ihr Glück dadurch erhöhen ſollte, daß ich Ihnen Aufſchlüſſe über Ihre Eltern gebe.“ Amandas geheimnißvolle Geburt war zu bekannt, um die Aufmerkſamkeit ſonderlich zu reizen; aber man erwartete von einem neuen Scandal oder von Gott weiß was zu hören. „Obſchon,“ fuhr Frau Schedvin fort,„eine ge⸗ raume Zeit verfloſſen iſt, ſeit ein bekannter Reichs⸗ verräther und Verbrecher zum Tod verurtheilt wor⸗ den, ſo befinden ſich doch ſicherlich Viele unter uns, die ſich ſeines Namens erinnern. Er hieß Weſte.“ Frau Schedvin konnte nicht anders ſprechen; ſie wußte Nichts von den Aufſchlüſſen, welche der Leſer bereits von andern Seiten her erhalten hat, und denen zufolge Weſtes Verbrechen rein politiſcher Na⸗ tur war. Ridderſtad, Luiſe ulriken’s Hof. V. 16 dddddddoͤͤͤͤhöeqéq 242 Als Amanda den Namen Weſte hörte, fuhr ihr ein Schauder durch die Glieder. „Dieſer Weſte...“. „Weſte,“ fiel die Königin ein;„ſollte ſie eine Tochter von ihm ſein?“ „Weſte,“ fuhr Frau Schedvin fort,„war ange⸗ klagt, einen Puke, ich glaube den Vater des jetzt Ver⸗ urtheilten, ermordet zu haben.“ „Sie täuſchen ſich, Madame,“ berichtigte die Kö⸗ nigin,„Weſte war kein Anderer, als Puke ſelbſt. Aber, mein Gott, Amanda wäre alſo die Schweſter Pukes!“ Frau Schedvin wollte weiter ſprechen, wurde aber von allen Seiten unterbrochen. Amanda war bereits mit einem Angſtſchrei in Pechlins Arme ge⸗ ſunken und wurde hinausgeführt. Die Deputation entfernte ſich. Das Hofperſonal war in voller Auf⸗ regung. „Madame,“ begann die Königin wieder,„Sie haben mich auf eine ſchreckliche Art gerächt. Kann ich Ihnen meine Dankbarkeit beweiſen, ſo ſprechen Sie.“ Frau Schedvin wußte eigentlich nicht, durch welche Aeußerung ſie die gewaltige Aufregung um ſich her hatte veranlaſſen können; aber ſie bekam das Wort nicht mehr, ſie wurde unterbrochen und mußte alle weitere Erklärung für ſich behalten. Als die Königin ihren Dank gegen ſie ausſprach, da erinnerte ſie ſich ihres Sohnes Daniel. „Ew. Majeſtät,“ antwortete ſie,„mein Sohn war es, der die Pläne angezeigt hat, um deren willen Ihre Freunde zum Tod verurtheilt worden ſind.“ ₰+ 243 „Ich weiß es, Madame.“ „Die Reichsſtände haben, auch ihn dafür belohnt, aber er iſt in Verzweiflung deßhalb. Er möchte lie⸗ ber zu den Verurtheilten, als zu den Belohnten ge⸗ hören. Er ſteht draußen; wollen Ew. Majeſtät ein freundliches Wort zu ihm ſagen?“ Auf das Geheiß der Königin ſtand Daniel, be⸗ gleitet von Clara und Alexander, bald vor ihr. Die Königin betrachtete ihn eine Weile unter tie⸗ fem Schweigen.— „Mama,“ ſagte plötzlich Prinz Guſtav,„er war es, der mir einmal das Leben rettete.“ „Du haſt Recht, mein Sohn,“ ſprach ſie,„neben der Belohnung, welche die Reichsſtände Ihnen gege⸗ ben, Schedvin, nehmen Sie jetzt auch dieſen Ring zurück, den Sie vor einigen Monaten zurückgaben, nachdem Sie ihn zuvor in Drottningholm von mir empfangen hatten. Mag er Ihnen beweiſen, daß ich, ſo tief ich auch das Geſchehene beklage, dennoch einen unvorſätzlichen Fehler von einem vorſätzlichen zu un⸗ terſcheiden weiß.“ Nach einer kurzen Pauſe, wobei ihre Blicke im Zimmer umherſchweiften, fuhr ſie fort: „Sie haben auch Ihre Tochter bei ſich, Frau Schedvin. Ich verſprach ihr einmal eine Fürbitte bei hünen einzulegen. Sie wiſſen vielleicht nicht... ſie iebt... 4 „Alexander, Ew. Majeſtät. Ich weiß es und habe bereits meine Einwilligung ertheilt.“ „Dank, Frau Schedvin, Dank! In einer ſo ſturmvollen Zeit wie dieſe iſt es erfreulich, da und dort eine Oaſe von Frieden und Glück zu finden. 244 Das thut unſern Herzen wohl. Komm her, Clara. Du biſt doch jetzt glücklich?“ „Ach ja, Ew. Majeſtät.“ „Alexander wird ſicherlich Deiner würdig bleiben. Ich behalte mir bloß vor, für Deine Ausſteuer ſor⸗ gen zu dürfen. Und jetzt, meine Lieben, Gott mit euch!“ Bald hatten ſich Alle zerſtreut, und das Königs⸗ paar blieb nebſt dem Prinzen Guſtav und Höppener allein zurück. Höppener ſtand neben dem Prinzen. Während der König und die Königin in ſtille Betrachtungen verſanken, erhob Höppener ſeine Stimme. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er, hich habe eine in⸗ tereſſante Beſprechung mit dem Prinzen gehabt. Mit ihm wird ſicherlich ein neuer Morgen für unſer Land anbrechen.“ Höppener ſtreckte ſeine Hand aus und legte ſie auf das Haupt des Prinzen, indem er hinzufügte: „Ille faciet!“(Er wirds machen.) Als Amanda in die äußern Zimmer hinauskam, bat ſie Pechlin, er möchte ſie zu Fräulein Creutz führen. Alma war in Folge der Verhaftung Pukes er⸗ krankt. Die mediciniſche Wiſſenſchaft bot Alles auf, um ihr Geſundheit und Kraft wiederzugeben; aber umſonſt. Ihr Herz war zermalmt. Nicht bloß Ehrenpreutz und Creutz gaben ihr während dieſer Zeit alle möglichen Proben der in⸗ 245 nigſten Zärtlichkeit; der ganze Hof that es, und die königliche Familie blieb nicht zurück. Mit der zärtlichſten Liebe wurde ſie jedoch von ihrer Schwägerin Marie Luiſe umfaßt. Dieſe wachte Tag und Nacht bei ihr. Im Anfang ihrer Krankheit ſprach Alma unauf⸗ hörlich von Puke; ſie ließ ſich von dem Fortgang der Unterſuchung, von den größern oder geringeren Hoffnungen auf Pukes Freiſprechung, von ſeinen Ausſagen u. ſ. w. erzählen. Es war ein ſüßer Augenblick für ſie, als ſie das Briefchen erhielt, das er ihr im Gefängniß ſchrieb. Dieſes Billet erhielt ſeinen Platz an ihrem Herzen, und ſie las es immer von Neuem. Aber in ihrer Seele ſpuckten düſtere Ideen, und da die Erzählungen ihrer Umgebung mit dem heitern Ton des Briefes nicht ganz über⸗ einſtimmten, ſo erwachte der natürliche Argwohn, er habe ihr den wirklichen Sachverhalt zu verbergen geſucht. Von dieſem Augenblick an glaubte ſie an keine Verſicherung mehr. Sie ſagte jedoch Nichts, ſondern ſtellte ſich gläubig und ſann unaufhörlich auf Mittel, ſich zuverläſſige Nachrichten zu verſchaffen. Eines Tags kam Badin, der Negerjunge, um im Namen der Königin nach ihrem Befinden zu fragen. Zufällig war Alma gerade allein und ſie bat Badin, ſich zu ſetzen. „Ach, Badin,“ ſagte ſie zu dem Jungen,„Du könnteſt mir einen großen Gefallen thun.“ Wir wiſſen, daß Badin nach allen Richtungen hin dienſtfertig war. „Sieh dieſe kleine Börſe da, Badin; ſie gehört Dir, wenn Du mir Nachrichten verſchaffſt...“ 246 „Vom Capitän Puke?“ fiel er ein. „Ja, Badin; ich möchte wiſſen, wie es ſich in Wirklichkeit mit ihm verhält; Du weißt, wie ſehr wir einander lieben. Verſprichſt Du mir ſichere Nachrichten zu verſchaffen?“ Badin ſteckte die kleine Börſe ein, verſprach Al⸗ les, was Alma wünſchte, und hielt Wort. Von die⸗ ſem Tag an wußte Alma Alles, was ſich mit Puke zutrug, ſie wußte, daß er in der Nacht, bevor er ihr geſchrieben und ſeine Lage ſo beruhigend geſchildert hatte, im Diebskeller auf der Folter gelegen; ſie wußte, daß er in der folgenden Nacht in die Ro⸗ ſenkammer geführt worden war; ſie wußte endlich, daß er geſtanden Ha⸗ und daß ſein Todesurtheil geſprochen war. 1 Ihre Krankheit vedſchlimmerte ſich indeß nicht nach Maßgabe der immer traurigeren Nachrichten, die ſie erhielt. Sie blieb ſich ungefähr gleich. Ver⸗ zweiflung und Hoffnung lagen noch immer gleich ſchwer in der Wagſchale ihres Lebens und erhielten die Krankheit in der Schwebe. Ehrenpreutz, Creutz und Marie Luiſe waren bei ihr, als Amanda eintrat. Alma hatte von der Verwandtſchaft zwiſchen Puke und Amanda bereits Kenntniß erhalten, und da ſie die feindſelige Geſinnung des Mädchens gegen ihn nur zu gut kannte, ſo begriff ſie auch die ganze Schrecklichkeit des Schlages, der ſie getroffen hatte. Amanda ſprach nicht von dem, was in ihrem Innern vorging, ſondern betrachtete Alma, deren Leiden ſo tief in ihre Züge eingegraben waren, mit der innigſten Theilnahme. ———— 247 „Ich beabſichtige zu Puke zu gehen,“ ſagte Amanda;„aber ich will nicht vor ihn treten, ohne einen Gruß von Ihnen mitbringen zu können.“ „Sie wollen zu ihm gehen,“ antwortete Alma; „ach, wenn auch ich... ich...“ Sie richtete ſich in ihrem Bette auf. Ihr Ge⸗ ſicht war von einer holden Röthe übergoſſen. Mit liebevollem und ſchwärmeriſchem Ausdruck in ihrem Blick ſtrich ſie ihre weichen Locken zurück. „Graf Ehrenpreutz,“ ſagte ſie,„und auch Du, Creutz und Marie Luiſe, ihr dürft mir eine Bitte nicht abſchlagen.“ „Laß hören, was Du wünſchaſt.“ „Ich weiß etwas, was mich geſund machen würde.“ „Sag es uns.“ „Schon beim Gedanken daran fühle ich mich weit beſſer.“ „Nun?“ „Wenn ich,“ flüſterte ſie,„mit Amanda zu Puke gehen dürfte.“ Während dieſes kurzen Geſprächs war der Doctor eingetreten und hatte ihr Verlangen gehört. Er näherte ſich Alma, fühlte ihr den Puls, ſchaute ihr in die Augen und richtete die eine und andere Frage an ſie. „Die Krankheit des Fräuleins,“ ſagte er,„iſt gar zu lange im ganz gleichen Stadium geblieben. Unter ſolchen Umſtänden wird ſie, zwar langſam, aber unausbleiblich abzehren. Ich bin der Meinung, man ſollte ihren Wunſch erfüllen und ihr den Be⸗ 248 ſuch bei dem Capitän geſtatten. Wir bedürfen un⸗ ter allen Umſtänden einer Kriſis...“ Almas Freude war unbeſchreiblich. „Dank, Herr Doctor,“ ſagte ſie;„wenn irgend Etwas mich erhalten kann, ſo iſt es die Freude mit Puke zuſammentreffen zu dürfen.“ Die Herren entfernten ſich. Alma ſchien wirk⸗ lich einen großen Theil ihrer Kräfte wieder zu ge⸗ winnen. Sie ſtand beinahe allein auf, und als ſie ſich an ihren Toilettentiſch ſetzte, war ſie ganz mun⸗ ter und ſchalkhaft. „Mein Gott,“ ſagte ſie,„wie ich vom Fleiſch gefallen bin! aber doch iſt mein Herz nicht von ihm abgefallen. Ich glaube beinahe, mein Haar iſt noch lockiger geworden als vorher. Ob ihm das wohl gefallen wird, Marie Luiſe? Laß es in freien Locken herabfallen. Ach wie Schade, daß ich jetzt mein Brautkleid nicht fertig habe; ich würde es an⸗ gezogen haben. Amanda trägt ſich ſchwarz; ſiehſt Du, Marie Luiſe, deßhalb will ich mich weiß kleiden. Aber, beſte Amanda, Du mußt mir auch ein wenig helfen. Ich ſehe ſehr blaß aus, nicht wahr? Er kann glauben, ich ſei krank, und das ſoll er nicht. Er hat ſonſt Kummer genug...“ Und bei dieſen Worten brach ſie in Thränen aus. „Aber wie kindiſch ich bin!“ fuhr ſie fort;„ich darf ihn ja beſuchen, ich darf ihn ſehen, mit ihm ſprechen, ſeine Hand drücken, und dennoch weine ich. Siehſt Du, Amanda, ich glaube...“ Dieſe ſchweſterlich zärtliche Freundſchaft ging Amanda tief zu Herzen. ** —— 249 „Ich glaube, ſagten Sie...“ „Ich glaube, daß Du mich ein wenig ſchminken ſollteſt. Warum ſoll ich meinen Kummer zeigen? Ach nein, nein, jetzt muß ich geſund und heiter er⸗ ſcheinen...“ So ſchwatzte Alma, bis ſie angekleidet war und, geſtützt auf Marie Luiſe und Amanda, hinausgeführt wurde. Eine CEquipage erwartete ſie bereits auf dem Schloßhof und brachte ſie, nebſt Ehrenpreutz und Creutz, nach dem Staatsgefängniß. Nach der Verkündigung des Urtheils wurden die Gefangenen weniger ſtreng gehalten: Freunde und Verwandte durften ſie beſuchen. Jonas führte alſo dem Capitän Puke täglich ſei⸗ nen Sohn zu. Tauſend Lehren und Ermahnungen ſuchte der Vater dem Jungen einzuprägen; tauſend⸗ mal erneute Jonas ſein Verſprechen für ihn Sorge zu tragen und ihn zu einem rechtſchaffenen Mann zu erziehen. Jonas hatte ſich kaum erſt mit dem Kleinen wegbegeben, als Chrenpreutz und Creutz eintraten. Die Folgen der Tortur feſſelten Puke ans Bett. Man begreift leicht, daß keine lange Unterredung ſtattfinden konnte. CEhrenpreutz und Creutz drückten ihm die Hand. Puke ſah wohl, daß dies aus Dankbarkeit für die abgelieferten Papiere geſchah. „Wir kommen nicht allein,“ ſagte indeß Chren⸗ preutz;„es ſind zwei Damen bei uns, die von Ihnen Abſchied zu nehmen wünſchen.“ 250 Ein Strahl von Freude belebte Puke; von der Einen wenigſtens ahnte er, wer ſie war. Er ſtreckte jetzt ſeinerſeits die Hand zu dankbarem Drucke aus. „Che wir ſie jedoch hereinführen,“ ſagte Creutz, „müſſen wir Sie auf eine überraſchende Neuigkeit vorbereiten. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß Sie eine Schweſter beſitzen?“ „Doch, ich weiß es. Könnten Sie mir vielleicht nähere Aufſchlüſſe über ſie ertheilen, Herr Graf?“ „Ihre Schweſter iſt Niemand anders, als Aman⸗ da... „Amanda!“ rief er.„Allmächtige Vorſehung!“ Er vergaß ſeine Schmerzen und ſprang vom Bette auf. „Amanda!“ wiederholte er;„das iſt unmöglich. Können die Ereigniſſe Menſchenkinder, welche die Vorſehung zur Liebe geſchaffen hat, zu ſolch feind⸗ ſeligem Haſſe treiben? Kann der Zufall die weiſe Ordnung der Natur aufheben? Laſſen Sie ſie hereinkommen.“ Amanda und Alma traten zugleich ein. Welche Verſchiedenheit zwiſchen Beiden! Amanda drängte ihre qualvollen Gewiſſensbiſſe in ihre Bruſt zurück: Alma ließ ihr Herz in Freude und Wonne auf⸗ blühen. „Ich komme,“ flüſterte Alma, indem ſie Amanda noch bei der Hand hielt,„mit Deiner...“ Sie wollte ſagen Schweſter, aber Amanda fiel ihr ins Wort. „Mit Ihrem böſen Dämon,“ fügte ſie hinzu; * „ich dagegen komme mit Ihrem guten Genius, mit Ihrem Glücksengel.“ In dieſer Aeußerung lag ſo viel Wahrheit und. Gefühl, daß Puke ſich entwaffnet fühlte. „Unerforſchlich ſind die Wege des Herrn,“ ſagte er bloß.„Friede ſei im Himmel und auf Erden!“ fügte er dann hinzu. „Seit meinen früheſten Jahren,“ ſagte Amanda, „habe ich die Hälfte einer kleinen Münze an mei⸗ nem Hals getragen, und man hat mir geſagt, mein Bruder müſſe die andere Hälfte tragen.“ „Eine halbe Münze... ja, ja! Ich trage wahrlich eine ſolche. Sieh hier, hier...“ Die beiden Hälften wurden neben einander ge⸗ halten und paßten. „Es gibt noch einen weit überzeugenderen Be⸗ weis,“ bemerkten Chrenpreutz und Creutz beinahe zugleich;„die Aehnlichkeit in Ihren Zügen iſt ja ganz unverkennbar.“ Amanda ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Mein Gott,“ flüſterte ſie,„daß wir erſt jetzt ... wo Alles, Alles zu ſpät iſt... einander er⸗ kennen ſollten!“ 1 „Laß uns jetzt nicht davon ſprechen, Amanda,“ verſetzte Puke;„ſtatt deſſen will ich Dir, ſo lange es noch Zeit iſt, einige Papiere zuſtellen, die theils Aufzeichnungen von unſerem Vater, theils Briefe von unſerer Mutter enthalten. Nimm und lies ſie, Amanda; erwärme Deine Seele und Dein Herz daran.“. Alma hatte nicht ein einziges Wort geſprochen, 25⁵² aber ſie war wie ein Kind um Puke herumgegangen und hatte ihn betrachtet. „Laß uns jetzt ſitzen,“ bat ſie endlich;„ich be⸗ darf einiger Ruhe.“ „Du biſt krank, Alma.“ „Ach nein! Ich habe mich nie beſſer befunden als jetzt. Sehe ich nicht ganz geſund aus? Habe ich nicht rothe Wangen?“ Aber ihr Kopf ſank hinab. 3 „Wie gütig doch Gott iſt!“ ſeufzte ſie. „Du erſchreckſt mich, Alma.“ „Iſt Er denn nicht gütig?“ wiederholte Alma. t„Ach ja, Er iſt es.“ Und ſie neigte ſich an ſein Ohr und flüſterte lächelnd einige Worte. „Wie? Du wirſt mich nicht überleben?“ Puke betrachtete ſie und glaubte zu ſehen, daß ſie die Wahrheit ſprach. Er drückte ſie an ſeine Bruſt. Amanda vermochte ſich nicht länger zu beherr⸗ ſchen. Sie ſtrich das Haar aus Pukes Stirne; ſie umfaßte ihn mit einem Blick voll Feuer. „Und dieſes Haupt...“ ſagte ſie; ſie wollte hinzuſetzen:„ſoll fallen, von mir dem Henkerbeil überliefert;“ aber die Worte erſtarben auf ihren Lippen.. Sie hatte ihre Hand auf ihr Haupt gelegt; ſie beugte ſich über ihn herab; ſie wollte gleichſam ſeine Züge in ihre Seele einprägen; plötzlich drückte ſie einen Kuß auf ſeine Stirne. „Leb wohl, mein Bruder,“ rief ſie dann,„leb wohl, leb wohl!“ 5 ——— 253 Und das Geſicht in beide Hände verbergend, ſtürzte ſie hinaus. „Siehſt Du das ſchöne Wölkchen da oben am Himmel?“ fragte Alma. „Ich ſehe, ich ſehe.“ „Weißt Du, daß ich es zu unſerer künftigen Wohnſtatt auserſehen habe? Iſt es nicht ſchön?“ „Ach ja!“ „Dort wollen wir mit einander wohnen und leben.“ „Ja, ja!“ „Dort wollen wir Morgens und Abends Blu⸗ men pflücken; ach wie heiter und angenehm werden wir es dort haben!“ „Ganz gewiß, gute Alma! Ich ſehne mich nach der Heimath da oben.“ „Wir brauchen nicht ſo lange zu warten. Siehſt Du, Puke, wenn Du jetzt zum Tode gehſt, ſo mußt Du Deine Augen auf dieſe Wolke da richten. Ich bin dann ſicherlich bereits dort und werde Dir win⸗ ken. Du thuſt es doch, Puke?“ „Sei überzeugt davon.“ „Ach, wie freundlich war es von dem Doctor, daß er mich hierhergehen ließ! Jetzt bin ich ſo ver⸗ gnügt, ach, ſo vergnügt, ſeitdem wir übereingekom⸗ men ſind, wie wir es halten wollen. Von dieſem Augenblick an ſoll kein Seufzer mehr über meine Lippen kommen, ausgenommen der letzte, der ein Freudenſeufzer ſein wird. Aber vielleicht iſt es Zeit, daß wir uns trennen. Willkommen nach mir! Ich werde die Stunden zählen. Vergiß die Wolke dort nicht!“ 254 Und Alma verließ ihn jetzt mit einer Ruhe, als wäre ſie das glücklichſte Weſen auf Erden; noch in der Thüre warf ſie ihm einen freundlich lächelnden Blick zu. 3— Wenn der Stoff erſchöpft iſt, ſo iſt der Roman aus, und unſer Stoff iſt jetzt erſchöpft. Es übrigt uns noch eine kurze Berichterſtattung über einige Schlußdetails.. Nach der großen politiſchen Niederlage, welche der Hof erlitten hatte, war es ihm unmöglich, den Kampf gegen die ſiegreiche Partei fortzuſetzen. Gleich⸗ wohl gab er die Hoffnung nicht auf, ſich früher oder ſpäter ſchadlos halten zu können. Die Mützenpartei dagegen ſchritt grundſatzfeſt auf der betretenen Bahn weiter. Was die auswärtige Politik betraf, ſo nahm Schweden bei den europäiſchen Verwicklungen eine höchſt feindſelige Haltung gegen den König von Preußen ein. Schon am 6. Juni 1756 wurde mit Dänemark ein Vertrag abgeſchloſſen, kraft deſſen beide Reiche eine gemeinſchaftliche Flotte von je acht Kriegs⸗ ſchiffen und Fregatten aufbieten ſollten, um in den nordiſchen Fahrwaſſern zu kreuzen. Im folgenden Jahr brach wirklich ein Krieg zwiſchen den Kronen Schweden und Preußen aus.. Wir haben gezeigt, wie das Königthum nach und nach in einen Zuſtand gänzlicher Ohnmacht ver⸗ ſetzt wurde. Es fehlte nur noch, daß man es mit einer eiſernen Kette umgab, die man verſchließen und deren Schlüſſel man in die Taſche ſtecken konnte. Einen ſolchen eiſernen Cordon ſchuf man ſich — auch in dem Trabantencorps, indem man eine neue Inſtruktion für daſſelbe aufſetzte, wodurch es weſent⸗ lich dem Commando des Königs entzogen wurde. Auf dem Platz zwiſchen der Ritterholmskirche und den beiden Brücken wurde am 23. Juli das Todes⸗ urtheil an Brahe, Horn, Stalſvärd und Puke voll⸗ zogen. Als Puke das Schaffot beſtieg, hörte man die Todtenglocke einer nahegelegenen Kirche ertönen. „Wer wird begraben?“ fragte er. „Fräulein Alma Creutz,“ antwortete der Geiſt⸗ liche. Puke las ein Gebet und kniete nieder. Als ſein Haupt fiel, erſcholl ein Angſtſchrei aus der Volksmaſſe hervor; ein Frauenzimmer ſtürzte todesbleich herzu, tauchte ein weißes Tuch in ſein Blut und verſchwand dann wieder unter dem Haufen. Es war Amanda. Einige Wochen ſpäter wurden Mozelius, Chri⸗ ſtiernin, Eſcholin und Ernſt auf demſelben Platze enthauptet. Schecta wurde, damit ſeine„Narrheit“ dem Land und Reich keinen Schaden bringen könnte, zu lebens⸗ länglicher Gefangenſchaft auf einer Feſtung der Krone, wo er von allem Beſuch und Umgang abgeſchnitten werden ſollte, verurtheilt. Silfverhjelm erhielt vier⸗ zehntägigen Arreſt bei Waſſer und Brod und ſodann ſechsjährige Feſtungsſtrafe; außerdem verlor er ſeine Stelle ſowie ſeinen Sitz im Reichstag. Graf Hard, der glücklich entkommen war, trat in preußiſche Dienſte, wo er ſich im ſiebenjährigen Krieg auszeichnete. Baron Wrangel und Larsſon entkamen 256 nach Norwegen und ſtarben dort nach einigen Jahren. Schedvin kaufte ſich für die Summe, welche ihm die Stände geſchenkt hatten, ein größeres Gut. Seine Mutter folgte ihm dahin. Die Jahre machten ihn zu einem ruhigen und praktiſchen Mann. Seine Schweſter Clara heirathete Alexander. Die Königin machte ihr ein ſehr anſehnliches Brautgeſchenk, das nebſt der Errungenſchaft Alexanders ausreichte, um ebenfalls ein Gut, dicht neben dem ihres Bruders, zu kaufen. Amanda dagegen ſchien ſpurlos verſchwunden zu ſein. Als wir dieſen Roman begannen, hatten wir die Abſicht, in einigen folgenden Werken die Zeit von 1756 bis 1792 zu bearbeiten; ſollte dieſer Plan zur Ausführung kommen, was in Gottes Hand ſteht, ſo dürften wir Gelegenheit erhalten, die Mehrzahl der hier aufgeführten Perſonen von Neuem auf die Bühne zu bringen. Man dürfte dann auch erfahren, wohin Amanda eigentlich gekommen war. Ende. —— — 4 ſifff ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſnſiſſſtſnnſenſſnſſen 7 8 9 10 11 12 13 14