Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 24 3 — = Teihß- und Ceſebedingungen. 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nrchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. —= — 7„ 1 r„— uI— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Buücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Königin Luiſe Ulrike und ihr Hof. ——⁄⁄⁄ *— Roman⸗ von C. F. Ridderſtad. Aus dem Schwediſchen von 4 Dr. Gottlob Fink. 1 Fünfzehntes bis neunzehntes Bändchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1856. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. Neunzehntes Kapitel. Ein Abenteuer. Baron Wrangel war ſo eben aus dem königlichen Schloſſe heimgekommen. Er ſah bleich und verſtört aus. Nachdem der Bediente ihm ſeinen Mantel ab⸗ genommen, legte er, einer alten Gewohnheit gemäß, ſeine Hände kreuzweiſe auf den Rücken und begann im Zimmer auf⸗ und abzuſchreiten. Bald legte ſich ſeine Stirne in dicke, finſtere Runzeln, bald erheiterte ſie ſich. Wichtige Gedanken beſchäftigten ihn. Die Ereigniſſe waren an einem kritiſchen Wendepunkt angelangt. Sollte er ſich bei Zeiten zurückziehen, ſollte er mitten in ſeiner Laufbahn innehalten oder ſie muthvoll fortſetzen? Wie die Gewitterwolken durch den Nachthimmel hinfliegen, ſo flogen dieſe Fragen durch ſeine Seele. Mit einer heftigen Be⸗ wegung, die von ſeinem geſpannten Seelenzuſtand zeugte, ergriff er endlich die Klingel, und der Be⸗ diente trat ein. „Sag, Larsſon ſoll heraufkommen, Anders,“ befahl er ihm. Nach einer Weile trat Larsſon ein. Er blickte jetzt nicht ſo ruhig um ſich, wie vorher. Sein Kopf neigte ſich kummerſchwer. 4 „ „Larsſon,“ ſagte Wrangel,„das war eine un⸗ glückſelige Heftigkeit, daß Sie ſich verleiten ließen, an Hakansſon und den Secretär Hand anzulegen. Sie müſſen geſtehen, daß ich Sie niemals zu einem ſolchen Schritt aufgemuntert habe. Glücklicher Weiſe flüchteten Sie ſich ſogleich zu mir, und ſo Gott will, werde ich Sie aus der Gefahr, die Ihnen jetzt droht, zu befreien wiſſen. Sie ſehen indeſſen ein, daß auch ich vorſichtig ſein muß. Aber, lieber Freund, Sie kennen vielleicht die ganze Feindſeligkeit noch nicht, welche die Gegenpartei bereits zu entwickeln ange⸗ fangen hat.“ „Man hat mir geſagt, daß bereits eine Com⸗ miſſion beſtellt ſei.“ „Das iſt wahr; allein dieß iſt ein bloßer Anfang und weiter Nichts. So wie die Parteien bei uns ſtehen, Larsſon, haben Sie blos das Signal zu einem Kampf auf Tod und Leben zwiſchen ihnen gegeben. Vielleicht wäre es das Beſte für uns, bei Zeiten nachzugeben, aber dagegen erhebt ſich auch wieder allerlei. Wagt man keinen Verſuch, den gegenwär⸗ tigen Druck zu brechen, ſo wird er auch nirgends aufhören. An den Staatsmann knüpft ſich immer ein großes Schickſal, das der Zukunft des Landes. Die Ueberzeugung iſt eine Macht, die alle ſeine Handlungen beherrſcht; das Leben iſt für einen öffentlichen Charakter kein Genuß ohne ein großes Ziel, wohin der Weg unter beſtändig fortgeſetztem Kampfe führt. Wir ſind auch noch nicht geſchlagen. Ein Vortheil für uns liegt ſogar jetzt in dem Um⸗ ſtand, daß die Gegenpartei ſich für ſtark genug zu halten ſcheint, um uns auf einmal in allen Poſitionen inen oßes ztem gen. Um⸗ u 5 angreifen zu können. Es iſt nämlich ein alter Er⸗ fahrungsſatz, Larsſon, daß, ſobald eine Partei das vernünftige Maß überſchreitet, in der öffentlichen Meinung ſogleich eine Reaction gegen diejenigen be⸗ ginnt, die zu übermüthig auf ihre Erfolge pochen. Fallen die Hüte mit ihrer gewöhnlichen Verfolgungs⸗ ſucht über uns her, ſo können wir mit vollem Recht auf einen ſolchen Umſchlag zu unſern Gunſten hoffen. Sie wiſſen vielleicht, daß bereits mehrere Ihrer Freunde vom Bauernſtand verhaftet worden ſind?“ „Nein, Herr Baron, nein... das weiß ich nicht... hat man's gewagt...?“ .„Dann wiſſen Sie vielleicht auch nicht, daß gegen Sie ſelbſt ein Haftbefehl ausgefertigt iſt?“ „Gegen mich?“— „Der Bataillonsprediger Forbus, unſer gemein⸗ ſchaftlicher Freund, iſt ſo eben verhaftet worden. Ich habe ihn ſelbſt nach dem Gefängniß abführen geſehen.“— „Forbus? Mein Gott, was hat er denn ge⸗ than?“ „Man beſchuldigt ihn, er habe den Reichstag zu Anſichten und Maßregeln zu verleiten geſucht, welche der beſtehenden Regierung feindſelig ſeien; man ſagt, er habe auch Sie aufgehetzt, Larsſon.“ „Armer Forbus,“ klagte Larsſon;„wenn man auch ihn verhaftet hat, wer kann ſich dann noch ſicher glauben?“ „Am Tag, wo die große Deputation die Ant⸗ wort der Stände überbrachte, ſtand ein bisher ziem⸗ lich unbekanntes Mitglied des Adels, der Capitän Henrik Häſteſto, auf dem Ritterhausmarkt und ſoll 6 da, in ſeinem Aerger über den gefaßten Beſchluß, ganz offen einige kühne Wahrheiten ausgeſprochen haben.“ „Ich kenne den Capitän; wir haben mehrere Be⸗ rathungen mit ihm gehalten; er iſt ein rechtſchaffener und tüchtiger Mann.“ „Auch er iſt jetzt verhaftet.“ „Ei das wäre!“ „Damit iſt's noch nicht genug, Larsſon. Sie kennen ja doch auch den berüchtigten Prozeß gegen den Pagenhofmeiſter Jacob Ichſell?“ „Natürlich, Baron, wer kennt den nicht? Der Mann ſoll im Ritterhaus, bei einer Feier des Ge⸗ burts⸗ oder Namenstages der Königin, allerlei an⸗ zügliche Stellen aus der Bibel und unſerer älteren Geſchichte auf das gegenwärtige Regierungsſyſtem angewandt haben.“ „Die Reichsſtände haben den Prozeß jetzt vom Hofgericht an die Commiſſion verwieſen.“ „Dann iſt er verloren.“ „Sie haben wohl auch von der Flugſchrift ge⸗ hört, die vor einiger Zeit ſo großes Aufſehen erregt hat, obſchon nur ſehr wenige Exemplare unter das Publikum kamen?“ „Man nennt einen Fernebom Deniſſon und einen Olof Söderberg als Verfaſſer.“ „Auch ſie ſind jetzt vor die Commiſſion be⸗ ſchieden.“ „Gott ſteh uns bei, Baron! Man wird doch nicht wieder ein förmliches Bluttribunal organiſiren wollen. Und Sie ſagen, daß auch ich...“ „Daß auch Sie... aber Sie werden es nicht 7 7 aus meinem Mund zu vernehmen brauchen.. Hören Sie...“ Wrangel hatte bereits einige Trommelſchläge ge⸗ hört, und er ahnte ſogleich, was ſie zu bedeuten hatten. Das Getrommel wurde immer ſtärker, und zuletzt wurde ein förmlicher Wirbel geſchlagen. „Was ſoll das bedeuten? Iſt Feuer ausge⸗ brochen?“ „Kommen Sie an's Fenſter, Larsſon. Stellen Sie ſich ein wenig ſeitwärts, ſo daß man Sie von der Straße aus nicht ſehen kann. So da. Jetzt will ich das Fenſter öffnen, damit Sie ſelbſt hören, in welcher Ecke es brennt.“ Während die Trommeln einen Augenblick pau⸗ ſirten, verkündete ein Polizeidiener eine Bekannt⸗ machung des Inhalts, daß Larsſon der Verletzung der Staatsverfaſſung angeklagt ſei, und daß man, auf Befehl der Stände, im ganzen Reich auf ihn zu fahnden habe. Jedermann, wer ihn verborgen hält, würde mit ſchwerer Strafe bedroht, und dagegen eine anſehnliche Geldbelohnung für diejenigen Per⸗ ſonen ausgeſetzt, die genügende Nachrichten über ſei⸗ nen Aufenthaltsort beibrächten oder ihn ſelbſt zur Stelle ſchafften. Larsſon ſtand wie feſtgewurzelt da. Dies war ein härterer Schlag, als er ſich je gedacht hatte. Er konnte jetzt den ganzen Umfang der Gefahr er⸗ meſſen, die ihn bedrohte. Er glaubte in einen offe⸗ nen Abgrund zu ſchauen. Wir wiſſen bereits, daß es ihm nicht an Muth gebrach, und doch bebte er jetzt angſtvoll zurück. 8 „Nun wohl, Baron,“ ſtammelte er,„was glau⸗ ben Sie, daß ich zu thun habe?“ „Verlaſſen Sie ſich auf Ihre Freunde, Larsſon, die Alles aufbieten werden, um Sie zu retten. Ich habe bereits mit der Königin geſprochen.“ „Haben Sie das, Baron?“ „Wie geſagt, ja, und ſie intereſſirte ſich für Sie auf eine Art, die ſowohl ihr ſelbſt als Ihnen alle Chre macht. Sie ließ ſogleich den Hofmarſchall Horn rufen, und nach kurzer Berathung entſchieden wir uns für folgenden Rettungsplan, den ich Ihnen hiemit vorlege. Sehen Sie, Larsſon, es iſt noth⸗ wendig, daß wir Sie je eher je lieber aus der Stadt ſchaffen.“ „Daß ich fliehe, meinen Sie, Baron, daß ich fliehen ſoll?“ Bei dieſem Gedanken wurde Larsſon von einer noch größeren Furcht bewältigt. „Natürlich, Larsſon. Hier können Sie nicht blei⸗ ben; Sie würden nicht blos ſich ſelbſt, ſondern auch uns blosſtellen. Sie haben ja ſo eben die Fahndung gehört.“ „Und Sie verlangen, daß ich die Stadt verlaſſen ſoll, Herr Baron?“ „Je eher je lieber. Noch heute Abend!“ Larsſon blickte zögernd, beinahe bittend auf. „Mein lieber Larsſon,“ fuhr Wrangel fort,„ich glaube, daß Ihnen mein Vorſchlag nicht ſonderlich behagt, und doch mache ich ihn nur zu Ihrem eige⸗ nen Beſten. In Ihrer Stellung würde ich den erſten Augenblick, der mich dem Herd meines Verderbens entrückte, als Rettungsanker begrüßen.“ 9 „Das iſt unmöglich, Baron. In einer ſo ver⸗ zweiflungsvollen Lage muß ich zuvor noch mit einem Bekannten ſprechen.“ „Keine Bedenklichkeiten, Larsſon. Wie Sie jetzt die Rathſchläge Ihrer Freunde nicht befolgen, ſo könnten dieſe Sie zuletzt auch verlaſſen. Der Plan zu Ihrer Rettung beſteht darin, daß Sie ſich heute Abend, ſobald es dunkelt, nach Ulrichsthal begeben ... ich will eine zuverläſſige Perſon mit Ihnen ſchicken... dort gehen Sie zu dem Kammerherrn Baron Kolamb, einen zuverläſſigen Freund von uns allen, der Sie nach dem Gute Eichhof, jenſeits des ſo⸗ genannten deutſchen Meerbuſens, ſcilken wird, und dort werden Sie eine vollſtändige Marſchroute nach Wermland und ſo weiter nach Norwegen erhalten.“ „Larsſon hörte den Vorſchlag Wrangels mit der größten Aufmerkſamkeit an. „Ich habe,“ ſagte er endlich,„gegen Ihre An⸗ ſicht Nichts einzuwenden, denn ich begreife wohl, daß ich hier nicht lange unentdeckt bleiben könnte; aber ſehen Sie, Baron, ich kann doch unmöglich die Stadt verlaſſen, ohne eine vorherige Beſprechung mit. „Aber, mein Freund, wenn man Sie während Ihrer Beſprechung entdeckt und aufgreift. Benutzen Sie den letzten Augenblick.“ „Ganz recht, Baron, aber als je gefährlicher ich meine Stellung erkenne, um ſo nothwendiger iſt eine Beſprechung. „Mit wem müſſen Sie denn ſo nothwendig zu⸗ ſammenkommen?“ „Mit dem Capitän Schecta.“ „Was fällt Ihnen ein? mit dieſem Wahnſinni⸗ 10 gen, dieſem Narren? Legen Sie denn einen ſo ge⸗ ringen Werth auf die Sorgſamkeit Ihrer Freunde auf Ihr eigenes Leben?“ „Ich lege einen unendlichen Werth auf die Sorg⸗ ſamkeit derjenigen, die mir in meiner großen Noth Wohlwollen beweiſen; aber ich habe ein Gewiſſen, Baron, ein Gewiſſen, und das verlangt auch ſein Recht. Ich kann die Stadt nicht verlaſſen, ohne zuvor den Capitän Schecta geſprochen zu haben.“ „Aber noch einmal, wenn man Sie entdeckt, verhaftet, vor die Commiſſion ſtellt und zum Tode verurtheilt!“ „Dann geſchehe Gottes Wille; aber im Gefäng⸗ niß könnte ich doch immer Gelegenheit erhalten, mit Schecta zuſammenzutreffen, und dann würde ich we⸗ nigſtens ruhig ſterben.“ Wrangel hatte dieſe unerwartete Widerſetzlichkeit Larsſons nicht in Berechnung gezogen. Einen Augen⸗ blick wollte er den Vorſchlag machen, nach Schecta zu ſchicken; aber der unerklärliche Charakter und die Wunderlichkeiten dieſes Mannes flößten ihm, zumal in einer ſo mißlichen Lage, eine gewiſſe Furcht ein, ſo daß er dieſe Idee ſogleich wieder fallen ließ. End⸗ lich mußte der Baron dennoch auf Larsſons Willen eingehen. Man kam überein, daß Larsſon ſich, ſo⸗ bald es dunkelte, zu Schecta begeben und erſt bei ſeiner Rückkehr von da nach Ulrichsthal führen laſſen ſollte. 7 Es war im Anfang Decembers, und obſchon es erſt vier Uhr Mittags war, hatte ſich doch bereits Dunkelheit über die Straßen der Stadt gelagert. —& —. ———S— —— 11 Der Himmel hatte ſich in dicke Wolken gehüllt, und der Schnee fiel in dichten, ſchweren Flocken herab, welche die Dunkelheit noch vermehrten. Kein Sturm jagte die Wolken, kein Lüftchen wehte. Es war ein ſolcher nordiſcher Abend, wo die ganze Welt in eine Wolkenſäule eingehüllt ſcheint, ein ſolcher Abend, wo beim praſſelnden Kaminfeuer ſicherlich unſere wun⸗ derſamſten Märchen gedichtet worden ſind. Im Jahr 1755 hatte die Hauptſtadt ein anderes Anſehen als heutzutage. Sind auch ſeit dieſer Zeit manche Paläſte dem Erdboden gleich gemacht worden, ſo ſind dagegen andere und herrlichere erſtanden. Erſt mit den beiden Teſſin, Vater und Sohn, hat ein moderner und geſchmackvollerer Bauſtil in Schwe⸗ den und beſonders in der Hauptſtadt Wurzel gefaßt. Wir haben ſchon an einer früheren Stelle geſagt, daß die königliche Familie im Jahr 1753 im jetzigen Schloß eingezogen iſt, obſchon es noch nicht voll⸗ kommen ausgebaut war. Die herrliche Fagade des Palaſtes, der ſich ſo impoſant und majeſtätiſch über den Norrſtröm erhebt, deſſen ewig rollende Wogen ſeinen Fuß beſpülen, ſchmückte alſo ſchon damals die Reſidenz. Dagegen wurde der Markt noch nicht durch die Reiterſtatue Guſtav Adolphs II. verſchönt, die erſt 1796, am Todestag des Heldenkönigs, ent⸗ hüllt wurde und dem Platz ſeinen gegenwärtigen Namen gab. Mitten im dichten Schneefall ſah man zwei Per⸗ ſonen die Friedensſtraße entlang kommen und auf den Markt der Nordvorſtadt zuſchreiten. In, der Dunkelheit konnte man ihre Kleider nicht ſehen, doch würde man davon auch am hellen Tage Nichts entdeckt haben, weil der Schnee ſie gänzlich überzogen hatte. Die beiden Wanderer ſchüttelten zwar von Zeit zu Zeit ihre Schneedecke ab, allein dieſe wurde ſogleich wieder durch eine neue erſetzt. Zuweilen verdoppel⸗ ten ſie ihre Schritte, zuweilen aber blieben ſie ſtehen und ſchauten ſich ringsum. Ein aufmerkſamer Beob⸗ achter würde darin ohne Zweifel etwas Verdächtiges geſehen haben; aber die Straße war öde und leer, und die Beiden ſchienen die einzigen Fußgänger zu ſein, die umherſtreiften. So kamen ſie auf den Markt, und man konnte leicht bemerken, daß ſie ſich feſter an einander ſchloſſen und ſchneller ausſchritten, gleich als wünſchten ſie ſo eilig als möglich über ihn weg⸗ zukommen. In der Nähe des Wachthauſes ange⸗ langt, wurde der eine von ihnen heftig auf die Seite geſtoßen von einem Manne, der haſtig von der Brücke herkam und die beiden Wanderer im Dunkel und im dichten Schneefall nicht eher bemerkt hatte, als bis er mit ihnen zuſammengerathen war. „Was ſoll das heißen?“ fragte der Betroffene, der nicht ſogleich merkte, daß der Unbekannte ihn ganz unabſichtlich angeſtoßen hatte;„laſſen Sie uns in Ruhe.“ Der Fremde konnte jedoch noch nicht antworten, als bereits, in Folge des Lärms, die Wache ins Ge⸗ wehr trat und ein Piket ausſandte, das, unter dem eigenthümlichen Getöſe der Musketen, ſchnell herankam. „Still!“ flüſterten auf einmal alle Drei, von einem und demſelben Gefühl ergriffen.„Still!“ „Zugleich zogen ſie ſich, ohne alle weiteren Be⸗ merkungen, von der Richtung zurück, in welcher man den Trupp kommen hörte. 1 13 Der Schnee, der fortwährend in großen Flocken herniederfiel, bildete indeß einen beinahe undurch⸗ dringlichen Vorhang um ſie her. Die Patrouille kam mit jedem Augenblick näher. „Das hätte man vorher wiſſen können, daß er entwiſchen würde,“ brummte einer der Soldaten mit einem groben Fluch. Merkwürdig genug machten dieſe Worte auf die drei Perſonen ganz den gleichen Effect, denn ſie ſchloſſen ſich, wie von einem und demſelben Inſtinct geleitet, feſter zuſammen, wie wenn ſie gegenſeitig Schutz ſuchen wollten. Bei dieſer Gelegenheit kamen ſie einander ſo nahe, daß ſie beim ſpärlichen Schein einer unfern hängenden Laterne ſich genauer betrachten konnten. Sie hatten alle drei ihre Hüte tief ins Geſicht hereingedrückt und ihre Mantel⸗ oder Rockkrägen hoch aufgeſchlagen. Die beiden Erſten, die wir von der Friedensſtraße her begleitet haben, trugen, der Eine einen grauen, der Andere einen blauen Mantel, der zuletzt Hinzugekommene dagegen einen dicken Fries⸗ rock. Im Uebrigen hatte ihr Aeußeres nichts Auf⸗ fallendes. Scheu und vorſichtig, voll Angſt vor der Patrouille, ſahen ſie einander, zwiſchen ihren hoch aufgeſchlagenen Krägen hervor, an. Die beiden Erſten machten eine Bewegung, um weiter zu gehen. In demſelben Augenblick that auch der Friesrock einen Schritt, als wollte er ihnen folgen. Inſtictmäßig ſahen die beiden Mäntel einan⸗ der an. „Laſſen Sie uns gehen, meine Herren,“ ſagte 14 der Friesrock, der ihr Bedenken bemerkte.„Sie ha⸗ ben wahrſcheinlich keine große Luſt, der Wache in die Hände zu fallen; alſo vorwärts!“ Die beiden Andern machten auf einmal Front gegen ihn. „Darin haben Sie vollkommen Recht, daß wir hier keine Zeit zu vertrödeln haben,“ verſetzte der blaue Mantel;„aber unſere und Ihre Wege haben nicht das gleiche Ziel; alſo leben Sie wohl, mein Herr!“ Der Friesrock lauſchte aufmerkſam auf die Stimme. „Auf Ehre,“ antwortete er,„Sie werden mir nicht leicht einen Weg in der Welt zu nennen wiſſen, der nicht daſſelbe Ziel hätte.“ ·„Philoſophiſcher Dunſt, mein Herr, den Sie ver⸗ muthlich nicht verſtehen, ſondern unverdaut citiren. Es geht manchen Leuten wie den Hunden; die er⸗ 3 ſteren erſchnappen ein Wort in einem Buch, die letzteren einen Knochen auf der Straße; Beide na⸗ gen und ſchaben an ihrem Fund, ohne ihn ver⸗ ſchlucken zu können. Sprechen Sie wie ein gewöhn⸗ licher Menſch, mein Herr, und ſeien Sie überzeugt, daß Sie ſich dann am beſten präſentiren werden.“ „Nachdem der Blaumantel ſich ausgeſprochen, wandte ſich der Friesrock zu dem Graumantel, als wünſchte er auch von dieſem eine Erklärung zu ver⸗ nehmen. 4„Mein beſter Herr,“ begann er alſo. „Jetzt reden Sie vollends gar im Briefſtil. Nun alſo, mein beſter Herr...“ Aber ein neues:„Ins Gewehr!“ erſcholl jetzt wieder von der Wache her, und wie von einer und 15 ha⸗ derſelben Triebfeder in Bewegung geſetzt, eilten ſie in alle drei nach derſelben Richtung. Sie waren indeß noch nicht weit gekommen, als ſie ſchon wieder neue ont Patrouillen ausſchicken hörten. „Es geht heute ſehr lebhaft und rührig zu,“ vir begann der Friesrock wieder.„Ich möchte doch wiſſen, der wer der freche Geſelle ſein mag, der ſich ſo eben auf den die Socken gemacht hat. Nach dem gewaltigen Lärm ein zu ſchließen, den man ſeinetwegen aufſchlägt, muß er ein wichtiger Mann im Staate ſein. Zum Henker, ne. wenn es einer von Ihnen wäre, ſo könnte ich viel⸗ nir leicht einen guten Fang thun.“ en, Die beiden Mäntel blieben wieder ſtehen. „Sie müſſen uns hier verlaſſen,“ erklärte der er⸗ Blaue mit der unverkennbarſten Beſtimmtheit.„Er⸗ en. füllen Sie unſeren Wunſch nicht gutwillig, ſo ſind er⸗ wir zwei gegen Einen und ſtark genug, um Sie zu die zwingen. Die Nacht iſt dunkel, der Schnee umhüllt na⸗ uns wie eine Wolke. Wollen Sie uns verlaſſen er⸗ oder nicht?“ yn⸗„Das thue ich nicht. Wenn der Teufel einmal gt, draußen iſt und herumgeht, ſo läßt er ſeinen Raub 1.“ nicht gutwillig fahren. Laſſen Sie uns lieber Freunde en, werden, meine guten Herrn, dann will ich Ihnen ls Etwas ſagen.“ er⸗ Die Mäntel blieben unentſchloſſen ſtehen. „Vor allen Dingen muß ich Ihnen bemerken, daß es von ſehr geringer Erfahrung zeugt, wenn un Sie in Ihrer Lage und ſo nahe bei der Wache einen Streit anfangen. Ein Ruf aus meinem Munde tzt und... Sie verſtehen. Wenn man, wie Sie, Allerlei zu fürchten hat, ſo kann ich Ihnen mit be⸗ 16 ſtem Recht zwei Dinge empfehlen; aber Sie errathen gewiß, was ich meine?“ „Nein.“ 4 „Der Friesrock äußerte ſich auf eine Art, welche die Anderen zu beruhigen anfing, wenn ſie ihnen auch kein volles Vertrauen einflößte. „Das eine der beiden Dinge, die ich Ihnen em⸗ pfehlen will, heißt— Kopf, das andere— Bein. Apropos, mein Herr— damit wandte er ſich an den Grauen— da Sie die Philoſophie zu reſpecti⸗ ren ſcheinen, ſo dürfte es Sie vielleicht intereſſiren, zu erfahren, wen ich für den größten Philoſophen in der Welt halte.“ Die beiden Mäntel hatten ſich inzwiſchen einan⸗ der genähert und einige Worte ausgetauſcht. „Der größte Philoſoph, den ich kenne,“ fuhr der Friesrock ganz unbekümmert fort,“ gehört dem Pa⸗ viangeſchlechte an und iſt alſo ſelbſt ein wirklicher Pavian, der als Philoſoph nichtsdeſtoweniger für mich eine wahre Autorität, denn er hat eine ſo weiſe Auffaſſung von der Welt, daß er ſich beſtändig mit der einen Tatze am Kopf hält, gleich als ob er ihn jeden Augenblick zu verlieren fürchtete. Es iſt nur Schade, daß die Vorſehung ihm den Spuk geſpielt hat, ſeinen Beinen keine Kniekehlen zu geben. Ich rathe Ihnen, meine Herren, meinen Philoſophen zum Vorbild zu nehmen, Ihre Köpfe feſtzuhalten und ſich der Kniekehlen zu bedienen, mit denen der liebe Gott Sie in ſeiner Barmherzigkeit beſchenkt hat. Alſo überzeugen Sie ſich zuvor, ob ihre Köpfe noch feſtſitzen und dann vorwärts, Marſch!“ Sie waren unwillkürlich inzwiſchen weiter gegan⸗ 17 gen und befanden ſich jetzt am Eingange der Arſenal⸗ ſtraße. Die beiden Mäntel hatten ſich feſt an einander geſchloſſen. Der Friesrock ging in einiger Ent⸗ fernung. „Wir ſind verloren,“ flüſterte der Blaue,„hier gilt es, er oder wir!“ „Nein, ums Himmels willen, nein!“ „Haſt Du vergeſſen, wie wir in unſerer Jugend verrathen wurden, und denkſt Du nicht mehr an Pukes aufopfernde Freundſchaft und Untergang?“ „O gewiß.“ „Nun... „Um Alles in der Welt, keine Gewaltthat! lie⸗ ber liefere ich mich ſelbſt der Wache aus.“ In dieſem Augenblick legte der Friesrock ſeine Hände auf die Schultern der beiden Mäntel. „Brav geſprochen, Larsſon!“ ſagte er,„aber noch bräver ſprechen Sie, Schecta. Larsſon iſt ein guter Menſch, aber Sie, Schecta, ſind ein entſchloſſe⸗ ner Mann. Ich liebe die Entſchloſſenheit.“ Larsſon und Schecta, die ſich entdeckt und in den Händen eines Unbekannten ſahen, welcher jetzt ſein Geſicht unter dem eingedrückten Hut noch vor⸗ ſichtiger verbarg als bisher, ſtarrten einander und ihn an. „Still!“ flüſterte der Friesrock.„Ich höre die Tritte einer neuen Patrouille. Ziehen wir uns hier unter das Thorgewölbe des Reichsraths Eckeblad zurück. Still!“ In dieſem Augenblick eilte wirklich eine Patrouille voran. Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. WV. 2 18 „Wäre es wenigſtens Mondſchein!“ meinte einer der Soldaten,„aber iſt ja ſo dunkel, wie unſer Commißbrod. Wenn ich Commandant wäre, ſo dürfte mir Keiner entwiſchen, außer am hellen Tag. Und wehe demjenigen, der meinen Befehlen nicht gehorchte!“ „Halt's Maul, dummer Kerl!“ antwortete ein Anderer, worauf die Mannſchaft in der Dunkelheit verſchwand und das Getöne ihrer Tritte allmälig erſtarb. Schecta und Larsſon, welche die Nähe der Pa⸗ trouillen nicht bemerkt hatten, mußten ſich ſelbſt ge⸗ ſtehen, daß ſie der Wachſamkeit des Unbekannten vielleicht ihre Freiheit verdankten. Die Straße war nicht beſonders breit, und ſie würden ſicherlich von den Soldaten aufgegriffen worden ſein, wenn der Friesrock ſie nicht ins Thorgewölbe hinein gezogen hätte. „Laſſen Sie uns jetzt tüchtig ausziehen, meine Herren,“ ſagte der Friesrock,„ich habe noch ein gut Stück Wegs, und es iſt verdammt widrig hier. Ha⸗ ben Sie's gehört? es hat ſo eben halb fünf geſchla⸗ gen. Die Zeit ſchreitet ſchneller voran als wir. Je⸗ denfalls genieren Sie ſich meinetwegen nicht, meine lieben Herren. Wenn Sie erlauben, nehme ich ſie unter den Arm. Juſt ſo, ja! Jetzt bilden wir auch eine Patrouille, drei Mann hoch. Aber Sie müſſen die Schleuſen Ihres Mundes öffnen, Schecta. Wenn Sie uns das Vergnügen machen wollen, die Welt mit Ihrer Zunge niederzuſäbeln, ſo will ich für Sie meine Augen offen halten. Ah, richtig, Larsſon, haben Sie den„ehrlichen Schweden“ von heute ge⸗ einer unſer 2, ſo Tag. nicht e ein kelheit mälig „ Pa⸗ ſt ge⸗ unten e war h von n der ogen meine n gut Ha⸗ eſchla⸗ . Je⸗ meine ich ſie 4 auch nüſſen Wenn Welt r Sie esſon, te ge⸗ 19 leſen? Er hat es dießmal auf Sie abgeſehen. Ihr Kopf wird im Triumph in Stadt und Land umher⸗ getragen. Das Journal bringt nämlich einen merk⸗ würdigen Auszug aus unſeren Grundgeſetzen.“ Schecta und Larsſon waren über die ungebe⸗ tene Geſellſchaft keineswegs erbaut. Hatte der Mann ihnen auch einen Augenblick ſogar ein gewiſſes Ver⸗ trauen eingeflößt, ſo zogen ſie ſich doch bald er⸗ ſchrocken von ihm zurück. Es fiel ihnen nämlich ſehr auf, daß er ſich vorzugsweiſe mit der Gefahr zu be⸗ ſchäftigen ſchien, die über ihren Häuptern ſchwebte. Die Widerwärtigkeit eines ſolchen Themas läßt ſich leicht denken. „Wenn,“ citirte er aus dem Blatt,„ein Reichs⸗ tagsdeputirter einen anderen durch beſchimpfende Worte oder Geberden beleidigt, während ſie in Staatsgeſchäften beiſammen ſind, ſo wird dieß, nach dem Gutdünken des Standes, in welchem das Ver⸗ brechen vorkommt, mit Geldſtrafe, mit öffentlicher Abbitte oder Verluſt von Sitz und Stimme im Reichstag, je nach Beſchaffenheit der Sache, beſtraft; aber“— und dieſe Worte betonte er beſonders ſtark —„überfällt ein Deputirter einen andern mit Hie⸗ ben und Schlägen, ſo hat er das Leben verwirkt.“ — Es muß doch verwünſcht unangenehm ſein, Lars⸗ ſon,“ fügte er hinzu,„eine ſolche ſchlechte Ausſicht zu haben. Ich halte es für ſehr unklug von Ihnen, daß Sie das Anerbieten des Barons Wrangel nicht angenommen haben. Jetzt wären Sie vielleicht be⸗ reits in Ulrichsthal, wo nicht...“ „Wer ſind Sie, mein Herr?“ unterbrach ihn Larsſon, der ſeine Unruhe über ein ſolches Gerede 20 nicht länger zu unterdrücken vermochte.„Was wiſſen Sie von Baron Wrangel und ſeinem Anerbieten?“ „Wer ich bin? Wenn Sie mich das vor einigen Tagen gefragt hätten, ſo hätte ich Ihnen mit großer Gewißheit darauf antworten können; aber jetzt weiß ich es wahrlich ſelbſt nicht. Aber auch Sie ſelbſt, Larsſon und Schecta, ſind Sie nicht zwei bloße Fragezeichen über Ihre eigene Exiſtenz, zwei unbe⸗ kannte Termini, deren Werth blos mit Hülfe der zwei bekannten Größen von Ihrer Seite, der Com⸗ miſſion und des Henkers, ermittelt werden kann? Und was ich von Wrangel und ſeinem Anerbieten weiß? Was ich weiß? Juſt, das iſt ja die Kunſt in unſern Tagen, Alles und doch Nichts zu wiſſen, und in dieſer unausſprechlich glücklichen Lage befinde ich mich.“ „Wir ſpielen ein offenes Spiel, mein Herr,“ begann jetzt Schecta, überdrüſſig der allzu langen Myſtifikation;„Sie ſehen in unſere Karten, Sie wiſſen wer wir ſind; wir dagegen ſehen in Ihre Karten nicht, wir kennen Sie nicht; ich meine, das iſt ein falſches Spiel, eine hinterliſtige Auflauerei, die uns veranlaſſen muß, uns Ihrer um jeden Preis zu ent⸗ ledigen. Alſo noch einmal, mein Herr, verlaſſen Sie uns.“ „Aber wenn ich Ihrem Wunſch nachkäme und Sie verließe, ſo bin ich überzeugt, daß Sie aufge⸗ griffen würden, bevor Sie ins nächſte Gäßchen kämen.“ „Wir ſind dankbar für Ihre Sorgſamkeit, bitten aber, dieſelbe auf Ihre eigene Perſon zu beſchränken.” „Wenn ich Silfverhjelm mit Ihnen vergleiche,“ viſſen ten?“ nigen roßer weiß ſelbſt, bloße unbe⸗ e der Com⸗ kann? bieten Kunſt oiſſen, efinde Herr,“ angen wiſſen darten iſt ein e uns u ent⸗ laſſen 2 und aufge⸗ ißchen bitten nken.“ eiche,“ 21 fuhr der Friesrock fort,„ſo muß ich aufrichtig ſagen, daß er ſich zu helfen wußte; aber Sie ſind deſſen nicht fähig.“ „Silfverhjelm?“ wiederholte Schecta und Larsſon wie aus Einem Munde;„was iſt mit ihm?“ Sie wußten beide von ſeiner Verhaftung, und hofften Etwas von ihm zu erfahren. „Wiſſen Sie denn nicht,“ antwortete der Unbe⸗ kannte,„daß es ihm gelungen iſt, aus ſeinem Ge⸗ fängniß zu entſpringen? Sie glauben vielleicht, daß die Patrouillen Ihnen zu Liebe umherſtreifen? Schmeicheln Sie ſich nicht damit; ſie thun es Silf⸗ verhjelms wegen.“ „Silfverhjelms wegen?“ Dieſer Umſtand verringerte die Gefahr für Schecta und Larsſon keineswegs, ſondern vergrößerte ſie vielmehr. Es lag nämlich auf der Hand, daß die Aufmerkſamkeit der Behörden in demſelben Maß ſich ſteigern mußte, als die Zahl der zu verfolgenden Flüchtlinge zunahm. „Silfverhjelm,“ fuhr der Unbekannte fort,„lebt in der Gegenwart, er ſieht und nimmt die Welt wie ſie iſt, und wenn er einmal losgekommen iſt, ſo wird er ſich nicht ſo leicht wieder aufgreifen laſſen. Wenn ich ihn nicht der Juſtiz überliefere, ſo thut es Nie⸗ mand. Aber Sie beſitzen zu wenig practiſchen Ver⸗ ſtand, um ſich auf eigene Fauſt frei zu machen. Silfverhjelm einzufangen,“ fügte er nach einer Weile hinzu,„wird ein wahres Geldgeſchäft werden, denn ſchon ſo lange er noch gefangen war, hieß es, man würde einen Preis von 3000 Thalern Silbermünze auf ſeinen Kopf ſetzen, wenn es ihm gelingen ſollte, 22 zu entwiſchen. Der Preis auf den Ihrigen, Larsſon, iſt, glaube ich, nicht ſo hoch, und Sie, Schecta, ſind bis dato keinen Stieber werth. Bedenken Sie, wenn man vielleicht bald jeden von Ihnen zu 3000 Tha⸗ lern anſetzte! ich bin überzeugt, daß es ſo weit kom⸗ men wird. Inzwiſchen wird ſich ein kluger Kerl wohl hüten, Sie jetzt ſchon beim Kopf zu nehmen, ſondern er läßt Sie vorläufig im Maſtwald herumgehen, bis Sie genau geſchützt ſind. Wiſſen Sie, was ich deß⸗ halb jetzt thue?“ „Nein.“ „Ich treibe Sie für meine eigene Rechnung auf die Weide.“ Dem Capitän ſtieg das Blut ins Geſicht. „Sie ſprachen von Silfverhjelm,“ bemerkte er indeß, vielleicht um ſeine eigenen düſtern Gedanken los zu werden;„was wollten Sie von ihm ſagen?“ „Ich nannte ihn blos, um eine Vergleichung mit Ihnen anzuſtellen. Sie, Schecta, ſind zu ſehr ein politiſcher Eulenſpiegel, ein haltloſes Irrlicht, ein Hofnarr oder vielmehr ein Geſellſchaftsnarr, als daß ich Sie vernünftiger Weiſe auf der Straße über ſich ſelbſt aufklären könnte. Ebenſo verhält es ſich auch mit Ihnen, Larsſon. Sie können nicht leugnen, daß Sie ein gar zu gewiſſenhafter und ehrlicher Mann ſind, um über ſich ſelbſt recht klar zu ſein. Und da ich jetzt ein armer Teufel bin, der Sie, wie Sie be⸗ reits gehört haben, für die Zukunft auf circa 3000 Thaler ſchätzt, ſo begreifen Sie, wie viel Grund ich habe, mich Ihrer auf's Zärtlichſte anzunehmen. Es iſt ja ganz natürlich, daß man ſeinen Capitalien die größte Sorgfalt widmet: mit Ihnen und Silfver⸗ ssſon, ſind wenn Tha⸗ kom⸗ wohl ndern , bis deß⸗ g auf te er anken gen?“ chung ſehr t, ein 3 daß r ſich auch „daß Nann ad da ie be⸗ 300⁰ id ich Es n die lfver⸗ 23 hjielm glaube ich eine Totalſumme von wenigſtens 9000 Thalern zu beſitzen. Nicht wahr, ein recht ſchönes Geſchäft, ganz abgeſehen von der Ehre, die dabei zu gewinnen iſt?“ Während der Unbekannte ſprach, lief Schecta und Larsſon einmal um's andere der kalte Schweiß über den Rücken. Vergebens fragten ſie ſich, wer er ſein und woher er kommen möge. Dieſer diabo⸗ liſche Plan machte ihre Gedanken erſtarren. „Sie, Schecta,“ fuhr der Unbekannte fort,„ſind nicht eigentlich mit Diogenes ſelbſt, wohl aber mit ſeinem nicht minder berühmten Faſſe zu vergleichen, denn mitunter poltern Sie mit dem einen oder an⸗ dern Einfall ſo heraus, als ob wirklich ein echt cyni⸗ ſcher Geiſt wenigſtens einmal in Ihnen gelegen und ſich geſonnt hätte. Beurtheile ich Sie vielleicht nicht richtig? Unſere Zeit iſt ja überhaupt blos ein Ge⸗ ſchnarche oder Gähnen, im Vergleich mit der Herr⸗ lichkeit früherer Zeiten. Das ganze Menſchengeſchlecht um uns her ſcheint mir ſo auszuſehen, als ob es blos ſeinen Rauſch von den luculliſchen Genüſſen aller entſchwundenen Größe ausſchlafen wollte. Bedenken Sie, wie es in ſeinem Katzenjammer, oder wenn es wieder nüchtern geworden iſt, dreinſchauen wird. Ja, ich ſage es noch einmal, die Geſellſchaft iſt jetzt nur noch ein taumelnder Schatten der Vorzeit. Verglei⸗ chen Sie einmal die römiſchen Senatoren mit den unſrigen. Letztere ſehen beſtändig aus, als ob ſie ſich an nichts Anderes erinnerten, als daß die Gänſe es waren, die das Capitol retteten. Aber um auf Sie zu kommen, Larsſon, ſo bedaure ich aufrichtig, daß es Ihnen nicht gelungen iſt, dieſem Hakansſon 24 Ihre politiſchen Anſichten nach alt ſchwediſcher Manier einzuklopfen, denn bei ſolchen Gewürzen, wie Sie an⸗ wandten, wäre er ſicherlich in den herrlichſten Ochſen, einen wahren Reichstagsochſen verwandelt worden; aber bei der gegenwärtigen Sachlage müſſen Sie ſich jetzt mit weiſer Ergebung in Ihr Schickſal fügen, und mir erlauben, ein gutes Geſchäft mit Ihnen zu machen.“ Weder Schecta noch Larsſon antworteten. Sie verdoppelten blos ihre Schritte. Man traute damals andern Leuten nicht ſonderlich viel Gutes zu, und die Abſichten, die der Unbekannte ausgeſprochen, hatten juſt nichts Unwahrſcheinliches. So lange eine Partei die Macht beſaß, und man ihr angehörte, traute man ihr auch; aber unter Privatperſonen be⸗ ſtand kein Vertrauen mehr, die Corruption hatte es gänzlich untergraben. Man hielt ſich an einem poli⸗ tiſchen Fahnenzipfel feſt, aber man ſetzte keinen Glauben in die Ehre und Redlichkeit Anderer. Seit Carls XII. Zeiten hatte das politiſche Leben zu viele Abgründe eröffnet, als daß man darin nicht ſchreck⸗ liche Warnungen hätte erblicken müſſen. „Aber, meine lieben Herren,“ begann der Fries⸗ rock wieder,„Sie ſind doch verwünſcht langweilig. Zwei ſo angeſehene Männer, wie Sie, ſollten doch auch etwas unterhaltender und intereſſanter ſein können. Ich ſuche meine Worte möglichſt pikant zu ſetzen, und biete Alles auf, um Ihnen Freude zu machen, aber ich kann kein Wörtchen über Ihre Lip⸗ pen locken. Vielleicht wünſchen Sie, daß ich von Silfverhjelm ſprechen ſoll? Ich kann Sie verſichern, daß er, obſchon er ebenſoviel Kummer hat, wie Sie, Nanier hie an- Dchſen, orden; ie ſich fügen, Ihnen Sie amals , und ochen, e eine ehörte, en be⸗ ttte es mpoli⸗ keinen Seit viele chreck⸗ Fries⸗ veilig. m doch ſein unt zu de zu e Lip⸗ von chern, Sie, 25 die Sache ganz kalt nimmt, und auch in dem böſen Augenblick etwas Gutes zu finden weiß.“ „Wiſſen Sie, wie es ihm gelungen iſt, zu ent⸗ wiſchen?“ „Ja, ganz genau. Als man ihn verhaftete, um⸗ gab man ihn mit einer ſehr anſehnlichen Ehrenwache, aber er wußte recht gut, wie man ſolche Burſche be⸗ handeln muß, er lachte und ſchwatzte mit ihnen, ſo daß ſie zuletzt ihre größte Freude an ihm hatten. Kennen Sie Stina Irmark?“ „Habe nicht die Ehre.“ „Um ſo beſſer für die Dirne. Stina iſt ein ſu⸗ perbes Mädchen, und Silſverhjelm hatte ſie nicht umſonſt zu ſeiner Bedienung auserſehen. Schlau und verſchlagen wie der Teufel, gab ſie ihm einen Wink, daß die Wache heute Abend theils beſtochen, theils leicht an der Naſe herumzuführen ſei, und als es auf der großen Kirche Vier ſchlug, nahm der Herr Leibtrabant den Finkenſtrich. Das Schickſal, das die Wache trifft, wenn ſie ihn nicht wieder er⸗ wiſcht, wird ihm gewiß ſehr tief zu Herzen gehen; aber inzwiſchen iſt er frei. Es war ein ſehr luſtiges Abenteuer, das er auf dem Schloſſe hatte. Einer der Köche dort heißt Schnabel, gewiß ein ſehr drolli⸗ ger Name, der ihn indeß nicht verhindert, ein rei⸗ zendes Weibchen zu beſitzen, die hübſche Anna, bei welcher Silfverhjelm mit Sicherheit auf ein Aſyl hoffen durfte. Aber ſo angenehm es ſein mag, ſo iſt es doch auch ſehr gewagt, bei fremden Weibern Zuflucht zu ſuchen, und Silfverhjelm mußte ſich bald zur einen Thür hinausſchleichen, als der Mann zur andern hereinkam, und bei dieſer Gelegenheit 26 wäre er beinahe einer bereits herumziehenden und auf ihn fahndenden Patrouille in den Rachen ge⸗ laufen. Glücklicher Weiſe warf er ſich bei Zeiten in einen dunkeln Gang und nahm ſeine Zuflucht nach einer der Treppen im Schloſſe. Dreiſt und keck wie er iſt, würde er vielleicht im Berathungs⸗ ſaal ſelbſt ein Aſyl geſucht haben, wenn er nicht oben auf der Treppe eine köſtliche kleine Bekanntſchaft entdeckt hätte, die ſchöne Clara, wie ſie im Schloß genannt wird, die ihn ſogleich ins nächſte Zimmer einließ. Sie hätten indeß ſehen ſollen, meine lieben Herren, wie das arme Kind zugleich erröthete und lächelte, als ſie ſich mit dieſem Erzabenteurer allein ſah, aber unglücklicher Weiſe dauerte ihr téte à tête allzu kurz, denn beinahe im ſelben Augenblick kam aus dem innern Cabinet die Inhaberin dieſes Zim⸗ mers, die allerliebſte Alma Creutz, heraus. Die Wache hatte inzwiſchen Silfverhjelm die Treppen hinauf verfolgt, und nicht ohne Herzklopfen hörte er, wie ſie an der Thür vorbei rannte. Die beiden Mädchen, die auf ſeine Rettung ſannen, drückten ihm ein Empfehlungsbriefchen an einen ehrlichen Schmied in die Hand, und damit verließ er ſie wieder eben ſo ſchnell, wie er gekommen war. Als ich auf Sie ſtieß, war ich ihm ſo nahe, daß ich ihn mit der Hand hätte greifen können, wenn ich ihn nicht auf eine beſſere Gelegenheit aufſparen wollte. Aber da das Glück mich heute Abend ſo auffallend verfolgt, daß ich auch Sie entdeckt habe, ſo war mein Ent⸗ ſchluß ſogleich gefaßt, denn Sie ſehen wohl ein, daß 9000 Thaler etwas ganz anderes ſind, als 3000. Daß Silfverhjelm mir nicht entkommt, weiß ich ganz 27 beſtimmt, ich kenne ſeine Marſchroute... jetzt muß ich nur noch dafür ſorgen, daß auch Sie mir nicht entwiſchen.“ „Rechnen Sie nicht allzu ſicher darauf.“ Während dieſes Geſprächs war man raſch vor⸗ angeſchritten und bis in die Neubrückſtraße gekommen, da blieb der Unbekannte auf einmal ſtehen. „Ich habe Ihnen einen Vorſchlag zu machen,“ ſagte er,„einen guten Vorſchlag. Ich habe Ihnen ſo viel geſagt, daß Sie wohl einſehen müſſen, daß ich ein Geſchäftsmann bin, der in Ermanglung beſ⸗ ſerer Waaren mit fremden Köpfen Handel treibt. Aber jetzt fällt mir Etwas ein, was die Sache weit bequemer machen und auch Ihnen einen bedeutenden Vortheil verſchaffen könnte.“ Schecta und Larsſon hatten ſich wieder näher an einander geſchloſſen und, während der Unbekannte unaufhörlich ſchwatzte, eine Gelegenheit wahrgenom⸗ men, einige Worte zu wechſeln. Diesmal muß Schecta's Rath nicht ſo halsbre⸗ chender Natur geweſen ſein, denn Larsſon drückte ihm mit ſichtlicher Befriedigung die Hand. „Ich kann Ihnen ſchwören,“ fuhr der Unbe⸗ kannte fort,„daß ich ein rechtſchaffener, ehrlicher Mann bin. Auch mein Vorſchlag wird Ihnen das beweiſen. Antworten Sie mir, wollen Sie mir Ihr Leben abkaufen? Ich werde dann meine Forderung von 3000 Thaler per Stück auf 2000 ermäßigen. Was ſagen Sie dazu?“ „Nichts; aber laſſen Sie uns nicht hier ſtehen bleiben, ſondern weiter gehen.“ „Mein Anerbieten behagt Ihnen nicht, nun 28 gleichviel; wollen Sie mich etwa lieber für jede Stunde, oder vielleicht beſſer für jeden Tag, wo ich Sie nicht angebe, bezahlen? Laſſen Sie mich hören, wie hoch taxiren Sie eine Stunde in Ihrem Leben?“ Weiter kam der Unbekannte nicht in ſeiner Rede. Schecta und Larsſon ergriffen ihn auf einmal am Kragen und ſchleuderten ihn ohne Weiteres in den nächſten Schneehaufen. „Brav gemacht!“ rief der Friesrock, während er noch taumelte;„ein guter Einfall, Schecta, ein ver⸗ dammt guter Einfall, den ich Dir aber bei nächſter Gelegenheit bezahlen werde.“ Als er ſich endlich wieder aus dem tiefen Schnee aufraffte, waren Larsſon und Schecta ſchon weit. Unſer unbekannter Abenteurer ſchien inzwiſchen die Sache ganz ruhig zu nehmen. Brummend und wieder lachend eilte er noch ein Stück weit die Straße aufwärts. Auf einmal hörte er das unangenehme Geraſſel von Gewehren dicht hinter ſich. Er blieb ſtehen und horchte: es war eine Patrouille, die her⸗ ankam. Als er ſich davon überzeugt hatte, zog er von Neuem raſch aus, ging jedoch bald von der Straße ab und warf ſich in's nächſte Quergäßchen. Hier ſchollen ihm vom nächſten Haus ſchmetternde Hämmertöne aus einer Schmiede entgegen, und da die Thüre offen ſtand, ſo verſchwand er im dunkeln Gewölbe. Die Thüre ſchließen und den Riegel vor⸗ ſchieben, war das Werk eines Augenblicks; aber kaum war es auch geſchehen, als die Wache außen ſtehen blieb und im Namen des Königs Einlaß verlangte. nich hin mit Scl Zor ran jede vo ich hören, ben?“ Rede. al am n den ind er n ver⸗ ichſter Schnee eit. iſchen d und Straße nehme blieb e her⸗ zog er n der chen. ternde nd da unkeln l vor⸗ kaum ſtehen angte. 29 Unſer unbekannter Abenteurer horchte inzwiſchen nicht auf den Befehl, ſondern eilte von der Thüre hinweg in die Schmiede hinein. Als er da eintrat, ſtanden drei oder vier Männer mit Schlegeln vor ihren Amboſen. Während die Schlegel erdröhnten und das glühende Eiſen, wie im Zorn, ſprühende Funken um ſich warf, ſang Ale⸗ rander: Kein Fürſt iſt geſchnitten aus älterem Holz Als der Schmied, keck und ſtolz. Klang, klang, klingeri, klang, klang! Vom Herd wie ein Held Sprang leuchtend der erſte Blitz in die Welt. „Ein Wort, Meiſter Alexander!“ unterbrach ihn jedoch der neuangekommene, ſicherlich unerwartete Gaſt;„ich komme mit freundlichen Grüßen von Ihrer ſchönen Braut, der hübſchen Clara.“ Hätte es auch donnergleich in der Schmiede ge⸗ tost, ſo würde dieſer Name, ſelbſt wenn man ihn nur geflüſtert hätte, doch ſicherlich zu Alexanders Ohren gedrungen ſein. Er legte den Schlegel weg und ſchaute auf. Die Uebrigen ließen ſich jedoch durch dieſe Unterbrechung in ihrer Arbeit nicht ſtören, ſondern fuhren mit ihrer betäubenden Schlegelmuſik fort. Als Alexander ſich dem Unbekannten näherte, überreichte ihm dieſer einen Brief. Als der Schmied ihn geöffnet hatte und die Hand erkannte, flog ein Schimmer von unbeſchreiblicher Seligkeit über ſein Geſicht. Als er ihn geleſen, legte er ihn ſorgfältig zuſammen, ſteckte ihn in ſein Schurzfell und betrach⸗ zeie den Unbekannten mit einem klugen und ernſten ick. 30 „Sie fürchten ſich vielleicht, Fräulein Claras Wunſch zu erfüllen,“ bemerkte der Friesrock,„dann ſagen Sie es nur ſogleich, denn die Gefahr ſchwebt ober mei⸗ nem Haupte, die Wache ſteht— Gott verdamme ſie — bereits vor der Thüre.“ „Um ſo beſſer,“ antwortete Alexander,„je größer die Gefahr, deſto größer der Muth... geh' her, Jonsſon... zieh' Dein Schurzfell aus. Wie Du auch heißen magſt, mein Junge,“ fügte er gegen den Unbekannten hinzu,„Deine Empfehlung ge⸗ fällt mir, Du hätteſt keine beſſere haben können... alſo komm' nur her, lieber Sven,— denn ſo heißeſt Du ja doch— zieh' Jonsſon's Schurzfell an, und jetzt einen Hut her, Jungen, einen tüchtigen Schmieds⸗ hut!— der Deine iſt zu fein, Sven, wirf ihn in die Ecke dort, und jetzt nimm einen Schlegel in die Hand, damit ich ſehe, wie Du Dich anläſſeſt... gut, Sven, Du haſt Kraft für Zweie...“ Nach dem Ausdruck von Freude und Befriedi⸗ gung zu ſchließen, der aus dem Geſicht des Neuan⸗ gekommenen leuchtete, gefiel ihm Alexanders raſche und entſchloſſene Handlungsweiſe ſehr wohl. Gierig greift er nach der ſchwarzen Schürze und band ſie um; mit nicht minderem Wohlgefallen ſetzte er den zerlumpten Hut auf, nachdem er ſeinen eigenen in die Ecke geſchleudert. „Seht, Jungen,“ ſagte Alexander zu den übri⸗ gen Arbeitern,„ich habe Euch jetzt einen neuen Ka⸗ meraden gegeben, der uns am Ambos keine Schande machen wird.“ Und nun regten ſich wieder alle Schlegel, und Alexander ſang: Lunſch en Sie r mei⸗ ime ſie gegen g ge⸗ en... heißeſt , und mieds⸗ ihn in in die 4... friedi⸗ keuan⸗ raſche Gierig nd ſie er den nen in übri⸗ en Ka⸗ hande und 31 Doch wie das Eiſen dem Hammer ſich ſchmiegt, Vom Schmiede beſiegt, Klang, klang, klingeri, klang, klang! So beugt ſich der Mann Gefällig der Maid, die ſein Herz gewann. Inzwiſchen wurde die Thüre der Schmiede auf⸗ geſtoßen und Soldaten zeigten ſich an der Schwelle; aber Alexander ſang beim Tact der Schlegel weiter und ſchien die Ankommenden nicht zu bemerken. Ja friſcher ſchlägt wohl kein männliches Herz Als die Hämmer auf's Erz. Klang, klang, klingeri, klang, klang! Inzwiſchen trat der Anführer des Trupps zu ihm vor, und als er ſeinen Freund Daniel Schedvin, Claras Bruder, in ihm erkannte, nickte er ein freundliches Willkommen, ohne jedoch ſeinen Geſang zu unterbrechen: Wie die Funken ſo ſprüh'n, Da fühl' ich als Mann unter Männern mich kühn. „Willkommen, Daniel,“ redete er dann ſeinen alten Freund an,„ich glaubte ſchon, Du hätteſt mich ganz vergeſſen; das iſt ja ein höchſt ſeltener Beſuch. Aus lauter Artigkeit gegen Dich will ich daher jetzt meinen Schlegel weglegen, um Dir die Hand zu drücken. Aber Ihr, Jungen,“ fuhr er gegen ſeine Geſellen fort,„nur brav im Tact geblieben— die Schlegel haben denſelben Marſchtact wie ein Solda⸗ tentrupp— jetzt müßt Ihr auch für mich arbeiten. Komm' jetzt her, Daniel, laß Dir die Hand drücken; 32 aber zum Henker, was ſehe ich? Ich glaube, Du haſt Deine ganze Compagnie mitgebracht...“ „Ohne Scherz, Alexander, dießmal komme ich in einer Dienſtangelegenheit.“ „Zu mir?“ „Die Sache iſt die. Es iſt heute ein Staatsge⸗ fangener aus ſeiner Haft entſprungen, und wir haben bis an das Eckhaus hier ſeine Spur verfolgt, da aber iſt er uns auf einmal aus den Augen ent⸗ ſchwunden; da wir nun zu gleicher Zeit die Haus⸗ thüre hier raſch zuſchlagen hörten, ſo ſind wir auf die Vermuthung gekommen, er habe hier eine Zu⸗ flucht geſucht. Wir klopften alſo mit den Kolben, aber Du hörteſt Nichts.“ „Wenn die Schlegel gehen, Daniel, dann hört ein Schmied Nichts, ſo wenig als der Auerhahn, wenn er falzt. Aber wie konnteſt Du in dieſer Fin⸗ ſterniß und bei dieſem dicken Schneefall eine Menſchen⸗ ſpur verfolgen? Draußen ſieht man ja kaum die Hand vor ſeinen Augen.“ „Hat man den Teufel einmal auf's Korn genom⸗ men, ſo läßt man ihn nicht ſo bald los. Der Dienſt ſpornt auch wunderbar. Ich war auf der Schloß⸗ wacht, als die Flucht gemeldet wurde. Nachdem der Lieutenant den andern Wachen Ordres zugeſchickt hatte, rief er mich herein.— Daniel, ſagte er, Du biſt ein flinker Satan, aus dem man Etwas machen kann. Wir alle haben unſere Augen auf Dich ge⸗ heftet, und die Korporalsepauletten, vielleicht noch mehr, ſind Dir ſicher, wenn Du Dich jetzt als ein tüchtiger Kerl zeigſt. Höre mich aufmerkſam an. Ich habe einen Wink erhalten, wo der Gefangene Schutz geſt er wie Bef in's Anr Kar für ten, mir mei hät und ſcht gla hab und hof ſpre deß kon näc No⸗ reit beſe beitn mer um lin her 33 geſucht hat; aber man muß klug zuwege gehn, denn er iſt bei einem Weib, und die Weiber ſind liſtig, wie Du wohl weißt.— Genug, ich erhielt meine Befehle, und denke Dir, der Flüchtling hatte ſich in's Schloß ſelbſt, zur Frau des Kochs Schnabel, Anna heißt ſie, geflüchtet. Ich nahm ſchnell einige Kameraden mit, aber da ging es, wie der Lieutenant fürchtete, denn während wir an die eine Thüre poch⸗ ten, machte er ſich zur andern hinaus, und er würde mir ſicher entwiſcht ſein, wenn ich nicht mein Gewehr meinen Kameraden gelaſſen und ihn allein verfolgt hätte. Wie ein Wirbelwind ſurrte er Treppe auf und Treppe ab, indem er bald meinen Augen ent⸗ ſchwand, bald ſich wieder zeigte... ja, eine Weile glaubte ich ſogar ſeine Spur gänzlich verloren zu haben; aber da hörte ich wieder Tritte, eilte voran und erkannte meinen Mann, der jetzt in den Schloß⸗ hof hinab und ſodann zum nördlichen Thor hinaus ſprang. Aber ich war auch nicht faul. Ich ſah in⸗ deß nur zu gut, daß ich ihn nicht allein feſtnehmen konnte, und hatte bereits beſchloſſen, ihn blos hart⸗ näckig zu verfolgen. Als ich auf den Markt der Nordervorſtadt hinabkam, hatte die Wache dort be⸗ reits Nachricht erhalten und war ihrerſeits ebenfalls beſchäftigt, Patrouillen auszuſchicken, und da ich jetzt beinahe zu fürchten anfing, er möchte mir entkom⸗ men, ſo wurde ich um ſo vorſichtiger. Vermuthlich um den Nachforſchungen zu entgehen, zog der Flücht⸗ ling auf dem Markt mit einigen andern Perſonen herum. Ich beſchloß ihnen zu folgen...“ „Allein?“ „Erſt hier in der Quergaſſe, und als ich bemerkte, Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. IV, 3 ernrrr 34 daß die zwei andern Burſche ſich entfernten, ſchloß ich mich an ein zufällig heranrückendes Piket an, und... juſt da verſchwand er.“ ber „Kennſt Du den Gefangenen von Ausſehen?“ ſal „Sehr gut.“ ſch Alexander war nicht ohne Bangigkeit, behielt Ge jedoch gute Miene. Fr 14„Wie war er gekleidet?“ ſch „Er trug einen gewöhnlichen gelben Friesrock.“ ſch „Und Du ſagſt, er ſei im Thore hier ver⸗ Se ſchwunden?“ da⸗ „Ich kann es nicht mit Gewißheit behaupten; er aber ſag' mir, war vielleicht Jemand von hier draußen un und hat die Thüre zugeſchlagen?“ zei „Nein.“ „Dann müſſen wir ihn hier haben. Die Thüre Al⸗ konnte doch nicht von ſelbſt zugehen.“ ner .„Aber ich wohne nicht allein hier im Hauſe.“ vir „Das iſt wahr, meine Mutter wohnt auch hier. ſie Als ſie die Kolbenſchläge an der Thüre hörte, kam . ſie ſelbſt herab und öffnete, und ſie wußte von wa Nichts.“ ma „So laß uns auf den Hof hinaus gehen und 4 nachſehen. Vielleicht hat er ſich in irgend einen ein Winkel des Hauſes verkrochen.“ „Wir haben bereits draußen unterſucht, Ale⸗ ſell rander.“ ran . Daniel warf von Zeit zu Zeit einen forſchenden Blick in der Schmiede umher. „Alexander,“ begann er wieder,„läſſeſt Du nicht gewöhnlich die Schmiedethüre offen ſtehen?“ „Im Winter nicht.“ Fri „ſchloß iket an, hen?“ behielt esrock.“ eer ver⸗ aupten; draußen Thüre uſe.“ ch hier. e, kam te von en und Heeinen „Ale⸗ chenden du nicht 35⁵ „Nicht?“ Alexander kannte Daniel zu gut, um nicht zu bemerken, daß er Argwohn ſchöpfte. Unter Anderem ſah er, wie er einen ſeiner Arbeiter um den andern ſcharf in’s Auge faßte. Gliücklicher Weiſe wurde das Geſicht des ſo eben in einen Schmied umgewandelten Fremden durch den einen herabfallenden Lappen des ſchmutzigen Hutes bedeckt, ſo daß ein tiefer Schlag⸗ ſchatten darüber fiel. Aber Daniel hielt auch dieſen Schatten feſt im Auge und ſchien mit ſeinem Blick das Dunkel durchdringen zu wollen. Uebrigens ließ er ſich keine Veränderung anmerken. Er war kalt und ruhig, wie er ſich ſeinen Freunden gewöhnlich zeigte. „Du kannſt wohl begreifen, Daniel,“ bemerkte Alexander,„daß ich mich mit keinem Staatsgefange⸗ nen einlaſſe. Ich werde,“ fügte er ſcherzend hinzu, „immer mehr Geld verdienen, wenn ich Ketten für ſie ſchmiede, als wenn ich ſie daraus erlöſe.“ „Das iſt wohl möglich,“ meinte Daniel,„aber was iſt denn das für ein Burſche? Er ſchlägt manch⸗ mal mit dem Schlegel daneben.“ „„Das iſt ein neuer Geſelle, Daniel, der aber ein tüchtiger Arbeiter zu werden verſpricht.“ „Ich ſehe, daß Du jetzt wieder einen neuen Ge⸗ ſellen haſt, alſo fünf, Du bringſt es zu Etwas, Ale⸗ rander. Sehe ich recht, ſo trägt er einen Friesrock .. einen gelben Friesrock.“ „Und ein Schurzfell, mein Lieber.“ „Ich ſehe das...“ Daniels Blick verwandte ſich nicht mehr von dem Friesrock. 36 „Alexander,“ begann er indeß nach einer kurzen Pauſe wieder,„ſo Gott will, ſollen wir ja einmal 5 Schwäger werden.“ 8— „Ich hoffe es.“ 6 „Du begreifſt alſo, daß wir beide einander lie⸗ ben, daß wir einander nützlich ſein müſſen und nicht me vrfon ℳ Di ſchaden dürfen. 5 1„Natürlich.“ „Es iſt für meine Zukunft von großer Wichtig⸗ di keit, daß ich den Gefangenen nicht entwiſchen laſſe.“ tr „Das haſt Du mir ſchon geſagt.“ „Es würde auch Dich in's Verderben ſtürzen, wenn ich den Gefangenen hier träfe.“ d „Meinſt Du?“ 34 „Schicke deßhalb dieſen Mann hier mit irgend einem Auftrag aus, damit ich ihn außerhalb Deiner Werk er ſtatt feſtnehmen kann.“ 1„Dieſen Mann hier? Was willſt Du damit ſagen? der Glaubſt Du, daß er...“ 4 V„Thu' um was ich Dich bitte, Alexander; aber klug und ſtill, damit die übrigen Soldaten Nichts merken.“ „Aber ich verſichere Dich...“ S0 Daniel antwortete Nichts, ſondern begab ſich zu dem Friesrock und hob den Lappen ſeines Schlapp⸗ gel hutes auf. fre „Sie ſind erkannt,“ ſagte Daniel.„Machen Sie der keinen Scandal, Herr.“ ben Silfverhjelm ſtand unbeweglich. ma Die Schlegel erdröhnten, und die Dunkelheit in ten der Schmiede wurde blos durch das Feuer von der Eſſe und die Funken, die vom heißen Eiſen aus⸗ kurzen einmal der lie⸗ nd nicht Vichtig⸗ laſſe.“ ſtürzen, deinem Werk⸗ ſagen? ; aber Nichts ſich zu chlapp⸗ en Sie heit in on der aus⸗ 37 ſprühten, erhellt. Einen Augenblick verzagte Alexan⸗ der und Claras Brief brannte ihn auf der Bruſt, aber bald leuchtete wieder ein Strahl in ſeiner Seele. „Ein Wort, Daniel,“ bat er.„Noch kennt Nie⸗ mand außer uns beiden das Geheimniß, Du ſagſt, Du habeſt eine Beförderung zu erwarten?“ „Ja.“ „Aber haſt Du etwa die Perſon vergeſſen, welche Dir den Ring ſchenkte, den Du an Deiner Hand trägſt?“ „Die Königin?“ „Der Mann, den Du verhaften willſt, iſt einer der Freunde der Königin.“ „Nicht möglich. Man hat mir vielmehr geſagt, er ſei einer der Feinde des Vaterlandes.“ „Aber wenn ich dies beweiſen kann, daß er einer der Freunde der Königin iſt?“ „Davon kannſt Du mich nicht überzeugen.“ „So glaub' es Deiner Schweſter.“ „Sie iſt ein närriſches Kind.“ „Lies dieſen Brief.“ Und Alexander reichte ihm das Schreiben ſeiner Schweſter. „Wahrhaftig,“ ſagte Daniel, als er den Brief geleſen hatte,„ich ſehe, daß meine Schweſter ſich er⸗ frecht hat, im Namen der Königin eine Freiſtatt für den Ueberbringer von Dir zu verlangen, aber das beweist Nichts. Du weißt ſelbſt am Allerbeſten, daß man auf Clara's Geplauder nicht ſonderlich viel hal⸗ ten kann.“ Alexander fühlte ſich beleidigt. 38 „Du ſprichſt wie ein Bruder.“ „Und Du denkſt wie ein Verliebter.“ „Du verlangſt alſo den Gefangenen heraus?“ „Ja, im Namen des Königs, da Du ihn im Namen der Königin vertheidigen willſt.“ „Du wollteſt alſo der Königin zu Liebe Nichts thun?“ „O gewiß, Alles, wenn ich nur wüßte, daß es ihr nützen könnte. Aber dieſer Brief da iſt blos ein launiſcher Einfall eines kindiſchen Mädchens. Du wirſt mir niemals weiß machen, daß die Königin einem ſolchen Kinde ein wichtiges Geheimniß an⸗ vertraue.“ „Aber ich bin vollkommen davon überzeugt. Clara iſt ein Mädchen, wie es wenige gibt.“ „Das iſt etwas Anderes, Alexander. Aber folge jetzt meinem Rath und ſchicke den Gefangenen auf den Hof hinaus.“ „Du biſt grauſam.“ „Ich thue blos meine Pflicht.“ „Um einer lumpigen Beförderung willen.“ „Meiner Chre zu Lieb.“ „Aber wie kannſt Du in dieſen Brief Zweifel ſetzen?“ „Juſt darum, weil ich meine Schweſter kenne und weiß, daß ſie das ganze Leben blos als einen heitern Scherz auffaßt.“ „Aber die andere Unterſchrift?“ „Welche andere?“ „Haſt Du die Nachſchrift nicht geleſen?“ „Laß ſehen.“ ma aus?“ ihn im 2 Nichts daß es blos ein 8. Du Königin niß an⸗ Clara r folge en auf 4 Zweifel kenne einen 39 Er las: „Ich ſtimme in Clara's Bitte mit ein: Retten Sie ihn.“ Darunter ſtand gezeichnet: Fräulein Alma Creutz. Daniel wechſelte die Farbe. Ein haſtiges Zittern fuhr ihm durch die Glieder. Seine Brauen zogen ſich zuſammen, aber ſein Blick ſtrahlte lebhafter als je. Einen Augenblick ſtand er unbeweglich und ſtill da, aber ſein Auge haftete ſtarr auf dem Briefchen. Sein Entſchluß war gefaßt. „Dieſes Billet,“ erklärte er,„darf nicht hier ge⸗ funden werden. Fiele es in fremde Hände, ſo könnte es meiner Schweſter ſchaden... es könnte großes Unglück über ſie bringen. Begreifſt Du das, Alexander?“ Und er warf das Billet auf den brennenden Herd, wo es augenblicklich von den Flammen ver⸗ zehrt wurde. Ein Seufzer hob ſeine Bruſt, als blos die Aſche übrig blieb. „Kommt herein, Kameraden!“ rief er dann den übrigen Soldaten zu. „Um Gottes willen, was machſt Du?“ fragte Alexander. „Fürchte Nichts,“ erwiederte Daniel.„Schaut nach, Kameraden,“ fügte er dann gegen ſeine Krie⸗ ger hinzu,„ob hier Niemand verſteckt iſt. Laſſet keinen Winkel ununterſucht. Seht Ihr Jemand?“ „Nein, Niemand.“ „So ſtellt Euch auf und laßt uns jetzt weiter marſchiren.“ 40 Die Patrouille hatte ſich indeß noch nicht ent⸗ fernt, als Frau Schedvin mit aufgeregter und ver⸗ ſtörter Miene hereinkam. Unzufrieden mit der ganzen Welt, wie ſie war, fuhr ſie erſchrocken von ihrem Platze auf, als die Soldaten bei ihrer Ankunft ſo fürchterlich ans Thor pochten. Eine Weile glaubte ſie, daß, wie gewöhn⸗ lich, einer der Schmiedegeſellen öffnen würde; aber als das Gepolter andauerte, ging ſie voll Zorn und Aerger ſelbſt hinab, um ſich über die Urſache des ungewöhnlichen Lärms zu erkundigen. Zu ihrem großen Verdruß entdeckte ſie jetzt ihren Sohn an der Spitze der Unruheſtifter, und alle ſeine Vorſtellun⸗ gen, daß er ſeiner Ordre gemäß nicht anders han⸗ deln könne, ja ſogar, im Fall man ihm den Eintritt verweigerte, genöthigt ſein würde, mit Gewalt ein⸗ zubrechen, vermochten das übellaunige Weib nicht zu beſänftigen. Aber Daniel betrachtete ſich jetzt we⸗ niger als Sohn, denn als Patrouillenführer, der auf höheren Befehl handeln müſſe; er ſtellte einen Poſten an die Thüre, durchſuchte den Hof, dann trat er ruhig und pflichtgemäß in die Schmiede ein. Frau Schedvin konnte jedoch ihren Aerger über dieſes Benehmen nicht bemeiſtern. Die kalte Hal⸗ tung, die Daniel angenommen, hatte ſie ganz beſon⸗ ders verdroſſen. Noch niemals war er ihr ſo be⸗ gegnet. In ſeiner Pflichterfüllung erblickte ſie eine höhniſche Verachtung, welche ſie nicht zu ertragen vermochte. Sie wartete daher im Thorweg, bis er aus der Schmiede herauskäme, und wollte dann ihren ganzen Zorn über ihn ausſchütten. Aber während ſie noch daſtand, entdeckte ſie Etwas, das ihre Auf⸗ icht ent⸗ und ver⸗ ſie war, als die 1s Thor gewöhn⸗ e; aber drn und che des ihrem an der eſtellun⸗ rs han⸗ Entritt alt ein⸗ nicht zu tzt we⸗ der auf Poſten trat er er über e Hal⸗ beſon⸗ ſo be⸗ ie eine ttragen bis er mihren ährend e Auf⸗ 41 merkſamkeit im höchſten Grade anzog. Der Leſer erinnert ſich noch aus der Geſchichte, welche die alte Frau vor Kurzem Amanda erzählte, daß der innere Theil des Hofes eine unterirdiſche Wohnung ent⸗ hielt, von welcher, wie ſie glaubte, ſowohl ihres Mannes, als ihr eigenes Unglück ausgegangen war. Seit dieſer Zeit hatte beſagte Wohnung fortwährend öde und leer geſtanden, ein feuchtes, den Zerſtörun⸗ gen der Zeit überlaſſenes Neſt. Aber o Wunder! während ſie jetzt auf der Thorſchwelle ſtand, ſah ſie ein ſchwaches Licht von dem niedrigen Fenſtergitter her ſchimmern. Im Anfang wollte ſie ihren Augen kaum trauen, aber das Licht ſchimmerte unaufhörlich, und ſie konnte bei einem ſo überzeugenden Beweis nicht länger zweifeln. Aber was mochte es wohl bedeuten? Sie ſchritt langſam über den Hof hin, trat näher und ſah wirklich, daß im Keller unten ein Licht brannte. Sie neigte ſich hinab und unter⸗ ſuchte das Gitter. Es war im Verlauf der Jahre noch tiefer in die Erde eingeſunken. Die ehemaligen Fenſterſcheiben exiſtirten indeſſen nicht mehr, und der Wind heulte in der Oeffnung. Sie konnte jetzt nicht mehr bezweifeln, daß ſich unten auch Menſchen be⸗ finden mußten; aber ſie wollte ſich doch genau davon überzeugen, ehe ſie andere Leute dazu rief. Sie hatte von Daniel gehört, daß er einen entflohenen Staatsgefangenen verfolge, und dadurch entſtand bei ihr natürlich der Gedanke, derſelbe habe ſeine Zu⸗ flucht in den Keller genommen, obſchon ſie nicht be⸗ greifen konnte, wie er hineingekommen ſei. Noch voll von Unwillen gegen ihren Sohn, kam ſie jetzt auf den Gedanken, ihn dadurch zu zermalmen, daß ſie 42² ihm ihre Ueberlegenheit bewieſe und zeigte, daß ſie weit mehr Talent als er beſitze, wenn es ſich darum handle, einen Staatsgefangenen aufzutreiben. Sie ſah durch das Eiſengitter endlich auch einen Schatten, der ſich auf und ab bewegte; dies genügte ihr und ſie eilte daher auf die Schmiede zu. „Du ſuchſt einen Gefangenen?“ ſagte ſie zu ihrem Sohn. „Ja, Mutter.“ Vielleicht könnte ich Dir ſagen, wo er zu fin⸗ den iſt.“ „Um ſo beſſer, Mutter. Sie würden mir da einen großen Dienſt erweiſen.“ Alexander und Daniel konnten nicht umhin, ein⸗ ander einen fragenden Blick zuzuwerfen. Die Schlegel hoben und ſenkten ſich wo möglich noch ſchneller. Im Uebrigen ſtanden Alle lauſchend drinnen, die Blicke auf Frau Schedvins bleiche Züge geheftet. „Nicht um Dir einen Dienſt zu leiſten,“ fuhr ſie fort,„ſondern um zu beweiſen, daß ich auch dem Vaterland nützen kann, obwohl ich nur ein ſchwaches, altes Weib bin.“ „Nun, Mutter, wo glauben Sie denn, daß ich ihn ſuchen muß?“ Da Frau Schedvin einen glänzenden Beweis für ihre Urtheilskraft und ihren Verſtand geben zu können glaubte, ſo nahm ſie einen immer gebiete⸗ riſcheren Ton an. „Stell die Soldaten ringsum im Hof als Poſten auf,“ befahl ſie,„damit Niemand entkommen kann.“ daß ſie darum n. Sie chatten, hr und ſie zu zu fin⸗ nir da n, ein⸗ nöglich iſchend Züge uhr ſie h dem vaches, aß ich Beweis 43 Der Friesrock drückte, als er dieſe ſtrenge Auffor⸗ derung hörte, ſeinen Hut tiefer ins Geſicht, Daniel und Alexander ſtarrten die Alte an. „Hörſt Du, was ich ſage?“ rief ſie. „Es ſoll geſchehen, Mutter.“ „Nehmen Sie einen Mann mit, Alexander,“ fuhr ſie fort,„und verſehen Sie ſich mit einem Dietrich und einem Brecheiſen. Zünden Sie auch eine Lampe an und folgen Sie mir dann; aber Alles muß ganz ruhig und ſtill vor ſich gehen.“ Daniel ſtellte ringsum im Hof die Poſten aus, und Alexander befahl dem Friesrock, welchen er Sven getauft hatte, ſich mit dem Werkzeuge zu verſehen und mit ihm hinabzukommen. Er wünſchte ihn da⸗ durch aus ſeiner peinlichen Stellung zu befreien. So kamen ſie an die Thüre, die nach der Keller⸗ wohnung führte. „Seht ihr das Licht dort?“ fragte Frau Sched⸗ vin.„Brecht die Thür auf, ſo werdet ihr finden, was ihr ſuchet.“ Daniel und Alexander athmeten leichter, als ſie jetzt ſahen, daß die Alte auf einer ganz falſchen Spur war. In dem Friesrock dagegen regte ſich eine unruhevolle Bangigkeit, die er nicht niederzu⸗ kämpfen vermochte. Der Leſer wird bald erfahren, woher ſie kam. „Alexander,“ flüſterte er dieſem zu, während ſie die Thüre aufzubrechen verſuchten,„laſſen Sie mich zuerſt in den Keller hinabſteigen. Wollen Sie mir's erlauben?“ „Sehr gerne.“ „Inzwiſchen wollte das Schloß dem Dietrich 44 nicht weichen, und man mußte zum Brecheiſen grei— fen. Alexander, der an dergleichen Arbeiten gewöhnt war, trieb es ſo geſchickt ein, daß die Thüre beim erſten kräftigen Drucke krachend aufſprang. „Zieht euch einen Augenblick zurück,“ bat der Friesrock, indem er herumtappend die Lampe aus der Hand fallen ließ, ſo daß das Licht erloſch;„aus dieſem Abgrund dringt uns ein wahrer Giftqualm entgegen.“ Frau Schedvin war nicht die Letzte, die ſich zu⸗ rückzog. Nach dem Erlöſchen der Lampe war der ganze Hof ins dichteſte Dunkel gehüllt. Die Poſten ſtan⸗ den theils am Haupteingang des Hofes, theils ein Stück davon entfernt und auf den Seiten der Keller⸗ thüre. Alle beobachteten das tiefſte Schweigen. Noch ſah man vom Keller her den ſchwachen Schein, der zur Ueberzeugung führte, daß man drunten noch nichts Böſes ahne. Der noch immer fallende dichte Schnee, der an die Fenſter anſchlug und an den Mauern hinfiel, war die einzige Luftbewegung, die man wahrnahm. Im ſelben Augenblick jedoch, wo die Anweſenden ſich von der Kelleröffnung zurückzogen, begann der Friesrock vorſichtig und ſtill ſelbſt in den Keller hinabzuſteigen. Der Augenblick dazu war ſehr klug berechnet. Niemand beachtete ſein Vorhaben, und wenn man es auch bemerkt hätte, ſo würde ſich doch Niemand darüber gewundert haben. Sie beabſichtigten ja alle zuſammen hinabzuſteigen. Unbekannt mit dem Platz und dem Kellergang, rech Kel den gin kom offe ſen inn bef⸗ eige er zu ihm nen zog den ſchi der dies noch hatt tern ſahe rock hier verl 45 en grei⸗ rechnete er auf das Licht, das er vorhin durch das gewöhnt Kellerloch geſehen hatte. re beim Mit den Händen umhertappend, fand er bald den Gang, der nach dem Zimmer ſelbſt führte, und bat der ging muthig darauf zu. Als er ein Stück weit ge⸗ pe aus kommen war, ſtieß er an eine Thüre, die aber halb d;„aus offen ſtand. Er ſchob ſie auf und trat ein. Ein ftgualm ſchwacher Lichtſchein ſtrahlte ihm ſogleich aus einer inneren Kammer entgegen. Im nächſten Augenblick ſich zu, befand er ſich darin. Der Anblick, der ihm entgegentrat, hatte einen r ganze eigenthümlichen Charakter. Ehe er näher ging, konnte n ſtan⸗ er nicht umhin, demſelben eine kurze Aufmerkſamkeit lils ein zu widmen. Keller⸗ Am Ende des Zimmers ſah er zwei Männer, die 1. Noch ihm den Rücken zukehrten. Der eine hielt ein bren⸗ ein, der nendes Lichtſtümpchen in der Hand, und der andere n noch zog aus einer Wandniſche, die ſo eben geöffnet wor⸗ e dichte den zu ſein ſchien, einen Papierbündel hervor. Beide an den ſchienen von dem Gegenſtande ihrer Berathungen ig, die dermaßen in Anſpruch genommen zu ſein, und über⸗ dies glaubten ſie ſich vermuthlich hier ſo ſicher, daß eſenden noch Keiner die Annäherung des Friesrockes bemerkt nn der hatte. Keller Aber in dieſem Augenblick berührte er ihre Schul⸗ tern, und wie von einem tödtlichen Schlag getroffen, rechnet, ſahen ſie verſtört, beinahe zermalmt, auf. n man„Capitän Schecta und Larsſon,“ ſagte der Fries⸗ iemand rock,„ich ahnte, daß Sie es ſein mußten, die man gten ja hier entdeckt hat. Als Sie mich im Schneegeſtöber verließen und ich Sie vermißte, hörte ich eine Thüre ergang, laut zuſchlagen, und da man im Hauſe hier erzählte, 46 man habe in der Kellerwohnung Licht geſehen, ſo war ich zu gut mit dem Lokal bekannt, um nicht berechnen zu können, daß Sie durch eine Hinterthüre hereingekommen ſein mußten. Ich dachte mir auch wohl, daß Ihre Wanderung heute Nacht— ich meine beſonders Sie, Larsſon, da man nach Ihnen bereits getrommelt und gefahndet hat— nur durch die aller⸗ wichtigſten Gründe veranlaßt ſein könnte. Ich be⸗ ſchloß daher, den Uebrigen hieher vorauszueilen. Sie haben ja nicht einmal gehört, daß wir die Thüre eingebrochen haben.“ Schecta's Geſicht verzerrte ſich jetzt. Larsſon ſchien ſich verloren zu glauben. Stand ja doch die⸗ ſer Unbekannte wieder vor ihnen, der ſie den gan⸗ zen Abend verfolgt hatte. „Wer ſind Sie?“ ſtieß endlich Schecta heraus⸗ „Wollen Sie unſer Verderben oder was iſt Ihre Abſicht?“ „Fürchten Sie mich nicht, ich bin Ihr Freund, und verzeihen Sie den Scherz, den ich mir auf der Straße mit Ihnen erlaubt habe. Aber hier iſt jetzt nicht die Zeit, davon zu ſprechen. Man wird bald hinter uns her ſein. Der ganze Hof oben iſt mit Soldaten beſetzt. Laſſen Sie uns auf demſelben Weg, den Sie gekommen ſind, wegeilen. Ich werde Sie begleiten. Sie, Schecta, gehen auf dem kürzeſten Weg nach Hauſe, und ich begleite Larsſon zum Ba⸗ ron Wrangel, der auch mich in ſeinen Schutz neh⸗ men wird.“ „Wir thun keinen Schritt, bevor Sie uns geſagt haben, wer Sie ſind.“ Der Friesrock lächelte. ehen, ſo im nicht nterthüre nir auch ch meine mbereits die aller⸗ Ich be⸗ zzueilen. ee Thüre Larsſon doch die⸗ en gan⸗ heraus. ſt Ihre Freund, auf der iſt jett rd bald iſt mit n Weg, rde Sie ürzeſten uim Ba⸗ utz neh⸗ geſagt 47 „Immer unpraktiſch,“ meinte er;„Ihr eigener Verſtand ſollte Ihnen ſagen, wer ich bin. Ich bin, wie Sie, ein entflohener Staatsgefangener, ich bin...“ Er ſchlug ſeinen Rockkragen hinab. „Silfverhjelm!“ rief Schecta. Larsſon drückte ſeine Hand. „Laſſen Sie uns jetzt fliehen.“ Kaum hatten ſie die Hinterthüre ſchließen kön⸗ nen, als auch ſchon Alexander nebſt Daniel und Frau Schedvin herabkam. Sie fanden die Kellerwohnung öde und leer, und da weder Daniel noch Alexander ein Intereſſe hat⸗ ten, die Sache näher zu unterſuchen, da ſie dieſelbe vielmehr möglichſt ſchnell abgethan zu ſehen wünſch⸗ ten, ſo trat eine tiefe Stille ein. Auf Frau Schedvin machte nichtsdeſtoweniger dieſes Ereigniß, das ihr merkwürdiger erſchien, als allen Anderen, einen tiefen Eindruck. Wir dürften künftig in den Fall kommen, den Einfluß, den es auf ihren Gedankengang und ihre Stimmung aus⸗ übte, näher zu unterſuchen; jetzt wollen wir blos erwähnen, daß ſie von dieſem Augenblick an ver⸗ ſchloſſener und ſchweigſamer wurde, daß aber dieſe verſchloſſene Schweigſamkeit einer düſteren Wolke glich, welche Brennſtoffe zu Donner und Blitz ſam⸗ melt. Wir laſſen ſie alſo hier als eine ſolche Wolke am Rande unſerer Erzählung und werden ſpäter auf ſie zurückkommen. 48 Bwanzigſtes Kapitel. Die politiſche Conſtellation. Ein alter Bekannter. Wir haben den 17. December. Der Tag war kalt und ſtürmiſch. Der Winter herrſchte, ein ſtren⸗ ger und ernſter Herr, über Stadt und Land, über See und Thal. Die Sonne ſchien, aber nicht klar und warm, wie im Sommer; man konnte ſagen, ſie ſei blos ein Schatten von ſich ſelbſt, ſie ſei zum Mond herabgeſunken. Es war mehr ein klarer Mondſchein, als ein Sonnenſchein, der den Tag beleuchtete. Die grauen Maſſen des Königsſchloſſes nahmen ſich jedoch vortrefflich aus in dieſem Dämmerlicht: es beſtand eine Harmonie zwiſchen ihnen und dem nebligen Farbenton der oberen Regionen. Am Eingange in den niedrigen Vorhof des Schloſſes beſprachen ſich vier Perſonen in koſtbar gefütterten Winterröcken. Einen halben Kopf höher als die drei übrigen, ragte Graf Hard's edle Geſtalt empor. Jeder Zug ein Mann, plauderte er heiter und unerſchrocken mit ſeinen Freunden. An ſeiner Seite erſchien Graf Brahe; aber ſo ausgezeichnet auch ſeine Haltung war, wobei ſich indeß einige Be⸗ rechnung nicht verkennen ließ, ſo imponirte er doch nicht in gleichem Grade. Die Barone Wrangel und Horn, die für den Augenblick das Wort führten, ſtanden neben Hard und Brahe. Während des Geſprächs warf Graf Hard von Zeit zu Zeit einen forſchenden Blick nach dem ſüd⸗ lichen Schloßhof. war ren⸗ über klar ond ein, nen dem des talt ter ner Be⸗ och ind 49 „Es iſt Zeit,“ bemerkte Brahe endlich;„zur Kö⸗ nigin, meine Herren.“ „Verzeihen Sie noch einen Augenblick,“ bat Hard;„ich erwarte Jemand, den ich bereits bei der Königin angemeldet habe, und den ſie mit Vergnü⸗ gen empfangen wird. Es fehlen noch ein paar Mi⸗ nuten bis zur feſtgeſetzten Stunde. Aber ſeht, da iſt er bereits.“ Ein junger Mann von blaſſem, aber edlem Ge⸗ ſicht kam ſchnell heran. Mit einer gewiſſen militäriſchen Rückhaltung, aber doch mit großer Ehrerbietung, grüßte er Brahe und Horn. Hard und Wrangel dagegen ſchloſſen ihn, einer um den anderen, in ihre Arme. „Wie wohl es doch thut, wieder im Vaterland zu ſein!“ ſagte er,„hier ſchlagen uns die Herzen entgegen.“ „Wann biſt Du angekommen?“ fragte Hard. „Vor einer Stunde. Ich habe Ihnen blos einen Boten ſchicken können, mit der Bitte, mich bei der Königin anzumelden.“ „Ich war auch damit beſchäftigt, wollen es jedoch bis zu unſerem Zuſammentreffen hier ausſetzen. Laſ⸗ ſen Sie uns jetzt gehen, meine Herrn. Wir können überzeugt ſein, daß die Königin uns gut empfangen wird, da wir ihr jedenfalls eine angenehme Neuig⸗ keit, nämlich unſern jungen Freund hier, mitbringen.“ Aber während Brahe und Hard nebſt den Uebri⸗ gen die Treppe hinabſteigen, könnten wir auf die hervorragendſten politiſchen Geſtalten der Zeit einen Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. IV- 4 50 Blick werfen und gleichwohl noch vor den langſam dahinſchreitenden Hofherren bei der Königin ankommen. Der December war ein Monat der Anklagen. Seit der Niederſetzung der Commiſſion am 1. De⸗ cember wurde ein Verbrechen um's andere vor ihr Forum gebracht, mit dem Auftrag, dieſelben sum- mario processu zu behandeln und abzuurtheilen. Die Macht der Commiſſion wuchs mit der Anzahl und der Verwicklung der Proceſſe. Aber Schecta ſollte jetzt auch auftreten und eine Rolle ſpielen. Unter dem Deckmantel halben Wahnſinns ver⸗ barg ſich bei ihm ein ſcharfer Verſtand. Wir haben geſehen, wie derſelbe mitunter, züngelnden Blitzen gleich, den Nebel durchſchnitt. Sein inneres Weſen war einmal durch ein ſchreckliches Ereigniß erſchüttert worden, und vor der Erinnerung an daſſelbe hatte er ſeitdem, wie vor einem düſtern, drohenden Ge⸗ ſpenſt, angſtvoll zurückgebebt. Zwiſchen ihm und dem Reichsrath Ehrenpreutz fanden einige Verglei⸗ chungspunkte ſtatt. Nahe daran auf einer kühnen Verſchwörung ertappt zu werden, und zwar im Au⸗ genblick, wo ſie es am wenigſten fürchteten, glaubten ſie eine Zeit lang das Richtſchwert um ihre Ohren ſauſen zu hören. Der Eindruck davon war uner⸗ meßlich für ihr ganzes Leben, wirkte aber verſchieden. Wenn Ehrenpreutz den ſich aufopfernden Freund noch in ſeiner Todesſtunde, ja ſogar nach ſeinem Tode noch fürchtete, wenn er ihn in ſeinem Sohn, ſo wie in jedem Umſtand, der die Vergangenheit an's Licht bringen könnte, fürchtete und in dieſer Furcht bis zu igſam nmen. agen. . De⸗ r ihr sum- eilen. nzahl eine ver⸗ einer beinahe unerklärlichen Feindſchaft ging, ſo klagte dagegen Schecta ſich ſelbſt einer erbärmlichen Schwäche gegenüber dieſem Freunde an, einer ehr⸗ loſen Hinterliſt, einer verächtlichen Betrügerei, und trieb ſeine Selbſtvorwürfe darüber bis zum Haß gegen ſich ſelbſt, jedoch nicht gegen Andere. Wenn Chren⸗ preutz ſeine Furcht mit der freundlichen und gut⸗ müthigen Maske äußerer Ruhe verhüllte, ſo verzerr⸗ ten ſich dagegen Schecta's Geſichtszüge in Folge ſei⸗ ner nie raſtenden, aber auch niemals ausgeſproche⸗ nen inneren Unruhe und Leidenſchaft, und hätte man nicht allgemein angenommen, daß ſein Verſtand ko⸗ metartig irrend aus ſeiner Bahn geſchweift ſei, ſo hätte man vielleicht ohne Mühe die Kämpfe geſehen, die in ſeinem Innern ſtattfanden und ſich blos in ſeinem ſonderbaren und veränderlichen Mienenſpiel leidenſchaftlich, wenn auch dunkel und unklar, ab⸗ ſpiegelten. Durch alle Zeiten hindurch zieht ſich ein gewiſſes Heidenthum. Ein ſolches Heidenthum iſt unter Anderem auch der Einfluß, welchen die öffent⸗ liche Meinung auf uns ausübt. Die Meiſten be⸗ ſitzen nicht innere Hoheit genug, um ſich mit dem Zeugniß ihres Gewiſſens zu begnügen; ſie verlangen auch noch die Beiſtimmung des großen Publikums, wie wenn dieſes beſſer als wir ſelbſt die Gründe und Zwecke unſrer Handlungsweiſe zu erforſchen und zu beurtheilen vermöchten. Wie oft iſt man nicht vor ſich ſelbſt falſch, um ſich vor der Welt in einem vor⸗ theilhaften Lichte zu zeigen! Es iſt noch heute der tauſendjährige Baalstanz der ganzen Menſchheit. Aber wenn auch der ſchmiegſamere Ehrenpreutz mehr als Schecta durch eine faule Unterwürfigkeit gegen 52 das Urtheil der Außenwelt gefeſſelt wurde, ſo fühlte ſich doch Letzterer gleichfalls in ihre Ketten geſchmie⸗ det, obſchon er in ſeiner Seele beſtändig daran rüt⸗ telte und ſich loszureißen ſuchte. Wenn Ehrenpreutz nicht direct durch unerwartete Umſtände beunruhigt wurde, ſo ging er ruhig ſeines Wegs, gleich als gäbe es keinen Schatten im Hintergrund ſeines Lebens; Schecta dagegen befand ſich unaufhörlich unter dem Einfluß eines gewiſſen moraliſchen Aufruhrs. Man kann in den Wirkungen dieſer pſychiſchen Verhältniſſe Beider vielleicht eine Uebertreibung finden. Mag ſein! Aber die Entwicklung der verſchiedenen Charak⸗ ter beruht nicht blos auf der innern Beſchaffenheit des moraliſchen Lebens, obſchon gewiß alle Motive mehr oder weniger zuſammenwirken müſſen; ſondern auch die verſchiedenen Zeiten haben ihren Theil der⸗ Verantwortlichkeit für das, was der Menſch iſt, für ſeine Fehler und Gebrechen. Was die eine Zeit für verdienſtlich hält, erſcheint der andern als tadels⸗ werth. Will man daher einen Mann richtig beur⸗ theilen, ſo muß man vor Allem in's Auge faſſen, in wie weit ſein Leben mit den Ideen ſeiner Zeit harmonirt. Wer unter dem Einfluß einer gewiſſen politiſchen oder moraliſchen Anſchauungsweiſe in dieſe oder jene krumme Linie eingebogen hat, der würde dieſe unter der Herrſchaft einer andern Idee nicht gethan haben. Waäͤhrend der Freiheitszeit übte die Staatsverfaſſung einen beinahe terroriſtiſchen Einfluß aus. Das Geſetz war, ſo ſagte man, un⸗ umſchränkt. Aber dieſer Satz war nur ſcheinbar wahr. Die herrſchende Partei erkannte ſich ſelbſt ausſchließlich das Recht zu, die Verfaſſung im In⸗ p fühlte eſchmie⸗ an rüt⸗ enpreutz nruhigt ich als Lebens; er dem Man ältniſſe Mag Tharak⸗ ;ffenheit Motive ondern eil der- iſt, für te Zeit tadels⸗ beur⸗ faſſen, er Zeit ewiſſen iſe in t, der Idee it übte ſtiſchen , un⸗ einbar ſelbſt n In⸗ tereſſe des Staats, d. h. in ihrem eigenen Intereſſe abzuändern, und das unbedeutendſte Wort von Sei⸗ ten der Gegenpartei wurde als ein Majeſtätsverbre⸗ chen geahndet, während zu gleicher Zeit die Corrup⸗ tion alle Bande der Moral und des Vertrauens zwiſchen den Einzelnen löste. Dieſer Staatsterroris⸗ mus, beſonders wenn er die blutige Geſtalt der Com⸗ miſſion annahm, war es auch, der nicht blos in allen Gemüthern Schrecken und Entſetzen verbreitete, ſon⸗ dern auch die Freiheit ſelbſt erdrückte, deren Auf⸗ rechthaltung er als ſein Ziel vorſchützte. Wir ſind Larsſon und Schecta bei ihrem Beſuch in einer entlegenen Kellerwohnung gefolgt und haben geſehen, wie ſie ſich dort eines Bundes Papiere be⸗ mächtigten. Der Wunſch, dieſe Papiere an Schecta zu über⸗ geben, war der Grund geweſen, warum Larsſon nicht ſogleich die Stadt hatte verlaſſen wollen, um der ihm drohenden Gefahr zu entfliehen. Vom Augenblick an, wo er bei der Scene im Schloß, in Gegenwart der Königin, als Ankläger gegen den Reichsrath Ehrenpreutz aufgetreten war, wußte er auch, daß er in ihm einen entſchiedenen, unverſöhnlichen Feind hatte. Aber je mächtiger und unverſöhnlicher dieſer Feind war, um ſo ſtärker fühlte ſich auch Larsſon gedrungen, den Auftrag zu vollziehen, welchen er von dem verſtorbenen Puke übernommen hatte. Außer den politiſchen Verhandlungen, bei denen er ſich mit unwandelbarem Intereſſe betheiligte, war es dieſer einzige Gedanke, der ſeine Seele erfüllte. Er hatte zwar gehofft, ſeinen Auftrag dem Sohne 54 ſelbſt ausrichten zu können; aber nach dem Auftritt im Bauernſtand, und ſeit er ſeine Laufbahn für im⸗ mer zerſtört ſah, beſchloß er, Schecta zu ſeinem Ver⸗ trauten zu wählen. „Sie haben ſich ein ſchreckliches Verſteck ausge⸗ ſucht,“ ſagte Capitän Schecta, als ſie in die unter⸗ irdiſche Wohnung traten, indem er ſich bei dem brennenden Lichtſtümpchen ein wenig umſchaute. „Hier war es, Capitän, wo Puke unter dem an⸗ genommenen Namen Weſte wohnte. Ich kenne den Platz noch ganz gut von jener Zeit her. Sie begrei⸗ fen übrigens, daß ich Gründe habe, um die Papiere bange zu ſein. Ich laſſe mir lieber den Kopf neh⸗ men, als ſie. Weiß ich ſie nur einmal richtig in den Händen des Sohnes, ſo kann ich ſeinem Vater droben im Himmel ruhig entgegentreten. Nach der Erklärung, die zwiſchen uns und dem Reichsrath Ehrenpreutz ſtattgefunden, ſchrieb ich nach Hauſe, man ſolle mir dieſe Papiere durch einen ſichern Bo⸗ ten ſchicken. Dieß geſchah, aber ich hatte nicht den Muth, ſie in meiner Wohnung zu behalten und er⸗ innerte mich nun dieſes Verſteckes hier. Da ſehen Sie her, Capitän. Betrachten Sie dieſe Wand da... können Sie etwas Anderes als gewöhnlichen Mauer⸗ kalk ſehen? Sehen Sie genau hin, Capitän!“ „Nein, Larsſon; aber was meinen Sie damit?“ „Wenn ich jedoch auf dieſen Stein hier drücke, ſo werden Sie ſehen, wie ein anderer von unten hervorſpringt. Da ſchauen Sie... Iſt nur ein einziger Stein losgemacht, ſo kann ich mehrere an⸗ dere wegnehmen, und Sie werden bald eine kleine Niſche ſehen... nicht wahr... hier ſind die Pa⸗ Auftritt für im⸗ em Ver⸗ ausge⸗ e unter⸗ dei dem lte. dem an⸗ ine den begrei⸗ Papiere pf neh⸗ ctig in Vater ach der chsrath Hauſe, rn Bo⸗ cht den und er⸗ ſehen drücke, unten ir ein re an⸗ kleine e Pa⸗ 5⁵ piere, Capitän. Aber bevor ich ſie Ihnen übergebe, müſſen Sie mir einen heiligen Eid ſchwören, daß Sie dieſelben, wär's auch mit eigener Lebensgefahr, dem jungen Puke zuſtellen wollen, ſobald er von ſei⸗ ner Reiſe zurückkommt.“ Schecta ſchwur bei ſeinem grauen Haupte, bei der Heiligkeit ſeiner Erinnerungen, bei der Stimme ſeines Gewiſſens, bei ſeinem Glauben an ein höheres Weſen und bei der Hoffnung, die jenſeits des Gra⸗ bes winkt. Aber ſeit er dieſen Auftrag angenommen, hatte er keinen ruhigen Augenblick mehr. Larsſon hatte ihm auch anvertraut, was die eigentliche Geſinnung des Bauernſtandes war, wie gründlich und herzlich die Mehrzahl deſſelben den auf ihm laſtenden Druck haßte, und beſonders das eigenmächtige Verfahren, welches Hakansſon, geſtützt auf die Gunſt Ferſens und der herrſchenden Partei, ſich erlaubte. Er nannte mehrere hochgeachtete Mit⸗ glieder des Standes, die nicht blos ſeine Ueberzeu⸗ gung theilten, ſondern auch bereit wären, zu be⸗ ſchwören, daß niemals ein eigentliches Attentat ge⸗ gen die Perſon des Sprechers ſtattgefunden, ſondern daß man blos im Wirrwarr der Discuſſion ganz unwillkürlich ihn geſtoßen, daß alſo die Gegenpartei blos dieſe Gelegenheit mit Haaren herbeigezogen habe, um eine unangenehme Minorität auf einen Schlag zu vernichten. Wenn ein ſo lange in ſich ſelbſt verſchloſſener Mann wie Schecta zum Handeln gemahnt wird, ſo erhält die Handlung meiſtens den Charakter eines 56 angeſammelten Flußwaſſers, das plötzlich gewaltſam überſtrömt und Dämme und Schleuſen durchbricht. Und ſo tief er bisher in ſeinem Innern gelitten, ſo bittere Vorwürfe er ſich wegen der Feigheit ge⸗ macht, welche er gegen den jetzt verſtorbenen Jugend⸗ freund Puke begangen zu haben glaubte, ſo ſtark, fühlte er ſich jetzt angefeuert, ſeine Chre wiederher⸗ zuſtellen. Ruhig prüfendes Urtheil ging indeß nicht Hand in Hand mit ſeinen guten und redlichen Ab⸗ ſichten. Das bizarre Element, das immer ſo mächtig und entſcheidend in ſein Leben eingegriffen hatte, machte ſich auch jetzt geltend. Das Verrückte, Son⸗ derbare und Satiriſche war ihm zur zweiten Natur geworden, und ſo edel und ritterlich die Motive für ſeine Handlungen waren, ſo ſollten ſie doch bald beinahe wie blanker Wahnwitz ausſehen. Anfangs geſtaltete ſich der an Puke empfangene Auftrag in ſeiner mit Brennſtoffen ſo überfüllten Seele zu einer großen Staatsfrage, und da würde Puke blos der Schlußpunkt, während Larsſon den Ausgangspunkt bildete. Nachdem dieſer gefunden war, erſchien ihm Alles ſo einfach, ſo deutlich, ſo natürlich: er brauchte blos noch Sturm zu laufen, der Sieg war gewiß. Die Verhältniſſe, worein Schecta hierdurch ge⸗ rieth, und die Art, wie er ſeine Rolle ſpielte, dürf⸗ ten zwar dem einen oder anderen Leſer nur einen epiſodiſchen Werth zu haben ſcheinen; wir aber fin⸗ den dieß Alles ſo bezeichnend, daß wir es vielmehr als den eigentlichen Kern des politiſchen Lebens und der Anſchauungsweiſe damaliger Zeit betrachten möchten. SSU PT SCe Fo eSns S altſam bricht. elitten, eit ge⸗ ugend⸗ ſtark, derher⸗ nicht n Ab⸗ ächtig hatte, Son⸗ Natur de für bald fangs ag in einer 3 der punkt Alles blos ge⸗ dürf⸗ inen fin⸗ nehr und hten 57 Indem er ſich ausſchließlich der Richtung über⸗ ließ, die ſeine Gedanken einmal eingeſchlagen hatten, trat Schecta zuerſt im Ritterhauſe auf und erklärte, daß er in Betreff des Vorfalles im Bauernſtand die reine Wahrheit vortragen werde. Wie Schecta ſprach, horchte man darauf mit der⸗ ſelben Aufmerkſamkeit, womit man die Stimme eines Uhu in einer Ruine belauſcht. Man hörte den Ton ſeiner Worte, aber man verſtand nicht, was er meinte.— Vom Ritterhauſe begab er ſich in den Verſamm⸗ lungsſaal des Bauernſtandes und bat um Erlaub⸗ niß zu ſprechen, aber ſie wurde ihm verweigert. Er reichte hierauf eine Schrift an das ſchwediſche Hofgericht ein und verlangte, daß der Sprecher des Bauernſtandes nebſt einigen Zeugen vorgerufen und vernommen werden ſollte. Als aber das Hofgericht ſich verpflichtet glaubte zu fragen, in welcher Abſicht er dieß verlange, ſo erklärte Schecta, er wolle be⸗ weiſen, daß der Sprecher ſeinen Eid vergeſſen und die Geſetze verletzt habe, wodurch das Reich in die größte Gefahr kommen könnte, und auf dieſe Ant⸗ wort hin erklärte ſich das Hofgericht für incompetent. Am folgenden Tage erſchien Schecta bei der Juſtizdeputation der Reichsſtände, machte ihr einen Vortrag über das Geſchehene und ſprach die Erwar⸗ tung aus, daß die Deputation nach Recht und Pflicht darüber erkennen würde; aber auch dieſe wies das Geſchäft ab, und nun wandte ſich Schecta an den geheimen⸗Ausſchuß, bei welchem er dieſelben Beſchul⸗ digungen gegen den Sprecher erhob, mit dem Zuſatz, daß Larsſon der ehrlichſte Schwede ſei. 58 Der geheime Ausſchuß wies den Prozeß nicht ab, ſprach aber die Anſicht aus, daß man ſich Schecta's verſichern und ihn in ſeinem Hauſe be⸗ wachen müſſe. Das Auftreten des Capitäns machte ein uner⸗ hörtes Aufſehen, das binnen Kurzem noch größer werden ſollte. „Habe ich,“ fragte er ſich,„nicht im Namen der geſetzlichen Ordnung und Freiheit gehandelt? Habe ich etwas Anderes beabſichtigt, als ein Verbrechen gegen dieſe Ordnung, einen Gewaltſtreich gegen dieſe Freiheit zu beweiſen? Nichtsdeſtoweniger haben die zur Aufrechterhaltung und zum Schutze der Geſetze verordneten Behörden eine um die andere die Sache abgewieſen, als ob ſie die Juſtiz Nichts anginge. Und als endlich der geheime Ausſchuß das Ding an⸗ nimmt, verhaftet man mich. Welcher Gewaltſtreich!“ Der Haftbefehl wurde von dem commandirenden Offizier auf der Hauptwache ausgefertigt und ihm durch einen Unteroffizier zugeſtellt. Als er ihn empfing, vermochte er einen beinahe vulkaniſchen Zornausbruch nicht zurückzuhalten. „Welch eine ſchreckliche Parodie auf eine Staats⸗ geſellſchaft!“ rief er.„Aber wenn man kämpfen will, bei Gott, ich bin bereit. Einer gegen den ganzen Staat; wahrlich, das iſt ein Kampf für einen Mann.“ Schecta's von Natur kräftiger, aber bis jetzt mit ſo vielem unverdauten Material belaſteter Geiſt ent⸗ wickelte nunmehr, als er einmal in den Streit hinein gekommen war, eine Entſchloſſenheit, die allgemeines Staunen erregte. Er ſchien ein ganz anderer Mann geworden zu ſein, und doch war er derſelbe geblie⸗ ————4—4— —————,—————.,———— —,+³+₰ Be ß nicht an ſich uſe be⸗ n uner⸗ größer ien der Habe brechen i dieſe ben die Geſetze Sache iginge. ng an⸗ reich!“ renden d ihm einahe taats⸗ will, ganzen ann.“ zt mit t ent⸗ jinein neines Nann eblie⸗ ben. Was ſeine unerklärlichen und verkehrten Be⸗ trachtungen über Leben und Welt an Eigenthümlich⸗ keit verloren, trat jetzt um ſo ſtärker in ſeinen Hand⸗ lungen hervor. In ihnen zeigte er jetzt dieſelbe Beharrlichkeit, womit er ſich ſo manches Jahr gleich⸗ ſam in ſich ſelbſt verſchloſſen hatte. „Man ſagt, daß wir einen König haben,“ meinte er,„daß wir Stände beſitzen; wohlan denn, ich will's erproben. Iſt der König nicht zu einem bloßen Schatten herabgekommen, und ſind die Stände nicht zu einer ohnmächtigen politiſchen Partei herabge⸗ ſunken, ſo werden ſie mir Gerechtigkeit angedeihen laſſen.“ Das Ergebniß dieſer Betrachtung war eine Klag⸗ ſchrift an den König, worin er ſich darüber be⸗ ſchwerte, daß er, als Offizier, als freier Ritter und Reichstagsabgeordneter, von einem Unteroffizier, in Folge eines von der Hauptwache der Leibgarde kom⸗ menden Befehls, verhaftet worden ſei, ohne daß man ihn eines Verbrechens geziehen habe; da nun ein ſolches Verfahren ſowohl der königlichen Ver⸗ ſicherung als auch der Reichstagsordnung wider⸗ ſtreite, ſo erwarte er einen kräftigen und theilneh⸗ menden Schutz. Zugleich reichte er bei den Ständen eine ſo ziemlich gleichlautende Denkſchrift ein; aber mit all dieſen Schreiben gewann er weiter nichts, als daß ſie an die Commiſſion gewieſen wurden. Wie man inzwiſchen von den Reichsſtänden ſa⸗ gen konnte, ſie haben bisher nur die Außenwerke des Hofes, ſeine äußeren Poſitionen, Perſonen, zu denen die königliche Familie in näheren oder ent⸗ fernteren Beziehungen ſtand, angegriffen, ſo machten 60 ſie jetzt eine Bewegung, welche verkündete, daß ſie dabei nicht ſtehen zu bleiben gedachten. Eiferſüchtig auf ihre Gewalt und bange vor dem Muth und der Geiſteskraft der Königin, ſtreckten ſie nämlich ihre Hand gegen die empfindlichſte Seite der königlichen Familie, gegen das elterliche Gefühl aus. Mehrere der mächtigſten Mitglieder des Reichs⸗ raths und überhaupt der dem Hof feindlichen Partei hatten mit Verdruß bemerkt, daß der Kronprinz Guſtav nicht in den Grundſätzen der ihnen gebüh⸗ renden Ehrfurcht erzogen zu werden ſchien. Seit Teſſin die politiſchen Hoffnungen der Königin ge⸗ täuſcht hatte, hörte ihre Gunſt auf, und er zog ſich verletzt und feindlich von ſeinem Erzieherpoſten zu⸗ rück, um ſo mehr als der geiſtreiche und ſchlaue Dalin ihn beinahe zu verdunkeln anfing. Der Ein⸗ fluß, welchen Dalin dadurch ſowohl beim König als bei der Königin gewann, flößte nicht blos Teſſin, ſondern auch der Partei Furcht ein. Nach genauer Erwägung der Sachlage und in Betreff der zweifel⸗ haften politiſchen Geſinnungen Dalins beſchloß man alſo bei Zeiten ſolche Maßregeln zu treffen, wodurch man nicht blos die geheimen augenblicklichen Abſich⸗ ten des Hofes im Keime erſticken, ſondern auch für die Zukunft Herr der Situation bleiben könnte. Der Plan hierzu war ebenſo ingeniös als kühn. Bisher hatten der König und die Königin ſelbſt über die Erziehung ihrer Kinder verfügen dürfen, aber jetzt hielt man es für angemeſſen, dieſelbe durch eine be⸗ ſondere Inſtruction zu regeln. Den erſten Schritt dazu that der geheime Ausſchuß durch eine Mitthei⸗ lung an die Stände vom 11. December, worin er * daß ſie Lſüüchtig ind der ch ihre glichen Reichs⸗ Partei eprinz gebüh⸗ Seit in ge⸗ og ſich en zu⸗ ſchlaue r Ein⸗ ig als Teſſin, enauer weifel⸗ 3 man odurch Abſich⸗ ch für . Der Zisher er die r jetzt ne be⸗ Schritt itthei⸗ in er * 6¹1 zwar zugab, daß ein Beiſpiel von einer ſolchen In⸗ ſtruction in Schweden allerdings noch nicht vorge⸗ kommen, aber darauf drang, daß es ſowohl die Pflicht als das Recht der Stände ſei, in ihrem eigenen In⸗ tereſſe und zum Beſten der Nachwelt eine ſolche In⸗ ſtruction zu erlaſſen. Uebrigens wurde ſchon in dieſer Mittheilung auch eine baldige Veränderung im Lehrerperſonale gefordert, indem es darin hieß, daß auch der vollkommenſte Unterricht immer unzureichend bleibe, und daß alle Erziehung höchſt weſentlich von d Perſonen abhänge, welche den Kronprinzen um⸗ geben. 4 Ohne vorherſehen zu können, wie weit die Stände in dieſer Richtung gehen würden, ahnte der Hof gleichwohl, daß eine neue Gewitterwolke aufſtieg, und die Getreuen ſchloſſen ſich, ob nun aus wirklicher Anhänglichkeit oder in Folge von Privatberechnun⸗ gen, immer feſter an die königliche Familie an. Der König fühlte ſich durch den beinahe gänz⸗ lich unverſchleierten Angriff ſchwer verletzt, die Kö⸗ nigin wurde noch unwilliger und mißvergnügter, als ſie bereits geweſen. Schecta's kühnes Auftreten gewann dadurch er⸗ höhte Sympathien. Man freute ſich darüber, als über eine unerwartete Hilfe im Augenblick der höch⸗ ſten Noth. Von allen Seiten kehrte ſich ihm jetzt die Aufmerkſamkeit zu. Bisher hatte man ihn für einen Narren gehalten, jetzt erblickte man einen Kämpen in ihm. Aber ob er wohl blindlings vor⸗ wärts drang oder mit tactiſcher Geſchicklichkeit zu Werke ging? Man fürchtete das Erſtere. Gleichviel 62 jedoch; ſelbſt der Spott konnte hier eine mörderiſche Waffe werden. Die Commiſſion hatte ihn auf den 17. December vorgeladen, und obſchon Schecta keine eigentlichen Vertrauten hatte, ſo ſah man doch allgemein mit ungeduldiger Theilnahme und Neugierde dem Ver⸗ lauf ſeiner Angelegenheit entgegen. So viel von den bemerkenswertheſten Symptomen der Sachlage in dem Augenblick, wo wir jetzt bei der Königin eintreten. Obwohl der Tag noch nicht weit vorgeſchritten war, ſo begann es doch in den Zimmern bereits zu dämmern, und eine Kriſtalllampe brannte auf dem herniedergelaſſenen Blatt eines koſtbaren Secretärs. Die Königin, die vor demſelben ſaß, hatte ſo eben zu ſchreiben aufgehört; wenigſtens lag noch ein halb vollbeſchriebenes Papier vor ihr, und die Feder ruhte in ihrer Hand. 3 Werfen wir einen Blick auf dieſes Papier, ſo entdecken wir einen fragmentariſchen Entwurf zur Vertheidigung des Rechtes, welches Eltern im Allge⸗ meinen und königlichen Eltern insbeſondere zuſtehe, über die Erziehung ihrer Kinder zu verfügen. Das Gerücht vom Vorſchlage des geheimen Aus⸗ ſchuſſes hatte ihr Mutterherz erſchreckt, und ſie fühlte ein unwiderſtehliches Bedürfniß ihre Gedanken zur Vertheidigung zu ordnen. Die Gedanken ſind die pſychiſche Schutzwache unſeres Gefühls und Herzens. Aber während die Ideen ſich ihr aufdrängten, hatte der Gegenſtand ſich in dunkle Meditationen aufge⸗ eriſche vember tlichen in mit Ver⸗ dtomen tzt bei hritten eits zu af dem retärs. atte ſo och ein Feder er, ſo rf zur Allge⸗ zuſtehe, Aus⸗ — fühlte en zur nd die erzens. hatte aufge⸗ 63 löst, das Papier wurde weggeſchoben, und die Feder ruhte. Neben der Königin ſtanden Clara und Amanda. Fräulein Creutz ging mit leichten Tritten im Zimmer auf und ab. Die Gruppe war nicht ohne ihr Intereſſe. Die Augen der Königin waren geradeaus gerichtet; ihr Blick ſtrahlte von Licht, gleich als hätte ſie dennoch in der Ferne etwas Angenehmes entdeckt, obſchon die Stirne, die von einer Wolke des Kummers be⸗ ſchattet wurde, dieſer Annahme zu widerſprechen ſchien. Clara und Amanda waren zwei lebendige Con⸗ traſte: Erſtere eine heitere, morgenfriſche Geſtalt, Letztere düſter, beinahe mitternächtig. Wenn leb⸗ hafte Roſen die Wangen der Einen ſchmückten, ſo ruhte der blaßgelbe Schatten, nicht mehr der Lilie, ſondern vielmehr des Haſſes auf denen der Andern. Mit einem lächelnden, freundlichen Blick leuchtete Clara's Seele auf die Königin herab, während Amanda einen durchdringenden kalten Blick auf ſie heftete. „Bei Alma Creutz blühte ihr ganzes Weſen aus einem guten, innig, warm und wahr liebenden Her⸗ zen auf. Sie hatte aber auch etwas Unwiderſteh⸗ liches an ſich. Wenn ſie erröthete oder erblaßte, wenn eine Thräne ihr Auge füllte oder ein Lächeln ihre Lippen ſchminkte, war es nicht blos ein flüchti⸗ ger Eindruck, der die Veränderung hervorrief, ſon⸗ dern ein tiefes Gefühl, das ſich in ihrem Herzen regte. Clara und Amanda liebten unzweifelhaft ebenſo tief und aufrichtig wie ſie; aber während Clara in Gott Amor blos einen Schalk erblickte, mit 64 deſſen Pfeilen man ſpielen könne, während Amanda ihrerſeits die Liebe als einen Einſatz für das ganze Leben betrachtete, nach deſſen Verluſt nur Verzweif⸗ lung übrig bleibe, ſo enthielt die Liebe für Alma die Summe alles Lebensglückes und aller Lebensweis⸗ heit, Herzensfrieden, Seelenharmonie, aber vor allen Dingen Gottes unendliche Güte und Gnade. Ihre Liebe hatte zwar keinen Scherz auf den Lippen, aber auch keinen Mißmuth: ſie war ein unbedingtes Ver⸗ trauen, der Glaube und die Zuverſicht eines beten⸗ den Engels. Sie entſann ſich ſehr wohl der Zeit, die eine ihrer wichtigſten Jugenderinnerungen für ſie war, als Puke ſich zum erſten Mal verheirathete, und ſie erinnerte ſich, daß damals ein tiefer, ein unendlich tiefer Seufzer ihre Bruſt hob, aber auch daß ſie nichtsdeſtoweniger fortfuhr, ihn innig zu lie⸗ ben. Auch jetzt drängte ſich ihr manchmal der Ge⸗ danke auf, daß eine ungünſtige Schickſalsfügung ſie noch immer von Puke trennen könnte, und da hörte ihr Herz auf zu ſchlagen, ihr Blut ſtand ſtill und ihr Kopf ſenkte ſich; die Hände aber ſchloſſen ſich wie um ein Crucifix zu Gebet und Ergebung. „Warum haben wir keine Klöſter in Schweden?“ ſeufzte ſie dabei.„Für ein gebrochenes Herz iſt doch ein Kloſter die beſte, glücklichſte Zuflucht.“ Aber ſo wie ſie in dieſem Augenblick auf und ab⸗ ſpazierte, war ihre Bruſt ſicherlich von anderen Ein⸗ gebungen erfüllt. Ihre Stirne hob ſich mit jungfräulichem Stolz, eine leichte Röthe bepurpurte die Wangen, das Auge glänzte und glühte, um den Mund ſpielte ein lieb⸗ liches Lächeln, und der Buſen ſchwoll von holdem lmanda 3 ganze erzweif⸗ ma die 1sweis⸗ er allen Ihre —, aber 8 Ver⸗ beten⸗ r Zeit, en für athete, r, ein r auch zu lie⸗ er Ge⸗ ung ſie hörte l und en ſich den?“ ſt doch nd ab⸗ n Ein⸗ Stolz, Auge lieb⸗ voldem Entzücken. Mitunter lehnte ſie den Kopf in ihre Hand, aber bald ließ ſie dieſe wieder ſinken und ging jetzt ſchneller, gleich als wäre ihre innere Befriedi⸗ gung noch erhöht und ihr ganzes Weſen unter die⸗ ſem Eindruck noch elaſtiſcher geworden. Zuweilen blieb ſie ſtehen, das Auge bald auf eine der Thüren geheftet, bald lauſchend, bald in Roſe und Lilie wech⸗ ſelnd; aber da die Thüre nicht aufging, ſo hob ein Seufzer ihre Bruſt, und ſie begann ihren Spazier⸗ gang wieder. Ganz gewiß war ſie von einer lieb⸗ reichen Hoffnung, von einer angenehmen Idee, von einem ſchönen Traum, deſſen Erfüllung ſie entgegen⸗ ſah, in Anſpruch genommen. Amanda hatte ſich von der Königin ab zu Alma gewendet, und bald bemerkte auch ſie, daß etwas Ungewöhnliches in dem Fräulein vorging. So hatte ſich Alma noch niemals vor ihr gezeigt. Aber was be⸗ deutete dieſe Unruhe, die ſo voll von Seligkeit zu ſein ſchien, dieſe aufgeregte Seelenſtimmung, ſo voll von Entzücken und Befriedigung? Was erwartete, was hoffte, was träumte ſie? Inzwiſchen währte das Schweigen im Cabinet noch immer fort. Da hörte man auf einmal haſtige Schritte in den äußeren Zimmern, und beim Getöſe derſelben erhob ſich die Königin und Alma blieb ſtehen. Aber der Blick der Königin ſiel dabei auf Clara und Amanda, als wollte ſie dieſe Mädchen fragen, was ſie von ihr begehrten. „Majeſtät,“ bemerkte Clara, welche die Verwun⸗ derung der Königin auf ihre Art deutete,„wir war⸗ ten auf Ihren Befehl.“ Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. IV. 5 66 „Ach ja, die Toilette! ich verſtehe. Sie iſt mir höchſt gleichgültig, meine lieben Kinder. Ihr kennet meinen Geſchmack... bringt das Ding in Ordnung, ſo gut ihr könnt. Ich habe keine Luſt, mich für Hoffeſte zu ſchmücken, die mich doch blos von dem entſchwindenden Glanze einer untergrabenen Königs⸗ gewalt überzeugen.“ Aber Amanda blieb noch ſtehen. „Welchen Schmuck befehlen Ew. Majeſtät?“ fragte ſie. Die Königin ſchaute haſtig auf. „Keinen.“. Die Antwort war kurz und ſcharf. Die Wolke auf der Stirn breitete ſich wieder aus; aber ſie ſenkte ihre Augen nicht in die Augen Amanda's, ſondern ſchien dies vielmehr vermeiden zu wollen, denn un⸗ mittelbar darauf wandte ſie ſich an Alma. „Wie glücklich mußt Du Dich in dieſem Augen⸗ blick fühlen, Alma,“ ſagte ſie, nachdem ſie das Mäd⸗ chen einen Augenblick betrachtet,„Du kannſt ſchwär⸗ men und träumen. Der Anker der Liebe hält die Jolle Deines Lebens noch feſt am Strand einer Inſel der Glückſeligkeit. Aber Dein Herz klopft heftig, Alma,“ fügte ſie dazu,„laß Dir rathen, mein Kind, und geh in das Zimmer dort. Ich werde Dich nicht vergeſſen. Erwarte mich dort.“ Die Aeußerung der Königin entging Amanda nicht. Ihr ſcharfes Auge bemerkte ſogar, wie Alma von einem leichten Zittern überfallen wurde, wie ihre Wangen eine noch höhere Farbe bekamen, ein friſcherer Glanz ihre Blicke belebte, und ſie entnahm iſt mir r kennet rdnung, nich für on dem Königs⸗ eſtät?“ Wolke eſenkte ondern nn un⸗ Augen⸗ Mäd⸗ chwär⸗ ält die Inſel heftig, Kind, nicht nanda Alma „ wie , ein nahm 67 daraus, daß es ſich um Etwas handle, das ihr bis⸗ her entgangen ſei. Aber kaum war Alma, leicht wie ein Weſtwind, in einem inneren Zimmer verſchwunden, als Amanda über die Urſache aufgeklärt werden ſollte. Die großen Flügelthüren gingen mit einem Mal auf, und Amanda ſah die Grafen Brahe und Hard, ſowie die Barone Wrangel und Horn eintreten. Aber auf einmal blieb ſie ſtehen; ſie fühlte, wie ſie erblaßte, wie ihr Blut zu circuliren aufhörte und ihre Füße unter ihr wankten. In Brahe's und Hard's Geſellſchaft entdeckte ſie nämlich auch Puke. 3 Der Stolz— beim Weib zu einem gewiſſen Theil die phyſiſche Kraft des Herzens— wachte je⸗ doch in dieſem Augenblick über ſie. Sie warf ihr Haupt zurück und entfernte ſich mit einem flammen⸗ den Augenwurf. „Willkommen, meine Herren,“ begrüßte die Kö⸗ nigin die Eintretenden.„Und Sie, Puke,“ fügte ſie hinzu, während ihre Augen freundlich auf ihm weilten,„ſeien Sie herzlich wieder willkommen. Ich habe Sie mit Ungeduld erwartet. Möchten Sie Nachrichten mitbringen, die meinen Hoffnungen ent⸗ ſprechen! Sie haben alſo bei meinem Bruder, dem König von Preußen, doch zuletzt Audienz gehabt?“ „Ich bringe Ew. Majeſtät das eigenhändige Schreiben des Königs mit. Erlauben Ew. Ma⸗ jeſtät...“ „Geben Sie das Schreiben her, Puke; geben Sie her...“ — 68 Mit einer tiefen Verbeugung übergab er der Kö⸗ nigin das Schreiben. „Ah, meine Herren,“ ſagte die Königin, den Brief noch in der Hand haltend,„ich hoffe, daß die⸗ ſes Schreiben uns eine Stütze gegen die inneren Feinde gewähren werde, welche das Land veruneini⸗ gen. Ich werde Ihnen den Inhalt ſpäter mitthei⸗ len. Aber Sie hatten auch noch einen weiteren Auf⸗ trag, Puke. Was bringen Sie von Hamburg mit?“ „Eine Anweiſung, Ew. Majeſtät, ausgeſtellt auf das gegenwärtig größte Handelshaus Schwedens.“ „Auf das Grill'ſche Haus?“ „Ja, Ew. Majeſtät, auf das Grill'ſche Haus. Die Vorſchläge, die Ew. Majeſtät durch Silfverhjelm machte, ſind in allen ihren Theilen gutgeheißen wor⸗ den. Das Pfand ſoll durch Grill abgegeben werden, der ein unbedingtes Vertrauen genießt. Ich bringe die Papiere mit, für den Fall, daß Ew. Majeſtät geruhen ſollte, ſie ſelbſt in Empfang zu nehmen.“ „Bravo, Puke, geben Sie her.“ Puke zog ſich zurück, aber der Blick der Königin ſolgte ihm noch immer. In ſeinen ernſten und bleichen Zügen war keine Unruhe oder Aufregung zu bemerken. Wie immer, ſpiegelte ſich auch jetzt die gewöhnliche Gelaſſenheit darin ab. Aber nichtsdeſtoweniger lag eine gewiſſe Sehnſucht in dem Ausdruck, und er ſchien Jemand mit ſeinen Augen zu ſuchen. „Capitän Puke,“ ſagte jetzt auch die Königin, nich haben Ihnen Etwas zu ſagen. Folgen Sie mir, Capitän!“ der Kö⸗ n, den aß die⸗ inneren uneini⸗ nitthei⸗ en Auf⸗ mit?“ llt auf dens.“ Haus. erhjelm n wor⸗ verden, bringe ajeſtät en.“ önigin keine mmer, ſenheit gewiſſe emand nigin, mir, 69 Und ſie ergriff ſeine Hand und führte ihn in die inneren Zimmer. „Treten Sie hier ein,“ bat ſie,„und erwarten Sie mich. Ich werde Sie bald aus Ihrer Gefangen⸗ ſchaft erlöſen.“ Als Puke eintrat, ſtand Alma vor ihm. Wie beim Anblick eines ſchönen und heiteren Frühlingsmorgens, that er jetzt einen tiefen Athem⸗ zug von unausſprechlicher Glückſeligkeit. Mit einem Ausdruck des holdeſten Entzückens hob ſie bewußtlos ihre Arme empor. Ihre Lippen bewegten ſich: ein Freudenruf er⸗ ſtarb auf denſelben. Im nächſten Augenblick drückte Puke ſie an ſein Herz. Wie glücklich waren ſie nicht! Nach wie man⸗ chen Wochen und noch weit mehr Widerwärtigkeiten und Kämpfen ſahen ſie einander nicht wieder! Der Augenblick, auf den ſie ſo lange gehofft, hatte jetzt ſeine holde Wirklichkeit. Selig blickten ſie einander in die Augen, eine Antwort auf die ſchönſten Fra⸗ gen des Herzens ſuchend. Sie neigte ihren Kopf an ſeine Schultern; mit weicher Hand ſchob er ihre Locken zurück, um dieſes milde Geſicht in ſeiner gan⸗ zen offenen Reinheit zu betrachten. Mitunter flog über ihre Lippen ein Ausdruck, der für Andere we⸗ nig bedeutete, aber von ihnen ſelbſt ſo wohl verſtan⸗ den wurde. Die Liebe bedarf nicht des ganzen Reich⸗ thums der Sprache, ſie borgt Leben von einem Aus⸗ druck, Seele von einem Blick. „Du biſt alſo wieder hier?“ flüſterte ſie. „Um nie wieder von Deiner Seite zu weichen.“ Aber ſo unausſprechlich reich an wahrem und reinem Glück dieſer Augenblick auch war, ſo flog dennoch durch Alma's Seele die Erinnerung ſchmerz⸗ licher Ereigniſſe. Ihr Oheim Ehrenpreutz, ihr Bru⸗ der Creutz und auch Amanda ſtanden ſo düſter und drohend vor ihrer Phantaſie. „Still!“ rief ſie in der natürlichen Furcht ihres Herzens.„Ich hörte eine Bewegung; kann Jemand uns hier ſtören? Still!“ Sie lauſchten, aber Alles war ſtill: man ver⸗ nahm keine Bewegung, hörte keinen Laut. Und bald flüſterten ſie wieder von ihrer Liebe, ihrer Zukunft, von den herrlichen Gemälden, die eine von innigem Entzücken belebte Phantaſie jetzt in dem leuchtenden Rahmen des Augenblicks hervorzauberte. Die Königin hatte das vom König von Preußen ihr überſandte Schreiben auf ihren Schreibtiſch ge⸗ legt, und ließ. ihre Hand darauf wie auf einem Kiſſen ruhen. 3 3 Die Bekümmerniſſe, die ſich zuvor über ihre Stirne auszubreiten geſchienen, verſchwanden nach Empfang des Schreibens. Die Stirne wölbte ſich wieder klar wie vorher: Muth und Hoffnung kehr⸗ ten in ihren Buſen zurück. Aber Brahe, Hard, Wrangel und Horn, dieſe vier Hauptpfeiler ihrer Politik, hatten ſich eingefun⸗ den, um ihr die letzten Ereigniſſe des Tages mitzu⸗ theilen, und obſchon ihre Hand fortwährend auf dem Schreiben ihres königlichen Bruders ruhte, als fürch⸗ tete ſie, dieſe Stütze einen Augenblick zu verlieren, em und ſo flog ſchmerz⸗ r Bru⸗ ter und t ihres bemand n ver⸗ d bald ukunft, nigem tenden keußen ch ge⸗ einem ihre nach e ſich kehr⸗ dieſe efun⸗ nitzu⸗ dem ürch⸗ eren, ſo hörte ſie doch mit lebhaftem Intereſſe dieſe Her⸗ ren an. „Graf Brahe,“ bemerkte ſie,„Sie ſagen alſo, der Fanatismus der Ritterſchaft und des Adels ge⸗ gen uns ſei eher im Zu⸗ als im Abnehmen be⸗ griffen.“ „So ſcheint es mir, Ew. Majeſtät. Hauptſäch⸗ lich ſcheint man Ew. Majeſtät zu fürchten.“ Die Königin war in dieſem Augenblicke wirklich Königin. Sie trug ihr Haupt hoch, als ruhte die Krone darauf. Aber mit dem Lächeln auf ihren Lippen kreuzte ſich der Blitz in ihren Augen. „Und darin hat man Recht, Graf,“ ſagte ſie; „im Kampf um das Diadem der Majeſtät fühle ich, daß ich die Schweſter Friedrichs II. bin. Ich hoffe, daß dieſer Brief... dabei erhob ſie ihre Hand und ließ ſie mit einer leichten Bewegung wieder auf den Brief fallen... ich hoffe, daß dieſer Brief mir neue Kräfte verleihen wird. Man fürchtet mich, ſagen Sie, das iſt doch Etwas. Aber, Brahe, wird man’'s wohl wagen, zur Ausfertigung einer förmlichen In⸗ ſtruction für die Erziehung meiner Kinder zu ſchrei⸗ ten, wird man es wagen, dem König und mir das natürliche Recht des Elternherzens, dieſe heiligſte Sorge jedes Vaters und jeder Mutter, dieſe Befug⸗ niß, die man ſelbſt bei den ärmſten Leuten nicht an⸗ taſtet, zu rauben? Wird man's wagen, mir das ſchönſte Erbtheil eines Weibes, die Obhut über meine Kinder, zu entziehen? Ich erſchrecke vor meinen eige⸗ nen Gefühlen, wenn ich nur daran denke... bei Gott, man trete mir nicht zu nahe... man treibe mich nicht zum Aeußerſten. Sie glauben indeß.. 244 72 „Ich glaube, Ew. Majeſtät, daß man den Schritt thun wird...“ die Stirne, I f „Und Schecta, meine Herren, Schecta fuhr die Königin mit der Hand über egte ſie aber ſogleich wieder auf den , er war ja heute vor der Commiſſion... laſſen Sie hören...“ „Er wurde auf heute früh um Eilf vorgeladen, Ew. Majeſtät,“ antwortete Graf Har Commiſſion ſchickte ihm einen Miethwa d,„und die gen und eine ache, um ſich ſeiner Perſon gehörig zu verſichern; aber Schecta iſt conſequent; er proteſtirte und man mußte ihn mit Gewalt hinaufbringen.“ „Und das Volk... das Volk.. ſt der Held des Tages, Ew. Majeſtät. wie er zu Werke geht, entſpricht den Ge⸗ fühlen der Maſſe vollkommen. Ich hörte Hurrah⸗ rufen um ihn her, obſchon da und dort auch geziſcht Als er an Ort und Stelle kam, hatte ſich bereits eine zahlloſe Menſchen Wachcommandant befahl il Volke beifällige endlich mit lauter Stimm derte, zur Commiſſion maſſe verſammelt. Der öm auszuſteigen; aber er Seine Entſchloſſenheit rief unter dem Aeußerungen hervor. Als er aber e den Unteroffizier auffor⸗ zu gehen und zu fragen, ob man ihn hinauf führen oder tragen ſolle, da brach ein allgemeines, ſchallendes Gelächter aus.“ „Nun und dann?“ „Man mußte ihn wirklich hinauftragen.“ Die Königin hörte die Erzählung mit heiterer Erregtheit an. Sie erblickte in Schecta, der dieſe 70 SS Aee=ͤSͤ—— 2 Schritt ad über auf den er war en.2 eladen, ind die id eine ichern; d man jjeſtät. n Ge⸗ urrah⸗ eziſcht e ſich Der er er dem aber iffor⸗ „ ob brach terer dieſe 73 ihr feindſelige Behörde lächerlich zu machen gewußt hatte, einen gewaltigen Mitſtreiter. „Vor der Kommiſſion angelangt,“ erzählte Hard weiter,„ſtellte ſich Schecta, trotz der Aufforderung des Präſidenten, nicht auf die Seite der Angeklagten, links vom Tiſch, ſondern rechts, auf die Seite der Ankläger.“ „Weiter, Hard, weiter!“ „Mit ſcharfen und eindringlichen Worten prote⸗ ſtirte er dagegen, daß man ihn als Angeklagten be⸗ trachten wolle; er ſagte, daß er den Sprecher des Bauernſtandes angeklagt habe und nicht dieſer ihn, und zwar habe er ihn angeklagt, weil er ſeinen Eid gebrochen und zur Uneinigkeit ſowohl im eigenen Stande, als unter den verſchiedenen Ständen bei⸗ getragen habe. Vergebens las die Commiſſion die Anklageſchrift der Stände, vergebens befahl man ihm, den Platz links vom Tiſch einzunehmen. Schecta erklärte, er erkenne keine anderen als die geſetzlichen Stände an, und dieſe müſſen das Recht jedes Ein⸗ zelnen, von der vorgeſchriebenen Gerichtsordnung Gebrauch zu machen, reſpectiren. Er glaube deßhalb nicht auf die Seite der Angeklagten treten zu müſſen, ſondern verlange, daß der Sprecher des Bauern⸗ ſtandes ſich da einſtelle, und daß man ihm ſelbſt, um ſeine Aeußerungen gegen denſelben zu beweiſen, erlaube, den ganzen Bauernſtand als Zeugen auf⸗ zurufen.“ „ Schecta iſt ein ungewöhnlicher Character,“ fiel die Königin ein.„Auch Brutus ſpielte bis zu einer gewiſſen Zeit den Wahnſinnigen.“ „Endlich, Ew. Majeſtät, verwarf er mehrere Mit⸗ glieder der Commiſſion und verlangte, daß der Bauernſtand darüber gehört werde, ob er die Ver⸗ brechen, deren er(Schecta) den Sprecher geziehen habe, gut heiße; jedoch ſtellte er die Bedingung, bei dieſem Act zugegen ſein zu dürfen. Als die Com⸗ miſſion zuletzt befahl, man ſolle ihn mit Wache nach Haus zurückführen, ſagte er, er begreife nicht recht, warum man ihn nicht gehen laſſe; da man indeß angefangen habe, Gewalt zu brauchen, ſo möge man immerhin damit fortfahren, jedoch müſſe man ins Protokoll aufnehmen, daß er Genugthuung verlange, und keine andere Herrſchaft anerkenne als das Geſetz.“ „Ich möchte nur wünſchen,“ bemerkte die Köni⸗ gin,„daß unſere übrigen Freunde Ichſell, Forbus, Häſtesko und wie ſie alle heißen, mit derſelben Ent⸗ ſchloſſenheit wie Schecta gegen die Commiſſion auf⸗ träten, die ihr blutiges Beil am Ende auch noch über Ihren Häuptern, meine Herren, ſchweben laſſen wird.“ In dieſen Worten der Königin lag ein ſchnei⸗ dender Contraſt gegen die Heiterkeit, welche die Er⸗ zählung von Schecta hervorgerufen hatte. Ueberſah ſie wohl in dieſem Augenblick die Ereigniſſe klaren als alle Anderen, oder war dieſe Aeußerung blos der Ausfluß einer ihrer vielen Launen? So einfach und ungeſucht dieſe Worte waren, ſo machten ſie doch einen tiefen Eindruck auf die Anweſenden. Aber auf einmal richteten drei von ihnen, Brahe, Hard und Horn, ihre Häupter empor und hefteten einen feſten Blick auf die Königin. Nur Wrangel behielt ſein Auge zur Erde geſenkt. „Die Reichsſtände, Ew. Majeſtät,“ ſagte Brahe⸗ daß der die Ver⸗ geziehen ung, bei ie Com⸗ che nach ht recht, n indeß öge man nan ins erlange, Geſetz. ie Köni⸗ Forbus, den Ent⸗ ion auf⸗ ich noch en laſſen m ſchnei⸗ die Er⸗ geberſal 2 klarer⸗ ng blo einfach hten ſi en. Brahe, hefteten Wrangel Brahe 75 „beſitzen allerdings eine große Macht, ſowohl über den Rath des Königs als über die Nation, und die Commiſſion mag wohl ein blutiges Beil in ihrer Hand ſein; aber die Macht der Stände beruht doch hauptſächlich auf der Ritterſchaft und dem Adel, und Ritterſchaft und Adel, Ew. Majeſtät, werden niemals über ihre älteſten Stammgenoſſen den Stab brechen können: ſie vergeſſen niemals, daß ſie Fleiſch von ihrem Fleiſch, Bein von ihrem Bein ſind.“ „Ich bin kein Politiker,“ meinte Hard,„aber wir müſſen nicht weiter gehen, als das Brett uns trägt.“ „Als das Brett uns trägt,“ wiederholte die Königin. Auch Horn wollte Etwas ſagen; aber auf ein⸗ mal erblaßten ſeine Wangen, und die Worte erſtar⸗ ben auf ſeinen Lippen. „Graf Hard,“ ſprach dagegen Wrangel, während er langſam ſein Haupt emporrichtete,„Sie ſind ein ganz guter Staatsmann, obſchon Sie ſelbſt kei⸗ nen Werth darauf legen. Die Parteien haben in Wahrheit keine Angehörigen, ſie kennen keine Ver⸗ wandtſchaft, ſondern laſſen ſich ausſchließlich von ihren Intereſſen beherrſchen. Jeder, der ſie be⸗ kämpft, iſt ihr Feind. Wie Saturn, würden ſie ihre eigenen Kinder auffreſſen, wenn ſie dieſelben fürch⸗ teten. Um eine Partei zu bekämpfen, muß man, wie Cybele, den neugebornen Jupiter verbergen, bis er ſelbſt ſeinen Blitz handhaben kann. Wie Sie ſa⸗ gen, Graf Hard, man muß nicht weiter gehen, als das Brett trägt, ja kaum ſo weit, denn es kann um⸗ ſchlagen, wenn man es am wenigſten ahnt. Die neueſten Vorgänge beweiſen am beſten, wie kitlich unſere Lage iſt. Schaut man recht tief hinein, ſo entdeckt man dreiſte Vorbereitungen zu großen, feind⸗ ſeligen Unternehmungen. Beabſichtigt man wohl mit dieſen beſtändig gegen uns vorgebrachten und aus⸗ geſtreuten Beſchuldigungen etwas Anderes, als einer⸗ ſeits die öffentliche Meinung in Harniſch zu bringen, und andererſeits uns zu veranlaſſen oder zu zwin⸗ gen, daß wir das geſetzliche Maß überſchreiten ſollen? Ein unvorſichtiger Schritt jetzt und wir ſind verlo⸗ ren. Die Commiſſion wird nicht unſere Ahnen, ſon⸗ dern die Sicherheit ihrer eigenen Partei auf die Wagſchale ihrer Gerechtigkeit legen. Man hat be⸗ reits mehrere unſerer Freunde verhaftet, und zwar aus ganz unbedeutenden Gründen. Es iſt wahr, daß dieſe nicht den höheren, ſondern vielmehr den unteren Claſſen angehören, aber man will damit nur ſein Terrain unterſuchen. Wenn man ſtark ge⸗ nug wird, d. h. wenn man genügende Veranlaſſun⸗ gen erhält, ſo wird man auch über uns herfallen. Als man Silfverhjelm feſtnahm, war es mir, als ob. das Brett unter meinem Fuß zitterte, und als ich hinabſchaute, ſah ich einen Abgrund unter mir ſich öffnen. Man braucht blos einen von denen, die wirklich in unſere Geheimniſſe eingeweiht ſind, ge⸗ fangen zu nehmen, um durch ihn den ganzen An⸗ ſchlag zu erfahren. Wir haben allerdings noch kei⸗ nen Schritt gethan, der, nach der gewöhnlichen An⸗ nahme des Wortes, als Verbrechen gegen die Staatsordnung ausgelegt werden könnte; aber wir haben von der Nothwendigkeit einer Veränderung geſprochen, wir haben uns über die Möglichkeit, eine ſolche mehr: klagte gethar vertra Hard, aber! D wechſe ſich w / merkte 8 7, daß je ſicht g heit n W Ander auch ihrem ſollte Männ ſich ei überze nen( Freun lichen den B Al mal e „0 ſind ku 77 ſolche durchzuführen, berathen, und was braucht es mehr? Haben unſere Freunde, die jetzt als Ange⸗ klagte vor der Commiſſion ſtehen, etwas Anderes gethan? Ich wage es deshalb, vor blindem Selbſt⸗ vertrauen zu warnen. Alſo wie Sie ſagen, Graf Hard, wir können gehen, ſo weit das Brett reicht, aber keinen Schritt weiter.“ Die Königin hörte Wrangel aufmerkſam an, wechſelte aber die Farbe und ihre Stirn verdüſterte ſich wieder. „Sie wollen ſich zurückziehen, Wrangel,“ be⸗ merkte ſie. „Weit entfernt, Ew. Majeſtät, aber ich wünſche, daß jeder Schritt vorwärts mit wohlberechneter Vor⸗ ſicht gemacht werde, daß man Vernunft und Klug⸗ heit nie aus dem Auge laſſe.“ Wrangels Haltung wirkte augenſcheinlich auf die Anderen, und die Königin bemerkte es. Sie konnte auch ſeine Anſichten nicht mißbilligen, obſchon ſie ihrem entſchloſſeneren Character nicht zuſagten. Was ſollte ſie thun? Sie durfte das Intereſſe dieſer Männer ſich nicht abkühlen laſſen. Sie verſprach ſich einen guten Erfolg davon, wenn ſie dieſelben überzeugen könnte, daß ſie nicht blos in ihrer eige⸗ nen Geiſtesgegenwart, ſondern noch mehr in der Freundſchaft ihres königlichen Bruders einen weſent⸗ lichen Stützpunkt beſitze. Schnell ergriff ſie daher den Brief und öffnete ihn. Aber ſie kam nicht weit damit, als ſie auf ein⸗ mal erblaßte. „Cw. Majeſtät,“ ſagten die vier Herren,„Sie ſind krank, Sie werden blaß... Aber die Königin beherrſchte ſich wieder. „Es hat keine Gefahr, meine Herren; es iſt blos ein Unglück, das einen meiner Angehörigen be⸗ troffen hat.“ Die vier Männer ſtanden ſchweigend um ſie her. Die Königin maß ſie mit feſtem Blick. „Mein Entſchluß iſt gefaßt,“ ſagte ſie;„laſſen Sie uns handeln, aber mit der Vorſicht, welche die Umſtände unleugbar gebieten. Sie wiſſen, meine Herren, daß ich mich, obſchon ich bereits die nöthi⸗ gen Vorbereitungen dazu getroffen hatte, gleichwohl durch einen gewiſſen Widerwillen abhalten ließ, meine Juwelen zu verpfänden; aber jetzt muß dieß geſche⸗ hen. Sie werden dieſelben morgen abholen, Wran⸗ gel. Sprechen Sie heute Abend mit Grill. Die Pa⸗ piere ſind in Ordnung, Alles iſt im Reinen. An Geld wird es uns alſo nimmer fehlen.“ Sie verſtummte wieder, während ſie einen Augen⸗ blick die Stirne in ihre Hand ſenkte. „Ja ja, laſſen wir's ſo, meine Hetren. Vorwärts, aber vorſichtig. Verzeihen Sie mir, das Unglüch das mein Bruder erzählt, regt mich auf. Leben Sie wohl, meine Herren!“ Sobald die Königin ſich allein ſah, ſank ſie in einen Lehnſtuhl und öffnete den Brief ihres Bruders wieder. Sie las ihn jetzt zu Ende, wandte ihn nach allen Seiten, begann ihn von Neuem zu leſen, legte ihn zuſammen, warf ihn auf den Tiſch, nahm ihn aber wieder und las ihn zum dritten Mal. Während ihre Aufmerkſamkeit noch an dem Brieſe haft wan des eine kann ſtät dach jeſtä biete Maj ten gege ſind auch tatio ſon, herb tung ich d denje leicht Kraf verw weni Ew. 5 ſie ob ſi ging 71 es iſt en be⸗ te her. laſſen he die meine nöthi⸗ hwohl meine geſche⸗ Vran⸗ e Pa⸗ An ugen⸗ därts, 1 Sie ie in iders nach legte ihn riefe 79 haftete, hörte ſie eine Bewegung hinter ſich und wandte ſich ſchnell um. Alma und Puke kamen heran. „Ew. Majeſtät,“ ſagte Puke,„die Anvertrauung des Auftrags, den Sie mir nach Berlin gaben, war eine Auszeichnung, wofür ich nicht genug danken kann. Aber Alma hat mir erzählt, wie Ew. Maje⸗ ſtät auch während meiner Abweſenheit an mich ge⸗ dacht haben. In tiefer Verehrung bat ich Ew. Ma⸗ jeſtät vor einigen Monaten, über mein Leben zu ge⸗ bieten. Während meiner Abweſenheit haben Ew. Majeſtät durch Röhr's Vermählung eines der größ⸗ ten Hinderniſſe, die Alma's und meinem Glück ent⸗ gegenſtanden, aus dem Wege geräumt. Aber dabei ſind Sie nicht ſtehen geblieben. Ew. Majeſtät haben auch meine Chre gewahrt, indem Sie eine Confron⸗ tation zwiſchen Ehrenpreutz auf der einen und Lars⸗ ſon, Schecta und Wrangel auf der anderen Seite herbeiführten. Niemand kann in größeren Verpflich⸗ tungen gegen Ew. Majeſtät ſtehen, als ich. Möge ich daher hoffen dürfen, daß man mich bald nicht zu denjenigen Geſchäften, welche Ew. Majeſtät für die leichteſten halten, ſondern zu ſolchen, welche die volle Kraft und den ganzen Ernſt eines Mannes erheiſchen, verwenden werde. Ich fürchte Nichts, und am aller⸗ wenigſten fürchte ich, daß ich ſchwanken, zögern oder Ew. Majeſtät betrügen könnte.“ Ddie Königin antwortete nicht ſogleich. Nachdem ſie Puke ſtill eine Weile betrachtet hatte, gleich als ob ſie ſich erſt in ſeine Worte hineinzufinden ſuchte, ging ſie überlegend im Zimmer auf und ab. „Ihre Verſicherung, Puke, iſt, das leſe ich in 80 Ihrem ernſten Geſichte, keine leere Phraſe. Ich traue Ihnen daher vollkommen, und leider werde ich mich auch nur zu bald in dem Fall befinden, Ihre Thä⸗ tigkeit in Anſpruch nehmen zu müſſen. Laſſen Sie mich jedoch zuerſt hören, welche Pläne Sie ſelbſt für Ihre Zukunft entwerfen.“— „So wie die Dinge jetzt ſtehen, Ew. Majeſtät, halte ich's für's Beſte, mir ganz offen und einfach Alma's Hand von ihren Angehörigen zu erbitten.“ „Aber dieſe werden Ihre Bitte abſchlagen.“ „Es kommt darauf an, Ew. Majeſtät. Ich ge⸗ denke auch Larsſon aufzuſuchen und mir die Papiere zu verſchaffen, die er zu beſitzen behauptet.“ „Larsſon...“ „Ja, Ew. Majeſtät.“ „Larsſon iſt entflohen. Aber das können Sie freilich nicht wiſſen, da Sie eben erſt in's Vaterland zurückgekehrt ſind.“ „Entflohen? Ich werde ſeine Spur verfolgen, und ginge es bis in die Hölle.“. Die Königin ging von Neuem auf und ab. Aber bei dieſer beſtimmten Antwort Puke's blieb ſie vor ihm und Alma ſtehen. „Sie haben Anderes zu thun, Puke,“ bemerkte ſie,„als Larsſon zu folgen.“ „Ew. Majeſtät,“ erwiederte er,„meines Vaters Ehre...“ „Und mein Wille,“ ſiel ſie ein. Puke verbeugte ſich. Der ruhige Ernſt, der ergebungsvolle und den⸗ noch mannhaft entſchloſſene Ausdruck ſeines ganzen Weſens imponirte. Alma wechſelte die Farbe. Beide hat ſpre ab ſie tra mir Köl ren mer ver traue )mich Thä⸗ n Sie ſt für jeſtät, infach tten.“ 7 h ge⸗ piere Sie land lgen, Aber vor erkte ters den⸗ hatten Etwas an ſich, was zum Herzen der Königin ſprach. Aber noch einmal wandte ſie ſich von ihnen ab und machte einen Gang durchs Zimmer. Als ſie wieder ſtehen blieb, klingelte ſie und ein Page trat ein. „Sage Ernſt,“ befahl ſie,„er ſolle ſogleich zu mir herauf kommen.“ Puke und Alma merkten nur zu gut, daß in der Königin Etwas vorging, was ſie ſich nicht zu erklä⸗ ren vermochten. Sie ſahen ihr mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zu. 3 Ernſt kam nach einer Weile. „Du weißt doch,“ fragte die Königin,„wo Silf⸗ verhjelm ſich verborgen hält?“. „Ja, Ew. Majeſtät.“ Dann ſuche ihn ſogleich auf und ſage ihm, daß ich ihn heute Abend zu ſprechen wünſche. Bedeute ihm aber auch, daß er die größtmöglichſte Vorſicht zu beobachten habe. Er weiß ſelbſt am beſten, welche Gefahr ihn bedroht.“ Als Ernſt ſich entfernte, wandte ſich die Königin wieder zu Puke. R„Verlaſſen Sie ſich auf mich,“ ſagte ſie zu ihm, „ich verdiene Ihr Vertrauen gewiß. Ich war nahe daran, Sie nach Berlin zurückzuſchicken, weil dieſer Brief hier— ſie hob ihn in die Höhe— meinen Wünſchen allzu unvollſtändig entſpricht. Aber ich will Sie nicht von Neuem auf dieſe Probe ſetzen. Mein Auftrag wird Silfverhjelm, der ja doch das Land verlaſſen muß, beſſer zu ſtatten kommen.“ Alma beugte ſich, um dankbar die Hand der Kö⸗ Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. IV. 6 82 nigin zu küſſen, dieſe aber legte ſie auf das geſenkte Haupt der Jungfrau und ergriff die Hand Puke'. „Männliche Kraft und weibliche Ergebenheit,“ ſagte ſie,„das iſt es, was ich hochachte. Dieſelben Leute, die mich bekämpfen, bekämpfen auch Euch, Erwerbet mir ihre Freundſchaft, Euch ihren Beifall, ſo haben wir gemeinſchaftlich einen Sieg erworben. Se. Majeſtät der König gibt heute Abend ein Feſt; kommen Sie auch hin, Puke, und wenn Sie mit Ehrenpreutz zuſammentreffen, ſo handeln Sie, wie Sie es gut finden. Ich habe eben ſo viel Vertrauen zu Ihrem Urtheil, als zu Ihrem Muth. Sie ſind jetzt frei, Puke; wenn ich Ihrer bedarf, werde ich Sie rufen laſſen.“ — V Einundzwanzigſtes Kapitel.( A Die drei Grazien. Puke's Zuſammentreffen mit Cree⸗ N Wir treten jetzt bei Ferſen ein, aber nicht bch dem Grafen Axel Ferſen, dem erſten Staatsmann, ſondern bei Carl Ferſen, dem Freund der Muſen, mehr als der Weisheitsgöttin. Die Ferſiſche Familie konnte dazumalen als die eigentliche Tonangeberin in der vornehmen Welt be⸗ trachtet werden, nicht blos vermöge ihrer weitver⸗ zweigten Verbindungen, ſondern noch mehr vermöge ihrer politiſchen Erfolge und ihrer ariſtokratiſch ſchim⸗ mernden Haltung, was alles ihrer Grafenkrone einen Glanz verlieh, welcher beinahe mit dem königlichen wetteifern konnte. ſenkte zuke’s. heit,“ ſelben Euch. eifall, rben. Feſt; mit wie auen ſind ich 83 Laß uns inzwiſchen unerſchrocken eintreten, ge⸗ neigter Leſer: in einem Roman beruht die Etikette blos auf der Phantaſie des Verfaſſers, und was man von dieſer auch ſagen mag, ſo iſt ſie jedenfalls nicht bäueriſch blöde. Wir paſſiren alſo durch den großen Saal, ſo wie durch einen daran ſtoßenden Salon, beide nach der beſten Sitte der Zeit prachtvoll möb⸗ lirt, und treten in's Wohnzimmer ein. Auch die⸗ ſes iſt geſchmackvoll und elegant, obſchon wir in unſeren Tagen Beſſeres geſehen haben. Aber was wir nicht ſchöner geſehen haben, das ſind die lieb⸗ lichen, reizenden, kleinen Mädchen, die wir hier lachend und ſpielend beiſammen finden. Sie ſind vier an der Zahl. . Die älteſte von ihnen hat zehn bis zwölf Jahre. Wie dunkelblau wölbten ſich nicht ihre Augen! Träumt wohl das in der jungen Bruſt erwachende Herz be⸗ reits einen ahnungsvollen Morgentraum vom Leben? Im Blicke Ernſt, auf dem erröthenden Mund ein lächelnder Schalk. Es iſt da eine Gegenwart, aus welcher eine Zukunft hervorkeimt. Und die drei übrigen jüngeren, noch kindlicheren — wie reizend, wie liebenswürdig! Welche bezau⸗ bernde Kindlichkeit in ihren Geſichtszügen, wie viel naive Liebenswürdigkeit in ihrem ganzen Weſen, welche ſpielende Anmuth in ihren Bewegungen! Mitt allem Recht bleiben wir bewunderungsvoll ſtehen beim Anblick dieſer bezaubernden Kinder, welche dereinſt mehr als ein Herz feſſeln und mit dem zwar vergänglichen, aber doch mächtigen Scep⸗ ter der Schönheit herrſchen ſollten! 84 Die erſte von ihnen war Luiſe Sparre, Tochter des Oberſtatthalters Grafen Axel Wrede Sparre. Die zwei andern waren die Töchter des Grafen Carl Ferſen, Auguſte und Ulla. Die Mitzeit zollte ihnen den ritterl ihrer Bewunderung; die Nachwelt h zu vergeſſen vermocht. Aber was ſie auch jetzt als Knoſpen verhießen, ſo ſollten ſie doch dereinſt als vollkommen herange⸗ wachſene Blumen noch mehr leiſten. Sie haben indeß nicht blos bei Hofe, ſondern auch in der Welt des Geſanges geglänzt, und das iſt mehr: bei Hof welken alle Blumen mit dem Hofe ſelbſt dahin, aber im Reich des Geſanges ſtirbt keine: alle ſeine Blüthen bleiben unverwelklich. Die Poeſie iſt ſo ſehr die Tochter des göttlich Ewigen, daß ſie auch ihren Gegenſtänden eine ge⸗ wiſſe Unvergänglichkeit zu verleihen vermag, und in ſo fern können dieſe drei Jungfrauen, auf welche Kellgren ſein berühmtes Lied: Die Taufe der Grazien, dichtete, ihres bleibenden Nachruhms ge⸗ wiß ſein. Für den Augenblick ergehen ſich die herrlichen Kinder in allerliebſten, poetiſch freien Entwürfen und Plänen, was ſie einſt werden wollen. Aber wer iſt die vierte im Bunde? Die kindlich unſchuldsvollen Verheißungen der Natur ſind bei ihr nicht minder reich. Hier hebt ſich die Stirne allerdings etwas ſtolzer, und obſchon ſich ein Schalk vergebens in den zierlichen Grübchen der Wangen zu verbergen ſcheint, findet man doch die Augenlinien entlang einen kleinen Zug, der bei⸗ ichen Preis at ſie noch nicht Tochter rre. Grafen Preis nicht ießen, ange⸗ ndern ) das Hofe eine: ttlich ge⸗ d in elche der ge⸗ chen und der ebt hon hen och ei⸗ 85 3 nahe von Neigung zu größerem Ernſt, man könnte vielleicht ſogar ſagen, zu Melancholie zeugt. Während die übrigen Kinder ſpielend im Zimmer umher ſpringen, betrachtet ſie ein auf dem Sophatiſch liegendes Gemälde, das ihre ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen ſcheint. Es iſt Anna Creutz, Tochter des Lieutenants Grafen Creutz. Aber ſo gerne wir noch länger bei der einneh⸗ menden Kindergruppe verweilen möchten, ſo hören wir doch in dieſem Angenblick ſprechende Stimmen von einem innern Zimmer her, und unſer Intereſſe für die Tagesbegebenheiten verlockt uns, den Thür⸗ vorhang zu lüften, welcher den Weg dahin verſperrt. In der That belohnt auch der Anblick unſre Kühn⸗ heit. Wir haben die Bekanntſchaft der Gräfin Ferſen, Gemahlin des Grafen Carl, ſchon bei einer früheren Gelegenheit im Hauſe des Barons Pechlin gemacht. Welche vollendete Anmuth in ihrem ganzen Weſen! Obſchon ſie ihre Toilette ſo eben beendet hat, be⸗ trachtet ſie ſich noch einmal im Spiegel. Das Spiegel⸗ bild ſtrahlt auch auf ſie zurück, und es iſt wohl ver⸗ zeihlich, wenn es ihr ein Gefühl des Stolzes ein⸗ flößt. Wenn man ſie ſieht, da begreift man ſo leicht, warum man vorzugsweiſe an der äußeren Schönheit des Weibes ſo ſehr feſthält; man ſieht ein, daß dieſe daher kommt, weil ſie eine wirkliche Macht iſt. Die innere Schönheit, welcher die äußere abgeht, gleicht einem König ohne Reich, ohne Thron, ohne Krone, ohne Scepter, und wird daher immer nur ſehr wenige Anbeter haben. Das göttliche Weſen iſt allerdings das ewig bewundernswerthe; aber fehlte es ihm an 86 einer Geſtalt in der unendlichen Symbolik der Welt ſo würden wir es doch kaum verſtehen. So iſt der Menſch. Er emancipirt ſich niemals ganz von ſeinen Alltagsgefühlen. „Sei aufrichtig, Marie Luiſe,“ ſie ſich vom Spiegel abwandte was auf Deinem Herzen laſtet. Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe; Du weißt, daß ich Deiner Mutter verſprochen habe, als Freundin über Dich und die Deinigen zu wachen. Aber Du bedenkſt Dich?“ „Nein, Frau Gräfin, nein; aber ich weiß nicht...“ „Immer Frau Gräfin; ſind wir denn nicht Freun⸗ dinnen, Marie Luiſe?“ „In meinem Herzen ja, Frau Gräfin; aber ich erblicke in Ihnen.7 „Das ſtolze Weib, willſt Du ſagen; aber ich er⸗ blicke in Dir noch etwas mehr, das beſcheidene Weib, und Beſcheidenheit, Marie Luiſe, iſt doch die ſchönſte Eigenſchaft eines Frauenherzens. Aber Du willſt Dich mir nicht anvertrauen; ſoll vielleicht ich Dir ſagen, warum Du Dich abhärmſt? Du verzeihſt mir? Nun wohl, Du biſt unglücklich, Marie Luiſe.“ Dieſe Worte waren an Marie Luiſe Creutz, Gattin, des Lieutenants Grafen Creutz, gerichtet. ie von einem tiefen Schmerz berührt, er⸗ blaßte ſie. „Ach nein, Gräfin, Sie täuſchen ſich,“ antwor⸗ tete ſie etwas lebhafter als gewöhnlich;„ich bin nicht unglücklich, das iſt zu viel geſagt, aber...“ „Sprich, Marie Luiſe; ich bitte Dich beim An⸗ denken Deiner Mutter, ſprich.“ „Aber ich fürchte,“ fuhr ſie beinahe ſtammelnd ſagte ſie, indem „„vertraue mir Alles, r Welt, iſt der ſeinen indem Alles, ie ſehr Mutter nd die 2 9t... Freun⸗ er ich h er⸗ Veib, önſte villſt Dir eihſt iſe.“ attin er⸗ vor⸗ icht An⸗ Iind fort,„ich fürchte es zu werden; und dieſe Ahnung erſchreckt mich, bringt mich um alle Ruhe und Freude, bannt den Schlaf von meinen Augen.“ Die Gräfin Ferſen hatte ihren Arm um Marie Luiſe geſchlungen und zog ſie näher an ſich. Wenn die Gräfin auch einige Jahre älter war als Marie Luiſe, ſo unterſchieden ſie ſich doch weni⸗ ger dadurch, als durch ihr Ausſehen und ihre Ge⸗ müthsart. Schönheit und Liebenswürdigkeit blühten bei der Erſteren auf einer Grundlage von Geſund⸗ heit und Glück, während ſie bei der Letzteren ſichtlich von einem innern Leiden verzehrt wurden. „Ich bin überzeugt,“ fuhr indeß Marie Luiſe fort,„daß Creutz mich warm und aufrichtig liebt, wie auch daß er ein grundehrlicher und redlicher Mann iſt, von deſſen Handlungen und Geſinnungen ich keinen Augenblick Etwas zu fürchten brauche, wenn er nur den Eingebungen ſeines eigenen guten Herzens folgt. Aber deßungeachtet hat er mir ſchon längere Zeit ganz unerklärlich geſchienen. Was ihn früher intereſſirte, hat jetzt allen Werth für ihn ver⸗ loren. Ich ſehe, daß er ſich jetzt von neuen und fremden Eindrücken leiten läßt. Die Freundſchafts⸗ verbindungen, die er früher hochſtellte, feſſeln ihn jetzt nicht mehr. Sogar Alma, die ſonſt eine ge⸗ wiſſe Macht über ihn beſaß, betrachtet er jetzt... ich ſchäme mich es zu ſagen... blos noch als eine Waare, womit er ſpeculiren kann. Seinen alten Freund Brahe haßt er beinahe, und Herrn von Röhr, der früher ſein täglicher Umgang war, empfängt er nicht mehr. Mit einem Wort, ich verſtehe ihn nicht. Seine Gedanken beſchäftigen ſich mit Dingen, die ich 88 nicht begreife. Er iſt unzufrieden mit dem Hof, ja mit der ganzen Welt, nur mit ſich ſelbſt nicht. Ach, Gräfin, verzeihen Sie mir, daß ich mich Ihnen an⸗ vertraue. Aber ich vermag es nicht allein zu tragen... Sie kam nicht weiter. wurde der Thürvorhang zurückgeſchlagen, und ein freundliches, heiteres Geſicht kam zum Vorſchein. Es gehörte dem Grafen Carl Ferſen. „Ei, ei, meine Damen ſich in ſentimentale Scen In dieſem Augenblick ,“ ſagte er,„Sie vertiefen en, die ſich gewiß auf dem Theater ganz meiſterhaft ausnehmen würden; aber Sie vergeſſen, daß die Equipage ſchon eine Stunde auf Sie wartet. Haben Sie eine Rolle zu repetiren?“ „Keinen Scherz, mein Freund,“ antwortete die Gräfin.„Der Kummer des Menſchenherzens iſt keine Theaterpuppe.“. Der Graf ging ſogleich mit einem theilnehmen⸗ den und herzlichen Ausdruck auf Marie Luiſe zu. „Während ich mich draußen an den Kindern er⸗ freute,“ ſagte er, und ſeine Stimme war jetzt voll Ernſt,„hörte ich Alles, was Sie hier innen ſprachen. Erröthen Sie nicht darob, meine Gräfin. Sie be⸗ ſitzen nicht blos in meiner Frau eine Freundin, ſon⸗ dern auch in mir einen Freund. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen das Räthſelhafte im Weſen Ihres Mannes zu erklären? Sie ſagten ja doch, er ſei jetzt anders als vorher. Der Grund liegt darin, daß er in der neueſten Zeit eine Bahn betreten hat, welcher er vielleicht nicht gewachſen iſt.“ „Welche Bahn meinen Sie, Herr Graf?“ „Die der Politik.“ + vof, ja Ach, en an⸗ ein zu eenblick id ein n. Es rtiefen f dem aber tunde ren?“ te die 1s iſt zmen⸗ u. n er⸗ voll chen. 2 be⸗ ſon⸗ mir hres ſei trin, hat, 89 s dürfte nicht leicht zu entſcheiden ſein, in wie weit Marie Luiſe den tieferen Sinn verſtand, den Ferſen in ſeine Worte zu legen beabſichtigte. „Sie ſagten, meine Gräfin,“ fuhr er indeß fort, „daß ältere Freundſchaftsverbindungen ſich jetzt in ſeiner Seele gleichſam auflöſen, und daß er ſogar Perſonen haſſe, die er früher liebte.“ 3 „Jcl, ja.“ „Wiſſen Sie denn nicht, daß er Mitglied der Commiſſion iſt?“ 3 Auch auf dieſes Wort legte Ferſen eine ſtärkere Betonung. „Ferner ſagten Sie, er ſei mit dem Hof, mit der ganz en Welt unzufrieden. 4, „Ja, das ſagte ich 4 „Und wollen Si die Urſache wiſſen?“ „Lrllären Sie ſih, Herr Graf, ich bitte Sie.“ „Der Dämon des Ehrgeiß es hat in ſeine Seele gegriffen, ſein Herz erfaßt, ſein Gemüth hingeriſſen. Er will arfde vorwarts er hat innerhalb der Grenzen ſeiner älteren Verhältniſſe keine Nuhe mehr.“ Und während er das ſagte, wandte er ſich an ſeine Frau und ergriff ihre Hand. „Mit nicht geringerem Stolz als mein Bruder Axel fühle ich, daß ich ein Ferſen bin; aber mit Dank gegen die Vorſehung glanbe ich unend dlich glück⸗ licher zu ſein als er. Ich liebe mit Leidenſchaft die ſchönen Künſte...4 Seine Frau drohte ihm ſchalkhaft mit der Hand. „Du liebſt die ſchönen Künſte,“ wiederholte ſie; „Du hätteſt kürzer ſagen können: Ich liebe die Schönen.“ 90 „Nein, meine Gute; ich liebe die Kunſt, die ſchöne Kunſt, hauptſächlich die dramatiſche Kunſt, und ich bin überzeugt, daß das Glück, das ich vom Leben genieße, die Freude und Friedſamkeit, die mich in meinem Hauſe umgeben, die ruhige und ſtille Liebe, die ich für die Meinigen hege, weſentlich daher kom⸗ men, daß ich mich niemals mit der Politik befaßt habe. Die Politik iſt ein Hirngeſpinnſt; von dem Augenblick an, wo wir uns ihr hingeben, fliehen Ruhe und Friede, und man verfällt der Tyrannei einer beſtändig wachſenden Leidenſchaft. Wenn man die ſchönen Künſte liebt, ſo liebt man alle Menſchen und wird auch von ihnen geliebt, die Politik dagegen verjagt die Liebe aus unſerer Bruſt und die Freunde von unſerer Seite. Aber laſſen Sie uns jetzt gehen.“ Als ſie in's Wohnzimmer kamen, hatte ſich die Anzahl der Kinder noch um ein fünftes vermehrt, es war der kleine Arvid Creutz, ein derber, treuher⸗ ziger Junge von ſieben bis acht Jahren. Sobald er ſeine Mutter erblickte, ſprang er auf ſie zu und ergriff ihre Hand. „Mama,“ rief er,„die Mädchen ſagen, daß ſie mit in's Schloß dürfen, zum Prinzen; darf ich nicht auch mit, Mama?“ „Ja wohl, mein Junge; die Königin hat es er⸗ laubt. Aber du mußt mir verſprechen, recht artig gegen den Prinzen zu ſein.“ „Ich verſpreche es, Mama.“ Die langen Zimmerreihen des ſtattlichen Palaſtes waren prachtvoll beleuchtet. Equipagen fuhren zu und ab. Bald blieben ſie vor den Thoren des äuße⸗ höne d ich heben h in eiebe, kom⸗ efaßt dem ehen nnei man ſchen 9¹1 ren Schloßhofes ſtehen, bald durften ſie bis in den inneren herein rollen. Die Etikette iſt ein ſtrenger Hofmarſchall, auf deſſen Stab die Freiheiten und Rechte jedes Einzelnen bis zur kleinſten Linie gezeich⸗ net ſtehen. In den Salons ordneten ſich die Ankommenden gruppenweiſe, je nach Würde und Geſchmack. Wir kennen die Stellung der Parteien. Aber je größer die politiſche Spannung wurde, um ſo mehr bemühte man ſich, durch verbindliche Umgangsformen gleich⸗ ſam einen Blumenteppich über den Abgrund zu wer⸗ fen, der ſich zwiſchen den feindlichen Fractionen im⸗ mer mehr erweiterte. Hätte man den vuleaniſchen Boden nicht gekannt, worauf man ſtand, ſondern blos aus demjenigen ſchließen wollen, was man flüchtig um ſich her ſah, ſo hätte man vermuthen können, es habe eine Zeit wirklicher Verſöhnung be⸗ gonnen. Durch zuvorkommende Artigkeit ſuchte man einander zu täuſchen, ohne daß ſich indeß Jemand täuſchen ließ. So tief auch die äußere Verehrung war, welche die Herren Reichsräthe und auch die Stände der Majeſtät zollten, ſo hob ſich doch die geſpenſtiſche Geſtalt der Commiſſion finſter und dro⸗ hend über ihre Schultern empor. Der König hatte die bedeutſamſten Perſonen aller Parteien eingeladen. Es war ihm ein tiefes, inniges Bedürfniß, nicht ſowohl vielleicht daß dieſe Leute ſich ihm nähern möchten, als daß er ſich ihnen nähern könnte. Wir wiſſen, daß die Königin die Verhältniſſe nicht von demſelben Geſichtspunkte aus betrachtete. Man hatte ſich auch zahlreich eingefunden. Man 92 war gewöhnt, in den königlichen Prachtſälen ſowohl ſeine Freunde als ſeine Gegner zu treffen, und man war ebenſo geneigt, mit den Erſteren ein heiteres Wort zu wechſeln, als mit den Letzteren im Zungen⸗ kampf eine Lanze zu brechen. Aber dies war doch nicht die einzige Urſache, warum ſogar die erbittert⸗ ſten Feinde des Hofes ſich gern da einſtellten. Wenn die Königin auf der einen Seite durch ihre ränke⸗ ſüchtige Dreiſtigkeit mit magnetiſcher Kraft bei Vie⸗ len den Wunſch erweckte, ſelbſt ihre unbedeutendſten Unternehmungen aufmerkſam zu beobachten, ſo beſaß ſie auf der andern Seite auch ein ungewöhnliches Talent, ihren Feſten den Reiz überraſchender Neuheit zu geben, wodurch ſie ungemein anziehend wurden. Man kam mit der Hoffnung, etwas Neues zu erfahren, und man entfernte ſich ſelten, ohne Etwas gefunden zu haben. Auch jetzt ſchauten die Gäſte ſich um, gleich als wollten ſie erforſchen, ob ſie etwas Unerwartetes zu hoffen hätten. Wirklich gab auch ein unbedeutender Umſtand Anlaß zu ſolchen Hoffnungen. Die Thüren eines der größeren Zimmer, die gewöhnlich Jeder⸗ mann offen ſtanden, waren nämlich jetzt nicht blos verſchloſſen, ſondern wurden ſogar von zwei Hof⸗ pagen bewacht, die wie Poſten auf und ab ſchritten und Jedermann den Zutritt verweigerten. Was mag das bedeuten? fragte man ſich, und die Beſteingeweihten antworteten entweder mit einem ausweichenden Scherz oder mit einem: Wir werden ſchon ſehen. Wir, die wir wiſſen, daß die Königin von ganz anderen Gegenſtänden, als von feſtlichen Anordnun⸗ wohl man eres gen⸗ doch tert⸗ benn nke⸗ Vie⸗ ſten eſaß ches heit den. zu vas als zu der ren der⸗ los of tten und nem den anz un⸗ 93 gen in Anſpruch genommen war, haben vielleicht einigen Grund zu bezweifeln, daß ſie Zeit gehabt habe, daran zu denken, denn in ihrem Feuer glüh⸗ ten gar viele Eiſen; wir werden jedoch bald ſehen, wie es ſich damit verhält. „Heute Abend,“ bemerkte Ehrenpreutz, der ſich faſt ausſchließlich mit den ernſten und wichtigen Fragen des Tages beſchäftigte,„ſoll man den Prin⸗ zen mit einer eigenen kleinen Geſellſchaft verſehen haben.“ Dieſe Veranſtaltung oder Unvorſichtigkeit, wenn man ſie ſo nennen will, hatte bereits ein gewiſſes Aufſehen erregt. Es war zwar nichts Ungewöhnliches, daß der Prinz mit Kindern von ſeinem Alter umgeben wurde, befand er ſich doch in den Jahren, wo die Kinder am meiſten Bedürfniß nach dem Umgang mit Ihres⸗ gleichen empfinden; aber ſeitdem die Stände angefan⸗ gen hatten, die Frage über ſeine Erziehung zu erör⸗ tern, gab die geringſte Kleinigkeit Anlaß zu verſchie⸗ denen Deutungen. Bei Hof hatte noch Niemand daran gedacht, und vielleicht iſt dies ein Mangel an Ueberlegung zu nennen. Für viele der Anweſenden bildete indeß der Ge⸗ genſtand das Hauptthema ihrer leiſen Geſpräche. Jedermann war entſchloſſen, aufmerkſam zu beob⸗ achten, wie der Prinz, deſſen kindlicher und heiterer Geiſt bereits lebhaft arbeitete, ſich anlaſſen würde. Glücklicher oder vielleicht unglücklicher Weiſe wußte er jedoch ſelbſt Nichts davon, ſo daß alſo die 94 Freiheit ſeiner kindlichen Phantaſie in keiner Bezie⸗ hung gehemmt wurde. „Man fängt bei Zeiten an, ihm Vergnügen machen zu wollen,“ fügte Creutz hinzu. „Dalin denkt an Alles,“ meinte Pechlin, wäh⸗ rend ſein Blick langſam über die Sprechenden hin⸗ ſchweifte,„und man muß ihm dafür Rechnung tragen.“ „Wie verſtehen Sie das, wenn ich fragen darf?“ fiel Palmſtjerna mit gerunzelter Stirne ein. „Er will ihn bei Zeiten lehren, den König zu ſpielen,“ erklärte Pechlin. „Glücklicher Weiſe jedoch,“ verſetzte Palmſtjerna, „nur in der Kinderſtube.“ „Die Welt beginnt in der Kinderſtube,“ antwor⸗ tete Pechlin,„und endet im Greiſenhaus.“ Der Cornet Zachris Aminoff ſtand ganz nahe im Geſpräch mit einigen jüngeren Offizieren. „Sie waren lange fort, Herr Cornet,“ ſagte Creutz ihn begrüßend;„ſeien Sie wieder willkommen.“ „Der Cornet,“ erläuterte Pechlin mit einem zwei⸗ deutigen Lächeln,„mußte auf einige Wochen bei ſei⸗ nem Regimente eintreten und war ſo gefällig, bei dieſer Gelegenheit auch nach meinen Gütern zu ſehen. Der Herr Cornet Aminoff iſt ein vortrefflicher Ge⸗ ſchäftsmann.“ Aminoff und Pechlin wechſelten hierauf einige leiſe Worte mit einander. „Ich danke Ihnen, Herr Baron, daß Sie mir mit der Antwort aushalfen,“ ſagte der Erſtere.„Aber wo kann ich Amanda treffen? Es iſt ja eine Ewig⸗ keit, daß ich ſie nicht mehr geſehen habe.“ 95⁵ „Sie iſt ſicherlich auf ihrem Zimmer zu treffen.“ Das Geſpräch zwiſchen den Uebrigen war inzwi⸗ ſchen in Gang gekommen. Man kam von allgemei⸗ neren Gegenſtänden auf ſpeciellere zu reden. Die Gruppe, bei welcher wir ſtehen geblieben ſind, befand ſich gerade vor der großen Reihe von Thüren und konnte alſo alle Ankommenden leicht über⸗ ſchauen. Die Aufmerkſamkeit war jetzt auch unver⸗ wandt dieſer Richtung zugekehrt, und man vergaß nicht unter pikanten Bemerkungen die Eintretenden zu muſtern. Das lebendige Panorama war auch im höchſten Grade großartig und prächtig. Die reichen Gewande blitzten von Gold und Cdelſteinen, die Geſichter ſtrahlten von Stolz und Freude, die Kronleuchter von Kriſtallen und Lichtern. Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Zimmer, während die Maſſe der Gäſte ſich bald voran bewegte, bald in verſchiedenen Rich⸗ tungen einbog. Pechlin beobachtete Stillſchweigen. Er hatte ſich ſeit der letzten Niederlage, welche die Königin ihm bereitet, nicht mehr bei Hof eingefunden. Aber die Ereigniſſe waren jetzt bedeutend vorangeſchritten, und er wollte Genugthuung ſuchen. Durch Aminoff, der, wie wir wiſſen, Puke beinahe wie ein Schatten bis nach Berlin gefolgt war, hatte er allerlei erfah⸗ ren, was ihn zum Herrn des Terrains machte. ftete er ſeine Aufmerſam⸗ 7 Streitluſtig, wie er war, he 96 Die Grafen Axel Ferſen und Brahe kamen bei⸗ nahe gleichzeitig. „Es iſt merkwürdig zu ſehen,“ ſagte Ehrenpreutz, „mit welcher Aufmerkſamkeit dieſe zwei Männer, die kaum noch Nebenbuhler um den Marſchallsſtab waren, einander begegnen.“ „Sie haben wahrlich Recht, Onkel,“ ſtimmte Creutz ein;„dies iſt ein recht ſchönes Schauſpiel.“ Pechlin richtete ſeine grauen Augen auf ſie. „Wahrlich ein unvergleichliches Schauſpiel,“ ver⸗ ſetzte er;„aber ich weiß nur nicht, ob es eine Ko⸗ mödie oder eine Tragödie iſt. Was meinen Sie, Excellenz?“ Die Umſtehenden betrachteten Pechlin, ohne Etwas zu ſagen. „Applaudiren Sie, meine Herrn,“ rief er,„applau⸗ diren Sie; dann laſſen Sie uns eine Nacht über dem Eindruck ſchlafen, ehe wir an die Recenſion gehen. Schon Mancher iſt mit einem Eindruck ein⸗ geſchlafen und mit einem Urtheil erwacht.“ Chrenpreutz und Creutz fühlten ſich durch Pech⸗ lins biſſige Bemerkung verletzt, hefteten aber, als ob ſie Nichts gehört hätten, ihre Aufmerkſamkeit fort⸗ während auf die neu eintretenden Gäſte. Pechlin lächelte. „Sie warten auf Jemand,“ redete er ſie an; „ich glaube, daß er bald hier ſein wird.“ Ehrenpreutz und Creutz konnten nicht länger gleichgültig bleiben. „Wen vermuthen Sie, daß wir erwarten, Herr Baron?“ fragte Creutz. 97 i bei⸗„Was weiß ich?“ antwortete er gleichgültig; ohne Zweifel den Capitän Puke.“ preutz 22 2 9 1. v die Dieſer Name übte immer eine ſchreckliche Wirkung h. auf Chrenpreutz, und auch Creutz fühlte ſich unan⸗ varen genehm dadurch berührt, zwar weniger in Folge immte eigenen perſönlichen Unwillens, als wegen der Ein⸗ jel. drücke, die Chrenpreutz ihm allmälig beigebracht hatte. lel. Sollte Puke wirklich zurückgekehrt ſein? ver. Schon der Gedanke, ihn bei Hof auftreten zu ſehen, nachdem man gehofft hatte, daß er das Land Sie für immer verlaſſen würde, flößte ihnen ein Gefühl ddes Unbehagens ein. Und wirklich entdeckten ſie, twas als hätte das Schickſal ihnen keinen ruhigen Augen⸗ blick vergönnen wollen, auf einmal Puke's bleiches plau⸗ Geſicht, ſeine ruhige Stirne und ſeine ernſte Geſtalt, 1 üͤber die hinter der Schaar der übrigen Gäſte einherkam. enſion Wie gewöhnlich war er ganz allein und ſchien ſich f eim auch um Niemand zu bekümmern. Creutz, welcher ahnte, was in Ehrenpreutz vor⸗ Pech⸗ ging, ergriff ſchweigend ſeine Hand und zog ihn in eine Fenſtervertiefung. fort⸗ Hier waren ſie von der übrigen Geſellſchaft ſo gut wie abgeſchieden. an: Die vornehmſten Edelleute des Reichs, ſowohl aus dem Reichsrath als aus dem Ritterhaus, hatten inger ſich verſammelt, um den König und die Königin bei ihrem Eintritt zu empfangen. Herr 1 Der König erſchien zuerſt. Er war beinahe allein. Nach einer Weile ſah man auch die Königin. Sie hatte ſich vielleicht noch niemals mit größerer Ridderſtad, Luiſe ulriken's Hof. IV, 7 98 Maßhaltung in ihrer Majeſtät gezeigt. Ihre Augen glänzten nicht mit der gewöhnlichen Ueberlegenheit, die Stirne ſtrahlte nicht in ihrem vollen gebieteriſchen Licht, ſondern in ihrer ganzen Erſcheinung lag ein ruhiger, beinahe kummerähnlicher Ernſt, welcher den gebietenden Grundton etwas abſchwächte und zu wal⸗ rer Würde ermäßigte. Man hätte vielleicht ſagen können, daß ſie an der Gegenwart keine Freude habe, aber dennoch mit Seelenſtärke und Ruhe einer nit Kämpfen ſchwangeren Zukunft entgegenſehe. Sämmtliche zum Feſt geladene Damen hatten ſich bei ihr verſammelt und folgten ihr jetzt. Dies war unleugbar eine glänzende Umgebung: Geburt und Reichthum, Jugend und Schönheit wetteiferten hier mit einander. Der König empfing die Königin und führte ſie zwiſchen den zahlreichen Schaaren vor. Beide M⸗ jeſtäten ſpendeten da und dort gnädige Worte und freundliche Grüße. 3 Zufällig heftete ſich die Aufmerkſamkeit des Königs auf die geſchloſſenen Thüren eines der gewöhnlichen Em⸗ pfangzimmer, und er wandte ſich fragend zur Königin. 71 haſt das vermuthlich befohlen?“ „Jd. Die freundliche Miene, womit der König dieſe Antwort aufnahm, bewies ſeine Befriedigung. Er ahnte bereits, daß ein Vergnügen bevorſtand. „Das iſt recht, meine Liebe,“ fügte er beinahe flüſternd hinzu;„laß uns gegen Jedermann recht zuvorkommend ſein.“ „Ich werde Niemand beleidigen, wenn man nur mir nicht zu nahe tritt,“ nac ſtal wei Pas Lar Lui wee Lui füh den für Str wie ſpre Das wan bege Augen enheit, riſchen ag ein er den t wah⸗ ſagen habe, er mit en ſich s war t und n hier rte ſie 2 Ma⸗ e und Lönigs en Em⸗ nigin. dieſe Er einahe recht n nur 99 „Was haſt Du vor?“ „Carl Ferſen hat um Erlaubniß gebeten, Etwas nach eigenem Gutdünken und Geſchmack zu veran⸗ ſtalten. Aber er iſt ein Geheimnißkrämer, und ich weiß ſelbſt nicht, was er im Schilde führt.“ Unter ſolchen Geſprächen ſetzte das königliche Paar ſeine Runde fort. Die Gräfinnen Brahe und Hard, Ferſen und Lantinghauſen hatten ſich zuſammen geſchloſſen. Marie Luiſe und Alma, die ganz nahe bei ihnen waren, wechſelten einige Worte mit einander. „Er iſt zurückgekommen,“ ſagte Alma. „Er? Wer?“ „Puke.“ Ein Ausdruck von Angſt breitete ſich über Marie Luiſens Geſichtszüge. „Du erſchrickſt,“ bemerkte Alma.„Ach, und ich fühle mich ſo glücklich.“ „Ich begreife die Seligkeit, die Dein Herz empfin⸗ den muß, Alma,“ antwortete Marie Luiſe;„aber ich fürchte nur, Chrenpreutz und Creutz möchten neue Streitigkeiten, neue Stürme hervorrufen. Mein Gott, wie wird das enden?“ „Ich hoffe das Beſte; Puke will ſelbſt mit ihnen ſprechen.“ „Er wird nicht auf ſie einwirken können.“ „Die Königin unterſtützt ihn.“ „Beide haſſen ſie.“ In dieſem Augenblick erſchien Puke an der Thüre. Das Zimmer war voll von Menſchen, und ſein Blick wandte ſich langſam forſchend umher. Auf einmal begegnete er den Blicken Alma's. Ihr Herz verkündete 100 durch eine flammende Röthe auf ihren Wangen, daß ſie ſeine Anweſenheit bemerkt hatte. Puke dagegen blieb ſcheinbar ſo ruhig wie immer, nur die Flamme in ſeinen Augen leuchtete in höherem Glanz. Aber in dieſem Augenblick gewahrte er auch Ehrenpreut und Creutz in der Fenſtervertiefung, und mit einer ſtolzen Kopfbewegung ſchritt er weiter zwiſchen den Gruppen vor, in der offenbaren Abſicht, mit ihnen zuſammenzutreffen. Marie Luiſe und Alma, die einen heranziehenden Sturm fürchteten, ſuchten gleich ſcheuen Täublein Schutz, indem ſie ſich noch näher an die vier älteren Gräfinnen anſchloßen, unter denen ſie wenigſtens an der Gräfin Ferſen eine milde Freun⸗ din zu beſitzen ſich bewußt waren. Während der König und die Königin noch ihre Nunde durch die Zimmer fortſetzten, trat Teſſin, die⸗ ſer prächtige Adler ſowohl am Hof als in der poli⸗ tiſchen Welt, zu der kleinen Damengruppe und theilte dem Geſpräch die Lebendigkeit mit, die ihn ſelbſt ſo ſehr kennzeichnete. 3 „Der König und die Königin haben ſich,“ ſagte er zur Gräfin Ferſen,„heute Abend mit Allem um⸗ geben, was die Hauptſtadt Glänzendes beſitzt.“ „Und,“ ſiel die Gräfin ein,„auch mit Allem, was ſie Finſteres beſitzt.“ Der Graf bezog dies auf die politiſchen Tages⸗ verhältniſſe und lächelte blos zu der Antwort der Gräfin; es ſiel ihm nicht ein, ihr eine andere Deu⸗ tung zu geben. „Ganz recht,“ erklärte er mit einer artigen Ver⸗ beugung,„ſie haben ſich ſowohl mit Licht als mit Dunkel umgeben, d. h. Frau Gräfin, ſowohl mit n, daß agegen lamme Aber apreutz einer en den ihnen , die gleich näher denen Freun⸗ h ihre 7, die⸗ poli⸗ theilte bſt ſo ſagte 1 um⸗ was ages⸗ et der Deu⸗ Ver⸗ s mit l mit 101 Damen als Cavalieren; aber Sie müſſen doch zu⸗ geben, daß die Contraſte einander bedürfen, denn ohne die Dunkelheit könnte ſich auch das Licht nicht in ſeiner ächteſten Schönheit zeigen.“ „Wenn ich Sie recht verſtehe,“ ſcherzte die Gräfin, „ſo würden wir alſo gegen die Schatten, die an un⸗ ſerer Seite wandeln, in großer Verpflichtung ſtehen.“ „Ich kann blos für mich antworten,“ verſetzke Teſſin;„aber wenn ich Ihr Schatten wäre, Frau Gräfin...“ Teſſin fuhr nicht fort, ſondern unterbrach ſich ſelbſt und ſah ſich forſchend um. „Apropos...“ „Apropos... wen ſuchen Sie, Graf?“ „Ein Ferſen,“ antwortete Teſſin etwas beißend, „kann niemals ein Schatten werden: aber ich ſehe doch nach, wo derjenige iſt, der Sie vorſtellen ſoll.“ Carl Ferſens kleine Galanterien waren am Hof bekannt, und die Gräfin fühlte ſich durch den ſo leicht hingeworfenen Pfeil etwas getroffen. „Wenn ich den Ausdruck in Ihrem Geſicht recht beurtheile, Frau Gräfin,“ begann Teſſin wieder, „ſo wiſſen Sie ſelbſt nicht, wo er jetzt iſt.“ „In dieſer Beziehung ſehen Sie ganz richtig, Graf; er verließ mich, ſobald wir hier ankamen. Wiſſen Sie vielleicht...“ „Der Graf iſt ein Freund von Myſtiſicationen. Er bereitet Ihnen eine Ueberraſchung, Frau Gräfin; Sie ſehen die Pagen dort an der Thüre.“ „elerdige aber was bedeutet dies?“ „Der Graf hat ja doch eine einzige i⸗ denſchaie f hat ja doch eine einzige große Lei „Ja.“ „Zu den vielen Triumphen, die er bereits errun⸗ gen hat, will er heute Abend einen neuen fügen. Während ſein Bruder in der politiſchen Laufbahn Ehre und Ruhm erringt, erwirbt er Lorbeeren in Reich der ſchönen Künſte. Aber Sie dürfen die Stirne nicht runzeln, Gräfin... Sie ſind doch immer die Urſache ſeiner Neigung?“ „32⸗ „Das ideelle Leben muß mit wunderbarer Macht Jeden anziehen, der in ſo naher Verbindung wie er mit dem Ideal ſelbſt ſteht.“ * Puke war inzwiſchen bis zu Ehrenpreutz und Creutz vorangekommen. Ehrenpreutz betrachtete dieſe Annäherung als eine beleidigende Dreiſtigkeit, und Creutz hielt ſich bereit, ſeinem Oheim als treuer Bundesgenoſſe zur Seite zu ſtehen. 1 Puke grüßte die beiden Herren mit der unge⸗ ſuchten Ehrerbietung, die mit ſeinem offenen Charakter übereinſtimmte. „Nach dem, was zwiſchen uns vorgefallen iſt,“ redete er ſie an,„mag es Ihnen vielleicht unerwartet ſcheinen, meine Herren, wenn ich dieſe Gelegenheit benütze, um ſowohl Sie, Herr Graf Chrenpreutz, als auch Sie, Herr Graf Creutz, für einige Augenblicke um geneigtes Gehör zu bitten.“ Der erſte Gedanke des alten Reichsraths war, ſich zu entfernen; aber da Creutz ihm zuvorkam und Puke um ſeine Erklärung erſuchte, ſo glaubte er ebenfalls bleiben zu müſſen. errun⸗ fügen. zufbahn ren im fen die immer Macht wie er 6 und ls eine bereit, Seite unge⸗ rrakter 1 iſt 1 vartet enheit 3, als ablicke war, und te er 103 Puke's Geſicht blieb unveränderlich. Es bewegte ſich keine Muskel darin. „Kaum erſt ins Vaterland zurückgekehrt, Herr Graf Ehrenpreutz,“ fuhr Puke fort,„bin ich bis vor wenigen Stunden über die Urſachen der Feindſelig⸗ keit, womit Sie mich in den letzten Zeiten behandel⸗ ten, in gänzlicher Unkenntniß geblieben.“ Zu ſeinem Schrecken ſah Ehrenpreutz jetzt wie gewöhnlich einen unbeugſamen Muth in Puke's dü⸗ ſterem Blicke brennen. „Wenn Sie mich ſprechen wollen, mein Herr,“ unterbrach er ihn daher,„ſo thun Sie am beſten, mich in meiner Wohnung aufzuſuchen. Hier haben wir einander Nichts zu ſagen.“ Ehrenpreutz und Creutz hatten ſich umgeſchaut, und obſchon ſie einſahen, daß die Dämmerung, worein die Fenſterniſche ſie hüllte, ſie vollkommen vor Beob⸗ achtung ſchützte, ſo fürchteten ſie nichtsdeſtoweniger, daß Puke, welchen ſie beleidigt zu haben fühlten, ſehr leicht die Grenzen überſchreiten und in der Hitze ſeines Unwillens einen Auftritt veranlaſſen könnte. „Mein Onkel hat Recht,“ ſtimmte Creutz ein; „wir ſind hier nicht am paſſenden Orte.“ Puke verſtand ſie ſehr wohl. „Ich habe mir dies ſelbſt geſagt,“ verſetzte er, „und ich würde mich auch unfehlbar darnach gerichtet haben, wenn das, was ich Ihnen jetzt zu ſagen wünſche, auch nur die entfernteſte Abſicht enthielte, das Mißvergnügen des Herrn Grafen zu erneuern.“ Puke ſprach dies mit ſolcher Aufrichtigkeit, und ſelbſt der Tonfall ſeiner Stimme hatte etwas ſo An⸗ ſprechendes, daß Ehrenpreutz ſich wieder gegen ihn wandte. „Was haben Sie mir alſo zu ſagen?“ fragte er. „Laſſen Sie hören.“ Puke's Bruſt ſchwoll. Viele düſtere Erinnerun⸗ gen flogen in dieſem Augenblick durch ſeine Gedan⸗ ken, aber auch die Hoffnung mit ihrer Fackel leuch⸗ tete und verſchwand unter ihnen. Wie manchen wichtigen Schickſalswechſel er auch ſchon erlebt hatte, ſo beruhte doch Alma's und ſein eigenes Wohl und Wehe auf dieſem Augenblick. Gewöhnlich liebt man um ſeiner ſelbſt willen. Puke that dies auch, aber nicht ausſchließlich, er liebte Alma um ihretwillen. Die Jünglingsjahre lagen hinter ihm, deßgleichen die Erfahrungen der Ehe und zwar einer unglücklichen Ehe. Und in einem Augenblicke, wo er beinahe alle Hoffnungen für das Leben aufgegeben hatte, erſchloß ihm Alma, der ſchönſte Liebestraum ſeiner eigenen Jugend, mit kindlicher Naivetät und rührender Zu⸗ verſicht das reine Paradies ihres Herzens. Er dachte auch nicht an ſein Glück, ſondern nur an das ihrige, an das Glück dieſer Jungfrau, die ſich ihm hingab und, man kann ſagen, blos darum hingab, weil ſie ihr Leben und ihr Herz auf keine andere Art ver⸗ ſtand. Puke bedachte ſich eine Weile. Sein Blick flog gleichſam über einen Abgrund hin; aber auf der andern Seite deſſelben leuchtete ein Strahl, wuchs eine Blume, und dieſer Strahl, dieſe Blume war ſie. „Herr Graf Ehrenpreutz,“ ſagte er inzwiſchen, „wenn irgend Jemand die Motive Ihres feindſeligen Benehmens gegen mich kennt, ſo müſſen Sie ſelbſt es ſein; und wenn Sie, Herr Graf, die Hand auf ———— 72 8S „— ihn e er. run⸗ dan⸗ euch— ichen datte, und man aber illen. ichen ichen alle chloß genen Zu⸗ dachte grige, ingab eil ſie ver⸗ Blick auf vuchs ar ſie. ſchen, eligen ſelbſt d auf 105 Ihr Herz gelegt, in Ihrem Gewiſſen einen Schieds⸗ richter zwiſchen ſich und mir ſuchen, ſo wird ſeine Stimme mich ſicherlich von jeder tadelnswerthen Ver⸗ nachläßigung gegen Sie freiſprechen. Sie waren es, der mich bei meinem erſten Erſcheinen in Drott⸗ ningholm auf eine tief verletzende Art zurückſtieß; Sie waren es auch, der mich bei Baron Pechlin noch härter und grauſamer durch Ausdrücke über meinen Vater beleidigte, die mich ſogar des Umgangs mit jedem ehrlichen Menſchen unwürdig machten.“ Die Züge des alten Reichsraths veränderten ſich haſtig. Nach Puke's vorhergehender Aeußerung hatte er einen andern Ton, eine andere Sprache, eine an⸗ dere Vorſtellung erwartet. Creutz fühlte das Elek⸗ triſche in der Bewegung ſeines Oheims. „Ich muß Sie unterbrechen, Capitän,“ fiel er alſo ein;„haben Sie uns nichts Anderes zu ſagen?“ Puke war zu ſehr von ſeinem eigenen Gedanken⸗ gang in Anſpruch genommen, als daß er auf dieſe Bemerkung geachtet hätte. Er hatte ſein Ziel im Auge und er berechnete den Weg. Seine ganze Seele war damit beſchäftigt. Aber der Ausdruck in ſeinem Geſichte veränderte ſich auch nicht. Er trug blos ſein Haupt noch etwas höher. „Herr Graf Ehrenpreutz,“ fuhr er unerſchütterlich fort,„es ſollte mir leid thun, wenn Sie ſich blos dadurch, daß ich Ihnen wiederhole, wie tief Sie mich gekränkt haben, beleidigt fühlen ſollten. Ich empfand dieſe Kränkung um ſo tiefer, als mir die Urſache gänzlich unbekannt blieb. Ich hatte in Ihnen den Jugendfreund meines alten Vaters, ſowie meinen eigenen erſten Beſchützer verehrt, und ein Tarantel⸗ ſtich würde mich weniger geſchmerzt haben, als der Verluſt Ihrer Achtung.“ Puke drückte ſich zwar auf eine Art aus, die ſeine tiefe und innige Bewegung verrieth, aber er blieb doch bei demſelben Thema, das dem alten Reichsrath nichts weniger als angenehm ſein konnte. Im Gefühl ſeiner hohen ſocialen Stellung be⸗ ſchloß Ehrenpreutz daher, dieſer widerwärtigen Unter⸗ haltung kurz und gut ein Ende zu machen. „Capitän,“ fiel er daher ein,„laſſen Sie mich mit wenigen Worten wiſſen, was Sie wünſchen.“ Puke erhob drohend ſeine Stirne. „Ich wünſche mich erklären zu dürfen.“ Chrenpreutz zuckte die Achſeln, blieb jedoch da. „Meinem Vater,“ fuhr alſo Puke fort,„ſind in ſeinen letzten Lebensjahren allerlei Ausdrücke entfallen, die mir ganz unerklärlich waren. Er ſprach von großen Unglücksfällen und Trübſalen, die ihn ge⸗ troffen. Die Hand gen Himmel erhoben, betheuerte er, daß ich, welche Anklagen man auch gegen ihn richten möge, gleichwohl nicht zu fürchten habe, daß er moraliſch ein Verbrecher ſei. Vielleicht hörte ich auch die eine und andere Bemerkung gegen Sie, Herr Graf, aber da der Sachverhalt dadurch für mich mehr in Dunkel gehüllt als klar gemacht wurde, ſo achtete ich weniger darauf, als ich ſollte; und am allerwenigſten will ich jetzt in meiner Seele Etwas wieder aufleben laſſen, was ich bereit bin für immer zu vergeſſen.“ Ehrenpreutz hatte inzwiſchen Puke betrachtet. Er fand in ihm allerdings denſelben kalten, ſtrengen und feſten Mann, vor deſſen kräftigem Willen er ———.———+—9 8Bo ꝑ Er ngen n er 10²³ ſich immer in unwiderſtehlicher Furcht zurückgezogen hatte; aber hinter dieſer Kälte und Strenge glaubte er jetzt auch dieſelbe treuherzige und zuverläßige Redlichkeit zu entdecken, die er immer bei ſeinem Vater hatte ſo hochſchätzen müſſen, obwohl dieſes Ge⸗ fühl der Hochachtung zugleich peinlich geweſen war, da er fürchtete, daß juſt der ſtreng redliche Charakter, wenn er einmal für ſeine eigene Ehre und die Wahr⸗ heit aufträte, dann auch ſein gefährlichſter Feind werden müßte. Der tiefere Blick, den er inzwiſchen in Puke's Inneres warf, erinnerte ihn jedoch lebhaft an deſſen Vater und an die uralten Zeiten ſeiner vertrauten Kameradſchaft mit ihm. „Aber,“ fuhr Puke fort,„ſeit einigen Stunden, Herr Graf, weiß ich, ſo gut wie Sie, die Urſachen der Leiden meines Vaters, wie auch die Gründe, die Ihr Benehmen gegen mich leiten.“ „Urſachen... Gründe.. 4 Ehrenpreutz, der immer ſeine Tabaksdoſe zur Hand hatte, nahm unwillkürlich eine Priſe. In Puke's unerſchütterlichem Ernſt drückte ſich eine gewiſſe Charaktergröße aus, welche, nachdem er Chrenpreutz durch ſeine fortwährend ruhige Haltung gezwungen hatte hineinzuſchauen, die Stellung Bei⸗ der ſo ziemlich gleich machte. Es war die innere Machtvollkommenheit, die ſich ihr Recht über die äußere herausnahm. Ehrenpreutz hatte ſich vergeſſen, als er in die Geſichtszüge Puke's geblickt hatte: dieſe trugen nämlich zu ſehr das Gepräge des Vertrauens auf Ehre und Redlichkeit, als daß ſie nicht hätten imponiren müſſen. Wie geſagt, er nahm auch eine Priſe. 108 „So laſſen Sie mich dieſe Gründe hoͤren,“ fügte er hinzu, während er ſeine Doſe wieder ſchloß. „Sie fürchteten meinen Vater, Herr Graf, ſo lange er lebte; ſeit er todt iſt, fürchten Sie mich. Ich habe auf manchem Schlachtfeld geſehen, was Muth heißt; ich habe auch geſehen, was Furcht iſt. Die Furcht iſt ein ſchrecklicher Feind unſerer Ruhe, unſerer Freude, unſere Ehre. Im Feld iſt ſie Feig⸗ heit, in der Politik iſt ſie, vielleicht nur eine über⸗ triebene Vorſicht. In Ihrer hohen Stellung, Herr Graf, wo jeder Umſtand, der Sie compromittiren würde, auch Ihr Anſehen untergraben und ſowohl das allgemeine Vertrauen, das Sie ſich erworben haben, vernichten, als Sie ſelbſt auf immer ſtürzen könnte, ſpricht daher Vieles zu Ihrer Vertheidigung. Je tiefer man ſteht, um ſo unbedeutender der Fall, und umgekehrt. Wir haben Staatsmänner, die mit dem Verluſt ihres Einfluſſes auch ihren Verſtand verloren haben. Die politiſche Macht iſt ein Diadem, das andere Gedanken über Welt und Leben eingibt, als das einfache Soldatenſchwert und der gewöhn⸗ liche Wanderſtab. Die Möglichkeit, eine Krone zu verlieren, muß ein ganz anderes Gefühl einflößen, als der mögliche Verluſt eines Hellers— Herr Graf, ich ſage nicht, daß Sie unrecht gehandelt, ich ſage blos, daß Sie Unrecht gehabt haben, indem Sie Perſonen verkannten, denen es nie von fern einge⸗ fallen iſt, Sie verrathen zu wollen.“ Puke hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Als er die Furcht als die einzige Urſache der Feind⸗ ſeligkeit des alten Reichsraths bezeichnete, fuhr dieſer — ⁵ „———— igte ſo nich. vas iſt. uhe, feig⸗ ber⸗ Herr iren vohl ben rzen ung. Fall, mit and dem, gibt, öͤhn⸗ zu ßen, Herr ich Sie nge⸗ ffen. ind⸗ eeſer 109 heftig zuſammen, gleich als hätte eine fremde Hand ihn am empfindlichſten Punkt ſeines Herzens berührt. Aber da Puke ohne alle Berechnung und blos im Drang ſeiner redlichen Abſicht ſogleich verſöhnende und mildernde Worte hinzufügte, da beruhigte ſich Ehrenpreutz wieder. Man würde ihm übrigens viel⸗ leicht allzu großes Unrecht thun, wenn man anneh⸗ men wollte, daß er ſelbſt ſeine Handlungsweiſe im⸗ mer gutgeheißen habe. Aber die politiſche Nothwen⸗ digkeit, die mit der ganzen Macht des Fatums auf Staaten und auf Individuen wirkt, war für ihn mehr als alles Andere und würde ſogar eine mora⸗ liſche Nothwendigkeit, wenn es ſich darum handelte, untadelhaft vor der Welt dazuſtehen. Auf ſolche Art kann man ſagen, daß ein an und für ſich ſelbſt achtungswerthes Gefühl hier bei einem minder ſchö⸗ nen Gefühl Schutz und Vertheidigung ſuchte. Puke's Abſicht konnte jedoch nicht länger verkannt werden. Augenſcheinlich wollte er ſich vertrauensvoll nähern. Chrenpreutz blieb ſtill: er wollte ihn zu Ende hören. Auch Creutz freute ſich über die Geſinnungen, die Puke äußerte. Wir haben ihn mehr als einmal in ſeinem Urtheil über den Oheim ſchwanken geſehen, obſchon er in wichtigeren Augenblicken immer wieder kämpfend an ſeiner Seite geſtanden. Als er jetzt Puke ſo ſprechen hörte, begann auch er die Möglich⸗ keit eines freundſchaftlichen Vergleichs zu hoffen. „Mein Vater iſt todt,“ ſagte inzwiſchen Puke; „er hat ſeine Leiden, ſeine Erinnerungen, ſeine Opfer in's Grab mitgenommen. Ich bin ſein Erbe, ſein Sohn.“. Ehrenpreutz verwandte ſeinen Blick nicht von Puke. Was führte dieſer im Schilde? „Mein Vater hat Papiere hinterlaſſen,“ fuhr er fort,„die alle Verhältniſſe aufklären.“ „Dieſe Papiere?“ Puke begegnete dem Blick des Alten. „Bei meiner letzten Beſprechung mit meinem Vater erklärte er mir, Baron Wrangel würde mir dereinſt die genügenden Aufklärungen geben.“ „Wrangel?“ „Wrangel hat es nicht vermocht, Herr Graf, weil er dieſe Papiere nie beſeſſen hat.“ „Nie?“ „Sie wiſſen, daß Larsſon die Ablieferung der⸗ ſelben verſäumt hat; aber ich hoffe dennoch, daß ſie ſich bald in meinen Händen befinden werden.“ „In den Ihrigen? Und was gedenken Sie da⸗ mit zu thun?“ „Ich gedenke ſie Ihnen, Herr Graf, unerbrochen und ungeleſen zu übergeben.“ Puke's Erklärung war einfach, ungekünſtelt, na⸗ türlich. Es lag keine Großthuerei in dem Opfer, das er bringen wollte: es wurde ihm offenbar blos vont ſeiner Chre und ſeiner ganzen Anſchauungs⸗ weife dictirt. Die künſtlichen Verſchanzungen, womit ſich Ehren⸗ preutz vermöge ſeiner Weltanſchauung ſo lange um⸗ geben hatte; dieſer babyloniſche Thurm des Miß⸗ trauens und Zweifels an der Redlichkeit und Ehre, worin ſich jedoch immer nur eine mehr oder weniger ſtarke Begriffsverwirrung entwickelt hatte, alles das fiel jetzt auf einmal zuſammen und löste ſich auf, ☛̈ 8* —— ————— von 111 wie eine trübe Wolkenſäule ſich vor einem Windſtoße zertheilt. Zu ſeiner Vertheidigung mag man auch die Cor⸗ ruption in Anſchlag bringen, welche alle Moral jener Zeit gänzlich untergraben hatte. Je höherer in äuße⸗ rer Ehre und Anſehen geſtiegen war, um ſo mehr hatten ſeine früheren Verhältniſſe ihn erſchreckt. In ſeinen Gedanken ſtets am Rand eines offenen Ab⸗ grunds ſtehend, hatte er ſtets gefürchtet, von der Hand getroffen zu werden, die ihn hinabſtürzen könnte. Die Erinnerung an ältere Zeiten hatte ihm bisher nur peinliche Verwicklungen und Kämpfe vor Augen geführt. Zum erſten Male klangen ihm jetzt aus dem Munde des jungen Puke, des einzigen Ver⸗ treters der Gefahr, die er fürchtete, friedliche Worte eines warmen Herzens entgegen, welche alles künſt⸗ lich aufgeſtapelte Räſonnement überflüſſig machten. Die Zurückerhaltung der Papiere, ſomit die Ver⸗ nichtung aller wirklichen Beweiſe, verhieß ihm die vollkommenſte Sicherheit, und was konnte er mehr verlangen, um die Ruhe zu gewinnen, deren er auch bedurfte, und die ihm Verſöhnung mit ſeinen Erinne⸗ rungen, ja ſogar— warum denn nicht?— mit der Gegenwart bringen konnte. Er brauchte indeß alles das nicht erſt auszuklü⸗ geln, denn ſein Gefühl ſagte es ihm ſogleich, und er ſtreckte Puke die Hand entgegen. Puke legte die ſeinige hinein. „Herr Graf,“ ſagte er,„ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, wie, innig ich meinen Vater liebte; aber kann ich ehrlicher gegen ſein Gedächtniß handeln, als wenn ich es im Frieden hinſterben laſſe. Ein 112 Puke iſt nie eines Verbrechens angeklagt worden. Es war ein Mann mit einem andern Namen, der angeklagt und verurtheilt wurde. In meines Vaters Vorſicht liegt alſo bereits unſere Verſöhnung. Die Qualen, die er erlitt, erlitt er für die Pflichten, die er übernommen hatte. Frieden mit ihm, aber auch Frieden mit uns! Sagen Sie mir die Wahrheit, Herr Graf. Wenn mein Vater Ihnen einige wich⸗ tige Dokumente vorenthielt, warum that er es? Glauben Sie, daß er es that, um Sie mittelſt dieſer Papiere früher oder ſpäter anklagen zu können? Ach nein! Sie können das nicht glauben. In vieljähri⸗ gen Leiden hat er ſich allzu feſt bewieſen, als daß Sie ihn deſſen verdächtigen könnten. Er bewahrte ſie um meinetwillen, Herr Graf; um mir die Mög⸗ lichkeit zu verſchaffen, vor der Welt zu beweiſen, daß er mehr auf ſich genommen, als warum er eigentlich angeklagt werden konnte, und dabei hat er blos nicht bedacht, daß er Sie juſt dadurch zu ſeinem und mei⸗ nem Feinde machte. Habe ich Recht, Herr Graf?“ „Sie haben Recht, Capitän; ja, ja, ich gebe es zu.“ „Aber das Gedächtniß meines Vaters bedarf kei⸗ ner Rehabilitation, weil es niemals angeſchuldigt worden iſt. Möge daher jeder unſelige Zweifel, wel⸗ chen Sie, Herr Graf, gegen mich und ihn hegen könnten, ſammt ſeinen hinterlaſſenen Papieren den Flammen geopfert werden, und möge eine Zukunft voll Frieden und Freude wie ein Phönix aus der Flamme emporſteigen.“ Puke verſtummte. Dem alten Chrenpreutz war es ſo angenehm zu Muthe, als fühlte er ſich auf den. der ters Die die auch heit, vich⸗ es? teſer Ach ilhri⸗ daß hrte Kög⸗ daß tlich nicht mei⸗ af?“ gebe kei⸗ ldigt wel⸗ egen den unft der war auf 113 einmal aus der herben Gewalt eines finſteren Gei⸗ ſtes befreit. Creutz bewunderte aufrichtig das un⸗ eigennützige, prunkloſe und würdevolle Benehmen Puke's. Ehrenpreutz und Puke hielten ſich noch immer bei der Hand. „Capitän Puke,“ ſagte der Erſtere,„Sie ſind ein edler Mann. Die einzige Genugthuung, die ich geben kann, iſt mein Bekenntniß, daß ich Ihnen Un⸗ recht gethan habe. Sie ſagten: Frieden mit den Todten! Frieden auch mit den Lebenden! Möge es ſo ſein! Wenn die Sonne des Lebens zu ſinken be⸗ ginnt, hat man nicht dieſelbe ſchöne Ausſicht auf die Welt, wie bei ihrem Aufgang. Die Erinnerung zeigt uns die Welt im Schatten, die Hoffnung im Lichte. Die Erfahrung erweitert nicht die Anſchauung des warmen Herzens, wohl aber des kalten Ver⸗ ſtandes. Capitän,“ ſchloß er,„geben Sie mir die Papiere zurück und lehren Sie einen alten Mann noch am Rande des Grabes die Menſchheit hochachten. Das wäre keine uneigennützige, ſondern eine wahr⸗ haft gute Handlung.“ Ehrenpreutz war tief gerührt. Creutz war ſtolz, nicht herzlos; er glaubte an ſein eigenes Urtheil, obſchon es vielleicht nicht allzu viel Vertrauen verdiente. Puke hatte eine edle Saite ſeines Innern angeſchlagen, und ſeine Bruſt ſchwoll von lebhafteren Gefühlen als gewöhnlich. Bei ſchwa⸗ chen Naturen kommt der Edelmuth im Augenblick, gleichſam als ein Einfall des Herzens, als eine Laune des Gefühls. „Wir ſind Jugendfreunde geweſen,“ ſagte er, Ridderſtad, ‚Luiſe ulriken's Hof. IV. 114 „obſchon wir ſeitdem unſere Klingen gekreuzt haben. Capitän Puke, laſſen Sie uns wieder Freunde wer⸗ den. Sie lieben meine Schweſter, und Alma liebt Sie. Nachdem das Vertrauen unter uns zurückge⸗ kehrt iſt, würden Sie früher oder ſpäter um ihre Hand bitten. Aber erlauben Sie mir, Ihnen dies zu erlaſſen. Sie haben meinem Oheim eine glück⸗ liche Stunde geſchenkt. Ueberzeugt, daß ich Ihnen nicht blos einen Beweis für die Aufrichtigkeit meiner Achtung gebe, ſondern auch dazu beitrage, den Dank⸗ barkeitsdrang meines Oheims zu erfüllen, will ich Ihnen alſo auf meine Art und Weiſe danken. Ca⸗ pitän... aber warten Sie ein wenig.“ Creutz beſann ſich einen Augenblick. Puke's Empfindungen laſſen ſich nicht beſchreiben. Aber wenn er es jemals für ein Glück gehalten hatte, ganz einfach und ſchlechtweg blos ein ehrlicher Kerl zu ſein, ſo fühlte er dies jetzt in ſeinem Innerſten. Er hatte zwar wohl gedacht, daß der Weg zur Achtung und Freundſchaft der Menſchen ſich nicht in Krüm⸗ mungen hinſchlängeln dürfe, ſondern gerade auf's Ziel losgehen müſſe; aber er hatte gleichwohl nicht vermuthet, daß dieſer Weg ſo kurz ſein würde. Die Freude veränderte jedoch ſeine gewöhnliche äußere Ruhe nicht: vielleicht wagte er es nicht, ſich dem ganzen Umfang ſeines Glückes zu überlaſſen. Die Regionen, worin ſeine Seele jetzt ſchwebte, waren indeß voll von Licht und wurden von keiner Wolke getrübt: er dachte ſich Alma's Freude, er meinte den warmen Schlag ihres Herzens zu hören, er war glücklich im Gedanken an ihr Glück. „Ich wünſche, daß Sie eine Frage beantworten, aben. wer⸗ liebt ickge⸗ ihre dies glück⸗ hnen einer Dank⸗ Ul ich Ca⸗ iben. hatte, eul zu . Er btung rrüm⸗ auf's nicht Die ußere dem Die varen Wolke neinte war orten, 115 Capitän,“ begann Creutz wieder,„bevor ich meinen Satz vollende. In welchem Verhältniß ſtehen Sie zu Amanda?“ „In gar keinem.“ „Aber ich habe Urſache zu glauben, daß dieſes Mädchen Sie liebt.“ „Und ich, daß ſie mich haßt.“ „Haß und Liebe liegen ſehr nahe bei einander. Sie müſſen ſich vor ihr in Acht nehmen.“ „Auch ſie mag ſich vor mir hüten.“ „Gleichviel; dieſe Sache darf mich nicht abhalten, meine Abſicht zu erfüllen. Erwarten Sie mich hier... ich werde ſogleich zurück ſein.“ Und das war er auch; aber er führte jetzt Alma an ſeiner Hand. Als Alma ihren Geliebten auf Ehrenpreutz und Creutz zugehen ſah, hatte ihr Herz mit fieberiſcher Heftigkeit geklopft. Sie ſuchte ſich zwar mit dem, was um ſie her vorging, zu beſchäftigen, aber ver⸗ gebens. Ihre Gedanken und Blicke wurden unauf⸗ hörlich nach der Fenſterniſche hingezogen, wo ſie wußte, daß ihr Schickſal jetzt entſchieden wurde. Obſchon die Zimmer von einer prachtvollen Be⸗ leuchtung ſtrahlten, fiel nichtsdeſtoweniger ein dunk⸗ ler Schlagſchatten über die Sprechenden. Blos ihrer Einbildung überlaſſen, befand ſie ſich, als ihr Bruder auf ſie zuging, in der höchſten Span⸗ nung und Aufregung. „Beruhige Dich,“ bat er,„folge mir.“ Sie erinnerte ſich jetzt ſehr wohl des Augenblicks, wo dieſelben Worte das letzte Mal an ihr Ohr geklungen waren. 116 „Sehen Sie hier, Capitän Puke,“ ſagte Creutz, als er mit Alma wieder in die Fenſtervertiefung trat,„den koſtbarſten Beweis meiner Dankbarkeit, den ich Ihnen geben kann. Empfangen Sie Alma aus meiner Hand.“ Alma wagte es kaum, ihren Bruder zu verſtehen. Hörte ſie recht? Fragend ſah ſie zuerſt zu Creutz, dann zu Chrenpreutz auf. Freundlicher als je lächel⸗ ten Beide ihr entgegen. Es war alſo wahr; ſie durfte es wagen, ihrem Ohr zu trauen; ihrem Her⸗ zen hatte ſie niemals mißtraut. Ihr Auge ſank in das Auge des Geliebten. Auch hierin fand ſie eine Beſtätigung ihres Glückes. Sie erröthete nicht, ſie wurde auch nicht blaß, aber ihr Eindruck war ſo tief, daß Thränen der Seligkeit ſich unwiderſtehlich aus ihrer kaum noch ſo beklommenen Bruſt Bahn brachen. „Laßt mich,“ bat ſie,„laßt mich einen Augen⸗ blick allein. Ich muß mich erſt faſſen. Ich werde ſogleich wieder bei Euch ſein.“ Alma ſank auf einen der Stühle im finſterſten Schatten der Niſche, und Puke löste unbemerkt eine der Schnüre des Fenſtervorhanges, ſo daß ſeine Fal⸗ ten dichter fielen und Alma vor den ſonſt überall forſchenden Blicken des Hofes verbargen. Creutz gab Marie Luiſe einen Wink, ſich zu Alma zu verfügen.. Marie Luiſe und Alma wechſelten kein Wort, aber ſie drückten einander die Hände. 3 R& S x&=5SSDOx Zx☛ Z 117 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die ſtille Würde der Königin war kein Beweis von innerer Ruhe; ſie wurde blos von etwas ganz Anderem, als was in ihrer nächſten Umgebung vor⸗ ging, in Anſpruch genommen. Der Brief ihres kö⸗ niglichen Bruders hatte ihren Hoffnungen nicht ent⸗ ſprochen. Sie hatte eine ſichere Stütze in ihm zu finden erwartet; ſie hatte gehofft, daß ſie durch ſeine Vermittlung vielleicht andere Höfe beſtimmen könnte, ſich für den ſchwediſchen zu intereſſiren. Aber ſo verhüllt und zweideutig auch ſeine Antwort war, ſo ſah ſie doch ein, daß dieſelbe blos eine offenbare Ablehnung mit ſchönen Worten bedeckte. So ſehr ſein früheres Schreiben ihren Blick irre geleitet und ihre Zuverſicht aufrecht erhalten hatte, ebenſo ſo ſehe fühlte ſie ſich jetzt beunruhigt. Sie hatte daher ſogleich den Entſchluß gefaßt, mit Silfverhjelm, dem man doch jedenfalls aus dem Land verhelfen mußte, ein neues Schreiben nach Berlin zu ſchicken. Aber wie den Entflohenen, den Verfolgten, den Vogelfreien, auf deſſen Kopf ein hoher Preis geſetzt war, treffen? Im erſten Augenblick war ſie auf den Gedanken gekommen, daß eine Beſprechung mit ihm ſich am beſten während der Feſtſpiele des Abends veranſtalten ließe; wer hätte dann wohl Zeit, an etwas Anderes als an's Vergnügen, an die Galanterien des Augenblicks zu denken? Aber jetzt, nachdem das Feſt begonnen hatte, wurde ſie bang vor dieſer Zuſammenkunft. Wie ſehr mußte nicht eine Entdeckung ſie blosſtellen? 118 Als die Königin ihren Spaziergang unter den Gäſten umher vollendet und der König ſie nach einem der innern Prachtgemächer zurückgeleitet hatte, ſchloſſen ſich Damen und Cavaliere an ſie an. Der König näherte ſich Ferſen, und man ſah Beide bald in einem anderen Zimmer in eine Unter⸗ haltung vertieft, die alle ihre Gedanken zu beſchäfti⸗ gen ſchien. Die Königin ſchien beinahe verdrießlich, eigent⸗ lich aber war ſie blos zerſtreut. Der irrende Blick, den ſie in der Geſellſchaft umherwarf, drückte Etwas von beiden Stimmungen aus. Aber der Anblick Pechlin's, der jetzt vortrat, machte ſichtlich einen un⸗ angenehmen Eindruck, und ſie wandte ſich von ihm ab zu Dalin, der auf der Seite ſtand. „Waren Sie beim Prinzen innen, Dalin?“ fragte die Königin.„Was machen die Kinder?“ Bei dieſer einfachen Frage wurde es ganz ſtill im Zimmer; aber ſie berührte auch juſt den Gegen⸗ ſtand, der Jedermann am lebhaſteſten beſchäftigte. Pechlin erhob ſein Haupt und ſeine grauen Augen glänzten, als hätte man ihn mit dem Sporn geſto⸗ chen. Eine haſtige Bewegung that ſich in der Ge⸗ ſellſchaft kund, während Jedermann näher trat, um die Antwort genau zu hören. „Der Prinz, Ew. Majeſtät,“ antwortete Dalin, „übertrifft heute Abend ſich ſelbſt; er iſt freundlich und zuvorkommend gegen Alle, und ich kann wohl ſagen, er zeigt Verſtand für Alle. Als ich ihn ſo eben verließ, ſpielte er Guſtav I., wie er in der Kirche von Mora die Dalekarlier anredet. Ich kann ver⸗ ſichern, daß ſeine Worte ganz und gar nicht ſchlecht den em ſen ſah ter⸗ ffti⸗ ent⸗ lick, vas llick un⸗ ihm 12“ ſtill gen⸗ gte. gen eſto⸗ Ge⸗ um llin, dlich vohl n ſo erche ver⸗ lecht 1˙9 geſetzt waren: wenigſtens gingen ſie ſeinen Spiel⸗ kameraden ſehr zu Herzen.“ Ein Ausdruck mütterlicher Freude und Befriedi⸗ gung breitete ſich über die Züge der Königin. Aber wenn die Ueberraſchung, welche die Andern dabei an den Tag legten, auch einen Anſtrich von Befriedigung trug, ſo lag gleichwohl etwas Bitteres darin. Sehen Sie? ſchien man zu einander mit den Augen ſagen, hören Sie? ſchien man ſich mit den Lippen zuflüſtern zu wollen. Mitten unter dem unwillkürlichen, leiſen Gemur⸗ mel der Umſtehenden, das die Königin als ein Zei⸗ chen des Beifalls aufnahm, machte ſich Pechlin's Stimme laut. „Das beweist unleugbar ein gutes hiſtoriſches Urtheil des Prinzen,“ ſagte er,„wenn er ſo hohe Gegenſtände, wie Guſtav in Mora, zu ſeinen Spie⸗ len ausbeutet, doch wäre es noch ausgezeichneter ge⸗ weſen, wenn er den Landrichter Thorgny gewählt hätte in dem Augenblick, wo er Olof an das Schick⸗ ſal der ſieben Könige bei der Quelle von Mula er⸗ innerte.“ Dieſe kühne Anſpielung war zu auffallend, um nicht Jedermann zu überraſchen und eine ſtille Ver⸗ legenheit hervorzurufen. „Ich verſtehe nicht recht, was Sie meinen,“ ant⸗ wortete die Königin,„weil ich in der ſchwediſchen Geſchichte nicht ſonderlich zu Hauſe bin.“ „An Ew. Majeſtät Seite ſteht einer der ausge⸗ zeichnetſten Schriftſteller und Geſchichtsſchreiber un⸗ ſeres Landes.“ „Sie meinen Dalin?“ 120 „Wen ſonſt, Ew. Majeſtät? Er iſt am aller⸗ beſten im Stand, den Unterſchied zwiſchen Guſtav I. und dem Landrichter Thorgny zu beleuchten.“ Die Königin hörte Pechlins Stimme an, daß irgend eine boshafte Andeutung in ſeinen Worten lag, und ließ daher die Frage fallen. „Aber,“ fuhr dieſer fort,„wenn es auch ganz natürlich ſein mag, daß Ew. Majeſtät unſere ſchwe⸗ diſche Geſchichte nicht vollſtändig kennen, ſo ſind Ew. Majeſtät ſicher um ſo beſſer in der preußiſchen Ge⸗ ſchichte bewandert.“ Die Königin, die ſich bisher nicht eigentlich be⸗ leidigt gefühlt hatte, heftete jetzt einen ſcharfen und fragenden Blick auf Pechlin. Dieſer Blick war gar zu merklich, als daß er Pechlin's Worten nicht eine noch höhere Bedeutung hätte geben müſſen. „Ew. Majeſtät mächtiger und genialer Bruder, der Weltweiſe von Sansſouci, wie ihn Curopa mit Recht nennt, beginnt wieder Furcht einzuflößen.“ Pechlin galt hauptſächlich für einen ausgezeich⸗ neten Kenner der politiſchen Welt, ſowie ihrer inne⸗ ren Combinationen und Intriguen, ohne daß man ſich immer erklären konnte, wie er zu all dieſer Wiſſen⸗ ſchaft gekommen war. Seine Worte waren deßhalb, wenn auch nicht für alle, ſo doch für die meiſten Anweſenden ein Räthſel. Der ſcharfe Ausdruck im Blick der Königin wurde durch die letzte Bemerkung um Nichts gemildert, ob⸗ ſchon eine gewiſſe Unruhe ſie überfiel. Das allgemeine Intereſſe ſteigerte ſich. ller⸗ ap I. daß rten ganz we⸗ Ew. Ge⸗ be⸗ und er ung der, mit ich⸗ ne⸗ nan ſen⸗ icht ein rde ob⸗ 121 „Was wollen Sie damit ſagen, Baron?“ fragte ſie;„in welcher Beziehung kann mein Bruder Europa wieder einige Befürchtungen einflößen?“ „Ew. Majeſtät ſind ſicherlich genauer und voll⸗ ſtändiger als irgend Jemand von dem Vorhaben des Königs Friedrich unterrichtet und deßhalb dürften Sie auch am allerbeſten zu beurtheilen wiſſen, was die außerordentliche Regſamkeit und Haſt in der preußiſchen Armee zu bedeuten haben.“ Friedrich II. hatte der Königin zwar dunkel die eine und andere Andeutung gemacht, aber ſie doch über Nichts vollſtändig unterrichtet und noch weniger ſie in ſeine Pläne eingeweiht. Aber es fiel ihr jetzt ein, daß ſie ſeine Ausdrücke kaum mißverſtehen konnte, und daß er vielleicht juſt aus Rückſicht auf ihre Intereſſen rüſtete. „Ich habe zwar in der neueſten Zeit Nachrichten von meinem königlichen Bruder erhalten,“ antwor⸗ tete ſie indeß ausweichend, obſchon ihr Herz mit un⸗ gewöhnlicher Heftigkeit pochte;„aber er hat mir weder über ſeine politiſchen noch über ſeine militäriſchen Abſichten irgend Mittheilungen gemacht.“ „In Berlin,“ fuhr Pechlin fort,„ſpricht man von einer engeren Allianz mit einer gewiſſen nor⸗ diſchen Macht.“ Unwiderſtehlich färbten ſich die Wangen der Königin mit hohem Purpur. Ein Lächeln ging über Pechlins Lippen. Er begriff, daß ſie die Angabe auf ſich ſelbſt bezog, und er freute ſich, ſie gefangen zu haben. „Betrachtet man die Stellung Europas,“ ſprach er alſo weiter,„ſo ſcheint es beinahe, als ob wirklich ein allgemeiner Krieg im Anzug wäre.“ 122 Die Königin verſtummte, ſie lauſchte aufmerkſam auf ſeine Worte. „Sie kommen mit Ihren Combinationen ſchnell und luſtig zu Streiche, Baron,“ bemerkte ſie indeſſen; „mein Bruder iſt zwar ein energiſcher Mann, und der Aachener Friede hat ſeine Macht befeſtigt; aber welche weitere Abſichten trauen Sie ihm wohl zu?“ „König Friedrich, Ew. Majeſtät, iſt ein Genie und ein Schwert; da nun jede dieſer Eigenſchaften für ſich allein ſchon mächtig genug iſt, um von der Eroberung einer Welt zu träumen, zu was werden ſie ſich dann nicht verbunden im Stande fühlen?“ „Das läßt ſich hören, Pechlin.“ „Setzen Sie den Fall, Ew. Majeſtät, aber ich weiß kaum, welches Beiſpiel ich wählen ſoll... jedoch gleichviel... ſetzen Sie den Fall, der König von Preußen würde nicht ungern einen Krieg führen, z. B. mit Schweden.“ Dieſe Inſinuation kam ſo unerwartet, daß die Königin ihre gute Miene nicht zu behalten vermochte. Ihre Bruſt hob ſich, ihr Blick wurde ſtarr, ſie reckte ſich empor. „Mit Schweden?“ wiederholte ſie blos.„Aber in dieſem Fall müßte er doch wohl eine Urſache zum Kriege haben?“ „Deſſen bedürfte es nicht, Ew. Majeſtät, da er uns auf irgend eine Weiſe zwingen könnte, ihn an⸗ zugreifen.“. Das Geſpräch hatte eine Ausdehnung gewonnen, die man nicht vorhergeſehen. Aber die großen Fragen lagen damals in Jedermanns Munde und das In⸗ tereſſe an ihnen nahm beſtändig zu. Zwiſchen der k 123 Königin und Pechlin beſtand übrigens eine Span⸗ nung, woraus man leicht auf einen geheimen Streit zwiſchen ihnen ſchließen konnte, obſchon Niemand be⸗ griff, was ſie eigentlich wollten. Der Gedanke an einen Krieg zwiſchen Preußen und Schweden regte alle Gemüther auf. Man ſah daher auch Pechlin an, wie wenn er noch eine Erklärung ſchuldete. „Sie ſagen, Baron,“ bemerkte die Königin,„daß wir Preußen angreifen müßten, und ſo eben ſprachen Sie noch von einem Bündniß, das mein Bruder mit einer nordiſchen Macht beabſichtige.“ „Vermuthen Ew. Majeſtät wohl, daß ich damit Schweden meine?“ „Ich vermuthe gar Nichts, ſondern wünſche blos Ihre Anſicht zu hören.“ Die Königin glaubte ihn in eine Verlegenheit gebracht zu haben, woraus er ſich nicht ſo leicht zu befreien wüßte. „England, Ew. Majeſtät, iſt auch eine nordiſche Macht.“ „England?“ „Ew. Majeſtät wiſſen, daß Oeſterreich ebenſo wenig den Verluſt Schleſiens vergißt, als es Preußen ſeine wachſende Macht verzeiht.“ „Nun?“ „Oeſterreich macht ſich ſchon ſeit acht Jahren be⸗ reit, ſeinen Verluſt wieder zu erſetzen.“ „Mag ſein.“ „Im Bund mit Polen, Rußland und Frankreich kann es auch ſehr viel ausrichten.“ „Unleugbar; aber der König von Preußen würde 124 einen Krieg mit dieſen Mächten nicht ſuchen, ſondern vielmehr Alles thun, um ihm auszuweichen.“ „Das kommt auf die Umſtände an, Ew. Maje⸗ ſtät. Ich ſagte, Ihr königlicher Bruder ſei ſowohl ein Genie als ein Kriegsheld. Gewinnt er an Eng⸗ land einen Bundesgenoſſen, der Frankreich beſchäf⸗ tigt, und benützt er den Augenblick, ehe er ſelbſt an⸗ gegriffen wird, ſo kann er einen ſeiner Feinde um den andern ſchlagen.“ 3 „Aber Frankreich iſt ja Preußens und England Oeſterreichs alter Bundesgenoſſe.“ „Frankreich iſt jedoch bereits unruhig über die rieſigen Fortſchritte Preußens, und England könnte nicht zugeben, daß Frankreich einen größeren Einfluß auf Koſten Preußens eroberte.“ Inzwiſchen hatten ſich immer mehr Gäſte um die Königin und Pechlin geſchaart; auch Puke ſtellte ſich da ein. Im Anfang flatterten ſeine Gedanken allerdings noch wie leichtbeflügelte Schmetterlinge in dem neuen Sonnenſchein, der ſich über ſeine innere Welt aus⸗ breitete; aber als er den König von Preußen nennen hörte, da lauſchte auch er dem Geſpräch. Sein Inhalt überraſchte ihn. Ohne in preußiſche oder ſchwediſche Hofgeheimniſſe eingeweiht zu ſein, vermuthete er, daß die beiden Höfe dennoch einander immer unterſtützten. Die augenſcheinliche Spannung zwiſchen der Königin und Pechlin gab dem Geſpräch eine erhöhte Bedeutung und Wichtigkeit in ſeinen Augen. „Aber,“ erinnerte die Königin,„jedenfalls kann ich nicht begreifen, in wie ferne Preußens Pläne dern kaje⸗ wohl Eng⸗ chäf⸗ an⸗ um land die nnte ffluß die ſich ings euen aus⸗ inen iſche ſein, nder ung räch inen kann läne 125 und ein möglicher Weiſe bevorſtehender Krieg auf dem Continent für Schweden Nutzen oder Schaden bringen ſollten.“ Pechlins Züge nahmen bei dieſer Bemerkung einen ungewöhnlichen Ernſt an. Nach alter Ge⸗ wohnheit ſah er ſich im Kreis unter den Anweſenden um, diesmal jedoch nicht, um ihre Gedanken zu er⸗ forſchen, ſondern gleichſam um ſich auf ihr Zeugniß zu berufen. Die Königin, die voll Unruhe ahnte, daß er Etwas über ihre Correſpondenz mit ihrem Bruder erfahren haben könnte, vermochte ſich einer gewiſſen Furcht nicht zu erwehren. „Kein Volk in der Welt, Ew. Majeſtät,“ ſagte Pechlin,„beſitzt eine ſo vollkommene Freiheit und Selbſtſtändigkeit, wie das ſchwediſche. Die Geſetze ſind bei uns die ſouveräne Gewalt; die Repräſentan⸗ ten ſind unbeſchränkte Geſetzgeber, und die königliche Macht, Ew. Majeſtät, iſt blos das göttliche Siegel auf unſere Freiheit.“ Pechlin hatte ſeine Stimme erhoben, und ſie er⸗ klang klar und rein. „Unſere Staatsverfaſſung,“ fuhr er fort,„beſitzt daher auch diejenige innere Kraft, welche der Allein⸗ herrſchaft, wo und unter welcher Form ſie ſich immer ſinden mag, ſtets furchtbar erſcheinen muß.“ Wenn die Königin und noch Viele mit ihr Pech⸗ lins Anſicht über die Vortrefflichkeit der Verfaſſung auch nicht theilten, ſo konnten ſie doch die Richtigkeit ſeiner Schlußfolgerung nicht leugnen. „Der Monarchismus beſitzt alſo, Ew. Majeſtät, im Syſtem unſerer Staatsverfaſſung eine moraliſche Urſache zum Krieg, und es iſt die Aufgabe der Di⸗ 126 plomatie, ſich eine materielle zu ſuchen; auch darf man nicht daran zweifeln, daß im gegenwärtigen Augenblick wichtige Correſpondenzen in ſolcher Abſicht gewechſelt werden.“ Pechlin behielt noch immer ſeine imponirende Miene bei; ſeine Augen hafteten feſt und ausſchließ⸗ lich auf der Königin. Die Königin wagte es nicht, eine neue Bemerkung dazwiſchen zu werfen. „Wir Alle wiſſen,“ fuhr Pechlin fort,„daß ſo⸗ wohl Se. Majeſtät der König als auch Ew. Maje⸗ ſtät, vermöge Ihrer unbedingten Ergebenheit gegen die freien Inſtitutionen des ſchwediſchen Volkes, ſich über die Aufmerkſamkeit freuen, womit die Reprä⸗ ſentanten des Landes dem Gang ſeiner inneren, wie ſeiner äußeren Politik folgen. In ſo unruhigen Zeiten wie die unſere— und einen traurigen Be⸗ weis für die Richtigkeit dieſes Prädicats liefert die große Anzahl derjenigen, die man zur Sicherheit des Staats bereits zu verhaften gezwungen war— muß ſich ein ſo vaterländiſches und königliches Herz wie das Ew. Majeſtät jedenfalls freuen, daß es Männer gibt, die jede am Himmel aufſteigende Gewitterwolke ſorgſam beobachten. Denken wir uns nun, es könnte Jemand unter uns verrätheriſch genug denken, um ſeine Politik auf den Scharfſinn, die Klugheit und die Energie Friedrichs ſtützen zu wollen, wie noth⸗ wendig wäre es dann, alle Handlungen des großen Mannes genau zu beobachten und bis ins Einzelnſte zu verfolgen? Ew. Majeſtät mögen mir verzeihen, ich begreife ſehr wohl, wie ſchmerzlich für eine ſo nahe Verwandte des Königs von Preußen ſchon der bloße Gedanke an einen möglichen Bruch zwiſchen —+₰6 1sS—— 8D- 2 g 2——, darf tigen ſicht ende ließ⸗ nicht, ß ſo⸗ Naje⸗ gegen ſcch eprä⸗ wie higen önnte „ um und noth⸗ roßen elnſte eihen, ne ſo n der iſchen 127 ihm und uns ſein muß; doch ſind wir alle feſt über⸗ zeugt, daß die guten Wünſche Ihres Herzens im Fall eines Krieges unſern Fahnen in den Kampf folgen würden. Den Sturm, welchen die zeitgemäße Ent⸗ wicklung eines Staates mit ſich führt, können einzelne Perſonen nicht abwehren. Während Ew. Majeſtät für das Glück des ſchwediſchen Volkes zu Gott beten, ſpielt vielleicht der Verrath hinter Ihrem Betaltar mit den Schickſalen der Nation.“ Ohne die ſchuldige Ehrfurcht aus dem Auge zu laſſen, verſetzte Pechlin der Königin einen Schlag um den andern. Sie mußte ihren ganzen Stolz und alle ihre Seelenſtärke zuſammennehmen, um ihre äußere Gelaſſenheit zu behaupten; aber ihre innere Unruhe nahm beſtändig zu. Sie konnte nimmer daran zweifeln, daß ihre Correſpondenz mit dem Bruder entdeckt worden ſei, obſchon man den Inhalt derſelben falſch auslegte, und nicht ohne Herzens⸗ angſt dachte ſie jetzt daran, wie gefährlich es werden könnte, daß ſie Silfverhjelm ins Schloß berufen hatte. Wenn man ihn entdeckte! Pechlin hatte einen Augenblick geſchwiegen. Noch einmal betrachtete er die Königin und weidete ſich an ſeinem Erfolg, den er voll Befriedigung auf ihren bleichen Wangen und in ihren verſtörten Blicken las. Alle Anweſenden ſahen deutlich, daß er die Kö⸗ nigin angeklagt hatte, und ſie ſelbſt ſchien dieſe An⸗ klage nicht entkräften zu können. Pechlin ergriff daher ſchnell von Neuem das Wort. „Ich habe,“ erklärte er,„in meiner Darſtellung abſichtlich eine Lücke gelaſſen, die jedoch ausgefüllt werden muß. Es iſt die Aufgabe der Diplomatie, 128 Schwarz in Weiß zu verwandeln, den Willen des Einen zum Willen des Andern zu machen, das eine Land zu beſtimmen, daß es die Geſchäfte des an⸗ dern ausrichte. Wenn Preußen auch noch ſo ſehr einen Krieg mit uns wünſchte, ſo würden ihm doch alle Veranlaſſungen dazu fehlen; und wie ſollte man uns beſtimmen können, ſelbſt anzugreifen?“ Die Beantwortung einer ſolchen Frage ſchien wirklich über den Horizont aller Anweſenden hin⸗ auszugehen. Die Königin ſelbſt, die ſich in den Labyrinthen der Politik vollkommen bewandert glaubte, ſah nicht ein, wie das Räthſel gelöst werden ſollte. Sie hatte ſich Pechlins Bemerkungen zu wiederholten Malen überlegt, ohne däraus klug zu werden. Gleich⸗ wohl war das Ding von der größten Wichtigkeit für ſie, denn ſie dachte ſich, daß die unentſchiedenen Aus⸗ drücke im Briefe ihres Bruders eine ganz andere Erklärung zuließen, wenn ſich die Möglichkeit dar⸗ böte, daß er, in Folge ſeiner politiſchen Combinatio⸗ nen, Schweden ni die verſchiedenen Wechſelfälle und Gefahren eines weitausſehenden Krieges verwickeln könnte. „König Friedrich,“ fuhr inzwiſchen Pechlin mit feſter und zwangloſer Haltung fort,„iſt ein zu großer Staatsmann, als daß er Oeſterreich die Initiative ergreifen ließe. Wenn man es am wenigſten ahnt, wird er, vielleicht in Sachſen, über ſeinen Feind her⸗ fallen, und Oeſterreich kann ſich dann bald in der unangenehmen Lage befinden, zu einem Reichskrieg gegen Preußen auffordern zu müſſen, an welchem Schweden, nicht blos als Garant des weſtphäliſchen Friedens, ſondern auch in ſeiner Eigenſchaft als des eine an⸗ ſehr doch man hien hin⸗ den ibte, ellte. olten eich⸗ für Aus⸗ dere dar⸗ atio⸗ und ckeln mit oßer ative ahnt, her⸗ der krieg chem ſchen als 129 Mitglied des deutſchen Reichs, Theil zu nehmen ver⸗ pflichtet iſt.“ Sowohl die Königin als die Uebrigen wurden durch die Art, wie Pechlin ſeine Aufgabe wirklich löste, überraſcht. Seine Ausführung verrieth Scharf⸗ ſinn und ſtaatsmänniſche Einſicht. Die Königin zit⸗ terte vor einem Mann, der mit ſolchem Vertrauen auf ſein eigenes Urtheil ſeine Blicke ſo weit über die Gegenwart hinaus warf. Während ſie ſich fragte, ob ihr Bruder wirklich einen ſo wohl berechneten Plan hegen könnte, verlangte es ſie auch zu wiſſen, in wie weit Pechlin ihr wohl in die eigenen Karten geſchaut haben möge. So lange Pechlin ſprach, hatte ſie ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ausſchließlich auf ihn geheftet und nicht ein⸗ mal durch einen Blick zu erforſchen geſucht, welchen Eindruck er auf die übrigen Gäſte machte. Aber die heftigen Schläge ihres Herzens bewieſen ihr den⸗ noch, daß ſie dieſe nicht vergeſſen hatte, und jetzt, da Pechlin wieder innehielt, erſah ſie aus der tiefen Stille, die eintrat, daß ihm ſeine Abſicht, ſie ſelbſt auf die Angeklagtenbank zu ſetzen, nur allzu gut ge⸗ glückt war. Sie erhob zwar ihr Haupt mit der ganzen könig⸗ lichen Würde, die ihr ſo natürlich ließ; aber wenn ſie dieſe, theils auf genauer Sachkenntniß, theils auch auf bloßen Vermuthungen fußenden Angriffe über⸗ legte, ſuchte ſie vergebens nach einem Stützpunkt für ihre Vertheidigung. Sie war ſogar dermaßen auf⸗ geregt, daß nicht einmal Scherz und Lachen, die ſonſt ſo üblichen Vertheidigungswaffen einer ſchwachen Sache, ihr zu Gebot ſtanden. Der Augenblick war Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. IV. 9 130 qualvoll. Sie grollte dem Grafen Carl Ferſen, daß er nicht bei Zeiten die ganze Unterhaltung durch ſeine verſprochene Ueberraſchung abgebrochen; ſie grollte dem König, daß er ſich entfernt hatte, und ihren Freunden, daß ſie nicht ins Mittel traten. Inzwiſchen hatte Puke aufmerkſamer als irgend ein Anderer die Aeußerungen Pechlin's verfolgt, aber, unerklärlich genug, ſah man bald eine drohende Wolke ſeine Stirne verdüſtern, bald ein Lächeln auf ſeinen Lippen ſpielen. Auf einmal traf ihn jedoch ein Blick der Königin, und zwar mit einem Ausdruck, als verlangte ſie nach einem Beſchützer. Puke fuhr zuſammen; aber zugleich verſchwand die Wolke von ſeiner Stirne, und er ſtand ruhig und lächelnd da. Pechlin hatte einen Augenblick innegehalten, und Puke benützte dieſen Umſtand. „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„wollen Ew. Majeſtät mir einige Worte erlauben?“ Pechlin wandte ſich haſtig um. Puke und er ſtanden ſich unmittelbar gegenüber. „Auch Sie, Herr Baron,“ ſagte Puke zu dieſem, „muß ich um Entſchuldigung bitten; aber Sie haben in Ihrem intereſſanten Vortrag eine Kleinigkeit ver⸗ geſſen.“ In Zeiten großer innerer Kämpfe entwickeln ſich die Charaktere vollſtändiger, als unter Zuſtänden paſſiver Ruhe. Bei aller politiſchen Scheu, die man vor einander hegte, und bei aller Corruption, welche die Parteimeinungen ausübten, beſaß die Individua⸗ daß zurch ſie und gend aber, Volke einen igin, nach vand ruhig und jeſtät nd er eſem, haben ver⸗ n ſich inden man velche bidua⸗ 131 lität dennoch, mehr als in unſern Tagen, ihr eigenes Gepräge, ihr Selbſtſtändigkeitsdiadem. Puke's Ruf und das Wenige, was man von ihm geſehen, hatte ihn als einen Mann bezeichnet. Pechlin, welcher annahm, daß Puke der Königin hilfreich die Hand bieten wolle, trat ihm gleichwohl mit einem gewiſſen Hohn entgegen. Er wußte näm⸗ lich durch Aminoff genug von Puke's Reiſe, um ihn ganz leicht zu Boden ſchlagen zu können. „Falls ich Etwas vergeſſen habe, Capitän,“ ant⸗ workete er,„ſo erweiſen Sie mir einen wahren Dienſt, wenn Sie mich daran erinnern.“ Die Königin lauſchte voll Spannung auf Puke's Worte: lag ja doch darin eine halbe Anerkennung der Richtigkeit von Pechlins Behauptungen. „Es iſt blos eine unbedeutende Anecdote,“ er⸗ klärte Puke;„aber da ſie kurzweilig genug iſt und wirklich zur Frage gehört, ſo darf ſie nicht ganz bei Seite gelaſſen werden. Vor einigen Monaten kam nämlich ein ſchwediſcher Reiſender mit verſchiedenen Aufträgen nach Berlin, wo er an einen königlichen Hofbedienten angewieſen war, auf den man ſich um ſo eher verlaſſen zu können glaubte, weil man ihn vermuthlich ſchon öfter benützt hatte.“ Pechlins Augen erweiterten ſich: ſollte Puke er⸗ fahren haben... „Der Hofbediente,“ fuhr Puke fort,„empfing den ſchwediſchen Reiſenden; es kam zu Beſprechun⸗ gen und Correſpondenzen; es fehlte nicht an wich⸗ tigen Mittheilungen; mit einer Aufrichtigkeit ohne Gleichen verrieth er die geheimſten Gedanken ſeines Monarchen, Preußens Abſichten, die vertraulichen 13²2 Mittheilungen des ſchwediſchen Hofes, Europas ge⸗ genwärtige ſowohl als zukünftige Stellung, kurz und gut, Alles was er ſelbſt bei ſeiner nahen Stellung zum Monarchen erfahren konnte. War dieſer Be⸗ diente nicht ein ſehr gewandter Politiker?“ Die Königin ſank immer tiefer in den Sopha zurück. Pechlin, der zuerſt gefürchtet hatte, Puke möchte etwas Unangenehmes erzählen, vermochte ſeine Befriedigung darüber, daß er ſeine eigenen Aeußerungen auf ſolche Art bekräftigt fand, nicht zu unterdrücken. „Ew. Majeſtät hören ſelbſt,“ fügte er alſo hinzu. „Der Verrath des Bedienten iſt allerdings ganz klar, aber die Sache...“ „Die Sache iſt vollkommen richtig,“ ergänzte Puke;„nur iſt dabei der merkwürdige Umſtand zu bedenken, daß der Hofbediente, an welchen der ſchwe⸗ diſche Diplomat ſich nicht perſönlich wandte, ſondern ſein Empfehlungsſchreiben abſchickte, in der letzten „Zeit ſeine Geſinnung verändert haben mußte, denn ſtatt auf verrätheriſche Unterhandlungen gegen ſeinen Monarchen einzugehen, übergab er ihm das beſagte Empfehlungsſchreiben.“ Ein Licht, ähnlich dem Widerſchein des goldenen Kronreiches, breitete ſich um das Haupt der Königin. Sie richtete ſich auf... ſie athmete leichter... ihre Augen gewannen Leben. Eine Regung neuer Ueberraſchung ging durch die dichten Reihen, die ſie umgaben. Auf vielen Ge⸗ ſichtern zeigte ſich ein Lächeln, Andere ſahen verlegen Pechlin an. Sollte wohl dieſer Schlaukopf dennoch in eine Falle gegangen ſein. s ge⸗ und llung Be⸗ vopha Puke nochte genen ht zu inzu. ganz änzte id zu chwe⸗ ndern etzten denn einen eſagte denen nigin. h die Ge⸗ llegen nnoch 133 „Genug,“ fuhr Puke fort,„der König, welcher fand, daß hier ein Scherz am Platze war, empfing den ſchwediſchen Diplomaten im Namen und im Auf⸗ zug ſeines Hofbedienten, und zwar nicht ein einziges Mal, ſondern ſehr oft, und alle dieſe Geſpräche, Correſpondenzen und vertraute Mittheilungen ſind natürlich blos ſolche Dunſtbilder, diplomatiſche Lock⸗ ſpeiſen und politiſche Phantasmagorien, womit man einfältige Leute bei der Naſe herumzieht. Verzeihen Sie mir, Herr Baron; ich habe meine Worte ſo höf⸗ lich geſetzt, als es mir möglich war.“ Pechlin fühlte ſich geſchlagen. Er ſah, daß ſogar ſeine Freunde ein Lachen kaum unterdrücken konnten. „Aber Sie glauben mir vielleicht nicht, meine Herrn und Damen,“ fügte Puke gegen die Umgebung hinzu;„in dieſem Fall kann ich die Wahrheit meiner Angaben beweiſen.“ Er zog ein Papier aus ſeiner Taſche. „Hier,“ ſagte er,„habe ich den Empfehlungsbrief des ſchwediſchen Diplomaten an den fraglichen Hof⸗ bedienten: er iſt mit Baron Pechlins eigenem Namen und ſeiner eigenen Hand unterzeichnet. Und will man wiſſen, wer der diplomatiſche Sendling war, ſo findet man hier auch ſeinen Namen: es iſt kein An⸗ derer als der Cornet Aminoff, der beinahe zu gleicher Zeit wie ich von Berlin zurückkam.“ Pechlin war übrigens blos auf einen Augenblick geſunken. Er hatte eine Poſition verloren, aber er wollte ſeinen Rückzug in eine neue decken. Inzwiſchen hatte er alles innere Gleichgewicht verloren: er war ärgerlich. Als er jedoch eben wieder das Wort zu ergreifen beabſichtigte, kam der König herein, und 134 das von Carl Ferſen angeordnete Schauſpiel ſollte beginnen. Den König hatte ſein Geſpräch mit Ferſen nicht minder in Anſpruch genommen, als die Königin das ihrige mit Pechlin. Aber es hatte auch die Erziehung des Kronprinzen und die darüber begonnene Dis⸗ cuſſion der Reichsſtände betroffen. Der König konnte ſeinen Verdruß und ſein Mißvergnügen nicht unter⸗ drücken: Graf Ferſen ſeinerſeits war ein zu ritter⸗ licher Staatsmann, um ihm nicht höflich und auf⸗ richtig zugleich zu antworten. Der König nahm das ſowohl von der Natur als durch die allgemeinen bürgerlichen Geſetze feſtgeſtellte und geheiligte Eltern⸗ recht in Anſpruch, das man ihm blos deßwegen ent⸗ ziehen wolle, weil er König ſei; er erklärte, juſt darum, weil er König ſei und ſein Sohn dereinſt den Thron beſteigen ſolle, müſſe er ſich mehr als irgend ein Anderer aufgefordert fühlen, demſelben eine Erziehung zu geben, die ſeiner eigenen Verant⸗ wortlichkeit und dem wichtigen Beruf ſeines Erſtge⸗ bornen entſpreche; Niemand könne dieſe hohe Pflicht mit demſelben warmen und reinen Gefühl auffaſſen, wie er ſelbſt; wenn die Stände in der jetzt betrete⸗ nen Richtung fortführen, ſo verletzten ſie nicht blos ihn ſelbſt in ſeinem tiefſten Innern, ſondern nähmen ſogar eine wirklich feindſelige Stellung gegen ihn an, die zu nichts Gutem führen könnte. Ferſen dagegen vertheidigte die Anſicht und Hand⸗ lungsweiſe der Stände. Er verſicherte, dieſelben haben die guten Abſichten und redlichen Bemühungen des Königs keinen Augenblick unterſchätzt, aber es ———+ 2 „ „ ſollte nicht das hung Dis⸗ onnte nter⸗ itter⸗ auf⸗ das einen tern⸗ ent⸗ juſt reinſt als elben rant⸗ rſtge⸗ fflicht aſſen, trete⸗ blos hmen nan, Hand⸗ elben ingen er es 135⁵ handle ſich auch nicht um eine Verletzung des elter⸗ lichen Gefühls, ſondern blos um eine Unterſtützung deſſelben. Es ſei von der höchſten Wichtigkeit für einen Prinzen, daß er ſich unaufhörlich von der Auf⸗ merkſamkeit des Volkes umgeben fühle; nach ſeinem Dafürhalten dürfe ein König in ſeinem Thronfolger nicht hauptſächlich einen Sohn, ſondern er müſſe den künftigen Monarchen in ihm erblicken. Die Nation habe ganz vorzugsweiſe das Recht, ſich die Erziehung eines Kindes angelegen ſein zu laſſen, deſſen Händen ſie dereinſt ihre Schickſale anvertrauen ſolle. Aber der König gab nicht nach. Das Geſpräch wurde immer einläßlicher. Ferſen in ſeiner Offen⸗ herzigkeit lenkte es zuletzt auf die directen Ausſtellun⸗ gen, die man machte; aber hier traten ihm von allen Seiten Schwierigkeiten entgegen. Er konnte nicht wohl ſagen, daß der König allzu gut und ſchwach ſei; ebenſo wenig, daß man allgemein fürchte, die Königin möchte den Prinzen zum Feind der Staats⸗ verfaſſung heranbilden. Nichtsdeſtoweniger trug er ſo zart als möglich auf, was ihm in dieſer Beziehung ſo ſchwer auf dem Herzen lag. Der König verſtand ihn: dies war ein neuer Stich. Allein das Herz iſt ebenſo unerſchöpflich in Vertheidigung ſeiner Gefühle, als der Verſtand in Vertheidigung ſeiner Berechnungen. Der König wollte auch den Gegenſtand gründlich durchſprechen; aber auf einmal öffneten ſich die Thüren des großen Saales, wo Graf Carl Ferſen ſeine ſogenannte Ueber⸗ raſchung vorbereitet hatte. Zwei Erörterungen wurden alſo zu gleicher Zeit unterbrochen, die des Königs mit Ferſen und die 136 Pechlins mit der Königin; aber obſchon die ganze Verſammlung ſich aufmachte, um die Vorſtellung zu ſehen, ſo entſagte doch keine der kämpfenden Parteien der Abſicht, den Streit bei der erſten beſten Gelegen⸗ heit wieder aufzunehmen; der König war voll Un⸗ willen über die hartnäckige Art, wie Ferſen ſeine Anſichten verfocht; Pechlin aber dürſtete nach Rache, und jedes Mittel zu ihrer Befriedigung war ihm an⸗ genehm. Der kleine Theaterſaal gewährte einen überraſchend ſchönen Anblick. Ferſen hatte Alles aufgeboten, um ihn recht prachtvoll auszuſtaffiren. Der Salon war glänzend drapirt, und zwiſchen den Draperien ſtanden Büſten. Für die königliche Familie und einige der vornehmſten Herren des Reichs war eine Erhöhung mit Fauteuils angebracht. Der König nahm ſeinen Platz zur Rechten, die Kö⸗ nigin zur Linken. Ferſen, der ſehr wohl bemerkte, daß der König das Geſpräch fortzuſetzen wünſchte, placirte ſich als zuvorkommender Mann ſo nahe als möglich an ſeine Seite. Pechlin ſeinerſeits ſchien die Königin nicht aus dem Auge verlieren zu wollen, und ſuchte ſich einen Platz in ihrer Nähe. Als man hereinkam, hatten der Kronprinz und ſeine jungen Gäſte bereits ihre Plätze in der Nähe der Bühne eingenommen. Die Kinder freuten ſich ungemein auf das Vergnügen, das ihnen bevorſtand. Der Kronprinz ſaß mitten in der Schaar: zu ſeiner Rechten hatte er die zwei lieblichen Grazien Auguſte und Ulla Ferſen, zur Linken die dritte Grazie Luiſe Sparre und die kleine Anna Creutz. Prinz Carl hatte ſeinen Platz neben Ulla Ferſen erhalten und — — C anze g 3u eien gen⸗ Un⸗ eine iche, an⸗ eend um chen iche des icht. Kö⸗ kte, hte, als zien len, und ähe ſich ind. ner uſte uiſe Larl und 137 ſchien damit wohl zufrieden. Arvid Creutz, der junge Schröderheim, Badin u. ſ. w. folgten dann. Das Ganze bildete eine anmuthige, von mildem Sonnen⸗ ſchein beglänzte Pflanzſchule für die Zukunft. Die erſten dramatiſchen Verſuche in Schweden beſtanden aus dialogiſirten Bibelgeſchichten; ſie wur⸗ den alle auch von Geiſtlichen verfaßt und von der ſtudirenden Jugend, für welche ſie ein förmlicher Lehrgegenſtand waren, aufgeführt. Von den Schulen gingen die Schauſpiele zum Hof über. Unter CarlIX. wurden im großen Reichsſaal im Schloſſe die Ge⸗ ſchichten Joſephs und des Königs David aufgeführt. Allmälig begann ein freierer Geiſt ſich zu entwickeln. Unter der Königin Chriſtine wurden aus England und Deutſchland Maskenſpiele und Ballette einge⸗ führt. Bald nach Carls IX. Tod ließ man eine franzöſiſche Truppe kommen, die im Schloß und im Ballhaus ſpielen ſollte. Unter Friederich und Adolf Friederich gewann das Schauſpiel immer mehr Boden. Teſſin führte nicht blos, ſo lange er als Gouverneur wirklich die Erziehung Guſtavs III. leitete, kleine Comödien mit dem Prinzen auf, deſſen Vorliebe da⸗ für ſich dabei in ihrem ganzen Umfang offenbarte, ſondern er richtete auch ein ſchwediſches Theater ein: ein zweites wurde in Eriksberg und ein drittes in Hopfenhof angelegt. Der Kanzleipräſident Gyllen⸗ borg, der Reichsrath Wrangel und Graf Höpten unterſtützten Teſſins Bemühungen mit großem Eifer. Daß eine Kunſt, die in Schweden noch nicht weiter vorgeſchritten war als damals, unter ſolchen Auſpi⸗ cien allmälig Eingang finden mußte, iſt leicht erklär⸗ 138 lich. Schwedens ausgezeichnetſte Männer umfaßten ſie zum Theil mit Enthuſiasmus. Das Theater wurde als eine Schule betrachtet, wodurch man dem großen Publikum edle und patriotiſche Gefühle ein⸗ flößen, zugleich aber auch die wünſchenswerthe Bil⸗ dung und Sittenverfeinerung vor Augen halten könnte. Nicht blos in den älteſten Zeiten, ſondern auch in dieſer ſah man Perſonen von den höchſten geſell⸗ ſchaftlichen Stellungen auf die Bühne treten. Wir haben ein Beiſpiel an der Königin Chriſtine, die ſich bei dem Ballett:„Die Freuden des Kinderlebens“ perſönlich betheiligte; ein zweites an Carl Ferſen. Als die ſogenannten ſchwediſchen Comödien begannen, ſchrieb der Präſident Gyllenborg den Prolog. Am Hof Adolf Friederichs wurde blos das fran⸗ zöſiſche Schauſpiel aufgeführt. Luiſe Ulrike hatte, ſagt man, zu viel Geſchmack, um ſo unbedeutende Subjecte wie die ſchwediſchen Künſtler zu unterſtützen. Der Parteigeiſt bemächtigte ſich auch dieſer Frage, und die damals am Ruder ſtehenden Hüte machten der Königin dieſe Geringſchätzung und Verwahrloſung der nationalen Kunſt zum ſchweren Vorwurf. Die warme Liebe, die Guſtav III. ihr ſpäter widmete, war daher ganz und gar keine unmotivirte Laune, ſondern vielmehr das folgerichtige Ergebniß eines ſchon längſt allgemein gefühlten patriotiſchen Bedürf⸗ niſſes. Als er die ſchwediſche Bühne durch das große königliche Theater zu einem wahren Heiligthum der vaterländiſchen Muſen machte, brachte er nicht blos den Anſichten der ausgezeichneten Männer, die ſeine Jugend geleitet, ſondern auch den Wünſchen k zten ater dem ein⸗ Bil⸗ nte. ) in ſell⸗ Wir ſich ns“ eſen. nen, ran⸗ atte, ende tzen. rage, hten ſung Die nete, une, ines dürf⸗ das hum nicht „die ſchen 139 des Volkes eine klarbewußte Anerkennung und Hul⸗ digung dar. Als Graf Carl Ferſen von der Königin die Er⸗ laubniß erhalten hatte, auf eigene Fauſt die Auffüh⸗ rung eines Schauſpiels anzuordnen, war er mit einigen ſeiner Freunde, die gleich ihm Liebhaber der dramatiſchen Kunſt waren, darüber zu Rathe gegan⸗ gen. Man traf alſo die nöthigen Vorkehrungen, ver⸗ pflichtete ſich aber zum unverbrüchlichſten Stillſchwei⸗ gen. Carl Ferſen beobachtete daſſelbe ſo gewiſſen⸗ haft, daß er ſogar ſeiner Gemahlin nicht das Min⸗ deſte von dem Plan mittheilte. Aber bereits hatten ſämmtliche Gäſte ihre Plätze eingenommen und harrten voll Neugierde des Augen⸗ blicks, wo der Vorhang in die Höhe gehen ſollte. „Wie heißt das Stück?“ fragte die Königin, ohne ſich an eine beſtimmte Perſon zu wenden. „Brutus,“ antwortete eine Stimme. Sie erkannte, daß dieſe Antwort von Pechlin kam, und ihr Blut gerieth in eine heftige Wallung. In dieſem Augenblick ging der Vorhang hinauf. Jedermann wandte ſeine Blicke aufmerkſam der Bühne zu. Das Stück war eine Ueberſetzung des berühmten Voltaire'ſchen Trauerſpiels und ſchon im März 1739 zum erſten Mal auf dem ſchwediſchen Theater in Stockholm aufgeführt worden. Carl Ferſen ſpielte den Junius Brutus. Das Theater ſtellte den Tarpejiſchen Fels vor. Im Hintergrund ſah man das Capitol. Der Senat war zwiſchen dem Tempel und dem Rathhaus, vor dem Altar des Mars verſammelt. Brutus und 14⁴0 Valerius Publicola nahmen den vorderſten Theil der Bühne ein; die Senatoren ſtanden hinter ihnen in einem Halbkreis. Weiterhin ſah man die Wache. Carl Ferſen deklamirte als Brutus mit allem gebührenden Pathos, wie der Tyrann Porſenna mit ſeinen Heerſchaaren heranrücke, um den Tyrannen Tarquin wiedereinzuſetzen, wie aber die Bürger Roms entſchloſſen ſeien, die kaum erſt errungene Freiheit bis zum letzten Blutstropfen zu vertheidigen; und mit beſonderer Energie betonte er die berühm⸗ ten Verſe, worin Brutus den Fluch des Mars über alle diejenigen herabruft, die je wieder ſchnödem Tyrannenjoch ihren Nacken beugen würden. Das Stück enthielt ſo viele Anſpielungen auf die damalige politiſche Lage Schwedens, daß man ſich der Vermuthung kaum erwehren konnte, es ſei in einer boshaften und dem Hof feindlichen Abſicht gewählt worden. In keiner Periode hat man mehr über despoti⸗ ſchen Druck geſchrieen, als während der ſogenannten Freiheitszeit, wo die königliche Macht eigentlich gar keine Macht war und nicht den mindeſten Druck aus⸗ üben konnte. Der König wandte ſich zur Königin. „Hat Carl Ferſen dieſes Stück gewählt?“ fragte er halb flüſternd. „So viel ich weiß, hat Niemand ſonſt Theil daran.“ 4 Der König beugte ſich ſofort zum Landesmar⸗ ſchall hin. „Wenn dieſes Stück hier aufgeführt wird, Graf,“ ſagte er zu ihm,„ſo ſehen Sie wohl ein, daß mein der n in e. llem mit men rger gene gen; ihm⸗ über dem auf man ſei ſicht voti⸗ nten gar aus⸗ agte heil nar⸗ 47 af, nein 141 Sohn durch keine verfaſſungsgefährlichen Grundſätze verdorben wird. Ihr Bruder ſcheint uns beinahe überzeugen zu wollen, daß jeder König ein Tyrann, und ganz beſonders, daß ich ein ſolcher, ein wahrer Tarquin ſei.“ Axel Ferſen verbeugte ſich blos. „Voltaire iſt doch ein Meiſter,“ bemerkte Pechlin gegen ſeinen Nachbar, laut genug, daß die Königin ihn hören konnte.„Welches Feuer, welcher Blitz liegt nicht in den Worten: Ihr Götter, laßt es glücken, Daß den Tyrannen wir durch Mannheit un⸗ terdrücken!“ Die Königin hatte ſich in ihrem Lehnſtuhl zurück⸗ gebeugt; ſie hörte das Citat, und da ſie überzeugt war, daß Pechlins Blick allen ihren Bewegungen folge, ſo wandte ſie ſich auf die andere Seite. Je nachdem man der einen oder der anderen po⸗ litiſchen Partei angehörte, mußte man ſich über den Inhalt des Stücks freuen oder ärgern. Da man längſt gewohnt war, in den Zügen der Königin alle ihre Eindrücke mit Leichtigkeit zu leſen, ſo behielten die Zuſchauer ſie ebenſo aufmerkſam im Auge wie die Bühne ſelbſt. Die Vorſtellung war eben bei einer der pathe⸗ tiſchſten und ausdruckvollſten Stellen angelangt, als ein Kammerherr auf die Königin zutrat und ihr einen goldenen Ring überreichte. Die Königin empfing ihn, aber mit einem Aus⸗ druck, welcher andeutete, daß ſie nicht begreife, was damit gemeint ſei. „Ew. Majeſtät,“ erklärte der Kammerherr,„auch 14² ich kenne die Bedeutung des Ringes nicht; Jemand von Ihrem weiblichen Dienſtperſonal bat mich, Ew. Majeſtät den Ring zu überreichen.“ „Wer?“ „Ich glaube, ſie heißt Clara.“ „Clara Schedvin, ganz richtig: aber dieſer Ring .. ¹ich begreife nicht. Pechlin war ein zu guter Lauſcher, als daß er den kleinen Vorfall mit dem Ring nicht bemerkt hätte. Carl Ferſen declamirte eben: „Jetzt, Fürſtin, iſt es Zeit, daß Ihr von dan⸗ nen gehet.“ Die Königin hatte den Ring betrachtet, als ſuchte ſie ſich zu beſinnen, was man ihr damit ſagen wolle; aber als ſie von der Bühne her dieſe Worte hörte, da erinnerte ſie ſich auf einmal an Silfverhjelm, an die nöthige Beſprechung mit ihm und an die Reiſe, wozu er beſtimmt war. Sie nahm an, Clara habe ihr durch Ueberſendung des Ringes ſeine Ankunft andeuten wollen. Aber bei dieſer Idee wurde es ihr wirr im Kopfe. Ihr Herz, das den ganzen Abend theils durch Pechlin's Sticheleien, theils durch die Theatervorſtellung beunruhigt worden, pochte heftig. Aber gleichzeitig hatte ſich im Salon das Gerücht verbreitet, daß der Leibtrabant Lieutenant Silf⸗ verhjelm endlich wieder ertappt und verhaftet wor⸗ den ſei, und zwar im Schloſſe ſelbſt. Pechlin war nicht in der Stimmung, eine ſolche Neuigkeit unbenutzt zu laſſen. Er für ſeinen Theil nahm an, daß der Ring mit dem Gerücht von Silfverhjelms Verhaftung in un⸗ and Ew. 143 mittelbarem Zuſammenhang ſtehe, ja vielleicht eine Anzeige davon bedeute. Um der Königin einigermaßen Angſt zu machen, erwähnte er des Gerüchtes gegen ſeinen Nachbar, und zwar laut genug, daß ſie wenigſtens das eine oder andere Wort verſtehen ſollte. Dies gelang ihm auch vollkommen. Sie hörte den Namen Silfverhjelm, hörte, daß er eingefangen, und zwar im Schloſſe ſelbſt eingefangen worden ſei. Sie rang vergebens nach Faſſung. In ihrer peinlichen Aufregung ließ ſie den ſo eben erhaltenen Ring auf den blauen Bo⸗ denteppich fallen. Pechlin hob ihn ſogleich auf und gab ihn ihr zurück, benutzte aber dieſe Gelegenheit, um dem ganzen Lande, vornehmlich aber der könig⸗ niglichen Familie dazu Glück zu wünſchen, daß ein ſolcher Reichsverräther, wie Silfverhjelm, feſtgenom⸗ men worden ſei. Dieſer gehäſſig freche Glückwunſch raubte ihr den letzten Reſt von Selbſtbeherrſchung. Sie richtete ſich auf. Brutus deklamirte eben ſehr pathetiſche Verſe des Inhalts, daß die Könige, wenn ſie ſich durch Schmeichler zu Ungeſetzlichkeiten verleiten laſſen, un⸗ ausbleiblich in's Verderben ſtürzen, und daß das Beiſpiel Roms den Fürſten zur Lehre und aller Welt zum Glück dienen müſſe. Die plötzliche Bewegung der Königin zog die all⸗ gemeine Aufmerkſamkeit nur noch mehr auf ſie. Diejenigen, die das Gerücht von Silfverhjelms Verhaftung und die näheren Umſtände derſelben ge⸗ hört hatten, ſchrieben die Aufregung der Monarchin dieſem Umſtand zu; Andere, die noch nichts davon wußten, meinten, daß das Theaterſtück ihr ſo tief zu Herzen gehe. Der König, der ſich fortwährend mit Ferſen unterhalten, hatte von alle dem noch gar nichts bemerkt. Die Königin ſtand noch da. Es trat eine augen⸗ blickliche unruhige Spannung ein. Plötzlich erſcholl eine Stimme: „Ihre Majeſtät die Königin iſt krank!“ Es war wiederum Pechlin, der ſprach. Bei dieſer frechen Erklärung wurde die Königin, aus eitel Aerger und Verdruß, wirklich von einem Unwohlſein befallen. Es entſtand eine große Aufregung im Saale. Der König ergriff die Hand ſeiner Gemahlin, um ſie wegzuführen. Jedermann verließ ſeinen Platz, um dem Königspaar zu folgen. Der Vorhang ſiel und Carl Ferſen war in Verzweiflung über den Ver⸗ luſt der Schauſpielerehre, die er ſich hauptſächlich vom fünften Akt verſprochen hatte. Aber die Königin hatte kaum dem Saal verlaſſen, als ſie ſich auch ſchon wieder beherrſchte. Wenn Silfverhjelm wirklich verhaftet war, ſo durfte ſie um ſo weniger eine Schwäche zeigen. Verlor ſie Muth und Kraft, ſo wurde die Gefahr immer größer. Sie ſah ein, daß ſie den Eindruck, den ſie vielleicht her⸗ vorgerufen hatte, wieder verwiſchen mußte, ehe er allgemein wurde. Der Ring, den ſie noch fortwäh⸗ rend in der Hand hielt, hatte ſie unleugbar compro⸗ mittirt. Es war allerdings wahr, daß nicht ſehr Viele ſie beobachtet hatten, als ſie ihn empfing; aber unter den wenigen Augenzeugen des Empfanges be⸗ ef zu erſen nichts igen⸗ igin, inem aale. um Flatz, ſfiel Ver⸗ clich iſſen, Venn 2 um Nuth Sie her⸗ de er wäh⸗ pro⸗ ſehr aber be⸗ 145 fand ſich Pechlin, und dies war mehr als genug. Es handelte ſich jetzt um raſche Benutzung des Augen⸗ blicks, und ihr Entſchluß war bereits gefaßt. „Sei wegen meiner unbeſorgt,“ ſagte ſie zum König;„ich bedurfte blos einiger friſcher Luft. Es war drinnen ſo warm, ſo qualmig. Sage mir, habe ich nicht ein Geſpräch zwiſchen Dir und Ferſen unter⸗ brochen? Nimm es jedenfalls wieder auf...“ Als der König ſah, daß die Königin vollkommen ruhig war, ließ er Ferſen rufen. An ſeiner Seite nahm auch die Königin ihren früheren Platz wie⸗ der ein. „Baron Pechlin,“ ſagte ſie,„haben Sie die Güte hierher zu kommen.“ Pechlin war etwas verwundert über die Auffor⸗ derung, leiſtete aber ſogleich Folge. „Befehlen Ew. Majeſtät Etwas?“ „Sie bemerkten, daß ich dieſen Ring empfing?“ erklärte ſie. „Ich, Ew. Majeſtät?“ „Wahrſcheinlich waren Sie nicht der Einzige; aber gleichviel, dieſer Ring hat mich vielleicht noch mehr in Staunen geſetzt, als irgend eine andere Perſon. Ich kenne ſeine Bedeutung immer noch nicht.“ Pechlin antwortete nicht, aber man bemerkte den mißtrauiſchen Ausdruck, womit er die Königin be⸗ trachtete. Dieſe winkte den Kammerherrn, der ihr den Ring übergeben hatte, zu ſich heran. „Sie waren es doch, der mir den Ring gab, mein Herr?“ „Ja, Ew. Majeſtät.“ Ridderſtad, Luiſe uUlriken's Hof. WV. 10 146 „Haben Sie die Güte und erkundigen Sie ſich, von wem er kommt. Er brennt in meiner Hand.“ Die Entſchloſſenheit der Königin blieb nicht ohne Einfluß auf die Geſellſchaft: ihre offene Handlungs⸗ weiſe wurde ihr auch von der größten Klugheit dic⸗ tirt. In Erwartung weiterer Aufklärung blieben alle Anweſenden auf ihren Plätzen, die Aufmerkſamkeit feſt auf die Königin geheftet. Der Kammerherr war bald wieder da. „Ich erhielt den Ring von einer Mamſell Clara,“ ſagte er. „Iſt ſie auch hier?“ „Nein, Ew. Majeſtät. Sie hatte ihn von einem Soldaten empfangen, von einem Leibgardiſten.“ „Von einem Leibgardiſten? Was will das heißen?“ „Er ſteht draußen, Ew. Majeſtät.“ „Heißen Sie ihn hereinkommen.“ Der Kammerherr vollzog den Befehl, und in dem Eintretenden erblicken wir wieder unſeren alten Be⸗ kannten, Daniel Schedvin. Die Königin, deren Seele jetzt von ſo manchen anderen Erinnerungen und Hoffnungen erfüllt war, erkannte ihn nicht ſogleich. Der Hof zog ſich auf die Seite, ſo daß Daniel mitten in einen Halbkreis zu ſtehen kam. Pechlin ſtand auf der einen Seite, Puke auf der andern. Dalin hielt ſich getreu in der Nähe der Königin. Man wird ſich nicht wundern, wenn Daniel ſehr verblüfft war, als er ſo auf einmal vor die Königin und den verſammelten Hof zu ſtehen kam. ſich, nd.“ ohne ngs⸗ dic⸗ alle nkeit 44 ra, nem 147 Inzwiſchen nahm er ſich auf ſeinem Platz nicht übel aus. „Wer ſind Sie?“ fragte ihn die Königin.„Warum ſchickten Sie mir dieſen Ring?“ Daniel ſank auf ſeine Knie. „n Majeſtät kennen mich nicht mehr?“ fragte er. „Sie?“ „Ich war es, der vor einigen Monaten das Glück hatte, den Kronprinzen in Drottningholm zu retten.“ Das Ereigniß ſtand wieder lebendig vor der Seele der Königin. „Ah, Sie ſind es... ich erinnere mich... ich erinnere mich... Daniel, glaube ich... Da⸗ niel Schedvin... Und dieſer Ring?“ „Iſt Ew. Majeſtät Eigenthum.“ „Ich erinnere mich, daß ich ihn Ihnen geſchenkt habe; und jetzt geben Sie ihn mir zurück?“ Daniel hatte ſich wieder aufgerichtet. Viele der anweſenden Gäſte und Hofleute, die in Drottning⸗ holm zugegen geweſen waren, erinnerten ſich jetzt an Daniel und ſein früheres Auftreten vor ihnen. Seine Perſon erhielt dadurch ein Intereſſe, welches ſie ſonſt ſicherlich nicht gewonnen haben würde. „Sprechen Sie, Daniel,“ befahl die Königin, „Sie wünſchen Etwas von mir.“ Daniel betrachtete die Königin mit ängſtlichem Blick und ſah ſich ſcheu um. „Ohne alle Umſchweife, Daniel,“ begann die Königin;„ich verlange, daß Du mir ganz einfach ſagen ſollſt, warum Du mir den Ring wieder zu⸗ ſtellen ließeſt.“ 148 Nicht die Frage der Königin war es, was das Blut in Daniels Geſicht aufjagte, ſondern Alma, die er in dieſem Angenblick ganz nahe bei ihr entdeckte. Aber ihre Anweſenheit ſchlug ſeinen Muth nicht mehr nieder, ſondern erhöhte und belebte ihn viel⸗ mehr. Das Herz iſt einmal ſo geſchaffen: es ge⸗ ſtattet nicht, daß man als ein armſeliger Tropf vor dem Gegenſtand ſtehe, den man wirklich liebt. Beim Anblick Alma's wurde Daniel jetzt wieder Soldat. „Ich wählte den Soldatenſtand, Ew. Majeſtät, um mir einen Weg zu bahnen, um Glück zu machen. Das Schwert, ſagen meine Kameraden, ſei eine breite Brücke über die Welt...“ „Unterbrechen Sie ſich nicht, Schedvin, fahren Sie fort.“ „Der Mangel an Ausſichten und an einer Zu⸗ kunft iſt die ſchwerſte Laſt im Soldatenränzel. Da dachte ich...“ „Nun, was dachten Sie?“ „Ich dachte, daß ich mich an Ew. Majeſtät wen⸗ den ſollte, und ich habe einen ganzen Monat daran gedacht, ehe ich den Schritt wagte.“ „Und warum wollten Sie ſich an mich wenden?“ „Ew. Majeſtät verſprachen einmal, Etwas für mich zu thun.“ Schedvin machte dabei ein ſo freundliches Ge⸗ ſicht, daß man nicht leicht entſcheiden konnte, ob es ihm mit ſeinen Worten Ernſt war oder nicht. „Und was kann ich wohl für Sie thun?“ „Mich bei meinem Capitän empfehlen. Es iſt eine Corporalsſtelle frei.“ Schedvin war nicht einfältig, und Ort und Stelle 149 eigneten ſich nicht zu einem Scherz. Hatte er dieſe Angabe nicht vielleicht blos darum gewählt, weil ihm gerade nichts Beſſeres einfiel? Seine Worte riefen ein Lächeln im Saal hervor. „Sie haben ſich ohne Zweifel geſchickt und ehrlich gezeigt?“ fragte die Königin. „Wie es einem Soldaten anſteht, Ew. Majeſtät. Heute Abend habe ich überdieß...“ Als Daniel ſich hier unterbrach, ſtellte ſich auf ſeinem Geſichte wieder eine unzweideutige Verlegen⸗ heit oder Bekümmerniß ein; aber bald ſchlug er von Neuem ſeine Augen auf und ſchaute ſich feſt um. „Heute Abend, ſagten Sie.. 4 „Habe ich überdieß dem Staat einen kleinen Dienſt erwieſen, wofür ich Ew. Majeſtät Beifall um ſo eher zu verdienen hoffte; ich habe nämlich den entſprungenen Lieutenant Silfverhjelm feſtgenommen.“ Die Sache beſtätigte ſich alſo. Eine ſtarke Auf⸗ regung, nicht frei von Angſt, bemächtigte ſich der Königin. Aber wenn ſie auch die ganze Tragweite, welche dieſer Umſtand politiſch genommen und für ſie ſelbſt insbeſondere haben mußte, vollkommen einſah, ſo freute ſie ſich doch darüber, daß Schedvin's offene Erklärung wenigſtens bewies, daß der Ring in kei⸗ nem Zuſammenhang mit ihm ſtand. Es kam jetzt nur noch auf die Umſtände an, unter denen der Flüchtling ergriffen worden war. „Erzählen Sie uns,“ ſtammelte ſie, nicht ohne eine ſchwere Beklommenheit,„wie es Ihnen gelun⸗ gen iſt, den Flüchtling zu fangen?“ Die Königin hatte in Daniels Geſicht geblickt und daraus ſogleich die Ueberzeugung geſchöpft, daß 150 daſſelbe treu ſeine inneren Gefühle wiedergab, weil der kunſtloſe Naturmenſch allzu ſtark in ihm ausgeprägt war; ſie glaubte daher auch zu ſehen, daß er, trotz ſeiner ſcheinbaren Offenheit, eine lebhafte Unruhe dahinter verberge, die Verehrung und Ergebenheit in ſich ſchloß. Sie wußte ſich zwar dieſen ſcheinba⸗ ren Widerſpruch nicht zu erklären, aber ſie vertraute nichtsdeſtoweniger auf Daniels Ehrlichkeit. „Die Sache iſt ſehr einfach, Ew. Majeſtät,“ er⸗ zählte dieſer auch.„Man hatte dem wachthabenden Offizier rapportirt, daß Lieutenant Silfverhjelm im Schloßhof geſehen worden ſei, und ich erhielt mit einigen Mann Befehl, ihn feſtzunehmen. Nach eini⸗ gem Suchen entdeckte ich ihn auch, und als er ſich verrathen ſah, nahm er ſeine Zuflucht in's Schloß. Wir ſetzten ihm eilig nach, und ſo kamen wir in den oberen Stock hinauf; es war da zwar ſehr dunkel, aber wir hörten ſeine Tritte vor uns und hatten ihn beinahe eingeholt, als er eine Thür öffnete und in einem Seitenzimmer verſchwand, vor dem ich ſogleich einige Poſten ausſtellte. Im Namen des Königs und des Geſetzes befahl ich ihm zu öffnen, aber er that es nicht und nun rapportirte ich dem dienſtthuenden Offizier die ganze Geſchichte.“ Die Königin athmete leichter. Silfverhjelm war alſo wenigſtens nicht nach ihren eigenen Privatzim⸗ mern geflohen. Sie heftete auch einen zurechtweiſen⸗ den Blick auf Pechlin. „Und jetzt iſt er auf die Wache abgeführt?“ fragte ſie. „Nein, Ew. Majeſtät. Er befindet ſich noch im⸗ mer da oben.“ 151 „Und jetzt hoffen Sie, daß ich Sie bei Ihrem Capitän empfehlen werde?“ Daniel verbeugte ſich tief. „Ich bin überzeugt,“ fügte ſie hinzu,„daß der Dienſt, welchen Sie jetzt dem Lande geleiſtet haben, Sie am allerbeſten bei Denjenigen empfehlen wird, die alles Beförderungsrecht in Schweden in ihren Händen haben.“ Mit dieſen Worten erhob ſich die Königin und ging weg. Daniel fürchtete der Königin mißfallen zu haben. Dies ſchmerzte ihn tief und ſeine Augen ſenkten ſich bei dieſem Gedanken. Aber in demſelben Augenblick erinnerte ihn der Kammerherr, der ihn hereingeführt hatte, daß er abzutreten habe, und als er jetzt wie⸗ der aufſchaute, haftete ſein Blick auf Alma. Wie heftig pochte es nicht in ſeiner Bruſt, welche blitz⸗ artig glühenden Gefühle kreuzten ſich nicht über der dunklen Tiefe ſeines Herzens! Aber das ſtrenge Pflichtgefühl wird bei jedem Soldaten zur andern Natur, und er erinnerte ſich jetzt ſogleich, was und wo er war. Er hatte ihr inzwiſchen in die Augen geſchaut, hatte ſie die Farbe wechſeln geſehen, und mit einem tiefen Bückling, der nur ihr allein galt, entfernte er ſich. Alma ſtierte ihm wie einer beſon⸗ deren Erſcheinung nach. Das Ahnungsvermögen des Frauenherzens führt immer bald zu Schluß⸗ folgerungen. Aber zu welchen war wohl Alma ge⸗ kommen? Wenn Pechlin auch zugeben mußte, daß die Kö⸗ nigin wenigſtens ſcheinbar vorwurfsfreier war, als er vermuthet hatte, ſo freute er ſich doch über die 152 Verhaftung Silfverhjelms. In ihm glaubte man einen Mann gefangen zu haben, der vielleicht beſſer als irgend ein Anderer in ihre geheimen Pläne ein⸗ geweiht ſei. Obſchon es der Königin gelungen war, einen in ſolchen Zeiten ganz beſonders unangenehmen Ver⸗ dacht von ſich abzulenken, ſo lag doch in dem Streit ſelbſt, den ſie führen mußte, ſowie in Silfverhjelms Wiederverhaftung etwas höchſt Niederſchlagendes für ſie. Einſam kehrte ſie nach ihren Privatzimmern zurück und war entſchloſſen, keinen weitern Antheil mehr am Feſte zu nehmen. Aber kaum war ſie angekommen, als Clara leicht⸗ füßig und lächelnd auf ſie zutrat. „Erlauben Ew. Majeſtät, daß Lieutenant Silf⸗ verhjelm hereinkomme?“ fragte ſie. „Silfverhjelm? Er iſt ja verhaftet.“ „Er befindet ſich in Ihrem äußeren Zimmer, Ew. Majeſtät.“ „Was bedeutet das? Heiße ihn ſogleich kommen. Spute Dich, ſpute Dich!“ Silfverhjelm ſtand alsbald vor ihr. „Erklären Sie mir, wie das zuſammenhängt. Man hat mir ſo eben gemeldet, daß Sie verhaftet ſeien.“ „Ich war nahe daran, es zu werden, Ew. Ma⸗ jeſtät, und ich wurde nur durch eine Art von Wun⸗ der gerettet. Mein Verfolger war Clara's Bruder. Ich nahm meine Zuflucht nach einem finſteren Win⸗ kel im Gange außen. Schedvin, der ſeinen Kame⸗ raden vorausgeeilt war, legte mir die Hand auf die n in Ver⸗ treit lms für nern theil icht⸗ ngt. aftet Ma⸗ zun⸗ der. Vin⸗ me⸗ die 15³ Schulter und flüſterte mir in's Ohr, ich ſolle mich rechts wenden, während er links verfolge; kurz und gut, ich that es und entkam.“ „Aber wen hat er dann im obern Stock ver⸗ haftet?“ „Das weiß ich nicht, Ew. Majeſtät; vermuthlich hat er ſeinen Vorgeſetzten eine kleine Naſe gedreht.“ „Wahrlich, ich danke Gott, daß Sie entkommen ſind. Nun wohl, Silfverhjelm, ſind Sie bereit zu reiſen?“ „Ja, Ew. Majeſtät.“ „Nach Berlin.“ „Wohin Ew. Majeſtät befehlen.“ „Haben Sie Hoffnung, den Gefahren zu entkom⸗ men, die Ihnen hier drohen?“ „Das Glück verläßt uns nicht ſo leicht, wenn wir uns nur ſelbſt nicht verlaſſen. Ich hoffe das Beſte.“ „So halten Sie ſich bereit, Silfverhjelm. Ich kann nicht ſagen, wann die Depeſchen fertig ſein werden; aber ich glaube, dies wird bald im Reinen ſein. Sie halten ſich doch bei Wrangel auf?“ „Für den Augenblick, ja, aber ich glaube, Baron Wrangel wünſchte mich ſobald als möglich vom Halſe zu haben.“ Clara, die keinen Befehl erhalten hatte, das Zim⸗ mer zu verlaſſen, hörte das Geſpräch an der Thüre mit an. „Aber wohin wollen Sie ſich dann wenden? Es i*ſt doch ſchrecklich, wenn man ſich auf gar Niemand verlaſſen kann!“ „Seien Sie meinetwegen unbeſorgt, Ew. Maje⸗ 154 ſtät; ich habe in meinem Unglück einen Freund ge⸗ funden, auf den ich ſo ſicher rechnen kann, wie auf mich ſelbſt.“ „Dann haben Sie viel gewonnen. Ich glaubte ſchon, daß, wie ſo vieles andere Gute, auch die Freundſchaft Schweden verlaſſen habe. Aber wo ſoll ich Sie aufſuchen laſſen, wenn die Depeſchen fertig ſind?“ „Bei dem treuherzigſten und redlichſten Mann, den ich kenne, bei Mamſell Clara's Bräutigam, dem Schmied Alexander, bei dem ich jetzt Handgeld zu nehmen und mich zum Geſellen hinaufzuarbeiten ge⸗ denke.“ „Das iſt gut, Silfverhjelm; ich werde Sie bald vom Schlegel zu befreien und Ihnen Ihren Degen zurückzugeben ſuchen. Seien Sie nur vorſichtig, wenn Sie ſich von hier wegbegeben. Ich bin nicht ruhig, bevor ich Sie wieder in Sicherheit weiß.“ Als die Königin das Zimmer verließ, blieb ſie beim Anblick Clara's ſtehen. „Du biſt ein braves Mädchen, Clara,“ ſagte ſie zu ihr.„Dein Herz iſt noch gut und rein: möge es immer ſo bleiben! Ich ſehe, daß diejenigen, die Dich lieben, auch mich lieben; ſage ihnen alſo auch meinen Dank, Clara. Vielleicht kommt ein Tag, wo ich meine Dankbarkeit auf andere Art beweiſen kann. Was beabſichtigte Dein Bruder eigentlich mit der Ueberſendung des Rings?“ „Ach, Ew. Majeſtät, Sie verzeihen ihm doch. Er iſt manchmal ſo ſonderbar. Ich glaube, aber Ew. Najeſtät werden's doch nicht übel nehmen, ich glaube, deßl ſchie ſo n heit man rette Sol ja, ſtehe ſtam ich Zeit jett nmich ganz beſch 5 tete wahr b ge⸗ auf nubte ) die ſoll ertig ann, dem d zu n ge⸗ bald degen venn uhig, b ſie te ſie möge , die auch 155 er wollte Ew. Majeſtät daran erinnern... daß er...* „Welchen Grund gab er ſelbſt an?“ „Daß er fürchte, verkannt zu werden, und daß er deßhalb ein kühnes Spiel wagen wolle... mir ſchien es wahnſinnig. Thue ich das, ſagte er zu mir, ſo wird man höchſtens glauben, ich habe eine Dumm⸗ heit oder einen Mißgriff begangen, und das mag man immerhin... inzwiſchen rette ich...“ Clara verſtummte. „Wen glaubte er zu retten? Sprich es aus...“ Aber Clara blieb ſtumm. „Sage mir's, Clara... glaubte er mich zu retten... doch... ich erlaſſe es Dir. Ein guter Soldat denkt auch immer als ein guter Ritter. Ja ie Dein Bruder hat Recht, Clara... ich ver⸗ ſehe... Clara ſchlug ihre Augen wieder auf. „Ich ſagte, daß er manchmal ſo ſonderbar ſei,“ ſtammelte ſie,„wie von Verſtand... ich glaube... ich glaube, daß er Jemand liebt.“ „Liebt? Wen denn?“ „Das weiß ich nicht, Ew. Majeſtät... eine Zeit lang glaubte ich, Mamſell Amanda ſei es, aber jetzt bin ich überzeugt, daß ſie es nicht iſt. Als er mich beſchwatzte, den Ring fortzuſchaffen, war er ganz von Sinnen... ich kann's Ihnen gar nicht beſchreiben.“ Die Königin hörte aufmerkſam zu. „Das Menſchenherz iſt unerforſchlich,“ antwor⸗ tete ſie endlich.„So lange Dein Bruder von einem wahren und tiefen Gefühl belebt iſt, wird er als ein 156 rechtſchaffener Mann voranſchreiten. Ich werde wie⸗ gült der mit ihm reden.“ ſach jetzt Die Königin kehrte zur Geſellſchaft zurück. Ihre 3 Beſtürzung und Unruhe war verſchwunden, und ſie Und wollte ſich jetzt das Vergnügen nicht verſagen, ihren dar, Feinden in's Auge zu ſehen.. 1 dru Aber als ſie zurückkam, war bereits eine bemer⸗ gem kenswerthe Veränderung vor ſich gegangen: der Sieg, Nat auf welchen ſie rechnete, war bereits gewonnen, und Auc neue Bilder begannen ſich aufzurollen. Sie fand ein nämlich die Gäſte jetzt da und dort in Gruppen ver⸗ bald theilt, von denen die einen mißvergnügt dreinſchauten, biet die andern heiter ſcherzten und lachten, und die Hal prir tung beider Theile bewies ihr, daß etwas Ungewöhn⸗ zieh liches ſich zugetragen haben mußte. Ihr Weiter weg ſah ſie den König, der noch immer wie mit Ferſen ſprach. Nach dem Weggang der Königin ſein hatten mehrere Gäſte ſich an die beiden Sprechenden Ver angeſchloſſen, und der Gegenſtand, der ſie beſchäftigte, nier nämlich die Erziehung des Kronprinzen, beherrſchte blich bald die allgemeine Aufmerkſamkeit. Nat „Aber ich bin doch ſein Vater,“ ſagte der König, ewi 4 nicht ohne eine gewiſſe Aufregung, wie man ſie bei Tag dem gutmüthigen Manne kaum gewöhnt war. Vol Die Königin blieb mitten im Saal ſtehen und den hörte die ſo lebhaft ausgeſprochenen Worte. Sch tete Ferſen,„aber in Ihnen erblicken wir den König, dere und in Ihrem Sohn erblicken wir Ihren Thronfolger. und Ew. Majeſtät ſelbſt waren nicht Friedrichs I. Sohn kein und doch ſein Nachfolger. Für ein Land iſt es gleich ſetzt „Das iſt unbeſtreitbar, Ew. Majeſtät,“ tanni aus e wie⸗ Ihre ind ſie ihren bemer⸗ Sieg, n, und fand n ver⸗ auten, e Hal⸗ wöhn⸗ immer önigin henden iftigte, rrſchte König, ſie bei f en und ntwor⸗ König, folger. Sohn gleich— 157 gültig, weſſen Sohn ein Thronfolger iſt; die Haupt⸗ ſache iſt, daß er Thronfolger iſt. Ew. Majeſtät ſehen jetzt ein, daß die Nation, unſerer Verfaſſung gemäß, über allem Andern, ſelbſt über dem König ſteht. Und wenn dies nicht geleugnet werden kann, ſo folgt daraus auch— Ew. Majeſtät wollen mir einen Aus⸗ druck verzeihen, der indeß vollkommen verfaſſungs⸗ gemäß iſt— ſo folgt daraus auch, ſage ich, daß die Nation nicht blos über...“ Ferſen hielt hier einen Augenblick inne, weil er vielleicht im Begriff ſtand, ein verletzendes Wort zu ſagen, aber er fuhr doch bald fort...„nicht blos über die Gegenwart ge⸗ bietet, ſondern auch über die Zukunft. Der Kron⸗ prinz iſt die Zukunft, Ew. Majeſtät. Seine Er⸗ ziehung, ſein Charakter, ſeine Denkungsart ſind für Ihr Vaterherz wichtig, das beſtreite ich nicht; aber wie weit wichtiger müſſen ſie nicht für die Nation ſein? Ew. Majeſtät ſind dem ewigen Naturgeſetz Vergänglichkeit unterworfen; aber eine Nation ſtirbt niemals. Wenn Ew. Majeſtät Macht vom Augen⸗ blick begrenzt wird, ſo iſt dagegen die Macht der Nation ebenſo grenzenlos wie die Geſchichte, die ſich ewig aus ſich ſelbſt entwickelt. Sie ſind der heutige Tag, der Thronfolger iſt der kommende Tag, das Volk iſt das Jahrtauſend. Wenn wir Ihnen einmal den Denkſtein ſetzen, ſo übergeben wir uns in den Schutz des Thronfolgers, und wir müſſen zum Vor⸗ aus dafür ſorgen, daß wir auch über ſeiner Gruft dereinſt eine Ehrenſäule errichten können, die ſeiner und unſer ſelbſt würdig ſei. Dem Volk dagegen wird kein Denkmal geſetzt, und würde ihm ein ſolches ge⸗ ſetzt, ſo hätte es bereits das Recht verloren, ein Volk So wichtig die Frage auch war, ſo ließ ſie doch ihre zu ſein. Ew. Majeſtät Ueberzeugung und Ehre ge⸗ V bieten Ihnen allerdings, Ihren hohen Beruf zum Nutzen der kommenden Zeiten zu erfüllen; aber dies iſt blos ein perſönlicher Umſtand, daß Sie das Volk lieben und von ſolchen Geſinnungen belebt ſind; ein Volk dagegen, das von Jahrhundert zu Jahrhundert fortbeſtehen will, muß auf ſolidere Grundlagen bauen, nämlich auf die Geſetze, dieſe niemals ſchwankende, ſtets aufwärts führende, dauerhafte und Sicherheit gewährende Treppenleiter der menſchlichen Entwick⸗ lungsgeſchichte...“ Aber die Königin hörte nicht länger auf Ferſen. 158 Blicke umherſchweifen, bis ſie auf der lebhaften Be⸗ wegung haften blieben, die ſich ſo unerklärlicher Weiſe unter den übrigen Gäſten kundthat. Brahe, Hard, Horn und Wrangel, die auf dem äußerſten linken Flügel ſtanden und ſich beſprachen, zeigten eine ſolche Befriedigung, daß Luiſe Ulrike ſich nicht genug darüber wundern konnte. Rechts ſah ſie Ehrenpreutz und Creutz und an ihrer Seite mehrere Damen, worunter die Gräfin Creutz und Alma mit dem Capitän Puke. Der Aus⸗ druck in ihren Geſichtern, dieſer Thermometer des Herzens, deutete darauf an, daß etwas ganz beſon⸗ ders Merkwürdiges vorgegangen ſein mußte. Umſtand, daß ſie vergebens nach Pechlin ſuchte. Was hatte ſich zugetragen? Die Geſchichte war folgende:. Um über Daniels Angabe in Betreff der Ver⸗ haftung Silfverhjelms das Nähere zu erfahren, hat⸗ Was ihre Verwunderung noch erhöhte, war der V 8 I Ferſe ee ge⸗ zum dies Volk ; ein ndert auen, ende, erheit tick⸗ erſen. ihre Be⸗ Veiſe dem cchen, ſich d an räfin Aus⸗ des eſon⸗ der war Ver⸗ hat⸗ ten ſich Hard und Pechlin nach dem bezeichneten Zimmer verfügt, vor welchem ſie die Poſten trafen. Als man ihnen aber auf ihr Geheiß die Thüre öff⸗ nete, da fanden ſie, ſtatt des erwarteten Gefangenen, den Cornet Aminoff, vor Amanda auf den Knieen liegend. Daniel erklärte, daß er ſich im Dunkel in der Perſon getäuſcht habe. Der ganze Hof riß ſeine Witze darüber, und dieſe Epiſode hatte eine ſo große komiſche Wirkung, daß ſie Pechlin vom Schloſſe trieb. Die Königin ergötzte ſich ungemein an der leb⸗ haften Darſtellung, welche ihr Hard von der Sache machte. „Aber,“ fügte Hard hinzu,„ſeit Ew. Majeſtät uns für einen Augenblick verließen, iſt noch etwas Anderes geſchehen, was Ew. Majeſtät ſicherlich ſehr erfreuen wird, nämlich Ehrenpreutz und Creutz haben zur Vereinigung Alma's und Puke's ihre Einwilligung gegeben.“ „Wirklich? Dalin... Dalin... ein Hochzeits⸗ carmen!“ Aber Dalin konnte diesmal nicht ſo ſchnell mit einem ſolchen hervorrücken, als die Königin es ge⸗ wünſcht hätte. f Dagegen kamen jetzt der König und Ferſen auf ie zu. „Ich habe,“ ſagte der König,„Ferſen vergebens zu überzeugen geſucht, daß in der bereits begonnenen ſtändiſchen Berathung in Betreff einer beſonderen Inſtruction für Guſtavs Erziehung eine wahre Feind⸗ ſeligkeit liegt.“ Die Königin wandte ſich mit ſtolzer Geberde gegen Ferſen. 160 „Graf Ferſen,“ ſagte ſie,„Se. Majeſtät der König erwartet von den Reichsſtänden ſo wenig als ich Fügſamkeit oder Nachgiebigkeit, ſobald es ſich um die Ausübung der monarchiſchen Gewalt handelt. Man hat uns, ſogar bei unſern billigſten Anſprüchen, an Niederlagen gewöhnt. Aber man möge ſich wohl bedenken, bevor man ſo weit geht, daß man uns ſogar in unſern Privatrechten, d. h. in unſern Eltern⸗ rechten, verkürzen will.“ „Immer daſſelbe Thema, Ew. Majeſtät,“ ant⸗ wortete Ferſen,„ein Thema, das ich bis in ſeine einzelſten Schattirungen zu beſprechen das Glück ge⸗ habt habe.“ „Sie ſuchen Ausflüchte, Graf.“ „Weit entfernt, Ew. Majeſtät. Se. Majeſtät der König kann das bezeugen. Aber man könnte vielleicht einen neuen Ausgangspunkt für die Beur⸗ theilung der Frage gewinnen, wenn man... ja warum denn nicht?... wenn man in einem Augen⸗ blick, wo der Kronprinz es am wenigſten ahnt, ruhig und leidenſchaftslos ſeine Handlungen und Gedanken beobachtete und daraus auf die Art und Weiſe ſeiner Erziehung ſchlöße. Er iſt allerdings noch ein Kind von zehn Jahren, aber auch bei den Kindern muß ſich in ihren Spielen und Vergnügungen mehr oder weniger abſpiegeln, was ſie lernen und wiſſen.“ „Was meinen Sie, Graf?“ „Ew. Majeſtät,“ fuhr Ferſen fort,„ich habe das Wohl meines Vaterlandes und ſeiner Dynaſtie im Auge. Aber von dieſen beiden Theilen darf keiner den andern mit Füßen treten. Die Verfaſſung muß Beſtand haben; für ſie bin ich bereit, Alles aufzu⸗ der als um delt. chen, wohl uns tern⸗ ant⸗ ſeine k ge⸗ jeſtät önnte Beur⸗ . jaä ugen⸗ ruhig anken ſeiner Kind muß oder 7 e das tie im keiner j muß aufzu⸗ 161 opfern. Dem Staatsmann muß ſeine Pflicht mehr gelten als ſein Gefühl. Ich habe oft zu Gott ge⸗ betet, daß ſich die Intereſſen des Vaterlandes und der königlichen Familie in aufrichtiger und vertrauens⸗ voller Liebe verſchmelzen möchten. Wenn dies un⸗ glücklicher Weiſe jetzt nicht der Fall iſt, ſo kommt es den Ständen zu, ihre Blicke mit um ſo größerer Feſtigkeit auf die Zukunft zu richten. Und um unſere Stellung in dieſer Beziehung vollkommen vorurtheils⸗ frei beurtheilen zu können, laſſen Sie uns...“ Die Königin verſtand ihn nicht recht, aber ihr Herz klopfte immer heftiger und unruhiger. „Was wollen Sie, daß wir thun ſollen, Ferſen?“ „Erlauben mir Ew. Majeſtät, ſo zu handeln, wie ich will?“ „Ich kann nicht glauben, daß Graf Ferſen einer unritterlichen Handlung fähig wäre.“ „Die Ritterlichkeit des Staatsmannes beſteht darin, ſo zu handeln, wie er es vor der Mit⸗ und der Nachwelt verantworten kann. Ew. Majeſtät, Sie haben heute Abend den Kronprinzen mit einigen Kin⸗ dern ſeines Alters umgeben. Gewiß haben Sie ihm die Freiheit gegönnt, ſich den Eingebungen des Augen⸗ blicks zu überlaſſen. Ew. Majeſtät dürften ſo wenig als ich ſelbſt wiſſen, was er in dieſem Augenblick thut. Als Sie den Theaterſaal verließen, ſah ich, daß der Prinz ſich mit ſeinen kleinen Freunden auf die Bühne ſelbſt begab. Laſſen Sie uns nachſehen, Ew. Majeſtät, was er thut.“ Der Königin war es unangenehm, daß man den Prinzen förmlich überraſchen wollte, aber ſie war zu ſtolz, um ſich dem Vorhaben zu widerſetzen. Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. IV. 11 162 „Sie glauben doch wohl nicht, Graf, daß mein Sohn Etwas thue, worüber er ſich vor der Welt zu ſchämen hätte?“ „Weit entfernt, Ew. Majeſtät, aber davon iſt jetzt auch nicht die Rede. Es handelt ſich blos um den Charakter ſeiner Erziehung.“ Das Geſpräch fand in der Nähe des Theaterein⸗ gangs ſtatt. Die Thüren ſtanden offen. Man ſah im Hintergrund den herabgelaſſenen Vorhang. Die eingeladenen Gäſte und die Mitglieder des Hofs hatten die Beſprechung mit lebhaftem Intereſſe angehört. Auf einen Wink Ferſens ging auf einmal der Vorhang in die Höhe. Alle Blicke richteten ſich nach der Bühne. Das Theater ſtellte noch immer das Capitol vor, mit einem Altar im Hintergrund. Hinter dem Altar ſtand der kleine Neger Badin, ſchwarz wie einer der Geiſter der Unterwelt. Vor demſelben lag Prinz Carl in einer Art von Prieſterkutte auf den Knieen. Die übrige Geſellſchaft ſtand auf beiden Seiten, die Mädchen auf der einen, die Jungen auf der andern. Als der Vorhang in die Höhe ging, hatte der Prinz eben erſt einige kleine Ringe unter ſeine Spiel⸗ kameraden vertheilt. Guſtav war von der dramatiſchen Anordnung zu ſehr in Anſpruch genommen, als daß er bemerkt hätte, wie der ganze Hof ihn betrachtete. „Schwört! ſchwört!“ Es war der Prinz, der ſprach. au we „Wir ſchwören!“ So lautete der verſichernde Zuruf der Kinder⸗ ſchaar. Der König und die Königin, Ferſen und die übrigen Gäſte betrachteten das vom Prinzen impro⸗ viſirte Schauſpiel mit verſchiedenen Gefühlen der Verwunderung. Ein Ausruf entglitt den Lippen der Königin. Der Prinz wandte ſich um. Erröthend ſah er, daß er bemerkt wurde, und mit einem Sprung ſtand er an der Seite ſeiner Mutter. „Sage mir, Guſtav,“ fragte ſie,„was willſt Du eigentlich mit dieſem Spiele da?“ „Wir haben einen Bund mit einander geſchloſſen, Mama.“ „Aber warum liegt Carl auf den Knieen, und warum ſteht Badin dort?“ „Carl wollte durchaus Opferprieſter werden, Mama, und bei dem ſchwarzen Badin verſteht es ſich von ſelbſt, daß er das Geheimnißvolle im Bunde vorſtellen ſollte.“ „Du haſt Ringe ausgetheilt.“ „Ein Ring hat weder Anfang noch Ende, Mama.“ „Nun ja.“ „Ein Freundſchaftsbund, Mama, muß deßhalb auch wie ein Ring ſein.“ „Aber welchen Zweck hat wohl dieſer Bund?“ „Welchen Zweck?“ Der Prinz überlegte. „Sehen Sie, Mama, wenn ich einmal groß werde, ſo ſind dieſe Jungen auch groß.“ „Natürlich.“ 164 „Wenn wir als Kinder Freunde ſind, ſo ſind wir es ſicherlich auch dann.“ „Weiter.“ „Es iſt Nichts weiter, Mama.“ „Du mußt aufrichtig ſein, Guſtav; ich ſehe, daß Du noch mehr in Deinen Gedanken haſt.“ Der Prinz erröthete. „Papa und Mama,“ ſagte er indeß,„ſind ja von lauter Feinden umgeben; aber wenn ich...“ „Fahre fort, Guſtav.“ „Aber wenn ich König werde wie Papa, ſo will ich von Freunden umgeben ſein.“ Die Königin wandte ſich auf einmal gegen Ferſen. „Und dieſes Kind,“ ſagte ſie zu ihm,„wollen Sie von meinem Herzen reißen?“ „Von Ihrem Herzen, Ew. Majeſtät, das iſt nicht unſere Abſicht.“ „Sehen Sie denn nicht ein, Graf, daß die Stände, wenn ſie eine Inſtruction für den Prinzen auſfſetzen, dann auch einen Gouverneur und Lehrer ernennen müſſen, um die pünktliche Einhaltung derſelben zu überwachen, und daß dieſe Herren dann weder dem König noch mir verantwortlich ſein werden, ſondern nur den Ständen? Von dieſem Augenblick an haben wir Nichts mehr über ſeine Entwicklung zu gebieten: ſie beruht nicht auf unſerer Liebe, ſondern auf regle⸗ mentariſchen Vorſchriften, ſie hängt nicht von unſerer Zärtlichkeit ab, ſondern von verantwortlichen Per⸗ ſonen, nicht von der natürlichen Sorgſamkeit des Elternherzens, ſondern von den Ständen. Immer⸗ hin möglich, daß er auch auf dieſem Weg ein auf⸗ b —--eH 750&& d8SA— 2 SSNR See geklärter, kenntnißreicher und gebildeter Mann wird, ich will das nicht leugnen;— aber das Herz, dieſer innere Regulator des Lebens, dieſes wichtige Vehikel aller wahren menſchlichen Größe, muß bei ihm ein Tummelplatz von Colliſionen zwiſchen ſeinen verſchie⸗ denen Pflichten werden: den Pflichten gegen uns, ſeine Eltern, auf der einen, und denen gegen den Staat, als ſeinen Lehrer, auf der andern Seite; zwiſchen der Naturpflicht, die ihm gebietet, uns zu gehorchen, und der Pflicht gegen die Stände, die ihm Gehorſam gegen dieſe auferlegt. Schmeicheln Sie ſich etwa damit, nicht blos alle Forderungen, welche die Staatsgeſellſchaft zu machen berechtigt iſt, ſon⸗ dern auch die ganze Liebe des Elternherzens in eine Inſtruction legen zu können? Ach, Graf, dann wiſſen Sie nicht viel von menſchlichen Herzen. Ich werde niemals der Nation ihr Recht beſtreiten, zu verlangen, daß der Thronfolger zu einer Zierde des Thrones herangebildet werde. Aber was berechtigt Sie zu der beleidigenden Vorausſetzung, daß wir viel⸗ leicht nicht alle unſere Kräfte aufbieten würden, um dieſen Anſprüchen zu genügen? Sind wir denn un⸗ natürlichere Eltern als alle andern. Seien Sie über⸗ zeugt, Graf, daß eine ſo getheilte Erziehung, wie Sie dieſelbe anordnen wollen, keine warme und lebendige Liebe, ſondern nur Kälte und Gleichgültigkeit, keine tiefe und innige Ergebenheit, ſondern nur den Schein einer ſolchen hervorrufen wird. Seine Stellung zwi⸗ ſchen uns und den Lehrern wird die moraliſche Ein⸗ heit in der Erziehung ſchwächen. Er wird in ſeinen Lehrern oder in der Inſtruction ſelbſt einen Schutz für ſeine Schwachheiten und Neigungen, vielleicht 166 ſogar gegen uns finden, und in uns wird er viel⸗ leicht einen Schutz gegen ſeine Lehrer ſuchen. Sie ſprechen von ſeinen glänzenden Anlagen; mag ſein; aber je ausgezeichneter dieſe Anlagen ſind, um ſo gefährlicher wird ſeine Stellung. Sie werden ſeinen Verſtand auf Koſten des Herzens entwickeln; es wird Ihnen vielleicht gelingen, ein glänzendes und blen⸗ dendes Genie aus ihm zu machen, das aber, da ihm der ſichere Haltpunkt eines feſten Charakters und tiefen Pflichtgefühls fehlt, keine Grenzen für ſeine Eingebungen und Handlungen anerkennen wird. Sie können mir antworten, daß Sie auch die Veredlung ſeines moraliſchen Weſens nicht vernachläſſigen wer⸗ den; allein Sie dürfen nicht überſehen, daß Eltern angeborne, mit dem Kind ſelbſt aufwachſende Rechte über ſein Herz beſitzen, ſo daß es ihnen gehorcht, ohne auch nur um die Urſache zu fragen, während Sie dagegen dieſe Rechte auf dem Weg ſeiner Ver⸗ ſtandeskräfte erzielen müſſen, ohne ſie jemals in glei⸗ chem Grad zu erreichen. Ein Vater und eine Mutter ſind für ihr Kind mehr als blos gewöhnliche Men⸗ ſchen; ſie ſind ihm eine Vorſehung, eine Allmacht, an die es blindlings glaubt, bis es zur Einſicht ge⸗ langt, daß es noch eine andere höhere gibt. Sie werden die Religion, möchte ich beinahe ſagen, dieſes Gefühls vernichten und damit zugleich die beſte Grund⸗ lage aller guten Erziehung zerſtören. Wenn wir im Prinzen blos unſern Sohn ſehen, ſo werden hinwie⸗ derum die von Ihnen beſtellten Lehrer nur den Thron⸗ folger in ihm erblicken. Begreifen Sie den Unter⸗ ſchied, Graf? Wir können aus Liebe ſchwach gegen ihn ſein, dieſe aber können es aus egoiſtiſchen Rück⸗ „„——.=ͤ ͤ+——.— ſichten ſein, z. B. im Hinblick auf ihre eigene Zu⸗ kunft, die ihnen immer den Prinzen als ihren König vor Augen ſühren wird. Und ſeien Sie überzeugt, daß dieſe verſchiedenen Arten von Schwachheit auch zu ganz verſchiedenen Reſultaten führen werden: die Liebe führt, ſo ſchwach ſie ſei, zur Liebe; der Egois⸗ mus, ſo gering er ſein mag, zum Egoismus. Hüten Sie ſich wohl vor einem Egoiſten auf dem Throne. Führen Sie inzwiſchen Ihre Abſicht aus, ſo müſſen Sie dies aus Oppoſition gegen uns thun, folglich auch unſern Sohn zur Oppoſition gegen uns erziehen. Aber vergeſſen Sie nicht, daß Niemand ungeſtraft die ewigen Geſetze der Natur verletzt. Wenn es Ihnen gelingen ſollte, den Prinzen von den Banden zu emancipiren, worin unſere Elternliebe ihn hält, ſo ſeien Sie überzeugt, daß auch die Bande, welche Sie ihm auferlegen, nicht viel ſtärker ſein werden. Sie wollen ſich für die Zukunft ſicher ſtellen und ſuchen Ihre Stütze blos in einem Buchſtaben, einer Vorſchrift, einem Geſetz; ich aber ſage Ihnen voraus, daß Sie das noch bereuen werden: glauben Sie mir, für das Edle und Gute, was ein Kind in der Zu⸗ kunft verheißt, beſitzt man keine Garantie, wofern man ſie nicht im Verſtand und Herzen, in der Sorg⸗ ſamkeit und Zärtlichkeit ſeiner Eltern ſucht. Kann ich auch als Königin gegen den Beſchluß der Stände nicht proteſtiren, ſo werde ich es doch immer als Mutter thun.“ 168 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Amanda. Mehrere Monate ſind ſeit den zuletzt verzeichne⸗ ten Ereigniſſen verfloſſen. Der Winter iſt verſchwun⸗ den, und die Frühlingsſonne hat die Schneedecken ſchngelzen gemacht und die Eisbande gelöst. Der Lenz iſt gekommen. Die prachtvolle und wechſelreiche Naturſchönheit der Hauptſtadt hat ihren vollen Glanz wieder entwickelt. Der Mälar wälzt ſeine klaren Wellen von Weſten nach Oſten. Tannen und Fichten bedecken nicht mehr allein die umliegenden Hügel und Thäler mit ihrem ewigen Grün. Auch das Grün der Bir⸗ ken, Ulmen und Erlen beginnt in reichen Uebergän⸗ gen hervorzubrechen. Vögel ſingen in den Hainen. Ueberall walten Fleiß und Thätigkeit. Die vor eini⸗ gen Wochen noch in Eis und Schnee eingehüllte Natur athmet jetzt auf einmal Schönheit und Reg⸗ ſamkeit. Wohin man ſieht, tritt dem entzückten Auge Licht und Leben entgegen. Denn es iſt jetzt Früh⸗ ling, einer jener ſo ſchnell hervorgezauberten, gleich⸗ ſam nur durch eine wunderbare Veränderung im Pulsſchlag der Natur hervorgebrachten Uebergänge, die dem Norden ſo eigen ſind. Puke's Wiederkehr wurde für Amanda eine neue Quelle von Schmerz und Verzweiflung. Schon aus ihrer erſten und ſo ziemlich einzigen Beſprechung mit ihm hatte ſie ſeinen Charakter zu gut aufgefaßt, um ſich der trügeriſchen Hoffnung zu überlaſſen, daß ſie ſeine Ergebenheit gewinnen könnte. Nichtsdeſtoweni⸗ ger fühlte ſie ſich durch eine zwiſchen Liebe und Haß ſchwankende Leidenſchaft an ihn gefeſſelt. Die Freund⸗ ſchaft, die er einmal angeboten hatte, wies ſie mit verächtlichem Lächeln ab: ſie war blos ein armſeliger Brocken, der vom Tiſche des reichen Mannes für ihr Herz abſiel. Hingeriſſen von Leidenſchaften, ſchwur ſie ihm ſelbſt und allen denjenigen, die er ſchätzte und liebte, Verderben. Was ſie ſelbſt nicht als Eigenthum beſitzen konnte, wollte ſie in den Staub treten. Die Demüthigung, ſich verſchmäht zu ſehen, gab ihr den Wunſch ein, als ein Engel der Zerſtö⸗ rung zu wirken. Der Cornet Aminoff, der von dem düſteren Feuer ihrer brennenden Augen geblendet und beim Anblick ihrer Geſichtszüge, die tiefes Gefühl verriethen, von neuer Leidenſchaft entzündet wurde, glaubte ihre For⸗ derungen erfüllt zu haben, indem er Puke nach Ber⸗ lin folgte und über alle ſeine Schritte daſelbſt Aus⸗ kunft zu ertheilen vermochte. Aber Amanda trat ihm mit zornigen Blicken entgegen. „Warum ließen Sie ihn zurückkommen?“ fragte ſie. „Zurückkommen? Ich erbat mir von Ihnen aus⸗ führliche Inſtructionen und erhielt ganz ungenügende Antworten. Sie ſchienen bald das Eine, bald das Andere zu wollen. Wußten Sie wohl ſelbſt, was Sie wollten?“ „Sie begriffen es alſo nicht?“ „Bei Gott, nein!“ „Ich wollte...“ Aber das Wort erſtarb auf ihren Lippen, und. 170 ſie ließ ihren Kopf in ihrer Hand ruhen, während Aminoff zu ihren Füßen niederſank. „Fort, mein Herr!“ ſagte ſie.„Ihre Liebe iſt blos eine Einbildung, blos eine Kohle, die in der Loderaſche glüht, blos eine Fieberhitze im Blute. Ich habe Ihnen blos einen einzigen Rath zu geben: neh⸗ men Sie ein kühlendes Pulver, dann ſind Sie in einer Stunde wieder geſund. Können Sie mir ſa⸗ gen, warum Sie Puke zurückkommen ließen, ohne mich davon zu unterrichten?“ „Immer grauſam, immer kalt, immer unnatürlich, aber vor allen Dingen... immer Puke! Sie lie⸗ ben ihn.“ „Ich haſſe ihn.“ „Dann müſſen Sie mich lieben, denn auch ich haſſe ihn.“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr, denn Sie ſind keines großen Gefühls fähig.“ Aber noch unglücklicher ſollte ſich Amanda fühlen, als ſie erfuhr, daß Chrenpreutz und Creutz ihre Ein⸗ willigung zur Verbindung Alma's und Puke's gege⸗ ben hatten. Ihr war, als ob eine Treppenſtufe um die an⸗ dere unter ihr zuſammenbräche, ſo daß ſie ſich bald auf einem gänzlich untergrabenen Boden befände; aber ſie wollte von der Brandſtätte nicht entfliehen, ſondern mitten in derſelben zu Grunde gehen. Mit Zuverſicht hatte ſie ſich an Chrenpreutz und Creutz angeſchloſſen, nicht blos weil die Feindſeligkeit dieſer Herren gegen Puke ſo unverſöhnlich ſchien, ſondern auch weil ſie Röhr's Liebe zu Alma billigten; ja ſie hatte in ihnen alſo beinahe eine unerſchütter⸗ hrend be iſt n der . Ich neh⸗ die in ir ſa⸗ ohne jrlich, e lie⸗ h ich ſind ihlen, Ein⸗ gege⸗ an⸗ bald inde; ehen, und igkeit hien, gten; gtter⸗ 171 liche Scheidewand zwiſchen Puke und dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Liebe erblickt. Aber die erſte dieſer ſcheinbar ſo ſicheren Berech⸗ nungen wurde durch die Verlobung Röhrs, die letzte durch die Wiedererkämpfung des freundſchaftlichen Verhältniſſes zu nichte gemacht. Puke, der ſich der vollen Gunſt der Königin er⸗ freute, hatte Gelegenheit, recht oft mit Alma zu⸗ ſammenzutreffen. So oft er ins Schloß trat, erwachte in Amanda ein peinliches Gefühl; ſie ſah in bren⸗ nenden Farben die Seligkeit der beiden Liebenden, ſah, wie ſie ſich lächelnd, erröthend, flüſternd den Eingebungen des Augenblicks überließen, und je leb⸗ hafter ihre Phantaſie dieſe Vorſtellungen zeichnete und färbte, um ſo krampfhafter zog ſich ihr Herz zuſammen, um ſo bleicher wurden ihre Wangen; aber nichtsdeſto⸗ weniger unterhielten und belebten ſowohl dieſe Blend⸗ werke der Einbildungskraft, als auch dieſes Gefühl der Feindſeligkeit den Wunſch in ihr, Beide zuſam⸗ men zu erblicken, in Wirklichkeit zu ſehen, was ſie ſelbſt in ihren Gedanken ſo lebhaft erträumte, die Tiefe ihrer eigenen Verzweiflung zu ſehen. So wurde ſie immer tiefer und tiefer in den finſteren Wirbel ihrer Leidenſchaft hineingezogen. Man könnte vielleicht glauben, ſie werde ſich, als ihr Wunſch endlich erfüllt wurde und ſie Puke und Alma gerade ſo glücklich beiſammen ſah, wie ſie ſich's mit bren⸗ nend heißen Farben ausgemalt hatte, zermalmt und vernichtet gefühlt haben; aber weit entfernt, ihr Muth und Stolz wuchſen dadurch noch, gleich als würden ſie von neuen Eingebungen ihres böſen und verbitterten Herzens belebt. 172 Eines Tages kam Puke. Als ſie ihn entdeckte, war ihr zu Muth, als ob ihr Blut unbeweglich in ihren Adern ſtill ſtände. Mit einem Blick, kalt und glänzend wie ein Strahl der Winterſonne, folgte ſie ihm. Er begab ſich in's Cabinet der Königin; ſie wußte, daß Alma da war, und beſchloß nachzugehen. Aber ſie wollte die Möglichkeit, Beide zuſammen zu ſehen, nicht verlieren, und ſie ſah wohl ein, daß er deßhalb beſchloß ſie noch eine Weile zu verziehen. Sie ging ruhig auf ihr Zimmer zurück. Dort an⸗ gekommen, warf ſie ſich auf einen Sopha und über⸗ ließ ſich einen Augenblick ihren ſchmerzlichen Ein⸗ drücken; aber bald ſprang ſie mit beinahe verach⸗ worf 8 tungsvollem Hohn über ihre Schwachheit wieder auf. Lächelnd trat ſie vor den Spiegel. Sie betrachtete ſich. Dazwiſchenhinein hörte ſie das gleichförmige Gepicke der Schlaguhr. Dies war doch eine Stimme in der Welt, die zu ihr ſprach, wenn ſie ihr auch weiter Nichts als das Hinſchwinden der Zeit vor die Augen führte. Aber auch der Spiegel ſprach ihr davon. Von ihrer innern leidenſchaftlichen Thätig⸗ keit gänzlich in Anſpruch genommen, hatte ſie ihr Aeußeres vernachläſſigt und war jetzt überraſcht von den bleichen Wangen, von dem Ernſt und Kummer, die aus ihren Zügen, ja ſogar aus ihrem Lächeln ſprachen. Aber dies hielt ihre Aufmerkſamkeit nicht lange feſt. Sie hatte eine Purpurroſe mitgebracht, um ſie in ihre Locken zu ſtecken, aber jetzt warf ſie dieſelbe weg und griff nach einer weißen Roſe... ſie befeſtigte ſie... ſie betrachtete ſich im Spiegel ... ſie lächelte... die weiße Blume ſtach ſtark ab Art ihre Gep Jetzt er e ſie i ihre zuerſt ſein Geſchäft bei der Königin ausrichten mußte; räc einer flüſte 8 ger und Köni Vor! dere, fand niſche wie auch 8 Alme Läche ſchön imme erfüll heit die n deckte, ch in und te ſie ſie ehen. n zu iß er ißte; ehen. an⸗ über⸗ Ein⸗ rach⸗ auf. htete nige nme auch die ihr tig⸗ ihr von ner, heln icht icht, ſie gel tark ab gegen das ſchwarze Haar. Während auf ſolche Art ihre weibliche Laune ſpielte, flogen gleichwohl ihre Gedanken nach einer andern Richtung. Das Gepicke der Uhr maß die Zeit in Augenblicke ab. Jetzt— dachte ſie— iſt er angemeldet; jetzt tritt er ein; jetzt ſpricht er mit der Königin; jetzt bittet ſie ihn, in einem äußern Zimmer zu verweilen und ihre Antwort zu erwarten; jetzt trifft er Alma; jetzt drückt er ihre Hand; jetzt ſetzen ſie ſich, vielleicht in einer Fenſterniſche; jetzt lächeln ſie einander zu; jetzt flüſtern ſie; jetzt erröthen ſie; jetzt... Aber ſie fuhr in ihren Betrachtungen nicht län⸗ ger fort; mit einer heftigen Bewegung erhob ſie ſich, und nachdem ſie noch einen Blick in den Spiegel ge⸗ worfen, ging ſie hinab. Amanda hatte immer irgend ein Geſchäſt bei der Königin, und es fehlte ihr auch jetzt nicht an einem Vorwand. Leiſe öffnete ſie eine Thüre um die an⸗ dere, und als ſie in eins der kleinen Cabinette trat, fand ſie wirklich Puke und Alma, und zwar ganz ſo, wie ſie ſich's vorgeſtellt hatte, in einer der Fenſter⸗ niſchen. Ihre Augen hafteten auf einander, und auch ihre Hände ruhten in einander. Amanda war auf der Schwelle ſtehen geblieben. Alma und Puke bemerkten ſie nicht. Ein holdes Lächeln, der Zeuge eines angenehmen Eindrucks, ver⸗ ſchönerte Alma's Züge. Sie war liebenswürdig wie immer. Wenn unſer Herz von einer edlen Regung erfüllt iſt, ſpiegelt ſie ſich als Harmonie und Schön⸗ heit in unſeren Zügen ab. Liebe und Unſchuld ſind die nächſten Verwandten der Grazien. Wir ſagten, 174 daß ſie lächelte: nämlich ihr Herz war glücklich, und das Lächeln war blos ein Ausdruck dieſes Glückes. Amanda fühlte ſich ſchmerzlich berührt von die⸗ ſer ſanften, lächelnden Ruhe, worein die Liebe, wie in eine zierliche Blumenkrone, den Duft all der Se⸗ ligkeit, die ſie einflößte, zu ergießen ſchien. Puke war nicht mehr ſo bleich: eine wärmere Gluth als gewöhnlich erhöhte die männlich kräftigen Züge. Sein Herz ſchien gleichſam in ſein ganzes Weſen ausgeſtrömt zu ſein. Amanda ſah, daß er ſprach, und zwar mit einer Lebendigkeit, wie wenn er in jedem Wort alle ſeine Gedanken und Gefühle zuſammenfaſſen wollte; Amanda lauſchte, aber ver⸗ gebens; kein Wort drang zu ihren Ohren. Sie ſah jedoch, daß der Inhalt des Geſpräches Liebe war, und ihre Eiferſucht ergänzte leicht, was ſie nicht hörte. Unwiderſtehlich fühlte ſie ſich indeß vorwärts gezogen. Sie vergaß ſich ſelbſt, ſie wollte mehr ſe⸗ hen, als ſie ſah; wollte gleichſam die geheime Be⸗ deutung, das Myſterium in jedem Mienenwechſel, jedem Lächeln, jedem Erröthen, jeder Bewegung er⸗ forſchen. Es kam ihr vor, als ſei ſie in eine ihr bisher fremde Zauberwelt gerathen, von welcher ſie mit unerklärlicher und wunderbarer Gewalt angezo⸗ gen werde. Gleichwie die innere Kraft des Baumes in ſeinem Uebermaß von Leben in Blüthe ausſchlägt, ſo erblickte ſie auch in jedem Ausdruck auf den Ge⸗ ſichtszügen Alma's und Puke's eine Blüthe der Se⸗ ligkeit, die ſie in ihrem Innern empfanden. Sie trat daher einen Schritt vor, ſie machte zwei, drei, vier Schritte. Den Blick ſcharf vor ſich geheftet, den Oberkörper vorgeneigt, ſo ſchritt ſie auf ihr Ziel zu. 8 Auge gehö⸗ den ein Auge ner mit ſchaſt ſo w funde erfül ausg ſeine beine gerte mehr hatte ſich ihr j im V mir 3 Deut 2 eines men Blut ſie n Kopf rechte Aber auf einmal ſchlugen Puke und Alma ihre Augen auf. Sie hatten eine Bewegung, einen Schritt gehört, wandten ſich alſo um und wurden jetzt durch den Anblick Amanda's überraſcht. Er flößte ihnen ein unbehagliches Gefühl ein. Puke blieb einen Augenblick unbeweglich auf ſeinem Platze. Vor ſei⸗ ner Seele ſtand auf einmal ſeine letzte Begegnung mit dem Mädchen, die Erinnerung an die leiden⸗ ſchaſtliche Neigung, die er damals bei ihr entdeckt, ſo wie an die ſpionirende Haltung, worin er ſie ge⸗ funden, und an die feindſeligen, von bitterem Haß erfüllten Drohungen, welche ſie gegen die Königin ausgeſprochen. Bei der natürlichen Gutmüthigkeit ſeines Charakters ſchmerzte es ihn, daß er ſie jetzt beinahe auf dieſelbe Art wiederſehen ſollte. Er är⸗ gerte ſich nicht über ſie, ſondern bemitleidete ſie viel⸗ mehr und beklagte das Gefühl, daß er eingeflößt hatte. Von einer edlen Regung geleitet, erhob er ſich und ging ihr entgegen. „Mamſell Amanda,“ redete er ſie an, indem er ihr ſeine Hand entgegenſtreckte;„Sie wollen mich im Vaterland wieder willkommen heißen, Sie wollen mir Glück wünſchen zu...“ Puke wünſchte ihrer Anweſenheit eine beſſere Deutung zu geben, als ihr eigenes Ausſehen zuließ. Aber Amanda, die blos unter der Herrſchaft eines einzigen Gefühls, bleich und ſtill herangekom⸗ men war, hörte ſich kaum anreden, ſo trat ihr das Blut in die Wangen, ihre Augen befeuerten ſich, ſie warf mit einer übellaunigen Bewegung ihren Kopf zurück und heftete einen ſo ſcharfen und zu⸗ rechtweiſenden Blick auf ihn, daß der feindſelige 176 Strahl beinahe wie eine Dolchſpitze auf ſeine Bruſt drückte. „Amanda!“ ſagte Puke blos in einem Tone des Vorwurfs. Aber Amanda ſchien ſich auf keine Antwort ein⸗ laſſen zu wollen, ſondern betrachtete ihn fortwährend feſt und ſtreng.. 3 Puke, der ſie zu milderen Geſinnungen zu brin⸗ gen wünſchte, ſtreckte noch einmal ſeine Hand gegen ſie aus, aber in demſelben Augenblick wandte ſie ſich von ihm ab und entfernte ſich, ohne ein Wort geſprochen zu haben. Einige Wochen vergingen. Amanda, die auf⸗ merkſam jede Bewegung am Hof beobachtete, obſchon ſie dabei auf immer größere Schwierigkeiten ſtieß, bemerkte ſeit Puke's Rückkehr eine erhöhte Regſam⸗ keit. Schon ſeit dem Beginn des Reichstags, wo nicht vor demſelben, glaubte ſie wahrgenommen zu haben, daß die Königin die Juwelen, die in Wirk⸗ lichkeit dem Staat angehörten, aber ihr ſelbſt zum Gebrauch überlaſſen waren, veräußere, um die erfor⸗ derlichen Corruptionsmittel zu erhalten. Es wurde ihr auch nicht ſonderlich ſchwer, die fortgeſetzten Ope⸗ rationen in dieſer Richtung zu verfolgen, da ſie aus der ſtets zunehmenden Verachtung, womit die Köni⸗ gin alles koſtbare Geſchmeide aus ihrer Toilette ver⸗ bannte, mit ziemlicher Gewißheit darauf ſchließen konnte. Von Pechlin wußte ſie, wie wichtig es war, daß ſie die Königin in dieſer Beziehung niemals aus dem Auge ließ. Mit dem Verwahrungsort der Kleinodien auf das Genaueſte bekannt, beſchloß ſie ſichere Kundſchaft über den wahren Sachverhalt ein⸗ zuzz vor das ſein cher und als Zin Thi anl der den halt ein Sch men ter zuziehen. Sie war überzeugt, daß man dieſelben von Neuem in Anſpruch genommen, und daß Puke das ins Werk geſetzt habe, was Silfverhjelm auf ſeiner Reiſe eingeleitet. Um ihren Zweck zu errei⸗ chen, nahm ſie einen Wachsabdruck vom Schloſſe und ließ neue Schlüſſel verfertigen. Eines Nachts, als Alles vorbereitet war, begab ſie ſich aus ihrem Zimmer hinab. Still und langſam ſchritt ſie von Thüre zu Thüre, bis ſie an dem Verwahrungsort anlangte. Wohl klopfte ihr Herz unruhig, aber auf der andern Seite wurde ſie von der glühenden Lei⸗ denſchaft, die ſo mächtig in ihr herrſchte, aufrecht er⸗ halten. Schon hatte ſie den Kaſten geöffnet und ein Blendlaternchen hervorgezogen, um bei ſeinem Schimmer die Koſtbarkeiten in Augenſchein zu neh⸗ men, als ganz plötzlich eine Hand ſich auf ihre Schul⸗ ter legte. Erſchrocken wandte ſie ſich um und fand — Puke vor ſich. „Unglückliche,“ ſagte er,„was machen Sie?“ Amanda ſchlug eine Weile, von einem Gefühl der Scham übermannt, ihre Augen nieder. Aber ſie wankte nicht, ſie ſank nicht zu ſeinen Füßen, ſie bat nicht um Gnade. Statt deſſen glitt bald ein kaltes Lächeln über ihre Lippen. „Vermuthlich, Capitän,“ ſagte ſie, obſchon mit gebrochener und unſicherer Stimme,„kommen Sie in der gleichen Abſicht wie ich, nämlich um einen Blick in dieſe Schatzkammer zu werfen. Nun wohl benützen Sie den Augenblick... ſehen Sie her... ſehen Sie... es iſt Alles leer.“ Mit dieſen Worten drehte ſie die Scheibe ihrer Blendlaterne wider zu und entfernte ſich. Ridderſtad, Luiſe Ulriken’s Hof. IV. 12 Aber ſie war noch nicht bis zur Thüre gekom⸗ men, als ſie ſich umwandte und wieder auf Puke zuging. Als ſie nur noch einige Schritte von ihm ent⸗ fernt war, öffnete ſie ihr Laternchen wieder, ſo daß ſein klarer Schein auf Puke's Geſicht fiel. „Capitän,“ ſagte ſie, indem ſie ihn feſt betrach⸗ tete,„ich weiß, daß Sie mich nicht verrathen können, aber ich erkläre Ihnen, daß ich Ihnen nicht dafür danke, ſondern nur böſe bin. Damit Sie indeß kei⸗ nen Augenblick glauben, daß Sie ein Werk der Barm⸗ herzigkeit thun, ſo will ich ſogleich meine Verbind⸗ lichkeit mit derſelben Münze abtragen und rathe Ihnen daher, diesmal Ihre etwas altmodiſchen Prin⸗ zipien von Ehre bei Seite zu laſſen und die Köni⸗ gin ſo bald als möglich von meinem Beſuch dahier zu unterrichten, damit ich ſchleunigſt aus dem Schloſſe verwieſen werde, denn ich ſage Ihnen, daß es im Buch des Schickſals geſchrieben ſteht: Sie oder ich.“ Damit entfernte ſich Amanda. Ihr ganzes Benehmen hatte Puke einen tiefen Unwillen eingeflößt, und doch— er konnte ſich ſelbſt die Gewalt nicht erklären, die ſie über ihn ausübte — beklagte er ſie mehr, als daß er ſich über ſie er⸗ zürnte. Er beſchloß, das Geſehene zu verſchweigen, aber alle ihre Handlungen aufmerkſam im Auge zu behalten und ihr bei der nächſten beſten Gelegenheit ernſte Vorſtellungen über ihr unwürdiges Benehmen zu machen. Die tiefe Verachtung, welche ſie in Puke's Schwei⸗ gen zu finden glaubte, erſchütterte und verletzte ſie indeß mehr, als wenn er geſprochen hätte. Bl gle Tiſ pier Pee geſt Art von ſche Arc bre⸗ ſtro une Sch ſie alle geſt hatt ihre deut daß Per ekom⸗ Puke ent⸗ daß rach⸗ men, dafür kei⸗ arm⸗ bind⸗ rathe Als ſie auf ihr Zimmer zurückkam, riß ſie die Blumen aus ihren Haaren und trat ſie mit Füßen. „Rache!“ rief ſie,„Rache!“ Sie warf ſich auf ihren Sopha, ſprang aber ſo⸗ gleich wieder auf. Im nächſten Augenblick ſaß ſie an einem kleinen Tiſch, mit einer Feder in der Hand und einem Pa⸗ „ I pier vor ſich. Mit raſchen Zügen ſchrieb ſie an Pechlin und erklärte ihm, ſie habe mit eigenen Augen geſehen, daß die Königin auf die eine oder andere Art ihre Juwelen veräußert. Von dieſem Augenblick an wurde ſie immer mehr von einem wahrhaft böſen Geiſte beherrſcht; ſie ſchaute voll Unruhe um ſich; mit leidenſchaftlichem Argwohn betrachtete ſie Jeden, mit Ungeduld und brennendem Verlangen ſah ſie einer endlichen Kata⸗ ſtrophe entgegen. Sie hatte über die eigenthümliche und beinahe unerklärliche Art, wie Schedvin das letzte Mal im Schloſſe aufgetreten war, allerlei flüſtern gehört. Dabei erfuhr ſie auch, daß ſie allen Hohn, den ſie wegen Aminoffs Beſuch zu erdulden gehabt, ihm allein verdankte, weil er die Poſten vor ihre Thür iien und dadurch ihr Zimmer verdächtig gemacht atte. Aber ſie kümmerte ſich weniger um das, was ihre eigene Perſon, als um das, was Alma betraf. Einmal ums andere fragte ſie ſich, was es be⸗ deuten möge, daß er ſie ſo anhaltend betrachtet, und daß er ſich dann entfernt habe, ohne eine andere Perſon, als nur ſie allein zu ſalutiren. 180 Es lag darin etwas Unerklärliches, und ſie kaem daher immer von Neuem darauf zurück. Schnell und leuchtend wie ein Blitzſtrahl flog ihr endlich eine Idee durch den Kopf. „In ſie iſt er verliebt!“ Je mehr ſie dieſen Einfall erwog, um ſo mehr überzeugte ſie ſich von ſeiner Richtigkeit. Amanda erinnerte ſich, daß Clara ihren Bruder im Verdacht gehabt hatte, er ſei in ſie verliebt, aber wenn hier auch ein offenbarer Irrthum in Betreff der Perſonen ſtattfand, ſo ſchien doch die Sache ſelbſt, nämlich Daniels thatſächliche Verliebtheit, ihre volle Richtigkeit zu haben. Der Gedanke, daß er Alma ſeine Ergebenheit widme, erfreute ſie ſehr, und ſie ermangelte nicht neue Plane darauf zu bauen. b Um Gewißheit zu erhalten, beſchloß ſie auf irgend eine Art mit ihm zuſammenzutreffen. Dieß ſchien ihr am paſſendſten bei ſeiner Mutter zu geſchehen, mit welcher ſie ohnehin eine neue Beſprechung wünſchte, weil ſie hoffte, ſie könnte vielleicht früher oder ſpäter die Eisrinde um das Herz der Alten ſchmelzen und ſie bewegen, ihr den Namen ihrer Mutter zu entdecken. Durch Clara hatte ſie indeſſen erfahren, daß Daniels Beſuche bei ſeiner Mutter immer ſeltener wurden. Aber Daniel, der inzwiſchen wirklich zum Corporal vorgerückt war, befand ſich häufig auf der Schloß⸗ wacht, und ſie wartete daher, bis er einmal einen neuen Poſten aufzuführen hatte, um gelegentlich einige Worte an ihn zu richten. „Corporal,“ ſagte ſie,„ich möchte Sie gerne in einer wichtigen Sache ſprechen, und zwar morgen kam flog mehr uder aber treff llbſt, volle llma d ſie gend ihr mit ſchte, äter und cken. daß ener oral loß⸗ mnen nige 2 in gen 181 Abend bei Ihrer Mutter; vergeſſen Sie's nicht. Was ich Ihnen zu ſagen habe, betrifft... Sie wiſſen ſchon, wen ich meine.“ Daniel hörte ſie an, während ſeine Leute vor⸗ wärts marſchirten. „Ich werde mich morgen Abend um halb acht ein⸗ ſtellen, Mamſell,“ antwortete er, ohne ſich auch nur umzuſehen.„Mein Dienſt erlaubt mir nicht früher zu kommen.“ Amanda hatte ſich eines Ausdrucks bedient, der alle Adern Daniels mit neuem Leben erfüllte.„Sie wiſſen ſchon, wen ich meine,“ hatte ſie geſagt; aber obſchon er es nicht wußte, ſo klopften doch ſeine Pulſe ſo heftig bei dem Gedanken an Alma. Unter den heißen Flammen, die in Amandas Seele loderten, ſtrahlte am reinſten ihr inniger Her⸗ zenswunſch, vollſtändige Auskunft über ihre Eltern zu erhalten. Sie begab ſich alſo am folgenden Tag zu Frau Schedvin, aber ein wenig vor der feſtgeſetzten Stunde, weil ſie zuerſt mit der Alten ſelbſt zu ſprechen wünſchte. Sie war allein, und ein langer ſchwarzer Schleier bedeckte ihr Geſicht; ſie hatte Niemand zu dieſem Be⸗ ſuch mitnehmen wollen, ſondern hoffte ihn mit einem ebenſo tiefen Schleier zu bedecken, wie ſich ſelbſt. Sie hatte inzwiſchen heiter und leichtfüßig das Schloß verlaſſen; aber je näher ſie zu Frau Sched⸗ vin’s Wohnung kam, um ſo ſchwerer wurden ihre Schritte. Sie erinnerte ſich nur zu gut an die ganze gräßliche Unangenehmheit ihres erſten Beſuches, und es war ihr ein widriges Gefühl, daß ſie gezwungen ſein ſollte eine Perſon aufzuſuchen, deren bittere 182 Feindſeligkeit ſie ſo wohl kannte. Was war jedoch zu thun? Die Norne des Schickſals hatte den Faden ihres Lebens in die Hand dieſer alten Frau gelegt, und um ihn herauszubekommen, war kein Opfer zu groß, ſelbſt nicht das Opfer ihres Gefühls. Unbe⸗ merkt und dennoch beinahe wie von einem böſen Gewiſſen verfolgt, eilte ſie über den Hof hinweg und auf die kleine Treppe zu. Oben angekommen, blieb ſie ſtehen und athmete aus, wie wenn ſie ihre Bruſt erleichtern wollte, während ſie ſich auf die kommenden V Dinge vorbereitete. Sachte legte ſie ihre Hand an den Thürſchlüſſel: ſie lauſchte, drehte um und trat ein. Aber als ſie ins Zimmer kam, blieb ſie unwill⸗ kürlich ſtehen beim Anblick der alten Frau, die auf ihrem Sopha niedergekauert daſaß. Der Leſer erinnert ſich noch, wie Frau Schedvin ihrem Sohn bei ſeinen Nachforſchungen nach Silf⸗ verhjelm den Weg weiſen zu können glaubte. Ihrer Sache gewiß hatte ſie ihn zu der Kellerwohnung geführt, wo ſie durch das Fenſtergitter einen ſchwachen, zitternden Lichtſchein und einige bewegliche Schatten entdeckt; aber als man hinabkam, hatte ſich kein menſchliches Weſen vorgefunden. Dieſer Schein, welchen ſie ſo ſicher geſehen zu haben ſich bewußt war, und ſein ſo unerklärliches Verſchwinden hinter⸗ ließ einen tiefen Eindruck bei ihr. Es war, als ob die egoiſtiſche Kälte eines ganzen Lebens ſich jetzt ſtrafend zurückgewandt hätte, um ſie zu zwingen, noch einmal daſſelbe Leben zu leben, aber im Reich der Finſterniß, der Schatten, der wandelnden Geſpenſter. Gleichwie ein Stück Holz über ſeiner letzten Gluth in Loderaſche zuſammenfällt, ſo fiel auch ihr Leben jetzt über einem einzigen Gedanken zuſammen, dem Ge⸗ danken des Todes, d. h. des unheimlichen Elements in demſelben, ſeiner möglichen Friedloſigkeit. So jagten ihre Gedanken einen Schatten um den andern, während ſie doch ſelbſt blos Schatten waren, bis ſie ſich zuletzt in einen unendlich großen Schatten auf⸗ lösten, worin die Erinnerungen wie Todtenſchädel hervorgrinsten. Wie verändert ſah ſie aber auch aus! „Wer ſind Sie?, fragte Frau Schedvin, indem ſie mit beinahe bangem Blick die an der Thüre ſtehen bleibende ſchwarze Geſtalt betrachtele.„Geben Sie Antwort, wer ſind Sie?“ Amanda bewegte ſich nicht von der Stelle. Es war das zweite Mal, daß ſie jetzt das herbe Geſicht der Alten ſah. Bei bhrem erſten Beſuch hatte ſie dieſen harten Charakter noch nicht gekannt. Aber jetzt wußte ſie, daß das ganze Geheimniß ihres Lebens in dieſen Händen lag. Mit Furcht und Zittern blickte ſie daher in die kalten, ſtrengen Züge, über welchen die Augen keinen freundlich milden Lichtſtrahl, ſon⸗ dern vielmehr den düſtern Schimmer eines verzehren⸗ den Feuers warfen. Unbeweglich, beinahe verſteinert auf ihrem Platz, glaubte Amanda vor einem Medu⸗ ſenhaupt zu ſtehen, aber dieſes Meduſenhaupt war für ſie zugleich eine Pythia. Inzwiſchen brachte dieſe unbewegliche, ſtillſtehende, geſpenſtiſche Art ihres Eintritts auch auf Frau Sched⸗ vin eine gewiſſe Wirkung hervor. Geſpenſterſcheu und Aberglauben gehen mit der unklaren Phantaſie Hand in Hand. Auch Frau. 184 Schedvin's lichtloſe Seele ſollte bald gänzlich davon beherrſcht werden. Schnell reifte in ihr die Ueber⸗ zeugung, daß der Teufel ſelbſt ſein Spiel mit ihr treibe. Der Aberglaube hat eine vortreffliche Bundes⸗ genoſſin in der Angſt, zumal wenn er auf dem Boden eines harten und böſen Herzens wuchert. Wie alte Leute gewöhnlich in der Vergangenheit die Urſache bemerkenswerther Ereigniſſe ſuchen, die ihnen in der Gegenwart zuſtoßen, ſo auch Frau Schedvin. Alle ihre Gedanken wurden von den qual⸗ vollen und trüben Erinnerungen verfloſſener Zeiten in Anſpruch genommen. Wer ſucht, wird finden, ſagt ein Sprüchwort. Sie ſuchte und ſie fand. Sie fand, daß ſie beinahe jedem Tag im Jahr ein beſonderes Merkzeichen geben müßte. Man glaubt ſo gern, was man wünſcht. Der Verſtand iſt nur frei, wenn er geſund iſt. Die Krankheiten unſeres Verſtandes— und wo er nicht harmoniſch entwickelt iſt, da iſt er immer krank— begrenzen unſere Geſichtspunkte, unſere Wirkſamkeit, den ganzen hohen Werth und die ganze Wahrheit unſeres Lebens; ſeine Geſundheit dagegen erweitert dieſelben unendlich. Aber je mehr ſie nachſann, um ſo feſter wurde ihre Ueberzeugung, daß es keinen bedeutungsvolleren Tag für ſie gab, als derjenige, wo ſie im Kellerge⸗ wölbe das Licht und den Schatten geſehen hatte. Sie fand, daß an dieſem Tag alljährlich etwas Schreckliches eingetroffen war; ob ſich nun dieß wirk⸗ lich ſo verhielt, oder ob ſie nur durch ihr altersſchwaches Gedächtniß und Raiſonnement zu dieſem Reſultat geführt wurde. An dieſem Tag hatte ihr Mann den avon ber⸗ ihr des⸗ oden reit die Frau ual⸗ eiten ſagt and, eres was ner t er ſere unglückbringenden Gaſt in ihr Haus eingeführt, an dieſem Tag hatte er Bankerott gemacht, an dieſem Tag war er verhaftet worden, an dieſem Tag war er geſtorben, an dieſem Tag... Unter dem Einfluß ſolcher verwirrender Gedanken lag die Annahme nahe, daß weder ihr Mann noch die übrigen Mitſpieler bei dem trauervollen Drama im Grabe Ruhe gefunden, ſondern daß ſie, von irdi⸗ ſchen Sorgen gequält, jährlich oder monatlich bei Nacht umherwandeln und ſich bei irgend einer An⸗ gelegenheit des Lebens betheiligen müſſen. Dieſe Vorſtellung verdüſterte ihre Seele noch mehr, und bei ihrem Mißtrauen gegen Jedermann verſchloß ſie dieſelbe in ſich, bis ſie zu einer unverdaulichen fixen Idee wurde, mittelſt welcher ſie ſich in eine andere Welt verſetzte, aber nicht in eine Welt des Lichtes, ſondern der Finſterniſſe. Das gewöhnliche Leben und ſeine Mühſeligkeiten, womit ſie ſich bisher ſo aus⸗ ſchließlich beſchäftigt hatte, wurden ihr jetzt immer gleichgültiger. Lange Zeit hatte ſie ſich, ſo bald es dunkel ge⸗ worden, forſchend an das Kellerfenſter hinab ge⸗ ſchlichen, weil ſie immer hoffte, den Lichtſchein und die Schatten daſelbſt wieder einmal zu entdecken; zuletzt aber verlegte ſie die Stunde für dieſe ein⸗ ſamen Forſchungen einer aufgeregten und neugieri⸗ gen Seele auf Mitternacht. Mitunter glaubte ſie auch einen Lichtſchimmer dort zu ſehen; aber ſo bald ſie näher kam, ver⸗ ſchwand er. Manchmal meinte ſie ſprechende Stimmen zu ver⸗ 186 nehmen, aber wenn ſie ihr Ohr hinhielt, hörte ſie blos das unheimliche Sauſen des Windes. Immer und überall geneigt, etwas Wunderbares, Unerklärliches, irgend eine Offenbarung aus der an⸗ dern Welt anzunehmen, befand ſie ſich in einer be⸗ ſtändigen Seelenſpannung, in einer ſowohl pſychiſchen als phyſiſchen Ueberreiztheit, die ihr keinen ruhigen Augenblick mehr vergönnte. Amanda hatte inzwiſchen ihre Frage nicht zu be⸗ antworten vermocht, und zwar aus dem einfachen Grund, weil ſie dieſelbe nicht gehört hatte. Frau Schedvin richtete ſich auf. Der Blick, den ſie auf Amanda warf, erſchien dieſer blos wie ein Irrlicht in der Nacht, wie ein Lichtſchein in einem Sumpfe. Inzwiſchen ſchien ihr auf einmal Amanda's ganze Geſtalt ins Auge zu fallen, und ſtatt voranzuſchrei⸗ ten, was ſie offenbar beabſichtigt hatte, blieb ſie jetzt, von einem plötzlichen Schrecken übermannt, ſtehen. Ihr Geſicht ſank ein, ihre Farbe wurde mumien⸗ haft. Langſam erhob ſie ihre Hände gegen die Stirne, wie wenn ſie ihre Sehkraft ſchärfen wollte. Amanda bereute bereits ihren Beſuch und wünſchte ſich hundert Meilen weg. „Ah Sie ſind's,“ begann die Alte,„ich erkenne Sie wieder... derſelbe ſchwarze Schleier... daſſelbe ſchwarze Kleid... dieſelbe Geſtalt... es ſind jetzt zwanzig Jahre... ich erinnere mich, ich erinnere mich... in dieſer Nacht... wurden Sie Mutter... Sie ſtarben...?“ Amandas Blut wurde zu Eis: ihr war, als hätte eine Leiche zu ihr geſprochen. „Sie antworten mir nicht?“ fuhr Frau Sched⸗ vin fort.„Was wollen Sie von mir? Was ver⸗ langen Sie?“ Der ſchwarze Schleier flößte ihr offenbar Furcht und Entſetzen ein. Amanda, welche Nichts von der Veränderung wußte, die mit Frau Schedvin vorgegangen war, bekam ebenfalls Angſt und zog ſich vor dieſem uner⸗ klärlichen lebenden Geſpenſt zurück. Es war dunkel im Zimmer: die Abenddämmerung brach eben ein. Es entſtand eine kurze Pauſe. Aus Frau Schedvin's Anrede erſah Amanda nur ſo viel, daß ſie nicht erkannt wurde, und ſie fürchtete jetzt beinahe noch mehr es zu werden. Sie behielt alſo den Schleier vor ihrem Geſicht. Aber als Amanda endlich einen Schritt vorwärts that, um der qualvollen Stille ein Ende zu machen, da ſtreckte Frau Schedvin ihre magere und knotige Hand gegen ſie aus: „Weiche von mir, Satan!“ rief ſie,„weiche von mir!“ Amanda blieb wieder ſtehen. Sie begriff nicht, was alles Dieß bedeuten ſollte. Fürchtete ſich wohl Frau Schedvin jetzt vor ihr? So unerklärlich ihr dieſer Gedanke war, ſo flößte er ihr gleichwohl neuen Muth ein. „Vielleicht,“ dachte ſie,„macht ſich Frau Sched⸗ vin Vorwürfe darüber, daß ſie mich das erſte Mal ſo unfreundlich behandelt hat. 4 Eine ſolche Sprache, wie die Alte jetzt führte, ſetzte indeß einen bedeutenden Grad von Geiſtesver⸗ 188 wirrung voraus. Von Hochmuth und einem großen erborgten Anſehen war ſie zu Haß und Armuth her⸗ abgekommen, die ſehr häufig eine gänzliche Verbitte⸗ rung der Geſinnung im Schlepptau nach ſich ziehen. An der letzten Grenze der extremen Denkweiſe liegt das Heilmittel für dieſelbe. Befand ſich Frau Sched⸗ vin bereits da oder ſollte ſie dahin gelangen? Das Leben jedes Einzelnen iſt eine logiſche Entwicklung von Motiven und Schlußfolgerungen, wenn man ſie auch ſelten Glied um Glied zu verfolgen vermag. Sowohl unſer moraliſches als unſer phyſiſches Leben iſt ein organiſches Ganzes und gegebenen Geſetzen unterworfen. Wir beſitzen Waffen zum Kampf für unſere geiſtige Ausbildung, aber bei falſcher oder ſchlechter Anwendung kehren ſich dieſe Waffen gegen uns ſelbſt und bereiten unſern moraliſchen Unter⸗ gang. Dieß war der Fall mit Frau Schedvin. Ohne eine eigentliche Verbrecherin in der gewöhnlichen An⸗ nahme der Geſellſchaft zu ſein, war ſie böſe, kalt, herzlos, d. h. verbrecheriſch im moraliſchen Sinn ge⸗ weſen, vielleicht ohne es ſelbſt eingeſehen zu haben. Ihre Seelenkräfte hatten nicht auf einen Tempel von Licht und Frieden in ihrem Innern, ſondern auf Schutt und Zerſtörung gebaut. Auf dem Grunde ihrer zuerſt vielleicht blos irregeleiteten Inſtinkte wuchſen ihre Gedanken und Gefühle auf; auf dieſem magern und unfruchtbaren Boden bildeten ſich ihre Weltanſchauungen, ihr Charakter, ihr Urtheil, bis zuletzt eine förmliche Haide entſtand. Es mußte da⸗ hin kommen, die Richtung war eine ſolche, und ehe die Erde wieder umgebrochen wurde, konnte kein Weizen da Wurzel ſchlagen und die Kraft zum Wachſen finden. Aber Amanda vermochte nicht in einem Augen⸗ blick Etwas zu durchſchauen, was alle Kräfte eines ganzen Lebens erfordert hätte. Sie ſtand hier vor einem Myſterium, deſſen Löſung ſie vergebens ſuchte. Frau Schedvin's augenſcheinliche Angſt flößte ihr indeß einigen Muth ein und brachte ſie auf den Gedanken, eine Appellation an das aufgeregte Herz der Alten zu verſuchen. Aber als ſie ſich von ihrem Platz bewegte und ihre Hand erhob, um den Schleier zurückzuſchieben, da warf ſich Frau Schedvin vor ihr auf die Knie! „Gnade!“ rief ſie,„Gnade!“ Im höchſten Grad überraſcht, blieb Amanda wie feſtgenagelt ſtehen. Der plötzliche Kniefall, der flehende Ruf, die gefalteten Hände und die zitternden Glieder der alten Frau, Alles verrieth die peinlichſte See⸗ lenangſt. Amanda verlor allen Leitfaden für ihre Beur⸗ theilung und wußte nicht, was ſie denken ſollte. Der Muth, welchen die augenſcheinliche Angſt der Alten ihr eingeflößt hatte, verwandelte ſich in Beſtürzung. Ihr erſter Eindruck war, daß ſie ſich bückte, um ſie aufzuheben. „Stehen Sie auf, Madame,“ bat ſie,„ſtehen Sie auf!“ Aber Frau Schedvin machte eine abwehrende Bewegung. „Kommen Sie, um Ihre Tochter zurückzufordern?“ fragte ſie. 190 Bei dieſen Worten ahnte Amanda, was im Innern der alten Frau vorging. Die wilde und bittere Hef⸗ tigkeit, womit die Alte bei ihrem erſten Beſuch das erſchütternde Ereigniß aus ihrem früheren Leben er⸗ zählt hatte, wobei Amanda's Mutter eine ſo wichtige Rolle ſpielte, überzeugte ſie, daß Nichts tiefer in ihre Gefühlswelt hätte eingreifen können. Ihre Gedanken mußten ſich alſo nothwendig mit dieſer Angelegenheit beſchäftigen. Sie hatte allerdings, wenn die Einge⸗ bungen ihres Argwohns begründet waren, Amanda's Mutter Vieles vorzuwerfen, aber nichtsdeſtoweniger fehlte es ihr keineswegs an triftigen Urſachen zu Selbſtvorwürfen. Wie hatte ſie nicht an Amanda's Mutter in ihren letzten Augenblicken die erſte Pflicht verrathen, die eine Frau der andern in ſolcher Lage ſchuldet? Mit welchem Haß hatte ſie nicht Rachepläne gegen die Tochter in ihrem Herzen herumgetragen? So entſtand in Amanda ein Gedanke um den andern und verbreitete ſein Licht über die Gemüths⸗ beſchaffenheit der unglücklichen Alten; aber zugleich fragte ſie ſich, ob ſie dieſelbe aus ihrem Wahn er⸗ löſen oder darin beſtärken ſolle. Bei Beantwortung dieſer Frage blieb ſie ihrem Charakter treu. Die Gelegenheit war allzu einladend, als daß ſie nicht hätte Gebrauch machen müſſen. Amanda wußte ſich auch augenblicklich ihre zu ſpie⸗ lende Rolle zurechtzumachen. „Ich komme nicht blos, um meine Tochter zu⸗ rückzufordern,“ antwortete ſie,„ſondern auch um Rechenſchaft über die Grauſamkeit zu verlangen, wo⸗ mit Sie mich behandelt haben.“ Beim Klang von Amanda's Stimme bebte Frau Schedvin, wie wenn ſie ihr aus der Hölle entgegen⸗ tönte. Aber zugleich erhob ſie ſich langſam und leiſe, augenſcheinlich nur mit einem einzigen ſchrecklichen Gedanken beſchäftigt. „Antworten Sie mir,“ ſagte ſie,„in jener Nacht ... wo ein ſo ſchreckliches Schneegeſtöber tobte... waren Sie da dort... ſagen Sie mir, waren Sie da dort.... Ihre Bruſt hob ſich, ihre Augen flammten, ſie war todesblaß. Sie vollendete ihren Satz nicht, aber ſie deutete auf die Kellerwohnung. „Ja,“ antwortete Amanda. Amanda ging gern auf ihren Gedankengang ein. Sie behielt dabei ihr Ziel feſt im Auge. „Es iſt alſo wahr,“ murmelte Frau Schedvin; nallmächtige Vorſehungl ich habe ihn geſehen.“ „Wo iſt meine Tochter?“ fragte Amanda.„Ich befehle Ihnen zu ſprechen.“ Aber Frau Schedvin antwortete nicht ſogleich. Es war, als hätte ſie in ihrer Seele noch irgend einen Hacken, woran ihr Haß ſich feſthielt. „Antworten Sie mir,“ drängte Amanda.„Durch Ihren Argwohn aus dem Himmel gejagt, werden wir Sie auch hinausjagen. „Waren Sie unſchuldig oder nicht?“ fragte Frau Schedvin mit dumpfer, beinahe hohler Stimme. „Unſchuldig wie des Kindes Traum.“ Mit einem unheimlichen Ausruf ſank die Alte von Neuem auf ihre Knie. „Unſchuldig,“ wiederholte ſie blos,„unſchuldig!“ Ddieſes Wort, worin ihr ſozuſagen die Verirrung ihres ganzen Lebens kundgethan wurde, erſchütterte 192 alle ihre Kraͤfte. Amanda ſah, wie die alte Frau zuſammenſank und ihr Bewußtſein zu verlieren ſchien. „Ich befehle Ihnen,“ ſagte ſie daher, um einen günſtigen Augenblick nicht zu verlieren,„ich befehle Ihnen meine Tochter aufzuſuchen und Ihr Verbrechen zu bekennen.“ Wir wiſſen, daß Amanda in der mit Rouſſeau und Voltaire zu einer gewiſſen Allmacht heranwach⸗ ſenden Literatur ihrer Zeit ſich umgeſehen hatte, worin als vollkommener Gegenfatz gegen den erkün⸗ ſtelten Zuſtand der damaligen Welt ein gewiſſer Na⸗ turzuſtand gepredigt wurde, der ſich zuletzt von der Gottheit ſelbſt befreien wollte und ſie als ein bloßes Machiavelliſtiſches Sternbild erklärte, aus politiſchen Intereſſen erfunden, um der Deviſe weltlicher All⸗ macht„von Gottes Gnaden“ einen gewiſſen Nimbus zu verleihen. Sie war daher eine zu freie Denkerin, um ſich über die Rechtlichkeit ihrer Handlungsweiſe den mindeſten Skrupel zu machen. Ihr Verſtand billigte ſie, das Herz wurde nicht befragt. Gänzlich ungerührt über den verwirrten Geiſteszuſtand und die beklagenswerthe Lage überhaupt, worin ſich die alte Frau befand, wandte ſie ſich von ihr ab und verließ das Zimmer.. Aber Daniel hatte ſein Verſprechen auch nicht vergeſſen. Amanda's letzte Worte hatten unaufhörlich in ſeinen Ohren geklungen.„Sie wiſſen, wen ich meine,“ hatte ſie geſagt. Wen meinte ſie? Seine Pulſe pochten, ſein Herz ſchlug hoch. Sie hatte einen ganzen Feuerbrand in demſelben entzündet. Als daher Amanda von ſeiner Mutter herabkam beg ſein wed zur! Ha⸗ Alt ſelb die übe hat⸗ Zeit als alle ſach nän gla⸗ zu ver ihr gan En a eige ſaß dief glei begegnete ſie dem jungen Sergeanten, der bereits ſeinen Fuß auf die erſte Treppenſtufe geſetzt hatte. „Folgen Sie mir,“ ſagte ſie,„Ihre Mutter will weder Sie noch mich ſehen. Ich gehe in's Schloß zurück.“ Daniel hatte Nichts dagegen. Sein mütterliches Haus war ein wahrer Schreckensort für ihn. Die Alte ſchien ihm nie verzeihen zu können, daß er zum ſelbſtſtändigen Manne heranwuchs. Amanda, welche die Vortheile des Einfluſſes, den ſie ſo unvermuthet über Frau Schedvin gewonnen, bereits berechnet hatte, war glücklicher und heiterer als ſeit langer Zeit. Der Erfolg war für ſie um ſo bedeutungsvoller, als er ihre eigentliche Lebensader, das Hauptmotiv aller ihrer bisher erlebten Bekümmerniſſe, die Ur⸗ ſache ihrer ganzen äußeren und inneren ECxiſtenz, nämlich ihre Herkunft, ihre Geburt berührte, und ſie glaubte jetzt auf einen Weg gekommen zu ſein, der zu Aufklärungen führen müſſe. In der Stimmung, worin ſie Frau Schedvin verließ, war ſie überzeugt, daß ſie einen Beſuch von ihr erhalten werde. Sie ermaß auch ſchon mit der ganzen Feuerkraft ihrer Seele und der glühenden Energie ihres Herzens die ganze Wichtigkeit dieſes Zuſammentreffens. Sie wußte, daß ſie jetzt in der eigenen Anſchauungsweiſe der Alten eine Waffe be⸗ ſaß, und ſie traute ſich vollkommen die Fähigkeit zu, dieſelbe zweckgemäß anzuwenden. 4 „Sie war unbemerkt gekommen und wollte ſich in gleicher Weiſe entfernen. „Kommen Sie, kommen Sie, Herr Daniel,“ bat ſie,„Ihre Mutter iſt aufgebracht über Sie, über Clara, Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. IV. 13 194 über alle Welt. Es war mir unmöglich, Sie droben zu erwarten. Sie rast wie... aber nehmen Sie mir's nicht übel, daß ich ſo von Ihrer Mutter ſpreche.“ „Seien Sie deßhalb unbeſorgt, Mamſell Amanda,“ antwortete er;„leider haben Sie nur allzu ſehr Recht. Ich glaube, daß meine Mutter wirklich eine gute Frau iſt, aber ſie hat nun einmal ihre eigen⸗ thümliche Art und Weiſe, und da kann man nicht mehr abhelfen. Statt uns an ſich zu ziehen, ſtößt ſie uns von ſich, und ſo nehmen, ſtatt der Liebe und Ergebenheit, Kälte und Gleichgültigkeit überhand. Aber Sie ſagten, daß Sie mich zu ſprechen wünſchen.“ Während Amanda bei Frau Schedvin oben war, hatte die Dunkelheit zugenommen, und es war ſchon ziemlich ſpät geworden. „Wie Sie ſagen, Herr Daniel, ich wünſche mit Ihnen von einer Sache zu ſprechen, welche Sie, glaube ich, im höchſten Grad intereſſiren muß.“ Daniel betrachtete ſie mit einem ſcheuen Blick, weil Amanda ſich auf eine Art ausſprach, die ihn zugleich fürchten und hoffen ließ, daß die Frage Alma betreffe: fürchten, weil er nicht wünſchte, daß irgend ein menſchliches Weſen auch nur die entfernteſte Idee von ſeiner wahnſinnigen Neigung haben ſollte; hoffen, weil er dennoch keinen Gegenſtand in der Welt kannte, der ſo ungetheilt alle ſeine Gedanken in An⸗ ſpruch nahm. „Erinnern Sie ſich des Abends,“ fuhr Amanda ort,„wo Sie einige Poſten vor meine Thüre ſtellten?“ mit ſell gef ber wu daf gef wei den dul im ein ich als hau zuj opfe ſolch „Sehr wohl, Mamſell; es war ein Mißgriff, der mir ſehr leid thut.“ „Ich will das glauben, Herr Daniel; aber am ſelben Abend wurden Sie auch zur Königin hinein⸗ geführt. Was halten Sie von ihr?“ Amanda wollte erſt das Terrain recognosciren, bevor ſie weiter ging. Daniel dagegen, der nicht wußte, wohin ſie abzielte, aber nur zu gut einſah, daß ſie mit dieſer Frage ein im Allgemeinen ſehr gefährliches Gebiet betrat, antwortete nicht ſogleich, weil er bereits ein ſehr vorſichtiger General gewor⸗ den war. „Sie ſchweigen,“ fuhr Amanda in ihrer Unge⸗ duld fort;„Sie wiſſen doch, daß ich bei der Königin im Dienſte ſtehe?“ „Das weiß ich.“ „Nun, ſo ſagen Sie mir's kurz und gut, ſind Sie ein Freund oder ein Feind der Königin?“⸗ „Ich bitte Sie um Alles, Mamſell, wie könnte ich ihr Feind ſein? Sie hat mir ja immer Nichts als Gutes und Liebes gethan.“ „Ich weiß das; Sie ſind alſo ihr Freund.“ „Ja gewiß, Mamſell, ſo weit ein Soldat über⸗ haupt berechtigt ſein kann, der Freund ſeiner Königin zu ſein.“ „Würden Sie nicht Ihr Leben für ſie auf⸗ opfern?“ „Warum nicht, wenn das Schickſal es ſo fügte?“ „Thut man dies auch für andere Leute, als für ſolche, denen man mit der höchſten Achtung und Freundſchaft zugethan iſt? Aber davon iſt jetzt nicht die Rede. Sie erinnern ſich alſo jenes Abends?“ 196 „Vollkommen.“ „Dann erinnern Sie ſich gewiß auch, daß Sie, als die Königin ſich entfernt hatte, ganz beſonders eine gewiſſe Hofdame betrachteten?“ Daniel hatte ſich alſo nicht getäuſcht: ſie wollte von Alma ſprechen. Die Pulsſchläge ſeines Herzens wurden immer heftiger und ſchneller. Jahrelang hatte er ſein Geheimniß in ſeiner Bruſt verſchloſſen mit ſich herumgetragen: es war ein ſchreckliches Ge⸗ heimniß, das ſeinen Verſtand beherrſchte, ſeine Ge⸗ fühle übermeiſterte, ein Feuer, das unaufhörlich brannte und zehrte, von deſſen Uebermaß er aber nicht einmal zu athmen wagte. Seine Lippen hatten ſich wie eiſerne Reife um daſſelbe geſchloſſen. Ohne daß er ſich bewußt war, ſelbſt die mindeſte Veran⸗ laſſung dazu gegeben zu haben, hörte er jetzt ein Weſen von ihr ſprechen. Dies war eine Seligkeit, aber eine Seligkeit, wovor er erſchrak. Auch ſtieg ihm das Blut in die Wangen, aber nur, um augen⸗ blicklich wieder gänzlich daraus zurückzuweichen. Amanda merkte, was in ihm vorging; auch ſie hatte ſich alſo nicht getäuſcht: er liebte Alma. Eine kurze Pauſe entſtand. Daniel lauſchte, ja man kann ſagen lauerte wäh⸗ rend derſelben mit der höchſten Spannung auf das, was Amanda zu ſagen gedächte. Amanda dagegen überlegte einen Augenblick. „Gewiß, Herr Daniel,“ ſagte ſie dann,„haben Sie ſelbſt auch bemerken müſſen, daß die Königin und der Hof, ja ſogar Ihre Commandanten Ihnen weit größere Aufmerkſamkeit widmen, als irgend einem von Ihren Kameraden?“ ni ab Dies war theilweiſe eine Wahrheit, die er wenig⸗ ſtens in ihrer allgemeinen Faſſung nicht beſtreiten konnte. „Welcher Andere in Ihrer Stellung kann ſich ſchmeicheln, Zutritt zur königlichen Familie gehabt zu haben, und zwar ſogar bei feſtlichen Veranlaſ⸗ ſungen?“ „Entſchuldigen Sie, Mamſell,“ antwortete er in⸗ deß,„ich muß hier eine Bemerkung machen.“ „Laſſen Sie hören.“ „Die Audienzen oder Zutritte, die ich hatte, waren keine Folge einer beſondern Gewogenheit, ſon⸗ dern beſonderer Umſtände: das erſte Mal wurde ich als Gefangener vorgeführt, das zweite Mal in mei⸗ nem Dienſte.“ „Sie müſſen mir gleichwohl zugeben, daß Sie im Allgemeinen mit großer Gunſt behandelt werden.“ „Sehr gern; aber ich habe auch gewiſſermaßen dem Kronprinzen das Leben gerettet, weßhalb die Königin mir verſprach...“ „Das iſt nicht die Urſache, Herr Daniel; ſagen Sie mir, ahnen Sie Nichts?“ „Nein.“ „Wiſſen Sie nicht, welche Hofdame bei der Kö⸗ nigin am meiſten in Gunſt ſteht?“ „Nein.“ „Wenn ich mich nicht täuſche,“ fuhr Amanda fort, „ſo ſtehen Sie bei der Compagnie, deren Lieutenant Graf Creutz iſt.“ „Ganz richtig.“ Daniel begriff nur zu gut, wo ſie hinaus wollte, aber um ſo kürzer wurde er in ſeinen Antworten. 198 Es freute ihn, daß er von ihr ſprechen hörte, aber beinahe ebenſo ſehr freute er ſich auch, daß er ſie verleugnen durfte. „Graf Creutz beweist Ihnen doch alle mögliche Freundſchaft und alles erdenkliche Wohlwollen?“ „Ihm habe ich nicht blos zu verdanken, daß ich Soldat, ſondern auch daß ich Korporal geworden bin.“ „Vermuthlich wiſſen Sie auch nicht, wer das für Sie unſichtbare Weſen iſt, das einen beinahe grenzen⸗ loſen Einfluß auf ihn ausübt?“ „Nein.“ Daniel ermannte ſich gegen die verführeriſche Sirene, obſchon es ihn einen harten Kampf koſtete. Aber als er es am wenigſten erwartete, wandte ſich Amanda lachend gegen ihn. Dies war eine Be⸗ weisführung, auf die er nicht vorbereitet war.“ „Sie lachen?“ bemerkte er. „Was ſoll ich ſonſt thun? Ich lache über Ihre Unwiſſenheit. Sie wiſſen alſo nicht, daß Fräulein Alma trotz aller Tagespolitik ſowohl die Königin als ihren Bruder allmächtig beherrſcht, und daß ſie...“ Amanda lachte von Neuem. Daniels Herz hatte aufgehört zu ſchlagen, aber ſeine Lippen bewegten ſich bewußtlos. „Daß ſie...“ wiederholte er,„daß ſie...“ „Sehen Sie,“ ſagte jetzt Amanda, indem ſie ihre großen, ſchwarzen Augen auf ihn heftete,„ſehen Sie, Sie müſſen doch endlich die Farbe bekennen.“ Daniel war ſo verwirrt, daß er kaum wußte, was er geſagt hatte.. „Geben Sie nur zu.. nicht daß Sie ſie lieben ... das verlange ich nicht... ſondern daß Sie überzeugt ſind, daß Alma...“ Ein kalter Schweiß rann über Daniels Stirne. Die Worte erſtarben auf ſeinem Mund. „Daß Alma,“ fuhr Amanda fort,„Ihnen recht von Herzen gewogen iſt.“ Daniel blieb unbeweglich auf ſeinem Platze ſtehen. Es ſchien beinahe, als wolle er die Stellung eines Poſtens, eines Vorpoſtens gegenüber einem feind⸗ lichen Feuer einnehmen. Seine Stirne wurde von einer dunkeln Wolke bedeckt, ſeine Bruſt hob ſich. „Wenn ich nicht wüßte, Mamſell,“ ſagte er, „daß Sie eine Freundin meiner Schweſter, und, ich glaube beinahe, auch meine Freundin ſind, weil wir als Kinder zuſammen aufwuchſen, ſo würde ich Ihnen ſagen...“ „Was würden Sie mir ſagen?“ „Daß Sie Ihren Spaß mit mir treiben wollen, Mamſell. Fräulein Alma hat mich wahrſcheinlich gar nie bemerkt, überdies iſt ſie mit Capitän Puke verlobt, und endlich iſt ſie ſowohl zu gut als auch...“ Amanda wurde wieder ganz ernſthaft. „Gut?“ wiederholte ſie.„Die Liebe iſt Feuer, Leben, Kraft, Geiſt; ſie iſt das Genie des Herzens, wenn Sie ſo wollen; aber gut? Es iſt blos ein Zu⸗ fall, wenn ſie das iſt. Da dieſer Gegenſtand Sie jedoch blos zu beläſtigen ſcheint, ſo will ich damit aufhören. Im Uebrigen kann es uns ganz gleich⸗ gültig ſein, was das arme Fräulein Alma denkt, wünſcht oder empfindet. Sie iſt verlobt... ſie wird ſich vermählen... dies iſt der ganz gewöhnliche Verlauf eines Mädchenlebens. Ihnen macht es na⸗ 200 türlich Nichts aus, ob ſie ein Opfer der Privatinte⸗ reſſen ihrer Familie iſt.“ „Ein Opfer?“ „Sie wiſſen alſo nicht, daß die Ehre der Familie in Puke's Händen liegt, weil er ein ſchreckliches Ge⸗ heimniß weiß?“ „Davon habe ich nie ein Wort gehört.“ Daniel ging eine Weile ſchweigend an ihrer Seite, aber der heftige Kampf in ſeinem Herzen ſpiegelte ſich dabei ganz deutlich auf ſeinem Ge⸗ ſichte ab. „Wenn ich wüßte,“ ſagte er,„wenn ich wüßte...“ „Unterbrechen Sie ſich nicht; ſprechen Sie ſich aus, Herr Daniel. Sie wiſſen, daß ich Ihre Freun⸗ din bin.“ „Unmöglich,“ murmelte er.„Es iſt eine wahn⸗ ſinnige Selbſttäuſchung, ein Lügenbild von Licht und Leben. Mein Gott, man wird mich noch in's Toll⸗ haus ſperren müſſen.“ Er gerieth gänzlich außer ſich und ergriff Aman⸗ da's Hand. „Begreifen Sie nicht, daß Sie mich täuſchen, Mamſell?“ ſagte er.„Begreifen Sie nicht, daß das, was Sie ſagen, keine Wahrheit ſein kann? Begreifen Sie nicht, daß Alma eine Dame von hoher, edler Geburt iſt, und ich... ich...“ „Ein Soldat,“ ergänzte Amanda.„Ja wohl, ich begreife das; aber ſagen Sie mir, iſt es Ihnen nie in den Sinn gekommen, daß Sie auch avanciren können... daß Sie in den Krieg ziehen, ſich durch Tapferkeit auszeichnen und als vornehmer Herr heim⸗ kehren können?“ „Ich will gegen Sie aufrichtig ſein, Mamſell; dieſer Gedanke iſt mir oft vor die Augen getreten, aber nichtsdeſtoweniger bin ich jetzt blos ein gemei⸗ ner Soldat. Sagen Sie mir deßhalb, ich bitte Sie, ich bitte Sie bei meiner Seligkeit, ſagen Sie, daß Sie mich getäuſcht haben. Mein Gott, ich könnte wieder ruhig werden, wenn Sie mir das ſagten. Nicht wahr, Sie haben mich getäuſcht?“ „Ich kann das nicht ſagen.“ Daniel richtete ſich empor. Er warf einen ſchreck⸗ lichen Blick um ſich. „Amanda,“ ſagte er,„Sie ſind entweder ein En⸗ gel oder ein Teufel: aber in beiden Fällen ſtellen Sie mich auf den äußerſten Rand eines Himmels, von wo ich blos in einen Abgrund hinabſtürzen kann. Laſſen Sie uns jetzt dieſen Gegenſtand abbrechen. Das Herz kann das Himmelreich nicht auf einmal verdauen.“ Damit kehrte er ihr den Rücken und verſchwand im nächſten Gäßchen. Amanda hatte auch nicht weiter zu kommen ver⸗ langt. Der Eine oder Andere könnte ihr Benehmen vielleicht aus einem Unwillen gegen Daniel erklären wollen und meinen, ſie habe, um ſich für ſeine Un⸗ gezogenheit mit den Poſten vor ihrer Thüre zu rä⸗ chen, einen Feuerbrand in ſeine Seele zu werfen ge⸗ ſucht. Aber weit entfernt. Sie hatte nicht das min⸗ deſte Intereſſe für Daniel; ſie wollte ſich in ihm blos ein Werkzeug ſchaffen, um Alma beikommen zu können. War ihr Plan auch noch nicht vollkommen reif, ſo hegte ſie doch die Ueberzeugung, daß ſie, wo⸗ fern es ihr gelang, Daniels Leidenſchaft ihren Ab⸗ 202 ſichten gemäß zu lenken, eine Kataſtrophe herbeifüh⸗ ren konnte, die gleich einem zerſtörenden Donnerkeil die ganze Scenerie verändern mußte. Sie unterhielt daher fortwährend ihre auf ſolche Art eingegangene Verbindung mit Daniel, welcher ihr dabei aus Gründen des Herzens mehr als halb⸗ wegs entgegenkam. So wurde Daniel ein immer eifrigerer Wächter des Schloſſes. Er erſchien dann nicht blos, wenn er commandirt wurde, ſondern er verſchaffte ſich auch die Erlaubniß, für Andere den Dienſt zu überneh⸗ men: ein Eifer, der ihm von ſeinem Commandanten hoch angeſchlagen wurde. Amanda traf ihn auch zuweilen. Bald brachte ſie ihm einen Gruß von Alma, bald ließ ſie einen geheimnißvollen Wink fallen, den er verſtand oder auch nicht verſtand. Einmal, als ſie ſich allein trafen, überreichte ſie ihm ſogar ein kleines Geſchenk, ein Blümchen, ein Vergißmeinnicht. Daniels wahnſinnige Leidenſchaft, die bis jetzt, ſeit er die Uniform angezogen hatte, durch Disciplin und Pflichtgefühl gemildert worden war, nahm nun mit jedem Tage mehr die Wildheit einer ungezügel⸗ ten Flamme an. Mittlerweile wurde es Amanda immer mehr un⸗ möglich gemacht, die Vorgänge im Innern des Ho⸗ fes genau zu beobachten. Wir wiſſen, daß die Kö⸗ nigin ſich ihr gegenüber immer gewiſſermaßen fremd gefühlt, ja ſogar, daß ſie ihre Aufrichtigkeit und Er⸗ gebenheit beargwohnt hatte. Sie hatte das Mäd⸗ chen in ihren Dienſt genommen, um einem ſo ſchnell emporwachſenden und gefährlichen Feind wie Pechlin keil lche her alb⸗ ter er uch eh⸗ ten hte en der in l⸗ ein wenig zu ſchmeicheln; ſie behielt ſie, um wenig⸗ ſtens einigermaßen mit dieſer ihr unerklärlichen po⸗ litiſchen Sphinxnatur in Verbindung zu bleiben; aber man kann hinzufügen, daß ſie auch, vielleicht juſt wegen dieſes Verhältniſſes zu Pechlin, das Mädchen gleich von Anfang an mit einem gewiſſen Mißtrauen betrachtet hatte. Aber obſchon die Königin ihren Arg⸗ wohn nicht immer unterdrücken konnte, ſo war es doch Amanda bis jetzt gelungen, jeden wirklich über⸗ zeugenden Grund zu Mißvergnügen abzuwehren. Auf ſolche Art blieb lange Zeit Alles auf dem alten Fleck. Für Amanda war es jedoch von der größten Wich⸗ tigkeit, daß ſie die Pläne des Hofes nicht aus dem Auge verlor. Auf Clara konnte ſie ſich nicht mehr ſo ſicher verlaſſen, wie bisher. Die Zweifel der Kö⸗ nigin hatten auch ſie angeſteckt, und ſie mußte ſich daher nach irgend einem neuen Strohhalm umſehen, woran ſie ſich halten konnte. Dabei fielen ihre Blicke auf den Negerjungen Badin, welcher auf Befehl der Königin, die ſich darin gefiel, den Knaben in beinahe vollkommenem Naturzuſtand aufwachſen zu ſehen, die unbedingteſte Freiheit genoß. Sie machte ſich mit ihm bekannt und ſchenkte ihm Zuckerwaaren, wo⸗ für er ſie reichlich mit Klatſchereien aller Art be⸗ lohnte. Es freute ſie, daß dieſer ſchwarze Pudelkopf jetzt das Verbindungsglied zwiſchen ihr und dem Hof bildete; die Intrigue konnte keinen charakteriſtiſcheren Vertrauten, die Klatſcherei keinen paſſenderen Ver⸗ treter haben. Wenn er etwas Neues mitzutheilen hatte, was er für intereſſant hielt, ſo funkelten ſeine ſchwarzen Augen und er blöckte mit ſeinen ſchnee⸗ weißen Zähnen. Amanda war auch bald vollkom⸗ 204 men entzückt über ihren dienſtbaren Geiſt aus der Wildniß, über dieſe kleine. Schlange, wie ſie ihn zu⸗ weilen nannte; denn er bediente ſie mit einer Klug⸗ heit und Beeiferung, die nichts zu wünſchen übrig ließ. Auf ſolche Art verfloß der Winter, und der Früh⸗ ling nahte mit ſeiner ſtrahlenden Maiſonne. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Krieg. Tod. Revolution. In der politiſchen Welt waren bedeutende Ver⸗ änderungen vor ſich gegangen. Die Hutpartei war allmälig immer weiter auf ihrer Bahn vorange⸗ ſchritten und hatte ihr großes Ziel, nämlich die Be⸗ feſtigung ihrer Macht, niemals aus dem Auge ge⸗ laſſen. Die ſtrengen Maßregeln, die gleich beim Beginn des Reichstags ergriffen worden, namentlich die Niederſetzung der Kommiſſion, dieſe drohende be⸗ waffnete Demonſtration, imponirten der Gegenpartei gewaltig, und vielleicht würde ſie ihre Abſichten und Anſtrengungen aufgegeben haben, wenn nicht die Königin in ihrem raſtloſen Eifer unaufhörlich ge⸗ ſchürt hätte. In ihrer Nähe wurde es dem über⸗ legenden und prüfenden Verſtand nie möglich, zu einem ruhigen Urtheil zu gelangen. Die Verhält⸗ niſſe entwickelten ſich daher auch auf eine Art, die für den Hof höchſt unangenehm wurde. Er ſah ſich beſtändigen Angriffen ausgeſetzt, und über den Häup⸗ tern ſeiner Anhänger ſchwebte unaufhörlich das Da⸗ moclesſchwert. der zu⸗ lug⸗ ieß. küh⸗ Wir haben erzählt, daß die Königin die Abſicht hatte, Silfverhjelm nach Berlin zu ſchicken. Die Vorſicht gebot jedoch, ihm ſeine Depeſchen erſt zu übergeben, wenn er über der Grenze wäre, wo ſie ihm dann durch vertraute Perſonen zugeſtellt wer⸗ den ſollten, eine Klugheitsmaßregel, die dem Hof manche Unannehmlichkeit erſparte, da Silſverhjelm wirklich, als er eben die Hauptſtadt verlaſſen wollte, ſchon am Roslager Zollhaus feſtgenommen und ins Staatsgefängniß zurückgebracht wurde. Der Land⸗ richter Baron Wrangel, der ſich dadurch im höchſten Grade bedroht glaubte, weil er wohl wußte, wie ſehr er von Silfverhjelm abhängig war, hielt es jetzt für die höchſte Zeit, ſich auf den Weg zu machen, und entrann unter allerlei Vermummungen nach Nor⸗ wegen, wohin Larsſon bereits entkommen war. Sein plötzliches Verſchwinden vom Schauplatz erregte un⸗ erhörtes Aufſehen. Die Rathsherren und die Stände, die ſeine vertrauten Beziehungen zur Königin kann⸗ ten, erblickten darin einen neuen Anklagepunkt gegen dieſe. Gleichzeitig mit dem Erlaß des geheimen Aus⸗ ſchuſſes an die Stände, betreffend eine Inſtruction für die Erziehung des Kronprinzen, ha eſſin bei demſelben Ausſchuß ſeine Entlaſſung als Gouverneur des Prinzen eingereicht. Ohne den glänzenden Eigen⸗ ſchaften des Mannes im Mindeſten nahe zu treten, dürfte man wohl annehmen, daß ſein geſpanntes Verhältniß zu dem Hofe nicht wenig zu dem Zeug⸗ niſſe beitrug, das ihm die Stände in ihrer betreffen⸗ den Zuſchrift an den König ausſtellten. „Die Reichsſtände,“ hieß es darin,„können es 206 nicht verhehlen, wasmaßen ſie mit großem Bedauern ſehen, daß der Herr Graf und Reichsrath auf dieſe Art einen Poſten verläßt, welchen er zur vollkomme⸗ nen Zufriedenheit der Reichsſtände ausgefüllt hat. Nichtsdeſtoweniger haben die Reichsſtände ſeinen Vor⸗ ſtellungen bei dieſer Gelegenheit mehr Gewicht geben müſſen, als ihrem eigenen Wunſch...“ „Ew. Königliche Majeſtät geruhen mit gnädigem Wohlgefallen anzuſehen, daß die Reichsſtände Ew. Königlichen Majeſtät dieſes Zeugniß vorlegen...“ Dabei ermangelte man nicht, der Königin allerlei Seitenhiebe zu verſetzen. Der Leſer weiß bereits, wie ſehr es die Königin verdroſſen, daß Teſſin ſeine„Briefe eines alten Mannes an einen jungen Prinzen“, wenn auch nur in wenigen Exemplaren, veröffentlicht hatte. „Endlich,“ heißt es am Schluſſe der Denkſchrift, „haben die Reichsſtände in Unterthänigkeit beantra⸗ gen wollen, daß die Sammlung von Briefen an Se. königliche Hoheit, welche der Herr Graf und Reichsrath dem geheimen Ausſchuß vorgelegt hat, auf Staatskoſten durch den Druck veröffentlicht werde, dem Publikum zum Nutzen und einem ſo würdigen Verfaſſer wohlverdienten Ehre.“ Einige Wage ſpäter überreichten die Stände die Schriften, worin ſie ihre Pläne weiter ausführten. Den Hauptinhalt derſelben bildete die jetzt fertig gewordene Inſtruction für die Erziehung des Prinzen. „ Die Nation,“ hieß es darin,„würde bei der Vergänglichkeit aller menſchlichen Dinge durchaus keine Sicherheit für ihre wohlerworbene Freiheit be⸗ ſitzen, wenn ſich die Reichsſtände nicht den wichtig⸗ ſten ſchr ten köni Har der Erzi Geſe weil wort ſchw. wie zu er nach deutl kann, der 2 1 laſſen Amt berg eines fen 2 D I heime mäßig in Anf als e herrſch ſten Theil der auch im Grundgeſetz deutlich vorge⸗ ſchriebenen Erziehung des königlichen Kindes zueigne⸗ ten und darauf ſähen, daß das hohe Vaterrecht königlicher Majeſtät mit den Rechten der Reichsſtände Hand in Hand gehe, weil das Recht und die Freiheit der Nation, worauf das Recht der Stände auf die Erziehung baſirt, nicht minder in dem natürlichen Geſetz begründet iſt, als das Recht eines Vaters, und weil vielmehr die den Ständen obliegende Verant⸗ wortlichkeit für die Erziehung eines Regenten weit ſchwerer iſt, als für die Erziehung eines Sohnes, wie es auch ſchwerer iſt, die Pflichten eines Königs zu erfüllen, als blos den allgemeinen Obliegenheiten nachzukommen.“ Wir haben den König und die Königin bereits deutlich genug gezeichnet, daß der Leſer ſich vorſtellen kann, wie tief ſie ſich durch dieſe officielle Erklärung der Stände verletzt fühlen mußten. Aber die Stände gingen noch weiter. Von der Zeit an, wo Teſſin, ohne förmlich ent⸗ laſſen zu ſein, gleichwohl factiſch aufgehört hatte, ſein Amt als Gouverneur zu bekleiden, war Graf Strom⸗ berg proviſoriſch dazu ernannt worden, und die Stelle eines Untergouverneurs hatte der König n Gra⸗ fen Bjelke übertragen.. Die Stände verabſchiedeten Beide. In Betreff der Gouverneursſtelle nahm der ge⸗ heime Ausſchuß das den Reichsſtänden verfaſſungs⸗ mäßig zuſtehende Recht auf Beſetzung dieſes Poſtens in Anſpruch; das Amt eines Untergouverneurs wurde als eine in Schweden fremde und mit den allda herrſchenden Regierungsgrundſätzen nicht übereinſtim⸗ 208 mende Einrichtung erklärt.„Da folglich,“ ſo hieß es in der Concluſion der betreffenden„Vorſtellung“ an den König, da folglich der Hofmarſchall Graf Bjelke dieſes Amt eines Untergouverneurs nieder⸗ legen wird u. ſ. w.“ Aber am härteſten wurde Dalin durch den Un⸗ willen der Stände getroffen. Sie verlangten nämlich nicht blos, daß er ſeines Amtes als Lehrer des Kronprinzen entlaſſen, ſondern auch für alle Zukunft von jedem Verkehr mit dem⸗ ſelben und den übrigen Prinzen ferngehalten und bis auf Weiteres des königlichen Hofes verwieſen werden ſolle. Wir wollen den Verdruß des Hofes nicht zu ſchildern verſuchen. Dalin, der geniale und unter⸗ haltende Hofmann, deſſen funkenſprühender Feuer⸗ geiſt ſtets Licht und Leben um ſich her verbreitete, auch Dalin wurde alſo von dem Bannſtrahl ge⸗ troffen. Aber das Maß war bei Weitem noch nicht voll. Der geheime Ausſchuß meldete gleichzeitig, daß Baron C. Scheffer einſtimmig als Nachfolger Teſſins ernannt worden ſei, und bezeichnete neue Perſonen, die theil Lehrer, theils für den ſonſtigen Dienſt des Krongfinzen beliebt wurden. Die königliche Familie glaubte indeß bei der Wahl eines Gouverneurs für ihren Sohn auch eine Stimme haben zu müſſen, zumal da die Regierungs⸗ form ſie dazu zu berechtigen ſchien, und der König erklärte daher, daß er der getroffenen Gouverneurs⸗ wahl ſeine Beiſtimmung und ſein„gnädiges Ge⸗ fallen“ nicht ſchenken könne. Des Königs Antwort in Betreff des übrigen Perſonals lautete wörtlich wie folgt: „In ſo fern ich vernehme, daß die Reichsſtände ſowohl zum Unterricht als zum Dienſt meiner Söhne Perſonen ernannt und verordnet haben, halte ich's für unnöthig, mich weiter darüber zu äußern.“ In dieſem Zuſtand wurde die Frage vor die Stände gebracht, die ſomit eine neue Gelegenheit er⸗ hielten, ihre Machtvollkommenheit zu entwickeln. Unter Anderem erklärten ſie: „Niemand kann bezweifeln, daß derjenige, wel⸗ cher ernennt und einſetzt, eine größere Macht beſitzt, als derjenige, der ſein Gefallen dazu gibt...“ „Könige ſuchen oft ihre Macht über die ausge⸗ ſteckten Grenzen hinaus zu erweitern, dem Reich zum Schaden und der Freiheit der Nation zum Nachtheil. Was iſt alſo natürlicher, als der Gedanke, daß auch den königlichen Kindern dieſelben Geſinnungen ein⸗ gepflanzt würden, wenn man nicht für ihre Erziehung ganz beſondere Sorge trüge?“ Inzwiſchen will es ſcheinen, daß die Hutpartei nicht blos ihre eigene Gewalt ſicherſtellen wollte, ſon⸗ dern auch wirklich darauf ausging, die königliche Fa⸗ milie zu irgend einem unvorſichtigen oder verwege⸗ nen Schritt zu drängen, wodurch man wenigſtens ein ſcheinbares Recht zu der offenbar angeſtrebten Beſchränkung der Königsgewalt gewonnen hätte. Man war zur Ueberzeugung gelangt, daß die Königin in Hamburg, mittelſt Verpfändung der Ju⸗ welen, ein Anlehen aufgenommen habe. Wer ſie in dieſem Punkt angriff, der griff wirk⸗ lich ihre Perſon an. Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. IV. 14 210 Um in einigermaßen verdeckter Weiſe zu dieſem Reſultat zu gelangen, befahl der geheime Ausſchuß die Aufſetzung eines Inventars über die in der Rentenkammer befindlichen Kleinodien, zu welchem Zweck auch der König, in Folge einer beſonderen Vorſtellung und wahrſcheinlich ohne noch die ganze Abſicht der Stände zu durchſchauen, diejenigen ab⸗ geben ließ, die ſich in ſeiner eigenen Verwahrung befanden. Von den Ständen ging inzwiſchen am 6. April ein unterthäniges Schreiben aus, worin unter Ande⸗ rem geſagt iſt: „... und ſieht ſich in Folge deſſen der geheime Ausſchuß veranlaßt, zugleich von den Reichsjuwelen und Kleinodien Einſicht zu nehmen, die ſowohl bei Ew. königlichen Majeſtät hoher Vermählung in Berlin, als auch ſpäter aus der Verlaſſenſchaft Ihrer höchſt⸗ ſeligen Majeſtät der Königin Ulrike Eleonore, am 12. Januar 1747, Ihrer Majeſtät unſerer allergnä⸗ digſten Königin zur Obhut und zum Gebrauch über⸗ geben wurden; derohalben hat der geheime Ausſchuß bei Ew. königlichen Majeſtät hiermit unterthänigſt anſuchen wollen, daß Ew. königliche Majeſtät aller⸗ gnädigſt den geheimen Ausſchuß zu benachrichtigen geruhen möge, wenn es Ihrer königlichen Majeſtät genehm ſei, daß der geheime Ausſchuß durch ſeine Deputirten dieſelben in Augenſchein nehme, aus Veranlaſſung der betreffenden Inventare, welche der geheime Ausſchuß je eher je lieber aufzuſetzen wünſcht.“ Dies war eine ſchwere Beleidigung für die ſtolze und ſehr empfindliche Schweſter Friedrichs II. In der erſten Regung ihres gekränkten Selbſt⸗ gefühls verlangte ſie mit dem Landesmarſchall zu ſprechen, aber dieſer entſchuldigte ſich mit Unpäßlich⸗ keit. Darauf ließ ſie den Generalmajor Kaulbars und den Ceremonienmeiſter Palmfeld, zwei Ausſchuß⸗ mitglieder, rufen, und als dieſe erſchienen, da kann man überzeugt ſein, daß ſie ihren Gedanken und ihrer Zunge freien Lauf vergönnte. Gleichwohl muß dieſe Beſprechung zu keinem Reſultat geführt haben, denn am folgenden Tage überſchickte die Königin dem Erſtgenannten ein augenſcheinlich in größter Haſt geſchriebenes Privatbillet folgenden Inhalts: „Se. Majeſtät hat mir erzählt, daß er von dem geheimen Ausſchuß der Reichsſtände ein Schreiben empfangen habe, demzufolge derſelbe die in meinen Händen befindlichen Kronjuwelen beaugenſcheinigen laſſen wolle. Da ich mich einer ſolchen, offenbar in einem Mißtrauen der Reichsſtände begründeten Auf⸗ ſicht nicht unterwerfen kann, ſo habe ich zwei Mit⸗ gliedern des geheimen Ausſchuſſes meine Gedanken darüber zu erkennen geben wollen, und erkläre hier⸗ mit, daß ich die der Rentenkammer angehörigen Ju⸗ welen ausbrechen laſſen werde, um ſie von meinen eigenen abzuſondern und ſo den Reichsſtänden zu übergeben, denn ich halte mich von Stund an für zu gut, um ſie zu tragen.“ Dieſes Billet übergab Kaulbars dem Ausſchuß, deſſen Mitglied er war, und der geheime Ausſchuß, welcher ſich rückenfrei halten wollte, verlieh ihm den Charakter einer öffentlichen Mittheilung, indem er es den Ständen zuwies. Da die Königin das Billet eigenhändig unter⸗. zeichnet hatte, ſo konnte man ſie auch direct angreifen 212 Unmittelbar darauf überſchickten auch die Reichs⸗ ſtände dem Könige ein langes Schreiben, worin ſie in keiner Beziehung ein Blatt vor den Mund nahmen. Wir wollen hier einige Stellen aus dieſer Denk⸗ ſchrift mittheilen: „Ew. königlichen Majeſtät können die Reichsſtände nicht länger verhehlen, daß ſie bemerken müſſen, wie Ihre königliche Majeſtät die Königin ihnen nicht die⸗ jenige Ehre erweist, die ihnen als machthabenden Ständen und als Ew. königlichen Majeſtät treuen Unterthanen gebührt, welche Ew. königliche Majeſtät zu einem ſo glänzenden Ehrenamt unter den Königen auserkoren haben und bereit ſind, für das unzer⸗ trennliche Wohl Ew. Majeſtät und des Reiches nö⸗ thigenfalls ihr Gut und Blut zu opfern. „Neben einem ſolchen Benehmen gegen die Reichs⸗ ſtände wird auch den Herren Reichsräthen und an⸗ deren Beamten nicht die gebührende Achtung gezollt, und man behandelt ſie nach Laune, aber nicht wie ihre Würde es erheiſcht. „Die Reichsſtände, ſowie das ganze Reich wiſſen, daß Ew. königliche Majeſtät alles das im höchſten Grade mißbilligen. Sie verlangen keine glücklichere Regierung, als diejenige, die Ew. königlichen Maje⸗ ſtät zärtliches Vaterherz ihnen verheißt. Wenn aber nichtsdeſtoweniger ſo nahe beim Thron eine feind⸗ ſelige Geſinnung ſich kundthut, ſo muß dieſe im Aus⸗ land Aufſehen erregen und innerhalb der Grenzen des Reichs Verwirrung und Kummer verurſachen. Ew. königliche Majeſtät werden auch wohl einſehen, wie nachtheilig es auf die Gemüther der königlichen Prinzen wirken muß, wenn man ihnen, ſtatt der Liebe zur Nation und zu einem freien Volke, ſowie ſtatt der Achtung für Treue und Verdienſt Ideen einprägt, als ob andere Leute blos zu ihrer eigenen Kurzweil geboren wären, und als ob das Glück oder Unglück derſelben von der Gunſt oder Ungunſt des Hofes abhängen müßte. „Ihre Majeſtät iſt in's Reich gekommen, um Ew. königlichen Majeſtät Gemahlin zu ſein, nicht aber um die Regierungslaſten zu vermehren, die in⸗ deß für einen ſo milden und gerechten König erträg⸗ lich ſein müſſen, denn Ew. königliche Majeſtät beſitzen in dem Herzen Ihrer Unterthanen eine feſte Königs⸗ gewalt und einen ſicheren Lohn. Wenn dagegen irgend eine andere Perſon Schritte thun könnte, welche den Verpflichtungen, die Ew. königliche Ma⸗ jeſtät vor Gott und dem Reich übernommen, folglich auch dem Willen und den Abſichten Ew. könig⸗ lichen Majeſtät widerſtritten, ſo wären entweder zwei regierende Perſonen im Reich, die eine mit dem Ge⸗ ſetz und die andere ohne das Geſetz, oder wäre der König ohne Regierungsgewalt und das Geſetz ohne Kraft, denn beide können innerhalb ihrer Grenzen weder Hinderniſſe noch Widerſtand dulden, wofern das Reich in Kraft beſtehen ſoll. „Aber das Unerwartetſte von Allem war, daß Ihre königliche Majeſtät in einer ſchriftlichen Aeuße⸗ rung den Wunſch des geheimen Ausſchuſſes, die Reichsjuwelen in Augenſchein zu nehmen, als einen Act des Mißtrauens erklärt, und daß ſie, wie ihre Schlußworte lauten, ſich für zu gut hält, um dieſel⸗ ben künftig zu tragen. „Die Reichsjuwelen zu beauſſichtigen, iſt eine 214 Pflicht, welche den Reichsſtänden im§ 13 der Reichs⸗ tagsordnung auferlegt wird, folglich ein Recht, und wenn deſſen Feſthaltung als ein Mißtrauen betrach⸗ tet werden könnte, ſo müßte man auch in den Re⸗ gierungsgeſetzen und in den Rechten der Reichsſtände überhaupt eitel Ausflüſſe von Mißtrauen erblicken. Dieſem Zuſtand könnte dann blos dadurch abgeholfen werden, daß man dieſe Rechte und mit ihnen die Freiheit der Nation geradezu aufhöbe. Da jedoch die Reichsſtände von ſolchen Abſichten weit entfernt ſind, ſo wird es für Ihro Majeſtät nöthig, ſich über die Rechte der Reichsſtände andere Ideen zu bilden, als ſie in ihrer ſchriftlichen Aeußerung kundgibt. „Solcher Art ſind die Umſtände und Conſequen⸗ zen, welche die Reichsſtände mit bekümmertem Ge⸗ müth Ew. königlichen Majeſtät vor Augen halten. Sie verlangen keine Aenderung in Ew. königlichen Majeſtät Geſinnung gegen Ihre Gemahlin, wohl aber eine Aenderung in der Geſinnung Ihro Ma⸗ jeſtät gegen das Reich...“ Der König ertheilte hierauf eine würdevolle Ant⸗ wort, worin er ſeine Gemahlin in Schutz nahm und erklärte, daß ſie jeden Augenblick bereit ſei, nicht blos dieſe Kleinodien, ſondern überhaupt all ihr Be⸗ ſitzthum für das Wohl ihrer getreuen Unterthanen aufzuopfern; daß ſie vorläufig die Reichsjuwelen von ihren eigenen ausſcheiden werde, daß ſie aber die⸗ jenigen Kleinodien, die ſie bei ihrer Vermählung in Berlin erhalten habe, als ihren Privatbeſitz betrachte. Die Stände proteſtirten gegen dieſe Auffaſſung, aber die Königin ließ wirklich die Reichsjuwelen, die früher in der Rentenkammer geweſen waren, aus 215 ihrem Schmuck ausbrechen und dahin zurückbringen, behielt jedoch die in Berlin empfangenen Juwelen. Dies veranlaßte neue Noten, deren Ton immer bitterer wurde und die gegenſeitige Feindſeligkeit mit jedem Tag ſteigerte. Der Leſer hat aus den mitgetheilten Protocoll⸗ auszügen einen Maßſtab gewinnen können, um die Anſichten der damaligen Zeit überhaupt, ſowie die ganze Art der Streitführung zu beurtheilen. Wenn die königliche Familie, beſonders die Königin, Alles aufbot, um einen zwar immerhin begrenzten, aber doch mit den monarchiſchen Begriffen mehr überein⸗ ſtimmenden Einfluß zu erringen, und wenn ſie über⸗ dies in ihrem Privatbenehmen gegen die Koryphäen der Oppoſitionspartei nicht immer die leidenſchafts⸗ loſe und würdevolle Haltung einnahm, welche dem Thron ſo wohl anſteht, ſo iſt auf der andern Seite nicht zu leugnen, daß die Gegenpartei mit raſtloſer Conſequenz und Beharrlichkeit die ſelbſt in einem conſtitutionellen Land nothwendige wirkliche Bedeutung der Königsgewalt bekämpfte, und dabei auf eine höchſt beleidigende, verletzende Weiſe zu Werke ging. Während der bereits mehrmonatlichen Dauer des Reichstags hatten die Stände unaufhörlich ihre feind⸗ ſelige Richtung beibehalten, und alle ihre wichtigen Handlungen bewieſen immer von Neuem, daß ſie feſt entſchloſſen waren, auf der eingeſchlagenen Bahn fort⸗ zuwandeln. Neben den directen Angriffen gegen die könig⸗ liche Familie darf man als einen gewitterſchwangern Hintergrund die Thätigkeit der Commiſſion nicht überſehen, neue Verhaftungen, beſtändige Unter⸗ 216 ſuchungen und Verhöre, ſowie in naher Ausſicht ſtehende Urtheile, bei denen es ſich um Leben, Chre und Freiheit handeln konnte. Die Königin hatte alle diejenigen, auf die ſie mit Sicherheit rechnen zu können glaubte, heimlich zu⸗ ſammenrufen laſſen. Die Schaar war nicht groß und im Verlauf des Reichstages noch mehr zuſammen⸗ geſchmolzen; doch ſah man da Brahe, Hard, Horn, Puke, ſowie die eine und andere minder hervorſtehende Perſönlichkeit. Die Sache war nämlich die, daß der König von Preußen, zur großen Befriedigung der Königin, durch ſeinen Geſandten in Stockholm am ſelben Tag dem Reichsrath eine ſcharfe Note hatte überreichen laſſen, betreffend die Art und Weiſe, wie die Stände ſeine Schweſter behandelten. Luiſe Ulrike glaubte alſo jetzt, die Verwicklungen ſeien auf dem Punkt eines nothwendigen Bruches angelangt, wobei ſie nicht mehr den Kürzern zu ziehen hoffte. Amanda hatte ſchon frühzeitig bemerkt, daß etwas Wichtiges um den Weg war, und ſie ſtand auf ihrem Poſten. Sie flüſterte Badin ein freundliches Wörtchen in's Ohr und gab Daniel einen Wink, daß ſie ihn zu ſprechen wünſche. Badin, dem keine Thüre verſchloſſen war, ſprang zwiſchen dem Cabinet der Königin und dem Zimmer Amanda's hin und her, ohne daß ſich Jemand darum 3 bekümmerte: er hinterbrachte bald dieſen, bald jenen Bericht, er hatte immer dies und das gehört. Bei der Königin ging inzwiſchen die Discuſſion og 217 ſicht immer fort. Ihr ſehnlichſter Wunſch war, genau zu Ehre erfahren, welchen Eindruck das Schreiben ihres Bru⸗ ders auf die Gegenpartei gemacht habe: ſie dachte mit ſich dieſelbe bald gänzlich niedergedonnert, bald im zu⸗ höchſten Grad aufgebracht, bald zögernd und un⸗ roß ſchlüſſig. len⸗ Auch die Anweſenden ſahen die hohe Wichtigkeit orn, dieſes Punktes ein. Wenn das Schreiben des Königs nde voon Preußen die gebührende Wirkung hervorgebracht hatte, ſo konnte ſich vielleicht Alles noch ganz von von ſelbſt ordnen. Man hatte auch wirklich einigen Grund, erch dies zu hoffen. Friedrich II. war eine Größe erſten dem Ranges: ſein Wort und ſein Name galten ſowohl in en, den Cabinetten als im Felde. Aber wie war es ine möglich, einigermaßen zu erlauſchen, was mitten im feindlichen Lager vorging? gen Da trat Puke vor, der bisher beharrlich geſchwie⸗ hes gen hatte. den„Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„ich werde Ihnen die gewünſchten Aufſchlüſſe verſchaffen.“ as„Was gedenken Sie zu thun, Puke?“ em„Ich weiß ſelbſt nicht recht, Ew. Majeſtät; aber ich... ich werde bald wieder da ſein.“ een Badin hatte ſeine Worte gehört und war wie hn ein Pfeil damit bei Amanda oben. Amanda warf einige Zeilen auf ein Papier und eilte zu Daniel ng hinab. er„Hier iſt ein wichtiger Brief,“ ſagte ſie. m„Von wem?“ en„Natürlich von Fräulein Creutz. Sie müſſen ogleich zum Baron Pechlin eilen... d. h. er iſt 218 jetzt eben bei Ferſen... im Ferſiſchen Haus... Sputen Sie ſich.“ „Soll geſchehen.“ Seit dem Beginn des Reichstags bildete der Fer⸗ ſiſche Palaſt den Mittelpunkt der politiſchen Schau⸗ bühne. Axel Ferſen war unläugbar in einer Zeit der Intriguen und Parteiſtreitigkeiten, obſchon er in der That keine ungewöhnliche ſtaatsmänniſche Be⸗ gabung beſaß, der Würdigſte, eine ſo hohe Stellung einzunehmen. Ein treuergebener Anhänger der Ver⸗ faſſung, trug er den ariſtokratiſchen Hermelin mit fürſtlicher Haltung, war für alle Corruption unzu⸗ gänglich und zeigte ſich, ſowohl dem Thron als den Ständen gegenüber, ſtets hochſinnig und ſelbſtändig. Die Macht war ihm theuer, aber er opferte weder ſeine Ueberzeugung noch ſeinen Charakter, um ſie zu behaupten. Equipagen fuhren vor dem Ferſiſchen Palaſt ab und zu. Die politiſche Welt war in voller Bewegung. Ferſen empfing die Ankommenden mit der vor⸗ nehm verbindlichen Höflichkeit, welche die Leute zu⸗ gleich anzieht und zurückhält. Wenn er ſchon ſonſt gewöhnlich wie ein Gebieter im Kreiſe ſeiner Partei ſtand, ſo hatte er dieſen Schein niemals ſo deutlich vor ſich her getragen, wie eben jetzt. Aber die Kommenden und Gehenden zeigten ſich auch von einem Intereſſe befeuert, das ihren Bewegungen und ihrem ganzen Weſen eine erhöhte Kraft und Ge⸗ ſchmeidigkeit verlieh. Der perſönliche Ausdruck beſitzt immer einen Stempel höherer Würde und männ⸗ 219 lichen Selbſtgefühls, wenn die Ereigniſſe ſich bedeut⸗ ſamer und raſcher entwickeln. Dies ſchien auch jetzt der Fall zu ſein. „Nun, meine Herrn,“ ſagte Ferſen,„was ſagen Sie zu dieſem Schreiben?“ Er hielt die Zuſchrift des Königs von Preußen in ſeiner Hand. „Es ſieht ganz aus,“ fügte er hinzu,„als ob Friedrich II. ſich nicht begnügte, ſeine eigenen Län⸗ der zu regieren, und ſeine Macht auch über uns erſtrecken wollte.“ Ein lautes Gemurre ging durch den Saal. Man erhob die Häupter, die Augen blitzten. „Ich habe,“ fuhr Ferſen fort,„alle Freunde des Vaterlandes eingeladen, um eine vorläufige Berathung zu halten, bevor wir...“ Lauter Beifall unterbrach ihn. Dieſe offene Art, die Sache zu behandeln, gefiel allgemein. „Eine ſolche Drohung, wie dieſer Brief,“ hörte man von mehreren Seiten ſagen,„iſt die gröbſte Beleidigung gegen die Nation, ſowie gegen die Ver⸗ faſſung, und wir würden den Forderungen des Vater⸗ landes ſchlecht entſprechen, wenn wir ſie nicht auf eine Art beantworteten, die jeden fremden Druck ein für allemal zurückwieſe.“ „Dies iſt auch meine Ueberzeugung,“ meinte Ferſen,„aber die Antwort, die Antwort!“ Er warf einen fragenden Blick um ſich: ſeine Miene hatte mehr als ſonſt etwas Gebietendes, bei⸗ nahe Inſpirirtes. Man konnte ſich über die Bedeu⸗ tung dieſes Ausdruckes nicht täuſchen: Ferſen hatte offenbar ſeine eigene Meinung, aber er ſchien ſich 220 aus Achtung vor den Uebrigen nicht zuerſt aus⸗ ſprechen zu wollen. „Die Antwort,“ wiederholte er,„die Antwort!“ Die Antwort ließ auch nicht auf ſich warten. Man hätte ſagen können, Jeder habe nur auf ein Signal gewartet, um ſeinem verletzten Vaterlands⸗ gefühl auf einmal Luft zu ſchaffen. Wie ein Sturm⸗ wind brauste es jetzt durch den Saal. „Krieg, Krieg, Krieg!“ Unmittelbar darauf trat eine tiefe Stille ein. Ferſens Stirne erhob ſich ſtrahlend: die Reichs⸗ räthe ſchloßen ſich dicht an ihn. In dieſem Augen⸗ blick war er unleugbar von einem königlichen Macht⸗ bewußtſein beſeelt. „Alſo Krieg gegen König Friedrich II. von Preußen!“ wiederholte er. Eine Stimme erhob ſich aus der Maſſe. „Krieg mit Preußen, das iſt ein Krieg mit der Königin!“ Unwillkürlich ſchaute man ſich um, ohne jedoch den Sprecher zu entdecken. Alle Geſichter waren voll von Ernſt; nur auf Pechlins Lippen ſpielte ein Lächeln. In dieſem Augenblick trat Puke ein. Die Verſammlung war ſo zahlreich, daß die Meiſten ihn nicht bemerkten. Baron Pechlin hatte jedoch kaum zuvor von einem Kammerdiener ein Billet erhalten, und nachdem er einen Blick hineingeworfen, ließ er ſeine Augen un⸗ verwandt auf der Thüre haften. Als er Puke eintreten ſah, belebte ſich ſein Geſicht. Puke hatte die letzten Worte gehört und war tief auf ver Sch vor dop Ent gew leich drüc ſchie düſt Vor ſein⸗ Blic fort, Volk päiſe und eine obſch kleid als polit Kein Stur zipfe aufgeregt, ohne daß jedoch ſeine bleichen Geſichtszüge verriethen, was in ihm vorging. Er blieb auf der Schwelle ſtehen, denn es war ihm unmöglich, weiter vorzudringen. Die Anweſenden ſtanden wie eine doppelte Mauer vor ihm. Während die Verſammlung ihrem kriegeriſchen Enthuſiasmus Luft ſchaffte, blieb Palmſtjerna, wie gewöhnlich, finſter und verſchloſſen, ja er war viel⸗ leicht noch finſterer und verſchloſſener als ſonſt, be⸗ drückte ihn doch ein Gedanke düſterer Art. Als er das Schweigen um ſich her bemerkte, ſchien er es nicht unbenützt laſſen zu wollen. „Ihr verlanget Krieg,“ begann er,„Krieg!“ Seine Stimme tönte deutlich und klar, aber düſter, beinahe vorwurfsvoll, und der darin liegende Vorwurf erhielt vielleicht ſeine rechte Bedeutung von ſeiner finſtern, gerunzelten Stirn und dem ſtrengen Blick, den er um ſich warf. Unwillkürlich wandten ſich Alle gegen ihn. „Es iſt unläugbar eine Wahrheit,“ fuhr er auch fort,„daß wir dem kriegeriſchen Sinn des ſchwediſchen Volkes den hohen Platz verdanken, den wir im euro⸗ päiſchen Rathe eingenommen haben: unſere Guſtave und Carle haben eine mächtige Waffenſprache geredet, eine Sprache, die ſich nicht zurückweiſen ließ; aber obſchon wir uns vor der Welt in die Löwenhaut kleideten, ſo ſanken wir doch in uns ſelbſt zuſammen, als Carl XII. das Staatsſchiff gleich einem auf den politiſchen Wogen herumtreibenden Wrack hinterließ. Keiner von uns hat ſchon vergeſſen können, wie der Sturm bereits nahe daran war, den letzten Segel⸗ zipfel zu zerreißen, als wir in den Jahren 1719 222 und 1720 noch retteten, was gerettet werden konnte. Jetzt ſchreit man gleichwohl wieder nach Krieg; ſo ſchrie man auch 1741. Und wie endete er? und wie ſoll dieſer enden? Die ſchwediſche Nation iſt ein Sturmvogel; ſo oft es draußen ſtürmt und haust, will ſie ihre Schwingen unter den Wolken verſuchen; aber nachdem ſie ihre Raubthiernatur verloren hat, kehrt ſie immer ohne irgend einen Raub in ihr Neſt zurück. Entweder war Carl XII. ein vollkommener Ausdruck unſeres Nationalcharakters, oder hat ſeine ritterliche Donquixoterie uns verändert; denn jetzt wie früher wollen wir zwar bei jedem europäiſchen Waffentanz dabei ſein, aber wir können uns nicht mehr wie früher beim Friedensſchluſſe durch ver⸗ größerten Länderbeſitz und durch Machterweiterung für die gebrachten Opfer ſchadlos halten. Wir ſcheinen, wie König Carl, blos für Andere kämpfen zu können, nicht für uns ſelbſt. Wir ſiegen im Streite, aber wir verlieren im Frieden.“ Ein dumpfes Gemurre des Mißvergnügens ging durch die Verſammlung. „Friedrich II.,“ fuhr inzwiſchen Palmſtjerna fort, „hat ſich als Feldherr und Staatsmann gleich groß eerwieſen: was er ſich mit dem Schwert genommen, das hat er beim Friedenswerk zu behalten verſtan⸗ den. Mögen wir nicht vergeſſen, meine Herrn— und Palmſtjerna erhöhte ſeine Stimme— daß wir außer einem Finnland, auf welches Rußland fortwährend ſeine raubgierigen Blicke geheftet hält, auch ein Pommern beſitzen, worauf Preußens Augen haften. Ich warne vor einem Krieg.“ „So viel Wahrheit auch in Palmſtjerna's Vor⸗ unte. ; ſo wie ein aust, hen; hat, Neſt ener ſeine jetzt chen nicht ver⸗ für wie nen, wir ging fort, roß nen, tan⸗ und ßer end ein ten. or⸗ 223 ſtellung liegen mochte, ſo ſagte ſie der augenblicklichen Stimmung der Verſammlung nicht zu. Die dichten Reihen hatten ſich inzwiſchen nach beiden Seiten hin vertheilt, ſo daß Pechlin beinahe ganz unwillkürlich in die Mitte des Kreiſes zu ſtehen kam. „Erlauben Sie mir, meine Herren,“ ſagte er, beinahe durch dieſe zufällige Stellung dazu gedrun⸗ gen, erlauben Sie mir, daß ich mich ausſpreche?“ „Sprechen Sie, Baron,“ erſcholl es von allen Seiten,„ſprechen Sie.“ „So laſſen Sie uns denn, meine Herrn,“ begann er,„zuvörderſt die Richtigkeit der Bemerkungen des Herrn Barons Palmſtjerna erkennen und ſogar zu⸗ geben, daß alle ſeine Worte mit den Zeugniſſen un⸗ ſerer Geſchichte übereinſtimmen; aber— und Pechlin warf einen Blick voll Energie und Feuer im Zimmer umher— das Geſchehene fällt dennoch in Zeiten, wo das Land ausſchließlicher als jetzt von dem monar⸗ chiſchen Willen gelenkt wurde. Wenn die Siege und die Größe, welche das Land errang, vorzugsweiſe als Erzeugniſſe der Kraft, der Ausdauer und der kriegeriſchen Tugenden des Landes betrachtet werden müſſen, ſo muß man dagegen alles Unglück und alle Widerwärtigkeiten auf die Könige ſchieben; denn dieſes Unglück wurde nicht durch Mangel an patrio⸗ tiſcher Aufopferung von Seiten des Volkes, ſondern durch Mangel an Klugheit und Vorausſicht von Sei⸗ ten der Monarchen verſchuldet. Das ſchwediſche Volk iſt, ſich ſelbſt überlaſſen, jederzeit edel, tapfer, groß geweſen. Für die Thaten ſeiner Könige iſt es nicht verantwortlich; dieſe ſollen ſelbſt dafür haften. Wer 224 erinnert ſich nicht an Caligula, welcher den Kopf des olympiſchen Jupiter wegnehmen und dafür den ſeini⸗ gen aufſtellen ließ? So haben es auch die Könige mit den Nationen gemacht: ſie haben den Volkswillen unterdrückt und ihren eigenen Willen an deſſen Stelle geſetzt. Mögen ſie nun auch dafür und für die Fol⸗ gen haften! Aber mit der Verfaſſung von 1719 und 1720 haben wir der Nation ihren eigenen Willen wieder gewonnen: wir haben den Caligulakopf unter unſere Füße getreten und dem Volke den olympiſchen Jupiter, ſeinen eigenen Kopf, wiedergegeben. Der Krieg von 1741 iſt kein Beweis. Wir waren damals noch nicht, was wir jetzt ſind.“ Pechlin verſtummte. Beifall erſcholl rings umher. Aber er ſchien zu fürchten, daß Jemand ihm das Wort nehmen möchte, und er fuhr daher ſogleich fort:— „Wenn es irgend einen günſtigen Augenblick für einen Krieg geben kann, ſo iſt es der jetzige. Täuſche ich mich nicht, ſo haben die meiſten Anweſenden dem Feſt angewohnt, das Ihre Majeſtäten beim letzten Jahresſchluß den Reichsſtänden gaben. Jedermann dürfte ſich erinnern, daß ich damals die Möglichkeit eines bevorſtehenden europäiſchen Krieges andeutete, wobei Preußen und England ſich gegen Oeſterreich und Frankreich verbinden würden. Meine Annahme wurde damals als eine politiſche Unmöglichkeit be⸗ handelt; aber was iſt gleichwohl jetzt eingetroffen? Schon am 10. Januar unterzeichneten die Cabinette von London und Berlin eine Allianz, in Folge welcher der Vertrag zwiſchen Verſailles und Wien geſchloſſen wurde, dem ſich ohne Zweifel Rußland und ein des eini⸗ nige llen telle Fol⸗ und llen nter chen Der nals her. das leich für iſche dem Bten ann hkeit tete, reich hme be⸗ en? tette cher ſſen ein ——;———— 225 großer Theil von Deutſchland anſchließen werden. So viel iſt ſicher, daß Preußen auf dem Feſtlande allein daſtehen und einen ſchweren Kampf auszufech⸗ ten haben wird. Als Garant des weſtphäliſchen Friedens und durch Pommern als Mitglied des deut⸗ ſchen Reiches haben wir Urſachen genug zum Kriege. Deßhalb rufe auch ich: Krieg! König Friedrichs Schreiben an die Reichsverſammlung und den Rath iſt eine für ein ſelbſtändiges Volk tief verletzende Drohung, ja ſogar in Wirklichkeit eine Kriegserklärung, und die ſchwediſche Nation hat noch nie ermangelt, einen ihr hingeworfenen Fehdehandſchuh aufzuneh⸗ men. Merken Sie ſich's ferner, meine Herrn, daß bei einem zukünftigen Frieden kein Monarch mehr die Unterhandlungen leiten wird, ſondern die Nation ſelbſt, ihre Vertreter, die Stände, wir. Alſo noch einmal, Krieg!“ Pechlin pauſirte abermals eine Weile, dann be⸗ gann er von Neuem: „Die ſcharfe Zuſchrift des Königs Friedrich be⸗ weist ganz deutlich, daß unſere äußeren und inneren Feinde gemeinſchaftliche Sache gegen uns machen. Wollen wir ſie daher zermalmen, ſo müſſen wir's da thun, wo ſie am ſtärkſten ſind, d. h. in Berlin. In jedem Sieg, den unſere Waffen auf deutſchem Boden erringen, werden unſere Gegner hier zu Lande eine Niederlage erleiden. Ein Krieg mit Preußen iſt alſo ein Krieg für die Staatsverfaſſung. Ich wiederhole daher noch einmal Krieg! Krieg mit unſern äußern und innern Feinden zugleich.“ Die enthuſiaſtiſche Stimmung ſchaffte ſich in leb⸗ haften Ausdrücken Luft. Die Mehrzahl der Anweſenden Ridderſtad, Luiſe Ulriken's Hof. IV. 15 226 beſtand aus Mitgliedern des Adels, der damals noch ſein Gewicht und ſeine Bedeutung vorzugsweiſe in ſiegreichem Waffenglanz wiedergeſpiegelt ſah. Pechlin hatte ſich zurückgezogen. Von mehreren Seiten her erhoben ſich Stimmen. „Aber die Königin,“ bemerkte Jemand,„die Königin!“ Statt der Antwort erſcholl neues Kriegsgeſchrei. „Was anders als die verrätheriſche Art, wie ſie unſere Handlungen bei ihrem Bruder auslegte, kann dieſen zu ſeiner drohenden Zuſchrift veranlaßt haben?“ „Krieg!“ rief man,„Krieg!“ „Aber, wenn ſie uns einmal verrathen hat, wird ſie uns dann nicht auch bei jeder anderen Gelegen⸗ heit verrathen?“ „Verrätherei muß beſtraft werden.“ „Krieg, Krieg!“ „Beſtraft? Wie?“ In dieſem Augenblick erhob ſich dieſelbe Stimme, die ſich kurz vorher hatte hören laſſen, ohne daß man entdecken konnte, von wem ſie kam. „Mit dem Tod!“ Es wurde grabesſtill: man konnte ſozuſagen die Athemzüge hören. Alle ſahen einander an: man ſchien den Richter zu ſuchen, der das Urtheil ausgeſprochen hatte. Wenn auch keiner der Anweſenden in einer Ge⸗ richtsſitzung ſelbſt vor dieſer Entſcheidung zurückge⸗ bebt hätte, ſo erſchrack man doch jetzt darüber, daß man ein ſolches Urtheil ſo ganz zufällig und unver⸗ muthet ausſprechen hörte. Wer war der Kühne, der vielleicht mit einem 227 einzigen Wort die Gedanken Aller wiedergab, aber nichts deſto weniger oder vielleicht richtiger juſt deß⸗ halb um ſo mehr Schrecken einflößte? Alle Geſichter ſchienen eine Verſicherung zu ent⸗ halten, daß man den Schuldigen bei ihnen nicht ſuchen dürfe. Auch Pechlin ſchaute ſich unerſchrocken um, aber jetzt, wie kurz zuvor, ruhte blos auf ſeinen Lippen ein Lächeln, blos ſeine Stirne war frei von jeder trüben Wolke, blos ſein Geſicht ſtrahlte gleichſam von inniger Zufriedenheit mit ſich ſelbſt. Aber während man einander auf ſolche Art for⸗ ſchend anſah, haftete auf einmal die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit auf Puke. Die Stille währte fort; man betrachtete blos ihn. Plötzlich erſcholl eine Stimme im Saal: „Spion!“ Es wurde wo möglich noch ſtiller. Man kannte den Mann, den man vor ſich hatte; man wußte, welche tiefe Kränkung in dieſer An⸗ klage lag. Eine beinahe blaue Todesbläſſe breitete ſich augen⸗ blicklich über Puke's Züge. Seine Hand griff an das Degengefäß, und er beugte ſich vor, um ſich nach demjenigen umzuſehen, von welchem die Anklage kam; aber da er die zahlreiche Verſammlung nicht zu überſchauen vermochte, ſo ſank ſeine Hand wieder ſeitwärts, allein ſein Geſicht wurde immer bläſſer. Seine Augen waren denen Ferſens begegnet. Mit einer Entſchloſſenheit, die von der Spannkraft des heftigſten Zornes belebt wurde, ging er gerade⸗ 228 wegs auf ihn zu, während die Maſſe auf beiden Seiten Platz machte. Er ſtellte ſich vor den Grafen und ſalutirte ihn mit ſchuldigem Reſpect. „Ganz unleugbar, Herr Graf,“ ſagte er dann zu ihm,„beſitzen Sie ein Recht, von mir eine Er⸗ klärung zu verlangen, warum ich Ihre Zimmer be⸗ treten habe. Ich werde die Ehre haben, es Ihnen in wenigen Worten zu ſagen. Sie dürften wiſſen, Herr Graf, daß ich von ganzer Seele und mit wärm⸗ ſter Aufrichtigkeit der Königin ergeben bin. Da ſie von dieſer Zuſammenkunft Ihrer politiſchen Freunde dahier gehört hatte und vermuthete, daß dieſelbe durch das Schreiben des Königs von Preußen ver⸗ anlaßt worden ſei, ſo äußerte ſie den natürlichen Wunſch, zu erfahren, wie dieſes Schreiben wohl auf⸗ genommen und beurtheilt werde. Ich verſprach ihr darüber Gewißheit zu verſchaffen, und zu dieſem Zweck habe ich meinen Weg geradezu hieher genom⸗ men, bin Ihre Treppen hinaufgeſtiegen und in Ihre Zimmer eingetreten. Ich habe mich nicht einge⸗ ſchlichen, Herr Graf: Ihre Thüren ſtanden offen, und mit offenem Geſicht bin ich gekommen. Niemand hat je ſeinem Feind ehrlicher ins Auge geſchaut als ich. Aber es wird mir nie einfallen, der Königin das mitzutheilen, was ich hier gehört habe; nicht darum, Herr Graf, weil die Wahrheit nicht vorzugs⸗ weiſe eine Pflicht für mich wäre, ſondern weil ich es für eine Grauſamkeit halte, eine Frau dadurch zu betrüben, daß ich ihr mittheilte, wie ſehr ſie Gegen⸗ ſtand des allgemeinen Mißvergnügens ſei. Möge dies Ihr Geheimniß bleiben, meine Herren! Ich 229 werde es nicht blos in meinem Herzen begraben, ſondern auch vergeſſen. Aber es hat Jemand hier ſeine Stimme gegen mich erhoben und mich als Spion bezeichnet. Für dieſen, Herr Graf, und, ich bitte Sie alle, meine Herren, es gefälligſt wohl zu merken, für keinen Andern laſſe ich hier meinen Handſchuh zurück.“ Und Puke warf ſeinen Fehdehandſchuh auf den Boden. Sodann entfernte er ſich mit einer tiefen Ver⸗ beugung vor dem Grafen Ferſen. Bei der Königin hatte ſich inzwiſchen eine län⸗ gere Discuſſion entwickelt. Mit tiefgeſühlten und kräftigen Worten ging Höppener auf eine Schilderung der politiſchen Lage ein. Er beleuchtete ſämmtliche Maßregeln der Hut⸗ partei, eine um die andere, und bewies, daß dieſel⸗ ben, indem ſie eine directe Feindſchaft gegen die königliche Gewalt verriethen, zugleich einen höchſt nachtheiligen Einfluß auf das ganze Land ausübten. Höppener kam auf ſeinen alten Satz zurück, daß die Ariſtokratie von Anfang an darnach geſtrebt habe, auf Koſten jeder andern Gewalt eine ſolidariſche Alleinherrſchaft zu begründen, welche er als die ge⸗ fährlichſte und drückendſte aller Arten von Herrſchaft bezeichnete, und er ſchloß mit der Erklärung, daß ſie nach ſeinem Dafürhalten ihre Abſichten glücklich zu Ende geführt. Habe ſie doch dem Königthum vollends den letzten Reſt ſeines Nimbus geraubt, indem die Stände durch einen neueſten Beſchluß dem Reichs⸗ rath das Recht zuerkannt, ſich bei allen ſeinen Aus⸗ 230 fertigungen des königlichen Namensſtempels zu be⸗ dienen, ſelbſt bei Verordnungen, denen der König ſeine Zuſtimmung verſagt habe. Höppener ſprach ſich ohne die mindeſte Schonung aus; ſeine Zeichnung war ſcharf und beſtimmt, die Wahrheiten, die er ſprach, waren hart und herb. Die Königin mit ihrem Feuergeiſt hatte aller⸗ dings die Verhältniſſe ganz auf dieſelbe Art aufge⸗ faßt, aber dennoch lag in Höppeners Darſtellung noch ſo manches Neue. Luiſe Ulrike hatte in dem Geſchehenen politiſche Leidenſchaften, Drohungen, Feindſeligkeit, beleidigen⸗ den Hohn erblickt; aber jetzt combinirte ſich das Eine mit dem Andern, und das Ganze ſtand ohne alle äußere Verhüllung, nackt wie ein Beingerippe, vor ihr. Sie erkannte jetzt darin nicht mehr blos die Folgen von Leidenſchaften, ſondern das Ergebniß einer kalten, egoiſtiſchen Berechnung, eines ſeit Jah⸗ ren mit ſyſtematiſcher Conſequenz durchgeführten Planes, der auf eine geſpenſterhaft beängſtigende Weiſe ſogar die Krone antaſtete. Während ſie Höppener mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit anhörte, gefror ihr beinahe das Blut in den Adern. Aber auch ihre Umgebung wurde von dem bün⸗ digen und klaren Umriß, den er über den Stand der Dinge entwarf, tief ergriffen. Vielleicht erſchracken dieſe Herren hauptſächlich darüber, daß ſie einen Theil ihrer eigenen geheimſten Gedanken von einem Andern ausſprechen hörten. Höppener wußte nur zu gut, daß die Mützen⸗ partei, obſchon ſie ſich jetzt an den Hof angeſchloſſen 231 hatte, dennoch in der That ſelbſt weniger auf die Wiederherſtellung der königlichen Gewalt als viel⸗ mehr ihrer eigenen Macht losarbeitete, und er ſetzte deßhalb ſeine Worte ſo, daß auch dieſe ſich getroffen fühlen mußte. Als er zu Ende war, ſtanden die Anweſenden ſtill und bleich um ihn her. Man hätte glauben können, er habe einen Geiſt aus den Gräbern mitten unter ſie beſchworen. Aber es verhielt ſich auch beinahe ſo. Er hatte nämlich aus den Gräbern entſchwundener Decennien das Ge⸗ ſpenſt der ariſtokratiſchen Pläne hervor citirt und in ihrem eigenen Innern das politiſche Gewiſſen wach⸗ gerufen. Die Königin, die ſehr richtig bemerkte, daß er nichtsdeſtoweniger bis jetzt blos Geſchehenes geſchil⸗ dert habe, erwartete nun auch eine Erklärung dar⸗ über, was hinfort geſchehen ſolle. Sie verharrte daher noch lange, nachdem er zu ſprechen aufgehört hatte, in einer aufmerkſamen Hal⸗ tung. Aber Höppener ſchien Nichts mehr hinzufügen zu wollen, ſondern trat einen Schritt zurück. „Nun, Höppener,“ ſagte ſie,„warum fahren Sie nicht fort?“ „Ich habe Nichts hinzuzufügen, Ew. Majeſtät?“ „Wie ſo? Ich weiß, daß es Ihrer Logik gewöhn⸗ 1 lich nicht am Schlußſatze fehlt.“ „Es handelt ſich hier nicht um meine Logik, ſon⸗ dern um die Logik der Geſchichte.“ „Mag ſein, aber auch dieſe... 4 232 „Auch dieſe, Ew. Majeſtät, iſt noch nicht über die Prämiſſen hinausgekommen.“ „Und wie glauben Sie, daß die Concluſionen ausfallen werden?“ Höppener antwortete blos mit einem Achſelzucken. Kaum erſt hatte er ſo unzweideutige Beweiſe ins Feld geführt und den Verlauf der Ereigniſſe, wie überhaupt den ganzen Stand der Dinge mit ſolchem Scharfſinn beurtheilt, daß ſeine jetzige ſtumme und doch ſo ſprechende Antwort nothwendig als Vorbote eines neuen Unglücks betrachtet werden mußte. Von allen Seiten ſah man ihn fragend an, als wollte man in ſeinen Zügen leſen, was er wohl ge⸗ meint haben möge. „Höppener,“ bemerkte die Königin,„Sie haben geſagt, daß Sie die königliche Gewalt als gänzlich . untergraben betrachten?“ „Ja, Ew. Majeſtät.“— „Sie haben ferner geſagt, daß die Macht des Volkes mißachtet und mit Füßen getreten werde.“ „Ganz richtig. Ich habe auch das geſagt.“ „Aber wenn ſowohl die königliche Macht als die Macht des Volkes gekränkt und vernichtet wird, wie ſteht es da um die Nation?“ „Sie iſt unterdrückt, Ew. Majeſtät.“ „Unterdrückt, ſagen Sie; gut! Aber wird wohl das ſchwediſche Volk, das von jeher ein freies Volk war und nur eine an die Geſetze gebundene Obrig⸗ keit über ſich erkannte, die Unterdrückung einer Partei ertragen?“ Höppener antwortete nicht; aber ſeine Stirne legte ſich in finſtere Runzeln, und ſeine Lippen zitterten. —2 o—— BSZSöEE — — —y u—2— 233 „Sie ſind vorſichtiger geworden, Höppener, als Sie in Drottningholm waren; Sie erinnern ſich doch unſerer dortigen Beſprechung?“ „Ich bin nicht vorſichtiger geworden, Ew. Maje⸗ ſtät, wohl aber erfahrener; ich kannte damals die Leute noch nicht ſo gut wie jetzt.“ „Welche Leute meinen Sie?“ Höppener antwortete nicht, aber er heftete einen ſo feſten Blick auf die Königin, daß ſie nicht umhin konnte, darin eine Bedeutung zu ſuchen, welche ſie nicht verſtand. Sie ſah ihn alſo fragend an, wie wenn ſie eine Erklärung verlangte. Die übrigen Anweſenden thaten daſſelbe. Alle ſchienen von ihm, wie von einem Orakel, eine entſcheidende Antwort zu erwarten. Er blieb jedoch ſtill. „Wir wiſſen nur zu gut,“ begann die Königin wieder,„daß Sie, Höppener, mehr für die Macht des Volkes als für die königliche Gewalt eingenom⸗ men ſind; aber wenn beide in Gefahr ſtehen, ſo müſſen Sie ſich aus Liebe zur einen auch zum Vor⸗ theil der andern ausſprechen. Ihr ſcharfer Blick und Ihre genaue Kenntniß unſerer Zeit verleihen Ihrem Urtheil großen Werth. Wenn die Verhält⸗ niſſe an einem Extrem angelangt ſind, ſo iſt es die Pflicht jedes redlichen Mannes, ſich offen und ehrlich auszuſprechen. Nun wohl, was müſſen wir thun?“ Höppener bewegte ſich nicht vom Platze. Er kreuzte blos ſeine Arme und ſenkte ſeinen Blick. „Noch einmal, Höppener, was müſſen wir thun?“ Mit tiefem Ernſt erſcholl es durchs Zimmer: „Revolution!“ 234 Dieſe Antwort kam jedoch nicht von Höppener, ſondern von Puke, der jetzt zur Königin vortrat. Dieſe Verſammelten hatten voll Unruhe ſeine Rückkehr erwartet. Niemand wußte, wie er es an⸗ greifen wollte, um ſich über die Geſinnungen der Gegenpartei Gewißheit zu verſchaffen; aber man kannte ſeine kalte Entſchloſſenheit und ruhige Kühn⸗ heit zu gut, um nicht überzeugt zu ſein, daß er ſeine Abſicht ausführen würde, wenn er ſich auch dabei in Gefahr begeben ſollte. So vollkommen ruhig man über die Sache ſelbſt war, ſo ängſtlich war man um ſeine Perſon. Als er daher jetzt wieder zum Vorſchein kam, war Alles hoch erfreut. Aber dieſes freudige Gefühl verſchwand ebenſo ſchnell, als es gekommen war. Puke hatte geſagt: Revolution! Man erblaßt vor dem Donner und zittert vor dem Blitz. Die Revolution iſt der Donner und Blitz des politiſchen Lebens. Hat ein unpatriotiſches Syſtem eine Nation auf eine unglückliche Bahn geführt, hat Machtbegier ihr Banner aufgepflanzt, den natürlichen Gang der ſtaat⸗ lichen Entwicklung gehemmt und den Volkswillen, die einzige wahre Triebkraft der Staatsmaſchinerie, unterdrückt, da drängen ſich allmälig alle patriotiſchen Kräfte, wie zündbare Stoffe, in einen Focus, in ein gemeinſames Gefühl der Empörung zuſammen, und daraus entſpringt die Revolution, nicht blos als eine Nothwendigkeit, ſondern als eine wirkliche vaterlän⸗ diſche Tugend. Aber wie Alles, was das Leben Herrliches und b V 235 ner, Schönes beſitzt, im Tode zuſammenſtürzt, ſo ſtürzt auch alles Geordnete und Vollkommene, was die eine Staatsgeſellſchaft hat, in der Revolution zuſammen. an⸗ Sie iſt eine Höhle, die gleich dem Grab Alles der verſchlingen kann, den Frieden des Thrones, des nan Palaſtes und der Hütte. ühn⸗ Aber wenn ſie ihr Werk vollendet hat, ſo wird eine der Stein wieder vom Grabe weggewälzt, und die abei Staatsgeſellſchaft erblüht von Neuem in verklärter ihig Entwicklung. nan Puke's Ausſpruch rief, obſchon er nicht ganz un⸗ erwartet kam, ein tiefes Gefühl des Entſetzens hervor. am, Alle Illuſionen, womit man bisher die Lage gleichſam verhüllt, verſchwanden auf einmal, und enſo man fühlte, daß man einer unbeſtechlichen Wahrheit gegenüber ſtand. Auch konnte man aus Puke's Zügen leicht er⸗ vor ſehen, daß er einen ſchrecklichen Moment erlebt hatte: litz ſeine Augen lagen gleichſam tiefer, ſeine Stirne ſchien beinahe höher, ſeine Wangen waren bläſſer als ſonſt. auf Niemand erhob ſeine Stimme, um ihn zu fragen, ihr wo er geweſen, was er erfahren: man blieb ſtumm gat⸗ vor ihm ſtehen. ſen, Höppeners Blick flog indeß feuriger im Zimmer rie, umher, obſchon man auch in dieſem eine männliche hen Unruhe zu bemerken glaubte. ein„Revolution,“ ſagte er nach einer Weile,„Re⸗ und volution!“ ine Es war, als hätte ein doppeltes Echo Puke's än⸗ WVort wiederholt. 4„Aber wo haben wir den Mann?“ fügte er dann hinzu;„wo haben wir den Mann?“ 236 Die Königin erhob ſich unwillkürlich. „Ach, Ew. Majeſtät,“ begann Höppener wieder, „Sie beſitzen Alles, was wir wünſchen können, und doch... „Und doch?“ „Sind Sie nur ein Weib.“ „An des Königs Seite.“ „Eine Revolution, Ew. Majeſtät, führt uns Alle vor das Schaffot, und in deſſen Nähe hört die ſchmeich⸗ leriſche Sprache des verbindlichen Hofmannes auf; der wahrheitsliebende Mann nimmt ſich ſein Recht.“ „Was wollen Sie ſagen, Höppener?“ „Daß Ew. Majeſtät viel zu offen und aufrichtig, der König, Ihr Gemahl, aber allzu ſchwach und gut iſt.“ Die Augen der Königin ſprühten Funken. Sie ſenkte auch ihre Blicke nicht, aber ſie wandte ſich fragend gegen die Grafen Brahe und Hard. Vielleicht war es auch der unerklärliche Einfluß eines einzigen electriſchen Strahles, der jetzt über das Schickſal eines ganzen Landes entſchied. Ohne ein einziges Wort zu ſprechen, reichten Brahe und Hard einander die Hände; es war ein Handſchlag auf Tod und Leben; er bedurfte keiner Erklärung, man verſtand ihn ſo wohl. Baron Horn lächelte und verbeugte ſich tief vor der Königin, dann aber erblaßte er und ſank beinahe unmächtig in einen Stuhl nieder. Höppener hatte die Arme über ſeiner Bruſt ge⸗ kreuzt. Es ſchien beinahe, als blicke er ganz ruhig und kalt in einen Abgrund hinab. uke beugte ſein Knie vor der Königin. 237 „Ew. Majeſtät,“ ſagte er,„ich habe Sie um eine Gnade zu bitten.“ „Laſſen Sie hören, Puke.“ „Ernennen Sie mich zu Ihrem Adjutanten, zum Adjutanten der Revolution.“ „Gut, Puke, Sie ſind es.“ Die Königin wandte ſich hierauf wieder zu Höp⸗ pener. Er bewegte ſich. Er ſtand in kräftiger Hal⸗ tung da, aber ſtill, verſchloſſen, zurückgezogen. „Nun, Höppener, zu was darf ich Sie ernennen?“ „Zu Nichts, Ew. Majeſtät, außer wenn...“ Außer wenn...?“ Außer wenn Ew. Majeſtät mich etwa zu Ihrem Geſchichtſchreiber machen wollen.“ In unſerem Verlage ſind ferner erſchienen: Hiſtoriſche Romane von Alexander Dumas. Die beiden Dianen.... 16 Bändchen. Königin Margot..... 10„ Die Dame von Monſoreau. 16„ Die Fünfundvierzig.... 15„ Die drei Musketiere... 10„ Zwanzig Jahre nachher.. 15„ Der Graf von Bragelonne. 41 9 Der Frauenkrieg..... 8. Olympiag von Clexes... 15 9 Eine Tochter des Regenten 7„ Denkwürdigkeiten eines Arztes 27 Das Halsband der Königin. 15 Ange Piton...... 12 Die Gräfin von Charny.. 32 Der Chevalier von Maiſon⸗Ronge 8 2 Vv« (Onkel Adam) und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Stuttgart. C. A. Lbkecerbergb Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rh. Genrebilder aus dem Alltagsleben. 6 Bdchn. Neue Genrebilder aus dem Alltagsleben 18„ Ein Name. 5.. 41„ Der Pfarradjunkt. Ein Genrebild 3„ Das Häuschen am Gatterthore bei Vhaa 1„ Das Altargemälde.. 9„ Geld und Arbeit. Ein Geurebild. 9„ Olga. Eine Erzählung.. 3„ Der hölzerne Löffel. 4„ Das Unglückskind. 1„ Liebe und Hande. 3„ Simon Sellners Reichthümer. 7„ Drei neue Genrebilder 4„ Franckh'ſche Verlagshandlung. ſſi Tnnſſfffſffſnſſſ ſiſſſſnſſ 7 9 11 12 13 14 15 16 1